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Full text of "Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung"

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MITTHEILUNGEN DES INSTITUTS 



FÜR 



OESTERREICHISCHE 



GESCHICHTSFORSCHUNG. 



UNTER MITWIRKUNG VON 



OSW. REDLICH, F. WICKHOPF und H. R. v. ZELSSBERG 



BEDIGIRT VON 



E. MÜHLBACHER. 



XV. BAND. 




INNSBRUCK 

VERLAG DER WAGNER'SCHEN UNIVERSITÄTS-BUCHIIÄNDLUNG. 
1894. 



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DRUCK DER WAGNER'SCHEN UNIV.-BUCHDRUCKEREI IN INNSBRUCK. 



Inhalt des XV. Bandes. 

Seite 

Der Untergang des Königreichs Jerusalem. Von Reinhold Röhricht 1 

Zur Vorgeschichte der Wahl Rudolfs von Habsburg. Von Harry Bresslau 59 
Die Entstehung der ptälzisch-österreichischen Convention vom 3. Jan. 1778. 

Von AdolfUnzer 68 

Der Herzog von Reichstadt. Von Hanns Schütter .... 114 
Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. Von A. 

Riegl 193 

Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749 — 1816. Von Adolf Beer . 237 
Ueber die Goldprägungen Kaiser Friedrichs II. für das Königreich Sicilien 

und besonders über seine Augustalen. Von E. Winkelmann. . 401 

K. Sigmund und Polen 1420—1436. Von JaroslawGoll . . . 441 
Beiträge zur Historiographie in den Kreuzfahrerstaaten, vornehmlich für 

die Geschichte Kaiser Friedrichs II. Von Paul Richter . . . 561 
Das Verhältnis der beiden Chroniken des Richard von San Germano. Von 

A. Winkel mann 600 

Zur Gründungsgeschichte der österreichischen Kriegsmarine. Von Karl 

Lechner 614 

Kleine Mittheilungen: 

Zur Biographie des Erzbischofs Tagino von Magdeburg (1004—1012). 

Von K. Uhlirz 121 

Rückdatirung in Papsturkunden. Von M. Tan gl . . . . 128 
Eine neue Urkunde K. Arnolfs und die Schlacht an der Dyle. Von 

A. Dop seh 367 

Geheimschrift. Von Th. R. v. Sickel 372 

Hatten die Franken ein Ordal des Flammengi-iffs ? Von 0. Opet . 479 
Zur Chronologie der Päpste. Von L. M. Hartmann . . . 482 
Ein Siegelstempel Kaiser Friedrichs II. Von E. Winkelmann . 485 
Die Stellung der Lausitz als brandenburgisches Nebenland zu den Be- 
stimmungen der Goldenen Bulle. Von Woldemar Lippert . 657 
Das Itinerarium Martins V. von Constanz bis Rom (16. Mai 1418 bis 

28. September 142C.) Von F. Miltenb erger . . . . 661 
Zur Belagerung Wiens durch den Grafen Thurn (2.— 14. Juni 1619). 

Von A. Hub er und J. Hirn 664 

Anonymes Schreiben aus dem Nachlasse des Herzogs von Reichstadt. 

Von Hanns Schütter 672 

Literatur : 

Diplomi imperiali e reali delle cancellarie d' Italia. Pubblicati a fac- 



IV 



siinile della R. Societä Romana di Storia patria. 1. Lieferung. 

(E. Mühlbacher) 131 

Müller Mor., Die Kanzlei Zwentibolds, Königs von Lothringen. (A. 

Dopsch) 133 

Osnabrücker Geschichtsquellen, herausgegeben vom historischen Verein 
zu Osnabrück. Band I : Die Chroniken des Mittelalters, bearbeitet 
v. Dr. F. Philippi u. Dr. H. Forst. (E. v. Ottenthai) . . .136 
Bretholz Berthold, Geschichte Mährens, I. Band, 1. Abth. (A. Huber) 138 
Die Knechtschaft in Böhmen. Von Julius Lippert und Joh. Peisker 

(W. Milkovic) 138 

Ueber die Chronik Cosmas' von Prag. Von W. Regel. (W. Milkovic) 142 
Finke Heinrich, Ungedruckte Dominikaner Briefe. (R. Thommen) . 146 
The Absolution Formula of the Templars, von H. Ch. Lea. (L. Gnielin) 148 
Franz Kummer, Die Bischofswahlen in Deutschland zur Zeit des grossen 
Schismas 1378 — 1418 vornehmlich in den Erzdiöcesen Köln, Trier 

Mainz. (M. Tangl) . 150 

Otto Hüttebräuker, Der Minoritenorden zur Zeit des Schismas. (0. 

Holzer.) 151 

P. Albert, Matthias Dörring, ein deutscher Minorit des 15. Jahrhunderts. 

(0. Holzer) . 152 

Beschreibung des Oberamts Ehingen und des Oberamts Reutlingen. 

Herausgegeben vom k. statistischen Landesamt. (Th. Schön) . 153 
Herbert, Der Haushalt Hermannstadts zur Zeit Karls VI. (K. Schalk) 157 
Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiser- 
hauses. Vierzehnter Band. (S. Laschitzer) 159 

H. R. v. Jirecek, Unser Reich vor zweitausend Jahren. Eine Studie zum 

historischen Atlas der österr.-ungar. Monachie. (J. Jung) . . 374 
Georges Blondel, Etüde sur la politique de 1' empereur Frederic II. en 
Allemagne et sur les transformations de la Constitution Allemande 
dans la premiere moitie du XIII e siecle. (H. Siegel) . . . 377 
Niederösterreichisches Urkundenbuch. 1. Bd. Urkundenbuch des auf- 
gehobenen Chorherrnstiftes St. Polten. 1. Theil. 976—1367. 

(0. Redlich) 380 

Die historischen Programme der österreichischen Mittelschulen für 1893. 

(S. M. Prem) 385 

Zur Feststellung des Datums der Ueberreichung der , Sturmpetition« der 
protestantischen Stände Oesterreichs an Ferdinand H. (1619). That- 
sächliche Berichtigung in Betreff des 11. Juni 1619. (Onno Klopp) 394 

tteplik. (A. Huber) 396 

Entgegnung von Dr. Jean Lulves ........ 398 

Replik. (W. Milkovic) 399 

Neuere Literatur über deutsches Städtewesen: 1. G. v. Below, Zur Ent- 
stehung der deutschen Stadtverfassung I. Th. 2. Dasselbe, II. Th. 
3. Derselbe, Die Entstehung der deutschen Stadtgemeinde. 4. K. 
Koebne, Der Ursprung der Stadtverfassung in Worms, Speier und 
Mainz. 5. Schulte A., Ueber Reichenauer Städtegründungen. 6. Sohm 
R, Die Entstehung des deutschen Städtewesens. 7. J. E. Kuntze, 
Die deutschen Stadtgründungen oder Röraerstädte und deutsche 
Städte im Mittelalter. 8. G. Kaufmann, Zur Entstehung des Städte- 



wesens. 9. K. Lamprecht, Der Ursprung des Bürgerthums und des 
städtischen Lebeiis in Deutschland. 10. W. Varges, Stadtrecht und 
Marktrecht. 11. G. v. Below, Der Ursprung der deutschen Stadt- 
verfassung. 12. W. Varges, Die Entstehung der deutschen Städte 
(K. Uhlirz) 488 

H. J. Bidermann, Geschichte der österreichischen Gesammtstaatsidee 

1526—1804. (Th. Fellner) 517 

Gross K., Lehrbuch des katholischen Kirchenrechts. (W. v. Hörmann) 531 

Ortvay Th., Geschichte der Stadt Pressburg I. Bd. (F. v. Krones) . 533 

Leutrum G., Geschichte des Reichsfreih. und Gräfl. Hauses Leutrum 

von Ertingen. (Th. Schön) 536 

Ungarns Geschichtsliteratur in den Jahren 1890 — 1893. II. Zeitschriften. 

(A. Aldäsy) 538 

Neuere Literatur über deutsches Städtewesen : 13. Richard Schröder, 
Weichbild. 14. R. Beringuier, Die Rolande Deutschlands. Darin: 
Die Stellung der Rolandsäulen in der Rechtsgeschichte. Von R. 
Schröder. 15. Sello, Die deutschen Rolande (K. Uhlirz) . . 676 

Friedrich v. Wyss, Abhandlungen zur Geschichte des schweizerischen 

öffentlichen Rechts (J. Dierauer) 682 

H. Fitting, Summa des Irnerius. Quaestiones de juris subtilitatibus 

des Irnerius (Luschin v. Ebengreuth) 684 

R. Döbner, Urkundenbueh der Stadt Hildesheim (D. Schäfer) . . 687 

K. Schrauf, Regestrum Bursae Hungarorum Cracoviensis. Das Inwohner- 
Verzeichnis der ungar. Studentenburse zu Krakau (F. Eichler) . 688 

M. Büdinger, Don Carlos' Haft und Tod insbesondere nach den Auf- 
fassungen seiner Familie (Hirn) 689 

Spamers illustrirte Weltgeschichte. 3. Aufl. Fünfter und sechter Band. 

Bearbeitet von 0. Kaemmel (Krones) 691 

A. Gindely, Geschichte der Gegenreformation in Böhmen (A. Huber) 693 

Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kai- 
serhauses (S. Laschitzer) 695 

R. Luginbühl, Aus Philipp Albert Stapfers Briefwechsel (R. Thommen) 702 

Notizen (Siehe S. VI) . . . 167 

Zwölfte Plenarsitzung der badischen historischen Commission . . . 189 

Jahresbericht über die Herausgabe der Monumenta Germaniae historica . 553 
Bericht über die wissenschaftlichen Unternehmungen der Gesellschaft für 

Rheinische Geschichtskunde 556 

Bericht der Commission für die Denkmälerstatistik der Rheinprovinz . 559 

Historische Landes-Commission für Steiermark. II. Bericht 1893|94 . . 559 
Fünfunddreissigste Plenarversarnmlung der historischen Kommission bei 

der kgl. bayer. Akademie der Wissenschaften .... 703 

Zur Literatur über deutsches Städtewesen (G. v. Below) .... 707 

Personalien 191 



VI 



Notizen über: Hübner, Gerichtsurkunden der fränk. Zeit S. 167. — Oefele, 
Unedirte Karolinger Diplome 167. — Oefele, Vermisste Kaiser- und Königsurk. 
v. Eicbstätt 168. — Indices chronol. ad Antiquit. Italiae 168. — Parisot, Deux 
diploraes inedits 168. — Hartmann, Urk. einer römischen Gärtnergenossenschaft 
169. — Leist, Urkundenlehre 169. — Engelbrecht, Titelwesen b. d. spätlatein. 
Epistolograpben 169. — Cipolla, Di im diploma perduto di Carlo III. 169. — 
Cipolla, °Sull' itinerario di Corrado IL nel 1026. 170. — Erben, Anfänge d. Klosters 
Selz 170. — Hidber, Untersuchung d. Berner Handfeste 170. — Zeerleder, Berner 
Handfeste 170. — Simonsfeld, Fragmente von Formelbüchern 171. — Pischek, Z. 
Frage n. d. mhd. Schriftsprache i. ausg. 13. Jahrh. 171. — Eubel, Registerband 
d. Cardinalgrosspönitentiars Bentevenga 171. — Novacek, Gründungsurk. d. Prager 
Universität 172. — König, Die päpstl. Kammer unter Clemens V. und Johann XXII. 
172. _ Lewinski, Die Brandenburg. Kanzlei 1411—70. 173. — Brandstetter, Luzerner 
Kanzleisprache 173. — Scheel, Jaspar v. Gennepp 173. — Wiesner, Baumbast- 
papiere 173. — Rockinger, Geheimschriftenschlüssel 174. — Grotefend, Zeitrech- 
nuno- 174. — Bilfinger, Die mittelalt. Hören 174. — Hartmann, Ein »Consulat 4 
in Urk. von 921. 174. — Baumann, Ewiger Abend 174. — Roserot, Notice sur 
les sceaux carolingiens 174. — Schlosser, Typare und Bullen 175. — Helfert, 
Staatl. Archivwesen 175. — Mitth. d. Archivsection 2. Bd. 175. — Verzeichnis 
der Werke J. Fickers 176. — Brunner, Forschungen z. Gesch. d. deutsch, u. 
franz. Rechtes 176. — Mittheil, der Gesellsch. f. deutsche Erziehungs- und Schul- 
geschichte 1. u. 2. Bd. 176. — Mittheilungen aus d. Stadtarchiv von Köln H. 20 
bis 23. 177. — Jahrbuch d. Gesellsch. f. lothringische Gesch. u. Alterthumskunde 
Bd. 2—4. 178. — Mittheilungen d. histor. Vereins von St. Gallen Bd. 24. 179. — 
Brandstetter, Repertor. über Schweizergesch. 180. — Herre, Ilseburger Annahm 
181. — Kugler, Neue Handschr. Alberts v. Aachen 181. — Menzel, Deutsches 
Gesandtschaftswesen 181. — Lindner, Fabel von der Bestattung Karls d. Gr. 182. 

