(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung"

*% 



;«£4 



l-^N 






m> 



f j 




If^^-^ 



r^i 





EX LIBRIS 
MARTIN R NILiSON 



^c 




/•^ 





"«'« 







A^ 



9 /^^ 




^»«^ 




;/<•.< 



%:% 



MITTEILUNGEN 



DES KAISERLICH DEUTSCHEN 



ARCHÄOLOGISCHEN INSTITUTS 



ATHENISCHE ABTEILUNG 



BAND XXXII 

1907 

MIT 28 TAFELN UND 6 BEILAGEN. 




ATHEN 

BECK UND BARTH 

1907 



Athen — Bruchdruckerei «Hestia> C. MEISSNER & N. KARGADURIS. 



<r" 



~^ 



III 



INHALT. 

vScite 

Fr. W. von Bissing, Mitteilungen aus meiner Samm- 
lung II (Taf. III. IV) 71 

A. Brueckner, Athenische Hochzeitsgeschenke (Ta- 
fel V-IX) 79 

W. DÖRPFELD, Tiryns, Olympia, Pylos I 

» Die Arbeiten zu Pergamon 1904-1905, 

I. Die Bauwerke (Taf. XIV-XIX) . 1 63 

» Die Kretischen Paläste 576 

H. Hepding, Die Arbeiten zu Pergamon 1904-1905, 

IL Die Inschriften 241 

III. Die Einzelfunde (Taf. XX) . . 378 

J. Kirchner, IG. II 1194 470 

W. KoLBE, Die Arbeiten zu Pergamon 1904-1905, 

IV. Ephebenlisten 415 

E. Nachmanson, Freilassungsurkunden aus Lokris 

(Taf. I. II) 1 

F. NOACK, Die Mauern Athens (Taf. X-XIII. XXI- 

XXV) 123. 474 

W. VoLLGRAFF, Dionysos Eleuthereus 567 

Zu Athen. Mitteil. XXXI 1906, 373 ' 604 

Sitzungs-Protocolle 604 



IV 



TAFELN. 

Seite 

I. IL Freilassungsurkitnden aus Lokris . . 1 1 ff. 19. 27 ff. 

III. Aphroditestatuette aus Aegypten 71 

IV. Bronzen aus Naukratis 73 

V. Von den Vasen Athen Nat.-Mus. 1454. 1630 . 96. 88 

VI. Von der Scherbe Athen Nat.-Mus. 1619 . . 92 

VII. Vom Lebes Athen Nat.-Mus. 1659 107 

VIII. Vom Lebes Athen Nat-Mus. 1581 108 

IX. Hydria Athen Nat.-Mus. 1 484 116 

X. Das Dipylon und die themistokleische Tor- 

anlage 1 27 ff. 

XI. Das älteste Tor beim Eridanos und seine 

Umgebung 473 ff. 

XII. Ansicht der Mauer A, südwestlich vom älte- 

sten Tore 130 ff. 

XIII. Schnitt und innere Ansicht der ältesten Tor- 

anlage 139 ff. 

XIV. Haus des Consuls Attalos und Umgebung 

(Plan) 167 ff. 

XV. Haus des Con.suls Attalos (Ansicht) . . . . 168 ff. 

XVI. Mosaiken im Hause des Consuls Attalos . . 1 83 f. 

XVIII. Gymna.sion zu Pergamon (Plan) 191 ff. 

XIX. Das obere Gymnasion (Ansicht) 200 ff. 

XX. Herakles-Kopf aus Pergamon 380 

XXI. Attische Grabstele 514 ff. 

XXII. Reliefplatte und Gorgone der Stele Taf. XXI . 543. 527 

XXIII. Sphinx vom Fusse der themistokleischen 

Mauer 550 ff. 

XXIV. Rückansicht der Sphinx und Löwe . . .550 ff. 542 

XXV. Bügelkanne und frühattische Scherben vom 

Dipylon 557. 561. 



TIRYNvS, OLYMPIA, PYLOS. 

Im Frühjahre 1907 hat das Deutsche Institut in Athen 
an mehreren Plätzen Griechenlands kleine Ausgrabungen vm- 
ternommen, über deren Ergebnisse hier sofort ein vorläufiger 
Bericht erstattet werden soll. Zwei dieser Arbeiten bilden die 
Fortsetzungen früherer deutscher Unternehmungen und wa- 
ren schon 1905 oder 1906 zur Lösung bestimmter Fragen 
wieder in Angriff genommen worden: neue Grabungen in 
Tiryns und Olympia, die zur genaueren Erforschung der 
ältesten, bisher noch nicht genügend untersuchten Schichten 
beider Orte dienen sollen. Eine dritte Arbeit, die Ausgrabung 
des homerischen Pylos, ist durch einen glücklichen Fund als 
neue Aufgabe des Instituts hinzugekommen. Da der Druck 
dieses Heftes abgeschlossen war und der des zweiten schon 
begonnen hatte, ist dieser Bericht mit lateinischen Seitenzah- 
len versehen dem ersten Hefte hinzugefügt worden. 

1. Tiryns. Schon im Jahre 1905 war, wie L. Curtius 
in diesen Mitteilungen (1905, 151) kurz berichtet hat, eine 
kleine Grabung in Tiryns ausgeführt worden. Sie hatte so 
wichtige Resultate ergeben, dass ihre Fortsetzung nicht nur 
für die ältere Geschichte von Tiryns, sondern namentlich 
auch im Allgemeinen für die Erforschung der vormykeni- 
schen und mykenischen Kultur dringend wünschenswert er- 
schien. Unter dem Palaste der mykenischen Zeit, den Schlie- 
mann und ich vor mehr als 20 Jahren ausgegraben hatten, 
waren mehrere ältere Schichten constatiert worden, deren 
Bauwerke, Topfware und sonstige Reste wenigstens soweit 
untersucht zu werden verdienen, als dies ohne wesentliche 
Beschädigung des oberen Palastes möglich ist. Zugleich hiel- 
ten wir es für unsere Pflicht, das Werk Schliemanns zu ver- 
vollständigen durch ganze oder wenigstens teilweise Frei- 
legung der bisher nur durch einen schmalen Graben unter- 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII a 



II W. DORPFELD 

suchten Unterburg. Eine weitere Aufgabe, die wir uns für 
Tiryns stellen mussten, war die Aufsuchung von Gräbern. 
Ihr gänzliches Fehlen war um so unerklärlicher, je grösser 
die Zahl der in Tiryns nachweisbaren Schichten war. Denn 
den einzelnen Perioden in dem Bestehen der Burg mussten 
vermutiich verschiedenartige Gräber entsprechen. 

Das deutsche Institut durfte trotz seiner beschränkten 
Mittel diese grosse Aufgabe in die Hand nehmen, weil ein 
holländischer Maecen, Herr A. E. Goekoop, sich in dankens- 
werter Weise bereit erklärte, die Geldmittel für diese Gra- 
bung zur Verfügung zu stellen und so die Vollendung des 
Schliemannschen Werkes zu ermöglichen. Die Grabung fand 
unter Leitung der beiden Sekretare des Instituts und zweier 
Stipendiaten, der Herren Kurt Müller und A. Frickenhaus, von 
Anfang INIärz bis Anfang April 1907 statt. Sie musste zu die- 
sem Zeitpunkte unterbrochen werden, weil die alljährlich statt- 
findende und öffentlich angekündigte Erklärung der Ruinen 
und des Museums von Olympia uns zum Alpheiostale rief. 

Die Resultate der Grabungen waren in mancher Hin- 
sicht reich und wichtig: Zuerst wurden unter dem mykeni- 
sclien Palaste an mehreren Stellen wiederum Reste einer älte- 
ren Burg aufgedeckt. Namentlich legten wir das Festungstor 
frei, dessen Vorhandensein unter dem grossen Propylon I 
(Schliemann, Tiryns Taf. II) schon vor 2 Jahren festgestellt 
worden war. Seine Wände stehen noch etwa 3 m hoch auf- 
recht, sind aus sehr grossen Steinen mit Lehmmörtel erbaut 
und tragen oben die Fundamente und Säulenbasen der Vor- 
halle des grossen mykenischen Hoftores. Behufs Aufdeckung 
der älteren Anlage musste der Estrich im mittleren Durch- 
gange des jüngeren Propylon durchschlagen und zum gröss- 
ten Teile entfernt werden ; in den Seitenteilen ist er aber 
stehen geblieben. Alle unter dem Estrich gemachten Funde, 
namentlich die mykenische Topfscherben und Stücke bemal- 
ten Wandputzes gehören daher sicher zum älteren Palaste. 

Durch die Aufdeckung dieses älteren Burgtores wurden 
einige schon früher gemachte Beobachtungen über das ver- 
schiedene Alter einzelner Teile der Ringmauer bestätigt und 
weiter aufgeklärt. Es Hess sich feststellen, dass die ganze 



TTRYNS, OLYMPIA, PYLOS ITI 

Östliche Festungsmauer der Oberburg mit der weltbekannten 
Gallerie und den Vorratskammern und ebenso die entspre- 
clienden Magazine und der grosse Turm der Südmauer spä- 
tere Erweiterungen der Burg aus der Zeit des jüngeren 
Palastes waren. 

Auch an einigen anderen Stellen der Burg wurden durch 
Tiefgrabungen ältere Reste ans Licht gebracht. Besonders 
ergebnisreich war eine Grabung im Hofe xxx (Tiryns Taf. II). 
Hier traten, nachdem der Fussboden des jüngeren Palastes 
durchschlagen war, zuerst einige Mauern zu Tage, die wohl 
dem älteren Palaste angehören. Noch tiefer stiessen wir ganz 
unerwartet auf fünf kleine Steingräber. In einem war der in 
Hockerlage befindliche Leichnam noch gut erhalten, in den 
anderen Hess sich dieselbe Lage wenigstens noch erkennen. 
Als einzige Beigabe fand sich in 2 Gräbern je eine mono- 
chrome Vase. Dass diese Gräber älter als der Palast sind, ist 
nicht nur durch den über sie hinweg gehenden Fussbodenbe- 
lag des Hofes gesichert, sondern namentlich auch durch die 
Tatsache, dass eine Palastmauer quer über einem der Gräber 
liegt. Unter der Gräberschicht wurden sodann in noch grös- 
serer Tiefe mindestens zwei verschiedene ältere Wohnschich- 
ten durch Mauern und Vasenscherben festgestellt. In der obe- 
ren sieht man vielen Brandschutt und Reste von Lehm- 
mauern auf einem Steinfundament. Neben monochromer prä- 
historischer Topfware fanden sich hier verschiedene Arten 
bemalter vormykenischer Vasen. In der untersten Schicht, von 
der wir bisher noch wenig aufdecken konnten, ist namentlich 
ein Fussboden aus gebrannten Thonplatten beachtenswert. 

Fast dieselbe Folge von Schichten wurde auch bei einer 
Grabung in der Mittelburg constatiert. Unter zwei der myke- 
nischen Zeit angehörigen Schichten mit einfachen Mauern 
wurden zwei Hockergräber entdeckt und noch tiefer eine 
ältere Mauer, unter die hinunter zu graben zunächst nicht 
möglich war. Im südlichen Teile der Unterburg haben wir 
sodann einen von der Ost- bis zur Westmauer reichenden 
Streifen bis zum Preisen freigelegt und dabei ein in der letz- 
teren Mauer erhaltenes Tor ausgeräumt. Ausser zahlreichen 
Vasenscherben namentlich mvkenischer Art sind nur wenige 



IV W. DÖRPFELD 

bemerkenswerte Einzelfunde zu verzeichnen, so ein bemaltes 
mykenisches Gewicht und ein schönes Steingefäss. 

Ein unerwarteter und sehr reicher Fund wurde ausser- 
halb der Südostecke der Oberburg gemacht. Hier, wo schon 
im Jahre 1 885 einige Terracotten nachmykenischer Zeit ge- 
funden waren, stiessen wir bei der Reinigung der Burgmauer 
auf eine dicke Schicht von Thonfiguren, kleinen Vasen und 
anderen Gegenständen aus Thon, die offenbar zu einem Hei- 
ligtum der Hera gehört haben. Die Figuren stellen teils eine 
thronende Göttin dar, von ähnlichen Typen, aber noch rei- 
cher, wie die aus dem Heraion bei Mykenai (Argos), teils Ado- 
ranten mit Weihegaben. Der Umstand, dass mehrere Figu- 
ren derselben Art früher auch im und beim Megaron der 
Oberburg gefunden worden sind, lässt uns vermuten, dass 
alle diese Gegenstände zu dem Tempel gehört haben, der 
nach der Zerstörung des mykenischen Palastes über dem Me- 
garon errichtet war. vSie sind dann wohl bei der Zerstörung 
des Tempels von der Burgmauer herunter geworfen worden, 
an deren Fusse sie jetzt gefunden wurden. 

Endlich war auch unser Suchen nach Gräbern ausser- 
halb der Burg von Erfolg gekrönt. Zwischen der Burg und 
dem südwestlich von ihr gelegenen Bahnhof Tiryns wurden 
zahlreiche Gräber gefunden. Es sind meist kleine gemauerte 
Vierecke, die mit Platten überdeckt waren und liegende 
Hocker enthielten ; aber auch einige Pithosgräber kamen vor. 
Als Beigaben sind hauptsächlich bemalte geometrische Vasen 
und Gegenstände aus Bronze und Eisen zu nennen. 

Die so ergebnisreiche Grabung soll im nächsten Jahre 
fortgesetzt werden. Ein ausführlicher Bericht soll sobald wie 
möglich erscheinen. 

2. Olympia. Unseren Aufenthalt in Olympia, der zur 
Erklärung der Ruinen und des Museums bestimmt war, ha- 
ben wir zugleich zur Fortsetzung der kleinen, aber wichtigen 
Grabung benutzt, die wir im vorigen Jahre im Heraion und 
Pelopion unternommen hatten (vgl. AM. 1906, 205). 

Bei der Leitung und Beobachtung der Grabung haben 
mir Kurt Müller und F. Weege zur Seite gestanden. Wir 



TIRYNS, OLYMPIA, PYLOS V" 

haben wiederum in beiden Bauwerken und in dem Räume 
zwischen ihnen gegraben und sind dabei an einigen Stellen 
in noch grössere Tiefe hinunter gedrungen als es früher ge- 
schehen war. So fanden wir an der Nordgrenze des Pelopion 
nicht nur die alte Humusschicht, die unterhalb der dort befind- 
lichen Wasserleitung noch zu erkennen ist und uns wieder 
viele alte Scherben, Thonfiguren und einige Bronzen lieferte, 
sondern stiessen auch auf eine ältere, sich nach Osten senkende 
Schicht, die an einigen Stellen besonders viele jener prähisto- 
rischen Topfscherben enthielt, die ich in grosser Menge zuerst 
in Leukas gefunden habe und für die ursprüngliche Keramik 
der Achäer halte. Auch im Heraion wurden wieder einige 
Löcher gemacht und die Resultate der Grabung mit beson- 
derer Vorsicht beobachtet und studiert. Im Opisthodom, wo 
zwei Fussbodenplatten gehoben wurden, fanden wir neben 
der Stelle, wo im vorigen Jahre die Bronzestatuette eines 
Mannes mit Helm entdeckt worden war, eine Mauer aus 
grossen Kieselsteinen, die nicht zum jetzigen Heraion gehört. 
Sie lehrt uns somit, dass vor Erbauung des Tempels hier 
schon ein anderes Gebäude gestanden hat. Form und Aus- 
sehen des Decksteines der Mauer und eine neben ihm lie- 
gende dicke Aschenschicht sprechen dafür, dass dieser ältere 
Bau kein Tempel, sondern vielleicht ein Altar war. Noch un- 
ter dem Fussboden dieses uralten Baues hat jene Bronzesta- 
tuette gelegen, die nach Furtwängler dem VII. Jahrh. angehö- 
ren soll ! Bei 3 Löchern im Inneren der Cella, die wir in klei- 
nen Abständen anlegten, damit zwischen ihnen die Schichten 
noch unberührt liegen bleiben, konnten wir die allmähliche 
Aufhöhung des Bodens und die verschiedenen Erdschichten 
genau beobachten, zeichnen und photographieren. Zwei ältere 
Fussboden waren deutlich zu erkennen. Darüber lagen die 
abwechselnden Schichten von Bauschutt und Sand, die zugleich 
mit den Quaderfundamenten für den Stylobat der Innensäu- 
len entstanden sind. Neben monochromen Vasenscherben der 
leukadischen Art fanden wir schon in der untersten Schicht 
unmittelbar über dem Felsen Stücke der bekannten Figuren 
aus Thon, einzelne Gegenstände aus Bronze und Eisen und 
auch mehrere feine Vasenscherben mit braunschwarzem Fir- 



VI W. DÖRPFELD 

nis und darunter ein paar Stücke, bei denen geometrische 
Ornamente in Deckweiss auf den Firnis aufgemalt sind. 
Diese Scherben sind am nächsten verwandt mit den bekann- 
ten Kamares-Vasen Kretas und vielleicht auch mit den in 
Orchomenos gefundenen vormykenischen Firnis-Vasen. Alle 
diese Funde und namentlich die prähistorische monochrome 
Topfware beweisen zur Genüge, dass diejenigen sich im Irr- 
tume befinden, welche im Gegensatze zu der Überlieferung 
das olympische Heiligtum mit Furtwängler der nachmykeni- 
schen Zeit zuschreiben. Kenner wie Chr. Tsuntas hatten die 
Güte, die Funde in Augenschein zu nehmen, und zweifeln 
nicht mehr an dem prähistorischen Charakter der Topfware. 
Von dem vorgeschichtlichen Olympia sind, wie wir wieder 
constatiert haben, noch so viele Reste erhalten, dass wir un- 
sere Nachforschungen im nächsten Jahre fortsetzen müssen. 

Unter den Einzelfunden verdient noch besonders erwähnt 
zu werden eine 8 cm hohe Bronzestatuette einer stehenden 
Frau mit schürzenartigem Gewände und Resten von Ringen 
in den grossen abstehenden Ohren. 

3. Alt-Pylos. Einen überaus wichtigen Fund und eine 
grosse neue Aufgabe verdanken wir einer Tour, die ich von 
Olympia aus mit den beiden Stipendiaten Kurt F. Müller 
und F. Weege zur Aufsuchung des homerischen Pylos unter- 
nahm. Seit Jahren vertrete ich in meinen Vorträgen die An- 
sicht, dass die von Strabon angeführten Homer-Kenner Recht 
hatten, welche das homerische Pylos weder bei der heutigen 
messenischen Stadt dieses Namens, noch bei dem am Peneios 
gelegenen elischen Pylos, sondern in Triphylien in der Nähe 
von Samikon ansetzten. Es kann meines Erachtens nicht 
zweifelhaft sein, dass Homer sich die steile Burg des Nestor 
nur wenige vStunden südlich vom Alpheios in der Nähe des 
ionischen Meeres denkt. Das messenische Pylos liegt um eine 
volle Tagreise zu weit nach Süden und die elische Stadt viel 
zu entfernt vom Meere, um mit der homerischen Burg des 
Nestor identificiert werden zu können. Aber wo lag das tri- 
phylische Pylos? Dürfen wir es mit V. Berard (Les Pheni- 
ciens et l'Odyssee 104) in der wohlummauerten Stadt Samikon 



TIRYNS, OLYMPIA, PYLOvS VII 

erkennen, wie ich selbst früher getan habe? Oder müssen wir 
mit E. Curtius das 2 Stunden südöstlich von Samikon gele- 
gene Paläokastron von Riskini oder richtiger von Kalydona 
für das triphylische Pylos halten? Beide Ansichten unterlie- 
gen, wie uns der Augenschein überzeugte, schweren Beden- 
ken. Die schönen polygonalen Mauern von Samikon stam- 
men offenkundig aus klassischer Zeit, vorhistorische Reste 
sind bisher dort nicht gefunden worden; auch muss nach 
Homer (II. XI 710 ff.) die Burg des Nestor in einem etwas 
grösseren Abstände vom Alpheios gesucht werden. Die Fels- 
burg von Kalydona zeigt in ihrer Ringmauer und ihren noch 
erkennbaren Häusern eine Bauart (unbearbeitete kleine flache 
vSteine ohne Bindemittel), die zwar gut zu der prähistorischen 
Zeit passt, aber auch in jeder anderen Epoche vorkommen 
kann ; da indessen innerhalb der Burg gar keine Schuttan- 
häufung vorkommt und sich auch keine datierbare Topf wäre 
findet, haben wir in ihr keinen dauernden Wohnplatz, son- 
dern nur einen vorübergehenden Zufluchtsort zu erkennen; 
auch ist ihre Entfernung vom Meere (etwa 2 7.^ Stunden) grös- 
ser als man nach Homers Schilderung annehmen darf. 

Um nun nach dem wirklichen triphylischen Pylos zu 
suchen, hatten wir uns von der griechischen Regierung die 
Erlaubnis zu kleinen Nachgrabungen in Triphylien geben 
lassen. Herr Goekoop, der dem deutschen Institut die Mittel 
zu den Grabungen in Tiryns schenkt, hatte sich bereit er- 
klärt, uns auch die Mittel zur Aufsuchung und Ausgrabung 
von Pylos gütigst zu gewähren. Von Zacharo, einem grös- 
seren Dorfe südlich von Samikon aus wollten wir die ganze 
Gegend durchforschen. Am ersten Tage sollte das Paläo- 
kastron von Kalydona, am zweiten Tage vSamikon besucht 
werden. Wir ritten von Zacharo zunächst Y2 Stunde nach 
Süden, um einen Platz 'Marmara' zwischen Kakövatos und 
Glatza zu untersuchen, wo nach der Aussage der Leute 
Marmor-Säulen und andere antike Steine ausgegraben wer- 
den. Da unser Führer, wie sich herausstellte, die Stelle selbst 
nicht genau kannte, bogen wir irrtümlicher Weise nach Osten 
ins Tal des Flusses von Kalydona ein und Hessen die Stelle 
Marmara rechts liegen. Dort erfuhren wir von einem Bauer, 



VIII 



W. DORPFELD 







;?^S^' 





PYLOS 

K aKovatos) 

m 

150 200 250 






TIRYNS, OLYMPIA, PYLOS IX 

dass man auch auf einer Höhe zwischen Zachäro und Mar- 
mara Bausteine hole. Wir ritten sofort hinauf und sahen zu 
unserer Überraschung, wie Leute beschäftigt waren, eine 
kreisrunde antike Mauer zu zerstören. Ein Blick auf die An- 
lage und auf zwei unmittelbar daneben liegende kreisförmige 
Gräben, die durch Zerstörung anderer antiker Mauern ent-, 
standen waren, genügte, um uns davon zu überzeugen, dass 
hier drei Kuppelgräber mykenischer Zeit lagen und ihrer Ver- 
nichtung entgegen gingen. Die bedeutenden Abmessungen 
der Kreise (der grösste hatte einen Durchmesser von 1 2-1 3 m) 
Hessen auf Gräber eines hervorragenden mykenischen Königs- 
sitzes schliessen. Die ersten Vasenscherben, die wir bei den 
Gräbern auflasen, gehörten zu der monochromen Topfware, 
die ich aus Leukas und Olympia so wohl kannte und im ho- 
merischen Pylos erwartet hatte. Als wir dann weiter auf dem 
unmittelbar oberhalb der Gräber gelegenen Plateau dieselben 
Vasenscherben fanden, war ich meiner Sache sicher: wir hat- 
ten die Gräber und Burg des Nestor und seiner Familie, wir 
hatten das lange gesuchte homerische Pylos gefunden. 

Nach diesem unerwartet glücklichen Funde besuchten wir 
noch die Stelle Marmara auf dem südöstlichen Ufer des Flus- 
ses von Kalydona, gegenüber von unserer Burg. Es scheint 
dort eine griechisch-römische vStadt gelegen zu haben. Ob 
dies die triphylische Stadt Pylos der klassischen Zeit gewe- 
sen ist, wie man nach Strabon annehmen könnte, muss vor- 
läufig zweifelhaft bleiben. Zur Zeit des Pausanias scheint eine 
triphylische Stadt dieses Namens nicht bestanden zu haben, 
wenigstens erwähnt der Perieget sie nicht, obwohl er von 
dem messenischen und elischen Pylos spricht. Möglicher Wei- 
se kann hier auch das von Strabon (p. 344) erwähnte Heilig- 
tum der Demeter, der Köre und des Hades gelegen haben. 
Ausgrabungen können hierüber leicht Aufschluss geben. 

Natürlich hatten wir den lebhaften Wunsch, die Kuppel- 
gräber von Alt -Pylos und die Burg sobald als möglich näher 
zu untersuchen. Von der griechischen Regierung wurde uns 
gütigst die Erlaubnis zu Untersuchungs- Grabungen erteilt. 
Eines der Kuppelgräber sollte ausgegraben und die Burg 
durch Gräben untersucht werden. 



X W. DÖRPFELD 

Diese Arbeit ist noch im Mai 1907 ausgeführt worden. 
Neben den beiden Sekretaren des Instituts waren die Stipen- 
diaten Kurt Müller und F. Weege bei der Grabung tätig. 
Die Geldmittel stellte uns in freundlichster Weise wiederum 
Herr A. E. H. Goekoop zur Verfügung, dem dafür auch hier 
unser herzlicher Dank ausgesprochen werden mag. 

Das grösste der Kuppelgräber, dessen Ausräumung zuerst 
erfolgte, hat einen inneren Durchmesser von 1 2,00-1 2,1 m und 
ist aus kleinen flachen Kalksteinen erbaut. Der 2,30 m breite 
Eingang hat eine Länge von 4,83 m und besteht aus grösse- 
ren Kalksteinen, deren Fugen vielfach mit kleinen Steinchen 
ausgezwickt sind. Der Dromos hatte keine Seitenmauern, 
sondern ist aus dem Felsen herausgearbeitet, der hier aus 
Tertiärgebilden, weichem Sandstein und Mergel, besteht. Seine 
Breite nimmt nach aussen von 3,00 m bis 2,50 m ab, seine 
Länge beträgt nur etwa 8 m. Wie hoch die Kuppel gewesen 
ist, lässt sich leider nicht mehr genau bestimmen. Schon im 
Altertum ist sie eingestürzt. Die damals noch etwa 5 m hoch 
stehen gebliebenen Mauern verschwanden unter dem Boden, 
weil das Innere des Grabes sich bis zur Höhe des jetzigen 
Erdbodens mit Steinen und Erde anfüllte. Erst in der Gegen- 
wart sind diese Mauern leider teilweise zerstört worden. Die 
harten Kalksteine, aus denen sie bestehen, waren in der an 
guten Bausteinen armen Gegend ein bequemes und ge- 
suchtes Baumaterial. Nach der Neigung der noch erhaltenen 
Stücke' der Kreismauer und nach Analogie anderer Kuppel- 
gräber dürfen wir die ursprüngliche Höhe der Kuppel zu 
etwa 1 2 m annehmen. 

Der Eingang war mit grossen Blöcken aus Kieselconglo- 
merat überdeckt; ein grosses Stück eines solchen hatten die 
Steinräuber liegen lassen. Die ehemalige Höhe der Tür darf 
nach Analogie der Gräber von Mykenai und Menidi zu etwa 
5 m angenommen werden. Nach der Bestattung des Toten 
war die Tür mit einer fast 3 m dicken Mauer aus kleinen 
Steinen geschlossen worden, die aber bis auf ein 1 m hohes 
vStück schon im Altertum wieder entfernt worden ist. 

Im Inneren des Kuppelraumes ist jetzt der gewachsene 
Boden sichtbar und besteht aus festem Sand, an einigen Stel- 



TIRYNS, OLYMPIA, PYLOvS XI 

len auch aus Mergel. P> war ursprünglich mit einer Lehni- 
schicht von 2-6 cm »Stärke überzogen, die namentlich in der 
westlichen Hcälfte des Kreises noch erhalten war. In der Mitte 
der anderen Hälfte wurde eine etwa 2 m lange und wahr- 
scheinlich einst 0,70 m breite Grube von fast 1 m Tiefe ge- 
funden, die vermutlich als Schachtgrab gedient hat. Zwei 
grosse Steinplatten, die in der Nähe der Grube lagen, wer- 
den wohl einst ihre Überdeckung gebildet haben. Ausser 
zwei Vasenscherben enthielt dieses Schachtgrab nichts. Wir 
nehmen an, dass es ebenso wie die entsprechende Grube im 
Kuppelgrabe von Vaphio ursprünglich den Leichnam des 
Königs enthielt, aber später beraubt und zerstört worden ist- 

Zahlreiche Funde, Knochenstücke, Vasenscherben, Bern- 
steinperlen und kleine Gegenstände aus Gold, Bronze und 
Elfenbein wurden dagegen innerhalb des Kuppelraumes und 
auch im Eingang gemacht. Sie waren durch den ganzen 
Raum zerstreut und lagen innerhalb einer 5 bis 20 cm hohen 
Schicht von Erde und Sand, die sich über den festen Fussbo- 
den hinzog und in ähnlicher Weise auch in anderen Kuppel- 
gräbern beobachtet ist. Zu erkennen war diese Fundschicht 
besonders an ihrer dunklen Farbe, die von zahlreichen ver- 
brannten und verwesten Stoffen, namentlich Holz und Holz- 
kohle, herrührte. 

Während der darüber liegende Schutt in der Mitte des 
runden Raumes hauptsächlich aus Steinen bestand,— offenbar 
den Resten der eingestürzten Kuppel — , wurde er in den übri- 
gen Teilen aus einer etwa 3 m hohen Schicht von lehmigem 
Sande gebildet, der von oben hineingeschwemmt war. Dar- 
über lag eine den ganzen Kreisraum einnehmende, 1-2 m starke 
Schicht von Steinen und Erde, die durch den weiteren Ein- 
sturz der Seitenwände der Kuppel entstanden war. Innerhalb 
dieser obersten Schicht, nur wenig unter der jetzigen Erdober- 
fläche, wurden drei römische Gräber entdeckt, sichere Zeugen 
dafür, dass die Beraubung des Grabes und der Einsturz der 
Kuppel schon in vorrömischer Zeit erfolgt sind. 

Über die Einzelfunde berichtet Kurt Müller folgendes: 

[vSowohl im Dromos, wie in der Tholos selbst wurden 
eine grosse Anzahl von Vasenscherben orefunden. Soweit sich 



XII W. DÖRPFELD 

vor der Zusammensetzung erkennen lässt, gehören sie alle 
zu grossen dreihenkeligen Amphoren, wie wir sie besonders 
aus Kreta, aber auch aus dem Kuppelgrab beim Heraion 
und von Thorikos kennen (Furtwängler-Loeschcke, Myk. 
Thong. 12; 'Ecp. ägy^. 1895 Taf. 11, 1). Sie sind alle mit Fir- 
nis bemalt und zeigen charakteristische, zum Teil sehr rei- 
che mykenische Decoration, z. B. Seelandschaft, Epheuranke, 
grosse Lilien, Gruppen von je 2 concentrischen Kreisen auf 
gepunktetem Grund (ähnlich wie Phylakopi Taf. XXXI 4) u.a. 
Von Bügelkannen oder Bechern ist nichts gefunden worden. 
Vielleicht war das mitgegebene Tafelgeschirr aus Metall. 

Neben Stückchen von Silberdraht und -blech lassen die 
geringen Reste von Gold auf den einstiges Reichtum des 
Grabes schliessen. Obenan steht eine flache, aber lebendig 
modellierte Kröte (L. 2,3, Br. 2,0 cm), wohl die erste aus my- 
kenischer Zeit. Eine Drahtöse auf der glatten Unterseite 
diente zum Anhängen. Durch kleine aufgesetzte Goldkörner 
sind die Warzen der Haut wiedergegeben. Von Schmuck 
kommen noch Perlen verschiedener Form vor, geriefelte und 
mandelförmige, Rundperlen einzeln und zu je 4 oder 5 zu 
einem Kettengliede vereinigt. Verschiedene dünne Goldplätt- 
chen waren wohl auf Stoff aufgenäht, ebenso drei Schnecken- 
knöpfe (Form etwa wie BCH. XXVIII 1904, 387 Abb. 23, H. 
ca. 0,6, Dm. 1,5 cm). Zwei aussen granulierte Einsatzringe 
und drei kleine Goldscheiben mit eingelegten Rosetten aus je 
8 einzelnen Blättchen von Lapis lazuli werden einst den 
Schmuck von Schwert- oder Spiegelgriffen gebildet haben 
('Eq). dex- 1897 Taf. 7, 3. 8, 5; Perrot-Chipiez, Hist. de Part VI 
816 Abb. 386). Die Verbindung von Gold und Bronze ist nicht 
selten; wir fanden goldplattierte Nägelköpfe und Stäbchen 
und zwei Brocken von Bronze mit eingelegten Goldstäbchen, 
die von einem Prunkdolche herrühren könnten. Sicher zu 
einer Dolchklinge gehören ein paar fein mit Spiralmuster 
gravierte Bronzefragmente. Vielleicht von Eisen ist ein Ring 
mit grosser Platte, zu vergleichen denen von Vaphio ('Ecp. 
dpx- 1889, 147) und Mykene. 

Von Stein sind ausser Kugelperlen aus Amethyst und 
verschieden geformten Perlen und anderen Zierstücken aus 



TIRYNS, OLYMPIA, PYLOS XIII 

Lapis laziili eine grosse Anzahl feiner Pfeilspitzen aus Feuer- 
stein gefunden worden, darunter eine mit einem länglichen 
Loch in der Mitte zum Festbinden an den Schaft. Ganz be- 
sonders reich ist das Grab an Bernstein, der an Menge und 
Formenreichtum das bisher aus mykenischen Gräbern Be- 
kannte übertrifft. Ausser linsenförmigen Perlen verschieden- 
ster Grösse — die grössten werden als Schvvertknäufe gedient 
haben — kommen flache Ringe mit breiter Ose zum Anhängen 
vor, ferner rechteckige Plättchen, die in der Längsrichtung 
mehrfach durchbohrt sind (zwei gleiche sind aus Achat) u. a. 

Aus opakem bläulichem Glasfluss ist eines der interes- 
santesten Stücke, ein kleiner Stier in durchbrochenem Relief 
(H. 2,8, L. 2,8 cm), auf dessen Fell einst die bekannten wol- 
kenartigen Flecken aus anderem Material eingesetzt waren ; 
ferner der Oberteil eines hinten flachen Anhängers in Gestalt 
eines Mannes, dessen Stirnhaar und Kinnbart aus dunkel- 
blauem Glas eingelegt sind; endlich Fragmente von reliefge- 
schmückten Rundscheiben, die nach Analogie der vollständi- 
gen Stücke von Thorikos und Mykene ebenfalls als Anhän- 
ger gedient haben. Aus blauem durchsichtigem Glas sind 
ausser einer Anzahl von Halbkugeln kleine Einlagen in 
Form von Blättchen mit gravierten Rippen gefunden worden. 

Unter den Bruchstücken aus Elfenbein ragen hervor 
zwei Fragmente eines flachen Kammes mit zartem Relief auf 
beiden Seiten (Lilien zwischen Guirlanden von Rundperlen); 
ein Kugelknopf mit ansetzender Tülle zum Einstecken eines 
Stabes, das Ganze mit fein gravierten Spiralen bedeckt. Dazu 
kommt eine Anzahl quergeriefelter Halbstäbchen zum Auf- 
setzen auf irgend ein Möbel, sowie Scheiben und mehr oder 
weniger flache Knöpfe verschiedener Grösse, fast alle ver- 
ziert mit Gruppen concentrischer Kreise oder Spiralmustern, 
die graviert oder auch in Relief ausgeführt sind. Erwähnt sei 
auch eine grosse Zahl von schmucklosen Eberzähnen. 

Verstreut unter all' diesen Funden lagen die Knochen- 
reste des oder eher der Toten. Eine Anzahl von ihnen ist 
stark verbrannt, andere zeigen keine Spuren von Feuer. 

Alle Fundstücke tragen durchaus mykenischen Charak- 
ter; ein grosser Teil von ihnen hat direkte Analogien in 



XIV W. DÖRPFELD 

den Grabfunden der Argolis und Attikas. Wenn man eine 
nähere Datierung wagen darf, so ist das Grab zu der älteren, 
den Schaclitgräbern noch näher stehenden Gruppe der Kup- 
pelgräber zu rechnen. K. M.]. 

Zugleich mit der Ausgrabung des einen der Kuppelgrä- 
ber wurde der etwa 25 m über ihnen liegende isolierte Hügel 
durch Gräben untersucht. Da wir auf seiner Spitze und an 
seinen Abhängen viele alte Scherben aufgelesen hatten, ver- 
muteten wir hier entweder den Königspalast oder ein Heilig- 
tum. Obwohl an mehreren Stellen des Berges der gewachsene 
Boden zu Tage tritt, da der aus weichen Tertiärsteinen beste- 
hende Hügel seit dem Altertum stark abgenommen hat, fan- 
den wir doch sowohl auf der Spitze wie an dem nw. Abhang 
noch einige Mauern, gerade genügend, um sie als Reste eines 
achäischen Baues erkennen zu können. 

Zuerst deckten wir auf der Spitze bei M die Mauern 
eines grösseren und einiger kleineren Räume auf. Ihre Dicke 
schwankt zwischen 0,80 und 1,60 m. Sie sind aus denselben 
flachen Kalksteinen und in derselben Technik gebaut wie 
das ausgegrabene Kuppel grab. Ein Rest von Wandputz aus 
Lehm, der an einer Mauer erhalten ist, und der aus Lehm 
mit einigen Kieselsteinen bestehende Fussboden desselben 
Raumes zeigen, dass das Haus viel einfacher gebaut war als 
die Paläste von Tiryns und Mykenai, deren Fussboden mit 
Kalkestrich und deren Wände mit bemaltem Kalkputz über- 
zogen waren. Einer der kleineren Räume diente als Vorrats- 
kammer, denn dort kamen nebeneinander stehend sechs Pithoi 
zu Tage, aus denen zahlreiche verkohlte Feigen herausgezo- 
gen wurden ; auch in dem grossen Räume fand sich ein Pithos 
mit demselben Inhalt. Die Feigen sind deshalb besonders 
wichtig, weil das Vorkommen des P'eigenbaumes in der Odys- 
see und sein Fehlen in der Ilias früher als Beweis für das ge- 
ringere Alter der Odyssee angeführt wurden! Trotz der ein- 
fachen Ausstattung des Baues, die uns an die Gebäude von 
Troja erinnert, ist eine solide und sorgfältige Bauart nicht zu 
verkennen. Zu einem Königshause passt es auch, dass unter 
dem Lehm -Fussboden des grössten Raumes ein plattenge- 
deckter Kanal wie in Troja und Tiryns gefunden wurde. 



TIRYNS, OLYMPIA, PYLOS XV 

Von den an den Abhängen des Berges aufgedeckten 
Mauerstücken ist namentlich eine Mauerecke N zu erwäh- 
nen, die aus grossen Blöcken von Kieselconglomerat (einer 
ist 1,60 ni lang) und kleinen Steinen in ähnlicher Weise ge- 
baut ist, wie die Terrasse des älteren Heratenipels bei Myke- 
nai (Argos). Drei Schichten sind noch erhalten. Da ihre Sei- 
ten den Mauern des Könighauses parallel laufen, bildet diese 
Ecke unzweifelhaft einen Vorsprung der stattlichen Stütz- 
und Ringmauer der Burg. Nach den Terrainverhältnissen 
und nach kleinen aufgedeckten Mauern dürfen wir anneh- 
men, dass zu der Oberburg mit dem Königshause noch eine 
die West- und Nordseite des Hügels einnehmende Unterburg 
gehört hat. Trotz der grossen Zerstörung erscheint uns eine 
Ausgrabung der ganzen Anlage dringend wünschenswert. 

Mehrere Kisten voll Topfscherben wurden bei den Gra- 
bungen auf der Spitze und an den Abhängen des Burghügels 
gesammelt. Da kein einziges Fragment einer aus klassischer 
Zeit stammenden Vase darunter vorkommt, so ist die Burg 
nach ihrer Zerstörung nie wieder bewohnt gewiesen. Es befin- 
den sich darunter aber 6 mykenische Scherben von der Art, 
wie sie im Kuppelgrab gefunden wurden; dadurch ist die Zeit 
der Burg und ihre Zusammengehörigkeit mit den Gräbern 
gesichert. Alles übrige ist monochrome Topfware, rote, hell- 
graue und schwarze Scherben (z. T. mit gravierten Ornamen- 
ten, darunter den charakteristischen dreifachen Parallellinien), 
von ganz derselben Art, wie sie von mir in grosser Menge 
auf der Insel Leukas an derjenigen Stelle, wo ich die Stadt 
Ithaka des Odysseus ansetze, und in der ältesten Schicht von 
Olympia gefunden sind. 

Zwischen Samikon und Lepreon setzten nach Strabon die 
besten Kenner Homers (die "OiujgixwTEgoi) die Burg Nestors 
an. Und gerade in der Mitte zwischen den beiden Orten, auf 
einem steilen, etwa 60 m hohen Hügel, der die fruchtbare 
Strandebene von Samikon bis Kyparissia beherrscht, und etwa 
Y2 Stunde von dem mit breiten und hohen Sanddünen ausge- 
stattenen Strand entfernt, haben wir eine Burg mit grossen 
Kuppelgräbern entdeckt. Hier lag also das aijti) jtto^ifOqov 
des Nestor, das sandige Pylos Homers. 



XVI W. DÖRPFELD 

Gehören Burg und Kuppelgräber nach Lage, Baumate- 
rial und Bauweise eng zusammen, so ist der Unterschied 
in der vorherrschenden Keramik beider sehr beachtenswert, 
schliesst jedoch ihre Zusammengehörigkeit nicht aus. Denn 
wie sich auf der Burg neben den monochromen auch einige 
mykenische Scherben gefunden haben, so auch im Kuppel- 
grabe mehrere schwarze und rote monochrome Scherben ne- 
ben den mykenischen Gefässen. 

So findet durch die Ausgrabungen in Pylos auch eine 
andere Frage in dem von mir vertretenen Sinne ihre Lösung: 
Die ursprüngliche Topfware der Achäer ist nicht die reich 
bemalte mykenische, wie nach dem Vorgange Furtwänglers 
und Loeschckes jetzt fast allgemein geglaubt wird, sondern 
eine monochrome Keramik mit eingeritzten Ornamenten, also 
der altitalischen von Villanova und anderen Orten und auch 
der Hallstatt-Ware verwandt. Leukas, Olympia und Pylos, 
drei nach der Überlieferung in der vordorischen Zeit von 
den Achäern besiedelte Orte, haben alle drei dieselbe mono- 
chrome Keramik geliefert. W. Heibig hat also Recht behal- 
ten, wenn er (Italiker in der Po -Ebene 2) sagte, dass die 
älteste Kultur der Griechen wie der Italiker wahrscheinlich 
einen primitiven mitteleuropäischen Charakter habe und ge- 
rade im Westen Griechenlands zu erwarten sei. 

Schliesslich haben noch Georg Karo, Kurt Müller und 
Fritz Weege auf dem Psilolitharia genannten Gipfel eines 
etwa 700 m hohen Berges nördlich von Kumbothekra (vgl. 
die Karte von Bartsch, Blatt 1 der Mappe des Olympiawerks) 
Mauerreste und zahlreiche Bruchstücke von Terracottafigu- 
ren gefunden, die den ältesten von Olympia vollkommen 
gleichen. Entsprechende Bronzetiere, die von derselben Stelle 
stammen, wurden von Bauern vorgewiesen. Die Reste dürften 
eher zu einem Bergheil igtuni als zu einer Ansiedelung gehö- 
ren und sollen im nächsten Jahre, im Anschluss an die ge- 
plante Fortsetzung der Grabungen in Alt-Pylos, näher unter- 
sucht werden. 

Athen, 31. Mai 1907. Wilhelm Dörpfeld. 



FREILASSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS. 

(Tafel I. II). 

Etwa zwei Stunden nordöstlich von Naupaktos, eine 
halbe Stunde bevor sich t6 peü^i« xy\c, üaXaiooxaXa? mit der 
Ska (2x5), einem Nebenfluss des Mornos, vereint, befinden 
sich auf einer kleinen natürlichen Terrasse über dem qevuu 
die Reste eines kleinen Heiligtums, das, wie die dort gefun- 
denen Inschriften zeigen, dem Asklepios ev KqodvoI? geweiht 
war. Der Platz, der heutzutage AoYyd genannt wird, ist schwer 
zu finden und wird selten von Anderen als vorüberziehenden 
Hirten besucht. 

Der erste europäische Forscher, der die Stelle besucht 
hat, ist A. Nikitsky. Die Inschriften, die er dort abschrieb, 
sind im Jahrbuch des russischen Ministeriums der Volksauf- 
klärung 1884 Dezember S. 47 ff. mitgeteilt. Ungefähr zehn 
Jahre später kam W. J. Woodhouse, ohne von seinem Vor- 
gänger etwas zu wissen, hierher. Die Lage und die baulichen 
Reste des Heiligtums hat er in seinem Buche Aetolia its geo- 
graphy, topography and antiquities 331 ff. beschrieben; neun 
Inschriften sind im Appendix III zusammengestellt. Schon 
vorher hatte er dieselben JHS. XIII 1893, 342 ff. herausge- 
geben; danach sind sie von Dittenberger, IG. IX i 379-387 
abgedruckt worden. Woodhouse bemerkt selbst, dass er un- 
günstigen äusseren Umständen zufolge nur den kleineren 
Teil der von ihm gesehenen Inschriften abschreiben konnte. 

Auf einer lokrischen Reise, die ich im August 1 905 zu- 
sammen mit meinen Freunden E. Herkenrath und A. Köster 
vornahm, machten wir von Naupaktos aus einen xA^bstecher 
nach Longa, das wir nach mühseligem Klettern und Suchen 
schliesslich auffanden. Es zeigte sich sofort, dass die Zahl der 
von Woodhouse gegebenen Inschriften— die Abhandlung von 
Nikitsky war mir damals noch nicht bekannt— sich nicht un- 
beträchtlich vermehren Hesse; es schien auch nicht unmög- 
lich, durch eine kleine Versuchsgrabung, wozu mir das Se- 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII. j 



2 E. NACHMANSON 

cretariat des Deutschen Instituts in Athen gütigst die Erlaub- 
nis verschafft hatte, über die Reste des Heiligtums und seine 
ursprüngliche Anlage Genaueres festzustellen. So beschloss 
ich gleich am Ort zu bleiben. Ich hatte die Freude, während 
des grösseren Teils meines dortigen Aufenthaltes Herkenrath 
bei mir zu haben. Durch mannigiache Unterstützung bei der 
Arbeit hat er mich zu grossem Dank verpflichtet, vor allem 
hat er an der mit allerlei Schwierigkeiten verbundenen Lesung 
der Inschriften auf der Ante, die ich, wie sich unten zeigen 
wird, teilweise ohne seine Hülfe überhaupt nicht hätte mittei- 
len können, entscheidenden Anteil genommen. 

Fünf von seinen Inschriften hatte Woodhouse auf einer 
in das §8ii[xa hinabgerutschten Säule abgeschrieben. Meine 
erste Aufgabe war, diese Säule ganz frei zu legen. Es zeigte 
sich nun, dass ausser den früher bekannten fünf noch acht 
Inschriften auf der Säule eingetragen waren. Sodann habe 
ich unten im Q8ij|j.a nach weiteren Inschriftensteinen ge- 
schürft, ich habe die nächste Umgebung der Säule gerei- 
nigt und sonst noch einige Versuchsgräben gezogen: alles 
ohne Erfolg, es ist nichts Weiteres gefunden worden. 

Ich wandte mich daraufhin der Terrasse zu, wo das kleine 
Heiligtum selbst lag. Als die Bauern aus dem ungefähr eine 
Stunde entfernten Dorf Skala vor etwa 25 Jahren (etwa zwei 
Jahren vor Nikitskys Ankunft) hier nach Schätzen gruben 
und dabei auch Dynamit brauchten, hat sich ein riesiger Fels- 
block aus porösem Stein — kovqi nennen ihn die Griechen — 
von dem gleich hinter dem Heiligtum liegenden Bergabhang 
gelöst, ist hinabgerutscht und bedeckt jetzt vollständig die 
Reste des Heiligtums. Alle meine Versuche den Block weg- 
zuschaffen scheiterten ; auch explosive Mittel, die man hierbei 
anstandslos brauchen durfte, hatten auf den porösen und 
durchlöcherten Stein gar keine oder so gut wie gar keine 
Wirkung, Es bleibt einer mit grösseren Mitteln und besse- 
ren Werkzeugen ausgerüsteten Expedition überlassen, das 
Heiligtum ganz frei zu legen; der einzige Ausweg wird viel- 
leicht sein, den Block zu sägen. Was hier zu finden ist, wird 
allerdings kaum etwas Bedeutendes sein : die Fundamente 
eines kleinen hellenistischen Heiligtums, dazu wohl einige 



FREILASSÜNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 3 

Säulen und sonstige Architekturteile, wahrscheinlich auch 
mit Freilassungsurkunden von der x\rt der unten folgenden 
bedeckt. Es ist auch daran zu erinnern, dass die Bauern in 
der Zeit, wo das Heiligtum noch frei und offen lag, vieles ge- 
raubt und zerstört haben mögen. Es fragt sich mithin sehr, 
ob die eventuellen Funde die verhältnismässig grossen Kosten 
wirklich lohnen werden. Meinesteils musste ich mich unter 
den genannten Umständen damit begnügen, die Inschriften 
der unter dem Block hervorragenden Ante, wo Woodhouse 
weitaus das meiste übrig gelassen hatte, abzuschreiben. 

Ausser den von mir selbst gesehenen Inschriften folgen 
hier zunächst die von Nikitsky herausgegebenen. Sie fehlen 
IG. IX I. Soweit ich sehe, ist, abgesehen vom Herausgeber, 
der einzige Forscher, der sie nennt, Pomtow bei Pauly-Wissowa 
IV 2679 Anm. 2. Durch dessen Hinweis wurde auch ich auf 
sie aufmerksam, wie gesagt leider erst nach meinem Aufent- 
halt in Longa. Nach Nikitsky wurden sie unten im Qev\.ia 
gefunden. Woodhouse hat sie nicht gesehen, auch ich habe 
sie bei meinen Grabungen nicht wiedergefunden. Dass sie 
verloren sind, möchte ich trotzdem nicht mit Pomtow glauben. 
An Wegschleppung wird in Anbetracht der lokalen Verhält- 
nisse kaum zu denken sein ; wären sie zerschlagen worden, 
würde man wohl wenigstens Bruchstücke von ihnen sehen. 
So ist m. E. nicht ausgeschlossen, dass sie bei umfassenderen 
Grabungen und Nachforschungen wieder zu Tage kommen 
werden. Es sind alle Freilassungsurkunden ganz derselben 
Art, Abfassung und Zeit wie die übrigen. Es scheint mir aus 
mehreren Gründen angebracht, die so gut wie unbekannten 
Inschriften hier zum Abdruck zu brinoen. 

o 

Zuletzt folgen auch die von Woodhouse abgeschriebenen, 
von ihm nach Naupaktos gebrachten kleinen Bruchstücke 
IG. IX I 386 und 387 \ damit man alle Inschriften aus dem- 
selben Heiligtum hier bequem vereinigt habe 2. 



' Ich habe sie leider nicht controllieren können. Auch die übrigen In- 
schriften, die Woodhouse in Naupaktos oder in der Nähe gesehen hat, 
konnte ich während der kvirzen Zeit, die mir übrig blieb, nicht auffinden. 

^ Deshalb drucke ich ja auch IG. IX i 379 und 383 (unten Nr. 4 und 0) 
ab, obgleich die Abschrift von Woodhouse ganz befriedigend ist. 



4 E. NACHMANSON 

A. DIE INSCHRIFTEN. 
I 

Die von mir gesehenen Inschriften sind 25, 1 3 auf der 
Säule, 1 2 auf der Ante. 

Sowohl die Säule wie die Ante, die beide aus schlech- 
tem Kalkstein von ungleichem Korn bestehen, sind von An- 
fang an nur grob gestockt gewesen. Beim Eintragen einer 
Inschrift ist dann in der Regel, nicht immer (Nr. 1), der nötige 
Raum in nicht eben sorgfältiger Weise geglättet worden. So 
sind grosse Teile der Flächen noch unbearbeitet, zwischen 
den angrenzenden Inschriften ist mehrmals ein hoher Rand. 
Oft finden sich im Gestein tiefer gehende Unebenheiten; 
diese hat der Steinmetz meistens übersprungen, so z. B. lg, 
2 9-12) ^ IT IS- 27) 1 1 fi) I87, 21 ; bisweilen hat er aber die Buch- 
staben auch in die Vertiefungen gesetzt, wie 1 20 ^ 1-3} 14. 

Was die Anordnung der Inschriften betrifft, so wird es 
hier so wenig wie in Delphi (s. Colin, BCH. XXX 1 65 f.) im 
Allgemeinen erlaubt sein, daraus etwas für ihre zeitliche Ab- 
folge zu schliessen. Vielmehr haben die Steinmetzen den 
erforderlichen Raum genommen, wo sie ihn eben vorfanden^ 
N. 30 ^ steht auf der Vorderseite einer Ante, die aus demsel- 
ben Jahr stammende N. 24 auf der rechten Schmalseite einer 
anderen, Nr. 1 3, die sogar aus demselben Monat wie Nr. 24 
stammt, auf der Säule ; Nr. 2 und 1 4 gehören in dasselbe Jahr, 
die eine steht auf der Säule, die andere auf der von mir ge- 
sehenen Ante U.S.W. Nur in speziellen Fällen ist eine chrono- 
logische Folgerung statthaft. So erweist sich Nr. 29 dadurch 
dass sie über und unter Nr. 30 verteilt ist, als die spätere von 
beiden. Die ungewöhnlich kleinen Buchstaben von Nr. 1 7 
erklären sich wohl durch den geringen Raum, der zwischen 
Nr. 1 6 und 1 8 zur Verfügung stand. 

Sehr verschieden ist die Sorgfalt, womit die einzelnen 
Inschriften eingetragen sind. Am schlechtesten ist Nr. 1, des- 



' Bei Besprechung solcher Dinge, wo das Facsimile nichts zu bedeuten 
hat, nehme ich schon hier auf Nikitskys Inschriften Bezug. 



FREILASSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 5 

sen ganz verwilderte Scliriftzüge auf der rauhen Fläche ganz 
liederlich eingehauen sind. Etwas besser, aber doch sehr 
nachlässig ist Nr. 1 3 geschrieben. Sehr ordentlich dagegen 
sind Nr. 4 und 6, die die beste von den Säuleninschriften ist. 
Durchgehends sauberer gearbeitet sind die Inschriften der 
Ante, vor allem Nr. 21, die feinste von allen. 

Wenn also auch die Sorgfalt, mit der die Inschriften ein- 
gehauen sind, ganz ungleich ist und auf verschiedene Stein- 
metzen schliessen lässt, so sind doch die einzelnen Ruchsta- 
benformen im Grossen und Ganzen ziemlich dieselben. Durch 
ihren Inhalt werden die Urkunden, wie wir unten sehen wer- 
den, in die Mitte des IL Jh. vor Chr. gesetzt. Dass die Schrift 
zu dieser Datierung sehr gut stimmt, wird man ohne Beden- 
ken sagen dürfen. A fast immer, A nur noch dreimal in 
Nr. 13. I schon gewöhnlich, Z nur 6 ^q und 20 j.^, ausserdem 
S 3i4. Immer K . M regelmässig so, nur sehr selten noch mit 
ein bischen divergierenden Schenkeln. Z in der Regel, i nur 
zweimal in Nr. 18 (einmal Z). F und TT wechseln, in Nr. 1 
und 11 z. B. kommen V TT und TT neben einander vor. Z in 
der Regel; ^ nur noch 1.,o im Bruch und in Nr. 13, wo diese 
sowie die übrigen Buchstaben überhaupt sehr unregelmässig 
sind. Y zeigt oft grössere oder kleinere Biegung der Querha- 
sten. OOO (so in der Regel, durchgehends in Nr. 21, © I32) 
fast immer, A und X bisweilen kleiner als die übrigen Buch- 
staben und über die Zeile gestellt. Ligatur kommt ausser 
einigen Malen bei den Zahlzeichen nur einmal vor: NU 23, 
wenn richtig gelesen. Die senkrechten Hasten zeigen in den 
meisten Inschriften kleine Apices oder sind wenigstens ge- 
gen die Enden verdickt. 

Einige Schriftproben nach meinen Abklatschen geben 
Taf. I. IL Was die Auswahl betrifft, so ist zu bemerken, dass 
einige Abklatsche, von denen ich gern Proben gegeben hätte, 
sich für Reproduktion nicht eignen. 

Während sonst zu der Zeit, aus der diese Urkunden stam- 
men, die methodische Silbenteilung zu Ende der Zeilen längst 
durchgeführt ist \ lassen unsere Inschriften in dieser Bezie- 



' Vgl. darüber Crönert, Mem. Gr. Herc. S. 10 fF.; Wilhelm, Ost. Jh. I 
153; Nachmanson, Laute und Formen der magnet. Inschr. 1 1 5 flf. 



6 E. NACHMANSOX 

hung- besonders viel zu wünschen übrig. Sehr schlecht sind 
Nr. 14 und 30, aber auch sonst kommen arge Schnitzer vor, 
z. B. Bovxxioc, 2^3, AeovTO^iJ8VT]i; 1 3i^,^Ay'moiK7ta 20^2i «QXoivte? 23,0, 
Ajanoievo? 3324 u.s.w. Nicht selten ist sogar ein Diphthong auf 
zwei Zeilen verteilt (74, lÖ^, 20,^, 272). Um so angenehmer be- 
rührt Nr. 1 9, wo ausnahmsweise systematische Wortbrechung 
entschieden beabsichtigt und durchgeführt ist; mehrmals (Z. 3, 
10, 19, 23, 28) hat nämlich der vSteinmetz die Zeile vor dem 
rechten Rand beendet, weil er wohl noch 1 oder 2 Buchstaben, 
nicht aber die ganze folgende Silbe dort einmeisseln konnte; 
bei Nr. 1 2 ist dasselbe Bestreben ganz deutlich zu bemerken, 
auch Nr. 22 zeigt in dieser Hinsicht keinen Fehler. 

"Exx^eai? (dazu Wilhelm, Serta Harteliana 232) zeigen 
Nr. 3, 12, 16, 18. Andrerseits stehen die Zeilenanfänge über- 
haupt nicht immer genau unter einander (Nr. 13, 20, 33). 

x'\bkürzungen sind selten. Öfter kommt nur M für |ivdv 
vor, so 5 lg, 21g, 29^ und 19i(; neben ausgeschriebenem [iväv 
ib. 15.17. oTQat. für öTQaxayET hat 20 30; in derselben Zeile viel- 
leicht M für p]A', s. zur Stelle. 

Was nun zuletzt die Erhaltung der Inschriften betrifft, 
so sind die Inschriftenflächen oft nicht nur durch die oben 
hervorgehobene Beschaffenheit des Gesteins, sondern auch 
durch den Einfluss der Verwitterung von einer Masse von 
Furchen und Strichen durchzogen, die das sichere Erkennen 
der wahren Buchstabenzüge nicht selten beträchtlich erschwe- 
ren. Bei der Säule hat auch das Wasser das Seinige getan 
und die Inschriften an manchen Stellen mehr oder weniger 
verwaschen und verscheuert. Zudem sind die Inschriften mei- 
stens mit dickem Sinter bedeckt, den zu entfernen oft sehr 
schwierig war; auch ist durch denselben die Deutlichkeit 
der Abklatsche oft stark beeinträchtigt worden. 

1. DIE INSCHRIFTEN DER SÄULE. 

Die Säule hat eine Höhe von 172 cm'. Sie verjüngt 
sich nach oben, der Umfang beträgt unten 191, oben 176, 
der Durchmesser 58, bzw. 55. Oben und unten sind je zwei 



' Alle Maasse werden in Centimetern angegeben. 



FREILASSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 7 

Dübellöclier. Die Anordnung der Inschriften zeigt die vSkizze 
Abb. 1. 









*, " 



1^ 



.^..■'V 



5 \^i 

I«! 



• •*^- A s.' v 



---•Ti-i»:'- , ,„^ 

ü^ 






11 



12 



13 



10 






■-Tv!P "'^/ ^'?«^-«-j»"-<>" 



Abb. 1 . Anordnung der Inschriften auf der Säule. 

1. H. 32, Br. 33. BH. c. 1,2, oaoA c. 1 ; ZA. c. 0,6. Oben 
ist an der Säule ein Stück keilförmig abgeschlagen bis zu Z. 
6. Die auf der gänzlich ungeglätteten Fläche der Säule ein- 
getragene Inschrift ist, wie ich schon oben bemerkt habe, die 
nachlässigste von allen. Die Massen von Furchen und Rissen 
im Steine erschweren sehr die Lesung, der Abklatsch hilft 
nicht viel und trügt leicht. 



rQa[X|,i[aTSvovTOs 
^eaQ[oI(; Iv Nax)]jidxTOi 

ivov o . p]I 

lOD dö ataaioi) 

lov B6tt[io5 djtejöoto tol 
'AaxAajtioi toi Iv Kqod- 



8 E. NACHMANSÜN 

o{Jo|.ia dvÖQetov, cot ö'vo- 
[Att XoIqii;, YEvoq oixoyevf], 
10 Tij-iäg dQyi'Qioi) "RIMMMM. 
TiQoaKoboxaq naxä tov 
vö[^iov rdaT(Q)a)v Advjt- 

(1)05 BOTTIO? . (.idQTHQOl* 

A80VEV|i . ß . . . voq Q{Q)d- 
15 ocoA', 'Ayiiiicov, Aa^ieaq, 

Aa|i.oxXfig, Avnionoq, 

Aa|i6vixog Bovttioi, 

A£[iv](ü))v, 'Ag-Kiac, 

NavTraxTioi. 
20 xäv cov[dv (p]vXdooov- 

Ti Aevo ß . . . . 

Aijxio?. 

Z. 3. Der zweite Buchstabe ist vielleicht nicht N, son- 
dern M. Zwischen O und M ist ein Buchstabe, den ich nicht 
mit Sicherheit bestimmen kann, Y ist es aber kaum. Über- 
haupt sei ausdrücklich bemerkt, dass die Lesung der Zeilen 
2-4 äusserst unsicher ist. 

Z. 6 stehen die Buchstaben von 'Aax?.aTrioT bedeutend 
breiter als sonst in der Inschrift. 

Z. 12 f. FASTfiNAANF AA|No^. Die sieben letzten 
Buchstaben von Z. 1 2, von A an, stehen etwas tiefer als die 
übrigen. Es liegt eine Collision vor zwischen Ij., und S^g, die 
hier wie noch einige Male den erhöhten Rand durchbricht. 
Wie sie zu Stande gekommen sein mag, ist nicht völlig klar; 
ich enthalte mich unsicherer Vermutungen, sehe aber als 
ziemlich unzweifelhaft an, dass in unserer Inschrift der aus 
285, 31^0 bekannte rdatQCov Adfxjriog, Vater oder Sohn des 
Ad|j,jti5 rdoTQcovog 22^^, 282, 33 1^, einzusetzen und in Nr. 3 (xal 
'EÄi')Xaov zu lesen ist. Nach Bo in Z. 1 3 sehe ich einen Strich; 
ob dieser der Rest eines dem O sehr naheliegenden und zu- 
sammengedrückten Y oder aber nur ein Riss im Steine ist, 
wage ich nicht zu entscheiden; letzteres ist mir allerdings 
glaubhafter. Das zweite, aber nicht das erste t des Etlmikons 
hat die Form T . 



FREILASSUNGSURKUNDEN AUS LOKRTS 9 

Z. 14. ev[L sind sehr fraoHch ; was für ein Name einzu- 
setzen ist, kann ich nicht sagen ; kaum Aeovroiievi]?. Auf dem 
Abklatscli olaube ich danach in sehr verworrenen Zügen 
BovTTiog zu seilen, was aber kaum richtig sein wird. Es folgt 
zu Ende der Zeile o~^A. 

Z. 18. AE . . NN. 

2. H. 31, Br. c. 30. BH. 1-2,5, ono 0,7-1,3; ZA. c. 0,4. 
Schrift sehr unregelmässig. 

rQa^if^iarevovTog fle- 

CiQolg ev NaujrdxToi <I)iXw- 

VOC. TOÜ 2ü3odvÖQov, |.ll]v6i; 

'0|^io?iOLoi', djteSoTO rio^a'- 
5 ^8va "H^ax^^eiTOD BovtTia, 

Gvvevboyiiovxog 'AXeliöd- 

[xoi) Toij vov, rot 'AaxÄaTtioI tol 

8V KqowoT? 8Jt' eXsuOeQifxi 

0ü)[.ia dvögeiov, ol ovo|.i.a 
10 'Opovrag, xo yevog Mf]8ov, 

xi\xäc, äQyvQiov MMMM. 

jtQOa:n:o8ÖTa5 xatd tov 

voi^iov Aa\.i6'E,Evoc, Bov- 

Ttio? . jxdQTVQOi ■ Axmog, Ai'xl- 
15 axog, Aa|_i6A'ixo5 Boijttioi, 

TeXioaQioQ, Eevcov, Qga- 

ov'kaoq IlcüQiGi . rdv ojvdv 

cpvAdaoei Aai^ieag Boijxtioi;. 

Z. 3. Wl OZ. 

Z. 4. '0[.iü^oioi), aber 9 ^ "Ofio^iwiov. '0[xoÄotoi' auch in 
Delphi einmal, GDI. 1818^; zur Erklärung Hoffmann, Griech, 
Dial. II 365. 

3. H. 32, Br. c. 37. BH. 1,3-1,5, ono 0,9-1,1; ZA. 0,2-0,5. 
Die Schriftfläche ist schlecht geglättet, aber die Schrift ist 
ziemlich regelmässig. Der zu beiden Seiten aufstehende Rand, 
der die Inschrift von N. 1, bzw. 7 trennt, wird einige Male 
durchbrochen, links Z. 1 3, rechts Z. 4. 1 2. 



10 E. NACHMANSON 

r(>a[i[iaT£uovT05 i^eaQwv 

8V NcxujtctxToi Aaiioyikioc, xov 
AajxooTQccTOD, [XT)v65 AacpQiaiov, 
djteöovro 'Agiaxiac,, Nixavögo?, "Eitikaoq 
5 Ol Sevvia 'Iotwqioi toI 'AaxÄajtioi 
TOL 8v Kpouvolg o(x)\.ia yiivaiHEiov 
8jc' sXei^OsQiai, di övo[ia ^Qvvea, 
t6 yivoc, ^aQ\idxiooa\', Tifxäg 
aQyvQioi) MMM . (3£ßaicoTriQ xatd 

10 töv vo^aov Aa[.iOTeXi](; Odo|e- 

vov 'loTcoQiOi; . :n[aQaf,i8ivdT(0 öe ^qv- 
vea TiaQu NixavÖQOv xai 'Agioxiav 
(xal 'KTti)Xaov jroioiJöa t6 8:tiTaao6[j,8Vov 
ecog xa ^f) 6 jtatrjQ aittcöv Seviag. 

15 (.laQTDQoi • 'EjTixQaTT]?, 'AjtoXA,(ovi- 
0? NauincdxTioi, Sewia^, 'Icovi- 
aiog, Aa[.iOT8Ar)i;, IIi^pQavöv- 
Öag "loTCOQioi. 



Z. 5. Sewia? hier und Z. 1 6 neben Ssviag Z. 1 4. 

Z. 7. Ich schreibe durchweg äi, verkenne aber nicht, 
dass (neben ol) a! ebenso möglich ist; s. Brugmann, Griech. 
Gramm. 226 f. 

Z. 8. Z (von 2aQj.idTioaav) sieht aus, als wäre es aus X 
corrigiert. ^aQ\idxioaa zweimal in Delphi GDI. 17243, 22744*, 
daneben einmal 2aQ[xaTiv (acc.) 21O83; 2aQ(.iaTig auch auf 
Rhodos IG. XII I 523 und in Athen: eine unveröffentlichte 
Grabsäule in der Inschriftensammlung des hiesigen National- 
museums, der Schrift nach kaum später als das IL Jh. vor 
Chr. (H. 73, wovon 35 unbearbeitet. Dm. 14,5. BH. c. 2, X 
etwas kleiner; ZA. 0,8) lautet nämlich 

ScOTTjQig 

2aQ[i,aTis 
XQTiatTi. 

Über die Bildung der weiblichen Ethnika auf -ig, -mg, 



FRKILASSUNOSURKUNnEN AUS I.OKRIS 11 

-laaa handelt Dittenberger im eben erscliienenen Heft des 
Hermes XLI 178 ff. i. 

Z. 13. Vgl. zu 1 ,,. 

Z. 14. ^ liat die Form S. Es wird dies selbstredend ein 
ziemlich g-e\vöhnlicher Steinmetzfehler sein. Da ich zufällig 
einige Parallelen zur Hand habe, mögen sie angeführt werden. 
Es kommt dasselbe nach Leonardos neben gewöhnlichem 
Z einige Male vor in dem Silberinventar aus Oropos 'Ecp. 
apx- 1889, 2 Nr. 26 (IG. VH 3498), ferner Kaiinka, Antike 
Denkmäler in Bulgarien 246 f. N. 305,5. 

4. IG. IX I 379. H. 42, Br. 33-36. BH.1 -1,3, OQO c. 0,8; 
ZA. 0,3 - 0,5. Die Inschrift gehört zu den besseren der Säule. 
Woodhouse's Abschrift genügt vollständig; dass das Facsi- 
mile Aetolia 333 eine zutreffende Vorstellung der Schrift 
gibt, möchte ich aber nicht behaupten. Z. 1 - 7 nach meinem 
Abklatsch Taf. II 1. 

'AyatJcti TV/aL . yQa\i\.iaievovxoq 
^EaQolc, ^iXcovog xov Stoaia ev 
NaimctHTOi, [.ii^vög EvOuaiou, djte- 
öoTo SdtDQog Mivvoc, NaujtdxTiog 
5 ToT 'AoxXaTiiol xoi ev KqowoTi; nai- 
ödtQiGv, OL övofxa 2a)aä?, xal xopd- 
oiov, dl ö'vo^ia Scood), yevoi; ot- 
xoyeA'f], T^idg aQyi'Qi^ov exdte- 
Qtt ImIM, ejt' eXeiiöeQiai . Jtapa- 
1 [XEivdtcooav 8e I^Moäc, 

xal ScoGü) TzuQu SdTUQOv xal 
'Ayadü) tdy yuvaixa aiitoO Jto- 
eovxec, x6 elllxaoo6[l^vov ■ ei 



* wie SaQuatT] GDI. 2142^ zu erklären ist, bleibt unsicher. Ich kann 
aber nicht Dittenberger folgen, wenn er S. 1 80 Anm. 2 es als fem. sing, 
fasst. Abgesehen davon, dass dann in unserer Inschrift 2aQ|xdTav zu erwar- 
ten wäre, so muss das Ethnikon sich nicht nur auf die zweite Sklavin, son- 
dern auf beide beziehen. Am einfachsten wäre es SaQ^dtTi als neutr. plur. 
zu fassen, konstruiert zu oco^iata bvo YUvaixeXa (vgl. z. B. oben Nr. 4 5flF.). 
Dann muss aber neben dem gewöhnlichen ä- Stamm bei diesem Ethnikon 
auch ein s- Stamm angenommen werden. 



12 E. NACHMANSON 

8e \ir] KaQa\iEivaioav, ä xe (ovct 
15 dTE^i]? Eoxio xoi 6 jtQoajtoöotai; 

[li] ßeßaiovTCO . TtQoanoboxac, Ijii 

TOVTOii; xatd tov vo^iov Ad[i\.og 

AeOVTO[.l8V805 BoiJTTiog. 

[.laQTDQOi" Adq)v(jov, Scoaiag 
20 TiiX8q)ov, Scooißiog, E-ußoo?, KctUui- 

jro5 NavJtdxTioi, Ad|xi05, Nealog, 
'AfxiJvaA'ÖQO?, 'A!.i8ivoxQdTiiq, 

Aa|.i8ac, 'AvTi05(og, IIstqcov, 'A?l8- 

^i8a|.i05 6 d'Qxwv . tdv (ovdv cpu- 
25 ÄdooovTi 'A?v8^i8a|.ioc; 6 d^x^^'v 

BouTTio? xai 2ü)oiag Tr[kEcpov 

NavjrdxTio?. XKA 

Z. 1 dyaiJdL xvyai bietet von den Urkunden in Buttos nur 
diese, von denen aus Naupaktos keine. In delphischen Frei- 
lassungen des IL Jh. vor Chr. kommt diese Formel nur aus- 
nahmsweise vor, s. Baunack zu GDI. 2322, im I. Jh. nach Chr. 
dagegen beinahe in der Regel, s. Colin BCH. XXII 1 88. Im 
übrigen Phokis werden aber die Freilassungen des II. Jh. 
vor Chr. regelmässig durch dyaOai, tvxai oder öfter debg xv'/av 
äyuddv eingeleitet, so in Stiris IG. IX i 32 ff., in Elatea 120 ff., 
in Tithora 1 88 ff. 

Z. 12. Nur hier und 21 ^ ist in diesen Inschriften der aus- 
lautende Nasal assimiliert. 

Z. 23. Woodhouse, dem Dittenberger folgt, gibt Hevgwv, 
was doch ein ziemlich befremdender Name ist. Vor dem 
Stein habe ich mir allerdings keine Abweichung notiert, 
nach dem Abklatsch kann der fragliche Buchstabe doch 
vielleicht ein T sein; jedenfalls ist die Änderung sehr leicht 
und naheliegend. 

Z. 27. Die drei Buchstaben XKA sind ebenso deutlich zu 
lesen wie unsicher zu erklären. Sind sie nur das Gekritzel 
einer müssigen Hand oder irgend eine Sigle? An die Sitte, 
über und unter die Ehrendecrete Monogramme zu setzen, 
die die Heimat der Geehrten bezeichnen (Wilhelm, Ost. 
Jh. IV 72), sei wenigstens erinnert. 



FREILASSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 13 

5. H. 25, Br. 35. BH. c. 1,5, OQO und Z. 3 a (sonst aber 
nicht) c. 0, 1 ; ZA. 0,2-0,6. 

rQa^IxateuovTog i^Eapcöv 

noXuccQxo^^', |^o]v6(; Ev\)uaiov, 

djreöoTO EvSixoi; 'Agiatcovog 

NauJtdxTLog TOI 'AoxXajcioi 
5 TOI £v KqodvoI? ek' eXevOeQiai 

owfia YuvaixsTov, di ovo[,ia N6r\- 

l-ia, tö yeA'og ©pdiaaav, Tifictg 

aQYDQiov |.i(väv) öi'cov . jtQoajtoSotag 

xcxTu Tov voj^iov rioXe^iaLog 
10 'laTCüQios . [.idQTi'Qoi" "loxialog, 

Kivxoq, 'AQ^.oxoxQdx^c„ SwaavÖQ- 

og, AvxiSag, AeovTO|.ievT](;, KAeu- 

leA'og QaQova . xäv wvdv cpv- 

Xdooei "loTialog. 
Z. 8. MAYDN . 

Z. 1 2. Der Stein hat Ai'xiSai;, wofür selbstredend Auxiöa? 
zu lesen ist. 

6. IG. IX I 383. H. 27, Br. c. 53. BH. 1 ,3 - 1 ,6, OQO 0,8-1 ,2 ; 
ZA. c. 0,3. Die beste unter den Säuleninschriften ; die Buch- 
staben sind sehr sorgfältig" und gleichmässig eingetragen. 
Z. 1 - 5 nach meinem Abklatsch Taf. II 2. 

rQafifxarevovTOi; fleapoii; ev NaiJjTaxrwi 
^'ikoivog xov 2a)öLa, ^rivog 'Ayueiov, öpdacov 
Ei)|8vi8a BoiJTTioi; djreSoTO ek" eXevfle- 
Qiai TOL 'AaxXajticöi roT ev KpoiivoTq oü)\ia dv- 
5 ÖQELOV, d)i oA'Oi^ia EijßovXiöag, rö yevoi; 2i')qov, 
Ti|.idg dQyuQiou MMMM. jiQoajToöoTai; xard tov 
v6|.iov Ad^iog Ei)|evi8a BoiJTTiog. fxdQTVQOf 
Attf-iö^evog, ^iXiov, 'Avtloxo?, 2xoQ:fricov, 
AeovTO[.i8vi]g, KaXA.id8ag, Ad|j,iog Asovto- 
1 [,i8V8og, KAsovixog, Aecov, ZcoitvQimv, FdöT- 
Qtov, Ad^iiog E{)|8vi8a Boijrxioi, 'Af^ivvavÖQog 
TeiadvÖQOu NaDJtdxnog. rdv ü)vdv (pvKdo- 
Govxi Ol d'Qxovreg tööv Bouttloov 'Aypid- 
8ag, 'AÄ8|i8a|.iog. 



14 E. NACHMANSON 

Z. 10. Woodhouse gibt Kfxoovixog, was Dittenberger in 
KXeovixog verbesserte. Der zweite der fraglichen Buchstaben 
ist ein aus Z corrigiertes E; was den ersten betrifft, so habe 
ich vor dem Stein notiert: A, kein A, das sonst in dieser In- 
schrift nie den gebrochenen Querstrich entbehrt. Der Ab- 
klatsch zeigt nun aber gerade A. Möglicherweise habe ich 
also vor dem Stein falsch gesehen; möglich ist aber auch, 
dass hier der Stein einen Riss hat, der einem gebrochenen 
Querstrich ähnelt. Doch ist auf alle Fälle natürlich K?i86- 
vixog gemeint. 

7. IG. IX I 382. H. 38. Die für die Inschrift abge- 
glättete Fläche ist etwa 43 breit. BH. c. 1,5, o c. 1, Ofi c. 0,8; 
ZA. c. 0,5. Rechts ist die Inschrift derart von Wasser ab- 
gescheuert, dass die Buchstaben so gut wie gänzlich ver- 
schwunden sind, wenn auch oft ohne Mühe mehr zu se- 
hen ist, als Woodhouse gelesen hat. Links, wo die In- 
schrift durch einen hohen Rand von Nr. 3 und 4 getrennt 
wird, ist sie dagegen vollständig ; Woodhouse's Angabe, 
auch links seien die Buchstaben abgewaschen worden, ist 
unrichtig. Seine Abschrift, die auch sonst in mehreren Fäl- 
len unvollständig" oder unrichtig ist, wird durch die hier 
folgende ersetzt. 

'Etil äg^ovroc, ¥,v[ir\}iOv ev Boi'[tt]o[T, [it]- 
vog 'I:rrjco8QO[^iiov, aniboxo Nixö[oTQa- 
Tog BoiJTTiog TOJi "AoxkaKichi KÖi [sv Kqo- 
i^volg oü)|ia «vSpelov, wi övo[^i[a 2](o[o . . t6 yivoc. 
5 otxoyevf], TEijiccg (xqyhqiod "FirMM. [ßeßaiü)- 
xr]Q y,axa töv vof^ov Aajx6|[eA'0(; 
Bo-UTTLog. jcaga^eivdrco bk S(üa[ . . iiaga 
Nixüaryatov äg xa ^fj NixöaTQa[Tog jiokjöv 
t6 JtoTiTaoGOjievov. et [M xi "ku jcdOi] 

10 NixooTQaTog, TÖxa d a)vd [xvpia sotü) xal 
6 ßeßaicoTTjQ ßeßaioikw 'Aax[Äajtia)i . 
El Ö8 Ti \xr\ Jieiiyapx^oi 2co[o . . , ai>- 
TOi gjT IT 1 1^18(0 V NixoaTQaTog [tQOJtwi (1)1 xa 
{)el.r\ xiJQiog 8OTC0. (^loiQTiigoi' 

15 Ti(.iaIo(;, Mixxdöai;, 'Aqloicov, 



FREILASSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 15 

EiJQiÄi^a?, Oi?i(ov, Adxiöxo?, OoQ[jiicov, 
'ÄÄe^idöaq, rieTQaio?. 
Tav (ovuv cpvXdnoovTi oi äQiov[xe(; 
Ev\i'\]'koqy 'A^uWavÖQog. 

20 BoiJTTlOl. 

Z. 3-4. Kgojluvoig; diese Wortbrecliung ist auch hier un- 
umgänglich ; zwischen das N von 'Agiateuv 3 i2) das hier den 
Rand bricht, und dem Y ist nämlich für keinen Buchstaben 
Platz. — Wie der Sklave hiess, ist bei der Menge der Sklaven- 
namen auf 2(joa- (vgl. Wendel's Register zu den delph. In- 
schr. 316), nicht zu sagen; einer von den kürzeren Namen 
wie Scoöäi;, Swöo?, Scoaia? war es doch wohl. 

Z. 14. Das erste steht auf dem Rand. 

Z. 16. Der drittletzte Buchstabe ist vielleicht kein (|), 
sondern I. Auf dem Abklatsch glaube ich, allerdings sehr 
unsicher, das P zu erkennen; vielleicht ist also <I>op[[,iLcov zu 
lesen; der Name ist dieser Gegend nicht fremd, s. IG. IX 
I 362 3 (Naupaktos). 

8. H. 13. BH. c. 0,8, OQO c. 0,5; ZA. c. 0,5. Wie N. 10 ist 
diese Inschrift so von Wasser abgewaschen, dass nur noch 
sehr wenig zu lesen ist. 

rQaji-i^iaTeuovTog {)8aQoIi; ['ApiaTcovog 

TOÜ 'AQiaTOA'\')(iOl) 

[levovxoc, . a toT CAoxAaJtioI toI ev 
KqowoIs 8jc' £Ä8i;[0]8Q[iai] o[tü|ia 

Z. 1. Die Ergänzung nach IG. IX i 374 j. 

Z. 2-3 ist offenbar ein Name, 'Etil]!-, Ilap] | f^ievovro? oder 
so was, zu ergänzen. Z. 3-4 ist wohl toi ['Aox?vajiioi toI ev] Kqod- 
voTg zu lesen, aber was bedeuten dann wohl die zwei Buch- 
staben vor toi? 

9. H. 50. BH. 1,2-1,5, I einige Male bis 1,7, oao 0,8-1. 
ZA. c. 0,5. Ungefähr das rechte Drittel der Inschrift ist vom 
Wasser so abgescheuert, dass nichts mit Sicherheit zu lesen 
ist; zuweilen meinte ich wohl noch einzelne Buchstaben sehen 
zu können, aber im selben Augenblicke w^aren sie wieder 



16 E. NACHMANSON 

verschwunden. Die Breite der Inschrift kann also nicht ge- 
nau angegeben werden ; da aber in Z. 8-1 2 die von mir gele- 
senen Buchstaben eine Breite von c. 30 cm einnehmen und 
die Ergänzungen unbedingt sicher sind, ergibt sich als unge- 
fähre Breite der Inschrift 45 cm. Von dem linken Rande der 
Inschrift bis zum Anfang der rechts folgenden N. 13 sind 
es 68 cm. 

'SiXQaxayiovxoc, twv A[i]to))i[(J5v 'AAe- 
^dvÖQOv Toü Nixia Ka?i[i)&(javioii, ev öe 
NavjtdxTCOi YQa|i[.iaTSi)0VT0(; [OeaQois 
'AQiarövov, |i,i]v6g 'Of.toAcoioi), [djteöoto 
5 'Apiatoiid^a Äa[^io|8[v]ov [BoutTia 

Tcöi 'AaxAajtioöi twi ev K(30v[voi(; o(h\ia 
dvÖQELOv, wi OA'0[.ia 'Aöxf^iajtidöag, t6 yEvoi; 
OLXoyEvfj, ek' eXevdEQim, [xinuc, 
äQyvQiov MMM. 7iaQa\i[eivux(ü be 
1 'AonkaKidbuc, itagu ['AßiatO[,id- 
"/cxv ETI) ÖExa jTOicüv TO [:n;0TLTaa- 
o6[ievov. 81 öe TL jtd6oi ['Apiöto^dx« 

JtQO TOf) td ÖEXa ETI] [öi£X{)eiv, JiaQa|18l- 
vdtco Öe 'AaxXajtidöai; [tov Aoi;n:6v 

15 iQOVov Äa[.io^8V0L)i twi [jraiQl twi 'Apiato^id- 
Xa[Q] jto[i]ü)v tÖ JtOTiTa[öa6[X8vov. 8l be ku- 
QU[iuvui 'AGx/lajii[(it8ag xd ÖExa eti], xailü)? yiyga- 
Kx]ai, £l[£]v\)eQoq e[ox]o.) xa[i d tbvd ߣ- 
ßaiog EOKO. aQ^Ei 8[£ tcüv ÖExa ItEoav |.if]v 

20 YIqo'kvkXioc; 6 ijtl Ao[ :rtQoajto- 

boxag xuxä tov vo^iov [Ad^ioi; 
A80VTO|j,£V80(; [Bo]ut[tioi;. [.lapTupoi' .... 
ubuq, Aiwog, 

A80)V, $L?.OOV, 

25 . cov, 'Agioxiaq, 'Ayi][^i[ü)A' Nuv- 

,T:dxTior tuv (üv[dv (puÄdooovTi oi äg- 
XOVTES 'AA,£^id8ag, 

Z. 5, Ich setze BovTTia, weil Aafxo^Evoi; mehrmals als but- 
tischer Name vorkommt, allerdings einmal, 34^3, auch bei 
einem Naupaktier. 



FREILASSUNCSURKUNDEN AUS LOKRIS 17 

Z. 13. Vgl. GDI. 2084 7. 

Z. 1 4 he im Nachsatz wie in den delphischen Freilas- 
sungen GDI. 17525, 1757;,, 2296^^; im Allgemeinen vgl. 
Kühner-Gerth II 276 ff. 

Z. 15. Der einzige Fall in unseren Inschriften, wo nach 
jraQa|.i£veiv statt :!taQd mit Acc. (wie auch Z. 10) nur Dativ steht. 
In Delphi kommt es auch, obgleich selten, vor, vgl. z. B. 
GDI. 1707^, BCH. XXII 82 Nr. 79^, 108 Nr. 97,,; in Amphissa 
'Ecp. apx- 1904, 115 Z. 7 ; in vStiris IG. IX i 39.^, 42,;; in Tithora 
ib. 1 89, 1 90 ; etc. 

Z. 26. Vor F Platz für etwa zwei Buchstaben; ob welche 
da gestanden haben, ist aber sehr fraglich, da der Stein hier 
Bruch zeigt. 

10. H. 26, Br. zwischen 40 und 50. BH. c. 1,5, ono 0,9-1,2; 
ZA. 0,3. — S. die Bemerkung zu Nr. 8. 



r9a|i.[i,aTEiJ0VT0(; fljeaQOig gv Nav- 

JtdxTCDl . . o 

. ußaiOD 

VC . dneöoTO [twi 'AaxXajüicoi twl 
5 8V KqovvoTi; 

\} 

M- 

aov. 

. . Xai 

10 .X 

yoKkr\(; 

Adfxaj^og . tuv Coväv [cpvXdooovxi . 
.... 6 ctQxwv, 



Z. 4. Zwischen O und A ist Platz für ein oder zwei Buch- 
staben. 

11. IG. IX I 380. H. 32, Br. c. 40. BH. c. 1,3, ono c. 0,8; 
ZA. 0,2-0,6. Schrift im Grossen und Ganzen ziemlich regel- 
mässig. Links ist die Inschrift vom Wasser sehr abgewa- 
schen und schwierig zu lesen. 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII. 2 



18 E. NACHMANSON 

^xQaxayiovxoc, AaSixov 'Apoivosog 

t6] 8euT8QOV, aQiovxoq be ev BoijttoI 

E{)(.u]]Äoo, pjvog IIqoxvhXioi', djteöovro 

8ag, Scoaixa Bovttioi twi 'Aax(?L)ajTi- 

5 tüi TCüi £v Kpowolg jtaiSocQiov, oi ovo|ia 

. . |io?iaoi;, sjt' gAeitö^eQiai, t6 yevog oi- 

xoyevfj, tei^xä? apyi^Q^ov MMM. ßeßai- 

(OTTjQ xaxä Tov v6\iov Adfiiog Aeovto- 

jxevEog BouTTioi;. [kxqtvqoi ' 'AXe^idSag, 
10 , MixxdSa?, 'ApioTOj-iaxog, Mevcov, 

.... V, Oilcov, Ti|j,6A.aog, Aewv, 'AQXiacov, 

abaq, Aa[x6|evo?, Ti|iaioi; Bovttiol, 

oooaKaxQioq, KuSqicüv Naujtdxtiog. 

tdv] ü)vdv cpvAdaöovTi ot ccqxo'vtes 
1 5 Eup]]Äog, 'AfxvvavÖQOi;, ©paGtov, 'A|i8i[vo- 

x^dtT]?, Aa|i6|evo(; Botjttioi. 

Z. 4. A^KAP"! . Derselbe Fehler 30 5. 

Z. 13. Woodhouse gibt l20Z2FATPnZ und liest . . . laog 
'2ndxQ(ßq, ein ganz unmöglicher Name. Dittenberger vermutet 
2[(o]o[i]:iTaTQO(;. Das erste I kann ich nicht sehen; das 1. ist 
nicht sicher, es ist villeicht A ; dann folgen ganz deutlich 
OIZZFAT. Die Buchstaben nach T stehen auf einer sehr 
unregelmässigen Fläche, es ist nicht unwahrscheinlich, dass 
sie aus anderen corrigiert sind; ich lese mit allem Vorbehalt 
Pli^z, vielleicht auch Nf^Z. Nun ist aber zu, beachten, dass 
der von Woodhouse nicht gesehene letzte Buchstabe der 
Zeile sicher Z ist; in den fraglichen Resten wäre demgemäss 
ein Name mit Ethnikon zu suchen. Ich treffe keine Ent- 
scheidung. 

12. IG. IX I 381. H. 38, Br. c. 40. BH. c. 1,3, ono c. 0,8; 
ZA. c. 0,5. Ziemlich ordentliche und regelmässige Schrift. 
Auch hier wird einmal, Z. 16 rechts, der aufstehende Rand 
durchbrochen. 

^XQaxayiovxog tcjv Aitco^lcöv Tgiyä ^xga- 
xiov ß', EV 8e BovtToI aQyovxoc, Aayciov 
xov 'AAe'^o|xevoij, p,T)v65 Eiidiiaiox), djiE- 



FRRILASSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 19 

80TO Mixximv BoiJTTio? TOI 'AoxXajtioL 
5 TOI Ev K()ouvoI(; Gü)f,ia dvÖQeiov, 01 ö\'0- 
^i« <I>d6^evoc, t6 yivoc, 'Afacpi^o/ov, 
Ti|.ia5 apyuQiou MMMM. ßeßaiWTTip 
xaTu tÖv vofxov Ad\iioc, A80VT0|j.evE- 
oq BovTTio?. JtaQajiEveTO) Öe ^ikol.e- 

10 vog nagä Mixxicova dq na t,\] Mixxicov 
jTOicJäv Tu jroTiTaaaoj^tEA'ov. ei Se [li] jtoE- 
01, dtEKi? d ü)vd eox(a. ei bi xi x(x jrdOi] 
MixxuüA', Toxa d (ovd KVQia eotco xai 
6 ßEßaiooTTjQ ßfißaiouTto toi 'Aöx?i.a:ncioT. 

1 5 [^laQTUQor Mevoov, ^ikoiv, NEaio?, 

HJEvog, 2xoQjtio)v, EvßijriSag Boijttioi, 
2dTVQ05, 'AvTixQaTT]?, TloXvl,Evo<;, 
IloXvaQioc, NavjidxTioi. tuv d)vdv 
cpvXdooovxi Adfxiog 6 d'QXtt)^, Arx- 

20 [^lö^Evog BovTTioi. 

Z. 7. Woodhouse liest FMMM, auf dem Stein steht ganz 
deutlich MMMM. 

Z. 9 f. Odö|E[v]|oi;, Woodhouse, i^ik6lß\voq der Stein. 

13. H. 48, Br. c. 40. BH. 1,2-2, onAX und (mit Ausnahme 
von Z. 2, wo e) © 0,7-1,2; ZA. 0,6-1,2. Gewöhnlich A, Z. 7 
und 11 A; 2 sehr wechselnd und unregelmässig; überhaupt 
ist die Schrift sehr vernachlässigt. Die Zeilenanfänge bilden 
beinahe einen unregelmässigen Zickzack, die Zeilen gehen 
oft ganz schief. Z. 4-10 nach meinem Abklatsch Taf. II 3. 

rpa[X|i,aTE'uovTog 
■ö^EaQOüv EV NavjtdxTOi 

2aTl^Q0V TOIJ 2(jL)G01), [XI]- 

vog 'AflavaiOD, ditEftoro 
5 OtxEaöaq IJodQioc, toi 'Aa- 
x]?LajriOL TOI EV Kpowoig oa)- 
\ia dvÖQEOv, OL ovop,« 'QcpE- 
Xicov, t6 yivoc, TißE^avov, Tifiag 
dQYi)()i0D \iväv xQi(x)v. ßEßaio)- 
10 xf\QEq Kaxeoxaoe FIoÄE^xaivE- 



20 E. NACHMANSON 

Tov ©aioA', (I>eXH8av ITcoqiov. tav w- 
vuv qpvÄdaaovTi ot UQiovxeq 
.... abaq, TeXioagioq, Nixa^yog. 
[xdQTi'Qoi" Telioagioc,, 
15 .... avÖQog, Odoöa^xog, n^idtooQ, 

'AY?]Ti[i,(OA', K^dtTig, 'AYe(A,)ao<;(og) "laiog. 
Tuv tovuv cpvXdaoovxi ot aQ^o^teg 
Twv BoTTLCOv Äa[X8ag, Aeovro^- 
evi]g öeXÄttVieoi;. 

Z. 7. dvÖQEov ; dazu noch yuvaixeov 20 9, 'A(y)i)eoi' 234. 

Z. 8. TißgQavov. Die gewöhnliche Form ist TißaQi]v6(; oder 
TißaQuvog, so inschriftlich: TißaQavdv GDI. I8943 (Delphi), Ti- 
ßuQuviooa IG. 11 3394 (Athen). 

Z. 9 f. Zum Accusativ ßeßaKoltfJQeg, der Hg wiederkehrt, 
s. G. Meyer, Griech. Gramm. 463 f. 

Z. 16. ArEAOZOZ. 

Mit Z. 1 6 wäre diese Urkunde an und für sich vollstän- 
dig. Die unmittelbar folgenden Zeilen, die ganz dieselbe 
Schrift wie die vorhergehenden zeigen, müssen somit als 
eine nachträgliche Änderung aufgefasst werden. Der Grund 
dazu ist völlig klar. Die Archontennamen Z. 1 3 sind falsch, 
dagegen sind, wie Nr. 30 und 24 zeigen, gerade Afxjieac und 
AeovTOfxevri? in dem Jahre, wo ^dxvQoq "Eoioov in Naupaktos 
Theorenschreiber war, in Buttos Archonten gewesen, vgl. 
hierzu auch die Ausführungen weiter unten. 

13 a. Zwischen Nr. 12 und 13 stehen, einen Raum von 
c. 30 cm einnehmend, zwei Zeilen. BH. 0,6-0,8 ; ZA. c. 0,5. 

. . 'Apiatcov, ITaDaaviai;, 

Eüiog, Aewv $v?tXaioi, "Hyi^tcaQ. 

Mit Nr. 1 2 gehören sie entschieden nicht zusammen, weil 
diese mit Z. 20 ihren regelmässigen Abschluss findet und 
weil die nachlässige Schrift von Nr. 1 3 a einen ganz anderen 
Charakter trägt als die sorgfältige von Nr. 12. Aber auch mit 
Nr. 1 3 nicht, wie schon die Maasse zeigen. Was für Bedeu- 
tung diese Namen haben, weiss ich nicht; ganz unsicherer 
Vermutung-en enthalte ich mich lieber. 



FREILASSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 



21 



2. DIE INSCHRIFTEN DER ANTE. 

Die Ante ist c. 205 cm lioch, 55 breit, c. 40 dick. Die 
Rückseite ist völlig unbearbeitet, der untere Teil derselben 
(etwa 20-30) gebrochen. In der oberen Anschlussfläche, die 
nur grob gestockt ist, keine Anathyrosis hat, sind zwei unge- 
fähr quadratische Dübellöcher mit Gusskanälen. 

Die vStirnseite und die beiden Schmalseiten sind mit In- 
schriften bedeckt. Diese nehmen immer die cranze verführ- 
bare Breite der betreffenden Fläche ein. 




A])]). 2. Lage der Ante. 

Die Ante liegt in einer Höhlung unter der einen Ecke 
des Felsblocks, durch dessen Druck sie schwebend gehalten 
wird; näherer Beschreibung überhebt mich unsere Abb. 2. 
An der Stirnseite las Woodhouse zwei Inschriften (Nr. 14 
und 15), ich habe ohne Schwierigkeit noch eine, Nr. 16, voll- 
ständig lesen können. Dann verengt sich der Abstand zwi- 



22 E- NACHMANSON 

sehen der Ante und dem Block, so dass die Lesung- bei Nr.17 
und 1 8 erhebliche Schwierigkeiten macht. Die Inschriften der 
linken Schmalseite, Nr. 19-21, sind ziemlich leicht zu lesen, 
wenn auch zum Teil in sehr unbequemer Stellung. Um so 
grössere Schwierigkeiten bot die rechte Seite. Dass die In- 
schriften Nr. 22-25 überhaupt hier gegeben werden können, 
ist nur dem günstigen Zufall zu danken, dass der Block die 
genannte Höhlung hat; der Raum drinnen zwischen der ge- 
wölbten Unterseite des Blocks und der Ante ist gerade gross 
genug, dass man drinnen, allerdings in sehr schnell ermü- 
dender Stellung, liegend mit einer Lampe in der Hand — denn 
das Tageslicht beleuchtet sparsam nur das obere Ende der 
Ante — die Inschriften copieren kann. Aber die Höhlung ver- 
engt sich nach innen, und so war bei Nr. 24 und 25 über- 
haupt keine Möglichkeit selbst zu schreiben. Der eine von 
uns musste drinnen liegend lesen und dem draussen sitzen- 
den Buchstaben für Buchstaben dictieren. Da indessen sowohl 
Herkenrath wie ich unabhängig die beiden Inschriften, die 
glücklicherweise ganz gut erhalten sind, gelesen und mit 
möglicher Sorgfalt controlliert haben, dürfen wir vertrauen, 
dass auch bei diesen Inschriften, für die wir gemeinsam die 
Verantwortung tragen, der Text correct sein wird. Was das 
Abklatschen der Anteninschriften betrifft, standen dem bei der 
linken Schmalseite keinerlei Schwierigkeiten entgegen. Von 
denen der Stirnseite habe ich auch ziemlich brauchbare Ab- 
klatsche erhalten, obgleich der geringe Abstand zwischen 
Ante und Block mitunter das Schlagen mit der Bürste sehr 
erschwerte. Bei denen der rechten Seite gelang es mir nur 
von Nr. 22 und 23 Proben aus der Mitte der Inschrift zu be- 
kommen, bei Nr. 24 und 25 war es wegen der ungünstigen 
Lage trotz immer wiederholten Versuchen nicht einmal mög- 
lich. Abklatsche von Teilen derselben zu erhalten. 

14. IG. IX I 384. H. 13. BH. 1-1,2, o 0,9, o 0,7-0,9, n c. 0,6; 
ZA. 0,2-0,4. Die Buchstabenformen sind ziemlich regelmässig, 
aber sonst ist die Inschrift mit wenig Sorgfalt eingehauen ; 
einige Male, Z. 2,5-9, stehen die 4-5 ersten Buchstaben niedri- 
ger als die übrige Zeile. Wenn ich Woodhouse's sehr man- 
gelhafte und nachlässige Abschrift durch die hier folgende 



FREILASSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 23 

ersetze, scheint es mir nicht nötig alle seine unrichtigen Le- 
sungen im Einzelnen zu notieren. 

rQa[.ifAaTe]uovTOi; Oeagolg ^lAwvog xov Scoocit- 
[v]8qo[i)], |i.rivög Aiovwoiou, uirefioto NixiaÖo? N(i)xon;- 
o]?i^ioi> nwQiog xoQiöiov, oi övofxrx "lotiaiig, toi 
'AöH^tanioI TOI 8V KQom'Oig, Tifxäg aQyi'pio'u 
5 MMM. ßeßfXKOTfJQeg vMxiaxaae y.axu xov voj^io- 

[v] Ae(OV(x, ''Aqxe^^«o(v) n(0Qio(i))5. Totv o)vav (pvXdoa- 
ovTi OL uQiovxeq. \xdQxvQoi • ^iXUbaq, ''AgyßXaoq, Oi- 
^oxfOQO?, ©gaovlMoc,, TeXeoagioq, Sevcov, 
navxQocTiiq ITwQioi. 

Z. 1-2. ZOTAj/ APG I . Fraglich ist nur, ob die erste, et- 
was schräg gestellte Hasta von Z. 2 wirklich Rest eines N 
ist; möglicherweise ist es nur ein zufälliger Riss im Stein; 
Platz ist übrigens für N auch zu Ende von Z. 1. Woodhouse 
übersah die ersten Buchstaben von Z. 2 und kam so auf die 
falsche Lesung Scooia. 

Z. 2 zu Ende NKOfl . In Bezug auf den letzten Buchsta- 
ben ist zunächst zu bemerken, dass die erste Hasta vielleicht 
etwas kürzer als die zweite ist, und ferner, dass der Querstrich 
nicht über die senkrechten ausladet; zudem ist die gewöhn- 
liche Form dieser Inschrift nicht TT, sondern durchgängig F; 
dennoch wird es hier sicherlich kein zufälliger Riss im Stein, 
sondern wirklich der Buchstabe n sein. Nach diesem Buch- 
staben ist kein Platz für o, wohl aber zu Anfang der folgen- 
den Zeile. A (so) in Z. 3 ist sicher l, weil die zweite Hasta un- 
ten zu einem kleinen Apex verdickt ist, wie an diesem Buch- 
staben sonst immer in dieser Inschrift, wohingegen A jed- 
weder Verzierung entbehrt. Folglich Nixojto?ie^iov, wie Ditten- 
berger übrigens schon Woodhouse's NixojSef^ioi' verbesserte. 

Z. 3. Woodhouse gibt xoqvöiov. Aber der fragliche Buch- 
stabe ist sicher kein v, dessen Querstriche hier stets gebogen 
sind, sondern I, nur ist oben eine zufällige Verletzung. 

Z. 6. I I Aecova. Die beiden Hasten zu Anfang stehen zu 
weit von einander, um zusammen Rest von N zu sein. Ver- 
mutlich gehörte nur die zweite dem N, die erste ist zufälli- 
ger Riss im Stein. Der Stein hat 'A^xe^aog, Hcüpioig; diese 



24 E. NACHMANSON 

und andere Flüchtigkeiten verleiten mich aber nicht, auch in 
ßeßauoTfJQEi; Z. 5 nur einen Steinmetzfehler zu sehen, vgl. zu 1 3,,. 

Z. 7. (^i\l6xcoQoc, ist sicher. Woodhouse übersah Oi gänzlich 
und las Z. 8 ^Xcbgog, was schon Dittenberger bezweifelte. 

Z. 8 stehen die Buchstaben von Hevwv etwas breiter von 
einander als sonst; vgl. 'AoxXajrioT lg. 

15. IG. IX I 385. H. 30. BH. c. 1,5, oox 1-1,3, n 0,8-0,9; 
ZA. c. 0,5. Schöne, regelmässige Schrift. 

rQa(.m,aT8V0VT0(; i^e.cxQoig ev Nan:n:d- 
xicoi 'ÄQiaTOXQdtTeog toii rTapf^itviöa, 
[xi]vÖ5 'Afl«vaiOT, FjTI bk aQ/ovTWV ev 
BovxToT 'AAe'lidöa, Tii^irxi'oi', änebovro 
5 'Av8qü) 'AgioTctQ/^oi^, 'AvSqü) OixidSa $"uX?La- 
Tai owf^ia dvÖQEiov, wi o'vo[ia K6a\iog, x6 ye- 
voc, 0Qäix«, xoT "AoxXfXJTioi TOL EV KqovxoIq, 
äQyvQiov [ivdv tqiwv, 8Jt' E^ienOeQLai. ße- 
ßaicoTrJQEg xatu töv vofiov SdtvQog ""Aqi- 

1 oToßoxjÄou, 'Aviioxog <I>i)A,?iaIoi . [idgtvQOf 
Tel0(ov, 'Apiotcov, ©apouac, 'AfjioToßonXoc, 
'AxQiöio«;, NEixaQ/oq, ITaiiGaviai; Oii^Jaloi, 
'ÄÄE'^idSag Boi''TTiog, Aeoov Qahoq. xäv 
tovdv cpvXdoüovxi ''AkeE.idbaq Bouttio?, 

15 'Apiatcov (^vlXaloq. 

Z. 5. OtxdSa Woodhouse, Oixidöa der Stein. 

Z. 11. Durch meine Lesung, die ganz sicher ist, schwin- 
den Woodhouse's unglaubliche Namen, die auch Dittenber- 
ger wegemendieren wollte. 

Z. 1 2. 'Agnioioc, Woodhouse, 'AxQiaioq der Stein. 

Z. 1 3. Aewv 6 uQxcov, wie Woodhouse liest, steht sicher 
nicht da. Ich sehe Aecov ©AIIoZ. Unsicher sind nur die mitt- 
leren Buchstaben, sie scheinen mir jedoch wirklich zwei I zu 
.sein. Also wohl dasselbe Ethnikon wie 13,,, wenn auch hier 
mit zwei i. Vgl. dazu z. B. Ti|j,aTiog IG. XII i 985 (Karpathos), 
Aajtjtouoi IG. XII V 1,723 5 (Andros). 

16. H. 23,5. BH. c. 1,4, ooo c. 0,9 ; ZA. 0,2-0,5. Ab- 
stand zwischen Nr. 1 5 und 1 6 3 cm. Ordentliche Schrift. 



FREILASSUN(;SUKKUN1)EN AUS LOKKIS 25 

rQ(x[i[iar8iu)VT()(; fieaQoTi; ev Nau:rtaxTa)i 
(xfxi)Nix()^KO)\'Oi; Toü NiKia NmmaxTi'ov, aQyov- 

Tcov fte 8\' BoitTTOi 'Ayi^iiovoi;, ©ecovog, Aimon, 

|n]vög npoxi'x^ioii, änebovxo öpctacov, 'Ayi]- 
5 ji,(()v, Ad\Liog Ol Eii|£vi'.fta Boinnoi toi 

'Aöx^iajtioT TOL gv Kpoiwolg ek' eXeiiflepiai 

üCo[ia dvÖQEiov, cbi övofixt 'Ovdaipiog, t6 ye- 

voi; MaxEÖoA'a, xifxdg dQyDQiov MMMM. 

jtQonKoboxac, xatd tov vouov Acquog Boik- 
10 x\oq. [t((()Ti'()oi • Attjiioi; AeovTOj^iEA'gog, 'A- 

yQidöac;, Mixxdftac, Ai'ixoc, WQ\ax6[ur/og, 

Tm6h)yoQ, Ai'txdn', Ö£(o\'. t«v (ovdv (pv- 

hioaovxi A(t[iiOi; AeovTO[,i8A'805. 

Z. 2. KXINhKOAEnNOZ • Der erste Buchstabe ist sehr 
unsicher, vielleicht ist es kein l<, sondern TT oder F. 

Z. 1 2 f. liegt ein Fehler vor. Nach AeovrofieA-eog ist kein 
Platz für einen zweiten Namen; die folgende Inschrift folgt 
nämlich unmittelbar. Da mit nur zwei Ausnahmen, 2 j- und 
5i:^, die xA.ufbewahrer sonst stets zwei waren und der Stein- 
metz vermutlich das übliche Formular auswendig wusste, 
schlug er wohl demgemäss den Plural ein und vergass dann 
den Fehler zu berichtigen. 

17. H. 11. BH. 0,6-0,7, ono 0,4-0,5; ZA. 0,5-0,8. 

Z. 5. gelang es weder auf dem Stein noch auf den Ab- 
klatschen zu lesen. Nach Z. 6 folgen noch 2 oder 3 Zeilen, 
die ich auch nicht lesen kann. 

rQa[i|(aiei>ovTog fleagoTg Avxou toü Aimou, p]A'6(; Aaqppiaft'Joi', 

gjr8ixaft(?) ['AyctOü)] Satugoi) xatoixeoDoa sv NaiJJtdxtoi djteöoTO toi ''AoxXun [loi 

ToT ev KQODvoTg a(6|.iaT[a] xQia 

... 8 avTag (?) xoQiöiov oi övo[ia Mev 

5 jtapd] 

'Ayafltt) Ecog xa t,r\ "Aya^cb. et öe [ir] 

Z. 2. Die Freilasserin war keine einheimische Naupaktie- 
rin, sondern nur dort sesshaft. Vgl. Gägoiiuioq Ni'xcovog 'O:rtouv- 
TL05 xarcixecov ev AeÄtpoTi; GDI. 22283, 0««>v Aiovvolod | xal 'Aa^i]- 



26 E. NACHMANSON 

vaig $aa)vog xotoixoijVTei; | ey XaQun'eiai IG. VII 3378 2 (Charo- 
nea), KaXh}i}S]c, KakliyOiioc, 'AOiivaloi; oixecüv ev Aitw^iai GDI. 
2508 ff. (Delphi.). Über die Stellung der xaTOixoiivTe«; in den 
griechischen Städten siehe im Allgemeinen die Bemerkun- 
gen von Francotte, De la condition des etrangers dans les 
cites grecques 35 f. 

18. Höhe kann nicht angegeben werden. BH. 1,5, O£10 
1; ZA. 0,6. Zu beachten ist i beidemal in Z. 7, aber das ge- 
wöhnliche Z Z. 5. Die Lesung ist im Wesentlichen auf Grund 
zweier Abklatsche erfolgt 

rQajA.[^iaTeijovTO<; OeaQoig £v NavJtd- 
XToai YIo'kvdQiov, ev 8e BodttoT ägiovrov 
Aa^^ioi) Toü A80vTO[xeveog, [AJscovog, [x[ti- 
voc, BoDxarLOu, djieSovTO 'Ayr\\uov, Adfxioi; 
5 Ol Ei)|8vi8a BouTTioi twi 'AaxÄajnööi T[ä)]i 
8v KqowoI? 8Ji' lAeitl^eQiai o(X)\xa ywai- 
X8L0V, dl öv[o[ia] Ae^ig, tö yevog ex Uvi,- 
ios(?), xinäc, ägylvJQiov MMM. jTQoajto8[6]Ta[g 
xatd tÖv vöjiov [AJecov 2{ooiJtdT[Qüv Nav- 

1 jidxTiog. (-idQTUQoi • A 

Aa|j,6[|]Evog 

Z. 3. AeovTOfxevriq beide Abklatsche. 

Z. 7. Ilv^lioi; ist nicht ganz sicher. Das I ist vielleicht T, 
zu Ende von Z. 7 kann noch ein Buchstabe gestanden ha- 
ben; für ni)^[oi5v]JTO<; ist aber nicht Platz. Belegt ist nur eine 
Stadt rivlig, so bei vSteph. Byz. ; dagegen ITulog bei Arkad. 
p. 66,15. Wenn die Lesung IIij^Jig? richtig ist und die Sklavin 
aus der lucanischen Stadt stammte, war also die richtige 
griechische Form II-uIk; und Meinekes Zweifel (Steph. Byz. 
s. V.) sind unberechtigt. 

Z. 8. Vor M sehe ich auf beiden Abklatschen ein I ; das 
muss aber ein zufälliger Riss im Stein sein. Rest eines mit 
M in Ligatur verbundenen F kann es nicht sein ; dazu ist 
das M zu gross. 

19. H. 48. BH. c. 1, Ofi innner, 0A oft kleiner, 0,6-0,8 ; ZA. 
c. 0,3. Zwischen dem oberen Rand des Steins und dem An- 



FREILASSUNGSURKUNNEN AUS LOKRIS 27 

fang der Inschrift sind c. 20 cm unbearbeitete Fläche. — Zu 
beachten ist Z. 22 die Buchstabenform H. Z. 17-22 nach mei- 
nem Abklatsch Taf. II 4. 

rt>a[x^iaT£uovtO(; i'^eaQoTg 

ev NaojtdxTOL nvOofiwQou, [i\]- 

vbg 'EgyLcdov, "EA^ah'ixo? Aa- 

[iLoiJ Boi'tiTioi; dn:88oTO, ovvev- 
5 bo'neovoag xal xäg dvyaxgog 

aiiTOÜ Sevaivag, 83i' £?ievi)8Qi- 

ai TOL "Aankaniol tol ev Kqod- 

voig a(x)\iaxa dvÖQela Öuo, ol? 

ovoi^iata Maxe8(6v, Bcö^o?, ye- 
10 voc, MaxeSwv [lev 'A[ifpi;n;oA,i- 

ta?, BwAog 8e oixoyevrie, xal yv- 

vaixeTov, di ovofxa 'Aya&d), yevog 

oixoyeveg, Ti[id5 exaotov 

TOVT03V MaxeSova jiev apyi^pi- 
15 Ol) jivdv TmTM, BcöXov bh agyvQi- 

ov \i{\'äv) RIMM, 'Ayadd) 8e apy^pioi) 

[xvdv MMMMM . JiQoajtoSoTa? 

xaxd tÖv vÖ|xov 'Ay-rj^wv Ei)|e- 

vi8a BovTTio«; . [xd^Tupoi • Avxi- 
20 öxog ©Qdofovo?, <I>akxxQicov 

KaUid8a, Adjxiog Evl&viba, 

A.a[iia<;, Atixiog Safiiov, Stpatojv 

'Ayi]UOVO?, Avxioxoq, 'A(ix?iartid- 

8a? BoiiTTLOi, 'AQioxaQxo? Et)o{)e- 
25 V805, Mevi\iuioq Mevcovog, 

AaixoxQaxriQ, MeyioTOTifxog, 

naQ[X8vi8a<; NaiJJtdxTioi . tdv w- 

vdv cpvhiooEi Ad^uoi; Ev'E,evi- 

8a BovTiiog, KA8av8QO(; Aafxo- 
30 xQdteoi;. 

Z. 19. In Bovxxioc, scheint das erste q nachträglich hin- 
zugefügt zu sein. 

Z. 28. cpvldooei für ipvldooovxi; der umgekehrte Fehler 1 6,3. 
20. H. 45. BH. 0,8-1,1, ono 0,6-0,8; ZA. 0,3-0,4. Die In- 



28 E. NACHMANSON 

Schrift fängt 24 cm unter Nr. 19 an. Die Zeilenanfänge ste- 
hen nicht senkrecht unter einander; sonst ist die Schrift 
ziemlich regelmässig, nur stehen einige Male die Buchstaben 
schief, so das zweitletzte I Z. 7, T Z. 1 3. 

STQatayEOvtog twv Altoo- 
Xmv ^vXaxoc, xö ß', ev 8s Nai)- 
:!tdxTOi ygaiiiiuieog i)saQoi[g 
Aecovifta, ^i^vog Aiovtmioi» d;i[e- 
5 öoTO ''AYi]oijr[jr]a '^vlJMia, ovv- 
evöoxeovTCOv xal tcüv vo)v He- 
voxQctTSog, "AyBöTgaTOi), toi 'A- 
oxAa[ji;]ioI TOI ev Kpouvotg en'' eXev- 
degiai acöfxa ywaixeov, äi ovo- 
10 [la 2(üo(jo, OLxoyEvfj, xi[iäc, ägyv- 
Qiov MM. jiaQa\iEivuxo} bk 2o)oü) 
en] 8', ögov [xev xa /qövov ^fi "Ay- 
r|oiJtJta, jTapd "AyrioiJtJtav, rov 88 Xoi- 

:t6v IQOVOV TWY 8' 8T8C0V [XSTtt t6 

15 [A8TaÄA,d|ai 'Ayiiaijurav, jraQot to- 

i)]? "öoi)!; Toug "Ayi^oiJtJtag Ssvoxqcxtt] 

xai "AyeargcxTOv jroioiioa(v) to 8Jti- 

xaoo6\,ievov. et 8s [li] JtaQa[i8iv['r) 

Sjoooo) f\ [IT] jcoifi TO sjtiraaoofxs- 
20 vov, xaOojg yeyQajtTai, d rs wvd 

(dre a)vd) dTsAr)? earo) xcu oi iitQoaJto- 

86Tai p] ßeßaiouvTO). dQ8\[)dTü) 8s 

2ü)G(0 EV TOl XQOVOl ol 8si aUTUV 71U- 

Qa|iElvaL jtai8dQiov \\ xopi8iov, xm t6 
25 TQacpsv 'Ayr]oiiiJiac, xal tcöv vÖ)v s- 

öTCO. 81 8s [U] TQEfpei TO jTai8iov, xa- 

i)a)g ysyQajtTai, djtoTSiodTCo Ss- 

voxQdTEi xal ^AysGTQaTOi dyyiJQi[oD] 

M. ägiei twv 8' etsoov ö Äiovuoio- 
30 [g] \i{r\v) ev oi(g) Aeoov NaujtdxTiog GT(}«T(ay8l). 

(.laQTDQOi ■ SaTVQLvog, 'AQiGT68a[io[g. 

Z. 6, 16, 27. Fraglich ist die Form des Namens des einen 
Sohnes. Z. 6 zu Ende kann nach E noch ein Buchstabe cre- 



FREILASSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 29 

standen haben, Z. 27 zu Ende ZEi , aber Z. 16 ist Eevo'/.Qax'r] 
sicher. Die Form mit -ei- wäre hier ganz singulär; mithin wird 
der Strich zu Ende von Z. 27 zufälHger Riss im vSteine sein. 

Z. 15. ist nach o auf dem Steine für keinen weiteren 
Buchstaben mehr Platz, dagegen kann vor S in der folgen- 
den Zeile, das sehr zusammengedrückt ist, ein Buchstabe ge- 
standen haben. 

Z. 29 f. Nach o zu Ende von Z. 29 scheint kein weiterer 
Buchstabe Platz zu haben. Z. 30 xMENOISAEnN. Dass meine 
Lesung dieser Zeile, die mit einem Steinmetzfehler und zwei 
Abkürzungen rechnen muss, sehr unsicher ist, verhehle ich 
mir keineswegs, sehe aber keine andere Lösung. Zu atpar. 
für aTQaTayei vgl. ötq. für oTpaTTiyoiJVTOi; in den thessalischen 
Freilassungen AM. XV 307 ff., Nachrichten des russischen 
archäol. Inst. I 115 Nr. 95. M .für [0]v6<; haben die Freilas- 
sungen aus Kalymna Dittenberger, Syll. 8643.11, 865 7, 8683 
(II. oder I. Jh. vor Chr.) 1, ferner s. Buresch, Aus Lydien 86 
Nr. 43 1 (186 nach Chr.), AM. III 56 Nr. 2.^ (Thira in Lydien, 
nicht vor 212 nach Chr.) -. 

21. H. 28. BH. 0,9-1. Q. ebenso gross wie die übrigen 
Buchstaben, meistens auch (so!), sonst e und immer o klei- 
ner, 0,7-0,8; ZA. c. 0,3. Zwischen Nr. 20 und Nr. 21 nur 2 cm 
unbearbeitete Fläche, unter Nr. 21 40 cm. Die Fläche ist be- 
deutend sauberer geglättet als bei den übrigen Inschriften, 
die Schrift überaus sorgfältig und regelmässig. Die Brüche 



1 Neben MH 868 ^, 869 j, auch pivoG 866 ,, 868 ,.. MH (so oder mit Liga- 
tur) ist überhaupt in späterer Zeit sehr gewöhnlich, s. z. B. Frankfurters 
Register zu Arch. ep. Mitt. 171 f., Buresch, Aus Lydien passim, Inschrift 
von Hierapohs 153 5, von Magnesia a. M. 293 g, Nachrichten des russ. Inst, 
ins Nr. 97 , (Thessalien) etc. 

■^ 6 AioviJOio[i; |-i(tiv) hier, aber 6 p]v Aloq 29-, piv]] IlQOxviJc^ioq 9 .,„ un- 
sicher. Die Stellung von jiViv ist überhaupt sehr wechselnd, vgl. z. B. in 
dem delphischen Ehrendecret für Attalos II GDI 2642 .,g xwi |.uivi to)i 'Ajia- 
Xioii, ib. 42 xo)i [.iTivl tcöi noiTQOJtion, ib. 91 6 fitiv 6 'A(xd?i.i05 ; ib. 45 [ir]vi 
'Ev8uönoiTQOJti(0i ; ib. 47 t{Ö[i] | 'Hpast^ieuoi j^itivl, ib. 60 xoü 'HgauXtiov [0]v6q, 
ib. 84 Tcöi BoaOofoi \iy]\'i u. s. w. Attisch ist in solchem Fall die Stellung 
6 0aQYil?aü)v p'iv, s. Meisterhans-Schwyzer 228 ; Ausnahme nur Iloöiöewv 
p'iv etc. IG. I 283 1-. 



30 E. NACHMANSON 

im Stein hat der Steinmetz durchweg übersprungen. — Photo- 
graphie des Abklatsches Tafel I. 

'AycDvofleTgovTOi; "^YßQioTa tov BovkxQ- 

yov 'AyQiviioc,, gtoug zf.xdQxov, \a]vbg 

Fivdvaiov, ^iko\ii\ba TKavKEa KaXkidq 

djteöOTO, GvvEvboyiiovxoq xal toü dv- 
5 ÖQO? "EWifxvixotj Toij 'AvTicrOeveog Ka?i- 

^1805, TOI 'Aox?^a7tioi toi gy KpoivvoTi; ek'' e- 

?v,(i)e\'()eQiai jrai8dQiov, oi o\'0[^ia 'Apioteag, 

yevog oixoyevfj, tifidg uQyuQiou |i(v«\') T^ I . 

ßEßaiü)Tii() xaxd tov vofxov TeXeouq- 
1 yog Nixo^idxoi) nepox^eo?. tdv wvdv 

cpvXdooovxi Nixo?teü)v Eifj^iaioi), Ev(,iai- 

og Aap-iov NaijjtdxTioi. [idQTUQOi" 

^(aaavbgoq ""AXxmov, Avxog Aaf^iiov, KaA.- 

XiKQax^c, ScoadvÖQoi) Navrcdxtioi, Ai)- 
15 oavbQoq Auodvöpou OidXalog, Eu- 

^evi5a(; 'Ayrjfxovog BoutTiog. e/ei- 

Qoyßd(fT]oe 'EXAdvixog vjieq <I>iA.o- 

[^iT)8aA' xal auxooaDTOv oti ouveu- 

öoxei Tai ngdoEi. 

Z. 3 ist <^iXo\ni]Xa ebenso deutlich wie Z. 1 7 <I>iÄo|.iriftaA' ; 
beides ist ja gleich möglich. 

Z. 6. S. zu 4 12- 
■ Z. 7 zu Anfang hat der Steinmetz zuerst PI eingehauen, 
aber den Fehler sofort bemerkt und das P, dessen Spuren 
auf der Rückseite des Abklatsches noch ganz deutlich sind, 
in A geändert, das I aber aus Versehen stehen lassen. 

Z. 8. Die Inschrift hat regelmässig TT; zu beachten ist 
hier T^ mit runder dritter Linie. Diese Form ist auch sonst in- 
schriftlich nachweisbar. Einmal, Z. 2, in der delphischen Freilas- 
sung GDI. 2646, die sonst gewöhnlich P, einmal auch Fl hat, 
vgl. Pomtow, Jahrb. f. class. Phil. 1894, 526 Anm. 45 mit 
Taf. II. In dem Ehrendecret von Lamia GDI. 1440 hebt 
Wilhelm GGA. 1898, 226 Anm. 3 hervor die k mit ausge- 
.sprochen runder dritter Linie von wechselnder Länge, oft 
bis auf die Zeile reichend. 



FREILASSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 31 

Das folgende I, das sich nicht zu M ergänzen lässt, wird 
wohl einen Stater bezeichnen. 

Z. 1 6 f. Über eigenhändige Unterschriften in den delphi- 
schen Freilassungsurkunden handelt neuerdings Keraniopul- 
los, Klio IV 1 8 f f. Das Verbuni ■/eiQoygacpio) scheint in In- 
schriften sonst nicht vorzukommen, in Papyri aber schon 
vom dritten vorchristlichen Jahrhundert ab, s. Herwerden, 
Lexicon Graecum suppl. et dial. und Appendix s. v., dessen 
Belege leicht zu vermehren sind. Bei den Schriftstellern 
taucht das Verbum, wie die Lexika zeigen, erst sehr spät auf. 

Z. 1 8. Zu aiiToaai^TÖv vgl. Brugmann, Griech. Gramm. 
421 ; G. Meyer, Griech. Gramm. 524 f. 

22. H. 30. BH. 0,6-1, OQO c. 0,5; ZA. c. 0,6. Über der In- 
schrift sind 57 cm unbearbeitete Fläche. 

rßa[i,|iaTei5ovTos {)eaQoig ev 
NavjidxxMi YloXvdQ'/jov , pivog Bou- 
xatiov, d:n:e8oTO 'Aiaeivoxpdti]? 'A- 
[.ieivox7.8a BovTTio; tol 'AaxXajtioi toi 

5 SV KqODVoT? JtfXlöCXQlOV XfXl XOQ181OV £- 

jt' eXeuOepiai, olc, 6v6\iuxa ^qvvuov, 
2a)Tr]Qixa, t6 ye^'o? oixoYSvfj, Ti|j.ai; 
d()YVQioi) WM. jtaQaixeivdTO) 8e 4>(3v- 
vLoov xai ScoTiiQixa Tiagä 'AfieivoxQci- 

10 T»i eü)? xa ^fi 'A[i,eivoxQdxrii; jcoloüv- 
xeq t6 jroTiTao06}xevov 'A^iEivo- 
xQdrei. 81 8e \ii] :n:oi80LV, uy(ßyi[Lo{i) ö'v- 
TO) aiJxoi 'A|ieivoxQdT8i, äXXoi be 
p]98vi. jipoajtoöoTa? xatd tov v6- 

15 f^iov Ad^iioi; 'A?te|o|j.8voii Bovttioi;. 
Tuv ü)vdv (pvXdooovxi Ad[iioc, 
A80VTO|a,8V805, Ad^:rti5 FdoTQCo- 
voi; BovTTioi . ndpniQOL' 'AAe'^idSag, 
Auxcüv, <I)iÄü)v, 'AyQidöas, Tifialo?, 

20 NEaioi;, 'Ay^ii-icav, Aecov, MixxdSag. 

Z. 3. Das zweite a des Namens hat die Form Ä. 
Z. 7. TENO 2 . 



32 E. NACHMANSON 

Z. 1 2. :i:oieiov. Derartige Formen z. B. oft in Delphi, s. 
Wendeis Register 190. Zur Erklärung Brugmann, Griech. 
Gramm. 350 f. — 0700711.105 der Stein. — Zur Imperativform oVto) 
derselben Zeile, eicpEQovxM unten 29^^, s. Brugmann a.a.O. 342; 
G. Meyer, Griech. Gramm. 650 f. 

23. H. 72. BH. 1,2-1,5, E nie unter 1,5, ono 0,8-1; ZA. c. 0,5. 

r()a[i|,iaxevovTO(; de- 

aQoIg Ev NaujtdxToi 'Aqiö[to- 

xQccTSog Tov riaQfieveLÖa, 

fXT]v6s 'A(7)v80ii, äiiiboxo <I>i- 
5 ?icov Äa|.ioxQaT80c; Boutti- 

oq, ovvevboneovxoc xa\ t[oi) 

vov Aa[ioyiQdxeo<;, tol 'A(t[x?i- 

ajtiol TOL 8V KooDvoig 8h' s- 

?i8i'98QLai o(h[ia avbQ[el- 
1 OV, OL övi>f,La ZodJlVQOq, 

yivoc, "ZvQOV, xi[^iäc, ag- 

7UQLOD MMMM. jTQoa- 

jto86tag xard tov v6- 

[xov Adp,i05 AeovTO- 
15 [liveoc, . ^idgxvQOC 

"AyQidbaq, 'A7r)(^Lü)v, 

A1JX0?, AiJXODV, Aeovi- 

X05, 'A?:8|id8a?, Aa^- 

öj^evog, Aecov Boijttiol . xäv 
20 a)vdv (pvXdoöOVTL 01 ägy^o- 

vxeq TL|.iaiO(;, 'AA.8|id8- 

aq. 

Z. 4. AFYEOY . F ist unbedingt sicher, braucht aber 
nicht notwendigerweise schlechterdings als Steinmetzfehler 
betrachtet zu werden. Eine lautliche Erklärung darf als min- 
destens ebenso berechtigt angesehen werden, Assimilation 
an das folgende djteöoTO. Vergleichen lässt sich [.lejta :i8vfloi; 
in dem rhodischen Grabepigramme IG. XII i 140, was A. Wil- 
helm, BCH. XXIX 576 in [leyu jievflog verbessert (|_L8Ta hatte 
Wilamowitz vorgeschlagen). Progressiv dagegen ist die Assi- 
milation von X zu d, wenn nähmlich auf die Lesung Verlass 



FREILASSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 33 

ist, in uY^fif) Ouxn auf dem Maasstiscli aus Phokäa(?) bei Zie- 
barth, Eine Inscbriftenhandschrift der Hamburger Stadtbi- 
bliothek 10 Nr. 22; immerhin wird hier auch das folgende 
X mitgewirkt haben '. 

Z. 10. öVi'|.ifx ist sicher; dieselbe Form in der etwa gleich- 
zeitigen naupaktischen Freilassung IG. IX i 374 4. Im Allge- 
meinen s. G. Meyer, Griech. Gramm. 1 1 4 f. 

Z. 17. AEoNI . Demnach Aeövilxog; aber wie kommt das 
ionische Aeo- (darüber Bechtel zu GDI. 5311) hieher? Es ist 
ja nicht ausgeschlossen, dass wir o statt n. gelesen haben. 
Übrigens ist am Ende von Z. 1 7 noch gut Platz für zwei 
Buchstaben, also hat möglicherweise Asovt[La]|xo5 da gestanden. 

24. H. 41. BH. 0,7-1, on (letzteres nicht immer) (zuwei- 
len) kleiner: 0,5-0,7; ZA. 0,5-1. Einzelne Buchstaben stehen 
schief, so N zu Anfang von Z. 4, OIKOf Z. 8 und a Z. 24. 

rQa[^i|.iax£\jovTOi; öeaQoI? 
2aTi)Q0D TOiJ 'Zwoov, \iY\vbq 
"Ad^avaiov, d:n;88oTO IIoAule- 
va IIoXdSoxov BoDTTia toi "Ao- 
5 K^ajcioL TOI SV KqowgTi; ejt' e- 
AeuösQiai jtaiSaQiov, oi övo- 
|.ia ©soxpiTog, t6 yevoi; 
oixoYevfi, Tifxäi; d^yi^pioi) 
MMM. jtQoajtoöoTa? naxä 
1 Tov v6[iov öeoyeiToov. . 
jiaQa(X8V8T(o 08 08Öxq[i- 
Tog jtaQa rioXij^evav, axQ[i' 
Ol) xa ^f) IIo^D^eva, Jtoi- 



^ Dass die Assimilation nicht in demselben Worte, sondern im Satzzu- 
sammenhang stattfindet, darf nicht befremden. Vgl. auch die Beispiele für 
dissimilatorischen Schwund von Consonanten (q) im Satzzusammenhang 
bei Meisterhans -Schwyzer 82 Anm. 703, Wilhelm, Klio V 299, Nachman- 
son, Bezzenbergers Beiträge XXVII 294 f. Allerdings sind diese und ver- 
wandte Erscheinungen der combinatorischen Lautlehre im Allgemeinen zu 
wenig beachtet worden. Ich hoffe bei anderer Gelegenheit meine darauf 
bezüglichen Sammlungen vornehmlich aus Inschriften und Papyri vorle- 
gen zu können. 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII. 3 



34 E. NACHMANSON 

cöv t6 jioTitaaGOnevov 
1 5 jtav. [laQTiiQOi • ©ecov, Ae- 

(ov, Aa^eai; Bouttioi, Aa- 

[jovixoi;, 'ÄJtoXXcoviog, Ev- 

Öixog, OeoyeLTCOv, Adfi- 

(ov, /^a[{oxkf\c, NavKa- 
20 xTioi, Avnioyioc, BoxixuEvq, 

MeveaxQaxoq. xäv covä- 

V cpvXdooovxi 6 aQioiv (o) 

Aajxeag Boijttios, Act- 

[loov Nai'JtdxTiog. 

25. H. 23. BH. c. 1, on 0,5; ZA. 0,5-1. Die mittleren Zei- 
len sind bei gewöhnlicher Grösse der Buchstaben enger ge- 
schrieben. 

rQa|i|i,aT8iJovTog {^e- 

aQoI? Aa[j,ovixoi>, \ir\vbc, 

AiovDafox», djreSoTO Aa- 

[lü) AoQXLva KaiQed«; twi ['A- 
5 ojxXajtitüi Tcoi 8v KqovvoTi; xo[qi- 

6io]v 8jr' 8A.eu{)eQiai, di 6vo[ia Nixa[Y6- 

Qtt, t]6 yevog olxoysves, ti^id«; dgyvQ- 

iov M] M. naQa\iBVEX(x) öe NixayÖQa jra- 

Qu Aafxcb e'Jcos xa Aaiio) ^fj Jtoioijaa t6 8- 
10 Jiiiaa06^8v]ov. jiQoa:rto86Tas xard töv 

vöfxov Jxicov KaiQevg. fxdQ[T\j- 

QOi ] PA . —jrog .... 

Z. 8. Platz ist für das ergänzte M da, vielleicht für noch eins. 

II 

1. NIKITSKYS INSCHRIFTEN. 

Nikitsky gibt seine Inschriften in Minuskeln mit zwei 
Tafeln Facsimilia ^ So weit man nach diesen beurteilen 

' In dem Exemplar, das mir hier in Athen zur Verfügung steht, fehlt 
leider Tafel I, die die Inschriften Nr. 26, 27,28, 34 enthält. Ein vollständiges 
Exemplar habe ich im vergangenen Winter in Uppsala benutzen können. 



FREILASvSUNaSURKUNDEN AUS LOKRIS 35 

kann, ist die Schrift, wie auch anders nicht zu erwarten war, 
im Grossen und Ganzen dieselbe wie bei den von mir ge- 
sehenen Inschriften. Durchgehends A, ausser Nr. 31, wo A. 
F und TT wechsehi. Immer KZ. Über M und 1. möchte ich 
auf Grund der Tafel nichts Bestimmtes sagen. OQO (in Nr. 29, 
wie es scheint, 0) im Allgemeinen kleiner als die übrigen 
Buchstaben ^ 

Nikitsky bemerkt ausdrücklich, dass die Inschriften bei 
sorgfältiger Reinigung und besseren Verhältnissen (nicht bei 
Halblicht) hätten besser gelesen werden können als es ihm 
gelungen ist. Die Möglichkeit wenigstens leichterer Verle- 
sungen wird also keineswegs ausgeschlossen sein. 

26. (Nikitsky Nr. 1). Auf der Vorderseite eines Steines. 
H. 48; Br.72; D. 33. BH. c. 1 3. Zeilenabstand wird von Nikitsky 
nie angegeben. 

TQa[i[iaTevovxo(; ■dea- 

Qolc, (piXmvoq xov M8V8[xd"/ov, pivog "1:71:^0890- 
[liov, djreöovTO Aa[,ia), Aiixoi; KacpQelg toi 'AoxXajrioi 
TOL Ev Kpowolg jtai5dQiov xal xgqlÖiov oixoYgvf] eji' 8- 
5 Ä8i^fl8QLai, olg övöjAttta toI [.lev jiaiöaQioi 'AQioTOXQctTi]?, 
TOI öe xoQttoioi Nixdoiov, njidg d^yiiQuoi) iMl. :n;QoajTo8ÖTai; 
xard Tov vöfxov MeveoTQaroG 08o8wqo\j noTi8avi8XJs. 
jxdQTVQOL • 'AvTifxaxog, DMV'Koq, Aailoxog, AixaiaQxo? 
KaqpQeig, Ad^utig, Ad^iog Boi)ttioi, TeioaQ'ioq Navjtd- 
1 XTiog' rdv wvdv cpvldooovxi ot d'^/ovrec twv Bovtti- 
(üv Adjxiog 'AÄ8|o[X8voD BovTTiog, T8ioaQxo? Avxov 
NaijjrdxTiog. 

27 (2). Auf der Vorderseite eines Steines. H. 47 ; Br. unten 
68, oben nur 27, die rechte obere Ecke ist nämlich abge- 
brochen. Auf demselben Steine auch Nr. 28. Die Höhe der 
Buchstaben ist in den beiden Inschriften dieselbe (welche, hat 
Nikitsky vergessen anzugeben), aber in der oberen (27) ste- 
hen die Buchstaben etwas gedrängter als in der unteren. 



'■ über die Silbentrennung u. a. habe ich oben S. 6 f. im Zusammen- 
hang mit den von mir gesehenen Inschriften gehandelt. 



36 E. NACHMANSON 

STQaTayeovTOi; Aa^iOTi[^io[D pivög 

. . Aa]!.iiou BoiJTTiog djteöotfo xoVAonkaiziol toI ev Kpowoig ejr'e^e- 

ij]9£QiaL OM[ia avbQEiov, oi ö[vo(ia xi\iäc, ägyv- 

Qiov P\- ßeßaicoTi]Q xatd t[6v v6\iOV Naijjcd- 

5 xTiog. tdv ü)vdv cpvXdooovxi K 

2(ooav8Qog 'AXvjtoi' Nai'jxdxT[iog. jidQxnQor 

IlaQiisviöaq 'Agioioylioq, A 

baq OaiHiva, Avk'wkoc, 

tag Aa(.i[i]o\) . a 

Z. 2-3. Nach der x'Vbbildung kann vor o Z. 3 nur ein 
Buchstabe gestanden haben. 

28 (3). S. zur vorhergehenden. 

FQafx^AaTEiJOVTO? -QeaQoii; Avxov xov AiSxoi), pi- 
vbq E{){hjaioii, Adf-urn; TdoxQmvoq Boijttioi; d- 
jieöoTO TOL "Aonkamol toi ev Kqoi)voT(; 87t' s^evOsQiai 
a(io|.ia dvÖQeloA', ol ovo[.ia ^iXXiaq, oixoyevfj, TLjidg dg- 
5 Y^'y'-o»^' WMM. jtQoajiO(^6Tac; xatu tov vö[.iov rd(JTQ(n)[v 
AdfXJiiog. [xdQri'Qor 'ApirayLcov, ^(ooivixoq, 'ApyJ- 
ac, NaDJtdxTioi, 'AgioTÖiiaxci;, Ad|j,iog, Aeovro^e- 
v^c,, "AgiaxMv, Aa[_(oxQdri]<;, rdotQCOv Bouiriot. tdv 
d)vdv (pvXdoaovxi Aiixioi;, AeovTO^evrig oi 
1 Aa|iioi' BouTTioi. 



Auf einem Stein, der, wie schon Nikitsky bemerkt hat, 
eine Ante ist, stehen alle die folgenden Inschriften mit Aus- 
nahme der letzten (34). Höhe des Steins 70, Br. 55, D. 35. 
vSie ist also genau so breit wie die von mir gesehene Ante 
und ungefähr so dick; da aber die Höhe beträchtlich klei- 
ner ist und speziell weil von Nr. 32 nur die Schlusszeilen 
erhalten sind, ist, obgleich Nikitsky dies nicht bemerkt, der 
Stein wohl oben abgebrochen. An der Vorderseite stehen 
Nr. 29 und 30 und zwar so, dass auf die 15 ersten Zeilen 
von Nr. 29 Nr. 30 folgt und dann die 5 letzten Zeilen von 
Nr. 29. Dass die Sache sich so verhält, scheint, wie schon 
Nikitsky hervorgehoben hat, unzweifelhaft, weil die fünf 



FREILASSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 37 

letzten Zeilen eben das enthalten, was bei den ersten fehlt, 
und ferner weil die Schrift dieselbe ist; man beachte auch 
'Eqi)|.iviü)v Evnahevc. in beiden Teilen. Mithin ist, wie ich 
schon oben S. 5 bemerkt habe, anzunehmen, dass Nr. 30 frü- 
her eingetragen war und dass der Steinmetz sich dann für 
Nr. 29 des freien Platzes bedienen musste, wo er ihn vorfand. 
Auf der rechten Seite der Ante steht Nr. 31, auf der linken 
Nr. 32 und 33. 

29 (4). BH. c. 1. 

rQ(t(l[IfXT8UO[A']T05 l^EaßoT? EV NaDTru[xTOl] ^'[^^]?) [^^' 

8e(B)(o)[i'](t)ti(8)oic; ägy^ovrog 'A?a[i]dÖa t[o]i' N[e]()i', [_(i]voc; Ai'ov f [u- 
ßoldiiov, djreft[o]TO Nixox[Q](iTii!; Olvdaxioq, om'EDÖoxeovT- 
og xal Toij L)oi3 Ad|.i(ovog, tol 'Aax^.a.Tioi xoT ev 
5 KpanvoLi; ejt' e^enOepLai oCj[ia yin'aiXELOA', di 
övofia MT]vidi;, t6 yivog ^Qvyiav, Ti^idq apyiipi- 
ov \i{väv) ^^TT . JiQoajtoöoTag xatd tov v6[iov EiiQuöa- 
[xoc 'Eqd(.ivi(:ovo(; JLvjxakiEvc,. bei be 3TaQa[iEn'oi 
Mi^vidSa Kagu Oagvcixi] enj xiooaga jioior'fyav 

10 t6 EJiiTaaoojiE\'OV. ei bk j.ii) JiaQa[.iEivai, oi tuv 
öiväv cpvXdoaovxeq e^cpegovio) xoivtiaA' xa- 
td MT]v(i)d8oi;, oti SeT ira^aj-iETvai ev xdi xov [^aQ\d- 
[xov oixiai. EL bk [i.ri, :rtQdxTi^iOL övrco aiJxcov xai] 
TüJv f|[uoA,ia)v. d'glei xäc, jcapafxovdg 6 

15 ni]v Aioi; 6 EV xäi wvdi. [^idQTVQOi " "EX/vdvijx- 
og, NEttiog, Aeovtoiaevi]?, 'A[.iiivcxv8Q0i;, 'Ayi')- 
[icov BovTTioi, Ti[iöAo"/og, Ei^Qvöafxoc, T . . . . 
5, T[oXe\.iaQio<; EvjtaÄiETg. tdv wvdv (fivXdaaovxi 
Ti[i6Xoy^og 'EQii[.ivia)voi; EimaXiEvi;, ^Ayr\[iün' E[i)- 

20 '^EviÖa BoiJTTiog. 

Z. 1. YQa[X|j,aTEu O I T0 2 

Z. 2. EP~ETIEO|2. Nikitsky gibt in der Umschrift 
'Eq . ETieoig und bemüht sich im Commentar das Auftreten die- 
ses unbekannten Volks zu erklären. Ich glaube indessen dem 
russischen Forscher nicht zu nahe zu treten, wenn ich eine 
Verlesung annehme. Denn eine Datierung nach dem Archon- 
ten eines fremden Volks, welches sonst weder in dieser In- 



38 E. NACHMANSON 

Schrift noch in den übrigen vorkommt, darf man als ausge- 
schlossen betrachten (vgl. auch unten S. 48). Dass in der 
Datierung der übrigen Inschriften nicht wie hier das Ethni- 
kon, sondern durch gehends ev Boi'Ttoi steht, wird nicht hier- 
gegen sprechen. Auch anderwärts kommt mitunter ein solcher 
Wechsel vor; so steht z. B. statt des gewöhnlichen oTQaxa- 
yeovTog Tojv AiTCja^iwv zweimal in Delphi, GDI. 1 730 und 2305, 

8V AlKOÄiai. 

Was die Form des Vaternamens betrifft, so zeigt das 
Facsimile NIOY und es scheint nicht Platz für E statt I zu 
sein. Die Änderung scheint mir aber notwendig. Über den 
Namen s. übrigens unten S. 69 ^ 

Z. 3. N 1X0 Kl Axri? 

Z. 7. Nach M ist, wie Nikitsky ausdrücklich bemerkt, auf 
dem Abklatsch ganz deutlich zu sehen aa (so im Texte, auf 
dem Facsimile ist das zweite A) von ungefähr der halben ge- 
wöhnlichen Grösse, dann TT von gewöhnlicher Grösse. Dem- 
nach war der Preis der Sklavin 25 Minen, was die sonstigen 
Preise in unseren Inschriften bedeutend übersteigt; sonst ist 
das höchste 10 Minen (Nr. 27). Übrigens, stand nicht viel- 
leicht M auf dem vStein? Vgl. IG. IX i 375,,. Man könnte ja 
auch vermuten, das aa für TT verlesen ist. 

Z. 1 1 ff. Es ist sehr zu bedauern, dass eben diese Zeilen, 
wo unsere Urkunde von den übrigen aus diesem Orte gänz- 
lich abweicht, so unsicher überliefert sind; jede Ergänzung 
wird somit sehr zweifelhaft bleiben. Meine Herstellung darf 
nur als eine — vielleicht sogar ziemlich gewagte — Vermutung 
betrachtet werden. Ich muss sie näher begründen und setze 
daher zunächst Z. 1 1 f. in Majuskeln her. 

nNAN(j)YAA2 20NTE2EX(t)EP0NTnK0|NEIANKA 
TAMHN AAOZOYl \ ITTAPAM EINAIENlAYToy . . . . 



' Ni'oi; wäre möglich gewesen, wenn das Lokrische den Übergang von 
8 zu i vor Vokalen (G. Meyer, Griech. Gramm. 109ff. ) gekannt hätte. 
Das war aber nicht der Fall, wie die alten Inschriften aus Oeanthea zeigen : 
nKiov IG. IX i 333 5. g.^,; ri8e?tq)£6v 334^, pEtea ib. ,^, Folx80vts<; ib. g^. Ein 
Ni'o^ müsste also hier ein Einwanderer etwa aus böotischem (nicht aus dori- 
schem, wo v80$ nicht geändert wurde) Gebiet sein. 



FREILASSUNGSURKUNNEN AUS LOKRI.S 39 

So das Facsimile; da/u zunächst folgende Heni erkunden. 
Zwischen N und A im Anfang von Z. 1 2 ist ein kleiner Zwi- 
schenraum, wo für I gut Platz ist; in der Umschrift gibt 
Nikitsky ohne weiteres Mjividfiog. Die danach folgenden Ruch- 
staben werden, wie Nikitsky im Connuentar bemerkt, mög- 
licherweise oTi Öel sein. 

Zwischen Z. 12 und 14 ist auf alle Fälle keine Verbin- 
dung herzustellen; das hat Nikitsky bemerkt, es geht aber 
aus seinen Worten nicht mit Deutlichkeit hervor, ob für die 
fehlende Zeile auf dem Stein Platz oder ob anzunehmen ist, 
dass der Steinmetz eine Zeile einfach übergangen hat. 

Nikitsky steht diesen Zeilen ganz ratlos gegenüber. Bei 
£xcp8QÖVTC0 xoiA'8i ttv, wic er in der Umschrift gibt, ist xoivei hier 
schon sprachlich unmöglich ; im Commentar schlägt er vor 
8xq)eQÖvTC0 oxveiav (was soll das heissen?), weist es aber sofort 
schon aus graphischen Gründen zurück. 

Wenn in Delphi ^ zwischen dem Freilasser und dem 
Paramenon eine Entzweiung über das IMaass des zu Leisten- 
den entstand, auch wenn eine dauernde Dienstverweigerung 
von Seiten des Freigelassenen eintritt (so GDI. 1696, 1858), 
wurde die Sache vor Schiedsrichter gebracht; diese hiessen 
entweder oi awTiQiii-ieA'oi oder ot xoivoi, s. GDI. 1832 = Ditten- 
berger, Syll. 850 mit den Bemerkungen der Herausgeber. Es 
ist nun, meine ich, wenigstens denkbar, dass die bezügliche 
Klage xoivEia 8ixt], das Urteil xoiveia xQioig hiess oder mit 
Ellipse von öm], bzw. ngioic, beides kurzweg xoivsia; xoiveiav 
8xq)8Qeiv also für das einfache xqlv8iv (z. B. GDI. 1832,^). Als 
Schiedsrichter kamen in Delphi in erster Linie die Priester 
mit einem besonders bestellten Beisitzer in Betracht oder 
aber es wurden ohne Rücksicht auf den Stand drei Männer 
ausersehen, über welche sich die Parteien geeinigt hatten. 
Hier in Buttos hat man die Aufbewahrer des Kaufvertrages, 
die ja so wie so Vertrauensmänner der beiden Parteien waren, 
auch mit der Schlichtung der eventuell entstehenden Zwistig- 
keit betraut. Was die sprachliche Möglichkeit meiner Her- 
stellung betrifft, so ist zunächst xoiveia an und für sich neu. 



' Zum folgenden vgl. E. Curtius, Ges. Abhandl. II 406 f. 



40 " E. NACHMANSON 

Aber wir kennen ein Neutrum xon'eioA', teils mit der Bedeu- 
tung «Verein» in Inschriften, oft IG. IV 757 (Trözen), weiter 
IG. XII III 104 12 (Nisyros) und 330 2,.. 137 (Thera, Testament 
der Epikteta), nach Ziebarth, Griech. Vereinswesen 1 36 Anm. 1 
auch in späten kleinasiatischen Inschriften, teils in übler 
Bedeutung bei späteren Verfassern vgl. z. B. xon-elov • jtoQveiov 
Hesych; auch dieses ist klärlich ein substantiviertes Adjectiv. 
Das Adjectivum xoiveIoi; wird eine erweiterte Nebenform zu 
xoivö«; sein; über das Suffix -8105 s. Kühner-Blass II 293 § 334,4. 
'Ex(peQ£iA' im eigentlichen Sinne von Herausholen und Vorzei- 
gen, hier übertragen ; man vergleiche z. B. Wendungen wie 
SeXyiia e^ecpgQEA' xa9' eauTOÖ, öri tolg y^Y^^'^M-^^'o^S dviaQOig ouÖev 
6[ioiü)s eoye xolc, a7Joig, Demosthenes negl xov otefpavoii § 291 
Blass; [d\ loivw autoi xafl'vf.uöv avxwv bely[ia toloütov e^eveyxiiT' 
(b ävbgeg 'A\)r[valo\, öic, oiq' vi^ieig - - - oiSt^ s?i£i]aer' ovx' acpr\oExe 
%tX. Demosthenes xata MeiöioD § 1 83 Blass. 

Z. 1 2 zu Ende schreibt Nikitsky eA'imixot' . . . und ver- 
weist, ohne auf die Frage näher einzugehen, auf GDI. 1811 4: 
El bi xa [IT] fle^iT] JtaQa^ieveiv, xcxtafpeQeTCo n[Q]d|ü)vi xov eviai'Tofjj 
[ejxdoTOD ov xa [ir) jtaQajienj aQyi'Qiov [ajtaTfJQa«; TQidxovra. Ich 
sehe nicht ein, wie eine derartige Formel hier Platz finden 
konnte. Wenn sich Eviautov überhaupt halten Hesse, wäre 
wohl zu ergänzen gviauTovf? Teöojaßai;], gleichgestellt also mit 
ETT) xioaaga Z. 9. Da befremdet aber, um von anderem abzu- 
sehen, sofort der Wechsel von Evicxurog und exoq, denn zwi- 
schen diesen beiden Wörtern ist im Griechischen stets ein 
durchgehender Bedeutungsunterschied vorhanden gewesen, 
der das Eintreten des einen für das andere in der Regel nicht 
erlaubt, vgl. darüber Wilhelm, erog und svicaiTOi;, Wien. Sitz.- 
Ber. Bd. 142 (1900) besonders 8 ff. 1. Eine sehr leichte Ände- 
rung gibt die ganz passende Lesung ev tdi loü [OaQvdjxoi) 2 



' Zu den Belegen S. 9 unten trage ich aus der delphischen Freilassung 
GDI. 1696,, nach: aQx^i t^'^v tqicöv eteüjv 6 e.viavTbq\6 [.letd tdv Evixagiöa 
aQy/4v. S. auch GDI. 1811 Z. 3 ff. 

'' Nikitsky gibt zu Ende der Zeile nur 4 Stellen als frei an ; nach dem 
Facsimile ist aber gut für noch einen Buchstaben Platz. Die Wortbrechung 
fordert es allerdings nicht, vgl. Z. 3. 1 5. 



FRKILASSrXCiSURKUNDEN AUS LOKKIS 41 

oixi'cu] ; oixi'(a ist natürlich nur ein Vorschlag. Die Ergänzung 
des folgenden gibt sich dann leicht, vgl. z. R. GDI. 2080 Z. 8 f. 
Ich habe im Bedingungssatz das Verbuni ausgelassen, weil 
sonst die Zeile die Zahl der zu ergänzenden Buclistaben zu 
viel ül)erschreiten würde; mit Ausnahme von Z. 2 und 3, wo 
aber, nach dem Facsimile zu urteilen, die Ruchstaben ge- 
drängter als sonst stehen, haben die Zeilen durchschnittlich 
34-38 Ruchstaben. 

Z. 11. exrpEQOA'TO). Die Endung wie oben 22^3 6Vt(o ; dem- 
nach habe ich auch hier Z. 1 3 örtw ergänzt. Die Assimilation 
des stimmlosen Verschlusslauts vor dem aspirierten war wohl 
nur graphisch; Litteratur und Relege zuletzt bei Nachman- 
son, Laute und Formen der magnetischen Inschr. 99 f. 

Z. 15f. Nikitsky schreibt ""EUdvi [x]oc;. Nach dem Facsi- 
mile ist aber vor o kein Platz für einen Ruchstaben, wohl 
aber zu Ende von Z. 1 5. 

30 (5). RH. c. 16. 

rpa[^i[„icxtei'OA'TO(; Dertgoii; ev Naii;td- 
xtOL SaruQOi) xov Swooi', uija-oi; Uqo- 
■KvxUov, äK£hovx[o T]eAeo«Qxo?, ö- 
QaavXaoQ, Aiix[i']a, <I)ai.vLJCJra IlcoQioi t[ol 
5 'Aox(X)ajrioi to[i e\'] Kpowoig ocö\ia uvbg- 
eTov ejt' 8?iEuOeQi'ai, oi övo^ia AevxLOi;, t- 
6 yevoq oixoyevri, T[[iäc, ägyvQiov 
ImT. ßeßai(o[Tfi]pg(; xatd toa' v6[.iov Nixutfö- 
ai;, <I>ild8a(; IToijQioi. (.laQTVQoi • Sevwa', 'Ap- 
10 '/ßXaoc,, KXecoA', Siuiag, Nixiu5a(;, Oi?id8- 
uc ücoQioi, Aa|^i6|8A'og <I>[i)]X[?tJaiog, Mix- 
"üdhac, BouTiog . [rtt]\' wvdv qjDÄdaaov- 
Ti OL aQ-/o\'xzc, 'EXdvixog, Aeovioixefviig, 
Aaiiiai; BoiiTioi, Nixi(d)8a(; ITcoQiOi;. 

Z. 5. 'Aoxajriol wie oben 1 14. 

Z. 11. (j)IIAIAiOZ. Wo der Fehler liegt, beim Stein- 
metzen oder beim Abschreiber, ist nicht zu sagen. Nikitsky 
hat in der Umschrift nur .... «105. Die Verbesserung liegt 
auf der Hand; s. übrigens zu 34 3. 



42 E. NACHMANSON 

Z. 12. BOYTIOZ. 

Z. 13. EAANIKOZ. 
Z. 14. NIKIAA2. 

31 (6). BH. c. 1. Der Querstrich von A ist, wenn auf das 
Facsimile Verlass ist, im Gegensatz zu dem Gebrauch in den 
übrigen Inschriften meistens nicht gebrochen, sehr oft fehlt er 
aber ganz. 

STQaTaYeovTO(; Ava- 
(o]voq 2TQaTioi), ^irivog (oq) Ev[dv- 
aiov, d:?te8oTO Avxiog Aa[xiov Nan- 
Tid'Kxioc, ToT 'Aax?iajtioT tol ev 
5 Kqoi^voIg aööfia dvÖQelov, ol övo- 
[.la 'AXe|av8Qog, oixoyevf], n- 
fiotg dQyi'Qioi) M. ßeßaicoTfJQa 
naxioraoe Nixiav 'Eq|-i[oy]8.vovc;. 
tdv wvdv (pvXdüGOXxi. UQuE,iac, 
10 (2)!,iiv8i3(q)oi^ NaiutdxTiog, FdöTQ- 
(ov AdjiJtioi; BouTTioi;. (jdQtvQof 
YloXvoxQaxog, 'AoxÄajrid8a[5, 
AaiTog, Meve|ia5(05 Mevca- 
vog, 'A?t8|id8ag, Aiixoc 
1 5 IliJQQOv, 'AyEÄaog, Auaif-iaxog, 
Avxioxog, ©QaGcav, Avxoc, 
'A[ivvav8QoP1, AayiO'KQdx'r\q, 
IlsTQaTog, Aa|i8ag. 

Z. 1 zu Ende. AY2 . Ganz unmotiviert schreibt Nikitsky 
in der Umschrift [NJaijawvog. Avooivoq setzt auch Pomtow bei 
Pauly-Wissowa IV 2679 mit Anm. 2 wieder ein. 

Z. 8. 'Eq|j,[oy]8vod?. «Zwischen M und E sehr kleiner Raum 
für or, aber vollständig genügend für IT; Spuren von F 
sichtbar». Nikitsky. 

Z. 10 zu Anfang EMINAYToY . Vor dem E scheint nach 
dem Facsimile kein Buchstabe gestanden zu haben. Auch so 
bleiben F]8[XLvaijrou oder Aje^uvaiJTOD, zwischen denen Nikitsky 
schwankt, ebenso sinnlos. Ausserdem wird ein Name auf 
-vavTag überhaupt hier kaum Platz finden, weil in unseren 
Inschriften die Personennamen auf -ag durchgehend noch den 



FREILASSl'NdSTTRKUNDEN AUS LOKRIS 43 

Genitiv auf -a bewahren (18 Beleo^e). Hier wird also entwe- 
der ein Name auf -}anoq zn lesen sein, etwa (\'\)[x((p)ik'Toi), 
oder aber möglicherweise 'E(:n:)i(x)AvTOi), das allerding-s ein 
sonst niclit belegter Name ist. Die leiseste Änderung fordert 
indessen (2)[iivfiu(Q)oi) ; man vergleiche 2|i.iv8i)Qa (Gen.), wie 
Hoffmann in der kephallenischen Grabschrift GDI. 1663=IG. 
IX I 628 EMINAYTA verbessert. 2|.uv8vQi8rig ist belegt; Spiiv- 
bvQoc, und 2[UA'8^Qai; lassen sich beide neben einander denken. 
32. Die folgenden, über Nr. 33 eingehauenen Zeilen sind 
offenbar der Schluss einer Freilassungsurkunde ([x«qtuqoi- Ver- 
zeichnis). Nikitsky gibt keine Umschrift. 

- - - e . . . Tog, Aa[i,ox[A,fj(; 

- - . 'Aqiötcovoc, 2Lva[v8QO(;? 

- - "Agyiac, Naim[dxTLoi, 

- - . oq, AvKOC, B6tti(o)[i. 

Z. 1. E[{)voo]Tog? vgl. 34 13; aber nach dem Facsimile 
scheint zwischen E und T nur für drei Buchstaben Platz zu 
sein. Dass [YQap,|iaT]e[i}Ov]TO(; nicht zu ergänzen ist, brauchte 
Nikitsky wirklich nicht zu bemerken. 

Z. 2. 2INA 

Z. 4. BOTTIE 

33(7). BH. c. 1,2. 

rQ]ap,|j,aT8iJOVTog de- 
aJQoTg £v NavjtdxToi . . . 

o covo . 

. . . äQio\?]xoc, . . . vtcov 



|.i]iiv6c; 

.... 'A[[.i]8ivoxQ[dTi](; . . . 
djtg8oTo] Tol 'AoxA.a[jtioT 
to(l) 8v Kpowoig ooöjia yv- 
10 vaixeTov gjt' EÄ8i)0sQia[i, 

dl övo[^ia 2i[.idxa, yevoi; Bo[i- 
(DTiav 8x Qeoniäv, xi[iä(; ägyv- 
Qiov TIMM . JtQoajio86Tas xa- 



44 E. NACHMANvSON 

xä Tov vöjiov Ad[i7tic, TdaxQCO- 
1 5 voq BovTTiog. xdv (oa'uv rpuA,- 
XdaoEi 'EXkdvinoq Aa[.iioiJ 
BoiJTTioi; xai 6 ägi^v Amoq. na- 
Qa[ie[vdio) bk Skiern/ 
jrjaQoc 'At-ieiroxodiT) jtol- 
20 oöooc t6 8jriTaoo6[.i8vov 

VKO 'AfxsivoxQdteog. et bk [li] 
jroioi, d'xDQog eöto) d ojA'd 
xal 6 ß8(5a[uo]Tii() AdfXJTK; 
^iT) ßeßaiovTco. [^idQTi'Qoi" A- 
25 a[i.ö|8voc:, ^Ayt][i(jov, ''AÄ8['^- 
lÖaiiog, AeovTOj-i&viig, 'A[i[t)- 
vavÖQog, rdoTQCüv. 



Z. 7. In der Umschrift gibt Nikitsky ohne Bemerkung 
TOI 8v Kq., aber das Facsimile zeigt ToEN • 

Z. 13. Der Preis der Sklavin steht nicht fest; das Facsi- 
mile ist nämlich sehr zweideutig, und in Nikitskys Commen- 
tar sucht man vergebens nach Aufklärung. Ganz klar sind die 
beiden letzten MM; aber wie das Davorstehende aufzufassen 
ist, bleibt sehr unsicher. Mir scheinen, nach dem Facsimile 
zu urteilen, ursprünglich zwei MM da gestanden zu haben, 
die später in ein TT geändert worden sind. Gegen [i{väv xzo- 
odgcov), wie Nikitsky in seiner Umschrift gibt, spricht Fol- 
gendes: wäre TT das ursprüngliche, müssten nach der Ände- 
rung MM sehr eng stehen; der fragliche Platz ist aber für 
zwei Buchstaben vollkommen ausreichend. 

Z. 1 5 f. cpvVXdooEi. 

Z. 24 f. Das Facsimile zeigt A|AMo^8voi;; in der Umschrift 
gibt Nikitsky aber ohne weiteres auf Z. 25 Aafi6|8vog. Zu Ende 
derselben Zeile gibt er 'AXejHiSaf^iog; ^ steht aber nicht da und 
nach dem Facsimile ist 'AÄef^]|i8a[^ioi; zu lesen. 

34 (8). Auf der Vorderseite eines Steines, 38 cm breit. 
BH. c. 1,1. Die Lage des Steines gestattete nur bei den unte- 
ren Zeilen einen Abklatsch; von den 7 ersten konnte nur 
Abschrift genommen werden. 



FREILASSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 45 

STQaTayeovToq 'A^xiacDvoc Kakv- 

fitovt'oi), pp-og ÄiovuGiov, SdtuQOi; 'A- 

QiJoTOfpi'Xoii <I>\'XÄ(a)iO(; djiEÖOTO ek' eXev- 

\)eQLrti. TWi 'AoxAajriwi, tcöi ev Kpowoig aa)[|.ia 
5 ch'8()eiOA', ön övof^ia ^ A[a]}d.ajndbaq, 

Tifiäs dQYi'yLot' TmTM . ß[eßai(oti|f) xat« to\' 

v6|.ioA' 'ApiGTO^iaxog 'A^ie^fiÖdfiov Boi)t- 

Tio<;]. xäv wvdv (pvldooovxi 'Agioxagilog 

Evo})i]v£og, Avxioyioq Adxoovoi; Nai'JtdxxL- 
10 Ol. fidQTii()oi • Nix68(xjio5 Aa|.iiov, 'Ayr\xac 'A[i[t»- 

vaA'(\)üM 'AQLotoov, "^Egniaq, ^(ßoiJtaxQoc, 

A]a|.iovixoi', 'AvTLÖWQOi; Kqltcdvo?, Meve- 

|i,a5(oq K[giT]o)\'oc, ÄajioHevoq Kvv6o(xoa}xov, 

Ad^i[i]o5, Aicov lIoX8j,idQ)(oi) NavjidxTioi, 

15 BoiJTTioi, 2i)ü)v, Mixxicov Ka- 

cpp8i[q. 

Z. 2 f. 'A[q i]oTOfpü.ou Nikitsky in der Umschrift, auf dem 
Facsimile hat er aber zwei Punkte vor Z in Z. 3 gesetzt. 

Z. 3. (t)YAAIOlOZ . Nikitsky gibt zweifelnd <rp>Tk/i.Oiog. 
Die Verbesserung liegt hier wie oben 30i^ auf der Hand ^ 

Z. 7. Zu Ende fehlen nach dem Facsimile 10 Buchsta- 
ben, zu Anfang der folgenden Zeile 4. '^Agioxaiiayoc, ist ein 
mehrmals belegter buttischer Name, ''A?i8|i,8a[,ioq ebenso. Meine 
Ergänzung füllt die Lücke gerade aus. 

Z. 8 f. Die Ergänzung nach ^9.,^ scheint mir sicher, wenn 
auch vor N in Z. 9 für nur 4 Buchstaben Platz zu sein scheint. 

Z. 13. K[QiT]covog, wie Nikitsky ergänzt, ist sehr wohl mög- 
lich. 1 Qgs begegnet aber unter den Zeugen ein Naupaktier Meve- 
(.ia)(ogM£Vü)voq. Darf man vielleicht eine Verlesung von K für M 
annehmen und denselben hier einsetzen ? Würde man auch 
sonst nicht lieber 'AvtiöcoQog xal M8V8|.iaxog oi KpiTcovoq erwarten? 



* Sie wird wohl auch von dem russischen Forscher selbst in seinem 
Aufsatz über die von Woodhouse gefundenen Inschriften (Jahrbuch des 
russischen Ministeriums der Volksaufklärung 1896 November) gefunden 
worden sein. Diesen Aufsatz, der mir hier in Athen nicht zugänglich ist, 
kenne ich nur durch die Erwähnung in seiner Abhandlung Die geographi- 
sche Liste der delphischen Proxenoi 17. 



46 E. NACHMANSON 



Es folgen nun zum Scliluss die beiden von Woodhouse 
nach Naupaktos gebrachten, von mir nicht wiedergefunde- 
nen (vgl. oben S. 3) Inschriften. 

Untere Ecke einer quadratischen Basis, beiderseits be- 
schrieben. Von Nr. 35 die Zeilenenden, von Nr. 36 die Zeilen- 
anfänge erhalten ; es fehlt beiderseits viel. Die Schrift nach- 
lässig, aber aus derselben Zeit wie die übrigen von Wood- 
house gesehenen. 

35. IG. IX I 386. 

Nai) 
vXac, 

Z. 1 wird NaijfjtaxTio? oder -oi zu ergänzen sein; was die 
anderen sind, ist nicht zu sagen. 

36. IG. IX I 387. 

8jnxao[aö^£vov • :3TQoaJco86Tag xaxä 

xbv v6[i[0V [lOLQ- 

xvQov 'A[i[i)vav8Qog? Ol- (?) 

Xü)v, 'EÄacp[ Nav- 

5 jtctXTioi . tdv [ü)vdv cpvKdooovxi Bovx- 

TICOV A80VTO|,1£A'[t]5 

Attfxeag • ev öe Naim[dxTü)i Av- 

Koc, Ninoba.\iOv ■dEo[>i6'koq 'Aonlaniov. 

Z. 4. 'AfxfiJvavÖQOi; ; derselbe Name 6^1, 34g. Der einzige 
in unseren Inschriften belegte Name auf -^.cov ist <I>üioav. 

Z. 5 ff. Ich habe Dittenbergers Ergänzungen beibehalten, 
obgleich auch andere nicht weniger möglich sein würden. 
So wäre z. B. Z. 8, die Dittenberger nach IG. IX i 361 5, wo 
umgekehrt Nix()8d|.ioi) aus dieser Inschrift hergestellt ist, er- 
gänzt, auch einfach 0eo[YeiTa)v (vgl. 23 ^g) denkbar. 



FREILASSÜNGSURKUNDEN AUS LOKRTS 47 



B. COMMENTAR. 
I 

Das Heiligtum des Asklepios h Kgovvoiq, das wir durch 
diese Inschriften kennen lernen, ist uns sonst weder littera- 
risch noch inschriftlich bekannt. Ob es eine Filiale des Askle- 
piosheiligtums in Naupaktos ^ war oder ob es sich wie dieses 
direkt von einer der berühmten Kultstätten ableitete, ist 
nicht zu sagen. Für die Anlage eines Asklepieions ist der 
Platz wirklich mit Umsicht gewählt. Es liegt in geschützter 
Lage mitten im Gebirge, die Luft ist frisch und das Wasser 
versiegt nie. Kqgdvoi ist tatsächlich ein für den selten wasser- 
reichen Platz sehr geeigneter Name. Nicht nur fliesst der 
kleine Fluss sogar im Hochsommer voll von Wasser, bei dem 
Tempel selbst strömen auch von der Bergwand herunter 
kleine Quellen -. 

