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Full text of "Mitteilungen der kaiserlich-königlichen geographischen Gesellschaft"

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MITTHEILUNG1:N 

DER KAIS. KÖNIGL. 

GEOGRAPHISCHEN GESELLSCHAR 

IN WIEN 
:^ 1898 ^ 

Bedactenr 
Prof. Dr. J. M. JÜTTNER 

(Nr. 1-i») 

Priv. Doc. Dr. AUGUST BÖHM EDLER VON BÖHMERSHEIM 

(Nr. 10—11) 



XLL Band 



WIEN 1898 
R Lechner i^i (WHh. Maller) 
K. n. K, Hftf- and OniT.-Bachhandlnng 






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K. lu k. HoChuchdntck«i«i Kul Fraohkila m Tto^ohAB 



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Inhalt 

GeseOaehafts- Angelegenheiten 

Seit© 

MonatBrenamnilang am 28. December 1897 262 

Aüfieroidentliche Versammlung am 7. Jämier 1898 263 

MonatsYenammlTiiig am 25. Jänner 1898 263 

FestTersamnünng zu Ehren Dr. Sren Hedin's am 14. Februar 1898 264 

Monatsrersammlung am 22. Februar 1898. . . . , 271 

JahresversammloDg am 29. März 1898 394 

Bebcht über die inneren Angelegenheiten 398 

Jahresabschluß für 1897 400 

ProtocoDar-Bericht der Rechnungscensoren 401 

Außerordentliche Versammlung am 19. April 1898 405 

FestTersammlung zu Ehren Dr. Fridtjof Nansen*8 am 6. Mai 1898 . . 405 

Monatsrersammlung am 26. October 1898 , . . . 739 

Monatsversammlung am 23. November 1898 743 

Yerzetdiniß der Mitglieder (mit besonderer Seitenzählung) . . I— LXIII 

Verzeichnifi der eingelaufenen Werke 349, 446, 786 

Aligemeines 

Abhandlungen 
Dr. C. Diener: Bericht über die Excursionen des VII. Internationalen 

Oeologen-Congresses in den Ural, den Kaukasus und die Krim . . 273 
Dr. P. Altmann Altinger: Des österreichischen Geographen Georg 

Matthäus Vischer letztes Lebensjahr 380 

Kleinere Mittheilungen und Forschungsberichte 

Zahl der kleinen Planeten 312 

Lepra 312 

Nachtigall-MedaiUe 314 

Die AuasteUung der französischen Colonien 314 

Höbe der Lufl 409 

EHe Existenz Yon Sauerstoff in der Sonnenatmosphäre 409 

Di^ Erforschung des Nordlichtes 409 

Vorläufiges Jahresmittel der erdmagnetischen Elemente 1897 .... 410 

Nordlicht 492 

Di« Bildung der Wüste 492 

Die Entstehung der Korallenriffe • • 501 



II 

Seite 

Eine neue Theilang der Satamringe 607 

üeber die geschichtliche Entwicklung der Leuchtfeuer 744 

Die Rechtschreibung geographischer Namen 747 

Eine neue Bestimmung der mittleren Erddichte 748 

öletscherschwankungen 1896—1897 748 

üeber die Entstehung der Kare 749 

Erdöl-Production im Jahre 1897 749 

£m*opa 

Abhandinngen 
Dr. Josef Ritter Lorenz von Liburnau: Der Hallst&tter See. Eine 

limnologische Studie 1 

Leopoldine von Morawetz Dierkes: Land und Leute in Finnland 219 

Dr. Kurt Hassert: Wanderungen in Nord- Albanien 351 

Dr. Alois Walde: Zur Besiedelung Tirols durch illyrische Stämme . 477 
Die landwirthschafÜiche Production der Länder der Ungarischen Krone 

in den Jahren 1895 und 1896 535 

Dr. G. A. Koch: Kritische Bemerkungen zur Erforschung der Alpenseen 631 
Dr. Siegmund Günther: Johannes Honter, der Geograph Sieben- 

- bürgens 643 

Dr. August Gebhardt: Siebzehn Jahre geologischer Forschung auf 

Island 714 

Bericht über die Leistungen österreichischer Staatsinstitute und Vereine 

auf geographischem und verwandten Gebieten im Jahre 1897 . . 717 

Kleinere Mittheilungen und Forschungsberichte 

Erdbeben-Beobachtung in Oesterreich 312 

chulen in der Türkei 312 

Areal und Tiefe einiger Karstseen 315 

Ernte-Ergebnisse dei' wichtigsten Körnerfrüchte im Jahre 1897 in Oester- 
reich 316 

Die Holzausfuhr Oesterreich-Üngarns 316 

Die Bergwerks-Production in Oesterreich 317 

Oesterreichs Außenhandel im Jahre 1897 318 

Deutschlands Außenhandel im Jahre 1897 319 

Deutschlands Roheisenerzeugung 319 

Hamburgs Schiffsverkehr im Jahre 1897 320 

Frankreichs Weinproduction im Jahre 1897 320 

Frankreichs Handel im Jahre 1897 . . . . ' 320 

Die Garonnequelle 320 

Italienischer Weinkandel 321 

Der spanische Außenhandel im Jahre 1897 321 

Englischer Schiffbau im Jahre 1897 321 

Norwegen und Island ^ 322 

Thorshaven 323 

Die Temperatur des Obirgipfels und des Sonnblickgipfels 410 



m 

Mittlere Temperatur von Graz 1851—1890 410 

Westeuropäische Zeit in Frankreich 410 

Die Holzansfohr Oesterreich-Cngams im Jahre 1897 411 

Serbiens Handel 411 

Dis ünterrichtswesen im Fürstenthum Bulgarien 411 

Oesteireichs Ernte im Jahre 1897 503 

Der Waarenverkehr zwischen Oesterreioh und Ungarn in den zehn 

Jahren 1886 bis 1896 603 

Italiens Außenhandel 505 

Belgiens Wasaerstrafien 505 

Französische Schaumweine 506 

Rnsslands städtische Bevölkerung 507 

Eidbeben in Sachsen 607 

Die Wetterwarten auf der Zugspitze und dem Ben Nevis 607 

Tom Yemagtfemer 608 

Oeeterreichs Bergwerks-Production 609 

Oeiterreichs Aufienhandel im Jahre 1897 609 

Dr. J. Cvijic's Poljen-Forschungen 610 

Der Landzuwachs Italiens im Po- Delta 610 

Rasslands AuBenhandel im Jahre 1897 610 

Prof. Dr. CTyic' Reise in Macedonien 751 

Das Rila-Qebirge und seine ehen^alige Vergletscherung 752 

Der Schiffahrtscanal von der Ostsee zum Schwarzen Meere .... 754 

Die Kohlenlager Spaniens 755 

Was bedeutet der Name Extemsteine? 756 

Erdbeben in Oesterreich im Jahre 1897 757 

Asien 

Abhandlungen 

Ferdinand Blumentritt: Der Batan- Archipel und die Babuyanen- 

Inseln 593 

Dr. H. Schmitz: Burma, die östlichste Provinz des Indischen Kaiser- 
reiches 664 

W. R. Rowland: Bemerkungen über einen kleinen Stamm von Orang 
Bnkit, zur Zeit angesiedelt und beobachtet auf Perhentian Tingi 

Estate, Negri Sembilan, Mai bis September 1896 706 

Kleinere Mittheilungen und Forschungsberichte 

Fhmische Expedition nach Central-Asien 324 

Geplante Ersteigung des Gaurisankars 524 

Temen 324 

Siam 324 

Die Erforschung von Celebes 324 

Dr. Nieuwenhuis' Reise in das obere Mahakam-Gebiet. Bomeo, 1896— 1897 .324 

Erforschung der Weihnachts-lnsel 325 

Der Morrisonberg auf Formosa 325 



IV 

Seite 

Die Expedition des Grafen Engen Zichy . 412 

Erforschnng von Belndschistan 412 

Eine dentscbe Expedition nach Inner-Asien 412 

Die deutsche Handelsoommission für Ostasien 418 

Englands neueste Gebietserwerbnng in Asien 413 

Minimnmtemperatoren in der Provinz Jakutsk in Sibirien .... 492 

Ein neues Baku 507 

Japans Außenhandel 507 

Die österreichische Expedition nach Süd- Arabien 611 

Russische Baumwolle aus Mittel-Asien . . 611 

Die Betriebsergebnisse der Transkaspischen Bahn für 1897 .... 612 

Wissenschaftliche Erforschung der Weihnachts-Insel . 612 

Gap Deschnew 759 

Das Oxusproblem 759 

Dr. Futterer's Reise nach Central-Asien und Tibet 761 

Steinkohlen- und Eisenerzlager im östlichen China 762 

Petroleum in China 763 

Die japanische Zündholzfabrication 763 

Reispreise in Japan 764 

Afrika 

Abhandlungen 
Dr. Max Schoeller: Ergebnisse meiner Expedition nach Aequatorial- 

Ost-Afrika und Uganda 1896—1897 449 

Prof. Dr. Ph. Paulitschke: Begleitwort zu der Karte: „Graf Eduard 

Wickenburg's Reiserouten in Britisch-Ost- Afrika 1897 und 1898'' . . 531 

Kleinere Mittheilungen und Forschungsberichte 

Nachrichten von Forschungsreisenden und Expeditionen 326 

Reise des Grafen Ernst Hoyos jun. in Süd-Afirika 326 

Französische und engliche Expeditionen in Abessinien 327 

Vollendung der Congo- Eisenbahn 329 

Capit&n Impert's Reise durch das Gebiet im Norden von Bakel . . . 329 

Nachrichten von Forschungsreisenden und Expeditionen 413 

Richard Wahrmann's Reise im Somali-Lande 414 

Graf Eduard Wickenburg*8 und Dr. Arnold Penther's Rückkehr aus Afrika 415 

Die Bevölkerungszahl des Congo-Staates 415 

Capit&n Ramsay über die Nilquelle 416 

Leon Darragon's Reise durch die Sidäma-Gebiete 416 

Von Carnap's Reise von Kamerum zum Sanga 417 

Die Positionsbestimmungen von Böttegos letzter Afrikafahrt 418 

Nachrichten von Forschungsreisenden und Expeditionen 507 

Britisch-Ost-Afrika in Jahre 1897 508 

Resultate der Expedition Eduard Foa's 511 

Das Comit^ de Madagascar 512 

Der Futuh el Hdbascha 512 



Seit« 

Siebnditen Ton FoTBchungsreisenden and Expeditionen 612 

Der Y^ttbr im Suez-Canal im Jahre 1897 613 

Im £rfoT8chTmg des Sobat 613 

Ethnologisches ans pT&historischen Fanden Aegyptens 614 

Du neos franzoflisch-englische Ahkommen in West- Afrika 615 

Fwhoda 764 

Keoe üntersachangen am Kilimandscharo 765 

Die Höhe des Kameron-Gtebirges , 767 

Der Handel Madagascars 767 

Amerika 
Kleinere Mittheilangen and Forschangsberichte 

Die Nebel der Nenfondlandbänke 330 

t Boman LisU 330 

Patagonien 330 

Von den Galapagos- oder Colon-Inseln 330 

Die Anzahl der Jaden in den Vereinigten Staaten 419 

Expedition zar geographischen and geologischen Erforschang Alaskas . 419 

Eine amtliche Karte des neaen Goldlandes in Alaska 419 

Die Entdeckung großer Korandlager in Canada 419 

Die Ersteigong des Aconcagaa darch Edward Fitz Gerald 420 

Statistisches über Caba 421 

Der Anfienhandel der Veremigten Staaten 1897—1898 513 

Getreideezport der Vereinigten Staaten 514 

Reise Dr. Hermann Mayer's nach Sftd-Amerika 514 

Alaska 615 

Dr. Sapper 616 

Der Handelsverkehr zwischen Pcnrtorico, Caba and den Vereinigten 

Staaten 616 

Ersteigong des Yllimani 616 

Der chilenisch-argentinische Grenzstreit 616 

Handelsstatistik von Urogaay für 1897 617 

Der Lake Chelan 767 

Der Handel zwischen Caba and den Vereinigten Staaten 768 

D» tiefete Schacht der Erde 769 

Fitz Gerald'« Aconcagaa-Expedition . * 770 

Der Nevado de Sorata 773 

Australien und Polynesien 

Abhandlangen 

0. H : Die Miesionen in Fiji 286 

Kleinere Mittheilangen and Forschangsberichte 

E^^tedition Agaasiz 331 

Dampferrerblndong zwischen Aackland and Amerika 331 

Fotvchnagsreisen in Central-Aostralien 332 



VI 

Seit« 

Bew&Bsernng des Coolgaidie-Gebiatea 332 

NenGuinea 333 

Expedition Tappeöbeck auf Nca-Guißea 514 

D, W. Gamegie'a Eeise durch die Sandwiaateii West-Auatraliens . . . 514 

Die Annexion von Hawaii 618 

Die Wetterwarte auf dem Moni Koiciuako 618 

Neu-Guinea , . . , 774 

PoIarg<*hiete 

Kleinere Mittheilnngen und Forschungsbericbte 

Expedition nach Oat-Spitzbergen . . , . 333 

Expedition Sverdrup nach Nord-Grdnknd , * . . 333 

Südpol foTBcbung ***.-,....,.*, 334 

Expedition DrygalBki 336 

Expedition Gerlache 336 

Englische S&dpol-Expedition 336 

Jackson's Karte des Franz Josefs-LandeB . , , «... 336 

Die schwedische Gradmes&ungs-Expedition 409 

Die Natborst'sche Poiaroxpedition , 422 

Expedition nach Grönland 423 

Expedition Jefferson .,....,*. 423 

Expedition Borchgrerink , 423 

Expedition Wellmann 515 

Expedition Sverdrnp 516 

Englische Süd pol Expedition. 517 

Eine Expedition nach Gst-Gronland . . . , , . . . 517 

Expedition Sverdrnp . . 619 

Expedition Nathorst 619 

Die Expedition Wellmann 619 

Expedition Peary , 620 

Englische Südpol-Expedition unter Borchgrerink 620 

Expedition Gerlache . 621 

Kathont's Expedition nach Spitzbergen , . 774 

Antarktische Forschung ♦,!*... 775 

Oeeaue 

Kleinere Mittheilungen und Forechnngsbe lichte 

Vierte Po rschunga reise des Prinzen Albert I. von Monaco ...... 336 

Dr. Chun 337 

Vorläufiger Reise- und Thätigkeitfibericht der zweiten ReiBO S. M. Schiff 

.Pola'* in das Rothc Meer 1897—1898 423 

Cbemiiche Untersuchungen in der nordlichen Hälfte des Eotben Meeres 427 

Aenderungen der Dampf errege im Nord atlantiseben Ocean ^ . . . . 502 

Die deutsche Tiefsee-Expedition 517 

Deutsche Tiefs ee-Expedition 777 

Die Oberflächenteraperatur der Oceane 778 



VII 

Nekrologe seit« 

Üt. Anton Ton Ruthner 323 

Eni«!t Güee 333 

Dr. Max Ritter von Proskowetz zu Proskow und Marstorff 621 

Gabiifil de Mortillet 750 

Literatarbericht 

Allgemeines 

EL Brückner: Die feste Erdrinde und ihre Formen (C. Diener) . . . 338 

Hermann Berghaus: Chart of the World (— r.) 347 

Adalbert von Majersky: Eine Frühlingsfahrt durch Italien nach 

Tunis, Algier und Paris (Dr. E. G.) 627 

Hermann Beythien: Eine neue Bestimmung des Pols der Land- 
halbkugel (August V. Böhm) 782 

Alex Everett Frye: Complete Geography (August v. Böhm) .... 784 

Europa 

A. Philipp 8on: Thessalien und Epirns (C. Diener) 339 

Hanptergebnifi der österreichischen Eisenbahnstatistik im Jahre 1896 

(Dr. Ernst Gallina) 343 

Führer durch Frankfurt a. M. und Umgebung (Dr. E. G.) 344 

Erzherzog Ludwig Salvator: Canosa (Dr. Ernst Gallina) .... 345 

F R. Kaindl: Haus und Hof bei den Huzulen (Georg Hanicki) . . . 346 

Geographischer Jahresbericht über Oesterreich ( — r.) 347 

B. Richter: Seenstudien (L.) 522 

BesoHate der wissenschaftlichen Erforschung des Plattensees, I. 3, II. 1 (L.) 524 

John Tyndall: Die Gletscher der Alpen (— r.) 527 

Ferdinand Krauß: Die eherne Mark, IL (— r.) 527 

Sechster Jahresbericht des Sonnblick-Yereines, für das Jahr 1898 . . . 530 
Baimnnd Friedrich Kaindl: Bei den Huzulen im Pruththal (Georg 

Hanicki^ . . I 624 

Friedrich Umlauft: Die Oesterreichisch-Ungarisohe Monarchie (— r.) 624 

Beiseroaten in Bosnien und der Hercegovina (Dr. E. G.) 625 

Th Thoroddsen: Geschichte der Isl&ndischen Geographie IL (Dr. Eugen 

Tftger) 625 

G, Freytag's Touristen- Wanderkarten, V. . . 630 

Gottlieb Studer: Ueber Schnee und Eis, L, IL (C. Diener) .... 780 
A. Bainaud: Note sur la Division des Alpes Franco-Italiennes (August 

T. Böhm) 783 

Franz d. P. Lang: Geographisch-Statistische Vaterlandsknnde (August 

T. Böhm) 783 

Asien 
Charles de üjfalyy: Les Aryens au Nord et au Sud de THindou- 

koach (— r.) 347 

E. 7. Hesse- Wartegg: China und Japan (—r.) 527 

Adoipho Loureiro: No Oriente; de Napoles ä China (Ernst Schmit 

Ton Tarera) 782 



vin 

^^'»^* Seite 

Erzherzog Ludwig Salvator: Benzert (Dr. £. Gallina) . . . 627 
Aarel Scholz and Angnst Hammar: The New Africa (Pb, 

Paulitschke) 628 

F. J. von Bülow: Deutsch-Südwest-Afrika (Ph. Paulitschke) .... 629 

Georg Schweitzer: Emin Pascha (Ph. Paulitschke) 629 

Amerika 

Alf. Stübel: Die Vulkanberge von Ecuador (Dr. H. Polakowsky) . . 433 

Francisko P. Moreno. Reconocimiento de la Region Andina de 

la Kepublica Argentina, I. (Dr. Polakowsky) 437 

Paul Ehrenreich: Anthropologische Studien über die Urbewohner 

Brasiliens (R. F. Kaindl) 440 

Prinzessin Therese von Bayern: Meine Reise in den Brasilia- 
nischen Tropen (Dr. H. Polakowsky) 528 

Polargebiete 
Fridtjof Nansen: In Nacht und Eis (Dr. Eugen Träger) .... 432 
Karl Fricker: Antarktis (J.) 580 

Oceane 
Alberto Magnaghi: La Carta Nautica costruita nel 1325 da Ange- 

lino Dalorto (S. Günther) . . . • 779 

Kaiserin und Königin Elisabeth f besonderes Blatt vor 531 



Beilagen H«fi 

Limnographische Karte des Hallstatter Sees, 1:14 OCX) 1 u. 2 

Dr. K. Hassert's Reisewege m 'Ober- Albanien, 1:300000 5u. 6 

Zwei Kartenskizzen von Greorg Matthäus Vischer 5 u. 6 

Graf Eduard Wickenburg's Reiserouten in Britisch-Ost- Afrika, 1 : 500 OCX) . 9 

Honter's Karte von Siebenbürgen 10 u. 11 

üebersichtskarte von Burma, 1:10000000 10 u. 11 



Die Pflege der Erdkunde in Oesterreich, 1848—1898 
Festschrift der K. K. Geographischen Gesellschaft aus Anlass des fünfzig- 
jährigen Regierungs-Jnbiläums Sr. Majestät des Kaisers Franz Josef L 
Im Auftrage der K. K. Geographischen Gesellschaft und unter Mitwirkung 
mehrerer Fachgenossen verfasst von Prof. Dr. Friedrich Umlauft. 

Diese Festschrift ist dem vorliegenden Bande der , Mittheilungen '^ als 
Nr. 12 (mit besonderer Seitenzählung) beigegeben. 



Der 

Hallstätter See. 



Eine limnologische Studie 

von 

Dr. Josef Ritter Lorenz von Liburnan. 



Mit 2 Kartßn und 32 Figuren. 



Berichtigung. 

Seite 194, 4. Alinea, soll es heissen: . . . Aufnahme von 
Kohlensäure »aus der doppeltkohlensauren Kalklösung des Seewassers, 
aus der ein Theil des Kalkes dort ausgefällt wird, wo jener Lösung* 
Kohlensäure entzogen wird u. s. w. 

Seite 201, Zeile 25: anstatt Sisidium lies: Pisidium. 






Einleitang, 

Die moderne Limnologie, als die zusammenfassende wissen- 
schaftliche Darstellong und Erklärung aller speeiell an und in den 
Seen Torkoninieiiden Naturerscheinungen^ Substanzen und Wesen, 
hat Prof. FriedrichSimony begründet durch seine Forschungen, 
deren Eesultate zuerst unter dem Titel „Die Seen des Salz- 
kammergute s^ im Jahre 1850 in den Sitzungsberichten der 
kiiserl. Akademie der Wissenschaften veröffentlicht wurden. 

Schon in dieser Publication, deren Material vor einem halben 
Jahrhundert, noch ehe der Begriff und die Bezeichnung „Limnologie^ 
in der Wissenschaft recipirt war, beobachtet und gesammelt wurde, 
findet man alle naturwissenschaftlichen Gesichtspunkte, nach denen 
Seen betrachtet werden können, soweit berücksichtigt, als die 
damaligen wissenschaftlichen Behelfe reichten, in einer Vollständig- 
keit, wie es im Auslande erst um mehr als 30 Jahre später von 
F. Ä. Forel bezüglich der Schweizer Seen,i) von Dr. A. Geist- 
beck*) bezüglich der Seen der deutschen Alpen 1884, und noch 
q>äter in Frankreich (hauptsächlich von A. Delebecque 1892 und 
weiterhin) unternommen, in Kärnten von Prof. V. Hart mann') 
1 882 — 1890 in verdienstlicher Weise angestrebt wurde, und neuestens 
auch in Ungarn bei der Erforschung des Plattensees^) in sehr 

') La faime profonde des lacs suisses. In „Neue Denkschriften der Allgem. 
■e&wetserischen Oesellsch. für die gesammten Natarwissenschaften". Zürich 1885. 

*) Die einfchlAgigen LiteratomachweiBe, insbesondere betreffs der Studien 
aber einzelne Abschnitte der Limnologie, wie Seetemperaturen, Morphometrie 
n. a. w., X. B. von Dr. W. üle, Dr. K. Pencker, Dr. W. Halbfass, J. Murray 
<TeBp. in den schottischen Seen) u. a. will ich an dieser Stelle nicht wieder- 
hoLemj nachdem dieeelben fQr die Zeit yor 1884 von Dr. A. Geistbeck („Die 
Seen der deutschen Alpen** in den Mittheilungen des Vereines für Erdkunde 
m Leipzig, 1884) und neuestens in den seit 1893 erscheinenden Forschungs- 
beriditen der biologischen Station in Plön (Holstein) von Dr. Otto Zacharias 
iBat^K^ltft ToQetSndig angeführt sind; übrigens werden die betreffenden Ciiate 
an den geeigneten einielnen Stellen der folgenden Abschnitte zu finden sein. 

') Programme der Oberrealschnle in Klagenfurt. 

^ Hierüber ist zur Zeit (Juni 1897) in deutscher Sprache nur der 3. Theil 
im L Bandes (Limnologie) Ton R y. Cholnoky yeröffentiicht. 

MMh. d. k k. 0«ogr. Oes. 1898. 1 Q. a. 1 



umfassender WeUe geübt wird. Da nun überdies gerade der Hall- 
stätter-Seej in dessen Nähe Simonj schon wegen seiner langjährigen 
Dachsteinforscbungeu sich am häufigsten aufliielt^ von diesem Alt- 
meister eingehender als jeder andere untersucht wurde, könnte 
man fragenj ob es nicht tiberflüesig sei, nun nochmals denselben 
See zum Übjecte einer limnologischen Darstellung zu wählen. 

Ich gtanbe, dass die Antwort auf diese Frage schon in der 
Zahl 50 liegt - — der Anzahl von Jahren , die seit der Anlage und 
dem Beginne der Forschungen Sfmonys verflossen sind, und inner- 
halb deren gerade die hier in Betracht kommenden Wissenszweige 
der Greologie, physikalischen Geographie, Physik, Xaturgeschichte 
die allbekannte rasche Entwicklung erfahren haben. Ich will jedoch 
hier nicht vorweg die Punkte aufzählen, in denen Simony^s Arbeiten 
aus Gründen, die in der Zeit und nicht in seiner Person gelegen 
waren, Itickenhaft bleiben mussten ; es wird hiezu bei Behandlung 
verschiedener Capifel der gegenwärtigen Publication Gelegenheit 
flein und pietätvoll benützt werden. 

Mir persönlich lag es nahe, nach erlangter freier Disposition 
über jueioe Zeit eine solche Arbeit aufznnelimen, da ich fast 
gleichzeitig mit Simony (1850^1860) nach denselben Haupt- 
gesichtspunkten meine Unterauchungen über die physikalischen 
Verhältnisse und die Vertheilung der Organismen im Quarnero 
unternommenen habe, deren Resultate später (1863) von der kaiserl. 
Akademie der Wissenschaften herausgegeben wurden^ so dass ich 
zur Plan legung einer solchen Arbeit fremder Vorbilder nicht be- 
durfte. Ich begann zunächst 1892 gelegentlich eines mehrmonat- 
lichen Sommeraufenthaltes in der Nahe des Hall stätter-Sees eine 
Recognoecirung des Sees und der dortigen Arbeitsgelegenheiteo, setzte 
Beobachtungen^ Messungen und Sammlungen in den beiden folgenden 
Sommerhalbjahren fort und konnte fitr 1895 und 1896 die früher 
ganz privatim geführten Arbeiten unter die Aegide unserer k. k. Geo- 
graphischen Gesellacliaft stellen, nachdem ich die Beruhigung ge- 
wonnen hatte, dass von der Fortsetzung wirklich brauchbare 
Keaultate in limnologischer Beziehung zu erwarten seien. 

Es war mir vom Anbeginn klar, dass derlei Untersuchungen 
nach den heutigen Anforderungen nicht ohne vielfache M i t- 
wirkung in zwei Haupt rieh tu ngen durchgeführt Tvcrden können. 
Zunächst musste^ da ich selbst nicht durch ganze Jahre am 
See verweilen konnte, dafür gesorgt werden, dass Arbeiten, die 
nur bei continuirlicher Fortsetzung durch alle Jahreszeiten ver- 



wertbare Resultate geben küooen, auch in moiner Abwesenheit 
f0rtgefietzt wurden. Sodann konnte ich manche fachmännische Unter- 
stützung und Rathscbliige bezüglich der grundlegenden Literatur, 
«ofwie bei Bestimmung der Organismen nicht entbehren. 

In der ersteren Richtung war ich so glüeklichj in Herrn Ober- 
bergrath B, Hntter, Vorstand der dortigen Salinen, der einst mein 
^krbt^le^ gewesen, eine Persönlichkeit zu finden, welche mit eben 
^o grosser Hingebung und scrnpulüser Genauigkeit als mit Findig- 
keit die fortlaufenden Beobachtungen über physikalische Er- 
sckeinnngen im See, insbesonders über Temperatur, Durchsichtig- 
keit, Farbe Hj nach meiner Anleitung besorgte und die einschlägigen 
Daten in trefflichster Weise registrirtCj sowie dag Schöpfen von 
Wasserproben zur Analyse übernahm. Ihm verdanke ich überdies 
die kostenlose Beistellung von Fahrzeugen und verwendbaren 
Fährleuten j die Gelegenheit j eine Art von Laboratorium in seinem 
Amtsgebäude zu installireDj vielfache Auskünfte Über locale Ver- 
hältnisse des Sees und seiner Zuflüsse — Leistungen^ mit denen 
eine fast ununterbrochene zweijährige Correspondenz verbunden war. 
Ea war nicht mehr als biitig, dasa die k. k. Geographische Gesell- 
schaft Herrn Oberbergrath Hutter in Anerkennung seiner erfolg- 
reichen Mühewaltung am Schlüsse der Saison 1896 zu ihrem corre- 
spondir enden Mitgliede er wühlte. 

Eine andere sehr wortvolle Unterstützung gewährte mir der 
Umstand; dass am Nordrande des Sees bei Steg der „Ferienhort" 
für Mittelschüler aus Wien etabljrt ist. Dieser Institution sind von 
der k- n. k, Marine-Section mehrere ältere, aber hier noch brauch- 
bare Boote aus dem Arsenal in Pola geschenkt worden, und all- 
jäbrlich kommt ein Uöteroßicier der k, k, Kriegsmarine — bisher 
Torpedomeister H. Baum gar tner^ — ftir die Dauer der Feriennach 
Steg, um die Schüler mit der Führung der Boote vertraut zu 
EQaeben und bei den Excursionen auf dem See zu leiten. An 
diesem trefflichen Manne hatte ich eine wertvolle Stütze und Hilfe 
bei der Adaptimng eines Bootes zum Dredschen und bei der Ver- 
wendung der Dredsche in den verschiedensten Tiefen, wobei auch 
xngleieh die Schüler als Bootsbemannung dienten und nebstbei 
manches NtitzUche lernten. Auch bei anderen Arten des Sammeins 
and ßeobachtenSj sowie bei Anlegung eines DepOts für Utensilien 
and Conservirongsmittel waren mir Baumgartner und einige Schüler 
«ehr förderlich; leider musste sich diese kostenlose Beihilfe auf die 
Äirei Ferialmonate beschränken. 



Eine sehr dankenswerte Erleichterung gewährte es, dass der 
Besitzer der Dampfboote auf dem Hallaiätter-See, Herr Seeauer, 
gegenwärtig Bürgermeister in Hallstatt, mir wiederholt den kleineren 
Dampfer „Valerie" kostenlos zur Verfügung stellte, um manche 
Messungen und Netzzüge in den entfernteren Theilen des Seea 
rascher und ohne Ueheranatr engung der Schüler durchführen zu 
können. Nicht vergeaäen darf ich auch des KlauBmeiaters J, Pilz 
in Steg, der zu verschiedenen Jahreszeiten j auch in meiner 
Abwesenheit, die Beobachtungen über die Strümung des Sees 
anatellte. 

Den nun angefilhrten Förderungen der ersten Richtung steht 
filr einzelne Specialzweeke^ in technischer und fachmännischer 
Beziehung, eine lange Reihe von Mitarbeitern und Gönnern zur 
Seite, 

In Angelegenheit des Tiefenthermometers verdanke ich Herrn 
UniversitUtsprofessor Dr. E. Richter in Graz, dem eifrigen Beob- 
achter und Bearbeiter von Seetemperaturenj dann dem bei Graunden 
analläBigen Capitän langer Fahrt Herrn Wr. Z e h d e n die beste Unter- 
stützung bei der ersten Einleitung der Temperatur-Beobachtungen. 
In hydrographischer Beziehung, insbesondere was die Beschaf- 
fung Ton einschlägigen Messungsdaten, die zum Theile noch 
fehlten, betrifft, bin ich den Herren Oberbauräthen Wi 1 h* v. Grim- 
bürg in Linz und E. Lau da, dem Vorstände des hydrographischen 
Centralbureaus in Wien, für die Erfüllung meiner Wünsche sehr 
verbunden, vrortiber das Detail im betreffenden Abschnitte folgen 
wird ; ebenso dem Herrn k. k, Forst- und Domlinen-Venvalter 
Fr< Kubelka in Goisern für eine Nivellirungaarbeit, Für gefiil- 
lige Vermittlung bei der Herstellung der Ten*ainkarte bin ich 
Herrn k* u, k, Oberst Robert Daublebsky von Sterneck, 
und für eine wesentliche ßegünatigung bei der Zusammenstellung 
des Originales der Tiefenschichten karte Herrn Hofratb R. von 
Grimburg zu Dank verpflichtet* 

Im Gebiete der Limnophy&ik haben mich Herr Professor 
Dr- E, Meissl, Director der L chemischen Versuchsstation in 
Wien, sowie mein Sohn, Dr. Norbert v, Lorenz, Adjunct an 
derselben Anstalt, bei der Durchführung von Analysen dea 
Seegrundes und des Wassers wesentlich unterstützt, wJlhrend 
Herr Hofrath Professor Dr, J. H a n n, Director der k. k. Central- 
anetalt für Meteorologie in WieUj und der dortige Adjunct, 
Herr Professor Dr. J, Liznar, durch Daten aus den meteorolo- 



gUchen Beobacbtungstabellen der Station Hallstatt mir behilflich 
waren, und die Physiker Herr Oberst Ä* v, Obermayer von der 
k. u. k. tecbiii sehen MilitUr - Akademie, sowie Herr Hofrath Pro- 
fessor V. V« Lang mir mit Literaturbehelfen an die Hand gingen. 
Henn Professor Dr. Fr. Berwerth verdanke ich die genaueste 
BeätimtBung der Bo s tan dth eile in Meresa anter Sande vom Seegrunde. 
Herr Professor Dr, A, Penck war mir geMIig durch Ermöglichung 
der Einsicht in Simony'a Original karte, die im geographischen 
Institute der Universität verwahrt ist. 

Im Bereiche der Limnorganologie endlich waren mir die 
Herren Prof- H. Zukal und Dr. Stockmayer durch Bestimmung 
van Algen, Herr Hofrath Professor Dr. A. Kerner v. Marilaun, 
Vorstand des botanischen Museums der Universität in Wien, und 
Herr Adjunct Professor Dr. C. Fritsch ebendaselbst, durch Zu- 
glnglichmachung der dortigen Herbarien sehr wesentlich behilflich, 
ebenso wie die Herren Gustos Prof. Dr. Cr. Beck v. Managet ta und 
Herr Dr. A. Zahlbruckner mirdie gleiche Gefälligkeit beztlglich 
des Herbariums des kaiserl. Hof-Muaeums erwiesen. Herr Dr. 0. 
Stapf, gegenwärtig am Museum in Kew, hat mir von ihm vor 
längerer Zeit im Hallstätter-See gesammelte und bisher nicht ver- 
wertete Algen zur Ergänzung der von mir selbst beobachteten 
bereitwilligst 2ur Verfügung gestellt. 

Die zoologischen Bestimmungen verdanke ich den Herren 
Custoden des kaiserl. naturhistori sehen Museums K. Kölbel (f) und 
Herrn Steuer fUr Crustaceen, Prof, Dr. Fr, Brauer für Larven, 
Dr. K. Sturany ftlr Mollusken und dem Herrn Universitätsprofessor 
Dr, Vejdovsky in Prag für Würmer und Käderthiere. Die Be- 
stimmung des Plankton hat Herr Dr. 0, Zacharias, Vorstand 
der biologischen Station in Plön (Holstein)^ mit grosser Zuvor- 
kommenheit übernommen. 

Bei der Aufsammlung von Naturalien, insbesondere des 
Plankton, hat mir Herr stud. med, Erich Ritter v. Schrötter 
äeissig assistirt. 

Indem ich air diesen Förderern der Arbeit hier schon am 
Eingänge der Abhandlung meinen verbindlichsten Dank ausspreche^ 
behalte ich mir vor, bei den einzelnen Abschnitten je an ent- 
sprechender Stelle die Art ihrer Mitwirkung noch näher zu be- 
eefehoeii. Dort wird man auch ersehen, inwiefeme ich mich trotz 
der ajtaehnlichen Reihe von Mitwirkenden doch als den Verfasser 
dea Ganzen betrachten darf. 



Die k. k. Geographische Gesellschaft hat nach Maßgabe ihrer 
beschränkten Mittel, die überdies gleichzeitig (1896) durch eine 
verhältnismäßig grössere Ausgabe flir eine andere Originalarbeit 
in Anspruch genommen waren, wenigstens einen Theil der Aus- 
lagen gedeckt, wovon die Kosten der Publication mit ihren 
graphischen Beigaben den grössten Theil ausmachten. 

Was nun auf dem angedeuteten Wege zustande gekommen 
istj stelle ich in vier Hauptabschnitten dar, deren Bedeutung wohl 
keiner näheren Erklärung bedarf: I. Limnographie, II. Limno- 
physik, IIL Limnogenie, IV. Limnorganologie. 

In jedem dieser Abschnitte sind noch verschiedene Lücken 
geblieben; diese betreffen theils solche Detailfragen, deren Lösung 
mit: kostspieligeren Apparaten, z. B, zur Bestimmung der Durchsich- 
tigkeit mittels photographischer Platten u. s. w., weit grössere Mittel 
als die mir zu Gebote gestandenen erfordern würden, theils Auf- 
gaben^ für welche meine unausgesetzte persönliche Anwesenheit 
am See oder die Verwendung mehrerer bezahlter Assistenten er- 
forderlich gewesen wäre, oder endlich die Discussion von Punkten^ 
für welche die erforderlichen Vorarbeiten seitens der betreffenden 
HilfswiBsenschaften noch vermisst werden, wie es insbesondere bei 
der Limnogenie bezüglich des Hallstättergebietes der Fall ist. 

Im Gegensatz zu dem Fehlenden habe ich geglaubt, bei 
einigen Capiteln (z. B. über die Farben des Wassers, über die 
Limnogenie u. s. w.) ein wenig über die localen Grenzen des 
einzelnen Sees hinausgehen und mich auf allgemeinere oder metho- 
tlologiache Betrachtungen einlassen zu dürfen, weil ich die Hoff- 
nung hege, dass die hier gegebene Anregung vielleicht doch eine 
Ausdehnung ähnlicher Forschungen auf alle unsere Alpenseen zur 
Folge haben dürfte, wobei den künftigen Bearbeitern mancher 
allgemeine Fingerzeig nützlich sein könnte. 



I. Limnographie.^) 

Lage, Begrenzung und Dimensionen des Hallstätter-Sees. 

Dieser Fluss-See ist der dritte der grösseren Traun-Seen, 
die eämmtlich im Gebiete der nördlichen Kalkalpen in hochgele- 

^) VoQ der allg^meia in Deutschland, der Schweiz, Frankreich und Italien 
übiichoti Schreibeweise ,jLimno".'. . weicht Geistbeck in seiner erwähnten Ab- 
handlung ab, indem er „Limni'' . . . schreibt. Da ich nicht annehmen kann, dass 



Das Gel>iet deis Hallstätter-Sees. 




1: 170.000 



FlotoUt^^^npU« and Druck d« k* a« k. nilitii^B'eOgniphiBehaii Institut««. 



gene Thalsenkungen eingebettet sind. Die beigBbundene Terrainkarte 
zeigt die säcbste Umgebung dea Seea, bestebend aus den steilen 
Gehängen von BergreihcD, die mit nur aebr wenigen untergeord- 
neten Ansn ahmen dem triassischen Dachateinkalk (karniache Stufe) 
nnd seinen Schutthalden angeboren. 

Im Süden, in der Gegend des Haupt-Zuflttases, der Traun, 
fällt der üstliebe Thell de^ Dacbatein 'Plateau uud des meb daran 
»chlieseenden Koppen ans der Hübe von 1500 bis 1900 m (unge- 
rechnet die aufgesetzten liöheren Kuppen) steil zum Seerande mit 
rand 500 m absoluter Klevatiou ab. 

Das östliche Ui'er bildet nach der ganzen Länge des Sees das 
Steil geh an ge des gleichfalls zu 1 600 —1900 m ansteigenden Saar- 
sieiDj der vom Koppen nur durch die krumme tiefe Traunfnrche 
getrennt ist. 

Im Westen senken sich die oben meist mehr abgestuften 
Lehnen des Blassen stock es aus der Höhe von abermals 1500 bis 
1900 «ij und zwar zuletzt steil abgebrochen zum See hinab, 
Ticfe^ E eh male Furchen, deren Grund von ca. 700^ — GOO m 
allmlihlich zum Niveau des Sees sinkt, sind quer auf die Längs- 
richtutig des Sees in den Gesteinskorper eingeachnittenj welcher 
ans den genannten Ge birgst heilen besteht und durch die Gleich- 
artigkeit des Gesteines, sowie durch die übereinstimmenden 
PlAteau-Hühen als ein ursprünglich zusammengehöriges Ganzes 
er&cheint. Diese Furchen sind insbesondere die Rinn aale des 
Waldbaches j des Mühlbaches, der Gosau-Ache, sümmtlich an der 
Westseite des Sees. 

Im Norden, am untersten Theile des Sees, treten die be- 
gteiteuden steilen Höhenzüge etwas weiter auseinander und lassen 



ä imms d1id# b€ wursten Gnmd geschehen, habe ich einen solchen aiif^Tißnden ge-' 
trachtet, j«docb Ter^eb^Ds. Das fragliche Wort und seme Composira kommen 
futxweiftflhaft ans dem GriecbEschen, wo Xrvir,- eine riihigö^ gana oder grosBen* 
tfaiMls timj^rhlxraseae Wamstet tläefae bedeutet; oian kann also hier nuf cii6 Reg aln 
dea Grmehi^heD, nicht dio dea Latelniacben ia Betracht isieben. Die Gnecheii 
wendeten ahtrr bei Zusammmen^etxtmgen mtl X((jvo; immer q an der Binder teile 
aa^ i. B, >j^voK«>)fX!Ä£;, (Teich- oder Siimpfachneckeü), lun^pio^^ }dy,•^6y^tT^i \i. i, w. 
Woflt« man als Stammwort nicht Xijr^cCj aondem djü* minder ühliche Xijtv^j an* 
DchiBen, itas ein© ähnliche Bedentung hat, untl wallt© man überdieB die ReiTchli 
ma^ifcbe An** spräche gelten lassen, nach welcher t() wie t anag'ßäprucben wird, 
wo vrira LiiDnilogie, Limninietne, Limnigenie etc. eher gerechtfertigt; aber 
4 f n f i mussU man «ueb schreiben: Technilogiej Selenilogle, Morphilogie iu a. w., 
WH meijaea Wisaena nirgends vorkommt. Ich bleibe also bei der Scbrpibcfreise j,o". 



8 

ain breiteres Trauntlial olFenj das erat 7 Kilometer abwärts, bei 
Lauften, sich zu einem kurzen Felsen-DefiM verengt* 

Ueber die horizontalen Dimeneionen des Sees liegen 
die Angaben verschiedener Autoren vor^ von denen aber kaum 
zwei mit einander übereinstimmen. Die Abweichungen sind, wie 
bei Seen überhaupt, erklärlich daraus, daas man über jenes 
Wasser-Niveau, dessen Verschneidung mit dem Festufer die Um- 
grenzunga-Linie eines Sees bilden soll, entweder keine sicheren 
Daten btisitzt oder über dieselbe verschiedener Ansicht ist. Beides 
ist beim Halletätter-See der Fall, Ueber die Niveau Verhältnisse 
desselben werden, wie im Abschnitte über das Pegel wcsea näher 
auaeinandergesetÄt wird, erst die von mir angeregten vermehrten 
Pegelablesungcn genauere Auskunft geben können. Wfis aber 
die Auffassung bezüglich der dem See noch zuzurechnenden 
Arealtheile betrifft, so ist zu bedenken, das« die Katastral- Ver- 
messungen, welche hauptsächlich den weiteren kartographischen 
Darstellungen und Areal-Tabellen zum Grunde liegen, die Sache 
zum Theil vom Standpunkte der Culturfähigkeit oder der Unpro- 
ductivität, sowie der Besitzberechtigung ^) auff^Assen, worüber die 
Ansichten und Voruchriften wechseln. Je nachdem ein Streifen 
noch als See^ oder als Sumpf, als Streuwiese^ Inundationsgebiet^ 
SchotterplatZj Bauplatz u. ß. w, aufgefasst wird» rechnet man die 
betreffende Parzelle zum See oder zum Uferlande. 

Es ißt daher nicht zu verwundern^ wenn wir in Dr. Job. 
Müllner'ß Abhandlung über „Die Seen des Salzkammergutes**, ^j 
der neuesten Publication dieser Art, eine Reihe mitunter stark 
differij^ender Angaben verschiedener Autoren citirt vorfinden.^) 
Ale die wahrscheinlich richtigsten können wir mit Mü Ilaer an- 
nehmen : 
Lange in der Mittellinie zwischen beiden Ufern . , H'2km 

Grösste Breite (im sudl. Theil) 21 „ 

Umfang . , , 220 „ 

Flächeninhalt S'bSkmK 

*} Der See ist ilrarlacljes Eigen Üium, die Ufergelilnde sind vitjlfach Qe- 
moindü- oder Pr i vat ■ Eigen tb am, 

^) Die ßesii des SalakÄmniorgutea imii die Österreich iHClie Traun. Erläu« 
tenmgen zum Atlas der österr* Seen. Band VI, Heft 1 der „Uepgraph. Abhand- 
lungen'*, heran Bg^egeben ron Prof. Dr, Albrecht Penck in Wien, ersdaienen bei 
E. ll^kel. VeryL daaelbat S. 14 u. ID, 

^) Die grösste Abwelchang betrifft deo Flächeninhalt ; aus der Zeit von 
1802 rUhrt eine Angabe mit 497 i^n", aus 188!ä mit ö'OJtm^ her. 



Glüct Hell erweise sind für die wissenschaftliche Lim- 
Bologie, welche sich hauptsächlich mit der Erforschung und 
DaarsteUuBg des Gesetzmäßigen in den limnischen Erächei- 
nnngen beschäftigt^ DifferenBea von einigen Percenten in den 
horizontalen Dimensionen nicht von besonderer Bedeutung, und 
ftos alten vorliegend en Daten (nur mit Ausnahme der in der 
Anmerkung *) erwähnten extremen Angaben über das Areale) 
ergibt sieh doch übereinstimmend der Charakter des Hai Uta tt er* 
Sees als des kleinsten unter den 5 grösseren T h a 1 s e e n ^) des 
SükkammerguteSj als des grüssten unter den drei oberen Traun- 
fieeHj') mit lang gestreckter Gestalt bei starker Uferentwicklung, 
in welch' letzterer Beziehung er alle anderen Thalseen des Salz- 
kammergutes mit Ausnahme des Wolfgangsees, uod insbesondere 
die anderen Traunseen übertrifft 

Betreffend die Höheülage des Seespiegela mues zunächst 
constatirt werden ^ dass die bisher mit 494 m angegebene Meeres- 
hübe einer Correctur bedarf* Jene gangbare Angabe rührt offen- 
bar von den in der Generalstabskarte (1 : 7 5. 000) ^ bezw. in dem 
betreffenden Sectionsblatte (1 : 25-000) verzeichneten Höhencoten 
her, die rings um den See herum mit 494 w^ bis 496 jw er- 
ech einen, sich jedoch nicht auf den Seespiegcl, sondern auf Fi x- 
punkte am Ufer beziehen,*) Nuu liegt aber das Resultat 
eines 1875 und 1877 von Organen des k, u* k* militür.-geogr, 
Institiites durchgeführten Präcisions^Nivelleraents vor, nach wel- 
chem der Nullstrich des Seepegels bei Steg damals eine absolute 
Hohe von 508"53 fn hatte- Da dieser Nullstrich, wie im Abschnitte 
über die verticalen Bewegungen des Seespiegels näher dargelegt 
wirAf einem nahezu mittleren und wenigstens keinem ungewöhnlich 

T 

*} Siebi p. St Anmerkmi^ ^). 

*) Atlertiee 46'42 A:l7^^ Gmuntlnersee 25 G5 A'j^i", Mondriee 11*21 Ä/w% Wolf- 
pmji*e 13*15Ä7rt% Hallatättertee 8*59 Am ^ wäbreud dio noch zu den Tbalaeen 
gdihheo kleinen Wa^fterfläclian doA FuscliUeo^ und Irr^sce.') nur 3 47 kiH"^ und 
ä'fi6 kin-* messen. 

*j Von oben nadi nnten reiben sIcIl slIb Traunseei] : der Gnindbeo, der 
A {tiu^^ci^See, der HAlUlätter-See als die ^ oberen'^, nacU denen ula nnterer und 
letzter nor Doch der Gmundner^See folgt. 

') Die Mappenrs beachtSnkon eicb. aus Legreif lieben Gründen und ihrer 
laftmctioii ^nxüÜ auf die Hl^bi^nb^sitLtnmung fixer, mit M wirken zu versehender 
Ponkte mm Lande, wie sie für den Verlauf d<?r Itohypsen der Karte maßgebend 
*iad; die Spiegel von GewÄsöern kommen bieboi weoig oder p?ir nicht in Be- 
tr^Lt, und f^Hrdan auch ohne Kückälcht auf die Niveiinaeh wankungen des 
Waj^ei^t ^Ic (i^^ Mappenr ferne Hegen, nicbta bedeuten. 



10 

hohen Stande des Sees entspricht, welcher in der Zeit von 1884 — 1890 
die Extreme von -f- 88 cm und — 75 cm aufwies, ^) kann schon 
deshalb die mittlere absolute Höhe des Wasserspiegels am unteren 
See nur nahezu 508 m betragen, und können auch die oben er- 
wähnten Goten mit 494—496 m nicht mehr als richtig gelten, da 
Fixpunkte am Ufer nicht niedriger liegen können, als der Seespiegel. 

Genauer wurde die Frage nach der absoluten Höhe des See- 
spiegels erst 1897 nach einem auf mein Ersuchen unter gefälliger 
Ingerenz des k. k. hydrographischen Centralbureau durchgeführten 
Nivellement für die Nullstriche aller Pegel des Sees gelöst und 
wird das Schwanken des Seespiegels erst nach mehrjährigen 
Beobachtungen an den drei oberen Seepegeln (Obertraun, Lahn, 
Hallstatt), die bisher nicht notirt wurden, noch vollständiger ent- 
schieden werden können. 

Es dürfte von einigem Interesse sein, die Höhencoten für 
eine Reihe von Punkten längs der Traun oberhalb und unter- 
halb unseres Sees nach der erwähnten Pjäcisions- Aufnahme und 
nach dem eben erwähnten ergänzenden Nivellement hier ver- 
zeichnet zu sehen:*) 

Ah-Au8see, Aussee, Hallstätter-See, 

Pegelstrich 3*04 c?» Curbaus Pegel-Null bei Steg 

714-7265 m 658Ö997 i» 508-441 w 

Geisern, Ischl, Ebensee, 

Traun-Niveau *) oberer Rand Strich 2*4 cm 

496*950 m des Trannpegeltj des Seepegels 

465-1579 m 4250760 m 

Alle diese Maße auf das mittlere Niveau der Traun und 
der Seen mit noch grösserer Genauigkeit zu beziehen, bleibt 
weiteren Messungen und Beobachtungen vorbehalten, da ein mitt- 
leres Niveau erst nach mehrjährigen Beobachtungen berech- 
net werden kann. 

Grössere limnologische Bedeutung besitzen die verticalen 
Dimensionen eines Sees, mit denen zugleich die Plastik des ganzen 

Vergl. MüUner, 1. c. S. 58. 

^) Die Details dieser hochverdienstlichen Arbeit, für deren Insceninmg 
ich dem schon genannten Herrn Oberbaurath E. Lauda sehr verpflichtet bin, 
werden im Abschnitte über die Höhenstände und Strömungen des Sees und in 
einem Anhange ausführlich behandelt. 

*) Das officielle Nivellement gibt für Geisern an: Marke am Hause der 
Forstverwaltung 500018; von da ausgehend, hat Herr Forstverwalter Kubelka 
auf mein Ersuchen mittels eines tachymetrischen Nivellements das Niveau der 
Traun bei annähernd normalem Stande mit der obigen Zahl bestimmt« 



11 

Seebeckens und seines Grundes gegeben ist Hierüber geben uns 
WtügVicb des Halbtätter-Sees drei veracbiedene Tiefenachichten- 
Earten Äufschlnss, die zwar im Wesen tlichen, aber nicht in allen 
Detail» mit einander übereinstimmen. 

Die älteste rührt von Kimony her, welcher dieselbe anf Grund 
Eein^r in der HauptBache in den Vierzigerjahren (um 1S45) ange- 
stellten LrOtbuDgen entworfen und in farbigen Hchiehten ausgeführt 
httj ohne dass sie aber von ihm veröffentlicht wurde; sie beündet 
sich in der Sammluüg des Geographischen Insiitutea der Univeraitat 
Wien nnd wurde mir von Herrn Professor Dr. Penck wiederholt 
xur Vergleichung und Copirung zmv Verfügung gestellt- 

Die zweite derartige Karte verdankt ihre Entstehung einer 
Ireddieben Idee des jetzigen k. k. Forstmeisters — damaligen Forst- 
rerwaltera in Hallstatt — J. H e i d 1 e r, welcher die binger dauernde 
Vereisung des Sees im Winter 1880 dazu benutzte, um denselben 
in maoüber Beziehung genauer, aU es von Booten aus möglich 
irt, und so sieber wie etwa eine ebene Wiese am festen Lande zu 
vcrmeasen und durch EislOcher zu sondiren. Die Anzahl der Lothun- 
gen betrügt gegen 400;^) nach denselben wurde zuniicbst eine grosse 
Scbichten karte im Maßstäbe l * 5760 nebst Profilen conatruirt, die 
a. A- in Venedig und Kopenhagen unter fachlicher Anerkennung 
ftOBgestellt war und jetzt bei der Forstdirection G munden auf- 
bewahrt ist* Nach diesem Original wurde auf photo-lithograpbi- 
^cbem Wege eine kleinere im Maßstäbe 1 : 14000 in 14 Farb- 
Etufen mit 54 Längen- und Qnerprofilen hergestellt und ein 
liLhograp bisch er Text beigegebeuj beides jedoch nicht durch 
den Bncbbandel veroffen ilichtj sondern nur in etwa 40 Exemplaren 
in engeren Kreisen geschenkweise vertheilt, " so dass die Karte 
gerade in fachlichen Kreisen wenig bekannt ist und beinahe ver- 
eehoOen wäre.^) 

Eine dritte Isobathen -Karte unseres 8ees ist in dem ^ Atlas 
der Österr. Alpenseen" von Dr. Johann Müllner, L Abthcüung, 
»Die Seen des Salzkammergutes'^j enthalten. Die Tiefenlinien und 

'j H«idl«r gibt die AD?^hl seiner Sondirimgea nicht direct an, aucb 
mk^t im EUgthSrigeii litUograpbirte» Texthefte; ich entnehme jene Anzahl 
w 4sQ bti Deinen ProALen emcbtlichen Tlefencoten> 

■) Der Titel der Karte lautet t „Die Tlefenverhültniiae de§ HallatÄtteP 
6m0* carh den vom k, k. Forst verwalt&r J, Heidler im Janner niid Febrnar 19B0 
■sf fejtfe6^fenem Seespi^gel g:c machten Lothun^eii. Die Yermessungj Lothung 
«ad DmekJefung aaf Kosten des da^maUgen Geueral-lD^pectorB der Staata- 
yjwnb^hpgL ioll jr h n ff Herrn Heinrieb Siebenficbein, 



die Profile sind daselbst „hauptsächlich** nach den Lothungen von 
Bimony gezeichnet 

Für meine gegenwärtige Publication, die nicht wohl ohne 
eine Tiefenkarte erscheinen kano, habe ich mich entachlossenj 
eine Modification der H e i d 1 e r ' sehen Karte herstellen za lassen^ 
da es wohl nicht passend gewesen wäre, die Karte von Dr, 
MüUner einfaeh zu reproducirenj überdies bei mir die Absicht 
bestand, die bisher unbekannt und un verwertet gebliebene, 
mühevolle und verdienstliche Arbeit Heidler^a in fachlichen Krei- 
sen bekanDt zu machen. Ueber ihren Wert im Vergleich mit 
der Simony-Müllner' sehen spreche ich micL weiter unten aus. 
Zunächst folgt hier wörtlich aus U eidler 's iithographirtem Begleit- 
heft die Schilderung seines Arbeitsvorganges: 

pAm 23- Jänner begann ich über den ganzen See ein gleich- 
tnäßiges Netz von Standiinien zu errichten und zu vermessen, um 
von diesen durch in das Eis geschlagene Locher den Seegrtind 
zu erfo röchen. 

Diese Standlinien der Abscissenaxen für die Quer-, Längs- 
und Seitenprofile wurden m gewählt, dass deren Anfange- und 
Endpunkte sowohl in der Xatur^ als im Katastral Plane vollkom- 
men genau fixirt werden konnten, um seinerzeit die eben für uns 
so werth vollen Controlmessungeu über die Art und Weise der Zu- 
nahme und Abnahme der unterseeischen Schuttkegel^ Aulnndungen 
n. s. w. vornehmen zu können. 

Die Tieflothungen selbst wurden mit Hilfe einer 160 fn langen, 
1"5 cm dicken, mit Fett präparirten üanfieine ausgeführt, die 
von 10 zu 10 Meter mit Metalhnarken eingetheilt war. Am 
unteren Ende der Jf essleine befand sich ein 3 5 kg schwerer Eisen- 
senket ; die Löcher wurden mit einer Hacke ins Eis geschlagen. 
Das Durchhacken eines Loches durch 30 cm dickes Eis nahm 
17^ Minuten, das Ablasaen des Senkels auf 134 *n Tiefe l^j 
Minuten und das Heraufeiehen DYa Minuten in Anspruch* 

Die beim Durchhacken des Eises gefundenen Durchmesser 
variiren ziemlich bedeutend untereinander; so fand ich am 
23. Jänner 1880, 40 m vom Kreuz gegen Hallstatt hin, eine Eis- 
decke von 30 cm, weiter gegen die Mitte des Sees zu eine 
solclje von 28 vm Stärke; am 30^ Jilnner bei Gosaumilbl (im 
untersten Theil des Seee) von 37 cm\ die stärkste Eisdecke, etwa 
in der Mitte des untersten Theiles fand ich mit 42 cm. Auf 
der Linie zwischen der Waldbach- und Traunmündiing hatte das 



13 

Es, und zwar von letzterer ungefähr 300 m entfernt, um jene Zeit 
dne Dicke von 19*5 an, 600 m entfernt 22-5 cm. 

Die Resultate der Tiefen-Messungen habe ich in einer über 
2 w* grossen hydrographischen Karte im hier üblichen Kataster- 
HaßsUb 1" =80^ oder 1 : 5760 niedergelegt. Zwölf Längen- und 
Qaerprofile, untereinander im Mittel 0*5 km entfernt, sii\d über 
den See so vertheilt^ dass dieselben die Hauptpartien desselben 
treffen, darunter von grösster Bedeutung die Fiuss- und Bach- 
einmttndungen. 

Zwischen den durchgehenden Hauptprofilen (Quer- und Län- 
genprofilen) befinden sich 42 Seiten- oder Partialprofiie, welche 
von wichtigen Uferpunkten 130 — 160 w seewärts, ja zum Theile 
bis ZOT Mitte des Sees selbst reichen. 

Zur vergleichenden Beurtheilung dieser und der Simony'schen 
Karte mögen folgende Bemerkungen dienen. 

Simony machte seine Lothungen vom Boote aus, wobei die 
horizontalen Coordinaten für die Messpunkte nach Ruderschlägen 
und Absehen auf Fixpunkte des Ufers ohne Anwendung von Winkel- 
messern gewonnen wurden." — Soweit Heidler's eigene Worte. 

Ueber den Grad der Genauigkeit, der bei diesem Vorgange 
SU erreichen war, spricht sich Simony selbst mit folgenden Worten 
aus:*) ^Nicht unerwähnt darf bleiben, dass das geradlinige Ein- 
halten der Messungslinien namentlich bei stark bewegtem See 
oft grosse Schwierigkeiten bot. Auch der Längenwert der einzel- 
nen Ruderschläge blieb nicht immer gleich ^ indess half in dieser 
Hinsicht die Erfahrung, allzugrosse Ungleichheiten empirisch zu 
oorrigiren.** 

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich hinzufügen, dass 
auch die Strömung des Sees, welche immer, wenngleich in ver- 
schiedenem Grade, besonders aber im nördlichen Tbeile statt- 
findet — worüber Näheres im betreffenden Abschnitte weiter 
unten folgt — das Festhalten bestimmter Positionen sehr erschwert, 
weshalb man oft trotz aller Vorkehrungen beim Heraufziehen 
eines Instrumentes sich an einer anderen Stelle befindet als beim 
Hinablassen. Heidler hingegen konnte seine Messpunkte genau so 
fixiren, wie es bei Vermessungen auf festem Boden geschieht; 
in dieser Beziehung bietet also seine ELarte eine grössere Sicherheit. 

') Ueber die Tiefenyerhftltiiisse und die BeckengestaltuDg der Seen des 
Jmaa^MetOB. Vortrag im »yWiseeDSchaftlichen Club'', 12. Jänner 1882. Ab- 
ftdmekt in der Zeitschrift „Tonrist'S 1882. 



14 

Was hingegen die Tiefen betrifft, könnte gegen Heidler 
einiges Bedenken dadurch erregt werden, dass er sich einer 
vorher im trockenen Zustande markirten Hanfleine bediente. 
Da sich solche Leinen, auch wenn sie gefettet sind, im nassen 
Zustande zusammenziehen, kann man vermuthen, dass man an 
ihnen beim Sondiren eine etwas zu grosse Anzahl von Längen- 
einheiten ablese. Heidler's Tiefenangaben sind in der That meist 
etwas grösser als jene Simony's, und zwar, wie dieser im citirten 
Vortrage bemerkt, durchschnittlich um 4 — 8**/o. 

Diese Differenz kann man aber nicht ohneweiters als Fehler 
bezeichnen. Simony selbst sagt (1. c), dass nach längerem Ge- 
brauch die Zusammenziehung, welche anfangs 7 — lO^o beträgt, 
sich auf nur 57o reducirt, und dass anderseits durch den Ge- 
brauch eine Dehnung stattfindet, welche 3 — ö^o l>etr^> wodurch 
also die Zusammenziehung nahezu compensirt wird. Von seinen 
eigenen Hanfschnüren bemerkt Simony (1. c), dass auch diese 
immer „nur annähernde Resultate^ gaben, und dass man über- 
haupt bei markirten Hanfschnüren immer auf ,jUnsicherheiten 
bis 37o gefasst sein müsse". 

Es wäre also wohl zu weit gegangen, wenn man die erwähnten 
Differenzen zwischen beiden Karten einfach als „Fehler^ Heidler's 
betrachten wollte; man kann sie als „Unsicherheiten ** bezeichnen, 
welche in beiden Fällen von der angewendeten Methode bedingt 
waren und nur durch Anwendung der seither mehr in Uebung 
gekommenen Stahldrähte vermieden werden können. 

Ein weiterer Unterschied zwischen beiden Karten besteht 
darin, dass Heidler aus praktischen Rücksichten (wie künftige 
Uferbauten, Verwertung des ärarischen Seegrundes durch Ver- 
kauf für Privatbauten, Gewinnung nutzbarer Flächen durch Tie- 
ferlegung des Sees u. s. w.) eine verhältnismäßig grössere Anzahl 
von Lothungen nahe am Ufer und von diesem auf kürzere 
Strecken seewärts vornahm, während Simony die Gestaltung des 
ganzen Seebodens gleichmäßig im Auge behielt. Man kann also 
von Heidler's Kalte etwas genauere Details der littoralen 
Tiefenzonen erwarten, wozu auch seine oben erwähnten zahl- 
reichen Seitenprofile beitragen, während Simony's Karte mehr 
maßgebend für das allgemeine Bild des Seegrundes sein wird. 

Die Anzahl der Lothungen ist bei Simony grösser als bei 
Heidler, hauptsächlich deshalb, weil dem letzteren nach Simony's 
vorausgegangenen Messungen der Umstand bekannt war, dass die 



15 

Plastik des Grandes in der Area der grösseren Tiefen auf weitere 
Distanzen nahezu gleich bleibt, weshalb ihm eine Vervielfältigung 
Ton Messungen dort weniger von Belang erschien. 

Die Scala für die farbige Darstellung der Tiefenschichten 
ist in beiden Karten wesentlich verschieden. Ich kann mich dabei, 
was die Karte Simony'ß betrifft, nur auf dessed erwähnte unver- 
öffentlichte Orjginalkarte beziehen, da die verkleinerte Reproduc- 
tion derselben durch Müllner keine vielfach abgestufte Farbenscala 
hat, den Leser hauptsächlich auf die Isobathen verweist und nur 
darch dreierlei blaue Töne die auffallendst verschiedenen Tiefen- 
Areale markirt. Simony's Karte, welche der Publicität gegenüber 
nur insofeme in Betracht kommt, als sie der MüUner'schen zum 
QniDde gelegt ist und deren Auffassung beeinflussen musste, zeigt 
Farbenabstufungen von 10 zu 10 Metern nur für die Tiefen zwi- 
schen 10 Klaftern und 60 Klaftern, während für die geringeren 
Tiefen eine Abstufung von 1 — 2 und von 2 — 10 Klaftern, für die 
grössten Tiefen gleichfalls engere Stufen, nämlich 60 — 65 und 
65—66 Klafter, gewählt wurden. Seine neuntheilige Scala ist 
also: 1-2, 2—10, 10—20, 20—30, 30—40, 40—50, 50—60, 
60-65, 65—66 Klafter. 

Simony war dabei offenbar bestrebt, dort, wo schon kleine 
Tiefendifferenzen häufiger oder von besonderem Interesse sind, 
auch die Isobathen und die Färbung enger abzustufen; das erstere 
ist der Fall längs der Ufer, das zweite in der Area der grössten 
Tiefe. 

Heidler bat fast doppelt so viele Abstufungen (24), und zwar 
in Metern, und von durchaus gleichen Intervallen (10 zu 10 tn). 
Dadurch würden in der nun von mir reproducirten Heidler'schen 
Karte manche Details der litt oralen Zonen verloren gehen, wenn 
nicht die schon erwähnten zahlreichen Seitenprofile, die nach den 
effectiven Sondirungszahlen ohne Interpolation construirt sind, 
gerade die Plastik der oberen Beckenwandungen in ihren ver- 
schiedenen Modificationen am eingehendsten darstellen würden. 

Alle hier erwähnten Unterschiede der Messungs- und Darstel- 
lungsmethoden haben doch schliesslich nicht verhindert, dass das 
Bild des Seebeckens in beiden Karten eine befriedigende Ueber- 
einstimmung zeigt Simony selbst sagt im oben citirten Vortrage : 
^Dicse (Heidler's) Karte enthält auch 11 vollständige und zahl- 
reiche Partialprofile, so dass der Beschauer sich eine genügend 
klare Vorstellung von der Gestalt des ganzen Beckens zu bilden 



16 

vermag," Und an einer anderen Stelle sagt das Referat über jenen 
Vortrag: „In Bezug auf das allgemeine Bild stimmt Heidler's 
Karte gut mit Simony's Darstellung.** 

Mir scheinen die Verschiedenheiten beider Karten hauptsäch- 
lich darin zu liegen, dass Simony als Naturforscher und Geograph, 
Heidler ab Geodät gearbeitet und dargestellt hat. 

Das zeigt sich am auffaUendsten in jener Differenz, die Ton 
llüllner (L c.) als die erheblichste erwähnt wird. Im unteren See 
zeigt Dämlich Heidler's (daher auch meine) Karte in der Gegend 
des Längeoprofiles I-I und des Partialprofiles 38 eine schildför- 
mige iöolirte Erhöhung des Seebodens, während Simony dort eine 
quer über das Seebett gehende Bodenschwelle — übrigens von 
nahezu gleicher Höhe wie bei Heidler — zeichnet. 

Wenn man die geraden Sondirungslinien und die zugehörigen 
Tiefeozablen beider Verfasser vergleicht, so erscheinen für das 
Ziehen der Isobathen beide Auffassungen erklärlich; Simony^) 
glaubte in der Verseichterung eine in den See geschobene Mo- 
räne erblicken zu dürfen und zeichnete darnach seine Isobathen, 
während Heidler als Geodät nur an seine dort gefundenen Tiefen- 
coten (10 nach der Länge und 3 nach der Quere) dachte und dar- 
nach jene Figur construirte, die dem Geometer nach solchen Coor- 
dinaten die zunächst berechtigte erscheint.^) Da übrigens Simooy 



^) Von mancher Seite scheint in die Andeutung Simony^s üher eine von 
ihm yermuthete Moräne grössere Bestimmtheit interpretirt eu werden, als 
Simony selbst zugehen wollte; denn in seinem am 12. Jänner 1882 im wissen- 
schartlicheti Club gehaltenen, im „Tourist*^ 1882 abgedruckten Vortrage sagt er: 
,Ich müchte fast vermuthen, dass hier eine alte Stirnmoräne vorliegt; indess 
will ich hiemit nur eine Hypothese ausgesprochen haben.** 

^) Es dürfte nicht selten der Umstand ignorirt werden, dass hei der im 
Verhüittiis zur Area eines Sees meist kleinen Anzahl der Lothungen 
im Ziehen der Tiefenlinien gar manches Willkürliche, auf Combinationen Be- 
ruhende mitanterlaufen muss, und dass hierin der Limnometer bedeutend im 
Nacbtheil gegen den Mappeur des Festlandes ist. Den Letzteren unterstützt ganz 
wesentlich der Anblick des Terrains mit all* seinen selbst untergeordneten Details, 
währaod das Gepräge des Seegrundes bei allen, nur wenige Meter übersteigen- 
den Tiefen nur aus den Lothungen erschlossen oder combinirt werden muss. 
Bass hlebei gewöhnlich sehr bedeutende Flächen zwischen den Tiefencoten un- 
gemesseD bleiben, ergibt sich, wenn man berechnet, auf wie viele km* oder m* 
je ein^ Lothung kommt. Beispielsweise werden die Resultate einer solchen 
BereciiDung, die man in den betreffenden Werken fast durchgehends vermisst, 
für eine Bei he von Seen nach den hierüber bekannten Elementen (Flächeninhalt 
und Anaabi der Lothungen) im Folgenden zusammengestellt. 



17 



gerade in jenem Abschnitte des Sees viel zahlreichere Lothangen 
Tomahm als Heidler, fällt es mir nicht ein, seine Auffassung zu 
bestreiten, ohne dass ich aber deshalb Heidler's Zeichnung auf 
meine Verantwortung an jener Stelle ändern möchte, da mir die 
Frage noch discutabel erscheint. ^) 



„ ^ „ Area (km^) Zahl der Eine Lothnng kommt 

NtchSimony undMüllner: Lothungen aaf m' 

HalbtStter-See 8*6 500 17.200 

Nach der Karte des 

Bodensees 
Bodensee 538-46 11.147 48.300 

Nach Geifltbeck, Seen der 

dentsehen Alpen*) 

Wilchen-See 160 200 80.000 

Aeban-See 6'76 69 90.000 

Plin-See 364 210 20.000 

Koehcl-See 6*48 167 40.000 

Tegem-See 907 161 60.000 

Ammer-See 4654 182 300.000 

Staraberger-See 57-3 220 300.000 

Wiginger-See 9*3 187 40.000 

Nach Delebeque**) 
See Ton Annecy 27 3339 8.000 

Nach Dr. Halbfass: 
Areadsee in der Altmark .... 5 54 1200 4.600 

Geofer^ee 582*46 11.965 49.000 

Nach O. De Agostini: 
Ugo d'Orta IS'O 700 26.000 

Nach Pe ucker (die Koppen- 

tetebe) 

Grosser Koppenteicb 186 

Kleiner Koppenteich 97 

') Waa nur an Hand der Simony^scben Origioalkarte, daher nicht hier, näher 
discQtirt werden kannte, ist: dass man an der fraglichen Stelle eben so gut 
D5rdlieh von der angenommenen Querschwelle Simony^s eine beschränkte seichte 
Vertiefang (am etwa 3 m) gegenüber dem umgebenden fast ebeoen Flachgrunde, 
als eine Erhebung des letzteren interpretiren könnte. Für mich bot die hier 
in Frage kommende Area des Seebodens ein besonderes Interesse deshalb, weil 
fie die an meinem Ausfahrtspunkte am nächsten gelegene Stelle war, an welcher 
Jcb nach Simony's Karte grössere Tiefen, nämlich 20 — 30 Klafter, gegenüber 
der seichteren Umgebung, beim Dredschen finden zu können hoffte. Es ist das 
jene Partie, welche in Müllner*8 Karte als die letzte gegen Norden gelegene mit 

*) Di« Ansahl der Meisponkte 1. c. S. 271, die Grösse der Heeflilchen 8. 277. 
**) Leider ist in Delebeque> sfthlreiohen und wichtigen Abhandlnngen über die Seen 
^'ruücTeicha, eowie in seinem „Atloi des lacs frani^ais'' die Anzahl der Lothungen nicht zu 
ÖÄ^Mi, Bnr für den See von Annecy tat eie angegeben. 

Mitth. d. k. k. Gcogr. Oe«. 1898. 1 u. 2. 2 



IB 

Die zvreitfj uad letzt© als erhebliclier betrachtete Differenz 
bezieht sich auf die Angabe der gröeaten Tiefe — bei Simony 
125 2 m, bei Heidler lä4'6 m- 

Die Leser inügen sich nua dem oben über die möglichen 
Fehler der Lothleinen Greeagten selbst ein Urtheil darüber bilden, 
welchen Wert sie diesem Unterschiede beimessen wollen. Es soll 
hier nur noch erwähnt werden, dass auch am Gmundoer-See 
nachträglich von Capitän Fr. Zeh den an einem Punkte, der auf 
der Verbindungen Die zwisclien Traunkirchen und Eieenau, und 
zwar der letzteren Oertllchkeit um drei Viertbeile näher als der 
erstgenannten, gelegen ist, unter Anwendung von Stahldraht eine 
Tiefe von 228 m, d. i. um 37 m mehr als Simony's Maximaltiefe, 
gelothet wurde. ^) 

Nach dem Vorausgeschickten glaubte ich nun die Heidler' sehe 
Karte mit Beruhigung der meinigen zum Grunde legen zu künnen. 
Dieses geschah iu der Art, dass der Umrisa des Sees und die 
Isobatben nach Heidler unverändert beibehalten, auch seiue Mes- 
sungsliaien (Profillinien) wieder eingezeichnet und seine zahlreichen 
Profile beigegeben wurden. Was die letzteren betrifft, so wurden 
sie von Heidler in Diagrammen von je zweierlei Maßstab dar- 
gestellt nach Art der beistehenden zwei Zeichnungen. Jede solche 
Zeichüuög besteht, wie man sieht, aus zwei Theilen: einem oberen, 



daDklarem Blau angelegte Area eracheint und ctwa^ mebr m die Länge ge^^ogefi 
ist ala in Simony's Onginalkarte. Ich konnte aber dort bei b — 6 Dr^dschungan 
und einer wiederholten T^m^jeraturinessung nie eiue grüflsere Tiefe aIs 32 — 34 tn, 
aUo rund IG — 17 Klafter findc^n, also iiicbt mehrt ^^^ (^^^ eeicbtere Umgebung 
bietet, leb will dieaer Wabruebuiang- uoch keinen ronßgebonden Wert beilegten; 
dieselbe epriubt eigentlich gegj?u beide Karten und führt auf die Frage, ob nicht 
in dieser Gegendi wo die &^tri3mung- atark und vvechselnti, bisweilen auch rück- 
läußg auftritt (wie im betreffenden Abschnitt gezeigt werden wird), durch, db 
Bewegung des Wus^ers der schlammige Grund In wechBelndei' Weiae Yersehoben 
wird. Da die ganze DiffereDis der ilürtigen Tiefen auch nach BimoDy nur einige 
Meter b^trilgt und auf kor^^e Abetäcde wechselt, wäre das immerhin möglicb, 
und da iteit Simony's Lrtthntig bis zu deir Heidler's n^he^n 40 Jahre verstrichen 
sind, könnte eine Aenderung dieser Art wohl staM gefunden haben. Auch ist 
constatirt, dass die Strömung des Sees tm untersten Abschnitte eine Furche 
(Kl ausgraben genannt) austieft, die in der Richtung gegen den Abfluss Mn^Eieht 
und 4 — Gm tiefer iat^ ata der umgebende Flachgruud, wovon noch iveiter unten 
<l^handelt werden wird. Jedenfalls wären weitere Mesanngen hier sehr erwünscht. 

^) Vergl. Prof. Dr. G. A< Koch: „Die Temparaturhewegang des Gmundoer 
See» iiu Winter 1894 — 96** (Mitthoilg. der k. k. Geogr, Geiellichaft in Wien 
189&, Hea 2). 



19 



der sowobl die horizontalen Dimensionen (Läogen) als die verti- 
wlen Abstände (Tiefen) im gleichen Maßstabe wie die 
Karte, also ohne Uebertiefung, zeigt, und einem unteren, der nur 
die horizontalen Längen im Maßstabe der 
Karte, die Tiefen aber im fünffachen 
derselben darstellt. 




Fig. 1. 



Fiff. 2. 



Dieser letztere Theil der Zeichnung bringt auch den anliegen- 
den Theil der Beckenwand, beziehungsweise des Seebodens nach 
GefUle und GefkUsbrtlchen auffallender zur Anschauung. 

Die an der obersten Begrenzungslinie jedes Diagrammes hin- 
geschriebenen horizontal stehenden Ziffern bedeuten die Distanzen 
der Lothungspunkte vom Ufer an gerechnet, die vertical am Ende 
der Ordinaten stehenden bezeichnen die Tiefe an den betreffenden 
Stellen. 

Die fortlaufenden Indicationsnummern der Diagramme (I — XII 
fiir die durchgehenden Hauptprofile, 1 — 38 mit vier Untertheilun- 
gen (a, b) für die nur von einem Ufer bis auf kürzere Entfernung 
seewärts fortgeführten Seitenprofile) beziehen sich auf die über- 
einstimmenden Bezeichnungen des Kartenbildes. 

Was die Farbengebung nach wachsenden Tiefen betrifft, so 
hatte Heidler eine Scala mit 14 Abstufungen (10 zu 10 m) 
gegeben, welch' letztere durch Strichelung (Raster, Crois6) in einer 
einzigen Farbe (blau) hervorgebracht wurden; da aber bei der 
Durchkreuzung der Strichelung mit den Isobathen dort, wo letztere 
»ehr nahe aneinanderliegen (Steilabfall), unbeabsichtigte und irre- 
führende Nuancen der Färbung hervorgebracht wurden, habe ich 
es vorgezogen, ähnlich wie Müllner, die Leser hauptsächlich auf 
die Verfolgung der Isobathen zu verweisen und zur Verdeutlichung 
dej Gesammtbildes nur eine einzige voll angelegte Farbe, mit 
verdunkelndem Raster nur für die grossen Tiefen, anzuwenden. 

2* 



20 

WeggeiaBien wurden die von Hcidler längs der Ufer an- 
gedeuteteTij doch nur sehr beiläufigen Culturen- und Parcellen- 
Zeichnungen. 

Dagegen wurden von mir hinzugefügt : 

1, Eine Anzahl von Oertlichkeiten am Ufer zur leichteren 
Orientiruüg und Verständigung i 

2. fiämmtliche bekannten Zufliia^e des Sees, auch die kleineren 
Bäche, Gräben j Quellen und die bedeutenderen Lawinenbahneu; 

3* die Punkte, an denen die Temperaturmeasungea vor- 
genommen, und jenCj an denen gedrcdscht wurde. 



Die Morphometrie dieses Sees, so\vic der übrigen Seen des 
Salzkammergutes ist rait weitgehendem Detail in der wiederholt 
citirten Abhandlung von Prof. Dr, Müllner behandelt; hier mögo 
nur das berechnete Gesammtvolumen des Seebeckens^ beziehungs- 
weise die darin enthaltene Wasser raasse mit 556*7 Millionen 
Cubikmeter angeführt sein. 

Details des Seebettes und deren Bezeichnungen. 

Allgemeine Gliederung. 
Die Terminologie für unseren Gegenstand hat insbesondere 
in der deutschen Spraclie hauptsächlit^h mit zwei Schwierigkeiten 
ÄU kämpfen. Zunächst gehüi't hieb er der Umstand, dass ein See 
in der Regel nicht die gesammte Hohlform des Terrains, sondern 
nur den tiefsten Teil derselben einnimmt; die Wände der Hohl- 
form tauchen nur an ihrem unteren Theile ins Wasser, bleiben 
aber immer die Wände der Hol il form und lasaenj mit sehr wenigen 
untergeordneten Ausnahmen^ die gleichen Varianten betreffs der 
Neigung (Bt^schungswinkel) des glatten oder gestuften Verlaufes^ 
der aufgelagerten Halden, Huhren u. s. w. erkennen, wie sie an 
den trockenen Wandungen einer Hohlform vorkommen. Wenn 
man daher vom „Hecken" spricht, ist es nicht schon selbstver- 
ständlich, dass nur der benetzte Theü des Terrain beckens gemeint 
ist; ebenso wenn vom Gehänge, Böschungswinkelj von Halden j Ter- 
rassen u, s. w, die Rede ist. Man hat also Ursache, die benetaten 
oder untergetaucliten Theile der Hohlform mit dem Beisatze „See® 
zu verbinden. Nun wird aber mit ^^See" auch das y,Meer" bezeichnetj 
und so entstehen Composita, die man nach allgemeinem Sprach- 
gebrauch nur auf mantime Objecte zu beziehen pflegt, z* B, See- 



21 

koste, Seegestade, Seestrand, Seekliflf u. s. w. Während die Ter- 
minolc^e bezüglieh des maritimen Vorkommens schon sehr aus- 
gebildet und festgestellt ist, kann man nicht dasselbe bezüglich 
der Seen sagen. 

Man hat sich zwar trotzdem bei den Schilderungen von 
Seen yerständlich gemacht, indem man eine sinngemäße Aus- 
legung der gebrauchten Bezeichnungen einerseits erwartete, ander- 
seits zugestand; jeder Autor limnologischer Abhandlungen dürfte 
aber doch gleich mir das Bedürfnis nach einer festeren Termino- 
logie empfinden. 

Da die gegenwärtige Publication nicht in allgemein limno- 
logischer Richtung gehalten ist und nur den Hallstätter-See im 
Auge behält, fühle ich mich nicht berufen, hier Vorschläge 
für eine allgemeine Terminologie zu machen; doch kann ich 
es nicht vermeiden, den Lesern darzulegen, welche Bezeichnungen 
und in welchem Sinne ich dieselben speciell für die Verhältnisse 
des Hallstätter-Sees anwenden zu sollen glaube. 

Ein schematisches Profil vom Festufer unter den Wasser- 
spiegel über die Böschung des Seebeckens hinab bis zum tiefsten 
Grunde desselben gezogen, zeigt drei Haupt-Abstufungen, wie sie 
Fig. 3 darstellt: eine Vorstufe (Schwelle) AB, einen mehr oder 
minder steilen Abhang 
oder Declivium B C bis 
XU dem mehr flach 
verlaufenden Grunde, 
endlich den Seeboden 
oder Grund im engeren 
Sinne CD. Nicht selten 
fehlt die Vorstufe ganz. 
Das« jede dieser drei 
mehr oder weniger geneigten idealen Ebenen in Wirklichkeit sehr 
verschiedene untergeordnete GeMlsbrüche und Zacken haben 
kann, ist bekannt. 

Um nun den Recipienten des Sees von dem ganzen Terrain- 
becken, dessen tieferen Theil das Wasser füllt, zu unterscheiden, 
nenne ich denselben in der Regel das „Seebecken" oder „Seebett" 
und gebrauche dafür das einfache Wort „Becken" oder „Bett" 
Dur dann, wenn nach dem Contexte an eine Verwechslung nicht 
xa denken ist Für den nicht benetzten Theil des ganzen Terrain- 
beckens soll die Bezeichnung „Ufer" oder „Land" mit allen ein- 




Fig. 3. 



schlägigen Zusammenaetzungen, wie Ufergehänge, Uferleisten, 
Ufergestein, T^ferhalden u. b. w. oder uferseits, landwärts u. s. w. 
angewendet and niemak auf untergetauchte Theile des Reci- 
pientea bezogen werden, so dass z. ß. „Uferbildungen", „Ufer- 
Öora" nicht das Vorkommen im Wasser in der Nähe des 
Ufers, sondern nur solche Objeete am Lande längs der Wasser- 
grenze bedeutet. 

Die Linie, welche die Verschneidung der Wasserfläche mit 
dem Lande oder Ufer bildet, sei die „Uferlinie''. 

Die Seiten wände des Seebeckens nenne ich das „Seegehänge", 
den j,Seebang** oder die „Seeböschung". 

Den Boden des Seebeckens nenne ich nicht einfach „Grund", 
weil der Beobachter limni^cher Objeete oder Erscheinungen, so wie 
der Seemann, unter ^Grund^ überall die feste Unterlage des 
Wassera versteht» gleichviel ob an seichten oder tiefen Stellen, 
nahe am Ufer oder in der llitte des Gewässers (fester felsiger 
Grund, sandiger achlaramiger Grund, Grundbeschaffenheit, Grund- 
netz u. s, w,), weshalb auch hier das Wort „Grund** nur in 
diesem Sinne gebraucht werden soll. 

Der Boden des Seebeckens möge dagegen als der „Seeboden „ 
bezeichnet werden. 

Zwischen der Uferlinie und dem Seeboden lassen sich am 
Seegehänge hauptsächlich zweierlei untergeordnete Abstufungen 
unterscheiden: die schon oben erwähnte „Vorstufe", welche 
keiner anderen Bezeichnung bedarf, dann am unteren Bande der 
Wandung eine gegen den Boden auslaufende Verflachung, die 
„Rist"^) oder ^ Anlauft ^) genannt werden mag. 

Die in verschiedenen Abständen vertical unter einander 
liegenden horizontalen Wasserkörper und die dazu gehörenden 
Flächentheilo des Seegehänges oder localen Grundes wollen wir 
„Tiefenzonen", dagegen die horizontal neben einander liegen- 
den Abschnitte des Seea (oberer, mittlerer, unterer See, Gegend der 
grössten Tiefe n. s. w.) zusammenfassend „Regionen" oder 
„Sectionen" nennen. 

Als adjectivieche Bezeichnungen mögen gelten: „littoral'* 
fiir Vorkommnisse im See oder am Seegehänge nahe am Ufer, 

^) Nai^U Aoab^ie der Partie des Fasses, die zwischen dem wagrechten 
und dem aufrechten Theil Jes Beines gelegen ist. 

=) Nach Analogie des u nie reo Theiles eines Baumstammes, wo dieser mit 
IchiefeTn Auaatz in die Warzel übergeht. 



23 

tlso am häufigsten in der Gegend der Vorstufe; „declivial" 
für Alles, was sich auf das Deelivium, und „abyssal" für 
Alles, was sich auf den Tiefgrund bezieht. 

Die Ausdrücke „binnenseits", „binnenwärts", „uferwärts" oder 
^landwärts*^, dann für die entgegengesetzte Richtung ^wasser- 
wärts*^ u. s, w. bedürfen wohl keiner Erklärung. 

Specielle Gliederung der littoralen Zone. 

Die Isobathenkarten und Profile von Seen können aus be- 
kannten Gründen Tiefenzonen oder Abstufungen nur nach grösseren 
Vertical-Abständen darstellen, wobei die untergeordneten Details 
der Flächen oder Böschungen, welche zwischen die Isobathen oder 
die Lothungslinien fallen^ nicht zum Ausdrucke kommen. 

Solche Details haben auch für die landferneren Theile eines 
Sees keine wesentliche Bedeutung und können in der Regel ohne 
sachlichen Nachtheil verschwinden. Anders verhält es sich mit der 
Plastik der landnächsten (littoralen) Tiefenzone, innerhalb deren 
hauptsächlich die limnische Vegetation und Fauna vom Ufer oder 
vom Fahrzeuge aus deutlich wahrgenommen, bestimmter unter- 
schieden und vortheilhafter gesammelt werden kann, als auf den 
Punkten grösserer Tiefen, welche keine Auswahl einzelner 
Objecte zur Beobachtung oder Sammlung gestatten. 

Da nun die gegenwärtige Publication auch die Vertheilung 
der limnischen Organismen ins Auge fasst und noch mehr 
für künftige Forscher Anhaltspunkte zu weiteren einschlägigen 
Beobachtungen geben will, muss auch die untergeordnete 
Gestaltung der littoralen Tiefenzone in Betracht gezogen werden. 
In dieser Beziehung ein fortlaufendes Bild, gewissermaßen 
einen continuirlichen Streifen genauer Grundzeichnung um den 
ganzen See herum darzubieten, ist bei dem oft in kurzen Ab- 
ständen wechselnden Gepräge gerade dieser Zone des Seegrundes 
nicht möglich. Dagegen ist es ausführbar, und genügt wohl auch 
Toriäufig, gewisse Haupttypen der littoralen Plastik zu unter- 
scheiden und dem Leser anzudeuten, in welchen Strecken des Ge- 
wässers dieser oder jener Typus hauptsächlich vorkommt. 

Die hieher gehörigen Unterscheidungen sind sehr elementarer 
Katar und fast selbstverständlich, können auch in gleicher Weise 
öberliaapt bei allen Seen mehr oder minder ausgeprägt vorkommen, 
lollen aber doch hier angeführt werden, um bei der später folgen- 



u 

den Skizze der littoralen Grundverhältnisse oder Standörtlichkeiten 
kurz darauf Bezug nehmen zu können. 

Es sollen uns nun die praktisch erwähnenswerten Varianten 
der obersten 8tiife die Gestaltungen jenes ufernächsten Streifens 
beschäftigen, Über dem die Wassertiefe, wenngleich bisweilen auf 
nur sehr kleine Diatanz vom Lande weg, nicht mehr als 3 — 4 m 
— soweit reicht in diesem See gewöhnlich die Sichtbarkeit einzel- 
ner Objecte — beträgt, so dass dort, wie schon erwähnt, die Unter- 
scheidungj Auawahl und Sammlung bestimmter Objecte möglich wird. 

Dabei kommen folgende Fälle in Betracht: 

1, Vorstufe fehlt. 

a) Continuirlicher Verlauf in einen Seichtboden (Fig. 4). 

b) Verlauf in einen Tiefboden (Fig. 5) und 

€) als specieller Fall von b) ein Absturz (Fig. 6). 




rifT. 4. 





Fig. 



Fig. 6. 



2. Vorstufe vorhanden. 

d) Vorstufe nur ein schmaler Rand (Fig. 7). 

e) Vorstufe breit (Fig. 8), 




F%. 7. Fig. 8. 

in den beiden letztgenannten Fällen entweder horizontal oder mehr 
weniger geneigt und in allen fünf Fällen (a — e) entweder eben 



25 

oder uneben, aus gleichem oder auch verschiedenem Material ge- 
bildet u. 8. w. Am Hallstätter-See kommt der Typus a in grösserer 
Ausdehnung nur beiderseits im nördlichsten, viereckig gestalteten 
Flachbecken von Steg-Untersee vor. 

Das entgegengesetzte Extrem (c) abwechselnd mit J, und zwar 
darchgehends Felsenbildungen, finden sich hauptsächlich zwischen 
Lahn und Hirschbrunn, und unter dem „Kreuz", dann mit vor- 
wi^endem b stellenweise längs des rechten Ufers vom Kreuz 
bis gegen Rastlsepp; längs des linken Ufers von Hallstatt bis 
gegen Gosaumühl und weiter jenseits Gosaumtlhl bis gegen den 
Lerchengraben. 

Während die drei zuerst genannten Typen meist nur auf 
kurze Strecken anhalten, finden sich die beiden Typen d und e 
auf den längsten Strecken um den ganzen See, mit Ausnahme des 
St^erbeckens und kehren in kurzen Abständen immer auch dort 
wieder, wo sich die Typen b oder c eingeschaltet haben. Die 
Ächwach geneigte breite Vorstufe e findet sich seltener als d und 
nur auf kürzere Strecken beschränkt-, so insbesondere aus festem 
Gestein bestehend bei der „Platte" und aus Detritus gebildet an 
den Mtindungen der grösseren Bäche, dann auch beim „Hirsch- 
brunnen** und bei „Winkl". Weit allgemeiner und auf den läng- 
sten Strecken ausgedehnt ist hingegen der Typus d und zwar 
selbst dort, wo man nach der Gestaltung des Festufers und nach 
dem Verlaufe der Isobathen eher die reinen Typen b oder c er- 
warten sollte, und mit diesen letzteren abwechselnd oder daran- 
SEtoasend. Es ergibt sich aus dieser Uebersicht, dass zur Beob- 
achtung und Sammlung von lacustren Pflanzen und Thieren, un- 
geachtet der im Grossen und Ganzen steilen Böschungen des 
Seebeckens, doch mit Ausnahme kurzer Strecken eine nur 1 — 4 m 
tief liegende, wenngleich oft nur schmale (1 — 3 m) Vorstufe 
bequeme Gelegenheit bietet. 

Was aber die mehr ins Gebiet der dynamischen Geologie 
gehörenden, durch locale Auflösung, Zertrümmerung und An- 
schöttung verursachten untergeordneten Details innerhalb der Vor- 
«tufe längs der Uferlinie betrifft, wie Seeleisten, Brandungs- 
kehlen u. s. w. so bietet der Hallstätter-See ausser den schon 
angeföhrten Gestaltungen nur sehr wenig typische Formen. Insbe- 
»nd^e der Wellenschlag und die Brandung kommen hier nur 
wenig in Betracht. Die Wellen erreichen hier tlberhaupt keine 
beträchtliche Höhe, wie später ausgeftlhrt werden wird. Heftigere 



26 

Winde, die am leewärts gelegenen Rande des Seebeckens eine 
stärkere Brandung erzeugen können, sind meist West-Böen, die 
I aus dem Echernthal und dem Qosauthal quer über den See herein- 

^ brechen; die hiedurch erzeugten directen W^ellen fallen als relativ 

I starke Brandung nur auf kurzen Strecken an die entgegengesetzten 

(östlichen) Steilufer und erzeugen gegen Norden und Süden hin nur 
abgelenkte Wellen, die als üeiningen parallel mit der Länge des Sees 
und den Ufern laufen und keine erhebliche Brandung bewirken. Es 
gibt also keine längeren Randstrecken, an denen fortlaufend oder in 
oftmaliger Wiederholung das Zerstörungswerk der Wellen zu consta- 
tiren wäre; nur an einigen Stellen finden sich unterwaschene ins 
Wasser gestürzte Steinblöcke, ausgehöhlte Kehlen, hinaufgeschobener 
Detritus u. s. w. als wahrscheinliche Wirkungen einer Brandung, 
die aber auch noch theil weise discutabel bleiben. So dürfte 
manche Kehle nichts anderes sein, als das Negativ eines Felsen- 
stückes, das bei annähernd grossschaltiger oder grossmuscheliger 
Structur des Gesteines seewärts herausgefallen ist. 

Die zahlreichen, der Karte des Sees beigegebenen Profile 
von Heidler zeigen concreto Einzelnfklle aller dieser schematischen 
Typen, nur verschwinden dabei wegen des kleinen Maßstabes 
manche untergeordnete Abstufungen oder Brüche, so insbesondere 
die schmalen Vorstufen (d). 



Sectionen des Sees und Orientirungspunkte. 

Der See lässt zunächst zwei ungleichartige und ungleich 
grosse Haupttheile oder Sectionen unterscheiden: den grösseren, 
oberen (südlichen), welcher am Eintritte der Traun beginnt, all- 
wärts rasch zur Tiefe abfällt und die tiefste Senkung des ganzen 
Beckens enthält; dann den kleineren unteren (nördlichen) mit 
meist weit flacheren Beckenrändern und geringen Maximaltiefen. 
Den ersten Abschnitt können wir kurz als das Becken von Hall- 
statt oder den oberen „See", ^) den zweiten als das Becken von 
Steg (nach der Ortschaft am Ausfluss des Sees) oder den „unteren 
See" bezeichnen. Die Grenze zwischen beiden wird durch eine 
Einschnürung markirt, welche hauptsächlich vom vorgeschobenen 
Delta des Gosau-Baches verursacht wird; diese kurze Strecke ist 

*) Nicht zu verwechseln mit der Ortschaft „Obersee*, die ebenso wie 
^y die Ortschaft „Untersee" am rechten Ufer des unteren Sees liegt. 



r 



27 

der mittlere Sue und kann aucL nach der dort bestehenden 
Station ^GosaumiÜil'^ als „Enge von Gosaumülil^ bezeichnet werden. 
Ala untergeordnete Theile der ersten Seetion sind hervorzu- 
heben: Die Bucht von Obertraun reell tä von der Traunmündung, 
die Bucht von „Win kl "^^ links von dieser Mündung, beide am 
Rande etwas verseichtert durch Ablagerungen aus dem Fluss ; 
die Strecke am „Hirschbrunn'^, wo eine ziemlich breite Vorstufe, 
^bildet vom fremdartigen Sand der dortigen Quellen, sich so- 
dann rasch zu grosser Tiefe abboscht; ferner die daran grenzende 
Strecke „Hirschau-Lalin'^ bis zum Waldbach, mit steilem Abfall 
tu grosser Tiefe. 

Am entgegengesetzten Ufer ist hervorzuheben die „Platte" 
in der Gegend von ^^Grub^, wo Gesteinsschichten mit geringem 
Fallen vom Saarstein her unter das Wasser tauchen^ um weiter- 
hin mit steilem Abbruch zu enden, 

Alle übrigen Strecken des RallstUtter-Beckens haben im 
We^otlichen übereinstimmenden Typus, nämlich : nach einer oder 
zwei bald schmalen bald breiteren Vorstufen eineu steilen Abfall 
m bedeutender Tiefe, fast durcbgehends ohne Klippen längs der 
Cter und noch weniger weiter seewärts. Längs des Ufers am 
Markte Hallstatt ist die Böschung mehrfach durch Bauten und 
AbMle verjlndert. 

Bios zur Orientirung wären noch fehstzubalten : am rechten 
Ufer der Punkt ^Grnbkreuz" auf der einzigen breiten Halbinsel 
des Sees, dann nahe daran Schloss „Grub^ auf einem längeren 
niedrigeren Uferstreifen ferner der Edling-Bicld flUlliel, Hügel), auf 
dem sic!i die Haltestelle befindet; am linken Ufer: die „Lahn" 
mit der Saline (Sudhauß und Amtsbaus) zum Tlieil von alten 
Muhren (Lahnen) gcbildetj am Eingang des Echeruthales, aus dem 
der Waldbach vom Dachsteingebiete her dem See zufliesst^ 
dann der sogenannte ^ Hundsort** und das „PfatV^ngefälP. ^) 

Eines einzelnen bestimmten Punktes am üstlichcn (Saarstein-) 
Ufer müge noch erwlihnt werden, damit ein eich fortziehender 
Imhüm berichtigt werde, Simony erwiihnt, das:ä bei dem ein- 
eigen kleinen Felseninselchen j,Neekl^ die Büscliung schon in 
kleinem Abstände vom Ufer zu grosser Tiefe abstürzt. Die Be- 
»iiehnuDg jjNeckl" linden wir nun wiedei" auf Hilüilner's Karte 
<ie» H&llstätter-Sees im obenerwähnten Atla&i und in der erwähnten 



^) IHese B^zeichnußg m\l daher komiTiün, ditaä tl<>rt einst ein Priester auf 
Ws^ xn oiuem Kramkea sammt eolnein Eeitthiert^ in düt» bnQ abstürzte. 



28 

Abhandlung; sie beruht aber auf einem Missverständnis. Das 
Inselchen ist nämlich das auftauchende Ende einer vorspringenden 
„Ecke", die darum auffällt, weil eine solche am ganzen See 
herum nur noch bei „Grub"* vorkommt, und nach der ersteren 
weiterhin am ganzen östlichen Ufer kein eckiger Vorsprung mehr 
exiatirtj überdies von jener Ecke angefangen gegen Norden hin 
die Böschungen des Ufers und des Beckens etwas flacher werden. 
Wenn man einen dortigen Schiffer fragt, wie die Stelle heisst, 
so sagt er: „Da heisst's ba'n Eckl" (beim Eckchen). Simony 
hat nun das „'n* zum „E** gezogen und daraus ist „Neckl** 
entstanden. Das Inselchen selbst hat keinen besonderen Namen. 
Auf dem Eckl steht die kleine „Villa Snor". 

In der unterenSection sind ausser dem weit in den See vor- 
geschobenen trockenen Delta des Qosaubaches und dessen unter- 
getauchter Fortsetzung noch hervorzuheben : Der sogenannte „Durch- 
läse ", eine schmale seichte Passage zwischen dem Delta-Ufer und 
einer auf nicht felsigem Boden bestehenden kleinen Röhricht-Insel; 
diese ist nur ein vorgeschobenes Stück des Delta und wurde davon 
abgetrennt, um den Salzschiffen einen Umweg zu ersparen. Am ent- 
gegengesetzten (östlichen) Ufer sind die flacheren Buchten von Ober- 
see und Untersee zu bemerken, dann die Mündung des Slan- 
baches mit ihrem Schotter- und Sanddelta, ferner das viereckige 
seichte Abflussbecken beim Ferienhort, endlich am Nordende des 
Sees der Abfluss durch eine baulich hergestellte Klause nebst 
darüber führender Strassenbrücke. 



Die Zuflüsse des Sees. 

An der Speisung des Sees betheiligen sich sowohl offene 
als unterirdische, constante und intermittirende Zuflüsse. Es wäre 
nun in der Ordnung, dass über die wechselnden und durch- 
schnittlichen Zuflussmengen ziffermäßige Daten angeführt würden ; 
leider bestehen hierüber noch keine Messungen, mir selbst waren 
die Mittel hiefür nicht geboten und es wäre wohl zu viel ver- 
langt, wenn ich mit der ganzen Publication warten sollte, bis im 
Laufe der Jahre solche Messungen durchgeführt wären. Ich 
beachriinke mich also hier auf eine kurze textliche Charakteri- 
sirung der Zuflüsse, wobei es nebst dem Wasserreichthum haupt- 
sächlich auf die dem See zugeführten Sinkstoffe und die mit- 
gebrachten Temperaturen ankommt, und beginne mit den fünf 



29 

gröbsten derselben, geordnet nach der Reihenfolge ihrer nur bei- 
läufig geschätzten relativen Mächtigkeit, welche nach den viel- 
{ährigen Wahrnehmungen des Herrn Oberbergrathes Hutter sich 
in folgender Weise verhält: wenn die Traun == 100 gesetzt wird, 
betragen Gosau-Äche 60, Waldbach 35, Slanbach 15, Mtthlbach 5. 

Die Traun ist neuestens von Dr. Job. Müllner in seinem 
edion cilirten Werke so eingehend beschrieben worden, dass ich 
mich hier auf das Wenige beschränken kann, was speciell die 
Beziehungen dieses Flusses zum Hallstätter See betrifft. Da die 
Traun aus drei Armen zusammenfliesst, welche durch je einen 
See (Grundlsee, Altausseer-See, Oeden-See) geklärt sind, kommen 
für die Sedimente, welche sie dem Hallstätter-See zuführt, nur 
die von ihr unterhalb jener drei Klärungsbecken berührten 
üfergesteine und Ablagerungen in Betracht. Diese bestehen 
sehr vorwiegend aus Dachsteinkalk, unter dem nur auf eine kurze 
Strecke im unteren Koppenthal Werfnerschiefer hervortreten, 
dann aus Glacial- und Gehängeschutt, der selbst wieder fast ganz 
AUS Kalksteinfragmenten zusammengesetzt ist. Die Traungeschiebe 
sind also hier Kalkgeschiebe. Beim raschen, oft katarakten- 
artigen Laufe durch das steil abfallende Koppenthal wird der 
Detritus fast unvermindert bis zum Thalausgange bei Koppenwinkel 
mitgerissen, wo nun der Fluss über seine eigene alte Anschüttung, 
die einen flachen, von Sumpfterrain begleiteten Kegel bildet, noch 
immer mit ziemlich grosser Geschwindigkeit dem See zueilt. 

Die Gosau-Ache, ein Abfluss aus dem Gosau-Gletscher 
des Dachsteines, lauft vom vorderen Gosau-See an mit mäßigem 
GeftUe, bald über thonarme Alpenkalke (Dachsteinkalk, Korallen- 
riff, Muschelkalk), bald über Mergel, Sandsteine und weichere 
Kalke der Gosau-Formation, welche insbesondere am linken Ufer 
des mittleren Laufes vorwiegen und daselbst reichlich feinen 
Kalk- und Mergel -Detritus liefert. Die in längst vergangenen 
Zeiten aus dem Gosauthale theils durch Gletscher, theils durch 
die diluviale Ach in den See vorgeschobenen Massen von Schutt- 
material, die gegenwärtig ein zwar feuchtes und leicht inundir- 
harei, aber doch cultivirtes breites Delta darstellen, wurden schon 
oben erwähnt. 

Die jetzige Mündiilig ist zu Zwecken eines ärarischen Holz- 
recbens und von Sägewerken in complicirter Weise verbaut, ge- 
tbeilt und abgelenkt und nur ein verhältnismäßig schmaler Arm 
lauft als freier Bach über den rechtsseitigen Rand des alten 



30 

Delta in den See. Was diese Ache in den See trägt, ist vor- 
wiegend Kalkstein in Gestalt mößig grosser Rollsteine, gemengt 
mit Kalkgrus in allen Abstufungen bis zum feinen Kalkmebl^ 
nebst mergeligem Schlamm. Nur diesen Ablagerungen kann es 
zugeschrieben werden, dass der Seegrund längs des ganzen 
Gosaumühl- Ufers mehr als auf jeder anderen Strecke aus hellem^ 
fast weissem Kalkgrus, Kalkbrei und Kalksinter besteht. 

Der Waldbach, ein durch Spalten und Höhlen geleiteter 
Abfluss des Karls-Eisfeldes, fliesst ausschliesslich in und über Dach- 
steinkalk und dessen Derivate und eilt zuletzt im vielfach abge- 
stuften Thalweg des Echernthales ^) dem See zu. 

Was dieser Bach fortbewegt, sind Kalksteintrttmmer, kalkiges 
und dolomitisches Geschiebe der verschiedensten Grössenstufen, 
dazwischen Grus, Sand und Mehl derselben Provenienz. Dieses 
Material lässt das Wasser bei niedrigem und mittlerem Stande 
sehr vorwiegend klar, nur wenn das Gletscher-Eis schmilzt, 
trübt es sich milchig durch Kalkschlamm aus der Grundmoräne 
des Gletschers, und nach starken Niederschlägen erscheint es 
röthlich-grau oder röthlich-braun duich reichlichere Beimengung 
des meist rothockerigen Thones, welcher den Dachsteinkalk in 
Nestern und Adern durchzieht und hie und da an den Ufern zu- 
sammengeschwemmt oder abgerutscht liegt. Obgleich der Waldbach 
aus seinen inneren Reservoirs als eine permanente Quelle ent- 
springt, wechselt doch sehr sein Reichthum, da dieser in hohem 
Grade von den jeweiligen Niederschlägen und zugleich vom Ab- 
schmelzen des Gletschers abhängt, so dass sich der Bach wie 
ein Torrente verhält. Bisweilen erhält er urplötzlich einen starken 
Zufluss dadurch, dass aus einer Felsenhöhle am rechtsseitigen Ge- 
hänge des hinteren Echernthales, mittelbar aus einem inneren, sehr 
geräumigen, nur selten reichlicher überfliessenden Reservoir grosse 
Wassermassen herabstürzen, deren steiles Bett als „Dürrenbach*' 
bezeichnet wird. Gleichfalls vom rechtsseitigen Gehänge des Echern- 
thales kommt der Torrente „Brandbach* aus einem ziemHch grossen 
Sammelgebiet, weshalb er zeitweise ganz plötzlich bedeutende 
Mengen von Wasser dem Waldbach zuführt. 



^j Echernthal bedeutet eigentlich Ahornthal und Ahorn selbst heisst 
ursprünglich „Eichhorn", weil die Blätter dieses Baumes Aebnlichkeit mit dem 
Geweih des Elch (Elenn) haben. Man hört daher auch bisweilen die Aus- 
sprache „EchhornthaP. 



31 

Die Mündung des Waldbaches ist seit langer Zeit künstlich 
Terbaut und geregelt, so dass nicht mehr, wie wohl ursprünglich 
der Fall gewesen, Steinblöcke und grösste Rollsteine, sondern nur 
mittelgrosse und kleinere Geschiebe zum See gelangen. Da in der 
Mündungsgegend das Ufer ursprünglich sehr steil in die Tiefe abfiel, 
hat der Detritus dieses Baches einen weniger umfangreichen 
Kegel, als man erwarten sollte, in den See vorgeschoben; diese 
Anschüttung ist zuoberst ziemlich dach, fällt dann steil und zu- 
unterst wieder sanfter bis zum eigentlichen Becken-Boden ab. 

Der Zlambach (wahrscheinlich richtiger „Slanbach" ^) unter- 
•cheidet sich von den anderen genannten Hauptbächen sowohl 
durch das geringere GefeUe seines Unterlaufes, als auch durch die 
grössere Mannigfaltigkeit der von ihm berührten Gesteinsarten und 
Ablagerungen. Sein Gerinne ist in den letzten (etwa 2) Kilometern 
nur schwach geneigt und erreicht kaum den Gefällswinkel der 
Traun bei Winkl. Was die Herkunft der Geschiebe betrifft, so 
hegt das Einzugsgebiet und das Bett dieses Baches im Bereiche 
ungewöhnlich zahlreicher Formationsglieder. Diese sind, wenn 
man nur die untere Strecke, von St. Agatha an, in Betracht 
zieht: zu oberst beiderseits Liasschichten, dann Werfnerschiefer 
und Salzthon mit Gyps, weiter am linken Ufer Glaoialschutt, 
am rechten wieder Werfnerschiefer und zuletzt triassischer Dolomit. 
Die Steine, welche im Bachbette kurz vor der Mündung und 
dann im flachen, weit vorgeschobenen Delta liegen, sind weit 
weniger abgerundet und reichlicher mit Schlamm, Sinter, Algen 
lud insbesondere Diatomaceen bedeckt, als dieses bei den anderen 
rascher fliessenden Bächen der Fall ist, und Feinsand und Schlick 
machen einen grösseren Theil der in den See geführten Sedi- 
mente aus. 

Diese zeigen auch eine ungewöhnliche Mannigfaltigkeit der 
Orö^enabstufungen, sowie der Färbung, und ockeriger Absatz 
macht sich an vielen Stellen bemerklich. Hierauf kommen wir 
beim Abschnitte über die Grandarten noch ausführlicher zurück. 



') Dieses Wort scheint ein Rest jener slavischen Bezeichnungen zu sein, 
TW denen mehrere sich aoch in dieser Gegend erhalten haben. ^Slan' (nicht 
2Ua) bedeutet im Slavischen etwas Salzhaltiges, Slanbach also „Salzbach". Dieser 
Nim« jHUst nnn entschieden hieher, weil am genannten Bache, aufwärts von 
i^t Agatha, wo die Sal»formation zu Tage tritt, im 11. oder 12. Jahr- 
kiodtrtein Salabergbaa bestand, wie mir auf meine Frage Herr Oberbergrath 
flotter mhtheüte. 



32 

Es folgt nun nach dem Grade der Mächtigkeit als letzter der 
Mühlbach, welcher aus dem Gebiete des Salzberges mit dem 
steilsten aller hier vorkommenden Gefälle in treppenförmig abge- 
stuftem, gegenwärtig mit Thalsperren und Uferschutzbauten ver- 
sehenen Bette dem See zueilt und zuletzt mitten im Markte Hall- 
statt einen 63 m hohen Wasserfall bildet. Das Regime dieses 
immer fliessenden Baches ist äusserst unstet, und bedeutende Ver- 
wüstungen, die er auf seinem Wege durch gewaltsamen Abtrag, 
Verklausungen und Muhrenbildung angerichtet hat, haben endlich 
zu den erwähnten Verbauungen geführt. 

Er nimmt seinen Weg bis zu der als „Hölle" bezeichneten 
Klamm seines Mittellaufes durchwegs über Gerolle, dann von der 
Hölle an über Dachsteinkalk. An seiner Speisung betheiligen sich 
sehr vorwiegend Grubenwässer aus dem Salzbergwerk, und zwar 
in einer Quantität von ca. 50 l bis zu 10.000 hl per Stunde. Im 
Winter versiegen die anderen Zuflüsse (Tagquellen) gänzlich. Nach 
dieser Provenienz des Mühlbaches ist sein Detritus ein Gemenge 
von thonigem, oft fast breiigem Schlamm, G^röUe und kalkigen Stein- 
brocken; er ist im Gegensatze zu allen anderen Zuflüssen nie 
klar, da Thonschlamm des Haselgebirges fortwährend beige- 
mengt ist. Der untergetauchte Schuttkegel dieses Baches steigt 
anfangs mit einer Böschung von 30^ dann mit einer solchen von 
ca. 19** zur Tiefe hinab, und seine Basis läsat sich bis zur Tiefen- 
schichte von 110 m und bis zum Drittel der dortigen Seebreite 
verfolgen. Auf dieser Ablagerung waren die ersten Wohngebäude 
des jetzigen Marktes aufgeführt, der am Seerande wiederholten 
Senkungen ausgesetzt war; erst später entstanden die am Felsen- 
gehänge übereinander gleichsam hingeklebten Häuser, welche jetzt 
die Mehrzahl bilden. Der Schuttkegel dieses Baches, der anlässlich 
der erwähnten Verbauungen genauer vermessen wurde und den 
daher auch Simony in seinem „Dachsteingebiet" ^) eingehender als 
alle anderen beschreibt, scheint der grösste unter allen zu sein. 
Da nun umgekehrt die Wasserführung desselben die kleinste von 
allen ist, ergibt sich daraus, dass nebst der Gesteinsart des Bettes 
die Steilheit des Gerinnes von grösserer Bedeutung für die 
Schuttabfuhr ist, als die Wassermenge. 

Die kleineren offenen Zuflüsse — Bächlein, Quellen, Regen- 
gerinne — sollen hier nach ihrer örtlichen Aufeinanderfolge ange- 

^) 8. 29—32. 



33 

föhrt werden, und zwar zunächst die links von der Einmündung der 
Traun gelegenen bis zum Ausfluss des Sees bei Steg, dann jene 
der entgegengesetzten Seite in analoger Anordnung. 

Dabei sind zweierlei locale Specialitäten zu bemerken. 

Parallel mit dem Traunfluss rinnen einige kleinere Gewässer 
zum See, welche aus den jetzt meist cultivirten Wiesen des alten, 
am Fuss des grossen Circus ausgebreiteten Traun-Delta und zum 
Theil des dortigen Moränen-Schuttes entspringen, wohl auch einst 
anter dem Spiegel des damals grösseren Sees hervorkamen. Diese 
mit der Traun beiläufig parallel laufenden Bächlein werden von 
den Anwohnern „Träunl" (Diminutiv von „Traun" ^) genannt, 
vielleicht deshalb, weil man sie als theilweise verdeckte Ab- 
zweigungen der Traun, als austretendes Seihwasser dieses Flusses, 
betrachtet. Die meisten derselben sind jedoch nach dem Zeugnisse 
ihrer Temperatur und Härte als eigentliche Quellen, deren Wasser 
aus den oberen Regionen der umgebenden Circusgehänge stammt, 
zu betrachten. Aehnliche Quellbächlein gibt es auch im unteren 
Theile des Echernthales, aus dem Boden der Lahn-Wiesen, die 
Mch längs des Waldbaches ausbreiten, wovon noch weiter unten 
die Rede sein wird. 

Zu unterscheiden von den „Träunln" sind die sogenannten 
„Innerwässer*', das sind schmale Ufereinschnitte, welche sich vom 
See auf kurze Distanz ins Land hinein erstrecken und bei ober- 
Üächlicher Betrachtung als Mündungen von Zuflüssen aufgefasst 
werden könnten. 

Einen zweiten Typus von Bächen bilden hier die U eber- 
fall was s er kesselaitiger Felsenreservoirs an den Ufergehängen, 
wovon das instructivste Beispiel der als „Kessel'' bekannte Quell- 
ort bietet. Daselbst steigt man vom See aus etwa 4*5 m hoch 
über die Uferfelsen landeinwärts und kommt alsbald an den scharfen 
Rand eines Kessels von circa 12 m Durchmesser mit steilen, zum 
Theil überhängenden Innenwänden, an dessen Grunde in trockeneren 
Zeiten, 45 m unter der Kante — also im Niveau des Sees — 
ein ruhiger Wasserspiegel erscheint. Aus diesem Felsentümpel 
dringt durch die Spalten des Gesteines, welches zwischen dem 



^) Die BezeichnoDg „Träunl'*, als Gattungsname gebraucht, ist deshalb 
«tflreÄant, weil sie die von Müllner (1. c.) erwähnte Ansicht unterstützen kann, 
dasi das Wort „Traun' (Tnma) auf die Sanskrit wurzel „dru" zurückzuführen sei, 
welche nicht einen bestimmten Flnss, sondern überhaupt ein rasches oder stür- 
seoto Waaser bedeuten soll 

mtOL d. k. k. G«ogr. Gee. 1898. 1 a. a. ;{ 



■^if 



u 

Kessel und dem See liegt, fa^t immerwährend Wasser heraus imd 
fliesöt in kurzem Laufe dem See zu; nach starken Regengüssen 
aber fülJt sich der Kessel durch von unten heraufdringendes 
Wasser unter grossem Gebrause, fliegst über, und eine mächtige 
Cascade fällt gegen den See hin. Bei diesem Kessel liegt der Bau 
des Reservoirs deutlich zu Tage. An anderen Stellen aber erscheint 
nur der untere, mehr stetige Äusfloss eines im Gestein ver- 
borgenen Kessels, wie am benachbarten „Hiröchbrunnen", oder 
es fehlt ein solcher unterer ÄasfliiaSj und tritt nur zeitweise über 
den Kand des inneren Kessels, wenn dieser überfüllt wird, ein 
Sturzbach heraus, wie beim schon früher erwtihnten Dilrrenbach. 

Als örtlich und zeitlich ^ane unstete oflFene Zuflüsse sind end- 
lich noeb die Regenrinnen zu erwähnen j die, wie überall an Berg- 
lehnen, gelegentlich vom abströmenden Wasser gebildet oder als 
schon präformirt benützt werden- letzteres ist insbesondere der 
Fall bei den hinterlassen en Furchen von Lawinen gangen, Stein- 
Bcb lügen n. s. w. Bei der so ausgesprochen gebängigen Gestaltung 
der Ufer in dieser sehr regen- und schneereicben Gegend ist die 
Anzahl solcher wechselnder Wasserwege am Halletätter-Öee nicht 
unbedeutend. 

Nach diesen classihcirenden Vorbemerkungen folgt nun die 
Aufzählung in der vorhin angedeuteten Reihe, 

Da der Raum unserer Karte ^) zwar die abgekürzte Ein- 
Zeichnung aller angeführten Gerinnej aber nicht die Beifügung 
aller Namen gestattet, sind die erst er en auf der Karte und hier 
im Text je mit den gleichen Buchstaben (a — zz) bezeichnet 

Links von der gegen wUrtigeUj einigermaßen geregelten Ein- 
mündung der Traun folgt zunächst ein WasBcrlauf (a)^ der 
wahrscheinlich als Altwasser der Traun zu betrachten ist, in 
dessen ursprüngliches Bett auch zum Theil Grundwasser seitlich 
eindringt. Hierauf folgt am Beginn einer untergeordneten Ein* 
bnchtnng daß ^Winkel-TräunP (bj-y in der Mitte dieser Ein- 
buchtung liegt die Mündung des ^.Scliergen-Graben^ (c) und am 
entgegengesetzten Ende jener kleinen Bucht der „Stein rjcseo- 
Grahen" {d). Weiterhin kommt der ^kleine Wehrgrahen" (e) und 
der klare „Todtenbach" (/). Hieran reiht sich in kurzem Ab- 
Stande der schon besprochene Kessel (^) mit seinem unteren 



^) Beidlar^E Karte enthält nur die füiif grO^aten Zuflüase; die übrigen li&be 
ich nach eigener Conatatirang' ihres Vorhanden BebSj und T^um Theil gelegen t lieb 
der Me^snn^ ihrer Temp&raturenj aus den KatAstr&lmappen copirt. 



35 

und oberen Abfioss^ und nahe benachbart der eben genannte 
pHirschbrunn" (A), der mit mehreren Armen nahe am Ufer 
SOS Gesteiiuispalten hervorbricht und dessen meist klares Wasser 
nur bisweilen feinen Sand mitbringt, von dem noch weiter unten 
die Rede sein wird. 

Es folgt nun eine längere Strecke der weiten Bucht ohne er- 
wähnenswerte Zuflüsse, nur mit einigen in der Karte besonders 
bexeichneten Lawinenbahnen (Lahnen) bis zur Salinenstätte „Lahn^ 
mit ihrem ins Land einschneidenden „Anfracht-Canal", der zum 
Beladen der Salzschiffe dient. Hier sind wir bereits am Ausgange des 
^Echemtbales^, von dessen Wiesenquellen schon oben die Rede war. 

ENe nächste derselben bildet das immer klare ,, Jochenbauern- 
Blchlein*' (t), dann kommt der gleichfalls klare und noch kältere, 
aus den Wiesenquellbächlein (Seihwasser des Waldbaches?) zu- 
sammenfliessende pHubner.-Anger- Bach" (i) (rechtsseitig vom 
Waldbacb), während vom linken Ufer dieses letzteren das „HöU- 
wieser- Wasser*' (/) dem Waldbach kurz vor dessen Mündung in 
den See zufliesst. Die weitere Uferstrecke von Hallstatt mit 
seinem Mühlbach bis zum unteren Ende des Sees bei Steg hat 
ausser dem Saherbache (m)^) und der schon geschilderten Gosau- 
Aehe nur noch Rinnsale von rasch vertrocknenden Giessbächen 
und Lawinen-Runsen — von der Strasse überbrückt — , worunter 
der grosse „Steingraben*^ (n), der „Hausgraben" (nn) und der 
j^Lftrchenbach" oder besser „Lärchengraben" (o) die bedeutendsten 
und. 

Betrachten wir nun die offenen Zuflüsse rechts (östlich) von 
der Traunmündung, so finden wir daselbst zunächst das aus der 
Traon abgeleitete, in mehrere Arme gespaltene Mühlwasser (p), 
dann das frisch quellende Fischwasser (q). Weiterhin jenseits des 
Sak-Anfracbt-Canales von Obertraun über Grubkreuz und Schloss 
Grub hinaus bis zur Haltestelle ;,Gosaumühl" (gegenüber der jen- 
seitigen Ortschaft Gosaumühl) gibt es keinen stetigen Bach, 
sondern nur „Gräben", die, vom Gehänge des Saarstein fast gerade 
herablaufend, unstete Torrenten darstellen ; es sind der grosse und 
kWnc Wehrgraben (r, rr), der „BrennetGraben" (s), der „Gähe- 
griben** (t\ der „krumpe Graben" (u), der „Brennergraben" (y), 
die „Bugelkiamm^ (w) und kurz vor der Haltestelle der „Geier- 



^) Unter „Saher^ yersteht man dortlands das sauere Gras (Riedgräser 
■ad Bintea). 

3* 



3S 

graben*" {xX Xach der Haltestelle kommt der „Stetnöötzl-G raten" (y) 
und dann folgen aus den weniger steilen und mehr bewaldeten 
Vorböhen des Saarstein zwei mehr stetige Bäelilein : der ^Rudeu- 
bach" (z\ (vielleicht eigentlich' ^Rotbenbacb^j weil er eine 
Fortsetzung dea Rothengrabens ist), welcher vorwiegend Kalk- 
sand dem See zuführt — und der „Ra^tlbach^ (zr) mit vorwiegend 
hellem (kalkigem) Grus und Sand, endlich der schon geschilderte 
^Slanbach^j der einzige grössere uod stetige Zufiuss auf dieser 
Seite des Sees. 

Zu unserem Seebecken tendiren also mit Inbegrifl* der 
Traun und der vier vorgenannten grösseren Bäche im Ganzen 
ä3 bekannte und in den Katastral-Mappen verzeichnete Gerinne^ 
von denen die Mehrzahl mit nur kürzeren Unterbrechungen Wasser 
führen, 14 als „Gräben" meist trocken liegen und nur bei 
starken Regengüssen oder rascher Sehneeöehmelze — dann aber 
umso reichlicher und vehementer — Wasser, Steint rüramer, 
Schutt und Schlamm bringen. Hiezu kommt noch eine Anzahl 
nicht benannter minder bedeutender Regen runsen an beiden 
Längsseiten des Sees. 

Hervorzuheben ist, dass die stetigen, kalten, fast immer 
klaren (^uellbäcbe nur am obersten Theile des See -Ufers zwischen 
der Traunmünduug und dem Waldbach vorkommen und ins- 
besondere im Hintergrunde der weiten Hirechaucr-Bucht sich zu- 
sammendrängen. 

Ausser den nun skizzirten offenen ZuflüHseu kommen aucli 
Quellen am untergetauchten Scehange und am iSccboden hervor. 

Es ist den Umwohnern längst bekannt, bereits 1802 von 
Buch und später von Simony mehrüich erwähnt und von allen 
späteren Autoren übernommen worden, dass auch unter dem 
Spiegel des Hallstätter-Seea Quellen, und zwar kalte und warme ^ 
auftreten. Was ich hierüber meinerseits erkundet und zum Theil 
selbst constatirt habe, gebe ich im Folgenden* 

Was Jiunächat kalte oder wenigstens nicht als warm con- 
ötalirte untergetÄUchte Quellen betrifft, so haben zur Consta tirung 
derselben zwei von den Anwohnern seit lauter Zeit gemachte 
Wahrnehmungen geführt. 31 an beobachtet nämlich insbesondere 
in der obersten Seegegend (Krcu?., Obertraunj Win kl) in verschie- 
dener Kntfernung vom Ufer Stellen, an denen bald mehr^ bald 
weniger reichlich kleinere und grössere Lultblaaen aufsteigen und 
daä Waeser von unten her „aufzukochen" scheint; daher haben die 



37 

UferbewoVuier und Fischer für solche Stellen die Bezeichnung 
Xolibniiin" oder „Köhbrunn" gebildet, d. h. ^^kochende" Brunnen 
ier Quellen. Die zweite Wahrnehmung ist, dass an denselben Stel- 
len das Eis nie so dick wird, wie sonst auf dem See; manchmal 
Udben einige ganz offen als Wakken zwischen dem umgebenden 
Eis, und in ihrer Nähe werden, wenn der See im Allgemeinen 
zugefroren ist, mit Strauchwerk u. dgl. Zeichen angebracht, um 
sur Vorsicht zu mahnen. 

Heidler schreibt mir auf meine Frage über seine diesbezüg- 
lichen Wahrnehmungen, dass seine Messungen in der Gegend 
von Obertraun und Winkl durch solche Stellen, welche nicht 
zufroren, oder wo das Eis eine verhältnismäßig nur geringe Dicke 
ereichte, sich recht gefahrvoll gestalteten. 

Eine nähere topographische Festlegung solcher Punkte ist 
bisher Niemandem gelungen, was um so begreiflicher ist, da die 
Häditigkeit und Wahrnehmbarkeit des Aufsprudeins und Blasen- 
werfens wesentlich auch von den jeweiligen Niederschlagsverhält- 
nissen abhängt und manche dieser Quellen zeitweilig ganz zu 
verschwinden scheinen. Ich selbst wollte durch Temperatur- 
MesBungen ihre Positionen und Ausdehnung etwas genauer er- 
kunden, fand das Aufsteigen von Blasen und Aufsprudeln an ver- 
ichiedenen Stellen, konnte aber (im September) keine hinreichen- 
den Temperatur- Unterschiede gegen das umgebende Seewasser 
constatiren. 

Dieser letztere Umstand führt mich zu der Erwägung, dass, um 
das Ausbleiben oder die Schwächung einer Eisdecke zu erklären, 
keineswegs „warme", d. h. solche Quellen angenommen werden 
müssen, deren Temperatur höher ist, als mit Rücksicht auf die Boden- 
tiefentemperatur des dortigen Ursprungsgebietes zu erwarten ist. 
Falls unter einem einigermaßen hohen hydrostatischen Drucke eine 
Quelle, selbst wenn sie nicht wärmer als circa 4 — 5^ C ist (die Tem- 
peratur der benachbarten Quellen des Hirschbrunn und des Todten- 
bacbes), stetig und nachhaltig durch das Wasser des Sees aufsteigt, 
so ist sie imstande, entweder gar nicht oder nur später und weniger 
dick zu gefrieren, als das umgebende ruhige Wasser des Sees. 
Das Letztere strahlt seine Wärme, die in der kältesten Jahres- 
zeit von unten her nicht genügend ersetzt wird, fortwährend 
aus oder gibt sie an die Luft ab; wo aber stetig Wasser mit 
einer Temperatur über Null, selbst nur mit wenigen positiven 
6raden, von unten nachrückt und Ersatz gibt, ohne unterwegs 



^FM^ 



38 

von dem schlecht leitenden umgebenden Wasser des Sees energisch, 
abgekühlt zu werden, kommt es nicht so leicht zum Gefrieren. 
Es genügt also die Constatirung der „Eohbrünn^ als stetig und 
reichlich aufgehender Quellen, selbst wenn sie keine ^warmen^ 
sind, um die verhinderte oder verminderte Eisbildung zu erklären. 

Ausser der Gegend von Hirschau werden auch noch in anderen 
Partien des Sees ähnliche Stellen bemerkt, worüber gleichfalls 
genauere Positionsangaben fehlen;^) nur so viel ist bekannt, dass 
solche stets unweit der Ufer und nirgends mitten im See beob- 
achtet werden; es sind also wenigstens vorwiegend Quellen der 
Seegehänge und nicht des tiefen Seebodens. 

Ausserdem gibt es aber auch warme Quellen im eigent- 
lichen Sinne des Wortes, welche dem Boden und dem umgeben- 
den Wasser des Sees eine höhere als die örtlich normale Tem- 
peratur mittheilen. 

Die bekannteste dieser Stellen heisst im Volksmunde „das 
warme Wasser"; sie liegt an einem Punkte des Ufers nordnord- 
westlich von Gosaumühl, jenseits des grossen Gosauer-Delta und 
der daran grenzenden Bretterstatt. Dieselbe ist in der Karte 
wie oben benannt und in der beistehenden Figur 9 (s. S. 39) 
zwischen I und dem Ufer zu suchen. 

Wasserblasen und Aufsprudeln wird daselbst nicht beobach- 
tet. Die Beste einer einstigen Badehütte waren 1894 noch unter 
Wasser sichtbar. Simony*) hat schon 1843 eingehend nachgewie- 
sen, dass wenigstens der grösste Theil des dortigen warmen Wassers 
aus einer (ca. 50 m über dem Seespiegel gelegenen, mit Schutt über- 
deckten Spalte des festen Ufergesteines kommt, und durch den 
Schutt in mehreren Adern (gegenwärtig unter der Strasse hindurch) 

^) L. y. Bach führt in seinem Werke: j^Geognostische Beohachttmgen auf 
Reisen in Deutschland nnd Italien' an, dass sich zwischen Kreuz nnd Ober- 
traun 6, von dort bis zum Winkl 4, weiter bis Hallstatt 6, dann bis Oosau- 
mühl 11) zusammen beinahe 30 solcher versteckter Quellen finden. Es ist nicht 
wahrscheinlich; dass v. Buch alle diese Stellen selbst constatirt hat, wie es 
denn auch nicht anders angeht, als dass man Erscheinungen, die zu verschie- 
denen Zeiten des Jahres und bei verschiedener Witterung verschieden sind, bei 
Mangel fixer Beobachter nur aus dem Munde der Anwohner erfihrt und allen- 
falls Stichproben macht, wie ich es gethan habe; ich enthalte mich also einer 
bestimmten Aussage über die Anzahl der ^Köhbrunnen". 

^) Diese interessante Abhandlung befindet sich an einer Stelle, an der man 
grundlegende naturwissenschaftliche Daten nicht zu suchen pflegt, nSmlich in 
der Wienerzeitung von 1848, in swei Abtheilungen, S. 1333 und 1347. 



\ 



39 

nun See rieselt. Dieses Wasser zeigte auf seinem Laufe durch 
d«a Schutt im Spätherbst und Winter immer circa 20** C und 
erwärmte den See, der im Allgemeinen 8'70^ C im October zeigte, 
auf 13^ C, und auch im December und Jänner bei 3*75® und 
0* allgemeiner Seetemperatur war die locale Erhöhung derselben 
XU constatiren. 

Am 3. imd 5. September 1894 untersuchte ich meinerseits 
in der Umgebung dieses Punktes die Temperaturverhältnisse 
der Wasseroberfläche imd in verschiedenen Tiefen auch jene 
des herangeholten Grundschlammes •, ein Tiefen-Thermometer stand 
mir damals nicht zu Gebote. 

Das Wasser des Sees hatte an der Oberfläche zu dieser Zeit 
im ganzen nördlichen Abschnitt, in den der fragliche Punkt fällt, 
im Allgemeinen 14 — 15** C. Beim Punkte „Warmwasser" aber 
xeigte die Oberfläche, 2 m vom Lande entfernt, bei einer aller- 
dings geringeren Tiefe, die erhöhte Temperatur von 17^ C; 
beiläufig 12 m vom Ufer seewärts wurden gleichfalls noch 17^ C 
gefunden. 

Auch die Temperaturen des Grundschlammes waren 
daselbst erhöht. 

Schon früher, 1893, hatte ich in Ermanglung eines Tiefen- 
thermometers die Temperatur des Grundschlammes an verschiedenen 
anderen Stellen des Nordabschnittes in Tiefen von 30—43 Meter 
gemessen, indem ich den mit dem circa 0*2 m^ fassenden Schlepp- 
netz heraufgebrachten Schlammklumpen, ohne den Sack zu ent- 
leeren, unverweilt mit dem tief in die Masse eingetauchten Thermo- 
meter untersuchte; es hatten sich in diesen Tiefen immer Tem- 
p^^toren zwischen 5® und 6*5^ C gezeigt, welche mit den um 
dieselbe Jahreszeit von Simony gefundenen nahe übereinstimmen. 

In derselben Gegend, wo 1893 die Oberflächen - Tem- 
peratur mit 17® C gefunden wurde, untersuchte ich nun im Sep- 
tember 1894 auch die Temperatur des Grundschlammes. Dieser 
theilte dem rasch in die Mitte des Schlammklumpens eingesenk- 
ten Thermometer die folgenden Temperaturen mit: 
1*5 m vom Lande weg, in der Tiefe von 1 w, Temperatur 16'5® 
12 w „ „ ^ „ „ „ „ 9m, „ 15-8« 

Diese Temperaturen übertreffen jene des Grundschlammes un- 
beeinflnsster Stellen jener Gegend bei gleicher Tiefe um mindestens 2®. 

Zur selben Zeit untersuchte ich dann auch die Temperatur 
des Grundschlammes in der weiteren Umgebung des „Warm- 



40 



wasaer", von der die, aus der Heidler'j^chen Karte ausgesogene 
Figur eiDc Uebersicbt bietet An den daselbst mit I— V be- 
seichneten Punkten wurden nachstehende Temperaturen des 
Grundschlammes in grösseren Tiefen gefunden: 

Punkt Tiefe Temperatur 

I 30 m lu4^ 

U 43 m 100'* 

in 39 ni Ti"* 

IV 40 m 6^0" 

V 45 m 60" 




FiK^ 9. 



Ea ist nicht zu verkennen, daa» die Temperatur des Grund- 
schlammes in der ßichtung von Punkt I zu Punkt II um rund 
4^^ C höher ist, als in nahezu gleicher Tiefe der weiteren Um- 
gebung (IVj V). Ueberdies Mit aufj dass im Punkt III eine um 
circa ri* C höhere Temperatur gefunden wurde, als im Allge- 
meinen bei dieser Tiefe ; es scheinen also an mehreren zerstrenten 
Stellen im Nordbecken wärmere Witsser nicht nur, wie Simony 



41 



Dachgewiesen hat, von oben her aus dem Ufergeateine, sondern 
aach am Seegrunde hervorzukommen, vielleicht im Zusammen- 
hange mit der dort am Ufergehänge erkennbaren Verwerfungs- 



Höchst wahrscheinlich erfolgt ein oberflächlicher wanner 
Zuäuss auch an dem in der Figur 9 mit R bezeichneten Punkte 
an einer vorspringenden Spitze der Anschüttung bei der Bretter- 
stett, wo ein Steg zu einem ßadehüttchen führt, das dort eben 
w^en der mäßig erhöhten Temperatur des Wassers errichtet 
wurde. Ich fand dort am 5. September 1894 Morgens an der 
Oberfläche 15^ (gegen 14*^ der weiteren Umgebung). 

Es ist übrigens nicht ganz richtig; wenn erzählt wird, dass 
an den Stellen der „warmen Wässer" der See nie zufriert; nach 
wiederholten genauen Erkundigungen bei den vertrauenswürdig- 
stai Anwohnern bedecken sich in Wintern, in denen überhaupt 
der See (nicht nur das Uferwasser) zufriert, auch die erwähnten 
Stellen mit Eis, nur dass es daselbst dünner als sonst auf dem See, 
und daher nicht beschreitbar ist. 

Trockener Abtrag. 

Nachdem nun die Zufuhr von Wasser und nassem Abtrag 
zum See dargestellt ist, muss auch der trockene Abtrag durch 
Steinschläge, Muhren und Lawinen erwähnt werden, wodurch die 
Gwtaltung der Ufer, der Beckenränder und zum Theil auch der 
Seeböschung nicht unwesentlich beeinflusst wird. 

Jeder gehäufte trockene Abtrag, der am Fuss der steileren 
Höhen Schnttlehnen bildet, wird dortlands „Lahn" genannt. Der 
Vorort von Hallstatt, wo die Saline steht und das Echernthal 
beraasmündet, heisst insbesondere „die Lahn", weil seine beider- 
seitigen Ränder, und zwar vorwiegend der südliche, aus alten 
Lahnen bestehen, denen bisweilen auch heutzutage noch neue 
in kleinerem Maßstabe nachfolgen. „Oberlahn" heisst dann der 
sich daran schliessende, in südlicher und südöstlicher Richtung 
weiter verlaufende Theil des Ufergehänges am Fuss des vorderen 
Hirlatz und des Zwölferkogels bis zur Hirschau. 

Diese Gegend wird noch gegenwärtig am häufigsten von 
Lawinen und Steinschlägen heimgesucht, und mehrere, fast alljähr- 
lich wiederkehrende Lawinengänge haben längst Localbenennun- 
gen erhalten; so die „Schoßlahn" neben dem Hirschbrunnen, 




die ^Schlittkufen-Lahn" und die „Steingraben-Lahn",^) welche 
in unserer Karte mit Sch-L, Schl-L und St-L bezeichnet sind. 
Durch keinerlei breite, flachere Vorstufe aufgehalten, stürzen dort 
die Schneelawinen 100 — 300 Meter hoch quer über den schmalen 
Fusspfad direct in den See, sei es auf das Ufer- Eis oder ins 
Wasser, und lagern daselbst in reichlicher Menge die mitgerissenen 
Erdklumpen, Steine aller Grössen, Baumstämme und gebrochenes 
Astwerk ab, wodurch der Grund der Littoralzone des Sees fort- 
während verändert wird. Besonders auffallend sind die zahlreichen 
Baumstämme, welche, meist in verkehrter Lage, mit dem Wurzel- 
ende oder der Bruchstelle des Stammes nach oben gekehrt, mit 
der Spitze im Seeboden steckend, theils schief oder auch beinahe 
senkrecht über den Seespiegel hervorragen, theils vom Wasser 
bedeckt sind. 

Wenngleich nicht so auffallend wie hier, kommen doch längs 
aller steil zum See abfallenden Uferstrecken Lawinen vor und 
haben seit jeher den Grund der Littoralzone mit dem verschieden- 
sten Getrümmer und Schutt besät. Das ist längs des linken 
Seerandes insbesondere der Fall an den Steilufern nördlich von 
Hallstatt (Hundsort, Pfeffengfäll) bis gegen die Mündung der 
Gosau-Ache und jenseits Gosaumühl weiter nördlich bis zum 
Lerchengraben unweit Steg. Auch ohne Mitwirkung von Schnee- 
lawinen kommen bisweilen losgewordene Felsentrümmer herab, durch- 
schlagen die Soolenleitung oder die Strasse und stürzen in den See. 

Die seit längerer Zeit bestehende linksuferige Fahrstrasse 
bildet zwar jetzt eine Vorstufe, auf der bisweilen Lawinen liegen 
bleiben; doch wird ihr mitgeführter Schutt schliesslich beim Ab- 
räumen meist wieder in den See geworfen. Viele unter dem See- 
spiegel vorkommende alte Muhren zeigen, wie hier schon seit 
jeher die Uferzone von Gehänge-Abtrag beeinflusst wurde. 

Am rechten Ufer reichen die Lawinengehänge — mit kurzen 
Unterbrechungen durch schützende Quergräben oder flachere Vor- 
stufen — vom Kreuz bis in die Gegend des „Rastl-Sepp", von wo 
an die Steilabfj^lle des Saarstein immer mehr vom See zurück- 
treten und dieser von weniger steilen diluvialen Lehnen und 
Stufen begrenzt ist. Der Einfluss von Lawinen und Muhren auf 
den See scheint auf dieser (östlichen) Seite in früheren Zeiten 



^) Dieser , Steingraben ^ ist nicht za verwechseln mit dem am westlichen Ufer- 
gehänge nördlich von Hallstatt herablaufenden gleichen Namens. 



\. 



•VF" 



43 

mindestens ebenso bedeutend gewesen zu sein, wie am entgegen- 
gesetzten Ufer; gegenwärtig ist er daselbst weniger wirksam. 

Chemische Zusammensetzung des Seewassers. 

Hierüber hat Simony keine UntersuchuDg angestellt und nur 
im Allgemeinen angeführt, dass Süsswasser-Seen an chemisch 
aufgelösten Stoffen selten mehr als 1*5 — 20 in 10.000 Gewichts- 
theilen des Wassers enthalten und dass ihre Menge kaum grösser 
ist, als die Quantität der schwebenden Schlammtheilchen. 

Ich habe nun veranlasst, dass einmal im Winter und einmal 
im Sommer Wasser aus dem oberen See, und zwar in der Gegend 
der monatlichen Temperaturmessungen (vergl. die Karte des Sees), 
also entfernt von beiden Ufern und von Quellen localer Verun- 
reinigungen, sorgfältig geschöpft und in einen circa 20 Liter hal- 
tenden Glasballon, wie man sie zur Versendung von Schwefel- 
säure benützt, wohl verchlossen nach Wien gesendet wurde, wo 
mein Sohn Dr. Norbert v, Lorenz die Analyse an der k. k. Ver- 
suchsstation vornahm. 

Die Analyse ergab für das im Winter (Februar) geschöpfte 

Wasser : Milligramme 

Gesammtrückstand aus 1 Liter Wasser: .... . 1389 

davon anorganischer Natur 121*8 

„ organischer „ 17*1 

Einzelbestandtheile in 1 Liter Wasser in Milligrammen: 

Eisenoxyd und Thonerde . . . 0*4 

Calciumoxyd 50*3 

Magnesiumoxyd 6*5 

Natriumoxyd 9'2 

Kaliumoxyd 3*9 

Chlor 110 

Schwefelsäureanhydrid .... 8*9 

Kieselsäure 1'4 

Gebundene Kohlensäure . . . 34*0 

125*6 

Die Gesammtsumme der anorganischen Einzelbestandtheile ist 
etwas grösser als der Gesammtrückstand anorganischer Natur 
(121-8), weil ein Theil der Alkalien an Chlor und nicht an Sauer- 
stoff gebunden ist Bindet man die vorhandenen Säuren an die 



u 



Basen, so erübrigt ein basischer Ueet von einigen Milligrammen ^ 
der als an Sfluren organischer Natur gebunden anisujäehen ist. 

Aus der ganzen Wassermenge von ca, 20 Liter setzten sich 
in 2 Monaten kau eh Spuren suspendtrter Theilchen ab. 

Das im Sommer, Ende August 1897, geschöpfte 
Wasser ergab: .MiiiigTsmnie 

G tsaa mm tr tick stand aus 1 Litt^ Wasser 17t3"4 

davon: anorganischer Natur 153'4 

^ organischer „.,..,..,., 230 

Ejnzelbestandtheile in 1 Liter Walser in Milligrammen: 



Eisenox^'d und Thonerdo . , , 


0-6 


Caiciumoxyd 


. 51-2 


Miignesiuinoxyd 


. 9-6 


Natriumoxyd ,..,... 


14-9 


Kaliumoxyd 


. 5-3 


Chlor 


191 


Schwefeisilureanhydrid .... 


. 12-7 


Kieseläilare 


. 2-2 


Geliimdene Kohlensiture . . • 


. 43-5 



1591 

Die auf der vorhergehenden Seite gegebene Erklärung des 
Unterschiedes zwischen Qesam mir Uckstand und Summe der Einzel- 
bestandtheile gilt auch hier. 

Eine Vergleichung beider Analysen zeigt in der Sommerprobe 
einen nicht unbedeutend höheren Gesammtriickstand, der sich aus 
der gesteigerten Zufahr von Detritus dnrch die Traun und die 
offenen Bache erklürt, wovon ja auch die Verminderung der Durch* 
sichtigkeit herrührte* 

Der Umstand, daas neben Kalium und Natrium auch Chlor in 
grösserer Menge als bei der Winterprobe gefunden wurde j lässt 
vermuthen, dass dem See auch ausgelaugte Bestandtheile aus dem 
Salzthon der Umgehung durch die im Sommer rctehlichereu Zuflüsse 
zugeführt wurden, ^j sowie auch die vermehrte Schwefelsäure auf 
Gryps aus derselben Formation schlieseen läsat 



^) Au den unteren Gehängen des oberen See« liegt ^w^r der SalEthon und 
Gyps nicht ^utag^e, doch hi dh Annahme wohl nicht unbereehtigi^ ([ass «in er oder 
(ter andere Zuttuss auf aclttcim zum Thell unterirdischen We^e mtC dqr Salz form atioB 
in Berührung kommen dUrfte. 



45 



Yerticale und horizontale Bewegungen des Wassers. 
Pegel Wesen. 

Für beide Richtungen der Wasserbewegung ist im Hall- 
3tätter-See der Umstand maßgebend, dass er an seinem unteren 
Ende, bis auf einen 5 m breiten stets offenen und unverschliessbaren 
Dm-chlass für die Fahrzeuge, in einer wechselnden Breite ab- 
geschlossen ist, weshalb sowohl der Stand des Seespiegels als auch 
die Abfluss-Strömung nicht ihre natürlichen Verhältnisse zeigen 
und einem willkürlichen Wechsel ausgesetzt sind. 

Dieser Abschluss hat zwei Zwecke zu erfüllen. Zunächst 
im allgemeinen Interesse der Bewohner, der Culturen und Anlagen 
sowohl am See als längs der aus demselben abfliessenden Traun soll 
das Niveau-Verhältnis zwischen diesen beiden Gewässern so geregelt 
werden, dass nachtheilige Hoch- und Niedrigstände beiderseits 
möglichst vermieden, oder doch in einer Weise vertheilt werden, 
nadb welcher die Interessenten des einen Gewässers nicht zum 
Nacbtheil jener des anderen begünstigt werden. 

Femer soll im speciellen Interesse der Schiffahrt und Flösserei 
aus dem See und auf der Traun dafür gesorgt werden, dass vor 
dem Einfahren aus dem See in die Traun im ersteren hinreichend 
viel Wasser aufgestaut sei, um die Seichtstellen der Traunstrecke 
bis Ebensee nach Oeffiiung der Klause passirbar zu machen. 

Der Fluss hat bei seinem Austritte aus dem See eigentlich 
drei Barrieren zu überschreiten, von denen der Klausenbau 
die oberste ist. Ganz nahe daran folgt als zweite Barriere 
eine hölzerne Jochbrüche, die unter einem spitzen Winkel gegen 
das Klauswerk gestellt ist, wie aus der Karte zu ersehen. Wenige 
Meter unterhalb der Brücke endlich befindet sich quer über das 
ganze Bett, mit Ausnahme des erwähnten Durchlasses, ein so- 
genannter „Polster", d. i. eine Eeihe von nahe an einander stehen- 
den Pflöcken („Doggen", vielleicht richtiger „Docken'V) die in 
ihre Unterlage eingesteckt und wieder weggenommen werden können, 
unter einem kleinen Winkel stromabwärts geneigt und dazu 

'■» Diese Pflöcke oder Stempel sind zur Verminderung ihres Gewichtes, 
ääinit je ein Stück durch einen Mann gehandhabt werden kann, oben stark 
fojÜDgt und kopfMiiig abgemndet, und erhalten dadurch eine entfernte Aehnlich- 
kmt mit roh geeehniizten Poppen (Spielzeug), die man in Oberösterreich „Docken" 

MBSt 



46 

bestimmt sind, dass au ihrer seewärts gekehrten Seite Bretter 
daran gelehnt werden können, wodurch je nach Bedarf der Abfluss 
längs einer beliebigen Breite (Doggenlänge) des Bettes mehr oder 
weniger zurückgestaut oder auch ganz freigegeben werden kann, 
mithin die Wirkung des Klausenbaues verstärkt oder ergänzt wird. 

Eine detaillirtere Beschreibung dieser secundären Vorrichtung 
kann hier wohl unterbleiben; dagegen muss der Elausenbau und 
die Manipulation an demselben etwas eingehender geschildert 
werden, weil hauptsächlich von diesem Werke der jeweilige Höhen- 
stand des Sees und seine Abfluss-Strömung beeinflusst wird. 

Die Klause ist ein sicher fundirter Holzbau, gleichsam ein 
langer, liegender Kasten, mit 11 Durchlässen, die durch eben so 
viele hölzerne Drehthore mit verticaler Achse einzeln geschlossen 
oder geöffnet werden können. 

Eine gedruckte „Vorschrift" vom Jahre 1883 nonnirt für 
den Klausmeister und dessen Gehilfen die Behandlung der Klause 
und des Polsters je nach Hoch- oder Niederwasser und nach Bedarf 
der Schiffahrt und Flösserei. Der Wasserstand, welcher nöthig ist, 
um nach Oeffnung der Klause ein Convoi von Schiffen oder 
Flössen aus dem See auf der Traun bis Ebensee sicher zu tragen, 
wird „Kl aus Wasser** genannt. Hier soll nun der nachstehende 
Paragraph (3) der Vorschrift reproducirt werden: 

㤠3. Normalwasserstand. Als Normalstand des Hall- 
stätter-Sees wird das Niveau der Steger-Klause angenommen und 
der Pegel in Steg zeigt Null, wenn der See voll ist. ^) Dieser 
Stand ist zum Ablassen eines volbtändigen Klauswassers unbedingt 
nothwendig. 

Die Stauung des Sees darf bei normaler Witterung nie den 
Stand von 10 cm ober Null des Pegels überschreiten, während 
der mindeste Wasserstand zur Zeit, wo die Schiffahrt und Floss- 
fahrt stattfindet, nie unter 10 bis 15 cm unter Null fallen darf. 
Sobald der Eintritt eines Hochwassers vorauszusehen ist und der 
Seewasserspiegel den obigen Maximalstand zu überschreiten droht, 
ist zur successiven Oeffnung der Klause zu schreiten." 