— Jan, Elsass z. Karolingerzeit 182. — Finke, Konzilienstudien 183. — Novacek, 
Aufenthalt Karls IV. in Avignon 1365. 183. — Novacek, Vemeschriften aus d. 
Egerer Archiv 183. — Caro, Studien z. Gesch. von Genua 184. — Carreri, Del 
buono governo Spilimbergese 184. — Degani, II Comune di Portogruaro 184. — 
Joppi, Di Cividale del Friuli 185. — Baltzer, Danziger Kriegswesen 185. — 
Schulte, Gilg Tschudi, Glarus und Saeckingen 185. — Stern, Israelit. Bevölkerung 
d. deutschen Städte 186. — Stern, Quellenkunde z. Gesch. d. deutschen Juden 
186. — Stern, Stellung der Päpste zu d. Juden 186. — Quellen und Forschungen 
z. Geschichte, Literatur und Sprache Oesterreichs 186. — Sartori - Montecroce, 
Thal- und Gerichtsgemeinde Fleims 186. — Schaller, Ulrich II. Putsch, Bischof 
von Brixen 187. — Hofmann - Wellenhof, Johannes Hinderbach 187. — Kufstein 
(Festschrift) 187. — A. Zingerle , Humanismus in Tirol unter Erzherzog Sig- 
mund 187. — Dopsch, Oesterr. Landrecht 188. — Luschin, Herbersteiniana 188. 

— Hartl und Schrauf, Nachträge zu Aschbach Gesch. d. Wiener Universität 188. 

— Schuster, Zappert's ältester Plan von Wien 188. — Trubrig, Heinr. Wuest 
Waldmeister zu Hall 189. — Revue de 1' Orient latin 189. — Kiem, Gesch. 
von Muri-Gries 189. 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem 1 ). 

Von 

Reinhold Röhricht. 

Die Geschichte des Königreichs Jerusalem seit der Kückeroberung 
der heiligen Stadt durch die Muslimen (1239) ist ein langsames Sterben, 
ein völliger Auflösungsprocess, und dass diese Erkenntniss auch den 
sonst ziemlich leicht dahinlebenden Bewohnern des christlichen Litorals, 
durch die Macht der Ereignisse aufgedrängt, immer klarer wurde, ist 
nicht schwer zu beweisen. Die Klagen über Niederlagen und Ver- 
luste werden seitdem lauter und häufiger 2 ), die Ahnung einer bevor- 
stehenden Katastrophe findet in Urkunden bereits offen ihren Aus- 
druck und wird die Grundlage für die Bestimmung eventuell wegfal- 
lender oder trotzdem fortdauernder Kechte und Pflichten 3 ). Grosse 
und kleine Herren beeilen sich, an die Johanniter 4 ) und Deutsch- 
herren 5 ), die mit den Templern 6 ) noch das meiste Geld und die ver- 



*) Diese Studie schliesst an des Verfassers : Etudes sur les derniers temps 
du royaume de Jerusalem I (a. La croisade du prince Edouard d' Angleterre ; 
1270—1274; b. Les battailles de Hirns; 1281 et 1289) und II (Les combats du 
sultan Bibars contre les chretiens; 1261 — 1277) in Archives de l'Orient latin I, 
617—652; II A, 365—409 und: Die Eroberung Accons durch die Muslimen 1291 
in Forschungen zur deutschen Geschichte XX, 93—126 (worüber auch Wilken VII, 
719—774, De Mas Latrie, Hist. de 1' ile de Chypre I, 484—494 und Weil, Gesch. 
der Chalifen IV, 179—191 gehandelt haben). Die Regesta regni Hierosolymitani 
des Verfassers (Innsbruck 1893) werden im Folgenden der Kürze halber mit RH. 
citirt. 

*) RH. No. 1221, 1251, 1288, 1290, 1299, 1325, 1383, 1387, 1404, 1405, 
1410, 1432, 1446, 1470. 

s) RH. No. 1066, 1164, 1285, 1307, 1346. 

4 ) Verkäufe Julians von Sidon (RH. No. 1210, 1217), des Johannes von 
Arsüf (RH. Nr. 1241, 1302, 1313, 1370, 1371), des Herren von Caesarea (RH. 
No. 1233, 1234). 

6 ) Verkäufe des Johannes von Beirut (RH. No. 1250, 1252—1257, 1265, 
1267, 1300, 1301, 1307, 1308, 1310). 

6 ) Julian v. Sidon verkauft ihnen Sidon und Beifort (RH. No. 1319). 

Mittheüungen XV. 1 



Röhricht. 



hältnissmässig sicherste Macht besassen, Dörfer, Städte, ja ausgedehnte 
Gebiete zu verkaufen, viele Kirchen x ) übergeben Hechte, bedrohte oder 
fast verlorene Besitzungen dem Schutze der Ritterorden, retten wie 
diese ihre Urkunden schätze im Original 2 ) oder in Vidimirungen 3 ) nach 
dem Abendlande. Ja im Jahre 1286 sollte sogar eine unsichtbare 
Hand auf dem Altare einer Klosterkirche zu Tripolis die Prophezeiung 
niedergeschrieben haben 4 ), welche für die nächste Zeit den Fall dieser 
Stadt und Accons voraussagte, aber auch für das Jahr 1301 den Unter- 
gang des Islams 5 ), die Rückeroberung des heiligen Landes und das 
Kommen des Antichrists 6 ) verhiess. 



') Besitzungen der Kirche von Nazareth (RH. No. 1280, 1282, 1314 ; vgl. No. 
1239,1373), der Abtei vom Thaborberge (RH. No. 1230, 1244, 1249, 1255, 1316; 
vgl. Nr. 1237) und S. Lazarus von Bethanien (RH. No. 1244, 1275-1277) kom- 
men an die Johanniter. 

2) Ihre Urkunden retteten die Templer (vielleicht?) nach Cypern, Rom, 
Spanien oder Portugal, die Deutschherren nach Venedig, die Lazaristen nach 
Italien, die Kirchen von Bethlehem nach Clamecy, von Nazareth nach Barletta 
oder Trani, die Abteien: vom heil. Grabe (vielleicht?) nach Perugia oder Miechow, 
vom Zionsberge nach Orleans, vom Thale Josaphat und St. Maria Latina nach 
Sicilien, vielleicht ebendahin auch die Abtei des Templum Domini (Comte Riant 
in Archives I, 705—710). 

s ) Comte Riant im Bulletin d. antiquaires de France 1877, 61—69. Auch 
sonst sind aus unserer Zeit zahlreiche Vidimirungen zu erwähnen (RH. No. 39, 
51, 69, 100, 233, 342, 378, 649, 757, 1156-1162, 1172—1173, 1414—1420). Dass der 
Johanniterorden 1291 sein Statutenbuch verlor, wissen wir aus der Bulle bei 
Potthast No. 24,938; vgl. Prutz, Culturgesch. 602 ff. 

4 ) Eberhard. Ratispon. in Mon. Germ. SS. XVIII, 606; Weichard de Pol- 
heim ibid. IX, 811; Menco ibid. XXHl, 567—568; Aegidius li Muisis, Chronica 
ed. de Smet im Corp. chron. Flandr. II, 151, auch handschriftlich in Paris (Bibl. 
nation. fonds franc. No. 902, fol. 96: Vision des Cisterciens de Tripoli 1347 und 
St. Genevieve L. f. 13, 4° fol. 12 a : Visio Tripolitana 1367) u. Chartres (Catal. d. 
biblioth. de France 1889, XI, 156). Unser Text ist nur eine zeitgemässe Auf- 
frischung der unter dem Jahre 1239 in Matthaeus Paris III, 538 und Annal. de 
Dunstaplia 151 (ohne Erwähnung vom Untergange der oben genannten Städte) 
angeführten Prophezeiung, über die auch Hist. litt, de France XXI, 69, 837 han- 
delt. Dass die Katastrophe von Tripolis und Accon durch wunderbare Erschei- 
nungen an den heiligen Bildern jener Städte vorherbedeutet worden sei, meldet 
Georg. Pachymeres, Bonnae 1835, II, 86—87. 

s ) Andere Weissagungen vgl. bei Röhricht, Sagenhaftes und Mythisches 
in Zeitschr. für deutsche Philologie XXIII, 412—413, SS. quinti belli sacri 
XLI— XLV1I, 205—228, Studien zur Gesch. d. fünften Kreuzzuges 4, 12—13; RH. 
No. 1421 (in einem Briefe Eduards an den Mongolenchan) , auch v. Bezold, 
Astrolog. Geschichtsconstruction im Mittelalter in Quiddes Zeitschr. 1892, II, 39 ff. 
und für das Jahr 1290 und 1295 Tourtoulon in Revue d. langues Romanes, Mont- 
pellier 1872, IU, 175—179, 350—353. 

") Erich Olaus in SS. rerum Suecic. II, 71 berichtet, dass schon 1291 nach 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 3 

Die schlimmste Zeit war für die Christen hereingebrochen, als 
Sultan Bibars, „ohne Zweifel eine welthistorische Figur" % den Thron 
von Aegypten bestieg und in unaufhörlichem Siegeslaufe die sichersten 
und stolzesten Städte und Burgen der Christen eroberte. Als er daher 
am 4. Juli 1277 2 ) starb, athmeten diese wie von einem schweren 
Drucke erlöst auf, da die Muslimen durch die Mongolen in Nord- 
Syrien unaufhörlich beunruhigt wurden, und in Aegypten selbst Auf- 
stände ausbrachen. Dem Sultan Bibars war nämlich sein neunjähriger 
Sohn Mälik as-Said gefolgt, aber durch eine Verschwörung der Emire 
unter Leitung des Kelawün wieder gestürzt und durch den dritten 
Sohn des Bibars Mälik al-Adil Bedr ed-din Selamieh ersetzt worden. 
Auch dieser wurde (27. Nov. 1277) verdrängt, und nun bestieg Kelawün 
unter dem Titel Mälik al-Mausür selbst den Thron. Er konnte sich 
anfangs nur mit Mühe behaupten ; denn der Emir Sonkor al-Aschkar 
Hess sich sogar (April 1280) als Sultan in Damascus huldigen, schlug 
ein ägyptisches Heer bei Gaza, verlor aber die Schlacht bei Dschezürah, 
nicht weit von Damascus (17. Juni 1280). Trotzdem ward ihm in 
einem Frieden (24. Juni 1281) Apamea 3 ), Kafar-täb 4 ), Antiochien mit 
dem Hafen, Bakäs 5 ) mit dem gegenüber liegenden esch-Schughr sowie 
Darküsch 6 ) zugesprochen und der Besitz der ihm bereits gehörigen 
Burgen Sahjün 7 ) , Balatunus s ) , Burzieh 9 ) und der Stadt Laodicea 
garantirt, weil die Mongolen, welche im October 1280 Syrien fürchter- 
lich verwüstet hatten, im Frühjahr 1281 ihre Einfälle wiederholten, 
und der Sultan ihr Bündniss mit seinem Gegner fürchtete. Aus dem- 
selben Grunde zeigte jener sich auch den Templern und Johannitern 10 ), 
wie dem früheren Fürsten Bohemund VII von Antiochien und Grafen 
von Tripolis ? x ) sehr entgegenkommend und bewilligte ihnen einen 

dem Falle von Tripolis und Accon die Erscheinung des Antichrists erwartet 
wurde. 

») L. v. Ranke, Weltgeschichte VIII, 443. 

2 ) Ueher dieses Datum vgl. Weil IV, 98. 

3 ) Nw. von Hamah. 

4 ) Zwischen Schaisar (Caesarea ad Grontem) und Ma'arrat an-n ( umän. 
6 ) Von esch-Schughr durch den Oi-ontes getrennt. 

8 ) Nö. von Laodicea. 7 ) Nö. von Laodicea. 

8 ) Jetzt Kal c at muhelbeh nach Hartmann in ZDPV. XIV, 180, söö. von 
Laodicea. °) Nw. von Apamea. 

I0 ) Der Frieden begann mit dem 12 (nicht 22) Muharram 680 also dem 
3. Mai 1281 (RH. No. 1447; Weil IV, 124). Nach Makrizi, Hist. d. Sultans Maml. 
ed. Quatremere II A, 29 soll der Sultan durch Briefe aus Accon erfahren haben, 
dass Sonkor diesen Frieden zu stören beabsichtige und ein Complott gegen den 
Sultan plane. 

") Der Frieden begann mit dem 27 Rabi I, 680 (16. Juli 1281). Bei dieser 

1* 



4 Röhricht. 

Frieden von 10 Jahren, 10 Monaten, 10 Wochen und 10 Tagen. So 
im Rücken gedeckt, trat er den Mongolen entgegen und schlug sie 
(30. October 1281) bei Hirns in entscheidender Schlacht, worauf die 
Templer von Tortosa l ) wie die Einwohner von Accon 2 ) sich beeilten, 
auch ihrerseits einen Frieden von gleicher Dauer nachzusuchen, der 
ihnen auch unter allerdings sehr demüthigenden Bedingungen bewilligt 
ward und für die ersteren mit dem 15. April 1282, für die letztern 
mit dem 3. Juni 1283 beginnen sollte 3 ). 