Das Heiligtum gehörte zum Gebiet der Stadt BovtTog ^. 
Darüber lässt die hervorragende Rolle, die dies Volk im Ver- 
gleich mit den übrigen in unseren Inschriften spielt, keine 
Zweifel übrig. Mehrere Male wird nach den Archonten von 
Buttos datiert. Als Freilasser kommen in den meisten Fällen, 
14, Buttier vor; 14 mal sind sie Bürgen; als Zeugen erschei- 
nen sie beinahe in jeder einzelnen Inschrift; mit der Auf- 
bewahrung des Kaufvertrags werden mit nur zwei Ausnah- 
men (Nr. 21 und 34) immer Buttier, davon 12 mal die Archon- 
ten betraut, gewöhnlich für sich allein. Die Stadt Buttos 
muss irgendwo in der Nähe des Heiligtums gelegen haben ; 
näheres kann darüber nicht gesagt werden, vgl. dazu auch 
unten S. 66. 



1 Weil, AM. IV 1879, 22 ff. 

* Kqouvoi kommt als Ortsname noch einige Male vor, s. Pape-Benseler 
s. V.; s. auch die Bemerkung von A. Wilhelm, BCH. XXIX 413 f. 

■^ BovTTÖi;, bzw. BouTTiOs ist in unseren Inschriften die gewöhnliche 
Form; öl Belege in 24 Inschriften. Daneben Bottio? I5. j:, (aber Boüttioi,.), 
1 3 ,g, 32 ^. In Delphi je ein Beleg s. gleich oben im Text. 



48 E. NACHMANSON 

Von Buttos geben uns zwei delphische Inschriften sichere 
Nachricht; die ältere GDI. 2515,. Teioavögo? Mixxiva AlxwXoc, 
ey BoiTou (236 vor Chr.), die jüngere GDI. 1993 c, AsovTO|.ievi|5 
BovTTiog (1 95 vor Chr.) K 

An der Spitze der Gemeinde stand ein Colleg von Archon- 
ten, wie es scheint auf ein Jahr gewählt. Die höchste Zahl 
der zu gleicher Zeit amtierenden Archonten, die in einer von 
unseren Inschriften vorkommt, ist fünf (1 l^j). In den Praescrip- 
ten wird aber gewöhnlich nur einer genannt (Nr. 7,11,12, 29, 
33?), zweimal (Nr. 15 und 18) zwei, einmal (Nr. 16) sogar drei. 
Nun ist aber zu beachten, dass nur in einer einzigen Inschrift 
(Nr. 7) ausschliesslich nach dem Archonten von Buttos datiert 
wird ; und im Allgemeinen kommt Datierung nach ihnen nur 
-in der Minderzahl der Inschriften vor. Von 31 Urkunden (von 
Nr. 32, 35, 36 fehlt der Anfang, die unsicheren Nr. 8 und 1Ü 
lasse ich weg) datieren nämlich nach 

1) dem ätolischen Strategen: Nr. 27, 31, 34. 

2) dem ätolischen Strategen und dem Theorenschreiber 
von Naupaktos-: Nr. 9, 20. 

3) dem ätolischen vStrategen und dem Archonten von 
Buttos : Nr. 1 1 , 1 2. 

4) dem Theorenschreiber von Naupaktos : Nr. 1,2,3, 4, 
5, 6, 13, 14, 17, 19, 22, 23, 24, 25, 26, 28, 30. 

5) dem Theorenschreiber von Naupaktos und dem (den) 
Archonten von Buttos: Nr. 15, 16, 18, 29, 33 (?). 

6) dem Archonten von Buttos: Nr. 7. 

7) dem Agonotheten von Naupaktos : Nr. 21. 



^ Möglicherweise identisch mit dem in unseren Inschriften oft genann- 
ten Vater des Adi^iog. — Nikitsky, Zu den Amphiktyonendecreten der äto- 
lischen Epoche (Jahrbuch des russischen Ministeriums der Volksaufklärung 
1905, 194) gibt der Hoffnung Ausdruck, dass in der Inschrift BCH. XXVI 
279 Nr. 22^ (195 vor Chr.), wo der Herausgeber Jarde AeovronEveog 'A . . . 
. . iov liest, AeovTOfieveog Bo[dtt]lou auf dem Stein steht. Noch unsicherer 
ist es, ob in dem Fragment aus Thermon 'Ecp. dgx- 1905, 97 Nr. 14 Bou]t- 
Tioi) zu ergänzen ist. 

- YQa^ifiaxeucov ^eapoiq ist das gewöhnliche (19 Belege), YQf*('J'-"''^f^''^^' 
■Oeapcüv nur Nr. 3, 5, 1 3 ; einmal (Nr. 20) YQaj.i^iat8Üc; OeaQOiq. In Naupaktos 
selbst YQtt^iM'^teiJCOv öeaQoi^ IG. IX i 360, 373, 374, 375 ; einfach yQ"H(i"" 
t[8o]5 357.,. 



FREILASSIIN(;SÜRKIINI)RN AUS LOKKIS 49 

Wie diese Ziisaiiinicnstelluno- /-cigt, wird in den meisten 
Fällen (24) nach dem Eponymen von Naupaktos datiert, allein 
oder seltener in Verbindung mit anderen. Es geht hieraus 
hervor, dass Buttos von Naujjaktos abhängig war. Ein wei- 
teres Zeugnis dafür ist, dass gelegentlich, 26 ,j, ein Naupak- 
tier Archont von Buttos ist. Das Abhängigkeitsverhältnis ist 
allerdings nicht genauer zu bestimmen. Dass aber Jhittos 
nicht vollständig in das naupaktische Gemeinwesen aufge- 
gangen ist, sondern sich doch eine gewisse Selbständigkeit 
bewahrt hat, geht daraus hervor, dass durchgängig in den 
Inschriften Bouttioi und Nau:n:dxnoi geschieden werden. Ähn- 
lich war das Verhältnis der Hxielq zu Amphissa, der Kv^aieT? 
zu Physkos, s. Nikitsky, Die geographische Liste der delphi- 
schen Proxenoi 1 2. 

Da nun Naupaktos selbst zum ätolischen Bunde gehörte 
und somit Datierung nach ätolischen Strategen dort ge- 
bräuchlich war (s. IG. IX i 357, 359 etc.), kann diese Datie- 
rung natürlich auch in Buttos vorkommen. Buttos gehört 
also zunächst zu Naupaktos, dessen Schicksale es wohl ge- 
teilt hat, aber mit Naupaktos zum ätolischen Bunde. Ein 
directer Beweis dafür ist die Bezeichnung AiTwÄog ey Bortoi' 
GDI. 2515^, (s. S. 48). Ein weiterer der Kalender, der wie in 
Naupaktos der ätolische ist, s. darüber unten S. 53 f. 

Nicht wenige von den Inschriften erweisen sich durch 
die Nennung desselben Theorenschreibers im Praescript direct 
als aus einem und demselben Jahre stammend. Ausserdem 
lässt sich bei einigen Gleichzeitigkeit aufweisen, obgleich die 
Praescripte nicht zu einander stimmen. Es ist nämlich zu be- 
achten, dass in vielen Fällen als Aufbewahrer des Kaufver- 
trags buttische Archonten ausersehen werden. Klärlich sind 
es die Archonten des laufenden Jahres, das zeigen übrigens 
sicher Nr. 7, 12 und besonders Nr. 1 3, vgl. unten. Einmal, 14^, 
steht ohne weiteres tuv drväv cpvXaoo\ovxi oi ägiovreq, selbst- 
verständlich xwv BoDTTuov. Es sclicint übrigens dem Belieben 
der bei dem Verkauf beteiligten Parteien anheimgestellt ge- 
wesen zu sein, wie viele und welche von den Archonten sie 
beauftragen wollten. Meistens sind es zwei (6,.;, 7,,,, 13iy, 23. ,o, 
26 jq), zweimal drei (13,o und 30 13), einmal fünf (Ilu). 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII. 4 



50 E. NACHMANSON 

Auch hinderte nichts, ihnen eine andere Person zur Seite zu 
stellen: so wird ihnen 30^4 ein IlcjOQiog beigefügt. So immer, 
wenn nur ein Archont beauftragt wurde, s. 4.24, 12 19, 2422, ^-^n- 
Übrigens wird nicht immer der Titel hinzugefügt: 'AAe^idSa? 
BoiJTTiGi;, der den Kaufvertrag aufbewahrt 1 5 ^4, wird sicher 
der Z. 4 genannte Archont sein, Ad|.uog Aeovto[X8V8o? 224g wird 
gewiss der Archont des Jahres sein ; vgl. hierzu auch unten. 

Nach dem Theorenschreiber OiXcov ScoödvÖQOi) datieren 
Nr. 2 und 14; nach $iX(ov Scoöia Nr. 4 und 16. Es ist übrigens 
nicht ausgeschlosen, dass wir in allen diesen vier Urkunden 
mit einem imd demselben Beamten zu tun haben ; 'Zcooavbgoc, 
und 2oo(Tiag können nämlich identisch sein, da bekannter- 
maassen längere und kürzere Namensformen zur Bezeichnung 
einer und derselben Persönlichkeit gelegentlich vorkommen; 
s. dazu ausser Fick-Bechtel 35 A. Wilhelm, Hermes XLI 73, 
der auf sein im Drucke befindliches Buch : Urkunden dra- 
matischer Aufführungen in Athen 133, 250 verweist. 

Nach dem Theorenschreiber YloXvagypq datieren Nr. 5 
und 22, die aus demselben Monat wie Nr. 22 stammende Nr.1 8 
ausserdem nach buttischen Archonten. 

Nach dem Theorenschreiber 'Edxvgoc, 2cüooi) datieren Nr.1 3, 
24, 30. In Nr. 30 erscheinen als Aufbewahrer des Kaufvertrags 
die Archonten "EJJrtvixo?, A£ovxo\iivTi]q, Aojxea?, in Nr. 24 der 
Archont Aa\img (und ein Naupaktier). In Nr. 1 3 sind zuerst 
Z.1 Iff. durch Versehen unrichtig angegeben ol aQ/ovre? . . . . a- 
baq, TeXeaaQxoQ, NixaQxog, aber der Zusatz Z. 1 7 ff. gibt die rich- 
tigen Aafxeag, Aeovto^ievri? SeXkaviioi;, vgl. oben S. 20. 

Nr. 7 datiert nach dem Archonten Eiip^Äog, als Aufbe- 
wahrer erscheinen er und sein College 'A|im'avfiQo?. Danach er- 
gänze ich 1 1j5 E-ufuiJA-o?, 'AfivvavÖQog etc. und im Praescript, wo 
Strateg und Archont genannt werden, Z. 3 Ei)[x^]Aov. 

Nr.1 2 ist nach dem ätolischen Strategen und dem Archon- 
ten Adfiiog ^AleE.onevov datiert, als Aufbewahrer erscheint Ad- 
^iiog 6 apxcav. Aus demselben Jahre stannnt die nach dem 
Theorenschreiber '^ilwv Msvejxdxoi) datierende Nr. 26, wie da- 
raus hervorgeht, dass als Aufbewahrer auch der Archont Ad- 
[uoc, 'AXeI,o\ievov genannt wird (vorausgesetzt, dass dieser nicht 
zweimal Archont gewesen ist). 



FREILASSUNGSUR KUNDEN AUS LOKRIS 51 

Nr. 23 datiert nach dem Theorenschreiher "Aqiotoxoutt]? 
IlaQfXEVLÖa, Nr. 15 nach diesem und den buttischen Archonten 
'A^Eliotöa?, TifXrtTo?. Mit der Aufbewahrung^ des Kaufvertrags 
werden in Nr. 23 diese beiden Archonten ])etraut, in Nr.15 nur 
""AXelictöag. In Nr. 9 erscheinen als Aufbewahrer oi uq]xovt8i; 'AXe- 

lidöag Ich ergänzte zuerst Tijialo?, bemerkte aber dann, 

dass die Inschrift ausser nach dem ätolischen Strategen nach 
dem Theorenschreiber 'Apiaiovoog datiert ist. Deshalb niuss der 
'AAE^iaÖai; von Nr. 9 entweder nur Namensbruder von demje- 
nigen in Nr. 1 5 und 23 sein oder aber zweimal Archont ge- 
wesen; in beiden Fällen können wir über den Namen seines 
Collegen nichts wessen. Die Behaltung der Ergänzung Ti|.iaio? 
wäre allerdings nicht vollkommen unmöglich, würde aber zu 
ganz unwahrscheinlichen Schlüssen über die Zeit der Wahl 
der betreffenden Beamten führen. 'Agiatovoos kann auch kein 
Suffectus gewesen sein ; der Monat 'O^ioXooios, aus dem Nr. 9 
stammt, steht nämlich zwischen 'AöavaTog und ''AyvEioz, in die 
Nr.15, bzw. 23 fallen. 

Sehr unsicher ist, ob Nr. 16 und 33 aus demselben Jahr 
stammen. Das Praescript von Nr. 16 nennt den Theorenschrei- 
ber NixoAecov Nixia und die Archonten 'AyY\\iMv, ©ecov, Auxo?. 
Bei der Häufigkeit des Namens lässt sich gar nicht sagen, 
ob letzterer mit dem Aufbew^ahrer des Kaufvertrags 6 otQ/wv 
AvKoq 33 17 identisch oder nur homonym ist. 

Die staatsrechtliche Stellung von Buttos ergibt, soweit 
wir die Entwickelung bis jetzt verfolgt haben, eine drei- 
fache Abstufung von eponymen Beamten ^. Vollständig kom- 
men sie aber nie vor, offenbar der grossen Umständlichkeit 
wegen. Ganz willkürlich und schwankend ist die Ausw'ahl. 
Das schloss Dittenberger, Hermes XXXII 1 74 Anm. 2 schon 
aus dem ihm vorliegenden Material; und die Richtigkeit sei- 
ner Auffassung wird durch die hier gegebene Zusammenstel- 
lung vollauf bestätigt. Alan vergleiche auch die Verhältnisse 
z. B. in Amphissa, Dittenberger a.a.O. 175 Anm. 1. 

Was die Datierung betrifft, so ist noch Folgendes zu be- 
merken. Es war im II. Jh. vor Chr. in Delphi Sitte, dass, 



über die Datierung in Nr. 21 wird weiter unten gehandelt werden. 



52 E. NACHMANSON 

wenn der Freilasser ein Ausländer war, die Freilassungsur- 
kunde nach dem delphischen Eponymen und dem seiner 
eigenen Heimat datiert wurde. Im II. Jh. vor Chr. fehlt die- 
ser letztere selten (Belege bei Dittenberger, Hermes XXXII 
175 Anm. 1, dazu noch GDI. 1737, 1816); mit der Zeit wird 
er aber ausgelassen, so dass im I. Jh. nach Chr. die Datie- 
rung im Allgemeinen keinen Unterschied bei einem delphi- 
schen und einem fremden Freilasser macht, s. Colin, BCH. 
XXII 185. Ausser Freilassern aus Buttos, die naturgemäss 
die häufigsten sind, und aus Naupaktos (nur Nr. 4, 5,31, auch 
18)1 kommen folgende fremde Freilasser vor: ^loxMQiog 3, Kai- 
Q^uc, 25, KacpQEls 26, OivdoTio? 29, RooQioi 13,14,30, tI>i)Wi«iai 15 'l 
Es wird indes nie nach dem Eponymen eines von diesen 
Orten datiert, sondern immer nach dem Theorenschreiber 
von Naupaktos, nur einmal, Nr. 29, in Verbindung mit dem 
buttischen Archonten. Wenn wir hier die gleichzeitige delphi- 
sche Regel durchführen wollten, würden wir also zu der ganz 
unwahrscheinlichen Annahme gedrängt, dass alle diese Städte, 
deren Lage wir allerdings nicht kennen, zu Naupaktos in 
demselben Verhältnis stehen wie Buttos. Dass die delphische 
Regel hier so wenig wie in Stiris (vgl. IG. IX i 39) bestand, 
zeigt uns ausserdem unzweideutig die Datierung von Nr. 21, 
vgl. dazu unten S. 61. Als ein Zeichen hierfür kann auch be- 
trachtet werden, dass der Zusatz ev NavjtctxToi, der allerdings in 
den meisten Fällen vorkommt"', ganz willkürlich ist: ev Nav- 
rcdxtOL wird nicht, wie man vermuten könnte, als selbstver- 
ständlich weggelassen, wenn ein Naupaktier freigibt, dagegen 
immer bei einem fremden Freilasser hinzugefügt. Es steht 
Nr. 4, wo der Freilasser aus Naupaktos ist, fehlt dagegen z. B. 
Nr. 14, 26, wo die Freilasser Hco^iog, bzw. Kacppeli; sind u.s.w. 



' Dass diese verhältnismässig wenige sind, hängt natürlich damit zu- 
sammen, dass Naupaktos in seinen eigenen Heiligtümern geeignete Orte 
für den Vollzug von Freilassungen hatte. 

- Von Nr. 20 und 34 sehe ich hier ab, weil in diesen nach Strategen 
datiert wird. 

^ So immer bei Doppeldatierung. Bei oTQaTayeovTOi; fehlt tcöv AlT(oA,ä)v 
dreimal; davon einmal, Nr. 11, bei Doppeldatierung. Immer agj^cov ev Bovt- 
Tol, auch Nr. 7, wo er allein erscheint. 



FREILASSUNGSURKUNÜEN AUS LOKRIS 53 

Der Kalender ist, wie g-esagt, der ätolische, der übri- 
g-ens erst durch unsere Inschriften vollständig Ijckannt wird. 
Folgende Monate sind belegt (ich folge der Ordnung von 
Bischoff, De fastis Graecorum antiquioribus 363 mit den ]\Iodi- 
ficationen von Nikitsky, Geographische Liste 1 3) : 

1. riQOXux^iio? Nr. 9, 11, 16, 30. 

2. 'iUavalog Nr. 13, 15, 24. 

3. Boi'xocTiog Nr. 18, 22. 

4. Aiog ist nicht belegt, aber 

Alo? 8[iß6Äi[xog Nr. 29 Z. 2 und, allerdings ohne Zusatz 
von s(^i(3ölL|.iog, aber doch offenbar derselbe gemeint, Z. 15. 

5. Eiia-ualo? Nr. 4, 5, 1 2, 21, 28, 31. 

6. '0[xo?itt)iog Nr. 2, 9. 

7. 'EQ^iaTog Nr. 19. 

8. Äiovijoiog Nr. 14, 20 (zweimal), 25, 34. 

9. 'Ayiieio? Nr. 6, 23. 

10. ^IjiJTOÖQÖiiioi; Nr. 7, 26. 

11. AacpQiaiOs Nr. 3, 17. 

1 2. Ildva[ioc, ist zufällig nicht belegt. 
Das wichtigste Neue ist der ätolische Schaltmonat AToi; 
e[iß6h\ioc,. Wichtig ist ferner, dass A(t(()giaLO(; zweimal belegt 
ist; früher war er nur durch die delphische Freilassung 
GDI. 1908 bezeugt und in dieser dem delphischen noiT(_)6jnoc; 
6 JtQcÖTog, dem aber sonst immer der ätolische Atog entspricht, 
gleichgestellt. Die Erklärung des singulären Falls hat man 
auf verschiedenen mehr oder minder unglücklichen Wegen ge- 
sucht, s. Nikitsky a. a. O. Dass man kaum an eine Intercala- 
tionsverschiedenheit denken kann, hob schon Bischoff a.a.O. 
hervor; jetzt, wo der ätolische Schaltmonat AToq f[.ißü^i[iO(; 
bekannt ist und, wie Alog dem delphischen IToitqojtioi; 6 jtqCo- 
Tog, so dem IloiTQOJiiog 6 öeiJTEQog entsprechen muss, geht das 
natürlich um so weniger an. Darauf hat Nikitsky nicht ver- 
säumt hinzuweisen. Zweifelhaft bleibt aber, ob er mit seiner 
eigenen, von ihm selbst als gewaltsam bezeichneten Erklä- 
rung- das Richtige getroffen hat: die Freilassung selbst sei 
etwas früher (um 5 Monate) am Wohnort des Freilassers ab- 
geschlossen und formuliert, erst später der bereits fertige 
Vertrag nach Delphi zur Sanction und Veröffentlichung ge- 



54 E. NACHMANSON 

bracht worden, und zu der letzteren allein gehöre das delphi- 
sche Datum, so dass es nicht als synchronistisch mit den 
übrigen drei Daten des Praescripts betrachtet zu werden brau- 
che. Auf alle Fälle habe ich mit Nikitsky dem Aacppialo? den 
elften Platz angewiesen, denn kein anderer bleibt frei. 

II 

Ich gehe nun zu der Frage nach der Zeitbestimmung 
der Urkunden und den sich daraus ergebenden Folgerungen 
für die Geschichte über. Es ist hierbei zunächst zu beachten, 
dass alle unsere Inschriften aus einer und derselben Zeit 
stammen. Das wird zunächst durch die identischen Personen 
unzweifelhaft bewiesen. Einige Beispiele werden genügen ; 
ich wähle selbstverständlich nur ganz sichere, wo es sich 
kaum um blosse Homonymen handeln wird. Adf-uo? Aeovto- 
jiiveo? Bovxxioc, 4 ^g, 69, 11g, 169.^3, 1 8 3, 22 ^^^^ 23 ^^^ AeovTOjigvr)? 
Aa^iiov sein Vater oder Sohn 289. Oft kommt die Familie des 
Eit^EviSag Bouttiog vor: sein Sohn 'Ayri^wov IQ^g» 29^9, Ogaacov 
62, Act^iioc; 67. ^j, 19 21.28) 'Ayniicov und Ad^iioc 18 4, alle drei I64; 
ob EiJ^eviftag "Ayrwiovoc, 21 jj der Vater selbst oder ein Enkel 
ist, lässt sich nicht entscheiden. FdöTQCov Ad\inioq BoiJTTiog und 
Ad\iKig rdoxQcovog Bcuttiog öfter, die Belege oben S. 8. 2(6aav- 
bgoc, 'AÄ'u:itoii Nai'jtdxTiog 21 3 und 27,., u.s.w. Bei nicht wenigen 
von den Urkunden hat sich ja auch directe Gleichzeitigkeit 
zeigen lassen, s. oben S. 49 ff. So haben wir unzweifelhaft die 
Berechtigung, bei der Behandlung der Inschriften sie als eine 
zeitlich eng zusammenhängende Gruppe zu betrachten. 

Folgende ätolische Strategen werden in den Inschriften 
genannt : 

'A?ig|av8Qog Nixia Ka^ivScovio? nach sicherer Ergänzung 9^. 

'AQxiawv KaÄDÖcovio? 34 1. 

AafxoTijio? 27i. 

AdSixo? "AQ0ivoev5 II1 ^• 

^ Vielleicht der Enkel des ätolischen Hipparchen Ad8ixO(; 'Agöivoeu? 
in der Inschrift aus Thermen, 'Ecp. (xqx- 1905, 95 Nr. 11, wenn nämlich die 
Datierung von Sotiriadis richtig ist. 



FREILASSUNGSUR KUNDEN AUvS LOK RLS 55 

AecoA' NavjruxTioq 20 .^q. 

Avo(ßv 31 ^. 

Tpi^äg ST^diioi; tö ß' 12i. 

OiJÄai t6 ß' 20 2. 

Wir kennen zwei ätolische Strategen mit dem Namen 
'AXe^avÖQog Nixi« Ka?ii»8(6viO(;; ein älterer, Strateg 203/2, 196/5, 
185/4, ein jüngerer, wohl der EnkeU, Strateg 154/3-. Alle die 
übrigen hier genannten sind anderweitig nicht bekannt. Sie 
müssen aber alle in die Zeit nach 1 70/69 vor Chr. gehören, 
weil in der Zeit vor diesem Jahr für so viele ziemlich gleich- 
zeitige Strategen Platz nicht mehr frei ist. So hat schon 
Pomtow die ihm bekannten in die Zeit nach 170/69 verwie- 
sen; die Ansätze in bestimmten Jahren wollen natürlich nur 
als Vorschlag betrachtet werden. Da nun alle die Inschriften 
ziemlich gleichzeitig sind, wird ohne Zweifel in Nr. 9 der jün- 
gere Alexander aus Kalydon zu verstehen sein. Wir kommen 
also für unsere ganze Inschriftengruppe auf die Zeit nach 
1 70 vor Chr. Wir haben also einen ungefähren terminus post 
quem; es fragt .sich nun, ob wir auch einen terminus ante 
quem ermitteln können. Hier tritt die Inschrift Nr. 21 ein. 
Bis jetzt habe ich sie wenig berücksichtigt; nun ist es Zeit, 
sie gründlich zu vernehmen. Das Praescript lautet: 

'Aycovoi^eTgovTO? "Yß^ioxa BovXaQ- 
'/pv 'AyQivieog, exovc, TeTCiQTOi', f-oivo? 
Evdvuiov, $iXo^iTJ8a FAavxea KaXkiäg 
d:7r88oTO xt^. 

Ich muss hier zunächst an einige bekannte Tatsachen 
erinnern. Im Jahre 1 66 sind die westlichen Lokrer aus dem 
Ätolerbund ausgeschieden. Den Beweis liefern die lokrischen 
Freilassungsurkunden in Delj^hi ; in der Zeit vor dem ge- 
nannten Jahr wird niemals nach dem Agonotheten des lokri- 
schen Bundes datiert, aber von dieser Zeit ab verdrängt der 



' Das Zwischenglied gibt Nixia(; ■A?i8|dv8QOv Ka?tv8a)viog, Hieromne- 
mon der Änianen im Jahre 178 vor Chr., GDI. 2536 j,, ; vgl. Pomtow, Jahr- 
bücher für class. Phil. 1894, 665. 

- Die Daten nach Pomtows Delphischer Chronologie bei Pauly-Wissowa. 



56 E. NACH MAN SON 

lokrische Agonothet den ätolischen vStrategen aus den Prae- 
scripten der lokrischen Urkunden, s. Dittenberger, Hermes 
XXXII 161 ff., besonders 177 ff., das genaue Jahr bei Pomtow, 
Jahrbücher für class. Phil. 1897, 789 Anni. 8. Eine Ausnahme 
macht eben nur Naupaktos, weil diese Stadt immer, auch in 
römischer Zeit, bei Ätolien geblieben ist, s. Dittenberger zu 
IG. IX I 357; demgemäss wird auch nach der Reconstruction 
des lokrischen Bundes in Naupaktos ausser nach dem einhei- 
mischen Theorenschreiber nie nach dem lokrischen Agono- 
theten, sondern immer nach ätolischen Strategen datiert, 
vgl. z. B. IG. IX I 366, 372, und demgemäss in Buttos ebenso, 
vgl. oben. 

Diese Regel scheint auf den ersten Blick Nr. 21 zu durch- 
brechen. Aber nur auf den ersten Blick. Denn dass es sich 
hier nicht um den Agonotheten des lokrischen Bundes han- 
deln kann, zeigt einmal der Umstand, dass der Beaitite ein 
Ätoler ist, übrigens der Strateg vom Jahre 1 65/4, und zwei- 
tens der Kalender, der ätolisch ist (Monat Ei)\)xicÜ0(;, über die 
Jahresangabe gleich unten). Dieser Agonothet ist also un- 
zweideutig ein Beamter des ätolischen Bundes. An und für 
sich befremdet das nicht, denn wir kennen auch sonst ätoli- 
sche Befehlshaber, oft Strategen genannt \ in Städten, die 
zum ätolischen Bunde gehörten, so im bithynischen Kios 
(Polybios XV 23, 9), in Lj'simacheia auf dem thrakischen 
Chersonnes (Pol. XVIII 3, 1 1), in Phigaleia (Pol. IV 3, 5 f.). Der 
Olympionike Timon aus Elis soll nach Pausanias VI 16,2 
aus Freundschaft zu den Ätolern gerade in Naupaktos cppou- 
gäc, fiyef^Kov gewesen sein. Ein ätolischer Commandant in Nau- 
paktos würde also an und für sich nicht Wunder nehmen. 
Aber wie kam man darauf, ihm den Titel «Agonothet» zu 
geben, wurde doch der eponyme Beamte der neuerdings von 
den Ätolern abgefallenen Lokrer so genannt? Es ist doch 
dies zweifelsohne eine Concession von ätolischer Seite an die 



' Dass sie in der Regel den Titel ägiovrec, tcüv koXeihv trugen, möchte 
ich nicht mit Dubois, Les ligues etolienne et acheenne 208 glauben. Denn 
nichts hindert, die Archonten, die das ätolische Decret Dittenberger, Syll. 
295 .,. nennt, als die gewöhnlichen einheimischen obersten Beamten der 
Städte zu betrachten. 



FREILASSI'N(;,SITRKITNDEN AUS LOKRIS 57 

altnationalen Gefühle der Nanpaktier und bezeichnet deni- 
gemäss auf alle Fälle eine Lockerung in ihrem Verhältnis 
zum Bunde. Es fragt sich, welche Gelegenheit dürfen wohl 
die Naupaktier benutzt haben, um sich diesen Vorteil zu ver- 
schaffen, zu welcher Zeit wird uns diese Veränderung ver- 
ständlich? Hier muss die Datierung der Inschrift weiter hel- 
fen. Auch im Kalender bietet sie etwas für diese Gegend 
ganz Neues, eine bestimmte Ära. Der Monat ist ätolisch; da 
muss auch die Jahresangabe als ätolisch (oder möglicherweise 
speciell naupaktisch) in Anspruch genommen werden. 

Es ist nun bekannt, dass viele griechische, hauptsächlich 
peloponnesische Inschriften aus hellenistischer und vor allem 
römischer Zeit nach einer bestimmten Ära datiert sind, s. zu- 
letzt Reinach, BCH. XXVIII 10 ff. mit Litteraturnachweisen. 
Ich liabe keinen Anlass an diesem Ort auf den Streit, der sich 
in Betreff des Ausgangspunktes der verschiedenen Jahresan- 
gaben entsponnen hat, des näheren einzugehen, besonders da 
mir die u. a. von Dittenberger und Reinach vertretene Auf- 
fassung in Princip richtig zu sein scheint, d. h. es sind bei 
jeder einzelnen Inschrift die besonderen Zeugnisse ^ — Schrift, 
Inhalt etc. — daraufhin zu prüfen, ob an dem betreffenden 
Orte nach der gemeinsamen Provinzära datiert wurde oder 
aber ob möglicherweise eine eigene Ära bestand ^. Es fragt 
sich nun, ob für Ätolien die allgemeine griechische Ära von 
146 oder eine einheimische anzunehmen ist. Ich glaube erste- 
res. Wenigstens kennen war aus der Zeit, die hier in Frage 
kommen kann, kein Ereignis von durchgreifenden Folgen 
für die Geschichte des ätoHschen Bundes, das das Anfangs- 
jahr einer neuen Zeitrechnung hätte abgeben können. Die 
gewöhnliche griechische Ära von 146 oder — was mir aller- 
dings kaum nötig anzunehmen scheint (vgl. darüber Kästner, 
De aeris, quae ab imperio Caesaris Octaviani constituto ini- 



' Allerdings ist man in letzterer Zeit oft mit einheimischen Ären zu 
schnell bei der Hand gewesen. Mit der epidaurischen Ära von 1 25 vor Chr., 
die Fränkel annahm, hat Wilhelm, AM. XXVI 419 fF. aufgeräumt; auch 
diejenige, die Reinach a. a. O. für Orchomenos in Arkadien aufzustellen sich 
bemüht, scheint mir auf ziemlich schwachen Füssen zu stehen, s. darüber 
auch Colin, Rome et la Grece 651 Anm. 1. 



58 E. NACHMANSON 

tium duxerint 71) — 148 vor Chr. ergibt sich also ohne weite- 
res. Die Inschrift stammt folglich aus dem Jahr 143/2 (oder 
145/4). Gegen diesen Ansatz spricht keineswegs, dass Hybri- 
stas schon im Jahre 1 65/4 ätolischer Strateg war, kennen wir 
doch auch ätolische Strategen, deren erstes und letztes Stra- 
tegenjahr zwanzig Jahre (der ältere Alexander aus Kalydon) 
und noch mehr (Thoas Tpi/oveug) aus einander liegen. 

Finden wir nun in diesem Jahr in Naupaktos einen äto- 
lischen Befehlshaber, so muss damals der ätolische Bund als 
solcher bestanden haben. Diese Erkenntnis ist wichtig. Wie 
stellt sich nämlich unsere sonstige Überlieferung dazu? Es 
wird gewöhnlich angenommen, dass auch der ätolische Bund 
146 vor Chr. aufgelöst wurde. Man stützt sich dabei auf die 
Nachricht bei Tansanias VII 16, 9 f.: anveöpid te xatd eö-vo? xä 
ExdaTCOV, 'A)(aitüv xai t6 ev ^mxevaiv y] BokotoXi; r\ higcodi :nov xf[c, 
'FiXkdboi;, ■x.axeXeXvxo 6[ioimc, jt«VTa. ereoi öe ov noXkolc, voxeqov exqo.- 
jtovto 85 g'Aeov 'PoofxaToi Tfjg 'EXÄdöog, xai oiiveÖQid xe naxä 8\)vog 
ctJtoSiSoaoLv exccGTOK; xd äQ^aloL xtA. Ist diese Angabe wörtlich 
zu fassen, d. h. nicht nur der achäische Bund und seine Ver- 
bündete, sondern auch alle die übrigen, die am Kriege nicht 
teilgenommen hatten, mithin auch Ätolien, darunter zu ver- 
stehen? Das ist die Meinung von Dittenberger, s. zu IG. IX 
I 396, Syll. 333, Wilcken bei Pauly- Wissowa I 1127, Colin, 
Rome et la Grece 648 f. u. a. Dagegen meint Niese, Gesch. d. 
griech. u. maked. Staaten III 356 mit Anm. 3, wir hätten 
hier unzweifelhaft mit einer der vielen Ungenauigkeiten des 
Pausanias zu tun, denn alles, was wir sonst wissen, führe 
darauf hin, dass die Unbeteiligten ebenso wie Sparta und 
Athen ihre frühere Verfassung behalten hätten. Dass der 
ganze betreffende Abschnitt bei Pausanias aus verschiedenen 
Gründen eine sehr trübe und wenig zuverlässige Quelle ist, 
hat übrigens Wachsmuth, LeijDz. Stud. X 272 ff. nachgewie- 
sen ; auf die hier in Rede stehende Frage ist er aber nicht 
eingegangen. Wir brauchen aber für unsere Frage nicht bei 
diesen allgemeinen Erwägungen stehen zu bleiben, sondern 
wollen die bezügliche Stelle näher prüfen. Nachdem Pausa- 
nias das Schicksal von Korinth erzählt hat, fährt er fort (VII 
16, 9): koXeojv be, öoai 'Pcofxaicov evavtia k k o k e [i r]- 



FREILAvSSUN(;SITRKUNl>EN AUS LOKKIS 59 

aav, teixil ^^^ev o Mofifiiog ■aaxiXvF. xx^. - - ouveöpid te naxä eWo? 
xtÄ. s. oben. Ich meine, alles was er hier erzählt, bezieht sich, 
wie der Anfang zeigt, nur auf die Städte, die gegen Rom 
gekämpft hatten, nicht auf die übrigen. Auch eteQOjOi jroi» xf\c, 
"EUafioc, wie er nach besonderer Hervorhebung der Achäer, 
Phoker und Böoter abkürzend schreibt, bezieht sich eben nur 
auf die Ji6A,eig, oaai "PüJfxaLCov evavtia 8Jro?ie^riaav ; nur von die- 
sen ist hier die Rede. Aus einer richtigen Erklärung der 
Pausaniasstelle folgt also nach meinem Dafürhalten keines- 
wegs, dass der ätolische Bund aufgelöst worden ist. Ange- 
nommen, meine Auffassung der Stelle wäre nicht richtig, im 
Jahre 143/2 hat auf alle Fälle, wie die neue Inschrift zeigt, 
der ätolische Bund bestanden ; dann sind also, was Ätolien 
betrifft, die Uxr\ ov noXld wahrhaftig nicht viele gewesen. Und 
vollends, wenn auch für die griechische Ära das Jahr 148 als 
Anfangspunkt genommen werden nmss, dann würde unsere 
Inschrift eben in das Jahr der definitiven Constituierung der 
Provinz Achaia fallen, und auch für eii] oi) koIM ist über- 
haupt kein Platz mehr. 

Wenn ich aber nun annehme, dass der ätolische Bund 
als solcher auch nach dem Jahr 146 fortbestanden hat, so 
verkenne ich natürlicherweise deshalb keineswegs, dass er in 
der griechisch-römischen Politik seitdem selbstverständlich 
ebenso wenig und noch weniger bedeutet hat wie in den vor- 
hergehenden Jahrzenten. Die Macht des einst so mächtigen 
Bundes ist ja durch die Ereignisse von 189 und dann 167 
definitiv gebrochen worden. 

Aufgelöst ist der ätolische Bund im Jahre 146 also nicht 
worden, aber in Bezug auf die Einfluss-Sphäre, die ihnen da- 
mals noch übrig war, haben indes die Ätoler, wie wir jetzt 
sehen, wenigstens eine Einbusse erlitten. Denn wenn wir so 
bald danach in Naupaktos einen ätolischen Conmiandanten 
mit dem Titel Agonothet finden, so scheint mir das folgen- 
dermaassen zu erklären zu sein. Bei der Neuordnung der Ver- 
hältnisse in Griechenland haben die Naupaktier versucht, 
eine freiere Stellung zum ätolischen Bunde zu erlangen; am 
annehmbarsten ist die Auffassung, dass sie sich ganz frei 
vom Bunde machen wollten. Vermutlich haben sie irgend 



60 E. NACHMANSON 

welche hierauf bezügliche Vorstelluno-en bei den Römern 
gemacht. Frei sind sie nicht geworden, sie blieben fortwäh- 
rend im ätolischen Besitz, aber eine gewisse Selbständigkeit 
wurde ihnen doch gewährt. Der Ausdruck dafür ist, dass der 
ätolische Befehlshaber den Titel des alten lokrischen Bundes- 
haupts erhielt. Zu einer früheren Zeit, wo noch der lokri- 
sche Bund bestand, würden die Ätoler, bzw. die Römer sich 
gewiss gesträubt haben, einen solchen Titel zu erlauben, 
aber jetzt, wo der lokrische Bund aufgelöst wurde und also 
keine Gefahr der Verwechslung mehr bestand, ist eine solche 
Concession von Seiten der Ätoler, bzw. der Römer leichter 
verständlich. 

Eine Bemerkung bezüglich des Titels möchte ich hier 
einfügen. Ob dem Titel des Agonotheten des lokrischen Bun- 
des Tü)v AoxQwv hinzugefügt würde oder nicht, war vollstän- 
dig zufällig 1. So ist aus dem Fehlen in unserer Inschrift 
nichts zu schliessen. Aber man darf getrost behaupten, dass 
der Zusatz hier unmöglich wäre. 

Wie gross die durch diesen Titel ausgedrückte Selbstän- 
digkeit war, lässt sich nicht genau sagen. Am wahrschein- 
lichsten ist mir, dass den Naupaktiern durch den Titel nur 
ein Schein von Freiheit verliehen wurde. Es lässt sich aber 
möglicherweise denken, dass er mehr zu bedeuten hatte. Auch 
darf die Frage wenigstens aufgeworfen werden, ob notwen- 
digerweise ein Ätoler das Amt inne haben musste; es wäre 
denkbar, dass mit Billigung der Ätoler ein einheimischer 
Naupaktier an die Spitze des naupaktischen Gemeinwesens 
gestellt wurde und dann keine weiteren Eingriffe von ätoli- 
scher Seite zu befürchten waren. Ich erinnere daran, das vier- 
zig Jahre früher der ßoi»?iaQxe<^'^^' ^^o^ Aoxqixoü teXeo? ein Lokrer 
sein konnte, s. Dittenberger, Hermes XXXII 182 ff. l 



' 'AYtovoOeTeovToq tcöv Aoxqwv, bzw. ev Aoxqoii; GDI. 1851, 1878, 1901, 
1908, 1937, 1954,- 2019, 2140, BCH. XXII 10 Nr. 2, 355 Nr. !,„, IG. IX i 350, 
clY0)vod8Teo\TO(; GDI. 1842, 2028, 2097, 2568, BCH. XXII 355 Nr. 1,. Unsi- 
cher bleibt, da zu Anfang einige Zeilen verloren sind, BCH. XXII 357 Nr. 2. 

'■^ Dass er Angehöriger des Bezirks sein musste, scheint mir Ditten- 
berger nicht bewiesen zu haben. Ich ziehe die Ergänzung 'AYQJivieoi; IG. 
IX I 369 Dittenbergers KuT]ivieog vor. 



FREILASSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 61 

Da ich mich oben auf die altnationalen Gefühle der Nau- 
paktier berufen habe, wird es vielleicht nicht überflüssig- sein 
daran zu erinnern, dass wir niögiichcrweise ein Zeugnis da- 
für haben, dass in der Zeit vor der Wiederherstellung des 
lokrischen Bundes die alte Angehörigkeit von Naupaktos zu 
Lokris von den Ätolern in praxi anerkannt wurde. Wenn 
nämlich Dittenbergers Ergänzung von IG. IX i 369 richtig 
ist ^, muss Naupaktos damals dem lokrischen Bezirk angehört 
haben. Sonst würde man nämlich sicherlich in einer naupak- 
tischen Freilassung, zumal wo eine Naupaktierin freilässt, 
nicht nach dem ßouÄagxswv tou Aoxpixoü xileog datiert haben. 

Ich habe oben angenommen, dass eiovc, tetuqtou sich auf 
ätolische Verhältnisse beziehe. Es lässt sich aber fragen, ob 
es vielleicht — und das würde an der oben geführten Unter- 
suchung nichts ändern — nur speciell naupaktisch ist. Wenn 
meine oben gegebene Darlegung richtig ist, hat doch das 
Jahr 146 für den ätolischen Bund, der wenigstens äusserlicli 
unverändert blieb, weniger bedeutet als für Naupaktos, das 
dadurch jedenfalls eine gewisse Selbständigkeit erhielt. 

Was den neuen Eponymen von Naupaktos betrifft, so 
ist weiter Folgendes zu beachten. Früher war es, wie wir ge- 
sehen haben, in Naupaktos vollständig gleichgiltig, ob man 
nach dem ätolischen Strategen oder dem Theorenschreiber 
oder auch nach beiden datierte. Aber von der Zeit an, wo 
man in Naupaktos diesen Agonotheten hatte, durch dessen 
Titel eben hervorgehoben wurde, dass Naupaktos nicht mehr 
in einem so vollständigen Abhängigkeitsverhältnis vom Bunde 
wie früher stand, wird man vermutlich nicht mehr nach äto- 
lischen Strategen datiert haben. Wäre die Wahl in der Datie- 
rung zwischen Agonothet und Strateg frei gewesen, so wür- 
den wohl auch die Leute aus Kallion lieber otQatayeovTOi; als 
dycovcfleTeovrog datiert haben. 

Wir möchten nun gern wissen, ob die neue Institution 
für die ganze folgende Zeit bestanden hat, oder aber, ob 
sie nur ein paar Jahre gedauert hat, ob also bald das alte 



* Ob Z. 3 Kijt]ivi805 oder 'AyqJivieo? zu lesen ist, ist für diese Frage 
völlig belanglos. 



62 E. NACHMANSON 

nähere Verhältnis von Naupaktos zum Bunde wieder einge- 
treten ist. Mit einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit 
wird man behaupten dürfen, dass ersteres der Fall war. Denn 
die einmal gegebene oder gutgeheissene Ordnung der Ver- 
hältnisse haben die Römer gewöhnlich mit aller vStrenge 
aufrecht erhalten, sie haben keine Änderung von Seiten der 
Untertänigen geduldet. Vielmehr haben wir Beispiele, dass 
irgend welche Versuche, an den bestehenden Verhältnissen 
etwas zu ändern, streng bestraft wurden (Dittenberger, Syll. 
316 und dazu die Bemerkungen von Mommsen, RG. V 235 
mit Anm. 1). 

Sind die vorstehenden Erwägungen richtig, so ergibt sich 
durch sie eine nicht unwichtige Folgerung für alle die äto- 
lischen Strategen, nach denen die Urkunden von Naupaktos 
und Buttos datiert sind: sie müssen alle in die Zeit vor 146 
vor Chr. gehören. Für die Strategen, die uns die Freilassungs- 
urkunden aus Buttos gegeben haben, haben wir also jetzt 
den terminus post quem 170 vor Chr., und ante 146; für den 
einzigen, den wir sonst kennen, Alexander aus Kalydon, 
stimmt das ja. Ferner K?i£(xv[8qo5(?) IG. IX i 372, dem Pom- 
tow vorschlagsweise das Jahr 162/1 angewiesen hat, der Stra- 
teg aus Metropolis ib. 364, der Aio}iXr\q 367, 368, wenn näm- 
lich in diesen Inschriften oxQaxayeo\'x]og zu ergänzen ist, was 
Pomtow bezweifelt, der Strateg von Nr. 366 — alle gehören, 
wenn meine Auffassung richtig ist, in die Zeit vor 146. Für 
die übrigen in naupaktischen Inschriften genannten Strate- 
gen, Xdkejioc, Nr. 357 etc., stehen ja die Jahre durch delphische 
Gleichungen fest und streiten gegen unser Ergebnis nicht ^ 

Eine andere und weniger bedeutende Frage ist es, ob 
die Datierung nach dem Agonotheten diejenige nach dem 
Theorenschreiber ausschloss ; ich glaube es kaum. In Buttos 
wird man wohl auf alle Fälle fortgefahren haben, auch nach 
den Archonten zu datieren ; für Nr. 7 ist also aus dem Prae- 
script keine nähere Zeitbestimmung zu bekommen. 



^ Die letzte der naupaktischen Freilassungen in Delphi — sie sind über- 
haupt sehr wenige — die Datierung nach einem ätolischen Strategen hat, 
ist GDI. 1 740, aus dem Jahr 1 70 vor Chr. 



FREILASvSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 63 



III 

Ausser den Buttiern sind ihre Herren, die Naupaktier, in 
unseren Inschriften am zahlreichsten vertreten. Sehr viele 
von den Namen dieser Naupaktier finden sich in anderen 
etwa gleichzeitigen Inschriften wieder. Dass die Personen 
notwendigerweise identisch sind, wird kein Einsichtiger des- 
halb behaupten wollen. So wird man bei der Häufigkeit der 
betreffenden Namen nicht sagen können, ob z. B. einer von 
den vier ScooavÖQoi mit SJcoaavÖQOi; Avxiöa IG. IX i 374g, oder 
ob der Theorenschreiber ^ÄQiöTOXQdTr]? ITaQ^-ieviöa 15,23 mit 
dem 'AQiaTox[9]dTTi[q IG. IX i 364 ^ oder aber ob Ad\iioq, der 
Vater von Avy.oq 21.^, oder der gleichnamige Vater des Ai^xiog 
31.;j oder einer von den übrigen zwei Ad[i,ioi, die unsere In- 
schriften nennen, mit dem Adfiio? Aimiöa GDI. 1737i (162/1 
vor Chr.) identisch ist. Ich beschränke mich nicht nur des- 
halb, sondern auch, weil die Sache an und für sich wenig 
Bedeutung hat, im Allgemeinen hier darauf, nur die Homo- 
nymen aufzuführen, bei denen mit irgend einer Wahrschein- 
lichkeit Identität der Personen angenommen werden kann. 

'ApiGTapxo? Evay^ivEoq 19-24, -^^"8 ^st vielleicht identisch mit 
dem 'AQiataQxo? IG. IX i 372,, und Bruder des \iovvoioq Ev- 
o^eveog ib. 375 3. 

[""AQiaTCOvJI'AQiatoovijfxotJ ergänze ich den Namen des Theo- 
renschreibers 8 1 nach dem gleichnamigen vSchreiber IG. IX 
I 374 1. Ob der Vater der 'Aq[io]t(ovi)|.io5 'Ai)iaTo8d|ioi^ ist, der 
im Jahr 158/7 Proxenos von Delphi wird (GDI. 2820)? 

Aa^ox^fig AafxooTQdtoi^, Theorenschreiber 32, wird wohl mit 
dem gleichnamigen Bürgen IG. IX i 374 5 identisch sein. Ist 
der Zeuge Äa^oxÄrig 24 ^^ derselbe ? 

Aa^iovLxog, Theorenschreiber 252 — ist der Zeuge 24^6, der 
Vater des '^woUaxQOC, 34^2 derselbe? — ist vielleicht der Sohn 

des Theorenschreibers Aa[i6vixoi; Aa IG. IX i 36Ü 

(193/2 vor Chr.). 

Aewv 20 30- Ob dieser Strateg der Sohn des Hieromne- 
mon Aecov GDI. 2529, (202/1 vor Chr.) ist, bleibt selbstredend 
völlig unsicher. 



64 E. NACHMANSON 

Aemvibac, ygai-iiiaxEvq fleapoig 20 4; danach vielleicht IG. 
IX I 373, y9«[Hi«t^]ei'0^'t^0(; {^gapolg A8co[vi8a zu ergänzen. 

Ob Aijjxoi; Nixo8a[„ioi! 36 y und Aimog [Nixoöa^iov IG. IX i 
361 5 mit Dittenberger so zu ergänzen sind, bleibt jedenfalls 
unsicher; vgl. dazu auch oben S. 46. 

Dass MeyiotOTiiiog 1 9 2,; der Sohn des riDOoöwQog Meyioto- 
TL^ioi' GDI. 2581 158 (187 vor Chr.) war, ist bei der Seltenheit 
des Namens (vgl. unten S. 69) nicht unwahrscheinlich. Sein 
Bruder oder Sohn war vielleicht der Theorenscheiber IIvOo- 
ÖGOQog 19.^. Ei'cpavTO«; rii'ttoScoQov, der YQcxf^i^iat&ug IG. IX i 375 1, 
gehört wohl auch derselben Familie an. 

NiKO?tefov Nixia, der Theorenschreiber 16.,, ist wohl der 
Sohn des Zeugen Nixi«s Nixo^^ecoA-oc IG. IX i ^59^^ (195/4 vor 
Chr.), 360,, (193/2 vor Chr.). 

$(Ao>v Meve^idxoD heisst der Theorenschreiber 26^; in die 
Lücken IG. IX i 377 passt ziemlich genau YQaf-i^iaieiioA'TOJg 
{^8[aQ0ii; (^iXcovog x]\ov Me[\'e\.idyov. 

Von den übrigen Orten, deren Bürger als Freilasser, 
Zeugen etc. erscheinen, ist noch die Hälfte bekannt. 

Im westlichen Teil des ozolischen Lokris lag Eupalion 
{EvKaXyzuc, 293.19, -ei? ib. (g); näheres über die Lage dieser 
Stadt bei Woodhouse, Aetolia 374 ff. 

Kallion oder Kallipolis ist die bekannte Stadt im östlichen 
Atollen. Woodhouse, a. a. O. 371 ff. identificiert sie mit dem 
heutigen Kastriotissa. Wie der Name der Stadt, Kalldnohg, 
Kdlhox, auch KctUiai, s. Dittenberger zu Syll. 919, so wechselt 
auch die Form des Ethnikon.s. Für KaWasi'«;, wie Nr. 21 hat, 
sind mir noch folgende Belege zur Hand: 'Eq). uqi- 1905,57 ff. 
Z. 14,1 7 (Thermon, Anfang des III. Jh. vor Chr.); GDI. 1456 A3 
(Thaumakoi, vor 193 vor Chr.); K(t]?i?a£L ergänzt sicher richtig 
Bourguet, BCH. XXIII 498 Nr. 1 2 3" (Delphi, IV. Jh. vor Chr.). 
Sonst kommt in Delphi immer die längere Form vor, Wendel 
verzeichnet S. 323 nur KaXhixokixaq, wie S. 319 KaXAijroXi<;. Ka?t- 
[Äijio]jÄiTav; weiter 'Ecp. ägy. 1905, 94 Nr. IÜ3 (Thermon, 218/17 
vor Chr.); KaUiJto?i]iTäv liest Dittenberger, Syll. 919 (Anfang 
des III. Jh. vor Chr.), AtyitlLTuv hatte der erste Herausgeber, 
Cahen, ergänzt. Ob in der Inschrift von Magnesia a. M. 28 jo 
mit Kern KaX[X\.Elq zu ergänzen ist, bleibt jedenfalls unsicher. 



FREILASSUNGSURKÜNDEN AUS LOKRIS 65 

Im Gebiet der Apodoter lag Potidania (FIoTiftuvie-ug 26^); 
Woodhoiise a. a. O. 3v53 findet es in dem heutigen Omer 
Effendi wieder. Auch dieses Ethnikon kommt in der Inschrift 
aus Thermon 'Ecp. otQX- 1^05,57 Z. 1 7 vor, a])er in der Form 
rioTeiöavieoi;. Über den Weclisel von fi und i in dieser vSippe, 
s. G. INIeyer, Griech. Grannu. 182. 

KaqjQelg 26;^.,,, 34 15. Dies Ethnikon kehrt wieder in der 
Inschrift aus Thermon 'Ecp. ägy. 1905,57 Z. 1 6. ev Kdfcpyjai; 

f COl 

(die Form des Ortsnamens bleibt unsicher) ergänzt Nikitsky, 
Geographische Liste 16, GDI. 258O5-; er fügt hinzu: 'ob auch 
bei Pomtow, Philologus 1899,72 Nr. 1 7i Aitwäwi Ih [Kacpjpäv 
zu lesen ist?' (TitJQdv Pomtow). 

"larcoQioi; (35. n.j^, 5 u) kennen wir sonst nur durch die 
eben erwähnte Inschrift aus Thermon Z, 19. 

"laiog (13 1,5) kommt ausser in delphischen Inschriften (die 
Belege in Wendeis Register 284) auch bei Polybios vor, s. 
dazu Gillischewski, De Aetolorum praetoribus intra annos 221 
et 168 a. Chr. n. munere functis 41. 

risQÖxOeos 21^0 wird wohl dasselbe Ethnikon wie Flagö- 
yßeoc. GDI. 2527 3 sein. Ich möchte glauben, dass üepoxÖEo; 
das ursprüngliche ist und dass die delphische Form durch 
Übergang von e zu a vor q zu erklären ist, vgl. dazu \'alaori, 
Der delph. Dialekt 1 mit Litteraturnachweisen. 

Zum ersten ^lal treten folgende Ethnika auf: Bovraeiti; 
24 20; öaios 13 11, 15i., ; KaiQEv? ^^i-n'i OtvaGTiog 29^1; IIcoqios 
2 17- 29) 1^5-n> l-^3-6-!., ^Oi-'.-ii-u; ^u^^cäog 1 3 a, 1 5 5.10- 12' 20 5, 
21 15, 30 11, 343. 

Die nähere Lage sämtlicher Ortschaften, deren Ethnika 
zuletzt (von Kaq)Q8ig ab) aufgeführt sind, können wir so wenig 
wie die von Buttos selbst genauer bestimmen. Da indes die 
Städte, die wir hier sonst vertreten finden, Naupaktos, Eupa- 
lion, Kaliion, Potidania, im westlichen Teil des ozolischen 
Lokris oder im östlichen Ätolien liegen und das Heiligtum 
des Asklepios ev KqovvoT? sicher nicht von solcher Bedeutung 
war, dass es weit weg wohnende Leute angezogen hat, mö- 



' ziemlich gleich klingt Oivdilnoq GDI. 2041,.. — Über Ortsnamen auf 
-OTO? s. die Bemerkung von Bechtel zu GDI. 5341. 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 6 



66 E. NACHMANSON 

gen wohl auch die übrigen in diesen Gegenden zu suchen 
sein. Vielleicht gehören die 'Iotcoqioi und die KaqpQEig der 
Landschaft Ätolien an, aber im Allgemeinen können wir 
selbst nicht sagen, ob die Orte ätolisch oder lokrisch waren. 
Was die Lage von Buttos betrifft, so vermutete Nikitsky diese 
Stadt in den Ruinen \ xä MccQi^iaQa oberhalb vom Dorfe Skala; 
Woodhouse, der die vStadt übrigens als zur Landschaft Äto- 
lien gehörend betrachtet, verneint es. Bei dem Stand unserer 
Kenntnis scheint es mir völlig verlorene Mühe zu sein, wie 
Nikitsky versucht hat, aus dem Auftreten der verschiedenen 
Ethnika in den einzelnen Urkunden topographische Schlüsse 
ziehen zu wollen. Hätte nicht Tansanias, zum Abschluss drän- 
gend, den letzten Abschnitt seiner Periegese so summarisch 
abgefasst, würden wir vielleicht auch die Lage von Buttos 
näher bestimmen können und überhaupt über die Topogra- 
phie der ozolischen Lokris besser unterrichtet sein. 

IV 

Unter den vielen Namen, die unsere Inschriften nen- 
nen, gibt es nicht wenige, die in irgend einer Beziehung 
Beachtung verdienen. 

Neu (d. h. durch mir zugängliche Namenbücher und 
Indices nicht zu belegen) sind folgende: 

'AyQidbac, (BowTiog 6^^, Iö^q, 22^9, 23 i^). 

'A^jcayicov (NaDjrdxTiog 28 y) wird wohl zu aQjtd^co hören. 
"AQjtayä? und öfter "ApTtaydÖTig in Papyri, s. BGU. II S. 360 
s. v., gehören wohl auch hieher. Dass Harpax, wie der Sklave 
im Pseudolus des Plautus heisst, so zu erklären ist, sagt der 
Sklave selbst, s. Schmidt, Hermes XXXVII 370. So glaube 
ich nicht, dass "ÄQTtayioiv eine Erweiterung des äusserst sel- 
tenen kleinasiatischen Namens Harpagos ist. 

rXavKeac, (KalkiEvc, 21 3) scheint zufälligerweise nicht be- 
legt zu sein, sehr oft aber rAauxiag. 

Ag|ig die Sklavin 18-. Auch Ae^cov AM. XV 309 Nr. 21 
(Thessalien, Grabschrift eines Böoters) fehlt bei Fick-Bechtel 93. 

'Eqv|j,viü)v (E-ujta^ieug 29 y. n,). 'Equi^ivcov, 'Epvp'T]?, 'EgvyiVEvg 
sind belesft. 



FREILASSUNGSÜRKUNDEN AUS LOKRTS 67 

©eklavvEvq (Bovtxio? 13 ,,,) ist wohl ein Rthnikon. 

'Icüviaiog ("loTcoQioi; 3 j,;). 

(Aeovixo?. S. dazu oben S. 33). 

MevDc (NaD:ftttXTi05 4 4) ist sonst nicht belej^t, al)er MevD?Jo? 
u. a., Fick-Rechtel 203. 

Mixxdöcx? (Boi'jTTioi; oft) habe ich zufcälligerweise sonst 
nicht gefunden; gerade dieser Beleg wird von Bechtel, vSpitz- 
namen 10 angeführt. 

Nixojt6k[AOs (ricoQiGi; 14.,) ist, obgleich sonst nicht belegt, 
eigentlich nicht neu, denn NiHOJtToXef,ui kommt dreimal in 
Attika vor, .s. Bechtel, Att. Frauennamen 28. 

Oixedöu«; (ITcopiog 1 3 5) ist mir sonst nicht begegnet. Auch 
OixidSag (Oi)AA,aioi; 1 5 5) ist sehr selten : Oixidörxi; heisst ein Tito- 
lischer Hieromnemon in Delphi GDI. 2514,, BCH. XXVI 250 
Nr. 63, OixidÖTiq ein tragischer Dichter BCH. VII 109 Nr. 5 3., 
(Delos). 

IlvQQavövöai; ClatcoQiog 3 7). 

2[j,Lv8vQ05 (NmjjrdxTio? 31^^); s. dazu oben S. 42 f. 

2vcov {KacpQEvc, 34 15); zu oüg, Fick-Bechtel 256. Im Allge- 
meinen verdient es Beachtung, dass hier wie in Akarnanien, s. 
Preuner, AM. XXVII 343, die Eigennamen aus dem Bereiche 
der Tierwelt sehr häufig sind. Ausser Aecov und Aiixog mit 
Ableitungen, die die zahlreichsten sind, noch AoQxivag, 2xoq- 
jticDV, 'EÄarp- 364. 

ScooL^ai; (Boi^rTio? 1 14) ist neu. Belegt sind aber 2a((ü)Gi/05 
IG. VII 3068 r, (Lebadeia), 2]cjooixi[og IG. I 31 81,;. 2ü)oixa ist ein 
gewöhnlicher Sklavinnenname, s. z. B. Wendeis Register zu 
den delph. Inschr. 316. 

Ottixivag 278 stellt sich zu ^aixi'do? in der kephallenischen 
Grabschrift CIG. 1930 c in = GDI. 1661 d, von Dittenberger 
IG. IX I aus mir nicht ersichtlichem Grund nicht aufgenom- 
men. Aber statt <I)(xixioc, wie Ross auf einem melischem vStein 
las, gibt Hiller von Gärtringen IG. XII in 1219 Oaveog. 

f^eXkibac, ^ {YlodQioc, 1 3 44) wohl zu -cpE}\.r\c, in ^A(peXi\g (Fick- 
Bechtel 276) oder zu cpelXoc, "Korkeiche". 

OiXoxwQog (IIooQLGi; 14 7) ist neu, aber XcoQocpiAoc nennt die 



Dass E sicher ist, sei wegen seines Landsmannes (I>i?Ja8ag 14. bemerkt 



68 E. NACHMANSON 

Inschrift aus Akraephia IG. VII 271 8 4. <1>i?.]oxo)qiov wie Franz 
CIG. 5604 vermutet, bleibt ganz unsicher, s. dazu auch Kaibel 
zu IG. XIV 360. 

Selten oder sonst in irgend einer Hinsicht bemerkens- 
wert sind folgende Namen : 

'AXxidöag (Botjttio; 29.2); derselbe Name in Athen IG. II 
II Add. 834 c 43. 

BcoAog heisst ein im Hause geborener Sklave Nr. 19. Ich 
möchte nicht glauben, dass der Name zu ßonA,- zu stellen ist, 
denn wo kommt das strengdorische w hieher? Ich stelle es zu 
ßd)Aog \Scholle' und glaube, dass auch andere Namen hiermit 
zu verbinden sind, z. B. BcoÄeug GDI. 5407, B(o?t[rix]^fji; 5408 
(Keos), B(t)h]yiQdx'X]c, 5389 4 (Delos) und anderes mehr. 

Adcpvcov (NavjrdxTios 4 20)- Ich finde den Namen sonst nur 
einmal, bei Theophylaktos in Herchers Epistol. Gr. p. 765 
Nr. 8. Er fehlt Fick-Bechtel 90 f. 

AoQHLvai; (KaiQeij? 254). Belege für diesen Namen aus 
Histiaia, Hypata und Delphi gibt Wilhelm, Arch. ep. Mitt. 
XV 118 Anm. 7. 

KivTOi; 5 11. Derselbe Name CIG. II 1 837 = Brunsmid, Die 
Inschriften und Münzen Dalmatiens 20 Nr. 7 (Issa), in der atti- 
schen Fluchtafel Ziebarth, GGN. 1 899, 107 Nr. 3 b = Audol- 
lent, Defixionum tabellae Nr. 59, als Sklavenname GDI. 1731 4 
(Delphi). Der Name ist, wie bereits Wünsch, Rh. Mus. LV 62 
zu meinen scheint, gut griechisch, Koseform auf -xoq, was 
allerdings selten ist, zu Namen auf xiv- (Fick-Bechtel 162). 
Eckinger, Die Orthographie röm. Wörter in griech. Inschrif- 
ten 1 24, Brunsmid, Ziebarth deuten den Namen als Quintus. 
Abgesehen davon, dass die Wiedergabe des lat. qui- durch xi- 
äusserst selten ist, liegt in keiner von den Inschriften ein 
besonderer Grund vor, den Namen als römisch zu fassen, 
vielmehr umgekehrt. So bemerkt Ziebarth ausdrücklich: 'Der 
Name scheint Quintus, also aus römischer Zeit zu sein, wozu 
aber die gute Form der Buchstaben durchaus nicht stimmt'. 
In unseren Inschriften würde es, seitdem OÄcöpog, was Wood- 
house 14 7 las und schon Dittenberger bezweifelte, durch rich- 
tige Lesung geschwunden ist, der einzige römische Name 



FREILASvSUNGSURKUNDEN AUS LOKRIS 69 

sein. Auch Aeuxioq, wie der Sklave 30 ^ heisst, ist bekanntlich 
ein gut griechischer Name, s. Wilhelm, Ost. Jh. III 57. 

Maxeöwv ist der Sklave aus i\mphipolis Nr. 19 genannt. 
Da der Name bei Fick-Bechtel 336 fehlt, seien hier einige Be- 
lege gegeben: IG. III ii S.360 s.v. (Athen), ferner AM. XIV Ql 
Nr. 11i (Phrygien), JHS. XI 164 Nr. 2I2 (Lykaonien), Maxeftwv 
MaxeSovog Heuzey-Daumet, Macedoine 329 Nr. 133 5. 

MeYiaT6Tmo(; (NaujrdxTio? 1 9 2,;). i\usser den Naupaktiern 
(s. oben S. 64) kenne ich nur den Delpher MeyioToti^ioi; GDI. 
1833 2. 

Neog (BovTTio«; 29.,). Für diesen Name kann sonst nur ein 
Beleg angeführt werden: Neo[v IG. VII 2399 (Chorsiai), wo 
jedoch die Ergänzung nicht als völlig sicher betrachtet wer- 
den darf l 

Nöriiia, wie die thrakische Sklavin 5^ heisst, scheint sehr 
selten zu sein. Ausser dem einen Beleg aus Athen bei Bech- 
tel, Frauennamen 1 36 finde ich es nur bei Blinkenberg, Ere- 
triske Gravskrifter 106. 

riapi-ieveiöai; Naxmd'KTiog 23.^] derselbe, IIuQjieA'iSai; geschrie- 
ben, ISg; riapiiSA-iöa? NaimdxTio; noch 1937, 27^. Vgl. dazu Crö- 
nert, Mem. Gr. Herc. 285 f. mit Li tteraturnach weisen. 

rieTOoov (wohl BoiJTTioi;), wie ich 4^4, lese, ist sehr selten; 
Fick-Bechtel verzeichnen nur OeTQom' GDI. 326 iii 5 (Phar- 
salos). Auch ITeTQaTo? li-j ist selten. 

nA,dT(OQ 1 3 15. Inschriftlich kenne ich den Namen nur aus 
Heuzey-Daumet, Macedoine 342 Nr. 142. Einen Illyrier Uld- 
TCOQ nennt Polybios IV 55, 2; XXIX 13, 2. 



• Es scheint mir weder nötig noch an und für sich ansprechend, um 
dem seltenen Namen zu entgehen, 'A^xidöag 6 veoc zu lesen, d. h. A. der 
jüngere ; veoc, würde in dem Falle für vecoteqo? stehen, wie Dittenberger, 
OIG. 487,, Lebas- Waddington III 353 (Mylasa), Ost. Jh. VIII 168 Nr. 2^ 
(Notion), Heberdey- Wilhelm, Reisen in Kilikien 146 Nr. 249. Dass in der 
Inschrift aus Buttos \eoq den Artikel hat, in den übrigen nicht, würde hierbei 
nichts zu bedeuten haben, denn auch bei vecoTegoi; kommt beides vor ; mit 
Artikel z. B. in der Inschrift aus Tralles TlaKTiayAovaTavxiyov, AI TQU^^eig 
TlToi avlloyi] TQokliavMV EmyQWQcbv 35 'Aq. 40, ohne Artikel degegen in 
den Inschriften von Magnesia a. M. 85 g, 110 b^, in der Inschrift von Ilion, 
Dörpfeld, Troja und Ilion 455 N. XVg. 



70 E. NACHMANSON 

rioÄv^eva Holvbö'/ov (Boutti« 24 .,). Zu beachten ist die 
Beziehung, in welcher Vaternanie und Tochternanie in Bezug 
auf die Bedeutung stehen. Vgl. dazu Wilhelm, AM. XXIII 
428 mit Litteraturnachweisen. 

SxoQJticov (BovTTioq 6y, 12j,;); dazu Bechtel, Spitznamen 59. 

Xccgig heisst der Sklave 1,,. Denselben Kurznamen trug 
ein pergamenischer (?) Töpfer, s. Zahn bei Wiegand-Schrader, 
Priene 448. Auch als Frauenname erscheint XaQig: jai]tqö(<;) 
XotQiTOi; P. Fayüm 54,;, ^t](tq6?) Xccpeitog BGU. II 560 Col. 1-. 
In dem Epigramm aus x^stypaläa IG. XII iii 192 l-^utet der 
Genetiv aber XccQiog. So las schon der erste Herausgeber, Le- 
grand, BCH. XV 635 Nr. 10; Hiller von Gärtringen schrieb 
XctQio?; dem Namen hat neulich Wilhelm, BCH. XXIX 41 1 f. 
wieder zu seinem Rechte verholfen. Auch hier wird X«()ic; 
fem. sein, denn die Auffassung des Epigramms scheint mir 
am nächsten zu liegen, dass Aq^o) in Stellvertretung von 
XuQig {vKEQ Xcigiog) der Eileithyia die Weihung gewidmet 
hat. Gerade auf Weihungen kommt vkeq mit Genitiv in der 
Bedeutung "in Stellvertretung' oder "im Interesse' beson- 
ders oft vor; reiche Belege gibt soeben R. Güntlier, Indo- 
germanische Forschungen XX 157. 

Athen, den 15. Juni 1906. Ernst Nachmanson. 



71 



MITTEILUNGEN AUvS MEINER SA MM LU NC. II. 
(Hierzu Tafel III -IV). 

1. Eine Aplirodi te-vS tatiiett e (Taf. III). 

Die mit dem antiken Sockel 0,24 m hohe Statuette wurde 
im Kairiner Kunsthandel erworben und soll aus dem Delta 
stammen. An der Herkunft aus Ag)pten ist kein Zweifel. 
Die Erhaltung ist bis auf zwei Fingerspitzen der rechten 
Hand und die rechte Schulterlocke vorzüglich, nur hat der 
weniger als 1 mm dünne Silberüberzug eine hässliche, grau- 
schwarze Färbung angenommen und durch seine Verwitte- 
rung die Formen etwas verwischt. Ohnehin zeigen diese For- 
men jene ein wenig verschwommene Weichheit, die man, wohl 
mit Recht, als Merkmal alexandrinischen Kunststils anzu- 
sprechen pflegt. 

Die Göttin ist nackt in gefälliger Schrittstellung nach 
rechts hin blickend dargestellt. Im leicht gewellten Haar, das 
hinten zu einem Knoten zusammengenommen ist, liegt ein 
breiter Reif, je eine Locke ringelt sich auf die Schultern 
herab. Die linke Hand liegt auf der Brust und hält dort 
den Kestos, dessen Bänder am Rücken wieder sichtbar wer- 
den und unter den Schultern durchgehen. 

Die Bewegung der rechten Hand ist nicht ganz so klar: 
in den Fingern erscheint der Rest eines dünnen gewellten 
Stabes, der sich in zwei Teile spaltet und nahe der Teilung 
eine dem Halse der Göttin zugekehrte Bruchfläche zeigt; 
dieser entspricht am Nacken, wo sich die Schulterlocke lösen 
müsste, eine andere Bruchfläche: ich glaube also den Rest 
als die Schulterlocke deuten zu dürfen, deren eines Ende die 



72 FR. W. V. BISSING 

Finger fassen und herabziehen, während das andere hinten 
hinabfällt K 

Das Motiv ist also etwas verschieden von der atheni- 
schen Statuette ('E(pT][i. dyx- 1 895 Taf. 9), den Bronzen in 
London (Burlington Club, Ancient Greek Art 1904 Taf. XLVII 
156, S. 40) und aus Herculaneum (Antiquites d'Herculanum 
1789, VII 5), der böotischen Thonfigur ('Erpiifi. dpx- 1895,188), 
die alle die Göttin den Kestos umlegend zeigen -. In unserer 
Bronze hat die Göttin die Toilette bereits vollendet, sie ordnet 
spielend noch eben ihre Locken, wie sie das in so vielen 
Aphroditebildern tut. Dabei ist aber bei einem Vergleich mit 
der Bronze in Athen augenblicklich klar, dass beide Figuren 
auf ein Original zurückgehen, das, wie schon Wolters (Frie- 
derichs-Wolters S. 687) vermutet hat, ein statuarisches Werk 
der hellenistischen Zeit sein muss. Die Bronze aus Ägypten 
wird um ihres weniger prägnanten Motivs willen als die 
Variation zu gelten haben. Künstlerisch aber ist sie anzie- 
hender in der geschlossenen Stellung der Beine, der freieren 
Kopfhaltung, der besseren Durchführung der Körperformen. 
Ich glaube sie noch der hellenistischen Zeit zuschreiben zu 
sollen, dem IL oder I. Jahrhundert v. Chr. 



' Vgl. auch C. C. Edgar, Greek Bronzes in Cairo 27ö47. Die Führung 
der Locke kann aber nicht genau entsprechend gewesen sein. 

- Die schönste Figur der Aphrodite, die sich den Kestos umbindet, ist 
wohl die korinthische Terracotta, die, im Besitz des Vereins bayrischer 
Kunstfreunde, seit kurzem im Kgl. Antiquarium zu München ausgestellt 
ist. ITm der vStrenge ihrer Formen willen muss man sie spätestens Anfang 
des III. Jahrh. datieren. Vgl. Münchener Jahrbuch der bildenden Kunst I 
149. Die Bronze in England mit dem auffällig kleinen Kopf, der unge- 
schickten Beinstellung ist bei weitem das geringste Exem]:)lar : die Haar- 
tracht, ohne Diadem, mit Haarknoten auf dem Scheitel, die Armhaltung 
(der rechte Arm ist ganz über die Brust gelegt, die Hand scheint hier, fast 
unter der Schulter, das eine Kestosende zu halten, während die halberho- 
bene linke Hand das andere Gurtende fasst) sind abweichend. Das ürigina' 
kenne ich leider nicht. 



MITTEILUNGEN AUS MEINER SAMINILUNG II. 73 




Abb. 1 . Bronze aus Naukratis (Nr. 1 ). 



2. Teile ei n e s C a n d e 1 a 1) e r s (?) a u s N a u k r a t i s. 



Die auf Taf. IV und Abb. 1. 2 abgebildeten Bronzen sind 
in Kairo erworben und sollen in Naukratis zusammen ge- 
funden sein. Die Angabe ist glaubwürdig, denn alle vStücke 
zeigen die gleiche flotte, aber durchaus decorative Arbeit, die 
gleiche stark kupferhaltige, heut schwärzlich aussehende 
Bronze mit Spuren gelblicher und hellgrüner Patina. vSämt- 
liche Figuren sind tektonisch verwendet gewesen : bei 1 ist 
das ohne weiteres klar, ist doch der Schraubenzapfen noch 
erhalten, mit dem das Stück eingelassen war (Abb. 1) '. Auch 
bei 6 und 7 kann man nicht zweifeln, denn diese Zweigenden 
Sassen, wie die Bruchfläche beweist, an einem Strauch (?), 
wohl demselben, zwischen dessen kurzen, allerdings links 
unbedeutend bestossenen Ästen der Mann Abb. 1 steht. Bei 3 



Auf der Tafel ist dieser Zapfen fälschlich weggelassen. 



74 FR. W. V. BISSING 

und 4 Ist jedesmal am hinteren Rand der Basisplatte ein Steg 
erhalten (bei 4 nur der Ansatz), der die Figürchen mit dem 
Gerät, zu dem sie gehörten, verband. Ausserdem ist bei 3 
unter der Basis noch ein kurzer, breiter Zapfen erhalten, mit 
dem der Erot wohl eingelassen war. 2 zeigt im Rücken den 
Rest eines rundlichen Ansatzes, weiter aber keine Befe- 
stigungsspuren. Der im Text abgebildete Erot 8 (iVbb. 2) 
endlich steht auf einer Papyrusdolde, die mit einem Zäpfchen 
eingelassen war i. 

Ob nun alle Figuren des Geräts erhalten sind und ob 
alle erhaltenen Figuren zu einem Gerät gehörten, ist mit 
Sicherheit nicht zu entscheiden. Wir werden sehen, dass mit 
Wahrscheinlichkeit mindestens zwei Geräte angenommen 
werden dürfen. Auch ob wir uns diese aus Holz oder Metall 
zu denken haben, ist schwer auszumachen: die dicke Schraube 
bei 1 scheint mehr für Holz zu sprechen, die andern »Stücke 
geben keinen direkten Anhalt -. Auf alle Fälle darf man 
annehmen, dass der Holzkern, wenn einst vorhanden, mit 
Metall verkleidet war. 

Sicherer können wir die Figürchen kunstgeschichtlich 
einreihen. Nicht nur der Fundort weist auf Ägypten : der 
Erot Abb. 2 steht auf einer Papyrusdolde, ein aus Ägypten 
in das Kaiser Friedrich-Museum gelangtes Figürchen ^ trägt 
die gleiche gedrehte spitzige Mütze (einen Turban?), für die 
mir andere Beispiele nicht zur Hand sind. Auch stilistisch sind 
beide Stücke eng verwandt : es ist die gleiche, kecke, nur die 



' Hier die Maasse und die wichtigsten den Erhaltungszustand betref- 
fenden Angaben: 1) H. 14,5 cm, einbegriffen den 3cm hohen Schrauben- 
zapfen. Der linke Zweig am Ende etwas bestossen, die rechte Hand ange- 
setzt. Um den Hals trägt der sonst nackte Mann eine Art Tuch. 2) H. 5 cm, 
die Finger der rechten Hand stark bestossen. 3) H. 4, 5 cm, die Spitze des 
linken Flügels fehlt. 4) H. 5 cm. 5) H. 6, 5 cm. 6) H. 7, 5 cm. 7) H. 7, 5 cm, 
bei beiden deutliche Bruchflächen am unteren Ende. 8) H. 9, 5 cm, das un- 
tere Ende des Dübels scheint Bruchfläche zu haben. 

^ Die beiden kurzen Zapfen bei 3 und Abb. 2 sind wohl verstümmelt. 

^ Strzygowski, Hellenistische u. koptische Kunst in Alexandrien 51, 
Abb. 40. Kaiser Friedrich-Museum Inv. 1057. Er trägt um den Hals eine 
ähnliche 'Kette' wie 1, in der Rechten hält er eine Flasche, in der Linken 
einen Schlauch. H. 5 cm. 



MITTEILUNGEN AUS MEINER SAMMLUNG II. 75 

Hauptsache erfassende karrikierende Art, die grotesk kiilineii 
Bewegungen, die rohe Wiedergabe der z. B. nur durch starke 
Gravierung angedeuteten Finger und Zehen, wie sie im 
Arch. Anzeiger 1903, 145 ff. als echt alexandrinisch zu schil- 
dern versucht wurde. Man vergleiche nur zu den Eroten 3 
und 5 und xAbb. 2 die bei C. C. Edgar im Katalog der griechi- 
schen Bronzen Kairos auf Taf. III gesannnelten Typen und 
zu der Gattung ausser den von Strzygowski, Hellenist, u. 
koptische Kunst 51 abgebildeten Bronzen seinen Katalog- 
koptischer Kunst 7002 ff. Als koptisch im eigentlichen Sinne 
wird auch Strzygowski die Figürchen nicht ansprechen wol- 
len, wenn er sie in diese Gesellscha|t gerückt sieht. Aber der 
spätalexandrinischen Kunst, etwa dem IL Jahrhundert n. Chr., 
mögen sie angehören ; man beachte, wie winzig die Flügel 
der Eroten namentlich bei 5 und Abb. 2 geworden sind. Von 
wirklichen Parallelen kenne ich sonst zu den Naukrati.s- 
Figuren nur noch die drei Bronzen der Sammlung Graf (xArch. 
Anz. V 159)1. 

Ähnlich bewegte Eroten wie 5 und 8 gibt es natürlich 
nicht selten (siehe z. B. S. Reinach, Statuaire Taf. 445-447), 
aber wirklich gleiche vStücke kenne ich nicht. Darum bleibt 
auch die Erklärung der Figuren im Einzelnen für mich un- 
sicher und meine Bemerkungen im Folgenden sollen mehr 
Andere anregen, das Richtige zu suchen, als den Anspruch 
erheben, es selbst gefunden zu haben. 

Am klarsten scheint mir das Motiv von 4 : der Bursche 
kauert am Boden und zieht sich einen riesigen Dorn aus der 
Sohle des linken Fusses. Mit wenigen Strichen^ man sieht 



' Diese drei Bronzen sind etwas kleiner als die Müncbener, aber offen- 
bar von einem ganz ähnlichen Gerät. 18 c scheint anch im Motiv mit Navi- 
kratis 4 verwandt zu sein, der Kopftypus von 18 a stimmt genau mit 
Naukratis 2 überein. Auch Graf 1 7 gehört zu der Gruppe. Ist das wirklich 
die Schnauze eines Gefässes oder ein Stück eines Geräts, dergestalt, dass in 
die Öffnung ein anderes Stück eingelassen war? An Meroe als Provenienz 
zu denken, liegt heute kein Anlass mehr vor, aber Th. Schreiber hat mit 
Recht gemeint, dass 17-19 c aus einer Fabrik stammten, die wir heute als 
die von Naukratis bezeichnen dürfen. Die Arch. Anz. V 158 abgebildeten 
Eroten scheinen abweichend im Stil. 



76 FR. W. V. BISSING 

eigentlicli nur die vorquellenden Augen, die plumpe, gerade 
Nase und die abstehenden Ohren — hat der Verfertiger der 
Bronze den leidenden Ausdruck gezeichnet und karrikiert. Da 
3 auf einer ganz ähnlichen Basis steht, auch in gleicher Weise 
befestigt gewesen zu sein scheint, halte ich für möglich, dass 
es das Gegenstück zu 4 darstellt: der behaglich zuschauende 
Erot dem Dornauszieher gegenüber \ 

Als Mittelstück könnte man sich dann 1 denken : müh- 
sam balanciert der Mann mit vorgestrecktem Bauch in den 
Zweigen eines Baumes, dessen Früchte er vielleicht ge- 
jjflückt hat: er scheint in jeder Hand eine der Früchte zu 
halten -. Sein Ausdruck mit dem geöffneten Mund, der vStülp- 
nase und den abstehenden Ohren ist unaussprechlich dumm. 
Zweige desselben Baumes sind wohl 6 und 7, die man etwas 
unterhalb von 1 aus dem Mittelstamm herauswachsen las- 
sen möchte. 

Gegenstücke könnten vielleicht auch 5 ^ und 8 (Abb. 2) ^ 
sein: beide auf einem Fuss voltigierend, dabei in entgegen- 
gesetzter Bewegung, beide mit kleineren Flügeln als 3; 5 
deutlich weiblich, 8 ausgesprochen männlich; 8 scheint nichts 
in den Händen gehabt zu haben, während man die langen ge- 
krümmten Finger von 5 nur durch die Annahme eines Stabes 
oder Scepters, das die Amorette vielleicht beim Balancieren 
benutzt, erklären kann. Da 8 auf einer Papyrusdolde steht, 
muss man 5, wenn anders es wirklich Gegenstück war, auch 



' Der Steg führt sich verbreiternd ein wenig aufwärts. Der Erot hat 
eine grosse Haarflechte, die sich an der Stirn über den Scheitel bis zum 
Nacken zieht ; auch an den Schläfen fällt je eine lange Flechte über die 
Ohren. 

■^ Anfangs habe ich an Kugeln gedacht, aber die Form scheint aus- 
gesprochen länglich. Sie erinnert so stark an die Gestalt der Zweige auf 
den Bechern Bonn. Jahrb. 1903, 99 f. 7, 100 f. 9, dass ich zweifelnd hier 
denselben Busch erkenne, dessen Bestimmung, wie mich Prof. Goebel be- 
lehrt, jedoch nicht möglich ist. 

•' Man beachte die hinten aufgenommenen und aus der Stirn gestri- 
chenen, völlig glatten Haare. Irgend welche Spuren ehemaliger Befesti- 
gung fehlen. 

■* Seine Haare sind, von hinten gesehen, muschelförmig gerillt und 
umgeben den Kopf wie mit einem Kranz. 



MITTEILUNGEN AUS IMEINER SAMMLUNG Tl. 77 

auf eine Blüte setzen ^ Dann werden wir aber diese beiden 
Figuren kaum mit den vorher beschriebenen an einem Cicrät 
denken können, denn es fällt schwer, eine Combination zu 
ersinnen, die Papyrusdolden und innnergrüne Büsche an einem 
und demselben Hausrat zeigte. 

Wohin 2 gehört, vermag ich nicht zu sagen. Die sitzende 
Haltung ist schwer mit der Tatsache zu vereinigen, dass der 
runde Steg, der die Figuren mit dem Gerät verband, liart am 
Rücken, dicht unter den vSchultern ansitzt. In der linken 
Hand hält der Mann wie eine flache Schale; falls die andere 
Hand nicht einfach leer in die Luft gestreckt war, kann sie 
nur einen dünnen blattartigen, auswärtsgehenden Gegenstand 
gehalten haben, dem dann der blöde Blick des Männchens 
folgen würde. Ich hatte an einen Ballspieler gedacht, der den 
herabfallenden Ball mit der Schale auffangen will, aber offen- 
bar zu ungeschickt ist. Doch hat die Deutung vor allem das 
gegen sich, dass der Ball, der allein das Motiv erklärt, kaum 
zur Darstellung kommen konnte 2. 

Die Silhouette von 1 , die Tatsache, dass, nach dem Schrau- 
bengewinde ^ zu urteilen, diese Figur auf einem ziemlich gros- 
sen Gegenstand sass, haben mich immer wieder an einen 
Candelaber ^ denken lassen in Gestalt eines Strauchs. 5 und 8 
würden zu einem Gegenstück mit Papyrusdolden gehören. 
Der Versuchung, die oben angedeutete Reconstruction des 



1 Das Motiv, Figuren, vor allem Götter, auf Blüten zu .stellen, ist in der 
ägyptischen vSpätzeit sehr häufig, wie z. B. Wandbilder in einem der Gräber 
von Koni esch Schugafa in Alexandrien lehren. In altägyptischer Kunst 
finden .sich so nur Tiere im Gebüsch dargestellt. 

- Der glatte vSchädel endigt ganz ebenso wie bei 1 .spitzig nach hinten. 
Ob man dabei an eine krüppelhafte Deformation oder an eine Mütze zu 
denken hat, kann ich nicht ausmachen. Wahrscheinlicher dünkt mich das 
erstere. 

■' Vgl. dafür Strzygowski, Koptische Kunst 701b, wohl auch eine Can- 
delaberkrönung. 

* Vgl. z. B. Museo Gregoriano I Taf. L-LV. Overbeck, Pompei 436-37 ; 
C. C. Edgar, Greek Moulds 33.252 ff. Taf. XVIII 33.258-59. Die Verwendung 
dieser Stücke lässt Edgar mit Recht offen ; lehrreich ist, dass sie in kleinen 
Teilen gegossen und dann aneinander gepasst wurden. Vgl. auch a.a.O. S. XII. 



78 



FR. W. V. BISSING 



einen Leuchters zeichnerisch ausführen /ai lassen, widerstehe 
ich. Vielleicht schenkt uns das Finderglück eines Fachge- 
nossen aus dem Schooss der Erde oder aus den Schnänken 
eines Museums einmal eine sichere Handhabe dazu. 



München. 



Fr. W. von Rissing-. 




Abb. 2. Bronze aus Naukrati.s (Nr. S). 



79 




ATHENISCHE HOCHZEITSGESCHENKE. 



(Hierzu Tafel V-IX). 



Mit Alexander Conze's Herausgabe der attischen Grabre- 
liefs, die nach dem Abschlüsse des dritten Bandes nun das 
Material bis zum Ende des IV. Jahrhunderts v. Chr. übersehen 
lässt, ist für die Geschichte der athenischen Familie die eine 
starke Quelle gefasst, über welche die Archäologie verfügt. 
Aber zu ihrer Analyse, zur Deutung dieser Monumente genügt 
es nicht, dass man Denkmäler einer Gattung, seien es auch 
an 2000, unter einander vergleicht, weder um sie selbst zu 
verstehen, noch um auszuschöpfen, was sie für die Sitten 
Athens lehren können ; dazu ist ihr Anlass zu einseitig. Denn 
Jenseitsglaube und Totenverehrung und das Gefühl für die 
Monumentalität des Grabmals werfen über das Bild des Lebens, 



80 



A. BRÜECKNER 




Abb. 1 . Bild einer Pyxis aus Eretria, 

SO stark es auch nachhallt, einen dichten vSchleier. Ihn zu 
durchdringen und ins Leben selbst zu schauen, hat die bil- 
dende Kunst die Mittel an die Hand gegeben ; wir müssen 
sie nur nutzen. Denn nicht nur für das Grab, sondern auch 
für die Wohnung der Lebenden hat damals, zwar anscheinend 
noch nicht der Bildhauer, wohl aber der Maler bei den Festen 
der Familie und der Götter regelmässigen Anlass gehabt, das 
Leben, wie es war, in typische Bilder zu fassen. Die bemalten 
Vasen müssen nur richtig in ihrem Zwecke verstanden wer- 
den, sinnvolle Festgeschenke an Götter und Menschen zu sein. 
Dies an einem Kreise von Monumenten deutlicher zu 
machen, als es meines Wissens bisher geschehen, und damit 
zugleich eine Ergänzung dessen zu liefern, was die Grabre- 
liefs für das Wesen der attischen Familie lehren, stelle ich die 
nachfolgende Reihe von Vasenbildern zusammen. Ich wähle 
Hochzeitsgeschenke, weil in ihnen neben den Grabreliefs der 
Familiensinn am stärksten zum Ausdrucke kommt, und für 
sie ein Material von einem Reichtume vorliegt, der nur zum 
kleinen Teile bereits erschlossen und, soweit erschlossen, in 
unübersehbare Veröffentlichungen eingestreut ist^ 

I. Der Einzug der Braut. 

Der Bildstreifen auf S. 80-1 läuft ungeteilt um den Stülp- 
deckel einer runden, 7,5 cm hohen Büchse, die in Eretria, 



' Bisher ausführlichste Zusauimenstellung- von Beaxichct und Colliirnon 
in I)arcni1)erj^ et Saj^lio, Dictionnaire d. antiqu. s. v. niatrimoniuni. 



ATIIKNISCHE MOCHZRITSriESCHKNKE 



81] 




nach Murray, White Athenian Vases T. 20. 



zweifellos in einem Grabe, gefunden ist, ein kostbarer Besitz 
des Britischen Museums. Die Technik— auf weissem Grunde 
schwarze Zeichnung, die Gewänder rosa mit bräunlichen Fal- 
tenstrichen oder purpurrot mit weiss, kleine Attribute wie der 
Schmuck des Haares und der Arme vergoldet— scheint dieselbe 
wie an der Münchener Hera-Schale, die Furtwängler um 47U 
ansetzte In allen Einzelheiten beschrieben und auch im all- 
gemeinen als Hochzeitszug erkannt ist das Bild in Cecil H. 
Smith's Catalogue of the Greek and Etruscan Vases HI 393 
Dil. Doch sehen wir genauer zu. 

Die Braut ist, eingehüllt in einen roten Mantel und weis- 
sen Schleier, zaghaft über die Schwelle ihres künftigen Hau- 
ses geschritten. XeTp' M xaQjtw, wie es der Brauch fordert, an 
der Handwurzel, packt sie ihr ausschreitender Eheherr. Die 
heilige Handlung, die hier begangen werden soll, mag einen 
schnelleren Schritt verlangen. Es ist bekannt, dass bei der 
Kindtaufe die Hausgenossen mit dem Kinde um den Herd 
liefen und in dieser Form den neuen Sprossen des Geschlech- 
tes den Göttern des Hauses anempfahlen-^. Dass auch zur 



' Furtwängler und ReichhokI, Griech. Vasenmalerei T. bS ; vgl. das 
Scepter der Hera mit den vSceptern hier. 

■^ Vgl. hierzu und zum Folgenden Samter, p-amilienfeste der C)r. u. R. 
62 undiff. ; Politis, rani)>.ia ounßo?ta, 'EjietTieW toO 'E^Sv. riavejnaTiinioi' 
190b, 151 ff. ; Vürtheim, Mnemosyne 1906, 73; Gruppe, Berl. Phil. Woch 
1906,1137. Amphidromie auf Vasen des V. Jahrh. namentlich in Einzelfigu- 
ren häufig angedeutet; vgl. ausser denen in den Handbüchern Berlin Inv, 
3206; Athen 1287, 1347, 1 349 = C(ollignon et) C(ouve, Catalogue des vases 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII Q 



82 A. BRUECKNER 

Hochzeit eine a|.i(pi8Q0|.iia mgi xr\v Eatiav gehörte, ist bereits 
mehrfach vennutet. Die Bestätigung aus bildlicher Darstel- 
lung erhalten wir ni. W. hier zum ersten Male. Das Bild be- 
schränkt sich auf die wichtigsten Teilnehmer der Feier.Unent- 
behrlich beim Opfer ist das Flötenspiel des Knaben, der dem 
Paare \orauseilt. Das Tempo seines Schrittes ist in der Mitte 
zwischen dem säumigen Paar und dem Paar der laufenden 
fackelschwingenden Frauen, die rechts und links von dem 
lodernden Altar ihn umkreisend gedacht sind, zweifellos die 
^lütter des Paares. Denn lokaste, Klytaimnestra, Medea lässt 
es Euripides aussprechen, dass es die schönste aller Mutter- 
pflichten und -hoffnungen sei, dem Sohn und der Tochter 
die Hochzeitsfackel zu entzünden ^ 

Für andere Festgäste, den führenden Herold, die Väter 
des Paares und ihre Freunde, blieb dem Maler kein Raum. 
Je knapper eine Darstellung, um so voller ist jede Einzelheit 
in ihr zu bewerten. Das gilt für den Stab in der Hand des 
Bräutigams. In der Sprache unterschied der Grieche nicht 
den gewöhnlichen Stab von dem königlichen Scepter, und im 
Bilde führt selbst Zeus im gleichen Sinne wie das Scepter 
den Knotenstock (MdL H 10). Was das Königsscepter für die 
Gemeinde ist, das war der Stab des Hausherrn für die Fami- 
lie, das Symbol monarchischer Gewalt: näoa oixia, sagt Ari- 
stoteles im Eingang der UohxiKu, ßaai^evetai {uro xov tiqe- 
aßiiTCiTGi'. So also ist es hier und auf vielen Familienbildern 
z. B. der Grabreliefs zu verstehen, wenn der Mann im häus- 
lichen Kreise den Stab oder das Scepter führt; von den ural- 
ten Zeiten des Hirtenlebens her ist der Stab das Zeichen, 
dass sein Träger der Herr der Familie ist. Auch dass er hier 
erhoben wird, möchte bedeutungsvoll sein. Der König erhob 
sein Scepter vor dem Altar, wenn er bei feierlichem Verspre- 
chen die Götter anrief, so Agamemnon H 411 f. ÖQxia öe Zsvg 
Xoxoi, eQiybovTioc, noaig "Hoiig* wg eiJtcav tö Gxf]jtTQOV dveöxei'^s 
jiäoi §8oioiv, so Hektor K 321-3, 328-9; und eben zum Altar 



peints du musee nat. d'Athenes) 1560, 1471, 1470 und Athen 12484. Davon 
zu scheiden Amphidromie am Grabe Athen 1781, 1979 = CC. 1046, 1703. 
' Phoin. 345; Iph. Aul. 731; Medea 1024 ff.; Schol. Apoll. Argon. IV 808. 



ATHKXlSCHn IlOCirZEITSCrESCirHXKK 83 

will auch der Hansherr unseres Bildes treten und den vSegen 
des Zeus und der Hera und der anderen Ciötter des Hauses 
auf sich und seine Erwählte herabflehen. Es mag dahinge- 
stellt bleiben, ob der eilige Schritt des Bräutigams beim Ein- 
tritt in sein Haus allein durch die beginnende Amphidromie 
verursacht ist. Denn es ist nicht unmöglich, darin ein Rudi- 
ment der Sitte des Brautraubes zu spüren. Diesen Gedanken 
legen die zahlreichen S3^mbolisierungen des Brautraubes, die 
wir aus der gleichen Zeit besitzen, nahe, die Vasen mit den 
Darstellungen, wie Boreas die Oreithyia, Peleus die Thetis, die 
Dioskuren die Töchter des Leukippos rauben ; auch die tief- 
begründete Parallele, welche die Gruppe unseres Brautpaars 
in der Gruppe des Seelenbräutigams Hermes und der M5T- 
rhine auf der bekannten marmornen Grablek\thos Attische 
Grabrel. 1146 hat, führt zu derselben Auffassung. 

Doch wieder zum Herde des Bildes. Neben ihm steht, ein 
ruhender Pol in der Bewegungen Flucht, eine weibliche Ge- 
stalt, auf ein goldenes Scepter gestützt, die Göttin des Herdes, 
die Göttin, die eben diese Feier von allen Göttern am näch- 
sten angeht, die Hestia dieses Hauses. Dass wir sie mit Recht 
Hestia benennen, dafür bietet zunächst der Gegenstand in 
ihrer vorgestreckten Rechten eine erwünschte Bestätigung. 
Der Güte des Herrn Cecil Smith ist die Skizze zu danken, 
die hierneben beigefügt ist. Eine vergoldete 
Feige hält die Hand. Herr Smith, der früher 
schwankte, ob darin ein Ei oder eine Frucht 
zu erkennen sei, beschreibt: It is a fig, and a 
close examination of it in good light seems to 
me convincing. The object is raised in relief 
and has been gilt: the relief is nearly circular, but the gilding 
has been, intentionally I think, carried on into the flat so as 
to suggest the form of the stalk. In the accompanying drawing 
I have tried roughly to indicate this: you will see that the 
base of the fig is slightly depressed as if by the pressure of 
the index finger against it. Gold would be a not unsuitable 
colour for the lighter tinted fig of Greece. Auch die Göttin 
mit der Feige begegnet m. W. auf diesem lehrreichen Bilde 
zum ersten Male, aber der Zusammenhang hilft das Attribut 




84 A. BRUECKNER 

erklären. Man niuss sich nur des weitverbreiteten, noch heute 
fortlebenden Brauches der y.axaiva[iaxa erinnern ^ Eben am 
Herd, so lauten die Nachrichten, wird jeder, der neu in den 
Hauscult eintritt, das Kind und der Sklave, so gut wie die 
Braut, mit Feigen und Datteln und Nüssen überschüttet: des 
zum Zeichen streckt die Herdgöttin hier dem jungen Paare die 
Feio-e entgegen, eine gesegnete Ehe ihm damit verheissend. 

Es bleiben noch die beiden Gestalten am Anfang und 
am Ende des Bildstreifens. Links die Scepterführende in ge- 
sticktem Chiton ist offenbar in gegensätzlicher Beziehung zu 
der Hestia des Bräutigamhauses gedacht. Schon deshalb muss 
sie eine Göttin vorstellen. Sie geht nicht mit im Zuge, ihre 
Füsse sind beide nach links hin gestellt. Die Braut ist an ihr 
vorübergegangen, aber voll lebhaften Anteils schaut sie ihr 
nach ins neue Haus. Ylagakaßovxeg avxr\v (vij^(pr]v) ix xf\g Jta- 
TQtoa? "EcTTiai; ejti x^]v a[.ia^av äyovoiv dg 'Eatiav Toij ya^AOvvTO? 
EajiEQac, ixavf]!; heisst es bei Photius Lex. I 246 ed. Naber. Vom 
Elternherde fort führt man die Braut. Wer die alte Vorstel- 
lung- von der örtlichen Beschränktheit des Wirkens der anti- 

o 

ken Götter kennt-, den wird es nicht befremden, dass der 
Maler in dieser Gestalt eben die itaxgcha "Eotia der Braut, 
ihre elterliche Herdgöttin, der Herdgöttin des Manneshauses 
gegenübergestellt hat. 

Mit derselben Kürze, mit welcher der Künstler die Ge- 
danken an die Kindheit der Braut in der einen Figur zusam- 
mendrängt, hat er rechts am Ende angedeutet, was ihr die 
nächste Zukunft bringt. Die in Züchten Schreitende geht, 
ohne sich um den Reigen zu kümmern, ihren Weg voraus, 
die ya\ioox6koq, die das eheliche Lager zu richten hat. Die 
Ranke vor ihr wirkt in dem Rundstreifen zunächst nur tren- 
nend und abschliessend, aber das Ornament hat zugleich volle 
Bedeutung. Denn sie ist hochzeitliches und aphrodisisches 



* Schol. Aristoph. Plut. 768 u. a. bei Samter 1, Politis 150. 

* Z. B. Eid der Drerier und Knosier, auf den Usener, Dreiheit, Rh. Mus. 
LVIII 23 hinweist, a 1 3 ff. : 'Ofivwco xdv 'Eotiav xäv 8ft jtQiiTavEio) xai röv Afjva 
TÖv 'ÄYopaiov xai töa' Afiva xov Ta^Xaiov xai xöv 'AnekXcova tov Ae^cpiviov 
— xai TOV 'A3Te?iXo)va t()(( IIoitiov. Dittenberger vSyll. - 463. Vgl. auch Use- 
ner a. a. O. 1 90 ff. 



ATHENISCHE HOCnzl':iT.SCxESCHENKE 85 

Symbol, wie T. IX lehren kann, ein noch archaisch stilisier- 
ter Lorbeer- oder Myrtenzweig, die xoeit{}a/lii, die bei der Hoch- 
zeit vor die Tür, wie aus unserem Bilde /ai entnehmen, des 
Thalamos gesteckt wurde K 

So ist das sinnreiche Bild in seiner Gesanitcomposition 
und in allen Einzelheiten scharf und klar durchdacht. vSo un- 
wahrscheinlich die x^nnahme wäre, wir besässen auf dieser 
Pyxis die erste Fassung dieser Oedanken, so lebendig und 
frisch erscheint doch ihr Verhältnis zu dem vorauszusetzen- 
den Originale. 

IL Hymenaios. 

Im 64. Programm der Archäologischen Gesellschaft zu 
Berlin sind unter dem Titel Anakalypteria mehrere Relief- 
gefässe veröffentlicht, welche die Brautnacht darstellen. Die 
dort gegebene Deutung bedarf in einem wesentlichen Punkte 
der Ergänzung. 

Zwar dass die Gruppe einer Berliner Relief-Lekythos 
(Abb. 2), von der bisher 6 Exemplare aus Unteritalien nach- 
gewiesen sind, wirklich die Braut auf dem Wege zum Lager 
des Bräutigams darstellt, wird entgegen den Zweifeln eines 
Recensenten im Literarischen Centralblatt 1 905, 1 1 35 die bei- 
folgend aus Gerhards Etruskischen Spiegeln Taf. 207, 4 wie- 
derholte Abb. 3 bestätigen. . Aber ob die Braut das leichte 
Tuch, welches sie vor sich hält und über ihren Händen hebt, 
aus Schamhaftigkeit, wie ich annahm, mit zum Bette nimmt, 
daran ist ein Zweifel berechtigt. 

Denn auf der Tarentiner Prachtamphora Gerhard, Apu- 
lische Vasenbilder Taf. 15, von deren Bild ein Ausschnitt in 



* Etym. niagn. 531, 54 xoguOd^iiy i] jiqo twv iJnQwv ödqn'T] ti^8(1£vi)" otl 
oi x^döoi (oüg xogov«; xakovai) däXXovaiv, ü)q xal ^Qvomnoq [Meineke I 216, 
II 748 AojoiJTJioq ; ebenso Kock I 703; ein Chrysippos xcoficoöojroioi; auf 
Delos 261 V. Chr. BCH. 1883, 114]- ' äXXä bäbaq f]n\i£vaq |.ioi xayiv 86tco rig 
Evöoüev xal xoQoitg tcXektovc, dxQaupveii; [^iuqqivtic;'. oi ydQ ;ToiT]Tai dvfxjra?av 
Toiji; x^döoug xai öl^ovi; xai OQKr[y.uc, Xiyovow. Tivkq öe, oti ■»ißriödvTCDV xGtv 
vewv xttl {hjY«teQ(ov Sdcpvag jtQoetiüoTJV ecpißiOK; (codd. ecpi^yion;) xal yd ^lo ig. 
Samter 89; Bötticher, Baumcultus 57 i. xoQv^uky] neben dem Ehebett: EI. 
ceram. IV 72. 



86 




Abb. 2. Lekythos, nach Berl. Wiiick.-Progr. 1903,7. 



AT H ]•: N I SC H K HOCH 7At, I TS( ". ICSC 1 1 I':N K 1? 



87 



Abb. 4 beigegeben ist, legt eine der göttlichen (Gehilfinnen ein 
ähnliches Tuch auf das Lager des Herakles und der Hebe 
nieder. Die Schale auf ihrer anderen Hand soll offenbar /ur 
Fusswaschung der Braut dienen, da eine gleiche vSchale vor 
den Füssen des Brcäutiganis steht. Aber wozu legt sie das 
dünne Tuch aus ihrer Hand auf die Kissen des Bettes? Crcr- 
hard beschreibt: "eine Gefährtin scheint mit ihrer Rechten 




Abb. 3. Nach Gerhard, Etruskische Spiegel T. 207, 4. 



ein Gewand auf die Polster des Lagers zu legen ' und ähnlich 
Furtwängler, Beschr. d. Vasens. 3257: "ein Mädchen — scheint 
mit der R. ein zartes Schleiertucli auf das Kissen neben Hebe 
niederzulegen'. Doch an der Tatsache des Niederlegens ist, 
wie R. Zahn vor dem Original bestätigt, nicht zu zweifeln ; 
nur die Absicht dabei blieb unklar. 

Ein drittes Bild wird den Schleier lüften. Von der 
athenischen Pyxis des IV. Jahrhunderts Nat.-Mus. 1 630 CC. 



88 A. RRUKCKNER 

1959 hat H. L. Lorimer im JHS. 1903, 133 mehr eine Skizze 
als eine Zeichnung- gegeben und sich bei der Deutung auf 
eine Scene des Hochzeitszuges beschränkt. Wir geben daher 
auf Tai V 1 die Hälfte des Streifens der Büchse, die als die 
Hauptseite anzusehen ist noch einmal in der Grösse des Ori- 
ginals nach einer Zeichnung des Herrn Oillieron, ausschnei- 
dend, worauf es in diesem Zusannnenhange ankommt, und 
die Besprechung des ganzen Gefässes für ein geeigneteres 




Al)l). 4. Aus Gerhard, Apul. Vasenbilder T. 15. 



Format zurückstellend. Es ist die erste Vase, bei der ich die 
gütige Erlaubnis und Unterstützung des Museumsdirectors 
Herrn Stais in Dankbarkeit hervorzuheben habe; das sei aus- 
gesprochen zugleich für die anderen Monumente des Natio- 
nal-Museums, die ich weiterhin durch dieses Entgegenkom- 
men zu veröffentlichen vermag. Der abgebildete Teil der 
Pyxis begreift zwei annähernd gleich lange Gruppen und Sce- 
nen. Von links her kommt der Hochzeitszug, geführt von 
dem jrQOT]Yi]TTig, der die Pferde am Zügel hält, umflattert von 



ATHENISCHE HOCHZEITSCxESCHENKE 89 

einem fackeltraj^endeii Eros, auf dem Wagen die Braut und 
der Bräutigam, dahinter die Brautmutter mit zwei Fackeln 
in den Händen, und dazu ein begleitender Reiter. 

Die andere (Gruppe muss eine spätere Scene der Hoch- 
zeit darstellen. Von rechts fliegt ein Eros zuwinkend vmd eine 
Tänie tragend heran. Er richtet seinen Blick auf denselben 
Gegenstand, der auch die Aufmerksamkeit der drei jungen 
Männer vor ihm fesselt: ein Tuch von einer herantretenden 
weiblichen Gestalt vorgehalten — wie das auf der Reliefleky- 
thos Abb. 2. Die flüchtig gezeichneten Finger fassen es von 
den Seiten. Auf dem Tuche sind ein paar Flecken gekritzelt; 
was mitten darin erscheint, hält Herr Gillieron — es bleibe 
dahingestellt, ob mit Recht —für den am Schlüsse der ganzen 
Zeichenarbeit derb aufgemalten Daumen der linken Hand. 
Wozu das Tuch gedient hat, dürfte klar sein. Die Hochzeits- 
gesellschaft, die Angehörigen des Geschlechtes, durch eine 
Dreiheit bezeichnet wie beim Auszug der Braut 'Ecp. ägi- 1 905 
T. 6, werden davon überzeugt, dass die Ehe mit der Jung- 
frau vollzogen ist. 

Darnach leuchtet ein, wozu die Anwesenheit der beiden 
vi)|,icp8iJTQioi auf der Relieflekythos und auf dem Aryballos Ana- 
kalypteria Taf. I notwendig war. Was bei Juden und Arabern 
und in Griechenland heute noch z. B. im Peloponnes als not- 
wendiges Erfordernis der Hochzeit gilt, hat auch im IV. Jahr- 
hundert V. Chr. so gegolten. Der Name des vorzuweisenden 
Tuches steht bei Philostrat in den Handschriften \ in der 
Beschreibung des Ka)[,io?- Bildes, ngo^johov. Schon Welcker 
verstand darin ein ignotum vestimenti vel genus vel nomen 
und verwies dazu auf die verwandten Worte jtQoßoÄii, JteQi- 
ßXrijxa, mi^h]\ia und andere. Die Rolle der Frau auf der 
athenischen Pyxis spielt bei Philostrat der Diener des Dio- 
nys. '0 Sai^icov 6 Kc5[,io? — Ecpeotiixev ev {JaXdfiOu ^vgmq iQvoalq— 
br]lol 8e td jtQOJfuXaia vviicpiovQ \.idla bl^iovc, ev evvfj xsTa{>ar xai 



i Philostr. mai. imag. ed. Vindob. p. b; .T:QO?i.oßi(p vermuteten Furt- 
wängler, Bdl. 1877, 157 und Benndorf ohne Rücksicht auf den Zusammen- 
hang. Welcker in Jacobs' Ausgabe 207; R. Schmidt, De Hymenaeo et Tala- 
sio, Diss. Kiel 188b, b9. 



90 A. RRUECKNER 

6 Köjfiog i]X8i A'8o^ jtapu veovq — ans dem Schlafgeniach zu den 
Hochzeitsgästen wie die vu[.npei5TQia der Pyxis — änaKbc, xal 
oi'jtco 8q)iißoi; — EQvd^Qoc, vko olVoi» xal xa-öeijöov bg^bg vnb xov 
[leOi^eiv. Ti]v 08 dQiGT8Q«v :n;QoßoXi(p ejtsxoov — die linke auf ein 
jTQoßoAiov haltend ; da er nach der weiterfolgenden Beschrei- 
bung die Beine gekreuzt hat, wird er sich an einen Pfeiler 
lehnen, über dem das Tuch hängt — 8iA,fiqp6ai 8s r| -/eiQ bonovoa 
Xitetai xal d^ieAsT, t6 sicodo? 8V dt)xfi toi5 xadevÖEiv, otav oaivovto? 
■r][iäq xov vnvov [xeT£()X'»1''^^i o Xoyiojxog sg Xr[{)'r]v d)v owe^Ei — wenn 
beim Einschlafen das Denken seine Absicht vergisst — b^ev 
xal t6 SV tfi beEia kaixndbwv soixs biacpevyeiv Ti]v x^^Q«, xataQafJ-u- 
jiouvTog ai'niv xov (mvov. Heute lassen die Bauern im Pelopon- 
nes ihre Büchsen knallen, sobald die Brautmutter das Tuch 
vorzeigt; im Altertum w^rd es das Zeichen zum letzten Tanze 
den Gästen gegeben haben. Vater und Mutter sangen dazu 
den Hymenaios. Die Verse des Musaios über die Brautnacht 
des Leander und der Hero werden jetzt mit schärferem Ver- 
ständnis zu lesen sein K 

Man wird nun auch nicht mehr daran rütteln, den Hy- 
menaios von v\ir\v abzuleiten-; er war der in der membrana 
virginalis wohnende Gott. Der Mythos, dass der zarte Jüng- 
ling Hymenaios in der Brautnacht stirbt, ist ursprünglich. 
Seinem Tode tönen Elegien, und wenn die attische Frau am 
Morgen nach der Hochzeit, in ernstem Flöten- und Saiten- 
spiel begriffen erscheint, so wird ihre Weise zum guten Teile 
seinem Schicksale eelten. 



' V. 272 6 8' auTixa 'Kvoaxo {utqt^v, 

xul Oeopdiv fjiEßiioav uqiötovoou Kuf^egeiT]?. 
r\v ydfioc, äXl.' dxoQguxog" h]v ^exog, all,' atey ujivcov 
275 ov t,uYi>lv "H0i]v xiq enevip^ii^aev aoibög- 

ov öaiöcov i\aTQaKTE oekaq 'Qa}\.u[U]n6Kov euA'i'iv 
ov 8e jio'kvoKÜQd nui xiq emax.iQx^oe y^oQEU], 
otJx 'Y^ievaiov äeioe jraTijp xal jroTvia (xiiti^q. 
aXXä Tityfiq OTogeoaoa Te?LeööiYd|.ioioiv ev Mgaic, 
280 Siyr) jtaotöv E7iY[i,e, Evv[upoK6\ir\aE 8' 'Oiiixkt]. 
Nij^ (lev ei^v xeivoioi yaiioaxöXoc,- ovMkox' 'Hcog 
vufupiov eI88 ÄEavSyov d^iYvcÖTOii; evi XixxQoiq 
- In (ItT s()r_^fältigen Dissertation von R. vSchmidt ist doch der Kern 
der Sache verfehlt; siehe dort S, 21 ; O. vSchröder, Pindari cann. 447. 



ATHENISCHE HOCHZEITSGESCHEXKE 91 

III. E p a u 1 i a. 

Die lexikot^rapliischen Excerpte über die Moroen<^aben 
sind von L. Deubner im Arch.Jlib. 1900, 146 ff. erörtert worden) 
sodass es genügt, die einschlägigen Stellen unter dem vStriche 
zu geben ^ Leider knüpft sein lehrreicher Commentar an eine 
Vase wohl des beginnenden vierten Jahrhunderts an, einer 
Zeit, wo es für die Hochzeitsware bezeichnend ist, dass Scenen 
skizzenhaft gehäuft, Ausschnitte aus längeren Bildern anein- 
ander gereiht werden, wie in der im vorigen Abschnitt bespro- 
chenen Pyxis; dadurch wird die Interpretation erschwert, zu- 
mal wenn es sich um einen ununterbrochen fortlaufenden 
Rundfries handelt, wie in dem von Deubner besprochenen 
Falle. Dort und z. B. auch bei dem Petersburger Lekanis- 
deckel, der nun bei Furtwängler-Reichhold Taf. 58 eine vol- 
lendete Abbildung, aber noch keine einleuchtende Erklärung 
erfahren hat, wird man zu sicherer Deutung erst aus ein- 
gehender Betrachtung der Entwickelung dieser zahlreichen 
Klasse von Urkunden der Privataltertümer gelangen. Bis da- 
hin muss es zweifelhaft bleiben, ob die Abteilung der Scenen 
auf der Tafel des Jahrbuchs geglückt ist, ob wirklich links 
die Braut bei dem Thymiaterion oder nicht vielmehr die Ver- 
mählte hinter der Tür des Hauses gemeint ist; immerhin 



^ Eustath. in Q 29 p. 1 337 ed. Basil. >tai EJtau?tia xä [lexä xbv y«(iov, ihq 
8t)^oi xal ITavoaviag (der Lexikograph), ev olq liyei e7iavXi(j.v fjfieyav, xaü'ijv 
ev TT) xoö vu|,i(piou oixia i'i vi)|.i(pT] jtQtöxov im^vXiaxai, xal 8jT;auA.ia xä xatu 
(Handschr. jierd; corr. Bernhardy, Deubner) xr\v exojievi'jv fi^teQm' xov ydnov 
Scöga, naQa xov xr\c \'v^iipr\Q Ttaxgbq cpeQOfieva TOi^; vtjfupioic ev ayj]\iaxi :Ji:Ofi- 
nf\q. nalq ydg, q)iioiv, riyelTO x^aviöa XevxiYv syoyv xal ^lafiTidSa xaioftevi^v 
Eneixa Jtai(; erega xavrjcpoQog, elta ?tOi,Jtal (pigovaai Xexaviöac, a\o\y[iaxa, 
cpoQEia, xtevag, xoitag, dX.aßdGTOox)(;, oav8d^ia, di'jxac, iwqu, vIxqu. ex'iote 
cpTioi xal TTiv jtQotxa. Vgl. Suidas enaiXiu. 

Hesych. XeyMvibeq • x£Qd|.i8ai "koKu.hzq, xal ev oÄq dvÖQU-^id (andere evOqu- 
jtTO.) g'cpEQOv Toli; veoYa^ioic;. 

Phot. xega^iov • Xiyzxax. kni tojv ?.exavift(i)V. avtai öe eioiv ai ?i.Exavi6ec 
XEodfiEai 7caQajt?vT]öiai tfi xatttOXEi^fi xparfioi, Hq vi)v 6i|»o86xa(; al yuA'aTxEi; 
xa?toijöLV • dgaii^iaTa ovv eig xavxaq £fißd>i?^ovoi xal ati'|[^(Ovac, xo[^utoi'Oi ÖE 
auTdi; al vijfxq^ai Eig xäq tcöv vvfAcpicov oixiag. 



92 A. BRUECKNER 

wird es als wahrscheinlich orelten können, dass die Gruppe 
der ev oxiiiiaTi :rto|iJtfj?, unter der Begleitung eines flötespie- 
lenden ^Mädchens geschenkbringenden Frauen auf die Epau- 
li a geht. 

Doch ungleich klarer tritt der Sachverhalt in ursprüng- 
licheren Bildern aus der Mitte des fünften Jahrhunderts hervor. 

Der Mitarbeit, welche diese Studien durch Frau Helvig 
Kinch geb. Amsinck das Glück haben zu erfahren, ist die 
Vorlage zur Abbildung 5 zu danken, nach der Scherbe einer 
grossen Hydria im National - Museum i. Die feiner ausge- 
führte Gruppe rechts, ehemals die Mittelgruppe des Gefäs- 
ses, ist auf Taf. VI wiederholt. In ihr ist an manchen Stellen 
ein Rot zugesetzt, strichweise z. B. an den Bettbeinen, um 
ihre Rundung auszudrücken, auch an der oberen Kante des 
Bettfusses und an der Fläche des Korbes, flächenhaft in eini- 
gen Faltenpartien, so an den am meisten hervorquellenden 
des Mantels der jetzt als die Hauptfigur erscheinenden Frau. 

Links am Rande der Rest einer Säule, die das Innere 
des Hauses bezeichnet und zugleich das Bild abgeschlossen 
haben wird. Wenn an ihr ein senkrechter schwarzer und 
rechts davon ein roter Strich erscheinen, so ist das nicht auf 
Kanneluren zu deuten, sondern entsprechend der römischen 
Sitte aufzufassen, nach welcher die Braut, vor dem Hause 
des Gatten angelangt, an den Türpfosten Fäden oder Woll- 
binden aufhängt (Donat. ad Hecyr. I, 2, 60: maritorum postes 
ungebant ibique lanam figebant) l Drinnen im Hause ist also 
Fest. Links eine Gruppe zweier Frauen ; sie werden Ge- 
schenke bringen ; von dieser oder von den Händen, die sie 
fassten, hängen die Binden, deren Enden erhalten sind. In 
der Mitte aber steht das Bett, darunter ein Spinnkorb, zwei- 
mal von Zweigen umkränzt; hinter dem Bett sind noch zwei 



' Nr. 1619 CC. 1239, h. 0,20, 1. 0,35; Innenseite ungefirnist. Der in Ae?i- 
Tiov 1 890, 1 54, 28 dazu angegebene Fuss gehört zu einem XeßT]? ya[iiKÖq = 
CC. 1 240 ; mit ihm unsre vScherbe zu verbinden, hindert der Mäander, der 
an die.ser Stelle für die Xißi]xeq nicht belegt ist. 

- vSamter 80. 86. Vgl. auch Wolters, Faden und Knoten als .-Amulett in 
Arch. f. Rel.-wiss. 1905, Usener-Beiheft. 



93 




94 A. RRUECKNER 

Frauen, nach rechts gewendet; eine fünfte aber hat sich auf 
den Bettrand niedergelassen, stützt leicht ihre Füsse auf den 
Schemel, lehnt ihren rechten Arm auf das bunte Kissen und 
bietet mit den spitzen Fingern der linken Hand einen Ring; 
er war mit Deckfarbe aufgesetzt. Doch die Andre auf dem 
Bette verharrt in tiefer Verhüllung; ihr Kopf war geneigt und 
nach vorn gekehrt; die Rechte im Schosse hob den Zeige- 
fino-er, die übrigen Finger sind gestreckt wie um einen dün- 
nen Gegenstand zu fassen; der linke Oberarm lag fest an, 
der Unterarm, vom Mantel überdeckt, war nach aussen be- 
wegt. Die Parallele zu den Resten und damit das Verständnis 
der Gruppe ist G. Karo zu danken : er verweist dazu auf den 
Himeros der Adonis-Hydria Milani, Monum. scelti d. R. Mus. 
arch. di Firenze T. 4, wonach die Figur auf S. 79 wiederholt 
ist. Wie der Dämon der vSehnsucht, so macht die junge Frau 
das Rädchen an den Fäden schnurren. Ihr Mann ist davon- 
gegangen, sie aber lässt den Liebeszauber, den das Rädchen, 
die lynx, birgt, wirken : u'yH, sAxe tv ttja-ov ei^iov jtotl öööfxa tov 
ävbgu, die Du den Mann selbst übers Meer und aus der Kam- 
mer das Mädchen zu ziehen verstehst, f\ xai öiajrovTiov £A.x8iv | 
ävhga xai ex {^akd\i(x>v Kolbac, 8JiiffTa[.isvi] '. 

Den nächsten, nur um eine kurze Spanne Zeit jüngeren 
Beleg der Epaulia bietet der schönste von allen ovoi, der 
Kniehut, wie man nach Analogie des Fingerhutes wohl sagen 
darf, den Hartwig nach Gillierons Zeichnungen in der 'Ecp. 
ttQX- 1897 veröffentlicht und dann Svoronos in seinen K8i[xriA.ia 
Tü)v Movoeioov \.iug, den Ernst der Forschung in das Gewand 
des Scherzes kleidend, einer Besprechung unterzogen hat, die 
namentlich für die Auffassung der Inschriften lehrreich ist. 
Der erste Herausgeber hat sich das V^erständnis des Streifens, 
auf den es hier ankommt, und damit auch des Verhältnisses 
der drei Streifen des Kniehutes zu einander mit der Annahme 
versperrt, es handle sich hier um eine Vorbereitung zur Hoch- 
zeit-. Die vii|i(pi], die so abgerückt von ihren Freundinnen im 

' Theokrit II; Anthol. Pal. V 205. Vgl. O. Jahn, Sachs. Ber. 1854, 256; 
Engelmann bei Röscher s. v. "Iv{%, und C. Torr, Rhodes in anc. times, 
Cambr. 1885, pl. 1 A a, Relief einer goldenen Büchse, jetzt im Louvre. 

- Hartwig a.a.O. 111 über T. 10,2: ^] viifirpi] (letä tojv au(utaixT(iiwv 



ATHENISCHE HOCHZEIT.SGESCHENKE 



95 



IniiUiiiflilllllJJlUliüiiUJlUAÜiimumUJMlUM lUM^^^ 




Abb. 6. Bild eines Onos aus Eretria'. 



innern Winkel des Hauses am Bette lehnt, das Haar in der 
Haube umwunden von einer jener gefranzten Binden, wie sie 
auf unserem vorigen Bilde dargebracht wurden, ist offenbar 
nach der Hoclizeit an ihrem Ehebette gedacht. Jene Compo- 
sition war strenger, mehr in der Weise eines grossen Meisters 
auf die Darstellung der Braut hin concentriert; diese lässt 
mehr die Anmut der Freundinnen zu ihrem Rechte kommen. 
Die eine hat ihr einen Vogel ins Haus gebracht, er soll eben 
seine Künste zeigen ; die andere schenkt eine bemalte Lutro- 
phoros, schwerlich noch zu praktischem Gebrauche, sondern 
ihrer Bilder wegen ein Schmuck des Hauses, der durch seine 
Form zugleich an den Anlass des Geschenkes erinnert 2; und 
die letzte Gruppe links stiftet die beiden bauchigen Gefässe 
auf hohem, am oberen Rande herzförmig durchlöcherten Fus- 
se, deren Typus den Gegenstand dieses Kapitels weiterhin 
bilden soll. Kurz sei bemerkt, dass mit dieser Auffassung des 



auxfig Jt Q o 8TOi[,id^oi)öai xöv y«HOV — . Zum Maler des ovoq vgl. Furtwängler- 
Reichhold, Griech. Vasennial. I 290. 

' [Den Zink hat Herr K. Michailidis, Herausgeber der Ilava'ö^i'ivaia, uns 
freundlichst zur Verfügung gestellt. D. Red.]. 

- So hält in einer andern Darstellung der Epaulia, im Bilde der Lutro- 
phoros Nat.-Mus. 12540, eine junge Frau eine ihr eben überreichte Lutro- 
phoros im Schosse, die Bilder betrachtend. 



96 A. BRÜECKNER 

rechten Streifens eben die zeitliche Folge des Bildschmuckes 
des ganzen Gerätes sich ergibt; nur darf man nicht an den 
rein symbolischen Inschriften kleben, wie es ja sowohl Hart- 
wig als namentlich Svoronos schon erkannt haben. Der 
linke Streifen gliedert sich in drei Scenen, in jeder ist die 
Braut dargestellt: links überbringt ihr Eros als der Beauf- 
tragte des Freiers seine Werbegeschenke; in der Mitte wird 
ihr zugeredet; rechts schmückt oder entkleidet sie sich, daher 
sich Himeros auf den Stuhl, auf dem bereits ihr Mantel, hin- 
gesetzt hat. Daran anschliessend .symbolisiert der Querstrei- 
fen, das Ringen des Peleus mit der Thetis, den yd[iO(; selbst, 
und der rechte Seitenstreifen stellt, wie ausgeführt, die Dar- 
bringung der Morgengaben dar. 

Dem sei zunächst noch ein drittes Gemälde hinzugefügt, 
der Hauptschmuck eines jener bauchigen Gefässe, die in dem 
letzt besprochenen Bilde paarweise auftraten, schon einmal in 
den MdL X 34, 2 abgebildet, seitdem zu mir unbekannter Zeit 
von nicht zugehörigen Zusätzen befreit, auf unserer Taf. V 2 
nach einer freilich stark verkleinerten Zeichnung des Herrn 
Gillieron, die um ihret- und des Monumentes willen nur eine 
vorläufige Veröffentlichung im Rahmen dieser Zeitschrift er- 
fahren kann K Das Gefäss ist mit dem Deckel 0,87 m hoch. 
Ein Myrtenkranz zog sich über den Fries hin. Von links ein 
Zug von sechs Frauen, ev öxriii-att Ko\inr\q, wie bei Eustathius 
steht, die vorderste bringt einen schweren Kasten, zwei an- 
dere Körbe oder Schachteln, die letzte ein Salbgefäss. Sie 
schreiten auf die Gruppe zweier Frauen zu, die eng bei ein- 
ander sitzen. Eine dritte Frau, mit dem Spiegel in der Hand, 
steht abwartend dahinter. Die Göttin der Liebe selbst hat 
sich zu der jungen Frau gesetzt; voll Anmut und Würde 
krönt sie das Weib, das ihr Untertan geworden. Es ist wie 
eine Investitur, die von Aphrodite vorgenommen wird. Ju- 
belnd schwenkt dazu der Eros über der göttlichen Mutter, 
die er anblickt, und über der sterblichen Frau seine Kränze. 
Nur die Gekrönte selbst vermag sich noch nicht in ihr neues 



• Nat.-Miis. 1454 CC. 1 228. Th. vSchreiher deutete Adl. ]87b, 347 auf all- 
fjfemeine j^lorificazione ideale della bellezza muliebre. 



ATHENISCH!-: MITTHILUNGEN XXXII 191)1 



BEILAGE I 





ABB. 9. 10. GAMIKOI LEBETES IN ATHEN 



ATIIl=:XTSCIiK irOCnZErTSGESCHEKKE 97 

Los zu finden. Verlegen stützen sich die Hände auf den Stulil- 
rand, starr blicken die Augen. Ihr Anzug scheint noch unfer- 
tig. Aber Siegesstimniung und Festfreude liegen über dem 
Ganzen. Eine Geflügelte schliesst von rechts her den Bild- 
streifen, auch sie Gaben bringend ; ein Arbeitskorb zu ihren 
Füssen deutet auf die Tätigkeit der Hausfrau. Die Lücke 
dazwischen füllte eine Gruppe von vier Figuren; in der Mitte 
ist die Frau des Hauses wiederzuerkennen. Sie .sitzt zurück- 
gelehnt in ihrem Lehnstuhl, die eine Hand vorstreckend. Vor 
ihr steht am Boden ein Gefäss derselben Form wie unsere 
Vase selbst; darüber ist der Fuss eines zweiten erhalten, das 
die vor ihr stehende Frau im Arme, doch wohl leer, gehalten 
hat. Zwischen der links die Gruppe abschliessenden stehen- 
den Frau und der sitzenden w^ar nach sicheren Resten eine 
Leiter gemalt, auf deren vorletzte Sprosse eine langgewan- 
dete Figur anscheinend im Hinabsteigen den Fuss setzt. Zu 
dieser Darstellung gibt es bis jetzt besser erhaltene Paralle- 
len nicht 1. Wir müssen daher mit ihrer Deutung abwarten 
und uns begnügen, die in ihrem Hause waltende, vielleicht 
Ordnung schaffende, vielleicht an den Erinnerungen ihrer 
Hochzeit sich gefallende Frau in der Scene zu vermuten. 

Das Interesse, das die Malerei des fünften Jahrhunderts 
an der Darstellung der Epaulia genommen hat, wird durch 
diese drei, unter einander so verschiedenen Bilder bewiesen 
sein 2. Es ist nun danach unter den vielen Vasenbildern, die 
bisher auf die Schmückung der Braut am Morgen vor der 
Hochzeit oder allgemeiner als Genrescenen aus dem Frauen- 
leben gedeutet worden sind, Umschau zu halten und zu prü- 
fen, welche davon vielmehr als Darstellungen der Epaulia 
anzuerkennen sein werden. Kleinere Gefässe wie Lekythen 
und Pyxiden u. a. können naturgemäss nur Ausschnitte aus 
grösseren und darum deutlicheren Bildern enthalten, eignen 
sich also nicht als Ausgangspunkte der Untersuchung. Daher 



' Die nächste — Melanj(es Nicole 407, Nat.-Mus. 1179 CC. I 24S — hilft 
bisher nicht weiter. 

- Vgl. noch dazu Aphrodite zu den Epaulia erscheinend auf Tarentiner 
Terracotta- Reliefs in Triest bei Arndt-Ameluno- Einzelverk. 507. 



ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 



98 A. BRUECKNER 

wenden wir uns der grossen Gefässform zu, die in diesem 
Zusammenhange schon so oft aufgefallen ist. Die Form siehe 
deutlicher auf Beilage I. 

Dass dies Thongefäss mit dem bronzenen ya\iiyibg oder 
vvfxcpixo? Aeßiis gleich zu setzen ist, der in Tempelinventaren 
genannt wird, ist nach Zahns und Wolters' Vorgang bereits 
angenommen ^ Dafür sprechen die Form und die Bilder daran, 
über deren hochzeitlichen Bezug im Allgemeinen man einig 
ist. Hartwig und Wolters nahmen an, es sei darin das in der 
Lutrophoros geholte Wasser zum Brautbade erwärmt worden. 
Aber so deutlich darauf Bilder an jenem Gefässe Bezug haben, 
so findet sich nichts derart an diesem. Ich komme vielmehr 
zu dem Schlüsse, dass der yajxixo? lelii^g dem Brauche diente, 
dem Paare eine warme Mahlzeit darzubringen, zumal ihm 
beim Erwachen ein warmes Frühstück vor den Thalamos 
zu stellen. 

Dass man beim ersten Hahnenschrei sich zum Weckliede 
einfand, versichern die Lakonierinnen in Theokrits 'EÄevT)? 
'Eni^aXd\iioc, (18,56): NsttfigOa nä\x[i£c kg öqOqov, Ijcei xa JtQÜTOv 
doi86s|e| Evväg ■KEXabr\or\ dvaöxwv eiitpixa öeiqocv, und der Scho- 
liast dazu nennt den Namen des Weckliedes, öieyeQTixöv. Dass 
die jungen Eheleute zu dieser Stunde Hunger hatten und 
man sie nicht nur von ihrer Liebe zehren Hess, wird, wenn 
Beweise dafür nötig erachtet werden sollten, Hesych s. v. Asxa- 
vibeq, s. o., empfehlen; überdies ist die Darbringung warmer 
Speise auf einem der zu besprechenden Gefässe dadurch ange- 
deutet, dass eine Freundin der jungen Frau mit beiden Hän- 
den ein Tuch reicht, in dessen Falten ein bauchiges Gefäss 
mit hohem Deckel zu spüren ist: eine Art, ein warmes Ge- 
richt zu überbringen, die A. v. Salis für den Totencult jüngst 
nachgewiesen hat 2. Dass man ferner die YctM-^^oi ^e.ßr\xeq vor 



' Hartwig, 'Ecp. ägi- 1 897, 1 36-38. 1 899, 35 ; Wolters, Arch. Jhb. 1 899, 1 29 ; 
Richter, .\nnual of Brit. School at Athens XI 230 ; Zahn in Wiegand, Priene 
395. vxjnqjixog Ußy]q IG II 2, 720, 36; 721, 4; vgl. 716 B 11; ya^xöc Ußy]g II 
5, 184 Nr. 767 b, 63; vgl. auch 731 B i 19 i);n:6ßaOea wvcpiJtd. 

^ Nat.-Mus. 1252, nicht bei CC. ; v. Salis, Vortrag im Institut, vgl. die 
Lekythen in der Festschrift für ü. Benndorf 89 ff., wo aber der Sachverhalt 
nicht erkannt ist. 



ATHRNTSCIIE TIOCHZEITSOESCHENKE 99 

den Thalamos stellte, beweist eine Pyxis des Britischen Mu- 
seums, in deren Bilde ihrer zwei vor der Tür stehen, wäh- 
rend der noch beim Anziehen begriffenen Frau Geschenke 
gebracht werden: Furtwängler- Reichhold T. v57, 3. 

Somit erscheint die Vermutung berechtigt. 

Aber zwingender sprechen Form und Schmuck des Ge- 
fässes an sich. Es ist eine Compositbildung, denn Körper 
und Fuss bestanden vorher getrennt. Der hohle hohe Fuss 
ist ursprünglich an seinem oberen Rande mit Zuglöchern ver. 
sehen. Daraus hat man bereits geschlossen, dass das Gefäss 
über ein Feuer gesetzt worden sei. Tatsächlich stehen die bei- 
den Kessel im Bilde der angeführten Londoner Pj^xis über 
einem niedrigen Viereck, das als Aschenherd zu erklären ist. 
Ferner wirkt an dem Körper des Gefässes in den senkrecht 
aufsteigenden Doppel henkeln noch der Gedanke, dass der 
Kessel vom Feuer genommen werden könne. Wirklich begeg- 
net dieser für sich in archaischen Darstellungen des Hoch- 
zeitszuges ^. Endlich gehört zu dem Kochkessel ein schlies- 
sender Deckel, wie er auf den vollständig erhaltenen Exem- 
plaren aufsitzt. 

Indessen die Benutzung des Gerätes ist nur eine ephe- 
mere, auf die Hochzeit beschränkte; vi'f^icpixoc; 'kE{y\]Q nennen 
es ja die Inschriften begrenzend und das Adjectivum beto- 
nend. Tatsächlich ist seine Form ohne Rücksicht auf wieder- 
holte Benutzung hergestellt, da Untersatz und Kessel aus 
einem Stück sind und die Zuglöcher fortfallen. Ebendaher ist 
es auch bemalt. Nicht ein im Feuer brauchbares Gefäss, son- 
dern eins, das ein einziges Mal eine Speise enthalten und 
dann zur Erinnerung an jenen Tag mit seinen Bildern das 
Haus schmücken soll. Und daher auch alle Einzelheiten des 
Schmuckes. Dies festzustellen ist für die Geschichte des Bild- 
und Ornament -Schmuckes und für die Methode der Vasen- 
interpretation wichtig. 

Das Gefäss ist bis in die Dipylonzeit mit derselben Klar- 



' 'E(p. OLQX- 1901 T. 12, Laurent eb. 177; Cat. of vas. in the Br. Mus. 11 
Taf. V, B 197; vc(l. viijirpri bei ihrem Hausfrauenstnhl P. Gardner, Gr. vas. 
in the Ashmolean Mus. Nr. 279. 



100 A. BRUECKNER 

lieit wie die Lutrophoros zurückzuverfolgen ^. Damals wurde 
es allgemeiner gebraucht, auch im Totencult, dem es später- 
hin, anders als die Lutrophoros, fremd ist; als Grabmal ist es 
gesichert AM. 1892, 92; ehe Solon das Stieropfer verbot, wird 
es das Blut des Tieres und die Spende aufgenommen haben. 
Auch die melischen Amphoren hängen damit zusammen. Am 
nächsten verwandt den Exemplaren des fünften Jahrhunderts 
sind die Gefässe aus Eretria, welche Laurent in der 'Eq)ii[j,. 
de/. 1901 veröffentlicht hat. Zwei Einzelheiten teilen sie mit 
späteren: die Götterhochzeit und das Ölfläschchen als Orna- 
ment des Deckelknopfes, das sich mannigfach umgeformt bis 
zu den spätesten Exemplaren erhalten hat. Aber in archai- 
scher Zeit verraten die besondre Bestimmung — uns wenig- 
stens — nur erst die Hauptbilder, ähnlich wie bei der Fran9ois- 
Vase. Dabei erscheint es als die Regel, dass im sechsten Jahr- 
hundert die Götter- oder Heroenhochzeit das hochzeitliche 
Gerät des Menschen ziert. 

Anders im fünften. Was das Ornament im engeren Sinne 
angeht, so treten an dem einen Gefäss vier neue Motive auf. 
Erstens der Granatapfel über dem hochgezogenen Deckel, 
vgl. Beilage I links Nat.-Mus. 1250 CC. 1231 und 1254 CC. 
1235; zweitens der Myrtenkranz 2 Tafel V2 und Nat.-Mus. 
1370. 71 CC. 1849. 48 pl. LI der Tafeln des Kataloges; beides 
naturalistische Ornamente, die gleichzeitig mit der Akanthos- 
Revolution der Palmette in der Mitte des Jahrhunderts auf- 
tauchen. Sicher schon einige Jahrzehnte früher ist das alte 
Strahlen - Muster auf der Fläche des Deckels, am Boden des 
Kessels und am unteren Teile des Fusses in Reihungen von 
Tänienenden umgewandelt; die Absicht ist bereits an Nat.- 
Mus. 1255 CC. 1237 u. 1172 CC. 1229 (Beil. I rechts) und aus- 
gesprochener an vielen späteren Exemplaren zu spüren; man 
möchte annehmen, dass ein Reif oder eine Krone mit vielen 
Bändern bei der Hochzeitsfeier eine Rolle gespielt hätte. Also 
drei Muster, die um des Festes willen da sind. Und viertens 



' Couve, BCH 1898, 277; Laurent a.a.O. 

» Vgl. Hydria Taf. IX, Lutrophoros 1453 CC. 1225, Berlin 2374, Oino- 
choe 1263 CC. 1287 (Annali 1879 N). 



ATHENISCHE HOCHZEITSGESCHENKE 101 

hat das Gefäss aus sich selbst ein Ornament entwickelt, das 
ich der Kürze halber als Zugloch-Muster bezeichnen möchte. 
Gemeint ist dasjenige am oberen Rande des Fusses z. B. 
Beil. I links. Sein öfteres Vorkommen grade an dieser Stelle, 
dazu der Umstand, dass die Zuglöcher auch kreisrund ge- 
macht worden sind (Nat.-Mus. 1251 CC. 1 234), und ihr allmä- 
licher Fortfall lassen keinem Zweifel über den Sinn des Mus- 
ters Raum. Von seiner ursprünglichen Stelle aus ist es auch 
zum typischen Randmuster der Deckel dieser Gefässe ge- 
worden. 

Schliesslich der Figurenschmuck. Es wird auch hier nütz- 
lich sein, die Interpretation von dem, was am meisten orna- 
mental erscheinen kann, zu beginnen, von den geflügelten 
Frauen, die ihre Stelle unter den Henkeln haben. Die schwarz- 
figurigen Exemplare, ausser den oben S. 99 citierten Brit. Mus. 
B 298 \ lehren, wie schon betont, dass der lepög yd\iog im 
sechsten Jahrhundert das typische Bild war. Noch an dem 
ältesten rotfigurigen ÄefSr]; des National -Museums (1172 CC. 
1229, unsre Beilage I r.) sitzt links unter dem einen Henkel 
Dionys; die Vorderseite nimmt der Hochzeitszug des Zeus 
und der Hera ein, gefolgt vom kitharspielenden Apoll, ge- 
führt von der fackeltragenden Artemis. Ihr voraus, unter dem 
rechten Henkel, fliegt Iris mit dem Kerykeion. iVlle jüngeren 
Exemplare stellen eine sterbliche Hochzeit dar. Als man dafür 
sich entschied, ist die geflügelte Figur beibehalten und unter 
jedes der beiden Henkelpaare gesetzt worden, aber niemals 
hält sie mehr das Kerykeion ; vgl. Taf. V 2, VII und VIII. Also 
hat man die Iris aufgegeben, und es erhebt sich nun die 
Frage, ob die Geflügelte Nike darstellt als ^allgemeines Symbol 
sieghafter weiblicher Schönheit' wie vielfach angenommen '-^ 
oder schlechthin un genie alle, wie Couve und Collignon in 
ihrem Katalog zu schreiben pflegen, oder ob Eos. 

Die Y«|Ai>^o''' Xi^y]xeq teilen die Flügelgestalten vor allen 
Dingen mit den Salbgefässen des fünften Jahrhunderts, beson- 



' Auch unter den Akropolis-Scherben scheinen die Götterzüge vertre- 
ten zu sein. 

* Vgl. Bulle bei Röscher Myth. Lex. u. Nike 309. 329. 



102 A. BRUECKNER 

ders den Lekythen, deren einzigen Bildschmuck oft eine sol- 
che Figur ausmacht. Diese sind daher zur Entscheidung der 
schwebenden Frage heranzuziehen. In jeder Sammlung sind 
sie vertreten, allein im National-Museum sind über 35 Leky- 
then dieser Art. Sie waren demnach eine vielbegehrte Ware, 
aber welchem Zwecke sie diente, ist m. W. bisher unerörtert 
gelassen worden. 

Nike ist die Überbringerin des Siegeszeichens. Darum 
ist eine Geflügelte, die vom Hiunnel herabschwebt, mit jeder 
Hand an den Rock ihres Chitons fassend (1599 CC. 1410), 
oder die dahinläuft, beide Hände unter dem Mantel geborgen 
(1833 CC. 1024), mindestens nicht notwendig Nike. Ebenso- 
wenig die Laufende, welche die Hände leer ausstreckt, als 
begehre sie zu fassen. Von den zahlreichen Exemplaren mit 
dieser Figur hat Max. Mayer bereits vor 1 6 Jahren die Deu- 
tung gegeben; .schade dass seine hübsche Entdeckung nicht 
durch bildliche Wiedergabe Gemeingut geworden ist, wie sie 
verdiente; denn sie klärt nicht nur über das fragliche Bild, 
sondern über einen wichtigen Umstand in der Herstellung 
der Lekythen überhaupt auf: dass sie häufig paarweis ge- 
malt worden sind. Unsere Beilage H will das Versäumte 
nachholen. Für den, welcher den Mythos von der Verfolgung 
des spröden Jägers Kephalos durch die (löttin der Morgen- 
röte und ihre Darstellung auf Vasen des fünften Jahrhunderts 
kennt, ist es klar, dass ebendaher die Bilder der beiden Leky- 
then entlehnt sind. Den Zusammenhang zu besiegeln, ist auf 
beiden das rXavxcov xaXos der gleichen Werkstätte hinzuge- 
setzt ^ So ist in diesem Falle die Deutung auf Eos gesichert; 
und von hier aus wird sie auch für die vorher angeführten 
Typen nahegelegt. 

Wo aber auf andren Lek}then die Geflügelte mit einer 
oder zwei Fackeln vor einem Altar erscheint, da mag die 
Wagschale sich wieder zu Gunsten der Nike senken; wirklich 



1 M. Mayer, AM. 1<S')1, 311 f. Eos: Nat. Mus. I .Süb CC. 1021, li. 0,16; 
Kephalos 1828 CC. 1020, h. 0,29; erhalten ist also von 2 Paaren verschie- 
flener Grö.sse je ein Gefäss. Vgl. auch E. A. Gardner, Vases in ?"itzwilliam 
Mu.seum Nr. 146. 156. 



ATHENISCHE MITTEILUNGEN XXXII 19Ü7 



BEILAGE II 




m^m^m:.^..Mi'':^. 





ABB. n. 12. LEKYTHOI IN ATHEN 



ATHENISCHE HOCHZEITSGESCHENKE 103 

ist in einem solchen Falle der Gestalt die Inschrift Nm) 
beig-esetzt (2023 CC. 1018, abg. Benndorf, Griech. u. sie. Vasen- 
bilder 19, 3). Vollends, wo sie einen Kranz oder Tänie über- 
bringt; auch da ist sie durch Inschrift bestimmt in zwei 
Fällen: Benndorf 48,1 und El. ceram. I 91 = Röscher u. 
Nike 330. Und doch ist eine Einschränkung begründet. Die 
Fackel gehört der Göttin des Morgenglanzes noch ursprüng- 
licher als der das Opfer entzündenden Nike, und wenn die 
Fackelträgerin den Kopf wie im Vorüberschweben zurück- 
wendet, da ist der Gedanke an Nike geschwunden, deren 
Wesen ein festes Ziel und damit die Richtung des Kopfes 
nach vorn verlangt. vSo ist denn hinwiederum tatsächlich einer 
Geflügelten, die vor loderndem Altar ihre Fackel hebend und 
in der andern Hand eine rote Tänie bringend, mit zurück- 
gewandtem Antlitz vorbeieilt, KAAE|rEO^ d. i. xa^i] y' 'Hcog 
beigeschrieben (Beilage III 1.) \ und zwar auf einem Gefässe, 
welches der Zeit besonders nahe steht, in der diese Figuren 
in der Vasenmalerei aufkamen. Das Gefäss also spricht: Mor- 
genstunde hat Gold im Munde. Dasselbe besagt, wenn ich sie 
recht verstehe, die Inschrift einer Lekythos, die Benndorf in 
einer korinthischen Privatsammlung gezeichnet hat (a. a. O. 
36,9). Die Reste vor der Fackel der Geflügelten AN AN AK 
erinnerten ihn an Pausanias' Angabe, dass in Korintli ein 
Cult der Ananke bestanden hat; aber man wird sich seinen 
eigenen Bedenken anschliessen und eher lesen d'va vai[xi, 
heraus aus dem Bett! Es weckt die Morgenröte — wen? 

Eben das ist bezeichnend an diesen Darstellungen, dass 
der Altar, bei dem die Geflügelte erscheint, nicht näher be- 
zeichnet ist. Keine Andeutung, dass er einer einzelnen Gott- 
heit geweiht sei. Wohl aber erscheint sie einmal mit einer 
Schale in der Hand zwischen einem leeren Stuhle und dem 
Altar (Nat-Mus. 12846), und des öfteren steckt neben dem 
Altar die hochzeitliche xoQvö^db) (El. ceram, I 93=Rosclier III 
330, Nat-Mus. 1827 CC. 1023 pl. 37). Um es kurz zu sagen, 
der Altar ist derselbe wie in der Darstellung des Einzuges 
der Braut in unserem ersten Kapitel, und der Stuhl ist der 



' Nat.-Mus. 12120 aus Eretria, hoch 0,32. 



104 A. BRUECKNER 

Stuhl der Ehefrau, auf dem sie noch nicht sitzt, weil sie noch 
bei ihrem Gatten in der Kammer weilt. Diesen vSachverhalt 
bestätigt ein vSeitenblick auf eine Büchse, die von Heydemann 
für seine Griechischen Vasenbilder VIII ^ (Nat. -Mus. 1558 
CC. 1552) gezeichnet, aber nicht scharf gedeutet und daher 
auch nicht richtig abgerollt ist. Die Scene beginnt mit dem 
Hauspfeiler. Zwei Frauen sind eingetreten, die Gaben brin- 
genden Gratulanten, die eine bringt einen Korb mit, die 
andere hält Rocken und Spindel. Vor ihnen die Scene, die für 
unseren Zusammenhang wichtig ist: ein Mädchen eilt mit 
zwei Schalen, einer davon mit gehäuftem Inhalt, auf die sich 
bereits bewegende Tür der Kammer zu. vSie bringt das erste 
Frühstück. Statt weiterhin das Paar auf dem Lager hat der 
Maler es vorgezogen, den erwünschten Erfolg der Ehe dar- 
zustellen : Mann und Frau traulich bei einander und hinter 
ihnen bereits eine Amme mit dem Kinde. Der gemalte Hoch- 
zeitswunsch wird sich späterhin noch belegen lassen. 

Den Dienst, der in jenem Bilde dem Paare geleistet wird, 
übernimmt aber auch die Geflügelte. Es gibt im National- 
Museum vier Lekythen, auf welchen sie in jeder Hand eine 
Schale trägt; davon bilden wir in Abb. 7 1497 CC. 1386 ab; 
denn hier ist auf der einen Schale die gehäufte Speise wie 
in dem Bilde der Büchse angedeutet ^ Das ist gewiss nicht 
Nike, .sondern Eos, in diesem Falle als die göttliche Schaff- 
nerin des Frühstücks. Dass gelegentlich auch Eros die bei- 
den Schalen bringt (1270 CC. 1612), bestätigt unsere Auffas- 
sung. Nicht dem Altar gelten die beiden Schalen, sondern 
die Bewegung der Geflügelten geht hier wie in weitaus den 
meisten Fällen über ihn hinweg; ihr Ziel ist eben das sterb- 
liche Paar in der Kammer. 

Denn nach dem Angeführten wird es nicht nur erlaubt, 
sondern geboten sein, auch diese Lekythen unter die Mor- 
gengaben einzureihen. Je mehr man von diesen bescheide- 
nen Geschenken sich vergegenwärtigt, um so stärker wird 
die Bewunderung vor der Regsamkeit der Phantasie, die von 



• » Vgl. auch Petersburg 1528 CR. 1873, 22. 187=Reinacb, Rep. d. 
vas. 1, 57, 5. 



ATHFNISCHE MITTEILUNGEN XXXII 1907 



BEILAGE III 





ABB. 13. 14. LEKYTHO! IN ATHEN 



ATH IvN I SC H IC I IOC HZEITSC; ESCH RN K E 



105 



den entwickelten Zeiten der grossen Schalennialer an für den 
einmal gefassten schlichten (iedanken immer neue Formen 
erfunden hat. Würdig des Brygos Hand erscheint die Eos, 
die mit den beiden Schalen dahin schwebt (Reil. III r. Nat- 
Mus. 12233, h. 0,19); die Attribute sind dieselben wie oben, 
aber ein feinerer Gedanke ist hin- 
eingelegt: gleich der Eos auf ei- 
nem schönen, von Millingen (Anc. 
uned. mon. 6, Röscher I 1257) pub- 
licierten Gefäss, die in jeder Hand 
eine Hydria trägt, spendet sie als 
die Bringerin des Taus aus ihren 
Schalen der weiten Erde. Häufi- 
ger indessen scheint .sie in nähe- 
re Beziehung zum Hochzeitspaare 
und zum Hausherde gebracht und 
kommt wie die Freundinnen des 
Hauses. Sie stimmt das Wecklied 
auf der Lyra an, oder schleichend 
huscht sie leise herein, scheint in 
die Hände zu klatschen, oder sie 
giesst die erste Spende auf den 
Hausaltar, die andere Hand im 
Gebet um das Gedeihen des Hau- 
ses erhebend, oder sie ist selbst 
Bringerin der Hochzeitsgeschenke, 
kommt mit Kanne und Schale, mit 
Schale und Thymiaterion, an die 
Frömmigkeit mahnend, oder bringt 
Arbeitskorb und- kästen, den neu- 
en Haushalt zu unterstützen ^ 

Zu der Frage also nach der Deutung der (jeflügelten, 
von der wir ausgingen, ergibt die Umschau nach den Salb- 
gefässen: der allgemeine Gedanke an ein 'Symbol sieghafter 




Al)b. 



AtliL-ii Nal.-.Mus. 14'»; 



' Mit Lyra ö09 CC. 990, Benndorf 47, 1; heranhuschend 1510 CC. 1437; 
in die Hände klatschend 1506 CC. 1382; Spende ausgies.send 1621 CC. 1402; 
mit Schale und Thymiaterion 1307 CC. 1370, Benndorf 47, 2; mit Kalathos 
auf dem Aryballos 1280 CC. 1504. 



106 A. BRUECKNER 

weiblicher Schönheit' findet keine vStütze und der noch all- 
gemeinere, im Grunde auf Deutung- verzichtende an ein ge- 
rne aile lässt sich ersetzen, sobald man die Ware in ihrer 
Gesamtheit betrachtet. So lange sie neu war, in der ersten 
Hälfte des fünften Jahrhunderts, treten an ihr die Beziehun- 
gen zu den Epaulia scharf hervor. Allmählich werden sich die 
Typen abbrauchen und sich schliesslich in die Verschwom- 
menheit der bisherigen Deutung verlieren. Aber zunächst 
sollte die Waare ein einfaches und sinnvolles Geschenk sein ; 
am Morgen nach der Hochzeit dargebracht entspricht das 
Bild dem Wunsche, dass die Morgenröte das Paar erwecken 
möge. Zwar nicht alle diese Lekythen haben das Bild der 
Eos; aber auch wo die Nike durch Inschrift gesichert ist oder 
die Geflügelte eine Tänie bringt, feiert sie keinen andern 
Agon als den hochzeitlichen. Denn als solcher wird auch die 
Hochzeit aufgefasst, das lehren ihre mythologischen Symbo- 
lisierungen, unter denen die häufigste der Ringkampf von 
Peleus und Thetis; vielleicht zielt aber auch die Nike auf die 
zur Frau gewordene Braut, weil sie, der Peitho und dem 
Bräutigam nachgebend, sich selbst, ihre jungfräuliche Scheu 
überwunden hat. Indessen der einfachere, ursprüngliche, die 
Phantasie der Maler stärker anregende Gedanke ist der an 
die Eos gewesen. Dass nun die Lekythoi mit ihrem Bilde 
nicht die einzigen waren, die zu Geschenken für die Epaulia 
auf den Markt gebracht sind, und dass damit z. B. für einen 
grossen Teil der älteren weissgrundigen Lekythen ein ande- 
rer Bezug als der auf die Toten sich als möglich herausstellt, 
wird einleuchten, lässt sich aber jetzt nicht weiter verfolgen. 
Mit diesen Ergebnissen kehren wir zu dem yafuxög Xiß^g 
zurück, der über hundert Jahre länger als Hochzeitsgeschenk 
üblich geblieben ist als die Lekythen, deren ursprüngliche 
Form im Laufe der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts 
ausschliesslich auf den Totencult beschränkt wird. Auf jenen, 
den yttfiiKoi AeßT]T8<;, fehlt die Geflügelte, wo die Einholung 
der Braut dargestellt ist, Nat.-Mus. 1251 CC. 1234: begreiflich, 
denn sie geschieht am Abend, da wäre die Eos sinnwidrig; 
und in einem zweiten, noch altertümlichen, wo nur die Herrin 
mit ihren zwei hinter ihr die Geschenke bringenden Beglei- 



ATHlvNISCinC n()ClIZEITSOESCHI':NKE 107 

teriiinen auf dem Wege zum Hochzeitsliause dargestellt ist; 
da ist der Raum unter den Henkeln von Palmetten ausge- 
füllt, Nat.-Mus. 1255 CC. 1237. Auf allen anderen Exemplaren 
sind die Geflügelten angebracht, selten nur eine, wie Taf. V2, 
in der Regel verdoppelt, wie es die vS}nimetrie des Gefässes 
verlangte; die rein ornamentale Doppelung braucht nicht an 
der Grundbedeutung der Figur irre zu machen. Wie auf den 
Lekythen hält die Figur entweder die Hände unter dem Man- 
tel ; die drei Exemplare dieser Art, welche um die Mitte des 
fünften Jahrhunderts anzusetzen sind, stimmen auch darin 
überein, dass beide Figuren in der gleichen Richtung ums 
Gefäss, also gewissermaassen am Treiben der Sterblichen vor- 
überfliegen, 1274 CC. 1363, 1617 CC. 1580, 1618 CC. 1581. 
Sonst eilen die beiden Gestalten auf die Hauptscene zu, 
mit Fackeln in den Händen, einmal mit einer Ranke; am 
häufigsten aber, im National-Museum an 16 Exemplaren, brin- 
gen sie Gaben, Tänien, Kästen, Kalathoi, Alabastren und auf 
den Vasen des vierten Jahrhunderts das Tympanon. Wenn 
schliesslich, wie in den Malereien an dem Fusse einiger Lebe- 
tes aus der Zeit um 300 \ die Beiden sich an den Händen wie 
zum Rundtanze fassen, so haben sie in der Tat ihre ursprüng- 
liche Bedeutung als Darstellungen der Eos eingebü.sst und 
sind allmählich zu Genien des Hochzeitsreigens geworden. 

Endlich zurück zu den Hauptbildern der Lebetes. Wir 
gingen davon aus, dass die Götterhochzeit geführt von Iris 
das übliche archaische Bild gewesen sei. Danach bleibt das 
durchgängige Thema, solange man Vasen bemalt hat: wir 
bringen der jungen Frau Geschenk. Aber das Thema beleben 
die Variationen, die aus den Verhältnissen am Morgen sich 
ergeben. Noch ist die junge Frau dabei, sich die Strümpfe 
anzuziehen, da kommen die Gaben Bringenden, rechts und 
links davon schwenkt Eos oder Nike ihre Fackeln; .so auf 
einem Lebes secundärer Form, mit niedrigem Fusse, gezeich- 
net etwa im Meidias-Stile, Taf. VH, aus dem Nationalnmseum l 



» Nat.-Mus. 1370 CC. 1849, 1371 CC. 1848 pl. LI, und Nr. 1252b. 
* Nach Zeichnung von Frau Kinch, Nat.-Mus. 1659 CC. 1575 pl. 
XLVIII, h. 0,20. Ähnlich Aryballos im Louvre Arch. Jhb. 1894, 57. Die Fin- 



1 08 A. BRUECKNER 

Oder sie ist noch gar nicht aus dem Schlafgemach erschienen; 
die Dienerin bringt, während die Geschenke schon kommen, 
zur geöffneten Thalamostür ein Alabastron, aus dem die Ölna- 
del hervorsieht; also drinnen ist die Herrin noch dabei, sich 
die Haare zu machen ; so auf einem kleinen Berliner Lebes, 
AZ. 1 882, Taf. 7,2, der nächsten Parallele zu dem S. 1 04 citier- 
ten Bilde der Pyxis, auf welcher die Dienerin die Schalen mit 
dem Frühstück ins Schlafgemach trug. Oder eine Freundin 
bringt als Geschenk das Gefäss mit warmer Speise, im Tuche 
wohl verwahrt, Nat.-Mus. 1252. So ist eben die Morgenfrühe 
der Epaulia zum Ausdrucke gebracht, der Epaulia in schlicht 
bürgerlichem Hause. Zum Wecklied versammeln sich die 
Freundinnen und schmücken das Haus und statten es aus mit 
Arbeitskörben und Spinngerät, mit Kissen für die Stühle, noch 
ehe die Hausfrau sich zeigt. Endlich tritt sie aus der Kam- 
mer. Dies ist die Scene des Bildes, das wir dank der Freund- 
schaft des Mitgliedes unseres Institutes Herrn Schazmann 
nach seiner Zeichnung auf Taf. VHI wiedergeben können (1 681 
CC. 1233). Da eilen innerhalb des Rahmens, den die beiden 
Flügelfiguren abgeben, die befreundeten Frauen von beiden 
Seiten mit ihren Geschenken in Lebhaftigkeit heran. Eben 
ist die junge Frau in ihr Wohngemach eingetreten, Scham- 
haftigkeit und Anmut bestimmen ihren Blick und ihre Hal- 
tung; der kleine Eros weicht nicht von ihr, seiner Getreuen 
hat er sich auf die Hand gesetzt, sie zu kränzen. Nun ist die 
Frau zu dem Stuhl getreten, von dem aus sie künftig über 
die Mägde walten und die Freunde des Hauses empfangen 
soll. Denn wie der Stab für den Hausherrn, so ist der Stuhl 
für die Hausfrau bezeichnend ; zum Belege genügt ein Hin- 
weis auf die Grabreliefs. Das Kissen, das hier auf dem 



gerhaltung der Mittelfigur spricht eher für Anziehen eines Strumpfes als 
für Zubinden einer Sandale. Dazu ist Nat.-Mus. 1358 zu vergleichen, ein 
Alabastron strengen Stils ; Vs. eine Fravi mit der R. die Sohle streichend, 
ehe sie den in der L. gehaltenen Strumpf anzieht ; Rs. dieselbe Frau die in 
einem Kasten steckenden Salbgefässe, die ihr geschenkt worden sind, be- 
trachtend ; das Ganze auch eine Gabe zu den Epaulia. Vgl. auch Pyxis im 
Ashmolean Museum JHS 1905, 79 T. IV. 



ATHENISCHE HOCHZEITSGESCHENKE 109 

Stuhle liegt, ist auffällig- hoch, nicht im Verhältnis zum sons- 
tigen Aussehen des Stuhles. Doch der Zusammenhang er- 
klärt es : das Kissen ist frisch gestopft, sichtlich auch ein 
Hochzeitsgeschenk. 

Oder die junge Frau hat bereits ihren Sitz eingenom- 
men, so auf einem älteren 1254 CC. 1235 und einem jüngeren 
Kessel Beil. IV, 1338 CC. 1967, aus der zweiten Hälfte des IV. 
Jahrhunderts. Eroten umflattern sie, während Kästen, Tänien 
und Kranz ihr gereicht werden ; sie selbst eine Gestalt, die 
man wegen ihrer thronenden Haltung und ihres anscheinend 
nackten Oberkörpers geneigt sein könnte, für Aphrodite zu 
halten, wenn nicht die Geschichte des Gefässes, ein jahr- 
hundertlanges Herkonmien und die schärfere Ausprägung 
der älteren Darstellungen für andere Auffassung sprächen. 
Dies ist der Typus, der sich am längsten, bis zum Ende 
der Vasenmalerei gehalten hat und gefülillo.s, trotz reiche- 
ren Farbenschmucks trocken bis zur Erstarrung wiederholt 
worden ist. 

Wieviel tiefer ist hingegen die Stimmung der jungen 
Ehefrau das Jahrhundert vorher erfasst worden ! Wie warm 
wogt es im Busen der Frau, wie feierlich krönt sie die Göttin, 
wie ehrfürchtig schreitet der Zug der Freundinnen in jenem 
Werke, von dem unsere Untersuchung ausging (Taf. V 2). Und 
doch wird die realistische Grösse jenes Bildes noch übertrof- 
fen durch die ideale Auffassung, die aus einer andern Gruppe 
spricht (11 71 CC. 1230). Da lehnt die vi'[xq)i] in ihrem Stuhle; 
ein Eros setzt sacht sein Füsschen auf ihre Schulter, ein 
anderer schwebt, den Myrtenkranz über ihre Stirne haltend; 
sie aber rührt die Seiten der Lyra und lauscht, das Antlitz 
ernst erhoben, dem Flötenspiel, mit dem die Freundin beglei- 
tet. Die Gäste stehen ehrerbietig dabei ; und die getragene 
Weise klingt weiter in der Gestalt der Göttin, die das Rau- 
schen ihrer Flügel mit hoheitsvoller Anmut mässigt und 
nur verhalten ihre Tänie in diesen Kreis bringt. Hydrien, 
deren Bilder die Überreichung der Geschenke an die musi- 
zierende Frau darstellen, geben weitere Belege ab für ernstes 
Lied und Spiel bei den Epaulia, für die fiegia e'i/tea, Morgen- 
gesänge, wie die hier sich einfügende Sappho-Hydria sie 



110 A. BRUECKNER 

bezeichnet '. Wohl den schönsten Beleg bietet die ruveser 
Amphora in München Arch. Ztg. 1 860 T. 1 40, deren Bild erst 
in diesem Zusammenhange verständlich wird. Da sind es der 
Spielenden so viel, dass man an die neun Musen gedacht 
hat, mit Unrecht: im reichen Hause haben sich sechs musi- 
zierende Frauen eingestellt, und zugleich werden Gaben dar- 
gebracht derjenigen, welche eben unter die Haube gekommen 
und überdies vom Maler durch die xoQvi^dA.')] als die gefeierte 
Frau gekennzeichnet ist. 

Dabei sind nun die Frauen immer unter sich, ein Um- 
stand, der so lange den eigentümlichen Charakter dieser 
Bilder verschleiert und so häufig verführt hat, ein beliebiges 
Zusammensein in der Frauenwohnung zu erkennen. Wenn 
man aber die lange Reihe der Monumente überschaut, so 
kann gar kein Zweifel bestehen, dass die athenischen Epaulia 
allein die Frauen angingen. Die weiblichen Verwandten und 
Freundinnen kommen ausnahmslos ohne ihre Männer, und 
die junge Frau empfängt ausnahmslos ohne ihren Mann. Also 
gehörte der Mann am Morgen wieder auf den Markt oder in 
sein Geschäft; ist doch der spartanische Hochzeiter nach 
Plutarch (Lykurg 15) sogar gehalten, selbst am Hochzeits- 
tage ohne seine Braut mit den Kameraden zu speisen. Dass 
aber die Meister des athenischen Kerameikos so empfindungs- 
los gewesen wären, den Abschied des Ehemannes sich ent- 
gehen zu lassen, darf man ihnen nicht zutrauen. Ein leider 
stark zerstörter Kessel, 1173 CC. 1236, trug auf seiner Vor- 
derseite das übliche Bild der Beschenkung, die Rückseite aber 
nehmen die beiden Gestalten ein, die man am Ende dieses 
Aufsatzes findet. Was stellen sie dar? einen Mann, der den 
Stab in der Hand aus dem Hause geht; aber Blick und Hand 
richten sich auf die Frau, die daheim bleibt; ihr Blick, das 
Winken ihrer Hand sagen uns, dass die Beiden einander gut 
sind. Die Geschenke auf der Vorderseite, die Eosfiguren unter 
den Henkeln des Kessels, der Zweck des ganzen Gefässes be- 
stimmen den Zeitpunkt dieser Trennung. Mehrere ähnliche 



> 1260 CC. 1241, Museo Ital. II ()4 T. 6; dazu Nat-Mus. 128S3; vgl. 
auch Annali 1879 N. 



ATHENISCHE HOCHZEITSGESCHENKE 1 1 1 

Bilder geben denselben Gedanken noch deutlicher wieder; 
auf zweien darunter geht der Mann eben davon, wirft nur 
noch einen Blick seiner Frau zu ; denn von der andern vSeite 
werden bereits die Geschenke herangetragen '. 

Schliesslich ist auch derjenige Hochzeitswunsch, auf den 
alle Reden und Gebete und so mancher Brauch hinzielen, 
gemalt ins Haus gebracht worden. Es fiel an dem Lebes 
Taf. V 2 auf, dass der Raum der Vorderseite in zwei Scenen 
geteilt war. Derselbe Fall kehrt in besserer Erhaltung auf 
Beilage I links wieder (1250 CC. 1231 ; Mittelbild bei Heyde- 
mann, Gr. Vsb. XI, 1). Links — und am Fusse der Vase wie- 
derholt — wird die junge Frau beschenkt. Und die andere 
Gruppe? Ein junger Ehemann sieht zu, wie seine Frau ein 
Kind auf den Knieen schaukelt. Was heisst das auf der Vase, 
die als Morgengabe überbracht wird, andres als: möget Ihr, 
Du und Dein Mann, bald an einem kräftigen Jungen Eure 
Freude haben ! 