Schon aus dieser Vorschrift ist zu ersehen, wie fortwährende 
Eingriffe in den natürlichen Stand des Sees es schwer möglich 

^) Strenge genommen kann m&n nur sagen: «Wir wollen den See „toII^ 
nennen, wenn er bis znr Oberfläche des Klanskastens reicht, in welchem Fall 
der Pegel in Steg Kall zeigt.* 



47 

machen, das natürliche Steigen and FallcD nach dem Pegel in 
Steg XU beurtheilen und den naturgesetzlichen Gang der Niveau- 
Sciiwankungen ziffermäßig zu constatiren. 

Ueber das Pegelwesen am Hallstätter-See ist nun weiter fol- 
g^des Nähere zu si^en. 

Als Hil&apparat für beide Hauptzwecke des Elauswerkes 
dienen drei Pegel, und zwar am oberen Ende des Sees je einer 
in Lahn und in Obertraun, dann am unteren Ende, kurz 
oberhalb der Klause, der schon erwähnte Pegel bei Steg. 

Die PegelablesuDgen wurden nach der soeben citirten Vor- 
schrift bisher nur vom Klausmeister in Steg regelmäßig notirt und 
eingesendet, weil alle wesentlichen Vorkehrungen nicht nur für den 
Wassertransport, sondern auch für die Wasserstände der traun- 
abwärts gelegenen Ortschaften mit den Pegelablesungen von Steg 
im nächsten Zusammenhange stehen. 

In Lahn und Obertraun hingegen wurden bisher die 
Ablesungen nur zu dem Zwecke vorgenommen, um sich mit dem 
Qaosmeister in Steg erforderlichen Falles, eventuell telegraphisch, 
in Sapport darüber setzen zu können, wie er mit Rücksicht auf 
das von obenher zu erwartende Wasser an der Klause manipuliren 
soll; Aufschreibungen waren bei dem nur fallweisen, dem 
momentanen Bedtirfiiis dienenden Charakter der dortigen Ablesun- 
gen nicht angeordnet. Ich habe nun beim Vorstande der Saline 
in Hallstatt erwirkt, dass vom Winter 1896— -1897 an auch dort 
die Ablesungen gleichzeitig mit jenen in Steg angestellt und regel- 
mäßig notirt werden. Eine ansehnlichere Verwertung dieser Daten 
wird wohl erst nach länger fortgesetzten Beobachtungen und unter 
Bezugnahme auf die genau ermittelte absolute Höhe der Null- 
striche aller Pegel möglich sein. Bisher ist nur der Nullstrich 
de« Steger Pegels genau einnivellirt und mit 508*441 m bestimmt. 
In den astronomisch-geodätischen Arbeiten des k. u. k. militär- 
geographischen Institutes fand sich dafür die Zahl 508*5355. 
Seither hat aber, wie seitens des k. k. hydrographischen Central- 
bureau's im Frühjahr 1897 erhoben wurde, eine Verschiebung des 
P^ls stattgefunden, wonach die oben angeführte etwas niedrigere 
Zahl von nun an als die richtige gelten muss. 

Im Interesse weiterer Beobachtungen und Berechnungen 
ftchien es mir wichtig, dass auch die absolute Höhe der Nullstriche 
der anderen Pegel genau bestimmt werde, und es ist mir seitens 
des Vorstandes des k. k. hydrographischen Centralbureau's, Herrn 



48 

Oberbaurath E. Lau da, mit dankenswerthester Bereitwilligkeit 
in Aussicht gestellt worden, dass die diesbezügliche Kivellirung 
noch 1897 werde vorgenommen werden, was denn auch bereits 
Ende Mai 1897 geschehen ist. Darnach sind die Meereshöhen 
der Pegel-Nullstriche: Steg wie oben 508*441,^) Lahn 508*474, 
Obertraun 508*489. Beobachtungen auf dieser Grundlage dürften 
insbesondere zu instructiven Daten führen über den Niveau- 
Unterschied zwischen dem Wasserspiegel des oberen und unteren 
Sees, ein Unterschied, der ohne Zweifel bei ungehindertem 
Abfluss besteht, wie die noch später zu erwähnende Strömung 
zeigt. Bei geschlossener Klause hingegen kehrt sich bisweilen 
das Niveauverhältniss zwischen dem Seespiegel bei Steg und 
seeaufwärts, daher auch die Strömung für einige Zeit um, bis 
eine — allerdings auch nur bald vorübergehende — Gleichgewichts- 
und Ruhelage eingetreten ist. 

Ueber die Frage, ob und welche Neigung der Seespiegel 
in seiner Längenrichtung besitze, wurden bei Gelegenheit der 
soeben erwähnten Nivellirung mehrtägige stündliche Beobachtungen 
gleichzeitig an allen Pegeln angestellt, worüber ich in einem 
Anhange am Schluss der gegenwärtigen Abhandlung das Nähere 
berichten werde, da die betreflfenden Daten so spät bei mir 
einlangten, dass sie aus typographischen Gründen an dieser 
Stelle nicht mehr eingefügt werden konnten. 

Nach Maßgabe der nun skizzirten Vorrichtungen und Vor- 
schriften für Klauswerk und Pegel gestaltet sich die factische 
Handhabung in folgender Weise, worüber ich nicht nur dem Klaus- 
meister, sondern auch dem Chef seiner obersten Behörde, dem 
verehrten Herrn Oberbaurath und Vorstand des technischen Statt- 
halterei-Departements in Linz, Herrn v. Grimburg, die authen- 
tischen Daten verdanke. 

Vor allem sollte es schon für die Pegel-Ablesungen einen 
Unterschied machen, ob „ein Klauswasser abgegeben", d. b. 
zum Zwecke der Abfahrt von Schiffen oder Flössen zunächst 
der See gestaut und dann losgelassen werden soll. Ist dieses nicht 
der Fall, so wird nach § 7 der oben citirten Vorschrift der Pegel 



^) In nächster Nähe, nur 81 w vom Pegel seeabwärts, ist als zweiter Fix- 
punkt eine Höhenmarke am Hause des Klausmeisters mit 61d'791i m an- 
geführt, was wichtig ist, weil der Pegel leichter verschoben werden kann, als 
dieses Haus auf Steinboden in wassersicberer Lage. Eben diese Marke diente als 
Ausgangspunkt für die Nivellirung im Mai 1897. 



49 

tlglieh um 6 Uhr Abends und 6 ülir Morgens abgelesen; wird 
hingegen ein Klauswaaaer gegeben j dessen Abgang gewöhnlicli 
im Morgen um 6 Uhr herum erfolgt, so äoUte nach dem Wortlaute 
ii«Ä Faragrapbä unmittelbar vor und nach der Abfahrt der 
Fahrzeuge j daher mit InbegriS der jedenfalls immer vorzunehmen- 
den abend Ucheo (6 Uhr) Ablesung^ an solchen Tagen dreimal 
üotirt werden. Diesem Wortlaute kann al^er, wie weiter unten 
dirgelegt wird, factisch nicht entsprochen werden. Der Fall eines 
benöthigten Klauswassera tritt in sehr verschiedenen Intervallen 
oder Terminen ein: er kann ein- oder zweimal in der Woche, 
»ber auch an allen Tagen einer Woche hintereinander vorkom- 
men: 6» ereignet sich auch^ dass ein Convoi von Fahrzeugen 
ahgeht ohne vorherige künstliche Stauung und Ablassung eines 
Klaus wassersj wenn nämlich der natürliche Abfluss aus dem See 
ausreichend ist; es kann auch der Stand des Seee so hoch sein, 
da^ der Abfluss den Bedarf der SSehiüahrt mehr oder weniger 
weh überschreitet. 

Von Anfang Jan n er bis Mitte Mlivz jedes Jahres ist die SchiflF- 
iilirt wegen der nüthigen Reparatur der Traunbauten ganz sistirt. 
Die Anzahl der za schliessenden und zu üÜVi enden Klausthore 
hingt lediglieb von den jeweiligen Umstunden und Bedürfnissen 
ab. Ks kommt häufig vor, dass sünimtÜche li Tliore geschlossen 
liod, um Wasser für die SehiHahrt anzusammeln- Wird dann am 
Morgen ein Klauswasser benöthlgt, so werdeo eben so viele Thore 
geöffnet aU nöthigj um die abfahrenden Schiffe sicher bis Eben- 
see zu tragen ; die Anzahl der erforderlichen OeffnuDgen hängt 
natürlich von der Höhe des jeweiligen Seestandes, mittelbar von 
der Stärke seiner Zuälisse ab. 

Aus air diesem folgt, dass die P^geistation in Steg nach 
ihrer bisherigen für praktische Zwecke trefflichen Einrichtung 
nicht geeignet istj den naturgesetzlichen Gang der 
W««serständc des Sees nach verschiedenen Tagen ^ Monaten, Jahr- 
gangen, sowie nach Niederachlagsverhähniäsen, Winden u. s. w., 
«owie die periodischen „Seiches'^ mit befriedigender Genauigkeit 
za vermitteln. Dieses wäre allenfalls dann möglich, wenn für 
jedes Klauswaaser ein und derselbe bestimmte Wasserstand 
Dormirt wäre ; denn in diesem Falle wäre der Betrag der Schwel- 
lung^ welcher oothig ist, um das vorherige Niveau des Sees auf 
die Hohe des Klauswassers zu heben und der äelbst verständlich 
im umgekehrten Verhältnis zum natürlichen Stami des Scespiegcls 



50 

stände, ein Maß für den letzteren. Nun ist zwar in der Vor- 
schrift gesagt, dass der Pegelstand „Null" zu einem Klauswasser 
unbedingt nothwendig ist, d. h. als Minimum erreicht 
werden muss. Die Schwejlung geht aber oft auch höher, wenn 
die Anzahl der Fahrzeuge gross ist, und man hat überhaupt 
keinen Grund darauf zu sehen, dass die Schwellung den Bedarf 
nicht um mehrere Decimeter überschreite. Andererseits wird, 
wie schon gesagt, bei höherem Seestande gar nicht geschwellt. 
Ueberdies ist ja das der speciellen Schwellung für das Klaus- 
wasser vorausgehende Niveau des Sees auch kein natürliches, son- 
dern beeinflusst durch die wechselnde Anzahl der geöffneten Thore 
und Doggen. 

Aus demselben Grunde kann man nicht als sicher annehmen, 
dass die im § 3 vorgeschriebene Ablesung nach Abgang der 
Fahrzeuge im Vergleich mit der Ablesung vor diesem Abgang 
die wirkliche künstliche Schwellung gegenüber dem natürlichen 
Niveau des Sees erkennen lasse, wozu noch kommt, dass der Zeit- 
punkt der beendigten Abfahrt nicht coincidirt mit dem Zeitpunkt 
des beendigten oder ganz abgeschlossenen Klauswassers. ^) 

Man könnte glauben, dass wenigstens die um 6 Uhr Abends 
stattfindenden Ablesungen mehr zur Verwertung geeignet wären, 
weil sie von der Klaus wasser-Stauung weniger beeinflusst seien; 
aber auch diese Auskunft versagt ; denn die Schwellung muss bis- 
weilen — bei sehr niedrigem Stande des Sees — schon vor dem 
Vorabend, ja sogar 3 — 4 Tage vor A,bgang der Fahrzeuge be- 
ginnen. 

Auf die nur für die erwähnten praktischen Zwecke bestimmten 
Ablesungen am Steger-Pegel nach den bisherigen Modalitäten 
assen sich also wohl keine exacteren hydrometrischen Schluss- 
folgerungen gründen. Mehr geeignet wären die Pegel in Ober- 
traun und Lahn, bis zu denen der Rückstau oder dessen Auf- 
hebung bei Steg wohl kaum in relevantem Maße zurückwirken 

^) Wie mir vom technischen Departement der k. k. Statthalterei mitgetheilt 
warde, ist die Ablesung^ vor und nach Abgang der Fahrzeuge gar nicht für einen 
hydrometrischen Zweck, sondern nur zur Controlirunjr des Klausmeisters vorge- 
schrieben. Ueberdies wird die erwähnte Vorschrift factisch so ausgelegt, dass als 
Ablesung vor Abgang der Fahrzeuge einfach die Ablesung des Vorabends gilt, 
und nicht etwa eine eigene Ablesung am Morgen des Abganges vorgenommen 
wird, was sich auch gar nicht mit den 3 — 4 Stunden vorher, meist schon um 
1 — 2 Uhr Morgens, beginnenden Manipulationen des Klansmeisters vereinigen 
Hessen 






51 

dürfte; und noch besser wäre die Einfügung eines Vergleichs- 
PegeU etwa in der halben Länge des Sees, zwischen Hallstatt und 
der Enge von Gosaumühl. Selbstverständlich wären Limno- 
graphen anzustreben. Dann erst wäre man im Stande, die 
mittlere absolute Höhenlage des Seespiegels, die ohne Zweifel 
stattfindende wechselnde Neigung des letzteren von Süd gegen 
Nord und alle schon erwähnten Schwankungen genauer zu 
ermitteln. • 

Was mit der bisher möglichen geringeren Genauigkeit zu er- 
reichen war, hat Prof. Dr. Müllner in seiner citirten Abhandlung 
S. 58, dann 61 und 62 angeführt;^) es entspricht qualitativ dem- 
jenigen, was man von vornherein nach bekannten Gesichtspunk- 
ten erwarten muss. Hiernach bringt der Winter bei festliegendem 
Schnee und theilweise gefrorenen Zuflüssen den niedrigsten Wasser- 
stand mit dem Minimum im Februar; mit dem Auflhauen im 
Frühjahr hebt sich der See und erreicht im Mai durch die aus- 
giebigste Schneeschmelze auch der höheren Einzugsgebiete ein 
Maximum ; ist diese Art der Anreicherung vorüber, so fällt der See 
im Juni und Juli und erhebt sich erst im August wieder zur selben 
Höhe wie im Mai, worauf mit der Abnahme der Regenmenge 
im September und October ein unstetes, im November und 
December ein stetiges aber langsames, im Jänner rapides Fallen 
eintritt. 

Als absolute Amplitude führt Müllner nach den seit 1884 bis 
1890 notirten Extremen 163 cm an. (Maximum am 22. August 
1887 : -}- 88 cm, Minimum am 29. December 1885 : — 75 cm.) 



Strömung. 

Es ist eine doppelte Strömung zu unterscheiden: die impulsive 
Zustrom ang der Traun, welche ihre mitgebra- hte Geschwindig- 
keit nach dem Eintritte in den See nur allmälig verliert, und die 
Abströmang des Sees. Die erstere wechselt natürlich sehr be- 
deutend und oft sprunghaft je nach dem Höhenstande des Flusses 
and ist auch ohne Messung an mitschwimmenden Gegenständen 



*} Müllner legt Wert darauf, dass vor und nach dem Ablassen des Klaus- 
wäuert dar Pegelstand notirt wird; nach dem eben Gesagten aber kann diesem 
ITfflsUBde keine Bedeutung für exactere Ermittlungen zugeschrieben werden. 

4* 



52 



wie Streu, Holzfragmenten u. s. w. oft bis zur Querlinie Hall- 
Btatt — Eckl und auch noch weiter abwärts zu erkennen. Messungen 
dieser Strömung liegen bisher nicht vor. 

Die Abströmung hat auf meine Veranlassung der jetzige, seit 
vier Jahren ernannte, jedoch schon viele Jahre vorher als Klaus- 
gehilfe verwendete, sehr intelligente und eifrige Klausmeister 
JüS, Pilz mehrmals in folgender Weise gemessen. 

Eine im Traunerl (kleines Schiff) aufgerollte ganz dünne 
Schnur wurde unmittelbar am Seerande bei d« r ersten links- 
aeitig-n Landspitze oder Ecke der Stegpr-Bucht (unweit des 
Punktes D der K^irte) befestigt und das Fahrzeug bei Wind- 
stille der Strömung überlassen; die von 10 zu 10 M markirte 
Schnur wickelte sich ohne Reibung stetig und gerade ab; der 
Beobachter hielt die Uhr mit Secundenzeiger in der Hand bereit, 
und nach je 10 ni Ausstich wurde die verflossene Zeit in 
Secunden notirt. 

Solche Beobachtungen wurden theis bei ganz offener Klause, 
theilö bei Verschluss mehrerer Thore angestellt, und es berechnen 
siih aus den mir hi<Tüber gelieferten Daten folgende Geschwindig- 
keiten für eine Strecke, die noch beiläufig 450 tn heraufwärta 
von der Klause liegt: 

Bei vollständig offener Klause: 

m per Secnnde 

0-17 



Nach je 10 m Distanz vom 
Abgangspunkte, zusammen 60 m 
Auästich der Schnur; 



017 
0-33 
0-50 
0-60 
0-83 



Bei Oeffnung der 4 linksseitigen Thore: 

m per Secande 

, 0-08 

0-08 

Nach je 10 in Distanz vom 008 

Abgangspunkte, zusammen 70 «t < Ol 7 

Ausstich der Schnur: 0*22 

0-22 
' 0-29 



53 



Bei Oeffnung der 8 linksseitigen Thore: 

m per Secnnde 
0-08 



Nach je 10 m Distanz vom 
Abgangspunkte^ zusammen 70 m 
Ausstich: 



0-08 
0-28 
0-29 
0-30 
0-33 
0-36 



Bei Oeffnung aller 11 Thore und hohem Stande des 
Sees (-[- 28 cm) im Schmelzmonat Mai: 

m per Secunde 

0-20 



Nach je 10 m Distanz vom 
Abgangspunkte, zusammen 70 m 
Ausstich : 



0-33 
0-40 
043 
0-44 
0-45 
0-50 



Das8 die Abströmung auch noch in einiger Tiefe mechanische 
Wirkungen' übt, zeigt sich an der Ausfurchung des sogenannten 
»Klausgrabens", einer etwa 25 m breiten Rinne im Grundschlamme 
des Steger-Beckens, in der Richtung gegen den stets offenen Ab- 
fluss (die Naufahrt). Diese Furche ist um 4 m tiefer als der 
umgebende Seeboden, dessen Tiefenlage nur circa 2 — 3 m 
beträgt. 

Es ist selbstverständlich, dass die Abströmung sich auch weiter 
seeaufwärts erstreckt und der See eigentlich nur einen verbreiterten 
Fiuss darstellt, dessen Strömung jedoch so schwach ist, dass sie 
vorübergehend durch den Wind leicht abgedrängt oder zurück- 
gedrängt werden kann, ebenso wie sie erwähntermaßen durch 
den Aufstau bei der Klause bisweilen rückläufig wird. Thatsache 
ist, dass der See fast nie ohne Strömung oder ohne Drift ist und 
da« hiedurcb Messungen, die von Booten aus angestellt werden — 
wie schon Simony beklagt — sehr erschwert werden. 

Die oben erwähnte Feststellung der Nullstriche an den 
oberen Pegeln wird die Möglichkeit geben, nach längeren Beobach- 



I^^IP! 



langen za constatiren. ob and welches Oefälle der Seespiegel 
anter verschiedenen Umständen besitzt, womit dann anch die 
Strömongsfrage besser klargestellt werden dürfte ; dass ein solches 
Gefälle, aas dem dann selbstrerständlich aach eine Stromang 
r'^M ^ ir Zeit der S. 10 erwähnten Xivellirangen Ende Mai 
18rtT stattfand, warde constatirt, and es wird im Anhange das 
Nähere hierüber dargelegt werden. 



Wellen. 

Lieber die Höhe der Wellen konnte ich nar Ton einem der 
lang ) gefahrenen Schiffäführer der dortigen Dampfer, Herrn See- 
manUf Äaskanft erhalten, da ich selbst zwar den See sehr oft 
darebachifft and amschifft, dabei aber nie grössere als circa 1 m 
hohe Wellen gesehen habe. Nach den erwähnten schriftlichen 
Notizen beträgt die Höhe bei dem am öftesten yorkommenden 
Wellen gange nicht mehr als 50 cm bis 1 m; Starm wellen er- 
reiehen auch 1*60 m and daiüber, and die höchsten vom Gewähre 
manne beobachteten Wellen werden von ihm mit 3 m angegeben. 



Beschaffenheit des Seegnmdes. 

Ali ausgesprochenes Felsenbecken besitzt unser Seebett rings- 
herum sjteinigen Untergrund vom umgebenden Dachsteinkalk, der 
jedoch einerseits an den Mündungen der Zuflüsse, anderseits auf 
der ganzen Area des tieferen Seebodens, mit abgelagerten Sink- 
stoffen überdeckt ist und nur an den Böschungen oft unverhtiUt 
hervortritt. 

Sfmony hat nicht unterlassen, zahlreiche Grundproben zu 
nehmen, die näher, insbesondere chemisch, untersucht werden soll- 
ten ; das wurde jedoch lange aufgeschoben, und mittlerweile sind 
jene Prolien unauffindbar geworden. Deshalb habe ich diese Lücke 
müglichst auszufüllen getrachtet. 

Die erwähnten Auskleidungen und Ueberlagerungen des ur- 
sprünglich felsigen Seebettes scheiden sich naturgemäß in zwei 
Gruppen: in den sehr gleichmäßigen Schlamm oder Schlick der 
Boden-Area (Bodenschlamm) und die sehr verschiedenen localen 
Detritua-Ausbreitungen an den Mündungen der Zuflüsse. 



55 

Von beiden Gruppen der Grundarten habe ich Proben aus 
den verschiedenen Theilen des Sees, und vom Bodenschlamm ins- 
besondere auch aus verschiedenep Tiefen, mit Schleppnetz und 
Stangenschöpfern entnommen, um sie der makroskopischen, mikro- 
skopischen und chemischen Analyse zu unterziehen und die darin 
enthaltenen Organismen zu bestimmen. Da der unterste ZipfeJ 
meines engmaschigen Schleppnetzes in einen Zinkbecher endigte, 
der ca. 2*5 Liter fasste, brachte ich Grundarten auch dann herauf, 
wenn sie dünnbreiig oder suppig waren. Die Hauptpunkte meiner 
Probenahmen sind in der Karte ersichtlich gemacht und mit 

A, B Z bezeichnet. Unter Bezugnahme auf diese Punkte 

ist die nachstehende Uebersichts-Tabelle verfasst.* 

Ausserdem wurden bei wiederholten Uferbefahrungen und 
Sammel-Excarsionen zahlreiche Notizen über Grundbeschaffenheit 
gewonnen, die in der Tabelle nicht erscheinen, sondern an ge- 
eigneten Stellen textlich verwertet werden. 

Es folgt nun zunächst eine tabellarische Zusammenstellung 
der untersuchten Grundproben, geordnet in sechs Serien nach 
Gesichtspunkten, deren Bedeutung aus ihren Ueberschriften auch 
ohne nähere Erklärung erhellt. 

Innerhalb jeder Serie sind die Proben mit fortlaufenden 
Sommern (1 — 32) bezeichnet und überdies nach der Karte die 
Punkte (A — Z) beigesetzt, an denen die Proben genommen waren, 
sowie auch die betreffenden Tiefen angegeben sind. Auf die kurz 
orientirende textliche Bezeichnung der Sammelpunkte folgt die 
Charakterisirung jeder Grundart nach äusseren Merkmalen, endlich 
die von meinem schon genannten Sohne Dr. N. v. Lorenz theils 
«lagef&hrte, theils überwachte chemische Analyse. Diese beschränkte 
Adi auf die fär unsere Zwecke wichtigsten Gruppen von Bestand- 
theilen, nämlich: a) Unlöslich in Salzsäure (hauptsächlich Thon 
und saure Silicate), b) Eisenoxyd und Alutniniumoxyd (letzteres aus 
leiditer aufechliessbaren Silicaten vom Typus der Zeolithe), c) Cal- 
cinmoxyd. Innerhalb jener Serien, die eine Mehrzahl analoger 
Nommem enthalten, ist — mit Ausnahme der Serie VI — das 
Maximum und das Minimum für jede der oben bezeichneten drei 
Gruppen von Bestandtheilen typographisch hervorgehoben. Was 
ausserdem ohne quantitative Bestimmung in den Proben gefun- 
den wurde, sowie die Erklärung der gebrauchten Ausdrücke folgt 
oacli den Tabellen. 



5 . 

I -? 'S 



Aulyve 



der 



Gmiavtai 



X - 3 r* ^ 



Snie L 



lO-««.. 



:i4 Tieferer Theü «ies F« 
atercB Sees. oedie&. ■ 



it CoBci&Tttriiip- 
Li» ii»l' CkitiB- 
RcMb: Tiel 

DtitwfccgeM 



51»HJ 575 14H8 



11 



36 



Xiber am westSehcB Ren ^mu. mit «cng^ 33~>3 
Ufer der Sceger- CoaAj UiA^uMmlt m 
Backt tmi lUlkkOrmckeB. 

Diatom. 



6*10 1613 



Tieferer Tbeil des Gr«n mh roüibraa* 5t tt6 5 75 16*93 
ujt eien Sees; sähe ner ^alme; weal^ 
bei H orfSB. Denritns, we- 

ni;; D-Jatoa. Seste 

TOB Bacterien ! 



M, 



>\ 



^% 



34i Tieferer Thcil des Fein breüp: hell W^3 6*33 
unteren Sees; niber gelbüchgran : weni^ 
gregen da« westliche Salme: 

Vier, gegenüber ron etngesckwemmte 
< >ber9ee Pdanxenreste 



15*50 



46 In der tie£5ten BreS^, hell gelblicb- 53 i5 
Gegend des unteren grao. wenig Sahne 
Sees auf der Mittel- 
linie .Profil I— I 

25 Gegenüber von Mi .Grau, im trockenen iS'60 
näher dem restlichen' Zustande mit wenig 
Obersee > Ufer I Rostspuren 

55 In der tiefsten ZonejEiniarbig brinnlicb- 55*53 
des unteren Sees, aufj grauer Schlamm, 

der Mittellinie ISehr fein; mit Con- 
. (Profil I — I) nahe ' cbfl-Fra<rmenten, 
bei Ni £isen>Bacterien, 

\ wenig Diatom. 



6-55 15-38 



6 00 18-38* 



Ö71* 1419 



*) Das MaximuiA innerhalb jeder Serie ist durch fetteren Druck, das 
Minimum durch liegende (CJursiv-^ Ziffern hervorgehoben. 



57 






Nähere 
Bezeichnnng 

der 
Sammelptmkte 



AeuBsere 

Beschaffenheiten 

der 

Grandarten 



Chemische Analyse 
in % 



II 

* s 

OQ P 



o B B 
©Po 

.2 -P 






1. ^ N, 51 



9. P 



10. Q 



29 
39 



Wenig östlich von 



Bräunlichgrau, ge- 
mengt mit rostbrau- 
nen Partikelchen; 
Einmengungen wie 

Na 

Grau und rostfarbig 
gemengt 



54-30 



Seewärts vom 
pWarmwasser" 

Oestlich ausserhalb 

der Mittellinie des ohne deutliche Bei-| 
unteren äees 1 mengungen 



50-59 



Grauer Schlamm, j 48'58 



6-20 

9-20 
1110 



15 63 

12-66 
1612 



Anhang zn Serie I. Schlamm mit vorwiegend rostfarbener Sahne. 



11. Mj 42 

!l2. Mj 42 



Nahe östlich von Mi i Grauer Schlamm, 
'reichlich gemengt mit 
Zweite Probe von { rostbrauner Sahne 
eben daher l 



50-38 
5204 



7-80 
7*01 



15-36 
16-40 



Serie II. Limnischer Schlamm ans grösseren Tiefen. 



18. S 90 Mittlerer See, am j Grauer unreiner 



I nördlichen Sande des 

Tiefbeckens, nahe 
j am Querprofil IV 



14. 8 90 j Zweite Probe von 
{ I I eben daher 

' 15. T 98 Oberer See, seewärts 

' von Hallstatt im 

, I westlichen Theile des 

I Tiefbeckens 



Schlamm, mit vielen 
versunkenen Baum- 
blättern und Holz- 
resten 



Grauer Schlamm 



46-33 



43-85 



5-30 , 17-90 

I 



5-30 19-80 



39-13 500 



I 



21-63 



^^rie HL Schlamm ans der seichten Xordbncht (Steg-Obersee). 



,16. 



Seewärts der vor- 
springenden Land- 
Ecke südöstlich von 
Steg 



Hell, weisslich grau, 
im trockenen Zu- 
stande sehr hart 



46-73 



573 



20-87 






x^ X » 3 « - 



'^mi^ am * i m i 



^^T» OL ^- 4 5 ^^ :*cs 



f « :« 



ia i : ^ «^ 




51« <r« >"J* 



«rn^rfV. 







»mr V. HeOn- fittOTaler 



Kj&gekah. 



ti. K, 1^2 listonüe Zone &b^ G«:bjdi«cis. is 1:^-20 rib 38*63 , 

B« d*m Bande des alen geiioc k amM Z«- 

Dciui der Goam- stmade kreide«rcip i t 
Acbe 



23. Z 2 ScLIaambcdeeknn^ :HeD, wnsrikli gnu 12iH 2-09 
d«r , Platte* am Fossj 

des :?aarsteiii i 

; I 



24-52 



59 



I w 






BS (3 

l"» — 14 *"■ 

I i »'S 

3 P< 1 ^ 



Nähere 

Bezeicimaog 

der 

Sammelpunkte 



Aeussere 

Beschaffenheit. 

der 

Grandarten 



Chemische Analyse 



"* 9 

CQ CS- 



'S. « 
fl § s 

03 P O 

.2 ^ 






Serie VI. Gmndarten von localem Interesse. 



24 



Wi I 0-6 



25. 



W, 



26. 



O 



27 



28 



Y 



0-75 



25 



2-5 



0-6 
bis 

1 



2^. — 0-5 



30. 



27 



31. 



31 



F, 



Fl 



Mündang des Hirsch- 

brunnen (gesammelt 

1894) 

Ebenda 

(gesammelt 1896) 

Nahe am Ufer beim 
^Warm-Wasser«* 



Beim Badebüttchen 
das am Ende eines Ste- 
ges nahe der, Bretter- 
ätaU'^ besteht (Punkt 
R der Fig. 9) 

Mündung der Traun 



Mündang des Wald- 
baches 



Seewärts von der 
Mündang des Wald- 
baches, schon aus- 
serhalb des 
(^eschiebekegels 

Gerade ausserhalb 

der Mündang des 

Slanbaches auf dem 

untergetauchten 

Delta desselben 



Seewärts von 31 
nasseren Bande 
Delta 



am 
des 



Sand, unplastisch, 
vorwiegend Kalkpar- 
tikel, mit eingemeng- 
ten erratischen Ur- 
gesteins - Fragmenten 

Grauer Schlamm mit 
dichter Vegetation 

von Myriophyllum u, 
Conferven, die den 
Grund überziehen, 
nebst Diatomaceen 

Dunkelgrauer 
Schlamm, ganz mit 
Conferven tiberzogen 



Kalk- und Dolomit- 
Geschiebe der ver- 
schiedem^ten Grösse 
nebst Kalksand und 
Kalkschlamm (Mehl) 

Kalkstein- und Dolo- 
mit-Geschiebe, viel 
Marmor, Grus und 
Sand 

Stark unreiner 
Schlamm mit Stein- 
brocken, Scherben, 
Holzfragmenten, 
Kohlenstückchen 



Grusiger Schlamm, 
sehr stark rostfarbig 
und organisch ver- 
unreinigt 



Schlamm, grau und 
rostfarbig gemengt, 
wenig Diatomaceen, 
zahlreich Eisen-Bac- 
terien (Leptothrix 
ochracea Kg.) 



22-48 


1-80 


13-85 


1-30 


23-20 


4-00 


53-00 


0-84 


— 


— 


33-18 


5-20 


391 


6-35 


45-33 


5-70 



35-26 



26-10 



43-01 



16-44 



2595 



2200 



19-26 



EffäniiSiii liz m. itz^ v:r*cci.=ri-fs. XiulLj^^t. mch zu be- 
x-^gg, i».» «dzüz'i: L* »-i ^Sinlizizi* beaefcLn-Ke Proben im 
rr^^kec.'^c. Z-LitATi-- ii 1^:2. ii'T i-zi L41cr.it rfizi übergeben 

ifrji:^ l£-r^r t:i: :72^irV.irr S:^-gUrz ^z.i fcjgrcikopiädiea, 

Ei -'-ir* ^^^ ^'^-'^ eiz-xeLeniere Le^crr.isjix iird E^giinrang 

W« mU^zLit iec F^-^a IizirLs«:icn BiZCfnscLIair.m betrifft^ 
wtlcc-rr i.^ zaTziüicii :-e A^isklrrliAr^ des Beckecs und ins- 
b*rKT:»i^* iZ-rr r-rferrn Z:z.Tn t lirt, *:> li^st üeser schon Tor 
ier 2eca.ier%n Ac^tlvse tiljeciie CriAr^iere unierseheiden. S^ne 
ConsötexiÄ LiC die eine:? Br>?ieÄ. der desto dinner, suppiger wird, 
;^ mehr ^r si:a ron: Urer enrfemt url die grörssenen Tiefen^) 
tirrimm:. Er in sehr vorwiegen i inili. fast schieixig anzufühlen 
ocd enthält nur selten kleice KCmchen 1:1:1 Saliner von Steinchen, 
a*L«ie «ehr mlrbe Fragmente ibzesrrrbriier C.cchvlien. Die Farbe 
iit im nassen Zustande — mi: den später zu erwähnenden Ein- 
«ohrankungen — im Allgemeinen rein erau bis gelbiichgrau, im 
getrockneten Zustande heiler grau mit wenigen rostfarbenen Punkten 
und Adern. Die Plasticftat ist wenig aosgespn.-i.hen, fehlt natürlich 
im nassen Zustande wegen der breiartigen Beschaffenheit ganz, 
ir^U nur in einem Zwischen^iaiium während des Trocknens ein, 
wobei sich mehr BrQch:c:keit als Geschmeidigkeit xeigt, und im 
trockenen Zustande bildet der Schlamm hane Krusten und Brocken, 
bei stärkerem EL;\lkgehalt vön fast kreidiger Beschaffenheit. 

Eine eigenthümliche Erscheinung habe ich am frisch ge- 
schöpften Bodecschlamm bei Tiefen von circa 3<> m abwärts bis 
über 100 m beobachtet, indem sich in allen obei flächlichen Ver- 
tiefungen des grauen ScMainmklumpns rasch eine rostbräunliche, 
noch dünnere und etwas schleimige Flüssigkeit sammelt, die gewisser- 
maßen wie Sahne sich aus der übrigen Masse absondert. Auch 
wenn man etwa mit einem Löffel eine Portion aus der Schlamm- 
masse herausnimmt, tritt in die entstandene Höhlung, rascher als 
diese sich mit dem umgebenden grauen Schlamm wieder ausfüllt, ein 
Geäder jener dünneren rostbraunen Flüssigkeit ein, die jedoch nur 

^) Dieser Unterschied m%^ zam Theil auch dadurch bedingt sein, dass der 
Schlamm, ans je grosserer Tiefe er heraufgeholt wird, de«to linger auf seinein 
Wege mit dem durchfahrenen Wasser in Berührung bleibt, wobei er eine gewisse 
VerdQnnung erleiden k^nn. 



61 

etaeu geringen Procent&atz des Ganzen ausmaclit. Daa llussere Ansehen 
dieser Substanz erinnert üd den zarten, schwebenden, flockigen, rost- 
farbeüen Niederschlag voQ Eisenoxydliydrat, de a man durch Ausfällen 
aus Losungen von Eiserisalzen durch Alkalien erluilt. Die mikro- 
iikopiscVie Analyse zeigt ausser Jen geivühnlicheu Diatomaceen, die 
in üicht nngewühnlicher Menge auftreten, nur ein mäßiges Procent 
von Leptothrix ochracea Kg^ deren Name scjjon auf eine Paragenesis 
mit grü&aereni Eisengelialt der umgehenden Flüssigkeit hinweist. 
Die chemische Analyse (vergl. Tabelle S. 57, Proben aus Mg) 
endlich zeigt ^leiclifalla einen höheren als ficn gewöhnlich vor- 
kommenden EiseDgehak (7 — 7 "8% S^Z^^ ^^^ ^™ häufigsten vor- 
kommeDden, eirca b5^6'b Procentej. 

Die Beimengung soich' rostbrauner Sahne wurde in ver- 
schiedenen Graden bei allen Proben des grauen Schlammes 
(l— 10, 13 — 15, IC -20) beobachtet. 

In der Tabelle sind die Analysen des typischen grauen Boden- 
öcblammes in drei Gruppen (Serien) getheilt, indem die Proben 
im mittleren Tiefen (meist 30— CO J'O des ganzen Sees (Nr. 1 — 10 
der Tabelle) gesondtirt erscheinen, einerseits von jenen aus grossen 
Tiefen (90 — ^98 m) der Seemitte (Nr. 13 — 15), anderseits von jenen 
^m dem durchwegs seichten nördlichsten Abschnitte bei Steg 
Kr, 16 — 20 L Der Grund die^^er UntertheÜung liegt darin, dass 
die Proben aus grossen Tiefen einen entschieden höheren Kalk- 
^halt besitzen als jene aus mittleren Tiefen (im Mittel 19*74% 
gegen ID'GO" ^f)J und dasa die Proben aus der Steger Bucht (Abfluss- 
gegend) eine auffallend grossere Ur^ gleich artigkeit der Zusammen- 
ietningy insbesondere bezüglich des Kalkgehaltcs und der Extreme 
d^i j, Unlöslichen"^ zeigen^ als die unter einander viel näher über- 
einstimmenden Proben des grauen Schlammes der anderen Ab- 
schnitte deg Sees. 



Sivio I 
dem ir 
flene Ifl 



1 UDtQäJlCh 


in 8Ah- 


Eisenoxyd and | 
T*iOQerde ^ 


Calciumoxyd 


MitiH 


Extreme 


Mittel 1 Extreme 


Mittel 


Extreme 


51-00 


4öf.8 
5553 


{i-9U 


Ö-71 
U'30 


1Ö'6U 


1266 
1838 


4310 

j 


39* ja 
4a'ä5 


520 


5-00 
6'30 


19*74 


17-90 
2163 


1 




5 51 


450 1 
G 47 ' 


2060 

1 


17-80 
30-20 



62 

Warum mit der grösseren Tiefe (Serie II) ein grösserer 
Kalkgehalt verbanden sein soll, dürfte kaum eine directe Be- 
gründang finden ; vielmehr scheint es, dass man umgekehrt fragen 
muss: warum in den geringeren Tiefen (Serie I) der Kalkgehalt 
kleiner ist. HiefQr lässt sich als Grand anführen, dass im 
seichteren Wasser ein viel reicheres Pflanzen- und Thierleben vor- 
kommt, welches Kalk aufnimmt und in verschiedener Weise bindet 
oder auf sich selbst niederschlägt. Obgleich der in und an Algen 
(insbesondere Characeen), in Conchylienschalen u, s. w. festgelegte 
Kalk schliesslich nach dem Zerfall der Organismen allmälig 
wieder frei wird und zum Theile dem Bodenschlamm zufällt, ver- 
mindert doch die jeweils lebende Flora und Fauna die Menge 
des gleichzeitig im Wasser vorhandenen und durch dieses auch 
dem Bodenschlamm zukommenden Kalkes. 

Die grössere Ungleichartigkeit des Seebodens der nördlichen 
Bucht (Serie III) erklärt sich wohl theils aus dem vom Slanbach 
zugeführten stärker gemengten Detritus (vergl. S. 31) theils aus 
der gruppenweise vertheilten, ungemein reichen Vegetation von 
Phragmites, Scirpus und Potamogeton, welche als wurzelnde 
Phanerogamen stärkere Ansprüche an den Boden, u. zw. in un- 
gleichem Maße stellen, während an anderen Stellen wieder Equi- 
setum limosum den Boden occupirt. 

Als Serie IV. (Nr. 21) ist der tiefschwarze stinkende Schlamm 
aufgeführt, welcher die seichten, meist reichlich mit Characeen-Rasen 
bedeckten ufernahen Stelleu in der von der Seeströmung am 
wenigsten berührten, daher stagnirenden östlichen Hälfte der 
Nordbucht in der Gegend der Punkte A^__^ der Karte in grosser 
Ausdehnung belagert. Dieser Schlamm ist am dunkelsten, wo 
dichte Bestände vom Equisetum wuchern, deren untere abgestorbene 
Röhren, Ausläufer und Radicellen weit intensiver kohlig schwarz 
werden, als die Reste von Schilf, Binsen und Potameen. Zugleich ist 
dieser stinkende Schlamm von zahlreichen Würmern durchzogen 
und enthält ungewöhnlich grosse Mengen wuchernder Diatomaceen. 

Ich war ursprünglich der Ansicht, dass an der Schwärzung 
und dem Gestanke ein grösserer Gehalt von Schwefeleisen wesent- 
lichen Antheil habe, wozu der Eisen- und Gypsgehalt des Slanbach 
Detritus beitragen könnte; die ehemische Analyse mehrerer Proben 
(Nr. 21) hat jedoch diese Vermuthung nicht bestätigt; es fand sich 
nur ein grösserer als der gewöhnliche Kalkgehalt, der eher zur 
Verminderung des Gestankes beitragen könnte, dagegen kein 



1 



EuLtl- 



63 

Schwefelmetally kein Schwefelwasserstoflf, nur Spuren von Phosphor 
und kein Phosphorwasserstoflf. Der Geruch kann nur von der Fäulnis 
der im Btagnirenden seichten Wasser wuchernden Organismen 
herrühren ; die Fäulnisgase aber, darunter nebst Sumpfgas und übel- 
riechenden Kohlenwasserstoffen ohne Zweifel auch Schwefelwasser- 
stoff und Phosphorwasserstoff aus zersetzten Proteinsubstanzen 
der massenhaften thierischen Schlammbewohner, konnten durch 
die Analyse deshalb nicht nachgewiesen werden, weil sie in der 
Zeit zwischen der Probenahme (September) und der chemischen 
Untersuchung (Februar) aus dem vertrocknenden Schlamme ent- 
wichen waren, der zur Zeit der Analyse auch nicht mehr stank. 

Als Serie V (Nr, 22, 23) erscheint eine sehr kalkreiche und 
eisenarme Variante des Grundschlammes, die einerseits in grösserer 
Ausdehnung im Mündungsrayon der Gosau-Ache (R^ RJ, anderer- 
seits in der Gegend der Platte (Z) auftritt. Im ersteren Falle 
liegt die Erkläi-ung im reichlichen Kalk- und Mergelgehalle des 
genannten Baches (vergl. S. 29), der sich auch durch ungewöhnlich 
starke Sinterbildungen und kreideartige Ueberzüge an Steinen 
und Pflanzen am Rande des Deltas, sowie durch die weit hellere, 
fast weisse Farbe und oft griesige Beschaffenheit des Boden- 
schlanunes verräth. 

Woher der grössere Kalkgehalt des Schlammes in der Gegend 
der „Platte" rührt, ist nicht offenbar, da es dort keine sichtbaren 
Zuflüsse gibt und das Ufergestein nur .aus dem überall umstehen- 
den Dachsteinkalk besteht ; wahrscheinlich verleihen stärker kalk- 
haltige Grundquellen dem Bodenschlamme eine reichlichere Bei- 
mengung von Kalk. 

In der Serie VI sind Grundproben vereinigt, welche entweder 
wegen ihrer specifischen Eigenthümlichkeiten, oder wegen der 
Lage der betreffenden Punkte von besonderem Interesse sind. 

In ersterer Beziehung ist vor Allem der Sand bemerkens- 
wert, welcher an der Mündung des „Hirschbrunnen" und 
des „Kessels** in einem ziemlich weiten Bogen den dort seichten 
Se^rund zusammensetzt. 

Es stellt sich heraus, dass ein Antheil dieses Sandes identisch 
ist mit demjenigen, welchen schon vor mehr als 50 Jahren (1843) 
Simony^) in der oberhalb des südlichen Sees gelegenen Koppen- 

^) Wieneneiiung yon 1843, S. t33S nnd 1347, dann in den Sitznngsber. 
der kaiserL Akademie der Wissensch. LIX. Band, 1869. Später mehrfach in 
Vortrig«ii reprodacirt und ssuletzt in „Das Dachsteingeblet^ S. 38 u. 39. 



^■nip" 



64 

brüller-Höfaley und zwar theils als loses Sediment des unterirdischen 
KoppeDbrfiUer-Baches, tbeils cementirt darch Ealksinter gefunden 
hat und dessen Vorhandensein später von Saess (^Sitzgsb. d. kais- 
Akad. XL. Band, 1860) and anderen bestätigt wurde. Merkwürdig 
ist dieser Sand als ein erratisches Vorkommen aus zerstörten Ur- 
gebirgssteinen. Simony beschreibt den in jener Höhle gefundenen 
Sand als bestehend aus Kömchen und Splittern von Quarz, nebst 
Granaten, Glimmer, Cyanit, Iserin {?), Bohnerzkömchen und 
Fragmenten von Urgebirgsschiefer, dagegen ohne Detritus 
von Kalksteinen. Proben der erwähnten Sinterbildungen, in 
welche die genannten Partikelchen eingebacken sind, 
befinden sich in der geolog. Abtheüung des kaiserl. naturhistori- 
schen Hof-Museums, wohin ieh nun auch Proben des Sandes aus 
dem See abgegeben habe. Eine neuerliche eingehende Unter- 
suchung der Sinterslücke aus der Höhle, welche auf meine Bitte 
Herr Custos Professor Dr. Berwerth gefälligst vorgenommen 
hat, zeigte zunächst, dass der Kalksinter nur eine etwa 0'5— 2 
Centimeter dicke Kruste über dem anstehenden Dachsteinkalke 
der Höhlenwand bildet und dass darin eingebacken sind: vor- 
wiegend Körner und Splitter von Quarz, selbst Bergkrystall, dann 
Granat, Hämatit mit einer in Limonit verwandelten Oberfläche 
(also nicht durch und durch Bohnerz oder Limonit, wie man bisher 
annahm), ferner Kaliglimmer, meist als Beleg auf Quarzkörnem, 
auch Schüppchen von Glimmerschiefer — ein deutlicher Hinweis 
auf die mittelbare Abkommenschaft aus altem Schiefergebirge. 
Ueber die nächste Provenienz des erratischen Sandes in der 
Höhle und im Bache gibt zunächst der Umstand Aufschluss, 
dass eben solcher Sand, allerdings auch in gröberen Körnern und 
Gerollen, auf dem über der genannten Höhle und der Hirschau 
gelegenen Koppen- und Dachstein-Plateau, insbesondere am Fuss 
des Gjaidsteines vorkommt. Ohne Zweifel gelangten und gelangen 
vielleicht auch heute noch Partien dieses Sandes vom Plateau 
mit eindringendem Schmelz- und Regenwasser durch Spalten in 
die Hohlräume des Dachsteinkalkes und in die unterirdischen 
Gerinne, welche in verschiedenen Horizonten als Quellbäche oder 
Quellen gegen den See hin münden, wie es auch beim Kessel 
und Hirschbrunn der Fall ist. Im Innern der Spalten und Höhlen 
mit ihrem sehr wechselnden Wasser-Regime werden Sinter- und 
Tropfsteinbildungen, in welche der herbeigeführte feine Sand ein- 
bezogen wird, bald erzeugt, bald zerstört, und der im letzteren 



65 

Falle entBtandene Detritus, der dann selbstverständlich weit mehr 

Ktikainter als erratischen Sand enthält, gelangt mit den Quell- 

irä;»erQ zu Thal und in den See. 

Der Hirschauer-Sand im Hallstätter-See erweist seine hier 

angedeutete Provenienz aus einer mit den Koppenbrtlller analogen 
Sinterhöhle ^), oder aus mehreren solchen, durch seine Zusammen- 
aetzung, die ich aus zahlreichen Proben 1894 und 1896 wie folgt 
gefunden habe. 

Schon die mechanische Sonderung zeigt unter der Loupe, 
dass der grössere Theil der gänzlich unplastischen gelblich-grauen 
Sandmasse aus kleinsten weisslichen und gelblichen Körnchen 
und Stäubchen besteht, wie sie aus zerriebenem, theilweise durch 
Eisenocker gefärbtem Kalksinter hervorgehen. Dazu kommen 
etwas grössere, theils stumpfeckig abgeschliffene, theils flach 
scheibenförmig gerundete Partikel von weissem, gelblichem, roth 
geädertem und rothem, meist dolomitischem Kalkstein, wie er im 
Koppen- und Dachsteingebiete überall ansteht. Die Constatirung 
des Löslichkeitsverhältnisses zeigte, dass reichlich drei Viertheile 
des Sandes diese Zusammensetzung besitzen. 

Zwischen diesen als autochthon zu betrachtenden Fragmenten 
£and ich nun folgende Fremdlinge, bei deren Bestimmung ich zum 
Theil auch wieder durch Herrn Custos Professor Dr. Berwerth 
freundlichst unterstützt wurde. Am zahlreichsten sind Körnchen 
und Splitter von weissem oder auch farblosem, wasserhellem Quarz 
mit Flüssigkeitseinschlüssen, oft mit anhaftenden silberglänzenden 
nie gelben oder broncefarbenen) Schüppchen von Kaligliraraer; 
honiggelbe durchscheinende Quarzkörner, grünliche Körner 
von Epidot, Fragmente von Zirkon und Rutil, abgeschliftene kleinste 
(rranaten und Fragmente derselben in verschiedenen Abstufungen 
von Roth, meist durchscheinend; glatte glänzende Knüllchen von 
ELämatit; vereinzelt auch Titanit (Sphen). 

Cyanit und Iserin wurde ticht gefunden. Accessorisch und 
offenbar lacustren Ursprunges sind eingestreute kreideweisse Splitter 
von Conchylien. 



^) Eine solehe wurde vor Korzem von der spielonden Strandjugend der 
Liiui ^ani ia der Nähe des Hirschbraonen in geringer Höhe über dem See 
tatdeckt Der mir zogesendete Sand aus dieser Uöble erweist sieb als identisch 
nk dem am Qmnde des Sees beim Hirscbbrunnen yorkommenden ; nur sind 
iib KSrncben und Splitter vorwiegend noch kleiner. 

IfÜth. d. k. k. Gwgr. Gm. 1898. 1 a. a. 5 



66 

Nachdem die Zosammengehörigkeit dieser erratiachen Gerolle 
und Sande vom hohen Dachstein-PIatean, von der Eoppenbrüller- 
Höhle und analogen Höhlen dieser Gegend, endlich vom See- 
grande am Hirschbnum zweifellos ist, erübrigt nur noch die 
Frage, wie man sich die Genesis dieses Vorkommens denken 
solle. Obgleich diese Frage in limnologischer Beziehang 
nicht von Bedentong ist, möge doch hier wenigstens angedeutet 
werden, dass Simonj, ehe er von den erratischen Fanden oben 
am Plateaa Kenntnis hatte (1843)^ an eine unterirdische Verbindung 
mit den Urgebirgsgesteinen und Thermen von Gastein dachte, 
Suess 1860 (1. c.) eine eruptive Emporschleuderung aus den 
in ungeheurer Tiefe anter dem Dachsteinplateau anzunehmenden 
Urschiefergesteinen vermuthete, Simony später 1869 einen Trans- 
port aus dem Ennsgebiete heraber (bei fi*üher völlig verschiedenen 
Kiveauverhältnissen) wahrscheinlich fand, aber auch zugab, dass 
das Vorkommen auf dem Plateau der Rest einer zerstörten Sandstein- 
o der Conglomeratformation sein könnte, die über dem Dachsteinkalk 
abgelagert war und deren Material aus Urgebirgs-Detritas bestand. 
Diese letztere Ansicht hat sieh seither befestigt, da an verschiedenen 
Stellen der Alpen auf Ealk-Plateaux ähnliche relicte Ablagerun- 
gen aus UrgesteinsDetritas gefunden wurden, die nicht glacialen 
Ursprunges sein können, sondern aus einer älteren Zeit her- 
stammen müssen. Das ist z. B. der Fall auf dem Plateau des Ha- 
gengebirges, wo über älterem liassischen Kalkstein als Risiduen 
jüngerer Sandsteinschichten Quarzgerölle und Geschiebe von 
Thonschiefer mit Glimmer vorkommen. ^) Nach unveröffent- 
lichten Notizen des Geologen G.Geyer liegen im „todten Gebirge" 
am Westhange des kleinen Hoehkasten (2347 i»), an Dachsteinkalk 
angelagert, Relicten eines' Quarzgerölle führenden Conglomerates 
von unbestimmtem Alter. Nach der jetzigen, wie es scheint, richti- 
gen Auffassung solcher Relicten auf den Plateaux und Kuppen befin- 
det sich der erratische Antheil des Hirschauer-Sandes mindestens an 
vierter Lagerstätte, da das Vorkommen auf dem Plateau min- 
destens als zweite, und die Versinterung des Sandes im Höhlen- 
sjsteme als dritte Lagerstätte anzusehen ist. Mit der Zerstörung 
der hier vorausgesetzten klastischen Formation (liassisch?) muss 
eine fluviatile oder rivulare Thätigkeit in der jetzigen Plateaugegend 
verbunden gewesen oder ihr nachgefolgt sein, worauf die Geschiebe- 



*) A. V. Kr äfft Jahrb. d. geoL R. A. 1897. 



i 



67 

form vieler Stücke schon aut dem Plateau hindeutet,^) was schon 

deshalb angenommen werden muss, weil sonst die Wegfuhr des 

grüsseren Theiles der Zersetzungsproducte nicht zu erklären wäre. 

Die chemische Analyse (Nr. 24, 25) ergibt für den Hirschauer- 

Sand einen sehr hohen (in Nr. 24 den zweithöchsten aller Serien) 

Kalkgehalt, dagegen ein Minimum an Eisenoxjd und Thonerde, 

ebenso wie an „Unlöslichem*. 0er erratische Theil dieses Sandes, 

der im Gegentheile .fast keinen Kalk und dafür sehr vorwiegend 

Unlösliches und nicht wenig Eisen enthält^ tritt also im Verhältnis 

xa dem Kalke, der das Erratische durch Versinterung festgehalten 

and endlich an den Tag heraus begleitet hat, sehr zurück. 

Ueber die Art, wie der Sand dem See zugeführt wird, kann 
ich die Beobachtung mittheilen, dass ich eines Tages im wasser- 
reichen Sommer 1896 den östlichsten der drei Ausflüsse des Hirsch- 
brnnnen, der mit grosser Gewalt, also unter hohem Drucke, aus 
seiner Felsenspalte hervorschoss, durch mitgerissenen Sand sehr 
stark milchig getrübt, nach einer Stunde aber, nachdem die Wasser- 
mf^nge in erkennbarem Grade abgenommen hatte, ganz klar fand, 
während die beiden anderen Quellarme immer klar geblieben 
sind. Es folgt daraus, dass das Wasser im Innern des Gebirges 
nur zeitweise jene Höhe oder jene Stellen erreicht, wo es den 
Sinter angreifen, zerreiben und fortführen kann. 

Einer speciellen Untersuchung schien der Grundschlamm 
(Nr. 26) im Bereiche des „warmen Wassers" (Punkt der Karte ; 
veiigL auch S. 39) zu bedüifen, und in der That zeigt dieser eine 
Besonderheit darin, dass sein Kalkgehalt das Maximum innerhalb 
aämmtlicber hier aufgeführten Serien (43 0l^/o) beträgt. Das 
wärmere Wasser löst ohne Zweifel auf seinem unterirdischen Wege 
durch den Dachsteinkalk mehr Kalk auf' als die sonstigen Wässer 
dieser Gegend und bereichert damit auch den Schlamm. Dagegen 
zeigte der Boden (Nr. 27) in der Nähe der Stelle E^y nahe am 
Ufer der Bretterstatt, wo ein Steg zu einer kleinen Badehüite 
führt und gleichfalls wärmeres Wasser vorkommen soll, einen 
mir mittleren Kalkgehalt (16*947o) ^^^ f'^st ganz fehlendem 
Eisen (nur 0'84Vo> das absolute Minimum aus allen Serien, die 
mdat 4 — 6% davon enthalten). Wenn also wirklich warmes 
Wasser hier zufliesst, muss sein unterirdischer Weg durch ein 

^ Neoestens hat Herr Professor Dr. Penck abgerollte HomsteiDgeschiebe 
Mdi auf dem Piateaa des benaeh harten Sarstein gefanden. 

5* 



68 

anders znaammengeaetztes Gestein fähren, als jener der Probe 
Nr. 26. 

Es folgen nun Gnindproben aas den Möndungsrayons der 
grösser«! Zuflüsse. 

Die Trann f&hrt nur Kalkgeschiebe aller Grössen bis zum 
feinen Gras and EaJkmehl in den See. Die Gesehiebestücke 
bestehen £ast aosschliesslich nor aas Kalkstein and Dolomit aller 
FarbenTarietäten, worunter viel graoliche und sehmutzigweisse, 
und nur selten zeigen ne eine Verbindung des Kalkes mit gelb- 
lichem Thon (anreine Dolomite}. 

Aehnlich Terhalten sich die Geschiebe (Nr. 29} des Waldbach- 
Schuttk^els oder Deltas, nur mit dem Unterschiede, dass die 
röthlich ge&rbten and roth marmorirten, ebenso wie die rein- 
weissen Stacke zahlreicher sind als im Traanschotter. Schon in 
kurzem Abstände vom Ufer (Punkt V) ist der Schutt des Wald- 
baches nicht mehr am Grunde wahrnehmbar, der daselbst, wie 
die Analyse Nr. 30 zeigt, eine ähnliche Zusammensetzung wie die 
Mehrzahl der Schlammproben besitzt. Schlamm vom Delta des 
Mühlbaches wurde der Analyse nicht unterzogen, weil er mit den 
verschiedensten wechselnden Abfiülen aus Hallstatt reichlich ge- 
mengt ist. Der Einfluss der Gosauer-Ache und ihres durch ihr 
altes Delta zum See abfliessenden Seihwassers auf den Kalkgehalt 
des benachbarten Seebodens wurde schon oben bei Nr. 22 (Punkt 
i?3, B^) besprochen- Unmittelbar an der Mündung der Ache wurde 
keine Probe zur Analyse gegeben, weil dort der Grund durch Ab- 
fälle der verschiedensten Art von den benachbarten Ansiedelun- 
gen verunreinigt ist Es erübrigt nur noch das Mündungsgebiet 
des Slanbaches (Punkte F^ und F^), wovon die Proben Nr. 31 
und 32 vorliegen. Diese zeigen, entsprechend dem stark gemeng- 
ten, aus sehr verschiedenen Gesteinsarten herrührenden Geschiebe 
und Detritus dieses Baches, wenig Uebereinstimmung unterein- 
ander; nur ein starker Gehalt an Eisenoxyd und Thonerde, der 
dem absoluten Maximum nahe kommt, ist beiden Proben gemein- 
sam und erklärt die reichliche Incrustation und Uebersinterung 
der dort vorkommenden Characceen, sowie ausgedehnterer Strecken 
des sichtbaren litoralen Grundes mit gelbbraunem Eisenocker. 

Nicht ohne Interesse erscheint die Frage, in welcher Mächtig- 
keit die See-Sedimente den ursprünglichen Steinboden des Beckens 
auskleiden. Hierüber besitze ich nur das verlässlich beglaubigte 
Datum^ dass bei den Vorarbeiten fUr die Traoirung der längs dem 



69 

rechten (östlichen) Seeufer geführten Eisenbahn, und zwar in der 
Gegend der Platte, wiederholte Einstiche mit eisernen Sondir- 
it&Dgen eine Mächtigkeit des Schlammes von 8 m ergeben haben. 
Mm mnss also bei der Discussion der Frage, wie tief das 
Seebett im Gesteine eingesenkt ist, zu den Angaben der See- 
lothungen noch eine Zahl addiren, die nicht weit von 8 m ent- 
fernt sein kann. 

Dass und warum wahrscheinlich am oberen und unteren Ende 
des Sees die Mächtigkeit der Sediment-Ablagerungen noch be- 
deutend grösser anzunehmen ist, wird später im Abschnitte über 
die Limnogenie erörtert. 

Limnophysik. 

Durchsichtigkeit. 

Die Durchsichtigkeit des Wassers misst man bekanntlich 
durch aUmäliges Tiefersenken einer hellen Scheibe bis zum Ver- 
schwinden derselben; die Tiefe, bei welcher die Scheibe unsicht- 
bar wird, ist das Maß der Durchsichtigkeit. Dabei kann man zur 
Controle die Scheibe auch unter die Tiefe des Verschwindens 
sinken lassen und beim langsamen Heraufholen den Moment ihres 
ersten Sichtbarwerdens ins Auge fassen; beide Kesultate müssen 
bei richtiger Handhabung sehr nahe übereinstimmen. Man kann 
rein weiss angestrichene oder auch blanke Scheiben (aus Weiss- 
blech) wählen, oder auch die Resultate beider vergleichen. 

Eine Fehlerquelle dabei ist die verschiedene Empfänglichkeit 
der Augen verschiedener Beobachter für Lichteindrücke; dieser 
Cebelstand lä^st sich aber nicht weiter vermeiden, als dass man 
Bormalsichtige Beobachter mit diesen Arbeiten betraut. 

Da eine wesentlich andere Methode nicht wohl denkbar ist^) 
und auf dieselbe jeder verfallen muss, der sich über die Grenzen 
der Sichtbarkeit unter Wasser informiren will, habe ich dieselbe 
«1$ selbstverständlich schon ISnS — 1860, sieben Jahre vor Secchi,^) 
bei meinen Untersuchungen im Quarnero angewendet, ohne darin 



^ ADden ist ea betreff«) der Beobachtungen über das Eindringen des 
Tigwlidites io die Tiefe, eo denen erst die Photographie das Mittel an die Hand 
fifeöea hat. 

f) Secehi's Arbeit datirt ans 1865. 



70 

eine nennenswerte Erfindung zu erblicken«^) Es ist nun üblich 
geworden, dieses Verfahren „System Secchi'' zu nennen; ich nenne 
es das „Scheiben-System'^. Am Hallstätter-See habe ich dasselbe 
nun auch prakticirt, und zwar mit einer weiss angestrichenen 
Blechscheibe Yon 30 cm Durchmesser; die selbstverständliche 
Veräenkungsmethode brauche ich wohl nicht näher zu beschreiben. 
Diese Beobachtungen wurden verbunden mit jenen über den 
täglichen Gang der Temperatur in den oberen Wasserschichten, 
worüber weiter unten ausführlich berichtet wird. Dadurch wurde 
es möglich, auch die Durchsichtigkeit mit der jeweiligen Witterung 
in Beziehung zu setzen. Es muss aber bemerkt werden, dassjene 
speciellen Temperaturbeobachtungen, also auch die Bestimmung 
der Durchsichtigkeit, dem Zwecke der ersteren entsprechend, nur 
Morgens und Abends, also während der Zeit schwächerer Be- 
leuchtung angestellt wurden. 

Die ziffermäßigen Resultate sind in den nachstehenden Tabellen 
enthalten. 

Tabelle L 



2 

'V 

1 

J 


D 


a t u m 


Vorangegangene 
Witterung 


Wittemng 

bei der 

Beobachtung 


1 
1 


1 


1 


g 




1896 












1 Juni 


26. 


6h Abd. 


Regen 


ganz bewölkt u. Regen 


.HO 


2 n 


27. 


&^ Morg. 


ganz bewölkt und Regen 


ganz bewölkt 


83 


3| Juli 


6. 


6h Abd. 


wochenlanger Regen 


halb heiter 


34 


4 


m 


7. 


6h Morg. 


ziemlich heiter 


fast wolkenlos 


3-4 


6 


1» 


16 


6h Abd. 


vorwiegend heiter, trocken 


halb bewölkt 


4-2 


6 


9 


17. 


6h Abd. 


bedeckt 


regnerisch 


4-2 


7 


1» 


23. 


6h Abd. 


mehrtägiger Regen 


Regen 


40 


8 


n 


24 


Hh Morg. 


regnerisch 


Morgennebel 


3-4 


9 


n 


24. 


6h Abd. 


Regen 


Regen 


32 


10 


n 


26. 


6h Morg. 


heiter 


heiter 


30 


11 


n 


28. 


6h Abd. 


heiter 


heiter 


84 



*) Vergl. «Physikalische Verhältnisse und Organismen-Verthetlnnjip im Qnar- 
nerischen Golfe''. HerauHgeg<>ben von der k. k. Akademie der Wissenschaften in 
Wien 1863. Ferner ^Ein Tiefenthermometer von mehrfacher hydrographischer 
Verwendbarkeit*. Mittheil, der k. k. Geographischen Gesellschaft in Wien 1863. 



:^Ä_ 



71 









Ta 


belle I. (Fortsetzung.) 




i 
3' Dat 


u m 






T 

*» 








Vorangegangene 
Witterung 


Witterung 

bei der 

Beobachtung 


1 
1 




i i 


bo 


1 


.3; a 


5 


1 






s 




1896 1 












12 


JuU 29. 


6^ Morg. 


wenig bedeckt 


fast heiter 


3-4 


18 


Aiigast| 


4. 


61» Abd. 


wiederholte Gewitterregen 


halb bewölkt 


40 


1* 


9 


5. 


6^ Morg. 


bewölkt 


heiter 


38 


15 


6. 


61* Abd. 


regnerisch 


Regen 


3-8 


16 


6. 


6h Morg. 


Regen 


Regen 


88 


17 


6. 


61* Abd. 


heiter, dann Gewitter 


regnerisch 


3-8 


1 18 


, 11. 


61» Abd. 


heiter, dann Gewitter 


Regen 


3-6 


1 


, |13. 


61* Abd. 


starke BegengÜsse, 
See ausgetreten 


regnerisch 


22 


'20 


- !»*- 


61* Morg. 


bewölkt 


bewölkt 


2b 


21 


» 14. 


61* Abd. 


ziemlich heiter 


ganz heiter 


2-3 


tt 


, 81. 


61* Abd. 


halb bewölkt 


trüb 


41 


23 


Septb.i 1. 


61* Morg. 


Nachts heiter 


nebelig 


3-5 


24 


»• 


61* Abd. 


bewölkt, dann Ausheiterung 


heiter 


4-4 


26 


9 


6. 


ÖV2I» Abd. 


heiter, dann bewölkt 


Gewitterregen 


4-0 


26 


•1 


?• 


6»/«^ Morg. 


Nachts Regen 


Nebel 


4-2 


27 


5» 


7. 


5V2^Abd. 


zieml. heiter, dann Trübung 


Gewitter 


4-8 


! ?8 





22. 


öV«l» Abd. 


bewölkt 


trüb 


3-9 


29 


W 


23. 


6 V,»» Morg. 


Nachts Regen 


heiter 


3-7 


30 


» 


23. 


6h Abd. 


Vormittags schön, dann trüb 


Regen 


4-2 


31 


• 


24. 


71* Morg. 


Nachts Regen 


Regen 


3-4 


32 


t» 


24. 


6 7,1* Abd. 


sehr wechselnd 


Regen 


3-7 


83 


Ckitob. 


2. 


61* Abd. 


ganzer Tag schön 


heiter 


5-4 


34 


s 


3. 


7h Morg. 


Nachts theils heiter, 


Nebel 


6-5 




I 




theils Nebel 






1 36 


1* 


3. 


5V,hAbd. 


leichter Nordwind 


bedeckt 


4-5 


36 


rt 


6 


5Vt*» Abd. 


ganzer Tag schön 


schön 


6-0 


37 


t» 


7. 


7^U^ Morg. 


Nachts vorwiegend heiter 


schön 


6-3 


38 


e 


7. 


5h Abd. 


schön 


«chön 


65 


39 


Novb. 


2. 


6h Abd. 


trüb, dann Regen 


Nordwind, trüb 


68 


40 


n 


3. 


8h Morg. 


Nebel und Regen, dann trüb 


trüb 


7-4 


41 


9 


3. 


6V,hAbd. 


Vormittags trüb 
Nachmittags heiter 


heiter 


8-4 


42 


9 


9. 


5h Abd. 


Tagsüber heiter 


heiter 


7-8 


43 


» 


10. 


8h Morg. 


über Nacht Nebel und Regen 


trüb bei Nordwind 


8-0 


44 


e 


10. 


6h Abd. 


Nebel und Regen 


trüb, Nordwind 


8-2 


45 


• 


17. 


6h Abd. 


trüb, Nordwind 


trüb 


7-4 



72 









Ta 


belle L (Fortsetzung.) 






Datum 









'S 
N 




Vorangegangene 


Witterung 
bei der 


.£3 












l 




Witterung 


Beobachtung 




1 




1896 












4Ü 


Novb. 


18. 


8h Morg. 


heiter 


heiter, Nordwind 


79 


47 


f» 


18. 


oh Abd. 


neblig 


trüb 


8-4 


48 


n 


24. 


4V2^ Abd. 


leichter Schneefall 
dann heiter 


heiter 


8-6 


49 


n 


25. 


8h Morg. 


heiter, Nordwind 


heiter, leichter Ndw. 


8*8 


60 


r> 


25. 


41/2^ Abd. 


heiter, Nordwind 


heiter, Nordwind 


8-4 


51 


V 


26. 


5h Abd. 


halb bedeckt 


heiter 


8-4 


52 


n 


27. 


8h Morg. 


vorwiegend heiter 


halbheiter,leicht.Nw. 


8-4 


53 


n 


27. 


4L'U^ Abd. 


mehr heiter 


halb heiter 


8-4 


54 


Decb. 


1. 


4.'U^ Abd. 


heiter 


heiter 


7-8 


55 


n 


2. 


8h Morg. 


heiter 


heiter 


8-8 


60 


« 


2. 


4V2*> Abd. 


heiter 


heiter 


8-7 


i>7 


n 


10. 


4VAbd. 


Nebel 


trüb 


8-0 


58 


« 11. 


8h Morg. 


heiter 


heiter 


8-4 


SU 


" 


11. 


4V2h Abd. 


heiter 


heiter 


8-7 


ÜO 


» 


15. 


4V2^ Abd. 


Schnee und Regen 


trüb 


7-7 


61 


n 


16. 


8h Morg. 


heiter 


heiter 


7-9 


62 


n 


16. 


4V2^ Abd. 


Schneefall 


Schneefall 


7-9 


€3 


„ 


17. 


8h Morg. 


heiter 


heiter 


8*4 


64 


V 


17. 


4^2»^ Abd. 


heiter 


heiter 


8-3 


m 


T) 


21. 


4V2»^ Abd. 


halb heiter 


heiter 


8-2 


m 


n 


22. 


8h Morg. 


bewölkt 


heiter 


8-7 


67 


t) 


22. 


41/2^ Abd. 


bewölkt 


bewölkt 


8-4 


GS 


n 


29. 


4V2h Abd. 


heiter 


heiter 


8-5 


69 


!) 


30. 


8h Morg. 


heiter 


trüb 


8-5 


70 


n 

1897 


30. 


4V8^ Abd. 


heiter 


heiter 


8-5 


71 


Jntmer 


4. 


4V3h Abd. 


über Tag Nebel 


heiter 


8-4 


72 


^ 


5. 


8h Morg. 


heiter 


heiter 


8-4 


73 


1 


5. 


4V2^ Abd. 


heiter 


heiter 


8-4 


74 


fl 


12. 


5h Abd. 


halb heiter 


heiter 


8-1 


76; 


1 


13. 


8h Morg. 


trüb 


Nebel 


8-5 


76 


n 


13. 


4 V Abd. 


Höhennebel, trüt 


halb heiter 


85 


77 


,, 


19. 


i^k^ Abd. 


Höhennebel 


Nebel 


80 


78 

f 


■j 


20. 


8h Morg. 


heiter 


halb heiter 


8-4 


79 


»j 


20. 


4 VAbd. 


heiter 


halb heiter 


8*4 


80 


fl 


29. 


7V2^Morg. 


Schneefall 


halb heiter, Nordw. 


80 



73 



Tabelle L (Fortsetzung.) 



f 






S 


_ Dat 

,=3 1 


n m 


Vorangegangene 


Witterung 
bei der 


1 

-13 




1 1 i^i 1 


Witterung 


Beobachtung 


1 






£ 


1897 












81 Febr. 


29. 


4V«»'Abd. 


halb heiter, Nordwind 


halb heiter, Nordw. 


8-0 


8« = 


SO. 


8h Morg. 


heiter 


heiter 


8-2 


88 . 


4. 


4V,i> Abd. 


Schnee und Regen 


trüb 


7-4 


84 


■ 


5. 


8h Morg. 


Schnee nnd Kegen 


trüb 


7-4 


86 


T* 


5. 


4Vah Abd. 


trüb 


trüb 


7-5 


86 w 


9. 


4V2h Abd. 


Schnee nnd Regen 


heiter 


8-2 


87 


V 


10. 


8h Morg. 


heiter 


bewölkt 


8-4 


88 


fl 


10. 


4V,^ Abd. 


trüb, oben Schneefall 


trüb 


8-4 


89 


9 


17. 


4V»*» Abd. 


heiter 


heiter 


8-4 


90' , 1? 


8h Morg. 


heiter 


heiter 


8-4 


9ll , |l8. 


4^2*» Abd. 


heiter 


heiter 


8-4 


: ^1 • 24. 


5h Abd. 


heiter 


heiter 


8-4 


i 93] , |25. 


8h Morg. 


heiter 


heiter 


8-4 


94} , 25. 


5h Abd. 


heiter 


heiter 


8-4 


96i lUrz 3. 


4Vah Abd. 


trüb 


trüb, Nordwind 


7 4 


96 „ 4. 


8h Morg. 


Regen 


trüb, Schnee 


7-4 


»7 , 4, 


4V,»» Abd. 


Schnee, Nordwind 


halb bedeckt 


7 4 


j 9». . 10. 


i^lj^ Abd. 


Schneefall 


trüb 


6-8 


99! , 11. 


VU^ Morg. 


Schneefall 


halb bedeckt 


6-8 


100 , 11. 


5h Abd. 


halb bedeckt 


halb bedeckt 


6-8 


101 , 23. 


5h Abd. 


Sobneefftll, heiter, snlettt trüb 


trüb, Nordwind 


66 


102 , ,24. 


8h Morg. 


Gewitterregen 


bewölkt 


Ö-5 


.103 , 124 


5h Abd. 


trüb 


trüb 


5-0 


Im e ;8o. 


6h Abd. 


Regen, dann Ausheiterung 


halb bedeckt 


35 


105 , 


31. 


7Vj^ Morg. 


über Nacht halb bedeckt 


halb bedeckt 


3-4 


106 , 


31. 


5h Abd, 


schön 


ganz bedeckt 


35 


107 April 1 6. 


5h Abd. 


Regen, dann Heiterung 


heiter, Nordwind 


3-8 


10^ . ! 7. 


7h Morg. 


Regen 


heiter 


3-9 


109 r 7. 


6h Abd. 


halb bedeckt 


halb bedeckt, Nordw. 


3-9 


110 n 13 


4Va^ Abd. 


regnerisch, später schön 


schön 


3-8 


111 , 14. 


7 V Morg 


Nacht« Regen 


Regen 


3-9 


112 , il4. 


6h Abd. 


Regen 


ganz bedeckt 


3-9 


113 , |20. 


5h Abd. 


mehrere Regentage 


ganz bedeckt, Nordw. 


38 


114 • 21. 


8h Morg. 


Regen, auf Bergen Schnee 


Regen 


38 


115 , '21. 


5h Abd. 


tagsüber trüb 


trüb 


37 


116 , 2& 


5V,^ Abd. 


Regen, dann Heiterung 


heiter 


3-7 


117 

1 
1 


1 


ä9. 


71» Morg. 


Nachts schön 


heiter 


3-7 



Tabelle L Sckhus... 



1 


Dat 11 B 


VormDgcguigeBe 1 
Wittefung j 


WittentDg 

bei dar 

Beobftchtmig 


? 


1 


"5 


o 






Z 


H X 


' 




1 




1S97 










XU 


Mai 


:». 5fc Abd. 


tagwbcr trlb 


träb 


S-7 


II» 




5 >Abd. 


Be^CB, ob€B SCBBBe 


B«f« 


3^ 


läO 




«. 7» ^ Morj. 


R««« 


trüb 


3*8 


121 




•; 4« ,h Abi 


Mb 


trüb 


3-8 


1« 




12 4',fcAbd 


SckoM und Bcgm 


bjdb bedeckt 


3-8 


143 




13. 7S'"Möif. 


trftK 


gaas bedeckt 


38 


124 




13 4' ,h Abi 


trüb 


trüb 


38 


\i& 




26.4»jfcAba. 


Iteg« 


bewölkt 


2-4 


li6 




27. 6> ,1» Morg. 


B«f« 


bewmkt 


2-5 


127 




27. 6k Abd. 


tr^ 


bewoikt 


26 


1» 


Jimi 


1. 6k Abd. 


beher, wecbaefakd mit Reg«n 


kalb bedeckt 


34 


1» 


- 


2 5V,*Morg. 


beher 


bnter 


31 



130 



2. 6k Abi 



keher 



iKitar 



31 



Auf Grund der vorstehenden Origind - Aufzeichnungen 
werden in der folgenden Tabelle die Maxima und Minima der 
Durchsichtigkeit zunammengesteUt mit den Daten Ober die nSchst 
vorhergegangene Witterung, worunter in der Regel jene des Vor- 
tages zu verstehen ist. 

Tabelle IL 



Monate*) 



Vorhergegangene 

Witterung 
beim Maximum 



Vorbeigegangene 

Witterung 
beim Minimum 



December 


1896 


Jftimer 




Februar 




Man 


QC 


April 




Mai 





(Maximnra 8*7 und 8*8) 

heiter 

(8-4 und 8-6) 

heiter und halb heiter, 

kein Regen 

(8-4) 

heiter und trüb wechselnd, 

ohne Regen 

(7-4) 

trüb, Schnee und Regen 

(3-9) 

Regen, dann Heiterung 

(3 8) 

Regen, trüb, ganz oder halb 

bedeckt 



(Minimum 7*7) 
Schnee und Regen 

(8-0) 
SchneefaU 

(7-4) 
Schnee und Regen 

(3-4) 
dann halb bedeckt 

(3-7) 
Regen, dann Heitemng 

(2-4) 
Regen 



*) Die Monate sind aus zwei verschiedenen bürgerlichen Jahren (1896 und 
1897) genommen, weil die Beobachtungen im Juni 1896 begonnen und im Mai 1897 



75 





Vorhergegangene 


Vorhergegangene 


Monate 


Witterung 


Witterung 


1 [ beim Maximum 


beim Minimum 


Juni 


(3-4) 


(3-0) 






heiter, wechselnd mit Regen 


Regen 


JuU 




(4-2) 


(3-0) 






regnerisch, dai.n Morgennehel 


Regen, dann heiter 


August 




(40 und 41) 


(2 2) 




Gewitterregen, dann 


starke Regengüsse, 




cc 


halb bewölkt 


See ausgetreten 


September 


T-l 


(4-8) 
ziemlich heiter, dann Trübung 


(3-4) 






und Gewitter 


Regen 


Oetober 




(6-6) 


(4-6) 






heiter oder Nebel 


bedeckt 


NoTember 




(8-8) 


(7 4) 






heiter 


Nebel, dann Regen 



Es folgt nun eine Zusammenstellung der Extreme nach 
Monaten und Jahreszeiten mit beigesetzten Temperaturen und 
Niederschlags-Summen. Als geeignet, mit den Durchsichtigkeits- 
zahlen in Beziehung gesetzt zu werden, können wohl nur die 
Temperaturen des Wassers, u. zw. weder jene der blossen 
Oberfläche, noch jene der ganzen Wassersäule, sondern die 
Temperaturen einer Wassersäule betrachtet werden, die von der 
Obarfläche bis zur durchschnittlichen Grenze der Durchsichtigkeit 
des einzelnen Sees reicht. Diese ist hier in ca. 5 Meter Tiefe. In 
der folgenden Tabelle sind daher die Durchschnitts-Temperaturen 
jener Wassersäule angesetzt, die im freien tiefen See von der Ober- 
fllcbe bis zur Wasserschichte von 5 m reicht. Das Nähere hierüber 
£algt im Abschnitte über die Temperatur des Sees. 



December 
Jänner 



TabeUe m. 

a) Nach Monaten. 

Extreme der Temp. der 

Durchsichtigkeit Wasser^chichte 

Differenz bis 5 m Tiefe Niederschlag 

77— 8-8 VI 6-98 30 

8 0-8-5 5 4-98 28 



Wcadigt wurden. Um nun hier die Beziehung zwischen der DurchRichtigkeit and 
^tm Charakter der Monate nach der Reihe der natürlichen (physischen) Jahres- 
discatiren und mit einem Wintermonate beginnen zu können, wurde die 
Anordnung gewählt, welche bei der Discussion über den Gang der 
TcDperator nicht passend wäre, hier aber zulässig ist. 





Extreme der 
Dorchsichtigkeit 


Temp. der 

Waaaerschichte 

Differenz bis 5 m Tiefe NiedencUag 


Februar 


7-4-8-4 


10 


ii2 


201 


März 


3-4— 7-4 


40 


511 


218 


April 


3-7— 3-9 


0-2 


6-63 


139 


Mai 


2-5—38 


1-3 


9-37 


290 


Juni 


30—3-4 


0-4 


8-45 


133 


JuU 


3-0-42 


1-4 


11-02 


259 


August 


2-2—41 


1-9 


1204 


366 


September 


3-4— 4-8 


1-2 


11.57 


225 


October 


4-5-6-5 


2-0 


— 


60 


November 


7-4-8-8 


1-4 


8-58 


51 


b) Nach 


astronomischen 


Jahreszeil 


ten. 


Jahreszeiten 










Winter 


7-4-8-8 


1-4 


Mittel nnd Sammen können 


Frühling 
Sommer 
Herbst 


2-5—7-4 
2-2—4-2 

3-4— 8-8 


4-4 
2-0 
54 


hier nicht eingesetst werden, 
weil die Monate «wei ver- 
schiedenenJahren angehören. 



Hier gilt die gleiche Be- 
merkung. 



c) Nach loealen physischen Jahreszeiten. 
l^jcAle Jahreszeiten 

Winter: Nov. -Febr. 7 4— 88 1*4 

Frühling: März— Mai 2-5— 7*4 49 

Sorjimer: Juni — August 2 2 — 42 20 

Herbst: Sept. u. Oct. 3-4— 65 31 

Aus diesen Tabellen ergibt sich, dass am Hallstätter-See der 
Grad der Durchsichtigkeit wesentlich von der Zufuhr oder dem 
Mangel trübender Sinkstoflfe abhängt, die je nach der Wasser- 
fiiljrung der Zuflüsse mehr oder minder reichlich in den See ge- 
Ungeu — ein Resultat, das eigentlich selbstverständlich ist, weshalb 
es sich bei unseren Beobachtungen nur um Constatirung bestimmter 
Zahlen innerhalb des Rahmens jener generellen Regel handeln konnte. 
Aus den Tabellen I und II ist ersichtlich, dass die niedrig- 
sten Durchsichtigkeitsgrade nach vorangegangenem Regen ein- 
traten, die Maxima hingegen zwar vorwiegend, aber nicht immer 
auf einen unmittelbar vorhergegangenen heiteren und trockenen 
Vortag folgten, oflfenbar deshalb, weil e i n heiterer Vortag oft nicht im 
Stande ist, die vorangegangene Trübung aufzuheben, während um- 
gekehrt auch schon ein mäßiger Niederschlag die Klarheit des 



77 

Vtaaers beeiDträchtigt. Es zeigt sich ferner bei der Verfolgung 
der einzelnen Beobachtungstage (Tab. I), dass, wenn die Witterung 
in Beeug auf Niederschlag ähnlich war, auch die Beträge der 
Dorchsichtigkeit nahe übereinstimmten. 

Ans Tabelle TI ergibt sich ferner, dass in den Monaten 
November bis einschliesslich Februar entschieden die grösste 
Durchsichtigkeit, und zwar nicht nur mit den höchsten Maximis, 
{8*7 — S'S), sondern auch mit den seltensten und unbedeutendsten 
Minimis (7*4) herrschte, so dass die letzterenden ersteren sehr nahe 
kamen. 

Im März herrschte anfangs noch die grössere Durchsichtig- 
keit des Winters vor, es machte sich aber nach der Mitte des Mona- 
tes immer mehr die an den unteren Gehängen beginnende Schnee- 
schmelze und der Eintritt von Frlihlingsregen geltend, so dass 
dann Minima von circa 3*5 Meter erschienen. 

In den vorwiegenden Schmelzmonaten April und Mai und in 
den Monaten der reichlichen Sommerregen bis anfangs September 
erreichen die Maxima nur mehr 3*4 — 4*2 und treten Minima bis 
zu 2-2 auf. Im October steigen die Maxima bis 6*5 und nähern 
sich diesen die Minima (4'o), so dass bereits ein Uebergang zum 
winterlichen Charakter erkennbar ist. 

Die Abhängigkeit der Transparenz von der Wasserführung, d. h. 
von der Detrituszufuhr der Zuflüsse, also mittelbar vom Gange der 
Niederschläge und der Schmelzwässer, zeigt sich noch übersicht- 
licher in Tabelle III. Der grössten Niederschlagshöhe von 366 mm 
(August 1896) entspricht das Minimum der Durchsichtigkeit mit 
2^ m, der nächstniedrigeren Regenmenge von 290 mm (Mai 1897) 
entspricht das zweitniedrigste Minimum der Transpaienz mit 
2'b m u. 8. w. 

Hingegen erscheinen mit den niedrigsten Niederschlagsmengen 
von 28 — 51 mm (November — Jänner) die höchsten Transparenz- 
zahlen 7*4 — 8'8 in fast gleichem Betrage innerhalb aller drei 
Monate, sowie Minima, die vom Maximum nur um 0*5 — 1*4 m ab- 
weichen, also eine nahezu gleichförmige ungestörte Durchsichtigkeit. 

Dieselbe Tabelle zeigt auch, dass sich aus unseren Beob- 
achtungen eine directe Abhängigkeit der Transparenz von der 
Temperatur nicht nachweisen lässt. Ungeachtet der bedeutenden 
Steigerung der Temperatur vom Juni (8'45®) auf Juli (11-02^) 
bleibt die Durchsichtigkeit in beiden Monaten nahezu die gleiche, 
die Verminderung im August trifft zwar mit der Steigerung der 



T^BfKnsxr« aber waek mh iem Maxestis ier X k A eiwJi l^e 
THHmiif^ ^: jcr X:xemoer b£s cer ToKpcfatiir twi 6^iS* erröeht 
»ICH aa&tfza £s gSeKS^e Trafa reajgeiSai e wie Aer Febrmar hd 

F:^ «ri li^A ÜLm aiLi-tr» B^:ba^&2er kaä^x eae Sektion 
x«%n«e ier T^BLp<^r^t:ir mxti cer D Meiitftfe dgkcii g^iraden 
SS kkb«! Teraec&t. S: fä^irt F:-reI fxr -i^s SoaKCfiialbjalir 
I>nef.»w*fcr 2k«t!er».ie tcc 5rZ m — r2 «i- Ar die WiBtnszeit 
Tm lirf « — Ib-im azu «ci da der Wimter kiher m ak der 
S^ouBer. K&ISc^t er darass^ c^a& die I>crcfaäcfctxskelt skii xnr 
^€asf0ST»tmT verkefert TenUui- 

$*'AuLZ^ der is»>Iirte Eir^ss der Temperatur auf die 
ZNreimdktigkeä — abo unter Anseiiliiis ^»fiecürter and trüben- 
der Sobitaiizes — mekt an teDviic&ea Gew^senu insbesondere 
an Seen, exact nack^viesen ist. ^nbe ick n^k dieser Ansiebt 
^ einer aügeoiefn gdLen S3 lenieii nieht aaschfiesien« viebnekr 
die ünaebe der werh^ebiJen Doreksicktfgkeit dem mit den 
J^kreazeiten wei-kie'nden Gekahe aa saspendirten organiaeken 
vzd anior^araniicHen Bestan^itkeüea all^n, oier doek im wdtaos 
Torwi^lgenden Mafie zojckreiben za sollen. Wo, wie in Oe- 
W]g*l2adeni Üittel-Earopa'äw die Gewisser im Winter am 
w>?9i^iten Detritus in den See fakreD, Tcrsteht es sick ron selbst, 
da« darn aaek diese btzteren am dnrcks^cktigsten aind, wikrend 
« sieh im S.mmer nmgekekrt Terhält. Wo hingegen der Winter 
m^kr als der Sommer Regengüsse und Detntus-Zafakr bringt, 
T^kebrt sick aaek das Verhältnis zwiscken Jakreszdten und Durcb- 
siebtigkeEt. Das ist z. B. der Fall an der Adria, wo im Winter 
abwechselnd mit Bora häofige und eopidse Siroccal-Regen fallen, 
während der Sommer sehr vorwiegend trocken ist. So habe ich 
ISÖS nnd 1859 im Qnarnero gefunden:') 

Monate IS5S Daitlisickt%keit in 

gauxea Metern 

Februar, März, April ......... 8—14 

Mai 16 

Juni bis (incl.) September 20 — 24 

October bis December 10 — 12 

^) Vergleiche ,PbTsikaliscbe VerhUtnine etc* pag. 89, im ansf&hrlicherer 
Tabelle luter Brdjetxim^ der Wittercm;. Dabei ist bemerkt, da» die Minima 
b«i oder nadi Siroccal- Wetter, die Maxima bei oder nach längerer Trockenheit 
stattfanden. 



r 



79 

Durchsichtigkeit in 
ganzen Metern 
1859 

Jänner bis April 8 — 12 

Mai, Juni 16—18 

Juli bis September . 20 — 24 

October bis December 2—8 

Man darf also die Durchsichtigkeit nicht nur einfach zu den 
vier Jahreszeiten, sondern besser zu den Regenzeiten und Trocken- 
zeiten ins Verhältnis setzen. 

Dass ein beiläufiger Parallelismus zwischen Durchsichtig- 
kdt und Temperatur in unserem klimatischen Gebiete auch dann 
erscheinen muss, wenn eine directe Abhängigkeit der ersteren 
Ton der letzteren nicht bestände, ergibt sich aus dem Zusammen- 
treffen unserer Regenzeit mit den hohen Sommertempera- 
turen ; Zusammenstellungen der Durchsichtigkeitsgrade mit den 
Temperaturen sind also für Seen mit tellurischen Zuflüssen in 
unseren Gegenden nicht concludent; man müsste den Einfluss 
der Temperatur von jenem der trübenden Niederschläge sondern. 
Wild hat allerdings den Einfluss der Temperatur auf die Durch- 
sichtigkeit des reinen Wassers nachgewiesen und gezeigt, dass 
wärmeres Wasser mehr Licht absorbirt, mithin weniger durch- 
iichtig ist, als kälteres; in unserem Falle überwiegt jedoch 
offenbar der Einfluss der suspendirten Substanzen so sehr, dass 
icner der Temperatur hier kaum messbar sein dürfte. 

An tellurischen Wässern der freien Natur könnten giltige 
Messungen für die vorliegende Frage auf verschiedenen Wegen 
ermöglicht werden, die uns aber hier nicht zugänglich sind. Man 
könnte £. B. ein künstliches oder natürliches Wasserbecken im Freien, 
welches von Schwankungen der Reinheit und Trübung frei ist und 
nur bezüglich der Temperaturen variirt, herstellen oder benützen ; 
man könnte Seen, an denen die Zeit der reichlichsten Nieder- 
schläge und überhaupt trübender Zuflüsse nicht mit der Zeit der 
höchsten Temperaturen zusammenfällt, fortlaufend beobachten; 
endlich könnte man aus einer grossen Anzahl von Seen und lan- 
gen Beobachtungsreihen jene Fälle excerpiren, in denen mit Aus- 
nahme der Temperaturen alle anderen hier in Betracht kommen- 
den Einflüsse, also insbesondere die Zufuhr trübender Substanzen, 
gkkh waren (kaum erreichbar!). Wenn ich mich aber hier auf 



» 



L 



80 

den Hallstätter-See beschränke; kann ich nur berichteD, dass 
ausser der Zufuhr oder dem Mangel an trübendem Detritus nach 
unseren Beobachtungen kein anderer Einfluss auf die Durch- 
sichtigkeit zu erkennen war, und hier auch zukünftig kaum ein 
anderer nachzuweisen sein dürfte. 

Die hier notirten Grade der Durchsichtigkeit sind weit 
geringer als jene, die von manchen anderen Seen bekannt ge- 
worden. So fand Forel im Genfer-See wiederholt eine Durch- 
sichtigkeit bis zu 15 ni. 

Ich habe im Quarnero oft eine Durchsichtigkeit von 20— 24 m 
gefunden (allerdings zeitweise nur 4 w); die Pola- Expedition hat 
im Mittelmeer auch Durchsichtigkeitsgrade bis 30 m beobachtet. 

Hiezu füge ich nun noch einige Bemerkungen allgemeinerer Art. 

Die üblich gewordene subjective Messung der „Durchsichtig- 
keit" erscheint überhaupt bei näherer Erwägung als wenig ge- 
eignet, objective, in der Natur herrschende gesetzmäßige und 
falgenreiche Beziehungen klarzustellen. Aus welchen Tiefen ein 
menschliches Auge noch einen Eindruck empfangen kann, das 
rat gewiss ein nur auf Umwegen und mit geringer Exactheit 
functionirendes Maß für die Lichtwirkungen, welche im Wasser 
stattfinden ; wir können dadurch nicht erfahren, wo es unten hell, 
dämmerig oder finster ist. Solche Wirkungen im objectiven 
Sinne können besser durch lichtempfindliche und die Lichtwirkung 
registrirende Substanzen erforscht werden, also durch die bereits 
bekannten und vielfach angewendeten Apparate mit lichtempfind- 
lichen Platten, die in verschiedene Tiefen versenkt werden und 
den in der Tiefe empfangenen Lichteindruck festhalten. Apparate 
dieser Art anzuwenden war mir nicht vergönnt, und ich blieb 
beschränkt auf die Scheiben-Methode. Was an den so erlangten 
Resultaten einiges Interesse wenigstens mittelbar erregen kann, 
ist einerseits die Forschung nach den Ursachen der wechselnden 
Durchsichtigkeitsgrade, anderseits die Beziehung der Durchsichtig- 
keit zur Farbe des Wassers. Diese letztere Frage wird im 
folgenden Abschnitte näher erörtert; über die erstere lässt sich 
mit Beschränkung auf unseren See das Folgende sagen. 

Als Fluss-See der Traun, und überdies beeinflusst von den drei 
genannten grösseren Bächen, welche meist gleichzeitig und beson- 
ders im Sommerhalbjahre, zwischen Schneeschmelze und bleibender 



81 

Sclmeedecke, zeitweise mehr oder minder stark getrübte Wasser- 
massen nebst Caltorabßillen bringen, hat unser See eine sehr 
wechselnde und vorwiegend nur geringe Durchsichtigkeit. Die 
schon erwähnten Strömungen vertragen den Detritus weithin über 
den See, der directe, schon von weitem erkennbare Trlibungsrayon 
d€r Traun allein erstreckt sich nicht selten bis zur Linie Hallstatt- 
Haltestelle oder auch Hallstatt-Eckl über die ganze Breite; 
Mfililbach, Gosau-Ach und Slanbach contribuiren dann weiterhin 
bis zum unteren Ende des Sees. Bei jedem Regen kommen 
noch die zahlreichen Gräben wässer mit dem verschiedensten 
Detritus dazu. Nur selten und hauptsächlich im Winter kommt 
daher eine grössere Durchsichtigkeit selbst in der Mitte des Sees 
TOT. Im regenreichen Sommer 1896 habe ich sowohl im Juni als 
im August wiederholt nur eine Durchsichtigkeit von 2 — 3 m ge- 
fanden; nach den bekannten Begengiissen Ende Juli 1897 war 
der See bis in den August hinein milchig trüb und kaum bis zu 
1 m durchscheinend. 

Vom fachlichen Standpunkte wäre es geboten, den Grad 
der Durchsichtigkeit mit der Art und Menge der jeweils suspen- 
dirten Sinkstoffe ziff er mäßig in Beziehung zu setzen; ich konnte 
aber meinerseits mit Rücksicht auf die zahlreichen anderen, mir noch 
wichtiger scheinenden Beobachtungen und auf die verfügbaren 
Mittel diesen Gegenstand nicht weiter verfolgen, der am besten 
mir von Personen behandelt werden kann, welche ständig an 
einem See wohnen und daselbst zugleich ein Laboratorium zur 
Verf&gung haben. 

Ausser dem grösstentheils anorganischen Detritus, den die 
Zuflüsse bringen, kommt für den Grad der Durchsichtigkeit auch 
die Menge der im Seewasser suspendirten oder schwimmenden, 
theOweise auch nach Jahres- und Tageszeiten auf- und absteigenden 
Organismen, das sogenannte „Plankton" oder der „limnische 
Aoftrieb" in Betracht. Diese Organismen, von denen im organo- 
^phischen Abschnitte eingehender gehandelt werden soll, sind 
theils mikroskopische Algen, lebend oder in Zerfall begriffen, theils 
kleine und kleinste Wasserthierchen in verschiedenen Stadien 
der Entwicklung sammt ihren Exuvien. Es ist gleichsam ein 
mehr oder minder loses durchscheinendes Gewölk, welches die 
Gewisser durchschwärmt und bei dichterem Gedränge die Durch- 
sichtigkeit vermindert. Eingehendere Beobachtungen hierüber sind 

Jß«b, et k. k. Gtogr. Qhb. 1898. l. n. ?. $ 



gl 

unter anderen bei der biologuchen Stauion am .Pidner-See'' ^) 
im Gange, and es mage hier bwpiekweise angefahrt werden, was 
d^rt Directar O. Zacharias za einem bestimmten Zeitpunkte 
bierCtber beobachtet hat. 

Da» Plankton im grossen Plöner-See bea»teht von März bis 
gej^en Ende April sehr vorwiegend aa;s F&den von Melodra- Arten 
(einer Bacillariacecn-Gattang). Zar Zeit der aj^igsten V^etation 
der Melofiren, am 7. ApriL betrug die Dardtöiditigkeit nur 4*75 m, 
dagegen kurz vor dem Erlöschen der Melosiren 6'25 m ; es kommt 
alio eine Differenz von 2^25 m auf Rechnung dieses Plankton, wenig- 
«teoä Dach AuffasBung von Zacharias. Im December, während der 
winiertiehen Verminderung des gesammten Plankton, wurde sogar ein 
Durebaichti^eitsgrad von 8*75 m gemessen, wasgegenftber dem oben 
erwähnten April-Minimum einen Untersdiied von 4*75 m bedeutet 

Ich habe nun sowohl im oberen als im unteren Hallstätter- 
See im Juni, August und September das Vorhandensein von Plank- 
tonsch wärmen constatirt und das cubische Verhältnis zwischen 
Was^ermasse und Planktonmasse gemessen. 

E6 geschieht dies bekanntlich dadurch, dass man den conischen 
Plankton-Netzsack aus Müller-Gaze mit bekanntem Durchmesser 
seines steifen Randreifens entweder horizontal oder vertical durch 
eine bestimmte Anzahl von Metern im Wasser zieht, wobei ein 
Waasercylinder durchfischt wird, als dessen Basis die vom Rand- 
reifen umgrenzte Fläche, und als dessen Länge die dorchfischte 
Anzahl von Metern zu betrachten ist. 

Mein Netzsack hatte einen Randreifen von 2b cm Durch- 
mciiser, also eine Auffangöffiaung von 490*63 cm^\ die Länge wurde 
bei den Horizontalfängen nach Ruderschlägen berechnet, nachdem 
vorher gemessen war, wie viele Meter je ein Ruderschlag ausgab. 

Die im conischen Zipfel des Netzes angesammelte Plankton- 
masse wird in einen cubirten Messcylinder überti'agen, setzt sich 
dortj durch Beigabe von Formol getödtet, aus dem beigegebenen 
Walser ab, und nachdem ein weiteres Zusammensinken dieses 
Bodensatzes nicht mehr stattfindet; liest man sein Volumen am 
Messcylinder ab. 

So z. B. betrug bei einer zweirädrigen Plätte ein Ruder- 
scblag 4 m\ das Netz wurde durch 64 Ruderschläge horizontal 
dicht unter dem Wasserspiegel gezogen; die Länge des Wasser- 
cylinderö war also 260 w. Die vom Randreifen umschlossene 

^) „Fonchungsberichte aus der biologischen Station zn PlOn' Ton Dir. 
O. ZAcborlas. in. TheU. BerUn, 1896, pag. 109. 



83 



AuKangOäche, zugleich Grundfläche des Wassercylinders, hatte 
A90*63 cm^y der Cubikinhalt dieses Cylinders betrug demnach 
12,756.000 ciw' == 12' 756 m^; das daraus gesonderte Plankton 

(rund den sechsmillionsten Theil) 



maß 0-5 cm» oder ^ 3^^ ^ 

des durchfischten cylindrischen Wasservolumens, oder 
d^selben. 



63.700 



Procent 



Ausser dieser volumetrischen Methode werden noch zwei 

.andere angewendet, die Zählmethode und die Wägung, welche 

beide aber in Bezug auf das, was sie nach ihrer Bezeichnung 

Tcrsprechen, verhältnismäßig weniger leisten als die Volumetrie. 

Ich habe im Halbtätter-See im Ganzen 11 Plankton-Züge 
uQtemommen, welche vorläufig nur den Zweck hatten, zu con- 
statiren, ob sowohl im oberen als im unteren See Plankton vor- 
kommt und in welcher wesentlichen Zusammensetzung. 

Von diesen 11 Zügen ergaben drei, ein verticaler und zwei 
horizontale, zu Anfang des Monates Juni im kalten Sommer 
1S96 keine Ausbeute; die Fänge der übrigen 8 Züge, im 
September 1894 und August 1896, lieferten gut messbare 
und bestimmbare Mengen von Plankton, wovon 4 nach der 
volumetrischen Methode behandelt wurden. Hier sollen vorläufig 
nur die volumetrischen Percentverhältnisse zwischen Plankton und 
durehfischtem Wasserkörper angeführt werden. 





Gemessene Horizontal&ng 


B. 




1 


Datum 


Länge 


Öubik-Inhalt 


c 


Plankton 
in % des 
Wasser- 
Volumens 
(Cylinders) 


^1 

II 

CO 




des durchfischten 
Cylinders 


m \ m^ 


m 


' 1 


1S96 
19. Aogfust 
Vonnittags 
Oberer See 


260 


12-77 


06 


000000392 


2-53 


, « 


20. August 
Abend! 
1 Oberer See 


160 
360 


7-86 


40 


0-00005089 


20 


3 


: 29. Auffust 

VoriDittags 

(Joterer See 


17-68 


10 


0-00000566 


30 


Gemessener Verticalfang, 


4 


29. August 
Vormittags 
Unterer See 


20 


0-98 


0-6 


000006122 


3-0 



84 

Wenn wir aus diesen wenigen Daten hier nur dasjenige 
deduciren, was die Beziehung zwischen Plankton und Durch- 
sichtigkeit betrifft und die biologischen Beziehungen dem betreffenden 
Abschnitte vorbehalten, so sind folgende Punkte hervorzuheben: 

1. Plankton findet sich im oberen und im unteren Hallstätter- 
See in wechselnden, immer jedoch unbedeutenden Mengen ; 

2. in der verticalen Wassersäule von nur 20 m Höhe (Nr. 4) 
findet sich eine beiläufig halb so grosse absolute Menge von 
Plankton, als gleichzeitig in dem 360 tn langen horizontalen 
Wassercylinder (Nr. 3), und relativ, d. h. auf gleiche Länge reducirt, 
ist die Planktonmasse zwischen der Oberfläche und der Tiefen- 
schichte von 20 m rund llmal dichter als unmittelbar unter 
dem Wasserspiegel; 

3. ungeachtet des sehr ungleichen Planktongehaltes der drei 
Fänge 1 — 3 war die Durchsichtigkeit nahezu die gleiche. 

Dass die untereinanderliegenden Schichten von Plankton 
selbst bei sonst klarem Wasser auch in diesem See einigen Einfluss 
auf die Durchsichtigkeit üben können, ist zwar a priori nicht zu 
bezweifeln; constatirt konnte jedoch dieser Einfluss bisher nicht 
werden, da es nicht gelang, für die Planktonfänge einen Zeit- 
punkt zu finden, zu dem der See auch nur einigermaßen klar 
und frei von anorganischen Sinkstoffen war, wie die in der 
vorstehenden Tabelle erscheinenden Durchsichtigkeitszahlen zeigen. 

Hier sollte nur vorläufig die Anregung gegeben werden, 
diesen Gegenstand in Verbindung mit anderen limnologischen 
Forschungen auch in unseren Alpenseen weiter zu verfolgen, als 
es in den Grenzen der mir gebotenen Zeit, Mittel und Mitarbeiter 
möglich war. 

Farbe des Sees. 

Hier handelt es sich nur um die Ei gen färbe des Gewässers 
mit Ausschluss aller directen Beflexion, Spiegelung des Himmels 
oder der Ufer, Heraufscheinen einer ausgesprochenen Farbe dea 
Grundes oder der Vegetation vom seichten Grunde u. s. w. 

Man beobachtet die Eigen färbe, indem man auf der Schatten- 
seite eines nicht grell angestrichenen Fahrzeuges lothrecht auf 
das Wasser hinabsieht. Nur auf diese Art werden vergleichbare 
Resultate ermöglicht, während bei voll beleuchteter Wasserfläche, 
sowie vom Lande aus, je nach Entfernung und Höhe, also, nach 
wechselndem Gesichtswinkel, sehr verschiedene Farben -Effecte 



t 



85 

wahrgenommen — oder besser gesagt Mschgenommen — werden, so 
daas insbesondere eine blaue Farbe oft Gewässern zugeschrieben 
wird, die an sich nicht einmal einen Siich ins Blaue besitzen.^) 

Um nun unter Beobachtung dieser Vorsicht möglichst exacte, 
von subjectiven Fehlern möglichst freie Daten über die Farben 
tellttrischer Gewässer zu erhalten, bedient man sich nach Forel's 
VorBchlag einer Art von Titrir-Methode, indem die Farbe der 
Gewässer mit den Farbenabstufungen bestimmter Flüssigkeits> 
misehungen Terglichen werden, die man überall leicht und sicher 
in ganz gleicher Weise herstellen kann. 

Da es sich bei Meeren und Seen in der Regel nur um Varie- 
täten von Blau und Grün handelt, hat Forel zwei Stammflüssig- 
keiten gewählt: ein reines Blau (1 g Kupfersulfat und 9 g Am- 
moniak in 190 Theilen Wasser) und ein reines Gelb (1 g Kali- 
chromat in 199 Theilen Wasser). 

Indem zur blauen Stammlösung mehr und mehr von der 
gelben zugesetzt wird (0 = nur blau, 1 = 99 Theile blau und 
1 Theil gelb u. s. w. bis 11, worin 50 Theile blau und 50 Theile 
gelb), entsteht eine Scala von 12 Abstufungen, deren letzte schon 
stark ins Gelbgi'ün spielt. 

Die Beobachtungsweise besteht darin, dass man abschätzt, mit 
welcher der zwölf Vergleichsflüssigkeiten die Farbe des Gewässers 
am nächsten übereinstimmt.^ 

Die Frage der Gewässerfarben erweckt begreiflicherweise 
lebhaftes Interesse in weiteren Kreisen, kann aber bei näherer 
Erwägung nicht als besonders folge wichtig erscheinen. 

Wichtiger als die Farbenwirkung des vom Wasser nach oben 
dispergirten Lichtes wäre die Frage nach der Farbe des in die 
Tiefe gelangenden Lichtes, unter dessen Einfluss die Organismen 
der verschieden tiefen Wasserschichten stehen, und nach der 
letzten, der abjssalen Finsternis vorangehenden Dämmerungs- 
ferbe. Hierüber sind jedoch, bis zahlreichere Beobachtungen 
mit Faibenfiltem vorliegen werden, nur Schlussfolgerungen 
m^Uch und am wenigsten wäre die Schilderung eines ein- 
JBelnen Sees die geeignete Stelle, um eine diesbezügliche Theorie 

^) Uitsher gehört u. a. die ^blaue Donaa*' ; sie erscheint, obwohl eigentlich 
gnn geflrbt, ▼om Eahlenberg ans nur blau, wena sich blauer Himmel darin 
spiegelt 

*) YergU auch: Berichte der Commission fUr Erforschung .des Mittelmeeres. 
I Beihe, S. 21, n. Reihe, S. 8» und 90. 



86 

auszuspiDDen.^) Ich beschränke mich also hier, der allgemeinen 
Uebung folgend^ auf die Frage der von oben wahrnehmbaren 
Farben des Seewassers, und erörtere zunächst den Wert der er- 
wähnten Beöbachtungsweise nach Forel für die Seeforschung. Da 
habe ich denn gefunden, dass diese Scala für den Hallstätter-See 
(und wohl auch für die meisten entschiedenen Fluss-Seen) 
keine brauchbaren Resultate geben kann. Die vollkommen klaren 
Vergleichsflüssigkeiten Forel's sind so verschieden von den stets 
mehr weniger getrübten und gebrochenen, im besten Falle 
mehr satt erscheinenden Farben des Sees, dass ein Aequipariren 
kaum annähernd möglich wird. 

Ich habe daher versucht, einige Uebereinstimmung dadurch 
herzustellen, dass ich eine grössere Blechplatte grau — mit der 
Farbe des Grundschlammes (und zugleich der summirten schwe- 
benden Sinkstoffe, aus denen der Qrundschlamm hervorgeht) — 
und eine andere bräunlich- grün, d, i. mit der Farbe der vorwiegen- 
den Grundvegetation von Characeen und Potamageton- Arten, an- 
streichen Hess, und das gläserne Parallelepiped mit der Vergleichs- 
flüssigkeit bei der Beobachtung über die eine oder die andere dieser 
Platten hielt. Dabei kam allerdings eine grössere Uebereinstimmung 
heraus, aber ich kann nicht eine bestimmte chemische Zusammen- 
setzung der Oelfarben jener zwei Platten behufs allgemeiner ver- 
gleichbarer Anwendung bekanntgeben. Diese Art von Comple- 
tirung der Vergleichs-Objecte wäre wohl weiter zu verfolgen,*) 
eventuell auch die reine Scala noch wesentlich zu vervollständigen. 

Für diese Vervollständigung wären etwa folgende Gesichts- 
punkte in Betracht zu ziehen. Vor Allem ist zu erwägen, dass 
nicht nur bei Farben überhaupt, sondern insbesondere bei den 

^) Ich habe das versacht an dem mehrcitirten Werke : „PbjsikaliBche Vw- 
hältnisae des Quarnero** S. 92, wonach die letzte Dämroening ein fahles schwa- 
ches Gelb zeigen wttrde, indem alles Blau snccessive nach Oben dispergirt wäre 
und nur Qelb zurückbliebe. Forel glaubte die Sache dadurch zu entsoheiden, 
dass er im Qenfer-See, dem eminent blauen, untertauchte (wie tief?), wobei er • 
sich von blauem Lichte umgeben fand. Diese Probe scheint mir nicht ent- 
scheidend fttr die Frage der Farbe des letzten Dämmerlichtes in grosser Tiefe. 

^) AuchPfofessor Luksch hat bei der Anwendung der ForePschen Scala im 
Mittelmeere Schwierigkeiten gefunden und zu allerlei completirenden Mitteln 
(Unterlage von weiss, schwarz, Uebereinanderlegen zweier Vergleichsflilflsigkeiten, 
Nebeneinanderhalten zweier derselben, zwischen denen die Farbe des Wassers 
zu liegen schien) greifen müssen, ohne ganz befriedigt zu sein. (Vergl. den oben 
citirten Bericht II. Reihe.) Auch die mit der Zeit eintretende innere VerSnderang 
der Flüssigkeiten hat Bedenken erregt. 



87 

Farben des Wassers zweierlei Unterschiede maßgebend sind: die 
Art (Nuance) und der Grad (dunkler, heller, satter, wässeriger). 
Die Farbe des Saphirs z. B. ist ein eben so reines Blau wie jene 
des Azurit öder der Forel'schen Lösung Nr. 0, aber selbst bei 
gl^bem Grade der Helligkeit sind die Farbentöne ihrer Art nach 
verschieden. Umgekehrt gibt es dunkle und helle Saphire u. s. w. 
Bezflglich der Art der Farbentöne sind wieder zu unterscheiden 
die satten, der Deckfarbe angenäherten, wie jene des Laznlit, 
Türkis, Malachit, von den mehr wasserhellen, durchsichtigen, wie 
Azurit, Saphir, Smaragd, Beryll; und alle diese Verschiedenheiten 
kommen doch an den Gewässern vor. 

Die ForeFsche Scala aber hat nur eine einzige rein blaue 
Grandfarbe (Nr. 0), mit der sieh weder ein dunkleres noch ein 
stark wasserhelles, weder ein Indigoblau noch ein Türkis- oder 
BeryUblau innerhalb der Scala vergleichen lässt, und daher fehlt 
in dieser auch eine Reihe grüner Nuancen, die doch an Gewässern 
erscheinen, wie die Farben des Heliotrop, Serpentin, Chrysopras u. a. 

Dieser Mangel steht im Zusammenhange mit dem Princip 
Forel's, wonach alle Farben seiner Scala eine einzige continuirliche 
Reihe bilden sollen. 

Die Natur verlangt hingegen mehrere parallele Farbenreihen, 
die untereinander nach der Art verschieden sind, während inner- 
halb jeder Reihe die verschiedenen Grade auftreten. 

Es würde sich also darum handeln, zwei oder drei blaue 
Stammflüssigkeiten herzustellen, dann von jeder derselben mehrere 
Verdfinnungsgrade festzusetzen, und erst die so erzeugten Ab- 
stufungen sowohl für sich in die Scala aufzunehmen, als auch mit 
verschiedenen Percenten der gelben Stammflüssigkeit zu mischen. 
Ob auch diese letztere für sich zu variiren wäre, müsste experi- 
mentell ermittelt werden; ebenso, ob mit Unterlagen von schwarzer, 
weisser oder von einer chemisch in immör gleicher Weise her- 
zostellenden grauen Farbe nachzuhelfen wäre, um die Scala in 
Uebereinstimmung mit den natürlichen Farben der Gewässer zu 
bringen. 

Auf diesem Wege nähert man sich aber der bereits bestehen- 
den Farben-Scala von Radde.*) Diese ist zusammengesetzt aus 
42 Streifen, je etwa 20 cm lang und 1*8 cm breit, die zusammen- 
legbar wie aufgezogene Karten mit einander verbunden sind. Jeder 

^ Radde'fl internationale Farben-Scala. 



88 

der fortlaufend numerirten Streifen (1 — 42) ist in 21 Querfelder 
getheilt^ welche Nuancen einer und derselben Haupt- oder Misch- 
farbe darstellen und von a bis v bezeichnet sind. Es sind also in 
dieser Scala 882 Farben-Nuancen repräsentirt. Ein opaker Schieber 
mit einem ausgeschnittenen Fenster von der Grösse eines Querfeldes 
wird so lange auf und ab geschoben, bis im Fenster jene Farbe er- 
scheint^ welche dem zu vergleichenden Objecte entspricht. Man kann 
also mit blos zwei Indicationen, z. B. 30 — s, 45 — t u. s. w., jede 
beliebige Farben-Nuance bezeichnen und dem Leser erkennbar 
machen — vorausgesetzt^ dass dieser auch eine solche Scala besitzt. 
Von den uns hier interessirenden zwei Hauptfarben sind bei 
Radde für Blau 63 und für Grün (mit Unterscheidung von Gelb- 
grün, Grasgrün und Blaugrün) 189 Felder bestimmt. Ungeachtet 
dieser weit gehenden Abstufungen lassen sich doch manche an 
Seen vorkommende Nuancen, so insbesondere die ins Grau ziehenden 
gebrochenen Farben, dann die Unterschiede von opak und durch- 
scheinend (Lasur) nicht constatiren. 

Gerade am Hallstätter-See wären dieseNuancen und Abstufungen 
wichtig. Bei meinen Beobachtungen habe ich denselben niemals blau 
oder auch nur blaugrün gesehen und wohl auch niemand Anderer; 
denn Simony, dessen Aufenthalt dort zusammen mehrere Jahre 
betragen hat, bezeichnet seine Farbe selbst ziu* Zeit der grössten 
Reinheit als dunkelgrün bis schwarzgrün und führt ihn nicht 
unter jenen Seen an, welche wenigstens zeitweise blaugrün er- 
scheinen. Was ich selbst in dieser Beziehung beobachtet habe, 
waren Abstufungen von durchscheinendem Schwarzgrün (Farbe 
des Heliotrop ohne rothe Flecken), Stahlgrün (Strahlstein), Lauch- 
grün (Hornblende), Olivengrün (Olivin). 

Die Vergleichung der Seefarben mit jenen bekannteren Mine- 
ralien im reinen Zustande dürfte sich überhaupt empfehlen, so- 
lange die Forel'sche und die Radde'sche Scala nicht dem wirk- 
lichen Vorkommen in unserem Sinne besser angepasst sind. Schon 
Simony ist zu diesem Hilfsmittel gedrängt gewesen ; er wusste sich 
nicht anders zu helfen, als dass er die Farben unserer Seen mit 
Heliotrop, Chrysqpras, Türkis, Aquamarin, Smaragd verglich, und 
die Leser erhalten durch diese Vergleichungen immerhin eine 
ziemlich zutreflFende Vorstellung, solange es sich nicht um Angaben 
handelt, die vom Stande der Optik exact und eindeutig sein sollen. 

Ich habe nun versucht, eine aus mehreren Reihen bestehende 
Scala zu entwerfen, die aus bekannten Mineralien und international 



89 



recipirten chemischen Farben besteht. Dabei wird vorausgesetzt, 
dass die Mineralien mit ihren normalen, ihrer normalen Zusammen- 
setzung entsprechenden Farbentönen gemeint sind. Das ist nun 
aieht schwierig zu entscheiden bei Mineralien, die zur Gänze 
dne bestimmte, durch eine Formel erschöpfend auszudrilckende 
Zusammensetzung haben, wie Azurit, Dioptas (Kuptersmaragd) 
u, ä. w. 

Wenn dagegen die Färbung des Minerals nur durch wech- 
selnde Antheile, oft nur Spuren einer färbenden Substanz, wie 
Ä. B. durch mehr oder weniger Eisenoxyd, Eisenoxydhydrat, Eisen- 
oxydol oder Nickel, Kupfer u. s. w. bedingt wird, wie es bei vielen 
Silicaten der Fall ist, kann die Stellung des Minerals in der Scala 
nur so gemeint sein, dass dabei das bekannte häufigste und charak- 
teristische Vorkommen angenommen wurde ; also z. B. kein schwach- 
grfiner, sondern der typische dunkelgrüne Heliotrop, kein hochge- 
fllrbter, sondern ein licht apfelgrüner Chrysopras, kein grünlicher, 
sondern ein lichtblauer Türkis u. s. w. Obwohl bei der praktischen 
Anwendung einer solchen Scala beim Beobachter die Kenntnis 
der betreffenden Mineralien und Präparate vorausgesetzt würde, 
dürfte darin kein hinreichender Grund für ihre Ablehnung ge- 
fanden werden ^ denn man kann entweder die nur aus 20 Stücken 
bestehende Typen-Sammlung mitnehmen, oder diese geringe Zahl 
▼on typischen Farben und ihren Trägern sich leicht einprägen, 
worin ich meinerseits, obgleich nicht Specialist in der Mineralogie, 
nicht die geringste Schwierigkeit gefunden habe. Die von mir 
vorgeschlagenen Reihen wären die folgenden, wobei von den 
dunkelsten Tönen ausgegangen wird. 



Blau I 


Grün 1 


lasur 


opak 


blaugrün 


rein grün 


gjelbpjrün 


Azurit 

Kupfer- 
vitriol 

Saphir 

Blaues 
Steinsalz 

Beryll 


Indigo 
Ultramarin 

Lasurstein 
Türkis 


Dioptas 

(Kupferamaragd) 


Heliotrop*' 
Strahlstein 

Smaragd 

Malachit'^ 

Chrysopras® 


Serpentin 

Epidot 

Olivin 
Nephrit 



90 

Conseqaenter Weise sollten auch die grünen Tjpen, sowie 
die blauen nach dem Eintheilungsgrunde „lasur'' oder „opak^ 
unterschieden werden; ich habe jedoch, um die Amsahl der Reihen 
nicht zu vermehren, und wegen der nur kleinen Anzahl der opaken 
Typen fQr Grün die letzteren mit ^ bezeichnet 

Wenn man nun diesen Bezeichnungen nach typischen Mine- 
ralien erforderlichen Falles noch beifügt: phell'' (licht), „dunkel**, 
eventuell „schmutzig^ oder „graulich", „bräunlich* u.s. w., so dürfte 
man für die wirklich vorkommenden Fälle das Auslangen finden. 

Die constatirte Mannigfaltigkeit der Gewässerfarben fuhrt zur 
weiteren Frage nach den Ursachen, welche diesen Erscheinungen 
zu Grunde liegen. Hiebei glaube ich auf eine Unterscheidung^ 
aufmerksam machen zu sollen, die gewöhnlich ignorirt wird. 

Man muss imterscheiden zwischen der Eigenfarbe d e s^ 
Wassers als solchem — H^O — und der Eigenfarbe eines 
bestimmten Gewässers. Die letztere kann selbstverständlich 
nicht unabhängig von der ersteren sein, wird jedoch durch mehr 
oder minder einflussreiche Modificatoren derselben hervorgebracht. 
Die Eigenfarbe des Wassers kann nur eine einzige und einfache sein. 
Die Eigenfarbe eines tellurischen Gewässers hingegen ist eine 
mehr oder minder complicirte Erscheinung. Im Laufe der neueren 
Forschung hat es sich ergeben, dass man zuerst auf die physi- 
kalische Analyse der Gewässer färben verfiel, und erst später 
exacte Studien über die Farbe des reinen Wassers anstellte. 
Ich spreche also auch hier zunächst von den ersteren. 

Die Gewässerfarben konnten und können nur im Grossen 
und am freien Wasserspiegel auf ihre Ursachen untersucht werden; 
hingegen die Farbe des reinen Wassers zu constatireD, war eine Aufgabe 
für Laboratoriums- Versuche. Die Resultate beider Beobachtungsarten 
dürfen, wenn beide richtig durchgeführt wurden, nicht in einem 
unvereinbaren Gegensatz zu einander stehen, sondern können sich 
nur ergänzen. 

Eine systematisch angelegte Beobachtungsreihe zur Erklärung 
der Gewässer färben habe meines Wissens zuerst ich selbst in der 
Adria — im Quarnero — in den Jahren 1856 — 1860 durchge- 
führt, indem ich mit den schon erwähnten Durchsichtigkeits- 
Beobachtungen auch solche über die Farben des Meeres ver- 
band und die Abhängigkeit der letzteren von dem Grade der 
ersteren nachwies. Das Nähere würden die Leser aus meinem 
schon citirten Werke entnehmen; hier recapitulire ich kurz nur 



91 

aoYiel, als mit dem gegenwärtigen Thema in Beziehung zu bringen 
ist; mit der Absicht^ zu weiteren einschlägigen Beobachtungen 
an Süsswasser-Seen anzuregen. 

Wenn die Eigen färbe eines tellurischen Gewässers im 
Freien studirt werden soll, muss dasselbe in einem Zustande be- 
obachtet werden, in welchem keine VerwechsluDg mit der Eigen- 
ferbe einer anderen, dem Gewässer beigemengten (suspendirten) 
oder darin gelösten Substanz stattfinden kann. Das ist nur dann 
der Fall, wenn die obersten Wasserschichten vollkommen klar 
und durchsichtig sind, so dass man einige Meter tief eingetauchte 
Gegenstände noch vollkommen unverändert an Gestalt und Farbe 
wahrnimmt, wie den Grund eines klaren glashellen Baches. Wenn 
b€>i solchem Zustande des Wassers seine Oberfläche dennoch eine 
Farbe zeigt, welche nicht von der Spiegelung des Himmels, oder 
der Ufer, oder vom Herauföcheinen des Grundes abhängen kann, 
so ist diese Farbe nur auf die summirte Dispersion des Lichtes 
aus den zahlreichen unter einander liegenden Wasserschichten, in 
die man sich die Mächtigkeit des ganzen Wasserkörpers zerlegt 
denken kann, zurückzuführen; und das ist eben die Eigenfarbe 
des Gewässers. Ob nun dieses sich in dem oben geforderten Zu- 
stande der Klarheit befindet, wird am besten durch den Grad 
der Durchsichtigkeit erprobt. Von diesem Gesichtspunkte aus- 
gehend habe ich die nachstehend skizzirte Beobachtung gewiss 
nahe an hundertmal angestellt. 

Wenn man eine weisse Scheibe, ein weisses Instrument u. s. w. 
unter den vollkommen blau erscheinenden Wasserspiegel langsam 
versenkt, so erscheint der Gegenstand, von oben gesehen, weiss, so- 
lange die Conturen und auffallenderen Details des versenkten Objectes 
noch sichtbar bleiben ; wenn diese zu verschwimmen oder zu ver- 
schwinden anfangen, erhält das Weiss einen Stich ins Grünliche, 
der mit dem weiteren Versenken sich steigert, bis zuletzt vor dem 
gänzlichen Verschwinden nur ein grünesWölkchen mitten im 
umgebenden blauen Wasser erscheint. Wenn man dann nach dem 
i^änzlichen Verschwinden des Versuchs-Objectes und des grünen 
Scheines wieder aufholt, erscheint abermals das grüne Wölkchen, 
dann der Apparat, von einem grünen Hof umgeben, und diese 
Farbe verliert sich allmälig mit der zunehmenden Deutlichkeit 
der Details in den oberen Wasserschiehten. Die Erscheinung ist 
noch klarer beim Heraufholen als beim Versenken, weil bei 



92 

der Abwärtsbewegung zuerst durcb einige Zeit Luftblasen aof- 
dt^igen, welche den reinen Eindruck stören. 

Diese Beobachtung habe ich nicht nur im Qaamero, sondern 
auch an dem stahlblauen, über öOm tiefen Vrana-See auf der 
Insel Cherso (gegenüber von Istrien) mit dem gleichen Erf Jge 
angestellt; auch hier erschien das weisse Instrument an der Grenze 
seiner Sichtbarkeit unter Wasser grünlich. 

Ich zweifle also nicht, dass dieses Experiment, an anderen 
blauen Seen wiederholt, ähnliche Resultate geben wird, und nur 
deswegen habe ich auf dieselbe zurückgegriffen, weil ich zur Er- 
probung an anderen Seen anregen möchte. 

Diese einfache Beobachtung zeigt, dass, während vom Wasser 
nach oben vorwiegend blaues Licht ausgesendet (dispergirt) wird, 
umgekehrt nach unten vorwiegend gelbes Licht eindringt» welches, 
wenn es wieder heraufdringt, und solange es heraufdringt, zusammen 
mit dem dispergirten blauen Lichte im Auge den Eindruck von 
Grün hervorbringt. 

Liegt nun der Grund des Gewässers in derselben Tiefe, in 
der unser Instrument grün erscheint — wobei ein ziemlich grosser 
Spielraum gegeben ist — so erscheint das darüber stehende Wasser 
aus derselben Ursache grün. Daher wird die blaue Farbe der 
Jandferneren tieferen Theile eines Gewässers nahe am Ufer von 
der grünen abgelöst. 

Die relative Nähe des Grundes kann aber ersetzt werden 
«lurch suspendirte feine Sinkstoffe, welche, obgleich sie nicht genug 
dicht gedrängt sind, um als Trübung schon der obersten Wasser- 
:^ehichten wahrgenommen zu werden, doch derart vertheilt im 
Wasser schweben, dass ihr Integrale ebenso wirkt, wie eine 
tnnzige zusammenhängende Schichte am Grunde. 

Kurz zusammengefasst lässt sich als Resultat dieser Beobach- 
tungen sagen: 

1. Wasser im oben angedeuteten Zustande der Klarheit er- 
scheint in blauer Eigenfarbe, wenn es einen hohen Grad von 
Durchsichtigkeit besitzt und zugleich so tief ist, dass der 
Qnmd nicht mehr heraufscheint (im Quarnero circa 40 m); 

2. wenn eine dieser zwei Bedingungen fehlt, oder wenn beide 
fehlen, erscheint das hinreichend klare — wenngleich nicht absolut 
reine — Wasser in grüner Farbe. 

Wie viele Meter die Durchsichtigkeit und die Tiefe betragen 
muss, damit die blaue Eigenfarbe erscheine, ist selbstverständlich 



9S 

nicht fllr alle Gewässer gleich. ^) Ein Unterschied hierin wird wohl 
ohne Zweifel durch folgenden Umstand bedingt 

Wenngleich nach der oben ausgesprochenen Bedingung keine 
Substanzen mit erkennbarer Eigenfarbe dem Wasser beigemengt 
eein sollen, ist doch andererseits selbstverständlich, dass jene 
schwebenden Substanzen, durch deren Vertheilung im Wasser die 
grüne Farbe bedingt wird, wenn man sie sammeln und trocknen 
würde, irgend eine, wenngleich noch so neutrale Farbe zeigen würden, 
z. 6. weisslicb, graulich, gelblich, wie die Theilchen des feinsten 
Schliches oder Schlammes. Mit Beschränkung auf diese Minderer 
der Durchsichtigkeit kann man annehmen, dass nicht nur ihre 
Menge und Vertheilungsart, sondern auch ihre eigene, wenn- 
gleich wenig ausgesprochene Farbe Einfluss nimmt auf die zahl- 
reichen Nuancen von Blaugrün und Grün, in denen solche Ge- 
wisser erscheinen. 

Ich habe immer gefunden, dass, je reiner weiss der Grund 
oder die Sinkstoffe waren, desto mehr die Farbe des Wassers sich 
dem reinen Smaragdgrün näherte, dass gelbliche und bräunliche 
Unter- oder Zwischenlagen die Wasserfärbung ins Olivengrün 
ziehen und graue einen Stich in's Seladongrün (bläulichgrün) 
verorsachen. 

Laboratoriums-Experimente sind erst um mehr als 
zehn Jahre später (1876), dann aber in rascher Folge und grosser 
Anzahl von den competen testen Physikern, wie Forel, Arago, 
Bunsen, Soret, Spring angestellt worden und durch ihre Re- 
sultate werden die meinigen bestätigt oder lassen sich mit diesen 
leicht in Uebereinstimmung bringen. Das Ergebnis dieser Experi- 
mente, deren entscheidendste jene von Spring*) sein dürften, ist 
hrz in folgenden Punkten zusammenzufassen: 

1. Vollkommen reines Wasser ohne irgend welche suspen- 
dirte oder ausgeschiedene fremde Substanzen ist blau; 

^) Im Qnaniero habe ieh blaue Eigeofarbe (stahlblau, ultramariii, lodigo) nur 
bei Dnrehsicfatigkeit fiber 14 m, blaugran bei 12 m» seladongrün bei 9—10 m, lauch- 
gribi bei 8 m gefanden ; einmal kam schmutziggraogrün bei Durchsichtigkeit von 
nr 2 m Tor. (Vergleiche die aosführlichere Tabelle ttber Durchsichtigkeit und 
P«be in ,,Phjmkaliscbe Verhältnisse des Quamero'' etc. pag. 89.) 

•) Jöer Naturforscher", Band XVI. „Die Farbe des Wassers«*. Die 
^^'ifinalarbeit Spring's findet sich im Bulletin de V Academie rojale belgique 
8«» 3, Tom. V, 1883, S. 55, Spring bediente sich eines 6 m langen, mit Wasser 
SvftUten Rohres. 



^4 

2. ein Gehalt an vollkommen gelösten Salzen, von 
denen bekanntlieh Kalk- und Hagnesia-Carbonat, Alominiam- 
Silicate nebst Kieaelsäore am hAufigsten in tellniiBehen Gewässern 
vorkommen (wobei der Kohlensäoregehalt des Wassers bekanntlich 
eine wichtige Rolle als Lösongs-Vermittler spielt), ändert an der 
blauen Eigenfarbe des Wassers nichts; 

3. sind die Salze nahe dem Aasscheiden oder theilweise schon 
ausgeschieden, was bei eintretendem Missverhftltnis zwischen den 
Mengen der Salze und der zur Lösung erforderlichen Kohlensäure 
leicht vorkommt, so beginnt die blaue Farbe in eine grüne über- 
zugehen ;^) 

4. suspendirte Mikro-Organismen, die selbst im ursprünglich 
reinen, abgeschlossenen Wasser — wie in Flaschen mit destillirtem 
Wasser der Laboratorien — nach längerer Zeit entstehen (bei 
Spring nach circa 70 Stunden), verändern gleichfalls die blaue 
Farbe in eine grüne, und das Blau wird wieder hergestellt oder 
bleibend erhalten, wenn man dem reinen Wasser ein die Mikroben 
tödtendes farbloses Salz, z. B. Quecksilber-Chlorid, zusetzt 

Diese Resultate, zusammengehalten mit den von mir im 
freien Wasser gefundenen, dürften genügen, um der Hauptsache 
nach die wechselnden Farben der Seen, soweit sie von der Eigen- 
färbe des Wassers abhängen, also gewissermaßen das Grund- 
Phänomen, nach Gesichtspunkten der Optik zu erklären. In kurzer 
Zusammenfassung kann man darüber sagen: die Eigenfarbe des 
Wassers ist blau, die Eigenfarbe von Gewässern kann ausser 
blau auch blaugrün und grün in sehr verschiedenen Nuancen 
seiu; während Blau nur auf die durchsichtigsten und zugleich 
tiefsten Gewässer beschränkt ist. 

^) Auf diese Ursaehe will man es auch zurückfahren, data das ufemahe 
Wasser eines Ealksteinbeckens grOn erscheint, auch wenn der See in seinem 
tieferen Abschnitte blau ist (Achensee), sowie auch das KQstenwasser des blauen 
Oceans oft grtLn ist. lian nimmt an, dass durch die reichlicheren Men^n von 
Kalkcarbonat, welches die littoralen Felsen und Muschelbinke u. s. w. liefern, 
bei wechselndem Kohlensäuregehalt des Wassers nicht immer volktlndig gelöst 
bleiben, sondern theilweise ausgeschieden werden oder der Ausscheidung sehr 
nahekommen. Diese chemische Erklärung halte ich bei Seen und Meeren Htc 
entbehrlich und es scheint mir meine oben S. 91—93 gegebene optische Ericttniaig 
zu genügen, wonach ein£ich der dem Auge näher gerückte littorale Seeboden 
die Ursache der grünen Farbe der Ufeigewässer ist. Diese fällt ja weg, wo 
die Ufer sehr steil und tief einschiessen und kein seichtes Littoralband 
vorhanden ist, obgleich nach der chemischen Erklärung auch in diesem Falle 
das Wasser längs dem kalkhaltigen Ufer grün sein müsste. 



95 

Die Färbung des Hallstätter-Sees bestätigt wenigstens in- 

direct die Kicbtigkeit der vorstehenden Erklärungsweise dadurch, 

dasa er, als wenig durchsichtig, ungeachtet seiner grossen Tiefe, 

die bedeutender als jene des Quarnero- und des Vrana-Sees ist, 

doch niemals blaue Eigenfarbe zeigt. 

Zu den in der Beschaffenheit des Wassers gelegenen Modifi- 
catoren der Farbenerscheinungen kommen noch die verchiedenen 
Verhältnisse der Beleuchtung, wie: helles oder verschleiertes 
Sonnenlicht, weisses Wolkenlicht, graue Bewölkung u. s. w.; dann 
höherer oder tieferer Stand der Sonne; Standpunkt des Be- 
schauers mit der Lichtquelle (Sonne) im Bücken oder von vorne, 
nahe an der Oberfläche des Wassers oder mehr weniger erhöht 
u. 8. w. 

Es sollen hier nur einige dieser Modalitäten etwas näher 
in Betracht gesogen werden. 

Je intensiver die Beleuchtung ist, je höher insbesondere die 
Sonne steht, desto tiefer dringen die Lichtstrahlen ein, desto 
grösser ist also die Anzahl der vom durchgelassenen Lichte ge- 
troffenen suspendirten Theilchen, denen der gelbe Antheil der uns 
erscheinenden Farbe des Wassers zuzuschreiben ist, desto ent- 
schiedener und leuchtender wird das hiedurch bedingte Grtln, falls 
das Gewässer überhaupt zu dieser Farbe veranlagt ist. Wenn letz- 
teres wegen zu grosser Reinheit und Tiefe des Wassers nicht der 
Fall ist, erscheint das blaue Gewässer in desto hellerem und mehr 
leuchtendem Blau, je intensiver die Beleuchtung, je weiter sie ein- 
dringt. 

Aus grösserer Entfernung, insbesondere schief von obenher 
betrachtet, erscheint ein Gewässer in satterer Farbe als in der 
Nähe, weil in diesem Falle das Auge eine grössere Menge 
dispergirten farbigen Lichtes auf einmal zusaminenfasst. Ist 
der Beobachter der Lichtquelle zugekehrt, so erhält er von 
der Oberfläche des Wassers her nebst dem dispergirten Lichte 
auch viel gespiegeltes Licht, durch welches oft das erstere fast 
onwirkaam wird ; bei der entgegengesetzten Stellung des Beschauers 
fällt diese Spiegelung grossentheils weg und kommt die specielle 
Firbang des Gewässers entschiedener zur Geltung. 

So erklärt sich die grosse Mannigfaltigkeit der Farbenein - 
drücke, die man selbst bei solchen Seen, in denen nur die bisher 
erwähnten einfachsten Modalitäten der Wasserbeschaffenheit statt- 
finden, in stetem Wechsel empfängt. 



»6 

Mit doB biA er Gengten ist jedoch die Frage der so aaaBer- 
ordesdidi OMimigfkhigen Flrboog der Seen and der teüiinfldien 
GewlMcr liberfaaopt oocli niclit erKfadpft. 

ZunSehst ist es wmhncbdBlicli «od djüier einer irateren 
FcnchuDg TM emirfeUen, dass die Art nnd Menge der im Wasser 
gebMen, an sidi (arblosen Mineraiaabe nicht so inns, wie es nach 
dem obigen Ponkt 2 scheinen könnte, fnr die Färbnng gleicfagiltig 
9eif sondern doch emigen Einfln« wenigstois anf die Sattheit 
der Farbe fibe, wie denn s. B. das Meerwasser bei gleicher 
Tiefe ond Reinheit (Durchsichtigkeit) doch ein entschieden sat- 
teres, der Deckfarbe nlher kommendes Blan xeigt, als das 
WaaMT der meisten Seen,^) weil eben «rsteres stark salaig ist 
imd fiberdies anch mehr organischen &rbloa^i Sehleim ao^elöst 
enthält. 

Femer wird die Färbung eines Oewissors selbst im reinen 
Znstande oft beeinflosst durch au%elöste (nicht suspendirte) tin- 
girende Substanzen, die in d»* Natur Torkommen. Hieher ge- 
hOr^i insbesondere die aus Torfmooren abfliessenden, von ge- 
lösten Humus- Sttbstansen braun gefiü-bten Wisaer, deren tiefere 
Ansammlungen oft geradeau sdiwars erscheinen und vielCseh zu 
den Bezeichnungen : Schwarzenbacb, Schwarzensee u. s. w. Anlass 
gegeben haben. Auch die Traun und mittelbar der Hallstfttter- 
See haben solchen Zufluss, nämlich die schon erwähnte Oedenseer- 
Traun, ^) welche aus Torfmooren gespeist wird, auf ihrem ganzen 
Laufe bronce&rben bis dunkelbraun erscheint nnd ohne Zweifel 
dazu beiträgt, dass der Fluss, sowie der See sehr häufig einen 
Stich ins Olivengrfin zeigen, und zwar in einem höheren Grade 
als die anderen benachbarten Gewässer. 

Endlich kann auch das Plankton die Farben modificiren. 
Nicht nur, dass die durchscheinenden hyalinen Arten bei reich- 
licherer Menge wenigstens als trübende Substanzen wirken, haben 
manche Elemente des Plankton auch eine bestimmte Eigenfarbe ; 
im Hallstätter-See erscheinen die vorwiegend den oberen (südlichen) 
Theil bevölkernden Arten von Cjclops und Daphnia im Netze 
angehäuft, blassgrtLnlich geßü-bt, und die im unteren See vor- 
kommende Bosmina bohemica ist vielleicht durch ihre auffallend 
grossen schwarzen Augenflecken geeignet, in grösseren Schwärmen 
die Farben-Nuance des Sees einigermaßen zu ändern. 

*) Siehe: „Physikalische Verhältnisse etc.", Seite 90. 
*) Vergl. pag. 29. 



97 

Im Plöner-See*) hat Dr. Zaoharias gefunden, dass zur Zeit, in 
der die gelblichen Melosira-Fäden fast ausschliessend das Plankton 
lusammensetzen und sich am reichlichsten entwickeln, das Wasser 
eine Färbung zwischen Gelb und Grün annimmt, während es 
nnst eine Farbe zwischen Grün und Blau hat. 

Dieser Gegenstand wäre einer eingehenderen weiteren Verfol- 
gung auch in unseren Seen wert, wie er mit ausserordentlichem 
Eifer und Erfolg am Plöner-See behandelt wurde. 

Bei allen vorstehenden Erklärungen ist, wie schon wieder- 
holt angedeutet, vorausgesetzt, dass die suspendirten anorganischen 
oder organischen Substanzen (der „Seestaub" 2)^ welche, ohne selbst 
eine dominirende Farbe zu besitzen, die Durchsichtigkeit vermin- 
dero, annähernd gleichmäßig im Wasser vertheilt sind, wenigstens 
nicht schon in den obersten Schichten die Klarheit und die Durch- 
sichtigkeit vermindern, vielmehr eine solche Wirkung erst in der 
Summe sehr vieler untereinander liegender Wasserschichten (min- 
destens etwa 15—20 im) hervorzubringen beginnen. 

Es kommt aber auch vor, dass feinster Seestaub, der weder 
grell gefärbt noch tingirend ist, schon in den obersten Wasser- 
schichten so vertheilt ist, dass selbst in der geringen Tiefe von 
1-5—2 m der Grund wie durch einen farblosen Schleier gesehen 
wird. Dieser Fall ist wohl zu unterscheiden von der gi'oben 
Trübung durch farbigen Schlamm, der selbstverständlich seine 
Farbe (grau, braun, lehmgelb, ziegelroth u. s. w.) auf das Wasser 
überträgt — ein Fall, der hier gar nicht näher erörtert zu werden 
braucht. Die oben angedeutete schleierartige Trübung hingegen 
kommt bei der Erklärung mancher räthselhaften Wasserfarbe in 
Betracht; dieselbe bewirkt nämlich eine Färbung, die nach den 
Gesetzen der „trüben Medien" zu beurtheilen ist. Diese Sub- 
itanzen bewirken bekanntlich, dass sie, auf schwarzem oder schwärz- 
lichem Grunde (Unterlage) ausgebreitet, in dem nach der Lichtquelle 
hin dispergirten Lichte entschieden blau erscheinen, während sie 
im durchgelassenen Lichte gelb gesehen werden. Diese Er- 
•cheinung, auf die schon Goethe in seiner Farbenlehre hingewiesen 



') L c 8. 109 iL 

■) Forel wendet diese Bezeichnung nur auf das Plankton an; sie passt 
Ab« loch flberhaupt auf alle feinsten im Wasser schwebenden Theilcben, wie 
^CBn auch der Staub der Luft aus anorganischen und organischen Körperchen 
^«rcbfliiiaoder besteht. 

lUtth. d. k. k. Geoffr. 6e«. 1896. 1 u. 2. 7 



98 

hat, ist seinerzeit eingehend von Prof. Brücke,*) Prof. J. Dechant*) 
und A. Lampa^) behandelt worden. 

In der Constatirung der einschlägigen Erscheinungen und 
ihrer nächsten Bedingungen stimmen alle diese und verwandte 
Abhandlungen, wie von Clausius, J. W. Strutt, Nichols, Mttnz, 
überein ; nur in den Erklärungsversuchen unterscheiden sie sich. Die 
letzteren liegen ausser dem Eahmen der gegenwärtigen Publication; 
über die ersteren sind für uns folgende Hauptpunkte hervorzuheben: 

1. Trübe Medien, welche die oben angedeuteten Farben- 
erscheinungen zeigen, sind Gemenge zweier oder mehrerer ver- 
schiedener Medien von verschiedenem Lichtbrechungsvermögen. 

2. Die eingemengten Partikelchen sind so klein, dass jedes 
für sich als farblos und durchsichtig betrachtet werden kann. 

3. Je kleiner die Dimensionen der Partikelchen, desto inten- 
siver ist die Erscheinung der blauen Farbe. 

4. Je dünner die trübe Schichte über dem dunklen Hinter- 
grunde oder Untergrunde, desto gesättigter erscheint das Blau 
je dicker jene Schichte, desto blasser (mehr weisslich) der Farbenton. 

6. Es gibt für jedes solche Gemenge eine bestimmte Grenze der 
Gedrängtheit der eingemengten Partikelchen, wenn die Erschei- 
nung zustande kommen soll; sind dieselben zu dicht gedrängt, ist 
also das Gemenge zu dick oder breiartig, so erscheint es nicht blau, 
sondern weisslich oder graulich, oder es macht sich die Eigenfarbe 
jener Substanz geltend, aus der die eingemengten Partikelchen 
bestehen. 

6. Die letzteren müssen überdies sehr gleichmäßig vertheilt sein. 

Es handelt sich also, auf tellurische Gewässer ange- 
wendet,*) darum, dass erstens ein Gemenge von Partikelchen, 

^) Sitzung^sbericbte der kaia. Akademie der Wissenschaften in Wien. 
Oetoberheft 1862. 

') lieber die Farben der Körper. Programm der Oberrealschnle im sweiten 
Bezirke Wiens, 1882. 

') lieber die Absorption des Lichtes in trüben Medien. Sitzongsber. der 
kais. Akademie der Wissenschaften in Wien. Mai 1891. 

^) Eigenthiimlicher Weise haben sich die meisten einsehlSgigen Unter- 
suchungen nnd Abhandinngen nur mit künstlich hergestellten Mixturen besch&f- 
tigt und nicht mit Beobachtungen in der Natur. Nur J. Dechant erwShnt l. c, 
(8. XVIII) auch die ,,Farbe in der Natur vorkommender Gew&sser**, 
jedoch mehr im Allgemeinen als mit Bezug auf die Frage der trüben Medien. 
Da diese letzteren eben ein oberschichtiges Gemenge voraussetzen, können sie 
nicht zur Erklärung der Farben des reineren, homogenen und tiefen 
Wassers dienen. 



99 

welches den angeführten sechs Bedingungen entspricht, in der 
oberen, nicht zu dicken Wasserschichte vorhanden sei, und dass 
zweitens diese einen dunklen Untergrund oder dunkle Unterschich- 
ten habe. 

Die erste dieser zwei Hauptbedingungen kann in Gewässern 
mit feinstem Detritus^ besonders wenn dieser an sich keine stark 
prononcirte Eigenfarbe (wie ziegelroth, ockergelb) besitzt, erfüllt 
•ein, falls dieses leicht trübende schleierartige Gemenge, an dem 
nch insbesondere auch farbloses Plankton betheiligen kann, keine 
sehr mächtige Oberschichte, vielleicht nur eine Art von Häut< 
chen, bildet. 

Wenn nun im tellurischen Wasser eine solche Vertheilung 
solcher Substanzen stattfindet, kann die dunkle Unterlage auf 
sweifache Weise zustande kommen: entweder ist der Grund 
sdion an und für sich schwärzlich (z. B. Basalt, schwärzlicher 
Granit oder Gneis, schwarzer Schlamm etc.) und liegt zugleich 
io geringerer Tiefe; oder bei grösserer Tiefe wird der gleiche 
Effect durch die Tiefe selbst hervorgebracht, indem eben die 
tieferen Wasserschichten nur mehr sehr wenig Licht erhalten, und 
iwar in unserem Falle umso weniger, da eben die Trübung den 
Zutritt des Lichtes in die Tiefe vermindert. Da dieser Zutritt 
such bei schwächerer Beleuchtung schwächer ist als bei starker, 
wird das Erscheinen der blauen Farbe in den vorausgesetzten 
Fällen durch Beschattung und trüben Himmel begünstigt. 

Anf diese Art hervorgebrachte blaue oder bläuliche Farbe 
(meist berjllblau) habe ich insbesondere an drei fliessenden 
Gewässern (Almbach bei Salzburg, Schaldersbach bei Vahrn in 
Tirol, Isonzo bei Görz) länger und eingehend beobachtet, worüber 
jedoch hier das Nähere unterdrückt werden muss. Ich will hiezu 
nur noch bemerken, dass der in Rede stehende Fall, als Folge von 
ichwebendem feinen Detritus, leichter bei fliessenden Gewässern 
antritt, weil bei diesen die erforderliche lockere Vertheilung der 
trübenden anorganischen Körperchen durch die Strömung begünstigt 
wird, während bei Seen mehr das Plankton wirksam sein dürfte. 
Am Hallstätter-See konnte übrigens eine solche Färbung nicht beob- 
achtet werden. 

Wesentlich verschieden von den objectiven, nach physikalischen 
Grundsätzen zu beurtheilenden Farben sind die subjectiven 
Farbenempfindungen, denen wir uns nicht entziehen können und 

7* 



100 

die, wie überall, so auch beim Anblick eines Sees, einigen Einfluss 
zu üben im Stande sind. Bekanotlich bringt es die Bescbaflfenheit 
unseres Seh nerven- Apparates mit sich, dass, wenn irgend eine der 
sechs Hauptfarben länger oder ziemlich stark auf unser Auge 
gewirkt hat, und wir dann eine weisse oder weissliche oder 
unbestimmt grauliche Fläche anblicken, uns diese mit einem 
deutlichen Stich in die zur ersteren complementäre Farbe erscheint, 
wodurch u. a. auch farbige Schatten hervorgebracht werden. 

Wenn nun z. B. in oder an einer grün erscheinenden 
Wasserausbreitung eine Seichtstelle vorkommt, durch welche ein 
weisslicher oder graulicher Grund heraufscheint; wird diese Stelle, 
die eigentlich schattenhaft graulich erscheinen sollte, röthlichgrau 
gesehen. Die Donauschiffer nennen, ohne diese Erklärung zu 
kennen, seicht überronnene Schotterbänke „rothe Haufen**, weil 
diese letzteren, obgleich ihr Gerolle im benetzten Zustande eigentlich 
grau ist und nur ausnahmsweise hie und da röthliche oder rothe 
Steine in geringer Anzahl beigemengt sind, im Gegensatz zur 
graugrünlichen Farbe des tieferen Wassers complementär röthlich 
erscheinen. In bläulichen Gewässern werden dergleichen Haufen 
gelblich gesehen (z. B. in der oft blau erscheinenden Berchtes- 
gadener-Ache zwischen Schellenberg und der Mündung in die 
Salzach). Wenn nun ein grüner See Seichtstellen mit unbestimmt 
graulichem Grunde hat, erscheinen diese Stellen röthlich ; in einem 
blauen See gelblich. Hat aber der Grund eine bestimmter hervor- 
tretende Eigenfarbe, so dominirt diese, und lässt jenen subjectiven 
Farbeneindruck nicht zur Geltung kommen. 