Wie wenig sich trotzdem der Sultan durch diese Abmachungen 
gebunden fühlte, beweist er durch den plötzlichen Ueberfall der Jo- 
hanniterburg Margat 4 ) (deren Eroberung Saladin wie Bibars für unmöglich 
gehalten hatten), trotzdem sie den Besitzern ausdrücklich garautirt war 5 ). 
Er erschien am 17. April 1285, da die Vorbereitungen zur Belage- 
rung mit der grössten Heimlichkeit betrieben worden waren, ganz 
unerwartet vor der nicht genügend verproviautirten und ausgerüsteten 
Festung, wies am 21. April die Johanniter, welche wegen einer Ueber- 
gabe verhandelten, ab und verwandelte den Hauptthurm 6 ) vier Wochen 
später in einen Trümmerhaufen, worauf die Belagerten von neuem 



Gelegenheit schon soll der Sultan dem Grafen eröffnet haben, dass er demnächst 
Tripolis erobern werde. 
') RH. No. 1447. 

2 ) RH. No. 1450. Diesen Frieden soll der König von Cypern, weil er ohne 
seine Autorität geschlossen war, nicht acceptirt haben. 

3 ) In diese Zeit setzt Makrizi II A, 63 ein Gefecht, welches der König von 
Cypern (Hugo !) den Muslimen bei Beirut geliefert habe ; ein Handstreich des 
ersteren auf Accon (!) soll durch die Muslimen von Charrüba glücklich vereitelt 
worden seir, worauf der König in Cypern gestorben sei (Weil IV, 156). Eben- 
sowenig historisch ist, was Makrizi II A, 62—63 über den Bischof von Tripolis 
erzählt. 

4 ) Heut Kal'at al-markab, s. von Dschebele ; ein Reconstructionsbild der 
grossartigen Festung siehe bei E. G. Rey, LT avchitecture militaire des croises ) 
Paris 1871, planche 2, 3 (vgl. 19—38), woraus B. v. Kugler, Gesch. d. Kreuzz. 
2. Aufl., 406 ; vgl. auch Ritter, Asien XVII, 883 und Rey, Les colonies franques, 
Paris 1883, 121. Eine poetische Beschreibung der Festung giebt der Brief des 
Ibn c Abd ar-rahim bei Reinaud, Extraits 550—551. 

5 ) RH. No. 1447, 1457. Als Grund der Belagerung mag wohl gelten, weil 
die Johanniter 1279 Turkomanen und 1280 ein 7000 Mann starkes Corps unter 
Saif ad-din Belbän, dem Gouverneur des Kurdenschlosses, besiegt hatten (Makrizi 
II A, 27; Abulfaradsch 627; Gestes des Chyprois 208—210). 

8 ) Gestes 217— 218: tour de 1' Esperon; Sanutus229: Josperon ; Amadi216: 
Torre del Speron genannt. Nach Makrizi II A, 86 (Weil IV, 158 Note) fiel der 
Thurro am 16 Rabi I (22. Mai), nach dem Biographen Kelawüns (Michaud, Bibl. H, 
694 — 695) erst am 17 Rabi I; er stand ,ä 1' angle de la Baschouret« und ward, 
wie der Autor weiter berichtet, nur mit Hilfe der vier Erzengel und anderer 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 5 

unterhandelten und die gewünschte Capitulation bewilligt erhielten, 
da der Sultan die sonst so starke und ihm werthvolle Festung nicht 
weiter zerstören wollte. Am 25. Mai l ) ward sie dem Emir Fachr 
ed-din übergeben, und die Capitulanten, welche von ihrer Habe im 
Ganzen 2500 Goldstücke und 25 bepackte Maulthiere mit sich nehmen 
durften, zogen nach Tripolis und Tortosa ab. Nachdem er 1000 Mann 
Besatzung, 400 Pioniere und 1500 Mameluken als Garnison zurück- 
gelassen und die Verwaltung des neu gewonnenen Bezirks geordnet 
hatte, wandte er sich gegen die ebenso für unbezwinglich geltende Burg, 
welche am Meere, zwei Bogenschuss weiten von der Stadt Maraclea 2 ), 
lag und durch Bartholomäus von Giblet mit Unterstützung des Grafen 
von Tripolis und der Johanniter von Markab erbaut worden war. Sie 
bestand aus einem mächtigen, sieben Stockwerke hohen, viereckigen 
Thurme von fünfundzwanzig und einer halben Elle Höhe, die 
Mauern waren sieben Ellen dick, die einzelnen Lagen durch einge- 
gossenes Blei verbunden und die Mauern des Aussenwerkes durch ei- 
serne Klammern innerlich befestigt; an diesen Hauptthurm war ein 
Berchfried angebaut, auf dem drei Maschinen standen. Obgleich die 
Besatzung nur hundert Mann betrug, so galt dem Sultan die Burg, 
da er von der Seeseite her nicht heranzukommen vermochte, für un- 
einnehmbar, und er griff daher zu einem anderen Mittel. Er forderte 
den Grafen von Tripolis auf, den Bartholomäus zur Schleifung der 
Burg zu bestimmen, widrigenfalls er ihm sein ganzes Land nehmen 
oder verwüsten werde, und dieser Drohung nachgebend bewirkte Bohe- 
mund die Uebergabe, ja er soll den fränkischen Gefangenen und mus- 
limischen Maurern selbst die Werkzeuge zur Zerstörung hergegeben 
haben, worauf die stolze Feste in Trümmer verwandelt wurde 3 ). In 
Folge dieser siegreichen Fortschritte des Sultans beeilte sich der König 
Leo III von Armenien und die Herrin von Tyrus Margarethe, von ihm 
einen Frieden zu erlangen, den er auch unter den drückendsten Be- 
dingungen auf 10 Jahre gewährte 4 ). Als er endlich von seinem Sieges- 
zuge nach Cairo zurückkehrte, hatte er die Genugthuung, von christ- 
lichen Gesandten, denen des Königs Rudolf L, des Kaisers von Con- 



himmli8cher Heerscharen, wie sie sonst auch die Christen behaupteten gesehen 
zu haben, erobert. 

') Geste s 217: 27. Mai; der Biograph Kelawüns (bei Reinaud 549 und 
Michaud II, 696): 19 Rabi I (Freitag den 25. Mai). 

-) Heute Marakia, s, von Kal c at al-markab, an der Mündung des gleich- 
namigen Flusses; vgl. Rey 161 — 162 und Ritter XVII, 885. 

3 ) Weil IV, 158. 

4 ) RH. No. 1457, 1458; vgl. No. 1460, 



6 Röhricht. 

stantinopel und der genuesischen Commune begrüsst und mit reichen 
Geschenken geehrt zu werden (6. November) x ). 

Inzwischen war König Johann I. von Cypern (10. Mai) 2 ) ge- 
storben und sein Bruder Heinrich II ihm auf dem Throne gefolgt. 
Er versuchte, da die Truppen des Königs Karl I. von Sicilien unter 
Heude Petechien das Schloss von Accon besetzt hielten 3 ), sich des 
mächtigen Beistandes der Templer zu versichern, um seine Rechte zur 
Geltung zu bringen, und schickte Julian den jüngeren ab; leider 
kennen wir jedoch den gen auereu Inhalt dieser Abmachungen nicht 4 ). 
Am 24. Juni 1286 landete König Heinrich II. mit Balduin von Ibelin, 
dem Connetable von Cypern, und einem ansehnlichen Herre in Accon, 
und es gelang ihm unter Vermittlung der drei Ordensmeister nach 
viertägigen Unterhandlungen, den Heude Pelechien zur Bäumung des 
Schlosses zu bewegen (27. Juni) 5 ). Hierauf regelte er nach Tyrus, 
empfing dort am 15. August iu der Cathedrale aus den Händen des 
Erzbischofs Bonacursus die Krone des Königreichs Jerusalem und kehrte 
nach Accon zurück, wo das Krönungsfest unter allerlei prächtigen 
Schaustellungen und Belustigungen in dem Ordenshause der Johanniter 



l ) 7 Ramadhän 684. Makrizi II A, 81 meldet nach seiner Quelle (No- 
wairi) : ,Les presents de 1' empereur formoient lacharge de trente deux hommes ; 
quatorze portaient des fourrures de petit-gris et de zibeline (Biberfelle schickte 
Ottokar II. von Böhmen an den Sultan; RH. No. 1407), cinq de robes ecarlates, 
treize de vetements d' atlas et de bondoki (feine Leinwand aus Venedig). Les 
presents des Genois comprenaient deux charges de sarsinä (Gewebe nach orien- 
talischem Muster), six sonkors (Gerfalken), un chien blanc, qui etait, dit-on, plus 
grand qu' un Hon; les presents de Lascaride (Andronicus II) consistaient en une 
Charge d' atlas et quatre de tapis«; vgl. Weil IV, 153. Genau dieselben Angaben 
wiederholt der später Compilator Ibn el-Furat (Karabacek in Oesterr. Monats- 
schrift für d. Orient 1879, 4). Als Begleiter jener Gesandtschaft Rudolfs I. von 
Deutschland (Aman, Vespro Siciliano 1886, II, 132 will unter dem »enberür« mit 
Unrecht den König von Aragonien verstehen) kennen wir den berühmtesten Palaes- 
tinographen des XIII. Jahrhunderts Burchardus de Monte Sion (Bibl. geogr. Palaest. 
No. 143), und dies geht unwiderleglich hervor aus dem Anfange des Lindauer 
(Historia mundi P. I, 1, No. 6; vgl. Karabacek 7) Burcharduscodex : .quem misit 
gloriosus Rudolfus, rex Romanorum, ad soldanum Babylonis pro quodam negotio, 
a quo benigne receptus fuit.' Neumann (ZDPV. IV, 233) möchte eine Reminis- 
cenz an diese Gesandtschaft in der Notiz des Prager Burchardus-Codex (ünivers. 
bibl. XIV. C. 16, s. XV) finden: »Libellus sequens de descriptione terre sancte 
per Soldanum, Regem Babilonie, fuit missus Karolo quarto, Romanorum Impera- 
tori, ad immensissimas preces Cesaris, imperii ipsius anno quarto.* 

2 ) Amadi 216: 20. Mai; vgl. Gestes 218. 

3 ) Ueber die Erwerbung der Thronansprüche Karls I. auf Jerusalem durch 
Vertrag mit der »domicella Hierosolymitana« vgl. RH. No. 1411, 1486. 

*) Gestes 218. ») Gestes 2l7; RH. No. 1456, 1466. 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 7 

15 Tage lang gefeiert ward 1 ); von da kehrte er, nachdem er seinen 
Onkel Balduin von Ibelin als Connetable von Jerusalem zurückgelassen 
hatte, wieder nach Cypern zurück. 

Während bald darauf (1286—1287) ein furchtbarer Krieg zwi- 
schen den Genuesen und Pisanern wüthete, aus dem die ersteren, durch 
die Freundschaft des Sultans unterstützt, als Sieger hervorgingen 2 ), 
rüstete dieser sich, seine Herrschaft im nördlichen Syrien weiter zu 
befestigen. Er soll plötzlich gegen Bohemund VII., Fürsten von Auti- 
ochien und Grafen von Tripolis, die Beschwerde erhoben haben 3 ), dass 
er den nach dem Fall von Markab neu eingegangenen Vertrag, wo- 
nach er weder muslimische Gefangene halten, noch muslimische Kauf- 
leute belästigen dürfe, nicht ehrlich gehalten habe, und Hess durch 
den Emir Torontai Laodicea belagern, welches auch am 20. April 
1287 fiel*). 

Am 18. Juni 1287 5 ) landete Alice, Gräfin von Blois, in Accon 
und verwandte ihre reichen Mittel 6 ) zum Bau einer Capelle, eines 



») Interessant sind die Details in Gestes 220: ,et fu la feste la plus belle 
pue 1' on sache c ans a d' envissures et de behors et contrefirent la table reonde 
et la raine de Femenie, c' est asaver Chevaliers vestus comme dames et josteent 
ensemble ; puis firent nounaines quy estoient ave moines et bendoient les uns 
as autres ; et contrefirent Lanselot et Tristan et Pilamedes et mout d' autres jeus 
biaus et delitables et plaissans«. 

2 ) Gestes 220—230; vgl. Heyd, Hist. du commerce I, 355, 474: RH. No. 1476. 

9 ) Makrizi II A, 101 ; Reinaud 561. 

4 ) So nach dem Biographen Kelawüns bei Michaud II, 705 : Sonntag 5 Rabi I 
(20 April), nach Sanutus 229 : 17. April. Die Stadt gehörte, wie wir wissen, dem 
Sonkor al-Aschkar, ist auch im Friedensinstrumente (15. April 1282) als muslimische 
Stadt genannt (RH. No. 1447) ; dann wäre die Eroberung ein Schlag gegen Sonkor, 
dem der Sultan kurz vorher durch Verrath Balatunus abgenommen hatte (Weil 
IV, 159—160), gewesen. Die Eroberung gelang dadurch, dass die Stadt kurz 
vorher (Sonnabend den 22. März) durch ein Erdbeben eines grossen Theiles ihrer 
riesigen Befestigungen (ein Thurm im Meere, der .Taubenthurm* und auch ein 
Leuchtthurm) beraubt worden war (Reinaud 561); die gewaltigen Belagerungs- 
maschinen, »deren Zungen den Erfolg verkünden, deren Finger den Sieg heran- 
winken", vollendeten die Zerstörung. 