Dies sind die Typen der ya^iixo! ^^eßriTSC, soweit sie mir 
bekannt geworden ; übergangen sind nur kleine Nachbildun- 
gen, die in Heiligtümer geweiht worden sind 2, wie es scheint, 
aus Anlass der Hochzeit. Aus der Übersicht ist der Schluss 
zu ziehen, dass mit verschwindender Ausnahme alle grösseren 
Gefässe die Epaulia darstellen, woraus dann weiter zu folgern, 
dass sie eben dafür hergestellt und dabei geschenkt worden 
sind. Der yciM^ixo«; ÄeßT)? steht neben der Lutrophoros oder ge- 
nauer gesagt hinter ihr. Mit derselben Absichtlichkeit, mit 
welcher die Lutrophoros für die Hochzeit der Lebenden vor- 
nehmlich mit dem Bilde der Einholung des Brautbades und 
des Hochzeitszuges, also mit Scenen vor dem Brautlager 



1 1490 CC. 1577; Hydria 1177 CC. 1254; Aryballos 1729 CC. 1481; 
Lutrophoros 12280; Krater 1461. 

' So letzthin, nach gütiger Mitteilung des Herrn Ephoros Rhomaio.s, 
an der vStelle des alten Hermai (Paus. II 38,7) in der Gegend oxovc, rpovei'- 
[.lEvoui; in einem Artemis-Heiligtum. Weihungen an Artemis Brauronia 'Eq). 
dpx- 1897, 138. Bemalte Miniatur-Lebetes Nat.-Mus. 1256 CC. 1850, 1456 CC. 
1 604. 1 606 CC. 1 622. — Jüngere unbemalte Gefässe aus hellenistischer bezw. 
röm. Zeit: Furtwängler, Slg. Sabouroff T. 70, Berliner Vasens. 2937 ; Pot- 
tier et Reinach, Necrop. de Myrina 230. 



112 A. BRUECKNER 

bemalt ist, hat man für den yc^wKoc, Aeßt]c; das Bild des folgen- 
den Morgens als das passende erachtet. Eben darauf und auf 
seine Form gründet sich unsere These, dass er ausschliesslich 
für die Überbringung des Frühstücks bei den Epaulia ge- 
dient hat. So ist er mit einem porzellanenen Osterei zu ver- 
gleichen, das, einmal gefüllt, danach den Kamin ziert und 
dort zum Behälter für Stecknadeln wird. Denn ähnlich haben 
nach Photios (S. 91 Anmerk.) auch die Deckelschüsseln, Aexa- 
vibeq, die mit Speise gefüllt wie die Kessel geschenkt sein 
werden — äq vvv öipoSoxag ai yvval'Kec, 'Kokovoiv — , Parfüms 
und Spinngerät geborgen. Indessen ist im Altertum der Hoch- 
zeitsgabe ein höherer Wert beigemessen worden : noch im 
Tode nahm sie die Frau mit in ihr Grab. Der nahe liegende 
Gedanke aber, dass der yafuxoi; liß-^g wie oft die Lutrophoros, 
erst für das Grab angeschafft wäre, lässt sich mit Zuversicht 
abweisen. Denn nicht nur fehlen an ihm, anders als an jener, 
die auf den Tod bezüglichen Bilder, er ist auch niemals in 
den Darstellungen des Totencultes bemerkt worden. Das lässt 
sich verstehen, sobald man anerkennt, dass die beiden Gefässe 
verschiedenen Zwecken gedient haben. Dem unvermählt Ver- 
storbenen wird zwar für das Elysion die Hochzeit vorbereitet, 
aber man greift nicht darüber hinaus. 

IV. Der Dank an Aphrodite. 

Aphrodite ist die Gottheit, der die Braut sich weiht, 
Aphrodite krönt sie nach der Brautnacht, so auf dem Bilde 
des Lebes Taf. V 2 und auf dem Tarentiner Relief Arndt- 
Amelung Einzelverk. 597. Also ist Aphrodite die Gottheit, der 
ihr Gebet und ihr Dank in den Tagen nach der Hochzeit 
vornehmlich gilt. 

Als Europa zur reifen vSchönheit der Aphrodite erblüht 
ist, ov \xr\v 8tiq6v e'[X8Ä?i£v sjt^ d'vöeai. aSii(.i6v laiVEiv 

01)8' otQa jt a Q {} e V h] V j^i l t q rj v d' x Q « v t o v l'QVGdai (Mos- 
chos Id. II 72 f.). Ihr göttlicher Bräutigam löst ihr die Mitra: 
Ivoe be Ol |iLTQi]v, xai oi Xeypc, evn'ov ^Opai" 
T^ 08 ndgog xovq^ Zt]v6<; yivex'' amina vv\i<:pr\' (v. 1 64. 5). 
Als Daphnis seiner Koqt) ein Fliess untergebreitet, spricht 



ATHENISCHE MITTEILUNGEN XXXII H)Ü7 



BEILAGE IV 




ABB. 16. LEBES IN ATHEN 



ATHENISCHE HOCHZEITSCxESCHENKE 113 

sie oreängstig't (Tlieokr. 27,54): rpeC cpeü, xai xuv f^iiTQdiv aTcioyioag. 
Iq Ti 8" e'M'oag; und er ist so übermütig, ihrer Frömmigkeit 
mit der Antwort vorzugreifen: tot nacpia jiQctTiatov lyo) toöe 
ötüQOv oKaQo) '. 

Für die vSitte, das jungfräuliche Busenband der Aphrodite 
zu weihen, nachdem es der (ratte gelöst, werden die böoti- 
schen Terrakotten des fünften Jahrhunderts heranzuziehen 
sein, in welchen die bräutlich Geschmückte mit einem Kasten 
vor die Gottheit tritt und aus ihm ein langes Band zieht, quer 
es über ihre Brust haltend (Winter, Typenkatalog I 67. 68). 

Leider sind wir ja über den weiteren Verlauf der Hoch- 
zeitsfeierlichkeiten nur mangelhaft berichtet. Was das Ono- 
mastikon des Pollux III 34 ff. dazu bietet, sind dürftig zu- 
sammengestoppelte Notizen. Da kommt nun im 1 0. der sog. 
Aischines-Briefe uns aus Ilion eine merkwürdige Nachricht zu, 
die aus dem Beginne der Kaiserzeit stammen wird. Zw^ei 
Freunde sind dorthin gereist, der eine, Kimon, mehr auf ga- 
lante Abenteuer aus als auf die historischen Erinnerungen. 
Er hat Glück, er ist an dem Tage in Ilion, an welchem nach 
altem Brauche die Bräute der Stadt, ai Ya[i,oij[^i8vai Tiagdivoi, 
im Skamander baden, und schilfbekränzt spielt Kimon mit 
der schönen Kallirrhoe die Rolle des Flussgottes. Aber vier 
Tage danach, TsttaQaiv liaTepov fj^iegaLc, nach Hochzeit und 
Epaulia, zieht die Schar der nun Verheirateten, ai vecooti ye- 
Ya[^iT][i8vai, in feierlichem Zuge zum Heiligtum der Aphrodite. 
Die schöne Kallirrhoe sieht ihren Skamander auf der Strasse 
stehen und zeigt ihn ihrer Amme, die sie in ihren Hausstand 
mitübernommen hat : OQäq, tirfir], tov 2xd[xav8Qov, m ttjv otagde- 
viav g'Öcoxa; Da erhebt die Amme ein Geschrei; den Freunden 
wird der Boden unter den Füssen heiss, und sie verschwin- 
den aus dem Hause des Melanippides, vermutlich desselben, 
der auf einer bei den Ausgrabungen gefundenen Inschrift sich 
der Gastfreundschaft des Augustus rühmt (Dörpfeld, Troja 
und Ilion 471, 65). 

Um Kimons Abenteuer bei Seite zu lassen — der reli- 
giöse Brauch, den er ausgenutzt hat, ist von Nilsson, (iriechi- 



^ Vgl. auch Kalliin. Epigr. 38 und Anth. Pal. VI, 8S. 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 



114 A. BRUECKNER 

sehe Feste 364 ff. untersucht — es liegen dabei für uns Mo- 
derne höchst auffällige Verhältnisse zu Grunde. Ilion hatte 
also ein Stadtfest für die Hochzeiten des Jahres und hatte 
ein Dankfest wenige Tage danach, an welchem die eben Ver- 
heirateten zum Tempel der Aphrodite zogen. Liest man aber 
die Fetzen der Überlieferungen zusammen, so ergeben sich 
für Athen ganz ähnliche Verhältnisse. Allgemein setzt Aristo- 
teles voraus, dass man zur Winterszeit heirate, Politika VII 
16: TOL<; bk JtEQi TTjV wQttv xqövok; ü)5 Ol 7to?Joi iQihvxai xaKodc, xai 
vüv, oQioavteq yei\i(x)voq xr[v ovvavXiav noieio'&ai xavx^^v. Was 
Athen im Besondern betrifft, so heisst erstlich der eine Win- 
termonat eben der Hochzeitsmonat, ra[.iT]Aid)v. Zweitens aber 
beschränkte man sich innerhalb des Monats in der Wahl des 
Tages; denn in den Schoben zu Hesiods "Eqy« v. 780 steht, 
dass die Hochzeiten an den Tagen dicht vor Neumond statt- 
fanden : ""Aörivaioi xäg TiQog ovvoSov f|[^i8Qai; l^eAeyovTO tiqoc yd- 
[iovc, xal xä ©eGya^iia IteXonv, tote (pvoincog elvai JtQtotoi oiöfievoi 
yaiioi, xf\c, 2eA.fjvi]5 lovoii? (Usener, codd. ovor\i;) ngbc, 'HXiod 
0VV080V. Drittens besitzen wir in dem patmischen Scholion 
zu Demosth. 57, 43 eine Notiz, deren überlieferter Text be- 
sagt: unter yttpiÄia könne zweierlei verstanden werden, so- 
wohl die Eintragung des Ehebündnisses in die Liste der 
Phratrie, wie auch das Opfer, welches für die heiraten Wol- 
lenden in einem gemeinsamen Acte begangen werde: raji-TjÄia" 
f) elg xovg cpQaxoQag iyyQacprj* evioi be xi]v dvoiav ovxw (pao\ Aeye- 
ad^ai xi]v vjieq twv lieXkovxodv yajxelv f| v co (i.£VT]v rolg ev tu) örij^icp^ 
Mag das nun heissen, innerhalb des ganzen Volkes oder des 
einzelnen Demos, jedenfalls fielen sowohl das Voropfer wie 
die Hochzeiten selbst im ganzen Lande auf bestimmte Tage. 
Und wenn es schliesslich bei Zonaras Lex. s. v. alyig (p. 77) 
heisst: f| öe lepeia 'A{)7]vt)oi ttjv ieqocv aiyiöa cpegovoa xovg veo- 
yd\xovq Elo\\Qiexo, so ist das schwerlich so aufzufassen, dass 
die Athena- Priesterin Tag für Tag oder, wann es Hinz und 
Kunz einfiel zu heiraten, der Athena von der Burg die Aigis 



' Was nach dem Texte des BCH. 1877, 11 in dem Scholion folgt, ist, 
wie ich von A. v. Premerstein lerne, zu dem voraufgehenden Scholion zur 
ersten philipp. Rede zu ziehen. Anders A. Mommsen, Feste der Athener 2>i'^. 



ATHRMSCFTE HOCHZKTTSGESCHENKR 115 

abnahm, sondern vielmehr so, dass sie an einem bestimmten 
Tage Haus bei Haus oder von Gasse zu Gasse ging, um in 
den neubegründeten Hausständen die geforderten Bräuche 
zu vollziehen. 

Demnach gab es Ende des Monats ra|ir]Äicüv Hochzeit in 
der ganzen Stadt. Nun ist aber schon der vierte Tag nach 
Neumond der Aphrodite heilig (vSchol. zu Hes. 800: f\ xsxdQx^] 
lepa 'Acp()o8iTrig xal 'Eq^ov und Athen. XIV 659 e: MevavÖQog 
8v K6A.axt tÖv toiq TETQa8L0Taic; 8iaxovov|j,8vov [jidYgiQov ev xf\ 
xr\g, UuvbTi'wxov 'AcpQoSiTT]? loptf), Kock 292), heilig der Aphro- 
dite, die alle Demen vereinigt. Also sind in ähnlichem Zeitab- 
stande wie in Ilion auch in Athen die Neuvermählten zur 
Aphrodite gewallfahrtet, wie zu schliessen, am 4. Antheste- 
rion. An diesem Tage wird die Ko\x7ir\ zur Aphrodite Pande- 
mos stattgefunden haben, deren Vorbereitung ein Ratsbe- 
schluss den Astynomen zur Pflicht macht (von Prott und 
Ziehen, Leges Graecorum Sacrae II S. 106). 

Die attische Töpferei aber zog aus dem Feste ihren 
Nutzen. Es scheint bisher nicht bemerkt, dass eine stattliche 
Anzahl von Vasenbildern die Anbetung der Göttin darstellt, 
Lekythen, später Eichel- und Kugellekythen, sog. Aryballen, 
namentlich Pyxiden, auch Hydrien, alle aus der zweiten Hälfte 
des fünften und dem vierten Jahrhundert. Oft sitzt die Göttin 
auf einem Felsen. So in dem Bilde einer Lekythos schönen 
Stils, 1 2480 des Nat.-Mus. ; eine junge Frau bringt ihr eine 
Taube. Oder sie thront auf ein Scepter gestützt neben ihrem 
Bilde hinter dem Altar, vor den eine Frau hintritt mit Zwei- 
gen in den Händen ; ihr folgt eine Dienerin mit der Schachtel 
auf dem Kopfe, die wir von den Bildern der Epaulia kennen; 
so auf einer Eichellekythos, die, in der Revue archeol. 30, 
1 875, T. 20 veröffentlicht, nach gütiger Auskunft von E. Pottier 
im Besitze des Herrn von Bauville in Paris .sich befindet; zu 
den beigesetzten Inschriften Bdleia, Evvo[da vgl. unten. Oder 
Eros vertritt die Stelle der Mutter, sitzt auf dem Felsen, vor 
dem ein Lorbeerzweig steckt, die KOQvddkr\] ein Kasten steht 
neben ihm, und zwei Frauen bringen von rechts und von links 
jede einen Kasten und eine Haube (1208 CC. 1945 Kugcllc- 
kythos). Die ganze zahlreiche Klasse von sog. Aryballen mit 



116 A. BRUECKNER 

Goldsclimuck und später mit bunter Bemalung, unerschöpf- 
lich in Darstellung- der Epiphanie und Epaulia der Aphro- 
dite, gehört hierher. Namentlich die Pyxiden, ihre Deckel und 
ihre Rundfriese, sind eine ungenutzte Fundgrube für die Riten 
der athenischen Aphroditeculte. Nur wenige seien herausge- 
hoben. An 1243 CC. 1960 sitzt die Göttin auf ihr Scepter 
gestützt, über ihr hängt der Myrtenkranz, um sie stecken im 
Boden stilisierte xoQi'{>d?iai und gleichen Sinnes naturalistisch 
gegebene Lorbeerreiser; eine junge Frau führt ein Rehkälb- 
chen heran, trägt einen Opferkorb auf der L. und adoriert 
mit der R. ; auf der andern Hälfte des Deckels musizieren zwei 
Eroten über dem Altar der Göttin. Oder— 1432 CC. 1965 — 
diese lehnt auf dem Reiser besteckten Felsen zwischen Bin- 
den umschlungenen Säulen, drumher sprossen Zweige und 
Blumen ; von der einen Seite bietet Eros ihr auf einem Teller 
Früchte dar, von der andern bringt eine Frau einen Kalathos 
und eine zweite tanzt daneben. Oder— Nat-Mus. 13028 — vier 
Frauen umtanzen die sitzende Göttin, die dazu das mit ihrem 
Stern gezierte Tympanon schlägt, mit vielen Gaben, Kästen, 
Hauben, Tänien, Spiegel, Spindel, Kalathos. Klärlich feiert 
die Göttin der Liebe und des Brautbettes an diesem Tag^e 
ihre eignen Epaulia, feiert sie nicht von einer einzelnen vuiicpri 
bedankt, sondern von vielen. Das Interesse an dem Feste 
war so stark, dass allmählich diese Bilder und die Epiphanie 
der Aphrodite und ihre Hochzeit, zumal die mit Dionys, die 
älteren Bilder der häuslichen Hochzeitsbräuche immer mehr 
eingeschränkt haben. 

Epaulia und Aphroditefest, beide waren Teile der Hoch- 
zeit; deshalb hat man die Bilder dieses wie jenes Tages ins 
Haus geschenkt. Für diesen Sachverhalt wird einen lehrrei- 
chen Beleg die Abbildung der Hydria 1484 CC. 1242 auf Taf. 
IX geben, nach einer Zeichnung von H. Kinch hier notwen- 
dig verkleinert. Da thront in der Mitte zwischen noch stili- 
sierten Ranken, in denen die xoQi'dctÄai wieder zu erkennen 
sind, und unter dem Zeichen des Kranzes Aphrodite, angetan 
mit reich umsäumten und gestickten Gewändern, geschmückt 
mit Ohrringen, Halskette und Armspangen, die weiss aufge- 
setzt waren, das volle Haar gefasst in eine breite, Sternen- 



ATHENISCHE HOCHZEITvSGESCHENKE 1 I 7 

bestickte Binde, mit würdevoller Anmut dahin blickend, wohin 
Eros sie zupft und weist. Ihr naht sich eine junge Frau in 
dorischem Chiton mit breitem Saume, auch sie geschmückt 
mit Halskette und Armspange und das Haar vor den anderen 
Frauen von breitem Diadem umwunden ; der Zweck ihres 
Kommens ist, der Gottheit eine Haube und das Alabastron 
darzubringen, das ihr die Begleiterin nachträgt. Hinter der 
Aphrodite zwei stehende Frauen. Das IMotiv des eingestützten 
Arms bei der ersten, die in der andern Hand eine Myrten- 
ranke hält, könnte dagegen sprechen, dass sie, wie die Ge- 
stalten rechts, erst ins Heiligtum und vor die Gottheit hin- 
träte; vielleicht also eine ständige Genossin der Gottheit. Ohne 
Attribut ist die letzte Gestalt hinter und unter dem Henkel 
geblieben. Auch der zierliche Myrtenkranz, der leicht und frei 
um den Hals der Hydria läuft, ist, wie der Kranz im Bilde 
über der Göttin, ein hochzeitliches Symbol. 

Mit diesem Bilde ist der Aryballos des Britischen ]\Iu- 
seums E 698 zu vergleichen, den Jahn in seinem Festgruss 
an Gerhard, Über bemalte Vasen mit Goldschmuck, ver- 
öffentlicht hat; vgl. Abb. 8. Die Göttin in der Mitte, deut- 
lich auf einem Felsen sitzend, über ihr der Kranz, neben ihr 
der Eros, zu den beiden Seiten die hier naturalistisch gege- 
benen Sträucher, links von ihr die Figur mit der Ranke und 
dazu von rechts herantretend ein Paar: kein Zweifel, dass 
hier derselbe Typus weiter entwickelt vorliegt. Nun zeigt 
sich, dass die hinzugesetzten Inschriften E{)8ai[.iovia usw. den 
ursprünglichen Gedanken des Bildes verdunkelten. Hervor- 
gegangen ist der Typus aus der Weihung von Dankesgaben 
an die Aphrodite. Aber da man diese Vasen auch als Ge- 
schenke an das Hochzeitspaar verwendete, so kann im letzten 
Drittel des fünften Jahrhunderts, im Zeitalter der Mythen 
bildenden Sophistik, Aphrodite gewissermaassen entthront 
w^erden, um einer (pr\\xr\, dem Hochzeitswunsche, Platz zu 
machen; so erklären sich die Beischriften Evöainovia, ITdv- 
baioiq und Tyieia, sie wünschen die Gnade der Götter, ein 
allezeit reichlich bestelltes Haus und Gesundheit dazu. Wie 
auch immer die Inschrift über dem Epheben Uolvl . . oc, zu 
ergänzen sein wird, die Analogie der Hydria leitet darauf. 



118 



A. BRUECKNER 



in ihm und der nachfolgenden xa^aj das junge Ehepaar zu 
erkennen. Ganz ähnlich tritt es vor Aphrodite und ihren Kreis 
sowohl auf der schönen Eichellekythos 1284 CC. 1941, bei 
Jahn a.a.O. Taf. I, wie auf der Berliner Pyxis 2719 abg. 
Stackeiberg, Gr. d. Hell. 27. vSo nah verwandt diese Scenen 
den Votivreliefs sind, so verschieden sind sie doch in ihrer 
Zeichnung. Wie viel leichter und anmutiger lässt der Maler 
des Gerätes Götter und Menschen sich ergehen ! 

Ich breche ab, obwohl es leicht wäre, diese Gefässgruppe 
zu erweitern. Denn das Angeführte wird genügen, um den 
Zusammenhang zu begründen, in welchem sie mit den Hoch- 
zeitsofeschenken steht. 




Abb. 8. Nach Jahn, Ül)er bemalte Vasen mit Goldschmuck Taf. II 1. 



V. 



Was lehrt unsre lange Bilderreihe als Ganzes? schon in 
der Form dieser skizzierenden Mitteilung. 

Das Interesse daran ist nicht erschöpft mit der Anschau- 
ung, die sie von einigen, wohl den hauptsächlichsten Mo- 
menten der athenischen Hochzeit gewährt. 

Auch nicht mit dem Aufschluss, den ihre Gesamtheit für 
die Ausstattung des Toten bietet. Denn alle diese Hochzeits- 
geschenke sind ja doch in Gräbern gefunden worden, führen 
also darauf, dass der Herkunft nach zwei Arten von Beiga- 



ATHENISCHE HOCHZEITSGESCHENKE 119 

bell ZU scheiden sind: die eine, die aus Anlass des Todesfalls 
gekauft worden, wie z. B. diejenigen weissgrundigen Leky- 
then, welche das Grabmal im Bilde zeigen, und die andere, 
die den homerischen nxEQea entspricht, die Habe, welche der 
Verstorbene aus seinem ehemaligen Hause mit hinübernimmt. 
Da einerseits anzunehmen ist, dass der Grundstock der Habe 
von der Hochzeit herrührt und andrerseits die Thonware von 
Jahrzehnt zu Jahrzehnt merkliche Veränderungen durch- 
macht, so müsste es bei scharfer Beobachtung der Gräber- 
funde wohl möglich sein, wo sich neben der ersten Gattung 
der Beigaben auch die zweite findet, schliesslich nicht nur 
die Todeszeit, sondern auch die Lebensdauer des Grabinha- 
bers zu ermitteln. 

Aber eine Zusammenstellung von Vasen nach sachlichen 
Gesichtspunkten, wofern sie sich in weitem Rahmen bewegt, 
liefert nicht nur Material für die Sittengeschichte, sondern 
auch für die Geschichte der athenischen Töpferei. Wir haben 
an einigen Beispielen gezeigt, dass nicht nur die Formen der 
Gefässe, sondern auch ihr bildlicher Schmuck wie jedes Han- 
delsproduct von der Nachfrage abhängig gewesen ist. Eben 
das stellt sich als das feste Fundament für die staunenswerte 
Blüte dieses Kunsthandwerks heraus, dass es auf die Gedan- 
ken des Käufers einging, und darin wird das Geheimnis sei- 
nes die damalige Welt umspannenden Absatzes liegen, dass 
seine Ware der Nachfrage des Atheners, dessen TQÖ:n:oi die 
Welt bestimmten, aufs lebendigste und genaueste entsprach 
und ihr entsprechend die Käufer lockte. So will es, um den 
kostbaren Inhalt unsrer Vasensammlungen auszunutzen, nicht 
hinreichend erscheinen, wenn man nur die Freude an der 
schönen Zeichnung weckt oder nur bestimmt, welche Anre- 
gungen von der grossen Kunst her die einzelne Werkstatt 
erfahren, und welche technischen Fortschritte sie gemacht 
hat; sondern, wo man typische Bilder findet, muss man auf 
typische Nachfrage schliessen. Es genügt nicht festzustellen, 
dass das Bild eines Kraters mit Beherrschung der Perspective 
und nach einem Drama des Euripides gemalt ist, sondern aus 
der Tatsache der Ware wäre zu folgern, dass zum Dionysos- 
feste, an dem man den Kleinen die Oinochoen schenkte, der 



120 A. BRUECKNER 

Markt aucli für die Grossen zeitgemässe Gaben anbot. Doch 
mögen viele typische Anlässe erst zu ermitteln, mag auch 
daneben und zu gewissen Zeiten manche Vase um des Künst- 
lers selbst willen auf den Kunstmarkt geliefert sein, das wird 
doch Wolters' Untersuchung über die Lutrophoros und unsere 
darauf fussende Bestimmung des yai-uxog M{h]g lehren, dass 
sich aus der grossen Masse der Production des Kerameikos 
neben der Industrie für den Friedhof eine zu sondernde grosse 
Gruppe heraushebt, welche der hochzeitlichen Ausstattung 
diente. Wieweit sie auszudehnen ist, wie viel in dem Bestände 
unserer Vasensammlungen darauf zurückgeht, muss weiter 
untersucht werden. Die Methode dazu weisen die Überliefe- 
rung über die Morgengaben und das bisherige Ergebnis ihrer 
Nachprüfung : es ist auszugehen von den Gefässformen und 
festzustellen, welcher Art Bilder nun auf der Lekythos, welche 
auf dem Alabastron und dem Aryballos, welche auf den ver- 
schiedenen Arten von Büchsen, welche auf der kExaviq, welche 
auf den H}drien und welche auf dem Arbeitsgeräte der Frauen, 
den Kniehüten und Garnwickeln, vorkommen. Erst wenn 
der Anlass zum Kaufe des Cxerätes bekannt ist, ist auch die 
Absicht seines mythologischen Bildes zu bestimmen : es will 
scheinen, als ob nur zu oft die Annahme gedankenlo.sen Bil- 
des und Ornamentes auf den gedankenlosen Interpreten zu- 
rückfällt. Was Ed. Gerhard einst auf dem etrurischen Gräber- 
felde zu früh begann, das lässt sich heute in Angriff nehmen, 
von dem Grundstocke aus, den das athenische Museum dank 
der Sammeltätigkeit und Uneigennützigkeit seiner Verwaltung 
und der Griechischen Archäologischen Gesellschaft darbietet. 
Doch so wert des Studiums das Geschäft des Banausen 
vom Kerameikos ist, höhere Beachtung verdient doch der 
athenische Bürger und seine Polis. Die Blüte der Kunst 
xA-thens band sich an die voj-ioi der Bürgerschaft, darin lag 
ihre Stärke — es ist nur moderner x\nachronismus, wenn man 
ihre Schöpfungen von Phantasien der Künstler ausgehen lässt 
und darüber die wirkenden vöfxoi, die geschriebenen und die 
ungeschriebenen, vergisst. Für den Bürger und die Entfal- 
tung seiner Demokratie ist es bezeichnend, dass die Bilder, 
welche seine Hochzeit feiern, im fünften Jahrhundert sich 



ATlll':N'ISCini: IIOCnZinTSClESCIIIiNKK 1 21 

durchsetzen. Darin sind nun die Hoclizeitsvasen und die 
Grabreliefs eine Einheit, dass Beide Früchte vom Baume 
der einen bürg^erHchen Kunst sind, welche die Darstellung 
des Familienlebens sich zum Gegenstande nimmt. Es ist von 
Wert, sich ihrer zeitlichen (rrenzen bewusst zu sein. Die 
Periode der attischen Grabreliefs reicht, nach einer fühlbaren 
Lücke im Anfang des fünften Jahrhunderts, von rund 46Ü 
bis 316 V. Chr.; sie beginnt also mit der Zeit, in welcher nach 
dem Sturze des Areopags die letzten ständischen Vorrechte 
fortfielen, so dass nun nicht nur der Mann vom Stande, son- 
dern jeder Bürger den Grabbezirk seiner Familie schmücken 
konnte, wie er die Mittel hatte und wie er von den künst- 
lerischen Leistungen seiner Gemeinde angeregt wurde ; und 
sie dauert bis zum Jahre 317/6, in welchem Jahre der Staats- 
mann Demetrios von Phaleron seine Gesetze gab und darin 
gebot, sich auf die nüchternste Erfüllung der Totenehren zu 
beschränken. Annähernd hält sich auch die Darstellung der 
bürgerlichen Hochzeit auf den Thongefässen in denselben 
zeitlichen Grenzen. Mit dem Aufblühen der athenischen De- 
mokratie erblüht, mit ihrem Hinsiechen vergeht die bürger- 
liche Kunst. Nur führt für ihr erstes frisches Aufsprossen die 
Betrachtung der bürgerlichen Hochzeitsbilder noch um ein 
paar Jahrzehnte über die Mitte des Jahrhunderts und über 
das Aufkommen der Grabreliefs zurück. Die Pyxis von Ere- 
tria mit ihrer original empfundenen Composition und über 
sie hinaus die Eos -Bilder der Lekythen entstammen nicht 
dem Perikleischen, sondern dem Zeitalter der Perserkriege. 
Diesem voraus liegt jene Zeit, als die grossen Herren des 
Tyrannenhofes und der attischen Aristokratie neben ihren 
Neigungen für das heroische Epos und den Dithyrambos im 
anakreontischen Getändel mit schönen Knaben und im tollen 
Treiben mit lockeren Weibern bestimmend waren für das, was 
damals die besten athenischen Töpfer malten. Ihren Übermut 
und ihren Luxus hat im letzten Grunde das schwere Wetter, 
das von Osten heraufzog, gebändigt: den Sieg der Perser 
über die lonier, die Schlacht vor dem Hafen von INIilet im 
Jahre 494, sie darf man das Jena der Griechen nennen. Denn 
wie die Preussen der Jahre 1 806-1 3, so hat die Athener der 



122 



A. BRUECKNER 



Jahre 494-80 die Notwendigkeit ihres Staates Freiheit zu 
sichern zur Gesundung und Vereinfachung aller Lebensver- 
hältnisse geführt. Die sittliche Erneuerung schuf in dem Boden 
dieser Bürgerschaft den Trieb zur Einkehr in das Wesen und 
den Wert der Familie, und ihre geschulte und unternehmende 
Maler- und Töpferzunft wusste ihrerseits eine Ware zu schaf- 
fen, die den Empfindungen und Bedürfnissen ihrer Käufer 
man möchte sagen herzlich entgegenkam. 



Athen. 



Alfred Brueckner. 




23 



DIE MAUERN ATHENS. 
AUSGRABUNGEN UND UNTERSUCHUNGEN. 

(Hierzu Tafel X-XIII). 



Die Untersuchungen, deren Ergebnisse hier vorgelegt 
werden, sind, auch wenn sie eine vor Jahren begonnene Ar- 
beit wiederaufgreifen, jetzt lediglich durch die Ausarbeitung 
meiner Aufnahmen griechischer Stadtruinen veranlasst wor- 
den. Der Wunsch, für die Kritik solcher umfangreicher 
Festungswerke andere, fest datierte Beispiele zu gewinnen, 
musste mich ja in erster Linie vor die athenischen Mauern 
führen, wo am Dipylon durch die themistokleischen Reste 
von 479/8 v. Chr. eine vorzügliche Grundlage gegeben schien. 

Allein durch die dort neben und über einander liegenden 
Stücke verschiedener Bauperioden war nicht leicht hindurch- 
zufinden. Die Darstellung bei von Alten, AM. HI 1878, die 
seither maassgebend geworden war, sowie sein Plan Tafel IH, 
der, von Kawerau-Wilberg FI^axTixa 1890 IIia'. B mit nur 
geringfügiger Änderung wiederholt, noch die Grundlage für 
Judeich, Topographie von Athen 127, Abb. 13 bildet, brach- 
ten nicht überall genügende Aufklärung und standen in ein- 
zelnen Zügen im Widerspruch zu der Aufnahme von Middleton 
(Plans and Drawings of Athenean Buildings 1 900 PI. 24), die 
sich auf ältere Pläne der n^axiix«, besonders von 1873/74, 
stützte. Die Entscheidung war um so schwerer, als manches 
davon inzwischen wieder verschüttet worden war, und eine 
anschauliche graphische Darstellung der für die Kritik ent- 
scheidenden Einzelheiten fehlte, welche diese letzten ausge- 
dehnten Reste der Mauern Athens gewiss verdient hätten. 
Ein Versuch aber, dies nachzuholen, führte zu einer Nach- 
prüfung der seitherigen Publicationen an Ort und Stelle, die 
bald schweres Bedenken gegen die Grundlage der seither 
allgemein geltenden Auffassung erweckte. 



124 F. NOACK 

Diese, die zuletzt noch bei Judeich a.a.O. 123 f. zum 
Ausdruck kommt, sieht in der Mauer 22-24 auf dem Plane 
V. Altens (vgl. Photogr. d. Instituts, Athen Bauten Nr. 205) 
den Sockel des themistokleischen Baues. Es sind jene Reste 
zweier Stirnmauern aus bläulichen, polygonal gefügten Kalk- 
steinorthostaten, die einst zusammen mit einer Zwischenfül- 
lung aus Bruchsteinen den massiven, ca. 1 m hohen, 2,50 m 
dicken Unterbau für die aufgehende Lehmziegelmauer abge- 
geben haben. Bis auf zwei kurze, sicher jüngere Auflagen von 
Brecciaquadern, die eine etwas südlich, die andere nördlich 
von dem bekannten Grenzstein mit der Inschrift OQog Kequ- 
[.leixoij (n^axT. 1872 Tafel, Phot. d. Inst. A. B. 199, Wachsmuth, 
Stadt Athen II 200), waren auf dieser Strecke andere Über- 
reste nicht zu sehen. 

i\nders auf der südlichen Strecke (9-10 bei v. Alten), wo 
die Fortsetzung jenes Orthostatensockels von andersartigen 
Steinschichten bis zu beträchtlicher Höhe überbaut ist. Er 
hebt sich scharf genug von diesen ab, um an seiner einstigen 
Selbständigkeit keinen Zweifel aufkommen zu lassen, und ist 
in Stil und Technik der langen Sockellinie 22-24 zu ver- 
wandt, um von ihr getrennt werden zu können : es sind die- 
selben grossen Polygone, von gleicher Höhe, aus demselben 
harten Burgkalkstein, mit dem gleichen ausgezeichneten Fu- 
genschluss, und auch die Ausfüllung der an der Oberseite 
der Polygone verbleibenden Lücken mit ebenso exact einge- 
passten kleineren Steinen bildet keinen Gegensatz zu der 
Linie 22-24, wie ihn Wachsmuth (II 200. 202) formuliert hat. 
Vielmehr sind diese spitzwinkeligen Zwickelsteine, auch 
wenn sie jetzt auf der Feldseite dieser Strecke meist fehlen, 
die selbstverständliche Voraussetzung für die einheitliche 
Sockeloberkante, welche die aufgehende Ziegelmauer ver- 
langt; überdies gibt ein vorzüglich erhaltenes Stück der 
inneren Sockelwand hinter dem ögog- Stein uns noch heute 
eine Vorstellung vom ursprünglichen Zustand (Abb. 1) Ledig- 
lich die Behandlung der Aussenflächen ist verschieden, inso- 
fern auf den Polygonen von 9-10 eine stärkere, derbere Ru- 
stica gelassen ist. 

Es war somit nur folgerichtig, wenn man auch diese 



Beilage zu S. 124-5. 




Abb. I. Orthostatensockel »SS, Rest auf der vStadtseite hinter 
dem öqoc, - vStein. 




Abb. 2. Mauerstreckc A, Feldseite. 



DIE MAUERN ATHENS 1 25 

südliche Strecke des polyo-onalen Orthostatensockels für tlie- 
mistokleiscli hielt (J. E. Harrison, Mythology and Monuments 
of ancient Athens 8 Fig. 2 ; Middleton a. a. O. Taf. 25 ; Jiideich, 
Jahrbücher f. Phil. 1890, 734). 

Allein gerade diese Stelle hätte auch zu Bedenken führen 
müssen. Unter den mächtigen ""themistokleischen ' Polygonen 
war, auf der Feldseite der Mauer, ein schmaler Streifen poly- 
gonalen Mauerwerks über dem Boden sichtbar, dessen Glie- 
der lässiger aneinander gepasst waren und teilweise sogar 
hinter der Flucht der oberen ])lauen Orthostaten zurücktra- 
ten ; die Steine waren rötlich verwittert, hatten ebenere 
Aussenflächen und durchgängig kleineres Format (Abb. 2 und 
Phot. d. Inst. A. B. 226). Der schwächlichere Eindruck, den diese 
Reste erweckten, machte es äusserst unwahrscheinlich, dass 
sie von Anfang an dazu bestimmt gewesen seien, den grossen 
Blöcken, die jetzt auf ihnen lasten, als Fundament zu dienen. 
Die Frage musste sich aufdrängen, ob sie nicht ursprünglich 
als alleiniger Sockel einer Lehmziegelmauer bestanden haben 
konnten. Dann hätten nur sie Anspruch auf den themisto- 
kleischen Namen, da nach Thuk. I 93,3 die Mauer vom Win- 
ter 479/8 überall, wo sie sich fand, an dieser Stelle die erste, 
und da, wo mehrere Bauperioden sich scheiden Hessen, die 
unterste sein musste. Zugleich wäre man damit der Bedenken 
überhoben, die angesichts des thukydideischen Berichtes vom 
eiligen Aufbau der Mauer der obere schöne, allzuschöne 
Orthostatensockel gewiss bei vielen erweckt hatte: war es 
denn glaubhaft, dass dieser mit einer fast künstlerisch zu 
nennenden Vollendung hergestellte Sockel das Product einer 
unter dem Hochdruck schwieriger politischer Verhältnisse 
betriebenen, überhasteten Erbauung war? Ein Bedenken, das 
noch Judeich (a. a. O. 1 24,9) ohne überzeugenden Erfolg zu 
zerstreuen sich bemüht. Wo waren ferner die von älteren 
Bauten hergenommenen Bauglieder, über die Themistokles 
ausdrücklich vor seiner Abreise verfügt hatte: tsixi^eiv öe Jtdv- 
xaq jravöiifiei roug ev xr\ jtöki xai aiito-ug xal yvvaixag xal nalbag, 
q)8i8o|.ievoi'5 [ir\xe Ibiov j^iiire 8ii|ioaiou oixo8o[.iTi|.iaTO<; oflev tic tocpe- 
Xia Eoxai et? xo eQyov, uklä xa{)uiQOvvxug ndvxa (Thuk. I 9Ü,3)? 
Wo die vielen Grabstelen — jtoAAai xe arii^ai djto a^\idxo)v 



126 F. NOACK 

(Tlitik. I 93,2) — die man doch gerade auf dieser vStrecke, die 
den athenischen Friedhof der archaischen Zeit durchschnitt 
(riQaxTixd 1873/74, 17), erwarten musste? Unter den wenigen 
Bruchstücken archaischer Grabmäler, die bei früheren Aus- 
grabungen hier zu Tage gekommen waren, war keines, das 
man noch in seiner ursprünglichen Stelle, d. h. in die älteste 
Mauer verbaut, vorgefunden hätte. Es gab in Wahrheit noch 
keine monumentale Bestätigung für jenen thukydideischen 
Bericht. War uns also die Mauer des Themistokles noch gar 
nicht bekannt? Konnte andrerseits jenes unterste gerade noch 
sichtbare Mauerwerk einst ein selbständiges XiOoXoyiüia ge- 
bildet haben? Besass es dafür die genügende Höhe? Wie 
weit reichte es überhaupt hinab ? 

Auf diese Fragen versagten die Ausgrabungsberichte der 
n^axTiH« die Antwort: offenbar hatte man früher an dieser 
Mauer nie tiefer hinabgegraben. 

Meinem Wunsche, durch eine kleine Grabung Klarheit zu 
gewinnen, kam sowohl unser Deutsches Institut wie die Grie- 
chische Generalverwaltung der Altertümer auf das freund- 
lichste entgegen. Am Nachmittag des 29. März konnte ich 
beginnen, und schon der zweite Tag brachte das erste Ergeb- 
nis, das nunmehr die erhaltenen Mauerreste auf der ganzen 
Linie bis zu ihrem Fusse zu verfolgen zur Pflicht machte 
(AM. XXXI 1906, 238). Die Grabung, für die mir im Frühjahr 
nur wenige Tage zur Verfügung standen, konnte ich am 
24. August wieder aufnehmen und bis zum 22. September zu 
einem gewissen Abschluss führen. Die letzte Septemberwoche 
war einer Untersuchung der Befestigungsreste am ^piraei- 
schen' Tor gewidmet (ebenda 363). Die ganze Ausgrabung hat 
41 Tage in Anspruch genommen. Für die Kosten war sofort 
das Deutsche Institut eingetreten. Ihm sowohl, wie dem Herrn 
Generalephoros P. Kavvadias und Herrn Ephoros A. Skias 
sei an dieser Stelle mein wärmster Dank ausgesprochen. 

Die Ergebnisse der Untersuchungen sind in den beigege- 
benen Schnitten und Plänen dargestellt, die nach meinen Auf- 
nahmen und Zeichnungen von dem Bibliothekar des Instituts, 
Herrn A. Struck, für den Druck aufs sorgsamste ausgezeichnet 
worden sind. Auch ihm sei herzlicher Dank ! 



DIE MAUERN ATHENS 127 

Tafel X giebt einen neuen Messtischplan des (Gebietes, 
auf das die Untersuchung sich erstreckte. Nur für die Detail- 
zeichnung in R, O-O,, Q, und S, sind die PLäne der riorxxtiH« 
1872/73, 1873/4 und 1879/80, für das Brunnenhaus hinter dem 
Dipylon v. Altens Skizze a. a. O. Tafel IV C benutzt. Hinzu- 
gefügt ist die innere Toranlage des Dipylon im Maassstab von 
1 :50, so wie sie jetzt wieder freigelegt wurde. Dabei ist ein 
Streifen von ca 3,5 m Breite, der durch die moderne Kloake 
der Untersuchung entzogen ist, ausgelassen; man hat ihn 
sich bei der unterbrochenen Linie zu ergänzen. 

Tafel XI zeigt das Gebiet des ältesten Tores und seiner 
nächsten Umgebung in 1 :50, während die Schnitte und Längs- 
ansichten auf Taf. XII in 1 :33,3 ausgeführt worden sind. 

Der für alle Höhenangaben geltende Nullpunkt liegt 
auf der Oberkante der untersten Stufe des Turmes C; seine 
Meereshöhe (= 43,845 m) ist aus der von Adler, Archäolog. 
Zeitung XXXII, 159 für den ÖQog- Stein — wie ich wohl richtig 
annehme, für dessen Basis- Oberkante — mitgeteilten Höhe 
über dem Seespiegel (= 45,80m) gewonnen: er liegt 1,955m 
tiefer. Für jede meiner Höhenzahlen lässt sich sonach durch 
Addition von 43,845 m sofort die Höhe ü. M. berechnen. 

Die Ausgrabung setzte am Südende der Mauer A, da wo 
sie an einen jäh aufsteigenden Felsvorsprung stösst, gleich- 
zeitig auf beiden Seiten an. In kürzester Zeit wurde der 
Mauerfuss, zuerst auf der Feldseite, erreicht. An der Stadt- 
seite war die Verschüttung eine etwas höhere als aussen. 

Es bestätigte sich, dass jenes unterste, loser gefügte Poly- 
gonwerk nicht bloss als Substruction für die blauen Orthosta- 
ten aufzufassen war. Es ruhte seinerseits auf einem besonderen 
richtigen Fundament, nämlich auf einer Schicht von Poros- 
quadern, die selbst unmittelbar auf den Boden gesetzt waren. 

Nur in nächster Nähe des Felsens war eine Baugrube 
aus dem gewachsenen Boden ausgehoben worden. Weiterhin 
waren die Fundamentquadern nur einfach auf die Oberfläche 
des Bodens gelegt worden, die hier nordwärts nach dem Eri- 
danosbett zu und auch nach Osten bereits von einer Ablage- 
rungsschicht gebildet wurde. Es fanden .sich darin, an einer 
Stelle unter der Mauer (z auf Taf. XII, xi b), vereinzelte Scher- 



128 A. NOACK 

ben gewöhnlicher, unverzierter, zeitlich unbestimmbarer Gefäs- 
se und mehrere Bruchstücke roh bearbeiteter Kalksteinblöcke, 
und ebendort, aber ausserhalb des Mauerkörpers und etwa 
0,50 m tiefer als dessen Fuss, einige geometrische Scherben. 

Die oblongen Fundamentquadern trugen vielfach noch 
einen feinen, 1 - 2 mm dicken, gelblich weissen Stucküberzug. 
Dass sie ihn erst in dieser Lage bekommen hätten, war aus- 
geschlossen : er konnte den Steinen nur gegeben worden sein, 
als sie noch die aufgehende Wand irgend eines grösseren 
Gebäudes gebildet hatten. Also alte Bausteine im Fundament: 
das eine Kennzeichen für die themistokleische Mauer war 
gewonnen, — und das andere, bedeutsamere, war es am 2. Aus- 
grabungsmorgen auch. 

Am oberen Rande des Quaderfundaments hebt sich hell 
leuchtend ein ca. 0,16 m hoher geglätteter Marmorstreifen ab 
(a^ a2 auf Tafel X, und Abb. 2). Die Oberseite ist, soweit die 
Steinfugen darüber ein Eindringen gestatten, glatt; ihre 
Fläche verliert sich in die Mauer. Unten ergibt die Sondie- 
rung einen schmalen erhöhten Rand, dahinter Eintiefung, 
also Bearbeitung, und als unter dem linken Ende des Mar- 
mors ein Stück der Porosquader fortgeschlagen ist, werden 
an der Unterseite Fuss, Unterschenkel und Hand einer klei- 
nen, knieenden oder laufenden Relieffigur sichtbar, dem Stile 
nach ein Werk noch streng archaischer Kunst. 

Inzwischen wird auch auf der Innenseite der Mauerfuss 
erreicht: auch da im Fundament alte verstuckte Bausteine 
und auch da wieder ein schmaler heller Marmorstreifen (b 
auf Tafel X). Er zeigt die gleiche Stärke, denselben Marmor, 
Bruch an beiden Enden. Als wenige Tage darauf die Auslö- 
sung der Platten aus der Mauer erfolgt, die die griechische 
Generalephorie sofort bereitwilligst übernommen hatte, erfüllt 
sich, was man kaum zu hoffen gewagt: Das Hauptstück a^ 
und das Fragment b fügen sich Bruch auf Bruch aneinander 
zu einer hohen schlanken Grabstele. Zu den Füssen einer 
stehenden männlichen Figur, die über dem Sockelrelief einer 
laufenden Gorgone auf a erhalten waren, hatte b den Ober- 
körper geliefert. 

Um die Platten auszulösen, hatte man die entsprechenden 



DTR MAUERN ATHENS 129 

Fundamentsteine untergraben, so dass sich mit ilinen auch 
die darüber ruhenden Marmorphitten senken mussten und 
nun leicht herausgeholfen werden konnten. Die darüber auf- 
ragende Mauer blieb von diesem Eingriff völlig unberührt. 
Die Polygone über dem Marmor wirkten als scheitrechter 
Bogen und trugen ihre Last weiter, ohne auch nur um eine 
Linie auszuweichen. Den Zustand der Mauer vor und unmit- 
telbar nach der Auslösung der Reliefplatten zeigen die Phot. 
des Inst. A. B. 268. 264. 

Aussen lag neben dem genannten grösseren Fragment 
noch das Kopfstück einer anderen archaischen Stele, a 2. 

Und endlich wurde unmittelbar am Felsen (c auf Taf. X) 
der Rest eines marmornen archaischen Grablöwen aus der 
Mauer gezogen. 

Die Freude an diesen Funden war nicht ganz ungetrübt. 
Denn leider hatten die Bauleute des Themistokles, um ein 
möglichst ebenes Auflager zu gewinnen, alle über den Relief- 
rand überstehenden und überhaupt stärker ausladenden Kör- 
perteile der Reliefs mit dem Spitzeisen abgeschlagen. Aber 
die Einbusse, die dadurch das Kunstw^erk erlitten hat, findet 
diesmal ihren vollwertigen Ausgleich durch die bedeutsame 
Fundlage, durch die diese Grabmonumente die erste, wirklich 
controlli erbare Illustration der vielbesprochenen thukydidei- 
schen Erzählung bieten. Die themistokleische Mauer tritt uns 
zum ersten Male vor Augen. 

Trotz der Eile, mit der sie errichtet wurde, ist .sie doch 
nach einem bestimmten System als möglichst solide Befesti- 
gung erstanden. Wir sehen, dass man gebrauchtes Baumate- 
rial und den Marmorschmuck archaischer Gräber nur im 
eigentlichen Fundament verwandte, und auch das in über- 
legter Auswahl. Rechteckige alte Bauquadern und oblonge, 
schmale Marmorstelen Hessen sich am schnellsten, ohne vieler 
weiteren Bearbeitung zu bedürfen, in gutem Anschluss zu 
einem festen Unterbau verbinden: oi yuQ v^Ej^ieXioi. n^rxvTOixov 
Xiöcov iijiöxgivxai xai ov t,vvEiQyaa[iev(i)v eotiv f), d?iA' wq exaaToi 
noxe KQooitpeQov, iioXkai xe oxf\Xay äno oi]|.idTO)v xai }ddoi elgyao- 
l-ievoi iynaxeUy^Gav (Thuk. I 93,2). Höchstens, dass man die 
Reliefs in jener Weise verhauen und eine Anzahl der Poros- 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 9 



130 F. NOACK 

quadern erst durch Halbierung grösserer Bausteine, wie deren 
einige am Südende der Mauer innen und aussen verbaut sind, 
verkleinert hat. So könnte man sich wenigstens die unregel- 
mässige Unterkante vieler dieser Fundamentsteine erklären. 
Es handelte sich zunächst nur um die Herstellung einer er- 
sten Fundamentierung, einer Art Euthynteria, auf dem Erd- 
boden, bei der nur die einheitliche, möglichst horizontale 
Oberfläche von Bedeutung war, da auf ihr erst der eigent- 
liche, sichtbare Steinsockel sich erheben sollte. Dafür genüg- 
ten Steine von einer beschränkten Höhe. Jene ungeteilten 
grösseren Blöcke (L. 1,56m, H. 0,785 m) sind daher möglichst 
schon in die Sockelschicht gestellt. 

Von dieser geben die Taf. XH, Abb. 2 und Photogr. d. 
Instituts A.B. 227. 266. 391 eine Vorstellung. Die einzelnen 
Polygone zeigen eine derb gerauhte, aber doch einheitlich 
ebene Aussenfläche ohne Rustica. Die Seiten sind für den not- 
wendigsten Fugenschluss, der aber keineswegs immer sehr 
dicht ist, möglichst geradlinig behauen. Nirgends ist eine an- 
nähernd so exacte Verbindung erstrebt wie bei der Orthosta- 
tenschicht darüber. Immerhin haben wir es mit neuen, erst für 
diesen Zweck zurecht gehauenen Werkstücken zu tun. 

Ersichtlich ist die Tendenz, horizontale Lagerflächen 
auch an der Sockeloberkante herzustellen : sie spricht dafür, 
dass die einst darüber aufgehende Mauer aus Lehmziegeln 
bestand. Bei absteigendem Gelände passte man ausserdem den 
vSteinunterbau dem Gefälle des Bodens durch flache, in kür- 
zeren oder längeren Intervallen sich folgende Abstufungen 
an. Der Sockel konnte sich auf solche Weise stets innerhalb 
einer gleichen, beschränkten Höhe halten. Beispiele dafür in 
Eleusis und neuerdings ein interessanter Rest, wohl noch aus 
dem V. Jahrhundertj in Sunion. Und so ist auch hier bei dem 
themistokleischen Sockel verfahren worden. Seine Höhe, von 
Mauerfuss bis Oberkante, beträgt im Durchschnitt 1,70 m. 

Mit diesem schnell gewonnenen Ergebnis hatten die 
Reste, die seither als themistokleisch angesehen worden wa- 
ren, ihren stolzen Namen eingebüsst. Erst eine jüngere Zeit 
konnte die alten Lehmziegelmauern der Perserzeit entfernt 
und über dem gewiss schon tief im Boden steckenden the- 



DIE MAUERN ATHENS 131 

mistokleischen Sockel' die eine imposante Schicht bläulicher 
Orthostaten als neuen Sockel errichtet haben. Und auch nur 
einer ruhicreren Zeit wird man die wahrhaft bewundernswerte 
Sorgfalt der Technik zutrauen können, mit der die Seiten- 
flächen dieser Polyoone /.u vielfach heute noch undurchdring- 
lichem Schlüsse gleichwie zusammengeschweisst erscheinen. 
Auch hier wiederholen sich, in entsprechend grösserer Exact- 
heit, jene gegeneinander abgestuften horizontalen Auflage- 
flächen, die wir vom älteren Sockel her kennen : auch dieser 
elegante Sockel hat, wie längst richtig angenommen wurde, 
einst eine Lehmmauer getragen. Aber bei ihm ist die Absicht, 
decorativ zu wirken, nicht zu verkennen, und so dürfen wir 
uns die Lehmwand über solchem Sockel nicht nur, wie natür- 
lich, verputzt, sondern auf diesen Putz wohl auch die Schein- 
fugen von Quaderwerk aufgemalt oder eingraviert denken \ 

Wieder eine jüngere Periode hat die Lehmziegel endgül- 
tig durch eine massive Mauer ersetzt, in der auch ältere 
Kalksteinquadern von verschiedener Härte und Aussenflächen- 
behandlung und einmal auch ein Marmorblock erneute Ver- 
wendung finden. Die flachen Ausgleicheschichten aus lose 
gereihten, länglichen und würfelförmigen Steinchen bringen 
die technische Vorzüglichkeit des Orthostatensockels darunter 
nur noch stärker zum Bewusstsein. 

Schliesslich ist in später, nachgriechischer Zeit über den 
Resten dieses Mauerwerks aus Brecciablöcken und Baustücken 
verschiedenster Herkunft, marmornen Theatersitzen, Säulen- 
resten, Inschriftsteinen -, eine letzte Schutzwehr in Mörtel- 
verband aufgerichtet worden, für welche die ältere Mauer- 
flucht nicht mehr existiert : mit ihrem Fuss tritt sie, die 
damalige Bodenhöhe bezeichnend, darüber heraus. 

Es sei der Kürze halber gestattet, diese vier Bauperioden 
von nun an mit I (themistokleisch), H (Orthostatensockel), HI 
und IV zu bezeichnen. 

Schliesslich einige Zahlen über die Bodenhöhe vor der 
Mauer, wie wir sie uns in den einzelnen Perioden etwa vor- 



Es darf dabei auf die Scheinfugen am Nikepyrgos verwiesen werden. 
rieaxTixd 1880, 12; Wachsmuth II 202. 



132 



F. NOACK 



stellen dürfen. Nicht bloss die letzte Bauperiode hat ein völ- 
liges Verschwinden der früheren Schichten im Boden zur 
zweifellosen Voraussetzung, sondern auch der Umbau in II 
und III wird durch die starken Bodenveränderungen wenig- 
stens mitbestimmt worden sein. Sobald das Terrain an dem 
Steinsockel emporwuchs und mit seiner Erdfeuchtigkeit die 
Lehmziegel gefährdete, wurde die Aufhöhung des alten Un- 
terbaus zur unumgänglichen Pflicht. Die jüngere Bauperiode 
wird daher jedesmal eine Bodenhöhe voraussetzen, die nur 




Abb. 3. Maiierstrecke A, Stadtseite. 



wenig unter der Oberkante des vorhergehenden Sockels lag. 
Hiernach ergibt sich z. B. für die Stelle, wo die Reliefplatte 
ai verbaut war, in I eine Bodenhöhe von etwa 45.40 m (Fuss- 
punkt der Mauer: 44,75 m), in II von 46,25 m, in III von 
47,40 m und in IV von 49,45 m über dem Meer. 

Eine wertvolle Bestätigung für die Analyse der Aussen- 
fassade wurde durch die der Innenseite gewonnen. Doch lag 
die Sache hier nicht ganz so einfach. Zunächst war hier, wie 
schon erwähnt, die Verschüttung durch die stadteinwärts be- 



DIE MAUERN ATHENS 133 

greiflicherweise stärkere vSchuttablagerung eine höhere. Aus- 
serdem war über die Hälfte der ganzen Mauerstrecke A durch 
ein spätes Treppenfundament (d, vgl. Abb. 3) verbaut, hinter 
dem der themistokleische Sockel nur langsam, in einem 
schmalen Gange Stück für Stück freigelegt werden konnte. 
Ferner hatte der nördliche Teil dieser Strecke schon früh eine 
bedeutende Zerstörung, bis hinab zur Periode TI, erfahren, 
und auch im südlichen Teil, wo ein Streifen trefflich gefügten 
Polygonal Werkes unverkennbar dem Orthostatensockel aussen 
entsprach, war dennoch eine ganz sichere Grenze weder nach 
unten noch nach oben so leicht zu ziehen, wie auf der Feld- 
seite. Die innere Steinmauer hatte offenbar auch in Periode 
II hinsichtlich der Grösse und Güte des Materials zurück- 
stehen müssen. 

Hier war eine sichere Zuteilung der Steinschichten an 
die einzelnen Perioden daher nur zu erreichen durch eine 
genaue Aufnahme und Confrontierung beider Stirnmauern, 
für die wenigstens sämtliche Steine der beiden ältesten Epo- 
chen einzumessen und die Höhen der wichtigsten Lagerfugen 
durch Nivellement zu bestimmen waren. Auf diesem Wege 
mussten die an der Aussenseite beobachteten horizontalen 
Auflageflächen der Lehmziegel, da sie natürlich die ganze 
Mauer durchsetzt haben, auch an der Innenwand aufzufinden 
sein. Nur so war endlich eine bildliche Wiedergabe des gan- 
zen themistokleischen Sockels möglich, der, zumal auf der 
Innenseite, dem photographischen Apparat meist gar nicht 
oder doch nur in ungünstigster Verkürzung erreichbar war 
und überdies wieder verschüttet werden musste, um die Sta- 
bilität der oberen Mauer nicht zu gefährden. 

Diese Aufnahmen sind auf Tafel XII a b enthalten. Die 
einzelnen Bauperioden sind durch stärkere Linien geschieden. 
Dass diese Linien an der Innenseite wirklich die richtige 
Scheidung angeben, folgt aus der Übereinstimmung ihres 
Nivellements mit dem der Aussenfront. Um das klar zu veran- 
schaulichen, sind oben auf der Tafel lediglich die Linien der 
beiderseitigen Oberkanten von I und II, so wie sie aussen 
und innen parallel zu einander von Süden nach Norden abstei- 
gend verlaufen, aufgezeichnet. Der Nullpunkt für sämtliche 



134 F. NOACK 

Höhenangaben ist derselbe wie auf den Plänen und Schnitten. 
Schwarz ausgezogene Linien geben die Oberkanten der Aus- 
senseite, Strichpunktlinien und die punktierte Linie die der 
Innenseite an. 

Die Concordanz ist derart, dass ein Zweifel, bis zu wel- 
cher Höhe jeder Sockel einst selbständig geführt gewesen 
sei, nicht mehr besteht. Zugleich der beste Beweis dafür, dass 
die blauen Orthostaten die Front eines eigenen, die ganze 
Mauer durchsetzenden Sockels gebildet haben, dass ihre Tren- 
nung vom themistokleischen Unterbau somit zu Recht be- 
steht. Bei dessen Oberkanten kann die Concordanz ursprüng- 
lich noch grösser gewesen sein. Auf der äusseren Strecke liegt 
nämlich jetzt eine Reihe von Porosquadern (xxx), die in ihrer 
regelmässigen Form zu dem sonstigen Charakter des themisto- 
kleischen Sockels wenig passen (Phot. d. Inst. A. B. 264. 266. 
268, die 2. Schicht über den Marmorplatten) : sie sind daher 
vielleicht einer Reparatur zuzuweisen, die bei der Errichtung 
der hohen Orthostaten an dieser Stelle besonders notwendig 
erschien. Die originale Oberkante von I kann hier also derje- 
nigen der Innenseite noch genauer entsprochen haben. 

Werfen wir nun noch einen Blick auf die einzelnen 
Schichten selbst, so finden wir innen in I dieselben glatten, 
teilweise noch stuckierten Porosquadern als Fundament. Der 
Sockel geht noch heute ununterbrochen bis zum Turm C 
(Phot. d. Inst. A. B. 245. 258), während er aussen unter der 
Pforte B bis zum Boden herunter abbricht. 

Wieder auf der Innenseite liegt über dem gut erhaltenen 
Rest von II noch eine Schicht so gut gefugten Polygonal- 
werkes auf, dass man es wohl immer zu II gerechnet hat 
(Phot. d. Inst. A. B. 390). Middleton a.a.O. hat es als 'themi- 
stokleisch' noch mit II zusammen gezeichnet. Aber abgesehen 
schon von den geringeren Maassen seiner Polygone und der, 
wie mir scheint, von II ein wenig abweichenden Technik 
beweist jetzt Tafel XII b, dass nicht seine Oberkante, sondern 
nur die der Schicht darunter zur äusseren Orthostatenreihe II 
stimmt. Da es aber ebenso wie diese mit abgestuften Flächen 
abschneidet, wird es auch für eine Ziegelmauer bestimmt 
gewesen sein. Es passt also schon darum auch nicht zu der 



DIE MAUERN ATHENS 



135 



Massivmauer von III, sondern nimmt eine Zwisclienstellung 
zwischen II und III ein. Mit der Signatur IIa wird das Ver- 
hältnis dieser Schicht zu ihrer Umgebung am richtigsten 
ausgedrückt sein. 

Eher dürfte die Reparatur in dem früh zerstörten nörd- 
lichen Teil (a a in Abb. 3) zur Periode III der Au.ssenseite 
gerechnet werden. Es ist dazu gleichfalls älteres Material ver- 
wendet, in diesem Falle sorgfältig bearbeitete Kalksteinblöcke 
die wohl noch aus den Trümmern von Sockel II stammen 
könnten. Die Art aber, wie sie z. T. auf eine Ausgleicheschicht 
von zwei Reihen kleiner Steinwürfel gestellt sind, hat ihre 
Parallele nur in III aussen. 




Abb. 4. Ouerschnitte durch die Mauerstrecke A. 



Die lange Reihe von Brecciaquadern, die jetzt die Mauer 
oben beschliessen, und insbesondere das Mauerwerk, das über 
II a liegt, kann wohl nur der spätesten Periode angehören. 
Auch hier wird, über IIa, die seitherige Fassade nicht mehr 
respektiert. Ein neues Fundament, — roh geschichtete Stein- 
brocken, darauf Werkstücke irgend einer ehemaligen Poly- 
gonalmauer, — tritt über die alte Fluchtlinie heraus, hier wie 
aussen die starke Anhöhung des Bodens verratend. Bei den 
Brecciablöcken darüber wird ein richtiger Anschluss gar nicht 
mehr erstrebt; in ihre klaffenden vSpalten stopft man kleine 
Steinbrocken und Erde. Die Steinschichten, die auf dieser 



136 



F. NOACK 



Strecke der Periode III der Aussenseite entsprachen, sind offen- 
bar nicht mehr vorhanden (Phot d. Inst. A.B. 257. 278. 387). 

Die Dicke der Mauer in den verschiedenen Bauperioden, 
wie sie sich durch Lotungen feststellen Hess, ist aus den Ver- 
ticalschnitten in Abb. 4 zu ersehen, welche auf den Linien 
a-a^, ß-ßi und y-Yi durch die Mauer gelegt sind. Kreuzschraf- 
fierung bezeichnet wieder die themistokleische, einfache die 
zweite Periode, unterbrochene Linien II a. Wir gewinnen bei 
dem themistokleischen Unterbau die Maasse 2,30 m-2, 37 m- 
2,42 m für das Porosfundament, 2,41 m-2,46 m für den Kalk- 




Abb. 5. Treppen fundainent d, Längsschnitt. 




Abb. 6. Treppenfundanient d, Plan. 



Steinsockel. Das Maass von 2,51 m wird nur an der vStelle er- 
reicht, wo schon eine jüngere Erneuerung vorliegen wird 
(oben S. 133). Dass auch die übrigen Maasse etwas von ein- 
ander abweichen, wird man bei einem so eiligen Aufbau nicht 
zu hoch anschlagen dürfen. Man wird .sie sogar bei dem ur- 
sprünglichen Bau teilweise geringer ansetzen dürfen, wenn 
man beachtet, dass die unteren Steinlagen häufig unter der 
Last der jüngeren Mauerschichten ausgewichen sind und mit 
ihrer Oberkante nach aussen überneigen. Unter der Pforte B, 
wo mangels dauernder Belastung am wenigsten Grund für 



DIE ^fAUEKN ATHENS 



137 



ein starkes Ausweiclien vorlag-, l)eträj^t die Sockeldicke rund 
2,40 ni. Dieser Zahl möchte man mit einem Durchschnitts- 
maass von 8 altattischen Fuss (zu 0,296 m = 2,37 m) gerecht 
werden; legt man den aeginäisch- attischen Fuss von 0,328m 
(AM. XV 1890, 172) zu Grunde, so kommt man auf 7 '^ Fuss 
= 5 Ellen =: 2,46 m, ein Maass das mir für den ursprünglichen 
Durchschnitt etwas zu gross erscheinen will '. 

Schliesslich ist jetzt auch das Fundament richtiger zu 




Al)l). r. üuersolinilt durcli das TreppciifundaiiU'nt il 
den Kanal f und ilie Mauer A. 



beurteilen, das im Frühjahr 1 880 an der Stadtseite von A zu 
Tage getreten ist (n^axtixcc 1 880, 9 Anm. und 8 auf dem Plan 
daselbst, d auf unserer Tafel X) und das als Rest einer zur 
Mauerkrone führenden Treppe für themistokleisch gilt. Was 
davon erhalten ist, zeigen Plan und Längsschnitt Abb. 5 u. 6; 
vgl. auch Abb. 3 (dd) und Phot. d. Inst. A.B. 220.257.267. 



^ Die Berechnungen Busolts, Klio V 271 f.. die irrtümlicherweise eine 
Mauerdicke von 3,55 m (--12 att. F'uss) voraussetzen, würden hiernach noch 
günstiger für seine These ausfallen. 



138 F. NOACK 

Es ist ein flüchtiger Bau von unregelmässiger Schich- 
tung, auch nicht massiv durchgeschichtet, ohne jeden Verband 
mit der Mauer, nur lose und erst spät vor sie gesetzt, nach 
Technik und Höhenlage nicht wohl vor der III. Periode ent- 
standen (vgl. den Querschnitt Abb. 7). Denn hinter ihm lau- 
fen Sockel I und II, soweit letzterer erhalten, unberührt durch; 
und als, um diese freizulegen, die Hinterfüllung des Funda- 
ments, Steinbrocken und Erde, entfernt wurde (Phot. d. Inst. 
A.B. 232. 249), fand sich u. a. eine jüngere rf. Scherbe und tiefer, 
schon unter seinem Fuss (bei a im Querschnitt) eine Anzahl 
schwarzgefirnister Scherben mit Riefelung und eingepressten 
Verzierungen, besonders Palmetten, geschmückt. Und wenn 
ich auch in der Datierung dieser Gefässe nicht ganz mit R. 
Zahn (Wiegand-Schrader, Priene 395 ff.) gehen kann (s. u.), 
so würde doch immerhin schon durch diesen Befund das Fun- 
dament aus dem V. Jahrhundert verwiesen. Dazu kommt fer- 
ner, dass es in seinem nördlichen Teile die Hintermauerung 
eines grossen Abzugkanals ff.^ bereits überschneidet. Dieser 
Kanal aber ist, wie seine Fortsetzung an anderer vStelle noch 
zeigen wird, sicher nachthemistokleisch. Erhalten ist er längs 
der Mauer A allerdings nur hinter dem Treppenfundament; 
jedoch sind Bruchstücke seiner Thonrohre weiter südlich am 
Fusse jenes Felsens gefunden, an welchen A sich anlehnt. 
Dort unten sj^ringt dieser Felsen tief unterschnitten zurück, so 
dass sich ein z. T. von der Mauer abgeschlossener Hohlraum 
(y auf Taf. X u. XII) bildet. In diesen muss der Kanal einst 
mit Gefälle eingebogen sein und sich dann unter dem Felsen 
hindurch nach Westen gewendet haben. x\uch dort im Ein- 
gang zu dem Hohlraum und im Schutt längs dem themisto- 
kleischen Fundament und noch tiefer als dessen Fuss, haben 
sich — neben einer geometrischen Scherbe — zahlreiche Bruch- 
stücke der eben genannten jungattischen Gefässe gefunden. 
Die Frage, wie diese Scherben in solche Tiefe geraten konn- 
ten, beantwortet sich am besten durch die Annahme, dass es 
bei der Erdbewegung, die der Kanalbau verlangte, geschehen 
sei. Wenn dieser hiernach nicht wohl vor den Anfang des IV. 
Jahrli. fallen könnte, so würde dadurch auch die obere Zeit- 
grenze für das Treppenfundament noch weiter hinabgerückt. 



DIE MAUERN ATHENS 139 

Nach der bei der Untersuchung von A gewonnenen Er- 
fahrung war zu hoffen, dass die themistokleischc Mauer sich 
auch in der weiteren Fortsetzung der erhaltenen Ruinen fest- 
stellen lassen werde, wenn die Grabung nur überall in grös- 
sere Tiefe als seither hinabdringe und erst beim gewachsenen 
Boden oder im Grundwasser Halt mache. Allerdings hatte der 
erste dahin zielende Versuch, der noch im Frühjahr an der 
Orthostatenmauer vSS , angestellt worden war, zu einem nega- 
tiven Resultat geführt (s.u. S. 156). Mit desto grösserer Span- 
nung wurde die Untersuchung an Turm C und an der Mauer 
DD^ begonnen. Musste hier doch auch die Frage nach dem 
Tor ihre Lösung finden, das zuletzt sogar, nach einer frühe- 
ren Vermutung Dörpfelds (AM. XIII 1 888, 214, XIV 1 889, 414), 
für diese Stelle überhaupt bezweifelt worden war (Wachsmuth, 
Pauly-Wissowa R.-E. Supplem. I 196, 18)^ 

Zur Veranschaulichung des Folgenden dienen vor allem 
die Nordansicht der ganzen Strecke von C bis J K und der 
Querschnitt Tafel XIII. 

An dem Eckturm C waren drei Bauperioden schon von 
V. Alten richtig geschieden worden (a. a. O. 30, 39, 46). 

Von dem jüngsten Aufbau aus Brecciablöcken 2, der die 
ältere Fluchtlinie nicht mehr beachtet (h), scheidet sich der 
stattliche mittlere Teil, der noch heute die gute Wirkung die- 
ses Turmes bestimmt (C II, Abb. 8. Phot. d. Inst. A.B. 204). Er 
wird von vier nahezu isodomen Lagen ^ regelmässiger Kalk- 
steinquadern mit Spiegel und dreiseitigem Saumschlag gebil- 
det. Den decorativen Charakter dieses " Verschönerungsum- 
baues' hat schon v. Alten gewürdigt. Dass es bereits ein 
Umbau ist, beweist die unmittelbar darunter folgende Schicht 
aus harten bläulichen Kalksteinen, die an der Oberfläche ohne 
Saumschlag einheitlich geebnet sind und nicht nur aussen 



' Dörpfeld hat diese im AnschhisG an seinen Nachweis des Eridanos 
ausgesprochene Vermutung inzwischen wieder aufgegeben und nimmt jetzt 
gleichfalls ein Tor hier an : Berl. philol. Woch. 1 906, 204. 

2 Nur an der Innenseite statt ihrer zwei grosse hochkantig gestellte 
Quadern aus Burgkalkstein (to). 

■' Schichthöhe v. unten nach oben: 0,435 m. 0,4b5 m. 0,475 m. 0,425m. 
Desgl. Stadtseite : 0,49 m. 0,465 m. 0,48 m 0,465 m. 



140 



F. NOACK 



' in den Stossfugen polygon behauen sind ', sondern auch auf 
der Stadtseite schräge Stossfugen und dreieckige Füllsteine 
zeigen (CI). Es ist dies das einzige Stück, bei dem es 
früher richtig war, von themistokleischer Mauer 
zu sprechen. Allerdings hätte es dann allein schon davon 
abhalten können, irgend einen der anderen seither bekannten 
Mauerzüge oder Torreste mit dieser ältesten Turmperiode zu 
verbinden (s. u. S. 148/9) Seine Deutung auf den themistoklei- 
schen Sockel aber ist jetzt vollends gewährleistet, seitdem der 




Abb. 8. Turm C (rechts) mit Ansatz iler Mauer DD ,, I'-eldseite. 



Turm bis zum Fusse freigelegt worden ist und sich in seinem 
Fundament, an der Stadtseite, nicht blos wieder stuckierte 
Porosquadern von älteren Bauwerken gefunden haben, sondern 
auch darüber eine ganze Schicht auf 5,3 m Länge ununter- 
brochen durchgehender Marmorplatten, die zum mindesten 
von zwei, wenn nicht von drei weiteren archaischen Grabste- 
len Zeugnis geben werden. Sie sind auf Abb. 9 mit a bezeich- 
net. Ihre Auslösung aus dem Massiv des Turmes, die grössere 
Vorbereitung erforderte, konnte ich nicht mehr abwarten. 



DIE MAUERN ATHENS 



141 



Die Aussenseite des Turmes bedurfte, weil schon im 
Bereich des alten Eridanosbettes, einer etwas tieferen Funda- 
mentierung- (Abb. 10). Auf einer 0,34-0,37 m vortretenden 
Basis ruhen hier drei durchaus regelmässige Steinlagen mit 
durchgehenden horizontalen und schichtweise versetzten ver- 
ticalen Fugen in leichter Abstufung übereinander. Die oberste 
davon bildet mit der schon geschilderten Polygonalschicht, 
mit welcher sie auch die Gleichheit des Materiales verbindet, 
den eigentlichen Sockel für den Lehmziegelturm : sie teilt 




Abb. 9. Turm C, südwestliche Stadtseite. 



nämlich bereits mit jener die starke Abnutzung der Ecke, 
"dort wo die auf breiterem Wege daherkommenden Wagen 
sich in den schmalen Torweg hineinfinden mussten' (v. Alten 
a. a. O. 31). Den Turm selbst, ebenso wie die Mauer, aus Lehm- 
ziegeln sich zu denken, erlaubt ein Beispiel aus Eleusis, wo 
ein solcher alter Turm, der wohl noch von der ' peisistrati- 
schen"" Umwallung stammt, erst spät, nachdem er eingestürzt 
war, durch Massivbau ersetzt wird ('Ecp. ägi- 1 883, 1 1 1, 40 f.). 
Die Verschiedenheit der Schichthöhen, die aus einer .sol- 



142 F. NOACK 

chen ungleichartigen Fundamentierung innen und aussen 
folgte, bereitete keine Schwierigkeiten, weil die Ostseite des 
Turmes durch die hier einbindende Mauer D D ^ so wie so in 
zwei Teile zerlegt wurde, und bis zur Oberkante der polygo- 
nalen Sockelschicht die notwendige Einheit der Auflageebene 
doch erreicht war. 

Nach dem bisherigen Ergebnisse mussten die Spiegel- 
quaderschichten des Turmes C II zu dem Orthostatensockel 
A II in Beziehung stehen. Die Verbindung eines Turmes aus 
regelmässigen Quadern mit polygonal geschichteten Meta- 
pyrgien unterliegt keinem Bedenken, entspricht vielmehr ganz 
dem Stile zahlreicher griechischer Stadtbefestigungen des V. 
u. IV. Jahrhunderts. Ein selbständiger Beweis aber war schon 
in der Beschaffenheit der Pforte B gegeben. Bereits v. Alten hat 
sie a.a.O. 40, leider ohne nähere Begründung, der Periode II des 
Turmes zugerechnet, hat jedoch den Schluss, der notwendig 
aus diesem vSachverhalt für A II folgen musste, nicht gezogen. 

An dem Nordpfeiler dieser Pforte, jt, sind nämlich die 
vSchichten 2 und 4 so mit dem Turm verbunden, dass sie 
nicht nur in dessen entsprechende Spiegelquaderschichten 
einbinden, sondern dass die von Turm und Pfeiler gebildete 
innere Ecke aus ihnen herausgehauen ist. Beide Steine gehen, 
rechtwinkelig umbiegend, noch in die Turmwand über: also 
jtXivfloi i^iaG/a^iaiai nach der Terminologie der Bauinschriften 
(IG. I 322^ 13). Der zugehörige Südpfeiler ji^ ist noch jetzt in 
vier Schichten über dem themistokleischen Sockel erhalten. 
Davon stehen die beiden untersten Schichten 3 und 4 in 
festem Verband mit den polygonalen Orthostaten von A II 
und teilen, mit Ausnahme von 4 aussen, mit diesen auch die 
Qualität des Materials. Wir dürfen daher in diesen Steinen 
von jtj nicht etwa eine nachträgliche Zutat sehen, vielmehr 
entspricht diese Bauweise der ausdrücklichen statischen For- 
derung, Polygonalwerk unmittelbar vor einer Ecke, sei es 
Turmecke oder Torpfeiler, in horizontale Schichtung über- 
gehen zu lassen. Die Einheit des südlichen Pfeilers mit A II 
ist daher ebenso evident, wie diejenige von C II und Nord- 
pfeiler. Damit dürfte die Zusammengehörigkeit der Perioden 
II in Mauer A und Turm C gesichert sein. 



DIE MAUERN ATHENS 



143 



Von C geht die Mauer DD, in unmerklich stumpfem 
Winkel nach Osten ab bis zu dem 36 m zurückliegenden Tor 
J K (a bei v. Alten). In ihrer obersten vSchicht setzt sicli der 
späte Brecciaaufbau von C aussen und innen in einem um 
0,75 m höheren Niveau fort (h). Er ist 1,76 m dick. Darunter 
steht eine fast ebenso starke Mauer (d, Abb. 11). Ihre Schich- 
tung aus sehr verschiedenartigem Material, sowie die schma- 
len Ausgleicheschichten aus kleinen Steinwürfeln lassen sie 




Abb. 11. Mauer DD,, Stadtseite, mit den Resten des römischen Kanals; 
im Hinterjfrunde Turm C. 



am ehesten mit A III vergleichen. Sie ist (wenigstens im un- 
teren Teile) nicht mehr in ihrer ursprünglichen Stcärke erhal- 
ten. Das zeigt das an der (nördlichen) Aussenseite um ca. 
0,80 m vortretende Fundament b, das an die unterste vSpiegel- 
quaderschicht von C II anstösst (gut zu sehen auf Abb. 14), 
noch deutlicher der kleine, aber wertvolle Rest einer Sockel- 
wand, die als Verblendung vor jener Mauer gestanden und 
einst die aufgehende Fassadenwand getragen haben muss. 
Dieser Rest, der bisher, sehr zum Schaden der Kritik, niemals 



144 F. NOACK 

beachtet worden ist (nur auf dem Plane n^axTixct 1873 ist er 
verzeichnet), besteht nur aus zwei Steinen, die, dicht an den 
Turm angestossen, hauptsächlich die Höhe seiner 2. und 3. 
Spiegelquader einnehmen: einem 0,79 m hohen, 1,20 m lan- 
gen und 0,48 m dicken Orthostaten c und einem flacheren, 
0,28 m hohen und 0,68 m dicken Deckstein c^ (vgl. Abb. 8). 
Ihr Material ist harter, feinkörniger Kalkstein; an ihrer Aus- 
senfläche erhebt sich ein ganz fein gerauhter Spiegel nur 
wenig über einen auf die Unterseite beschränkten glatten 
Saumschlag. Wie wir uns diesen Sockel zu ergänzen haben, 
zeigt die Innenseite der Mauer. Dort war ein gleicher Sockel 
unter dem oben erwähnten Mauerwerk und mit diesem bün- 
dig auf 1 9,5 m Länge schon bei den ersten Ausgrabungen zu 
Tage getreten. Denn auf dem Plane ÜQaxTixd 1873, 18 ist 
bereits der Kanal verzeichnet, der, in römischer Zeit davor 
gesetzt, nur den unteren Teil der Orthostaten dem Auge ent- 
zogen hatte (cj-e^ vgl. Abb. 11). Diese letzteren sind 0,77- 
0,78 hoch, von stattlicher Länget Ebenso wie die Decksteine, 
sind sie mit einem Spiegel von etwas stärkerem Relief als 
aussen und mit allseitigem Saumschlag versehen. 

Die Eleganz und das sorgfältige Nivellement des Sockels, 
der in vollständiger Horizontale liegt, stehen in bestem Ein- 
klang mit dem Bestreben, das uns bisher in allen Teilen der 
Periode II von A und C entgegengetreten ist, der Wehr- und 
Werkmauer ein möglichst gefälliges, decoratives Aussehen 
zu' geben. Der Sockel von DD^ in einer Gesamtstärke von 
2,25 m wird deshalb der gleichen Zeit zuzuweisen sein. 

Anders steht es mit dem darüber emporragenden Teil 
der Mauer, d (Abb. 1 1 und Phot. d. Inst. A. B. 280. 286). 

Nur ungern würde man sich den Gedanken gefallen las- 
sen, dass ein so guter Sockel für ein so viel geringeres Mauer- 
werk hergerichtet worden wäre. Der Ausweg, dass dieses 
verputzt gewesen sei, versagt, da die Steine von d zum Teil 
unordentlich über die Flucht des Sockels vortreten. Auf die 
Ähnlichkeit der Schichtung mit derjenigen in A III ist oben 



' Längenmasse der 13 bis jetzt sichtbaren Orthostaten, von C ab, in 
Metern: 1,51. 1,33. 1,4b. 1,26. 1,3b. 1,27. 1,33. 1,15. 2,29. 1,29 1,40. 1,28. 1,1b. 



DIE MAUERN ATHENS 145 

hingewiesen. Zu diesen Bedenken, welche die Innenseite 
erweckt, kommt hinzu, dass sich aussen, wo die Sockelver- 
blendung bis auf jenen genannten Rest verschwunden ist, 
im Mauerkern noch eine durchgehende Linie verfolgen lässt, 
die in der Oberkante der zweiten Schicht über dem Fun- 
dament liegt und etwa die Höhe des Orthostaten c erreicht 
(ee auf Taf. XIII, Photogr. d. Inst. A.B. 299. 30Ü.). Erst darüber 
setzt in unverkennbarem Gegensatz das ebenso unregelmässig 
wie innen geschichtete Mauerwerk ein. Ich vermute daher, 
dass ursprünglich in Periode II auch die Mauer DD^ auf 
dem mit jenen schönen Steinen verblendeten, massiven Sockel 
eine Lehmmauer getragen hat, wie es ja für die gleich- 
zeitige Mauer A II ausser Zweifel steht und möglicherweise 
auch für den Turm C II anzunehmen ist. 

Unter dieser Voraussetzung allein wäre es verständlich 
und scheint mir auch das Wahrscheinlichste, dass die obere 
Massivmauer d, für deren viel spätere Entstehung manches 
spricht (s. u.), von Anfang an auf dieselbe Dicke wie jetzt be- 
schränkt gewesen sei. Denn im Grunde ist die jetzige Nord- 
front trotz ihrer geringwertigen Schichtung doch als Fas- 
sade gedacht. 

Das zu DD^ II gehörige, in zwei Schichten abgestufte 
Fundament b (vergl. Abb. 11) kam zum Vorschein, als der 
grössere Teil des Kanals e-e4, dessen Kalksteinblöcke darauf 
verlegt waren, abgebrochen werden musste \ und darunter 
wieder bis zum natürlichen Boden die themistokleische Mauer. 
Auf dem Querschnitt Tafel XIII ist sie durch Kreuzschraffur 
bezeichnet ; in starker Verkürzung erscheint sie in Abb. 1 1 (a) 
und Phot. d. Inst. A.B. 280. 292. 295. Auch hier fehlen stuckierte 
Porosquadern nicht. Man beachte wieder die charakteristische 
Verdrängung der Steine aus der Senkrechten. Die Höhenlage 
der Oberschicht aus grösseren, regelmässigen und nahezu 
gleich hohen Bausteinen, die oben einheitlich glatt abschnei- 
den, lässt vermuten, dass hier auf einen Polygonalsockel über- 
haupt verzichtet war. 



' Ihn in ganzer Ausdehnung zu erhalten war nicht möglich. Seine 
Gestalt und Lage ist auf den Plänen und Schnitten festgehalten, sowie auf 
den Phot. des Inst. A.B. 285. 288. 291. 292. 295. 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII lO 



146 F. NOACK 

Das Gleiche scheint aussen der Fall zu sein (vergl. 
Taf. XIII). Auf einer Unterlage ungleichmässig vortretender 
Blöcke ruhen geglättete Quadern, und auch die Reihe der 
mit derberem Spiegel und flüchtigerem Saumschlag versehe- 
nen Steine wird noch zu Periode I zu rechnen sein. Man 
kann etwa die Fundamentquadern des vorpersischen Parthe- 
non vergleichen (AM. XVII 1892, 165). Die beiden obersten, 
stark in horizontalen Rillen verwitterten Lagen bilden dage- 
gen schon das vorspringende Fundament b von II. 

Marmorfragmente sind in der hier freigelegten Strecke 
nicht gefunden worden : dafür lag tief unten, am inneren 
Fusse des themistokleischen Fundaments, der Oberkörper 
einer zierlichen archaischen Marmorsphinx (auf dem Quer- 
schnitt Tafel XIII eingezeichnet). Nur ein Zufall hatte sie 
davor bewahrt, in die Mauer, vor der sie schon bereit lag, 
eingeschlossen zu werden. 

Gleich darauf hört das Fundament aus Porosquadern auf 
und wird durch ein anderes aus grossen Blöcken, die nur an 
den Auf lagef lachen eingeebnet sind, ersetzt. Wir werden 
sehen, dass dieser Wechsel in Zusammenhang mit der älte- 
sten Toranlage zu bringen ist. Bevor wir aber nach dieser 
fragen, ist noch eines Fundes zu gedenken, der neben der 
Fundstelle der Sphinx gemacht wurde. 

In geringem Abstand von der Innenseite des themisto- 
kleischen Fundaments und damit nahezu parallel läuft der 
Rest einer kleinen Mauer g^ g.2, flüchtig polygonal, mit ziem- 
lich einheitlicher Oberfläche, 0,55-0,60 m breit und je nach 
dem Boden 0,70-1,1 Om an der Nordseite hinabreichend. Diese 
war offenbar Fassade, und hierfür spricht auch, dass dicht 
hinter der anderen, südlichen Seite eine Frischwasserleitung 
aus Thonrohren (g) entlang geführt war. Phot. d. Inst. A.B. 294 
zeigt die Reste, die sich davon in situ erhalten Hessen. 

Die einzelnen Thonrohre (Abb. 1 2) haben einen inneren 
Durchmesser von 0,1 3-0,1 4 m beim weiteren, von 0,1 15-0,1 2 m 
beim engeren Ende. Als sicher messbare Längen ergaben 
sich 0,555, 0,56, 0,58, 0,57 und 0,605 m, wozu in den drei ersten 
Fällen noch 0,035-0,04 m für das abgesonderte, in die Muffe 
des folgenden Rohres einzufügende Stück hinzukommen. Auf 



DIK MAUERN ATHENv<5 



147 



einigen der kreisförmigen Reinigungslöcher (Durchmesser 8,5- 
9 cm), deren jedes Rohr eines auf der Oberseite enthält, waren 
die Verschlussdeckel aus entsprechend gebogenen Thonschei- 
ben noch erhalten. Der Thon ist rötlich und feingeschlemmt. 
Um jedes Rohr ist an dem Dichtungsring und ungefähr in 
der Mitte ein roter, 1 cm breiter Firnisstreifen gezogen. 




Abb. 1 2. Thonrohr der vorpersischen Wasserleitung g, 
Durchschnitt und Ansicht. 



Diese Technik ist uns aber von den grossen Wasserlei- 
tungen der Tyrannenzeit her bekannt; insbesondere in den 
Thonrohren einiger Zweigleitungen des peisistratischen En- 
neakrunosnetzes liegen die nächsten Analogien zu unserer 
Leitung vor (AM. XXX 1 905, 25 Abb. 8). 

Diese wird man so zu verstehen haben, dass sie im Boden 
einer Strasse lag, welcher die kleine Polygonalmauer gig.2 
als abstützende Futtermauer gegen das Eridanosbett zu diente. 
Einen solchen Zweck hatte diese aber nur so lange, als noch 
nicht dicht dabei der themistokleische Sockel lief: sonst hätte 
eben dieser eine solche Function erfüllt. Strasse und Leitung 
sind somit vorthemistokleisch und, da die technischen Ana- 
logien direct in peisistratische Zeit weisen, dürfen wir darin 
wohl eine der Strassen erkennen, welche die Söhne des Tyran- 
nen vom Markt im Kerameikos nach allen Richtungen ins 
Land gelegt haben. 

Beträchtlich jünger ist dagegen der grosse Abzugskanal 
ffi, der südlich neben der alten Leitung von Osten nach We- 
sten läuft. Seine Form gibt der Querschnitt auf Taf. XIIL Die 
eiförmigen Thonplatten (dazu AM. XXX 1905,31 und Abb. 15) 
waren seitlich und oben durch einen Mantel aus Bruchsteinen 



148 F. NOACK 

gesichert Ein Thoncylinder von 0,51 m Höhe, ca. 0,70 m 
Durchmesser und 0,03 m starker Wandung bildete den letz- 
ten, schon sehr hinfälligen Rest eines Einsteigeschachtes. 

Nach der Höhenlage dieses Kanals müssen wir uns den 
zugehörigen Strassendamm in einem Niveau darüber den- 
ken, das erst nach einer Verschüttung des themistokleischen 
Sockels erreicht werden konnte. Dazu treten mitbestimmend 
die Judicien, die oben S. 136 bei Besprechung der westlichen 
Fortsetzung dieses Kanals beim Fundament d für eine spä- 
tere Entstehung geltend gemacht worden sind. 



Wo aber ging die themistokleische Mauer weiter? Wo 
war ihre Toranlage? 

Über den erwähnten, weit hinter die Stadtmauer zurück- 
gezogenen Torverschluss (den schon der Plan npaHTixct 1 873/74 
enthält) gingen bisher die Urteile auseinander i. 

Die Entscheidung war jedoch sofort gegeben, als die von 
V. Alten a. a. O. 29 beschriebenen Torpfeiler, die inzwischen 
wieder verschüttet worden waren, im vergangenen August 
freigelegt wurden: JK auf den Tafeln und Phot. d. Inst. A. B. 
396, 338, 341. 

Der Nordpfeiler J besteht nur noch im Fundament, das 
turmartig 3,19 bezw. 2,95m aus der Mauer vorspringt: vier 
Schichten aus derben Quadern aus Conglomeratstein, knapp 
2 rri hoch vom gewachsenen Boden aus. Auf dem schmalen 
Südpfeiler K hat sich dagegen auch die unterste Sockelschicht 
a erhalten : drei bis auf einen kurzen Rest Werkzoll vorzüg- 
lich geglättete, feinkörnige Kalksteine, 0,51 m hoch und 0,70 m 
breit, mit Lelirkante an den beiden äusseren Ecken. Durch 



^ Adler hat darin 'echte Reste der themistokleischen Ringmauer ' er- 
kennen wollen (Archäol. Ztg. XXXII 1874, 160), auch v. Alten (a.a.O. Tafel 
III, A) hat ihn zur ersten Periode gerechnet, ebenso Milchhöfer (Baumei- 
ster, Denkm. I 1 86). Anders Middleton nach s. Plane a. a. ü. Tafel 25 und 
Judeich, der Topogr. v. A. 128 vermutet, die ganze Torgasse samt dem 
rückwärts gelegenen Abschluss sei erst bei einem mit dem Dipylon gleich- 
zeitigen Umbau entstanden. Auf seiner und Kaweraus Planskizze ist der 
Pfeiler K überhaupt ausgefallen. 



Beilage zu S. 141. 14g. 





Beilage zu S. 150. 




DIE MAUERN ATHENvS 149 

diesen Sockel wird die Tiefe des Tores auf 4 m, seine lichte 
Weite auf etwa das gleiche Maass bestimmt. 

Von besonderem Werte sind aber die beiden in ihrem 
ursprünglichen Verbände mit diesem Pfeiler erhaltenen Ortho- 
staten c mit dem Rest eines flachen Decksteines c,. Denn 
sie sind nach Maassen, Stil und Höhenlage auf den ersten 
Blick als Teile desselben Verblendsockels zu erkennen, von 
dem die beiden oben beschriebenen Steine bei Turm C uns 
schon Kunde gegeben haben. Die anfänglichen Bedenken v. 
Altens, dieses sein Tor a mit dem polygonalen Sockel I in 
Turm C zu verbinden (a. a. O. 30), waren daher nur allzu 
berechtigt. Er hätte sie um so weniger aufgeben sollen, als 
er selbst S. 40 auf die Abnutzung der äusseren Ecke von C 
hingewiesen hat, die sich in Periode II, genau wie in I, wie- 
derholt habe (Abb.l 3 u. Taf. XIII bei ii). Sie geht auch da nicht 
nur bis zum oberen Ende durch, sondern sie setzt auch, wie 
ein Blick auf unsere Tafel lehrt, unten in derselben Höhe 
ein, in welcher der Fuss jener Blendorthostaten von DDjII 
hegt, d. h. kurz vor der Oberkante der untersten Spiegel- 
quader. Vor allem aber steht sie nicht in Continuität mit der 
unteren Abschleissung, sondern setzt nach einer Unterbre- 
chung von ca. 0,35 m wieder frisch ein. So ist es vollkommen 
gesichert, dass die Strasse von jenem Tor bis vor den Eckturm 
m einer Horizontalen verlief. Man hätte sonst, wie v. Alten 
selbst sehr richtig empfand, bereits den abgestossenen Eckstein 
des polygonalen Sockels darunter durch einen neuen ersetzen 
müssen, eine Unterlassung, die gewiss ein sicheres Zeichen 
dafür ist, 'dass das Terrain sich soviel gehoben hatte oder 
soviel aufgeschüttet wurde, dass die abgestossene Ecke (des 
alten Sockels) nicht zu sehen war'. 

Lag also zu Beginn von Periode II der themistokleische 
Sockel unter der Erde, so durfte Tor J K niemals zu diesem 
gerechnet werden. Das themistokleische Tor war, wenn es 
überhaupt eines gab, in grösserer Tiefe zu suchen. Ja es hätte 
schon früher gefunden werden können, wenn ein anderer 
kleiner Rest nicht merkwürdigerweise immer unbeachtet ge- 
blieben wäre. Obwohl in seinem oberen Teil längst sichtbar, 
war er in keinem Plane verzeichnet worden : in der Mitte 



150 F. NOACK 

zwischen Turm C und Tor J K, aber in tieferem Niveau, ein 
schmaler Vorsprung, etwas schräg zur Mauerflucht gelegen ; 
in seiner zweiten Schicht eine Reihe bläulicher Kalksteinpo- 
lygone mit dreieckigen Zwickelsteinen, ebenso bearbeitet und 
nahezu ebenso hoch (0,54 m) wie diejenigen von C I, zusammen 
3,10 m lang (E in der Längsansicht Taf. XIII). Es lag nahe, 
an einen Torpfeiler zu denken. Auch musste auffallen, dass die 
O-Kante der Polygonalschicht gerade mit dem Ende des the- 
mistokleischen Fundaments an der Innenseite von DD^ zusam- 
mentrifft: jene liegt 1 5,83, dieses ca. 1 5,70 m von C I entfernt. 

Dieser Andeutung nachgehend, gelang es Anfang Sep- 
tember in der Tat, die ganze Toranlage des Themistokles 
aufzudecken. Das Ergebnis veranschaulichen die Tafeln XI 
und XIII und die Gesamtansicht des Torgebietes Abb. 1 4, von 
der heutigen Höhe der Aufschüttung im Osten gesehen. 

Gehörte jener Pfeiler zu einem Tor, so musste ein zwei- 
ter ihm entsprochen haben. Dieser erschien, in gleicher Flucht- 
linie, im Abstand von nahezu 4 m, genau 3,09 m lang (F). 
Beide zusammen bildeten das Tor. 

Aber befriedigend war dieser Befund noch nicht. Der 
Pfeiler F war, nur 1,86 m breit, für einen Torabschluss zu 
schmal, und die beiden Mauern, die an seine Schmalseiten an- 
schliessen, die äussere, polygonal geschichtet, nur lose ange- 
stossen (rqq^, Phot. d. Inst. A.B. 304/6), die innere, aus älteren 
Bausteinen, z. T. in F einbindend (kk^, Phot. d. Inst. x\.B. 301). 
erschienen gleichfalls zu schwach, um mehr sein zu können, 
als höchstens Futtermauern der Strasse, die zum Tor heran- 
führte, sowie ihrer Fortsetzung im Stadtinnern. Dazu kommt, 
dass eine Toranlage an dieser Stelle eine doppelte Aufgabe 
zu erfüllen hatte. Die Befestigungslinie überschritt hier in 
der tiefsten Senkung des nordwestlichen Stadtgebietes das 
Bett des Eridanosbaches (AM. XIII 1888, 211 f.). Sie hatte 
daher für diesen einen besonderen Durchlass zu schaffen, der 
zugleich die Sicherheit der Umwallung nicht in Frage stellte. 
Damit war eine Zweiteilung der Anlage gegeben, drei Pfeiler 
waren notwendig; der dritte noch fehlende war also jenseits 
des Baches zu suchen, und er blieb nicht aus. 5 m von F ent- 
fernt trat er als Endstück eines längeren Mauerzuges zu 



DIE MAUERN ATHENS 



151 



Tage (Abb. 15, Phot. d. Inst. A.B. 310/11). Zusammen mit F 
hat er den Durchlass für den Bach gebildet und zugleich, bei 
einer Stärke von 2,40 m, den verlangten genügenden seitli- 
chen Abschluss der ungewöhnlichen Toranlage geliefert (G). 















y-^^-^o---:^ 




Abb. 15. Die Pfeiler F und G (Eridanos - Durchlass) 
und die Mauerreste auf dem Nordufer. 



Nach dem Bache zu gehen die Pfeilerwände tiefer hinab 
als auf den entgegengesetzten Seiten. Sicher zu erkennen ist 
es freilich nur bei F. Bei G zeigt der untere Teil der Bachseite 
polygonale Fügung (Phot. d. Inst. x'\. B. 312). Die unterste 
Schicht springt bei beiden Pfeilern, wie bei C, als 0,38 bezw. 
0,47 m breite Stufe (=43,54 ü. M.) vor. 

Der Durchlass muss selbstverständlich von Anfang an 
einen gegen feindliches Eindringen sichernden Verschluss 
besessen haben. Da an den inneren Wänden von F und G 
keinerlei Spuren davon zu finden sind, werden wir uns eine 
derartige Verschlussvorrichtung im Zusammenhang mit der 
Überbrückung vorzustellen haben, die beide Pfeiler ver- 
band und die, nach der Feldseite hin als Jidgoboc, mit eJidX- 



152 F. NOACK 

|ei5 ^ bewehrt, schon der Continuität des Wallganges wegen 
vorhanden gewesen sein muss. Von dieser mag etwa ein 
Fallgatter aus starken Balken ins Flussbett hinabgesenkt 
worden sein, die dicht gereiht, nur gerade dem Wasser Durch- 
lass gewährten. 

Das Niveau des ältesten Torwegs ist mit Hilfe der Süd- 
seite von F zu ermitteln. An deren östlicher Ecke wird es durch 
einen aus der Wandflucht vorspringenden Stein {y\, vgl. Tafel 
XIII) bestimmt, der schon unter dem Boden gelegen haben 
muss, und ungefähr ebenso tief, etwa 0,55 m, reicht an der 
Westecke die Abnutzung hinab, ^ie auch diese Stelle durch 
die Wagenräder erfahren hat (i, Abb. 15) Da nun die Ober- 
fläche von F bei 1,48 m (=45, 33 ü. M.) liegt, gewinnen wir 
als Höhenzahl für den Torweg rund 0,95 m (=44, 80 ü. M.), 
was durch die Fusshöhe des polygonalen Sockels E, 0,95 m 
(=44, 80 ü. M.), bestätigt wird. Und endlich stimmt dazu 
vortrefflich, dass der unterste durch Räder abgeschlissene 
Eckstein von Turm C I mit seiner Unterkante bei 0,85 m 
(=44, 70 ü. M.) liegt. Also auch schon die themistokleische 
Strasse verlief hier so gut wie ohne jedes Gefälle. Andrerseits 
lag sie auch noch nicht höher als die vorpersische Strasse. 

Auf Tafel XIII sind die so gewonnenen Strassenfluchten 
mit unterbrochener Doppellinie bezw. mit Strichpunktlinie 
eingezeichnet. 

Zum Überflüsse wird der Charakter des themistokl eischen 
Tores noch durch zwei archaische Grabmonumente besiegelt, 
die im Pfeiler F verbaut sind. Das eine, ein Stein mit der 
hinteren Hälfte einer Grabinschrift, steckt, mit dem Kopf 
nach unten, im Fundament auf der Südseite (Abb. 15, über ß, 
und Phot. d. Inst. A. B. 307), das andere, in der Oberschicht 
des Pfeilers, gibt sich als Basis einer grossen Grabstatue zu 
erkennen (Abb. 15, unter a). Dass unter diesen Umständen 
auch die Verklammerung der obersten vSchichtblöcke durch 
I — I Klammern eine Bedeutung erhält, wird sich noch deut- 
licher an einer anderen Stelle zeigen. 



' Sowohl Thukydides II 13,7 wie Arist. Ach. 72 sichern die enaX%iq für 
die themistokleische Stadtmauer. 



DIK MAUERN ATHENS 153 

Keine Erklärung vermag ich dafür zu geben, dass von 
beiden Torpfeilern nur E einen als Fassade ausgeführten 
Sockel zeigt, während F aus verschiedenartigem Material er- 
richtet ist. Aber auch G ist in der entsprechenden Höhe ohne 
solche polygonale Sockelschicht und gleichwohl ist seine 
Zusammengehörigkeit mit EF garantiert. Sie wird von ganz 
anderer Seite her durch einen freilich wieder sehr überra- 
schenden Befund bestätigt. 

Schon vor der Auffindung von G war weiter ostwärts ne- 
ben dem späten Kloakengewölbe H (1 7 auf Tafel III v. Altens) 
und im schiefen Winkel dazu eine Mauer zum Vorschein 
gekommen, die bereits im Plane n^axTind 1874 und von Midd- 
leton (a. a. O. Tafel 24 zwischen a und b) verzeichnet ist, in- 
zwischen aber wieder verschwunden war. Jetzt stellte sich 
heraus, dass sie nur die äussere, zum Eridanosbett ca. 2 m tief 
hinabgeführte Fassadenwand einer stärkeren Mauer von 2,30 m 
Dicke bildete. Gleich den Flussfassaden von F und G besteht 
sie aus ungleich hohen und teilweise wohl schon früher ver- 
wendeten Quadern (Phot. d. Inst. A.B. 31 8-320) auf vortretender 
Stufe (=43, 65 ü. M.), während die zugehörige nördliche Stirn- 
w^and flüchtig polygonal geschichtet, ihre Zwischenfüllung 
aus grösseren und kleineren unbehauenen Blöcken von Burg- 
kalkstein hergestellt ist (Gj). Die schräge südwestliche Rich- 
tung aber, in der sie unter dem Gewölbe L L i verschwindet, 
fand erst durch G ihre Erklärung. Denn der Pfeiler G biegt 
genau am Ende der Tortiefe, d. h. nach 3,10 m, in die.se Rich- 
tung ein (Abb. 1 5, bei f). Er bildete also den Kopf eines längeren 
Mauerstückes, dessen abweichende Richtung nur durch eine 
Biegung des Eridanoslaufes veranlasst gewesen sein konnte. 

Seltsamerweise ist jedoch diese Mauer dem Bache nur 
auf eine beschränkte Strecke hin gefolgt und hat schon bei 
Gj mit einem kurzen, in die Richtung von G zurückbiegen- 
den, turmartigen Ende abgeschlossen. Denn diese Stelle, die 
Abb. 16 wiedergibt, zeigt nach Osten richtige, über der Fun- 
damentschicht zweimal leicht abgestufte Fassade, die von 
der erhaltenen Oberkante (-f- 1,85 m) noch 2,05 m abwärts 
reicht (Phot. d. Inst. A. B. 324, 325). Die äussersten Quadern 
der jetzigen obersten Schicht sind durch schlanke Klammern 



154 



F. NOACK 



gebunden; ebenso noch der nordöstliche Stein c, der ohne 
Zweifel Eckstein war, so dass die Mauer hier tatsächlich nicht 
weiter ging. 

Von dem einstigen Oberbau lässt sich ausserdem sagen, 
dass einmal auf der Strecke a-b schmale Steine, wohl hoch- 
kantige Orthostaten, gestanden haben, deren Dicke, nach der 
Bearbeitung der erhaltenen Standfläche zu schliessen, zwischen 




Abb. 16. Östliches Ende der themistokleischen Mauer GG, 
und zum Pompeion gehörige Reste. 



0,28 und 0,44 m schwankte, so wie dass er noch über 1,38 m 
hoch erhalten war, als von Osten her die Mauer M (d in d. 
Abb.) mit ihren eleganten Orthostaten aus hymettischem 
Marmor (s. u.) an ihn angestossen wurde. 

Die sorgfältige Verklammerung darf uns daran erinnern, 
dass es ein vStück themistokleischer Mauer war, dessen Qua- 
dern oi8i]Q(p KQoc, älkrikovc xä e^wflev xai [io?iuß8o) öeöeiievoi 
waren (Thuk. I 93,5). Und wenn dies auch nur von den 
Piraeusmauern gesagt war, so steht damit doch in bestem 
Einklang, dass wir an einem wichtigen Punkte des städti- 
schen KvyXog derselben Zeit der gleichen technischen Eigen- 



DIE MAUERN ATHEN.S 15.5 

tümlichkeit begegnen. Die Trümmer der niedergelegten 
Piraeusmauern gewährten am Ende des V. Jahrhunderts einen 
Einblick in die Construction ihres Sockelbaus, die Stadt- 
mauern hatte damals keine systematische Zerstörung getrof- 
fen. Die gleichen Klammern enthält nur noch der Pfeiler F: 
das bestätigt lediglich die Einheit dieser Reste '. 

Die Stützmauer kk j auf dem linken Eridanosufer hat na- 
türlich den Richtungswechsel von GGi geteilt und das Gleiche 
wäre von der südlichen Strassengrenze zu erwarten. Doch bin 
ich nicht sicher, ob ein Fundament aus rohen Blöcken harten 
Kalksteins, welches dasjenige von E nach Osten fortsetzt 
(vgl. die Längsansicht Tafel XIII, ß), damit in Verbindung 
gebracht werden darf. Denn es hat auf jeden Fall, wie uns 
schon die Stadtseite lehrte (oben S.146), grösstenteils als Un- 
terbau der jüngeren Mauer DD^ II gedient Andererseits 
wird durch diese letztere Bestimmung nicht mehr motiviert, 
weshalb es mit seiner untersten Schicht bis zu mehr als 
1,50 m vor diesen Unterbau vortritt. Auch war gerade in die- 
sem Stück, bei i, wieder eine archaische Reliefplatte — mit 
einem nach rechts schreitenden Hermes — verbaut, in dersel- 
ben Weise, wie die übrigen themistokleischen Reliefs, zu- 
gerichtet und mit der Oberfläche nach unten gekehrt. Die 
Tieflage dieser Platte (ihre Oberkante liegt bei 44,55 m ü. M,, 
also unter der themistokleischen Strasse) spricht auch für 
Periode I. Nur versteht man nicht ganz, weshalb schon diese 
Strasse allein nach dieser Seite solch starker Substructionen 
bedurft hätte. 

Kehren wir zu Pfeiler G zurück, so treffen wir west- 
wärts eine zweite, von GGj sehr verschiedene Verlängerung. 
Die westliche Schmalseite von G hat auf 2,40 m Länge sicht- 
bare Fassade, dann verschwindet sie hinter einer Quader- 
wand 00 1, die von hier aus nach dem Turme N verläuft. 
Wand und Pfeiler binden umschichtig ineinander ein und 



' Die Möglichkeit, dass allein die (Quadern der Stirnwände der Piraeus- 
mauern unter sich verklammert waren, nicht aber der massive Kern, was 
Judeich, Jahrb. f. Philol. 1890, 725 f. bezweifelt hatte, ist jetzt durch G, 
gegeben. 



156 F. NOACK 

schneiden in der gleichen Höhe ab, gehören also zusammen: 
00 1 ist sonach auch themistokleisch. Die volle Breite von G 
ist nicht mehr festzustellen, da der Pfeiler hier ebenso wie 
00 1 von dem jungen, bisher allein sichtbaren Brecciage- 
mäuer n M^i ^ überbaut ist. Jedoch wurde in einem an dessen 
Nordseite bei der späten Cisterne t hinabgetriebenen Schacht 
von dem Pfeilermassiv nichts gefunden, so dass es so weit 
nicht gereicht zu haben scheint. 

Im östlichen Teile der Wand oo^ treten die beiden obe- 
ren Schichten von der Aussenkante der dritten, auf der sie 
ruhen ^, um 0,20 m weiter zurück als im westlichen Teil, so 
dass gleichsam eine flache Nische entsteht (über o^ auf Abb. 
15). Eine vierte Schicht dient als niedere Euthynteria, vor 
welcher, wiederum 0,06 m tiefer (bei 43,93 m ü. M.), ein breiter 
Plattenbelag sich nach dem Bachbett erstreckt. Die Bach- 
sohle selbst lag wohl noch etwas unter 43 m ü. M. (vgl. 
oben S. 151). 

Bei dem stattlichen Äusseren dieser Wand muss ihre 
geringe Stärke überraschen. Denn sie ist, wie eine Tiefgra- 
bung bei s feststellte, nicht dicker als 0,81 m in der dritten, 
0,69 m in der zweiten Schicht und hat nur nach Süden Fas- 
sade. Ihre westliche Beendigung ist durch den Turm N zer- 
stört. Denn wenn dessen Wandung auch nicht so gering- 
wertig ist, wie sie bei v. Alten a. a. O. 45 erscheint, so ist 
seine Errichtung in nachthemistokleischer Zeit doch ausser 
Zweifel. Für jene Linie ooj aber bleibt kaum eine andere 
Deutung übrig, als dass sie eine vor das Tor vorgezogene 
Ufermauer gebildet habe, die nach Norden zu hinterfüllt war. 
Der Gedanke an einen Turm, von dessen Wandung in dem 
westlichen, leicht vortretenden Ende ein Rest erhalten wäre 
und der dem Turm C entsprochen hätte, erledigt sich weil in 
solchem Falle die themistokleische Mauer sich von hier aus 
hätte fortsetzen müssen, diese Möglichkeit aber durch ein 
weiteres Ergebnis der Untersuchung ausgeschlossen wird. 



' Die von Kawerau-Judeicb hier angegebene 1,15 m dicke Mauer aus 
hartem Kalkstein vermag ich nicht zu identificieren. 
^ Deren Oberkante bei 44,30 m. ü. M. 



DIE MAUERN ATHENS 157 

Gerade diese Linie SSj, in der man die Fortsetzung der 
themistokleischen Mauer über Eridanos und Dipylon hinaus 
bisher fast allgemein gezeichnet hatte \ lässt sich, wie Schon 
mitgeteilt worden ist, nicht halten. Bereits die Ausgrabungen 
vom Sommer 1873 hatten festgestellt, dass diese Polygonal- 
mauer auf einer einzigen, leicht vorspringenden Fundament- 
schicht regulärer Kalksteinquadern ruhte (Il^axiixa 1873, 17 
Anm.), und obgleich damals auch die Beschaffenheit des Bo- 
dens gerade zwischen ihr und der Verstärkungsmauer QQi 
bis in grössere Tiefe untersucht worden war, hatte der Bericht 
ältere Fundamentreste nicht zu verzeichnen (ebenda S. 1 7). 
Er constatierte nur angeschüttete Erde, die reichlich mit 
Vasenscherben und anderen Fragmenten durchsetzt sei, sowie 
dicht bei der Polygonalmauer zahlreiche geometrische Gräber. 

Gleichwohl und weil die Analogie von A es doch wieder 
möglich erscheinen Hess, dass auch auf Strecke SSj unter 
dem Orthostatensockel die themistokleischen Reste gelegen 
hätten, Hess ich nochmals längs der Mauer, aber auch unter 
dem Mauerkerne selbst und auf ihrer noch unberühr- 
ten Stadtseite 1,60m-2,20 m tief hinabgraben. Aber nir- 
gends erschien die geringste Spur der gesuchten älteren Linie. 
Es bestätigte sich nur, dass der Orthostatensockel II auf ganz 
freiem Terrain errichtet war, dass darunter niemals eine ältere 
Mauer bestanden haben konnte. Da wo das Erdreich noch nicht 
gestört war, ergab es sich als ganz reine, rötliche, thonige 
Erde ohne jeden Bauschutt, ganz vereinzelt einige Vasenreste 
und, mit einer Ausnahme, formlose MarmorspHtter. Ich stelle 
das Wenige, was zu bemerken ist, kurz zusammen : 

Bei Wg (9.-10. IV. 1906) keinerlei bedeutsame Scherben. 
Dagegen am Fusse des Fundaments des Dipylonturmes T 
(bei -t- 44,54 m) eine trefflich erhaltene Bügelkanne, soviel ich 
sehe, der erste Zeuge mykenischer Kultur am Dipylon selbst 
(vgl. aber AM. XVIII 1893, 27). 

Bei Wi überschneidet die Mauer SSi die geringen Reste 
eines Mauerzuges, der vielleicht einst mit dem Fundament X 
zusammenhing, welches stadteinwärts gefunden wurde. 



> Anders nur Adler, Atchäol. Ztg. XXXII 1874, 157. 



158 F. NOACK 

W4 (18.-20. IX. 1906): im Erdreich, 0,60 -0,70 m unterhalb 
der Mauer selbst, einige geometrische Scherben, und tiefer, 
unter gänzlich unvermischter, scherbenfreier Erde, ein Grab 
'geometrischer' Zeit (sein Boden bei 44,60m ü. M.) 

W5: die harte Mörtelmasse, mit der in römischer Zeit 
die Fundamente des Pompeion hinterfüllt waren, reicht hier 
bis zur Mauer SSj, darunter in ganz reinem Erdboden ein 
Abzugskanal vv^ aus eiförmigen Thonrohren. 

Endlich in Wg, einer mitten zwischen den beiden Stirn- 
wänden bis 1 ,65 m unter den Fuss der Orthostaten hinabge- 
senkten Grube: Torso einer kleinen archaischen Rundfigur 
sowie einzelne geometrische Scherben, daneben aber auch 
Bruchstücke einer schwarzgefirnisten Schale mit eingepress- 
tem Ornament, ein Befund allein genügend, diese Mauer von 
der Perserzeit beträchtlich abzurücken. 

Zu keinem besseren Erfolge führten andere Versuche, 
den weiteren Verlauf der Mauer aufzuspüren. Sie müssen hier 
in Kürze besprochen werden. 

Die Strecke S 2 ergab an drei Stellen eine fast vollstän- 
dige Zerstörung aller Überreste, so dass nicht einmal mehr 
die früheren Angaben, wonach diese Mauer eine Fortsetzung 
des Orthostatensockels SSj war (AM. III 1878, 31 und IT^ax- 
Tixd 1873/74,15) sich bestätigen Hessen. Wir haben gleich- 
wohl keinen Grund sie zu bezweifeln. Aber es erledigte sich 
damit auch die Möglichkeit, hier etwa noch themistokleische 
Reste zu finden, eine Möglichkeit, die wieder zur Erwägung 
kommen musste, sobald das negative Ergebnis bei SS^ ge- 
wonnen war, und die durch F. Adlers lediglich auf Grund der 
auffallenden Richtungsverschiedenheit der Fluchtlinien von Sg 
und S S 1 ausgesprochene Vermutung (Archäol. Ztg. XXXI1 1 60) 
nur befürwortet wurde. War es nach der erneuten Untersu- 
chung auch ausgeschlossen, mit Adler die Mauer S 2 in der 
ersten Periode fortlaufend bis zum Torturm J zu denken, so 
konnte der Anschluss an die themistokleische Ufermauer GG^ 
immerhin doch auf dieser Linie erfolgt sein. Es war zu 
versuchen, ob ein quer zu dieser Richtung gezogener Graben 
noch Reste einer solchen Mauer träfe. Allein der Graben X 
(Tafel X, Phot. d. Inst. A.B. 344. 345) lieferte nur ein in seiner 



DIE MAUERN ATHENS 159 

Richtung verlaufendes Fundament. Es ist aus 1,30 ml. und 
0,45 m h. Quadern aus Piraeuskalkstein g-ebildet, die, als Bin- 
der geschichtet, auf einer Unterlage von vSteinbrocken ruhen. 
Reste von Querwänden stossen beiderseits an. Von Norden 
her hat einmal ein Kieselestrich (bei 4ö,33 m ü.M.) bis an die 
aufgehende Wand gereicht. Vielleicht stand der in w^ unter 
SSi durchgreifende Mauerrest im Zusammenhang mit die- 
sem Fundament. Jedenfalls lassen Maasse und Höhenlage 
(45,64 m ü. M.) dieses letzteren erkennen, dass es einmal älter 
ist als SS, und andrerseits auch zu dem Pompeion, dessen 
Fundamente um 0,35-0,40 m breiter sind, und von dem es 
in der Richtung ein wenig abweicht, nicht zu rechnen ist 
und auch diesem zeitlich vorangegangen war. Aus gleichem 
Grunde sind die beiden 0,82 m dicken Quadern Jt davon 
zu trennen, die offenbar erst das Pompeionfundament vor- 
aussetzen. 

Nachdem auch die Schachte P^ und P, hinter der südlichen 
Pompeionwand lediglich ein schon früher verzeichnetes Ge- 
bäudefundament, das älter als das Poinpeion ist, etwas weiter 
haben verfolgen lassen, und auch eine Grabung bei P;^ keine 
Aufklärung über die themistokleische Mauer gebracht hat, 
bleibt nur eine sehr beschränkte Strecke von GG, für deren 
Ansatz übrig. Ob etwas und wie viel davon erhalten, Hesse 
sich nur nach Beseitigung des sehr starken Gusswerks der 
römischen Pompeion- Verstärkung feststellen. Ausserdem wäre 
volle Klarheit nur von einer systematischen Aufdeckung 
des ganzen Geländes zwischen den Fundamenten dieses gros- 
sen Gebäudes zu erwarten, dessen völlige Freilegung nach 
Osten längst mit Recht gefordert worden ist. 

Hat somit eine wichtige Frage athenischer Topographie 
einstweilen nur eine negative Lösung finden können, die neue 
Probleme stellt und erneute Arbeit unumgänglich fordert, so 
sind wir doch im Stande, das Erhaltene und uns greifbar 
Zurückgegebene besser zu verstehen. 

Bis zum Jahre 479 v. Chr. war der Eridanos in breiter 
offener Niederung geflossen. Am südlichen Ufer zog sich auf 
niederer Stützmauer die peisistratische Strasse hin, im Nor- 
den, jenseits des Baches, dehnte sich seit Jahrhunderten auf 



160 F. NOACK 

allmälig anwachsendem Gelände ^ die archaische Nekropole. 
Nun griff der themistokleische Ring zum erstenmal über 
den Eridanos hinaus. Da war man gezwungen, sein Bett, um 
es leichter zu überbrücken und abzusperren, auf das Notwen- 
digste einzuengen und auf seinen tiefsten Teil zu beschrän- 
ken. Das führte zu einer Regulierung zwischen hohen künst- 
lichen Uferwänden. Die Strasse aber, die bisher am Bach 
entlang gegangen war, forderte ein Tor. Wenn man dieses 
neue Tor an die neue Uferlinie unmittelbar anschloss, ergab 
sich nicht nur eine vorteilhafte Möglichkeit, es mit den Über- 
brückungspfeilern des Bachdurchlasses zu combinieren, wobei 
man einen Pfeiler ersparte, man gewann auch im Bache selbst 
einen gewissen Flankenschutz für die zum Tor heranführende 
Strasse. So hatte die Bacheindämnmng und ihre Verbindung 
mit dem Tor die Verdrängung der Strasse nach Norden zur 
nächsten Folge. Tor, Strasse und Torgassenmauer, -die man 
vor das Tor bis zu einem starken Turme vorzog, kamen aber 
auf diese Weise direct in das alte Bachbett zu liegen, die 
tieferen Fundamentierungen und Anschüttungen auf dem 
linken Ufer wurden nötig, wie wir sie jetzt wieder aufge- 
funden haben. Auf Tafel XIII 3 ist unter I die Toranlage des 
Themistokles gezeichnet. Überraschend neu und andersartig, 
als man sie sich wohl gedacht hatte. Verschwunden ist der 
tiefe Torhof und vor allem der ganz hypothetische Turm 6 
V. Altens. Man sieht: keine typische Planbildung ist dem Ge- 
lände aufgezwungen; aus den besonderen Bedingungen, die 
dieses stellte, ist vielmehr eine durchaus selbständige Anlage 
mit möglichster Einfachheit entwickelt. Und damit verschiebt 
sich alles, was wir bis jetzt über die weiteren Geschicke des 
Platzes sagen zu können glaubten. 

Kiel. Ferdinand Noack. 

(Schluss folgt) 



* Hierfür sehe ich bis jetzt freilich nur den einen Anhaltspunkt, dass 
schon geometrische Gräber dort ein Niveau von mindestens 45,50 m ü. M. 
voraussetzten : bei dem einen Grabe dieser Periode, das im vergangenen 
September noch innerhalb des Pompeion gefunden wurde (bei w^, s. S. 15b), 
lag die Deckplatte schon bei 45,21 m. Und etwas wird der Boden bis zum V. 
Jahrh. doch angewachsen sein. 



Geschlossen 1 2. Mai. 



161 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905. 

(Hierzu Taf. XIV- XXIII). 

Wiederum haben wir über zwei Arbeitsjahre zu berich- 
ten, in denen das vom Athenischen Institut geleitete grosse 
Unternehmen der weiteren Ausgrabung von Pergamon we- 
sentlich gefördert worden ist. An die früheren Berichte über 
die Resultate der Jahre 1900 und 1901 (AM. XXVII 1902, 
1 ff.) und der Jahre 1902-1903 (AM. XXIX 1904, 113 ff.) 
reiht sich jetzt ein dritter über die Ergebnisse der Arbeiten 
in den beiden Jahren 1904 und 1905. 

Als Arbeitszeit dienten uns wiederum die Herbstmonate 
September, Oktober und November, die sich wegen ihres be- 
ständigen und angenehmen Wetters für die Ausgrabungen 
in Kleinasien besonders gut eignen. Bei der Leitung der Ar- 
beiten stand mir in beiden Jahren der Stipendiat Herr Dr. 
Hugo Hepding zur Seite, indem er namentlich das archäolo- 
gische Tagebuch führte und die Inschriften bearbeitete. Nur 
die meist in früheren Jahren gefundenen und zum Teil schon 
veröffentlichten Listen der Gymnasiasten wurden von dem 
früheren Herausgeber dieser Inschriften Herrn Prof. Walter 
Kolbe bearbeitet, der sich zu diesem Zwecke einige Wochen 
in Pergamon aufhielt. Zu unserer Freude nahm in beiden 
Jahren anch Herr Prof. A. Conze, der Nestor der Pergame- 
ner, an der Leitung der Grabungen und an der Bearbeitung 
der Funde teil. Als Architekten waren neben Herrn Panagio- 
tis Sursos, der wie in früheren Jahren die Pläne aufnahm, 
vorübergehend noch die Herren A. Zippelius und Paul Scliaz- 
mann bei Aufnahmen einzelner Gebäude tätig. 

Dimitrios Tsolakidis, der Inspektor des Museums von 
Pergamon, war wiederum unermüdlich in seiner Sorge für 
die Altertümer, für die Mitglieder der Expedition und auch 
für die übrigen Besucher Pergamons und hat uns so zu 
neuem Danke verpflichtet. Auch den übrigen Lokalbehörden, 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 1 1 



162 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

vor allem dem energischen Kaimakam Kemal Bey und dem 
Kommissar Achmet Bey, und weiter auch mehreren Mitglie- 
dern der griechischen Kolonie schulden wir Dank für man- 
nigfache Unterstützung unserer Arbeiten. 

Die Zahl der bei den Grabungen beschäftigten Arbeiter, 
die etwa zur Hälfte Griechen, zur Hälfte Türken waren, 
schwankte zwischen 100 und 125. Ihre Beaufsichtigung war 
wie in früheren Jahren den Griechen Georgios Paraskevo- 
pulos und Angelis Kosmopulos anvertraut, die sich seit 30 
Jahren bei deutschen Ausgrabungen in Griechenland und 
Kleinasien als Aufseher bewährt haben. 

Die Aufgaben für die Grabungen von 1904 und 1905 
waren uns zum Teil durch die früheren Arbeiten vorgeschrie- 
ben, da sie in der Fortsetzung der früher begonnenen Auf- 
deckung grösserer Bavianlagen bestanden, zum Teil haben wir 
sie uns neu gestellt. Die hauptsächlichsten Arbeiten waren: 

1) Fortsetzung der Ausgrabung des südlichen Abhangs des 
Stadtberges zwischen der unteren Agora und dem G}'nmasion ; 

2) Weitere Aufdeckung des Gymnasions; 3) Untersuchung 
des griechischen Theaters auf der Akropolis ; 4) Freilegung 
des Weges zwischen dem grossen Altar und dem Athena-Hei- 
ligtum; 5) Ausgrabung der Tumuli der Unterstadt. 

Während die drei ersteren Arbeiten mit den regelmässi- 
gen Mitteln des Instituts ausgeführt wurden, standen uns für 
die letztere Grabung die Zinsen des Iwanoff-Fonds zur Ver- 
fügung, jener bekannten Stiftung eines russischen Kunst- 
freundes und Archäologen, durch die dem deutschen Institut 
in Zukunft jedes zweite Jahr Mittel zu einer besonderen Aus- 
grabung gewährt werden. Die vierte Arbeit wurde mit den 
Mitteln der Königlichen Museen in Berlin durchgeführt, weil 
es sich um die Fortschaffung von Schuttmassen handelte, 
die bei den von Herrn Baumeister Schrammen im Jahre 1 903 
ausgeführten Grabungen vorläufig auf jenem Wege und den 
anstossenden Bauwerken abgelagert worden waren und nun 
wieder entfernt werden mussten. 

In dem nachfolgenden Berichte hat W. Dörpfeld die 
Bauwerke, H. Hepding die Inschriften und sonstigen Funde 
und W. Kolbe die Listen der Epheben bearbeitet. 



DIE AR15EITEN ZU PERGAMON 1904-1905 163 

I. DIE BAUWERKE. 

Den o])c'n aufgeführten Aufgaben entsprechend, haben 
wir eine grtKssere Anzahl verschiedenartiger Bauwerke unter- 
sucht und freigelegt, die im Nachstehenden einzeln kurz 
beschrieben werden sollen. Es handelt sich dabei hauptsäch- 
lich um folgende baulichen Anlagen: 1) die Gebäude in dem 
Wegedreieck nördlich von der unteren Agora, 2) das Haus 
des Consuls Attalos, 3) das mittlere und obere Gymnasion, 
4) das griechische Theater auf der Akropolis, 5) die Tuniuli 
der Kaikos -Ebene. 

1. DIE BAUWERKE NÖRDLICH VON DER UNTEREN AGORA. 

Der schon früher aufgedeckte breite Fahrweg, der vom 
südlichen Stadttor zur Akropolis führt, biegt unmittelbar 
oberhalb der unteren Agora zweimal in spitzem Winkel um 
und überwindet so durch eine Zickzacklinie die hier vorhan- 
dene bedeutende Steigung. Der eine Knick liegt, wie schon 
aus dem früheren Übersichtsplan (AM. XXVII 1902 Taf. 1) 
bekannt ist, an der NO -Ecke der Agora, der andere an ihrer 
NW- Ecke. Jener war schon im Jahre 1901 ausgegraben wor- 
den, diesen haben wir mit seiner Umgebung im Jahre 1904 
freigelegt: Die hierbei zu Tage geförderten Bauwerke veran- 
schaulicht die diesem Berichte beigegebene Taf. XIV. Am 
unteren Rande dieses Planes erkennt man die nördliche Zim- 
merreihe der unteren oder II. Agora und darüber die nach 
NW. ansteigende Fahrstrasse A-B-C-E. Diese vereinigt sich 
am Punkt B neben der NW-Ecke der Agora mit zwei schmä- 
leren von W. und S. kommenden Wegen, biegt in spitzem 
Winkel nach NO. um und steigt dann in fast gerader Linie 
zum Gymnasion empor, indem sie nur noch bei C und I) 
kleine Biegungen macht. Vor Erbauung der Agora verlief sie 
in etwas anderer Weise. Einige Reste einer älteren Stütz- 
mauer, die zwischen A und B aufgefunden und im Plane süd- 
lich von den Magazinen 1 und m gezeichnet sind, klären uns 
über ihren ehemaligen Verlauf auf. Sie hatte damals kürzere 



164 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

und Steilere Zickzack - Arme. Bei Besprechung des Attalos- 
Hauses, das jener älteren Zeit angehört, werden wir auf die 
frühere Strassenlinie zurückkommen. Ihre jetzige Führung 
mit der bequemeren Steigung ist vielleicht bei Errichtung 
der IL Agora hergestellt worden. Jedenfalls sind alle neben 
der Strasse liegenden Magazine, sowohl die an dem Strassen- 
arme AB, wie die an dem oberen Arme BC, von demselben 
Baumeister erbaut worden, der die neue Strasse anlegte. Das 
ergibt sich nicht nur aus der Übereinstimmung des Bauma- 
terials und der Bauart bei allen diesen Magazinen, sondern 
auch aus dem Vorhandensein gleichmässiger Ecklösungen 
an den beiden spitzen Winkeln der Strasse. Trotz der gros- 
sen Zerstörung der Mauern an beiden Ecken ist nämlich 
noch zu erkennen, dass in der Mitte des Dreiecks bei B, 
ebenso wie in dem Dreieck an der NO -Ecke der Agora, eine 
halbrunde Basis a gestanden hat, und dass die kurze Seite 
des Dreiecks von einem vielleicht hallenartigen Gebäude b 
eingenommen war, das dem Gebäude s bei A entsprach. Die 
halbrunden Fundamente trugen vermutlich exedrenartige 
Sitzbänke, die mit Statuen oder anderen Kunstwerken aus- 
gestattet waren. Man konnte also ehemals an den Wegekreu- 
zungen eine kleine Rast machen und den hier besonders 
starken Verkehr beobachten. 

Die von aus aufgedeckten antiken Anlagen, die sich 
nach Osten an den Bau b anschliessen und den Raum zwi- 
schen den beiden Strassen einnehmen, bestehen aus einer 
Reihe von Magazinen (r, q, p, n, m, 1), die von der unteren 
Strasse A-B zugänglich waren, ferner einem länglichen anti- 
ken Bau (c-f), der sich an die Stützmauer der oberen Strasse 
B-C anlehnt, und einem dreieckigen Hofe zwischen diesen 
beiden Gebäuden. Die noch aus griechischer Zeit stammen- 
den Magazine r-1, deren Bestimmung im Einzelnen nicht zu 
ermitteln ist, sind meist in römischer Zeit umgebaut worden. 
Am bemerkenswertesten unter ihnen ist der Raum n, weil er 
einen marmornen Fussboden mit einem runden flachen Spring- 
brunnen in der Mitte und dazu Reste einer Wandverkleidung 
aus Stuck mit vortretenden Pilastern aufweist. Der anstos- 
sende Raum o ist kein Magazin, sondern diente als Durch- 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-190.5 165 

gang zu dem dreieckigen Hofe und zum Gebäude c-f. Er 
enthält einen gemauerten Kanal, der die Abwässer aus dem 
Hofe in den grossen Strassenkanal leitete. Von dem Gebäude 
c-f ist der östliche Teil noch etwa zwei Meter hoch erhalten 
und darf wegen der sorgfältigen Fügung der Quadern seiner 
südlichen und östlichen Mauer und wegen der an ihnen er- 
haltenen INIarken derselben griechischen Periode zugeschrie- 
ben werden, der die Strassen und die Magazine angehören. 
Die starke Zerstörung seines westlichen Teiles gestattet lei- 
der keine volle Ergänzung seines Grundrisses und daher 
auch kein Urteil über seine Bestimmung. Für den Grundriss 
ist es wichtig, dass der Bau ursprünglich nur eine einzige 
Tür in der Mitte der zum Hofe gerichteten Vorderseite ge- 
habt zu haben scheint. Die Rückwand konnte jedenfalls kei- 
nen Zugang enthalten, weil sie zugleich die Stützmauer für 
die viel höher gelegene und stark ansteigende Fahrstrasse 
B-C bildete. Mehrere Quermauern, die jetzt den lang ge- 
streckten Bau in einzelne Zimmer zerlegen, stammen aus rö- 
mischer, einige wohl erst aus byzantinischer Zeit. Dass der 
Bau in dieser späten Zeit noch benutzt wurde, ergibt sich 
namentlich aus dem Zustande des Raumes d. In seiner Rück- 
wand befindet sich nämlich eine merkwürdige, von Säulen 
eingefasste Nische mit einer Stütze in der Mitte. Die grosse 
Verschiedenheit der hierbei verwendeten Säulenstücke und 
die rohe Ausführung der Nische lassen über die späte Ent- 
stehungszeit keinen Zweifel. Da nun vor der Nische einer 
jener merkwürdigen altarähnlichen Tischfüsse gefunden wur- 
de, die H. Hepding weiter unten bespricht, so liegt die Ver- 
mutung nahe, dass der Tischfuss hier in späterer Zeit als 
Altar diente und zur Nische gehörte. Die ganze Anlage wird 
also im Mittelalter ein Heiligtum gewesen sein. Eine Bestä- 
tigung dieser Vermutung dürfen wir in den Umstand erken- 
nen, dass heute einige Schritte weiter östlich bei k ein mo- 
dernes Heiligtum liegt, ein viel besuchtes Hagiasma der 
H. Kyriaki, das aus einem kleinen Loch in einer antiken 
Mauer und zwei davor befindlichen Bäumen besteht. Von 
dem antiken Bau i-k, über dem sich dies moderne Hieron 
befindet, haben wir nur ein Stück ausgegraben, weil wir das 



166 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

Hagiasiiia nicht zerstören wollten. Es ist ein grösserer Raum, 
von dem durch eine römische Querwand ein kleines Zimmer 
i abgetrennt wnrd. Grundriss und Zweck auch dieses antiken 
Baues sind unbekannt. 

Der dreieckige Hof vor dem Gebäude c-f, der im Grund- 
riss durch gekreuzte Linien hervorgehoben ist, enthält jetzt 
mehrere spätere Einbauten, war aber ursprünglich wohl ganz 
mit kleinen viereckigen Trachytplatten gepflastert, von denen 
sich unter einigen späten Mauern noch Reste gefunden ha- 
ben. Den östlichen Abschluss des Hofes bildete eine Säulen- 
halle g-h, deren Rück- und Vorderwand wenigstens in den 
Fundamenten noch vorhanden sind. Da sich bei g auf einem 
Stück des Stylobats eine uncannelierte Säulentronnnel aus 
Trachyt in situ gefunden hat und daneben die vStandspur 
für eine zweite Säule, so kann an der Existenz einer Halle 
nicht gezweifelt werden. An ihrem nördlichen Ende befindet 
sich an der Aussenwand von f eine Parastas, die zwar nicht 
mehr an ihrer alten Stelle steht, aber durch die Art, wie sie 
an die Wand angefügt war, deutlich lehrt, dass die Halle 
keinesfalls zugleich mit dem Bau c-f errichtet ist, sondern 
aus späterer Zeit stammt. Den westlichen Abschluss des_ 
Hofes bildete der Raum r, der grössere Reste eines römi- 
schen Mosaikfussbodens enthält. Er wird von der Strasse, 
nicht vom Hofe zugänglich gewesen sein, weil sein Fuss- 
boden höher als der Hof und ungefähr in dem Niveau der 
Strasse liegt. 

Leider sind weder im dreieckigen Hofe noch in den an- 
stossenden griechischen Gebäuden Einzelfunde gemacht wor- 
den, die über die Bestimmung der ganzen Anlage eine be- 
stimmte Auskunft geben könnten. So bleibt uns nichts übrig, 
als aus dem Grundrisse auf die Bestimmung zu schliessen. 
Handelte es sich um ein griechisches Heiligtum, woran das 
mittelalterliche und das moderne Heiligtum denken lassen, so 
würden wir wohl Weihgeschenke irgend welcher Art gefun- 
den haben. Ihr Fehlen lässt uns vielmehr an eine öffentliche 
Anlage oder an ein privates Geschäftshaus denken. 



DIE ARHKiTii;N ZU 1'I':r(;amon 1904-1905 167 

2. DAS HAUS DES CONSULS ATTALOS. 

Im Jalire 1903 war hinter den Magazinen der vStrasse 
R-D eine ^iite j^riechisclic Mauer zu Tage gekommen, die 
als Stützmauer auf das Vorhandensein einer höher gelegenen 
grösseren Bauanlage hinwies. Als sodann in denselben Maga- 
zinen neben einigen unbedeutenderen vSkulpturstüeken auch 
der Hermes des Alkamenes gefunden wurde, der offenbar 
nicht in einem der Magazine gestanden hatte, sondern von 
jener höheren Terrasse heruntergefallen war, durften wir mit 
Bestimmtheit annehmen, dass oberhalb der Magazine ein 
grösserer, einst mit Kunstwerken ausgestatteter Bau gelegen 
habe. In den Jahren 1904 und 1905 haben wir dort gegraben 
und ein grosses Gebäude aufgedeckt, das sich als ein altes 
pergamenisches Patrizier-Haus herausstellte. Unter den Köni- 
gen erbaut, hat es Jahrhunderte lang bestanden ; in römi- 
scher Zeit, als es im Besitze eines xAttalos war, der es bis 
zum römischen Consul gebracht hatte, ist es gründlich um- 
gebaut und von neuem mit mancherlei Kunstwerken ge- 
schmückt worden. 

Ich beschreibe zunächst den Bau selbst, wie er jetzt aus- 
sieht, schildere sodann seine künstlerische Ausstattung und 
suche zuletzt seine Geschichte festzustellen. 

Der auf Taf. XIV gezeichnete Grundriss stellt alle noch 
aufrecht stehenden Wände und Säulen, soweit sie aus griechi- 
scher Zeit stanmien, in ganz schwarzer Farbe dar. Die nur in 
ihren Fundamenten erhaltenen oder sicher zu ergänzenden 
Mauern derselben Zeit haben eine kreuzweise Schraffierung 
erhalten; nur wenn sie als Stützmauern eine einst sichtbare 
Fassade haben, ist der äussere Teil der Mauerdicke ganz 
schwarz gezeichnet. Alle in römischer Zeit errichteten Mauern 
sind dagegen durch eine einfache Schraffierung kenntlich 
gemacht. Einige noch spätere Zusätze sind weiss geblieben. 
Schon aus der Zeichnung ist daher zu erkennen, dass der 
nördliche und westliche Teil des Hauses besser erhalten ist 
als der südliche und östliche, und weiter, dass die Innen- 
mauern in römischer Zeit meist neu errichtet worden sind. 



168 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

Die photographische Aufnahme auf Taf. XV, die den nörd- 
lichen und westlichen Bauteil umfasst, bestätigt beide Beob- 
achtungen. Der verschiedene Erhaltungszustand der beiden 
Hälften war in erster Linie durch die Form des Bauplatzes 
bedingt. Da der Bergabhang von Natur keine ebene Fläche 
bot, musste die eine Hälfte des Platzes durch Einschneiden 
in den Berg, die andere durch Errichtung von Futtermauern 
und durch Hinterfüllung mit Schutt hergestellt werden. Sol- 
che künstliche Anlagen werden aber bald verschüttet oder 
gehen sogar zu Grunde, wenn nicht dauernd für ihre Erhal- 
tung gesorgt wird. So ist auch bei unserem Bau der in den 
Felsen eingeschnittene Teil, sobald das Haus verlassen war, 
durch heruntergefallene Erd- und Steinmassen verschüttet 
worden, während der andere Teil mit seinen hohen Stütz- 
mauern schnell baufällig wurde und sogar abstürzte. In jenem 
Teile sind infolge dessen die Mauern des Erdgeschosses noch 
mehrere Meter hoch erhalten geblieben, und in der einen 
Ecke stehen sogar noch Mauerstücke von einem Räume des 
oberen Stockwerkes aufrecht; in diesem Teile würde ausser 
einigen Fundamentmauern wohl nichts mehr erhalten sein, 
wenn hier nicht unter dem Erdgeschosse noch ein Unterge- 
schoss angeordnet gewesen wäre, dessen Wände der Zerstö- 
rung entgangen sind. 

Diese verschiedene Höhenlage der einzelnen Teile des 
Baues und zugleich der nach Süden sich anschliessenden 
Gebäude und Strassen bis zur H. Agora veranschaulicht der 
Durchschnitt in Abb. 1. Links sieht man die Agora und 
neben ihr die höher liegende Fahrstrasse A-B. Noch weiter 
rechts wird dieselbe Strasse nochmals in dem Stücke B-E 
durchschnitten. Zwischen beiden Strassen erkennt man eines 
der Magazine q-m und den oben beschriebenen Hof mit dem 
Gebäude c-f. Den rechten Teil des Profils nimmt das Atta- 
los-Haus ein, das hoch über der Strasse B-E liegt und durch 
das Magazin Nr. 8 von ihr getrennt ist. Die Einzelheiten des 
Attalos-Hauses werden wir später besprechen, hier mag nur 
schon hingewiesen werden auf die gewaltige Cisterne (22), 
die unter dem Hofe des Hau.ses liegt und in der Zeichnung 
sehr in die Augen fällt. Sie ist schon früher beschrieben 



DIK ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 



169 








/ 


1 

OG 






\ 






a.3> 






CQ c 






(/) .• -' 


< 









^ q: 




J 




^ o 




< 


' 


X < 




f- 




s 

D 






O a 


N 






C/3 p, 

^ n 


CA 
CD 


Q 




a: 




W 




:d / 




OT 


„ 


o o 




:^ 




> 




< 








i 


" 



ö 



1 70 W. nÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

(AM. XXVII 1902,26). Da ihre Sohle höher als die Agora 
liegt, konnte ilir Wasser später durch einen Felsstollen, der 
auf der Zeichnung zum Teil nur angedeutet werden konnte, 
zur Agora geleitet werden. 

Die allgemeine Gestalt des Attalos-Hauses ist aus dem 
Grundrisse leicht zu erkennen: Um einen centralen Hof von 
fast 20 m Länge und 1 3,5 m Breite, der unter freiem Him- 
mel lag, war auf allen vier Seiten eine bedeckte vSäulenhalle 
angeordnet, von der man zu den ringsherum liegenden Räu- 
men von verschiedener Form und Bestimmung gelangen 
konnte. Der Hof ist im Plane durch gekreuzte Linien her- 
vorgehoben und seine vier Ecken sind mit den Zahlen 26-29 
bezeichnet. Auf drei Seiten ist der St)lobat der Hofsäulen 
noch erhalten, im Norden und Osten stehen sogar noch einige 
vSäulentrommeln aufrecht, im Westen sind wenigstens noch die 
Standspuren von zwei Säulen zu sehen. Im Süden ist nicht 
nur der Stylobat ganz zerstört, sondern auch seine Funda- 
mentmauern zum Teil vernichtet. Da hier zwei parallele Fun- 
damente, die beide den Stylobat und die Säulen getragen 
haben können, in Resten erhalten sind, so würde man zwei- 
feln müssen, wo die Säulenreihe gestanden hätte, wenn sich 
nicht aus den zwei im Hofe gefundenen halbkreisförmigen 
Wasserbehältern 21 und 23, die offenbar in der Achse des 
Hofes lagen, mit Sicherheit ergäbe, dass die südlichere der 
beiden Mauern der Träger der Hofsäulen gewesen ist. Aller- 
dings gilt das nur für die römische Zeit, denn dass die süd- 
lichen Säulen ursprünglich auf der anderen, der nördlicheren 
Mauer (24) gestanden haben, und dass also eine römische 
Verbreiterung des Hofes vorliegt, werden wir später sehen. 
Im Durchschnitte (Abb. 1) ist der engere griechische Hof 
gezeichnet. Nach dem Umbau hatte der Hof im Ganzen 24 
Säulen, je 6 an den kurzen und je 8 an den langen Seiten; 
vor dem Umbau standen nur 5 Säulen an den kurzen Seiten. 

Eine besondere Eigentümlichkeit der südlichen Säulen- 
halle besteht darin, dass sie ein Kellergeschoss hatte. Eine 
solche Anordnung ist für Pergamon nicht ungewöhnlich. Wir 
kennen sie schon von der vSäulenhalle der IL Agora und w^er- 
den sie im oberen Gymnasion wiederfinden. Sie empfahl sich 



niE arheitI';n zu perc^.amon 1904-1905 171 

wegen der starken Nei<;nn<; der Banplät/.e; durch die Anlage 
von Untergeschossen wurden nicht nur Anschüttungskosten 
erspart, sondern auch gut benutzbare Räume gewonnen. In 
unserem Hause ist das Kellergeschoss zu einer Badeanlage 
benutzt worden, wozu es besonders geeignet war, weil das 
Wasser aus den Behältern des Hofes auf diese Weise bequem 
in das tiefer liegende Badebassin geleitet werden konnte. 
Das Badezimmer ist auf unserem Plane mit der Zahl 52 be- 
zeichnet; das Badebassin, das noch seinen Verputz und auch 
die Stufen zum Hineinsteigen aufweist, trägt die Zahl 51. 
Freilich stammt der jetzige Zustand dieser Badeanlage erst 
aus später Zeit, weil sich im Zimmer 52 Reste eines römi- 
schen Mosaikbodens erhalten haben und in den Stufen des 
Badebassins eine römische Inschrift (vgl. unten Nr. 46) als 
Baustein verwendet ist. Auch die Umfassungsmauern des 
Badezimmers gehören mit Ausnahme der nördlichen Stütz- 
mauer und einiger Reste der Südmauer nicht zu der griechi- 
schen Anlage. Wie dieser Bauteil in griechischer Zeit gestal- 
tet war, hat sich bei dem fast gänzlichen Verschwinden der 
ofriechischen Mauern an dieser Stelle nicht mehr im einzel- 
nen feststellen lassen. Nur das Eine ist sicher, dass das Unter- 
geschoss damals nicht unter der Säulenhalle, sondern unter 
ihrer südlichen Zimmerreihe lag. So ist es auch im Durch- 
schnitt (Abb. 1) gezeichnet. 

Von den beiden halbkreisförmigen Wasserbehältern des 
Hofes ist der kleinere (21) an das mittlere Säulenjoch der 
Westseite angebaut und stammt nach seiner Bauart aus römi- 
scher Zeit. Derselben Periode gehört auch der grössere, ganz 
frei in der Mitte des Hofes stehende Behälter 23 an. Zwi- 
schen beiden, aber nicht in der Achse des römischen Hofes, 
liegt die Brunnenmündung des oben erwähnten grossen und 
tiefen Wasserbehälters 22. Dieser in den Felsen gehauene, 
13 m tiefe und über 5 m breite, bienenkorbförmige Behälter 
war ursprünglich eine Cisterne unseres Hauses, in der sich das 
von den Dächern zusammenlaufende Regenwasser sammelte. 
Vermittelst eines Eimers und Strickes musste das Wasser hier 
aus grosser Tiefe geschöpft werden, bevor es zur II. Agora 
geleitet wurde und dort einen Laufbrunnen speiste. Die alte 



172 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

enge Brunnenmündung lag, wie wir noch sehen werden, frü- 
her in der Achse des griechischen Hofes. 

Aus den Säulenhallen des Hofes führten auf drei Seiten 
mehrere Türen in Räume verschiedener Grösse, die als Wohn- 
zimmer, Schlafzimmer und Wirtschaftsräume gedient haben 
werden. Der grösste und wichtigste Raum, der Saal 45, liegt 
an der Westseite; er bildet offenbar das Megaron des Hau- 
ses, den Oikos, der dem Tablinum des gewöhnlichen römi- 
schen Hauses entspricht. Es ist ein quadratischer Saal von 
fast 10 m Seitenlänge, dessen weite, zur Hofhalle gerichtete 
Öffnung vermutlich einst zwei Säulen zwischen zwei Parasta- 
den enthielt, also eine Anordnung zeigte, wie sie im Mega- 
ron des weiter südlich gelegenen und früher schon ausge- 
grabenen Hauses vorkommt (AM. XXIX 1904, Tafel VH). 
Im Attalos-Hause sind nur die beiden Parastaden erhalten 
und in dem Bilde auf Tafel XV mit M bezeichnet; von 
den Säulen ist nichts mehr zu sehen. Die Wände, aus poly- 
gonalen Steinen erbaut, sind noch bis zu einer Höhe von 
3 m erhalten und auf der Photographie bei K zu erkennen. 
Die künstlerische Ausstattung des Saales besprechen wir 
weiter unten. 

Südlich und nördlich neben dem Megaron lagen zwei 
Eingänge 43 und 46. Der südliche führte an einem kleinen 
Räume 47 und einem Hofe 48 vorüber zu der an dem Hause 
vorüberlaufenden Strasse 49. Da letztere höher liegt als der 
Hof, musste man auf einer Felsrampe zu ihr hinaufsteigen. 
Die entsprechende, nördlich vom Megaron liegende Tür 43 
führte in griechischer Zeit zu einem nach Norden gerichte- 
ten Corridor, durch den man auf einer, aus guten Trachyt- 
quadern erbauten Treppe (41) einst zum Oberstock gelangen 
konnte. In römischer Zeit ist diese Treppe zugemauert und 
in ihrem oberen Teile abgebrochen worden. Ihr unterer Zu- 
gang 43 wurde zu einer Nische umgebaut, in der sich noch 
der Unterteil einer viereckigen Basis für ein Kultbild erhal- 
ten hat. Zur Herstellung der Basis sehen wir Stücke einer 
älteren Marmorstatue als Baumaterial benutzt, ein sicheres 
Zeichen dafür, dass der jetzige Zustand der Nische aus sehr 
später Zeit stammt. Auf den Kult, der hier in später Zeit 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 173 

stattfand, weisen zahlreiche Thonlampen hin, die im hinteren 
. Teile der Nische gefunden wurden. Dass es eine Göttin war, 
die hier verehrt wurde, und zwar wohl die Kybele, lehrt ein 
Hermenschaft, der neben der Nische aufrecht stehend gefun- 
den wurde und die Inschrift trägt: 

"ATTaXo? ovxoc, 6 xr\vbe ■decov jtavujreiQoxov el'aag, 
'P(0|a,aicov vjtaTog, jtQOöJtoXog eoti diäq. 

Die Herme, deren bronzener Kopf leider fehlt, stellte also 
einen römischen Consul Attalos dar, der neben dieser seiner 
Herme ein Bild der all ermächtigsten Göttin aufgestellt hatte, 
als deren Diener oder Priester er sich bezeichnet. Gleichwohl 
darf die Beziehung der Göttin des Epigramms zu dem Bilde 
unserer Nische nicht mit aller Bestimmtheit behauptet wer- 
den, weil auf der anderen Seite der Herme noch eine zweite 
kleinere Nische (42 auf dem Plane) erhalten ist, in der auch 
ein Bildwerk gestanden hat. Es wäre denkbar, dass zur Zeit 
der Aufstellung der Herme nur diese kleinere Nische bestand, 
und dass sie daher das von Attalos aufgestelte Bild der Göt- 
tin enthielt. Auch die dritte Möglichkeit scheint mir nicht 
ausgeschlossen, dass in beiden Nischen Bilder derselben Göt- 
tin gestanden haben. Auf dem photographischen Bilde (Taf. 
XV) ist die Herme (G) zwischen der grossen Nische (H) und 
der kleineren (F) sehr gut zu sehen. Rechts über der letzte- 
ren erkennt man auch zwei Stufen (E) der alten Treppe zum 
Obergeschosse und dahinter die gute griechische Quader- 
mauer, die sich auch hinter dem römischen Mauerwerk der 
Nische H noch erhalten hat. Auch in dem Durchschnitte 
(Abb. 1) erscheint die Herme zwischen den beiden Nischen 
innerhalb der Säulenhalle. 

Als die griechische Treppe, deren untere Stufen hinter 
der Nischenwand noch auffallend gut erhalten sind, ver- 
mauert wurde und so in Fortfall kam, wurde weiter nach 
Norden eine Treppe aus Ziegelstufen aufgemauert, von der 
noch einige geringe Reste gefunden sind. Sie führte ebenso 
wie die ältere Treppe zu den Räumen des Obergeschosses, 
von denen der eine (44 auf Taf. XIV) deshalb erhalten ge- 
blieben ist, weil hier der Fels hoch ansteht und daher un- 



1 74 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

ter ihm im Haiiptgeschoss überhaupt kein Zimmer bestand. 
Durch eine doppelte Öffnung, die von einer Säule zwischen 
zwei Parastaden gebildet wird, war dieser Raum des Ober- 
geschosses mit einem noch nicht ausgegrabenen Nachbar- 
raume verbunden. 

An der Nordseite des grossen Hofes ist eine Reihe ver- 
schiedenartiger Zimmer aufgedeckt. Der schmale Raum 39, 
der erste von Westen, ist ein Corridor und führte zu einer 
kleinen einst überwölbten Kammer 40, die aber erst später 
angebaut ist. Wenigstens stammen ihre Wände und ihre als 
Tonnengewölbe gebildete Decke wegen ihres Materials sicher 
erst aus römischer Zeit. Ihr einfacher Mosaikfussboden und 
die Überwölbung legen den Gedanken an eine Schatzkam- 
mer nahe. Auch in dem Räume 39 ist ein einfacher Mosaik- 
boden mit einem Ornament in der Mitte erhalten. Einen 
reicheren, aber leider sehr beschädigten Fussboden hatte das 
anstossende (Temacli 38. Es hat keine directe Verbindung mit 
der Säulenhalle des Hofes, sondern ist nur von dem Nach- 
barzimmer 37 aus zugänglich. Die Verbindungstür ist trotz 
der Zerstörung der Wand an der erhaltenen Türschwelle 
noch deutlich zu erkennen. In älterer Zeit bestand noch eine 
zweite, zum Corridor 39 gerichtete Tür, die aber später zuge- 
baut worden ist; vielleicht war sie ursprünglich die einzige 
Tür. Wir glauben im Räume 38 das Schlafzimmer des Haus- 
herrn erkennen zu dürfen, nicht nur wegen seiner abgeson- 
derten Lage, sondern auch weil in seinem nördlichen Teile 
der Fussboden eine kleine Erhöhung zeigt, die offenbar zur 
Aufstellung einer Kline gedient hat (vgl. den Durchschnitt in 
Abb. 1). Der Raum 37 darf wohl als Vorzimmer des Schlafzim- 
mers bezeichnet werden. Den aus griechischer Zeit stammen- 
den Mosaikfussboden des letzteren besprechen wir später. 

In dem orrossen nach Osten anstossenden Zimmer 36 
müssen wir wegen der reichen Ausstattung einen Empfangs- 
raum erkennen. Sein Mosaikfussboden römischer Art ist noch 
fast tadellos erhalten. Seine Wände waren in römischer Zeit 
mit einer aus Wandpfeilern und Füllungen bestehenden Mar- 
morverkleidung versehen, die sich über einem vortretenden 
Sockel erhob. Unter der dicken Mörtelschicht, die zur Befe- 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 175 

stigiuig- der IMannorplatten angebracht ist, haben sich noch 
kleine Reste des alten Wandputzes mit Malereien erhalten ; 
man erkennt noch Stücke grüner Ranken und Blätter auf 
weissem Grunde. Die beiden folgenden Zimmer 35 und 34 
zeigen einen einfachen Estrichboden und glatten Wandputz. 
Sie haben ursprünglich zusammen einen grossen vSaal gebil- 
det und sind erst in spätrömischer Zeit durch eine Zwischen- 
wand mit Tür getrennt worden. Die Verbindungstür zum 
Hofe lag vorher genau in der Mitte des grossen Saales und 
ihr gegenüber in der Mitte der Nordwand befindet sich auf 
dem Boden eine halbrunde Nische, die wegen ihrer tiefen 
Lage und wegen eines später allerdings zugemauerten Rauch- 
loches wohl als Feuerplatz bezeichnet werden darf. Östlich 
von dieser Nische enthält die Wand eine nur 0,65 m breite 
Öffnung, die ursprünglich eine kleine Nebentür gewesen sein 
wird, später aber zugemauert war. Es scheint, dass zugleich 
in der NO-Ecke von 34 eine neue Tür angelegt wurde, durch 
die man zu der öffentlichen Gasse 71-72 gelangen konnte. 
Gesichert ist jedoch die Existenz dieser Tür nicht Erwähnt 
werden mögen noch die Reste von gemauerten, mit Marmor- 
platten abgedeckten Bänken, die sich an der westlichen und 
nördlichen W^and dieses grossen Saales erhalten haben. 

Einige Tatsachen weisen darauf hin, dass in dem Neben- 
gemache 33, das die NO-Ecke des Hauses einnahm, ein grös- 
serer Zugang unseres Hauses, vielleicht sogar sein Haupt- 
eingang gelegen hat. Erstens hat sich im Innern des Raumes 
33 ein Stück eines groben Mosaikfussbodens neben der West- 
wand erhalten, dessen südliches Ende 0,40 m und dessen nörd- 
liches Ende 0,60 m unter dem Fussboden des Nachbarrau- 
mes 33-34 liegt. Diese tiefe Lage des Fussbodens und sein 
starkes Gefälle nach Norden vermag ich nur durch die An- 
nahme zu erklären, dass der Fussboden einem von Norden 
zum Hause hinaufführenden Zugange angehört hat. Später 
muss dieser rampenförmige Weg aber in Fortfall gekommen 
sein, weil die westliche und die nördliche Mauer von 33 jetzt 
höher liegen als jener Fussboden und sogar noch Reste des 
Wandputzes zeigen. Zweitens ist an die Nordmauer von 33 
von aussen eine antike Stützmauer angebaut, die auf der 



176 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

Zeichnung zwischen 70 und 71 Hegt. Sie kann kaum anders 
wie als Futtermauer eines Rampenweges erklärt werden, auf 
dem man von der Hauptstrasse bei E zu unserem Hause 
hinaufstieg. Wie aber ein solcher Zugang vom Räume 33 
über 32 und 31 hinweg zum Innenhofe des Hauses geführt 
sein konnte, ist leider nicht mehr bestimmbar, weil in die- 
sem Teile des Hauses alle Obermauern und selbst die oberen 
Teile der Fundamente zerstört sind. Es lässt sich daher nicht 
mehr erkennen, wo hier die Zwischentüren als Verbindung 
der einzelnen Räume gelegen haben. Drittens imterliegt es 
keinem Zweifel, dass in der römischen Zeit ein directer Zu- 
gang zu unserem Hause von Osten her bestand. Das geht 
aus den im Magazin 14 erhaltenen Resten einer breiten, we- 
gen ihres Kalkmörtels aus römischer Zeit stammenden Frei- 
treppe hervor. Diese führte von der Fahrstrasse vermutlich 
in gerader Linie zu dem hochgelegenen Saal 30 hinauf und 
wird damals wohl den Hauptzugang zu unserem Hause ge- 
bildet haben. Die Annahme liegt nun nahe, dass diese Treppe 
in römischer Zeit an die Stelle eines ähnlichen älteren, aber 
weniger directen Zuganges getreten ist, eben jener Rampe 
im Raum 33, die wir für die griechische Zeit als nordöst- 
lichen Eingang glauben annehmen zu dürfen. 

Über die Gestaltung der an der Ostseite des Hofes auf- 
gedeckten Gemächer 30-32 lässt sich, da nur Fundament- 
mauern erhalten sind, nichts Sicheres sagen. Wir konnten 
hier nur das Vorhandensein eines Hauptzuganges zum Hause 
für die griechische Zeit als wahrscheinlich und für die römi- 
sche Zeit als sicher bezeichnen. Die Ostmauern dieser Ge- 
mächer sind als gute, von Osten sichtbare Futtermauern ge- 
baut und haben daher sicher einst den östlichen Abschluss 
des Hauses gebildet. Die später hier angebauten Räume 68- 
70 liegen auf einem tieferen Niveau imd gehören wegen 
ihrer schlechten Bauart einer sehr späten Epoche an. Zum 
Hause selbst gehören dagegen noch die Räume 55,54 und 67. 
Die beiden ersteren bildeten Teile der Hofhalle und waren 
daher überhaupt keine besonderen Räume; letzterer kann 
ein dreieckiger Hof oder ein Zimmer gewesen sein. Bei der 
gründlichen Zerstörung auch dieses Teiles des Hauses, — selbst 



1)11-: Akl'.RlTlCN zu PERGAMON 1 9()4 - 1 905 177 

die Fniulainentc sind hier zum Teil \ernichtct — , ist nichts 
Bestimmtes darüber auszumachen. 

Von der ehemalij^en reichen künstlerischen Ausstattuno^ 
des so beschriebenen Hauses sind so viele Reste erhalten, 
dass wir uns noch ein ziemlich gutes Bild von ihr machen 
können. Zunächst hatte der Hof eine zweigeschossige Säulen- 
architektur und war mit Kunstwerken verschiedener Art 
geschmückt. Die Säulen und Gebälke sind in Abb. 2 nach 
einer Zeichnung von A. Zippelius abgebildet. Im Erdge- 
schosse sind dorische vSäulen aus Trachyt angeordnet, von 
denen an der Ost- und Nordseite noch mehrere Trommeln 
aufrecht stehen. Architrav, Triglyphenfries und Geison sind 
aus demselben Material hergestellt. Die Höhe der Säulen 
Hess sich mit einiger Wahrscheinlichkeit aus den teils noch 
in situ befindlichen, teils im Hofe herumliegenden Trommeln 
auf 3,76 m bestimmen, beträgt also fast das 7 fache des unte- 
ren Durchmessers von 0,v55 m und das 1 V^ fache der etwas 
schwankenden Achsweite. Das Kapitell hat eine fast gerade 
Echinuslinie und einen Durchmesser von 0,4v5 m. Bis zu einer 
Höhe von 2,17 m sind die Säulen uncanelliert; erst im obe- 
ren Teile sind Canelluren ionischer Art ausgearbeitet. Von 
dem i\rchitrave, der mit dem Triglyphenfriese aus einem 
Stücke gearbeitet ist, haben sich mehrere Stücke gefunden, 
darunter ein Eckstück mit diagonaler Fuge, das für die Er- 
gänzung besonders wichtig ist. Es sind dünne aufrechtste- 
hende Platten, hinter denen eine zweite leider nicht gefun- 
dene Platte als Träger der hölzernen Deckbalken zu ergän- 
zen ist. Das Geison, das in mehreren Exemplaren gefunden 
wurde, hat keine Platten mit Nagelköpfen, weicht also von 
der gewöhnlichen dorischen Form ab. 

Zwischen den Säulen des Untergeschosses stehen noch 
jetzt an einigen Stellen Reste von Schranken, durch die einst 
die Intercolunmien bis zu einer Höhe von über 2 m geschlos- 
sen waren. Einige Schranken, offenbar die älteren, bestehen 
aus 0,20 m dicken Trachytplatten, andere sind später aus 
kleineren Steinen mit Kalkmörtel erbaut (vgl. die Reste der 
Schranken in der Photographie auf Tafel XV). Durch solche 
hohen Schranken, wie wir sie auch aus pompeianischen 

ATHEN. MITTEILUNGKN XXXII. 1 2 



178 



W. DÖRPFBLD. I. DIE BAUWERKE 




Abb. 2. Die zweigeschossige Architektur des Hofes im Hause 
des Consuls Attalos. 



DIE ARBEITEN ZU PERCxAMON 1904-1905 179 

Wandgemälden kennen, wurde das Innere der Scäulenhalle 
den directen Einflüssen der Witterung wenigstens etwas ent- 
zogen und so besser bewohnbar gemacht. W>nn es die Wit- 
terung verlangte, konnten auch die über den Schranken noch 
verbleibenden Öffnungen durch Teppiche oder andere Vor- 
hänge geschlossen werden. An einigen Stellen waren die 
Schranken von Türen durchbrochen, die von Parastaden ein- 
gefasst wurden. Standspuren solcher Parastaden sind auf 
dem Stylobat erhalten, und auch einige Stücke derselben 
haben sich gefunden. So hatte das dritte Joch der Nordseite 
(von Osten gerechnet) eine solche Tür. Vielleicht dürfen wir 
auch auf den anderen Seiten je eine Tür ergänzen. Als obe- 
ren Abschluss der Schranke haben wir ein einfaches Band er- 
gänzt. Ob dieses wirklich, wie in der Zeichnung (Abb. 2) 
angenommen ist, über der Tür durchlief, ist nicht bekannt. 

Über den dorischen Trachytsäulen des Untergeschos- 
ses standen einst ionische Säulen aus weissem Marmor. Ein 
vollständiger monolither Säulenschaft, Stücke von mehreren 
anderen Säulen, ein paar ionische Kapitelle und mehrere 
zugehörige Gebälkstücke wurden im Hofe liegend gefun- 
den und gestatten eine sichere Ergänzung der Architektur 
des Obergeschosses. Zwischen den Säulen waren Schranken 
angeordnet, die im Gegensatze zu den hohen Schranken des 
Erdgeschosses nur 0,73 m hoch waren. Mehrere Stücke der- 
selben haben sich im Hause gefunden ; ausserdem sind aber 
auch an einigen Säulen kleine Ansätze dieser Schranken an- 
gearbeitet. Die Säulen .sind bis zur Höhe von 1,54 m uncanel- 
hert. Die ionischen Kapitelle zeigen alle eine gute Arbeit, 
smd aber im Einzelnen etwas abweichend gestaltet, wie es 
in Pergamon z. B. auch bei den Säulen des grossen Altars 
der Fall ist. Das Gebälk zeigt einfache ionische Formen: der 
Architrav hat doppelte Fascien, der Fries ist glatt, das Gei- 
son besitzt Zahnschnitt. Die Höhe der Säulen beträgt 3,07 m, 
ist also nicht viel niedriger als die Höhe der Erdgeschoss- 
Säulen und nur wenig grösser als die Achsweite. 

Während die Säulenhalle des Hofes sicher auf allen vier 
Seiten zweigeschossig war, kann es fraglich erscheinen, ob 
hinter dem Obergeschoss dieser Halle auf allen Seiten des 



180 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

Hofes Zimmer angebracht waren. Über den Erdgeschoss- 
Zimmern der Nordseite und der Ostseite konnten Oberzimmer 
ohne Schwierigkeiten hergestellt werden und dürfen daher 
auch ohne Bedenken von uns ergänzt werden. Über dem Me- 
garon der Westseite war die Errichtung eines bewohnbaren 
Obergeschosses aber kaum möglich. Erstens wird dieser Saal 
des Erdgeschosses wegen seiner bedeutenden Abmessungen 
wahrscheinlich eine grössere Höhe gehabt haben als die an- 
deren Zimmer und die Säulenhalle, und daher würde man 
aus der oberen Halle doch nicht in den oberen vSaal haben 
eintreten können. Zweitens lässt sich über einem quadrati- 
schen Saale von fast 10 m Weite zwar ein hölzernes Dach 
ohne Stützen herstellen, aber eine horizontale begehbare 
Holzdecke nicht oder doch nur sehr schwer. Ohne mittlere 
Unterstützung würde eine solche Decke zu sehr schwanken, 
um als Fussboden benutzt werden zu können. An der Süd- 
seite des Hofes scheinen in späterer Zeit weder im Erdge- 
schosse noch im Oberstock Zimmer gelegen zu haben. Ich 
nehme demnach an, dass die Säulenhalle des Obergeschosses 
zwar auf allen Seiten des Hofes herumlief, dass sich aber nur 
nicht auf allen Seiten Zimmer an die Halle anschlössen. 