Endlich braucht als selbstverständlich auch ohne eingehendere 
Erörterung wohl nur erwähnt zu werden, dass grössere Mengen 
von farbigem Deti'itus und Sehlamm, durch einmündende Flüsse und 
Bäche in den See geführt, auf grössere oder kleinere Entfernungen 
hin vorübergehend die verschiedensten Färbungen des Seewassers 
bedingen können. Als allgemeiner instructiv möge nur folgende 
Wahrnehmung hier angeführt werden. 

Wenn rother Thonschlamm bei starken Eegengüssen in ein 
blaues Gewässer geführt wird, dominirt der erstere oft so stark, dass 
eine breite Zone vom Ufer wasserwärts intensiv roth erscheint; 
ausserhalb dieser Zone folgt eine gelbe, lehmfarbene Zone, deren 
Färbung von den feineren und schon minder dicht gedrängten 
Partikeln des rothen Schlammes herrührt; hierauf folgt eine ent- 



101 

iclieden gelbgrün e, dann eine reingrtine^ eine blaugrüne Zone 
aad endtieli das nicht mehr getrübte blaue Wasser. Wenn dann 
die Zufuhr des rothen Schlammes aufbort und die Sedimentirung 
eintritt, rückt die blaue, grünblaue, blaugrüne u. s. w. Zone immer 
weiter landwärts ; die zuerst intensiv roth gefärbte landnächste 
Zone wird allmällg gelb, dann gelbgrün^ grün und endlich wieder 
blaa, wie sie ursprünglich wai\ 

Da nun der Antbeil von Blau, welcher nothig ist, um mit 
dem Gelb des Schlammes Grün zu gebeUj nur von dem zwischen 
den gelben Theilehen beiindhchen Wasser herrühren kann, so 
wird hiedurch die Zahl der Belege dafür vermelirt, dass Blau die 
Etgenfarbe des Wassers ist und dass das Cf r ü n der nicht tingirten 
telluriachen Gewässer, insbesondere auch der Seen, keine originäre, 
sondern eine aus der gleichzeitigen optischen Wirkung des origi- 
nlren Blau mit dem accessorischen Gelb hervorgegangene Er- 
§cheinang ist — mag nun das Gelb vom Herauf^scheinen des 
beileB Grundes oder der suspendirten SinksloiFe, oder von der 
Eigen färbe organischer oder anorganiacber im Wasser ach webender 
äubstansen oder Kürperchen herrühren. 

Dafür, dass die hier gegebenen Erklärungen richtig sind, 
spricht auch eine vergleichende Uebersicht der vorherrschenden 
Flrbungeo einer Reihe unserer bekanntesten Seen. Im Sinne jener 
Erklärungen müeaen z. E, Flnsesccn am wenigisten und seltensten 
blau erscheinen, und das muss sich desto entJächiedener zeigen, je 
weniger gross und insbesondere breit der See im Verhältnis zum 
Floss mL Der Halls tälter-Sce mit seinem sehmalen Bette und mit 
seinem von Äussee an schon mächtig angewachsenen Ilauptzufluss 
hat anter allen Traunseen den kleinsten Antheil von Blau im 
seinem Grün : der Grundl-See mit seinem durch den Toplitz-See 
geklärten Hauptzufluss, seinem Verhältnis müJjig weniger schmalen 
Bette und mit unbedeutendeu, graulichen Dolomit-Detritus führen- 
den Nebenäüasen und bei einer Tiefe bis nahe an 62 m erscheint 
meist blaugrün. Der Gmundner-See besitzt im Verhältnis zur 
Traun den grössten Flächeninhalt bei ziemlich grosser Breite, 
Eimmt sonst keinen namhaften Zuflu&s auf und erreicht auf einem 
t grossen Theil seiner Area die Tiefe von 100 ni bis 190 w; da- 

I mit im Einklänge steht es, dass er auf seinen tieferen Abschnitten 

I oft durch längere Zeit blau, noch öfter blaugriia und nur in der 

■ Gegend von Ebensee durch die Trauu bald opak graugrün, bald 
W «ekdoagrün bis grasgrün gefärbt eracboiiit, 

U 



102 

Es hat keine besondere Sehwierigkeity aaeh die Farben and 
Farbenzonen M der anderen Alpenseen nach den hier gegebenen 
Andeatangen zu erklären, ich will mich aber nicht noch weiter 
vom Haopt-Thema die&er Abhandlung entfernen. 

Schliesslich s^i nur noch darauf hingewiesen, dssa alle 
Seen, welche als vorwiegend blau bekannt und berühmt sind, 
wie der Achen-See, der Garda-See, der 6enfer-See jl s. w., im 
YerlUUtnis za ihren ZoflOsaen sehr gross und sogleich sehr tief 
sind, oder nur solche Zoflüsse haben, die wenig feinen schlam- 
migen Detritus f&hren, and dass die blaae Farbe solcher Seen 
nar fiber den grösseren Tiefen za beobachten ist, an Seicht- 
stellen hingegen in Grün übergeht, während bei noch geringerer 
Tiefe das darchsichtige Wasser farblos, glashell erscheint and nur 
allenfalls die Farben der am Grande befindlichen Gegenstände, 
wie Seekräater, Algen, Schnecken, Muscheln, bunter Steine etc., 
erkennen lä^ die aber mit der Eigen färbe des Gewässers 
nichts zu thun haben. 

Nach den vorstellenden Betrachtangen allgemeinerer Art 
können die Leser mit Recht erwarten, dass nun nähere Beobach- 
tungddaten, ähnlich wie dies bezüglich der Durchsichtigkeit ge- 
schehen, werden beigebracht werden. Hieza waren auch die £in- 
leitangen getroffen, indem der mehrgenannte Herr Beobachter 
ersucht war, mit seinen monatlich mehrmaligen Beobachtungen 
über den Temperaturgang and über die Durchsichtigkeit auch 
solche über die Farbe des Sees zu verbinden, wozu ihm ver- 
schiedene Gläser mit den Forerschen Flüssigkeiten beigestellt und 
überdies Vergleichungen mit den Farben bekannter Mineralien 
xmd sonst gebräuchlichen Standardfarben nahegelegt waren. Es 
liegen demnach ebensoviele Farbenbeobachtungen wie Durch- 
sichtigkeitsdaten vor. Aus den betreffenden Eintragungen, sowie 
aus dem mündlichen und brieflichen Verkehr über diesen Gegen- 
stand habe ich aber entnommen, dass der Beobachter unerwartete 
Schwierigkeiten bei der Vergleichung und Bezeichnung der Farben 
gefunden und erst nach und nach eine grössere Sicherheit ge- 
wonnen hat, so dass das Beobachtungsjahr mehr zu einem Lehr- 
jahre bezüglich der Farbenbeobachtungen wurde. Ich will daher 
nicht die tabellarischen Eintragungen hier wiedergeben, sondern 



*) In dieser letzteren Bexiehnng sind besonders bemerkenswert die oft 
malacbitarti^n Farbenzoneii des oberen WQl%ang^ees, 



103 

nur ein gesiclitetes Resum^ ans meiDen und Hutter's Beobachtungen 
folgen lassen. 

In entschieden blauer Eigenfarbe wurde der See von uns 
niemals gesehen. Bei der grössten beobachteten Durchsichtigkeit 
Ton 7'4 — 8*4 m im Februar erschien das Wasser smaragdgrün. 

Wenn die Durchsichtigkeit über 4 m bis 7'4 *w betrug, wurde 
7om Beobachter als Farbe meist olivengrün oder bouteillengrün 
(Epidet, Olivin), nur einigermaßen den Forel'schen Nummern 
9^11 entsprechend; notirt, und zwar zu allen Jahreszeiten. Wenn 
im Juni, Juli und August die Durchsichtigkeit von nur 3 — 4 m 
auftrat, erschien das Gewässer grün mit einem Stich ins Bläuliche^ 
was auf eine combinirte Wirkung von oben schwebendem feinem 
Detritus und Flankton in diesen nach beiden Richtungen reichsten 
Monaten hinzudeuten scheint, umsomehr, da bei derselben Durch- 
sichtigkeit in den an diesen schwebenden Substanzen armen Monaten 
Februar, Mfirz und April nur Nuancen von Grün, ohne einen 
Schein von Blau beobachtet wurden. 

Im Ganzen sind am Hallstätter-See die dunkleren Nuancen 
von Orün, nicht selten mit Trübung bis ins Graugrüne, weitaus 
Torherrschend. 

Temperatur. 

Die bisher veröffentlichten Daten über die Temperatursver- 
hältnisse unserer Alpenseen und insbesondere des Hallstätter-Sees, 
hauptsächlich auf Simony's Beobachtungen gegründet und von Prof. 
Dr. Müllner in einer besonderen Abhandlung^) erläuternd zusam* 
mengestellt, erscheinen mir zunächst in zweifacher Beziehung als 
ergänzungsbedürfÜg. 

Erstens gehören die Monate, deren Temperaturen Simony 
zur Charakterisirung des Temperaturganges im Hallstätter-See 
verzeichnety nicht einer continuirlichen Jahresreihe an, sondern 
and aus verschiedenen Jahrgängen zusammengetragen, und die 
Monate Jänner, März, Juni, Juli^ December fehlen ganz ; Februar ist 
repräsentirt durch 1848, April, Mai August und November durch 
1849, September durch 1848, 1868, 1869, October durch 1878. 

Nun ist es ohneweiters klar, dass die Wassertemperatur 
»net g^ebenen Zeitabschnittes wesentlich auch abhängt von 

'} Die TemperatoTsyerhftltmsse der Seen des Salzkammergates. Von Dr. 
Mman Mfilfaier. Gras, 1895. Selbstverlag. Dann von demselben in seiner schon 
■wbrfi ch cttiiien ^-bhaxidlan^ tiber die Qeei» des Salzkammer^tes, 



( 



104 

der Temperatur des vorangegangenen Zeitabschnittes^ dass alao 
z, B. die Temperatur des Hallst ätter- Sees im Monate Mai des Jahres 
1849, bei 10 m Tiefe, die wir bei Müllner nach Simony mit 
5'40 — ß.go verzeichnet finden, eine andere gewesen wäre, wenn die 
Temperatur des Vormonates April mehr oder weniger als 39^ — 4'7® 
betragen hätte u. s. w. Diese beiden Monate sind aber die einzi- 
gen sich an einander anschliessenden, für die uns Messungen aus 
dem gleichen Jahre vorliegen. Für alle anderen Monate fehlt 
JG der Vormonat desselben Jahres. 

Es erschien mir also geboten, womöglich Beobachtungen aus 
einer continuirlichen Jahresreihe zu gewinnen.^) 

Zweitens fand ich es angezeigt, der Frage näher zu treten, 
welchen Effect die erwärmenden Temperaturfactoren während 
einer Tageshälfte und ebenso die Abkühlung während einer 
Nachthälfte unter verschiedenen Witterungsverhältnissen und 
l'ageslängen in verschiedenen Tiefenschichten hervorbringt. 

In der ersterwähnten Beziehung wurden folgende Veran- 
staltungen getroffen. 

Ein von Herrn Professor Dr. Ed. Richter dem mehrgenannten 
I lerrn Capitän Z e h d e n an vertrautes Kippthermometer, System Ne- 
i^i etti und Zambra, wurde im Einvernehmen dieser beiden Herren 
liebst Zebden's Lothungsapparat (Stahldraht und Zählwerk) nach 
Hallstatt übertragen, wo Herr Oberbergrath Hutter mit der Behand- 
lung vertraut gemacht wurde. Dieser hatte, nachdem im Juni 1896 
mehrere Messungen in verschiedenen Tiefen von mir und ihm 
gemeinsam ausgeführt waren, fortan jeden Monat bis einschliess- 
licli Mai 1897, also durch 12 Monate, je eine Reihe von Beob- 
achtungen anzustellen in folgenden Wasserschichten: Oberflächcj 
0'2 m, 1 m, 5 m, 10 m, 30 m, 60 m, 100 m, wobei bisweilen eine 
/wischenmessung in 40 m oder 80 tn eingeschoben wurde. Unsere 
Beobachtungen erstreckten sich also nicht bis zum Boden des 
t^ees, aus Gründen, die bei der Discussion der Tabelle angeführt 
iverden sollen. Der Ort der Beobachtungen lag in der Mitte der 
oberen Hälfte des oberen Sees, mit etwas mehr als 100 m Tiefe; 
dieselbe ist in der Karte des Sees bezeichnet. 



*) Die sehr verdienstlichen Beobachtungen des Herrn Capitäns Franz 
Zohden im Gmundner- See, worüber Professor Dr. 6. A. K o c h in der 
"icbon citirlen Abhandlung (vgl. S. 18) eingehend berichtet, umfassen nur die 
Monate Jänner bis April 1895, weil damals hauptsächlich angestrebt wurde, den 
(jjing der Temperatur bis zum Gefrieren und beim Aufthsiuen ^es S^es zu verfolgen, 



105 

Die Temperatur der Oberfläche wurde mit einem Pinsel- 
Thermometer gemessen; für alle anderen Tiefen kam das Kipp- 
Thennometer in Anwendung. 

Als Pinsel -Thermometer wurden drei verglichene Kappeller'- 
Bche Instrumente adjustirt, die mir von der k. k. Centralanstalt 
für Meteorologie zur YerfUgung gestellt waren. 



Nummeni 








der 




Correctionen bei 


Thermometer 


0« 


16» 


30« 


2963 . . 


. — 003 


+ 003 


+ 011 


2970 . . 


. + 003 


+ 09 


+ 0-7 


3031 . . 


. — 002 


+ 0-07 


+ 016 



Da die höchste beobachtete Wassertemperatur nur einmal 
und nur wenig mehr 18® C betrug, kommen nur die Correctionen 
ffir 0^ und 15® in Betracht, welche durchwegs weniger als einen 
Zebntelgrad betragen und vernachlässigt werden konnten. 

Die Herrichtung dieser und der noch später zu erwähnenden 
kleineren Thermometer zu Pinsel-Thermometern war mit manchen 
Schwierigkeiten verbunden, die ich zu Nutz späterer Beobachter 
hier darlegen will. 

Die Aufgabe war: eine Umhüllung der Kugel herzustellen 
mit solchen Grenzen der Empfindlichkeit, dass die Accommodations- 
zeit nicht länger als 7 Minuten, zugleich aber die Constanz des 
im Wasser erreichten Quecksilberstandes beim Uebergange des 
Inatramentes in eine Schichte von anderer Temperatur, insbesondere 
an die Luft, mindestens 55 — 60Secunden^) betrage; die Thermometer 
«oUten also keine sehr zeitraubende Eintauchung verlangen und 
doch zum genauen, wo möglich doppelten Ablesen hinreichende 
Muße gestatten. Der gewöhnliche Hanfpinsel entspricht nicht der 
zweiten Forderung. Auch eine mehrfache, durch wiederholtes Ein- 
teueben in eine geschmolzene Masse aus Wachs und Harz gewonnene 
ümhüUungsschichte verlangsamte zwar die Accommodation, ergab 
jedoch nur eine zu kurze Constanz. Erst nachdem die Wachs- 
hülle noch mit Guttaperchapapier tlberbunden und dann mit dem 
Hanfpinsel umgeben war, wurde der gestellten Forderung ent- 



') Diese Zeit wäre nicht erforderlich für die Ablesang eines einzelnen Thenno- 
i'^'C^ ; 68 waren aber zu den später zu erwähnenden Ablesungen einer Reihe von 
4—5 an einer Latte untereinander angebrachten Thermometern 50 — 60 Secunden 
Boibwendlg. 



mm 



<I9Ü 



106 



sprocben, •elbetrersUndlich für den hier in Betradit kommenden 
Temperatorwechsd Ton 4* — 18* im Wimer und ca. O'— 20* in 
der Lnft. 

Dtt Kipptfaennometer war sdion Torfaer Ton Herrn Professor 
Dr. Richter für Capitfin Zehden, sowie yon letzterem selbst, als 
richtig befanden. 

Diesem Instrumente mosste aber fdr drei Monate eine 
andere Vorrichtung substitnirt werden. Bei der Messxmg im 
October 1896 brach nämlich der Stahldraht an einer Stelle^ 
wo Cap'tln Zebden demselben eine Yerlängernng angespliesst 
hatte, and das Thermometer war verloren. fSa sogleich be- 
stelltes Ersatzexemplar kam nach längerer VerzOgeruDg ge- 
brochen in Hallstatt an, und der zweite Ersatz wurde erst im 
Monate Jänner 1897 verfügbar. In der Zwischenzeit liess ich fol- 
gendes Surrogat herstellen und in Verwendung nehmen. 

Ein Selterswasserkrug von der bekannten Form mit ver- 
engtem Halde und einem Henkel wurde mit Wasser von ge- 
messener Temperatur gefällt, verkorkt, und durch den gebohrten 
Kork warde ein kurzes, verglichenes, träge gemachtes Thetmo- 
meter^) eingeführt, dessen S-*ala vom Striche -{- 3^ an oben hervor- 
ragte. Sodann wurde ermittelt, wie langer Zeit es bedurfte, bis 
das eingeschlossene Wasser im Kruge („Plutzer^) die bekannte 
und constante Temperatur einer Wassermasse annahm, in die der 
Krug eingesenkt wurde. Diese beim Vorversuche den See repräsön- 
tirende Was^ermasse bestand in der stetig zu- und ablaufenden 
Füllung eines ca. 1'2 m' fassenden langen Troges („Granders''), 
in den sich aus zwei Röhren Quellwasser von bekannter und 
stetiger Temperatur in beiläufig fingerdicken Strahlen stetig ergoss. 
Es ergab sieb dabei eine Accommodationszeit von ca. 3 Stunden 
für das Wasser, bezw. das Thermometer im Kruge. Damach 
wurde für die Temperaturbeobachtungen im See folgende Procedur 
eingebalten. 

Zwei derartige Krüge wurden mit den Henkeln an eine Leine 
in solchen Abständen gebunden, dass der eine beim Versenken 
in den See z. B. in die Tiefe von 1 m, der andere in die Tiefe 
von 30 m gelangte ; bei der nächsten Ausfahrt war die Vertheilung 
so, dass ein Krug für die Tiefenschichte von 5 m, der andere 
in 60 m kam u. s. w. Die mit Krügen in solcher Art behängte 
Leine wurde durch eine Boje schwebend und auffindbar erhalten und 



^) Solcher Thennometer waren stets 8 — 10 vorräihi^. 



107 

nidi 4 — 15 Stunden (letzteres dann, wenn der Apparat über 
Nacht im See blieb) in das zurüekkebrende Schiff aufgeholt^ wo 
die Ablesung vorgenommen wurde. 

Dieser Vorgang ist ohne Zweifel eben so sicher, wie die 
Beobachtung mit Eippthermometern^ nur sehr zeitraubend und 
beschwerlich; und um so grösser ist das Verdienst des Herrn 
Oberbergrathes Hutter, dass er sich im rauhesten Winter dieser 
ganz ausserordentlichen Mühe unterzogen hat. 

Bevor nun die monatlichen Beobachtungsdaten tabellarisch 
wiedergegeben werden, sollen, als zur Erläuterung derselben 
dienlich, zwei Hilfstabellen hier vorangescbickt werden ; die erste 
leigt die Monatsmittel der Lufttemperatur und die Hydrometeore 
von der Station Hallstatt für das Vorjahr (1895) sowie für unsere 
Beobachtnngszeit (Juni 1896 bis Ende Mai 1897 u. z. Th. bis 
August 1897), um die Abhängigkeit der Seetemperaturen von 
diesen Factoren beurtheilen zu lassen; in der zweiten erscheinen 
die Temperaturen der wesentlichen Zuflüsse (Traun, Bäche und 
Qaelien), von denen die, wie gezeigt werden wird, sehr wechselnde 
Temperatur der obersten Wasserschichten im oberen See stark 
beeinflnsst wird. 



108 



Temp.-Tab. L 



MeleoratioB der StatioB Halk<Utt 



Monat 



Temperatur der Luft 

Uhr I S Uhr |f Uhr | Mittel lUxini. 




1895 



JSkimer 

Februar - 

März' 

April 

Mai 

Juni 

JnJi 

August 

September 

October 

November 

December 

Mittel 



— 7 6. 

— 11 3. 

— 23 

3 4. 

6-8. 

10-9! 
132 
120 
11-9 
3-9 
27 

— 33 

34 



— 4-4 

— 62 
2-3 
8-8 

12-4 
160 
200 
173 
181 
7-2 
6-2 

— 1-4 

81 



- I o 

-94 

-Ml 

3 5! 

69 

11-2 

14-3 

12-7 

12-2 

51 

30 

-30 



— 65 

-0-4 

5-2 

8-7 

127 

15« 

140 

141 

5-4 

40 

-26 



4<> 5-2 



13 


— 18^ 


5-6 


2-6 


-20-0 


46 


12-6 


— 151 


55 


196 


— 5i) 


59 


24-2 


— 20 


67 


260 


— 20 


69 


29 


6-4 6-1 1 


270 


2-5 


5U 


26-8 


2-0 


32 


20-0 


— 6-2 


66 


16-2 


— 90 


38 


9-2 


-13-6 


64 

5-4 i 



55 

61 

198 

121 

201 
202 
2^ 
219 
138 
216 
26 
297 



— 2^4 

— 10 
2-3 
79 

121 
160 
17-4 
16 9 
13-7 
8-9 
21 

— 1-8 



— 4-1 
-80 

— 1-9 

-2-7: 

— 3-4; 
-3-3 

— 1-6 
-2-9 
+ 0-4 

— 35 
+ 1-9 

— 08 



1896 



Jftmier 

Februar 

März 

April 

Mai 

Jani 

Juli 

August 

September 

October 

November 

December 

Mittel 



— 5-6 


-2-5 


-4-8 


— 43 


57 


— 180 


39 


140 


— 2-4 


— 4-2 


10 


— 30 


-21 


70 


— 13 8 


30 


45 


— 10 


11 


54 


12 


2-6 


13-9 


-60 


5 8 324 


2-3 


0-8 


4o 


0-8 


20 


151 


— 3-2 


7-6 1 228 


79 


5-2 


10-0 


53 


68 


213 


— 2-5 


6*6 1 198 


121 


11-2 


16-4 


11-2 


129 


236 


50 


67 1 133 


16 


13-4 


176 


131 


14-7 


27-2 


32 


6 3 259 


17-4 


10-4 


14-4 


10-6 


118 


21-4 


2-7 


77 


366 


16 9 


8-8 


131 


97 


10-5 


234 


70 


65 


225 


13-7 


6-9 


11-3 


6-8 


80 


191 


-2-2 


4-2 


60 


8-9 


— 0-7 


1-9 


-0-2 


0-3 


18 4 


- 15-2 


6-3 


51 


21 


— 31 


— 0-2 


— 19 


-1-7 


98 


— IM 


5-9 


30 

Summ. 


-1-8 


3-6 


7-7 


41 


51 


27-2 


-180 


6-9 


2059 





— 19 

— Vi 

+ 03 

— 59 
-5-3 
-31 

— 27 

— 51 

— 32 

— 0-9 

— 1-8 

— Ol 



1897 bis inclus. August 



Jänner 

Februar 

März 

April 

Mai 

Jani 

JuU 

August 



— 39 


— 10 


— 3-4 


-2-8 


96 


— 12 


54 


28 


— 2-4 


- 0-9 


30 


— 0-2 


04 


114 


— 7-8 


61 


201 


— 10 


09 


5-9 


21 


27 


124 


— 42 


7-5 


218 


2-3 


2-9 


80 


3-7 


46 


20 8 


— 38 


6-6 


l'öd 


7-9 


52 


99 


52 


64 


192 


-30 


7-4 


290 


121 


11-5 


17-2 


121 


18-2 


27-2 


42 


4-7 


242 


160 


13-2 


17-3 


129 


141 


281 


6-7 


6-8 


484 


17-4 


12-4 


17-7 


132 


141 


23-9 


6-4 


5-6 


265 


16-9 



-0-4 
+ 0-6 
+ 0-4 
-8-3 
-5-7 
-2-8 
— 3-3 
-2-8 



109 

ZuBäcbst soll aus der Columne „Normaltemperatur" eonstatirt 
werden, dass nnd inwiefeme bei Uallstatt die localen physischen 
Jahreszeiten anders als die astronomischen begrenzt sind. 

Als Winter muss man die Zeit vom November bis Anfang 
Harz betrachten, da schon im November die Normaltemperatur 
gegenüber dem October um fast 7® C fällt — eine Diflferenz, 
die in solcher Höhe zwischen zwei Nachbarmonaten nicht wieder 
vorkommt — und da, wie die Columne der Minima zeigt, in 
diesem Monate schon Extreme von — 9^ und — 15^ eintreten. 
Im Mars hebt sich die Normaltemperatur so unbedeutend — nur 
am 3'3^ — nnd kommen in der ersten Hälfte noch Minima von 
—6® nnd — 15® vor, so dass mindestens in einzelnen Jahren 
noch bis Mitte dieses Monates der winterliche Charakter an- 
dauert. Da jedoch die angefahrten Minima aus zwei Jahren 
herrühren, in denen der See im März gefroren war, wodurch 
auch die Lufttemperatur abnorm herabgesetzt werden musste, ist 
es immerhin zulässig, ab letzten Wintermonat den Februar anzu- 
nehmen nnd März als den ersten Frühlingsmonat zu bezeichnen. 
Entschiedener steigt die Normaltemperatur erst im April und Mai, 
das Normalmittel des Mai resultirt jedoch aus ziemlich weit ab- 
weichenden Werten der einzelnen Jahrgänge, insbesondere was 
Maxima nnd Minima betrifft, wie die Columnen für 1895—1897 
»eigen, nnd zum Charakter des dortigen Frühlings gehören auch 
wiederkehrende negative Temperaturen. 

Mit Juni steigt das Normalmittel entschieden zu sommerlicher 
Hübe, obgleich immer noch Minima nnter Null vorkommen, imd 
der Sommercharakter, der normal im Juli mit 17*4° culminirt, 
dauert bis Ende August, in einzelnen Jahren auch noch in den 
Anfang des September, wie 1895 und 1896, wo das Monatsmittel 
nur wenig unter jenem des August zurückblieb. 

Als Herbstmonale können nur September und October be- 
trachtet werden. 

Die localen physischen Jahreszeiten begrenzen sich also; 

Winter, reichlich 4 Monate: November, December, Jänner, 
Februar. 

Frühling, kärglich 3 Monate: März, April, Mai. 

Sommer, reichlich 3 Monate: Juni, Juli, August. 

Herbst, spärUch 2 Monate: September, October, 

Betrachtet man nach der Tabelle S. 108 den Gang der Tem- 
peratur in den hier angeführten Jahren 1895, 1896, 1897, deren 



110 

erstes hier wegen seines Eicflosses auf unser limnologisches 
Beobachtungsjahr 1896 einbezogen wurde^ so ergibt sich, dass alle 
drei Jahrgänge sehr vorwiegend — ja, nur mit Ausnahme von je 
2 verschieden gelegenen Monaten — kälter als ein Normaljahr 
waren. Insbesondere erklärt sich aus den negativen Abweichungen 
der Monate Jänner (1895 : — 4*1^ 1896 : — 1'9^) und Februar 
(1895: — 8®! 1896: — l'l*) und noch mehr aus den extremen 
Kältegraden des Jänner und Februar mit — 18® und — 20** das 
Zufrieren des Sees in beiden Spätwintem, ein höchst seltener 
Fall; der, wenigstens vom Jahre 1853 an gerechnet, bisher nicht 
eingetreten war. Durchschnittlich soll auf 5 Jahre ein Winter 
mit gefrorenem See kommen.^) 

Die Eis- und Schneedecke des Sees beeinflusste denn aach 
die Lufttemperatur des März, was sich in der Depression des 
Monatsmittels 1895 und in dem ganz unbedeutenden Ansteigen 
desselben 1896 erkennbar macht. 

Dieser Charakter der vorwiegenden und meist bedeutenden 
negativen und der nur sehr unbedeutenden positiven Abweichungen 
der Lufttemperatur 1895 und 1896 erklärt denn auch die im 
Vergleiche mit anderen Seen und Jahrgängen niedrige Temperatur 
des SeeS; von der im Folgenden gehandelt wird, und die denn 
auch ihrerseits wieder auf den Gang der Lufttemperatur zurück- 
wirkte. 

Die Daten über Bewölkung und Niederschlag innerhalb un- 
serer Beobachtungszeit — 1896 und bis Ende August 1897 — 
lassen erkennen, dass die Maxima in die Monate Juli und August 
fielen, übrigens im Jahre 1896 auch ein secundäres Maximum 
auf den Monat März fiel; die Minima hingegen zwischen October 
und Jänner beobachtet wurden. Insbesondere fällt die grosse 
Regenhöhe des Monates Juli 1897 mit 484 mm auf, welche bekannt- 
lich gegen Ende des Monates eintrat, innerhalb unserer nördlichen 
Alpenzone vielfache Katastrophen zur Folge hatte und in mancher 
Beziehung — wie Oberflächen-Temperaturen und flankton- 
Fischerei — auch unsere Beobachtungen ungünstig beeinflusste. 



^) Die mir nach Aufzeichnungen des Klausmeisters hekannt gewordenen 
Winter mit gefrorenem See waren: 1853, 1857, 1870, 1872, 1876, 1880, 1891, 
1895, 1896, wobei immer der Jänner oder Februar als der Monat des Grefrierens 
zu gelten hat^ daher die ganze Eiszeit in den Anfang jedes genannten Jahres flUlt 




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Vorangegangene 
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fast heiter 

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und Tag 


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23. JuH 
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14. Aug. 
18. Sept. 
14 Oct. 
11. Nov. 


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112 

Aus der vorstehenden üebersicht ergeben sich hauptsächlich 
folgende Resultate^ denen noch die Bemerkung vorausgeschickt 
werden muss, dass die Aufzeichnungen aus der strengen Winters- 
zeit 1896—1897 leider in Hallstatt verloren gegangen sind, wes- 
halb die Kälte-Extreme hier fehlen. 

Am wärmsten wird die Traun, die selbst im März, als der 
See noch ganz nahe seiner Minimaltemperatur mit nur wenig 
über 5** war, schon 8^ hatte. Die Traun folgte überhaupt rascher 
und entschiedener den Schwankungen der Lufttemperatur, der 
Insolation und Bewölkung, und zeigte demnach auch ihrerseits 
grössere Schwankungen, als jeder andere Zufluss; nämlich 
6*8® bis 13-5^, also eine Differenz von 6-7®, die selbstverständlich 
noch viel grösser wäre, wenn die Daten aus Jänner oder Februar 
erhalten worden wären. 

Von den anderen genannten Zuflüssen ist nur noch der Mühi- 
bach mit seinem sehr wechselnden Antheile von Grubenwässem 
(vergl. S. 32) und Abfallwässern aus Hallstatt grösseren Tempe- 
ratur-Schwankungen unterworfen. Die übrigen Bäche und Quellen 
erweisen sich als sehr wenig veränderlich. Beinahe constant sind 
der Hirschbrunnen mit einer Schwankung um nur 0'2® und das 
Jochenbachl mit einer solchen um 0*8^ 

Wenngleich die anderen Zuflüsse mehr den Witterungsein- 
flüssen folgen, liegen doch ihre Temperatur-Extreme ziemlich nahe 
aneinander, und sämmtliche sind als entschieden kalte Gewässer 
zu bezeichnen, welche demnach auch in der wärmeren Jahreszeit 
die Temperatur der littoralen Seezone herabzusetzen vermögen. Am 
kältesten unter diesen ist der aus der Dachsteinregion kommende 
Waldbach mit 4*4® — 6*2^, dann folgt der Hubner- Anger-Bach mit 
4*60 — 6'7^ Dass das Träunl in Winkl keine Abzweigung der 
Traun ist, erweist sich durch seine niedrigere und weniger 
schwankende Temperatur, was auch vom kalten Fischwasser gilt. 
Dagegen lässt der Temperaturgang des Mühlwassers seinen Zu- 
sammenhang mit der Traun erkennen. 

Bei allen diesen Zuflüssen mit Ausnahme der Traun ist es 
bemerkenswert, dass im Herbste die Abnahme ihrer Temperatur 
im Vergleiche mit jener der Luft sich sehr verlangsamt und selbst 
noch im October nahezu dieselbe bleibt, wie im August und 
September, 

Es folgen nun die Tabellen mit den beobachteten Seetempe- 
raturen. 



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115 



Im unteren See wurden Beobachtungen in gleichen Tiefen- 
abstanden nur an einem Tage des August 1896 in der Nähe 
iweier in der Karte mit □ und /\^ bezeichneten Punkte vorgenom- 
men und ergaben folgende Daten: 

Temperatur-Beobachtungen im unteren See. 







Wassertemperatur (^ 


Geis.) 


in 




Datum 


Witterung 


folgenden Tiefen 




Anmerkung 




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30m 


48m 


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5i». August 
9 Uhr 
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kühl, Bewölkung 














Gesammt- 


wechselnd, wenig 


12 


12 


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beginnend 


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wärt 8 vom | 


















vorigen). 



Aus den Daten der Temperatur-Tabelle III. (S. 113 u. 114) 
•oUen nun Resultate in dreifacher Richtung abgeleitet werden: 

1. Der Gang der Temperatur in jeder der unterschiedenen 
Tiefenscbichten nach Monaten; 

2. die Vertheilung der Temperatur in verschiedenen Tiefen- 
schichten zur selben Zeit; 

3. die monatlichen Durchschnitts-Temperaturen der ganzen 
Wassersäule von der Oberfläche bis zu 100 ni Tiefe. 

Jahreszeitlicher Gang der Wassertemperatur. 

Der Discussion dieser Tabellen muss die Erklärung voran- 
getchickt werden, dass für die Tiefenstufen von 1 m abwärts so 
grosÄe Abstände gewählt wurden, weil mir mehr an der Gewinnung 
räer vollständigen Jahresreihe, die bisher fehlte, als an den 
Differenzen zwischen kleinen Tiefenstufen gelegen war und dem 
freiwilb'gen Beobachter nicht zugemuthet werden konnte, die 
Messungen noch mehr zu vervielfältigen. 

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Wcca Bsn im F o l ge a d en die Daten der r o t Hrhr n d^n Tabellen 
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Täd'etiABfen ror: die M«:^atate inp e i Aiui einer b^tinimten 
Thttmtl'rhtft kann aber e^entfick nnr dnrck das Mittel oder 
Mek ixrcL die Hänfigkatswerte ans einer grösseren Anzahl 
▼Oft Mesenngen ckafakterisin werden, annäkond so, wie es bei der 
Oiaraktensning des Temperatnrganges in der Luft gdialten wird. 

"/' [h man ach bei DarsteDong der Tiefememperatnren — 
U-__licb mit Bockädit aof die insseroi Schwierigkeiten — 
ofimaligen Wiederfaolong der Beobaehtnngen mit nur 
einer einzigen oder einigen wenigen Beobachtungen pro Monat 
und Tiefenachichte begnfigt^ so kann das rom &chliehen Stand- 
punkte aus nnr dadurch einigermaßen gerechtfertigt werden, dass 
daa Waa&er den änsseren Temperatnreinflässen nor langsam und 
mit Abs^hwächung folgt, daher innerhalb eines Monates weit 
weniger bedeutende Schwankungen mitmacht als die Luft. 

Wie wichtig e« jedoch wäre, auch im Wasser, wenngleich 
nicht tägliche, doch im selben Monate mehrmalige Beobachtungen 
aCjnmeUf^D, zeigt sich bei Betrachtung der Daten vom 7. und 
Tom 25. Juli 1896; diese diffenren sogar noch bei 80 und 100 1», 
u. zw. in der mittleren Tiefe von 30 im noch um 0*5^, bei 1 m 
Tiefe tun 1*2^ an der Oberflache sogar um 3*6^ Je nachdem 
also ein früherer oder ein späterer Monatstag, ein wSrmerer oder 
kälterer Tag zur Repräsentation der Monatstemperatur gewählt 
wird, fallen die Daten Terschieden aus, und man kann nicht 
bebfrupten^ den Monat genau charakterisirt zu haben. 

Ick will demnach nicht die üblich gewordene Stylisirung 
der Resultate anwenden und z. B. sagen: die Temperatur .fällt^ 
yoQ dieser zu jener Tiefenstufe im Monat Juli um x Grade, sondern 
die Temperatur j,fiel~ u. s. w. 

In diesem Sinne zeigen nun die Diagramme der Gesammtfigur 10 
auf folgender Seite in den angeführten Tiefenstufen von 1 m abwärts^) 

^j Der Gang der Temperatur an der Oberfläche und in kurzen Abständen 
bii zu 1 m^ bezw. 2 m, wird weiter unten abgesondert dargestellt und diacutirt, 
well btefür, wie schon S. 104 angedeutet, weit zahlreichere Daten gewonnen wurden. 



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Gosammt-Figiir 10. 



118 



iblgeuden Temperaturgang, der im Allgemeinen nur schon Bekann- 
tes bestätigt* 

1. Die Temperatur des Wassers bewegte sich zwar in allen 
Schichten annähernd wie die Lufttemperatur, deren Monatmittel 
der X'ergleichung wegen im obersten Diagramm dargestellt sind, 
doch mit viel niedrigeren Beträgen; 

2. diese Beträge der Schwankung wurden mit zunehmender 
Tiefe kleiner und bei der Tiefe von 80 — 100 m beinahe ver- 
schwindend i 

3. die Zu- und Abnahme der Wassertemperatur, also auch 
die Maxima und Minima, verspäteten sich gegenüber jenen der 
Luft desto mehr, je tiefer die Wasserschichte lag. 

Specieller und ziffermäßig ausgeführt, ergibt sich für den 
Betrag der Schwankungen folgende Uebersicht: 





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0-045 


0-09 


0-057 


zunähme 



















Die absoluten Schwankungen waren also, wie selbstverständ- 
üchy am grössten an der Oberfläche und nahe unter derselben, 
wobei bemerkt werden muss, dass die oben verzeichneten 15'4^ 
nur die höchste bei den monatlich einmaligen Beobachtungen 
gebundene, nicht aber die höchste überhaupt vorgekommene Tem- 
peratur ist; es wurden in derselben Gegend an anderen Tagen auch 
Temperaturen von 18® und 23® beobachtet. In der Tiefe von 1 m 
werden die absoluten Schwankungen plötzlich viel geringer, nehmen 
dann bis (30 m ziemhch stetig, von 60 m an wieder rasch bedeutender 
ab. Aus der letzten Zeile der vorstehenden Tabelle ist ferner er- 
sichtlich, dass die relativen Schwankungen pro 1 m in der geringen 
Tiefe wn nur 0*2 m grösser sind als in allen Tiefen von 5 m nach 
abwärts^ dass dieselben aber bei 1 m noch viel bedeutender sind 
und daselbst ihr Maximum erreichen, bei 5 m plötzlich stark abneh- 



119 

men, bei 30 m ihr Minimum haben, bei 60 m wieder ziemlich 
bedeutend, bei 100 w nur mehr wenig grösser sind als im Mini- 
mam. Dieses unstetige Verhalten der relativen Schwankungen — 
nicht zu verwechseln mit der weiter unten zu discutirenden Frage 
der Sprungscbichte — lässt auf Convections-Einflüsse und Reste 
Torangegangener Temperaturen schliessen, worüber jedoch nur 
weit zahlreichere, durch mehrere Jahre und in kleineren Tiefen- 
abständen vorzunehmende Beobachtungen Aufschluss geben könnten. 

Was die zeitliche Vertheilung der Extreme betrifft, so 
fielen die Maxima für die Oberfläche und für 02 m auf Ende 
Juli, für die tieferen Horizonte bis inclusive 60 m mit einer fast 
einmonatlichen Verspätung gegen Ende August, endlich für 100 m 
auf den Anfang des September und bewegten sich zwischen 15*4^ 
und 4*8**. Die Minima ergaben sich durchgehends im Februar 
und zwar mit nahezu gleichen Beträgen zwischen 46® und 4*4^. 
Auffallend ist, dass das Minimum in der Tiefe von 60m um Ol® 
wärmer war als in 5 w, 10 m, 30 m und selbst 100 ni und über- 
dies im gleichen Betrage noch im März anhielt, während in den 
anderen Schichten schon wieder ein Steigen der Temperatur statt- 
fand. Da auch die eingeschaltete Messung in der Tiefe von 80 m 
im Februar dieselbe Eigenthümlichkeit zeigte, lässt sich vermuten, 
dass eine in der Tiefe von etwa 60 — 80 m wirksam gewesene 
Convection diesen unterschied herbeigeführt habe, eine Frage, 
die noch weiter zu verfolgen wäre. Dass in dieser Tiefe irgend 
em störender Einfluss vorhanden sein dürfte, schliesse ich auch 
aus einer gelegentlich ausserhalb der regelmäßigen Beobachtungs- 
woche eingeschalteten Messung, die in der Tabelle nicht erscheint, 
wobei in der Tiefe von 60 m im Juli 7*2^ gefunden wurden, d. h. 
eine Erhöhung, die man erst im August erwarten konnte. 

Wenn hier Daten über die Temperatur am Boden des Sees 
Termisst werden, so Hegt der Grund hauptsächlich darin, dass ich 
den Herrn Oberbergrath Hutter nicht noch mehr belasten wollte 
tmd es vorzog, eine möglichst vollständige Serie von Beobachtun- 
gen wenigstens über die Tiefenstufen bis 100 m, sowie die sehr 
mühevollen Messungen des Einflusses von Tag und Nacht zu erhal- 
ten, al^eseben davon, dass bei Messungen am Grunde die Gefahr 
einer Beschädigung oder des mehrmaligen Verlustes des Instru- 
mentes zugenommen hätte, üeberdies kann die Frage, ob und aus 
welchen Gründen die Wassertemperatur am Boden des Beckens 
gesetzmäßig zunehme, doch nur durch länger fortgesetzte Beob- 



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Urne deUillirtere Betrachtung erfordom die Temperalaren 
d€r Oberfläche, wdche den meisten äusseren EinflUwiFn aosge- 
■efzt Ict Hierüber wurden Beobachtongen in zweifiuJier Rich- 
timg aijgesteBt. Zunächst wurde bei den zum Sammeln von Or- 
gamsmen nnd ron Gnindproben nntemommenen Fahrten gelegent- 
fidk aoeh die Temperatar der Obo-fläche gemessen. Da hiebei 
bestimmte Termine nach Monaten und Tageszeiten nicht einge- 
halten werden konnten^ eignen sich diese Daten nicht rar tabel- 
lari^heD Darstellung ; ich glaube jedoch, ein sprechendes Bild Ton 
dem örtlich sehr ungleichen Verhalten der Oberflächen-Tempera- 
tTiren dadurch geben zu können, dass ich über einige Beobach- 
tung^eihen berichte, die speciell zu diesem Zwecke bestimmt 
waren. 

Am 13. Juni 1896 Nachmittags fuhr ich Ton Lahn quer 
Hber den See g^;en Obertraun und dann an der Mündung der 
Traun vorüber annähernd parallel mit dem See-Ufer zurück bis 
zur 3Iandung des Waldbaches. 

Die jenseitige Figur 11 zeigt die Oberflächen-Temperaturen, 
welche an den eingezeichneten Punkten gefunden wurden. 
Die höchste Temperatur mit 15^ kam an einer seichten Stelle der 
Littorabtufe zwischen Winkl nnd Klrschau über steinigem Grunde 
vor: am kältesten war das Oberflächenwasser des Sees 10 — 20 fn 
vom Ufer entfernt in der Bucht von Hirschau, d. i. im Bereiche 
der Mündungen des Hirschbrunn und des Kessels mit nur 5*0® — 6*^, 
dann ausserhalb der Mündung des Waldbaches mit 6^ Etwa 200 m 
weiter seewärts vom Hirschauer Uferj wo der See schon 100 m 
tief ist, war die erkältende Wirkung der dortigen Quellbäche 
noch m bedeutend, dass an der Grenze gegen das wärmere 
WaÄser des Sees, entsprechend der Verschneidungslinie zivischen 
dem letzteren und den genannten Zuflüssen, ein halbkreisförmiger 
Nebelstreifen in der sonst vollkommen klaren und warmen Luft 
aufstieg. 

Die Traun brachte Wasser von ca. 8^ das sich noch bis 
über die Mitte des Abstandes zwischen ihrer Mündung und der 
Lahn durch Erniedrigung der Seetemperatur geltend machte, die 
im Allgemeinen 12 — 13° betrug. 



121 




t^d 



122 

Die eingestreaten Temperataren von nur T'ö* and wohl nur 
auf Gmndqnellen (^Kohbrönn", v^ S. 36 — 37) zurückzuführen. 

Oberbo^rath Hutter berichtete mir über mehrere Durch- 
querungen des oberen Sees, also derselben Section, die in Fig. 11 
dargestellt ist, wie folgt: 

^Nach langem und zuletzt starkem Regenwetter am 5. Juli 
1896 bewölkt ohne B^en. Am 6. Juli IT C Lufttemperatur. 
Am Punkte C "* der Hirschau ^} Wasseroberflache 10*6^. von 
dort zur Schiffhütte in Lahn WasBertemperatur-Abnahme auf 9*8^ 
dann von der Schiffhütte gegen den Waldbach-Ausfluss ca. 200 fn 
Tom Ufer 10"3*. Weiter g^en die Waldbach-Stromung ca. 100 m 
vom Ufer SO*. Nach der Strömung des Baches hinaus bis ca. 
200 t» 9*, von dort etwas weiter gegen Korden ge£sdiren und um- 
gekehrt. Auf See-Hitte zwischen Lahnufer und Grub 10*, bei wei- 
terer Annäherung an Grub unerwarteter Weise geringe Temperatur- 
Abnahme (Grrundquellen?), dann g^en die Schiffhütte in Lahn 
hin kleine Zunahme, näher gegen die Schiffhütte hin wieder 
Temperaturabnahme. 

Am 7. Juli wolkenloser Tag; 4 Uhr Nachmittags auf der 
Fahrt von der Schiffhütte in Lahn zum Edlingbichl zeigte sich 
die Wasseroberflächen-Temperatur sehr variabel. Kleine Zunah- 
men bis gegen Waldbach, auf der Höhe desselben geringere Ab- 
nahmen, dann bis auf die Höhe der neuen Strasse gegen Mark 
Hallstadt Zunahmen bis 17^ dann bis zum Punkte der Monats- 
beobachtungen Abnahmen bis 11*8^ 

Am 25. Juli heiterer Tag. Von der Lahner Schiffhütte zum 
Punkte gefahren. Die Wassertemperatur von der Hütte weg 13*^ 
und auf der Höhe der neuen Strasse 17*0®, auf dem Punkte 
15*4**, von diesem Standorte in gerader Richtung zum Punkte Q 
in Hirschau fahrend zwischen Kreuz und den An&achtcanal 
17'2**, dann gefallen auf 15^ beim letztgenannten Punkte. 

Am 14. August Nachmittags 4 Uhr mehr heiter als bewölkt. 
Von der Schiffhütte gerade auf das sogenannte Fischwasser in 
Obertraun (q der Karte und auch des Textes S. 35) gefahren. 
Temperatur zunehmend bis zum Kreuz bis 14°; dann Abnahme 
bis auf die Höhe der Platte zu 10*2®, weiter gegen das Ufer 
Zunahme bis 11*0^, dann gegen das Fischwasser wieder Abnahme« 

Im Winter können solche Unterschiede nicht constatirt wer- 
den, wie überhaupt bei kaltem Seewasser die Temperatur-Unter- 

*) Vergl. die limnogr. Karte und deren Zeichenerklärunng', sowie S. 132. 



123 

schiede nahezu ganz verschwinden. Nur in der Nähe des Punk- 
tes zeigt es sich immer um Bruchtheile eines Grades wärmer 
ak auf dem Punkte Q in der Hirschau, wo monatelang keine 
Sonne scheint. 

Am Ende des Winters, 15. März 1897, nahezu heiter. Am 
Paukte 5*9*^, dann von Grub-Kreuz gegen Hirschau, soweit 
der See vom Morgen bis 5 Uhr Abends von der Sonne beschie- 
nen wird, 7®, dann rasche Abnahme und auf dem Punkte Q 
nur 5^" 

Während die vorstehenden Berichte sich mit der örtlich 
wechselnden Oberflächen-Temperatur beschäftigen, lassen sieh aus 
den weiter unten folgenden zahlreichen Beobachtungen über den 
Bnfluss von Tag und Nacht eben so viele Daten über den zeit- 
lichen Wechsel der Oberflächen-Temperatur eines und desselben 
Punktes entnehmen. Hier sollen vorgreifend nur einige einschlä- 
gige Resultate aus dieser Serie von Beobachtungen kurz angeführt 
werden. Zun^U^hst ersieht man daraus die grosse Variabilität der 
Oberflächen-Temperaturen, deren Extreme, besonders nach oben- 
hin, sich weit grösser herausstellen, als nach den monatlich ein- 
miligen Beobachtungen der Tabelle III, indem z. B. in der Tab. V 
Ob^flächen-Temperaturen von 18^ bis 23^ erscheinen, während 
Tabelle lU keine höhere als 16'4** anführt Aus den Beobach- 
tungen der eben erwähnten Serie V sind die nachstehenden Extreme 
der Oberflächen-Temperatur zu entnehmen. 



Monate 




Mazima 


Minima 


Juni 


1896 


10-4 


100 


7) 


1897 


20-4 


11-2 


JuU 


1896 


230 


9-5 


» 


1897 


18-8 


160 


Aagost 


1896 


17-9 


11-5 


n 


1897 


181 


12-9 


September 


1896 


15-8 


10-6 


October 


1896 


11-4 


10-2 


November 


1896 


9-5 


7-3 


December 


1896 


6-9 


5-5 


Jämier 


1897 


5-2 


4-7 


Februar 


1897 


4-2 


30 


März 


1897 


7-0 


4-0 


April 


1897 


HO 


6-2 


Mai 


1897 


9-4 


70 



124 

Die Minima verlaufen, wenigstens vom September an, weniger 
extrem und sprunghaft als die Maxima. Aus der Vei^leichung der 
Extreme des Jahres 1896 mit jenen des Jahres 1897 (nur Juni 
Juli, August) ergibt sich, wie unumgänglich nothwendig zur 
Charakterisirung der Oberflächen-Temperaturen durch Mittelwerte 
es ist, dass durch eine lange Reihe von Jahren fortlaufend beob- 
achtet werde. 

Als ein Umstand, der am Hallstätter-See mehr als bei vielen 
anderen auf einen raschen und oftmaligen Wechsel zunächst der 
Oberflächen-Temperaturen Einfluss nimmt, ist die Beschattung 
in Betracht zu ziehen. Wie ein Blick auf die zu S. 7 beigebundene Ter- 
rainkarte zeigt, treten steile und 1000 — 1500 m über den Wasserspie- 
gel aufragende Berge im Osten, Süden und Westen ganz nahe an den 
See heran. Eine Folge davon ist, dass am Morgen die östliche, 
am Nachmittag die westliche Längsseite des Sees um mehrere 
Stunden kürzer beschienen wird, als es bei einem frei gelegenen 
See der Fall wäre, und dass der Umriss und die Erstreckung des 
Schattens je nach der Gestalt der Berge beim Wandern der Sonne 
bedeutend wechselt, ja bei Hallstatt und Lahn im Winter durch fast 
2 Monate die Sonne gar nicht sichtbar wird. So z. B. fährt man längs 
des östlichen Ufere selbst im Hochsommer bis 7—8 Uhr Morgens, 
längs des westlichen Ufers schon von 4 Uhr Nachmittags auf einem 
breiten Streifen des Sees im Schatten-, am Punkte geht die 
Sonne gegen Ende November schon vor 2 Uhr unter und bereits 
Ende October bleibt im oberen See längs der Hirschau eine nicht 
unbedeutende Area den ganzen Tag beschattet. Hiedurch muss noth- 
wendig ein Wechsel von Convectionsströmungen und, obwohl diese 
auf Ausgleichung abzielen, doch auch eine örtlich und zeitlich 
stärker als anderwärts wechselnde Vertheilung der Oberfläcben- 
Temperaturen hervorgerufen und mittelbar auch die Temperatur 
des ganzen Sees im Sinne der Abkühlung beeinflusst werden. 

Verhalten der gleichzeitigen Wassertemperaturen 

verschiedener Tiefenstufen. 

Während die Diagramme der Gesammtfigur 10 den Gang 

der Temperatur nach Jahreszeiten veranschaulichen, zeigen die 

unter Fig. Ha— lld^) folgenden Diagramme die Vertheilung der 

*) Ein Veraehen des Zeichners der Figuren 12 u. s. w., das hinterher nicht 
mehr corrigirt werden konnte, nötbigtOi die hier folgenden Figuren, die zwischen 
11' und 12 ihren Platz finden müssen, mit IIa, IIb u. s. w. zu bezeichnen. 



125 



Temperaturen, wenn diese an einer und derselben Stelle gleich- 
leitig lA TeTscliiedenen Tiefen gemessen werden. 



120* 




fi.^5« 



^< 5 1t 3« 



60 



i 5^0 



dOOm 



60 

Fig. IIa repräsentirt das Verhalten im Frühsommer, Fig. Hb 
im Spätsommer^ Fig. llc im Winter und Fig. 11 d im Frühjahr. 
Mit Ausnahme des Winters, der in allen Tiefen nahezu die gleiche 
Wassertemperatur zeigte, ergab sich ein rasches Fallen der Temperatur 
zwischen 1 m und 5 wi, ein etwas weniger rasches von 5 m zu 10 m, 
dann ein noch langsameres bis 20 w und 30 wi, endlich von da bis 
100 m ein fast stetiges allmäliges Fallen, das nur im September 
iK>eh eine eingeschaltete Abstufung zeigt, indem das GefUlle der 
Linie in Fig. Hb von 20 zu 60 m steiler ist als von 60 m zu 100 m. 

Die allerdings unerhebliche Erhöhung um 0*1® in der Tiefe 
von 60 w gegenüber der in allen andern Schichten beobachteten 
Temperatur von 4*4® im Februar mag vielleicht irrthümlich durch 
einen kleinen Ablesungsfehler signalisirt worden sein, dergleichen 
mir übrigens sonst nicht vorgekommen sind; wenn aber die Ab- 
lesung richtig war, so ist eine Erklärung möglich, für die in der 
sp&ter folgenden Discussion der täglichen Temperatur-Schwankungen 
der obersten Wasserschichten Analogien zu finden sind. Gesetzt, 
da» durch die Kälte mehrerer Wochen, etwa zwischen December 
imd Mitte Jänner, die Temperatur auch in 60 m Tiefe so wie in 
100 m auf 4*4® herabgesetzt war, dann eine kleine Erwärmung im 



-1'^^ 



126 

Jänner nur bis zu 60 m, aber nicht bis 100 w wirksam war, und 
dass dann im Februar eine Abkühlung bis auf 4*4^ nur in den oberen 
Schichten, aber nicht bis 60 ni stattfand, so mussten sich bei 100 w 
die 4*4® von Mitte Jänner her erhalten, in den Schichten ober 
60 m nach kurzer Erwärmung wieder herstellen, in 60 m aber 
konnte die Wirkung der vorübergegangenen kleinen Erwärmung 
noch erhalten bleiben. Dass wärmere Wasserschichten unter käl- 
teren wenigstens vorübergehend und bei geringen Temperatur- 
Unterschieden liegen können, ist längst bekannt, und die Daten 
über die Monats-Temperaturen der Luft in Temp.-Tab. I (S. 108) 
widersprechen jener Annahme nicht. 

Auf dem Gebiete der isochronen stufenweisen Tiefentempe- 
raturen interessirt hauptsächlich die Frage der sogenannten „Sprung- 
schicht". In dieser Beziehung ist es schon bekannt, dass Fluss- 
Seen weniger deutliche Resultate geben. Das bestätigt sich nun 
auch am Hallstätter See und war von vornherein um so mehr 
zu erwarten, da er ausser der Traun noch andere relativ be- 
deutende Zuflüsse, und zwar gerade in jenem Abschnitte erhält, 
in welchem unsere Temperaturbeobachtungen angestellt wurden. 
Es ist ferner in Bezug auf die Frage von Sprungschichten nicht 
günstig, dass die Temperaturen in ziemlich weiten und ungleichen 
verticalen Abständen gemessen wurden, was unvermeidlich war, 
wenn der Beobachter nicht überlastet, und doch die fortlaufenden 
Daten für eine Anzahl anderer Temperaturfragen, die mehr Erfolg 
versprachen, gewonnen werden sollten. Dennoch ergaben auch 
unsere Beobachtungen unverkennbare Andeutungen des Vorhanden- 
seins einer mehr weniger ausgesprochenen Sprungschichte, wie aus 
der hier eingeschalteten Tabelle ersichtlich wird. Diese ist aus der 
Tabellen- Serie III abgeleitet, indem die Zahl der Temperatur- 
abnahme zwischen jeder der von uns unterschiedenen Tiefen- 
stufen, von 1 m nach abwärts, und der nächstfolgenden durch die 
Zahl des Tiefenabstandes in Metern dividirt wurde; sie ergibt also 
die Temperaturabnahme pro 1 w. 

(Siehe Tabelle Seite 127.) 
Wenn hiebei auch Hundertstel und Tausendstel von Graden 
erscheinen, so kann das nicht den Sinn haben, als ob diese Ge- 
nauigkeit bei unseren Beobachtungen zu erreichen wäre, denen 
ich vielmehr nur eine volle Sicherheit in den Zehnteln zuschreibe, 
sondern ich beabsichtige nur, das reine Kechnungsresultat unverkürzt 
zu geben. 



127 

Es bleibt dabei allerdings fraglich, welcher Betrag der Ab- 
nahme als. sprunghaft gelten darf; ich habe als solche mit * nur 
jene Beträge bezeichnet, die beiläufig doppelt so gross sind, als 
die der näcbst vorhergehenden Tiefenstufen. 

Diese Tabelle zeigt nun: 

1. dass mit Ausnahme von Jänner und Februar in allen 
Monaten die relative Temperatur- Abnahme zwischen 1 m und 
5 »I weit bedeutender als zwischen allen anderen Tiefenstufen ist, 

2. dass von 5 m bis zu 30 m eine nur geringe und ziemlich 
stetige Abnahme stattfindet, 

3. dass in den Monaten Juni bis inclusive December zwischen 
30 m und 60 m die relative Abnahme entschieden bedeutend und 
dann bis 100 m zwar kleiner wird, aber immerhin nicht un- 
kfrächtlich ist. 

Auf je 1 OT berechnete Abnahme ^ der Temperatur 

zwischen den links bezeichneten Tiefenstiifen in den liier angeführten 

Monaten nnd Tagen. 



Tiefenstufen 


1 


7. Juli 


25. Juli 


< 


1. 

September 


27., 28. 
November 


Tom 1 ni zu 5 m 


0-125*) 


0-4* 


0-425* 


0-3* 


0-36* 


5* 


yvm 5 m zu 10 m 


0-04 


006 


) 0-1 


' 0-06 


0-02 


0-06 


▼f^n 10 TO zu SO m 


0026 


0005 


0045 


0-045 


0-03 


0055 


v&A 30 m zu 60 m 


0-167*) 


0-057* 


007* 


0'087* 


0082 


0-07 


▼>B 60 fi» zu 100 m 


0-04 


0-068 


0-065 


1 0-065 

1 


0035 





TteiüDßUden 












•3 


*w 1 w zu 5 w 


0-45» 





0-025 


0125* 


0-225* 


0-35* 


▼oa 5 »1 zu 10 m 


0-02 








0-02 


0-1 


0-22 


TO» 10 «» zu 30 f» 


0-025 








0-005 


003 


003 


▼w 30 M zu 60 m 


0-043* 


; 


0-003 


0-0033 


0-007 


0-047 


▼oa fW) w zu 100 w» 





' 

1 


00025 


00025 


00076 


00075 



*) Der kleine AsteriscuB bedeutet eine als sprunghaft zu betrachtende Ab- 
^*^att der Wasserteinperatar. 



139 

Man kann also von einer oberen Spningscliichte innerhalb 
der Stufe 1 — 5 i», und von einer unteren innerhalb .der Stufe 
50^60 tn sprechen; die genauere Lage der Sprungschichten 
wäre noch durch Messungen in kürzeren Abständen zu ermitteb. 

Die bisherige Discussion beschäftigte sich nur mit den Tem- 
peraturen der Schichtflächen oder Isobathenflächen. Es sollen nun 
auch die Temperaturen der Schichtenkörper in Betracht gezogen 
werden. Hiefiir bietet sich auf Grund der vorli^^nden Beobach- 
tungen keine andere Methode, als das Mittel aus der Temperatur 
der oberen und der unteren Fläche einer jeden der 7 unterschie- 
denen Schichten als Durchschnittstemperatur des Schichtenkörpers 
anzunehmen. Diese Annahme lässt desto mehr zutreffende Resul- 
tate erwarten, je kleiner die Abstände der gewählten Schichten, 
d. b, je dünner diese sind; da nun unsere Schichten, von 10 w* 
aoge&ngen, eine ziemlich bedeutende Mächtigkeit (20 w, 30 m, 
40 m) besitzen, können die in der folgenden Tabelle erscheinen- 
den Durchschnittswerte nur mit der sich hieraus ergebenden 
Beschränkung als annähernd richtig gelten. 

(Siehe Tabelle Seite 129.) 

In den Schichten, von 10 m zur Tiefe absteigend, traten die 
MaxJma erst im September ein; nur die unterste erreichte das- 
selbe schon im August, behielt es aber auch noch im September. 
Das Minimum traf auch .für die Schichtenkörper wie für die 
Scbichtenflächen durchaus auf den Februar; vom März an hob 
eich die Temperatur aller hier unterschiedenen Schichten. 

Die Differenzen gegen den Vormonat erreichten ihr Maxi- 
mum vom Mai an im Sommer, blieben im August und September 
nach erreichtem Maximum klein und nahmen vom Spätherbst 
an entschieden ab ; auch wurden sie aus selbstverständlichen Grün- 
den desto kleiner, je tiefer der betreffende Wasserkörper lag. 

Aus den Daten der Temp.-Tabelle III, S. 113, 114 lassen sich nun 
' auch die monatlichen Durchschnittstemperaturen der ganzen Wasser- 
säule von der Oberfläche bis zu 100 tn annähernd ermitteln, wenn 
man die zusammengesetzte Durchschnitts- oder Gesellschaftsrechnung 
anwendet, um jedem Schichtenkörper die seiner Mächtigkeit ent- 
sprechende Valenz anzurechnen. 

Indem jeder der Temperaturwerte der erwähnten Tabelle 
mit der in Metern ausgedrückten Mächtigkeit der betreffenden 



129 



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9 
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5 ( -JOA ajp 
^ na^S zaaidj|i(i 

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jn^uadmax 



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i -aoA aip 
*naSaB zaaiaj^fd 



m^uadmax 
-«^{TiqasqaiiiCE 



apnaqa^jaq 

-JOA aip 

naBaS ziiaaajji(£ 



jn^viadmax 
-8^}aqasqoin(£ 



apaaqa&iaq 

-JOA aip 

vaBaB znajdj^id 



jinsjadtaax 
-8f}iaqatqaia(X 



I apaaqaBiaq 
I -JOA aip 
juaSaB saaja^KX 



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® 5 'S •§ ^ 3 

Q *r> f^ t^ < 1^ 



MItih. <L k. k. 6«ogr. Ges. 1898. 1 u. 2. 



130 



Schiclite muUiplicirt, aus ^men Producten die Stimme gezogen 
und diese durch die Summe der Mächtigkeite-Meter, nämlich 

0'2 + 0^8 + 4 + 54- 20 + 30 + 40 = 99 (rund 100) 
diTidirt wird, erhält man das folgende Resultat: 



Hoiute 


JlUTCbflt^hDitta- 

Tt^mperatnr d«r 


Differenz 
gegen den 
Vormonat 


1896 






Juni 


6-45<» 




JüUi) 


vei" 


+ 1-16 


August 


s-o^«» 


+ 0-41 


September 


8-03* 


+ 0-01 


Octoher 


— 


— 


November 


7-08" 


— 


December 


6-49" 


— 0-59 


1897 






Jäuner 


ß-04'' 


— 1-45 


Februar 


4-40'* 


-0-64 


Miirz 


4-5G" 


+ 016 


April 


4-99" 


+ 0-43 


Miü 


e-öi» 


4-1-82 



Der obere See, Tvelcher durch diese Wassersäule repräsentirt 
wird^ nahm al&o im DurcbsehnJttö seiner ganzen Masse von März 
bis wenigstens inchisive September an Wärme zu; genau liess sich 
der Weodemonat nicht conslatiren^ da die Beobachtungen im 
Octoberaus dem erwähnten Grunde unterblieben. Eben deshalb lässt 
eich auch das Jahresmittel nur beiläufig mit 6*3^ ansetzen. Das 
Maximum der Gesamrottemperatur mit 8*03® fiel in den Monat 
September, also zwei Monate nach dem Maximum der Luft- 
temperatur, das Minimum mit 4'4^ atif den Februar, daher nahe 
zusammen mit dem Minimum der Lufttemperatur. 

Die Differenzen innerhalb der ganzen Wassersäule bewegten 
sich in sehr engen Grenxenj indem die beiden Extreme nur um 
3 "63** verschiede ti waren. Schon von Februar an stieg die Gesammt- 
temperatUFj u. zw. im März und April noch unbedeutend, im Mai und 
Juni rasch, dann nur wenig im Juli und August; das Fallen von 

*) Nach dem Hittol aus 2 BeobachluDfBn (7. und 25. Juli). 



131 

December auf Jänner war noch bedeutender, als das Maximum 
des Ansteigens von Mai auf Juni. 

Wäre es möglich gewesen, die Beobachtungsreihe continuirlich 
Ton November eines Jahres — also vom Beginn des localen 
physischen Winters — bis Ende October des darauf folgenden 
Jahres zu fohren, so Hesse sich auch eine Bilanz der Calorien 
ziehen, welche dem See zugeführt und dann wieder von demselben 
abgegeben wurden, wie es weiter unten auf Grund zahlreicherer 
Beobachtungen in den obersten Wasserschichten für einzelne Tage 
bezüglich der Einnahme bei Tag und Ausgabe bei Nacht versucht 
wird; im gegenwärtigen Abschnitte muss darauf leider verzichtet 
werden. Es lässt sich aber vorhersagen, dass die desiderirte 
Beobachtungsweise zeigen würde, wie der ganze Wasserkörper 
sowie jede Schichte desselben aus dem Winter eines Jahrganges, 
d. h. aus der Zeit der negativen Differenzen, in die Zeit der 
positiven entweder mit einem Ueberschuss oder mit einem Abgang 
~ also gewissermaßen vor erwärmt oder vorerkaltet — übertritt, 
wovon dann wieder der Gang der Temperatur der nächsten 
Saison beeinflusst wird. 

Temperaturen im unteren See. 

Es erübrigt noch die Betrachtung der wenigen, S. 115 ver- 
zeichneten Temperaturdaten aus dem unteren See. Nach Simony's 
Messungen^) im September schien es, dass in diesem Abschnitte 
des Sees im Sommer etwas höhere Temperaturen herrschen, als im 
oberen. 

Mit meinen Beobachtungen im unteren See, am 20. August 
Vormittags, lässt sich annähernd nur die Beobachtungsreihe vom 
22. August im oberen See (Temp.-Tabelle III) vergleichen. 

Lässt man die Temperatur der Oberfläche und von 1 m, die 
zu sehr von momentanen Einflüssen abhängt, beiseite, so ergibt sich 
för die mittleren Schichten von 5 bis SOm folgende Zusammen- 
Biellang : 

Unterer See. 20. August Oberer See. 

9 Uhr II Uhr 22. Au^st 

5 m 107 10-7 ll-O 

10 w 10-5 10 3 10-7 

30 m 6-0 5-7 . 98 



^ Vergl. die Zusammenstellung in Müllner's wiederholt citirter Abhandlung 
,Die Temperaturverhältnisse der Seen des Salzkammergutes", S. 4. 

9* 



I 



132 

In allen Tiefen war also der tintere See kälter, imd es IlUst 
sich daher weder aus Simony's noch aus ineineii Mesäungen ein 
gesebsmäüiges Verhältnis ableiten. 

Q^ang der Temperatur in den obersten Wasser- 
schichten nach dem Einflüsse von Tag und Nacht. 

Diö nach folgend zusammengestellte Tabelle gibt Daten zur 
Beurthciliing des Einfluases, den die Erwärmung während einer 
TageehHifte und die Abkühlung während einer Nachlhitlftö in ver- 
schiedenen Absländen zwischen Oberfläche und 1 m oder 2 fn übt» 

Zu diesen Beobachtungen wurden verkflrzte Pinsel-Thermo- 
meter, in der oben S. 106 angegebenen Art adjustirt, an einer 
über 2 m langen Latte so befestigt, dass ihre Kugeln in die ge- 
wollten Abstünde von einander kamen. Die Latte war unten be- 
schwert und oben sowohl zum Festhalten als zum Schwimmen (in 
verticaler Stellung) hergerichtet 

Die Aufgabe war; an möglichst vielen Tagen zuerst Abends 
beim localen Untertauehen der SonnCj also am Ende der Insola- 
tionswirkung, dann am nächsten Morgen, gerade vor dem 
localen Auftauchen der Sonne^ also am Knde *der nächtlichen 
Irradiation j endlich drittens am Abend dieses zweiten Tages die 
Reihe der 4 — ^5 an der eit^eta achten Latte angebrachten Thermo- 
meter nach Verlauf der vorher ermittelten Accommodationszeit*) 
abzulesen. Die Temperatur der Oberfläche wurde mit einem in 
der Hand gehaltenen Pinsel -Thermometer so wie bei den monat- 
flehen Beobachtungen geraessen. 

Auch dieser Bemühung, welche im Hochsommer oftmalige 
Ausfahrten um 4 l'hr Morgens und winterliche Beobachtungen 
bei 20^ Kälte involvirto^ uoterzog sich llorr Oberbergrath Hutter 
mit nicht genug zu rühmender Aufopferung. 

Der Punkt dieser Beobachtungen, in dar Karte des Sees mit O 
bezeichnet^ lag etwas südlich vom Beobachtungspunkte für die 
monattichen Messungen, angesichts der Hirsch aUj aber ausserhalb 
des Wirkungsbereiches der dortigen kalten Uferquellen/ 

Die Tiefenschichteuj auf welche sich die Ablesungen bezogeuj 
waren vom Juni I89G bis inch Mai 1897: Oberfläche, 20 ciWj 40 ^m, 



^) AU Aocomniodatlonszeit ward© jene de« irä^fiton der fÜof Thermo- 
roeier ein^halteo j als uDterstefl Thermometer ward© jen^s mit der kürzesten 
Confltan^zeU angebracht und diesi?» immer ^aerat abigpeleseD. Die abgeteeenen 
Zahlen wardc:ti einem mitgenommenen SaUnenz^glin^ mach dictiTt* 



133 

60 cm, 80 ctHy 1 I»; dann von Juni bis Ende August 1897: 
Oberfläche, 20 ctn, 40 cm, 80 cm, 120 cm, 2 »i. 

Die letzterwähnte Abstufung wurde im Sommer 1897 gewählt, 
nachdem die 1896 beobachteten täglichen Schwankungen in der 
Tiefe von 1 m noch so gross waren, dass man sehr deutliche Ein- 
wirkungen auch noch bei 2 m Tiefe erwarten konnte. 

Die Anordnung und Einrichtung der betreffenden Tabellen 
bedarf einiger Vorbemerkungen. 

Die erste Gruppe (S. 137 — 143) mit V bezeichnet, gibt mit 
ihren 5 Fortsetzungen die Original-Daten nach den 1 32 unternom- 
menen Ausfahrten von Ende Juni 1896 bis Anfangs Juni 1897, 
wobei nur bis zur Tiefe von 1 m gegangen wurde. Die folgende 
Gruppe, VI, enthält die Resultate weiterer 30 Ausfahrten von 
Mitte Juni 1897 bis Ende August 1897 mit Beobachtungen bis 
zur Tiefe von 2 m. 

Die Daten dieser, zusammengenommen die ansehnliche Zahl 
von 152 ergebenden Ausfahrten sind in beiden Tabellen V und VI 
durch seitliche Klammem in Gruppen von je 3 consecutiv zu- 
sammengehörigen Beobachtungen (in der Regel : Abend, nächster 
Holten, nächster Abend) oder Zeilen zusammengefasst. Es sind 
zusammen 984 Ablesungen, dargestellt in 164 Zeilen oder Reihen, 
die zu 55 Beobachtungs-Gruppen meist von je 3 Reihen gehören. ^) 
Zwei Columnen sind der kurzen Bezeichnung der „voran- 
gegangenen" und der „gleichzeitigen" Witterung gewidmet. Aus 
denselben Grflnden und im selben Sinne, wie schon bei Tab. III er- 
wlhnt, werden die hieher gehörigen Daten über Lufttemperaturen 
imd Bewölkung aus typographischen Rücksichten nicht in die eben 
erwähnten Columnen eingesetzt, sondern in einer eigenen Tabelle 
{IV) vorangeschickt 

Nach den bisher skizzirten Zusammenstellungen absoluter Be- 
obacbtungs-Dateu folgen dann unter VII— X Tabellen mit den 
Differenzen, welche sich ergeben, wenn man die Temperaturen 
des Abends mit jenen des nächsten Morgens (in der Regel Ab- 
nahme) und diese letzteren mit jenen des darauffolgenden Abends 
(in der Regel Zunahme) vergleicht, endlich unter XI und XII die 
Differenzen zwischen den Temperaturen von je zwei untereinander 
liegenden Isobathen- oder Schichtäächen. 



*) Da einmal die Beobachtungen einer Gruppe nur 2 Reihen umfassteuj 
beträgt die Anzahl der Reihen nicht 3 X ^^ = 1^^; sondern nur 104. 



134 

Man erhiiit die Differeuzen der Tab, VII — X, indem naan 
je zwei in Tab, V* uütereinander stehende Temperaturen ab- 
zieht, die Differenzen in XI uod XII hingegen durch Subtraction 
je zweier in Tab. V nebeneinander stehender Temperaturen, 

Wegen der nahen Beziehung der Lufttemperatur und Be- 
wölkung zur Temperatur der obersten Wassere chichtea Eind für 
die einaehliigigen Beobachtungstage die bezüglichen Daten nach 
den Aurzcichnungen der meteorologischen Station Hallstatt In 
Temp.-Tab. IV bier angeführt 



Die hiemit einleitend skizzirten Tabellen folgen nun in der 
angedeuteten Ordnung. 



135 



Tb^s mittel der TeiTipeiatnv nml Bewölkung für die Tage 
^ Beobaebtnngeo Über deu £iaflass einzelner Tage und Nächte anf die 

J^etempeiuhii. 



189S 



Tampernt. ßevvülk. 



Datum 



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October 

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3. 
6. 
7. 



November 
2. 
3, 

9. 
10. 
17. 
18. 
£4. 
25. 
26. 
27. 



Deeember 

1. 

2. 
10. 
11. 
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16. 
17. 
21. 
22. 
29. 
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ICitüi d. k. k. Qeogt. Gm. 18«8. l u. 



10 



146 



Temp.-Tab. VII. 

Temperatur-Differenzen 

der Isobathen in — 1 m Tiefe von Abend zu Morgen, 

Juni 1896 bis Anfang Juni 1897. 





D a t 1 




Temperaturen-Differenzen 


in nach- | 


'^ 


1 m 


stehenden Tiefen 






li 












1 
















j 




Monat 


Nacht 
vom 


Ober- 
fläche 


20 cm 


40 cm 


60 cw 


80 cw 


Im 1 




1896 
















1 


Juni 


26.-27. 


— 0-4 


— 0-2 


— 0-2 


— 2 


— 0-2 





2 


Juli 


6.-7. 


— 1-1 


— 1-2 


— 10 


— 1-0 


— 0-7 


— 10 


3 


»? 


16.-17. 


— 10 


— 9 


— 0-6 


— 0-6 


— 0-2 


— 4 


4 


»? 


23.-24. 


— Ol 


— 0-3 


— 0-4 


— 0-2 





— Ol 


6 


11 


28.-29. 


— 7-4 


— 6 6 


— 5*4 


— 3-8 


— 1-6 


- 02 


7 


August 


4.-5. 


— 1-6 


— 1-4 


— 11 


— 0-8 


— 0-4 


— 0-4 


9 


11 


13.-14. 


— 0-5 


- 05 


— 0-7 


— 0-6 


— 0-5 


— 0-4 


10 


11 
September 


31.— 1. 


— 0-6 


— 3 


— 0-2 











IL 


6.-7. 


+ 0-8 


+ 0-7 


+ 0-8 


+ 0-7 


+ 0-7 


+ 0-6 


IS 


]] 


22.-23. 


- 0-8 1 — 11 


— 10 


— 0-9 


— 0-4 


— 0-3 


14 


October 


2.-3. 


- 0-2 











— Ol 


— Ol 


15 


11 


6.-7. 


— 0-6 


— 0-6 


— 0-6 


- 0-6 


— 0-6 


— 6 


Ha 


November 


2.-3. 


— 0-6 














+ 0-1 


17 


11 


9.-10. 





+ 0-1 


+ Ol 











18 


11 


17.-18. 


— 0-1 


— 0-1 


— Ol 











19 


11 


24.-25. 


— 0-4 


— 0-2 


- 0-1 











iO 


11 


26—27 


— 0-3 


— 3 


— Ol 


— Ol 








21 


December 


1.-2. 


— Ol 


— Ol 


— 0-1 











22 


11 


10.— 11. 


— 0-2 


— 0»1 





— Ol 


— Ol 


— Ol 


U 


11 


15.-16. 


— Ol 


— Ol 


— 0-1 


— Ol 








26 


11 


21.-22. 


— 2 


— 0-1 ' — Ol 











26 


11 


29.— 30. 


- 0-2 i — 0-2 - 0-1 











1 


1897 






1 








27 


Jänner 


4.-5. 


— 0-2 


— 0-2 


— Ol 


— 0-1 








1 28 


11 


12.— 13. 




















29 


11 


19.-20. 


— 0-2 


— 0-1 





— Ol 








30 


Februar 


4.-5. 





o' 











+ 01 


91 


11 


9.-10. 


— 03 


— 01 


- Ol 


— Ol 








nt 


11 


17.-18. 


— 0-7 


— 0-4 


-03 


- 0-4 


— 0-2 


— Ol 


SS 


11 


24.-25. 


— 05 


— 0-4 


— 0-6 


— 0-6 


— 0-5 


— 0-6 


34 


März 


3.-4. 


- 9 


— 1-0 


— 0-8 


— 0-5 


— 0-3 





3A 


7? 


10.— 11. 


_ 0-4 — 0-4 — 0-4 


— 0-4 


— 0-3 


— 0-4 


M 


"1 


23.-24. 


— 0-9 


— 0-6 — 0-6 


— 0-4 


— 0-1 





S7 


11 


30.— 31. 


— 07 


— 05 


- 0-6 


— 0-5 


- 0-3 


— 0-3 


38 


April 


6.-7. 


— 0-3 


— 3 


— 0-2 











3t) 


11 


13.-14. 


— 0-2 


— Ol 














40 


»? 


20.— 21. 


— 1-8 


— 17 


- 1-6 


- 1-4 


— 1-2 


-0-9 


1 ^^ 


11 


28.-29. 


— 20'— 1-5 j — 10 


— 0-7 


— 0-3 


- 0-4 


1 42 


Mai 


5.-6. 


— 0-5 — 0-3 — 0-3 


— 0-2 


— 0-2 


— Oö 


43 


11 


12.— 13. 


— 10 — 0-8 — 0-7 


— 0-5 


— 5 


- 0-5 


44 


11 


26,-27. 


— 0-4 — 0-3 





-f 2 


+ 0-2 





45 


Juni 


1.-2. 


— 3-9 


— 3-9 


- 2-5 


— 2-3 


— 2-2 


— 0-2 



147 



Temp.-Tab. VIU. 

Temperatur-Differenzen 

der Isobathen in 0—1 m Tiefe von Morgen zu Abend, 

Juni 1896 bis Anfang Juni 1897. 









Temperaturen-Differenzen in nacb- 


1 §2 


1 Datum 


stehenden Tiefen 


Hl 


Monat 


Tag 
vom 


Ober- 
fläche 


20 cm 


40 cm 


60 cm 


80 cm 


1 m 




! 1896 












1 


1 


Juni 


27. 


^ 


h 0-1 





1 





2 


1 JuU 


7. 


- 


- 1-5 


-\- 1-7 




- 1-8 


+ 1-6 


+ 1-3 ! + 1-7 
4- 07 !+ 06 


$ 


)T 


17. 


- 


- 1-1 


+ 0-9 


- 


- 10 


+ 1-0 


4 




24. 


— 03 







- 0-2 





— 0-2 ' — 0-1 


5 


jj 


26. 


+ 2-7 


-4- 2-5 
4- 3-4 




- 2-6 


+ 2-4 4- 2-6 + 2-1 
+ 2-0 + 1-8 4- l'l 


6 


7t 


29. 


+ 3-2 




- 2-7 


7 


AnguBt 


6. 


-- 0-3 


— 0-4 


— 0-4 


— 0-4 — 0-3 — 0-3 


8 




6. 


^ 


h 0-8 


+ 0-8 


_ 


h 0-5 


- 


- 0*3 - 


- 0-2 J 


- 0-3 


9 




14. 


_ 


- 1-7 


+ 16 




- 1-2 


- 


- 0-6 - 


- 03 - 


- 0-2 


10 


September 


1. 


- 


- 1-0 


+ 1*1 


- 


- 0-9 


H 


- 0-7 1- 


-0-7- 


- 0-9 


11 




7. 


_ 


- 12 


+ 11 


- 


- 0-9 


- 


- 11 


- 


- 11 


- 


- 12 


12 




23. 


_ 


- 10 


+ 10 


- 


- 0-9 ; - 


- 08 


- 


- 0-3 




- 0-3 


13 




24. 


— Ol 


— 0-1 


— o-i — Ol 





1 


14 


October 


8. 


+ 1-0 
4- 0-4 


+ 1*1 

-}- 0-3 


_L 0-9 + 0-8 
4- 0-3 + 0-3 


+ 0-6 


+ 0-6 


15 


>» 


7. 


+ 0-3 1 + 03 1 


16 


November 


3. 


— o-i 


— Ol 











17 




10. 


- 0-1 


— Ol 


— Ol — 0-1 


~ o-i 


— Ol 


18 
19 




18. 
25. 


+ 01 
4- 0-2 


-j- Ol 
+ Ol 


+ Ol 

+ 011 










20 


)) 


27. 


+ 0-3 
4- Ol 


-H 0-2 


+ Ol + 0-1 








21 


December 


2. 





! 








22 




11. 


^0 

















23 




16. 


— 0-2 


— 0-2 


— 0-1 


— Ol 


— Ol 


— Ol 


24 




17. 




















25 


yy 


22. 


+ Ol 





+ 01 











26 


1897 


30. 


-Ol 


— Ol 





— 0-1 


- 0-1 


— Ol 


27 


Jänner 


5. 








— 0-1 


- - Ol 


— o-i 





28 




18. 





— Ol 


— Ol 


— Ol 





— Ol 


29 


}) 


20. 




















30 


Februar 


6. 




















81 


}) 


10. 




- 0-3 


+ 01 


- 


h 0-1 1 + o-i 
- 0-3 i + 0-3 








82 


)t 


18. 




- 0-8 


+ 0-5 


- 


+ 0-2 ' Ol 


38 




26. 


- 


- 0-3 







- Ol 











34 


März 


4. 














- Ol 


— 0-3 


85 




11. 

















— Ol 


36 


}t 


24. 


+ 1-5 


+ 1-2 


- 


h 1-0 


+ 09 +0-5 




h 0-2 


37 


j» 


81. 


+ 2-2 


+ l-ö 




- i-öM 


- 12 -- 10 

- OJ -j- Ol 




- 0-8 


88 


April 


7. 


+ 0-7 


+ 0-6 




-03- 




- Ol 


39 


)) 


14. 




- 8 


+ 0-8 
+ 0-6 


+ 0-6 ' H 


-041+04 




- 0-2 


40 


i> 


21.* 




- 0-4 


+ 0-6 


H 


-0-61+ 0-4 




- 0-2 


41 




29. 




- 0-5 


+ 0-5 

4- 0-8 











42 


nki 


6. 




- 10 


+ 0-5 


+ 0-2 + 0-2 


+ 0-1 


43 




13. 





— 02 


— 0-2 


— 0-2 





44 


?» 


27. 


4- 0-7 


+ 0-8 


+ 0-8 


+ 0-8 + 0-8 


+ 0-4 


45. 


Juni 


2. 




- 0-1 


— 0-9 




- 0-9 


- 


- 10 


- 


- 1-0 




1 



10* 



14S 



Temp.-Tab. IX. 

Temperatur-Differenzen 

der Isobathen in 0—2 m Tiefe von Abend zu Morgen 
im Sommer 1897. 



4> 


D a t 1 






Temperatur-Differenzen 










iu nachstehenden Tiefen 




^A 












SN 


Monat 


Nacht 
vom 


Ober- 
fläche 


20 cm 40 cm 


80 cm 120 cm 


2 m 


46 


Juni 


14.— 15. 


— 40 


; 1 
— 40 1—421 —30 —20 


— 28 


47 


n 


23.-24. 


— 0-3 


— 0-2 — Ol 


— 0-1 —Ol 


-0-2 


48 


Juli ) 


30.— 1. 


— 21 


— 1-7 — 1-5 


— 10 — 10 


— 0-9 


49 


, 6.-7. 


— 0-8 


-0-6 


-05 


— 0-6 — 0-6 


— 06 


50 


}) 


' 13.— 14. 


— 0-8 


-0-9 


-0-7 


— 0-5 — 0-3 


— Ol 


51 




20.— 21. 


— 0-8 


— C-6 


-0-6 


— 0-5 . — 0-4 


— 06 


52 


August 


3.-4. 


— 19 


— 17 — 1-6 — 1-6 


— 13 


— 11 


53 


n 


11.— 12. 


— 10 


— 11 i — 10 i — 1-3 


— 12 


— 11 


54 




24.-25. 


— 21 


— 1-8 1 — 1-5 : — 10 


— 0-7 


-0-7 


55 


» 


30.— 31. 


— 0-5 


-0-9 

1 


— 0-8 


— 0-2 

1 


— 0-9 


— Ol 



Temp.-Tab. X. 

Temperatur-Differenzen 

der Isobathen in — 300 m Tiefe von Morgen zu Abend 

im Sommer 1897. 



<p 


D a t 1 










Temperatur- 


Differenzen 






na 




in n 


ac] 
4 


bstehenden Tiefen 


Monat 


Tag 
vom 


Ober- 
fläche 


20 cm 


1 i 
cm 80 cm 


120 cm 200 cm 


46 


Juni 


16. 


+ 0-5 




-10 


-rO-7 


+ 0-2 




^ 1-9 H 


-Ol 


47 


n 


24. 


4-8-0 
+ 3-1 




-2-9 




-20 


a-i-2 




-0-4 


- 


-03 


48 


Juli 


2. 




-8 2 




-2-9 


— 2-6 




h2-4 


- 


r-19 


49 


n 


7. 


— 3-4 




^3-3 




-30 


-r 3 2 


J 


-26 


- 


-3-8 


50 


r 


14. 


- 


^0-8 




I-0-7 




-0-4 


--0-4 


- 


-03 


__ 


-02 


51 


m 


21. 


- 


-0-7 




-0-7 




-0-8 


--0-7 


J 


-04 


_ 


-0-4 


52 


Augüst 


4. 


;- 


-2-8 


J 


kO-9 




hO-8 


--10 




-0 5 


_ 


-0-3 


53 


rt 


12. 


'j 


-0-4 




-0-6 


_ 


-0 6 


--1-0 




-0 6 


- 


-0-3 


54 


V 


25. 


- 


-1-4 


1- 


f-1 2 




-11 


--10 




-0-7 


- 


-0-6 


55 

1 


j) 


31. 




1-2 4 


1 - 

1 
1 

i 


t-2-7 


1 


- 1-5 


-t-2-1 




- 1-8 




-1-6 



149 



remp.-Tab. XL 

Temperatur-Differenzen 

von Isobathe zu Isobathe (Oberfläche bis 1 m) 

von Juni 1896 bis Ende Mai 1897. ^) 



D 


»tu 


m 




Differenzen 






- - — 


»^ s ..1 


55,55S5i5.. i = 










^vi ec tQics 


s N 


Monat 


Tag 


Stunde 


§§ ; sg ; sg g- 


0^5 








9 iJ Si 


^ t Ö fl S3 


fl U tH 








«8 C^ 1 


pd'pötOcJ ON 


O .-aS 


1896 






>53 1 


> N > ü ^ > ti '^ 


> "53 








1 1 


Juni 


26. 


e^ Ab. 


- 0-2 


' 1 

— 0*2 ; ' — 5 — 0-9 


» 


27. 


5»^ Mg 





— 2\ -. OS — 0-5 


» 


27. 


6h Ab. 


— ö'l 


— 0-2j Ol — 0-3 — 06 


Juli 


6. 


6h Ab. 


— 0-2 


_ 0-4; — 0-3 — 0-2 - 11 


i 


7. 


5h Mg. 


-- 3 


— 0-2 


— 5 — 10 


! ?! 

• 


7. 


6h Ab. 


— Ol 


— Ol — 0-3 — 2 


— Ol — 0-8 


1 »» 


16. 


6h Ab. 


- Ol 


— 4 — 0-5 


— Ol — 11 


>; 


17. 


5h Mg. 





— Ol . — Ol, — 0-3 — 0-5 1 


»1 


17. 


6h Ab. 


- 02 





— 0.4' — 0-4:— 1-0 1 


i 


23. 


6h Ab. 


- Ol 


— 0-1 


— 0-2 — 0-2 


— 0-2| — 0-8 


)) 


24. 


^/.6h Mg. 


— 0-3 


— 0-2 


— 03 — O'S 


»j 


24. 


6h Ab. 





1 — 2 — 0-2 


— 0-2 — 0-6 


11 


25. 


6h Mg. 





-02 0^0-1- Ol — 0-4 


11 


25. 


6h Ab. 


— 0-2 


— Ol — 0-2 1 — 0-5| — 10 


i 


28. 


6h Ab. 


— 10 


— 1-3 — 17 — 2-5 — 1-3 — 7-8 


}} 


29. 


6h Mg. 


- 0-2 


— Ol 


— Ol — 0-2i 1 — 0-6 


jj 


29. 


6h Ab. 





— 0-8 


— 0-8 — 0'4i — 7i— 2-7 


August 


4. 


6h Ab. 


— 0-2 


— 0-3 — 0*4 — 0-5 


— Ol! — 15 


n 


6. 


'/46h Mg. 








— O'l — Ol 


— Ol — 0-3 


jj 


5. 


6h Ab. 


— 0-1 





— 0-1 


— Ol — 3 


" • 


6. 


6h Mg. 








— Ol — 0'i\ — Ol - 0-3 1 


»1 


6. 


•/46h Ab. 





— 3 — 0-3 — 0-2| 


— 0*8 


11 


11. 


Vaöh Ab. 





— Ol 


— Ol — Oll 


- 0*3 


rt 


13. 


6h Ab. 








_ 0-2 — 0-2i — Oll — 05 1 


11 


14. 


6h Mg. 





— 0-2 — Ol — Ol 


— 4 


JJ 


14. 


»/46h Ab. 


— Ol 


— 0-6 — 0-8 — 03 — Ol 


— 19 


September 


31. 


»/46h Ab. 


— 0-4 


— 0-2 — 0-3 — 0-3 — 0-2 


— 1-4 


1. 


6h Mg. 


— O'l 


— Ol - Ol — 3 - 2 - 0'S\ 


ti 


1. 


'/46h Ab. 





— 0-3 — 0-3 — 0-3 


— 0*9 


11 


6. 


VaÖh Ab. 





— 0-2| — Ol 


— Ol — 0-4 


11 


7. 


7h Mg, 


— Ol 


— Ol — 0-2 


— 0-2 - 0-6 


11 


7. 


Vaöh Ab. 


— 0-2 


- 3 





— Ol. — 0-6 


JJ 


22. 


V«ßh Ab. 


4- 0-2 


— 0-1 


— Ol — Ol 


— Oi; — 0-2 


JJ 


23. 


VsVh 3fy. 


— Ol 





4- 0-4 


, + 0-5 


JJ 


28. 


5h Ab. 


— Ol 


— Ol 


— 0-1 — Ol 





— 0-4 


)j 


24. 


7h Mg. 

















1 


24. 


Vsöh Ab. 








. 


+ Ol 


+ 01 

1 



•) Indem die Zahlenreihen, welche sich auf Mor^enbcobachtungen beziehen, 
dorch Corsivlettern schon auf den ersten Blick gekennzeichnet sind, ist die 
Uebersicht erleichtert. 



n 



150 
Temp.-Täb. XI, 1. Fortsetzung. 



Datum 




October 



November 



December 



1897 
Jänner 



Tag 



2 

3. 

3. 

6. 

7. 

7. 

2. 

8. 

3. 

9. 
10. 
10. 
17. 
18. 
18. 
24. 
25 
25. 
26. 
27. 
27. 

1. 

2. 

2. 
10. 
11. 
11. 
15. 
16. 
16. 
17. 
17. 
21. 
22. 
22. 
29. 
30. 
80. 

4. 

5. 

5. 
12. 
13. 
13. 
19. 
20. 
20. 



Stunde 



Differenzen 



f5 



5h Ab. 

7h Mg. 
V86h Ab. 
ViCh Ab. 
V48h Mg. 

5h Ab. 

5h Ab. 

8h Mg. 
V,6h Ab. 

5h Ab. 

8h Mg. 

5h Ab. 

5h Ab. 

8h Mg. 

5h Ab. 
Vi5h Ab. 

8h Mg. 
Vsöh Ab. 

5h Ab. 

8h Mg. 
«/46h Ab. 
'/^üh Ab. 

8h Mg. 
V,5h Ab. 
V25*» Ab. 

8h Mg. 
V25h Ab. 
Vsöh Ab. 

8h Mg. 
^/jbh Ab. 

8h Mg. 
%b^ Ab. 
Vaöh Ab. 

8h Mg. 
V25h Ab. 
V,5h Ab. 

8h Mg. 
Vaöh Ab. 

V25h Ab. 

8h Mg. 
Vaöh Ab. 

5h Ab. 

8h Mg. 
»/45h Ab. 
V25h Ab. 

8h Mg. 
Veöh Ab. 



— 03 


— Ol 











— Ol 


— 0-6 








- Ol 

















— 0-1 


-r Ol 





+ Ol 


-- Ol 





— Ol 

— Ol 








— Ol 

- - Ol 




















+ 0i 





— 0-1 

4- Ol 


_ 


h Ol 




- Ol 




r ^'1 




- Ol 




- Ol 










- Ol 

- 0-1 



+ 





0-2 






0- 







^O'l 



+ o-;2 

+ 0-1 








+ Ol 
+ Ol 





Ol 

Ol 


+ 0-1 


+ öi 

+ 0-2 



0-1 
02 
Ol 
Ol 
Ol 
Ol 




+ 

+ 0-1 



o a 






— 0-1 












+ 0-1 






+ 01 




+ 01 



Ol 

Ol 

Ol 



öi 

Ol 

Ol 





Ol 

Ol 

Ol 







+ 0i 

I 
Ol 
4- 0-2 
Ol 



0-1 

Ol 

0-1 







Ol 





t 
t 

+ 



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+ 



t 



+ 



0-2 
Ol 
Ol 

, 









, 











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Ol 



1 





Ol 

Ol 

0-1 



Ol 

Ol 



















4- 



, 

Ol 

Ol 





4-01 


+ 01 
+ 0-1 






t 















Ol 

Ol 







Ol 

Ol 

Ol 



















































Ol 

Ol 

Ol 











+ 



— Ol 


— 0-4: 




— Ol 

— 0*6 
fOl 
+ 0-2 



o 



Ol 

0-2 

4-01 

C'l 
0-5 
Ol 
02 
05 
02 
Ol 
0J2 
Ol 
02 
03 
0-3 
0-1 
0-2 
0-3 

0-i 

Ol 



0-2 

Ol 

0-2 

04 

03 
05 
0-6 
0-3 
05 
2 
Ol 
03 
0-3 



r 

Ta 



151 



Temp.-Tab. XI, 2. Fortsetzung. 





D 


a t u 


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D ifferenzen 










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Monat 


Tag 


Stunde 


0^: 


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1 










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Februar 


4. 


V95h Ab. 







- Ol 




- Ol 




- 0-1 





+ 0-3 




» 


&. 


8h Mg. 


Ö 


- 


- Ol 


- 


- Ol 


- 


- Ol 


-- Ol 


+ 0-4: 


! 9 


5. 


V,5h Ab. 





_ 


- Ol 


- 


- Ol 


- 


- 0-1 


-- 0-1 


+ 0-4 


. 


9. 


VjÖ»» Ab. 







- Ol 


- 


- Ol 


1 


-- Ol 


H- 0-3 


■ 


10. 


8h Mg. 


+ 0-2 


_ 


- Ol 


- 


- Ol 


+ Ol 


-- Ol 


+ 0-6 


> 


10. 


Vsöh Ab. 





- 


- Ol 


- 


- Ol 





-- Ol 


-f 0-3 






17. 


Va5h Ab. 





- 


- Ol 


- 


- 02! 


-- Ol 


-- 0-4 






18. 


8h Mg. 


+ 0-3 


- 


- 02 


_ 


- 0'1\ + 0-2 

- Ol + 0-2 


— 2 


-- 10 






18. 


V,6h Ab. 








- 





-- 0-3 






24. 


oh Ab. 





+ 0-2 


_ 


- 0-2 


+ 01 


-- 0-5 






25. 


8h Mg. 


+ ö-i 





_ 


-02 


+ Ol 





-- 0-4 






26. 


6h Ab. 


— 0-2 


+ Ol 


_ 


- Ol 


+ 01 





-- Ol 




Mta 


S. 


Vaöh Ab. 


+ 01 











— Ol 









4. 


8h Jlfy. 





- 


^ 02 




- 0-3 + 2 


+ 0-2 


--0-9 






4. 


Vsöh Ab. 





- 


- 0-2 


- 


- 0-3| + Ol 





— 0-6 






! 10. 


Vsöh Ab. 





- 


- 0-2 


- 


- 0-2 


— 0-2 

— Ol 


— 0-6 






i u. 


»/48h Mg. 





- 


- 0-2 


- 


- 0'2\ + Ol 


-- Ö6 






11. 


6h Ab. 





- 


- 0-2 


_ 


~ 2 


+ 0-1 





— 0-5 






23. 


6h Ab. 


— 0-2 





— 0-2 


— Ol 


— Ol 


— 0-6 






24. 


VsSh Jf^. 


+ 01 








+ 2 





+ 3 






24. 


5h Ab. 


- 0-2 


— 0-2 — Ol 


— 0-2 


— 0-3 


— 10 






30. 


5h Ab. 





+ 01 


+ 0-1 
—0 '2 








+ 0-2 
— 6 






31. 


Va8h If^. 


+ 2 





+ 0-2 









31. 


5h Ab. 


- 0-6 





- Ol 





— 2 


— 08 




ijril 


6. 


6h Ab. 

















0- 






7. 


7h Mg. 


Ö 


+ Ol + 0-2 








+ 0-3 






7. 


6h Ab. 


— Ol 


— 0-2 








— 0-3 






13. 
14. 


Vaöh Ab. 


— Ol 



— Ol 







+ 0-2 

+ 0-2 




+ 0-2 






14. 


6h Ab. 





— 2 — 0-2 








— 0-4 






20. 


5h Ab. 


— 0-1 


— Oll 





— Ol 


— 0-3 






21. 


8h Mg. 





1+0-2 
4 0-2 


+ 0-2 


+ 2 


-- 06 
-- 0-4 






21. 


5h Ab. 


+ 02 












28. 


Va6h Ab. 


— 1-0 


— 0-5 — 0-5 


- 0-6 





— 2-6 


/ ■> 


29. 


7h Mg. 


— 05 \- 02 


- 0-2 


- Ol 


- l'O 


/ ' 


29. 


5h Ab. 


— 05 — 0-5'— 0-2 


- 0-2 


— Ol 


— 16 


/ m 


6. 


5h Ab. 


+ 0-5' 





+ 0-4 
+ ^^ 


+ 0-9 
— 0-9 




6. 


V.8»^ Mg. 


+ 0-2 4- 0-3. + 0-3 




6. 


Vaöh Ab. 


1 













12. 


V,6h Ab. 


+ 0-3 - 


-0-l| 








— 0-4 




13. 


^28^ Mg. 


+ 05 ' - 
4- 0-3 - 


- 02 + 0-2\ 





— 0-9 




13. 


V,6h Ab. 


- 0-2;+ 2 + 0-2 





— 0-9 




26. 


V,6h Ab. 


— 0-6 — 0-3 -- 0-2 





— 11 




27. 


Vs7»^ A^^. 


— 0'5\ \ Ol \ 


— 0-2 


— 0-7 




27. 


6h Ab. 


— 0-4 


1 1 


— 0-6 


— 1-0 


' Juni 


?1- 


6h Ab. 


— Ol 


— 1-5 — 0-2 — Ol 


— 2 


— 3-9 




ji 


i2. 


V,7h Mg. 


— Ol 


— Öl, 








— 0-2 




ff 


2. 


6h Ab. 


— 11 




- 0-1 




- Ol 







+ 1-0 


— 0-3 



l 



152 



Temp.-Tab. XIL 



Temperatur-Differenzen 
von Isobathe zu Isobathe (Oberfläche 
im Sommer 1897. 



— 2 m) 





153 

Der Discussion der vorateh enden Tabellenreihen V — XII 
ntuM die Bemerkung vorangeschickt werden, dass die planmäßig 
eingehaltene Reihenfolge j^vom Abend zum Morgen und vom Mor- 
gen zum Abend^ nicht durch die Auffassung bedingt war, als ob 
der Gang der Wassertt mperatur lediglich vom Stande des Tages- 
gcätimes abhängig wäre^ sowie auch nicht die Meinung obwal- 
tete, dass durch die Abend beobachtung die genaue Anzahl von 
Catarien zu ermitteln wäre, welche der Wasserkörper wäh- 
rend der Tageshälfte durch Insolation wirklich aufgenommen 
hat. Da?» erstere wäre nicht ricluig; weil bekanntlich auch 
Beschattung, Bewölkung, Winde, Verdunstungskälte an der 
Oberflüche, Mischung durch Wellenschlag, Convectionsströmun- 
gen und das Verhalten der Zuflüsse die Wassertemperatur ganz 
besonders in den obersten Schichten niodificiren. Das zweite könnte 
schon deshalb uicht gelten, weil die Erwärmung bei Tage, selbst 
wenn man von allen anderen Moditicatoren ausser der Sonne ab- 
sehen will, nur die Bilanz zwischen Insolation und gleichzeitiger 
Radiation darateJU, und diese Bilanz ihren höchsten positiven 
Wert schon längere Zeit vor Sonnenuntergang — wechselnd 
ßack Jahreszeiten — erhält. Die Termine: ;,Untergang und Auf- 
gang der Sonne*' wurden nur deshalb gewählt, weil sie sich genau 
bestimmen und einhalten lassen, und weil im Grossen und Gan- 
len der hau ptsäc bliche Gegensatz im täglichen Temperaturgange 
nur jener zwischen Tag und Nacht mit den Grenzpunkten Auf- 
UDjd Untergang der Sonne ist> 

Unsere einschlägigen Beobachtungen können also nur nach 
dieaen Gesichtspunkten beurtheiU werden; sie sagen nichts an- 
dere«, ab: wie unter den verschiedenen mitwirkenden, hier aber 
nicht einzeln verfolgten Einflüssen der doch jedenfalls prädonii- 
oirende Wechsel von Tag und Nacht sich in den Wassertempe- 
mturen geltend macht, und lassen iramerhin den Temperaturgang 
innerhalb der oberen Wasserschichten in seinen Hauptzügen er- 
kennen und mit Zahlen belegen. Obwohl nun die Ziffern der Ta- 
bellen für den Kundigen deutlich sprechen, möge doch auch hier 
fiüe etwas eingehendere Discussion dieser Beobachtungsdaten unter 
BenQtzxing erläuternder Diagramme stattfinden. 

Sämmtliche Daten der Tabelle V wurden betreffs der Ober- 
filche und der Tiefen von 1 nij bezw. 2 m, auch graphisch auf- 
getragen* aus dieser reichen Sammlung von Diagrammen werden 
hier auf den zwei folgenden Blättern nur einige der am meisten 



154 







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156 



charakteristischen wiedergegeben. Jede dieser Figuren (12—28) 
zeigt zwei untereinander stehende gebrochene Linien, und zwar 
eine voll ausgezogene für die Temperatur an der Oberfläche und 
eine mit der ersten annähenid parallel laufende gestrichelte für 
die Temperatur in der Tiefe von 1 iw, bezw. 2 m (letzteres von 
Fig. 25 an). 

Ueber jeder Figur ist das Datum der Beobachtung (der 
Monat in römischen Ziffern) und unterhalb die laufende Nummer 
der Figur angesetzt; die daneben in Klammern stehende Zahl be- 
deutet die laufende Nummer in der Temperatur-Tabelle V. Die an- 
deren kleinen ZiflFern an den Ecken der gebrochenen Linien be- 
deuten Celsiusgrade. Die Lesung beginnt links oben mit der 
Abendtemperatur, indem die Linien, so wie die Beobachtungen 
(Tab. V), vom Abend ausgehend, zur Temperatur des darauffol- 
genden Morgens und dann zu jener des auf diesen folgenden 
(zweiten) Abends fortschreiten. 

Die Auswahl wurde so getroffen, dass alle Jahreszeiten, sowie 
die verschiedenen Haupttypen des täglichen Temperaturganges 
repräsentirt sind. Die räumliche Anordnung in den beiden Ta- 
feln konnte nicht immer genau der Aufeinanderfolge der Monats- 
daten angepasst werden; bei einiger Aufmerksamkeit wird man 
sich übrigens zurecht finden, besonders wenn man die römischen 
Ziffern (für die Monate Juni 1896 bis Ende August 1897 geltend) 
verfolgt. 

Betrachtet man zunächst übersichtlich die Haupttypen der 
Figuren 12—28, so repräsentiren Fig. 12 eine chwache, Fig. 13 
eine stärkere und beide eine zwischen Nacht und Tag nahezu 
gleich grosse Temperaturschwankung im Sommer, bei entspre- 
chender Witterung.*) Fig. 14 zeigt nach einer sich auf 3 Nächte 
und 2 Tage erstreckenden Beobachtungsreihe einen Fall, in dem 
zufolge eines sommerlichen egalisirenden Regenwetters die Tem- 
peratur durch die erste Nacht, dann während der sich daran- 
ßchb'essenden Taghälfte, ferner in der zweitep Nacht continuirlich 
fiel, endlich aber während der zweiten Taghälfte nach Ausheite- 
mng rasch zunahm. In Fig. 15 erkennt man die Wirkungen 
eines bedeutenden über Nacht eingetretenen Wettersturzes nach 

*) Zur Erklärung der Wassertemperaturen aus den begleitenden Witte- 
mngsverhältnissen dienen die kurzen textlichen Bemerkungen über das Wetter vor 
ond an den Beobachtungstagen, dann die in Tab IV S. 135 u. 136 gegebenen 
Tagesmittel der Temperatur und Bewölkuni?. 



1 



157 

Torhei^egangener grosser Tageshitze (Tagesmittel der Luftwärme 
222^ am 28. Juli) uDd eine entschiedene, jedoch jenen Sturz noch 
nicht paralysirende Wiederzunahme der Wassertemperatur bei 
Tage. 

Fig. 16 macht im Gegensatz zu Fig. 14 ein auch bei Nacht 
stattfindendes und tiber Tag fortdauerndes Steigen der Wasser- 
temperatur während gewitterschwüler Zeit ersichtlich. In Fig. 17 
erkennt man das Ab- und Ansteigen der Wassertemperatur 
während zweier anschliessender Tage mit wechselnder Witterung 
im Spätsommer. 

Das Verhalten der Wassertemperatur im Winter mit gerin- 
geren Schwankungen, mit stets nächtlicher Abkühlung der 
Oberfläche und nur ganz unbedeutender oder ganz fehlender 
Erwärmimg der Oberfläche bei Tag unter theilweise entgegen- 
gesetztem Verhalten in der Tiefe von 1 m zeigen die Figuren 18 
bis 21. 

Einen Fall aus dem Erstfrühling bringt Fig. 22 zur An- 
schauung. Fig. 23 repräsentirt den fortschreitenden Frühling bei 
kühler, regnerischer Nacht und mäßiger Ausheiterung über Tag. 

Fig. 24 gibt abermals das Bild eines nächtlichen Temperatur- 
sturzes, von dem jedoch die Wasserschichte in 1 m Tiefe fast gar 
nicht mehr berührt wurde ^) mit darauffolgendem, nur geringem 
Steigen bei Tag. 

Die Figuren 25 — 28 beziehen sich auf die von Juni bis Ende 
August 1897 durchgeführten, in Tab. VI zusammengestellten 
Beoachtungen, die sich bis zur Tiefe von 2 tn erstreckten, und 
lassen durcbgehends ähnliche Beziehungen erkennen, wie die für 
die Sommermonate charakteristischen vorangegangenen Figuren 12 
bis 15. Insbesondere wird ersichtlich, dass auch noch in der Tiefe 
von 2 m der Gang der Temperatur dem an der Oberfläche beob- 
achteten, wenngleich mit einiger Abschwächung, folgt. 

Betrachtet man ferner die Lage der ausgezogenen zu den ge- 
strichelten Linien, so ergibt sich, dass die täglichen Schwankungen 
sich ausnahmslos bis in die Tiefe von Im und 2m erstrecken; 
femer, dass die gestrichelten Linien in den Sommermonaten stets 

*) Der starke Sturz Ober Nacht ist zwar aus unseren Witteruugs-Notizen (theil- 
»eae Eegen) befriedigend erklärt; warum aber der darauffolgende heitere Junitag 
keine stärkere Erwärmung brachte, bleibt fraglich und ist wahrscheinlich auf den 
Bnflnss der vom nächtlichen Regen an^schwoUenen Zuflüsse oder auf die Regen- 
^Wiierschichte der Oberfläche zurückzuführen. 



158 

unter — in den Wintennonaten stets über den ToUtusgezo- 
genen liegen, während in den Uebergangsmonaten. wie September 
bis November (Fig. 17, 18;, dann im iiäiz Flg. 22) die gegen- 
seitige Lage schwankt; was das für die Vertheilong der Tempe- 
ratur im Wasser bedeutet, bedarf wohl keiner anderen Erklftrung, 
als dass die Oberfläche im Vergleich zu den tieferen Wasser- 
schichten im Winter der Einwirkung der Kälte eben so rascher 
folgt, wie im Sommer der Einwirkung der grosseren Wärme, dass 
also im Winter das Wasser in der Tiefe Ton 1 m weniger rasch 
abgekühlt wird, d. L noch langer wärmer bleibt als an der Ober- 
fläche, während in den W^intermonaten dieses gegenseitige Ver- 
hältnis schwankt. 

Die Figuren 12—28 »eigen femer, wie die Temperatur des 
Wassers zwar in der Kegel vom Abend zum Morgen sinkt, jedoch 
auch Ausnahmen vorkommen, wie nach der Fig. 16, die, wie 
bereits erwähnt« ein Steigen der Temperatur über Nacht zeigt, 
ebenso wie bisweilen die Temperatur über Tag auch im Sommer 
noch tiefer ftllt (Fig. 14, 17, 18l was sich aus dem Verhalten 
der Lufttemperatur und dem in Tab. IV skizzirten Gange der 
Witterung vor und bei den Beobachtungen erklärt. Es ist weiter 
zu bemerken, dass die für Im und 2m geltenden Linien in den 
Sommermonaten ähnliche Figuren, d. h. einen ähnlichen Verlauf 
der Temperatur zeigen, wie die für die Oberfläche geltenden, 
jedoch abgeschwächt ; in den Wintermonaten sind nur die letzteren 
Linien gebrochen, die ersteren ganz oder beinahe horizontal ver- 
laufend (Fig. 19, 20, 21). 

Nach den Abbildungen könnte es scheinen, als ob die Tem- 
peratur-Erniedrigung während sommerlicher Nächte oft viel bedeu- 
tender wäre als die Erwärmung bei Tag (Fig. 15, 24, 25). Ob- 
wohl ein solches Verhalten möglich ist, wenn der Vortag sehr 
warm war (vgl. Fig. 15 mit 23® Abend wärme), über Nacht küh- 
leres Wetter eintritt und in der darauffolgenden Tageshälfte fort- 
dauert, ist doch auch bei gleichmäßig andauernder Witterung die 
Steigerung der Wassertemperatur innerhalb der Taghälfte aus 
unseren Beobachtungen und Diagrammen deshalb nicht vollständig 
zu entnehmen, weil aus dem schon oben angeführten Grunde zur 
Zeit der grössten Erwärmung, etwa 2—4*' Nachmittags, nicht 
beobachtet wurde. Wann das Maximum der täglichen Wasser- 
Erwärmung eintritt und wie lange es anhält, das wäre nur durch 
stündliche Beobachtungen oder Autographen zu ermitteln. 



159 



Die vorstehenden Erörterungen knüpfen sich an die Ueber- 
dctit^bilder (Fig. 12 — 28), wobei nar das Verbalten des Tempera- 
tBTganges zwiachen OberHäche und der Tiefe von 1 m oder 2 w in 
Betracht kommt. Es soll nun auch an der Hand der Differenzen- 
TtbeUen VH— XII der tägliche Gang in den dünnen Theil- 
icbichten von 20 cm zu 20 cm innerhalb des obersten Meters näher 
betrachtet werden. 

Nach Tabelle VII ist die Abnahme der Temperatur vom 
Abend zum Morgen mit zunehmender Tiefe zwar die Regel, aber 
nicht ahne Ausnahme; «o zeigte sieb in der Nacht vom 6. zum 
7. Sepember in allen Theilschiebten bis zu 1 m eine Zunahme um 
(r6* bis O'S^ gegenüber dem Vorabend; ebenso theilweise vom 9. 
tum lO. Koveraber, dann 4. bis 5. Februar und 26. bis 27. Mai. 

Von 60 cm an nach abwärts kamen zwischen November 
und Februar durchgehends entweder gar keine oder nur 0*1^ be- 
tragende DiflFerenzen im Sinne einer nächtlichen Abkühlung vor ; 
nur zwischen Juni und Ende August war die Abnahme mit der 
Tiefe ausnahmslos zu constatiren. 

Die grösste derartige DiflFerenz ergab sich in der Nacht vom 
^^_29. Juli 1896 mit lA^ an der Oberfläche und mit 02^ in 
1 m Tiefe. Die Differenzen dieser Kategorie betrugen in den 
Flllen, in denen überhaupt eine nächthehe Abnahme stattfand, 
jJso in der Tabelle VII weder „0" noch „ — " erscheint: 



Im Sommer; 
Ofai bis mci. Aagu^t] 

Ita He rbät: 
(September und Oktober) 

Im WiDter: 
(Korembtr bia incL Febr.) 

Im Frühling: 
(Mlji& tinit April) 



Ober- ! 
tiüche I 



20 cm 40 cm 



GO et» 1 80 cm I Im 

I I 



0^4— 7^4 0-2— 6-6 
0'2-0S,0'6-l-l 



0-2— 5'4,0-2— 3-8,0-2— 2 2 01—1-0 



0-6-l-0 0'6-0-9 1— 0-6 



0-1— 0-6 



0-1— 07!0 1— 4 0-1— O'6'Ol— 0-6 Ol— 0-5 0-1-0 6 



0-2^2^0 O'l — 1-7 Ü-2— 1-6 0-4— 1-4:01— 1-2 



I 



0-3— 0-9 



Diese Differenzen lassen keine ganz bestimmte Vertheilung 
der Temperaturabnalime erkennen. 

Entschieden stellt sich nur heraus, dass die Differenzen, nach 
- ilibr^reiten betrat;htet, im Sommer am grössten und im Winter am 
m kJeinatan waren ; wenn mao aber die Differenzen nach den Tiefenstufen 



I ■ I HUP 

160 

des Wassers verfolgt, ersieht man, dass sie zwar vorwiegend mit zu- 
nehmender Tiefe kleiner werden^ doch kommen auch auffallend 
viele Fälle vom Gegentheil vor. So erscheinen im Herbste die 
Sbxima der nächtlichen Abnahme in 20 cw, 40 cm, QOcm Tiefe 
bedeutender als an der Oberfläche; im Winter findet man bei 
40, 60, 80 und 100 cm eine grössere Differenz als bei 20 cm. Auf- 
fallend ist insbesondere, dass nach Tabelle VII die grösste Diffe- 
renz bei 1 m Tiefe im Juni mit 1*0® nicht auf denselben Morgen 
fällt, an dem sie in allen übrigen (oberen) Theilschichten ihren 
grüßten Betrag erreichte (29. Juli), sondern schon am 1. Juni 1896, 
und dass in 1 m Tiefe am 5. und 14. August 1896 eine größere 
Differenz (0*4^, 0*6^) erscheint, als am eben erwähnten Morgen 
des 29. Juli, an dem sie nur 0*2^ betrug. Alle diese scheinbaren 
Kegelwidrigkeiten weisen darauf hin, dass Convection und Beste 
vorangegangener Temperatur-Einflüsse innerhalb dieser oberen 
Stihichten wesentlich die Temperaturvertheilung modificiren, wie es 
ja auch noch in weit tieferen Schichten der Fall ist. 

Gehen wir zur Tabelle VIII über, d. i. zu den Differenzen 
zwischen Morgen und Abend, so ergeben sich ähnliche Schwan- 
ktmgen im entgegengesetzten Sinne. Die hier a priori zu vermu- 
ihonde Temperaturzunahme ist in den unterschiedenen Theil- 
schichten des ersten Meters abermals vielen Ausnahmen und einem 
ungeregelten Gange unterworfen. So nahm z. B. am 27. Juni 
189Ü die Temperatur aller Theilschichten mit Ausnahme der Ober- 
ÜUche gar nicht zu, am 24. Juli nahm sie theil weise, am 5. August 
durchgehends, am 24. September in den Schichten bis 60 cm ab, 
während sie in 80 cm und 1 m Tiefe unverändert blieb u. s. w. 

Im Allgemeinen zeigt die Tabelle VIH während der Sommer- 
und Herbstmonate, sowie im Vorfrühling schon von Mitte Februar 
an in allen Tiefen positive Vorzeichen ; im November und December 
hlieben die Temperaturen der unteren Theilschichten (60 oh, 80c/w, 
1 nf) tagsüber fast unverändert, im December, Jänner und Anfangs 
Februar ergab sich in allen Theilschichten entweder Gleichbleiben 
oder eine geringe Abnahme der Temperatur (nur um 01^). 

Das Maximum der sommerlichen Zunahme wurde am 29. Juli 
189G (Tagesmittel der Lufttemperatur am Vortage 22*2^ am 29. 
Juli 21*7°) mit 3*2^ an der Oberfläche und noch weiter abwärts in 
20 cm mit 3*4® und in 40 cm mit 2 7° constatirt, während die unte- 
ren Schichten nicht an diesem Tage, sondern schon am 25. Juli, 
wo die oberen Schichten nur weniger als am 29. erwärmt wurden, 



161 



ihre höchste Temperaturzunahme (in 60 cm 2*4^, in 80 cm 2*5^, in 
Im 2P) erfahren hatten. 

Wenn man die Differenzen, welche die Temperaturzunahme 
bei Tag ausdrtlcken, in ähnlicher Weise excerpirt, wie es oben 
bezuglich der Abnahme-Differenzen geschehen, und nur jene Fälle 
einbezieht, in denen überhaupt eine Zunahme stattfand und dem- 
nach die Tabelle VIII positive Vorzeichen aufweist, so ergibt 
sich: 



Im Sommer: 
(Msi bis incL August) 

Im Herbst: 

(September, October) 

Im Winter: 
(November bis incl. Febr.) 

Im Frühling: 
(lürz und April) 



Ober- 
fläche 



20 cm 40 cm \ 60 cm 



80 rm 1 1 m 



01— 3-2 
10— 1-2 
Ol— 0-8 
0-4— 2-2 



0-4—34*) 
10— M 
1— 0-6 
0-5— 1-6 



0-2— 2-7 
0-3— 0-9 
01—0 3 
0-3-1-5 



8-2-4 
3—11 
1-0-3 
0-1- 1-2 



0-3— 2-5|0-l— 2 1 
03— 11 0-3— 0-6t 



**) 
0-1— 1-0 



0-1— 0-8 



Auch diese Differenzen erreichen, wie jene der nächtlichen 
Abnahme, ihr Maximum im Sommer und ihr Minimum in Winter, 
und sie nehmen in der Mehrzahl der Fälle mit wachsender Tiefe 
ab, jedoch auch nicht ohne Ausnahmen, Zu diesen gehört, dass die 
Zunahme im Sommer in der Tiefe von 20 cm grösser war als an 
der Oberfläche, und im Herbste bei 60 cm grösser als in 40 cm. 

Die Tabellen IX (analog mit VII) und X (analog mit Vlll) 
weisen auch ganz analoge Differenzen und nur kleine Verschiebun- 
gen auf. 

Was endlich die Tabellen XI und XII betrifft, so sind diese 
aus den Original-Daten der Tabellen V und VI hauptsächlich 
«u dem Zwecke berechnet, um solchen Lesern oder künftigen 
Forschern vorzuarbeiten, die daraus weitere Schlüsse ziehen oder 
Vergleichungen mit anderwärts gemachten Beobachtungen anstellen 
wollen. Diese Tabellen geben ein continuirlich fortlaufendes Bild 
der wechselnden Temperaturvertheilung innerhalb einer und der- 
»elben Wasserschichte von 1 m oder 2 m Mächtigkeit je nach 

*) Nicht am selben Tage wie an der Oberfläche. 

**) Im ganzen Winter keine Zunahme, nur entweder gleichbleibende Tem- 
peratar oder Abnahme nm 0*1^ bis 0'3^ 

XitCh. <L k. k. 6«>gr. Ges. 1898. 1 a. 2. 11 



""^^"^«^"^«m^VP 



162 

Monaten und Tageszeiten, ohne die in den früheren Tabellen ein- 
gehaltene Trennung der nächtlichen Temperatur- Abnahme von 
der bei Tag stattfindenden Zunahme. 

Dm Resultate sind demnach eigentlich wieder die gleichen, 
nur ist das Bild von einer anderen Seite betrachtet. 

Durch die Daten der Tabellen V und VI und die daraus abgelei- 
teten ZalJen der Tabellen VII — XII ist man in den Stand gesetzt, 
auch noch weitere Berechnungen in dreifacher Richtung anzustellen. 

1, Indem man aus je zwei Isobathen-Temperaturen, welche 
für die obere und die untere Begrenzungsfläche je einer Theil- 
schichtf! von 20 cm gelten, das Mittel zieht, erhält man die für den 
gegebenen Zeitpunkt (Abend oder Morgen) geltei^de Durchschnitts- 
Temperatur der betreffenden Theilschichte. 

2* Durch Subtraction je zweier auf diese Art gefundener 
Scliichtentemperaturen erfährt man den Betrag der nächtlichen 
Temperatur-Abnahme und der hierauf bei Tag bis zum Abend 
erreichten Temperatur-Zunahme. 

3- Wenn man je einen Wasserkörper ins Auge fasst, dessen 
obere und untere Fläche je 1 m^ beträgt und der nur 20 ctn = 
2 diH dick ist (letzteres die Tiefen-Dimension unserer Theil 
äcbichten), und die nach 2) für die Abnahme oder Zunahme der 
Temperatur dieser Schichte gefundene Anzahl Grade mit 200 multi- 
plicirt, erhält man die Anzahl von Calorien, die der so dimensio- 
Dirt© Wasserkörper über Nacht verloren oder bei Tag bis zum 
Abend erhalten und bewahrt hat. ^) Es sind dabei die sogenannten 
^groesen" Calorien gemeint, d. h. das Wärmequantum, welches 
erforderlich ist um, 1 Kilo = 1 Liter = 1dm* Wasser um 1° C zu 
erhöhen. Da nun unsere angenommenen Wasserkörper mit 1 w* 
horizontaler und 2 dm verticaler Begrenzung je 200 dm^ = 200 k 
= 20{J / Wasser enthalten, ergibt sich die oben augeführte Berech- 
nungeweise für jede der 5 Theilschichten, in welche wir den 
obersten Cubikmeter Wasser zerlegt denken, sowie schliesslich 
durch Addition für den ganzen Cubikmeter. 

Es folgen nun zwei Beispiele aus zwei Beobachtungsgruppen 
der Tabelle V, nämlich Gruppe 5 (24.-25. Juli 1896) mit 



^) Die Aufnahme über Tag kann nur in dem schon oben S. 153 aoge- 
Jeuteten Sinne gelten, wonach die hier berechnete in der Kegel kleiner sein muss 
iih die wirklich stattgehabte. Ebenso kann die am Morgen beobachtete Ab- 
n all nie bier zu klein sein, wenn das Wasser schon wieder einige Wärme auf- 
genomtneu hat. 



4. Abends 


Am 2ö. Morgens 


Am 35. Abends 


12-00'' 


1I-80C 


14-40" 


12-00<> 


11-70* 


14-2Ö'' 


11-90» 


ii-eo" 


14-10* 


11-70» 


11-55" 


14-00" 


11-50" 


11-45 


13-75' 



üeberwiegen der Zuüaljme bei Tag", dann Q-rappe 6 (28, — 29, Jali 
1896) mit Ueberwiegen der näcbtÜchea Abkühlung, Diese beiden 
FlUe und auch in den Figuren 14 und 15 repräaentirt 

A Nach den Beobachtungen am 24- und 25. Juli 1896. 

1. D urchschnitts- Temperaturen der je 20 c *>^ mächtigen Th eil- 
tcbicbten des ersten Tiefenmeters, 

Tbellsclijcbteti I 
Oberfl.— 20 m 
20— 40 „ 
40— 60 „ 
60— 80 „ 
80—100 „ 

Durchschnitt desersten ^^.g^o n.ßg j^.^^o 

Tiefenmeters 

2. Abnahme der Theilschichten-Temperaturen über Nacht und 
Zunahme über Tag (in C®). 

Theilschichten Abnahme Zunahme ttber Tag 

Oberfl.— 20C/W 0-20« 2 60^ 

20— 40 ^ 0-30« 2-55« 

40— 60 „ 0-300 2-50« 

60- 80^ 0-15« 2-45« 

80—100^ 005^ 2-30« 

3. Anzahl der Calorien der Wärmeabgabe und der Wärme- 
au&ahme. 

Abgabe über Nacht Aufnahme bei Tag Bilanz 

Oberfl-— 20 cm 40 520 

20— 40 „ 60 510 

40— 60 „ 60 500 

60— 80 „ 30 490 

80—100-, 10 460 

Geaammter Cubikmeter 200 2480 Zimahme um 2280 

B. Nach den Beobachtungen am 28. und 29. Juli 1896. 
1. Durchschnitts-Temperaturen der je 20 cm mächtigen Theil- 
ftchichten des ersten Tiefenmeters. 



^) Da die oberste Theilscbichte hier eine kleinere Abnahme zeigt als die 
twm BSchftfolgenden, hatte offenbar die erstere zur Zeit der Beobachtung schon 
nieder eine kleine Erwärmung aufgenommen. 

11* 



164 



TheiUchichten 


Am 28. Abends 


Am 


29. Morgens Am 29. Abends 


Oberfl.— 20 m 


22-50"' 




15-50« 18-80» 


20- 40 „ 


21-35« 




15-35« 18-40« 


40- 60 „ 


19-85« 




15-25« 17-60« 


60- 80 „ 


17-75» 




15-10« 17-00« 


80-100 „ 


15-85« 




15-00« 16-45« 


Durchschnitts-Temperatur ,„.= , 
des ersten Tiefenmeters 




15-24« 17-65« 


2. Abnahme 


der Theilschicbten 


-Temperaturen über Nacht 


und Zunahme über Tag (in C»). 






Theilschicbten 


Abnahme über Nacht 


Zunahme Ober Tag 


Oberfl.— 20cm 


7-00« 




3-30« 


20— 40 „ 


6-00« 




3-05« 


40- 60 „ 


4-60» 




2-35« 


60- 80 „ 


2-65» 




1-90« 


80-100 „ 


0-85« 




1-45» 


3. Anzahl der Calorien der Wärmeabgabe und der Wärme- 


aufnahme. 








Theilschicbten 


Abgabe Ober Nacht 


Aufnahme Über Ta; Bilanz 


Oberfl.— 20 cm 


1400 




660 


20- 40 „ 


1200 




610 


40— 60 „ 


920 




470 


60— 80 „ 


530 




380 


80-100 „ 


120 




290 



Qesammter Cubikmeter 4170 



2410 Abgabe grösser um 1760 



Aus der Vergleichung von A, und B. ist unter anderm er- 
sichtlich, wie im Sommer in zwei sehr nahe gelegenen Zeitab- 
schnitten die bedeutendsten Unterschiede im Temperaturgange der 
obersten Wasserschichten vorkommen können. 

Als allgemeinste Resultate der nun discutirten Serie von 
Beobachtungen in den obersten Wasserschichten glaube ich ver- 
zeichnen zu sollen : 

1. Tägliche Schwankungen sind im Sommerhalbjahre noch 
bis zu 2 m Tiefe zifiermäßig nachgewiesen und bei der grossen 
Deutlichkeit derselben auch noch in der Tiefe weiterer mehrerer 
Meter anzunehmen-, im Winter wurden die Schwankungen sehr 
klein, zum Theil ganz verschwindend, wie überhaupt in der ganzen 
Wassersäule. 



165 

2. Obgleich die schon genannten begleitenden Nebeneinflüsse 
nicht ignorirt werden können, stellt sich doch der Gang der 
Wa^ertemperatur zwischen Tag und Nacht in den betrachteten 
oberen Schichten ganz vorwiegend als Folge des täglichen Ganges 
der Sonne • — wenngleich nicht der hier nur selteneren directen 
Insolation — heraus, und jene Nebeneinflüsse ergaben nur die 
verschwindend kleinen Wirkungen von circa ± Ol®. 

Limnogenie. 

Noch vor etwa fünfzig Jahren hätte man sich über die Exi- 
stenzbedingungen des Hallstätter Sees nicht wesentlich anders als 
etwa in folgender Weise aussprechen können: „Die Traun trifft 
anf ihrem Wege durch die lange Thalspalte, welche ihren Lauf 
bestimmt, auf eine beckenflJrmige Senkung jenes Thaies, deren 
Hand auch am unteren Ende aufgewölbt ist, so dass der Fluss 
nebst seinen dortigen seitlichen Nebenbächen zunächst das Becken 
soweit füllen muss, bis das Wasser hoch genug steht, um den 
unteren Rand zu überschreiten und im fortgesetzten Thale weiter 
zufliessen." 

In dieser ganz unbestreitbaren Darstellung hätte man damals 
anch schon eine genügende Erklärung des Seephänomens ge- 
funden; denn, dass Thäler auch untergeordnete Verbreiterungen 
Tind Senkungen besitzen, mögen diese nun trocken oder mit Wasser 
erMlt sein, und dass im letzteren Falle der Wasserspiegel sich bis 
an den unteren Rand oder bis an eine Scharte dieses Randes 
heben muss, war und ist auch heute noch das einfache Ergebnis 
der elementarsten Beobachtung. Gegenwärtig geht man aber einen 
oder auch schon zwei Schritte weiter; denn da das Seephänomen 
unbestritten nur in enger Beziehung zur Natur der verschiedenen 
Beckenbildungen aufzufassen ist, diese letzteren aber selbst wieder 
einer genetischen Erklärung bedürfen, muss nun die „Limnogenie" 
sich vor allem mit der Vorgeschichte der Thäler und Becken be- 
schäftigen. 

Üabei kommt es nun wesentlich darauf an, wie weit man 
in die immer dunkler werdende Vorgeschichte zurückgreifen will 
^d kann. 

Ich kann meine Aufgabe nicht darin erblicken, anlässlich 
dieser Monographie eines einzelnen Sees die ganze Fragenreihe 
über die Genesis des Antlitzes der Erde, insbesondere ihrer Runzeln 



1« 



und Ftirehen^ za dcoeo soeh die Seebetten gdi*5r«n, arafcnrolleii. 
£• goiigt wohl t& den Toiüegeiiden Zweck, sieb dmmn zu limhen, 
iam iiCT Haibutter- See eio Thiltee, und dMm die Erkkrucg semes 
VorbaodeittetQi itiebt Ton der Oe^ehidst« der AuMg^^^t^mg im 
XmAthälei zxg treosetL bt 

Leider ist eben diese Gesehiehte cc^ii nicht ^ber im äudiüm 
^tox^lner zer^renter Beitrlge kinatt^gelangt. 

£. W. Benecke^ i^ in seinen * Bemerkungen aber die 
Gliederung der oberen 3J[Moen Trias nnd über alpinen tmd ansser- 
alpineti Moiebelkalk'*) Ton untrer gegenwärtigen Kenntnis der 
geologiiehen VeHiJÜtiiiMc des Salzkammer^^ta: ^Noeh heutigen 
Tigei könneo wir sagen, das» es nur wenige Gebiete der Alpen gibt, 
to denen tins Profile nnd geologische Karten so im Stiche las^n^ 
wie in der Gegend von Hall^tatt.'^ 

Da« i«t nun auch bis heute so geblieben, and noch Dr. 
Mailner (L c) beklagt 1896 die UnToIIkommenheit alpengeolo- 
gischer Grundlagen für die Lösung der Seen frage. 

Zu gewärtigen iit übrigens eine -Geologie des Salzkammer- 
^tet'^ von Dr E. v. MojsisoTics. 

Ich kann alsa nicht weiter zurückgreifen, als bis zu einer 
Zeitj in der eine Traunforche bereits bestand, und kätin nur un- 
voll kommen die Frage erörtern , wie ea kam, daas auf dem Wege 
dieser Furche eine untergeordnete Vertiefung, ein Thal im Thale, 
als Seebett dort entstand^ wo heute der Hallstätter-See Hegt. 

Was die Ausgestaltung alpiner Rinnen und Seebetten betrifft, 
stehen sich hekannttich drei verschiedene Ansichten gegen üben 
Die erste nnd älteste fasst die Thal bil dangen in erster Linie als 
die selbstverständliche Folge der FaltuDgeo und Spaüungenj localen 
Hebungen und Senkungen der Erdrinde während der verschiedenen 
geologischen Zeitabschnitte auf und findet es nicht nöthig, für 
die Seehetten noch nach anderen gpeciellen EntstehungsursacbeQ 
zu forschen. 

Eine zweite Ansicht führt wenigstens einen grossen Theil der 
Thalhildungen, und ganz besonders der Seebettenj auf die erodi- 
rende uod angeblich aushobelnde Wirkung von Gletschern 
während einer oder mehrerer Eiszeiten zuriick, 

Die dritte Auffassung schreibt den vorzeitlichen — nicht nur 
diluvialen — Wirkungen fliesaender Gewässer die Zerstückung 

*J In den Berichten der NÄtnrf.-Gefl. zu Freiburg L B IM. IX, Heft 3, 



167 

und Durchfurchung der ursprünglich weniger unebenen Erdober- 
fläche und hiemit auch die Ausgestaltung der Tbäler zu. 

EKe Betrachtung der Ufergehänge des Hallstätter-Sees gibt 
uns nur wenige Anhaltspunkte, um uns zur Erklärung seines Vor- 
handenseins für eine oder die andre dieser drei Ansichten zu ent- 
scheiden. Die Schichten des Dachsteinkalkes, dem jene Gehänge 
im Saden, Osten und Westen angehören, haben überall, mit Aus- 
nahme weniger nur beschränkter Stellen mit Verwerfung, Rutschung 
oder untergeordneter Krümmung, das gleiche Fallen nach Ost bis 
Südost, das ganze südnördlich erstreckte Seethal liegt also im 
Streichen jener Schichten. 

Die Schichtenköpfe an den beiderseitigen steilen Uferwänden 
entsprechen sich derart, dass das Seethal wie herausgeschnitten 
aus der Gesteinsmasse erscheint und keinesfalls als ein Einbiegungs- 
oder ein Synklinalthal aufgefasst werden kann. Ob jedoch die 
weggenommene Gesteinsmasse, an deren Stelle jetzt das Thal und 
das Seebett liegt, durch Gletscher erodirt, durch Wasser weg- 
geführt oder durch eine tektonische Senkung verschwunden und 
von dem jetzigen Ufergestein einst abgerissen worden sei, darüber 
gibt die Stratigraphie und Tektonik der Umgebung keinen Auf- 
»^hluss und wir müssen uns mehr geodynamischen Erwägungen 
zuwenden. 

Ich will mich den erwähnten drei Ansichten gegenüber 
nur auf die einzige principielle Bemerkung beschränkenj dass die 
zuerst erwähnte Auffassung bis zu einem gewissen Grade immer 
Recht behalten muss, weil sie eine Voraussetzung für jede der 
beiden anderen ist. Weder das fliessende noch das „viscose"^ 
WaKer, als welches wir das Gletschereis betrachten müssen, kann 
seine erodirende Wirkung beginnen und fortsetzen, wenn ihm nicht 
priformirte Bahnen, seitlich begrenzte geneigte Terrainfurchen, 
dargeboten sind. Wasser, auf eine geneigte glatte Platte gegossen, 
rinnt über dieselbe entweder in einer continuirlichen Schichte oder 
als ein unstetes Gewirre von anastomosirenden Adern ab, und wenn 
ea Reibmateriale mit sich führt, scheuert es die g a n z e Fläche ab ; 
nur wenn in der Platte — wenngleich auch mit Umwegen — nach 
abwärts gerichtete Furchen oder Spalten schon vorhanden sind, 
gewinnt in diesen das Wasser durch die Zusammenfassung seiner 
Masse in einen mächtigeren Strang eine grössere lebendige Kraft, 
mit der es sodann die Furche erweitern und vertiefen« und Detritus 
beschaffen kann, der zur ausreibenden Wirkung beiträgt. Diese 



168 

Wirkung wird verstärkt, wenn die Wände in einer prätormirten 
Rinne nicht steil abgebrochen, sondern so geböscht sind, dass über 
sie auch aus der beiderseitigen Umgebung Wasser und Detritus 
zur Rinne abfliessen und seine Kraft vergrössem muss. Der Wasser- 
strang kann dann im Laufe der Zeit die Furche weiter ausgestalten. 
Ganz ähnlich verhält es sich mit Gletschern, die selbstverständlich 
nicht mit noch so dicken blossen Eiskrusten — Inlandeis — zu 
verwechseln sind. 

Nur nach abwärts bewegte, oder von solchen durch Nach- 
schub allenfalls auch horizontal oder stellenweise aufwärts gedrängte 
Gletscher können hier in Betracht kommen, und auch solche können 
eine ungefaltete oder nur quergefaltete Platte nur nach der ganzen 
Breite und Länge derselben abscheuern, aber, abgesehen von 
ganz localen Ritzen oder Eindrücken in ihrer Unterlage, keine 
seitlich begrenzten vertieften Bahnen darin hervorbringen. 
Nur dann, wenn die Eismasse von obenher in eine schon präfor- 
mirte seitlich begrenzte Bahn gedrängt und durch das Gefälle oder 
auch durch gewaltigen Nachschub zu grösserer erodirender Wirkung 
gebracht wird, muss erstere zur weiteren Ausgestaltung jener Bahn 
beitragen. Auch in dem Falle, dass Gletschereis, indem es sich über 
einen Querriegel hinaufschiebt, an der Luvseite, hinter dem letzteren, 
eine muldenförmige Vertiefung ausarbeitet, ist eine Hohlform da- 
selbst schon vorher gegeben und wird von der Grundmoräne nur 
weiter ausgeräumt. Wir werden also immer auf präformirte 
Vertiefungen verwiesen. 

Dass es aber auch schon vor jeder Wirkung fliessender Wässer 
und Gletscher an geneigten Falten und Rissen der Erdrinde, und 
insbesondere dort, wo jetzt Gebirge und Thäler bestehen, nicht 
gefehlt hat — dass Schiebungen, Hebungen und Senkungen, von 
denen die Gegensätze zwischen Vollformen und Hohlformen, Bergen 
und Thälern unzertrennlich waren, wesentlich auch die ursprüng- 
liche Anlage zur Gliederung und Gestaltung unserer Alpen be- 
gründet haben, ist wohl noch von keinem ernsthaften Geologen 
bestritten worden. Einbiegungsthäler mit und ohne tektonische Quer- 
riegel, Aufbruchs- sowie Einsturzstrecken, Dislocations-Spalten, die 
nachher durch Verwitterung und Abtrag sich erweitert haben, sind 
in allen Welttheilen zahlreich nachgewiesen und hiemit auch prä- 
formirte Betten für Wasser und Gletscher. 

Wenn wir aber solche tektonische Hohlformen schon vor der 
Action von Strömen und Gletschern annehmen müssen, ist es eine 



169 

k^scb nothwendige Vorfrage: ob im gegebenen Einzelnfalle, also 
insbesondere wenn es sich um ein Seebecken handelt, nicht schon 
die präformirte Hohlform die Tiefe und Gestalt des betreflfenden 
Beckens haben konnte, ohne dass man zur Erklärung durch Ero- 
sion zu greifen braucht. Umgekehrt kann der Umstand, dass in 
der Gegend eines Sees deutliche Spuren eines alten Gletschers 
oder diluvialer Wasserwirkungen gefunden werden, nicht die Fol- 
gerung begründen, dass das Seebett durch Erosion gebildet sein 
müsse. Es wird inmier auf die kritische Beobachtung der localen, 
in ihrem Znsammenhange aufgefassten Terrainverhältnisse ankommen? 
wenn entschieden werden soll, ob man sich mit der tektonischen 
Präformation begnügen kann, oder ob man nöthig hat, zur Er- 
klärung durch Erosion zu greifen. 

Das erscheint um so mehr räthUch, da einerseits eine allzu ex- 
chiäve, fast leidenschaftliche Parteinahme für eine oder die andere 
Art der Erosionswirkungen, besonders der glacialen, hervortritt, 
and andrerseits sich gerade in neuerer Zeit doch der Mangel 
ficherer Grundlagen für die Anwendung mancher bisher behaupteter 
Sätze über Erosionswirkungen auf gegebene Fälle herausgestellt bat. 

Eis mögen hier nur zwei competente Autoren citirt werden. 

Dr. A. Geistbeck') sieht sich in seiner schon citirten Ab- 
handlung, nachdem er in neunzehn Punkten seine eingehenden 
Betrachtungen über die geometrischen Elemente des alpinen See- 
phänomens im Sinne der Gletscherwirkungen kurz resumirt hat, 
Teranlasst, als zwanzigsten und letzten Punkt anzuführen: „Nicht 
alle Alpenseen sind glaciale Bildungen ; die Natur hat vielmehr die 
▼erschiedensten Wege und Mittel gewählt, um verwandte Formen 
za schaffen.'^ 

Und Dr. S. Finsterwal der 2) beklagt eine fühlbare Lücke in 
der Lehre von der Glacial- Erosion, insbesondere bezüglich des 
^Betrages dieser Erosion bei Vertheilung auf gegebene Terrain- 
formen, wozu wir erst eine den vorkommenden Verhältnissen an- 
passungsfähige Bewegungstheorie der Gletscher nöthig hätten.^ 

Nun, an Theorien ist seither zwar Vieles und relativ Verdienst- 
liches geleistet worden ; wenn man sie aber auf bestimmte Fälle an- 
wenden will, zeigt sich nicht selten, dass man mit der in ihrer Ällge- 



M »Die Seen der deutschen Alpen*. S. 332—334. 

') »Wie erodiren die Gletscher?* Abhandlung in der Zeitschrift des 
dffotJcheD und Merr. Alpenvereins, 1891 (XXII. Band), S. 75. 



meinbeit meist unbestreitbaren Formalirang im Besonderen doch 
nicht aaslangt. 

Ich will also zunächst bezOglich des Hallstätter-Sees diese 
Vorfrage erörtern und sollen zu diesem Zwecke die localen Ver- 
hältnisse dieses Seebettes und seiner Wandungen genauer betrachtet 
werden. 

Bei der Frage, ob für ein bestimmtes Seebett eine specielle 
Erosion innerhalb des allgemeinen Thalbodens anzunehmen sei, 
erscheint es angemessen, vor Allem zu untersuchen, ob die Bildung 
der Thalwandungen von der Bildung der Wandungen des Seebettes 
deutlich zu unterscheiden ist oder nicht. Das erstere ist insbesonders 
dann der Fall, wenn das Seebett deutlich von den umgebenden 
Uferböschungen abgesetzt ist, so dass seine Seitenwandungen steiler 
eiafalien oder auch der Länge nach einen anderen Verlauf zeigen, 
als die begrenzenden trockenen Thalgehänge. 

Wenn wir nun jene Frage bezüglich des Hallstätter-Sees 
stellen, so zeigt zunächst die Betrachtung eines Querschnittes ^) 
durch den tiefsten Theil des Sees sammt den beiderseitigen unmittel- 
baren Thalgehängen, dass das Seebett eine gleichartige Fortsetzung 
der letzteren ist und seine Tiefe nur den sechsten bis achten Theil 
von der Tiefe des ganzen hier in Betracht kommenden Thaies be- 
trägt, dessen Boden eben der Seeboden ist. Es scheint schon 
nach diesem Verhältnis kein Grund vorzuliegen, für das unterste 
Sechstel oder Achtel der Terrainfurche eine andere Entstehungs- 
Ursache anzunehmen, als für die ganze Thalung überhaupt. Aber 
auch die Details der Wandungen über und unter dem Wasser zeigen 
eine unverkennbare Uebereinstimmung. Sowohl Simony als Heidler ^) 
und Müllner betonen, und die betreffenden Karten zeigen es, dass 
die Böschungen des Seebettes fast durchgehends sich dem Charakter 
der zugehörigen Ufergehänge anschliessen, woferne nicht, von den 
Seiten her, leicht nachweisbare vorgeschobene Deltas oder Moränen 
den Typus auf kurze Strecken beeinflussten. Simony war durch 
die Ergebnisse seiner Lothungen so sehr von der Uebereinstimmung 
der benetzten und der unbenetzten Gehänge überzeugt, dass er 
sich veranlasst, fand, eine perspectifische landschaftliche Zeichnung 



»; Vergl. die Profile 7, 8, 9, Taf. I in Müllner's Abhandlung über die Seen 
dca Salzkammorgutes. 

•) Sein Begleit wort zur Karte liegt leider nur in Lithographie und in 
TVenigcn Exemplaren vor, von denen eines der letzten erhältlichen mir verfügbar 
wurde. 



171 

anznfertigeD, in welcher die ganze Thalung ^) so dargestellt ist, 
wie sie sich, vom Gteyereck aus gesehen, ausnehmen würde, wenn 
der See abgefiossen wäre. Diese höchst interessante Zeichnung, 
▼eiche nie vervielfältigt wurde, befindet sich in der Mappensamm- 
lung der k, k. geolog. Reichsanstalt unter Nr. 222, und ich hätte 
dieselbe schon aus Pietät gerne zur Gänze hier reproducirt; aber 
das Ausmaß — 90 em und 27 an — und die Unmöglichkeit einer 
ausgiebigeren Verkleinerung der sehr feinen Zeichnung, sowie die 
Kostspieligkeit verhinderten dieses Vorhaben. Mag auch das Be- 
dürfnis des Landschafters den Griflfel Simony's mehrfach beeinflusst * 
haben, so sind doch sicherlich die zahlreichen Lothungen, in 
wesentlicher Verbindung mit oft wiederholter Wahrnehmung der 
Details an den Beckenwandungen bei klarem Wasser, verlässliche 
Anhaltspunkte für diese Darstellung gewesen. 

Aus derselben ist nun für unsere limnogenetische Frage her- 
vorauheben, dass die zahlreichen scharfen Vorsprünge, die unter 
Wasser so verlaufen wie ihre Fortsetzungen am Ufergehänge hinan, 
gegen die Annahme einer gewaltsamen Aushöhlung nach der Länge 
des Seebettea, also etwa durch einen Längsgletscher, sprechen. 

Scharfe Vorsprünge und Ecken des Ufergesteines, die man bis 
tief unter den Wasserspiegel verfolgen kann, verlaufen ganz gleich- 
mäßig und ohne Abstumpfung. Das erwähnte „Eckl", eine un- 
mittelbare Fortsetzung des Ufergehänges, hätte einer Erosion, die 
im Stande war, die ca. 600 Millionen Cubikmeter des Seebettes ^) 
ans demselben Gestein herauszuarbeiten, nicht widerstehen können. 
Die zalüreichen Seitenprofile der Isobathenkarte zeigen eine grosse 
HannigfiGdtigkeit der Böschungswinkel auf kurze Distanzen, während 
em erodirender Oletscher eine mehr gleichmäßig abgescheuerte 
Beckenwandung hervorgebracht haben müsste, die durch nachge- 
folgte Verwitterung wohl nicht in so hohem Grade umgestaltet worden 
wäre. Die Wandungen des Seebeckens sind also nicht in erkenn- 
barer Weise vom Thalgehänge abgesetzt, und das spricht gegen 
die Erzeugung oder auch nur wesentliche Abänderung durch Erosion 
und für einen gemeinsamen Ursprung desselben mit dem ganzen 
Thale. 

*) Der Länge nach nur vom „Eckl* an thalabwärts, da der Standpunkt 
der Aufnahme den obersten Theil des Sees nicht sehen lilsst. 

*} MüUner(l. c. S. 16) berechnet das Volumen des jetzigen Seebettos schichten- 
wt\» und aus der Summirong worden sich ca. 600 Millionen Cubikmeter ergeben. 
Da aber der See jetzt weniger tief ist als in älteren Zeiten, ist diese Zahl nur als 
«ine untere Grenze zu betrachten, ohne dass man eine obere angeben kann. 



172 

Da nun die Genesis dieses letzteren bei dem oben erwähnten 
Mangel an abschliessenden Forschungen noch fraglich bleibt^ ist 
dasselbe — wenigstens nach meiner AufEsissung — der Fall be- 
züglich des Seebeckens. Nor als vorläufige Ansicht, nicht als Be- 
hauptung, möchte ich aussprechen, dass eine Senkung oder ein 
Einsturz als Erklärungsgrund der Thal- und Beckenbildung bei 
HaUstatt der Plastik des ganzen Terrains und den daselbst zu 
beobachtenden Details am besten zu entsprechen scheint Wann 
und unter welchen Umständen eine einmalige oder eine wiedei^ 
holte Senkung stattgefunden hat, ob sie insbesondere mit der von 
H eim^) angenommenen ^Eänsenkung des gesammten Alpenkörpers^, 
die ja auch in mehreren Absätzen oder ruckweise stattgefunden 
haben kann und zugleich die Bildung von Alpenseen als ^alpen- 
wärts eingeknickter" älterer Flussläufe erklären würde, zusammen- 
hing, soll hier nicht weiter verfolgt werden. Die principielle Zu- 
lässigkeit ähnlicher Erklärungen wird auch von dem hervorragenden 
Vertreter der Erosionstheorie, Dr. A. Geistbeck, nicht in Abrede 
gestellt, indem er sagt^): ;, Vom Standpunkte der rein geologischen 
Betrachtung kann nur die Einsturztheorie, auf Grund welcher B. 
Studer zuerst die Alpenseen deutete, mit der Glacialtheorie in 
die Schranken treten." 