5 ) Dies Datum nur in den Annales de Terre Sainte (ed. Röhricht in Archi- 
ves II) 459, 460, während Gestes 245, Sanutus 225 und Liber de passagiis, ed 
Thomas, Venetiis 1879, fol. 15 der Sache nur ganz oberflächlich Erwähnung thun ; 
vgl. sonst Ritter, Asien XVII, 925. 

6 ) Duchesne, Hist. de la maison de Chätillon, Paris 1621, 119 und preuves 
68 erwähnt einen Beschluss des Parlaments (Sept. 1284), wodurch die Testa- 
mentsexecutoren des Grafen Johannes angehalten weiden, der Gräfin Alice 3000 Livres 
zu zahlen, um davon eine Anzahl Ritter nach dem heil. Lande zu schicken, und 
eine Urkunde (1287), worin Florentius von Hainaut der Gräfin verspricht, mit 



g Röhricht. 

Thurmes an der Barbacane beim S. Nicolausthore und zwischen dem 
S. Thoinasthore und dem „verfluchten Thurme" 1 ). Am 19. October 
starb Bohemund VII., Fürst von Antiochien und Graf von Tripolis, 
ohne Kinder zu hinterlassen; die Erbin war seine Schwester Lucia, 
welche den Admiral des Königs Karl II. von Sicilien Narjot de Toucy 2 ) 
zum Gemahl hatte. 

Die Einwohner von Tripolis waren jedoch sehr wenig damit zu- 
frieden, dass Lucia Herrin der Stadt werden sollte, und baten Sibylle, 
die Mutter Bohemund VII., die Verwaltung in die Hände eines an- 
deren zu legen, als sie aber zu diesem Zwecke den Bischof (Bartho- 
lomäus ?) von Tortosa berief, der am allermeisten verhasst war, so 
organisirten die Bürger ihren offenen Widerstand durch Wahl des 
Bartholomäus von Giblet zum Capitano und Hessen durch den Notar 
Petrus von Bergamo 3 ) in Genua den dritten Theil der Stadt als Besitz 
versprechen, den die Genuesen vertragsmässig früher besessen, aber 
wieder verloren hatten. In Folge dessen segelte Benedetto Zaccaria 
am 10. Juni 1288 mit zwei Schiffen von Genua ab, verstärkte, als er 
unterwegs erfahren hatte, dass Lucia mit fünf Galeen aus Foggia nach 
Tripolis vorausgesegelt sei, sein kleines Geschwader auf fünf Schiffe 
und landete in Tripolis, wo Lucia bereits angekommen war und bei 



vier anderen Rittern für 2500 Livres jährlich im heil. Lande zu dienen; vgl. 
Wauters, Table chronol. VI, 253. 

*) Nach Dupre-Bergevin, Hist. de Blois, Blois 1846, I, 45, starb sie auf der 
Rückreise von ihrer Pilgerfahrt ; ihr Leib wurde neben dem ihres Gemahls in der 
Abtei la Guiche, ihr Herz in der Schlosscapelle von Montils beigesetzt : vgl. auch 
Morice, Hist. de Bretagne IV, 190. Sie starb nicht am 4. Aug. 1287 (Annal. de 
Terre Sainte) im heil. Lande, sondern am 29. Jan. 1292 in Frankreich (Rec. armen. 
II, 809), wenn sie nicht die Witwe des 1280 verstorbenen Grafen Johannes v. Blois, 
sondern (seit 1272) Gemahlin des Grafen Peter von Alencon ist, des Sohnes Louis' IX. 

2 ) Er wird 18. April 1274 als »capitaneus in partibus Albaniae* erwähnt 
(Del Giudice, La famiglia di re Manfredi, Napoli 1880, append. XCIII, No. 18). 
Wir besitzen 2 Cabinetsordres Karls I. von Sicilien an Roger de San Severino (1278), 
worin dieser aufgefordert wird, vier Galeen auszurüsten, um Margarethe, die 
Tochter des Vicomte Louis de Beaumont, Sohnes des früheren Königs Jobannes 
von Jerusalem, in Tripolis abzuholen und für die Rückkehr des Nicolaus von S. Omer 
und Narjot de Toucy Sorge zu tragen (Riccio. Nuovi studii, Napoli 1876, 6), 
ferner (1288) Karls IL, welcher seinen Admiral Narjot de Toucy aufiordert, Lebens- 
mittel in das Gebiet des Fürsten Bohemund VII. zu bringen, dessen Tochter Lucia 
nun Erbin der Grafschaft Tripolis geworden sei (Riccio, Studii storici, Napoli 
1863, 58; vgl. Durrieu, Archives de Naples II, 390; Heyd I, 356—359, 392—393). 
Ein Siegel Narjots de Toucy siehe bei Douet d' Arcq No. 11837 und im Musee 
archeologique H, 323—324, No. 20. 

8 ) Gestes 231 : Aubergamo ; Jacobus Auriae in Mon. Germ. SS. XVIII, 322. 
Vgl. die Aeusserungen des Textes hinten in unserer Beilage. 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 9 

den Meistern der Templer und Johanniter, denen ja durch den Papst 
die Unterstützung der Lucia anbefohlen war x ) , den Venetianern 
und Pisanern sowie Johannes von Graüly Hülfe gefunden hatte. 
Benedetto Zaccaria rüstete sich zum Kampfe und befahl , von den 
Tripolitanern freundlich aufgenommen, der Lucia, welche inzwischen 
nach der festen Johanniterburg Nephin (Eufeh) sich zurückge- 
zogen hatte, ihre Freunde und Helfer zu entlassen, worauf sie mit 
diesen nach Accon abfuhr 2 ). Der Admiral schloss nun mit Bartho- 
lomäus von Giblet 3 ) einen Vertrag, der aber lange nicht so günstig 
war als der in Genua angebotene, segelte dann nach Cypern und 
brachte mit König Heinrich II. ebenfalls einen Vertrag (21. Sept. 1288) 
zu Stande, welcher in Genua nicht angenommen und am 17. Mai 1292 
aufgehoben wurde 4 ). Hierauf nach Tripolis zurückgekehrt knüpfte 
er, da ihm bald klar wurde, dass die Tripolitaner ihn betrügen wollten, 
mit Lucia an, lud sie nach Tyrus und schloss mit ihr unter Vermitt- 
lung des Grosspraeceptors der Johanniter Bonifacius von Calamandrane 
ab. Da ihr in Tripolis desshalb abermals die Aufnahme verweigert 
wurde, so musste sie wieder die Gastfreundschaft der Johanniter in 
Nephin annehmen 5 ), während Benedetto Zaccaria nach Armenien ab- 
segelte 6 ). 

Diese Verwirrung der Verhältnisse, nach anderen Berichten die 
Besorgniss, dass Tripolis in der Hand der Genuesen dem Handel von 
Alexandrien gefährlich werden könne 7 ), oder, wie arabische Autoren 
melden, weil die Hoffnung auf eine leichte Eroberung durch Verrath 
fehlgeschlagen wäre 8 ), glaubte der Sultan benützen zu können, um 
die Stadt zu gewinnen. Ein Emir des Sultans setzte in einem geheimen 
Schreiben den Templermeister von dem Vorhaben seines Herrn in 
Kenntniss, und in Folge dessen wurden auch die Tripolitaner gewarnt, 
aber sie schenkten dieser Mittheilung keine Beachtung und meinten, 
dass die Küstungen des Sultans wohl Nephin gelten 9 ) sollten ; zudem 



*) RH. No. 1478. 

2 ) Gestes 233; Jacobus Auriae 322. Johann war 1288 nach Palästina ge- 
kommen (Annales de Terre Sainte 460). 

8 ) Nach arabischen Autoren hätte er mit Hülfe des Sultans Tripolis ge- 
winnen wollen, als Capitano der Stadt aber jede Beziehung mit ihm abgebrochen 
(Weil IV, 161); er wäre Vasall des Bartholomäus von Maraclea gewesen (welcher 
seinen einzigen Sohn niedergestossen habe, weil er Maraclea an die Muslimen 
hätte verrathen wollen); vgl. Reinaud 561. 

4 ) Heyd II, 5. 5 ) Gestes 234; Jacobus Auriae 323. 

6 ) Ueber seinen mit Leo III. von Armenien (23. Dec. 1288) abgeschlossenen 
Vertrag vgl. RH. No. 1482. 7 ) Gestes 234. 8 ) Vgl. oben Note 3. 

8 ) Ueber dessen starke Verproviantirung genaueres Sanutus 229 meldet. 



10 



Röhricht. 



verliessen sie sich auf die Stärke ihrer Mauern l ) und deii Hafen, den zu 
sperren der Sultan nicht im Stande war. Als nun das Heer der Feinde 2 ) 
bereits im Anmärsche war, schickte der Templermeister den Ordens- 
bruder Reddecuer aus Spanien mit einem neuen Warnungsschreiben 
ab, jedoch als er auf der Kückkehr nach Accon kam, war die Stadt 
bereits von Feinden auf der Landseite eingeschlossen. Nun eilten von 
Accon aas der Bruder des Königs Heinrichs von Lusignan, Conne- 
table des Königreichs, mit ansehnlicher Macht, der Templermarschall 
Geoffroy de Vendac, der Templercomthur von Accon Pierre de Mon- 
cade mit Reddecuer, sehr viele Johanniter, Kitter und Serjanten der 
vom französischen König gesandten Hülfstruppen 3 ), vier genuesische 
und zwei venetianische Galeen wie auch Pisaner der Stadt zu Hülfe 4 ) 
Die Belagerung begann am 17. März 5 ) 1289 mit 19 Maschinen 6 ) und 
1500 Sappeuren 7 ). Bald war der „Thurm des Bischofs" und der neue 
„Thurm der Hospitaliter" in Trümmer gesunken. Die Yenetianer flohen 
zuerst, dann folgten mit vielen Bürgern auch die Genuesen, und so 
fiel die Stadt Dienstag den 26. April 8 ). Es entkamen die Wittwe des 
Fürsten Bohemund VII. und des Johannes von Montfort mit Lucia, 
Amalrich, der Connetable des Königreichs Jerusalem, der Marschall der 
Templer, der Comthur der Johanniter Matthäus von Clermont, Johannes 
von Grailly, Befehlshaber der französischen Hilfstruppen und Sene- 



») Sie waren so breit, dass drei Ritter sehr bequem darauf neben einander 
reiten konnten ; ausserdem war die Stadt sehr bevölkert und hauptsächlich durch 
die Seidenweberei reich, die nicht weniger als 4000 Personen betrieben (Makrizi 
II A. 102). 

2 ) Gestes 235. Die Stärke des feindlichen Heeres wird auf 40.000 Reiter 
und 200.000 Mann Fussvolk (offenbar ühertrieben) angegeben (Annales de Terre 
Sainte 460). 

3 ) Diese werden mit ihrem Führer Johann von Grailly schon in einem Briefe 
vom 30. September 1288 erwähnt, worin Nicolaus IV. den drei Ordensmeistern 
und Johannes von Grailly auf ein Schreiben antwortet, welches sie durch den Prior 
von S. Aegidien, Wilhelm von Villaret, die Predigermönche Rudolf und Wichard 
sowie den Bruder Bertrand aus St, Maurice (Diöcese Agen) an den Papst gesandt 
hatten (RH. No. 1480). 

4 ) Gestes 235 ; Jacobus Auriae 323. 

5 ) Gestes 236; Sanutus 230; nach Jacobus Auriae 323: 10. März; Abulfeda 
162 : 25. März ; nach Ostern (Flores temp. pontif. in Mon. Germ. SS. XXPV, 242)- 

8 J A nach Annales de Terre Sainte 460. 7 ) Makrizi II A, 162. 

8 ) So richtig Gestes 237; Sanutus 230; Annales de Terre Sainte 460 (Va- 
riante: 30. April); falsch Jacobus Auriae 323: 27. April; Makrizi IIA, 102 (wo 
statt 4 Rabi I: 4 Rabi II zu corrigiren ist; vgl. Weil IV, 162—163), Bernard 
Guidonis 709 , Li livre de reis 306 : 25. April ; Dandolo (Muratori SS. XII) 402 
Brunetto Latini 230 , Paolino di Piero 43 : Mai : Bartholomaeus Cotton 172 ; 
24. Aug.; Annal. Waverleiens. 408: Sept. 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 1 \ 

schall von Jerusalem *), ebenso Heinrich von Giblet. Ein Theil der 
Flüchtigen rettete sich nach der vor dem Hafen liegenden S. Nicolaus- 
Insel' 2 ) und zwar in die dort liegende S. Thomas-Kirche, aber die 
Sieger setzten nach und erschlugen sie alle. Unter den Gefallenen 3) 
werden besonders genannt : Bartholomäus von Giblet, der Templer- 
comthur Pierre de Moncade, der Templerbruder Guillerme de Cordone, 
der frühere Guardian der Franziskaner von Oxford, welcher nur mit 
einem Kreuze bewaffnet den Feinden kühn entgegenging 4 ), und Lu- 
ceta, die Aebtissiu eines Nonnenklosters, die, bereits als Sclavin einem 
Emir zugetheilt, durch eine List den Tod suchte und fand 5 ), während 
ihre Ordensschwestern wie die Templer Eeddecuer und Hugo, Sohn 



•) Ueber ihn vgl. weiter unten S. 30. 