Von der Architektur der Zimmer des Erdgeschosses ist 
nicht viel erhalten. Das Megaron öffnete sich gegen die Hof- 
halle vermutlich mit einer Säulenstellung, von der aber keine 
Architekturglieder gefunden worden sind. Die andern Zim- 
mer hatten einfache Türen, die mit Umrahmungen aus Holz 
versehen waren. Obwohl diese wegen ihres vergänglichen 
Materials natürlich jetzt fehlen, können wir ihre Form noch 
feststellen, weil die untersten Stücke der Umrahmung, wie 
es auch bei den Königspalästen auf der Burg der Fall war, 
aus Marmor hergestellt waren und in den Zimmern 1 6 und 1 7 
noch an ihrer alten Stelle gefunden wurden. Die Türschwelle 
selbst ist bei mehreren Türen noch erhalten und besteht aus 
einem grossen Marmorstein. Eine Umrahmung von Säulen 
und Gebälk aus Stein besassen dagegen die beiden Nischen, 
die wir in der Nordwest-Ecke der Halle neben der Herme 
des Attalos schon kennen lernten ; doch ist weder von den 
Säuleu noch von dem Gebälk iroend etwas erhalten. Ihr ehe- 



DIE ARI5EITEN ZU PERGAMON 1004-1005 



1S1 



nialiges Vorhandensein ergibt sich aber aus den deutlichen 
Spuren, die auf dem Boden und an den Wänden zu erkennen 
sind. Crefunden haben wir dagegen die Stücke einer Nischen- 
umrahniung, die in dem Megaron 45 hoch an der Westwand 




SCHNITT AA 



SCHNITT B:ß 



Al)b. 3. Wandnische mit korinthischen Pilastern und Gebälk. 



angebracht war. Es sind korinthisclie Pilaster mit zuo-ehöri- 
gern Gebälk, die nach einer Zeichnung von A. Zippelius hier- 
neben in Ansicht und Durchschnitt abgebildet sind (Abb. 3). 
Ähnliche Nischen sind uns aus der Säulenhalle des perga- 
menischen Athena- Heiligtums bekannt (vgl. Altertümer von 
Pergamon II S. 45). Während wir bei den letzteren Nischen 
die Höhe, in der sie über dem Fussboden angebracht waren, 



182 



W. DORPFELD. 



I. DIE BAUWERKE 



niclit genau kennen, lässt sich dieses Maass in unserem Mega- 
ron noch bestimmen : es betrug fast 3 m. Erwähnt werden 
mag ferner noch ein interessanter Fensterpfeiler aus Porös, 




JK 



TL 




Abb. 4. Dorische Säulchen als Zwischenstütze zweier Fenster. 



der in der Nordhalle gefunden wurde und vielleicht dem 
vSchlafzimmer (38) zugeschrieben werden darf. Er ist in Ab- 
bild. 4 nach einer Zeichnung von A. Zippelius dargestellt. 
Auf einer Schwelle steht ein dorisches Dreiviertel -Säulchen 
von 0,24 m Durchmesser, das beiderseits von einer Fenster- 
umrahmung eingefasst wird und nach hinten mit einem Pila- 
ster abschliesst. Das Säulchen selbst hat ein gewöhnliches 



DIE ARBRITEN ZU PEROAMON 1904-1905 183 

dorisches Kapitell, der Filaster ein zierliches Antenkapitell. 
Die Höhe des ganzen vSänlchens beträgt 1,36 m, also etwa 
das sechsfache des unteren Durchmessers. In der Schwelle 
sind die Löcher und eine der eisernen Hülsen zu sehen, in 
denen sich die jedenfalls aus Holz bestehenden Fenster- 
Läden drehten. Die Breite der Fenster, zwischen denen das 
Säulchen stand, ist leider nicht bekannt. Von einem ande- 
ren etwas kleineren Fenster hat sich ein Pfeiler der Umrah- 
mung gefunden. 

Besonders reich waren die Fussböden in den Hallen und 
Zimmern des Hauses gebildet. In der nördlichen Säulenhalle 
sind Reste eines Mosaikfussbodens mit einfachen geometri- 
schen Mustern erhalten, in der westlichen Halle ein Marmor- 
belag aus grossen Platten, in den anderen Hallen werden 
ähnliche Fussböden gewesen sein, doch ist hier leider alles 
zerstört. Einen prächtigen, noch gut erhaltenen Fussböden aus 
buntem Marmor hat das 9,6.5 m im Quadrat grosse Megaron. 
Auf dem photographischen Bilde (Taf. XV) ist die Art des 
Fussbodens, der aus kleinen dreieckigen und viereckigen Plat- 
ten der verschiedensten bunten Marmorsorten hergestellt ist, 
einigermaassen zu erkennen. Er nimmt die Mitte des Saales 
ein und wird auf drei Seiten von einem 0,90 m breiten Strei- 
fen aus weissen Mosaiksteinchen eingefasst, in dem durch 
schwarze Steinchen kleine Sterne gebildet sind. Dieser Strei- 
fen, der sich in manchen altgriechischen Häusern an den 
Wänden entlang zieht (z. B. in den Häusern an der Ennea- 
krunos in Athen), bezeichnet die Stelle, welche von Klinen 
und Sesseln in ähnlicher Weise eingenommen war, wie es 
heute in den orientalischen Wohnzimmern der Fall ist. Die 
Mosaikböden der anderen Räume sind meist schon erwähnt; 
sie stellen verschiedene geometrische Muster dar und ver- 
dienen zum Teil keine genauere Beschreibung. Wertvoll sind 
unter ihnen nur die Fussböden des Saales 36, des Schlafzim- 
mers 38 und des Ganges 39. 

Im Saale 36 ist fast der ganze Boden noch erhalten und 
zeigt ein reiches Teppichmuster in Steinchen von schwarzer, 
weisser, gelber und roter Farbe. Ein Stück ist auf Taf. XVI 
nach der Zeichnung von A. Zippelius wiedergegeben. Sowohl 



184 W. DORPFELD. I. DIE BAUWERKE 

die Technik als auch die Muster und darunter namentlich der 
neben der Tür befindliche Rankenfries weisen das Mosaik der 
römischen Zeit zu. Aus einer älteren Epoche stammen dage- 
gen die beiden anderen Mosaikböden. Im Corridor 39 ist in- 
mitten einer grossen weissen Fläche ein Mosaikbild aus sehr 
kleinen Steinchen hergestellt, das wie Tafel XVII 1 nach 
einer farbigen Zeichnung von A. Zippelius andeutet, ein aus 
schwarzen, roten und grünen Dreiecken gebildetes Mittelfeld 
und einen schwarzweissen Spiralenrand zeigt. Eine noch sorg- 
fältigere Arbeit finden wir bei dem Mosaik im Schlafzimmer 
38 ; leider sind nur geringe Reste dieses aus sehr feinen 
Steinchen hergestellten Kunstwerkes erhalten. In späterer 
Zeit hat man mit groben vSteinchen eine rohe Reparatur vor- 
genommen. Das ursprüngliche Muster ist aus der nebenste- 
henden, nach einer Zeichnung von A. Zippelius angefertigten 
Taf. XVII 2 zu erkennen. Ein aus schwarzen, weissen und 
bläulichen Romben gebildetes Mittelfeld wird umgeben von 
einem roten Streifen, einem farbigen Flechtband und einem 
überaus reichen Mäander, der in sechs verschiedenen Farben 
ausgeführt ist und durch seine schattierten Ecken wie ein 
plastisches Reliefband wirkt. Um das Ganze legt sich ein 
Rand mit dem sogenannten Turm- oder Zinnenmuster, einem 
bekannten, augenscheinlich beim Weben entstandenen und 
noch heute in der Teppichweberei beliebten Muster. Das 
Mosaik gehört wegen der Feinheit seiner Arbeit zu den bes- 
ten ' griechischen Fussböden und verdient eine möglichste 
Conservierung. Das Zimmer 38 und die Nebenzimmer sind 
deshalb mit einem Dache überdeckt worden. 

Zu der ehemaligen künstlerischen Ausstattung des Hau- 
ses gehörten ferner mehrere Hermen und einige andere Skulp- 
turwerke. Die noch aufrecht stehend gefundene Herme des 
Consuls Attalos wurde schon erwähnt. Von einer zweiten 
Herme, die ebenso wie jene einst einen Bronzekopf trug, ist 
nur der vSchaft gefunden und von uns neben der grossen 
Kultnische aufgestellt worden. Nach der Inschrift: 

^Q ipikoi soiUete ßQ(6|.uiv xal jteiveTf. olvov 
"AxxdXov evfpQOovvoic. TeQJt6[^ievoi OaX^iaig, 



DM': AKÜICITICN Zr I'KkC.AMON 1004-1005 1 S5 

war sie von demselben Consul Attalos errichtet. Die zum 
Teil aus Homer (Od. XII 23) entnommenen Verse o^e])en uns 
Kunde von reichen Festen, die der Hausherr seinen Freun- 
den hier (gegeben hat. 

Ein oewisser Pergamios, wohl ein naher Verwandter un- 
seres Attalos, hatte eine dritte Herme aufgestellt, eine Copie 
des berühmten Hermes des Alkamenes. Es ist das von uns 
im Jahre 1903 gefundene Kunstwerk, das zuerst in den Sitz- 
ungsberichten der Berliner Akademie 1904, 69 und Taf. I von 
A. Conze und sodann in den AM. XXIX 1904 Tafel XVIII- 
XX und S. 179 von W. Altmann veröffentlicht und ebenda 
S. 208 von F. Winter besprochen ist. Obwohl diese marmorne 
Herme nicht im Attalos- Hause gefunden wurde, sondern 
unterhalb in dem an der Fahrstrasse gelegenen Magazine 
Nr. 1 0, kann es nicht zweifelhaft sein, dass sie zu unserem 
Hause gehörte und von der oberen Terrasse in das Maga- 
zin hinuntergefallen ist. An welcher Stelle des Hauses sie 
aber einst gestanden hat, ist leider ungewiss. Lesen wir die 
auf dem Hermenschaft stehende Inschrift mit Altmann (AM. 
XXIX 1904, 181) in der Weise, dass wir tov tiqo uiitkov eioato 
nEQYUfxioq als Relativsatz auffassen, so hat die Herme wohl 
vor dem Eingangstor des Attalos -Hauses gestanden. Erklä- 
ren wir die Inschrift dagegen mit Conze (Sitzungsber. d. Berl. 
Akad. 1904, 70) so, da.ss wir tov ngb nvlwv als Umschreibung 
des von Pausanias überlieferten Beinamens des Hermes jiqo- 
Tivlaioq auffassen, so ergibt sich aus der Inschrift über den 
Aufstellungsort nichts; wir werden uns in diesem Falle die 
Herme wohl am besten dort aufgestellt denken, wo auch die 
anderen Hermen standen, Ucämlich in der Säulenhalle des 
Hofes. Aus dem Fundort ist für die Entscheidung dieser 
Frage leider nichts zu gewinnen, zumal wir nicht einmal 
wissen, an welcher vStelle der Haupteingang des Hauses zur 
Zeit des Pergamios gelegen hat. 

Weitere Kunstwerke, die bei der Baubeschreibung zum 
Teil schon erwähnt wurden, haben wir uns in den Nischen 
der Säulenhalle und im Megaron zu denken. Auch zwischen 
den Säulen des Hofes waren Bildwerke verschiedener Art 
aufgestellt; zwei Basen für Statuen wurden noch an ihrer 



186 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

alten Stelle zwischen den nördlichen Säulen des Hofes gefun- 
den ; andere dürfen nach erhaltenen Standspuren ebenda er- 
gänzt werden. Auf einer diesen Basen hat vermutlich der 
Poseidon mit Delphin gestanden, dessen Reste im Hofe aus- 
gegraben wurden (s. unten); vielleicht gehörte er aber auch 
zur Ausschmückung eines der beiden halbkreisförmigen Was- 
serbassins, die im Hofe noch zu erkennen sind und wahr- 
scheinlich mit vSpringbrunnen ausgestattet waren. Dass der 
Hof daneben noch Gartenanlagen enthielt, dürfen wir aus 
einem mit Steinplatten gepflasterten Wege (28-29) schliessen, 
neben dem noch die zur Einfassung der Blumenbeete dienen- 
den hochkantigen Steine zum Teil erhalten waren. Jene Plat- 
ten sind aus den Steinen einer Wasserrinne hergestellt, die 
jedenfalls ursprünglich vor der Säulenhalle des Hofes gelegen 
hatte. In den Gartenanlagen hatten endlich auch wohl die 
Tierfiguren und anderen Skulpturen ihren Platz, die H. Hep- 
ding weiter unten beschreibt. 

Von der künstlerischen Ausschmückung der Wände sind 
nur sehr geringe Reste ehemaliger Wandmalereien und nur 
Spuren von IMarmorverkleidungen erhalten, die in römischer 
Zeit in mehreren Zimmern an Stelle des alten Wandputzes 
getreten waren. Zur Ausschmückung der Räume haben auch 
zahlreiche Consolen aus Marmor gedient, die H. Hepding 
unter den Einzelfunden beschreibt. Sie werden kleinere Kunst- 
werke getragen oder auch Gesimsbretter gestützt haben, die 
zur Aufstellung von allerlei Gegenständen an den Wänden 
entlang angebracht waren. 

Dürfen wir so aus dem Zustande der Wände und Fuss- 
böden auf einen gründlichen Umbau des Hauses in römi- 
scher Zeit schliessen, so kommen wir zu demselben Resultat 
durch eine Untersuchung der Bauweise der Mauern und der 
Gestalt des Grundrisses. Während die meisten Umfassungs- 
mauern sich durch die Verwendung grosser rechtwinkliger 
oder polygonaler Quadern und durch das Fehlen von Kalk- 
mörtel als Reste eines griechischen Hauses erweisen, sind 
viele Innenwände und auch der jetzige Stylobat der Hallen 
des Hofes sicher erst in römischer Zeit errichtet worden ; 
sie enthalten Kalkmörtel und zeigen die in den römischen 



DIE ARHKITF.X ZT l'KKOA:\rOX 1904-190,5 187 

Bauten Peroanioiis an «gewendeten Bauweisen. In unserem 
Grundrisse (Taf. XIV) sind diese sicher erst später hinzuj^e- 
fügten Mauern durch einfache Schraffierung- hervorgehoben, 
doch mögen manche dieser Wände in ihren unteren Teilen 
noch alt oder an die Stelle älterer Mauern getreten sein. 

Dass der Grundplan des Hauses damals mehrere Verän- 
derungen erfahren hat, zeigt sich uns bei einem genaueren 
vStudium des Grundrisses. Zunächst entspricht der Dreitei- 
lung an der Westseite des Hofes, wie sie durch das Megaron 
45 und die symmetrisch neben ihm liegenden Zugänge 43 
und 46 gebildet wird, eine ähnliche Dreiteilung der alten 
Räume an der Ostseite des Hofes, denn auch hier liegen zu 
beiden Seiten des Mittelraumes 30 zwei gleich breite Neben- 
räume 31 und 55. Sodann stimmt die Gesammtbreite dieser 
drei Räume an der Ostseite gerade zu der ganzen Breite der 
drei Räume an der Westseite. Endlich haben nicht nur die 
beiden Mittelräume 45 und 30 eine gemeinsame Achse, son- 
dern in derselben Mittellinie liegt auch die Öffnung des gros- 
sen alten Brunnens 22. Wie im späteren Hofe zwei jüngere 
Wasseranlagen, die beiden uns schon bekannten halbkreis- 
förmigen Behälter, genau in der IMitte lagen, so hatte offen- 
bar auch im älteren Hofe ein Brunnen gerade die Mitte ein- 
genommen. Eine mächtige Cisterne, deren Mündung dieser 
Brunnen bildete, war damals die einzige Wasserquelle des 
Hauses gewesen. Als aber später laufendes Wasser aus den 
städtischen Leitungen zum Hause geführt wurde, war die 
Cisterne überflüssig geworden und hatte als Hochreservoir 
für die Bewässerung der Agora in der Weise benutzt werden 
können, wie es schon früher (AM. XXVII 1902, 28) geschil- 
dert und oben erwähnt wurde. 

Aus diesen Tatsachen schliesse ich auf eine spätere Er- 
weiterung des Hofes nach Süden um eine Achsweite. Viel- 
leicht war hiermit auch eine kleine Erbreiterung der nörd- 
lichen Halle des Hofes verbunden, die durch Verringerung 
der Tiefe der nördlichen Zimmerreihe erreicht wurde. Die 
alte Südwand dieser Zimmer scheint nämlich etwas südlicher 
gelegen zu haben als die aus römischer Zeit stammende jet- 
zige Wand. Doch lässt sich ohne Tiefgrabung, die nur unter 



188 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

Zerstörung der Fussböden ausgeführt werden kann, nicht 
mit Sicherheit hierüber urteilen. Für die ältere südliche Säu- 
lenreihe des Hofes besitzen wir in dem Mauerrest 24 ein pas- 
sendes Fundament. Aber diese Mauer, die durch ihre Bauart 
als griechisch gesichert ist, scheint nicht aus der Erbauungs- 
zeit unseres Hauses zu stammen, sondern ein späterer Zusatz 
zu sein, weil westlich von 24 wiederum ein Rest von der 
Fortsetzung der starken Südmauer des Raumes 30 zum Vor- 
schein gekommen ist. Vielleicht ist dadurch die Spur eines 
zweiten, noch älteren Umbaues gefunden. Im Durchschnitt 
(Abb. 1) sind die südlichen Säulen über jener Mauer 24 ge- 
zeichnet. An den beiden kurzen vSeiten des Hofes dürften die 
Säulen in griechischer Zeit auf denselben Fundamenten wie 
später gestanden haben. Nur an der Ostseite hat eine kleine 
Verschiebung des Stylobates nach Westen und eine Unter- 
mauerung mit Kalkmörtel stattgefunden. 

Hiernach ergibt sich ein älterer Grundriss des Attalos- 
Hauses, von dem wir uns leicht eine Vorstellung machen 
können. Im Allgemeinen ist er regelmässiger als der spätere 
Grundriss. An der West- und Ostseite des Hofes sind die 
Räume symmetrisch zur Hofachse angeordnet. An der Süd- 
seite haben Zimmer und Halle eine geringere Tiefe als die 
entsprechenden Räume der Langseite, eine Unregelmässig- 
keit, die vielleicht durch den steilen Abfall des ursprüng- 
lichen Terrains, vielleicht aber auch durch den älteren Nach- 
barbau 57-59, auf den Rücksicht genommen werden niusste, 
veranlasst ist. Sehr auffallend ist die schräge Abschneidung 
der SO -Ecke des Hauses bei 67 und des kleinen Hofes 56. 
Sie ist durch eine gute griechische Stützmauer erfolgt, die 
eine etwas andere Construction zeigt, als die übrigen griechi- 
schen Mauern unseres Hauses. Da diese Mauer den Magazi- 
nen und der Fahrstrasse parallel läuft und somit sicher zur 
Zeit der Herstellung der Strasse erbaut ist, müssen wir sie 
derselben Epoche wie diese, also vielleicht der Zeit Eume- 
nes' IL, zuschreiben (vgl. AM. XXVII 1902, 26). Ihre Bauart 
passt zu dieser Datierung sehr gut. Höchstwahrscheinlich 
war die Südost- Ecke des Hauses ursprünglich rechtwinklig 
und wurde erst abgeschnitten, als unter Eumenes IL ein er- 



niE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 189 

ster Umbau des Hauses stattfand. Auch einigte andere Eigen- 
tümlichkeiten der Mauern und auch des Grundrisses finden 
bei dieser Annalime ilire natürliche Erklärung. 

Fassen wir zAim Schluss die Baugeschichte des Attalos- 
Hauses kurz zusannnen : Im Anfange der Königszeit war das 
Haus am vSüdabhange des Burgberges vielleicht noch ausser- 
halb der Stadtmauer erbaut worden. Als dann unter Eume- 
nes n. die Stadt erweitert und innerhalb der Unterstadt die 
zweite Agora angelegt wurde, und als infolgedessen die 
HaujDtstrasse zur Oberstadt in veränderter Linie erneuert 
wurde, musste von unserem Hause eine Ecke abgeschnitten 
und eine neue schräge Stützmauer errichtet werden, jene 
schöne Mauer, die sich jetzt hinter den Magazinen erhebt 
und parallel mit der Strasse verläuft. Vielleicht ist um die- 
selbe Zeit das Obergeschoss der Hofhalle hinzugefügt wor- 
den. Denn einerseits können die marmornen ionischen Säu- 
len, da sie aus anderem Material als die unteren Hofsäulen 
bestehen, kaum zur ersten Anlage des Hauses gehören, und 
anderseits müssen sie nach ihrer Form noch der griechi- 
schen Epoche zugeteilt werden. Zu der gut gebauten schrä- 
gen Stützmauer würden die zierlichen marmornen Säulen- 
sehr gut passen. In römischer Zeit, vielleicht im II. nach- 
christlichen Jahrhundert, als der Besitzer des Hauses, ein 
Attalos, römischer Consul geworden war, wurde ein Umbau 
des Hofes und der Zimmer und zugleich eine neue künstleri- 
sche Ausschmückung vorgenommen. Damals erhielt das Haus 
einen neuen Aufgang, einen grösseren Hof, neue reiche Fuss- 
böden, die marmornen Hermen und neue Götterbilder. Wie 
lang es so gestanden hat, wissen wir nicht. Während des 
Mittelalters war es bereits durch die vom Gymnasion herab- 
gefallenen Schuttmassen zugedeckt und ist weder benutzt, 
noch umgebaut worden. So ist es uns erhalten geblieben 
und durch die Ausgrabungen wiedergeschenkt worden als 
gutes Bei.spiel eines pergamenischen W^ohnhauscs, das aus 
der Königszeit stammt und in der Zeit der römischen Kaiser 
unioebaut und modernisiert wurde. 



190 W. DORPFELD. I. DIE BAUWERKE 

3. DAS GYMNASION. 

Im letzten Berichte (AM. XXIX 1904, 121) wurden be- 
reits die untere und die mittlere Terrasse des grossen drei- 
teiligen Gymnasions beschrieben, die beide in den Jahren 
1902 und 1903 aufgedeckt worden waren. In den beiden fol- 
genden Jahren, über deren Resultate hier berichtet wird, 
haben wir zuerst noch einen kleinen Rest der mittleren Ter- 
rasse freigelegt und sodann die Ausgrabung der obersten 
Terrasse, des Gymnasions der Neoi, in Angriff genommen. 
Vollendet ist diese Arbeit noch nicht, sondern erfordert bei 
dem grossen Umfang und der hohen Verschüttung der An- 
lage noch mindestens zwei weitere Campagnen. 

Bevor ich den aufgedeckten Teil der oberen Terrasse 
schildere, möchte ich dem Leser mit einigen Worten die all- 
gemeine Anordnung des ganzen Gymnasions ins Gedächtnis 
zurückrufen. Am südlichen Abhang des Stadtberges gab es 
von Natur keine ebene Fläche von genügender Ausdehnung 
zur Erbauung eines grossen Gymnasions. Durch umfangreiche 
und kostspielige Arbeiten, durch Einschneiden des Felsens 
einerseits und durch hohe Stützmauern andrerseits, musste 
erst ein Bauplatz künstlich geschaffen werden. Da aber auch 
so kein einheitlicher, für das ganze G)'mnasion ausreichender 
Platz gewonnen werden konnte, wurden drei übereinanderlie- 
gende, aber zusammengehörige Terrassen erbaut, die für die 
drei Abteilungen des Gymnasions bestimmt waren. Die un- 
tere Terrasse enthielt das Gymnasion tcüv jiaiöcov, wie durch 
eine an ihrer alten Stelle gefundene Inschrift (AM. XXIX 
1904, 127, Nr. 14) gesichert ist. Die zweite Terrasse war das 
Gymnasion twv efpi]ßfov, denn auf den Wänden des Tempels, 
der sich auf dieser Terrasse erhob, waren viele Namenlisten 
der Epheben aufgeschrieben. Die nächsthöhere dritte Ter- 
rasse, die bei weitem grösste, war das Gymnasion toöv vecov, 
weil zahlreiche dort gefundene Inschriften sich auf diese x^btei- 
lung der Gymnasiasten beziehen. Ich glaube, dass diese Ter- 
rasse daneben auch den Namen jtavriyuQixov y^'^ivttoiov führte 
(vgl. Inschr. von Perg. 463 A), denn nur das obere Gymna- 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 191 

sion eignete sich wegen seiner Grösse und Ausstattung sehr 
gut zu Festen jeder Art. Allerdings werden in einer ande- 
ren Inschrift (AM. XXIX 1904, Beilage zu S. 152 Z. 58) tso- 
oaga Yi)|ivdGi.a erwähnt, und daher hat B. Schröder (ebenda 
S. 1 60) in dem nuv^yvQl■>i6v yv\ivdaiov einen vierten, bisher un- 
bekannten Bau erkennen wollen. Allein die Inschrift 273 
C. 1 6, in der tö twv vecov jiaviiyDQixov yv[{.vdoiov vorkommt, 
beweist meines Erachtens die Richtigkeit unserer Gleich- 
setzung. Das vierte Gymnasion wird ein bisher unbekannter 
Bau in der Unterstadt oder auch oben auf der Akropolis ge- 
wesen sein, wenn es nicht eine vierte, ehemals zwischen der 
2. und 3. liegende Terrasse einnahm, eine Vermutung, auf 
die wir weiter unten zurückkommen werden. 

Während die beiden unteren Gymnasien nur ein einzi- 
ges gemeinsames Torgebäude hatten (s. AM. XXIX 1904, 
1 29), aus dem man einerseits zum Gymnasion der Knaben 
und andrerseits auf einer überwölbten Treppe zu der Terrasse 
der Epheben gelangen konnte, hatte das oberste Gymnasion, 
soweit wir wissen, mindestens zwei Zugänge. Erstens führt 
vom Ostende des Epheben -Gymnasions eine ursprünglich 
breite, später aber eingeengte Treppe zvir oberen Terrasse hin- 
auf, und zweitens befindet sich weiter nordöstlich unmittel- 
bar an der Fahrstrasse zur Akropolis ein besonderes, bisher 
noch nicht genau bekanntes Torgebäude, das jedenfalls eine 
direkte Verbindung des Gymnasions mit dieser Strasse bil- 
dete. Es scheint dem unteren Torgebäude ähnlich gewesen 
zu sein und auch eine überwölbte steinerne Treppe enthalten 
zu haben. Bei der Grösse und Bedeutung des oberen Gymna- 
sions dürfen wir wohl noch einen dritten Zugang an seiner 
Westseite zur direkten Verbindung mit der Oberstadt ver- 
mutungsweise annehmen. 

Die Beschreibung des erst zum Teil ausgegrabenen obe- 
ren Gymnasions beginnen wir am besten mit dem gros- 
sen, unter freiem Himmel liegenden Hofe. Auf Tafel XVIII 
konnte er zwar sfanz grezeichnet werden, weil seine Dimen- 
sionen bekannt sind, ausgegraben ist aber bisher nur seine 
östliche Hälfte. Er hatte eine Breite von ungefähr 36 m und 
fast genau die doppelte Länge von etwa 74 m. Sein Fus.sbo- 



192 \v. i)Örpi'-i>:l1). i. dn«: i'.ai'WI'Kki'. 

den war nicht gepflastert, sondern bestand einfach ans lirde. 
ICine besondere Vorrichtnn*; des l)odens für in)nnoen, wie 
sie in anderen (ivninasien vorkommt, hat sicli ])isher noch 
nicht befunden, liin kleiner, ^nt oepflasterter Platz in der 
Nordostecke (bei 2), der mit einem rnnden erhöhten Rand ver- 
sehen ist und nach der Ecke ein starkes (jefälle hat, scheint 
zn Waschungen gedient zu haben; als Übunosplatz ist er zu 
klein. Vor fast jeder vScäule des Hofes hat einst eine vStatue 
gestanden ; diese selbst und meist auch ihr Posttiment sind 
verschwunden, aber die Untersteine oder Fundamente sind 
vielfach noch erhalten. Einen bevorzugten Platz, ncämlich 
genau die IVIitte der Nordseite des Hofes, nahm eine grös- 
sere halbrunde Exedra {S) ein, die schon von K. Humann 
gefunden war. Davor ist jetzt noch ein besonderes vierecki- 
ges Basisfundament ((>) zu Tage gekonnnen, das aus verschie- 
denen Marmorsteinen zusammengesetzt ist und daher gewiss 
erst aus später Zeit stammt. 

Der Hof war auf allen vier vSeiten von S;iulenhallen um- 
geben, die zusammen mehr als ein vStadion lang sind. Der 
marmorne vSt>'lobat, auf dem einst die vSäulen standen, ist auf 
drei »Seiten des Hofes erhalten und trägt noch fast alle Säu- 
lenbasen und auch einige Säulentrommeln. Im Westen und 
Norden ist er ganz, im Osten noch teilweise erhalten, auf 
der Südseite fehlt er jetzt ganz. In unserem Grundrisse sind 
die fehlenden vStüeke des Stylobats kreuzweise schraffiert und 
die fehlenden Säulen weiss gelassen. 

Die auffallend gute Erhaltung der zahlreichen Säulen- 
basen verdanken wir dem Umstände, dass sie mit den Stylo- 
balplalten aus je einem vSteine bestehen uiul ilaher ohne 
Zerstörung des Stylobats gar nicht entfernt werden konnten. 
Der eirund für diese eigentündiche Anordnung ist aus der 
nebenstehenden Abb. 5 unschwer zu erkennen. Die Sfiulen- 
basen hatten ursprünglich zugehörige rechteckige Plinthen 
A und standen ohne die marmornen Zwischenplatten H auf 
einem Stylobat aus Trachyt C, der einst sichtbar war und 
jetzt unter dem Marmorstylobat versteckt liegt. Erst später 
wurde durch Einschiebung der schlecht gearbeiteten Platten 
B zwischen die Plinthen der Basen ein durchlaufender Mar- 



DIE AKHEITKN ZT' PERGAMOX 1004-1^05 193 

nior-vStylobat lierg^estellt. Die vSäulcnbasen verloren dadurch 
die Hälfte ihrer Höhe und waren nun scheinbar mit dem 
Stylobat aus einem vStein gearbeitet. 

Von den Säulenschäften und den korinthischen Kapitel- 
len aus Marmor sind zahlreiche vStücke entdeckt worden. Lei- 
der reichen die gefundenen Trommeln nicht aus, um die 
Höhe der vSäulen mit voller vSicherheit zu bestimmen. Nach 
den Berechnungen von Paul Schazmann, der die Architektur 
des Gymnasions aufgenommen hat, dürfte die vSäulenhöhe 
etwa 6,16 m betragen. Das zu den Marmorsäulen gehörige 
Gebälk ist in vielen vStücken vorhanden. Es sind dreiteilige 
Architrave, PVicsstücke mit aufrechtstehendem Blattornament 
und Geisa mit Zahnschnitt. Auf der oberen Fascie des Archi- 
travs steht die Inschrift, von der schon früher mehrere Frag- 
mente gefunden und veröffentlicht worden waren (Inschr. 
von Perg. Nr. 553 A-T). »Sie gab eine Liste derjenigen Perso- 
nen, die durch Geldbeiträge die Erbauung der Säulenhalle 
ermöglicht hatten. Neue Fragmente haben sich bisher nicht 
gefunden, werden aber vermutlich bei der Ausgrabung des 
westlichen Teiles des Hofes zum Vorschein kommen, weil die 
früheren »Stücke aucli gerade dort gefunden sind. Die Form 
der vSäulen und des Gebälks ersieht man aus Abb. 5, einer 
verkleinerten Zeichnung von Paul Schazmann. 

Diese Abbildung gibt auch die Architektur eines oberen 
Stockwerkes der Halle. Im Hofe wurden nämlich zahlreiche 
vStücke einer etwas niedrigeren Säulenordnung gefunden, die 
offenbar ein zweites »Stockwerk der Hofhalle gebildet hat: 
korinthische »Säulen elliptischen Querschnittes (sogenannte 
Zwilling-ssäulen), Architrave mit einem Rankenfries in Relief 
und Geisa mit Consolen und sculptierter Sima. Auch sehr 
schlecht gearbeitete Reliefplatten mit Füllhorn, Kranz, Ge- 
fäss und anderen Darstellungen gehören hierzu und haben 
niedrige Brüstungen zwischen den oberen Säulen und Mittel- 
postamenten gebildet. Da ein monolither Säulenschaft von 
2,.39 m Länge gefunden ist, lässt .sich die Höhe der oberen 
Halle mit voller Sicherheit bestinmien. Die einzelnen ]\Iaasse 
sind aus der Zeichnung zu entnehmen. 

Säulen und Gebälk des Untergeschosses zeigen römische 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXIl. 1 3 



194 



W. DORPFELD. T. DIE BAUWERKE 



Formen des II. Jahrhunderts nach Chr. und bestätigen also 
die Datierung, die schon früher aus der Inschrift auf dem 
Architrave oe^^onnen war: unter Kaiser Hadrian ist die 




Abb. 5. Zweijjeschossijje Architektur der Hofhalle des oberen Gyinnasions. 



Marmorarchitektur des Hofes hergestellt worden. Das Ober- 
geschoss muss dagegen wegen seiner viel schlechteren Orna- 
mente wohl einer jüngeren Zeit zugeschrieben werden. 



DIK ARIU'ITl^X Zr IM^RCAMON 1004-1005 195 

Das Gymnasien selbst ist aber älter als das II. nachchrist- 
liche Jahrhundert. Das zeigen uns die zahlreichen, ohne Kalk- 
mörtel gebauten, polygonalen Mauern, die auf unserem (irund- 
risse ganz schwarz angelegt sind und unzweifelhaft die Reste 
eines griechischen (lymnasions bilden. Das zeigt ferner der 
oben erwähnte Trachyt-vSt)lobat, der unter den römischen 
Marmor-Säulen liegt und sich durch mehrere Umstände als 
Überbleibsel eines älteren Baues erweist. Zunächst .springt 
seine Vorderkante gegen die marmornen vSäulenbasen etwas 
zurück, was für einen einheitlichen Rau unerhört ist. Sodann 

^ 2,6 B -| 2.. 6» -j|r 



Abb. b. Stylobat der Hofhalle des oberen Gymnasions. 

liegt vor ihm eine alte Wasserrinne aus Trachyt (D in Abb. 6), 
die später, als die Basen darüber aufgestellt wurden, schon 
unter dem Erdboden lag und daher einen älteren Zustand 
des Hofes und der Halle bezeugt. Endlich erkennt man auf 
der Oberfläche des Trachyt-Stylobats noch Standspuren und 
Dübellöcher für dorische Trachyt-Säulen, von denen sich auch 
mehrere Trommeln gefunden haben. Sogar einzelne Stücke 
des zugehörigen dorischen Cxebälks (Architrave und Trigly- 
phen) sind zum Vorschein gekommen. Sie alle waren beim 
römischen Umbau des Gynmasions als Bausteine zum zwei- 
ten Male verwendet worden. Wir hoffen zu dieser älteren 
Architektur noch die fehlenden Geisa zu finden und werden 
dann auch eine genaue Zeichnung der dorischen Halle ver- 
öffentlichen können. In dem Durchschnitte in Abb. 7 ist im 
linken Teile des Hofes die ältere dorische Architektur, im 
rechten Teile die doppelte korinthische Halle skizziert worden. 
Wie im Hofe selbst, so war auch in den ihn umgeben- 
den Säulenhallen der F'us.sboden nach Aufstellung der Mar- 
mor-Säulen erhöht worden. Beide Böden sind hier deutlich 



196 



W. DORPFELD. 



I. DIE BAUWERKE 



> 

c 




DIE ARÜia'riCN 7A' I'ICRCA MOX 10()4-1Q05 



197 



zu unterscheiden, der untere besteht aus Erde, der obere, in 
römischer Zeit heroestellte, aus porösen KalksteinpLatten auf 
einer IMörtelunterlage. Grössere Stücke dieses Plattenbodens 
haben sich erhalten, werden aber leider infols^e ihrer geringen 
Festigkeit wohl bald zu Grunde gehen. 

An die Halle des Erdgeschosses schlössen sich in grie- 
chischer wie auch in rciniischer Zeit auf allen Seiten Zinuner 
und vSäle an, von denen die an der Süd- und Ostseite und 
zum Teil auch die an der Nordseite bereits aufgedeckt sind. 
Da haben wir zunächst an der Ostseite den schmalen Raum 
A (s. Taf. XVIII), nur in seinen Fundamentmauern noch er- 
halten. Vielleicht befand sich darin eine Treppe zum Oberge- 
schoss, doch lässt sich bei der grossen Zerstörung nichts Siche- 







^ 0.7 7 

Abb. !S. Para.staden-Kapitell vom vSaale B des oberen Gymnasions. 



res darüber ermitteln. Dass daneben bei 8 eine Treppe zum 
Kellergeschoss der Südhalle liegt, werden wir später sehen. 
Etwas besser erhalten ist der Saal B. Seine östliche und 
nördliche Wand zeigen noch gutes polygonales Mauerwerk 
griechischer Zeit. Am westlichen Ende der Nordmauer ist eine 
Tür zu erkennen, die schon in vorrömischer Zeit zugemauert 
worden ist. Die westliche Begrenzung des Saales bildete eine 
Stützenstellung: zwei jonischc Säulen zwischen zwei Para- 
staden. Je eine Basis und ein Kapitell sind erhalten und zei- 
gen durch ihr Material (Marmor) und durch ihre Formen, 
dass wir es hier nicht mit den ursprünglichen Säulen, son- 
dern mit Ergänzungen späterer Zeit zu tun haben. In den 
Abbildungen 8 und 9 werden die Kapitelle der Parastas und 



198 



W. DORPFELD. 



I. DIE BAUWERKE 



der Säule nach Zeichnungen von P. Schazmann wiedergege- 
ben. Der zierliche Fries am Antenkapitell mit Guirlanden 
tragenden Eroten ist besonders charakteristisch. Was für Säu- 
len in ofriechischer Zeit hier gestanden haben, ist noch unbe- 
kannt. Im Innern des Saales hat sich ausser geringen Resten 
eines einfachen römischen ^losaikfussbodens ein der Rück- 
seite paralleles Fundament aus profilierten Trachytsteinen 
erhalten, die sich bei näherer Untersuchung als Architrave 
eines älteren Baues herausgestellt haben. ]\Ian möchte sie 
der älteren Fassade unseres Saales zuschreiben, doch passt 
die geringe Breite der Architrave dazu nicht. 




Abb. 9. Säulen-Kapitell vom .Saale 15 des oljeren Gymnasions 



Der nach Norden anstossende schmale Raum C ist erst 
in römischer Zeit durch Errichtung seiner nördlichen Mauer 
hergestellt worden. Vorher scheint er zum nördlichen Nach- 
barsaale gehört zu haben. Er ist angelegt, um einen Verbin- 
dungsgang zu den grossen Thermen- Anlagen herzustellen, 
die weiter östlich noch unter der Erde liegen, aber schon 
jetzt an einigen Mauerstücken und Gewölberesten erkennbar 
sind. Damals wurde eine Tür in die Ostwand des Gymna- 
sions gebrochen und zugleich ein neuer, sehr ansteigender 
Fussboden hergestellt, um den höheren Boden der Thermen 
mit dem niedrigeren des Gymnasions zu verbinden. 

Auch der zweite grössere Saal D verdankt seine jetzige 



DIE ARHEITEN ZT l>KRC,AMOX 1904-1905 199 

Gestalt und Ausstattiin.o- erst dem römischen Umbau ; nur 
seine östliche Rückwand ist noch die alte g'riechische Aussen- 
wand des Gyninasions. Heide Seitenwände sind mit Kalk- 
mörtel neu errichtet. Auch die ionische Säulenstellung der 
vorderen Wand, von der noch je eine Basis der ehemals vor- 
handenen 2 Säulen und 2 Parastaden vorhanden ist, kann 
nicht dem ursprünglichen Bau angehören. Wir müssen auch 
hier eine ältere noch unbekannte Trachyt-Architektur anneh- 
men. In spätröniischer Zeit hat der vSaal nochmals einen Um- 
bau erfahren. In den Ecken und in der Mitte der Rückwand 
sind starke Pfeiler errichtet worden, um durch Gurtbögen 
verbunden eine gewölbte Steindecke zu tragen. Kleine Reste 
eines bunten Marmor- Fussbodens und vStücke von Marmor- 
Profilen an den Wänden lehren uns, dass der ganze Saal im 
Innern damals mit buntem Marmor verkleidet wurde. 

Der schmale Saal E, der von D durch eine doppelte 
Mauer und eine dazwischen liegende Wasserrinne getrennt 
ist, zeigt an seiner Westseite noch zwei Pfeiler, zwischen 
denen einst zwei durch ihre Standspuren gesicherte Säulen 
gestanden haben. Dass auch hier ein römischer Umbau vor- 
liegt, zeigt die Bauart der Mauern und namentlich auch die 
Höhenlage des jetzigen Bodens, die sich offenbar wiederum 
nach dem Niveau der nach Osten anstossenden Thermen ge- 
richtet und die Anlage einer Treppe vor der Westwand nötig 
gemacht hat. Die östliche Wand zeigt zwischen vier Pfeilern 
drei Türöffnungen, die unseren Saal mit den Thermen ver- 
banden, aber in noch späterer Zeit wieder zugemauert wor- 
den sind. Dass auch E überwölbt war, beweisen die Verstär- 
kungen der Seitenmauern und auch Reste eingestürzter Zie- 
gelgewölbe, die bei der Ausgrabung zum Vorschein kamen. 
An der nördlichen Parastas liest man eine Inschrift (s. unten 
Nr. 16), die nicht vollständig ist, weil der Stein hier zum 
zweiten Male verwendet und dabei verkleinert wurde. Die 
Inschrift bezieht sich daher nicht auf den Raum, in dem sie 
jetzt steht. 

Der Saal E bildete den Vorraum auch für den Ecksaal 
F, denn dieser war zwar mit der Säulenhalle des Hofes durch 
eine einfache Tür, durch eine Doppeltür aber mit dem Raum 



200 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

E verbunden. Durch Entfernung seiner ursprünglichen Ost- 
wand ist der vSaal F in römischer Zeit nach Osten erweitert 
worden; wie weit, ist noch niclit bekannt. Die alte griechi- 
sche Nordwand ist zwar noch erhalten, doch nicht mehr sicht- 
bar, weil vor ihr zur Sicherung noch eine römische Kalk- 
mörtelmauer errichtet worden ist. Vor dieser wurde in römi- 
scher Zeit ein schmales Bassin erbaut, das vielleicht zu Bade- 
zwecken gedient hat. 

Eine besonders stattliche Anlage ist der folgende, nach 
Westen sich anschliessende Saal G mit den beiden Apsiden^ 
der in der Photographie auf Tafel XIX in der Mitte er- 
scheint. Die Rückwand des Saales ist hier mit D, die öst- 
liche Apsis mit E und die westliche mit M bezeichnet. Der 
mächtige Saal entstand erst in römischer Zeit durch Entfer- 
nung einer älteren griechischen Zwischenmauer, deren ehe- 
maliger Anschluss an die alte Rückwand auf der Photogra- 
phie noch zu erkennen ist. Ein Arbeiter steht gerade bei den 
dunklen Löchern, in die einst die Quadern der Querwand 
eingriffen. Vier zum Teil noch erhaltene vSäulen und zwei 
Pfeiler aus buntem Marmor bildeten die Fassade des Saales 
zur Halle des Hofes hin. Die P'ormen dieser Stützen und 
ihres zum Teil erhaltenen Gebälks sind aus der nebenstehen- 
den Abbildung 1 0, einer Zeichnung von P. Schazmann, zu 
erkennen. Von den Kapitellen ist nur das einer Parastas ge- 
funden, das Kapitell der Säule fehlt noch. Die reiche Orna- 
mentierung der einzelnen Bauglieder erinnert sehr an die 
unter Caracalla hergestellte Fassade des ionischen Tempels 
auf der Theaterterrasse (vgl. Altertümer von Pergamon IV 
Tafel 34). Auf unserem photographischen Bilde (Tafel XIX) 
sind Stücke der Parastaden (B) und der Säulen (C) gut zu 
erkennen. Die auf dem Architrav eingemeisselte, leider nur 
teilweise erhaltene Inschrift oeßaaJToIi; xai xfi jtutqiÖl lässt uns 
vermuten, dass der vSaal mit seinen beiden Apsiden dem Kai- 
serkult geweiht war (vgl. unten Hepdings Erläuterungen zu 
der Inschrift Nr. 99). Wir haben ihn deshalb kurz als Kai- 
sersaal bezeichnet. Die beiden Apsiden waren mit Halbkup- 
peln überwölbt, von denen sich grosse Stücke, aus kleinen 
Steinen mit Kalkmörtel gebaut, noch erhalten haben. Wie 



202 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

die Decke des Mittelraiimes o^estaltet und in welcher Höhe 
sie angebracht war, wissen wir nicht; jedenfalls lag sie über 
den Gewölben der x\psiden, und daher kann nur dann ein 
von der oberen Halle des Hofes zugängliches Zimmer dar- 
über gelegen haben, wenn die Decke aus Holz bestand (vgl. 
den Durchschnitt in Abbildung 7). Da im Inneren des Saales 
weder Statuenbasen noch sonstige Einbauten gefunden wor- 
den sind, wissen wir über seine innere Einrichtung nichts. 
Auch hier waren in römischer Zeit alle Wände mit Marmor- 
platten verkleidet; kleine Reste des Marmors und zahlreiche 
Löcher für die zur Befestigung der Platten dienenden Eisen- 
nägel sind noch zu sehen. 

Der folgende Raum, H auf unserem Plane, scheint ur- 
sprünglich der grösste und wichtigste Saal des Gymnasions 
gewesen zu sein. Er ist tiefer als die anderen Räume und hat 
auch dadurch eine bevorzugte Lage, dass er genau die Mitte 
der Nordseite des Gymnasions einnimmt. Freilich ist er noch 
nicht ganz aufgedeckt, doch lässt die schon freigelegte Fas- 
sade an der Symmetrie der ganzen Anlage nicht zweifeln. 
Für die Baugeschichte des Gymnasions ist es sehr wichtig, 
dass die Fassade noch jetzt aus dorischen Porös -Säulen be- 
steht, die zu der griechischen Anlage gehören und bei dem 
römischen Umbau nicht entfernt worden sind. Wir kennen 
bis jetzt die unteren Trommeln von 5 Säulen und von 2 Para- 
staden, denen westlich noch eine 6. Säule und noch 2 weitere 
Pa'rastaden entsprechen werden. Diese ungewöhnliche i.'\nord- 
nung von 2 Parastaden an jeder Seite und dazu ein in die 
Augen fallender Unterschied in dem Material und der Bear- 
beitung der einzelnen Säulen waren uns zuerst unerklärlich. 
Die drei vSäulen c, e, f haben nämlich flache Canelluren und 
bestehen mit der Parastas a aus hellem porösem Kalkstein, 
während die beiden Säulen d und g uncanelliert sind und 
mit der zweiten Parastas b aus gewöhnlichem Trachyt beste- 
hen. Der Grund für diese auffallenden Unterschiede lässt sich 
noch erkennen : die vStützen hatten ursprünglich den doppel- 
ten Abstand, und erst später wurden die Zwischenstützen aus 
anderem Material und in etwas veränderter Gestalt einge- 
schoben. Vermutlich erfolgte der Umbau, als der aus Holz 



DII^ ARHEITKN 7.1' PF.RC.A MOX l'H)|-I'M)=) 203 

bestelK-iule Arcliitrav über den dorisclicn Sfiulen durch einen 
steinernen ersetzt werden sollte. Ursprünj^lich trugen die 
Säulen, wie die meisten Innenstützen zweischiffi.^cr Hallen, 
einen hölzernen Balken und hatten daher den doppelten Ab- 
stand der mit steinernem Architrave versehenen Säulen des 
Hofes. Bei dem Umbau wurden die im Grundriss schraffier- 
ten Säulen d und g und auch die Parastas b zwischen die 
älteren, im Grundriss gunz schwarz gezeichneten Stützen ein- 
geschoben. Ob auch das mittlere Intercolumnium zwischen 
e und f damals eine jüngere Zwischensäule erhielt, ist noch 
nicht bekannt. Falls dort einst eine Säule stand, ist sie ent- 
fernt worden, als die starken Pfeiler neben den älteren Säu- 
len und zugleich die Umrahmung einer grossen Mitteltür 
errichtet wurden. Diesen aus spätrömisclier Zeit stammen- 
den Pfeilern der Fassade entsprechen andere an der Rück- 
wand des Saales, wo einer von ihnen noch sein marmor- 
nes Abschlussgesimse in einer Höhe von 6,50 m über dem 
Boden trägt (vgl. die Photographie auf Tafel XIX, wo der 
letztere Pfeiler mit N und ein anderer mit O markiert ist). 
Da über den Pfeilern jedenfalls Gewölbe ergänzt werden müs- 
sen, — tatsächlich haben sich Stücke von Ziegelgewölben und 
Gewölbsteine aus Trachyt im Inneren gefunden — , so kann 
über diesem Saale unmöglich ein oberes Zimmer gelegen 
haben. Denn die Saalhöhe betrug mindestens 1 m und ent- 
sprach also etwa den beiden vStockwerken der Hallen des 
Hofes. Die Trachytquadern, aus denen die späteren Pfeiler 
errichtet sind, entstammen einem älteren griechischen Bau» 
weil einige von ihnen eingeschnittene Inschriften tragen, die 
zum Teil auf dem Kopfe stehen ; andere sind Bauglieder, von 
denen einige schon der römischen Architektur des Gymna- 
sions entnommen sind. Ein Teil des römisclien Gymnasions 
muss mithin schon zerstört gewesen sein, als die Pfeiler er- 
baut wurden ; ein sicheres Zciclien für eine sehr sj^äte Bau- 
zeit. Der bisher allein aufgedeckte östliche Teil des Saales 
enthielt auch einige noch spätere mittelalterliche Einbauten, 
die im Grundrisse nur in Umrisslinien angegeben sind. Der 
westliche Teil des Saales und das nach Westen stossende 
Theater, das der Versammlungsraum oder das Auditorium 



204 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

maxinmin der Neoi gewesen sein wird, sind noch nicht aus- 
gegraben. Ihre Freilegung ist eine der Aufgaben für die 
nächste Campagne. 

Für diese grossen nördlichen Räume konnte nur dadurch 
Platz gewonnen werden, dass der Felsen fortgesprengt und 
mehrere starke Stützmauern für die oberen Terrassen ange- 
legt wurden. Die Fortschaffung des Felsens war nicht sehr 
schwer, weil er hier aus Tuff besteht, der sich mit der Hacke 
entfernen lässt. Vor der Felswand mussten als Rückwand 
der Gemächer hohe Stützmauern gebaut werden, die in dem 
Grundrisse auf Tafel XVIII, in dem Querschnitt in Abb. 7 
und in der Photographie auf Tafel XIX zu erkennen sind. 
Man hat sich dabei nicht mit einer einfachen oder doppelten 
Mauer begnügt, sondern drei parallele Stützmauern gebaut. 
Die hinterste besteht aus unbearbeiten Steinen und ist fast 
2 m dick (G in dem photographischen Bilde auf Tafel XIX 
und in dem Durchschnitte). Die mittlere Mauer, aus besse- 
rem Material errichtet, hat eine gute Fassade und ist c. 1,60 m 
dick. Auf der Photographie, wo sie mit dem Buchstaben F 
bezeichnet ist, fallen besonders die aus der Wandfläche her- 
vortretenden Bindersteine auf, die aus dem Grunde nicht ab- 
gearbeitet sind, weil die Mauer gar nicht sichtbar war. Die 
vorderste Mauer, D auf der Photographie und im Durch- 
schnitte, ist etwas über 1 m dick und bildete die sichtbare 
Rückwand der Zimmer. Sie besteht aus regelmässigen Qua- 
dern oder genauer aus zwei mit solchen Quadern gebauten 
Fassaden, die durch einzelne durchgehende Bindersteine zu 
einer Einheit verbunden sind. Die beiden vorderen Mauern 
sind durch einen die Erdfeuchtigkeit abhaltenden Hohlraum 
(jtsQioTaaig nach der Astynomen-Inschrift AM. XXVII 1902,51, 
Z. 34) getrennt und nur durch einige Quermauern mit einan- 
der verbunden. Im Saale H ist die hinterste Mauer (L in der 
Photographie) aus guten Quadern errichtet und liegt soweit 
zurück, dass hier in griechischer Zeit ein zum Oberstock ge- 
gehöriger Raum 79 entstand, der sich jedenfalls auf der an- 
deren Seite der mittleren Nische 82 in dem noch nicht aus- 
gegrabenen Teile wiederholen wird. In diesem Räume des 
Obergeschosses scheint 81 eine kleinere Mittelnische gebil- 



DIE ARBEITEN ZT I'EKOAMON 1 Q04 - 1 005 205 

det zu haben. Trotz der grossen Sorg-falt, die man auf alle 
diese Stützmauern verwendet hatte, sind diese spcäter bau- 
fällig geworden. Im Mittelsaale H mussten, wie wir sahen, 
Strebepfeiler errichtet werden, um einem Einstürze vorzubeu- 
gen, und im Kaisersaale haben die Apsiden vielleicht einen 
ähnlichen Zweck gehabt; jedenfalls haben sie tatsächlich als 
feste Widerlager der hinteren Stützmauern gewirkt. 

Die noch höher und weiter nach Norden liegenden Mau- 
ern, die im Grundriss und Durchschnitt gezeichnet sind, ge- 
hören schon wegen ihrer abweichenden Richtung nicht zum 
Gymnasion, sondern sind Stützmauern für andere höher lie- 
gende Gebäude, Terrassen oder Wege. Die aus guten Qua- 
dern bestehende Mauer 68-69 hat als starke Stützmauer eine 
obere Terrasse und zwar, wie wir jetzt vermuten dürfen, 
wahrscheinlich ein Heiligtum der Hera mit einem Tempel 
der Göttin getragen. Die vor ihr herlaufende dünne Mauer 
77-78 können wir noch nicht deuten, ebenso wie die bei 78 
aufgedeckte Tür der ersteren Mauer noch unerklärt ist. Wäh- 
rend 72 eine aus grossen Quadern mit Kalk gebaute spätere 
Stützmauer ist, besteht die Mauer 71 aus kleinen unregel- 
mässigen Steinen ohne Kalk und hat eine so starke Böschung' 
dass sie an die alten trojanischen Mauern erinnert; sie könnte 
die Stützmauer eines alten zur Akropolis führenden Weges 
gewesen sein. Über sie hinweg läuft eine Quadermauer 70, 
die als die Stadtmauer aus der Zeit des Attalos gilt; weiter 
nordöstlich enthält sie ein Stadttor, durch das auch später 
noch der Weg zur Akropolis hindurchführte. Aus römischer 
Zeit stammt endlich eine grosse gemauerte Wasserleitung 74- 
80, die oberhalb des Gymnasions entlang führt. vSie steht mit 
dem Aquäduct nördlich vom Stadtberge in Verbindung und 
hat offenbar die verschiedenen Teile des Gymnasions in rö- 
mischer Zeit mit Wasser versorgt. Wie die Wasserzuführung 
zum Gymnasion in griechischer Zeit geregelt war, wird sich 
hoffentlich noch feststellen lassen. 

Während der Platz für den nördlichen Teil des oberen 
Gymnasions aus dem Felsen herausgehauen wurde, musste 
der für den südlichen Teil durch starke Stützmauern und 
durch Hinterfüllunof mit Erdmassen geschaffen werden. Die 



206 W. DÖRPFEI.D. I. DIE BAUWERKE 

hierzu dienenden Futtermauern sind zum Teil schon im 
vorigen Berichte (AM. XXIX 1904, 138 und Tafel XIV) als 
die Abschlussmauern der mittleren Gynmasion- Terrasse be- 
schrieben und abgebildet worden. Durch neue Grabungen 
und Untersuchungen haben wir sie aber besser kennen ge- 
lernt. Namentlich hat sich gezeigt, dass die Südhalle des obe- 
ren und die Nordhalle des mittleren Gymnasions und auch 
die Anlagen zwischen beiden ursprünglich anders gestaltet 
waren. Noch in griechischer Zeit ist hier ein Umbau erfolgt, 
bei dem alle diese Anlagen wesentliche Änderungen erfahren 
haben. Indem wir zunächst in der Beschreibung des oberen 
Gymnasions fortfahren, werden wir die Tatsachen kennen 
lernen, aus denen sich jener Umbau ergibt. 

Auf den ersten Blick bietet der Grundriss des südlichen 
Teiles des oberen GyiTinasions ein verständliches und ein- 
heitliches Bild. Neben dem offenen Hofe liegt zuerst ein lan- 
ger schmaler Raum (8-9), der augenscheinlich die südliche 
Säulenhalle des Hofes gebildet hat. An ihn schliesst sich 
eine lange Reihe schmaler Räume an, die auf dem Plane mit 
den Zahlen 20-51 bezeichnet sind. Die südliche Abschluss- 
mauer dieser türlosen Kammern ist doppelt und bildet zu- 
gleich die Grenzwand zwischen der oberen und mittleren 
Terrasse. Nach Süden folgen mehrere Zimmer (52-58) und 
eine lange Säulenhalle (60-62), die alle schon zum mittleren 
Gymnasion gehören und im vorigen Berichte beschrieben 
worden sind (AM. XXIX 1904, 138). Sobald wir jedoch den 
Durchschnitt in Abb. 7 ansehen, erkennen wir, dass die ver- 
meintliche Südhalle (8-9) um ein Stockwerk tiefer liegt als 
der Hof des oberen Gymnasions, und dass die Räume 20-51 
mit Bauschutt gefüllte Hohlräume sind, deren Trennungs- 
mauern, soweit sie erhalten sind, ebenfalls unter dem Fuss- 
boden des Hofes liegen. Die wirkliche Halle des Hofes und 
die etwa anstossenden Gemächer müssen also um ein Stock- 
werk höher gelegen haben als die erhaltenen Mauern. Diese 
müssen wir noch genauer kennen lernen, um die ganze An- 
lage verstehen und ergänzen zu können. 

Der kellerartige Raum 8-9 (Abb. 11), der in einer Länge 
von 1 30 m aufgedeckt, aber über 200 ni lang ist, hat in Perga- 



DIE AKHKITKX /l" I']':IU",A:\I()X 1904-1905 



207 



mon manches Analooon. Älmliche Keller kommen mehrfach 
unter solchen Säulenhallen vor, die am Rande hoher Terras- 
sen liegen, so z. B. unter der Halle der Theaterterrasse (vgl. 
Altert. V. Pergamon IV Taf. XVII). Ihre Anlage empfahl sich 
sehr, weil sie ohne grosse Kosten her/Aistellen und sehr gut 
benutzbar waren. In unserem Gynmasion scheint der lange 




Abbildunsj 1 1. 



Keller noch einen besonderen Zweck gehabt zu haben. Er.stens 
ist er bedeutend länger als die Südhalle des Gymnasions, 
denn nach Osten reicht er um fast 70 m über den Hof hin- 
aus und scheint dies auch im Westen um ein gleiches Stück 
zu tun. Zweitens fehlen in dem Räume alle alten Quermauern 
und zwar sogar an der Stelle, wo die östliche Abschluss- 
mauer der südlichen Halle und auch die des ganzen Gymna- 
sions über den Raum hinweggehen muss und daher ein 



208 W. DÖRPFELD. I. DIR BAUWERKE 

Unterbau erwartet werden darf. Das Fehlen jeder Zwischen- 
mauer und die grosse Länge des Raumes legen uns den Ge- 
danken nahe, dass es sich um ein Ubungs-Stadion, um einen 
Platz zu Laufübiingen handelt, wie er in jedem CTvmnasion 
vorhanden sein musste. In unserem Bau scheint eine dop- 
pelte Rennbahn existiert zu haben, im Keller und darüber in 
der Halle des Erdgeschosses. Das Keller-Stadion war für den 
Sommer und Winter, das des Erdgeschosses für den Früh- 
ling und Herbst sehr passend, weil die Luft des Kellers im 
Sommer kühler, im Winter aber wärmer ist als die einer 
Halle oder des offenen Hofes. 

Aber zwei Fragen müssen nach beantwortet werden, be- 
vor die Theorie, dass der Keller als vStadion diente, angenom- 
men werden kann. Erstens: wie war die Decke des Kellers 
und zugleich der Fussboden des Erdgeschosses gebildet? und 
zweitens: wie konnte Licht in das Keller-vStadion fallen? 
Beide Fragen können mit Sicherheit beantwortet werden. 

Die Decke des 6,80 m breiten und wahrscheinlich etwa 
210 m langen Raumes bestand aus einzelnen steinernen Gurt- 
bogen, die in Abständen von durchschnittlich 1,74 m lagen 
und selbst 0,54 m dick waren. Kein einziger Bogen ist erhal- 
ten, aber von vielen .sieht man noch die Widerlager an der 
nördlichen Mauer, von mehreren haben sich die Bogensteine 
gefunden. Bei einem der Bogen Hess sich noch an den in 
ihrer Falllage befindlichen vSteinen bestimmen, dass er aus 
1 3 vSteinen von etwa 0,55 m Höhe und von verschiedener 
Länge (0,40-0,90 m) bestanden hat; sein Radius betrug unge- 
fähr 1 m. Damit stimmt überein ein merkwürdiges Stück 
der Verlängerung eines Gurtbogens, das in Abbildung 1 1 ge- 
zeichnet ist und den Buchstaben F trägt. Es liegt wohl er- 
halten neben der zum Keller-Stadion führenden Treppe A 
(13 im Plane) und ist hergestellt worden, weil der Bogen hier 
gerade in die für die Treppe bestimmte Öffnung der Nord- 
mauer traf. Die neue Treppe hat man infolge dessen um 
0,50 m nach Westen verschieben müssen. Über diesem flachen 
Gurtbogen aus Stein (G in Abb. 1 1 ) haben wir hölzerne Bal- 
ken und Bretter und darüber als Fussboden der Halle wohl 
einen Estrich zu ergänzen. Diese Deckenconstruction mit 



DIE AR15EITEN ZU PERGAMON 1904-1005 209 

den steinernen Cnirtboo-en ist aber nicht die ursprüngliche. 
Schon die Tatsache, dass die Widerlager der Bogen mit 
Kalkmörtel gemauert sind, gestattet uns nicht, an eine grie- 
chische Entstehungszeit y.n denken. Die Form der ursprüng- 
lichen Decke ergibt sich aus einigen gefundenen Consolstei- 
nen, wie sie in gleicher Form in anderen ähnlichen Keller- 
räumen Pergamons vorkommen. Diese lagen ursprünglich 
auf den Längswänden und ragten in den Raum hinein; sie 
trugen zwei an den Wänden entlang laufende Hölzer, auf 
denen die eigentlichen Deckbalken auflagerten. Da keiner 
der Consolsteine an seiner alten Stelle lag und naturgemäss 
auch nicht liegen konnte, .so können wir die Höhe ihrer 
Anbringung und damit die Höhe der älteren Deckencon- 
struction nicht mehr bestimmen. Der Abstand der einzel- 
nen Consolen von einander lässt sich dagegen feststellen 
durch den Abstand der noch erkennbaren Fenster, deren 
Achsweite, ebenso wie die der Gurtbögen, 2,28 m beträgt. Die 
Consolsteine müssen nämlich zwischen je zwei Fenstern ge- 
legen haben; sie nahmen also dieselben Stellen ein wie die 
späteren Gurtbogen. 

Die erhaltenen vSpuren von Fenstern führen uns zur 
Beantwortung der zweiten oben aufgeworfenen Frage : wie 
war das Keller-Stadion beleuchtet? An der Südwand sind an 
mehreren Stellen, etwa 2 m über dem Boden, Abschrägungen 
an der jetzigen Oberkante der Mauer zu erkennen, die etwa 
1,50 lang sind und in Abständen von etwa 1,23 m wiederkeh- 
ren. Sie gehören zu hoch gelegenen Fensteröffnungen, deren 
Unterfläche stark geneigt war und deren Seitenflächen nach 
aussen convergieren. Es waren also schiessschartenähnliche 
Fenster, die an der Aussenseite der Mauer nur etwa 0,35 m breit 
waren und sich nach innen bis auf das Dreifache verbreiter- 
ten. Das Höhenmaass der Öffnungen ist nach den bisher ge- 
fundenen vSteinen leider noch nicht genau zu bestimmen ; das 
in dem Durchschnitt (Abb. 1 1 ) angenommene Maass ist also 
nicht gesichert. Wir dürfen aber bei der Fortsetzung der i\.us- 
grabung des Ganges auf weitere Fenstersteine hoffen. Jeden- 
falls werden die Öffnungen so klein gewesen sein, dass nie- 
mand hindurchklettern konnte. Damit sie trotz ihrer Klein- 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII. 1 4 



210 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

heit viel Licht gaben, wurden sie wie Schiessscharten nach 
innen breiter gemacht und ausserdem in grosser Zahl ange- 
bracht. In dem Grundrisse und Durchschnitte (Abb. 1 1 ) sind 
die Fenster mit C bezeichnet. 

Aber, so wird man fragen, wie konnten diese Fenster 
Licht geben, da vor ihnen die mit Bauschutt angefüllten 
Kammern 20-51 und im östlichen Teil die in x^bb. 11 mit E 
bezeichnete Mauer liegen? Dieser berechtigte Einwand führt 
uns zu einer für die Baugeschichte des Gymnasions wertvol- 
len Beobachtung. Als die Fenster erbaut wurden, können jene 
Kammern und jene Mauer allerdings nicht vorhanden gewe- 
sen sein. Eine genaue Untersuchung des Tatbestandes über- 
zeugte uns auch bald, dass die Kammern 20-51 einschliesslich 
ihrer südlichen doppelten Abschlusswand erst später angefügt 
sind. Die Fenstermauer hat nach Süden eine gut gebaute 
Fassade und war daher sicher ursprünglich sichtbar. Erst 
später sind die zahlreichen Querwände und in den 1 1 östlichen 
Räumen ausserdem noch eine parallele Verstärkungsmauer 
an die Fenstermauer ohne Verbindung stumpf angebaut wor- 
den. Wann dieser LTmbau erfolgte, lässt sich noch nicht sagen. 
Nur das Eine ist zunächst sicher, dass die Hinzufügung der 
zahlreichen Kammern (31 sind bisher aufgedeckt) noch in 
griechischer Zeit statt fand, weil ihre Mauern noch die ge- 
wöhnliche griechische Constructionsart ohne Kalkmörtel zei- 
gen. Sodann muss der Anbau vor Herstellung der oben be- 
schriebenen Gurtbogen erfolgt sein; nicht nur weil bei den 
letzteren schon Kalkmörtel vorkommt, sondern auch weil die 
Gurtbogen nicht gehalten hätten, so lange die Fenstermauer 
frei stand und noch nicht das feste Widerlager der mit Erde 
und Bauschutt gefüllten Kammern besass. Man darf sogar 
weiter vermuten, dass die Einspannung der Gurtbogen durch 
die Erbauung der Kammern notwendig wurde, um ein Um- 
fallen der Fenstermauer nach innen, das die angeschütteten 
Erdmassen hätten herbeiführen können, zu verhindern. 

Hier werden dem Leser, der den Bericht über die Aus- 
grabungen von 1902-03 kennt, die damals noch unlösbaren 
Schwierigkeiten einfallen, die sich beim Studium der Rück- 
wand der mittleren Gymnasion-Terrasse ergeben hatten. Wir 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 211 

hatten damals (AM. XXIX 1904, 140) einen ITmbau der gros- 
sen Säulenhalle constatiert, die auf unserem Plane Taf. XVIII 
noch am unteren Rande erscheint, und hatten erkannt, dass 
die Zinmier 52 und 53, die mit ihrer Ecke die alte Treppe 
in hässlicher Weise verengen, erst später hinzugefügt sein 
müssen. Wie aber die verschiedene Tiefe der Räume 52-58 
zu erklären war, wussten wir nicht. Jetzt ist die Lösung ge- 
funden : erst bei Errichtung der Kammern 20-51 ist die 
Säulenhalle 60-62 um das Doppelte verbreitert worden. Die 
zugleich erbauten Zimmer 5 2 und 53 erhielten nun die dop- 
pelte Tiefe der älteren Zimmer 54-58. Auf die Säulenhalle 
des mittleren Gymnasions kommen wir sogleich zurück. Zu- 
vor müssen wir die Beschreibung des oberen Gynmasions, 
soweit es ausgegraben ist, beendigen. 

Zu der Zeit, als das Kellerstadion noch von Süden durch 
seine zahlreichen kleinen Fenster Licht erhielt, erhob sich 
über ihm in der Höhe des Hofes eine einfache Säulenhalle, 
wie sie in dem Durchschnitt des oberen Gymnasions in Ab- 
bildung 7 gezeichnet ist. Sie hatte nach Norden zum Hofe 
hin dieselben dorischen Säulen wie die übrigen Hallen und 
nach Süden über der Fensterwand eine geschlossene oder 
durchbrochene Mauer. Nach Osten und Westen reichte sie 
über die westliche und östliche Halle des Hofes hinaus und 
hatte vielleicht schon die jetzige Länge. Mit Bestimmtheit 
lässt sich letzteres nicht sagen, weil an der Nord- und der 
Südwand etwa 1 1 m vom östlichen Ende entfernt (die Stelle 
ist auf Taf. XVIII mit 6 bezeichnet) eine Änderung des Mauer- 
werks zu beobachten ist, die auf eine spätere Verlängerung 
des Kellerstadions hinweist. Wir werden darüber aber erst 
urteilen können, wenn das westliche Ende des Keller-Stadions 
und ausserdem der östlich von unserem Gymnasion befindliche 
Bau 1 5, vermutlich eine Thermenanlage, aufgedeckt sind. 

Etwas später, aber noch in griechischer Zeit, ist sodann 
der Raum zwischen der einfachen Südhalle des oberen Gym- 
nasions und der Nordhalle des mittleren Gymnasions, der bis 
dahin vielleicht eine besondere Terrasse gebildet und als Lauf- 
platz gedient hatte, zu den beiden Hauptterrassen hinzugezo- 
gen worden. Der eine Teil wurde, wie wir sahen, zur Erbauung 



212 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

der zahlreichen Kammern des oberen Gymnasions verwendet, 
über denen dann im Anschlüsse an die Südhalle verschiedene 
Säle errichtet werden konnten ; der andere Teil wurde zur Ver- 
breiterung der Nordhalle des mittleren Gymnasions benutzt. 

Ist diese Annahme richtig, so würden wir für die ältere 
Zeit zu den drei Gymnasion-Terrassen noch eine vierte erhal- 
ten und dürften dann vielleicht, wie oben schon angedeutet 
wurde, die vier Gymnasien des Ehrendecrets eines Gymna- 
siarchen aus der Zeit Attalos' III. (AM. XXIX 1904, 152 Z. 58) 
auf diese vier Terrassen beziehen. Wir würden in diesem 
Falle in dem Beeret auch einen terminus post quem für den 
Umbau des Gymnasions gewinnen. Ob diese Combination 
jedoch richtig ist, wird sich erst nach der Ausgrabung des 
ganzen Gymnasions feststellen lassen. 

Wie die über den Kammern 20-51 errichteten Säle ge- 
staltet waren, scheint zunächst ganz unbestimmbar, weil auch 
nicht ein Stein des Oberbaues erhalten ist. Eine Beobachtung 
hilft uns jedoch vielleicht weiter. Die Kammern haben nicht 
die gleiche Breite und auch ihre Zwischenwände sind nicht 
gleich stark. Nun .sind zwar die letzteren Unterschiede nicht 
sehr gross und, da es sich nur um Fundamentmauern handelt, 
vielleicht nur zufällig, aber die Differenzen der Kammerbrei- 
ten sind so bedeutend, dass möglicherweise eine bestimmte 
Absicht vorliegt. Vielleicht dürfen wir die gleich grossen Kam- 
mern als Teile von je einem vSaale des Erdgeschosses ansehen 
und darnach diese Säle ergänzen. Wir werden jedoch auch 
hier besser die vollständige Aufdeckung der Kanmiern ab- 
warten, bevor wir hierüber mit Bestimmtheit urteilen. Auf 
jeden Fall haben wir im x\nschlusse an die südliche Halle 
im Erdgeschosse eine lange Reihe von Sälen und kleineren 
Zimmern anzunehmen, die als Auditorien oder als Übungs- 
räume oder in anderer Weise benutzt werden konnten. Die 
Halle selbst und der Raum unter ihr dienten als Übungs- 
plätze zum Laufen. 

Durch Erbauung der südlichen Säle war dem Keller- 
Stadion allerdings fast alles Licht genommen worden. Nur 
durch kleine Löcher in der Decke konnte noch ein wenig in- 
direktes Licht in den nun wirklich zum Keller ""ewordenen 



DIE AKHEITEN ZU PERGAMOX 1')()4-1905 213 

Raum fallen. Ob das aber zur Beleuchtung^ ausreichte, ist mir 
sehr fraw^lich. Daher \erniute ich, dass der Raum von da ab 
nicht mehr als Übuni^splatz zum Laufen benutzt wurde. 

Es bleiben noch zu besprechen die Eingänge zum oberen 
Gymnasien und die Treppen -Wrbindungen zwischen den ver- 
schiedenen Stockwerken. Das Kellerstadion hat an seinem 
östlichem Ende eine kleine Tür (1 7), zu der man vermutlich, 
ebenso wie jetzt, von der Treppe (19) gelangen konnte, die 
am östlichen Ende des mittleren Gymnasions erhalten ist. 
Diese Tür kann natürlich nur einen Nebeneingang des obe- 
ren Gymnasions gebildet haben. Der Haupteingang muss im 
Erdgeschoss gelegen haben, ist aber bisher nicht aufgefunden. 
Vermutlich gab es zwei solcher Eingänge an den beiden En- 
den der Südhalle. Eine Verbindungstreppe zwischen dem Kel- 
lerstadion und dem Erdgeschosse haben wir nördlich von der 
Kammer 30 avifgedeckt. Es ist die steinerne Treppe 1 3, die zu 
den östlich von unserem Gymnasion gelegenen, noch nicht 
ausgegrabenen Thermen führt. 19 Steinstufen sind noch er- 
halten und in Abb. 1 1 im Durchschnitt gezeichnet. In ihrer 
jetzigen Gestalt stammt die Treppe erst aus römischer Zeit 
und wird, wie wir sahen, wohl zugleich mit den Gurtbogen 
des Kellerstadions hergestellt worden sein. Dass sie früher 
um 7-2 ^^^ weiter östlich gelegen zu haben scheint, wurde 
schon gesagt. Einige Meter westlich von dieser Treppe er- 
kennt man in der Nordwand des Kellerstadions eine schon in 
griechischer Zeit zugemauerte Tür, die auf unserem Plane 
durch zwei helle Striche und die Zahl 10 markiert ist. Wir 
vermuteten hier eine griechische Treppe, zumal dahinter ein 
schmaler, für eine Treppe passender Raum 1 1 liegt. Angestellte 
Nachgrabungen haben aber ein negatives Resultat ergeben. 
Wir nehmen deshalb an, dass hier zwar eine Treppe geplant 
war, aber nicht ausgeführt worden ist. Vermutlich ward im 
westlichen Teile des Gymnasions noch eine andere griechi- 
sche Verbindungstreppe zwischen dem Kellerstadion und dem 
Erdgeschoss zum Vorschein kommen. Da endlich durch die 
zweigeschossige Säulenreihe der Hofarchitektur das Vorhan- 
densein eines zweiten Stockwerkes der Ringhalle wenigstens 
für die römische Zeit gesichert ist, müssen wir nach einer 



214 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

zum Oberstock führenden Treppe suchen. Bisher haben wir 
aber keine sicheren Reste einer solchen gefunden. Vielleicht 
hat sie in dem bis auf die Fundamente vernichteten Räume 
A an der Ostseite des Hofes gelegen. 

Eine Untersuchung über den Zweck der einzelnen Räu- 
me des Gymnasions und eine Vergleichung des ganzen Grund- 
risses mit anderen ausgegrabenen griechischen Gymnasien 
und mit dem vitruvischen Palästra-Grundrisse muss bis zur 
vollständigen iVusgrabung unseres Baues verschoben werden. 

Zum Schlüsse unserer Schilderung der ausgegrabenen 
Reste des Gymnasions haben wir noch einige Worte über die 
Nordhalle des mittleren Gymnasions hinzuzufügen. Im Jahre 
1 903 war diese Säulenhalle nur bis zur 1 3. Säule von Osten 
ausgegraben worden, wie Plan VIII der AM. XXIX 1904 
zeigt. Dass die Grabung seitdem weiter nach Westen vorge- 
schritten ist, wurde schon erwähnt und geht aus unserer 
Tafel XVIII hervor. Wir haben die Halle im Jahre 1904 bis 
zur alten Westmauer (63-64 auf dem Plane) freigelegt. Weiter 
nach Westen vorzudringen, war aus technischen Gründen 
nicht tunlich. Die dort lagernden hohen Schuttmassen müs- 
sen später von Westen her in Angriff genommen und abge- 
karrt werden. Bei jenen Grabungen fanden wir als jetzigen 
Abschluss der Halle zunächst eine dicke Mauer (65), die sich 
bald als ein Machwerk sehr später, vielleicht byzantinischer 
Zeit herausstellte. Sie ist mit Säulentrommeln fundamentiert 
und enthält viele dorische Bauglieder, die einst zur Vorder- 
wand der Halle gehört haben. Östlich von der späten Mauer 
wurden ferner noch mehrere Innensäulen aufgedeckt, die in 
der Zeichnung schwarz angelegt sind. Die durchlaufende 
Mauer, auf der sie stehen, setzt sich westlich von der späten 
Mauer 65 noch ein Stück fort und hört mit dem Unterbau 
für die Säule 62 auf. Augenscheinlich ist sie niemals weiter 
gegangen ; denn der Punkt, wo sie endet, liegt gerade in der 
Fortsetzung der alten westlichen vStützmauer der Terrasse, 
wie im Plane durch eine punktierte Linie angedeutet ist. Die 
Innensäulen, welche später auf dem Unterbau der Mauer 
aufgestellt wurden, scheinen sich aber weiter nach Westen 
fortgesetzt zu haben. Die alte Abschlussmauer der Terrasse 



DIE ARBEITEN ZI' I'EKC.AI\I( )X 1 90-1 - 1 ^M).5 215 

miiss bei diesem Umbau abs^el)rochen und die Halle nach 
Westen verlängert worden sein. Wie weit sie reichte, wird 
erst später bestimmt werden können. U))er die Architektur 
der Halle bestehen noch einige Zweifel, die sich hoffentlich 
noch heben lassen. Erst nachdem alle Gebäude des Gymna- 
sions aufgedeckt sind, werden sich die zahlreichen vorhan- 
denen Architekturglieder auf die ein/einen Hallen und Säle 
mit Sicherheit verteilen lassen. 

4. DAS GRIECHISCHE THEATER DER AKROPOLIS. 

Während am südlichen x\bliange des Stadtberges das 
Gymnasien, das Haus des Attalos und einige andere Bau- 
werke ausgegraben wurden, haben wir zugleich einige Ge- 
bäude der xAkropolis, die schon vor 25 Jahren von K. Humann 
und R. Bohn aufgedeckt waren, von neuem gereinigt und 
untersucht. Es besteht die Absicht, allmählich die meisten 
der früher ausgegrabenen Bauwerke von dem sie wieder 
bedeckenden Schutt und Gesträuch zu befreien und zugleich 
ihre frühere Untersuchung zu vervollständigen. Auf eine 
Arbeit dieser Art, die in den letzten Jahren auf Kosten der 
Königlichen Museen in Berlin am grossen x\ltare ausgeführt 
wurde, konnte ich schon in einem vorläufigen Berichte (AM. 
XXIX 1 904, 1 1 3) kurz hinweisen. Genauer hat P. Schrammen 
darüber berichtet in dem inzwischen erschienenen HI. Bande 
des grossen Pergamonwerkes. 

Eine andere Arbeit dieser Art habe ich selbst in den 
beiden letzten Jahren durchgeführt, nämlich die nochmalige 
Reinigung und weitere Ausgrabung und Erforschung des 
Theaters der Akropolis. Die Veranlassung, gerade diesen Bau 
zuerst vorzunehmen, lag für mich in der grossen Bedeutung, 
welche das pergamenische Theater wegen seines eigentüm- 
lichen Skenengebäudes für die allgemeine Entwickelungs- 
geschichte des griechischen Theaters beanspruchen darf. Ich 
glaubte annehmen zu dürfen, dass bei einer erneuten Unter- 
suchung noch einige bisher unbekannte Tatsachen zum Vor- 
schein kommen würden, die vielleicht zur Aufhellung der 
dunklen Punkte in der Geschichte des Baues selbst und zu- 



216 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

gleich zur Entscheidung einiger an das griechische Theater 
sich knüpfenden Fragen beitragen könnten. Diese Erwartung 
hat sich in der Tat im vollsten Maasse erfüllt. Die verschie- 
denen Bauperioden des pergamenischen Theaters, die schon 
durch die sorgfältige Untersuchung von R. Bohn erkannt 
worden waren, lassen sich jetzt richtiger und genauer da- 
durch bestimmen, dass einige wichtige Einzelheiten des Baues 
erst jetzt bekannt geworden sind. Meine Studien über den 
Bau kann ich hier nicht ausführlich mitteilen und auch die 
neuen Pläne hier nicht veröffentlichen, weil der Rahmen die- 
ses Berichtes dadurch weit überschritten werden würde. Ich 
beabsichtige dies in einer Sonderpublikation zu tun, die als 
Ergänzungsheft des IV. Bandes der Altertümer von Perga- 
mon erscheinen soll. Hier in dem allgemeinen Bericht über 
die letzten Arbeiten dürfen aber einige Mitteilungen über 
die erzielten Resultate nicht fehlen. 

Unsere neuen Grabungen erstreckten sich zunächst auf 
den Zuschauerraum. Die noch ziemlich gut erhaltenen Sitz- 
reihen wurden von den Erdmassen, die sie zum Teil wieder 
bedeckten, und von dem darin wuchernden dichten Gestrüj^p 
von neuem befreit. Auch die grossen Stützmauern, die noch 
nie ganz aufgedeckt waren, wurden freigelegt und unter- 
sucht. Dabei stellte sich heraus, dass der untere Rang des 
Zuschauerraumes, wie Bohn nur vermutungsweise angenom- 
men hatte, wirklich einst einen vollen Halbkreis gebildet hat, 
an den sich die beiden oberen Ränge als kleinere Kreisab- 
schnitte anschlössen. Weiter kamen aber auch einige ältere 
polygonale Stützmauern zu Tage, die uns von einem etwas 
kleineren Theater Kunde geben, das vor der Erbauung des 
aus grossen regelmässigen Quadern hergestellten Zuschauer- 
raumes hier bestanden hat. 

Vor allem wurden die erhaltenen Ruinen der Skene noch- 
mals sorgfältig gereinigt und untersucht. Dabei fanden sich 
mehrere neue Reste der drei Bauperioden, die schon R. Bohn 
an der Skene richtig erkannt hatte. Es Hessen sich deutlich 
unterscheiden: 1) eine ältere griechische Skene, die ganzaus 
Holz aufgebaut wurde, 2) eine jüngere aus Steinen erbaute 
Skene mit einem Proskenion der gewöhnlichen hellenistischen 



DIR akkeitI':n zr i'RK(;a:\ion 1904-1905 217 

Art, i) ein römisches vSkenenj^ebäude, bei dem zu dem Skenen- 
saale und seinem Proskenion noch eine erhöhte r()nnsche 
Bühne (Bema) hinzuoekomnien war. 

Bei der folgenden Beschreibung der erzielten Resultate 
werde ich für diese drei Bauperioden der Skene der Einfach- 
heit hall)er die allgemein üblichen drei Bezeichnungen grie- 
chische, hellenistische und römische Skene gebrauchen, ob- 
wohl in Wirklichkeit auch die 'griechische' Skene Pergamons 
in hellenistischer Zeit bestanden hat. 

Von dem römischen Skenengebäude, mit dem wir un- 
sere Beschreibung beginnen wollen, ist namentlich die Bühne 
sehr gut erhalten. Sie war fast 31 m lang, 3,70 m breit und 
fast 1 m hoch. An ihren beiden Enden hatte sie je eine Treppe 
von 5 Stufen, die von der Parodos zu dem jetzt fehlenden 
Steinpflaster hinaufführte. Die Vermutung Puchsteins (Die 
griech. Bühne 70), dass die vorhandenen Stufen keine wirk- 
liche Treppe gebildet hätten, sondern nur eine durch Ab- 
bruch der Mauer entstandene Abtreppung seien, ist unhalt- 
bar; Material und Arbeit beweisen das in gleicher Weise. Eine 
mittlere Bühnentreppe, wie sie zum Beispiel in Athen beim 
Bema des Phaidros vorkommt, gab es in Pergamon nicht. 
Unbekannt war bisher, dass der hintere Teil des Bema mit 
Kalkmörtel und grösseren Steinen gebaut ist, während der 
Kern aus kleinen Steinen mit Erdmörtel besteht. Dieser festere 
Teil muss daher das Fundament gebildet haben für die als 
Proskenion dienenden, frei vor der römischen Skene stehen- 
den Säulen. Welcher Art diese Säulen waren und wie viele 
Türen die Skenenwand hatte, lässt sich nicht mehr feststellen; 
wenigstens ist es wegen des Fehlens der Säulen und wegen 
der fast vollständigen Zerstörung der Wände der Skene bisher 
noch nicht gelungen. Dass hinter diesen Proskenion -Säulen 
ein Skenensaal vorhanden war, woran R. Bohn noch zwei- 
felte, ist einerseits durch kleine Mauerreste und anderseits 
durch das zum Teil noch erhaltene Wegepflaster zwischen 
der Skene und der grossen Säulenhalle der Theater terrasse 
vollständig gesichert. Als Zugänge zur Konistra dienten zwei 
an den Enden der Bühne errichtete stattliche Pylone, von 
denen einer nach der Inschrift seines Gebälks (vgl. Insclir. 



218 W. DÖRPFELD. 1. DIE BAUWERKE 

V. Perg. 23Ö) von Apollodoros, dem Sohn des Artemon, er- 
richtet war. Aus den Formen der Inschrift und aus den schö- 
nen am Fries angebrachten Masken einerseits, und aus dem 
schlechten, aus verschiedenen Steinen zusammengesetzten 
Stylobat anderseits hatte schon Bohn mit Recht geschlossen, 
dass die beiden Pylone nicht mehr an ihrer ursprünglichen 
Stelle stehen können. Sie haben zu einem älteren vorrömi- 
schen Skenengebäude gehört und etwas näher an der Orche- 
stra gestanden ; erst bei dem römischen Umbau sind sie an 
ihren jetzigen Platz versetzt worden. 

Aus diesen Pylonen hatte Bohn ganz richtig das Vorhan- 
densein eines hellenistischen steinernen Skenengebäudes 
erschlossen, wenn er auch seine Gestalt nicht zu bestimmen 
vermochte. Zu der noch älteren hölzernen Skene konnten die 
steinernen Torgebäude unmöglich gehören, denn die Parodos- 
Pylone durften nicht allein stehen bleiben, wenn das hölzerne 
Skenengebäude, wie wir noch sehen werden, nach dem Schluss 
der Aufführungen abgebrochen wurde. Jetzt ist es gelungen, 
sowohl den Grundriss als auch den x\ufriss der hellenistischen 
Skene wenigstens mit einiger Sicherheit zu bestimmen. 

Unter dem römischen Bema und zwar gerade unter der 
für die späteren Proskenion - Säulen bestimmten Fundament- 
mauer hatte schon Bohn eine ältere Mauer erkannt, die 
namentlich südlich und nördlich von dem Bema erhalten ist. 
Sie lässt sich in ihrer ganzen Länge als ehemals vorhanden 
nachweisen und hat einst die Säulen des steinernen Proske- 
nion getragen. Dass sie nicht zum römischen Bau gehört, 
zeigt ihre Tieflage und ihre Bauart. Anderseits kann sie 
auch nicht dem griechischen Bau zugeschrieben werden, weil 
die zu diesem gehörigen, später zu beschreibenden Pfosten- 
löcher durch sie überbaut und geschlossen wurden. Aber von 
einer hellenistischen Proskenion - Architektur, wie sie in fast 
allen Theatern Griechenlands und Kleinasiens vorkommt, hat- 
ten sich bisher keine Stücke gefunden. Die Vermutung lag 
nahe, dass die hellenistischen Architekturglieder nach dem 
Abbruch des steinernen Proskenions als Baumaterial für die 
römische Bühne benutzt worden seien, wie das in mehreren 
Theatern Kleinasiens, zum Beispiel in Ephesos und Magnesia 



DIK AKHKITICX ZU PKR(;A^[ON 1904-1905 219 

am Maiander, geschehen ist. In der Tat ergab eine genaue 
Untersuchung der zum nimischen Bema verwendeten Tra- 
chytsteine, dass mehrere von ihnen aus dorisclien Raughedern 
hergestellt sind, die nach ihren Abmessungen zu einem Pro- 
skenion passen würden. Die Triglyphenbreite ist mit 0,21- 
0,22 m nur um 0,03 m grösser als die des kleinen Theaters in 
Priene. Obwohl die Glyphen selbst ganz abgearbeitet sind 
lassen sich mehrere Steine des Bema-Sockels mit voller Sicher- 
heit als Teile eines Triglyphenfrieses erkennen. Besonders 
wichtig ist das Vorkommen eines Eckstückes des Giebel gei- 
sons, weil wir daraus auf das Vorhandensein eines oder meh- 
rerer Giebel an dem dorischen Bau schliessem dürfen. Einen 
zu einem Giebelfelde gehörigen kleinen Tympanonblock hatte 
Bohn schon gesehen, ohne ihm einen bestimmten Platz an- 
weisen zu können. Für uns kann die Zugehörigkeit dieser 
Gebälkstücke zum hellenistischen Proskenion nicht zweifel- 
haft sein, zumal gerade dorische Formen bei den hellenisti- 
schen Skenengebäuden Kleinasiens üblich gewesen sind. Da 
die Achsweite der Triglyphen 0,525 m (=1 Elle) beträgt,'kann 
wohl nur ein dreitriglyphisches System in Betracht kommen« 
Denn eine Säulenweite von 1,57 m, wie sie sich bei einem 
solchen System ergibt, ist ein Maass, das zu den Achsweiten 
anderer Proskenien passt. Jene Giebel werden dann am be- 
sten über zwei vorspringenden Paraskenien angeordnet, für 
deren ehemaliges Vorhandensein einige noch erhaltene Fun- 
damentmauern sprechen. 

Nach zugehörigen Säulenstücken habe ich unter den 
Steinen der römischen Bühne vergeblich gesucht; dagegen 
fanden sich etwas südlich vom Theater zwei Halbsäulen aus 
Trachyt, die mit viereckigen Pfeilern verbunden sind und 
also die gewöhnliche Gestalt der Proskenionstützen haben. 
Ihre Abmessungen (der Durchmesser ist 0,30 m) passen zu 
unserer dorischen iVrchitektur sehr gut und an ihren Lager- 
flächen kommen je zwei viereckige Dübellöcher von dersel- 
ben Art vor, wie sie an den später als Schwellensteine der 
Pylone verwendeten St) lobatplatten des hellenistischen Pro- 
skenion wiederkehren. Daher glaube ich sie mit Wahrschein- 
lichkeit unserem Proskenion zuteilen zu dürfen. Die beiden 



220 W. DÖKPFELD. I. Dil- HAUWERKE 

Säulenstücke scheinen nach dem Abbruch der hellenistischen 
Skene als Türschwellen, vielleicht im römischen Skenenge- 
bäude, verwendet gewesen zu sein. 

Hinter dem hellenistischen Proskenion müssen wir einen 
Skenensaal annehmen, der wohl die Grösse des entsprechen- 
den römischen Saales gehabt haben wird. Vielleicht hat der 
Saal in der römischen Zeit einfach seine frühere Gestalt be- 
halten. Die Annahme Bohns, dass das Proskenion nur als 
Decorationswand ohne Skene bestanden haben könne, scheint 
fnir aus allgemeinen Gründen nicht glaublich. 

Zu dem hellenistischen Bau gehören endlich auch die 
beiden schon erwähnten steinernen Pylone mit der Weihin- 
schrift des ApoUodoros. Ihr ursprünglicher Platz am Ende 
der Paraskenien lässt sich aus den erhaltenen Fundament- 
resten wenigstens mit Wahrscheinlichkeit bestinmien. 

Obwohl hiernach manche Einzelheiten des hellenisti- 
schen Skenengebäudes unbekannt bleiben müssen, so kann 
doch darüber kein Zweifel sein, dass auch Pergamon eine 
steinerne Skene mit einem Säulen-Proskenion und vorsprin- 
genden Paraskenien besessen hat, also einen Bau, wie wir 
ihn aus manchen hellenistischen Städten kennen. 

Am wichtigsten für die Entwickelungsgeschichte des grie- 
chischen Theaters im Allgemeinen ist die älteste Periode 
des pergamenischen Skenengebäudes, die wir deshalb auch 
hier etwas ausführlicher besprechen müssen. Vor der Errich- 
tung des steinernen hellenistischen Baues bestand die ganze 
Skene aus Holz. Naturgemäss ist von diesem Material selbst 
nichts mehr gefunden, und doch lässt sich noch die Gestalt 
bestimmen, die der hölzerne Bau vor Errichtung der helle- 
nistischen Skene gehabt hat. Nicht nur der Grundriss ist fast 
ganz wiederherstellbar, sondern auch über den Aufriss lässt 
sich Einiges ermitteln. Diesen einzigartigen Fall verdanken 
wir dem schon von R. Bohn richtig erkannten Umstände, 
dass die für die Aufstellung der starken .senkrechten Holz- 
pfosten der Skene bestimmten Löcher noch wohl erhalten 
sind. Mit besonderer Sorgfalt sind sie im antiken Boden aus 
grossen Quadern hergestellt. Auf einem harten Unterstein A 
(vgl. Abb. 1 2) liegt ein zweiter harter Trachytstein B, durch 



DIR ARRKITKN ZU PEROAMON 1904-1005 



221 



den ein 0,35 bis 0,36 m breites quadratisches Loch «gehauen 
ist. Darüber folgt ein weicherer Tuffstein C mit einem ähn- 
lichen, nur um einige Centimeter o^rösseren Loch. Der Tuff 
ist in der Zeichnung einfach, der harte Trachyt doppelt schraf- 
fiert. Der vierte Stein D besteht wieder aus Trachyt und hat 
ein quadratisches Loch von 0,39 bis 0,40 m Breite. Mit seiner 
Oberfläche liegt er genau in der Höhe des antiken Fussbo- 
dens und besitzt einen Falz zur Aufnahme einer als Deckel 
des Loches dienenden Steinplatte, die in der Zeichnung ganz 
schwarz angelegt ist. Bohn hatte noch eine dieser Platten 



N'N..'^i 





Abb. 12. Loch im Fussbodeii 
für die Pfo.sten der hölzernen 
Skene. 



Abb. 13. Loch im Fussboden 

für die Pfosten des hölzernen 

Proskenions. 



gefunden; sie ma.ss 1 Elle (0,525 m) im Quadrat und war in 
der Mitte mit einem eisernen Ring zum Heben versehen ; 
jetzt ist nichts mehr von ihr zu finden. 

Gestalt und Abmessungen dieser Löcher lassen uns über 
die Art ihrer Benutzung nicht im Zweifel : sie waren zur Auf- 
nahme starker Holzpfosten F bestimmt, die ein Gerippe bilde- 
ten für die zu jedem Fest von neuem aufgeschlagene Skene. 
Die Verengung des Loches nach unten und der Wechsel des 
Steinmaterials dienten zur senkrechten und möglichst festen 
Aufstellung der Pfosten. Der gerade einen Fuss (0,35 m) dicke 
Holzpfosten sass in dem unteren Steine B fest, der aus hartem 
Material bestand, um genügend widerstandsfähig zu sein. Der 



222 W. DÖRPFRLD. I. DIE BAUWERKE 

mittlere Stein durfte aus weichem Tuff bestehen, weil er vom 
Holzpfosten überhaupt nicht berührt wurde. Der obere Stein 
D war dagegen wieder hart und hatte ein etwas grösseres 
Loch, damit der Pfosten hier durch dünne Keile gut befestigt 
und genau vertical aufgestellt werden konnte. Solche Holz- 
keile, wie sie in der Zeichnung angedeutet sind, waren not- 
wendig, weil mit einer kleinen Verschiebung der Steine ge- 
rechnet werden musste. Diese waren nämlich nicht, wie noch 
R. Bohn annahm, auf allen Seiten von einem durchgeschich- 
teten Quaderfundament umgeben (vgl. Altert, v. Perg. IV 
Taf. VI, wo der ganze Boden der Skene im Durchschnitt als 
aus vier Quaderschichten bestehend gezeichnet ist). Der Zwi- 
schenraum zwischen den grossen Lochsteinen ist vielmehr 
nur mit kleinen Steinen und Erde ausgefüllt, und nur in der 
obersten Schicht ist ein durchgehendes Pflaster aus weichen 
Tuffquadern angeordnet. 

Durch Verzeichnung aller aufgefundenen Löcher Hess 
sich der Grundriss der vertikalen Pfosten der Skene zeichnen 
und so der allgemeine Plan des Baues wiederherstellen. In 
drei wichtigen Punkten ist diese Arbeit durch die neuen 
Untersuchungen gefördert worden : Erstens haben wir zu den 
beiden, schon Bohn bekannten Reihen von Löchern noch eine 
dritte Reihe hinzugefunden; diese Löcher waren übersehen 
worden, weil ihre obersten harten Steine mit dem Falz für 
die Deckplatte beim Bau des hellenistischen Proskenions ganz 
entfernt worden waren, und weil das Loch des nächst tiefe- 
ren Steines mit einem anderen Steine sorgfältig ausgefüllt 
war. Zweitens stellte sich nach vollständiger Reinigung aller 
Löcher heraus, dass ihre Tiefe nicht, wie Bohn angiebt, 
.gleichmässig 1 m beträgt, sondern dass etwa die Hälfte der 
Löcher eine geringere Tiefe von nur 0,70 m hat (vgl. den 
Durchschnitt in Abbildung 1 3). Drittens wurde an der süd- 
lichen Parodos noch ein in schlechterer Bauweise hergestell- 
tes Loch gefunden, das daher aus späterer Zeit stammen 
muss; auch zwei der früher schon bekannten Löcher der 
Skene müssen wegen gleicher Baviart dieser späteren Zeit 
angehören. 

Besonders wertvoll war die zweite Beobachtune. Da näm- 



DIE ARBEITEN 7A' PERGAMON 1904-1905 223 

lieh die weniger tiefen Löcher (Abb. K^), ebenso wie die tie- 
fen (Abb. 1 2), aus je vier Steinen verschiedenen Materials be- 
stehen, die nur alle entsprechend niedriger sind, so muss der 
Unterschied der Tiefe einen besonderen Zweck haben: offen- 
bar waren die Pfosten der tieferen Löcher höher als die der 
weniger tiefen; denn je weiter die beiden Punkte, an denen 
der Pfosten unten im Boden festgehalten wurde, von einan- 
der entfernt waren, um so fester stand der Pfosten und um 
so höher konnte er sein. 

Erinnern wir uns nun des Umstandes, dass in den o-rie- 
chischen vSkenengebäuden das Proskenion und auch die Para- 
skenien, wenn sie vorkommen, nur ein einziges Stockwerk 
hoch sind, während die Skene selbst noch ein zweites Stock- 
werk hatte, so dürfen wir die tieferen Löcher, wie auch ihre 
Lage im Grundriss erfordert, für die Pfosten der zweigeschos- 
sigen Skene, die weniger tiefen für die nur einstöckigen An- 
bauten, für das Proskenion und die Paraskenien, in x^nspruch 
nehmen. 

In dem umstehenden Plane (Abb. 14) sind die verschie- 
denen Arten der Löcher durch abweichende Zeichnung kennt- 
lich gemacht. Die 1 m tiefen Löcher, in denen die hohen 
Pfosten der Skene standen, sind ganz schwarz gezeichnet; 
die nur 0,70 m tiefen, welche für das Proskenion und die 
Paraskenien bestimmt waren, haben innerhalb der schwarzen 
Fläche einen hellen viereckigen Punkt erhalten; die in einer 
späteren Periode hinzugefügten Löcher sind durch ein schrä- 
ges Kreuz kenntlich gemacht. Die jetzt fehlenden Löcher, so 
weit sie nach Analogie anderer ergänzt werden durften, sind 
ganz weiss geblieben. Zum besseren Verständnis des Grund- 
risses muss noch hinzugefügt werden, dass alle Löcher, die 
in geraden Linien liegen und sich entsprechen, durch dop- 
pelte Linien verbunden sind, ohne dass dadurch etwa ange- 
deutet werden soll, dass alle diese Linien Wände gewesen 
sind. In Wirklichkeit werden wohl nur die drei doppelten 
Längslinien, die durch die Buchstaben A, B, C bezeichnet 
sind, und nur wenige der mit den Zahlen 1-18 bezeichneten 
Querverbindungen geschlossene Wände gewesen sein ; sicher 
gilt das von 1 und 18, vielleicht auch von 3 und 16 oder 



224 



W. DORPFEI.T). 



I. DIE RAÜWERKK 



> 

r 
w 

ß 

N 

> 
C 

ö 

> 
w 



12.E. 



isroR.XD 



6.E. -f aE. + 



12.L 




::|^:::::.-::;igj: 
piAROl])i 



OS 



ABC 
THEATER -TERRASSE 

10 20 iO E. 



10 20 M. 

Abi). 14. E;r_£jäiizter (irvindris.s der «griechischen vSkene. 



DIR AKHRITEN ZU PERC^AMON 1904-1905 225 

von 4 und 15. In meiner früheren Ergänzuno des (rrundrisses 
(Dörpfeld-Reiscli, Das griecli. Theater 151) hatte ich andere 
Verbindungslinien gezogen: die am dichtesten zusammen- 
stehenden Oruppen von Pfosten hatte ich zu Pfeilern ver- 
bunden, um so die architektonische Gruppierung und beson- 
ders die Dreiteilung des mittleren Baues stark hervortreten 
zu lassen. Das ist missverstanden worden ; man hat geglaubt, 
dass ich die Gruppen für wirkliche mächtige Pfeiler halte. 
Dass ich das aber nicht gemeint hatte, war schon aus der 
Tatsache zu ersehen, dass ich auch die beiden Parodostore 
in derselben Weise durch Schraffur zu einem scheinbaren 
Pfeiler verbunden hatte. Die jetzt gewählte Darstellung wird 
eher verständlich sein und stimmt auch besser zu der von 
Puchstein (a. a. O. 76) gewählten Ergänzungsart. 

Ferner muss noch bemerkt werden, dass die Löcher 2 
und 1 7 der Reihe A deshalb nicht mit den entsprechenden 
Löchern der beiden anderen Längsreihen B und C durch paral- 
lele Ouerlinien verbunden sind, weil sie nicht genau zu ihnen 
passen. Bei fast allen übrigen Reihen entsprechen sich die 
Löcher sehr gut; nur bei der Reihe 16 liegt noch eine kleine 
Differenz vor. Wenn ich hier trotzdem die Querlinien gezo- 
gen habe, so ist es geschehen, um denjenigen Teil des Ske- 
nengebäudes, der wegen seiner tieferen Löcher und seiner 
höheren Pfosten als zweigeschossig angenommen werden 
muss und daher in der Zeichnung durch Schraffur hervor- 
gehoben ist, nach Norden zu begrenzen. Allerdings kann, wie 
wir sogleich noch sehen werden, ein Zweifel darüber bestehen, 
ob diese Begrenzung nicht richtiger bei den Ouerreihen 4 
und 15 als bei 3 und 16 angenommen werden muss. Im 
Gegensatze zu dem schraffierten zweigeschossigen Teile, der 
Skene, umfasst der weiss gelassene Teil die eingeschossigen 
Anbauten der Skene, im Osten das Proskenion, im Süden und 
Norden die beiden Paraskenien. 

Zwischen den Enden des Proskenion und dem Zuschauer- 
raum ist im Norden und Süden je eine Parodos durch ihre 
Pfostenlöcher gesichert. Ursprünglich war jede von zwei iso- 
lierten und wohl aus diesem Grunde tieferen Pfosten gebildet. 
Erst später scheinen, wie aus einem einzigen im Süden vor- 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII. 1 S 



226 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

handenen schlechteren Loche hervorgeht, noch je zwei wei- 
tere Pfosten hinzugekommen zu sein, die vermutlich das in 
der Zeichnung punktierte Eingangstor bildeten. 

Bevor wir noch auf einige andere Einzelheiten des Baues 
eingehen, empfiehlt es sich, seine gesamte Gestalt und seine 
Dimensionen näher zu betrachten. Dazu muss ich noch vor- 
ausschicken, dass das Theater mit den anderen pergameni- 
schen Bauwerken der Königszeit, wie ich beweisen zu können 
glaube, nach einer Elle von 0,525 m gebaut ist. Meine frühere 
Ansicht (AM. VIII 1883,342), dass die pergamenische oder 
philetärische Elle 0,50 m und der zugehörige Fuss 0,33 m be- 
tragen habe, ist zwar von R. Bohn durch verschiedene Mes- 
sungen bestätigt worden (Alt. v. Perg. IV 63), scheint mir 
aber jetzt nicht mehr haltbar zu sein. Den Beweis hierfür 
beizubringen, muss ich mir für eine andere Gelegenheit vor- 
behalten. Dass die Abmessungen unserer Skene das Vorhan- 
densein einer Elle von 0,525 m bestätigen, ist augenscheinlich. 

Das ganze Skenengebäude bildet ein Rechteck von 
36,75 m oder 70 Ellen Länge und 6,30 m oder 12 Ellen Breite. 
Sein Abstand von dem Zuschauerraum beträgt ebenfalls 1 2 
Ellen und dieses Maass kehrt zum dritten Male wieder als 
Abstand des Skenengebäudes von der älteren Terrassenmauer, 
die R. Bohn unter der grossen Säulenhalle der Theater-Ter- 
rasse erkannt und als ältere Stützmauer der Terrasse nach- 
gewiesen hat. Die ganze Breite der Terrasse, wie sie vor 
Erbauung jener Halle bestand, war also in 3 gleiche Teile 
von je 12 Ellen zerlegt: das mittelste Drittel nahm die Skene 
ein, die beiden äusseren Drittel wurden von ebenso breiten 
Wegen eingenommen, von denen der eine in die Orchestra, 
der andere zum Tempel der Theaterterrasse führte. Die Länge 
der Skene von 70 Ellen zerfällt in 3 Teile, ein mittleres von 
40 Ellen und zwei Seitenstücke von je 15 Ellen. Im Süden 
stimmt das genau, während im Norden merkwürdiger Weise 
eine Abweichung vorliegt, eine Unregelmässigkeit, auf die 
ich hier nicht näher eingehen kann. Das mittlere Stück von 
40 Ellen entspricht genau dem Durchmesser der Orchestra, 
deren Radius 20 Ellen misst. Da ferner das Centrum der 
Orchestra 8 Ellen von der Skene entfernt ist, so bildet dieses 



DIR ARHRiTKN ZU i'1>:rc;amon 1904-1905 227 

Maass mit den 1 2 Ellen der vSkenentiefe wiederum gerade einen 
Radius von 20 Ellen; der Orcliestrakreis fällt also genau mit 
der westlichen Aussenkante der Skene zusammen. Dass diese 
überraschende Regelmässigkeit und die ganz runden Beträge 
in Ellen wirklich beabsichtigt sind, und wir somit in diesen 
Zahlen den ursprünglichen Plan der Skene vor uns haben, 
kann wohl keinem Zweifel unterliegen. 

Auch bei den einzelnen Teilen des Skenengebäudes lassen 
sich die beabsichtigten Abmessungen in runden Beträgen von 
antiken Ellen oder Füssen leicht erkennen. Das ganze Recht- 
eck von 12 zu 70 Ellen wird durch die mittlere Pfostenreihe 
in zwei nicht ganz gleiche Streifen AB und BC geteilt, von 
denen der zum Zuschauerraum gerichtete Teil, das Proske- 
nion, genau um 1 Fuss schmaler ist als der andere Teil, die 
Skene. Die 1 2 Ellen oder 1 8 Flusse der Tiefe sind also in der 
Weise auf die beiden Räume und die Wände verteilt, dass 
auf die drei Wände je 1 Fuss, auf das Proskenion BC 7 Fuss 
und auf die Skene ABS Fuss entfallen. Die mathematische 
Längsaxe fällt genau mit der westlichen Aussenkante der 
mittleren Wand zusammen. Ferner beträgt der Abstand der 
Pfosten 1 — 3 und 16 — 18 der Reihe C genau 10 Ellen. In der 
Reihe A misst der Abstand 1^4 genau 15 Ellen, während 
der entsprechende Abstand 15 — 18 wegen der oben schon 
erwähnten Unregelmässigkeit etwas grösser ist. 

Ist hiernach die allgemeine Gestalt des ursprünglichen 
Grundrisses gesichert, so bleiben über die Ergänzung im 
Einzelnen noch manche Zweifel bestehen. So schon in Bezug 
auf die Länge des zweigeschossigen Teiles der Skene. Da 
nämlich die Löcher 3 und 16 der Reihe A tief sind und so- 
mit hohe Pfosten enthalten mussten, habe ich bei ihnen die 
schraffierte zweistöckige Skene beginnen lassen. Auffallender 
Weise liegen aber die entsprechenden tiefen Löcher der mitt- 
leren Reihe B schräg neben den Stellen, wo wir die Löcher 
erwarten müssten, und an diesen Stellen sind jüngere schlecht 
gebaute Löcher erhalten. Es muss daher zweifelhaft bleiben, 
ob das Obergeschoss der Skene an seinen beiden Enden 
richtig ergänzt ist; vielleicht reichte es ursprünglich nur bis 
zu den Reihen 4 und 1 5 oder war an seinen Enden nicht 



228 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

rechtwinklig, sondern in irgend einer anderen Weise abge- 
schlossen. In der späteren Zeit scheint das Obergeschoss 
so gewesen zu sein, wie ich es nach den jüngeren Löchern 
ergänzt habe. 

Bisher haben wir fast unbeachtet gelassen, dass die Löcher 
der drei langen Reihen unter sich nicht in gleichen Abstän- 
den angebracht sind, sondern deutlich gewisse symmetrische 
Gruppen bilden. Beiderseits sehen wir an den Enden je 3 
einzelne Pfosten, die ungefähr 5 Ellen von einander entfernt 
sind, in der Mitte bleiben dann 3 Gruppen von je 4 Pfosten 
übrig, die jedesmal einen grösseren Zwischenraum einfassen. 
Ich trage kein Bedenken, in dieser symmetrischen Teilung des 
mittleren Stückes der Skene die bekannte Dreiteilung der 
späteren Skenenfassade zu erkennen, für die als älteste Bei- 
spiele die Proskenien von Delos und Priene gelten können. 
Und wie in diesen beiden Theatern die Dreiteilung schon im 
Proskenion und nicht erst in der zweigeschossigen Skene 
vorhanden ist, so finden wir sie auch in Pergamon schon in 
dem einstöckigen Proskenion. Wer trotz der bedeutenden 
Stärke der vorderen Pfosten (9,35 m) es noch für möglich 
halten sollte, dass die vordere Hälfte des Baues eine Bühne 
gewesen sei, auf der gespielt wurde, und nicht ein Proskenion, 
vor dem man spielte, der muss sich durch diese Dreiteilung 
der vorderen Fassade eines Besseren belehren lassen. Für die 
Vorderwand einer Bühne wäre die Dreiteilung zwecklos, wäh- 
rend sie für die Proskenionwand, die drei Gebäude darzu- 
stellen hatte, ganz unerlässlich war. Nur darüber können 
Zweifel bestehen, ob nur der mittlere dreigeteilte Bau, dessen 
Länge (40 E.) dem Orchestra-Durchmesser entspricht, die drei- 
geteilte Theater-Fassade bildete, oder ob das ganze 70 E. lange 
Proskenion dieser Fassade entspricht. Im ersteren Falle wür- 
den die 1 5 E. langen Seitenteile Paraskenien bilden, im letz- 
teren würden sie den beiden Nebenhäusern der Fassade 
entsprechen und der dreiteilige Mittelbau würde dann das 
Haupthaus mit der Regia darstellen. Ich glaube der ersteren 
Erklärung den Vorzug geben zu müssen, weil die Länge des 
Proskenions in griechischen Theatern gewöhnlich ungefähr 
dem Durchmesser der Orchestra entspricht. 



DIK ARHKITEN ZU PERGAMON 1904-1905 229 

Wie wir uns den Aufbau des Proskenions und der Skene 
zu denken haben, vermag ich nicht anzugeben. Wir dürfen 
zwar annehmen, dass die grosse mittlere Öffnung die Haupt- 
tür und die beiden anderen grossen Öffnungen die Nebentüren 
enthielten, aber über die Gestalt und Grösse der Türen und 
über die Ausstattung der Wände zwischen ihnen wissen wir 
nichts. Vielleicht wurde eine auf Zeug gemalte Decoration 
als "scaena versilis' oder "ductilis' vor die ganze Wand oder 
vor ihre einzelnen Teile vorgezogen. Mit der Dreh-Vorrichtung 
für eine solche, von Vitruv und Pollux erwähnte Hintergrunds- 
wand könnten dann die schräg stehenden Löcher in Verbin- 
dung gebracht werden, die zwischen den Reihen B und C 
beiderseits vorkommen. Im Obergeschosse müssen wir uns 
nach dem Vorbilde der Theater von Oropos und Ephesos und 
nach den Inschriften von Delos ebenfalls eine Decoration 
denken, die das Obergeschoss eines Hauses oder auch den 
Olymp darstellte. Vielleicht haben für die Anbringung und 
Veränderung der oberen Decoration die beiden nicht in der 
Flucht stehenden Pfosten B 3 und 16 gedient, zumal sie 
wegen der Tiefe ihrer Löcher sicher bis zum Obergeschoss 
reichten. Eine andere Erklärungsmöglichkeit für diese beiden 
Löcher wird durch den zur P'lugmaschine gehörigen Krahn 
gegeben, zu dem ein an der Seite der Skene angebrachter, 
über das Obergeschoss der Skene hinausreichender Mast ge- 
hörte; doch ist das Vorhandensein von zwei Pfosten, anstatt 
eines einzigen, für diese Erklärung nicht günstig. Schwer zu 
deuten ist auch ein neben der Mitte der Reihe A aufgefun- 
denes tiefes Loch; es war von Bohn nicht gesehen worden, 
weil sein Oberstein zerstört ist. 

Schliesslich sind noch einige Besonderheiten der beiden 
Parodos-Tore zu besprechen. Die grosse Tiefe der beiden 
Löcher dieser Tore könnte uns zunächst auf den Gedanken 
bringen, dass ihre Architektur ebenso wie die der Skene zwei- 
geschossig gewesen sei, aber das ist undenkbar, weil der 
Zweck einer solchen Anlage ganz unverständlich wäre und 
weil tatsächlich auch in keinem griechischen Theater ein 
zweigeschossiges Parodos-Tor gefunden worden ist. Die grosse 
Tiefe der Löcher darf vielmehr zunächst durch die isolierte 



230 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

Stellung der Parodospfosten und die deshalb notwendige 
bessere Befestigung erklärt werden. Ausserdem passt sie zu 
der Tatsache, dass die Zugangstore der Orchestra in mehre- 
ren Theatern (z. B. in Priene und Epidauros) höher sind als 
das Proskenion. Dass die beiden Tore in Pergamon in spä- 
terer Zeit verdojDpelt worden sind, wurde schon oben aus dem 
Vorhandensein eines später hinzugefügten Loches geschlos- 
sen. Auffallend ist ferner der Umstand, dass die hölzernen 
Tore um 1 m von der Stützmauer des Zuschauerraumes ent- 
fernt sind. Eine solche Anordnung kommt in keinem griechi- 
schen Theater vor; die Parodos-Tore treten immer dicht an 
den Zuschauerraum heran. Vielleicht erklärt sich der Abstand 
dadurch, dass die Stützmauer zu einer gewissen Zeit eine 
äussere Verstärkung von etwa 1 m gehabt zu haben scheint, 
eine Vormauer, die in römischer Zeit, als die Stützmauer mit 
Kalkmörtel erneuert wurde, wieder entfernt worden ist. Da 
aber die Bauart dieser Vormauer oder richtiger ihres allein 
erhaltenen Fundamentes so unsolide ist, dass sie nicht zum 
ursprünglichen Bau gerechnet werden darf, so werden wir 
wohl für den ursprünglichen Bau noch je einen weiteren 
Pfosten dicht an der Stützmauer des Zuschauerraumes ergän- 
zen müssen ; die beiden Löcher müssen dann später bei Er- 
richtung der Vormauer zerstört worden sein. Müssen hiernach 
auch einige Teile des alten Skenengebäudes und der Paro- 
dos-Tore unerklärt und unergänzt bleiben, so dürfen wir es 
' doch als ein sehr wichtiges Resultat bezeichnen, dass wir in 
Pergamon zum ersten Male die sicheren Reste eines hölzernen 
Skenengebäudes erkennen können. Wenn dieser Bau selbst 
auch erst aus dem IL Jahrhundert stammt, so ist doch anzu- 
nehmen, dass er manche besondere Eigentümlichkeiten der 
altgriechischen hölzernen Skene, von der wir sonst so wenig 
wissen, bewahrt hat. 

Der besondere Grund für die auffallend lange Beibehal- 
tung einer hölzernen Skene in Pergamon ist schon von Bohn 
richtig erkannt worden : die grosse Theaterterrasse, an deren 
Ende der ionische Tempel des Dionysos Kathegemon stand, 
wurde durch das Skenengebäude entstellt und eines Teiles 
ihrer grossartigen Wirkung beraubt. Der Tempel wurde durch 



DIE ARBEITEN ZU PERGAIMON 1904-1905 231 

den Skenenbau verdeckt. Um das zu vermeiden, wurde die 
Skene nur zum Festspiel aus Holz aufgebaut und nach Been- 
digung der Spiele alsbald wieder abgetragen. vSo haben sich 
die Pergamener mit Recht lange gegen die Errichtung einer 
steinernen Skene gestrcäubt, und wohl erst nach der Königs- 
zeit, als in allen anderen Stcädten bereits steinerne Skenenge- 
bäude errichtet waren, ihren altertümlichen hölzernen Bau 
durch eine feste Skene mit einem vSäulen-Proskenion ersetzt. 
Die Ergebnisse unserer Untersuchung des pergameni- 
schen Theaters werfen auch neues Licht auf einige andere 
Theaterruinen ; so zum Beispiel auf das Dion)Sos-Theater in 
x^then. In der Rückwand seiner Skene sind mehrere grosse 
Löcher von den Abmessungen der pergamenischen Pfosten- 
löcher erhalten, die bisher nicht genügend erklärt werden 
konnten. Ich glaube sie jetzt dem hölzernen Skenengebäude 
zuweisen zu dürfen, das im IV. Jahrhundert vor der Erbauung 
der steinernen lykurgischen Skene bestanden haben muss. 



5. DIE GRABHÜGEL. 

Allen Besuchern Pergamons sind die drei grossen Tumuli 
bekannt, die sich im Kaikostale erheben. Sie fallen durch ihre 
Grösse jedem auf, der sich der Stadt nähert, und sind durch 
ihre Form sofort als Grabhügel zu erkennen. Bleibt man län- 
ger in Pergamon und studiert die Landschaft, so lernt man 
noch einige kleinere, weniger auffallende Grabhügel kennen) 
die in der Ebene und auf den umliegenden Höhen erhalten 
sind. E. Curtius hat in seinen Beiträgen zur Geschichte und 
Topographie Kleinasiens (S. 53) auf die Bedeutung der gros- 
sen Tumuli hingewiesen. Er sieht in ihnen die Gräber der 
pergamenischen Könige, die 'durch Aufschüttung solcher 
Hügelgräber, wie sie in den umliegenden Landschaften als 
Zeugen heroischer Vorzeit emporragten, sich den Fürsten- 
geschlechtern jener Vorzeit anreihen wollten \ 

Eine genauere Untersuchung und Ausgrabung der Hü- 
gel war bei den früheren Arbeiten in Pergamon unterlassen 
worden, weil die alte Stadt mit ihren grossen Ruinen und 



232 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

wichtig-en Funden überreichliche Arbeit bot Bei der Wieder- 
aufnahme der Arbeiten durch das Deutsche Institut war eine 
Untersuchung auch der Grabhügel ins Auge gefasst. Aber 
erst im Jahre 1905 haben wir diese Arbeit beginnen können, 
die sich wegen des grossen Umfanges der Hügel voraussicht- 
lich durch mehrere Jahre hinziehen wird. Die besonderen 
Geldmittel hierfür sind dem Athenischen Institute aus den 
Zinsen der Iwanoff-Stiftung zur Verfügung gestellt worden. 
Obwohl bisher noch keine wichtigen Resultate erzielt sind, 
soll hier über die bisherigen Arbeiten von 1905 ein vorläufi- 
ger Bericht erstattet werden. 

A. Mal-Tepeh. Südwestlich von der heutigen Stadt, 
fast 1 Kilometer von den ersten Häusern entfernt, erhebt sich 
dicht an dem Wege nach Dikeli ein künstlicher Hügel von 
über 1 70 m Durchmesser, der stets als Grabhügel gedeutet 
wurde. Die Lokalgelehrten glaubten ihn nach Pausanias VIII 
4, 9 als das Denkmal der Auge bezeichnen zu dürfen (vgl. 
C. Humann im Ersten Vorläufigen Bericht 1 2). E. Curtius 
und F. Adler sahen in ihm ein hellenistisches Königsgrab, 
weil sie die aus regelmässigen Quadern erbauten Innenräume 
für eine griechische Anlage halten zu müssen glaubten (Bei- 
träge 56). Allerdings war damals das Innere noch nicht genau 
bekannt, nur durch ein enges Loch konnte man hineinkrie- 
chen und das Mauerwerk nur bei Kerzenlicht studieren. 

Wir begannen die Untersuchung mit der Aushebung 
eines breiten Grabens in der Axe des Einganges. Zuerst sties- 
sen wir auf die Fundamente einer Ringmauer, die einst den 
ganzen Hügel in einer Länge von über 500 m umgab. Erhalten 
ist von dieser Mauer an mehreren Stellen der Peripherie noch 
die Hinterfüllung aus Kieselsteinen mit Kalkmörtel ; die äus- 
sere, aus Quadern erbaute Verkleidung ist überall fortge- 
brochen. Wie hoch die Ringmauer einst gewesen ist und wie 
sie architektonisch ausgestattet war, hat sich nicht mehr 
feststellen lassen. Als wir weiter vordrangen, kamen die bei- 
den Seitenwände eines langen, ins Innere führenden Ganges 
zum Vorschein, dessen Existenz schon aus dem Innern bekannt 
war. Er ist 3,16 bis 3,18 m breit und beiderseits von 2,63 m 
hohen Wänden eingefasst, die oben durch ein Tonnengewölbe 



DIE Akiucrncx zr imcrcamon 1904-1905 



233 



verbunden sind. Im vorderen Teile des Ganges fehlt das 
Gewölbe, im hinteren Teile ist es in einer Länge von etwa 
45 m noch tadellos erhalten. Wo der Gan»- die Ringmauer 
trifft, wird ein Eingangstor gelegen haben, von dem aber 
ausser den Fundamenten jetzt nichts mehr vorhanden ist. 




A1>1;. 14. Der Mal-Tepeh l)ei Pers^amon. 



Über die Form des Tores und die Art seines Verschlusses 
wissen wir daher nichts. Lage und Gestalt des langen Ganges 
sind aus dem Grundriss und Durchschnitt in Abbildung 14 
zu erkennen. Man sieht dort auch, dass das Gewölbe in dem 
vorderen jetzt zerstörten Teil etwas niedriger lag als in dem 
erhaltenen Teile wegen der geringeren Höhe des Hügels an 
dieser Stelle. 



234 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

Nachdem wir den Gang vermittelst einer Eisenbahn ganz 
ausgeräumt hatten, stiessen wir auf einen 1 7 m langen Quer- 
gang, der noch in seiner ganzen Ausdehnung mit einem Ton- 
nengewölbe aus Quadern überdeckt ist. Die Durchschneidung 
der beiden Tonnengewölbe zeigt zwei diagonale Grate wie bei 
Kreuzgewölben. Von dem Gang führen 3 Türen in 3 ebenfalls 
überwölbte Kammern, die unter sich durch schmale Türen ver- 
bunden sind (Abb. 15). Gang und Kammern waren zum Teil 
mit Kiesmassen angefüllt, die von der Herstellung moderner 
oder mitteralterlicher Seitenstollen stammen. An verschie- 



!<• .5.20^01^ A?3-^ 




K- 8,48 -^, 
Abb. 15. Grabkammern des Mal-Tepeh. 

denen Stellen hat man nämlich einzelne Quadern aus den 
Wänden herausgebrochen und Stollen in den Hügel getrie- 
ben, um noch andere versteckte Kammern aufzusuchen, die 
man in anderen Teilen des Hügels vermutete. Soweit wir 
wissen, sind diese Arbeiten ganz erfolglos gewesen. Beim 
Ausräumen der 3 Kammern fanden sich zahlreiche Fragmente 
von marmornen Sarkophagen, leider so sehr zerstört, dass sie 
nicht mehr zusammengefügt werden können. Von Beigaben 
der Toten wurde gar nichts gefunden. Die Gräber sind offen- 
bar gänzlich ausgeraubt worden. 

vSehen wir von den wenigen aus den Wänden herausge- 
brochenen Quadern ab, so sind die Mauern und Gewölbe der 
Kammern und Gänge noch sehr gut erhalten. Sie bestehen 



DIE ARHKiTEN ZU pek(;amon 1904-1905 235 

aus soro^ftiltig- o;efüo;ten rechtwinklig-cn Ouadern, die mit 
opus iucertum (Steinbrocken mit Kiesel und Kalkmörtel) 
hinterfüllt sind. Auch das aus 13 keil form ijj^^en vSteinen her- 
gestellte Gewölbe ist mit solchem Kalkmaucrwcrk überbaut, 
das an einigen Stellen auch in die Fugen eingedrungen ist, 
aber an den Fassaden nirgends sichtbar wird. Bemerkenswert 
ist, dass bei den Wcänden hohe und niedrige Schichten von 
0,53 und 0,35 m Höhe abwechseln, und dass die Kanten der 
Quadern sorgfältig abgeschrägt sind, Anordnungen, die bei 
pergamenischen Bauten der Königszeit vorkommen und daher 
als Argumente für die Altersbestimmung verwendet worden 
sind. Dass sie uns aber nicht berechtigen, die Entstehung des 
Tumulus der hellenistischen Zeit zuzuschreiben, werden wir 
später sehen. 

Bei Betrachtung des Grundrisses wird jedem sofort die 
schiefe Lage des Ganges und der Grabkammern im Verhältnis 
zur Axe des Hügels auffallen. Zu welchem Zwecke diese Lage 
gewählt ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Man könnte ver- 
muten, dass man die Grabkammern nicht in die Mitte des 
Hügels gelegt habe, um sie schwerer auffindbar zu machen, 
aber dieser Zweck scheint mir deshalb ausgeschlossen, weil 
der Eingang höchst wahrscheinlich von aussen zu sehen war. 
Man könnte auch annehmen, dass die Verschiebung erfolgt 
ist, um in anderen Teilen des Hügels noch weitere Gräber 
anlegen zu können. Gerade diese Annahme wird wohl auch 
den Anstoss zu den vergeblichen Durchforschungsversuchen 
in den anderen Teilen des Hügels gegeben haben. Ich halte 
aber auch diese Erklärung aus dem Grunde für unrichtig, 
weil es mir einerseits technisch fast unmöglich scheint, in 
einem aus Kies aufgeschütteten Hügel nachträglich eine grös- 
sere Grabanlage herzustellen, und weil ich andrerseits auch 
die gleichzeitige Anlage mehrerer stattlicher Gräber in einem 
und demselben Hügel für ausgeschlossen halte. Es scheint 
mir vielmehr sicher, dass zuerst die Kammern und Gänge 
unseres Grabes hergestellt sind und dann sofort der Hügel 
darüber angeschüttet wurde. 

Oben auf der Spitze des Hügels ist sodann irgend ein 
Monument erbaut worden. Zahlreiche sehr kleine Fragmente 



236 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

einer Marmor-Architektur, die auf dem Hügel herumliegen, 
werden seine letzten Reste sein ; und das jetzt auf der Spitze 
befindliche Loch (vgl. den Durchschnitt in Abb. 14) dürfte 
durch das Herausnehmen der Fundamentquadern des Monu- 
mentes entstanden sein. IVIan darf vielleicht vermuten, dass 
die x-lbsicht, ein grosses Monument auf der Spitze des Hügels 
zu errichten, die Veranlassung für die schiefe Lage der Grab- 
kammern gewesen ist. 

Die Grossartigkeit der ganzen Anlage und die vorzüg- 
liche technische Ausführung der Quadermauern haben bei 
den früheren Besuchern Pergamons und zuerst auch bei uns 
den Gedanken hervorgerufen, dass hier ein Grab der perga- 
menischen Könige vorliegen müsse. Und der Umstand, dass 
die Abmessungen der Gänge und Kammern zum Teil runden 
Beträgen von philetärischen Ellen entsprechen, hatte uns 
hierin bestärkt. Der lange Gang ist nämlich gerade 6 Ellen 
von 0,525 m breit und bis zum Gewölbescheitel 8 E. hoch, 
der Quergang ebenfalls 6 E. breit und 32 E. lang und die 
Tiefe der Kammern 8 E. Als wir aber sahen, dass die Wände 
und Gewölbe mit Kalkmörtel gebaut sind, und dass sogar die 
Fundamente aus Kalkmörtel-Mauerwerk bestehen, erkannten 
wir, dass der Bau römisch sein muss. Zu einer früheren Datie- 
rung sind wir nicht berechtigt, so lange noch bei keinem ein- 
zigen hellenistischen Bau in Kleinasien Kalkmörtel nach- 
gewiesen ist. In Ägypten, wo der Kalkmörtel schon zur Zeit 
der Pyramiden bekannt war, sind freilich auch die Tempel 
der Ptolemäer mit Kalk gebaut, aber in Griechenland und 
Kleinasien ist noch kein vorrömischer Bau bekannt, dessen 
Mauern mit Kalkmörtel gebaut wären. Auch in Pergamon ha- 
ben die zahlreichen Bauwerke der Königszeit entweder über- 
haujDt keinen Mörtel oder nur Erdmörtel. Da nun die Eigen- 
tümlichkeiten des Quadermauerwerks, die wir beim Mal-Tepeh 
sehen, nämlich Wechsel der Schichthöhen, Abschrägung der 
Quaderkanten und Hinterfüllung mit Kalkmörtel-Mauerwerk, 
bei pergamenischen Bauwerken der Kaiserzeit vorkommen, 
z. B. bei den grossen Thermen (Kisel-Avli), so haben wir kein 
Recht, die Erbauung des Grabes vor die römische Kaiserzeit 
zu setzen. Zu einer so späten Datierung passen ferner die 



DIE ARBEITEN 7AT PERGAMON 1904-1905 237 

gefundenen Fragmente der vSarkophage, die röniisclie Profile 
etwa des II. und III. nachchristlichen Jahrhunderts zeigen. 
Vollkommen sicher wurde diese Datierung, als wir an dem 
grössten Tumulus Pergamons, dem Jigma-Tepeh, ganz anderes 
Mauerwerk fanden, nämlich eine Ringmauer aus demselben 
Material und von derselben mörtellosen Bauweise, wie sie an 
hellenistischen Bauten, z. B. am grossen Altar der Akropolis 
vorkommen. Ob die Übereinstimmung der Abmessungen mit 
dem alten philetärischen Längenmaass dadurch erklärt wer- 
den muss, dass dieses Maass auch in römischer Zeit in Perga- 
mon im CTcbrauch blieb, oder ob ein Zufall \orliegt, vermag 
ich nicht zu sagen. 

Wer der Inhaber des Grabes gewesen ist, wird sich bei 
dem Mangel jeder Inschrift kaum bestimmen lassen. Es gab 
in Pergamon in römischer Zeit Männer genug, deren Ansehen 
und Reichtum uns zur Zuteilung eines solchen Grabmales 
berechtigen könnte. Doch unterlassen wir besser, bestimmte 
Namen zu nennen, die Benennung würde nur hypothetisch sein. 

B. J i g m a - T e p e h. Etwa 700 m südöstlich vom Mal-Te- 
peli und über 1 km südlich von der heutigen Stadt liegt der 
grösste künstliche Hügel der Ebene, der Jigma-Tepeh. Er ist 
dadurch hergestellt, dass man um einen Kreis von etwa 500 m 
Umfang einen tiefen Graben ausgehoben und die Erde inner- 
halb des Kreises als Hügel aufgeschichtet hat. So ist ein 
Kegel entstanden, dessen Spitze jetzt etwa 35 m über der 
Ebene liegt, der aber wegen der Tiefe des ihn umgebenden 
Grabens noch viel höher aussieht. 

Der Hügel wird gewöhnlich als Doppelhügel geschildert, 
weil er an seiner nordwestlichen Seite einen bis zur Spitze 
reichenden Einschnitt hat. Aber diese Gestalt ist nicht ur- 
sprünglich, sondern scheint dadurch entstanden zu sein, dass 
vor langer Zeit, vermutlich im iMittelalter, ein grosser Ein- 
schnitt gemacht w^orden ist, dessen Wände später zusammen 
stürzten. Ob man damals das im Hügel vorhandene Grab 
wirklich gefunden hat, lässt sich nicht bestimmt sagen, er- 
scheint uns aber nach dem Zustande der Erdschichten sehr 
unwahrscheinlich. 



238 W. DORPFELD. I. DIE BAUWERKE 

Die Untersuchung des Hügels begannen wir mit der 
Aufdeckung einer starken Quadermauer, die einst den ganzen 
Hügel umgab, aber jetzt nicht mehr überall erhalten ist. Sie 
liegt in der Höhe des antiken Rodens und also nicht am jetzi- 
p'en Fusse des Hügels. Sie bildet einen Kreis von fast 500 m 
Läno-e und besteht aus mehreren Schichten derselben Tuff- 
quadern, die beim Kernbau des grossen Altars verwendet 
sind. Die Zahl der Schichten scheint sechs betragen zu haben. 
Da das Mauerwerk keinen Kalkmörtel enthält, dürfen wir es, 
wie oben schon erwähnt wurde, für ein Werk der Königszeit 
halten. Der Tumulus wird daher höchst wahrscheinlich die 
Gräber der pergamenischen Könige enthalten. 

Unsere Hoffnung, bei Aufdeckung der Ringmauer einen 
alten Eingang zu finden, erfüllte sich leider nicht. Sowohl 
hinter den noch aufrecht stehenden Stücken der Mauer als 
auch an den Stellen, wo die Alauer selbst zerstört ist, fanden 
wir die Hinterfüllungserde noch in durchlaufenden ursprüng- 
lichen Schichten liegen, die durch dünne Lagen von hellerem 
Bauschutt geschieden sind; nirgends war eine Unterbrechung 
als Zeichen eines ehemaligen Einganges zu sehen. So mussten 
wir uns entschliessen, an irgend einer Stelle in das Innere des 
Hügels vorzudringen und begannen daher die Herstellung 
eines Tunnels zunächst an der Stelle, wo der mittelalterliche 
Einschnitt gemacht ist, weil dort die Mitte des Hügels am 
schnellsten zu erreichen ist. Obwohl die Wände und Decke 
des Tunnels mit starken Hölzern gestützt wurden, drohte 
er einzustürzen und die Arbeiter zu begraben. Wir mussten 
deshalb die Arbeiten kurz vor Schluss der Campagne ein- 
stellen, als der Tunnel eine Tiefe von 35 m (von der Ring- 
mauer gemessen) erreicht hatte. Da die Erdmassen, aus denen 
der Hügel angeschüttet ist, fast nur aus Kies mit nur wenig 
lehmiger Erde bestehen und daher gar keine Festigkeit ha- 
ben, wird die Fortsetzung des Tunnelbaues kaum möglich 
sein. Wir müssen entweder an einer tieferen Stelle unterhalb 
des antiken Fussbodens, wo die Schichten nicht angeschüttet 
und daher fester sind, einen neuen Tunnel anlegen, oder un- 
seren bisherigen Tunnel in einen offenen Einschnitt verwan- 
deln, um auf irgend eine Weise in den Hügel einzudringen. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 239 

C. Neben den beiden grossen Tumuli haben wir auch 
zwei kleine Grabhügel, die etwa 300 m südlich vom Mal-Tepeh 
liegen, in Angriff genommen. Jeder wurde mit einem offenen 
Graben durchschnitten, ohne dass bisher eine Kammer oder 
ein kleineres Grab gefunden wurde. Wir wollen deshalb im 
nächsten Jahre die Einschnitte vertiefen. 

Athen, im Juni 1906. Wilhelm Dörpfeld. 



NACHSCHRIFT (Februar 1907). 

Da der vorstehende Bericht aus äusseren Gründen erst 
im Winter 1906-7 gedruckt werden konnte, hat inzwischen 
im Herbste 1 906 eine neue Campagne der pergamenischen 
Grabungen stattgefunden. Über die neuen Resultate wird 
ausführlich erst im nächsten Jahre berichtet werden, nach- 
dem auch die Grabungen vom Herbst 1907 ausgeführt sind. 
Ich benutze aber die gute Gelegenheit, schon hier mit eini- 
gen Sätzen auf die erzielten Ergebnisse hinzuweisen : 

1 . Im oberen Gymnasion sind der ganze Hof und die 
westlichen Zimmer der Nordhalle freigelegt worden. Der 
Mittelraum H (vgl. oben S. 202) stellte sich als ein grosser, 
zur Mittelaxe des Gymnasions symmetrischer Saal heraus, der 
in der Mitte seiner nördlichen Langseite eine viereckige Ni- 
sche mit einer halbrunden Exedra aufweist. Der daneben lie- 
gende theaterförmige Raum, der ganz ausgeräumt wurde, 
ist leider im Inneren schlecht erhalten. Die Sitzreihen sind 
alle zerstört, nur ihre Unterbauten sind noch vorhanden. 
Einige wertvolle Einzelfunde wurden in den Räumen des 
Gymnasions gemacht: es kamen Inschriften zum Vorschein, 
die uns lehren, dass nördlich über dem Gymnasion ein von 
Attalos IL errichteter dorischer Marmortempel der Hera Basi- 
leia und westlich darüber ein ionischer Marmortempel ge- 
standen hat. Auf den Quadern des letzteren Tempels sind 
Kataloge der Neoi aufgeschrieben. 

2. Im Hause des Attalos (vgl. oben S. 167) wurden die 
nördlichen Zimmer wieder aufgebaut und mit einem Ziegel- 



240 W. DÖRPFELD. I. DIE BAUWERKE 

dach versehen, damit die Mosaikfussböden und Wandmale- 
reien erhalten werden können. 

3. Am SW-Fusse des Burgberges wurde eine aus der 
Königfszeit stammende Brücke über den Selinus untersucht 
und freigelegt. Drei Pfeiler haben sich gefunden und zwei 
von ihnen sind noch durch einen aus griechischer Zeit stam- 
menden Bogen mit einander verbunden. 

4. x\m SO-Fusse des Berges wurde ein noch fehlendes 
Stück der eumenischen Stadtmauer ausgegraben ; dabei wur- 
den ausser der Mauer selbst und einigen Türmen noch ein 
kleineres Tor und ein Durchlass für einen Bach entdeckt. 

5. Herr Baurat F. Gräber untersuchte nochmals die Was- 
serleitungen Pergamons. Besondere Aufmerksamkeit widmete 
er der merkwürdigen Hochdruckleitung, durch welche die 
Königspaläste und Heiligtümer der Burg Wasser erhielten. 
Über seine Grabungen, Studien und Ergebnisse berichtet er 
in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie. 

6. Schöne Erfolge erzielten unsere Grabungen an den 
Tumuli. Zwar haben wir in dem grossen Jigma-Tepeh die 
im Inneren zu erwartende Grabkammer noch nicht erreicht, 
weil war an Stelle des eingestürzten Tunnels (s. S. 238) einen 
grossen offenen Einschnitt beginnen mussten, der noch nicht 
bis zur Mitte des Hügels vorgedrungen ist. Aber die beiden 
kleinen Tumuli, die südlich vom Mal-Tepeh liegen und schon 
1905 durchschnitten worden waren (vgl. S. 239), haben zwei 
grosse Sarkophage aus Trachyt geliefert, die beide noch un- 
berührt waren. Der eine enthielt die fast ganz verwitterten 
Reste einer Frau mit noch erkennbaren Kleidern und einigen 
Schmucksachen, der andere den ebenfalls verwitterten Leich- 
nam eines Mannes mit einem goldenen Eichenkranz, mehre- 
ren vergoldeten M)'rtenkränzen, zwei eisernen Schwertern 
und einigen anderen Gegenständen. Zwei »Silbermünzen, die 
in den Sarkophagen gefunden wurden, gehören noch dem 
IV. Jahrhundert v. Chr. an. Beide Toten waren auf einem 
Lager von Blättern gebettet und die Köpfe ruhten auf einem 
Kissen von Sand. 



241 



II. DIE INSCHRIFTEN. 



I. URKUNDEN UND ERLASSE. 



1. Zwei Fragmente aus weissem Marmor, gehörig zu 
den 19Ü2 "westlich vom viereckigen Turm' der mittelalter- 
lichen Befestigung, also westlich von dem untersten Gymna- 
sion gefundenen und AM. XXIX 1904, 161 Nr. 3 veröffent- 
lichten Stücken, e) 1. Seite erhalten, sonst gebrochen. Gefun- 
den 1 904 im nordöstl. Teile des Attaloshauses. H. 0,26, Br, 
0,205, T. 0,095. Vorgeritzte Linien fassen die Buchstaben 
ein, und auch 1. ist eine Senkrechte für den Zeilenanfang 
gezogen. B.H. 0,012, Z.H. zuerst 0,025, von Z. 6 ab 0,02-0,018. 
f) gefunden 1905 südlich des Attaloshauses. Rings gebrochen, 
sehr verwittert. H. 0,11, Br. 0,12, T. 0,039. Spuren der vorge- 
ritzten Linien noch erkennbar. B.H. 0,011, Z.H. 0,025. For- 
men Ä0KO und oF<t)n- Phot. (d. Instituts) 1097. 

xJa^'oTl Xai JtQ6T8[QOV 

q vitb Tf]<; xoivfjg 
. cov jtQoaejAaQTVQelTO 
5 Toü 8A'iai)Toi5 t&öt) 
TÖ5v jroAiTwv öe' 
■»laaoöai Tva ngo 
TWV avTcov h 

COg xf\C, Jt8Q • 

1 cpev xe xai "^ 
QIV xov 
Qelv 

f) MC 

aTQaT]r|Yi]oav 

^18V 8Jtai) 

8 xäq avx[dg. 
Zu den früher veröffentlichten Stücken ist noch zu be- 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII. 1 6 



242 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

merken, dass bei Fragment b) rechts der Rand erhalten ist, 
und dass durch ein Versehen die letzte Zeile von a) fehlt: 

6 o]v KüXlibv \iv Q idb(X)[v 

iippTONEYNO^ (vjt]i]Q8TCüv evvov[g?) 

2. Bruchstück vom Kopf einer Urkunde aus \v. Marmor 
mit ziemlich weit vorspringendem Gesims, Oberseite erhal- 
ten, sonst rings gebrochen. Gefunden 1 904 im Gymnasion der 
V801. H. 0,177, Br. 0,34, T. oben am Gesims 0,07, sonst 0,017- 
0,028. Das erhaltene Stück der Inschriftfläche ist 0,092 h. und 
0,25 1. B.H. 0,008-0,009, Z.H. in Z. 2 : 0,015, sonst 0,013. For- 
men etwa der letzten Königszeit OAMTPq. 

'Ejti jtQitTctvEO)? .... xov 'AQia(?)]TO[xdxoD [iT]v6(; 'Hgaiov . . 
.... eSo^ev TTJi ßovÄfji xal twi 8])][.iol)i ■ yvd)[iY\ oxQax^lywv 

EJtei ] ' xaTaGraöeig ^ 

'OZ Tov AOI 
5 ''N^^ 

Z. 1. Einen vornehmen Pergamener namens Aristoma- 
chos aus der Zeit Eumenes' IL kennen wir aus I(nschriften) 
v(on) P(ergamon) 1 63 D. Nach "Hgaiov ist noch das Tages- 
datum zu ergänzen. 

3. Bruchstück einer Platte aus bläulichem Marmor. Rück- 
seite glatt, sonst rings Bruch. Gefunden in der Unterstadt in 
dem Garten ttjc llavayiac, ßaxt^e und 1 905 von dem Schmied 
Hippokrates dem Museum übergeben. H. 0,08, Br. 0,1 2, T. 0,04. 
B.H. 0,009, Z.H. 0,015. Formen der Buchstaben: 0O. (Ende 
der Königszeit oder bald darauf). Spuren der vorgeritzten 
Linien noch erkennbar. 

jov Tfji; '^|xeQa[g 

-TEQeiV T8{)8ixd)[c 

yv\waaio)i bC kviac, 

'a^ovTOOv 8^ (v oder \i) 

Wohl Stück eines Ehrendecrets für einen Gymnasiarchen 
Z. 3 vielleicht vfareQeiv. 



DIR ARHKITKN ZU I'Kk(iAMON 1 904 - 1 QO,S 243 

4. Abb. 1. Zwei Bruchstücke einer vStele aus blauem 
Marmor: a) gefunden 1904 auf der obersten Ciymnasionter- 
rasse in der Nähe der Südostecke der Säulenhalle. L. Seite 
und ein kleines Stück der r. erhalten, Rückseite rauh, oben 
und unten gebrochen. H. 0,63, Br. 0,56, T. 0,15. B.H. 0,007, 
Z.H. etwa 0,011. Phot. 883. b) Links unten passt das an der 
Burgstrasse oberhalb des unteren Markts gefundene und 
schon AM. XXVII 1902, 46 Nr. 68 veröffentlichte Fragment 
an. Phot. 1107. (Text s. auf S. 245-247). 

Diese und die grosse Inschrift Nr. 8, sowie die unten 
Nr. 36-39 veröffentlichten Stücke gelten alle einem um Per- 
gamon offenbar hochverdienten Manne, dessen Name uns 
bisher nicht bekannt war, dem Ai68(OQog "Hqcoiöov Udonagoc,. 
Wie zuerst Dörpfeld erkannte, müssen wir jetzt seinen Namen 
in der Urkunde I. v. P. 256 einsetzen und, wie ich unten zu 
Nr. 36 zeigen werde, haben wir sogar gerade die Basis mit 
der in I. v. P. 256 beschlossenen und nun unschwer zu ergän- 
zenden Aufschrift gefunden. Auch der Gj^mnasiarch in der 
von Schröder, AM. XXIX 1904, 152 ff. veröffentlichten In- 
schrift (=:OGI. 764) ist, wie sich unten ergeben wird, kein 
anderer als Diodoros. Ob wir auch den Diodor auf autono- 
men Münzen von Pergamon (Catal. of Greek Coins in the 
British Museum, Mysia p. 128 Nr. 141. 150-152) mit ihm iden- 
tifi eieren dürfen, ist nicht sicher, scheint mir jedoch wahr- 
scheinlich. Er trägt, wie wir das in Pergamon häufig finden 
(s. unten zu Nr. 46), zwei Namen, von denen der zweite wohl 
ungriechisch, für uns aber sehr interessant ist. Denn von 
ihm ist offenbar der für Pergamon bezeugte Kultbeiname 
des Apollon HaGTcdgioc, und auch der nach Useners Vorschlag 
in I. V. P. 569 Ila{o)naQi(ov zu lesende Name abgeleitet, und 
auf die riaöJtaQgiTwv Ji^ama in der AM. XXVII 1902, 101 
Nr. 102 veröffentlichten Inschrift fällt jetzt ein neues Licht. 
Den Vater Herodes kennen wir auch schon aus I.v. P. 256; 
ob wir auch den ^congdr^q 'H^coiSod in I. v. P. 244 und den 
'"Hq(68i](; SwxQotToi)? in I. v. P. 309 mit dieser Familie in Ver- 
bindung bringen dürfen, ist nicht zu entscheiden; es bleibe 
jedoch nicht unerwähnt, dass der letztgenannte lebenslängli- 
cher Priester des Apollon war. 



244 



H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 




Abb. 1. Decret für AioötoQog 'HqcoiÖou IlaöJtdQio«; (Nr. 4). 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 



245 



o 






S 



<^ 



o 



> 

o 

Q/ 



> 



Q/ 



»?=■• (-r> 



CO 

Ö 
>- 



^W «P 

^ i 

'Ö o 
Ö 



p 
o 



> 
o 

Qy 

8- 

P 
o 



S 



»3 



o 

o 

O/ 

8- 
s 



3 
o 



SP 

o 






P 

o 

> >- 

i?r CO 
Q/ :± 



1 


> 


o 


'3 


Ö 


. p 


Q/ 




V- 




e 




> 




•3 




»-> 




u> 




i?r 




H 





"P 
o 



«3 



bO 

Q/ 

?r 
«P 
w 

«P 

o 

"p 
s 

«-p 



Q/ 



> '3 



<3 



'?r 



iP 

o 



"3 

P 






Ö 
D 

'ö 

> 

a 



<-=: 
^ 

"O 



Q/ 

Ö 



«3 "ö 



'P 


o 

CO 


LT 

3 


P 


O 




o 


C3^ 


?* 
"Ö 




o 


O 


Lf> 


^D 


Qy 


CO 


^ 


Ö 


S 


o 

D 
Q/ 


^CO 

rL 
o 


1 


> 

«3 


K 




Q» 


^^ 


(_/! 


CÜ 




Ol 



»^ 



> 
3 




246 



c 



H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 



^ 



o 



^« «3 ^ o ".,o .- .^ ''" " P Q/ 



^ ^ Q/ . '— — ' ® > 

> > ^ ^^ ü ^ ^ iS > ,.£- ^ o 

g »^ .§ ,5 Q/ ^ ^ ^ CO P >- >- "^ ^ O H ;r ?• „S' 

^ .^ 'P 1 ^g g I ?. > .§ ^ -^ ^s '« o ^ ,^ i 

^ ^ S ^ " ^ .^ - '2 w ^ _, ,_ ,g 5 jp 

— ;?"«oo'S"'^ S/K<i^<3öö-^oö 

F >i ^-^ >^ S 3 ^ ^^ 'i s ^ <2 ,„ c o s w 



5S o w P '^ -^ H i. i; « ^ ö --J , 3 C- '= 

s '^ I ^ g i . > ,, I -s a f =^ g S S f^ g 

I 3 i ,s > ,^ i i .1 ri 1 1 s f ' j ^ -g 
|,i I § :i 1 111 - . ,g . III ^ -g I 

,^^ ^»3^ ^=ä-S" F? §"^v^K g.p ^ - 

Q^t=-Q/öö?rS,^3S.>^^cp-S ^cOcO 

,^ ^ ^ '3 S^ ^ ?i 5 > ,e .g ^Q, 5::^ 'ö s^ ö ^ 

"^ 9i ° w B- 'ö §- *3 ^ _- > „g es ^^ w ?- .S g 
,i^ ? ,^ .^ t^ ^ i^ g' - .3 'O "g 'g 2 2i ^ ^^ ^ g 

ö 3 K ? o ^ |. .Üi g ö -^ ^ _ g ,?3 > >- .2 
^t^ o^ =^ K S M«3 S^-o'^-ö ^'O^^ ?i 

«J> -P »^ ?• ,^ "W "-^ > ö Q^ ^ Ö "P 'O »,S "O O 

';? H .^ oO 'p ^ '2 '3 R q g Q/ „L^' >- H ""w K ö 

^ 1 t I I - ^^ > 3 g < I w 'S ^ ^ f ^ S 

sr ^ rW rp S^ Q/ S ,.if S ,3 O ' Q, ^ S H p o 

toüoS^ P Q' ^H-Q/ÖP.^ Q/- ^^ ^--^ 

03^;>^0>S;^^pWK0l:f,j^§'^ 

2 -. .^ 3 2 .| ^^ ''^ IL .SS ^ß ^ ^ s g ^ g ^e:5 g • 
^ § 'o ^o vg ,S ,o <^ p. ^' ^' "S '^ -^ ^ö • > „ ^ ^5, 

»i^ C - O Q/ ,_, ,-j O i- M i ,^ ^ w C '^ ^ 

s ^ »3 ov s a o '"J iS ö IST- ö c ,ri, :S- "? ■ t a» >- 

H W H K t^ >i \^ dz e< i-iO S Mc-^fOüöp-tO t^ ~ 



O »O o 

Cg CM rO 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 247 




O lo 



O lO 



248 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

Was die Zeit anbetrifft, so glaube ich, dass alle diese 
Inschriften in die ersten Jahre nach dem Tode Attalos' III. 
fallen. Damals hat Pergamon den M'. Aquilius, den Organi- 
sator der Provinz Asia, zu seinem grössten Wohltäter er- 
nannt; durch seine grossen Verdienste um seine Vaterstadt, 
besonders durch seine Reise nach Rom, wo er nagä tcov '^yoij- 
f^iEvcov Tu) br\[i(jd TU äyad^d erfleht hat, kam Diodor an die näch- 
ste Stelle nach M\ Aquilius, und göttergleiche Ehren wur- 
den ihm gewährt. Seinen Reichtum hat er in dieser schwe- 
ren Zeit ganz in den Dienst der Stadt gestellt, seine durch 
grosse Stiftungen glänzende Gymnasiarchie muss, wie wir 
unten sehen werden, in die Zeit der 29. Nikephoria, d. i. 127 
V. Chr. fallen. 

Die Ergänzungen im Anfang machen nicht den Anspruch, 
den Wortlaut herzustellen, sondern sollen nur dem Sinne 
nach die Lücken ausfüllen. Bedauerlich ist, dass in der vor- 
liegenden Inschrift gerade der erste Teil, aus dem mancher- 
lei für die Geschichte der ersten Jahre der Römerherrschaft 
zu lernen gewesen wäre, so zerstört ist. 

Z. 1 vielleicht 'A^tJe^xcovoi; oder nokjiixoivoc,. Zum folgen- 
den vgl. Syll. 2 276, 14. — Er sorgte für niedrige Verzinsung 
der Schulden (eÄacpQOTOxia scheint hier zum ersten Male belegt 
zu sein, es ist gebildet wie euOvTOxia Syll. ^ 330,37), das Mittel 
dazu war durch den substantivierten Infinitiv xcö Tcdvxac, xovq 

Qfivai ausgedrückt. Die Leute, von denen ihm berichtet 

wurde, dass sie ihr Vermögen verloren und Geld geliehen 
hätten, und dass sie nun hohe Zinsen bezahlen müssten (Z. 6 
jtQocGGeööai ist Passivum), befreite er von ihren Schulden. In 
Z- 7 ist dvÖQobiipia wohl als Festnahme von Geiseln zu ver- 
stehen. Bei der Überwinterung der Truppen (erst seit 131 
stand römisches Militär in Asien) sorgte er dafür, dass die 
Stadt selbst verschont bleibe, und dass in der Provinz eine 
Aufsicht über die dadurch Belästigten geführt werde (?), wegen 
der Kosten für die Winterquartiere und der Einhaltung der 
Befehle (?). Er tat auch Schritte wegen der ihnen auferleg- 
ten Tribute, sodass ihnen in diesem Punkte nicht nur Er- 
leichterung wurde, sondern dass sie auch von den nichtigen 
Urkunden und von Erpressungen befreit wurden (?). In Z. 1 3 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 249 

nuiss dv8iQii[xevcov wohl perf. pass. von dvaiQeiv sein, mit ei ge- 
schrieben wie in vSyll. ^ 929, 46, vgl. dazu Nachmanson, Laute 
u. Formen der magnet. Inschr. 51 u. Anm. 3. Wegen dieser 
Zeile habe ich lange geschwankt, ob die Inschrift nicht spä- 
ter zu datieren sei, nämlich in die Zeit nach der Besiegung 
des Mithradates Eupator; ich vermutete sogar, dass man bei 
den dveiQTijxEvoi ■ujto MiOquöcctoi^ an ein ganz bestimmtes Er- 
eignis denken dürfe, an die Ergreifung von 80 Pergamenern, 
die sich gegen den König verschworen hatten (Appian, Mithr. 
48). Ich glaube jetzt jedoch bestimmt, dass die Inschrift älter 
ist, und dass es sich hier um Mithradates Euergetes handelt. 
Wir kennen leider die Geschichte des Aufstands des Aristo- 
nikos gegen die Römer und die Rolle Pergamons in dieser 
Zeit viel zu wenig (s. Fränkel, I. v. P. II S. 311 und Foucart, 
La formation de la province romaine d'Asie, Mem. de l'Acad. 
des Inscr. XXXVII 318 ff.), um Genaueres über ein solches 
Eingreifen Mithradates' V. sagen zu können. Dass er den 
Römern bei der Niederwerfung des Aufstands geholfen hat, 
ist direkt bezeugt, und dafür hatte ihm Manius Aquilius die 
Landschaft Grossphrygien abgetreten (Justin 38, 5 ; Appian, 
Mithrad. 57). Nach seinem Tod hatte allerdings "der Senat 
mit Berufung darauf, dass der König diese Abtretung durch 
Bestechung des Consuls erlangt habe \ die Schenkung zurück- 
genommen' (Mommsen, AM. XXIV 1899,195). Die Datierung 
des Decrets in der 1. Columne der unten veröffentlichten 
Säule auf das Jahr 127 v. Chr. scheint mir ziemlich sicher; 
unsere Urkunde ist noch älter als jenes. Unter dem Manius 
Aquilius dieser Inschriften kann kaum ein anderer verstan- 
den werden als der, welcher 8Jt8?i{)a)v vjtaTOi; [lExä öexa jtQ8a(38v- 
x(hv, öieta^e xr\v EJiaQiiav sig t6 vvv sti öi)^|I8Vov Tfjg nohzeiaq 
axrjl^ia, wie Strabon XIV 1, 38 sagt. Auch die ganz lebendige 
Fortdauer des Herrscherkults, wie wir das in der Inschr. AM. 
XXIX 1904, 152 ff. Z. 19, 36, 47 f. und auch in dem Fragment 
unten Nr. 8 bc sehen, zeigt, dass die Inschriften nur aus der 



' M'. Aquilius ist übrigens, als er zwischen 1 2b- 123 wegen Bestechung 
durch Mithradates angeklagt wurde, freigesprochen worden (Appian a.a.O., 
s. a. Klebs bei Pauly-Wissowa II 1, 324. 



250 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

ersten Zeit nach Attalos' III. Tod stammen können. Dafür 
spricht auch die Form der Buchstaben. 

Z. 1 6 ist ETcaQir\ai geschrieben, während in Z. 3 enagieiav 
steht, vgl. Schweizer, Gramm, der perg. Inschr. 55 oben und 2 a. 
Z. 1 7 ist die Rückkehr Diodors aus Rom gemeint, vgl. 
unten Z. 36 f. und Nr. 8 a Col. II Z.1 1 äcp' ov TtaQEoxyv en T^on^q. 
Z. 24. dQioT8iü)i ergänzt nach I. v. P. 160, B 31; 246, 6. 45; 
vgl. auch BCH. 1905, I79ff. — Z. 25 txövi. Während nach dem 
Übergang von ei in T sehr häufig ei für I geschrieben wird 
(z. B. Z. 1 9 EXQEivEv), ist die Schreibung eines I für ei viel sel- 
tener, so unten in Nr. 8 a Col. II Z. 8 EvajtoöixviijAEvog. Für 
die Königszeit verzeichnet Schweizer a.a.O. 52 nur ein Bei- 
spiel aus einer privaten Grabschrift, alle andren Belege stam- 
men erst aus der Kaiserzeit; auch in den Inschriften von 
Magnesia gibt es aus vorchristlicher Zeit nur ganz wenige 
Beispiele dieser Schreibung (Nachmanson a.a.O. 40 f.). Z. 32 
steht denn auch £lx6vo)v. Die Orthographie unserer Inschrift 
ist überhaupt sehr wenig sorgfältig: in Z. 25 und 26 ist äXh^i 
zweimal mit, einmal ohne i adscriptum geschrieben; Z. 41 in 
AioöcoQEiov Dittographie von 8co etc.— Zwei goldene und zwei 
bronzene eixoves und ein marmornes dYaA,|.ia werden ihm auf 
einmal beschlossen. Mehrere Statuen werden ihm auch I. v. F. 
256 gleichzeitig gewidmet. In I. v. P. 246 beschliessen die 
Elaeer dem siegreich heimkehrenden Attalos III. nur ein 
ayaXixa TOvtajtfjxv und eine eixcov iQvof\ UcpiJtJioq. Zu Ehren 
des Philopoimen setzen die Bewohner von Megalopolis nur 
vier Bronzestatuen (Syll. ^ 289). Aus Teos haben wir eine 
Ehrung CIG. 3085 atEcpavco XQ^(^(p >iai eixovi YpajtTf) xai elxovi 
YQajiTfi xeMq xal eixovi xal-nr\ xal äydl\xaxi ^lapfxaßivcp xai ei- 
xovi xQvof\. Diodor übertrifft diese alle. Über den Bedeutungs- 
unterschied von Eixcov und aya^tiia herrscht bis jetzt noch keine 
völlige Klarheit, vgl. z. B. Fränkel zu I. v. F. 256, Dittenber- 
ger zu OGI. 352 n. 28. Mir scheint es, als ob d'Ya^txa doch 
auch in diesen Fällen das Kultbild sei im Gegensatz zu der 
gewöhnlichen Ehrenstatue: so wird das äyalna unserer In- 
schrift aufgestellt ev tw xaTaöXEvao{>Tiaofi£va)i vawi, während 
die EixövE? stehen sollen ev ol? auto? xqeiv^i tcöv ieqwv xal 8r)no- 
aiü)v TOJtwv. Das äyaX\xu Attalos' III. wird von den Elaeern 



DIE ARHEITKN ZU PERCiAMON 1904-1905 251 

I. V. P. 246 für den Asklepiostempel bestimmt, Iva \\ avvvaoc, 
Tcöi a%a)i, die eixon' dagegen wird zwar auch neben dem Altar 
des Zeus aufgestellt, aber als Begründung wird aufgeführt, 
ojTfog tmagim f) 8ixo)v iv tw ejtKpaveotdTCOi tojtcoi xf\i; dyoQfxq. In 
der Diodorurkunde I. v. P. 256 wird beschlossen, itaga to uya^^ia 
jtaQaoTa^vai [0]vaiav uvxcb. Vgl. auch OGI. 764, 33 und 36. Das 
d'ya^iiia Ariarathes' V. beschliessen die dionysischen Künstler 
in Athen OGI. 352 oifjöai nagä xbv dE[6v], sein Bronzebildnis 
dagegen soll im Propylaion des heiligen Bezirks Platz fin- 
den. Ich habe alle Belege für dya^^a in den OGI. und in der 
Syll. "^ durchgesehen und stets diese Bedeutung gefunden. 
Ich hoffe später einmal ein reicheres Material darauf hin 
prüfen und in einem von mir geplanten Aufsatz über den 
Kult der eiiegyetai vorlegen zu können. 

Z. 27-28 zu oxvJdboiv OGI. 332 n. 9; najtjraxcovoTavTivoc, 
ai TpaA^-EK; Nr. 59. Von einer solchen oxvlic, werden die Frag- 
mente unten Nr. 37 stammen. — Z. 29. Während Attalos' III. 
dyaX^Aa von den Elaeern im Tempel des Asklepios als ovvvaog 
des Gottes aufgestellt wird, und während uns ausser dem 
Eumeneion in Milet (OGI. 763, 60) kein Tempel eines leben- 
den Attaliden bekannt ist, wird hier dem AioScoqoi; 'Hq(6i8ou 
nda:7taQog nur wenige Jahre nach dem Tode des letzten Kö- 
nigs zu seinen Lebzeiten ein Tempel beschlossen, und er 
scheint auch diese Ehre angenommen zu haben, vergl. un- 
ten Nr. 8 a Col. II Z. 1 7 f. Die einzige genau entsprechende 
Parallele hierzu bietet die Inschrift aus Kyme, S(amml. der) 
G(r.) D(ial.-Inschr.) I 31 1, zu Ehren des Gymnasiarchen L. Vac- 
cius Labeo aus der Zeit zwischen 2 v. Chr. und 14 n. Chr. Die- 
sem beschliesst man auch vav[o](v) gv reo yv[i{v)aoi(ß xateiQcov 
jrQoaYQTi^A|X8V(D, Ev w Tttig TEifxaig avTCO naxibQvoei, xTiatav rs xal 
Evegyixav atQoaovi)(,ida8eo\>ai, el'xovdg te XQvoiaiq 6vxe^^]v, xai}d 
X olq xä ^eyicTTa tov ödjiov evEQyETTiadvTeooi vof^ii- 

\i6v E O T l, [XEtd T8 tdv e| dv^QOOJtCDV tt'UTO) [XETdöTttOlV Xttl TttV 

Evrdcpav xai Oeoiv t« aoj^iaTOi; ev tw yu^ivaaico yEvrjOTjv. Dieser 
war aber anständig genug, rdv vjtEpßdQEa xai ^ioioi xal tolg 
loaoOEOioi aQ\i6'C,ovGav xäq xe tw vavco xatEiQoooiog xäc, te tw xtiota 
jtQoaovv^iaoiag TEi|.iav abzulehnen und zu seinen Lebzeiten mit 
menschlichen Ehren sich zu begnügen. 



252 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

Z. 34. Die TQieTiiQiSf? sind Dionysosfeste, wie aus Nr, 8 a 
Col. II Z. 30 und 35 hervorgelit, s. auch Fränkel zu I. v. P. 
248, 8. Bei ihnen hat der Priester des Dionysos die Leitung; 
auch die Nikephoria waren trieterisch, aber ihre Leitung hatte 
der dYcovodeTi)? (s. I.v. P. 167). Über die pergamenischen Ilava- 
\*)Tivaia s. Fränkel zu I. v. P. 1 8, 1 7. 

Z. 34-35. Als besonderes Vorrecht wird ihm verliehen, 
dass er das Weihrauchopfer in den Rats- und Volksversamm- 
lungen darbringen soll, wenn er anwesend ist. Genaueres er- 
fahren wir darüber noch unten in Nr. 8 a Col. II Z. 26 ff. Es 
musste danach ihm im Prytaneion der Weihrauch vorgesetzt 
werden, wie dem Prytanen, damit er von den Göttern dem 
Volke das Gute erflehe. Damit lernen wir also zugleich den 
Inhalt des Gebets kennen, das für gewöhnlich der Prytane 
bei dem Weihrauchopfer sprach. Auch bei den trieterischen 
und den übrigen Festen musste er den Weihrauch opfern. 
Die litterarischen Quellen über diese religiöse Eröffnung der 
Volksversammlungen und überhaupt der Sitzungen, sowie 
der Agone s. bei H. v. Fritze, Die Rauchopfer bei den Grie- 
chen 39. Aus den Inschriften kann ich nun noch einen bisher 
missverstandenen Beleg beibringen : OGI. 268, 1 5 f. : elvai Se 
avtfoi xal om]oiv £|i, jtQvtavrifooi], jtQoacpgQem'^aL be xai hßavaxov, 
nach einer einfachen Kranzverleihung. H. v. Fritze, a. a. O. 
49 sah darin ein Rauchopfer, das dem Geehrten dargebracht 
werden sollte: ihm folgte Fränkel, I.v. P. II S. 511 zu Nr. 256. 
Es kann nicht zweifelhaft sein, dass es sich hier um dasselbe 
Vorrecht handelt, das unserem Diodor in der Inschrift Nr. 8 a 
Col. II Z. 26 gegeben wird : jtQoo(peQeöt*}ai 8g avtcoi xal ev tw 
JtQDTaveiooi Tov ÄißavcoTOV xadon xal tc5i nQvxdvei, Xva . . . Kaga 
Twv {}eo5v aiTfJTai reo 8ii[i(oi xäyad^d. Schliesslich erwähne ich noch 
eine Inschrift aus Molyvo auf Lesbos (BCH. IV 1880, 439), 
in der eine Phyle Alolic, ihren Phylarchen ehrt und bestimmt : 
xovq 8e sJti[xr)vioi)i; xovq äeX yivo\ievovq nagioxavai ai^TCOi djtö tcäv 
(xiöö^oD|.i8V(ov leQEioov uQva {h]Ä8T[av], tov 88 öijeiv Tfji 'A^di^väi 

VKEQ -071810? [x]ai ÖCOTTlQiai; TO)V ÖD[XCp\)AeTÜ)V. 

Z. 36. Hierdurch wird die Beziehung der Gymnasiarchen- 
inschrift AM. XXIX 1904, 152 ff. (OGI. 764) auf Diodor ge- 
sichert. Dort ist nicht der nach I. v. P. 246, 1 8 auch an einem 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 253 

8. eines nicht bekannten Monats geschehene und in Elaea 
durch ein jährliches Fest gefeierte Einzug Attalos' III. in 
Perganion nach siegreichem Feldzuge gemeint, sondern es 
ist zu ergänzen in Z. 30 ff. : xaXXiotiiA'] f]YTiod(.ievo(; eivai ttjv 
öySöiiv Toij 'Arcollioviov [iiivöc, ev f|i xEkioaq emxv/Cix; ev 'P[o)[.ir) 

TTjv jTQeoßeifxv Ei0f]?.]8ev elg xr[v iioXiv, lepdv xe aotriv \[ji]cpi- 

od[iEvoc, imuQxeiv 8id jravtog. Natürlich müssen nun auch sehr 
viele andere Ergänzungen dieser Inschrift geändert werden; 
ich vermag jedoch augenblicklich noch nicht den ganzen 
umgestalteten Text vorzulegen. 