An der Hervorhebimg der Einsturztheorie zur Erklärung unseres 
localen Seephänomens beirrt mich keineswc^ der Umstand, dass 
glaciale und diluviale Wirkungen in diesem Gebiete ganz un- 
zweifelhaft nachgewiesen sind. 

Ein alter Traungletscher ist bereits constatirt durch die bei den 
geologischen Aufnahmen gefundenen, in der geologischen Karte des 
Gebietes ersichtlich gemachten Moränen am rechtsseitigen Ge- 
hänge des Koppenthaies und weiterhin nördlich stellenweise längs 
der das Thal einsäumenden niedrigen Vorhügel und Terrainstufen. *) 
Auch in den Seitenthälern und Gräben bis hoch hinauf sind locale, 
Diluvialablagerungen vorhanden, so z. B. am Steinachgraben bei 
Geisern 65 tn über der Traun. Eingehender behandelt wurde der alte 
Traungletscher von E. v. Mojsiso vics*), welcher auch die un- 

') Albert-Heim : Die Entstehang der alpinen Randseen. Vierteljahresschrifl 
der naturforschenden Gesellschaft in Zürich. 1894. 

3) 1. c. 8. 334. 

^) Die geglätteten Gesteinsflächen bei der Haltestelle Hallstatt dürften wahr- 
scheinlicher Kutschflächen sein, wie sie im dolomitischen Kalk und Dolomit dieser 
Gegend häufig vorkommen und besonders bei Anbrüchen zu Tage treten. 

*) „Bemerkungen über den alten Gletscher des Travmthales." Jahrbuch der 
k. k. geologischen Keichsanstalt, XVIU. Band (1868), S. 303. 



zweifelhaften Spuren eines Seitengletschers, der 
TOD der Pötschenhöhe herab bis ins Traunthal, an 
denSee^reichte, beobachtet hat. Derselbe Verfasser 
Terfolgte femer (ibidem) die zahlreichen längs der 
Traun vorkommenden Diluvial-Ablagernngen vom 
Ansflnss des Hallstätter-Sees bis jenseits des 
Gmondner-Sees. Dass also Traunthal Gletscher 
imd einmaliges oder zweimaliges Traun>Diluvium 
in unserer Gegend wirksam waren, unterliegt wohl 
keinem Zweifel; aber der Zusammenhang mit der 
Gestaltung des Seebeckens folgt daraus nicht und 
ist nirgends nachgewiesen. 

Wenngleich ich nach allem Vorausgeschickten 
Aber die Genesis unseres Seebeckens nichts Be- 
stimmteres als die oben geäusserte Ansicht aus- 
ngen kann^ glaube ich doch, über ein Detail in 
der Form des Seebettes eine nähere Erklärung 
geben zu können, die zugleich für Flussseen über- 
kaupt gelten dürfte. 

Betrachtet man die Profile der Seeböden in 
i^end einem Seen- Atlas, so findet man die Längs- 
profile der Flussseen immer nach dem Typus der 
beistehenden Fig. 29 gestaltet, während die Quer- 
IHt)fiIe die verschiedensten und bald symmetrischen 
bald asymmetrischen Formen zeigen. Die flach- 
muschelige Gestaltung, welche sich in solchen 
Lsngsprofilen ausspricht, mit etwas tieferer Ein- 
köblung am oberen und flacherem Verlauf am unte- 
ren Ende solcher Seen, ist nach keiner der erwähn- 
ten Theorien direct so zu erklären, dass ihre regel- 
mäßige Wiederkehr daraus als nothwendig oder 
gesetzmäßig folgen würde. Dagegen ergibt sich 
an secundärer Einfluss als maßgebend für diese 
Gestaltung, und zwar derart, dass die ursprünglich 
▼ttschiedensten Becken doch zuletzt ein Längs- 
profil nach dem Typus Fig. 29 erhalten müssen: es 
«t die Sedimentirung, welche an den beiden En- 
wn eines Flusssees immer in gleicher Weise, an 
den Längsseiten hingegen entweder gar nicht 
oder in sehr verschiedener, meist an jeder Seite 
«derer Weise stattfindet. 



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174 



Das Seebett mag ursprüD gikh wie immer entstanden und 
gestaltet gewesen sdn, so mnss am Zoflass-Ende (A Fig. 29) sich 
aas den gröberen Sinkstoffoi des einmündenden Fhisses oder Baches 
ein Schattkegel bilden, der nach and nach selbst grosse Tiefen aos- 
zofäUen vermag, sieh aber seeabwSrts verflacht Am Abflass-Ende, 
(B Fig. 29), wo das Bett sich verengt and von beiden Seit^i her die 
Ufer zasammentreten, entsteht beiderseits der Abflassrinne, welche 
dardi die AbstrOmang vertieft erhalten wird, ein Bückstaa^ in 
Folge dessen die bis dahin gelangten feineren Sinkstoffe reichlicher 
al^lagert werden, als weiter seeaafwärts, bis wohin noch der Zag 
der AbstrOmang wirkt 

An Siakstoffen fehlt es bei Flossseen in der Kegel nicht and 
es werden solche meist aach von seitlich mündenden B&chen her- 
beigeftlhrt, and der feinste, lange schwebende Schlick, der sich in 
dar Trübang verräth, wird allmälig bis gegen den Abflass getragen. 
Wenn an manchen dieser Seen heutzatage die Zafohr von Detritus 
par unbedeatend ist, mosste sie doch zar Dilavialzeit and noch am 
Ende derselben, ebenso wie die Wassermasse, viel mächtiger sein 
und reichlichere Ablagerangen an beiden Enden hervorbringen. 

An den Längsseiten eines Sees geschieht zwar dasselbe dort, 
wo äiessende — im Vei^leich zam Haaptzaflass meist weniger be- 
deatende — Gewässer münden ; aber es fehlt ein entgegengesetztes 
(Abfluss) Ende, daher die betreffenden Schattkegel oder Deltas 
eben nur einseitig das Querprofil verflachen und keine Mulden- 
form hervorbringen. 

Beim Hallstätter-See sind nun die Bedingungen der secundären 
ausgleichenden Muldenbildung in besonders hohem Maße gegeben. 

Die Traun hat dem oberen Ende des Beckens zu jeder Zeit 
grosse Mengen von Detritus jeder Grösse zugeführt, und die in 
derselben (südlichen) Gegend zahlreich mündenden kleineren Ge- 
wässer mit Inbegriff des Waldbaches haben im selben Sinne ge- 
wirkt. Ueberdies haben Bergstürze von den dortigen steilen 
Felsenwänden, sowie Muhren und Lawinen zur Auffüllung massen- 
haft beigetragen, was — wenngleich in geringerem Maße ^) — auch 
heute noch geschieht. Dass femer der See häufig eine Strömung hat, 
welche die feineren Sinkstoffe aus den seitlich mündenden Bächen, 
besonders aber aus dem schlammreichen Mühlbach und dem schon 
nahe am Abfluss mündenden Slanbach, bis zum unteren Ende des 

») Vgl. S. 41-42. 



175 




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176 

Sees auch heute noch führt und wahrscheinlich einst auch solche aus 
Moränen von Seitengletschern (Gosau, Pötschen) Zufuhr erhielt, 
wurde schon früher nachgewiesen.^) Mag also die Hohlform unseres 
Seebettes ursprünglich wie immer entstanden und gestaltet gewesen 
sein, so musste zuletzt das Längsprofil seinen jetzigen Typus er- 
halten. Das soll zum Schluss noch durch die vorstehende schema- 
tische Figur 30 erläutert werden. 

Nehmen wir selbst den extremen Fall an, dass nach Heim's 
jedenfalls sehr beachtenswerter Theorie das Seebecken ursprünglich 
durch eine „alpenwärts erfolgte Einknickung" angelegt war, das 
Längsprofil des Seebodens wie die Linie ah c d e verlief und die 
tiefste Stelle bei h ganz nahe am Südende, am Fuss des circus- 
artigen Absturzes, war, so wurde dieser Theil des Beckens auf 
die oben angedeutete Art durch die Anschüttung x verseichtert. 

Aehnliches geschah dort, wenngleich in geringerem Maße, 
durch die SinkstofFe der linksseitigen Zuflüsse, Waldbach und 
Mühlbach, nebst Moränen und Muhren, so dass als tiefste Ge- 
gend des Sees nur noch die von grösseren Zuflüssen am 
weitesten entfernte Area verblieb, durch welche die Profile 
VI, VII, VIII unserer limnographischen Karte gezogen sind. 

Von hier an nordwärts wurde das Bett, auch wenn es ur- 
sprünglich noch weithin eine nahezu gleiche Tiefe hatte, durch 
die Moränen des alten Gosaugletschers und des Slanbach- oder 
Pötschengletschers, dann durch den diluvialen Detritus der ent- 
sprechenden beiden Bäche bedeutend verseichtert. Die Seeströmung 
hat den aus Moränen, Muhren und Deltas ausgewirbelten feineren 
Detritus weitergeführt und unterwegs allmälig abgesetzt, am reich- 
lichsten {y) in der Gegend des Bückstaues, den eine in der Gegend 
von Steg von einem Vorsprung des Kallen-(Kalben- oder Kalm-) 
berges quer über die Traunfurche hinüber gegen den Arikogel 
laufende, jetz von Schutt bedeckte Felsenschwelle (/ der Figur 30) 
verursachte. In diese Schwelle hat sich der Abfluss des Sees, die 
Traun, ein schmales Bett gegraben, und der Seeschlamm {y) blieb 
im Steger Becken zurück. So konnte aus einem ursprünglich 
eckigen Längsprofil, ab c d e f^ ein flacher eingebogenes, axcdy f^ 
werden, zu dem man sich nur noch die allgemeine^ sich stetig ver- 
dickende Schlammdecke des ursprünglich festeren Grundes hinzu- 
denken muss. Der Abfluss war jedoch einst, bei dauernd höherem 

>) Vgl. S. 51—64. 



177 

Stande des Sees, höchst wahrscheinlich erst bei Lauffen, in dem an 
beiden Seiten von festem Gestein eingeengten Defilc, welches die 
Terrainkarte zu S. 7 zeigt, und die Schwelle bei Steg war dann 
nur ein Querriff am Grunde. 

Mehr als diese Bemerkungen vermag ich über die Entste- 
hungsgeschichte des Seebettes aus Mangel an positiven Daten nicht 
anzuführen. 

Limnorganologie. 

Meine Sammlungen und Beobachtungen auf diesem Gebiete 
können nur als Recognoscirungen betrachtet werden, die noch weit 
Ton vollständigen Aufzählungen entfernt sind und nur vorläufige 
Fingerzeige für spätere Beobachter geben sollen. Das ergibt sich 
schon aus dem Umstände, dass ich mich persönlich diesem Gegen- 
stände nur innerhalb der Monate Juni bis Ende September widmen 
und für einschlägige Untersuchungen keinen ständigen Vertreter 
am See finden konnte. Inwieferne mir ausnahmsweise Material von 
anderer Seite verfügbar gemacht wurde, ist tlieils schon in der 
Einleitung dankbar erwähnt, theils wird darauf bei der Behandlung 
der betreffenden Daten im gegenwärtigen Abschnitte Bezug ge- 
nommen werden. 

In weit ausgedehnterem Maße als bei den Aufsammlungen 
wurde mir bei den Bestimmungen der Arten die dankenswerteste 
Tüterstützung anerkannter Specialisten zutheil, deren Namen und 
Betbatignng an den entsprechenden Stellen hervorzuheben ich mir 
zur Pflicht mache. 

Da die folgenden Skizzen nach organogeographischen Ge- 
achtspunkten verfasst sind, wird nicht, wie dies in botanischen und 
zoologischen Abhandlungen zu geschehen pflegt, eine Aufzählung 
der Arten gegeben und zu jeder derselben der Standort beigesetzt, 
sondern es wird umgekehrt von den verschiedenen hier in Betracht 
kommenden Standörtlichkeiten ausgegangen und das für jede derselben 
charakteristische Vorkommen von Organismen angeführt. Daraus 
folgt, dass manche Species wiederholt genannt werden müssen, 
wenn sie zur Kennzeichnung des organischen Vorkommens an 
mehreren Typen von Standörtlichkeiten dienen; dagegen entfällt 
die wiederholte Anführung einer und derselben Standörtlichkeit. 
Diese Anordnung des Stoffes kann jedoch selbstverständlich nicht 
bedeuten, dass ich die Beziehungen zwischen Standörtlichkeiten 

Mlttb. d. k. k. Geogr. Oes. 1808. 1 u. 2. 12 



178 

und Vegetation oder Fauna för endgiltig constatirt halte; ich wollte 
im Gegentheil nur die Zahl der Anregungen zum Studium jener 
Beziehungen vermehren, 

Auf neu gefundene Formen und deren Beschreibung, sowie 
auf morphologische Besonderheiten, die an den gesammelten Objecten 
beobachtet wurden, kann hier nicht eingegangen werden ; das wird 
vielmehr seitens der Specialforscher in botanischen und zoologischen 
Abhandlungen geschehen. 

Auf eine Vergleichung unseres VoTkommens mit jenem in 
andern Seen muss gleichfalls verzichtet werden, da hiefür eine 
Recc^noscirung nicht hinreichendes Material bieten kann. 

Die Aufzählung der Arten erfolgt nicht in streng systematischer 
Reihenfolge, was ja überhaupt in vorwiegend geographischen 
Schilderungen weder geleistet noch verlangt zu werden pflegt. 

Ich glaube, die Leser noch darauf aufmerksam machen zu 
sollen, dass es zur Beurtheilung der von mir möglichst hervorge- 
hobenen Standortsverhältnisse unerlässlich ist, vor Allem die Ab- 
schnitte über die „Details des Seebettes" (S. 20 fl), über die Zu- 
flüsse (S. 28 ff) und deren Temperatur (S. 109), dann über die 
Beschaffenheit des Seegrundes und dessen Analysen (S. 54 ff) 
durchzulesen. 

Botanische Recognos<finLng. 

Für die Bestimmung der hier hauptsächlich in Betracht 
kommenden Algen mit Einscliluss der sehr zahlreichen Diatomeen 
war ich auf die ganz maßgebende Mitwirkung der Herren Med. Dr. 
S. Stockmayer und Prof H. Zukal angewiesen. Der letztge- 
nannte eifrige Kryptogamist hat die von mir genau nach Standorts- 
verhältnissen sortirte Ausbeute, die grösstentheils von mir gesammelt 
und nur durch einige von Dr. O. Stapf schon früher beigetrachte 
Objecto ergänzt ist, zunächst mehr cursoriseh durchgegangen und 
die charakteristischen Fadenalgen meist bis auf die Arten, die 
Diatomeen vorwiegend bis zum Genus bestimmt. 

Herr Dr. Stockmayer hat nicht nur die genaueste Bestimmung 
zahlreicher Algen und speciell fast aller Diatomeen, u. zw, nach 
Van Heurck's „Synopsis des Diatom6es de Belgique" durchgeführt, 
sondern auch meine eigene Zusammenstellung unserer limnetischen 
Algenflora durch eine von ihm entworfene sehr wesentlich ergänzt. 
Er wird systematische und biologische Neuheiten oder Besonder- 
heiten abgesondert in einer botanischen Zeitschrift publiciren. 



179 

Ueberdies verdanke ich auch ihm die gefällige Vermittlung mit 
Heim Dr. O. Nordstedt in Lund, welcher die Güte hatte, 
einen Theil der Charen zu bestimmen. Der Antheil der beiden 
erstgenannten Herren ist im nun folgenden Texte dadurch ge- 
kennzeichnet, dass den betreffenden Anführungen oder Aufzäh- 
hingen die Buchstaben Z. oder St. in eckigen Klammern [ ] vor- 
gesetzt sind. Die Buchstaben A, B...Z und die Hinweisungen 
auf „Seitenprofil 1, 2 . . .", in beiden Fällen in stärkeren runden 
Klammem ( . . ); beziehen sich auf die in der limnographischen 
Karte ersichtlichen Punkte oder Strecken der Aufsammlungen. 

Die niedrige Vegetation. 

Ich begiiine mit den niedrigen Organismen, welche zunächst 
die yerschiedenen Arten des Grundes (S. 22, dann 54 — 69) in den 
Tenchiedenen Tiefen besetzen. 

Da der See eigentlich ein Felsenbett hat, welches nur von 
peÜschen und psammischen Grundarten theilweisre überkleidet ist, 
»11 zunächst die Vegetation der Felsen und Steintrümmer in 
Betracht gezogen werden. Solch' fester Grund erscheint haupt- 
eicUich nur in der Nähe der Ufer, als Vorstufe des tieferen See- 
gehlDges, femer an diesem letzteren, jedoch nur dann, wenn es 
ziemlich steil abftlllt, so dass der Seeschlamm sich nicht beträcht- 
lich anhäufen kann; alles weniger steile Gehänge, die flacheren 
Stitfienabsätze desselben, sowie der Tiefboden sind mit Schlamm 
in aolcher Mächtigkeit bedeckt, dass die steinige Unterlage für 
die Vegetation nicht in Betracht kommt. 

An Felsen und Steinen. 
Hier kommt zuoberst in Betracht die „Spritzzone^, d. i. die 
in der mittleren Niveauhöhe und etwas darunter und darüber 
gelegene Uferzone, die der Brandung ausgesetzt ist. — Es fanden 
itth da Krusten von [St.] Schizothrix lateritia Gomont und Seh. 
cc»riacea Gomont, femer häufig Tolypothrix penicillata Thuret, 
wiederholt Petalonema alatum Berkeley; zwischen Moosen Hydro- 
eoleum homoeotrichum Ktzg.;^) stellenweise reichen auch Algen, 
▼ic sie den feuchten Felsen unserer ganzen Kalkalpenzone eigen 
sind, bis an die Spritzzone herab. So [St.J : Scytonema crustaceum 
Agardh. var. incrustans Born. u. Flah., Nostoc microscopicum 
Cirmich., Stigonema informe Ktzg., dazwischen Urococcus insignis 
Ktzg., Mesotaenium Braunii de Bary. — 

*) In einer m&6ig verkalkten Fonn; beigemengt Gloeocapsa Magma Ktzg. 

12* 



180 

Stetig antergetancLte Felsen und Steine sind von 
Algen hauptsächlich in zweifacher Weise besetzt: diese siedeln 
sich entweder direct am Gesteine an oder erst auf den Ton 
diesen direct angesiedelten Algen gebildeten Krusten oder Belagen. 
Welche Algen speciell am Hallstätter-See zur ersten Gruppe ge- 
hören, konnte ich nicht sicher constatiren, da ich nicht Gelegenheit 
hatte, die Genesis des allmälig fortschreitenden Algenbesatzes za 
Studiren; ich kann nur schlieosen, dass es jene Algen sein 
dürften, die sich in dem unteren Theile des Steinbelages immer 
wieder und am häufigsten finden. Das sind hauptsächlich [St.]: Calo- 
thrix parietina Thur., Schizothrix pulvinata Gom., Seh. fasciculata 
Gom. ; Schizothrix lateritia Gom.; den früheren nur beigemengt finden 
sich : [St.] Dichothrix gypsophila Born. Flah., Schizothrix lacu- 
stris A. Br., Lyngbya rigidula (Kützing) Hansg., Tolypothrix 
penicillata Thur., Cocconeis Pediculus Ehrenb. u. a., wie sich aus 
den nachfolgenden Details ergeben dürfte. 

Die Algenvegetation der Felsen und Steine im Hallstätter- 
Sce, die dem mehr oder weniger dolomitischen Dachsteinkalk ange- 
hören, kommt fast durchgehends als Bestandtheil des schon er- 
wähnten Belages vor, der die steinige Unterlage bedeckt und insbe- 
sonders an allen horizontalen oder weniger geneigten Flächen der 
Steine oder an Vorsprüngen der Felsen eine bedeutende Dicke, 0*5 
bis 1'5 cm erreicht. Derselbe besteht theils aus organischen, theils 
aus anorganischen Elementen. 

Der anorganische Bestandtheil ist ein im frischen Zustande 
dickbreiiger, oft feinstkömigbreiiger Kalkniederschlag, ähnlich 
jungem Kalksinter, gemengt mit Antheilen des feinsten Detritus 
aus dem See, die nach langem Schweben allmälig zu Boden 
sinken und in vieltausendjähriger Summirung auch den feinen 
Schlammgrund des Seebodens gebildet haben. Dejecte, Exuvien 
und Zersetzungsproducte von Thieren sind diesem Detritus beige- 
mengt und diese, sowie die schleimigen Hüllen der beigemengten 
Algen verleihen ihm eine mehr weniger schleimige Beschafienheit. 
Im getrockneten Zustande bildet der so zusammengesetzte Belag 
Krusten; das natürliche Vorkommen unter Wasser zeigt keine 
eigentlichen Krusten, und in diesem Sinne kann man nicht wohl 
von Krustenalgen sprechen. Ueber diesem Belag zeigen sich dann 
theils hervorragende Spitzen der denselben zusammensetzenden 
Algen, theils daran oberflächlich angesetzte Arten als Knötchen, 
Eäschen u. s. w. und insbesondere auch grüne Fadenalgen, wie 



181 

Arten von Spirogyra, Zygnema, Conferva, in Gestalt von kurzen 
oder langen Zotten, Quasten, seltener als Watten, welche dagegen 
über Schlamm grund reichlich ausgebreitet sind. 

Nach dieser allgemeinen Charakterisirung soll nun für einzelne 
bestimmte Standorte mit felsigem oder steinigem Typus das Zu- 
lammenvorkommen skizzirt werden. 

Auf den anstehenden Felsen der littoralen Zone, wie sie in 
continuirlieher Erstrecküng, insbesondere von Lahn bis zum Hirsch- 
brann und von Grub bis gegen Rastl-Sepp vorkommen, finden 
sich am häufigsten die schon oben bei Besprechung der Spritzzone 
genannten Algen. 

Am- steilen, wenig besonnten südlichen Seegehänge sind die 
Felsen und Steinblöcke besonders reichlich mit grünen Fadenalgen, 
meist Spirogyren, besetzt. 

Wo die Felsen mehr abgestuft oder in Blöcken mit an- 
Dlhemd horizontaler oberer Begrenzungsfläche erscheinen, daher 
anch stellenweise etwas mehr mit Schlamm bekleidet sind und 
dann auch die Ansiedlung von Characeen gestatten, wurden ge- 
tonden [StJ: Spirogyra porticalis Cleve var. genuina Hansg., nebst 
mehreren unbestimmbaren (sterilen) Spirogyren, dann Zygnema 
stellinam Ag., nebst Tabellaria fiocculosa Ktzg., Pediastrum 
Boryanum Menegh., Scenedesmus quadricauda Brib., Cocco- 
neis Pediculus Ehrbg., ein steriles Oedogonium, dann Cos- 
marium Meneghinii Br6b.,^ C. conspersum Ralfs, C. Botrytis 
Menegfa. und ein neu zu beschreibendes Cosmarium (Lorenzii 
Slockm.), Amphora ovalis Ktzg. und Fragilaria capucina Desm. 

Auf einer schmalen, ziemlich flachen Vorstufe in der Strecke 
am Fnss der Bürschau ^) (in der Gegend der Partialprofile 24 — 25 
der limnogr. Karte) wurde nebst Tolypothrix tenuis Ktzg., Spiro- 
gyren und Zygnema eine grosse Mannigfaltigkeit von Diatomeen 
gefunden, worunter mehrere, die bisher entweder stets oder vor- 
wiegend in Meer- oder Brackwasser beobachtet wurden und deren 
Anwesenheit hier wohl aus der Nähe des Salzsudwerkes (weg- 
geschüttete Abfälle? 2) zu erklären sein dürfte; dieselben sind 

*) llirschaa ist nicht zu verwechseln mit dem Hirschbrunn (vgl. die 

•) Die Salzthon-Formation liegt weit entfernt vom See, 845 — 226 w über 
desptelbeii und nahezu 1 hm landeinwärts in einem untergeordneten Hochtbale; 
toi dem dort befindlichen Bergwerke wird die Salzsoole in geschlossenen R<')hrcn 
JA das Sudhaofl in der Lahn geleitet. Am See tritt der Salzthon nirgends zutage. 



182 

mit * bezeichnet. Das lange Verzeichnis [St.] lautet: Navicula 
didyma* Ehbg., N. peregrina Ktzg. var. menisculus (Scham.), N. 
alpestris Grün., N. gracilis Ktzg., Cyrobella cymbiformb Ehbg. 
var. parva V. H., C. Cistula Hempr. f. minor, C. helvetlca 
Ktzg., C. pusilla Grün., Denticula tenuis Ktzg., Diatoma tenue 
Ktzg. var. dense striata Grün, und var. elongata Lyngb., D. vulgare 
Bory, Nitschia Palea W. Sm. v. fonticola Grün., N. Sigma* W. 
Sm. V. rigidula Grün., Gomphonema montanum Schumann var. 
subclavatum Grün., G. oHvaceum Ehbg., G. constrictum Ehbg., 
Encyoncma ventricosum Ktzg., Cystopleura Zebra Kunze, Ach- 
nanthes minutissima Ktzg. ; ferner Khizocloniura Hookeri^ Ktzg. (fUr 
Europa neu), auf diesem aufsitzend Chamaesiphon confervicola 
A. Br. 

An zerstreut auf den Vorstufen der littoralen Zone herum- 
liegenden Kalksteinen, wie sie mit Ausnahme des flachen Steger- 
Beckens rings um den ganzen See, meist wohl als Lawinenrelicte, 
zu finden sind, kommt zunächst der erwähnte Belag zur Geltung, 
mit [St.] Schizothrix lateritia Gom. (wovon auch eine neue Form 
„major apieata" gefunden wurde), Calothrix parietina Thur., 
Ulothrix subtilis Ktzg., Dichothrix Baueriana Born. Flah., Toly- 
pothrix penicillata Thur. ; daran und dazwischen haften Spirogyren, 
wie [Z.]: Sp. arcta und Sp. olivascens Rabh., Zygnema stellinum 
(Vauch.) Ag., Conferva bombycina. (Alles sehr allgemein verbreitet.) 

Längs des steilen Abfalles am Fuss des Saarstein wurden 
auf schmaler Vorstufe an Steinen nebst Calothrix parietina Thur. und 
Encyonema ventricosum Ktzg, auch andere als die bisher erwähnten 
Formen gefunden [St.] : Dichothrix gypsophila Born. Flah., Schizo- 
thrix lacustris A. Br., Seh. pulvinata Gom., Chroococcus turgidus 
Naeg., Nitschia frustulum Grün., Denticula elegans Ktzg. (Seiten- 
profil 6). 

Einzelne Standorte, deren Wasser entweder kälter oder 
wärmer als durchschnittlich jenes des Sees ist oder eigenthümliche 
Bestandtheile mitbringt, besitzen gewöhnlich nebst den allgemeiner 

Wenn sich also in der hier bezeichneten Gegend des oberen Sees Andeutungen von 
Salzgehalt finden, kann dieser nicht als direct ausgelaugt aus anstehendem Ge- 
birge, auch nicht als abgeflossen aus der Soolenleitung angenommen werden. 
Obwohl nun nach amtlicher Versicherung aus dem Sudwerke Abfälle, die Salz 
enthalten, nicht in den See verstürzt werden, liegt es doch nahe, zu vermuthen, 
dass dieses wenigstens ausnahmsweise vorkomme und vielleicht früher auch häufig 
vorgekommen sei, die Ansiediung saliner Algen begünstigt habe und dass diese 
eich allmälig auch dem später nicht mehr gesalzenen Wasser accommodirt haben. 



183 

verbreiteten Algenfoimen auch mehrere eigenthümliche» Das ist 
tDsb^ondere der Fall im Mündungsgebiete der Zuflüsse. 

Auf dem untergetauchten Delta oder Schuttkegel der kälte- 
sten Bäche und Quellen (Waldbach, Hirschbrunn, Kessel) tragen 
die Steine häufig Zotten von Hydrurus foetidus (Vill.) Kirchn.; 
an Steinen auf dem Hirschbrunner Sande und an dem dort vor- 
kommenden Potamogeton densus wurden nebst der allgemein ver- 
breiteten Art Coccbneis pediculus und Navicula cryptocephala Ktzg. 
als Besonderheiten gefunden [St.]: Clastidium setigerum Kirchn. 
Chamaesiphon incrustans Grün., Lyngbya rigidula Hansg., En- 
cyonema caespitosum Ktzg., Achnanthes minutissima Grün., Cym- 
bella microc^phala Grün., C. tumida Hempr., C. affinis Ktzg., 
Cymbella anglica Lagerst, Merismopoedium glaucum Naeg., Cos- 
marium psendopyramidatum Nordst. (W, und Seitenprofile 21, 22). 

An einer anderen Stelle dieses kalten Mündungsgebietes fanden 
sieh im Belage der zerstreuten Steine nebst einem Theile der eben 
genannten Arten noch [St.]: Rhoicosphenia curvata Grün., Binu- 
clearia Tatrana Wittr , Navicula radiosa Ktzg., Scenedesraus obliquus 
Ktzg, Suriraya biseriata Br6b., Cymatopleura Solea W. Sm., und 
inf diesem Belag stellenweise ausgebreitet oder flottirend grüne 
Zjgnema uiid Spirogyra sp. plur. (steril.), Conferva bombycina 
Lagerh. f. tenuis und dazwischen Chaetophora pisiformis Ag. und 
Hormiscia zonata Aresch. 

Im G^ensatz dazu sind die Steine am Grunde der seichten 
und im Sommer wärmeren „Innerwässer*' (vgl. S. 33) fast nur 
mit der häufigen Calothrix parietina Thur. nebst Schizothrix 
iaseiculata Gom. überzogen. 

Im untergetauchten Delta der Traunmündungan seitwärts 
von der Strömung gelegenen ruhigen Stellen, wo die Wasser- 
lOBperatur durch den Fluss einigermaßen modificirt wird und im 
Ganzen • höher ist als im See, fanden sich auf den fast aus- 
ichliesslich aus Kalkstein bestehenden Geröllstücken angesiedelt 
(Stj: Diehothrix Baueriana Born. Flah., Ophiocytium parvulum A. Br., 
Navicula gastrum Donk. f. Anglica (Ralfe), Achnanthes microcephala 
Gran , A. marginulata Grün., Encyonemaventricosum Ktzg., Cymbella 
Cffltola Hempr., PediastrumBoryanum (Turp.) Menegh. var. cervicorne 
A. Br., Amphora ovalis Ktzg., Odontidium hieraale Ktzg., Tabellaria 
fesestrata Ktzg. 

Im Mündungsgebiete des Slanbaches, der, wie schon S. 31 
erwähnt, im Gegensatze zu den anderen Buchen durqh sehr ver- 



184 

schiedenes üfergestein und unter anderem auch durch Salzthon 
fliessty sind die auf dem Schlamme aufliegenden Steine insbesondere 
mit vielerlei Krustenalgen besetzt, wie sie auch sonst an Steinen 
vorkommen. Es fanden sich [St.]: Cbaetophora pisiformis Ag., Toly- 
pothrix penicillata Thur., Achnanthes microcephala Grün., Denticüla 
tenuis Ktzg., Rivularia minutula Born, et Flah., Tabellaria floecu- 
losa Ktzg., Pleurosigma attenuatum W. Sm., Cyclotella comtaKtzg- 
V. radiosa Grün, und ihre auch als C. Bodanica Eulenst benannte 
grössere Form; Chlorotjlium cataractarum, Ktzg.*), Lyngbya rigi- 
dula Hansg., Phormidium subfuscum Ktzg., Gongrosira Debaryana 
Rabh. (Punkt F, u. Seitenprofil 2). 

Im Bache selbst, wenige Meter oberhalb seiner Mündung, be- 
steht der Belag der Steine, an denen viel Cladophora glomerata Ktzg. 
sitzt, aus: Synedra radians Grün., Achnanthes minutissima Ktzg., 
Cocconeis Pediculus Ehbg., Encyonema ventricosum Ktzg,, Am- 
phora ovalis Ktzg. V, gracih's V. H., Nitschia stagnorum Rabh., 
Chantransia Hermanni, Dsv., Synedra Ulna Ehrbg., Cymbella 
cistula Hempr., C. helvetica Ktzg., also an den Steinen keine 
besonders charakteristischen Formen, während solche im Schlamm- 
grunde derselben Gegend vorkommen, wie weiter unten gezeigt 
werden wird. 

Auf Schlamm. 

Auf dem bald mehr breiigen, bald mehr suppigen, thonig- 
kalkigen Schlamm, welcher mit wenigen (bereits Seite 63 ff er- 
wähnten) Ausnahmen in allen Tiefen, wo das Steinbecken des Sees 
nicht nackt hervortritt, dasselbe auskleidet, war eine lebende Vege- 
tation nur bis zur Tiefe von 7 — 10 m nachzuweisen. Dabei scheint 
das Vorkommen der sehr zahlreichen und mannigfaltigen Diatomeon 
an die Gegenwart von Characeen, Fadenalgen oder auch von 
Wurzelgeflechten oder schwärzenden Fäulnisproducten ^ höherer 
• Wasserpflanzen gebunden zu sein. Wo solche fehlen, finden sich 
im Schlamme der verschiedensten Tiefen, von 1 bis 90 m entweder 
nur sehr wenige, oft auch gar keine oder nur solche Diatomeen, 
die nicht dort vegetiren, sondern versunken oder aus Dejecten 
von Fischen u. s. w. dahin gelangt zu sein scheinen. 

Armuth oder gänzlicher Mangel an Diatomeen bei reinem 
Schlamm wurde an zahlreichen Stellen constatirt. 

So wurden in der Gegend des „warmen Wassers", wo man 

^) Zum ersten Male für Seen constatirt, 



185 

am ehesten eine Ansammlang lebender Diatomeen wenigstens in 
der Littoralzone erwarten konnte und wo auch wirklich, wie weiter 
imten gezeigt wird, stellenweise ein dichter Algenteppich ausge- 
breitet ist, an Stellen, wo dieser fehlt, im reinen kalkreichen 
Schlamme (Analyse Nr. 22, 23) in den Tiefen von 1 — 2 w, 29 m, 
39 »I, 43 m gar keine Diatomeen gefunden. In dem sonst so reich 
bewachsenen Steger Becken wurden seewärts von der Mftndung 
des Slanbaches (F, H) selbst in der geringen Tiefe von 1— 5 w 
vegetationsfreie Stellen des sandig schlammigen Grundes ohne irgend- 
welche Diatomeen gefunden. In der weniger dicken Schlammschichte, 
die über der steinernen Platte (Punkt Z) ausgebreitet liegt, fanden 
sich 1 — 3 m tief zwar Diatomeen, darunter [St.] Stauroneis Phoeni- 
centeron Ehbg. S. anceps Ehbg. var linearis Grün., Navicula viridis 
Ktsg. var. commutata Grün., N. oblonga Ktzg. (diese häufig, alle an- 
deren vereinzelt) und der nur noch einmal beobachtete Campylo- 
discus hibernicus Ehbg. — jedoch mit Ausnahme des letztgenannten 
nur als leere Schalen. 

In der Tiefe von 90 m (Punkt S) Hessen sich auch nur 
wenige, und zwar leere Schalen constatiren, darunter solche von 
[St] Meridion circulare C. Ag. und Ceratoneis Arcus Ktzg., die uns 
sonst im See nicht vorkamen; lebende Diatomeen fehlten in der 
Probe ganz. Das erschien um so auffallender, da der Schlamm der 
bezeichneten Stelle stark gemengt war mit versunkenen Blättern, 
Holzsplittern und Landmoosen. Auch in den meisten Grundproben, 
deren Analysen S. 56 — 59 angeführt sind, fehlten Algen überhaupt 
and Diatomeen insbesondere entweder gänzlich, oder es waren nur 
leere Schalen zu finden. 

Ob nun dieser Mangel an lebenden Diatomeen bei Abwesen- 
heit von Charen und Watte- oder Fadenalgen daraus zu erklären 
ist, dass die ersteren der letzteren bedürfen, oder ob nur einfach 
für beiderlei Algen die Bedingungen einer gesicherten Existenz die 
gleichen sind, wäre weiter aufzuklären. 

Der mehr oder weniger zusammenhängende Ueberzug oder 
Vegetationsteppich des Schlammgrundes besteht in 
seiner Hauptmasse entweder aus Characeen oder aus robusteren 
Fadenalgen, zu den Gattungen Spirogyra, Zygnema, Conferva, 
Cladophora, Vaucheria gehörend, mit denen aber auch nicht selten 
die Characeenrasen bedeckt sind. Aus der Gattung Ohara sind nur 
die Arten rudis A. Braun, aspera Willd., contraria A. Br. und 
fragilis Desv. gefunden worden. 



186 

Ch. rudis ist die häufigste und bildet von den seichtesten 
Stellen hinab bis zu etwa 5 m ausgebreitete und dicke Teppiche, 
die längs einiger üferstrecken, wie z. B. in der Mündungsgegend 
des Slanbaches, von Ocker braunroth oder gelbroth geförbt oder 
von Fäulnisproducten geschwärzt sind. Der Boden des ganzen 
seichten Steger-Beckens ist vorwiegend mit mächtigen Fladen dieser 
Ohara bedeckt, meist selbst dort, wo sich darüber und dazwischen 
das Röhricht erhebt, und auch in der Abströmung. Kahle Schlamm- 
stellen finden sich in diesem Becken nur dort, wo die Ohara durch 
Grundeis gehoben und weggeführt wurde. 

Oh. aspera und insbesondere Oh. contraria sind mehr auf dem 
reineren Schlamm und bis zu etwas grösserer Tiefe, beiläufig bis 
zu 7 -- 8 ni, reichlicher angesiedelt und Oh. fragilis habe ich nur 
im dünnsuppigen Schlamm gefunden und aus ziemlicher Tiefe, etwa 
5— 9 m, mit dem Schleppnetz heraufgebracht. An den Oharen 
und zwischen ihrem Geflechte, sowie im Schlamme unter ihnen gibt 
es eine reichliche Menge von Diatomeen, wie die folgenden Ver- 
zeichnisse aus mehreren hiefür charakteristischen Stellen zeigen. 

Im dichten Gefilze von Ohara rudis und schwarzem stinkenden 
Schlamm der seichtesten Gegend des Steger-Beckens fanden sich [St.] : 
Stauroneis anceps Ehbg., Amphora Pediculus Grün., Encyonema 
ventricosum Ktzg., Oymatopleura Solea W. Sm., 0. elliptica W. Sm. 
nebst var. subconstricta V. H., Eunotia Arcus Ehbg., E. pectinalis 
Rabh. V. minor V. H., Pleurosigma attenuatum W. Sm., Olosterium 
rostratum Ebg., Oyclotella comta Ktzg. v. radiosa Gr., 0. operculata 
Ktzg., Achnanthes microcephala, Achnanthidium flexellum Br^b^ 
Denticula tenuis Ktzg., Navicula dicephala W. Sm., N. cryptocephala 
Ktzg., N. radiosa Ktzg., Oymbella helvetica Ktzg., 0. affinis Ktzg., 
Gomphonema intricatum Ktzg., Oystopleura Argus Kunze (Punkt A 
und Fig. 31, I, VI). Als Unterwuchs zwischen Röhricht treten 
mit Ohara rudis auf [St.] : Oystopleura Argus Kunze, Oyclotella comta 
Ktzg., 0. Meneghiniana Ktzg., Synedra Acus Grün., S. Ulna 
Ehbg. V. longissima V. H., Oymbella leptoceras Ktzg., Stephane- 
discus Astraea Grün. v. spinulosa Grün., Oymatopleura Solea 
W. Sm. (A-D, und Fig. 31, 11, III, VII). Zwischen Potamogeton 
lucens gleichfalls Ohara rudis nebst Oystopleura Argus Kunze, 
Navicula exilis Grün., Oyclotella Meneghiniana Ktzg., Oymbella 
cymbiformis Ehbg., Gomphonema intricatum Ktzg., Stephanodiscus 
Astraea Grün. (Fig. 31, Punkt X). 

Sehr auffallend war an einer von Röhricht freien Stelle 



187 

ein ziemlich ausgedehnter Bestand von Ohara aspera, aus deren Lager 
viele 2 — 3 dm lange Zweige senkrecht eraporstanden, wahrschein- 
lich gehoben durch den Gasgehalt eines ungemein reichen Behanges 
von Diatomeen; es wurden deren in blos zwei Probe-Exemplaren 
der Ohara 20 Gattungen von Algen (17 Diatomeengattungen) und 
folgende Arten gefunden [St.]: Eunotia Arcus Ehbg., E. gracilis 
Ebb., E. pectinalis Rbh. ; Oymbella helvetica Ktzg. ; 0. leptoceras 
Ktzg., C oymbiformis Ehbg., C. gracilis v. laevis Ktzg., 0. Cistula 
Heropr., C. lanceolota Ehbg., 0. delicatula Ktzg., 0. laevis Näg.; 
C. microcephala Grün.; Tabellaria fenestrata Ktzg., T, flocculosa 
Ktzg.; Navicula radiosa Ktzg. und ihre var. acuta ^. H., N. 
tenella Br6b., N. Falaisiensis Grün., N. cryptocephala Ktzg., 
N. latiuscula Ktzg., N. exilis Ktzg,; N. elliptica Ktzg; Oocconeis 
Plaeentula Ehbg., 0. Pediculus Ehbg.; Synedra radians Grün., S. 
Uhia Ehbg., S. Acus Ktzg.;. Achnanthes microcephala Grün., A. 
minutisrima Ktzg., Achnanthidium fiexellum Breb.; Nitschia Den- 
ticula Grün., N. angustata Grün., N. Tryblionella Hantsch. var. 
salinarum * örun., N. angustata * Grün., N. sigmoidea W. Smth. , 
Gomphonema olivaceum Ktzg., G. constrictum Ehbg., G. intricatum 
Ktzg., Q. Vibrio Ehbg., G. Augur Ehbg., G. gracile Ehbg.; Den- 
ticula tenois Ktzg., D. elegans Ktzg.; Suriraya ovalis Br6b. van 
ovata Ktzg.; Cyclotella Kützingiana Ohauv., Cyclotella comta 
Ktzg., C. operculata Ktzg., 0. Meneghiniana Ktzg.; Encyonema 
eaespitosam Ktzg., E. ventricosum Ktzg.; Pleurosigma attenuatum 
W. Sm. ; Diatoma vulgare Bory, D. tenue Ktzg.; Stephanodiscus 
Ästeaea Grün, und var. spinulosa Grün., Hyalotheea dissiliens 
Br^b. ; Cosmarium granatum BrSb.; Merismopodium glaucum 
NägeU. (A und Fig. 31, V). 

An zahlreichen anderen Stellen und längeren Strecken wurden 
in Gegenwart oder Nachbarschaft von Oh. rudis zwar die meisten 
der eben genannten Arten, jedoch nicht so zahlreich an einem und 
demselben Objecto versammelt, aber auch noch einige andere gefunden. 

So wurden in dem an Ohara aspera reichen Klausgraben 
(vgl S. 53 und Fig. 31) nebst Oonferva bombycina Wille ge- 
funden [St.] Cystopleura Zebra Kunze, Fragilaria capucina Desm., 
Rboicosphenia Van Heurckii Grün., Rh. curvata Grün., Gompho- 
nema micropus Ktzg., Navicula Veneta Ktzg. var. pumila V. H., 
K. rhynchocephala Ktzg. v. amphiceros Ktzg., Diatoma elongatum 
Ag., Cystopleura Argus Kunze. 



188 

Im Mündungsgebiete des Slanbaches wurden zwischen 
Ohara rudis im theils schwarzen, theils ockerig gefärbten Schlamm 
[St.] nebst Stauroneis anceps Ehbg. und Gomphonema montanum 
Schum. auch [Z.] Lyngbya ochracea Thuret constatirt (Punkt F 
1-4). 

Die letztgenannte Form erscheint mit spärlicher Ohara contraria, 
deren Spitzen oft mit Leptothrix parasitica stark besetzt sind, auf 
dem stark gemengten, oft ockerigen Schlamm dieser Gegend auch 
noch bis 10 m tief, ja selbst noch bei 65 m Tiefe — hier 
allerdings nur todt, also hingeschwemmt und untei^esunken — wo 
sich auch von Diatomaceen nur sehr wenige Spuren und meist 
leere KieselhtÜlen finden. 

Längs des nordöstlichen Ufers in der Gegend von üntersee 
im Mündungsgebiete des Rastlbaches wurde auf dem mit Ealkgrus 
gemengten Schlamm, den Ohara aspera Willd. f. brachyphylla 
(theilweise mit einem Spirogyren-Filze überzogen) grösstentheils 
bedeckt, nebst schon genannten Arten von Tabellaria, Diatoma, 
Navicula, Oymbella, Encyonema, Oyclotella noch folgende Formen 
constatirt [St.]: Fragilaria virescens Ralfs, Staurastrum gracile Ralfs, 
Cosmarium tetrophthalraum Breb., Hyalotheca dissiUens Br6b., 
Bulbochaete rectangularis Wittr., Coelosphaerium Kützingianum 
Naeg., Scenedesmus quadricauda Br6b. (Punkt Gj). 

An einer Stelle des Steger-Beckens, wo das Röhricht einen 
grösseren Fleck frei lässt, der mit Ohara aspera bewachsen ist, 
fand sich nebst bereits für diese Gegend genannten Arten von 
Oystopleura, Tabellaria, Oyclotella, Diatoma, Oymbella, Fragilaria 
auch Oocconeis Placentula Ehbg. var. lineata^ Grün., die bisher 
ausser im Boden- und im Müggel-See nur in brackischem Wasser 
constatirt wurde, dann die Varietät salina Kg. von Oocconeis 
Pediculus Ehbg., die sowohl in süssem als in salzigem Wasser 
auftritt (vgl. Fig. 31, V). Nahe an dieser Stelle wurden diese salinen 
Formen auch in Gesellschaft von Potamogeton marinus gefunden. 

Der ungewöhnlich kalkreiche Schlamm längs dem Delta 
der Gosau-Ache (Analyse Nr. 22) enthielt nebst einer spärlich vor- 
handenen, stark inkrustirten, unbestimmbaren Ohara nur wenige 
Arten und Individuen von Diatomeen, worunter nichts Eigenthüm- 
liches [St.]: Oystopleura Argus Kunze, Denticula tenuis Ktzg,, 
Oymatopleura elliptica W. Sm. var. subconstricta V. H., Navicula 
oblonga Ktzg., Amphora Pediculus Ktzg. f. major, V. H., Eunotia 
pectinalis Rbh. (R3-R4 und Seitenprofile 30, 32, 33). 



189 

Wo der ScWamin nicht mit Characeen bedeckt, sondern mit 
einem Gefilze grüner Fadenalgen überzogen ist, besteht 
dieses an seichteren Stellen (72 — 1*5 *^0 hauptsächlich aus Spiro- 
gyren, die meist in nicht sicher bestimmbarem Stadium (steril) 
gefunden wurden, nebst (Z): Cladophora (fracta ?), C. muscoides var. 
aegagropila Menegh. (?), Conferva bombycina Wille, nebst Chae- 
tophora elegans Ag. und verschiedenen daran und dazwischen vor- 
kommenden nicht speciSschen Diatomeen. 

In den mittleren Tiefen von 25 — 40 w besteht der grüne 
Filz auf Schlamm aus [Z] Conferva bombycina Lagerh., einer Spi- 
rogrra (Sp. ?) und Cladophora crispata Ehbg., die mit Cocconeis Pe- 
diculus Kt^. besetztist, begleitet von [St.]: Dichothrix Baueriana 
Born, et Flah., Binuclearia Tatrana Wittr., Encyonema caespitosum 
Kizg., E. ventricosum Ktzg., Denticula tenuis Ktzg , Gomphonema 
ölivaceum Ehbg., G. abbreviatum Ktzg., Navicula cryptocephala 
Ktzg., Amphora aflfinis Ktzg., Achnanthes minutissima Ktzg., 
Nitschia Palea W. Sm., Cymbella obtusa Greg., C. microcephala 
Grun., C. delicatula Ktzg., Diatoma elongatum Ag. (Punkt H.) 

Besonders reich und dicht ist der grüne Algenteppich auf 
dem 1 — 4 m tief gelegenen Schlammgrunde beim „warmen 
Wasser" (vgl. Seite 38—40 und Analyse Nr. 27); er besteht aus 
steriler Spirogyra und einer sterilen Vaucheria, denen nebst ge- 
meineren Arten von Cocconeis, Diatoma, Synedra, Cystopleura, 
Cyclotella, Gomphonema, Cymatopleura, Odontidium, einige sonst 
im See nicht oder wenig vorkommende Diatomeen beigesellt sind, 
wie [St] : Melosira arenaria Moore (der einzige Melosirafund), massen- 
haft Rhoicosphenia curvata Grun., der übh. seltene, ausserdem nur 
noch einmal im See gefundene Campylodiscus Hibernicus Ehbg., 
Kavicula cincta Ktzg, und* N. didyma Ehbg. Daselbst erhebt sich 
Qber den Bodenfilz ein besonders dichter Bestand von Myriophyllum 
spicatum, woran reichlich [Z] Mougeotia genuflexa (Dill.) Witt. 
sitzt (Punkte O, P.) 

Characeen wurden zwar nicht direct auf Steinboden beobachtet-, 
wenn jedoch dieser mit einer Schlammschicht von nur 1—2 cm 
Mächtigkeit bedeckt ist, siedeln sich oft Characeen -Rasen an, 
und dann erscheinen dort auch sogleich zahlreiche Diatomeen. 
Da« ist z. B. der Fall an einigen kürzeren Strecken längs des 
iteiuigen Lahnufers (Seitenprofile 23 — 25). und gegenüber zwischen 
Grub und Platte (Seitenprofile 11—12) auf Felsenplatten. In 
der letztbezeichneten Strecke sind in Gesellschaft mit Chara rudis 



190 

[St.J : Cystopleura Argus Kunze, Cymatopleura Solea W. Sm., C. ellip- 
tica W. Sm.jCocconeisPediculus Ehbg.,C.PlacentulaEhbg., FragUaria 
virescens Ralfs, Fr. capucina Desm., Stephanodiscus Astraea Grün, 
nebst var. spinulosa Grün., Cosmarium tetrophtalmum Br6b., Tabel- 
lariaflocculosa Ktzg., T.fenestrata Ktzg., DiatomagracillimumNaeg., 
Suriraya biseriata Br^b. f. minor, Encyonema caespitosum Ktzg., 
Cymbella Cistula Hempr. u. var. maculata V. H., C. cuspidata 
Ktzg., C. leptoeeras Ktzg., Cyclotella Kützingiana Chauv. 

Auf Sandgrnnd. 

Diese eigenthümliche Grundart kommt, wie bereits (S. 63—68 
b. Analyse Nr. 24, 25) angeführt, nur auf einer sehr beschränkten 
Strecke bei Hirschbrunn und Kessel vor. Es ist nur auffallend, 
dass, während der reine Schlamm so arm an Diatomeen ist, der 
mit scharfen Körnern von Quarz und harten Silicaten gemengte 
Sand ohne grüne Matten und ohne Characeen vielerlei Diatomeen 
enthält, (Punkt W u. Seitenprofile 21—22). Es wurden daselbst 
zwischen dem reinen Sande gefunden [St.]: Cymbella Ehrenbergii Ktzg. 
f. minor, C: leptoeeras Ktzg., C. amphicephala Naeg., Cymatopleura 
elliptica W. Sm. f. subconstrictaV. H., Suriraya biseriata Br6b., Navicula 
viridis Ktzg., N. gastrum Donk., N. cryptocephala Ktzg., N. Bacillum 
Ehbg., Cocconeis Pediculus Ehbg., Amphora ovalis Ktzg., A. gracJIis 
Ehbg., A. affinis Ktzg., A. Pediculus Ktzg., A. perpusilla Grün., 
Cystopleura Zebra Ktzg., Nitschia Palea W. Sm , Denticula tenuis 
Ktzg., FragUaria construens Ehbg. 

Anf aecessorischen Unterlagen. 

Ein nur zum Theil eigen thümliches Vorkommen, welches nicht 
mit der Grundart zusammenhängt, findet sich an den Stengeln 
des Röhrichts (Fig. 31), deren mittlere und untere Theile ofl 
sehr dicht besetzt sind. So wurden an Scirpus lacustris nebst 
allgemeiner verbreiteten Formen von Eunotia, Synedra, Diatoma 
Achnanthes, Gomphonema, Encyonema, Cymbella, Cocconeis, 
Denticula, beobachtet [St.]: Chaetosphaeridium Pringsheimii Kleb;, 
Diatoma gracillimum Naeg., Gomphonema Mustela Ehbg., Rhoico- 
gphenia curvata Grün., Coleochaete scutata Br6b., C. pulvinata A. 
Br., C. irregularis Pringsh. 

An Stengeln von Phragmites communis wurde nebst Conferva 
bombycina Lagerh. ein ähnlicher Besatz gefunden, aus dem nur die 
Arten Gomphonema olivaceum Ehbg., Nitschia Tryblionella Hantsch 



191 

rar. Levidensis (W. Sm.) V. H. und dazwischen Fragilaria virescens 
Ralfs sammt var. oblongella Grün, genannt werden mögen. 

Der bekannte feine krystallinische Kalkniederschlag auf den 
Blätternder Potamogeton-Arten, welcher hier besonders reichlich 
bei P. lucens auftritt, beherbergt vielerlei kleine Algen, wenngleich 
nicht in grosaer Menge der Individuen. So wurde auf P. lucens 
im Steger-Becken gefunden [St.] : Pleurosigma Spenceri W. Sm. 
var. acutiuscula Qrun., Nitschia frustulum (Ktzg.) Grün., Cymbella 
pusilla Grün, nebst allgemeiner verbreiteten Formen von Cyclotella, 
Encyonema, Cocconeis, Gomphonema, Eunotia, Denticula, Synedra. 
(Fig. 31, X.) 

An Potamogeton densus im Mündungsgebiete des kalten 
Hirschbrunnen (W. 1, 2) kamen einige, wie es scheint, mehr local 
beschränkte Algen zur Beobachtung [St]: Clastidium setigeruro 
Kirchn. Chamaesiphon incrustans Grün., Cymbella tumida Hempr., 
Cosmarium pseudopyramidatum Nordst. Hier finden sich auch viele 
der schon oben als auf und zwischen den Chara-Rasen vorkom- 
mend genannten Algen, von denen ein grosser Theil direct den 
Charazweigen aufsitzt; der von diesen Algen gebildete Schleim be- 
herbergt dann viele andere, nicht angeheftete Algen. 

An den Schalen von Anodonta findet man häufig 
'Z] Calothrix parietina Thur., Chaetophora elegans Ag. 

Eine seltsam anmuthende Erscheinung bieten die Baumstämme 
— grösstentheils Fichten — welche, wie schon S. 42 erwähnt, mit 
Lawinen in den See gesttirzt, längs des südöstlichen oder Hirsch- 
auer-üfers (Seitenprofil 23, dann Bezeichnung St. L. und Schi. L.) 
theils verkehrt im Grunde stecken, theils untergesunken, kreuz und 
quer unter Wasser liegen. An diesen meist noch mit der Rinde 
versehenen Stämmen und Aesten findet sich ein reichlicher Belag 
von Krusten gebildet von [St.] Schizothrix pulvinata Gom., 
Chlorofylium cataractarum Ktzg. var. incrustans, Plectonema Lo- 
renzii n. sp.,^) mehreren Chroococcaceen, Navicula cryptocephala 
Ktzg. var. exilis V. H., Cymbella microcephala Grün., C. affinis 
Ktzg., Achnanthes linearis Grün., A. minutissima Ktzg., Gompho- 
nema montanum Ehbg., Denticula tenuis'Ktzg. 

Mehr vereinzeint liegt versunkenes Holz in der Gegend zwischen 
Grubkreuz und Grub (beiderseits von Seitenprofil 12); daran 
wurden zur selben Jahreszeit beobachtet [St]: sterile Spirogyren 



*) Wird von Dr. Stockmayer publicirt werden. 



> »MU 



192 



und zwischen dieser eine von den eben angefahrten natürlich ganz 
verschiedene Gesellschaft von Algen : Cosmarinm Meneghinii Br^b., 
Cyclotella Kützingiana Chauv., C. operculata Ktzg., Cymotopleura 
elHptica Br6b. typ. und var. subconstricta V. H., Cystopleura Argus 
Kunze, Cymbella leptoceras Ktzg., C. cistula Hempr. var, maculata 
V. H., Navicula latiuscula Ktzg., N. subcapitata Greg., Encyonema 
caespitosum Ktzg., Nitschia Palea W. Sm., Denticula tenuis Kt^., 
Synedra acus Grün. var. delicatissima Grün. 

Eine an Holz flottirende bis zu 0*5 m lange, cyhndrische, 
bisher unbekannte Alge, die zur Aufstellung des neuen Genus 
S t a p f i a, sp. cylindrica Chod. ^) geführt bat, mag hier deshalb genannt 
werden, weil sie zwar nicht im See, aber wenige Schritte land- 
einwärts bei Lahn in einem der kalten Zuflüsse (k in der limno- 
graph. Karte) von Dr. Stapf an der Bretteraußkleidung des 
Quelltümpels entdeckt wurde, wonach ich das Material zur genauen 
Untersuchung beizubringen in der angenehmen Lage war. 

Algen-Plankton. 

Als Pseudo-Plankton könnte man jene Flocken verschiedenster 
Grösse bezeichnen, die aus losgerissenen Watten, hauptsächlich 
Spirogyren und Zygnemen, auch aus Fäden oder Räs'chen von 
Tolypothrix und anderen nahe der Oberfläche vegetirenden Algen 
bestehen und die oft zahlreich auf der Oberfläche des Sees trei- 
bend gefunden werden. Daran beobachtet man oft auch zahl- 
reiche Diatomeen nebst feinem Seeschlamm, wodurch die Flocken 
mehr Körper und Zusammenhalt und eine verschiedene, oft stark 
schmutzige Färbung erhalten. Hier soll nur beispielsweise ein 
solches Vorkommen aus dem unteren See angeführt werden; 
daselbst fanden sich zwischen den genannten grösseren Fadenalgen 
nebst vielen schon wiederholt genannten Algen auch mehrere bisher 
nicht oder nur einmal angeführte, wie [St.]: Navicula major Ktzg., 
N. limosa Ktzg., N. lanceolaU Ktzg., N. Iridis Ehbg., N alpestris 
Grün., Pediastrum integrum Naeg, P. Boryanum Menegh., Nitschia 
sigmoidea W. Sm., N. vermicularis Grün., N. angustata Grün., 
Cymbella naviculiformis Auersw., Closterium acerosum £hbg., 
Oscillatoria limosa Ag., O. irrigua Ktzg., Pleurosigma Spenceri 
W. Sm., Stephanodiscus Astraea Grün. 



^) K. Chodat: Stapfia. Un nouveau genre de Palmellaceae. Ballet, de 
PHerbier Boiss. V. Novembre 1897. 



193 

Als eigentliches Mikroplankton fand Dr. O. Zacharias 
unter meinen Horizontal- und Verticalfängen bisher nur Asterionella 
formosa Haas. var. gracillima Grün, und Fragilaria crotonensis 
Kitton, die in meinen littoralen Aufsammlungen nicht vorkommen. 

Dr. S. Stockmayer spricht sich über die Wahrscheinlichkeit, 
(btas im Hallstätter-See später noch manche andere planktonische 
Alpen gefunden werden dürften, wie folgt aus: 

„Obwohl die Planktonproben an sich zur endgiltigen Ent- 
scheidung nicht genügen, so gestatten sie doch in Verbindung 
mit den zahlreichen Uferproben den Schluss,*) dass Melosiren 
im Hallstätter Plankton fehlen, ebenso wie in jenem des Boden- 
Sees und Züricher-Sees, oder doch nur selten vorkommt. 

Hing^en dürften Cyclotellen — wie auch in anderen 
Seen unserer Alpen im Gegensatze zum Gr.-Plöner-See, in dem 
sie selten sind — im Halbtätter-Plankton reichlich auftreten, 
da sie in den Uferproben überaus reichlich vorkommen. — Spe- 
ciell die im Boden-See besonders häufige Gycolotella comta Kützing 
Tar. radiosa Grunow findet sich auch hier massenhaft, ferner die 
dbeablls im Boden-See vorkommende Cyclotella operculata Kützing ; 
«ehr reichlich finden sich die im Boden-See fehlenden Cyclotella 
Vooeghiniana Ktzg. und Kützingiana Ghauv. in den Uferproben, 
wlhrend die im Boden-See häufige, ausserdem im Genfer-See, 
Ganrndener-See und Lac d'Oö in den Pyrenäen vorkommende 
C. Bodanica Eulenstein (wahrscheinlich nur eine Form von C. 
eomta) im Hallstätter-See zwar vorkommt, aber selten ist, wenigstens 
in den Uferproben. 

Ob Stephanodiscus Astraea Grün., typ. und var. spinulosa 
Gran.,*) welche Formen auf den Characeen der Seichtstellen 
häufig gefunden wurden, nicht auch eigentlich dem Plankton an- 
gehören und nur als untergesunkene Gehäuse auf den Charen de- 
pooirt wurden oder doch auch auf diesen lebten, wäre noch zu er- 
Iwschen.** 

IHe höhere Vegetation. 
Ueber die bisher skizzirte, in doppeltem Sinne niedrige Vege- 
tation, welche zunächst die Wandungen des Seebettes besetzt, er- 

*; Melodra fand sich in diesem nur einmal, und zwar Molosira arenaria 
Möore beim sog, „wannen Wasser* s. S. 38—40. 

^} Wurde früher als nur marin betrachtet, ist aber jetzt auch in vielen 
^^tsswaateraeen «owohl Norddeutschlands als der Alpen und auch im Baikalsco 

Xittti. d. k. k. Oeogr. Ges. 1898. 1 u. 2. 13 



n-4 

heben £Äeb höb& CTgai^arte WaaEer- ccd Scmpipfljjizeii, deren 
VertiieCai;g onn kurz geschildert werden seil 

Unter den eigentlichen Waseerpcanzen and am meisten 
cJaiakterbtttcfa stchs Arten ron Potamogeton Laichkraut) : Pot 
locens L^ äuit^üis R&th^ perfoliatns L^ densos L^ gramineus L. 
und manntu L. 

Im seichten. Tielfach Bch warxgrfi hmm igen St^;er-Becken 
herrbcht ganx entschieden P. Incens tot, dessen Form ^acomi- 
natiu^ hier häw£g beobachtet werden kann.^ Diese Art hält 
Acfa jedoch nicht an den seichtesten Stellen und nicht nahe am 
Ufer, ftoi^dem cur bei Wassertiefen Ton beiläufig Vom bis 3m, 
wo es mehrere aasgedehnte Bänke über Characeen-Teppichen 
und zwischen tief wurzelndem Röhricht bildeL Von diesem Becken 
ans zieht sich parallel mit dem Ufer Ton Untersee und Obersee, 
etwa 10 — 20 m rom Lande abstehend, eine schmale langgestreckte 
Bank ron P. locens in 2—3 m langen Exemjdaren hin« 

Bei keiner anderen Art von Potamogeton sind die Blätter so 
reichlich mit Ealkkmsten und daran oder dazwischen vorkom- 
menden Diatomeen bedeckt, wie bei P. lacens — eine Folge 
der sehr reichlichen Anfhahme von Kohlensäure aus dem Wasser, 
welches hiedurch genöthigt wird, einen Theil des in doppelt- 
kohlensaurem Wasser gelösten Kalkes dort auszuschdden, wo 
ihm Kohlensäure entzogen wird, d. L an den Blättern. Ausser 
dem hier bezeichneten Bereiche ist P. lucens rings um den See 
nirgend mehr in massenhaften Beständen, sondern nur vereinzelt 
oder in kleineren Gruppen und oft unter anderen prädominirenden 
Arten zu finden. 

Im Steger-Becken nimmt ausser P. lucens noch P. fluitans 
eine hervorragende Stellung ein, u. zw. ausschliesslich in der Furche 
des „Klausgrabens'' (vgl. S. 53), also im Bereiche der Abströmung 
des Sees, welche dort bis zu 0*83 m per Secunde (ibid.) beträgt, 
und erreicht nicht selten eine Länge von mehr als 3w. 

Sehr allgemein und oft in grossen Beständen ist femer P. perfo- 
liatns über den ganzen See verbreitet ; man trifft diese Art öfter als 
jede andere an den verschiedensten Standorten, auch zwischen 
P. lucens im Steger-Becken, aber hier vorwiegend näher am Ufer, 

^) Ueber die Beziehung dieser Form zur Standörtlichkeit habe ich im Jahr- 
gang 1897 der „Verhandlungen der k. k. zoolog. botan. Gesellschaft in Wien 
eine Abhandlung veröffentlicht unter dem Titel: Ueber die fraglich© Erklärung 
und Berechtigung einer Art „acuminatus" vom Genus , Potamogeton**. 



195 

während sie im mittleren und oberen See überall weitaus prä- 
Taüert, wo die Tiefe 1 — 3 m beträgt. 

Die folgenden drei Arten von Potamogeton kommen nur 
an enger begrenzten Standorten und nicht in so dichtem Schluss 
wie die bisher angeführten vor. 

P. densua und P. gramineus habe ich reichlicher nur am 
Südrande des Sees gefunden, wo kalte Quellen und Quell- 
bftchlein münden ^) und der Grund sandig oder wenigstens mit 
Sand gemengt ist (vgl. S. 63—66), und zwar ohne Vergeselligimg 
mit anderen Arten, in gesonderten Büscheln ohne Zusammenschlüsse 

P. marinus endlich habe ich nur an den beiden entgegen- 
gesetzten Enden des Sees, und zwar an solchen Stellen beobachtet, 
wo eine, wenngleich vielleicht nur unbedeutende und intermittirende 
Miachung des Seewassers mit Wasser aus dem Salzthon (Hasel- 
gebirge) vermuthet werden kann, wovon schon oben (S. 181 u. 183) 
die Bede war. Die eine dieser Stellen ist an der Mündung des Slan- 
baehes, der theilweise durch die Salzformation fliesst (vgl. S. 31) 
und reicht von hier aus seewärts in offene Stellen zwischen dem 
Röhricht der Steger-Bucht; hier fructificirt diese Pflanze sehr 
reichUch. 

Der andere, u. zw. sehr beschränkte Standort von P. marinus 
ist am südlichen Bande des Sees auf Hirschbrunner Sand längs 
der Beihe von Mündungen kalter Quellen, wo vielleicht salzhaltige 
Sciüchten oder Einlagerungen von Werfnerschiefer unter dem Dach- 
steinkalke hervortreten *) — was jedoch nicht nachgewiesen ist — 
uad wo vielleicht die erwähnten Quellen aus dem Inneren Salz- 
Partikel mitbringen. Dass hier Salzabfälle einen Einfluss geübt 
hallen, ist wegen der Entfernung nicht so wahrscheinlich, wie 

*) Ich zioho daraus keineswegs den Schluss, dass diese Arten das kalte 
Walser snlsacheD, sondern umgekehrt acheint es, dass die anderen Arten von 
Potiffiogeton das kalte Wasser vermeiden und P. densus und gpramineus an jener 
^^telle nur deshalb domimren, weil sie sich dem kälteren Wasser leichter accom- 
oodiren als andere Arten. P. densus habe ich weit üppiger entwickelt in ent^ 
«kiedcn warmen Seen und an den wärmsten Stellen derselben gesehen, so z. B. 
«B MIDstätter-See in Kärnten bei Seeboden, während dieselbe Art im Ilallstätter- 
^ eher verkümmert, wenigstens nur klein vorkommt. 

*) P. marinus ist übrigens anderwärts auch in Alpenseen, z. B. in Tirol 
p&Dd«a worden, wo man den Einfluss einer Salzformation wenigstens bisher 
siebt vecmathet hat, ohne dass jedoch die geologischen Verhältnisse die Möglichkeit 
aiaei wichen Einflusses ausschliessen. Im Engadin kommt diese Art in einem 
1700 Bi hoch gelegenen See vorj sie scheint eben mit Süsswasser eben so zufrieden 
n tem wie mit Brackwasser. 

13* 



196 

es S. 181 betreffs des Vorkommens saliner Algen längs der Lahn 
angedeutet wurde. 

In der weiter unten S. 198 folgenden Fig. 31 ist die Loca- 
tion der für das Steger-Becken charakteristischen Potameen dar- 
gestellt. 

Von anderen eigentlichen phanerogamcn Wasserpflanzen sind 
noch hervorzuheben: Ranunculus aquatilis L. und Myriophyllum 
spicatum L. Der genannte Wasser-Hahnenfuss ist auffallenderweise 
nur an solchen Stellen zu finden, wo vom Ufer her Dejecte und 
Verunreinigungen verschiedener Art aus Wohnstätten ins Wasser 
gelangen — daher am häufigsten bei Hallstatt und Lahn, aber 
in kleinen Gruppen auch längs aller anderen Ufer in der Nähe 
von Holzstadeln, Schiffhütten, Waschbänken u. s. w. 

Das Tausendblatt habe ich in dichter gedrängtem Stande und 
reichlich entwickelt nur an der ruhigen Stelle des „warmen Wassers" 
(vgl. S. 384 und Punkt O. der limnographischen Karte) gefunden, 
wo es gegen 3 m lang wird und mit Diatomaceen reichlich be- 
setzt ist. Eingestreut unter dominirenden Potameen — P. lucens 
und P. perfoliatus — kommt es auch an anderen, 2 — 4 m tiefen 
ruhigeren Stellen vor. 

Was man als ^Röhricht^ bezeichnen kann, besteht im Hall- 
stätter-See aus Phragmites communis Trin., Scirpus lacustris L., 
Equisetum limosum L. und Hippuris vulgaris L. Auf das Wachs- 
thum und die Vertheilung dieser Pflanzen dürfte der Umstand 
Einfluss nehmen, dass sie dort, wo sie in reichlicheren, dichten 
Beständen vorkommen, alljährlich als „Streu" zugleich mit Pota- 
mogeton- Arten kurz tiber dem Grunde, 1 — 2 m tief unter dem 
Wasserspiegel, mit Sensen abgemäht werden. Die Bevölkerung be- 
trachtet alle derart verwendbaren Pflanzen des Sees nur vom Ge- 
sichtspunkte der „Streu" und benennt sie demnach folgendermaßen : 
Potamogeton lucens = Plätschenstreu, Phragmites communis == 
Besehen (Buschen) oder Federnstreu, Scirpus lacustris = Binderstren 
(weil auch von Bindern verwendet), Equisetum limosum und Hip- 
puris vulgaris = Röhrlstreu. Sämmtliches Röhricht concentrirt sieh 
auf die seichte Area des Sees bei Steg, wo aus Tiefen von 1 — 2 in 
Phragmites und Scirpus noch 2 — 2*5 nij Equisetum bis zu 1*3 m 
hoch in die Luft hervorragen. Phragmites und Scirpus stehen an 
manchen ausgedehnten Stellen so dicht, dass es unmöglich ist, mit 
einem Boote hindurchzukommen. Es scheint, dass die erwähnte 
jährliche Mahd bei dem ungemein reichen, stetig anwachsenden 



TKm 



197 

aud durch Exuvien der thierischen Schlammbewohner gedüngten 
Scblammboden^ der die Stolonenbildung sehr begünstigt; den 
dichten Stand und das Längenwachsthum befördert. 

Zur Beleuchtung der Frage, ob die Constituenten des Röh- 
richtS; insbesondere Schilf, Binse und Schachtelhalm, in der Regel im 
Wasser getrennte Bestände bilden oder untereinander gemengt 
wachsen,^) habe ich die Location der „Streu" im Becken von 
Steg genauer ermittelt und in Fig. 31 dargestellt. Darnach bildet 
Phragmites communis einen grossen zusammenhängenden Bestand 
(II) in der Mitte des Beckens, kommt jedoch ausserdem auch in 
kleineren Gruppen und zerstreut, besonders zwischen lose ver- 
theiltem Scirpus vor. Dieser letztere erscheint zusammengesellt 
in zwei Ansiedlungen von geringerer Grösse (III; IV), dann in 
Unger schmaler Zone (VI, VI) längs des nordöstlichen Ufers; 
gemengt mit Phragmites steht diese Binse in minder dichtem 
Schlnas am Rande des Schilfbestandes II, ohne in das Innere 
desselben einzudringen. Equisetum limosum, zu ganz ungewöhn- 
licher Grösse und Stärke gelangend, bildet zunächst oberhalb des 
Klaaswerkes und der Brücke eine ausgedehnte und exclusive An- 
iMlung (I), dann gleichfalls ohne wesentliche andere Einmengung 
einen ziemlich breiten Streifen (VII) seewärts von den ufersäumen- 
den Binsen VI — VI, und dominirt dann weiterhin (VIII) längs 
des anschliessenden, in Fig. 31 nicht mehr dargestellten Ufers in 
einem mehrere Meter breiten Bande fast ausschliesslich bis gegen 
das Delta des Slanbaches. 

Hippuris vulgaris (IX) findet sich nur in einer seichten Neben- 
boeht oberhalb der Schiffhütte des Ferienhort auf kalksandigem 
Gnmde, der nur selten vorkommt. 

Aus dieser Skizze ist ersichtlich, dass im Steger- Becken die 
Arten des Röhrichts nicht regellos durcheinander stehen, sondern 
sieh vorwiegend zu Gruppen von je einer Art gesellen, die nur 
an ihren Aussenrändem, wo sie weniger dicht geschlossen sind, 
•ich mit anderen nachbarlichen Arten — besonders Phragmites 
mit Scirpus — mengen, und dass daselbst Equisetum am meisten 
«xclusiv ist 



'; Vg4. Dr. H. Klebahn, „Vorarbeit zu einer Flora des Plöner 8cen- 
geJwtea.* Veröffentlicht in 2Iacharias' Forschungsberichton der biolog*. Station 
« Mr»n. XII. Theil, S. 3—6. Dort bilden Phragmites und Scirpus vorwiegend 
S«<ramte Bestände, doch wurde die Frage für weitere Kreise often gelassen. 



198 



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199 

Von allen diesen Röhrichtpflanzen des Steger-Beckens kommt 
in den anderen ausgedehnten littoralen Strecken des ganzen 
Sea nmr Equisetum limosum häufiger und gesellig vor, so ausser- 
halb der Mündung des Rastlbaches und des Rudenbaches, dann im 
obersten See zwischen Kessel und Traunmündung gegen ,,Winkl" 
hin, ausserhalb des Bereiches der kalten Uferquellen. Phragmites 
und Scirpus sind mir nur noch beim „Durchlass" am Delta der 
6osau-Ache und hie und da in den „ Innerwässern ^ am südlichen 
Cfer vorgekommen. 

Welchen Antheil an den Ursachen des Vorkommens und der 
Vertheilung die Beschaffenheit des Grundes habe, ist hier kaum 
m ermitteln, da gerade in der am meisten bewachsenen inneren 
Area des Steger-Beckens durchgehends der gleiche dunkle, mit 
wenig Sand gemengte Schlamm ausgebreitet liegt. Sehr wenig 
wihlerisch in Bezug auf die Bodenart ist Equisetum limosum; 
denn es vegetirt zwar am tippigsten im schwarzen Schlamm längs 
der Ufer von Untersee, kommt aber auch, wie schon erwähnt, auf 
dem feinen, vorwiegend kalkigen Sande im Mündungsbereiche der 
oben genannten zwei Bächlein und auf dem erratischen feinen 
Rirschbrunnersande vor. 

Da dieses Equisetum am üppigsten dort wächst, wo der Grund 
au8 vollkommen schwarzem Schlamm besteht, vermuthete ich, dass 
diese Bodenart jener Pflanze besonders zusage; ich habe mich 
jedoch überzeugt, dass umgekehrt die intensive Schwärzung des 
Schlammes vom dichten Stande des Equisetum herrührt, dessen 
feine und feinste Radicellen sich bei äusserst langsamer Verwesung 
im Schlamme tief schwarz färben, wie es bei keiner anderen Art des 
fi&farichts der Fall ist. Je schwärzer der Schlamm, desto reichlicher 
ist er von solchen verkohlten Radicellen durchzogen. 

Da EGppnris nur an dem einzigen erwähnten Standorte (IX, 
Fig. 31) gefunden wurde, bleibt es fraglich, ob dieses isolirte Vor- 
kommen mit dem dort ausgebreiteten reinen hellen Kalksand und 
Gras zusammenhängt oder nicht. 

Was den Habitus der Röhrichtspflanzen betriflft, wurde schon 
erwähnt, dass besonders Scirpus und Equisetum im Steger Becken 
ganz ungewöhnlich grosse Dimensionen erreichen. 

Von Phragmites ist zu bemerken, dass die Internodien un- 
gewöhnlich lang und die Zotten von Adventivwurzeln nahe dem 
Waaserspiegel zwar zahlreich sind, sich aber ungeachtet des dichten 
Bestandes nicht zu solchen Filzen verwebeo, wie sie anderwärts 



200 

oft zur Bildung von „Schwingrasen" führen. Offenbar hängt das 
mit dem mehr oder weniger veränderlichen Stande des Wasser- 
spiegels zusammen; wo dieser ziemlich constant ist, haben die 
Adventivwurzeln unbegrenzte Zeit zur Entwicklung in gleichem 
Niveau; bei stark wechselndem Wasserstande hingegen, wie er 
dem Hallstätter-See zukommt, fehlt jene Bedingung. 

lieber die Ausbreitung der Röhrichts-Ansiedlungen wurde mir 
versichert, dass diese seit den letzten 30 Jahren an Umfang ent- 
schieden zugenommen haben. Das hängt ohne Zweifel mit der 
wechselnden Vereisung des Sees zusammen. Wenn dieser am 
Grunde oder bis zum Grunde gefriert und das Aufthauen rasch 
erfolgt, hebt das vom Schmelzwasser überronnene Grundeis den ihm 
anhaftenden Boden sammt den weniger tief oder weniger fest ver- 
wachsenen Wurzeln, wodurch der Bestand gelichtet oder stellen- 
weise vernichtet wird. Wenn sich das in einem Decennium öfter 
wiederholt, kann das Röhricht keinen grossen Umfang und keinen 
dichten Stand erlangen; wenn hingegen mehrere Decennien, ob- 
gleich der See gefriert, doch kein oder nur wenig Grundeis bringen, 
prosperirt das Röhricht in progressivem Maße. 

Es erübrigt noch die Skizzirung der amphibischen Pflanzen 
am Rande des Sees, die nur zeitweise im Wasser stehen. Diese 
Vegetation ist hier sehr beschränkt und artenarm, da die vor- 
wiegend steilen Ufer keine ausgedehntere Sumpf bildung zulassen. 

Am nordöstlichen Rande des Steger-Beckens zieht sich, wie 
auch Fig. 31 andeutet, ein Streifen von Riedgräsern hin, vor- 
wiegend Carex stricta und C. ampullacea Good. Darunter kommt 
spärlich Menyanthes trifoliata, Iris pseudacorus L. und Stellaria 
media Vill., Sanguisorba, dann eine Utricularia mit zahlreichen 
Knöllchen von Wurzelblättern vor. Phragmites erscheint vereinzelt 
bis weit in die Uferwiesen hinein, wo auch Veratrum album ein- 
gestreut ist. Am südlichen Ufer habe ich im Hochsommer nur in den 
seichten Innerwässern nebst Schilf und Binsen nur Sparganium ramo- 
sum Huds. und ein Epilobium gefunden ; im Frühling dürfte daselbst 
eine etwas reichlichere Vegetation zu constatiren sein. 

Zoologische Becognoscirung. 

Mit Benützung von Bestimmungen der schon S. 5 genannten Herren: 
Prof. Dr. Vejdovsk/, K. Kölbel, Dr. Sturanj, Dr. Steuer. 

Die Fauna stehender Gewässer — vom Plankton abgesehen — 
pflegt nach Anzahl von Arten und Individuen am reichsten in 



201 

der littoralen Zone zu sein, insbesondere dort, wo der Grund 
weniger steinig und stark bewachsen ist. Eine solche Standört- 
liehkeit bietet im Hallstätter-See auf grössere Ausdehnung hin 
nur das seichte^ schlammige und schlammig-sandige Becken bei 
Sieg mit seinen untergetauchten Ohara- Wiesen und seinem dichten 
Röhricht, dessen Wurzeln und Ausläufer den Grund durchflechten. 

Im weichen Schlamme daselbst, ob bewachsen oder nicht, 
dominiren als besonders aufiFallend unter den Würmern Criodrilus 
Ucuum und unter den Schnecken Sphaerium comeum L. Das 
letztere durchsetzt den Schlammboden des Klausgrabens in solcher 
ganz ungewöhnlicher Menge, dass es vom Volumen eines Netz- 
fkng^ nahezu die Hälfte einnimmt, während es an anderen Stellen 
xwar sehr allgemein, aber nicht dicht gedrängt vorkommt. Un- 
bewachsene Plätze enthalten häufig Anodonta mutabilis Cless. 
^rostrata Kokeil) und eine kleine Limnaea (ovata?) nebst dem 
tberali vorkommenden Sphaerium. Grosse Limnaeen kommen hier 
nicht vor. Zwischen dem untersten Geflechte von Ohara rudis 
erreichen viele Exemplare von Criodrilus eine solche Länge und 
bttonders Dicke, dass Professor Dr. Vejdovsk;^ erklärte, so 
grosse Individuen seien ihm noch nirgends vorgekommen. ^) 

Gleichfalls mit Ohara rudis, und zwar in den oberen Schichten 
ihrer Fladen und an ihrer Oberfläche, erscheinen am häufigsten 
die Schnecken Bithynia tentaculata L., Planorbis (Gyraulis) albus 
MUr., Valvata (Gyrorbis) cristata Mllr., seltener die kleine Muschel 
Sisidiom (sp. ?); der allgegenwärtige Asellus aquaticus ist auch 
hier häufig, ebenso Daphnia longispina var. nasuta Sars. 

An und zwischen Ohara wurden femer einige Egel gefun- 
den, wie Nephelis vulgaris, Moq. Tand., Glossiphonia bioculata 
Bergm., Glossiphonia sexoculata Bergm. und eine schwarze Planaria. 

Das Röhricht ist vorwiegend der Standort von Egeln und 
einigen Turbellarien ; besonders die etiolirten unteren Theile von 
Sdrpos, weniger von Phragmites, sind reich daran. Es wurden 
daselbst ausser den schon an Ohara gefundenen Glossiphonia- Arten 
und Nepheüs vulgaris beobachtet : Glossiphonia (Hemiclepsis) mar- 
giitata O. F. MüU.j dann mehrere noch nicht sicher bestimmte 
Plaoarien, auch Würmer der Gattungen Ilyodrilus, Limnodrilus, 
dann eine Leptochaete. Eiertrauben von Schnecken, besonders 

*) Leider waren mir gerade die grössten Exemplare so ungenügend conservirt 
ssgekammenf bo dass Prof, Dr. Vejdovsk/ als Species nur vermuthungsweise die 
«iMo geosimte Cr. lacuum bezeichnen konnte. 



202 

von Limnaea und Bithynia, dann Cocons von Nephelis und Crio- 
drilus, Larven von Sialis fuliginosa finden sich häufig an den Sten- 
geln und Schäften des Röhrichts, nebst den schon im vorhergehen- 
den Abschnitte bezeichneten Algen und Diatomeen. Asellus aqua- 
ticus L. fehlt auch im Röhricht nicht; Daphnia longispina var. 
nasuta Sars ist daselbst häufig. 

An der Oberseite der Blätter von Potamogeton lucens sind 
häufig Cladoceren- Arten wie : Simocephalus vetulus Müll., Eurycer- 
cus lamellatus Müll., Sida crystallina Müll. 

An der Unterseite dieser Blätter sitzen nebst Asellua aquati- 
cus meist Dipteren-Larven und wurden auch Larven von Coriza 
gefunden. 

In der seichten, reichlich mit Hippuris vulgaris auf weissem 
Kalksand besetzten Seitenbucht des Steger Beckens (Sammelpunkt C 
der Karte) wurden nur Arten gefunden, die auch sonst im See 
häufig vorkommen: Bithynia tentaculata, Planorbis marginatus, 
Sphaerium comeum, und an den Pflanzen wieder Asellus aquaticus. 

Wo der Schlamm längs der Ufer sandig ist, so insbesondere 
in der Mündungsgegend des Slanbaches, kommen röhrentragende 
Insectenlarven verschiedener Arten ziemlich häufig vor. Davon 
hat Herr Professor Dr. Fr. Brauer nach Möglichkeit bestimmt: 
Aus der Ordnung Trichoptera (früher Familie Phryganidae) die 
Gattung Haleus und andere Limnophiliden, wie Limnophilus 
(rhombicus?) und Sericostomiden (Beraea oder Dasystoma?). 

Unter den littoralen Standörtlichkeiten ausserhalb des St^r 
Beckens nimmt einerseits die Gegend des „warmen Wassers", 
andererseits der Bereich der kalten Quellen längs der Hirsebau 
grösseres Literesse in Anspruch. 

Am ersteren Punkte wurden auf dem reichlich wuchernden 
Myriophyllum spicatum Colonien von Vorticella gefunden, und im 
Schlamme Limnaea ovata, Valvata alpestris, Planorbis marginatus 
nebst Sphaerium comeum^ also keine wesentlich eigen thümlichen 
Formen. 

Das Gleiche gilt vom Vorkommen im Hirschbrunner-Sande; 
es fanden sich nur Valvata alpestris Blaun., Limnaea (Gülnaria) 
ovata Drap, nebst Sphaerium corneum. 

In und auf dem Algenbelage, der oft Felsen und Stein- 
scherben mehr oder weniger dick überzieht, wurden gleichfalls 
keine eigenthümlichen Arten beobachtet; überall am reich- 
lichsten wieder Valvata alpestris, seltener Planorbis (Bathy- 



203 

omphalus) contortus L. (letztere Sehnecke 3—4 m tief auf der 
jjPktte"). Auch hier finden sich TrichopterengehÄuae, insbesondere 
die längeren Röhren von Limnophiliden und Leptoceriden aus 
Steinehen, und an Steinen festgewachsene Puppengehäuse einer 
Plectrocnemia (senex Pict. ?) im Mündungsbereiche des Waldbaches. 

Zwischen Algenräschen auf Steinen fand ich auch das sociale 
Wimper-Infusorium Ophrydium versatile St. 

Die Fauna der grösseren Tiefe, durchgehends mit Schlamm 
M Tage gefördert, fand ich sehr arm ; von Würmern insbesondere 
Tubificiden, die Prof. Dr. Vejdovsky wegen mangelhafter Erhaltung 
nur der Familie nach bestimmen konnte, und einmal auch 
Spbaerium corneum (lebend) waren die einzigen Thiere, die ich 
mit den zahlreichen Schlammproben (S. 55—59) aus Tiefen von 
50—70 m erhielt. Dr. O. E. Imhof^) führt aus dem Grund- 
schlamme des Halls tat ter- Sees, 70 m tief, nur eine nicht näher 
bezeichnete Anquillulide nebst Trinema Enchelys Ehbg. und 
Difflugia pyriformis Pert. an. 

Erwähnenswert scheint mir noch das Vorkommen von 
Fli^enlarven im Schlammgrunde bei grossen Tiefen. Schon 
Simonj erwähnt diese sonderbare Erscheinung, und der bekannte 
Dipterologe Dr. J. Schiner bestätigt dieselbe. 2) Es wurden damals 
ausserhalb der Mündung des Mühlbaches bei Hallstatt in der 
Tiefe von 50—100 m im Monate August bei einer Wassertemperatur 
von 5*5^ — 4*3** C wiederholt mit dem Schlamme zahlreiche 
annoberrothe Würmchen heraufgebracht, die sich aus einer häutigen 
Hülle hervorschlängelten. Als ich viel später davon erfuhr, meinte 
ich, dass es Anneliden, entweder zu Tubifex oder zu Saenuris 
gehörig, sein dürften, um so mehr, da ich selbst fast immer zweifel- 
lose Tubificiden mit dem Schlamm der Tiefe erhalten habe; doch 
die Autorität Schiner's muss ich respectiren. Dazu kommt, dass 
auch in der Tiefe des Genfer-Sees Chironomus- und Tanypus-Larven 
gefunden wurden, ^) 

Zur biologischen Erklärung dieses Vorkommens trägt es bei, 
dass Grimm*) die ungeschlechtliche Fortpflanzung (Paedogenesis) 

*) Famiistische Studien in 18 österr. Silsswasserbecken. Sitzun^berichte 
^ k. u. k. Akademie d. Wisscnsch. 1885, S. 203 ff. 

•) lieber das Vorkommen von Fliegenlarven im Hallstättcr-See. Verhand- 
lungen der zoologisch-botanischen Gesollschaft in Wien, XIX. Band (1860), S. 58. 

«) Monnier, Bull. Soci^te Vaud., 2. XIII, p. 60. 

*) Mem. der St. Petersburger Akademie 1870, 7, XV, 8. 



204 

der Nymphen toh Chironomos beobachtet hat, wonach eolche 
durch mehrere Generadonen sich im Schlamme forterhalt^i können, 
ohne das Stadium des atugebildeten Insectes za erreichen. 

Die Faana erscheint also im Ganzen arm an Arten und 
meist dorch kleine Formen nnd Individuen repräsentirt. 

Als b'mnetiBches Makroplankton kommen hanptsftchlich 
die Fi^he und grosdcn E^bse in Betracht Um die Elschfauna 
möglichst vollzählig anfuhren zu können, war schon vor einem 
Jahre die Veranstaltung getroffen, dass der dortige Fischer von 
Allem, was er finge, Exemplare in passender Verpackung an das 
k. k. naturhistorische Hof-Museum senden sollte, wo d^ be- 
rühmte Ichthyolc^, Herr Director Hofrath Fr. Steindachner, 
die Güte haben wollte, die genauen Bestimmungen vorzunehmen. 
Ungeachtet aller eingehenden Anweisungen kam aber im ganzen 
Jahre nichts als ein ungeheurer Hecht. Ich blieb also auf meine 
eigenen an Ort und Stelle schon früher gemachten Wahr- 
nehmungen und Umfragen angewiesen; demnach kann ich hier 
den localen l^zeichnungen unter Benützung der Werke von 
Heckel und Kner,*) dann von Prof. Dr. Claus, ^) in denen die 
Localnamen auch angeführt sind, die wissenschaftliche Nomen- 
clatur (in Klammem) nur mit dem Vorbehalte beisetzen, dass 
eine Ueberprtifung nach frischem Material noch angezeigt wäre. 

In den grösseren Tiefen domin iren Lachsforelle (Salmo Tratta 
L.), Reinanke (Coregonus Wartmanni Bl.) und Saibling (Salmo 
salvelinus L.), in mittleren Tiefen Hecht (Esox lucius L.) und Asch 
(Thymallus vulgaris Nilss.); im seichteren Wasser halten sich auf: 
Schratz (Acerina Schraitzer Cuv.), Kopp (Cottus gobio L.) und 
Pfrille (Phoxinus laevis Ag.); nahe der Traunmündung: Rothauge 
oder ßleckel (ob Scardinius erythrophthalmus L. oder Leuciscus 
rutilus L. ?) ; längs der Ufer die Alte oder das Altel (Squalius 
Dobula Heck.) und in der flachen, an Röhricht reichen Bucht 
von Steg die Aalrutte (Lota vulgaris Cuv.). Dagegen vermisse 
ich viele, sonst auch in Alpenseen häufige Geschlechter, wie Perca, 
Alburnus, Abramis, Rhodeus, Barbus, also hauptsächlich solche 



*) C. Claus, Grundzüge der Zoologie zum wissenschaftlichen Gebrauche. 
Marburg 1882. 

*) Ileckel und Kner, die Süss wasserfi sehe der Dsterr. Monarchie. Leipzig 
1858. Diese Verfasser scheinen am Hallstätter-See auch keinen thätigen Lieferanten 
gehabt zu haben, da sie diesen See nur bei zwei oder drei Arten als Standort 
anführen, während Traun- und Atter-See sehr häufig genannt werden. 



205 

Fische, die im seichteren, wärmeren und weicheren Wasser vor- 
herrschen. 

Da mir Astacns fluviatilis Rond. weder in meinen eigenen 
Fängen noch bei Fischern und Wirthen zu Gesiebte kam, er- 
kimdigte ich mich darüber näher und erhielt die Auskunft, dass 
dieser Krebs im Hallstätter-See sich nicht erhalte; es werden 
solche zwar jährlich ausgesetzt, aber sie gedeihen nicht und 
vwachwinden. Auch Steinkrebse habe ich nicht finden können. 

Thierisches Mikroplankton. 

Dass sowohl Horizontal- als Verticalfänge von Plankton statt- 
gefunden haben, wurde schon wegen möglicher Beziehungen zu 
Dorehsichtigkeit und Farbe in den betreffenden Abschnitten 
(S. 81 — 83; dann 96 ff.) erwähnt. Hier handelt es sich noch um 
die Charakterisirung unseres Plankton durch Anführung der ge- 
fischten Gattungen und Arten unter Bezeichnung der Jahreszeit, 
Tag^zeit und Witterung, als bestimmend für die Vertheilung und 
das wechselnde Erscheinen des Plankton. 

Für die Erlangung möglichst zahlreicher Formen waren die 
begleitenden Umstände wenig günstig. 

Bei dett 1894 und 1896 im Juni, August und September 
unternommenen Fängen wurden Gaze-Netze verwendet, deren 
Maschen aber wahrscheinlich etwas zu weit waren, was daraus zu 
achliessen ist, dass dabei fast nur Crustaceen und nichts von den 
kleinsten Typen der Protozoen und Rotatorien erlangt wurde. 

Als dann 1897 ein Netz nach genauer Angabe des 
Herrn Directors der biologischen Station in Plön (Holstein), 
Dr. O. ZachariaS; zur Verwendung kam, war die Jahreszeit 
Bchon bis nach der Mitte des September vorgeschritten, ^) zu 
welcher Zeit bekanntlich das Optimum der Plankton-Entfaltung 
schon vorüber ist. 

"Was die Behandlung des geschöpften Plankton betrifft, so 
wurde dasselbe 1894 nur in 607o Alkohol, 1896 in entsprechend 
verdünntem Formaldehyd (Formol) conservirt, 1897 auf Herrn 
Dr. Zacharias' ßath zuerst in Chromosmiumessigsäure (mit der 
dreifachen Quantität destillirten Wassers verdünnt) einige Stunden 



*> Das Netz war zwar mit Rücksicht auf die passendste Fannrzeit schon 
fJlr Xngn*i Torbercitet, aber peraöDlicho Kücksichten, die hier nicht dar^^elej^t zu 
«erden brauchen, hinderten den damals mit den Fünften betrauten mehrgenannten 
Harn E. v. SchWHter am frilheren Eintreffen. 



206 

stehen gelassen^ dann auf einem Gazefilter mit 507o Alkohol ausge- 
waschen und in diesem Medium conservirt. 

Bei den Fängen und der Conservirung hat mich Herr stud. 
med. Erich Ritter v. Schrötter 1896 theilweise, 1897 ganz 
vertreten, wofür ich ihm sehr verbunden bleibe. 

Die Bestimmung des gesammten Plankton-Materiales, sowie 
viele wesentliche Rathschläge verdanke ich der besonderen Güte 
des Herrn Dr. O. Zacharias. 

Der nun folgenden Anführung der Ausbeute ist noch bezüg- 
lich der Aufsammlungspunkte unter Verweisung auf unsere limno* 
graphische Karte voranzuschicken, dass im oberen See in der 
Gegend der Seiten- oder Partialprofile 12, 16, 23, 24, im mittleren 
See in der Mitte des Querprotiles IV— IV beim Punkte S, im 
unteren See auf den Seiten profilen 33 und 36 und wiederholt in 
der Mitte des Steger-Beckens bei Punkt D gefischt wurde. 

A. Horizontalfänge. 
a) Im oberen See. 

1) 13. Juni 1896, ^) Nachmittags 4—5 Uhr, nach warmem 
Vormittag trüb werdend; Wasser ca. 12^ Sehr arm an Inhalt; 
meist nur die Diatomee Asterionella formosa und feine Gesteins- 
splitter (wahrscheinlich vom Hirschbrunner-Sand, S. 63 — 67). 

2) 6. August 1894, Abends bei lauem, trüben Wetter; 
Fangort beschattet ; Wasser ca. 14'5®. Vorwiegend Daphnia longi- 
spina O. F. M., und spärlich Diaptomus gracilis und Leptodora 
Kindtii Focke. 

3) 19. August 1896, Morgens, trüb, kühl. Cyclops strenuus. 
Fisch., Diaptomus gracilis, Notholca longispina (Rotatorium). 

4) 20. August 1896, Abends; nach warmem Tage Gewitter- 
stimmung. Cyclops strenuus, Daphnia longispina, Diaptomus gra- 
cilis, Bythotrephes longimanus Leydg., Leptodora Kindtii, Notholca 
longispina Kelt. 

5) 27. August 1896, Nachmittag 3 Uhr, trüb; nahe der Traun- 
mündung. Sehr viel Cyclops strenuus, dann Daphnia longispina. 

6) 20. September 1^97, 3—5 ühr Nachmittag; ca. 100 bis 
250 m vom Land entfernt; drei Fänge nach einander. Crusta- 
ceen: Daphnia longispina, Bythotrephes longimanus, Cyclops 



*) Die Reihenfolge ist hier nicht chronologisch, sondern nach Sectionen des 
Sees und nach Monaten, obgleich auch die Jahrgänge angefahrt sind. 



207 

alrenuus, Diaptomus gracilis. Botatorien: Asplanchna priodonta 
Gosse var. helvetica Imhof et Zach., Ascomorpha testudo Lauterh., 
Synchaete pectinata Ehbg., Notholca longispina, Polyarthra platy- 
ptera Ehrbg., Anurea cochlearis Gosse. Flagellata: Ceratium 
hirundinella O. F. M., Peridinium tabulatum Ehbg. 

b) Im mittleren See. 

7) 29. August 1896, Vormittags; ganz bewölkt und kühl. 
Bosmina bohemica, Cyclops strenuus. 

c) Im unteren See. 

8) 22. August 1896, Vormittags, trüb, kühl, feiner Regen. 
Zahlreich Bosmina bohemica Hellich, weniger Cyclops strenuus. 

9) 13. September 1894, Abends, halb heiter. Vorwiegend 
Daphnia longispina und Cyclops strenuus. 

10) 21. September 1897. Dieselben Arten wie in Nr. 6 
mit Ausnahme von Bythotrephes. 

B. Veriicalfänge, 
a) Im oberen See. 

11) 27. August 1896. Nachmittags; trüb; aus 20 w Tiefe 
au%eholt. Viel Cyclops strenuus, dann Diaptomus gracilis, Daphnia 
longispiDa. 

b) Im mittleren See. 

12) 29. August 1896, Vormittag; aus 20 w Tiefe aufgeholt. 
Diaptomus gracilis, Daphnia longispina. 

In einer älteren Pablication von Dr. O. E. Imhof ^) finden 
sicli als im Hallstätter-See vorkommend verzeichnet: Ceratium 
hirundinella, Anurea longispina (== Notholca longispina), Daphnia 
hyalina, Bosmina sp., Bythotrephes longimanus, Leptodora hyalina 
Lilljeb., Cyclops sp., Diaptomus sp. Darunter ist keine einzige Art, 
die nicht auch von uns beigebracht wäre. 

Offenbar sind nur die Fänge vom September 1897 (Nummern 
6 und 10) geeignet, eine einigermaßen annähernde Vorstellung 
▼om Plankton-Inhalte unseres Sees zu vermitteln, da uns bei den 
früheren Fängen mit einem weniger dichten Netz ein verhältnis- 
mäßig grosser Theil der vorkommenden Arten entgangen war. 



') Faoiufitisclie Studien aus 18 Osterr. Süsswasserbecken. Vgl. oben S. 203. 



20^ 

Aber SLXieh jene reichlicbere Ausbeute Tom September 1897 
mit nar 13 Arten ist arm im Vergleich mit dem Formenrdchtham 
des Plankton in anderen Seen. 

Wiederbolte Fiseherei im Joli nnd Aognst mit dem passendsten 
Netz würde jedenfalls eine grössere Anrjihl von Arten ei^ben. 

Ans dem Toriiiandenen spärlichen Material lässt sich aber die 
Vertheilnng des Plankton im See vorläufig nur excerpiren: 1) dass 
in allen drei Sectioneu nahezu die gleichen Arten vorkommen; 
2) dass dem oberen See nur Bjthotrephes longimanus und dem 
unteren See nur Bosmina bohemica ausschliesslich anzugehören 
scheinen; 3) dass die wenigen Verticalfenge keine anderen Arten 
ergeben haben, als die Horizontal&nge in der gleichen Gegend 
des Sees. 

Als morphologische locale Eigenthümlichkeit hat Zacharias 
bemerkt, dass das Ceratium des HallstätterSees sich durch Klein- 
heit, plumpen Bau und Kurzhömigkeit auszeichnet. ^) 

Im Gegensatze hiezu sind gerade die £ur den oberen See 
charakteristische Art Bythotrephes longimanus und die nur im 
unteren und mittleren See gefundene Bosmina bohemica grösser, 
als sie an anderen Loealitäten aufzutreten pflegen. 



Bemerkungen für die Zukunft. 

Obgleich ich annehmen zu dürfen glaube, dass nun der 
Hallstätter-See nach allen wesentlichen limnologischen Gesichts- 
punkten eingehender geschildert sei als irgend ein anderer See 
unserer Alpen, kenne ich doch die vielen Lücken, die aus den in 
der Einleitung und in verschiedenen Abschnitten angedeuteten 
Gründen erst noch der Ausfüllung bedürfen. Ich möchte daher 
nicht schliessen, ohne die mir vorschwebenden weiteren An- 
forderungen zu skizziren, welche an eine ergänzende Forschung 
über den Hallstätter-See zu stellen, oder bei einer, wie ich hoffe, 
umfassenderen Bearbeitung aller unserer Alpenseen schon bei 
der Planung und dem Voranschlage sinngemäß mit zu berück- 
sichtigen wären. 



*) Es misst an der Spitze des linken Hinterhoms bis zum Ende des Vorder- 
horns nur 265 \j. ; dabei ist es 66 (x breit. Dagegen messen Exemplare derselben 
Species aus anderen Wasserbecken 324 fx bei einer Breite von 48—50 jx. 



209 



Limnographie. 

VennehraDg der Lothungspunkte; besonders mit Rücksiebt 
auf Fragen der Limnogenie. 

Eingehendes Studium der Zuflüsse, insbesondere nach wech- 
gehider Wassermenge und Detritusführung. 

2iahlreichere Analysen des Seewassers aus verschiedenen 
Tiefen und zu allen Jahreszeiten ; dabei auch Bestimmung des 
Kohlensäuregehaltes. 

R^elroäßige Fortsetzung der Ablesungen an exact einge- 
richteten nivellirten Seepegeln, wobei auch von Zeit zu Zeit ein- 
oder zweistündliche Ablesungen, falls nicht selbstregistrirende 
P^l aufgestellt werden können. Studium der „Seiches." Am 
Hallstätter-^See insbesondere Ergänzung der Pegel durch Anbrin- 
gung je eines solchen am östlichen Ufer des oberen und des 
unteren See-Abschnittes. 

Beobachtungen über die Seeströmung. 

Vermehrte chemische und mikroskopische Analysen des 
Se^rundes, wobei beztlglich des Hallstätter-Sees auch Verfolgung 
des Ursprunges der „Sahne" (vgl. S. 60, 61) und der Schwärzung, 
»wie der stinkenden Gase mancher Seichtgründe (S. 62). 

Limnophysik. 

Weiteres Verfolgen der Beziehungen zwischen Durch- 
äehtigkeit und Farbe des Wassers. Anwendung lichtempfindlicher 
Hatten und passender Farbenfilter bei den Beobachtungen über 
das Eindringen des Lichtes in die Tiefe. 

Vervollkommnung der Methode zur Beobachtung und Er- 
klärung der Farbenerscheinungen am Wasser. 

Fortlaufende Beobachtungen über die Seetemperaturen in 
möglichst vielen gleichen Tiefenabständen im Zusammenhange 
mit solchen über Lufttemperatur, Insolation und Radiation, 
Niederschlag, Winde, Strömung u. s. w. 

Weiteres Verfolgen der Beobachtungen über die Tiefen- 
grenzen des stündlichen, halbtägigen, mehrtägigen u. s. w. Ein- 
flaases der eben genannten äusseren Temperaturbedingungen auf 
die Temperaturen des Wassers. 

Ergänzung und Verwertung der verschiedenen, insbesondere 
▼on Delebeque und £. Ritter in zahlreichen Abhandlungen 

Xitdi. d. k. k. Oeogr. Qes. 1898. 1 a. 2. * X4 



210 

veröffentlichen, dann von John Murray,*) von Organen der biolo- 
gischen Station in Plön, ferner von Prof. Dr. E. Richter*)? 
Dr. W. Ule^ und nun auch am Platten-See in Ungarn, endh'ch 
von mir in Angriff genommenen Original-Beobachtungen über die 
verschiedenen Temperaturbedingungen in Seen überhaupt. 

Limnogenie. 

üeberführung aus dem Gebiete der Hypothesen in jenes 
sicherer Folgerungen aus geologisch und physikalisch möglichst 
exact und local erforschten Thatsachen, also ohne zu rasche 
Verallgemeinerungen. 

Limnorganologie. 

Eingehende Beobachtungen und Studien über die Beziehungen 
zwischen sämmtlichen maßgebenden Standortsverhältnissen und der 
OrganismenvertheiluDg in horizontaler und verticaler Richtung» 

Ausdehnung der Planktonfischerei (Horizontal- und Vertical- 
fänge) auch unter Anwendung von Schliessnetzen und Schlieas- 
schöpfern (wie Sigsbee's Wasserschöpfer, modificirt von Imhof) zu 
den verschiedenen Tages- und Jahreszeiten und 'unter verschiedenen 
Witterungsverhältnissen . 

Verfolgen der zuerst von ForeH) behandelten Frage, inwieweit 
die Fauna der Seen autolimnisch sei, oder im Gegentheil nur aus 
solchen Organismen bestehe, die aus den Zuflüssen herrühren und 
sich dem Medium des Sees nur angepasst haben. 



Anhang. 

Wie schon bei der Besprechung der Niveau- und Strömungs- 
verhältnisse (S. 9, 10, 47, 48) bemerkt wurde, hat auf mein Er- 
suchen das k. k. hydrographische Centralbureau eine nivellitische 

^) Observalions on the temperature of the Scottish froshwater lochs. 
Im ;,Scotti8h geographica! magazine^. January 1897. 

*) „Seestudien". In „Geogr. Abhandlungen", herausgegeben von Prof. 
Dr. A. Penck. Band VI, Heft 2, 1897. Ist erst nach Schluss meines Manuscriptes 
Über die Temperaturen erschienen. 

^) Der Stamberger-See. In Hettners „Geogr. Zeitschrift". III. Jahrgang, 
10. Heft. 1897. Gleichfalls erst jetzt erschienen. 

*) La faune profonde des lacs. Zürich 1886. (Vgl. oben S. 1). 



211 

Festatellang der Pegel-Nullpunkte am Hallstätter-See veranstaltet. 
Hit dieser Arbeit war Herr k. k. Statthalterei ingenieur Eduard 
Ebersberg betraut, welcher in verdienstlichster Weise durch acht 
Tage auch stündliche gleichzeitige Pegelablesungen an allen Sta- 
tionen anstellen liess. Dadurch wurde man in den Stand gesetzt, 
fär jede Stunde innerhalb der Beobachtungstage die Frage zu be- 
antworten, ob der Seespiegel ein Gefälle hatte und in welchem 
Betrage. 

Das Nivellement wurde vorgenommen mit dem Universal- 
Sivellir- Instrument Nr. 159/6293 von Starke & Kammerer. 

Die Beobachtungatage fielen in die Zeit vom 25. Mai bis inclusive 
1. Juni 1897. Die Stationen waren, von oben nach unten an- 
geordnet: Obertraun, Lahn (Saline), Hallstatt (Seeauer), Steg; ein- 
geschaltet wurden noch einmalige Messungen der Höhe des See- 
Niveaus (ohne fortlaufende Beobachtungen) beim „Kessel" und bei 
GosaumühL Das Nivellement wurde angebunden an die schon 
früher durch ein Präcisions-Nivellement festgelegte Höhenmarke 
an Hause des Klausmeisters in Steg, welche mit 513.792 m 
absoluter Höhe genau bestimmt war. Für die Nullstriche der 
geiMumten vier ständigen Pegel ergaben sich folgende Seehöhen: 

Obertraun Lahn i) Hallstatt Steg^) 

508-489 m 508-494 m 508-423 m 508-441 m 

Die Tabellen der Pegel- Ablesungen folgen auf Seite 212, 
213, 214 und 215. 

Aus den Original-Daten derselben habe ich die S. 217 
folgende Tabelle berechnet, welche die Unterschiede der Meeres- 
liöhe des Seespiegels zwischen je zwei Nachbarstationen und zuletzt 
«ach zwischen den zwei obersten Stationen einerseits und der 
ontersten Station andrerseits erkennen lässt. 

Ueberdies wurde der Gang der Niveauschwankungen durch 
das Seite 212 beigegebene Graphiken, Fig. 32, übersichtlich dar- 
gestellt 



^) S. 48 ist die absolute Höhe des Nullstriches mit 508474 m angegeben; 
tiae mcderholte, aolässlich entstandener Zweifel vorgenommene Mensung hat 
jaioch die richtige Zahl mit 508*494 m ergeben. 

•) Vergl. 8. 47. 



14* 



212 



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Fig. 32. 



213 

Wasserstands-Messung 

am HaMstätter See während des NiTellements vom 26. Mai bis 1. Juni 1897. 



•1 ^ 



I 

^ I 'S 

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Wasserstand in cm bei den ßeepegeln in 



Obertraun 



Lahn 



Hallstatt») 




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(Seeauer) 


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- 26 


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- 


- 24 


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- 


- 24 





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- 23 





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- 24 





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- 28 


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- 23 


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- 23 


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- 


- 22 


— 


- 


- 22 


— 


- 


- 22 


— 


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- 21 


— 


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h 21 


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- 20 


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- 20 


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- 18 


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- 


- 17 


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- 16 


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- 


- 16 


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- 16 


— 


- 


- 16 


— 


- 


- 15 

- 15 

- 15 


— 


- 


— 


- 


- 15 

- 15 


— 


- 



25.: 2l Nachm. 

.! *■ . 

. 6 

, . 7 1 Abends 

9' : 

12 Nachts 

3i Früh 



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27. 



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2 




8 




4 


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6 



Vorm. 



Mittag 
Nachm. 



Abends 



Nachts 
Früh 



Früh 



Vorm. 



Mittag 
Nachm. 



I 

^) Der Pegel beim Hotel „öeeauer" in Hallstatt wurde nur ausnalirasweise 
beobachtet 



214 











Wasserstand in cm bei den Seepegeln in 


§ 

TS, 


SP 


1 


Tagesj 

• 


Obertraun 


Lahn 


Hallstatt 
(Soeauer) 


Steg 




27. 


6 


Nachm. 








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Abends 


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— 






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" 


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9 


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— 


— 




- 15 






12 


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— 


— 




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Früh 




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— 


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- 16 






4 


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28. 


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— 




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9 


Vorm. 


— 


— 


— 




- 17 






10 


9 


— 


— 


— 




- 17 






11 


V 


— 


— 


— 




- 18 






12 


Mittag 





— 


— 




- 18 






1 


Nachm. 




— 


— 




- 18 






2 


V 


— 


— 


— 




- 19 






3 


9 


— 


— 


— 




- 19 






4 


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— 


— 


— 




- 20 






6 


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— 


— 




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— 


— 


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- 21 


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7 


Abends 


— 


— 


— 




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— 


— 




- 22 






9 


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— 


— 


— 




- 23 


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12 


Nachts 


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— 


— 




- 23 


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— 


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- 23 






4 


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— 


— 




- 28 


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n 


— 


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— 




- 23 




29. 


6 


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- 22 




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7 


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— 


— 




- 22 






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— 


— 


— 




- 21 






9 


Vorm. 


— 


+ 16-6 


+ 22 




- 21 






10 


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— 


— 




- 


- 21 




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11 


n 


— 


— 


+ 21 




- 20 




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12 


Mittag 


-— 


— 






- 19 






1 


Nachm. 


— 


— 


+ 20 




- 18 




t» 


2 


» 


+ 16 


+ 18 5 






- 17 




n 


3 


9 




— 


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- 17 




Tt 


4 


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+ 12 






- 16 




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5 


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+ 18 




- 16 




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6 


n 


+ 13 


+ 11 






- 16 






7 


Abends 









- 


- 16 




n 


8 


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— 


— 


+ 16 




- 15 




n 


9 


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— 


— 






- 14 






12 


Nachts 


— 


— 







- 14 




9 


8 


Früh 


— 


— 







- 14 




V 


4 


» 


— 


— 


— 




- 14 




71 


5 


9 




"" 


~ 




- 14 



215 



1 I 



I *^ 1 ^ i 32 ! 



Wasserstand in cni bei den Seepegeln in 



Obertraun 



Lahn 



Hallstatt 
(Seeauer) 



Steg 



130. 



31. 



5 



6 
7 
8 
9 
10 
11 
12 
1 
2 
3 
4 
5 
6 
7 
8 
9 

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4 
5 



1. 6 

» 7 
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, 10 

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Vorm. 



Mittag 
Nachm. 



Abends 



Nacht« 
Froh 



Vorm. 



Mittag 
Nachm. 



Abends 



Nachts 
Früh 



Vorm. 



Mittag 



+ 10-5 
+ 10 
+~9 
+J 

+J 
+J 
+ 8 



+ 8-5 
+"7-5 
+_J 

+J 
4- 6-5 

+^6 



+ 11-6 


+ 9 


+ 11-5 


+ 9 


+ 11 


+ 8-6 


+ 10 


+ 8 


+ 9 


+ 6-5 


+ 8 


+ 5-6 


+ 8 


+ 6 



+ 11 


+ 8-5 


+ 1» 


+ 8-5 


+ 10-6 


+ 8 


+ 9-5 


+ 8 



+^6 
+ 15 
+ Vo 

+[l4 
+^3 



13 
13 
13 
12 
12 
II 
10 
10 
11 
11 
10 
10 
10 
10 

11 
11 

12 
13 
13 
13 

13 
13 
13 
12 
12 
12 
12 
12 
11 
11 
10 
10 
10 
10 
10 
11 
12 
12 
12 
12 



12 
12 
-- 12 
-- 12 
12 
12 
4- 12 



216 



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-^ 9 5 


— 7 


-h 15 1 


-^10 

+ 11 




» 


7 


Abends 


— 


— 


_ 1 





Nach dieser Tabelle stand der Seespi^el: 

in Obertrann stets höher als in Lahn (Diff. 1—2 cm), in 
Lahn abwechselnd höher oder niedriger als in Hallstatt ( — 0*9 
bis -p 1'6 cm), in Hallstatt sehr vorwiegend (mit nur 3 Ausnahmen) 
höher als in St^ (Diff. — 0*8 bis -|- 3*2 cw), in Obertraun stets 
höher als in Steg (Diff. -p 1'8 bis -p ^'^ ^')> 1° Lahn fast durch- 
gehends (mit nur 2 Ausnahmen) höher als in Steg (Diff. — 0*7 bis 
+ 2-3 cm). 

Der Seespiegel hatte also stets ein Gre&lle vom Traun-E2infiu8s 
bis zum See-Abflnss; an den Zwischenstationen kamen einigemale 
Umkehrungen in nicht bedeutendem Betrage vor. Diese letzteren 
sind nicht aus einem Rückstau durch die EJause zu erklären, 
indem das erste Elauswasser dieses Jahres erst am 13. Juni 
gegeben wurde und während der BeobachtuDgstage die Klause 
und die Doggen gänzlich offen waren. Der Herr Beobachter nimmt 
die Möglichkeit kleiner Ablesungsfehler speciell bei Lahn in Folge 
schlechter Beleuchtung in der dortigen Schiffhütte oder wegen des 
Wellenschlages an; ich halte dafür, dass auch die Windverhält- 
nisse bei Lahn eine kleine Störung insoferne veranlasst haben 
konnten, als während der Beobachtungstage 28. Mai und 1. Juni 
Nordwestwinde wehten, welche im Echernthale, an dessen Mündung 
Lahn liegt, in die West-Ost-Richtung gedrängt werden und ein 
Abdrängen des Wassers vom Lahn-Ufer gegen die Seemitte hin 
verursachen konnten. 

Auch das erst unterhalb Lahn stattfindende Zuströmen des 
Waldbaches und weiterhin des Mühlbaches und der Gosau-Ache 



217 



Differenzen gleichzeitige 


r Meereshdhen des Seespiegels. 


, 1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


1 


Stunde 


Obertraun 


Lahn(+) 


Hallstatt 


Obertraun 


Tiahn (+) 


' Monat 


und 


(+) grögen 


gegen 
Hallstatt 

(-) 


(+) gegen 


(+) gegen 


gegen 


and Tag 


Tageszeit 


Lahn(— ) 


Steg(^) 


Steg(-) 


Steg(-) 


Mai 29. 


9 Uhr 
Vormittags 


— 


+ 1-6 


— 0-8 


— 


+ 0-8 




11 Uhr 


^_ 


«_ 


— 0-8 


— 


-^ ■ 


i 


Vormittags 












i , 


1 Uhr 


.-_ 


... 


+ 0.2 


— 


— 




Nachm. 














a Uhr 
Kaohm. 


+ 1-0 


— 


— 


+ 2-8 


+ 1-8 




3 Uhr 


- 


— 


+ 0-2 


. — 


— 




Nachm. 












f 


4 Uhr 


+ 1-5 


— 


— 


+ 2-8 


+ 1-3 


* 


Nachm. 














5 Uhr 





— 


+ 0-2 


— 







Nachm 














6 Uhr 
Nachm. 


+ 1.6 


— 


— 


+ 1-8 


+ 0-3 




8 Uhr 


___ 





-0-8 


— 


. ««• 




Abends 












Mal 30. 


6 Uhr Früh 


+ f6 


— 0-4 


+ 1-2 


+ 2-3 


+ 0-8 


1 

1 , 


8 Uhr Frtth 


+ 20 


— 


— 


+ 1-8 


— 0-2 




9 Uhr 


_^ 


- 


+ 1-2 





... 




Vormittags 
10 Uhr 


+ 1-5 


_ 


1 


+ 1-8 


+ 0-3 




Vormittags 












1 l 


12 Uhr 
Mittags 
3 Uhr 
Nachm. 


+ 1-6 

+ 2-6 


— 1-9 


+ 3-2 


+ 2-8 
+ 1-8 


+ 1-3 
— 0-7 




4 Uhr 


+ 2-0 


^ — 


— 


+ 2-8 


+ 0-8 


1 » 


Nachm. 












1 


6 Uhr 
Nachm. 


+ 1-6 


— 0-9 


+ 2-2 


+ 2-8 


+ 1-3 




9 Uhr 


■ 





+ 2-2 










Abends 












Mai 31. 


6 Uhr Früh 


+ 20 


+ 01 


+ 1-2 


+ 3-3 


+ 1-3 




8 Uhr Früh 


+ 20 


— 


— ■ 


+ 3-3 


+ 1-3 




9 Uhr 
Vormittags 


— 


— 


+ 1-2 


— 


— 




10 Uhr 
Vormittags 


+ 2-0 


— 


— • 


+ 3-8 


+ 1-8 




12 Uhr 
Hittags 


+ 1-6 


— 


— 


+ 2-8 


+ 1-3 




2 Uhr 
Nachm. 


+ 2-0 


— 


— 


+ 2-8 


+ 0-8 




8 Uhr 
Nachm. 


— 


— 


+ 0.2 


— 


— 




4 Uhr 

Nachm. 


+ 2-0 


— 


— 


+ 2-8 


+ 0-8 




« Uhr 

Nachm. 


+ 2-5 


— 


— 


+ 2-8 


+ 0-3 


Jörn 1. 


6 Uhr Früh 


+ 20 


— 


— 


+ 3-8 


+ 1-8 


* 


8 Uhr Früh 


+ 2-0 


— 


— 


+ 3-8 


+ 1-8 


i 


10 Uhr 
Vormittags 


+ 20 


— 


— 


+ 3-3 


+ 1-3 




12 Uhr 
Mitt^^ 


+ 1-0 


— 


— 


+ 2-3 


+ 1-3 


• 


2 Uhr 
Nachm. 


+ 2.5 


— 


— 


+ 4-3 


+ 1-8 




^Ubr 
Nachm. 


+ 2.5 


— 


— 


+ 4-3 


+ 1-8 


1 ' 


6 Uhr 
Nachm. 


+ 2.0 


— 0-9 


+ 3-2 


+ 4-3 


+ 2-3 



218 

mag bisweilen das Niveau des Sees von Hallstatt an längs des 
linken Ufers^ an dem die Stationen Hallstatt und Steg liegen, local 
so weit heben, dass diese Schwellung am Pegel ablesbar wird. 

Jedenfalls ist nun constatirt, dass der Seespiegel bei offener 
Klause vom oberen zum unteren Ende oft ein deutlich nachweis- 
bares Gefälle besitzt und dann auch eine Strömung nach der ganzen 
Länge des Sees haben muss. 



K. und k. Hofbuchdrackerei Karl Prochaska in Tefrchen- 



Land und Leute in Finnland. 

Von I^eopoldine von Morawetz Dierkes. 

(Tortrag, gehalten in der Monatsversammlung am 30. November 1897.) 

Das „Land der tausend Seen", wie die finnländischen Dichter 
ihre Heimat benannt haben, wird immer noch verhältnismäßig 
wenig besacht. Allerdings hat auch Finnland in der schönen 
Jahreszeit seine Eeisenden, doch sind es meist Küssen, Schweden 
and Norddeutsche, deren Küstenstädte mit den baltischen Häfen 
in regem Handelsverkehr stehen. Aber der grosse internationale 
Tooristenstrom lässt Finnland noch abseits liegen, obwohl es kaum 
ein interessanteres Land gibt. Der Fremde staunt tiber die volk- 
reichen Küstenstädte, über die vielen Schlösser und Herrensitze, 
sowie über die alten Burgen mit ihren historischen Erinnerungen. 
Im Innern des Landes überrascht ihn der Reichthum an Seen, die 
Majestät des Urwaldes. Grosse Höhen fehlen allerdings, aber der 
ewige Wechsel von Wald und Wasser, von Klippen und Inseln 
ist in seiner Art ungemein reizvoll. 

Es ist eine Lieblingsvorstellung der Finnländer, dass ihr Land 
ab letztes dem Meere entstiegen sei. Diesem Umstände schreiben 
sie es zu, dass ein so grosser Tfaeil des Bodens mit Seen und 
Stopfen bedeckt ist. Die Thatsache, dass die Küsten Finnlands 
noch heute im Steigen begriffen sind, scheint diese Anschauung 
zu unterstützen, allein die geologischen Forschungen erwiesen das 
Gegentheil. Finnland, das fast eine einzige ungeheure Granittafel 
darstellt, dürfte eher einer der ersten Continente gewesen sein. 
Da alle Petrefacte sowie Steinkohlen fehlen, ist die Ansicht ver- 
breitet, das Land sei in jener entlegenen Zeit ohne jede Vegetation 
gewesen, nur eine wüste Felseinöde. Allein dies ist nicht durchaus 
«tiehhältig, es mögen nur die Umstände der Kohlen- und Petre- 
factenbildong nicht günstig gewesen sein. Ueberdies finden sich 
Yereinzelt grosse Qraphitlager — das bedeutendste davon ist bei 
Pargas unweit Abo — Graphit aber ist krystallisirte Kohle 

Xitth. d. k. k. Oeogr. Ges. 1898. 3 n. 4. 15 



220 

In der folgenden Eiszeit war Finnland ganz vergletschert 
und glich dem jetzigen Grönland. Dem Drucke der enormen 
Eismassenj die damals auf Finnland lagerten, geben die dortigen 
Gelehrten die Schuld an der geringen Höhe seiner Berge. Die 
jetzigen Landrücken sind nach ihrer Meinung nur mehr die 
Wurzeln von Gebirgsstöcken, welche von der furchtbaren Last der 

' Gletschermassen verheert wurden. Allein die Berge waren eben 

schon von Anfang an nicht hoch, denn Schweden und Norwegen 
ivarcn ebenfalls ganz vergletschert, aber trotzdem gibt es dort noch 
heute Höhen von 6—8000 Fuss. Die Eiszeit verringerte wohl die 
Höhe der Gebirge durch Wegschwemmung von Material, aber 
« nicht um so viel, als die Finnländer glauben machen möchten. 

Im ganzen südlichen Finnland gibt es nicht einen Berg, der 
die Höhe von 1000 Fuss erreicht. ^} Im äussersten Norden, im 
Hochlande von Enontekis, das sich wie ein Keil nach Norwegen 
hineinschiebt, gibt es wohl Höhen von über 1000 m, und die 
liüchßte Spitze, der Haldischok, norwegisch Haldefiäll, hat 

§ß 1258 nij ungefähr 4000 Fuss, allein dieser Berg gehört auf 

einer Seite schon zu Norwegen. In der finnischen Lappmark gibt 
CS noch einige Höhen von 858 m ungeftlhr 2714 Fuss, 
darunter den Taivaskero 2) in Maanselkä und den Pallastun turi am 
Oiinasjoki. Der Peldoaivi^) nördlich vom Enare-See hat 2000 Fuss. 
Da der Boden aber gegen Norden zu plateauartig steigt, ist die 
relative Höhe dieser Berge oft eine viel geringere. 

Südlich vom Polarkreis nimmt die Höhe der Berge rasch 
ab- kein einziger Gipfel erreicht mehr 600 m. Bei Kuusamo im 
nordöstlichen Oesterbotten gibt es noch einige Höhen von 585 m 
ungeßlhr 1840 Fuss, aber von da ab beträgt die Durchschnitts- 
\\iAie der Hügelketten kaum mehr 100 w. Am höchsten ist noch 
der Tiirismaa am Südwestrande des Vesijärvi, doch ist es nur ein 
liergrücken von 230 m Höhe, 727-6 Fuss. Maanselkä — zu 

I cit'iitsch kurzweg Landrücken — ist das eigentliche Rückgrat 

Finnlands. Der Höhenzug beginnt im äussersten Norden unter 
verschiedenen Namen, wie Suolaselkä, Rautatunturi und Saariselkä, 

*) K. E. F. Ignatiqs: „Le Grand-Dacht5 de Finlande. Notice stalistique," 
^. 5. Die Meterangaben sind nach Ignatius; die genaue Höbe des Haldiscliok in 

I Wiener Fuss ist: 3979-62. 

') „Finland im 19. Jahrhundert^. S. 11. Der Taivaskero ist jedoch auch 
tivit ti^nnländischen Specialkarten nicht zu finden. 

') Hermann Roskoschny: „Land und Leute in Bussland". Bd. H. 



221 

dann zieht er sich als Maanselkä bald diesseits, bald jenseits der 
russischen Grenze von Nord nach Süd. Von diesem Hauptrticken 
zweigen sich südlich und südwestlich 11 verschiedene andere Seikäs 
oder Rücken ab, welche die ungeheuren Binnenwaösercomplexe 
des Landes einschliessen. Diese Berge sind zumeist aus Qranit, ^) 
nur der lange Salpausselkä, zu deutsch Riegelrücken, ist sammt 
seinen Verzweigungen theilweise eine von der Eiszeit aufgeworfene 
Moräne. Vereinzelt trifft man Gneis, Porphyr, Syenit, Diorit, 
ThoQschiefer, Sandstein, an den Südküsten Kalk und nördlich 
vom Ladoga-See grosse Marmorlager, aus welchen das Material 
ftlr die Petersburger Prachtbauten geholt wird. 

Der Reichthum an Seen ist das einzige Gute, was die Eis- 
zeit zurückgelassen. Die poetische Bezeichnung „Land der tausend 
Seen" erscheint dem Fremden wohl übertrieben, allein sie bleibt 
im Gegentheil weit hinter der Wirklichkeit zurück. Die Anzahl 
der Seen sowie ihrer Inseln ist geradezu die Verzweiflung der 
finnländischen Geographen. Viele Inseln und Seen sind noch 
heute ohne Namen, ja man weiss nicht einmal genau ihre Zahl. 
Man nimmt an, dass es über 5000 Seen gibt, ^) fast ein Sechstel 
des Landes ist von Wasser bedeckt ! Selbst das seenreiche Schweden 
steht hinter Finnland um ein Drittel zurück. Im Verhältnis zu 
seinem Flächeninhalt ist Finnlands Binnenwassercomplex SVa™»! 
so gross als jener Norwegens und der Schweiz, 8mal so gross als 
jener des europäischen Russland, lOraal so gross als jener Deutsch- 
lands und 40mal so gross als jener Oesterreich-Ungarns. 

Diese ungeheure Wassermenge wird — abgesehen vom Ladoga. 
See, von dem nur die nördliche Hälfte zu Finnland gehört — 
in mehrere grosse Centralbecken eingetheilt. Eigentlich bilden die 
Wasserflächen Südfinnlands fast einen einzigen grossen See, denn 
sie hängen beinahe alle untereinander zusammen, allein der Orien- 
tirung halber sind die verschiedenen Becken, welche oft nur unge- 
fähr durch Inseln und Landzungen von einander getrennt sind, ver- 
schieden benannt. Grössere Wasserbecken, um welche sich be- 

*) K. E. F. Ignatius: „Le Grand-Duche de Finlande", S. 7 und 8. Porphyr 
findet sich nur auf der Insel Hogland; in Südfinnland gibt es noch eine ver- 
witternde Abart des Feldspaths, von den Finnen rapakivi genannt, welches Material 
Uaptsichlich zur Beschotterung der Strassen verwendet wird. — lieber rapakivi 
«»öiie auch: „Finland im 19. Jahrhundert* in Wort und Bild dargestellt von tinn- 
lindiscben Schriftstellern und Künstlern, Helsingfors 181>4. F. Tilgmann, Buch- 
wd Steindruckerei. S. IC. 

»} 1. c. S. 15. 

15* 



222 

sonders zahlreiche Nebenarme und Buchten gruppiren, werden daher 
Centralseen genannt. 

Ein solcher Centralsee ist im südlichen Finnland der Päijänne, 
der sich bei einer Breite von 21 — 26 km^) 190 km lang von Süd 
nach Nord erstreckt. Zu ihm gehört ein Complex von 640 be- 
nannten Seen, wovon einige ebenfalls sehr gross sind, ausserdem 
gehört noch eine unbestimmte Anzahl namenloser Seen dazu. Der 
Abfluss dieser enormen Wassermassen ist der KymmeneBuss, der 
bei E«tka in fünf Armen in den Finnischen Meerbusen mündet. 

Ein noch grösserer Centralsee ist der Saima: *) um ihn grup- 
piren sich nicht weniger als 120 grosse und einige tausend kleinere 
Seen. Der natürliche Abfluss dieses Riesenbassins ist der Wuoksen, 
der, nachdem er den herrlichen Jmatrafall gebildet, sich in zwei 
Armen in den Ladoga-See ergiesst. Ueberdies wurde noch von 
Menschenhänden ein künstlicher Abfluss geschafien, der grossartige 
Saimacanal, der bei Wiborg in den Finnischen Meerbusen mündet. 

Kleinere Centralbecken sind noch südwestlich der Pyhäjärvi 
und östlich der Pielisjärvi. Die Wassermassen des mittleren Finn- 
land, der Provinz Oesterbotten, vereinigen sich in dem grossen 
See Oulujärvi, der einen Flächeninhalt von 983 Anw* hat. Weiter 
gegen Norden gibt ed zwar noch immer zahlreiche Seen, aber sie 
sind bedeutend kleiner als im Süden. Nur hoch oben in der Lapp- 
mark ist noch ein grosser Centralsee, der Enare, dessen Flächen- 
inhalt 1421 iw 2, ungefähr das Dreifache des Bodensees, beträgt. 

Das Niveau der Seen ist sehr verschieden, und es ist schon 
öfter vorgekommen, dass sich ein höher gelegener See in einen 
tiefer liegenden stürzte. 3) So durchbrach am 3. April 1830 der 
Längelmänvesi im südwestlichen Finnland einen Canaldaram und 
ergoss sich in den um 2 m tiefer gelegenen See Roine. Am 

4. August 1859 durchriss der grosse See Höytiänen einen andern 
Canaldamm und stürzte sich in den um 20 m tiefer liegenden See 
Pyhäselkä. Die ungeheuren Wassermassen des Ladoga bilden daher 

*) „Finland im 19. Jahrhundert", S. 13 und 14. Die statistischen Daten 
ül^er den Päijänne sind diesem Werke entnommen, nur die LKnge ist nach Ignatins: 
„Le Grand-Duchd de Finlande", S. 6, angegeben. In „Finnland im 19. Jahrhundert" 
wird die Länge des Päijänne nur mit 110 km angegeben, worunter jedoch ntir 
die für Dampfschiffe fahrbare Wasserstrasse gemeint ist. 

*) K. E. F. Ignatius: „Le Grand-Dach^ de Finlande, Notice statistique*, 

5. 0. Der Flächeninhalt des Saima ist in keinem Werke angegeben ^ seine Grenie 
ist zu unbestimmt, fast auf joder Landkarte ist sie anders. 

3) „Finland im 19. Jahrhundert". S. 15. 



223 

auch eine stete Gefahr für das um 18 w tiefer Hegende Petersburg, 
das ohnedies jedesmal überschwemmt ist, so oft widrige Winde die 
Flaten der Newa an der Mündung rückstauen. Zum Glück sind 
solche Clementarereignisse aber doch selten. 

In Oesterbotten, wo keine hemmenden Gebirgsrücken das 
Wasser zu Seen stauen, fliessen um so zahlreichere Ströme dem 
Heere zn. Man könnte glauben, dass wenigstens dieser so flache, 
tief li^ende Theil des Landes bis vor kurzem Meeresboden ge- 
wesen sei, besonders da gerade hier die beobachtete Steigung der 
Kflste am grössten ist, allein man fand in geringer Höhe ober dem 
Wasserspiegel sehr alte Bäume. Browallius erwähnt eine Fichte 
von 3 10 Jahren, welche nur 2 Ellen über Wasser stand. Wäre 
die Steigung immer so intensiv gewesen wie in den letzten Jahr- 
hunderten, so müsste dieser Baum 220 Jahre lang unter Wasser 
gestanden haben. Eine Fichte im Kirchspiele Hitis war 282 Jahre 
alt und stand nur 1 Elle über Wasser, desgleichen fand man 
300jährige Eichen in einer Höhe von nur 3 Ellen über dem Meere. ^) 
Es scheint somit, dass die Steigung erst am Ende des 17. oder am 
Anfang des 18. Jahrhunderts besonders lebhaft war und gegen- 
wärtig vielleicht wieder abnimmt. 

Nach 160jährigen, ^) in die Strandklippen eingehauenen 
Merkzeichen glaubt man berechnen zu können, dass die nördlichen 
Küsten des Bottnischen Meeres sich um 1*2 bis VT m in einem 
Jahrhundert heben, die nördliche Küste des Finnischen Meerbusens 
aber nur um 60 cm. Die Hebung nimmt gegen Süden ab, beträgt 
an der schwedischen Küste bei Stockholm und geht südlicher 
an den Küsten von Skäne und Pommern in eine Senkung über. 

Die Gelehrten streiten darüber, ob man es in Finnland mit 
emem Emporsteigen der Küste oder einem Zurückweichen des 
Meeres zu thun hat. In seinen praktischen Consequenzen bleibt 
sieh dies für die Finnländer ganz gleich. Thatsache ist, dass 
mehrere ihrer Seestädte gezwungen sind, fortwährend dem fliehen- 
den Meere nachzuziehen. So ist Björneborg, das über 10.000 Ein- 
wohner zählt, schon dreimal verlegt worden. Ganz im Norden, 
bei Tomea und Kemi können grössere Schiffe überhaupt nicht 
mehr anlegen^ sondern müssen weit draussen ankern. 

*) E. Suess: ,Da8 AntUtz der Erde«. Bd. II, S. 522. 

*) ^Finlaiid im 19. Jahrhundert etc.", S. 9. Nach Suess* „Antlitz der Erde**, 
Bd. II, 8. 522, hatte hereit» Pftvidpop 1700 im Norden Finlands eine Marke 
cvriclttot. 



( 



224 



Trotz seiner Seichtigkeit ist das Niveau des Bottniscben 
Meeres bei Torneä um beinahe Qm^) höher als das des Finnischen 
'Busens, und noch im Oeresund 2) soll das Wasser um 4*75 m höher 
stehen als die Nordsee. Somit liegt der Wasserspiegel des Bott- 
niscben Meeres um 34 Fuss höber als jener des Skager Rack. 
Diese Verschiedenheit des Niveaus hat ihre Ursache in dem ge- 
ringen Salzgehalte des Bottniscben Meeres. Derselbe beträgt nicht 
t einmal ein Zehntel^) desjenigen des Oceans, bei Torneä soll das 

\ Wasser beinahe trinkbar sein. Dies ist auch ganz natürlich, da 

^ in dieses verhältnismäßig kleine Meeresbecken 250 Flüsse^) mün- 

I: den, wovon die finnländischen relativ sehr geringe Spuren salziger 

I Gemengtheile führen. Professor Suess erklärt sehr anschaulich, dass 

f ein weniger salzhaltiges, somit leichteres Wasser höher liegen müsse, 

5- um einem dichteren, salzhaltigeren Meerwasser das Gleichgewicht zu 

t: halten. 

Die politischen Grenzen Finnlands waren nicht immer die 
t, heutigen. In grauer Vorzeit lebten die Finnen in zerstreuten 

t Wohnsitzen, ohne einen Fürsten über sich zu dulden, nur bei 

r Kriegsztigen wählten sie einen Häuptling. Sie sind ein Zweigt) 

^ des turanischen oder ural-altaischen Volksstammes, welcher seinen 

ursprünglichen Wohnsitz in Asien hatte. Die Finnen kamen dann über 
! den Ural nach Europa, wo sie immer weiter nördlich gedrängt 

wurden, bis sie in ihre jetzige Heimat gelangten. Sie theilten 
sich in die beiden Hauptstämme der Tawaster und Karelier, welche 
sich lange gegenseitig befehdeten. Der karelische Stamm bevöl- 
kerte auch die Gegenden an der Dwina und Petschora, ebenso 
^ waren die Ingermanländer, Esthen und Kuren Zweige des finni- 

; sehen Stammes. 

, Während die Finnen es versäumten, einen selbständigen 
Staat zu bilden, erbaten sich ihre südlichen Nachbarn, die Now- 
goroder, zum Schutze gegen die Einfälle der Wikinger einen 
Fürsten aus deren Heimatlande selbst. Die Wikinger, von den 

*) „Finland im 19. Jahrhundert". Helsingfors 1894. S. 6. 

') In obigem Werke ebenfalls 8. 6. Es heisst im Original: bei Oerestind. 
Ein Ort dieses Namens ist auf den Karten absolnt nicht zu finden, es muss somit 
ein Uebersetzungsfehler sein, oder es ist ein Druckfehler. Offenbar kann nichts 
Anderes gemeint sein, als der Oeresund, die Meerenge zmschen der Insel Seeland 
und Schweden. 

8) E. Suess: „Das Antlitz der Erde«, Bd. II. 

*) „Finland im 19. Jahrhundert", S. 6. 

'') Yriö Koskinen: ,, Finnische Geschichte", S. 1. 



225 

Nowgorodem Waräger genannt, sandten^) 862 Rurik mit zwei 
Brüdern und grossem Gefolge. Da sie in der neuen Heimat, der 
rie sich später assimilirten, stets die „Ruotsi" genannt wurden, was 
auf finnisch ;, Schweden" heisst, entstand daraus allmälig die Be- 
zeiehnung „Roos", welche sich schliesslich in Russen umwandelte. 
Bei den Finnen aber heissen die Russen heute noch wie vor tausend 
Jahren die „Wänäläiset". 

Als um das Jahr 1000^) das Christenthum in Russland Ein- 
gang gefunden hatte, ward allmälig auch in der Gegend des Ladoga- 
Sees die Bevölkerung zum griechisch orthodoxen Glauben bekehrt. 
Dies veranlasste die Päpste, auf die schwedischen Könige zu wirken, 
damit sie von Westen her vordringend das finnische Volk für 
die katholische Lehre gewinnen sollten. So kam unter König Erik 
dem Heiligen ^) 1157 der erste Kteuzzug nach Finnland zustande, 
wobei Schwedens Macht sich in Abo festsetzte. Ein zweiter Kreuz- 
zag nach dem Ladoga-See verlief unglücklich, dann kümmerte man 
sich in Schweden längere Zeit nicht um Finnland, so dass im 

o 

13. Jahrhundert der damalige Bischof Thomas von Abo den Plan 
hegte, sein Bisthum in ein unabhängiges geistliches Fürstenthum 
za verwandeln. Dazu musste jedoch vor allem die griechisch 
orthodoxe Propaganda unter den Kareliern gründlich beseitigt 
werden, weshalb ein Vernichtungszug gegen die Nowgoroder unter- 
nommen wurde. Ein durch zahlreiche schwedische und norwegische 
Kreuzfahrer verstärktes finnländisches Heer drang von Bischöfen 
b^leitet im Juli 1240 bis zur Newa vor, während die deutschen 
Ritter von der esthländischen Seite zum Angriff schritten. In dieser 
grossen Gefehr wählten die Nowgoroder einen äusserst tüchtigen 
Forsten aus dem Stamme Rurik's, Alexander Jaroslawitsch, der 
das finnische Heer an der Newa sammt seinen Bischöfen aufs 
Haupt schlug. Zum Dank für die Rettung des orthodoxen Glaubens 
ward er später als Alexander Newski in die Zahl der russischen 
Heiligen aufgenommen. 

Von nun an begann man sich in Schweden mehr um Finn- 
land zu kümmern, um eine erträgnisreiche Provinz zu gewinnen. 
Im Jahre 1249 kam Birger Jarl und erbaute in Tawastland die 
Feste Tawastehus. 1293 erschien der verdienstvolle Reichsverweser 
Torkel Knutason. Er gründete Wiborg und drang 1300 bis au 



*) Yriö Koskinen: »Finnische Geschichte". S. 9. 
*; Vriö Koskinen: ^Finnische Geschichte". S. 24. 
*) Yriö Koskinen: „Finnische Geschichte". S. 27, 



226 

den Ladoga-See vor, wo er Kexholm und Orechowetz — das 
heutige Schlüsselburg — eroberte. Torkel Knntsson erkannte, wie 
wichtig die Newa als Grenzlinie war, doch scheiterten seine Pläne 
an allerhand Miasgeschick. Er mosste nach Schweden zurück* 
kehren, wo er zum Lohn für seine Verdienste enthauptet wurde. 
Im Jahre 1323 kam dann mit Nowgorod der Friede von Orechowetz 
(oder Pähkinäfiriede) zustande, welcher Ostkarelien sammt der 
Newalinie für drei Jahrhunderte von dem übrigen Finnland trennte. 
Die Grenze lief damals wie jetzt vom Finnischen Meerbusen 
den Siestarjoki, jetzt Rajajoki genannt, entlang, doch bog sie dann 
beim Wuoksen nordwärts ab nach Ayräpään-Selkä und folgte 
eine Strecke der Grenzlioie zwischen Kardien imd dem Sawolande, 
worauf sie östlich an Nyslott vorbeiführte. ^) Weiter nördlich war 
die Richtung unbestimmt, es hiess nur, dass sie bis zum Weissen 
Meere reiche. Oesterbotten und Lappmarken waren in jener Zeit 
fast unbewohnte Wildnisse, wo nur nomadisirende Lappen hausten. 
Selbst die Grenze zwischen Schweden und Finnland wäre unbe- 
stimmt geblieben, wenn sich nicht der Erzbischof von Upsala und 
der Bischof von Abo wegen der Ausdehnung ihrer Stifte gestritten 
hätten. Der Erzbischof von Upsala wollte 1378 seine geistliche 
Herrschaft bis zum Uleäflusse ausdehnen, was König Albreeht 

o 

schon zugestanden hatte; aber der Bischof von Abo reclamirte 
bei Bo Jonsson Grip, .dem schwedischen Reichsdrost und Lagman 
von Finnland. Dieser war mächtiger als der König und setzte es 
durch, dass der Kemifluss die Grenzscheide bildete. 

Erst 1611 unter Karl IX., dem jüngsten, aber tüchtigsten 
Sohne Gustav Wasa's, kam endlich auch der Rest Kareliens mit 
Kexholm an Schweden, worauf nun Finnland fiir die Dauer eines 
Jahrhunderts vereinigt war. Damals drang auch ein schwedisch 
finnisches Heer unter Jacob de la Gardie bis Moskau vor, wo es 
die Wahl eines schwedischen Prinzen zum Czar erzwang. Gustav 
Adolph strebte Anfangs selbst nach der Czarenkrone, da jedoch 
eben sein Vater, Karl IX., starb, verzichtete er zu Gunsten seines 
Jüngern Bruders Karl Philipp. Der Prinz vertrödelte aber so viel 
Zeit mit Reisevorbereitungen, dass inzwischen ein anderer, natio- 
naler Czar gewählt wurde, Michael Romanow, der Begründer der 
jetzigen Dynastie. Nach dem Frieden von Stolbowa 1617 stand 

*) Nyslott oxistirte damals noch nicht, es hiess daher, die Grenzlinie führe 
in die Gegend von Säärainge, Yriö Koskinen: „Finnische Geschieht^**. S. 46. 



227 

Schweden auf dem Gipfel der Macht. An der Newa und Inger- 
manland hatte Finnland jetzt starke Vormauern gegen Bussland. 

Gustav Adolph's spätere Nachfolger Karl X. und Karl XI. 
wollten auch die ausserhalb Finnlands gelegenen Gebiete der 
Karelier erobern und ihre Herrschaft bis an den Onega-See und 
das Weisse Meer ausdehnen^ aber ihre Bestrebungen scheiterten 
wie schon frühere Versuche an dem Widerstände der Stadt Kola 
imd des Klosters von Solowetz. 

Im Jahre 1700 begannen die Kaiege Karl's XII., wodurch 
Schweden für immer von der Höhe seiner Macht gestürzt wurde. 
Der Kri^szustand dauerte über 20 Jahre, und Finnland ward 
damals auf die entsetzlichste Weise verwüstet. Peter der Grosse, 
der sich zuletzt nach Ruhe sehnte, wollte jedoch ganz Finnland 
zurückgeben, wenn Karl XII. in einem Friedensschlüsse auf die 
übrigen baltischen Provinzen verzichtete. Peter wollte sogar die 
nördBchen Dwinagegenden noch daraufgehen, aber Karl XII. ging 
nicht darauf ein. Er wollte Alles zurückhaben, obwohl er Alles 
verloren hatte. Dabei kümmerte er sich gar nicht mehr um die 
Rosaen, welche sein Land verwüsteten, sondern wandte sich gegen 
die Dänen, um Norwegen zu erobern. Erst als eine Kugel die 
Schweden von diesem König befreite, konnte Frieden geschlossen 
w«den. Ganz Kardien mit Kexholm und Wiborg verblieb jetzt 
bei Busdand. 

Schweden machte später noch zwei ohnmächtige Versuche, 
«ich wenigstens Wiborg's wieder zu bemächtigen. Der erste Ver- 
such erfolgte 1741, hatte aber nur zur Folge, dass die Russen 
abermals ganz Finnland besetzten. Kaiserin Elisabeth gab jedoch 
das Land unter der Bedingung zurück, dass ein ihr genehmer 
Prinz auf den eben erledigten schwedischen Thron erhoben werde. 
Die Wahl fiel ihrem Wunsche gemäß auf Prinz Adolph Friedrich 
von HoUtein, Fürstbischof von Lübeck. Wiborg-Karelien verblieb 
jedoch bei Russland, ja die Grenze wurde von Vederlaks bis an 
den Kymmenefluss vorgerückt, und ein Theil des Saimasees mit 
WiÜmanstrand und Nyslott ward dem russischen Reiche einverleibt. 

Als im Herbst 1787 ein Krieg zwischen Russland und der 
Türkei ausbrach, hielt Gustav III. die Gelegenheit für günstig, 
um noch einen Versuch zur Rückeroberung der verlorenen finn- 
^ndischen Gebiete zu wagen. Leider fehlte es Gustav am nöthigen 
Feldbermtalent, auch hatte er mit ganz unerwarteten Schwierig- 
keiten zu kämpfen. Ein grosser Theil der Finnländer sympathi< 



228 

fiirte bereits mit Russland. Man hatte in Finnland alles Vertrauen 
in die schwedische Macht verloren, dagegen hatte die letzte russische 
Invasion zur Zeit Elisabeth's das beste Andenken hinterlassen, denn 
CS war auf Befehl der Kaiserin äusserst milde und schonungsvoll 
gegen die Bevölkerung verfahren worden. Das Ideal der Finn- 
länder war damals schon seit längerer Zeit die Bildung eines 
selbständigen Staates unter russischem Schutze. Die russischen 
Sympathien waren sogar bis in die finnländische Armee gedrungen, 
und eine Anzahl Officiere bildete den berüchtigten Anjalabund, 
welcher beinahe den König gefangen nahm. Auch der Gefangen- 
nahme durch die Russen entging Gustav III. nur mit knapper 
Noth, und nur einem späteren Seesieg dankte er es, dass er beim 
l^'riedensschluss ohne Gebietsverlust davonkam. 

Unter seinem Sohne Gustav IV. erfolgte endlich die völlige 
Löstrennung Finnlands von Schweden. Eigentlich war es Napoleon 
geweseuj der Kaiser Alexander zum Kriege gegen Schweden 
beredete, weil Gustav ihn als Parvenü behandelte. In Russland 
baute man damals so sehr auf die finnländischen Sympathien, dass 
man Anfangs nur ganz geringe Streitkräfte aufbot. Allein trotz 
iler Unbeliebtheit des Königs leisteten die Finnländer ganz uner- 
wartet hartnäckigen Widerstand, der nur durch die absolute 
Unfähigkeit des alten Schweden KHngspor gelähmt wurde, der 
fortwährend zum Rückzug commandirte. Auch fiel Sveaborg 
durch den Verrath des schwedischen Admirals Olof Cronsted. Als 
die Russen im Frühjahr 1809 grosse Truppenmassen in das Land 
warfen, war bald ganz Finnland in ihrer Gewalt, sowie auch ein 
Theil der schwedischen Provinz Westerbotten, der beim Friedens- 
schlüsse behalten wurde. Jetzt bildet nicht mehr der Kemifluss 
«lie Grenze zwischen Finnland und Schweden, sondern der Tomeä- 
lluss und in seiner Fortsetzung der Muonio. 