2 ) Dschesirat al-nakleh ; vgl. Makrizi 102; Annales de Terre Sainte 460; 
Reinaud, Extr. 560, 563, 569; Bibl. d. croisades II, 79. Abulfeda 162 sah selbst 
die Haufen der erschlagenen Christen. Nach dem Text in unserer Beilage sei 
das Meer zwischen dem Hafen und der Stadt so seicht gewesen, dass es dem Vor- 
dringen der Feinde keine Schwierigkeiten bot. 

3 ) Als Gesammtzahl wird angegeben: 11.000 Christen (dagegen 24.000 Mus- 
limen) nach Bartholomaeus Cotton 172 : 20.000 (Brunetto Latini bei Hartwig, 
Quellen II, 230), gegen 50.000 (Excidium 759), 70.000 (Sanutus 230); getödtet 
und gefangen wurden nach den Annales de Terre Sainte 460 : 40.000. Der Johan- 
nitermei8ter Johann de Villiers meldet am 22. Aug. 1289 (RH. No. 1493), dass 
vierzig Ordensbrüder fielen, an Streitrossen und Waffen ein grosser Schaden 
und ein Verlust von über 1500 Mann zu beklagen war, wesshalb alle Convente 
im August 1290 Waffen und Pferde nach Accon schicken sollten. 

4 ) Chron. Lanercost (Bannatyne Club LXV1H), 128—129. Nach dem Cod. 
Assisi No. 341, aus welchem im N. Archiv X, 1885, 237 interessante Auszüge 
gegeben sind (auch Ehrle in Miscell. Francesc. 1887, II, 22 wies auf ihn hin), 
wir uns aber vergeblich bemüht haben, weitere Mittheilungen zu erlangen, ward 
(238) der Abt des grösseren Klosters mit 7 Minoriten erschlagen ; unter den zer- 
störten Kirchen werden S. Benedict (offenbar Belmont bei Tripolis), S. Clara, 
S. Maria de Turre und S. Marcus erwähnt (vgl. Röhricht in ZDPV. X, 317). 

5 ) Sie soll ihm erklärt haben, dass sie ein Mittel besitze, sich unverwund- 
bar zu machen, und als der Emir auf ihre Aufforderung hin dies mit dem Schwerte 
erprobte, unter seinem Hiebe zusammengebrochen sein (Chron. Lanercost 129 — 131, 
wonach dieser Bericht aus dem Munde des zwei Jahre in England ansässig ge- 
wesenen Bischofs Hugo von Byblus stammt). Eine ähnliche Geschichte , dass 
nämlich, um der sicheren Schande und Entweihung zu entgehen, die Clarissinnen 
sich durch Abschneiden der Nasen unansehnlich gemacht hätten, wird (1187) 
von der Eroberung Jerusalems durch Saladin (Thietmar ed. Laurent 30 ; Felix 
Fabri, Evagatorium ed. Hassler II, 132), von der Eroberung Antiochiens (1268) 
durch Bibars (Bzovius 1268 § 12), von der Eroberuug von Tripolis (Bzovius 1289 
§ 2; Wadding, Annales Minor. II, 585—586) und von Accon (Antonius Floren- 
tinus, Chronicon III C. tit. XXIV, cap. IX § 11; Martyrolog. Franciscan., Paris 
1553, 214; Annales ordin. Minorum, supplem. ed. Maria de Turre, Angustae Tatra». 
1710, 115— 116J erzählt. Ganz kurz ohne Details wird der Märtyrertod derClaris-. 



\2 Röhricht. 

des Grafen von Dampierre, in die Gefangenschaft fielen 1 ). Die Kirchen 
und Heiligthümer der Stadt wurden geschändet, Heiligenbilder, Statuen 
und Crucifixe an Eosschweifen durch die Strassen geschleift und zer- 
schlagen 2 ), dann die Häuser und Mauern zerstört und sofort landein- 
wärts auf dem „ Pilgerberge " die Anlage einer neuen Stadt begonnen 3 ), 
deren Gouverneur der Emir des Kurdenschlosses Saif ed-din Belbän 
wurde 4 ). Wenige Tage darauf fiel auch die Johanniterburg Nephin 
und Batrün 5 ) ; nur der Herr von Dschubail soll gegen einen Tribut 



sinnen von Accon auch erwähnt bei Johannes Vitoduranus 37 und Nicolaus Glas- 
berger in Analecta Franciscana II, 106; vgl. Röhricht in Archives II, 392, Note 111. 

*) Gestes 237. Makrizi 102 berichtet, es seien allein 1200 Gefangene im 
Arsenal des Sultans eingesperrt worden. 

2 ) Stefan Orbelian, Histoire de Siounie, ed. Brosset, St. Petersbourg 1864, 
245 ; Petermann, Beiträge zur Gesch. d. Kreuzzüge aus armen. Quellen, Berlin 
1860, 172 (wonach Tripolis nur durch Verrath gefallen sein soll; vgl. Excidium 
759); Flores histor. III, 69 — 70; Annales Hiberniae in Chartul. of S. Mary's abbey 
ed. Gilbert, Dublin 1884, II, 320—321 (der Codex von Assisi 238 hat die un- 
verständliche Anklage: »proditor autem princeps cum suis sequacibus muneribus 
ditatus a soldano in Babilonie collocatus est et frater ejus princeps Numidicus 11 ). 
Ganz dieselben Schändungen berichten nach dem Falle Accons Stefan Orbelian 172 ; 
Annal. Waverleiens. 410, und Augenzeuge war Riccoldo de Monte Croce (Archives de 
1' Orient latin II, 262) nach dem Falle von Tripolis in Siwäs. Ein Trauerlied 
auf den Fall der Stadt und die Zerstörung ihrer Kirchen (mit interessanten 
Details) veröffentlichte im syrischen Urtext (von Gabriel Bar Kalai, Bischof von 
Nicosia, welcher um 1550 starb) Giudi in Rom 1883 (vgl. Zeitschr. der Deutsch. 
Morgenl. Gesellsch. 1884, XXXVIII, VII, No. 4676) und mit Röhricht französisch 
in Archives II B, 462—467; sonst vgl. auch Hartzheim, Concil. Germ. IV. 2—3. 

s ) Gestes 238 ; vgl. Ritter, Asien XVII, 608—609. Wenn Jacobus ab Aquis 
in Mon. hist. patr. SS. III, 1604 berichtet, dass der Sultan nicht weit vom alten 
Accon eine Neustadt anlegen Hess, so ist dies eine Verwechslung mit Tripolis, 
wie Gaufridus de Courlon, Chron. ed. Julliot, Sens 1876, 568 Accon wieder mit 
Damiette verwechselt, wenn er erzählt, dass er den ersteren Hafen durch Ver- 
senkung von Steinmassen unbrauchbar machen Hess, während dies nur von Da- 
miette nach Louis' IX. Kreuzzug feststeht (Röhricht in Archives II A, 369, Note 18). 

4 ) Makrizi IIA, 104; lbn Ferät in Bibl. d. croisades II, 806; Reinaud 563. 
Die ebenda gebotene Nachricht, dass jetzt Guido von Giblet, dessen Vater einst 
die Eroberung von Tripolis mit den Templern erstrebt hatte (RH. No. 1444), zum 
Sultan gekommen und von ihm sehr geehrt worden sei, ist wohl keine blosse 
Erfindung. 

s ) Küstenstadt zwischen Tripolis und Beirut. Makrizi II A, 103; Nuweiri 
bei Weil IV, 163. In diese Zeit ist wohl auch die Eroberung und Zerstörung 
der Abteien Beaumont (Belmend) bei Tripolis und Beaulieu am Libanon zu setzen 
(Guillelmus de Sandwich [über ihn Bibl. Carmelitana, Aurelianis 1752, I, 608 
bis 613; Duftus Hardy, Descript. catalogue III, 231; Hist. litt, de France XXI, 
229—231], Chron. de multiplicatione relig. Christ, in Act. SS. Maj. III, LXI1I). 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 13 

wie die Gräfin Lucia zwei Ortschaften in der Nähe von Tripolis be- 
halten haben, so dass den Christen im Ganzen nur noch Accon, Ath- 
lith, Sidon, Tyrus und Beirut verblieben. 

Während der genuesische Admiral Benedetto Zaccaria , dessen 
eiliger Abfahrt aus Tripolis viele Flüchtigen allein ihre Kettung 
nach Cypern und Tyrus verdankten, nach Armenien gekommen war v ), 
hatte der genuesische Consul Paulinus Auriae von CafFa aus mit drei 
Galeen sich aufgemacht, hörte aber bereits unterwegs von dem Fall 
von Tripolis und der Abfahrt Benedettos nach Armenien, segelte dess- 
halb ihm nach und caperte bei Candelor ein ägyptisches Schiff. In 
Folge dessen liess der Sultan alle genuesischen Kaufleute in Aegypten 
verhaften und gab ihnen erst die Freiheit wieder, als im Dezember 

1289 die gefangenen muslimischen Kaufleute losgelassen und die weg- 
genommenen Waaren ihnen zurückerstattet worden waren; am 13. Mai 

1290 erlangten die Genuesen sogar vom Sultan einen neuen Handels- 
vertrag 2 ). 

Inzwischen war unter Franceschi Suppa ein Geschwader von drei 
Galeen aus Genua abgesegelt, um den neuen Podestä Caccinimico da 
Volta nach Tripolis zu bringen, allein auf die Nachricht vom Falle 
der Stadt mussten die Schiffe umkehren und wurden als Kreuzer gegen 
die Pisaner verwandt 3 ). 

Da zu der Vertheidigung von Tripolis nicht nur die Ordensmeister 
aus Accon, sondern auch der König Heinrich II. von Cypern herbeige- 
eilt waren, so beschwerte sich der Sultan gegen den letzteren, aber 
dieser erklärte, dass von einer Verletzung der bestehenden Verträge 
nicht die Kede sein könne , da Tripolis in das darin genannte 
Ländergebiet nicht falle 4 ). Trotzdem hielt er es für gerathen, von 
dem Sultan einen neuen Vertrag zu erbitten 5 ), den dieser auf 10 Jahre, 
10 Monate, 10 Wochen und 10 Tagen bewilligte 6 ). Dann segelte 
Heinrich, nachdem er seinen Bruder Amalrich in Accon zurückgelassen 
hatte, am 26. September 7 ) heim nach Cypern. 



«) Jacobus Auriae 323—324; Heyd II, 84. 

*) RH. No. 1503. 3 ) Jacobus Auriae 326. 

*) Nur bei Amadi 218. 

6 ) Amadi 218; Chron. Danduli 402 (vgl. Tafel-Thomas, Urkunden III, 357, 
No. 382) ; nach dem Excidium 759 : 2 Jahre, 2 Monate und 2 Wochen. Derselbe 
Bericht meldet, der Sultan habe damals schon die Belagerung Accons als bevor- 
stenend angekündigt. 

B ) Nach Amadi 218 erfolgte der Abschluss schon am 24. April (offenbar 
falsch), nach den Gestes 238: 3 Tage nach dem Fall von Tripolis. 

') Gestes 238; Sanutus 230. 



14 Röhricht. 

Die Nachricht von dem Falle der Stadt, welche Johannes von 
Grailly, die Predigermönche Hugo und Johannes, der Johanniter Peter 
von Hezquam und der Templer Hertand nach Rom überbracht hatten *), 
meldete Nicolaus IV. am 1. September 1289 dem Bischof Bernhard 
von Tripolis und übertrug ihm die Kreuzpredigt in Slavonien und 
der Mark Treviso, in der Romagna und den Gebieten von Venedig, 
Ferrara und Ancona 2 ), sowie mit Johannes von Grailly (13. Sept.) die 
Ausrüstung der zwanzig Galeen für das heil. Land 3 ), welche die Vene- 
tianer durch Nicolas Quirinus uud Marcus Bembus, ihren Gesandten 
am päpstlichen Hofe, ausser den fünf von ihnen besonders noch zu 
stellenden Schiffen angeboten hatten 4 ). Ausserdem überwies er (9. Sept.) 
dem Patriarchen Nicolaus in Accon viertausend Turoneser Pfund zur 
Verstärkung der Festungsmauern, für den Bau von Maschinen und 
Loskauf christlicher Gefangenen 5 ), (17. Sept.) einen grossen Theil der 
gesammelten Kreuzzugsgelder, die vom Papst Hadrian testamentarisch 
dem heil. Lande vermachten zwölftausend Turoneser Pfund 6 ) und 
(7. Oct.) zweitausend Goldfloren 7 ). 

Seit dem Mai 1290 begannen nun in Italien 8 ) starke Pilgerschaaren 
sich zu rüsten, um auf den in Venedig bereit stehenden Galeen abzu- 
fahren, so besonders in der Lombardei, in Tuscien, den Marken von 



') Potthast No. 23040 : Langlois No. 7509. Sie wurden mit der Hiobspost 
selbst (13. Aug. 1289) an König Eduard I. von England weiter geschickt. 

2 ) Potthast No. 23064; RH. No. 1494; Dandulus 402; Gestes 238." Am 
5. September befahl er ihm, zwischen dem Patriarchen von Aquileja und dem 
Dogen von Venedig Frieden zu vermitteln. Der Aufruf zum Kreuzzuge an alle 
Gläubigen erfolgte am 5. Jan. 1290 (Potthast No. 23.153; Langlois No. '2268), 
unter demselben Datum auch die Berufung von Franziskanern und Augustinern 
zu Kreuzpredigern in Italien (Potthast No. 23.151 f.); der Aufruf ward erneuert 
29. März 1291 (Potthast No. 23.633; Langlois No. 7595). 