Z. 37. Eine Ehre, die in der Regel nur Göttern und He- 
roen und später Königen und Kaisern zuteil wurde, wird 
ihm verliehen, er wird gleichsam schon zu Lebzeiten fjpwg 
EK(ßvv\.iog einer Pliyle, ihr fictiver Archeget. Man hielt an der 
Theorie, dass die Phylen eigentlich ovyYEVEmi seien (s. Szanto, 
Die gr. Phylen, Wiener Sitz.-Ber. phil.-hist. Cl. 144 (1902), v) 
auch hier fest, daher heisst es wohl ouyyevixfjv jrQo[aT]Y]oQLav 
[EJxoDoav IIao7taQr[iba. Der Name ist von YldpKaQoq abgeleitet, 
wie Ka8|iiiig von Kctönog. In den Ephebenlisten ist diese Phyle 
noch nicht aufgetaucht, aber die IlaajtaQgiTwv jtXareTa (s. o. 
S. 243) wird eben der Bezirk dieser Phyle gewesen sein (vgl. 
über TrAareia = Strasse und Stadtviertel Zeller, Arch. f. lat. 
Lexikogr. XIV 1905, 312). 

Z. 38. Bei den Wahlversammlungen, wenn die übrigen 
Priester der EVEQyixai gewählt werden, soll auch die Wahl sei- 
nes Priesters erfolgen. Dies ist ein wertvolles Zeugnis für 
den Kult der emQyixai, der schon öfter von Epigraphikern 
und Religionshistorikern beachtet worden ist (z, B. U. Köhler, 
Hermes VII 1873, 1 ff.; H. v. Prott, AM. XXVII 1902, 180; 
Heberdey, F'estschrift f. Benndorf 1 1 4, worauf mich E. Nach- 
manson freundlichst aufmerksam machte; Rohde, Psyche II- 
357 Anm. 2). Dieser Gegenstand verdient eingehender behan- 
delt zu werden, als es hier möglich ist. Einige Bei.spiele seien 
jetzt nur angeführt: IG. II 1,471: ethjcev 8e xai xolc, EVfQyex[aig] 
olq Y.adf[KOV y\v; IG. II 1, 467 (Syll. ^ II 521): eövöav . . . tot? 
d^edlg xal xolq EveQyexaic, xov örjfi-ov ; Syll. - II 930: xäg dvaiaq 
xai ajtovödg excoXvov Jtoisiv, xaöobs ei^iff[i,8vov f)v xf\ ovvoboct, top te 
AiovvGcp xai T0I5 äXl-Oiq Oeoii; xal toig xoivoTi; eve^yeTais 'Pcofxaioig; 



254 H. HEPDING. II. DIR INSCHRIFTEN 

Latyschev, Inscr. regni Bosporani 29 A : dveoTi]oav töv xela- 
\iü)va [ot äQi]GX07ivXelxai xolq löioig Oeoig x«i ei'EQyEtai?; unten 
Nr. 10 Z. 24 : twv te deöiv xai eve^yETcov ; und die oben ange- 
führte Stelle der Labeo- Inschrift aus Kyme. Ich hoffe an 
andrem Orte später ausführlicher über diesen Gegenstand 
handeln zu können. 

Z. 39. Wie in den Ptolemäer- und Seleukidenreichen, so 
muss es auch im Attalidenreich Sitte gewesen sein, in den 
Contracturkunden am Anfang die Priester der Könige auf- 
zuführen : vgl. OGI. 56, 22 f.; 224,26; 244, 32 mit den Erläu- 
terungen Dittenbergers ; das Verbum avyxQ'^][i^^cixiC,Eiv in OGI. 
458, 53. Als Attalos III. starb, blieb zunächst der Königskult 
bestehen (OGI. 339, 16); der römische Organisator der Pro- 
vinz Manius Aquilius erhielt dann dieselben Ehren wie die 
Könige, und seinem Kult wird hier noch der des Diodor für 
ewige Zeit beigefügt. Die Sitte der Praescription der Priester 
in den Urkunden ging natürlich auch weiter, und so wird denn 
hier bestimmt, dass in ihnen nach dem Priester des Alanius 
Aquilius auch der Name des Diodorpriesters aufgeführt wer- 
den solle. Unsere Inschrift bietet in der Erwähnung des 
Aquilius-Kults auch einen neuen Beleg für die Decretierung 
göttlicher Ehren an die Nachfolger der hellenistischen Kö- 
nige, die römischen Statthalter und Feldherrn (s. darüber z. 
B. Kornemann, Klio I 94 f.). Ein weiteres schönes Beispiel 
hat mir R. Heberdey gütigst mitgeteilt, auf einer Basis von 
der grossen Agora aus Ephesos, die etwa ins IL Jahrhun- 
dert nach Chr. gehört: 'H ßoi^Xr) xm 6 br\[ioq ET£i|XTiGav F. 
Aixiviov MEvctvÖQOii i'tov SEQyia Md|i[xov 'Ioi)?tiavov cpiXooeßa- 
axov xbv jiQvxaviv xai legia "Pcoi^u]? xal Roji^iou 2EQOVEi?aoD 
'laaijQixoi), also des Proconsuls von Asia im Jahre 48 vor 
Chr., dem ja auch Pergamon die Wiederherstellung der 
freien Demokratie dankt und den Aegae als seinen Retter 
ehrt (s. Fränkel zu I.v. P. 413 und Foucart, Mem. de l'Acad. 
des Inscr. XXXVII 317). 

Z. 40. dvELvai vgl. Dittenberger Syll. '^ II S. 476 n. 5. 

Z. 41. Philetaireia ist nach I. v. P. 13 ein von Eumenes I. 
angelegtes Castell am Ida, also nördlich von Adramyttion, 
wo noch kurz nach dem Ende der Attalidenherrschaft in 



DIR ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 255 

einer Inschrift I. v. P. 240 (OGI. 336) td tieqi tö Ev\iev£iov Iequ 
erwähnt werden. Seine genaue Lage ist uns noch unbekannt, 
immerhin dürfte es mindestens einen guten Tagemarsch weit 
von Pergamon entfernt sein. Das scheint doch für die in den 
nächsten Zeilen beschriebene no|_im] etwas gar zu weit zu 
sein : die Worte Z. 43 ofta^fjjvai Jto^JiT)v ex toü jTQiJTaveiov elq 
To te^ievoi; aittoö sehen gar nicht danach aus, als ob es sich 
um eine so grosse Wallfahrt handele, es sollen ja auch die 
Knaben teilnehmen und danach noch Agone und Opfer statt- 
finden. Ich glaube daher annehmen zu müssen, dass unser 
Philetaireia entweder ein kleiner Ort ganz nahe bei Perga- 
mon war, oder dass gar ein Stadtteil von Pergamon selbst 
so hiess, etwa die Altstadt im Gegensatz zu der eumeni- 
schen Neustadt ; f| ev <I>i?i]eTaiQ8iai ayopct oder r) $iÄ]8TaiQeia 
dyoQd in Z. 52 wäre dann der alte obere Markt im Gegensatz 
zum Neumarkt der Unterstadt. Man versteht auch sonst nicht, 
wie die Pergamener dazu kommen sollten, einem Mann, dem 
sie wegen seiner Verdienste um die Vaterstadt die höchst- 
möglichen Ehren erweisen wollen, einen Tempel viele Stun- 
den weit von der Stadt entfernt in einem kleinen Grenz- 
castell zu errichten. 

Z. 42 ff. Zu der Beschreibung der jro|iJti^ vgl. I. v. P. 246 
Z. 44. Die Verbindung der lepeie und der ßaaiÄEig ohne Wie- 
derholung des Artikels zeigt, dass die beiden eng zusammen- 
gehören, die ßaödets also auch sacrale Function haben. Über 
das Amt der ßaoiÄeXq, das uns bisher noch nicht für Pergamon 
bezeugt war, s. Liebenam, Städtverwaltung in röm. Kaiser- 
reich 347, mit reicher Belegsannnlung, und Chapot, La pro- 
vince romaine proconsulaire d'Asie 234 f. — Das Amt des 
Hypogymnasiarchen ist öfter in pergamenischen Inschriften 
erwähnt, so I.v. P. 256,15,465,467,468. Zur Zeit Attalos' IL 
gab es vier Paidonomen (AM. XXIX 1904, 1 71). — Z. 45 sollte 
man wie I. v. P. 246 Z. 36 tcöv 8q)iißo)v xal tc5v veoov erwarten, 
aber der Raum reicht nicht dafür; so wird man wohl am 
Schluss der Zeile ergänzen twv vecov oder twv noXixwv, zu 
denen die veoi ja schon gehören. — Zu Z. 46 vgl. Dittenberger, 
OGI. 332 n. 15. 

Zu Z. 48 s. AM. XXIX 1904, 152 = OGI. 764, 55 und 34. 



256 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

An der letztgenannten Stelle sind gerade die Agone geschil- 
dert, wie sie später alljährlich am 8. Apollonios stattfinden 
sollten. Vielleicht ist unser Volksbeschkiss gerade das in der 
eben angeführten Inschrift Z. 32 citierte yEyevi] [xevov ev tcöi 
gjri 'AJQiOToßovXov Tof) Bicovos xov xai TeijOpartOi; eviaDtwi \|'j]q)i- 
o[ia. Es folgt schliesslich noch wahrscheinlich eine Bestim- 
mung über ein feierliches Begräbnis nach seinem Tod, wie 
in der oben angeführten Labeo-Inschrift aus Kyme. 

5. Bruchstück blauen Marmors, rings gebrochen, gefun- 
den 1904 im Gymnasion, wohl zu Nr. 4 gehörig. H. 0,05, Br. 
0,165, T. 0,065. B.H. 0,008, Z.H. 0,011. Phot. 1109 b. 



. J EYA, o , 
ü)? ov n&KQa[y][iev(ov elc, 
äyd]X\iaxa xaTeaxEvaofxeva 
5 'ewikiqoiav xai djio8£|tt[[j,£vog 

A • • 

Zu Z. 4 vo-1. unten Nr. 8 a Col. II Z. 69. 



6. Desgl., r. Seite wohl erst bei neuer Benutzung ge- 
glättet, sonst gebrochen, gefunden 1 904 im Gymnasion, eben- 
falls wohl zu Nr. 4 gehörig. H. 0,085, Br. 0,17, T. 0,10. B.H. 
0,007, Z.H. 0,011. Phot. 1109 c. 

tJgutgv f| 
oi; aQETTJi xai jiiotel 8ia 
\iEvr\v EJt' £i)EQYEGia 8ia jTQoyofvcov 
tat? JTQOoJTixouGaii; dfXEißEodai xotpfioiv 
' \iul,ovxac, x[r\] jiuxQibi exe 
xov TTJi; t(j5v jtqoyÖvcov 
Xcihiolc. Eix6o]iv xai dydk\iaxi }ia[Q|j,aQiva)i 
£v Twji Tcov VEcov yvfAfvaaitOL 



DIK ARHRITEN ZI' PRROAMON 1904-1905 257 

7. Weniger sicher ist die Zugehörigkeit zu Nr. 4 bei fol- 
gendem Fragment: blauer Marmor, r. Seite- glatt, sonst ge- 
brochen. Gefunden 1904 im Gymnasion. H. 0,10, Br. 0,206. 
T. 0,13. B.H. 0,007, Z.H. 0,011. Phot. 1109 a. Stark verwittert 
und sehr schwer lesbar; daher liegt die Vermutung nahe 
dass das Stück zu einem anderen Decret gehöre, von dem ein 
grosses Fragment von etwa 60 Zeilen und ein kleineres eben- 
falls 1904 im Gymnasion gefunden wurden. Das kleinere ist 
ganz unlesbar, auf dem grossen kann man nur wenige Buch- 
staben und die Worte rrj jtarpiöi, jroÄejiioi' und "Pcojxaicov er- 
kennen (s. die Phot. 1095); ich mu.sste daher auf eine Publi- 
cation verzichten. 

\I 

MZ ^ J ' O - r- 
avxbc, i_. ATA 
\ .... IOC, Aio8coQeiv^(?) 

IGIV 8JTI Tl] . . X . . . ICCQIGTG 

. o ocoTi]Qiav jTOÄ[Xoi]g xai ti i 
dQx]ttiQETixr]i exxAiio[iai] £xi'Q(o[Oi] 

(vac.) 
8]f]|xov n"cr-- 

8. a) Grosses Bruchstück einer Säule aus weissem Mar- 
mor von etwa 0,60 Durchmesser, 0,89 hoch. Oben glatt, unten, 
1. oben und hinten gebrochen. L. in der Mitte ein viereckiges 
Dübelloch etwas oberhalb der Zeile 1 9 des Texts von Col. I. 
Gefunden 1 904 im Kellerstadion etwa 8 m westlich der SO- 
Ecke des Gymnasions (bei 9 auf Taf. XVIII). Darauf eine 
Inschrift in zwei Columnen von je 0,40 Breite, die durch 
einen Zwischenraum von 0,023 getrennt sind. B.H. 0,008, 
Z.H. 0,012-0,013, Schriftformen wie I.v. P. 256. Viele Partieen 
sind sehr verwittert und daher sehr schwer lesbar. Phot. 772. 
771.1104-1106, davon die beiden ersten zwar klein, aber sehr 
scharf. Einen sehr guten Abklatsch verdanke ich W. Kolbe, 
in der ersten Hälfte der 2. Columne verglich E. Nachmanson 
meine Abschrift. 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 1 7 



258 



H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 



w > > < > 4 g:'§ ,g 'g S 3 ^1 g. i:i 



^ - 5 t g ö «^ ^5 

fp 



^ ?^ o 

«?:- 3 rr 



CO 



3 



ö ö Ö 'P 

- § 2 q 



^ o 

D 

> 

s 

'S 3 

U > 

> 
«3 





_^ 


^ 


"Ö 






S 


(j> 




^10 




s 




?: 








ö 




u> 


?» 


p 




n" 


o 


?; 







DU' ARIiF.ITl^X ZU PRRflAMON I QOI - 1 905 259 




o 



260 



H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 




o 



o 



DIE AKI5E1TEN ZU PERGAMON 190-1-1905 



261 



S 

'S 
o 




!62 H. HErDINCi. II. DIE INSCHKIFTKN 



w q ^ o "'^ '^ 

..? 'C vti 9- .?< "Ö « X 



> 

«3 






CO ^2 -^ H ,2 •=? e >- p-* r^ '3 p ?. 



>~ 



?• ?- *= £ g ö -- ,n H ^9 ,r, »3 . C ^ S ^ "^ v^ 

W Q/ ^ K ^ X O > '^ -- ,Ü H ;- ^ "P 'a i;; >- 

1- ^1 J ^ -- o '2 ,g ^- o> - ü - .5 S =>^ t^ ,,, 



'3 o .„ > 



o 



->« ^j, S ,w X ^^ to »3 '2 ^ o . ';; 

^O vQ O "- p w -^ ^ 'ö > C O 1.^ 

:± > t^ Q/ "R ;f fcÖ '-' 'O t^ rp ,^ 

PC ^-?^"2 HC. PCB 

K .0 - ^g ^ ^ t^ ,§ H 3 c 

,^ o ^^ ^ " ö '3 ^ -w s Q, 

^ P U^ ""^ M ^ Ö t^ v^ ^ "" »P W 

Wg' '?^0 5^0ü<3P^Q/'P>H' 

^ .,_ 3 ,^, ^ 2 ^ ?^ -5 ö ^ ^ ,_. 



CO 



^ .? 



;> X r,p r^ Q/ Sl 5 t2 öp ,0 =; 

.. ,b^ § ^ - ä P I 1 g . gi 1 

i K ^^ ^1 'S J i ^ i' 1 s s 3 

^ P '§ "S -^ ^ <^ g' H -P r 



w, ^, >- 

•^ -p ;s' "ö 



> ""3 5- x' P =^ »-p "h h 'P X 



- ^ 'O ■- p ,_ 

Q/- 3- ö 1^ «3 - ip- ö 



C; 


-^ 


<1 


p 


fj^ 





— ' 


^ 









Q/ 


8: 


rw" 


(^ 


:S- 


P 




?— 







"P" 




C> 


■i>- 


?<■ 


w 


>^ 


?• 


-w 


w 


■0 






w 


?- 




a« 


^P 



Q/ 

üü 


ip 


H 



>- 


M 




H 


u-i 




?~ 




<- 






Ö 




?• 


13 

H 


s 

(0 




Ö 


Q/ 


«3 
*-> 


^ 


_J 


C 


Q/ 







Q/ 


K 




>- 


<3 


> 


'?-" 


rot) 


"q/ 




-W 


?i 




P" 


'W 


K 


ZL 



Q/ 




oü 

Q/ 


CO 









<J> 




H 


'c5 







'O 


Ui 




p 


?■ 


H 

> 




^ 


ntO 


3 




Ö 


H 


?=■ 





•0 
'P 




'CO 


H 




^ 


<-fi 


^ 


> 


> 


3 


> 


3 




rW 


3 


tP 


'jj 


'W 




r^ 


?* 


c 


<<: 


> 


"Ö 


to 


_, 


ÜJ 


_j 


> 


> 

'O 




's 


Q/ 


g 


s 


- 


>: 





cp 


p 


H 


^ 




?^ 




Q/ 


?• 



»3 


^3 







> 
'O 


5 

Ol 

Q/ 


>- 

"Ö 


(0 

<o 


IP" 


•^ 


P 


"P 





S 




»3 


3 




c 


Ol 

0)2 



c 



Diii AkiJiiiTEN ZU I'I-:r(;amon 1904-1905 



263 



U 
< 



LP P 



3 = 

w — 

c< — 

^g L 

*^< 

^ <] 

- W '5 



»3 



Q/ 



3 

Q/ 

o 

Ö 



o 

CO 

^3 

Q/ 



3 
^3 
o 





I 

H 
U 


o 


o 





'^ /^ UJ >-w 

'5 : > \i' 

^ < 2 S 

•^ LI ;C LT» 



^ o ,_ 



D 

O 
Qy 






< 

LJJ 
< 
LU 



>^ 3 w 



'S 



a 

s 






Q/ 
w 

&- 

:± 
P 

3 



3 


U^ 


jxn 


'CO 


^O 


Qy 


n53 


O 



'3 



c 



:§ o :§: '^' 



D 



l_l c< 

h- «TL 






5 t ::^ 



•3 



o s 

Q/ ?i 






ö 

Oy 



'O ' 
Qy I 

w 
o 



ob 
o 



'?:■ 



'3 '2 



(O iO 

^ ^3 

Q/ 

vi t^ 

"S ,-, 



o 

(KU 

o 



s 

&0 



'3 



J-l-r> Qy 



CO 
O 

"S 



W 



'3 p 



G 3 *3 



^!^ 



u JS 



w 



«3 



Q/ 

?< 

"P 
w 



o 

Q/ 

'3 

i>0 

o 



3 
^3 

Qy 



3 






»?r 



o 

Qy 

s 



Oy 

'00 



O 



X 



Ö 
Qy 

t^ 

CO 

O 
Qy 



'3 



'3 

Qy 



X 

"P 

o 

> 
p 

iL 



«3 



Qy 
X 






o 






Qy 

"S 



O 
>- 

o 

Qy 



o 

"S 
Qy Ä 



iP 

O 
Qy 
3 



(P 

o 






Ö 
Qy 



O 
Qy 

^3 

Q 



?- 
^!=- 






"-p 



o 



o 



Ö 'O 



X 

'?r 



"P 
o 

Qy 

Ö 
O 
Q/ 
(^ 

'ö 

X 



o 
o 

CO 
^Q 






o 



Qy 



c »3 



o 

Q/ 



'O 
Qy 



X 



'O 
Qy 



■^e CO X 



o 



o 






264 



H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 



3 



Q/ 

?- 

(JÜ 

O 

1^ 






Ä 



O 



K 


o 


rW 






y^ 


t_r 


"Ö 


i^ 


?» 


H 


rg 



K - P 



p 



?i 

O 

Ö 

Ö 

«p 

o 



az 



JJLT 

W 

CO 
Ö 
> 



<o -P 



Q/ 
Ö 



3 

Oj 






iP 

o 



!2 '3 



^ *;=* Q/ 









o 



"P 



«P 

o 



?r C/ 

Q/ "Ö 
Q/ 

3 :^ 



ö 

Oj 

3 



b 
w 
?^ 

K <0 

C 

^" ^ 

C 

„9' w 



-w S." 
i^ CO 



''P 



w D 2 



S O 



.1: .1 



?^ ^ 



l:::! 'S S 



"P 



o 

GCL 



S Oy ^ 






9- 



s 

^p 

Ö 
Qy 



Ö • 

oO • 



o 
"P w 



'S 






ip 

o 



Ö 

iL 

Ö 



p 
o 

Q/ 



Qy 



C 
> 

:± 

Q/ 

H ^ 

Ö W 

S O 

Qj 

P K 



-^ f — 
Ö 
O 

•3 

Q/ 



"P 

9- u^ 






"S 

'S 






e 

Q/ 

ö 



Qy 

<o 

(lud 



O 
Qy 



O w 
t^ P 



Qy 






S 



p 



o 

O/ 

3 

cO 



:± 
-P 
o 
O) 

3 
o 

Qy 
K 



Qy 



> 

'P .2 






IP 

O 






o 
> 
w 
:± 
^p 
g 

o 



Qy 



f- 

Qy 
?- 

O 
Qy 



Qy 

"P 

Lü 



Z 

u 

< 

Lü 



o 

Q/ 
Qy 

ip 

o 



rl" o 

^ t i:i 

^s >- G 

O LU 

'ä X o. 

?: Q. L. 

< - 

3 ^ 



rH, '3 



O 
< 

o 



«3 :^- 



o 

CO • 



o 









DIE AKHEITKN ZC PEKCiAMON 1904-1905 265 

b c) Zwei an einander passende kleinere Bruchstücke der- 
selben Säule, davon b) gefunden 1905 im Mittelsaal des Gym- 
nasions der veoi. H. 0,235, Br. 0,21, T. 0,095. B.H. 0,007-0,008, 
in Z. 10 nur 0,005, Z.H. 0,011-0,013. Phot. 1101. c) 1905 von 
einem Griechen im Schutt des Gymnasions gefunden, r. an 
b anpassend. H. 0,16, Br. 0,095, T. 0,085. Die beiden Stücke 
zusammen auf Phot. 1 1 02. 

EZGEIZL 

TCÜV Tl^WÖV . 

TH2 Tai 8e x)]\' äv 

IE TE 18 1(0 V aiiTO 

.5! AN 5 u}Jmv ovYyEV(i)[v 
-1 P H N Y ü) A' av 8 ox i [.id^T] O J 

EYON Ttov vTco xov JtarQOi; «[iitoi» I' aY"""!! 

'ftN fu^tli 8e8öx{)ai Tf]L (3o[i)?ifJL xai twi 8i][(a)i 
NE ötti Ttt 8id ToD \pii(pia(i,a[T05 

N 1 'AjtoAXoDvi 

EiaayYeiXdvTCüv tcov axQax[)]y(hv Eiq xr\v ßoi^fiv xai tov Sfjj^iov jteqi xov 
AiöScoQov "HqcoiSov ndojtaQ[ov 
dpx'n^ d|ia)5 xfjq te JtoXewg xa[i 

ta 8s xai xov jieqI t6 Yi'!^iv[d]aiov x6a[[xoi' eii- 

15 egyixac, Ti^fj? toa' jtdvT[a] 7ioiov^ievo[v 

ex xov Ibiov xai td xatd T[o]i)g dycövag [ cpiÄo- 

86|cog E[,irpaA'i^8iv jtEQi TOiJ [x]a»)i8Qi'[,iEV0D [äyd^iaxoc, 
xai <I>dETaiQon xov eueqyetoi) xai xov AT 
'Axxdkov xov Od]o|i,r]TOQo[g] ßaodeax; xare 
20 ejjtiöe^ajtslav jt 

jcQÖjg Toix; yeyo\'[6xa(; EUEQyEtai; 
ETTiv jrdoav e 

Tl^lia EV"" 

Ti 



266 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

d) Kleines Bruchstück einer Säule aus w. Marmor, offen- 
bar zu a-c gehörig, obere Seite erhalten, sonst rings gebro- 
chen, gefunden 1904 im Gymnasion. H. 0,041, Br. 0,055, T. 
0,018. B.H. 0,007, Z.H. 0,011. 

L'AAN,- 
lEQea Toü Aio]? xov [l^yi[oxov 
x]ai tÖa' ßo)[[iöv? 
''jt;8Qi(?) 

Auf dieser Säule sind eine Reihe von Volksbeschlüssen 
zu Ehren des AiööcoQog "Hqcoiöod nda:a;a90(; eingenieisselt, den 
wir oben in Nr. 4 kennen gelernt haben. Während dort seine 
politischen Verdienste gefeiert wurden, handelt es sich hier 
um seine Tätigkeit als Gymnasiarch bald nach der Gcsandt- 
schaftsreise. 

a) Als er das Amt des Gymnasiarchen annahm, war das 
Gymnasion der veoi, in dem ja auch die Inschrift gefunden 
wurde, in sehr üblem Zustand : Z. 1 3 xaTeq)9aQ[^ie[vov . . . xai . . . ] 
Ygyüvo!; a"/giio[TO\'. Das alte Gymnasion mit seiner dorischen 
Trachytarchitektur haben uns die Ausgrabungen in seinen 
Resten kennen gelehrt; aber wohl erst nach Abschluss der 
Freilegung des ganzen Gymnasions wird man es wagen dür- 
fen, die im folgenden genannten Teile genauer zu bestimmen 
und mit den Resten der alten Anlage zu identificieren. Dio- 
dor stellte zunächst den jteQLJtaxoc; her, d. h. doch wohl die die 
aiiK] umgebende Säulenhalle (vgl. I. v. P. 333 A dyoQavö[j.iov 
jreQLJtatov; Hirschfeld, Zs. f. österr. Gymn. XXXHI 1882,501; 
Vitruv sagt de archit. V, 1 1 vom griechischen Gymnasion: in 
palaestris peristyla quadrata sive oblonga ita sunt facienda, 
uti duorum stadiorum habeant ambulationis circumitionem). 

Z. 19f. : Das bestehende xüviotitqiov, das Gemach zum 
Bestäuben des Körpers nach der Salbung, war in unwürdigem 
Zustand, Diodor richtet daher ein anderes auf eigene Kosten 
ein und legte davor eine marmorne Exedra an : das ist hier 
nicht etwa eine Bank wie die beiden "Exedren' vom Traia- 
neum, sondern ein mit vSäulen sich nach der Porticus des 
Gymnasions öffnender Raum mit Sitzen, s. Vitruv a. a. O- 



1)11': AKm':iTi':x zr piiRCiAMON 1<MM-19()5 267 

und Fougeres s. v. (i\niiiase l)ei Darenil)erg-Saglio II 2, 16H7 ff. 
Die marmornen 'l">xedren'' auf der Ostseite des Oymnasions 
haben eine viel bessere Architektur als die vS.äulenhallen und 
die ' Kaiserexedra ' aus der traianischen und nachtraiani- 
schen Zeit; es ist zu prüfen, ob sie aus der Zeit unserer In- 
schrift stammen können. Ms scheint, dass das xüvi0ti')Qioa' Dio- 
dors von der neuen Kxedra aus zugäng'lich war; danach 
müssten hier aus einem 01x05 zwei Räume durch Errichten 
einer Zwischenwand hergestellt sein; ich würde es jedoch 
nicht für unmöglich halten, dass hier die Ausdrucksweise 
nicht ganz präcis sei, und es sich doch nur um einen Raum 
handle, der sich aber nach vorn mit vSäulen nach dem Peri- 
styl öffnete. 

Z. 21 f.: Neben dieser Exedra legte er ein ?io]vtq6v an, 
ebenfalls aus Marmor. Die Ergänzung halte ich für ziemlich 
sicher, wiewohl vx nur schlecht erkennbar sind. Auch bei 
Vitruv a. a. O. befindet sich a conisterio in versura porticus 
frigida lavatio, quam Graeci A.ovtq6v vocitant. Man beachte, 
wie sehr betont wird, dass die Exedra und der Waschraum 
aus Marmor erbaut werden, natürlich weil noch der ganze 
übrige Bau aus Trachyt bestand. 

Z. 22.: aKoyQixy^avxa lese ich, kann es jedoch nicht verste- 
hen; yg sind nicht ganz sicher, vielleicht findet ein anderer 
das richtige Wort. — Z. 23: e^aocpakiod^isvov vgl. I. v. P. 333 A 
fio(paXioaTo. Gerade bei einem ^odtqov war eine Verkleidung 
der Wände mit Holz wohl angebracht. 

Zu Z. 27 vgl. Polyb. VI 54,2: yvooQifiOi; Öe xolc, jroUoig xai 
Kugabooiiioc, xolc, ejti,YiYvoi^ie\'oic i\ xwv 8{)eQyeti]oaAao)v ttiv jtaxQibu 
yiverai 86|a. 

Z. 35.: Die Buchstaben sind zwar sehr undeutlich, doch 
scheint mir die Lesung oxiaxoij cüQoAofyiJoi» gesichert. Ge- 
meint ist: es soll ihm zu Ehren der, wenn man von der 
Sonnenuhr aus kommend in die Säulenhalle eintritt, erste 
01x05 in eine Exedra umgebaut werden. Gewöhnlich heisst die 
Sonnenuhr oKia\)r\Quq oder axioOiiQixov «Qo^ioyiov im Grcgensatz 
zu dem u8Qai)A,ixöv. Den Standort der Sonnenuhr kennen wir 
leider bis jetzt noch nicht, daher können wir auch noch nicht 
den Raum bestimmen, der hier gemeint ist. Wegen des 



268 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

Fundorts der vSäule möchte ich g-erne glauben, dass es der 
südlichste erhaltene Raum auf der Ostseite des Gymnasions 
(Taf. XVIII, B) sei, in dem wir vielleicht noch einen Umbau 
aus der hellenistischen Periode erkennen können. Im Boden 
sind hinten Gebälkstücke einer Trachytarchitektur verbaut, 
die Marmor-Architektur der Vorderseite ist eingefügt ; erhal- 
ten ist ein feines Pilasterkapitell mit guirlandentragenden 
Eroten, sowie ionische Basis und Kapitell einer Säule (s. 
jetzt oben S. 197 f.). Doch ist dies nur eine Vermutung, die 
sich vorderhand nicht beweisen lässt. Man könnte sogar den 
Fundort des Fragments b der vSäule dagegen geltend machen. 
Z. 36: 01X01 heissen in den Gymnasien die einzelnen, an 
die Säulenhalle sich anschliessenden Räume (s. Fougeres, 
a.a.O. 1692), sie werden gelegentlich auch nach der Aufein- 
anderfolge mit Ordinalzahlen bezeichnet, so in Milet, CIG. 
2881: yiooiirioaq xbv xqXxov oixov xov Oai)OTiv8io\) yv\ivaoiov; 
vgl. auch OGI. 339, 33 : xaTeaxevaaev be xov le ?tOVTgü)va xal tov 
8[cpe]|f)(; oIxov. Die Vorderwand des Raumes soll herausge- 
brochen und durch marmorne Säulen und Pfeiler ersetzt wer- 
den.— Z. 38: Vgl. AM. XXVII 1902,93 Nr. 83 : xä III Sict- 
oxvXa ovv TW JI8QL ai^td x6a|^ico. Über die Bedeutung von ei){)^ijv- 
TiiQia hat zuletzt Lattermann, Klio VI 1906,155 gehandelt. 
Das nächste Wort lese ich djroyQaq)eiar)(;, vgl. oben in Z. 22 
äjtoyQd\\)avxa. Ich vermag aber auch hier nicht den Sinn 
zu ermitteln. — Z. 39: Vgl. Col. II 65: xcxTaax8naG{)Eio[iii;] e^eÖQag 
[xaQfxaQivi^g xal Iv aurfii yevof^ievov i3(OQax8iov 6[(oi(0(; }xaQ[[ia]Qi- 
vov. Die Lesung ev auTwi, ist hier sicher, es muss also im 
Anfang der Zeile noch ein männliches oder sächliches Sub- 
stantiv gestanden haben. Diese wie die nächste Zeile sind 
besonders schlecht lesbar infolge der Beschädigungen und 
Verwitterung des Steins. Durch das {)(0Qax8LOv sollte wohl der 
Bezirk für das dyaXiia umgrenzt werden. — Z. 40/41: Vielleicht 
8ia[YQCxcpfi5, vgl. Col. II 72. — Z. 41: ev fji schliesst sich an e^eöpav 
in Z. 35 an, dazwischen nur absolute Genetive. — Z. 42 ff. : 
Vgl. Col. II 62 ff. Auch hier hat dYa?4ia wieder die Bedeutung 
des Kultbilds. — Z. 44 : Die Götter der Palaestra sind Hermes 
und Herakles, vgl. z. B. OGI. 339, 62 f. twi t8 'Eq|18i xal tcoi 
'HQax?i[eT] TOig xa{)i8QV[X8vois ev tcöl yv\ivaoi(ßi lö^eoli;; I. v. P. 323; 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-190.5 269 

AM. XXIV 1899, 168 Nr. 7 (jetzt im Garten des Konak)5 
XXIX 1904,167 Nr. 8. — Z. 49: Über die JiQeoßvieQoi OGI. 764 
n. 3; Cliapot, La prov. romaine procons. d'Asie 216 ff. — Z. 50: 
Ist die Ergänzung EvveafxcxieixooToIg richtig, so fällt unsere 
Inschrift ins Jahr 127/6. Denn die erste Feier der trieteri- 
schen Nikei^horien fand 183 statt, so Fränkel zu I. v. P. 167! 
OGI. 299 n. 2 (gegen Stähelin, Gesch. der Galater 90 Anni.) 
und Cardinali, II regno di Pergamo 1 1 2. Leider ist der Zu- 
satz dx^eiöiv 08 jTQüJTOii; . . . unvollständig; vielleicht folgte 
ein Wort wie looTiv^ioic,. 

Col. IL 

Z. 1 sehr schecht erhalten, am Schluss etwa ev)(^Qr\oxov 
eavxb]v jiaQexö[(.i8V0(;. 

Z. 3 : latov s. Schweizer, Gramm. S. 9 1 . 

Z. 5 erwartet man im Anfang etwa eig tÖ toD öi'ij^iov xal 
xov TTJg jtaTQiöo? kbdcpovq ov\icpiQov, die vorhandenen Reste ver- 
mag ich nicht zu ergänzen. — Z. 6: lmxevy[iaoiv vgl. I. v. P. 246, 
57; OGI. 327, 6. — Z. 8: o in gvajroöixvij^iEvoq ist ganz sicher, 
man erwartet den Accusativ; der Nominativ ist statt dessen 
eingetreten unter dem Einfluss des folgenden Nebensatzes. 
Z. 9/10: xaTa)i[xovo|.i]rioaTO vgl. OGI. 339, 23. — Z. 11: Nach sei- 
ner erfolgreichen Gesandtschaftsreise nach Rom, s. oben 
Nr. 4. — Z. 15: 8JcitQ]ojtfjg muss bedeuten : Diodor war der ejii- 
TQOijto;, der Vormund oder Geschäftsführer der Pergamener bei 
den fiYoii|.i8voi, d. h. den Römern (s. Fränkel zu I. v. P. 536, 7 
und unten Z. 27). fiyriöaTO ist das Praedicat zu 6 bf[[iog in Z. 6. 
Z. 15/16: ?.8i[q)8]f]vai nach einer Ergänzung A. Wilhelms, die 
eine Nachj^rüfung am Stein bestätigte. Yei'V(ooxcL)v=YiYvcüoxcov, 
vgl. Nachmanson, Laute u. Formen d. magn. Inschr. 108; zur 
Orthographie s. unten Z. 25 ysivoivxai und I. v. P. 268, 22 naga- 
Y8ivea{>(oaav. — Z. 1 7 ff. bezieht sich zunächst offenbar auf den 
Volksbeschluss oben Nr. 4, worin ein Tempel und ein ot'YaÄf^ia 
mit göttergleichen Ehren ihm beschlossen werden; aber auch 
der Beschluss in Col. I gehört dahin, denn die l^eöpa mit dem 
a'YciAfxa des Diodor im Gymnasion ist im Grunde auch ein 
Tempel; ebenso I. v. P. 256. — Z. 20 ist ein weiteres Zeugnis für 



270 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

den Kult der svegyercu. — Z. 23: Über die Assimilation von aus- 
lautendem V an den folgenden Consonanten s. Schweizer, 
Gramm. 1 35 f. Über die lEQoxi^Qvxe? s. vStengel, Kultusaltertü- 
mer ^ 46. Öfter wird in Inschriften erwähnt, dass sie Gebete 
verrichten sollen für das Wohl des Staats, z. B. Syll. - 1 04, 6 
und 105, 6 aus Athen, 552, 45 und 553, 22 ff. aus Magnesia am 
Mäander. Aus der letztgenannten Inschrift sei die betr. Stelle 
hier angeführt: am Feste des Zeus vSosipolis h' tööi uvaÖEi- 
Hvuodai Tov raiJQOA' xatei'xeöOoa 6 lepoxfigi)! |.i8T() toö lepeco xai 
tf]? igQEiai; xai .... vjieq x^ (ion)]Qiac, xf\c, le jroÄefüg xal Tf[c, xtoQ«S 
xal x(x)[i :n:oA,iTü)v xai Yu\'aixä)\' xai TEXvtov xai tööv äXkoiv tcöv xatoi- 
xouvTODv 8V re tfji koKei xal tfji io)Q(a vkeq xe EiQryvT)? xal nXovxov 
xtti oiTOTj q)ogäg xal xdov äXXcov ■ko.qjimx jTav(T)(ov xal x(hv ■iix^v^hv. 
Ähnlich wird das Staatsgebet auch in Perganion gelautet ha- 
ben ; in der Königszeit betete man noch für die ocoriiQia des 
Königs, an seine Stelle war dann Mdvioq 'AxuAAioq (s. oben 
Nr. 4 zu Z. 39) getreten, nun wird auch noch das Gebet für 
Diodor eingefügt. Das Prytaneion, der religiöse Mittelpunkt 
des Staats mit dem Gemeindeherde, 'war die Stätte solcher 
Gemeindeopfer, deren Besorgung nicht bestinniiten Priestern, 
sondern den höchsten Staatsbehörden, welche dabei die Ge- 
meinde repräsentierten, zugewiesen war^ ( Preller- Robert, 
Griech. Mythol. I 425). Ausser bei diesen offenbar öfter im 
Jahr, vielleicht sogar täglich stattfindenden Kultushandlun- 
gen wird auch bei den grossen staatlichen P'esten Diodors 
in dem Gebete gedacht, otav ai G:n[ov8oJioiiai yEivcovTai ev tw 
deocTQCOi. Das Wort ojiovöojioua kommt hier und in Z. 29 zum 
ersten Mal vor, so weit ich sehe, gebildet wie z. B. lEQOJtoiia. 
Das Verbum ojtov8ojtoi£io9ai ist dagegen schon öfter belegt 
(z. B. I(i. VII 303,10: Tip' (pidAijv xi]v XQ^'*'^!^'» fl (JÄOA'öojtoiEiTai 
6 lEQEvg). Gemeint sind natürlich die Trankopfer, die das 
Gebet begleiteten und wahrscheinlich zu Beginn der Feste 
dargebracht wurden, wie wir hier sehen, im Theater. — Über 
Z. 26 ff. ist schon oben zu Nr. 4, Z. 34/35 gesprochen worden. 
Was Diodor in Rom von den fiyov^iEvoi für Pergamon er- 
reicht hat, muss doch ausserordentlich gewesen sein; es wird 
hier mit dem verglichen, was man von den Göttern für den 
Staat erfleht. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 271 

Z. 38: Vgl. OGI. 752: tov FveQYfti^l^' ^^"'^ xi|8e.fiüvrx tou Si'iftoi!. 
Über den Begriff der loöOeoi Tifuxi s. Wendland, Zeitschr. f. 
neutest.Wiss. V 339 und dessen Litteratnrangaben 340 Anm. 4. 
Die richtige Lesung der Z. 39 ist mir erst gelungen, nachdem 
A. Wilhelm auf Grund meiner ersten unvollkommenen Ab- 
schrift mir y.o[ut,6[iEvoq xaTcx^ia? d^ioißdi; zu schreiben vorge- 
schlagen hatte. Die Inschrift ist etwa von hier ab überhaupt 
stark verwittert, sodass ihre Lesung sehr grosse Mühe machte. 
In Z. 41 nmss in xal (8i)griA'ii eine Haplographie, bedingt durch 
das i in beiden Worten, vorliegen. 

Die Z. 43 ist in viel kleineren Buchstaben (B.H. etwa 
0,005) geschrieben und eingerückt; vgl. Fragment bc, Z. 10. 
Sie enthielt offenbar die subscrij)tio dieses Beschlus.ses. Es 
ist mir nicht gelungen, sie zu entziffern. 

Z. 44 beginnt eine neue Urkunde. Zu dem Anfang vgl. 
I.v.P. 260 (Cardinalis Einwand, Regno di Pergamo 258, Anm.1, 
gegen Fränkels Ergänzung wird durch unsere Inschrift ent- 
kräftet). — Z. 50 iiQoaE7iEvh]x6Toq: über diese Schreibung des 
Augments s. Schweizer, Gramm. 92, 1; OGI. 497 n. 8.— Z. 54: 
UQydq, das ich zu lesen glaube, kann nicht richtig sein, für 
idQixaq oder df^icißctg reicht nicht der Platz. Es liegt vielleicht 
ein Schreibfehler vor. — Z. 55 : |i6vov ovx = beinahe. — Z. 58 : 
bC aiwvoi; auf Grund einer Vermutung A. Wilhelms auf dem 
Steine gelesen. — Z. 60: Über dx^iTp' .s. OGI. 201 n. 20; zu 6[io]i- 
xov|.i8voi(; vgl. Syll. '^ 225, 15: ejtaiveaai tovc, oxgax^yovq . . . ejrl 
Toig öicüixTifievoic; xatd ttjv äQyj\v. — Z. 61: Vgl. Col. I, Z.13 ff. Die 
ihm in dem vorigen Decret zugedachte Ehrung durch eine 
Exedra mit seinem dYaA,!ia im Gymnasion nahm Diodor an, 
aber er übernahm selbst die Kosten der Herstellung. Diese 
Grossmut reicher Wohltäter findet sich häufig in den In- 
schriften, z. B. Michel, Recueil Nr. 544. — Z. 73: Zu 8[jiavev]- 
eyxEiv vgl. Syll. ■' 150, 7; Andoc. III, 33. Jedoch ist die Lesung 
hier am unteren Ende des Steins sehr unsicher. 

Fragmente bc. Z. 7 : Auch sein Vater hatte grosse Ver- 
dienste, wie aus I.v. P. 256 hervorgeht. — Zu Z.1 vgl. oben Z. 43. 
Z. 1 2 f. etwa : Aioöcoqov 'Hq(oi8od ndöJtaQ[ov xbv yviivaoiaQyov, uq- 

'^avta [ikv xi\v 
äQ'/y]v d|io)? TTJ^te JtöXecoi; xa[l xr]c, tcöv jtQoyövcov algeoeoic, nQovor\oav- 



272 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

xa 88 xai lou negl x6 yv[iv[d]aiov xöo[^oi) xai ifjg ts 
JiQoq xovg deovc, xai xovg ev- 
egyetag Tifxfji; .... 

Vgl. AM. XXIX 1904,152 (OGI. 764), Z. 52; auch zum folgen- 
den ist diese Inschrift heranzuziehen (Z. 20, 39, 48). 

Mit Fragment d ist leider nicht viel anzufangen. In Z.1 ist 
man versucht zu ergänzen EiaaYY]ei^civT[(JOv xmv axQax)]y(Äv xtA. 

9. Bruchstück einer vStele weissen Marmors, rings gebro- 
chen, nur ein kleines Stück der Rückseite erhalten. Gefun- 
den 1904 im Gymnasion der veoi. H. 0,134, Br. 0,147, T. 0,102. 
B.H. 0,006, Z.H. 0,01. Schrift ähnl. der von I. v. P. 256. 

xdg TE SiaÖQOjxdg xal] xovq 8id tööv öjtXcav äy(b[vac, 

TTj] xe exTTi djiiövTog xov "AljioXkfßviov }iT]v6g? 
TCü x]ai)i8Qv^eva)i ai^toO dYdX[^iaTi 
tag X]a\iKdbac, xcu roug 8id x[mv ojtXcov dywvag 
5 TT) 888oY[AevTi(?)] ttoi jtcxTQi Ti[u"ii fleig xal t6 d'[A£ifi|ia 

iv Tolg jovixou gjtivixioig :jiaQao[xY\auc, 9iiGiag wg xa^iÄiarag (?) 

aTio|X8vou mixeKioag l. 
8iE\'£i^i£veigEJta{)X]a rate djto tfig T)i)oiag xa[i 
o ofiOLCog £x xov l8lOV TfO 

10 aTl]0[i,EV0\J £jr£T£A,£a£V AH 

£]7ta\)A.a TOTE 
xfjjg jioAECog 

Das Stück gehört offenbar zu einem Ehrendecret für 
einen Gymnasiarchen. 

Zu Z. 1 vgl. die Inschr. AM. XXIX 1904, 152 (OGI. 764), 
Z. 24 u. ö. ; man könnte auch vermuten nach Z. 4 xdg \a\md^ac, 
xal] Tovg . . . — Z. 3 : Vgl. die citierte Inschrift Z. 33 : rö) xaOiEQCo- 
|j,£va)i avroij ayd^^i-taTi. — In Z. 6 möchte man gern an eine Feier 
der Besiegung des Aristonikos im Jahre 130 denken; es kann 
.sich aber auch um einen agonistischen Sieg handeln. — Zu Z. 7 
und 10 vgl. dieselbe Inschrift Z. 38: -tio|,i£vov, Z. 41: -TiofiEvor. 
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch diese Inschrift ein 
»Stück eines Dccrets zu Ehren Diodors ist. 



DIK Akr.i':iTKN zu PiCRCiAMON 1904-1905 273 

10. I.V. P. 252: 'vStele aus wei.ssem Marmor, im Garten 
des Charpatlü am rechten Selinnsufer unterhalb der heutigen 
Stadt als Wasserausfluss in der Ummauerung einer grossen 
Cisterne verbaut. Oben unvollständig; in die Mitte der Vor- 
derseite eine tiefe Wasserrinne mit grossem rundem Ausfluss- 
loch eingemeisselt. Das Gesims, das den Fuss der Stele um- 
gab, vorn und auf der linken Schmalseite weggebrochen. Höhe 
1,09; Dicke 0,20; Breite oben 0,49, unten 0,515. Ziemlich sorg- 
fältige Schrift; B.H. 0,009". Abgebildet Bd. IIS. 182. Die Stele 
war mit der Inschrift nach oben in dem runden mittelalter- 
lichen Eckturm südwestlicli der Gymnasien verbaut gewesen, 
etwa 1 m unterhalb von I. v. P. 457. 1905 fanden unsere Arbei- 
ter beim Untermauern des Turmes hier die Reste des Mörtel- 
abdrucks der Inschrift. Zum Glück ist gerade der Teil, der an 
der Stele selbst heute fehlt, in diesem Negativ ziemlich gut 
erhalten, sodass jetzt der Text nahezu vollständig wird. Die 
Lesung und die Herstellung von Abklatschen war sehr schwie- 
rig, da an ein Herausnehmen der sehr brüchigen Mörtelpartie 
nicht zu denken war. Im Folgenden sind die in dem Mörtel- 
abdruck deutlich erkennbaren Buchstaben cursiv gedruckt, 
Punkte unter den Buchstaben sollen andeuten, dass man noch 
Spuren derselben wahrnehmen kann. Die Stele selbst habe ich 
leider nicht mehr nachprüfen können. (Text s. auf S. 274-276). 

Es ist interessant zu sehen, eine wie viel individuellere 
Färbung der Text besonders im ersten Teile nun bekom- 
men hat. 

Z. 7 : Die JtQsaßiJTeQoi sind die Mitglieder der yEQovoia. 
Vgl. Dittenberger, OGI. 764 p. 510 n, 3 ; Chapot, La province 
romaine proconsulaire d'Asie 216 f.; oben Nr. 8 Col. I, Z. 49. 

Z. 9 ergänzt von A. Wilhelm, Arch.-epigr. Mitt. XX 1 897, 58. 

Z. 1 : Einen ^iodtqcov im Gymnasion kennen wir auch aus 
anderen Inschriften, z. B. OGI. 339, 33. Zu h^voi vgl. Rev. des 
et. gr. XIV 1901, 297 Inschrift aus Erythrae: 'Yv\ivaomQir\Ga- 
oav xai okEii^aoav ex )a\v(x)v . . . ; BCH. IV 1880, 423 ^a^i^apivi] 
h]v6g. Wie diese h]voi aussahen, zeigen die vorzüglich erhal- 
tenen Marmorwannen im Waschraum des unteren Gymna- 
sions.von Priene, s. Wiegand-Schrader, Priene 269 ff. — Z. 11: 
XOQT]Yfi[TaL ergänzt A. Wilhelm a. a. O. — Z. 12: Ein acpcxiQi- 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 18 



274 H. HEPDING. II, DIE INSCHRIFTEN 



5, 



sr- 



_j =§ "S- ^ „^ Q. I 'o - ;:f 'S "CO ^ o ö 

— - ■- S O O' S ö o --. •- 5^ ^ to 



2: c§.- -^ ? 



^ S' ^ ^ > ^ '^ ^ iS -2 S o, J<' ""^ ö <=• 5 

O Z __ g — .^ ^^ ^ '3 J 5 2 „if ^2. 5 .i^ ^ 2 



^ ->«^rw — > a ö 



J H „?^ - -W - ?. ^ 



1- 


5, 




"CS 








H 


?». 


Ö 


C5 


»o 


o 




> 


;:» 


o 


^3 


^ö 


hi 


o 





i ^S S > ^ ^ 2. -f '3 ^ .3 ^ *« ^ 

^ i ^ o 1 :o r - : I i g ^ "— i 

^ ^s '. I .g I i ,>^ ^5 I ä. ,| I ,| , 

— -^ w '3 S s ö -p g 



i'^'S'^'TT'J.'^ S S.?. 



s 



Q/ ,w > 






«so 



DIE ARlU-:iTKN ZU PKKCiAMON 1^04-1905 275 



> 




•s 




CO, 












s. 




o 






,o" 


r>^ 


K 




o 


«c 


o 


hi 


^s- 


»'S 




*3 


"ug 


Ki 






;^ 


^ 


'ST- 


c 


^ 




o 


^ 


Q; 



öS • JIL 6 

1. s. ic- c ^i^ .;, :^ o ö 

1 '§ ^ ^ ^ s: - J '3 1^ ^> 



vS- ? 'S '^ ^ o ?^ ts Qj ^ 'g ?- '^ 2 

cv — nö tü jr B ö ?* vS -^ O O — r' 
>.. . u-, -^ rt< -^ j^ o • "^ rr, s; c 



^ o X 5 vS ,|- c S. => ,. "ö '° !; )S "?=■ 



1 1 1 -" 1 .1 1 -g -^ r '^ ° -■? .1 '" II; 
r -1 ^ ri t : s r 1 1'^ I I I i & 
s ri ' : I I i 1 I ? w. i i I. ^ 



»3 M w • 






,§- .^^ - '5 






^ g S' I .5 - 'S ^ '^ i ? ^1 ^ X t " 1 

"■'■ g 1 i .6 ^ J I I s ^ -" # I ^ i- ^ 

S -3 I - - -' 1 " 'S ' .£ 'S 1 " = = " 

^ ^i § i I '? 'g I ^ ^"^ - ^ ^ g '^ 'o 2 

o 1 1 1 1 ?- r ^ '"^ s s i i^ I & " t 

"3 ;:^ rt S ^ o jS '5 r^ > >^ t^ ^P -p t=; »S 






276 



H. HEPDING. IL DIE INSCHRIFTEN 









o ?i ^ 'g- H =P "^ ^ 'i ^s:- ^g Q/ t^ • „ 

?* ■ 1^ « ^ O rW w *— Ki i. K "J^ 

,0 -^ Q/- w hT O OO ,- S !:£ S v^ 



Ö 



X ■ Si ^ :s ,^ ^g "o s ^ . o • .ä . ^ ö 

=§ .3 ^1 ^s- o§. g' ,. u, :i ^ ■ ^ 1 "2 j, g ..^ 

1 "§ > • '^^ I g' ^ S • § § ^^ t 'I ^5 »^ ^ I 

^ '^ • ^ 1 I J 's ^ ? ^ 2 4-,!:-^ S 11 



Ö 


»c 




?; • 




P 


;^ 




SU 


'S:- 


o 


KJ 




Ö 


CO 


-CO 


h' 


Oi 


"^S 


c 


'C 




X 



i I s I ^ f I £ 1- ' i ■ - ■" S . f 

^§' i V -^ I 'ö^ 1 'S ■• i 4 ^ I ^ § IS J- ^ 

.-. « ^- .-^ 's .R g/ g j:^ o. '3 ^ ^ 






s E ^ ^ cS' K .g ^, H .£- t^ g „t^^ o 



. _ Q. 3 ^ 3 ^ ' -^ 'p 'S ^ ,, ^2 

1 t s - 'B I " I ffi ^ ^ '-^ 3 I : « 



o_ ''S ,q S B "^ o :iS .S -0. .o g 'X .• y^ 



Ä 'i s 'I 'i J ^ S. -^ . "^ ?^ ^ .. S .2 



^« ^ ° ^ 5 ^;? .. 3 1 'S 9 S S. P ^^ ^ 

> 






o 
CO w >'rj o'P"'i ^ '-'^ 






t^ (-.</0'"jü H ?e X f^ s 



o >o 



zL 


<_r 


"Ö 


'O 


G 


Q/ 


?=■ 


K 


?- 




^ 


Ui 


C^ 


P 




o 




^w 


o 


i 


M 


o 


s 


D 


?; 


rW 




O 




lO 



DIE ARin<:iTEN ZU PERGAMON 1904-1905 277 

oTi]Qiov kennen wir /. B. auch im (rymnasion von Delphi, s. 
Homolle, BCH. XXIII 1899, 568. Die ^.ouTrioe? müssen den 
Äi]voL sehr ähnliche Geräte sein ; sie werden beide für Ol und 
Wasser benutzt. Über die ÄODTfJQe? vgl. Dittenbergcr zu OGI. 
479, n. 11. Die vSchwämme musste der Gymnasiarch offenbar 
auch stellen. 

Z. 14: Wenn meine Ergänzung richtig ist (vgl. ifxatiocpv- 
Xaxecü, i[,iaTiocpvAdxiov, i[,iaTL0cpi3A.a|), so hat Metrodoros als Gym- 
nasiarch eine Verordnung über die Aufbewahrung der Klei- 
der, vielleicht über die Anstellung eines besonderen Wäch- 
ters erlassen, die sich als praktisch erwies. Das Lob, das man 
dieser Einrichtung spendete, hat er nicht prahlerisch auf sich 
gezogen. 

Z. 15 ff. inhaltlich schon richtig von A. Wilhelm a.a.O. 
ergänzt. 

Z. 19: Die '^evol (vgl. Liebenam, Städteverw. 21 7 f.; Cha- 
pot, a.a.O. 180 ff.) durften in Pergamon, wie in anderen Städ- 
ten, an den Übungen im Gynmasion und an den Agonen 
teilnehmen, vgl. OGI. 764, 18 mit n. 24. Es wird in den Ehren- 
decreten der Gymnasiarchen oft hervorgehoben, dass sie auch 
auf die ^evoi ihre Stiftungen ausdehnten. 

Z. 20: Zu vKEQayovoav vgl. Dittenberger zu OGI. 315, 51. 

Z. 21: Zu 8fpuaT8Q8iv vgl. ecpvateQiioig, sq^Dötepi^eiv ; das Ver- 
bum fehlt in den Wörterbüchern. 

Z. 23/24 ist durch den Fund auch noch nicht völlig klar 
geworden; be braucht nicht gestrichen zu werden, vgl. Mat- 
thiae, Ausf. gr. Gr. II'- 1248; Krüger zu Xenoph. Anab. 11,2. 
ovvav'E,o\iEV(ov ist mit Fränkel auf jto|,iJtü)v zu beziehen, yiv6[ie- 
vov muss mit eKior\yi(og verbunden werden. Über die enge 
Verbindung tcöv xe i^etov xai eueqyetwa' s. S. 253 f. 

Z. 29 : Über die Bedeutung der Kabirien für das perga- 
menische Gymnasien verdanken wir der von Schröder ver- 
öffentlichten Inschrift (AM. XXIX 1904, 152 ff. = OGI. 764) 
manche neue Aufschlüsse. 

Z. 35 : Eine JcaQaÖQOfxti; wird auch für das Gynmasion von 
Delphi bezeugt, s. Homolle a. a. O. 

Z. 38: An Stelle der inhaltlosen Ergänzung jrQov6j.ieio 
tritt jetzt als besonderes Vorrecht die dv8JciöTd\)|ieia, die Be- 



278 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

freiung von Einquartierungen. Das Wort kommt noch ein- 
mal in einem Rescript M. Aureis vor, s. Herwerden, Lexicon 
Graecum suppletorium p. 73. Die Einquartierungen waren 
natürlich in der ersten Zeit der Römerherrschaft, in die un- 
sere Inschrift fällt, eine fürchterliche Last für die vStädte 
(Chapot, a. a. O. 20). 

Z. 42/3: Über diese Erlaubniserteilungen für Errichtung 
von Statuen durch Vereine s. Liebenam, a.a.O. 379, A. 5 und 
A. Wilhelm, Hermes XLI 1906, 70. 

« 

11.6 Bruchstücke einer Stele aus weissem Marmor, alle 
gefunden während der Ausgrabung 1904 im Gymnasion der 
veoi. B.H. 0,007-0,009, Z.H. 0,013. Buchstabenformen wie I.v. P. 
252. a) H. 0,35, Br. 0,505, T. 0,06-0,085. L. Seite erhalten, 
sonst gebrochen, sehr abgerieben und verwittert. Phot. 903. 
b - f ) passen an einander. Phot. 902. b) R. Seite erhalten, 
sonst gebrochen. H. 0,33, Br. 0,298, T. 0,05. Das Stück passt 
nur mit der untersten Ecke r. an c an. c) R. Seite erhalten, 
sonst gebrochen. H. 0,33, Br. 0,338, T. 0,048. d) R. Seite er- 
halten, sonst gebrochen. H. 0,30, Br. 0,298, T. 0,05. e) L. Seite 
erhalten, sowie 1. unten der Einschnitt zum Einlassen in die 
Basis, sonst gebrochen. H. 0,46, Br. 0,47, T. 0,061. f) R. Seite 
erhalten, sowie r. unten der Einschnitt, schliesst an d und e 
an; von der Inschrift ist nur der untere Teil des letzten 
Buchstabens der letzten Zeile erhalten. H. 0,31, Br. 0,32. 

Die Breite der ganzen Stele beträgt unten 0,59; nach 
oben verjüngt .sie sich etwas; die Höhe von b-f ist 1,07. 
Die Stele war, wie I. v. P. 252, unten mit einem Fuss zum 
Einlassen in eine Basis versehen, hatte jedoch keine Pro- 
filierung. (Text s. auf S. 279-283). 

Eine Ehrung eines (Tvmnasiarchen Straton aus dersel- 
ben Zeit und mit ähnlichem Inhalt wie die vorige Inschrift. 
Der Geehrte war uns bisher inschriftlich noch nicht bezeugt. 
Wir kennen nur aus der Inschrift aus Sestos OGI. 339 einen 
Straton, der unter Attalos II. (TTQaTTiyoi; xf\c, Xeqqovy\oov xcu tcüv 
xattt TTiv 0Qdixi]v Tojrojv war. Dieser könnte der Vater unseres 
Straton sein. 

Fragm. a) Z. 2 ff. ist von der Einreihung von Knaben in 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 



279 



> 
3 

QCi. 



o 



o 



,0/, 



*ö 



ui «3 





'J' 


S 


J 


o 
3 


^ 


o 




3 


"■ 


Q/ 


O) 



Q/ 



•?r 



p 
3 ^ 









H 


C 


^ 


t^ 


Ul 


?• 


Ö 


c 




-o 
X 


vC~ 


o 
>- 


> 


i_fi 


^ 




w 


P 


3 


o 


-vi 






Q/ 


^ 


?"- 


^_) 


ol^ 


K 




w 


s 


"S 


<_ri 




X 








3 


U^' 


'S 


'3 


'o 


6 

o 


o 









?. >«; d 



Q/ 






P 

Ö 









c 

.o 









O 
CO 

>- 

o 






o 



'S 



s 

o 
^p 



'3 
>-■ 

Ö 
o ■ 



"S 



> az 
3 ö 






o 

Ö 
See 






'O 

"P 



"Ö 



£- ^ 



>i ■ 

> 

'3 



3 

SO 



'3 

M 

P 

s 

«CO 



^ 3 
t-" > 

^ZL ^O 



'O 

Q/ 



»3 



"S 



O 

8- 



ip 

o 

P 



(P 

o 



p 
o 

SO 





> 


Ö 


10 


jjj> 


,to. 


Q/ 


f ^ 






.'^ . 


^ ÜJ ' 


K • 


o:: • 


"P 


>«; 




"Ö 


t/> 








Ö 


»3 


J. 


s 


Q/ 
-O 


X 


> 



280 



n. HEPDINCi. II. DIE INSCHRIFTEN 



"S 









> P 






o 



o 








o 


— 


_J 


^ 


w 




rS 


<^ 


< 




<_ri 


z 


^ 


O 


• 


CC 










^ 






W 


5 






^^ 




UJ 


Ü 




O 


CO 




1- 


rtO 



G 




3 

Q/ 


1 


^ 


cfc 




'<-' 




u 


c 


s 


C- 




'^ 



< 5 



»3 

Q/ 

3 



CO 

> 









'■IT 2i *3 



M ^5^ .3 



Q/ 



u^ 


o 


'3 


?i 


Q/ 








M 


c 


C 


>; 



Q/ 
O 






iL 



?:. 5=" "p 






?r" 


> 


Cti 








P 
o 


(P 

c 


f-< 


s 


CO. 


H 


r-<^ 


60 


rW 




s 






U 


?: 




_, 


1~ 








i-< 




w 


O 




— " 


ip 


<yc 




^ 


s 


-o 


Q/ 


^^ 




D 


'CO 


CO 


5 


"w 


"P 


IP 


'S 


^ 


Ul 


o 


VJ 


»-^ 


»^ 


)^ 




?>«; 


o 


X 


«1^ 


Q/ 


OJ 


rW 









"5- 



Q/ 



< 



C 5-* 



<ico ^_, 



O 
CM 



DIE ARBEITEN ZU PEKGAMON 1904-1905 281 






'"3 



'3 

CO 


o 




Ui 


S" 


c 


>o 


ntO 


o 


'5^ 


=5 


J^-T 




> 


Qy 


M 


"w • 




3 


s 


r^ 


i 


•7 




1^ 


p 


CO 


C 


c 




c 


o 


'ö 


P 




'a» 




M 


o 
>< 






'S 


Qy 


L/-i 









o ^ K ;-^ 

>i 
lAl 



3 o 



'O 


1 


;2 






Oj 


^ 


^— ' 


':^ 


2 


K 


X 


S 


■ ^ ■ 


M 






X 


&-• 


»P 


> 


LT 


vC 


Ö 


^ 


3 


Ö 


_ 


Q/ 


o 


> 


^Ö 


'S 


5 


p 




H 


X 


reo 




. 


o 






^•^ 


.r>, 


Ö 


> 


K-' 


p 


'3 • 


X 


;Z" 


ö 




w 


>• 


^ID 




'Q/ 


o 


"Ö 


>■ 


s 




£ 




D 


o 


^r 




t/> 










>-i 


Oy 


v^ 


I;^ 




o 


X 


>- 


H 




p • 










-T^ 


3 


•"p 

o 


> 

^C5 




ry; 




o_ 





^ 5 g g 



O lo 



282 



H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 



IC" '^ 

P CO 

P 

_, o 

> ^ 




o 

1— t? I I i. JL_ -^ JT I >? —'S 

„ _ w 

^ ^55 o - K »7? sHi <j> .5 's: 

■ "^ • E" ^ 

s • „ 5 ^ ö c< H - „^5 

-^ ^ .> - ö .i ^^ . "d o 

'O - >«; ^r; '^ 'g '^ -b ^ "^ . 3 

S »?^ > . - 



^o 



IM 



, — . > P 



O >o o 

fO ro ^ 



LT 






s 


lO 


o 






to 


»S=" 


IJT" 




'3 


»3 
1 


e 


CO 




»^ 


8- 


> 


s 


*■— ' 


»J 






H 


s 


D 


^ 






s 






's 






's 


t 






»?=" 


X • 


;*< 


i"P 

o 






' U'' 






bü 


CO. 




> 


s 


Q/ 




O 


^O 


s 


^ 


i» 


X 


^?- 


S 




S • 


"w 


H- 




s 


s 


t' 


's 


>- 


X 




X 


'7< 


(0 






s 

Q/ 


CO . 


>- 

O 
Q/ 


3 




■ Cü ' 


t? 


^c 




oO 


OO 


t/i 






?* 


,^ 


»-» 


:3- 




ÄS 


.-^ 


O 








S; 


H 






Ui 


"P 




P 

o 

zL 




'P 

o 


H 


'S 




r-^ 


«j 


rw 


^O 




s 


»C- 




> 




X 


ÖP 


S 








s 


?• 


ip 




l_f> 


>- 


3 
1^ 


o 




'P 


"S 


H 




o 




^s 






^^ 


^ 


Cj 


X 






Ui 


v^ 


nCA^ 




LP 

o 


P 

o 


W 


_j 




> 

IM 


:3. 




»3 




^p 

o 


o 


s 


3 






Q/ 




^^ 




p- 


t) 


^ 


8- 




O 


s 

> 
"S 


s 






S 












,ir 


3 


«3 




> 


s 


D 




"s 

3- 


X 


i 


p 




Q/ 

"S 




Q/ 
X 



DIE ARHICITKN ZT PKKfwUION 1004-190,5 283 







';2 




3 


c 


i/w 


'q/ 




^B 


o 




D 


»>v 


X 








. o 


?i 

3 

neu 


cu 

5 
'ö 


LT 


8- 

'O 
CO 


'üj 

reo 

D 

»3 

"S* 


's 

J-" 

o 


CO 
tu 

<o 


■ 8- 

bO 
M 

ü 

3 


s 

p 
'3 


1 

O 

'5 

Ö 


a 

G 

O 

»3 


CO 

?- 
P 

c 

CO 

a 


D 

a 
a 








S 


'S 

X 

»3 


3 




O 


o 


's 
>< 

a 


»3 
«'P 


5 
s 


?- 

s 
e 

Q/ 


«3 

> 


Q/ 
^P 
>- 


C 
^co 

reo 








'5 

p 


s 


»ZT 

3 

>- 






«p 

O 


Ö 

9 
1 

'P 

o 

H 

"P 




'S 


o 

o 


s 

s. 

p 
>- 


s 

ä 

Q/ 

> 


> 




P 
cu 

a 


CO 

^3 

Qy 

X 


c 




3 


D 

O 


n.J 
CO 


"P 
Ö 


M 




o 




^w 

o" 


'P 

o 




a 








Q/ 

Ö 

D 

Ö 


'5 


Q/ 

g 


O 


"P 


s 


O 

ü 
p 
Q/ 


s 


> 

s 


3 

Q/ 


&0 

> 




o 
^p 
<o 






^a 

Qy 






S. 


s 


o 


ä 


o 


>_ 


?«; 


3 • 


"S 


V\ 




_^ 


U1 

a 




'S 


P 

o 






p 




"ö 


<~^ 




P 


p* 


?• • 




<_f> 


sr- 


Qy 




<iUj 


> 






?- 


3 


^ 




^ 


o 


ö • 


a 


J 

^a 


M 


CO 






"a 

8- 
o 






o 


>- 


p 

o 


rto 


'ö 


s 






3 


^3 

Qy 


-a 










3 


8- 

nW 


'O 


^ 


^S 


^ 




D 


Ui 


^a 

Q/ 


CO 




5 




G 








H 


^ 


"q/ 


^s^ 


_j 


i-SZ- 


v- 


^.^ 




W/1 




'5 


Qy 






Q/ 


»3 


'S 




üO 
CO 

O 


(0 

Q/ 


'3 




»p- 


W 


a 


CO 
O 




:5* 


<, 






H 








Q/ 


"Ö 


M 
"§ 


40 • 




o 


»3 




"a 


3 


CO 

O 
Q/ 








Ö 


H 


<3 


_, 


,— > 


^gr 




-< 


X 


U-J 


a 


^ 




t? 


•^ 






3 


<_0 








c 


'3 




o 


> 




a' 












"S 


M 




'ÜJ 


»3 

"P 


^-^ 


«^ 


'S 




»3 


O 


^ 


o 










Qy 


1^ 


'5 


40 


<o 


w 


"w 


'ä' 




3 


o" 


J 










?» 




s 


ö 


o 


S 


_^ 


^_a 


^a 


a 


^ 


CO 


-i- 












^w 


Lf> 


c 




^w 


?* 


%r— 


Ö 




"a 


CO 












?» 


cp 


3 


IC" 


^co 




-s 


^ 


s 


Qy 


a 




CO 


nCO 










g 


?^ 


^^ 


H 


CO 






P 




v^ 


> 














c-< 




o 




u— J 


». 


o 


»3 

D 

P 
Q/ 


rto 

'S 


> 


'C 


'a 


> 










neu 


w 

neu 


O 


s 

Q/ 
Ö 




o 


'3 

p 
s 




a 
c 

o 

> 


S 


«p 


•3 

IC" 


















O 




















O 
\0 





284 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

die Ephebenliste die Rede, die alljährlich stattfand : dazu 
passt die Datierung nach dem Prytanen, der zugleich Priester 
ist, wie in AINI. XXVII 1902, 126 Nr. 145 und I. v. P. 323, wo 
in Z. 4 f. zu ergänzen ist ol sxxQu^gvteg] ex twv naiScov E[i?|TOvg 
eqji^ßovg eK]i iiQvxdvEcoc, xai tegeo)?. Während der gewöhnliche 
Ausdruck für das i\ufnehmen der Epheben eyxQiveiv ist (M. 
Collignon, De collegiis epheborum 26 ff.), so kommt dane- 
ben auch exxQiveiv vor (so in Teos, Syll. ^ 523, 17 und in Per- 
gamon, AM. XXIX 1904, 171 Nr. 14). Daraus ergibt sich die 
Bedeutung von sxxQioiq und eY^eyeiv in unserer Inschrift. Der 
Gymnasiarch hatte bei der 8oxi|iaou/. den Vorsitz (Collignon 29). 

Z. 9: Von den [_iaf)ri[^iaTa bekommt man ein anschauliches 
Bild durch die eben genannte Inschrift aus Teos (s. a. Col- 
lignon 72 ff.). Wir erfahren daraus auch mancherlei über die 
Lehrer und ihren Gehalt. — Z. lOff. : Über die jcaiöeDtaL s. 
Dittenberger zu CGI. 764 n. 16. Straton hat offenbar zu den 
aus der Staatskasse bezahlten Lehrern noch einige weitere 
aus eigenen Mitteln angestellt, die Zahl wird wohl in Z. 1 2 
nach ä[lkovq gestanden haben. Wenn der x'lnfang von Z. 1 5 
richtig gelesen ist, so muss aysiv hier im Sinn von schätzen, 
achten stehen, vgl. evxi^cog d'ysiv, Ta:n;eivdj(; ayeLV. — Z. 21: Das 
e'Aaiov Aevxov ist wohl besonders gutes Ol. Fleisch Verteilun- 
gen schlössen sich an die Opfer an, s. z. B. Syll. - 634, 21 ff., 
OGI. 764, 53 f. 

Fragm. b-f) Z. 7: Vgl. OGI. 339, 25: ev xalc, jtoÄ.s|iLxais jteqi- 
oTccösaiv. Auf welche Ereignisse dies bezogen werden soll, ist 
schwer zu sagen. Die erste Zeit der Römerherrschaft brachte 
der Provinz Asia wenig Ruhe und Frieden. Vgl. auch Z. 24 : 
8V Tolg dvayxaiOTaTOK; xaifpolg]. 

Z. 35: Das Fest des Hermes, des Gottes des Gymnasions, 
wird auch in Nr. 12 Z. 1 6 und I. v. P. 246 erwähnt. 

Z. 41: vgl. OGI. 339, 14: 8id xr\v ev toTg jtLaTeDOf^iEvon; xafla- 
QE[6xr\xa. 

Z. 45 muss ein Raum des Gymnasions genannt sein, wie 
aus Z. 54 hervorgeht; ev xr\ iiaQabQO[iibi xov yv[i\'aaiov, wie es 
in der vorigen Inschrift heisst, würde den Raum nicht füllen, 
der erste erhaltene Buchstabenrest der Zeile kann auch nur 
zu einem x gehören.— Z. 50 ff.: Vgl. zu Nr. 1 2 Z. 42/43. 



DIE ARBEITEN ZV PERGAMON 1904-1905 285 

12. Das AM. XXIX 1904, 160 Nr. 2 veröffentlichte vStück 
passt an I. v. P. II 258, wie ein von Herrn Prof. Conze o-ütig-st 
besorgter Abklatsch bestätigte. Die Stele schloss mit einem 
0,05 hohen Profil ab. Oben rauh mit Randbeschlag nach vorn, 
Rückseite rauh, a) gefunden 1903 zwischen Altar und Thea- 
ter. H. 0,23, L. 0,23, T. am Profil 0,105, sonst 0,08. B.H. in Z. 1 
0,01-0,009, sonst 0,008, Z.H. 0,015-0,012. b) s. I. v. P. 258. 

Formen: E und zweimal C. Z. O. 17. Q und ^. 

'Ejti izQvxdv£coc, [x]al leQfejcog M[ toü — - — 

yeivo^ievi)«; ^i]irjo8ü)g viteg xy\g[ xaru t6 

:n:8|.icpdev xal dvaYV(joo\)8v 8idT[aY|J.a Tofi atQfx- 

TTiYoii eKr\yyeiXavxo e[i]c; xi\v e — 
5 'AoxA,>iJiid8i]c; 'Aqx^od vjie[Q 'AJQTe^ifiScoQov — tjti- 

8ü)0£lV TOV 'AQT8fll8[d)QOU X?iflßOV (?) 

'A^-rivdÖT]? Bicovo? 
KXeavÖQos ^ (A oder A) 
'Aoy<h]Ki 
HC 

Leider lehrt uns die Zusammensetzung nichts Neues 
über den Zweck der Stiftung. Über die Datierung AM. XXVII 
1 902, 1 26 Nr. 1 45. — Z. 3 : Das ötotTayiia ging von dem röm. Statt- 
halter aus, deshalb jrsfxtpöev. Nach seiner Verlesung stellte ein 
Stratege einen Antrag oder die Anfrage betr. die Stiftung. 
{dariy^aa\ievov oder £iiEQO)xr\auvxoc, . . . xov aTQaTT]YOV'). 

Z. 5. Über die P'amilie des Archias s. Cardinali, II regno di 
Pergamo 283 A. 7. — I.v.P. 251 fällt ungefähr in dieselbe Zeit. 

13. Bruchstück einer Platte weissen Marmors, 1. Seite glatt, 
sonst gebrochen. Gefunden im Schutt unterhalb des Expedi- 
tionshauses 1904. H. 0,115, Br. 0,09, T. 0,035. B.H. 0,009, Z.H. 
0,013, Formen C (e), O. fi. 

TOI d- 

ö^Xcov 8 



286 H. HEPDING. II. niE INSCHRIFTEN 

aav avTO 
5 iq[i.EQai T'" 
NOY7 

14. Bruchstück weissen Marmors. L. Seite erhalten, .sonst 
rings gebrochen. Gefunden 1904 im Raum f beim Hagiasma 
der 'Ayia KDOiaxi]. H. U,105, Br. 0,127, T. 0,05. B.H. 0,01, Z.H. 
0,017, Formen: ÄAO 

od|ie[vo5 

öeSö^Ocxi Tfi[i ßoi'Äfi xal to) ö))|^ia) EiraiVEom — 

Tov E{S8ri(.iov i 

pT]dfjvai fte t6 • 

■5 [.lOOlJVT] 

A O 

Z. 5 : Vielleicht e-uaxijJliioam'ri. 

15. Im Gymnasion der a-eoi wurden 1904 und 1905 eine 
Reihe kleinerer Fragmente einer weissen Marmortafel gefun- 
den, die zu I.V. P. 273 gehören. B.H. 0,008-0,009, Z.H. 0,012- 
0,013. Bei einigen Stücken sind Spuren der roten /Ausmalung 
der Buchstaben noch erkennbar. Phot. 1 096, 1 098. 

G. Plattenstärke 1. 0,054, r. 0,048, H. 0,145, Br. 0,105. 

H. vom 1. Rande, mit der Umrahmung. Plattenstärke 
0,049-0,053, H. 0,36, Br. 0,063. Das Stück war in sehr spä- 
tem Mauerwerk der Kaiserhalle verbaut. Etwas unterhalb der 
Mitte passt daran rechts an das Fragment I. v. P. 273 E, das 
1885 'in der Ruine südöstlich von dem Weg, der vom gros- 
sen Altar zum Burgthor führt', gefunden worden ist. 

I. Plattenstärke 0,05-0,047, H. 0,16, Br. 0,105. 

K passt mitten zwischen I. v. P. 273 A und D. Platten- 
stärke 0,038, H. 0,13, Br. 0,08; L: 0,057, 0,105, 0,08; M: 0,054, 
0,133, 0,065; N: 0,051-0,046, 0,147, 0,09; O: 0,044-0,041, 0,16, 
0,11; P: 0,046, 0,087, 0,06. (Die Zugehörigkeit von P ist nicht 
ganz sicher, da die Buchstaben etwas weniger tief einge- 
hauen zu sein scheinen). 



DIR ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 



287 



o 

Q/ 



C '^ 



"Ö 



) < 







C5 


u> 








w 


o 

O 


'o 






Q/ 

3 
t-> 


?- 

-w 


«3 






Q/ 




?• 






O 


w 


^ 






H 


Q/ 


ä 






f'P 


w 


>- 






<^ 


Ni 


Q/ 








i 


c 

o 




— 




'O • 


Q> 


- 


lAl 


z 


?i 


^JZ" 


o 


G 


I 


i 


ö 


LiJ 




Z 


z 


K 




G 


Q/ 





o 



Q/ 
Ö 



^ .P 'P 



Q/ 

3 

a» 

o 



^c 

p 

o 

Q/ 

a 



C - 
Q- > > 

^ O '5 

^ 'F o ^ " 
V- o 



tn '2 






-— - oO • -, 



Q/ 



«P 

o 



op i^^ 



u> 



-< 



w 



►— r 
< 

CM 

> 



3 



^ 


"Ö 




Q/ 


<_n 


X 


'O 


O 


1 




s 




Q/ 




F-i 





^ § 

'O ' — ' 

P is^- 

Q/ 



> 



^W C 



^^ »Q :± _ 



.p ,:^ ,!:j o;:; 



<^ o 

Q/ J-U> 

C. LP 



S 



Q/ 



O 

o 



_ o 
3 K 



ö 
»p 

O 



s 
o 

Q/ 

3 

M 

reo !_, 

^P 

c 









H 



H ^-; .c. > 



ip 

o 

Ä 
Q/ 
S 



Ä 
^w 

?• 



3 

£ 

CO 



Qy 



'F o 



p 
o 

Q/ 
P 



Ö 

Q/ 
CO 



i?5 



^ ^ c -^ =- — ^ 



»p 

O 






ob 



3 



«P 

O 

> 

■'s 

Q/ 






i^ Qy 



> > 

«S P 



288 



H. HEPDING. 



II. DIE INSCHRIFTEN 



> 
3 

< 












'3 

Ö 
Q/ 






o 

Oj- 



^ "^ 



u) o 



Q/ 



CO 



.§ § 

o 



»3 

S 
>- 
Q/ 



o 

W C o 



'3^ 



C5 

!^ 

p 
o 

CO. 



> 
»3 

ö 

Q/ 



O 
CO 






CO 



'O 

a 



o 



Oß 



P H 



Ö 

p 
o 

ip 

c 



«o_ 



o 

Q/ 



Ö 
D 



< 

IM 

LU 
CL 









o 

Q_ 

o ^ _ 



Oj 



'S 



P 

s- 



»?:■ 



;::!, =ö 



K _ C _ [l^ ^- >c ,i^ 



?- q ^P 



o 

Oj 



^, .X 






CO 

5 



O 



o 



LU 



'3 



LU 

z 
G 
< 



C w 






> ■ ^ 

,UJ "P 

CO , 



O 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 



289 



L. 



.EP 

• A E r 
TION 
.K Aei"^ 
' APE' 



M. 



0E 
TE 
YMN 
^EIZ. 
"TPA 
EXO. 
a N E 
"EBA 
HAT 



10 



N. 



.A 

.ETE 

n8Q]Ya|:n]vto[v 
V£ü)v eX 
Xa|.ißdv£ 
ajvayxaiov 
AoYiaTo[iJ 
TTiJi ßovXfjL x[al T« 8rj|iq)? 
Tog t6 8 

TCO 1 " 



a 



Yl 

"OL 
"O \-^ 

5 : i M_ 

TpaiJ \ N O Y I [na()^.xoD vtöe 
8T)jiaQxixfi?£t]OYZI AZ 

E iznz 

TAIKAIT 
10 AEHXA 

'M A E n 



1U 

001 . 
^0EO 
A PX' 



ATHKN. MITTEILUNGEN XXXII 



19 



290 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

Leider ist diese Tafel in so viele kleine Stücke zerschla- 
gen, und die Fragmente sind so verschleppt worden, dass man 
nicht hoffen kann, noch im Verlauf der weiteren Ausgrabung 
den grösseren Teil derselben zu finden. Die Fundumstände 
des Bruchstücks H, sowie der Inhalt der Tafel sprechen dafür, 
dass sie im Gymnasion aufgestellt war; B und E sind also 
wahrscheinlich erst in neuerer Zeit auf die Oberburg ver- 
schleppt worden. Für die Reconstruction des Inhalts war der 
Fund von H von der grössten Wichtigkeit, weil dadurch jetzt 
die Breite der Tafel gesichert ist. Aus der Bestimmung des 
Platzes von I ergab sich, dass in Z. 10-14 der Hadriansbrief 
aus I. V. P. 274 noch einmal überliefert ist. 

Die Einordnung von F^ragment G in Z. 1-11 ist, wie mir 
scheint, ganz sicher. Da ich den Platz des Stücks erst in der 
Heimat gefunden habe, so kann ich nicht an den Steinen 
selbst die Richtigkeit nachprüfen. Die Plattenstärke von G 
und I stimmen ja zu einander. An einander passen die Stücke 
nicht. Von Z. 11 ist auf I ZI oz. /. erhalten, während auf G 
nur die oberen Spitzen von b)][.i erkennbar sind. In Z. 10 ist 
nach eüjvoiav ein kleiner Zwischenraum, und dann beginnt 
offenbar ein neuer Satz mit einem A, das die übrigen Buch- 
staben an Grösse deutlich überragt. Dies passt ausgezeichnet 
für den Anfang eines neuen Briefs. Ist diese Einreihung von 
G richtig, so ergibt sich für Z. 4 ff., dass hier ein Brief des 
Traian an die veoi von Pergamon stand. Es scheint sich darin 
um eine Antwort auf die Mitteilung der Ehrung eines ver- 
dienten Mannes zu handeln, der der Kaiser seine Billigung 
erteilt (vgl. L. Lafoscade, De epistolis imperat. magistrat. 
Rom. graece scriptis 1902, 70. 71). — Z. 7: tö pteyiJaTOv [X8q[o(;? — 
Z. 10 etwa: xäc, q^doTefiiiia? tok; jiqoc, xr\v cuvoSov v\iüiv xai x^]v dq 
£\ik 8i)]voiav. — Z. 1 1 : In der Titulatur dieses aus der ersten 
Regierungszeit Hadrians stammenden Briefs ist ausser der 
tribunicia potestas, bei der dem Raum nach sehr gut auch 
eine Zahl gestanden haben kann, noch das Oberpontificat 
angeführt, während I.v. P. 274 nur jene steht. — Z. 13/14: Hier 
liegt eine Abweichung in der Wortstellung gegen I.v. P. 274 
vor, die Gy]\xela dya-öcöv dvÖQcov bietet. Auch das gvu'xette ist 
hier weggelassen. Z. 14 folgt ein sehr kurzer Brief Hadrians 



DIE ARBEITEN ZV PERGAMON 1904-1905 291 

aus dem J. 131/2, wie es scheint, an {]ovXy\ und öfmog von 
Perganion. Der Kaiser antwortet darin vielleicht auf die Mit- 
teilung über eine Ehrung seines Freundes, des Sophisten 
Antonius Polenion in Smyrna, der bei dem zweiten Aufent- 
halt Hadrians in Asien 1 30 wie für Smyrna, so auch für Per- 
gamon einige kaiserliche Wohltaten vermittelt haben mag 
(über Hadrians Reisen s. Kornemann, Kaiser Hadrian (1905), 
41 ff.; über seine Freundschaft für Polenion H. Jüttner, Bresl. 
philol. Abh. VIII 1 (1898), 27 ff.). — Z. 1 7 : kKQi[o^evoav oder 
£jrQe[oß8vov ist hier sicher. — Z. 1 8-24 folgt ein weiterer Brief 
des Hadrian an d'Qxovteg, ßoi^Ärj und ftfii^ioi;. Mit ihm scheinen 
die Kaiserbriefe aufzuhören, was auch äusserlich durch Ein- 
rücken von Z. 22-24 angedeutet wird. — Z. 23: Das cognomen 
des kaiserlichen Procurators muss wohl luncus gewesen sein, 

Fragm. L, Z. 6: xa'Oio[T . . 

Fragm. M, Z. 2: Y]'V[Av[daiov. — Z. 5 : oTQa[TTiY . . — Z. 8: 28ßa[- 
oxoq. — Z. 9: jtatTiQ] jiatfQiöog 

Fragm. N, Z. 7 wird ein curator gemeint sein, ein kaiserlicher 
Controllbeamter, der entweder zur Beaufsichtigung der städti- 
schen Finanzverwaltung bestellt (vgl. Kornemann bei Pauly- 
Wissowa, Realencykl. IV 2, 1 808) oder, wie in Ephesos für 
die yeQovaia (OGI. 508; Chapot 230 n. 1. 258 f.), hier vielleicht 
für die awoöog tcov vecov eingesetzt war. 

Fragm. O, Z. 5 vielleicht t,' \i[^v6q? — Z. 6-7 wieder ein Stück 
einer Titulatur des Hadrian, aber zu keinem der oben recon- 
struierten Briefe passend, auch nicht zu M 8/9. 

Anhangsweise sei hier erwähnt, dass die Nachj^rüfung 
der jetzt auch im Museum befindlichen Inschrift AM. XXIV 
1899, 173 Nr. 17 ergab, dass sie der Anfang eines Briefs oder 
Erlasses des Kaisers Antoninus Pius aus dem Jahr 139 ist: 

AvtoxQdtcoQ ] Kaioa[9 -öecü 'Aöpiavoi) vloq, 

Qeov Tgaiavoii] naQ9iK[oiJ vlcovoq, deov 

NeQoua exyovG?,] Tixoc, A^iXioq "AÖQiavog ""Avtca- 

veivoi; SleßaoTo]?, dQxiEQe^[s iieyioxoq, br\naQ- 

Xixfj(; e^ovoia]c, x[b] ß ', vjtfaTog t6 ß ', :rtaTTiQ naxgiboc, . . . 

Von der letzten Zeile ist deutlich erkennbar ""•" pv* 



292 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

16. Oberteil der nördlichen Parastas des Raums E auf der 
Ostseite des Gymnasions der veoi. Bläulicher Marmor, unten 
an den noch in situ stehenden Teil der Parastas anschliessend, 
1. u. r. vielfach verletzt, oben abgebrochen ; r. oben in der Vor- 
derseite eine Einarbeitung noch im Bruch erkennbar. Gefun- 
den 1904 und wieder an seine alte Stelle gesetzt. H. 0,97, 
Br. 0,52, T. 0,32. B.H. 0,024, Z.H. 0,025. Links ist die Schrift 
sehr abgescheuert, sodass die senkrechten Hasten nicht mehr 
sichtbar sind. Die Verwendung als Parastas ist deutlich eine 
secundäre, die Inschrift war 1. und r. grösser (s. oben S. 1 99). 
Phot. 846. 

:OZ.:ZLnMIOMOIAN 
A.'ZN'EnKGPGIZnOAF 

d]jro8i8a)[iL oiioiav — — 
x]alc, vecüxoQoig jt6Xe[Giv — — 

Es muss das wörtliche Citat aus einem kaiserlichen Er- 
lass sein, durch den den neokoren Städten irgend ein Recht 
oder ein Geschenk verliehen wurde, wie es ähnlich schon 
irgend wo vorhanden war. 

17. Bruchstück einer Platte w. Marmors, obere Seite ge- 
glättet, Rückseite rauh, sonst gebrochen. Gefunden 1904 im 
Gymnasion der veoi. H. 0,15, Br. 0,175, T. 0,049. B.H. in Z. 1: 
0,01, in Z. 2-4: 0,008, dann 0,006. Z.H. in Z. 2: 0,02, dann 
0,015, schliesslich 0,011. Formen eZ<t). 

'AYaö^[fii xv-/y\\. 
'Ejci — Jdovog ' — — • [nQvxdvEioc, 
— 'AXßiov 'Ioi)[A,iavoiJ? 
djt8T8ia(?)] Ol] El? tö [TaDpoß6A.iov ? 
5 — ]xiJtjrov ' ' 

^ qI- AKA 
^ A I A' 
OYct) 



DIE ARKKITEN ZU P1':RGA]\I(>N 1904-1905 293 

Nach Schriftcharakter und Inhalt gehört dies Fragment 
zu einer den I.v. P. 554 und AM. XXIX 1902, 162 publicier- 
ten Stücken ähnlichen Inschrift. 

Z. 2: z, B. "'AyXdovo?; über o statt co vgl. Schweizer a.a.O. 
157 i^ 58, 4, Nachmanson a. a. O. 64, 3 a.— Z. 3: Von dem er- 
sten a ist nur der untere Teil der r. Hasta, von dem letzten v 
nur der obere Teil der 1. Hasta erhalten. — Z. 5 : Etwa NiJhijt- 
jtov.— Z. 6 : Von dem Denarzeichen ist nur der obere Teil bis 
zum Querstrich erhalten. — Z. 9 : Der kleine Apex über dem A 
bezeichnet eine Abbreviatur, etwa K]Ä(aij8iOD), vgl. I. v. P. 554. 

Zu derselben Inschrift gehört wahrscheinlich ein wenige 
Tage später im Kellerstadion des Gymnasions gefundenes 
Fragment : 1. Seite erhalten, Rückseite rauh, sonst gebro- 
chen. H. 0,125, Br. 0,08, T. 0,035. B.H. 0,007 (nur am Zeilen- 
anfang bisweilen etw^as grösser), Z.H. 0,012-0,013. 

(OVa 

ygacp 
YQa|j,[|-ia 
ßaae _ 
5 älXca (?) 

H 

M A£LO[l) TaDQoßo^iov (?) 

Xl^aG[{)^EVTCOV (?) 

H 



10 



In Z. 8 kann kaum das erste Zeichen die Zahl r) ' [i(uQiai) 
bezeichnen, sondern es wird firi(v6g) aufzulösen sein, demnach 
das folgende Asio[v] = Aiov zu ergänzen. — Z. 9: Vgl. AM. XXIX 
1904, 162 Z. 13.— Von Z. 10 ist nur das kleine H über den bei- 
den Spitzen des \i sicher erkennbar. 

18. 4 Bruchstücke einer Platte aus weissem, blau geäder- 
tem Marmor, a, c, d gefunden 1 904, b 1 905 im Kellerstadion 
des Gymnasions der veoi. Rückseite rauh, a) rechte Seite er- 
halten, etwa 5 cm t. geglättet, dann hinten etwas vortretend, 



294 H. HEPDING. IL DIE INSCHRIFTEN 

dieser Teil zerstossen. H. 0,17, Br. 0,078, T. 0,063. b) linke 
vSeite glatt, H. 0,20, Br. 0,345, T. 0,051-0,057. c) rechts an b 
anschliessend, r. Seite erhalten und wie bei a gebildet. H. 
0,155, Br. 0,192, T. 0,062. Aus b und c ergibt sich als Gesamt- 
breite der Platte 0,49. d) r. Seite erhalten und wie bei a. H. 
0,187, Br. 0,238, T. 0,054-0,064.— B.H. 0,007-0,008, ZH. 0,015- 
0,017 (nur auf Fragment d ist zwischen Z. 3 und 4 ein grös- 
serer Zwischenraum). Schriftformen etwa wie in I. v. F. 374 
und AM. XXVII 1902, 78 Nr. 72. Fhot. 1099. 1100. 

a) • ( 

I A I 
N AE 
5 COMB 

AIOYS 

ahraTe 

n^ I N H 
lAAH NAS 
10 ^M K t^ Q 

b c) d^ioig 

ÖOVTOg TlVOg OXOA, v^.vy^e- Oll 

Efxcpavi^eiv, "koyov ayoi^ievoi', \iy\ lhix\tova<; \]^x\(povq 
Ttov hvo fxeQwv xai iav 8oxi[xa(T'ööc)öi[v itjiö tcov .... 
5 v(ov, oi^TCog [lETExeiv Toi5 aitveÖQioi' . E[d]v 8e iiAi_.[. . . ek 
tov cfUTOV ZQjiiivxai TOJtov, xovxovc, 8ia\|JT]q)oqpoQSLa- 
\)ai . 6[^ioicog 8e gia8QX8m*)ai xovc, vXovc, tcöv ^etexov- 
T(i)v, So>:i^Aaa{)gVTa(; \ih.' xal avxovc,, hvhövxac, fte etai]- 
"kvoioy ^ V, 81 ye avtaiv oi naxiqzc, jiqo ji8VTa8TLCxg [le- 
10 telxov xov ovaxr\\iaxoc, . eäv 8e r\ oin'8iöui itaiq na- 
XQi, r\ jiQiv KEVxaexiav b\ek^elv tü)i, jiatQi totj xa- 
TaAeM/f^ai, avxbc, eKeiaiQyr[xa\., xal ai'tov 8i86vai 
8^ Xoo]v t6 io^]}moiov 0)5 ovx ovra jiaxgbc, [i.8T8xov- 

Toc] — — — — ' |XT]8eva eiaivai xata 
15 ■ / « PI 



DIE AKHEITUN ZU PERGAMON 1^04-1905 295 

d) . . övTcov n I O I _ 

o]i) Odetaipou xal 
Ka]}\Xi[idiov. 

|jtl]^8A,r]{)sVT(0V 

5 Yö"[^!^"f^<^^? '^^ ß' ^"''' 

TOD YQ^I^t'^C'''^^^? ^"''■ 
Y]Qa|.i|iaT8(oc t6 ß'. 

Wir haben hier Stücke von den vSatzungen eines Colle- 
giums, avoxr\[ia oder auveÖQiov, etwa aus hadrianischer Zeit. 
Da die Inschrift im Gymnasion aufgestellt war, und da es 
sich nicht um die veoi handeln kann, weil gleichzeitig Väter 
und Söhne Mitglieder sind, so wird man vermuten dürfen, 
dass es die Statuten des Vereins der jtQ8Gßi)T8ooi oder der 
yEQOvoia seien; ouoTr||.ia, ödvböqiov, oi [18tsxovt8s xf\q yeQovaiaq 
kommen als Bezeichnungen dieses Collegiums in den In- 
schriften vor, s. Chapot, a.a.O. 216 f. Die yeQOvoia von Perga- 
mon kennen wir aus I. v. P. 477. 478, AM. XXVII 1902, 99 
Nr. 98 und XXIX 1904, 152 Nr. 1 (Z. 3/4 JiQ8a]ßi3t8Q0i, vgl. 
OGI. 764 n. 3, und Z. 18 yE[Qovoia), sowie oben Nr. 8 Col. I, 
49 und 10, Z. 7. 

Frgm. a, Z. 7/8 vielleicht: eav] [xr) 7iaxe[Qcov [.isTe/ovrcov toij- 
xov xov avoxr\\iaxog] woiv r\. — Z. 9: "Ell^vac, wohl im Gegensatz 
zu den 'PcofiaLOi. 

Frgm. b c enthält die Bestimmungen über die Aufnahme 
in den Verein. Zuerst findet eine 8oxi|iaaia statt (Ziebarth, 
Griech. Vereinswesen 141). Dabei ist Zweidrittelmajorität not- 
wendig. — Z. 4/5 vielleicht öD|i,q)Cü]vcüv : bei Einstimmigkeit wer- 
den sie ohne weiteres (ovtcoq) Mitglieder. Dem steht ein Fall 
gegenüber, in welchem die Aufnahme durch eine geheime 
Abstimmung erfolgt (SiailniqjoqjoQela^^ai, vgl. 'ipricpo(poQT]{)8VTi in 
der lobakcheninschrift, Z. 59 bei Maass, Orpheus 22). Die 
Spuren in Z. 5 scheinen auf folgende Ergänzung zu weisen : 
£[d]v fte jtX8i[ov<; 81i;]|t6v avxbv egxoivxai TOJtov ; soll das heissen: 
wenn mehrere Bewerber für denselben Platz auftreten? 

Dann folgen Bestimmungen über den Eintritt der Söhne 
von Mitgliedern, Auch sie werden erst einer boKi[iaoia unter- 



296 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

worfen. Wenn der Vater schon seit fünf Jahren Mitglied ist, 
so braucht der Sohn nur ein Eintrittsgeld von 50 Denaren zu 
bezahlen. Die gewöhnliche Taxe wird also doppelt so gross 
gewesen sein, 100 Denare, wie bei den pergamenischen Hym- 
noden (I. V. P. 374 D und dazu S. 512). Wie aus den Zusammen- 
stellungen bei Ziebarth, a.a.O. 156 hervorgeht, ist diese Preis- 
ermässigung um die Hälfte für die Kinder der Mitglieder 
ziemlich allgemein üblich gewesen. Die Bestimmung, dass ein 
vSohn, wenn er mit seinem Vater zugleich oder während der 
ersten fünf Jahre nach dessen Aufnahme eintritt, das volle 
Eintrittsgeld bezahlen muss, finden wir in unserer Urkunde 
zum ersten Mal. 

Z. 1 3 : Von dem v in Xaov sind nur oben die beiden Spitzen 
erhalten. Die Schreibung lm]kvoiov mit i longum finden wir 
ebenso auf dem Hj'mnodenaltar I. v. P. 374 D und auch in der 
lobakcheninschrift, s. Schweizer, Grammatik 53. Alle Belege 
für das Wort gibt A. Wilhelm, Österr. Jahresh. V 1902, 138.— 
Z. 14: Über etoivai s. Schweizer 177. — Im Frgm. d haben wir 
noch einen Rest der subscriptio. 

19. Fragmente einer grossen Tafel aus weissem Marmor, 
gefunden 1902-1905. Rückseite glatt. B.H. 0,013-0,016, Z.H. 
0,026-0,031. Die Formen der Buchstaben sind sehr ähnlich 
denen der Inschrift AM. XXIV 1899, 197 Nr. 62; die einzelnen 
Buchstaben haben grosse Apices, v überragt sehr oft die ande- 
ren ; die Sinnesabschnitte sind durch einen Zwischenraum und 
einen grösseren Anfangsbuchstaben danach gekennzeichnet. 
I © M Z! n Y und ¥ (|) . Phot. der beiden grösseren zusammen- 
hängenden Partien 778. 904. 

1) Oberer Rand erhalten, sonst gebrochen. H. 0,11, Br. 
0,1 3, T. 0,022 ; gefunden 1 904 zusammen mit 2. 3. 4. 6. 7.8-11.13 
im Kellerstadion nahe der Südostecke der Säulenhalle des 
Gymnasions.— 2) Desgl. H. 0,10, Br. 0,067, T. 0,022.-3) Desgl. 
H. 0,06, Br. 0,085, T. 0,022.-4) Drei an einander passende 
Fragmente von der 1. Seite der Tafel : a) rings gebrochen, 
H. 0,057, Br. 0,059, T. 0,03. b) linker Rand erhalten, H. 0,113, 
Br. 0,27, T. 0,019-0,03. c) rings gebrochen, H. 0,06, Br. 0,145, 
T. 0,021-03. — 5) L. Rand erhalten. H.0,15, Br. 0,203, T. 0,022; 



DIR ARHIvITKN ZU PER(iAM()N 1904-1905 297 

gefunden 1905 vor der Ausgrabung von dem Wächter Geor- 
gios im Kellerstadion. — 6) Zwei an einander passende Stücke, 
rings gebrochen. H. 0,30, Br. 0,31, T. 0,022-0,024. (Phot. 778).— 
7) Zwanzig an einander passende Stücke, r. Seite erhalten, 
ebenso die letzte Zeile, jedoch nicht der untere Rand. H. 
0,62, Br. 0,665, T. 1. 0,036- r. 0,019. Die Tafel war also in der 
Mitte am dicksten, am Rand 1. (s. Nr. 4) und r. am dünnsten. 
16 Stücke wurden gleichzeitig 1904 zusammen mit 2 und 4 b 
gefunden, ein Stück zusammen mit 1, 4 ac, 6; ein anderes an 
derselben Stelle wie die vorigen, die zwei übrigen auch 1 904 
im Gymnasion der veoi ohne genauere Angabe über den Fun- 
dort. Eines dieser letzten vStücke ist sehr stark verwittert, 
wohl infolge von Feuer, während die übrigen gleich gut er- 
halten sind. i\uf der Phot. 904 fehlen noch zwei erst später 
angepasste Fragmente. — 8) Rings gebrochen. H. 0,1 03, Br. 
0,10, T. 0,022.-9) Desgl. H. 0,09, Br. 0,075, T. 0,022; sehr ver- 
wittert. — 10) Desgl. H. 0,115, Br. 0,105, T. 0,022. — 11) R. 
Seite erhalten. H. 0,084, Br. 0,079, T. 0,021.-12) Rings ge- 
brochen. H. 0,07, Br. 0,10, T. 0,02; gefunden 1903 auf der 
mittleren Gymnasionterrasse. Abschrift von Altmann. — 1 3) 
Desgl. H. 0,107, Br. 0,065, T. 0,018-0,02.-14) Desgl. H. 0,09, 
Br. 0,068, T. 0,022; gefunden 1904 im Gymnasion. — 1 5) Desgl. 
H. 0,11, Br. 0,11, T. 0,024-0,022; gefunden 1905 im Hofe des 
Gymnasions, sehr verwittert. — 1 6) Desgl., zu den beiden letz- 
ten Zeilen gehörig. H. 0,11, Br. 0,09, T. 0,03; gefunden 1902 
'westl. vom Brunnenhaus', also wohl auf der unteren Gym- 
nasionterrasse. Abschrift von vSchröder. — 17) Desgl. zu den 
beiden letzten Zeilen gehörig. H. 0,08, Br. 0,055, T. 0,028-0,03; 
gefunden 1905 im Kellerstadion.— 18) Desgl. H. 0,085, Br. 
0,065, T. 0,027; gefunden 1904 im Gymnasionhof. 



1) 2) 3) 



'AyaOfi Tij]XHI (vac.) OYFi öeÖjOXGA 

"QNEr H'] '' Hc[(piG . . 



298 H, HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

4) 

NON* 

AE > .^E■' 

rNnNAITAON 
AOZKAITOTE'=^ 

. 'DAQNM 

NYTOISME 
"THZAPi- 

5) NH/ . 

. O EniXElP.. 
KAIOYAENE^ 
TONTOYKYPI 
5 PHS AN TIK . 

6) _ni^n- 

[XTJT8 yfj [i\r\xe ^dXao[oa 

. 8e xai jtavc6Är|[(; 
ßJovXeiJCOv TT] jratQiöi (vac.) 
5 og YQCtqjEööai ooovq äv 

b]om\ia.oy\. Taijta lyevETfo 

8V TT) äyoQÜ YQaiifxarfevovTOi; 
"yevoui YQa[j,|iaTeL (3[ovA,fi(;? 
Tov Ol aQiovxEq (vac.) 
10 YQa][X|.iaTev)? xf\c, o[vv6bov} 

8]ioTiYTiod[xr][v 

28fXJrQ(0Vl 

7) ^NEI^Ej 
vna [xjwv T8if.iicov. 2i) . 

x]ovq t6t8 [dcQJxovtai; dflQoioavt 
«Tcöv jt8Qd8iJio[xeva)v xal edv 



DIE AKHKITKN ZU PEKCiAMON 1904-1905 299 

5 d^eiv Tov dpiOfxov jtpoi; tt]v vjto'. v 

e]K\ TOI? [auJToTc; xovxoic, iqovov {niTOÜ eJti[[(]eTQi] 
ov]vi]Y(_i8VO(; T) 6 aQiöiioi; elc xo oi)|i|ierQC0TaTov 

va ei? TOV xov djtoßitoaavTOi; tojiov [xaTJaTOo- 
oeaflai] xaTa^oyfjg yeivo^ieviig Jtpoi; 6fxoi6TT]Ta Tcäv 

10 elq t6 öitJveÖQiov xf\q ßoi^^ifj? xaTaTaoöO|j,evoov etu xm 

0) etoiTTiQioj. Tov eiaiTTiQiov eiaxoju^ofxevov 
V . 'FiJii Jtäoi TOVTOig £|ELvai xaTaTCtöOEaflai 
ToT?] xoi? xai dQxieQEiJoi xai Jiaialv auTcov xal yv\iva- 

oiaQ^oiq xai Kav^]]yvQidQioiq, oöol dv d:fi6 XQi|i,aTog d'^ioi vo[(i]iöOa)- 
15 öiv] evEQyexov "Povcpeivov vn;aTixov xal ... I {iog kv 

I TOUtO OQJiTlOeVTOOV Tcäv dQxovtü)[v.. "IKAIAlii/^ 
(ÖTjvoQia)] A<|) Ol)/ ■ujreQeßa^^iOv xal f\ djto to[v M7]]voq)dv- 
TOi»] c, elg TOV dQi[fl|i]6v tovtov l|r]Qxei. 

(vac.) 



) JtQ]nTosi 
rnNHE 

OAOY' 

lOA 




9) 
T 


.ENA 
EP A^ 
'1 


0) n], LP^A[^ulv 

'A?.ß]DEIN!02 
dvÖQJ^nN AFAh'iwv 

"HTC^ 








1 


2) 


- 


n APÄi 

TO¥ 



11) NAno 

TPON 

H 



1 3) . 14) i"Erh (yeypafx^ieva?) 

^"^N oco]THPI/ [a 
A N O ' r P A [^ 

(DNO 



300 


H. HEPDING. 


IL 


DIE IN sc: 


15) 


N EG 


16) 


y- 




Z Y N F[5qiov 




OY, 




N fi N E 




"OYA 
(vac.) 


17) 


/ . . . 


18) 


2:0 N 




''X Q. 




ZSY 




(vac.) 




^ATC 



Es ist leider nicht sehr wahrscheinlich, dass die weitere 
Ausgrabung des Gymnasions noch bedeutendere Stücke die- 
ser wertvollen Inschrift zu Tage fördert, da die meisten 
Fragmente aus einem Teil des Kellerstadions stammen, der 
jetzt völlig freigelegt ist. 

Fragment 1-3 gehören zum Kopf der Urkunde. — Frgm. 4, 
Z. 3/4 vielleicht dvajiyvcövai tu 6v[6fiaTa. — Z. 8: xr\c, kEix[ovQyiac,? 
Frgm. 6, Z. 1 wohl 8:rti öO)[Tr]Qia. — In Z. 2-4 stehen Reste, die 
deutlich zu den Formeln eines Eides gehören (vgl. Cumont, 
Rev. et. gr. XIV 1901, 26 ff.): Z. 2 etwa: [xrite yfi [ii]r\xe M- 
Xaa[öa xaQJioiic qjsQoi. Z. 3 etwa: e^ooÄTifg bk, xai Jtavcüb][s eiriv 
xal avxoc, xal t6 yevog t6 djt" If^iow (vgl. I. v. P. 13, Z. 50 und 
OGI. 532, Z. 28 ff.: ETtaQWfxai aiitoi; xe nax' 8|j,oi) .... lloaXeiav 
xal jrav[(JoXei]av). Z. 4 etwa: ß]oijA.gu(x)v tfi JtatQiÖi [xal T015 noXi- 
xmg xä ägioxa xol SixaiOTata (vgl. Syll. - 461, 24). — Z. 11: Das 
letzte ^ in ejioiiyriodpifv ist ganz sicher, wenn auch von der 
zweiten Senkrechten nur der obere Teil erhalten ist. — Z. 12: 
Aus dem Hymnoden-Altar I. v. P. 374, A 21 kennen wir einen 
M, 'A^ßeiviog Bdooog 2e[.iJtQa)viav6g. Wir dürfen diesen Namen 
hier vielleicht auch, unter Heranziehung von Frgm. 1 0, 2 'AX]- 
ßeiviog, ergänzen. — Frgm. 7 : Es handelt sich hier um die Be- 
dingungen zur Aufnahme in eine Körperschaft mit beschränk- 
ter Mitgliederzahl. Aus Z. 8 ergibt sich, dass ihr die Mitglie- 
der auf Lebenszeit angehören. Wenn eines stirbt, so findet 
eine Wahl (diese Bedeutung muss doch wohl xataAoyT] hier 
haben; über das Wort Viereck, Sermo graecus 73 und xata- 
AeXex^ai in der vorigen Inschrift Frgm. b c, 11-12) statt in ähn- 
licher Weise wie bei der Aufnahme in das auveÖQiov xfj«; ßon^fjg. 
Gerade wiegen dieser Angabe bedauern wir es besonders, 



DIK ARBEITEN ZU PEKGAMON 1904-1905 301 

dass wir nur so wenig- von der Inschrift haben, da bis jetzt 
unser Wissen über die Zusammensetzung der ßoidrj der klein- 
asiatischen Städte in römischer Zeit sehr gering ist (Liebe- 
nam, Städteverw. 238; Chapot, a.a.O. 195 ff.). Um welche 
Körperschaft es sich hier handelt, ist nicht sicher. Da die In- 
schrift sich im Gymnasion befunden hat, möchte man etwa 
an die ßouA.i] vewv denken, die ja für Pergamon inschriftlich 
bezeugt ist (I.v. P. 486 B); es ist sehr wohl möglich, dass diese 
eine Aufsichtsbehörde war und aus älteren Bürgern bestand, 
wie ja auch in I. v. P. 5 71 II der yQ^m'-f^'T^ßi'? '^^'^' veoov ein er- 
wachsener Mann ist, dessen Söhne schon wieder veoi sind ; 
vgl. Fränkel, I. v. P. II S. 1 84. Auch I. v. P. 278 ist hier heranzu- 
ziehen. Wie für den Eintritt in die ßovXr] (vgl. Bekker, Anecd. 
gr. I p. 245: EiaiTr)Qia"'&UGiag ovo[ia, ötav ßovXeueiv r\ öxav ägyeiv 
xiq yEiQOxovi]^^. xoxe yäg edvov), so war auch für die Aufnahme 
in diese Körperschaft ein eiaiTrJQiov Bedingung; wegen des 
damit in Z. 1 1 verbundenen Eioxo^ii^Eodai bin ich geneigt, es, 
wie Eioi^kvoiov, als Eintrittsgeld zu fassen, wie denn auch die 
Buleuten bei ihrem Amtsantritt eine bestimmte Summe zah- 
len mussten (Liebenam a. a. O. ; I. v. P. 278). — Z. 1 2 f . : Aufge- 
nommen werden nur sehr vornehme und verdiente Männer. — 
Z. 14: Gewöhnlich heisst der Leiter der Kavr\yvQiq jiav^yvQiaQ- 
Xi]ig, so I. V. P. 163 C 6; iimn]\yvQiuQioc, ist hier dem Wort yv^iva- 
oittQxo? angeglichen, das regelmässig zur o-Declination ge- 
hört, s. Schweizer, Grammatik 144. — Z. 14/5 geht wohl auf die 
SoKifittGia, s. Fränkel, I. v. P. II S. 215. — Z. 1 5 : Der Wohltäter .und 
Consular Rufinus ist uns schon aus I. v. P. 434, AM. XXVII 
1902, 101.445/6 bekannt als L. Cuspius Pactumeius Rufinus: 
'Homo origine Pergamenus, quanam necessitudine attingat 
L. Cuspios Rufinos duos, quorum alter 142 p. Chr., alter 197 
p. Chr. consul fuit, latet' (Dittenberger zu OGI. 491). Er hat 
nach Galen den Tempel des Zeus Asklepios in Pergamon 
gestiftet und war ein Freund des Aristides, der ihn oft er- 
wähnt, s. Ilberg, Neue Jahrb. 1905, 279 und Anm. 2. 

Z. 15 am Ende: vielleicht xai [6 [i,i]o\%(;. — Z. 17 f.: Hier ist 
offenbar von Geldausgaben die Rede, die 1500 Denare nicht 
zu überschreiten pflegten, und für welche die aus einer Stif- 
tung des Menophantos eingehende Summe ausreichte. 



302 H. HEPDING. II. DIR INSCHRIFTEN 

Mehr kann ich leider zur Zeit nicht zur Erklärung dieser 
Stücke sagen. Hoffentlich gelingt wenigstens ihre teilweise 
Ergänzung noch durch eine eingehendere Beschäftigung mit 
den Resten oder durch einen glücklichen Fund in den näch- 
sten Campagnen. 

20. Fragment einer Tafel aus weissen Marmor, Rückseite 
glatt, oberer Rand erhalten, sonst gebrochen. Gefunden 1905 
im Kellerstadion des Gymnasions. H. 0,077, Br. 0,11, T. 0,027. 
B.H. 0,015-0,014, Z.H. in Z. 2 : 0,02, in Z. 3: 0,03. Buchstaben- 
formen sehr ähnlich denen der vorigen Inschrift. 

ayaOi 
ovBaoa 

Z. 1 vielleicht dyaflffii xv^^i- — Z. 2 wohl 'IovAi]ou Ba0o[ov. — 
Der erste Buchstabe in Z. 3 kann x oder v sein. 

21. Zwei Bruchstücke der Inschrift I. v. P. 267, gefunden 
1904 auf der Terrasse des Gymnasions der A-eoi. a) rings ge- 
brochen, H. 0,19, Br. 0,255, T. 0,095. b) desgl. zum unteren 
Teil der Inschrift gehörig. H. 0,20, Br. 0,135, T. 0,035. B.H. 
0,016, Z.H. 0,038; nur in der letzten Zeile des Fragments b 
beträgt die B.H. 0,014 und die Z.H. 0,036. Die Stücke wurden 
dem Museum in der griechischen Knabenschule übergeben. 
Durch Fragment a lassen sich die ersten vier Zeilen jetzt so 
ergänzen : 

'AyaOtji xv-/r[i 

'Ejti aTQa[T]T]Y(J5v tööv jieqX . . 

'Ap/iav t6[v 8i]a y8vod[(; legea 

xov ^(x)xf\[Qog 'Aöx]Xi][jrioi5 

b) 

TAti 

THNTHi 

vac. 



DIE ARRRITKN ZU PRRCxAMON 1904-1905 303 

Das L von xvmi steht über der ersten Hasta des k von 
jteQL. Da anzunehmen ist, dass dyaHfii xvir]i ungefähr in der 
Mitte über dem Text steht, so kann rechts nicht sehr viel 
fehlen. Dies zeigt auch Z. 3, deren Ergänzung sicher ist. 
Danach ist in Z. 2 etwa noch ein Nomen wie KL oder Avq. 
nach jiegi zu erwarten. — Z. 2: Zu der Datierung vgl. AM. 
XXVII 1902, 97 zu Nr. 89.— Z. 3: 8id yevovq pas.st sehr gut, 
vgl. Fränkel zu der Inschrift I. v. P. 267 und Cardinali a.a.O. 
283, Anm. 7. Zu dem Inhalt der Urkunde lernen wir durch 
die neuen Stücke nur, dass es sich nicht um eine Ehrung 
des Archias, sondern um einen andern handeln muss. 




Abb. 2. Weihung an Poseidon (Nr. 22). 



II. WEIHUNGEN. 

A. An Götter. 

22. Als erste zu nennen ist hier eine Basis aus blau- 
schwarzem vulkanischem Stein, auf Vorder- und Rückseite 
vorzüglich geglättet, ebenso war die Oberseite ursprünglich 
glatt, jetzt ist sie mit einzelnen Meisselschlägen gerauht; 1, 



304 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

ist für spätere Benutzung- ein Stück abgearbeitet und eine 
schlechte Anschlussfläche hergestellt; die untere und Rück- 
seite sind roh abgeschlagen. Auf der Oberseite Standspur des 
1. Fusses einer Bronzestatue, die mit Gewalt später herausge- 
nommen ist; im vorderen tieferen Teil der Einarbeitung 
steckt noch jetzt der Bleiverguss eines viereckigen Dübels, 
mit dem die Statue befestigt war. Weiter 1. hinten noch der 
Anfang der Standspur des r. Fusses. Der vStein wurde 1905 
in der Mittelhalle des Gymnasions in später Mauer mit festem 
Mörtel eingebaut gefunden. H. 0,21, Br. 0,525, T. 0,38. B.H. 
etwa 0,019, Z.H. 0,029. Phot. 1084. Abb. 2. 

njoroiöavi 'AvÖQOjxeöes 
oAeio. 

Die Buchstabenformen : A mit schrägem Querstrich, das 
hochgezogene N, das M mit den schrägen Hasten, das drei- 
strichige S, die aus drei Punkten über einander bestehende 
Interpunktion zwischen den beiden Worten der ersten Zeile, 
die Schreibung von 8 und o für den kurzen und langen Vokal, 
die Zeilenanordnung, alles spricht für ein hohes Alter der 
Inschrift. Sie ist jedenfalls älter als I. v. P. 1 und 2, die ins IV. 
Jahrh. v. Chr. gesetzt werden. Aus dem übrigen äolischen 
Gebiet haben wir leider auch nur sehr wenig Vergleichs- 
material für die ältere Zeit; vgl. Kirchhoff, Studien"^ 57 1; 
Roberts, Introduction to Greek Epigraphy I 324 f. Die archai- 
sche Inschrift aus Assos (Papers of the American School at 
Athens I 3 n. 1) ist natürlich älter als unsere pergamenische. 
Die Inschriften aus Kebrene IGA. 503 und Fabricius, Berl. 
Sitz.-Ber. 1894,914 sind von sehr ungeübter Hand geschrie- 
ben, ihre Formen stehen immerhin denen der vorliegenden 
nahe. Die Inschrift aus Thymbra IGA. 504 möchte ich für 
jünger halten, ebenso die von Judeich veröffentlichte und 
etwa ins V. Jahrh. gesetzte Sarkophaginschrift aus Kebrene, 
Berl. Sitz.-Ber. 1 898,536. Soviel lässt sich aber bestimmt sagen, 
dass unsere Inschrift mindestens ins V. Jahrh. v. Chr. gehört. 

Die Ergänzung des ersten Worts fand sofort bei der 
Auffindung A. Conze. Aus äolischem Sprachgebiet kennen 



DIE ARBRITEN ZU PERGAMON 1 Q04 - 1 905 305 

wir bisher nur die Formen rioaeiöav und IIoTiÖctv, daneben 
aus dem thessalischen noteiftorv, aus dem böotischen IToTei- 
^awv (die Belege s. bei Kühner- Blass, Grammatik I 1,425 
Anm. 6 und G. Meyer, Grammatik ^ 388). Aus dem Namen 
noToi[ft]d[ixoq] in einer böotischen Inschrift (ColHtz SGD. I 
474) musste schon die Form IToTOiödün' für's Böotische er- 
schlossen werden. Gerade für den äolischen Dialekt bezeugen 
die antiken Grammatiker das Vorkommen von oi statt des 
gemeingriechischen ei in einzelnen Worten (s. O. Hoffmann, 
Die griechischen Dialekte II 425 f.). Für ITooeiöwv ist uns 
jedoch diese Ablautstufe ausser aus dem böotischen auch 
schon aus dem arkadischen (rioaoiÖttA') und dem lakonischen 
Dialekt (Iloofödv) bekannt (Kühner -Blass 135). 

Wahrscheinlich ist rioToiöavi das erste Wort der Inschrift, 
danach kann auch in der zweiten Zeile vor dem O nur ein 
Buchstabe fehlen. Trotzdem wage ich keine bestimmte Ergän- 
zung für den Vater des 'Av8QO|.iri8i]5 vorzuschlagen. Der Aus- 
gang -Tiio? und-eio? ist bei Namen nicht sehr häufig. Man 
denkt am ehesten an Bjokio, sollte dann aber hier ein dop- 
peltes 1 1 erwarten, wenn man das Wort nicht als eine Ablei- 
tung von -ßo^og, ßokij«; fassen will. 

Aus den Fundumständen lässt sich leider nichts über die 
ursprüngliche Aufstellung dieses wertvollen, ältesten Schrift- 
denkmals von Pergamon erschliessen. Es ist sogar nicht un- 
möglich, dass es, wie jemand bald nach der Auffindung äus- 
serte, gar nicht altpergamenisch, sondern erst von einem der 
kunstliebenden Könige mit der Statue aus einer anderen Stadt 
dorthin gebracht worden sei. Immerhin dürfen wir uns dieses 
Fundes freuen als einer wertvollen Bereicherung der älteren 
äolischen Inschriften Kleinasiens. 

23. Grosser Altar aus Marmor, oben und unten mit rings 
herumgeführten Profilen. Auf der Vorderseite ist die linke 
obere Ecke mit dem Profil bis fast zur Mitte herausgeschla- 



' Vgl. jedoch Fabriciiis, Berl. vSitz.-Ber. 1894, 914 f. t(5) BoXiba oder 
T(ou)ßo?ii6a aus tö Ei)ßo?t?ii8a. 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 20 



306 H. HEPDINCr. II. DIE IN.SCHRIFTEN 

gen, die r. obere und die r. untere Ecke sind abgebrochen. 
Höhe 1,05, Breite mit Profil 0,62, Tiefe mit Profil 0,47; die 
eigentliche Inschriftfläche ist 0,62 hoch und 0,485 breit. B.H. 
0,024-0,022, Z.H. 0,042-0,044. Die Vorderseite ist links sehr 
verwittert, sodass in Z. 1 und 3 die ersten Buchstaben ver- 
schwunden sind. Formen 2P¥. Gefunden auf einem der 
türkischen Friedhöfe in der Nähe des Konaks, 1 904 von dem 
Kaimakam im Garten vor dem Konak aufgestellt. 

'A]aX^T]JtlÜ)l 2o)Tf)Ql 

r • (^kaovm'ioc, 
■A]vixiav6(; 2dvxT05 

'AvTlOXeV? VKEQ Tg 

5 savTOv xal toi» vlov 

^Xaovoiviov AoA.Xiavoi5 
oi)YX?\.T]Tixoi) £v'^d\ie- 
voq dve^i^xev. ^ 

Es wird sich hier um einen Mann aus Antiochia Pisi- 
diae handeln ; denn gerade für diese Stadt ist das seltene 
nomen Flavonius bezeugt: CIL. III 6815. 6816; auch die 
Anicii sind hier inschriftlich belegt : CIL. III 6809. 6830. 
Zu der Schreibung Sdvxrog vgl. CIG. 4340 neben CIG. 190. 
4003 und Nachmanson, Laute und Formen der magneti- 
schen Inschriften 106/7. 

24. Kleiner Altar aus Marmor, oben und unten mit rings 
umlaufender Profilierung; auf der Rück- und 1. Seite oben 
ein grosses vStück abgebrochen, auf der Vorderseite ist das 
obere Profil zerstossen und die 1. untere Ecke abgebrochen. 
Auf der Oberseite zwei schmale rechteckige Löcher, wohl 
zum Befestigen einer Statuette oder einer Opferschale; an 
der 1. Seite unten ein viereckiges Dübelloch. Gefunden 1905 
im Kellerstadion östlich des Treppenaufgangs. Höhe 0,28, 
Breite unten am Profil 0,195, oben 0,18, Tiefe 0,195. Die In- 
.schriftf lache ist 0,126 h., unten 0,146, oben 0,142 breit. B.H. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 307 

0,015, Z.H. 0,027-0,03. Formen der Buchstaben AAjülCUU. 
Phot. 1103. 

'AaxA,TiJticoi 

2(0TfJQi • K'k{avbia) 

XaQiby\\i\c, 

nax' övttQ. 

In Z. 2 über t eine viereckige Beschädigung, sodass nur 
der untere Teil der vSenkrechten des t erhalten ist. 

25. Kleine Marmorbasis, oben und unten mit flachen, 
nicht um die Rückseite herumgeführten Profilen. Auf der 
Oberseite eine länglich runde Eintiefung, wohl zum Einlas- 
sen einer Statuette. Auf der Vorderseite ist oben in der Mitte 
ein Stück heraus- und rechts unten die Ecke weggebrochen. 
Sehr verwittert, besonders links. Gefunden 1905 im Hof des 
Gymnasions der veoi. Höhe 0,1 4, Länge 0,21 6, Tiefe 0,074. B.H. 
0,017, Z.H. 0,024. Buchstabenformen H und l-l, P. Phot. 1103 

E]{)njxil(?) SwTTiQ 
■9e]6v ScoTfJQa. 

In Z. 1 ist von dem zweiten v nur die senkrechte Hasta er- 
halten; zwischen H und Z scheint ein sehr kleines 2 noch nach- 
träglich eingehauen zu sein ; von dem q ist nur der obere Teil 
erhalten. Die Ergänzung deov in Z. 2 ist nicht sicher, zumal 
auch ov nur undeutlich zu erkennen sind. Man könnte auch 
TOA' vermuten (bei Aristides wird Asklepios schlechthin durch 
6 oootrJQ bezeichnet, s. Fränkel zu I. v. P. 267), jedoch glaubte 
ich bisweilen Spuren des e zu sehen. Jedenfalls handelt es 
sich um eine der sehr häufigen Asklepiosstatuetten (vgl. für 
den Acc. z. B. AM. XXVII 92 Nr. 80) ; die Form der Widmung 
ist wohl gewählt, weil der Weihende selbst auch noch den 
Namen 2(ott]q hatte (dieser Name auch I. v. P. 485, 2 bezeugt, 
über Doppelnamen s. zu I. v. P. 535 und unten zu Nr. 46). 

26. Altar aus weissem Marmor, oben und unten mit rings 
herumgeführten Profilen. Oben abgebrochen, auf der Vorder- 



308 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

Seite rechts verschiedene Beschädigungen. Gefunden bei dem 
Demarchiegebäude in der modernen Stadt und 1 905 von dem 
Kaimakam im Garten vor dem Konak aufgestellt. 0,91 hoch, 
0,46 breit (unten am Profil gemessen), 0,445 tief. Die mit dem 
Zahneisen bearbeitete Inschriftfläche ist 0,59 hoch und 0,355 
breit. B.H. 0,025 (nur der erste Buchstabe 0,03), Z.H. etwa 
0,064. Schöne, dünne Schrift wohl des ausgehenden II. Jahrh. 
Formen: Alhl^öKY und Y. 

KvQ(oax[i]ai 
Yl6{jihog) Ai^(ioi;) ©ecov 
Zr]vob6x[o\v 
Tööio«; 

Tov ßa)|i,6v 
xar' övap. 

/ / 

Z. 2 : |oj>AI A> (über das Compendium für IlÖTtXiog vgl. 

Reinach, Traite 234; Larfeld, Handb. d. Epigr. II 534). Der 
Rhoaier hatte offenbar im Asklepieion Heilung und Gesund- 
heit gefunden, und ein Traumgesicht hatte ihm befohlen, 
dafür der Göttin EvQcoöxia, einer Personification der kraft- 
vollen Gesundheit, einen Altar zu weihen. Diese bis jetzt 
nicht bekannte Göttin müssen wir jetzt in den Kreis der ovv- 
vaot des Asklepios einfügen, vgl. I.v. P. S. 179 zu Nr. 251,8. 
(Hesych s, v. erklärt eiJQCoaTia mit uyeia). 

B. Weihungen an Kaiser, 

27. Kleiner Altar aus weissem Marmor, oben und unten 
profiliert, jedoch mit glatter Rückseite. Auf der Oberseite ein 
grosses viereckiges, unregelmässiges Loch, auf der Unterseite 
zwei kleine Dübellöcher, von denen das rechte ausgebrochen 
ist. Die Profile sind an vielen Stellen verletzt. Gefunden 1904 
beim Hagiasma der Kyriake. H. 0,11, Br. mit Profil 0,165, T. 
mit Prof. 0,14; die Inschriftfläche an der Vorderseite ist 0,06 h., 



' Zur Form des r\ vgl. I. v. Magn. 197. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 309 

0,15 br. B.H. in Z. 1 : 0,014, sonst etwa 0,01 ; Z.H. 0,014. Sehr 
nachlässig eingeritzte Buchstaben; Formen AC¥UJ. In Z. 1 
und 3 deutlich vorgeritzte Linien. 

AiiTOxQctTOQi Kaiaa- 
Qi *A8oiavü)i 'Oäd^i" 
Jtio) acoTTipi xal ^ ^ 

XTlOTT]l. 

Nach 'OXvfA in Z. 2 ein Punkt, nach xal in Z. 3 ein Stern 
und ein Blatt zur Raumfüllung. Zum Text s. AM. XXVII 
1902, 97 Nr. 91. 

28. Zwei an einander passende Bruchstücke einer Platte 
aus weissem Marmor, oben und unten Bruch, Rucks, rauh, 1. S. 
glatt, r. S. im vorderen Teil glatt; an der r. Seite kann man 
oben noch den Ansatz eines Profils erkennen. An der Vorders. 
r. ein glatter, schmaler Randbeschlag. Gefunden 1 904 u. 1 905 
im Haus des Consuls Attalos. Höhe (der beiden Stücke zusam- 
men) 0,087, Breite 0,242, Dicke 0,049. B.H. 0,022, Z.H. 0,035. 
Vorgeritzte Linien begrenzen die Buchstaben. Formen APQ. 

AvTOXQjctTOQl 

'AÖQiavoii 

0Xv|X7tlCÜl 

Z. 1 : at nur im unteren Teil erh. — Z. 2 a desgl. — Z. 4 coi 
und Z. 5 (0 nur im oberen Teil erh. 

29. Bruchstück blau geäderten Marmors, rings gebrochen. 
Gefunden 1903 auf der mittleren Gymnasionterrasse. Höhe 
0,055, Breite 0,07, Dicke 0,03. B.H. 0,015, Z.H. 0,021. Vorge- 
ritzte Linien begrenzen die Buchstaben. Abschrift von Altmann. 

AvTOXQJdTofpi 
*A8Qia]v(öi 
'OÄi;|x]jTia)[i 



310 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

In Z. 1 ist nur der untere Teil der r. Hasta des a, sowie 
die senkrechte des t erhalten. In Z. 3 ist noch oben eine Spur 
des i adscr. zu erkennen. 

30. Zwei an einander passende Bruchstücke einer dünnen 
kleinen Marmorplatte, oben durch rohe Profilierung und 
Akroter als Altar charakterisiert, 1. und unten gebrochen. 
Gefunden 1 902 westlich vom Stadtbrunnen. Höhe 0,09, Breite 
zusammen 0,1 5, Dicke 0,01 5. B.H. 0,01 6. Abschrift von Schröder. 

AvTJOXQCtTOQl 

'A8Qi]a[vc5i 
Von dem a in Z. 2 ist nur der obere Teil erkennbar. 

31. Kleine Platte aus weissem Marmor, oben durch Pro- 
fil und Akroter als Altar charakterisiert, 1. und unten gebro- 
chen. An der r. Seite oben eine Dübeleinarbeitung. Gefunden 
1902 oberhalb des Expeditionshauses. Höhe 0,207, Breite 0,12, 
Dicke 0,06. B.H. 0,12, Z.H. 0,033. Abschrift von Schröder 
und mir. 

Avx]oy.Qdxo[Qi 
'A8]Qiavco[i 
''Oh)]\x7t[i(oi 

Zu diesen Weihungen an Hadrian s. jetzt Kornemann, 
Kaiser Hadrian u. d. letzte gr. Historiker v. Rom 49 A. 3. 



III. EHRENINSCHRIFTEN. 

32. Fragment einer Basis aus blauem Marmor, oben 
ziemlich glatt mit Standspur einer Bronzestatue, 1. Anschluss- 
fläche,unten rauh, r. und hinten gebrochen. Gefunden 1 904 im 
östlichen Teil des Gymnasions, wo der Stein auch verblieb. 
H. 0,292, Br. 0,297, T. 0,556. B.H. in den beiden ersten Zeilen 
0,044, in der 3. Z. 0,034. Z.H. erst 0,09, dann 0,078. Monumen- 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 311 

tale Buchstaben der Königszeit, das A mit rundem Querstrich 
wie I. V. P. 20, 66, 151, 177. Phot. 817. 

ATTA 
H P A 
"-AE 

In Z. 2 folgte nach dem A entweder ein Buchstabe mit 
schrägem Aufstrich oder überhaupt keiner. 

Z. 1. 2 vielleicht: BaaiXmY' Axxa[lov 
{)e6v otütjfJQa 
Ist dies richtig, so gilt die Inschrift Attalos I. Vgl. Fränkel 
zu I.V. P. 43-45 und 59. 

33. Basis aus weissem, blau geädertem Marmor, zweimal 
verwandt. Hinten Bruch, ebenso links oben an der Vorder- 
seite. Auf der Ober- und der Unterseite je zwei Standspuren 
von Bronzestatuen. Von der Inschrift ist rechts nur noch der 
obere Teil der Buchstaben erhalten infolge der Abarbeitung 
bei der Neuverwendung. Gefunden 1905 im Hof des Gymna- 
sions der veoi, verbaut in später Mauer. H. 0,195, Br. 0,59, 
T. 0,49. B.H. 0,02. Der Stein blieb im Gymnasion. 

ß[aoi]^ea ["ATJtaÄov ßaadeo)? Ev[iivovq. 

Die Lesung scheint mir völlig gesichert. Es ist also die 
Basis einer Statue Attalos' III. 

34. Im Stylobat des Saales D auf der Ostseite des Gymna- 
sions der veoi, und zwar zwischen dem nördlichen Pilaster 
und der nächsten Säule, ist eine Inschrift auf blauem Marmor 
verbaut, wohl die Standplatte einer Basis. Der obere Teil und 
wohl auch ein Stück auf der 1. Seite sind für die Neuver- 
wendung abgearbeitet. Abgeschrieben 1905. H. 0,485, Br. 0,91 ; 
die Tiefe lässt sich nicht bestimmen. Der obere Teil ist sehr 
beschädigt, teils durch Abtreten teils durch Zahneisenschläge. 
In der Mitte von Z. 2 und 3 ist ein Stück herausgesprungen. 
Abstand der Inschrift von der r. Kante 0,16, von der unteren 



312 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

0,20, von der 1. 0,052. B.H. 0,02, in der letzten Zeile 0,018; 
Z.H. 0,04. Buchstabenformen ähnlich wie in I. v. P. 223: 

[Ol V80L ETip^oav töv öeiva toO ÖEivog] 
Tov öid ßiOD legefa] ttj«; 'AQ8Tf)i; 
yv\i[vaoiaQ]yr\aavxa x[ä £vveaHai]8£x[aT]a NixTjq^opia 
TOV aTEqpavitov dycövog [[i.eY]a7.0|XEQCöc xai (piXoSo^cog 
5 xal Ejri|AEAT]dEVTa ttj? te to5v E(pi]ßa)v 

xai TTJ? eavxMV dycayfjg xal nmbeiaq, (piXoxi(x6TaTa 
xai jtdvTCOv TCüv xatd t6 YVfxvdoiov jtQOötdvTa 
aiiöTT^Qw^ xal [iiaoKOvr\Q(oq xcxl dlicoq xr\q JtoÄECog. 

Z. 1: Dass es eine Ehrung durch die vegi ist, geht aus 
Z. 6 hervor. Über die ovvo8og der a-eoi vgl. I. v. P. 252 zu Z. 
2 f., Chapot, la prov. Rom. d'Asie 153 ff. 

Z. 2 (sehr weitläufig geschrieben, ebenso wie Z. 5) vgl. 
Petersen -V. Luschan, Reisen im südwestl. Kleinasien II 186 
n. 242 (Ehreninschriften aus Kibyra für Koivrov Oi)T]Q[dviov 
TqcoiXjgd vlbv KXovoxov[ieiva ^ikayQov, [legia 'A^Jettj?, yuiivaauxQ- 
Xov km ETT] ÖExdSvG xtL). Für Pergamon ist 'Aqeii] als Gottheit 
durch eine Inschrift aus römischer Zeit schon bezeugt, I. v. P. 
310 CApETTJ xal 2a)q)QoaiJVT] 'Iüu?iia Hia vjteq K^xdÖiod Si^iavou 
toij dvÖQo?). Es passt sehr gut für einen Gymnasiarchen, dass 
er zugleich Priester dieser Göttin der Mannestugend ist. Un- 
sere Inschrift spricht nicht für Wernickes Ansicht (Pauly-Wis- 
sowa II 1,678), dass der Kult der 'Aqeti] erst aus dem der römi- 
schen Virtus entstanden sei. Vgl. noch L. Deubner in Roschers 
Lexikon III 2128 s. v. Personificationen abstracter Begriffe. 

Z. 3. Die Lesung yi)|,ivaoiaQ)(i]oavTa und ÖExata ist durch 
die Spuren gesichert, EvvEaxaiÖExata füllt am besten den Raum 
und passt am besten zu den Buchstabenspuren des an dieser 
Stelle sehr beschädigten Steins. Wenn die Lesung richtig ist, 
so fällt unsere Inschrift ins Jahr 147/146 (vgl. die Ansetzung 
der trieterischen NixiirpoQia bei Fränkel zu I. v. P. 167; s. oben 
zu Nr. 8 Col. I, Z. 50). 



DIE ARBEITEN ZU PEKGAMOX 1904-1905 313 

35. Bruchstück einer runden Basis aus bläulichem Mar- 
mor, Oberseite erhalten, ebenso wie die Vorderseite mit feiner 
Zahneisenbearbeitung. Gefunden 1904 im Kellerstadion des 
Gymnasions der veoi. H. 0,12, Br. 0,13, T. 0,066. Nur zwei Zei- 
len. Nach oben wird die erste Inscliriftzeile durch eine 0,009 
vom Rande entfernte Linie begrenzt. B. H. 0,006-0,007, Z.H. 
0,011. Scharfe Buchstaben. AKPcj). 

( 'A:7toXXo(pdvoi'i; • 

e]v 8xxÄT]0iai dQy([aiQ8Tixfj 

36. Fragment einer grossen Basis aus blauem Marmor, 
in zwei Stücke zerbrochen. L. und obere Seite erhalten, sonst 
gebrochen. Auf der Oberseite je 8 cm vom 1. und vorderen 
Rand entfernt ein viereckiges Dübelloch mit Vergusskanal. 
Die Vorderseite ist r. sehr abgescheuert. Gefunden 1904 im 
südöstlichen Teil des Gymnasions der veoi. H. 0,78, Br. 0,535, 
T. 0,41. B.H. in Z. 1: 0,024, sonst 0,02, Z.H. in der 2.Z. 0,04, 
sonst 0,036. Formen Ki4>n- Die Inschrift blieb im Gym- 
nasion. 

""0 8f)^io[(; eTi[XT]08v 

ÄiÖ8[co]qov "HqcüiÖov [UdoTTagov tÖv äg^isgea 

xal d[idj yevovc, lepea [xov Aio? xov \iEyioxov, 

YU|i,va[o]iaQxoi'VTa Iv T[oTg evveaxaieixoaTOis 

Nixii[(poQ]ioi5 TOiJ ozEqpav[iTov äycovog xaXcög 

aal 99d[o]8ö|ü)? xal xr\c, te [toüv vecov xm 8q)T]ßü)v 

dycoyfii; [:ft]Qovoov[^ievov cpiX[oTi|i,co5 xal 8ixaio)i; xai 

xatd rr][v d^Jeoiv rov dßeijLijuarog fieyakoiiEQcbg xal 

[X8YaA,o[\|;D]xto? dvaöTß8[q)6|.ievov . . . 
(vac.) 

Dies ist die Inschrift, die für Diodor durch das uns teil- 
weise in I. V. R 256 erhaltene i[»r](pia|ia beschlossen worden ist 
nach den 29. Nikephorien im Jahre 127 v. Chr. (diese Ergän- 
zung ergab sich aus der oben publicierten Inschrift Nr. 8 
Col. I, Z. 50). Die cursiv gedruckten Teile sind durch den 
Volksbeschluss erhalten. 



314 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

37. Drei Fragmente einer runden Basis aus weissem Mar- 
mor, Oberseite glatt, aussen mit dem Zahneisen bearbeitet, 
a) Sehr verwittert ; gefunden 1 903 im mittleren Gymnasien. 
Abschrift von Altmann. H. 0,1 7, Br. 0,19, T. 0,1 1.— b) Gefunden 
1904 im südlichen Teil des Gymnasions der veoi, H. 0,106, 
Br. 0,08, T. 0,10.— c) Gefunden 1904 ebenda. H. 0,29, Br. 0,13, 
T. 0,15. B.H. 0,025, Z.H. 0,05. Sehr gute Schriftformen: TO- 

a) 



)AaPOZHP 1 


3) A O Y 1 


c) F A P C 


•AlAFEN O 


:pey 


^AI02 


V|HT PI O 




YTOi 
M O No - 
\YTOYT 
- N H ^« • 



In Z. 1 u. 2 ist die Ergänzung sicher: 

AiJoStoQO? 'HQ[a)i]8ou n[dG]jTaQo[(;, dpxiepei'g 
xa]i 8id yevofvg i]eQei)[s xo]v Aibq [\ieyioxov, 

Al]][Xl]TQlO 

38. Bruchstück weissen Marmors, rings gebrochen. Ge- 
funden 1905 am östlichen Ende des Kellerstadions des Gym- 
nasions. H. 0,053, Br. 0,17, T. 0,155. BH. 0,02, Z.H. etwa 0,033. 
Formen VQ.. 

. . o I A o Y r- 

- ik I /^ » • — I I— n 

Die Ergänzung wohl gesichert: 

Aiö8a)Q0A'] 'HqcolSo'u H[donaQov tÖv uQ^iEgea 
xal 8id Y]e^o^'? legfea tov Aio? [i^yiorov 

39. Bruchstück einer Basis aus weissem Marmor mit bläu- 
lichen Adern, obere Seite erhalten, sonst rings gebrochen. 
Gefunden 1904 im Kellerstadion des Gymnasions. H. 0,065, 
Br. 0,157, T. 0,13. B.H. 0,014, Z.H. 0,021. 

Ol NE 
'HPQIAO^ 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 315 

Wahrscheinlich auch eine Ehrun<^ Diodors : 

Ol ve[oi 
AioöcoQov] "HqooiSou 

40. Zwei Bruchstücke einer Basis aus blauem Marmor: 
a) Gefunden 1904 im Gymnasion der veoi, rings gebrochen. 
H. 0,08, Br. 0,13, T. 0,27.— b) Gefunden 1905 ebenda. L. untere 
Ecke der Basis, 1. und unten glatt. H. 0,173, Br. 0,172, T. 0,28. 
Vorgeritzte Linien begrenzen die Buchstaben. B.H. 0,018, Z.H. 
0,028. Formen Pcj)^. 



a) 

b) 



O I. 

PAT 

Y]i)[iv[rxoi 
■>iaX(b[g 

Xal 71Q0 

dywYf) [g 
q)[iAo 



b) etwa so zu ergänzen: 

Y]D|^i[vaoiaQ)(i^aavta tcov 8' yv\ivaoi(av 
xaX(h[c, xal ev86^a); xal ^i,6Ya7.0|i8Qcäg 
xal JtQo[voi]aavTa xr\q xe vewv xal ecp^ßcov 
dYtoYfjf? xal :tai8eia<; öixaiccn; xal 
5 q)[do86|a)?. 

Zu Z. 1 vgl. Nr. 50, 7. 

oder: y]v[i[vaoiaQiy\aavxa 

xaXüilq xal avoxr]Q(i)c, 
xol jtQo[voi'](yavTa xf\q avtcov 
dYC0Yfj[i; vo|ii^o)i; xal 
5 q3[do8ö^a)(;. 



316 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

41. Bruchstück weissen Marmors, oben Anschlussfläche, 
sonst gebrochen. Gefunden 1902 an der Burgstrasse. H. 0,098, 
Br. 0,17. B.H. 0,017, Z.H. 0,03. Scharfe Schrift. PÜ. Abschrift 
von Schroeder. 

'0 8fj[|X0(; 
Tov ÖEiva] 'AjtoXA.covi8o[v — — 
• jiaQxov 

42. Fragment blaugrauen Marmors, oben und unten voll- 
ständig, sonst rings gebrochen. Auf der Vorderseite oben und 
unten ein schmaler Randbeschlag, links in der Mitte im 
Bruch ein viereckiges Dübelloch von einer späteren Verwen- 
dung. Gefunden 1904 im westlichen Teil der mittleren Gym- 
nasionterrasse. H. 0,18, Br. 0,12, T. 0,085. B.H. 0,015, Z.H. 
0,018-0,02. Vorgeritzte Linien begrenzen die Buchstaben, 
auch für eine 7. Zeile sind die Linien gezogen. Die Buchsta- 
ben waren rot ausgemalt. Formen: KZ£1. 

_PE AT 
O AOZ 

105: 

OYPri/ 
5 KAIAPEi 

V'^EAIE 

Z. 1 : i]£Q8a t[ov. Eine sichere Ergänzung ist natürlich 
nicht möglich, da die Zeilenlänge nicht feststeht. Da es sich 
wohl um einem Gymnasiarchen handelt, könnte man etwa 
lesen : 

yv\ivaaiaQ'/r\oavxa cpd]o86^[a)(; xal [leyakojiQEKGyq 

xai EJti[xeÄTi\*)evTa (pdoTL^iJo)? [xfji; twv Ecpr\^(ov dycoyTii; xal 

8v naoaiq ägyalc, xal A8iT]o\)QYia[is dvaaTQaqpevta d^io)«; 

tfJQ noXeoig Jtdöi]? Evvoiag] xal dQE[Tf]5 evexev ... 

Auf eine Ergänzung der letzten Zeile muss ich verzichten. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 317 

43. Linke Hälfte der Standplatte einer Basis aus weissem 
Marmor, gefunden 1 905 im Schutt innerhalb der Kaiserhalle 
des Gymnasions. L. und oben geglättet, unten Anschluss- 
fläche, hinten rauh. Auf der Oberseite eine nach hinten ver- 
laufende Klammerbettung. H. 0,32, Br. 0,165, T. 0,096. B. H. 
0,025, Z.H. in Z. 2 0,036, sonst 0,038-0,04. Formen: A0. 

'0 8[f)|ios 
E{)dvd[T]v Tou öeivo? 

Öld TE l[8iaV dQ8TT)V 

xai 8id x[r\v xov naxQoq 
5 ai)T0i5 jt[QÖg xi]v noXvv 
[svvoiav.] 

Einen Eiidv^h]? kennen wir aus I. v. P. 226. 

44. Stück von der Standplatte einer Basis aus weissem 
Marmor mit einem auf die Schmalseiten herumgeführten Pro- 
fil (ähnlich wie I.v. P. 491). Oberseite rauh mit einer Einar- 
beitung rechts, r. Seite erhalten, 1. unterhalb des Profils ge- 
brochen. Gefunden 1904 im Gymnasion. H. 0,165, Br. 0,31, 
T. 0,08. Die eigentliche Inschriftfläche ist nur 0,09 h. und 0,24 
br. B.H. 0,018, Z.H. 0,028. Sorgfältige Schrift. 

'0 öfj^og 
'A^]vö8coQOv 
xov 

Z. 2. Dieser Name würde den Raum am besten füllen ; 
von dem v ist nur der obere Teil der r. Hasta erhalten. 

45. Grosser Basisblock aus bläulichem Marmor, auf der 
oberen und r. Seite mit dem Zahneisen geglättet, die 1. Seite 
ist fast ganz weggebrochen, die untere rauh. An der Vorder- 
seite fehlt r. unten die Ecke. H. 0,55, Br. 0,57, T. 0,43. Gefun- 
den 1905 im mittleren Teile des Kellerstadions des Gymna- 
sions. Die Inschrift ist sehr verwittert, die Buchstaben sind 



318 H. HEPDING. II. BIE INSCHRIFTEN 

in den beiden letzten Zeilen z. T. nur durch den Unterschied 
in der Färbung des Steins zu erkennen. B.H. 0,015, Z.H. 0,025, 
nur zwischen Z. 1 und 2 ist der Abstand etwas grösser. Blieb 
im Gymnasion. 

Aeijxiov 'AvTCOviov MactpHOD diov, xaiii- 
av xai ävxioxQax^^yov, jtctTQoova xai ooo- 
TTJQa, öixaioöoTiiaavTa xr[v ejiaQ)(r\o.v 
5 HaOaQcäg xal bixaiioq H[ai 6]ö[i(o](;. 

Der Text dieser Inschrift ist identisch mit I. v. P. 410, 
deren Ergänzungen nach der vorliegenden zu berichtigen 
sind (es ist dann auch die Annahme unnötig, dass die 
Schrift auf einen rechts anschliessenden Stein übergegriffen 
habe). Über L. Antonius M. f., der im J. 49 v. Chr. von Q. 
Minucius Thermus als quaestor pro praetore in Asien zurück- 
gelassen wurde, .s. jetzt auch Krebs bei Pauly-Wissowa I 2, 
2585. Die Angaben bei Chapot 51 f., 282 f., 306 sind un- 
vollständig. Vielleicht darf man vermuten dass auch die von 
A. Körte, Inscriptiones Bureschianae, Greifsw. 1 902, 13 n. 1 3 
veröffentlichte Inschrift aus dem Heiligtum der Mi]ttiq bei 
Magnesia am Sipylos den Aevxiov 'AvtoovioJv MotQxoD viov ehrt, 
und dass demnach in Z. 5/6 zu ergänzen ist Ta|.uav xal dvti- 
[GTQatTiYOv. — Z. 4 : Über öixaioöorelv c. acc. Dittenberger OGI. 
II p. 551 zu Nr. 448. — Die Schreibung EJiaQir\av, die nach mei- 
ner Abschrift ganz sicher ist, ist nicht auffallend: t^ statt ei 
vor Vokal findet sich schon früh in pergamenischen Inschrif- 
ten (Schweizer 55 f.; Nachmanson, Laute und Formen d. mag- 
net. Inschr. 42), so lesen wir gerade in der Diodorinschrift 
oben Nr. 4, Z. 1 6 ejraQx^«^- 

46. Deckplatte einer Basis aus bläulichem Marmor, als 
Stufe vor dem Bad im Kellergeschoss des Attaloshauses ver- 
mauert (Phot. 1146), 1905 gefunden (s. S. 171). Sie verblieb an 
ihrer Stelle. H. 0,155, Br. 0,97, T. 0,335. Die Vorderseite mit 
dem Zahneisen bearbeitet, 1. und r. ein etwa 0,02 breiter Rand- 
beschlag, auf den die Schrift übergreift. Die Oberseite ist 



DIR ARBEITEN ZU PERGAMON 1 904 - 1 90.S 319 

nicht sichtbar. B.H. in der ersten Zeile 0,022, sonst 0,02, Z.H. 
in Z. 2: 0,032, in Z. 3: 0,029, in Z. 4: 0,027. vSchriftformen 
AOK9n, dünn und wenig monumental. Phot. 1147. 

'0 öfjfAO? e,rEi|iT]0ev 
AevKiov KoQvorpi'xiov Aevxiov v\6v ftid te xnq 
eis ewi'TOv eveQyeoiac, xal 8id xäc, elq Necova noA,e- 
fxo)vos Boußäv xov GXQax'\]yov cpikardgcüniaq. 

Der Schriftcharakter und der römische Name ohne cog- 
nomen weisen die Inschrift ins erste vorchristliche Jahrhun- 
dert. Der Geehrte ist vielleicht identisch mit dem Flotten- 
commandanten des Octavian von 38-36 und Consul a. 35, 
Von einer Tätigkeit dieses Mannes in Asien war uns bis 
jetzt nichts bekannt (s. Pauly-Wissowa IV 1, 1623 Nr. 5). Eben- 
falls neu ist der von ihm geförderte pergamenische Stratege 
Necov no^e|i.(ovo5 Bovßäg. Er führt einen zweifachen Namen, 
wie oben Aioöodqos '"HqcoiÖoh YldonaQOc, mit Zwischenstellung 
des Vaternamens (die übrigen pergamenischen Beispiele s. 
bei Fränkel, I. v. P. II S. 345 f., vgl. die Belege aus Kyzikos bei 
Mordtmann, AM. VI 1881, 52). Der Name Bo^ßäg ist auch auf 
einem der im Mittelsaal des Gymnasions gefundenen Trachyt- 
blöcke eingeritzt und offenbar gleich Booßäs, einer Form, die 
uns durch eine bithynische Inschrift (BCH. XXIV 1 900, 425 
Nr. 1 40) bezeugt ist. 

47. Bruchstück weissen Marmors, wohl von einer Basis, 
gefunden 1 905 im Hof des Gymnasions der veoi ; obere und 
untere Seite rauh, r. Seite glatt, 1. und hinten gebrochen. 
H. 0,168, Br. 0,32, T. 0,078. B.H. in Z. 1-3: 0,014, sonst 0,012. 
Z.H. in Z. 2: 0,023, in Z. 3 : 0,022, dann 0,02, in der letzten Z. 
0,01 8. Schriftformen des I. Jahrh. v. Chr: AOifT^X. Phot. 1 033. 

Tov öelva] XaQLVOv 
ävbga xaÄov xai keqX tt)]v jto^ixsiav dya'&öv, 
jtßEößevöavta vjneQ xf[q noXeoic, 
\ieyakovg xivöüvoi»? e]jii xf[g l,evr\q vTtooxdvxa 



320 H. HEPDING. II. ÜIE INSCHRIFTEN 

5 xai 8v Taig XoiKolq äJQyaic, xai jtQEGßetaig 
xai hEixovgyimq jtdojatg ov[icpvXaJE,avxa 
otEi TT)v a{)tf)v al'QEo]a' d|ia)g xr\c, naxQiboc,. 

In der Inschrift I. v. P. 401, die den Buchstabenformen 
nach wohl in die Zeit Caesars oder Augustus' gehört, wird 
ein Priester XaQTvo(; genannt. Er ist vielleicht der Vater des 
hier Geehrten oder, was wahrscheinlicher ist, sein Sohn. 

48. Mehrfach benutzte Basis weissen Marmors, gefunden 
1904 im Gymnasion der veoi. Aui der Oberseite Standspuren 
von zwei verschiedenen Bronzestatuen, sowie die Reste einer 
Inschrift: also dreimalige Benutzung. Ebenso auf der Vorder- 
seite 1. und r. Reste einer Inschrift, deren grösserer, mittle- 
rer Teil weggehauen ist. H. 0,31, Br. 0,504, T. 0,41. Der Stein 
blieb im Gymnasion. 

a) Inschrift auf der Oberseite. B.H. 0,024, Z.H. 0,042. 
Schöne Schrift der Königszeit. 

ai 

• HP 

h. ~ r A "" o s 

In Z. 1 und 2 könnte man an BaGdel 'AttccXJcoi | [öa)]TfiQi 
denken. 

b) Inschrift auf der Vorderseite. B.H. 0,02, Z.H. 0,029. 
Formen AK. 

fO öfj^iog IttfiTiöev] 
M[ev?]8[ — xov belvog xbv nQvx]aviv 
xai i8[QEa — — Ev T8 Tai«; ä'k]Xaiq 
aQxaii; [xcxi XeiTOUQyiaK; dvaGtpacpJEVTa 
5 yiuX(b[q xal aE,io)c, xf\q naxQiboq xai jr]Q\)Ta- 
vEijfaavTa cpiXoTi^otaia ndoriq dQExf)?] ev[8- 
XEV [ — — 

Die Belege für die Vereinigung der Prytanie mit einem 
Priestertum gibt Cardinali, II regno di Pergamo 283 Anm. 7. 



t)Iß ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 321 

49. Bruchstück einer Basis aus weissem Marmor, o^efun- 
den 1905 im Hof des Hauses des Consuls Attalos. Der Stein 
ist später bei dem Bau des Oberstocks des Hauses verwandt 
worden und zwar als ein Stück des Frieses über dem Archi- 
trav, wie Maasse und Profilierung zeigen. Oben, 1. und r. 
gebrochen. H. 0,12, Br. 0,37, T. 0,185. B.H. in der ersten Z. 
0,019, sonst 0,051. Z.H. der 2. Z. 0,033, der letzten 0,038. Die 
Schrift hat die Formen etwa der 2. Hälfte des I. Jahrh. v. 
Chr., was für die Datierung des Umbaus des Attaloshauses 
von Wichtigkeit ist: AOTT. 

[d'vöpa na- 
Xbv xai dyaöfov xi\c, jte- 
Ql TTIV jtoXi[T8iav 
dQETfjg evefxev 

Z. 2 : Nach koXi ist noch oben der Ansatz einer wag- 
rechten Hasta erhalten, von einem N kann er nicht her- 
rühren; vgl. oben Nr. 47,2. 

50. Standplatte einer Basis aus weissem Marmor, bis auf 
die 1, untere Ecke vollständig. Auf der Oberseite 1. ein Dübel- 
loch mit Gusskanal nach vorn, hinten zwei nach hinten ge- 
richtete Klammerbettungen ; auf der Unterseite r. ein kleines 
Dübelloch. Gefunden 1 904 im östlichen Teil des Gymnasions. 
H. 0,622, Br. 0,57, T. 0,245. B.H. 0,02-0,018. Blieb im Gymna- 
sion. Phot. 998. Abb. 3. 

Ol veoi exi\ir\oav 
rdiov ''lovXiov 2axe^8cL)Ta tov 
vecoxoQov Qeäq "PoofiTig xai Oeoi) 
'Eeßaoxov KaioaQoq xal lepea 
5 TißeQLOv KXavöiOD Neqcovo? xal 
yv[ivaoiaQ-^ov twv Swöexatcov 
SeßaöTtJöv "Poofxaicov twv jievte 
yv[ivaoL(x)v akeicpovia ly AoDTrJQcov 
8i' oXt)? fiiiepa? ex twv tÖicov, 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 2 1 



322 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

1 7iQovoY\oa\xa xr]q te auTWV xcxi töjv 
eqpjrjßcDV äymyfic, v6[iovc, ts jtaTQiODi; 
xai r\]dr\ xatd t6 ■ndl.Xioxov 
dv]aveo)od[ievov. 




Abb. 3. Elireiiinschrift für C. Julius »Sacerdos (Nr. 50). 



Z. 1: Über die Ehrenerweisungen der veoi vgl. Fränkel 
zu I.V. P. 252 Z. 2.— Z. 2: Der Geehrte ist sonst nicht bekannt 
(einen vornehmen Gallier namens lulius Sacerdos Hess Cali- 
gula töten, Cass. Dio 59, 22). — Z. 3: Über den Provinzialkult 
der Roma und des Augustus in Pergamon s. Fränkel zu I.v.P. 
374, sowie AM. XXVII 1902, 178 Nr. 30 i. Über die verschie- 
denen Titel der Priestertümer des Kaiserkults s. Chapot 435. 

Z. 5 : Aus den folgenden Zeilen ergibt sich, dass die In- 



' Diese Inschrift befindet sich jetzt in der Sammlung vor dem Konak. 
A. a. O. ist in Z. 4 richtig TENO gelesen, nicht TENOI wie nach Le Bas- 
Waddington zu I. V. P. 260. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 323 

Schrift in die Regierungszeit des Tiberius fällt. Sie gehört 
also auch zu denen, in denen bei diesem Kaiser der Titel 
Seßaaros weggelassen ist (vgl. OGI. 557 n. 2). Über den Kult 
des Tiberius vgl. Dittenberger, Herrn. XIII 1878, 87; Korne- 
mann, Klio I 103 ff. Pergamon war auch unter den Städten, 
die um den Vorzug gestritten hatten, den Tempel für den 
Provinzialkult des Kaisers Tiberius errichten zu dürfen (Tac. 
Ann. IV 55. 56; vgl. Chapot 440 f.). Der Senat hatte sich für 
Smyrna entschieden. Hiernach haben wir es in unserer In- 
schrift nur mit einem municipalen Kult des Tiberius zu tun. 

Z. 6 : Dieser mit dem Neokorat verknüpfte penteterische 
Ugbg dyoav ist 29 v. Chr. gestiftet, vgl. Fränkel zu I.v. F. 269, 
die 1 2. Feier desselben fällt demnach ins Jahr 1 6 n. Chr. Zu 
bemerken ist noch, dass der Agon hier SeßacTd Tü)p,aia, nicht 
wie sonst Tconaia SeßuGtd heisst (z.B. Dittenb. Syll. ^ 677, 
OGI. 458, 58). Die Hymnoden in hadrianischer Zeit (I. v. P. 
374) nennen sich auch u|^v(p8oi öeoij SeßaoTOii xai ©eä? Tc6[iT]c. 
Bald Hess man die Roma ganz weg und nannte den Agon 
einfach AvyovoTeia (z. B. AM. VII 1882, 255), vgl. Fränkel 
a. a. O. S. 206, der auch auf die Bezeichnung des Agons für 
Zeus Philios und Traian Tpaictveia AeicpiXeia hinweist. 

Z. 7 : Hier haben wir schon fünf Gymnasien in Pergamon. 
Für die letzte Königszeit waren uns vier bezeugt (AM. XXIX 
1904, 159). Später hat Pergamon sogar sechs Gymnasien, s. 
Levy, Rev. des et. gr. XIV 1901, 369, nach der allerdings nicht 
ganz sicher ergänzten Inschrift zu I.v. P. 260. Vgl. unten Nr. 
61 : Yi^M-^otöiaQxov tcov yvfxvaöitov Jtdvtcov. 

Z. 8: Vgl. die Inschr. aus Laodikeia AM. XVI 1 891, 144/5 : 
akeiy^avxa gy XovTTiQoav und oben zu Nr. 10 Z. 1 2. Über die 
Schreibung ey vor l s. Schweizer 126; Nachmanson 100. — 
Z. 9: bC 6ly]g f\[iEQa<; (vgl. AM. XXIX 1904, 152 Nr. 1 Z. 4), 
d. i. djTO dQxofxevTjg ^jAegag l'cog vvkxoc, (so OGI. 479, 10). Einige 
Angaben über die Kosten der Gymnasiarchie und speciell 
die Öllieferung s. bei Levy, Rev. des et. gr. XIV 1901, 369. — 
Z. 11 ff.: Vgl. AM. XXIX 1904, 152 Nr. 1 Z. 24 f. 

51. Statuenbasis aus blauem Marmor mit einigen röt- 
lichen Flecken, zweimal verwandt, sehr zerstossen und ver- 



324 H. HEPDING. tl. rrlE INSCHRIFTEN 

wittert. Unten und oben sehr beschädigte Standspuren von 
Bronzestatuen, die Seiten rauh. Auf der 1. Seite zwei Klam- 
merbettungen nach oben und ein Dübelloch in der Mitte, 
ebenso auf der r. Seite mitten ein Dübelloch. Der Stein war 
in sehr später Mauer auf dem Gymnasionhof verbaut und 
wurde 1905 herausgenommen, wobei rechts hinten zwei grös- 
sere Stücke von den Arbeitern abgeschlagen wurden. H. 0,20, 
Br. 0,602, T. 0,54. B.H. 0,025 -0,022, Z.H. in Z. 2 : 0,055, in 
Z. 3: 0,035, in Z. 4: 0,03. Blieb im Gymnasion. 

'0 8f)fX0S- £TL|J,T]08V 

McxQHov • 'A . . . lov • Ka?iOD8ivov 
EKaQyov [äQ]exf[q 8'v8Xe[v 

EJri[fX8A,Tl]Ö8VTO[(; 

Interpunktionszeichen sind nach öfjjioi; in Z. 1 und nach den 
beiden ersten Namen von Z. 2 gesetzt. Leider ist gerade das 
gentilicium nicht sicher, vielleicht 'At[D.]iov. In Ka?LOV8ivov 
ist das V erst nachträglich über o und s eingeschrieben wor- 
den. — Z. 3 steht enaQxo? = praefectus ohne Genetiv wie I. v. 
P. 428 (anders Fränkel zu der Inschrift), vgl. auch Chapot 294. 
Offenbar ist bei der zweiten Benutzung des Steins unten ein 
Stück abgearbeitet worden, sodass jetzt eine Zeile fehlt. 

52. Linke untere Ecke einer Basis aus blauem Marmor 
mit rötlichen Adern, unten rauh, 1. geglättet. Vorderseite mit 
dem Zahneisen bearbeitet, sonst gebrochen. Gefunden 1 905 
im Kellerstadion des Gymnasions. H. 0,22, Br. 0,243, T. 0,25. 
B.H. 0,022, in der letzten Z. 0,026, Z.H. 0,03-0,033, in der letz- 
ten Zeile 0,04. Formen AfT^. 

Tl- KAA 
TOK AE 
OIETTA^ 
E<t)HBO 
EIZ AY . 

Z. 1 : Tl • KXa[v8iov. — Z. 2 ff. vielleicht so zu ergänzen : 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 325 

tOHX8[a Tov yv\ivaoiuQXO\' 
ol In' ai)[to\J ExxQidevTEg 
Eq)Tißo[i 8i' d(.)etT]v xai ttiv 
81$ avxfoi)? cpiA,avflQü)jriav. 

53. Statuenbasis aus weissem Marmor, oben und unten 
mit Gesimsen versehen, die jedoch nicht um die Rückseite 
herumgeführt sind. Rückseite rauh. Unterseite als Anschluss- 
fläche bearbeitet, 1. Seite grösstenteils, Oberseite ganz zer- 
stört (von dem oberen Gesims ist nur der Ansatz rechts an 
der Vorderseite erhalten), jedoch sind die Standspuren einer 
Bronzestatue noch deutlich erkennbar. Gefunden 1 904 im Kel- 
lerstadion des Gymnasions der vsoi ; die Inschrift erst 1 905 
abgeschrieben. H. 0,145, Br. 0,48, T. 0,39. B.H. 0,02, Z.H. 0,033. 
Formen AM. 

Aifivaiov 'Aqx^oi^- 

In der ersten Zeile ist nur der untere Teil der Buchsta- 
ben erhalten. 

54. Zwei Bruchstücke einer Basis aus blauem Marmor, 
unten und auf der Rückseite rauh, sonst geglättet; oben die 
Standspuren einer Bronzestatue, an der r. Seite unten eine 
viereckige Einarbeitung, ebenso auf der 1. Seite vorn eine 
Klammerbettung nach unten, a) Gefunden 1904 nahe der 
SO-Ecke des Gymnasions der veoi. Rechte Hälfte des Steins; 
links gebrochen. H. 0,225, Br. 0,43, an der Inschriftfläche nur 
0,26, T. 0,473. b) Gefunden 1905 im nördlichen Teile des 
Gymnasionhofs. Linke, untere Ecke der Basis. H. 0,15, Br. 
0,153, T. 0,148. B.H. 0,014, Z.H. 0,03. Formen AiQ. 

'0 bf\[ioc, ex]i[ir[0£v 
TÖv öelva — öJcoQOD 8i' dpEtriv 
xa[i (pdoTi|j,iav] xai 8id(pe)Tr]v xov 
naxQb[c, xatd tov nijdvTa xaiQOv 
5 KQog xy]V jioÄiv sj^voidv t8 xai 
cp[ikobo]^iav . 



326 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

In Z. 3 hatte der Steinmetz, verleitet durch Z. 2, wieder 
8i' dQetrjv geschrieben, qe ist nachträglich weggemeisselt, doch 
noch leicht erkennbar. 

55. Rechter Teil einer Basis aus weissem Marmor, oben 
geglättet, unten rauh, von der r. Seite nur ein vStück erhal- 
ten, hinten gebrochen. Für eine spätere Verwendung ist 1. 
etwas mehr wie die Hälfte glatt abgearbeitet. Oben 1. die 
Standspur einer Bronzestatue. Gefunden 1904 im östl. Teil 
des Gymnasions, wo der Stein auch verblieb. H. 0,235, Br. 0,34, 
T. 0,54. B.H. 0,022, Z.H. 0,04. Formen AiTTa. 