Der tapfere Widerstand der Finnländer war jedoch nicht 
vergeblich gewesen. Ihm danken sie es, dass ihr Vaterland nicht 
als eroberte Provinz dem russischen Reiche einverleibt wurde, 
sondern als selbständiger Staat unter das Scepter des Czars kam. 
rfogar der früher eroberte Theil Wiborg-Karelien wurde gross- 
müthig herausgegeben imd mit dem Grossfürsten thum Finnland 
vereinigt. Die Finnländer hatten damals zu ihrem Glück bei 
Kaiser Alexander einen mächtigen Fürsprecher an dem russischen 
Staatssecretär Michael Speransky. Dieser freisinnige Mann wollte 
iTx Finnland einen constitutionellen Musterstaat gründen, eine Art 



229 

Versuchskaninchen im Grossen, um danach eventuell auch im 
übrigen Czarenreich verfassungsmäßige Zustände einzuführen. Seine 
altrassischen Feinde verdächtigten ihn jedoch der Conspiration mit 
den Franzosen, und Anfangs März 1812 wurde Michael Speransky 
von einem Hofball weg nach Perm in die Verbannung geschickt. 
Nach vier Jahren durfte er zwar zurückkehren, aber mit seinen 
freisinnigen Plänen war es für immer vorbei. Seine späteren 
Schicksale berührten die Finnländer nicht mehr, ihre Freiheit war 
bereits gesichert. 

Das Grossfürstenthum entwickelte sich von da ab zu dem blü- 
henden Lande, das es jetzt ist. Ein richtiges Bild von Land und 
Leuten erhält man selbstverständlich nur bei einer Reise durch Finn- 
land selbst. Besonders wer einmal bis Stockholm gelangt ist, sollte 
es nicht versäumen, wenigstens die finnländischen Küstenstädte zu 
besuchen. Die Verbindung zwischen Schweden und Finnland ist 
die denkbar bequemste, die finnländischen Dampfer fahren in 
Stockholm mitten in die Stadt hinein. Allerdings ist ein Pass 
nöthig; der obendrein vom russischen Consul vidirt sein muss. Ist 
dies erledigt, so wickelt sich alles Uebrige ganz glatt ab. 

Die finnländischen Dampfer sind wohl recht bescheidene 
Fahrzeuge, aber Alles ist sehr sauber. Die Abfahrt von Stockholm 
erfolgt gewöhnlich um Mittemacht, doch ist es im Sommer dann 
ziemlich hell. Die Fahrt durch die Skären dauert zwei Stunden, 
dann kommt eine eben so lange Strecke ofienen Meeres, wo es 
oft recht stürmisch ist. Der Boden senkt sich hier fast bis zu 
1000 Fuss, ^) es ist die tiefste Stelle des Meeres. Um 4 Uhr Morgens 

o 

kommt man nach Aland. Der kleine Hauptort der Insel, Marie- 
hamn, liegt etwas landeinwärts inmitten von Wald. Unweit des 
Strandes erhebt sich ein elegantes Curhaus, der nahe Wald dient 
ab Katarpark. Das früher ganz weltabgeschiedene Mariehamn ist 
tieit einigen Jahren ein viel besuchter Badeort. 

Die Insel hat einen Flächeninhalt von 10 Quadratmeilen, doch 
schdnt sie viel grösser, da sie aus lauter Halbinseln und lang- 
gestreckten Schnörkeln besteht. Der Name Aland, auf finnisch 
Ahwenanmaa (Barschland), gehört einer ganzen Gruppe von 
Inseln an, die sich von hier bis zur finnischen Küste erstrecken. 
Ungefähr ') 90 davon sind bewohnt und benannt, die anderen sind 



•) E. Snesa: „Das Antlitz der Erde", Bd. II., S. 502; es heisst daselbst 
3<H> m. 

») „tlnland im 19. Jahrhundert*, S. 27. 



_ \ 



230 

namenlose FelseiiaDde. Die Hauptinsel wird gewöhnlich das 
„Festland" genannt. Es leben hier in verschiedenen Kirchspielen 
^'e^streut ungefUhr 18.000 Einwohner, durchwegs Schweden. Im 
Norden der Insel gibt es einige Hünengräber, sowie kleine Berge, 
von denen man eine entzückende Rundsicht geniesst. 

Das Sehenswerteste sind die Ruinen von Kastelholm im 
Kirchspiele Sund auf einer östlichen- Halbinsel. Die Ueberreste 
der einst grossartigen befestigten Burg sind noch immer sehr an- 
sehnlich. Bo Jonsson Grip gilt für den Erbauer des Schlosses.^) 
Dieser allmächtige Reichsdrost war der reichste Grundbesitzer aller 
Zeiten; zwei Drittel von Schweden und ganz Finnland gehörten 
ihm. Er erbaute auch das berühmte Schloss Gripsholm. Als er 
1489 starb, hinterliess er überdies ein Baarvermögen von 
57.500 Unzen Silber. 2) 

o 

Ein Jahrhundert später kam Aland mit Kastelholm als 
Lehen an den Ritter Erik Johansson.^) Es war Gustav Wasa's 
\*ater, und der grosse König verlebte hier einen Theil seiner 
Knabenjahre. Sieben Jahrzehnte später ward Gustav Wasa's 
unglücklicher Sohn, Erik XIV. als Gefangener hiehergebracht. Er 
ward hier aber noch gut behandelt, seine Gemalin Katharina 
Mänsdotter, sowie seine beiden Kinder weilten bei ihm. Aber 
aein Aufenthalt hier währte nur vom August 1571 bis zum December 
desselben Jahres, dann ward Erik nach Gripsholm gebracht, wo 
er in strenger Haft schmachten musste. 

Der letzte König, den Kastelholm in seinen Mauern sah, war 
der berühmte Gustav Adolph. Im Herbst 1614 verweilte er hier 

o 

eine ganze Woche zur Jagd. Der Wald auf Aland war damals 
noch viel dichter, und es hausten darin Eber und Elche, welche 
jedoch nur von den schwedischen Königen geschossen werden 
(lurften. Auf die Erlegung von Wild war sogar die Todesstrafe 
gesetzt, und obwohl sie nie vollstreckt wurde, erregte dies doch 
iVIißsstimmung. 

Die mächtige Burg, welche so viele Belagerungen überstanden 
hatte, wäre noch heute intact, wenn sie nicht während des grossen 
nordischen Krieges die Russen zerstört hätten. Die Alandsinseln 
waren damals voller Flüchtlinge aus Finnland, wo die Schaaren 
Peters des Grossen in der barbarischesten Weise hausten. Da Hess 



^) Wilhelm Konor: „Finnland«. 

^) Du ChaiUu: ^ Im Lande der Mitternachtsonne". (Grosse Ausgabe.) 

8) E. G. Geijer: „Geschichte Schwedens". Bd. II., S. 4, 



231 

Peter eine Flotte bauen, welche im Juli 1714 vor Aland erschien, 
um auch hier Alles zu morden. Die Leute waren aber recht- 
z^tig nach Schweden geflohen, so dass die Russen sich damit 
begnügen mussten, den Wald anzuzünden und Kastelholm zu zer- 
stören. Die Mauern waren jedoch so fest, dass doch noch Einiges 
davon übrig blieb. Der Thurm ist sogar noch sehr gut erhalten, 
Ton seinen Fenstern hat man einen herrlichen Ausblick auf das 
issdreiche Meer. Man denkt dabei an Erik, der hier wohl sehn- 
lüchtig hinausgeblickt, auf Befreiung hoffend, die damals nicht 
imm()glich schien. 

Noch etwas weiter östlich von Kastelholm sind auf der Halb- 
inael Skarpane die Ruinen von Bomarsund. Man sieht nicht viel, 
es waren überhaupt nur befestigte Kasernen. Da das englisch- 
französische Geschwader während des Krimkrieges in Finnland gar 
nichts hatte ausrichten können, legte es sich schliesslich vor Bomar- 
sund. Die Franzosen landeten 10.000 Mann, um die Festungswerke 
auch von der Landseite einzuschliessen. Nach acht Tagen ergab 
flicfa General Bodisco mit der kleinen Besatzung von 2400 Mann, 
worauf die ganze Anlage in die Luft gesprengt wurde. 

Die Weiterfahrt von Aland erfolgt fortwährend zwischen 
Inseln. Zu Hunderten, ja Tausenden ragen die mit struppigem 
Wald bedeckten Felseilande aus dem Meere. Der ganze Weg ist 
markirty theils wegen der vielen Untiefen, theils damit sich die 
Schiffe in dem Inselgewirre nicht verirren. Manchmal sieht man 
wohl grosse Fischerbarken mit geschwellten Segeln pfeilschnell 
dahinfahren, aber im Ganzen scheint hier Alles verlassen und öde. 
Audi hat das Meer hier nicht die schöne blaue Farbe wie an den 
Eüeten Deutschlands und Dänemarks. Das Wasser ist hier ganz 
dunkel, obwohl die Tiefe meist nur 80 m beträgt. 

o o 

Die Skären von Aland gehen endlich in die Skären von Abo 
über, welche direct der Küste vorgelagert sind. Zwischen den 
beiden Skärgards ist eine Durchfahrt, Skiftet genannt, doch sieht 
aan in derselben kein offenes Meer. Die Einfahrt bei Abo ist 
Ung und schmal, die Küste ist ein niedriger Felsrand. Am Hafen 
seht man nur schmutzige Kais und hässliche Waarenschoppen. 
Aber im Geiste denkt man sich um 700 Jahre zurück. Da lan- 
dete hier Erik der Heilige mit Bischof Heinrich, und oben am 
ieUgen Ufer liefen die Bewohner herbei, sich zur Gegenwehr 
rfiatend. In einer Ecke des Hafens entdeckt man auch das Schloss, 
welches damals angelegt wurde. Man sieht ihm an, dass es aus 



liw ij I 



232 

uralten Zeiten stammt, es wurde auch einst vom Meere bespült, 
während es jetzt vöUig im Trockenen steht. In seine Mauern 
wurden vor 150 Jahren ^) die ersten Merkzeichen eingehauen, als 
man das rapide Zurückweichen des Meeres bemerkte. 

Die gegenwärtige Gestalt des Schlosses stammt aus der Zeit 
des Königs Johann III., der als Herzog von Finnland hier residirte. 
Als er 1562 die Prinzessin Katharina Jagellonica geheiratet hatte, 
begann hier ein glänzendes Hofleben, wie es weder vorher noch 
nachher in Finnland gesehen wurde. Aber die Herrlichkeit währte 
kaum ein Jahr, dann wurde das herzogliche Paar gefangen nach 
Schweden geführt, wo Erik die Beiden 4 Jahre lang in Gripsholm 
in strenger Haft hielt. Dann wandte sich das Blatt, Johann be- 
stieg den schwedischen Thron und sandte seinen Bruder Erik als 
Gefangenen nach Abo. Nach einem Jahr ward er dann nach 
Kastelholm gebracht. 

Trotz aller Belagerungen ist das Schloss eines der best er- 
haltenen seiner Art. Nur die Gemächer litten darunter, dass das 
Gebäude zuletzt fast durch ein Jahrhundert als Gefängnis diente. 
Jetzt sind die Räume zu einem Museum adaptirt worden, welches 
ausschliesslich finnländische Sammlungen enthält. Insbesondere 
findet man hier viele Gegenstände, welche historisch denkwürdigen 
Persönlichkeiten gehörten, die einst hier wohnten. 

Ausser dem alten Schlosse gibt es noch mehreres Sehenswerte, 
so dass ein Aufenthalt von zwei Tagen sich vollauf lohnt. Die 
Stadt selbst, welche etwas mehr landeinwärts liegt, ist allerdings 
nicht schön. Die Häuser sind meist nur ebenerdig, höchstens ein- 
stöckig. Die Strassen sind sehr regelmäßig angelegt, alle schnur- 
gerade und gut gepflastert, doch sieht Alles recht nüchtern und 

o 

schäbig aus. Erst auf dem Domplatz wird man wieder an Abo's 
stolze Vergangenheit erinnert. Da erhebt sich der gewaltige 
St, Heinrichsdom, i3in grosser gothischer Bau aus rothen Back- 
steinen. Er ist dem Andenken Bischof Heinrich's geweiht, und 
Jahrhunderte lang war der 1 8. Juni, der Tag der Heinrichsmesse, 
der grösste Festtag des ganzen Landes. Das Innere des Domes 
enthält viele Grabmäler, wovon das interessanteste wohl das der 
Katharina Mänsdotter ist, welche nach Erik's Tode noch viele 
Jahre in Finnland lebte. Auch ihre Tochter Sigrid Wasa ist hier 

*) „Antlitz der Erde" von E. Suess. Bd. II. Im Schlosse zu Abo wurden 
die ersten Merkzeichen von Gadolin eingehauen ; die erste Marke überhaupt soll 
angeblich Davidson im Norden Finnlands 1700 errichtet haben. 



233 

b^raben, sowie deren Gemal, der finnländische Edelmann Heinrich 
Klanason Tott. 

Dieser gewaltige Dom ist das Einzige, was der grosse Brand 
vom Jahre 1827 verschonte. Damals sank Abo buchstäblich in 
Asche, nachdem es fast 6V2 Jahrhunderte hindurch die Hauptstadt 
Pinnlands gewesen. Die Behörden zogen fort, die Universität 
wurde nach der neuen Hauptstadt Helsingfors verlegt, nur der 
Erzbifichof verblieb in Abo. AUmälig erholte es sich wieder, anstatt 
der gefährlichen Holzhäuser wurden Steinbauten aufgeführt, und 
j^t zählt die Stadt über 32.000 Einwohner, i) Von der Höhe 
des Observatoriums, das auf einem Felshügel inmitten der Stadt 
iteht, hat man einen hübschen Blick auf das von der Aura durch- 
flo&sene Häusermeer, sowie auf das grünbewachsene Plateau im 
Hintergrund, wo sich der Lauf des Flusses wie ein silbernes Band 
hinzieht. Nach Westen zu sieht man das nahe Meer mit seinen 
zahlreichen Inseln. 

o 

Zwei Denkmäler schmücken Abo. Das einfachere wurde 
Heinrich Gabriel Porthan, dem Vater der finnischen Geschichts- 
cmd Sprachforschung errichtet, das schönere, von Runeberg mo- 
dellirte Denkmal stellt den Grafen Per Brahe dar. Er ist der 
einzige schwedische Staatsmann, dem die Finnländer ein Monument 
setzten. Brahe war unter Königin Christine durch beinahe 10 Jahre -) 
Generalgouvemeur von Finnland, und seine Amtsthätigkeit ist noch 
heute aLi die „Grafenzeit" in Erinnerung. Er gründete nicht 
veniger als 10 Städte, ausserdem ward auf sein Betreiben die 
Universität in Abo errichtet. Wie aufgeklärt er war, erhellt daraus, 
daas er den damals auch in Finnland in Mode gekommenen Hexen- 
ond Ketzerprocessen nach Kräften entgegentrat, indem er Alles für 
Unsinn und Aberwitz erklärte. 

Ein unerlässlicher Ausflug von Abo ist der nach der nahen Insel 
RoBsaU, desebemaligen Wildgeheges Heimzog Johanns. Hier ist ein herr- 
Ecfaer Eichenhain, der einzige in ganz Finnland. Die Eiche kommt 
ausser auf Aland nur vereinzelt im Lande vor, im Norden fehlt 
sie ganz. Der Park von Runsala ist von Villen umsäumt, und in 
dem Caffe-Bestaurant spielt im Sommer an Sonntagen die Musik. 
loteresfiant ist auch der botanische Garten bei Hirwinsalo, dort 



*) »Finland im 19. Jahrhundert". Helsingfors 1894. 27. 

*) Yri5 Koekinen : „Finnische Geschichte*, S. 233 und 246. Graf Brahe 
wir GanenigovLveTneui von 1637 — 1640 und 1648— 1054; Kanzler der „Akademie" 
Uxdrontit) blieb er bis an seinen in hohein Alter erfolgten Tod in Schweden. 



234 

ist noch die Quelle Kuppis, an welcher Bischof Heinrich die ersten 
Heiden taufte. 

o 

Es gibt noch einige weitere Ausflüge von AbO; so nach 
den Skären von Pargas, welche für die schönsten ganz Finnlands 
gelten, dann nach den Ruinen von Eustö, dem ehemaligen stoken 
Sommerschlosse der Bischöfe von Abo, ferner nach dem Städtchen 
Nadendalj das einst berühmt war wegen seines reichen Nonnen- 
klosterS; dem einzigen Finnlands. Jetzt steht davon nur mehr 
die mächtige Kirche. Auch einige Herrensitze des finnländi- 
sehen Adels mit sehenswerten Parks befinden sich in der Nähe 

o 

von Abo. 

Die Weiterreise nach Helsingfors kann sowohl per Dampfer 
als mit der Bahn zurückgelegt werden. Da ich zweimal in Abo 
war, kenne ich beide Routen. Der Seeweg bietet immer dieselben 
Skären, nur sind die Inseln hier etwas spärlicher. Der interessan- 
teste Punkt unterwegs ist Hangö, welches jetzt der fashionabelste 
Badeort Finnlands ist. Insbesondere Petersburger kommen in 
grosser Zahl hieher, und es herrscht dann im Sommer ein so be- 
wegtes, elegantes Treiben wie in Trouville oder Brighton. 

Wer den Landweg nach Helsingfors wählt, der halte sich 
unterwegs einen Tag in Tawastehus auf. Das 5000 Einwohner*) 
zählende Städtchen liegt reizend am See Vanajavesi, ein kleiner 
Park ist fast rings von Wasser umflutet. Ueberall sieht man 
bewaldete Höhenzüge, und bei der Stadt selbst erhebt sich auf 
einem Felsen das alte Schloss Kronoborg, auf finnisch Krunulinna 
(Linna heisst Burg). Dies ist das Zweitälteste Bauwerk Finnlands, 
denn es wurde von Birger Jarl 1249 hier angelegt. An diese 
Stätte knüpfen sich jedoch fast gar keine historischen Erinnerun- 
gen, nur Katharina Mansdotter lebte hier als Witwe. Jetzt dient 
das Schloss leider als Gefängnis. In der Nähe von Tawastehus 
ist das grossartige Schloss Karlberg, welches dem Oberst Slaudert 
skjöld gehört. Der herrliche Park beginnt ebenfalk an dßu Ufern 
des Vanajavesi und zieht sich dann bis auf den steil ansteigeoden 
Aulangoberg hinan, auf dem einst die alte hölzerne Bui^ der Ta- 
wastländer stand, welche Birger Jarl zerstörte. Vora Aulangoberge 
sieht man in einen von steilen FeUwänden umschlossenen See 
hinab, dessen Wasserspiegel niemals von den oben brausenden 
Stürmen erreicht wird. 



*) „Finland im 19. Jahrhundert". Helsingfors. S. 3G. 
'^) „Finland im 19. Jahrhundert«. S. 154. 



235 

Unweit von Tawastehus ist auch noch die grosse Staats- 
domäne Mustiala mit einem Areal von 6000 Hektaren. Es befinden 
«ch daselbst eine landwirtschaftliche Schule und eine Meierei- 
anstalt. welch letztere hauptsächlich weibliche Lehrkriifte heran- 
bildet. In Finnland werden sowohl vom Staate als auch von 
Privatvereinen die grössten Anstrengungen gemacht, um die Land- 
wirtschaft, insbesondere aber die Viehzucht zu heben. Früher 
vemachlÄssigten die Bauern die Weiden, und das wenige Vieh war 
das erste, was bei einer ausbrechenden Hungersnoth zu Grunde 
ging. Wenn jetzt ein regnerischer Sommer oder ein Spätfrost die 
Ernte vernichtet, so haben die Leute doch noch ihr Vieh, das 
Fleisch, Milch und Butter liefert. Die Butter ist jetzt sogar ein 
Hauptausfuhrartikel des Landes geworden ; es werden jährlich über 
8 Millionen Kilo ausgeführt ! ^) Im Sommer werden die Butter- 
waggons auf den Bahnen eigens gekühlt und im Winter gewärmt, 
damit die Butter nicht zu Klumpen gefriert. Hauptabnehmer für 
die Butter ist Petersburg, aber auch nach Deutschland wird viel 

o 

exportirt. Ich traf in Abo einen Grosshändler aus Lübeck, der 
eben eine halbe Million Pfund Butter im Innern des Landes zu- 
sammen gekauft hatte, um die deutschen Oceandampfer damit zu 
Terproviantiren. Er behauptete jedoch, dass die finnländische 
Butter in Deutschland erst gewaschen werden müsse, denn es seien 
insbesondere grosse Stücke Salz darin. 

Wer in Tawastehus Halt gemacht, kommt leicht in Ver- 
suchung, sich nordwärts nach dem herrlichen Seencomplexe von 
Satakunta zu wenden. Dort liegt auch Tammerfors, das Manchester 
Fmnlands. Die Stadt zählt bereits 21.500 Einwohner, 2) doch sieht 
man hier nichts als Fabriken. Die Lage wäre eine herrliche am 
Aosduse des Sees Näsijärvi, der sich in einer breiten Stromschnelle 
in den See Pjhäjärvi ergiesst, aber Alles ist mit industriellen 
Etablissements verunziert. Ebenso ist es etwas oberhalb mit dem 
prachtvollen, 25 m hohen Kyröfors, ^) der eine Holzschneidemühle 
treiben muss. Das gleiche Schicksal hat auch der noch schönere 
Kokiafall, so dass Maler sich geradezu die Haare raufen müssen. 
Tammerfors ist nur angenehm als Standquartier für Ausflüge. In 
Sitaknnta ist der berühmte schöne Höhenrücken von Kangasala, 

»j ^Hnland im 19. Jahrhundert". Helsingfors 1894. 8. 157. 
«; eFinland im 19. Jahrhundert". Helsingfors 1894. S. -JS. 
^j «Finland i Bilder". Verlag von Wentzcl Hagelstam in Helsingfor«. 
Hnft Kr. C. 

aiitth. d. k. k. Geogr. Ges. 1898. 3 o. ♦. 10 



■?F*r 



236 

einst Eigenthura der Katharina Mänsdotter. Jetzt ist er im Besitze 
des Staates, wodurch er vor Äbholzung geschlitzt ist. Von den 
Seen sind einige besonders tief, so der herrliche blaue Mallasvesi 
und die berühmten drei schwarzen Seen von Toriseva. Wer hier 
Alles sehen will, kommt wochenlang nicht fort. 

Auf halbem Wege zwischen Tawastehus und Helsingfors ist 
die Bahnstation Lahtis. Dort winkt das Südufer des Vesijärvi, 
aus welchem man in den grossen, von Dampfern befahrenen 
Päijänne gelangt. In der Nähe ist auch der erwähnte Höhenzug 
von Tiirismaa, von dessen bewaldetem Kamme man in den blau- 
grünschillernden Vesijärvi hinabsieht, dessen Wasser von allen Seen 
Finnlands die schönste Farbe hat. 

Wer nach Helsingfors will, muss sich von hier gewaltsam 
losreissen. 

Für den Ankommenden ist der Anblick von Finnlands Haupt- 
stadt weitaus am schönsten von der Seeseite. Helsingfors liegt 
malerisch hingelagert am Ende einer Felsenskäre, von Kirchen ge- 
krönte Felshügel drängen sich bis an die Stadt. Der Boden steigt 
nach dem Hintergrunde zu, und man sieht dort eine mächtige 
Kirche aufragen, welche die ganze Stadt dominirt. Vorne am 
Hafen stehen schöne, stattliche Gebäude, und dabei ist doch ein 
Hauch des Fremdartigen über dem Ganzen. 

Am Kai ist auch das erste Hotel der Stadt, das Societets- 
Huset. Wer sich etwa vor schlechter Unterkunft gefürchtet, wird 
schon in dem mit schwarzen Marmorsäulen geschmückten Treppen- 
haus ganz beruhigt sein. Das Schönste ist jedoch die Aussicht 
von den Zimmern, wo man über den Hafen hinweg direct in das 
offene Meer hinausblickt. 

Bei einer Wanderung durch die Strassen erkennt man sofort, 
dass man sich in einer grossartig aufblühenden Landeshauptstadt 
befindet. Helsingfors, das erst 1812 zur Residenz erhoben wurde, 
zählt jetzt bei 80.000 Einwohner. ^) Dazu kommt noch eine flac- 
tuirende Bevölkerung, denn täglich laufen Handelsschiffe aus den 
skandinavischen Ländern sowie aus Russland, England und Deutsch- 
land hier ein. Ausserdem kommt noch dazu die finnländische Be- 



*) In dem Werke : „Finland im 19. Jahrhundert*, S. 29, ist die Einwohner- 
zahl mit 70.000 angegeben. Dies bezieht sich aber auf das Jahr 1892. Auf eine 
directo Anfrage bei A. Lille, Chcf-Redacteur der „Nya Pressen" in Helsingfors, ward 
die gegenwärtige Einwohnerzahl (1897) mit 80.000 angegeben. Die Bevölkenmg 
vermehrt sich so rasch durch Zuzug aus den Provinzen. 



237 

Satzung von 1000 Mann^) und 1000 Mann russischer Truppen. 
Das nahe Sveaborg, das Gibraltar des Nordens^ bat eine Besatzung 
Ton 2700 Mann, wovon stets zahlreiche Officiere nach Helsingfors 
kommen, so dass in den Strassen immer ein lebhaftes Treiben 
herrscht. 

Im Centrum der Stadt ist der grosse Senatsplatz, dessen 
äussere Langseite die Nikolaikirche einnimmt, welche die 
ganze Stadt tiberragt. Sie ist das weithin sichtbare Wahrzeichen 
der Stadt, nach welchem sich draussen auf dem Meere die Schiffer 
richten. Der Boden steigt nach der Kirche zu ziemlich steil an, dann 
kommt ein Treppenaufgang von colossaler Breite und Höhe, es 
ist, ab hätte man da ein ganzes Stück finnischer Felsplatte mit 
Stufen überkleiden wollen. Oben erhebt sich der gewaltige Pracht- 
bau, dessen vier Seiten mit weissen Säulenhallen geschmückt sind. 
Darüber thront eine imposante Kuppel mit mehreren kleinen Neben- 
schwestem, alle schwarz und mit grossen goldenen Sternen übersät. 

Die beiden Schmalseiten des Platzes werden durch zwei 
gleichartige Monumentalbauten gebildet. Das eine Gebäude ist der 
Senat, das andere die Universität, auf finnisch Yliopisto genannt. 
Die Hochschule wurde 1640 nach dem Muster jener von Upsala 
gegründet. 2) Sie erhielt gleich jener ein ziemlich ausgedehntes 
Sdbstverwaltungsrecht, es stand ihr auch eine Jurisdiction über 
ihre Mitglieder zu, ja sie durfte Anfangs sogar Todesurtheile fällen. 
Der höchste Vorgesetzte wurde Kanzler genannt, wozu man einen 
Magnaten Schwedens auszuersehen pflegte. Die materiellen Mittel 
dagegen waren äusserst beschränkte. Das hölzerne Gebäude der 
^Akademie^ in Abo hatte Anfangs nur zwei heizbare Hörsäle. Es 
waren der Anstalt wohl die Steuern von einer Menge Landgüter 
angewiesen worden, aber sie musste selbst für deren Eintreibung 
sorgen, in Kriegszeiten erhielt sie gewöhnlich gar nichts. Erst 
Michael Speransky sorgte für ein angemessenes Budget der Uni- 
versität. Die Kanzlerwürde bekleidet jetzt fast immer ein russischer 
Groesfärst, seit 1881 ist es Nikolai Alexandrowitsch. 

Die Vorträge an der Universität werden zumeist in schwe- 
dkeher Sprache gehalten. Zur Zeit der Schwedenherrschaft er- 
fisJgten sie in lateinischer Sprache, denn man wollte durchaus nicht 
das Finnische aufkommen lassen. Auch an den Mittelschulen war 



*) Nach Angabe von A. Lille, Chef-Redacteur der „Nya Pressen" in Ilelömg'- 
i; die Reisehandbücher geben die Garnison gewölmlicli viel zti hoch an. 
*) jFinland im 19. Jahrhundert". S. 184. 

IG* 



MW^.l 



238 

die Unterrichtssprache das Lateinische, und selbst die Schüler 
durften sich untereinander nur auf lateinisch verständigen, in den 
unteren Classen allein war es ihnen gestattet, finnisch zu sprechen. 
Die officielle Staatssprache ist noch heute das Schwedische, doch 
ist seit 1863 das Finnische gleichberechtigt. 

Der berühmteste Mann, der an der Helsingforser Universität 
studirte, ist Nordenskiöld. Er wirkte auch hier bereits als Professor, 
aber 1857 hielt er eine Rede, die maßgebenden Orts so übel 
vermerkt wurde, dass er nach Stockholm übersiedelte. Nun fällt 
aller Ruhm, der sich an seinen Namen knüpft, auf Schweden, 
anstatt auf Finnland. 

Die Universität hat einige von den unseren sehr abweichende 
Einrichtungen. So ist das Studium nicht auf eine Frist von vier 
Jahren festgesetzt, sondern der Student kann seine Prüfungen 
eventuell auch früher ablegen. AUe vier Jahre finden besonder« 
feierliche Promovirungeh statt. Die Doctoren erhalten dabei einen 
seidenen Hut, die Magister einen Lorbeerkranz und ehien gol- 
denen Ring. Festmusik und EAnonensalut begleiten die Ceremonie, 
dann folgt ein Bankett und Abends ein Ball. 

Auch Damen wurden schon in feierlicher Weise mit Lorbeer 
bekränzt, denn sie sind hier längst zum Studium zugelassen. ^) 
1870 studirte die erste Dame, 1873 die zweite. Im Jahre 1892 
waren es bereits 55. Von diesen studirten 3 Jura, 4 Medicin, 
23 waren für historisch-philologische und 25 für mathemathisch- 
naturwissenschaftliche Studien eingeschrieben. Gegenwärtig gibt 
es in Helsingfors ungefähr 2000 männliche und 233 weibliche Stu- 
denten. ^) Einem alten Universitätsstatut zufolge sind die Studenten 
nach Landsmannschaften in 6 Corps eingetheilt, in welche auch 
die Damen eingereiht werden. 

Es gibt in Helsingfors bereits 3 weibliche Aerzte. Eine dieser 
Damen prakticirt schon seit 20 Jahren und gehört zu den gesuch- 
testen Stadtärzten. Die beiden jüngeren Damen sind Assistenzärzte 
am pathologischen Institut und an der chirurgischen Klinik. Es 
gibt auch Damen, welche Chef-Redacteure und Herausgeber von 
Zeitungen sind. Ausser beim Post- und Telegraphendienst findet 
man weibliche Beamte — allerdings nur in untergeordneten Stel- 
lungen — auch bei vielen Communalverwaltungen, ebenso hat 
der kaiserliche Senat in Helsingfors 50 weibliche KLanzHsten. 

^) „Finland im ID. Jahrhundert". S. 191. 

*) Nach direct in Finnland im Jahre 1897 eingezogenen Erkundigungen. 



2:^9 

Die Frauen müssen in Finnland darauf bedacht sein, sich 
selbst zu erhalten, denn sie können nicht alle darauf zählen, einen 
Ernährer zu finden. Es gibt 177.000 Frauen mehr als Männer. ') 
Auf je 1000 Männer kommen 1032 Frauen. Früher war dieses 
Verhältnis noch viel ungünstiger. 1875 ^j kamen auf 1000 Männer 
1<»46 Frauen, zu Anfang des Jahrhunderts zählte man auf je 1000 
Männer sogar 1079 Frauen. Hoffentlich hält die gegenwärtige Zu- 
nahme der Männer an. Wie in anderen Ländern überwiegen jedoch 
auch hier unter den Neugeborenen die Knaben. Während aber 
anderwärts die Verminderung des männlichen Geschlechts in der 
grosseren Sterblichkeit desselben im Kindesalter ihre Ursache hat, 
öDd in Finnland bis ungefähr zum 15. Lebensjahre die beiden 
Geschlechter fast gleich an Zahl, die Männer überwiegen sogar 
etwas. Erst von da ab nimmt die Zahl der Männer stetig ab, je 
Loher das Alter, desto weniger Männer. Die Frauen werden in 
Finnland bedeutend älter als die Männer, vom 65. Lebensjahre an 
sind sie in dreifacher Ueberzahl. Heiratslustige junge Damen 
brauchen aber eventuell nur nach dem nahen Petersburg zu fahren, 
dort überwiegen die Männer; das Verhältnis ist daselbst 4:3 — 
auf je 1000 Männer kommen nur 750 Frauen. ^) 

Man kann von dem Senatsplatze nicht scheiden, ohne daselbst 
das Alexandermonument zu bewundern, welches im April 1894 
enthüllt wurde. Es ward Alexander IL zum Danke dafür er- 
richtet, dass er 1863 die Landstände wieder einberief, welche sich 
während der ganzen Regierungszeit seines Vorgängers nicht ver- 
sammeln durften. Die Missstimmung darüber war so gross gewesen, 
dass ELaiser Nikolaus bei Ausbruch des Krimkrieges rasch das 
Land bereiste, um sich zu vergewissern, ob er auf den Beistand 
der Bevölkerung zählen könne. Die Finnländer vertheidigten jedoch 
ihr Vaterland mit altgewohnter Tapferkeit. Kaiser Alexander wusstc 
ihnen dies Dank, indem er nach seinem Regierungsantritte die 
Constitution wieder herstellte. Er verfügte auch, dass die Land- 
stSnde nicht mehr wie früher blos alle 5 Jahre, sondern alle o 
Jahre zusammentreten sollten, was noch heute der Fall ist. 

Das Monument ist durch die überlebensgrossen allegorischen 
Figuren am Sockel eines der schönsten seiner Art. Der Entwurf 



*y Xach dem Volkszählungserg-ebnisse vom Jahre 1890 berechnet. 

*} BL E, F. Ignatius: „Le Grand Duche de Finhmde. Notice statisticiue". 

'j Hermann Roskoschny ^Land und Leute in Russland''. Bd. II, S, 2, 



240 

rührt von Johannes Takanen her, der als Sieger aus der Preisbe- 
werbung hervorging. Es war sein erster monumentaler Auftrag, 
das Glück schien endlich dem armen Käthnerssohn zu lächeln, 
allein da starb er, kaum 36 Jahre alt, an den Folgen der erlittenen 
Entbehrungen. Das Denkmal ward nun von Walter Runeberg aus- 
geführt, der jetzt unstreitig der bedeutendste Bildhauer Finnlands 
ist. Er ist ein Sohn des weltberühmten finnländischen Dichterfürsten 
Johann Ludwig Runeberg, der 1875 im nahen Städtchen Borga 
starb. Seit 1885 schmückt sein Standbild die Runeberg-Esplanade 
in Helsingfors. Dasselbe ist ebenfalls ein Werk Walter Runebergs, 
und es dürfte wohl der einzige Fall sein, dass ein Sohn mit der 
Ausführung der Statue seines Vaters betraut wurde. 

Die Runeberg-Esplanade ist die vornehmste Strasse der Stadt. 
Auf der einen Seite stehen daselbst lauter Privatpaläste, auf der 
andern dagegen monumentale Kasernen, Restaurants und Theater- 
gebäude, alle inmitten von Gartenanlagen. Helsingfors hat drei 
Theater: ein schwedisches, ein finnisches und ein russisches, welche 
sämmtlich subventionirt sind, die beiden ersten vom finnländischen 
Staat, das letzte von Russland. Die erste Theatervorstellung in 
Helsingfors erfolgte 1827 in deutscher Sprache. ^) Die deutsche 
Truppe hielt sich bis zum Jahre 1834. So lange es noch ein 
deutsches Hoftheater in Petersburg gab, gastirten dessen Mitglieder 
oftmals in finnländischen Städten. 

Helsingfors besitzt auch ein ständiges Cirkusgebäude, das 
fast immer von einer Truppe besetzt ist. Ausserdem sorgen für 
die Erholung der Helsingforser drei grosse Parks. Der schönste 
davon ist der Brunspark, der mit einer Seebadeanstalt verbunden 
ist. Im Sommer, wenn die Nächte hell und warm sind, lust- 
wandelt man hier bis gegen 3 Uhr Morgens. Der längste Tag 
währt hier 18 V2 Stunden. Ganz im Norden, an den Ufern des 
Muonio, wo die schönsten Gegenden des Landes sind, geht die 
Sonne fast zwei Monate lang nicht unter. In Helsingfors bricht 
gegen Mitternacht eine leichte Dämmerung ein, aber schon um 
4 Uhr Morgens leuchtet wieder die Sonne. Viele, welche die 
Nacht durchschwärmt, gehen gar nicht schlafen, sondern leben 
gleich lustig in den nächsten Tag hinein. Im übrigen Finnland 
pflegt man den versäumten Schlaf im Winter quartalweise nachzu- 
holen, aber der Helsingforser hat auch dann keine Ruhe, denn da 



*) „Finland im 19. Jahrhundert". S. 398. 



241 

gibt es Theater, Concerte, Bälle, Eisfeste, Skiwettlaufen, so dass 
er alle Hände und alle Füsse voll zu thun hat. 

Der Generalgouverneur darf seine Bälle im grossen Sa^il des 
kftiäarlichen Palais abhalten. Es ist dies aber ein sehr bescheidener 
Raum, die Wände sind nur weiss gegypst, ein paar Goldbronce- 
luster änd der einzige Schmuck. Das ganze Palais ist überhaupt 
verblüffend einfach eingerichtet. In dem erwähnten Saal werden 
auch stets die Landstände mit einer Thronrede eröffnet. Die 
Sitzungen finden dann im Ständehaus statt, doch berathen dort 
nur der Geistlichen-, Bürger- und Bauernstand, der Adel tagt im 
liitterhaus, auf schwedisch Riddarhuset, finnisch Ritari huone ge- 
nannt. 

In Finnland gilt der einfache Adel ebensoviel als ein Grafen- 
oder Fürstentitel, nur muss man zu den im Ritterhaus eingeführten 
Familien gehören. Im Ganzen gibt es daselbst 237 solcher Fami- 
lien*) darunter 7 gräfliche und 50 freiherrliche. Die Landstände 
waren eben im Jahre 1897 wieder versammelt, sie tagten vom 
22. Januar bis zum 1. Juni. Sie bewilligten eine Anleihe von 
50 Millionen Mark theils zur Convertirung älterer Schulden, theils 
zum Baue von Eisenbahnen. Es wurden folgende neue Linien 
bewilligt: eine Bahn von Helsingfors nach Karis; eine Hafenbahn 
ftr Bjömeborg, das nicht abermals dem Meere nachziehen kann; 
ferner eine Bahn von Kuopio nach Idensalmi. Diese Linie dürfte 
wohl bald bis Kajana und von dort bis üleaborg weitergeführt 
werden. Statt dessen wurde jetzt die Fortsetzung der Bahn von 
Uleäborg nach Kemi und Torneä beschlossen. Dies war schon 
lange der sehnliche Wunsch dieser beiden Städte. Da die Schweden 
gleichzeitig ihre Bahn bis Haparanda verlängern wollen, wird nun 
bald ein Schienenstrang diese nordischen Nachbarreiche mit einander 
verbinden. Im Winter, wenn das Meer zufror, ward das Aufhören 
des Verkehrs sehr unangenehm empfunden, da Alles hüben imd 
drüben Verwandte und Bekannte hat. Die nördlichste Eisen- 
bahnstation Europas wird Tornea aber doch nicht werden, denn 
dies bleibt nach wie vor Gellivara in Schweden, das schon seit 
zwei Jahren durch einen Schienenstrang mit Stockholm ver- 
bunden ist 

Am 1. November 1897 wurde die schon früher bewilligte 
Strecke von Kenru nach Jyväskylä eröfiPhet. Die finnländischen 

') .Finland im 19. Jahrhundert«. S. 116. 



242 

Bahnen haben ebenso grosse, breite Waggons wie die rassischen, 
sie sind vorzüglich eingerichtet und schon seit dem Jahre 1887 
sind die Waggons elektrisch beleuchtet. Die finnländischen Bahn- 
beamten lieben den Nachtdienst nicht 5 der zwischen Helsingfors 
und Petersburg verkehrende Schnellzug, der an beiden Endstationen 
um 11 Uhr Nachts eintrifft, ist der späteste Zug. Bei grösseren 
Strecken ist man daher stets gezwungen, unterwegs zu übemachten, 
dafür ist aber in Finnland seit Menschengedenken kein nennens- 
wertes Eisenbahnunglück vorgekommen. Die Bahnen sind mit 
Ausnahme einiger unbedeutender Strecken Eigenthum des finn- 
ländischen Staates. Dadurch entstand auch die verhältnismäßig 
kleine Staatsschuld von 77 V2 Millionen Mark. ^) Vor einigen 
Jahren noch konnten jedoch 2 Millionen ersparter Staatsgelder 
als Darlehen an kleine Grundbesitzer vertheilt werden! 

Die Landstände haben nur die Befugnis, über innere Ange- 
legenheiten zu berathen. 2) Nach aussen ist Finnland ein inte- 
grirender Bestandtheil des russischen Reiches. Die Vertretung 
im Auslande erfolgt ausschliesslich durch russische Functionäre. 
Den Oberbefehl der Armee, sowie das Recht, Handelsverträge abzu- 
scbliessen, hat ausschliesslich der Kaiser-Grossfürst. Die Finnländer 
haben kein eigenes Ministerium, sondern nur einen Minister-Staats- 
secretär. Derselbe muss ein Finnländer sein und hat in Peters- 
burg dem Czar die finnländischen Angelegenheiten vorzutragen. 

Finnland hat jedoch sein eigenes Postgefölle, seine Zollgrenze 
gegen Kussland, sowie auch sein eigenes Münzwesen. Das Letztere 
ist aber verhältnismäßig jungen Datums. Nach der Lostrennung 
von Schweden cursirte in Finnland immer noch schwedisches Geld. 
Man wollte den Rubel einführen, wenigstens sollten Steuern und 
Kronabgaben in russischem Gelde entrichtet werden, aber trotz 
aller Strafen cirkulirten immer wieder die schwedischen Bank- 
scheine. Da erschien 1860 eine kaiserliche Verordnung,') durch 
welche Finnland seine eigene Münzeinheit erhielt. Die finnische 
Mark ist gleichwertig mit einem Franc und theilt sich in 
100 Pfennige. Ein Fünf-Penniästück ist jedoch die kleinste Münze, 
deren man gewöhnlich habhaft werden kann, weniger nimmt 
offenbar ein finnischer Bettler nicht. Seit 1877 ist in Finnland 
die Goldwährung eingeführt. Es gibt Zehn- und Zwanzig Mark- 

*) „Finland im 19. Jahrhundert". S. 142. 

2) „Finland im 19. Jahrhundert". S. 94. 

3) „Finland im 19. Jahrhundert«. S. 148. 



243 

stücke, doch sieht man im gewöhnh'chen Verkehre fast immer nur 
Banknoten der Bank von Finnland. An Creditinsti tuten ist das 
Land bereits überreich, nur eine Börse fehlt. 

Finnland hat auch seine eigene Zeit, denn die Bahnuhren 
müssen sich nach der Mittagstnnde von Helsingfors richten, welche 
gegen Petersburg um 28 Minuten zurück ist. Auch gilt in Finn- 
land der gregorianische Kalender, welcher aber daselbst gleich- 
wie in Schweden erst 1753 eingeführt wurde. Auf Befehl des 
neugewählten Königs Adolph Friedrich schrieb man damals nach 
dem 17. Februar den 1. März. Das Recht, einen Kalender heraus- 
zugeben, ist in Finnland das ausschliessliche Privileg der Univer- 
sität zu Helsingfors, welche daraus einen Theil ihrer Einkünfte 
bezieht. 

Das Telegraphennetz allein ist russisch. Es wurde während 
des Erimkrieges für militärische Zwecke angelegt und verblieb 
dann im Besitz der russischen Regierung. Nur die Telegraphen- 
leitungen der finnländischen Eisenbahnen sind Eigenthum des finn- 
ländischen Staates. 

Das Telephon hat eine ganz ausserordentliche Verbreitung in 
Finnland, im Süden des Landes sind fast alle Städte untereinander 
telephonisch verbunden. 

Die Gesetzgebung des Landes war bereits sehr veraltet und 
wurde 1863 neu organisirt. ') Seither wurden aber den Land- 
Rtänden immer neue Vorlagen aufgetragen, die aber dann nicht 
die Zustimmung des Kaiser-GrossfÜrsten fanden und dann bei der 
nächsten Session wieder abgeändert werden sollten. Der Streit 
scheint sich darum zu drehen, dass die Finnländer nur Freiheits- 
strafen wünschen, während die russische Regierung auch die Ver- 
bannung nach Sibirien in die Straf bestimm ungen aufgenommen 
haben will. Die Todesstrafe ist in Finnland zwar nicht formell 
aufgehoben, wurde aber seit dem Jahre 1826 nicht mehr in An- 
wendung gebracht. 

Die Stellung der Frau wurde seit dem Jahre 18G4 wesentlich 
verbessert. -) Bis dahin waren unverheiratete Frauen ihr Leben 
lang unmündig. Jetzt sind sie mit 25 Jahren majorenn, können 
aber schon mit 21 Jahren um die Mündigkeitserklärung ansuchen. 
Seit 1889 haben sie das Recht, nach eigener Wahl selbständig ein 

*) ,FmlAiid im 19. Jahrhundert". S. 127. 
') «Finland im 19. Jahrhundert*. S. 130. 



2« 

Gewerbe zu treiben, und es wurde ihnen auch das Stimmrecht 
in der Gemeinde Tcriieben. 

In den letzten Begierungsjahren Alexanders III. wurden wohl 
einige administrative Verfugungen getroffen, wdche eine Ein- 
schränkung der Selbstständigkeit Finnlands bezweckten, auch traten 
alle Jahre Commissionen zusanunen, welche die Aufhebung der 
Zollgrenze, sowie des finnländischen Post- und Mfinzwesens berathen 
mussten, doch wurden diese Haßregeln nie durchgeführt. Die 
Missstimmung im Lande war allerdings bereits gross, allein sie 
Terschwand sofort beim Begierungsantritt des jetzigen Czars, der 
Finnland wieder seine früheren Privilegien sicherte. Nur die 
Briefmarken «nd etwas russifidrt geblieben, indem sie neben dem 
schwedisch-finnischen jetzt auch einen russischen Text haben. 

Weit weniger grossartig als Helsingfors, aber ungemein reicher 
an historischen Erinnerungen ist Wiborg, Finnlands drit^össte 
Stadt Sie ist die Hauptstadt der sagenumsponnenen Provinz Ka- 
rdien, an ihren Mauern prallten alle Stürme der Nowgoroder ab. 
Auf einer Insel im Hafen steht noch das alte Schloss, das Torkel 
Knutsson 1293 hier aufführen liess. Obwohl die Burg wiederholt 
durch Brände litt, ist sie doch noch sehr gut erhalten. Leider 
diente auch dieses Schloss lange Zeit als Gre&ngnis. Vor einigen 
Jahren wurde jedoch Alles nach Möglichkeit restaurirt, um die 
Barg als Wohnung für den commandirenden General von Wiborg 
einzurichten, einstweilen sind aber darin nur die russischen Militär- 
kanzleien untergebracht 

Auch die Stadt war früher mit starken Mauern versehen, 
doch sind sie längst geschleift Von den zahllosen Belagerungen 
ist jene die denkwürdigste, bei welcher sich der berühmte 
„Wiborger Knall" ereignete. Im September 1495 erschienen 60.000 
Küssen und beschossen die Stadt aus grossen Kanonen von 24 
Fuss Länge. ^) Der umsichtige Schlosshauptmann Knut Posse liess 
jedoch stets des Nachts alle Risse ausbessern, so dass die Mauern 
monatelang Widerstand leisteten. Der Winter brach herein, die 
Russen beschlossen daher, die Stadt mit Sturm zu nehmen. Es war 
der 30. November, der heilige Andreastag. Die Russen legten gleich 
Morgens breite Leitern an die Stadtmauern, auf welchen sich nun 
ein siebenstündiger Kampf entspann. Schliesslich überwältigten die 
Russen mehrere Thürme, worauf sie sofort ihre Leitern in die 



*) Yriö Koskinen: „Finnische Geschichte*'. S. 83. 



245 

Sudt hinabliessen. Da flogen jedoch die Anstürmenden unter 
Donnergekrach und grellem Feuerschein, in die Luft! Entsetzen 
erfasste die übrigen Russen, sie flohen in das Lager zurück und 
zc^en ab. Knut Posse hatte offenbar im geeigneten Moment eine 
Palvermine auffliegen lassen, was damals noch ein ganz neues 
Kri^akunatstück war ; der vielgefeierte Knut Posse galt von da ab 
für einen mächtigen Zauberer, und die Wiborger Hessen es sich 
nicht nehmen, dass sie während des Knalles das heilige Andreas- 
kreuz am Himmel gesehen, das strahlend die Stadt beschützte. 

Der „Wiborger Knall" rettete damals ganz Finnland vor 
einer russischen Invasion. Von Schweden war wie gewöhnlich ver- 
gebens Hilfe erbeten worden, man hatte dort zur Rettung des be- 
drohten Landes nur grossartige Messen, Gebete und Fasten ange- 
ordnet. Noch einmal dankte Wiborg einem besonderen Glücksfall 
seine Rettung. Im Januar 1555,*) zur Zeit Gustav Wasa's, erschie- 
nen wieder die Russen vor der Stadt. Ihre Befehlshaber traten 
sammt Gefolge auf der zugefrorenen Revonhäntä-Bucht zu einer 
Bo^thong zusammen. Allein das Eis brach ein, so dass sie Alle 
»tranken, worauf die führerlosen Truppen abzogen. 

Im Jahre 17 10 *; musste Wiborg jedoch vor Peter dem Grossen 
kapituliren. Peter vereinigte das verhältnismäßig kleine karelische 
Gebiet administrativ mit Livland und Esthland, weshalb hier 
während der Russenherrschaft das Deutsche als Curialsprache ein- 
geführt wurde. Erst 1811, als dieser Theil Finnlands mit dem neuen 
Giossfürstenthum vereinigt wurde, trat wieder die schwedische 
AmtBsjvache in Kraft. In einigen Schulen erhielt sich jedoch die 
deutsche Unterrichtssprache bis zum Jahre 1841.^) 

Wiborg hat noch heute über 10 Procent Deutsclie. Es gibt 
daaelbst einen wohlhabenden deutschen Kaufmannsstand, der sich 
schon in den Zeiten der Hansa hier festsetzte. Die Stadt zählt jetzt 
ober 22.000 Einwohner ohne die gemischte Garnison. *) Die Häuser 
and fast durchwegs aus Stein, und überall sind Bäume gepflanzt, 
was recht freundlich aussieht. 

Eine Viertelstunde von Wiborg ist der herrliche Park von 
Monrepos. Die Finnen nennen die Anlagen „wanha Wiipurii" = 
AK- Wiborg, weil der Sage zufolge die Stadt einst hier stand. Das 

*) Yriö Koskinen: „Finnische Geschichte". S. 124. 
•) Yriö Koakinen: „Finnische Geschichte". S. 324. 
*) „Finland im 19. Jahrhundert*. 8. 196. 
♦) «Finland im 19 Jahrhundert". S. 40. 



240 

Schloss von Monrepos gehört der freiherrlichen Familie von Ni- 
colai, deren Begründer aus Strassbnrg stammte, von wo er als Er- 
zieher des nachmaligen Kaisers Paul nach Kussland berufen wurde. 
Die Besichtigung des Parkes ist gegen ein kleines Eintrittsgeld zu 
Gunsten der Armen Jedermann gestattet. Es ist geradezu ein nor- 
disches Paradies. Der stete Wechsel von Wasser und Land, von 
dunklen Tannenwäldchen und lichten Eichenhainen, von Beiden 
und Thälem, Inseln und Landzungen ist einzig in seiner Art. Von 
den vielen Statuen im Park ist am schönsten das von Takanen 
geschaffene Standbild Wäinämöinen's. In einer herrlichen meer- 
umspdlten Felsennische, deren Wände von Fichten gekrönt sind, 
sitzt auf einen hohen Felsblock Wäinämöinen. Er öffnet die Lippen 
zum Gesang, seine Linke ist himmelwärts erhoben, mit der Rechten 
spielt er die Kantele. 

Manche werden wohl fragen: „Wer ist Wäinämöinen, und 
was ist die Kantele?" Wäinämöinen ist der Orpheus des Nordens, 
der Hauptheld des berühmten finnischen Kalevala-Epos. Er erfand 
auch der Sage nach die Kantele, ein zitherähnliches Instrument, 
auf dem er seine Zaübergesänge begleitete. Das erste Exemplar 
verfertigte er aus dem Kiefer eines grossen Hechtes, dessen Zähne 
verwendete er als Schrauben, und die Saiten entnahm er der 
Mähne eines Pferdes. Schon auf dieser primitiven Kantele spielte 
er so bezauberndj dass Menschen und Thiere, ja sogar Gottheiten 
entzückt lauschten und zu Thränen gerührt wurden. 

Im Museum zu Helsingfors sieht man einige Hunderte alter 
Kantelen. Nur im äussersten Osten an der russischen Grenze findet 
man noch zuweilen ßunensänger, welche solche flinfsaitige Kan- 
telen besitzen und auch darauf spielen können. Die jetzigen neuen 
Kantelen haben entweder 24 Saiten und werden wie Zither ge- 
spielt, oder sie haben nur eine Saite und werden mit dem Bogen 
gestrichen. 

Das nächste Reiseziel von Wiborg aus ist gewöhnlich der 
Imatrafall. Seit 1892 führt die Bahn dahin, doch ist der Weg 
durch den Saimacanal ungleich lohnender. Die Fahrt ist noch 
schöner als jene auf dem berühmten Gotha- und Dalslandcanal in 
Schweden. Die Anlage kostete 12 Millionen finnische Mark, un- 
gefähr 5 Millionen Gulden. 28 Schleussen heben die Schiffe auf das 
um 78 Meter höhere Niveau des Saimasces. Die Passagiere können 
jedoch mehrmals auf weiter vorne stehende Dampfer umsteigen, 
wobei stets Träger für das Gepäck zur Stelle sind. Die Trace 



247 

fÄhrt mehrfach durch Seen, nur die letzte Strecke musste durch 
Granitfelsen gesprengt werden. Hier ist die Gegend geradezu wild- 
romantisch. Für den Handel ist diese Wasserstrasse von unermess- 
liehem Werte. Auch ausländische, insbesondere deutsche Dampfer 
&hren von hier bis Kuopio hinauf, kleinere sogar bis Idensalmi. 
Die Seen sind gewöhnlich noch Anfangs November fahrbar, erst 
dann frieren sie zu, worauf die Eisdecke erst Ende April wieder 
sebmilzt Das Meer friert noch später zu, thaut aber auch um meh- 
rere Wochen später auf. Im Innern des Landes wird es früher 
Winter, dafür grünt es aber dort bereits, wenn oft noch die 
Meeresküsten von Eis umstarrt sind. Trotzdem steht die Durchschnitts- 
temperatur des Binnenlandes um 2® Celsius*) hinter jener der 
Küste zurück. Von Süd nach Nord sind die Temperaturunter- 
achiede natürlich noch viel grösser, doch ist das Klima im Ganzen 
als ein verhältnismäßig mildes zu bezeichnen. Nur Schweden und 
Norwegen haben bei gleichen Breitegraden eine um 1 — 2 Grad 
höhere Darchschnittstemperatur. ^) Helsingfors hat in normalen 
Wintern 6 — 7^ Kälte. Allerdings gibt es innerhalb eines Jahr- 
xehnts manchmal 30^ Kälte. Das etwas nördlichere Abo ist durch- 
wegs um einen halben Grad wärmer, oft auch mehr. Bei Uleäborg 
gibt es im Januar und Februar gewöhnlich IV Kälte, *) in TomeS, 
—12^*) Die grösste Kälte, die einmal ausnahmsweise im Norden 
beobachtet wurde, war — 48® C. ^) Die Durchschnittswärme des 
Jnli ist dagegen im äussersten Norden wie im Süden gleich, 
nämlich 17® C. Im Innern Südfinnlands gibt es aber im Sommer 
eventuell auch 30® Wärme. 

Unweit der Mündung des Canals in den Saimasee liegt das kleine 
Städtchen Willmanstrand. Es ist jetzt ein von Petersburgern viel 
besuchter Badeort, doch sind die Häuser fast durchwegs nur von 
Holz. Hier ist das finnländische Dragonerregiment in ständiger 
(^ramison, ausserdem werden hier alle 3 Jahre sämmtliche Landes- 
truppen zu Manövern concentrirt. 

Da Alexander III, öfter zu den Manövern hieherkam, ward 
Ör den Hof eine Sommerwohnung eingerichtet. 

Die Friedensstärke des finnländischen Heeres beträgt nur 
5600 Mann. ^) Es ist zwar die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, 

"} j^FiiiJand im 19. Jahrhundert". S. 17. 

*) n. ') K. E. F. Ignatius: „Le Grand Duche do Finlandc". S. 10. und 11. 

*) u. 5) „Finland im 19. Jahrhundert". S. 18. 

') sHüland im 19. Jahrhundert". S. 138. 



^^pp 



248 



aber die Leute werden gewöhnlich nur zum Dienst in der Reserve 
herangezogen, welche ungefähr unserer Ersatzreserve entspricht. 
Die Leute werden drei Sommer hindurch für je 30 Tage zu 
Uebungen einberufen. Dann bleibt der Finnländer noch bis zu 
seinem 40. Lebensjahr in der Landwehr eingeschrieben, welche 
ungefähr mit unserem Landsturm identisch ist. Zum Status der 
Reserve gehören 27.000 Mann, zur Landwehr 60.000. Letztere 
darf aber nur zur Vertheidigung der Landesgrenzen verwendet 
werden, während sich die übrigen finnländischen Truppen im 
Eiiegsfall den russischen anschliessen müssen. Im Frieden haben 
jedoch die ständigen. Truppen das Vorrecht, nur in Finnland zu 
garnisoniren. Unter Alexander IIL waren zuletzt einige Regi- 
menter zwangsweise nach Russland versetzt worden, was sehr er- 
bitterte. Die finnländischen Gardeofficiere lassen an Selbstbewusst- 
sein nichts zu wünschen übrig, gleich den russischen Gardeoffi- 
cieren grüssen sie nicht die Officiere der gewöhnlichen russischen 
Linientruppen. Wegen der geringen Stärke des finnländischen 
Heeres sind in allen wichtigen Plätzen grosse russische Besatzun- 
gen. Damit ist beiden Theilen gedient: Die Finnländer sind froh, 
dass sie nur spärlich zum Militärdienst herangezogen werden, und 
die Russen freuen sich des Vorwands, das Land mit ihren Truppen 
zu besetzen. 

Die Imatrapassagiere verlassen den Canaldampfer gewöhnlich 
schon bei der Station Lauritsala, von wo die Fahrt zu Wagen 
durch dichten Laubwald geht. Schon 11 km weit vom Imatra 
hört man dessen Brausen, es ist wie das Nahen eines rasenden 
Sturmes. Steht man dann endlich auf der Brücke ober dem 
tosenden Falle, so ist man buchstäblich sprachlos, denn die mensch- 
liche Stimme verhallt lautlos in dem Donnergetöse. Der Imatra 
ist kein senkrechter Absturz, sondern nur eine schräge Strom- 
schnelle, aber durch die enormen Wassermassen, die sich da hinab- 
pressen, ist es eines der grossartigsten Naturschauspiele seiner Art. 
Das Flussbett des Wuoksen verengt sich hier plötzlich von 338 m 
auf 41 w, ^) und der Strom fällt auf einer Strecke von 855 m 19 w 
tief hinab. Sehr interessant sind überdies am Uferrand die vom 
Wasser ausgehöhlten Riesentöpfe. Die schönen Waldungen zu 
beiden Seiten sind zum Glück vom Staat angekauft worden, sonst 
hätten sich hier schon industrielle Etablissements angesiedelt 



*) „Finland im 19. Jahrlmndort". llelsingfors 1894. S. 42. 



249 

Weiter unten, wo der Wuoksen noch einen schönen Doppelfall 
bildet, muss er schon eine Holzschleiferei treiben. 

In der Nähe des Imatra gibt es zwar keine Ortschaft, aber 
daf&r eine förmliche Hotelcolonie. Viel ruhiger ist es jedoch 7 km 
weit von hier in der neuen Hotelpension Rauha am Saimasee, wo 
man Hunderte von Ausflügen zur Auswahl hat. Der Saima ist 
so dicht mit Inseln besät, dass man fast nirgends eine grössere 
Wasserfläche sieht. Zahlreiche Dampfer vermitteln jetzt den Ver- 
kehr auf den Seen, doch gibt es immer noch abgelegene Buchten 
und Inseb, deren Bewohner am Sonntag im Boot zur Kirche 
fahren müssen. Ein solches Eirchenboot fasst bis zu 100 Personen 
and ist der Stolz der ganzen Gemeinde. Es ist ein schöner An- 
blick, wenn an einem Sonntagsmorgen die Boote aus den verschie- 
denen Buchten hervorkommen Es wird dann immer um die Wette 
gerudert, und die Schnelligkeit eines solchen von zumeist mehr als 
50 Ruderern getriebenen Fahrzeugs kommt jener der Dampfer 
gleich. Die Leute opfern vorher oft Hunderte von Eiern, um mit 
dem Klaren die Aussenseite des Bootes zu bestreichen. Hiedurch 
vermindert sich die Reibung auf dem Wasser, und die Fahrzeuge 
sehiessen pfeilschnell dahin. 

Unweit der Pension Rauha ist das Kirchspiel Ruokolaks mit 
einem alten Qlockenthurm, der an die Stavekirken Norwegens 
erinnert. Noch interessanter ist ein Ausflug nach dem Linnavuori, 
zu deutsch „Burgberg". Es ist dies ein während der Eiszeit glatt 
gesehllffener Qranitberg, der sich ungefähr 300 Fuss über den 
Saimasee erhebt. Er kann nur von der Landseite erstiegen werden, 
und dort ist oben eine 150 m lange stellenweise mannshohe Mauer 
aus übereinandergethürmten Schiefersteinblöcken. Dies stellt eine 
Naturfeatung aus grauer Vorzeit dar, wie sie sich im Lande noch 
an mehreren Punkten finden. Hieher brachten die heidnischen 
Finnen in aller Eile ihre Familien und ihr Vieh, wenn feindliche 
Sehaaren sich nahten. 

Am meisten gepriesen wird jedoch ob seiner landschaftlichen 
Schönheit der Punkaharju. Es ist dies eine 6 km lange Insel, 
welche die Wasser des Saima von jenen des Puruvesi trennt. Wie 
ein Rückgrat hebt sich der lange schmale Bergrücken aus dem 
Wasser. Hoher, stämmiger Kiefernwald bedeckt den Abhang auf 
beiden Seiten, während oben eine schmale Strasse im Schatten 
der Bäume dahinführt. Der Rücken ist stellenweise so schmal 
wie die Strasse, und das ausserordentlich Schöne dabei ist, dass 



250 

man zwischen den Bäumen bindarcfa gleichzeitig beide Seen sieht 
Der Ponkaharju senkt sich von Nord nach Süd. In seinem obem 
Theile ist der Wald dichter, mehrere Landzungen springen hier 
Tor, und unweit des Runeberghügels steht ein kleines Hotel. Die 
Insel wurde vom Staat angekauft, um dieses landschaftliche Kleinod 
vor der Axt zu schützen. 

Eine zweistündige Dampferfahrt bringt den Reisenden von 
hier nach Nyslott. Es ist ein kleines Inselstädtchen von 1600 Ein- 
wohnern. Das Schönste daran ist die Olofsburg, der Stolz des 
Saima« Drei ungeheure, durch mächtige Bastionen verbundene 
runde Thürme lugen weit über Wasser und Land. Die Burg 
wurde 1475 zum Schutze gegen die Einfalle der Russen erbaut, 
deren Grenze nach dem Frieden von Orechowetz sich gerade hier 
gegenüber befand. Im Jahre 1742 zerstörten die Russen zwei 
Thürme, früher waren deren fünf. Die Olofsburg ist das am 
besten erhaltene mittelalterliche Bauwerk ganz Finnlands, ihre 
Mauern sind von solcher Dicke, dass sie wohl noch ein Jahrtausend 
dem Zahne der Zeit trotzen werden. 

Die Durchfahrt zwischen der Olofsburg und der gegenüber- 
liegenden Rieseninsel ist so schmal wie ein Fluss. Es ist die 
Verbindungsstrasse der Gewässer des Saima mit jenen des Hauki- 
vesi. Vesi heisst auf finnisch Wasser; See heisst eigentlich 
„ Järvi"; aber um Abwechslung in die Benennung der vielen Wasser- 
flächen zu bringen, werden auch manche „Vesi** genannt oder 
„Träsk", was Sumpf bedeutet. Einige fähren sogar die Bezeichnung 
„Selkä^, obwohl dies Rücken heisst. 

Von Nyslott fährt man in 12 Stunden mit dem Dampfer 
nach dem nördlich gelegenen Kuopio. Von Läppäwirta angefangen 
wird die Gegend wildromantisch. Man kommt durch ein Defilee, 
das etwas an das Eiserne Thor der Donau erinnert, nur hat hier oben 
Alles viel bescheidenere Dimensionen. Ueberall ragen mächtige 
Felsblöcke aus dem Wasser, die Strömung ist reissend, es muss hier 
mit grösster Vorsicht gesteuert werden. Dann verbreitert sich das 
Fahrwasser wieder, man gelangt in den grossen See Elallawesi. 
Da liegt Kuopio auf einer Halbinsel, im Hintergrunde steigt die 
Stadt terrassenförmig an, und darüber erhebt sich der bewaldete 
Pujoberg, die erste etwas bedeutendere Anhöhe. Die Wohnhäuser 
sind allerdings zumeist nur aus Holz und wie in Schweden roth 
angestrichen, allein die schnurgeraden Strassen sind peinlich sauber. 
Auf einer zweiten Halbinsel, welche von Kuopio abzweigt, breitet 



251 

sich ein rings von Wasser umfluteter Park aus. Da hier auch 
die wohlhabende Bürgerclasse durchwegs aus Finnen besteht, gibt 
es hier kein schwedisches, sondern nur ein finnisches Theater. 

Die Aussicht vom Pujoberge ist geradezu entzückend. Nach 
drei Seiten zu sieht man, so weit das Auge reicht, inselbesäete 
Wasserflächen. Man überblickt ungefähr 150 Inseln, welche alle 
mit Bäumen bestanden sind, so dass sie wie grosse Bosquets aus 
dem Wasser ragen. Nur nach Norden zu sieht man Land. Da 
ist Alles mit dunklem Wald bedeckt, und in der Ferne schimmern 
blaagetönte Berge. Hinter denselben liegt das Bergstädtchen 
KAJana mit seiner zerstörten Burg, in welcher der schwedische 
Geschichtsschreiber Messenius 20 Jahre lang gefangen sass. 

Die Rundsicht ist am schönsten des Abends, denn sonst stört 
das Bild der allerwärts aufsteigende Rauch des geschwendeten 
Bodens. Nirgends sonst in der Welt wird in so vandalischer 
W^e mit den Waldbeständen gewirtschaftet wie in Finnland. 
Von grauer Vorzeit her, wo hier noch Alles mit Wald bedeckt 
war, hat sich bei den Finnen die Anschauung festgesetzt, dass 
Bäume nur im Wege stehen und ausgerodet werden müssen, um 
Raum für Felder zu schaffen. Noch heute werden zu diesem 
Zwecke ganze Waldstrecken umgehauen, worauf man das Holz 
ein Jahr lang trocknen lässt, um es dann anzuzünden ! Die Asche 
soll als Dünger für den Boden dienen, damit er eine bessere Ernte 
liefere. Durch diese Schwendungen ist bereits ein grosser Theil 
der Wälder an der Küste und in Savolaks zerstört worden. Nur der 
geringen Dichtigkeit der Bevölkerung, sowie der Unermesslichkeit 
der Wälder ist es zu danken, dass noch nicht Alles kahl ge- 
schoren ist. In neuerer Zeit ist den Finnen endlich klar geworden, 
dass das Holz wertvoller ist als der gewonnene Ackerboden, aber 
die Wälder befinden sich darum nicht besser. Jetzt kommen Holz- 
hindler und kaufen ganze Waldstrecken zu Spottpreisen. Unter 
100.000 Stämmen wird nicht gekauft. Die Axt des Holzhauers 
arbeitet dann den ganzen Winter hindurch, die Stämme müssen 
vor dem Frtlhjahr an die Wasserläufe gebracht werden. Darauf 
beginnt die mühsame, oft lebensgefährliche Arbeit des Flössers. 
Die Stämme werden zu 1000, ja 3000 zu Flössen zusammenge- 
bunden, die dann auf den Seen von Dampfern remorquirt werden. 
Auf den Flüssen treibt das Holz dagegen frei mit der Strömung. 
Monate hindurch lebt der Flösser in seiner Hütte auf dem Floss. 
Oft reisst es der Sturm entzwei, oder die Stämme stauen sich am 

MHih. d. k. k. Oeogr. Gm. 1898. 3 n. 4. 17 



■ H Hpi l J 



252 

Ufer; dann müssen die Flüchtlinge wieder eingesammelt und in 
den richtigen Curs zurückgetrieben werden. Es dauert gewöhnlich 
ein Jahr, bis der gefällte Stamm die Sägemühle erreicht. 

In jeder Stadt gibt es solche Sägewerke und Holzschneide- 
mühlen, die zahlreichsten und grossartigsten sind jedoch in Björne- 
borg und Kotka. Dort werden nicht nur Fenster und Thüren, 
«ondern ganze Häuser fabriksweise erzeugt. Kotka feiert jeden 
Sommer ein Fest, wenn die erste Million herabgeflösster Stämme 
voll ist. Ausser in den Städten gibt es noch 350 Sagemühlen^) 
im Lande verstreut, wo sie tiberall die Wasserfalle verunzieren. 

Im Oesterbotten werden die Waldungen zur Theergewinnung 
vernichtet. Uleäborg hat den grössten Theerexport in ganz 
Europa. Ausserdem "v^erden alljährlich ungeheure Quantitäten 
Brennholz nach Petersburg, Stockholm, ja selbst nach Deutschland 
ausgeführt. Auch sonst werden die Wälder noch zu den ver- 
schiedensten Zwecken geplündert, so selbstverständlich zu Weih- 
nachten, wo Jeder seinen Tannenbaum haben will. Bei einer 
Bauernhochzeit muss immer der ganze Hof mit jungen Birken 
geschmückt sein, und am 21. Juni, dem Mittsommertag, leuchten 
zu Tausenden die Johannisfeuer, hier Kokko genannt. Man ent- 
zündet sie auf den Höhen, sowie auch auf dem Wasser, und ihr 
Anblick ist prachtvoll. In manchen Gegenden flammen sie auch 
in der Pfingstnacht, so dass recht viel Holz durch die Kokkos 
aufgeht. 

Nicht genug damit, wtithen noch häufig Waldbrände, welche 
durch unvorsichtiges Kochen im Walde oder durch Nachlässigkeit 
beim Schwenden entstehen. Dann werden oft vergeblich Gräben 
gezogen, das Flammenmeer eilt unaufhaltsam weiter, so manchen 
Bauernhof sammt Scheunen und Ernte verschlingend. Erst aus- 
giebige Regengüsse löschen endlich den Brand. Die hilfreiche Nator 
macht auch den angerichteten Schaden wieder gut. Ihre SchaflFens- 
kraft ist hier so gross, dass schon in wenigen Jahren die verkohlte 
Fläche wieder mit einem lichten jungen Birkenwalde bedeckt ist. 
Nur so erklärt es sich, dass noch immer 64^/o des Landes mit 
Wald bestanden sind. Zum Glück sind auch 14,275.185 Hektar 
Wald Staatseigenthum, -) welcher Besitz noch stetig vermehrt wird. 

Am Pujoberg ist ein neu gepflanzter Tannenwald so rasch 
emporgeschossen, dass seine Kronen schon den Aussichtsthurm er- 

*) „Knland im 19. Jahrhundert". Helsingfors 1894. S. 163. 
^) „rinland im 19. Jahrhundert*. S. 62. 




253 

mclieii. Ebenso rasch fast blühte auch Kuopio auf. Zu Gustav 
Wasa's Zeiten war hier noch eine voll ige Wildnis. Ein Jahrhundert 
s^^ter stand hier schon ein Kirchspiel, 1782 ^) erhielt Kuopio 
Stadtrecbte. Jetzt zählt die Stadt 10.000 Einwohner, in ihrem 
Hafen ist stets eine ganze Flotte von Dampfern versammelt, darunter 
auch oft aosländiäche. 

Früher gab es Hchr strenge Unterschiede zwischen Stapel- 
stadt nnd Binoeostadtj zwischen Gros.shandel und Kleinhandel, zu 
Lande durfte gar kein Handel getrieKm werden. Diese Verord- 
nungen stammten Doch aus der Schwedenzeit, wo man allen Handel 
Dach Stockholm lenken wollte. Nur in den sogenannten Stapel- 
gtiidten durften ausländische Schiffe anlegen. Solche Plätze waren 
Abo und Wiborg, zeitweilig auch Helsingfors und Borga. Die 
Städte Oesterbottena durften ihre Waaren nur nach Stockholm 
und Äbo ausfuhren. Der Landhaiidel war insbesondere von Gustav 
Wasa strenge verboten worden^ weil er behauptetCj dass die Finnen 
fremdes Geld nicht umzurechnen verstünden und tiberhaupt nicht 
Kühlen könnten. Erst 1879 ^) erschien eine neue Gewerbeordnung, 
welche mit diesen Beschränkungen gründlich aufräumte. 

Knopio ist die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements. 
Die jetzige Eintheilung in 8 Gourernements stammt jedoch erst 
AUS dem Jahre 1834. Früher war Finnland in 9 Landschaften 
oder Läne eingetheilt. Es waren dies das ;, Eigentliche Finnland" 
Alandj Nyland, Satakunta, Tawastland, Rawolaks, Karelienj Oester- 
botten und Lappmarken* Das ..Eigentliche Finnland", sowie Sata- 
knnta, Tawastland und Karelien waren Herzogthümer, die übrigen 
Läoe Grafschaften, Von allen diesen Namen ist nur jener von 
Nyland, Xeuland, beibehalten worden. Die Lappmark ist jetzt 
mit einem Theilc von Oesterbotten zum Gouvernement Uleäborg 

e o 

vereinigt; Aland gehcJrt zum Gouvernement Abo, das früher das 
jyEigentliche Finnland^ hiesSj weil Anfangs nur das zuerst eroberte 
Gebiet so genannt wurde. Das übrige Land jenseits des Meeres 
w^rde von den Schweden einfach als Ostland, Oesterland, be- 
zeichnet; was sieh noch in „Estbland" erhalten hat. Es dauerte 
&Ät 6 Jahrhunderte, bis der Name Finnland auf das ganze Gebiet 
überging. Die Finnen nennen ihr Land Suomenmaa. Suomi heisst 
Moor oder Morast, und Maa heisst Land. Sich selbst nennen die 
Finnen: Suomaläiaet Auch die Bezeichnung „Finnland" soll auf 

*) .FinJand i Bilder", Veriag- toq Wontzol Hagelstam. Helsingfors. 
»j ^Fmliiad im 19, Jahrhundert*. lIel3Jn;L,^i'ors 1804. S. 170. 

17* 



254 

die Bodenbeschaffenheit Bezug haben. Es ist von Fenn abgeleitet, 
einem keltischen Wort, womit man noch heute in Irland und 
Schottland die Moore bezeichnet. Das Volk der „Fenni" wird 
zum ersten Mal im Tacitus erwähnt und dann noch später in der 
Erdbeschreibung des Ptolemäus, ungefähr 170 n. Chr. Beide 
Autoren bezeichnen die Weichselgegend als Wohnsitz der Finnen, 
doch waren die geographischen Kenntnisse über den Norden 
Europas damals so mangelhaft, dass man Schweden für eine grosse 
Insel hielt und das Bottnische Meer für eine Bucht des nördlichen 
Eismeeres. 

Der zäh am Althergebrachten festhaltende Finnländer nennt 
die Läne immer noch mit ihren alten historischen Namen, für ihn 
bleibt Kuopio daher stets die Hauptstadt von Sawolaks. Hier ist 
ein Knotenpunkt für zahlreiche Touristenrouten, weshalb auch für 
gute Hotels gesorgt ist. Aber auch im Winter ist es in Kuopio 
sehr lebhaft. Am 15. Januar wird alljährlich eine grosse Messe 
abgehalten, zu welcher K^ufleute aus Petersburg, Moskau, Archan- 
gel, sowie auch aus Norwegen und ganz Finnland eintreffen. Es 
findet dann auch ein grosser Pferdemarkt statt, und auf dem Eise 
werden Trabrennen veranstaltet. Dieser Trabersport auf dem Eise 
ist eine Specialität Finnlands, auch in Helsingfors gibt es solche 
Trabrennen mit Sulky-Schlitten. Das finnländische Pferd ist 
grosser Veredelung fähig, die Traber sind berühmt und werden 
bis zu 5000 Mark bezahlt. 

Kuopio war der nördlichste Punkt meines Vordringens in 
Finnland. So sah ich denn nicht Kajana mit dem nahen dunklen 
üleäsee. Von dort fahren die Touristen mit den Theerbooten den 
Uleafluss hinunter bis Uleäborg. Eine solche Forsfahrt gehört zu 
den interessantesten Eigenthümlichkeiten des Landes, man saust 
dabei mit Eilzugsgeschwindigkeit durch die Stromschnellen hinab. 
Ich aber benützte von Kuopio die Bahn zur Rückfahrt, denn ich 
wollte noch nach dem Ladogasee. 

Die sogenannte Karelische Bahn führt von Wiborg direct bis 
Sordavala am Nordufer des Ladoga. Das Städtchen zählt nur^) 
1400 Einwohner, ist aber der Ausgangspunkt für viele der herr- 
lichsten Ausflüge. Die Ufer des Ladoga, welche im Süden flach 
und sandig sind, erheben sich an der Nordseite in stallen Fels- 
wänden aus den Fluten. Von den Bergen der Insel Kamesaari 



') „rinland im 19. Jahrhundert". S. 42. 



255 

bt man eine geradezu prachtvolle Aussicht auf den See. Er bietet 
vollkommen den Anblick eines offenen Meeres, seine Anwohner 
nennen ihn auch stets nur das Meer. Sein Flächeninhalt beträgt 
18129 km^, ^) ungefähr das 19fache des Genfersees. In den 
Laloga münden 70 Flüsse, darunter der Swir, welcher der Abfluss 
ies Onegasees ist. Bis gegen das Jahr 1500 soll der Ladoga 
der Newasee*) geheissen haben, dann erst wurde der Name der 
an seinem Südufer blühenden Stadt Ladoga auf ihn übertragen. 

Bei klarem Wetter entdeckt man am Horizont einen dunklen 
Streifen, von dem zuweilen ein Windhauch Glockengeläute über 
die Seefläche herüberträgt. Es ist das luselkloster von Walamo, 
das der Sage nach vor 900 Jahren gegründet wurde. Die Pracht 
der vergoldeten Kuppeln lässt schon von weitem die kostbare Aus- 
schmückung der Kirchen ahnen. Auch die Gärten sind eine 
Sehenswürdigkeit. Ein zweites griechisch-orthodoxes Inselkloster 
ist Konevits. Hier ist eine silberne Statue des heiligen Arsinius, der 
dieses Kloster 1392 *) gegründet hat. Sowohl Walamo wie Konevits 
sind Zweigniederlassungen des grossen Mönchsitzes vom Berge Athos. 
Sie waren die Hauptstützen des griechisch-orthodoxen Glaubens 
im Norden und wurden mehrmals von dea Schweden erstürmt. 

Geologisch interessanter ist das kleine Felseneiland Pyhäsaari. 
Ea hegt weit draussen im ofifenen Ladoga, ungefähr 8 km von 
Walamo entfernt. Die mit dichtem Tannenwald bestandene Fels- 
maase erhebt sich gleich einer Festung aus den Fluten. Das 
Merkwürdige daran ist eine schmale Terrasse, welche sich in 
halber Höhe wie ein Reif rings um die Insel zieht. Oberhalb 
dieses von der Natur geschaflfenen Felsenpfades thürmen sich die 
oberen Felsmassen geradezu mauerartig empor. Auch hier hausen 
Mönche und führen den Fremden zu der Grotte, in welcher einst 
ein Eremit gehaust. 

Recht hübsch gelegen ist auch Kexholm, auf finnisch Käki- 
«Imi genannt. Die Ufer sind hier zwar schon sehr niedrig, aber 
die Stadt liegt malerisch auf zwei Inseln an der Mündung des 
Wuchsen. Der Ort verdankt seine Entstehung dem einst ergiebigen 
Lachs£Ginge, seit aber der Wuoksen die Landenge bei Suvanto 
durchbrach, waren die Lachse so klug, diesen neuen Weg zu wählen, 



*) Meyer's Conv.-Lexicon 1896. In „Finland im 19. Jh." ist der Flächen- 
inhalt des Ladoga-Sees mit 1600 km*" falsch angegeben. 

') u. *) Yriö Koskinen: „Finnische Geschichte^. S. 109. 



256 

wodurch die Stadt an Bedeutung verlor. Sie zählt kaum 1200 
Einwohner. *) Von der einst berühmten Festung sieht man nur noch 
einige graue Mauern und einen recht hässlichen niedrigen Thurm. 
Um keinen Platz war so gekämpft worden wie um diesen. Hier 
stand die sagenhafte heidnische Burg Korela, *) welche Torkel 
Knutssons Unterbefehlshaber 1294 eroberte. Die Festung war aber 
ursprünglich nur aus Holz, erst 1580 führten die Schweden 
Festungswerke von Stein auf, hatten aber dafür 30 Jahre später 
um so mehr Mühe, den Platz wieder zu erstürmen. 

Die Anwohner dieser Gegenden hatten nicht nur von den 
fortwährenden Kriegsdrangsalen zu leiden, sondern mussten auch 
stets religiöse Bedrückungen erdulden. So oft die Russen sich des 
Gebiets bemächtigten, musste die Bevölkerung den griechisch- 
orthodoxen Glauben annehmen, wenn die Schweden hier herrschten, 
ward Alles zum Protestantismus bekehrt. Unter Gustav Adolph 
ward auf den Uebertritt zum griechisch-orthodoxen Glauben die 
Todesstrafe gesetzt. Karl X. und Karl XI. gingen noch strenger 
vor, über 5000 Familien ^) mussten ihres Glaubens wegen nach 
Bussland auswandern. Aus jener Zeit gewaltsamer Lutherisirung 
erhielten sich einige Gesetze bis in dieses Jahrhundert hinein. Erst 
seit 1889*) dürfen auch Katholiken und Orthodoxe in den Staats- 
dienst treten. Juden ist noch heute die Ansiedlung in Finnland 
untersagt, doch entstand bei Helsingfors eine kleine jüdische Co- 
lonie, indem ausgediente russische Soldaten mosaischen Glauben» 
trotzdem die Erlaubnis erhielten, sich mit ihren Familien dort 
niederzulassen. 

In Folge all dieser Drangsale ist Kardien der ärmste Theil 
des Landes geworden, nachdem es vorher wahrscheinlich der 
reichste war, denn sein finnischer Name Karjala, von „Karja"- 
„Rind" abgeleitet, bedeutet Rinderland. Die Anwohner des La- 
doga leben fast ausschliesslich vom Fischfang und Handel. Durch 
die Canalanlagen des russischen Reiches können Schiffe vom Hafen 
von Sordavala am Nordufer des Ladoga bis in das Kaspische 
Meer fahren. Sollte jedoch das Project zur Ausführung kommen, 
den Amu-Darja von seiner Mündung in den Aralsee in das alte 
Oxusbett zurückzulenken, dann gäbe es eine Wasserstrasse von 
Sordavala bis in das Pamirgebiet! 

1) „Finland im 19. Jahrhunderte S. 42. 

') u. ^) „Finnische Geschichte von Yriö Koskinen". 

*) „Finland im 19. Jahrhundert. S. 126". 



257 

. Die Bahn führt von Sordavala noch nördlich bis Joensuu. 
Es ist dies die zweitgrösste Stadt Kareliens, obwohl sie nur 3000 
Einwohner zählt. Ihre Lage an den Ufern des Sees Pyhäselkä ist 
wenig malerisch^ da die Gegend zu flach ist. Durch den hier mün- 
denden Pielisfluss gelangt man jedoch in den nahen Centralsee 
Piehsjärvi, dessen Südufer von einem ansehnlichen Höhenzuge be- 
grenzt wird. Die Aussicht vom bewaldeten Gipfel des Kolibergs 
gilt für eine der schönsten ganz Finnlands. 

Die Bahn nach Joensuu ward aber nicht der Bequemlichkeit 
der Touristen wegen angelegt, sondern um jenen entlegenen Ge- 
genden im Falle einer Missernte rasch Lebensmittel zuführen zu 
können. Kein Land Europas ist von so verheerenden Hungers- 
nöthen heimgesucht worden wie Finnland. Die furchbarste davon 
war 1697. ^) Es hatte damals zwei schlechte Jahre nacheinander 
gegeben mit langen, strengen Wintern und kühlen, regnerischen 
Sommern. Man buk Brot aus Baumrinde und Stroh, selbst Edel- 
lente, Geistliche und Beamte nährten sich von Baumrinde und 
Moos. Begüterte verzehrten anfangs ihr Vieh, dann griff man zu 
Pferde-, Hunde- und Katzenfleisch, zuletzt zu verendetem Vieh, ja 
»cgar menschliche Leichen wurden gegessen. Eltern verzehrten die 
Leichen ihrer Kinder und Kinder ihre verstorbenen Eltern. Schatten- 
ähnlichen Gespenstern gleich wankten die Menschen im Lande 
umher, vergeblich Nahrung suchend. Ihre Augen waren erloschen, 
ihre Haut bis zur Unkenntlichkeit geschwärzt, die Leute fielen 
todt nieder, wo es sich eben traf, und man scharrte sie zu Hun- 
derten in Gruben. Ueber 100.000 Menschen — ein Siebentel der 
damaligen Bevölkerung — erlagen dem Hunger. Das Land hätte viele 
Jahrzente gebraucht, um sich von diesem Verlust zu erholen, statt 
dessen kam nun Karl XH. mit seinen kopflosen Kriegen, die über 
Finnland noch grösseres Verderben brachten. Nach dem sogenann- 
ten „grossen Unfrieden" betrug 1722 die gesammte Bevölkerung 
Finnlands nur mehr 200.000 Seelen. 2) Der finnische Stamm war 
damals fast im Erlöschen. Aber schon 1809, als das Land unter 
die Czarenherrschaft kam, betrug die Einwohnerzahl über eine 
Million. Von da ab nahm die Bevölkerung rapid zu bis zum Jahre 
1S65, ^) wo sie 1,843.245 Seelen betrug. Aber dann gab es wieder 



*i Yriö Koskinen: „Finnische Geschichte". S. 299. 
*^, Yriö Koskinen: „Finnische Geschichte". S. 369. 
') K- E. F. Ignatius: „Le Grand Duche de Finlande'^. S. 23. 



258 

mehrere schlechte Jahre, so dass 1867 neuerdings eine furchtbare 
Hungersnoth ausbrach. Der knurrende Magen trieb damals viele Tau- 
sende auf die Landstrassen hinaus. Man liess das gefrorene Feld ver- 
wildern, die Hütten wurden verschlosseUj die ganze Familie zog aus, 
um zu betteln. Aber trotz des furchtbaren Hungers plünderten die 
Leute nirgends, vergriffen sich niemals an fremdem Gut. Ueberall, 
wo man etwas zu geben hatte, ward den Hilfesuchenden nach Mög- 
lichkeit beigesprungen, allein viele sanken vom Hunger entkräftet 
am Wege dahin. Wieder starben Tausende, und die Ueberleben- 
den waren so geschwächt, dass gleich darauf der Typhus eine 
reiche Ernte unter ihnen hielt. 

So kam es, dass die Einwohnerzahl im Jahre 1870 auf 
1,767.191 gesunken war, die Bevölkerung hatte sich somit um 
mehr als 76.000 Seelen vermindert. Aber schon 5 Jahre später 
betrug sie fast 2 Millionen, und Ende 1891 ^) zählte man in Finn- 
land 2,412.135 Einwohner. Nach der Statistik vom Jahre 1890 
hatten 2,048.500 Einwohner das Finnische, 322.600 das Schwe- 
dische als Muttersprache. Von den übrigen 9000 hatte ungefähr 
die Hälfte das Russische als Muttersprache, die Anderen zumeist 
das Deutsche, dann gibt es noch ungefähr 1000 Lappen und ebenso 
viele Zigeuner. 

Die Bevölkerung ist jedoch sehr ungleich vertheilt, im Süden 
kommen ungefähr 27 Einwohner auf den hn^, im Norden nur 2. 
Im russischen Gouvernement von Archangel kommt jedoch auf 
den km^ gar nur 1 Einwohner! 

Vor 3 Jahren gab es wieder eine sehr schlechte Ernte in 
Finnland^ aber in Folge der verbesserten Verkehrsanlagen kam es 
doch nicht so weit, dass die Leute wie früher Tannenrinde in das 
Mehl mischen mussten. Die Finnländer hoffen zuversichtlich, 
dass ihre Zahl am Ausgange des Jahrhunderts 2,700.000 erreicht 
haben wird. 

Merkwürdig ist die grosse Anzahl gewaltsamer Todesfälle in 
Finnland. Ueber ein halbes Tausend Menschen findet alljährlich 
seinen Tod durch Ertrinken. Die Fremden brauchen deshalb aber 
nicht zu fürchten, dass sie dort alle ins Wasser fallen müssten. 
Die meisten Unglücksfälle geschehen auf dem Eise. Besonders 
im Frühjahr, wenn es plötzlich thaut, werden oft ganze Familien 



*) „Finnland im 19. Jahrhundert". S. 142. 

») R. E. F. Ignatius: ^Le Grand Duche de Finlande". S. 34. 



259 

o 

auf dem Wege nach Aland sammt Schlitten und Pferden auf 
grossen Eisschollen ins Meer hinausgetrieben, und es ist nicht 
immer mögÜch^ sie zu retten. 

Der reichste Bauer ist jener von Oesterbotten, der Korn- 
kammer des Landes. Obwohl das Getreide den heimatlichen Bedarf 
nicht deckt, wird es doch vielfach ausgeführt, da es als Samen 
sehr gesucht ist. Es eignet sich dazu vorzüglich, weil es in ge- 
heizten Darren getrocknet wird, was aber nur in einem Lande 
möglich ist, wo es so reichlich Brennmaterial gibt. 

Weitaus am ärmsten ist der Karelier. Schon auf der Fahrt 
von Helsingfors nach Wiborg ßlllt es auf, dass von der Mittags- 
atation Käipiäis an die Bauernhäuser ohne Anstrich sind. Aber 
auch der karelische Bauer weist niemals einen Bettler von seiner 
Thür; und ebenso wie im übrigen Finnland besteht in Kardien 
der Brauch, dass unterstandslose Leute sich einfach ohne zu 
fragen auf Lebenszeit im nächsten Bauernhofe einquartiren. 

Trotz seiner Armut hat auch der Karelier bei seinem Gehöfte 
stets ein Badehaus. Seit grauer Vorzeit badet man in Finnland 
leideMchaftlich. Man nimmt Dampfbäder, welche auf primitive 
Art hergestellt werden. In jeder Badehütte ist ein grosser Ofen 
mit sehr mangelhaftem Rauchabzug. Heisses Wasser wird so lange 
luf die erhitzten Steine des Ofens gegossen, bis der ganze Raum 
von Wasserdampf erfüllt ist. Die Leute finden ein ausserordent- 
licbes Wohlbehagen am Einathmen dieses mit Rauch gemischten 
Dampfes. Sie klettern auf Gestelle hinauf, da oben der Dunst 
4m grössten ist. Die ganze Familie badet hier gemeinschaftlich, 
doch ist es in dem Baum so dunkel, dass man gar nichts sieht. 
Die Badenden hauen sich gegenseitig mit in Wasser geweichten 
Birkenruthen, bis der Körper das Aussehen rohen Fleisches be- 
kommt. Dies soll 80 zuträglich sein, dass die Leute gegen alle 
Tcmperaturwechsel ganz unempfindlich sind. Reisende erlebten 
tt, dass die Bauern aus der Badestube liefen, ohne sich anzuklei- 
den und bei einer Kälte von — 30^ frische Pferde vor den SchUtten 
•paanten. Die Leute gehen im Winter immer unbekleidet aus der 
Badestabe durch den Schnee in das Wohnhaus. Wer vielleicht 
Lust hat, sich in gleicher Weise abzuhärten, möge jedoch erfahren, 
da« in Finnland die Blindheit unter der Landbevölkerung auf- 
Wlend häufig ist, was man hauptsächlich diesen Badestuben zu- 
»chreibt 



260 

Ausser der Badestabe spielen noch zwei Dinge eine grosse 
Rolle im Leben des finnischen Bauers: die Mnäk und die Lite- 
ratur. Die alten Bunendichter sind nun wohl fast ausgestorben, 
aber dafär sind die Bauern jetzt unter die Novellisten gegangen. 
Mitte der siebziger Jahre bentitzte ein Bauer, der sich das Bein 
gebrocheu, die iinfireiwillige Müsse, um die Geschichte seines Lebens 
zu schreiben. Die Erzählung fand Beifall, und da er damit Geld 
Terdiente, entstand bald eine ganze Gilde bäuerlicher Schriftsteller. 
Tagsüber bearbeiten die Leute das Feld, des Abends und an Sonn- 
tagen greifen sie zur Feder. Ihre schlichten Erzählungen enthalten 
oft ausgezeichnete Schilderungen von Land und Leuten, und in 
allen findet sich die Lehre, dass der Mann seine Frau gut be- 
handeln mtlsse. 

Noch verbreiteter als das belletristische Talent ist die Gabe 
des Gesanges. Es traf sich glücklich, dass zwei so musikah'sch 
veranlagte Völker wie die Schweden und die Finnen hier mit ein- 
ander in Berührung kamen. Die Stadtbevölkerung wetteifert mit 
der ländlichen in der Pflege des Gesanges. In jedem grösseren 
Ort sind mehrere Gesangvereine, sowohl schwedische wie finnische. 
Im Jimi finden alljährlich grosse Musikfeste statt, dabei gibt es 
dann ein Wettsingen von oft mehr als 30 Chören. Im Jahre 1897 
gab es ein schwedisches Musikfest in Abo und ein finnisches in 
St. Michael am Saimasee. 

Das Volk singt am besten in Kardien. Wo immer sich 
einige Stimmen zusammenfinden, werden die Lieder vierstimmig 
arrangirt.' Wer eine der neuen Eantelen besitzt, begleitet den 
Gesang darauf, sonst wird a capella gesungen. Um einige Sprach - 
proben aus dem Finnischen zu geben, will ich einige Volkslieder 
hier nennen: ' 

„Des Verlassenen Klage.** „Hyljätyn valitus." 
^Einsam bin ich, wie die Taube am Strande." „Yksin mä 
ölen kum kyphkynen rannall." 

„Oh meine arme unglückliche Mutter, warum hast du mich 
geboren!" „Woi äiti, parka ja raukka, miks minua synnytti!" 

Die finnische Sprache ist sehr schwer zu erlernen, denn sie 
kennt zwar keinen Artikel, dafür aber 15 Kasus! Allerdings gibt 
es nur 5—6 Hauptkasus, auf deren Gebrauch sich die Sprache 
wohl einst beschränken wird. Das Ungarische, welches ebenfalls 
zum ural-altaischen Sprachstamm gehört, hat mit dem Finnischen 



261 

nur die SofHxe gemein, sonst sind die beiden Sprachen gaDz ver- 
schieden. . 

Der Reisende findet somit in Finnland sowohl Schönes als 
lach Fremdartiges. Die eigenthümlichen landschaftlichen Reize 
werden ihn ebenso fesseln wie die Bewohner und deren Lebens- 
wdse. Jedenfalls wird er das Kaiserwort bestätigt finden, daa 
Alexander I. bei der Besitznahme des Landes gesprochen: 

^Das finnische Volk ist jetzt in die Reihe der Nationen ge^ 
treten.** 



Monatsversammlung der k. k. Geographischen 
Gesellschaft in Wien am 28. December 1897. 

Der Vorsitzende, Präsident GM Christian Reichsritter von 
S t e e b, begrüsst vorerst den anwesenden Chef des Generalstabes Seine 
Excellenz FZM Fr. Freiherm von Beck und theilt dann mit, dass der Vor- 
trag des Herrn Universitätsprofessors Dr. Alex. Kubiczek am 7. Jäouer 
1898 im kleinen Saale des Wissenschaftlichen Clubs stattfinden werde. 

Hierauf erfolgt durch den Generalsecretär Dr. £. Gallina die 
Verlesung folgender npu aufgenommenen Mitglieder: 

Frau Clementine Baronin v. Foullon, geb. Baronin du 
Mont de Beaufort in Wien. 

Franz Ritter Perin v. Wogenburg, k. u. k. Contre-Admiral 
in Wien. 

Roderich Freiherr v. Königsbrunn, k. u. k. Oberst i. R. in 
Wien. 

Friedrich di Corte, k. u. k. Oberst im Gen .-Stabs -Corps in 
Wien. 

Rudolf Ritter Benigni in Mtlldenberg, k. u. k. Linienschiffs- 
Lieutenant. 

G^za Udvarlaky, Rittmeister in der königl.-un gar. Leibgarde. 

Erich Ritter Mos zu Sun egg und Moosberg, k. u. k. 
Oberlieutenant in Wien. 

Eduard Heu rieh, k. u. k. Oberlieutenant in Wien. 

Dr. Witold Ritter v. Bartoszewski, k. k. Ministerial-Con- 
cipist im Handels -Ministerium. 

Rudolf Carli, Cassen-Director der n.-ö. Escompte-Gesellschafk, 

Eduard Porias, Abtheil ungs- Vorstand der n.-ö. Escompte- 
Gesellschaft. 

Karl Paulitschke, Adjunct der k. k. Staatsschulden-Cassa. 

Franz Kos 1er, acad. Maler. 

Franz Fischmeister sen., k. u. k. Hof-Gold- und Juwelen- 
händler in Wien. 

Johann Ogris, Pfarrer in Kappel a/d. Drau. 

Leo Bonchal, Stud. jur. in Wien. 

Alfred Klein, Kaufmann in Lugos. 

Im Ganzen sind im Laufe des Jahres 1897 141 neue Mitghe- 
der beigetreten, u. zw.: 1 lebenslängliches, 14 ausserordentliche und 
126 ordentliche Mitglieder. 



265 

Nach einigen einleiteDden Worten überreicht hierauf der Präsident 
dem Vortragenden des Abends Herrn Universitätsprofessor Dr. Kurt 
Hassert ans Leipzig das Ritterkreuz des Franz Josefs- Ordens, wel- 
ches Seine Majestät der Kaiser dem Forscher für seine kartographischen 
Aufnahmen in Albanien, die in militärischen Kreisen so viel Beifall 
gefunden, zu verleihen geruht hatte. Dr. Kurt Hassert dankte fUr die 
so ehrenvolle Auszeichnung, die ftlr ihn ein Ansporn für fernere Thä- 
tigkdt bilde nnd hält dann seinen Vortrag i"^) ^Aus dem dunkel- 
sten Europa. Streifzüge durch Ober-Albanien" unter'Vor- 
f&hmng einer Anzahl von Bildern mit dem Skioptikon. 



Ausserordentliche Versammlung der k. k. Geographi- 
schen Oesellschaft in Wien am 7. Jänner 1898. 

Der Vorsitzende, Vicepräsident Oberst Robert Edler von 
Sterneck, spricht zuerst dem Wissenschaftlichen Club den Dank der 
Gesellschaft ans ftlr die bereitwillige Ueberlassung des Saales fUr den 
Abend, worauf Herr Universitätsprofessor Dr. Alex. Kubiczek den 
Vortrag „üeber die grosse Karte von Madaba^ hält.**) 

Zur Ausstellung gelangte eine Reproduction der grossen Mosaik - 
karte nnd eine bedeutende Anzahl von Photographion. 



Monatsversammlung der k. k. Geographischen 
Gesellschaft in Wien am 25. Jänner 1898. 

Der Vorsitzende, Präsident GM Ch. Reichsritter von Steeb, 
eröffiiet die Versammlung mit der Mittheilung, dass der Ausschuss der 
Oeeellschaft beschlossen habe, zur Erinnerung an die vor 25 Jahren 
darch die Weyprecht-Payer^sche Expedition gemachte Entdeckung des 
Franz Josefs-Landes die beiden correspondireiiden ^litglieder, LSG. 
Gustav Kitter v. Brosch, Vorstand des Ktisten-Beschreibung- 
Boreaas inTriest, und den Oberstabsarzt I. Gl. beim Agramer Land- 
▼ehr-Districtscommando, Dr. Julius Kepes, als einzige noch lebende 
Mitglieder des Bchiffsstabes Weyprechts zu Ehrenmitgliedern zu ernennen. 

Ferner hat der Ausschuss beschlossen, den gefeierten schwedi- 
schen Forschungsreisenden Dr. Sven Hedin, welcher durch seine 
epochale Durchquerung Asiens von Orenburg bis Peking, sowie durch 
die wissenschaftlichen Erfolge dieser Reise sich auf geographischem 
Gebiete hervorragende Verdienste erworben hat, mit Zustimmung des 
früheren Präsidenten, des Hofrathes Ritter von Hauer, die Hauer- Me- 
daille zu verleihen. 



*) Der Vortrag kommt im nächsten Hefte zum Abdruck. 
**) Der Vortrag kommt ^nszogs weise im nächsten Hefte zum Abdruck. 



564 

Beide Anträge werden mit Beifall einstimmig angenommen. Der 
Vorsitzende tbeilt noch mit, dass Dr. Sven Hedin nach Wien kom- 
men, dass ihm zu Ehren am 12. Februar abends im Saale der kai- 
serlichen Academie der Wissenschaften eine Fest Versammlung und am 
13. Februar ein Festbanket stattfinden werde, worüber den Mitglie- 
dern noch Nachricht zukommen wird. 

Da Herr Professor Hans Gramer durch Erkrankung verhindert 
ist, seinen angekündigten Vortrag zu halten, hat Herr üniversitätspro- 
fessor Dr. Carl Diener freundlichst zugesagt einen Vortrag über 
seine Beisen im Ural, Kaukasien und in der Krim zu 
halten.*) 

Hierauf folgt die Aufnahme folgender neuer Mitglieder: 

Der Militärwissenschaftliche Verein in Oedenburg. 

Conrad Bellmond, k. u. k. Oberstlieutenant im k. n. k. Mili- 
tär-geogr. Institute. 

Wilhelm Heimbach, k. u. k. Oberstlieutenant und Vorstand 
der topogr. Gruppe im k. u. k. Militär-geogr. Institute. 

Constantin Mirilovig, k. u. k. Eittmeister, zug. dem k. n. k. 
militär-geogr. Institut. 

Dr. Ernst Freiherr v. Sei Her, Concipist der Nordbahn. 

Dragelin Franiß, Professor am Ober-Gymnasium in GospiC 
(Croatien). 

Theodor Seh eim pflüg, k. u. k. Linienschiffs-Fähnrich. 

Alois Gaipl, Lehrer und Kegenschori in Wolkersdorf. 

Carl Engländer, Waren-Comissionshändler in Wien. 



Festversammluiig der k. k. Greographischen Gresell- 

Schaft in Wien am 14. Februar 1898 im Festsaale 

der kais. Akademie der Wissenschaften zu Ehren 

Dr. Sven Hedin's* 

Der Vorsitzende, Präsident GM Christian Keichsritter v. Steeb, 
eröffnet und hegrilsst die glänzende Versammlung sofort nach dem 
Erscheinen des durchlauchtigsten Protectors, Seiner kaiserlichen and 
königlichen Hoheit, des Herrn Erzherzogs Eainer, und theilt mit, 
dass die Gesellschaft beschlossen habe, dem kühnen Forscher, der unter 
so furchtbaren Entbehrungen und Anstrengungen ein so reiches wissen- 
schaftliches Material gesammelt und so wichtige Entdeckungen gemacht 
hat^ die einzige Auszeichnung zu verleihen, über welche sie verf^^, 
nämlich die Hauer -Medaille. Dieselbe wurde hierauf dem Reisenden 
.feierlich überreicht. Dr. Sven Hedin dankte in warmen Worten 



*) Ein Auszug dieses Vortrages ist im Helle, Seite 302 S, enthalten. 



265 

filr diese Auszeichnung, worauf er seinen Vortrag begann, den wir im 
folgenden im Ausznge wiedergeben. 

Dr. Sven Hedin begann seine Reise in Central- Asien im Win- 
t» 1894 ; sie war ursprünglich auf zwei Jahre berechnet, dauerte 
aber 3^/^ Jahre. Die Heise zerfiel in mehrere grössere Excursionen» 
welche Sven Hedin von Kaschgar und Khotan aus unternahm. Bei 
der LAnge der Zeit und der ungeheuren Ausdehnung der durchzoge- 
nen Gebiete konnte der Vortragende nur Einzelnes hervorheben, aber 
die 75 Skioptikonbilder veranschaulichten alle Gegenden und Völker^ 
typen von Turkestan bis China. 

Den 2300 km langen Weg von Orenburg bis Margelän führte 
Dr. Hedin nur in Bildern vor. Man sah den „Tarantass", den unförm- 
lichen Reisewagen; den Weg längs des Aral-Sees, wo wegen der Sand- 
dfinen drei baktrische Kameele verwendet werden mussten, um das 
Fuhrwerk vorwärts zu bringen; eine Ansicht von Taschkend; das 
Strassenleben dieser Stadt etc.. 

Am 23. Februar 1894 brach Dr. Sven Hedin mit einer kleinen Kara- 
vine von zwölf Pferden und vier Mann von Margelän nach den 
Pamir auf. Wie fast immer war der Anfang leicht, aber nach einigen 
TagmSrsehen begannen die üebergänge über unheimlich schmale schwan- 
kende Holzbrücken einfachster Art, welche durch Abbildung veran- 
ichaalicht worden. Noch ungemüthlicher wurde es beim Aufstieg in 
den steilen Pamirwänden. Die schmalen Saumpfade waren mit Glatteis 
bedeckt und neigten sich meist schräg den senkrechten Abstürzen zu. 
Oft mussten Stufen in das Eis gehauen werden, die dann mit Sand 
bestreut wurden. Die Leute krochen bei besonders gefährlichen Stellen 
lof allen Vieren, aber Sven Hedin versichert, dass er sich bald an 
soldie Wege „gewöhnte". 

Ein herrliches Bild zeigte die hinreissend schöne Aussicht vom 
Kamme der Alaikette. Im Alaithale, in das nun hinabgestiegen wurde, 
tberwintem ungefähr 250 Jurten Kiptschak-Kirgisen. Die Kirgisen wer- 
den immer nach Anzahl ihrer Jurten gezählt. Im Mai, wo üppiger Gras- 
wnchs an die Stelle des Schnees tritt, ziehen die reichen Kirgisen von 
Fergana mit ihren Heerden hieher und schlagen ihr Sommerlager an 
dea Ufern des Sees Kisil-su auf. Da führen sie ihre Reiterspiele auf, 
laden einander zu frohem Schmaus, feiern Hochzeiten, kurz, es ist 
dann im Altaithale die schönste Zeit des kirgisischen Jahres. 
Sven Hedin kam jedoch noch in arge Winterkälte, die im März sogar 
aoch zunahm. Die niedrigste Temperatur beobachtete er in der Nacht 
tof den 10. März, wo das Thermometer auf — 38*2^0 sank. Mittags 
brannte jedoch die Sonne scharf auf die Reisenden nieder, deren 
Genchtshant schliesslich kupferbraun, zäh und trocken wurde. Ess- 
waren, die Feuchtigkeit enthielten, trockneten vollständig aus und die 
Comerven gefroren zu Klumpen. Von all den herrlichen Bildern aus 
tei Pamir ist am bemerkenswertesten der Mus-tag-ata, der „Vater 
der Eisberge", Sven Hedin gibt seine Höhe mit 7800 m an. 
Wie ein gewaltiger Vorposten gegen die centralasiatischen Wüsten 
»gt der herrliche Berg aus seiner Umgebung auf. Zahllose Legenden 



L 



266 

umschweben seinen eisbedeckten Gipfel. Die Kirgisen betrachten ihn 
als „Masai^, das ist als Heiligengrab, denn nicht weniger als 72 Hei- 
lige sollen dort rahen, darunter Moses und Ali. Aber auch eine Stadt 
soll es auf seinem Gipfel geben. Sie ist der Hort vollkommenster 
Glückseligkeit; ewiger Frühling herrscht dort oben, die Frauen sind 
alle schön und altern niemals. Die Eingeborenen halten den Mus-tag-ata 
für unersteigbar. Sie erklärten, seine Wände seien mit stahlblankem 
Eis gepanzert, der Sturm würde die Hinanklimmenden wie Sandkörner 
hinwegfegen. Als Sven Hedin die erste Besteigung des Bergriesen 
unternahm, erhoben die chinesischen Behörden allerhand Schwierigkeiten. 
Mau glaubte, er stehe in russischen Diensten und wollte sogar seine 
Bagage untersuchen, um sich zu überzeugen, ob er nicht darin einige 
„Kosaken" über die Grenze geschmuggelt habe. Ein heftiger Schnee- 
sturm zwang Hedin bald zur Umkehr, er ward auch von einer Augen- 
entzündung befallen, welche ihn zwang, sich schleunigst nach Kaschgar 
zu begeben. Noch dreimal versuchte er den Gipfel des Mus-tag-ata 
zu bezwingen, aber vergeblich, er konnte nur eine Höhe von 5990 w 
erreichen, immer nöthigten ihn Schneestürme zur Umkehr. 

Weit fürchterlicher waren aber die Schrecken der Wüste. Die 
Schilderung derselben übertrifft alle Vorstellungen. Hedin hatte damals 
die Absicht, bis Tibet vorzudringen, weshalb er viel Gepäck mitnahm. 
Als er am 10. April 1895 die Stadt Merket am Yarkandfluss verliess, 
bestand seine Karawane aus acht ausgesuchten Kameelhengsten und 
vier Mann. Ausser seinem Diener Islam-Bai hatte er noch zwei Leute 
aus Yarkand mitgenommen, sowie einen sogenannten Wüstenmann, 
Namens Kasim, der oft in der Wüste gewandert war, um Gold zu 
suchen. Es gibt nämlich in den Orten rings um die Wüste Takla- 
makan einen ganzen Stamm von Taugenichtsen, die fest glauben, dass 
sie einmal grosse Schätze finden würden, die dort vergraben sein sollen. 
In einigen Gegenden nennt man die Wüste auch Dekken-dekka, was 
sich darauf bezieht, dass dort angeblich 1001 Städte vom Sande ver- 
schlungen wurden. Man erzählte Sven Hedin auch von einem Manne, 
der eine Stadt gefunden habe, in deren Häusern chinesisches Silber- 
geld aufgestapelt lag. Er nahm von den Münzen, so viel er nur 
tragen konnte, aber unterwegs überfiel ihn eine Schaar Wildkatzen. 
Vor Schreck warf er alles fort und floh, so schnell er konnte. Seitdem 
hatte er die Stelle trotz alles Suchens nicht wiederfinden können. In 
einer anderen Stadt hatte man Leichen in Stellungen gefunden, welche 
darauf schliessen Hessen, dass die Bewohner mitten in der Arbeit vom 
Tode überrascht wurden. 

Frohen Muthes und voller Erwartungen trat Sven Hedin die 
Wüstenreise an. Während der ersten dreizehn Tage ging Alles gut 
Die mitgenommenen Wasservorräthe reichten für fünfundzwanzig Tage, 
ausserdem wurde jeden Abend nach Brunnenwasser gegraben, das 
zwar salzig, aber doch für die Kameele trinkbar war. Die Karawane 
erreichte einen Berg, an dessen Fuss mehrere herrliche kleine Seen 
lagen, die rings von Pappeln, Tamarisken und Kamisch [Lasiagrostis 
splendens) umgeben waren. 



267 

Nach zweitägiger Rast ging gb am 23. April ernstlich in die 
Wüste hinein. Schon nach zwr&i Standen verschwand der Berg in der 
Fta überfüllten Luft. Die Keimenden befanden sich nun in einem öden 
Wüsten Ol eere, dessen öanddüneu eine Höhe bis über 80 in 
erreichten. Es gab weder Vegetation, noch Sparen eines Thierlebens. 
Sven Hedin hatte befohlen, dass von den Seen ein Wasservorrath für 
zehn Tage mitgenommen werde, zu spät erst merkte er aber, dass die 
Leute nur ftir vier Tage Wasser in die Behälter gegossen hatten. Sven 
Hedin wäre wahrscheinlich umgekehrt^ wenn nicht der Wtistenmann 
hoch und theuer versichert hätte, dass man in längstens vier Tagen 
eine Gegend mit Brunnenwasser erreichen müsse, was nach den 
Karten auch richtig schien. Der Mann musste später seine falschen An- 
gaben mit dem Leben bezahlen. Schon am nächsten Tage stellte 
sich ein heftiger Weststurm ein, die Sandwolken färbten den ganzen 
Horizont brandgelb. Am dritten Tage sanken zwei Kameele sterbend 
dahin. Am Abend des vierten Wüstenmarsches wird mit dem Muthe 
der Verzweiflung an einer lehmigen Stelle ein Brunnen gegraben. In 
der Tiefe eines Meters wurde der Sand feucht, was grosse Freude 
hervorrief. Alle Thiere der Karawane, sogar die Hühner, umstanden 
erwartungsvoll das Brunuenloch, das immer tiefer wurde, bei 3 m Tiefe 
ward der Sand jedoch wieder trocken, so dass die Arbeit entmuthigt 
eingestellt wurde. Die Stimmung war eine so gedrückte, dass nicht 
einmal mehr das Zelt aufgeschlagen wurde, obwohl die Temperatur 
des Nachts kaum etwas über Null betrug. Bei Tag stieg sie jedoch 
bis auf 30^ C, was bei dem quälenden Durst ganz fürchterlich war. 
Eines Morgens war das ganze Lager im Sand begraben, so dass 
viele Gegenstände erst ausgegraben werden mussten. Ein furchtbarer 
Sind«turm war über Nacht losgebrochen und hüllte die Karawane 
während des Weitermarsches in so dichte Wolken ein, dass 
man sich eng zusammenschliessen musste, um in dem Sandnebel 
sich nicht zu verlieren. Bald blieb ein Kameel auf einer Düne zurück. 
Am 30. April gab es keinen Tropfen Wasser mehr. Das letzte Schaf 
wurde geschlachtet, um dessen Blut zu trinken, aber dasselbe war so 
^elhaft, dass Niemand es kosten wollte. Sven Hedin trank ein Glas 
chinesischen Spiritus, während seine Leute vor Verzweiflung mit einer 
FhSssigkeit vorlieb nahmen, welche die Kameele lieferte. Dies bekam 
ihnen aber so schlecht, dass der Wüstenmann und einer der Yarkend- 
leate in ein heftiges Fieber verfielen, dem sie noch am selben Abend 
erlagen. Sven Hedin verliess noch Nachts mit dem Reste der Karawane 
das schaurige Lager, um sofort weiterznmarschiren. Bald sank wieder 
eines der Kameele hin, dann blieb auch sein treuer Diener Islam-Bai 
zurück. Nur ein Yarkendmann, Kasim, konnte seinem Herrn noch 
folgen. Sven Hedin nahm nichts mit als seine beiden Chronometer, 
eine Uhr, einen Compass, Bleistift und Papier, eine Schachtel Zünd- 
hölzchen, eine Dose Hummer und etwas Chocolade. Kasim trug einen 
^MUeo zum Brunnengraben, ein paar Bissen Brot und den Fettschwanz 
des Schafes. An eine Mahlzeit war übrigens nicht zu denken, denn 
der Schlund war den Männern so trocken, dass sie unmöglich etwas 

Xittfa. d. k. k. Oeogr. Gm. 1898. 3 n. 4. lg 



268 

heranterbringen konnten. Nach drei weiteren Nachtmärschen entdeckten 
Kasim's Falkenaugen endlieh in der Feme eine Tanuuiske. Als die 
beiden Verschmachtenden sie erreichten, mussten sie sich jedoch damit 
begnOgen, wie die Thiere die saftigen Nadeln des Baumes zu kauen. 
Noch zwei Tage lang mussten sich die beiden Männer weiterschleppen, 
bis sie am 5. Mai am Horizont einen dunklen Waldstreifen sahen. 
Nun konnte der EJiotanfluss nicht mehr weit sein. Im Walde blieb 
jedoch Kflsim halb sterbend li^en, während Sven Hedin des Nachts 
auf allen Vieren weiterkroch. Endlich sah er im Mondschein eine 
weissschimmemde Fläche vor sich, es war das Flussbett des Khotan, 
aber — ausgetrocknet. Das Plätschern einiger Enten liess jedoch 
Sven Hedin eine mit Wasser gefüllte Rinne finden. Nun labte er sich 
und rettete auch Kanm, dem er in seinen Stiefeln Wasser brachte, 
aber die Leiden waren noch nicht zu Ende. Kasim war ausser Stande, 
zu gehen, sein Herr musste drei Tage lang allein im Flussbett auf- 
wärts wandern, wobei er sich nur von Gras und Frosehbrut nährte. 
Dann endlich fand Sven Hedin Hirten, die ihn freundlich aufnahmen. 
Auch der treue Diener Islam-Bai ward schliesslich noch gerettet. Der 
ktthne Reisende, der fast alles verloren hatte, kehrte nun nach Kasch- 
gar zurttck, um sich neu auszurtlsten. Nach einigen kleineren Streif- 
Zügen nach den Pamir und dem Hiodukusch brach er am 14. December 
1895 abermab nach Khotan auf. In 23 Tagen zog er tlber Ordan, 
Podschah, Yarkent, Kargalik und Guma dahin, und zwar auf demselben 
Wege, den bereits vor 600 Jahren Marco Polo gewandert war. Hier 
waren nur Ausläufer der Wtlste zu passiren. 

Im Jänner 1896 verliess Sven Hedin Kliotan mit einer ganz 
kleinen Karawane von nur vier Mann und drei Kameelen. Diesmal 
galt es, die Wüste an ihrer breitesten Stelle zu durchqueren. Einige 
Goldsucher erboten sich, g<'gen entsprechende Bezahlung Sven Hedin 
zu einer alten Stadt zu fuhren, was er annahm. Am 24. Jänner 
ward richtig die bezeichnete Stelle erreicht. Zwischen 5 m hohen 
Sanddünen sah man, so weit das Auge reichte, die Ueberreste von 
Häusern aus Pappelholz. Zumeist waren nur die Gerippe' der Gebäude 
in der Höhe von einigen Metern erhalten. Die Stämme waren vom 
Flugsand stark mitgenommen und so hart und spröde, dass sie wie 
Glas zersprangen, wenn man darauf schlug. Die Wände bestanden 
aus Schilfgeflecht mit Bewurf, auf einigen befanden sich künstlerisch 
ausgeführte Wandmalereien, betende Frauen von arischem Typus, 
Buddha, auf dem Kelch der Lotosblume sitzend etc. Die Stadt ist 
jedenfalls buddhistischen Ursprungs und älter als die arabische Invasion 
zu Anfang des achten Jahrhunderts. 

Auf seinem Weitermarsche fand Hedin in den Urwäldern des 
Kheriaflusses einen ganz isolirt lebenden Hirtenstamm. Da, wo der 
Kheria sich endlich im Wüstensande verliert, hausen Herden von 
wilden Kameelen. Sie leben von Tamarisken und kommen nur selten 
an den Fluss, um zu trinken. Die Hirten erzählten, dass nichts die 
Thiere so erschrecke, wie der Rauch der Lagerfeuer; wittern die 
Kameele nur den Geruch verbrannten Holzes, so fliehen sie in die 
Wüste und machen drei Tage lang nicht Halt 



269 

'Nachdem Svea Hedia die Fl usö Verhältnisse dea Kheria-Darja, 
des Tarini und des Kontech e-Darja festgei teilt hatte, gelangte er an 
den sagenhafte u Lop-nor. Prscbewalsky war wohl nach dem Lop-nor 
gereist, aber der von ihm gefunden ß See hatte sitsseB Wasser und 
h^ um einen Grad südlicher als der Lop-nor der chinesischen Karten. 
Es eotspaan sieh darauf eine lebhafte Polemik zwischen dem russischen 
Edeenden und Baron HLchthofenf welcher behauptete^ dass ein Wüsten- 
iec, der keinen Abönss zum Meer bat, salziges Wasser haben müsse. 
Da überdies die chinesicheu Topographen auf ihren Karten niemals 
etwas eintragen, was nicht wirklich existirt^ ihr Ijop-oor aber einen 
ganzen Breitegrad nördlicher bezeichnet war, als Prschewalsky's 
büKwai^erBee, so vermuthete Bichthofen, dass letzterer erst entstand, 
&ls die Chinesen den alten Lop-nor schon kartographisch aufgenommen 
ha^en. Sven Hedin konnte nun feststellen, dass Kichthofeu's Ansicht 
die richtige war. Der See Prschewalsky's ist offenbar erst kürzlich 
tfuLftanden. Ein SC^jähriger Häuptling erzilhlte dem Reisenden, dass 
Kin Grossvater in seiner Jugend an einem äee im Norden gewohnt 
habe, zu welcher Zeit es in der Gegend von Ab dal nur Wüsten 
gegeben liätte. Aber als sich dort ein neuer See gebildet habe, sei er 
dahin gezogen und habe Abdal gegründet. Auch der sildliche Theil 
des Lop-nor ist eine Xenblldung, Sven Hedin constatirte nicht nur, 
d»*s der See sich jetzt von Süd nach Nord erstreckt, sondern er fand 
u auch erw^ieseUf dass das Becken früher seine Längsau^dehnung von 
Wehren nach Osten hatte, wie es die chinesischen Karten angeben. 
Zahlreiche abgeschnittene Wassertümpel und Sümpfe im Osten be- 
zeichneten die frühere Richtung des Sees. Auch der Wald bewies 
die« deutlich durch drei verschiedene Zonen. Ganz im Osten waren 
die Bäume verdorrt und abgestorben, in der Mitte gab es schönen 
hochstämmigen Wald^ an den Seeufem sah man nur Jungwald. Der 
W«Jd wandert sammt dem See nach Westen. Der Lop-nor gliedert 
Eich somit durch Einschnitte in vier verschiedene Becken ^ welche von 
den Anwohnern Arulla, Kara, Tajek und Arka-küll genannt werden. 
Der chinesische Name Lop-nor ist am südlichen See ganz unbekannt. 
Die Anwohner verfertigten sich grosse Canoöä au^^ ausgehöhlten 
PappelstÄmmen, Sven Hediu machte eine acht Tage währende herr- 
liche Bootfahrt auf dem Lop-nor, dem unteren Ilekflu&se und dem 
Tariro. Lüstig waren nur die Mticken, sowie die Ilitze, welche am 
d* April um die Mittagssttmde 33° C im Schatten erreichte. Das Schilf 
im Lop nor ist bis zu acht Metern koch. 

Vom Lop-nor kehrte Sven Hedin wieder naeb Khotan zurück, 
Tiiü wo er anfangs August seinen Marsch nach Tibet antrat. In 
Dalai^kurgan am Kordfasse des Kuen-lun-Gebirges sah er für lange 
Zmi zum letztenraale Menschen, Dann ging es nach dt;ni Landstriche 
Lama-i&clmmia, Die Karawane bestand aas ;21 Pferden, 6 Kameelen 
luid 29 Kseln; davon gingen 49 StUck au den Stra]>a/cu zu Grunde! 
I*a^ Peräüoal bestand aus acht fest angestellten Dienern mit Islam-Bai 
»n der Spitze. Ein junger Chinese sprach „Turki'* und leistete später 
ha China Dolmetschdienste. Parpi-Bai war ein Öarte, der bereits mit 

18* 



270 

Bonvalot, dem Prinzen von Orleans und dem anglücklichen Datreuil 
da Rhin reiste, bei dessen Ermordung er zugegen war. Ausser diesen 
fest angestellten Dienern waren noch 15 „Tagliks" aus Dalai-kurgan 
für zwei Wochen gemiethet worden. Von diesen Leuten gingen aber 
gleich anfangs zwei durch, später mussten fünf zurttckgeschickt werden, 
weil sie die Hochlandluft nicht vertrugen. Nach dem achten Marsch- 
tage verlangten die noch verbliebenen Leute ihren Lohn im voraus, 
den sie auch erhielten, aber am folgenden Morgen waren sie verschwunden, 
und mit ihnen 12 Esel, 2 Pferde und ein Theil des Proviants. Drei 
Diener bestiegen jedoch die besten Pferde, bewaffiieten sich mit Flinten 
und Revolvern und holten die Fltlchtigen wieder ein. Der Anstifter 
erhielt eine Tracht Prügel, Alle aber mussten den Lohn herausgeben, 
worauf sie dann des Nachts stets gebunden wurden. Vom Arka-tak- 
Passe aus sah Sven Hedin weit im Süden eine mächtige Gebirgskette 
mit leuchtenden Schneegipfeln. Die höchste Spitze nannte er seinem 
hohen Gönner zu Ehren „König-Oskar-Berg''. Das Gebirge erwies sich 
als eine Fortsetzung des Kuku-schili. Zwischen dieser Kette und dem 
Kuen-lun-Gebirge breitet sich eine lange Hochebene aus, die in mehrere 
flusslose Becken zerfällt, die nur durch unbedeutende Erhebungen von 
einander getrennt sind. In der Mitte jedes Beckens befindet sich 'ein 
grösserer oder kleinerer See mit klarem, aber bitterem Wasser, in 
dem sich die Flüsse der umgebenden Berge sammeln. Sven Hedin 
entdeckte nicht weniger als 28 solcher Seen, von denen nicht einmal 
die Chinesen eine Ahnung hatten. Der grösste See war drei Tagreisen 
lang. Die Gegend war jedoch ganz kahl und öde, das Gras der. 
spärlichen Weiden so bitter, dass nur der fiirchtbare Hunger die 
Thiere es zu fressen zwang. Durch Verwitterung und Feuchtigkeit 
war der Boden jedoch so weich, dass die Thiere oft tief einsanken; 
nur die See-Ufer waren hart. Die Durchschnittshöhe der Thalsohle 
betrug gewöhnlich 5300 m. Die Kälte war erträglich, denn tagsüber 
konnte man ohne Mantel reiten und Nachts sank die Temperatur 
selten unter — 10^ C. Sehr unangenehm waren dagegen der Wind und 
der Hagel. Regelmäßig kam um 11 Uhr Vormittags der Weststurm 
dahergerast, nachmittags kam dann eine dunkle Wolkenwand 
heraufgezogen, welche bald alles in Finsternis hüllte. Der Hagel 
sauste so dicht hernieder, dass man es durch den Pelz fühlte, and es 
oft unmöglich war, weiter zu marschiren. Einen schaurig-prachtvollen 
Anblick boten dann die Seen. Sie glichen mit ihren hochgehenden 
Wogen einem Ocean, da man in der Dunkelheit ihre Grenzen nicht sah. 

Ausser Möven sah man nur einige wenige Bachstelzen und Letchen, 
manchmal zog ein Gänseschwarm hoch in den Lüften nach Indien ins 
Winterquartier. An grösseren Thieren gab es nur Yaks und Kulans, 
letztere Kulans leben hier wild in Heerden bis zu 150 Stttck. Da sie 
jedenfalls noch nie Menschen gesehen hatten, blickten sie die Karawane 
ganz verwundert an. Die wilden Büffel Central-Asiens, die Yaks, 
hausen hier in solcher Menge, dass ihr Dünger, „Argol" genannt, den 
Reisenden reichlich Brennmaterial lieferte. Ein prachtvoller Yakstier 



271 

irar 4'/^ ^' ^^^E ^^^ ^^^ ^^^t nachdem er elf Berdan-Kugeln in den 
Leib erhalten hatte. 

Zwei Monate lang wanderte Dr. Sven Hedin in diesen völlig 
Dllbekannten Gegenden, dann bog er nach Norden ab, wo er in das 
Tsaidam-Becken gelangte. Es ist kleiner als das Beeken des Tarim 
and besteht zomeiat aus Smlzwüsteti^ m deren Mitte sich einige Salz- 
seen befinden. In der Nahe des Sees Kara-nor gab es so zahlreiche 
Blrcn, da93 das Lager durch Feuer geschützt werden mnsste. Am 
folgenden Morgen Uberüeleu tangatische Häuber die Karawane, doch 
wagten sie keinen Kampf. Es war die Gegend, wo Dutreuil du Rhin 
ermordet wurde und Prscliewalsky ein förmliches Gefecht mit 300 
Bäabem zu bestehen gehabt hatte. Die Kara-Tanguten sprechen tibe- 
lanisch, haben auch den buddhistischen Glauben, ja der gegenwärtige 
D&lai-Lama ist ein tAngutischer Knabe. 

Ueberden Pass Nükkölen-köttel io der südlichen Kuku-nor-Kette 
erreichte endlich Sven Hedin den berühmten „Blauen See", den Kuku- 
nor der Mongolen, den Tso-ngom der Tibetaner und Tsing-nay der 
Chinesen. Er liegt in einer absoluten Höhe von 3040 m. Sein Wasser 
ist klar, aber salzig, drei Monate des Jahres ist er gefroren. 
Dies ist dann die eigentliche Zeit der Pilgerfahrten zu dem Tempel 
auf der Insel im See, welche sonst nicht erreicht werden kann, weil 
Boote fehlen. Ein niedriger Wasserstand kündigt ein glückliches Jahr 
an; bei Hochwasser, behaupten die Anwohner, käme ein schlechtes 
Jahr, in welchem Wölfe die Viehheerden decimiren. Am 23. Novem- 
ber l896 gelangte Dr. Sven Hedin nach der chinesischen Festung 
Sinning, am 2. März 1897 traf er in Peking ein. Noch auf der 
letzten Strecke hatte er furchtbar von der Kälte zu leiden. Der 
Hoang-ho war fest gefroren, es gab — 33 ^ C und dazu heftige Nord- 
weststürme. Ein Mann der Karawane erfror und Hedin rettete sich 
nur dadurch, dass er auf seinem Kameel oben einen kleinen chine- 
sischen Ofen hatte, einen Scholo, an dem er sich die Hände wärmen 
konnte. 

Nach zwölftägiger Rast in Peking trat Sven Hedin über die 
Mongolei und Sibirien die Rückreise nach Stöckholm an, wo er am 
10. Mai 1897 glücklich eintraf. 



Monatsversammlung der k. k. Geographischen Gesell- 
schaft in Wien am 22. Februar 1898. 

Vicepräsident, Herr Oberbergrath Dr. Eduard Tietze, eröffnet 
die Versammlung in Vertretung des erkrankten Präsidenten, worauf 
die Aufnahme folgender neuen Mitglieder erfolgt: 

Frau Alice v. Steeb, geb. Baronin Rauch. 
Frau Rosa v. Gerold. 



272 

Se. Excellenz Hemnann Eitter v. Spann, Marine-Commandant 

S. Excellenz F.-M. Maximilian Woat, General-Bauingenieur. 

GM. Carl Bakalanz, Chef der II. Section im technischen 
Militärcomit^. 

Edmund Hnatek, k. u. k. General- Auditor am Obersten Mili- 
tÄrgerichtshofe in Wien. 

Ernst Pokorny, k. k. Regierungsrath in Wien. 

Dr. Arthur Breycha, k. k. Sectionsrath im Handels-Minist. 

Carl Hödlmoser, k. u. k. Begierungsrath im Militär-geogr. 
Institut. 

Rudolf Machold, k. u. k. Oberlieutenant im Militär.-geogr. 
Institut. 

Eduard Schill, k. u. k. techn. Officialim Militär-geogr. Institut. 

Constantin Ritter v. Arneth, k. u. k» Rittmeister im Militär- 
geogr. Institut. 

Carl Rad 1er, k. u. k. Hauptmann im Militär-geogr. Institut. 

Dr. Adalbert Ritter v. Kascheure ut her, Hof- und Gericbts- 
Advocat in Wien, 

Dr. Heinrich Hat na, k. k. Notar in Wien. 

Georg Woinovich v. Vracsevgaj, k. u. k. Major i. P. in 
Wien. 

Ferdinand Gaaraldi, Inspector der k. k. priv. üsterr. Nord- 
westbahn i. P. in Wien. 

Dr. Franz Eduard Suess, Praktikant an der k. k. geolog. Reichs- 
anstalt. 

Dr. Fritz Kern er Ritter v. Marilaun, Assistent an der k. k. 
geolog. Reich sanstnlt. 

Dr. Julius Drag er, Assistent an der k. k. geolog. Reichsanstalt. 

Den Vortrag des Abends hielt Herr Dr. Fritz Kerner von 
Marilaun über den Ararat, mit Ausstellung von vielen vom Vor- 
tragenden angefertigten vortrefflichen Aquarellen und Oelbildern. 



Bericht Aber die Excursionen des VH. internationalen 
Geologen-Gongresses in den Ural, den Kaukasus und 

die Krim. 

(Auiziig aus einem in der Monatsversammlung der k. k, Geographi- 
sehen Oesellschaft am 28. Jänner 1898 gehaltenen Vortrage.) 

Wenn ich es unternehme^ au dieser Stelle über zwei Excursionen 
Beriebt zn erstatten, die ich als Theilnehmer an dem VII. inter- 
Dttionalen Geologen-Congress in St. Petersburg im vorigen Jahre aus- 
soMiren so glücklich war, so geschieht es keineswegs in der Absicht 
fiber die bei jener Gelegenheit bereisten Gebiete, den Ural, Kaukasien 
cnd die Krim irgend etwas Neues mitzntheilen. Wir wurden ja von 
den besten Specialkennern in jene Gegenden geleitet, nicht, um selbst- 
ständige Forschungen anzustellen sondern um zu lernen, um ein Bild 
der geologisch interessantesten Theile des weiten russischen Reiches 
SU erhalten und einen Einblick in die Arbeiten unserer russischen 
Facbgenossen zu gewinnen. Ich werde mich demgemäß darauf be- 
schranken, hier einerseits über das Arrangement und den Verlauf der 
Excursionen selbst in Kfhrze zu berichten und daran eine Schilderung 
der hervorstechendsten physisch-geographischen Charakterzüge der von 
mir bereisten Landschaften zu knüpfen, wobei jedoch von einem Ein- 
geben in die nur für Specialisten Interesse bietenden Details der geo- 
logischen Verhältnisse abgesehen werden soll. 

Was dem vorjährigen internationalen Geologen-Congress, der Ende 
Angust in St. Petersburg stattfand, sein besonderes Gepräge verlieh, 
das war der officielle Charakter, der demselben dadurch aufgedrückt 
wurde, dass die Einladung dazu im Namen Sr. Majestät des Zaren 
ergangen war und dass der Grossfürst Cons tantin Constantino- 
witsch persönlich an der Spitze- des Congress-Comit^s stand. Alle 
Veranstaltungen hatten daher einen Zug ins Grosse, insbesondere gilt 
dies von den Excursionen, die nur durch die ausserordentliche Libera- 
lität der kaiserlichen Regierung ermöglicht wurden, da die Kosten wohl 
nur zuro allergeringsten Theile durch die sehr niedrig bemessenen 
BeJtragsleistungen der Theilnehmer hätten bestritten werden können. 

Neben mehreren, kleineren Ausflügen nach Finnland und in die 
Ostseeprovinzen waren zwei Hauptexcursionen arrangirt worden. Die 
erste, die vom 30. Juli bis zum 28. August dauerte, hatte den Ural 
wnn Ziele. Sie war auch die geologisch lehrreichere, obwohl sie in 



274 

landschaftlicher Beziehung weniger bot. Unter den 150 Theilnehmem, 
welche diese Excnrsion von Moskau aus antraten, war Oesterreich nur 
durch sechs Vertreter unserer Wissenschaft, unsere Gesellschaft ausser 
mir noch durch die Herren Oberbergrath Tietze und Dr. von Art- 
haber repräsentirt. 

Wohl noch nie ist eine wissenschaftliche Eeise in ein Gebiet wie 
der Ural mit einer relativ so weitgehenden Bequemlichkeit ausgeführt 
worden. Zu unserer Beförderung wurde uns von dem Ministerium fttr 
Verkehrswege, das uns überdies auf allen Eisenbahnen freie Fahrt ein- 
geräumt hatte, ein aus zwölf Waggons bestehender Extrazug zur Ver- 
fügung gesteUt^ der während der nächsten drei Wochen von Moskau 
bis Perm unser Heim bildete und, von der unvermeidlichen Enge ab- 
gesehen, an Sauberkeit und Comfort nichts zu wünschen übrig Hess. 
Das schwierige Problem der Verpflegung einer so grossen Zahl von 
Reisenden wurde in sehr gelungener Weise dadurch gelöst, dass unserem 
Zuge ein zweiter, der sogenannte Küchenzug, voranging, in welchem 
die Vorräthe mitgeführt, die Speisen zubereitet und eingenommen 
wurden. Dieser Küchenzug führte ein Personal von nicht weniger als 
52 Bediensteten und bestand aus 17 Waggons, von denen die vorderen 
mit Dampfkesseln, Brat-, Roch- und Waschmaschinen, Backöfen etc. 
ausgestattet waren. Es mussten ja beispielsweise täglich allein hundert 
Kilogramm Brot ftlr uns « gebacken werden. Ich erwähne absichtlich 
diese Dinge, obwohl sie mit der wissenschaftlichen Seite der Reise nur 
in losem Zusammenhange stehen, um dadurch eine Vorstellung von 
der Art des ganzen Arrangements zu ermöglichen. 

Tn diesem Zuge fuhren wir von Moskau durch Central -Russland 
bis Batraki an der Wolga, wo die einzige (im Jahre 1880 vollendete) 
Brücke über den Unterlauf des hier 1*5 kni breiten Riesenstromes 
führt. Wir unternahmen unter Führung Professor Nikitin's hier und 
von dem nahen Samara aus an den nächsten Tagen kleine Ausflüge 
auf der Wolga und setzten dann unsere Reise bis zur Gouvernements- 
Hauptstadt Ufa, wo die ersten Vorhöhen des Ural sich zeigen, fort. 

Der Ural erstreckt sich als eine natürliche Greuzscheide zwischen 
Eurcpa und Asien in einer liänge von rund 2000 km vom nördlichen 
Eismeer bis zur Kirgisen-Steppe in annähernd meridionaler Richtung. 
Dieser gewaltigen Länge entspricht allerdings keineswegs die Höhe 
des Gebirges, da diese bei keinem Gipfel 1700 m tiberschreitet. Die 
mittlere Kammhöhe aber bleibt jedenfalls beträchtlich unter 800 m zurück. 
Die Geographen pflegen drei Theile des Gebirges zu unterscheiden, 
den nördlichen oder wüsten, den mittleren oder erzr ei eben 
und den südlichen oder waldreichen Ural. Nur die beiden 
letzteren kamen für unseren Besuch in Betracht. Sie sind auch die 
weitaus am besten bekannten Abschnitte des Ural. Ihre Erschliessung 
knüpft sich an die Namen, von Alex. v. H n m b o 1 d t, Gustav Rose und 
Ehrenberg, die im Auftrage des Kaisers Nicolaus I. im Jahre 1829 
die erste wissenschaftliche Untersuchung dieses Gebirges durchführten. 
Später wurde der Ural von den russischen Akademikern Helmersen 
und Hofmann, vonMurchison und Graf Keyserling u.a. zum 



; 



275 

Zveeke wissenscliaftliclier Forschung bereist, in den beiden letzten 
Jahisebnten endlich Ton den Mitgliedern des Geologischen Comit^s. 
Ktmentlich den Herren Karpinsky, gegenwärtig Director des Geo- 
logiscben Comit^ in St. Petersburg und Professor Tschern y sehe w 
verdanken wir sehr sorgfältige geologische Detailanfnahmen. Diese 
beiden Herren, denen, nebenbei bemerkt, ein Hanptverdienst an dem 
Gelingen des Congresses zukommt, waren auch unsere liebenswürdigen 
Föbiwr auf der Ural-Excursion. 

Gegenwärtig ftihren zwei Eisenbahnlinien über den Ural, die 
eine von U£i über Slatoust nach Tscheljabinsk, wo sie an das im 
Bin begriffene sibirische Eisenbahnnetz anschiiesst, die andere von 
TBcheljabinsk über Jekatherinburg nach Perm. Durch diese beiden 
Titeen war natürlich auch unsere Route vorgezeichnet. Doch wurden 
fon einzelnen Stationen aus zahlreiche Ausflüge zu Wagen in das 
looere des Gebirges unternommen. Es standen zu diesem Zweck jedes- 
mal 60 bis 80 der landesüblichen Tarautasse bereit, korbartige, feder- 
loae Fuhrwerke, mit kleinen baschkirischen Pferdchen bespannt, und 
dum ging es in der Regel 30 bis 60 hm weit querfeldein, über 
Stock und Stein oder auf Karren wegen, die nicht wohl auf den Namen 
▼OQ Strassen Anspruch erheben können. 

Der südliche Ural, den wir auf der Route Ufa-Slatoust-Tschelja- 
binsk querten, zeigt in vieler Beziehung Aehnlichkeit mit den Appa- 
Uehien oder Alleghauies, dem östlichen Küstengebirge der Vereinigten 
Staaten von Nordamerika, und zwar sowohl in Bezug auf seine Struc- 
tsr als auf seinen landschaftlichen Charakter. Der Bau des Gebirges 
in ein asymmetrischer. Die ältesten Gesteine, Gneiss und krystallinische 
Schiefer liegen im Osten. Sie setzen theils ein niedriges Hügelland, 
vie das Ilmen-Gebirge bei Miass, theils den Untergrund der ii^est- 
nbiiiichen Tiefebene zusammen. Nach Westen folgen dann die ver- 
sehtedenen Glieder der paläozoischen Schichtserie. 

Insbesondere die Devon- und Carbonformation sind, in einer rein 
Bannen Ausbildung und in einer solchen Mannigfaltigkeit, wie sonst 
kaum irgendwo in Europa entwickelt. Alle diese Schichtgruppen, bis 
nm Pennoearbon aufwärts sind theils von Brüchen betrofifen, theils 
i& steile Falten gelegt und zerfallen, durch Längs- oder Diagonal- 
tkller vielfach gegliedert, in eine ganze Reihe von annähernd parallelen, 
gegen Süden ein wenig divergirenden Ketten. 

Bn kleiner Theil unserer Gesellschaft hatte Gelegenheit, einen 

fo Hauptgipfel, des südlichen Ural, den allerdings nur 1 200 m hohen 

Tagana i zu ersteigen. Der Eindruck, den man von dem Gebirge 

fcei der Randsiebt von einem solchen Gipfel erhält, ist folgender: 

Man übersieht zunächst ein kolossales Waldgebiet. Aus diesem ragt 

cae gnsseZahl scharf ausgesprochener, Nordsüd streichender Kämme 

I mpor, deren höchste Grate aus Qnarzit bestehen und in der Regel 

» kahle Felasehneiden bilden oder durch die Verwitterung in Blockhalden 

j M%elM find. Unter den Bergzügen, zu welchen einzelne dieser 

I ftmao sich vereinigen, fallen drei durch ihre bedeutende Längen- 

^ntredhxng am meisten auf. Der östlichste, Ural Tau, bildet die 



276 

Wasserscheide zwischen Europa und Asien, steht aber an Höhe den 
anderen nach. In den westlich anschliessenden Ketten stehen die 
höchsten Erhebungen des südlichen Ural der Ja man Tau mit 1646 m 
und der Iremel mit 1600 m. 

A. von Humboldt betrachtete den Berg Jurma als den 
Knotenpunkt, von dem, wie er meinte, diese drei Hauptketten des süd- 
lichen Ural ausstrahlen, und diese Angabe findet sich selbst noch heute 
in manchen unserer geographischen Handbücher. Sie beruht jedoch 
auf einem Irrthum, denn der Jurma ist ebenfalls nur ein kurzer Kamm 
wie alle übrigen und spielt in der Urographie des Gebirges gar keine 
besondere Rolle. 

Im erzreichen Ural tritt der Kettentjpus viel weniger deutlich 
hervor. Namentlich in jener Depression, welcher die bereits vor 
zwauzig Jahren fertig gestellte Bahnlinie von Jekatherinburg nach 
Perm folgt, markirt sich fast nur der östliche Abfall des Ural Tau 
gegen das sibirische Vorland mit grösserer Schärfe. Es hat daher 
schon A. von Humboldt den Ausspruch gethan, dass man vom 
erzreichen Ural nur beim Anstiege von der asiatischen Seite den Ein- 
druck eines Gebirges empfange, dass aber die Wasserscheide zwischen 
Europa und Asien selbst ganz unbestimmt sei, ja dass es genüge, 
eine nach Europa fliessende Quelle mit einem Brett zu stauen, um 
sie nach Asien abzulenken. Ganz wörtlich ist diese Bemerkung aller- 
dings nicht zu nehmen und keinesfalls darf dieses Urtheil, das nur 
auf einem sehr eng begrenzten Gebiete gewonnen wurde, auf den 
ganzen Ural übertragen werden. 

Noch ein eigenartiges Moment in der Oroplastik des Ural mag 
hier hervorgehoben werden. Es besteht in dem Auftreten von zwei 
Zonen von Seen, die den Ostabhang des Gebirges begleiten. Die 
eine dieser Zonen umfasst Steppenseen oder Sümpfe mit salzigem 
Wasser von geringer Tiefe und gehört schon der sibirischen Ebene 
an. Die zweite ist näher dem Ostrande des Ural Tau gelegen un(i 
enthält eine sehr grosse Anzahl von Süsswasserseen von beträch tlichoi 
Tiefe. Den besten Ueberblick über ein ausgedehntes Stück jener Seen- 
region erhielten wir bei der Besteigung des Berges Sugomak tinweil 
des Hüttenwerkes Kyschtym. Dieser Berg, den ich als den Rigi de| 
Ural bezeichnen möchte, verstattete uns in Folge seiner weit nach Ostet 
vorgeschobenen Lage eine umfassende Eundschau über die sibirisch* 
Ebene. Die Entstehung dieser Seenzone ist ein ungelöstes Problem 
Spuren einer ehemaligen Vergletscherung sind südlich vom 63^ N. Bi 
auf der Ostseite des Ural nirgends vorhanden, die zunächst liegend 
Erklärung der Seen durch Gletschererosion, analog unseren alpine! 
Hochseen^ erscheint also nicht statthaft. 

Auch im Inneren des Ural trifft man zahlreiche Seen von zui 
Theile beträchtlichem Umfang, bis zur Grösse des Zeller Sees. Die£ 
Seen sind aber künstlicher Entstehung, durch die Stauung d^ 
Flüsse hergestellt, um ihre Wasserkraft für die Hüttenwerke auszunützen 

In landschaftlicher Beziehung bietet der Ural im allgemeine 
nicht viel. Hochgebirgscharakter ist ihm selbstverständlich frem 



277 

Aceb fehlt jener Hebliche Zog, wie er unseren Mittelgebirgen durch 
£e Caltnr und den Keichthum an Zeichen menschlicher Anwesenheit 
eigen sa sein pfl^t. Das Ueberwiegen von Waldbeständeu verleiht ihm 
fklmehr ein düsteres, ernstes Gepräge. In der Waldvegetation, die 
Ton der mittelenropäischen nicht wesentlich verschieden ist, verräth 
das Fehlen der Buche und das Vorherrschen der Birke unter den Laub- 
binnen bereits den nordischen Einschlag. Dieses Dominiren der Birken 
mt^ den LaubhOlzem tritt aber jenseits des Ural im sibirischen Wald- 
gebiete noch viel schärfer hervor. Hier sahen wir bei Tscheljabinsk 
2Qm ersten Male jene mächtigen Birkenbestände, die den schönsten 
Scbmnck sibiriscber Landschaften bilden. Wer norwegische Landschaf- 
ten nördlich vom Polarkreis kennt, der wird sich der Bolle erinnern, 
welche dort die Birke im Vegetationsbilde spielt. Die Birkenwälder 
bei Tscheljabinsk aber sind durch viel bedeutendere Höhe und Ueppig- 
keit des Wuchses der einzelnen Stämme ausgezeichnet, die dicht an 
änander gedrängt auf viele Meilen weit in jenen lichten, halb durch- 
äcbtig^ Farbentönen schimmern, die das Entzücken jedes Pleinair- 
Malers hervorrufen möchten. 

Aasgedehnte Waldbestände bedecken den giössten Theil des 
södÜchen und mittleren Ural. Die Culturregion ist nur eine beschränkte, 
entsprechend der geringen Dichte der Bevölkerung. Die Bewohner, 
fowohl die einbeimischen Baschkiren als die eingewanderten Gross- 
rassen, beschäftigen sich mit Wiesenbau und Viehzucht, vor allem 
»ber mit der Arbeit in den zahlreichen Berg- und Hüttenwerken. 

Die Berg- und Hüttenwerke sind im Ural allenthalben die 
eigentlichen Centren der Ansiedelung. Der Erzreichthum des Gebirges 
in bekanntlich ein sehr erheblicher und dem Bergbaubetriebe war 
begreiflicherweise auch das Hauptinteresse auf unserer Excursion zu- 
gevendet. Wir hatten insbesondere Gelegenheit* unter sachverständiger 
FniunDg eine Beihe der bedeutendsten Gold- und Eisenerzbaue zu 
Wichtigen. 

Der Goldbergbau ist Monopol der Regierung und der Gruben- 
t^etrifb wird UnteTnehroem lediglich in Pacht gegeben. Diese müssen 
daao das gewonnene Gold zu einem feststehenden Preise dem Aerar 
ibliefeni. Das Gold wird theilsauf secundärer Lagerstätte als Schwemm- 
g«W (Miasa), theils aus anstehendem Quarzgestein als Ganggold (Tschelja- 
Wosk, Beresowsk) gewonnen. Der technische Betrieb der Gruben steht 
^gens keineswegs überall auf der modernen Höhe. Viel wichtiger 
ik der Ooldbergbau ist jener auf Eisenerze. Die Eisenerze kom- 
»M im Ural in zwei verschiedenen Ausbildungsarten vor, einmal als 
X«Sfer von Spatheisenstein, genau so wie auf unseren alpinen Lager- 
sitten, z. B. bei Eisenerz in Steiermark, zweitens als Magneteisen, 
^ aus einem porphjrischen Eruptivgestein in Massen ausgeschieden 
wde, die an ^nzelnen Localitäten den Umfang von kleinen Bergen 
«weich«!. Beispiele dieses zweiten, viel merkwürdigeren, Vorkommens 
^tkamen wir an der Wyssokaia bei Tagil und amBlagodat bei 
Kaschwa su sehen. An diese Anhäufungen von Magnetit knüpft sich 



278 

die mittelalterliche Sage von den Magnetbergen, die schon aus weiter 
Ferne alles Eisen an sich ziehen. 