3 ) Potthast No. 23.078; RH. No. 1496. 

*) Dandulus 402; Raynaldi Annales 1289, § 54—55. 

5 ) RH. No. 1495 ; Langlois, Reg. de Nicol. IV. No. 1357. Einen Brief des 
Patriarchen Nicolaus um Unterstützungen für den Mauerbau in Accon siehe in 
RH. No. 1500. 

6 ) Langlois No. 2259; vgl. Prou, Reg. d'Honorius IV, No. 183: 11. Oc- 
tober 1285. 

7 ) Langlois No. 4390 ; vgl. 4388. Merkwürdig ist der Befehl an den völlig 
machtlosen Patriarchen Nicolaus (21. Februar 1290), die Inquisition einzuführen 
und kräftig zu handhaben (Potthast No. 23.188; über die Strafen der Inquisition 
in Palästina und Frankreich vgl. Bibl. de 1' ecole d. chartes 1880, XL1, 593—600). 

8 j Fragmenta Fulginat. hist. in Muratori SS. IV, 141; Chron. Regiense 
ibid. XV, 13. Aus Camarina rüsteten sich 400 Pilger zur Abfahrt, wie wir aus 
dem Briefe Nicolaus' IV. vom 5. Juli 1290 (Langlois No. 7255) erfahren. 



.Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 15 

Ancona und Treviso *), in den Städten Parma 2 ), Modena 3 ) uud be- 
sonders Bologna 4 ), und im Sommer fuhren jene zwanzig Galeen unter 
Nicolo Teupulo, dem Sohne des Dogen von Venedig 5 ), Roux de Sully G ), 
und Johannes de Grailly 7 ) ab, von denen jeder noch 1000 Unzen Gold 
mit sich führte; Johannes landete auf Sicilien und erhielt vom König 
Jacob noch fünf Schiffe 8 ). Als jedoch das christliche Geschwader 
Accon erreicht hatte 9 ), stellte es sich heraus, dass die Ausrüstung 
durchaus ungenügend war, da es besonders an Waffen und zwar am 
meisten an Armbrüsten fehlte; sie hätte knapp für dreizehn Schiffe 
genügt, aber nicht für zwanzig. 



») Chron. Estense ibid. XV, 541. Am 23. Axig. 1290 aber verbot Nicolaus IV. 
die Abfahrt weiterer Pilgerschaaren aus Fabriano (Potthast No. 28.365 ; Langlois 
No. 3078), ohne den Grund anzugeben. 

2 ) Am 30. Juli gingen 500 Parmesanen, durch den Rath mit tausend Parme- 
saner Pfund unterstützt unter Führung des Baratus Rubeus ab und bald darauf 
wieder einige hundert Mann (Chron. abbat. Parmens. in Mon. Pavm. 336; Annal. 
Parm. major, in Mon. Germ. SS. XVIII, 708). Bei der Eroberung Accons fanden 
auch viele Parmesanen ihren Tod (Ann. Parm. maj. 709 ; Aflb, Storia di Parma IV, 
81—82; vgl. Chron. Estense 541). 

8 ) Chron. Mutin. in Muratori SS. XV, 567 ; vgl. Tiraboschi, Mem Moden. 
II, 129. 

4 ) Aus Bologna zogen 600 Mann (Chron. di Bologna bei Muratori SS. X"V1II 
296) unter 10.000 italienischen Pilgern insgesammt. Ghirardacci, Storia di Bo- 
logna, Bologna 1605, I, 294—295 (und daraus Muzzi, Annali della citta di Bo- 
logna 1840, II, 215) nennt folgende Bologneser Kreuzfahrer: Tiresio Ghisilieri, 
Tomaso Romponi, Tiberio Sabbadini, Rolando Zambrasi, Niecola Ariosti, Fran- 
cesco Albergati, Pietro Prendiparti, Bargellino Bargellini, Trencivalle Uccelletti, 
Filippo Scappi, Bartolo d' Isnardo Paleotti, Cristano Guidozagni, Pietro di Gran- 
done de' Rossi, Savio de 1 Buoi, Buonfante Piatesi, Giliolo de Bualello Orsi, Gui- 
dalotto Mezzovillani, Giulio Rodaldi, Bempiglio Malpigli, Bartolommeo de' Toschi, 
Lamberto di Lorenzo, Magnani, Gerarda Cerniti, Bonacossa de' Fabri, Buongio- 
vanni Beccadelli, Errighetto de' Ubaldino Albergati, Filippo Mantici, Rizzardo 
Dainesi, Guiglielmo di Giacomo Marsili, Romeo Scannabecchi, Cingolo di Buona- 
ventura delle Arme, Balduino di Provenzale Fascarari, Rolando Visconti, Alberg- 
hetto Carrari, Pietro Tettalasina. 

5 ) Dandulus 402. 

") Russus de Solliaco sonst genannt und als »capitaneus in partibus Ro- 
maniae' urkundlich erwähnt (Riccio, Archivio storico italiano 1879, IV, 3; Giudice, La 
famiglia di re Manfredi .Napoli 1880, append. CHI, No. 125: CVr -CVI1I, No. 128) 
Nach Durrieu II, 383 heisst er eigentlich Hugo Russus (Roux) de Sulliaco (Sully). 

7 ) Ihm war neben Bernhard, Bischof von Tripolis, 17. Jan. 1290 die Aus- 
rüstung der Galeen übertragen worden (Langlois No. 2269). 

8 ) Sanutus 229. 

9 ) Nach einem vergeblichen Handstreich gegen Candelor, den Sanutus 
230 vor, die Gestes 261 (offenbar richtig) nach dem Falle Accons ansetzen. 



16 



R ö h r i c h t. 



Als der gefürchtete Ueberfall Accons durch den Sultan im Hoch* 
sommer 1290 nicht erfolgte, so kehrte Roux de Sully nach wenig 
Monaten mit zwei Galeen nach Italien zurück, um den Papst zu bitten, 
für die in Accon zurückbleibenden Pilger Geld anzuweisen. Nicolaus IV. 
erfüllte diese Bitte, und Eoux de Sully brachte die nicht unbeträchtliche 
Summe selbst nach Accon, begnügte sich aber, als er erfuhr, dass eine 
grosse Menge von Pilgern wegen Geldmangels bereits heimgekehrt sei, 
das Geld dem Patriachen abzuliefern, und segelte, ohne auf seine Bitte 
zu hören, wieder zurück nach Italien 2 ). Inzwischen aber hatten die 
in Accon zurückgebliebenen Pilger 3 ), da sie nicht wussten, was sie 
machen sollten, sich einem wüsten Leben hingegeben und Gewalt- 
tätigkeiten gegen die Einwohner der Stadt wie die muslimischen 
Schutzbefohlenen und Bauern der Umgebung begangen, ihre Ländereien 
und Anpflanzungen geplündert und verwüstet 4 ); ja als eines Tages 
muslimische Landleute 5 ) in gewohnter Weise nach der Stadt herein- 
kamen, um ihre Producte zu verkaufen, so wurden sie von jenen Pil- 
gern überfallen und getödtet. Einige Ordensritter 6 ) kamen zufällig 
noch zur rechten Zeit an den Ort der That 7 ), um den kleinen Kest 
der Angegriffenen dem wüthenden Haufen zu entreissen und sicher 
nach der Burg zu retten 8 ). 

Der Sultan, dem diese Brutalität äusserst gelegen kam, nahm die 
Entschuldigung, dass die Friedensbrecher keine Bürger der Stadt seien, 



i) Potthast No. 23.439; Langlois No. 4389: 20. Oct. 1290. 

2 ) Sanutus 229^230, dessen Angaben hier durch das ihn sonst ausschrei- 
bende Chron. S. Bertini 770 zu corrigieren sind. 

8 ) Die Zahl der Pilger wird verschieden angegeben: Oesterr. Reimchronik 
Vers 45.015: c 100, Guillelmus de Nangiaco 574: 1500, Excidium 760: 1600, 
Bustron: 3500, Amadi 218: 3540, Ludolf v. Sudheim 42 (und daraus Corner): 
12.000, Walter von Hemmingburgh II, 23: 15.000, Villani 337 (und daraus Bondone, 
Siena, Bibl. publ. A. III, 23 chart. s. XVI): 18.000, Annales Colmar. maj. in 
Mon. Germ. SS. XVII, 217: 60.000 (die von Brindisi her gekommen waren). 

*) Excidium 759—760; Bartholomaeus Cotton 432; Walter von Hemming- 
burgh II, 23; Johannes Vitoduranus 35 ; Chron. Sampetrin. 126; Villani 337; Bar- 
tholomaeus de Neocastro 1182; Peter de Dusburg in SS. rerum Pruss. I, 208. 

6) Gestes 238, nach Amadi 219 gegen 30, nach Bustron 30; nach Makrizi II, 
109 waren es Kaufleute und zwar nach Sanutus 230: 19. 

e ) Dies nur bei Amadi und Bustron. 

7 ) Nach Sanutus 230: »in loco vocato la funda juxta cambium«. 

s) Das Datum : Schaban 689 (9. August bis 7. Sept. 1290) nur bei Makrizi 
II A, 109. Der Biograph des Sultans hingegen meldet, dass bei einem von den 
aus dem Abendlande eben eingetroffenen Pilgern mit Muslimen veranstalteten 
Gelage ein christlicher Bürger seine Frau mit einem Muslimen überrascht und 
in Folge dessen ihn wie seine Glaubensgenossen, welche ihm in den Weg kamen, 
erdolcht habe (Reinaud 567). 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. \ 7 

nicht an, obgleich die Emire der fortwährenden, aufreibenden Kriegs- 
züge müde waren und den Ausbruch eines neuen Kampfes befürchteten, 
sondern befahl eine sorgfältige Prüfung des 1282 mit der Signorie 
von Accon abgeschlossenen Vertrages, um eine Handhabe für seine 
Kriegserklärimg zu finden; „denn er war von Anfang an entschlossen, 
den geringsten Vorwand zu benutzen, um die Waifen wieder aufzu- 
nehmen und den Untergang der christlichen Colonien zu vollenden." 
Die Meinung der Meisten, welche der Berathung beiwohnten, unter 
andern auch Fath ed-dins, der den Vertrag selbst aufgesetzt hatte, 
war, dass in keinem der Paragraphen der vorliegende Fall vorgesehen 
sei, aber da der Sultan durchaus den Krieg wollte, so fand sich auch 
ein Emir, der den Artikel anzog, dass, „wenn nach Accon Christen 
aus dem Abendlande kämen, welche schlimme Pläne gegen die Mus- 
limen schmiedeten, die Obrigkeit und die Befehlshaber der Stadt diese 
zu verhindern hätten" x ) ; die Obrigkeit hätte dem Morde vorbeugen, 
oder ihn empfindlich bestrafen müssen. „ Nach diesen Worten konnte 
der Sultan seine Freude nicht zurückhalten" und begann die Rüs- 
tungen, indem er sofort befahl, in der Gegend von Baalbek sowie 
zwischen Caesarea und Athlith Holz zu fällen und mit dem Bau von 
Belagerungsmaschinen zu beginnen 2 ). 

Ein Emir 3 ) theilte alsbald dem ihm befreundeten Templermeistei 
die Pläne des Sultans mit, freilich ohne anfangs Glauben zu finden, 
aber als die Nachrichten von den Rüstungen immer häufiger wurden, 
riethen die Meister der Templer, Johanniter und Deutschherren ener- 
gisch dazu, dem Sultan Genugthuung zu gewähren 4 ). Sie ver- 
langten die Auslieferung der Friedensbrecher, aber die Menge wollte 
nichts davon wissen, da die christlichen Pilgerschaaren die von ein- 
zelnen Städten geschlosseneu Verträge nicht zu respectiren brauchten, 
und die Behörden Accons über sie keine richterliche Gewalt hätten 5 ). 

Ende des Jahres 1290 oder in den ersten Wochen des folgenden 
Jahres erklärte der neue Sultan Mälik-al-Aschraf in einem ausführ- 



') Der Paragraph 4 des Vertrages von 1282 (Quatrernere II A, 228—22!»; 
Reinaud 546;, der hier angezogen wird, besagt aber nur, dass, wenn Christen in 
Accon landen, urn den Sultan zu bekriegen, die Signorie verpflichtet ist, dies 
wenigstens zwei Monate vorher ihm anzuzeigen. 

2 ) Gestes 240; Makrizi II A, 109, wo auch gemeldet wird, dass der Bau 
durch Reitergeschwader der Christen und im Winter durch Schneewetter sehr 
gestört "wurde. 

3 ) Salah (Gestes 240), arab. Silah , Vorsteher des Arsenals «, welche Würde 
damals Bedr ed-din Bektasch el-Fachri bekleidete (Rec. arm. II, 806). 

4 ) Excidium 701 ; Walter von Hemmingburgh II, 24; Ludolf von Suchern 43. 
s ) Excidium 761; Gestes 2: J >!t. 