'O 8fi|j,og] 

tÖv bEiva . . . ]o\idYpv 
yv \iv ao iaQx]Y\oavxa 
xaXwg xai (pilo] 8ö|o)(; 
5 xai aE,i(x)c, tt)?] jtöAecoi;. 

56. Zwei an einander passende Fragmente einer Basis 
weissen Marmors. Obere, r. und hintere Seite erhalten, unten 
und 1. gebrochen. Gefunden 1 904 an verschiedenen Tagen im 
östlichen Teil des Gymnasions der veoi. a) H. 0,27, Br. 0,025, 
T. 0,122. b) H. 0,71, Br. 0,23, T. 0,32. Nur zwei Zeilen Text. 
B.H. 0,018, Z.H. 0,044. Formen A0¥. 

— og xai 'AvT 10x05 
'A]dr\vaiov. 

57. Vier aneinander passende Bruchstücke der Stand- 
platte einer Basis aus weissem Marmor. Obere und r. Seite 
mit dem Zahneisen bearbeitet: sonst gebrochen; an der Rück- 
seite r. eine Einarbeitung, auf der Oberseite r. noch ein Stück 
einer mit Blei vergossenen, eisernen Klammer erhalten, die 
wohl nach hinten verlief. Gefunden 1904 im Gymnasion der 
V801. H. 0,21, Br. 0,37, T. 0,12. B.H. 0,024, Z.H. 0,036. Formen 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 327 

Ol vfioi] 8Ti|iTioav 
, 'IoiJÄ]iov 2e|T0v 

V jTQOcpiiXaxa, 
vlbv '2]€^x[o]v 'Ioi)[X]iov 
5 oc 

Z. 2 : Während bei dem Namen des Vaters 2e|Tog prae- 

nomen ist, steht es hier nach dem nomen (vgl inius 

Sextus Florentinus, Prosopogr. imp. Rom. 11 p. 84,300).^ 
Z. 3 : Der Titel jtQocpi'daH begegnet in Pergamon hier zum er- 
sten Mal. Bei Aeneas Tact. hat das Wort die Bedeutung 'inter 
stationarios primus' (Orelli zu cap. 22), unter mehreren cpvXa- 
■aeg eines Wachpostens ist ein jiQocpvlaS,. HaQacpvXanEg kennen 
wir aus mehreren kleinasiatischen Inschriften (vgl. I.v. P. 239; 
Coli, of anc. Gr. inscr. in the Brit. Mus. III 2 S. 87 ; Liebenam, 
Städteverwaltung 357, 6; Chapot 260), sie scheinen Gensdar- 
meriecommandanten zu sein. Die äQx\-<^pvXax£c, und vitofpvlay.eq 
lykischer Inschriften sind Steuerbeamten (Liebenam, a.aiO.). — 
Z. 5 f. etwa: 8id te t6 tou jtatQJö? [a^icof^ia xai xr\v xov Se^tov dpeTi^v. 

58. Runde Basis aus weissem Marmor, oben und unten 
mit Profilierung versehen. Auf der Oberseite viereckiges Dü- 
belloch mit Vergusskanal. Gefunden im östlichen Teil des 
Gymnasions der veoi 1904. H. 0,90, Durchm. auf der Obers, 
gemessen 0,572, a) Inschrift auf der einen vSeite: B.H. in Z. 1: 
0,026, sonst 0,023, Z.H. 0,04. Formen GMicf). Phot. 817. b) Auf 
der anderen Seite: B.H. 0,021, Z.H. 0,036. Die Schrift ist weni- 
ger scharf eingemeisselt. AI-l0MZn(|). Die Basis blieb im 
Gymnasion. 

a) Ol V£Ol ETipiGav 

rdiov 'Ioi)A.iov Md|i[iov 
Tov Eavxiäv vlov, yziki- 
agyfiv Xzyimvoc, e', e'jtaQ- 
5 y^ov iTCJteojv, KQvxaviv, 

lEQEa 8id ßiov TOiJ ni'&iov 
'AjTÖAAfovog, TipiTTJv, 
aQYDQOTa^xiav, atpati]- 



328 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

yov, öict TTjv avvneQßXy]- 
1 Tov JiQOC, avxovq 

cpiXavdptojtiav. 

b) Ol vEoi ^ 8Ti|iTiaav 

rdiov 'lovXiov Md|i[xov 
TOV eavxööv vlov, j(i- 
XiaQyipv Aeyicovo? e', 
5 8id TT)v ävv7ieQßXr\- 
Tov jiQoq amovc, 
-5?" q)iXavdQa)jriav ^ 

Auch die AM. XVI 1891, 146 f. und XXIV 1899, 216 Nr. 
43 veröffentlichten Inschriften sind zweimal auf demselben 
Stein eingehauen. Hier muss die kürzere Inschrift b älter 
sein als a, wofür schon die Buchstabenform sprechen könnte. 
Wahrscheinlich gemacht wird dies dadurch, dass in b der 
Geehrte nur den Titel -^{liagioq Xgyiöövo? e' hat, während in a 
eine grosse Reihe von Ämtern genannt wird. Als tribunus 
militum konnte er von den veoi den Titel vlbc, vecov empfan- 
gen, während diese Art der Ehrung bei einem der höchsten 
Beamten der Stadt kaum mehr angebracht war. Die Inschrift 
a wird also erst in jüngerer Zeit, vielleicht bei einer Verset- 
zung oder Restauration der Statue, eingemeisselt sein. 

Zu a, Z. 2 : 'lovÄio? mit einem die Zeile überragenden i. 

Z. 3 : Über den Titel vlbc, vecov s. G. Hirschfeld, Zs. f. österr. 
Gymn. XXXIII 1882, 161 ff.; Liermann, Diss. philol. Halenses 
X 1889, 39 f. Militärtribunen aus Pergamon auch I.v. R 458. 
460. 461. CIL. III 399. — Z. 6: Ein 8id ßioi) lEQEvq xov Uv^iov 
'A7i6Xko)voc. begegnet uns auch I. v. F. 309. 

Z. 7 : In dieser Inschrift lernen wir zum ersten Mal in 
einer Stadt der Provinz Asia einen Ti}i,i]Trii;, censor, kennen. 
Bisher war dieses Amt nur für Bithynien belegt, vgl. z. B. 
Hirschfeld, Sitz.-Ber. der Berl. Akad. 1888,870; Levy, Rev. 
d. et. gr. XII 1899, 273 f.; Brandis s. v. Asia bei Pauly-Wissowa 
II 2, 1553. Über die Bedeutung unseres Zeugnisses für die Er- 
kenntnis der städtischen Verfassungen in der Provinz s. Cha- 
pot, a. a. O. 1 96 f. — Z. 8 : Einen dQyvQOTaiiiag ßoDÄfjg bezeugt 
I. v. P. 596. Vgl. auch hierzu Chapot, a.a.O. 254 n. 8. 



DIE ARBEITEN ZU PERfiAMON 1904-1905 329 

59. Deckplatte einer runden Basis, oben mit quadrati- 
schem Abacus abschliessend. Gefunden 1904 im östlichen Teil 
des Gymnasions der veoi, wo das vStück auch verblieb. H. 0,32, 
Br. u. T. des Abacus, in dem sich oben zwei runde Zapfen- 
löcher befinden, je 0,71. B.H. 0,028, Z.H. 0,053. Formen wie 
Nr. 58 a. 

Ol veoi h'my\aav 
raiov 'louXiov Md^ijAOv. 

Z. 2: Das I von 'lovAiog überragt die übrigen Buchstaben. 

60. Ebenda wurde das Mittelstück einer runden Basis 
gefunden, aus demselben Marmor und mit derselben Zahnei- 
senbearbeitung und Buchstabenform, das wahrscheinlich hin- 
zugehört, wenn auch die beiden Stücke nicht scharf auf ein- 
ander passen, wie ein Versuch ergab: der Durchmesserunter- 
schied beträgt etwa 0,005. H. 0,573, Durchm. 0,525. BH. 0,028, 
Z.H. etwa 0,056. Blieb im Gymnasion. 

Tov EauTCüv viov, yzi- 
XiaQYpv Aeyitüvog niyi- 
jtTTic, e:taQxov ijtjteoov, 
TiQvxaviv xal legia 8i- 
5 a ßiou T0i5 HdOioi^ 'AjtoX- 
?icovo<;, Ti|.uiTriv xal 

GTQatTlYÖV. 

Sicherlich gilt die Inschrift demselben C. lulius Maxi- 
mus, den wir oben kennen gelernt haben. Dieselben Titel und 
Ämter werden aufgeführt, nur apyiipOTai-iiag ist hier wegge- 
lassen. In Z. 3 stehen von iJtjrecov die Buchstaben Jteto auf 
Rasur, offenbar war zuerst tjtecDv geschrieben. — Z. 4 legia mit 
grossem i. 

61. Wahrscheinlich demselben Mann gilt auch die In- 
schrift auf dem Mittelstück einer runden Basis, die 1 904 ebenda 
gefunden wurde und ebenfalls im Gymnasion verblieb. Weis- 
ser Marmor, Zahneisenbearbeitung. H. 0,56, Durchm, 0,51, 



330 H. HEPDING. IL DIE INSCHRIFTEN 

B. H. 0,024, Z.H. 0,047. Buchstabenformen wie bei den vori- 
gen Inschriften. 

Faiov ""loijXiov Md|i|iov 
yeiXiaQxov ^eyicövoi;] 
jre|j.JtTT|5, yv[ivaoiaQyov 
5 Twv yv\ivaai(ßv jrdvtoov, 
oi]^AEUOi aßaaTCtHTOOi ti^u]- 
TTJv, ävadr\\iaow iSioig eii; 

fXEVOv ■KdXkoc, aiEi xai 
10 XeyovTa xal jiQctaaovTa 

TT)? 'Aöiag td avvcpeQovxa, 
xai Tfji; ev Tal? q)do8o^i- 
aic, 'ka\iKQ6Tt]xo(; idgiv xui 
xr\q 8V Tü)i ßicoi oe\iv6x^]io<;. 

Die Ergänzung der ersten Zeilen ist natürlich nur dem 
Sinne nach ungefähr richtig. Jedenfalls wird es sich hier nicht 
um eine Ehrung durch die veoi handeln. Zu Z. 4/5 vgl. CIG. 
2885 aus Milet: jrai8ov6[AOi^ xai YVf^ivaoidQxov jidvTOJv twv yv- 
livaöioDv. — Z. 6: aT]|i8L(JL)L dßaotdxTCoi muss ich unerklärt lassen. 
Es kann wohl nur eine besondere Würde oder Auszeichnung 
ausdrücken. Man könnte an einen (latus) clavus denken, 
wie er in Rom senatorischen Rang bezeichnete; aßdötaxTüi; 
müsste dann etwa "nicht wegnehmbar' sein: vielleicht also 
auf Lebenszeit, wie dem Opramoas die jioQcpijQa 8id ßiov ver- 
liehen wird (s. Heberdey, Opramoas VI B u. ff.). 

62. Runde Basis aus weissem Marmor ohne Profile, ge- 
funden 1904 im östlichen Teil des Gymnasions, wo sie ver- 
blieb. H. 0,68, Durchm. 0,48. Auf der Oberseite die Standspu- 
ren einer Bronzestatue. B.H. 0,024-0,022, Z.H. etwa 0,035. 

Formen I-ITTY. 

'H ßoDÄT) xal 6 öfjiiog 
Twv vetoxoQoov Hegya- 
[XT]va)v ETEL^^uiaev F. (1) 
'IoijXiov IIgüAxqov veov 
5 r\Q(ßa Tov viov F. 'lo-uXiov 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 331 

Z. 1 : Die erste Senkrechte des ^ ist grösser als die übri- 
gen Buchstaben der Zeile, wie in I.v. P. 461, mit der unsere 
Inschrift auch in der Form der Neokoratsbezeichnung über- 
einstimmt. — Z. 3 : Über dem F ein kleiner Strich als Abbre- 
viaturzeichen. Das I ist offenbar aus Versehen zweimal ge- 
schrieben. — Z. 4: Zu V80V f\Qcoa vgl. die pergamenische In- 
schrift bei Lebas -Waddington, Voyage archeol. Nr. 1723 b 
(I.v.P. S.514); AM. XXIV 1 899, 21 6 Nr. 43; IG. XII 1,3(Thera), 
880; Deneken in Roschers Lexikon I 2, 2549 f. Über die He- 
roisierung s. Rohde, Psyche II- 358 ff. und Deneken, a.a.O. 
2547 ff. — Z. 5 : Vater und Schwester des hier Geehrten ken- 
nen wir schon aus I.v.P. 292. 

63. Bruchstück einer Tafel aus weissem Marmor, obere 
und Rückseite erhalten, letztere glatt. Gefunden 1904 im Gym- 
nasion der veoi. H. 0,254, Br. 0,24, T. 0,039 B.H. in der ersten 
Zeile 0,024, sonst 0,02. Z.H. 0,038. Formen ÄA0n. 

'H ßovAT)] xai 6 8f)|.i[og twv 
veoöxoQcov n£Q]Ya[xr]Vü)v [8ti^AT]a8V 
Tov öeiva — vlov Koq 

5 VON 

IN 

Nach I.v.P. 477 darf man in Z. 3 vielleicht ergänzen: 
-Evous] utov KoQ[vri>.iav6v, wobei nur zu bemerken ist, dass 
dann Praenomen und Nomen abgekürzt sein mussten, etwa: 
T. K^. — Z. 4 wohl TJQ[cüa {pi[Xo8o^ia(;|EV8X8v. 

64. Altarförmige Basis aus weissem Marmor mit oben 
und unten rings herumgeführten Profilen. H. 0,80, Br. ohne 
Profil 0,593, T. desgl. 0,593. Gefunden 1904 im Gymnasion 
der V801, wo der Stein auch blieb. Auf der Oberseite zwei 
grössere und ein kleines rundes Zapfenloch, in dem noch ein 
Stück des Bleivergusses steckt. B.H. 0,023-0,025, Z.H. 0,045- 



332 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

0,05. Scliriftformen ähnlich den Quadratusinschriften. Phot. 
816. Abb. 4. 




Abb. 4. Basis für eine Ehrenstatue des 
T. Flavius Florus (Nr. b4). 

"H (3oi)H] xal 6 8fi|j,oi; 

TWV JtQüJTOOV • vemxoQCüv 
neQYa|.ii]vö5v etifuioe 
TiTOv OAdouiov <l>A.(Jöoov 



DIE ARBEITEN ZU PBRGAMON 1904-1905 333 

Diov O^aoviov MrivorpdvTOv 
xov yv\ivaaMQyipv xai 
dQXi-£Q£(^? ff]? 'Aaia? • xai xäq , 
koiKtiq agiäc, ndoaq ä^iodg 

1 TT)? JtaTQlÖog nEJrÄTIQOOXOTOg 

8id TE t6 xov naxQOC, ä^io}[ia 

xai TT)V TOl) <1>Ä(jOQOI» 

dpsniv. 

Der terminus ante quem für diese Inschrift ist die Ver- 
leihung des zweiten Neokorats an die Pergamener, die etwa 
113/114 erfolgte (I.v. P. II S. 207). 

Die Inschrift ist eine Ehrung für einen früh verstorbenen 
Jüngling aus vornehmer Familie. Der Vater Flavius Meno- 
phantus war d^xieps^'? 'Aoiac, und Gymnasiarch, er ist wahr- 
scheinlich identisch mit dem auf einer der Ouadratusinschrif- 
ten I. V. P. 438 genannten Gymnasiarchen TitOs <I>Ädoiji[o5j 
M[riv6{pavT0(;], wie wir wohl ergänzen dürfen. Vielleicht ist der 
dort mit ihm genannte Tito? 4>Xdo[i)ioi; eben sein Sohn Florus. 
Wenn dies sicher wäre, so müsste unsere Inschrift in die Zeit 
von etwa 102/3-113/114 fallen. Über Ehrungen von Söhnen 
oder Verwandten verdienter Männer s. zu I.v. P. 461. 

65. 23 kleine Bruchstücke w. Marmors, alle nach und 
nach 1904 im Gymnasion der veoi gefunden. Ihre Zusammen- 
gehörigkeit ergab sich aus der Buchstabenform und aus der 
Übereinstimmung des Marmors. Es würde zu weit führen, die 
Maasse jedes der kleinen Stücke aufzuführen. Die B.H. be- 
trägt 0,022-0,026, die Z.H. 0,044-0,05. Die Schriftformen stim- 
men genau mit denen der vorhergehenden Inschrift überein ; 
dass die vorliegende auch nach dem Muster jener zu ergän- 
zen sei, ergaben einige an einander passende Fragmente. Es 
gelang mir festzustellen, dass diese Fragmente zu einer noch 
im Anfang der 70 er Jahre vollständig vorhanden gewesenen 
Inschrift gehören, die also erst in jener Zeit wahrscheinlich 
von den Kalkbrennern zerschlagen worden ist: Herr G. Ral- 
lis stellte mir nämlich im vorigen Jahre einige Nummern 
der in Smyrna erschienenen Zeitschrift "OfxtiQO? zur Verfü- 



334 



H. HEPDING. 



II. DIE INSCHRIFTEN 



gung, in denen er seiner Zeit einige pergamenische Inschrif- 
ten veröffentlicht hat. Die einzige bis jetzt in Europa unbe- 
kannt gebliebene findet sich im Jahrg. 1874, 296: 'Ejti \iaQ- 
[iOLQOv oyr\\io. oxr\kr\q E/ovrog, kn\ xf\c, dxQOJtoXecüi; övto?, xal r\br] 
xaTa>teQ[xaTiG'0^8VTO(; vko tcöv öö^wj^iavcoA' (!). 




; .^M^<proß:: 




Abb. 5. Ehreninschrift für C. lulius Flavianus (Nr. 65). 



10 



"H ßouXf) xal 6 6f][^iO(; tcJov nQioxoiv 
vstoxoQCüv neQyapivwv etip]- 
oe rdiov 'Iov?aov $ÄaoDiav6v r\QU)- 
a, vlbv OAaoDiou MT]vocpdvTOij toO 
yv\xvaoidQiov xal aQ/iepewi; 
xf\c, 'Aoiac, xal xäg Tioiiiäc, d^x«? 
jtdöai; dlicog xf\q naxgibog 
jrejrXTiQwxoTO? 8id te xov naxQoq 
d|ico|j,a xal ttjv xov OA.ao\)iavoi) 
dßETriv. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 335 

Wie beistehende Reconstriiction (Abb. 5) zeigt, passen die 
Fragmente Wort für Wort zu diesem Texte; nur die Zeilen- 
einteilung ist im "OpiTiQo? eine willkürliche. Die ursprüngliche 
ergab sich aus der vorigen Inschrift, die ja bis auf den einen 
Namen mit dieser vollständig übereinstimmt. Der hier Geehrte 
ist ein andrer Sohn des Flavius Menophantus, der ebenfalls 
als Jüngling, vielleicht gar ungefähr gleichzeitig mit seinem 
Bruder — so erklärte sich wenigstens am einfachsten die volle 
Übereinstimmung der beiden Inschriften — gestorben ist. Er 
war von einem lulier adoptiert worden ; sein Adoptivvater 
wird jedoch in der Inschrift nicht genannt. Die beiden Eh- 
rungen galten ja auch viel mehr dem hochangesehenen Vater, 
dem die Pergamener dadurch ihre Teilnahme an seinem 
Schmerz ausdrücken wollten, als den Söhnen selbst. Die Basis 
für die Statue des C. lulius Flavianus war nicht wie die sei- 
nes Bruders aus einem Stück gearbeitet, sondern unsere Bruch- 
stücke gehören offenbar zu der Standplatte der Basis. Ihre 
Breite scheint genau mit der der vorigen Inschrift überein- 
gestimmt zu haben. 

66. Drei Bruchstücke einer Stele aus weissem Marmor, 
a) Gefunden 1 904 im Hof des Gymnasions der vegi. Rück- 
seite rauh, 1., r. und unten r. vollständig, oben gebrochen. 
H. 0,935, Br. 0,618, T. 0,10. b) R. oben an a anschliessend, ge- 
funden gleichzeitig an derselben Stelle; obere und r. Seite 
erhalten, oben rauh, mit schmalem Randbeschlag und einer 
nach hinten verlaufenden Klammerbettung versehen. H. 0,272, 
Br. 0,233, T. 0,08. c) Gefunden 1905 etwas weiter nördlich und 
in höherer Schicht oberhalb der Kaiserhalle des Gymnasions. 
L. an b anpassend, obere Seite erhalten. H. 0,203, Br. 0,182, 
T. 0,07. — Die Vorderseite ist mit dem Zahneisen bearbeitet. 
B.H. 0,03, Z.H. 0,059. Formen GYcJ). Phot. 770 (ab); 1094 (abc); 
Abb. 6. 

'H [ßonAr]] xai 6 öfi^iog 

TtOV [jtQÜ)]tCOV V£Ü)KÖ- 

QQ)V nEQ[Ya]|j,T]vc5v 
8ti[.ii]oev BaaiXiooav 



336 



H. HEPDING 

5 



II. DIE INSCHRIFTEN 



10 



KXavöiav Ka:rtiTa)A.e[ivr|v 
'loDViov "^Poi'itpoD djtoxa- 
xaoxr\oaoaY xa xQi][ia- 
xa TT) jtoXei, ä 6 3iaxr\Q av- 

XaÖlEQWOEV. 




Abb. b. Ebreninschrift für BasiUssa Claudia Capitolina (Nr. 66). 

In Z. 1 und 2 wäre noch nachzuprüfen, ob hier nicht ein 
1903 auf der mittleren Gymnasionterrasse gefundenes und 
im Inventar unter Nr. 247 abgeschriebenes Fragment anpasst. 
Ich bin leider nicht in Pergamon auf den Gedanken gekom- 
men, dass das Stück zugehören könne. Es ist ringsum gebro- 
chen. H. 0,25, Br. 0,41, T. 0,13. B.H. 0,03, Z.H. 0,06. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1Q04-1905 337 

H BOYAH 
m PP 

In Z. 4 muss BaaiAioatt \'ornaine sein ; es kommt ja auch 
sonst als Frauenname vor, s. Pape, Eigennamen s.v.; Heberdey 
u. Wilhelm, Reisen in Kilikien 56 Nr. 126. Die zwei letzten 
Buchstaben sind wegen Raummangels kleiner geschrieben. — 
Z. 3 : Vgl. die Inschrift auf einem Gebälkstück von einem 
Grabbau aus weissem IMarmor (IG. 3556; I.v. P. II S. 513), das 
sich jetzt im Garten des Konaks befindet: Kajr]eT(oÄeiviig nai 
Tcov Tgxvan' jri (so!). Die Buchstabenformen dieser Inschrift 
(Ahl) machen jedoch einen jüngeren Eindruck. — In Z. 6 u. 8 
bedingte es ein Fehler des Steins, dass der Steinmetz zwi- 
schen Ttt und öTi]oaöav und zwischen xr\<; und KX. einen grös- 
seren Abstand lassen niusste. Die Geehrte hat offenbar eine 
Stiftung ihres Vaters, deren Betrag wohl durch uns unbe- 
kannte Umstände sich verringert hatte, \vieder erneut und auf 
die ursprüngliche Höhe gebracht. Weder der Gatte noch der 
Vater sind uns aus andren pergamenischen Inschriften be- 
kannt. Jedenfalls handelt es sich um eine vornehme Familie. 
Ein Ti. Claudius Balbillus war in claudischer und neronischer 
Zeit kaiserlicher Procurator auf Delos, derselbe oder ein and- 
rer des Namens praefectus Aegypti unter Nero, s. Stein bei 
Pauly-Wissowa III 2, 2679. Zu Ehren eines Astrologen Bal- 
billus aus der Zeit Neros und Vespasians feierten die Ephe- 
sier einen oft in Inschriften erwähnten Agon, die BaAßiAkia, 
s. Dittenberger zu OGI. 509 n. 26. 

67. Bruchstück weissen ISIarmors, die Vorderseite mit dem 
Zahneisen bearbeitet, die Rückseite ist abgerundet, sonst 
Bruch. Das Fragment ist vielleicht zum Anstücken an einer 
Säule benutzt worden. Gefunden 1 904 im Gymnasion der veoi. 
H. 0,117, Br. 0,23, T. bis zu 0,06. B.H. 0,018, Z.H. 0,034. 

[jtQEößeiitTjv xal dvTiaTQftTijYOv] 
AvT]oxQdTOQO? [NEQOva Tßdiavoii 
KaiGjaQOi; 2eßa[oTOit FeQixavixov 
e;taQ]xeiag 2i>Qia[? 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 22 



338 H. HEPDING. II. DIE- INSCHRIFTEN 

Es ist dies wiederum ein Stück einer der in Pergamon 
so häufigen Ehreninschriften für C. Antius Aulus lulius Qua- 
dratus, vgl. die Litteraturangaben AM. XXVII 1902, 181; 
XXIX 1904, 176; Bull, de l'acad. de Belg. Cl. des lettres 1905, 
204 n. 1. 

68. In drei Stücke gebrochenes Fragment weissen Mar- 
mors, obere S. erhalten, rauh, nach vorn ein schmaler Rand- 
beschlag; sonst rings gebrochen, doch fehlt r. nur sehr wenig. 
Die Vorderseite ist mit dem Zahneisen bearbeitet. Gefunden 
1905 im nördlichen Teil des Gymnasions der veoi. H. 0,195, 
Er. 0,245, T. 0,045. E.H. 0,03-0,034, Z.H. 0,066. Euchstaben- 
form, Behandlung der Vorder- und Oberseite stimmen genau 
mit der vorigen Inschrift überein. Wir dürfen daher ergänzen: 

'H ßovÄT) xai 6 öfjfxojg twv 
JtQ(OTCOV vecüxÖQCov] IleQ- 
ya[ir]V(ßv exi[ir[oe]v I. 

In Z. 3 ist nur der r. obere Apex des v und dann das 
Abkürzungszeichen (genau in der Form, wie über KA. in Z. 9 
der vorigen Inschrift) über einer Senkrechten erhalten, also 
wohl 'I(ovXiov) wie in I. v. P. 571 IL 

69. Bruchstück einer runden Basis aus weissem Marmor. 
Oberseite glatt, sonst rings gebrochen ; stark mit Mörtel be- 
deckt. Gefunden 1904 auf der obersten Gymnasionterrasse. 
H. 0,23, Er. 0,35, T. 0,11. E.H. 0,023-0,025, Z.H. 0,045. 

ArjfxiitQiog 2aT[vQ0v 

2dTDQ0V TOV [3iaT£Qa(?). 

70. Bruchstück einer Platte aus weissem Marmor, 1. u. 
oben geglättet, unten roh abgeschrägt, hinten rauh, rechts 
gebrochen. Gefunden 1905 im Kellerstadion des Gymnasions. 
H. 0,125, Er. 0,195, T. 0,033-0,04. Für Z. 1-3 ist je eine Linie 
vorgeritzt. E.H. 0,012-0,019, Z.H. 0,02. Formen: AGOCUU (wie 
I.v.P. 464). 



IHK arhkit1':k ZT- i'kr(;amon 1Q04-1Q05 339 

['0 8fi[Aog eTi[XT]aEv] 
0eaYEv(i]v xov bslvoc, YD|^ivaaia()xr'l(TavTa 
xuÄcüi; x[ai ^ley^^Of^ieQü); xcxi :tQOvor|oavT(x 
xr\(; te Td)[v 8(pT]ß(ov xai v£ü)v dycoYTi? 8iKai03c 
[xal fpi}io86|o)s]. 

71. Runde Basis aus weissem Marmor, oben mit Pro- 
filierung; oben und unten gebrochen. Gefunden auf einem 
der türkischen Friedhöfe und 1904 im Garten des Konaks 
aufgestellt. H. 1,07, Durchni. etwa 0,55. Auf beiden Seiten 
der fast ganz verwitterten Inschrift je drei verschiedenartige 
Kränze über einander in hohem Relief, von denen der un- 
terste r. nur noch zum kleinsten Teile erhalten ist. B.H. in 
der 1. Z. 0,022, in der 2. Z. 0,03, in den folgenden 0,02-0,016. 
Z.H. 0,045-0,035. B.H. der Inschriften in den Kränzen 0,015, 
nur in dem untersten 1. beträgt .sie 0,008, Z.H. 0,016. L. u. r. 
vom obersten und untersten Kranz auf jeder Seite je zwei 
schmale Dübellöcher. 

H BO¥AHKAI 
P. [co{AYi] OAI-IMOZ NEA 

e]TIMH[oEv noAlZ 

' lAZ 
G 

nveiA E NEMEIA 

TTEPrAMO[v 
TAMETAAA 
ZEBAZTAP[a) 
M A I A E n . . 
A . . O Y I 

Ehrung eines agonistischen Siegers. Über die \i£ydXa 
Seßaötd Ta)|i,aia s. oben zu Nr. 50. 

72. Bruchstück bläulichen Marmors, 1. vSeite erhalten, 
sonst rings gebrochen. Die Vorderseite mit dem Zahneisen 
bearbeitet, 1. ein schmaler Randbeschlag. Gefunden 1904 auf 
der obersten Gymnasionterra.sse. H. 0,10, Br. 0,148, T. 0,045. 



340 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

B.H. 0,014. Scharfe Schrift, o und o sind etwas kleiner als die 
anderen Buchstaben und stehen etwas über der Zeile. 

TijidaaQXOS 

Von dem t ist nur die senkrechte Hasta erhalten. Die 

Inschrift hatte entweder nur eine Zeile, oder die erhaltene ist 

die letzte. Zu Ti^idoagxo? vgl. AM. XXIX 1904, 171 Nr. 14 Z. 

20: Zi'ivcov Ti[xaoi{}£Oi) und E. Schweizer, Grammatik S. 50 c. 

73. Bruchstück weissen Marmors, sehr verwittert; oberer 
Rand erhalten, sonst rings gebrochen. Gefunden 1905 im 
Hof des Gymnasions der veoi. H. 0,125, Br. 0,14, T. 0,05. B.H. 
0,022, Z.H. 0,032. Formen A(t). 

öcpavTO 

TOV Y 

Z. 2 vielleicht tov y[v\ivaoiuQ)iov. 

74. Bruchstück einer Basis (?) aus weissem Marmor; obere 
Seite erhalten, rauh; sonst rings gebrochen; sehr verwittert. 
Gefunden 1904 im Gymnasion der veoi. H. 0,10, Br. 0,26, T. 
0,13. B.H. 0,018, Z.A. 0,013. Dünne Buchstaben. 

~r\Y 

Darüber ist noch Platz für eine weitere Zeile wie etwa 
ü öfjfxo? oder 6 öfjfioq hi[ir]OE. 

75. Fragment einer Platte weissen Marmors, Rückseite 
rauh, sonst rings gebrochen. 1904 von G. Rallis dem Museum 
überwiesen, gefunden im Bezirk des Hag. Georgios. H. 0,14, 
Br. 0,24, T. 0,05-0,058. B.H. 0,023, Z.H. 0,032. Die Buchstaben 
sind durch vorgeritzte Linien begrenzt. Formen ÄI-IÄ. 

(vac.) 

V TT)V TELI [[XTjV 

KJijQov KXavfölou 

Einen KXaiJÖio? KvQoq kennen wir aus I. v. P. 274 und 
dem oben unter Nr. 15 publicierten Hadriansbrief. . 



DIp; ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 341 

76. Bruchstück weissen Marmors, obere Seite erhalten, 
sonst rings gebrochen. Gefunden 1 904 im Gymnasion der veoi. 
H. 0,09, Br. 0,1 1, T. 0,028. B.H. 0,024, nur eine Zeile; die Buch- 
staben mit grossen Apices. 

B A 2 Z [ov 

77. Bruchstück einer Platte weissen Marmors, r. und un- 
ten gebrochen. Hinten Anschlussfläche, oben leichte Glättung 
mit Randbeschlag, 1. rauh. Ein viereckiges Loch oben links 
mit Klammerbettungen nach 1. und hinten zeigt, dass .sich 
hier weitere Steine anschlössen. Vielleicht also Standplatte 
einer Basis. Gefunden 1904 auf der mittleren Gymnasion- 
terrasse. H. 0,20, Br. 0,32, T. 0,14. B.H. 0,03. Dünne Schrift. 

O AHMOZ 

78. Deckplatte einer Basis aus weissem Marmor mit Pro- 
fil an der Vorder- und den beiden Nebenseiten. An der Vor- 
derseite ist 1. unten ein Stück und die r. obere Ecke abge- 
brochen. Auf der Oberseite zwei nach hinten gerichtete 
Klammerbettungen, in der vorderen 1. Ecke ein grosses run- 
des Zapfenloch, ausserdem vorn in der Mitte ein kleines run- 
des, weiter r. ein viereckiges, und r. in der Mitte ein rundes 
Loch. Die untere Seite ist rauh. Gefunden 1904 im nordöst- 
lichen Teil des Gymnasions. H. 0,18, Br. 0,845, T. 0,65. B.H. 
0,03. Blieb im Gymnasion. 

'O SfifXO? 8TlflT]ö8V 

79. Deckplatte einer Basis aus weissem Marmor mit stark 
vorspringendem Profil. Links Bruch, hier passt ein kleineres 
Fragment an, sodass die Inschriftzeile vollständig wird. Auf 
der Oberseite zwei runde Zapfenlöcher zur Befestigung einer 
Bronzestatue links mitten und rechts hinten. Gefunden 1904 
im Gymnasion der veoi. H. 0,22, Br. 0,67, T. 0,67. Die Inschrift- 
fläche ist 0,605 laiig und 0,056 hoch. B.H. 0,03-0,032. Formen 
der Buchstaben I ¥. 

'H ßovXf) xal 6 öfjixog IxeLp^aev. 



342 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

80. Basis weissen Marmors, im nordöstlichen Teil der 
Altarterrasse 1904 von Conze gefunden und abgeschrieben. 
H. 0,37, Br. 0,57, T. 0,37. Auf der Oberseite Standspuren einer 
Bronzestatue; die 1. und r. obere Ecke der Vorderseite abge- 
brochen, daher ist von der nur aus einer Zeile bestehenden 
Inschrift nur ein Drittel erhalten. Sehr verwittert. Schrift 
der Königszeit. 

^X NRANAG 

Links fehlen etwa 0,27, r. 0,10 m von der Zeile. 

81. Bruchstück einer Basis aus blauem Marmor, rings 
gebrochen, gefunden 1 905 in der Kaiserhalle des Gymnasions. 
H. 0,23, Br. 0,22, T. 0,195. B.H. 0,026, Z.H. 0,04. 



'A] P O A / 
t] DFYM^ [aaiov 

-\P 

82. Stück einer Inschriftplatte aus blauem Marmor, Rück- 
seite rauh, sonst gebrochen. Gefunden 1904 im Gymnasion 
dervEoi. H. 0,1 85, Br.0,135, T. 0,035-0,04. B.H. 0,025, Z.H. 0,045. 
Dünne Schrift: KP. 

-N I 
I K AI KO 
'FP07 
-^F 

83. Bruchstück weissen Marmors, wohl von einer Basis. 
Untere Seite erhalten, 1. Seite glatt, jedoch ist letztere wohl 
kaum ursprünglich. Gefunden 1904 im Gymnasion der veoi. 
H. 0,141, Br. 0,105, T. 0,292. B.H. 0,016, in der letzten Z. nur 
0,012-0,014. Z.H. 0,023, in der letzten Z. 0,02. Formen PO.. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 343 

£lH ATP 
A T A K 

X P 
Z K A 

~rpor 

Z. 1: t]cov dycofvwv (?). — Z. 5: JtQoylov . . 

84. Bruchstück einer Platte aus bläulichem Marmor, 1. 
und hintere Seite erhalten, sonst gebrochen. Gefunden 1904 
im Gymnasion der veoi. H. 0,182, Br. 0,067, T. 0,045. B.H- 
0,032, Z.H. 0,046. 

E<t)h 
Z. 2 : y'^IM'^ciöi ... — Z. 3 : £(pri[ß . . . 

85. Bruchstück einer Basis aus bläulichem Marmor, spä- 
ter zu anderer Verwendung verarbeitet. Oben und hinten 
gebrochen, 1. Seite mit dem Zahneisen bearbeitet und mit 
Randbeschlag; unten Anschlussfläche und Rest eines vier- 
eckigen Dübellochs; r. Seite glatt. Die Inschriftseite ist mit 
dem Zahneisen bearbeitet und hat 1. einen breiteren, unten 
einen schmalen Randbeschlag. Gefunden 1905 im Mittelsaal 
des Gymnasions der veoi. H. 0,153, Br. 0,104, T. 0,088. B.H. 
0,024-0,025, Z.H. 0,043-0,045. Spuren der roten Ausmalung 
noch erhalten. Formen: n4>. 

L. . 

P PO 
E<t)HB 

Z. 2 u. 3 wohl: KQo[vor\oavxa xf\c, re tcüv vecov xal] ecprjßfcov 
äy(ßyf\c, . . . 

86. Bruchstück weissen Marmors, bis auf ein kleines 
Stück der 1. Seite rings gebrochen. Gefunden 1904 im Gym- 



344 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

nasion der veoi. H. 0,098, Br. 0,335, T. 0,11. B.H. 0,018, Z.H. 
0,044. Formen: K <1>. 

(pavevra 8e xai Iv Tfji I 1 1 l — — — [yv- 

[ivd]oioy xai ttji; 
Z. 1 vielleicht Iv ttji jiQv[xaveiai — — twv xatd t6 yv- 
Z. 2 |i,vd]öiov xai xf\g [vecov xm ecprißcov äy(x)yr\q — 

87. Bruchstück weissen Marmors, rings gebrochen, gefun- 
den 1904 im Gymnasion der veoi. H. 0,229, Br. 0,072, T. 0,13. 
Die vorgeritzten Linien, die die Buchstaben oben und unten 
begrenzen, sind deutlich erkennbar; Spuren roter Ausmalung 
erhalten. B.H. 0,018-0,016, Z.H. 0,023-0,02. 

7 QH 
KAON 
\'ZÜ 
5 ü N T : 
E I 21 
)YNTC. 
XOYN 
O YCI 
10 A7 

Z. 8 wohl yv\ivaaiaQ]ypvv[xoc,. 

88. Fragment weissen Marmors, rings gebrochen. Gefun- 
den 1904 im Gymnasion der veoi. H. 0,106, Br. 0,14, T. 0,02. 
B.H. 0,015-0,016, Z.H. 0,018-0,02. Vorgeritzte Linien begren- 
zen oben und unten die Buchstaben, in denen noch Spuren 
roter Ausmalung erhalten sind. 

ftHi . . 

^lEYlöTOV 

Evo? xai TO 
' jiaQaiTio[s 
(piX]oxi[iia 



DIK ARHKITEN ZU PEKGAMON I Q04 - I 90.S 345 

89. Bruchstück einer runden Basis weissen Marmors, 

obere Seite erhalten, sonst rings gebrochen; sehr verwittert. 

Gefunden 1905 im Hof des Gymnasions der veoi. H. 0,116, 

Br. 0,1 7, T. 0,045. B.H. 0,022-0,024, Z.H. 0,04. Formen: a. dünne 

Schrift. 

"0 ftfj^o]? eTi(j,T][aev 

— l^lOV d[Q£Tfj? EV8X8V 

In Z. 2 ist von dem v nur die Spitze der r. oberen Hasta 
zu erkennen. 

90. Weisser Marmorblock, wohl von einer Basis, mit ein- 
zeiliger Inschrift auf der Vorderseite, von deren Oberfläche 
jedoch nur r. ein kleines Stück erhalten ist. Links davon ist 
sie, ebenso wie die Oberseite, mit tiefen Meisselsch lägen roh 
abgearbeitet. Auf der Oberseite noch die Reste eines vierecki- 
gen Dübellochs vorn in der Mitte und einer anderen Vertie- 
fung weiter hinten nach links. H. 0,255, Br. 0,52, T. 0,548. 
B.H. 0,01 8. Der Stein blieb im Gymnasion der veoi, wo er 1904 
gefunden worden war. 

•ENONTOI 

91. Zwei nicht an einander passende Bruchstücke einer 
runden, innen ausgehöhlten Basis aus weissem Marmor. Sehr 
verwittert sind die Reste einer reichen Guirlande in hohem 
Relief, die auf beiden Fragmenten vorhanden sind. Bis auf 
die rauhe Rückseite rings gebrochen. Gefunden 1905 im 
Mittelsaal des Gymnasions der veoi. Wie die Mörtelspuren 
zeigen, waren die Stücke hier in späterer Zeit vermauert ge- 
wesen, a) H. 0,195, Br. 0,16, T. 0,055-0,065. b) H. 0,175, Br. 
0,086, T. 0,062-0,072. B.H. 0,043, Z.H. etwa 0,053. 

a) b) 

T 

Die Ähnlichkeit mit der ebenfalls hohlen Basis I.v. P. 388 
und das Vorkommen der Elemente des Worts 'Eeßaaxoc, machen 
es wahrscheinlich, dass wir es hier mit einer Ehrung eines 
Kaisers oder eines Mitglieds der Kaiserfamilie zu tun haben. 



346 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

92. Bruchstück weissen Marmors, wohl von einer Basis, 
obere Seite rauh, sonst rings gebrochen, nur von der Rück- 
seite scheint oben noch ein Stückchen erhalten zu sein. Ge- 
funden 1904 im Kellerstadion. H. 0,135, Br. 0,25, T. 0,07. B.H. 
0,02, Z.H. 0,035. Formen: ÄAcj). 

•^YTÄNIN" 
ZAIH 

Z. 1 : Etwa M£]vova 'A[xq)[i _ . o statt oi auch in I. v. P. 
613 B: KvXova, s. Schweizer 157 ^ 58, 4, vgl. Nachmanson 
64, 3 a. — Z. 2: 7i]Qvxav{v. 

93. Bruchstück weissen Marmors, rings gebrochen, 1. der 
Zeilenanfang erhalten. H. 0,145, Br. 0,87, T. 0,44. Eingemauert 
in der Umfassungsmauer eines türkischen Friedhofs auf der 
1. Seite des Selinus, 1904 uns von Herrn Joannidis gezeigt. 
B.H. 0,033, Z.H. 0,05. Formen: AQ. 

I 

äKkac T8 Tiufocg 
(vac.) 

xoDV ayoQac, x 

"T I r 

94. Bruchstück einer Basis (?) aus weissem Marmor, r. 
Seite erhalten, sonst rings gebrochen. Oberfläche mit dem 
Zahneisen bearbeitet. Gefunden 1 904 im Gymnasion der veoi. 
H. 0,1 1 8, Br. 0,084, T. 0,029. B.H. 0,025, Z.H. 0,042. 

8V JtctoJaiG 
dp/aig xai ^eiTojTJQyi- 
aie] 

95. Bruchstück einer umrahmten Tafel aus weissem Mar- 
mor, Rückseite rauh, sonst rings gebrochen. Unten ein Stück- 
chen der Profilierung erhalten. Gefunden 1904 im Gymna- 
sion der veoi. H. 0,105, Br. 0,105, T. 0,036-0,032. B.H. 0,02, 
Z.H. 0,03. Formen: A(?)¥ 

aQxäc, x]ai X8iTo[i)QYiag 
OPOYE 



DIE ARBEITKN ZU PERC.AMON 1904-1905 347 

96. Fragment weissen Marmors, wohl von einer Basis. 
Untere Seite erhalten, sonst rings gebrochen. Gefunden 1904 
im Gymnasion der veoi. H. U,102, Br. Ü,085, T. 0,07. B.H. 0,025, 
Z.H. 0,04. 

xa^] 1 z. 
(piXo] AOZ. 
(vac.) 

97. Fragment weissen Marmors, wohl von einer Basis. 
Untere Seite erhalten, sonst rings gebrochen. Vorderseite mit 
dem Zahneisen bearbeitet. Gefunden 1904 im Gymnasion der 
V801. H. 0,16, Br. 0,058, T. 0,022. B.H. 0,016, Z.H. 0,027. 

(vac.) 

" P A\yi\iOLxe(ßq 
yQa\x] /| A T [ewg 
(vac.) 

Offenbar von einer subscriptio einer Ehrung: em\iEXr\- 
devTcov . . . 

98. Bruchstück bläulichen Marmors, stark verwittert. 
Stück der Oberseite erhalten, sonst rings gebrochen. Gefun- 
den 1905 im Kellerstadion des Gymnasions. H. 0,08, Br. 0,14, 
T. 0,21. B.H. 0,016, Z.H. 0,026. 

I (vac.) 
o^tov 

In Z. 1 wohl ein Stück des v von exi\xi]oev erhalten. 



IV. AUFSCHRIFTEN. 

99. Zwei an einander passende Bruchstücke eines Epi- 
styls von der Kaiserhalle des Gymnasions der veoi, weis- 
ser Marmor; drei Streifen und Gesims mit reicher Ausstat- 
tung etwa wie I. v. P. 300 (s.o.S. 201 Abb. 10). Die Inschrift 
steht auf dem oberen Streifen. Gefunden 1 904, wurde 1 905 im 



348 



H HEPDING. 



II. DIE INSCHRIFTEN 




Abb. 7 a. Bruchstücke einer grossen Inschrift (Nr. 100). 



Gymnasion mit der zugehörigen Architektur zusammenge- 
stellt (Phot 955). H. 0,34, L. zusammen 2,71, T. 0,52. B.H. 0,065. 

xoXc, SeßaajToIg xal tfji jraTQiÖL ^ 
Ergänzt von Dörpfeld. Vgl. I. v. P. 293 — ''AJÖQiavaJi Seßaatcoi 
xal TTji jtaTQiöi — und die vielen Weihungen tot? SeßaöTOig 
xai TCO 8ri[.io), z. B. IlajtJtaxcüvaTavTivog, At TQücX^eig Nr. 24; Altert. 
V. Hierapolis 76 Nr. 26; Le Bas -Waddington, Inscr. III 2 Nr. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAlVrOX 1904-1905 ' 349 




Abb. 



1). Rückseite von Nr. 100. 



1226 aus Balbura; G. Hirschfeld, Zs. f. österr. Gymn. XXXIII 
1882, 500 ff.; OeoI? SeßaaToI? xal to) bd^up auf einem Agorano- 
mengewicht aus Heraklea Pontika in Monumenti - Annali d. 
Inst. 1855 Taf. 1; der Agoranom von Gythion widmet xä [ihga 
fleoii; SeßaöToTi; xal xr\ nol-Si, Hirschfeld, a.a.O. 502. Wegen des 
Plurals muss unsere Inschrift in die Zeit nach 161 gehören 
(Wochenschr. f. kl. Philol. 1906, 277). 



350 ' H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

1 00. 12 Bruchstücke weissen Marmors, Abb. 7 a b, nach 
Phot. 910.911, gefunden bei den Ausgrabungen im J. 1900 
und 1901 auf der unteren Agora. Sie gehören entweder zu 
einer oder wahrscheinlich zu mehreren Platten einer Auf- 
schrift, wohl von einem Gebäude. Die Stücke sind auf beiden 
Seiten mit vertieften Buchstaben zur Befestigung von Bron- 
zelettern versehen, jedoch sind nur die Buchstaben auf d^r 
einen Seite (Abb. 7 a) scharf ausgearbeitet, und es sind nur hier 
die Löcher zum Einsetzen der kleinen viereckigen Zapfen der 
Lettern vorhanden. Ich halte es daher für wahrscheinlich, dass 
nur diese Seite wirklich fertig geworden ist. Die Buchstaben 
der Rückseite sind etwas grösser. Genauere Angaben kann 
ich nur für einige der Stücke nach dem Fundjournal von 1901 
(geführt von A. Conze, H. Thiersch und W. Kolbe) machen. 

Bei den vierStücken der 1 . Reihe (von r.)ist der obere Rand 
der Inschrift der Vorderseite erhalten; ursprünglich muss die 
Platte grösser gewesen sein, wie aus den Buchstaben der 
unteren (auf der Abb. oberen) Reihe der Rückseite b hervor- 
geht. Das 3. Stück der 1. Reihe ist im Brunnen der Agora 
gefunden (H. 0,08, Br. 0,13, T. 0,05). Das 1. Stück der 2. Reihe 
ist nur 0,038 dick (Br. 0,19) und auf der Rückseite nicht be- 
schrieben. Das nächste muss um 90" nach r. gedreht werden 
(Br. 0,1 8, T. 0,045), ein damals gefundenes kleines, r. oben an- 
passendes Fragment, das die beiden letzten Buchstaben o 
und i vervollständigte, ist inzwischen abhanden gekommen. 
Zu bemerken ist noch, dass bei diesem Stück die Inschrift 
der Rückseite eine andere Richtung hat als bei dem Frgm. 
1/2 der ersten Reihe, daher nehme ich an, dass die Reste zu 
mehreren Platten gehören. Das letzte Stück der dritten Reihe 
ist ebenfalls 1901 gefunden (Br. 0,17). 

Eine Ergänzung oder auch nur eine Angabe über den 
Inhalt der Inschrift ist unmöglich. Das einzige grössere 
Stück, Frgm. 1 12 der ersten Reihe, erlaubt für die obere Zeile 
die Vermutung, dass darin ein Name stand, etwa Ov'k]nlov 
^'k[aovva.vov (vgl. I. v. P. 395, 14). Vielleicht ergibt eine voll- 
ständige Ausräumung des Brunnens im Vorhofe der Kirche 
auf der Agora noch einige Fragmente dieser merkwürdigen 
Inschrift. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 351 

101. Epistylstück aus weissem Marmor mit Inschrift auf 
der 2. und 3. Fascie. Untere Seite erhalten, mit Zahneisen 
bearbeitet, sonst rings Bruch. Fundort nicht l^ekannt, im Mu- 
seum vorgefunden. H. 0,14, Br. 0,13, T. bis 0,038. B.H. in der 
1. Z. 0,042, in der 2. Z. 0,026. Buchstabenformen ähnlich wie 
in I. V. P. 241/2. 

TT 



" A A 

In Z. 1 ist der erste Buchstabe offenbar als jt zu ergänzen, 
Z. 2 wohl -eU- 

102. Bruchstück einer Platte aus bläulichem Marmor, 
Rückseite glatt, oberer, 1. und unterer Rand erhalten, rechts 
gebrochen, unten ein Klammerloch; links scheint eine andere 
Platte angestossen zu haben. Gefunden 1903 auf der mittle- 
ren Gymnasionterrasse. iVbschrift von Altmann. H. 0,28, Br. 
0,43, T. 0,025. B.H. 0,105. 

(JUAN 

Altmann vermutet 'I]ü)dv[vt)i;. 

103. Wahrscheinlich zugehörig zu der vorigen Inschrift 
sind zwei an einander passende Bruchstücke einer ähnlichen 
Marmorplatte. Rückseite glatt, oberer und unterer Rand er- 
halten, 1. und r. Bruch. Gefunden 1905 im Kellerstadion des 
Gymnasions der vegi. H. 0,293, Br. 0,39, T. 0,01 6. B.H. 0,1 5-0,1 55. 

'AY 

1 04. Bruchstück eines Epistyls (?) aus weissem Marmor, 
mit drei Fascien und einem darüber vorspringenden Profil, 
das nur zum Teil erhalten ist. Gefunden 1903 auf der Akro- 
polis bei den Königspalästen. In der architektonischen Form, 
sowie in der der Buchstaben stimmt das Stück auffallend mit 
I.V. P. 612 (=AM. XXIV 1899,190 Nr. 58) überein, sodass 
man Zusammengehörigkeit vermuten möchte. Abschrift von 
Altmann. Auf der obersten Fascie die Inschrift: 

nOT « NV 



3vS2 H. HEPDINO. IL DIE INSCHRIFTEN 

V. GRABSCHRIFTEN. 

105. Bruchstück weissen Marmors mit rauher Rückseite, 
sonst rings Bruch. Gefunden 1 904 in der modernen Stadt im 
Raja Tabak -Machala. H. 0,142, Br. 0,105, T. 0,04. B.H. 0,018, 
Z.H. 0,028. Formen: A0. 

3MAI Ab 
-PO0OI5: 
HTE- TOK 
/MAS4)IAO 

5 m o-zYr 

Anscheinend Stück einer metrischen Grabschrift. In Z. 3 
scheint das Interpunktionszeichen nach E gesichert zu sein. 
In Z. 5 MHN in Ligatur. (!.u)v6? TjieQßeQETaiou?) 

106. Fragment einer Platte aus weissem Marmor, obere, 
1. und Rückseite erhalten. Der obere Teil der letzteren, der 
ein wenig hervortrat, ist abgebrochen. Gefunden 1904 im 
Gymnasion der veoi. H. 0,295, Br. 0,22, T. 0,12. B.H. in Z. 1 : 
0,024, in Z. 2: 0,018, sonst 0,015. Z.H. in Z. 2: 0,033, sonst 
0,025. Formen: I. 

'QGyaa efanTfj 

xaT8aHev[daaT0 
'Paßia MoGxeivfii xai x(b 
yhjKvxdxdi |io[v . . . 
5 'Paßuo IlavXw x[ai w av'eti 
t,(x)oa ovvyo)Q[r\o(ü xai x£nvoiq{?) 
xai xXtiqov6^io[i(; avtwv 
xai exyovoK; a[i)T{öv. 
8i] 8e Tig i^aXko[xQi(ßaT], 
10 I >^o 

Die Ergänzung der beiden ersten Zeilen ist nicht ganz 
sicher, sie empfahl sich jedoch wegen des Raumes. — Z. 3 : Das 



DIR ARBRITEN ZU PRRGAMON 1904-1905 353 

Nomen Ravius ist auch durch CIG. 3543 (I. v. P. S. 513) für 
Pergamon bezeugt. — In Z. 4 ist vielleicht wegen des gleichen 
Nomens döeArpco zu ergänzen, aber es sind auch dvÖQi, vIm 
möglich. Der Wechsel von 1 . und 3. Person ist in Grabschrif- 
ten sehr häufig, z. B. Heberdey u. Kaiinka, Bericht über zwei 
Reisen im südwestl. Kleinasien 34 Nr. 43 ; 37 Nr. 48. — Z. 6 
ist texvoig wegen des Raums nicht sicher, vielleicht vlcb ? — 
Z. 9 stand wohl et statt des üblicheren ectv, wie AM. XXIV 
1899, 236 Nr. 79 und 80.— In Z. 10 ist etwa zu lesen: öwaei 
Tcp] (p[ia]xcü . . . 

107. Grabstein aus weissem Marmor, mit einer Leiste 
umrahmt, darüber ein Giebel mit runder Scheibe im Tympa- 
non und r. mit Akroter. L. und unten gebrochen, hinten rauh. 
Befindet sich seit 1905 im Garten des Konak. Den Fundort 
habe ich leider nicht aufgeschrieben. H. 0,277, Br. 0,335, T. 
0,65-0,55. B.H. 0,017, Z.H. 0,043. Formen: und 0. 

MTiTEQa IlaQiö^eviog 
T]i3^i,ßoi<; evEdi^Ha 
Sexoijvöav 

— r- -, . ^ 

Hexameter. 

108. Giebelaufsatz eines Grabdenkmals aus weissem Mar- 
mor, im Tympanon Rosette, Zahnschnitt, dreigliedriges Epi- 
styl. Die Eckakroterien sind abgestossen. Unten und auf der 
Rückseite rauh, an den Seiten geglättet. Seit 1 905 im Garten 
des Konak, der Fundort ist mir nicht bekannt. H. 0,16, Br. 
0,45, T. 0,29. Auf der mittleren Fascie des Epistyls die In- 
schrift. B.H. etwa 0,011. Phot. 1066. 

MriTQoßia Mt]vo(pl[Xov] xaiQE. 

109. Auf einem der türkischen Friedhöfe gefunden und 
1 904 vor dem Konak aufgestellt, ein grosser Block bläulichen 
Marmors; oben rauh, 1. glatt, hinten und unten gebrochen, 
r. wohl für Neuverwendung abgearbeitet. H. 0,365, Br. 0,546, 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 23 



354 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

T. 0,145. B.H. 0,055, Z.H. 0,095. Schrift etwa des ausgehen- 
den IL Jahrh. KY und Y. 

'IJoD^iovg n[ — KoX 
XctQaxa 1)01)1; [M. 'IodXiov (?) 
Aovjtov y^' 

Z. 1: Etwa n[a{)Xov]. — Z. 2: Der Name Xctpa^ ist für Per- 
gamon schon bezeugt durch den Historiker dieses Namens 
(s. E. Schwartz s. v. bei Pauly-Wissowa), sowie AM. XXIX 
1 904, 1 63, wo in Z. 1 4 zu lesen ist x(b siieQygTT] XdQax[i. Die 
Ergänzung des Vaternamens ist nicht ganz sicher. Aus I. v. P. 
520 kennen wir nämlich eine Athenapriesterin lov^iav M. 
'lovXiov AovKov dvyaxiga Hav'kelvav aus der Zeit zwischen 
Traian und Caracalla. — Z. 3 aTQ[aniYoiJ? Der Block gehörte 
vermutlich zu einem Grabbau ; wenigstens finden sich gerade 
in diesen türkischen Friedhöfen vor der modernen Stadt mei- 
stens Fragmente von Grabanlagen. 

110. Altarförmige Basis weissen Marmors mit Profilen 
oben und unten, die aber rechts und auf der Rückseite ab- 
geschlagen sind. Gefunden 1904 auf einem der türkischen 
Friedhöfe und vor dem Konak aufgestellt. H. 1,13, Br. 0,43, 
T. 0,30. Die Inschriftfläche ist 0,69 h. und 0,37 br. B.H. 0,025, 
Z.H. 0,05. Schriftformen etwa des ausgehenden II. Jahrhun- 
derts: ¥. 

no|j,Ji;rjiO(; no[|iJtT]]ia) 
TW t8ico (vac.) jiuxqI 
en Twv i8lü)v avTOii 

laigexE jiaQo8eiTai. 

Charakteristisch für die Inschrift ist die Schreibung eines 
wagrechten Strichs mit einem Häkchen ^3_ als Zeichen der 
Diärese über dem i von no^A:rti^ioi; und dem ersten i von lSio) 
in Z. 2 und löicav in Z. 3. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 355 

111. Drei Bruchstücke der oberen Hälfte einer Platte aus 
weissem, blau geädertem Marmor. Rückseite glatt. Durch roh 
eingeritzte Linien als tabula ansata charakterisiert. Gefunden 
1905 im mittleren Saal der Nordseite des Gymnasions. a) L. 
und obere wSeite erhalten. H. 0,17, Br. 0,225, T. 0,021. b und c 
passen an einander, b) Obere Seite erhalten, c) Rechte Seite 
erhalten, sehr verwittert, b und c zusammen 0,20 hoch, 0,15 
lang und bis zu 0,024 dick. B.H. in Z. 1 : 0,031, Z. 2: 0,028, Z. 
3 und 4:0,024. Z.H. erst 0,044, dann 0,034. Formen: ÄEM. 
Reste roter Ausmalung der Buchstaben erhalten. 

Caelia[e . . . .]ae 
coniu[gi ca]ris- 
simae ..." (vac.) 
— — — US 

112. Zwei an einander passende Bruchstücke einer weis- 
sen Marmortafel, Rückseite glatt, r. Seite rauh, sonst Bruch. 
Gefunden 1 905 im östlichen Teile des Kellerstadions des 
Gymna.sions. H. 0,16, Br. 0,21, T. 0,036. B.H. 0,02, Z.H. 0,042. 
Formen: AMC LU . 

— — 1(10) 

— — — I [xvsag 
[xctQiv] ^ 

Z. 1: Viell. tw i8icp 'ö-Qe|i[x]aTi. — Z. 2: Z.B. Tqo(p]i|j,co. — Z. 3: 
Über e statt ei vor Vocal s. Schweizer 56. 

113. Bruchstück weissen Marmors, rings gebrochen. 1905 
von einer Frau gebracht, Fundort unbekannt. H. 0,08, Br. 
0,08, Dicke bis 0,04. B.H. 0,022, Z.H. 0,047. Formen: AS. 

h I 
x]ai Tex[voi? 

Offenbar Fragment einer Grabschrift. Von dem Blatt ist 
nur der obere Teil erhalten. 



356 



H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 



VI. VERSCHIEDENES. 

114. Bruchstück einer Basis aus bläulichem Marmor, 1. 
Bruch. Auf der Oberseite Standspuren einer Bronzestatue, 
aus deren Richtung hervorgeht, dass die Inschrift auf der 
Rückseite steht (also vielleicht zweimalige Verwendung?). Ge- 
funden 1904 im südöstlichen Teil des Gymnasions der veoi. 
H. 0,35, T. 0,71, Br. 0,48. B.H. 0,025-0,028, Z.H. 0,075. Die er- 
sten Buchstaben der zweiten Zeile sind nur noch undeutlich 
erkennbar. Schrift der Königszeit. Abb. 8. Phot. 1007. Der 
Stein blieb im Gymnasion. 




Abb. 8. Künstlerinschrift (Nr. 1 1 4). 
'0 öeiva K^JeofxßQOTOi^ 

. EJIOUIÖS. 

Ein Bildhauer, dessen Vater Kleombrotos hiess, ist mir 
nicht bekannt. Es sei erwähnt, dass KAE auf einem Fragment 
einer pergamenischen Künstlerinschrift vorkommt, I.v.P. 140. 
In Z. 2 stand noch das Ethnikon. 



115. Umrahmte Tafel aus weissem Marmor, oben mit 
einem flachen Giebel abschliessend. Die 1. akroterartige Eck- 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-190,5 357 

bekrönimg ist erhalten, die r. war aus einem besonderen 
Stück angesetzt. Die 1. untere Ecke ist abgebrochen, die 
Rückseite rauh. An der Unterseite befindet sich r. ein Zapfen- 
loch, an der oberen zwei Klammerbettungen. Gefunden 1904 
vor dem Raum E beim Hagiasma der H. Kyriaki. H. 0,65, 
Br. 0,82. T. 0,09. Die Inschriftfläche ist 0,519 h. und 0,725 br. 
B.H. 0,018-0,02, nur in Z. 10: 0,016, Z.H. 0,04, von Z. 8 ab 
nur etwa 0,036; zwischen Z. 1 und 2 ist der x^bstand grösser. 
Phot. 769. Abb. 9. 



Abb. 9. Helioshymnus des Ael. Nikon (Nr. 1 1 5). 

AlXiov Neikojvoi; . A^KT'. aQ/itexrovog. 
"HA.IE, i*)oaTg l'jtjioiaiv elXioocdv cpAoya, 
diq jtavTeXfj i^viiTOiai ttj tote y' "Hf^Epa 
dxTEivai; Ecpfjxag, ^^^ejievo? fi^ioi) ÖQOfioiig 
xai rriv d'jtEiQov yalav r|8E vyQov /vaEig 
äiga te xai tivq ev tccIei q)OQOij|j,Eva. 

M E 

'['0] [xovov EV dv{)^Qc6jtoiai cpaivexai xaXov 
dv8]()d0i IE f)ELOv TEQjivov Eig aconipittv, 



358 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

10 Taxoo]|ia y-lEioag ei? evo? yi6o[iov oyioiv, 
Kj - ^ ] T) wQTiaa? 6|iovoovvt' dei i- 
ü - w - aKavoxov EXTeAeXr 8q6|j,ov. 

Eine neue Inschrift aus dem Kreise des I. Nikodemos 
Nikon 1, vgl. I.v.P. 333,339,587; AM. XXVII 1902,140 Nr.179, 
180. Wiederum sind es Isopsephe, wiederum ist der spiritus 
asper geschrieben : in iiAie, Lji:n;oLoiv Z. 2, &q, fjfXEQa Z. 3, r\Xiov 
Z. 4, Z. 8, Evog Z. 10, 6[^iovooijvt' Z. 1 1 ; in Z. 5 trägt sogar f]8e 
den Spiritus lenis. Das erste v von ttyQoii ist mit zwei Punkten 
versehen, vgl. I.v.P. II S. 241 zu Nr. 324, Z. 6. 

Z. 1: Die Zahl 1726 ergibt sich sowohl, wenn man die 
Zahlenwerte der Buchstaben von A'diou Neixcovoq, wie wenn 
man die von dßxiTs^^tovog addiert. Dieselbe Zahl kommt auch 
in den ersten vier oiixoi laoipriq^oi der grossen Inschrift CIG, 
3546, neu ediert von Fränkel I. v. P. II S. 246, vor. Es ist daher 
wohl anzunehmen, dass auch sie von dem Architekten Aelius 
Nikon, den wir ja schon aus I.v.P. 339 kennen, nicht von 
lulius Nicodemus 6 xal Nelxcov, dem sie Fränkel zuschreibt, 
herrühre. 

Z. 2 ff. ist ein Hymnus auf Helios, und zwar sind Z. 2-4 
eine infolge des Zwangs der Isopsephie sehr verunglückte 
Umgestaltung von Euripides' Phoen. 3-5 : 

"HA,i8, doai? iJTJtoioiv EiXioatov (pXöya, ' 
&g bvoxvyj] 0»]ßaiai xy\ t69' iq^eq« 
dxTiv' Ecpfixai;, Kctöf-iog i^vix' t]?i\)e y^v 
xr\vb' . . . 

Die Anfangsverse der Phoenissen waren im Altertum 
hochberühmt und wurden oft citiert und nachgeahmt sowohl 
in griechischer wie in lateinischer Sprache, vgl. Valckenaer 
zu Eur. Phoen. v. 1 (ed. Lips. 1824, S. 115 f.), von keinem 



' Auf ihn die Inschrift Arch.-epi.i;r. Mitl. XVII 1 bO, 9 zu beziehen, wie 
dies J. Oehler in seinem Programm 'Zum griechischen Vereinswesen', Wien 
1905, 20 tut, halte ich für unmöglich. 



DIE ARBEITEN ZU PEKGAMON 1904-1905 359 

aber so unglücklich wie von unserem Nikon : In V. 4 hat er 
einen metrischen Verstoss hineingebracht, aber auch inhalt- 
lich sind die Verse bedenklich: jiavreÄf] steht an Stelle des 
bvaxvxr{ bei Euripides, das zu aKtiva gehörte. Nikon schreibt 
hier jedoch ämelvaq, wie er jtavteXfi sich construiert hat, ist 
mir nicht klar; vielleicht soll es auf cpXoya sich beziehen, oder 
ist es adverbial gebrauchter acc. neutr. plur.? Das xf\ xod'' f\[xeQa 
war bei Euripides völlig klar, aber in diesem Zusammenhang 
ist es zunächst unverständlich. Nikon scheint seinen Hymnus 
dem intelligiblen Sonnengott zu widmen, sonst könnte er 
nicht Z. 4 sagen di\iEvoq fiÄion ÖQOfxoug. Diese Trennung des 
unsichtbaren Helios von der sichtbaren Sonne findet sich 
schon bei Plutarch (s. Gruppe, Griech. Mythologie 1467,5), 
und in der philosophisch -theologischen Speculation des spä- 
teren Heidentums wird diese Lehre immer weiter ausgebildet, 
bis sie ihren Höhepunkt in Julians Rede auf Helios erreicht. 
Der Sonnengott ist nach dieser Lehre der Demiurg, der Ord- 
ner und Herr der sichtbaren Welt. Unter dem Einfluss der 
synkretistischen Theologie und Philosophie wurde er zur 'um- 
fassenden einheitlichen Gottheit, zu der die übrigen Götter 
sich wie Brechungen und Strahlungen verhielten'. Ein Denk- 
mal dieses Sonnenmonotheismus, zu dem man Usener, Sol 
invictus, Rhein. Mus. LX 1905, 468 und Gruppe, a.a.O. 1466 f. 
vergleichen möge, dürfen wir auch in unserer Inschrift sehen. 
Seine stereometrischen Tüfteleien in der oben auch auf 
unseren Nikon zurückgeführten Inschrift CIG. 3546 schliesst 
er ebenfalls mit einem Preise der Weltharmonie ab, er ist 
begeistert von der dlexTog dix8ivT]oia des Kosmos und rühmt 
dann im Blick auf die Sonne: 

xai Toij f]Xiov dvaßctögi fjöeiav 
aibir\ VKEvavxiav xeiVT]aiv, 
xai d[xa 8t) (pcög dyadov Tcctvrcov 
jtdyiGv TQOcpf) änaoi xai t,MOic, 

Z. 5: Vgl. Hom. Q. 341/2, e 45/6, a 97/8: ti^aev ecp" vyQy\v f|ft' 
8Ji' djteißova yaiav. — Z. 10 ergänzt nach des Klean tlies Hymnus 



360 H HEPDING. IL DIE INSCHRIFTEN 

auf Zeus (Stoicorum fragmenta ed. v. Arnim I p. 122) v. 15: 
xai xoofielv Taxo0|ia. 

Z. 1 1 : vgl. Cornutus, theol. Gr. cap. 1 : evioi öe qjaöiv ctJto 
Toij o)ߣiv r\ ü)Q8V8iv TOt övxa, o eoxi cpvXdxxeiV, ovquvov xexXfjadai. 
Leider vermag ich nicht für die beiden letzten Zeilen die 
richtige Ergänzung zu finden. Die Isopsephie verlangt, dass 
die Summe der Zahlenwerte der Buchstaben von Z. 8-1 2, wie 
die von Z. 2-6, 15000 beträgt. Wenn, wie ich glaube, Z. 8-10 
richtig ergänzt sind, so bleibt für die in Z. 1 1 und 1 2 noch 
fehlenden Buchstaben die Summe 1780 übrig. 

116. Sieben Fragmente einer tabula ansata aus weissem 
Marmor, gefunden 1904 im Gymnasion der veoi. Die Platte 
war 0,027-0,038 dick und 0,386-0,389 hoch. Bruchstück a-c 
bilden den 1. Teil der Inschrift, 0,43 br., d-g den r. Teil, 0,44 
br. Der mittlere Teil fehlt. B.H. 0,037-0,034, in der letzten. 
Zeile nur 0,025. Z.H. in Z. 2 u. 3: 0,064, Z. 4: 0,053, Z. 5: 0,05, 
Z. 6: 0,042. Phot. 807. 

r. KÄ(a\j8iO(;) "Axx[aXoc, T[axE]QKkiav6g 

XQixe[voaq cpiXo]xi[i(x)c, 
xai EX Tüj[v löicov elq tt)]v TQiTeiav 
noXkä dv[a?i(6aag 8|8x]c6QT]ae xai t6 
5 TOii IIoiJ?tx[QO^' e^i86a]i[iov eiq e- 
j^ JtlOX8lt[T)V TOIJ . . . . ov. 

Z. 1: Vgl. die Bemerkungen zu Inschrift Nr. 1 17. 

Z. 2: Von dem v in TQiT8i5aai; ist noch die 1. obere Spitze 
erhalten. Das Amt des xQixevxY\c. kannten wir bisher nur aus 
Thyatira, s. Liebenam, Städteverwaltung 363 Anm. 4, wo 
noch die Inschrift AM. XXIV 1899, 232 Nr. 71 einzufügen ist. 
Dass es auch in Pergamon vorhanden war, lehrt ausser der 
vorliegenden noch eine unveröffentlichte Inschrift, die ich nur 
aus dem von einem der pergamenischen Institutscorrespon- 
denten an Herrn Prof. Conze gesandten Abklatsche kenne. 
Leider habe ich versäumt, das Original, das sich im Hause 
des 'AxiX. Bikivxt,a befindet, nachzuprüfen, und kann daher 
nur ein Stück nach dem Abklatsch geben : 



DIE ARBEITEN ZU PERGAIMON 1904-1905 361 

. . . TQiTeDTT|v em ts eav[Tc5]i xal 
:nc]aiGiv TOig laiJTOV, dyoQavoiiov 
e](p' ImiToöi xal Jtai8i, ieQov6[i,ov, 
jtfXT£Qa dycovoOfTOv ctQxi^fQe^cc? 
x]ai lepeulöv övelv ttj? Nix»i(p6- 
Qov xal rioÄittöo? 'A{)i]vd(; ^ . . . 

Hoffentlich geben weitere pergamenische Funde auch 
Aufschluss über die Bedeutung dieses Titels, man vermutet 
zur Zeit, dass er sich auf die städtische Getreideverwaltung 
beziehe. 

Z. 3 : TQiTEia verhält sich zu xQmvcß und TQiTeuTiig, wie 
etwa JtQeoßeia zu jrQSoßEvo) und jtQeaßeuTrj? oder Ti|iTiTeia zu 
Ti[iTiTeija) und tijxtjtt]?. — Z. 4: Für ovvex](0Q^]OE scheint der Raum 
etwas zu knapp zu sein. — Z. 5 : Die Ergänzung e:m8öa]i[jiov 
(vgl. Inschr. v. Priene 112,1 00) verdanke ich A. Wilhelm. Es 
Es muss damit die Geldsumme aus der mibooiq eines Pulcher 
gemeint sein, die bekannt genug war, um in diesem Zusam- 
menhang keines weiteren Zusatzes zu bedürfen. Offenbar war 
der Betrag für die TQiteia bestimmt, Attalus Paterculianus 
bestritt aber alle Kosten seines Amts selbst, sodass er dieses 
Geld für die Herstellung des Baues, an dem wahrscheinlich 
diese Tafel angebracht war, abgeben konnte. — Z. 6 etwa 
XovTQo]ü (Vitruv V 11, 2 bei Beschreibung des griechischen 
Gymnasions). 

117. An der Westseite des Hofes des Attaloshauses vor 
einem in römischer Zeit erbauten und mehrfach mit Stuck 
überkleideten Pfeiler zwischen einer grösseren und einer klei- 
neren Nische (s. oben S. 172 f.) wurde 1904 ein Hermenschaft 
aus weissem Marmor in situ stehend gefunden (Phot. 962)- 
Die Basis ist 0,33 h., 0,49 1., 0,37 t Auf ihr steht der nach 
oben sich etwas verbreiternde Schaft: H. 1,70, Br. 0,302-0,313, 
T. 0,25-0,262. Der Kopf ist aus Bronze gearbeitet, wie aus der 
an dem Hermenschaft oben ausgehauenen Vertiefung hervor- 

' Vgl. I. V. P. 522. 



362 H. HEPDING. IL DIE INSCHRIFTEN 

geht, und mit kleinen runden Stiften befestigt gewesen. Auf 
beiden Seiten rechteckige Armansatzlöcher. Auf der Vorder- 
seite steht die Inschrift: B.H. 0,021, in Z. 5 nur 0,019-0,02, in 
Z. 6 nur 0,017-0,018. Z.A. 0,036, zwischen den beiden letzten 
Zeilen nur 0,032. Buchstabenformen: A©. Der Spiritus asper 
ist geschrieben. Man kann fühlen, dass zwischen Z. 2 und 3 
eine durch Rasur entstandene Vertiefung von etwa Zeilen- 
höhe vorhanden ist, und unter den Buchstaben der letzten 
Zeile erkennt man noch jetzt deutlich einige Schriftzeichen 
einer älteren Inschrift. Die jetzige Inschrift gehört also einer 
zweiten Verwendung des Schafts an; eine deutlich fühlbare 
Vertiefung an der entsprechenden Stelle beweist, dass er ur- 
sprünglich auch das Genital hatte, das nun weggearbeitet ist. 
Phot 927. 1133. Abb. 10. 

"AtTa^og ovTog 

6 TTJvöe ^ecüv 

KavxmeiQoypv 

el'öag, 
'Poöfxaicov ujtato?, 
TigoaKoKoi; Ion ^eag. 

In der letzten Zeile erkennt man noch von der älteren 
radierten Inschrift etwa folgende Reste: 

ZHMC 

Das erste Wort könnte Zi]va)v sein, für das folgende jedoch 
habe ich keinen Vorschlag. 

Es handelt sich also um eine Porträtherme eines der 
Besitzer des Hauses in römischer Zeit. Genau so ist in Pom- 
peii in der Casa di Cornelio Rufo die Herme des Besitzers vor 
einem Pfeiler des Atriums aufgestellt, und die bekannte 
Bronzebüste des Bankiers L. Caecilius lucundus im Neapeler 
Museum, ebenfalls gefunden im Atrium seines Hauses in 
Pompeii, ist ebenso in einen marmornen Hermenschaft ein- 
gelassen gewesen, wie wir es uns bei der des Attalos denken 
müssen (Mau, Pompeii 438). Dieser rühmt sich in der Inschrift, 
römischer Consul zu sein und Trjvöe -Oewv mtvvjiEiQOiov auf- 



DIE ARH]<:iTEN ZU PERGAMON 1904-1905 363 

gestellt zu liaben, deren KQOoKoXog er ist. Mit dem xr\vbE weist 
er offenbar auf die Nische 1. von der Herme hin, in der noch 
eine aus allen möglichen Fragmenten (es befindet sich sogar 
ein Plinthenstück mit dem Rest eines 1. Fusses einer kolos- 
salen Marmorstatue dabei) mit Mörtel aufgemauerte Basis 



Abb. 10. Henne des Consul.s Attalos (Nr. 117). 

erhalten ist. Hier hat also das Bild der von ihm verehrten 
(röttin gestanden '. Rings um die Basis herum fanden wir eine 



* Es wurde nur ein Fragment eines überlebensgrossen weiblichen Kopfs 
1904 in dem Hause gefunden: weisser Marmor, welliges Haar, hinten zum 
Knoten vereinigt, ein Diadem oder ein Kranz aus Metall, mit runden »Stiften 
befestigt, hat den Kopf geschmückt. Sehr verwittert. Phot. 735. 



364 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

Unmenge von Thonlämpcben, alle gebraucht, und wir ver- 
muteten, dass man hier zu Ehren seiner Göttin diese Licht- 
chen angezündet hat. Welche Gottheit mit der KawKeigoxog 
■öecöv gemeint sei, ist schwer zu sagen. Hesych erklärt jravimei- 
Qoxoi;, worauf mich R. Wünsch aufmerksam machte, mit Jiav- 
Toov [xgyiaToq; fieoi oi ;7iavvjrgiQoxoL heisst es in einer Votivin- 
schrift aus dem Asklepieion zu Athen IG. III 171 a. An 
Hera (so Americ. Journ. of Arch. IX 1 905, 346) ist wohl kaiun 
zu denken. Gut würde das Wort für die Mater Deuni Magna 
Idaea passen, vielleicht auch für Isis, deren Kulte ja gerade 
in der Kaiserzeit so grosse Bedeutung gewonnen hatten. Zu 
Eioag vgl. Kaibel, Epigr. Gr. 865 eiae. 

Einen Consul Attalos kennen wir nicht aus den Consu- 
larfasten, er ist also ein consul suffectus. Die Buchstabenfor- 
men führen uns ins IL oder III. Jahrh. n. Chr. Merkwürdig 
ist die Schreibung des spiritus asper auf 6 und el'aa? ^ Dies 
ist überhaupt auf Inschriften selten (vgl. z. B. Larfeld, Handb. 
der att. Inschr. 563), in Pergamon finden wir es nur noch 
auf den gekünstelten Inschriften aus dem Kreise des Geo- 
meters und Architekten Nikon, des Vaters des Galen, aus der 
Mitte des IL Jahrh. (s. Schweizer, Gramm, d. perg. Inschr. 1 20 
Anm. 1; AM. XXVII 1902, 141 Nr. 180 und oben Nr. 115). 
Sieht man sich nun in der römischen Prosopographie nach 
Attali aus der Kaiserzeit um, so findet man (I 350) einen 
Hinweis auf eine Inschrift aus Tralles, die nach einer Ab- 
schrift von Pappakonstantinos AM. XXI 1 896, 1 1 2/3 veröffent- 
licht und dann von R, Cagnat in einem Aufsatz "Deux nou- 
veaux proconsuls de la province d'Afrique'' (Oran 1 898), den 
mir M. Holleaux gütigst zugänglich gemacht hat, besprochen 
worden ist. Es ist eine Ehreninschrift für eine vornehme 
Frau, d88A.fpi,8fiv $XaßiOD 'Aatcdveivod vjtaTixoi) dviJvjtdTOD 'Aq)Qi- 
xfj? xal (t>}\.ußiov Aa[xi.avoiJ ^JtaTixoi) xai OXaßiov ^aiÖQOiJ vjtaTi- 
•/.ov xal ouyyevfi MevvXÄiov 'AxxdXov lutatiKOÜ dvOuitccTOn 'Aoiai;, 
dve\i)ia8f)v K?\,av8ioi) ^AxxdXov Ylaxeg-nharov imaxiKOv Y\yE\i6\'oq Bsi- 
•öuvtag. Cagnat macht es wahrscheinlich, dass diese Inschrift 



' Über die Setzung des spiritus auf den ersten Vocal bei Diphthongen 
s. Crönert, Memoria Graeca Herculanensis 9 Anm. 1. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 365 

ins erste Viertel des III. Jahrh. gehört. Wir lernen auf ihr 
zwei Consulare mit dem Cognomen "Axxakoq kennen, den 
Menyllius Attalus, proconsul Asiae, und den Claudius Attalus 
Paterculianus, legatus Bithyniae. Auf der oben Nr. 116 ver- 
öffentlichten Tafel ist uns der Name eines reichen Pergame- 
ners C. Claudius Attalus Paterclianus überliefert, der das Amt 
eines xQixevxY\q, über das wir leider noch zu wenig wissen, be- 
kleidet hat. Die Ergänzung seines Namens ist völlig gesichert. 
Bei dem seltenen Vorkommen des Beinamens Paterculianus 
dürfte die Übereinstimmung der Namen in der pergameni- 
schen und in der Inschrift aus Tralles nicht zufällig sein. Die 
TQiTEia scheint allerdings ein nicht allzu hohes Municipalamt 
zu sein, und man darf daher kaum annehmen, dass es sich 
um dieselben Personen handle. Vielmehr wird der C. Cl. Atta- 
lus Paterculianus der Tafel der Vater des in der Inschrift aus 
Tralles genannten sein. Eine Stütze dieser Vermutung darf 
man vielleicht noch aus der AM. XXIV 1 899, 1 84 Nr. 42 ver- 
öffentlichten Inschrift entnehmen (Phot. 1093): 

ITaiöog 6^(ovvfj,ir| ye — — 
'AxxdXov eoxl jtaTT]Q — — 

Die Schriftformen stehen denen unseres Hermenschafts 
sehr nahe. Die Worte würden sehr gut zu unserer Annahme 
passen ; denn es ist in diesem Epigramm von einem Manne 
die Rede, der denselben Namen hat wie sein Sohn, und der 
auf diesen offenbar sehr stolz war, doch wohl, weil dieser es 
so weit gebracht hatte ^ Nach alle dem halte ich es für wahr- 
scheinlich, dass der Consul Attalos unserer Herme identisch 
ist mit dem Consular Claudius Attalus Paterculianus der In- 
schrift von Tralles. Es muss ein lebensfroher Mann gewesen 
sein, der, wie wir aus der folgenden Inschrift sehen, oft seine 
Freunde zu fröhlichen Gelagen einlud; er hatte Sinn für 



'■ Bei dieser Gelegenheit möchte ich erwähnen, dass die Datierung der 
Herme AM. XXIX 1904, 165 Nr. 6 in die Königszeit mir unrichtig zu sein 
scheint. Der ganze Schriftcharakter, das 4> und 9 verweisen diese Inschrift 
etwa in die erste Hälfte des II. Jahrh. n. Chr. Ob der Attalos, der hier seine 
Herme den Nymphen bei dem Bade seines Landhauses weiht, auch zu der 
oben behandelten Familie gehört, lässt sich natürlich nicht sagen. 



366 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

Poesie, wie die Epigramme auf den Hermen und die Archi- 
travinschrift AM. XXIX 1904, 1 76 Nr. 21, die auch aus seinem 
Hause stammt, zeigen, und für die Kunst: der Hermes des 
Alkamenes stand ja in seiner Wohnung, leider hat die Aus- 
grabung nichts über dessen Standort und über den Stifter 
Pergamios ergeben. Der schöne Frauenkopf AM. XXIX 1 904, 
1 90 f. ist vielleicht ein Porträt der Gemahlin des Attalos. 
Viele Erzeugnisse der Kleinkunst wurden in seinem schönen 
Hause aufgedeckt. An dem neue Anregungen suchenden re- 
ligiösen Leben seiner Zeit nahm auch er lebhaften Anteil, 
was er ja selbst in der Inschrift dieser Herme bezeugt 

118. In zwei Stücke zerbrochener Hermenschaft aus weis- 
sem Marmor, gefunden 1905 in dem grossen Saale des Atta- 
loshauses; H. 1,60, Br. unten 0,29, oben 0,31, T. 0,265. Oben 
eine viereckige Einarbeitung für den aus Bronze hergestellt 
und mit vier kleinen Dübeln auf dem vSchaft befestigt zu 
denkenden Kopf; 1. und r. je ein rechteckiges Armansatz- 
loch; Schamhaare und Glied sind schlecht mit dem Bohrer 
ausgeführt. Die Buchstaben der Inschrift sind durch vorge- 
zogene Linien begrenzt. B.H. 0,018, Z.H. 0,037. Formen AGC 
und ]E(|) O.; die Formen von A und C, sowie die schmalen E 
erinnern sehr an die Pergamios -Alkamenesinschrift (AM. 
XXIX 1 904, 1 80 Abb. 1 9), während andrerseits t], d, v, to auf 
den beiden Inschriften sehr verschieden sind. Phot. 1 134. 1 135. 
Abb. 1 1 . Die beiden Stücke wurden wieder zusammengesetzt 
und im Peristyl des Attaloshauses aufgestellt. 

'Q q)iA.oi, eodiexe ßpco^xriv 
xal jceivete olvov, 

'ATtd^lOl) EllCpQOOWOl? 

TEQJtojxevoi •dakiaiq,. 

Z. 1 f. entlehnt aus Od. x 460, fx 23 : aXk" ayst' eö^iete ßpco- 
^ATiv xal jtiveTE olvov. — Z. 3 f. : Vgl. Od. X 602/3 : \xex' ä^avdxoioi 
öeoTaiv leQJtETai Iv i')a?iiT]5. 

Auch diese Herme trug wohl einen Porträtkopf des Atta- 
los; dass man nichts darin fand, zweimal .seine Büste in sei- 



DIR ARBEITEN ZU PEROAMON 1904-1905 



367 



nem Hause aufzustellen, zeigt das Beispiel des L. Caecilius 
lucundus in Pompeii (vgl. Mau, Ponipeii 438). 




Abb. 1 1 . Herme aiis dem Attaloshause (Nr. 1 I 8). 



119. Fragment eines dreifussartigen Monuments aus 
weissem Marmor mit drei concaven Seitenflächen. Erhalten 



368 H. HEPDINCx. n. DIE INSCHRIFTEN 

ist ein Stück des einfach verzierfen Eckpfeilers mit dem An- 
satz einer Seite, auf der einige Buchstaben der Inschrift noch 
erhalten sind. Gefunden 1905 im Hof des Gymnasions vor 
der Kaiserhalle. H. 0,36, Br. 0,165, T. 0,15. B.H. 0,008-0,009, 
Z.H. 0,017, nur in der letzten Z. 0,02. 

/ 

T 
H 
OA 

K 

120. Drei Fragmente vom oberen Rande eines cylinder- 
förmigen Puteais aus weissem Marmor, oben mit einem 0,035 
h. Band und einem Kyma abschliessend. Die Innenseite ist 
sehr verwittert, auf der Oberseite zwei kleine runde Stift- 
löcher in flachen Vertiefungen. Gefunden 1905 im Kellersta- 
dion des Gymnasions der veoi. a) H. 0,095, Br. 0,115, T. oben 
am Rand 0,041. b) H. 0,098, Br. 0,09, T. 0,04. c) H. 0,09, Br. 
0,122, T. oben 0,04. b und c passen an einander. B.H. oben 
am Rand etwa 0,008, auf dem Bande 0,009-0,011, Z.H. 0,018. 

a) C b u. c) X P O N O I 



nO20P/ .UZ EYMEN 

T A :N02 ^' 

Auf der ersten Zeile des Bandes stehen deutlich Namen 
im Nominativ, darunter vielleicht die Namen der Väter im 
Genetiv, wenn in b covog gelesen werden darf. 

121. Bruchstück eines weissen Marmorblocks, unten 
Anschlussfläche, sonst rings gebrochen. Gefunden 1904 im 
Gymnasion der veoi. H. 0,277, Br. 0,35, T. 0,10. B.H. 0,036- 
0,038, Z.H. 0,054. Z. 2 etwa 0,036 vom unteren Rande ent- 
fernt; über Z. 1 unbeschrieben. Formen der Buchstaben: 
AKP<|). nicht sorgfältig. 

T]Q\3q)a)v Kar 

x]ai Twv dAe[icpo[^i£Vü)v? 



DIR ARHKITRN Zl' PERGAMON 1 Q04 - 1 905 369 

122. Bruchstück blauen Marmors, unten Anschlussfläche, 
sonst rings gebrochen. 1905 von einem Türken gekauft, ge- 
funden im Karasä Achmed Machala. H. 0,115, Br. 0,068, T. 
0,07. B.H. in der ersten Zeile 0,023, in den übrigen 0,012-0,015. 
Z.H. in Z. 2: 0,02, in Z. 3 : 0,023, in Z. 4: 0,025. 

Fl 

l:ii]MEAE[ia 
EIX_ 
YU[i,vdö]_IONI' 

123. Bruchstück weissen Marmors, r. Seite erhalten, sonst 
gebrochen; Vorderseite mit dem Zahneisen bearbeitet. Gefun- 
den 1904 im Gymnasion der veoi. H. 0,143, Br. 0,179, T. 0,038. 
B.H. über 0,028 (etwa 0,04). 

(vac.) 

124. Bruchstück weissen Marmors, oben und unten voll- 
ständig, 1. und r. gebrochen, am Haus des Chedschedi Chalas 
Ali im vSawiemele-Machalä 1 905 von Conze abgeschrieben. 
H. 0,40, Br. 0,60, T. 0,05. Grosse dünne Schrift. 

Z^ KoiiMiOZAl 
:> < AEYKI0YYI02 
M ^ BE PON AN0Y T 

Z. 1: KoLvrog. — Z. 3: Wohl xvivöexiJiißeQOV dv9ij:n:[aTOV . . . , 
zu der Schreibung vgl. ö8JtTi(.iß8Q auf einer Inschrift aus Kreta, 
Mus. Ital. di ant. class. HI 1 890, 702. 

125. Zwei an einander passende Stücke einer Platte aus 
weissem Marmor, untere S. glatt, Rucks, rauh, sonst gebro- 
chen. Gefunden 1904 in einem Räume innerhalb des Strassen- 
dreiecks oberhalb der Agora. H. 0,285, Br. 0,18, T. 0,053. B.H. 
0,035, Z.H. 0,07. 

C 

A I n 

XZ K I 
DNTE 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 24 



370 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

Buchstabenform und -grosse, sowie die Bearbeitung des 
Marmors stimmen genau mit AM. XXVII 1902, 136 Nr. 166 
überein ; jedoch können die Stücke nicht zu derselben Platte 
gehören, da die früher publicierte oben vollständig ist. 

125 a. Zu einem der beiden unter Nr.l 25 behandelten Frag- 
mente gehört auch wohl ein 1902 auf der Agora gefundenes 
Stück einer Platte aus dem gleichen Marmor, untere Seite 
erhalten, Rückseite rauh, sonst gebrochen. H. 0,158, Br. 0,135, 
T. 0,043. B.H. 0,033-0,035, Z.H. 0,07. Abschrift von Schröder. 

:ei--. 

<NOI 

Der erste Buchstabe in Z. 1 war !Z oder I, der letzte 
wohl nach Schröders Abschrift T ; als ich den Stein control- 
lierte, war hier inzwischen ein Stückchen abgebrochen. Nach 
dem I Interpunktion. Das erste Zeichen in Z. 2 ist sicher X, 
das letzte wohl Z. 

126. Zwei aneinander passende Bruchstücke weissen 
Marmors, r. Seite erhalten, sonst rings gebrochen. Die Vor- 
derseite ist mit dem Zahneisen bearbeitet. Gefunden 1 904 im 
Gymnasion der veoi. H. 0,145, Br. 0,063, T. 0,017. B.H. 0,018, 
einige Buchstaben der zweiten Zeile grösser. 

K eY 

Der erste Buchstabe in Z. 1 ist qp oder ^). — Z. 2: Vielleicht 
£:n;io]x£v[i] oder dgl. 

127. Bruchstück einer weissen Marmorplatte, r. und Rück- 
seite glatt, 1. und unten gebrochen. Vorn r. eine viereckige 
Einarbeitung. Gefunden 1902 hinter dem Expeditionshaus. 
H. 0,235, Br. 0,295, T. 0,06. B.H. 0,01, Z.H. zwischen Z. 1 u. 2: 
0,025, zwischen Z. 2 und 3: 0,04. Abschrift von Schröder. 

n6]:iAi05 
v\i]v(x>b6g 
MäjQHog 
Über die iifxvwSoi s. I. v. P. 374. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 371 

128. Fragment einer grossen Schale aus weissem Mar- 
mor, ringsum gebrochen. Gefunden 1 904 in einem der Räume 
(A) innerhalb des Strassendreiecks über der unteren Agora. 
H. 0,10, Br. 0,11, T. 0,04. B.H. 0,019, Z.H. 0,023-0,026. 

^ lO Y A 
O 2 K A 
E I N A 

r P MC 



Vgl. I. V. P. 346. Z. 1: rdio]g 1oijX[iog? 



129. Fragment einer Tafel aus weissem Marmor mit 
grauen Adern. Rückseite glatt, 1. und untere Seite erhalten, 
oben und r. gebrochen. Gefunden 1 904 in einem der Räume 
(A) innerlialb des vStrassendreiecks oberhalb des unteren 
Marktes. H. 0,12, Br. 0,102, T. 0,03. B.H. 0,016, Z.H. 0,033. 
Sehr verwittert. 

reN c 

K AI E I M 

130. Bruchstück einer breit umrahmten Tafel, hintere 
und 1. Seite erhalten, sonst gebrochen. Gefunden 1904 auf der 
Terrasse des Zeusaltars. H. 0,14, Br. 0,19, T. 0,105. B.H. 0,011, 
Z.H. 0,022. Sehr verwittert. Das Stück könnte zu I. v. P. 275 
gehören. 

xZ. _ . I h 

E ITE' 
T O^ 

131. Kleines Bruchstück weissen Marmors, Oberseite er- 
halten, sonst rings gebrochen. Gefunden 1905 im Haus des 
Consuls Attalos. H. 0,024, Br. 0,088, T. 0,044. B.H. 0,01 -0,012. 
Die Buchstaben sind nicht mit dem Meissel eingehauen, son- 
dern offenbar durch rohe Einbohrungen mit einen spitzen In- 
strument hergestellt. 'Aa]KAHn[i 

132. Bruchstück weissen Marmors; Rückseite rauh, sonst 
rings gebrochen, mit lateinischer Inschrift. Das Stück wurde 



372 



H. HEPDING. 11. DIE INSCHRIFTEN 



uns 1905 im Konak gezeigt. Gefunden in Pergamon, ohne 
genauere Angaben. H. 0,10, Br. 0,115, T. 0,045. B.H. 0,033, 
Z.H. 0,05. 

RCC 

VII. GRAFFITI. 

133. Dachziegelstück mit schönem rotem Firnisüberzug, 
das also wohl noch der Königszeit angehört, rings gebrochen, 
gefunden im Haus des Consuls Attalos 1905. H. 0,295, Br. 0,16, 
T. 0,022-0,025. Die Buchstaben sind vor dem Brennen des Zie- 
gels in den weichen Tlion eingeschrieben. B.H. 0,016-0,03. 
Phot. 1111. Cursive Formen : 6 K T h C, ex xf\q. 



134. Stück einer Bankplatte aus blauem Marmor, hinten 
und unten rauh; 1. gebrochen, ebenso fehlt die r. vordere 
Ecke. Die Vorderseite mit einem Profil versehen. Unten r. 
eine Ausarbeitung für den Fuss. Die glatte Oberseite ist in 
ihrem vorderen Teil sehr abgenutzt. Gefunden 1905 am öst- 
lichen Ausgang des Kellerstadions, H. hinten 0,1 75, vorn 0,10, 
Br. 0,72, T. 0,44. Auf der Oberseite sind mehrere Namen ein- 
geritzt in feiner Schrift, z. T. umrahmt. Ausserdem sind drei 
Reihen von je 1 2 Vertiefungen von vorn nach hinten wohl 
für ein Spiel roh eingearbeitet. Vgl. die sehr ähnliche Bank 
I. v. P. 235. 



ATTOAAOAn. dY [ 



IM 



O 

< 

> ^ 



Deutlich lesbar ist 'AjtoÄAo8d)[Qo]v, daneben r. wohl 'Avti]6xov 



dip: arbeiten zu pekc^amon 1904-1905 373 

135. Eine grosse Zahl von Graffiti kam in den letzten 
Tagen der Ausgrabungscampagne 1905 zum Vorschein im 
Mittelsaale des Gymnasions, der dem 'Ephebeion'' im Gyni- 
nasion von Priene entspricht. Wie dort die Marmorwände, 
so waren hier die Trachytquadern zur Zeit der älteren An- 
lage übersät mit den Namen der Gymnasiasten. Bei einem 
Umbau wurden die Steine wieder verwandt, z. T. etwas abge- 
arbeitet, z.T. auch in ihrer ursprünglichen Form (Phot. 1 165). 
Da die Ausgrabung dieses Raums noch nicht vollendet ist, 
und eine sorgfältige Aufnahme aller der z.T. nur noch schwer 
lesbaren Reste mir nicht mehr möglich war, seien hier vor- 
läufig nur einige Beispiele angeführt. Meist sind es Namen 
im Genetiv, oft durch Striche in Form einer tabula ansata 
eingerahmt, z. B. "AxxdXov, 'Ao-Kk^moboxov, 'Avtioxou, Scooiye- 
vov, \iovvoiov, MiivoyevoDc;, 'liQOivoc,. Das in Priene fast regel- 
mässig dabei stehende tojtoi; fand ich bis jetzt nur in einem 
Fall auf einem Gesimsstück einer runden Anlage, wohl einer 
Exedra (Phot. 1 008). Auf einer vorn gerundeten Quader, die 
offenbar zu demselben Bauwerk gehörte (Phot. 1081), liest 
man in sehr grosser, scharfer Schrift: 

n O 2 E I A r [viou 

BOYBACYMM[axoD 

AnOAAOOE[oiJ 

Manchmal stehen auch die Namen im Nominativ, so auf dem 
Gesimsstück ^avoxoq, dies übrigens eines der wenigen Bei- 
spiele römischer Namen. Auf einem Stein steht deutlich : 
Ol Ix Twv I 'Aqt8|j,i8(joqov I Kaxä JtdOoi; | ovvr\dwv. 

136. Deckplatte aus weissem Marmor von den Schranken 
im zweiten Stockwerk des Attaloshauses (s. S. 1 79), gefunden 
1 904 und am Fundort gelassen. L. Anschlussfläche und Klam- 
merbettung nach 1., r. gebrochen. Werkzeichen: P. H. 0,158, 
L. 1,63, T. 0,20. Oben ist eingeritzt (B.H. 0,03-0,045): 

n Pw TG Y 



374 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

137. Ortliostatplatte aus weissem Marmor, gefunden 1904 
im westlichen Teil des mittleren Gymnasions, wo sie ver- 
blieb. H. 0,72, Br. 0,98, T. 0,145. Auf der 1. Seite 0,05 vom 
oberen Rand entfernt Rest einer Inschrift mit grossen Buch- 
staben (B.H. 0,065): D2. Die Platte ist also aus einem grös- 
seren Baustück gearbeitet. Auf der Vorderseite 1. unten das 
Werkzeichen A. Im r. Teil der Vorderseite etwa 0,26 vom 
unteren Rand entfernt befindet sich ein roh eingeschriebener 
Graffito, B.H. etwa 0,03-0,035. rPA(|)IKOC, wohl T^arpixö; 
zu lesen. 

138. Auf dem Rande eines im Hause des Consuls Atta- 
los 1905 gefundenen römischen Thonlämpchens von 9 cm L. 
und mit einer sehr undeutlichen Darstellung im Mittelrund 
(Vogel nach r.?) Graffito. Phot. 1049 a. 

eY0 H 

M I ^ 
wohl E'uq)T]fxia. 

139. Stück einer Ziegelplatte, ungefirnist, oberer Rand 
erhalten, Rückseite rauh. Gefunden 1905 im Kellerstadion des 
Gymnasions der veoi. H. 0,092, Br. 0,1 15, T. 0,027. B.H. 0,025. 

^CICTHf" 

140. Bruchstück eines einhenkligen Kruges aus gelbem 
Thon, gefunden 1 904 in einem Räume innerhalb des Strassen- 
dreiecks über der zweiten Agora (H. 0,09). Auf der Schulter 
ist in 0,02-0,025 hohen Buchstaben eingeritzt: ePTTT. e^Jitg ist 
nach Eustathius ein ägyptisches Wort für Wein, u. a. von 
Lykophron 579 angewandt, s. Stephanus, Thesaurus ^ s. v. 
Ob dieses seltene Wort hier gemeint sein kann? 

141. Randstück eines grossen Pithos, gefunden 1904 auf 
der Zeusaltarterrasse, H. 0,20, Br. 0,225, T. 0,065-0,12. Auf 

der Aussenseite ist eingeritzt XVII li offenbar Angabe des 

Inhalts, vgl. I. v. P. 1323 ff. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 375 

142. Fragment von Bauch eines dickwandigen byzantini- 
schen Gefässes, innen und aussen hellgrün glasiert. Gefunden 
1905 im Hof des Gymnasions der veoi. H. 0,053, Br. 0,063, 
Dicke etwa 0,01. Vor dem Glasieren ist darauf eine Aufschrift 
eingeritzt worden (B.H. 0,01-0,014), die durch die Glasur eine 
dunkelbraungrüne Farbe bekommen hat. Erhalten ist nur we- 
nig (Phot. 1136 B, 2): ._|-Ecu_ (Vgl. Conze, Die Kleinfunde 
aus Pergamon S. 27, der noch einige Stücke dieser byzantini- 
schen Thonware mit eingeschriebenen Buchstaben anführt). 

VIII. GERÄTE. 

143. Auf Thonrohren der Wasserleitung in der auf der 
Nordwestseite des Attaloshauses verlaufenden Gasse Taf. XIV 
49 (mindestens 3 in situ) eingepresster Stempel: Die Buchsta- 
ben sind nicht erhaben wie AM. XXVII 1902, 146 Nr. 214. Ge- 
funden 1905. B.H. 0,011. AlONYZloY (NY in Ligatur). 

144. Desgl. in derselben Leitung (mindestens 1 Exem- 
plar in situ). Gefunden 1905. Die Buchstaben sind eingepresst, 
nicht erhaben wie AM. XXVII 1902, 146 Nr. 213. B.H. 0,014. 
A HM O O , 

IX. AMPHORENHENKEL. 

145. Gefunden 1902 unterhalb der Gymnasien. Stempel 
in rückläufiger Schrift. Abschrift von Schröder. 

D A I T M A M 
-^ aOHon 3 
MavTia? 87cöriae, dann ein kleeblattähnliches Zeichen. 

146. Rhodischer Amphorenhenkel, gefunden 1904 auf der 
Zeusaltarterrasse : 

E n I N [ixa- 
2Ar[6Qa 
A[aXiov. 
Ergänzt nach I. v. P. 11 43. 



376 H. HEPDING. II. DIE INSCHRIFTEN 

147. Desgl., gefunden 1904 ebenda. 

E n I T I M A Z [a- 

rOPA 
APTAMITIo[v. 

148. Desgl., gefunden 1904 ebenda. 

EniZENO<|)ANEY2 

zM meios 

Zum Nominativ des Monatsnamens vgl. I. v. P. 912. 1082. 

149. Desgl. gefunden 1904 im Gymnasion der veoi, sehr 
undeutliche Schrift: 

_ni ^ AI 
\'\ N A A A 
A loY 

150. Desgl. 1905 von einem türkischen Händler in Per- 
gamon gekauft, Fundort nicht bekannt, in meinem Privat- 
besitz. Rund mit Blume und der Umschrift km 'Ayeixct/OD 

08ö[AO(pOQlOV. 

151. Kleiner Amphorenhenkel, 1905 von einem Türken 
gekauft, mit gut erhaltenem viereckigem Stempel (0,01 X 0,024) : 

X H N I 

152. Doppelter Henkel, wie I. v. P. 1311 mit Stempel 



'/'/aAAA 



wohl A]d8a zu ergänzen, vgl. Mb^c, AM. XXIX 1904, 321. 

153. Stück vom Boden eines flachen Terrasigillata-Ge- 
fässes, gefunden 1 905 im westlichen Teil des Theaterzuschauer- 
raums. Auf der Aussenseite befindet sich in der Mitte zweier 
eingeritzter concentrischer Kreise ein Stempel in Form einer 
tabula ansata mit erhabenen Buchstaben, 0,006 h., r. gebrochen, 
Phot. 1055 a. MCo 

MA 



DIlL ARBEITEN ZC I'EKCiAMOX 1904-1905 377 



NACHTRAGE. 

Zu AM. XXVII 1902, 104 Nr.137 ersucht mich Herr Prof. 
Conze mitzuteilen, dass die dort abgebildete Ansicht der Ober- 
seite eines Werkstücks nicht zu der Inschrift gehört. Woher 
dieses Stück stammt, ist nicht mehr ausfindig zu machen. 

AM. XXIX 1904, 164 Nr. 5=1. v.P. 613 C. 

AM. XXIX 1904, 176 Nr. 21 ist ein Architravstück, das 
wohl zu einer kleinen Nischenarchitektur des Attaloshauses 
gehörte. Es ist durch eine Rillein zwei Fascien geteilt; oben 
befindet sich keine vortretende Leiste, sondern nur ein ein- 
facher Randbeschlag, ebenso unten. 

Zu S. 255: Vgl. den Namen des Markts im Piraeus r\ "1:^710- 
8dj.ieia (Demosth. XLIX 22; Judeich, Topogr. v. Athen 398). 

Zu S. 275 ff.: MTjTQOÖcoQog 'HQaxXecovog wird als eponymer 
Priester in einer 1906 gefundenen Inschrift aus der letzten 
Königszeit (Pliot. 1267) erwähnt. 

S. 244 ist natürlich YLdojiaQoq zu lesen. 



378 



IM. DIE EINZELFUNDE. 



Wenn man allein die in den beiden letzten Ausgrabungs- 
campagnen im Gymnasien zu Tage gekommenen Statuen- 
basen mit Ehreninschriften betrachtet, so kann man sich ein 
Bild davon machen, wie ungemein reich der Skulpturen- 
schmuck dieser Säulenhallen gewesen sein muss. Noch jetzt 
sind im nordöstlichen Teile des Gymnasions fast vor jeder 
Säule die runden oder viereckigen Unterteile solcher Monu- 
mente erhalten. Aber fürchterlich ist hier seit der Zerstörung 
des Gymnasions bis in die allerneueste Zeit gehaust worden : 
dass von den vielen Bronzebildwerken uns nur ganz wenige 
Bruchstücke geblieben sind, ist ja bei dem Werte des Metalls 
nicht so sehr zu verwundern ; fast an jeder Basis kann man 
es erkennen, wie die Bronzestatuen, die darin eingelassen 
waren, mit roher Gewalt herausgeschlagen worden sind. Das 
ist aber wahrscheinlich schon vor vielen Jahrhunderten ge- 
schehen. An der Vernichtung der Marmorwerke haben dage- 
gen die Kalkbrenner, die gerade hier im Gymnasion ihre Öfen 
hatten, noch vor 30 und 40 Jahren gearbeitet. Eine alte Frau 
erzählte uns, sie habe selbst oft gesehen, wie die Leute dort 
herrliche, wohlerhaltene Statuen ausgegraben und in kleine 
Stücke gesprengt hätten, und ein Mann, der selbst dort mit 
Kalk gebrannt hat, berichtete mir, dass es ihnen gerade die 
allergrösste Freude gemacht habe, die Marmorköpfe der Glut 
ihrer Öfen zu überantworten. Aber auch schon die byzanti- 
nische und mittelalterliche Zeit haben sich hier genau so 
betätigt, das zeigen die gewaltigen Befestigungsanlagen am 
mittleren Gymnasion, die mit dem besten Marmormörtel er- 
baut sind, und manche späte Mauer im Hofe und in den Räu- 
men des Gymnasions der veoi, bei deren Zerstörung wir unzäh- 
lige Marmorstücke, zum Teil schon vom Feuer durchglüht, 
in festesten Mörtel eingebettet fanden. Seit dem Eingreifen 
Humanns ist das anders geworden, der Pergamener kennt 



DIR ARBEITEN ZU PEKCtAMON 1904-1905 379 

heute einigermaassen den Wert der Reste aus dem Altertum, 
er überschätzt sie sogar zuweilen, und die modernen Griechen 
der Stadt sind stolz auf die Werke ihrer 'Vorfahren'. Das 
trotz dieser jahrhundertelangen Zerstörungsarbeit doch noch 
einiges übrig geblieben ist, ist wieder ein Zeichen für die 
ungeheure Menge des statuarischen Schmucks. Viele Hun- 
derte von Fragmenten haben unsere Arbeiter zu Tage geför- 
dert, die meisten allerdings sind traurig verstümmelte Reste, 
die wir hier nicht aufführen können. Nur die grösseren und 
besser erhaltenen Stücke werden im Folgenden genannt. 

Ich will jedoch die zahlreichen grösseren und kleineren 
Fragmente einer kolossalen Panzerstatue nicht unerwähnt 
lassen, die mit anderen Stücken zusammen 1905 in einer 
(späten) Mauer im Mittelsaale des Gymnasions verbaut ge- 
funden wurden. Aus den mit einem festen Mörtel bedeckten 
und bis jetzt nur zum Teil gereinigten Bruchstücken ergibt 
sich, dass der Panzer den auf den Balustraden der Nordhalle 
des Athenabezirks dargestellten Metallpanzern und dem am 
Südtor gefundenen (AM. XXVII 1902,152 1) sehr ähnlich, 
nur viel feiner ausgeführt war. Viele Stücke der kleinen und 
grossen :n:T8QDY£? - Reihen mit bis ins einzelnste scharf und 
in ihrer Bewegung ungemein abwechslungsreich ausgearbei- 
teten, dicken Fransen sind erhalten (Phot. 1 044 a) ; zwei an 
einander passende Fragmente zeigen wohl eine Stelle, wo 
das Brust- und das Rückenstück des Panzers sich treffen und 
zusammengebunden sind (Phot. 1044 b): kleine Buckeln mit 
Ringen sind hier angebracht, an denen die zu Schleifen gebun- 
denen Riemen befestigt waren. Reste der Bemalung sind noch 
erkennbar: die Buckeln zeigen goldgelbe, die Riemen rote 
Farbspuren. Ein Plinthenstück mit dem vorderen Teil eines 
linken, fest aufstehenden Fusses, an dem die Spitzen der 
Zehen ursprünglich angestückt waren, wurde in derselben 
Mauer gefunden, ebenso ein Stück mit der Feldbinde, und 
viele andere Fragmente, die zum grösseren Teile zu dieser 
Statue gehören werden. Von einer Verzierung des Bruststücks, 
wie sie bei den Panzerstatuen römischer Kaiser gewöhnlich 
war, ist bis jetzt nichts gefunden worden. Schon 1904 war 
etwas weiter östlich im Hof des Gymnasions der obere Teil 



380 • H. HEPDING. III. DIE EINZELFUNDE 

eines kolossalen Kopfes gefunden worden, von dem ich glau- 
ben möchte, dass er zu dieser Statue gehöre (Phot. 736). Die 
über der Stirne emporstrebenden Haare, die charakteristische, 
scharfe Ausarbeitung der strähnigen Locken erinnern sofort 
an bekannte Alexanderdarstellungen. Eine das vordere Haar 
von dem nur wenig ausgeführten des Oberkopfs trennende 
Rinne mit mehreren Stiftlöchern zeigt, dass ein Metallkranz 
das Haupt bekrönte. Der Hinterkopf war angestückt, wie die 
Spuren eines Dübellochs und ein Stück gerauhter Anschluss- 
fläche erkennen lassen. Wir dürfen wohl annehmen, dass wir 
hier die Fragmente einer hellenistischen Kolossalstatue 
eines Herrschers gefunden haben, und wir wissen ja aus 
den Diodor- Inschriften (AM. XXIX 1904, 152 ff. und oben 
Nr. 8 bc), dass Statuen der Attaliden im Gymnasion aufge- 
stellt waren. 

Ebenfalls in der späten Mauer des Mittelsaals des Gym- 
nasions war der etwa lebensgrosse Kopf verbaut, von dem die 
Tafel XX nach einer nicht sehr scharfen Photographie lei- 
der keine genügende Vorstellung gibt (Phot. 1118 A.B. 1119). 
Seiner Einbettung in eine feste Mörtelschicht ist die verhält- 
nismässig gute Erhaltung zu verdanken. Es war ein grosser 
Genuss, die Formen bei der mühevollen Reinigung von dem 
umgebenden Marmormörtel allmählich deutlicher und schö- 
ner hervortreten zu sehen. Der Kopf ist am Hals gebrochen, 
aber aus einem runden Dübelloch geht hervor, dass er doch 
aus einem besonderen Stück gearbeitet und auf dem Körper 
aufgesetzt war. Das Haar über der Stirn, die Ohren, die Na- 
senspitze, der Bart sind ein wenig zerstossen, die r. Schnurr- 
barthälfte und ein Stück des Bartes r. unten sind abgebro- 
chen. Man erkennt in ihm sofort Herakles, den Gott der 
Palaestra: sein Haar ist ganz kurz gelockt und wird von 
einer gerollten Binde umfasst. Charakteristisch ist die nie- 
drige, horizontal gefurchte Stirn, deren unterer Teil mit den 
beiden starken Hügeln weit vortritt, die tiefliegenden und 
doch hochgeöffneten Augen, deren oberes Lid von dem Aus- 
senwulst des stark vorspringenden oberen Augenhöhlenrands 
überschnitten und zu einem grossen Teil verdeckt wird, der 
ziemlich schmale, die Mundwinkel überschattende Schnurrbart, 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 381 

der nicht sehr volle, tief ausgearbeitete, in kurzen Locken 
angeordnete Backenbart und der mächtige Nacken. Kraft und 
Entschlossenheit sind in diesem Kopfe mit einem Zuge von 
Schwermut vereinigt. Der Einfluss des, wie man annimmt, 
von Lysipp ausgebildeten bärtigen Heraklestypus ist unver- 
kennbar; jedoch ist der untere Teil des Bartes kürzer als bei 
den bekannten Repliken, und in dem ganzen Ausdruck des 
Gesichts und in der Behandlung der Unterstirn hat unser 
Künstler selbständig gestaltet. In seiner ganzen Ausführung 
macht der Kopf durchaus den Eindruck eines Werks aus der 
hellenistischen Zeit (H. 0,24). 

Im westlichen Teil der mittleren Gymnasionterrasse wurde 
1 904 der Torso einer grossen sitzenden Heraklesstatue 
aus weissen Marmor, der nur auf der Oberfläche einige neu 
entstandene braune Fleckchen zeigt, ausgegraben (H. 0,84, 
grösste Br. 0,59, in Schulterhöhe 0,45, T. unten gemessen 0,48. 
Phot. 761 A-E, Abb. 1). Nach den Fundumständen ist anzu- 
nehmen, dass er aus dem Gymnasion der veoi herabgestürzt ist. 
Herakles sitzt auf einem Felsblock, über den er sein Löwen- 
fell gebreitet hat. Einen Zipfel des Felles hat er über den 1. 
Oberschenkel gelegt. Hier war seine Keule schräg nach hinten 
angelehnt, was man deutlich an der Eintiefung des Felles und 
den vier Löchern der Stifte, mit denen die Keule befestigt war, 
erkennt. Kopf, Schultern, Genital und Beine sind abgebrochen. 
Der Kopf und die Beine waren, wie aus den viereckigen Dübel- 
löchern hervorgeht, besonders gearbeitet und angesetzt. Die 
hintere und untere Fläche der Sitzplatte sind rauh abgear- 
beitet. — Der Held ist ein wenig zurückgelehnt und hielt mit 
der Linken wohl die Keule, während der r. Arm etwas mehr 
erhoben war; so schaute er dem frischen Treiben im Gymna- 
sion zu. Ähnlich wird uns die berühmte Statuette des Herakles 
Epitrapezios geschildert ^ Wir halten unsre Statue noch für 
ein hellenistisches Originalwerk, der beliebte Epitrapezios des 
Lysipp mag jedoch dem Künstler vorgeschwebt haben. 



* Brunn, Gesch. der gr. Künstler I - 254; CoUignon, Lysippe faO; Furt- 
wängler, Münch. Sitz.-Ber. 1902,435; Paribeni, Not. d. Sc. 1 902, 572, vgl. noch 
A. H. Smith, Catalogue of Sculptures in the British Museum III 90. 



382 



H. HEPDING. 



III. DIE EINZELFUNDE 



Zu einer lebensgrossen stehenden Heraklesfigur (etwa 
wie die Kolossalstatue im Vatikan, Heibig, Führer I ^ Nr. 306, 
oder das Werk im Thermenmuseum, ebda 11 '"^ Nr. 1016) ge- 
hört das 1 904 im Gymnasion gefundene Stück eines 1. Unter- 
armes mit davon herabhängendem Löwenfell (Phot. 776). Ein 




Abb. 



Heraklestorso. 



in zwei Stücke gebrochener Kopf eines andern Löwenfelles 
(zum Anstücken gearbeitet) wurde ebenfalls 1904 dort ausge- 
graben. Von Statuen des Hermes, des anderen Gymnasion- 
gottes, der in den Inschriften oft mit Herakles verbunden wird, 
sind bis jetzt keine sichern Reste zu Tage gekommen; nur der 
1. Arm einer ganz kleinen Marmorfigur mit Mantelstück und 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 



383 



mit einem als Kerykeion zu ergänzenden Stabe in der Hand, 
gefunden 1904 im Gymnasien, wäre hier zu nennen. 

Dadurch, dass sie ins Kellerstadion hinabgestürzt waren, 
sind uns Fragmente einer nicht ganz lebensgrossen idealen 
Jünglings Statue aus weissem Marmor erhalten geblieben. 
1904 hatten wir den Kopf (Phot. 759, 760) und den r. Unter- 




Abb. 2. Ideale Jüiiglini^sstatue. 



Schenkel mit dahinterstehender Baumstütze gefunden, 1905 
wurden dann ganz nahe bei dem Fundorte dieser Stücke noch 
der Torso und ein Plinthenstück mit einem an das Bein anpas- 
senden Reste des r. Fusses ausgegraben (Phot. des Torso mit 
Kopf 1028—131, Abb. 2; Phot. der Stücke des r. Beins 1032). 
Der Kopf war aus zwei Stücken gearbeitet (der Hinterkopf 



384 H. HEPDING. III. DIE EINZELFUNDE 

ist nicht gefunden worden), die Anschlussfläche ist gerauht 
und mit einem Dübelloch versehen. Die Nase, ein Stückchen 
der Unterlippe, sowie die Haarpartie über dem 1. Ohr sind ab- 
gestossen, auf der r. Seite ist der Kopf etwas versintert, sonst 
ist er ziemlich gut erhalten. Die Ohren sind wohlgebildet. 
Der Jüngling trug einen Metallkranz im Haar, der, wie man 
aus den erhaltenen Löchern sieht, mit Bronzestiften befestigt 
war; zwei runde Löcher hinten am Hals rühren von der Befe- 
stigung der Schleife her, die vom Kranz zum Nacken herab- 
fiel. Der Kopf war mit einem runden Dübel auf den Körper 
aufgesetzt, die glatten Schnittflächen, die Dübellöcher, in de- 
nen sich noch Reste des gleichen weissen gipsartigen Kitts 
zur Befestigung des Dübels erhalten haben, sowie aussen der 
Verlauf der Muskeln passen gut auf einander, nur r. steht 
die Schnittfläche des Rumpfs ein wenig über den allerdings 
jetzt auch noch etwas abgestossenen Halsrand über. Die Zu- 
sammengehörigkeit der Stücke kann jedoch kaum zweifel- 
haft sein. Der Jüngling stand auf dem r. Fusse auf, an einen 
Baumstamm als Stütze angelehnt, der r. Arm war gehoben, 
(ein rundes Dübel loch im Bruch zeigt, dass er aus einem be- 
sonderen Stück gearbeitet war), der gesenkte 1. Arm ist mit 
einem Stück der Brust abgebrochen. Der Blick ist nach links 
in die Ferne gerichtet, die Augen blicken etwas träumerisch. 
Das Standmotiv erinnert ebenso wie der Stil des Kopfes an 
Werke wie den Meleager oder den Herakles Lansdowne. 
Über die Bewegung der Arme lässt sich nichts sicheres sagen. 
Um das Gymnasion verdienten Männern galten wohl die 
Gewandstatuen, von denen uns einige Reste erhalten ge- 
blieben sind, die wir in einer der Exedren zusammengestellt 
haben (Phot. 978). Hier sei nur auf ein 1904 gefundenes, 1,30 
hohes Stück der Statue eines in das faltige Himation gehüll- 
ten Mannes hingewiesen (Phot. 909). Der obere Teil der Brust 
war, wie aus der glatten Anschlussfläche mit drei Dübellö- 
chern hervorgeht, angestückt, die Füsse und Teile der Arme 
sind abgebrochen. Die Last des Körpers ruht auf dem r. Bein, 
der r. Arm liegt vor der Brust in einem Gewandbausch, der 
1. Arm ist, ebenfalls von dem Mantel bedeckt, gesenkt. Zu 
einer dieser Gewandstatuen gehört wohl auch der ziemlich 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 385 

gut erhaltene r. Fuss mit halbschuhartiger Sandale, wie sie 
bei den Werken dieser Art häufiger vorkommen, gefunden 
1904 ebenfalls im Hofe des Gymnasions (Phot. 796). 

Von einer Reiterstatue kann das Bruchstück eines 




Abb. 3. Weibliches Köpfchen aus dem Gymnasion. 

aufgezäumten Pferdekopfs in Lebensgrösse stammen (Phot. 
742). Zu erwähnen sind schliesslich noch die PYagmente von 
Brust und r. Schulter einer kolossalen männlichen Büste 
(Phot. 1124), viele Köpfe von kleinen männlichen und weib- 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 2B 



386 H. HEPDING. III. DIE EINZELFUNDE 

liehen Figuren (darunter Phot. 757 (Abb. 3), 758, 1120), der 
Torso einer nackten Jünglingsstatuette (Phot. 738), das 0,33 
hohe Stück einer kleinen weiblichen Gewandfigur (Phot. 1037), 
ein Asklepiosfigürchen der in Pergamon gewöhnlichen Form 
(gel 1905 bei der Ausgrabung der zum Kellerstadion hinab- 
führenden Treppe; der Kopf war mit einem noch vorhande- 
nen Eisenstift befestigt; 0,19 h., Phot. 1039 b), ein Fragment 
einer kleinen decorativen Nike (Phot. 739). Alles unbedeutend. 
Um das Material für ein Bild des statuarischen Schmucks 
des Gymnasions, so weit es uns die wenigen erhaltenen Reste 
bis jetzt darbieten, zu vervollständigen, seien hier gleich auch 
noch die Stücke von Bronzebildwerken angeführt, die in den 
letzten Ausgrabungen zu Tage gekommen sind: vor allem 
ein r. Flügel, gefunden 1905 im östlichen Teile des Keller- 
stadions (Phot. 1130; 0,46 h., 0,31 br.). Der untere Teil ist 
abgebrochen; die feine Zeichnung der Einzelheiten besonders 
auf der Vorderseite ist wohl erst nach dem Guss durch Cise- 
lierung hergestellt. Reste einer steinharten Kittmasse, mit 
der der Flügel im Körper der Statue befestigt war, sind noch 
erhalten. Er wird zu einer Nikestatue gehört haben; Victo- 
rien waren ja in den Gymnasien aufgestellt, wie dies z. B. aus 
einer Inschrift aus dem alten Elaea, die sich jetzt im Museum 
zu Pergamon befindet, hervorgeht: 

2a)HQdTr|? 'OXvfxjtixov 
YU[ivaoiaQx»loa(; 

tÖ 881JT8QOV Ti)V NlXTlV 

xolc, veoiq ^ 

1904 wurde im Kellerstadion der 1. Fuss einer Überlebens- 
grossen Bronzestatue ausgegraben (Phot. 882): auf dem Rei- 
hen befindet sich ein kleiner Gussfehler, im Innern ist der 
Fuss mit einer 2,5-4 cm dicken Bleischicht ausgegossen, unter 
dem Vorderfuss ist zur Befestigung in der Basis ein grosses 
Loch in der Bronze gelassen, durch das das Blei hervortritt; 
v. Sacken nimmt bei der Besprechung eines ähnlichen Fusses 



^ Blauer Marmor. H. 0,30, Br. 0,43, T. 0,34. B.H. 0,025, Z.H. 0,043. Auf 
der Oberseite zwei Dübellöcher. Phot. 547. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 387 

(Die antiken Bronzen in Wien 1119) an, dass das bei diesem 
zwischen g^rosser und zweiter Zehe vorhandene Loch zum 
Eingiessen des Hleies j^edient habe. Diesen Zweck könnte 
auch bei unserem Stück ein Loch oberhalb der zweiten und 
dritten Zehe haben, es ist dann also keine spätere Ver- 
letzung, sondern war nach der Befestigung der Statue mit 
einem jetzt verlorenen Bronzestück geschlossen. 

Bei der x\usgrabung des (Tcbcäudes, aus dem nach den 
Fundumständen der Hermes des Alkamenes und der römi- 
sche Frauenkopf (AM. XXIX 1904, 1 90 f.) stammen werden, 
ergab es sich, dass wir hier ein in hellenistischer Zeit errich- 
tetes Privathaus vor uns haben, das nach verschiedenen Um- 
bauten noch in später römischer Zeit von einem vornehmen 
Manne, dem Consul Attalos bewohnt war (oben S.167ff.). Dem 
entsprechen denn auch die Funde. An vSkulpturen sind Reste 
von kleineren Bildwerken mehr decorativen Charakters ge- 
funden worden, ausserdem ein sehr verstümmelter Torso einer 
Überlebensgrossen Sitzfigur eines dicken, unbekleideten Man- 
nes (Phot. 1080), der offenbar von einer höheren Terrasse hier- 
her herabgestürzt ist, und ein verwittertes Fragment eines 
grossen weiblichen Kopfes, der, wie die vielen grossen und 
tiefen Stiftlöcher zeigen, mit einem Diadem oder einem ähn- 
lichen Schmucke aus Metall bekrönt war (Phot. 735), und von 
dem ich oben S. 363, 1 die Vermutung au.ssprach, dass er von 
der Statue der Oewv navv7ieiQo-/iog, die der Consul Attalos in 
seinem Hause errichtet hatte, herrühren könne. Der säulen- 
umgebene Hof des Hauses mit seinen Wasserbassins und 
gärtnerischen ' Anlagen war ähnlich, wie etwa die Peristyle 
pompeianischer Wohnhäuser, mit mancherlei Statuetten aus- 
geschmückt. Zwei kleine aus Ziegeln auf gemauerte Basen 
befanden sich noch in situ an den vSchranken zwischen den 
Säulen ; es kamen zwei marmorne Deckplatten von Basen 
mit Einarbeitungen für die Plinthen solcher Marmorstatuet- 
ten zu Tage; ferner zwei Plinthenstücke mit den Füssen von 
Hundefiguren aus dunkelblauem Marmor (Phot. 1092), Die 
schon früher weiter unterhalb gefundenen Stücke von Ebern 
aus demselben Material (AM. XXVH 1902, 154; Phot. 450) 
stammen wohl auch aus dem Attaloshause oder doch aus 



388 H. HEPDING. III. DIE EINZELFUNDE 

einem der anderen Wohnhäuser hier am Südabhang. Auch 
ein kleines 1903 gefundenes Krokodil mag hier noch ge- 
nannt werden (Phot. 720). 

Aus zwölf Fragmenten haben wir 1904 den unteren Teil 
einer etwa 1 m hohen Statuette aus weissem Marmor zusam- 
mengesetzt (Phot. 880. Abb. 4), die einst in diesem Peristyl 
aufgestellt war: ein mit dem r. Beine aufstehender Mann, 
den 1. Fuss aufstützend auf einen schräg über einem Felsen 
liegenden Delphin. Über dem 1. Oberschenkel liegt der faltig 
auf beiden Seiten des Beines herabfallende Mantel. Der Ober- 
körper war vorgebeugt und lehnte sich mit dem 1. Unterarm 
auf das 1. Bein auf. Kopf und Rumpf fehlen leider. Nur noch 
ein Stück des r. Oberarms wurde an derselben vStelle gefun- 
den, an das sich der schon früher ausgegrabene Unterarm 
anpassen Hess (Phot. 1090. Abb. 5). Am vSchulteransatz ist 
noch ein vStückchen einer schief nach oben gehenden Stütze 
erhalten. Wie die Figur zu ergänzen ist, ergibt sich aus einer 
Poseidonstatuette des Museums zu Eleusis ^ (Abb. 6), 
die in allen Einzelheiten, sogar in der eben erwähnten Stütze 
mit ihr übereinstimmt. Nur das 1. Bein ist etwas weniger hoch 
aufgestützt, und die mit dem Bohrer hergestellte Bearbeitung 
des Gewandstücks ist roher. Poseidon mit aufgestütztem 1. 
Bein, über das sein Mantel gelegt ist, und mit dem Dreizack 
in der Rechten begegnet uns auch z. B. auf der Traians-Säule 
(Reinach, Rev. arch.l 905 V 395. 403), auf den bekannten Medail- 
lons Hadrians und Marc Aureis, die die Versöhnung Poseidons 
und Athenas nach ihrem Streit um das attische Land darstel- 
len (Robert, AM. VII 1882, 53 ff. Gruppe B; Jahn -Michaelis, 
Arx^tab. 35,11)'-, auch öfter auf Münzen (z.B. Imhoof-Blumer, 
Kleinasiat. Münzen I 93 Phokaea Nr. 1 2 ; Cohen, Description 
bist, des monn. fr. sous l'emp. Rom. III - p. 282 Nr. 412; Catal. 
of Greek Coins, Pontus, Paphlag. etc. Münzen von Prusa Nr. 26. 



' Reinach, Repert. de la statuaire II p. 27, 4, inzwischen auch von 
Bulle, Roschers Lexikon III 2890 abgebildet. H.0,54; aus mehreren Stücken 
zusammengesetzt, Stücke des r. Unterschenkels sind ergänzt, 

^ Vgl. dazu B. Sauer, Die Anfänge der statuar. Gruppe bS Anm. 233 ; 
Amelung, AM. XXIII 1898, 238 f. 



DIE arki-:itp:n zu i'ek(;amon 1904-1905 



389 




390 H. HEPDING. III. DIE EINZELFUNDE 

35), ähnlich auch auf einem Wiener Cameo (Baumeister, Denk- 
mäler III 1390 Nr. 1538). Dieser Poseidontypus ist eine offen- 
bar in römischer Zeit sehr beliebte Weiterbildung einer be- 
rühmten, gewöhnlich Lysipp zugeschriebenen Statue aus dem 
isthmischen Heiligtum, die wir aus vielen mehr oder weniger 
freien Repliken kennen ^ 




Abb. 5. Rechter Arm der Po.seidonstatuette. 

Auch von einer anderen Statuette in ungefähr derselben 
Grösse sind einige leider nicht zusammenpassende Bruch- 
stücke in dem Hause des Consuls Attalos gefunden worden. 
Von anderen Kleinskulpturen aus Marmor seien hier 
noch folgende genannt : Fragmente von drei verschieden 
grossen Aphroditestatuetten aus dem Attaloshause 
'Phot. 1026. 1091), die alle ein und denselben Typus wieder- 
geben, dem wir auch in Terracotten begegnen (s. Winter, 
Die Typen der figürlichen Terracotten II 96, 1), und der einer 
Aphrodite aus einem Privathause in Priene (Wiegand-Schra- 
der, Priene 372 Abb. 466) sehr nahe steht-. Nur im Standmo- 
tiv unterscheidet sich das Stück einer weiteren Figur, das 
ebenfalls 1905 im Hause des Consuls Attalos gefunden wurde 



^ F. Durrbach in Daremberg - Saglio, Dictionnaire des antiquites IV 1 ; 
70 ; s. jetzt bes. Bulle, Roschers Lexikon III 2888 ff. 

* Auch im Pergamon-Museum zu Berlin befindet sich der untere Teil 
einer etwas grösseren derartigen Aphroditestatuette. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 391 

(Pliot. 1026d). Ferner eine Athena Statuette (ohne Kopf) 
im Peplos mit langem, nicht gegürtetem Überfall und zwei- 
teiliger, auf den Schultern zusammengehefteter Aegis mit ge- 
flügeltem Gorgonenhaupt in der Mitte der Brust (Phot 1 043)- 
Leider sehr zerstört ist das Fragment einer kleinen weibli- 
chen Sitzfigur (wahrscheinlich der Kybele) in feinem, die 
Körperformen durchscheinen lassendem Gewand mit zierli- 
cher Faltengebung, hochgegürtet mit einer vorn gebundenen 
Schnur; der Mantel bedeckte den Rücken, ein Zipfel hängt 
von der 1. Schulter über den Stuhl herab, während die Haupt- 
masse offenbar von r. her über den Unterkörper geschlagen 
war (Phot. 1034 A.B.). Östlich des Attaloshauses wurde noch 
eine 0,21 m hohe Herakles her nie ohne Kopf (Phot. 1039 a) 
und beim Bau des neuen Museumsraums im Abflusskanal auf 
der Westseite der Agora der Torso einer kleinen Fortuna 
(Phot. 1 1 80) gefunden ; letztere ist über dem Überfall hoch ge- 
gürtet und hält in der gesenkten Rechten, wie es scheint) 
eine Schale, in der L. das Füllhorn. 

In einem Räume des Gebäudecomplexes oberhalb der 
zweiten Agora bei dem Hagiasma der H. Kyriaki wurde 1 904 
der untere Teil einer grossen Marmorplatte mit zwei Figuren 
in Hochrelief ausgegraben (Phot. 743. Br. 0,59, T. 0,16, 
H. 0,39 ; unten und hinten rauh, hinten in der Mitte eine 
rechteckige Einarbeitung, 1. und r. Anschlussflächen): 1. eine 
Frau in faltigem, bis auf den Boden reichendem Gewand, die 
Füsse mit Schuhen bekleidet, auf dem 1. Fuss aufstehend, 
während der r. leicht zurückgesetzt ist, sie scheint sich mit 
der L. auf einen Stab zu stützen; r. ein Mann in langem 
Mantel, dessen Zipfel auf seiner 1. Seite herabhängt, mit vSan- 
dalen an den Füssen, auf dem r. Fuss aufstehend, der 1. be- 
rührt nur mit der Spitze den Boden. Ganz r. ein Baumstamm. 
Der ganze Oberkörper der Figuren bis zu den Oberschenkeln 
fehlt. Es ist daher bei diesem einzelnen Fragmente, das sicher 
von einer höheren Terrasse stammt, schwer zu sagen, was es 
darstelle, und zu was für einem Bauwerk es gehöre. — Herr 
Dimitrios Tsolakidis überwies dem Museum ein in der mo- 
dernen Stadt gefundenes Bruchstück eines kleinen Relieffrie- 
ses mit der Darstellung einer Erotenjagd (Abb. 7, Phot. 



392 



H. HEPDING. 



III. DIE EINZELFUNDE 



752). Erhalten ist unter einer breiten Leiste, in der eine 
schmale, vertiefte, umrahmte Tafel eingearbeitet ist, und die 
unten mit einem Perlstab abschliesst, der Kopf eines Hirsches 
nach r. und 1. davon ein geflügelter Amor mit umgehängtem 
Köcher und dem Bogen in der L., der in der R. einen run- 
den Gegenstand (Stein?) hält und damit zum Wurf nach 
einem weiter rechts zu denkenden Ziele ausholt. 




Abb. 7. Erotenjagd. 



Ich schliesse hier noch drei Stücke von Heroen reliefs 
an mit je einem Reiter nach r. in der in Pergamon häufigen 
Form (Phot. 737: gefunden 1904 beim Wegräumen des Schutts 
östlich der mittleren Gymnasionterrasse; Phot. 1040 B: gefun- 
den 1905 südlich unterhalb des Hauses des Consuls Attalos; 
Phot 1040 A: von Dimitrios Tsolakidis auf dem Hügel Eri- 
giöl gefunden), ferner zwei zusammenpassende Stücke eines 
sog. Totenmahlreliefs (Phot. 1027. H. 0,56, Br. 0,56, 
T. 0,10), gefunden 1904 und 1905 im östlichen Teile des Kel- 
lerstadions : auf einer Kline liegen, mit den 1. Armen auf 
Polster gestützt, zwei Männer, von denen der rechte seinen 
Arm auf die Schulter des anderen legt; vor ihnen steht der 
vSpeisetisch mit den üblichen Kuchen (darunter zwei jivqu- 
HLÖeg) und Früchten, und ein Krater, dessen einen Henkel 
ein kleiner Diener mit der R. fasst, während er in der gesenk- 



DIE ARREITEN ZU I'ERGAMON 1904-1905 393 

ten L. den Schöpflöffel hält. L. oben im Hintergrund ein 
Eichbaum, von dessen Ästen sich eine Schlange nach rechts 
hinringelt. 

Abb. 8 (Phot.1025) zeigt vier kleine Consol en, von de- 
nen die drei ersten 1905 im Hause der Consuls Attalos, die 
vierte schon früher bei der Ausgrabung der unteren Agora 
gefunden worden ist (alle 0,33-0,35 lang, 0,16 breit); mehrere 
kleinere, meist sehr schlecht gearbeitet und ohne Verzierung, 
von zweierlei Typen, sind ausser diesen noch im Attaloshaus 
zu Tag gekommen, während viele ganz einfache, schmälere, 
aber sehr gut ausgeführte Stücke in dem östlich an dieses 
Haus anstossenden Gebäude gefunden wurden. Sie sind deut- 
lich zum Einmauern bestimmt und darauf berechnet, von un- 
ten gesehen zu werden. Von den hier abgebildeten Stücken 
ist eines auf der Unterseite mit einem Epheuzweig, das 
nächste mit einem Palmzweig und an der Stirn mit einer 
Maske, das dritte mit einer Ranke, das vierte mit einer 
Eidechse, an der noch Spuren grüner Farbe erhalten sind, 
verziert. Ich weiss nicht, ob diese eigenartige Zierform auch 
schon bei anderen Ausgrabungen beobachtet worden ist. Die 
Stücke dienten zum Tragen von Wandbrettern, wie sie noch 
heute in Griechenland üblich sind. Ihr Vorkommen in helle- 
nistischen Häusern hat, worauf mich Conze hinweist, Pfuhl 
(Arch. Jahrb. 1905, 125 ff.) erörtert, in delischen Inschriften 
heissen die Consolen jrQOjioxOoi (BCH. VI 1882,319; CIG. 2297; 
Alt. V. Pergamon II 67 Anm. 2). 

In einem der Räume innerhalb des Strassendreiecks bei 
der H. Kyriaki (s. S. 165, Taf. XIV d), wohin das Stück etwa 
aus dem Attaloshause herabgestürzt sein könnte, fanden wir 
1904 einen 0,70m h., nach oben sich verjüngenden Pfei- 
ler, unten mit rechteckiger profilierter Basis (0,30 br., 0,20 t.), 
oben in merkwürdiger Weise mit einem zweifachen Gesimse 
abschliessend (0,25 br., 0,1 7 t), s. die Abb. 9 (Phot. 748 A.B.). Auf 
der Vorderseite befindet sich in Hochrelief das Brustbild eines 
der Tracht nach, wie mir L. Curtius zeigte, männlichen Gottes 
mit Schwertband und dreibügligem Helm, also wohl des Ares, 
auf der Rückseite an der entsprechenden vStelle der Kopf eines 
jungen Stieres; an den Schmalseiten in der Höhe der Schul- 



394 



H. HEPDING. ITI. DIE EINZELFUNDE 




DIE AKHIvITKN 7A' PERCiAMON 1904-1905 



395 




396 H. HEPDING. III. DIE EINZELFUNDE 

tern des Ares Zapfen, ähnlich wie die Armansätze an Hermen, 
darüber eigenartige Ansätze mit Voluten. In der Mitte der 
Oberseite ist eine rechteckige Vertiefung eingehauen. Einen 
ganz ähnlichen Pfeiler aus Rom hat E. Caetani Lovatelli im 
Bullettino comunale IX 1881, 225 ff. Taf. 19.20 (=CIL. VI 
29798) veröffentlicht und als Stele zum Aufstellen eines Votiv- 
schilds erklärt. Bei diesem Stück ist auf der Vorderseite eine 
Athenabüste, auf der Rückseite ein Bukranion ausgemeisselt. 
Ähnliche mit Darstellungen des Herakles mit der Keule, des 
Eros, der Artemis, eines Satyrs erwähnt Amelung bei Be- 
schreibung zweier schlecht erhaltener Stücke in der Galleria 
lapidaria (Die Skulpturen des Vatikanischen Museums I, Text 
S. 303 Nr. 199 ab), die er als altarförmige Votivstelen bezeich- 
net. Ich kann dieser Liste noch zwei weitere hinzufügen: 
In einem der Säle der piccoli bronzi im Neapeler Museum be- 
findet sich ein solcher Pfeiler (H. 0,70, Br. unten an der Basis 
0,305, T. ebenda 0,23), oben nur mit einfacher profilierter Aus- 
ladung abschliessend und an den Schmalseiten ohne die vier- 
eckigen Zapfen; auf der Vorderseite ein stark vorragender 
Kinderkopf mit lockigem, in der Mitte aufgebundenem Haar; 
auf der Rückseite ein Medaillon von etwa 0,1 1 Durchmesser 
mit einer Büste, die ich jedoch nicht erkennen konnte, da 
das Stück zu nahe an der Wand steht und auch, weil im Boden 
befestigt, nicht abgerückt werden konnte; über die Herkunft 
Hess sich nichts ermitteln; es ist aber wahrscheinlich, dass es 
aus Pompeii oder Herculanum stammt. In Pompeii sah ich 
dann noch im Haus Nr. 4 der Strada Stabiana (Reg. VIII, 
ins. 8) ein weiteres Stück i, das ich nach einer mir von 
E. Fiechter gütigst besorgten Photographie hier abbilden 
kann (Abb. 1 0). Auf einer 0,08 m hohen Platte steht der Pfei- 
ler (H. 0,69, Br. unten an der Basis 0,258, T. 0,16; oben an 
dem obersten Gesimse 0,225 br., 0,135 t), oben auch mit dem 
zweifachen Gesimse abschliessend, an den Schmalseiten mit 
denselben Ansätzen, wie unser pergamenisches Stück, auf 
der Vorderseite Brustbild eines Satyrs mit um den Hals ge- 



' Die Abbildung bei Darenberg- Saglio, Dictionaire des antiqn. III 2 
1721 Fig. 4904 ist sehr ungenau. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 



397 



bLindenem Pantherfell, auf der Rückseite ein an einem Nagel 
hängender runder Schild. Darauf liegt, jetzt mit einem Eisen- 
dübel und Gips befestigt, eine Tischplatte von 0,69 Br., 0,445 T. 
und 0,038 H. Es ist doch wohl anzunehmen, dass der Pfeiler 
und die Tischplatte zusammengefunden worden sind und 
so zusammengehören. Danach wären auch alle die anderen 
Stücke als Tischfüsse anzusehen; unter einer Tischplatte ver- 




Abb. 10. Tiscbfuss in Pompeii. 



steht man, wie mir scheint, noch am ehesten die merkwürdige 
doppelte Ausladung als oberen Abschluss. 

Auch eine ganze Reihe von Füsschenpaaren aus weissem 
oder gelbem Marmor, die z. T. 1904 auch bei dem Hagiasma 
der Kyriaki, z. T. schon früher gefunden waren (Phot. 728), 
und die wir uns zuerst gar nicht erklären konnten (die Füsse 
stehen fest neben einander), verstehen sich jetzt, ebenfalls 
nach analogen Stücken des Museums zu Neapel, als zu Tisch- 
füssen in Hermenform oehörie : der Hermenschaft vor der 



398 H. HEPDING. lll. t)iß EINZELFÜNDE 

schmäleren eigentlichen Stütze ist aus buntem Marmor gear- 
beitet, unter ihm stehen die beiden Füsschen aus weissem 
oder gelbem Marmor auf einem fussbankartigen Untersatz, 
der wiederum aus dem bunten Stein besteht. Der Hermen- 
kopf aus weissem oder gelbem Marmor ist wegen der eigent- 
lichen Tischstütze hinten abgeflacht. Solcher in allen Museen 
vertretener Köpfe sind schon eine ganze Anzahl in Pergamon 
gefunden, und zwar sind es Dionysos -(Phot. 352) ^ oder sog. 




Abb. II. Unterer Teil eines Tischfusses. 

Attisköpfe (AM. XXVII 1902, 153). Es gelang mir, einen sol- 
chen Tischfuss aus einem bisher unbeachteten Hermenschaft 
aus buntem Marmor, bei dem der Geschlechtsteil dem vorhan- 
denen Loche nach offenbar aus Bronze angesetzt war -, und 



' Ein solcher wurde auch wieder 1905 westlich des Attaloshauses ge- 
funden. 

- Vgl. Beschreibung der antiken Skul])turen in den Kgl. Museen zu 
Berlin vS. 425 Nr. 1073 (Gerätfuss mit Satyrherme). 



Die arbeiten yxi percamon 1904-1905 399 

dem darauf g"enau passenden Attiskopf wieder herzustellen 
(Phot.1035). Auch im Schulmuseum von Samos hat Prof. Conze 
ein solches Exemplar mit unbärtigem Kopfe im vSeptember 
1906 notiert. 

Auch Stücke von Tisch- oder Bankfüssen in der be- 
kannteren Form des Tierbeines, das oben in einen Akanthus- 
kelch ausläuft, aus dem ein Tierkopf hervorwächst, sind im 
Gymnasion gefunden worden. Dort wurde auch der untere 
Teil eines eigenartigen Tischfusses ausgegraben, den wir nach 
Phot. 749. 750 abbilden (Abb. 1 I H. 0,315). Über einer auf der Vor- 
der- und den beiden Nebenseiten profilierten Basis sind meh- 
rere Meertiere dargestellt: ein Taschenkreb.s, zwei Fische, zwei 
Austern, und als Hauptstück ein einen Tintenfisch verzeh- 
render Delphin, von dem aber nur noch der Kopf erhalten 
ist. Die Rückseite ist abgerundet. — Dasselbe Motiv des einen 
Tintenfisch anbeissenden Delphins sehen wir auch noch bei 
einem anderen Träger oder F'uss verwandt (Phot. 744. 745. 
Abb. 1 2) 1, der in einem Räume des Gebäudecomplexes inner- 
halb des Strassendreiecks bei dem Hagiasma der Kyriaki ge- 
funden wurde (bläulicher Marmor; H. 0,92, Br. 0,125, T. 0,28; 
in zwei Stücke gebrochen. Rück- und Oberseite glatt). Ich 
erwähne ferner den oberen Teil einer Dreif uss-Basi.s, 1905 
im Haus des Consuls Attalos entdeckt (Phot. 1000), H. 0,26, 
mit drei Fascien unter dem abschliessenden Gesims; auf der 
Oberseite sechs Dübellöcher, auf den beiden oberen Fascien 
der einen Seite sind die Reste roher Zeichnungen mit roter 
Farbe, darunter vier Köpfe im Profil, noch erkennbar. Im 
Gymnasion wurden nach und nach eine Reihe von Frag- 
menten einer achteckigem Basis gefunden (Phot. 1083), 
auf jeder Seite ein eingerahmtes Feld mit einem oder mehre- 
ren hochgestellten Attributen : Bogen und Köcher, Peitsche, 
Laubguirlanden u. a., ganz übereinstimmend in der Form 
und in den meisten Darstellungen mit einem bei den Ausgra- 
bungen Humanns im Gymnasion gefundenen und im ersten 



' Dasselbe Motiv habe ich mir auch von einer marmornen Banklehne 
im sog. Serapeum von Puteoli notiert ; vgl. ferner den Bronzeleucliter Real 
Museo Borbonico Vol. XVI tav. 6. 



400 



H. HEPDING. III. DIE EINZELFUNDR 




Abb. 12. Tischfuss. 



vorläufigen Berichte S. 99 und 1 02 erwähnten Stücke des Per- 
gamon- Museums. Aus dem Gymnasien stammen auch die 
1904 und 1905 ausgegrabenen Fragmente eines Ranken- 
frieses (Phot. 912. 913. 1057), von denen die beistehende 
Abb. 1 3 einige vStücke wiedergibt. Es sind 24-25 cm hohe, etwa 
5 cm dicke Platten weissen Marmors, die auf der einen Lang- 
seite mit runden Stiftlöchern zur Befestigung versehen sind. 
Keine der Platten ist vollständig; die Rückseite der meisten 
Stücke ist glatt, nur bei einigen rauh. Leider lässt sich über 
den Bau, zu dem sie gehörten, bis jetzt nichts sagen. 

Im Jahre 1905 wurde bei der Ausgrabung im Attalos- 
hause im Scliutt wieder ein grösseres Stück der in Pergamon 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 



401 



mehrfach vorkommenden merkwürdigen Aufsätze gefun- 
den', die Thiersch in den AM. XXVII 1902, 154 schon einmal 
erwähnt und dort \'ernuitungsweise als Altaraufsätze erklärt 
(Phot. 333): über einer 'quadratischen Platte mit Akroterstump- 
fen' an den Ecken befindet sich ein 'flachgewölbter Aufsatz, 
darauf eine Schale (manchmal mit Omphalos), nach deren 
Mitte zu sich vom Rande her zwei Schlangen emporringeln'. 




Abb. 13. Raiikeiifries aus dem Gyiiinasion. 



Die Schale mit den beiden Schlangen - weist sofort auf sepul- 
cralen Charakter der Stücke hin (vgl. z. B. auch I. v. P. 635; 



* Auch in der Unterstadt wurden 1904 bei Bauten zwei kleinere der- 
selben Art aus Trachyt gefunden ; das eine befindet sich im Garten des 
Konaks, das andere wurde bei der griechischen Knabenschule ausgegra- 
ben (H. 0,0b, Br. 0,20, T. 0,20) und wird wohl dem Schulmuseum einverleibt 
worden sein. Ein grosses Exemplar befindet sich noch bei den Königspa- 
lästen auf der Oberburg. 

'' Dazu J. E. Harrison, Prolegomena to the study of Greek Religion 331. 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 26 



402 H HEPDING. III. DIE EINZELFUNDE 

AM. XXIV 1 899, 1 62 ; hierhin gehört ferner ein 1 902 auf der 
Agora gefundenes Giebelstück wohl von einem Grabmal, auf 
dem eine Schale mit ovaler Erhebung in der Mitte (Ei?) dar- 
gestellt ist, nach der von jeder Seite her eine Schlange zün- 
gelt). Dem entspricht es denn auch, dass auf Lesbos ein ganz 
ähnliches Denkmal mit einer Grabinschrift versehen ist: IG. 
XII 2, 287 mit Abb. (bei den Inschriften 288-292 fehlen die 
Schlangen an den sonst ebenso gebildeten Steinen). Die per- 
gamenischen Exemplare sind alle viel kleiner als die lesbi- 
schen, die grössten sind etwa 0,35 lang und tief und höch- 
stens 0,15 hoch; die meisten sind aus Trachyt, nur eines in 
unserem Museum ist aus bläulichem Marmor hergestellt. 
Einige sind durch kleine Ansätze an den Seiten deutlich als 
Deckel zum Aufheben charakterisiert, das 1905 gefundene 
Stück ist unten ausgehöhlt. Ich halte sie für Deckel von 
Aschengefässen ^ 

Bei den Ausgrabungen werden stets viele Terracotten- 
fragmente gefunden, doch leider fast gar keine vollständigen 
Stücke. Ich habe dem von H. Thiersch (AM. XXVII 1902, 
155), A. Conze (Die Kleinfunde von Pergamon, Abh, d. Berl. 
Akad. 1 902, 1 2), F. Winter (Die Typen der figürlichen Terra- 
cotten I S. LXIII), W. Altmann (AM. XXIX 1904, 195 ff.) 
über den Charakter der pergamenischen Terracotten Gesag- 
ten nichts zuzufügen und beschränke mich auf die Aufzäh- 
lung einiger grösserer und besser erhaltener Bruchstücke: 
Aus dem Attaloshause oder dessen Nähe stammen ausser vie- 
len Mädchenköpfchen mit oder ohne Diadem, einigen Puppen 
u. ä. eine Reihe von Götterfiguren, so Stücke von Kybele- 
terracotten (Phot. 915, 1; 1123, 4), der Kopf wohl von einer 
Serapisfigur mit archaisierenden Ringellöckchen und Modius 
(Phot. 915, 2), ein Fragment eines Hekataions (Phot. 1123, 2) 
und der Torso eines mit dem Mantel bekleideten Herakles 
(Phot. 1 1 23, 3), der sein Löwenfell um den Hals geschlungen 
hat, so dass der Kopf auf der r. Schulter liegt und die r. 
Hand eine der Tatzen vor der Brust hält, während eine andere 



* A. Heyboer wird in einer Arbeit über die Seelenschlange auch diese 
'versteinerten Tuniuli' wie er sie mit Recht nennt, eingehender behandeln. 



DIK ARKEITRN ZU PRR(iAMON 1904-1905 403 

Löwentatze mit dem Mantelzipfel über den 1. Unterarm ge- 
legt ist; auf der Rückseite rundes Brennloch. In demselben 
Hause wurde auch die r. Hälfte eines Naiskos (0,16 h. Phot. 
916,3) gefunden, erhalten ist über einem stufenartigen Un- 
terbau eine korinthische, cannelierte Säule, darauf Architrav 
mit Zahnschnitt und der Giebel ebenfalls mit Zahnschnitt, 
auf den Ecken und der Spitze befanden sich wohl Akroterien, 
die jedoch abgebrochen sind; in der Mitte des Giebelfelds 
ein runder Schild ; in der Rückwand ein rundes Brennloch. 
Das Götterbild selbst ist leider ausgebrochen und nicht erhal- 
ten \ Aus einem der Häuser beim Hagiasma der H. Kyriaki 
stammt ein köpf- und handloses Fortunafigürchen (H. 0,09. 
Phot. 916, 2), ähnlich etwa wie Winter, Typen H 171,7. Im 
Gymnasion fanden wir auch eine Menge der verschiedensten 
weiblichen und Kinderköpfchen, Flügel, Stücke von Glieder- 
puppen usw., ferner einige Karikaturen männlicher Köpfe, 
darunter der eines bekränzten Greises mit Glatze und offe- 
nem Mund, also wohl singend zu denken, der Unterteil einer 
sitzenden Figur mit einem den Unterkörper deckenden Man- 
tel, übereinander geschlagenen Füssen und einem Tympanon, 
das an der Schlinge vom Zeigefinger der gesenkten L. herab- 
hängt (Phot. 915, 7; vgl. eine ähnliche Terracotte bei Winter, 
Typen I 133,8), schliesslich ein Stück eines Aphroditefigür- 
chens (Phot. 1 1 22, 2, wie Winter, Typen II 98, 3. 4). Bei den 
Grabungen nördlich über dem Gymnasion fanden sich mit 
hellenistischen Scherben und Lampen zusammen mehrere 
Fragmente von etwas grösseren Terracotten mit ziemlich gu- 
ter Modellierung (Phot. 1 1 21): Stücke einer bekleideten weib- 
lichen Figur mit Spuren des weissen Überzugs und der hell- 
roten Farbe, eines nackten muskulösen Mannes in hocken- 
der (?) Haltung, eines schreitenden Mannes mit vom 1. Arm 
herabfallendem Gewand, an welchem ebenfalls noch Reste 
des weissen Überzugs erhalten sind, ein Fragment einer gros- 
sen komischen Maske (Phot. 1053, 4, etwa wie die im Priene- 
Werk 361, Abb. 450 abgebildete). Bei der Reinigung des Zu- 



> Eine vSparbüchse (s. zuletzt Deubner, AM. XXXI 1900, 231 ff.) kann 
unser Stück nicht <;e\vesen sein. 



404 H. HEPDING. III. DIE EINZELFUNDE 

Schauerraums des Theaters kam der Oberkörper einer klei- 
nen archaistischen weiblichen Figur zu Tage in zierlich ge- 
fälteltem Gewand und mit einer Blume in der zur Brust 
erhobenen Linken (Phot. 1 1 22, 4; vgl. ähnliche Typen bei 
Winter I 109, 45). Schliesslich muss ich hier noch die im 
mittleren Teil des Zugangs zu den Grabkammern im Mal- 
Tepe gefundenen Stücke von etwa acht ganz roh modellier- 
ten Tierfiguren aus Terracotta erwähnen (Phot. 1117); darun- 
ter sind zwei Köpfe mit Hörnern erhalten, nach denen man 
diese Weihgaben als Widder bezeichnen muss. 

Gefässe und Geräte aus Stein und Metall. Ich 
nenne hier nur die Hauptstücke: Fragmente grosser Mar- 
morbecken, darunter eines mit gewundener Cannelierung und 
wagerechten, blattartigen Henkelansätzen (gefunden 1901 
und 1905 am Südabhang, Phot. 1103); ein schweres, 0,15 ho- 
hes Alabastergefäss mit verhältnismässig kleinem Hohlraum 
(gef. 1 904 beim Hagiasma der H. Kyriaki), mehrere sog. Rei- 
befinger aus weissem Marmor, sehr viele Spinnwirtel aus 
weichem Stein und grössere Webegewichte aus gebranntem 
Thon. Aus dem Gymnasion stammt ein im Stielloch gebro- 
chenes kleines Steinbeil (0,07 1., Phot. 1125, 2); ein fein po- 
liertes, nicht durchbohrtes keilförmiges Steinbeil mit breiter 
scharfer Schneide aus grünem Stein (Nephrit?) wurde an 
der Strasse nahe bei Mussadschali gefunden und von Dimi- 
trios Tsolakidis dem Museum überwiesen (0,255 1., bis zu 
0,10 h. Phot. 1125, 1). 

Sehr viel Eisengerät wurde gefunden, jedoch ist es 
schwer zu sagen, welche der Stücke sicher antik und welche 
jüngeren Datums sind, da viele der Gegenstände sogar noch 
heute in derselben Form gebraucht werden : Hacken und 
Beile verschiedener Typen (wie in Priene, s. Winnefeld bei 
Wiegand - Schrader, Priene 388), schubförmige Pflugschar- 
beschläge, Schlösser und Schlüssel, Stücke von Scheren (wie 
in Priene, ebda 390 Nr. 514), Pfeilspitzen verschiedener Art, 
Messerklingen u. a. — Unter den Bronzefunden sind unge- 
mein zahlreich die kleinen Glöckchen und Schellchen von 
verschiedener Form und Grösse, ferner seien genannt einige 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 405 

Schalen mit und ohne Omphalos, ein Stück eines Bronze- 
kranzes (Phot. 1088 B, 1), ein einfacher Gefässhenkel in Form 
einer Lanzenspitze (Phot. 1088 B, 2), Schlüssel verschiedener 
Art, mehrere Ringe, darunter ein Siegelring mit dem einge- 
schnittenen Kopf einer Tyche mit der Mauerkrone nach 1. 
(gef. 1904 im Gymnasion, Phot. 1088 B, 4). Im Gymnasion 
wurde auch 1904 ein grosser Kessel aus Bronze gefunden, 
bis auf die beiden eisernen Henkel, von denen nur noch 
kleine Reste vorhanden sind, ziemlich gut erhalten (0,275 h., 
Phot. 1131). Ebendaher stammt ein Wagebalken einer Schnell- 
wage mit eingekerbter Einteilung auf zwei Seiten, von de- 
nen die eine deutlich duodecimal ist (0,22 1.), und ein Gewicht 
aus Blei, mit Bronzeblech überzogen und mit Bronzehenkel 
versehen. Sicher byzantinisch ist ein flacher runder Gewicht- 
stein von 0,025 Durchmesser aus Bronze, auf dessen Oberseite 
in feiner punktierter Schrift zwischen zwei Ranken TA auf- 
geschrieben ist, d. i. eine Unze; dem entspricht denn auch 
das Gewicht von 25 gr. (vgl. E. Pernice, Griechische Gewichte 
75 f. und 203). Byzantinisch wird wohl auch ein kleines sechs- 
eckiges Bronzegefäss sein mit drei Füsschen und drei Ohren, 
sowie den dazugehörigen Kettchen, an deren Vereinigungs- 
stelle noch der eiserne Nagel erhalten ist, an dem das Gerät 
aufgehängt war, gef. 1904 auf der mittleren Gymnasionter- 
rasse; ein Stück eines ähnlichen achteckigen Gefässes wurde 
1905 im Mittelsaal des oberen Gymnasions ausgegraben. 
Schliesslich nenne ich hier noch einige römische Fibeln (da- 
von eine ähnlich wie Almgren, Studien über nordeurop. Fibel- 
formen Nr. 190.191 ; Lindenschmit, Altertümer unserer heidni- 
schen Vorzeit III 2 Taf. 4) und eine byzantinische Schnalle 
(Phot. 1088 A, wo auch eine früher gefundene Fibel aufge- 
nommen ist, ähnlich wie Bonner Jahrbücher LXIV Taf. 5/6 
Nr. 28). 

Im Kellerstadion wurde 1905 ein kleiner Becher aus 
Blei gefunden, der auf der Aussenseite mit vertieften Zick- 
zacklinien versehen ist (H. 0,055 ; Durchm. unten 0,042, oben 
etwa 0,05. Phot. 1114, 2). Aus der b^^zantinischen Zeit stam- 
men zwei Blei Siegel (Phot. 1032 Nr. 2 und 4) mit folgenden 
Inschriften : 



406 H. HEPDING. III. DIE EINZELFUNDE 

1) gef. 1904 im Kellerstadion, Durchm. 0,038; oben dtirch- 
locht. Av. Der hl. Georg stehend von vorn mit Lanze und 

o re 

A A M 

Schild, 1. n , r. n , Rev. Monogramm m-Ux . 
oc oc N 

c 

2) gef. 1904 im G}mnasion, Durchm. 0,036. Av. Mann im 
Mantel, stehend von vorn (wohl Kaiser), r. davon 0; von einer 
Umschrift ist nichts erhalten. Rev. nur undeutlich und un- 
vollständig : 

ri/ 

XHC[Ta)N 
BA]CIAIKÜ)NK[0 
M] ep K I ü) N 



Über den Titel twv ßaaiAixcöv xofx^eQxuDV vgl. Schlumber- 
ger, Sigillographie de l'Empire Byzantin 470. 

Griffel aus Bein kommen häufig vor; ferner Messer- 
griffe und Stücke anderer Geräte aus Knochen, auf denen 
immer dieselbe bekannte einfache Verzierung durch Kreis- 
chen mit Mittelpunkten wiederkehrt. Aus Bein ist auch ein 
kleines, rundes, mit Bronzebeschlägen versehenes Gefässchen 
geschnitzt, das 1904 auf der mittleren Gymnasionterrasse 
ausgegraben worden ist. 

Glasgefässe kommen selten und nur in Scherben zum 
Vorschein; ich nenne den oberen Teil eines Henkelkännchens 
mit Kleeblattmündung (Phot. 1114, 1). 

Über die pergamenischen Thongefässe haben Thiersch, 
AM. XXVII 1902, 156 ff., A. Conze, Die Kleinfunde aus Per- 
gamon (Abh. d. Berl. Akad. 1 902) 1 5 ff., W. Altmann, AM. 
XXIX 1904, 201 ff. schon ausführlich berichtet, und auch 
Zahn berücksichtigt in seiner eingehenden Behandlung der 
Vasenfunde aus Priene die pergamenischen. Die Ausgrabun- 
gen der beiden letzten Jahre haben die Ergebnisse dieser 
Arbeiten nur bestätigen können, neue Typen sind nicht ge- 
funden worden. Ich beschränke mich daher auf die Anführung 
einiger Einzelheiten. Einige Scherben der glatten, schwarz 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1 904 - 1 Q05 407 

gefirnisten, metallisch glänzenden Vasen wurden bei den 
Grabungen hoch über der " Kaiserhalle' des Gyninasions 
gefunden mit hellenistischen Lampen und Terracotten (s. o. 
S. 403), darunter z. B. ein Bruchstück eines kleinen, bauchi- 
gen Oefässes, das nur aussen mit schönem schwarzem Firnis 
überzogen und mit einem etwas unterhalb des oberen Ran- 
des verlaufenden schmalen Strich in aufgesetzter weisser 
Farbe geschmückt ist. Aus dem Zuschauerraum des Theaters 
stammt eine kleine Scherbe vom mittleren Teil eines Bechers 
mit Fuss, aussen bis auf einige nach dem Fusse hin radial 
verlaufende Streifchen, in denen der Thongrund sichtbar ge- 
blieben ist, schwarz gefirnist; auf dem Schwarz sind dann 
wieder längliche, schmale Blätter und geschlängelte Linien in 
mattem Fleischrot pastos aufgetragen: das Innere ist schwarz 
gefirnist, und in der Mitte ist ein Schwan matt weisslich auf- 
gemalt, von dem noch Kopf, Hals und ein Stückchen Brust 
auf der Scherbe erhalten sind. Schnabel und Auge, sowie zwei 
kleine Striche am Kopf sind fleischrot gemalt, einige Linien 
am Kopf und das Auge durch Ritzlinien bezeichnet (Phot. 
1055, 3). Östlich vom Attaloshause kamen 1905 mehrere 
Stücke einer Schale mit Fussring zum Vorschein, die innen 
rot, aussen chokoladenbraun gefirnist und aussen noch mit 
sehr flüchtig eingeritzten Linien und in weisser Farbe auf- 
gesetzten kleinen Tupfen verziert ist (Phot. 1054, 1-3). In der- 
selben Ritztechnik ist auch der Fuss eines glänzend rot ge- 
firnisten Gefässes aus dem Gymnasion, mit herzförmigen Blät- 
tern und anderem linearem Ornament, hergestellt (Phot. 1054, 
4). Ebenfalls östlich des Attaloshauses wurde ein Randstück 
eines innen und aussen schwarzbraun gefirnisten, grösseren 
Gefässes ausgegraben, auf dem aussen eine besonders ge- 
formte Fruchtguirlande in Relief aufgesetzt ist (über diese 
Technik s. Conze a.a.O. 19. Phot. 1055, 2). Die Fragmente 
von sog. 'megarischen Bechern' (Phot. 901, 5-8) waren dies- 
mal nicht sehr zahlreich ; ein interessantes Stückchen bilde 
ich hier nach einer von P. Schazmann freundlichst angefer- 
tigten Zeichnung ab (Abb. 14). Es ist 1904 bei den Arbeiten 
am Zeusaltar gefunden, glänzend schwarzgrau gefirnist und 
mit der Darstellung einer Kampfscene geschmückt: wenn 



408 H. HEPDING. III. DIE EINZELFUNDE 

man eine mythologische Beziehung snchte, könnte man in 
der ersten Figur 1. Athena mit dem Schild, in der mittleren, 
aufs Knie gesunkenen die Medusa erkennen, der eben Per- 
seus das Haupt abgeschlagen hat, das er mit der Rechten an 
den Haaren packt. Jedoch scheint die mittlere Figur in der 
L. ein Schwert zu halten, was gegen diese Deutung spricht. 
Von einem hellenistischen Gefäss stammt auch die Griff- 
platte eines Henkels (0,052 1., gef. 1904 im Gymn.), die mit 
einer glatzköpfigen komischen Maske in hohem Relief ver- 
ziert ist; diese ist rot gebrannt, während das Übrige schwarz 
gefirnist ist. Eine ganz kleine, zierliche Hydria mit weissem 




Abb. )4. Bruchstück eine.s ' megarischen Bechers'. 

Überzug (Mündung, Stücke der Henkel und des Fusses sind 
abgebrochen, 0,063 h. Phot. 1087, 2) wurde östlich des Atta- 
loshauses gefunden, vgl. Priene 428 Abb. 546; ein etwas we- 
niger fein gearbeitetes, ebenfalls weiss überzogenes Gefäs.s- 
chen (etwa 0,10 h. Phot. 1087, 3) in der Form wie Priene 426 
Abb. 544, 4 wurde von einem Arbeiter etwas unterhalb der 
zweiten Agora gefunden und dem Museum übergeben. Auch 
die Klasse der späten, groben Reliefgefässe, die H. Thiersch 
und W. Altmann a. a. O. ausführlicher behandelt haben, ist 
wieder durch mehrere charakteristische Stücke bereichert 
worden (Phot. 779 Nr. 1. 2 ; 1 1 15 Nr. 3); sie sind alle in den 
Räumen des Gebäudecomplexes bei dem Hagiasma der H. 
Kyriaki und im Attaloshause gefunden worden. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 409 

Aus dem Gymnasion stammt auch ein weiteres Stück 
eines Kohlenbeckens, der obere Teil eines Handgriffs mit 
derselben Silendarstellung wie auf dem bei Conze, Klein- 
funde 24 abgebildeten, nur dass sich oben über der Umrah- 
mung noch ein wagrechter, geflügelter Blitz ' befindet (Phot. 
1115,1). — Rot oder schwarz gefirniste geriefelte (yriffe, die in 
Widderköpfe oder in Masken (Phot. 1052, 4) auslaufen, gehö- 
ren zu Schalen, die bekannte Formen von paterae aus Metall 
(Caylus, Recueil d'antiquites V pl. 104, 7; Real Museo Borbo- 
nico XI tav. 29) nachahmen. 