Alle Betriebe sind Tag baue und der Erzreichthuoi ist ein so 
bedeutender, dass die jährliche Production beträchtlich erhöht werden 
könnte, wenn nicht einer Vermehrung des Hüttenbetriebes eine grosse 
Schwierigkeit in der Beschaffung des Brennmaterials entgegenstände. 
Dem Ural sind von der Natar Kohlenschätze versagt geblieben, die 
dem Zustandebringen der Erze dienstbar gemacht werden könnten. 
Von einigen wenig mächtigen Kohlenvorkommen im Gouvernement 
Orenburg abgesehen, sind die nächsten Steiokohlendistricte, nämlich 
das Donetz-Becken in Sttdrussland und das Kohlenbecken von Kussnetz 
in Westsibirien über 1600 km vom erzreichen Ural entfernt. Es hat 
daher im ganzen Ural die Eisenerzindustrie noch lange nicht den 
Höhepunkt der Entwicklung, deren sie ftlhig wäre, erreicht. 

Unter den von uns besuchten Bergwerkscolonien machten die 
meisten einen recht stattlichen Eindruck, insbesondere Tagil, eine 
Schöpfung der Fürsten Demido ff, die für den Aufschwung dieses 
Ortes sehr viel gethan haben. Hier befinden sich ausser dem erwähn- 
ten Eisenerztagbau auf der Wyssokaia die berühmten Kupfer- und 
Malachitgruben von Mednorudiansk. Fünfzig Kilometer westwärts 
liegen die bekannten Platinseifen am Berge Solowjeff, aus denen fast 
das gesammte im Ural geförderte Platin stammt. In Bezug auf ihre 
Bauart unterscheiden sich die Ortschaften im Ural nicht wesentlich 
von solchen in anderen Theilen Grossrusslands. In der Regel sind 
nur die Fabriks- und Administrations-Gebäude, dann die Kirchen mit 
ihren zwiebelfbrmigen, blaueu oder grünen, goldbesternten Kuppeln | 
aus Stein gebaut, die übrigen Häuser aus Holz. Fast alle Ortschaften 
sind sehr weitläufig angelegt. Grosse, freie Plätze unterbrechen bänfig, 
der Feuersgefahr halber, ähnlich wie in norwegischen Städten, die 
Strassenzüge. Selbst die ärmsten Dörfer, die ich zu sehen Gelegenheit 
hatte, machen übrigens den Eindruck grösserer Wohlhabenheit und 
Sauberkeit, als solche in den ehemals polnischen Landestheilen von 
Russland. Man würde überhaupt sehr irren, wenn man bei den ße- 
wohnern des Ural ein solches Maß von Armuth und Schmutz voraus- 
setzen wollte, wie man es in den Goralendörfern der galizischen und 
ungarischen Karpathen leider so häufig findet. 

Der Hauptort des erzreichen Ural ist die im Jahre 1732 als 
Grenzfestung gegen die Baschkiren gegründete Stadt Jekatberi n- 
bürg mit 43000 Einwohnern. Sie besitzt sehr viele steinerne Häuser, 
regelmäßige, zum Theil sogar gepflasterte Strassen, elektrische Beleuch- 
tung und ein sehenswertes Provinzialmuseum der Uralischon Gesell- 
schaft, deren Gäste wir während unseres Aufenthaltes waren. Als Sitz 
des uralischen Oberbergamtes und als Centrum der uralischen Edel- 
steinschleiferei wird sie wohl auch fernerhin ihre Bedeutung behaupten, 
obschon ihr in commercieller Hinsicht eine sehr beachtenswerte Kiva.lin 
in Tscheljabinsk, der Kopfstation der neuen sibirischen Eisenbahn, 
entstanden ist. Tscheljabinsk ist die einzige Stadt, die mich auf 
meiner russischen Reise in ihrem grossartigen Aufschwung an ameri- 



r 



279 

hnisclie Verbfiltnisde erinnert hat, Ee uDterliegt kaum eiaem Zweifel^ 
düs mit der Vollendung der eibirischen Eisenbabo, ilie man als eines 
itr gasten Calturwerke der Gegenwart bezeichnen darf, Tscheljabinsk 
fich zü einem der bedeutendetea Handelsplätze Nordasiens ent* 
wickeln wird. 

Am 22, August fand onBere Ural-Excursion in Perm ihren Ab- 
lehltBs. Von hier au& wurde die Heise bis Nishnlj -Nowgorod auf 
mtm der grossen Dampfer fortgesetzt, die den Verkehr auf der Kama 
nj^ Wolga vermitteln- In wenigen Jabren wird aber auch der An- 
«hfiiss von Perm an das europäische Schienennetz durch die Erbau- 
Bog^ einer EiseDbabnlinie über Wjatka vollzogen sein. Diese Linie 
vird dann im Anschlüsse au eine gleichfalls schon im Bau begriffene 
Mn lu dem neu eröffneten Murman-Hafen an der Küste des Polar- 
Biefr« eiDen bisher vom Weltverkehre ganz abgelegenen Theil des 
ivrdticben Eussland aufschliessen. 

Die Zeit vom 28, Äugost bis zum 5. September war den Ver-* 
baJbn^en des Congresees in St. Petersburg vorbehalten. FUr die 
iwt:ie HatiptexcursioD in den Kaukasus und in die Krim stand den 
Tbetlnehmern die Wabl zwischen drei Routen offen, durch das Gebiet 
d« DDJepr, durch das Donetz-Becken oder endlich entlang der Wolga. 
Meine Frau und ich entschieden uns für die letztere Excursion, an 
der gegen 120 Personen, darunter zehn Oesterreicher theil nahmen. 
Wir bestiegen in Nishnij-Nowgorod den grössten Dampfer der Gesell- 
itfa&it „E[aukasas und Merkur'' und fuhren auf demselben während 
^er Qächsten sechs Tage die Wolga hinab bis Zarizyn. 

Die Wolga ist bekanntlich die Haupt Wasserader Russlands. Wir 
Viren erstaunt über den ausserordentlichen Verkehr, der auf derselben 
herrschte, obwohl gegen Ende des Sommers die Schiffahrt des niedrigen 
Waaierstandes wegen nicht unbedeutende Schwierigkeiten bietet. Das 
Fihrwasser ist nämlich streckenweise durch Sandbänke derart ein- 
^eeagt, dass ein Einhalten des richtigen Gurses die peinlichste Anf- 
oerksamkeit erfordert. Uns selbst geschah es zweimal, dass unser 
Dimpfer auf Sandbänke auffuhr und erst nach mehrstündiger Arbeit 
dwch Remorqnenrs wieder abgeschleppt werden konnte. Wir be- 
'ikten auf unserer Fahrt von grösseren Städten Kasan, Samara 
^ Saratow. Für den Touristen wird das bunte Völkergemisch 
ia deoselbeu einen grösseren Anziehungspunkt bieten, als die land- 
sdiafUichen Reize auf der Wolgafahrt, obwohl auch die letzteren 
^aaeswegs gering sind. Scenerien wie auf der Rheinfahrt zwischen 
Kb^ und Köln oder auf der Donau zwischen Alt-Moldowa und 
^eräorova darf man freilich nicht erwarten. Die schönste Strecke 
at der unter dem Namen der „Pforte von Samara" bekannte 
^^vehbruch des Stromes durch die Scheguli Berge, deren pittoreske 
^^«Idbige sich bis zu dreihundert Meter über den Flusspiegel erheben. 
Von diesem Durchbruch durch eine locale Gebirgsfalte abgesehen, 
^Kt man während der ganzen Fahrt das steile Ufer stets auf der 
reehteo, die flache Steppe auf der linken Seite des Flusses. Das nach 
^ rasfischen Akademiker v. Baer benannte Gesetz, dass alle in 



280 

einer dem Meridian genäherten Bichtung flicssenden Ströme der nörd- 
lichen Halbkugel in Folge der Erdrotation die Tendenz zeigen, ihr 
Bett gegen das rechte Ufer hin zu drängen, so dass auf der rechten 
Seite ein Steilrand, atif der linken eine flache Alluviallandschaft ent- 
steht, passt auf die Wolga jedenfalls in ausgezeichneter Weise, ja es 
erscheint direct auf dieselbe zugeschnitten. 

An dem. Unterlaufe der Wolga, von Samara abwärts, sind 
deutsche Colonisten in grosser Zahl ansässig. Es ist eine Freude, 
diese bltthenden, deutschen Colonien zu sehen, von denen die meisten 
zur Zeit der Kaiserin Katharina der Grossen und Pauls l. entstanden 
sind und die ihre Sprache und Eigenart bis heute erhalten haben. 
Auch hier kann man sich wieder überzeugen, in wie hohem Maße 
das deutsche Element einen Träger der Gultur abgibt, obschon dieses 
Verdienst desselben nicht immer nach Oebtthr gewürdigt wird. 

In geologischer Beziehung lehrten uns die unter Führung der 
Herren Professor P a w 1 o w und Amalitzky unternommenen 
Excursionen an den zahlreichen, vortrefiFlichea Aufschlüssen des rechten 
Stromufers die Schichtfolge der russischen Tafel von den permischen 
bis zu den alttertiären Bildungen hinauf kennen. 

Von Z a r i z y n führte uns ein Extrazug der russischen Süd west- 
bahn in 60 Stunden nach Wladikawkas am Nordfusse des Kau- 
kasus. Alle Theilnehmer der verschiedenen Specialexcursionen durch 
das Dnjepr-, Donetz- und Wolga-Gebiet mussten diesen Ort passiren, 
um von dort auf der grusinischen Heerstrasse nach Tiflis zu gelangen. 
Ich hatte den letzten Theil unserer Eisenbahnfahrt mit besonderer 
Spannung erwartet, da sie uns einen vollen Anblick der fast unver- 
mittelt aus der Ebene aufragenden Nordfront des Kaukasus mit 
dem Elbrus, dem Shkara, Koshtan Tau und allen den anderen be- 
rühmten Gipfeln bieten sollte, deren Namen und Ersteigungsgeschichte 
mir aus den Berichten der englischen Alpinisten und aus den herr- 
lichen Photogrammen von Vittorfo Sella bekannt waren. Ich hofi^e 
auf ein Bild von ähnlich überwältigender Grossartigkeit, wie es mir 
seinerzeit zu Theil geworden war, als ich zum ersten Male die 
gigantische Schneekette des Himalaja über die Vorhöhen der indischen 
Tiefel^ene aufsteigen sah. Leider vergebens; denn gerade an diesem 
Tage hingen schwere Eegenwolken bis zum Erdboden herah und 
verhüllten alles, was des Schauens wert gewesen wäre. Desto freudiger 
stimmte uns die am nächsten Morgen in Wladikawkas eingetretene 
Besserung des Wetters, das uns auch auf der Fahrt über den Kaukasus 
nach Tiflis treu blieb. 

Von Wladikawkas nach Tiflis führt die 210 kfn lange geor- 
gische oder grusinische Militärstrasse, die wir in bequemen, 
sechsspännigen Landauern in vier Tagen zurücklegten, da die Auf- 
enthalte für die geologischen Untersuchungen auf der Beute sehr 
reichlich bemessen waren. Nachdem mit Rücksicht auf die Unter- 
kunftsverhältnisse nur je 60 Personen gleichzeitig befördert werden 
konnten, so nahm unsere Gesellschaft, die in 4 Partien getheilt 
worden war, die gesammte Strecke 7 Tage hindurch ausschliesslich 



281 

in Äüäpracb^ Während dieser ganzen Zeit war die Strasse für andere 
i\t im Auftrage der Regierung reisende Personen od^r für Militärs 
j-^üperrt. Die StAtionshäuBer, mit Auanahme der Station Kasbek, 
Hift«^ nor eine beschränkte Unterkunft, sa dasfi wir gerne in den 
.-cfadnen, tür uns aufgeschlagenen Officierszelten campirten. Am besten 
liüme wohl den TheUnehmern der Excursion das Nachtlager in Mlety 
in Erioaerung geblieben sein, wo die meisten unter uns vermuthlich 
lUiD ersten Male anf einem Kirchhofe geschlafen haben. Man hatte 
iljn Mmlich die Zelte auf dem Kirchhofe^ als dem einzig ebenen 
Plitie des Ortes aufgeetelit. 

Die grusinische Heerstrae^e scbliesat das bisher am genauesten 
sadirte, zaeret von A b i c h beschriebene, in den letzten Jahren von 
Isostranzef f und Loewinson' Leasing neu aufgenommene 
Profil über den Kaukasus auf. Dennoch ist selbst hier, insbesondere 
*d der Südseite für das Detaihtudiura noch manches zu tbun übrig. 
Ich will z» B, nur erwähnen, daea unsere Karpathengeologen in der 
^e kiptalliniscbe Hauptaxe des Gebirges begleitenden südlichen Sand- 
it^bzone Bildungen coustatirtcn, welche mit den Klippen der 
^zischen Karpathen übereinstimmen und deren Existenz im Kaukasus 
fci^ dahin unbekannt war,*) 

Was den landschaftlichen Charakter des Kaukasus entlang dieser 
Küute betrifft, so ist derselbe geeignet, diejenigen zu enttäuschen, die 
«•w den AIpou an Erhabenheit und malerischer Schönheit Eben- 
iSrtigfs erwarten. Freilich wäre es ebenso irrig, aus dem landschaft- 
Bcben Charakter dieses einen Profils auf den Typus des ganzen Ge- 
^es zu schliessen, als wenn jemand, der nur über den Gottbard 
«tJer den Splilgen gefahren wäre, sich ein Urtheil über die Scenerie 
ier Schweizer Alpen anmaßen wollte. Die landschaftlich schönsten 
Tbeiie des Kankasns liegen eben beträchtlich weiter im Westen, im 
Gebiete dea für eine grosse Reisegesellschaft nicht gut zugänglichen 
^^inetien, wo zu der Majestät der grossen Schneegebirge eine üppige 
Wald- und Busch Vegetation hinzutritt, die entlang der grusinischen 
Heentraase nahezu vollständig fehlt. 

Nur ein einziger grosser Schneeberg beherrscht diese Route; es 
13t der Kasbek (5044m), der ais ein prachtvolles Firnhorn in der 
rewahigen relativen Höhe von 3300 w über dem Dorfe Kasbek auf- 
jagt. An Schwung der Contouren und an Kühnheit des Aufbaues 
^^riiag er gleichwohl mit den Hauptgipfeln der Westalpen nicht zu 
nfalisiren. 

Der Kasbek ist einer jener jungen Vulcane, wie sie in den 
Alpen ganz fehlen, aber im Kaukasus eine hervorragende Rolle 
^p^len. Denn auch der höchste Gipfel dieses Gebirges, der Elbrus 
^6'X» m) ist ein erloschener Vulcan, der ausserhalb der krystallinischen 
Eauptkette steht und dessen Eruptionen in eine, geologisch genommen 
3r nicht so ferne Zeit zurückreichen. Schon Ab ich hatte mit 



*) Auf den Excursionen in Kaukasien waren die Herren Loewinson- 
^eiiing-, Simonowitsch und Earakasch unsere Führer. 



282 

scharfem Blicke erkannt, dass alle diese Vulcane, obwohl dem Gebirge 
anfgesetat, doch der Erhebung desselben und selbst der Erosion eines 
Theiles der Thäler nachgefolgte Bildungen seien. Die Aufschlüsse, 
die man gerade an der grusinischen Heerstrasse beobachtet, lassen 
gar keinen Zweifel über das relativ jugendliche Alter einzelner Fener- 
berge. Vom Kasbek senkt sich ein grosser Eisstrom, der durch seine 
Lawinenstürze berüchtigte Devdorak Gletscher gegen O^en. Auf 
den alten Moränen dieses Gletschers aber sieht man Lavaströme auf- 
liegen, die vom Kasbek ausgingen. Diese Beobachtung lehrt, dass 
Eruptionen des Kasbek noch in eine Zeit fielen, wo der Stand des 
Devdorak Gletschers von dem heutigen nicht sehr verschieden war, 
also in eine Zeit, wo wahrscheinlich der Mensch in diesen Gegenden 
bereits existirt hat. 

Einen kleineren dieser ehemaligen Vulcane von circa 3000 m 
Höhe und mit noch deutlich erhaltenem Krater erstiegen wir auf dem 
Abstiege von der Passhöhe im Hauptkamme des Gebirges. Während 
von der letzteren aus die Femsicht, wie ja so oft auf Alpenüber- 
gängeu, nur eine sehr eingeengte ist, hatten wir von unserem Vulcan, 
dessen Gipfel noch ganz mit Neuschnee bedeckt war^ einen weit um- 
fassenden Rundblick über das grosse georgische Längenthal und seine 
Bergzüge. 

Von Tiflis, der Hauptstadt des Kaukasischen Generalgouverne- 
ments aus, wo circa 200 Congressmitglieder zusammentrafen, unter- 
nahmen wir einen gemeinschaftlichen Ausflug nach Baku am Kaspiscben 
Meere. Diese gegenwärtig 115000 Einwohner zählende Handelsstadt 
liegt inmitten einer vegetationslosen Steinwüste. Die umliegende Land- 
schaft hat bereits vollständig den öden, trostlosen Charakter des trans- 
kaspischen Wüsten- und Steppengebietes. 

Die Quelle des Keichthums von Baku ist die noch immer im 
Steigen begri£Pene Naphta-Production, die sich seit 1889 mehr 
als verdoppelt hat. Im Jahre 1896 betrug die Menge des geförderten 
Erdöls bereits 6326 Millionen Kilogramm. Ungefähr der vierte Theil 
dieses Quantums wird von Springquellen ausgeworfen, um solche zu 
erbohren, muss man schon in beträchtliche Tiefen hinabgehen, stellen- 
weise bis über 600 w. Auch ist ihr Vorkommen kein sehr häufiges. 
Auf dem der Firma Rothschild gehörigen Petroleumfeld von 
Balachany z. B. waren in den letzten Jahren rund 500 Bohrlöcher 
gestossen worden. Von diesen wurden zur Zeit unserer Anwesenheit 
gegen 200 gepumpt. Unter ihnen befand sich aber nur eine einzige 
Springquelle. Eine zweite Springquelle, die im Jänner v. J. bei Bibi 
Eibat erbobrt worden war, lieferte täglich 1 Million Kilogramm Naphta, 
gerieth aber nach wenigen Tagen in Brand, der mehrere Monate 
dauerte. Es gelang endlich, sie mittelst Unterfahrung durch einen 
Stollen zu retten und zur Zeit unseres Besuches sahen wir das Napbta 
ans einem 20 cwt dicken Rohr noch immer als einen Springbrunnen 
von 4 — 5 Meter Höhe emporschiessen. 

Ausser den Gruben und Raffinerien der Firmen Nobel und 
Rothschild besichtigten wir in der Umgebung von Baku noch die 



283 

auf dem offenem Meere befindlichen Gasquellen von Bibi Eibat, die 
entzündet anf der Oberfläche des Wassers brennen, und den jetzt 
rerlaasenen Tempel der Feueranbeter bei Surachanj, wo die aus 
Erdspalten ausströmenden Gase die bekannten ewigen Feuer speisen. 

Ungeachtet der vielen interessanten Dinge, die wir auf diese 
Weise zu sehen bekamen, verliessen wir doch nach einem zweitägigem 
Aufenthalte Baku ohne Bedauern. Die Stadt steht zu sehr unter dem 
Zeichen des Petroleums. Man wird den Geruch, der sich schon bei 
der Annäherung auf einige Meilen bemerkbar macht, niemals los. 
Die Zimmer, in denen man wohnt, das Wasser, mit dem man sich 
wäscht, duften nach Petroleum, selbst die Beefsteaks und die Milch 
der Kühe «schmeckten, wenigstens in unserer Einbildung, darnach. 

Auch den continentalen Charakter des kaspischen Klimas be- 
kamen wir in Baku zu fühlen. Auf eine Gluthitze, die den Auf- 
enthalt im Freien fast unleidlich gemacht hatte, trat über Nacht 
plötzlich ein heftiger Hegen, der erste in dieser Gegend seit 6 Monaten, 
und in Verbindung damit ein Temperatursturz um circa 25^ ein. 
Ebenso empfindliche Temperaturstürze hatten wir auch im Ural 
einige Male zu beobachten Gelegenheit gehabt. Auch dort war zu- 
meist ganz unvermittelt auf grosse Hitze eine scharfe Abkühlung ge- 
folgt. Aber auch an heissen Tagen machte sich stets der Gegensatz 
zwischen Tageswärme und Nachtkälte in viel auffallenderer Weise als 
m unseren Gegenden geltend, dem streng continentalen Regime des 
ostmssischen Klimas entsprechend. Einige unter den Theilnehmern 
to Excarsion, die sich nicht entsprechend vorgesehen hatten, mussten 
dies mit recht empfindlichen Erkältungen büssen. 

Von Baku traten wir am 25. September die Rückreise an. Wir 
fuhren mit der Eisenbahn durch das grosse transkaukasische Längen- 
tfaal direct nacb der Hafenstadt Batum, schifften uns dort ein und 
iandeten zwei Tage später in Kertsch an der Ostspitze der Halbinsel 
Krim. Auf der Fahrt über das Schwarze Meer wurden, von ruhigem 
Wetter begünstigt, wiederholt Dredgungen ausgeführt, um uns 
den hohen Gehalt der Tiefseeproben an Schwefellwasserstoff zu 
demonstriren. In den Herren Lebedinzew und Professor An- 
drassow, dem Entdecker dieses merkwürdigen Vorkommens von 
Schwefelwasserstoff auf dem Grunde des Schwarzen Meeres, hatten 
wir die beiden berufensten Kenner dieses Seebeckens als Interpreten 
mr Seite. Professor Andrussow hat auch in unserer Gesellschaft 
im Jahre 1893 einen Vortrag über diesen Gegenstand gehalten, der 
in dem 36. Bande unserer „Mittheilungen" zum Abdruck gelangt ist. 

Voo Kertsch aus wurde eine Excursion in das umliegende Tertiär« 
gebiet bis zum Asow^schen Meere unternommen. Auf derselben 
fesselten die zahlreichen, kleinen Schlammvulcane am meisten unser 
Interesse, wahrhaft entzückende, 1 — 6 Meter hohe Modelle von Vulcan- 
kegeln, bei welchen ein warmer, zäher Schlamm die Stelle der Lava 
vertritt und aufsteigende Kohlenwasserstoffgase die Eruptionen ver- 
anlaasen. Von Kertsch aus ging es dann unter der Führung der 
H«rrea Professor Lagorio und C. von Vogdt weiter der Südküste 

Mittfc. d. k. k. G«ogr. Ges. 1898. 3 n. 4. 19 



284 

der Krim entlang über Sudak mit seinem alten genuesischen Fort und 
über Talta mit den kaiserlichen Schlössern von Livadia und Massandra 
nach Sewastopol, der Hauptstadt der Halbinsel. 

Die südöstliche Hälfte der Krim wird von einem Kettengebirge 
durchzogen, das sich in tektonischer Beziehung als eine directe, nur 
durch die Meerenge von Kertsch oberflächlich unterbrochene Fort- 
setzung des Kaukasus darstellt Dieses Gebirge steigt nahe der Süd- 
spitze der Halbinsel im Jaila Dagh bis zu 1500 m Höhe an. Es 
besteht zum überwiegenden Theile aus Jura- und Kreidekalken von 
einer ähnlichen BeschafiPenheit wie die Kalke unseres kroatischen und 
küstenländischen Karstes und auch der landschaftliche Charakter der 
kahlen, plateauartig gestalteten Berge ist ein nahezu übereinstimmender. 

Gegen das Meer zu fällt das Gebirge steil ab. Die Küste zeigt 
daher nicht selten jene classischen Profile, wie wir sie an den Ge- 
staden der griechischen Inseln bewundern. Einzelne Vorgebirge steigen 
in schroffen Felswänden scharfzackig mehr als 100 m direct aus dem 
Meere empor, so das Cap Fiolent, wo der Sage nach Iphigenie als 
Priesterin der Artemis lebte und sich „das Land der Griechen mit der 
Seele suchend^ in Sehnsucht nach ihrer Heimat verzehrte. 

Der schmale Küstensaum am Südrande dieses Gebirgsrückens 
ist es, den man nicht mit Unrecht als die russische Riviera 
bezeichnet hat und an dem die berühmten klimatischen Curorte Yalta, 
Gursuf, Aluschta u. a. liegen. Hier trifft man, durch das Gebirge 
vor den rauhen Nordwinden geschützt, die bekannte mediterrane 
Vegetation, wie sie ja jedem Besucher der Riviera oder Abbazias ge- 
läufig ist. Auch hier entfaltet sie sich in den künstlich angelegten 
Parks viel schöner, als dort, wo man ihre Entstehung der Natur 
überlässt. 

Mit dieser schmalen, von einer immergrünen Vegetation über- 
kleideten Küstenzone contrastirt der übrige Theil der Krim auf das 
schärfste. Er ist, soweit er dem Gebirge angekört, Karstplateau, sonst 
Steppe. Wir selbst haben auf unseren Ausflügen ins Innere nur die 
Karstregion kennen zu lernen Gelegenheit gehabt. Der Karsttypus 
tritt beispielsweise schon in der Umgebung von Sewastopol in sehr 
prägnanter Weise hervor. Die Bucht von Balaklava, wo die Flotten 
der verbündeten Westmächte während des Krimkrieges ankerten, 
erinnert ganz an einen unserer istrianischen Häfen. Bei Inkerman 
oder Bachtschiserai treten dann im Landschaftsbilde noch Elemente 
hinzu, wie sie für Scenerien in Syrien und Palästina bezeichnend sind. 
Das ausgedehnte, zum Theil mit Buschwerk bekleidete Plateau, auf 
dem die Schlacht von Inkerman, die blutigste des ganzen Krimkrieges, 
geschlagen wurde, stürzt mit absolut senkrechten, 50 bis 80 m hohen 
Wänden zur Thalsohle der Tschornaja ab. In diese Felswände, die 
aus einem sehr milden, schnee weissen Kreidekalkstein bestehen, sind 
zahlreiche Höhlen Wohnungen eingeschnitten, in welchen ungeßlbr die 
Hälfte der Bewohner des Dorfes Inkerman lebt. Aber nicht nur die 
eingeborene tatarische Bevölkerung wohnt, förmlich nach Art der 
Troglodyten in solchen Höhlenwohnungen, es gibt auch ganze Kirchen 



285 

flnd Klöster, welche in die Felswände eingegraben sind und, wenigstens 
frflher, den Priestern nnd Mönchen zum Aufenthalt dienten. 

In der Nacht vom 6. auf den 7. October fuhren wir zu Schiff 
TOD Sewastopol nach Odessa, und am nächsten Tage fand unsere 
Excnraion in Kiew ihren Abschluss. 

Wir schieden von dem russischen Boden, bereichert um eine 
Falle von Erfahrungen und neuen Eindrücken. Wir hatten nicht nur 
durch eine Bereisung der geologisch interessantesten Theile Husslands 
lasere fachwissenschaftliehen Kenntnisse erweitert und vertieft, wir 
batten auch das seltene Schauspiel erlebt, dass fast die ganzen ge- 
bildeten Kreise der Bevölkerung eines grossen Reiches unsere Arbeiten 
nit regem Interesse verfolgt und unterstützt hatten. Ueberall hatten 
BegieniDgsbehörden und Privatleute gewetteifert, uns den Aufenthalt 
so angenehm als möglich zu machen. Die russische Regierung selbst 
kitte uns Extrazüge auf allen Eisenbahnlinien zur Verfügung gestellt, 
einen ganzen Bahnzug eigens über das Schwarze Meer nach Kaukasien 
S^chftfft, die grusinische Militärstrasse eine Woche hindurch für uns 
reserWrt, uns auf allen Staatsdomänen Unterkunft und Verpflegung 
gesichert und eigentlich die Hauptkosten des ganzen Congresses auf 
sidi genommen. Unsere russischen Fachgenossen hatten die complicirte 
Organisation der Veranstaltungen durchgeführt. Die besten Special- 
keooer jedes einzelnen Qebietes hatten uns persönlich in demselben 
geleitet und überdies noch uns ein wertvolles Geschenk bei Beginn 
der Beise übermittelt, nämlich ein wissenschaftliches Reisehandbuch, 
▼elches augenblicklich das beste Compendium der Geologie von Russ- 
land darstellt. In jeder Stadt, auf jedem Hüttenwerk endlich waren 
^ mit einer kaum zu überbietenden Gastfreundschaft aufgenommen 
▼Orden. 

Diese fast überschwängliche und dabei mit einer so natürlichen 
Herzlichkeit geübte Gastfreundschaft eines ganzen Landes wird ebenso 
^ die hohe Wertschätzung, welche die kaiserlich russische Regierung 
«Merer Wissenschaft gegenüber an den Tag gelegt hat, wohl allen 
Theilnehmem an den Excui*sionen des Congresses in dankbarer Er- 
innerung bleiben. D)\ C, Diener. 



19* 



Die Missionen in Fiji. 

Die Missionen nebmen hentzntage einen grossen Theil der öffent- 
lichen Aufmerksamkeit in Ansprach, nnd das selbst in den Kreisen, 
die im allgemeinen für religiöse Doctrinen Tom rein theologischen 
Standpunkte aas völlig indifferent sind. Der Grund davon li^ wohl 
darin, dass die Missionen zu allen Zeiten sich als mächtige Factoren 
bei dem Werke der Civilisation erwiesen haben. Missionäre, sowie 
Kaafleute hat man nicht mit Unrecht die Pionniere der Civilisation 
genannt, und beide Berufsclassen haben diesen ehrenden Titel wohl 
verdient, der aber seine Berechtigung nur dann hat, wenn beide in den 
scharf definirbaren Grenzen ihrer respectiven Berufe bleiben. Die 
Auseinanderhaltung der beiden Berufe scheint leicht genug : die Missio- 
näre sollen als einzigen Zweck, mit Hintansetzung ihres eigenen Ichs, 
die Belehrung der primitiven Völker und deren Vorbereitung für ein 
besseres Leben nach dem Tode verfolgen, die Kaufleute suchen diese 
Völker der Vortheile und Genüsse, welche für das irdische Leben aus 
der Civilisation entspringen, theilhaftig zu machen^ wobei aber natürlich 
ihr eigenes Ich im Vordergründe stehen bleibt. In nachfolgender 
Skizze werde ich blos mit den ersteren, den Dienern der Belig^on, 
zu thun haben und zu schildern versuchen, was dieselben bisher auf 
den Fiji-Inseln geleistet haben. 

Auf den Fiji-Inseln sind zwei Missionen thätig: die wesley- 
anische und die römisch-katholische, und ich werde mich vorerst mit 
der einfachen Feststellang der Namen der leitenden Missionäre, der 
Zeit ihrer Wirksamkeit und der von ihnen errungenen EIrfolge be- 
gnügen und dann zu einer nothwendigerweise kurzen Schilderung ihrer 
heutigen Thätigkeit, vom Standpunkte des Laien und einfachen Be- 
obachters aus, übergehen. 

I. 

Die ersten wesleyanischen Missionäre in Fiji waren der Rev. 
William Cross und der Rev. David Cargill. Sie kamen in Fiji in der 
zweiten Hälfte des Jahres 1837 an; Mr. Cross kam nach Bau, um 
sich die Erlaubnis zum Predigen zu erwirken. Der König von Bau, 
Tanoa, war gerade abwesend, und sein Sohn Sern, der später so be- 
rühmt gewordene Cakobau, schien der christlichen Religion so ab- 
geneigt zu sein, dass Mr. Cross es für rathsam hielt, die Missions- 
arbeiten nicht zu Bau, sondern zu Rewa zu beginnen, dessen K5nig, 
der mächtige Toro Tui Dreketi, günstiger für die neue Religion ge- 



287 

sdmmt war. Nach und nach. waren sieben wesleyaniscbe Missionäre 
b Fiji angelangt, und in einer Versammlung im Juli 1839 beschlossen 
dieselben, dass Mr. Gross seinen Wohnsitz nach Bau verlegen sollte; 
Serags £influ88 auf seinen Vater Tanoa, der mittlerweile zurückgekehrt 
war, war jedoch so gross, dass auch dieser seine Erlaubnis verweigerte; 
die HauptstatioQ wurde deshalb nach Viwa, einer ungefähr zwei Meilen 
nördlich von Bau gelegenen kleinen Insel, verlegt, deren Häuptling, 
Namosimalua, den Missionären ein williges Ohr lieh und einer der 
ersten Neubekehrten ward. Mr. Gross starb bereits kurze Zeit 
darauf auf einer Missionsreise nach der Insel Taviuni. 

Zu Bau begann Cakobau um diese Zeit die ganze Autorftät an 
lieh zu reissen, obwohl er seinem Vater Tanoa den königlichen Titel liess ; 
einer der wesleyanischen Missionäre zu Viwa, der Rev. John Hunt, 
der mit Recht von seinen Glaubensgenossen der Apostel von Fiji 
genannt wird, bemtthte sich vergebens, ihn zu bekehren oder wenigstens 
seinen grausamen, blutdürstigen Gharakter zu sänftigen. Besseren 
Erfolg hatten die Missionäre mit Vargni, einem anderen Häuptlinge 
in Viwa, der ein persönlicher Freund Gakobau's war und trotz aller 
Oegenvorstellungen seines Freundes sich zum Ghristenthume bekehrte 
nnd bis zu seinem Tode ein ernster und aufrichtiger Bekenner der 
cliristliehen Relig:ion blieb. 

Cakobaa, der seines Vaters Autorität gänzlich an sich gerissen 
batte, blieb fortwährend der christlichen Religion abgeneigt, obwohl 
er sich andererseits auch zu keiner offenen Unterdrückung derselben 
Mnreissen liess. Nun begann aber eine Periode der Gefahr für Cakobau. 
Der Toro Toi Dreketi, der mächtige König von Rewa, drohte mit 
Krieg (1845). Cakobau, der ein grosses natürliches Talent für Politik 
tind Diplomatie hatte, wusste einen der Brüder des Königs von Rewa, 
Namens Gokanauto, für sich zu gewinnen, indem er seinem Ehrgeize 
ficlimeieheUe. Mit dessen Hilfe gelang es Cakobau, den König von 
Rewa durch Venrath zu besiegen und gefangen zu nehmen. Obwohl 
der gefangene Fürst sein eigener Schwager war, liess ihn doch der 
^uame Cakobau tödten. Die Stadt Rewa wurde zerstört und furcht- 
We Gräuel wurden von den Siegern begangen. Da stellte sich Ratu 
Q^^ ein anderer Bruder des ermordeten Königs von Rewa, au die 
Spitze seines Volkes und erbaute aufs neue die zerstörte Hauptstadt. 
Bas Glück war aber gegen ihn ; in dem aufs neue ausbrechenden 
Kri^e wurde Rewa abermals dem Erdboden gleich gemacht (1. Sep- 
tPinber 1847), und Ratu Qara musste sich in die Gebirge Viti-Levu's 
fehten. Die Stadt Rewa wurde nun abermals durch Cakobau auf- 
g^at und ein Bau-Häuptling als Gouverneur eingesetzt. 

Im Jahre 1848 kam ein englisches Kriegsschiff, die ^jCalypso"; 
Capitin Worth, nach Fiji, um Rache für die Ermordung von zwei 
Coloaigten zu nehmen. Die Stadt Bau wurde infolge der Verwendung 
de^ Rev. John Hunt verschont; man begnügte sich, den König 
ftr den Wiederholungsfall mit strengen Repressalien zu bedrohen. 
Xr. Hunt starb kurze Zeit nach dem Besuche der „Calypso". Dieser 
verdienstvolle Missionär war der Erste gewesen, der zu Bau selbst 



288 

einen dauernden Erfolg im Bekehrnngswerke aufznw^sen hatte. 
Mr. Gross war von Cakobau stets mit Misstrauen betrachtet worden; etwas 
glücklicher war in dieser Beziehung Mr. Calvert; aber erst Mr. Hunt 
erhielt die Erlaubnis, regelmäßig am Sonntage zu Bau zu predigen, 
sowie auch sein College, Mr. Richard Burdsall-Lyth. Auch in anderen 
Theileu der Gruppe, auf Ovolau, Vanua Levu, Taviuni, Lakeba etc. 
waren bereits Missionäre mit Erfolg thätig, und der Einfluss der bereits 
christianisirten Tonga-Inseln trug mächtig zur Befestigung der neuen 
Beligion bei. 

Cakobau erkannte endlich^ dass die Zeit des Heidenthums vorbei 
sei und dass er sich in die geänderten Umstände fügen müsse. Auch die 
katholische Beligion hatte seit dem Jahre 1844 einige Proselyten gemacht, 
wovon ich weiter unten sprechen werde. So beschloss er denn, der 
neuen Religion einige Zugeständnisse zu machen. Er besuchte im 
März 1851 die Insel Yiwa, damals die Hauptstation der weslejanischen 
Mission. Die beiden dort etablirten Missionäre, Mr. Waterhouse (der 
ältere) und Mr. Calvert, hatten eine lange Unterredung mit ihm, in 
welcher sie von ihm verlangten: 1. dass ein Missionär seinen Wohn- 
sitz auf der Insel Bau selbst nehmen dürfe; 2. dass jeden Sonntag 
zu Bau der öffentliche Gottesdienst gestattet sei; 3. dass völlige 
Religionsfreiheit etablirt würde. Nach langem Widerstreben gab 
Cakobau nach; aber bereits einige Wochen später verweigerte er unter 
dem Einflüsse der heidnischen Partei aufs neue die Erlaubnis, einen 
Tempel in Bau zu errichten. 

Trotz seiner diplomatischen Künste befand sich aber Cakobau 
doch in keiner beneidenswerten Lage. Seinem Todfeinde, Ratu Qara, 
gelang es wieder, sich in den Besitz von Rewa zu setzen (1851); 
auf der anderen Seite war Bau durch den bereits längere Zeit zum 
Wesleyanismus bekehrten König Georg von Tonga bedroht. Aber 
durch den Tod seines Vaters Tanoa (8. Dec. 1852) wurde Cakobau 
endlich auch dem Namen nach König von Bau, das er schon seit 
sieben Jahren thatsächlich beherrscht hatte. 

Der Rev. Mr. Calvert erwirkte endlich von Cakobau die defi- 
nitive Erlaubnis, einen Missionär auf der Insel Bau zu stationireu, 
und demzufolge wurde der Rev. Joseph Waterhouse nach Bau gesandt, 
um hier die Mission zu beginnen, während Mr. Calvert seinen Wohn- 
sitz zu Levuka nahm (Oct. 1853). 

Im Februar 1854 erhielt Cakobau einen Brief von dem 
Könige Georg von Tonga, worin ihn dieser dringend ersuchte, sich 
zur christlichen Religion zu bekehren. Ungefähr um dieselbe Zeit 
(13. Februar 1854) wurde der Beherrscher von Taviuni, der Tui Cakau 
(d. i. der König der Riffe), der einer der entschiedensten Gegner der 
christlichen Religion gewesen war, ermordet, und die wesleyanischen 
Missionäre benützten dies, um auf Cakobau's Gemüth zu wirken 
und ihm glauben zu machen, dass dieser gewaltsame Tod eine Strafe 
des Himmels sei ; und so kam es, infolge der fortgesetzten Bemühungen 
der Missionäre und des Einflusses der ersten Königin, Adi Samanunu 
(oder Adi Lydia, f 10. October 1881), welche für den Religion»- 



289 

Wechsel günstig gestimmt war, endlich dahin, dass in Cakobau's Stim- 
mimg eine Aendemng eintrat. 

Am 28. April 1854 hielt Cakobau eine Versammlung der Häupt- 
linge; in beredten Worten schilderte er die glücklichen Zustände, 
deren die Tonga-Inseln infolge ihrer Bekehrung zum Christenthume 
theilbaftig geworden seien, und erklärte seinen Entschlnss, zum Ghristen- 
thome übertreten zu wollen. Die von einigen Häuplingen gemachten 
Einwendungen vermochten nicht seinen Entschluss zu erschüttern, und 
am 30. April wurde in Gegenwart Cakobau's, seiner Familie und der 
vornehmsten Häuptlinge ein feierlicher Gottesdienst abgehalten. Cako- 
bau erhielt in der Taufe den Namen Ebenezer. 

Die Bekehrung der Eingeborenen machte nun rasche Fortschritte 
and bis zum 1. Juni nahmen mehr als tausend Fijianer in Bau die 
christliche Keligion an. 

Die Lage Cakobau^s wurde aber durch seine Bekehrung für den 
Augenblick noch schwieriger als zuvor. Sein Bruder, der ehrgeizige 
R9tu Mara, war durch seine Bekehrung sehr unangenehm berührt 
worden, aus politischen Gründen wahrscheinlich hatte dieser sich schon 
seit längerer Zeit zum Christenthume bekehrt und hoffte durch die 
Unterstützung der Weissen zum Throne zu gelangen. Die Bekehrung 
Cakobau^s zerstörte nun diese Hoffnungen, vermochte aber nicht, ihn 
zur Verzieh tleistung auf seine ehrgeizigen Pläne zu bewegen. Die 
heidnischen Priester waren natürlicherweise ebenfalls mit der Wendung 
der Dinge sehr unzufrieden ; für sie handelte es sich um ihre Existenz. 
Sie beeilten sich daher, eine Gegenrevolution vorzubereiten, und die 
auf der Halbinsel Kaba seit mehreren Jahren herrschende Unzu- 
friedenheit kam ihnen dabei wohl zustatten. Diese Halbinsel hatte 
früher einen Theil des Königreiches Rewa gebildet und wartete nur 
auf einen passenden Moment, um in offene Empörung auszubrechen. 
Die heidnische Partei, die zu Bau noch sehr mächtig war, machte 
gemeinsame Sache mit Kaba, und Ratu Mara und ein jüngerer Bruder 
Cakobau's nebst mehreren einflussreichen Häuptlingen giengen zum 
Feinde über. Auch auf der ungefähr 40 Meilen entfernten, unter 
Ban's Herrschaft stehenden Insel Koro brach eine Empörung aus und 
Cakobau's Lage wurde sehr misslich. Es gelang ihm zwar durch 
einen dreimonatlichen siegreichen Feldzug die Ruhe auf Koro wieder 
herzustellen; die Rebellen von Kaba behaupteten sich jedoch. 

Um Cakobau's Lage noch verzweifelter zu machen, begann auch 
Ratu Qara, der König von Rewa, aufs neue den Krieg. Cakobau, 
der wohl wusste, dass auch die in Levuka bereits zahlreichen Weissen 
seine entschiedenen Gegner waren^ hielt es nun für das Beste, mit 
Rewa Frieden zu schliessen ; alle seine Vorschläge wurden indessen 
von Ratu Qara zurückgewiesen. Glücklicher war er mit seinem Bruder 
Ratn Mara, der sich ihm wieder unterwarf. Bald darauf befreite ihn 
der Tod auch von seinem gefährlichsten Gegner. Am 29. Januar 
1855 starb Ratu Qara (Qaraniqio), der König von Rewa. Er war 
ein Mann von grossmüthiger Gesinnung; aber obwohl er den Missio- 
nären manche persönliche Freundlichkeit bezeugte, blieb er doch seinen 



r 



mmm 



290 

Göttern und seinem Hasse gegen Cakobau bis zum Tode treu. Nach 
seinem Tode wurde bald Frieden zwischen Bau und Kewa geschlossen ; 
die Bau-Rebellen hielten jedoch noch immer gegen ihren König aus. 
Im März 1855 empfieng Cakobau den Besuch des Königs Georg von 
Tonga, der zwischen den Parteien zu vermitteln suchte. Im Laufe 
der Verhandlungen wurde jedoch ein tonganischer Häuptling von den 
Bebellen getödtet, und König Georg beschloss nun, Cakobau bei der Unter- 
drückung der Kebellion beizustehen. Alle Heiden ergriffen nun die 
Partei von Kaba. Aber bereits am 7. April fand die Entscheidungs- 
schlacht statt, die vorzüglich infolge der verheerenden Wirkung der 
Feuergewehre der Tonganer mit dem vollständigen Siege Cakobau's 
endete. 

Auf diese Weise war Cakobau^s Autorität wieder hergestellt. 
Alle rebellischen Districte unterwarfen sich und 20.000 Fijianer be- 
kehrten sich zum Christen th um e. Von diesem Tage an machte die 
Verbreitung der weslejanibchen Religion riesige Fortschritte, bis in 
verhältnismäßig kurzer Zeit der grösste Theil der Gruppe für dieselbe 
gewonnen war. Der Hauptsitz der wesleyanischen Mission war nun 
die Insel Bau, und Cakobau, dessen Bekehrung den Missionären so 
viele Mühe gekostet hatte, blieb der neuen Religion unverbrüchlich treu. 

Was die katholische Mission betrifft, werde ich mich, um Wieder- 
holungen zu vermeiden, darauf beschränken, einige Worte über die 
Gründung derselben zu sagen, und hierauf zu einer kurzen Schilderung 
der Organisation und der Thätigkeit der beiden Missionen übergehen. 

II. 

Im Jahre 1837 wies Papst Gregor XVI. der von einem Priester 
der Erzdiöcese Lyon, dem P. Colin, neugegründeten Maristen-Congre- 
gation den westlichen Theil Polynesiens als Missionsfeld zu und er- 
nannte als ersten apostolischen Vicar von Melanesien Mgr. Epalle, der 
später (16. Docember 1845) von den Eingeborenen der Insel Isabel, 
einer der Salomonsinseln, getödtet wurde. Unter den ersten Missio- 
nären dieses Vicariats befand sich auch der P. Chanel, ebenfalls ein 
Marist, der im November 1837 auf der Insel Futuna ankam und 
daselbst am 28. April 1841 als der erste Märtyrer Polynesiens den 
Tod fand. Kurze Zeit darauf wurde der Congregation der Maristen 
auch die Fiji-Gruppe zugewiesen (1844) und unter den ersten Missio- 
nären befand sich auch der heute noch lebende P. Jean-Baptiste 
Br^h^ret (geb. 1815). Die katholische Mission nahm ihr Haupt- 
quartier anfangs im östlichen Theile der Gruppe, auf der Insel Lakeba. 
Hier fand die katholische Mission jedoch kein dankbares Feld. £jiD 
grosser Theil der Bevölkerung der östlichen Inseln ist tonganiscben 
Ursprungs; die Tonganer, unter der Anführung eines tapferen Häupt- 
lings Ratu Maafu (f 6. Februar 1881), der später unter der englischen 
Colouialregierung zum Roko Tui Lau, d. i. zum Präfecten der Ost- 
provinz ernannt wurde, hatten diese Inseln in Besitz genommen und 
da die wesleyanische Religion eingeführt. Nach einigen Jahren der 



291 

angestrengtesten Thätigkeit, reich an Entbehrungen und Enttäuschungen 
beschlossen P. Br6h6ret und seine Collegen, dieses wenig versprechende 
Feld zu verlassen und ihren Wohnsitz zu Levuka auf der Insel Ovalau 
sa nehmen. Hier fanden die katholischen Missionäre einen wannen 
Freund in dem Tui Levuka (f 30. December 1869), dem Beherrscher 
des östlichen Theiles Ovalans und einiger benachbarter Inseln. Der 
westliche Theil der Insel Ovalau gehörte zu Viwa und späterhin zu 
Bau. Von Levuka aus gelang es den katholischen Missionären bald, 
ihre Wirksamkeit auszubreiten und dieselben hatten bald einige grössere 
Erfolge zu verzeichnen, wie z. B. an der Rewa auf Viti Levu und 
auf der Insel Taviuni. Ihre erfolgreichste Station war jedoch die von 
Solevn, an der Südktiste von Vanna Levu, wo der mächtige Buli Solevu 
ein weites Gebiet beherrschte, das sich von Cocosnuss-Point bis Kubulau- 
Point erstreckte. Man darf übrigens bei der Bekehrung fijianischer 
HSupthnge nicht glauben, dass es sich bei ihnen stets um eine tiefe 
religiöse Ueberzeugung handelte. Sie lebten unter sich in fortwähren- 
den Fehden und die zwischen den einzelnen Stämmen bestehende 
Feindschaft hatte oft sehr viel mit dem Erfolge oder dem Misserfolge 
der Missionäre zu thun. Die Missionsstation zu Solevu bietet uns ein 
Beispiel. Die wesleyanischen Missionäre hatten zu Nadi, an der 
Südküste von Vanua Levu, eine Station gegründet. Kurze Zeit darauf 
infolge einer unglücklichen Fehde gerieth der Nadistamm unter die 
Botmäßigkeit von Solevu. Die beiden christlichen Confessionen hatten 
um diese Zeit bereits so mächtige Fortschritte in Fiji gemacht, dass 
Bali Solevu die Nothwendigkeit einsah, sich für die eine oder die 
andere derselben zu erklären. Die Religion des von ihm besiegten Nadi- 
stamme anzunehmen, schien ihm seiner Würde entgegen zu laufen, und 
deshalb entschied er sich für die katholische Religion. Auf sein Ansuchen 
»ndte ihm P. Br^höret einen Missionär und er bekehrte sich zum 
Katbolicismus ; sein Beispiel wurde von seinem ganzen Stamme befolgt 
nnd Solevu ist noch heutzutage, trotz der Nachbarschaft der wesleya- 
nischen Districte von Nadi und von Bua, so ziemlich rein katholisch. 
Em anderer wichtiger Erfolg der katholischen Mission war die Be- 
kehrung des yfKönigs der Riffe" oder Tui Cakau, des Beherrschers 
^er Insel Taviuni, des südöstlichen Theiles von Vanua Levu und 
wnrdt* einiger benachbarten Inseln. Auf der Westküste der Insel Taviuni 
^e Station Wairiki gegründet, welche gegenwärtig die blühendste aller 
katholischen Stationen ist, obgleich Ratu Lala, der Sohn des Tui Cakau, 
Dich dessen Tode durch den Colonialsecretär Thurston sich zum 
fichgionswechsel bestimmen liess und zum Wesleyanismus übertrat. 
Ich werde späterhin einige Details über die Etablissements der katlio- 
hechen Mission geben. 

Das Gredeihen der katholischen Mission musste den wesleyanischen 
Missionären natürlich ein Dorn im Auge sein. Die Misshelligkeiten 
bliehen auch nicht ans, trotz des klugen und versöhnlichen Benehmens, 
^sen sich das Haupt der . katholischen Mission, P. Br^h^ret, stets 
hefleissigte. Eine dieser Misshelligkeiten hatte weittragende Folgen. 
Ein der katholischen Mission gehöriges offenes Boot wurde im Jahre 



1 



292 

1868 von den Leuten Cakobau's gestohlen, wofür dieser jede (xenag- 
thunng verweigerte, und kurze Zeit darauf wurden auf einen in einem 
offenen Boote die Insel Bau entlang fahrenden Priester Flintenschüsse 
abgefeuert, und es ist fernerbin eine bewiesene Thatsache, dass Katho- 
liken in vielen Fällen Unterdrückungen und selbst Misshandlaogen 
von Seiten ihrer weslejanischen Häuptlinge * ausgesetzt waren. Die 
katholische Mission, am Ende ihrer Geduld angelaugt, beschwerte sich 
endlich bei der französischen Begierung; ein französisches Kriegsschiff 
erschien zu Bau und zwang den König Cakobau, der sogar einige 
Stunden lang als Gefangener an Bord festgehalten wurde, die ver- 
langte Genugthuung zu leisten (1869). Um nun gegen die Wieder- 
kehr eines derartigen unangenehmen Besuches gesichert zu sein, warf 
sich Cakobau nun ganz und gar in die Arme der im Lande ansässigen 
Europäer, die ihn bewogen, die thatsächliche Regierung den weissen 
Colouisten zu überlassen und ihm dafür den Schutz der civilisirten 
Nationen in Aussicht stellten. Es wurde nun die sogenannte ,, ge- 
mischte Regierung" etablirt, die ihren Sitz zu Levuka nahm. Cakobaa 
behielt den Titel als Vunivalu, den er bereits am 25. Juli 1853 an- 
genommen hatte, und man setzte ihm ein gewisses Einkommen oder 
eine Civilliste fest; den Fijianern wurde überdies der Besitz ihrer 
Ländereien garantirt. Dieses Uebereinkommen, das die ganze Gruppe 
gewissermaßen zum ersten Male infacto zu einem einzigen Staats- 
wesen machte, und das von allen Häuptlingen mit grösserer oder 
geringerer Bereitwilliejkeit acceptirt wurde, ward am 5. Juni 1871 
abgeschlossen. Mr. Woods, ein ehemaliger englischer Marineofficier, 
wurde gewissermaßen Präsident des Ministerrathes, Herr Friedrich 
Hennings, ein Deutscher, wurde Schatzmeister und Finanz- 
minister und Mr. Swanson, ein englischer Advocat, trat an die Spitze 
der Justizangelegenheiten. Das bei weitem wichtigste Mitglied dieser 
Regierung war jedoch Mr., später Sir John Bates Thurston, der später 
als Colonialsecretär und während der letzten neun Jahre, bis zu seinem 
am 7. Februar 1897 erfolgten Tode, als Gouverneur der Leiter der 
Geschicke Fiji's war. 

Sir J. B. Thurston war längere Zeit als Capitän des Schooners 
„Dove** im Dienste der wesleyanischen Mission gewesen und bewahrte 
seine Sympathien für dieselbe während der ganzen Periode seiner 
Thätigkeit in Fiji. Der Einfluss der weslejanischen Mission war wohl 
fördernd für seine Carriere gewesen und er war derselben dafür stets 
dankbar ; die katholische Mission hatte von ihm nie die geringste Gunst 
zu hoffen, obwohl ich glaube, dass seine Antipathie mehr der Natio- 
nalität der Missionäre^ die sämmtlich Franzosen oder Deutsche waren, als 
der Religion selbst galt. Diese Antipathie wird durch folgende Aeusserung 
illustrirtj die, mit Recht oder Unrecht, ihm zugeschrieben wird. Als 
vor einigen Jahren wieder einige katholische Priester ankamen, er- 
kundigte sich Sir J. B. Thurston bei seiner Umgebung nach der 
Nationalität derselben. Als man ihm antwortete, dass die neuen An- 
kömmlinge Deutsche (Rheinländer) seien, sagte er: „The French 



293 

bad moDgh but, by God! the Germans are worse!" (Die Franzosen 
sind schlecht genug, aber bei Gott I die Deutseben sind noch schlechter !) 
Kehren wir zu der gemischten Kegiernng zurück! Unter den 
Mitgliedern dieser Begier ung bildete sich bald eine Partei, welche die 
Cessioo der Gruppe an England erstrebte, und an der Spitze dieser 
sowie der englisch gesinnten Colonisten stand der Secretär Cakobau^s, 
J. B. Thurston. Diese Partei bearbeitete die wichtigsten Häuptlinge, 
am sie dieser Cession geneigt zu macheu ; mehrere der anderen Häupt- 
linge, deren Widerspruch man fürchtete, wurden in das Geheimnis 
nicht eingeweiht, unter anderen der Buli Solevu. So kam es, dass 
am 10. October 1874, mit Zustimmung des grösseren Theiles der 
fijianischen Häuptlinge, Fiji durch den Kegierungscommissär, Sir 
Hercnles Robinson, als englische Colonie constituirt wurde, und da 
Sir John Bates Thurston von diesem Tage bis zu seinem Tode die 
Macht in Händen hatte, so musste die katholische Mission zufrieden 
sein, wenn die Colonialregierung ihr wenigstens keine offene Feind- 
seb'gkeit zeigte. Dennoch that die katholische Mission stets ihr Bestes, 
um sich der Colonialregierung gefällig und entgegenkommend zu zeigen. 
Als es nöthig wurde, für Eegierungszwecke Terrain in der Stadt Levuka 
zu erwerben, wandte sich Sir Arthur Gordon, der erste Gouverneur, 
an P. Br^heret, den damaligen Chef der katholischen Mission, und 
bat ihn, der Regierung das betreffende Stück Land, seit langer Zeit 
Eigenthum der Mission, zu verkaufen. Obgleich das betreffende Stück 
Land für die Zwecke der katholischen Mission sehr gut gelegen, ja 
^r dieselbe fast unentbehrlicb war, zögerte P. Br^h^ret dennoch keinen 
Augenblick, dem Wunsche des Gouverneurs zu willfahren, und überliess 
dem Billigkeitsgefühl desselben sogar die Bestimmung des Kaufpreises. 
Sir Arthur's Billigkeitsgefühl scheint jedoch an einer auszehrenden 
Krankheit gelitten zu haben: er zahlte der Mission eine lächerlich 
kleine Summe, jedenfalls nicht den zehnten Theil des wirklichen 
Wertes des Landes. Die wesleyanische Mission, bei einer ähnlichen 
Gelegenheit, handelte in anderer Weise. Die Regierung wünschte von 
derselben ein wertloses Terrain, in facto einen felsigen Hügel am 
Nordende der Stadt Levuka zu erwerben, um dort die nöthigen Spreng- 
aibeiten vorzunehmen, um die ftlr den ganzen Regierungsmechanismus 
nöthigen Gebäude aufzuführen. Ich bn nicht im Stande, die genaue 
Summe zu nennen, welche die wesleyanische Mission von der Regie- 
rung verlangte : sie ging in die Tausende von Pfund Sterling. Ihre 
Forderung schien selbst ihrem geschworenen Freunde und Beschützer, 
der Regierung, unannehmbar. Die Unterhandlungen wurden von der 
Regierung abgebrochen und der Sitz derselben nach dem kurze Zeit 
Kuvor gegründeten Suva verlegt, wo eine speculative Firma Melbournes 
(Messrs. Mc. Ewan & Co.), welche im Besitze bedeutender Lände- 
reien daselbst war, der Regierung alles für ihre dortigen Eta- 
blissements nöthige Land umsonst anbot. Dieses Anerbieten wurde 
▼on der Colonialregierung natürlich angenommen; sie verlies Levuka, 
installirte sich in Suva, obwohl dieser Platz sich seiner Lage wegen 
weit weniger zur Hauptstadt eignete, als das central gelegene 



294 

LeFuka, und Levaka, das solange Zeit der Mittelpunkt des Handels 
und der Indostrie der Gmppe gewesen irar, war för eine Reibe von 
Jahren wenn nicht minirt, doch mindestens in seiner Prosperität un- 
gemein geschädigt, nnd das nur infolge der Habsucht der wesleyanischen 
Hission! Der erste Gouverneur, Sir Arthur Gordon, hatte überdies 
eine persönliche Abneigung gegen die katholische Mission, und deren 
Beweggrund war zum grossen Theile seine Eitelkeit, oder richtiger 
gesagt, sein Hochmuth. Der katholischen Litui^e gemäß wird bei 
der Messe ftlr den Landesherm, die Behörden etc. gebetet. Sir Arthur 
Grordon verlangte von der katholischen Mission, ihn nach dem ,8alvam 
fac reginam^ mit vollem Namen zu erwähnen: ^Salvum fac Arthurum 
Gordon, servitorera tuum !^ Die katholische Mission weigerte sich, dies 
zu thun, da es für sie eine Prineipienfrage war. Sir Arthur Gordon 
verzieh ihr niemals diese Weigerung. 

Sir George des Voeux, der zweite, und Sir Charles Mitchell, der 
dritte Gouverneur von Fiji, bezeigten der katholischen Mission weder 
Gunst noch Missgunst : der erstere war zu indolent, um sich die Mflhe 
des Hassens zu machen, da Leidenschaft den Appetit beeinträchtigt; 
der letztere, das Muster eines Gouverneurs, blieb nur kurze Zeit in 
Fiji, so dass sein unparteiisches Vorgeben keine Aenderung in der 
Regierungspolitik in Bezug auf die beiden Missionen herbeifEihren 
konnte, und sein Nachfolger, der am 26. Februar 1888 von einem 
längeren Urlaub zurückgekehrte Sir J. B. Thurston, verlor keine Zeit, 
um seiner Abneigung gegen die katholische Mission Ausdruck zu 
verleihen. 

Um diese Zeit stand noch der merfach erwähnte P. Br^h^ret an der 
Spitze der katholischen Mission mit dem Titel eines apostolischen Prä- 
fecten. Dieser wahrhaft ehrwürdige Mann, der nun schon 53 Jahre seines 
aufopferungsvollen Lebens dem Dienst der Religion in Fiji gewidmet 
hat (seit 1844), hatte die Mission in den schwierigsten Zeiten geleitet 
und suchte stets, solange nicht Principien in Frage kamen, durch 
Nachgiebigkeit mit der Regierung auf friedlichem Fusse zu leben. 
Er ist ohne Zweifel in Fiji die von allen Colonisten, ohne Unterschied 
der Confession, am meisten verehrte Persönlichkeit, da er von aller 
religiösen Engherzigkeit völlig frei ist. Der Tag seines 50 jährigen 
Priesterjubiläums (18. Juli 1892) war ein Festtag für die ganze 
Colonie, sowie der Tag seines Todes ein Trauertag für dieselbe sein 
wird. Sein vorgerücktes Alter machte für ihn die Ruhe unbedingt 
nötbig. Der Papst ernannte also Mgr. Julien Vidal, Bischof von Abydos 
i. p. i., einen Maristen^ der lange Jahre auf der Samoa-Gruppe als 
Missionär gewirkt hatte, zum apostolischen Vicar der Fiji-Inseln. Er 
landete in Fiji am 27. August 1888. Sir J. B. Thurston, der einige 
Monate früher zum Gouverneur von Fiji ernannt worden war, verlor 
keine Zeit, um angriffsweise gegen die katholische Mission vorzugeben. 
Er hätte nie gewagt, die katholische Mission offen anzugreifen, solange 
sie unter der Leitung des P. Br^h^ret stand. Mgr. Vidal, der Bischof, 
war aber in der Colonie noch wenig bekannt, und, ohne Zweifel, der 
Gouverneur dachte, dass die Bevölkerung sich in einem Zwiste zwischen 



295 

ihm xmd dem neuen Chef der katholischen Mission indifferent verhalten 
würde, während er wohl überzeugt war, dass jedes feindselige Vor- 
g^^i^ g^oi^ ^« Br^heret ihm, dem Gouverneur, den Kest seiner 
ohnehin geringen Popularität geraubt hätte. Es dauerte aber nicht 
lange, bevor er Mgr. Yidal gegenüber seinen Antagonismus gegen die 
katholische Mission deatlich za erkennen gab. 

Bei Beginn der Missionen in Fiji erlangten die Missionäre beider 
Confeasionen von ihnen günstig gestimmten Häuptlingen in den ver- 
sdiiedenen Districten der Gruppe grössere oder kleinere Ländereien, 
am sich darauf zu etabliren und Kirchen und Tempel ,zu bauen. Von 
besonderen Förmlichkeiten war bei diesen Schenkungen natürlich keine 
Bede; der Häuptling sagte einfach zu dem betreffenden Missionär: 
^Das Land von diesem Bache an bis znm Gipfel jenes Hügels und 
von dort bis zum Meere gehört Dir, um darauf zu pflanzen^, oder 
in kurzen Worten: ^Ich gebe dieses Land dem lotu (der Kirche)." 
Auf diese Art hatten alle Missionäre in den verschiedenen Stationen 
ein Stück Land erhalten, um darauf ihr Haus und die Kirche zu bauen ; 
ausserdem etablirten sie in der Nähe der Kirche stets eine Schule, 
und verwendeten den Best des ihnen überlassenen Landes dazu, um 
die (ÜT den Unterhalt ihrer Schüler nöthigen Lebensmittel zu pflanzen. 
In der Begel waren die Mission sländereien von geringer Ausdehnung. 
Zu Solevu auf Yanna Levu standen die Verhältnisse anders. Zar Zeit 
des tonganischen Einfalles unter Maafu, von dem ich bereits im ersten 
Abschnitte gesprochen habe, hatten die Eingeborenen, um sich gewisser- 
maßen des Schutzes der französischen Begierang theilhaftig zu machen, den 
dort stationirten Missionär, den seit einigen Jahren verstorbenen P. Favre, 
ersacht, ein grosses Terrain von mehr als 1000 Acres unter seine 
Obhut zu nehmen, und seit dieser Zeit hatten die Fijianer und die 
Zöglinge der Missionsschule gemeinschaftlich darauf gepflanzt, und da» 
während einer Periode von ungefUhr 30 Jahren. Die Mission hatte 
also ein gewisses Nutzungsrecht auf diese Ländereien, auf welches der 
Gmndsatz der Präscription hätte Anwendung finden sollen. Die Colo- 
nialregierung, resp. der Gouverneur Thurston, war aber anderer Mei- 
nung. Der District von Solevu ist fast ganz katholisch ; die wenigen 
Wesleyaner, wohl nicht ein Dutzend an Zahl, glaubten aber gegen 
dieses Nutzungsrecht der katholischen Mission Einsprache erheben zu 
müssen; man kann mit ziemlicher Sicherheit annehmen^ dass man 
ihnen von offlcieller Seite zu verstehen gab, dass eine Beclamation 
höberen Ortes Berücksichtigung finden würde. Die verschwindend kleine 
Zahl von Wesleyanern verstand diesen officiellen Wink und recla- 
mirte den grössten Theil des seit langen Jahren von der katholischen 
Mission benützten Terrains als „zu ihrem Mataqali (Stamm) gehörig**, 
und da Eatu Theodosio, der alte Buli SolevU; der den katholischen 
Miflsiooären das besagte Land zur Nutzniessung tiberlassen hatte, kurze 
Zeit zuvor gestorben war, also nicht zu Gunsten der Mission zeugen 
konnte, erklärte sich die Regierung gegen dieselbe und ordnete die 
Rückgabe des grössten Theiles der Missionsländereien an. Aehnliche 
Vorgänge fanden zu Tulanuku^ in der Provinz Serua, und zu Naka- 



296 

saleka auf der Insel Kadavn Btatt. Dasselbe war auch in allen anderen 
Missionsstationen mehr oder weniger der Fall. Um die Mission also 
in Zukunft gegen ähnliche Beraubungen sicher zu stellen, war Mgr. 
Vidal genöthigt, dieselbe in formeller Weise zur LandeigenthQmerin 
mit „Crown Grant" (d. i. mit Registration) zu machen. P. Br^fa^ret 
hatte während seiner langen und weisen Administration einige Erspar- 
nisse machen können, und diese Ersparnisse wurden nun zu Land- 
ankäufen verwendet, und zwar wurden die Ländereien, wo immer 
es thunlich war, von weissen Colonisten erworben, um der Colonial- 
regier ung jede Intervention unmöglich zu machen. Die katholische 
Mission besitzt nun in den verschiedenen Theilen der Gruppe Läo- 
dereien und braucht irgend ein feindseliges Vorgehen der Regierung 
nicht mehr zu fUrchten. 

Bald gelang es auch dem Gouverneur Thurston, einen persön- 
lichen Hader mit der katholischen Mission herbeizuführen. Im Früh- 
jahr 1891 kam ein französisches Kriegsschiff nach Suva, wo der 
Bischof, der seine Residenz häufig zwischen Levuka und Suva wech- 
selt, gerade anwesend war. Als Mgr. Vidal noch ein einfacher Mis- 
sionär auf der Insel Tutuila (Samoa- Gruppe) war, war es ihm gelun- 
gen, die sterblichen Reste der Bemannung eines französischen Schiffes 
zu finden, welches vor vielen Jahren dort gestrandet war. Er erwies 
den Resten seiner Landsleute die letzte Ehre, indem er dieselben 
feierlich in geweihter Erde bestattete. In Anerkennung dieser pietät- 
vollen und patriotischen Handlung hatte die französische Regierung 
ihren im Stillen Oceane kreuzenden^riegsschiffen für den Fall eines Zusam- 
mentreffens mit Mgr. Vidal aufgetragen, demselben besondere Ehre zu er- 
weisen. Als nun das vorerwähnte Kriegsschiff im Hafen von Suva 
ankerte, ging Mgr. Vidal an Bord, um dem französischen Comman- 
danten seinen Besuch zu machen und wurde, jedenfalls den erhaltenen 
Instructionen gemäß, mit derselben Zahl von Salutschüssen begrüsst, 
als der Gouverneur Thurston, der einige Zeit zuvor an Bord gegan- 
gen war. Das konnte der grosse kleine Mann, der Lenker der Ge- 
schicke Fiji's, nicht vertragen. Ein vulkanischer Ausbruch seines 
beleidigten Stolzes war die Folge; er liess den französischen 
Capitän ersuchen, seine Reise unverzüglich fortzusetzen, wodurch den 
Geschäftsleuten von Suva eine gute runde Summe verloren ging, 
die Levuka^ zu Gute kam. Doch das ist nicht alles! Der Bischof hatte 
seinen Landsleuten zu Ehren auf seinem Palais die französische Flagge 
gehisst. Der Gouverneur Thurston sandte seinen Adjutanten zu Mgr. 
Vidal, um die Einziehung der Flagge zu verlangen; der Bischof wei- 
gerte sich selbstverständlich, diesem arroganten Befehle Folge zu leisten, 
und der erbitterte Gouverneur sandte eine Abtheilung seiner fijia- 
nischen Garde zum bischöflichen Palais und liess dieselbe mit Gewalt 
herunterholen. Ich glaube, dass Mgr. Vidal eine diesbezügliche Be- 
schwerde bei der französischen Regierung einbrachte; auf jeden Fall 
waren die Beziehungen zwischen dem Gouverneur und dem Bischöfe 
lange Zeit hindurch sehr gespannt. In den letzten Jahren fand jedoch 
eine Annäherung zwischen dem Gouverneur Thurston und der katho- 



297 

liiehen Mission statt, wozu namentlich eine tolerantere Anschauungs- 
weise in Bezug auf die religiösen Verhältnisse in den englischen 
Begierungskreisen und die Taktlosigkeit einiger wesleyanischen Mis* 
lioDäre das ihrige beitrugen. 

Wenn man die eingeborene fijianische Bevölkerung der Golonie 
lof 90.000 Seelen veranschlagt (und das ist vielleicht etwas zu hoch 
gesebätzt), so kann man von der Gesammtzahl ein Sechstel, d. i. un- 
gefiüir 16.000 Seelen, für die katholische Religion rechnen. Dieser 
relativ geringe Erfolg hat aber seinen Grund durchaus nicht in einem 
Mangel an Energie von Seiten der katholischen Missionäre. Es ist 
eine wohlbekannte Thatsache, die des Beweises nicht bedarf, dass 
unermüdliche Thalkraft, selbstlose Aufopferung und thätige Menschen- 
liebe die charakteristischen Eigenschaften der katholischen Missionäre 
in allen Theilen der Erde sind. Um den Erfolg einer religiösen Mis- 
iton richtig zu beurtheilen, darf man nicht allzu grosses Gewicht auf 
die Zahl der Bekehrten allein legen; in erster Linie muss man die 
Schwierigkeiten, mit denen die Missionäre zu kämpfen hatten, in Be- 
tracht ziehen. Auf den Fiji-Inseln waren die Schwierigkeiten, die sich 
den katholischen Missionären entgegenstellten, geradezu ausserordentlich. 
Als die katholische Mission ihre Wirksamkeit in Fiji begann, hatten 
die wesleyanischen Missionäre bereits bedeutende Erfolge errungen. 
Sie hatten bereits einige der bedeutendsten Häuptlinge für sich ge- 
wonnen und, was noch wichtiger für ihren Erfolg war, sie waren der 
UoterstQtzungy wenn nöthig selbst mit gewafPneter Hand, durch den 
bereits zum Wesleyanismus bekehrten König Georg von Tonga ver- 
lichert. Sehr bedeutende Geldmittel standen ihnen damals schon, wie 
Doeh heute, zu Gebote. Die katholischen Missionäre, deren erste 
«ner der bereits mehrfach erwähnte P. Br^h^ret war, hatten keinen 
dieser Vortheile. Es ist kaum glaublich, dass Menschen aus freier 
Wahl und auf die Dauer eine Existenz ertragen können, wie es die 
dej P. Br^h^ret und seines CoUegen im Jahre 1844 bei ihrer Ankunft 
tof der Insel Lakeba war, und es macht einen ergreifenden Eindruck, 
den alten Berm von den ersten Tagen seines Apostolats in Fiji er- 
müden zu hören. Die katholische Mission in Fiji, die gegenwärtig ans 
dem Bischöfe, Mgr. Vidal, als apostolischem Vicar, und aus 25 Priestern 
besteht, wird ausschliesslich von den Geldern unterhalten, welche der 
ittristen-Congregation von der „Societas de propaganda fide" in Lyon 
fcr Missonszwecke zugewiesen werden. Die Colonialregierung zahlt 
der Mission keinen Zuschuss, obwohl dieselbe eine unermüdliche Thä- 
tigkeit im Interesse der Bevölkerung entfaltet. Die Mittel der katho- 
lischen Mission sind aber nothwendiger Weise gering. Die obener- 
wähnte ^Societas de propaganda fide'^ zahlt der Maristen-Congre- 
gation für jeden Missionär eine geringe Summe (40 Pfund Stg. pro Jahr), 
welche nicht nur zum Unterhalte der Missionäre, sondern auch zum 
Bau und zur Instandhaltung der Kirchen und Wohnhäuser, zur An- 
ichaffang des Messweines, für alles in der Stationsschule Nöthige 
(Bächer, Papier etc.) und für den Ankauf der nöthigen Medicinen 
^nügen mnss. Auf allen Stationen befinden sich von den Missionären 



298 

selbBt erbaute Kirchen, ans Holz oder aas Stein, sowie Schalen, in 
welchen die fijianischen Kinder amsonst emftbrt, onterrichtet und er- 
zogen werden. Man fordert von denselben nur eine sehr mäßige 
Arbeitsleistung für den Anbau der f&r sie selbst nöthigen Nahrung 
(Jams, Taros, Bananen, Stisskartoffeln etc.). 

Der Hauptsitz der Mission oder die „Procura "^ derselben befindet 
sich zu Levuka, welche Stadt sich ihrer centralen Lage halber am 
besten dazu eignet. Vor vier Jahren wurde die alte Holzkirche durch 
eine geräumige neue ersetzt. Die Hauptstationen befinden sich zu 
Solevu auf Vanua Levu, Wairiki auf Taviuni und Rewa auf Viti Levu. 
Jede dieser Stationen besitzt eine schöne aus hydraulischem Kalke 
erbaute Kirche nebst Wohnhaus für die Priester, Schule etc. Auf den 
anderen Stationen existiren zur Zeit nur Holzkirchen, aber zu Savm 
ist gegenwartig eine Cathedrale in Bau begriffen, deren Architekt der 
P. de Rozier ist. Sie wird aus australischem Marmor erbaut and 
würde jeder europäischen Stadt zur Zierde gereichen. 

Bei der Erziehung der Jugend werden die Missionäre von den 
Maristen-Schulbrüdem, den Maristen-Schwestern und den Nonnen von 
St. Joseph de Olunj unterstüzt. Die Maristen-Brüder und Schwestern 
leiten ihren Ursprung auf den Gründer der Maristen - Congregation, 
P. Colin, zurück, bilden aber jetzt unabhängige Congregationen ; die 
Schwestern haben ihr Hauptetablissement zu Lyon, die Brüder zu 
St. Genis-Laval (Dep. Rhone). 

Zu Cawaci auf Ovalau besteht eine Schule für talentvolle junge 
Fijianer, welche hier von den Maristen-Brüdern einen guten Unterriebt, 
seiht in der englischen Sprache erhalten, und zwar gratis; hier be- 
findet sich auch eine Schule zur Ausbildung von eingeborenen Gate- 
chisten, welche dann den Priestern auf den Stationen zugetheit werden. 
Zu Tokou ebenfalls auf Ovalau, besteht eine Schule ftlr fijianiscbe 
Mädchen unter der Leitung der Maristen-Schwestern. Aehnliche Scba- 
len für die Mädchen, ebenfalls unter der Direction der Maristen- 
Schwestern, befinden sich zu Kewa, Mataikara, Ba und Tulannku 
(sämmtlich auf Viti Levu), zu Wairiki auf Taviuni und zu Solevu auf 
Vanua Levu. Für die Töchter der Colonisten haben die Schwestern 
von St. Joseph de Cluny sehr gute Schulen zu Suva und zu Levnka 
etablirt, welche zugleich Pensionate sind. Nicht nur katholische, 
sondern auch protestantische Eltern vertrauen ihre Töchter mit Vor- 
liebe den Nonnen von St. Joseph an, in deren AnsUlten die- 
selben ausser einer guten Erziehung (Musik, Gesang, fremde Sprachen) 
auch noch sorgfältige L^eberwacbung geniessen^ die in einem Lande 
wie Fiji, doppelt nothwendig ist. 

Unter allen Erziehungsanstalten Fiji's nimmt aber jedenfalls das 
Pensionat der Maristen-Brüder von St. Genis-Laval zu Suva den ersten 
Rang ein. In der verhältnismäßig kurzen Zeit ihrer Thätigkeit in 
der Colonie (sie wurden erst von Mgr. Vidal berufen) haben sie sich 
durch ihre pädagogischen Erfolge die Anerkennung der gesammten 
weissen Bevölkerung erworben, und die Frequenz der städtischen Scbn- 
len zu Levuka und Suva ist bedeutend gesunken, da nicht nur die 



29^ 

Katholiken, soiidem auch viele Protestanten und selbst einige Israe- 
liten der Sehnle der Maristen-Brüder den Vorzog geben. Die Kegie- 
rang betrachtet diesen Erfolg durchaas nicht mit günstigen Augen, obwohl 
die Maristen-Brilder von derselben niemals eine Subvention verlangt 
hiben, wie sie den städtischen Schalen zu Levuka und zu Suva ge- 
wihrt wurde. Zur Zeit des verstorbenen Gouverneurs, Sir J. B. Thur- 
ston, ging die Antipathie des in ihm personificirten Kegierungs- 
sj^ems gegen die katholische Mission so weit, jede Competition zwi- 
schen den katholischen Schulen und den von der Regierung subven- 
tionirten Schulen von Levuka und Suva in der Form von öffent- 
lichen Examinationen abzulehnen. Das Schulgeld (Pension inbegriffen) 
in der Maristenschnle zu Suva beträgt nur 20 — 25 £ pro Jahr, 
je nach dem Alter der Schüler, gewiss eine sehr mäßige Summe, 
wenn man die localen Preise aller Lebensbedürfnisse in Betracht zieht. 
Besonders talentvolle Söhne armer Eltern werden für halben Preis 
oder auch ganz umsonst aufgenommen. 

In Fiji befinden sich viele Kinder, weisse und halbweisse, deren 
Eltern entweder gestorben sind oder die Colonie verlassen haben, ohne 
ach weiter um dieselben zu bekümmern ; um diesen Kindern die Vor- 
theile einer europäischen Erziehung zu sichern und sie dem gefähr- 
lichen Einflüsse der fijianischen Bevölkerung, dem sie sonst anheimfallen 
vfirden, zu entziehen, gründete der Bischof ein Waisenhaus zu Levuka, 
ebenfalls unter der Leitung der Maristen-Brüder (die kleineren Waisen 
imter der Aufsicht der Schwestern); hier erhalten die Kinder einen 
^ten Elementarunterricht und werden dann irgend einem Meister behufa 
Erlernung eines Handwerks zugetheilt. Bis vor kurzer Zeit bestand 
in Levuka unter der Leitung der Nonnen von St. Joseph de Cluny 
ein städtisches Hospital; infolge der ungünstigen Zeitverhältnisse 
und in Ermanglung eines genügenden Zuschusses von Seiten der Re- 
gierung sah sich jedoch die Municipalität ausser Stande, dasselbe fer- 
nerhin zu unterhalten. 

Aus Vorstehendem kann man ersehen, wie viel die Colonie der 
kathohschen Mission verdankt. Das Publicum im allgemeinen wird 
durchaus nicht behufs des Unterhaltes dieser gemeinnützigen Anstal- 
ten behelligt. In den Kirchen der Landdistricte finden keinerlei Geld- 
Sammlungen statt; nur zu Levuka und Suva wird Sonntags unter der 
v^eksen Congregation der Sammelteller zur Beschaffung der Beleuch- 
tong herunigereicht. In dieser Beziehung imterscheidet sich die katho- 
lische Mission vortheilhaft von der wesleyanischen, welche letztere den 
Gottesdienst für einen Vor wand oder eine passende Gelegenheit ftlr 
Geidbettelei zu halten scheint. 

Wie bereits erwähnt, bestehen in allen Missionsstationen Schulen, 
vekhe von zu Cawaci ausgebildeten Catechisten, unter der Auf- 
sicht der Priester, geleitet werden. In jedem Dorfe, wo eine gewisse 
Anzahl von Katholiken wohnhaft ist, befinden sich ebenfalls Cate- 
dnateo, welche die gemeinschaftlichen Morgen- und Abendgebete leiten 
and zweimal per Woche den Kindern Unterricht ertheilen. Keiner 
dieser Catechisten bezieht einen Gehalt; alle sind in Bezug auf ihre 

Mi«&. d. k. k. (Hogt, Gm. 1898. 3 n. 4. 20 



"^ 



300 

materiellen Bedürfnisse von dem Priester des betreffenden Seelsorge- 
districts und allenfalls von den freiwilligen Gaben der Bevölkerung 
abhängig. In diesen Districtschnlen erhalten die Kinder nicht nur 
Unterricht im Eatechismas, sondern auch in den anderen Fächern, 
^e Lesen, Schreiben, Rechnen, besonders mit Rücksicht auf die Mttnz- 
und Maßverhältnisse der Colonie. Auch in Geographie erhalten sie 
Unterricht und für dieses Fach entfalten sie ein besonders grosses 
Interesse, und da sie von der Natur mit Intelligenz und einem 
guten Gedächtnisse begabt sind, machen sie darin erstaunliche Fort- 
schritte. Auf jeden Fall steht der Elementarunterricht der Kinder in 
Fiji (auch in den wesleyanischen Schulen) auf einer höheren Stufe 
als in vielen Ländern Europas. Vieles von dem Erlernten geht mit 
der Zeit natürlich wieder verloren, doch das ist nicht anders möglich. 
Sobald die fijianischen Kinder die Schule verlassen, versinken sie 
gleich ihren Eltern in den Zustand der Sclaverei, für den unser flach- 
würdiges Regierungssystem verantwortlich ist. 

Zu Levuka besitzt die katholische Mission eine kleine Druckerei, 
in welcher die grösstentheils von den Missionären verfassten Schul- 
bücher gedruckt werden. Ausser dem Katechismus und einigen reli- 
'< giösen Erbauungsbüchern sind in derselben bis jetzt eine kleine Arith- 

metik, eine fijianische Grammatik und ein recht guter Leitfaden der 
Geographie gedruckt und zu einem sehr bescheidenen Preise an die katho- 
lische Jugend vertheilt worden. In derselben Druckerei erscheinen 
auch die „A Talanoa" (Der Erzähler) betitelten Monatshefte, durch 
welche die Fijianor mit den wichtigsten Weltereignissen bekannt ge- 
macht werden. 

Die katholischen Missionäre sind aber nicht nur die Lehrer und 
Berather der Bevölkerung, sie sind auch deren Aerzte, und durch sie 
ist bereits manches Leben erhalten worden. Jeder Missionär macht 
vor seiner Abreise von Europa eine Art medecinischen Cursus durch, 
wodurch er einige Einsicht in die landesüblichen Krankheiten und die 
noth wendige Kenntnis der anzuwendenden Heilmittel erwirbt Er 
lernt den Gebrauch der Lanzette, des Schröpfkopfes, die Anlegung 
zweckmäßiger Verbände bei äusseren Verletzungen, die Mittel gegen 
die in den Tropen so häufigen Fieber kennen, und jeder IVFissionär 
erhält als Theil seiner Ausrüstung einen kleinen Vorrath der noth- 
wendigsten Droguen. Amputationen und andere schwierige Operationen 
muss er natürlich dea qualificirten Aerzten der Regierung überlassen ; 
mir sind aber Fälle bekannt, dass Knochenbrüche von den Missio- 
nären ohne Zuziehung eines Arztes geheilt wurden. Die Thätigkeit 
der Missionäre für die leidende Menschheit würde noch bedeutender 
sein, wenn die Fijianer nicht infolge eines ihnen von der älteren 
Generation anerzogenen Mis&trauens gegen die Heilkunde der Euro- 
päer, mitunter auch eines Restes von Aberglauben, es vorziehen wür- 
den, zu den alten landesüblichen Mitteln ihre Zuflucht zu nehmen, 
wodurch manches Leben, das leicht zu retten wäre, dem Tode zum 
Opfer fkllt. 



aoi 

Ich glaube in Vorstehendem genug über die wohlthätige Wirk- 
samkeit der katholischen Missionäre gesagt zu haben. Dieselbe würde 
sich jedenfalls noch in ausgedehnterer Weise bethätigt haben, wenn 
nicht die Colonialregierung sich stets, wenn nicht geradezu feind- 
selig, doch mindestens ablehnend gegen die katholische Mission ver- 
balten hätte. Der Nachfolger des am 7. Februar d. J. verstorbenen 
Sir J. B. Thurston, Sir T. M. O'Brien, dem von Hongkong, wo er 
als Colonialsecretär thätig war, ein ausgezeichneter Ruf für Toleranz 
und ÜDparteilicbkeit vorangeht, wird vielleicht die Verdienste der 
katboliseben Mission besser zu würdigen verstehen. 



m. 

Die wesleyanische Mission, über deren Etablissement ich bereits 
ziemlich ausführlich gesprochen habe, hatte die Priorität zu ihren 
Gansten. In den sieben Jahren, während welchen sie ohne Concur- 
reaten in dem Bekehrungswerke war, hatte sie derartig festen Fuss 
in der Gruppe gefasst, dass die später ankommenden katholischen 
Missionäre sehr schwere Arbeit vor sich fanden und nur sehr langsame 
Fortschritte machen konnten. Bei ihrer Ankunft predigten die wes- 
Icjanischen Missionäre ihre Religion unter dem Namen ^lotu dina", 
ä, i. wahre Religion, und nannten sich selbst „talatala^, d. i. Gesandte 
oder Boten (Gottes). „Lotu**, Kirche, Religion, ipt kein fijianisches 
Wort, sondern wurde der Sprache der Tonga-Inseln entnommen, wo 
die wesleyanischen Missionäre bereits seit längerer Zeit das Bekeh- 
nmgswerk begonnen hatten. Wäre bereits eine andere christliche Con- 
fcssion in der Gruppe thätig gewesen, so würde dieser Name vielleicht 
etwas verletzend klingen und eine gewisse Intoleranz verrathen. Dem 
ist jedoch nicht so. Die weslejanischen Missionäre waren die ersten 
gewesen, den Feldzag gegen das Heidenthum in Fiji zu eröffnen, 
hatten also ein vollkommenes Recht, die von ihnen gepredigte Religion, 
freilidi nur im Vergleiche mit dem Heidenthume die „wahre Religion" 
wi nennen. Wie bereits erwähnt, fand die neue Religion, da die Con- 
cnrrenz noch fehlte, raschen Eingang, und die weslejanischen Mis- 
sionäre verstanden es, für ihre Arbeiten im Dienste der „lotu dina" 
matmelle Vorthcile zu erlangen, wohl nicht so sehr für sich selbst 
ak fQr die Miasionsgesellschaft, welche die Kosten der Evangelisirung 
Piji's zu tragen hatte. Damals lieferte Fiji grosse Quantitäten von Cocos- 
nnssdl (waiwai), und da baares Geld unter den Eingeborenen noch so 
viel als unbekannt war, forderten die weslejanischen Missionäre als 
Entschädigung für die auf die Bekehrung und auf den Unterricht der 
Emgeborenen verwendete Zeit und Mühe von denselben die Lieferung 
von Cocosnussöl, welches sie dann auf einem ihnen gehörigen Schiffe 
versandten. Viele der ehrwürdigen Herren waren eben von „auri 
saera fames^ befallen. Nach und nach verringerte sich die Productiou 
des CocosnuBsöles, dessen Platz immer mehr und mehr von Copra (den 
getrockneten Kernen) eingenommen wurde, welches noch heute einen 
der Hanptezportartikel der Südseeinseln bildet; und als die katho- 

20* 



302 

liscbe Mission in die Schranken getreten war, fingen die Eingeborenen 
an, der wesleyanischen Keligion statt des bisher gebrJtnchlichen Namens 
„Iota waiwai" oder Cocosnnssölkirche den jetzt noch nnter ihnen am 
meisten gebrauchten Namen „lotn cnva** zu geben. ^Cuva**, sprich 
„thuva", bed endet „sich zur Erde beugen, sich prostemiren", wie es 
die Wesleyaner zn thun pflegen, indem sie sich während ihres Grottes- 
dienstes flach auf den Boden legen, so dass sie mit dem Gesichte die 
Erde berühren. Es ist leicht möglich, dass dieser Name der wesley- 
anischen Religion ursprünglich durch die Katholiken beigelegt wurde; 
die Wesleyaner rächten sich, indem sie die katholische Kirche „lotu 
Popi**, Kirche des Papstes, oder gar „lotu lasu**, d. i. Lügenkirche 
nannten. Ein wesleyanischer Missionär hatte sogar Intoleranz und 
schlechten Geschmack genug, eine rothgedruckte Broschüre mit blut- 
rothem Umschlage unter die Eingeborenen zu vertheilen, in welcher 
denselben alle Gräuel erzählt wurden, welche die Gegner der katho- 
lischen Kirche derselben vorwerfen. An Erfindungen und Lügen war 
natürlich kein Mangel darin; der Papst war in derselben abgebildet und 
zwar als Cannibale, im Begriffe, kleine Kinder zu verspeisen. Es ist 
jedoch billig hinzuzusetzen, dass diese Broschüre von den meisten wes- 
leyanischen Missionären ohne Kückhalt und in den strengsten Aus- 
drücken getadelt wurde. Dieselbe wurde soweit als mlSglich aus der 
Circulation zurückgezogen. Auch muss ich constatiren, dass seit vie- 
len Jahren die wesleyanischen Missionäre auf Handelsspeculationen 
verzichtet haben. 

In früherer Zeit war es den wesleyanischen Missionären nicht 
möglich, von den Eingeborenen bedeutende Summen zu erbetteln, 
und sie waren zum grossen Theile auf die von der wesleyanischen 
Conferenz zu Sidney ftlr die Unterhaltung der Mission zugewiesenen 
Gelder beschränkt, welche zur Zahlung der Missionäre und Instand- 
haltung der Tempel und anderen Baulichkeiten verwendet wurden. 
Die Conferenz glaubt jedoch, dass es jetzt an der Zeit sei, dass der 
fijianische Missionsbezirk, wenigstens zum grössten Theile, die Kosten 
des religiösen Unterrichtes bestreiten könne. Ich habe augenblicklich 
nur die Ziffern zur Hand, welche in der Districtsynode der wes- 
leyanischen Mission der Fiji-Inseln, welche ihre jährliche Versammlung 
vom 17. bis 26. October 1895 zu Navuloa unter dem Vorsitze des Rev. 
"W. W. Lindsay (dem Nachfolger des langjährigen Hauptes der Mis- 
sion, Rev. Fred. Langham, der jetzt zu Torquay in England lebl) 
abhielt, festgestellt wurden: 
Contributionen der Fijianer und Europäer im Jahre 1894 £4925.0,0 

Totale der Ausgaben im Jahre 1894 5158.0.0 

Fehlsumme, welche durch die wesleyanische Conferenz zu 

liefern war £ 233.0.0 

Da die wesleyanische Religion in Fiji unter der europäischen 
Bevölkerung nur äusserst wenige Bekenner zählt, so kann man sagen, 
dass die ganze Summe von ungefähr £ 5000 .0.0 fast aus- 
schliesslich von den Fijianern geleistet wurde^ welche ausserdem 



303 

an die Colonialregierung an Steuern jährlich eine Summe von 
£ 18.000 .0.0 zu zahlen haben. — Man sieht also, dass sich 
die vesleyanische Mission bemüht, im Vereine mit der Hegierung fast 
den letzten Pfennig aas der fijianischen Bevölkerung herauszupressen. 

Das Personal der wesleyanischen Mission ist äusserst zahlreich. 
Zur Zeit besteht es aus 11 europäischen und aus mehr als 60 fijia- 
nischen ordinirten Mitgliedern, welche zu allen gottesdienstlichen Hand- 
langen und zur Schliessung von Heiraten berechtigt sind. Ausserdem 
befindet sich fast in jedem Dorfe ein fijianischer Lehrer (vakavuvuli), 
den katholischen Catechisten entsprechend. Dieses ganze Personal 
ist gezahlt, denn auch die Lehrer haben einen festen Gehalt, während 
die katholischen Catechisten gänzlich von ihren Priestern betreffs ihres 
Unterhaltes abhängig sind. 

Um diese bedeutenden Kosten zu bestreiten, hat die wesleya- 
nisdie Mission zwei periodische Collectionen eingeführt, die natürlich 
als freiwillige Spenden gelten, aber im Weigerungsfalle eines wesleya- 
nischen Fijianers, dieselben zu entrichten, durch Vermittlung der fast 
stets wesleyanischen Bulis (in letzter Zeit sind in einem oder zwei 
ganz katholischen Distrieten katholische Bulis ernannt worden) er- 
zwungen werden. Diese CoUe&tionen sind: 1. Das „Vaka misionari^ 
wird auf einer Versammlung erhoben, welche in dem Wohnorte jedes 
BnHs einmal im Jahre gehalten wird; die Beiträge, deren Höhe nicht 
festgesetzt ist, müssen in baarem Gelde geleistet und an den Vorstand 
der wesleyanischen Conferenz in Sidney abgeführt werden. Ein be- 
fonders freigebiger Fijianer erhält bei dieser Gelegenheit von dem 
sammelnden Missionär die Versicherung: ^Der Himmel steht Dir 
offen !^ (Sa dola kioci ko lomalagi !). Diese Collection sollte eigentlich 
die Gehalte der europäischen Missionäre liefern, ist aber meistens 
fttr diesen Zweck nicht genügend^ und die Conferenz zu Sidney muss 
fast jedes Jahr ein Anlehen für die wesleyanische Mission in 
Fiji machen. 2. Das „Vaka vula tolu", d. i. dreimonatliche Collection. 
Bei dieser Collection wird alles acceptirt, sowohl Geld als verschiedene 
Artikel, vorzüglich Matten, Seife, Sulus (Lendentücher), Copra und 
Kahnmgsmittel (Schweine, Yams, Kumalas, Kawais, Arrowroot etc.). 
Die Balis und Taragas in Koro (Ortsvorsteher) werden von den 
wesleyanischen Missionären ermuntert, ein gewisses Interesse an dem 
Erfolge dieser Sammlungen zu nehmen; viele Häuptlinge, welche 
eine Vocation dazu fühlen, predigen auch selbst, und obwohl ihnen 
kein £xer Gehalt ausgesetzt ist, erhalten sie gewöhnlich doch 
eine Remoneration von dem weissen Missionär des Districts. Die 
H&aptlinge lieben es, in diesen Versammlungen das Wort zu ergreifen 
and zu predigen ; wenn man ihnen dies nicht gestattete, würden viele 
nicht so ei&ige Wesleyaner sein. Aus dem Ertrage dieser drei- 
monatlichen Sammlungen erhalten die eingeborenen, fijianischen 
Prediger und Lehrer ihre Gehalte. 

Diese eingeborenen Prediger und Lehrer werden auf dem wes- 
leyanischen Collegium zu Navuloa, auf der Halbinsel Kaba in Viti 
Levu, in der Nähe von Boer, für ihre Functionen ausgebildet. Die 



304 

eingeborenen Prediger erhalten aus diesen dreimonatlichen Sammlon- 
gen jedesmal eine Summe von £ 2.0.0; dies ist jedoch nur 
der kleinere Theil ihrer Einkünfte; da sie jährlich ausserdem einen 
fixen Gehalt von £ 40.0.0 beziehen, der ihnen durch den 
Chef der weslejanischen Mission zu Bau ausgezahlt wird; ihr Gehalt 
in baarem Gelde beläuft sich also im Ganzen auf £ 48.0.0 
per Jahr. Die Lehrer oder „Vakavuvuli^^ sind in drei Classen ein- 
getheilt: Die Oberlehrer des Districtes erhalten aus dem „Vaka 
vula tolu" £ 1.10.0 per Vierteljahr, d. i. £ 6,0.0 per Jahr, 
sein Stellvertreter oder Hilfslehrer £ 1.0,0 per Vierteljahr oder 
£ 4.0.0 per Jahr, die Lehrer der 3. Classe, die Dorflehrer, 
erhalten 15 Shil. per Vierteljahr, d. i. £ 3.0.0 per Jahr. Wenn 
diese Summen ausgezahlt sind^ wird der Rest der Collection dem 
weissen Missionär des Districtes eingehändigt, der jedes Vierteljahr 
£ 5.0.0 für sich behalten darf, gewissermaßen eine kleine Zulage, 
da er einen sehr guten Jahresgehalt, ich glaube von £ 300 .0.0 
bezieht. Ausserdem ist der weisse wesleyanische Prediger zu einer 
Vermehrung seines Gehaltes berechtigt für jeden Zuwachs in seiner 
Familie, die sich für jedes Kind auf £ 10.0.0 beläuft. 

Ausser diesen beiden hauptsächlich für finanzielle Zwecke ein- 
geführten Versammlungen halten noch sämmtliche „VakavuvuU'' eines 
Districtes alle drei Monate eine Versammlang bei einem der Bulis 
unter dem Vorsitze eines weissen oder fijianischen Missionärs (tala- 
tala); auf dieser Versammlung wird der Ertrag des letzt vorherge- 
gangenen „Vaka vula tolu'^ bekannt gegeben und die versammelten 
Lehrer zu neuen Anstrengungen ermuntert. Aus dieser Versammlung 
wird gewöhnlich ein Fest mit den obligaten „Mekes^ oder Gesängen, 

Es scheint auf den ersten Blick, dass die „Vakavuvuli^ oder 
Lehrer nicht genügend gezahlt sind; wenn man aber bedenkt, dass 
ihnen ihre Pflanzungen umsonst bestellt werden, dass sie wöchentlich 
nur an zwei Tagen einigen Unterricht ertheilen, dass sie an diesen 
Tagen ein gebrauchmäßiges Hecht auf die Arbeit ihrer Schüler haben, 
dass von jedem Fischfange die besten Fische ihnen gebracht werden, 
so wird man finden, dass sie für ihre Leistungen hinlänglich gezahlt 
sind. Auch ist ihre sociale Stellung durch ihr Amt erhöht: ein District- 
lehrer wird von der Bevölkerung dem Buli gleichgestellt. Diese 
Lehrer predigen nicht immer in ihren eigenen Districten : sie wechseln 
unter sich, und bei jedem Besuche, den sie auf diese Weise in ande- 
ren Districten machen, bemüht sich die ganze Bevölkerung, denselben 
zu einem Feste, wenigstens in culinarischer Hinsicht, zu gestalten. 
Diese Lehrer sind gewöhnlich von zahlreichen, blumenbekräozten 
jungen Mädchen begleitet, und ohne mich auf Details einzulassen, will 
ich nur andeuten, dass die Moral dadurch nicht gefördert w\rd. 

Einen sehr schlechten Einfluss auf die Moral der Bevölkerung 
hat auch die Leichtigkeit, mit welcher eine Scheidung zu erlangen ist. 
Ein Fehltritt eines der Ehegatten genügt, um dem anderen die 
Scheidung zu ermöglichen, und da Fehltritte dieser Art fast täglich 
vorkommende Ereignisse sind, kann man die Ehe fast nur als eine 



305 

mehr oder minder itiaA endende Liäson betrachten. Die geschiedenen 
Ehegatten verbesmten sich in den meisten Fällen sobald als möglich 
kqSb BdBe^ und die Familienverhältnisse werden dadurch ungemein 
eonpfimt. 

Das Abendmahl, das in allen christlichen Kirchen als ein 
besonders beiliger Act betrachtet wird, ist in den Tempeln der 
wesleyanischen Fijianer fast jeder Förmlichkeit entkleidet und irgend 
e'me essbare Substanz kann dabei verwendet werden: kleine Stücke 
Btscoit, eine Art Knödel aus Arrowroot, Tapioca oder gekochter Brod- 
Irncht ersetzt die in der katholischen Kirche unumgänglich nothwendige 
consecrirte Hostie ; irgend eines dieser Substitute wird den Communi- 
CADten einfach in den Mund geschoben und diese lächerliche Nach- 
äffimg der altcfaristlichen Agape wird ^Kana madrai^ (spr. Kana mandrai) 
d. i. Brodessen genannt. Die Sittenlosigkeit unter der fijianischen 
Bevölkerung, besonders was den Verkehr zwischen den Geschlechtern 
anbelangt, ist sehr gross; hat sich ein Fijianer oder eine Fijianerin 
in besonderes Aergernis erregender Weise vergangen, so wird ihm oder 
ihr die Theilnahme an dem „Kana madrai^ untersagt, bis anscheinend 
eine Besserung seiner oder ihrer Conduite eingetreten ist, oder richtiger, 
bis sie längere Zeit nicht mehr auf derartigen moralischen Vergehen 
ertappt worden sind; der allmächtige Dollar hat jedoch auch hier 
seme Macht nicht verloren und einem freigebigen Spender für die 
Missiooscasse wird jedenfalls eine gewisse Nachsicht zu Theil. 

Ich habe bereits gesagt, dass infolge des bestehenden Kegierungs- 
fijstems die fijianische Bevölkerung in immer mehr zunehmende 
Armuth versinkt. Diese Armuth hat natürlicherweise auch sehr un- 
angenehme Folgen für die Casse der wesleyanischen Mission ; die 
Fijianer, die sich kaum mehr die nothwendigsten Bedürfnisse ver« 
Bchafien können, fangen an, mit ihren Spenden an die Missionscasse 
etvas karger zu werden. Die wesleyanischen Missionäre, die in allen 
anderen Dingen stets mit der Colonialregierung und den Häuptlingen 
Hand in Hand gehen, sjmpathisiren deshalb einigermaßen mit dem 
^on Tag zu Tag ärmer werdenden Volke. Sie sind deshalb darauf 
bedacht, die Fijianer eine grössere Einschränkung in ihren Ausgaben 
«0 lehren. Die Fijianer lieben ungemein den Gebrauch des Tabaks 
Bnd den Genuss des Kava (Jaqona, Piper methysticum), welch letzterer 
wwisagen das nationale Getränk der Polynesier bildet. Im Uebermaße 
genossen, ist Kava wohl der Gesundheit nachtheilig; sonst aber, wenn 
^ein Missbrauch damit getrieben wird, kann es als ein diuretischos 
Mittel betrachtet werden. Auch bei Erkältungen ist es mit Erfolg 
Anzuwenden. Die wesleyanischen Missionäre haben ihren Congregatio- 
aen den Genuas des Kava und des Tabaks untersagt, und das jedenfalls 
aieht ans sanitären Gründen, denn in diesem Falle würden sie über- 
haupt die Cttltivation und den Anbau dieser Pflanzen untersagen. 
Sie wünschen einfach, dass die Fijianer den Gesammtertrag dieser 
Cdturen verkaufen, um dadurch in den Besitz grösserer Mittel fllr 
«48 „Vaka missionary^ zu kommen. Hiezu verstehen sich die Fijianer 
^W sehr ungern ; in vielen Fällen unterzeichnen sie einen Revers 



306 

oder ein schriftliches Versprechen, worin sie auf den Genuss des Eava 
and des Tabaks verzichten, benutzen aber jede Gelegenheit, dasselbe 
zu brechen, wenn sie glauben, dass es nicht zur Kenntnis des ^tala* 
tala^ kommen wird. Hierdurch wird den Fijianern Scheinheiligkeit 
und Heuchelei förmlich anerzogen. 

Die früher sprichwörtlich gewordene Gastfreundlichkeit der 
Polynesier ist unter den weslejanischen Fijianern auch bereits eine 
Fabel geworden. In früheren Zeiten konnte ein weisser Fiji von 
«inem Ende bis zum anderen durchwandern und fand in allen Dörfern 
gastfreundliche Aufnahme und Bewirtung. Die katholischen Missionäre 
«uchen diese Gastfreundlichkeit als eine der evangelischen Tugenden 
ßo viel als möglich unter der Bevölkerung zu erhalten ; ein Reisender 
wird in jedem katholischen Dorfe aufgenommen und bewirtet werden, 
ohne dass man es wagen würde, von ihm eine Bezahlung zu verlangen. 
Die weslejanischen Missionäre haben aber unter ihren Glaubens- 
genossen die Sitte eingeführt, für ein Nachtquartier, sowie auch für 
jede Mahlzeit einen Schilling zu verlangen, und die Wesleyaner haben 
sich jetzt daran gewöhnt, jeden Europäer als willkommene Beute zu 
betrachten und so viel als möglich Nutzen aus ihm zu ziehen. 

Die auf diese Weise den wesleyanischen Eingeborenen zur 
zweiten Natur gewordene Gewinnsucht hat dieselben unehrlich gemacht 
Noch vor 15 Jahren, zur Zeit meiner Ankunft in Fiji, waren Betrug 
und Diebstahl ziemlich seltene Vorfälle unter der fijianischen Bevölkerung. 
Jetzt ist unter ihnen Diebstahl fast zu einer Wissenschaft geworden. 
Sie treten z. B. in grösserer Anzahl in einen Laden und, während 
einige der Bande die Aufmerksamkeit des Verkäufers in Anspruch 
nehmen, suchen die andern zu stehlen. Die Beute wird dann geüieilt. 
Ich will durchaus nicht die Behauptung aufstellen, dass Betrug und 
Diebstahl unter der katholischen Bevölkerung unbekannt sei; diese 
Verbrechen sind aber unter den Katholiken weit seltener als unter 
den Wesleyanern, und ein gewohnheitsmäßiger Dieb findet die Er- 
füllung seiner religiösen Pflichten sehr unbequem, da der Priester ihm 
stets die Absolution verweigert, bis er Restitution geleistet hat, ent- 
weder direct oder durch seine, des Beichtvaters, Vermittlung, und 
sehr oft werden Kaufleute auf angenehme Weise überrascht, indem 
sie durch den Priester des Districtes Entschädigungen oder gestohlene 
Gegenstände empfangen, deren Verlust sie oft gar nicht bemerkt 
hatten. Diese Unbeugsamkeit und Strenge der katholischen Priester 
in der Aufrechterhaltung der Moral unter ihren Glaubensgenossen hat 
dem Wesleyanismus viele neue Bekenner zugeführt; in der Regel 
sind es aber Leute, die keiner Religion zur Zierde gereichen. 

Der Vorwurf der Intoleranz, der so oft gegen den katholischen 
der US erhoben wird, kann mit weit grösserer Berechtigung, soweit 
Fiji in Betracht kommt, der wesleyanischen Mission gemacht werden. 
Ich habe unter den wesleyanischen Missionären einige hochgebildete 
Männer kennen gelernt und stets gefunden, dass sie mit den katholischen 
Missionären in Eintracht lebten und wirkten. Dasselbe kann auch 
von den Priestern der englischen Episkopalkirche gesagt werdou. Ich 



307 

glinbe, dass eine gediegene, sieb auch auf nicht religiöse Themata 
erstreekende Bildung stets ein Band des Friedens zwischen den Dienern 
der verschiedenen Religionen bilden wird. — Viele der wesleyaniscben 
Missionäre besitzen aber nur eine sehr mittelmäßige wissenschaftliche 
Vorbildung, und ich habe deren einige gekannt, deren allgemeine Kennt- 
oisse selbst sehr bescheidenen Ansprüchen nicht genügen würden. Es 
sind gerade solche unter den wesleyanischen Missionären, denen eine 
allgemein wissenschaftliche und manchmal auch gesellschaftliche Bildung 
fehlt, die sich durch Intoleranz auszeichnen, und es ist erst einige Jahre 
her, dass die katholische Mission sich gezwungen sah, gegen einen der 
ehrwürdigen Herren der wesleyanischen Mission eine Verleamdungs- 
klage einzubringen, in welcher sie erfolgreich war, obwohl, wie man 
lagt, der damalige Gouverneur Thurston selbst seinen Einfluss geltend 
machte. Vor kurzer Zeit machte die wesleyanische Mission aber- 
oals^ einen tactlosen Angriff auf die katholische Mission, welcher von 
Mgr. Vidal, dem apostolischen Vicar, energisch zurückgewiesen wurde, 
nod ich erlaube mir nachfolgend die Uebersetzung eines diesbezüglichen 
Artikels einzuschalten, welcher in einer grossen englischen Zeitung 
(„India and the Colonies") erschien: 

«Einem Briefe Mgr. Vidal's, des römisch-katholischen Bischofs 
von Fiji, in dem „Melbourne Argus ^ zufolge scheint es, dass aber- 
mals eine Keibung zwischen der katholischen und der wesleyani- 
schen Mission auf den Inseln stattgefunden hat. Mgr. VidaFs Brief 
ist würdevoll und überzeugend, und wir zweifeln nicht, dass der 
Rev. Mr. Langham, der wesleyanische Missionär, welcher für den 
Angriff verantwortlich zu sein scheint, seine Hörner einziehen wird. 
SoHte er das nicht thun, so ist es wirklich an der Zeit für seine 
Torgesetzten, ihn zu einem dem Christenthume mehr entsprechenden 
Benehmen zu zwingen, als es während der letzten Jahre seine Ge- 
wohnheit war. Es ist eine der Schwächen der wesleyanischen Mission 
im 'Stillen Meere, dass man bei der Auswahl der Missionäre nicht 
•oi^ltig genug zu Werke geht. Aus einem Schweineohr kann man 
onm^Sglich eine seidene Börse machen^ und Missionsgesellschaften 
begehen entschieden einen Irrthum, wenn sie auf die Inseln Männer 
als Missionäre senden, welche es sich mehr angelegen sein lassen, 
Uaeinigkeit und Streit zwischen den verschiedenen christlichen 
Confessiouen anzufachen, als ihren eigenen Glaubensgenossen den 
Geist des Christenthums einzuprägen." 

Man kann aus dem vorstehenden Citate den Schluss ziehen, dass 
man jetzt selbst in nicht katholischen Ländern beginnt, die Wirksam- 
keit der katholischen Missionen zu würdigen. 

IV. 

Welcher charakteristische Unterschied besteht also zwischen dem 
katholischen und dem wesleyanischen, oder, wenn man will, dem pro- 
tesuntischen Missionär? 



308 

Betrachten wir zuerst die VorbereituDgsperiode, welche ein katho- 
lischer Missionär durchzumachen hat, bevor ihm gestattet wird, das 
Apostolat anzutreten. — Um nicht aus dem Bahmen meines Aufsatzes, 
der nur Fiji zum Gegenstande haben soll, herauszutreten, wähle ich 
als Beispiel einen Maristen-Missionär in Fiji. 

Nachdem der Aspirant die Humaniora (bei uns in Oesterreich 
das Obergjmnasium, in Frankreich ein Lyc^e) absolvirt hat, tritt er 
in das lu Ste Fol bei Ljon befindliche Novisat «in, in welchem er 
eine einjährige PrOfongsseit in reBgiGaen Uebungen zuzubringen hat. 
Hierauf folgt ein dreijähriger Cursus der Theologie im Scholasticat zu 
Belley (Döp. de l'Ain), während welchem er einem strenge überwach- 
ten Studium obliegt, wobei aber auch körperliche Beschäftigungen und 
DemuthsUbungen (untergeordnete Arbeiten in der Küche und im Garten) 
nicht vergessen sind. Nach abgelaufenem Scholasticat und gut bestandener 
Prüfung tritt er ein zweites Noviziat an und erhält dann stufen- 
weise (die niederen Weihen bat er bereits früher erhalten) die Weihen 
als Subdiacon, Diacon und endlich als Priester. Vor der Priesterweihe 
hat er die drei, allen regulirten religiösen Genossenschaften gemein- 
samen Gelübde der Armuth, der Keuschheit uud des unbedingten Ge- 
horsams abzulegen. Nachdem er eine Reihe von Jahren bereits als 
Missionär gewirkt hat, wird er noch zu einem vierten Gelübde, dem 
der Stabilität, zugelassen, wodurch er gelobt, der Congregation bis lu 
seinem Tode angehören zu wollen, während es ihm vordem erlaubt 
gewesen wäre, in eine andere Congregation überzutreten. 

Infolge des Gelübdes der persönlichen Armuth muss er sich seines 
ganzen weltlichen Besitzthumes entäussern; dies kann er durch dessen 
Abtretung an seine nächsten Verwandten oder an die Congregation 
thun. Von der Ablegung dieses Gelübdes an kann er kein persön- 
liches Eigenthum besitzen, mit Ausnahme der Soutane und der anderen 
Kleidungsstücke, die ihm alle von der Congregation geliefert werden. 
Selbst von der für ihn von der „Societas de prapagauda fide" bewil- 
ligten jährlichen Summe erhält er nichts zu eigener Verfügung, und 
für jedes seiner Bedürfnisse an Kleidern, Büchern etc. hat er sich an 
seinen jeweiligen nächsten Vorgesetzten zu wenden. Jede Neigung des 
persönlichen Erwerbes muss also in ihm erlöschen, du er nichts be- 
sitzen darf. Dieses Gelübde der persönlichen Armuth wird stets in 
seinem ganzen Umfange und so strenge beobachtet, das« der Marist 
sogar von seiner Familie ohne besondere Erlaubnis seiner Vorgesetzten 
kein Geschenk annehmen darf. Fällt ihm eine Erbschaft zu, so muss 
er darüber zu Gunsten seiner Verwandten verfügen; in Ermangelung 
solcher kann er mit Erlaubnis des Sup^rieur G^n^ral andere Bestim- 
mungen darüber treffen, zu Gunsten des Ordens oder irgend eines 
Unternehmens der Wohlthätigkeit. 

Das Gelübde des unbedingten Gehorsams legt dem Maristen die 
Verpflichtung auf, seinem Ordensoberen in allen Dingen zu gehorchen ; 
wohin immer mau ihn sendet, dorthin muss er gehen, sei es nun, um 
inmitten des Gewühles der grossen Städte Europas und Amerikas 
Missionen zu halten, oder auf einer einsamen Insel Oceaniens als Apostel 



309 

IQ virken. Der katholische Missionär hat ein für allemal sein Leben 
dem Bekehmngswerke geweiht; um dieses Werkes willen gibt er 
Heimat, Familie, Freunde auf und widmet sich eüiem Leben relativer 
Aimntb, einem Leben der Entsagung und oft EntbehruBg, immer aber 
der Seibetverleagnung; einmal Missionär blickt er nie auf das zurück, 
was er hinter sich gelassen hat, sondern immer vorwärts auf den Weg, 
der ihn seiner Ueberzeugung nach zum Himmel führt; er weiss, dass 
er aller Wahrscheinlichkeit nach sein Vaterland und seine Familie 
sie mehr sehen wird und wünscht sich auch kein anderes Geschick, 
alt bis ans Ende seines Lebens unter denen bleiben zu können, die 
er seine Kinder nennt ; mit weissem Haare bewahrt er, trotz aller er- 
fahrenen Enttäuschungen, noch den Enthusiasmus eines Jünglings; er 
webs, dass seinem aufopferungsvollen Wirken kein anderer Dank 
werden wird als ein einsames Grab auf einer wogenumspülten Insel; 
er weiss auch, dass die grosse Mehrzahl seinen Enthusiasmus belächelt 
oder demselben wenigstens kalt gegenübersteht: aber vorwärts geht 
er, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr, mit jener unge- 
•chwächten Begeisterung, welche ein französischer Schriftsteller (Paul 
F^val) „1a folie de la croix" (die Narrheit des Kreuzes) genannt hat. ^) 

Der katholische Missionär lebt äusserst einfach, wie es bei den 
ihm zn Gebote stehenden Mitteln nicht anders möglich ist. Trotzdem 
bringt er es zu Stande, noch sehr viel für die Armen zu thun; auch 
ist er die Zuflucht aller Bedürftigen, für die er stets Hilfe findet, so- 
weit es ihm möglich ist. Der allen Franzosen, selbst den ärmeren 
80 nöthig scheinende Wein glänzt meistens durch seine Abwesenheit 
auf dem Tische des katholischen Missionärs. Ich sage: meistens, weil 
manchmal die Commandanten der französischen Kriegsschiffe, die in 
Fiji anlaufen, der Mission von ihren Freunden in Frankreich einige 
FisKT Wein und Cognac übermitteln; diese Spenden werden dann 
unter die verschiedenen Stationen vertheilt, und die Missionäre dadurch 
in die Lage versetzt, die bei ihnen vorsprechenden Fremden zu be- 
Wirten. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Pökelfleisch^ Fischen^ 
Grabben und selbstgezogenen Gemüsen. 

Die Stationen werden gewöhnlich von zwei, in seltenen Fällen 
(wie in Solevu) von drei Priestern bewohnt. Jeder Station untersteht 
ein Distnety dessen Küstenlänge von 70 bis mehr als 100 englischen 



'} Zwei Beispiele ! Ein 67jähriger Missionär der Maristen-CoDgregation, der 
herehs seit 38 Jahren in Fiji wirkt, leidet an der „Tauna'^ (Elephantiasis) an den 
FtecB, einer Krankheit, die nur durch den Aufenthalt in einem kälteren Klima 
haSbar ist Auf meine Frage, warum er denn nicht nach Frankreich zurück- 
kefcim, gab er mir zur Antwort: „Fensez-vous queje me suis fait missiooaire pour 
■c^per mes jambes ?** („Glauben Sie, dass ich Missionär geworden bin, um meine 
B«fBd zu pflegen?"). — Ein anderer Marist, der bereits zweimal durch das Um- 
iddagvD seines Bootes fast das Leben verloren hat, antwortete, als ihm jemand 
Mioe Verwimdening äusserte, dass er trotzdem nicht von seinen gefahrlichen Reisen 
sar j§ce ablasse; „Aborder le ciel par terre ou par eau qu'importe '?'' „Was liegt 
^MMiL, ob man zu Land oder zu Wasser in den Himmel kömmt?" — Selbst wir 
Wehkinder, die wir uns nicht zu einer derartigen Hingebung an eine Idee empor- 
K^wingea kdonen, müssen vor solchen Männern Achtung haben. 

Anm. d. Verf. 



h. 



810 

Meilen beträgt. Alle Dörfer, in welchen einige Katholiken wohnhaft 
\ sind (denn nur zu Solevu auf Vanua Levu und zu Wairiki auf Ta- 

' viuni ist die Bevölkerung fast ganz katholisch), mtissen von Zeit zu 

[ Zeit durch einen der Missionäre besucht werden (jedoch nicht behufs 

l Einsammlung eines ^Vaka misionary^). Dazu kommen noch die 

ausserordentlichen Besuche bei Ejranken und Sterbenden, denn kern 
Katholik stirbt ohne Trost und Zuspruch und die Sterbesacramente 
durch seinen Priester zu empfangen, wenn dieser zeitig genug benach- 
richtigt wird, wie gross auch die Entfernung eines Dorfes von der 
Missionsstation sei, und weder Sturm und Kegen noch sein eigenes 
Unwohlsein werden den stets pflichttreuen Priester abhalten, sich 
l selbst um Mitternacht auf den Weg zu machen. Ich habe bereits er- 

El Wähnt, dass jeder Priester einige ärztliche Kenntnisse und einige ein* 

■■ fache Medicamente ftlr die am häufigsten vorkommenden Krankheiten 

^ besitzt; dies ist sehr wichtig fUr die Bevölkerung in einem Lande, 

: wo Aerzte selten und schwer erreichbar sind. Aus dem Vorstehenden 

^ ist zu ersehen, dass dem katholischen Missionär in Fiji kein ruhiges 

^ oder gar müssiges Leben beschieden ist. Die Strassen sind überall 

überaus schlecht und für Reiter in vielen Gegenden, für Fuhrwerke 
überall uupassirbar. Da muss natürlich das Meer für den Missionär 
i den Verkehr vermitteln; wenn ihn seine Pflicht in ein Dorf im 

^ Innern einer Insel ruft, muss er sich mit den apostolischen Pilger- 

'- Btab, resp. Knotenstock, bewaffnen und zu Fuss gehen, was bei dem 

hiesigen Klima für Europäer keine Kleinigkeit ist. 

Das ist das Leben des katholischen Missionärs in Fiji; die 
einzige Abwechslung für ihn ist die sogenannte ^Eetraite^, d. i. eine 
einmal des Jahres während einiger Tage zu Levuka stattfindende 
Versammlung, an der sämmtliche Priester, wenn möglich, behufs 
geistlicher Uebungen und sonstiger Besprechungen theilzunehmen haben. 
Das ist sein Leben auch auf den anderen Inselgruppen Oceaniens, 
wie ich es auf den Gesellschafts- und Marquesas-Inseln, in Neu-See- 
land und in Neu-Caledonien kennen gelernt habe. 

Der weslejanische Missionär geniesst jedenfalls ein rahigeres 
Leben. Ein schönes, geräumiges, mit allen Bequemlichkeiten versehenes 
Haus, das auf Kosten der Mission in Stand gehalten wird, mit einem 
gutgepflegten Garten steht ihm zur Verfügung, und er ist in pecu- 
niärer Beziehung so gut gestellt, daßs er sich alle Annehmlichkeiten 
des civilisirten Lebens verschaffen kann. Sein gesellschaftlicher 
Umgang in den Landdistricten ist nothwendigerweise etwas beschränkt ; 
er lebt aber im Kreise seiner Familie und kann sein Heim so behag- 
lich machen als er nur wünscht, während dem katholischen Missionär 
jeder Comfort, wie z. B. ein Sopha oder der selbst bei den ärmeren 
Colonisten hier nie fehlende Schaukelstuhl untersagt ist. Triebt er 
Musik, so kann er mit Hilfe eines Pianos oder Harmoniums seiner 
Neigung fröhnen; hat er ein Lieblingsstudium, so hat er hinlängliche 
Müsse, um sich demselben hinzugeben, sowie Mittel genug, um sich 
alle Bücher anzuschaffen, die sein Herz begehrt. Selten braucht er 
sein gemüthliches Heim zu verlassen. Einmal des Jahres sammelt er 



311 

Mtürlich ilaa „Vaka misionary** selbst ein; ebenso muss er einmal 
de» Jahres der Synode zu Navuloa beiwohnen, was für ihn eine will- 
kommene Abwecbslnng und eine Gelegenheit ist, seine Collegen zn 
Beben. Wandelt ihn die Lnst an^ einmal seinen District zu bereisen^ 
i.B. um den Eifer unter den fijianischen „Talatala" und „Vakavuvuli" 
sa beleben, so steht ihm ein bequemes- Boot nebst der nöthigen Be- 
muinung zu Gebote. Für sein Haus hat er Diener in genügender 
Anahl, ebenso Arbeiter für seinen Garten. Jeden Sonntag, wenn er 
dtxQ geneigt ist, hält er eine Predigt oder „vunau"; fühlt er sich 
nicht dazu aufgelegt, lässt er durch einen der ordinirten fijianischen 
Prediger oder einfach durch einen seiner Lehrer eine Ansprache 
halten. Wird ihm aber trotzdem das Leben zu eintönig, oder wirkt 
die Hitze der Tropen zu erschlaffend auf ihn oder auf seine Familie, 
60 ist es ftlr ihn nicht schwer, eine Versetzung in ein kühleres Klima 
za erlangen. Werden seine Kinder älter, so dass sie höhere Lehr- 
anstalten besuchen müssen, als die ihnen in Fiji zu Gebote stehen, so 
kann er leicht einen Tausch mit einem Confrere in Australien oder 
Nen-Seeland zu Stande bringen. Seine Zukunft ist ein für allemal 
gesichert, denn er ist pensionsberechtigt, nicht von der Regierung^ 
sondern von der Missionsgesellschaft, die ihn ausgesandt hat, und 
wünscht er sich nach einer Anzahl von Jahren zur Ruhe zu setzen, so 
wird er um seine Pension bittlich und verzehrt dieselbe, wo es ihm 
beliebt. Die einzige Entbehrung, die sich viele (aber durchaus nicht 
die) der wesleyanischen Missionäre auferlegen, ist die Verzichtleistung 
anf d&k Grenuss des Tabaks und des Jaqona (Kava); doch auch das 
geschieht oft nur aus eigennützigen Gründen, da sie die Fijianer durch 
dieses Verbot und ihr eigenes Beispiel leistungsfähiger für die Collec- 
tionen machen wollen, wie ich das bereits angedeutet habe; der Erfolg 
dieses Stratagems sinkt aber von Jahr zu Jahr und die schwarzen 
Böcke verderben bereits die Schaar der früher so getreuen „Vaka- 
vnvnli". 

Ich eile zum Schlüsse ! Ich habe unter den wesleyanischen Mis- 
akmären manche wohlmeinende, thätige^ pflichttreue und tolerante 
Klnuer kennen gelernt, jdas „heilige Feuer^ habe ich aber nur unter 
den katholischen Missionären gefunden. Vielleicht hat es auch bei 
den ersten weslejanischen Missionären, Gross, Haut etc. gebrannt; 
bei einem grossen Theile ihrer Epigonen ist es aber verlöscht, das 
Apoetokt ist fUr sie eine Profession wie irgend eine andere geworden, 
■^ ich flürehte, dass sehr viele unter ihnen den heiligen „Ego^ als 
Patron und Gegenstand ihrer besonderen Verehrung gewählt haben. 
Wird sich je wieder unter ihnen ein zweiter Gross oder Hunt finden ? 
Ich bezwei^e es! 

Levnku, Fiji. 1897. 0. H. 



Eleinere Mittheilongen und Forschungsberichte. 
Allgemeines. 

Zahl der kleinen Planeten. Im Jahre 1896 worden 23 kleine Pla- 
neten auf photographischem Wege entdeckt, von denei; Wolf in Heidelberg 13, 
Charlois in I^zza 9 und Witt an der Berliner Sternwarte Urania 1 fand; im 
Jahre 1897 wnrden nur 8 nene Planeten beobachtet, davon allein 7 von 
Charlois nnd 1 von Yilliger in München. Die Gesammtzahl der kleinen Pia* 
neten ist jetzt auf 435 gestiegen. 

Erdbeben-Beobachtong in Oesterreich. Die Erdbeben-Commission der 
Akademie der Wissenschaften Hess die ersten vier Seismographen zur Ankfin- 
dignng nnd Beobachtung der Erdbeben aufstellen, und zwar in Wien (Stern- 
warte), Trie&t, Kremsmnnster und Lemberg. Für das nächste Jahr sind wei- 
tere vier Stationen geplant. Freussen, welches die gleiche Institution in Aus- 
sicht genommen, hat bei der hiesigen Commission vertraulich Informationen 
einholen lassen. Die bairische Akademie der Wissenschaften hat schon fr&her 
um Mittheilnngen ersucht und den Erdbebendienst nach österreichischem 
Master orgauislrt. 

Schulen in der Türkei. Nach türkischen Berichten sind unter der Regie- 
rung des jetzigen Sultans 9800 Schulen, davon 4 höhere und 9649 Elementar- 
schulen, begrtlndet worden. Im Ganzen gibt es jetzt 29106 Schulen, die 
von 896000 Kindern beiderlei Geschlechts besucht werden. Diese Zahlen 
beziehen sich aber nur auf die Mohammedaner, da die Regierung für den 
Unterricht der Christen keine Sorge zu tragen hs^t Die verschiedenen christ- 
lichen Bekenntnisse, sowie die Juden besitzen eigene Anstalten, zu deren 
Kosten der Staat nicht beiträgt, ebenso wenig wie er die Aufsicht über Lehr- 
plan u. 8. w. ausübt. Die einzelnen Gemeinden müssen übrigens auch bei 
den Mohammedanern für den Unterhalt der Schulen sorgen. Anstalten, in 
denen Christen und Mohammedaner zusammen unterrichtet werden, gibt es 
ausser den höchsten nur ganz vereinzelt, z. B. am See Ton Ochrida, wo die 
Kinder des Dorfes Pogradetz eine confessionslose Schule haben. 

Lepra. Mit anerkennenswertem Eifer bat die russische Regierung in 
Turkestan den Kampf gegen den Aussatz aufigenommen, der sich dort, früher 
spärlich und wenig beachtet, jetzt in drohender Weise gezeigt hat. Genaue 
ärztliche Untersuchungen ergaben in dem russischen Turkestan 168 Aus- 
sätzige, in den Khanaten Khiwa und Buchara sogar 415. Es wird nun beab- 
sichtigt, bei Taschkend eine abgeschlossene Aussätzigen-Ansiedlung zu errich- 
ten und die Kranken^ auch aus Khiwa und Buchara, dort landwirtschaftlich 



313 

in beschäftigen. Die Maßregel beweist übrigens auch noch das, dass Rass- 
laod die Ordnung der inneren Angelegenheiten der beiden halbselbstandigen 
turkmenischen Staaten in die Hand genommen hat. Das genaue Stadium 
dieser entsetzlichen Plage der Menschheit ergab, dass die Lepra wesentlich 
eine chinesische Krankheit ist und sich von ihrem Brennpunkte in den süd- 
östlichen FroTinzen Chinas nach allen jenen Gegenden ausgebreitet hat, nach 
denen Chinesen der unteren Classen auswanderten. Die Einwanderang der Man- 
dschns gab den Hauptanstoss zu einer starken Auswanderung der Chinesen 
ans ihren südlichen Gebieten, um in anderen Ländern Beschäftigung zu 
soehen. Die Kulis, die zu den ärmsten und untersten Classen gehören, haben 
fiele Aussätzige in ihrer Mitte, welche die Krankheit nun nach anderen Län- 
dern verschleppen. Der Aussatz ist in China gegenwärtig nicht überall hei- 
misch, er fehlt in einer Anzahl von Provinzen des mittleren Reichs. Ein Ver- 
breitungsgebiet ersten Ranges für den Aussatz ist die Halbinsel und Provinz 
Sehantnng, ein zweites um den grossen Flusshafen Hankau am Yangtsee- 
kiang (wo Deutschland auch ein kleines Gebiet zu eigen hat); ferner nimmt 
er einen kleinen Strich in der Provinz Setchuen an der Grenze des Hochlan- 
des von Tibet ein; wahrscheinlich ist die Krankheit in dem grossen südlichen 
Gebiet der Provinzen Fokien, Kwangtung und Kwangsi verbreitet, von wo drei 
Viertel der auswandernden Kulis stammen. Frei von Aussatz sind die Orte Peking, 
Schanghai, Amoj u. s. w.; dagegen liegen Tschifu, Hangkau und Kanton 
(wahrs^einlieh auch Kiautschau) innerhalb des grossen Aussatzgebietes, und 
eme strenge gesundheitliche Aufsicht über die Auswanderung aus diesen Häfen 
ist eine gebieterische Pflicht aller europäischen Behörden. Nach Norden 
bin ist Japan durch die chinesische Einwanderung in Mitleidenschaft gezogen 
worden, ol^leich hauptsächlich nur die Urbevölkerung der nördlichen Insel 
Yeso, die Ainos, angesteckt wurden. In Korea sind die Aussätzigen meist 
Chinesen und die Krankheit ist auf den südlichen Theil der Halbinsel beschränkt. 
Südwärts hat sie sich über Tonking, Annam, SiamBirma und die malayischen 
Inseln ausgebreitet; die Malayen scheinen freilich für den Aussatz weniger 
empfänglich zu sein als die Chinesen, was man auch auf Formosa, Hainan 
nnd Snmatra beobachten kann; in Java und Celebes ist der Aussatz auf ein 
kleines Gebiet beschränkt Nach Borneo wurde die Lepra 1888 von Chinesen 
eingeschleppt, verschwand aber wieder mit deren Auswanderung. Auf den 
übrigen Sundainseln und in der melanesischen Inselgruppe, wo die Eingebo- 
renen den Negritos angehören, war die Lepra unbekannt und trat nur da auf, 
wo europäische Niederlassungen chinesische Arbeiter heranzogen. Als sich die 
<^nesen bei der Entdeckung der californischen Goldfelder nach dem west- 
liehen Amerika wandten, überschwemmten sie zugleich auch einige der Inseln 
im Stillen Ocean, denen sie auch natürlich den Aussatz mittheilten. Das 
Jnrchtbarste Beispiel für diese von den Chinesen drohende Gefahr bietet der 
jetzige Zustand der Hawai-Inseln, die geradezu entsetzlich unter dem Aussatz 
leiden. Ebenso verbreitete sich die Krankheit in Neu-Caledonien, auf einer 
der Fidji-Inseln, den Freundschaf ts-Inseln, Samoa und Australien. In Neu- 
Sfid-Wales wurden jetzt 57 Aussätzige unter den Chinesen und 2 unter den 
Weissen, die mit jenen verkehrt hatten, gefunden. Diese Darstellung dürfte 
wohl genügend die grosse gesundheitliche Gefahr klarlegen, die von einer 
chinesischen Einwanderung jedem Lande .droht. 



314 

Naehtigall-MedaUle. Herr Krupp in Essen hat der GeseUschaft far 
Erdktinde zu Berlin die Samme von 10000 M übersandt, mit der BestiromoDg, 
dass dieselbe zur Stiftung einer Nachtigall-Medaille zu verwenden sei Diese 
Medaille soll in Gold geprägt und von der Gesellschaft in der Regel jährlich 
fär besondere Verdienste auf dem Gebiete geographischer Forschung verlie- 
hen werden, mit der Maßgabe, dass sie bei gleicher Verdienstlichkeit dem- 
jenigen zu geben ist, dessen Thatigkeit den afrikanischen Continent oder die 
deutschen Colonialgebiete betrifft Wie der Vorsitzende v. Richthofen bemerkte, 
hat Herr Krupp durch diese Stiftung das Andenken seines früh verstorbenen 
Freundes, des ehennaligen Vorsitzenden der Berliner Gesellschaft für Erdkunde 
und Begründers des deutschen Geographentages Dr. Gustav Nachtigall, ehren 
und dessen unvergänglichen Verdiensten um die geographische Forschung, ins- 
besondere um die Entschleierung des afrikanischen Continents, dauernde Aner- 
kennung sichern wollen. Die Berliner Geographische Gesellschaft verfugte 
bis dahin über eine goldene und eine silberne Medaille, welche ilire Namen 
nach Alexander v. Humboldt und Karl Ritter führen. Durch die hochsinnige 
Zuwendung des Herrn Krupp ist die Gesellschaft jetzt in der Lage, mehr als 
einem Reisenden eine sichtbare Auszeichnung zu verleihen, besonders auch 
das Verdienst von Deutschen in der Erschliessung der Colonialgebiete zu 
krönen. 

Die Ansstellnng der französischen Coionien. Dem französischen 
Handelsminister ist ein Project vorgelegt worden, welches anlässlich der 
WeltaussteUung 1900 eine grossartige CoUectivausstellung der französischen 
Coionien im historischen Parke von St. Cloud ins Leben rufen will. Dieses 
Project ist so gut wie angenommen, nur ist die Frage des Platzes noch nicht 
gelöst, ob man bis St. Cloud ausgreifen oder sich auf dem Trocad^ropalast 
beschränken soll. Da diese Specialausstellung nicht nur in ethnographischer 
Beziehung, sondern auch aus handelsgeographischen und politischen Gründen 
unser Interesse beansprucht, so erlaube ich mir auf dieselbe schon jetzt auf- 
merksam zu machen. 

Man könnte die projectirte Ausstellung in eine theoretische, eine 
praktische utid eine ethnographische Gruppe eintheilen.| ^In erster er soU ' die 
Art und Weise der Verwaltung des Colonialbesitzes vom Momente der Besitz- 
ergreifung bis auf den gegenwärtigen Zeitpunkt, sowie dessen wirtschaft- 
liche Ausbeutung und culturelle Hebxmg in vergleichender Weise veran- 
schaulicht werden, während in der zweiten Gruppe sämmtliche Producte und 
Industrien, alle Reichthümer der überseeischen Besitze ausgestellt werden 
sollen. In der ethnographischen Abtheilung werden ganze Stämme von Ein- 
geborenen sich häuslich niederlassen; sie werden uns ein möglichst natur- 
getreues Bild ihrer fernen Heimat vorfilhren^ ein Gesammtbild des Handels 
und Wandels, des ganzen öffentlichen Lebens und Wirkens, dem die fran- 
zösischen Colonialtruppen-Contingente ein besonderes Relief geben dürften. 
Zu diesem Zwecke werden in Paris concentrirt werden : Turkos und algerische 
Schützen, Tirailleurs aus Senegambien und aus dem Sudan, Haussas aus 
Dahomey, Detachements von der Insel Reunion und Madagaskar, Anamiten 
aus Cochinchina und Tonking, sowie eine Abtheilung der Colonialtrappen 
aus Südamerika. Kreuth, 



315 



EoFopa« 

Areal und 'nefe einiger Karstseen. Vorläufige Mittheilung von 
Professor Dr. Arthur Gavazzi. Unter den europäischen Seen sind gewiss 
diejenigen des Karstes die interessantesten, sowohl in Bezug auf ihre Ent- 
stehung als auch auf die Morphometrie. Man findet alle möglichen Abstufungen 
im den beständig mit Wasser ausgefüllten Wannen bis zu den cyklisch- 
periodischen einerseits, und von den Süsswasser- bis zu den Salzseen ander- 
sdls. Ich zog in den Bereich meiner Untersuchungen, die ich durch 5 Jahre 
mastens in den Sommermonaten ausführte, auch solche Seen, welche durch 
geologische Processe derzeit mit dem Meere durch enge Canäle in Verbindung 
steh^ (x. B. Novigrad, Karin, Prokljan u. a). Es war mir leider noch nicht 
möglich, alle grösseren Karstseen in Oesterreich und Croatien -— abgesehen 
Yon denen im Occupationsgebiete — zu untersuchen ; ich hoffe aber die Arbeit 
beuer zum Ahschluss bringen zu können. Inzwischen theile ich hier einige 
Zahlen über die Höhe, Area und maximale Tiefe mit. Diejenigen Seen, bei 
welchen keine Tiefe angegeben ist, wurden noch nicht untersucht; ein * be- 
deutet, dass Temperaturbeobachtungen vorliegen. 



y smen der Seen 


Gegend 


Abs. 

Höhe 

m 


Areal 


Max. 

Tiefe 

m 

1 


Anmerkung 


1. Plina 


mittl. Dalroatien 


28 


30-32 


. 


period. 


2. Viana 


bei Zara 


1 


3010 


3-8 


Kryptodepresßion 


S. Novigrad 


nördL Dalmatien 





28-56 


1 380 


salzig 


4. Prokljan i 


bei Sebenico 


2 


1116 


1 240 


salzig 


' 6. Bastok i 


mittl. Dalmatien 


67 


7-61 


— 


period. 


8. Ct^ 


Istrien 


24 


6-58 


2-9 ' 


— 


, 7. Nmdin 


nördl. Dalmatien 


77 


6-56 


1 — 1 


period. 


; 8. KArin 


n n 





6-52 


|'l40 i 


salzig 


9. Vraiia 


Ins. Cherso 


16 


6-23 


1 7-80*' 


Kryptodepression 


10. Bokaojac 


bei Zara 


23 


4-92 


— ; 


period. 


11. Kloknn , 


mittl. Dalmatien 


34 


3-54 


1 — 1 


period. 


12. Baone 


?» » 


8 


2-48 


39-4* 


Kryptodepression 


1%, Lokvi6i6 1 


9 n 


256 


1-71 


— 


— 


II, Grosser See 1 


Ins. Meleda 





1-49 


220 


salzig 


15. BUto 


Ins. Pago 


4 


1-32 


_. 


— 


16. OJQTelek 


imt. Narenta 





131 


— 


Kryptodepression 


17. Nona 

18. Koqak ' 


nördl. Dalmatien 





0-89 


— 


salzig 


weetl. Croatien 


536 


0-765 


471*' 


— 


19. Proft^e ' 


n ff 


643 


0-631 


(37-0)*: 


— 


; 20. NjiTice 


Ins. Veglia 


5 


OCll 


8-2* 


Kryptodepression 


' 21, DoberdÖ 1 


bei Monfalcone 


9(6) 


0-370 


9-5 ! 


Kryptodepression 


n. Ponikve 


Ins. Veglia 


17 (10) 


0-240 !l 8-2 ! 


period. 


23. Kkmer See < 


los. Meleda 





0-179 'l — ' 


salzig 


MitOL d. k. k. Om 


^. 6«8. 1898. B n. 4 








21 






316 



Namen der Seen 


Gegend 


Abs. 

Höhe 

m 


Areal 
Arm» 


Max. 

Tiefe 
m 


Anmerkung 


S4. Galovac ! 


westl. Croatien 


582 


0118 


-23-4* 


— 


S6. GradinoTfic 


, 


556 


0071 


91 1 


— 


26. Ciginovac 


»» » 


ca. 630] 


0070 


131 


— 


27. Okrugljak 


1> V 


ca. 620 


0045 


10-2 ' 


— 


28. Milanovac i 


r» r 


ca. 525 


0-031 


18-2 


~ 


29. Kalugjerovac ; 


if n 


ca. 515 


0-024 


14-5 , 




30. Trstenik 


Ins. Trstenik 


i 


, 0019 


— 


(salzig?) 


31. Vel. Jezero 


westl. Croatien 


ca. 615 


0017 


6-5 ' 


— 


32. Batinoyac 


T r ; 


ca. 615 


0015 


60 


— 


33. Malo Jeeero 


. 1 


ca. 615; 


0012 


9-5 


— 


34. Jezerce ' 


V 9 


566 


0008 


8-5 1 


— 


35. Gavanovac i 


" 71 


ca. 520 


0007 


9-7 


— 


36. Vir 

37, Muravnjak- 


n 1» 


5971 


0003 


(4) 1 


— 


Insel Langa 


1? 


0148 


— ' 


— 



£mte-£rgebnis8e der wichtigsten Kömerfrachte im Jahre 1897 
iji Oesterreich. Von der gesammten Ackerlandsfläche der diesseitigen Reichs- 
h&lfte im Ausmaße von 10,636.872 ha entfiel anf den Anbau von Weizen, 
Boggen, Gerste, Hafer und Mais im Jahre 1897 eine Area von 6,317.896 ha^ 
± i. 59-4 «/o. Dieselbe vertheilte sich im Jahre 1897 auf die fünf Körnerfrüchte, 
wie folgt: 



Fruchtgattung 



Weizen 
Roggen 
Gerste . 
Hafer. . 
Mais... 



Anbau- 
fläche 
ha 



Ernte im Jahre 1897 
im Ganzen 



hl 



q' 



1,058.314 
1,838 722 
1,173.289 
1,911.794 
335.777 



12,636.565 



9,388.543 



23,197.377 | 16,014.432 

17,533.942 11,089.384 

33,888.134 i 14,756.146 

5,206.129 I 3,802.487 



d orohschnittlich 
pro 74 a 



hl 



9' 



11-9 
12-6 
14-9 
17-7 
15-5 



8-9 
8-7 
95 
77 
11-3 



Die Holzausfuhr Oesterreich -Ungarns hat im abgelaufenen Jahre ; 
899.679 Waggons im Handelswerte von 82,473601 fl. betragen, gegen 268.889 \ 
Waggons im Handelswerte von 72,769.255 fl. im Jahre 1896, so dass ein r 
Plus von 30.860 Waggons im Werte von 9,704.346 fl. sich «gibt. Bei ' 



J 



317 

Prüfung der Yertheilung der einzelnen Artikel stellt sich heraus, dass 1897 
Werkholz um 364 Waggons, Fassdauben um 2257 Waggons, Diverse um 
10 Waggons weniger exportirt wurden als 1896, wogegen 1897 Rundholz um 
10.986 Waggons, Werkholz um 1864 Waggons, Eisenbahnschwellen um 
2O0ß Waggons, Sägewaren um 16.126 Waggons, Brennholz und diverse Hölzer 
um 2502 Waggons mehr zur Ausfuhr gelangten als 1896, wonach sich das 
angeführte Nettoplus ergibt Dieses Schlussresultat kann sicherlich als ein 
befriedigendes bezeichnet werden, zumal zugleich festgestellt werden darf, 
dass die Stockzinspreise der meisten Holzgattungen eine der steigenden 
Nachfrage mehr als entsprechende Erhöhung erfuhren und sich fortgesetzt 
fester Tendenz erfreuen. Unter den Artikeln, deren Ausfuhr eine Minderung 
erlitt, stehen Fassdaaben mit einer namhaften Ziffer, da die Verminderung 
15 \ der vorjährigen Absatzhöhe erreicht. Aus Oesterreich-Ungarn bezog: 

1897 1896 

Deatschland 3724 Waggons gegen 4300 Waggons 

Frankreich 7790 „ „ 9457 

ItJÜien 675 „ „ 841 , 

Schweiz 351 « n 309 , 

Dir. Staaten 1024 „ „ 719 „ 

Die beiden Hauptabsatzgebiete, Frankreich und Deutschland, weisen 
also einen nennenswerten Minusunterschied auf, welcher durch das gering- 
fügige Plus, das anderwärts seinen Ausweg fand, nur im geringen Maße ausge- 
gtichaiwird. Auffällig ist der Umstand, dass unser Fassholzabsatz nach Deutsch- 
land in einer Periode sehr günstiger allgemeiner Geschäftslage in Deutschland 
sank, während gleichzeitig die Einfuhr amerikanischer Provenienzen bedeutend 
gestiegen ist 

Die Bergweiteprodaction in Oesterreich. Nach der vom Acker- 
banministerium veröffentlichten Statistik des Bergwerksbetriebes für das Jahr 
1896 lassen sich die Hauptziffem folgendermaßen zusammenfassen: Der 
gesunmte Wert der Bergwerksproduction nach Abzug des Wertes der ver- 
hütteten Erze stellte sich für ganz Oesterreich auf 101*66 Millionen Gulden 
mid bot gegenüber dem Vorjahre eine Steigerung um 3-9 Millionen Gulden. 
Der Wert der Bergbauproducte betrug 80*89 {-\- 3-03), jener der Hütten- 
producte 36*46 (-}- 1*2) Millionen Gulden. Die Production von Eisenerzen 
Timfasste 14*48 (+ 0*63) Millionen Meter-Centner. Die Braunkohlenförderung 
erreicbte die Höhe von 188*82 (+ 4*93) MiUionen Meter-Centner. Die Stein- 
kohleaproduction stellte sich auf 98*99 {-\- 1*76) Millionen Meter-Centner. An 
Frischroheisen wurden 6*93 (-f- 0*32), an Gussroheisen 1-23 (-(- 0*06) Millionen 
Meter-Centner producirt Der Geldwert der Roheisenproduction betrug 
28-78 Millionen Gulden, ftievon entfallen 23*78 Millionen Gulden auf Frisch- 
rcüieiaen und 5 Millionen Gulden auf Gussroheisen. Der Mittelpreis des Frisch- 
robeisens am Erzeugungsorte belief sich auf 3*42 fl., jener des Gussroh- 
eisens auf 4<y7 fl. per Meter-Centner. Der Geldwert der Braunkohlenproduction 
wird mit 36'22 Millionen Gulden angegeben. Der Durchschnittspreis der 
Brannkohle an der Grube betrug 19-2Ö kr. per Meter-Centner. Der Geld- 
wert der Steinkohlenproduction wird mit 35*25 Millionen Gulden, der 
Durchschnittspreis der Steinkohle an der Grube auf 35*61 kr. per Meter- 

21* 



318 

Centner angegeben. Im Ganzen waren im Bergbaubetriebe 119.742 Arbeiter, 
im Hüttenbetriebe 8292 Arbeiter beschäftigt 

Oesterreichs Anssenhandel im Jalire 1897. Nach den vom statistischen 
Departement des k. k. Handelsministeriums veröffentlichten Daten über den 
Aussenhandel der Monarchie im Jahre 1897, welche rücksichtlich der Menge 
auch den Verkehr mit den einzelnen Ländern während dieses Jahres 
betreffen, bezifferte sich die Einfuhr (ausschliesslich des Edelmetallverkehrs) 
auf 760*3 Millionen Gulden (+ 54 5 Millionen Gulden im Vergleiche mit dem 
Jahre 18%) und die Ausfuhr auf 773-4 Millionen Gulden (—06); es ergibt 
sich demnach ein Activum der Handelsbilanz von 13*1 Millionen Gulden 
(gegenüber einem Activum von 68*2 Millionen Gulden im Jahre 1896). Was 
die Menge anbelangt, so stellt sich die Einfuhr in Jahre 1897 auf 94*9 Mil- 
lionen Meter-Centner (gegen 88*8 Millionen Meter-Centner im Jahre 1896); hievon 
entfallen in Millionen Meter-Centner auf das Deutsche Reich 691 (66-2), Gross- 
britannien 3-8 (3-4), Frankreich 0*3 (03), Italien 5-0 (4-2), Russland 52 (38), 
Schweiz 0*3 (03), Rumänien 3*7 (2-3), Serbien 13 (10) und auf die übrigen 
Staaten 9-3 (7*4). Die Ausfuhr bezifferte sich im Jahre 1897 auf 153 5 Mil- 
lionen Meter^Centner (gegen 145*1 Millionen Meter-Centner im Jahre 1896); an 
dieser Menge nahmen die einzelnen Staaten, wie folgt, theil: Das Deutsche 
Reich mit 1249 (116-5), Grossbritannien 31 (3*3), Frankreich 2*0 (20), Italien 7^ 
(6-9), Russland 42 (47), Schweiz 29 (3-0), Rumänien 2 4 (25), Serbien 1*1 (0-8) j 
der Rest per 59 (53) entßLllt auf die übrigen Staaten. Der Mengenüberschuss 
der Ausfuhr über die Einfuhr betrug somit 58*6 Millionen Meter-(kntner (gegen 
56-Ji MiUionen Meter-Centner im Jahre 1896). 

Ganz interessant gestaltete sich 1897 die aussergewöhnliche Situation, 
welche sich als Folgeerscheinung der vorjährigen Missemte in der Getreide- 
Versorgung ergab, auch darin, dass Getreide aus den entferntesten Gregenden der 
Erde nach Oesterreich eingeführt wurde. Aus den Vereinigten Staaten wurden 
seit dem Beginne der Getreide-Campagne rund 50.000 Meter-Centner Weizen 
importirt. Noch merkwürdiger ist es, dass aus Sibirien grössere Weizenmengen 
nach Oesterreich zur Einfuhr gelangten. Diese Transporte nahmen den Land- 
weg und waren bis zur österreichischen Grenze mit einer Vorfracht von nicht 
weniger als fünf Rubeln per Meter-Centner belastet. Die Transportkosten von 
der Grenze bis zum Bestimmungsort erforderten neuerlich etwa einen 
Gulden. Dazu kommt der Zoll, welcher IVa Gulden Gold ausmacht Die 
Spesen dieses Getreideimportes erforderten somit mehr als neun Gulden, 
während der Weizenpreis in Wien nicht ganz zwölf Gulden ausmacht. Aus 
diesen Ziffern ist klar ersichtlich, wie niedrig sich in Sibirien die Productions- 
kosten des Getreides stellen, wenn der Weizen nach so entfernten Gegenden 
auf dem Landwege noch exportfähig ist. Die Weizenausfuhr aus Sibirien ist 
jedoch, da die Wasserwege gänzlich fehlen und die Zufuhr zum Meere nur 
in den östlichsten Theilen des weiten Landes möglich ist, allerdings nur bei so 
hohen Preisen, wie sie gegenwärtig herrschen, gewinnbringend. 