MittUeilungeu, XV. 2 



18 Röhricht. 

liehen Schreiben, dass er den Friedensbruch durch die Eroberung der 
Stadt rächen werde l ) ; es sei unnütz, etwa durch eine Gesandtschaft 
dies Schicksal von Accon abwenden zu wollen. Als nun gleichwohl 
Philipp Mainebeuf, welcher des Arabischen mächtig war, der Templer 
Bartholomäus Pisan aus Cypern, ein Johanniter und ein Schreiber 
Namens Georg an den Hof des Sultans abgingen, um die Vertreibung 
der Friedensbrecher aus dem heiligen Lande, die lebenslängliche Ge- 
fangenschaft der Eädelsführer als Genugthuung anzubieten, so wurden 
sie ohne weiteres in's Gefängniss geworfen, wo sie starben 2 ). 

Da also die Gesandten nicht mehr heimkehrten, sammelten sich 
eines Tages die Angesehensten der Stadt, der Patriarch Nicolaus, die 
Ordensgebietiger, Johannes von Grailly und Otto von Granson 3 ) in 
der Cathedrale zum heiligen Kreuz 4 ) und beriethen, was zu thun sei. 
Der Patriarch hob den Muth durch eine kräftige Kede und lobte die 
Eintracht der Bürger 5 ). Inzwischen waren nach allen Kichtun gen des 
Abendlandes, an den König von Cypern, den päpstlichen Stuhl G ) und 
die verschiedenen Ordenshäuser 7 ) Hilferufe ergangen, und die Bürger 
waren unaufhörlich bemüht, durch Heranschaffung von Lebensmitteln, 
Verstärkung der Wälle und Thürme sich zu rüsten; im Ganzen wird 
die Bevölkerung ungefähr 25.000 Köpfe betragen haben, während die 



') In Gestes 242 ist nur der Eingang des Schreibens erhalten ; vgl. RH. 
No. 1508. Der Verfasser des Abschnittes der Gestes las den Brief des Sultans 
dem Patriarchen, dem Meister der Johanniter, dem Comthur der Deutschherren 
(ihr Meister war ohne Willen des Convents nach Apulien gegangen), auch dem 
Consul der Pisaner und Baillif der Venetianer übersetzt vor (Gestes 242 — 243). 
Die Boten kamen nach Makrizi II A, 120 im Muharram 690 (4. Jan. — 3. Febr. 
1291) zum Sultan Mälik al-Aschraf. 

2 ) Excidium 762 ; Gestes 241. Nach Gestes 239 hätte anfangs der Templer- 
meister vorgeschlagen, die schwersten Verbrecher aus den Gefängnissen Accons 
als die Attentäter zu declariren und hinzurichten, ja der Biograph des Kelawün 
(bei Reinaud, Extr. 568) meldet sogar, die Christen hätten, um eine Schein-Ge- 
nugthuung zu geben, als Sclaven verkleidete Muslimen aufgehängt. 

3 ) Er veiiiess London am 10. Juli 1290 (Annales Londiniens. ed. Stubbs 
in Chronicles of Edw. I. und II, London 1885, I, 99) und ging über Rom (Bar- 
tholomaeus de Neocastro in Muratori SS. XIII, 1167) nach Palästina. 

4 ) Ludolf von Suchern 43. 

5 ) Excidium 765: »Est enim, ut videtur, in vobis cor unum et anima una 
(Actor. IV, 32) ; reddidistis enim vos commendabiles apud Dominum et totum 
mundum«. Von einem begangenen Unrecht, das zu sühnen gewesen wäre, spricht 
der Patriarch nicht. 6 ) RH. No. 1505. 

7 ) In Folge dessen sollen die Templer und Johanniter je 2000, die Deutsch- 
herren 700 (Reimchronik, Vers 48.219, 48.225, 48.242) Mann oder, wie die jüngere 
Hochmeisterchronik (SS. rerum Pruss. V, 103) meldet, die ersteren über 3000 resp. 
2000, die letzeren über 3000 Ritter nach Palästina gesandt haben. 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. ig 

waffenfähige Mannschaft bei Beginn der Belagerung auf c. 800 Ritter 
und 13.000 Fusssoldaten geschätzt wird x ). Dass diese verhältniss- 
mässig geringe Zahl von Kämpfern einem so gewaltigen Heere, wie 
das feindliche war, über 40 Tage lang erfolgreichen Widerstand leistete, 
ist der Tapferkeit der Vertheidiger zuzuschreiben, welche mit dem 
Muthe der Verzweiflung fochten, ebenso aber auch den ausgezeichneten 
Befestigungswerken, welche die Stadt in doppelter Linie umgaben 2 ) 
und sie zum Hauptwaffenplatz der Christenheit in Syrien machten. 

„Jene berühmte Stadt Accon", meldet ein deutscher Reisender 3 ), wel- 
cher die Stadt in Trümmern sah, aber die Mittheilungen von Augenzeugen 
ihrer früheren Blüthe benutzen konnte, „liegt am Meere und ist aus 
ausserordentlich mächtigen Steinquadern erbaut und mit hohen und 
sehr starken Thürmen, welche kaum auf Steinwurfsweite von einander 
entfernt sind, umgeben ; ein jedes Stadtthor lag zwischen zwei Thürmen, 
und die Mauern waren, wie auch jetzt noch, so breit, dass ein Wagen 
einem anderen, der ihm auf der Mauer begegnete, bequem ausweichen 
konnte. Und nach der anderen Seite, landeinwärts, war die Stadt 
wieder durch besondere Mauern und sehr tiefe Gräben befestigt, mit 
mannigfaltigen Bastionen uud Vertheidigungswerken auf verschiedene 
Weise ausgerüstet. Die freien Plätze aber innerhalb der Stadt waren 
sehr sauber, alle Wände der Häuser an Höhe einander gleich und ohne 
Unterschied aus behauenen Steinen erbaut, mit Glasfenstern und Ma- 
lereien wunderbar geziert, auch waren alle Paläste und Häuser der 
Stadt nicht für irgend welche nothwendigen Bedürfnisse erbaut, son- 
dern für den menschlichen Luxus und zum Genuss durch Glas, Ge- 
mälde, Zelte und anderes Zierwerk, wie ein Jeder konnte, sorgfältig 
und ausgezeichnet im Innern eingerichtet und von aussen geschmückt. 



') Ludolf von Suchern ed. Dej'cks 39—42 ; über das Werk dieses Autors 
vgl. Biblioth. geogr. Palaest. No. 195. Der die Belagerung Accons betreffende 
Abschnitt ist aus einer Darmstädter altdeutschen Handschrift in ZDMG. 1888, 
422—424 von Roth herausgegeben ; wir benutzten nur die oben citirte lateinische 
Ausgabe. 

2 ) De Mas Latrie, Hist. I, 488; andere Zahlen: nach Gestes 241: 7—800 
Ritter (Amadi: 700, Bustron 600) und 13000 Fusssoldaten (ebenso Amadi und 
Bustron); Excidium 766: 900 Ritter und 18.000 Mann Fussvolk; Jacobus Auriae 
337: 40.000 Weiber und Kinder, 30.000 Pilger, 1200 Ritter; Cont. Florian, in Mon. 
Germ. SS. IX. 74! » : 70.000 Christen; Reimchronik. Vers 48.274: 100.000 Christen. 

3 ) Pläne und Ansichten der Stadt sind von der ältesten bis auf die neueste 
Zeit nachgewiesen in Biblioth. geogr. Palaestinae s. v. ; sonst vgl. Röhricht in 
ZDPV. X, 300—308; RH. s. v. Ueber die handelsgeschichtliche Stellung der Stadt 
vgl. Heyd, Hist. I, 317—319 und 359; II, 405 und die Auszüge aus Ihn Djubair 
in Görgens, Quellenbeitr. 1, 276—278. 

2* 



20 Röhricht. 

Die freien Plätze der Stadt waren mit seidenen Tüchern oder anderen 
prächtigen Stoffen zur Beschattung überdeckt; in jeder einzelnen Ecke 
eines Platzes i-tand ein sehr starker Thurm mit einer eisernen Thür 
und eisernen Ketten befestigt. Alle Vornehmen wohnten im inneren 
Umkreise der Stadt in sehr starken Burgen und Palästen. Im Mittel- 
punkte der Stadt wohnten die Handwerker und Kaufleute, ein jeder 
nach seinem Gewerbe au einem bestimmten Platze, und alle Einwohner 
der Stadt hielten sich wie einst die Kömer und trugen sich als Vor- 
nehme und Herren, wie sie es ja auch waren. Zuerst wohnten in ihr : 
der König von Jerusalem und seine Brüder und noch viele andere 
Vornehme seines Geschlechts, die Fürsten von Galiläa, und Antiochien 
sowie der Feldhauptmann des Königs von Frankreich *), der Herzog 
von Caesarea 2 ), die Herren von Tyrus, Tiberias und Sidon, die Grafen 
von Tripolis und Jaffa, die Herren von Beirut und Ibelin, die Herren 
von Pysan 3 ), Arsuf und Vaus 4 ), sowie die Edlen von Blanchegarde. 
Die Fürsten, Herzöge, Grafen, Edle und Barone gingen mit ihren 
goldenen Kronen auf dem Haupte nach königlicher Weise auf den 
Plätzen einher (!), und jeder Einzelne paradirte wie ein König mit 
Mannen, Schutzbefohlenen, Söldnern und Trabanten, durch Kleidung 
und Streitrosse, die mit Gold und Silber wunderbar geschmückt waren, 
vor dem andern ganz besonders und schön mit einem nur erdenk- 
lichen Eifer und hielt an jedem Tage (!) Spiele, Turniere, Waffenkünste 
und verschiedene Schaustellungen, Jagden und allerlei Arten von Auf- 
führungen, welche auf den Kriegsdienst sich beziehen, ab, und jeder 
hatte für sich ausser seinem Palaste oder Schlosse noch vollständige 
Freiheit oder vielmehr Steuerfreiheit. Ebenso wohnten in ihr die Feinde 
der Saracenen und Kämpfer für den katholischen Glauben: der Meister 
und die Brüder des Templerordens, die streitbaren, der Meister und 
die Brüder des Ordens vom heil. Johannes von Jerusalem, die streit- 



T ) Gemeint ist Johannes de Grailly ; vgl. Anmerk. 3 Seite 10. 

8 ) Herzöge dieser Stadt gab es nicht. 

°J Es ist unerfindlich, warum der Autor diesen Namen, den gar kein be- 
ll ühmtes Geschlecht trägt, erwähnt, die wichtigeren aber auslässt. 

') Ein Geschlecht genau dieses Namens können wir aus Chroniken und 
Urkunden nicht nachweisen. Ein Godefridns de Waus geht im Auftrage des Chan 
Abagha 1271 an den Hof des Königs Eduard I. von England (RH. No. 1380). 
Fürsten unseres Namens werden nur noch in der Legende von den hl. drei Königen 
des Johannes von Hildesheim erwähnt (ed. Köpke, Brandenburg 1878, Programm 
der Ritteracademie 10, 11, 21), den wir in Baux, dem Namen eines im Orient 
damals ansässigen französischen Geschlechts wiederzufinden glaubten (Röhricht 
und Meisner, Ein niederrhein. Bericht über den Orient in d. Zeitschr. für deutsche 
Philologie 1886, XIX, 6—8; vgl. RH. s. v. Balcis). 



Der Untergang des Königreich« Jerusalem. 21 

baren, ebenso der Meister und die Brüder des deutschen Hauses, die 
streitbaren, ebenso der Meister und die Brüder von St. Thomas *), die 
streitbaren, und der Meister und die Brüder von St. Lazarus, die streit- 
baren 2 ). Diese alle lebten in Accon und hatten ihren Ordenssitz dort 
und kämpften Tag und Nacht mit ihren Cameraden gegen die Sara- 
cenen. Auch wohnten in Accon die reichsten Kaufleute unter dem 
Himmel, die aus allen Nationen dort zusammengekommen waren ; dort 
wohnten die Pisaner, Genuesen, Lombarden, wegen deren verfluchten 
Zwietracht die Stadt zerstört wurde ; denn sie geberdeten sich eben- 
falls wie die Herren. Auch wohnten in ihr die reichsten Kaufleute 
und verschiedensten Nationen; denn vom Aufgange bis zum Nieder- 
gange der Sonne schaffte man alle Waaren dorthin; denn alles Wun- 
derbare und Seltene, was auf der Welt sich finden liess, wurde wegen 
der Vornehmen und Fürsten, die daselbst wohnten, dorthin gebracht. " 
Während so die Stadt Keichthum und Behaglichkeit athmete, 
waren die inneren zusammenhaltenden Kräfte durch die Verschieden- 
heit 3 ) der Nationalität, der Bekenntnisse und der Interessen, welche 
die Eingeborenen und Lateiner, die Kitter der Hauptorden 4 ) und die 
talienischen Kaufleute 5 ) unter und gegen einander zu Hass und Neid, 
ja oft zu blutigen, aufreibenden Kämpfen antrieb, gelähmt und er- 
schlafft, besonders aber durch die allgemeine moralische Fäulniss 6 ), die 
allerdings in allen Städten des Königreichs Jerusalem, wie in der 
Hauptstadt selbst, das gesellschaftliche und das Familien-Leben durch- 
setzte 7 ), hier aber wie in allen grossen Handelscentren, wo der rohe 



l ) Ueber diesen Orden, dessen Existenz der Herausgeber der jüngeren 
Hochmeisterchron. in SS. verum Pruss. V, 33 — 34 mit Unrecht bestreitet, vgl. 
RH. s. v. und Stubbs, The mediev. kingdomes of Cyprus and Avmenia, Oxford 
1878, 28 ff. 