Auch von byzantinischen glasierten Gefässen fanden 
sich wieder, vor allem im Kellerstadion des Gymnasions, 
Scherben (Phot. 917, 1051, 1056, 1086, 1089, 1112, 1113, 1136), 
besonders Mittelstücke von Schalen mit Standring. Altmann 
hat im letzten Bericht a. a. O. ausführlich über diese Gattung 
und ihre Ornamentik gehandelt -. Die letztjährigen Ausgra- 
bungen haben ergeben, dass wir es mit pergamenischem Fa- 
brikat zu tun haben. Es wurden nämlich im Kellerstadion 
mehrere rohe Dreifüsschen aus Thon gefunden von genau 
derselben Form, wie sie noch heute auch bei uns die Töpfer 
beim Brennen glasierter Gefässe gebrauchen, um die einzel- 
nen Stücke im Ofen auf und in einander stellen zu können. 
Die Spuren der Dreifüsschen sind denn auch fast bei allen 
grösseren Fragmenten noch in drei kleinen unglasierten Un- 
ebenheiten zu erkennen, während umgekehrt an den Drei- 
füsschen öfter die spitzen Füsschen Glasurreste zeigen ^. Was 
die Technik betrifft, so Hess sich an der Aussenseite mehre- 
rer Stücke deutlich wahrnehmen — und dieselbe Beobachtung 
hat auch Th. Wiegand in Milet gemacht — , dass diese Ge- 
fässe erst mit einem weisslichen oder rötlichen Farbüberzug 
versehen sind, in welchen dann die Verzierungen eingeritzt 



' Vgl. den Handgriff eines Kohlenbeckens aus Delos BCH. XXIX 1905, 
393 Fig. 51 ; Jacobsthal, Der Blitz 40. 42. 

^ Inzwischen hat E. v. Stern, Das Museum der Kaiserlich Odes.saer 
Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde, Lfg. III (190b), 52 ff. sich 
eingehend mit dieser byzantinischen Keramik beschäftigt. Ich habe die 
Abhandlung leider nur noch bei der Correctur heranziehen können. 

" Vgl. E. V. Stern a. a. O. 53. 



410 H. HEPDINCt. III. DIE EINZELFUNDE 

werden, sodass der rötliche Thongrund wieder zum Vorschein 
kommt. Dann werden sie mit der braunen oder gfrünen Gla- 
sur überstrichen, wodurch die weiss grundierten Flächen gelb 
oder grün und die vertieften Ornamente braun oder schwarz 
werden, bei rötlicher Grundierung entsteht mit grüner Gla- 
sur dunkelgrüne Farbe mit schwarzer Zeichnung. Bei einigen 
Stücken scheinen auch noch die eingeritzten Linien vor der 
Glasierung mit einer besonderen Farbe hervorgehoben wor- 
den zu sein. Unter den Darstellungen kommen neben den 
linearen Ornamenten diesmal auch viele figürliche vor, z. B. 
ganz unbeholfene Zeichnungen von Pflanzen und Blumen 
(Phot. 1113 A), ein Fisch, Vögel (Phot. 917, 1; 1056, 1, letzte- 
res Stück ähnlich wie Priene 492 Abb. 613); auch Vierfüssler 
werden dargestellt (Phot. 917, 7. 8; 1051), eine genauere zoo- 
logische Bestimmung derselben ist allerdings kaum möglich. 
Auch Darstellungen von Menschen finden sich, so auf einem 
Fragment die einander entgegengestreckten rechten Hände 
zweier Personen (Phot. 91 7, 4). Ein merkwürdiges, leider etwas 
versintertes Stück aus dem Gymnasion (Phot. 917,6) ist innen 
grün glasiert mit schwarzer Zeichnung. Deutlich ist der Kopf 
eines Menschen mit grossen runden Augen, offenem Mund 
und abstehenden Ohren, der Leib ist sehr schmal; es ist viel- 
leicht ein Flügelwesen, denn die merkwürdigen Ansätze 1. 
und r. sind kaum als Arme zu verstehen, eher noch als Flü- 
gel, und die Reihen kleiner Bogen auf dem Leib erinnern 
sehr an die Darstellung des Gefieders bei dem Vogel auf dem 
oben erwähnten Stück (Phot. 1056, 1)^ Mehrere Bruchstücke 
eines grossen Prunktellers von etwa 48 cm Durchmesser mit 
Standring, innen hellgelb glasiert, mit braunen, oft beinahe 
schwarzen, hauptsächlich geometrischen Ornamenten (Phot. 
1112) stammen aus dem Kellerstadion. Am Rand befinden 
sich an zwei Stellen kleine Löcher zum Durchziehen eines 
Bändchens, um den Teller aufzuhängen (vgl. AM. XXVI 1901, 
82 Nr. 32). Vgl. auch noch das Stück mit dem Rest einer Auf- 
schrift oben S. 375 Nr. 142. 



^ Vgl. jedoch V. Bock, Memoires de la .soc. des aiiti(|ii. de France LVI 
1897, 213 Nr. 8. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAIMON 1904-190=» 411 

Irn Gymnasion kam 1904 eine kleine christliche Am- 
pulla aus Thon, 0,07 h., zu Tage, mit zwei flachen, durch- 
bohrten Henkelansätzen, auf der einen Seite zwischen zwei 
einen Rundbogen tragenden Säulen ein bärtiger, auf der an- 
deren Seite ein bartloser Mann in Relief, jeder, wie es scheint, 
mit der L. ein Buch haltend, das auch die R. anfasst (Phot. 
1126, 2 und 1053, 1). Einige Ampullen mit denselben Darstel- 
lungen, aus Ephesos und der Umgegend von Smyrna, beiin- 
den sich im Louvre und sind von Michon in den Memoires 
de la societe des antiqu. de France LVIII 1897, 323 f. Fig. 16 
und 1 7 veröffentlicht worden '. Eine schon früher gefundene 
Ampulle derselben Grösse und Form ist nur mit einem Kreuz, 
auf dem kleine Kreise mit Mittelpunkten ^ eingeritzt sind, 
auf jeder Seite verziert (Phot. 1126, 3). Der obere Teil eines 
ganz ähnlich gestalteten, nur wenig grösseren Gefässchens aus 
terra sigillata wurde oberhalb der '"Kaiserhalle' des Gymna- 
sions 1905 gefunden (Phot. 1 1 26, 1), und bei der Reinigung des 
Zwischenraums zwischen dem Fels und dem Zimmer 1 5 auf 
der Westseite der Agora wurde auch noch der Oberteil einer 
etwas grösseren Ampulle aus Thon (Phot. 1 126, 4) entdeckt. 

Die Lampen entsprechen in ihren verschiedenen Arten 
ganz der Entwickelung der Keramik ; s. darüber H. Thiersch, 
AM. XXVII 1902, 156 f.; Conze, Die Kleinfunde 13; Zahn im 
Priene-Werk 449 ff. Einige Scherben von noch auf der Schei- 
be gedrehten, mit Mittelröhre zum Aufstecken versehenen, 
glänzend schwarz gefirnisten Lampen, wie Zahn a. a. O. 449 
Abb. 165 ff., wurden auf der Nordseite des Gymnasions, hoch 
über der " Kaiserhalle ' ausgegraben, ein vollständiges Lämp- 
chen derselben Art, rot gefirnist, unbekannten Fundorts, wur- 
de von einem Griechen für das Museum erworben ^ Einige 



' Vgl. auch H. Leclercq, Ampoules d'Asie Mineure im Dictionnaire d'ar- 
cheologie chretienne et de liturgle fasc. VI 1904, 1734 ff. 

■^ vSolche finden sich übrigens auch am Hals der erstgenannten Ampulle 
über dem Rundbogen. Diese Verzierung ist bei aus Bein geschnitzten Gerä- 
ten sehr häufig, s. o. S. 406. 

■'' Lämpchen dieser Art wurden auch bei Humanns Ausgrabungen auf 
der Akropolis gefunden und von Conze für etwas älter als die Königszeit 
gehalten, a. a. O. 14 unten. 



412 H. HEPDING. III. DIE EINZELFUNDE 

leider unvollständige, schön schwarzgefirniste Lampen in 
der Technik der sog. 'megarischen Becher' mit gewölbter 
Oberseite stammen von derselben Stelle wie die erstgenann- 
ten, zwei davon ohne Henkel, rings um das Eingussloch 
mit Stab- oder Blattornament verziert, eine andere (Phot. 
1048, 1) mit Henkel, bei der das fein umrahmte Eingussloch 
von einem Lorbeerkranz umgeben und vorn nach der Docht- 
mündung hin eine komische Maske angebracht ist. Ein ande- 
res auch dort gefundenes, schwarz gefirnistes, schmuckloses 
hellenistisches Lämpchen hatte ein Fussgestell, von dem noch 
ein Stück erhalten ist. Zahllos sind die römischen Lampen, 
die besonders im Attaloshause und da in Massen in der Ni- 
sche neben der einen Herme (s. oben S. 363 f.) ausgegraben 
worden sind. Seltener sind die, bei denen der Dochtansatz 
mit Voluten eingefasst ist, und die, deren Griff die Form 
eines Blattes oder Halbmonds hat. Die meisten haben kurze 
Schnauze und flachen, durchbohrten Henkel wie Priene 454 
Nr. 192-196 (Phot. 901, 1047, 1048 2, 1050). Ausser einfachen 
Verzierungen mit Buckelchen, Ranken, Rosetten, Muschelor- 
nament u. ä. kommt figürlicher Schnmck des Mittelrunds 
sehr häufig vor: Gladiator (Phot. 901, 3), Gorgonenhaupt 
(Phot. 1048, 2; 1047 B, 2), Kopf der Selene mit Halbmond^ 
Silenskopf, Amor auf dem Löwen reitend (Phot. 1047 B. 3; 
ein anderes Lämpchen entspricht genau der Form bei Fröh- 
ner, Terres cuites d'Asie de la collection Greau H Taf. 86), 
ein Panther unter einem Weinstock, an einer Traube schnup- 
pernd (Phot. 901, 1), Löwe, Hund, Stier, phallisches Pferd 
(Phot. 901, 6), ein Hirsch von drei Hunden gejagt (Phot. 1047 
B, 4), eine Amphora, zwei Füllhörner etc. Einige der Lam- 
pen waren besonders interessant, weil auf ihnen genau die- 
selben Ornamente wie auf den oben erwähnten späten Re- 
liefgefässen vorkommen ; einige andere figürliche Darstel- 
lungen (Phot. 1047 A) erinnern stilistisch an die Soldaten- 
bilder dieser Gefässe (s. Altmann AM. XXIX 1904, 202): es 
sind z. B. zwei Blätter oder Bäume, ein Gefäss, Tiere, zwei 
Masken, eine tragische und eine komische, zwischen denen 
ein Speer aufragt, auf den Spiegeln dieser Lampen in 
einer recht unbeholfenen P'orm dargestellt. Schliesslich muss 



DTK arhi-:it}-:n zu frk(;amon 1904-1905 413 

ich noch erwähnen, dass bei vielen dieser römischen Lämp- 
chen aus dem Hanse des Consuls Attalos auf dem Boden 
Zeichen oder Buchstaben vor dem Brand eing^eritzt sind, 
und zwar kommen folgende vor: ^. +, A, A, B, E, 3, A, N, 
sehr häufig- ist I oder i, einmal findet sich 6P. 

Die Phot. 1128 zeigt einen merkwürdigen Leuchter aus 
Tlion, 0,1 25 h., gefunden im At-Bazar und von Dimitrios Tso- 
lakidis ins Museum gebracht: auf viereckiger, sich nach oben 
etwas verjüngender Basis erhebt sich ein Pinienzapfen, darauf 
eine etwa halbkuglige Schale, während 1. und r. zwei römi- 
sche Lampen mit Henkeln ganz unorganisch angeklebt sind. 
Diese Lampenconglomerate müssen sehr häufig gewesen sein, 
denn im Attaloshause fanden sich mehrere Lämpchen meist 
in der üblichen Grösse, aber auch ein paar ganz kleine, die 
nach den daran erhaltenen Ansätzen sicher ähnlich angeklebt 
waren. Ein nur teilweise erhaltenes rundes Mittelstück mit 
einer ähnlichen Schale und den Resten zweier Lämpchen 1. 
und r. dav^on und ein anderes Fragment, bei dem das Mittel- 
glied durch einen Stierkopf gebildet ist, auf dessen Hörnern 
die Lämpchen angebracht waren, wurden in und bei dem 
Attaloshause ausgegraben (Phot. 1 1 29, 1-2). Das einzige Exem- 
plar solcher eigenartigen Leuchter, das mir bisher in der 
archäologischen Litteratur begegnet ist, stammt aus vSmyrna, 
veröffentlicht von F. Winter, Typen der figürlichen Terra- 
cotten I 257, 1. Hier bildet eine Satyrbüste den Träger von 
Schale und Lampen '. Welchen Zweck die Schale hatte, ob 
man etwa darin eine Kerze befestigte oder Räucherwerk an- 
zündete, ist mir nicht klar geworden. Wahrscheinlich gehö- 



' Von den Kleinfunden aus Pergamon im Berliner Museum gehören 
hierher P 265 (weiblicher Kopf als Träger der Schale und der beiden Lam- 
pen), P 2b2 (mit Adler auf dem Mittelstück, rot gefirnist), P 264 (das Mittel- 
stück wohl auch ein Pinienzapfen, die Schale mit Blattornament, grau ge- 
firnist) und P 266. Zu vergleichen sind ähnlich gruppierte Lampen aus 
Pompeii und Herculanum, z. B. Antiquites d'Herculanum IX Nr. 65 (=Over- 
beck, Pompeii ■' 383 Fig. 230 r) und Nr. 103. Unseren Schalen dürfte der 
Aufsatz bei der an einer altarförmigen Basis angebrachten dreischnauzigen 
Lampe ebda Nr. 50 (=Dictionnaire des antiquites III 2, 1335 Fig. 4607) 
entsprechen. 



414 H. HEPDING. III. DIE EINZELFUNDE 

ren zu solchen Leuchtern auch noch einige andere Stücke 
(Phot. 1127), von denen zwei westlich des Attaloshauses, ein 
drittes oberhalb der " Kaiserhalle' des Gymnasions gefunden 
worden ist : bei dem einen ist eine aussen reich verzierte 
Schale, ähnlich denen, die wir eben kennen gelernt haben, 
und auf der Vorderseite Kopf und Brust einer mit Blumen 
bekränzten, nackten Kinderfigur in hohem Relief erhalten, 
das Ganze ist mit einem hellbraunen Firnis überzogen. In 
der Technik sehr ähnlich ist das andere Fragment mit dun- 
kelbraunem bis schwarzem Firnisüberzug, auf dem ein gra- 
ziöser Mädchenkörper zwischen zwei Delphinen stehend dar- 
gestellt ist; bei dem dritten, rot gefirnisten vStück ist wieder 
ein Teil einer Schale erhalten, deren Träger mit Ähren und 
Mohnköpfen geschmückt ist. 

Die beschriebenen Fundstücke befinden sich im Ottoma- 
nischen Museum am unteren Markte in Pergamon. 

Giessen. Hugo Hepding. 



415 



IV. EPHEBENLISTEN. 



In den Herbstcampagnen der Jahre 1900 und 1901 war 
in Pergamon eine grosse Anzahl von Quaderfragmenten ge- 
funden worden, welche Reste von Namenslisten enthielten 
und offenbar von einem grösseren Monumente stammten. 
Hans von Prott, dem die Bearbeitung in Gemeinschaft mit 
mir oblag, machte dabei die Beobachtung, dass diese Namens- 
listen zu dem Volksbeschluss des Jahres 133 vor Chr., durch 
den bald nach Attalos' III. Tode das Bürgerrecht von Per- 
gamon auf weite Kreise der Bevölkerung ausgedehnt wurde, 
in Beziehung zu setzen seien. In den Listen kommt nämlich 
u. a. mehrfach die Ortsangabe töjv d:i6 MaoövT]? als Ersatz für 
den Phylennamen vor. Nun erkannte Prott in diesen Ein- 
wohnern von Maaöw] die MaaOiii]voL des Volksbeschlusses wie- 
der und so gelangte er zu der ansprechenden Vermutung, 
dass uns in den neu gefundenen Bruchstücken die Reste der 
Neubürgerlisten des Jahres 133 vorlägen. Wir haben beim 
Fortschreiten der Untersuchung diese Annahme immer von 
neuem geprüft. Dabei konnte es uns nicht entgehen, dass die 
'Listen in Schrift, Anordnung und Inhalt Unterschiede auf- 
weisen'. Aber trotzdem überzeugten wir uns mehr und mehr 
von der Richtigkeit der Hypothese, und Prott machte in 
seinen Erläuterungen den Versuch, einerseits die Schwierig- 
keiten zu beseitigen, andrerseits die Abweichungen zu erklä- 
ren, welche in den Listen vorkamen. 

Es war vorauszusehen, dass bei dem Fortschreiten der 
Ausgrabungen das Monument, von dessen Wänden die Bruch- 
stücke stammten, zu Tage kommen würde. Diese Erwartung 
hat sich im Herbst 1902 erfüllt: auf der unteren Gymna- 
sien - Terrasse fand Dörpfeld einen sehr zerstörten korinthi- 
schen Tempel. Der Oberbau ist nicht erhalten, aber zahllose 
Marmorsplitter, die zum grossen Teil Reste von Namensver- 
zeichnissen enthielten, bewiesen, dass einst die Tempelwände 



416 W. KOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 

mit Katalogen bedeckt gewesen waren, und es unterliegt 
keinem Zweifel, dass auch die bereits veröffentlichten Listen 
von diesem Bau stammten (vgl. Dörpfeld in AM. 1904, 146). 
Diese Fundtatsachen wiesen für die Deutung der Kataloge 
nach einer anderen Richtung. Da das inschriftliche Material 
massenhaft angewachsen war, so musste die Frage ^ aufge- 
worfen werden, ob die Namenslisten wirklich mit der Bürger- 
rechtsverleihung vom Jahre 133 in Zusammenhang ständen 
oder ob nicht vielmehr einfache Ephebenkataloge vorlägen. 
Als nunmehr das Generalsekretariat des Institutes an mich 
das Ersuchen richtete, diese Aufgabe zu übernehmen, fühlte 
ich mich dazu um so mehr verpflichtet, als Hans von Prott 
nicht mehr unter den Lebenden weilte. Dem verstorbenen 
Freunde glaubte ich es schuldig zu sein, mit aller Gewissen- 
haftigkeit an die erneute Prüfung unserer früheren Aufstel- 
lungen heranzutreten und ich hoffte hierfür das nötige Maass 
von Objectivität zu besitzen, gerade weil ich Protts Hypo- 
these stets als scharfsinnige Combination bewertet hatte. 

Am Schluss der Ausgrabungscampagne von 1904 habe 
ich das neue Material, das mir bis dahin nur in den vorläu- 
figen Abschriften von Schröder (1902) und Altmann (1903) 
vorgelegen hatte, in Pergamon selbst aufgenommen. Auf die- 
sen Abschriften beruht, wo nicht ausdrücklich anderes be- 
merkt ist, die Publication. 

Abgesehen von den nicht zur Veröffentlichung geeigne- 
ten kleinen Brocken und vSplitterchen, die oft nur die An- 
fangsbuchstaben mehrerer Namen aufwiesen, beträgt der Zu- 
wachs etwa 200 Nummern : mithin hatte sich die Zahl der 
Stücke etwa vervierfacht. Hierbei sind die wenigen nicht 
von den Tempelwänden stammenden Listen mitgerechnet, 
die auf derselben Terrasse gefunden wurden und auf Säulen 
oder Stelen verzeichnet standen. Sie unterscheiden sich deut- 
lich von den Inschriften des Tempels. Aber auch bei diesen 
zeigte sich jetzt im Schriftcharakter eine so bedeutende Ver- 
schiedenheit, dass man nicht mehr an eine gleichzeitige Auf- 
zeichnung glauben konnte: es stellte sich immer klarer das 



' Darauf hat zuerst Bruno Schröder in AM. 1904 hingewiesen. 



DIR ARBRITKN ZXl PERCrAMON 1904-1905 41? 

Erg'el)iii.s heraus, dass nicht von indi\'i(luellen Abweichun- 
gen der Steinmetzen einer Epoche die Rede sein konnte, 
sondern dass die verschiedenen Listen aus verschiedene n 
Perioden stammten. 

Der Versuch, das Material 7AI sichten, musste naturge- 
mäss von dem Inhalt ausgehen, während den formalen Unter- 
schieden nur ein subsidiärer Wert beigemessen werden konn- 
te. Dabei war es von Wichtigkeit, dass eine Anzalil von 
Fragmenten sich durch die Praescripte als Reste von Ephe- 
benlisten kennzeichneten. Das Gleiche galt von den auf vSäu- 
len und Platten geschriebenen Verzeichnissen. Das Praescript 
ist in der Form nicht ganz constant. Das Grundschema für 
die Königszeit bietet die AM. 1904 Nr. 14 veröffentlichte 
Liste, die auf einer vStele aus blauem Marmor steht : 

BaoiXEvovxoc, "Axxdkov OiXaSeAcpou xal j Eveqyetou tecoe- 
QaHaiöexdroD etoiig, jraiftovo[,ioiJVTü)v "Hqoöotod toij 'A- 

flilvaiovjXTL ! Ol exxQi&evTei; Ix x(bv jcaiöcov elq xovc,\ 

eq))]ßovi; elq x6 jt8vtFxai5exaTOA' eiog | yiifxvaaiaQXOw- 
Tog — — — — . 
In der Republik tritt an die vStelle des Königsjahres die 
Datierung nach dem eponymen Beamten, dem Prytanen, der 
in der Regel zugleich ein Priestertum bekleidete. Ein Bei- 
spiel dieser Art hatten wir bereits 1902, 145 veröffentlicht: 
'E;tI TtQvxdvEOiq x]ai lepecog Kquxikkov xov 

jt]ai8ovo|,ioi3vTa)v 8e 

Tou — — ]ov xal 'A{3T]vaioD to^ 

— Ol eyxQu'^evTec;] ei? xovc, E(pr\ßov- 

q 8x Tcöv jtai8(ov eiq tov IriJa-UTOV 

[toa' ejTi KQvxdvEoyc, xai lepetog] — — — 

Noch vollständiger ist das Praescript eines neuen Stückes 
(Nr. 273). Auf die Datierung nach dem jxQvxavic, xcu ieQ8i3(; 
folgt die nach den Paidonomen, deren Zahl in der Königs- 
zeit vier war (vgl. 1904, 14, unten Nr. 272), während sie unter 
der Republik auf zwei herabgesetzt wurde (vgl. 1902, 145 
unten Nr. 273, 274, 277. I. v. P. II 323). Ob bei diesem Wech- 
sel die Rücksicht auf die Schülerzahl massgebend war, wie 
Schröder AM. 1904, 15IS annimmt, la.sse ich dahingestellt. Mit 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 27 



418 W. KOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 

der Formel oi lyxQiOevTsg sig xovc, erpi'ißovg ex twv jtai8(0A' wird 
zu der Datierung nach dem neuen Prytanen übergeleitet. In 
der Königszeit bezeichneten sich die neuen Epheben als die 
kKXQidevxec, 8x xwv jtaiötov; die junge Generation legt aber da- 
rauf Gewicht, sich eyxQiflevTeg eIc, xovc, ecpT]ßovc zu nennen. Als 
Besucher des Gymnasions twv 8cp/]ßü)v stehen sie unter der 
Leitung des Gymnasiarchen. Infolgedessen wird im Praescript 
von Nr. 278 der Gymnasiarch und, wenn ich die Reste in 276 
Z. 6 richtig gedeutet habe, auch der Hypogymnasiarch ge- 
nannt; vgl. auch I.V. F. II 325 und 465= unten 289. 

Nicht selten erfolgte die Aufstellung der Liste in Form 
einer Weihung. So war die Liste der iraiSeg AM. 1 904, 1 4 dem 
Prinzen 'AtTaÄcoi ßaodecog E{)[xe\'oi' geweiht. Hiermit ist I.v. P. 
II 323 zu vergleichen, wo als Weihegötter Hermes und Hera- 
kles erscheinen. Fränkel deutete diese Inschrift auf die Er- 
richtung der Statue eines lulius oder des Sohnes eines lulius. 
Die genauere Kenntnis des Praescriptes ermöglicht uns jetzt 
eine richtigere Ergänzung ^ 

I. V. F. II 323. Kleiner Block aus bläulichem Marmor, 
links und hinten gebrochen, 0,195 h., 0,35 b., Buchstabenhöhe 
0,012-0,017. Schlechte Schrift. 

'Ejti JtQDTdvea)? xai ieQeü)(; 'I]üi'?j'o[ii 
Tou — — Jiai8ovo[.ioi)VTa)v bk — — ]AO]ZTO[v 
xov — — xal — — x]ov FiV{]i6x[ov] oi £(y)2[xqi- 
devxec, elq xovq e(p^ßoi'i;] ex tcöv Jtaiöoov {e)^[i(; 
5 Tov eviaiJTOv töv Em] KQvxdveoyq xai lepeco? 
— — — Ol) TOiJ "EQji.iOD, yiifxvaGiaQxovvTOi; 
fie Mt)vocplA.o]d tov M)]voq)i?LOv, •uJtOYUfAvaaiap- 
/oiJVTOS fts] 'Aax^T]nio8cüQou xov 'AcK[h]]n.[i- 
obdiQov] 'Eq^aei xal 'HQaxPiJefT. 



' Die Buchstabenzahl schwankt in den einzelnen Zeilen bei der obigen 
Ergänzung zwischen 28 in Z. 1 und 3b in Z. 5 ; doch erklärt sich die Ab- 
weichung leicht bei dem ungleichen Abstand, den die Zeichnung in den 
I. V. P. gut veranschaulicht. 

' O I E P Lesung der I. v. P., danach gab Fränkel den letzten Buch- 
staben als Q. 

^ TTAIAQNIf Lesung der I. v. P., Fränkel ergänzte :rrai8cov [xal] tcöv 
ecpiißwv?]. Ich vermute, dass in beiden Fällen die Abschreiber durch die 
Ergänzung, die ihnen vorschwebte, irregeführt wurden. 



DIR ARBRITEN ZU I'RRGAMON 1904-1905 419 

Die Inschriften, aus denen wir das Praescript der Königs- 
zeit und der älteren Republik kennen gelernt haben, standen 
ausnahmslos auf besonderen vStelen. Erst nachdem wir die 
Formel des Praescriptes gewonnen haben, können wir sie 
auch auf einigen Ouaderfragmenten mit vSicherheit wieder- 
herstellen (Nr. 276-281). 

Einer dritten Epoche gehören diejenigen Listen an, wel- 
che nach dem aQX'SQSvs datieren. Obwohl jede nähere Bezeich- 
nung fehlt, kann wohl kaum ein Zweifel sein, dass der ägiie- 
gevc, xf\g 'Aaiag gemeint ist (vgl. Fränkel in I. v. P. II 207). 
Waren bisher Pr}tanie und Priestertum der Regel nach in 
einer Hand vereinigt gewesen, so konnnt dies in Zukunft 
nur noch ausnahmsweise vor. Nur in einem Fall ist der jiqv- 
xaviq von Pergamon zugleich aQxieQS^'? ('Aoiag vaov xov ev Ueq- 
ydi^icp), vorausgesetzt, dass ich das Bruchstück c mit Recht in 
Zusammenhang mit den anderen vier gebracht habe, Nr. 285: 

ah c d e 

Z. 5 t]outov to[0 sviauToij] ot svxpidefvre- 
?] £ig Tcufg e(pT]ßoD(; sx t]o)v jraiöcov eftg 
t6]v 8Jti dQ)(i[eQ8Q)(; xal jrQjvTdA'eo)? . . 
— — — [tov — — — gviavTOv] 

Das gewöhnliche Thema der Praescripte dieser Epoche ist 
folgendes: sjti jtQiiTaveoog Namen, Patronymikon, ctQx^eQSf^? 8e 
Namen, Patronymikon, jraiöovofxoiWtoiv 8e Namen, Patronymi- 
kon, Natnen, Patronymikon ot eyxqiOevtec eI? toijg Ecpi^fSong Ix 
Ttüv jcaiöcov xtA. Das Vorkommen des aQ/i^^Qß^? g'ibt uns einen 
sicheren terminus post quem für die betreffenden Listen. 
Denn erst nachdem Augustus im Jahre 29 v. Chr. dem Land- 
tag der Provinz xAsia die Errichtung eines Kaisertempels in 
der Hauptstadt Pergamon gestattet hatte, wurde ein aQ/ie- 
QEi'ig, der als epon)-mer Beamter der Provinz galt, bestellt. Die 
lokale Datierungsweise nach dem Pr\tanen von Pergamon, 
die uns bereits in der Königszeit begegnet (I. v. P. 5 Z. 1 5) 
und die während der Republik geherrscht hatte, wurde, wie 
unsere Listen zeigen, beibehalten. Aber während dieser Pry- 
tan bisher in der Regel auch das eponyme Priestertum von 



420 W. KOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 

Pergamon bekleidet hatte (I.v.P. II 258, 323 und unten 273 ff.), 
tritt jetzt neben ihm der ägxiEQEvq Tf\c, 'Aoia? als eponymer 
Provinzialbeamter auf. Dadurch gewinnen wir zwei von ein- 
ander unabhängige Reihen von Eponymen, wenn es auch 
nicht gerade ausgeschlossen ist, dass der Prytan von Perga- 
mon zugleich Oberpriester der Provinz Asien ist. 

Es verdient hervorgehoben zu werden, dass .sämtliche 
Stücke, in denen der aQ/iepeug vorkommt, zu den Quader- 
resten des Tempels gehören, während die Praescripte aus der 
Königszeit und der Republik zumeist noch auf besonderen 
Monumenten standen. Unter diesen Umständen dürfen die 
Kataloge nicht ohne weiteres zur Datierung des korinthischen 
Tempels herangezogen werden. Zum mindesten beweisen sie 
nichts für Dörpfelds an sich wahrscheinliche Annahme, dass 
der Tempel gleichzeitig mit der Terrasse bereits unter 
der Regierung Eumenes' II. errichtet worden .sei. 

Bei der furchtbaren Zersplitterung der Quadern, die Dörp- 
feld durch die Annahme einer gewaltsamen Zerstörung er- 
klärt, ist nur in einem Fall ein Teil der Liste zugleich mit 
dem Praescript erhalten. Und dieses Beispiel (AM. 1902, 146= 
Nr. 278) lässt uns leider nicht mit Sicherheit erkennen, ob in 
dem Katalog Name, Vatersname und Phyle genannt waren. 
Zwar scheint mir die Anordnung darauf hinzuweisen, dass 
hinter dem Patronymikon noch ein drittes Wort folgte; aber 
es fehlt die Möglichkeit des Beweises. Die Entscheidung 
über die Neubürgerlisten muss aber von der Beantwortung 
der Frage abhängig gemacht werden, ob es Ep lieben li- 
sten gab, welche an dritter Stelle die Phyle oder einen 
gleichwertigen Begriff nannten. 

Die neuen Bruchstücke charakterisierten .sich der grossen 
Mehrzahl nach durch das Fehlen der Ph)'le von vornherein als 
Reste von Ephebenkatalogen, deren Columnen nur den Na- 
men und Vatersnamen aufführen. Damit die Zeilenanfänge 
und -enden der Columnen unter sich übereinstimmten, waren 
die Buchstaben bald enger, bald weiter gestellt. Infolgedessen 
ermöglicht allein die Anordnung oft den Schluss, dass in der 
betreffenden Liste die Phyle nicht genannt war. Diese In- 
schriften bleiben für unsere Untersuchung ausser Betracht. 



DIE ARBICITICN ZU PEKGAMON 1904-1905 421 

Bei der Publication in den AM. 1902 hatten wir alle 
vStücke, in denen Phylennamen vorkamen, den Nenbürger- 
listen zug-erechnet. Allerdings war uns Nr. 142 wegen der 
abweichenden Anordnung verdächtig vorgekommen. Diese 
Liste wird jetzt durch die neuen Funde aus ihrer Vereinze- 
lung gerückt. ITnter ihnen l^efinden sich nämlich drei Bruch- 
stücke von Säulen aus l)lauem Marmor (vgl. Nr. 27S a /> r); 
dass sie derselben vSäule angehören, ist im Hinblick auf den 
gleichen Durchmesser und den Schriftcharakter wahrschein- 
lich, wenn auch keineswegs notwendig. Nun ist bei einem 
dieser Fragmente der Rest einer Überschrift vorhanden, die 
ich nach Analogie des uns bereits bekannten Praescriptes in 
folgender Weise ergänze: 

— — Ol 8yxQi]0ev[T8g elq xovq E<:pY\ßovc, ex tcov jrai(^(ov eii; 
Tov eviauTOv to]v xov [KQvxdveoiq xal i£Q8(05 — — — — 

— — — axoc, 'Eq[x I — — 

K]a8pit8og 

— — — Qog 'AjtoX?ao[\' — — 

'Aoyik]'\"\7tidboc, 
nxh 

Damit ist der Beweis erbracht, dass in den Ephebenkatalo- 
gen die Phylen vorkommen konnten. Aber auch Ortsbe- 
zeichnungen finden wir auf den beiden anderen Säulenfrag- 
menten. Es ist ja sehr wohl möglich, dass letztere nicht mit 
der oben veröffentlichten Liste zu vereinigen sind, sondern 
zu einer anderen Säule gehören. Trotzdem werden wir ihre 
Inschriften unbedenklich zu den Ephebenkatalogen zählen 
dürfen; denn die Wände des Tempels hätten zweifellos für 
die Namen sämtlicher Neubürger Platz geboten, zumal be- 
reits festgestellt ist, dass noch in der römischen Zeit Epheben- 
listen auf den Tempelwänden verzeichnet wurden. Nun lesen 
wir in fr. d : 

T]i]Xecpi8o(; 

— — — Eibr\c, 'EQ[ionQd[xov(; 

El)] ßoi8o? 

— — — $ AioxA,8io[d 



422 W. KOLRE. IV. EPHEBENLISTEN 

5 rieAjojriöog 

— — — SJoQQo? 'Aaxb]Jti«8]ov 

AiyJaiEug 

— — 'A]jroA?io8cüQoi' 

El) ß] 01805 
10 — — Jcovio? 'Attivov 

XT?u 

Die Ergänzung von Z. 6 zu [Atyjaieijq scheint mir zweifellos 
richtig zu sein, da in Nr. 323 Aiy - als Anfang eines Ethni- 
kons erhalten ist. Wenn damit das Richtige getroffen ist, so 
haben wir zu folgern, dass das Gymnasion zu Pergamon auch 
von Knaben aus dem nahen Aiyai besucht worden ist. Damit 
ist zu vergleichen Nr. 308 Z. 3, wo ich 'AQiatovixeijg ergänze. 
Diese Tatsache scheint mir den Fingerzeig zu geben, wie 
wir das Vorkommen von Ortsnamen in den Listen zu erklä- 
ren haben. Neben den Söhnen der Stadtbürger von Perga- 
mon, die durch die Phyle gekennzeichnet werden, haben auch 
Epheben aus den Städten des pergamenischen Reiches ihre 
Ausbildung im pergamenischen G}'mnasion erhalten. Man 
wird vermuten dürfen, dass hierüber nähere Bestimmungen 
getroffen waren. Denn es müssen feste Regeln für die xAuf- 
nahme existiert haben. Es erscheint mir daher nicht ausge- 
schlossen, dass die von Prott angenommene Beziehung der 
Listen auf den Beschluss vom Jahre 133 insofern zu Recht 
besteht, als die Bürgerrechtsverleihung an weite, nicht in 
Pergamon ansässige Kreise die Voraussetzung dafür bildet» 
dass die Epheben aus den Landstädten das Gymnasion in 
Pergamon absolvieren. Die Mehrzahl der vSchwierigkeiten, 
die sich aus unserer früheren Auffassung der Kataloge erga- 
ben, fällt jetzt fort. So war es sehr auffallend gewesen, dass 
die Verzeichnisse nicht nach Phylen angelegt waren. Prott 
suchte die Erklärung darin, dass eine Reihe von Personen 
nicht in die Phylen Aufnahme gefunden hatten, weil sie auch 
nach der Bürgerrechtsverleihung ihren Wohnsitz ausserhalb 
Pergamons behielten. Aber gerade unter der Voraussetzung, 
dass in diesen Phallen die Herkunftsbezeichnung die Stelle 
der Phyle vertrat, niüsste man erst recht erwarten, dass die 



DIE ARBEITEN ZU I'ER(iAMON 1904-1905 423 

Angehörigen der einzelnen vStädte nnd Pliylen unter gemein- 
samen Rubriken zusammengefasst würden. Anders liegt die 
vSache, wenn es sich um Ephebenlisten handelt: man kann 
sich vorstellen, dass bei der Versetzung aus der Klasse der 
.^aiöe«; unter die Epheben oder bei einer anderen passenden 
Oelegenheit eine Rangordnung aufgestellt wurde. Daraus 
würde sich die regellose Reihenfolge der Phylennamen in 
ebenso ungezwungener Weise erklären, wie die Hinzufügung 
der Phyle überhaupt. Denn die Ehrung des Einzelnen war 
auch für die Phyle oder die Vaterstadt von Bedeutung. 

Eine andere Schwierigkeit bestand früher in dem ver- 
einzelten Fehlen von Phyle und Ethnikon innerhalb der 
Listen. Zu den bereits bekannten Fällen AM. 1902,125,4. 134, 
4 treten jetzt noch einige andere (s. unten 313, 321, 325, 335) 
und 338). Protts Erklärungsversuch kann nicht als gelungen 
gelten; denn wir haben Beispiele dafür, dass dieselbe Phyle 
oder Herkunftsbezeichnung mehrmals hintereinander gesetzt 
wurde (vgl. i\M. 1902, 127, 4-6. 136, 2-3). Das Fehlen beider 
Bestimmungen musste bei den Neubürgerlisten sehr auffal- 
len, während ihre Vernachlässigung in den Ephebenkatalo- 
gen weniger ins Gewicht fällt. 

Schliesslich bedarf noch ein Punkt der Aufklärung, näm- 
lich die Wendung jtotQoixoi; TiiA.eqpiöo? in AM. 1902, 124, 4. 
Hier hatte Prott angenommen, dass der Betreffende dem 
Paroikenstande angehört habe, ehe er Bürger wurde (vgl. 
vS. 109). Ich habe diese x\uffassung schon damals bekämpft, 
denn es wäre doch sehr merkwürdig, wenn ein Neubürger 
sich in einer amtlichen Liste noch hätte als jkxqoikoc, bezeich- 
nen lassen, obwohl er diesem vStande nicht mehr angehörte. 
Es scheint mir vielmehr notwendig zu sein, jtdtQoixo? Tri^ecpi- 
805 als einen Begriff zusammenzufassen, und ich ziehe den 
Schluss, dass den Paroiken, die zu den Phylen in einem festen 
Verhältnis ^ standen, das Recht zustand, ihre Söhne ins Gym- 
nasion zu schicken. 



' Hier ist an die athenischen Metöken zu erinnern, die nach Demen 
bezeichnet wurden: Te.itxQO(; ev Kuöaihivauo o'ixcöv ; vgl. Wilaniowitz im 
Hermes XXH 1887, 213 ff. 



424 \V. KOLKE. IV. EPHEBENLISTEN 

Die neuen Bruchstücke haben uns auch Gruppen Über- 
schriften kennen gelehrt, die gleichfalls darauf hinweisen, 
dass wir es nicht mit Neubürgerlisten zu tun haben. Wenn 
in Nr. 303 T(0|.iaLOi aufgeführt werden, .so wird in Nr. 296 die 
Ergänzung 'Ai*)i]v[aLOi] erlaubt sein'. — Ob ZENOI iu Nr. 297 
als Hevoi zu deuten ist, oder ob auch hier ein Ethnikon vor- 
liegt, wage ich nicht zu entscheiden. Möglicherweise ist auch 
an jtQo]^evoi zu denken. Bei — J)TTONOI in Nr. 298 bin ich 
geneigt [cpdjojtovoi zu ergänzen. Einer anderen Art der Ein- 
teilung gehören die Überschriften — exiai AM. 1902,144, — cu 
ebda 131 und ^ A . S I I. v. P. Nr. 564 Z. 8 an, ohne dass es 
mir möglich wäre, bestimmte Ergänzungen in \^orschlag zu 
bringen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich bemerken, dass wir 
in AM. 1 902, 1 44 mit Unrecht das Vorhandensein der Phylen- 
nanien geleugnet haben (s. unten 299). 

Wenn nun auch die Listen nach alledem das actuelle In- 
teresse verlieren, das eine Aufzeichnung der Neubürger vom 
Jahre 133 vor Chr. verdient hätte, so gewinnen sie andererseits 
an Bedeutung für die Kenntnis der Geographie des pergame- 
nischen Reiches. Leider sind die Namen zum grossen Teil so 
verstümmelt, dass wir nur selten in der Lage sind, eine Wie- 
derherstellung mit Aussicht auf Erfolg zu versuchen. Immer- 
hin beweist das Auftauchen zahlreicher bisher unbekannter 
Ortsnamen, dass die Besiedelung des Landes sehr viel dichter 
gewesen ist, als bisher angenommen werden konnte. 

Die Herkunftsbezeichnung twv eE, 'Aßßoi> — in Nr. 324 
hängt vermutlich mit der x^bbaitis zusammen, dem nordwest- 
lich von Pergamon gelegenen Teile von Mysien (vgl. Strabo 
XIII 4 p. 625). Bei Le Bas III 1 Nr. 1001 findet sich eine 
Inschrift des öfjiiog tcov Mi'owa' 'Aßßaeitwv, und auch Strabo 
spricht von den Miigol 'AßßaeiTOi. Als ihre Städte werden 
Ankyra, Synaos, Cadi, Praipenissos und Aizanoi genannt (vgl. 
Ramsay, The historical geography of Asia Minor 1 46 f.). 

Das Ethnikon Alyaievc, das sich durch eine Combination 
von Nr. 323 Aly — mit - uievg in Nr. 275 d 7 ergibt, ist von 
der mysischen Stadt Aiycn abgeleitet. Plut. Pyrrh. 26 nennt die 



Möglich ist aber auch die Ergänzung 'Aöiiv[ai6ü$. 



DIE ARHI':iTEX ZT l'EKC.AArOX 1 Q04 - 1 005 425 

Einwohner Aiyaloi, doch findet sich bei Polyb. V 7 7. XXXIII 
1 1 die Form Aiyw'fi?- 

Eine Ortscliaft 'Aj^natovi'xf.Kit ist uns bisher nicht l)ekannt- 
Doch scheint das Ethnikon 'Aßi0TOA'iHeu? durch Vergleich von 

Nr. 308 "Agia h 319 — Tovixev? gesichert. An sich wäre im 

zweiten Falle die Ergänznno- [2TQa]T0vixe\')(; naheliegend. 

Dass wir in Nr. 3 IS, 323, 325*'Aqx — als Anfang eines 
Ethnikons zu fassen haben, lässt sich nicht bezweifeln. Ob 
aber an die Einwohner von 'AQ-/{f,X(dq in Kappadokien zu 
denken ist, scheint sehr fraglich zu sein. 

Die Ergänzung twv 'Exie — — in Nr. 327 ist mir nicht 
gelungen. In Nr. 309 xwv e| 'Hg — vermute ich twv e^ 'Hpa- 
tileiaq, wobei wohl an die Ansiedelung am Sipylos zu den- 
ken wäre (s. Ramsay, Hist. geogr. of Asia Minor 109 und 
JHS. 1881). 

Das Ethnikon Öva (Nr. 329) führt uns wieder in 

die Nähe von Pergamon. Wir dürfen mit grosser Wahrschein- 
lichkeit 0ua[TSiQT]v6c; ergänzen; wenigstens ist mir kein an- 
deres Ethnikon bekannt, das .sich hier einsetzen Hesse. 

Auch für "leQo^.oqiiTT]!; glaube ich mit Sicherheit eintreten 
zu können. Zwar kann in Nr. 323 'le [ — — auch "lefQaxoi-ir)- 
xr\q gestanden haben, denn Plin. N.H. V 30 erwähnt unter an- 
deren auch die Hierocometae in der Nachbarschaft von Teu- 
thrania. Aber I. v. P. 316 haben wir — ^offm]? auf dem vStein 
und unten 320 ist — QO^iOcpi erhalten. Daraus ergibt sich mit 
grösster Wahrscheinlichkeit, dass in unseren Listen 'IeqoXo- 
fpiTi]«; an den verschiedenen Stellen herzustellen ist, während 
Plinius a. a. O. als ihren Namen Hierolophienses anführt (vgl. 
unten Nr. 319). 

Grössere Schwierigkeiten macht die Deutung von KiC — 
in Nr. 309. Ptolemaios erwähnt in der Geographie V 7, 10 
einen Ort Ki^apa; doch dieser liegt in der GTQaTT)Yi'a Aaouivavt] 
in Armenia minor. Er muss daher ebenso ausser Betracht 
bleiben wie das F'ort 'Ixi'^aQi > das Strabo XII 38 p. 560 e in 
der Nähe des Halys nennt. Denn bis dahin hat sich das perga- 



' Ramsa}-, Hist. geo^r. of Asia INlinor b9 möchte Kizara und Ikizari 
identificieren, was mir nicht glaubhaft erscheint. 



426 W. KOLBE. IV. EPHEBENLIvSTEN 

nienische Reich niemals erstreckt. — Mit aller Reserve möchte 
ich in Ki^ — eine fehlerhafte Schreibung" für K(i))^[ixiiv6<;] er- 
blicken. Wenn Kyzikos auch nicht unter der Herrschaft der 
Attaliden stand, so waren doch die Beziehungen zu Perga- 
mon durchaus freundschaftliche, so dass sich das Vorkom- 
men eines Kyzikeners in den pergamenischen Ephebenlisten 
wohl erklären Hesse. 

Bei den folgenden Namen twv ey KtajtEQ — (Nr. 322), 
^YtE (Nr. 318), MeUi] — (Nr. 318) muss ich auf jeden Deutungs- 
versuch verzichten. Für twv ex] Mi8a:n;E8iov verweise ich auf 
Protts Darlegungen in AM. 1902, 112. Auch die Bezeichnun- 
gen T(o]v gy HdiT — (Nr. 322) , — c, Iliafa — — (in einem un- 
veröffentlichten Fragment) vermag ich nicht zu identificieren. 

In IIiov Nr. 324 erkenne ich einen Rest des Etlini- 

kons der mysischen vStadt HioA'i'ai, die Strabo XIII, 56 p. 610 
und Paus. IX 18,4 anführen. Plinius nennt in der N.H. V 30, 
32 die Einwohner Pionitae. Dem entsprechend habe ich IIio- 
[vm]?] in Nr. 324 eingesetzt. 

Die Ergänzung ITiTfavaioq] in Nr. 315 bedarf wohl kei- 
ner weiteren Rechtfertigung. Für die folgenden Ethnika ist 
mir die Wiederherstellung nicht gelungen: twv] 8| 2ap8i8r — 
Nr. 322, Tcov ^ 2 I — Nr. 327, 2t — Nr. 324. Durch Nr. 310 
lernen wir die Ortsangabe xcäv ex Tifivocov kennen und er- 
halten dadurch die Möglichkeit, Nr. 309, 31 1, 31 2 zu ergän- 
zen. Dabei ist zu bemerken, dass in Nr. 309 wohl das zu- 
gehörige Ethnikon einzusetzen ist. Der Name ist bisher 
unbelegt. Stephanus Byzantius erwähnt eine aeolische Stadt 
Tfjjivog (vgl. Plinius a. a. O. und andere), deren Einwohner 
er Ti]|i,viTTi(; nennt. Eher ist vielleicht an eine Ableitung vom 
Namen des Gebirgszuges Tf][ivov zu denken. Hier müsste 
man annehmen, dass die Schreibung des r] bereits durch i 
ersetzt ist. 

In Nr. 310 gewinnen wir durch Zusammensetzung zweier 
anpassender Bruchstücke zlTYBAoEIOY. Dass eine Orts- 
bezeichnung vorliegt, wird durch die Stellung erwiesen. 
Offenbar handelt es sich um eine nichtgriechische Bildung; 
daher wage ich nicht zu entscheiden, ob das Ethnikon voll- 
ständig ist oder ob der Anfang fehlt. Zum Schluss stelle ich 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 4 27 

die noch nicht erwähnten Ortsangaben zusammen, deren 
Herstelking mir aussichtslos erscheint. — vog dygof) Nr. 312, 

— (o^ij)? Nr. 275 (etwa [twv Ix TJoojir]??), — AMOZZ — 
AM. 1902, 123, EFNA - Nr. 306 (etwa [twv] ly N«— ), — «v- 
8q€l)v Nr. 312, — vöeijreöio — Nr. 328, — eöiatr) — Nr. 328, — ai- 
TT| — Nr. 328, — övTio? Nr. 319, — 6]vtio? Nr. 334, — tio? Nr. 275, 
305. —vo? Nr. 275, 334. IAr'Nr.351. 

272 ' bis 295. An die Spitze stelle ich diejenigen Listen, 
deren Praescripte teilweise erhalten sind. Die ältesten Stücke 
aus der Königszeit (Nr. 272) und aus den Anfängen der Re- 
publik stehen noch auf besonderen Monumenten und weisen 
in der Schrift starke Verschiedenheiten auf. Nr. 276-295 gehö- 
ren dagegen zu den Quaderwänden des Korinthischen Tem- 
pels auf der unteren Gymnasion- Terrasse. Das Material ist 
bei ihnen weisser Marmor. Die durchschnittliche Buchstaben- 
höhe beträgt 0,02, der Zeilenabstand etwa 0,01 m. 

272. Architrav aus grauem Kalkstein, mit abgeschla- 
genem Profil, beiderseits gebrochen, unten glatte Fläche. 0,14 
h., 0,34 b., 0,22 t. B.H. 0,01, Z.A. 0,003. Gefunden beim Hagi- 
asma oberhalb der zweiten Agora. 

Baoi?i8i'»]ovTog "Axidlov $iÄaÖg?i(p[oi' xal Ei)eQY£T^ov — — — — 

— — 8T0Dg,] jroL8[o]v[o][io\jA'Tü)v 8e Mgv[ — — xov — — , ^ — ■ 

— Tov — ] [idxou, MjivocpiÄOD xov 'Ap5([ — — , -- — xov — oi 
£XKQi9evT8(; 8x] Tcö[v] JtaiÖtov eig x[ovq £cpr\ßovc, elc, xo — — Uxoc, 

Ephebenliste aus der Regierungszeit Attalos' III; vgl. 
AM. XXIX 1 904 Nr. 1 4. Dass vier Paidonomen anzunehmen 
sind, ergibt sich aus der Cjrösse der Lücke. 

273. Bruchstück einer Stele von mehr als 0,05 Dicke; 
oben Rand (aber keine Anschlussfläche), sonst gebrochen; 

' Die Numern schliessen an die des^ epigraiihischen Berichtes, AM. 
XXVII 1902 an. Im Berichte AM. XXIX 1''04 war von dieser Nununern- 
folge abgewichen. 



428 W. KOLBE. IV. EPHEBEN LISTEN 

0,20 h., 0,22 b. B.H. und Z.A. 0,011. Die Schrift ist klein und 
zierlich : AOZ Apices. 

'E:7Ti nQv]xdvEüi(; -naX tepecog 'At[ — — — — xov — — — 
jtaiöovJofiouvTCOv bk M8^8aY[QOi' Toi5 — — — — xm — 
— — o]v xov Mr]vorpi?iOii oi eyx9[iOevtes eig xovq €(pr\fiovc, 
8x T(üv jrai]8(ov eii; tov Eviai'[T6v tov gjti JtQ^)Td^'ecog xai — 
5 lepecog — — — ]i5ou torj 'AOfrivaLou, Yi'|XA'aoidQxov bk — 

Das vollständigste Präscript einer Ephebenliste aus der 
Zeit der Republik. Zwei Paidononien. 

274. Vier Bruchstücke einer 0,09 dicken vStele blauen 
Marmors; (i und /? von Altmann zusammengesetzt, a) 0,09 h., 
0,21 b. ^J 0,11 h., 0,71 b. cj 0,11 h., 0,06 b. (/) 0,07 h., 0,06 b. 
Gesamthöhe des zusammengesetzten Teiles 0,12, Breite 0,42, 
grösste Dicke 0,09. B.H. 0,018, Z.A. 0,015. 

*Ejti JtQi'TCtvecog xal lepeto^ Mi]vorp[d]vTOi) 

Tof' MrjvoJYEvoD, JtaiSovonovvTwv be 

— — — — xov 'Adr[vui[ov x]fxl ^AkoUm 

xov Ol eyxQiOevTEi;] elq xovc, 

5 [efpiißoDs elc, xov 8\'iauTÖv tov ejtl jTQi'Tdv8-] 
[0)C, Xcd lEQEMg — — — — — — 



275. Drei Bruchstücke einer Säule blauen Alarmor.s, 
nur d hat oben Rand; a) 0,12 h., 0,14 d. d) 0,1. Sh., 0,18 b., 
0,08 d. cj 0,12 h., 0,13 b., 0,07 t. B.H. 0,01, in der Überschrift 
von a 0,015, Z.A. 0,002-0,005, in der Überschrift von a 0,01. 



— — Ol 8yxqi]08v[t8(; 81^ xovc, scpi]ßoi'i; EX Twv Ji«i8a)v elc, 

TOV evictVTOv t6]v xov [jxQvxdvEioc, xai iE()£a)g — — — 

— — — — arog "Eq^xi — — 

K]ab[V]Yiboc, 

5 — — — Qoq 'AjtoA,Xa)[v — — 



DIE ARBRITEN ZU PERGAMON 1904-1905 429 

'AöX?i]T]:iid6o; 
— — — — A[iv]t)t[oii 
80 [q 



T]T|?ie(]pi8og 

— — — ei8i]g ''EQ[.io>tßa[TOV(; 

Evjßoiftog 

— — — g Äio>t?ieio[u 
5 nE?».]o:ii8o(; 

— — 8]u)Q0(; 'AoxA.T]:riu8[oL) 

Abyjaieui; 

— — 'A]jtoA.Aco8oL)Qoy 

Eiiß]oi8oi; 
10 — — ](oviog 'Attivod 
Eitf-ijevEia? 

— AlOVOGlOt^ 



— — — — — eatpaTOu 

— — — EVC, 

-- I TOl> TCOV 

TU)A' £x "PJcoi.ni«; 
5 — — — 'AKolXoiviov 

— — — voc, 

— — — — ov Müö[o<; 

— — — T i o [g 

■■ — — — o]v M [Ü O O 5 

276. Bruchstück vom oberen Rande einer Quader, 0,11 
h., 0,21 b. 0,05,=) d., B.H. 0,01, Z.A. 0,005. vSchrift klein und 
zierlich, ähnlich wie in Nr. 273. 



430 W. KOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 

— — — — — — — — a)v 

— — — — — — — c, Aiox^a^ov 

TOiJ — Ol gyxQiöevTee ei? t]6v eviuvxbv xov 

nQvxdvEOic, xal legew? 'Afl]i]V(xioi) loii Me- 

5 — — -- , Yv^ivaGicxQxo^' <^f- Mt]]tqo8(dq(o)i) 

TOI) — — (?) ^j-royDnvaaiuQxo^' ^~ vac. V ^ 

Z. 5 T P O A Q P Y so ! In Z. 2 habe ich auf dem stark 
abgeriebenen Stein vor dem 1 den Rest einer vSenkrechten 
zu sehen geglaubt. 

277. Bruchstück vom oberen Rande einer Quader aus 
weissem Marmor. 0,18 h., 0,30 b., 0,20 d. B.H. 0,018, Z.A. 0,012. 

'E:n;i [;frQVTdv8(og xal lepeco? — — — — toii 
'A:toX[?i — — — jtai8ovo[ioiJVT(ov 8s — — 
8]6toij T[oi3 — — — — xal — — — — 
xov] Mt]vo86t[o\' Ol eyxQi'O^evTei; eig Tovg E(pY\- 
5 ßovc, 8x TJcov jr[ai8ü)v elc, xov eviai'tov tov ejti 
[jt9iJTdve(0(; xal lepecog] — — — — — — 

278. AM. 1902, 146. 

Bruchstück weissen Marmors, rings gebrochen und 
sehr verrieben; 0,25 h., 0,24 b., 0.10 d. B.H. in der Überschrift 
0,026, in Z. 5 = 0,012, Z.A. 0,012. 

'Ejtl :iiQDTdvEco<; xa]l ieQ[8ü)(; tou - - oi ey^piOevTeg tig xovg efpijßovg 

Ix Ttov Jtai8(i)]v de, TOV Im [KQvxdv£(oc, xal ifQeo)(; toD evi- 

auTOv, yv\xv]aomQiov 8e KXe[ toü vnoyviivuaiUQyov 8e 

-JVIXOD T0[Ö 

5 'A]QiaTO|.id[xov 



Conze gibt in Z. 1 die Reste von vier senkrechten Hasten. 
In Z. 4 liest er NM O Y O Die Buchstaben dieser 

Zeile waren durch grössere Zwischenräume getrennt. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 431 

In Z. 6 vermute ich — — d] y () o ii . Dass nach dem 
Vatersnamen die Phyle genannt war, was mir mit Rücksicht 
auf die symmetrische Anordnung der Liste wahrscheinlich 
ist, wage icli niclit mit vSiclierheit /,u behaupten. 

279. Rechte obere Ecke einer Quader, 0,11 h., 0,11b., 
0,05 d. B.H. 0,015, Z.A. 0,01. Es war über die Enge hinweg- 
gesclirieben worden. 

'EtII 7lQVxdv£(0C, KOI IJEQiüiC, [ — XOV 

— — — — :jtai8]ovo^io[iivTcov 8e — — 

— Tou — — — ~ovTe_ [tou — — — 

— — — — — MNP — — — — 

Z. 3 ist A]80VT8a)[g sehr wahrscheinlich. 
Z. 4 TÖojv V8[a)v ? 

Dem Schriftcharakter nach gehört die folgende Nummer 
zu diesem Eragment. Auch dort ist über die Enge hinwegge- 
schrieben worden. 

280. Zwei in der Enge anpassende Bruchstücke von 
Mannorquadern ; Höhe und Eorm der Buchstaben wie bei der 
vorigen Nummer; (7 und /> zusammen 0,15 h., 0,17 b., grösste 
Dicke 0,055. 

— — — () 8 I et ^ [ E o] fl a i (3 — — 

JlQ]eoßvT8Q — — — — 

— — yv]\ivaoi(ü\ — — — — 

281. Platte weissen Marmors, rings gebrochen, 0,14 h., 
0,23 b., 0,02-0,03 d. B.H. 0,02, Z.A. 0,01. AEKRY^. 

— — — I V Ol eY[xQiOfVTe? elc, xovc, 8q)T')ßoi)i; 
8x Twv] Jtaiöcov 81? [tÖv — — — — — — 

— — eJA'imJTOV [:fTai8ovo|io\JVTC0v öe — — — 

— — xai 'AnoXkl — — — — — — — — 



432 W. KOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 

282. Bruchstück vom oberen Rande einer Quader aus 
weissem Marmor, links ein vorspringender Streifen, vertnut- 
lich von einer Ante herrührend; 0,13 h., 0,27 b., 0,06 d. B.H. 
0,02, Z.A. 0,01. 

'E;ii :n;Qii [rdvECOi; — — — — xov — — — 
ctQ/iEpfecoi; 8f — — — — xov — — «iv- 
8T01) [ — — — — — — — — — — 

283. Zwei Bruchstücke einer Quader weissen Marmors; 
oben Anschki.ssfläche ; a) 0,09 h., 0,11 b., 0,053 d. />/ 0,11 h., 
0,16 b., 0,075 d. B.H. 0,02, Z.A. 0,01. 

'Ejti KQ[vxdve(0(; — — — xov — — — 

vacat dQX'^Qi^'J^? ^^ — — — tov — — — 

AK~ — 

284. Rechte obere Ecke einer Quader, 0,22 h., 0,27 b. 
B.H. 0,02, Z.A. 0,012. 

[Eäi jiQvxdveoic, — xX] e 1 1 o v xov T i [^o 

[d^x'-EQ^^S Ö8 — -]xov M)]vo^6[x o v 
[k a i b o V o [i o v V x]o)v 8 e A oo g i {}[ e o v 
[xov — — , — T ]oD MdxQOJVo? E — 
5 — — — — ? x]ov Tcöv V8(üv xai — 
— — — — — 8id^8a{)ai eIc, — 



In Z. 1 hatte der Steinmetz erst geschriebe EiTOYTIMO. 
dann hat er den Fehler corri giert, ohne die falschen Buch- 
staben ganz zu tilgen E I TOYT0IYIT0N 

285. Zwei Bruchstücke weissen Marmors, nicht anpas- 
send; aj rings gebrochen, 0,12 h., 0,10 b., 0,07 d. dj ebenfalls 
rings gebrochen, 0,20 h., 0,15 b., 0,12 d. B.H. 0,021-0,027, 
Z.A. 0,015. 

jrai8ovo|.ioi)vt(t)v be] — — — — Mr]vo — — — 
— — — — Ol 8vxq] I0L[a'i;85 ex] TÖav jTa[i8(0v 8iq Tovg 

IfpVjßoi'? £15 TOV 8JCI dJpX'-EQ [e^^? Mt]]vO(P [ TOV 

eviaiiTOv JiQi'Tdvecog 8]~ll^ — — — — 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 433 

In Z. 4 ist n und N vor dem "Z ausgeschlossen; vielleicht 
ist an H zu denken, doch ist die Entfernung der beiden Ha- 
sten recht weit; etwa JiQvxdvewq bjk "Ha 

286. Fünf Bruchstücke einer Antenquader, aus weis- 
sem Marmor; links und unten Rand; nur r nicht anpassend; 
die Zusammengehörigkeit bereits von Schröder erkannt, a b 
<: ö? zusammen 0,25 h., 0,23 b., e 0,13 h., 0,21 b., 0,07 d. B.H. 0,02, 
Z.A. 0,012. 

ejigrao^cüvia — — — — — — d' 

/.ei[ij.iaTü)vr- — — — — — — 

[levcov ev t cö[t wvjtaiöcov y^'M^ ^]ci a i co . 
5 t] oiJTOv To[0 8 V i a "ü T Ol)] o i £ V X Q i i3 e V [te 
?] 8 ig TOv[g 8q)Tißov58x T]tüVJiai8a)VE[i5 

. T 6]v 8JtldQX'^[^Q^<J"*?^CCl :itQ]vTdv8[ü)(; 

— — — [tov — — — eviavTÖv] 

Z. 2 ff. vielleicht etg td öij^covia [xai eig to d']|Xei[X|.ia twv 

[jtaiftcov TÖov :n:ejtai88v]||i8vcüv ev to) [twv jraiöcov yijfxvjaaicp. 

287. Bruchstück von einer Eckquader oder einer 
Ante, A 0,10, B 0,16 breit; 0,17 hoch. B.H. 0,02, Z.A. 0,012. 



— — — lOD 

— — — Y^'I''^'v^<'^"Q] X o ^' V- 
T05 8e — — — ] V 1. 8 o 5 



u. -KA' 

T Ol) Ml][ - 
T T) g T 8 — 

yiJ Hv[aoi 



288. Bruchstück von linken Rande einer Quader, 0,1 1 h., 
0,06 b., 0,03 d. B.H. 0,02, Z.A. 0,01. 

— — 8v TW TCüv Jtai8a)v] yi^H-i^^^ciico — — 

TCUTOV TOÜ 8A'iai^TOi5] Ol 8 VH[Qlf)eVTe(; 

289. I. V. P. H 465. Bruchstück aus weissem Mar- 
mor, 0,10 h., 0,50 b., 0,20 t. B.H. nach Kontoleon AM. XIV 
1889, 88:0,025. 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 28 



434 W. KOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 

— — — [oi eyxQixi^EVTeg et? xovc, ecpr\ßovc, Ix tööv jtaiöcov 
EI5 TOV 8JII — — — xov — — — — — — ] 

— — — — JtevTANEQZENlAYTONrYMNA-tiaQxow- 
TO? praen. nom. g. oYnOPAlOYYlOYBAZSOYYPOrYKvaoiaQ- 

5 ypvvxoq — — — jn^^'^ ^^M O t^ n q, 

Nunmehr lasse ich diejenigen Stücke folgen, die ihrem 
Schriftcharakter und der Anordnung nach zu den Praescrip- 
ten gehören, ohne dass bei der grossen Zersplitterung eine 
Ergänzung möglich wäre. 

290. Unten Anschlussfläche, 0,14 h., 0,37 b., 0,07 d. B.H. 
und Z.A. 0,022. 

— — — T]oii Aiovvoiov 

— ToijJ'EQfxoA.dou vacat 

— — — d^eov Ati^itjtqiou 

291. Bruchstück vom unteren Quaderrande, stark abge- 
rieben; 0,14 h., 0,18 b., 0,08 d. B.H. 0,02, Z.A. 0,015. 

— — — \ANI — — 

— M]r)voY8vo[ug — — 

— — o V vacat 

292. Bruchstück, rings gebrochen, 0,16 h., 0,14 b., 
0,07 d. B.H. 0,02, Z.A. 0,01. 

— — ~ ai — — — 

— — Ta)]v jr[ai8a)v — — 

— — aXei[fX|xa? — — 

— — — ous — — — 

293. Linke obere Ecke einer Quader, 0,13 h., 0,11 b., 
0,06 d. B.H. 0,015, Z.A. 0,01. 

— — 8ÖTOD 

— ~ QITT)? 

— — o]vTOÜ — — 

5 — — ovqpo — — 
Z. 5 nach Schröder. 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 435 

294. Zwei Bruchstücke, nur h hat oben Rand, a und b 
je 0,06 h., 0,07 b., 0,02 d. 

a jtai8ovo|ioi5vT(ov] 8e Kq — — 

— — — — t]oij — — 

h — — — — tJoi) E — 

— — — — — Y]v[x[vaai- 

295. Bruchstück von der unteren Quaderkante, 0,09 h.^ 
0,20 b., 0,13 d. B.H. 0,015, Z.A. 0,006. 

V. A n I 

YK I o s:< 

296 bis 304 weisen Cjruppenüberschriften auf, und zwar 
haben wir zum Teil Ethnika, zum Teil andere Kategorien, 
deren Feststellung fürs erste nicht möglich war. 

296. Unten Anschlussfläche, 0,085 h., 0,16 b., 0,065 d. 
B.H. und Z.A. 0,006; B.H. in der Überschrift 0,01. 

vac. 'A 1*) T] V [a i o i 

— — — ÖJcoQO? 'En;[i] V i [x o ij 
HQcoTaßJxos HQtoTaQxlo^ 
Mt]tq6]8o)qo(; Miitqoöcl) [qov 

5 — — lo? 'Ajto?i^o86T[o\i 

— — (p^lS IZocpcövtfos 

Möglicher Weise ist in Z. 1 'A9iiv[ai8o?] zu ergänzen. 

297. Oben Anschlussfläche, 0,10 h., 0,16 b., 0,045 d. 
B.H. 0,01, in der Überschrift 0,0175, Z.A. 0,015, zwischen Z. 1 
und 2 = 0,03. 

— — ^ e V o t vac. 

— — atov Mi5öo[(; 

Die Überschrift lautete vielleicht [:i:q6]^evoi. An dXeiqpö- 
[.ifevoi wie I. v. P. 463 ist nicht zu denken. Der Abklatsch be- 
stätigt die Richtigkeit der oben gegebenen Lesung. 



436 W. KOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 

298. Rechte obere Ecke, 0,13 h., 0,17 b., 0,06 d. B.H. 
0,012, in der Überschrift 0,02; Z.A. 0,008, zwischen Z. 1 und 
2 = 0,02. 

— — 'A^elavÖQOv — — 

— — — OJtOVOl 

— — — dbov Kai*} — — 

— — — 5 vac. 

Z. 2 etwa [q)d]6jtovoi. In I.v. P. 368 ist — — jiovoi erhal- 
ten; doch gestattet dort die Anordnung keine Entscheidung 
darüber, ob eine Überschrift vorliegt. 

299. AM. XXVII 1902,144. Rings gebrochen, 0,14 h., 0,30b. 
B.H. 0,012, in Z. 3 (Überschrift) 0,02. Vorgeritzte Linien. 

— — — 'Aax?iT):t[ — — ov — — s 

— — — c, 'AjcaxovQ i[ov — — — q 

— — — — EKtai' 

— — — — — o]v "A KoK [X 0) V i b o c, 
5 — — — — — — <l>iXe[TaiQi8o5 

Conze las in Z. 5 an letzter Stelle einen Rest von O, 
während ich für E einstehen zu können glaube, also Ode[Tai- 
Q1805]. Da wir inzwischen auch die Phyle 'A^oUcovig kennen 
gelernt haben, so ist das Stück mit Bestimmtheit den Ephe- 
benlisten mit Phylennamen einzureihen. 

300. AM. XXVII 1902,131. Bruchstück, rings gebrochen, 
0,13 h., 0,19 b. B.H. 0,012, in Z. 3 aber 0,025 (Überschrift). 

— — — i ^ ^ 

— — 2jioqiov 

— — \l vac. 

— — ov 0i]ßaLÖ[o5 

— — — 'A]TTa^[i8o(; 

Meine frühere Annahme, dass Z. 1 v[i6c, zu ergänzen ist, 
entbehrt der sicherern Begründung. Wahrscheinlich hat ein 



DIE ARBEITEN ZU PEKGAMON 1904-1905 437 

Genetiv auf — vx]oi; gestanden. Trifft diese Annahme das 
Richtige, so waren in der Liste, die mit Z. 2 schliesst, die 
Phylen nicht genannt; denn die Namen sind am Ende sorg- 
fältig ausgerichtet. Ist vielleicht in Z. 3 an [ai^vo/o^oöTjai zu 
denken nach Analogie von I. v. P. 463, 13-15? 

301. I. V. F. 564. Rings gebrochen, 0,18 h., 0,12 b. B.H. 
0,075, Z.A. 0,075. 

Da Z. 3 nach dem Vaternamen freier Raum ist, sind die 
Phylen nicht genannt. 

— — — AiOTQeq)o[i) 

— — 'E]Q[i,OYevo[i) 

— — — T1Q8T01J vac. 

— — 'Ao]x^Ti;jtio86[Tou 
5 — — — KMcovog 

— — — 'Ajtona)v[iov 

— — — A]ioq)dvTo[\j 

— — — 'a ö r 

— — — - °Hq(6i8o[v 
10 — — — — 8(6qod 

— — — — TJQeqjov 

In Z. 8 hat eine Überschrift gestanden: ich erkenne in 
den Resten eine Verbalform in der 3. Person plur. perf. act. 
cf. I. v. P. 564. 

302. Bruchstück rings gebrochen, 0,07 h., 0,05 b., 
0,02 d. B.H. 0,009, in Z. 2 0,012, Z.A. 0,075. 

8o 

'A^]v]aio[i (?) 

8V0 — — 

Die Reste sind zu gering, als dass sich eine sichere 
Entscheidung treffen Hesse, ob in Z. 2 'A6r)v]aio[i als Über- 
schrift aufzufassen ist, was die grössere Buchstabenhöhe 
nahe legt, oder ob 'Aöiiv]aio[iJ zu lesen ist. 



438 W. KOLBE. IV. EPHEBENLLSTEN 

303. Unten Anschlussfläche, 0,05 h., 0,13 b., 0,10 t. 
B.H. 0,012, Z.A. 0,08. 

vac. "P CO p, a T o i 

— — c, Kai K i [Xioq 

Vgl. AM. XXVII 1902 Nr. 159. Es ist zu bemerken, dass 
die Überschrift nicht durch grössere Buchstaben hervor- 
gehoben ist. 

304. Unten Anschlussfläche, links Bruch, 0,05 h., 
0,16 b., 0,12 d. B.H. 0,009. 

A K T O I vac. 

Rest einer Überschrift? 

305 bis 405. Die folgenden Nummern weisen keine Reste 
der Praescripte auf, sondern gehören den Katalogen selbst an. 
Sie scheiden sich in zwei Klassen: bei der ersten (305-356) ist 
nach dem Namen des Epheben und dem Patronymikon an drit- 
ter Stelle eine Ortsbezeichnung oder Phyle angegeben, während 
bei der zweiten Klasse (357-403) weder Phyle noch origo ver- 
zeichnet ist. Zu welcher Kategorie Nr. 404 u. 405 gehören, lasse 
ich dahingestellt. Innerhalb der ersten Klasse habe ich nun 
die Inschriften in der Weise angeordnet, dass zuerst die Listen 
folgen, welche als drittes Element die Phyle oder eine Orts- 
bezeichnung haben (305-333); alsdann kommen diejenigen 
Fragmente, in denen nur die Phyle genannt ist (334-356). 

305 bis 332. 

305. AM. XXVII 1902, 154. Bruchstück einer 0,065 dicken 
Platte weissen Marmors, rings gebrochen, 0,14 h., 0,15 b. 
B.H. 0,007, Z.A. 0,005. 

— — - }ia)Vij[|j,ov - — — — 

— — Ni]xo!idxoD — — — — 

— — 'Aax]Xdjt(Dvo[i; — — — 
5 — — — Tio? — — — 

— — -]q MTivorpi/.[oD — — — 

— — 'A]aKXT]Jiid5o\) — - — — 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 439 

— — 'Ao>i]h]itidbov A - — [oq 

— — — M]T]vo(piAoi) M[axaQi8og 
10 — — — — o8ö[tod — — 

Conze las Z. 9 N ; doch ist N auch auf dem Abklatsch 
deutlich zu erkennen. 

306. Bruchstück einer 0,065 dicken Stele weissen Mar- 
mors, rings gebrochen, 0,16 h., 0,13 b. B.H. 0,008, Z.A. 0,004. 

— — — 8]6todK löo? 

— — — — ov 'AjcoA[Aa)vi8os 

— — — — agiov T[)]XEcpiboq 
5 — — Ar]|x]iiTQiOD 'An.[o)JMvibo(; 

— — -{>]80D E'ußo[i8o<; 

— — — ]o g Ma[xapi8os 

— — — ETNA— — 

— — — bdiQov T[y\Xec()iboc, 
10 — — — o]q T[r\kEcpiboq 

Z. 8 Tcov] ey Nd[|oD? 

307. Bruchstück einer 0,07 dicken Platte weissen Mar- 
mors, rings gebrochen, 0,18 h., 0,19 b. B.H. 0,009, Z.A. 0,006. 

— — — — lOvAl — — 

— — — -üeXofjtiSo? 

— — — ]tov 'ATTa[Äi8oi; 
5 — — 'Aöx]Äi]Jtid8ov Ma[xaQi8og 

— — — "^ — [riß a 1805 

308. Bruchstück einer 0,06 dicken Platte weissen Mar- 
mors, rings gebrochen, 0,1 8 h., 0,1 3 b. B.H. 0,009, Z.A. ungleich, 

— - - -8[ o g 

— — — L 8 [ o s 

— — — ""Aq i o[xov i-KEvq 

— — — i i 



440 W. KOLBE. IV. EPHEBENLLSTEN 

5 — 'A Jt o] X A, 0) V i (8) o c, 

— — ng]Xo:iTi8[o g 

— n 8 X o]jr i 8 o [ g 

— — 'A]t t a X i 8 o [ 5 
------ 8]o . [g 

309. Oben Kante mit Anschlussfläche, 0,15 h., 0,21 b., 
0,05 d. B.H. 0,01, Z.A. 0,008. 

— — 'Aq]te[xi8(j5qoi' I — — — 

— — I si8(I)A'os Tcov djio [Mao8i3i]i; 

— — c; M8vdv8QOD Ki[^ — — — 

— — Me]vdv8Q0i' KiC — — — 
5 — — MeJveXdou twv — — — 

— — — [x]dxoD TCOV 11 "Hglavlziaq 

— — — — — ^ voc, Tijx[vöü)v 

310. Zwei anpassende Bruchstücke vom unteren Quader- 
rande: zusammen 0,12 h., 0,23 b., 0,09 d. B.H. 0,012, in Z. 3 
nur 0,008, Z.A. 0,008. Vorgeritzte Linien. Die Zusammenge- 
hörigkeit bereits von Altmann erkannt. 



— — — £101) 

— — — öTDßaßeiov 

— — Qiov t(jov hi Ti^ivocav 

311. Bruchstück von oberer Kante, 0,05 h., 0,1 1 b., 0,05 d. 
B.H. 0,008, Z.A. 0,004. 

— — — — TCOV än]b M.aobm]q 

— — — — TÖöv e]x Tiii,vöcov 

— — — — TCOV (XJto M]aG8iJii(; 
/^ovr 



312. AM. XXVH 1902, 133. Rings gebrochen, 0,13 h., 
0,13 b. Das Bruchstück'enthält das Ende der Columne, da- 
hinter ist freier Raum. B.H. und Z.A. je 0,008. Die Schrift ist 
klein und zierlich. 



DIE ARIU':iTI':.\ zu 1'ER(tA]\ION 1^04-1905 441 

— — — — — — — lUi.. 

— — — — — — — AZK . . . 

— — — — Twv 8x Miöajt] £ 8 i o 1) vac. 

— — — — — — — a V 8 Q oj V 

S — — — — — Twv ix] Mi8a:te8ioii 

— — — — T(ov ex T i |,i]v 6 0) V » 

— — — — — — — voi; ctYQoi} » 

Z. 4. [tcov Ne]av8Qü)v (?) contrahiert aus NeavbQEMv, vgl. 
Xen. Hell. III 1,16 oi Neav8ßeT(;. Zu [twv Ix Ti[x]v6cov vgl. oben. 

313. Links Kante, 0,05 h., 0,17 b., 0,06 d. B.H. 0,008, 

Z.A. 0,005. 

— — — TCüv äub Maobm](; 

— — — ■)] q A i 0) V o q 

— — 08]o8ü)[q]ov 0[T|ßai8o5(?) 

314. Rechte untere Ecke, 0,10 h., 0,075 b., 0,04 d. B.H. 
0,01 Z.A. 0,007. Die Buchstaben sind sehr eng gestellt. 

\ b i_ 

— ]ou T')iÄe[q)i8o(; 

Twv] djto Maö8[uiig 

— — — — nEXojtL[8oc 

5 T(J5v djr]6 Maa8[ijrii; 

In Z. 1 vielleicht 0niß]aß8[iov. 

315. Rings gebrochen, 0,03 h., 0,15 b., 0,08 d. B.H. 0,01. 
Z.A. 0,095. Vorgeritzte Linien. 

— 'Aox]b]Jtid8ou niT[avaiOs 

— Qoq Mi]vocpi?tOit Max[aQi8o? 

In Z. 1 am vSchluss ist hinter 1 ' 1 der untere Teil einer 
senkrechten Hasta sicher. Deshalb ist die Ergänzung IIijovi- 
Ti]?] ausgeschlossen. 



442 W. KOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 

316. Rings gebrochen, 0,06 li., 0,16 b., 0,13 d. B.H. 0,018, 
Z.A. 0,005. Vorgeritzte Linien. 

M8vav8[Q05 — — — 
TQvrpwv Aicofvoi; — — 



Die Anordnung lässt leicht erkennen, dass die Namen 
am vSchluss nicht ausgerichtet waren. Da der Schriftcharakter 
mit dem der vorhergehenden Nummer übereinstimmt, trage 
ich kein Bedenken, das Stück hier einzureihen. Vielleicht ist 
sogar 311 mit 312 zu verbinden: 

— — — ['Aox]AT]:md8ov niT[avaL05] 
MevavÖQOs Mi^vocpikov Max[aQi8o5] 
TQVCpCOV Aiü)[vo? — — — — — 

317. Rings gebrochen, 0,06 h., 0,16 b., 0,1 1 d. B.H. 0,012, 
Z.A. 0,009. 

— (piXo[D — 

— - A]io(pdvToi' "Hf^axÄE 

— — 'Ig] ' 8a)Qo[v — — 

318. Linke untere Ecke, 0,1 8 h., 0,14 b., 0,08 d. B.H. 0,012, 
Z.A. 0,01. 

— — O V C, / — — 

— — — —bovf^h — 

— — — Me?iAri— — 

— — — o]v 'A Ji o X X [(oviboq 
5 — — 'Ajto^^] 0) V i o V 2t - — 

— - — - 'A e X [ — 

— — — — MeA?iii— — 

— — — — Meä?iti — — 

Da uns 'Aqx — aus anderen Listen als Anfang eines 
Ethnikons bereits bekannt ist, wird mit Rücksicht auf die 
Stellung der Rest in Z. 7 dementsprechend zu deuten sein. 



DIE AKHKITEN ZU PERGAMON 1904-1905 443 

319. Unterkaiite einer Quader, 0,13 h., 0,19 b., 0,07 d. 
B.H. 0,015, Z.A. 0,075. 

— — _ — — o — 

— — — — — vi8e — 

— — — — 'Aßiajtovixevs 

— — — — 'leQoXoqji] X r\ c, 
5 — — — — — - — ovTiog 

— — — — — — OVTIO? 

— — — — 'AQiöTojvixevg 

320. Rings gebrochen, 0,12 h., 0,12 b. 0,04 d. B.H. 0,01, 
Z.A. 0,004. Vorgeritzte Linien. 

— — 'I e] Q X o q) i [t 11 ? 

— — — ^o8c6qo(v) — — 

— — MrivoYev[oi'5 — — 

— — MTi]voYev[oi'g — — 
5 — — - oTQatfo — — — 

In Z. 1 ist, wie mir Conze und Hepding vor dem Origi- 
nal bestätigten, hinter nur der Rest einer Senkrechten 
erhalten. Daher verbietet sich die Ergänzung eines Personen- 
namens im Genetiv, den man an dieser Stelle den unteren 
Zeilen entsprechend erwarten sollte. Oder sollte etwa an eine 
Bildung wie ni'()]Qo?iocpi[8r)(; zu denken sein, entsprechend Aev- 
■x.oXo(pibr\c,? (s. Angermann, Beiträge zur griechischen Onoma- 
tologie 9). Ich ergänze: 'Ie]Qo?iO(pi[TTi? mit Rücksicht auf Plin. 

N.H. V 30 in ea (Teuthrania) Proniae Andera, Perga- 

mum ad eam conveniunt — — Tiareni, Hierolophien- 

ses, worüber Schuchhardt AM. XXIV 1899, 152 und XIII 
1 888, 1 zu vergleichen ist. — Am Schluss von Z. 2 glaube ich 
mit Sicherheit die linke Hälfte eines X im Bruch zu er- 
kennen PO \ . 

321. Von oberer Quaderkante, 0,07 h., 0,16 b., 0,035 d. 
B.H. 0,01, Z.A. 0,007. 

— — — o(?) 2 ;t o Q [ i o V 

— — — o]g 2 Jt o Q [i V 



444 W. kOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 

— — — Ol) 'AjtoAA,(ov [i 5 o ? 

— o]v K Q l TCOV [l 8 o ? 

AM. XXVII 1902, 131 SjtoQiov als Genetiv des lateini- 
schen Praenomens S p u r i u s. Danach habe ich Z. 1 ange- 
nommen, dass 5! aus Versehen nur einmal gesetzt worden ist 
Wir haben denmach hier zwei Beispiele dafür, dass der Phy- 
lenname innerhalb der Listen fehlt. 

322. Vom unteren Rande, 0,08 h., 0,15 b., 0,06 d. B.H. 
0,008, Z.A. 0,004. 

— — — — x(x)]v ey SdiT — 

— — — — JOXQITOD TCOV gy 

— — — t]cöv kyKxamg - — 
5 -"— — — TCüv] 11 2aQ8iEt — — 

— — — — Tcöv änb Mao[bv'i]c, 

323. Vom oberen Quaderrande, 0,14 h., 0,20 b., 0,05 d. 
B.H. 0,01, Z.A. 0,015. 

— — 'Aax]A,T]:n:id8oi) Am — — 

— — 05 Mr|voYevoi)[ — — 

— 'Ajt]o^A,o86TOv 'Aq ^ — — 

— — AiOYevoD 'l e[q 0X0 cp IX r\c, 

5 — — — a]devovg A i y [a i e v 5 
AA 

Z. 1 Aiy[aiev5 oder 'ATT[aAi8o5. Z. 3 'Apx» "Aqv oder 'Aq\i. 

324. Eckquader, leicht bestossen ; 0,08 h., 0,1 7-0,1 8 b. 
B.H. in A 0,008, Z.A. 0,004; B.H. in B 0,012, Z.A. 0,005. 



— Tcov] e^ 'Aßßov 

— — ajtOlJ n l O V [ l T T] 1; 



'AJqtsjxcov — — — 

MTivoqpdos — — — 

EjI ÄLOg 

— — jiaT" — — 

5 — — ov — — — 

Paus. IX 18,4 £v Mvoia xr\ vjieq Katxov Ji6Xio\id eoxiv Ilio- 
vicxL cf. Plin. N.H. V 30. 



DIE ARBEITEN ZU PEROAMON 1904-1905 445 

325. Fragment weissen Marmors; oben Profil und 
Holilkehle, jedoch von so o-cringen Dimensionen, dass das 
Stück schwerlich zur Tenipelarchitektur gehört. U,Ü6 h., 0,Ü7 
b., Ü,Ü4 d. B.H. 0,005, Z.A. 0,002. 

— — ivod'Aqx — 

— — 'A0xA.T|:jii[a8oi; 

— — fi CO V o s vac. 

— — — Äio8(üß[oi) 

vacat 
Z. 1 steht auf der profilierten Leiste, am Schlu.ss ist er- 
halten : A I / . Da ein Genetiv vorhergeht, ist wohl der An- 
fang eines Ethnikons zu erkennen. Dann spricht eine ge- 
wisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass in Z. 2 der Phylenname 
vorliegt. 

326. Rechte untere Ecke einer Quader, 0,21 h., 0,06 b., 
0,17 d. B.H. 0,012, Z.A. 0,008. 

— — Tcov änb M[aGbvy]g 

— — Tü)vdji]ö M [a oöiJT]? 

— — Twv] k n — — 

— — --ovo — — 
5 — — — E{)[jxev8iag 

— — — ODi; — — 

— — — o v'AjrloXXcoviöOi; 

— — — 05- — — 

327. Rings gebrochen, 0,12 h., 0,12 b., 0,10 d. B.H. 0,01, 
Z.A. 0,004-0,008. 

— — — — I — — — 

— Tt0[v — 

— — Tc5]vl|Si — — 

— — t](Jüv'Etie — — 
5 — — ov Twv dji[6 Maaöi'n]? 

— — t]ö) V d jt 6 M a [o 8 v i| ^ 



446 W. KOLBE. IV. EPH EBENLISTEN 

328. Rings gebrochen, 0,14 h., 0,10 b., 0,05 d. B.H. und 

Z.A. 0,006-0,009. 

— — — atov — 

— — —r^ — 

— — a i T — 

— — v8eiJte8io — 
5 — — £ öiatT] — 

— — a i T T] — 

In Z. 4. ist Tojv 8x Mi8ajte8ioi) nicht möglich, wie AM. XXVII 
1902, 133. Der Abklatsch zeigt deutlich NAEI 

329. Rings gebrochen, 0,07 h., 0,09 b., 0,09 d. B.H. 0,009, 
Z.A. 0,006. 

— — S V a [xEiQr[v6g (?) 

— Ttöv] d 3T 6M[ao8v7|i; 

— — - rp ' — — 

330. Vom unteren Rande, 0,05 h., 0,14 b., 0,05 d. B.H. 

0,015, Z.A. 0,006. 

— — Aio]Xi8[o? 

— — 2] jr o Q i [ V 

331. Links Rand, 0,08 h., 0,04 b., 0,07 d. B.H. 0,01, 
Z.A. 0,006. 

— — I Z^ I _ — — 

— — V n (X) — — — 

— MJCao? — — — 

— — — TÜ)V[ — — 

vacat. 

332. Vom unteren Rande, 0,12 h., 0,10 b., 0,07 d. B.H. 

0,012, Z.A. 0,006. 

— — 8o — 

— — vog 

— - — viHirtofit 

— — o]v Mu[oog(?) 



DIE ARBEITEN ZU PEROAMON 1904-1905 447 

333. Links Rand, 0,10 h., 0,10 b., 0,0,^(1. R H. 0,009, 
Z.A. 0,006. 

— — — — 05 

— — — — (OV 

— — — — bog 

— — 'leQoXoq^iTJTJi; 

5 — — — Ka8]^T)i8o(; 

334 bis 356. Als dritter Bestandteil des Nanienscomplexes 
ist die Phyle genannt, die jedoch in einzelnen Fällen fehlt. 
Die Bruchstücke rühren fast sämtlich von den Wänden 
des Korinthischen Tempels her. Einige wenige Ausnahmen 
kommen vor; sie sind aber bei der Anordnung nicht beson- 
ders berücksichtigt worden. 

334. Rings gebrochen, 0,10 h., 0,07 b., 0,12 d. B.H. 0,012, 
Z.A. 0,0075. 

— — vo? d]YQo[i3 

— — 6] V T I o q 

— ^ V o q 

— — X T) [g 

Hinter Z. 2 ist freier Raum ; es ist also das Ende der 
Columne erhalten. Da in Z. 4 sicher ein Nominativ vorliegt 
— etwa "leQoA.ocpiJTT]?? — so sind auch an den anderen Stel- 
len Endungen von Ortsnamen zu erkennen. 

335. Oben Kante, 0,14 h., 0,24 b., 0,045 d. B.H. 0,012, 
Z.A. 0,075. 

— — 8](0Q0? vac. MT]voqp[d]v[TOV 

— — — ZoiiXov 'A7ioX'koy[viboq 

— — Me]v8XQdTov 'AjtoA.Xcovi8o(; 

— — 'AQT8]^ii8(jaQoi' 'AayX^lTiidboq 
5 — — — — yivov Manalgiboc, 

— — 'AGxA,]T]jiid8ov A — — 

— — — — — Qov Al[oXiboc, 

In Z. 1 fehlt der Phylename. Z. 6 am Schluss Rest von A. 



448 W. KOLBE. IV. EPHERENLISTEN 

336. Unten Rand, 0,14 h., 0,14 b., 0.04 d. B.H. 0,012, 
Z.A. 0,0075. 

— — 'A] n, o [ Ä A (0 \' i 8 o g 

— — 'ÄTJTaAiöogt^-- 

— — i] X e T rt i q[l 8 o 5 

— — — 'ATTaA[i8o5 
5 — — — V o q Q r\ ^[ atboq 

— — — 8](oqoijE[i) c, 

Z. 2 hinter 'AiraAtSo? anscheinend Rest eines 0. Da in 
den Zeilen 1, 3 und 4 die Buchstaben sehr weit gestellt sind, 
so muss auf 'AtTaXiftoi; noch ein Wort gefolgt sein. 

337. Rechte untere Ecke, 0,32 h., 0,16 b., 0,23 d. B.H. 
und Z.A. 0,009. 

— — — — — i 8o[s 

— — — E{.]ßo i 8 o [s 

— — — MaxaQi8o[(; 

— — — ff ] d V o 1» T 1] X e q) 1 8 o [5 
5 — — — T»]AEq)L8o g 

— — — Eiifxeveiai; 

— — — o'u'ATTaXi8o5 

— — — o]v A l A i 8 o g 

— — OD <I>LX8TaiQl8o[(; 

10 — — — o]v M ana Q i b c, 

— — 'AQtE][xi8a)Q0D El) ßo 180 [5 

— — — o]d 'A ax?iii Jt i«8o[? 

— — — K a 8 |_i 1] i 8 o [g 

— — 'AöxXri]:iid8[ov Ei)]|i,8[v8iag 

338. Oben Rand, 0,13 h., 0,18 b., 0,05 d. B.H. 0,012, 
Z.A. 0,009. Von Herrn Rallis gebracht; Fundort unbekannt. 

— — 'Aa]x?aijr[i]d8ov E[v — — — q 

— — 'EQfj.aYÖQouE[i) — — 5 

— — 8 o 8 fo Q o V 'A a [xÄi| jTi(t8o(; 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMÜN 1904-1905 449 

— — MTjTQOÖwfßOV 

5 — — — t] V i (o V q — — — 

— — 'AjtoX]A (0 V f, o V M [axap 180? 

— — 'AaxXiiJr] I u ft o i) K Q i [t 0) V i ft o g 

— — — — Y e V Ol) ""A o[xAi| :n[ I aöog 

Z. 4 vielleicht Meaojrivicovo? s. Fick- Bechtel, Die griech. 
Personennamen 342. 

339. Unten Rand, 0,09 h., 0,13 b., 0,11 d. B.H. 0,009, 
Z.A. 0,006. 

— — — u — — — — 

— — o X Qa[xov 

— — o] V vac. 

— — a i o V vac. 

5 — — YJe V o D g / — — 

— — of)6ovKa [8(i,T]i8oi; 
Z. 5 am Schluss Rest von A oder M 

340. AM. XXVII 1902,142. Links Rand; 0,15 h., 0,11 b. 
B.H. 0,012, Z.A. 0,004. 

El)—— q 
Aiovijaio[g — — — 

Tt] X [e cp i b o q 
"A Q X e \i co[v — — — 
5 A t o[A i 8 g 

XaQoop — — — 

T r| Ä[e(pi8og 
'A] jr X X"- — — _ 

341. Rings gebrochen, 0,11 h., 0,18 b., 0,035 d. B.H. 0,009, 
Z.A. 0,006. 

— Aiovii]ao8c6Qoi) 'Aa[xA)] JCictSog 

— — o]v K a 8 |i 7) [ i 8 o g 

— — o]v "" A o y. X 1] K [i d b oq 

— — ODE{)ßo[i:8og 
5 — — d 8 o V K[a 8 [i, 1) L 8 og 

— — i o u ' 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 2g 



450 



W. KOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 



342. Rings gebrochen, 0,07 h., 0,07 b., 0,02 d. B.H. 0,012, 
Z.A. 0,0075. Vorgeritzte Linien. 

— — — lov I — — 

— — 'Ao]y,X-r\7i[i d b o q 

— — — K] a 8 [A, [t] i 8 05 

343. Unten Rand, 0,10 h., 0,10 b., 0,04 d. B.H. 0,009, 
Z.A. 0,003. Späte Schrift. 

'A g[hXt) jt ict 8 OS 

— — xXfjg — — — — 

1) ß a [l 805 
'Aa>i]XT|jtid8Ti(; — — — 

Ka8|XT][i8os 
'A^jrjvaiogM — — — 

0r)ßa[i8o(; 



344. Linke obere Ecke, 0,09 h., 0,09b., 0,05 d. B.H. 0,012, 
Z.A. 0,009. 

— — ouOi^e[Taiß[8os 

— — d8o'uKQiT[covi8o5 

— — AioXi8[o q 

345. Rechte obere Ecke, 0,09 h., 0,1 3 b., 0,07 d. B.H. 0,009, 
Z.A. 0,004. Vorgeritzte Linien. 

— — A]io(pdvTo[i»]T[i]XE 91805 

— — — 'oDToCSte — — — 

— — — — T T] q Kvv i x[ou - — — 



— — 'Ajto?^Äco]viovM 
5 — — — — ßo]DA.i8o 

— — — — — 'Ajt]oXA 



[axaßi8og 

[v 

[cov 1805 



Z. 2 war der Grossvater genannt (vgl. 395-398). 
Z. 4 lese ich vor N I O ^ auf dem Abklatsch '^. 



DIE ARBEITEN ZU FEKGAMON 19(»4- 1*^05 451 

346. Rinos o-ejjroclien, 0,14 h., 0,18 b., o,()7 d. H.H. und 
Z.A. U,UU9. 

— — — 8(OQOuKQ[iTa)vifto(; 

— — oi;Miivo(piXo[v — — — 

— — 'A]jt o A. ^(ov 10 1) — — — — 

— — 5 A 1| |X T) T Q l[o V — — — 

5 — — 'A Q T e. [i i ft oj [q o D — — — 

347. Oben Rand, 0,09 h., 0,16 b., 0,045 d. B.H. 0,008, 
Z.A. 0,004. Der Stein ist stark abgerieben. 

— — — El — — o]i) 'A [t T a ^ i 8 o 5 

— — T] 8[i fx o {}] e o D <l> [i] ?i 8 t [a i Q i 8 o s 

— — ""A K o k X iii [ V i 8 o q 

— — et 8 o [uj M a X [ a p i 8 o g 
5— _ l__. ____ 

In Z. 1 ist 'A [nolXoaviboq nicht wahrscheinlich, da die bei- 
den senkrechten Hasten weit von einander entfernt sind. 

348. Bruchstück einer 0,065 dicken Platte weissen Mar- 
mors, rings gebrochen, Rückseite bearbeitet, 0,09 h. B.H. 0,01, 
Z.A. 0,006. 

— — — M]6 o X [ov — — — 

— — 'A a x] A, I] Ji i [et 8 o v — — 

— — — o]QogO[LÄETaiQi8og 

349. Oben Rand, auf der linken vSeite ein K 1 a ni- 
m erl o eh. 

0ri ß] a •i[8 o]? 
— — g M £ ?^ i T (o V [o ? 
Ka8^A]T]i8o(; 



452 W. KOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 

350. Linke untere Ecke, 0,07 h., 0,1 8 b., 0,05 d. B.H. 0,01 , 
Z.H. 0,008. 

— — ; M 1] V o q) i ?i o 1) — — — 

— — oc;Tijx(0A'O(; A — — 

— — Q o c,'A o-kX ^ [ni — — 

In Z. 3 A]ioÄi8og oder ""AftTaAiftog. 

351. Rings gebrochen, 0,06 h., 0,18 b., 0,11 d. B.H. 0,01, 
Z.A. 0,004. Vorgeritzte Linien. 

— — ^A HO K\X(o [v L 8 oq 

— — K] Q l T 0) V i 8 o [q 

— — $lX8TaiQl8o[5 

— — — ' I A K — 
In Z. 4 am Anfang N oder I 

352. AM. XXVII 1902, 136. Oben Kante, son.st gebro- 
chen. B.H. 0,012, Z.A. 0,006. 

— K Q l T (0 [\' l 8 o ? 

— — Kv \l E [ Y £ ia c, 

— — Kv [i e [ V e { ac, 

— — 'A t] xa[}\. i b o c, 

353. Linke untere Ecke, 0,05 h., 0,13 b., 0,07 d. B.H. 
•0,012-0,015, Z.A. 0,006. 

— — ' A G x] I X T] jt I d 8 o [i; 

— — Ka8| (iT]L8ü(; 

— — K a 8 ^] T) 1 8 o [? 

354. Rings gebrochen, 0,11 h., 0,14 b.. 0,05 d. B.H. 0,009, 
Z.A. 0,006. 

— — — — i 8 o [<; 

— — OiÄeT]aiQi8os 

— — — — 8 5 

— — 0ri]ßa t b o q 
5 — — n]e X o JT L 8 o 5 

— — E ii] f^i E V r\ a q 



DIE ARHEITEN ZU PEKGAMON 1904-1905 453 

355. Rechte untere Quaderecke, 0,045 h., 0,195 b., 
0,075 d. B.H. und Z.A. 0,009. 

— — KQ]iTcavi8o5 

— — Ei)f.i8VT]as 

356. Fragment einer Quader weissen Marmors, die, wie 
mir Dr. Hugo Hepding schreibt, in späterer Zeit anscheinend 
zu einer durchbrochenen Schranke verarbeitet worden ist. 'Die 
Klammerbettungen auf der Inschriftseite wie auf der Unter- 
seite gehören zu der späteren Verwendung'. 0,10 h., 0,28 b., 
0,25 d. B.H. 0,011, Z.A. 0,005. Abschrift von Hepding. 

— — — 'A xxaX[ihoq P — — — 

— — — ? n 8 Ao jr i8[o s — — — — 

— — A] i o A i 8 s P flj u — — 

— — o]i)Ai 0X180? 'AjioXÄ — — 
5 — — — — — 8]o(; 'A;to[A,A, — — 

Z. 5 gibt Hepding \ O K 1 A O 2. ; auf dem Abklatsch, den 
er mir freundlich zur Verfügung stellte, lese ich deutlich 
I O AI A O Z 

357 bis 403. Den folgenden Listen ist gemeinsam, dass 
sie nur Namen und Patronymikon aufführen. Sie ste- 
hen zum Teil auf Säulen und Platten, 357-362, zum Teil auf 
den Quadern des Tempels (363-403). Die Buchstabenhöhe 
schwankt zwischen 0,006 und 0,01 2, der Zeilenabstand zwi- 
schen 0,002 und 0,01. Der Schrift nach gehören diese Kata- 
loge verschiedenen Epochen an. 

357. Zwei anpassende Bruchstücke einer profilierten 
M a r m o r s t e 1 e, oben Rand, 0,1 h., 0,26 b. 

'HQaxÄ]ei8i]g ''HQax?i8i8oii 
KaiK68]ü)Q05 KaLxo8(DQOD 
— — q AT](,ir|TQiou 



454 \V KOLKE. IV. EPHEBENLISTEN 

358. Drei Bruchstücke einer vSäiile blauen jVIarmor.s von 
etwa 0,40 Durchmesser, ^^y. 0,1 2 h., 0,,S1 b. hi 0,20 h., 0,41b. 
c) 0,26 h., 0,29 b. B.H. 0,01, Z.A. 0,005.' 



— — — 11 ? 'Hq - 

M 8 v]£ [^la xo? A i (p 

O E o Y 8 V 1) c; 'A T - 

M V »1 ö i |i a X o ? ^ 

MoAeöig — - 

Ä] I, o V V ai[o ? — 

'A;i]£ I a — — — - 



— — — — Ai)] }i o (p i?L ov 

— — — — ScDXQaTOD 

— — — o[(;] Aai^i[e] v ov 

— — a XQ ax oc, Bii*)!' o ? 
'A :rt ] X X oj V i o ? A rj [,i i) t q i [o v 

vac. vac. 



— — — — — — o V 

— — — — i8(0()ov 

— — — oye voi) 

— 'H ß ] CO I 8 o V 

. Jt l o u 

— — — [i (0 V i; 

— A l] O V l) O L O 11 

— — x] a i X o u 

— — — avi hoc, 

— — ' A] T T l V o V 

— — 'A k]q\\o 8 6 t o 1) 

— — 'AöxJXri Jt i d [8 o v 



DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1904-1905 455 

359. Bruchstück einer Säule blauen Marmors, 0,14 h., 
0,32 b. B.H. 0,008, Z.A. 0.04. Der vSchrift nach nicht zur vor- 
hergehenden Nummer gehörig. 

— — — — — — — Ol) 

— — — — — — £X|i,e(0(; 

— — — — 'A] Q Tc d X o V 
M e]v av ^[q] o q Mr\voh(x)Qov 

5 ""A a X Ä T] 3x i d 8 1) c; M t) v o y e v [o u 

K Q oiöo c, ^A Q X e[i i — — 

'A Y a d L CO V M i] v [o — — 

'AÄE^aA'öoog — — 

'A O K ?t 1] JC i et 8 1] ? 

10 T i [X — — 

M T] — — 

360. Vom linken Rande einer 0,05 dicken Stele, 0,16 h., 
0,16 b. 

£ — _ — _ _ 

'Ayccdoi — — — — 

Ari^AaQxo? _ _ _ 

Hevoxqccti]?- — — 

5 *HQax^£i8r|i;- — — 

$iA,68r)|i,oi;- — — 

'AyadoßoijAoli; — — 
A i CO V vac. 

E V \i i V Tt] q — — — 

10 Mt]v68otO(; - — — 

361 . Vom linken Rande einer 0,05 dicken Platte weis- 
sen Marmors, 0,14 h., 0,14 b. B.H. 0,008, Z.A. 0,02. 

— lO — — — — 

'A {^ T] V I — — — 

'AjtoA,?ico — — — 

neQiye[vTig — — 

5 ^l o o K Q dx[r[q — — 



456 . W. KOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 

'A jt o X A 6 8 CO [q o 5 — 

"A T T a A, o [? — — 

M 6 a X o [g — — 

Ai)^at]tq[io5 — — 

10 'H () CO i 8 1] [<; — — — 

Baxxio[(; — — — 

Bei dieser Anordnung" waren vermutlich die Phylen nicht 
genannt. 

362. Bruchstück blauen Marmors, 0,18 h., 0,23 b., 
0,08 d. B.H. 0,006, Z.A. 0,003. 

— — — — 'A] axA.»)jt — — — 

— — — — Aiq^iAo? — — — 

— — — — M(8)V0)V — — — 

— — — — ©eocpi, Ao? — — 
5 — — — o]v 5 M 11 V o Y 8 V T] (; — — 

— — cp] i A o D Z T] V 6 8 o T <; — — 

— — — iov M 1) vorpiAo? — — 

— — — — ^E p [,1 o Y 8 [viig — — 

Z. 3 M2. 

363. Quaderfragment, rings gebrochen, 0,15 h., 0,28 b.» 
0,06 d. 

2 CO o (', a T Q a T o c; 'A t) v l co[v o q 
'A;n;o XAcoviogMev ea ftecofg 
M t) T ß 6 8 CO Q o g M I] T Q o 8 00 Q [ov 
rjcit i OGOoliQiogrcxio [ V 
5 ....QCov'AQiatcovo? 
. . . . (p et V X c, M 8 V o[ V 8 [qov 
'A n o l X](b V i o g Ti^co v[oi; 
— — 0$ Mt)vo — — 



DIE ARHEITKN ZU 1'E1<(;AMüN 1904-1905 



457 



364. Oben R a n d, 0,09 h., 0,22 b., 0,07 b. 

AioScoqoqA — — — 
di] i o V V a i o <; "A X e [^ — — • 
'A](T K ?L d Jt (0 V 'A a X [^ d .t: 0) V s (?) 
'A q] T 8 |>l Ü) V — — — 

5 I '~ • ' — _ _ _ 



365. Oben Rand, 0,10 h., 0,17 b., 0,04 d. 

Aioy£v>|(; Ai — 

(A)a fx o X A, ij 5 A — 

'A a X X 1] jt L d 8 »] c; — — 

'E]q [.i i a q E — — 

Auf Rasur. Z. 2 AMOKAHZ so! 

366. Unten Rand, 0,19 h., 0,15 b., 0,12 d. 

. . . 8] w Q [o? 

. . 8 0) V — — — 

'A^]')]vaiO(; — — 

Ai?]68a)Qo[(; — — 

5 A]fi[j,0(;B — — 

'AjrojAXcoviOi; — — 

367. Rechte obere Ecke, 0,035 h., 0,095 b., 0,075 d. 

T q] 6 (p i ^i o 5 'A T — — 
vacat 

368. Eckquader oder Ante, 0,1 8 h., 0,1 7 b., 0,09 d. 



— — — o? 

— — — IXOV 

— — K i^ov 

— — 8]6 TOI» 

A l O] V D O l O 1) 

— — V o q 

— — X Q dxov 



M e V 8 — — — 

M 8 V 8 [i [axog — 

'A o [x] X [)] Jt — — 
M Ti V 6 (p i [l oq 

M \\ x[qo — — 



458 W. KOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 

369. Rings gebrochen, ()J.5 h., 0,20 b., 0,04 d. 
— — — — — Mn]voq)dv[T]5- 



Mt]] VOXQITOI? 


'A^i] V 6 8 CO [qoc, — 


— — 8 Ol) 


M e V i jt JT [? — 


— — — ov 


Mtivoyev[ti(; — 


— — — V 


M E fX V — — 




'A § 1] V a [ — — 




E {! 8 r)'[ — — 




. e i — — — 



370. Rings gebrochen, 0,14 h., 0,09 b., 0,05 d. 

— — \ o q 'A X 

— — Ä]ioYevo['U5 

— — Me] V E-KQ d[x ov <; 

371. Rings gebrochen, 0,15 h., 0,14 b., 0,06 d. 

— — — ö CO — — 

— — — g'Ovi^ö — 

— — — neQiyev [ovq 
5 — — M]'tivo(piÄo[v 

— — — ' I X a Q — 

— — — — \i o — 

372. Rechts Rand, 0,11 h., 0,19 b., 0,075 d. 

— — — — — i o V q 

— — — — — 8 loij 

— — — — dv8 Q o V 

— — — Mr]vo8(6Qoi) 
5 — — q'AnoXXoivibov 

— o q'H Q a->iX£ i b V 

— — ^ a] p a n i (ß v o q 



Dil': AKKICITICN /.[• l'EROAMOX I 'K)4 - 1 90,5 459 

373. Rcclitc obere Iscke, (),0f) h., 0,17 1)., 0,00 d. 

— — MS *^ ' A,o^evo[v 

— — q vac. K Q i T ü) V o ? 

— - — \' 'A o X Ä. »I Ji i et 8 o V 

— — g^axy^iov 
5 — — — c, M 8 V (X V [8 QOV 

374. Unten Kante 0,07 h., 0,24 b., 0,09 d. 

— — — M i]]v o 8 (o Q [o u 

— — — n a Y X Q d T [o n 

— — o s vac. 'A Q i a T e L [ 8 o II 

— — a q Kalliti [gd xov 

375. Links Rand, 0,14 h., 0,16 b., 0,07 d. Coluninenlinien 
vorgeritzt. 

M] 8 V a[v bg oc, — — — 

'A 3t o X ?i (0 [v I o 5 — — 

M Tivoq) i [A.] o g — — — 

M 1] V 6 q) a v[t o 5 — — 

5 'AßiöTO[j,[ — — — 

M 8 V a V 8[q o c — — 

M 8 V i a[x o q — — 

M]eV8 

376. Links Rand, 0,22 li., 0,14 b., 0,11 d. 

M [e] V8 a — — — 

'A Jt o X X (o V [t o g — — 

Ha jciaq — — — 

Ylx oXe \i[al oq — — 

5 Aiovuö — — — 

'A o K X [r\ n — — — 

A Ti — — — — — 

K - — — — — 



460 W. KOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 

377. Links Rand, 0,24 h., 0,13 b., 0,05 d. 

A] ij fx IT _ — _ 

'Ajio?i?l[ — — — 
Me vav[8Q0(; 

'A V T i A o[x o 5 — — 

5 'A le l u V — — 

rioaiöcov — — 

'A O X k ^ 71 — — 

T 8 ?tea rp o[ Qog — — 

M 1] V 6 8 0) q[o5 — — 

10 r] X ij H (0 [v — — 

378. Rings gebrochen, 0,15 h., 0,13 b., 0,03 d. 

'A jt]o X X (x)v i o[c — — 

'Ajto7.?iö 8o[tO(; — 

"AlnoXX (0 [v — — — 

'A]koXX cd [v — — — 

379. Links Rand, 0,13 h., 0,085 b., 0,02 d. 

'A A, e I a V 8 [q ? — 

'A Q i o T 6 \ia [k^oc, — — 

Aiö8oTO<; — — 

^An o XX (ß V [[oq — — 

5 Ao)QÖ'(>eo[5 — — 

Ml] V 6 (p i X oc, — — 

'AitoXXoy V io[c, — — 

' A jt] o ?L A. 0) V — — — 

380. Bruchstück eines Blocks aus weissem Marmor; 
linke Seite gerauht, sonst gebrochen ; am Rande etwas glat- 
terer Randbeschlag. 0,12 h., 0,17 b., 0,11 d. B.H. 0,008, Z.A. 
0,006. Abschrift von Hepding. 

> 1— - . . 

My\voyevy\c, — — 

'AYCc^oxAfji; — — 

"P o 8 o Ji ex T 1] 5 — — 



DIE ARBEITEN ZU I'ERGAMON 1904-IQ()5 461 

5 n o e i 8 (ü ^' i o [5 -^ 

Aiü8oTo[5 — — 

KoQQaylo? — — 

A 1) [i ri [tp i o ? — — 

n ^ o [ V T — — — 

381. Bruchstück eines bläulich weissen Marmorblocks, 
1. vielleicht Anschlussfläche; obere Seite glatt mit einer schräg 
nach r. hinten verlaufenden Rille (Vergusskanal?); sonst gebro- 
chen; sehr verwittert. Gefunden 1905 im Kellerstadion. ü,098 
h., 0,16 b., 0,115 d. B.H. 0,01-0,012, Z.H. 0,02-0,018. Abschrift 

von Hepding. 

At]p']tq[io5 — — 

Mevav8[Q0? — — 

'AßTe^i8(jo[()og — — 

"PoSoxXff]? — — 

5 Miivo' — — — 

382. Bruchstück aus bläulich weissem Marmor, 1. Seite 
glatt, sonst rings gebrochen; Vorderseite mit dem Zahneisen 
bearbeitet. Gefunden 1905 im mittleren Saal der Nordseite 
des Gymnasions. 0,13 h., 0,11 b., 0,05 d. B.H. 0,015-0,017, Z.H. 
0,02-0,03. Formen: A2. Spuren roter Ausmalung der Buch- 
staben erhalten. Abschrift von Hepding. 

Mev — — 

MctTfQCOV 

''AoxA[TiJti — 
5 Mev '— — 
Z. 3 ergänzt von Hepding. 

383. Links Rand, 0,13 h., 0,06 b., 0,05 d. 

'A fl TJ V a [t o 5 — — 

08(OV — — — — 

'AQiela[ og — — 

'A o v.'k'r] n — — — 

5 Mt^vo — — — — 

"E Q [X e — — — — 

M r| v[o — — — — 



462 W. KOLBE. IV. EPHRBENLTSTEN 

384. Links Rand, 0,14 h., 0,10 b., 0,08 d. 

KaÄXioT — — 

'A 9 T e |i a)[v — — 

M 1] V — — — 

5 MiiT[ßo— — — 

/* - 

385. Ringes o^ebrochen, 0,05 li., 0,08 b., 0,015 d. 

'AöxA.a[jticov — — 
M6axo[s — — — 

386. Oben Rand, 0,06 h., 0,1 1 b., 0,07 d. 

M8A,eaY[Qoc; — — 

387. Rings gebrochen, 0,09 h., 0,14 b., 0,09 d. 

— — X CO — — — 

'AjroX]X6 8a)[9 0s — — 

'AjroX]A(üvio5 — — — 

'A V 8 Q d ] Y a 9 [o? — — 

5 — — — Ol — — — 

388. Oben Rand; auf der Oberseite Klammerloch. 
0,05 h., 0,12 b., 0,08 d. 

r] et i $ — — 

"H] q) a i o T [ 5 — 

K a]X A i o [ — — 

389. Linke obere Ecke, 0,07 h., 0,20 b., 0,16 d. 

— \ I I — — 

Ka^iAifxaxoi; — 

Mt) tq — — 

B .'^ ' - — — 

390. Rings gebrochen, 0,16 h., 0,12 b., 0,04 d. 

K ?ie(o[v — — — 

Mr]v6 8[oT05 — — 

K X a Q io[ — — — 

$ i Ä 0) [v— — — 
Z. 3 KAAPIO deutlich ! 



DIE ARBEITEN 7.V FEKCxAMON 1 904 - 1 Q05 463 

391. Links Ran d, 0,1 2 h., 0,1 1 b., 0,02 d. 

ÖE - — — _ 

M E V [e — — — 

A i o (p a[v — — — 

'A V T i inca [t — — 

5 ^AaxA.T)jtid[8'ri5 — 

392. Links Rand, 0,21 h., 0,19 b., 0,14 d. 

Mt)— — — — 

e 6 8 — — — 

'A Y a ^ o — — 

,5 Mr]voq? — — 

' A Q T 8 [ [,1 ■ — — 
M T| V O — — 

K a i X [ o — — 

Uol — - — 

10 A 11 — — — — 

M - — — — 

393. Links Rand, 0,19 h., 0,09 b., 0,03 d. Vorgeritzte 
Linien. 

'A . — — — 

Uv — — — 

Ar)— — — 

'A V T — - — 

5 'A o X Ä [ — — 

A i Y [ — — 

M 6 a [x — — 

'A a X X Ti [jt — — 

'A ^ T] V — — 

10 'AjtoX[>. — — 

'A Q T8 [[X — 

394. Rings gebrochen, 0,06 li., 0,14 b., 0,03 d. 

'Iöi8[ü)Q0(; — — 
'Agio — — — 
M i\v — — — 



464 W. KOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 

395 bis 405. Die erhaltenen Reste gehören dem Vaters- 
namen an; die Phyle ist nicht genannt. 

An die Spitze stelle ich die vier Beispiele für die Nen- 
nung des Grossvaters innerhalb der Listen. Dazu ist noch 

hinzuzunehmen, Nr. 345, 2 wo hinter ov xov Xxe — die 

Phyle zu erwarten ist. 

395. Rings gebrochen, 0,06 h., 0,07 b., 0,05 d. Vorgeritzte 
Linien. Nach Schröders Abschrift. 

— — Mt]]tqo8[cüqov — — 

— vlovtoij/ — — 

— — — noo]8i8eov/ — 

In Z. 2 ist der Grossvater genannt, vielleicht auch in Z. 3, 

396. Rechte untere Quaderecke, 0,11 h., 0,07 b., 0,06 d. 

5 0VT0[l) — — 

— — — ÖCO Q[ot) 

— — O O T — 

OVTOIJM — — 

— — M d ir\ [x o (; — 

— — l]CpOQOC — — 

In Z. 2 und 4, vielleicht auch in 3 - oq x[ov war der 
Grossvater genannt. 

397. Rechte untere Qu ad er ecke, 0,10 h., 0,13 b., 0,06 d. 

VLXO?2TQaT[o — — 

— — aJvÖQogüoo — — 

— — — o 5 M 1] V o Y [ ^ V o V 

— — Ka?i]^ixQdTODto['ii — — 

In Z. 4 könnte man an fehlerhafte Dittographie denken, 
wenn nicht andere sichere Beispiele für Anführung des Gross- 
vaters vorhanden wären. Die auffällig enge Stellung der 
Buchstaben beweist aber die Richtigkeit der Annahme, dass 
der Grossvater «enannt war. 



DIK ARBEITEN ZU PERCiAMON 19()4-1Q05 -165 

398. Rino-s Gebrochen, 0,14 li., 0,06 I)., 0,12 d. 

— — oJvTovM — — 

— — MejveaTfQaTOv — — 

Z. 1 Grossvater. 

399. Brüchstück, rin^s o^ebrocheii, 0,12 li., 0,14 b., 0,015 d. 

— — L 

— 'A V T i — — 

— — 'A V T i, Y 6 [v o 1) 

— — 'A ]v t i Y o V o [ Tj 
5 — — n a Q [lg V o A' xo[c, 

— — Ai]o 5 0) Q o [it 

400. Ring-s gebrochen, 0,06 h., 0,12 b., 0,05 d. 

— — — Mtivo — — 

— — — M]yi V o y e V o [ V 

— — — M]t] XQObddQOV 

— — 'AaxXJriJtioöwQoii 

5 NnnA/^li 

Z. 5 [ 'A p [.i o V i o 1' ] 

401. Rings gebrochen, 0,15 h., 0,19 b., 0,08 d. 

OK 

— A 1] |.l T| T [q l O V 

— — 2] W O T Q d [t O 1) 

5 — — "Ajo -n X li] [k - — 

""IJjtJTO 

402. Rechts Rand, 0,16 h., 0,10 b., 0,06 d. 

— — — y, X i [v] q 

— — 'A o X Ä t]]:t i o 8 (6 Q o V 

— — — i d Q '/_ o V 

— — — — döou 
5 — — — — covo? 

— — — — — o V 

— — — — —05 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 30 



466 W. KOLBE. IV. EPHEBENLISTEN 

403. Rechts Rand, 0,18 h., 0,12 b., 0,05 d. 

— — — ^ 6] 6 T o 1) 

— — ß o V A. löoit 

— — [,1 o Y e V o i' 

— — — (p i X o 1» 
5 — — — TD 05 

— — — yevoi) 

— — 'A:i] o X 1\. d 

— — — 8(joqou 

— — — — o V 
1 — — — — o] V 

Bei den folgenden Nummern bleibt zweifelhaft, ob nicht 
auch die P h y 1 e genannt war. 

. 404. Rings gebrochen, 0,06 h., 0,14 b., 0,09 d. 

— — A] i o Y — 

— N i X i o v 

405. Unten Kante, 0,06 h., 0,08 b., 0,06 d. 

— o s' M — — 

— Mo05(Lo[vo(; 

Zum Schluss füge ich noch einige Bemerkungen über die 
pergamenischen Phylen hinzu. In den AM. 1902, 1 16 hatte ich 
nach dem damals bekannten Material angenommen, dass in 
Pergamon zwölf Phylen existiert hätten. Da ich von der Vor- 
aussetzung ausging, dass die Zwölfzahl nicht zufällig sei, so 
stellte ich die Behauptung auf, dass es sich um eine durch ein- 
maligen Act in späterer Zeit geschaffene Einteilung der Bür- 
gerschaft handele. Inzwischen haben uns die Funde eine drei- 
zehnte Phyle ^Aitok'koyviq kennen gelehrt. Und es fragt sich 
sogar, ob wir nicht auch eine vierzehnte anzunehmen haben. 
Denn in Nr. 296 lesen wir 'AOrjvf was man 'A9iiv[aToi] oder 
auch 'A9i]v[ai8og ergänzen kann. Und da es immerhin auffäl- 
lig wäre, wenn der' Name der hervorragendsten Gottheit von 
Pergamon unter den Phylen nicht vorhanden wäre, so muss 
man mit der Möglichkeit rechnen, dass die Ergänzung 'AÖij- 



DI?: ARBEITEN ZU PEROAMON 1904-1905 467 

v[fxifioc; 7A\ ])evorziij;-cn ist. So gewinnen wir folgendes Bild : 

1) nach Göttern sind benannt die ""AiSTivfai?] ?, 'AnoXXoiviq, 
' Aonk^maq, 

2) nach Heroen \loUq, Kab\ir]iq, MaxaQig, YleXomq, Tif]l.Ecpiq, 
vielleicht auch K()it{i)vi<;, 

3) nach perganienischen Herrschern 'AiTaXig, E{)|i£veia und 
<I>iXeTaiQi'c, 

4) von geographischen Bezeichnungen sind abgeleitet 
E{)(3oig und ©iißaii;. 

Mag die Zahl der Phylen in Pergamon nun 13 oder 14 
betragen haben, in jedem Falle muss die Anschauung fallen 
gelassen werden, dass die ganze Einrichtung durch einmali- 
gen gesetzgeberischen Act ins Leben gerufen ist. Denn eine 
so ungewöhnliche Zahl lässt sich nur dann erklären, wenn zu 
einer Zahl vorhandener Phylen im Laufe der Zeit neue hin- 
zutraten. Nun ist es eine niissliche Aufgabe, das Alter der 
Phylen aus dem Namen zu erschliessen. Indessen so viel darf 
doch mit Sicherheit behauptet werden, dass die nach Men- 
schen bekannten Phylen zu den jüngsten Neubildungen ge- 
hören, wie in Athen die xAntigonis und Demetrias, die Ptole- 
mais und Attalis. Mithin scheiden die ^[lexuigig, F,v\ieve[a und 
'AtTaXi«; aus (vielleicht auch die Kqitcovii;, über deren Epony- 
mos ich keine nähere Vermutung wage). 

Wenn diese Annahme zutrifft, so darf man schliessen, 
dass die P h y 1 e n e i n r i c h t u n g in Pergamon überhaupt 
nicht erst ein Werk der Attaliden ist, sondern dass 
letztere die bereits vorhandene Institution nur weiter ausge- 
baut haben. 

Wer kann aber vor den Attaliden als Schöpfer der Phy- 
lenordnung in Betracht kommen? Von vornherein wird man 
die Möglichkeit ablehnen, dass letztere in der mysischen 
Stadt Pergamon bodenständig war. Denn die Phylenordnung 
ist zweifellos hellenisches Gut, das von Haus aus der Myser- 
stadt fremd gewesen sein muss. Auf alte Stammesverbände 
gehen mithin die Phylen hier nicht zurück. So bleibt nur die 
Annahme, dass in der Zeit, als die Griechen in der mysischen 
Stadt das Übergewicht erlangten, die Entstehung der Bürger- 
schaft in Phylen erfolgt sei. 



46^! W. KOLBE. IV. EPHEHENLISTEN 

Jetzt können wir wieder auf die Phylennamen zurück- 
greifen, um zu einem näheren Ergebnis zu gelangen. Auf- 
fallender Weise finden wir unter den Pinien eine Eiißoig und 
©rißatg. Wie kommen diese Namen nach Pergamon ? Darf 
man annehmen, dass das Bewusstsein der verwandtschaft- 
lichen Beziehungen zwischen den Einwohnern Böotiens und 
den sog'. x\eoliern an der kleinasiatischen Küste in histori- 
scher Zeit so stark gewesen ist, dass man in Erinnerung daran 
den Pinien althergebrachte Namen gab ? Die Möglichkeit 
ist nicht mit Gründen zu widerlegen, aber grössere Wahr- 
scheinlichkeit spricht für eine andere Annahme. An der aeo" 
lischen Küste sassen seit dem Anfang des V. Jahrh. griechi- 
sche Dynasten als persische Vasallen. Schon Dareios hatte 
den geflohenen Spartanerkönig Demaratos mit Teuthrania 
und Halisane belehnt, wo seine Söhne Eurysthenes und Pro- 
kies noch zur Zeit des Zuges der 10000 als Herrscher sassen 
(Xen. Hell. HI 1, 6. Anab. VH 8, 17). Und Xerxes hatte kurz 
nach dem vScheitern seiner Offensive gegen Griechenland Gon- 
gylos von P^retria, den Helfershelfer des Pausanias, mit Per- 
gamon, Gambreion, Palaigambreion, Myrina und Gryneion 
belehnt (Xen. Hell. HI 1, 6: HspYttfiOA', ra[.i(3()8iov, UaXaiydyi- 

ßgeiov, MvQivu, F^vveiov öcöqoa' 8e xai a^tai ai jtöXen; f|oav 

nagä ßaoiXicdc, ToyyvXm oti ^lovog 'Epetgiscov \ir\bioac, ecpvyE). 
Noch Xenophon fand die Nachkommen des Gong}-los als 
Herren in der Kaikos-Ebene vor, und dass auch Pergamon 
zum Machtbereich der Gongyliden gehörte, bezeugt die Tatsa- 
che, dass er in Pergamon bei der Mutter des (longylos und 
Gorgion gastliche Aufnahme fand (Xen. Anab. VII 8, 8). Die 
Dynastie der Gongyliden hat also eine Zeit lang in Perga- 
mon geherrscht. Wenn unter ihrem Regiment die Phylen der 
hellenisierten vStadt geschaffen wurden, so erklärt sich das 
Vorkommen der Namen Erißotq und Q)\ß(dq in der einfach- 
sten Weise. 

Was die übrigen Namen anlangt, so sind die Heroen 
durch AloKig, Kub{xii]tq, MaxaQig, YlEkomg und '\\]lecpic, vertreten. 
Eine Phyle Aloliq ist bereits aus dem lesbischen Methymna 
bekannt, CIG. XII ii 505, und Emil Szanto hat in den Sitz. 
Ber. der Wiener Akademie 1901, 38 aus dem Namen den spä- 



Dil-: arhi<:itI':n zn PKkCiAMON 1904-1905 469 

teren Urspruii«;" aus cinei' Zeit erschliessen wollen, die ""den 
Eiiilieitsbej^riff der AioXeic;' bereits kannte. Offenbar schweb- 
ten ihm die IMiylcn \on Thnrioi 'Ayaiq, AwQi'g, 'lag vor. Aber so 
sehr derartis^e P)ildnn^eii in einer panhellenischen (jründung 
am Platze waren, so weni*; durften sie in einer Kleinstadt 
Anwendung finden. Das Vorkommen der Ph}le MaxaQi'c: legt 
uns aber eine andere Deutung nahe. Makar, auch wohl Maxa- 
QEvc, genannt, ist nämlich der vSohn des Aiolos, welcher in 
Thessalien seine Heimat hat. Der Sage galt dieser AYoXoq als 
der älteste \'ertreter der griechischen Colonisation an der 
asiatischen Küste. Neben ihm erscheint Makar als r\Q(ßq xti'- 
f)t)]c; der Colonisation von Lesbos. Auf ihn führen die Lesbier 
die (xründung ihrer vStädte zurück (Strabo VIII .^ 31 p. 356 
u. Stepli. Byz. s. \\ '"Egeaog). /Yiolos und Alakar erscheinen 
also als Vertreter der griechischen Colonisation, und ihre 
Verehrung konnte sich von Lesbos aus sehr leicht auf das 
nahe gelegene Pergamon erstrecken. 

Der Name Kaöiuiiq findet im Hinblick auf 9ii(3atq und 
Euj3ois ohne Schwierigkeiten seine P>klärung. Eine llEloiiic, 
im Pergamon hat nichts Auffallendes. Denn der vSage nach 
stammte ja Pelops aus Asien; vStrabo VII 321 nennt nach 
Hekataeus von Milet Phrygien als seine Heimat. 

Die '[\le(piq lässt erkennen, dass die Erinnerung an die 
starke Einwanderung, die aus Arkadien unter Telephos' Füh- 
rung stattgefunden haben soll, nicht erloschen war: autoi Öe 
'A(3xdÖE(; e9eA.oi)oiv elvai t(ov 6\iov Ty]Xiq>([) biaßdvxmv flg xi]v 
'Aoiav sagt Pausanias I 4, 6, der auch bezeugt, dass Telej^hos 
in seiner vStadt als Heros Kult genoss (s. V 13, 3). 

Im Einzelnen bleibt noch vieles unklar. i\ber die Erkennt- 
nis, dass Pergamon bereits durch die Cxongyliden griechisches 
vStadtrecht erhalten hat, darf vielleicht als sicheres Ergebnis 
aus dieser mühevollen und undankbaren Untersuchung be- 
zeichnet werden. 

Rostock i. M. Walter Kolbe. 



470 



IG. II 1194. 

Die Inschrift IG. II 1194 aus dem Kloster Kalo Livadi 
bei Kalamo (östlich von Oropos) war von Böckh nach Pou- 
queville's Reisewerk im CIG. 1 79 in folg^ender Gestalt ver- 
öffentlicht worden : 

ZTPATHFOZEniTHNXQPAN 
THNHAPAAIA NOHPITOS 
AAKIMAXOYMYPHNOYZIOZ 
ZTE.ANGEI^ynOTHZBOYAHZ 
K AI T OY A H M OY ANE0 H KEN 

In Böckhs Scheden für das CIG. (jetzt im Besitz der 
Berliner Akademie der Wissenschaften, Archiv für griechi- 
sche Inschriften) befindet sich von derselben Inschrift fol- 
gende Abschrift von George Finlay mit der darüber ste- 
henden Bemerkung: 'The inscription at Kalo Livadi CIG. 
Nr. 179 is thus' (siehe vS. 471, 1): 

Eine dritte Abschrift stammt von J. Martha, BCH. IV 
1880, 260, der die Inschrift 'encore aujourd'hui encastree dans 
le dallage de la chapelle' fand. Bei Martha lautet sie: 

SlTPATHrO^EPITHNXnPANTHNPAPAAlAN 
. OOYKPITOSiAAKI M AXOYMYPP I N OY:SI OS: 
^TE0ANn0EI5:YnOTH^BOYAH2:KAI TO Y A H MOY 
ANEOHKEN 

Martha's Abschrift ist von Köhler in das Corpus übernom- 
men worden. Erwähnt wird der Stein auch von Milchhöfer 
im Antikenbericht AM. XII 1887, 318 Nr. 410. 

Ein Vergleich der drei mitgeteilten Abschriften ergibt, 
dass nur von Finlay die Inschrift vollständig gelesen ist, 
während sowohl Pouqueville als auch Martha die in kleineren 
Buchstaben rechts und links in je zwei Quadraten befind- 
lichen, von Kränzen unten abgeschlossenen Seitenteile über- 
sehen haben. Die volle Umschrift muss nach Finlay lauten 
(siehe S. 471, 2): 



IG. II 1194 



471 



w 


< 







h 


>. 


z 


z 


O 1:^ 


X 


< 


X o 


: < 


w 


^ H 




< 
> 
o 


X 

1- 

X 

< 

Q. 


< § 

X 

Q. Q. 

ÜJ 


m 


1- 


E 


X 


N 


UJ 




< 


>• 




f- 







z 


< 




< 


I 




w 






X 


z z 


< 

> 
O 

CO 


L_ 
X 
h- 
< 

f- 


< o 

< X 

< 


I 


lAl_ 


LU 






> 


' Z 


lAl 


O 


< 


o 


T 


< 


w 


5 


< 


> 


> 


Q- 
< 

1 c 


o 


O 


z 


H 


z 

t- 

z 


0- 
CL 

> 

> 


< 

lAl 

5 ^ 


< 


> u 


Q_ 


o 


o ^ 


a 


X 


ÜQ -c 


X 


< 


^ 

(- LU 


z 


z 


X 


b,^ 


O z 


< 


E < 


c 


< 


> 


LU 




w 1 




w 




W 


o 


LU ' 


O 


1— 


o 


L_ 




G 


I 


a. 


Z 


h- 


\. 


< 


< 


X 


■e- 


Q. 


— 


LU 


1- 


o 


H 


N 


o 


lAl 


w 


< 


> ! 


O 


h 


o 


z 


z 


X 


X 


< 


< 


< 


w 


z 





X 





X 


X 


UJ 


< 


1— 


< X 


1 > 




^ Q- 


o 


Q. 


_ < 


CQ 


t- 


C 


X 


H 


LU 



c 




o 




i 




X 




»^ 


■«.p 


-c. 




CO 


H 








?» 






^o 


s 


.5, 






c 


(ji 


<-< 


"?r- 


o» 


C 


?- 


w 


(-> 


P 






?• 


o 




® 


o 


ffi 


o 














TT" 








o 








=L 




P 




»p- 




o 




oO 


Ö 


<o 






p 


"?:■ 




"O, 


>. 


i 














o 


e^ 


l_0 




>- 




o 


c 




^ 


o 


CO. 


Ö 




X 


p: 




'S 


Q/ 




C 


O 




> 




cO 




^ 








B 


«-0 


IP 




Q/ 


O 


o 




w 




M 




C 


e 






K 


"P 
o 


's 




p- 


> 


?i 






^S 


Ul 






fiO/ 


'?:■ 




p. 


p 


<^ 




Qj 


P 


P 
o 






J< 


i?r 


s 


?> 


"Ö 


H 


?^ 




i 


'O 






5 


K 


?• 


*^ 


c^ 


*'P 


"Ö 




< 


Ul 




LT 


o 






>; 

w 

g 


Q 

s 




Q/ 


■^^ 






M 


c 


'jU 




H 


® 






<_f' 








o 








:S. 








»!=■ 


Ö 


p 




oO 


^- 


o 


1 1 


'^ 


s 
o 


o" 


c 

> 
o. 


P 
O 
CQ. 


?- 


OÜ 




f 




Q/ 


ffi 


Q/ 


'k 






o 


fW 





472 J. KIRCHNER 

Dieser auf Grund der Abschrift Finlay's schon vor länge- 
rer Zeit gewonnene Tatbestand findet seine Bestätigung durch 
Abschrift und Abklatsch unserer Inschrift, die mir dieser Tage 
durch die Güte des Herrn Leonardos zugegangen ist, welcher 
sich auf meine Bitte von Kalamo nach Kalo Livadi begeben 
hatte. Auch Hr. Leonardos hat den ersten Archon nicht mehr 
lesen können, für den zweiten Archon lautet nach ihm die 
maassgebende Zeile EPI [KjAEOMAXOY, für den dritten EPI 
[K1AAAIMHAOY. für den vierten EPI OEPS:iAOXOY. 

Der Stratege ÖovxQiiog 'Aaxi[^i(<xov MvQQivouaiog ist, wie 
schon Martha sah, der Sohn des I(t. H 5,318 b genannten 
'AA,xi[.iaxo<; K?i£oßoijXoi' Miigpivoimioc, jcdgebgog des Archon Ni- 
xiai; 'OtQuveug (282/1). vSomit ist unsere Inschrift der Mitte des 
dritten Jahrhunderts zugewiesen worden. Dies wird bestätigt 
durch die drei auf dem vSteine erwähnten Archonten. Thu- 
kritos hat vier Mal die Strategie innegehabt. Der Archon der 
ersten vStrategie ist unbekannt. Die zweite vStrategie fällt un- 
ter den Archon Kleomachos; die dritte gehört dem Archon 
Kallimedes an; die vierte fällt unter den Archon Thersilochos. 
Kallimedes ist dem J. 246/5, Thersilochos dem J. 244/3 zuge- 
teilt worden: Ferguson, The priests of .Asklepios 155; Kirch- 
ner, Berliner phil. Wochenschr. 1906, 986. 987. Archon Kleo- 
machos, in dessen Jahre nach I(t. II 336 der vSchreiber ebenso 
der Leontis angehört wie im J. des Thersilochos (ICj. II 307), 
ist von letztgenanntem Archon durch 12 Jahre getrennt und 
gehört in das J. 256/5; Kirchner a.a.O. 987. Somit würden die 
Strategien des Tliukritos fallen in die Jahre des Kleomachos 
256/5, Kallimedes 246/5, Thersilochos 244/3. Durch unsre In- 
schrift wird erwiesen, dass Kolbe's Ansetzung von Archon 
Kallimedes=290/89, AM. XXX 19Ü5, 98 ff., die wir a.a.O. 986 f. 
aus anderen (xründen bekämpft haben, nicht möglich ist. 

Athen, September 1907. Joh. Kirchner. 



(geschlossen 16. October. 



473 



die mauern athens. 
aus(;rahun(;en und Untersuchungen. 

(Hierzu Tafel XXI -XXV). 

IL 

Noch vor der ei wesentlichen zweiten Bauperiode erfährt der 
Torweg die erste Veränderung. Sie wird uns wieder durch den 
Zustand des Torpfeilers F verraten. Dessen Oberfläche zeigt 
sich nämlich nur noch in der nach dem Eridanos gelegenen 
Hälfte glatt und eben, während die andere, nach dem Torweg 
gerichtete (^ im Plan und Schnitt Taf. XI u. XIII 1 und Abb. 
14/15; desgl. Phot. d. Inst. A.B. 307) von zahlreichen bald paral- 
lelen, bald sich schneidenden Rillen, welche nur von Wagenrä- 
dern herrühren können, zerstört oder doch entstellt ist. Folg- 
lich war der Pfeiler zu einer Zeit, als der Torweg sich schon 
über 0,5ü m angehöht hatte, im südlichen Teile von seinem 
Oberbau entblösst, während dessen nördliche Partie noch auf- 
recht stand. Man wird sich dies nur so erklären können, dass 
der gesteigerte Verkehr einmal eine Verbreiterung der Durch- 
fahrt verlangte und man deshalb den Pfeiler F soweit redu- 
cierte, als seine Stabilität vertragen und die Deckbalken von 
Tor und Überbrückung an Auflagefläche entbehren konnten. 
Das Anwachsen des Strassenniveaus ist uns aus der Beschaf- 
fenheit der äusseren Ecke sowohl des Pfeilers F selbst wie des 
Turmes C bereits bekannt. Die Zerstörung durch die anecken- 
den Wagenräder würde an diesen beiden vStellen nicht bis 
zur Oberkante haben emporsteigen können, wenn eben nicht 
auch die vStrasse immer höher gelegen hätte. Die Ecke von C 
zeigt aber ausserdem gerade in der Höhe, in der die Rillen 
auf F liegen — 0,70 bis 0,80 m unter dem Strassenniveau II — 
eine gewisse Unterbrechung in der Abschleifung ^ : sie wird 

' Auf Taf. XIII 2 in der Höhe der Strassenlinie I a zu erkennen. 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXIl 31 



474 F. NÖACK 

durch den neuen Strassendamm (I a) begründet sein, den man 
anlässlich jener Verbreiterung des Torwegs aufwarf. 

Endlich wird damit auch ein Umbau am Südpfeiler E 
zusammenzubringen sein. Dort liegt jetzt auf dem polygo- 
nalen Kalksteinsockel und mit diesem bündig eine flachere 
Schicht aus Spiegelquadern yb, die schon darum nicht ur- 
sprünglich sein kann, weil sie über beide Enden von E hinaus- 
greift und ihr aus unregelmässigen Blöcken bestehendes Fun- 
dament ß die Fassade des alten Pfeilers ignoriert. Andrerseits 
wird sie vom Fundament b der jüngeren Mauer DD] II teil- 
weise überdeckt, so dass ich Bedenken trage, sie ausschliess- 
lich dieser Periode zuzuweisen. Würde sie lediglich dem 
Zwecke gedient haben, das Fundament für DD^ II aufzuhö- 
hen, so brauchte sie nicht so sorgfältig die Richtung des alten 
Sockels einzuhalten, die für die jüngere Mauer nicht mehr 
gilt. Während sie ferner den westlichen Pfeilervorsprung er- 
hält, nur dass dieser jetzt um 0,22 m über die alte Ecke hinaus 
verschoben ist, hebt sie nach Osten zu die Pfeilerbilduno- auf, 
und setzt sich mitsamt ihrem Fundament in der F'assadenlinie 
der Polygonalschicht fort. Wir haben aber oben S. 155 gese- 
hen, dass und weshalb diese Fortsetzung auch in ihrem öst- 
lichen Verlaufe von DD^ II zu scheiden ist. 

Diese Auffassung wird unterstützt durch eine Reihe 
gleichartiger, ebenfalls nur an der Oberseite geebneter Blöcke, 
die auf der gegenüberliegenden Seite der Strasse zwei bis 
drei Schichten tief an die themistokleische Futtermauer kj 
zwar unvermittelt, aber doch diese fortführend, angestossen 
sind (k, und Phot. d. Inst. A.B. 334. 335. 339). Es wird noch 
zu zeigen sein, dass auch sie mit Periode II, welcher der kleine 
Mauerrest darüber angehört, in keinerlei Beziehung stehen. 

Was mit diesen Veränderungen im Einzelnen bezweckt 
war, vermag ich nicht zu sagen. Möglich, dass bereits mit 
jener Verbreiterung des Torwegs der Neubau eines Tores 
stadteinwärts geplant war und wir hier die ersten Vorarbei- 
ten dazu haben. 

Immer tiefer sinken die alten Werke aus den Tagen der 
Befreiungskämpfe in den stetig wachsenden Boden. Schon 
wird er die Lehmmauern erreicht und bedeckt haben, manche 



DIR MAURkN ATHENS 475 

Schäden mochten sich an deren Oberban zci.<ren. Da legt eine 
andere Zeit, die anch von den Welirniauern einer vStadt eine 
gefällioere, auf orössere technische X'ollendung- gestützte 
Aussenwirkung forderte, den alten 01)erbau bis zum Stein- 
sockel nieder. Nach teilweise ganz neuem (xrundplan entste- 
hen die Anlagen der Bauperiode II, die schönen Orthostaten 
auf A, die Spiegelquadern auf C, und was man durch das 
stadteinwärts zurückweichende Tor J K, dem die neue Mauer 
DDi folgt, an altem Stadtgebiet etwa aufgibt, — denn Tor 
EF muss jetzt gefallen sein - wird mehr als ersetzt durch 
die weiter ausgreifende Linie SvS,. 

Zwischen der südlichen Beendigung dieser Strecke und 
dem Tor J K gähnt jetzt eine Lücke. Die Brecciaschichten, 
die über GGj nach dem Turm N ziehen (fx[,ij in Abb. 1 4 und 1 .5), 
sind jünger: die sicheren Bestandteile der zweiten Periode ver- 
wenden dieses IMaterial noch nicht oder höchstens im Funda- 
ment. Und doch muss damals eine IVIauer, weit vor das Tor vor- 
gezogen und DDj auf dem rechten Ufer entsprechend, vorhan- 
den gewesen sein, denn .sie ist die notwendige Voraussetzung 
für die Richtung von SS^. Diese beweist, dass wir uns eine 
durchaus symmetrische Toranlage mit tief hinter die Enceinte 
zurück.springender Torgasse vorzustellen haben. Dass man sich 
dabei ausnahmsweise mit der alten themistokleischen Linie 
GGi begnügt habe, ist im Hinblick auf die Niveauverände- 
rung nicht gerade wahrscheinlich. Nur der Fortbestand von 
Gl ist gesichert (S.154 und unten). Ob und wie weit sie von L 
ab nach Westen wenigstens noch als Fundament riclituno-s- 
bestimmend geblieben sei, ist nicht mehr auszumachen. 

Müssen wir also verzichten, über diese Mauer mehr zu 
wissen, als dass .sie überhaupt bestanden habe, so steht es 
vielleicht etwas besser um den Turm, der ebenso notwendig 
als Bindeglied zwischen ihr und dem südlichen Ende von 
vSvS i gefordert wird. Wenigstens möchte ich die an dieser 
Stelle erhaltene Turmruine N (Phot. d. Inst. A. B. 200, Februar 
1904) nicht ganz aus dieser Periode ausschliessen, wie es v. 
Alten a. a. O. 45 (ihm folgend Wachsmuth II 214 f., Judeich 
Top. V. A. 1 2Q) getan hat, der indessen nicht viel mehr davon 
gekannt haben kann, als bis zum vergangenen Jahr zu sehen 



476 F. NOACK 

war, d. h. die vier obersten Lagen und ein kleines Stück 
der fünften. Schon zu dem kaum 0,50 m tiefer daran entlang 
führenden Kanal p — py ^ sind, so scheint es, die früheren 
Grabungen nicht mehr gelangt. Unter jener 5. Schicht aber 
liegen noch vier weitere, von denen allein die drei oberen 
zusammen 1,29 m hoch sind, während die unterste jetzt im 
Grundwasser verschwindet, und deren Oberkante liegt schon 
bei - 0,65 m (= 43,19 m ü. M.) : der Turm reicht also noch tiefer 
hinab als der themistokleische Turm CI. Die ziemlich scharf- 
kantigen Quadern seiner untersten Lage erwecken, im Ver- 
gleich mit der verschiedenartigen, teilweise bedeutenden Ver- 
witterung der folgenden Schichten, ganz den Anschein, als 
ob nur sie stets im Boden versenkt und dadurch geschützt 
gewesen seien, diese dagegen einmal frei aufgeragt hätten '•*. 
Durch die Verwitterung hindurch ist ihre ehemalige gute 
Qualität, wie sie eine sichtbare Fassade verlangt, noch zu 
erkennen. Der Turm rückt sonach in eine Zeit, wo das Eri- 
danosbett noch offen und der Bach noch nicht zu einer Kloake 
zusammengeschrumpft war, für deren ^Abwässer der Kanal — er 
hat die übliche Form der Abflusskanäle aus Thonrohren, vgl. 
ffa — , genügte. Dieser Kanal setzt bereits die völlige Verschüt- 
tung des alten Bachbettes voraus. Er ist von N bis über G hin- 
aus in steigender Linie nach Osten zu verfolgen und liegt bei 
G schon mit seiner Sohle 0,45 m höher als die der gleich zu 
besprechenden Überbrückung (43,58 m ü. M.), die mit dem 
noch offenen Bachbett gerechnet hat. War aber der Bach erst 
einmal so weit verschüttet, dann hätte man die Fundamente 
des Turmes nicht mehr so tief gegründet. Von der römischen 
Zeit, in der dieser sich doch nur langsam vollziehende Pro- 
cess die ersten baulichen Veränderungen herbeiführt (s. u.), 
wird die früheste Anlage des Turmes somit weit abgerückt. 
Wäre sie aber auch dann bis zu ihrem Fusse noch immer 



' Oberkante-f 0,53 m, Sohle — 0,26 m = 43,58 iii ü. M. 

* Die Bachsohle würde sonach damals am Turm N ein weniges über 
43,19 m gelegen haben. Dazu passt gut, dass sie in themistokleischer Zeit 
(bei G) noch etwas unter 43 m lag (s. oben S. 15b). Eine solche Versandung 
des Bachbettes wird man für einen Zeitraum von bald 90 Jahren wohl 
annehmen dürfen. 



DIE MAUERN ATHENS 477 

jünger als Periode II, so hätte sie, wie wir sahen, einen Turm 
aus dieser Zeit bereits verdrängen müssen, — und in diesem 
Falle ist es fraglich, ob sich der Erdkern gerade innerhalb 
der tieferen Schichten des jetzigen Turmes so ungestört 
erhalten haben würde, wie er es, wenigstens im südöstlichen 
Teile, ohne Zweifel ist. Es fanden sich hier nur wenige Scher- 
ben geometrischer und frühattischer Art in ziemlich reiner, 
rötlicher Erde, sowie einige Bruchstücke archaischer Grab- 
mäler'; erst darüber, schon in der Höhe der obersten Schicht 
der Mauer oo^ (von ca. 44,75 m ü. M. an aufwärts), vier Trom- 
meln kleiner dorischer Säulen aus Kalkstein, eine davon nur 
zur Hälfte erhalten, neben einander gesetzt und wohl zur obe- 
ren Füllung von N gehörig 2. Diese Beobachtungen scheinen 
mir dafür zu sprechen, dass wenigstens in den unteren Schich- 
ten von N noch der Bau der zweiten Periode erhalten sein 
kann. Um einen Turm an dieser Stelle kommen wir für diese 
Zeit auf keinen Fall herum. 

Um den Ring zu schliessen, blieb dann auch in dieser 
IL Periode unerlässlich die Überführung der Mauer über den 
Bach, und die Lösung dieser Aufgabe ist uns glücklicher- 
weise erhalten. 

Mitten aus dem von Themistokles regulierten Eridano.s- 
bett erhebt sich das merkwürdige Gewölbe LL^, dessen obe- 
rer Teil aus Kragsteinen aus dichtem, hartem Kalkstein lange 
bekannt und schon von Ziller in Beziehung zum Mauerbau 
gesetzt war (AM. II 1877,118, Taf. VIII 15). Wie sich diese 
Anlage aber zeitlich zu den umgebenden Befestigungsresten 
verhalte, hat sich endgiltig erst aufgeklärt, nachdem seine bis- 
her noch immer vermisste ^ völlige Freilegung erfolgt ist. 



• 1) Reste eines der Hermesplatte bei i (oben S. 155) entsprechenden 
Stückes, 2) Oberteil einer Grabstele mit den kaum kenntlichen Spuren eines 
bärtigen Mannes mit korinthischem Helm, 3) Hinterteil eines hockenden 
Tierkörpers und die eine Pranke des in A bei c verbauten Grablöwen : man 
hatte also das für den Mauerbau brauchbare Hauptstück über den Bach 
hinübergeschleppt. 

^ Höhe 0,46 m, Durchmesser ca. 0,69 m, 20 Canelluren. Die Fundlage 
ist auf Taf. X u. XI in N angedeutet; eine genaue Skizze existiert. Phot. d. 
Inst. A. B. 317. 

3 AM. XIII 1888, 115 (Dörpfeld). 



478 



F. NOACK 



Diese hat zunächst die interessante Tatsache ergeben, 
dass sich das Gewölbe über einem abgestuften Unterbau er- 
hebt, der die eigentliche Fassung des hier stark verengten 
Bachbettes bildet und als solche durch einen fest schliessen- 
den Steinbelag der Bachsohle vervollständigt wird. Abbil- 
dung 1 7 1 gibt diesen Befund in einem Schnitt, der durch das 
westliche Ende dieses Gewölbes und die benachbarten Mau- 
ern gelegt ist. Die sicher ursprünglichen Bestandteile des 
Gewölbes sind durch einfache, die themistokleische Futter- 
niauer kk, durch Kreuzschraffur bezeichnet. Punktiert ist end- 



46,28 




£.80 



43.5? 



Bcbchbett Ihe-nusLokLeLScJier Zeit 




A];l). 17. vSchnitt durch das Überbrückungs,y;ewülbe LL, 
und ilie themistokleischen l'ferniauern. 



lieh eine Quaderschicht m, die in nahezu rechtem Winkel an 
die oberste Fundamentschicht des Torturmes J stösst und 
nach Material und Lagerung ihrer vier Quadern - aus der 



' Auf der Abbildung ist G, für H und k., für k, zu lesen. 

' Drei davon als Läufer gelegt, die vierte, durch die der Schnitt geht, 
als Binder; diese letztere aus einem von dem Material der anderen und 
des Turmfundaments nur graduell verschiedenen Conglomeratstein (nach 
freundlichen Angaben A. Brückners und Dörpfelds, die die Steine auf meine 
B-itte hin nochmals untersuchten) ; v. Alten kann, obwohl er von 'sehr fein- 
körnigem Kalkstein ' spricht, doch nur dieses Mauerstück m im Auge 
gehabt haben, wenn er vS. 29. 30 von seiner 1,15 m dicken Torhofniauer 3 



DIE MAUERN ATHENS 479 

Zeit des Tores JK stammen miiss. Zur Ergänzung und Con- 
trolle können Phot. d. Inst. A.B. 330, 334-339 dienen. Abb. 14 
gibt die Ansicht des Gewölbes von Osten. 

Man sieht sofort, dass von diesen drei verschiedenen Bau- 
teilen die themistokleische Futtermauer (kki) — und dasselbe 
gilt von ihrer Verlängerung durch das vS. 474 erwähnte Block- 
fundament k2 — mit den beiden andern, Lj und m, nichts zu 
tun hat, nicht einmal, dass diese wenigstens an sie ange- 
stossen bezw. auf sie fundamentiert wären. Selbst die ihr noch 
am nächsten liegende Mauerschicht m ruht blos auf vSchutt K 

Aber gerade dieser Umstand hilft zu einem sicheren 
Schlüsse. Sieht man nämlich, dass das Fundament des Tor- 
turmes J nicht blos beträchtlich in das alte Bachbett ein- 
springt, sondern auch vier Schichten tief (bis 44,09 m ü. M.) 
hinabreicht, so muss man sich fragen, warum die zugehörige 
Quaderlinie m nur in der Stärke einer Schicht angelegt war, 
warum .sie, obwohl doch schon völlig in den Bereich des 
Bachbettes gerückt, nicht ebenso tief wie J fundamentiert 
wurde, warum man sie gleichsam in der Luft schweben las- 
sen konnte ? Dass der Bach damals bis zur Höhe von m 
bereits verschüttet gewesen wäre, ist undenkbar: dann wäre 
man nicht darauf verfallen, ihn für das Gewölbe bis beinahe 
zur alten Tiefe wieder auszugraben. Nein, die Lagerung von 
m ist nur verständlich, wenn der Gewölbepfeiler schon er- 
richtet und auf seiner Rückseite bis zu den älteren Futter- 
mauern kk^k, mit Schutt hinterfüllt war. In diesem Falle 
konnte man sich jede Fundamentierung für m sparen. Ist 
aber der Gewölbepfeiler L^ mit seiner Hinterfüllung die 
Voraussetzung für m und ist m vom Torturm J nicht zu tren- 
nen, so gehört das ganze Gewölbe in dieselbe Bauperiode 



sagt, dass die Lagerung der Steine ihre Zugehörigkeit zum 
Torturm 2 beweise. Eine längere Fortsetzung hat es jedoch davon 
nie gegeben, und auch sein Breitenmaass ist mir vinerfindlich, ebenso wie 
'die 1,15 m starke Mauer aus feinem hartem Porös', die bei Kawerau- 
Judeich, Top. v. A. 1 26 u., nun aber auf der rechten Eridanosseite, erscheint. 
* Der Stein n, ein hier später verbauter Keilstein des. jüngeren an- 
schliessenden Gewölbes (vgl. folgende Anm.), ist nur eingezeichnet, weil er 
in seiner Lage verblieben ist und den Zustand dahinter verdeckt. 



480 F. NOACK 

wie JK lind hat der Überführung der Mauer dieser Zeit und 
ihrer ndgoboq über den Eridanos gedient ^ 

Tafel XIII 3, II stellt die Toranlage der II. Periode dar. 
Die Hauptzüge des älteren Tores sind punktiert. Die Teile, 
die nach den vorstehenden Erwägungen dem ursprünglichen 
Tor II nicht gefehlt haben können, sind mit unterbrochenen 
Doppellinien gezeichnet und schraffiert. Ich brauche kaum 
zu sagen, dass diese Ergänzung demjenigen Vorbehalte unter- 
liegt, den der Befund verlangt. 

Die Toranlage der II. Periode ist mit dem grossen Dipy- 
lon im Nordosten gleichzeitig: dies gilt seit v. Altens Darle- 
gungen S. 39 f. als Tatsache (Wach.smuth II 222] Judeicli,Top. 
V. A. 1 29). Aber natürlich hat niemand, auch v. Alten trotz 



' Nicht völlig j^esichert ist die urspiiiiii;lich(.' Ausdeliiuiug tles Gewöl- 
bes. Der Gevvölbeunterbau greift in ursprünglichem Verbände sowohl nach 
Westen wie nach Osten etwas über die Krag.steine hinaus ; darauf hat sich 
dann beiderseits einmal ein Keilsteingewölbe (Ziller a. a. O.) erhoben, von 
dem noch einige vSteine in situ erhalten sind (aa im Plan Tafel XI und 
.Abb. 1 4) ; auch hat dafür das ältere Fundament wenigstens im Osten sicher 
noch eine weitere Verlängerung erfahren. Diese ganze andersartige Gewöl- 
beconstruction ist aus Periode II jedenfalls auszuscheiden. Was die Krag- 
steine selbst anlangt, so enden sie jetzt im Osten genau da, wo das Funda- 
ment des Torturmes J in das Hachbett einschneidet, und zwar so, dass seine 
Wandung sich gerade mit dem äussersten, östlichsten Kragstein von L,, ß 
deckt. Ebenso endet die Linie m in einer Flucht mit dem westlichen Krag- 
stein Y, und der gegenüberliegende Pfeiler L ist jetzt auf die nämliche 
Ausdehnung beschränkt. Die Länge von L, (ßy) beträgt 5,27 m, diejenige 
von L (ft-e. dieses ist auf der Tafel XI auf dem Stein rechts von |i , ausge- 
fallen) — hier nur in der I^'usslinie des CtCwöHjcs messbar — 5,3S ni : ein so 
geringer Unterschied, dass er im Oberbau verschwunclen sein könnte. Nach 
alledem möchte es scheinen, dass das ausgeführte Ciewölbe aus Kragstei- 
nen hinter der Länge seines Fundaments zurückgeblieben und auf die 
jetzt noch erhaltene Ausdehnung beschränkt gewesen .sei. Die Mauerstärke 
hat ja schon diese längst nicht beansprucht, sondern noch einen Brücken- 
weg hinter sich frei gelassen. .-Vber das Kragsteingewölbe ist (darauf weist 
Dörpfeld brieflich mit Recht hin) beiderseits abgearbeitet, doch wohl als die 
Keilsteinbogen angefügt wurden. Bei dieser Gelegenheit können also auch 
die äussersten Kragsteinreihen entfernt worden .sein. in)er die .\u.sdehnung 
■ des jüngeren Gewölbes s. S. 4"»b. Die obersten vSchichten von L, gehören 
einem Umbau an, wohl demselben, durch den die Mauer (ifi, entstand 
(Phot. d. Inst. A.B. 335. 337. 339). 



DIE MAUERN ATHENS 481 

seiner \0rsichtij4cn Kritik vS. ,^() nicht, je daran g^edacht, den 
polygonalen Ortliostatensockel ASSjS, mit dem Dipylon zu 
verbinden. Der war ja 'tliemistokleisch'. Jetzt aber, wo dieser 
(rlanbe sich als irrio erwiesen hat, sind wir vor die Entschei- 
duno- oestellt: diese Trennuno- wird bindend für die gesamten 
Anlagen von Periode II, oder aber mit Tor JK, Brückenge- 
wölbe, Torgasse und Turm C II rücken auch die Orthosta- 
tenmauern in die Entstehungszeit des Dipylon. 

Der Befund entscheidet für die Trennung. 

Einmal ist es die Verschiedenheit im Material : beim 
Dipylon reguläre Brecciaquadern auch im Kern des Oberbaus 
der massiv durchgeschichteten Mauern und Türme. Man 
würde sie z. B. auch im Kern von DD, II, wenn diese Mauer 
ein Umbau aus der Zeit des Dipylon wäre (Judeich a.a.O. 1 28), 
unbedingt zu erwarten haben. Und folgende Beobachtung 
tritt hinzu. Der bekannte Schichtungswechsel, den der Ortlio- 
statensockel vSvS, vom oQog-Stein ab bis zu seinem nördlichen 
Ende zeigt (IlQuxTixd 1872 Tafel, Phot. d. Inst. A.B. 199), kann 
nicht darauf zurückzuführen sein, dass hier die Strecke eines 
neuen ITnternehmers (Wach.snmth II 200), wie etwa bei den 
langen Mauern (IG. II 167, 7. 120) oder einer anderen Phyle, 
wie bei den Mauern des Piraeus (IG. II 2,830; Frickenhaus, 
xA.thens Mauern, Diss. Bonn 1905,9) eingesetzt habe. Das ist 
längst richtig bemerkt worden (Jahrb. f. Piniol. 1890, 734). 
Die Einheitlichkeit der ganzen Mauerlinie SvS j ist damit ge- 
währleistet, dass auf der Innenseite ein solcher Wechsel nicht 
besteht (vgl. Abb. 1 zu S. 124). Aber lässt .sich jener Wechsel 
nicht auch erklären? Wir müssen nur das entsprechende Ende 
des vSockels auf Strecke A vergleichen, wo ebenfalls das letzte 
vStück nicht mehr von polygonalen Orthostaten, sondern von 
horizontal geschichteten Quadern gebildet wird (Tafel XII 
obere Ansicht, Phot. d. Inst. A.B. 229). Es ist oben S.142 schon 
gesagt, dass dies in Rücksicht auf die nahe Pforte B gesche- 
hen musste. Hinzuzufügen ist, dass ein solcher Übergang nicht 
notwendig erst in nächster Nähe der betreffenden Ecke zu er- 
folgen brauchte; er konnte, wie wir häufig an Seitenwänden 
von Türmen sehen, schon früher eingeleitet werden. Nun ent- 
wickelt sich am o^xjq-vStein dieser Übergang aus der l)oh- 



482 F. NOACK 

gonalen in die horizontale Schichtung- ebenso normal unter 
engem Verbände beider Stücke, wie in A. In gleicher Weise 
schneidet aber auch das nördliche Ende vor dem Dipylon- 
turm T in einer Senkrechten durch die zusammengehörigen ^ 
Schichten ab; nach irgendwelchem Anschluss an den Turm 
ist weder von dessen Seite noch von derjenigen der Mauer 
her auch nur gesucht. Vielmehr klafft zwischen beiden Stücken 
eine völlig anorganische Lücke (Phot. d. Inst. A.B. 247). Es 
bleiben nur zwei Möglichkeiten: entweder SS^ stiess hier 
ursprünglich an eine im rechten Winkel zu ihr heraussprin- 
gende Wand; das könnte nur ein Turm gewesen sein, aber 
dann nicht der, der jetzt hier steht, und man würde sich fra- 
gen müssen, ob der Schichtungswechsel dann überhaupt not- 
wendig gewesen wäre, — oder die Beendigung von Sj erklärt 
sich wie in A durch eine Pforte, nach i\nalogie von Pforte 
B. Diese letztere Annahme hat die grössere Wahrscheinlich- 
keit für sich. 

Der auffallende Richtungswechsel in der nördlichen Fort- 
setzung der Enceinte (S2), der gerade hier einen einspringen- 
den Winkel entstehen lässt, wäre durch eine Toranlage am 
leichtesten erklärt. Ein Blick auf v. Altens Ergänzung aß auf 
Tafel IV A, die ihn selbst nicht befriedigt hat (S. 43), kann 
dies nur bestätigen. Und die nahe Aufeinanderfolge zweier 
Tore in dieser Gegend ist nicht so befremdlich und unge- 
rechtfertigt, wie sie einzelnen Gelehrten erschienen ist l 

Der alte Hauptausgang aus der Stadt war diesseits des 
Eridanos geblieben und dieser wurde als Geländegrenze und 
offene Wasserader (die man für die Mauer sogar überbrücken 
musste!) noch lange Zeit berücksichtigt. Wenn man nun das 
neue Stadtgebiet von dem grossen Verkehr der alten Haupt- 
strasse nicht ganz ausschliessen wollte, so musste man mög- 
lichst bald jenseits des Baches einen neuen Ausgang folgen 



' Die Brecciablöcke darauf sind ein viel jüngerer Zusatz (s. oben S.124). 

* Adler a.a.O. 161; B. Schmidt, die Thorfrage in der Topographie 
Athens, Prgr. Frei])urg 1S79, 19; Judeich, Top. v. A. 129, 12; Frazer Paus. II 
44 sucht die Erklärung darin, dass das eine, ältere, als besonderes Tor für 
die Toten gedient habe, was sich, wie wir sehen werden, nicht bestätigt. 



DIE MAUKKN ATHENS 483 

lassen, /n dein gewiss sofort von der alten Strasse her (etwa 
knrz \or dem Pnnkte, wo sie den Eridanos liberseliritt) ein 
ei^^ener Wc<>' cabt>e/Aveio^t wnrde. Es ist derselbe, der später- 
hin den letzten Teil der grossen Piraensstrasse, der ä\iaE,ix6q, 
o'ebildet hat. leh sehe daher keinen bereehti^ten Anlass, die 
bekannte Angabe Plntarchs Per. 30,.^ über die Bgidaiui Jivhu, 
a'\ vvv MkvXov övofuii'CoA'Tdti, hinwegzuinterpretieren. vSie wird 
doch nicht anders zn \erstehen sein, als dass vor dem nionn- 
nientalen Pau des Dipylon, der zu der Umnennung erst den 
Anlass gab ', an derselben Stelle eine ältere, einfachere An- 
lage, das thriasische Tor, bestanden habe. Damit werden wir 
zugleich den Forderungen gerecht, welche die verschieden 
bestinmite Lage des Grabes des Anthemokritos stellt. Die 
Überlieferung erlaubt, dass wir es innerhalb des von beiden 
Torstrassen begrenzten Dreiecks in die Nähe ihrer Gabelung 
versetzen, so dass es ebenso an dem heiligen Wege nach 
Eleusis (Paus. I 36,3) wie in der Nähe des thriasischen Tores '^ 
(Plutarch a. a. O. Harpokration s. v. A.) anzutreffen war. 

Da Tiefgrabungen an der Feldseite des Dipylon bei UU, 
U2 noch nicht stattgefunden haben -^ kommen wir über eine 
Vermutung, wie dieses Tor gestaltet gewesen wäre, nicht hin- 
aus, und sie gilt zunächst auch nur für Periode II. Das Tor 
an sich ist jedoch schon für den themistokleischen xwXoc 
selbstverständlich. Wir würden uns denken dürfen, dass das 
ältere Tor ähnlich wie EF liinter AC, nur weniger tief, hinter 
SSj zurückgetreten sei und durch einen Eckturm seine Sei- 
tendeckung erhalten habe, der, neben der Pforte bei Sj gele- 
gen, dem Turme C entsprach. 



' Judeicb, Jalirl). f. Philol. 1890, 73b; E. Curtius, Stadfg. 179. Man sehe, 
zu welchen Consequenzen die Leugnung dieser Auffassung bei Schmidt 
a.a.O. 20 (dem Milchhöfer, Baum. Denkm. I 149 folgt) geführt hat. Auch 
\Vach.smuth II 218 f. 222, 4 (und Pauly-Wi.ssowa V 1105) war hierbei, eben- 
so wie bei den Verstärkungsmauern Q-O., R (s. u.), infolge zu früher Datie- 
rung des Dipylon zu vSchwierigkeiten gekommen. 

'-' 'Nicht unmittelbar am Tor' Judeich, Top. v. A. 129, 12. 

■' Bei U würden sie durch die moderne Kloake sehr erschwert sein. Der 
Graben V hat an eine Steinsetzung geführt, die wohl noch im Zusammen- 
hang mit den Fundamenten des Dipylon steht. Doch wäre sie noch weiter 
zu verfolgen. 