Auch der Edelmetallverkehr des Jahres 1897 zeichnete sich durch 
eine grosse Steigenmg der Einfuhr aus, denn es wurde ein Bezug von 
33668 Kilogramm Barrengold effectuirt, welcher einen Wert von nahezu 
50 Millionen Gulden repräsentirte. Die Silbereinfuhr war dagegen namhaft 



319 

schwather. Auch beim Export ist in Gold ein Plus und in Silber ein Minus 
2u constatiren. Es bewertet sich nämlich 

n - 1 j . 1896 1897 Dlfferens 

""***• Millionen Gulden 

Einfuhr 61*2 94-4 + 33-2 

Ausfuhr 3i4 467 + 12-3 

Mehreinfuhr 268 ±11 + 20*9 

Silber: 

Einfohr 7-6 4*8 — 28 

Ausfuhr 8-0 43 — 3-7 

Mehrcinftihr — 05 \ 

Mehraosfohr 04 — 1 — ^'^ 

Der reducirte Verkehr in weissem Metall ist auf die verminderte Aus- 
prägung und Ausfuhr an Maria-Theresien-Thalem zurückzuführen. 

Wenn man den Wert des Waren-, des Edelmetall- und des Mahl- 
▼erkehres zusamenfasst, so ergeben sich folgende Wertbeträge in Millionen 
Gulden: Einfuhr 1896 781-3, 1897 873-5, daher Zunahme 92-2; Ausfuhr 1896 
8330, 1897 839-7, daher Zunahme 6*7, sonach für 1896 ein Ausfuhr-Ueberschuss 
TOD 517 und för 1897 ein Einfuhr-Ueberschuss von 33*8 Millionen Gulden, wo- 

, von auf die Mehreinfuhr an Gretreide 28* 1 und an Schweinefett und Speck 

! 4^ Millionen Gulden entfallen. 

j Deutschlands Anssenhandel im Jalire 1897. Der Wert der Einfuhr 

I betnig: 4832,891.000 M gegen 4.557,961.000 M im Jahre 1896 und 4.246,111 .000 M 

Iim Jahre 1895, daher mehr 274,940.000 M und 586,780.000 M, worunter Edel- 
metaUe 186,399.000 M gegen 250,788.000 M und 125,442.000 M, übrige Artike 
i^MOOO M gegen 4.307,163.000 M und 4.120,669.000 M. Der Wert der 
' Ausfuhr betrug : 3.808,131.000 M gegen 3.753,822.000 M im Jahre 1896 und 
aßy)76.000 M im Jahre 1895, daher mehr 54,309000 M und 384,056.000 M, 
vorunter Edelmetalle 155,182.000 M gegen 228,692.000 M und 106,176.000 M 
öbrige Artikel 3.652,949000 M gegen 3.525,130.000 M und 3.317,900.000 M 
in den Vorjahren. Gestiegen ist hautsächlich der Einfuhrwert von : Baum- 
»oOe und Baumwollenwaren, Droguerie- u. s. w. Waren, Eisen, Häuten und 
Fellen, Holz, Instrumenten, Maschinen, Kupfer, Leder, Material- u. dgl. Waren, 
ÖeL Erdöl, Seide, Kohlen, Thieren und thierischen Erzeugnissen, Vieh, Abfällen, 
während die Werte von Erden, Edelmetallen u. s. w., Flachs, Wolle und 
VoDcnwaien gefallen sind. Gestiegen ist hauptsächlich der Ausfuhrwert 
^w»: Baumwollen waren, Droguerie- u. s. w. Waren, Getreide, Häuten 
und Fellen, Holz, Instrumenten, Maschinen u. s. w., Leder und Lederwaren, 
Material- n. s. w. Waren, hauptsächlich wegen Zunahme der Zuckerausfuhr, 
und Kohlen, während die Ausfuhrwerte für Eisen und Eisenwaren, Erden, Erze 
Edelmetalle, Seide und Seidenwaren, Kleider und Leibwäsche u. s. w.. Wolle 
^ Wollwaren gefallen sind. Bei dieser Zunahme der Ein- und Ausfuhr 
I ist nicht ausseracht zu lassen, dass seit 1897 die Veredelung auf inländische 
I Rechnung in den veröffentlichten Mengen und Werten enthalten ist, während 
**^r von diesem Verkehr nur der Mühlen- und Mälzereilagerverkehr mit 
Getreide und Oelsämereien berücksichtigt wurde. 

Bentschlaiids Roheisenerzengiing. Nach den statistischen Ermitt- 
des Vereins deutscher Eisen- und Stahl-Industrieller belief sich die 



L 



320 

Roheisenerzeugung des Deutschen Reiches (einschliesslich Luxemburgs) 
vom 1. Januar bis 31. December 1897 auf 6,889.067^ gegen 6,360.982^ 
im gleichen Zeitraum des Vorjahrs. Die Roheisenerzeugung hat also 
um 528.085^. zugenommen. Wenn daher jetzt Zeichen einer Zuviel- 
erzeugnng wahrnehmbar werden, so ist das nach mehrjähriger anhaltender 
Steigerung der Hervorbringung nicht zu verwundern und keineswegs ein 
Zeichen verminderten Bedarfs, der vielmehr bisher ein fast ununterbrochenes 
wenn auch nicht immer gleichmäßiges Wachsthum gezeigt hat. Es betrug 
nämlich die Roheisenerzeugung Deutschlands während des letzten Jahrzehnts 
in Millionen Tonnen: 

1888 1889 1890 1891 1892 1893 1894 1895 1896 1897 
433 462 4-65 464 493 4-98 538 546 637 688 

Nach einer zweijährigen starken Zunahme der Hervorbringung würde 
also ein Stillstand im Jahre 1898 nichts Ueberraschendes oder Beunruhigendes 
ftbr das Eisenhüttengewerbe haben; vielmehr könnte dieses nach den gemachten 
Erfahrungen auf eine Wiederaufnahme der steigenden Richtung im nächsten 
Jahr mit einiger Sicherheit rechnen. 

Hamburgs Schiffsverkehr im Jahre 1897. Nach der amtlichen Auf- 
stellung kamen im abgelaufenen Jahre 4341 Seeschiffe mit 3,541.258 Register- 
tonnen in Hamburg an, gegen 4033 Schifife mit 3,286.424 Registertonnen im 
Jahre 18%. 

Frankreichs Weinprodaction im Jahre 1897. Die Anbaufläche hat 
sich um 39.502 ha vermindert, bebaut waren 1,688.931 ha. An Wein wurden 
32,350.722 7*7, also 20 / per Äa producirt; (gegen 26 l 1896). Most wurde 
producirt: 6,788.715 « (um 1,285.677 Z weniger als 1896). Im Jahre 1895 betrug 
die französische Weinproduction : 25-587.600 /, 1893: 31'609'900 /. 

Fi^ankreichs Handel im Jahre 1897. Der Import Frankreichs im Jahre 
1897 betrug 4600,126.000 Fr., der Export 3675,613.009 Fr. Der Import von 
Tunis betrug (1896) rund 47 Millionen, der Export 36 Millionen Fr., davon 
kamen aus Frankreich: 25,583.371 Fr. und nach Frankreich gingen Waren 
im Werte von 20,222.756 Fr. — Algier exportirte nach Tunis um 1,536.000 Fr. 
und importirte von Tunis um 5,7%.500 Fr. 

Die Garonneqnelle. Bisher wurde der von der Nordseite des Pic de 
Nethou herabkommende Bach für die Quelle der Garonne gehalten. Man 
glaubte nämlich, dass dieses Wasser, welches in 2020 m Seehöhe in den Schlund 
Trou de Toro sich verliert, im Thale Astiga Telin zum Vorschein käme. 
Durch E. Bellor's Versuche mit Fuchsin ergab sich aber, dass dieses Wasser 
die Quoeils de Jan^on nicht mit ersterem im Zusammenhange stehe. Dem- 
nach dürfte das von Pic de Nethou herabkommende Wasser dem Ebro ' 
zuströmen und die Garonne entspringt aus zwei kleinen QueUfiüssen im Thale 
von Aran in 1872 m Seehöhe, genannt die Guoeils (Auogen) de Garona. 

Globus LXXin 1. 

Italienischer Weinhandel. Im Jahre 1897 hat*Italien 2,339.000 hl Wein 
in Fässern und 47.212.000 Flaschen Wein ausgeführt, fast 1 Million Hektoliter 
mehr als im Vorjahre. Mehr als die Hälfte der Ausfuhr von 1897 faUt auf 
Oesterreich-Ungarn, ein wesentlicher Zuwachs auch auf Deutschland, Schweiz 



321 

imd Malta, während die Ausfuhr nach Amerika noch nicht wieder die Höhe 
früherer Jahre erreicht hat. Im Steigen begriffen ist Yor allem die Ausfuhr 
Ton Flaschenwein, insbesondere der toskanischen Sorten Chianti und Pomino. 
Die Einfohr fremder Weine nach Italien weist f&r 1897 205.000 M in Fässern 
imd 2', Millionen Flaschen auf, die meist aas Griechenland and dem Orient 
kamen. Sie ist seit 1890 infolge der niedrigen Preise der Orientweine in 
stetigem Steigen begriffen. 

Der spanische Anssenhandel im Jahre 1897. Im Jahre 1897 hat die 
Einfabr nach Spanien 793 Millionen Pesetas gegen 749 Millionen in 1896 be- 
tragen; die Ausfuhr 925 Millionen gegen 892 Millionen. Die Zunahme in der 
Einfahr bezieht sich auf folgende Warengattungen : Mineral, Glas and keramische 
Erxeugnisse, Droguen und Chemikalien, Baumwolle und andere Pflanzenstoffe, 
sowie deren Fabrikate, Papier und Holz und deren Erzeugnisse, Thiere und 
tluerische Stoffe, Maschinen und Eisenbahnbedarf. In der Ausfuhr weisen alle 
Waiengattungen eine Zunahme auf mit Ausnahme von Wolle, Thieren und 
thierischea Stoffen, Maschin entheilen und Nahrungsmitteln. Namentlich ist 
die Abnahme in der Wein- (20 Mill.) und Oelausfuhr (12 Mill.) bemerkens- 
wert Dagegen hat die Apfelsinenausfuhr um 11 Mill. zugenommen. Die Zoll" 
etnoahmen haben trotz der im allgemeinen erhöhten Einfuhr 8 Mill. weniger 
betragen als 1896, namentlich infolge der sehr viel geringeren Getreide- 
einfahr. 

Engliseher Schiffbau im Jahre 1897. Nach Lloyds Register wurden 
im vorigen Jahr in Grossbritannien und Irland mit Ausschluss von Kriegs- 
schiffen 591 Schiffe mit 952.486 Tonnen Gehalt gebaut (515 Dampfschiffe mit 
924.382 / und 46 Segelschiffe mit 28.104 t). Kriegsschiffe wurden 48 mit 
95.465 t Wasserverdrängung vom Stapel gelassen. Im Ganzen also wurden 
639 Schiffe mit 1.047.951 t hergestellt. Der Tonnengehalt der im Jahre 1897 
erbauten Privatschiffe (952.486 t) ist um 207.000 t geringer als im Jahre 1896, 
»ber ungeßlhr ebenso groÄ als im Jahre 1895. Der Bau von Segelschiffen ist 
in beständiger Abnahme begriffen. Im Jahre 1892 betrug der Tonnengehalt 
der Segelschiffe noch 24% des GesammtschifTbaues, im abgelaufenen Jahr 
nur noch 3«/o. Der Gehalt der im Jahre 1897 erbauten britischen Kriegsschiffe 
ist um 68.000 t geringer als im Jahre 1896. Ungeföhr 25% der im Jahre 
1897 in Grossbritannien ausgeführten Schiffbauten war für Rechnung von 
aislandischen und colonialen Eignern (gegen 80% im Jahre 1896 und 20% 
im Jahre 1895). Der beste Kunde war Japan (6%). Am Schluss des Jahres 
»aren in Grossbritannien, abgesehen von Kriegsschiffen, 229.000 t Schiffsraum 
oder beinahe dO^U mehr im Bau begriffen als Ende 1896. In anderen Ländern 
wurden im Jahre 1897 253 Dampfschiffe mit 278.443 t und 146 Segelschiffe 
nüt 100.995 f, sowie 42 Kriegsschiffe mit 133.435 t Wasserverdrängung gebaut. 
Obenan steht unter diesen Ländern Deutschland (140.000 t), dann kommen 
die Vereinigten Staaten (87.000 t) und Frankreich (49.000 t). Der gesammte 
Schiffbau der Welt im Jahre 1897 (ausschliesslich der Kriegsschiffe) beträgt 
ungefthr 1,331.000 t, davon 1,202.000 t Dampfschiffe, 129.000 t Segelschiffe. 
Verloren gingen und auseinandergebrochen wurden im vorigen Jahr im 
ötnzen ungeföhr 712.000 t (316.000 t Dampfschiffe, 3%.000 t Segelschiffe). 
I>er Gesammt-Tonnengehalt der Segelschiffe nahm also im vorigen Jahr um 



322 

267.000 t ab, der Gesammt-Toimeiigehalt der Dampfschiffe um nngef^r 
886.000 t za; die Bein-Zunahme der gesammten Handelsschiffahrt der Welt 
beträgt somit 619.000 t. 

üeber den grossen Schiffahrtscanal von der Ostsee zum Sohwarsen 
Meere hat die rassische Regierung die Arbeiten zur genaueren Feststellung 
des Planes jetzt abgeschlossen, und das Brüsseler Mouvement G^graphique 
weiss folgende interessanten Angaben über den Riesenplan zu machen. Der 
Canal wird eine Breite von 65 iti an der Oberfläche und von 35 m am Boden 
und eine Tiefe von 8Vs fn erhalten. Er beginnt bei Riga, benutzt den Lauf 
der Düna bis Dünaburg, geht dann durch einen Canal bis zur Stadt Lepel 
und zur Beresina, dann unter Benutzung dieses Wasserlaufes bis zur Ver- 
einigung mit dem Dnjepr und endlich diesen Fluss hinab bis Cherson am 
Schwarzen Meere. 200 km müssen künstlich hergestellt werden, zu den 
übrigen 1400 km wird das natürliche Bett von einem kleinen und zwei grossen 
Flüssen benutzt. Ausser Riga und Cherson, an deren Vergrösserung bereits 
lebhaft gearbeitet wird, werden noch 15 Häfen von Bedeutung an dem Canal 
liegen, nämlich an der Dana Jakobstadt und Dänaburg, im Gebiete der 
Beresina Lepel, Borissow, Bobruisk, am Dnjepr, Kiew, Perejastaw und 
Kanew, Tscherkassy, Rrementschug, Werchnednjeprowsk, Jekaterinoslaw, 
Alexandrowsk, Nikopol, Bereslawk und Aleschki. Jede dieser Städte wird nach 
Vollendung des Canals ein wirklicher Seehafen werden, der die grössten Schiffe 
au&iehmen kann, da die Tiefe von 8Va ^ für die grössten Ueberseedampfer 
genügt, auch für die Durchfahrt der riesigsten Panzerschiffe; natürlich handelt 
es sich bei dem Unternehmen in hohem Maße auch um die Erfüllung mili- 
tärischer Interessen. Die ins Auge fallende Bedeutung des neuen Schiffahrt- 
weges ftlr den Handel wird noch erhöht durch Abzweigungen, die man durch 
Vertiefung mehrerer Flüsse ohne viele Arbeit erhält und wodurch z. B. die 
Städte Disna an der Düna, Mosyr am Pripet, Oster und Tschemigow an der 
Desna, Schitomir in Wolhynien und Poltawa in das Canalsystem einbezogen 
werden, sämmtlich an Eisenbahnen gelegen. Die» Gesammtkosten für den 
Canal, seine Unterhaltung und Abzweigungen werden auf etwa 400 Millionen 
Mark veranschlagt. Die Arbeiten sollen in fünf Jahren vollendet sein; um sie 
zu beschleunigen, wird man überall, wo es nur möglich ist, Bauplätze an- 
legen, damit das Material mit möglichst geringen Frachtkosten beschafft 
werden kann. 

Nonvegen und Island. Anfangs dieses Jahres befand sich der is- 
ländische Pastor Thordarson auf Besuch in Christiania. Bei dieser Grelegen- 
heit sprach derselbe mit einem Mitarbeiter der „Örebladef* über die Ver- 
hältnisse auf Island und bemerkte u. a., dass unter der Bevölkerung trotz 
ihrer verhältnismäßig selbständigen Stellung Unzufriedenheit mit dem gegen- 
wärtigen politischen Sta!.us herrsche und eine Bewegung constatirt werden 
könne, mit dem Endzwecke, die Verbindung mit Dänemark zu lösen. Für 
Norwegen hegen die Isländer starke Sympathien und verfolgen aUes, was 
dieses Land betrifft, mit grösstem Interesse. Zudem wird die norwegische 
Bauernsprache, welche vielfach an das Altnordische anklingt, von den Is- 
ländern vollständig verstanden, was bei der dänischen Sprache nicht der 
Fall ist. Auch ist die norwegische Literatur, speciell Ibsen, Jonas Lies» 
Garborg auf Island, wo von den 7500 Bewohnern 2000 Norweger sind, stark 
verbreitet. 



323 

Seit vorigem Jahre feiern die Isländer ihr eigenes Nationalfest, and 
zwar am 2. August, dem Tage, an welchem ihnen im Jahre 1814: das Grund- 
gesetz (Grundlagen) verliehen wurde. Im Verhältnis zu der geringen Be- 
fülkenzng ist die Tagespresse dort unter allen Ländern der Erde am stärksten 
entwickelt und hat Beykiavik allein 8 Zeitungen, von denen „Island*' die ver- 
breitetste ist Die bedeutendsten gegenwärtig lebenden isländischen Dichter 
Bud Steingrimur und Thorsteinson. G. S. 

Thorsbayen. Capitän Sand, welcher 1895 und 1896 mit der Vermessung 
der Far-5er betraut war, gibt die Position der Hauptstadt Thorshafen mit 
62* (y 49* n. B. und 6<> 46' 23" w. L. v. Gr. an. Die bisherigen Angaben sind 
demnach unrichtig. Globus LXXII. Nr. 24. 

t Dr. Anton von Rnthner. Am 16. December des verflossenen Jahres 
Terschied in Salzburg unser Ehrenmitglied Dr. Anton von Ruthner, „der 
letste ans der Schar der alten Alpinisten der Vierziger- und F&nfzigerjahre''. Dr. v. 
Bathner wurde am 20. September 1817 zu Wien geboren, studirte nach der 
üebersiedlung setner £ltem am Gymnasium zu Linz und im Stifte Krems- 
m&nstar, dem er Zeit seines Lebens ein getreues Andenken bewahrte. 1841 
bestieg der junge Doctor mit Eürsinger, v. Lasser (dem späteren Minister), 
T. Uayr-Garven^g (dem späteren Gesandten, der einige Wochen vor Ruthner 
starb) o. a. m. den Gross- Venediger und beschrieb diese Fahrt noch vor 
Koisinger. Aber erst seit 1848 kam System in seine Sommerfahrten, namentlich 
ib er mit einigen Gleichgesinnten 1862 den Oesterreichischen Alpenverein 
gegründet hatte, in dem er fünfmal zum Präsidenten gewählt wurde. 
T. Bathner wurde aber bald bedeutender als Schriftsteller, denn als thätiger £r- 
xbüesser; seinen Ruf als Schriftsteller hatten schon frtlher die Schrift über die 
Tergieichung der Naturschönheiten der Schweiz und Oesterreichs (1843), wie die 
oberv&hnte Schilderung der ersten Venedigerbesteigung in den Spalten der 
«Wieser Zeitung^ begründet. 1864 erschien „Aus den Tauern **, 1869 das 
Bodi ,Aua Tirol^, von denen das erste mit Begeisterung aufgenommen wurde. 
Du grossartigste Werk aber, welches von dem umfassenden Wissen Ruthner^s 
Ze^ignis gibt, ist die illustrirte Topographie von Oesterreich. In allen Werken, 
welche die Erschliessung der Alpen behandeln, ist Ruthner's Name in erster 
Linie genannt. Unvergessen soll auch bleiben, dass v. Ruthner im Jahre 
1869 als Vertreter der k. k. Geographischen Gesellschaft, in deren Vorstand 
er böigere Zeit erspriesslich wirkte und deren Mittheilungen viele wissen- 
scbafUicbe Beiträge von ihm bergen, auf dem 25-jährigen Gründungsfeste der 
Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin zuerst darauf hinwies, dass die freund- 
■cfeaftlichea Beziehungen zwischen den norddeutschen und österreichischen 
Belehrtexikreiseii vollständig wieder hergestellt seien. 



324 



Asien. 

Finnische Expedition nach Centralasien. Die Finnische Gesellschaft 
in Helsingfors entsendet eine Expedition nach Centralasien, am nach alten 
Inschriften za forschen, die über den Ursprang der heutigen Finnen Licht 
yerbreiten könnten. Die Expedition besteht aas G. Heikel, 0. Donner and 
Baron K. Monk. Die Expedition wird also ähnliche Zwecke verfolgen wie 
Graf Engen Zichy, der den ürsprnng der Magyaren erforscht 

Geplante Ersteigung des Ganrisankar. Nach der „Science^ bereitet 
F. W. W. H w e 1 1 für das nächste Jahr eine Besteigang des Ganrisankar vor. 
Der Ganrisankar oder Monnt Everest hat bisher allen Versnchen, auch nnr 
bis in die Nähe des Gipfels za dringen, widerstanden. 

Temen. Im Jahre 1897 hat D^sire Charray, der bisher in Mittelamerika 
die Reste der Bauwerke aas der Zeit vor der Entdeckung untersucbt hat, 
eine Reise durch Yemen gemacht und auch da die Bauwerke in Bezag auf 
Architektur erforscht. C. r. 1897, p. 513. 

Siam. Im Sonuner 1896 hat Warington Smyth eine Reise in den Pro- 
vinzen der Ostküste Siams im Auftrage der Siamesischen Regierung unter- 
nommen, um die Landschaften nördlich von Sengora (Songkla), welche ganz 
besonders Zinn erzeugen, zu untersuchen. Die Zinnminen liegen vorwiegend am 
Fusse der Granithügel der Bergkette, welche Langsuang von Ranawang trennt. 

Geogr. Jour, 1898, I. 

Die Erforschung von Celebes hat durch den Missionär Alb. C. Krnijt 
den Wiederentdecker des Posso-Sees, durch die Entdeckung des Lindu-Sees eine 
wesentliche Bereicherung erfahren. Peterm. Mitt. 1898, L 

Dr. Nienwenhnis' Reise in das obere Mahakam-Gebiet. in Bomeo 
1896 — 1897. Nachdem die 1894 dahin unternommene Expedition an der feind- 
seligen Gesinnung der dortigen Bevölkerung gescheitert war, hatte Dr. Nieu- 
wenhuis am Kendalam längeren Aufenthalt genommen und die daselbst woh- 
nenden Kajan-Dajak sich durch ärztliche Hilfeleistung so verpflichtet, 
dass sie versprachen, ihn ungefährdet durch das Gebiet der ihnen stamm- 
verwandten Bevölkerung am oberen Mahakam zu führen, wenn er auf mili- 
tärische Begleitung verzichte. Dieser Zusage vertrauend ging Nieuwenhnis 
von nur zwei Europäern und zwei Javanen begleitet, von Poetoes Siboa mit 50 
Kajan-Ruderern und Trägem in 12 Kähnen vom 3.— 12. Juli 1896 den oberen 
Kapoeas hinauf und nahm dann seinen Weg durch den Urwald zum Penanei, 
wo er am 9. August bei der ersten Wohnung der Preihing eintraf. Die Kajan 
hatten sich geschickt und zuverlässig erwiesen und mit erstaunlicher Aas- 
dauer sowohl die Mühseligkeiten der Stromschnellen und Wasserfölle, wie die 
Beschwerden der Gebirgspfade durch den Urwald überwanden. Am 16. Aagost 
setzte er seine Reise fort und gelangte in zwei Tagen bei der Karo-Mündang 
an den Mahakam, den Hauptstrom von Ost-Borneo. Die Fahrt den Flass 
hinab, der sich bald durch Kalkstein-, bald' durch Sandsteinformation windet, 
ist genussreich. Wegen der allerorts herrschenden Reisnoth konnte er aber nur 
an der Mündung des Bloeoe längeren Aufenthalt zur Erforschung des Landes 
und seiner Bewohner nehmen. Die Weiterreise erfolgte im April des folgenden 



r' 



325 



iihies. In Tollster Gesundheit traf Nienwenhnis am 16. Juni 1897 mit 
leioen Begleitern wieder in Batavia ein. Peterm. Mitt. 1898, Heft 1. 

Erforschung der Weitmachts-Insel. Das Britische Museum wird infolge 
ciaer reichen Schenkung von Dr. John Murray den Naturforscher C. D 
Andrew zur Erforschung der Christmas-Insel aussenden. Das bisher fast ganz 
tnbekannte Eiland liegt etwa 400 km südlich Ton der Westspitze der Insel 
Java im Indischen Ocean unter lOVa^ südl. 6r.; es ist 2^ hm lang und 13 Arm 
breit Ein «nziger Europäer wohnt dort mit seiner Familie und einem Dutzend 
müayischer Arbeiter. Nur von Nordwesten her bietet die Insel für Fahrzeuge 
eisen Zugang, alle anderen Seiten sind durch Korallenriffe versperrt. Der höchste 
Punkt erreicht 400 m. Von grossem Interesse ist die Thierwelt dieser einsamen 
Insel: mehrere ihrer Yogelarten kommen nirgend anders vor, von 5 Säuge- 
tkierarten^ die die Insel birgt, sind 3 ebenfalls ihr allein eigen, und von 35 
Intectenarten sind 23 sonst unbekannt Es gibt dort weder eine Schlange, 
Doch irgend ein gefahrliches Thier. Ein grosser Theil der Insel ist von dichtem 
Walde bedeckt, unter den Pflanzen sind prachtvolle Orchideen sehr gewöhn- 
lich. Der Boden schliesst an mehreren Stellen wichtige Phosphatlager ein, die 
San auszubeuten gedenkt. Alles in allem ist für die Naturforschung auf 
Lesern kleinen Stück Erde ein reiches Forschungsgebiet gegeben. 

Der Morrisonberg auf Formosa (vgl. Mitth. Bd. 1. 1897, S. 767), die 
böchste Erhebung von ganz Ostasien, wird von dem japanischen Doctor Seiroku 
Honda, Professor der Forstwissenschaft an der Universität zu Tokio, in den 
Jtittheilungen der Deutschen Gesellschaft für die Natur- und Völkerkunde 
O^tiAens^ (Heft 60) beschrieben, und zwar auf Grund einer im October 1896 
aater grossen Schwierigkeiten vorgenommenen Besteigung durch Japaner 
Fahrer oder gar Wagen zu finden, war ein Ding der Unmöglichkeit, und auch 
n Trägem liessen sich die Eingeborenen nur durch Anwendung von Zwangs- 
Kitteln verwenden. Im Gebirge gehen diese Eingeborenen, die von malaiischer 
Herkunft sind, ganz nackt, nur die Weiber sind leicht bekleidet. Sie gehören 
nden fanatischen KopQägern, wovon Dr. Honda sich in dem. grossen Schlaf- 
haose der Jünglinge eines Dorfes überzeugen konnte, wo er nicht weniger 
als 85 Chineaenschädel aufgespiesst fand. Die Bergbesteigung dauerte acht 
Tage lang und wurde auf dem Gipfel durch eine grossartige Aussicht bei 
scböttstem Wetter belohnt. Fast ganz Formosa, vom Meer umrahmt, lag zu 
dea Füssen der japanischen Alpinisten. Der Morrisonberg ist keineswegs, 
vie man früher angenommen hat, vulcanischer Entstehung, obgleich heisse 
Qadlen an seinen Abhängen nicht selten sind; er besteht vielmehr grössten- 
tfcdüs ans Thonschiefer und Quarz. Seine Höhe beträgt 4374 m, doch wies der 
Gipfel zu jener Jahreszeit nirgends Schnee auf, freilich erschienen von weitem 
&r weissen Qaarzmassen des Gipfels als Schneefelder. Die tropische Pflanzen- 
weh geht bis zu tOO m an den Abhängen des Berges hinauf und enthält 
Fegen, Palmen, Pandang und Ananas; dann folgt bis 1800 m Höhe immer 
^^•r Laubwald, in dem sich besonders die zahlreichen Kampherbäume 
^srch ihre gewaltige Höhe bis zu 50 m auszeichnen. Noch höher hinauf 
beginnt der Nadelwald, der bis zur Spitze reicht; auf dem obersten Theile 
iadeo sich nur Tannen und Wachholder. Der Berg ist ausserordentlich wasser- 
teiclL, and starke Gerinne durchfurchen sein Gehänge. 



326 



Afrika. 



Nachrichten von Forschongsreisendeu und Expeditionen. Freiherr 
von Eberstein wurde zum Bezirkshauptmann in Deutsch-Ostafrika ernannt. — 
Van G^le ist, mit dem Titel eines Vice-Gouverneurs des Congostaates aus- 
gastattet, zur Ausführung einer Mission am oberen Congo nach Weslafrika 
abgegangen. — Eduard Foa ist vom Tanganjika-See aus nach Französisch- 
Congo gereist und hat mit seinem Eintreffen an der atlantischen Küste zu 
Libreville am Gabun die 20. Durchquerung Afrikas vollendet. Foa nahm von den 
Aequatorial-Seen den Weg über Katanga, traf mit Baron Dhanis in Kiangwe 
zusammen, berührte die Stanley falle, fuhr den Strom bis zur Einmündung 
des Itimbiri herab und weiter bis Stanley Pool. Die Ankunft in Libreville er- 
folgte am 26. November 1897. — Der Franzose Pedrizet erhielt den Auftrag, 
das Grebiet zwischen dem Sanga und der Linie Congo-Batah-Benito wissen- 
schaftlich zu erforschen. Seit Crampel und Fourneau hat nur Cuny in jüngster 
Zeit in diesem Gebiete das Becken des Muny erforscht. — Dr. Max Schoeller 
äusserte die Absicht nach Südafrika zu reisen, um im Maschonalande Forschungen 
vorzunehmen. — Oskar Baumann ist vor seiner Abreise nach Zanzibar neuer- 
dings an Malariafieber erkrankt und befand sich noch Mitte Februar 1. J. in ärzt- 
licher Behandlung. — Leontjew und Prinz Heinrich von Orleans treffen 
zu Beginn des März in Dschibuti zusammen, um gemeinsam die Reise nach der 
ihnen vom Kaiser Menilek II. zugewiesenen abessinischen Aequatorialprovinz 
anzutreten, die sie zuvor wissenschaftlich zu erforschen gedenken. — Dr. Al- 
fred Kandt verliess am 4-. August 1897 Bogamoyo und traf m den ersten 
Octobertagen in Tabora ein, von wo er sich über den Wala- und Sindji-Fluss 
nach Uhua gewendet hat. — Bouysson erstattet in den Comptes rendus der 
Pariser Geographischen Gesellschaft 1897, Nr. 18—20, einen vorläufigen Bericht 
über seine Mission agricole et scientifique in Französisch-Congo. — Foureau 
berichtet in der eben genannten Zeitschrift über seine 9. Tnareg-Reise. Als 
das Ergebnis seiner ;,contribution personelle k T^tude g^ographique du 
Sahara" führt er an, dass er in der Wüste bisher 21.100 km zurückgelegt, 
9400 km kartographisch aufgenommen (alles in 1:100.000) und dass er 472 
geographische Längen oder Breiten bestimmt habe. Auf seiner letzten Reise 
allein hat er 440 km neu aufgenommen und 48 Positionsbestimmungen gemacht 
— Voulet und Chanoine sind aus Gurma und Mossi nach Paris zurück- 
gekehrt. — L. Vanutelli wies dem Ausschuss der römischen Geographischen 
Gesellschaft im December 1897 seine Aufnahmen von B6ttego's letzter Reise 
vor. Das Itinerar bis Gobö stützen nach Millasevich's Versicherung 85 Breiten- 
und 8 Längebestimmungen. Bis Sancurar ergeben sich 100 calculable Breiten- 
und 14 Längebestimmungen. 

Reise des Grafen Enist Hoyos jnn. in Sttdafiika. Das correspon- 
dirende Mitglied der k. k. Geographischen Gesellschaft, Ernst Graf Hoyos jun., 
unternahm auch im Jahre 1897 eine bedeutende Reise in Südafrika, von 
welcher er um die Jahreswende glücklich nach Hause zurückgekehrt ist 
Diesmal brach der Forscher im Vereine mit seinem Vetter, dem Grafen G^za 
Szöchönyi, nachdem er im Vorjahre den Oranje-Freistaat und das ehemalige 
Transvaalgebiet bereist hatte, von der Capstadt auf, berührte Kimberley und 
begab sich per Bahn bis Monarch (soweit ging damals der Schienenstrang) und 



L 



327 

»dann mit dem nationalen südafrikanischen Fuhrwerk nach Buluwayo. Da 
die Eingeborenen im Hartley Hill-District zu dieser Zeit noch im Aufstande 
Ddk blanden, rieth der Administrator von Matabeleland, Captain Lawley, 
ib, diesen so wildreichen District zu bejagen, wie Selous angerathen hatte. 
Der Graf machte zum Ersatz von Buluwayo aus eine zweimonatliche Jagd- 
opedition den Gwai River hinab und dann in westlicher Richtung gegen 
Fuidainatenka und die dortige wasserlose Makarikari Salt pan. Hier erlegte er 
- Graf Hoyos hat einen Weltruf als Antilopenkenner — unter anderen 
3 Antüopenarten, die in seiner Sammlung noch nicht vertreten waren, näm- 
fieh die bekannte Sable (Rappen-Antilope), die Roan (Rothschimmel-Antilope) 
and die Tsesseby (Bastard-Hartebeest genannt), und Graf Sz^ch^nyi auch 
Giraffen, deren es dort noch eine grosse Menge gibt. Hier konnten sich 
die Herren auch Studien über die Buschmänner hingeben, über welche reich- 
liches Materiale gesammelt wurde. Nach Buluwayo zurückgekehrt, durch- 
qoertea die Herren nun Rhodesia in sehr beschwerlicher aber höchst inter- 
essanter vierzehntägiger Fahrt via Charter und Salisbury bis Mariqueri an 
d» portugiesischen Grenze und gelangten sodann auf der Beira-Bahn nach 
Bera am indischen Ocean. Trotzdem hier die Bahnarbeiten mehrere Jahre 
bereits dauern, wurden tausende von Stücken zählende Heerden von Büffeln 
getroffen und von diesem Wilde, sowie von Antilopen eine namhafte Strecke 
gemadit Die Herren jagten hier mehrere Wochen und kehrten dann über 
Qubinane, Mo^ambique, Ibo, Dar es-saläm, Zanzibar, Tanga und Aden ihre 
Schritte der Heimat zu. Da Graf Hoyos an Dysenterie erkrankt war, nahm 
er önen längeren Aufenthalt in Aegypten zur Herstellung seiner Gesundheit 
Bod langte bald darauf in Wien ein. Während der ganzen Reise machte der 
Graf nicht nur eine Menge photographischer Aufnahmen, er sammelte auch natur- 
wisäeoschaftliche Materialien und geographischen Stoffes in Menge. Es wäre 
za wünschen, dass der ausgezeichnete Forscher Müsse fände, die beiden süd- 
I afrikanischen Touren zu beschreiben, die der Wissenschaft sehr ansehnliclien 

; Gewinn eintrugen. 

f 

I FnuxOsisehe nnd englische Expeditionen in Abessinien. Die neue 

c poetische Constellation im äthiopischen Reiche seit den Siegen von Adua 

j nid Aba Garima liess der Hoffnung Raum, dass nun auch eine Epoche wissen- 

I sdaftlicher Unternehmungen in dem Alpenlande und seinen ausgebreiteten 

! Sdsenländem begiimen werde. Diejenigen europäischen Mächte, die ausser- 

i haB» des Dreibundes stehen, vor allen andern also Frankreich, Russland, 

k E^knd und die Türkei schienen sich die Sachlage dort zunutze zu machen. 

Enstlich wissenschaftliche Interessen in und für Abessinien zu fördern, die 

freöich mit Hilfe der Politik zusammengebracht werden mussten, konnten nur 

»ai einigen der genannten Staaten, und da nur von Seite Privater in Angriff 

fBKJuunen werden. Die gallische Republik steht da in erster Reihe, welche 

voa Ost» und Westen Expeditionen in die abessinischen Berge entsandte, 

4«ren Fortschritte zu verfolgen, Interesse bietet. Der Grundzug der Unter- 

w&mimgen ist, wie gesagt, die Ausführung des politischen Planes, die fran- 

aÖMBchcn Besitzungen am Congo und Schari über Aethiopien mit den franzö- 

»■di«i Gebieten am Rothen Meere in Verbindung zu bringen. Dabei mag 

I ftkht abersehen werden, dass Grossbritannien immer vom Nil her und 



'^mm 



328 

ohne alle Prätension wissenschaftlicher Bestrebungen, welch letztere auf 
französischer Seite offen einbekannt, richtiger wohl vorgeschützt werden. 

Nachdem Lagarde im December 1896 von Gibuti nach Schoa abgereist 
und im Frühjahr 1897 an die Küste zurückgekehrt war — seine Reise be- 
schrieb Vign^ras, wie in diesen Blättern bereits gemeldet wurde — gingen 
Prinz Heinrich d'OrUans, Marquis de Bonchamps nnd Potter, ferner 
getrennt von dieser Expedition Bonvalot, Michel und Bartholin zusam- 
men mit Leontjew dahin auf der Karawanenstrasse über Harar ab und 
trafen am 23. April in Schoa ein. Nur Bonchamps bemühte sich, seine Wahr- 
nehmungen zu beschreiben (Comptes rendus der Pariser Geogr. Ges. 1897)^ 
allein er hat im wissenschaftlichen Sinne eigentlich nichts Neues geschaut 
und daher auch nicht beschrieben. Seine Kritik der Arbeiten seiner Vor- 
gänger, zumal auf kartographischem Gebiete, enthält in sehr vielen Punkten 
Ungenauigkeiten und Missverständnisse. Zu derselben 2^it als die genannten 
Männer nach Abessinien aufbrachen, überschritt eine französische Expedition 
vom Ubangi her unter der Führung des ehemaligen Apothekers und Gouver- 
neurs von Haut Ubangi, Liotard, die Ostgrenze und zog durch das Bahr- 
el-Ghazäl-Gebiet nach Faschoda am Nil, um von hier ostwärts nach Abessinien 
zu dringen, gefolgt von einer Hilfscolonne unter der Führung M a r c h a n d*s. 
Ein ungeheueres Forschungsfeld stand der Expedition Liotard-Marchand in 
jenen Gebieten offen, welche Emin Pascha's ehemalige Provinz im Osten be- 
grenzen. Die wissenschaftliche Erforschung der Gebiete zwischen dem obern 
Nil und Abessinien scheinen aber die Umzüge der britischen Expeditionen 
unter Vandeleur in Uganda und das Erscheinen der britischen Mission 
unter Renneil Rodd und Wingat e (Abfahrt von Zejla am 28. März und An- 
kunft in Addis Ababä am 10. Mai 1897) aufgehalten, wenn nicht vereitelt zu 
haben, denn es verlautete nichts von deren Resultaten, wohl aber kamen 
Nachrichten über einen Kampf der französischen und britischen Politik in 
Schoa nach Europa. Die Franzosen, in Abessinien von jeher auf politischem 
Felde im Vorsprung gegenüber allen anderen Nationen, erwirkten die Concession 
zur Begründung einer „Compagnie Imperiale des chemins de fer abyssiniens.*^ 
Die Erbauung einer Bahn von 400 km Länge von Djibuti nach Harar wurde 
ungesäumt in Angriff genommen, ist aber bis heute wegen Geldmangels nicht 
ansehnlich gefordert worden. Die Colonne Marchänd erlitt am obern Nil eine 
Niederlage und ihre, freilich nicht wissenschaftliche Thätigkeit veranlasste 
die Absendung einer britischen Expedition von Britisch-Ostafrika aus unter 
Mac Donald gegen Uganda zu und nach Bahr el-Ghazäl, die, 2000 Mann 
stark, gleichfalls durch Aufstand unter den Trägern aufgehalten wurde. Die 
französische Politik erreichte aber einen zweiten Vortheil in Abessinien, der 
darin bestand, dass Menllek II. sich zum Herrn der Landstrecken zwischen 
dem obern Nil und dem Westfusse der abessinischen Berge erklärte und 
eine dort neu geschaffene Provinz („Abessinische Aequatorial-Provinz") dem 
Prinzen von Orleans und dem Russen Leontjew zur Verwaltung übergab. Die 
Engländer glaubten ihrerseits dem französischen Einflüsse durch Abschlnss 
eines Vertrages mit Menilek IL, worin ihm vortheilhafte Grenzberichtigung gegen 
die Somalküste und Anderes zugestanden wurde, entgegenwirken zu sollen. 

Die Expedition Liotard war am 23. Juli 1897 in Meschra er-Rek am 
Einflüsse des Gazellenstromes in den Nil eingetroffen, zu welcher Zeit sich 



r 



329 



Marchand in Dem Solimaa befand, wo ihm der oben angeführte Unfall be- 
gegne sein mnss. Nun beschlossen die in Abessinien anwesenden französischen 
£]q)editioAsmitglieder Bonchamps und Michel, am 17. Mai 1897 Schoa zu 
veilassen, uai gegen Westen zu ihren Landslenten Liotard und Marchand die 
Hand zu reichen. Am 2. Juni überschritten sie den Omo und am 9. Juni be- 
atgd sie im Legga-Gallagebiete am rechten Ufer des Didessa ein Lager. Eine 
zweite Expedition unter der Führung des äthiopischen Artilleriemeisters, 
Clochette, eines Franzosen, war Bonchamps und Michel nachgezogen und ver- 
einigte sich mit denselben am 1. Juli 1897. Vereint zogen nun die beiden 
Expeditionen den Sobat abw&rts gegen Faschoda und hatten nur eine circa 
3S5 km lange (Luftlinie) Strecke zu überwinden, um mit Liotard zusammen- 
mtreffeo. Chlochette starb Ende August infolge eines Hufschlages, den ihm 
ein Maulthier versetzt hatte. Im September 1897 müssen nun die französischen 
' Expeditionen im Sobat-Gebiete, also auf dem Abessinien angeblich von Frank- 

!• reich und England zugestandenen Gebiete, sich vereinigt haben. Man hat von 

; den wissenschaftlichen Erfolgen derselben noch nichts Bestimmtes vernommen, 

I alkio es ist nicht zu bezweifeln, dass sie die Erschliessung des ganzen Sobat- 

. tiiales zur Folge gehabt haben müssen. Diese wissenschaftliche Errungenschaft 

■ wire umso höher anzuschlagen, als die überlebenden Officiere der Expedition 
: B6tt^'s nur einen verhältnismässig kleinen Theil des Sobatthales kennen 
• gelernt hatten. Prinz Heinrich d'Orlöans und Leontjew kehrten nach Europa 

zoräck, um erst zu Beginn 1898 ihre neue Stellung in der abessinischen 

■ Aequatorial-Provinz einzunehmen. Wie verlautet, wollen sie dieselbe, wenn mittler- 

■ weüe die Anerkennung des Bestandes derselben von den Mächten ausgesprochen 
I aÖB wird, wissenschaftlich erforschen, u. zw. auf gemeinsamer Rundreise. 

: yoUendimg der Congo-Eisenbahn. Dem Berichte, welchen der vom' 

■ Gn^ Mitte Jänner 1898 nach Belgien zurückgekehrte Major Thys am 
19. Janner in Brüssel erstattete, ist zu entnehmen, dass die Congo-Eisenbahn 

; Ton Matadi nach Leopold ville am Stanley-Pool im Grossen und Ganzen voll- 

endet ist und vermuthlich am 1. Mai d. J. auf ihrer ganzen Strecke dem Be- 
triebe übergeben, d. L eröffnet werden wird. Thys rief in der Versammlung, 
irelcher er als administrateur-directeur g6n6ral seinen Bericht erstattete, freudig 
aas: ,En r^alit^, notre oeuvre est achevöe; dans un hon mois, la locomotive 
atteiedra le Stanley-Pool." Die Heise von der Congomündung bis zum Stanley- 
Pool hatte Thys in 4 Tagen zurückgelegt, wobei die Strecke Dolo-L6opoldville 
(10 hm lang) noch nicht fertig gestellt war. Die ganze Strecke der Bahn misst 
388 km. 30,000 Lasten sollen schon jetzt für Matadi angemeldet sein. Im 
December 1897 betrugen die Einnahmen 350,000 Francs. Am 14, Jänner war 
fe Bahn bis zum Kiloraeterzeichen 365 vorgedrungen. Die Belgischen Kreise 
sind über den Erfolg erfreut; man hofft auch viel von der mit der Eröffnung 
to Congo-Bahn erleichterten wissenschaftlichen Erforschung des Congostaates. 
CapitAn Imbert's Reise durch das Gebiet im Norden von BakeU 
Seit dem Becember des Jahres 1859 blieb das Gebiet am rechten Ufer des 
Senegal auf der Länge von Bakel von der wissenschaftlichen Forschung un- 
^»öhrt, seit nämlich Lieutenant Mage seine Reise zu Bakar, dem Fürsten der 
Dttaisdi, unt^nommen hatte. Frankreich besitzt in diesen von Sarakole- 
Kegem bewohnten Landstrichen (Guidimaka), die sich bis nördlich von Kay es 
«tstre^n, nur geringen Einfluss. Vom 23. März bis I.Juni 1894: unternahm es 




330 

nun Capitan Imbert, von den sudanischen Spahis, Commandant des französ^ 
sehen Postois Selibaby, die von der Forschung vernachlässigten LandschaftsD, 
die dem französischen Dominium so nahe liegen und von den Maur^i bean- 
sprucht werden, zu bereisen, zu erforschen, und veröffentlicht im Bulletin der 
Pariser Geograph. Gesellschaft 1897, p. 312—329, seine Wahrnehmungen. Nörd- 
lich vom Posten Selibaby zieht sich ein Felsenmassiv (Saroh und Tektak^), 
das sich zu einem Plateau erweitert, welches im Westen nnd Osten Hamadas 
ähnhche Ebenen begrenzen. Die Wässer fallen zum SenegaL Der Wusten- 
charakter der Landschaft nimmt auch in klimatischer Beziehung gegen Norden 
rasch zu, wo bald Erg-artige DQnen anheben. Gumiferen nnd Akazien machen 
die Flora aus. Der Baobab ist im Norden selten, Flcnsarten häufiger. Prärie- 
brände, die häufig sind, verwüsten die Vegetation und Thierwelt. Zur letzteren 
zählt auch der Elephant, der in zahlreichen Heerden die Ebenen durchzieht 
und die Sumpfe besucht, desgleichen der Phacocoerus aMcanus, Gazellen 
Antilopen u. a. m. Der Löwe erscheint zu Zeiten am Quellwasser. Der Panther 
ist selten, Kaimane sind zahlreich, die Vogelwelt bunt Imbert will auch ur- 
alte (prähistorische) Siedelstätten entdeckt haben, deren Fragmente er beschreibt 
Es sollen dieselben von Jägemoroaden herrühren. Der Gegenstand ist wissen- 
schaftlicher Erforschung im hohen Grade würdig. 



Amerilui* 

Die Nebel der Nenfandlandbänke werden in den ,Annalen der 
Hydrographie'', 1897, Heft 9, von Dr. G. Schott eingehend geschildert. Diese 
• Nebel können mit grösster Wahrscheinlichkeit angetroffen werden unter 
470^520 ^. L. Y. Gr. an der östlichen Kante der Bank, wo das kalte Wasser 
des Labradorstromes von Norden kommt und somit der durch die südlichen 
warmen Winde mitgebrachte Wasserdampf zur Condensation kommt An der 
Westseite ist der Nebel seltener, weil dorthin die Labradorströmung nicht 
kommt. Von da aber nimmt die Häufigkeit der Nebel mit der Nähe der 
Küste wieder zu. Das Minimum der Nebelhäufigkeit entf&Ut auf den Februar, 
Ende April und Anfang Mai beginnen die Nebel häufiger zu werden nnd bilden 
mit den von Norden kommenden Eisbergen (bis in den Juli hinein) eine grosse 
Gefahr für die Schiffahrt; die Nebel dauern bis in den August hinein. 

f Ramon Lista, der berühmte argentinische Forschungsreisende, ein 
geborener Argentiner und in gewisser Beziehung ein Schüler des verstorbenen 
Professors Burmeister, fand in dem nördlichsten Theile des argentinischen 
Gran Chaco seinen Tod. Zuerst hiess es, er sei verdurstet, aber manches liess 
immer mehr Zweifel an der Richtigkeit dieser Annahme aufkommen. Wahr- 
scheinlich ist Lista von seinen Begleitern ermordet worden. 

Patagonien. Im August 1897 ist die von der Princeton-Üniversität 
1896 abgesandte Expedition nach Patagonien in die Vereinigten Staaten zurück- 
gekehrt. Die Herren Hai eher nnd Petersen haben eine ganz besonders 
geographisch wichtige, fünfmonatliche Reise in das Quellgebiet des Santa Cros- 
Flusses ausgeführt Globus LXXIl. Nr. 18. 

Von den Galapagos- oder Colon-Inseln. Wie bereits in den Mit- 
theilungen 1897, S. 288, erwähnt ist, hat die Galapagosgruppe auf Grand 



331 

eines am 22. Juni erlassenen Regiemngsdecretes der Republik Ecuador zur 
Feier der yierhundertjährigen Entdeckung Amerikas den Namen Colon-Inseln 
erhalten. Der Archipel de Colon besteht nun aus folgenden Inseln: Die 
grösste Insel Albemarle beisst jetzt nach der spanischen Königin Isabel, die 
Insel Chatham: San Cristobal, die Insel Charles: Santa Maria» Abingdon: 
Pmta (die letzteren beiden nach zwei Schiffen des Columbus), die Insel Nar- 
borough nach dem damaligen spanischen König: Fernandina, die Insel James: 
San Salvador, die Insel Indefatigable : Santa Cruz, die Insel Barrington: 
Santa Fe, die Insel Bindloe: Marchena (nach der gleichnamigen spanischen 
Stadt), die Insel Duncan: Pinzon, die Insel Hood: Espanola, die Insel ToTa: 
GenoYe£a, die Insel Jervis: Rabida. Ob diese Namen durchdringen werden, ist 
eine andere Frage. 



Anstralleii und Polynesien* 

Expedition Agassiz. Im Jänner d. J. traf der seinerzeit von Professor 
Agassis für wissenschaftliche Untersuchungen gecharterte Dampfer Y a r a 1 1 a 
Toa den Fidschiinseln kommend in Brisbane ein. Die Forschungen haben 
reiche Ergebnisse gehabt. Capitän Thompson berichtet z. B., dass man Korallen- 
riffe angetroffen habe, die bis 300 m über den Meeresspiegel emporragen, eine 
bisher unbekannte und für unmöglich erklärte Thatsache; überhaupt hat man 
über den Aufbau und die Entistehung. der Koralleninseln ganz neue Aufschlüsse 
erhalten, die den bisherigen Annahmen vielfach widersprechen. Die Yaralla 
war auch in einen erloschenen Krater eingefahren und ankerte in der Mitte 
desselben bei 36m Tiefe; die Ufer stiegen dort bis zu einer Höhe von 330m 
u. Weiter besuchte die Expedition die kleine Insel Bau, deren Bewohner 
frfiherzuden gefurchtetsten Kannibalen gehörten; man zeigte der Mannschaft 
noch den grossen Stein, mit dem den Menschenopfern der Schädel eingc- 
sdüagen zu werden pflegte und der jetzt in der unlängst erbauten christlichen 
Kirche als Taufstein dient. Auch die Insel, auf welcher vor jetzt 57 Jahren 
sämmtliche Mitglieder einer nordamerikanischen Forschungsexpedition von Wild en 
erschlagen wurden, ward angelaufen. Professor Agassiz begibt sich nach 
Nordamerika zurück, um das gewonnene Material zu verarbeiten. 

Dampf erverbindnng zwischen Anckland und Amerika. Ein beachtens- 
wertes Zeichen für die zielbewusste Ausbreitung und Stärkung der Handels- 
iBteressen Neuseelands ist die Einrichtung einer neuen regelmäßigen 
Dtmpferverbindung zwischen Auckland und den Häfen der amerika- 
atschen Westküste. Der gesetzgebende Bath der Colonie hat eine regel- 
mäßige Unterstützung bewilligt für die Schaffung eines vierzehntägigen Post- 
dienstes zwischen Vancouver und Auckland. Bisher sind die Dampfer der 
San Francisco-Linie und der Australisch-Canadischen Gesellschaft unabhängig 
voneinander gefahren, sodass selten ein bequemer Anschluss für Beisende 
und Güter erreicht vnirde. Durch die neue Verbindung, die am 10. Februar 
ins Leben trat, ist zum ersten Mal ein regelmäßiger Verkehr zweimal im 
Monat über den ganzen Grossen Ocean ermöglicht. Da ausserdem zwei süd- 
amerikanische Rhedereien, die Compania Sud Americano de Vapores von Chile 
und die Pacific Steam Navigation Company von Liverpool beschlossen haben, 

Mitth. d. k. k. Geogr. Ges. 1898. 3 u. 4. 22 



332 

ihre Fahrten auch nördlich Ton Panama bis San Francisco auszudehnen, so 
werden die Häfen der ganzen Westküste Amerikas von Vancouyer in Britisch- 
Columbien im Norden bis Yaldivia im StLden unter sich und mit den austra- 
lischen Plätzen bis Auckland von jetzt ab in regelmäßiger Verbindung mit 
einander stehen. 

Forschungsreisen in Central- Australien. Prof. F. Hahn erstattet 
Bericht (Peterm. Mitt. 1898. I) über die Ergebnisse der von A. W. Hom in 
Adelaide ins Leben gerufenen Expedition zu einer planmäßigen Durch- 
forschung der Macdonneilkette und ihres südlichen, südöstlichen und süd- 
westlichen Vorlandes, an der eine Reihe namhafter Gelehrten unter Führung 
von Ch. Winnecke theilnahm. Von Oodnadatta, dem Endpunkte der grossen 
südaustralischen Eisenbahn, brach man am 5. Mai 1894 auf und ging zunächst 
längs der Telegraphenlinie nördlich bis zum Flusse Goyder. Einige Mitglieder 
machten von da aus einen westlichen Abstecher, nahmen die Newlandkette 
auf, untersuchten den nördlich davon gelegenen Mount Watt und vereinigten 
sich am Finke wieder mit ihren Genossen. Gemeinsam besuchten sie dann den 
von Stuart entdeckten thurmartigen Chambers Pillar und erreichten, dem Finke- 
fiusse folgend, die Jameskette. Hierauf wurde in westlicher Richtung die 
Gillskette mit ihren Fortsetzungen aufgenommen und ein wichtiger Abstecher 
nach Süden über den Amadeus-See hinaus zu dem Tafelberg Ayers Bock und 
dem Mount Olga unternommen. Nachdem die nördliche Richtung wieder auf- 
genommen, wandte man sich der Erforschung der Macdonnellkette zu, die in- 
folge dieser Untersuchung mit ihrem Gewirr kleiner Ketten und Berggruppen 
in einem ganz neuen Lichte erscheint. Die von der ehemaligen Missionsstation 
Hermannsburg aus angestellten Forschungen bildeten den Abschlnss; am 
5. August traf die Expedition wieder in Oodnadatta ein. Es wurden im Ganzen 
70.000 hm^ aufgenommen, von denen etwa die Hälfte als gutes, der Rest als 
mäßiges bis geringes Weideland bezeichnet werden kann. Mit Eingeborenen^ 
die in den letzten Jahren sehr abgenommen zu haben scheinen, traf man 
wenig zusammen. Dagegen gelang es, für die Wissenschaft wertvolle Beobach- 
tungen anzustellen, Hunderte von photographischen Aufnahmen zu machen 
und viele grosse Sammlungen zusammenzubringen. Im westlichen Tbeile der 
MacdonneUkette glückte es sogar, eine von früheren Expeditionen vergebens 
gesuchte, von den Eingeborenen „Koondunga^ genannte Höhle auszubeuten; 
man fand unter anderem 15 mit höchst interessanten Zeichnungen und 
Einritzungen versehene Steintafeln. 

Bewässenug des Coolgardiegebietes. Westaustralien plant gegen- 
wärtig ein Unternehmen, das weder in Australien noch sonstwo seinesgleichen 
haben dürfte: das Tafelland, dessen Centrum Coolgardie ist und äusserst 
selten mit atmosphärischen Niederschlägen bedacht wird, soll künstlich 
bewässert werden. Da die Tiefbohrungen nicht genügend Wasser gaben, so 
soll eine 525 km lange Leitung (von FreemanÜe her) angelegt werden; dort 
müssen grosse Pumpwerke errichtet werden, die das Wasser 780 m hoch heben, 
um den nöthigen Druck herzustellen. Auf diese Weise sollen täglich 22 Millio- 
nen Liter Wasser nach den Goldfeldern geführt werden. Obwohl die Leitungs- 
röhren ungeschützt auf den Erdboden niedergelegt werden, belaufen sich die 
Kosten des Riesenwerkes auf rund 30 Millionen Gulden, die Unterhaltungs- 
kosten auf jährlich 4^8 Millionen Gulden, sodass das zugeleitete Wasser noch 



333 

immer ziemlich theaer sein wird. Von der znnebmenden Bedeatang West. 
AOstralieiiB gibt auch der Beschlnss des Norddeutschen Lloyd Zeugnis, vom 
Beginn des nächsten Jahres ab nicht mehr Albany, sondern Freemantle, den 
Hafen der Hauptstadt Perth, regelmäßig anzulaufen. 

Nea-Guinea. Der Bamustrom in Kaiser- Wilhelmslau d, den im ver- 
flosAenen Jahie Dr, Lauterfoach auf 250 km befahren hat und der an seiner 
Mündung mit dem Ottilienstrome identisch sein durfte, wird nun neuerdings 
Ton E. Tappenbeck erforscht werden. Ende October 1897 ging bereits die 
Expedition dahin ab. Globus LXXU. 18. 

t Emest Giles. Im November 1897 ist in Coolgar die in West- 
iQstralien Emest Giles im Alter von 50 Jahren gestorben. E. Giles war ge- 
boren in Bristol in England, von wo er in noch jungen Jahren nach Melbourne 
kam. Im Jahre 1872 zog er von einer Station des soeben errichteten Ueber- 
kodtelegraphen 400 km weit nach dem Westen, auf welcher Reise er das 
Liebiggebirge und den Amadeus-See entdeckte. Die Expedition im Jahre 1873 
misslang wegen Mangel an Wasser. 1874/75 durchzog er weite Strecken Skrub- 
land und dann weitere 390 km, wobei die Expedition nur durch die miige- 
nommenen Kamele gerettet wurde. Auf einer vierten Reise gieng er im Mai 1875 
von Port Augusta am Spencergolf mit 18 Kamelen nach dem Westen und 
durchzog das Gebiet im Süden der Route der Gebrüder Forrest und 
erreichte nach ausserordentlichen Gefahren und Mühen am 18. November 
Perth. 1876 kehrte er vom oberen Ashburtonfluss , immer nördlich von der 
Roote der Brüder Forrest, aber südlich vom Wendekreis nach Alice Springs 
und von liier nach Adelaide zurück. 1882 unternahm er eine sechste Reise, 
auf der er das westlich von der Peakestation sich ausbreitende grosse Gebiet 
bis zum Ferdinandflusse erforschte. Durch diese Reisen und die darüber 
herausgegebenen Werke hat sich Giles dauernd um die Erforschung Australiens 
verdient gemacht. Globus. 1897. Nr. 23. 



Polargebiete. 

Expedition nach Ostspitzbergen. Professor Nathorst aus Stockholm 
hat f&r seine wissenschaftliche Expedition nach Ostspitzbergen das norwegische 
ViHiBciifangschiff ^Antarctic* gekauft Der Preis ist etwa 25.000 M. Mit dem 
JUtarctic' wurde die bekannte Walfischfang-Expedition in den Jahren 
1893—96 unter Leitung des Capttäns Kristensen ausgeführt, woran sich 
Boichgrevingk als wissenschaftlicher Begleiter betheiligte. 

Expedition Sverdrap nach Nordgrönland. Das grosse Räthsel des 
Kardpolargebietes ist durch Nansen gelöst; wir wissen jetzt, dass das Gebiet 
om den Nordpol durch ein Meer von erheblicher Tiefe eingenommen wird. 
Für die Forschungen der Zukunft sind nur zwei Stellen im arktischen Meere 
▼on hervorragender Bedeutung. Die eine ist das Gebiet nördlich der Bering- 
•trasse, von dem die Trift ausgeht, die der Jeannette-Expedition den Untergang 
hntchie und die den Fiam nach der Berechnung Nansens in bisher unerreichte 
firetteo fthrte. N'ach Drrgalski sind Gründe zu der Annahme vorhanden, dass 
dieie Str^muiig aich in zwei oder mehr Arme theilt; diese Verhältnisse zu 
. nBiersuc\ien, w&to eine Aufgabe von hervorragender Bedeutung. Die zweite 

i 



334 

wichtige Ansatzstelle für die arktische Forschung der Zakanffc ist das im 
Norden von Grönland zu verrnnthende Meer. Es ist wahrscheinlich, dass das 
Ende dieser grossen eisbedeckten Insel nicht weit Ton dem durch Lockwood 
erreichten Punkte gelegen ist. In dem Grönland Ton Norden her abschliessen- 
den Meere muss das älteste und mächtigste Eis des ganzen nördlichen 
Polärgebietes zu finden sein, das hier von Osten her mächtig angestaut wird. 
Dort liesse sich feststellen, bis zu welcher Dicke Eismassen im Meere über- 
haupt zu wachsen Termögen. Nach dieser Gegend nun wird bekanntlich die von 
Sverdrup geplante zweite Reise des Fram gerichtet sein; ein Vordringen 
von hier aus nach dem Nordpol hin hält jedoch Drygalski mit einem Schiffe 
kaum für möglich. 

Die Expedition, die im Juni abgehen wird, soll ausser Sverdrup noch 
16 Tbeilnehmer zählen, nämlich: Marine-Lieutenant Baumann, Nächstcom- 
mandirender nach Sverdrup, Cavallerie-Lieutenant Isachsen für kartogra- 
phische Aufnahmen, Candidat Schey, Geolog, Candidat Bay (aus Dänemark, 
der 1891 an der Ryder' sehen Expedition nach Ostgrönland theilnahm), Zoolog, 
Canditat Simons (aus Schweden), Botaniker, Dr. Swendsen, Arzt und Meteo- 
rolog der Expedition, Maschinist Olsen, Steuermann Raanäs, Fosheim, Hassel, 
Stuart Lindsteen, Koch der Expedition, Harpunier Henriksen, der auch an 
der Nansen'schen Expedition theilnahm, dazu noch ein zweiter Maschinist und 
zwei Heizer. In Amerika beobachtet man unbegreiflicherweise den Capitän 
Sverdrup und seinen „Fram** mit Eifersucht und spricht sogar von unlauterem 
Wettbewerb der Norweger gegen den amerikanischen Polarfahrer Lieutenant 
Peary. Sverdrup gehe darauf aus, bei gleichzeitiger Abreise, mit demselben 
Reisewege und demselben Reiseziel unter Ausnutzung seiner grossen Er- 
fahrungen und Verwertung seines ausgezeichneten Materials an Menschen 
und Hunden in Nordgrönland die Arbeit des Amerikaners von vollen zehn 
Jahren sich anzueignen. . 

Südpolforschmig. In London fand unlängst auf Betreiben der Lon 
doner Geographischen Gesellschaft zur Förderung der Südpolforschung eine 
Berathung statt, an der auch Dr. Nansen und Dr. Neumayr theilnahmen. Die 
Erörterungen wurden durch einen längeren Vortrag des Dr. John Murray, des 
bekannten wissenschaftlichen Theilnehmers der „Challenger"-Expedi1ion, er- 
öffnet. Hinsichtlich der Eismassen am Südpol kam Murray zu dem Schluss,^ 
dass dieselben einem ausgedehnten gebirgigen Lande entstammen müssten. 
Eine Bestätigung seiner Annahmen fand er in der Art der Stein- 
proben, die man vom Boden des antarktischen Meeres heraufgeholt hatte. 
Von dem Umfang des Südpoleises erhält man einen Begriff, wenn man sich 
erinnert, dass Ross während seiner 1840-— 1843 ausgeführten Expedition 480 km 
lang an einer senkrechten Eismauer von 40—60 m Höhe entlang segelte. 
Doch nicht alles antarktische Land ist von solchen Eiswällen umgeben, wie 
beispielsweise die „Antarciic**-Expedition gezeigt hat, die 1894 beim Gap Adare,. 
Victorialand, landete. Das l^nd war eisfrei und von einer ungeheuren Menge 
von Pinguinen bevölkert, die vermuthlich die einzige lebende Tbierart auf 
dem antarktischen „Festland" bilden. Dr. Murray sprach sich übrigens dahia 
aus, dass die englische Regierung allen Grund habe, eine Südpolexpedition 
auszusenden, da eine solche Aufschlüsse von grösster Wichtigkeit für die 
Wissenschaft bringen müsse. Dr. Nansen betonte die Wichtigkeit einer Land> 



335 

«xpedition. Es wäre zwar nicht sicher, ob die antarktischen Landmassen ein 
Festland oder eine Grappe grosser Inseln bildeten, doch müssten auf jeden 
Fall einige eisbedeckte Gebirge vorhanden sein, deren Erforschung für die 
Wissenschaft von grösstem Wert wäre. Von dem antarktischen Inlandeis 
«rwarteten die Geologen Aufschlösse über die Eiszeit. Vielleicht sei es schwie- 
rig, auf das antarktische Inlandeis zu kommen, unmöglich dürfte es aber nicht 
«ein. Die Oberfläche dieses Eises sei vermuthlich weit gleichmäßiger, als beim 
grönländischen Inlandeise; wertvolle Ergebnisse seien von den Forschungen 
über die Stärke des Eises zu erwarten. Diese kolossalen Eismassen müssten 
auf die klimatischen Verhältnisse der ganzen Welt einen grossen Einfiuss in 
meteorologischer Beziehung haben. Dr. Nansen glaubt, dass, wenn England eine 
Sadpolexx>edition aussende, auch Norwegen geneigt sein werde, eine solche 
Expedition auszurüsten, welche dann mit der englischen zusammen arbeiten 
könne. 

Auch Dr. V. Drygalski hat in seiner Antrittsvorlesung an der Berliner 
Unireraität die Polarforschung behandelt und stellt die Ergebnisse und For- 
denmgen der Südpolforschung folgendermaßen 'dar: Das Gebiet um den 
Südpol bildet den grössten Gegensatz zur Arktis; am Nordpol ein von Land 
umgebenes Meer, am Südpol aller Wahrscheinlichkeit nach ein von Meer 
umgebenes Land. In den höchsten bisher erreichten südlichen Breiten traten 
Volcane auf, deren Erforschung nicht nur für die Anschauungen von der 
Bedeutung des Vulcanismus für den Aufbau der Erde, sondern auch in 
petrographischer Hinsicht von grösster Wichtigkeit zu werden verspricht. 
Von kaum geringerem Werte würde eine Erforschung der sedimentären Gesteine des 
S&dpolarlandes sein, denn sie wird die Entscheidung über die besonders von 
bedeutenden Zoologen geäusserte Annahme bringen, dass Südamerika und 
Anstiidien noch zur Tertiärzeit miteinander zusammengehangen haben, ein 
Schlnss, der aus der merkwürdigen Aehnlichkeit der Thierwelt dieser beiden 
Erdtheile gezogen worden ist. Wenn das antarktische Gebiet ein von mächtigem 
Eise bedecktes Land ist, so wird man femer dort diejenigen natürlichen ■ Ver- 
bältnisse studiren können, in denen sich das nördliche Europa und Amerika 
während der Eiszeit befunden haben. (Die Vertheilung von Wasser und Land 
tun den Südpol lässt sich übrigens auch durch eine genaue Untersuchung des 
ans diesen Gebieten kommenden Treibeises erkennen, da die Untersuchungen 
Drjgalski's in Grönland Mittel an die Hand gegeben haben, unter dem 
Mikroekop sicher zu unterscheiden, ob ein Eis auf dem Meere, auf Binnenseen, 
aof Bächen oder auf dem Lande entstanden ist.) In bedeutsamen Zusammen, 
bing mit der Polarforschung kann die für das nächste Jahr geplante deutsche 
Tiefoee-Expedition gebracht werden, falls sie in genügend hohe südliche 
Breiten dringt; die Untersuchungen Vanhöffen*s, des Biologen der Drygalski'schen 
Qrönlandexpedition, haben nämlich gezeigt, dass die Vertheilung des Plankton, 
der Masse kleinster Lebewesen, im Meere polarer Gebiete einen höchst empfind- 
lichen Maßstab für das Vorhandensein und für den Verlauf von Meeres- 
strömungen bildet. Auch die Pflanzenwelt der südpolaren Länder harrt noch 
fast gänzlich des Forschers; bis der Norweger Borchgrevingk im Jahre 1895 
aof der Possession-Insel am Victoria-Land unter 71^ südl. Br. Pflanzen 
Mumnelte, galten die Länder um den Südpol überhaupt für gänzlich vegeta- 
tionalos. Ueber die erdmagnetischen Verhältnisse jenseits des 40. Breitengrades 



336 

ist kanm etwas Sicheres bekannt. Es darf nicht erwartet werden, dass eine 
einzige Expedition diese Fülle von wissenschaftlichen Aufgaben zugleich in 
Angriff nehmen kann; trotzdem bietet nach der Meinung Drygalski's gerade 
die Gegenwart die besten Aussichten für das Gelingen einer Unternehmung 
nach dem Südpol. In den letzten Jahren ist, nach Osten vorschreitend, eine 
ganz ungewöhnliche Menge von Treibeis nach Norden abgeflossen, und es ist 
daraus zu schliessen, dass das antarktische Meer jetzt yerhältnism&fiig eisfrei 
ist Daher sollte jetzt, am besten vom Indischen Ocean aus, eine Expedition 
unternonamen werden, die sich nicht zu umfangreiche Aufgaben stellen darf. 
Expedition Drygalski. Dr. Erich von Drygalski ist zum Leiter einer 
Expedition ernannt worden, welche auf einer zweijährigen Tour Entdeckungs- 
reisen auf dem Binneneise des Südpolargebietes und nach der noch unbe- 
kannten Westküste des durch James Clarke Koss entdeckten T^ctorialandes 
unternehmen soll; selbstverständlich sollen auch geophysikalische Beobach- 
tungen vorgenommen werden, besonders auf der für die Ueberwinterung be- 
stimmten Festlandsstation. 

Expedition Gerlaclie. Nach Meldungen vom 9. December 1897 ist die 
Belgica mit der antarktischen Expedition unter Lieutenant de Gerlacbe in 
Punta Arenas angekommen, von wo aus am 13. die Weiterfahrt erfolgt In- 
zwischen ist die Nachricht eingetroffen, dass das Expeditionsschiff zu Grunde 
gegangen ist. 

Englische Südpolexpedition. Für die in diesem Sommer von London 
unter Leitung des norwegischen Polarreisenden Borchgrevingk abgehende 
Südpolexpedition ist das norwegische Walfischfangschiff „Pollux" für etwa 
75000 Mark angekauft worden. Die Expedition wird auf Kosten des Eng- 
länders Sir Georges Stewnes ausgerüstet, der 300.000 Mark zur Verfügung 
gestellt hat. Borchgrevingk hat den Pollux „Southern Gross** getauft. Die 
Expedition hat u. a. auch die Erforschung des magnetischen Südpols zum 
Ziel. Sie besteht aus Engländern und Norwegern. 

Ja€kson*s Karte des Franz Josefs-Landes. The Geographical Journal 
1898, Fol. X, Nr. 2, veröffentlicht die erwähnte Karte, welche Nansen's Karte 
namentlich im Westen ergänzt. Jackson erklärt den Archipel als den schlech- 
testen Ausgangspunkt für ein Vordringen zum Pol. Die Karte zeigt auch, 
dass sich der Archipel nicht so weit nach Norden erstreckt, als man früher 
angenommen hat. 



0<^eane« 

Vierte Forschungsreise des Prinzen Albert I. v6n Monaco. Die 

vierte Forschungsreise des Prinzen von Monaco mit der Yacht ^Priiicesse- 
Alice'' erstreckte sich auf die Ostküste von Marocco, das Gebiet um Madeira, 
die Azoren und die Westküste Portugals. Sie befasste sich auch mit der Er- 
forschung der im Jahre 1896 entdeckten Bank der Princess Alice; der Fisch- 
reichthum der dortigen Gewässer ist ganz bedeutend, in 39 Tagen haben die 
Fischer mit 3 Schiffen 22.515 Tcg Fische gefangen. 



337 

Dr. Chnn, Professor der Zoologie in Leipzig, welcher im vorigen Jahre 
die Anregung zu einer Tiefsee-Expedition gab, für die nach Empfehlung durch 
die Naturforschende Gesellschaft die deutsche Reichsregierung 300.000 Mark, 
bewilligte, wurde zum Leiter dieser Expedition, die im Herbst dieses Jahres- 
vor sich gehen soll, ernannt. 



i. ■-, 



Literaturbericht. 

Ilann, Hochstetter, Pokorny. Allgemeine Erdkunde. 5. Aufl. 
IK Abth. Die feste Erdrinde und ihre Formen von E. Brückner. 
Freytag & Tempsky, Wien, Prag, Leipzig 1898. 368 S. 

Nun ist auch der zweite Theil dieses bekannten und insbesondere in 
Uest erreich weit verbreiteten Lehrbuches m nahezu vollständig neuer Form 
erschienen. Die gewaltigen Fortschritte, welche die geologische Wissenschaft 
in den letzten elf Jahren erfahren hat, die seit dem Erscheinen der vierten 
AnÜB./e des Buches verflossen sind, haben eine Neubearbeitung des Stoffes 
iioüiu endig gemacht. Dass diese Neubearbeitung nach Hochstetter's Tode 
einem Geographen, Professor E. Brückner in Bern, übertragen wurde, hat 
€s mit sich gebracht, dass der vorliegende Theil der „Allgemeinen Erdkunde" 
in seiner gegenwärtigen Gestalt, wie der Verfasser selbst bemerkt, „mehr im 
Sinne eines Abrisses der allgemeinen Geologie und der Morphologie der Erd- 
oberlJäche gehalten und so besonders den Bedürfnissen des Geographen ange- 
passt wurde." 

Brückner's Arbeit steht ganz unter dem Einflüsse von Penck^s , Morpho- 
logie der Erdoberfläche". Im Einzelnen scheinen dem Referenten jene Capitel 
des Buches, die Fragen der physikalischen Geographie betreffen, besser ge- 
Inn^fer^ als jene geologischen Inhalts, wie dies ja bei der Arbeitsrichtung des 
Verfassers, dessen vorzüglichste Arbeiten sich auf glacialgeologische und klima- 
lülo^nsche Themata beziehen, kaum anders erwartet werden konnte. Immerhin 
Lallen Bemerkungen, wie jene auf p. 67 über die Existenz von zwei getrenn- 
ten i^oogeographischen Provinzen in der oberen alpinen Trias (vergl. auch 
Aii]ii. p, 69) selbst von einem Geographen vermieden werden sollen. Es klingt 
ja fast unglaublich, dass einem Gelehrten, der sich in den letzten Jahren nur 
ein wenig mit Geologie beschäftigt hätte, die Auflassung dieser beiden Provinzen 
im .lahre 1892 und die ganze in ihrer Art beispiellos dastehende Discussion, 
die sklj an jenes in der Triasliteratur sensationellste Ereignis knüpfte, ent- 
gangen sein soll. 

Das vorliegende Buch gliedert sich, von einer kurzen Einleitung abge- 
sGhüE), in drei Abschnitte. Der erste, die Erdrinde nach ihrer Zusammen- 
&elzuiig behandelnd, enthält auf 90 Seiten eine gedrängte Uebersicht des 
Wissenswertesten auf dem Gebiete der Stratigraphie, Geotektonik und Petro- 
ItraplJie. Der zweite (187 Seiten umfassend) erläutert die Vorgänge, die an 
d^r Ausgestaltung der Erdoberfläche arbeiten. Die Strand Verschiebungen werden 
von ilem Verfasser unter den endogenen Vorgängen angeführt und zum weit- 
aus überwiegenden Theil als Hebungen und Senkungen des festen Landes ge- 



"k 



339 

deutet Referent ist der Ansicht, dass es sich hier um eine Frage handelt, 
über deren Beantwortung man auch heute noch sehr verschiedener Meinung 
sein kann, und vermag daher Brückner^s Verwerfung der von Suess geschaf- 
fenen neutralen Bezeichnungen „Positive und negative Verschiebungen der 
Strandlinie** keineswegs zu bilhgen. Gerade in einem Lehrbuche sollte der. 
artigen neutralen Bezeichnungen, wenn es sich um so bestrittene Probleme} 
wie die Strandverschiebungen handelt, der Vorzug eingeräumt werden. Auch 
ZQ den Detailausfiihrungen in diesem Capitel wäre manches zu bemerken : 
1 B. bezugUch der allgemeinen Senkung der dalmatinischen Küste oder der 
Hebung des Hafens von Phalasama. 

. Sehr gut ist die Darstellung der exogenen Vorgänge und — wenigstens 
in ihren Hauptzügen — auch jene der Formen der festen Erdrinde, die den 
dritten Abschnitt (81 S.) ausmacht. In diesem letzteren Abschnitt tritt die 
Anlehnung an Penck am deutlichsten hervor. Zu einigen Bemerkungen for- 
dert die Ungleichartigkeit der Autorencitate heraus. Dass sich der Verfasser 
eines Lehrbuches eine weitgehende Beschränkung in dem Citiren von Autoren 
auferlegt, ist begreiflich und kann nicht getadelt werden Wenn aber in ein- 
zelnen Capiteln die Autoren von Publicationen untergeordneten Ranges (z. B. 
in dem Capitel über Dolinen auf p. 347 — Trampler) genannt werde», dann 
darf man billiger Weise auch die Erwähnung grundlegender Arbeiten, z B. 
jener von Lueger und Karr er in der Frage der Grundwasser- und Quellen- 
bildnng erwarten. In dem Capitel über Dolinen wäre überdies E. v. Mojsi- 
sovics (nicht die p. M7 genannten Beobachter) als derjenige anzuführen 
gewesen, welcher zuerst den Nachweis über das Ausgehen der meisten Dolinen 
in Kluften erbracht hat. 

Die Illustrationen haben gegenüber der vierten Auflage des Buches eine 
beträchtliche Vermehrung und Verbesserung erfahren. Einige sehr instructive 
Abbildangen sind nach Photographien des Verfassers hergestellt worden. Be- 
merkt sei, dass die Karten auf p. 83 (östliches Mittelmeer zur älteren Pliocän- 
zeit) and p. 121 (Horizontalschnitt durch den alten Vulcan von Mull, nach 
Indd) dem heutigen Stande unserer Kenntnisse nicht mehr entsprechen. 

C. Diener. 

A. Philippson. Thessalien und Epirus. Reisen und 
Forschungen im nördlichen Griechenland. Herausgegeben von 
der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Berlin. W. Kühl. 1897. 
422 Seiten mit 8 Tafeln. 

Der durch seine geographischen und geologischen Arbeiten im Pelo- 
ponnes bekannte Verfasser hat im Jahre 1893 mit Unterstützung der Gesell- 
schaft für Erdkunde zu Berlin Nordgriechenland und die türkischen Grenz- 
gebi^ in Epirus bereist. Seine in den Jahrgängen 1895—97 der Zeitschrift 
dieser Gesellschaft erschienen Reiseberichte sind in dem vorliegenden Buche 
nochmals mit geringen Veränderungen abgedruckt und zu einem zusammen- 
singenden Werke vereinigt worden. Durch die politischen Ereignisse des 
letzten Jahres haben diese Landschaften das Interesse weiter Kreise auf sich 
gezogen. Dazu kommt noch, dass eine monographische Behandlung derselben 
von wissenschaftlichen Gesichtspunkten aus bisher überhaupt nicht 
Tersucht worden ist. Auch zählt ein Theil der von dem Verfasser besuchten 



340 

Gegenden zu den einer wissenschaftlichen Durchforschung am schwersten zu- 
gänglichen unseres Continents, da die durch das Brigantenthum verursachte 
Unsicherheit und politisches Misstrauen insbesondere einer Bereisung des 
Pindosgebirges fast unbesiegbare Schwierigkeiten entgegenstellen. 

Verfasser ist in erster Linie Geologe. Seine Arbeiten knüpfen daher in 
Thessalien und in Mittelgriechenland zunächst an die grundlegenden Auf; 
nahihen Neumayr's und seiner Österreichischen Reisegefährten an. Später 
sind einzelne der von Philippson begangenen Routen von L. v. Tausch und 
Hilber geologisch aufgenommen worden. Für den weitaus grossten Theil 
der in der vorliegenden Veröffentlichung geschilderten Gebiete jedoch lagen 
Beobachtungen wissenschaftlich geschulter Reisender überhaupt nicht vor. 

Philippson 's Werk würde den Titel „Grundlinien der Geologie und 
Geographie von Thessalien und Epirus* rechtfertigen. Obwohl die Darstellung 
des Verfassers in die Form eines Reiseberichtes gekleidet ist und den Reise- 
wegen folgt, so bietet sie doch nichts weniger als eine der landläufigen Reise- 
beschreibungen, wie sie alljährlich den Büchermarkt überschwemmen. Diesp 
Form dient vielmehr gerade nur dazu, auch einem grösseren Lesepublicum 
eine lebendige Anschauung des Landes, des Volkes und seiner Zustände zu 
vermitteln und die trockene Wiedergabe des Beobacbtungsmaterials, die nur 
für die engeren Fachkreise Interesse bieten könnte, zu vermeiden. Dem 
Bedürfnisse der letzteren kommen dafür die am Schlüsse jedes natürlich be- 
grenzten Abschnittes gegebenen Zusammenstellungen der Beobachtungsresultate 
des Verfassers entgegen. 

Philippson unterscheidet vier solcher natürlich begrenzter Abschnitte 
oder geographisch-tektonischer Elemente in dem von ihm behandelten Gebiete: 
1. das Othrysgebirge, 2. das Gebirge von Trikkala und die Chassia (Kam- 
bunisches Bergland), 3. West- und Süd-Epiros, 4. das Pindosgebirge. 

Das Othrysgebirge, dessen grösste Länge 75 km bei einer grossten 
Breite von 46 km beträgf, ist ausgezeichnet durch das Auftreten krystallinischer 
Gesteine an seinem Ostrande. Ferner betheiligen sich an seinem Aufbau 
Schiefer mit Homsteinen und Serpentinen der Kreideformation, denen Rudisten- 
kalke eingeschaltet sind, und ecoäner Flysch. Orographisch und tektonisch zer- 
fällt das Gebirge in zwei Theile. Der östliche, der eine breite, geschlossene 
Masse darstellt, in deren Mitte der sanft gerundete Hauptkamm von W^W 
nach OSO verläuft, culminirt im Gerakovuni (1726 m). Die Grenze des kry- 
stallinischen Massivs gegen das Sedimentärgebirge verläuft quer auf das 
Streichen der Falten, deren man in dem Profil Plätanos-Myli-Rhachaes fünf 
unterscheiden kann. Durch den Phurkapass (800 jw), der von Lamia aus 
der Ebene des Spercheios in die Niederung des Enipeus führt, wird der öst- 
liche vom westlichen Othrys geschieden. Der letzlere zerfällt durch die 
Becken des Chiliadotikos und des Dauklisees in einen nördlichen und süd- 
lichen Gebirgsstreifen. Der südliche trägt die Hauptwasserscheide, die aber 
nirgends 900 m übersteigt, stellenweise unter 650 m herabsinkt und von 
zahlreichen Pässen überschritten wird. Unter diesen stellen der Phurka- 
(800 m) und Mochlukapass (640 m) die wichtigste Verbindung zwischen 
Thessalien und Mittel-Griechenland her. Dem ersteren entspricht in dem 
nördlich des Dauklibeckens (470 m) aufragenden Gebirgsstreifen die Einsattelung 
von Domokos (616 m). Gegen Norden fallt dieser Gebirgsstreifen steil zu der 



341 

BOT 100 m hohen, wesUhessalischen Ebene ab. Sowohl die Hauptwasser- 
scheide des westlichen Othrys als das Gebirge von Domokos (Culminations- 
ponkt Xeroynni 982 m) bestehen aus der cretacischen Serpentin-Horostein- 
Schiefe^Formation. An diese schliesst sich nördlich von Domokos eine Flysch- 
nmlde und jenseits derselben erhebt sich die Kreide noch einmal in der Ge- 
stalt eines elliptischen Gewölbes im 1000 m hohen Kassidiarisgebirge, dessen 
nördlicher Flügel bei Pharsalos (140 m) unter die westthessalische Ebene 
hmabtaocht Das Streichen der ziemlich stark gewölbten Falten ist in der 
gftozeD Westhälfte des Othryssysleros gegen SO gerichtet. Die Grenzlinie 
gegen die breite Flyschzone der Östlichen Ägrapha im Westen ist ein Bruch. 
Das Auftreten eocäner Falten am Nordrand des Othrys weist auf ein post- 
eocättes Alter der letzten Faltung ebenso wie in den westgriechischen Ge- 
birgen hin. 

Die Vegetationsverhältnisse lehren, dass das Othrysgebirge eine wichtige 
kümttische Scheidelinie zwischen dem winterkalten, thessalischen Binnenland 
and der wärmeren ostgriechischen Eüstenregiou bildet. Die dem Südabhang 
dgenthümlichen immergrünen Buschwälder (Maquien) fehlen auf der Nord- 
säie. In einer Höhe von über 450 m ist der laubwechselnde Eichenwald 
die herrschende Vegetationsform. 

Im Norden der westthessalischen Ebene erhebt sich das krystallinische 
Gebirge von Trikkala (kambunische Berge), das tektonisch und oro- 
graphisch mit dem gleich^ls aus krystallinischen Gesteinen bestehenden 
Olymp zusammenhängt. Dieses niedrige Waldgebirge ist nur ein Ausläufer 
der grossen krystallinischen Kette, die die archaische Masse Macedoniens von 
den Eocan-Kreideketten des Pindossystems in Albanien scheidet. Zwischen 
^ PindosHetten und das die Höhe von 1400 m kaum überschreitende Wald- 
gebirge (Eichen und Buchen) von Trikkala schiebt sich nördlich von Trikkala 
aad Kalabaka ein oligocänes Hügelland, die Chässia, ein. Dieses Hügel- 
Itnd wird von flach liegenden Tertiärschichten (Oligocän, Untermiocän ?) 
ODfeiiommen, die sich discordant an das ältere, gefaltete Gebirge legen. 
In dieser Landschaft fehlt jede ausgesprochene Gebirgsschranke zwischen 
l^essaüen und Hoch-Macedonien. Obwohl weder ausgebaute Wege noch 
Fatffstrassen vorhanden sind, kann man von Kalabaka, dem Endpunkte der 
tksnlischen Eisenbahn, ohne Schwierigkeit in das Becken des Haliakmon 
gelangen. Kalabaka (1900 Einwohner) ist gleichzeitig der Ausgangspunkt des 
Teberganges über den Zygospass (1650 m), den einzigen wirklichen Verkehrs- 
weg zwischen Thessalien und Epirus über den Hauptkamm des Findos. 

Das System des Pindos fällt innerhalb des Gebietes zwischen der 
R«ite Ober den Zygospass, Metzovo und Janina nach Hagi Saranta im Norden 
md dem Korinthischen Golf in den Rahmen der Darstellung des Verfassers, 
doch ist der ätolische Pindos nur verhältnismäßig kurz behandelt. 

Der Pindos beginnt im Osten mit der breiten Flyschzone der Agrapha, 
4e an den Othrys anschliesst Dann folgt der eigentliche Pindos, ein meri- 
dional streichendes System von Kalkketten, theils aus Kreide, theils aus 
Eocin bestehend, ohne Lücken und bequeme Pässe, ohne leicht gangbare Quer- 
thaier, eine unwegsame Scheidemauer, „die die westlichen und die östlichen 
Landschaften so wirksam wie kein anderes Gebirge in dem sonst so stark 
WTstückelten Griechenland zu scheiden vermag". Der südliche Abschnitt, 



342 

Neumayr's „Aelolische Kalkalpen", reicht vom Korinthischen Golf 
bis zur Einsenkung Karpenision-Milia-Megdovas-Chan Podogora-Grolf von Arta, 
auf der man zwar acht Höhenrücken zu überschreiten hat, ohne sich jedoch 
mehr als 1352 m über das Meeresniveau zu erheben. Das Kalkgebirge taucht 
am Zygospass unter Flysch- und Serpentingesteine unter. Diese bilden von 
da ab durch Albanien die Hauptwasserscheide. Damit ändert sich der ge- 
sammte Charakter des Gehirges und an Stelle der steilwandigen Kalkketten 
Ireten sanfter geformte niedrigere Bergrücken, die von dem isolirten Berg- 
klotz der 2Ö7Ö m hohen Smolika gewaltigt überragt werden. Auch auf der 
Westseite wird das Kalkgebirge des eigentlichen Pindos von einer Flyschzone 
begrenzt, die als breiter Streifen vom Golf von Patras quer durch AetoUen 
und dem FIuss von Arta entlang nordwärts zieht, sich an dessen Oberlauf 
auf wenige Kilometer verengt, in der Landschaft Zagori aber neuerdings eine 
beträchtliche Ausdehnung gewinnt. Aus dieser Flyschzone ragt östlich vom 
Golf von Arta inselförmig der Kalkzug des Gävrovo (1782 tn) auf. Der centrale 
Pindos-Kalkzug erreicht im nördlichen, höheren Abschnitt (Culminationspunkl 
Tsumerka 2393 m) eine Breite von 30—40, im südlichen Abschnitt (Veluchi 
2315 w), eine solche von 20 — 25 km. Die Höhenrücken und Gipfel des Ge- 
birges sind sanft geformt und leicht gangbar, dagegen erschweren die tiefen, 
gewundenen, steilwandigen Erosionsthäler, die fast sämmtlich der Thalböden 
entbehren und von wilden, wasserreichen Bergströmen durchbraust werden, den 
•Verkehr in hohem Maße. Auch besitzt der) Pindos ein viel nordischeres 
Klima als die Gebirge des mittleren und südlichen Griechenland. Die Baum- 
grenze liegt zwischen 1600 und 1800 m. Drei ßaumarten, Waldbuche, Schwarz- 
kiefer und Tanne, reichen waldbildend bis zur Baumgrenze hinauf. Die west- 
liche Flyschzone ist bis zur Höhe von 800 m das Gebiet üppiger immer- 
grüner Maquien. Leider werden die Wälder, namentlich im Gebiete des 
Artaflusses, in schonungsloser Weise devastirt. 

Seinem Bau nach besteht der centrale Pindos vorwiegend aus eocänen 
Plattenkalken. Es ist eines der Hauptverdienste des Verfassers, das tertiäre 
Alter dieser früher für cretacisch gehaltenen Kalke nachgewiesen zu haben. 
Es herrscht gleichsinniges Fallen der steil gestellten Schichten gegen Osten. 
Das ganze Gebirge scheint aus westwärts überschobenen Schuppen zu bestehen. 
Auch überschiebt dieKalkzone als Ganzes den ecoären Flysch des Westrandes. 
Dieses System westwärts gerichteter Ueberschiebungen macht sich auch weiter- 
hin durch ganz Epirus bis zur Küste des Jonischen Meeres geltend. Auf die 
Flyschzone von West-Aetolien und Zagori folgt zunächst die breite Kalkzone 
von Janina, in die eine Reihe abflussloser Becken eingesenkt ist. In dem 
grössten derselben liegt der See von Janina (500 w), an dessen Westufer sich 
die volkreichste Stadt von Epirus (20.000—25.000 Einwohner) erhebt- Unter 
den weiteren bis zur Küste einander folgenden Kalk- und Flyschzonen ist 
jene die wichtigste, welche die westepirotische Hauptkette zusammen- 
setzt. Diese Kalkkette erreicht im Angäragebirge noch Höhen von 2100 «i. 
Der Pass von Muzina (600 m) bildet den wichtigsten Uebergang über dieselbe 
von der Küste bei Hagii Saranta zur Thalebene von Dropoli. Die Thaler sind 
in diesen Landschaften für den Verkehr von geringem Nutzen, da sie wohl 
dem Streichen der Flyschzonen folgen, die dazwischenliegenden Kalkzonen 
aber in der Regel mit einer plötzlichen ümbiegung in schwer passirbaren 



343 

Qoerschluchten durchbrechen. Die starken Niederschläge während der drei 
Viertel des Jahres umfassenden Regenzeit unterscheiden das Klima von Epirus 
nicht unwesentlich von jenem des übrigen Griechenland und bedingen eine 
ippigere Kr&uter- und Gräser- Vegetation. Die westepirotische Hauptkette bildet 
im allgemeinen die binnenländische Grenze der charakteristischesten medi- 
terranen Holzgewächse. Nur die Sandsteinzonen sind für die Cultur geeignet 
Die wilden, culturfeindlichen Kalkgebirge, die gegen SW. an Breite zunehmen, 
^rren Nord-Epirus mit seinen volkreichen Thailandschaften und Becken von 
kr fruchtbaren ambrakischen Ebene und dem Golf von Arla wirkungsvoll ab. 

Das vorstehende Referat vermag nur ein dürftiges Bild von dem reichen 
Inhalt des besprochenen Buches zu geben. Besonderen Wert erhält das 
letztere Überdies durch die zahlreichen Karten und Profile. Die beiden grossen 
geologischen Karten von SO. -Thessalien und Epirus (1 : 300.000) sind als her- 
vorragend wichtige Beiträge zur Landeskunde von Nordgriechenland zu nennen. 

C. Diener. 

Hauptergebnis der Oesterreichischen Eisenbahn- 
Statistik im Jahre 1896. Bearbeitet vom statistischen 
Departement des k. k. Eisenbahn-Ministeriums. Wien, 1897. 

Das erste von dem k. k. Eisenbahn-Ministerium veröffentlichte Jahrbuch 
Iber die Hauptergebnisse der österr. Eisenbahn-Statistik im Jahre 1895 wurde 
an dieser Stelle ausführlich besprochen, indem dieses mit grosser Genauigkeit 
lad üebersichtlicbkeit verfasste Operat auch ein klares Bild von der Ent- 
«•cklung des gesammten österr. Eisenbahnwesens seit den ersten Anföngen 
geboten hat, das näher zu . beleuchten wohl auch für weitere Kreise von 
Interesse war. Indem wir also uns auf die Ausführungen im Hefte 7 und B 
der .Mittheilungen" pro 1896, pag. 603 ff. beziehen, können wir uns der- 
milen blos damit begnügen, die Ausgestaltung des österreichischen Eisenbahn- 
vesens im Jahre 1896 hervorzuheben und einige Daten von allgemeinem 
Interesse anzufügen. 

Das gesammte Netz der österr. Eisenbahnen erreichte am 31. December 
1896 eine Länge von 16.80ö'576 km gegen 16»492'489 km zu Ende des Jahres 
1896, der Zuwachs pro 1896 beträgt demnach 313*087 km. unter den im 
Jahre 1896 neu eröffneten Bahnlinien heben wir hervor die Localbahn von 
Xieder-Lindewiese nach Barzdorf, die Valsugana-Bahn (Trient-Tezze), die Bahn 
Schwarzenau - Zwettl, die Theilstrecke der Ybbsthal-Bahn Waidhofen— Gr.- 
Holienstein, die Bahn von Zwittau nach Policzka und von Mähr. Budwitz 
Bach Jamvitz, die ostgal. Localbahn Tarnopol— Kopyczince, endlich die 
Dampftramway von Salzburg über Oberndorf nach Lamprechtshausen. 

Der Stand der Fahrbetriebsmiltel stellte sich mit Schluss 1896 folgender- 
oaiSen dar: Locomotiven 4383 (gegen 4221 im Jahre 1895), Personenwagen 
i661 (gegen 9132 im Jahre 1895) und Lastwagen 99.673 (gegen 97.544). Der 
Znvachs war somit auch im Jahre 1896 ein stetig fortschreitender. 

Befordert wurden auf den österr. Eisenbahnen im Jahre 1895 106.442.545 

and im Laufe des Jahres 1896 1Q5.20Q.941 

Personen, sonach 18% weniger um 1.241.604 



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344 

Dagegen weisen die Dampftram waya eine Erhöhung der Frequenz auf, 

indem die Anzahl der beförderten Personen im Jahre 1896 8.732.487 

dagegen im Jahre 189ö blos . 8.061.751 

betrug, sonach im Jahre 1896 mehr um 670.736 

Der Gep&ck- und Güterverkehr war sowohl bei den Bahnen als bei den 
Dampftram ways im Jahre 1896 günstiger als im Jahre 1895. 

Befordert wurden im Jahre 1896 auf den Bahnen 100,000.305 t 
gegen 93,878.720 t im Jahre 1895 und auf den JDampftramways 436.113 t 
gegen 300.929 t. Die Steigerung der beförderten Mengen im Güterverkehre im 
Jahre 1896 bewirkte naturgemäß auch eine Steigerung der Betriebseinnahmen- 

Wahrend dieselben bei den Bahnen im Jahre 1895 247.632.861 fl. 

betrugen, stiegen dieselben im Jahre 1896 auf 263.954.901 fl 

und bei den Dampftramways von 1.003.346 fl. auf 1.156.687 fl. 

Es erübrigt zum Schlüsse noch der im Jahre 1896 vorgekommenen 
ünf&lle zu erwähnen. Die Zahl derselben betrug bei den Bahnen 2368 (und 
zwar 1473 bei den Staats- und 895 bei den Privatbahnen) und bei den Dampf- 
tramways 78 gegen 2568, beziehungsweise 96 im Jahre 1895. unter diesen 
Unfällen befanden sich 268 Entgleisungen und 117 Zusammenstösse. Bei 
diesen Katastrophen verunglückten 179 Reisende, 1822 Bahnbedienstete und 
194 fremde Personen, und zwar verunglückten unverschuldet 460 und infolge 
eigener Schuld 1235 Personen. Von den ersteren wurden getödtet 2 Reisende, 
6 Bahnbedienstete und 7 fremde Personen, von den letzteren 9 Reisende, 83 
Bahnbedienstete und 54 fremde Personen. In selbstmörderischer Absicht ver- 
unglückten im Gegenstandsjahre auf den Bahnen und Dampftramways 117 
Personen, von welchen 87 getödtet wurden. 

Mögen die über diese Unfölle zweifellos mit grösster Rigorosität ge- 
pflogenen Erhebungen das erforderliche Material bieten, um der so eminent, 
bedeutungsvollen Frage, welche Maßregeln zur thunlichsten Verhütung von 
Eisenbahnunfällen zu ergreifen wären, näher zu rücken. 

Dr. Ernst Gallina. 

Führer durch Frankfurt a. M. und Umgebung. Heraus- 
gegeben von Leo Wörl. Jubiläums- Ausgabe, . Würzburg und 
Leipzig 1898. 

Es war ein glücklicher Gedanke, den die rührige Wörl'sche Verlags- 
handlung vor Jahren gefasst hat, als sie mit der Herausgabe der St&dte- und 
Thalführer, sowie der Specialführer für Bäder, Sommerfrischen und Curorte 
begann. Abgesehen davon, dass der Reisende bei Benützung dieser „Führer* 
nicht an das Mitnehmen grosser und umfangreicher Reisewerke gebunden ist 
und sich daher freier und leichter bewegen kann, bieten diese Specialführer eine 
genauere und eingehendere Beschreibung der betreffenden Punkte, als dies 
bei gewöhnlichen Reisehandbüchern der Fall ist. Nachdem die Collection 
Wörl sich im Laufe eines Jahrzehntes riesig entwickelt hat, so ist es dem 
Reisenden durch Deutschland, Oesterreich-Ungarn, durch die Schweiz und 
ItaHen ermöglicht, sich für die ganze Reise mit solchen Specialführem zu 
versehen. Wer z. B. von Wien über Linz, Innsbruck durch den Arlberg nach 
dem Bodensee fahrt, dann über Constanz, Singen nach dem Schwarzwald reist 
und über Carlsruhe, Stuttgart, München zurückkehrt, kann sich aus der 



345 

C<dlection Wörl Yollständig mit dem einschlägigen Specialf&hrer ausrüsten. 
Doch genog hiervon. WörPs ReisebUcher haben sich bereits längst als 
pfiktisdi erwiesen und werden ihrer leichten und sicheren Orientimng wegen 
mit Vorliebe benutzt. Der yoliegende, mit trefflichen Illustrationen versehene 
Führer darch Frankfurt a. M. ist insofern einer besonderen Erw&hnung wert, 
vol inhaltlich der Vorrede zur XXV. Auflage (Jubiläums- Ausgabe) seinerzeit 
mit der Herausgabe des Führers durch Frankfart der Grundstein zu der 
Wöd'schen Städteführer-CoUection gelegt wurde, die sich im Laufe der Jahre 
denrt entwickelt hat, dass sie heute bereits über 600 Hefte zählt Die vorlie- 
gende Jabil&ums-Ausgabe des Führers durch Frankfart rechtfertigt vollkommen 
den Ruf der WörFschen Beisebücher. Er bietet nach einer kurzen geschicht- 
fichen Einleitung ein klares, übersichtliches Bild der an historischen Erinne- 
rangen so überaus reichen, alten Wahl- und Krönungsstadt der deutschen 
Kuser (bis 1792), welche in den letzten Jahren sich eines grossen Aufschwunges 
erfreut, sammt den Vororten Bockenhain, Sachsenhausen und Bonnheim, heute 
bereits über 240.000 Einwohner zählt und ihrer lieblichen Lage und Umgebung, 
ihres groestädtischen Lebens und Verkehres, sowie ihrer zahlreichen Sehens- 
wfiidigkeiten wegen mit Vorliebe von Fremden besucht wird. Möge das Unter- 
nehmen der Wörrschen Reisebücher weiterblühen und noch mancher „Führer* 
seine Jabiläums-Ausgabe erleben. />r. E, G, 

Cannosa. Prag, Druck und Verlag von Heinrich Mercy 1897. 

(Geschenk Sr. kais. und königl. Hoheit des Herrn Erzherzogs 

Ludwig Salvator.) 

Schon l&ngst hatte die Schweiz ihre landschaftlich interessanten Funkte 
dordi Anlage von Bahnen, Strassen und Wegen, sowie durch Erbauung von 
Hotels und Pensionen dem Fremdenverkehre erschlossen und durch die er- 
forderliehe Beclame für einen ergiebigen Zuzug Sorge getragen, als in Oester- 
nich noch die herrlichen Alpenth&ler und Sommerfrischen, die grossartige 
Wdt der Dolomiten, die majestätischen Bergriesen mit ihren Firnen und 
G^schem (für den grossen Toiu*istenstrom) noch zum grossen Theile ver- 
schlossen vraren. Wohl halten schon lange die alpinen Vereine mit aner- 
kefiaeoswerter Rührigkdt dafür gesorgt, diese herrlichen Punkte touristisch 
ZQ erschliessen ; doch reichte diese Erschliessung, so lange es an entsprechenden 
Verbindungen und an der modernen Anforderungen entsprechenden Unter- 
kunft mangelte, für sich allein nicht hin, um den Fremdenverkehr zu uns 
zn lenken. Erst in neuerer Zeit geht man auch bei uns daran, das lange 
Yentmnte nachzuholen und für einen regeren Zuzug von Reisenden vorzu- 
■OTgen. Der Bau der herrlichen Mendelstrasse, sowie der im Mai d. J. ihrer 
Tollendang entgegensehenden, an grossartiger Scenerie überreichen Strecke 
Hendel— Campi^o, die Anlage der grossen allen Anfordemngen entsprechenden 
Hotels am Karersee, in Salden, Trafoi, am Mendelpasse, der Ausbau der 
Tikogana-Bahn, der neuen Fahrstrasse in das Kaprunerhal, die Eröffnung 
ia Bergbahnen auf den Gais- und Schafberg und noch so manche andere 
moderne Einrichtung geben Zeugnis dafür, dass auch bei uns das Verständnis 
fti die Vortheile eines regen Fremdenverkehres nach unseren herrlichen 
AipenUndem erwacht ist. Und so wie wir über ein ungeheures Gebiet von 
landschaftlichen Schönheiten verfügen, so besitzen wir auch in unseren 



J 



1 



346 

Küstenländern, insbesonders in Dalmatien, Punkte, die an Pracht and 
Herrlichkeit ihres Gleichen suchen. Aber auch hier fehlte es bis in die aller- 
neueste Zeit an der rührigen, geschickten Hand, um diese kostbaren Perlen 
dem grossen Verkehre za erschliessen. Erst im Vorjahre wnrde das von der 
Actiengesellschaft für Hotels und Coranstalten in Dalraatien, an deren Spitze 
Exe. Graf Harrach, Prinz Ernst zu Windisch-GrÄtz, Exe. Graf Lanckoronski 
und andere angesehene Personen stehen, erbaute grosse Hotel in Bagusa 
dem Verkehr übergeben, und man muss es als einen glücklichen Griff be- 
zeichnen, zuerst gerade diesen Ort gewählt zu haben, um denselben zu einem 
Anziehungspunkte der Fremden auszugestalten ; denn die Umgebung Bagusasr 
insbesonders der Weg nach Gravosa, kann sich kühn mit den Schönheiten 
des Golfes von Neapel und der Riyiera messen und weist Perlen Yon süd- 
licher Hierrlichkeit auf. Eine solche Perle wurde den Gebildeten jungst durch 
die Herausgabe des reizenden Werkes über Cannosa erschlossen. Der durch- 
lauchtigste Verfasser, der gleich den früheren Prachtwerken über die Balearen 
und über die Liparischen Inseln auch dieses neueste Opus unserer Bibliothek 
zum Geschenke gemacht hat, und sich herzlich freut, dass das südliche 
Dalmatien ein beliebtes Ausflugsgebiet werden und zu einem Stelldichein der 
reiselustigen Welt ausgestaltet werden soll, schildert in anregendster und 
fesselndster Weise die Heize dieses idyllischen Ortes mit seinen Riesen platanen 
und spncht sich dahin aus, dass ihm keine Stelle der östlichen Küste des 
Adriatischen Meeres als Sommeraufenthalt geeigneter däucht, als die Küsten- 
strecke zwischen Sabbion cello und Ragusa mit dem reizenden Canal 'von 
Calamota. Möge dieses reizende Werk dem Wunsche des hohen Verfassers 
gemäß- die Aufmerksamkeit von Unternehmern auf diesen bevorzugten Punkt 
lenken, damit die Schönheit der österreichen Riviera in weitere Kreise dringe 
und den Fremdenverkehr nach Dalmatien lenke, zum Vortheile des Lande» 
und seiner Bewohner. Br. Ernst Oallina, 

Dr. F. R. Kai ndl. Haus und Hof bei den Huzulen. Mit 228 Ab- 
bildungen. Separat-Abdruck aus „Mitth. der Anthropol. Gesellsch.^ 
Wien, 1896. 

Ein französischer Schriftsteller sagt „dass der Kritiker in sein Werk 
sein Temperament, seine Ueberzeugung und seine Ansichten legen muss, da 
er mit seinem Verstände den Verstand anderer beschreibt.* 

Wenn man sich an die Principien dieses Ausspruches hält, muss man 
zugeben, dass die Abhandlung Professor Dr. R. F. KaindFs ^Haus und Hof bei 
den Huzulen** eine in diesem Genre unübertroffene Arbeit sei^ denn sie führt 
den Leser in das Weben und Leben des Huzulen ein, lehrt ihn die Geistes- 
schärfe eines noch auf tiefer Stufe der Bildung stehenden Völkchens be- 
wundern und macht ihn staunen über die Art und Weise, wie es sich und 
anderen über die schweren Schicksalsschläge durch Kunstfertigkeit und Ge- 
schicklichkeit fortzuhelfen bestrebt ist: diese wahren Kunstproducte werden 
drastisch durch Abbildungen gezeigt, so dass der Leser vollkommen in die 
Verhältnisse der Huzulen eingeführt wird. Dieses ist schliesslich der Zweck 
des Buches. Welche Schwierigkeiten beim Sammeln des Stoffes zu solchen 
Abhandlungen vorhanden sind, kann nur derjenige beurtheilcn der im Ge- 
birge, in den Karpathen wohnt, denn die Karpathen sind nicht die Alpen, wo 



347 

die Bahnen das Reisen erleichtem; will man die Earpathen und ihre Be- 
wohner grundlich kennen lernen, muss man so manche hittere Pille hinunter- 
schlucken; deshalb ist die obenerwähnte Arbeit umso wertvoller. Man muss 
den Scharfsinn und die Geschicklichkeit im Aufsuchen des Stoffes durch 
Dr. Kaindl bewundern und staunen über die getreue Wiedergabe des Gehörten 
und Gesehenen, da der Huzule im höchsten Grade misstrauisch ist, und sehr 
ungeme einem Fremden etwas mittheilt, denn er wittert immer eine neue 
Steoeranfburdnng. 

Darum empfingen wir diese literatrische Arbeit des Dr. Kaindl mit 
wahrem Enthusiasmus und hoffen, dass er uns noch mehrere seiner sehr 
schätzbaren Arbeiten liefern werde. 

Sergie, den 25. Jänner 1898. Georg Eanicki. 

Geographischer Jahresbericht über Oesterreich. Mit 
Unterstützung des hohen k. k. Ministeriums für Cultus und 
Unterricht herausgegeben von F. v. Czerny, 0. Lenz, F. Löwl, 
J. Palacky, A. Penck, A. Rehman, E. Richter, W. Tomaschek, 
F. V. Wieser. Redigirt von Dr. Robert Sieger.^ I. Jahrgang. 
1894. — Wien Ed. Hölzel. 1897. 

Auf dem internationalen geographischen Congresse zu Bern 1891 wurde 
der Beschluss gefasst, dass die eidgenössische Regierung an die einzelnen 
europäischen Regierungen herantreten solle, behufs Schaffung von landes- 
kundlichen Bibliographien ihrer Staatsgebiete. Von der Ausführung dieses 
Planes ging man in Oesterreich aber deshalb ab, weil als erste Nothwendig- 
keit sich ergab, über den Inhalt der zahlreichen und vielsprachigen Literatur 
vorerst eine üebersicht zu gewinnen, was nur durch Schaffung eines re- 
ferir^den Organs möglich war — und eben dieses Organ ist das vorliegende 
Werfe, welches alljährlich in deutscher Sprache und im Umfange von etwa 
10 Bogen erscheinen wird. Es bietet eine Auswahl der vielfach zerstreuten 
landeskundlichen Literatur nach dem geographischen Gesichtspunkte und soll 
durch sachliche Besprechungen über die Fortschritte der geographischen Er- 
kenntnis Oesterreichs eine üebersicht gewähren. — r. 

Charles de üjfalvy. Les Aryens au nord et au sud de PHindou- 
Kouch. Paris. Masson. 1896. (XVL 488 S.) Mit einer Karte. 

Der Verfasser bietet in diesem Buche eine grosse Menge anthropologi- 
schen Materiales über die Tadschik und Galtscha (im Norden des Hindukusch 
(iranische Dialecte) und über die indisch sprechenden Bewohner im Süden 
derselben (Kafiristan, Tschitral, Dardistan), aus welchem er den Schluss zieht, 
dass der europäische Mensch unmöglich seine Wiege in Centralasien gehabt 
haben könne. — r. 

Hermann Berghaus. Charte of the World on Mercators 
projection. Entirely reeonstructed by Hermann Habenicht and 
Bruno Domann. Gotha. Justus Perthes. 1897. 

In elf Auflagen bereits ist diese ausgezeichnete Karte erschienen, ein 
Beweis, der genügend für ihre Vortrefflichkeit und grosse Verwendbarkeit 

Mtttb. d. k. k. Geogr. Oes. 1898. 3 n. 4. 23 



S48 



spricht Die nun erschienene zwölfte Auflage ist eigentlich eine neue Kart«, 
so viel des neuen Materiales musste in üie hineingearbeitet werden. Die Er- 
g&nzungen und Correcturen leichen bis in die alleijilQgste Vergangenheit 
herauf. — r. 



Verzeichnis der vom 15. December 1897 bis zum 
1. März 1898 eingelaufenen Werke, 

irelche an dieser Stelle bloss angezeigt oder späterhin besprochen 

werden. 

Die ]>eciinal-Classification. Gekürzte allgemeine Tafeln. Deatsche Ausgabe, 

besorgt von Carl Janker. Office international de Bibliographie k Biiixelles, 

Pablication Nr. 14. Wien, 1897, Alfred Holder. 8^ Mark 1.60. (Vom Verfasser. 
Jimker CarL üeber den Stand der Bibliographie in Oesterreich. Bericht 

erstattet der zweiten internationalen bibliographischen Conferenz, von Carl 

Janker, Secretär fdr Oesterreich des Institut International de Bibliographie. 

Wien, 1897, Alfred Holder. 8». Mark 080. (Vom Verfasser.) 
Prince Henri d' Orleans. Du Tonkin aux Indes. Janvier 1895 k Janvier 1896. 

Paris, C. Levy. 1898. (Vom Verfasser.) 
Hanptorgebnisse der österreichischen Eisenbahn-Statistik im Jahre 1896. 

Bearbeitet vom Statisiischen Departement im k. k, Eisenbahn-Ministerium. 

Wien, 1897. (Vom k. k. Eisenbahn-Ministerium.) 
€. Conti Rossini. Un portulano turco. Roma, 1897. S. A. Boll. soc. g. Italiana. 

XII. 1897. (Vom Verfasser.) 
Zdtscbrift des deutschen und österreichischen Aipenvereines. Redigirt 

fon H. Hess. 1897. XXVIH. Bd. Graz, 1897. 

Wissenschaftliche Erg&nzungshefte zur Zeitschrift des deutschen und öster- 
reichischen Alpen verein es. I. Bd. I. Heft: 
Der Vemagtfemer. Von Dr. S. Finsterwalder. Graz, 1897. 
Ör- L. Schmidt. Curfürst August von Sachsen als Geograph. Dresden. Wilhelm 

Hoffinann. 1898. (Vom Verleger.) 
J. de Pailhade. L'extension du Systeme dreimal. Paris, Toulouse 1897 

(Vom Verfasser.) 
Terfaiuidlungen des XII. Deutschen Geographentages zu Jena. Berlin 

D. Reimer. 1897. 
Raphael Kühe. Reise behufs Anknüpfung commercieller Verbindungen mit 

Ostafrika und Transvaal. Triest, 1897. (Vom Verfasser.) 
Wllh, Geiger. Ceylon. Tagebuchblätter und Reiseerinnerangen. Wiesbaden. 

C. W. Kreidel, 1898. (Vom Verleger.) 
Alfas der Uimmelskunde. 21—28. Lief. 



350 

Dr. A. Voeltzkow. Wissenschaftliche Ergehnisse der Reisen in Madagaskar and 
Osiafrika in den Jahren 1889—1895. Einleitung. Frankfurt a. M. 1897. 
(Vom Verfasser.) 

Jules Leclerq. ün sejour dans l'ile de Java. Paris, 1898. (Vom Verfasser.) 

»Seenstndien. Dr. Ed. Richter. (Geographische Abhandlungen. Herausgegeben Ton 
Prof. Dr. A. Penck in Wien. Band VI. Heft 2. Wien. E. Hölzel, 1897. 
(Vom Verleger.) 

Prof. £. R^^ihlisberger. El Dorado. Reise und Culturbilder aus dem süd- 
amerikanischen Columbien. Bern. Schmidt & Francke, 1898. (Vom. Verleger.) 

Stanislans v. Srokowski. Niederschlagsvertheilung in Galizien f&r einzelne 
Monate. Rzeszow, 1897. (Vom Verfasser.) 

Kisak Tamai. Karawanenreise in Sibirien. Berlin. K. Siegismund, 1898. (Vom 
Verleger.) 

GM. liebert. Neunzig Tage im Zelt. Meine Reise nach Uhehe. Juni bis Sep- 
tember 1897. Berlin, 1898. (Vom Verleger.) 

G. Freytag's Schauplatz der Ereignisse in Ostasien. Wien, Leipzig, 1898. 
(Vom Verleger.) 

Prof. A. L. Hickmann. Das deutsche Sprachgebiet in Böhmen, Mahren und 
Schlesien. G. Freytag & Bemdt. 1898. Preis 20 kr. (Vom Verleger.) 

Karl Graf Lanekoronski. Rund um die Erde. 1888—1889. Stuttgart, Cotta. 
1891. (Vom Verfasser.) 

Dr. Sven Uedin. Genom Persien Mesopotamien och Kaukasien. Stockholm, 1887. 

— General Prscheyalskij's Forskningsresor i Centralasien. Stockholm, 1891. 

— Koning Oscars Beskickning tili Schaben af Persien, arl890. Stockholm, 1891. 

— Genom Khorasan och Turkestan. 2 Bände. Stockholm, 1892. 

— Forschungen über die physische Geographie des Hochlandes von Pamir 
im Frühjahre 1894. (S. A.) Berlin, 189*. 

— Die Gletscher des Mus-tag-ata. (S. A.) Berlin, 1895. 

— Den vilda jaken i Tibet. (S. A.) 

— Lop-nor-backenets vandring. Aftryck us Geol. Föörn i Stockholm, XVHL 
6. 1896. 

— Dr. Sven Hedin,s Forschungsreise nach dem Lop-nor. Januar bis Mai 1896. 
Briefl. Mittheilungen an Herrn v. Richthofen. S. A. Zeitschr. d. Ges. f. Erdk. 
zu Berlin. 1895. VH, und 1896. (Vom Verfasser.) 

Ing. Prof. G. Sartori. Progretto per Tutilizzazione delle cascate del Kerka 
in Dalmazia. Trieste, 1897. (Von Herrn A. I^evi.) 

demente Palma. El porvenir de las Razas en el Peru. Lima, 1897. Disser- 
tationsschrift. (Vom Verfasser.) 

F. R. Martin's Sammlungen aus dem Orient in der allgemeinen Kunst- und 
Industrieausstellung zu Stockholm 1897. — Thüren aus Turkestan. 5 
Tafeln nebst Text. — Sibirische Sammlung. — Moderne Keramik von Central* 
asien. — Morgenländische Stoffe. (Vom Verfasser.) 



Wanderungen in Nord- Albanien.^) 

Von Dr. Kurt Hassert, 

Privatdocent an der Universität Leipzig. 
(Mit einer Elarte.) 

Wild und ungastlich ist das Gebirgsland Nord-Albanien, 
und ranh und barbarisch sind die Menschen, die innerhalb seiner 
Grenzen wohnen. Nicht mit Unrecht hat man jenen Theil des 
Türkischen Reiches das dunkelste Europa genannt, und dunkel 
ist er in doppeltem Sinne. Obwohl man ihn mit Eisenbahn und 
Dampfechiff binnen kurzer Zeit erreichen kann, ist er in geo- 
graphischer Beziehung viel weniger bekannt als ausgedehnte Gebiete 
Afrikas, des dunklen Erdtheiles; und wo der Islam herrscht, dort 
hat auch geistiger und wirtschaftlicher Verfall seinen Einzug 
gebalten. Seit langem ist Nord- oder Ober-Albanien ein Schmerzens- 
kind wissenschafÜicher Forschung. Der religiöse Fanatismus zwischen 
den Christen und Mohamedanem, das Räuberunwesen, die ewigen 
Unruhen und nicht zuletzt das Misstrauen der türkischen Behörden 
schreckten die Fremden ab, und deshalb haben nur wenige Rei- 
sende jenem geheimnisvollen Lande ihre Aufmerksamkeit geschenkt. 
Mit Unrecht eigentlich. Denn das Amautluk, wie es die Türken 
nennen, ist nicht weniger intefressant als viele aussereuropäische 
Länder; und wen es heute nicht bloss nach abenteuerlichen Er- 
lebnissen, sondern auch nach reichem wissenschaftlichen Gewinn 
gelüstet, der wird im dunkelsten Europa ein in jeder Hinsicht 
lohnendes Reiseziel finden. Deshalb hielt ich es für ein ebenso 
verlockendes als bedenkliches Unternehmen, Ober-Albanien einen 
Besuch abzustatten und dadurch zugleich die früher in Montenegro 
angestellten Beobachtungen zu vervollständigen. 

Da der Ausbruch des griechisch- türkischen Krieges die poli- 
tkche Lage sehr ungünstig gestaltete, so kostete es nicht wenig 

*) Vorliegender Bericht, erstattet in der Sitzung der k. k. Geographischen 
Gesellschaft in Wien am 28. December 1897, ist die Ergänzung und zum Theil die 
rmarbeitung eines in den Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, 
Band 24 (1897), Seite 529—544 veröffentlichten Vortrages. 

Mitth. d. k. k. G«ogr. Ges. 1898. 5 n. 6. 24 



352 

Mühe, die nothwendigen diplomatischen ReiseempfehlaDgen zu er- 
langen. Nachdem ich noch eine FrühlingswanderuDg durch das 
mit unrecht verrufene Abruzzen-Oebirge unterDommen, reiste 
ich mit meinem Freunde und Reisekameraden, dem Botaniker 
Dr. Antonio Baldacci aus Bologna, nach Brindisi ab. Dorthin hatte 
eben ein griechischer Dampfer Scfaaaren von Garibaldineru vom 
Eri^sschauplatze zarückgebracht, und tiberall sah man die den 
verschiedensten Alters- und Berufsclassen angehörenden Freischärler 
in ihren rothen Blousen herumlaufen. Aus ihren Erzählimgen ging 
hervor, welch^ unglaubliche Kopflosigkeit im griechischen Heere 
und welch' ungeheuerliche Mängel im Verpdegswesen geherrscht 
hatten. Auch von Begeisterung fOr die griechische Sache war bei 
ihnen nicht mehr viel zu verspüren, weil die dankbaren Griechen 
ihren mit Jubel begrüssten Befreiem das ganze Gepäck gestohlen 
hatten, und weil die griechische Regierung einem Jeden ausser 
freier Rückfahrt nur 10 Gulden Reisegeld bewilligt hatte, sodass 
dem Mutterlande Italien nichts übrig blieb, als seine Landeskinder 
auf Staatskosten weiter zu befördern. 

Am 3. Juni 1897 lichtete der Dampfer „Barion ** gegen Mitter- 
nacht die Anker, und am andern Morgen hielten wir auf der ver- 
sandeten Rhede von Durazzo. Obwohl die Ueberfahrt kaum 9 
Stunden dauert, zeigen die beiden Küsten des Adriatischen Meeres 
einen unverkennbaren Gegensatz. Die italienische Küste steht noch 
unter dem Zeichen der abendländischen Cultur und des Fortschrittes, 
auf der Ostküste dagegen tritt die Misswirtschaft und der Verfall 
des Türkenthums unverfälscht zu Tage. So auch in Durazzo, in 
dem wir mehrere Stunden verweilten. Obwohl jedes Schiff eine 
hohe Hafengebühr erlegen muss, geschieht fast nichts zur Aus- 
baggerung und Sicherung des verschlammten Ankergrundes, der 
öffentliche Garten der Stadt enthält mehr Steinhaufen und Un- 
kraut als Wege und Blumenbeete, und die Fahrstrasse, in welche 
die Hauptstrasse des Ortes ausmündet, wird so oft von metertiefen 
Löchern zerrissen, dass es selbst für einen Fussgänger, geschweige 
denn für einen Wagen gefilhrlich ist, sie zu benutzen. 

Am nächsten Morgen kam San Giovanni di Medua, der nur 
aus wenigen Häusern bestehende Vorhafen von Alessio and 
Scutari, in Sicht, und wie in Durazzo, ging der Dampfer wegen 
des seichten Untergrundes auch hier weit vom Ufer entfernt vor 
Anker. Bei der sprichwörtlichen türkischen Langsamkeit verflossen 
bis zur Ausschiffung mehrere Stunden. Kaum hatten wir den 



l 



35a 

Fass ans Land gesetzt, als auch schon ein Folizeiofficier unsere 
Pässe abverlangte und sie mit würdevoller Amtsmiene durch- 
Witterte, ohne natürlich ihren Inhalt zu verstehen. Nicht minder 
eingebend war die Zollrevision. Doch fanden einige mit Bemer- 
kungen beschriebene Hefte Gnade vor den Augen des gestrengen 
Beamten, und mein grosses Aneroidbarometer schmuggelte ich, da 
Eartenzeichnen und Höhenmessen in der Türkei verboten sind, als 
grosse ühr durch. 

Ein theils versumpfter oder mit Sanddünen überschütteter 
Fahrweg ftthrt zunächst längs des Meeres um den langgestreckten 
Hügelzug Mali Rencit (550*») herum und biegt dann gegenüber 
iem etwa 3Ö00 Einwohner zählenden Städtchen Alessio oder Leä 
in die ausgedehnte Drin-Ebene ein. Alessio war im 15. Jahrhundert 
der laeblingssitz und Sterbeort des berühmten albanesischen Herr- 
schers Georg Eastriota oder Skanderbeg. Heute ist es ein ärmlicher 
Flecken, der bloss dadurch einige Bedeutung besitzt, dass seine auf 
steiler Bergkuppe gelegene Festung die Küstenebene und den Zu- 
gang zum Drin-Thale beherrscht. Der zweifelhafte Fahrweg geht 
bald in einen noch schlechteren Saumpfad über, den die all- 
winterKch wiederkehrenden Ueberschwemmungen des ungebändigten 
Stromes arg mitgenommen haben. Auch sonst sind allerorts die 
Verwüstungen des Hochwassers erkennbar ; imd die weite Niederung^ 
die bei gehörigem Schutz eine unerschöpfliche Kornkammer sein 
könnte, ist zu einem guten Theile wertloses Morastland oder wenig 
ertragreiche Viehweide. Die langanhaltenden Ueberschwemmungen 
und die schon früh einsetzende Hitze erzeugen bösartige Sumpf- 
ond Wechselfieber, unter denen das Bojanafieber am gefährlichsten 
ist, weil ein einziger Anfall genügt, um den kräftigsten Menschen 
Air lange Zeit leidend und arbeitsunfähig zu machen. Weil das 
Hochwasser spät zurückgewichen war, so hatte man eben erst mit 
i& Feldbestellung begonnen, und die Bauern, die mit ihren pri- 
Bitiveii Gerftthen den Boden mehr aufritzten als aufpflügten,' trugen 
bd den in Nord-Albanien obwaltenden Zuständen stets das geladene 
Gewehr bei sich. Leicht erklärlicherweise liegt der Ackerbau gänz- 
Keh darnieder. Jedermann baut nur so viele Feldfrüchte an, als 
er UBom^nglich braucht, so dass grosse Strecken des besten Bodens 
bnieh liegen und das Getreide öfters sogar eingeführt werden muss. 
So beseht die Garnison von Scutari das nothwendige Mehl nicht, 
wie man erwarten sollte, aus der fruchtbaren Umgebung der Stadt, 
«mdem ans Triest. 

24* 






354 



Die Dunkelheit war schon heraufgezogen, als wir Baköelik, 
die südliche Vorstadt von Scutari, erreichten und an der Drinasa- 
m brücke einer erneuten Pass- tind Gepäcksrevision unterworfen wur- 

P den. Dann ritten wir quer über den langgestreckten Ealksteinzug, 

der das weithin sichtbare, aus der Venetianerzeit stammende Kastell 
trägt, und hielten endlich gegen 9 Uhr abends in der Hauptstrasse 
vor dem von einem Dalmatiner gehaltenen Hotel „Europa^. 

Das moscheenreiche Scutari breitet sich im Herzen einer 
unabsehbaren Niederung aus und besitzt wegen der unmittelbaren 
^^ Nachbarschaft eines ftlr kleine Dampfer fahrbaren Sees und der 

schiffbaren, für flache Dampfer leicht zugänglich zu machenden 
Bojana eine hervorragend günstige geographische Lage. Da tsBi 
alle Häuser von Qärten umgeben sind, so gleicht es einer weit- 
läuftigen Landstadt, und eine Stimde ist erforderlich, um es der 
Länge nach zu durchmessen. Im übrigen macht das vielgepriesene 
Paris Ober-Albaniens, das mehr als 30 000 Einwohner zählt, trotz 
zahlreicher europäischer Gebäude und einer ausgedehnten, im 
nüchternen europäischen Kasemeustil erbauten Kaserne einen echt 
türkischen Eindruck. Die eigentliche Stadt bietet mit ihren hoch 
ummauerten Gassen, den schlanken Minarets und den bald hier, 
bald dort zerstreuten Friedhöfen das gewöhnliche Bild orientalischer 
Städteanlagen dar, in denen Regellosigkeit die Regel ist. Um so 
interessanter ist der Bazar mit seinen 2000 offenen Läden, dem 
nahen Landungsplatze der Londras und dem regen Leben und 
Treiben in dem Gewirr seiner engen, halb dunklen Gassen. Reich 
gekleidete Scutariner und finster blickende Gebirgs-Albanesen, 
vereinzelte Neger und tief verschleierte Frauen, schmutzige Polizisten 
und Soldaten, sie alle bilden ein buntes Durcheinander zwischen 
den zahllosen Holzbuden, deren Inhaber vor aller Augen ihrer 
Beschäftigung nachgehen. Aber schon mit Einbruch der Dunkelheit 
erlischt der lebhafte Verkehr. Eine fast beängstigende Stille 
lagert sich über die Stadt und den Bazar; und da die Strassen- 
beleuchtung so gut wie alles zu wünschen übrig lässt, so bestimmt 
eine weise Polizeivorschrift, dass Jeder, der nach dem Akscham 
oder dem letzten Gebet ausgeht, mit einer brennenden Laterne 
versehen sein muss. Ein eigentliches Gasthaus- und Nachtleben, 
wie wir es kennen, gibt es im Orient nicht, und deshalb lässt 
sich nach 10 Uhr nur selten noch ein verspäteter Wanderer auf"; 
der Strasse sehen. Um so häufiger begegnet man starken MilitUr* 
Patrouillen. Denn Scutari ist wie ganz Nord-Albanien ein Herd 



355 

ewiger Unruhen, und es verursacht ein unbehagliches Gefühl, wenn 
die zahlreichen Polizisten stets den geladenen Revolver im Gürtel 
tragen, die Posten nie ohne scharfe Patronen aufziehen und Tag 
und Nacht ein strenger Wachtdienst ausgeübt wird. Doch auch 
auf das türkische Militär ist kein unbedingter Verlass, und die 
braven Vaterlandsvertheidiger, die das Eigenthum der Bürger 
schützen sollten, hielten im Dunkel der Nacht manchmal einen 
christlichen Einwohner fest und hiessen seine Uhr oder sein Geld 
als willkommene Beute mitgehen. 

Weil ich die Liebenswürdigkeiten der türkischen Polizei von 
einem früheren Aufenthalte in Scutari her kannte, so übergab ich 
meine Papiere sofort dem k. u. k. Generalconsulat, das gleich- 
zeitig auch die deutschen Interessen vertritt. Der Consul, Herr 
Ippen, der Verfasser des ausgezeichneten, anonym erschienenen 
Buches „Novipazar und Kosovo", nahm sich meiner aufs wärmste 
an. Ihm, dem Viceconsul, Herrn Fürth, und dem italienischen 
Consul, Herrn Leoni, bin ich für' die angelegentliche Förderung 
unserer Unternehmungen den allergrössten Dank schuldig. 

Die Bereisung Nord-Albaniens ist mit ungeahnten Schwie- 
r^keiten verknüpft. Die türkischen Machthaber sind ängstlich 
bestrebt, Fremde von ihrem Gebiete fern zu halten, sei es, um 
bei der allgemein herrschenden Unsicherheit keine Verantwortung 
zu übernehmen oder um ihnen keinen Einblick in die sattsam 
bekannte türkische Misswirtschaft zu gewähren. Auch Achmed 
Edib Pascha, der Generalgouvemeur oder Wali des Vilajets Scu- 
tari, das den grössten Theil Ober- Albaniens umfasst, verweigerte 
anfangs rundweg seine Genehmigung. Nur der Zuneigung des 
Stachen Kaisers für die Türkei, sowie der bedeutsamen Thä- 
ti^eit der deutschen Officiere in türkischen Diensten verdanke 
icb es, dass uns der Besuch des Inneren überhaupt gestattet wurde. 
Freilich mussten wir, da unsere Empfehlungsschreiben nicht recht- 
zeitig eingetroffen waren, telegraphisch die Vermittlung unserer 
Botschaften in Konstantinopel anrufen, worauf uns die Eeise- 
ttiaubnis gewährt, unsere Thätigkeit aber auch genau überwacht 
ward. Dann sind die fast ganz unabhängigen Bergstämme, die 
MaUasoren, ein im höchsten Grade misstrauisches und, trotzdem 
die Mehrzahl der katholischen Religion anhängt, nichts weniger 
ab friedfertiges Volk. Sie stehen noch auf derselben niedrigen 
Oolturstafe, die unsere Vorfahren vor Jahrtausenden besassen, und 
betrachten Baub und Krieg als ihre Lieblingsbeschäftigung. Zum 



356 

Glück fanden wir in dem Kawassen Nikola vom Stamme der 
Soöi und in unserem Gendarmen Ali zwei zuverlässige und brauch- 
bare Begleiter, und ebenso liessen uns die in hohem Ansehen 
stehenden Geistlichen stets ihre ebenso wertvolle als uneigennützige 
Unterstützung zu theil werden. Sonst waren wir auf die primi- 
tivste Unterkunft und Verpflegung angewiesen, eine Aussicht, die 
nach angestrengter Tagesarbeit nicht gerade erfreulich war. Ab- 
gesehen davon, dass eine Forschungsreise wegen der unausgesetzten 
Beobachtungen, die sie verlangt, mit den Annehmlichkeiten einer 
Vergnügungsreise wenig gemein hat, befinden sich die landes- 
üblichen Pfade bei dem Mangel jeglichen Verkehrs in einem trost- 
losen Zustande, und auch die Oberflächengestaltung erschwert das 
Beisen ungemein, indem das ganze Innere von einem unentwirrbaren 
Netz tiefer Thalschluchten und hoher, wegen ihrer Passarmuth 
schwer überschreitbarer Gebirge erfüllt wird. So vereinigen sich 
im Arnautluk Mensch und Natur, um den Reisenden in kürzester 
Zeit körperlich und geistig zu ermüden; und darum entschlossen 
wir uns, von unserem Standquartier Scutari aus statt einer 
zusammenhängenden Wanderung eine Anzahl grösserer und kleinerer 
Streifzüge ins Innere auszuführen. 

Um uns auf die bevorstehenden Mühseligkeiten vorzubereiteD, 
unternahmen wir zunächst drei Tagesausflüge in die nähere Um- 
gebung von Scutari. Zuerst verbuchten wir uns an dem kahlen 
Südostausläufer des wildverkarsteten Ktlstengebii^s, dem steil 
ansteigenden Taraboä (570 m). Dann wanderten wir durch die vom 
Kiri verwüstete Ebene mit ihren Serpentin- und Schieferhügeln 
zum Kalkmassiv des Jubanj (539 w) am Drin und durchzogen 
endlich das Tiefland östlich des Scutari-Sees^ das trotz seines 
fruchtbaren Bodens sehr wenig bebaut und grösstentheils mit Fam- 
krautgestrüpp bewachsen ist. Erwähnung verdient die monte- 
negrinische Colonie von Vraka, die, etwa 250 Häuser stark, in- 
mitten einer rein albanesischen Bevölkerung liegt und sich aus 
Flüchtlingen, Uebelthätem und anderen zweifelhaften Elementen 
und deren Nachkommen zusammensetzt. Die Ansiedler, die aus 
allen Theilen des Fürstenthums stammen, haben die serbische 
Sprache und die Frauen auch die heimatliche Tracht beibehalten, 
während die Männer sich albanesisch kleiden. 

Die Ebene dacht sich unmerklich zum flachen und ausser- 
ordentlich fischreichen Scutari See ab, der am jenseitigen Ufer 
vom unvermittelt zu ihm abstürzenden Küstengebirge begrenzt 



357 

imd dadurch vom Adriatischen Meere getrennt wird. Seiner Ent- 
stehung nach ist er nichts anderes als ein an seinen tiefsten Stellen 
überschwemmtes Karstbecken oder Polje, das nur in der Bojana 
einen Entwässerungscanal zur Adria besitzt. Da sich aber die enge 
Äbflussrinne immer mehr verstopft, so gewinnt das zurückgestaute 
Wasser, das schon jetzt bei niedrigstem Stande einen Flächenraum 
von SdOkm^ bedeckt, stetig an Tiefe und Ausdehnung und sucht 
die flache Umgebung alljährlich weithin mit langdauernden lieber- 
schwemmungen heim. Urkunden und Sagen bezeugen, dass noch vor 
wenigen Jahrhunderten Aecker, Weingärten und Dörfer auf dem 
Boden des heutigen Sees lagen, und jeden Winter wird der Bazar 
Ton Scutari 3 m hoch und höher überschwemmt. Als wir in Scutari 
anlangten, stand noch ein Theil des arg verwüsteten Bazars unter 
Wasser, es war schwierig, bis zum Zollhause zu gelangen, und die 
altersschwache Holzbrücke über die Bojana war von den winter- 
lichen Hochfluthen bis auf einige Pfeiler weggerissen worden. Ab- 
gesehen von der regelmäßigen Dampfschiffsverbindung, die Mon- 
tenegro zwischen Bijeka, Plavnica, Virpazar und Scutari unterhält, 
ist der Schiffsverkehr sehr gering. Der See würde aber wesentlich an 
Bedeutung gewinnen, wenn die zu seiner theilweisen Trockenlegung 
nolhwendige Bojana-Regulirung durchgeführt wäre, die gleich- 
zeitig die Dauer und Ausdehnung der Ueberschwemmungen ein- 
schränken und den lästigen Fiebern ein Ziel setzen würde. ^) 

Der vierte Besuch galt dem Cukali-Gebirge. Am 15. Juni 
verliessen wir Scutari, durchritten die eintönige Ebene und traten 
nach Ueberschreitung einer alten, wohl erhaltenen Steinbrücke 
(63 m) ins einförmige, aber gut bebaute Kiri-Thal ein. Hinter dem 
mohamedanischen Dorfe DriSti (80 m) und den umfangreichen 
Rainen der Burg Drivasto, die in der Geschichte jenes Gebietes 
eine nicht unwichtige Kolle gespielt hat und mit den venetianischen 
Festungen Vraka, Scutari, Vaudenjs und San Giorgio (bei Vjerza 
am Drin) in Signalverbindung stand, stiegen wir in enger, dicht 
bewaldeter Schlucht zum Cukali-Gebirge empor. Mit wachsender 
Meereshöhe ging die Mittelmeer- Vegetation, die namenthch durch 
Oelbäume, immergrüne Eichen, Granatsträucher und Macchien 
charakterisirt wurde, in dichte Kastanienwälder über (I40w), die 
ihrerseits wieder ausgedehnten Eichendickichten Platz machten, bis 
endlich oberhalb des Dorfes Sbuö (931m) das Herrschaftsbereich 

*) Ausmhrlicheres vgl. K. Hassert, Der Scutari-See. Globus Bd. 62 (181)2), 
S. 9, 17, 67, 87. 



358 

der Buche begann. Gegen Abend war der Kamm des anmuthigen, 
gras- und baumbedeckten Cukali-Gebirges (1654 w) erklommen, 
und sofort ging es durch eine mit gewaltigen Schneemassen erfüllte 
Schlucht zur Quelle Ilsjanit (1391 m) hioab, wo auf einer einsamen 
Waldblösse eine unruhige Nacht verbracht wurde. 

Fröstelnd brachen wir bei nur -j- 6® C wieder auf und be- 
stiegen nacheinander zwei wenig über die Baumgrenze emporragende 
Gipfel, die MajaMülesife (1835 m) und den MaU Cukalit (1841 m), 
die einen grossartigen Rundblick darboten. Im Glänze der Morgen- 
sonne blitzte das ferne Meer, freundlich grüssten die grünen Fluren 
der Drin- und Bojana-Ebene und die rothen Dächer von Scutari 
herauf, und jenseits des finsteren Drin- Canons erhob sich das Berg- 
gCTvirr der Mirdita bis zum Sar und den fernen Gebirgen Süd- 
Albaniens. Fast unmittelbar zu unseren Füssen gähnte der tief ein- 
gegrabene Kiri-Schlund, und hinter ihm thürmte sich in schauerlicher 
Pracht die Hochgebirgsmauer der Nord-Albanesischen Alpen auf. 
Aus zahlreichen Klüften leuchteten Tausende von Schneeflecken 
hervor, und drohende Thürme und Zinnen krönten den nackten 
Kalkwall, der fast senkrecht zu dem Wald- und Wiesenteppich des 
Schieferuntergrundes abstürzte. Nach kurzer Kammwanderung 
gelangten wir in einem malerischen Waldthale zum weit zerstreuten 
Dorfe Vukaj (1044 w) und kehrten am dritten Tage durch das 
auf der Karte gänzlich verzeichnete NerfuSa-Thal und über das öde 
Serpentinplateau Nerzana (Ibl m) nach Scutari zurück. 

Die nächste Wanderung führte uns auf den Maranaj (1576 m), 
einen weithin sichtbaren Ausläufer der Albanesischen Alpen, der 
wegen seiner leicht kenntlichen Kegelgestalt einen wichtigen tri- 
gonometrischen Signalpunkt darstellt. Obwohl in den letzten 
Tagen schwere Regengüsse niedergegangen waren und dunkles 
Gewölk den Himmel drohend überzog, machten wir uns auf den 
Weg, wurden aber schon in dem mohamedanischen Dorfe Unter- 
Vorfaj (112 fn) von einem heftigen Platzregen überrascht, der mit 
geringen Unterbrechungen bis zum nächsten Vormittage anhielt. 

Zwei Eingeborene aus Unter- Vorfaj boten sich uns für je 2 
Medjidien (5 Gulden) als Führer an und gingen, als wir ihre ftir 
die dortigen Verhältnisse unverschämte Forderung ablehnten, auf 
je 1 Medjidie herab. Zugleich erklärten sie, ihre Begleitung sei 
nothwendig, weil sie den Weg streckenweise zerstört hätten und 
ohne ihre Erlaubnis keinen Fremden passiren liessen. Da auch 
dieser Erpressungsversuch nichts fruchtete, drohten sie, uns nachts 



359 

zu aberfallen und fügten, um uns einzuschüchtern, hinzu, dass 
ümen der Pascha erst kürzlich eine Abtheilung Soldaten auf den 
Hals geschickt habe, die unyerrichteter Dinge wieder umkehren 
musste. Nikola blieb ihnen auch hierauf die Antwort nicht schuldig 
und setzte unbekümmert um ihr Schimpfen und Drohen den bereits 
bej^nnenen Aufistieg fort. Erst in Ober-Vorfaj (719 m) nahmen 
wir einen w^ekundigen Begleiter mit, der natürlich gleich allen 
smen Landsleuten einen wohlgespickten Fatronengürtel und ein 
geladenes Gewehr neuester Construction trug, wie man überhaupt 
die alten langen Steinschlossflinten nur noch selten zu Gesicht 
bekommt Diese Vorsicht war bei ihm um so mehr am Platze, 
als sein ganzes Dorf mit einem Nachbarorte in Blutfehde lebte, 
imd es war für ihn schon ein Wagnis, sich stundenweit von seiner 
<jemarkung zu entfernen. Gegen 74 6 Uhr abends betraten wir 
Dach steilem Aufstieg die Sennerei Fu&a Nesans (1225 m) am Fusse 
des Maranaj und richteten uns in einer der Hütten ein, die aus 
Furcht vor der Blutrache verlassen und halb verfallen waren. 
Diesmal brauchten wir nicht zu wachen. Dafür sorgte schon unser 
Begleiter, der aus Angst, von einem Mitgliede der feindlichen 
Ortschaft überrascht zu werden, keinen Augenblick schlafen konnte 
aod, das Gewehr in der Hand, unverweilt nach dem Eingange 
bli(^te. 

Am anderen Morgen wurde der Maranaj mühelos erklommen. 
I-cider war wegen des dichten Nebels, der den allmählich nach- 
^Msenden Regen begleitete, von der umfassenden Fernsicht nicht 
^ zu bemerken, und die gespenstisch hin- und herwallenden 
Wolkenmassen gestatteten bloss dann und wann einen Blick in das 
von dnem flüchtigen Sonnenstrahle beschienene Becken des Scutari- 
Se«. Da die kaum -{- 4^ C betragende Luftwärme die Glieder 
fasch erstarren Hess, so zogen wir uns bald wieder in das geschützte 
Waldthal zurück, das w^en der überall unter den Kalkgipfeln 
anstehenden Schiefer sehr wasserreich ist und auf seinem saftig* 
grtnen Wiesengrunde ausgedehnte Buchenbestände trägt. Leider 
werden sie von den eingeborenen Köhlern, deren rauchenden 
Xälem wir oft begegneten, bedenklich gelichtet, und die Abholzung 
iet stellenweise schon soweit fortgeschritten» dass der Maranaj von 
ScQtari aus fast baumlos erscheint.^) 



*) Beim Aofstie^^ zum Maranaj reicht die durch Macchien gekennzeichnete 
Hiltelineerflora bis über Ober-Vorfaj (719 iw), wo auch Nuss- und Kastanienbäume 
*)di iilafig sind. Bei Beginn des Stoilaufstieges zur Sennerei Fusa Nesans ver- 



^m 



360 

Am Abend trafen wir wohlbehalten in unserem Standquartier 
wieder ein und traten dann die längste Wanderung durch das 
Mirditenland nach Prizren an. Weil wir wussten, dass uns der 
Pascha den Besuch jenes unbotmäßigen Bergvolkes nicht gestatten 
würde, so versicherten wir ihn, dass wir den gewöhnlichen Handels- 
oder Keradziweg zwischen Scutari und Prizren zur Hin- und Rück- 
reise benutzen würden. Obgleich der ohnehin misstrauische Wali 
unseren Worten nicht recht glaubte, Hess er uns doch gewähren. 
Ja, er gab uns sogar ein Empfehlungsschreiben an den Gouverneur 
oder Mutessarif von Prizren mit und stellte uns einen Buju- 
ruldu, einen Reisebefehl, aus, der uns den Schutz von Gendarmen 
gewährleistete. 

Bei unsicherem Wetter verliessen wir am 24. Juni Scutari 
und folgten zunächst der Drinasa, die einen breiten Verbindungs- 
arm zwischen Drin und Bojana darstellt und die Niederung mit 
furchtbaren Ueberschwemmungen heimsucht. Diese Bifurcation ist 
bekanntlich während des Winters 1858/59 entstanden, indem der 
hochangeschwollencj unregulirte Drin erst sein Bett in der Ebene 
bald hierhin und dorthin verlegte und dann nach Aussage der 
Eingeborenen in einer Nacht das lockere Erdreich durchbrach, 
um sich unterhalb des Festungsberges von Scutari ins Bett der 
Bojana einzubohren. Freilich deuten die zahb-eichen Altwässer und 
todten Arme und die mehrere Fuss dicken Grus-, Kies- und GeröU- 
lager, die in wechselnden Zwischenräumen die Lehmschichten der 
Uferwände unterbrechen, darauf hin, dass dieser Vorgang in früheren 
Zeiten nichts Ungewöhnliches war. Ebenso liegen bestimmte 
Beweise vor, dass die Drinasa ihr heutiges Bett schon zur Rönaerzeit 
und im 17. Jahrhundert benutzte. Aber so gewaltig wie 1858/59 war 
die mechanische Wirkung und so mächtig die Geröllführung des 
winterlichen Hochwassers noch nie gewesen. Da die türkische 
Gleichgiltigkeit an keine Vorkehrungen dachte, so musste der wilde 
Strom das selbst geschaffene Hindernis mit eigener Kraft zu 
beseitigen suchen, wobei er seinen Mündungsarm bei Alessio, 
auf dem vorher grosse Segelbarken bis Vaudenjs verkehrten, zu 
einem seichten, wasserarmen Flusse zusammenschrumpfen liess. 



schwinden die Eichen in demselben Maße als die prächtigen Buchenwälder des 
Maranaj -Gebietes einsetzen. Beim Abstieg stellen sich die Eichen in immer mehr 
anwachsender Menge bei 900 m, unterhalb der Quelle (Kroni) Sums, ein, während 
in der Nachbarschaft der Cafa Domnit, bei 700 m, als Vorboten der das Kiri-Thal 
beherrschenden Mittelmeervegetation Macchien von Carpinus Duinensis beginnen. 



361 

Wohl bat die RegieruDg, als die Klagen der schwer geschädigten 
üferanwohner immer lauter wurden, in der Folge wiederholt und 
zoletzt 1884 Schutzdämme errichtet, um den Drin wieder in sein 
eigentliches Bett abzudrängen. Allein sie waren so schwach und 
unzweckmäßig angelegt, dass sie den Fluthen auf die Dauer nicht 
widerstehen konnten und 1897 bis auf wenige Reste eines roh 
angefahrten Steindammes verschwunden waren. Zwar hat seitdem 
der Ingenieur Ravotti den Plan einer Neuregulirung ausgearbeitet, 
doch ist es sehr fraglich, ob er wegen seiner hohen Kosten zur 
Aosßihmng kommen wird. 

Auf einer rohen Fähre, die aus zwei durch Querbalken ver- 
bundenen Einbäumen bestand und so schmal war, dass die Pferde 
mit den VorderfUssen in dem einen und mit den Hinterfüssen in 
dem anderen Kahn standen, wurde gleich unterhalb der Drinasa- 
Äbzweigung der Drin übersetzt, und unmittelbar an seinem linken 
Ufer nahm das Mirditenland seinen Anfang. Unter den fanatisch- 
katholischen Eingeborenen ist der Mohamedaner ein höchst un- 
willkommener Gast. Unser Suwaris oder reitender Gendarm erregte 
Ätcts ihr besonderes Misstrauen; und wie wir oft um seinetwillen 
geradezu um Entschuldigung bitten mussten, so war auch er be- 
mOht, sich durch allerlei kleine Dienste und Aufmerksamkeiten 
die Gunst jener zweifelhaften Unterthanen des Sultans zu sichern. 