484 F. NOACK 

Als letztes Moment für die Abtrennung- des Dipylon von 
Periode II glaube ich einige Nivellements, zunächst diejeni- 
gen der Wasserausflüsse in der Verstärkungsmauer QQj, an- 
führen zu dürfen. Deren Sohle liegt nämlich schon an der 
Feldseite um 0,20 m höher als der Fuss des Orthostatensockels 
SSj (^46,1 6 m zu 45,96 m. ü. M.) Der Unterschied war an der 
Stadtseite, da man ein, wenn auch nur geringes Gefälle inner- 
halb der 4,20 m dicken Mauer voraussetzen darf, noch etwas 
grösser. Folglich hatte sich, bis QQi errichtet wurde, der 
Boden vor SS^ schon angehöht oder musste zum mindesten 
nach der Anlage von QQi sofort zwischen beiden Mauerlinien 
aufgeschüttet werden. Jedenfalls ist SS^ älter als QQi, — woran 
übrigens nie gezweifelt worden ist, nur ist das Verhältnis erst 
durch dieses Nivellement gesichert. Die Verstärkungsmauer 
aber gehört, ebenso wie Qg und R, mit dem Dipylon zusam- 
men zu einem einheitlichen Befestigungsplan. Das hat, wie 
ich mit Judeich a. a. O. 128, 11 glaube, v. Alten S. 41 f. richtig 
dargelegt. Was wir für QQi erschliessen, ist also bindend 
auch für das Dipylon. 

Schliesslich ist festzustellen, dass die gesamte Bauanlage 
der Periode II vom nördlichen Ende von SSj bis über ein 
Drittel von A hinaus in nahezu ein und derselben Ebene liegt: 
Fuss des Orthostatensockels bei S^ . . . = 46,00 m ü. M. 

(Basis des ÖQog- Steins. . = 45,80 » ^ ») 

Fuss des Orthostatensockels bei S . . . = 46,13 » » » 

Strassenniveau bei C II = ca.46,00 » » » 

Niveau im Torweg JK = ca.46,00 » » » 

Fuss des Orthostatensockels in Aneben B. ^ 46,00 » » » 

Desgk 5 - 1 m südlich von B = 46,1 1-46,25ü.M. 

Für die Durchgänge des Dipylon dagegen ergibt sich ein 
Niveau von 46,90-47,00 m bei UUi, von rund 47,20 bei Wi- 
W 2- Ein derart unvermittelter Höhenwechsel weist deutlich 
in eine andere Zeit. Wir scheiden nach alledem das Dipylon 
mit Zuversicht aus der zweiten Bauperiode aus. 

Dieses Torgebäude, von dessen strategischer Stärke der 
Misserfolg Philipps V. ebenso Zeugnis ablegt, wie der Einzug 
Attalos I. von seinem vornehmsten Range unter den Toren 



DIR MAUERN ATHENS 485 

des hellenistischen Athen, hat den Herstelliingsversuchen am 
wenigsten vSchwierigkeiten geboten. Bei T , scheint mir die 
Ergänzung, die v. Alten S. 36 vorgeschlagen hat, dem vor- 
handenen Überrest mehr Rechnung zu tragen, als der grosse 
Turm, den Middleton (a. a. O. pl. 24) bei O vermutet. Da bei 
dem inneren Torverschluss von den '"Tragsteinen für die 
Torangel und Pfosten'', die v. Alten vS. 37 nennt, nichts mehr 
zu sehen war, habe ich die Anlage, soweit ich im vSomnier 
vermochte, freigelegt. Das Ergebnis ist in dem Nebenplan 
auf Tafel X dargestellt. 

Der Bau war von einer vorzüglichen Solidität. Es hat 
sich gezeigt, dass die ganze Torwand, die Durchgänge ein- 
begriffen, auf einem einheitlichen starken Fundamente aus 
grossen Quadern ruht (Phot. d. Inst. A.B. 349). Ob dieses 
innerhalb der Durchgänge selbst auf die eine Hauptschicht ^ 
beschränkt war, scheint nicht ganz gewiss. Keinesfalls aber 
hat es hier bis zum Strassenniveau emporgereicht. Dieses hat 
nach Ausweis des Tragsteines des Torpfostens erst beim obe- 
ren Rande der zweitfolgenden Torpfeilerschicht gelegen; diese 
Schicht hat aber auch an ihrer Seite nach dem Torweg zu 
Spiegel und Saumschlag (a in Abb. 1 8) anstatt Anschluss- 
fläche, wie sie bei der Durchschichtung des Fundaments bis zu 
dieser Höhe zu erwarten gewesen wäre. 

Von den grossen Tragsteinen der Torpfosten ist nur der 
nördlichste erhalten (1,36 m 1., 0,64 m br., 0,49 m h.) ; er ist, wie 
der Plan und Phot. d. Inst. A.B. 350 zu erkennen geben, in 
die erwähnte Schicht des Pfeilers W^^ zu einem kleinen Teile 
eingelassen. Drei 0,09 m tiefe Bettungen dienten für die Zap- 
fen des offenbar drei geteilten stattlichen Pfostens, dessen 
Gesamtgrundfläche etwa 0,9:0,4 m mass. Das Loch für die 
Torangel ist teilweise zerstört, so dass sich das Niveau der 
Strasse nur nach dem Fusspunkt des Torpfostens — bei 47,25 m 
ü. M. — abschätzen lässt. 

Der Pfeiler Wg — i"i Oberbau 4,55 m dick — ist noch am 
besten erhalten. Bei c ist der Marmorblock mit der Kallai- 



* Oberkante bei 45,80 m ü. M.— auf der Stadtseite ist darunter, unter 
W,, noch eine zweite Schicht sichtbar. 



486 



F. NOACK 



schros- Inschrift (IG. I Siippl. 112,477 i) auf der Oberseite 
verbaut K Bei a ist an den Spiegelquadern die Ansclilussstelle 
der kurzen Abschlusswand der Brunnenanlage zu erkennen, 
die V. Alten S. 38 f. (Adler a.a.O. 158; Wachsmuth II 128, 5) 
beschrieben hat. Danach war diese Wand ca. 0,53 m stark. 
Der Saumschlag der Spiegelquadern war niemals weiter als 
bis zu dieser Anschlussstelle geführt, so dass man zu schlies- 
sen hat, dass das Brunnenhaus bereits zur ersten Anlage des 
Tores g-ehörte -. 




Abb. 18. Di])ylnn. Die inneren Tonlurch.i^än.m- \()n der Stadtsc-iie L^esehen. 

Die von dem mittleren Pfeiler Wi, dem fiexcojtov des Dop- 
peltore.s, gerade noch erhaltene nordöstliche Ecke ermöglicht 



' Da.s erhaltene Stück ist 0,84 ni lanjj;, 0,20 ni hocli. Bnchstabenhöhe 
0,03 m. Die AM. X 1885, 403 anft^eworfene Fra^e über das Alter des I)i])v- 
lon ist jetzt natürlich zu verneinen. 

- Gleiches wird man für das jj;rosse Bas.sin im Südwesten vor R (I 1 bei 
V. Alten, IlQaxTixa 1879'8(), %) anzunehmen hal)en. Die Blendquadern der 
Verstärk unj^sm au er R (verj^l. v. Alten S. 42) reichen nach Süden zu .i^erade 
nur bis zu der vSeitenwand des Bassins und sind offenbar nicht weiter 
geführt gewesen. 



DIE MAUERN ATHENS 487 

die genaue Bestimmung' der lichten Weite auf 4,1 2 m, die zwi- 
schen den Torpfosten noch um wenigstens (),.S0 m beschränkt 
gewesen sein muss : nach den Maassen der Zapfenlöcher muss 
jeder der beiden Torpfosten mindestens (),4()m vorgetreten 
sein. Die Toröffnung käme hiernach auf rund 3,30 m, also 
gerade 10 attische Fuss (zu 0,328 m). 

Von dem Pfeiler W ist nur das Fundament und ein Teil 
des Kernes in ein bis zwei Schichten erhalten (Phot. d. Inst. 
A.B. 353). In dem Durchgang WW, liegt jetzt die moderne 
Kloake. 

Von der sorgfältigen decorativen Zuriclitung der Ver- 
blendsteine des Tores gibt Abb. 1 8 eine Vorstellung. Der 
Spiegel ist nur 0,01 m-0,012m hoch \ der Saumschlag sehr 
gut geglättet; die Quadern haben seitliche x'Ynathyrosis und 
an den Vertikalfugen einseitige leichte Abschrägung zur Ver- 
hütung der Absplitterung der Kanten. Im Vordergrunde der 
Abbildung ist der Rest von W, -', rechts davon der Altar des 
Zeus, Hermes und Akamas -^ (Z) zu sehen. Bei dem um einen 
Stein höher erhaltenen Pfeiler Wo ist die oben besprochene 
Schicht mit a bezeichnet; dahinter erscheint der Brecciakern 
der nördlichen Torhofmauer, rechts in dem Brunnenbassin C 
der von v. Alten S. 38 genannte Rest der Wandverkleidung h. 

Die Zeitbestimmung der verschiedenen nachthemisto- 
kleischen Bauten ist durch die vorstehenden Untersuchungen 
zunächst insofern gefördert worden, als die Aufeinanderfolge 
der Bauanlagen sich genauer hat präcisieren lassen. IVIan 
wird jetzt nicht mehr fragen können, ob das Dipylon in peri- 



' Wesentlich flacher als z. R. an Turm C II. 

^ Die echinusartige Marmorplatte (Durchmesser 0,705 m) davor kann 
erst sehr spät, als der Torpfeiler soweit zerstört war, dahin geraten sein. 

^ Wachsmuth II 228, 4. Die Basis, aus zwei 0,52 und 0,385 m hohen 
aufeinander gesetzten Blöcken, auf die der C3'lindri.sche Altarstein (Durch- 
messer 0,79m) erst nachträglich wieder aufgesetzt wurde (IlQaxTixd 1873/74, 
12; B. Schmidt a. a. O. 13, 1), liegt allerdings nicht vollständig parallel zu 
dem Torpfeiler (vergl. den Nebenplan auf Tafel X). Aber das Niveau ihrer 
Oberkante, 47,45 m ü. M., passt zu dem ersten Strassenniveaii (S. 485), da 
der obere Block zum Teil sichtbar gewesen sein muss. 



488 F. NOACK 

kleischer Zeit entstanden sei \ Man wird diesen Termin nicht 
einmal für die zweite Bauperiode gelten lassen können. Dass 
von ofrösseren Um- und Neubauten an den Stadtmauern selbst 
aus jener Zeit nichts bekannt ist, will an sich gewiss nicht 
viel besagen; die Teixojioioi von 444/42 haben nur mit dem 8id 
[lEoov T81X0S, der südlichen Schenkelmauer, zu tun (Ed. Me)'er, 
G. d. A. IV 36 Anm.). Aber es ist von vornherein wenig glaub- 
lich, dass die themistokleische Mauer ohne besonderen Grund, 
schon ehe zwei Menschenalter verstrichen waren, einen derar- 
tigen Eingriff erforderlich gemacht haben sollte. Und ausser- 
dem kennen wir jetzt eine frühere Abänderung des themisto- 
kleischen Torbaus, die selbst schon voraussetzt, dass eine 
geraume Zeit seit der ersten Erbauung verstrichen war. Sie 
ist, weil lediglich durch den steigenden Verkehr veranlasst, 
nicht genauer zu datieren. Aber man wird dann nicht die fol- 
gende grosse Umgestaltung des ganzen Torweges auch noch 
in die Pentekontaetie hineindrängen wollen. Deren Entste- 
hungszeit muss vielmehr auf andere Weise einzugrenzen sein. 
Die Grenze nach unten ist durch die längst richtig ge- 
würdigte Tatsache gegeben, dass die Mauer SSj von der Nord- 
ecke eines Gebäudes bereits überschnitten wird, das schon 
seiner | — I Klammern wegen nicht unter die zweite Hälfte 
des IV. Jahrhunderts hinabgerückt werden kann. Diese Datie- 
rung wird weiter eingeschränkt, wenn wir in diesem Bau das 
Pompeion erblicken dürfen, das nach Demosth. XXXIV 39 um 
330 schon bestand. Diese zuerst von Adler a.a.O. 161 aus- 
gesprochene Deutung steht aber für mich zumal nach den 
Erörterungen von B. Schmidt a.a.O. 21 f. ausser Zweifel -! Ich 
möchte noch besonders betonen, dass auf seine Bestimmung 
als oixo86[U][xa eli; jtaQaoxEiir)A' tcöa' jTO|.)jtdn' (Paus. I 2, 4) seine 

' Wachsmutli II 218 (anders bei Pauly -Wissowa V I1b5, b2); Curtius 
Stadtg. V. A. 178. 18'5; Frazer, Paus. II 45. Zurückhaltender Fnrtwängler, 
Sitzvingsbericlite d. bayr. Akad. l'^Ol, 41h, 1. Die Materialfrage lasse ich hier 
absichtlich noch bei Seite. 

^ Zu der bei Hitzig- Blünmer, Tansanias I 120 angefnlirten Literatur 
treten Frazer, Paus. II 46 ; Jndeich 1 28, 1 1 . 321 .— Genauere Beschreibung 
bei V. Alten 47. u. a. Hierzu jetzt die Aufnahme der .südlichen Aussenwand 
mit den Strebepfeilern auf Tafel XI. Vgl. Phot. d. Inst. A. B. 342. 343. 



DIE MAUERN ATHENS 



489 



Grundform ausdrücklicli hinweist: ein breiterer Mittelg-ang 
zwisclien zwei (nahezu bleich breiten) Seitenschiffen — das ist 
die ( irundform der phik)nisc]ien Skeuothek (Hermes XVII 553; 
AM. VIII 1SS3, 15g). Socrar das Verhältnis von Mittel- und 
Seitenhalle ist sehr ähnlich '. Und wenn das Pompeion dem 
Publicum zugänglich war und Diogenes darin lehren konnte, 
so werden wir an die 6iofto(; xü br\[un biu neoi]c, xr\g öxei;o9t]xt]? 
(a. a. O. Z. 1 3) erinnert und möchten uns die x'J^y«'' "i^^ [\^o6- 
|i,v«i für Festgeräte und Vorräte auch hier auf die »Seiten- 
schiffe bescliränkt denken. 

Nur in der Länge muss das Pompeion zurückgestanden 
haben. Wenn .sie auch bis heute noch unbestimmt ist, so wird 
sich soviel behaupten lassen, da.ss die Front des Gebäudes 
niclit über die innere Fluchtlinie des Dipylon vorgesprungen 
sein kann : eins von beiden wäre sonst anders orientiert. Da- 
durch wird die äusserste Längsausdehnung des Pompeion auf 
50-55 m bestimmt ^. 



' wie 5 7.U etwas über 3 ; Skeuothek 20' : 12 '// (=: 5 : 3 '/iJ, Pompeion 
8 m : 5 bezw. 5,5 m (=5:3 '/g bezw. 3 ^j^). 

- Ob etwa ein rundes Maass, 1 '/2 Plethren ==:: 1 50'= 49,20 m, nach Ana- 
logie der vSkeuothek ohne die Wandstärke gerechnet, vorlag, bleibt eine 
offene Frage, zumal auch das Breitenmaass keine runde Zahl ergibt : es 
führt etwa zu der Auflösung : 63 Fuss xai 6xT(o avv Toii; toi^ok;. Die oberen 
der erhaltenen Schichten messen 1,25-1,27 m in der Breite, d. h. knapp 4 
Fuss: die unteren schwanken zwischen 1,35-1,42 m bezw. 1,50-1,70 m. 




Abb. 19. 



Entsprechend der grö.s,seren Breite wird auch seine Höhe diejenige der 
vSkeuothek (von Euthynteria bis Gei.son 2 7 '=8, 86 m) etwas überschritten 
haben ; auch die Wände können entsprechend stärker (dort 2 '/.j') gewesen 
sein. Von den in dem Bericht der IleuxTixd 1876, 15 erwähnten Geisa konnte 
ich einen Block mit glatter Ihiterschneidung, die gegen die Auflagefläche 
mit einem Kymation absetzt, identificieren Abb. 19. Soweit dieses, das stark 
verwittert ist, eine genauere Messung gestattete, ergab sich für die Unter- 



ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 



32 



490 F. NOACK 

Hiervon liegt nur etwa die Hälfte im Bereiche der alten 
Ufemiauer o-Gj bezw. Nordmauer der Torgasse IL Die An- 
schüttung, in der die Fundamente des Pompeion und die sei- 
ner Strebepfeiler verschwanden, fand an diesen Mauern den 
notwendigen Widerhalt. Nach dem 6. Strebepfeiler, wo die 
Fundamente den Bereich dieser Stützwand verliessen und 
nun frei am offenen Uferabhang lagen, musste daher als 
Fortsetzung von G^ eine neue Verkleidungsmauer errichtet 
werden. Von dieser Mauer stammt der Rest M (Taf. XI, Phot. 
d. Inst. A.B. 322/25), dessen schon bei der Beschreibung von 
GGi (S. 154, d in Abb. 16) gedacht wurde. 

Der Unterbau besteht aus 5 Schichten von Kalkstein- 
quadern, von denen die beiden oberen um 0,05 m hinter die 
unteren zurücktreten, — ein bekanntes Mittel, die Widerstands- 
kraft von Stützmauern zu verstärken. Nur die oberste, schmäl- 
ste Schicht hat allseitigen Saumschlag. Sie trägt eine dop- 
pelte Reihe 0,755 m hoher und je 1,30 m langer, gleichfalls 
gesäumter Orthostaten aus hymettischem Marmor, die einen 
0,70 m dicken Sockel bilden. Wie hoch die darüber aufge- 
hende Wand war, bleibt unbestimmbar. Dass diese Mauer 
jünger sein muss als GG^, beweist einmal der Marmor; aus- 
serdem reicht sie nicht so tief hinab (nur bis 44,20 m) und 
entbehrt der vortretenden Stufe, die für die themistokleischen 
Uferbauten bezeichnend ist. Sie war darum auch offenbar 
nicht mehr als unmittelbare Fassung des Baches selbst ge- 
dacht, sondern lag mit ihrem Fusse schon in die Uferbö- 
schung versenkt. Endlich stösst sie durch alle Schichten 
stumpf an die Ostfassade von G^ an, die ihrerseits in der 
regelmässigen Abstufung ihrer Schichten das Merkmal ihres 
einstigen freien Abschlusses trägt. Sie überragt diese noch 



schneidung eine Länge von 0,645 m (= 2'), für die Auflagefläclie knapp 
1,00 m (:= 3'). Obwohl das letztere Maass bei der starken Zerstörung der 
Rückseite nicht ganz sicher ist, so ist das Verhältnis von 2 : 3, das sich so 
für beide Teile ergibt, durchaus einwandfrei, und etwa gerade so stark, 
wie es diese Auflagefläche verlangt, wird man sich auch die aufgehenden 
Wände vorzustellen haben, d. h. ein wenig stärker als die der Skeuothek. 
Wir werden daher diesen Geisonblock, der obendrein auf G, vorgefunden 
wurde, zum Pompeion rechnen dürfen. 



niE MAUERN ATHENS 491 

jetzt um 1,38 lu und lässt dadurch erkennen, dass dieser Teil 
der themistokleischen Mauer noch über kononische Zeit hin- 
aus (s. u.) hoch aufrecht stand. Denn sie selbst kann nur in 
Verbindung mit den Pompeionfundamenten ihre Erklärung 
finden. Mit dem praktischen Zweck einer vStützmauer für 
deren Hinterfüllungmassen verband sie aber zugleich einen 
decorativen: als elegante Marmorwand oder -balustrade zog 
sie sich über dem nördlichen Eridanosufer hin. 

Um den schiefwinkeligen Platz hinter der Mauer mög- 
lichst auszunutzen, hat man das Gebäude so weit nach Westen 
verdrängt, dass sogar ein Stück von SS^, bei W4, abgetragen 
werden musste. Dass die Stadtmauer auf dieser Strecke schon 
vorher in Ruinen gelegen habe oder baufällig gewesen sei, 
dürfen wir daraus ebenso wenig schliessen, wie dass sie mit 
der Erbauung des Pompeion cassiert worden sei. Sie muss, 
wenn auch von da an durchschnitten, weiter bestanden haben, 
da ja in ihre Linie das Dipylon eingefügt wird und sie noch 
in viel späterer Zeit durch eine Steinmauer ebenso überhöht 
worden ist wie A. Sie hat zu allen Zeiten als Stadtmauer ge- 
dient. Die Errichtung des Pompeion setzt darum auch die \'er- 
stärkungQQi nicht schon voraus (Judeich a.a.O. 128,11). Es 
lässt sich höchstens umgekehrt vermuten, dass die unzwei- 
felhafte Schwächung, welche die Enceinte durch das Pom- 
peion erfahren hatte, mitbestimmend für jene Anlage gewe- 
sen sein kann, und dass folglich QQi und damit auch das 
Dipylon nicht allzu lange Zeit nach dem Pompeion entstan- 
den sein werden. 

Einen letzten Anhalt für das Verhältnis der zweiten Bau- 
periode zum Pompeion gibt wieder der bedeutend erhöhte 
Boden, auf dem dieses steht. Sein Fundament, das mit dem 
Fusspunkt — in P3 44,90 m ü. M. — noch 2 m über der Bach- 
sohle des Eridanos bleibt, hat mit der 5. Schicht (bei 47,07 m) 
schon das Niveau des Dipylonhofes erreicht ^ Es muss also 
ein beträchtlicher Zeitraum zwischen den beiden Anlagen 



* Darum ist die Erhaltung des Orthostatenrestes von SS , innerhalb des 
nördlichen Seitenschiffs des Pompeion nicht auffallend, wie v. Alten S. 4" 
meinte : er lag bereits unter dessen Fussboden. 



492 F. NOACK 

verstrichen sein, und wir kommen, da wir das Pompeion 
kaum unter die Mitte des IV. Jahrhunderts hinabrücken kön- 
nen, mit Bauperiode II notwendig soweit zurück, dass ihrer 
Verbindung mit den Neubauten Konons nichts im Wege 
steht. Ein früherer Termin wäre nach 403 undenkbar, und 
noch weniger wird man sich entschliessen können, in die 
Zeit des peloponnesischen Krieges selbst zurückzugehen ^ 

Die Überlieferung über Konons Leistung bei Xen. Hell. 
IV 8, 9 und Diodor XIV 85, 2 hat nur den Wiederaufbau des 
auf Grund der Friedensbedingungen zerstörten Teiles des 
Gesamtperibolos im Sinne, d. h. die Schenkelmauern und 
die Piraeuswerke, ov eiÖevai oii Aaxeöaifiovioig o-uöev civ ßaQVTE- 
Qov yeroiTO. Dass demgegenüber eine Veränderung am Stadt- 



^ Auf einen Fundumstand, dem ich oben S.1 38. 1 58 noch grössere Bedeu- 
tung zumessen zu dürfen glaubte, als ich es jetzt nach einer freundlichen 
Mitteilung von R. Zahn, die ich während der Correctur erhalte, noch kann, 
will ich wenigstens in der Anmerkung kurz eingehen, da er seinen Wert in 
anderer Weise behält. Es handelt .sich bloss um zwei kleine Vasenscherben 
aus Wj, aber sie sind nach allen meinen Beobachtungen an einer bis dahin 
von Ausgrabungen sicher unberührten Stelle gefunden : i n dem Kern der 
Mauer SS j und unter ihm war noch niemals gegraben worden. Sie kön- 
nen also nur vor, allerspätestens bei Errichtung der Befestigung in diese 
Lage gekommen sein. Sie gehören zu der weitverbreiteten Gruppe attischer 
Gefässe mit eingepressten und eingravierten Ornamenten, die neuerdings 
Zahn bei Wiegand-Schrader, Priene, 395 f. behandelt hat, und zwar zu den 
älteren Gefässen mit sehr feiner Gravierung. Zahn lässt deren Fabrikation 
erst in der 2. Hälfte des IV. Jahrhunderts beginnen. Durch unseren Befund 
erfährt jedoch diese Datierung eine sichere Correctur. Es muss solche Ge- 
fässe schon um 400 gegeben haben (vgl. Conze, Kleinfunde aus Pergamon, 
Abb. Berl, Ak. d. Wiss. 1902 phil.-hist. Cl. S. 16); auch wird es nicht gleich 
eines der ersten und ältesten gewesen sein, dessen Scherben unter die Mauer 
gerieten. Stilistische oder technische Gründe, die gegen einen solchen An- 
satz sprächen, kann ich nicht finden. Wenn ich jedoch andrerseits glaubte, 
dass man mit diesen Vasen nicht nun auch im V. Jahrhundert weiter hin- 
aufgehen dürfe, und in jenem scheinbar geringfügigen Befund einen wert- 
vollen terminus post quem für SS j und Periode II üh)erhaupt erblickte, so 
macht mich Zahn jetzt auf einen Grabfund von Bologna aufmerksam, der 
eine solche Schale neben schwarzfigurigen Vasen enthält (Zannoni, Scavi 
nella Certosa S. 399 Taf. CXXXIX 1 . 2, mir hier nicht zugänglich). Die 
Frage bleibt, wie weit in diesem Fund die Datierungskraft der schwarzfi- 
gurigen Vasen geht. 



DIE MAUERN ATHENS 493 

kyklos, die nicht durch t^ewaltsame Zerstöruno; veranlasst war, 
in diesen Berichten unbeachtet blieb, darf uns daher nicht 
wundern. Fortificatorischer Bauten wird überhaupt nur sel- 
ten und aus besonderem Anlass gedacht. Auch von dem Bau 
des Dipylon schweigt die Tradition, eben.so wie sie neben 
dem Telesterion des Iktinos die grossartigen Mauerbauten 
im perikleischen Eleusis übergangen hat. Für kononische 
Zeit ist ausserdem zwar nicht beweisend, aber doch günstig, 
dass die Bauurkunden von 394/92 für die neuen Befestigun- 
gen im Piraeus ^ dieselbe Technik bezeugen, die wir bei den 
Mauern unserer Periode II vorauszusetzen haben. Die Lehm- 
ziegelmauern, wie hier, auf polygonalem Sockel zu errichten, 
entspricht alter Tradition; wir treffen sie noch um 370 in 
Mantinea (Phot. d. Inst. Pel. 23). Nur in der Torgasse, bei 
DDj, ist man davon abgewichen. Die Bestimmung, dass für 
die Curtinen rechtwinkelig behauene Quadern (öq\)oi)(; JiavtaxTJ 
xai e^ycovioiK;) zu liefern und auch für das äiOo?iÖy>1|-U/. zu ver- 
wenden seien, findet sich erst in den Bauurkunden aus der 
2. Hälfte des IV. Jahrhunderts: damals beginnt man, die athe- 
nischen Festungswerke einem systematischen Umbau in Stein 
zu unterziehen (Frickenhaus a.a.O. 26.44; Kolbe, Berl. philol. 
Woch. 1907, 331). Ganz richtig erblickt man den Anlass dazu 
in den gewaltigen Fortschritten der damaligen Belagerungs- 
kunst, die widerstandsfähigere INIauern verlangte. 

Unter den Anlagen beim Eridanos entspricht der mas- 
sive Steinbau des Dipylon zum ersten Male dieser Forderung. 
Damit ist aber, denke ich, der Zeitpunkt gewonnen, wo sich 
auch dieser grosse Torbau ganz natürlich in die Bauge- 
schichte einfügt, im Einklang mit der anderen Erwägung, 
die ihn jünger als das Pompeion erscheinen Hess. Seine 
Technik passt, genau genommen, eben erst in diese Zeit. 
Und um zu einer noch genaueren Datierung zu gelangen, 
möchte ich betonen, dass, soweit wir sehen können, der Neu- 
bau des Dipylon an den Mauerstücken AS-S4 zunächst kei- 
nerlei Veränderungen nach sich gezogen hat. Angesichts der 
geringen Qualität von A III und der S.144f. charakterisierten 



Einige kurze Mitteilungen darüber werde ich gesondert geben. 



494 F. NOACK 

Massivmauer d auf DDj, die schlecht zu dem vStile des Dipy- , 
Ion passen würden, haben wir keinen stichhaltigen Grund zu 
der Annahme, dass die kononische, Lehmziegelmauer auch auf 
diesen Strecken schon damals durch vSteinbau ersetzt worden 
sei. Diese Notwendigkeit bestand ja überhaupt nicht über- 
all in gleichem Maasse: sonst hätten sich einzelne Strecken 
aus Lehmziegeln nicht bis in römische Zeit gehalten (Vitruv 
II 8, 9. Plin. N.H. XXXV 73). Aber hier war von vornherein 
durch die grosse Nähe der beiden Toranlagen eine schwache 
Stelle geschaffen und diese Schwächung durch den Eingriff 
des Pompeion in SSi noch vermehrt, Grund genug, der ver- 
änderten Belagerungstechnik auf andere Weise Rechnung 
zu tragen : das geschah durch die vorgelegten Verstärkungs- 
mauern R, Q-Qo- Wenn es sich nun aber empfiehlt, diese 
neuen Anlagen in einen solchen gewissen Causalzusammen- 
hang mit dem Pompeion zu bringen, so begrenzt sich ihre 
Entstehungszeit von selbst : sie fällt nach der Mitte des Jahr- 
hunderts und nicht zu weit in die 2. Hälfte hinab. Das führt 
also doch in die grosse Bauperiode unter Lykurgos (338-326), 
von deren Festungsbauten grösseren vStiles zwar unsere an- 
deren Quellen schweigen (Wachsmuth II 208), jetzt aber die 
Steine reden ('Eq). ägi. 190Ü, 91: 337 v. Chr.). 

Das Dipylon pflegt bei der Frage nach der Zeit des Dio- 
nysostheaters genannt zu werden wegen der übereinstimmen- 
den Bauweise: Verkleidung des, gleich dem Fundament, aus 
Breccia bestehenden Mauerkernes mit Spiegelquadern aus 
Piraeuskalk 1 (Reisch, Eranos Vindob. 2; Dörpfeld-Reisch, Das 
griech. Theater 12. 37; Furtwängler, Sitzungsberichte der bayr. 
Akad. 1901, 415). Aber seine unsichere Chronologie war im- 



^ Die Maasse der Spiegelquadern am Theater (Phot. d. Inst. A.B. 62) gibt 
Dörpfeld a.a.O. 50. Diejenigen vom Dipylon sind in Breite (0,9b -0,98 m) 
und Länge (1,28-1,30-1,34 m) bezw. für Binder und Läufer nicht ganz so 
constant wie dort, nur die Höhe (0,49 m) ist fest. Immerhin lässt sich auch 
hier das attische Maass, 3, 4 und (genau) 1 '/g Fuss zu 0,328 m erkennen. 
Der Saumschlag (unten 0,03 m, an den vSeiten 0,015 m) ist am Theater noch 
um ein geringes schmaler, der Spiegel noch etwas flacher (4 mm h.) als 
hier. Beidemale hat dieser noch einmal einen besonders geglätteten schma- 
len Rand. 



DIE MAUERN ATHENS 495 

mer eine schlechte Stütze für den Theaterbau. Nunmehr darf 
es wohl als selbständiger Zeuge für Dörpfelds Ansetzung des 
grossen Theaterbaues angerufen werden, die freilich auch 
ohne das zu Recht besteht ^ 

]\Iit der Anlage des Dipylon und jener Verstärkungs- 
mauern sind die grossen Veränderungen, die das ganze Bild 
dieses Teils des Stadtkyklos wesentlich umgestalten, für lange 
Zeit beendet. Der Boden kann sich in den folgenden Jahr- 
hunderten nur wenig — nachweisbar nur südlich vom Erida- 
nos — gehoben haben. Am Dipylon selbst sind Umbauten, 
ausser einer kleinen Ausbesserung an Ui (v. Alten S. 35), 
überhaupt nicht nachzuweisen. Auch diesseits des Eridanos 
höht sich das Terrain nur langsam an. Das Strassenniveau 
der IL Periode hatten wir auf 46,00 m ü. M. bestimmt. Aber 
die Abschleissung an der Aussenecke von Turm C II steigt 
mit dem wachsenden Boden stetig weiter hinauf. Auch in der 
benachbarten Pforte B muss einmal die Schwelle höher ge- 
lebt werden. Und damit gewinnen wir den nächsten chrono- 
logischen Anhalt. 

Der Schwellstein aus hymettischem Marmor mit den 
Zapfenlöchern der Pfosten ist nämlich in seiner Lage erhal- 
ten (Phot. d. Inst. A.B. 229 u. bes. 245). Seine Oberkante liegt 
bei 2,77 m = 46,62 m ü. M., also nur wenig höher als die 
Strasse IL Aber durch den Schwellstein hindurch war der, 
wie es scheint, offene Wasserkanal e-e4 geführt, und die gros- 
sen Kalksteinblöcke (durchschnittlich 1m-1,25 m 1.), aus denen 
er sauber herausgehauen ist, waren in den Stossfugen durch 
vorzüglichen harten Mörtel gedichtet. Das weist uns in min- 



' Vgl. Judeich, Top. v. A. 279, 6. Der Bau, den auch Dörpfeld, wie er 
mir freundlichst schreibt, mit dem jüngeren Tempel zusammen in die Zeit 
des Nikias zu setzen bereit ist, war der ältere Zuschauerraum, von dem nur 
ein Rest aus Breccia, CC auf Taf. III des Theaterbuches, sich erhalten hat. 
Die Datierung des Tempels, die weniger an Nikias (Furtwängler a. a. O. 403) 
als an Alkamenes hängt, scheint mir jedoch nicht so sicher nach dem, was 
Dörpfeld ebenda 21 f. und Furtwängler a.a.O. 413 über den Nikiastem- 
pel ausgeführt haben. Aber auch wenn er erst im Anfang des IV. Jahrhun- 
derts errichtet wäre, so bleiben für die jüngere Datirung des grossen Thea- 
terbaues die Zeugnisse, die Lykurg einen so bedeutenden Anteil daran zu- 
weisen (Dörpfeld-Reisch 39) und die nicht entkräftet sind. 



496 F. NOACK 

destens frührömische Zeit. Bis dahin also eine Bodenerhö- 
hung von kaum mehr als einem halben Meter! Dann erst 
kann die Abnutzung- an der Turmecke zur 3. Spiegelquader 
(46,60-47,07 m ü. M.) hinaufgerückt sein. Die Eckquader der 
vierten Schicht ist nicht mehr erhalten. 

Die Bodenhöhe, die im Bereich des Dipylon schon bei 
dessen Anlage vorauszusetzen ist, wird sonach hier auf dem 
südlichen Ufer erst Jahrhunderte später erreicht. 

Für die Bauperiode III in A und in DD j sowie für das 
Treppenfundament d gewinnen wir damit allerdings kein 
festes Datum. 

Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass sie noch einer 
ejtioxEDT] xet/töv hellenistischer Zeit angehörten, wie eine für das 
Jahr 229 durch IG. II 379.380 (AM. III 1 878, 52,1) bezeugt ist. 
Sie können jedoch ebenso gut erst in römische Zeit fallen; auch 
muss der Anlass dazu nicht notwendig in einer gewaltsamen 
Zerstörung gelegen haben. Da der Umbau in vStein auf dieser 
Strecke seine Dringlichkeit durch die vorgesetzten Verstär- 
kungsmauern verloren hatte, braucht er erst erfolgt zu sein, 
als der Boden über den seitherigen Steinsockel, der bis dahin 
noch immer Lehmziegelmauern getragen haben kann, — d.h. 
schon über 47,00 m ü. M. hinauszuwachsen drohte. Dies aber 
kann, wie wir soeben sahen, erst in römischer Zeit geschehen 
sein. Jedenfalls sind, um nur ein Datum zu nennen, an das 
man vielleicht als einen terminus ante quem denken könnte, 
48 V. Chr., als Caesars Legat Q. Fufius Calenus die Stadt ein- 
zunehmen sucht, ihre Mauern intact (Wachsmuth I 663, 1). 

Noch in hellenistische Zeit fällt die Errichtung des Ge- 
bäudes zzj Zg hinter A, — gegen einen früheren Ansatz spricht 
die geringe Tiefe seines Fundaments — , schwerlich dagegen 
die Verlängerung der Überbrückung LL, durch das Keil- 
steingewölbe, auch wenn dessen Construction an sich nicht 
dagegen spräche. 

Dieses Gewölbe ist nach NW, d. h. nach der Feldseite zu, 
nur als schmale Fassade vor LLj getreten '. Wäre es in die- 



' Diese Auffassunjj hat mir inzwischen auch Dörpfeld in einem Briefe 
ausgesprochen. Vgl. auch S. 480 Anm. 1. 



DIE MAUERN ATHENS 



497 



sei' Riclitunj; weiter «^^egangeii, so niüssten an (i oder N ir- 
j^endwelche Ansatzspiiren zu finden sein. Dagegen hat es 
stadteinwärts eine richtige I^^ortset/Aing des älteren Gewölbes 
gebildet. Jetzt verlieren sich seine Fundamente teilweise schon 
unter dem sj^ätrc'hnisclicn Backsteingewölbe H (v. Alten 45 f.), 
das \-on Middleton a. a. O. PL 25 nur in seinem Oberbau be- 
rücksiclitigt werden konnte, aber noch einer genaueren Unter- 
suchung bis zum Grunde bedarf; es reicht ebenso wie seine 
vSchleusenvorrichtung tiefer hinab, als es dort gezeichnet ist. 
Aber zweifellos sind die Keilsteine der Rest der ersten aus- 
gedehnteren Abdeckvmg des Eridanos, der einer solchen, je 
mehr er zur Kloake wurde (AM. XIII 1888, 220), immer drin- 
gender bedurfte. Zugleich wurde dadurch innerhalb der Mauer 




Abb. 20. Römische Thonrinne. 



eine grössere ungeteilte Fläche von der Strasse, die durch IK 
ging, bis hinüber zum Pompeion hergestellt. Nun führt die 
Scheitelhöhe dieses Gewölbes bereits auf ein Niveau, das zum 
mindesten dem der Marmorschwelle in Pforte B entsprach, und 
es muss andrerseits doch schon von dem damaligen Boden 
bedeckt gewesen sein. So bleibt auch bei dem Gewölbe keine 
andere Wahl, als es in römische Zeit zu setzen. 

Das Gleiche gilt für die viereckige Thonrinne u, welche 
in die mit Mörtel gedichtete Cisterne t mündet. Aus Abb. 20 
ist zu ersehen, dass sie in Form und Abmessungen den Rin- 
nen gleicht, durch die in römischer Zeit auch die Thonrohre 
der Enneakrunosleitung ersetzt worden sind (A]\I. XXX 1905, 
30 Abb. 1 2. 1 3). 



498 F. NOACK 

Die letzte Bauperiode IV rückt nach allem, was sich bis 
jetzt ergab, in eine sehr späte Zeit. Ebenso wie A und DD^ 
hat damals auch der Turm C seine letzte Veränderung erfah- 
ren. Er wurde nicht nur, wie jene Mauerstrecken, durch Rrec- 
ciaschichten überhöht. Um seine Grundfläche zu vergrössern, 
vielleicht auch um gleichzeitig eine stärkere Flankierung der 
Strecke A zu gewinnen (A]\I. III 1878,46), wurde vor seiner 
Westfront ein Vorsatzstück aus Brecciaquadern, in der Breite 
einer durchschnittlichen Quaderlänge, d. h. einer Tetrapodie 
(=1,30 m), errichtet und bis zur Tiefe des themistokleischen 
Sockels hinabgesenkt (C^ auf Tafel X u. XIII, Phot. d. Inst. 
A.B. 202/204). Die Schichten, die erhalten sind, haben nur noch 
als Fundament gedient. Die nördliche Fassadenflucht von C II 
hatte ebenso wenig Bedeutung mehr für sie, wie die Pforte B, 
vor die sie bis zu 0,70 m vorspringen. Diese Stücke aus alter 
Zeit lagen in der Tiefe. Der Boden hatte seine letzte und 
stärkste Hebung um etwa 1 Y2 n^ i" der Torgasse und um den 
Turm C, nach dem südlichen Ende von A zu (S. 132) sogar 
um 2 Y2 rn erfahren. Auch sie erfolgte nur allmählich. Wenig- 
stens in ihrem unteren Teile. Dafür hat uns der Turm C II 
in der letzten Etappe seiner abgeschlissenen Aussenecke eine 
sichere Controlle geboten. 

Diese Bodenhebung setzt auch das Marmorpostament 
auf der NW- Ecke von R (Phot. d. Inst. A.B. 202) voraus, das 
nach den sorgfältigen I — I Klammern auf der Oberkante seiner 
Wandplatten einer viel früheren Zeit entstammt und erst so 
spät hierher versetzt worden ist. 

Wie spät? Wir fragen zum letzten Male nach der Zeit. Um- 
fassendere Herstellungsarbeiten an den Mauern Athens sind 
noch unter Valerian,imi 253, und im VI. Jahrh. unter Justinian 
bezeugt (Wachsmuth I 705, 2. 706, 1; Curtius, Stadtg. LXXIX, 
57). Dort hat die Furcht vor den Barbaren zur Instandsetzung 
der Mauern getrieben, hier der Wille des Kaisers selbst ihre 
Herstellung herbeigeführt. Man ward die IV. Bauperiode mit 
einer dieser Arbeiten verbinden dürfen. Aber mit welcher von 
beiden- das zu entscheiden, sehe ich keine IMöglichkeit. Viel- 
leicht, dass einmal eine Beziehung zur späteren Geschichte 
des Friedhofes an der Gräberstrasse dazu verhelfen wird. 



DIE MAUERN ATHENS 499 

So lassen sich denn diese ganzen Überreste von Alt- 
Athen beim Eridanos, wie folgt, gruppieren: 

Vor 480 V. Chr. : die peisi stratische Iequ öboq 

(ca. + 44,70m ü. ]M.) mit Frischwasserleitiing (S.146f.). 

I. Bauperiode, 479/478: die themistokleische Befesti- 
gimg, das Tor EF für die verlegte heilige Strasse 
( + 44,80 m), die Bachregulierung. Vgl. die auf Taf. X 
schwarz gedeckten Anlagen und Tafel XIII 3 I 
(S. 150f. 160). 
Im Laufe des V. Jhs. i\nhöhung der Strasse (-j- 45,30 m) 
und Verbreiterung des Tores EF (S. 473 f.). 

IL Bauperiode, kononisch: bei einheitlich erhöhtem Ni- 
veau (-f 46,00 m) Überbauung des alten Sockels in 
ACDDi (S.131. 139), Pforte B (S.142), Tor IK, Über- 
brückungsgewölbe LL^, S-S^-Sg (Pforte oder Tor- 
bau unter U-LL,), Kanal f-f.,, Gebäudereste Pj^PgX 
(S.143 f. 147 ff. 475 ff.). 
Im Laufe des IV. Jhs. starke Erhöhung des Niveaus nördl. 
vom Eridanos (ca. -|- 47,00 m). Pompeion (S. 484. 488 f.). 

III. Bauperiode, lykurgisch: Dipylon mit Brunnenhaus. 
Verstärkungsmauern R, Q-Qo (Taf. X. S. 484 f.). 
Hellenistisch: Ausbesserung an U^, Gebäude z-z.^. Sehr 
langsames Anwachsen des Bodens der heiligen Stras- 
se (S.495f.). Die Bauperiode III in A und DD^ (d) 
(S.131. 135.144) und das Treppenfundament d (S.137) 
fallen eventuell schon in 

I^^ Römische Zeit: a) Schwelle in Pforte B (-f 46,50 m), Keil- 
steingewölbe an LL^, .u-[-ii, Oberbau von N, Über- 
bauung von S-Si, Kanal e-e4, p-Ps, Leitung und 
Cisterne u t (S. 495-497). Das Strassenniveau (Ab- 
nutzung der Ecke von C) steigt noch weiter. 

b) III. Jahrh. n. Chr. oder später: Bauperiode IV 

in AC (Ci) DDi (135. 498) bei stark erhöhtem Boden 

südlich vom Eridanos ( + 47,5 m u. höher; vS. 132.). 

Zuletzt die Schleu.se H (S. 497). 

Ich betone schliesslich ein Ergebnis dieser Untersuchung: 

der alte themistokleische Torweg ist bestehen geblieben und 

das Gedränge der Wagen hat nicht abgenommen bis in späte 



500 F. NOACK 

Zeit. Durch das Dipylon ist dieser Ausgang aus der Stadt 
nicht überflüssig geworden, und die Benutzung als 'Fried- 
hofstor' allein würde schwerlich solch dauernde Spuren hin- 
terlassen haben i. Die Geschichte dieser Anlagen bekräftigt 
nur, dass es die heilige Strasse ist, die schon zu Peisistratos' 
Zeiten hier am Bachufer entlang hinaus in die Ebene zog 
und die die 6861; f| 'E^evoivdöe allzeit geblieben ist. Dass diese 
durch das Dipylon habe führen müssen, war nur eine Combi- 
nation (Wachsmuth I 254, 3), und die war schon mit der Auf- 
deckung einer Zweizahl von Toren hinfällig geworden (v. 
Alten 33; Wachsmuth II 223). Es ist nur eine Bestätigung hier- 
für, wenn das thriasische Tor als Vorgänger des Dipylon be- 
reits in dem älteren xmloc, seine Spur hinterlassen hat (oben 
S. 482 f.) '-. Das Grab des Anthemokritos kann der Selbständig- 
keit der hgä oboc, und ihres eigenen Tores nun nicht mehr 
gefährlich werden. 

Es bleibt nur noch übrig, über die Untersuchung der 
Stadtmauerreste in der Senkung zwischen Athanasioshügel 
und Nymphenhügel zu berichten, wo man seit Stuart-Revett 
(Altert. V. A. Text II 188 vgl. 199, 23) ein altes Stadttor, seit 
Leake (Top. v. A. 164) das piraeische, angesetzt hat. 

Die Stelle liegt auf der alten, noch heute stark befahre- 
nen Strasse, die aus dem Piraeus zum Agoraioshügel hinauf- 
führt, gerade da, wo diese, östlich von dem alten Schlacht- 
haus (Curtius-Kaupert, Atlas v. A. III), von einer der moder- 
nen Querstrassen geschnitten wird, deren Netz sich seit der 
letzten Aufnahme, die Judeichs vorzüglichem Stadtplan zu 
Grunde liegt, noch vervielfacht hat. 

Die vSituation ist aus Abb. 21 zu ersehen. Von den in 



' vS. 482 Anm. 2: Judeich, Top. v. A. 120. Auch was B. Schmidt a.a.O. 19 
über die Vernachlässigung des 'nach dem kleinen Tore führenden' Wege.s 
sagt, ist nicht stichhaltig. 

- Judeichs Hyi)othese a, a. (). 129, 12, wonach das thriasische Tor etwa 
2(j(J m n(")rdlich vom Dijjvlon gelegen habe, hat hiernach keinerlei Wahr- 
scheinlichkeit mehr für mirli. .Sein und mein Wunsch, die betreffende vStelle 
nachzuprüfen, war mir leider unausführliar, da von dem dort vermessenen 
Turme keine Spur mehr aufzufinden war. 



DIE MAUERN ATHENS 



501 



früherer Zeit hier von Curtius (Att. Studien I 66) u. a. beob- 
achteten 'deutlichsten Spuren von Turm und Tor' war nur 
am Nordrand der Hauptstrasse, z. T. im Graben, der Rest 
einer breiten Mauer aus Brecciablöcken und einigen hellen 
Kalksteinquadern sichtbar (b). Der Turm dagegen, dessen 
Grundplan in der Überlieferung so sehr schwankte (Judeich 
Top. 123, 8; vgl. aber Curtius a.a.O. II 71), war gänzlich ver- 
schwunden bis auf drei in einer Kreislinie liegende Quadern 
deren Oberfläche sich einige 20 m südwärts im Boden der 
Querstrasse deutlich abzeichnete. Von einem dritten Rest der 
Mauer (a) sahen auf dem Grundstück des Th. Johannes Porio- 





Abb. 21. vSituationsplan für das ' piraeische ' Tor. 



tis, wieder an der Hauptstrasse, zunächst nur einige Breccia- 
quadern hervor; aber ein polygonaler Kalksteinorthostat, der 
als Rest eines schon abgebrochenen Mauerstückes an der 
Strasse lag, konnte wohl nach den beim Dipylon gemachten 
Erfahrungen einen wichtigen Hinweis auf eine ältere Schicht 
enthalten. Im Hinblick auf die starke Bautätigkeit in dieser 
Gegend erschien eine sofortige Untersuchung geboten, zu 
der die Erlaubnis von den einzelnen Besitzern bereitwillig 
erteilt wurde. 

Schnell war der Rundturm freigelegt. Von seinen vier 
erhaltenen Schichten, deren Quadern fast alle aus Breccia 
bestehen (Abb. 22), zeigt die oberste, die um 0,15-0,20 m zu- 
rücktritt, Spuren eines 1,5-2 cm dicken Lehmverputzes aus 
ziemlich feiner Erde, von vereinzelten Kieseln durchsetzt, weich 
und leicht zerbröckelnd (Phot. d. Inst. A.B. 359. 363) Er kann 



502 



F. NOACK 



uns den dXoinjxo; oder die äh(py\ der Inschriften (Frickenhaus 
a. a. O. 37, 1. 42) veranschaulichen. 

Dahinter ist die Mauer dd ^ teilweise über 2 ni hoch er- 
halten. Aber Turm und Mauer sind nicht aus derselben Zeit. 
Einmal kommt in der Mauer überhaupt keine Breccia vor, 
und ausserdem ist der Turm, wie der auf der Linie A-(C)-B 



m ■ ■ I 



'"^m. 



P^ 




Abb. 22. .'\ii.siclit des Ruiidtuniu's ain '])ii-aeisclieir Tore. 



des Planes hindurch gelegte Schnitt in Abb. 23 lehrt, erst auf 
einem ca. U,<S() m höheren Niveau ' an die Mauer angestossen 
worden, ohne mit seinen Wänden in diese ein/.ubinden : also 
ein nachträglicher Zusatz, und es lässt .sich auch noch der 
Anlass seiner Erbauung erkennen. 

Die Mauer bog ursprünglich genau in der Mitte des 
Turmes im stumpfen Winkel nach vSSO um. Während sie nun 

' Der sehr fe.ste Boden enthielt bei a, wo der Tiii in untergraben wurde, 
mehrere .schwarzgefirniste Scherben, geriefeU und z. T. mit kleinen gra- 
vierten vStrichelchen, wie die vS. 492 Anm. 1 besjjrochene Vasengruppe, ver- 
ziert, eine Glaskugel, Stückelien von rotem \Vandver])Ut/. und ein kleines 
Webegewicht. 



DIE MAUERN ATHENS 



503 



A--J- 




A i ih 



50 1 2 

iujgen. u. gez.. r. F.NoacJc 



Abb. 23. Plan und Schnitt des Rundturmes am 'piraeischen ' Tore. 



504 F. NOACK 

auf der Stadtseite noch intact ist (Phot. d. Inst. A.B. 366/68), 
ist die Aussenecke, die jetzt der Turm verdeckt, bis auf die 
unterste Schicht (ß) zerstört, und nur noch die Reste der 
Stirnniauer ragen von beiden vSeiten in das Tunninnere her- 
ein (Phot. d. Inst. A.B. 370.371). Durch diesen Befund ist der 
Turm erklärt. INIan verzichtete darauf, diese Stelle, die von 
vornherein schwach war, nach der Zerstörung im alten Zu- 
stande wieder herzustellen, und setzte dafür lieber gleich einen 
Turm als besondere \' erstcärkung- vor, der ausserdem die Flan- 
kierungsmöglichkeit lieferte, die der Mauer bis dahin ge- 
fehlt hatte. 

Noch wichtiger ist die Mauer selbst. Ich möchte .sie 
gleich im Zusammenhang mit der nördlichen Fortsetzung 
(Abb. 21, a) besprechen, die sich unter dem erwähnten Breccia- 
rest auf der Stadtseite in vier, aussen in drei Schichten über 
dem gew'achsenen Boden erhalten hatte. 

Zu Unterst sind hier wie dort Stücke aus älteren Gebäu- 
den verwendet K Eine Strecke der Innenseite von a besteht in 
der Bodenschicht aus niederem Polygon werk mit einheitlich 
ebener Front. Au.ssen bildet in a die 2., in d die 3. Schicht 
aus Quadern mit starker, aber ungleichmässiger Bossierung 
(Phot. d. Inst. A.B. 365-368) den Abschluss des Unterbaues. 

\'on diesem scheidet sich ein Sockel von Polygonen aus 
Burgkalkstein mit kleinen spitzwinkeligen Zwickelsteinen in 
den Lücken seiner Oberkante. In ddj ist er in einer Lage 
bis zu 0,62 m hoch, in a auf der Innenseite in 2 Lagen von 

' So aussen 1-2 Schichten von Bausteinen mit glatter Fassade (a, d) 
deren einer noch Reste eines weissUchen Putzü])erzuges trägt (d) ; darüber 
die oben genannte Schicht mit starker ungleichmässiger Bossierung (a, d, 
vgl. Phot. (1. Inst. A.B. 365-368). Die innere Stirnwand d, enthält über ge- 
glätteten Porosquadern, bei denen, wie beim Fundament von A I am Eri- 
danos, die unregelmässige Unterkante auffällt, z. T. behauene Blöcke aus 
Burgkalkstein, au.sserdem aber Quadern mit sehr fein gerauhtem Spie- 
gel, der sich nicht über den glatten vSaum erhebt. In a innen, auf dem 
Boden, drei längere Steine aus Piraeuskalk mit glatter Aussenfläche, zwei 
davon haben unten eine 0,05 ni vortretende ablaufartige Auskehlung. Nach 
einem kleinen eingebauten Mäuerchen folgt dann jenes niedere Polygon- 
werk mit einheitlich ebener P'ront. Die äussere Stirnniauer reicht etwa 
0,60 ni tiefer hinab. 



DIE MAUERN ATHENvS 505 

zusammen 1,30 m Höhe, — wohl der ursprünglichen Sockel- 
höhe, — erhalten (Phot. d. Inst. A.B. 355). Scharfkantige Ana- 
thyrosis in den Stossfugen sowie horizontale Auflageflächen 
für die Ziegelmauer sind überall durchgeführt. Die Polygone 
sind mit kurzen, meist verticalen Schmuckschlägen versehen 
(Phot. d. Inst. A.B. 356). Über diesem Sockel ist später eine 
massive Mauer errichtet worden, von der jener vor der Unter- 
suchung sichtbare Rest in a stammte: unten Brecciaquadern 
sowie ein älterer Baustein mit Saumschlag, darüber eine 
Schicht Brecciabinder (Phot. d. Inst. A.B. 354). Hier scheiden 
wir also mit Sicherheit zwei verschiedene Bauperioden. Deut- 
lich lässt sich auch das schichtenweise Anwachsen des Bo- 
dens hinter der Mauer beobachten, zu oberst eine ca. 0,15 m 
dicke Lage rötlicher Brecciaabfälle: der Bauschutt der jüng- 
sten Periode der Mauer. 

Schwieriger ist die Entscheidung, ob das gesamte übrige 
Mauerwerk einem einheitlichen Bau, d. h. doch wohl der the- 
mistokleischen Zeit, entstammt, auf welche die Art des Unter- 
baues mit hoher Wahrscheinlichkeit weist, oder ob der Poly- 
gonalsockel für sich etw^a erst unserer Periode II am Erida- 
nos entspricht. Und wenn das Urteil hier auch nicht so be- 
stimmt ausfallen kann wie dort, so muss ich doch gestehen, 
dass bei den Polygonen zwei Dinge mir zu Gunsten dieser 
II. Periode zu sprechen scheinen. Der polygonale Sockel in a 
ragt nämlich bis zu 0,10 m über die Flucht der untersten 
Schicht hinaus, nicht als ob er durch die Last des Oberbaues 
nachträglich herausgedrängt wäre, denn seine Polygone ste- 
hen noch heute völlig lotrecht, sondern weil er augenschein- 
lich von den Erbauern mit Absicht so weit über das Funda- 
ment herausgerückt worden ist. Wird man sich aber vorstel- 
len dürfen, dass, zumal bei einer verhältnismässig so dünnen 
Stirnmauer, die Fluchtlinie des Fundaments derart ignoriert 
worden sei, wenn beide zusammengehört hätten? Und dazu 
kommt, dass auch in der Fassadenbehandlung die Sockelpo- 
lygone denen unserer II. Bauperiode am Eridanos (A II, Innen- 
seite) ungleich näher stehen, und nur jenes kleine polygonale 
Stück der untersten Schicht die Flächenhaftigkeit der themi- 
stokleischen Polygone teilt. Endlich zeigt die äussere Stirn- 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 33 



506 F. NOACK 

wand von a in der obersten ihrer drei erhaltenen Schichten, 
die der unteren Lage der vortretenden Sockelschicht der In- 
nenseite, II a, entspricht, nicht auch polygonale Fügung-, son- 
dern vier hochkantig gestellte Kalksteinquadern ^; ihre Ober- 
fläche ist mit dem Spitzeisen nur ganz leicht gerauht; der in 
gleicher Ebene liegende feine Saum ist jetzt grösstenteils roh 
abgekantet. Anstatt auch in ihnen alte, wieder verwendete 
Bausteine zu erblicken, wird man sich hier richtiger an die 
feinen Sockelorthostaten aus der II. Periode der Mauer DDj 
am Eridanostor erinnern dürfen. 

Sind die bei a geltend gemachten Gesichtspunkte zutref- 
fend, so wird man die polygonalen Schichten in ddj nicht 
anders beurteilen dürfen ; ihre Technik, ihr Stil ist der glei- 
che hier wie dort. Dann wären auch sie die Zeugen einer 
IL Bauperiode. Der Rundturm aber und in a die Brecciareste 
wären in eine III. Periode zu verweisen, eine Scheidung, die 
unserer Analyse der Ruinen am Eridanos nur zur Stütze und 
Bestätigung dienen könnte. 

Schliesslich wäre noch zu erwähnen, dass die Mauer dd^ 
einmal in der Höhe der obersten vSchicht der Aussenfront 
und in 1,15 m Abstand von dieser eine auf kleinen Stein- 
brocken fundierte, derb und flüchtig geschichtete Zwischen- 
wand erhalten hat (Pliot. d. Inst. A.B. 360. 364/5) — vielleicht 
der Eundamentrest einer Brüstungsmauer jüngerer Zeit'-? 

Wenn wir aber nun sehen, dass die Stadtmauer zu 



' 0,68 m h., 0,94-1,36-1,24-1,36 111 1. 

- Damals mag — in gleicher Höhe — in den Mauerkern (bei 8) der Ober- 
teil der späten Grabstele eines Philostratos, vS. des Diopliantos, ans Eleusis 
verbaut worden sein (Form = Conze, Att. Grabrel. 1117, 520). Dass dicht 
dabei, oben auf der Mauer, .späte Vasenfragmente, schwarz gefirnisste Hen- 
kelstücke mit plastisch aufgesetztem Herzblatt (vgl. AM. XXV 1901, 78, 25) 
und Scherben mit in Weiss und Gelb aufgemalten Blattranken (vgl. ebenda 
71,8. 82, 32) lagen, wird dadurch belanglo.s, dass .sich daneben auch schwarz- 
figurige Stücke und ein geometrisches gefunden haben. Auf der Stadtseite 
war unter d, reine, scherbenfreie Erde, bei der untersten Schicht lagen 
unbedeutende geometrische und frührotfigurige Scherben, weiter nach oben 
solche der frühhellenistischen Gefä.s.se mit gelben Vierecken und Schach- 
brettmustern, die C. Watzinger ebenda 85 ff. behandelt hat. 



DIE MAUERN ATHENS 507 

allen Zeiten in gerader Linie von d nach a zog, wie war 
dann der ausserhalb, westlich vor a sichtbare Rest b zu 
verstehen ? 

Die Untersuchung Hess ein sehr starkes Mauerwerk er- 
kennen, als äusserste Breite wurden 5,40 m gemessen. Am 
Nordrand der Strasse, wo es die heutige Strasse überragt, 
zeigt sich späte Reparatur: Ziegelmauerwerk und ein klei- 
ner Grabcippus — sichtbarer Inschriftrest \,' — zwischen den 

H ^ 

grossen Brecciaqiiadern eingebaut. Diese setzen sich südwärts 
in dem Strassenkörper fort, und unter ihnen, schon 0,80 m 
tiefer als der Strassendamm, zieht sich eine Schicht von Qua- 
dern aus hartem Piraeuskalk, b c, über die ganze Strasse hin- 
über (1,25 -1,36 m 1., 0,44 m h., mit Saumschlag und flachem 
Spiegel, in dessen Mitte noch die Versatzbosse steht; Phot. d. 
Inst. A.B. 373. 374). War an dieser vStelle, wo man doch die 
Spuren einer Toranlage erwartete, eine solche Continuität 
schon auffallend genug, so noch mehr die Tatsache, dass un- 
ter dieser weissen Kalksteinschwelle 9 Schichten von Kalk- 
steinquadern verschiedener Härte noch 4 m tief bis zum 
Grundwasser zu verfolgen waren. Denn man muss daraus 
folgern, dass an dieser Stelle der Talsenkung ein tiefer natür- 
licher Einschnitt bestand, den die Mauer nur mit Hilfe eines 
so tief gegründeten Fundaments durchsetzen konnte. Die 
hohe Lage der unmittelbar nördlich davon erhaltenen Reste 
b und a lässt ausserdem auf einen sehr jähen und steilen 
Abbruch der Nordwand dieses Revmas schliessen, während 
der Abfall von Süden her allmälig erfolgt sein kann. Eine 
Strasse und damit auch eine grössere Toranlage ist hiernach 
auf der Linie des heutigen Fahrweges ausgeschlossen, nicht 
nur für die spätere Zeit, der die tiefgehende Barriere bc durch 
ihr Material zugewiesen wird (frühstens IV. Jahrhundert), 
sondern auch für jede frühere Periode. Wenn also in dieser 
Gegend ein Tor gelegen hat, so ist es im Süden der heu- 
tigen Strasse, näher nach dd^ hin, zu suchen; der Weg dazu 
würde oberhalb des Revmas an dessen südlichem flachen 
Abhang herauf^eführt haben. Und man möchte das piraei- 
sclie Tor nach der Überlieferung^ doch immer wieder in die- 



508 F. NOACK 

ser Talsenkung annehmen '. Nur in dieser konnte zwischen 
dem steilen Abhang des Athanasioshügels und den zerklüfte- 
ten Felsenpartien am Nymphenhügel eine breite Hauptstras- 
se, eine Ji^^ateia, aus dem Stadtinnern herausgeführt haben 
(Plut. Thes. 27,3). Und die Nichtbewachung der Mauerstrecke 
zwischen diesem Tor und der nächsten Pforte konnte nur 
dann ein so folgenschwerer Fehler sein (Plut. Sulla 14,1), 
wenn es sich um eine an und für sich leicht anzugreifende 
Stelle handelte, die keinen besonderen natürlichen Schutz in 
einem steilen oder felsigen Gelände besass. Doch besser als 
alle Erwägungen, die sich an die vielbesprochene Überliefe- 
rung knüpfen, wäre die Entscheidung durch den Spaten. Viel- 
leicht birgt der Boden hier noch genügende Reste, um auch 
sie herbeizuführen. 

Zum Schlüsse noch folgende Beobachtungen. 

Die nächste Strecke der Stadtmauer über a hinaus nach 
Norden, die noch eine beträchtliche Höhe gehabt haben muss, 
ist zum grossen Teil der Stadterweiterung jüngster Zeit zum 
Opfer gefallen. An ganz wenigen Stellen w^äre sie noch zu 
erreichen. Eine Untersuchung der dürftigen äussersten Reste 
vor dem Bahneinschnitt, auf dem Grundstück Pulopulos, gab 
nichts aus: ein Stück Brecciamauer auf gewachsenem Boden 
und einen verbauten polygonalen Kalksteinblock. 

Von der südlichen Fortsetzung der Mauer ddj, die unter 
der Strasse noch erhalten sein wird, liegt der letzte jetzt 
sichtbare Rest auf einem zw^eiten Grundstück des genannten 
Th. I. Poriotis, wo er, einer Hauswand als Fundament die- 
nend, in scharfem Winkel von der Strasse nach SSO abbiegt 
(Abb. 21, ef). Die nächsten Spuren liegen schon auf dem hohen 
Felsgrat nw. von der Umfassungsmauer der Sternwarte. Es 
sind wenige Steinsetzungen, die ich hier am 28. u. 29. Sept. 
freilegen Hess, auf ca. 8 m Länge mit geschlossener äusserer 
SW-Wand erhalten, 3,35 m dick, am sw. Ende in 3 Schichten 



' Vgl. von den Früheren Wachsmuth I 1 89 f. und Milchhöfer, Athen 
147; jetzt Judeich, Top. v. A. 130, während Dörpfeld, Woch. f. klass. Phil. 
190b, 204, es dicht unterhalb des Nyniphenhügels ansetzen will. 



DIE MAUERN ATHENS 509 

(Läufer) 1 ,45 m hoch : nur in der untersten liegt hier Piräus- 
kalk, alles übrige besteht aus Breccia. In der Nordwand einige 
Binder ^ Material und Mauerdicke stimmen überein mit den 
heute nur noch sehr geringen Resten (Binder u. Läufer aus 
Breccia, Dicke 3,38 m), die vom Philopapposdenkmal her über 
den Museionrücken nach N. ziehen (Judeich a. a, O. 1 80 f.) 
und die ich nach den erhaltenen Merkmalen frühestens in 
das IV. Jahrhundert zu datieren vermag. Sie könnten aber 
immerhin auf der Linie der Zwischenmauer Kleons vom 
Jahre 425 errichtet sein l 

Dem südlichen Mauerzuge zwischen Museion und Olym- 
pieion hat man früher, so lange man noch seine Schichtung 
und Technik hätte studieren können, zu wenig Aufmerksam- 
keit geschenkt. Die moderne Bautätigkeit hat auch hier jetzt 
so gut wie jede Spur verwischt. Einzelne Brecciablöcke liegen 
auf der westlichen, vom Museion abfallenden Strecke noch he- 
rum; einmal^ sah ich einen längeren Orthostaten aus hartem 
bläulichem Kalkstein, 0,785 m h., 1,07 bzw. 1,18 ml., 0,5 m br., 
mit abgeschrägter, auf festen Fugenschluss hinweisender Seite, 
der aus der kononischen Bauperiode stammen könnte. 

Von dem grossen Eckturm neben der Signatur "Diomei- 
sches Tor' auf Judeich's Karte ist nichts mehr zu sehen; er 
ist leider nie genau aufgenommen oder untersucht worden. 
Nw. davon, auf der anderen Seite der Strasse, ein kleiner 
Mauerrest aus Breccia auf dem Felsboden. Dagegen ist der 
grosse, quer in die Strasse 'Icooricp toij 'Foytov vorspringende, 
von Judeich als 'Mauerkern' bezeichnete Turm, aus norma- 
len 4' langen Brecciaquadern massiv gebaut, bis zur 7. seiner 
Schichten noch ca. 2,70 m h. über dem Boden sichtbar (2 ver- 
schiedene Ansichten unter Phot. d. Inst. A.B.). 



' Längs der nö. Innenseite, in 0,5 ni Abstand auf dem Felsboden neben 
einander, natürlich nicht in situ, drei Platten aus hartem Kalkstein, 1,30- 
1,40 ml., 0,39 mh.. 0,50 bezw. 0,70 breit, da sie an der einen Langseite 
ein 0,20 m ausladendes Profil, Hohlkehle über lesb. Kyma, zeigen. Sie sind 
wieder verdeckt worden. 

" Ähnlich urteilte Bursian, Geogr. v. Griechenland I 273. 

^ Die Stelle in Curtius-Kaupert, Atlas v. Athen III, Quadrat E^ südlich 
von der 'Antiken Säule' und nur wenig nördlich von dem Punkte 65, 1. 



510 



A. NOACK 



Ende October 1906 trat anlässlich der Aiisscliaclititng 
für einen Neubau auf der Südseite der 6865 'Ayxeoiioö ein 
kleiner Rest der hadrianisclien Stadtmauer, die Fortsetzung 
des von Ziller in der Strasse selbst beobachteten Stückes 
(Judeich a.a.O. 153,7), zu Tage, das ich aufnehmen konn- 
te: 4 Schichten massiven Mauerwerkes aus Brecciaquadern 
(Abb. 24, aa^) auf dem gewachsenen Felsboden, der hier 



^rm> 



6Jö<; 'A YX l(rf.LO y 



Yrrr 




I 



Al)b. 24. Rest der hailviaiii.schen Stadtmauer. 



ca. 2 m unter dem heutigen Strassenniveau liegt und nach 
vSüden ansteigt. Messbare Dicke 3,35 m. Mehrere sorgfältig 
bearbeitete Spiegelquadern aus hartem Piraeuskalk, die am 
so. Ende vor die äussere Mauerflucht gesetzt waren (b), kön- 
nen, weil als Läufer und Binder nicht regelrecht geschichtet» 
hier nicht an ihrer ursprünglichen Stelle sein. Nö. vor der 
Mauer lagen 2 Grabcippen. 



DIE MAUERN ATHENS 



511 



Endlich sei noch ein Fund dieses Jahres (Mai 1907) er- 
wähnt, dessen Kenntnis sowie den Situationsplan Abb. 25 
ich der FreundHchkeit von Herrn A. Skias verdanke: Fast 
in der Mitte einer Linie, die vom 'Theseion' nach dem jetzt 
freigelegten Rundturm führt, beim Neubau des Athanasios 
Mavroidis, an der Kreuzung der 6801; Baoi'Ai]? und der 686? 
'A^icpixTiovog gefunden und jetzt abgebrochen, der Ausschnitt 
eines, nach Skias, w'ohl längeren, in den nächsten Strassen 




Abb. 25. Mauerrest westlich vom 'Theseion'. 



vielleicht noch erhaltenen Mauerzuges ^ Wenn, was seine 
Stärke von 4,10 m gewiss nahe legt, er einmal zu einer Stadt- 
mauer gehört haben sollte, so schliesst doch gerade unsere 
neu gewonnene Kenntnis des themistokleischen Kvyloc, einen 



' Die Erhaltung war schlecht. 'Sie war aus grossen Porosquadern gut 
gebaut, aber manche Quadern waren aus weichem Mergelkalk vom Phale- 
ron ; kleine Lücken des Felsbodens unter den Quadern waren mit kleinen 
Steinen sehr sorgfältig ausgebaut. Im Innern fanden sich auch einige Poly- 
gonalsteine aus blauem, hartem Kalkstein'. 



512 A. NOACK 

Gedanken an diesen hier jedenfalls aus. Wie weit die Reste 
von Wohnuno;en, die, wie Herr Skias zweifellos mit Recht 
betont, nachträglich von beiden Seiten daran angestossen 
waren, sowie die 'neben der Mauer gefundenen Scherben' 
einen terminus ante quem für diese abgeben können, vermag 
ich ohne genaue Kenntnis der Scherben und ihrer Fundlage 
nicht zu beurteilen K 



' Reste von Estrichböden stiessen, der eineyim W., wo auch die Mauer 
z. T. verputzt war, ' wie von einer Cisterne oder einem Wohnhaus ', der an- 
dere, ' auf höherem Niveau ', auf der Ostseite an die Mauer an. Unabhän- 
gig davon war auf der Westseite 'ein Brunnen von 1,20m Dm. mit thönerner 
Einfassung' . Ein Brunnen und eine Cisterne waren auch bei dem Bau des 
Nachbarhauses zum Vorschein gekommen. Nach Herrn Skias' Meinung 
müsse 'die spätere Benutzung des Mauer, nach jenen Scherben zu urteilen, 
noch in alter Zeit, vielleicht schon im IV. Jahrhundert stattgefunden haben', 
Ob hier etwa ein Stück der kleonischen Mauer vorliegen könnte, die auf 
dieser Strecke ja nur vorübergehende Bedeutung zu haben brauchte? Die 
südliche Fortsetzung würde man .sich in der Richtung auf die nördlichen 
Steilfelsen des Nymphenhügels gut denken können. 



513 



DIE EINZELFUNDE. 

A. Marmorwerke von der themistokleischen Mauer. 

Wolters hat Att. Grabrel. I Text 51 f. aus den Fund- 
berichten der archäologischen Gesellschaft nachgewiesen, 
dass weder für die Xenophantosbasis (IG. I Suppl. Nr. 477 b; 
AM. IV 1879 Beil. S. 292. 300) noch für die Stelenfragmente 
des Diskosträgers und des Mannes Att. Grabrel. I, viii 3 die 
Angabe 'aus der themistokleischen Mauer' zutrifft. Dasselbe 
gilt für das Bruchstück der Sitzfigur, Kabbadias rXvnxd 7.7 a, 
(AM. ebenda 303) 'In twv nagu xb Ainvlov tojtcov' ('Eq). dp/, 
1874, 480 b). Zwei dieser Stücke waren erst in jüngeren Mau- 
ern verbaut worden. Die Bauleute des Themistokles haben 
sich ja nur nach Bedarf diese kostbaren Bausteine geholt. 
Manches zertrümmerte Grabmal, zerbrochene Stelen, ihrer 
Statuen beraubte Basen, alles traurige Zeugen des 2. Perser- 
einfalls, — denn die Krieger des Mardonios werden im Som- 
mer 479 bei der Verwüstung der Unterstadt (Hdt. IX 13) 
die Friedhöfe nicht verschont haben, — können noch lange 
Zeit auf der alten Begräbnisstätte, die nun die neuen Mauern 
und Tore durchschnitten, herumgelegen haben, so gut wie 
der " Perserschutt ' auf der Burg, bis einzelne von ihnen bei 
späterer Gelegenheit doch einmal verbaut worden sind. An- 
deres konnte bei einer Demolierung des themistokleischen 
Sockels, wie sie möglicherweise nördlich vom Eridanos ein- 
mal erfolgt ist, wieder frei geworden sein zu erneuter Ver- 
wendung in jüngerer Zeit. Über jeden Zweifel erhaben sind 
erst die Funde des letzten Jahres. 

Bevor ich mich zu deren Besprechung wende, muss ich 
leider eine Erwartung, die ich selbst bis vor kurzem noch 
hegte, enttäuschen. Die Marmorplatten, die im themistoklei- 
schen Sockel des Turmes C eingeschlossen waren (S. 140 und 
Abb. 9), sind keine Grabstelen. Als sie kürzlich (im Mai 1907), 
wieder dank der Bereitwilligkeit der griechischen General- 



514 F. NOACK 

ephorie, ausgelöst werden konnten, ergaben sie sich nach 
einer freundlichen [Mitteilung G. Karos als Teile (Unterstu- 
fen?) eines offenbar einst sehr prächtigen Grabbaues. Die 
Platten, aus Inselmarmor, 0,12 m h. 0,51 m br., waren auf der 
Unterseite vollständig, auf der Oberseite bis auf einen 0,075 m 
breiten glatten Rand rauh gelassen. Weitere Ijautechnische 
Spuren weisen sie nicht auf. 

Doch das Übrige vermag uns hierfür einigermaassen zu 
entschädigen. 

1. Auf Tafel XXI hat das wertvollste Marmorstück, das 
uns der themistokleische Mauersockel überliefert hat, eine 
schöne, auch in den meisten Einzelheiten vorzüglich treue 
Wiedergabe gefunden. Die Fundumstände sind oben S. 128 
beschrieben. Nach der sorgfältigen Zusammensetzung, die 
alsbald nach der Auffindung von G. Kaludis' kundiger Hand 
ausgeführt wurde, hat die schlanke Stele ihren Platz im er- 
sten archaischen Saale des Nationalmuseums erhalten. Das 
untere Schaftende ist wieder in der einstmals dafür bestimm- 
ten Höhe (5 -6 cm, rauh gelassen) in eine neue, nach Art 
der Aristion- und Lyseasstele stärker ausladende Basis einge- 
lassen, über die sie 2,34 m aufragt. Die Dicke beträgt unten 
0,166 m, oben 0,145 m, die Breite unten 0,44 m, in der Fuss- 
linie des Jünglings 0,42, oben 0,37 m. Die Verjüngung ist 
sonach beträchtlich und übertrifft z. B. die der Aristionstele, 
die bei fast gleicher Höhe (2,40 m, Conze, Att. Grabrel. I S. 4) 
nur eine Abnahme von 0,445 zu 0,42 m aufweist. 

Der obere Abschluss der Stele ist verloren. Dass er etwa 
auch schon in einer Palmette bestanden habe, ist nach dem, 
was uns das zweite Fundstück lehrt, mehr als fraglich K 

Die glatt polierten Seitenflächen lassen die Spuren der 
Bemalung erkennen, die in der in Abb. 26 wiedergegebenen 
Weise an den beiden Kanten emporstieg. Ein feines, von 
eingravierten Linien beiderseits begrenztes Band trennte den 
Randstreifen von der allem Anscheine nach unbemalten Mit- 



' E.S bleibt ganz ungewiss auch für die Stelen des Lyseas, Aristion 
u. a., für die Brückner, Ornament u. Form 60, es annehmen wollte. 



DIE MAUERN ATHENS 



515 



telfläche und hebt sich noch jetzt, ebenso wie die kleinen 
Schrägstreifen, hell von dem dunkler verwitterten Grunde ab '. 
Der ornamentale Schmuck der Vorderseite war auf die 
schmalen Leisten beschränkt, die den beiden Relief- Figuren 
aks Grundlinie dienen, war aber hier nicht bloss in Farben, 
sondern, wie auch alle an der Sockelfigur erhaltenen Orna- 
mente, in flachstem Relief gegeben. Der kleine Rest am rech- 
ten Ende der oberen Leiste zeigt, dass das Motiv dasselbe 



Atel 

ür 




Abb. 2b. Bemalungsspuren an der Schmalseite 
der Stele Taf. XXI. 



war wie unten : eine ungewöhnliche Form der einfachsten 
Mäanderlinie mit gegenständig eingefügten Ouerhasten, für 
die eine Erklärung erst weiter unten versucht werden kann. 
Die ungeschmückten Randleisten der Vorderseite (knapp 
2 cm breit) sind durch eine schmale Furche bis zum Fuss der 



' Das in der Abbildung angegebene Bohrloch (Dm. 9 mm, etwa 5 cm 
von der Kante) mündet, schräg nach innen verlaufend, auf der Rückseite 
nur 2,5 cm von der Kante entfernt und ist mit Blei vergossen. Eine Erklä- 
rung, ausser etwa dass es die Correctur irgend eines Fehlers war, wüsste 
ich nicht dafür zu geben. 



516 



F. NOACK 



Stele fortgesetzt; in gleiclier Weise ist die Fussleiste des 
Sockelbildes nach unten abgegrenzt. 

Aus dem auf solche Weise umrahmten und gegliederten 
Grunde, der sich wie bei anderen altattischen Reliefs ^ vom 
Rand in flacher Mulde nach innen senkt, heben sich die 
Figuren in kräftigem Relief. Die Randleiste bezeichnet mit 
ihrer Oberfläche, die die ursprüngliche ist, nur im Fundzu- 
stande die höchste erhaltene Erhebung der Stele. Sie über- 
ragt den Grund bei der Brust um 0,045 m, bei dem 1. Bein 
um 0,06 m. Berücksichtigt man, dass schon das r. Knie, das 
sich noch hinzufand und anpassen Hess, etwa 0,015 m über 
die von der Randleiste markierte Ebene übersteht, und dass 
zu den abgearbeiteten Partien, die über diese selbe Ebene 




Abb. 27. Querschnitt durch die Unterschenkel 
des Jünglings Taf. XXI. 

vorragten, auch das ganze Gesicht der Sockelfigur und der 
rechte herabhängende Arm des Jünglings gehörten, die beide 
nach dem sonstigen Charakter des Reliefs nicht allzu flächen- 
haft behandelt gewesen sein können, so mochte das Relief 
in seinen höchsten Teilen noch mehrere Centimeter über die 
Randebene hervorgetreten sein. 

Das Relief ist in allen seinen Teilen scharfkantig und 
meist auch rechtwinklig vom Grund abgesetzt. Dagegen sind 
vom Knie abwärts beide Beine schräg unterschnitten, so dass, 
wie der Schnitt in Abb. 21 zeigt, die vom Relief besetzte 
Grundfläche sich mit der K()r])crsilhouette nicht mehr deckt. 



' Z. H. Aristionstele iiixl Diskosträger; aber gelegeuUich noch Ijei Grab- 
reliefs des V. Jahrhunderts. 



DIE MAUERN ATHENS 517 

Glücklicherweise ist aber gerade hier die Zerstörung der 
Oberfläche so beschränkt, die ganze vSilhouette infolgedessen 
so intact, dass uns der volle Eindruck des Aufbaus und der 
Verhältnisse des Körpers nicht versagt ist. 

Das trifft in erster Linie die Gestalt des Toten, dem das 
Denkmal galt. 

Gesamthölle der Figur von den Sohlen bis zum oberen 
Bruchrand in der Stelenmitte 1,69 m, bis zur Halsgrube 1,445 
m, bis zum oberen Absatz des Gliedes 0,905 m. Schon dieses 
letztere Maass deutet ein INIissverhältnis zwischen Ober- und 
Unterkörper an, das noch gesteigert wird durch den Gegen- 
satz der stark ausladenden Waden, des Oberschenkels und des 
Glutaeus zu dem Brustkorb, der dagegen wie verkümmert 
erscheint. Es wird am augenfälligsten durch die überhohen 
Unterschenkel, die einschliesslich der Kniescheibe das singu- 
lare Maass von 1 /3 Körperhöhe aufweisen \ dadurch aber auch 
dem Unterkörper selbst trotz des Contrastes zwischen Muskel- 
partien und Gelenken eine gewisse Schlankheit verleihen. 

Und dieser unharmonische iVufbau scheint auch nicht 
dadurch gemildert gewesen zu sein, dass, wie etwa beim Ari- 
stion oder selbst bei der steifen Haltung der Figur Att. Grab- 
rel. I Taf. VII, der r. Arm den Rückencontur in leiser Krüm- 
mung überschnitten und dadurch den starken Einschnitt im 
Kreuz verdeckt hätte. In diesem Falle wäre schwerlich die 
Rückenlinie gerade hier noch so verhältnismässig hoch er- 
halten, wie sie es tatsächlich ist (Phot. d. Inst. N.M. 763). Von 
der Masse des Armes würde, selbst eine schräge Unterschnei- 
dung, wie bei den Beinen, vorausgesetzt, ein Teil doch direct 
bis zum Grunde gereicht haben und sein nach der Abarbei- 
tung stehen gebliebener Rest müsste die Rückenlinie noch 



' Bei den 'Apollines' ist dieses Maass geringer. Versucht man die Fuss- 
länge, soweit das hier möglich ist (s. u.), als Einheit zu Grunde zu legen 
(vgl. Furtwängler, Beschreibung der Glyptothek 1 900, S. 50 zum Jüngling 
von Tenea), so erhält man von der Sohle bis zum Gliedansatz 4, bis zur 
Brustwarze, d. h. hier zur grössten Ausladung des Brustmuskels 6, Unter- 
beine aber über 2, Kinnspitze bis Brustwarze beträchtlich unter 1 
Fuss. bei dem Jüngling von Tenea 2 bez. 1 Fuss. Die Kopfhöhe mag dage- 
gen ebenso wie dort etwa 1 Fuss betragen haben. 



518 F. NOACK 

jetzt unterbrechen. Andrerseits muss die Armlialtun«;-, wenn 
sie sich innerhalb der jetzigen Silhouette hielt, ausserordent- 
lich steif und gebunden gewesen sein. Wir müssen schon auf 
die Profilansicht einer so altertümlichen Statue wie des Jüng- 
lings von Melos (BCH. XVI 1892 pl. XVI; Perrot-Chipiez VIII 
321) zurückgehen, um Gleichartiges zu finden. Von direct atti- 
schen Werken aber möchte man am ersten den Torso der 
Jünglingsstatue Nr. 665 des Akropolismuseums in der genau 
entsprechenden Seitenansicht vergleichen, die Lechat, Sculp- 
ture attique 255 Fig. 16, gibt. Die Übereinstimmung ist über- 
raschend gross sowohl in dem geschwungenen und geschwell- 
ten, bei unserem Relief vielleicht noch etwas stärker eingezo- 
genen Contur der Rückseite, wie vor allem in der starren Ge- 
raden, in der die Aussenlinie des Körpers unterhalb des gleich- 
artig vorgewölbten Brustmuskels bis beinahe zur Mitte des 
Oberschenkels niederfällt. Kurz, man glaubt eine dieser älteren 
Jünglingsfiguren einfach auf die Fläche projiciert zu sehen. 
Dabei treffen wir eine Schärfe und Klarheit in der Wie- 
dergabe von Einzelheiten, wie wir sie nur an den besten 
jener Statuen und an den feinsten altattischen Grabreliefs 
kennen. So die scharf abgesetzte Begrenzung des Schienbeins 
(vgl. den Schnitt Abb. 27), die Nägel und die Hautfältchen der 
Gelenke an Fingern und Zehen, die sauber gefurchte Uni- 
reissung des Fussknöchels. Der Ansatz des Schlüsselbeins ist 
fast knopfartig herausgewölbt. Der untere Rand des Schulter- 
blattes ist wenigstens zu fühlen. Am Brustcontur fällt eine 
minimale Erhebung gerade über dem Speeransatz auf, einem 
spitz vorstehenden Grat oder Steg vergleichbar. Ist er ledig- 
lich durch die Meisselführung am Speerschaft zu erklären? 
Oder setzte hier etwa eine schräg nach unten verlaufende, 
scharfkantige Rippen- oder Brustkorblinie an, wie wir sie bei 
dem Porostorso "Ecp. dp/. 1887 I, den argivischen Statuen von 
Delphi (BCH. XXI\^ 1900, XX Fouilles de Delphes IV 1) 
oder an dem Apollon des milesischen Reliefs (vSitzungsber. 
der Berl. Akad. 1904, 797 f.») finden? 



' Die Rumpfbildiui<^ des Kalkinannschcn S])eerträger.s (ebenda 7')6, Jahrb. 
d. Inst. VII \a'i2, Taf. 4) scheint mir doch viel entwickelter zn sein als die 
der milesischen Relieffigur, die viel mehr auf die delphischen Statuen weist. 



DIE MAUERN ATHENS 519 

Der Speer verschwindet bei dieser Stelle hinter dem Kör- 
per, war dann aber wieder sichtbar zwischen Brust und Kinn. 
Er war dort angestückt und durch einen kleinen Bleidübel 
festgehalten, der sich noch in seiner einstigen Lage vorfand. 
Der Künstler hatte jedoch zuerst die richtige Verlängerungs- 
linie des Speerschaftes verfehlt und das Dübelloch, das die- 
ser Anstückung dienen sollte, etwas weiter nach rechts ein- 
gebohrt. Als er den Fehler bemerkte, verschloss er es mit 
einem Bleipfropfen, der oben breitgedrückt wurde, so dass er 
nicht über die Grundfläche heraustrat. Beide Löcher sind auf 
der Tafel sichtbar. 

Der Jüngling steht, wie nicht anders zu erwarten ist, 
fest auf beiden Sohlen, aber er steht noch fester als die ande- 
ren gleichartigen Gestalten. Denn gewiss ist das Anziehen 
der Zehen des r. Fusses ^ nicht ohne Sinn : als ob sie sich im 
Boden festkrallen, ihn gleichsam ergreifen wollten. So hält 
sie, freilich mit ganz anderer Begründung, nur Alyrons Disko- 
bol. Und so sehr hat dieser Zug dem Künstler gefallen, dass 
er ihn am r. Fusse der Sockelfigur wiederholte, ohne zu beach- 
ten, wie stark er sich dadurch mit dem Bewegungsmotiv der 
dahineilenden Gestalt in Widerspruch setzte. Er hatte ferner, 
weil er das 1. Bein etwas zu weit vorgestellt hatte, den Platz 
für dessen Fuss auf dem schmalen Reliefgrund zu sehr be- 
schränkt. Er ist unbefangen genug, in dieser Verlegenheit 
die Fussspitze den Rahmen einfach durchbrechen zu lassen -. 
Freilich, auch so gelingt es ihm nicht, den Längenunterschied 
beider Füsse völlig auszugleichen: der r. Fuss bleibt trotz 
der angezogenen (aber gewiss nicht nur diesem Zweck zu 
liebe angezogenen) Zehen immer noch ein wenig länger 3. 
Aristokles half sich in ähnlicher Lage anders: er stellte seine 
Figur auf eine, auch über den seitlichen Relief rahmen flach 
vorspringende Leiste und schob wenigstens die beiden gröss- 



' Die beiden kleinen Zehen, jetzt zerstört, werden, wie bei Aristion, in 
flachster Staffelung gegeben gewesen sein. 

* Wie noch auf Vasen streng rotfigurigen Stiles gelegentlich die Füsse 
der Figuren in den Ornamentrahmen übergreifen. 

^ 21,85 cm gegen 20,80 cm. 



520 F. NOACK 

ten Zehen über diesen Rahmen vor (Att. Grabrel. I 2,1). Aber 
freilich — nun 'tritt Aristion sich selber auf die Füsse', so stark 
fallen dadurch die 'Pläne der beiden Beine' auf einander 
(vgl. Loew}', Die Naturwiedergabe 20). Und das ist gerade 
auf unserer Stele bis zu einem gewissen Grade vermieden. 
Ihr Künstler opfert zwar den grossen Zeh des r. Fusses; 
ebenso sorglos, wie er mit dem 1, Fusss den Reliefrand durch- 
bricht, schneidet er mit dessen Ferse in jenen ein. Aber er 
drängt auf solche Weise doch tatsächlich den ganzen 1. Fuss 
tiefer in den Reliefgrund zurück. Das Wort von dem ab- 
sichtlichen Verzicht auf eine körperliche Flächendurchbil- 
dung, der bei einem Werke wie der Aristionstele so augen- 
fällig ist (Loewy, ebenda 23), kann hier nicht gelten. Dafür 
zielt auch die Unterschneidung der Beine viel zu bewusst 
auf eine kräftige Körperlichkeit. 

Der sicheren Festigkeit des Standes entspricht nicht ganz 
der leicht nach vorn geneigte Kopf '. Es ist nicht anders bei 
Aristion und dem Diskosträger, aber bei unserer Stele wird 
dieser Zug insofern bedeutungsvoll, als man bekanntlich diese 
'pose alourdie de la tete' von ionischen Vorbildern hat herlei- 
ten wollen (Lechat, Sculpt. attique 291), gerade diese Stele aber, 
wie wir nach ihrer ganzen Formengebung werden urteilen 
müssen, noch jenseits eines solchen Einflusses gestanden hat. 

Der für die weitere Beurteilung .so wichtige Kopfumriss 
ist glücklicherweise bis auf einen kleinen Teil des Scheitels 
unimterbrochen zu verfolgen. Die hierfür nicht ganz ausrei- 
chende Wiedergabe der Tafel ergänze ich durch beistehende 
vSkizze (Abb. 28), die nach Abklatschen und Zeichnung her- 
gestellt ist. Daneben gestellt ist der Kopfcontur des Diskos- 
trägers (nach Photographie), was bei dem derzeitigen kleinen 
Bestände vergleichbarer altattischer Reliefköpfe keiner beson- 
deren Rechtfertigung bedarf. 

Hiernach zeigt der Schädel des Jünglings eine auffal- 
lende Verjüngung nach der Scheitelhöhe, während der des 
Diskophoro.s, nach dem Neigungswinkel der Stirn und der 



' Gerade Kopfstellunjf dagegen z. H. Att. Gra1)rel. I 5=^vSammlg. Sa1)u- 
roff I Taf. II. 



DIE MAUERN ATHENS 



521 



im untersten Ansatz noch erhaltenen Ausladung des Hinter- 
kopfes zu schliessen, grössere Breite und eine vollere Rundung 
besass ^ Einzelne Formen--die Mundpartie ist dem zerstören- 
den Eisen entgangen — sind feiner, knapper und dünner, als 
beim Diskophoros, der voller und fleischiger erscheint, dessen 
'Leben und Empfindung (um Brunns Worte AM. VIII 1883, 
92 zu gebrauchen) in vollen Formen von innen nach aussen 
drängen'. Über dem kleinen festen Kinn erhebt sich der mit 
schmalen, scharf conturierten Lippen knapp geschlossene 
Mund. Die Zerstörung hat gerade noch den kurzen, von alt- 




^^O^ 




Abb. 28. Kopfconturen der Stelen Taf. XXI und Att. Grabrel. Taf. IV. 

attischer Porös- und Marmorkunst her bekannten, verticalen 
Steg an dem Mundwinkel stehen lassen. Er verläuft nach 
unten neben und vor dem Contur, der vom Kinn in scharf 
gegen die Unterlippenfläche abgesetzter Bogenlinie herauf- 
steigt und die Mundpartie von der Wange trennt. In gera- 
der, von keiner Erhebung unterbrochener Linie und ziemlich 
schräg zurücktretend steigt die Nase zur Stirn, gegen diese 
in kaum merklichem Winkel abgesetzt. Bei dem Diskosträ- 
ger sind fast überall weichere, vermitteitere Übergänge; das- 

' Nach G. Karos freundlicher Mitteilung (der auch die übrigen Maasse 
auf meinen Wunsch controlliert hat) ist der Unterschied der Kopfbreite 
in der Höhe des Nasenansatzes, bei im allgemeinen gleicher Grösse, volle 
3 Centimeter. 

ATHEN. MITTEILUNGEN XXXII 3 4 



522 F. NOACK 

selbe gilt von den vergleichbaren Partien des schönen Berli- 
ner Fragments (Perrot-Chipiez VIII 662^=Kekule von Stra- 
donitz, Griech. Sculptur 1 5), und auch Aristion, der sonst in 
den entsprechenden Details etwas schärfere Formen als der 
Diskophoros zeigt, tritt doch in den gleichen Gegensatz zu 
unserem Kopf. 

Die Haartracht ist bei beiden Köpfen gleich. Erkennt- 
lich ist auch bei der neuen Stele der tief in den Nacken hän- 
gende Haarbeutel (Jahrb. XI 1896, 262, 288), nur dass die 
Stelle, wo er abgebunden ist (a), als glatte Fläche erscheint 
und keine Spur von Windungen der Haarspirale zeigt. Man 
wird daher wohl eher an ein einfaches Band zu denken ha- 
ben, das durch Bemalung noch genauer bezeichnet war. Über 
dem Bandeinschnitt quillt die Haarmasse nochmals in vier 
breiteren Wülsten heraus. Der obere Teil war flacher gewellt 
und von einer Binde umschlossen. Die 2 cm breite Fläche b 
lässt nur diese Erklärung zu, die überdies unterstützt wird 
durch einen fast unmerklichen Absatz am oberen Stirncontur, 
etwa 2 cm höher als der untere Rand von b. Die Binde war 
also in ganz flachem Relief schräg (auf der Abbildung punk- 
tiert) um den Kopf gelegt, wie wir es von schwarzfigurigen 
Vasenbildern zur Genüge kennen. 

Die Haarmasse aber war nicht nur horizontal geteilt 
Ober- und unterhalb von a sind im Bruchrande gerade noch 
die eingetieften Furchen einer verticalen Gliederung zu er- 
kennen, also perlschnurartige Strähnen, die die altattische 
Marmorkunst von der Porosplastik übernommen hatte (Lehr- 
mann, Altgriech. Plastik 111). 

Den Eindruck zusammenzufassen, den die Gestalt im 
Ganzen und in ihren Teilen verglichen mit jenen anderen 
altattischen Stelenbildern macht, so erscheint sie noch etwas 
unbeholfener in den Verhältnissen, härter und schärfer in der 
Ausführung einzelner Formen, weitergehend in der Berück- 
sichtigung kleiner Details. Und wenn wir es auch mit einer 
schon erstaunlich exacten Technik zu tun haben, die be- 
stimmte Ausdrucksmittel mit überlegter Sicherheit verwen- 
det, — ein Werk wie die Aristionstele verrät in seiner Aus- 
geglichenheit, Glätte und Eleganz doch eine unbestreitbar 



DIE MAUERN ATHENS 523 

reifere, routiniertere Kunst i. Andrerseits bekundet das Beha- 
gen an einer grösseren Körperlichkeit, das aus unserer Stele 
deutlich spricht, eine gewisse Selbständigkeit und Ursprüng- 
lichkeit: die Gesetze, die das Flachrelief auf der Stele immer 
überlegter binden, sind für unseren Künstler nicht oder nicht 
allein gültig. Er steht ihnen noch freier als z. B. Aristokles 
gegenüber, freier wohl deshalb, weil es ein anderes Vorbild 
oder eine andere Tradition ist, die ihn bestimmt und in ihrem 
Banne hält. Der Eindruck, den schon die Silhouette erweckt, 
macht sich angesichts der Formenbehandlung in verstärktem 
Maasse geltend, dass für den Künstler nicht blos die auf den 
Stein gesetzte Umrisszeichnung maassgebend gewesen sei, son- 
dern dass die Erscheinung der vollen plastischen Gestalt ihm 
vorgeschwebt und seine Meisselführung beeinflusst habe. 

Und hierfür spricht noch bestimmter und mit ganz an- 
deren Gründen das Sockelbild der Stele. 

Höher und gestreckter als bei den bisher bekannten Bei- 
spielen (vgl. Att. Grabrel. I Taf. IX 1; AU. IV 1879 Taf. II 
u. IV) ist hier das Feld gewählt, um das Bild einer nach rechts 
dahineilenden Flügelgestalt aufzunehmen. Es wird durch 
diese vorzüglich gefüllt, man muss sagen, besser als die 
Hauptfläche durch die Figur des Jünglings. Im übrigen aber 
finden wir die gleiche klare und scharfe Durchbildung der 
Formen. Es kommt hier hinzu die starke, wenngleich noch 
schematische Gliederung des Knies, das ernste Bemühen ver- 
ratend, lebendig empfundene und geschaute kraftvolle Form 
auf irgend eine Weise auch kraftvoll auszudrücken. Vor allem 
aber feiert die subtile, fast capriciöse Kleinarbeit hier ihren 
Triumph in der Innenzeichnung der hoch gebogenen Flügel 
und der reichen Musterung des Gewandes. Sogar die Innen- 
seite des rückwärtigen Saumes mit den durchgestickten Spi- 
ralen wird zwischen den Beinen sichtbar (deutlicher als auf 
der Tafel auf Phot. d. Inst. N.M. 680-'). 



' Dass es sich bei dieser ausserdem um einen mehrfach wiederholten, 
schon geläufigen Typus handelt (Lechat a. a. O. 292 f.), will ich weniger be- 
tonen, weil wir nicht wissen können, welche Stellung in dieser Griippe die 
Arbeit des Aristokles einnimmt. 

* Unmittelbar nach der Auslösung aus der Mauer aufgenommen. 



524 



F. NOACK 



Die Gliederung der Flüg-el in Oberrandstück und zwei- 
schichtige Federzone entspricht dem Brauche altattischer 
\''asenbilder (Thiersch, Tyrrhenische Amphoren 94). Die Mu- 
sterung des Gewandes lässt sich trotz der Zerstörung noch 
vollständig zurückgewinnen (Abb. 29). Das von schmalen 



^^^^^^^^^^^i^^^M^^^^'^^^^^ü^, 




Abb. 29. Gewand der Gorgone Taf. XXI. 



vStreifen eingefa.sste Spiralband umsäumte nicht blos den 
unteren Rand des Gewandes und die kurzen Ärmel und zog 
sich an deren Naht entlang zur Schulter sowie bis unter die 
breiten Lockenmassen am Halse, sondern auch die Jts^a am 
Saume des änoKxvyixa ist deutlich und unverkennbar. Es bie- 



DIE MAUERN ATHENS 525 

tet sich in der Gürtel gegend dasselbe Profil wie, um nur 
diese Beispiele zu nennen, bei den Frauenbildern der Klitias- 
vase, den Moiren, der Kalliope, der jiotvia {)i]qü)v u. a. (Furt- 
wängier-Reichliold Taf. 1-3), oder bei der Köre 679 des Akro- 
polismuseums (Ant. Denkm. I 19, 2) ^ Die Figur trägt also 
den kurzen Peplos, aber nicht in der einfachen Form, für 
welche die Atalante auf der Klitiasvase (Furtwängler- Reich- 
hold Tafel 13) eines der wenigen Beispiele aus archaischer 
Kunst abgibt. Auf unserem Relief treten noch kurze Armelan- 
sätze hinzu. Wir haben es also mit der besonderen Form des 
Peplos zu tun, die bei der jiotvia fliipcov derselben Vase (und 
es gilt auch von der Kalliope im Götterzuge) schon Böhlau, 
de re vestiaria 27 erkannt hat; nur dass auf dem Relief auch 
das djröjrniY|i.a an der vSeite geschlossen zu denken ist -. 

Der Peplos ist völlig einheitlich gemustert, er war als 
jrejtÄo? na\X7toiKikoq (Studniczka, Studien z. G. d. gr. Tracht 54) 
Gedacht, wie ihn die Attiker von Klitias bis Exekias '^ und 
Amasis lieben. Aber die Musterung des Stoffes war nicht die 
gleiche, carrierte (oder figürliche), wie bei diesen. Sie bestand 
aus einem mäanderartigen System, das auf Grund der erhal- 
tenen Reste in Abbildung 29 dargestellt ist^. Es überspannt 
den glatten faltenlosen Peplos in derselben naiven Missach- 
tung von Schnitt, Fall und Richtung des Gewandes, die jene 
alten Vasenmaler zeigen. 

Zu seiner ungewöhnlichen Form habe ich keine unmit- 
telbare Parallele auftreiben können. Am nächsten kommt ihr 
noch der Fries einer Vase aus Thera (Hiller von Gärtringen, 
Thera II 145,345 a=1 08 a) 5. Rein äusserlich betrachtet scheint 



» Auch 'Ecp. dex- 1 887, IX ; Jahrb. XI 46 ; Lehrmann a. a. O. 52. Vgl. 
Amelung bei Pauly-Wissowa III 2317, 33 f. 

^ Vgl. Böhlau a.a.O. 31 . Auf der Oinochoe des Amasis, W. Vorlegebl. 1 889 
IV 6 ist trotz der deutlichen Zeichnung der Ärmel irrtümlicherweise doch die 
Schulterklappe beibehalten, die zi;m offenen und ärmellosen Peplos gehört. 

^ Bei beiden finden wir z. B. auch die Spiralsäume der Gewänder, für 
Exekias vgl. W. Vorlegebl. 1 888 V und VI. 

* Auch hierbei haben ausser der Phot. d. Inst. N.M. 680 die Abklatsche 
der einzelnen Teile gute Dien.ste getan. 

° Vielleicht noch eine geometrische Vase in Athen (Collignon-Couve, 



526 



F. NOACK 



es aus einfachsten Aläanderreilien zu liestelien, die sozusagen 
gegenständig neben einander gestellt und durch Ouerstäbe 
verbunden sind. Doch glaube ich nicht, dass wir damit dem 
Wesen dieses Systems gerecht werden. Einer richtigen Ana- 
lyse dürfte man wohl näher kommen, wenn man die Herlei- 
tung des Mäanders von der Spirale oder vielleicht allgemeiner 
die Herleitung der mäanderartigen eckigen Formen von ge- 
krümmten und spiralig eingerollten Vorgängern, wie man sie 
für den Dipylonstil angenommen hat \ anerkennt und auch 
hier zur Voraussetzung nimmt. Das Urbild wfire dann ein 
System von C- Spiralen, die ebenso in einander übergeführt 




Abi). 30. Da.s Maeandermuster vom Gewand der tiorj^one. 



wären, wie es in der mykenisch-kretischen Ornamentik, hier 
meist mit vS- Spiralen, so häufig geschehen ist (Ricgl, Stilfra- 
gen 130, 132, 137; Evans, Prehistoric tombs of Knossos 158; 
Schuchhardt, Schliemanns Ausgrabungen Fig. 153 zu S. 202, 
ebenda aber Fig. 152 auch ein System von C-Spiralen). Abbil- 
dung 30 veranschaulicht, was ich meine. Links ist die Auf- 
lösung gegeben, die sich unter gleicher Voraussetzung für 
das 'complicierte' Motiv jener Therava.se (S. 525) ergäbe, 



Catalogue des vases peints du Mu.see national d'Athfene.s Taf. 14, 274) und 
die Porosaute, Wiegand, Porcsarchitektur 153, Fig. 142 a, h. 

' Bölilau, Jahrb. III 349; Dragendorff bei Hiller v. Gärtringen, Thera II 
158. 175. Anders Poul.sen, Dipylongräber und Dipylonva.sen 84. 



DIE MAUERN ATHENS 527 

wobei etwa auf das Ornament der eben genannten Vase aus 
dem knossischen "Königsgrab' zu verweisen wäre. Kann diese 
Erklärung nur den Anspruch einer Hypothese haben, so er- 
gibt sich eine andere dagegen jetzt mit vSicherheit : der 
"Mäander' auf den Querleisten der vStele ist, wie punktierte 
Linien in Abbildung 30 andeuten, einfach ein Querschnitt 
aus der Verzierung des Peplos. 

Schliesslich ist uns auch eine Vorstellung des Kopfes 
nicht unerreichbar. Ruft schon der erste Blick auf die Figur 
uns den geläufigen archaischen Gorgonentypus ins Gedächtnis, 
so hat ein freundlicher Zufall in dem altattischen Gorsfoneion 
des Akropolismuseums (Perrot -Chipiez VIII 624; Collignon, 
G. d. griech. Plast. I 229; Lechat, Sc. att. 120) ein Werk glei- 
cher vStilstufe und nahverwandter Technik und zwar gerade 
in den Teilen erhalten, die unserem Relief fehlen ^ Bei die- 
sem ist an den vSeiten z. T. noch der Gesichtscontur zu er- 
kennen, links auch der des Ohres sowie der kleine Ausschnitt 
zwischen Halslinie, Schulter und Locken; rechts noch der 
grössere Teil des scheibenförmigen Ohres. Im Besonderen 
stimmt die Arbeit an den Perlschnurlocken des Reliefs mit 
der des Kopfhaares des Gorgoneion über der Tänie völlig 
überein. In der Abbildung 2 auf Taf. XXII ist deshalb der 
Versuch gewagt, das Relief mit diesem Kopftypus auszustat- 
ten und damit wenigstens etwas von dem Eindruck der ur- 
sprünglichen Erscheinung wiederzugewinnen, den die Folgen 
der Katastrophe vom Jahre 479 uns versagt haben. Der Ver- 
such erscheint um so mehr berechtigt, wenn wir nun dieses 
also wiedergewonnene Bild mit den nächstverwandten Dar- 
stellungen solcher Flügelgestalten auf den früh- und altatti- 
schen Vasenbildern vergleichen und sehen, wie sie hier schon 
in den ersten entscheidenden Beispielen die Verbindung mit 
dem Gorgoneion eingegangen sind. Dabei stossen wir jedoch 
alsbald auf eine Differenz und werden zu einem Versuche 



* Vergliclien mit dem Gorgoneion der Athenatorsen im Akropolismu- 
seum Nr. 698 und aus Eretria (Furtwängler, Aegina I 323) scheint es schon 
seiner Grösse (0,25 m h.) und bedeutenderen Plastik wegen kaum dem glei- 
chen Zwecke (Perrot a. a. O. 623) gedient zu haben. Es könnte sehr wohl 
von der selbständigen Rundfigur einer Gorgone stammen. 



528 F. NOACK 

ihrer Lösung- geführt, der für die Geschichte des Gorgonen- 
typus nicht ohne Bedeutung ist und daher den folgenden 
Excurs entschuldigen möge. 

Von den beiden ältesten Vertretern des IMotivs, der 
Schüssel von Aegina (A.Z. XXXII 1 882 Taf. IX, X) i und der 
Netosaniphora (Ant. Denkm. I 57) ^ enthält freilich nur diese 
die Gorgonengruppe, jedoch werden uns auch die Harpyien 
dort, der alleinige Rest einer Phineusscene, im Folgenden 
einen wichtigen Dienst zu leisten haben. Die beiden Vasen 
bekunden ihre nahe Verwandtschaft, die ja in erster Linie 
eine formal-stilistische ist (Ant. Denkm. I S. 47; Böhlau, Aus 
ion. u. ital. Nekropolen 107, 108), auch darin, dass bei ihren 
Dämonen Chiton und Flügel ohne regelrechte Abgrenzung 
in einander übergehen und letztere infolgedessen von der 
Brust ihren Ausgang nehmen. Diese Eigentümlichkeit ist in 
beiden Fällen schon bei der ersten Publication sofort, jedoch 
lediglich als eine Abnormität gegenüber der geläufigen T)'pik 
hervorgehoben worden ^. Darnach wäre diese bereits für die 
Maler beider Gefässe eine sichere Voraussetzung. Ich glaube 
aber, dass in Rücksicht auf die heute gültige Datierung die- 
ser Vasen jener Abnormität zumal in der Geschichte des Gor- 
gonentypus eine wichtigere Rolle zukommt. Es sei gestattet, 
von den Daemonen der noch etwas älteren * Aeginaschüssel 
auszugehen. 

Sie erscheinen in völliger Profilstellung, mit einer Ein- 
schränkung: bei der vorausschreitenden Harpyie glauben wir 
die alte conventionelle Frontansicht des Oberkörpers, die ja 
auch der Perseus derselben Vase zeigt, in der doppelten An- 
gabe des Chitonbausches, den koIkw-koi an beiden Gürtelen- 

' Auch abgeb. bei Brunn, Griech. Kunstgescli. I 104. 165 und Röscher, 
Myth. Lex. I 1843. 

^ Vgl. Knatz, Quoraodo Persei fabulam artifices gr. et. rom. tractaverint, 
Diss. Bonnae 1893, 18 f. 

' A.Z. a.a.O. 203: 'mächtige Flügel wachsen ihnen von der Brust, nicht 
wie gewöhnlich vom Rücken aus, nach hinten' (Furtwängler), und Wolters 
bemerkt zu den Gorgonen : 'das Gewand liegt so eigentümlich auf der 
Brust auf, dass es fast ein Teil der Flügel zu sein scheint, in welche es 
übergeht '. 

* Vgl. Böhlau a. a. O. 



DIE MAUERN ATHENS 529 

den, noch durchblicken zu sehen. Aber der Flügel ist für 
diese alten Maler der normale Vogelflügel (vgl. die Sphingen 
der Schüssel selbst oder z. B. die frühattische Sirenenamphora 
BCH. XXII 1898, 283= Weicher, Der Seelenvogel 153), der 
zum Profilbild gehörend nicht einmal verdoppelt, sondern in 
einfachster "geometrischer Projection', nur als ein einzelner^ 
gezeichnet zu werden pflegt. Das Problem, wie dieser Flügel 
mit der menschlichen Gestalt zu verbinden sei, schien ihnen 
deshalb nicht einmal schwer zu lösen. Sie versuchen, ihn 
auch hier in der gleichen Weise wie am Vogelleib - aufzu- 
setzen. Indem aber dadurch sein Contur an Brust und Gürtel 
mit dem des Chitons zusammenfällt, und Oberkörper und Flü- 
gel nunmehr eine einheitliche, rot abgedeckte Fläche bilden, 
wird die traditionelle Frontstellung der Brust ganz oder so 
gut wie ganz verwischt. Es ist derselbe Process, der, nur noch 
etwas durchsichtiger, z. B. bei dem geflügelten Dämon einer 
protokorinthischen Scherbe aus Aegina (AM. XXII 1897, 307) 
vorliegt, wo Pallat die Analogie im allgemeinen bereits betont. 
Nun lehrt ein Blick auf die Netosamphora, dass hier die 
Flügel ausser einer leichten Verschiebung ihrer Curve (und 
der andersartigen Endigung) noch ganz die des älteren Profil- 
bildes auch insofern sind, als sie genau ebenso am Gürtel an- 
sitzen, ebenso in die Chitonfläche übergehen, wie dort. Aber 
es handelt sich hier um den Gorgonentypus mit der Maske, 
und von diesem Neuen hat die Erklärung auszugehen. Zum 
ersten Male steht, im Gegensatz zur einhelligen Darstellungs- 
weise des Gesichtes in der älteren archaischen Kunst ^, im 



^ R. Delbrück, Beiträge zur Kenntnis der Linienperspective 21. 

^ Vgl. z. B. Thiersch, Tyrrlien. Amph., Abbildungen auf S. 93 und 95. 

^ Es ist interessant, dass vom Gorgoneion abgesehen, die griechische 
Flächenkunst die Frontierung zuerst an dem Tierkopf zu vollziehen wagt : 
Conze, Mel. Thongefässe Taf. III, dazu Furtwängler bei Röscher I 1 706, 35 f.; 
Gerojannis, Journ. intern, d'archeol. numism. IX 1906, 8, und die Panther 
der aeginetischen Schüssel und protokorinthischer und korinthischer Vasen. 
Erst seit dem Anfang des VI. Jhs. finden sich vereinzelt bei Sophilos (W. 
Vorlegbl. 1889 II 3 b) und Klitias (Dionysos, Kalliope), häufiger (wohl weil 
hier durch den Visirhelm erleichtert) bei den fallenden und gefallenen Krie- 
gern der chalkidischen Vasen die ersten Versuche dieser Art am menschli- 



530 F. NOACK 

Gorgoiieion ein Kopf in Vorderansicht auf der menschlichen 
Gestalt. Da es ausschliesslich als Frontbild erdacht und aus- 
gebildet war, — weil nur so alle Steigerungen des Grässlichen 
zum deutlichen Ausdruck gelangen konnten, — müsste nun 
erst recht auch der Oberkörper der beiden laufenden Gorgo- 
nen, dieser Kopfwendung folgend, in der typischen Frontan- 
sicht ^ gezeichnet werden, in derselben Folgerichtigkeit, mit 
der, nur umgekehrt, die kopflose dritte, die zusammensin- 
kende Medusa, im reinen Profil gegeben ist: mit dem Kopf 
war bei ihr auch der Anlass zur Frontdrehung gefallen 2. 
Statt dessen setzt der Maler, wie wir sahen, das traditionelle 
Profilbild des Flügels vor die Brust. Nur wird diesmal neben 
und hinter ihm, von ihm überschnitten, ein zweiter Flügel 
nach rechts hin ausgebreitet. Das ist aber auch alles, was 
geschieht, um die veränderte Orientierung auszudrücken. 
Die Folge ist die hier besonders unnatürliche Bildung, dass 
beide Flügel von der Brust ausgehen, und daraus ergibt sich 
wiederum ein Conflict mit den Armen. Diese brechen nun 
(mit einer Ausnahme) — einmal mitsamt dem Ärmelsaum 
und einem vStück Chitoncontur — einfach mitten aus den 
Flügeln hervor, was dadurch nicht begründeter und besser 
wird, dass der Maler die Durchbruchstelle zwischen dem 
dichten Oberrandstück und dem Federwerk der äusserem 
Zonen gewählt hat. Aber es mag geschehen sein in einer er- 
sten aufdämmernden Erkenntnis, wie unhaltbar dieses Gebilde 
sei. Der Genesis des Bildes würde es zunächst entsprochen 
haben, wenn jeder Arm, so wie der linke der mittleren Gor- 
gone, wirklich erst hinter dem F'lügel hervorgekonmien wäre. 
Das zeigen andere, ähnliche Versuche. Die griechische Kunst 



eben Gesicht. Im Relief (die beiden Porosmasken von der Akropolis, Revue 
archeol. 1891 I, X; Lechat, Au musee de l'Acropole 12 f. kommen eben als 
solche nicht in Betracht) kommen wir mit den gleichen Versuchen, die über- 
dies unter dem Einfluss der Statue stehen (Loewy, Naturwiedergabe 54, 1), 
auch nicht über 600 zurück. Vgl. hierzu jetzt Lehrmann a. a. O. 183 f. 

' Die auch auf dieser Vase im Herakles des Hal.sbildes (abg. auch bei 
Wörmann, Gesch. d. Kunst I Tafel zu S. 237) vertreten ist. 

* Diese konnte bei ihr erst in dem anderen jüngeren Typus mit Rücken- 
beflügelung aufkommen, s. u. S. 532 Anm. 2. 



DIE MAUERN ATHENS 531 

hat im VII. Jahrhundert an vielen Orten um dieses Problem 
gerungen und ist anfänglich zu ähnlichen Lösungen gekom- 
men — auf verschiedenen, sehr ungleichwertigen Wegen, vor 
allem aber an verschiedenen Objecten und daher sicherlich 
in den einzelnen Fällen unabhängig von einander ^ Bei den 
Gorgonenfiguren der Netosamphora konnten wir den Weg 
noch erkennen. Sie werden mit ihren Seltsamkeiten erst ver- 
ständlich unter der Voraussetzung eines älteren Profilbildes 
von der Art, wie es uns die Aeginaschüssel glücklicherweise 
erhalten hat. Das Experiment kann schon auf dieser selbst, 
wo uns ja die Gorgonen verloren sind, gestanden haben. Für 
unsere Erkenntnis würde das lediglich eine Verschiebung des 
Motivs in etwas frühere Zeit bedeuten. Bei den engen, un- 
mittelbaren Beziehungen zwischen beiden Gefässen, die durch 
die vorstehende Vergleichung nur erhärtet werden, würde in 
solchem Fall der Maler der Netosamphora eben nur densel- 
ben Typus wiederholt haben. Die Gorgonen der Aeginaschüs- 
sel könnten höchstens in unwesentlichen Punkten verschieden 
gewesen sein. Denn einmal muss diese Gestaltung wenig- 
stens für kurze Zeit und in einem engeren Kreise — alles 
spricht dagegen, frühattischer Kunst im VII. Jhdt. eine Wir- 
kung nach aussen zuzutrauen — als Typus gegolten haben. 
Dazu zwingen schon die Gorgonen auf der Dreifussvase aus 
Tanagra (A.Z. XXXI 1881 Taf. III), die ich trotz der von 
beachtenswertester Seite vorgetragenen Zweifel '- eben darum 
von dem altattischen Kunstkreis nicht trennen kann. Ent- 
scheidend aber reden die nächstfolgenden attischen Beispiele. 
Erst diese (und die entsprechenden ausserattischen reichen 
in keine frühere Zeit zurück) weisen die Form auf, die für 



' Vgl. die iinbehülfliche Beflügelung der n:6TVta örjQon' auf der nieli- 
schen Scherbe A.Z. 1854 Taf. 61 = Studniczka, Kyrene 162, und den Teller 
von Kamiros ebda N. 153=JHS. 1885 Taf. 59 = Brunn, Gr. Kunstg. I 142. 
Am nächsten dem Versuche der Netosamphora kommt die Gorgone auf 
dem korinthischen Alabastron JHS. VI 1885, 281 und der geflügelte männ- 
liche Dämon der protokorinthischen Lekythos Am. J. A. IV 1900 Taf. V. 
Ein vereinzeltes junges Beispiel Gerhard, Ges. akad. Abh. I Taf. 3. 

^ Gegen Lö.schcke A.Z. 1881, 29 und Knatz a.a.O. K 6 p. 18, 1, Dümm- 
1er und Studniczka, Serta Hartel. 53, 2. 



532 F. NOACK 

den übersichtlichen Aufbau einer so coniplicierten Erschei- 
nung sowie für den organischen Zusammenhang ihrer einzel- 
nen disparaten Elemente einen, soweit arcliaische Kunst ver- 
mag, endgültigen Ausdruck findet: wie z. B. die Klitiasvase 
und der reiche tvrrhenische Dinos im Louvre E 874 (Pottier, 
Vases antiques du Louvre pl. 61. 62), die Lekythos Annali 
18v59 P u. a. ^ Die Elügel sind jetzt vom Gewände klar und 
deutlich geschieden, sie sitzen vor allem nun wirklich am 
Rücken an. Der Oberkörper erscheint unverdeckt in Vorder- 
ansicht, beide Arme sind vor der Flügelfläche frei bewegt l 
Durch Schlangen, die jetzt häufig in den Haaren und — ejri 6e 
^iüvijaL öpdxovte Hes. sc. H. 233 — für die Ciürtung verwendet 
werden, durch hohe, geflügelte (?) Endromides wird der Ge- 
gensatz zum älteren Bilde noch verstärkt. Vor allem aber ist 
eins klar: der alte Künstler, der hinter der Netosamphora 
(oder der Aeginaschüssel) steht — denn sie geben gewiss 
nur den Reflex einer grösseren monumentalen Vorlage, aus 
der der jüngere der beiden Vasenmaler mit den drei Gorgo- 
nen so wie so nur einen, seinem eigenen Zwecke dienenden 
Auszug gibt, — jener Künstler hätte sich nicht mehr um die 
Lösung eines Problems selbständig bemüht, wenn sie durch 
eine Vorlage von der Art des jüngeren Typus schon über- 
holt gewesen wäre. Mit einem Wort: es kann für ihn diesen 
Typus der schwarzfigurigen Vasenbilder noch nicht gegeben 
haben. Die Gorgonenmaske muss ihm noch unabhängig von 
diesem Typus, d. h. aber doch, unabhängig von der Gestalt 
der eilenden Gorgone überkommen sein. Sein Werk erlaubt 
uns in einen Entwickelungsprocess hineinzusehen, der die Un- 
bestimmtheit des Gorgonentypus, nicht blos für den attischen 
Kunstkreis, noch um die ]\Iitte des VII. Jahrhunderts voll- 



' Knatz a.a.O. K 3. 9. 11 (Mon. d. I. VII 34 = Thiersch, Tyrrhen. Amph. 
Taf. II 5 u. vS. 141 f.). 

- Es wird begreiflich, (la,s.s (was gegen Knatz a. a. O. 47 zu betonen ist) 
jetzt erst auch die sterbende Medusa in diesem Typus, mit der Front- 
drehung des Oberkörpers, erscheinen kann, eine Form, die noch jüngere 
schwarzfigurige Vasen dem alten Profilbild vorgezogen haben : Gerhard, 
A.V. 215 u. S8 (=Knatz K 12). Ältere Beispiele JHS. V 1884, 53 (= Knatz 
K 4); Gerhard, Trinkschalen II, III (Knatz 5). 



DIE MAUERN ATHENS 533 

kommen deutlich macht. Der Gewinn, den die Netosamphora 
bringt, ist die Bestätigung der Priorität der Maske, die man 
längst vermutet hat K Diese musste der Künstler bereits als 
ein Gegebenes, in fester, in der Hauptsache unabänderlicher 
Formulierung vor sich haben und musste sich nun bemühen, 
ihr seinen Profiltypus der geflügelten, nach rechts dahin eilen- 
den Gestalt anzupassen. Für die Gorgonenmaske aber wäre 
jede locale (landschaftliche) Begrenzung ebenso schwierig 
und bedenklich, wie jede nur eindeutige Auslegung ihres ur- 
sprünglichen Gehaltes l Nicht einmal für die erste bildliche 
Gestaltung der Gorgonen muss sie unbedingt selbstverständ- 
lich gewesen sein. Wie die Künstler zuerst mit ihr experi- 
mentierten zu verschiedenen Zwecken, so kann, wohl noch 
innerhalb des VII. Jahrhunderts, in unmittelbarer Nachbar- 
schaft Attikas der Verfertiger der thebanischen Reliefampho- 
ren ^ mit seiner pferdeleibigen ]\Iedusa einen ganz eigenarti- 
gen Weg gehen und die fratzenhafte Maske, wenn er sie 
überhaupt kannte *, so gut wie ganz ignorieren. Immerhin 
müssen inzwischen die Versuche, von deren einem die früh- 
attischen Gefässe so deutliche Probe gaben, doch bald zu dem 
letzten Typus geführt haben, der sich dann durch seine Über- 
sichtlichkeit besonders empfahl. Für die bildliche Tradition 
ist er schon im Anfang des VI. Jahrhunderts fest ^. Er muss 



^ Furtwängler bei Röscher, Lex. I 1704. 1701; jetzt Gerojannis a.a.O. 
8 f. 22 f. Dazu treten die neugefundenen spartanischen Masken, Annual of 
the British School at Athens XII 1905/6 pl. X ff. 

^ Es genügt, hierfür auf die reichen Zusammenstellungen Furtwänglers 
a. a. O. zu verweisen. 

3 BCH. XXII 1898 pl. V u. S. 501. 

■* Ich zweifle, ob wir allein in ihren gefletschten Zähnen notwendig 
eine Erinnerung an das geläufige Gorgoneion sehen müssen (Kuhnert bei 
Röscher u. d. W. Perseus 2036, 47). 

^ Wenn die Schlangengürtung der Gorgonen in der Perseusscene des 
Heraklesschildes (v. 233) ein ausreichender Hinweis wäre, so hätten wir ein 
noch früheres monumentales Zeugnis für diesen entwickelten Typus, den 
denn auch Studniczka für seinen Ergänzungsversuch, Serta Hartel. 75 ge- 
wählt hat. Aber gerade über die Beflügelung schweigt die .Schildbeschrei- 
bting überhaupt, und wenn sie dadurch auch nichts weniger als ausge- 
schlossen wird (Röscher, Lex. I 1809, 41), so sind wir doch erst recht nicht 



534 F. NOACK 

also noch im VII. Jahrhundert und zwar in dessen zweiter 
Hälfte geschaffen sein ^ Sehen wir aber, wie diese ganze 
Entwickelung sich im Rahmen der Perseussage vollzieht, 
dass sie in diesem schon einsetzt, bevor es einen festen 
Gorgonentypus gibt, dass sie sich vollendet wiederum ge- 
rade an den Verfolgerinnen des Perseus, so wird es eben 
doch die bildliche Darstellung dieser Sage gewesen sein, wel- 
che die Künstler immer aufs neue anregte, für deren phanta- 
stischste Gestalten die befriedigendste Form zu suchen -. Und 
man darf den Monumenten, als unseren ältesten Zeugen über- 
haupt ^, wohl auch darin glauben, dass dies gerade in der 
Verbindung mit der \'erfolgungsscene geschehen sei. Die 
Gorgonen müssen laufen doch eben nur, weil sie Perseus zu 
verfolgen haben. Auch kann es sich nur so erklären, dass, 
mit Ausnahme jener Reliefvasen, die ältesten Denkmäler, die 
den Moment der Tötung darstellen (und die nicht vor 600 
fallen), Medusa in diesem Moment stets laufend oder im Laufe 
zusammenbrechend zeigen. Wäre zuerst diese Scene zur bild- 
lichen Fixierung gelangt, so hätte man für die Tötung im 
Schlafe, die der alte Mythus bot, unmöglich auf ein Schema 



im Stande, über die Verbindungsweise von Flügel und Körper zu entschei- 
den, die wir uns aber, wie die Dinge liegen, noch eher nach Art der Drei- 
fussvase von Tanagra oder der Nctosaniphora denken dürften. 

' Möglicherweise schon nach dem Vorgange anderer Daemonentypen, 
für welche die Beflügelung vom Rücken aus inzwischen festgelegt war; vgl. 
korinthische Bilder, Rayet-CoUignon, Hist. de la Ceram. gr. pl. IV; Gerhard, 
Ges. Ak. Abh. I Taf. XII 4. 5. Den fertigen Gorgonentypus setzen auch 
die Henkelbilder der Amphiaraosvase (Annali 1874 NO) voraus, und dann 
auch wohl die Kypseloslade, Paus. V 18, 5, die im allgemeinen die Typik 
des VII. JhdLs. recapituliert. 

Nicht zuletzt mag diesem Typus die Plastik zum siegreichen Durch- 
dringen verholfen haben; für sie war das Zurückdrängen der Flügelauf den 
Rücken unerlässlich, schon im Relief, geschweige denn bei der vStatue. Und 
Vorstufen dieser Art mag es vor der Nike des Archermos gegeben haben. 

- Anders Löschcke, A.Z. 1881, 48 f.; Knatz a.a.O. 47. Dem Berliner 
etruskischeh Dreifu.ss (Knatz 3 1 ) mit seiner flügellosen, ungeschlachten Gor- 
gone kann ich keine solche Bedeutung zumessen. Nach einer freundlichen 
Mitteilung von R. Zahn gehört er in die 2. Hälfte des VI. Jahrhunderts. 

^ Wenigstens die Aeginaschüssel würde man auch noch vor das Urbild 
der hesiodeischen Beschreibung zu setzen haben. 



DIE MAUERN ATHENS 535 

verfallen können, das für den Ausdruck eiligster Bewegung 
geschaffen war ^ 

Wir kehren zu der Grabstele zurück. 

Ihre Stelle in dieser Entwickelung ist nicht zweifelhaft. 
Für das Gesamtbild sind die nächsten Parallelen die atti- 
schen Vasenbilder der ersten Hälfte des VI. Jahrhunderts. 
In Einzelheiten so selbständig wie diese, deckt sich das Re- 
liefbild mit keinem der anderen vollkommen 2. Aber das voll- 
ständige Fehlen der Schlangen im Haar, des Schlangengür- 
tels und der Schuhe teilt es noch mit dem alten Typus, und 
auch das wird nicht Zufall sein. Es wird in der Reihe jener 
altattischen Bilder nicht erst zu den jüngsten gehören. Eine 
solche Zeitbestimmung bekräftigt das Urteil, zu dem uns die 
Kritik der Jünglingsfigur geführt hat. Die Stele des Ari- 
stion, der in der Blüte der peisistratischen Herrschaft sein 
Grabmal erhielt^, ja selbst die des Diskophoros'^, sind jünger. 
Wenn aber die Werke altattischer Marmorkunst, auf welche 
die verfeinerten Ausdrucksformen einer überlegenen Insel- 
kunst noch nicht lierüberwirkten, die Herkunft ihres Stiles 
von der Porosplastik noch so vielfach verraten ^, so hat das 



* Für ganz unberechtigt halte ich deshalb den Schluss, dass der Künst- 
ler sie in diesem Momente wirklich laufend, von Perseus verfolgt, habe dar- 
stellen wollen (Kuhnert bei Röscher, Lex. u. d. W. Perseus 2033), also wo- 
möglich eine eigene Sagenversion im Auge gehabt habe. 

^ Während es das rmojitvyF'^ nur mit der Lekythos Annali 1851 P teilt, 
zieht sich allein bei den Gorgonen des Pariser 'Dinos' die Zierborte ebenso 
vom Ärmelsaum über die Schultern und am Halsausschnitt entlang. An 
Stelle der Horizontalborte des dÄOJtTvyn«^ ^^^^ tritt dagegen hier die breite 
verticale jtaQucpri, teilweise mit dem gleichen Spiralband geschmückt wie dort. 
Übrigens ist dieselbe Führung des Ornamentsaums über die Schultern zum 
Hals aus früherer Vasenmalerei öfters zu belegen, vgl. Elite ceramographi- 
que II 22 b ; Pottier, Vases antiques du Louvre I 16, 445. 468; 43, 586. 588 
(korinthisch), auch später bei Amasis, W. Vorlegebl. 1889 Taf. IV u. sonst. 

3 V. Wilamowitz, Arist. u. Ath. I 261; Lechat, Sc. att. 290. 

* Dieser älter als Aristion: Furtwängler, S. Sab. I Text zu Taf. II ; Col- 
lignon, Gr. PI. I 407. 

^ Winter, AM. XIII 1888, 1 1 8 f . ; Lechat, Sc. att. 254 f. mit der von 
Poulsen, Jahrb. XXI 1906, 191 gegebenen Einschränkung hinsichtlich der 
stilistischen Form der Stirnhaare des Jünglings von Volomandra, nicht aber 
ihrer Reliefbehandlung, die gewiss an den Porosstil anknüpft. 



536 F. NOACK 

Gorgonenrelief ein Ursprungszeugnis dieser Art sich vor allen 
anderen in ganz besonderer Schärfe bewahrt. Es ist ni. W. 
das einzige altattische jMarniorwerk, das die Ornamente nicht 
blos aufmalt oder graviert \ sondern in ganz flachem Relief, 
einer feinen aufgelegten Laubsägearbeit gleich, ausdrückt. 
Das ist aber noch durchaus Manier der Kalksteinkunst, vgl. 
Wiegand, Porosarchitektur Abb. 94, 98, 99, 100, 222, 228. Ich 
sehe darin den stärksten Beweis, wie nahe ihr der Meister 
unseres Reliefs noch steht, wie lebendig sie noch wirkt. Auf 
solchem Hintergrunde gewinnt jene Freude an einer kräftigen 
Körperlichkeit, die Neigung zu stärkerem Relief, zu wuchti- 
gen, auffällige Contraste liebenden Proportionen, nicht weni- 
ger aber auch eine gewisse Unbeholfenheit, wie sie die An- 
lage der Hände mit ihren wulstigen Fingern verrät, erst die 
rechte Zeugniskraft. In jene Entwickelung, die Winter zuerst 
am Kalbträger und seinem Kreise nachgewiesen hat, tritt die 
Stele aus der themistokleischen Mauer als ein neues Glied, 
ein Glied von eigener, selbständiger Bedeutung ein. Ein echtes 
altattisches Werk — trotz des Materiales, das nach R. Lepsius' 
freundlicher Prüfung eines kleinen abgesplitterten Stückes 
naxischer Marmor ist. Es kann auch in diesem Falle nicht 
gegen das Ergebnis der stilistischen xA.nalyse zeugen. 

Mit dieser Einordnung sind war endlich auch der Gefahr 
entrückt, ein Hauptverdienst des Gorgonenreliefs, die grössere 
Geschicklichkeit in der Ausfüllung des Raumes, gegenüber 
der oberen Figur zu überschätzen. Dort war ein in der Flä- 
chenkunst bereits festgelegtes, typisches Bild in der Haupt- 
sache nur zu wiederholen. Kein Problem der Composition be- 
reitete mehr Schwierigkeiten. Daher denn auch die oben be- 
tonten formalen Vorzüge darin am allseitigsten zur Geltung 
kommen können. Anders das Hauptbild. So selbstverständ- 
lich steht der Jüngling noch nicht in seinem engen Rahmen. 
Hier glaubt man das Neue und Ungewohnte zu fühlen. Bei 
ihm muss eine derartige Tradition des Bildes noch fehlen. 

' So das Gefieder an den ältesten attischen vS])liinxstatuen, Br.-Br. 66 A, 
Lechat, Sc. att. 122. 123 ; oder das Fell des Widderkopfes, Wiegand, Poros- 
archit. 125 Abb. 121, oder endlich am C;r:i1)mal von I.anii)trae, l?r.-Br. 6b, Att. 
Grabrel. I Taf. XI. 



DIE MAUERN ATHENS 537 

Sein Thema ist der jungen Marmorkunst wenigstens im Re- 
lief nocli nicht geläufig, ist ihr noch neu. Gewiss war es nicht 
lange her, dass man in Attika die erste hohe Stele mit dem 
lebensgrossen Bilde des Toten beim Grab errichtet hatte. Ihre 
Form soll aus lonien gekommen sein, so glaubt man; ob mit 
Recht, muss ich bezweifeln ^ Aber auch wer, angesichts eines 
Werkes, das östlicher Kunstweise so fern und so fest in der 
künstlerischen Tradition der Heimat steht wie dieses, an sol- 
cher These zu rütteln sich nicht veranlasst fühlt, wird doch 
nicht behaupten wollen, dass der Künstler das Vorbild für 
seine Darstellung hätte von dort erhalten können: denn es 
ist der Typus der Apollines. Dieser aber, dessen Verwendung 
als Grabfigur heute genügend gesichert ist -, stand ihm in 
den attischen Friedhöfen in mehr als einem Beispiele vor 



' Löschcke, AM. IV 1 879, 297 f. ; Milchhöfer, AM. V 1 880,1 70 ; Furtwäng- 
1er, S. Sab. I Einleitung bff.; Collignon, Gr. PI. I 2ö6; Lechat, Sc. att. 281 ff. 
Mit der Berufung auf die Stele von Symi (BCH. XVIII 1894, 221 f. pl. VIII= 
Perrot-Chipiez VIII 331, Lechat 281, 2) ist dieser These nicht gedient. Ihre 
Ausführung ist viel geringwertiger als die der attischen Werke. Ihre schein- 
bare Altertümlichkeit beruht zum grossen Teil auf Unbeholfenheit. Ein Blick 
auf die Draperie vmd die gerundeten Saumlinien der Falten bestätigt die 
Datierung des Herausgebers: aux dernieres annees du Vl™^ siecle. Was will 
das aber besagen gegenüber den um Jahrzehnte älteren Werken, wie der 
Stele des Diskosträgers und der unsrigen? Und die gleichfalls ältere Sigeion- 
stele (IGA. 492 ; Hicks-Hill, Greek hist. inscr. Nr. 8) war, wenn auch gewiss 
ein Grabmal (AM. IV 1879, 298), doch bildlos und ist ausserdem gei-ade ein 
Zeugnis für die attische Herrschaft (Ed. Meyer, G. d. A. II 645) — warum 
nicht auch etwa für attischen Einfluss ? 

Ausserdem nimmt Löschcke selbst a.a.O. 299 diese Stelenform für Attika 
schon früher, in solonischer Zeit in Anspruch. Brückners Ansicht, dass sie 
eine gemein griechische war (Ornam. u. Form 59), hat darum viel für sich, 
um so mehr als wir jetzt wissen, dass die aufrechte Stele am Grabe schon 
in der geometrischen Zeit nicht gefehlt hat (Dragendorff in 'Thera' II 290). 
Wie ein originales altionisches Grabrelief aussah, das vor der altattischen 
Reihe entstanden war, zeigt allein das Relief aus Naukratis, AM. XXXI 
1906, 165, und gerade von ihm führt keine Brücke herüber zu jenen anderen. 

* Löschcke a.a.O. (s. vorige Anmerkung); Milchhöfer, A.Z. 1881,54 über 
den Fundort des Jünglings von Tenea; auch Furtwängler, Beschr. d. Glyp- 
tothek 47 und S. Sab. I Einl. 53 f. Die Statue von Volomandra, 'Ecp. dex- 
1902 Taf. III/IV ist in einer Nekropole gefunden. S. auch unten Nr. 5, 
die Xenoklesbasis im Pfeiler F. 

A.THEN. MITTEILUNGEN XXXII 3S 



538 



F. NOACK 



Augen. Der Weg, auf dem er zu dem Bilde seines Jünglings 
kam, wird, ohne dass man noch Zwischenglieder anzunehmen 
brauchte, auf eine solche Grabstatue zurückführen K 

Aber ein Fortschritt über den 'Apollines '-Typus hinaus 
ist doch gewonnen, ein erster neuer, persönlicherer Ausdruck 
ist gefunden. Der Jüngling ist in seiner Tüchtigkeit charak- 
terisiert durch die Waffe, die er im Leben tapfer und ruhm- 
voll führte. Jedoch ist der Arm dafür nicht, wie bei den mei- 
sten anderen Relieffiguren, vorgestreckt und gehoben, sondern 
er hat noch die gesenkte, man möchte sagen, ängstlich am 
Körper anliegende Haltung wie bei den 'Apollines', Und der 
Speer wiederum, der nicht als Stütze dient, liegt so in der 
gesenkten Hand, wie diese, ohne sich zu weit herausbiegen zu 
müssen, den Schaft am natürlichsten halten kann. So findet 




Abb. 31. Linke Hand des Jünglings Taf. XXI. 



auch dessen Lage zwischen Zeige- und Mittelfinger (Abb, 31) 
die einfachste Erklärung. Denn dass damit vielmehr ein be- 
stimmter Griff gemeint sein sollte, mit dem man den Speer, die 
Spitze nach unten, zu halten pflegte, lässt sich nach verein- 
zelten, viel jüngeren Analogien ^ nicht entscheiden. Ebenso- 



' Mit drastischem Erfolg, wenn auch mit viel primitiveren Mitteln war 
er schon von dem Künstler des Grabmals für Dermys und Kitylos betreten 
worden, wo die Absicht 'Ersatz für Grabstatuen' zu schaffen, ja offenkundig 
ist (Loewy a. a. O. 54, 1; Lehrmann a. a. O. 25. 186, 3). Vgl. auch Milchhöfer, 
AM. IV 1879, 65. 

' Speerhaltung zwischen denselben Fingern bei einem Marmortorso 
eines mit Himation bekleideten Mannes im Museum von Chalkis, dessen 
Kenntnis ich der Liebenswürdigkeit von Frau O. Deubner verdanke ; aber 
die Hand erscheint hier in Oberansicht. Ähnlich liegt die Lanze in Athenas 
Hand bei Lebas, Voyage archeol. Mon. Fig. 47, 2. Genau wie auf unserem 



DIE MAUERN ATHENS 539 

wenig die Frage, ob die Senkung des Speeres, — das breite, 
lanzettförmige Blatt seiner Spitze geht in flachstem Relief 
in die sich zur Randleiste aufbiegende Grundfläche über, — 
irgend eine besondere, sepulcrale Bedeutung habe; oder ob 
sie nur dem Wunsch entsprang, den Speer als solchen zu beto- 
nen, was allein durch die Spitze, und dies, bei seiner Länge, 
wiederum nur durch die Haltung nach unten möglich war. 

Wie alt der Wunsch bei den Griechen war, von dem 
Toten Kunde zu geben auf dem Grabmal, haben uns die Ste- 
len von Mykenae gelehrt. Und wir sehen, wie er immer wie- 
der in Formen, die mit dem Geist der Zeiten wechseln, Aus- 
druck sucht und findet. Hatte man den Toten dort als kühnen 
Kämpfer und Jäger hoch zu Wagen feiern wollen, so zeigten 
die grossen Grabgefässe einer jüngeren Zeit, wie man ihn 
noch im Tode ehrte, und dieses Motiv von Prothesis und 
Leichenklage sollte dann auf Jahrhunderte hinaus nicht wie- 
der von den sepulcralen Begleitgefässen verschwinden. Auf 
dem eigentlichen Grabmonument wurde freilich solche Bezie- 
hung zum menschlichen Leben eine Zeitlang durch Götter- 
geschichte und Heroenkämpfe zurückgedrängt, als die epi- 
schen Lieder von den Rhapsoden über die Inseln und in alle 
Gaue des Festlandes getragen wurden. 

Aber bald stellt eine junge, rasch erstarkende Bildnis- 
kunst den Toten in eigener Gestalt, erst in der Statue und 
bald auch auf der Stele, auf das Grab, — der alten Idee, dass 
dieses ein eboc, für die Seele besitzen solle \ reifste, anschau- 
lichste Verbildlichung. Und in dem Bedürfnis, auch jetzt noch 
etwas mehr zu sagen, schafft sie sich als Ersatz für das Bild- 
feld der Vase auf der Stele das Sockelbild, — wenn nicht auch 
darin bereits, wie im Hauptrelief die ältere Grabstatue, nur 
ein zweites Motiv des statuarischen Grabmals, nämlich der 
Reliefschmuck seiner Basis, weiter lebt und also schon in die- 



Relief dagegen nur bei dem Krieger des Reliefs Baumeister, Denkm. d. kl. A. 
III 2120, dieser allein wiederholt auf der Grabstele Burlington Fine Arts 
Club, Exhibition of ancient Greek Art1904,S. 27 Taf. XVI41. Aber der 
Lanzenscbaft verjüngt sich hier nach oben, die unten sichtbare Spitze ist 
also der Sauroter, was auf unserem Relief ausgeschlossen ist. 
1 Vgl. Dragendorf f in 'Thera' II 290. 



540 F. NOACK 

sem jenes Bedürfnis seine Erfüllung gefunden hatte. Denn 
dass die Basis der Grabstatue auch figürlichen Schmuck ge- 
tragen habe, klingt nicht blos deutlich nach in dem Löwen- 
relief des arcluiischen Grabmals aus Mykenae (Brit. J\Ius. 
Catal. of sculpt. I 217, Fig. 4; AM. IV 1879,296; Friederichs- 
Wolters 53), wo die Basisform noch bewahrt ist: nach Hel- 
bigs schöner Vermutung ^ ist uns in dem Grabmal von Lamp- 
trae (AM. XII 1887, V; Att. Grabrel. I 11) eine solche statua- 
rische Basis in besonders reicher Gestalt noch direct erhalten. 
Gewiss dürfen wir daraus, — und durch das Sockelbild der 
Stele noch recht eigentlich dazu gedrängt, — rückwärts auf 
ähnliche, nur einfachere Vorgänger schliessen -'. 

Aber während auf der Basis von Lamptrae wie auch auf 
den Sockelbildern der attischen Stelen der ritterlichen Tyran- 
nenzeit die Darstellung, nur an das irdische Leben jener Tage 
rührend, von der socialen Stellung erzählt, die der Tote einst 
eingenommen hatte ^, redet das ältere Bild auf unserer Stele 
ernst und eindringlich von der Macht des Todes. Was spä- 
tere Grabmalkunst in zartester x-Vndeutung nur durch Com- 
position und Stimmung anklingen lässt, — er war so schön 
und so gut, und er musste doch sterben (Wolters, AM. XVI 
1891, 405), — das spricht hier noch unmittelbar das Bild des 
Todesdämons selbst mit nachdrücklicher Gewalt. Oben steht 
der Tote, wie er im Leben war, in der Fülle jugendlicher 
Kraft — unter ihm eilt die Gorgone dahin, aufgefasst in ihrer 



1 Memoires de l'Acad. d. inscr. et belles-lettres XXXVIII 1902, 205. 

* Man denke wie gut z. B. eine Würfelform, wie sie die Basis des 
Kalbträgers hat, solchem Zwecke dienen konnte. Die breitere Basis der 
Grabstelen (Aristion, L^seas) hat nur die Rolle einer Euthynteria gespielt. — 
Auch für die Rückführung des Sockelbildes auf ionischen Einfluss (Lechat, 
Sc. att. 294) fehlt hiernach jeder Anlass. — Das Motiv lebt in dem Ba.sis- 
schmuck der grossen Kultstatuen des V. und IV. Jahrhunderts fort. 

^ Gegen die Auffassung, dass damit der heroisierte Tote verstanden sei 
(AM. IV 1879, 167; Furtwängler, S. Sab. Einl. z.d. Sculpt. 36; Jahrb. II 1887, 
211 u. auch Weicker, Seelenvogel 10), hatte sich schon Conze Att. Grabrel. I 4 
gewendet. Entschieden hat Heibig a. a. O. 201 f. Der Ideenkreis, aus dem 
heraus der Eber auf die Stele von Symi gesetzt ist, kann ein ganz anderer 
gewesen sein (BCH. a. a. O. 223). Sein Beispiel hier zu verwerten, verbietet 
schon die zeitliche Stellung der vStele, s. oben S. 537 Ainn. 1. 



DIE MAUERN ATHENS 541 

ursprünglichen chthonischen Bedeutung (Weicker, Seelenvo- 
gel 30 f. 1 28, 4), losgelöst von der mythischen Scene, aber doch 
in der Gestalt, die sie erst im Verbände mit dieser empfan- 
gen hatte. Das ist der Wesensunterschied zwischen dieser 
Gorgone und ihren älteren Schwestern auf der Netosamphora. 
Es ist derselbe Unterschied aber auch, der die Gorgonenstele 
scheidet von allen anderen jüngeren archaischen Stelen, die 
wir heute kennen. 

2. Kopfstück einer zweiten schlanken Grab- 
stele, neben dem Gorgorelief in Mauer A verbaut (aa, S.129 
und Taf. XII obere Ansicht), 0,56 m h., unten 0,365, oben 
0,345 m br. und 0,16 bezw. 0,15 m dick (Phot. d. Inst. Ath.Var. 
251). Erhalten ist gerade noch der oberste Teil des auch hier 
vom schmalen (0,013 m br.) Rande aus in flacher Mulde ein- 
getieften Bildfeldes und in diesem die Schädelkappe eines 
wohl männlichen Kopfes. Unmittelbar davor steigen die ein- 
gravierten Linien eines 0,018 m dicken Stabes, der etwas 
schräg gehalten wurde, aus dem Bildfelde und in dessen 
Mulde (also auch da nicht in Relief gearbeitet!) auf die 
glatte oberste Fläche hinauf, welche, 0,47 m h., den schlich- 
ten Abschluss der Stele bildet. Nur eine einfache und, ein 
wenig darüber, eine doppelte horizontale Furche trennen sie 
als einziges Ornament von dem Reliefbild darunter. Die 
Schaftlinie verliert sich nach oben in einem wieder systema- 
tisch zerstörten Felde, das ursprünglich auch hier offenbar 
als Relief die Fläche überragte und mit seinem jetzigen Con- 
tur auf den ersten Blick der Krone eines mächtigen Thyrsos 
zu ähneln scheint ^ Doch ist der Eindruck zu unsicher, um 
daraus eine Deutung herleiten zu können. Der positive Wert 
der Fragments liegt für uns wesentlich darin, dass es uns 
die obere Endigung einer altattischen Stele kennen lehrt, 
die geradlinig begrenzt, jegliche ornamentale Bekrönung aus- 
schliesst. Damit scheidet die aus lonien hersfeleitete Palmet- 



' Man bemerkt eine über diese ganze zerstörte Partie verteilte Anzahl 
kleiner Löcher, die nicht von dem zerstörenden Eisen herzurühren schei- 
nen, sondern eher wie die äussersten Enden feiner Bohrlöcher aussehen. 



542 F. NOACK 

tenkrönung ' als nicht unbedingt mitbestimmend bei der Her- 
kunftsfrage dieser Stelenform endgültig aus. 

3. Bruchstück aus Insel marmor mit einzelnen 
grossen eingesprengten Krystallen; Höhe ohne Basis (0,055 m) 
0,85 m : Taf. XXIV 2. Wenn Löschcke in seinem oft ange- 
führten Aufsatze AM. IV 1879, 301 es lediglich für einen Zu- 
fall erklären musste, dass noch keine Löwenstatue von einem 
archaischen Grabe in Attika gefunden sei, so hat ihm dieses 
Marmorbruchstück eines solchen Grablöwen aus der the- 
mistokleischen Mauer (c, oben S. 1 29) Recht gegeben. Denn 
obschon die ganze rückwärtige Partie davon abgespalten und 
auch das einst in Vorderansicht gebildete Gesicht mit einem 
Teil der Brust zum Zwecke der Verbauung ebenso zerstört 
war wie so viele kostbaren Teile der Jünglingstele, so war 
seine Deutung schon gesichert durch die Mähne, deren lang- 
geschwungene Zotten mit fein eingravierten Conturlinien auf 
dem glatten Halsrücken aufgetragen waren und teilweise 
noch rote Farbspuren trugen (Phot. d. Inst. Ath.Var. 255). Glei- 
che Zotten bedeckten die Brust und reichten bis zum Ansatz 
der Vorderbeine hinab. Aber erst die nachträglich in Turm N 
(S. 477,1) hinzugefundenen Stücke der rechten Vorderpranke, 
die Bruch auf Bruch passten -, geben dem Torso die richtige 
Haltung zurück und verleihen ihm trotz der jammervollen 
Entstellung noch einen Schimmer seiner ursprünglichen 
Wucht und Kraft, Wir sehen noch das mächtige Tier vor 
uns, wie es, auf den Hinterbeinen hockend, sich auf den seh- 
nigen Vorderbeinen hoch emporreckt, das Haupt dem Be- 
schauer zugewendet, wie weiland die Löwen von I\Iykenae, — 
nicht etwa bewegt und bereit, als Vertreter des Toten die 
Opfergabe zu empfangen (Strena Helbigiana 42), sondern so 
ernst und starr, wie vor ihm der Löwe auf der frühattischen 
Grabvase 'Ecp. ap/. 1897 Taf. 5, wie Jahrhunderte später die 



' AM. IV 1879,279; Brückner, Ornam. u. Form 59; Furtwängler, S. Sab. 
Ein!, z. d. Sculpt. 1 f. 

- Eine zweite Pranke und die obere Partie des 1., an der Innenseite 
flüchtiger behandelten Vorderbeines sind gleichfalls erhalten (Phot. d. Inst. 
N.M. 742 rechts). 



DIE MAUERN ATHENS 543 

Löwen von Chaeronea und vom Piraeus \ als Hadeswächter 
und Hüter der Seele. 

Die Plinthe ist überall nur rauh behauen, ebenso ist aber 
auch die Oberseite der r. Tatze flüchtiger bearbeitet: hieraus 
und aus der Sorgfalt, mit der auch die Unterpartieen an Brust 
und Bauch behandelt sind, schliessen wir, dass die Plinthe 
ganz in eine grössere Basis versenkt und dass durch diese 
(Pfeiler oder Säule) das Tierbild über die Augenhöhe des 
Beschauers gehoben war. 

4. a) Eine nicht ganz quadrate Marmorplatte (Taf. 
XXII 1), in zwei Stücke zerbrochen und im themistokleischen 
Torweg bei i verbaut gefunden (S.155 und Taf. XI, die Fund- 
stelle Phot. d. Inst. A.B. 303), 0,87 m h., 0,79 m br. und 0,14 m 
dick. Über den Reliefgrund, der noch einzelne rote Farbspu- 
ren 2 bewahrt hat, steht an drei Seiten eine Randleiste um 
0,025 m vor; sie ist oben und unten 0,09 m, links, wo über- 
dies noch ein flacher Rundstab über die Seitenfläche ausla- 
det, 0,042 m breit. Rechts fehlte jeder erhöhte Abschluss; hier 
war sogar ein schmaler Streifen in ungleicher Breite (unten 
0,036 m) von der Grundfläche selbst in flacher Schräge abge- 
arbeitet. Die Unterseite ist völlig glatt ; die linke Schmalseite 
unter jenem Rundstab, ebenso die rechte sind rauh gelassen. 
Auf der gleichfalls nur gerauhten oberen Schmalseite befin- 
den sich im Abstand von 0,15 bezw. 0,23 m von den Ecken die 
Reste zweier Eisendübel in Bleiverguss, die, horizontal nach 
hinten gerichtet, die Platte einst an einer Rückwand festge- 
halten haben. 

Von dem Relief ist gerade noch soviel erhalten, um einen 
in kurzem, fast zögerndem Schritt nach rechts gehenden 
Jüngling zu erkennen. Sein Petasos, dessen Krampe leicht 
aufwärts gebogen ist, lässt, ein wenig in die Stirne gerückt, 
die Wölbung des Hinterkopfes frei, so etwa, wie bei thessali- 
schen Reitern auf schwarzfigurigen Vasen der letzten Peisi- 



* Vgl. aucli Lebas, Vo3^age archeol., Mon. Fig. 78, 2. 
^ Rot als Farbe des Grundes auch bei anderen archaischen Grabstelen, 
AM. IV 1879, 38 f. Taf. 1. 2. 



544 F. NOACK 

stratidenzeit \ die auch die Zeit dieser Reliefplatte sein dürfte. 
Der kurze ^Mantel hängt mit spitzem Zipfel am Rücken herab, 
die eine Hand war vorgestreckt. Es fällt auf, dass die Figur 
nicht die Mitte der Platte einnimmt, sondern nahezu deren 
ganze rechte Hälfte frei lässt 

Das Relief ist dadurch von besonderem Interesse, dass es 
das noch am vollständigsten erhaltene von drei gleichen 
Exemplaren ist, die ihrer Fundumstände wegen nicht ohne 
Beziehung zu einander sein können. 

b) Von dem zweiten - befindet sich der allein erhaltene 
obere Teil (0,43 m h.) seit lange im Nationalmuseum (v. Sybel 
15; Brückner, Ornament u. Form 60), wo er jetzt in dem Sei- 
tencabinet des archaischen Saales an der Wand befestigt ist. 
Nach der Angabe von Postolakkas wurde er Ende Septem- 
ber 1874 bei den Ausgrabungen am Dipylon entdeckt^. 

Obwohl er die gleiche Abarbeitung "durch grobe Hacken- 
scliläge' erlitten hat, wie a, so ist der (auch nach rechts ge- 
richtete) Oberkörper des Jünglings, besonders das Gesicht 
und der in der Mitte knopfartig überhöhte ^ Petasos doch et- 
was besser davon gekommen. Ebenso erkennt man noch, dass 
die vorgestreckte r. Hand (um irgend einen Gegenstand, der 
wohl auf dem Grund aufgemalt war) geschlossen w^ar. Die 
Übereinstimmung in den Verhältnissen ist so gross, dass der 
Contur des Hinterkopfes beidemal nahezu den gleichen Ab- 
stand von der 1. schmalen Randleiste hat. Nur ist diese Platte 
um 0,115 m schmaler, so dass die Figur wirklich in ihrer 
Mitte steht. Die Kopfgrösse und die sonstigen Maasse sind 
dieselben, und schliesslich sind auch hier auf der Oberseite 
die beiden Löcher für die Dübel vorhanden ^. Auffallend, 



' Mus. Greg. II8,2u.A.Z. XLII 1884, XVI 1; Helbij? a.a.O. 21 7 Abb. 25. 27. 

- A. Brückner wurde durch meine Mitteilung über die erste Platte an 
die betr. Schede im Apparat der Att. Grabreliefs erinnert, und ihm verdanke 
ich den ensten Hinweis und einzelne Angaben. 

" Die Skizze von Postolakkas im Apparat der Att. Grabrel. ist am 29. 
Sept. 1874 aufgenommen. 

■* Wodurch sich die Ähnlichkeit mit den thessalischen Hüten (oben 
Anm. 1) noch verstärkt. 

^ L. Randleiste 0,033 m br. .'\bstand des Hinterkopfes von ihr 0,28 ])ezw. 
0,27 m. Der 1, Dübel ist ebenfalls 0,15 m von der Ecke entfernt. 



DIE MAUERN ATHENS 545 

wegen der 1. erhaltenen Randleiste \ ist die Anschlussfläche 
(oben und am hinteren Rande) auf beiden Schmalseiten. 

Das Material ist nach Lepsius, Marmorstudien 7 7,102, 
unterer weisser pentelischer Marmor. 

c) Endlich haben sich acht Bruchstücke, die, wie so man- 
che andere Sculpturbrocken, im vergangenen Sommer aus der 
Tiefe des Turmes N zu Tage kamen, zu einer dritten eben- 
solchen Reliefplatte, und zwar diesmal zu dem unteren Teile, 
zusammensetzen lassen: 0,77 m 1., 0,48 m h., Fussleiste 0,09 m, 
linke Randleiste 0,048 m br., rote Farbspuren besonders am 
unteren Rande. Vom Relief selbst sind aber nur die Füsse und 
kurze Teile der Unterschenkel der diesmal nach 1. schreiten- 
den Figur erhalten. Die Fusslänge ist, wie bei a, rund 0,1 1 m. 

Diese drei Stücke wird man unbedenklich als Teile eines 
grösseren Denkmals ansehen dürfen. Das kann nach Fundge- 
gend und Inhalt nur ein Grabmonument gewesen sein. Bei 
dem Jüngling liegt die Deutung auf den seelengeleitenden 
Hermes auf der Hand. Der engere Zusammenschluss der 
Platten ist nicht festzustellen; die neugefundene Platte a wird 
Eckstück gewesen sein. Die Eisendübel auf der Oberseite 
von a und b verraten uns nur, dass die Platten als Verklei- 
dungsstücke rückwärtig an einer Kernwand befestigt waren. 
Dann aber liegt es nahe anzunehmen, dass sie einem ähn- 
lichen Zwecke gedient haben, wie jene archaischen bemalten 
Thonplatten, deren Verwendung auf dem attischen Fried- 
hofe uns Wolters gedeutet hat ('Erp. dgx- 1888, 187 f.; Ant 
Denkm. H S. 2-4). Und in diesem Falle dürfte man in den 
auffallenden Randleisten unsrer Reliefplatten vielleicht das 
Rahmenwerk wiedererkennen, das, aus Holz hergestellt, für 
die Thonverkleidung gewiss mit Recht vermutet worden ist: 
bei der Umsetzung in ein anderes Material wäre es, obwohl 
tektonisch jetzt überflüssig, in jener Form erhalten worden. 
Ob diese so geschmückten Wände ein Familiengrab um- 
schlossen, ob sie eine Grabkammer bildeten oder nur das 
Massiv einer grösseren Basis, — auf diese Fragen versagen 
jene Trümmer uns die Antwort. 



* Was bereits Conze auf der betr. Schede betont. 



546 F. NOACK 

Ich schalte an dieser Stelle zwei Fundstücke ein, die, 
obwohl anderer Art, doch als sichere Reste attischer Grab- 
mäler und, weil sie im festen Verbände mit dem themistoklei- 
schen Sockel gefunden wurden, hierher gehören. Beide sind 
in ihrer Lage im nördlichen Pfeiler des Tores E F belassen 
worden (S.152). 

5. Das eine, ein grosser viereckter Block aus sehr dich- 
tem Conglomeratstein (0,99 m 1. 0,75 m br. 0,365 m h.), ver- 
dankt die für uns so wichtige Erhaltung seiner Oberfläche 
der Lage in dem nördlichen Teile des Pfeilers F, der von 
der ersten Veränderung des Torweges (S. 473) nicht getroffen 
wurde. So konnte noch jetzt bei seiner Freilegung der platte 
Rand eines Bleivergusses unversehrt erscheinen, durch den 
eine unregelmässige Plinthe aus grobkörnigem Inselmarmor 
in der Mitte des vSteines festgehalten war ^ Dass diese Plin- 
the einst eine Statue trug, ist zweifellos. Denn so sorgsam 
man auch die kleinste Erhebung über das Niveau der umge- 
benden Basis rasiert hat, so hat man doch ihre Grundform 
nicht ändern können, die noch den Standort der Füsse — der 
1. Fuss vorgesetzt — erschliessen lässt (Abb. 32). Denn hart 
an deren Aussencontur entlang war die Plinthe, nach uns 
wohlbekanntem Brauche auf das notwendigste beschränkt, 
behauen und abgenommen worden l Und von dieser Fuss- 
stellung dürfen wir auf eine männliche archaische Statue, 
vielleicht noch im Typus der "Apollines' schliessen. So wäre 
zum zweitenmal für den archaischen Friedhof Athens die 
freistehende Grabfigur belegt. 

Dann aber müsste wohl die Vorderseite die Grabinschrift 
getragen haben? Diese Frage, die H. Schrader alsbald nach 
der Freilegung der Plinthe aufwarf, fand sofort ihre Antwort, 
als vom Nachbarblock, der sich als eine gewöhnliche Bau- 
quader aus weichem Piraeuskalk erwies, erst eine kleine Ecke 



' wie z. R. die Plinthe des Kalbträgers, AM. XIII 1889, 113. 

- Die .schönste Analogie bieten jetzt die von Herrn Stais in Sunion am 
Poseidontempel gefundenen Plinthen hochbedeutsamer archaischer 'Apol- 
lines', AM. XXXI 1906, 363. Vgl. auch die Plinthe der Xenophanto.sbasis, 
AM. IV 1879, 300 u. Beilage S. 294, 4. 



DIE MAUERN ATHENS 



547 



und, da der Erfolg dazu aufforderte, ein Streifen in ihrer 
ganzen Breite abgenommen wurde. Die mit archaischer Acu- 
ratesse ausgeführte, metrische Inschrift, die tatsächhch dort 
stand, zeigen Abb. 33 nach Photographie des Abklatsches 
und Phot. d. Inst. A.B. 308, 309. Sie hat an der 1. Ecke und 
in den beiden unteren Zeilen stark durch absichtliche Zer- 
störung gelitten. 




Abb. 32. Basis mit Standspuren. 



Auf der 0,75 m langen Front des Steines sind drei Zeilen 
durch sauber eingehauene Linien abgeteilt und zwischen 
ihnen die durschnittlich 0,033 m hohen Buchstaben in klaren, 
kräftigen Formen und nahezu ötor/iiftov eingereiht. Eine be- 
friedigende Vervollständigung, die ich bisher nicht fand, Kun- 
digeren überlassend, beschränke ich mich auf folgende kurze 
Bemerkungen. 

Rechts ist die zweite Zeile vollständig. Am Ende der ersten 
wird eine schwache schräge Spur hart am Bruchrand von der 
unteren Schräghasta eines ^ herrühren. Links ist vom Fuss- 



548 F. NOACK 

punkt des A der 1. Zeile bis zur ursprünglichen Kante eine 
Strecke von 0,1 75 m zerstört, auf der nach Maassgabe des son- 
stigen Buchstabenabstandes bis zu 5 Buchstaben gestanden 
haben können, also nur ein zweisilbiges Wort, das nach einem 
schwachen Rest vor A vielleicht mit ^ schloss. Das Erhaltene 
setzt mit dem zweiten Versfuss des Hexameters ein: 
} 

. . . .<AI + METO + ^EMOKUEE^AHAPO< 

In Zeile 2 fehlen zuerst 4 Buchstaben, dann TA^. Für das 
folgende Trennungszeichen ^ vgl. AeAriov dp/aioA. 1888, 173; 




Abb. 33. Archui.sche Grabiii.schriften. 

Lolling, Kata^oyog xov kv 'Aflrjvfxn; gjtiyQacpixov' [lOvoeCou 39, 20. 
Alsdann ist sicher bis zum Schluss der Zeile zu erkennen 

. . . .TA^^EMATO^OMPPO^IAONAMO 

Zeile 3. Wieder nach drei fehlenden Buchstaben das r. untere 
Ende von A und EH. Auf der nächsten Strecke ist, soviel 
ich sehen kann, jede vSpur verwischt. Doch wird sie über 
den kurzen Schluss des Pentameters hinaus nichts weiter 
enthalten haben. 

Sonach ist zu lesen 
} 
....<; ai5([.n]T0Ü, "E^ivo-KkEf.q, äv^goc, .... xaq, 
ofjfxa t6 aov jt()oöi5(i)v YA'Cü(GeT)ai , 

und zu ergänzen doch wohl der Begriff einer Auszeichnung 



DIE MAUERN ATHENS 549 

dieses Xenokles, die beim Anblick seiner Statue sofort zu er- 
kennen wäre ^ Auch ist man versucht, sich diese wirklich 
mit der Lanze in der Hand, sei es in ruhiger Haltung oder 
etwa dem Pariser vSpeerwerfer (Jahrb. VH 1892,4) ähnlich 
vorzustellen. 

Die Buchstabenformen finden sich sämtlich auf den atti- 
schen Steinen des VI. Jahrhunderts, am vollständigsten, bis 
auf ^ und -f-, auf der Inschrift von Sepolia (IG. I 463; Kai- 
bel, Ep. gr. 1; Roberts, Introdviction to Greek Epigraphy I 76). 
Doch scheint eine genauere Datierung nach ihnen allein 
nicht möglich, wenn man sieht, wie einzelne Formen in der- 
selben Inschrift schwanken, andere wiederum auf Steinen 
gleich bleiben, die zeitlich von einander entfernt sind. Viel- 
leicht, dass das an sich altertümliche linksläufige ^, das hier 
noch consequent verwendet wird -, vor einem zu weiten Her- 
abrücken der Inschrift warnen könnte. Wenn man in Rück- 
sicht auf die auch noch recht altertümlich anmutende Fuss- 
stellung Statue und Basis spätestens um die Mitte des VI. 
Jahrhunderts ansetzt, so dürfte der Inschriftcharakter ^ we- 
nigstens nicht dagegen sein. 

6. Der andere Stein, in demselben Pfeiler verbaut (S.152; 
0,76 m 1.), hat zu einem grösseren Ganzen gehört. Er trägt 
die Fortsetzung einer wenigstens dreizeiligen Inschrift (Abb. 
33 unten), die auf einem links anstossenden Steine begann 
und erst nach dem endgültigen Versatz der Steine einge- 
meisselt war: die Fuge geht mitten durch die Buchstaben 
hindurch. Das ist sicher für die letzte Zeile, die auf dem mit 



' S. Sudhaus verdanke ich folgenden Ergänzungsvorschlag: rifidq] 
aix|AriToi3, EeixöxXBEq, dvÖQOg [dQiGlTa(; ofina t6 oÖv :rryooi8ün' y\M[a£x]ai 
Ev[dd8' dnaq. Zur Verbindung jiQooiöcbv Yvcöoetai vgl. Simonides 149 Bgk. 
yvcä^i . . . JtQOOiScov . . Dem Namen Xenokles begegnen wir im VI. Jahr- 
hundert bis jetzt nur noch einmal: IG. I Suppl. p. 101, 373'-^''; Kirchner, 
Prosopog. Att. II 155, aber noch im IV. Jhdt. einem Seivcx^^erig 6 SsiviSog 
(Hermes XXVIII 1893, 469 f.), worauf mich Sudhaus verweist. 

2 Roberts a.a.O. I 79. In den Inschriften des Aristion (Phrasikleiastein, 
Kaibel, Ep. gr. 6) und des Andokides (Jahrb. II 145) steht es schon neben $. 

3 Bei aller Rücksicht auf die gewiss berechtigte Mahnung A. Wilhelms, 
AM. XXIV 1899, 477. Vgl. jedoch auch Judeich ebenda XXV 1900, 336 f. 



550 F. NOACK 

seiner alten Kante erhaltenen Stein mit dem halben ») von 
(dvE)0EKEN beginnt. Dieses Verbum bildete den vSchluss 
der Inschrift. Die Zeile darüber beginnt mit ^, was auch, 
eher als ein y, der 2. Teil eines M sein dürfte. Die Reihe ist 
bis zum r. Ende des Steines vollständig: M A © I UE K ET E [?K A. 
Über diesem letzten A ist der untere Teil von E deutlich, 
hinter dem höchstens noch ein 1 Platz gehabt haben könnte. 
Die Reste am Anfang dieser 1. Zeile sind ganz unklar. Möglich 
wäre zuerst ein A, dann I . Die Spuren über sind unver- 
ständlich, dann folgte vielleicht E/ . 

Die Buchstaben sind ungleichmässig (0,065-0,07 m h.) und 
flüchtig ausgeführt. Ein Zweifel an der sepulcralen Bestimmung 
des Steines ist angesichts der Fundstelle wohl ausgeschlossen. 

B. Nicht verbaute S c u 1