Wir verliessen sehr bald das untere Gömside-Thal, um über 
den formlosen Mali Bart (Weisser Berg, 361 m) ins eintönige 
Gjadrit-Thal abzusteigen. Das breite, mit massenhaften Gerollen 
erfällte Flussbett war wasserarm, deutliche Spuren verriethen aber, 
dass es im Winter einen verheerenden Wildbach birgt. In 
der einförmigen Gegend, die vorwaltend aus Serpentin und dann 
ans boBtfarbigen Schiefem besteht, während der Kalk erst bei 
Oro6i wieder auftritt, zeigen sich selten Maisfelder, Weingärten 
oder lauschige Baumhaine. Namentlich die Umgebung von Kastri, 
wohin die Ueberlieferung den Geburtsort Georg Kastriotas verlegt, 
ot arm und unfruchtbar. Da uns unser unzuverlässiger Mirditen- 
fthrer sammt dem fttr zwei Tage ausbezahlten Lohne im Stiche 
Keas, so gelangten wir nicht ohne Schwierigkeiten zur Pfarre von 
Ka»ojeti oder Kastanjeti (488 w), so genannt nach den uralten 
Kastanienbäumen, die dort inmitten des Eichenwaldes gedeihen, 
aber allem Anschein nach nicht ursprünglich vorhanden waren, 
Kmdem angepflanzt sind, da es im nächsten Umkreise keine 
Kastanienbäume gibt. 



362 

Nach mühevollem, 14-8tündigem Marsche, auf dem wir vier 
tief eingeschnittene Schluchten, das Singjerc-, Simonit-, Fandi Maz- 
-und Fandi Vogelj-Thal, passiren mussten, erreichten wir am 26. Juni 
Oroäi (537 wi), den Hauptort der Mirdita. Das weit zerstreute, 
etwa 130 Häuser und 950 katholische Bewohner zählende Dorf 
ist der Sitz des Erzabtes, der bekannten einheimischen Fürsten- 
familie Prenk Bib Doda, und eines türkischen Kaimakams, der 
aber nicht die geringste Macht besitzt und vor der ihn bedrohenden 
Blutrache ängstlich auf der Hut sein muss. Der eigentliche König 
des Mirditenlandes, der etwa dieselbe Stellung einnimmt, wie einst 
der Erzbischof oder Vladika von Montenegro, ist der Erzabt 
Primo Docchi. Bei dem geistvollen, hochgebildeten Manne, 
der aus politischen Gründen zwölf Jahre lang im Auslande leben 
musste und begeisterter albanesischer Patriot ist, fanden wir die 
herzhchste Aufnahme, und ihm schulden wir es, wenn wir ver- 
hältnismäßig sicher und erfolgreich ein Land durchwandern konnten, 
dessen Erforschung sonst geradezu ein tollkühnes Wagnis gewesen 
wäre. Unter dem Schutze einer starken Geleitmannschaft wanderten 
wir zusammen durch die ungeheueren Buchen- und Fichtenwälder 
des Nan Senjt-Eückens (1485 m), eines trotz des Baumdickichts 
mit Dohnen, Schlünden und blinden Thälern übersäeten Karst- 
gebirges, das einen Theil der Wasserscheide zwischen dem Mati 
und Schwarzen Drin bildet. Am tiefen, freundlichen Alpenthaie 
von Lurja mussten wir leider Halt machen, da es nach Aussage 
der ausgesandten Späher, zu gefährlich war, in die grösstentheils 
von mohamedanischen Hirten bewohnten Schneegebirge Lurja- 
Selita und Macukolit einzudringen, die sich uns gegenüber am 
jenseitigen Thalhang in wilder Schönheit aufthürmten. Darauf 
kehrte Dr. Baldacci über das Monela- und Suöeli-Gebirge nach 
Scutari zurück und unternahm einen dreitägigen Ausflug ins Velja- 
Gebirge bei Alessio, während ich den Marsch binnenwärts fort- 
setzte. Trotzdem mich auf Anordnung des fürsorglichen Erzabtes 
der Geistliche von Fandi bis zur Grenze der Mirdita, bis zum 
Dorfe Sera, begleitete, kannte das Misstrauen der Bewohner keine 
Grenzen; und neue Besorgnisse warteten unser in dem von den 
räuberischen Ljumesen unsicher gemachten Gebiete zwischen der 
Cafa Kumuls (1425 m) imd dem Drin. 

Die Ljumesen waren ursprünglich Christen. Jetzt sind sie 
fanatische Anhänger des Islam und die grössten Räuber Ober- 
Albaniens, die durch fortgesetzte Einfälle die einst so blühende 
Viehzucht des Sar-Gebirges vernichtet haben und eine stete Gefahr 



363 

Öir den Handel Prizren's bilden. In völliger Unabhängigkeit lebend, 
Btellen gie weder Truppen, noch zahlen sie Steuern, und ihre 
Berge sind wohl noch nie von einem fremden Reisenden besucht 
worden. Daher setzten wir den Weg mit nicht gerade angenehmen 
&wartungen fort Obwohl wir acht Mann stark waren, blickten 
wir mit gespanntester Aufmerksamkeit durch den dichten. Wald, 
huiBcbten genau den Zurufen der auf den umliegenden Bergen 
«ch aufhaltenden Eingebornen und athmeten nicht eher erleichtert 
auf, als bis wir den von Scutari nach Prizren führenden Saumweg 
betraten. Auf leidlichem Pfade ging es im engen Drin-Thal auf- 
wärts, erst auf dem rechten, dann auf dem linken Ufer des wald- 
umsÄumten Stromes. Die dichten Buchen- und Nadelwälder waren 
•chon beim Abstieg wieder verschwunden, und statt ihrer begannen 
Eichen und niedriges Buchsbaumgestrüpp vorzuherrschen. Im Han 
Ia^ (267 m) theilten Menschen, Pferde, Kühe, Ziegen, Schafe und 
Hühner einen dumpfigen, übelriechenden Raum miteinander; und 
da sich die zahllosen sechsfüssigen Hausinsassen mir gegenüber 
besonders freundlich zeigten, so wurde dort eine schlaflose Nacht 
verbracht. Um so angenehmer war der Aufenthalt in Prizren, wo 
ich die liebenswürdige Gastfreundschaft des österreichischen Consuls,. 
Herrn Rappaport, genoss und mich auch wegen der politischen 
Haltung Deutschlands in den orientalischen Wirren bei den Be- 
hörden und der sonst für wenig friedlich geltenden Bevölkerung 
ier grössten Achtung zu erfreuen hatte. 

Trotz des auffallenden Holzmangels, der die Nachbarschaft 
*Iler grösseren mohamedanischen Städte auszeichnet, besitzt Prizren, 
Priarendi oder Perserin eine malerische Lage, indem es sich amphi- 
tkeatralisch am Nordfusse des schneebedeckten öar aufbaut und 
vm der vielgewundenen Bistrica durchflössen wird. Von der Höhe 
entrollt sich eine entzückende Aussicht — daher wohl auch der serbi- 
aebe Name Prizren, d. i. Ueberblick — auf die von zahlreichen Mo- 
scheen und mehreren Kirchen überragte Stadt und auf die theils 
gut bebaute und künstlich bewässerte, theils als Weideland dienende 
Ebene bis zu den Alpen von Ipek und den Fluren des berüchtigten 
Slubemestes Djakova, in dem der unglückliche Mehemed Ali 
Pascha auf Anstiften der Pforte seinen Tod durch die Albanesische 
Liga fand. Vor der Unterstadt liegt eine grosse viereckige Kaserne, 
während das Hospital mit echt türkischer Sorglosigkeit mitten in 
<Jaa Hftusergewirr hineingebaut ist. Die Oberstadt birgt den ge- 
liomigen Konak des Mutessarif, das russische und österreichische 



364 

Consulat (437 m), und das Ganze beherrscht eine noch aus alt- 
serbischer Zeit stammende Citadelle, die aber ihrerseits von den 
benachbarten Bergzügen aus eingesehen wird. Ueber der wild- 
romantischen Felsschlucht der Bistrica endlich thronen die Ruinen 
der Weissen Burg von Prizren, die nach der Sage der Lieblings- 
aufenthalt des serbischen Volkshelden Marko Kraljevid war. 

Prizren war einst ein prunkvoller serbischer Königssitz und 
ist noch heute trotz seiner winkeligen, schlecht gebauten Q-assen 
und der unansehnlichen, meist aus Fachwerk erbauten Häuser eine 
der wichtigsten türkischen Städte. Mit 30.000—50.000 Einwohnern, 
die in 24 Viertel oder Mahalen vertheilt und mohamedanische 
Albanesen, orthodoxe Serben und Walachen, katholische Albanesen 
und einige hundert Zigeuner sind, ist es der grösste und zugleich 
der einzige Platz Albaniens, der einige Industrie besitzt. Berühmt 
sind die Erzeugnisse der Waffen-, Schuh- und Lederfabrication, 
die Ciselir- und Passementeriearbeiten, und der stets belebte Bazar 
steht mit seinen 1200—2000 Verkaufebuden dem Marktviertel von 
Scutari kaum nach. Leider haben Handel und Gewerbe wesentlich 
verloren, da viele Absatzgebiete, vor allem Serbien und Aegypten, 
jetzt durch Zollschranken verschlossen sind. Nicht minder verhängnis- 
voll war die Verlegung der Gouvernementshauptstadt von Prizren 
nach dem leichter zugänglichen Prigtina und dann nach dem 
Eisenbahnknotenpunkte Uesküb. Femer haben das Räuberunwesen 
und der durch die Unsicherheit der Verhältnisse begründete hohe 
Zinsfuss den Wohlstand schwer geschädigt, und der Ausbau des 
macedonischen Bahnnetzes hat solche Veränderungen im Gefolge 
gehabt, dass der Hauptverkehr Prizren's nicht mehr nach dem 
näheren, aber nur auf mühseligen und gefährlichen Saumpfaden 
erreichbaren Scutari, sondern nach dem viel weiter entfernten, 
aber ohne Schwierigkeit zu gewinnenden Salonichi geht. 

Ungern sagte ich Prizren Lebewohl, um auf dem gewöhnlichen 
Saumwege nach Scutari zurückzureiten, den die einheimischen 
Pferdeführer oder Keradzis in vier, eilige Beisende mit guten 
Pferden in 27»— 3 Tagen zurtlcklegen. Obwohl er durch die 
macedonischen Eisenbahnen ebenfalls viel verloren hat und sich 
in einem verwahrlosten Zustande befindet, ist er als einzige 
natürliche Verbindung zwischen Küste und Binnenland noch immer 
hochwichtig. Doch wird er nicht selten von den unruhigen Bei^- 
stämmen für jeden Verkehr gesperrt und ist so unsicher, dass man 
ihn nur in grösserer Gesellschaft oder unter ständiger Gendarmen- 
begleitung betreten darf. 



365 

Der Weg läuft zunächst durch die weite Ebene von Prizren 
imd tritt dann ins enge Drin-Thal ein, das bloss an der Einmündung 
des Schwarzen Drin (230 m) eine kleine, dreieckige Verbreiterung, 
die Ebene von Brut, bildet und sich unterhalb des Hans Spas 
(193 m) zu einer grösstentheils unwegsamen Schlucht verschmälert. 
Somit ist Spas, die römische Station Creveni der Peutingerschen 
Tafel, ein wichtiger Punkt. Denn hier zweigt nicht nur der nach 
Djakova fährende Saumweg ab, sondern auch der Weg nach 
ScQtari verlässt hier den Strom und führt durch das Gebiet der 
Diikagin und Mirditen ununterbrochen über Berg und Thal. Die 
aaf der Cafa Malit bis 945 m hohen Uebergänge bieten eine um- 
äaeende Fernsicht auf das Berggewirr der Mirdita und die Alba- 
n^ischen Alpen dar und tragen vielfach noch dichten Wald, wo- 
bei der Charakterbaum Albaniens, die Eiche, entschieden überwiegt. 
Erat auf dem einförmigen Serpentinplateau von Puka (752 m) 
gelangt man wieder ins türkische Machtbereich, indem der weit- 
zerstreute Ort der Sitz eines Kaimakams und einer kleinen Garni- 
son ibt, weil er als Grenzplatz gegen die Mirditen einige Be- 
d^itnog besitzt. Trotz alledem sind Räubereien und Mordthaten 
aoch auf der Strecke von Puka nach Vaudenjs, dem nächsten 
Garaisonsort, nichts seltenes. Erst vor wenigen Wochen hatten 
die Mirditen aus dem Hinterhalt auf eine Abtheilung Soldaten ge- 
•dwesen und fünf der armen Teufel getödtet, phne dass eine Be- 
stnfong der üebelthäter erfolgt wäre. Nun geht esauf halsbreche- 
nachem, brüchigem Pfade in zahllosen Windungen zum Gömsice- 
Tkl und damit wieder ins Gebiet der Mittelmeerflora hinab, und 
endlich öffnet sich die allmählich breiter und freundlicher werdende 
Schlucht zur freudig begrüssten Ebene von Scutari. 

Nach 2Vatägigem Gewaltritt langte ich am 7. Juli in Scu- 
tari wieder an und hatte infolge der Ueberanstrengungen und der 
druckenden Hitze der letzten Zeit einen heftigen Fieberanfall zu 
Iwtehen. Da ausserdem Dr. Baldacci durch das Einlegen und 
Ordnen seiner Pflanzenausbeute sehr in Anspruch genommen war, 
30 Yergingen vier Tage, ehe wir die nächste gemeinsame Wan- 
iemag ins Porun-Gebirge antraten. 

Durch eintöniges Nieder- und Hügelland kamen wir ins 
KoH-Thal, wo der Pascha kurz vorher eine Anzahl Häuser nieder- 
gebrannt hatte, weil die fanatischen Christen jenes Bezirkes in 
enraa religiösen Streite mit den Mohamedanern die Bädeisführer 
gewesen waren. Die letzteren hatten einen christlichen Friedhof 



366 

I 

verletzt und ein von den Christen errichtetes Wegkreuz zer- 
trümmert, worauf diese ein getödtetes Schwein in eine Moschee 
warfen und an deren Wände mit dem Schweinsblute Kreuze 
malten. Das Schwein gilt dem Mohamedaner bekanntlich als ein 
im höchsten Grade unreines und verabscheuenswertes Thier, und 
er meidet jede Berührung mit ihm so ängstlich, dass er niemals 
einen Topf benutzt, in dem Schweinefleisch gekocht wurde. Ja es 
ist vorgekommen, dass Schildwachen, die von einem jener edlen 
Borstenthiere überrascht wurden, schleunigst Beissaus nahmen und, 
gefolgt von ihrem grunzenden Feinde, Hals über Kopf durch die 
Strassen rannten. Natürlich dürsteten die Mohamedaner wegen der 
ihnen zugefügten Beleidigung nach Rache. Aber auch von den 
Bergen stiegen Scharen wohlbewaffneter Christen nach Scutari 
hinab, und nur dem thatkräftigen Einschreiten des Paschas war 
es zu verdanken, dass der Aufruhr ohne ernstliches Blutvergiessen 
wieder beigelegt ward. Dann zog eine starke Militärabtheilung 
nach dem Rioli-Dorfe Kokaj (Pfarre 393 m) und zündete die Häuser 
der Hauptschuldigen an, was übrigens nicht viel besagen wollte, 
da die Häuser fest aus Stein erbaut waren und durch das Feuer 
höchstens das Dach verloren. Doch herrschte infolge dieser Züch- 
tigung und wegen des Umstandes, dass bloss die Christen, nicht 
aber die ebenso schuldigen Mohamedaner ins öefllngnis geworfen 
waren, eine sehr erbitterte Stimmung gegen die Türken, und unserem 
Gendarmen wurden nicht gerade freundliche Blicke zugeworfen. 
Nachdem wir den fast senkrecht abstürzenden Thalschluss 
der von mächtigen Trümmerhalden eingeengten Schlucht erklommen 
(1002 m) und einen finsteren Buchenwald durchmessen hatten, 
nahm uns eine zusammenhängende Reihe schmaler Karstmulden und 
die Einsamkeit des Porun-Gebirges auf. So schnell ändert sich mit 
den unvermittelt wechselnden Höhenunterschieden der Vegeta- 
tionscharakter, dass man in überraschend kurzer Zeit aus dem 
mit seinen Macchien, Granatäpfeln, Nuss-, Feigen-, Kastanien- 
l bäumen und Weingärten an südliche Verhältnisse erinnernden 

Rioli-Thale auf die Bergwiesen und in die nordischen Wälder des 
Hochgebirges gelangt. Oberhalb einiger leerstehender Sennhütten 
wurde an einem gleich wieder verschwindenden Karstbache das 
Nachtlager aufgeschlagen (1394 m) und am andern Meißen die 
Besteigung des unmittelbar vor uns aufragenden Maja Sterbic- 
Gipfels (1995 w) ausgeführt. Durch kräftige Buchen- und Fichten- 
bestände kletterten wir zu einem dünn bewaldeten Kar empor, 



^ 



367 

dessen zahllose Dolinen mit umfangreichen Schneeflecken erfüllt 
waren. Bald lag die Baumgrenze unter uns ; und über trügerische 
Schutthalden und metertiefe Schneelager ging es unaufhaltsam 
«ofwSrtB, bis endlich nach dreistündiger harter Kletterei die nackte 
Felsspitze erklonmien war. 

Durch seine Umrissgestaltung weicht der Porun auffallend 
TOD den früher besuchten Gebirgen ab. Dort walten rundliche 
Formen und eine dunkle Färbung vor, weil sich Kalk und Schiefer 
um die Herrschaft streiten und weil ein dichtes Wald- und Wiesen- 
kleid bis fast zu den Gipfeln hinaufreicht. Im Porun dagegen 
gdangt der Kalkstein und mit ihm der Karstprocess zu voller 
fiitwieklung, und da die jäh absttlrzenden Wände die Waldgrenze 
betrScbtlich überragen, so treten sie un verhüllt zu Tage und sind 
schon von fern an ihrem lichten Grau und ihren phantastisch zer- 
slgten Kämmen erkennbar. Hier konnten wir uns zum ersten 
Mile eine deutliche Vorstellung von der Wildheit und Beschaffen- 
Wt der Albanesischen Alpen machen. Ist doch der von Thürmen 
and Nadeln gekrönte und von zahllosen Klüften durchsetzte Porun 
mit seinen schaurigen Abgründen und Karen ein untrennbares 
Glied jenes ganz Ober- Albanien in einem gewaltigen Bogen durch- 
Echenden Hochgebirges. 

Auf demselben Wege, den wir gekommen, kehrten wir zur 
Pfiure von Eioli zurück, verliessen nach einer schlaflosen Nacht 
das sicfa zu einem schmalen Canon verengende Thal und durch- 
zogen die auf der Hochebene zwischen freundlichen Kastanien- 
iüinen versteckten mohamedanischen Dörfer DoÖi (529 m), Eepi§te 
798 m) und Reöi (427 tw). Dann ritten wir stundenlang durch 
eine langweilige, unmerklich zum Scutari-See abgedachte Karst- 
landschaft, um endlich durch die Niederung wieder nach Scutari 
mr&ckzuwandern. 

Nach Erledigung der unerlässlichen Vorbereitungen traten 
^ die achte Wanderung an, die wohl die beschwerlichste von 
«Ben war und uns tief ins Gebiet der Albanesischen Alpen brachte. 
Aaf ihr sollten wir zur Genüge die gesetzlosen, barbarischen Zu- 
•tiade kennen lernen, unter denen Ober- Albanien wegen der 
Blutrache, des Brigantenthums, der religiösen Gegensätze und des 
giazlichen Mangels an Schulbildung zu leiden hat. Niemand achtet 
Btthr die Obrigkeit, und kein Stamm traut dem anderen, sodass 
Haab und Krieg an der Tagesordnung sind, dass Ackerbau, Handel 
and Verkehr vollständig damiederliegen und dass infolge dessen 

Mhlli. d. k. k. GMgr. Gm. 1898. 5 n. 6. 25 



368 

ein allgemeiner Nothstand herrscht, der leicht erklärlicher Weise den 
Hang zum Räuberleben begünstigt. Diese unglaublichen Verhält- 
nisse sind es, die ein unbefangenes Urtheil über das bei aller Roh- 
heit stolze, kraftvolle und ritterliche Volk so sehr erschweren. Dazu 
kommt, dass man die Albanesen trotz ihrer Eigenart und ihres 
Alters geradezu vergessen hat, während ihre Nachbarn, die Grie- 
chen, Bulgaren, Serben und Montenegriner, mit Hilfe Europas schon 
seit Jahrzehnten ihre Freiheit und Selbständigkeit errungen haben. 

Auf unzähligen Zickzacks ging es am 20. Juli bei drückender 
Sonnenglut steil zur Öafa Biäkasit (1422 m) hinauf, und erst nach 
siebenstündigem Steigen war die schmale Einsattelung zwischen 
Maranaj und Porun erklommen, die aus dem Bereiche der immer- 
grünen Mittelmeerflora in die Region der nordischen Buche ftthrt. 
Gleich darauf mussten wir wiederum 800 m tief nach Gjoani, der 
Residenz des Erzbischofs von Pulati (632 m), hinabklettem. 

Monsignore Marconi, eine sehr sympathische Erscheinung, 
stammt aus Trient, wie denn ein grosser Theil der albanesischen 
Pfarren mit österreichischen Welt- und Ordensgeistlichen besetzt 
ist. Der eingeborene albanesische Clerus wird auf dem von 
Oesterreich unterhaltenen JesuitencoUeg zu Scutari erzogen, und 
Oesterreich bezahlt auch die Pfarrer, die übrigens wegen ihres 
Fleisses und wegen des gefahrvollen Lebens, das sie fllhren, die 
höchste Bewunderung verdienen und die einzigen gebildeten 
Menschen innerhalb eines wilden und barbarischen Volkes sind. 
Aus der weitgehenden Unterstützung Oesterreichs erklärt es sich, 
dass man in allen Pfarren das Bild des Kaisers Franz Joseph, 
selten oder nie aber ein Bild des eigentlichen Landesherm, des 
Sultans, findet, und dass der Kaiserstaat eine erfolgreiche poli- 
tische Propaganda unter den Eingebornen treibt, die ihre Spitze 
vor allem gegen die von Serbien und Montenegro mit russischer 
Hilfe betriebene Wiederaufrichtung des alten Grossserbischen 
Reiches richtet. Zwar hat auch Italien zur Förderung seiner Inter- 
essen einige Schulen gegründet, und die italienische Sprache spielt 
als Handels- und Unterrichtssprache eine nicht unwichtige Rolle. 
Aber dennoch besitzt nur Oesterreich einen wirklich maßgeben- 
den Einfluss, zumal es ohnehin schon als Schutzmacht der katholi- 
schen Albanesen in hohem Ansehen steht. 

Die eigentlichen nationalen Bestrebungen der Albanesen, die 
erst 20 Jahre alt sind, haben wegen der Ungunst der Verhältnisse 
kaum merkliche Fortschritte gemacht. Einmal fehlt eine allgemein 



369 

Tentftndliche Schriftsprache, denn die beiden Hauptstämme, die 
Gegen im Norden und die Tosken im Süden, sprechen zwei 
dorchaas voneinander abweichende Dialecte. Dann ist das ganze 
Volk in drei sich feindb'ch gegenüberstehende Religionsbekenntnisse 
lerspalten, wobei die Feindschaft zwischen griechisch- und römisch- 
Katholischen viel grösser ist als zwischen Christen und Mohame- 
daoem« Endlich ist auch das Nationalbewusstsein und die Erin- 
neniDg an die geschichtliche Vergangenheit so gut wie gänzlich 
▼erioren gegangen. Da Niemand lesen und schreiben kann und 
das Zeitungswesen in der Türkei streng überwacht wird, so ist 
eine Förderung des nationalen Gedankens nur durch agitatorische 
Thstigkeit unter dem Volke selbst möglich. Dies ist aber mit 
Lebensgefahr verbunden, zumal die türkische Regierung allen 
derartigen Bestrebungen natürlich feindlich gegenübersteht. Oben- 
drein würde eine nationale Selbstregierung ein Danaergeschenk für 
die Albanesen sein. Sie stehen unter allen Balkanvölkem noch 
tof der tiefsten Culturstufe und bedürfen nothwendig erst der 
Leitung zu höherer Bildung und Gesittung, um zur Selbständig- 
kdt reif zu werden. So oft sie bisher politisch hervortraten, wurde 
auch sofort ihre Uneinigkeit klar. Die scheinbar so mächtige 
ond ge&hrdrohende Albanesische Liga, die 1879 nach dem russisch- 
türkischen Kriege gegründet wurde, zerfiel sehr bald in drei 
Sooderbünde, von denen nur einer, die Liga von Prizren, mit 
Waffengewalt niedergeworfen werden musste. 

Nicht ohne Bedauern schieden wir von dem wackeren Bischof 
Marconi und wanderten über mehrere vom nackten Alpenkamm 
anaatrahlende Querriegel zum Pfarrdorfe Plandi (752 m), von wo 
tt» wir unsere Pferde nach Scutari zurückschickten, da sie uns 
w^en der jeder Beschreibung spottenden Wege eher hinderlich als 
ftrderlich waren. Statt der Saumthiere benutzten wir fortan Träger 
zom Fortschaffen unserer geringen Habseligkeiten und drangen am 
22. Juli ins Gebiet der räuberischen Öala ein. Kaum waren wir 
nach Passirang des tief eingegrabenen oberen Kiri-Thales (704 m) 
durch dichten Eichen- und Buchenwald auf die Öafa BoSit (1365 m) 
^"dtngt und hatten uns um unserer verschiedenen Beobachtungen 
viOen etwas von einander getrennt, als Dr. Baldacci eilends auf 
uteren Bas^latz zukam und schon von ferne rief: „Geht in 
Deckung und macht Euch schussbereit, die Albanesen kommen!^ 
In demselben Augenblicke fielen mehrere Schüsse, und die Ku- 
;?ehi flogen dicht über unsere Köpfe hinweg. Unter Führung 

25* 



370 

des verwegenen Nikola und unseres Gendarmen Ali wollten unsere 
Leute sofort zum Angriff auf die Räuberbande vorgehen, die einige 
hundert Schritte vor uns aus dem Gebüsch auftauchte, und erst 
nach erregten Verhandlungen gelang es uns, Freund und Feind 
von Thfitlichkeiten fern zu halten, worauf wir, wenn auch scharf 
beobachtet, so doch ungehindert ins 1000 m tiefere Sala-Thal ab- 
steigen konnten. 

Wegen dieses Zwischenfalles erhob Dr. Baldacci durch seinen 
Consul Beschwerde und sandte an eine Bologneser Zeitung einen Be- 
richt darüber ein. Dadurch hat er den Zorn eines jener im Auslande 
erscheinenden Blätter heraufbeschworen, die für die nationale albane- 
sische Sache eintreten. Der Angriff, dem jüngst ein zweiter gefolgt 
sein soll, ist so niedriger Art, dass er in einer wissenschaftlichen 
Zeitschrift eigentlich keine Aufnahme finden sollte. Da er jedoch 
Anschuldigungen enthält, die mich in gleicher Weise wie meinen 
Reisekameraden angehen, so seien mir einige Bemerkungen ge- 
stattet. 

Die zu Brüssel in französischer Sprache erscheinende „ Albania^ 
schreibt (1897) unter der Ueberschrift „Seht da, wie man uns be- 
leidigt!" folgendes: 

„Ein gewisser Antonio Baldacci, der sich Botaniker nennt, 
hat im verflossenen Juli eine Reise durch Albanien ausgeführt und 
von Scutari aus an die Zeitung „II Resto del Carlino" einen vom 
29. Juli datirten Brief geschickt, der uns erst lange nach seiner 
Veröffentlichung zu Gesicht kam. Die Beleidigungen, von denen 
er strotzt, sind erniedrigend und ausserordentlich beschämend für 
die Albanesen, und unseren in Albanien wohnenden Landsleuten 
kommt es zu, sich dafür zu rächen. Wir halten es für unsere 
Pflicht, die Schmähschrift jenes Italieners zu prüfen und ihre 
Lügen an den Pranger zu stellen. 

Als Baldacci mit sechs Begleitern in die Berge wanderte, 
hatte er einen Zusammenstoss mit einigen albanesischen Räubern, 
die natürlich, wie bekannt, wenig Muth besassen und vor dem 
tapferen Gärtner von Bologna die Flucht ergriffen. Sofort nach 
der Rückkehr beeilt sich der Gärtner, einen Bericht an den italie- 
nischen Consul aufzusetzen, der jedenfedls nicht verfehlt haben 
wird, die Räuber zur Bestrafung zu ziehen. Trotz dieser Prttfungen 
— Prüfungen und Leiden machen bekanntlich grosse Männer — 
ist der Italiener mit seinen Ausflügen sehr zufrieden, weil sie ihn 
ein noch durchaus jungfräuliches Land kennen lehrten und weil 



371 

imnmehr Stanley's Ruhm in Gkfahr geräth, durch jenen uner- 
wirteten Nebenhuhler verdunkelt zu werden. „Meines Erachtens*', 
8^ der infame Italiener^ „können sich die Stämme Australiens 
rühmen, weiter in der Cultur fortgeschritten zu sein als die Alba- 
Besen.'* 

Jetzt aber kommt der stärkste Anfall des Lügners und, bei 
Gott, man geräth beim Lesen desselben so in Entrüstung, dass 
mm sich scheut, ihn niederzuschreiben. Man möchte sich erheben, 
den Menschen aufsuchen und ihn niederschlagen. „Dem Fremden, 
der waghalsig genug ist, um in die Stadt Gusinje einzudringen, 
schieiden die Gusinjoten den Eopf ab, spiessen ihn auf einen 
P&U, stecken ihm eine Pfeife in den Mund und lassen ihn dann 
den Baben zur Beute." Welche geistige Verirrung hat jenem 
Diunmkopf die Erfindung solcher Phantastereien eingegeben? Er 
ittt ükigens die Anmaßung, seine Behauptung durch Thatsachen 
beweisen zu wollen, „indem der österreichische Consul nur durch 
ein Wunder den Gusinjoten entronnen sei, wobei 4 Compagnien 
Sddaten ihm zu Hilfe kamen.* Das ist wiederum eine unver- 
adimte Lüge. 

1. Wie würde der österreichische Consul, der Albanien 
k^^ehstwahrscheinlich kennt, nach Gusinje gehen, wenn es von 
Wilden bewohnt wäre? 2. Wenn der österreichische Consul bloss 
eine geringe Zahl von Begleitern bei sich hatte, während die 
Oosnjoten mehrere tausend Mann stark waren, warum fügten sie 
ik» da nicht, wenn sie gewollt hätten, vor Ankunft der vier 
Compagnien Böses zu? 3. Wenn die vier Compagnien zur Hilfe 
lierbeieilten, so war das Wunder nicht nothwendig. Wenn aber 
iu Wunder bereits geschehen war, dann waren die vier Com- 
pagnien unnütz. 4. Zweifellos hatte der österreichische Consul 
Dw ans einem der drei folgenden Gründe Scutari verlassen, ent- 
^w um christliche Gebiete aufzusuchen, weil Oesterreich die 
Sdmtzmacht der katholischen Albanesen ist, oder um mehreren 
^Ibinesigchen Begs einen Privatbesuch zu machen, oder um auf 
^ Jagd zu gehen. Wenn er sich dabei in Gusinje aufhielt, so 
kann es lediglich um einer jener drei Ursachen willen der Fall ge- 
'^»en sein, und deshalb ist es eine zu durchsichtige Lüge, die 
^nisinjoten als Feinde hinzustellen. 

Sehliessen wir. Genannter Baldacci hat unserem Volke eine 
itx achmählichsten Beleidigungen zugefügt. Baldacci ist Italiener, 
*öd Bebe Lügen sind ihm von der Wuth eingegeben, Italien durch 



372 

die Albanesen missachtet zu sehen. Nun wohl, erklären wir Italien 
die Rache und bemühen wir uns, alle Abenteurer jenseits der 
Adria aus unserem Lande zu vertreiben!" 

Welche Bewandtnis es mit den „Beleidigungen^ Baldacci's 
hat, das geht zur Genüge aus den eben geschilderten Reise- 
erlebnissen und aus den bald zu erwähnenden Greuelscenen hervor, 
so dass man in der That nicht weiss, wer besser oder schlechter 
ist, die Australier oder die Malissoren. Dann stimmen alle Reisenden 
darin tiberein und bringen auch die Beweise bei, dass die Arnau- 
ten auf einer tiefen Culturstufe stehen und dass die Zustände 
in ihrem Lande afrikanischer als in Afrika sind. Diejenigen 
Albanesen, die in behaglicher Sicherheit im gebildeten Europa 
leben, sollten, statt sich in maßlosen Angriffen zu ergehen, selber 
einmal ihre Heimat durchwandern, dann dürften sie wohl den 
durchaus der Wahrheit entsprechenden „Lügen** Baldacci's nicht 
ganz Unrecht geben und es b^reiflich finden, dass die Zuneigung, 
die er von Haus aus für die Albanesen hegte (Vgl. A. Baldacci, 
Die westliche Akroceraunische Gebirgskette. Mtlgn. k. k. Geogr. 
Ges. Wien 1896, S. 787, 788), bald erkalten musste. Aber auch 
unparteiisch urtheilende Albanesen pflichten ihm bei. Das zeigt 
eine Zuschrift, in der ein italienischer Eisenbahnbeamter alba- 
nesischer Herkunft Baldacci's Behauptungen bestätigt und neue 
Beweise für die in Inner-Albanien herrschende Anarchie beibringt. 
Die Bemerkungen über die Wildheit der Gusinjoten stammen von 
unserem Eawassen, der selbst ein Malissore ist, sich in Gusinje 
längere Zeit aufgehalten hat und ein zuverlässiger Gewährsmann 
zu sein scheint. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es übrigens 
auf türkisch-albanesischer und montenegrinischer Seite gang und 
gäbe, die Köpfe der getödteten Feinde aufzuspiessen. Und wie 
berüchtigt Gusinje, Ipek und Djakova in ganz Albanien sind, das 
geht daraus hervor, dass der Pascha von Scutari sehr bestürzt 
war, als das Gerücht ging, wir wollten Gusinje besuchen, und 
dass der Mutessarif von Prizren ein sehr nachdenkUches Gesicht 
machte, als ich den Wunsch äusserte, Djakova kennen zu lernen. 

Thatsache ist endlich, dass sowohl zu uns nach Abate als 
nach Scutari die Alarmnachricht gelangte, der österreichische 
Consul sei auf einer Reise durch das Land der katholischen 
Klementi von den Gusinjoten überfallen und nur mit Mühe und 
unter Aufgebot der türkischen Garnison von Gusinje gerettet 
worden. Herr Ippen hat allerdings sofort nach seiner Rückkehr 



373 

das Gerücht für falsch erklärt und ist wirklich einige Tage in 
Gosinje gewesen, aber erst, nachdem vorher die Einwilligung der 
Bewohner eingeholt und ihm eine Militär- Eskorte beigegeben war. 

Jedenfalls hält es, wie schon einer der besten Kenner jenes 
Gebietes, J. G. v. Hahn, betont, sehr schwer, in Albanien die 
Wahrheit zu suchen. Schon in Scutari sind wegen des mangelnden 
Verkehrs die widersprechendsten, ja zum Theil unrichtige An- 
sehanongen über Inner- Albanien verbreitet, und darum sollten die 
Bemerkungen Dr. Baldacci's doppelte Beachtung finden. Ist er 
auch kein Stanley, so kann man ihn ohne Uebertreibung den 
Stanley der westlichen Balkan -Halbinsel nennen, die er auf 13 an 
Mühen und Gefahren tiberreichen Beisen von Kreta bis nach 
Montenegro mit unermüdlicher Ausdauer durchwandert hat.^) 

Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu unserer Reise 
rorück. E[aum lichtete sich der Urwald, der auch die zum Sala- 
Hial abfallenden Gehänge der Öafa Bosit bekleidete, als am jen- 
seitigen Flussufer die nackten Kalkwände des §ala-Gebirges auf 
emer steil geböschten, mit Dörfern, kleinen Feldern und grünen 
Wiesen bedeckten Unterlage sichtbar wurden, während sich zu 
unserer Linken die Ober-Albanesischen Alpen in wilder Majestät 
anfthtlrmten. Die fast noch ganz unbekannte Hochgebirgsmauer 
äelh die eigentliche Grenze zwischen der griechischen und monte- 
negrinisch-dalmatinischen Pflanzenwelt dar, und unter den 50 
höchsten Gipfeln, von denen bisher sehr wenige bestiegen und 
gemessen sind, haben einige jedenfalls gegen oder über 3000 m 
Meereshöhe. Gewaltige, das Jahr überdauernde Firnmassen lagern 
in den zablloBen Klüften, Karen und Dolinen des stark verkarsteten 
E^ükgebirges ; und wenn man auch kleine Gletscher noch nicht 
mit Sicherheit nachgewiesen hat, so ist bei der Höhe des Gebirges 
ttöd der Rauheit des Klimas ihre Anwesenheit keineswegs ausge- 
schlossen. Ja, es ist sehr möglich, dass die jüngst von Cvijiö in 
den bosnisch-hercegovinischen Alpen, auf der Treskavica, dem 
Prenj und im Durmitor gefundenen Gletscherspuren bei genauerer 
Untersuchung sich hier ebenfalls nachweisen lassen. Wenigstens 
sprechen die im Porun- und Öala- Gebirge angetroffenen Kare, 
Schneegruben und andere Erscheinungen durchaus daftlr. Doch 



^) Diesen Sommer plant er eine neae Reise ins montenegrinisch-albanosische 
GrazUnd nnd will dabei yersnchen, einen Verstoss ios Prokletija-Gebirge zu 
QBteniebm«!. 



374 

werden die Untersuchungen dadurch erschwert, dass die Glacial- 
erscheinungen durch die Tbätigkeit des Karstproceflses vielfach 
verwischt oder vernichtet worden sind. 

Auf dem Weitermarsche wurden wir durch die unverschämte 
Bettelei der schmutzigen und in Lumpen gehüllten, aber stets be- 
waffneten Eingeborenen unangenehm belästigt Der Reinlichkeits- 
sinn scheint den christlichen Bergstämmen völlig verloren gegangen 
zu sein. Denn während die Mohamedaner in ihrem Leben wenigstens 
zweimal, am Tage ihrer Geburt und des Todes, gewaschen werden, 
ist bei den Christen auch dieser zweite Tag in Wegfall gekommen, 
da die Todtenwäsche ein wichtiger mohamedanischer Brauch ist 
und schon deshalb von jedem guten Christen strengstens unter- 
lassen werden muss. Wir waren froh, als wir in der reinlichen 
Pfarre Abate (763 m) anlangten und vom Pater Camillo, einem 
kenntnisreichen Franziskaner aus dem Trentino, mit offenen Armen 
empfangen wurden. Der würdige Geistliche verwaltet einen der 
entsagungsvollsten und gefUhrlichsten Posten, da in dem ganzen Ge- 
biete die Blutrache einen furchtbaren Umfang angenommen hat, 
Gerade am Abend unserer Ankunft wurden von den Leuten des 
Nachbarstammes vier Sala erschossen, die an einer vom frei- 
gegebenen Wege abliegenden Quelle eingeschlafen waren. 

Die Blutrache ist die furchtbarste Geissei Ober-Albaniens. 
Ihr gegenüber ist der Einfluss der Religion bisher vergeblich ge- 
wesen. Denn sie steht über jeder Religion und wird nach den 
grausam-strengen Vorschriften einer uralten ungeschriebenen Ge- 
setzessammlung, des Eanuni Dukagjinit oder Dukagjiners Rechts, 
ausgeübt. Ist auch die Blutrache als erstes Anzeichen eines be- 
ginnenden Rechtsschutzes freudig zu begrüssen, so sind ihre 
Schattenseiten ebenso sehr zu verurtheilen, da sie oft beim nich- 
tigsten Anlass vom Zaune gebrochen wird oder als willkommener 
Vorwand zu unrechtmäßigen Handlungen dient. Weil sie auch 
bei imgünstigen Zeugenaussagen gehandhabt wird, so sind die 
meisten bloss gegen hohe Belohnung und unter der ausdrücklichen 
Bedingung, im Geheimen verhört zu werden, zu einer Aussage 
bereit und leisten selbst dann noch oft einen fabchen Schwur. 
Kann man des eigentlich Schuldigen nicht habhaft werden so 
trifft die Blutrache alle seine männlichen Anverwandten, und 
weil jedes Opfer Vergeltung erheischt, so erbt die Rache- 
pflicht vom Vater auf den Sohn fort. Dieser erbitterte Kampf 
Aller gegen Alle erklärt es, dass in Ober-Albanien 25 — 75% der 



375 

mftDnlichen Bevölkertmg eines unnatürlichen Todes sterben. Zahl- 
reiche andere müssen schuldig oder unschuldig die Heimat ver- 
lassen and ihr ganzes Leben in der Fremde zubringen; da ihrer 
ZQ Hause sofort die Bache wartet. 

Die Blutrache wird nur dann unterbrochen, wenn gegenseitige 
Versöhnung eintritt oder wenn äussere Feinde drohen; z. B. herrschte 
während des griechisch-türkischen Krieges allgemeiner Friede, der 
aber nach der Rückkehr der albanesischen Freischaren sofort wieder 
aufgesagt wurde. Femer kann die Blutrache; wenn der Gegner 
darauf eingeht, auf Wochen, Monate oder gar Jahre aufgeschoben, 
me aber aufgehoben werden, und wehe dem, der diese heiligste 
Pflicht vei^essen sollte. Herr Ingenieur ßavotti in Scutari, in 
dessen Familie wir täglich aus- und eingingen, hatte einen alba- 
nesischen Koch namens Franc, einen altem, treuherzigen, sprach- 
gewandten Mann, der mich allabendlich nach Hause geleitete. Vor 
ungefähr 20 Jahren nun, als Franc noch in seinem Heimatsdorfe 
bei Puka lebte, wurde ein Landsmann, den er nachts zuvor bei 
sich aufgenommen hatte, unterwegs ermordet. Nach albanesischem 
Hechte war in diesem Falle der Wirth gehalten, das Verbrechen 
zu sühnen. Franc aber, der inzwischen im Auslande Dienste ge- 
nommen hatte und erst vor kurzem nach Scutari zurückgekehrt 
war, unterliess es und fiel dadurch der Rache der Angehörigen 
des Ermordeten anheim. Da man ihm in der volkreichen Stadt 
nichts anhaben konnte, griff man zur List. Wenige Wochen nach 
unserer Abreise erhielt er die Nachricht, sein Sohn sei schwer er- 
krankt und wünsche, vor seinem Hinscheiden den Vater noch 
einmal zu sehen. Sofort machte sich der zu Tode Erschrockene 
auf den Weg. Aber plötzlich traten ihm zwei Männer entgegen, 
hielten ihm' das Gewehr auf die Brust und bedeuteten ihn, er 
möchte seine Seele Gott befehlen. Als der arme Franc sah, dass 
^ fär ihn keine Rettung mehr gab, nahm er seinen Fez ab, schlug 
ab guter E^atholik drei Kreuze und sank dann, von zwei Kugeln 
durchbohrt, todt zu Boden. 

Besonders dadurch greift die Blutrache empfindlich ins Leben 
der Eingeborenen ein, dass die Familienzwistigkeiten nicht selten 
Txi blutigen Stammesfehden anwachsen, die schliesslich zur Ver- 
iiichtung des schwächeren Theiles führen. Dass unter solchen Ver- 
hähnisseii die gegenseitigen Beziehungen gleich Null und viele 
Albanesen über ihre heimatliche Dorffliir nicht weit hinausge- 
kommen sind, lässt sich denken. Die besten Viehweiden bleiben 



a76 

unbenatzt, der Ackerbau ist auf die allerDächste Umgebung der 
Siedelungen beschränkt, und auf grösseren Wanderungen sucht 
man stets in Begleitung mehrerer Dorfgenossen auszugehen. Trifft 
der Albanese auf einsamem Pfade mit einem I^andsmann zusammen, 
den er nicht kennt, so fragt er zunächst nach seiner Stammes- 
zugehörigkeit, und oft geschieht es, dass ein Schuss die Fortsetzung 
der Unterhaltung bildet, da die Ehre verbietet, einen falschen 
Namen zu nennen. Nur die Kirchen und einige durch gegen- 
seitiges Uebereinkommen für neutral erklärte Plätze gewähren eine 
unantastbare Freistatt, und ebenso sind einige Wege f^ den un- 
gehinderten Verkehr freigegeben. 

Als wir nach dem Besuche des Öala-Gebirges (d^r von uns 
bestiegene Gipfel 2019 m) Abate verliessen, baten uns mehrere 
Bettler, die durch die Blutrache ins Elend gestürzt waren, rührend 
um ein Almosen. Unter ihnen befand sich eine arme Witwe, die 
durch den schrecklichen Brauch ihren Mann und ihre Söhne ver- 
loren hatte. Weil der Waffenstillstand zwischen den einzelnen Stäm- 
men aufgehoben war, so wanderten wir mit peinlichster Vorsicht 
auf den rechtsseitigen Höhen des Sala-Flusses durch Eichen- und 
Kastanien wald nach Seher Öoäit (660 m), dem Hauptorte der Boäi, 
weiter und stiegen dann über die Öafa Mali ÖoSit (1254 t») jäh 
und unvermittelt zum Dorfe Prekali (214 m) im Kiri-Thal hinab. 
Dort bat uns ein Greis um Vermittelung, natürlich handelte es 
sieh wieder um eine Blutracheangelegenheit. Aus demselben Grunde 
wollte uns kein Mann durch die nunmehr von Mohamedanem 
bewohnten Ortschaften des Kiri-Thales führen und, so gab uns 
eine alte Frau bis nach Scutari das Geleit. Die Vegetationsverhältnisse 
des tief eingegrabenen Canons sind sehr eigenartig. Obwohl man 
schon mehrere Kilometer oberhalb Prekali Feigen, Carpinus-Gebüsch, 
Kastanien und Wein antrifft, sind die Gehänge auch mit dichten 
Eichenbeständen und, mitten im Bereich der Mittelmeerflora, mit 
stattlichem Buchenwald bedeckt. Thalabwärts wird der Wald 
dürftiger, und die Mediterranflora gewinnt zusehends die Oberhand. 
Unter dem Buschwerke der Macchien sind namentlich Qranat- 
sträucher häufig, in den Obstgärten gedeihen Oliven und Melonen, 
und endlich stellt sich auf den schmalen Felsterrassen beiderseits 
des Kiri die Olive ein. 

In Prekali war das unbestimmte Gerücht verbreitet, dass der 
Wali für seine Verwaltungsthätigkeit und die den Christen be- 
wiesene Fürsorge zum Muschir oder Feldmarschall ernannt worden 



377 

sei und eine Gehaltserhöhung erhalten habe. Leider hatte das 
Gerücht wieder einmal gelogen. Denn in Wirklichkeit war der 
Pascha um seinen Abschied eingekommen, weil die Mohamedaner 
TOD Scutari über seine Christenfireundlichkeit beim Sultan Klage 
geftihrt hatten. An seine Stelle war der Muschir Kiasim Pascha 
berufen worden, der zur Zeit der Armeniergemetzel Stadthauptmann 
von Constantinopel war und dem infolgedessen kein freundlicher 
Ruf vorausging. Als nun unser Abenteuer auf der Cafa Boäit 
ruchbar ward und noch dazu das ebenfalls unwahre Gerücht auf- 
tauchte, dass der österreichische Consul mit knapper Noth einem 
Angriffe der fanatischen Gusinjoten entronnen sei (vgl. S. 372), da 
wollte der Wali keine Verantwortung mehr übernehmen und 
untersagte uns fernere Ausflüge. Sein Verbot war vielleicht 
wegen der Unsicherheit im montenegrinisch-albanesischen Grenz- 
lande und im Prokletija- oder Bjeäka Nemuna-Gebirge, die wir 
als nächstes Reiseziel bestimmt hatten, nicht ungerechtfertigt. 
Deshalb lenkten wir unsere Schritte ins Küstengebirge Rumija, 
das den Scutari-See vom Adriatischen Meere trennt und auf dem 
die Grenze zwischen Montenegro und der Türkei verläuft. So hatten 
wir Gelegenheit, das uns so sympathische Land der Schwarzen 
ßei^ wiederzusehen, und hatten zugleich die Genugthuung, mit 
dieser letzten Wanderung unsere ober-albanesischen Streifzüge 
abzoschlieflsen. 

Freilich schien es, als ob uns das günstige Geschick, das 
uns bisher zur Seite gestanden, verlassen wollte. Denn erst bereiteten 
nns die Türken Schwierigkeiten, weil wir keinen Gendarmen mit- 
nahmen. Dann überfiel unsern Nikola ein heftiges Fieber, so 
da« wir nur Schritt für Schritt und unter grossem Zeitverlust in 
das zwar grösstentheils entwaldete und wild verkarstete, aber 
fläang bebaute Kalkgebirge eindringen konnten. Die Albanesen 
des Küfitengebirges, unter denen die Blutrache längst erloschen 
ist, gemessen im ganzen Orient als tüchtige Gärtner einen wohl- 
verdienten Ruf und haben durch einen hochentwickelten Garten- 
ond Terrassenbau jedes verfügbare Bodenfleckchen ausgenutzt 
Sehade nur, dass sie auf der östlichen Abdachung der Rumija 
wegen des empfindlichen Quellenmangels auf schlechtes Cisternen- 
wasser angevnesen sind. 

Nachdem wir unweit unseres Nachtquartiers Ostroä (281 m) 
die monten^rinische Grenze (231 m) überschritten hatten, kamen 
wir in einen ausgedehnten Kastanienwald und traten dann in eine 



378 

zusammenhängende Kette lauger Earstpolje ein, die erst jenseits 
des freundlichen Beckens von Livari (496 m) durch einige Quer- 
thäler unterbrochen wurden. Durch einen Verstoss ins enge Quer- 
thal von MuriiS wurde die Verbindung mit dem 1891 begangenen 
Wege Murid-Antivari hergestellt und am nächsten Tage mit der 
Besteigung des Rumija-Gipfels (1593 m) begonnen, der durch 
seine weithin sichtbare Eegelgestalt das Gegenstück zum Maranaj 
bildet. Da Nikola fortwährend vom Fieber geplagt wurde und ich, 
vermuthlich wegen des schlechten Trinkwassers, ebenfalls leichte 
FieberanföUe verspürte, so gehört diese Bergfahrt zu unseren unan- 
genehmsten Reiseerinnerungen. Müde und matt kamen wir nach 
vierstündiger Kletterei auf der jäh emporragenden Spitze an, die 
in Zweidrittel ihrer Höhe eine Sennerei (975 ni) mit einigen 
Cistemen (1035 m) trägt. Den Fuss umsäumen Eichen und Kasta- 
nien, dann folgt nackter Kalkfels und erst oberhalb der Sennerei 
setzt bis fast zum Gipfel hinauf ein wenig ausgedehnter Buchen- 
wald ein, der auch fleckenweise auf den Nachbarhöhen wieder- 
kehrt. Lange bewunderten wir die prächtige Rundschau, die 
das adriatische Küstengebiet, die geräumige Bai von Antivari und 
die Uferlandschaften des Scutari-Sees bis zu den Alpen Albaniens 
und den fernen Gebirgen Mittel-Montenegros umfasst. Auf selir 
steil geböschtem Trümmerhange, der hie und da von krüppeligen 
Eichen bedeckt ist, arbeiteten wir uns mühselig zum quellen- 
reichen Schieferthale von Mikuliöi (950 m) hinab und langten nach 
Passirung eines neuen, von Buchenwald umgebenen Passes, der 
Öafa Minöica (1186 m) nach 5 Uhr abends völlig erschöpft im 
Dorfe Megjureö (819 m) an. 

Obwohl die Bewohner Mohamedaner waren, gingen die Frauen 
nicht verschleiert und bewirteten uns freundlich mit schwarzem 
Kaffee, wobei sie jedesmal, wenn sie uns die Tassen gereicht 
hatten, durch Auflegen der Hand auf Brust und Kopf das Zei- 
chen des türkischen Grusses machten. Die Männer hingegen zeig- 
ten sich ausserordentlich zurückhaltend, und an ihren zahllosen 
Kreuz- und Querfragen merkten wir sofort, dass das freie Mon- 
tenegro hinter uns lag, und dass wir wieder in einem Staate ange- 
langt waren, wo man auf Schritt und Tritt bewacht und beobachtet 
wird, und wo auch die Bevölkerung durch das Polizeispitzelthum 
angesteckt worden ist. Am folgenden Morgen gab uns unser "Wirth 
das Geleit, bis wir den von Antivari nach Scutari führenden Han- 
delsweg erreichten. Noch ein zwölfstündiger Marsch über die meist 



379 

aus bunt£Eu:bigeii Schiefern zusammengesetzten Südausläufer des 
Eö^engebirges und durch die unabsehbare, im übrigen genau der 
Drill-Ebene gleichende Bojana-Niederung, dann langten wir am 
4. August zum letzten Male in unserm Standquartier an. 

Nun waren die Gefahren und Anstrengungen der Reise ver- 
gessen; wenige Tage noch und das ungastliche Ober- Albanien lag 
hiBter mir. Bald war Abschied von den Scutariner Freunden ge- 
nominenj und am 7. August traf ich abends auf bekanntem Wege 
in San Giovanni di Medua wieder ein. Da an demselben Tage 
der neue Wali angekommen war und von den Standespersonen 
ScQtaris feierlichst eingeholt wurde, so herrschte im Hafen reges 
Leben, und mit Hilfe des österreichischen Postiers und des unver- 
meidlichen Bakschisch ging die Einschiffung ungehindert von 
statten. Nicht so glücklich war mein treuer Reisegefährte, dessen 
Schiff einige Tage später von Medua abfuhr. Er wurde von den 
ttirkischen Behörden, die in ihm erst einen Kartenzeichner und 
dann einen Revolutionär ergriffen zu haben glaubten, fünf Tage 
lang festgehalten und konnte erst infolge des Einspruches seines 
Consols am 18. August die Rückreise antreten. Zu dieser Zeit 
brfuid ich mich längst in Sarajevo, um in dem blühenden Cultur- 
land Bosnien und Hercegovina, das Oesterreich aus den einst so 
▼enrahrlosten türkischen Provinzen geschaffen, von den Anstren- 
gungen der Reise auszuruhen. Möchte doch auch in Ober- Albanien und 
in den anderen, unter türkischer Herrschaft schmachtenden Gebieten 
recht bald solch^ neues Leben einziehen ! Zwar kann man dem 
önzelnen Türken als Menschen seine Achtung nicht versagen, 
ttnd ich bringe gar manchem aufrichtige Zuneigung entgegen. Aber 
das morsche Gebäude des türkischen Staatswesens ist eine Schmach 
ftr die europäische Cultur und Diplomatie und sollte je eher je 
Heber aus Europa verschwinden, wohin es nicht mehr gehört. 



^^ 



t 



Des österreichischen Geographen Qeorg Matthaens 
Vischer letztes Lebensjahr. 

Von Dr. P. Altmann Altin^r, Benediktmer von Kremsmaoster. 
Mit zwei Beilagen. 

Nachfolgende kleine Arbeit, die ich auf Anregung meines 
verehrten Mitbraders, P. Franz Schwab, Directors der Sternwarte 
von Eremsmünster, übernommen habe, soll eine Lücke in der 
. Biographie des bekannten Geographen Georg Matthäus Vischer 

g ausfüllen. Josef Feil, der die vollständigste Abhandlung über 

|.^ diesen verdienstvollen Mann geliefert und mit vieler Sorgfalt die 

f Literatur, die auf ihn Bezug hat, soweit es ihm möglich war, ge- 

" sammelt hatte, ^) ahnte nicht, dass im Archive von Eremsmünster 

^ einiges schlummere, das geeignet sei, seinen Wunsch „sich über 

den Zeitpunkt seines Ablebens und über die Frage, wo seine Asche 
ruht, Gewissheit zu verschaffen" der Erfüllung nahe zu bringen. ^) 
Und doch hatten die Hauschronisten Eremsmünsters, die vor Feil 
geschrieben, wie Pachmayr, Hartenschneider, Hagn, nie vergessen, 
Yischer's Thätigkeit in unserem Hause ausdrücklich zu erwähnen. 
\ So schreibt schon Marian Pachmayr, da er die Sorgfalt des Abtes 

•. Erenbert IL Schrevogel (1669—1703) fllr die wissenschaftliche Aus- 

bildung seiner Capitularen bespricht : ^) „ Quam vis igitur corporis 
cura praesulem teneret, nihilominus antiqua sua pro litterarum 
incremento studia persequutus in familiaribus suis salario donatis 
celeberrimum geographum Qeorgium Matthaeum Vischer numeravit 
cum in finem adductum. ut iuniores coenobitas geographiae amore 
captos eins quoque praxin doceret.*' Hartenschneider, der unseren 

') „lieber das Leben und Wirken des Geographen Georg Matthäus Vischer* 
in den Berichten und Mittheilangen des Alterthums-Vereines zu Wien, Bd. II, 
S. 7—86, 1857. 

«) 1. c. p. 85. 

*) P. Marian Pachmayr, Historico-Chronologica Series Abbatum et Reli« 
giosorum Monasterii Cremifanensis MDCCXXX. Pars III, p. 576. 



381 

Geographen mit dem berühmten Architekten Viecher von Erlach 
zu verwechseln scheint, erwähnt eine weitere Thätigkeit dieses 
Hannes in unserem Hanse, wo er von den genauen Grundver- 
messimgen spricht, die unter Abt Erenbert vorgenommen wurden, 
indem er an jener Stelle sagt: ^) „Hierbey leisteten ihm insbeson- 
d^ die Kenntnisse und die Geschicklichkeit des durch seine 
Landkarten von Oesterreich und Steiermark wohlbekannten Georg 
Matthäus Vischer von Erlach (nachmals Pfarrer in Grünburg ^) 
und landständischer Geograph) und eines wohlgeübten Geometers, 
Clemens Peitler von Ebersberg, vorzüglichen Beistand." 

Theoderich Hagn endlich sagt gelegentlich der Erwähnung 
der Erweiterung des mathematischen Museums unter jenem Abte:^) 
„Mehreres kaufte der Abt, unter andern alle Instrumente und 
Böcher des rühmlich bekannten Mathematikers Vischer. Mathe- 
matik liebte er überhaupt in hohem Maße und Hess darin auch 
seine jungen Geistlichen unterweisen, eben durch jenen Vischer." 
Nach der Arbeit FeiFs erschien die Geschichte unserer Sternwarte 
Ton P. Sigmund Fellöcker, in der unser Kartenzeichner P. Gabriel 
Fanconet und unser Topograph P. Wilhelm Pichler als Schüler 
\ öcher's angeführt werden. *) In der eingehenden Arbeit v. Zahns ^) 
ist yon Beziehungen desselben zu Kremsmünster nicht die Rede, 
wohl aber spricht Edlbacher ^) und auf ihn basierend C. Pamer '^) 
Ton solchen, wenn auch diese Beziehungen bei beiden um fast 
20 Jahre zu früh angesetzt werden ; denn am Entwürfe der grossen 
Karten über die Landgerichts- und Wildbannbezirke hat Vischer 
nicht theilgenommen, diese zeichnete der Maler Clemens Peitler 

^ P. Ulrich Hartenschneider: Historische und topographische Darstellung 
VW dem Stifte Kremsmünster, p. 186. 

') SoÜ heissen Leonstein; das Wort , nachmals" könnte leicht irreführen; 
Micker gah ja bekanntlich mit bischöflicher Erlaubnis seine Stellung als Pfarrer 
Ton Leonstein ganz auf und war nur landständischer Geograph. 

*) Th. Hago, Bas Wirken der Benedictiner- Abtei Kremsmünster für Wissen- 
■chaft, Kunst und Jugendbildnng, p. 56. Vergleiche auch p. 90. 

'*) P. Sigmund Fellöcker, Geschichte der Sternwarte der Benedictiner Abtei, 
Knoimünster 1864, p. 8. 

*) Josef von Zahn, G. M. Vischer und sein Wirken in Steiermark, in Mit- 
tkeünngen des bist Verems für Steiermark Heft, 24, 29, 30. 

^ Ludwig Edlbacher, Landeskunde von Oberösterreich, Wien 1883, p. 310. 

') C. Pamer, Qtorg Matthäus Vischer. Ein österreichischer Geograph. 
^*rognunm des Staats-Obergjmnasiums zu Mitterburg 1886, p. 25. Pamer bringt 
••«ntlich nichts neues, verwertet aber in geschickter Weise das urkundliche 
lUterialr. Zahn's. 



382 

unter Mithilfe des Marcellin Knoblauch allerdings, im Jahre 1678. 
Erst am Abende seines Lebens, im Jahre 1696, hielt sich Vischer 
längere Zeit in unserem Hause auf, 1678 dürfte er überhaupt 
nicht in Oberösterreich gewesen sein. Während des Aufenthaltes 
in unserem Stifte fELhrte er allerdings auch eine kleine karto- 
graphische Arbeit aus, wie weiter unten gezeigt werden wird; 
aber diese Arbeit ist ganz unbedeutend und hält keinen Vergleich 
aus mit den grossen Karten, die im Jahre 1678 angelegt wurden. 
Seine Hauptaufgabe, die er im Auftrage des Abtes hier lösen sollte, 
war eine ganz andere ; er sollte mehrere junge Capitularen in 
Geographie, Mathematik und Kartographie unterrichten. Ein 
Moment, an und ffir sich ziemlich wertlos, in unserem Falle aber 
gewiss nicht ohne Bedeutung, mag auch gleich kurz erwähnt wer- 
den. Bis jetzt wusste man sehr wenig darüber, auf Grund welcher 
Studien und mit Hilfe welcher Instrumente Vischer seine Arbeiten 
ausgeführt; man musste sich bezüglich des letzten Punktes be- 
gnügen mit den Abbildungen von Instrumenten, die sich am Rande 
seiner Karten, namentlich der von Steiermark, eingetragen finden. 
Auf Grund der Andeutungen FeiPs bemühte ich mich, mit Hilfe 
der UniversitätAnatrikeln erfahren zu können, wo Vischer seine 
Studien, besonders die der Theologie, gemacht habe; leider war 
aber meine Anfrage in Augsburg, München, Salzburg und Strass- 
burg trotz des freundlichsten Entgegenkommens der maßgebenden 
Behörden von keinem positiven Resultate begleitet. Einigen Er- 
satz aber hiefür scheinen zwei Verzeichnisse zu bieten, die sich 
noch in unserem Archive befinden. Vischer verkaufte nämlich 
eine Anzahl von Büchern und Instrumenten unserem Stifte, deren 
Register, von ihm selbst eigenhändig geschrieben und mit seinem 
Namen unterfertigt, uns einigermaßen einen Schluss auf seine fach- 
männische Bildung zu machen gestatten. 

Das erfreulichste Ergebnis aber ist ohne Zweifel dies, dass 
es an der Hand von authentischen Documenten leicht sein wird, 
nachzuweisen, dass die eben skizzierten Beziehungen unseres Geo- 
graphen zu Kremsmünster in eine Zeit fallen, über die bis jetzt 
tiefes Dunkel gehüllt war, ja, dass es selbst gelang, sein Todes- 
datum und den Ort, wo er gestorben ist, zu bestimmen. Schon 
V. Zahn konnte gegen Feil, der meinte, Vischer sei noch im 
Jahre 1695 zu Wien gestorben, ^) nachweisen, dass er am 10. März 



^) Josef Feil 1. c. p. 86. 



383 

1696 jedenfalls noch gelebt habe ; ^) ohne weiter auf seine Be- 
grfindQDg einzugehen, will ich nur erwähnen, dass t. Zahn als 
Todesjahr 1699 anzunehmen geneigt ist. ^ Meine Aufgabe ist es 
oaD, za zeigen, dass Vischer's Aufenthalt in Eremsmünster in die 
Zeit Tom März bis November 1696 fällt, wobei März und Novem- 
ber nur im allgemeinen die termini a quo und ad quem bezeichnen 
aollen, femer, dass er ganz bestimmt am 13. December 1696 starb, 
und zwar nicht in Wien, sondern in Linz, nachdem er Krems- 
münater kaum einen Monat früher verlassen hatte. 

Ich will im Folgenden die beweisenden Documente gleich mit 
in den Text hinein nehmen; sie sind sämmtlich Beilagen zu den 
Eammereirechnungen unseres Stiftes, die in ihren bis ins kleinste 
Detail gehenden Mittheilungen eine unerschöpfliche Quelle für 
die Geschichte unseres Hauses, namentlich für dessen Cultur- 
geschichte abgeben. *) 

Vorerst will ich die zwei Verzeichnisse mitthcilen, die einiges 
licht auf die theoretische und praktische Fachbildung unseres 
Qe<^raphen werfen. Das erste (Beilage Nr. 277 zu den Eummierei- 
redmungen des Jahres 1696) lautet: 

Specification der verkhauflichen Mathematischen Bücher. 

Cttrsos Mathematicus in folio 6 fl. 

Organum Mathematicum 4 fl. 

Sebastian! Serlii Architecti Romani von der Geometria, 
Perspectiva, Architectura civili antiqua in Grund und 

au£eügen in folio 6 fl. 

Dayid Funken Saulenbuech mit leicht verstandlicher Lehr 

in folio 2 fl. 

Opüsculum G^ographicum Joannis Mauritii ordinis Melitensis 

in folio 1 fl. 

Aofizog aus vhralter Meßkunst Archimedis von Joanne 
Kdplero kaisserl. vnd oster. ob der Enns Mathe- 
matico in folio 1 fl. 

^) T. Zahn 1. c. Heft 24, p. 32; Pamer 1. c. p. 27. 

*) r- Zahn L c Heft 24, p. 47; Pamer 1. c. p. 27. Anton von Preu, der 
tack eine kleine Abhandlang über unseren Geographen ins bekannte vaterländische 
Hiveabacfa aofgenommen hat (Neues illustrirtes vaterl. Ehrenbuch I, p. 574—577) 
»pricht aicb über das Todesjahr nicht naher aus ; seine Arbeit ist nur ein Auszug 
>» Feil nnd v. Zahn. 

•^ Schon P. Bonifaz Schwarzenbrunner hatte in sein gross angelegtes ver- 
feitliches Werk: „Vorarbeiten zu einer Geschichte Kremsmünsters", einen Aus- 
zof aas diesen Eammereirechnungen aufgenommen. 

MhO. d. k. k. O«ogr. Gm. 1898. 6 n. 6. 26 



I K — U ^ 



\ 



384 

Theatram mundi et temporis darinnen alle Sternbilder in 
figoren foliant 1 fl. 

Philippi Harstorffers Deliciae Mathematica (sie!) in drey 

gebunden vnd quart 7fl.30kr. 

Doctoris Henrici Glareani Geographia item Mappa Europae 
eigentlich ftlrgebildt vnd beschriben darbey auch Pom- 
ponii Melae Cosmographia dessgleichen Antonii Be- 
chariae de situ orbifl Item auch Cosmographia dans 
manuductionem in tabulas Ptolomaicas geographicas. 
Mehr Cosmographia Petri Apiani Professoris Mathe- 
seos Ingolstadii leßtlich Planiglobium Terrestre Isaaci 
Ebtbreeti in einem bundt vnd quart 3fl. 

Mehr Architectura civilis mit vil kupferstichen in folio .Ifl. 

Theatrum Grammatieale auf einem R^alblatt darbey In- 

formatorius liber in octav 2fl.30kr. 

Meine vnterosterreichische landkarten Ifl. 30 kr. 

Mein ganz neue Steyrische Topographia mit 500 blatt 
kupferstich 6fl. 

Joannis Schon eri opera Mathematica impressa Norimbergae 
Anno 1551 ubi multa de Nativitatibus homium item 
de globis Armillari astronomico et Geographico nee 
nonde Theoria Planetarum in rarissimis figuris . .9fl. 

Denen jungen Herren, die ich instruiert habe, haben von 
mir empfangen: 6 Büchel, darinnen 3 Astronomiae 
vnd d Geographiae . 2fl. 24kr. 

Item hab ich hergeben ein geschliffenes glaß zu dess Herren 

Prelaten Species kastl Ifl. 30 kr. 

Dan dass £ißen Instrument viatorium genannt, so die 

klaffter in wehrenden Fahren zöhlt 8 fl. 

Erenbert Abt (mp.) 

Georg Matthäus Vischer. 

Alle diese mathematischen und geographischen Bücher nebst 
den Instrumenten an den zwei letzten Stellen wollte Vischer also 
dem Abte verkaufen; sie scheinen auch handelseinig geworden 
zu sein bis auf die „vnterosterreichische Landkarten^ und auf die 
„ganz neue Steyrische Topographia** ; denn diese zwei Nummern 
wurden sammt ihrem Preise durchgestrichen. Vischer, damals 
schon über 68 Jahre alt, wollte vielleicht seine Thätigkeit auf- 
geben und sich in den Ruhestand zurückziehen; um seine mate- 
rielle Lage ein wenig aufzubessern, wollte er sogar seine Bibliothek 



385 

und seine Instrumente verkaufen; denn dass seine Finanzen auch 
am Abende seines Lebens sehr zerrüttet waren, beweist v. Zahn 
zur Genüge. ^) Ob alle hier angeführten Bücher tbatsächlich 
in den Besitz unseres Hauses übergingen, lässt sich vermuthen, 
aber heute nicht mehr nachweisen. Einige dieser Bücher finden 
sich nicht mehr in unserer Bibliothek, andere sind zwar vor- 
handen, aber der Titel stimmt nicht genau mit dem des Ver- 
zeichnisses, ein Punkt, in welchem es Vischer allerdings nicht 
sonderlich genau genommen zu haben scheint, auch fehlt seine 
Namensunterschrift, die nur in zwei Bücher eingetragen ist. Da 
haben wir einmal die Werke des berühmten Schoner. Dieses 
Bach, gewiss aus dem Kachlasse Vischer's stammend (Bibliotheks- 
signatur^ 30), fQhrt den Titel: Opera Mathematica JoAnnis Schoneri 
Carolostadii in unum volumen congesta impressa Norimbergae in 
officma Joannis Montomi et ülrici Neuberi Anno Domini MDLI. 
Vischer selbst zeichnete ein : Sum Georgii Matthaei Vischer Ephe- 
boram Caedareanorum Mathematici Anno Domini 1684. Dieses 
Buch dürfte ein Lieblingsbuch unseres Geographen gewesen sein, 
da es eine Unzahl von Randbemerkungen von seiner nicht zu 
▼erkennenden Hand enthält, die bis kurz vor seinen Tod rei- 
chen. Namentlich machte er zu den Zeilen astrologischen Inhal- 
tes häufig seine Bemerkungen, oft nicht ohne Humor, wie er z. B. 
auf Seite LXXVIII zum Texte: Nativitas cuiusdam suspensi 
einen Gehenkten einzeichnete. Noch 1696 schrieb er auf Seite 
XLmi: Si planeta ascendit in sua domo, tum planeta est Dominus; 
Com Satumus in sua domo, Capricorni; ideo tarn mala tem- 
pora Anno 1696; es ist dies also ein Beweis, von seiner eigenen 
Hand geschrieben, dass er noch weit bis ins Jahr 1696 hinein 
gelebt hat, auch wenn wir sonst keinen Anhaltspunkt hätten. 
Vischer hielt sich damals in Kremsmünster auf; vielleicht hat er 
gerade hier diese Notiz eingetragen. Die Ungunst dieses Jahres 
inirde ja auch von unseren Hauschronisten vermerkt. ') Mit astro- 
^ischen Deutungen scheint sich Vischer überhaupt sehr beschäf- 
tigt zu haben; Astrologie und Alchemie waren damals so zeit- 



») T. Zahn l. c. Heft 24 p. 47. 

') Im Jahre 1696 entstand um Kremsmünster eine so grosse Noth, dass 
^ Abt unter die Armen 900 fl. yertheilte. „VI. Kai. Dec. com filiorum coeta 
HI» et aqua rescebator nomen in ieiunio placaturos. M. Pachmayr 1. c. III, 
p. 575. 

26* 






386 



gemäß, dass selbst Äbt Erenbert II. im nahen Schlosse Eoremseck 
Alchemie betrieb. ^) 

Das zweite Buch mit der eigenhändigen Namenseintragung 
Vischer's ist das Werk des Sebastianus Serlius; Vischer gibt zwar 
im Verzeichnisse den Titel lateinisch, in dem in der Bibliothek 
erhaltenen Folianten ist er aber niederländisch, wie auch die 
^ Sprache des ganzen Buches die niederländische ist. Der Titel 

lautet hier: Den ersten Bock von Architecture Sebastian! Serlii 
tracterende van Geometri overgeset nytd Italienische in Neder- 
duytsche sprake door Peter Coeke van Aelst. Amsterdam by 
Comelis Claesz Anno 1606. Georgius Matthaeus Vischer Ephe- 
borum Caesareanorum Mathematicus 1686. In diesem Buche finden 
sich keine Notizen von Vischer's Hand ausser seinem Namen. 

Nicht minder interessant ist ein Verzeichnis geometrischer 
Instrumente, jedoch trägt selbes weder seine eigene Unterschrift 
noch die des Abtes, obwohl es zweifellos von ihm selbst geschrie- 
ben ist; auch der Preis der einzelnen Instrumente ist nicht bei- 
gefügt. Selbes lautet folgendermaßen: 

Specification derjenigen geometrischen Instrumenten, so dem 
Herrn Abbt zu Chrembsmünster auf verlangen ausgeuolgt worden. 

(1) Geometrisches Instrument zum Grundlegen in einem 
fuderall sambt seiner zuegehör, 

(2) ain feldkompass sambt der zuegehör, 

(3) ain Instrument zum Schridtmessen, 

(4) ain messingner vniversal Sonnenring, 

(5) das hilzeme Chistl mit denen messingenen zirkheln vnd 
Schreibfedern, 

(6) Zwey hilzeme Compass, 

(7) Zwey schadthaffte globi, 

(8) Sphaera armillaris. 
Da das Geld hiefiir von der Kammerei ausgezahlt vrarde, 

für das viatorium der ersten Liste 8 fl., für die übrigen Instru- 
mente zusammen 51 fl., ^) so sind diese Instrumente ganz sicher 
alle ins Stift gekommen; gewiss ist auch heute noch vorhanden 
erwähntes viatorium und aus der eben angeführten Liste (1) und 
(4), sehr wahrscheinlich auch (3) (5) (6) und (8). 3) 

*) Th. Hage 1. c. p. 57. 
«) Siehe Quittung S. 390. 

") Freundliche Äiittheilung des Directors unserer Sternwarte, P. Frau: 
Schwab. 



387 

Ich komme nun zu einem anderen Punkte; es bandelt sich 
jetzt, an der Hand der erhaltenen Documente chronologisch fest- 
sostelleD, wann und wie lange sich Vischer in Eremsmünster auf- 
gehalten, welche Thätigkeit er hier entwickelt hat und wann und 
wo er gestorben ist. Wie ich. schon oben erwähnte, ist das letzte 
bisher bekannte auf ihn Bezug nebmende Datum der 10. März 1696, 
zu welcher Zeit er sich wahrscheinlich in Graz aufhielt. Ob er 
damals seiner Stellung als mathematicus epheborum caesareanorum 
enthoben worden war, wissen wir nicht; in den in unserem Ar- 
chive erhaltenen Documenten schreibt er einfach seinen Namen; 
nur einmal, in der gleich näher zu besprechenden Arbeit vom 
September 1696 nennt er sich Georgius Matthaeus Vischer, 
kaißerlicher Geograph US ; ^) hieraus kann man vielleicht schliessen, 
im ihm vom Kaiser eine kleine Pension bewilligt worden war. 
Wami und wie er nach Kremsmünster gekommen, lässt sich eben- 
flowenig mit Bestimmtheit angeben. Das erste feste Datum ist der 
0. September 1696, an welchem Tage er mit dem jungen Stifts- 
capitularen P. Gabriel Fauconet von Kremsmünster nach Pernstein 
fahr und dort bis zum 13. September blieb. Der Zweck dieser 
Excaraon war, die „strittige Wildpaamsgräniz zwischen der Herr- 
schaft Pernstein vnd der Englischen Herrschaft Seysenburg geo- 
graphice zu beschreiben vnd den Grund Küß darüber zu machen." 
Es ist nicht ohne Interesse, das Actenstück hierüber in Form einer 
Bechnung des Pflegers von Pernstein wörtlich folgen zu lassen. 

Außzug 

iraß durch Herrn Georgen Vischer (welcher den 9.7*''^ 
«liflse« 1696 iste Jahr mit Herrn P. Gabriel von Crembsmünster 
^ den Hanfeldboff kommen vnd auf gnedigen Befelch die 
»trittige Wildpiuims Gräniz zwischen der Herrschaft Pernstain vnd 
der Englischen Herrschaft Seysenburg geographice beschrieben vnd 
^ Gnxnd Rtiß darüber gemacht) alhier verzöhrt worden. Erst- 
ach sind bemelte 2 Herren den 9.7**' abentes hieher komen 
^d den 13 dito nachmittag wiederumben weck geraist also oder 
^ Mahlzeit hier gewest, desstwegen Ich auf iede Mahlzeit für alle 
berg^ebenen Speißen vnd Brodt bey ieziger Theurung 
Raitte Ifl.Skr. 



*) Links aber schreibt er in derselben Arbeit : Georgius Matthaeus Vischer 
»1 Tirum designarit m. p. 



388 

Item für ieden Herrn die Mahlzeit 3 Seitl viert- 

tigen Wein bringt 12 Kaüdl iede vmb 18 kr, 3 fl. 4 M4 4 
den 12.7**' frue sinl Ihr wohl Erwiirden Herr 

Pfarrer in der grien an alß Reneficiaten wegen 

des neu angetrettenen Stüfftes vDser Lieben 

Frauen zu Pernatain hieber komen vnd den 

13 dito in der frue wiedemmben abgeraistj 

habe dabero für 2 Älablzeiten ziiraitt . . iß 

Wein iVa kandl bringt • . . 3 M8 4 

Mit Herrn Vischer vnd Herrn P> Gabriel ist ein 

fuebrknecht vnd 1 Potb komen so ander tag es 

beide wiederum ben weckgangeo. Die haben 

zum Naehtmahl mit einander in Brodt vnd 

anderen Speißen rerzöhrt 2 ? 20 ^ 

1 Kandl Pier 16 ^ 

andern tags vmb Brandtwein vnd Brodt ... 1 ß 2 ^ 

deß Herrn Pfarrers in der Grienau Knecht auf 

2 Mahlzeiten 2 ß 20 ^ 

vnd 1 Kandl Pier 06 ^ 

Katus 1 fl. 3 ß 2 4 

Summa dieser Zöhrungen 13 fl. 7 ß 26 4 

Den 14 7 bris sind mir diese 13 fl. 7 ß 26 4 i° der Herr- 
schaft Pemstain-Cassa erstattet worden. 

Wolfgang Christian Ledermayr, Pfleger. 

Wie der Inhalt dieser Rechnung zeigt; handelte es sich, die 
strittige Wildbannsgränze zwischen Pemstein, einer Besitzung 
unseres Stiftes, und der Besitzung des Grafen Engel, nämlich 
Seysenburg, ^) zu bestimmen ; dieser Arbeit unterzogen sich Vischer 
und P. Gabriel in einem Zeiträume von drei Tagen vom Hanfeld- 
hof aus, welcher unmittelbar am Fusse des Berges lag, auf dem 
Schloss Pernstein erbaut ist. Diese Arbeit ist noch heute erhalten 
und soll weiter unten näher besprochen werden ; sie fllllt gewiss 
nicht in die erste Zeit des Aufenthaltes Yischer's in unserem Hanse 
Denn diesen eben erwähnten P. Gabriel *) hatte ja gerade Vischer 
selbst früher unterrichtet, so dass er ihm jetzt bei dieser kleinen 

^) Diese romantisch gelegene Borg gehört aach heute noch äenx Grafen- 
geschlechte der Engel. 

*) P. Gabriel Fauconet, geb. 1669 zu Wien, go^t. 1736, etitwarf aelbtt 
mehrere Karten, die sich noch heute im Archive finden. 



389 

Arbeit praktisch behilflich sein konnte. Ausser diesem aber hatte 
er noch andere ^ junge Herren", mindestens vier, darunter unseren 
Topographen P. Wilhelm Pichler^) instruiert. Dies erhellt ganz 
deatlich ans verschiedenen Angaben, wie z. B. aus jenem oben 
erwähnten Bücherverzeichnisse. Ein zweiter Beweis ist abermals 
eine Quittung (Beilage Nr. 288 der Kammereirechnungen vom 
Jahre 1696), welche sagt: 

Hierauf hat vnser Camerer Herrn Georgio Vischer Presbytero 
flbr seme müehwaltung so er in abreissung der Pemstains Wild- 
packßgränizen auch Instruirung etlich vnserer Conventualen der 
Mathematic gehabt einen Recompens pr fun&ig Reichsthaller id 
eet 75 fl. ab zu geben vnd solche in seiner künfftigen Raittung 
pr Aiufgab zu bringen. 

Actum den 16. 9^' 696. 

Erenbert Abbt. 

Wir erfahren auch, was diese jungen Herren zu ihren Stu- 
dien und Zeichnungen für Instrumente benöthigten; darüber gibt 
rm wieder ein Verzeichnis AufschlusS; von Vischer selbst ge- 
•dirieben und mit seinem Namen unterfertigt. (Nr. 268). 

Verzaichniss, wass ich denen Herren Fratribus zur Instruction 
g^ben vnd khaufft habe. 
£ntlich 10 Stangl fein vnd guetes Reisspley ainss pr 6 1 fl. 

dan jeden zwen guete Haarpenssl — 18 kr. 

Item 8 Zirkbl zu linz khaufft ain pr 24 kr. . . . 3 fl. 1 „ 
Aneh dasa wiennerische Architecturbuech . . ,. . 2 fl. — 

per Camerey Summa 6 fl. 30 kr. 

Erenbert Abbt. 

Georg Matthaeus Vischer m. p. 

Da die Kammerei am 16. November angewiesen wird, Vischer 
ftr die Arbeit in Pemstein und für den Unterricht eine Remune- 
ration zu reichen, so ist wohl der Gedanke kaum abzuweisen, 
daas Vischer bald nach dem 16. November 1696 Kremsmtinster 
▼erlassen hat und, wie es scheint, nach Linz übersiedelte. Die 
näheren Umstände hierüber, ob er dort dauernd seinen Wohnsitz 
nehmen wollte, oder ob er nur auf der Durchreise nach Wien 

^ P, Wilhelm Pichler, geb. 1675 zu Linz, gest. 1717. 



mji mWM 



^mm 



390 



begriffen war, aber von einer Krankheit befallen und vom Tode 
überrascht wurde, sind leider unbekannt ; nur die Thatsache selbst 
lässt sich mit Sicherheit aus einer Rechnungsnotiz unseres Haus- 
meisters in liinz, Anton Frimbl, vom 28. November 1696 schliessen, 
die lautet: 

Dito khombt ein Knecht vnd ein Mann, welche den Vischer 
herunter geführt. 

Am 28. November also, vielleicht ein wenig früher, war 
Vischer jedenfalls schon in Linz. Jedenfalls aber starb er hier 
in Linz. Auf diese Thatsache führt in einfachster Weise folgende 
Quittung (Nr. 325): 

Dass in Nahmen Ihro Hoch würden vnd Gnaden Herrn Herrn 
Ernberti Abbtens zu Crembsmünster p (Titl) für die aus weyland 
Herrn Matthaei Georg i) Vischer's selig verlassenschafft aberkhauffien 
Mathematische vnd Geometrische Instrumenta veraccondierten 
34 Thaller id est 51 fl. von Herrn Cammerer zu Chrembsmünster 
zu meinen handten par yberliffert worden vrkhundt mein hand- 
schrift vnd Pettschaft. 

Datum Linz den 14. Januar 1698. 
Erenbert Abbt. 

Geb. Graassboel 
Commissarius. 



Aus der gerade erwähnten Quittung folgt ohneweiters, dass 
Vischer am 14. Januar 1698 längst nicht mehr am Leben war. 
Da der Act in Linz ausgestellt ist, lag es nahe zu vermuthen, 
dass vielleicht auch der Tod Vischer's in Linz erfolgt sein könnte. 
Auf eine Anfrage, ob nicht 1696, 1697 oder 1698 ein Geistlicher 
mit Namen Georg Matthaeus Vischer in den Sterbematriken der 
Stadtpfarre Linz aufscheine, wurde mir in zuvorkommenster Weise 
vom Hochwürdigen Herrn Cooperator Franz Webinger die befrie- 
digende Antwort zutheil, dass im Lib. H mortuorum Huyus Deca- 
nalis Parochie Lincensis ab Anno 1668 usque ad Annum 1746 am 
13. December 1696 eingetragen sei: Rd. C. Georgius Matthaeua 
Fischer An. 69 prov. ad S. Mariam. Dies passt, wie man sofort 



^) Ist im Original Dachtrftglich darüber geschrieben. 



391 

sieht, aufs genaueste für unseren Geographen. Dass das Beiwort 
Geographus oder Mathematicus verschwiegen wird, darf uns nicht 
Wunder nehmen; f[ir den geistlichen Schreiber der Matrikel war 
jedenfalls wichtiger, dass der Verstorbene ein Rd. C.-Reverendus 
Clericos gewesen. Auch das Alter stimmt vollkommen; geboren 
am 22. April 1628, stand er tief im 69. Jahre. Von einem Grab- 
Btein irgend welcher Art dürfte sich wohl kaum mehr eine Spur 
finden, da die alten Grabsteine, die in der Stadtpfarrkirche als 
Pflaster dienen, schon ganz unleserlich sind. Um einer falschen 
Deutung der Worte : prov. ad S. Mariam vorzubeugen, sei erwähnt, 
dass sich dieser Ausdruck durchaus nicht auf ein Amt bezieht, 
das Vischer etwa inne gehabt hätte; provisus — nicht etwa pro- 
Tisor — ad S. Mariam will nur sagen, dass unser Geograph von 
der Kirche ad S. Mariam aus mit den Sterbesacramenten versehen 
worden war, denn auch bei vielen Laien ist in dieser Sterbe- 
matrikel dasselbe bemerkt. 

Fassen wir zum Schlüsse die neuen Ergebnisse dieser kleinen 
Abhandlung nochmals kurz zusammen: Das letzte bisher bekannte 
auf Vischer bezügliche Datum war der 10. März 1696, zu welcher 
Zeit ihn v. Zahn in Graz vermuthet. Nicht lange darauf finden 
wir ihn in Kremsmünster. Die Hauptthätigkeit, die er hier ent- 
Wtet, besteht darin, mehrere junge Stiftsmitglieder in Mathematik 
nnd Geographie zu unterrichten ; auch in die Kartographie werden 
«n^e sowohl theoretisch und, wie die Arbeit vom 9. bis 13. Sep- 
tember in Pemstein zeigt, auch praktisch eingeführt. Nach einem 
Aufenthalte von mehreren Monaten verlässt Vischer Kremsmünster, 
nachdem er einen grossen Theil seiner Bibliothek und seiner In- 
«tnimente dem Abte verkauft hatte. Am 28. November ist er auf 
jeden Fall schon in Linz, wo ihn am 13. December 1696 der Tod 
ereilt; gerade also in der Hauptstadt desjenigen Landes, dessen Stände 
im Leben gewiss nicht zu seinen Gönnern zählten, fand der hoch- 
verdiente Mann seine letzte Ruhestätte 



Anhang. 

Zum Schlüsse seien noch ein paar Worte über die zwei Bei- 
lagen gestattet. Es sind dies zwei kleine bislang unbekannte Arbeiten 
Vischers, die, an und für sich unbedeutend, deshalb einiges Interesse 
T^-dienen, weil sie der Zeit nach an den Anfang und an das Ende 



392 

der kartographischen Thätigkeit Vischer's zu setzen sind, nämlich 
in das Jahr 1668 und 1696. Doch wenn man beide Skizzen mit 
einander vergleicht^ wäre man beim ersten flüchtigen Anblicke 
beinahe versucht, sie gerade der entgegengesetzten Zeit zuzuweisen; 
denn die Arbeit von 1668 ist sehr genau und äusserst sauber 
ausgeführt, die vom Jahre 1696 hingegen ist nur ein roher Abrias 
des bearbeiteten Terrains; allerdings ist auch hervorzuheben, dass 
der Zweck beider Arbeiten ein ganz verschiedener war : im ersten 
Falle handelte es sich um die genaue Wiedergabe eines Land- 
gerichtsbezirkes mit allen seinen Häusern und Ortschaften, im 
letzten aber war die Hauptaufgabe, die strittige Grenze zwischen 
zwei Herrschaften zu fixieren. Doch wenn man näher zusieht, so 
bemerkt man immerhin einen Unterschied, der nicht zu Ungunsten 
der viel späteren Arbeit spricht : so roh die Skizze vom Jahre 1696 
auch ist, so gibt sie doch das Terrain viel natürlicher wieder als 
die Arbeit vom Jahre 1668 ; sie ist plastischer, nicht so gekünstelt 
wie jene. 

Die kleine Arbeit vom Jahre 1668 ist ein „Abriss des 
Gschwendtnerischen Landtgerichts." ^) Vielleicht im Auftrage des 
damaligen Besitzers, des Herrn Grafen von Losenstain, *) entwarf 
Vischer ein genaues Bild der Gegend zwischen Neuhofen an der 
Krems und Stadt Steyr, zeichnete mit einem rothen Strich die 
„Landtgerichtsgräniz", mit einem grünen den „GschwendtneriBchen 
Wiltpan und schied endlich „dass Landgericht Hall" durch einen 
gelben Strich von „der Statt Steyr Burgfridt". Dass dieser Abiiss 
ins Jahr 1668 gehört, sagt Vischer selbst rechts unten: Georg 
Visdher fecit hoc 1668. Er fällt also in jene Zeit, da er Pfarrer 
im nahen Leonstein war, unmittelbar hinter seine erste grosse 
Arbeit, die Mappirung von Oberösterreich und Ausarbeitung dei 
Kaxte dieses Landes. ^) Diese Skizze ist wegen ihrer grossen Aus- 
führlichkeit von bedeutendem historisch-topographischen Interesse. 

Die zweite Arbeit ist gewiss die schon öfter erwähnte ^Ab- 
reissung der Pemsteinischen Wildpachsgränizen", die Vischer mit 



*) Gechwendt bei Neuhofen a. d. Krems ; das ehemalige Schloss wnxde vor 
kurzem in eine Irrenanstalt umgewandelt. 

^) Von ihm selbst im Verzeichnisse der Besitzer angeführt in seiner Topo- 
graphia Austriae Superioris Modernae 1674. 

^) J. Feil 1. c. p. 50 SS ; diese kleine Arbeit ist somit höchst wahrscheinlich 
als eine ganz selbständige, unabhängig von der Karte von Oberösterreich ent- 
standen. 



393 

P. Gabriel Fanconet vom 9. bis 13. September 1696 vom Han- 
feldhof aus entwarf. Die Veranlassung dieser Arbeit wurde schon 
oben erwfibnt; der Verlauf der strittigen Grenze ist von Vischer 
mit den grossen Buchstaben A bis L bezeichnet worden, obwohl 
die Zeichnung nicht immer den Eindruck machte dass hiedurch 
fär alle Zukunft jeder Zweifel behoben worden sei. Die Skizze 
trägt zweimal den Namen Vischer's; unten links steht: Qeorgius 
Matthaeus Vischer ad vivum designavit m. p. Rechts unten aber steht: 
Berütten vnd verzaichnet durch Georgium Matthaeum Vischer, 
kaisserlichen Geographum m. p. 



41. Jahresversammlung der k. k. Geographischen 
Gesellschaft in Wien am 29. März 1898. 

Nachdem die statutarisch noth wendige Anzahl von Mitgliedern 
vorhanden, eröflöiete der Vorsitzende, GM. Christian Reichsritter von 
Steeb die Versammlung mit folgender Ansprache: 

„Durch eine Reihe von Jahren stand an dieser Stelle Herr Hof- 
rath Ritter von Hauer, dessen umsichtige Leitung die Gesellschaft im 
Innern gekräftigt und nach Aussen im Ansehen erhöht hat. Glück- 
lichei-weise ist es ihm auch gegönnt, die raschen Erfolge seines Wir- 
kens zu schauen. Die Anzahl der Mitglieder und die Summe der Bei- 
träge erreichen eine noch nicht dagewesene Höhe. 

Wir blicken daher auf die Zeit, in der Ritter von Hauer Präsi- 
dent der Gesellschaft gewesen ist, mit freudiger Dankbarkeit zurück. 
Diesem Geftlhle wurde bereits durch seine Wahl zum Ehrenpräsidenten 
Ausdruck verliehen. 

Wenn wir mit Genugthuung das Wachsen der k, k. Geographi- 
schen Gesellschaft constatiren, muss auch des Herrn Dr. Ernst GalHna, 
des Generalsecretärs unserer Gesellschaft, ehrend gedacht werden. Seine 
rastlose Thätigkeit hat viel zum Gedeihen des Vereines beigetragen. 

lieber die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeiten 
habe ich folgende Mittheilung zu machen: 

Die Festschrift zu Ehren der Ausfahrt Vasco da Gama^s nach 
Ostindien vor 400 Jahren ist im April 1897 zur Ausgabe gelangt. 
Die Gesellschaft hat dafUr den schönsten Lohn gefunden, indem Seine 
k. und k. Apostolische Majestät, aus Anlass der Ueberreichung der 
Festschrift, dem Präsidium Seine Allerhöchste Anerkennung Alier- 
gnädigst auszusprechen geruhten. 

lieber den Verlauf der bezüglichen Festversammlung vom 27. 
April wurde in den ,,Mittheilungen", Heft 5 und 6, Bericht erstattet. 
Die Festschrift selbst kam vor allem an die Mitglieder des Aller- 
höchsten Kaiserhauses, dann an Ehrenmitglieder, Fachmänner, Biblio- 
theken und in zahlreichen Exemplaren auch an das Festcomit^ zu 
Lissabon zur Vertheilung. In den „ Mittheilungen" wurde die Fest- 
rede, der Text der Festschrift und eine Anzahl von den Karten zum 
Abdrucke gebracht. 

Eine andere umfangreiche, von der Gesellschaft subventionirte 
wissenschaftliche Arbeit, die Erforschung des Hallstätter-Sees von un- 
serem ersten Vicepräsidenten, dem Herrn Sectionschef von Lorenz- 



395 

Libnrnau, wurde ebenfalls zum AbscUasse gebracht und bildet den 
Inhalt des Heftes 1 und 2 des 41. Bandes unserer Mittheilungen. 

Der 40. Band der Mittheilungen umfasst 904 Seiten Text. 
Er enthält 14 grössere Abhandlungen, 238 kleinere Mittheilnngen und 
Forschongsberichte dann Nekrologe, 68 Besprechungen wissenschaft- 
licher Werke, 23 Notizen, 11 Karten, 7 Ansichten und 2 im Texte 
befindliche Abbildungen; endlich das Mitgliederverzeichnis und die 
neuen Statuten. 

Eine Umarbeitung der alten Statuten hat sich nämlich im Laufe 
der Zeit als dringende Noth wendigkeit ergeben. Für diese Arbeit 
sind wir unserem Ausschussmitgliede Herrn Hofrath Eichard Hasenöhrl 
zum besten Danke verpflichtet. 

Betreff der Forschungsreisen, welche Mitglieder unserer 
Gesellschaft unternahmen oder an denen sie sich betheiligten, wäre in 
erster Linie zu erwähnen, die im Auftrage der kaiserlichen Akademie 
der Wissenschaften durchgeführte Erforschung des Eothen Meeres, an 
der sich als Leiter der Intendant des naturhistorischen Hofmuseums, 
Herr Hofrath Dr. Steindachner imd Herr Eegierungsrath Professor 
Joseph Luksch betheiligten. 

Herr Dr. Max Schöller kehrte anfangs dieses Jahres von 
seiner fast zweijährigen Eeise durch das Hinterland von Deutsch- 
Ostafrika und Uganda glücklich zurück. Viele topographische Auf- 
nahmen, eine grosse Anzahl von Photographien und eine reiche Samm- 
lung ethnographischer und naturhistorischer Gegenstände bilden das 
Ergebnis dieser Eeise. 

Herr Ernst Graf Hoyos jun. zog von der Capstadt über 
Eamberley nach dem Matabele-Land, machte von Buluwajo aus eine 
Excursion in die Jagdreviere am Gwai-Eiver und nach der Makarikari 
Salzpfanne. Nach Buluwayo zurückgekehrt, zog er durch Ehodesia, 
über Charter, Salisbury und ümtalo nach Portugiesisch-Ostafrika und 
an den Indischen Ocean, hat also Südafrika durchquert. lieber 
Mo^mbique, Dar es-saläm, Sansibar und Tanga kehrte er nach Europa 
zurück. 

Herr Eobert Hans Schmitt hat in Afrika — nach seiner 
Eückkehr von der Erforschung des Eufiji — eine Eeise durch Uhehe zum 
zum Njassa-See angetreten, um die schiffbaren Strecken des Eufiji, den 
Ulanga und Euaha zu erforschen. Im Jahre 1897 sind uns keine 
Nachrichten von ihm zugekommen. Er ist, als im Dienste der deut- 
schen Eegierung stehend, verpflichtet, dieser seine kartographischen 
Materialien zu übergeben. 

Herr Eduard Graf Wickenburg trat im März 1897 eine 
Forschungsreise nach Ostafrika an. Er reiste von Zejla nach Harar 
und von dieser Stadt gegen Osten nach der Marar- oder Bun-Prärie 
bis Dschigdschiga, wo er der Löwenjagd oblag. Nachdem ihm die 
Erlaubnis, nach Schoa zu gehen, vom Kaiser Menilek IL von Aethio- 
pien verweigert worden war, kehrte er über Harar nach der Meeres- 
küste zurück und trat (Ende Juni 1797 bis October 1897) von Ber- 
bera eine Eeise in das Somali-Land an. Ueber Schech Kotub begab 



396 

sich der Graf nach Barrao nnd von hier als erster Enropäer qner 
durch das Gehiet der Dalhohanta-Somali und durch Ogaden üher den 
Tug Fafän in das Thal des Sulül, verfolgte diesen Fluss aufwärts, 
üherschritt den Dscherer und durchquerte das EUiud auf einem hisher 
noch un betretenen Wege bis Hargejsa, um sodann wieder bei Berbera 
die Kttste des Grolfs von Aden zu erreichen. Graf Wickenburg wandte 
sich hierauf nach Britisch-Ostafrika, wo er noch thätig ist. 

Herr Dr. Arnold Penther setzte auch im Jahre 1897 seine 
Studien und Auiiiahmen in Südafrika fort, wo er als Beamter eine 
Stellung angenommen zu haben scheint 

Herr Eichard Wahrmann hat im Kovember Wien verlassen, 
um im Somali-Lande eine Reise zu Jagd- und Sammelzwecken zu unter- 
nehmen. Nach einer Nachricht, die vor wenigen Tagen eingetroffen, 
verliess er im December 1897 die Somalikttste bei Berbera in der Rich- 
tung gegen Hargejsa und Dschigdschiga, wo ihm die Abessinier den 
Weitermarsch verboten. Er schlug daher eine südliche Route ein, 
durchzog Burka und gelangte an der Mündung des Dagäbur an den 
Webi Schebeli (Leopardenfluss), dem er von Dr. Donaldson Smith's 
Ueberschreitungsstelle südöstlich über Ime und Karanle bis Senmor^to 
folgte. Der Reisende wandte sich darauf nach Norden, betrat Milmil 
und hatte mit den Rer Ali-Somalen einen mörderischen Kampf zu 
bestehen, die ihm den Durchzug verwehren wollten. lieber Hargejsa 
wandte sich Wahrmann an die Küste des Golfs von Aden zurück. 

Es sei hier noch erwähnt, dass in neuester Zeit junge Oesterreicher, 
welche sich als Kaufleute in Ostasien aufhalten, verschiedene sehr inter- 
essante Berichte an die Gesellschaft eingesendet haben. Hiemit erschliesst 
sich den Mittheilungen der Geographischen Gesellschaft endlich jene 
Quelle von Nachrichten, welche bei dem Mangel von Colonialbesitz 
bisher so schmerzlich vermisst wurde. 

Von wissenschaftlichen Publicationen unserer Mit- 
glieder erwähne ich die Monographie Dr. Oskar Baumann 's über San- 
sibar. 

Die Vollendung der dritten Auflage der „Oesterreichisch-ungarischen 
Monarchie" von Dr. Friedrich Umlauft; ein Buch, das wie kein zweites 
die Kenntnis unseres schönen Vaterlandes in die weitesten Schichten 
der Bevölkerung verbreitet, und endlich 

ein Werk allerersten Ranges: Dr. Julius Hann's Handbuch der 
Klimatologie in H. Auflage. 

In den Monats Versammlungen fanden im Jahre 1897 13 Vor- 
träge statt, fUr deren Abhaltung wir den Herren: Dr. Carl Diener, 
Wilhelm Steller, Oskar Neumann, Sectionschef von Lorenz-Liburnau, 
Oberst von Stemeck, Adolf Weber, A. GuerviUe, Freiherm von 
Krticzka-Jaden, Professor Dr. Paulitschke, Franz Sikora, Aurelius 
Hacker, Dr. Kurt Hassert und Frau Leopoldine von Morawetz zum 
Danke verpflichtet sind. 

Betreff des Kataloges unserer Bibliothek bin ich in der 
angenehmen Lage, berichten zu können, dass nach durchgeführter Re- 
vision des Bücherstandes nunmehr das druckfertige Manuscript vorliegt. 



397 

Wir danken dies der einzig dastehenden Hingebung, sowie der grossen 
Sorgfalt und Umsicht der Herren Ausschassmitglieder Eugen Baron 
von Poche und Professor Dr. Ciöalek. 

Der Bestand der Bibliothek wurde im abgelaufenen Jahre durch 
die Munificenz zahlreicher Autoren , insbesondere Seiner kais. und 
königl. Hoheit des Durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs Ludwig-Sal- 
vator, dann durch Spenden bedeutender Verleger, wie: Engelhorn, 
Dietrich Reimer u. a., un^ 181 Werke in 325 Bänden und Heften 
vermehrt. In diesen ZifiPem ist auch eine Schenkung des Herrn Dr. 
Ferdinand Freiherm von Buschman enthalten, welche 31 Werke mit 
187 Bänden umfasst. 

Für diese Spenden, sowie für alle Förderungen, welche die 
grossen Verkehrs-Institute der Monarchie, dann Vereine und Private 
uns zutheil werden Hessen, statte ich hiemit im Namen der k. k. Geo- 
graphischen Gesellschaft den besten Dank ab. Ebenso habe ich Herrn 
Wilhelm Müller — Besitzer der Firma R. Lechner — zu danken, 
welcher bereits wiederholt die Güte hatte, uns bei der Vorführung 
von Projectionsbildem zu unterstützen." 



398 



Bericht 

über die inneren Angdegenheiten der k. k. Geographischen Gesell- 
Schaft im Laufe des Jahres 1897. 

Erstattet von dem Generalsecretär Dr. Ernst Gallina. 

Die k. k. Geographische Gesellschaft zählte am Schiasse des 
Jahres 1896 99 Ehrenmitglieder, 154 correspondirende Mitglieder, 
20 lebenslängliche, 230 ausserordentliche und 1145 ordentliche, in 
Sujnma daher 1648 Mitglieder. 

Im Laufe des Jahres 1897 wurden folgende Ehrungen vollzogen: 

Zum Ehrenpräsidenten wurde ernannt der langjährige Präsident 
der k. k. Geographischen Gesellschaft, Hofrath Dr. Franz Ritter von 
Hauer, anlässlich seines Rücktrittes ; zum Ehrenmitgliede wurde gewählt 
der Nestor der österr. alpinen Forschung Dr. Anton v. Ruthner, femer 
zu correspondirenden Mitgliedern Dr. Antonio Baldacci, Assistent am 
botan. Institute der königl. Universität in Bologna, der Afrika-Reisende 
Oskar Neumann in Berlin und B. Hutter, k. k. Bergrath in Hallstatt. 
Die Hauer-Medaille, mit welcher im Jahre 1894 Se. kais. u. königl. 
Hoheit der Durchl. Herr Erzherzog Franz Ferdinand von Oesterreich- 
Este und der k. u. k. Consul Dr. Oskar Baumann und im Jahre 1896 
Hofrath Dr. Friedrich von Simony und der Geheime Admiralitätsrath 
und Director der deutschen Seewarte Dr. Georg Neumayer betheilt 
worden sind, gelangte im Jahre 1897 nicht zur Verleihung, 

Subventionen wurden der k. k. Geographischen Gesellschaft auch 
im abgelaufenen Jahre bewilligt: Von Sr. kais. und königl. Apostoli- 
schen Majestät Kaiser Franz Josef I., von dem k. k. Ministerium für 
Cultus und Unterricht, von dem h. n.-ö, Landtage und von der Com- 
mune Wien, für welche Munificenz die Gesellschaft sich zum wärmsten 
Danke verbunden fühlt. 

Hingegen beklagt die k. k. Geographische Gesellschaft schmerz- 
lich das Hinscheiden zahlreicher Mitglieder im abgelaufenen Jahre 
deren Namen ich alphabetisch gereiht zur Verlesung bringe: 

Se. Excellenz Alfred Ritter von Arn et h, Präsident der kaiser- 
lichen Akademie der Wissenschaften, 

Alexander Ritter von Bernd, k. u. k. Generalconsul a. D. 
und Fabriksbesitzer in Wien, 

Andreas Binder, Bauinspector der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, 

Dr. Josef Brichta, Hof- und Gerichlsadvocat in Wien, 

Se. Excell. Maximilian Freiherr Daublebsky von Sterneck 
zu Ehren st ein, k. u. k. Admiral und Marinecommandant, 

Dr. Anton Ehlers, k. k. Notar in Wien, 

Alexander Fehr, k. u. k. Marine-Generalcommissär in Wien, 



399 

Ferdinand Gasselseder, Realitätenbesitzer in Wien, 

Wilhelm Freiherr Genotte von Merkenfeld, k. u. k. Hof- 
oßd Ministerialrath in Wien, 

Arnold ron Hoff mann, k. n. k. Sectiousrath im gemeinsamen 
Fiiumzministerinm , 

Alexander Hold in Graz, 

Albig Graf v. KhevenhttUer in Graz, 

Se. Excellenz Gustav Freiherr v. Kosjek, k. u. k. a. o. Ge- 
sandte und bev. Minister in Athen, 

Franz Kraus k. k. Regierungsrath in Wien, 

Karl Josef Linner, fürstbischöflicber Cameraldirector in Jo- 
liannesberg, 

Dr. Karl von Ltltzow, k. k. Professor an der technischen Hoch- 
schule in Wien, 

Franz Mal eher, k. k. Regierungsrath in Wien, 

Karl Martinek, Fabriksbesitzer in Bärn, 

Franz Miller zu Aichholz, Grosshändler in Wien, 

Joachim Theodor Meyer, k. u. k. Consul in Trinidad, 

Med. Dr. Josef von Preu in Eppan, 

Dr. Anton Edler von Ruthner, k. k. emer. Notar in Salzburg, 

Franz Ritter von R2iha, k. k. Hofrath und Professor a. d. 
technischen Hochschule in Wien, 

Michael Sidoroff, Kaufherr in Set. Petersburg, 

Karl Skopp, k. k. Landesgerichtsrath in Kaltenberg, 

Se. Excellenz Hippolyt Freiherr von Sonnleithner, k. u. k 
a. 0. Gesandte und bev. Minister a. D. in Wien, 

Karl Swoboda, Inspector der k. k. General inspection der 
Eisenbahnen in Wien, 

Se. Excellenz Siegmund Graf Thun-Hohenstein, k. k. Statt- 
balter in Salzburg und 

Carl Umrath in Bubna bei Prag. 

(Nach der Verlesung der Liste der Verstorbenen erheben sich 
die Anwesenden zum Zeichen der Theilnahme von den Sitzen.) 

Femer haben 33 ordentliche und 6 ausserordentliche Mitglieder 
ihren Austritt aus der Gesellschaft angemeldet, während 7 ordentliche 
Mitglieder in Gemässheit des § 10 al. 5 der Statuten als ausgeschie- 
den zu betrachten sind. 

Der Stand der Mitglieder der Gesellschaft ergibt sich sonach am 
Schlosse des Jahres 1897 wie folgt: 

Ehren-Mitglieder 97 

Correspondirende Mitglieder 156 

Lebenslängliche Mitglieder 22 

Ausserordentliche Mitglieder 230 

Ordentliche Mitglieder 1216 

zusammen daher . 1721 
sonach um 73 Mitglieder mehr als im Vorjahre. 

Blittk. cL k. k. G«ogr. 6m. 1898. 5 n. 6. 27 



i» pl 



400 

In der yon der JabresversammluDg am 26. März 1895 gewählteü 
Leitung der Gesellschaft hat sich dadurch eine bedeutungsvolle Ver- 
änderung ergeben, dass der langjährige Präsident, Hofrath Ritter yon 
Hauer, im Herbste des Vorjahres sich veranlasst fand, mit Rücksicht 
auf sein vorgerücktes Alter diese Würde niederzulegen. An dessen 
Stelle wurde, nachdem der erste Vicepräsident, Sectionschef Dr. 
Ritter von Lorenz, erklärt hatte, eine auf ihn fallende Wahl nicht 
annehmen zu können, in der auf den 7. December 1897 ad hoc ein- 
berufenen, mit den Rechten einer Jahresversammlung ausgestatteten 
ausserordentlichen Versammlung der k. u. k. Generalmajor und Di- 
rector des k. u. k. Militär-geographischen Institutes, Christian Reichs- 
ritter von Steeb, zum Präsidenten der Gesellschaft gewählt. 

Die k. k. Geographische Gesellschaft hat schliesslich auch im 
abgelaufenen Jahre zu den gelehrten Gesellschaften des In- und Aus- 
landes die freundlichsten Beziehungen aufrecht erhalten und steht nach 
dem Stande vom 31. December 1897 in Inlande mit 61 und im Aus- 
lande mit 203, im Ganzen sonach mit 264 wissenschaftlichen Gesell- 
schaften im Schriftentausche. 

Neu in Tauschverkehr ist die Gesellschaft im abgelaufenen 
Jahre getreten mit der Redaction der Zeitschrift des Landesmuseums 
für Bosnien und der Herzegovina in Sarajevo, mit der Geographica! 
Society in Liverpool, mit dem Geographica! Club in Philadelphia, mit 
der Redaction von „Le Tour du monde" in Paris, mit der Natur- 
historischen Gesellschaft in Nürnberg und mit dem Allgemeinen Reichs- 
archiv in Haag. 



Jahresabscbluss für das Jahr 1897. 



Empfänge: 

Subventionen fl. 2200* — 

Ausserordentliche Beiträge „ 1131*60 

Beiträge ausserordentlicher Mitglieder „ 2987*23 

Beiträge ordentlicher Mitglieder „ 5928-32 

Erlös aus dem Vertriebe der Mittheilungen . . . „ 319-62 

Zinsen der Barbeträge „ 180*26 

Summe . "I fl. 1274703 

Ausgaben. 

Druck der Mittheilungen fl. 2769*56 

Kartenbeilagen „ 380*44 

Honorare für Aufsätze und Vorträge „ 1394-85 

Ankauf von Büchern für die Bibliothek . . . . „ 396*29 

Besoldungen „ 2020*— 

Fürtrag fl. 6961*14 



401 

Uebertrag fl. 6961-14 

Kanzleianslagen „ 1308*04 

Beheizung „ 126*09 

BeleachtuBg, Wasserbezug, Eeinigung ^ 221*16 

Einbinden der Bibliotbeks-Bücher „ 311-78 

Nenjahrsgelder „ 40* — 

Steuern, Versicberang und unvorhergesehene Auslagen „ 703*32 

Subvention für wissenschafUiche Zwecke . . • . „ 2850*65 

Beitrilge lebenslänglicher Mitglieder (in den Reservefond) „ 212*50 

Summe der Ausgaben fl. 12734*68 

Vergleicht man Empfänge und Ausgaben, so verbleibt ein Rest 
von fl. 12.35, welcher statutenmäßig dem Reservefond zugeftibrt wurde. 

Wien, am 15. März 1898. 

Br. Poche, Kfifka, 

Cassier. Bechntmgsfahrer. 

V. Wiser, Generalmajor, 
Obmann des Bevisionscomite. 



Protokollar-Bericht 

über die von den Rechnungscensoren am 21. März 1898 vorgenom- 
mene Revision der Rechnungen für das Jahr 1897 und die Scontri- 
rung der Gassen der k. k. Geographischen Gesellschaft, erstattet durch 
den k. k. Oberfinanzrath Julius Schwaighofer, 

Die Gebahrung wurde untersucht bezüglich 
I. der Hauptcassa, 
II. des Reservefondes und 
JII. der Major Lamquet-Stiftung. 

Es ergab sich hiebei folgendes Ergebnis. 

Ad I hinsichtlich der Hauptcassa: 

Durch die Auswahl einer hinreichenden Anzahl voq Einnahme- 
und Ausgabsposten, durch Einsichtnahme und Prüfung der betreffen- 
den Documente wurde die Uebereinstimmnng mit der Hauptcassa- 
Rechnung constatirt. 

Hiebei wurden die Einnahmen vom 1. Jänner 

bis 31. December 1897 mit fl. 12747*03 

und die Ausgaben für dieselbe Zeit mit . . . „ 12734*68 

richtig befunden^ daher sich ein Saldo mit . . . fl. 12*35 
ergibt, welcher auf den Reservefond übertragen wurde, 

27* 



402 

Bei der Scontrirong worden die Einnahmen für die 

Zeit vom 1. Jänner bis 21. März 1898 mit . . fl. 7607-3Ö 
die Ausgaben für dieselbe Zeit mit .... ^ 897*53 

ermittelt, so dass der Saldo fl. 6709*85 

beträgt- 

Der erhobene Cassastand besteht in 4 Bücheln der 
al]g, Depositenbank in Summa . . ü. 7450*13 

und in der Barschaft per . . . „ 9*72 

zusammen fl. 7459*85 

Das Mehr von ""! 5! 750* — 

rUhrt davon her, dass dieser Betrag noch in Verwahrung sich befin- 
det, obwohl er bereits zu wissenschaftlichen Zwecken gewidmet, buch- 
mäßig verausgabt erscheint. 

Ad II bezüglich des Reservefondes. 

Der Caaeasaldo am 1. Juli 1897 beträgt .... fl. 89294 

hiezu die Zinsen aus den Einlagen und Effecten . . „ 490*74 

zusammen fl. 1383*68 

Hievon ab die Ausgabe für Ankauf von 900 fl. Re nte „ 926*07 

Saldo fl. 457*61 
Behufs Scontrirung wurden die Einnahmen mit obigem 

Saldo per fl. 457*61 

ferner die fälligen Zinsen vom 1. Jänner bis 21. März 

1898 mit „ 73*25 

zusammen mit fl* 530*86 
ermittelt. 

Hievon ab die Ausgaben für dieselbe Zeit durch An- 
kauf von 400 fl. Rente per fl. 414*66 

durch die Einlage in ein Btichel der Depositenbank per „ 116*20 

zusammen obige . fl. 530*86 
deren richtiges Vorhandensein constatirt wurde. 
Weiters wurden richtig vorgefunden: 

ISeOiger Lose fl. 1300 

Maireote „ 1900 

und Febraarrente „ 3000 

Ad ni Major Lamquet-Stiftung. 

Saldovortrag vom Jahre Jahre 1896 . . . . fl. 94*4672 
hiezu die im Laufe des Jahres 1897 eingegangenen 

Zinsen „ 1618*20 

Summa fl. 1712*6673 
ab die Ausgaben für Ankauf von Rente und Geb. 

Aeijuiv fl. 1699-12 

Saldo . . fl. 13*547, 



408 



Behufs Scontiinmg wurden durch buchmäßigen Ab- 
schhiss die EinniJimen und zwar obiger Saldo mit fl. 1 3*54^2 

und das Incasso an Zinsen vom 1. Jttnner bis 21. 
Mite 1898 per ^ 745'50 

zusammen mit fl. 759*0472 
und die Ausgaben für dieselbe Zeit mit , . . „ 676*38 

ermittelt, so dass sich ein Saldo mit fl. 82*66^2 

ergibt, welcher bestehend in der Einlage in ein 

Büchel der Depositenbank per fl. 82*50 

und der Barschaft per „ — *^^V2 

zusammen obige fl. 82*66^2 
erhoben und richtig befunden wurde. 

Das weitere Vermögen dieser Stiftung besteht in 

Februar- und Augustrentenominale fl. 31100 

in Mairente per „ 2800 

in 1860iger Losen per ,, 1500 

welches jedoch bei der k. k. n.-ö. Statthalterei in Ver- 
wahrung sich befindet. 

Ueberdies wurden ausserdem noch beim Cassier 

in Verwahrung Februarrente per fl. 5000 

richtig vorgefunden. 

Zusammen fl. 40400 

Im Hinblicke auf yorstehende Darstellung erlauben sich die Cen- 
soren den Antrag zu stellen: Die hohe Generalversammlung wolle 
die Gebahrung mit dem Gesellschaftsvermögen genehmigen und dem 
löblichen Ausschusse über die hier sub I bis III besprochenen Hech- 
nongen für das Solarjahr 1897 das Absolutorium ertheilen. 



Wien, am 29. März 1898. 



Schwajghofer. 



Nachdem die Versammlung den ProtokoUarbericht zur Kenntnis 
genommen und das Absolutorium ertheilt hatte, gelangte durch den 
Generalsecretär die Liste der neu aufgenommenen Mitglieder zur Ver- 
lesung. 

Als nächster Punkt der Tagesordnung erfolgte nun die Wahl 
eines Vicepräsidenten und die Neuwahl des Ausschusses. 

Während des Scrutiniums stattete der Vorsitzende den Revisoren 
ffir ihre Mühewaltung den Dank ab und schlug die bisherigen Eevi-' 
soren: die Herren Julius Schwaighofe r, k. k. Oberfinanzratb, 
Eugen Marx, Commercialrath, tmd Felix Karrer, königl. Rath und 
Generalsecretär des wissenschaftlichen Clubs zur Wahl für 1898 vor, 
welche Wahl per Acclamation erfolgte. 






404 

Von 76 stimmberechtigten Mitgliedern wurden 69 Stimmen abge* 
geben; von diesen entfielen für die Stelle eines Yicepräsidenten 62 auf 
Eugen Freiherrn von Poche. 

In den Ausschuss wurden gewählt mit 69 Stimmen folgende 17 
Mitglieder : 

Benko vonBoinik, J e r o 1 i m, Freiherr, k. u. k. Linienschi£b- 
capitän d. R., 

Buschman Ferdinand, Freiherr von, Dr. der gesammten Heil- 
kande, 

Diener, Dr. Carl, a. o. Professor afn der Wiener Universität, 

Fuchs Adalbert, Edler von, Dr. k. u. k. Hof- und Mini- 
sterialrath im Ministerium des kais. Hauses und des Aeussem, 

Haradauer Edler v. Hei den d au er Karl, k. u. k. Oberst i. R., 

Hasenöhrl Richard, Dr. k. k. Ministerialrath im Handels- 
ministerium, 

Heger Franz, Castos im k. k. natur historischen Hofmuseum, 

Dr. Fritz Kerner von Marilaun, 

Koch, Dr. Oustav Adolf, kaiserl. Rath, Professor an der 
Hochschule für Bodencultur, 

Kubeck zu Kübau Max, Freiherr von, k. u. k. Legations- 
rath a. D., 

Palisa, Dr. Johann, Adjunct an der k. k. Sternwarte, 

Paulitscbke, Dr. Philipp, kais. Rath, k. k. Gymnasial- 
Professor und Docent an der Universität, 

Radi er Carl, k. u. k. Hauptmann im Militär-geogr. Institute, 

Sax, Dr. Carl, Ritter von, k. u. k. Ministerialrath und Pro- 
fessor an der k. u. k. oriental. Akademie, 

Umlauft, Dr. Friedrich, k. k. Gymnasial-Professor, 

Zeh den, Dr. Carl, k. k. Regierungsrath, Professor an der 
Wiener Handelsakademie. 

Mit 68 Stimmen: 

Dr. Theodor Cicalek, Professor, 

Dr. Ernst Gallina, 

Dr. Josef M. Jüttner, k. k. Professor. 

Mit 50 Stimmen: 

Dr. Josef R. Lorenz Ritter v. Liburnau, k. k. Sections- 
chef i. R. 

Die bisherigen Ausschussmitglieder Rudolf v. Arthaber, Felix 
Kanitz, K?ifka Otto und Friedrich Ritter v. Wiser hatten eine Wieder- 
wahl abgelehnt. 

Nach der Verkündigung des Wahlergebnisses hielt Herr Hans 
Leder einen Vortrag: „Durch Swanetien und über den 
Elbrus". 



Ausserordentliche Versammlung der k. k. Geographi- 
schen Gesellschaft in Wien am 19. April 1898. 

Der Vorsitzende, Präsident G.-M. Chr. Reichsritter von Steeb, 
eröffnet die Versammlung mit 2 Mittheilungen ; die erste betrifft die 
Verleihung der Hauvr-Medaille an Dr. Fridtjof Nansen, die zweite 
die Ernennung des österreichisch-ungar. Genevalconsuls in Christiania, 
E. F. Petersen, zum correspondirenden Mitgliede für seine Ver- 
dienste um die stets bereite Förderung der Interessen der Gesellschaft. 

Hierauf verliest der Generalsecretär Dr. E. Gallina die Liste 
der neu aufgenommenen Mitglieder, welche in dem dem VII. Hefte 
beizugebenden Mitgliederverzeichnisse ausgewiesen werden. 

Den Vortrag des Abends hielt Herr Dr. Max von Schoeller 
über seine Eeisen in Deutsch-Ostafrika unter Vorführung von 35 
äusserst interessanten 8kioptikonbildem. 



Festversammlung der k. k. Geographischen Gesell- 
schaft in Wien zu Ehren Dr. Fridtjof Nansen's am 

6. Mai 1898. 

Am 6. Mai versammelte sich im Festsaale des Bathhauses^) zu 
Ehren Nansen's eine überaus zahlreiche Gesellschaft. Bflrgermeister 
Dr. Lueger und die beiden Vicebürgermeister Strobach und Dr. Neumayer 
empfingen am Fusse der Feststiege Se. k. und k. Hoheit den durch- 
lauchtigsten Herrn Erzherzog Hainer, den hohen Protector der k. k. 
Geographischen Gesellschaft, höchstweichen sie nach dem festlich 
beleuchteten Magistrats-Sitzungssaale geleiteten, in welchem sich auch 
Professor JDr. Fridtjof Nansen mit Gemahlin eingefunden hatte. Von 
dort begaben sich die Herrschaften in den grossen Festsaal, wo sich 
Se. k. und k. Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Rainer, 
die Herren: Ihre Excellenzen Ministerpräsident und Leiter des Mini- 
steriums des Innern Graf Thun, Justizminister Dr. von Ruber, Mini- 
ster ftlr Cultus und Unterricht Graf Bjlandt, Se. Durchlaucht General- 



*) Zuerst war der Corsalon fUr den Abend bestimmt worden, später wurde 
jedoch der Feetsaai dee Bathhaases zur Verffigung gestellt Auf die nun erfolgenden 
ausserordentlich sahbreichen Zuschriften gebührend zu antworten und alle geäusser- 
ten Wünsche zu berücksichtigen war dem Bureau zxun grössten Bedauern unmöglicb. 



406 

Truppen-Inspector G. d. C. Prinz zu Windisch-Graetz, Ihre Excellen- 
zen Chef des Generalßtabes FZM. Freiherr von Beck, General-Procu- 
rator Ritter von Gramer, der zweite Obersthofmeißter Fürst von Monte- 
nuovo, Marine-Commandant Yice-Admiral Freiherr von Spann, FZM. 
Freiherr von Merkl, der Erste Präsident des Obersten Gerichtshofes 
Dr. von Stremayr, Se. Excellenz der russische Botschafter Graf 
Kapnist, der belgische Gesandte Baron de Borchgrave, der schwedische 
Gesandte Graf Lewenhaupt, Ihre Excellenzen Graf Wilczek, Frei- 
herr von Bezecnj, Graf Prokesch- Osten u. A. befanden. 

Der Präsident, FML. Reichsritter von Steeb begrüsste nun Se. 
k. und k. Hoheit den durchlauchtigsten Herrn Erzherzog Rainer 
und hiess insbesondere die Vertreter der Regierung und der Stadt 
Wien herzlich willkommen. Er dankte dem Gemeinderathe, dass er 
durch Ueberlassung des herrlichen Saales dies^ Festfeier möglich 
gemacht habe. 

Hierauf betrat Bürgermeister Dr. L u e g e r die Rednerbühne und 
sagte, dass die Vertretung der Stadt Wien nur ihre Pflicht erfülle, 
welche sie gegen den grossen Mann habe, der Wien mit seinem Be- 
suche beehrt. Die Wiener seien stolz darauf, dass gerade das Rath- 
haus der Stadt Wien die Stätte des Vortrages des Nordpolfahrers Nansen 
geworden sei. Redner benützte sodann die Gelegenheit, Nansen öffent- 
lich zu beglückwünschen zur hohen kaiserlichen Auszeichnung, die ihm 
zu Theil geworden. Der Gemeinderath der Stadt Wien habe heute 
den einhelligen Beschluss gefasst, dass der Bürgermeister dem For- 
schungsreisenden die Verehrung und den Dank von ganz Wien aus- 
drücken solle. Männer^ welche auf dem Gebiete der Wissenschaft 
Hervorragendes leisten, seien eine Zierde der Nation, der sie ange- 
hören ; sie seien aber auch durch ihre Forschungen ein Gemeingut der 
ganzen Menschheit Der Bürgermeister schloss mit den Worten, dass 
er die Zustimmung aller Bewohner Wiens finde, wenn er den Ruf aus- 
bringe: Heil dem grossen Forscher Fridtjof Nansen ! (Lebhafter Beifall.) 

FML. von Steeb erinnerte nun an die vor einem Vierteljahr- 
hundert unternommene österreichisch-ungarische Polar-Expedition unter 
Payer und Weyprecht und betonte, dass neu entdeckte Länder den Na- 
men erhielten, der für uns das Höchste und Theuerste bedeute, den 
Namen unseres vielgeliebten Herrn und Kaisers. Franz-Josephs-Land . 
sei es gewesen, wohin Nansen zurückkehrte nach seiner kühnen For- 
schungsreise. Durch seinen kühn geplanten, erfolgreich durchgeführ- 
ten Zug im hohen Norden habe Nansen der Wissenschaft grossen Ge- 
winn gebracht. Möge das Lebensschiff Nansens gleich dem „Fram" 
alle Widerwärtigkeiten überwinden und weiterfahren zu Ehre und Ruhm. 

Hierauf betrat Dr. Fridtjof Nansen, stürmisch begrüsst, das 
Podium, um einen nahezu zwei Stunden dauernden fesselnden Vortrag 
über seine Nordpolreise za halten. Mit innigem Danke für alle ihm 
in Wien zu Theil gewordenen Auszeichnungen begann er. Es sei ihm 
unmöglich, all das auszudrücken, was er jetzt empfinde. Er dankte 
für die grosse Ehre; die ihm die Stadt Wien bezeige. Es sei ihm 
besonders lieb, dass er in Oesterreich so warm begrüsst worden sei. 



407 

Ohne die Expedition des „Tegetthofif^ wäre jene des „Fram^ nicht 
möglich gewesen. Der „TegetthofiP'^ war das erste Schiff, das eine 
derartige Beise gemacht hat. Die Erreichung des Nordpols habe an 
sich, fnhr Nansen fort, nur geringe Bedeutung. Unser Ziel war, das 
grosse unbekannte Gebiet rings um den Pol zu erforschen und wissen- 
scbaftlicbe Beobachtungen zu machen, damit die Menschheit eine sichere 
Vorstellung von jenen Gegenden gewinne. Der Bedner zeigte nun 
eine Reihe trefflicher Photographien, die durch ein vom Herrn Buch- 
händler Müller zur Verfügung gestelltes Skioptikon projicirt wurden. 
Er erklärte die bekannte Koute, die der ^Fram^ genommen, und jene, 
die er mit Lieutenant Johansen gemacht. 

Nach Beendigung des mit stürmischem Beifalle aufgenommenen 
zweistündigen Vortrages richtete FML. v. Steeb einige Dankesworte 
an den Redner, der nun zuerst von Sr. k. u. k. Hoheit dem Herrn 
Erzherzog Rainer, dann von allen anwesenden Würdenträgem beglück- 
wünscht wurde. 

Bei dem am selben Abende stattgehabten Bankette zu Ehren Dr. 
Fr. N a n s e n's sprach FML. Chr. Ritter von Steeb den ersten Trink- 
spmch auf Seine Majestät, unter dessen Scepter Kunst und Wissen- 
schaft und nicht im geringsten Maße die geographische Forschung 
gefordert worden sei. Ich erinnere nur, sagte Redner, an die Expe- 
dition der „Novara", an die Polarforscher Payer, Weyprecht und 
Wohlgemuth, an die Forschungen im Rothen und im Mittelländischen 
Meere. Wie unser Kaiser, so fördere auch der gelehrte König Oscar 
von Schweden, der gefeierte Ehrendoctor der Wiener Universität, Kunst 
und Wissenschaft, und ihm ist in gleichem Maße die Geographische Ge- 
sellschaft Ehrfurcht und Dank schuldig. Die Geographische Gesell- 
schaft hat in ihrer Mitte Sven Hedin gesehen, sie hat jetzt Nansen 
in ihrer Mitte und wird vielleicht bald Nordenskjöld in ihrer Mittte 
haben. FML. von Steeb bringt seinen Toast auf die beiden Monar- 
chen Kaiser Franz Joseph und König Oscar von Schweden. 

Seinen Toast fortsetzend, überreichte sodann FML. von Steeb 
Nansen die Hauer-Medaille der Geographischen Gesellschaft. 

Hierauf begrüsste Julius von Payer, der Entdecker des 
Franz Josephs-Landes, Dr. Fr. Nansen mit folgenden Worten: 

„Gilt es, ein zweifelhaftes Verdienst aus Höflichkeit zu stützen, 
dann bedarf es vieler Worte. Ganz anders heute, wo der Geographi- 
schen Gesellschaft von Wien die Ehre zutheil wird, einen weltberühm- 
ten Gast zu feiern: Dr. Fridtjof Nansen! 

Sein unsterbliches Verdienst bedarf eines Titelstempels nicht. 
Einen Gast von solcher Bedeutung hat diese Gesellschaft noch nicht 
gesehen, nicht die Stadt und nicht die Gegenwart; denn seine That 
findet nur im Heldenthume der antiken Vorzeit ihresgleichen und über- 
trifft sie durch die Wahrhaftigkeit. 

Umsonst suche ich in der Geschichte der Entdeckungen nach 
einCTH solchen Wagnis und nach einem solchen Siege eines einzelnen 
Menschen, Dieser Einzelne, in der Verschwendung der Natur gebil- 



408 

dety bat, mit imbeiigsainer Seele und eiaemem Kflrper gerOstet und seine 
YorgSoger überbietend, eine nie eneicbte Welt l>etret»i. 

Bflckkebrend von der Nibe des Poles, scbien jeder W^, den er 
eingesebbigen, ins Verderben zn ftibren, nnd nnr eines Aoi^anges sieber 
— znr WatbalU! Wie von einon fremden Planeten herabsteigend, tra- 
ten Sie zorfiek in den Kreis der Lebenden, Jhret Heimat snun Trimnpb^ 
der Welt zur Verwunderang — vom Glück gefübrt, das nur solche 
Minner liebt und das sieb Ibrem grossartigen Lebenswege treu bewäh- 
ren m&ge. Dies zn bekräftigen erbebe ich mein Glas und rufe im 
Kamen dieser Versammlung: Heil dem nordischen Helden Nansen!" 

Dr. Fr. Nansen erwiderte nun mit einem Toast auf die Geo- 
graphische GreseDschaft. „Es wird mir schwer**, so sagte er, „Worte zu 
finden, um meinen Dank auszudrücken für all' Ihre Liebenswürdigkeit, 
umso schwerer für mich in einer mir nicht geläufigen Sprache. Ich 
danke herzlichst für die Medaille und das Diplom, womit diese her^ 
vorragende Gesellschaft mich ausgezeichnet hat, und ich danke für die 
ehrenden Worte, die mein Freund Payer mir gewidmet hat. In dieser 
Gesellschaft sind Personen vor mir gewesen, die für die geographische 
Wissenschaft viel geleistet, theoretisch und in der Praxis der Wissen- 
schaft gedient haben. Hier sitzt ja Einer: Payer. Diese Män- 
ner, Payer, Weyprecht und namentlich auch Tegetthoff, sie sind mir 
Vorgänger gewesen. Mit ihren Erfahrungen ausgerüstet, habe ich 
meine Fahrt unternommen und da brauchte es nur Geduld und ein 
bischen Gewissenhaftigkeit. Kommt man nach solchen Vorgängern, 
wie Tegetthoff, Payer und Weyprecht, dann kommt man zur rechten 
Zeit! Ich habe meinen Leuten in den schwierigsten Lagen immer 
gesagt, denkt an Jene, die das Franz Joseph-Land in die Geographie 
eingeführt, und die Canäle, in denen wir jetzt nach Norden streben, 
befahren haben! Die haben's gemacht, machen wir es ihnen nach! 
Und so gelang es. Auf die Geographische Gesellschaft, die mich so 
wohlwollend begrüsst, der zu danken ich nicht Worte finde, auf sie 
erhebe ich mein Glas!^ 

Oberst Bobert von Sterneck erhob sein Glas auf die Stadt 
Wien, welchen Toast Bürgermeister Dr. C. Lueger erwiderte, und 
Vicepräsident Oberbergrath Dr. E. Tietze toastirte auf die Frau 
Dr. Fr. Nansen's. 



Kleinere Mittheilnngen und Forschungsberichte. 

Allgemeines. 

Höhe der Luft Von der Lick-Sternwarte ans wurde die Höhe eines 
Meteors mittels photograpbischer Aufnahme durch zwei etwa 415 m von ein- 
ander entfernte Apparate gemessen und es ergab sich eine Entfernung von 
159 hm Tom Erdboden, eine Hohe, die mit den bisherigen Yermuthungen 
ziemlich gut tlbereinstimmt. Die Erdatmosphäre muss also über 150 km hoch 
sein, da das Glühen des Meteors von der Reibung mit den schnell durch- 
eilten Theilen der Atmosphäre herrührt, die äusserste Grenze wird mit 
180 Jbm angenommen. 

Die Existenz von Sauerstoff in der Sonnenatmosphftre. Bei den 
ersten Untersuchungen der Sonne mittels des Spectroskops fanden sich keine 
Spectrallinien, welche die Anwesenheit von Sauerstoff verrathen hätten; später 
behauptete Draper, Beweise für diese Anwesenheit gefanden zu haben, allein 
dieselben erwiesen sich als unzureichend. In den letzten Jahren haben in- 
dessen Bunge und Paschen im Sonnenspectrum eine dreifache Linie entdeckt, 
die mit der dreifachen Linie des Sauerstoffspectrums nach Lage und Inten- 
sität Tollkommen übereinstimmt. Damit war die Anwesenheit von Sauerstoff 
auf der Sonne wahrscheinlich geworden, indessen musste noch erwiesen 
werden, dass die dreifache Linie nicht etwa eine Absorptionslinie der (feuchten) 
Erdatmosphäre ist. In letzterem Falle müsste sie in ihrer Dunkelheit oder 
Intensität sich mit der Höhe der Sonne über dem Horizont ändern. Unter. 
Buchungen nach dieser Richtung hat Jewell in Baltimore angestellt und zuletzt 
doch (vergl. Mitth. Bd. 40, Seite 250) gefunden, dass diese dreifache Linie sich 
genau so verhält, wie die echten Sonnenlinien, auch noch einige andere Linien 
des Sauerstoffspectrums fanden sich im Spectrum der Sonne wieder und er- 
wiesen sich als zweifellose Sonnenlinien. 

Die Erforschmig des Nordlichtes. Im April vorigen Jahres gelang 
es Edward King zum ersten Mal, ein Spectrum von vier hellen Linien zu er- 
halten; über ihre Bedeutung innerhalb des Spectrums herrschte aber noch 
vollkommene Unklarheit. Am 15. März d. J. erhielt man wieder ein Spec- 
trum, diesmal mit zwei hellen Linien, und die Wellenlänge der helleren der 
beiden Linien wurde durch Vergleich mit dem Sonnenspectrum auf 3892 bis 
3925, die der »weiten Linie auf 4285 bestimmt. Ob diese Bestimmungen dazu 
führen werden, die Stoffe zu erkennen, von denen die Licht-Erscheinungen 
ausgehen, ist noch abzuwarten; jedenfalls ist ein erheblicher Fortschritt nach 
dieser Richtung gethan. 

Die schwedische Oradmessnngsexpedition ist unlängst mit dem 
Schiffe Bam in Malmö angekommen und geht zunächst zur Vollendung ihrer 



410 

Aasrüstung nach Kopenhagen, von hier wird die Reise nach Spitzhergen fort- 
gesetzt. Der Aufenthalt auf Spitzbergen soll bis zum 15. September dauern. 

Die Temperatur des Obirgipfels und des Sonnblick^pfels. Die 
Temperatur des Obir und die des Sonnblicks wurde auf die gleiche Periode 
Ton 1851/80 sowie auf die 4öjährige Periode 1851/95 reducirt. Die 45jährigen 
Temperaturmittel und die mittleren Jahresextreme der 11jährigen Periode 
1887/1897 sind: 

Obirgipfel .... 46^30 N 2140 m, Jänner — 7-4, Juli 83, Jänner —0-2. 
Sonnblickgipfel 47^3' 3106 f», Februar —12-9, Juli 1*2, Jänner —63. 

Die correspondirenden mittleren Jahresextreme sind: Obirberghaus 
— 21P und 20-9*, Sonnblick — 3M« und 9-9« 

Auf dem Sonnblick hält sich die Temperatur nur vom 1. Juli bis incl. 
31. August über dem Gefrierpunkt, also durch 62 Tage, auf dem Obirgipfel 
aber vom 2. Mai bis 20. October, durch 172 Tage. Die mittlere Wärme- 
abnahme mit der Hohe in dem Niveau zwischen 2000 und 3000 m beträgt 
0*6* pro 100 m; im December 0*5*, im Juli und August nahe 0-7<>; zwischen 
Klagenfurt (1700 m tiefer) und Obirgipfel ist aber der Temperaturunterschied 
im Winter kaum 2<>, im Jänner nur 6*6®, die Wärmeänderung mit der Höhe 
beträgt im Winter O-l» pro 100 m im 0*65». Akad, Anz. 1898. Xm. 

Mittlere Temperatur von Graz (1851-1890). 

Winter Frtthllng Sommer Herbst JSnner Juli Jahr 

Innere Stadt . -PI 9^4 19<0 9^6 -2«! 19«8 9<'2 
Obere Stadt . . -2«2 8-4 17o6 S^ -3*« 1803 8«0 
Graz Land . . . -2o5 8°3 17^b 8<»0 S^b 18<^ 7o8 
Die nächste Umgebung von Graz ist im Jahresmittel um 1<^ 4 kälter als 
das Innere der alten Stadt; der Unterschied ist im April am kleinsten: 1^0 
im October am grössten: 1^7. Der Höhenunterschied aller drei Localitäten 
ist so gering, dass er dabei keine Rolle spielt. Die Jahresextreme der Tem- 
peratur im Mittel Ton 20 Jahren sind für die innere Stadt Graz — 14^3 und 
290 0, far die obere Stadt —18<> 3 und 29« 8, für Graz Land -19° 5 und 31« 7. 

Akad. Anz. 1898. V. 
Vorläufiges Jahresmittel der erdmagnetischen Elemente 1897. 

Declination = 8o24-8 

Horizontale Intensität = 20785 
Westeuropäische Zeit in Frankreich. Der Geograph Bouquet de la 
Grye brachte unlängst die Annahme der westeuropäischen Zeit zur Sprache, 
die von der Deputirtenkammer bereits beschlossen worden ist, aber noch der 
Bestätigung durch den Senat bedarf. Es handelt sich dabei für Frankreich 
nur um den Unterschied von 9 Minuten und 21 Secunden, zwischen dem 
Meridian von Paris und dem Meridian von Greenwich, der die westeuropäische 
Zeit regelt. Bouquet de la Grye aber meint, diese Aenderung der Zeitrech- 
nung beleidige das Nationalgefühl und werde wegen der Umarbeitung aller 
Marinetabellen grosse Kosten verursachen. Die Akademie möge daher einen 
Ausschuss beauftragen, ein Gutachten gegen die westeuropäische Zeit anzu- 
fertigen und dem Unterrichtsminister zu unterbreiten. Der ehemalige Minister 
Berthelot erklärte, die Frage sei mehr diplomatischer als wissenschaftlicher 
Natur, die .Akademie solle sie daher dem Parlament überlassen. Bouquet de 
la Grye wies darauf hin, dass Spanien, Portugal und Brasilien sich gegen die 



411 

Eintheilong der Erdkugel in 24 Zeitzonen ansgesprocben und dass Rassland 
sie noch nicht angenommen habe; Frankreich dürfe diese befreundeten Mächte 
nicht allein lassen. Nach mehreren Reden für und gegen die neue Stunden- 
rttchnnng brachte der Mathematiker Poinearö unter allgemeiner Heiterkeit 
den Vorschlag eines mexicanischen Astronomen zur Sprache, der den Fran- 
zosen den Bath gibt, genau auf dem Meridian von Greenwich, z. B. in Ar- 
gentan in der Normandie, eine Sternwarte zu bauen. Alsdann könnte sich 
Frankreich damit beruhigen, dass es nicht den englischen Meridian an- 
genommen, sondern blos den tou Paris mit dem Ton Argentan vertauscht 
habe. Mit diesem Witz war Bouquet de la Grye geschlagen, aber die Akademie 
nahm den yermittelnden Antrag Bertrands an, wonach die F^ge im histo- 
rischen Sinne von den Berichterstattern für Astronomie und Geographie be- 
handelt werden soll. 



Europa« 

Die Holzoiufiüir Oesterreieh-Ungarns im Jahre 1897. Se. Excellenz 
der Statthalter von Böhmen, Graf Coudenhove^ hatte die Freundlichkeit, zur 
Ergänzung des im Doppelheft 3 und 4 erschienenen Aufsatzes über den Holz- 
export der Monarchie im abgelaufenen Jahre einen Ausweis zur Verfügung 
zu stellen, inhaltlich dessen auf der österreichischen Elbestrecke über die 
Österreichisch-deutsche Grenze im Vorjahre 2298 Holzflösse mit dem In- 
halte Yon 505.354 Festmeter und mit einer Oberladung tou 1850 Metercentner 
ausgeführt worden sind, welches Holz einen Wert von rund 5.900,000 fl. 
repr&senürt 

Serbiens Handel. Der Handel Serbiens ergab im Jahre 1897 eine Aus- 
fuhr Ton 55,939.981 Francs und eine Einfuhr von 45,413.824 Francs, gegen 
1896 ist die Ausfuhr um 2,534.012 Francs und die Einfuhr um 11,965.965 Francs 
gestiegen. Die Schweineausfuhr war 1896 nur 44.000 Stück, 1897 dagegen 
118.000. Die Pflaumen ergaben einen Wert von I8V2 Millionen Francs. 

Das Unterriehtswesen im Fürstenthnm Bulgarien. Ein eben ver- 
öffentlicher statistischer Ausweis besagt, dass gegenwärtig nachstehende Schulen 
im Lande bestehen: 1 Universität mit 3 Facultäten (geschichtlich-philologische, 
physicalisch-mathematische und rechtswissenschaftliche) in Sofia, 150 Mittel- 
schulen, wovon 9 Obergymnasien und 76 nicht vollständige oder Progymnasien 
für Knaben, 7 Obergymnasien und 37 Progymnasien für Mädchen, 14 ge- 
nuschte Gymnasien, 6 Lehrerbildungsanstalten, 1 militärische Mittelschule, 
4481 Volksschulen. Unter letzteren sind: 3079 orthodox-bulgarisch, 19 katho- 
lisch-bulgarisch, 8 protestantisch-bulgarisch, 25 mohammedanisch-bulgarisch, 
1243 türkisch, 16 tatarisch, 39 griechisch, 13 armenisch, 27 israelitisch. 
4 katholisch, 3 französisch, 2 rumänisch, 1 deutsch, 1 russisch, 1 fremde 
Mädchenschule. Von diesen Volksschulen sind 3079 zu Vs ^om Staate und 
^/« von den Gemeinden und 1402 aus privaten Mitteln erbalten. Das staat- 
liche Budget des Unterrichts beläuft sich auf 9,188.560 Franken. Nach der 
letzten Volkszählung 1893 ist die Bewohnerzabi Bulgariens 3,309.816. Das 
Verhältnis der Schulen zur Einwohnerzahl ist daher ein sehr günstiges zu 
nennen. 



412 



Asien. 

Die Expedition des Orafen Engen Zichy, welche die Aufgabe hat, 
den Ursprung und die Richtung der Wanderungen des magyarischen Stammes 
zu erforschen, ist nach Sibirien und China abgegangen. Zunächst sollen die 
sibirischen und chinesischen Wüsten durchkreuzt, sodann im Slidosten des 
Balkasch-Sees und der von den Baschkiren bewohnten Gegend Ueberreste 
angeblich dorthin gedrängter ^^magyarischer Stämme^, in den östlich und 
südlich Tom Baikal-See gelegenen Gegenden aber die ^dort lebenden Nach- 
kommen der Hunnen'' aufgesucht und studirt werden. Schliesslich gedenkt der 
Graf auch die im Jahre 1241 anlässlich des Auszuges der Mongolen geraubten 
vaterländischen Urkunden und Archive aufzusuchen, die Batu Khan in Kara- 
korum im Frühjahr 1242 als Trophäen vorwies und die er in den verschie* 
denen Bonzenklöstem and Pagoden der mandschurischen Städte suchen 
muss. 

Erforschung von Belndsehistan. Die Petersburger Geographische Ge- 
sellschaft entsendet in diesem Jahr eine Expedition nach Beludschistan. Es 
handelt sich um eine genauere Erforschung der an Persien stossenden* Gebiete. 

Eine deutsche Expedition nach Innerasien. Ende 1897 wurde von 
Dr. Futterer, Professor der Mineralogie an der technischen Hochschule in 
Karlsruhe, und Dr. Holderer eine Reise angetreten, die der wissenschaftlichen 
Erforschung gewisser Theile von Centralasien und China dienen soll, und die 
auf über ein Jahr in ihrer Dauer berechnet ist. Diese Expedition hat ihr 
erstes Ziel Kaschgar über Tiflis, Baku, Samarkand am 11. Februar erreicht. 
In Fergana verursachten die Vorbereitungen zum Ueberschreiten des Altai* 
gebirges im Winter einigen Aufenthalt. Am 26. Januar brach die Expedition 
von Osch auf, um in Guldscha, einer kleinen Kosakengamison, drei Kosaken, 
die der Kaiser von Russland der Expedition zum Schutz und zur Begleitung 
zugetheilt hatte, aufzunehmen. Die Schwierigkeiten des Ueberganges über den 
3871m hohen Terek-Dawan Pass bestanden hauptsächlich in den grossen 
Schneemengen, die Lawinen verursachten und die engen Thäler bis hoch 
hinauf zuschütteten. Auch ungünstiges Wetter verursachte einige Tage Auf- 
enthalt. Am 4. Februar gelang indessen die Ueberwindung des gefürchteten 
Hochgebirgspasses glücklich, und auf der Ostseite war schönes, aber kälteres 
Wetter während der sieben Tage, welche die Reise bis Kaschgar noch bean- 
spruchte. Während der ganzen Gebirgsreise von Osch bis Kaschgar wurden 
meteorologische Beobachtungen angestellt, die sich auf Temperatur und Luft- 
druck. Feuchtigkeitsgrad der Atmosphäre und Insolationswärme der Sdnne 
erstreckten. Die Höhe der wichtigeren Stationen und auch der Pässe wurde 
ausser durch drei Aneroidbarometer durch Hypsothermometer bestimmt. Auch 
in geologischer Beziehung ergaben sich trotz des hindernden hohen Schnees 
wichtige Feststellungen. Der weitere Weg der Expedition wird am Nordrande 
des Tarimbeckens entlang gehen und die Städte Aksu, Turfan und Chami be- 
rühren; dann soll die Wüste Gobi zwischen Chami und Ansi-fan durchquert 
werden und Sommer und Herbst zu Forschungen im Nan-schan- Gebirge, im 
Kuku-nor-Gebiet und dem nordöstlichen Tibet dienen. Gegen Ende des 
Jahres 1898 hofft die Expedition an der Ostküste Chinas anzukommen. 



413 

Die deutsche Handelscommission för Ostasion ist nach Deutschland 
zurückgekehrt, nachdem sie mehr als 13 Monate imterwegs gewesen. Ihr 
Hanptarbeitsfeld war China und Japan, denen etwa 10 Monate, und zwar jedem 
Lande etwa ö gewidmet wurden. Ausserdem wurde auch Korea aufgesucht 
und am Schlüsse der Expedition noch Ton einzelnen Herren im hesonderen 
Auftrage den Philippinen, Siam, Java und einem Theile Indiens ein kurzer 
Besuch abgestattet. Die gesammelten Muster, die nach Hunderten zählen, sollen 
zur besseren Nutzbarmachung mit den Einzelberichten den einheimischen Inter- 
essenten, und nur diesen, zugesandt werden. Ein Gesammtbericht, der insbe- 
sondere auch die allgemeinen Fragen, wie die Währungsverhältnisse und die 
Arbeiterfrage in Ostasien, ausführlich behandeln soU, wird wohl auch weiteren 
Kreisen zugänglich gemacht werden. 

Englands neueste Gebietserwerbung in Asien. England hat mit 
China ein Uebereinkommen abgeschlossen, demzufolge das zur Vertheidigung 
Hongkongs nöthige Gebiet, die Halbinsel Kaulung, zwei die Hauptzufahrten 
Hongkongs beherrschende Punkte und einiges Hinterland, im ganzen fast 
325 km*, England auf 99 Jahre Terpachtet werden. 



Afrika. 

Nachrichten von Forschungsreisenden und Expeditionen. Am 

29. Jänner 1898 starb zu Lissabon der portugiesische Afrikaforscher Marine- 
Officier Roberto Ivens. Er hatte mit H. Capello 1879 — 1880 Südafrika durch- 
quert und war Mitverfasser des zweibändigen Werkes : De Benguella äs terras 
de Jäcca, descripcäo de uma viagem na Africa Central e Occidental (Lissabon 
1881). — Der Engländer Cavendish, der eine neue Expedition plante, welche 
sich von Britisch-Ostafrika in das Nilgebiet begeben sollte, ist von seinem 
Vorhaben aus politischen Gründen abgestanden. — Parkinson, Aylmer 
und Brander-Dunbar haben ihre Aufnahmen im Dolbohanta-Somali-Gebiete 
beendigt und im Geographical Journal von London, 1898, pp. 15 fT. ihre Er- 
fahrungen beschrieben, sowie auch ihre Karte veröffe