9 ) Vgl. RH. s. v. Auffallend ist, dass der Berichterstatter den Patriarchen 
von Jerusalem nicht erwähnt, der auch die Bischofswürde von Bethlehem und 
Accon besass, ebensowenig alle die Kirchen und Klöster, deren Erzbischöfe, 
Bischöfe, Aebte und Prioren durch die fortgehenden Eroberungen ihre Sitze ver- 
loren hatten und nach Accon übergesiedelt waren. 

• s ) Die Vielheit dev Signorien bezeichnet Franc. Pipinus 734 als Grund des 
Unterganges, und zwar werden 6—7 (Ptolom. Luccens., Histor. eccles. XI, 1196 
[dort auch 1196 -1197 die Reichsmatrikel mit sehr verstümmelten Namen]), 8 
(Roncioni 650), ja 17 (Chron. di Bondone und daraus Villani ; vgl. Assises I, 
524, Not. 6) genannt. 

4 ) Ueber sie vgl. Bartholomaeus de Neocastro 1 183 und Annales de Dunsta- 
plia 366, wo besonders die Feindschaft der Johanniter und Templer getadelt wird- 

5 ) Ludolf von Suchern 42; Thaddaeus 37—38, 50—51. 
8 J Vgl. Prutz, Culturgesch. 108 ff. 

7 ) Die Zahl der Huren giebt Jacobus ab Aquis in Mon. Hist. patr. III, 



22 Röhricht. 

und feine Genüss als der beste Preis und der höchste Lohn für eine 
angestrengte Geschäftstätigkeit zu gelten pflegt und hauptsächlich, 
wo verschiedene Culturkreise sich berühren, in wahrhaft erschrecken- 
der Weise zu Tage trat. Dies bezeugt besonders der deutsche Dichter, 
welcher den Kaiser Friedrich IL auf seinem Kreuzznge nach Accon 
begleitete x ), der Bischof Jacob von Accon, welcher kurz vor dem fünften 
Kreuzzuge sein Amt antrat 2 ), und der päpstliche Legat Odo, welcher 
mit Louis IX. nach Accon ging und (1254) wie ein Prophet zu Join- 
ville, dem Seneschall des Königs Louis IX., die Worte sprach: r Nie- 
mand hat Kenntniss von so viel entsetzlichen Sünden, die man in 
Accon begeht, als ich selbst. Auch muss wohl Gott dieselben in der 
Weise strafen, dass die Stadt Accon mit dem Blute ihrer Bewohner 
gewaschen wird und sofort ein anderes Volk komme, um darin zu 
wohnen. " 3 ) Und dieses entsetzliche Strafgericht ist auch wirklich 
gekommen! 

Der Sultan brach am 4. November 1290 von Cairo auf, erkrankte 
aber plötzlich und starb schon am 10. November iu der Nähe der 
Stadt 1 ), wie man allgemein glaubte, an Gift 5 ). Sein Sohn Mälik al- 



1604 auf 10.000, Walter von Hemmingburgh II, 24 auf 14.000 an, der Codex von 
Assisi in Miscellan. Francisc. 1887, II, 22 auf 6000; als ein Lasterpfuhl wird 
Accon (ibid. II, 22—23; Gesta Boemundi in Mon. Germ. SS. XXIV, 474—475; 
Peter de Dusburg in SS. rerum Pruss. I, 208) allgemein geschildert. 

») Sandvoss, Fridank, Berlin 1877, CLVI und CLX. 

2 ) Brief II ed. Röhricht in Zeitsch. für Kirchgesch. XIV, 1893, 106—118; er 
zählt 7 verschiedene Nationalitäten und christliche Bekenntnisse auf, dann aber 
(111) fährt er fort: »Fiebant autem singulis fere diebus et noctibus homicidia 
tarn manifesta quam occulta. Mulieres ex antiqua consuetudine venenis et potionibus 
maritos suos, ut aliis nuberent, perimebant. Erant in civitate homines venenum 
et toxicum vendentes; vix aliquis alii se credebat et inimici hominis domestici 
ejus. — Erat autem prostibulis passim repleta civitas. Nam quia meretrices 
carius hospicia quam alii conducebant, non solum laici sed persone ecclesiastice 
et quidam regula,res in publicis scortis hospitia sua per totam civitatem locabant*. 

s ) Joinville § 613. Der Berichterstatter setzt ebenda hinzu: „Die Weis- 
sagung des Biedermannes ist zum Theil erfüllt; denn die Stadt ist wohl ge- 
waschen worden in dem Blute ihrer Bewohner, doch sind wohl noch nicht hin- 
gekommen die, welche da wohnen sollen, aber Gott wird sie schicken, um seinen 
Willen zu thun«. Hingegen rühmte Iunocenz IV. (17. Juli 1247) die Einwohner 
von Accon: »Vos equidem estis celestis plantatio, que terram incolit!« (Mon. 
Germ., Epp. II, 299—300, No. 412). 

*) Bei Meschhid at-tibn (Makrizi II A, 109; Abulfeda 163; vgl. Recueil 
arabe I, 769), nach Bartholomaeus Cotton 432 : ,in planis Dokke«, also bei Accod ; 
Amadi nennt den Ort: Sacachia. Ueber das Datum vgl. Weil IV, 165. 

5 ) Abulfeda 163 ; Haithon in Louis de Backer, L' extreme Orient 229 ; Jacobus 



Der Untergang des Königreichr Jerusalem. 23 

Aschraf setzte die Eüstungen fort und schickte im Februar 1291 den 
Emir Izz ad-din Aibek Afram nach Syrien, um den Bau der Be- 
lageruugsmaschinen zu überwachen; am 4. März ging die erste Sen- 
dung fertiger Theile ab, die am 15. März unter dem Befehle des Emirs 
Aläm ad-din Sandschar zusammengesetzt wurden. Am 23. März ver- 
liess der Näib von Syrien Hussäm ad-din Ladschin Damascus mit 
seinem Heere, während Saif ad-din Tughril von Cairo abging, um 
die Contingente Syriens zu sammeln. Am 25. März traf Mälik al- 
Muzaffar, Fürst von Hamah und Vater des berühmten Geschichts- 
schreibers Abulfeda, in Damascus ein, am 26. März der Gouverneur 
des Curdenschlosses Saif ad-din Belbän ; Abulfeda, welcher als Augen- 
zeuge über die Belagerung uns berichtet hat, leitete den Transport 
einer riesigen Belagerungsmaschine, al-mansurija *), „ die siegreiche " ge- 
nannt, deren einzelne Theile zum Transport hundert Ochsenkarren er- 
forderten. 

Während dessen hatte der Sultan in der Nacht des 24. Februar 
1291 am Grabe seines Vaters in der Kubbet-mansurija alle Ange- 
sehenen, Kadis und Vorleser Kairos zu einem grossen Feste um sich 
versammelt, mit Geld und kostbaren Gewändern reich beschenkt und 
war am 6. März nach Damascus abgereist, um von da Anfang April 
bei der Belagerungsarmee einzutreffen. Als er aufbrach 2 ), soll der 
Scheich Scheref ad-din Busiri im Traum einen Unbekannten gesehen 
haben, der die Verse citirte: „Schon haben die Muslimen Accon ge- 
nommen und den Ungläubigen die Köpfe herunter gehauen! Unser 
Sultan hat gegen die Feinde Bosse geführt, welche ganze Berge in 
Staub zerstampfen werden; die Türken haben, seitdem sie auf dem 
Marsche sind, geschworen, den Franken keinen Besitz zu lassen". 
Ebenso rief ihm der Kadi Muhi ad-din c Abd ad-dahir die Verse zu: 



Auriae 331; Chron. Sampetrinum 126. Nach Gestes 240 und Bartholomaeus Cotton 
hätte der sterbende Sultan seinen Sohn schwören lassen, die Belagerung Accons 
um keinen Preis aufzugeben. 

') Abulfeda 163. Sie stand (derselbe Name wird auch genannt) den Pisanern 
gegenüber (Gestes 243); eine andere (»haveben«, wofür nach d. Rec. arm. II, 808: 
ghadban »furieux« zu lesen sein wird) stand den Templern, eine dritte den 
Hospitalitern, eine vierte dem »verfluchten Thurme« gegenüber (ibid.). Eine mit 
der Hand zu spannende Art von türkischen Maschinen wird im Briefe des Jo- 
hannitermeisters (Hiat. litt, de France XX, 94) : carabonares, in Gestes 244 : cara- 
bouhas, bei Sanutus 230 : carabogar, bei Wilh. Godel (Bouquet XXI, 761) : cyro- 
gabar, bei Amadi: charabacani genannt; vgl. Du Cange, Glossar, s. voce cara- 
bolatum; Raschid ad-din ed. Quatremere I, 132—137; Marco Polo ed. Yule 1875. 
II, 151—154 und Weil IV, 179, Note 1. 

*) Makrizi II A, 121—124, 127-128. 



24 K. 8 h r i c h t. 

,0 ihr Söhne des Blonden (Christen), bald wird die Rache Gottes sich 
über Euch ausgiessen, deren Ausführung nichts aufhalten wird; schon 
fst Aschraf an Euren Gestaden angelangt ; macht Euch bereit, aus seiner 
Hand unaufhörlich Hiebe zu empfangen ! " 

Seit dem Beginne des März waren die Christen in fortwährender 
Unruhe. Sie theilten ihre Streitkräfte im Ganzen in vier Abtheilungen, 
von denen die erste unter dem Befehl des Johannes von Grailly und 
Otto von Granson, die zweite unter dem Hauptmanne der cyprischen 
Ritterschaft und dem Stellvertreter : ) des Deutschmeisters stand ; die 
dritte befehligten die Meister der Johanniter und des S. Thomasordens, 
die vierte die Meister des Templer- und des St. Lazarus-Ordens. Von 
diesen Schaaren, deren Befehlshaber sich abwechseln sollten, hatte die 
eine Hälfte von 6 Uhr Morgens im Ganzen acht Stunden auf der 
Mauer, die andere an den Thoren Wache zu halten. 2 ) 

Nachdem Ende März die ersten Truppen des Sultans in der Ebene 
vor Accon erschienen waren und die Umgegend furchtbar verwüstet 
hatten, war am 5. April 3 ) das ganze Belagerungsheer 4 ) vereinigt; die 

J ) Heinrich von Bolanden (RH. No. 1492 und 1501, wo auch über den 
Urdensmeister Burchard von Schwanden gehandelt wird). Er fiel mit Walter 
Broyken und allen Brüdern des Ordens am 18. Mai (Perlbach in Forschungen 
zur deutsch. Gesch. 1877, XVII, 360; vgl. SS. rerum Pruss. V, 33). 

2 ) Excidium 765—766. 

3 ) Dieser Tag wird als Beginn der Belagerung angegeben bei Thaddaeus 5, 
Jacobus Auriae 337. Gestes 243, Marinus Sanutus 230, Joh. de Villers 94, 
Makrizi 125 ; hingegen Bartholornaeus de Neocastro 1183 : 25. März ; Andr. Dandolo 
403 und Epist, Joh. de Villiers 93: 1. April; Annal. Mogunt. 3: 3. April; Cont. 
Godel 761, Chron. Sampetrin. 126. Excid. 770: 4. April; AbuT-Mehäsin 570: 
6. April; Aegidius li Muisis 151 : 7. April; Brunetto Latini 232: 20. April; Annal. 
de Oseneia 332 : 9. Juni. Die Beschiessung begann nach Amadi schon den 9. April. 
Als Dauer der ganzen Belagerung werden 40 (Eberh. Ratispon. 594; Cont. Godel 
761 ; Walter von Hemmingburgh II, 25), 42 (Joh. Vitoduranus 36), 43 (Joh. de 
Oxenedes 284), 44 (Jacobus Auriae 337; Annal. Island. 196; Briefe Nicolaus IV. 
vom 1. und 23. August 1291), 45 (Cont. Florian. 749), 46 (Robertus de Boston 123) 
und 48 Tage (Dandulus 403) angegeben. 

4 ) Ludolf von Suchern 43: 600.000 Mann; Robertus de Boston 123: 500.000; 
Annales de Terre Sainte 460: 400.000 Mann Fussvolk und 80.000 Reiter; Excid. 
767: 400.000 unter 7 Emiren (nach Excid. 768: 10 Emire mit je 4000 Reitern; 
nach Annal. Mediolan. in Muratori XVI, 682: 12 Emire); Chron. de Lanercost 
139 und Laurentius Bonincontrius 63 : 300.000 Mann ; Thaddaeus 30 : 260.000 Reiter : 
Dandulus 403: 200.000 Reiter und 300.000 Fussvolk; Chron. Sampetrin. 128: 
200.000 Reiter ohne das Fussvolk; Marinus Sanutus 230: 160.000 Fussvolk und 
60.000 Reiter; Gestes 241 und Amadi: 150.000 Fussvolk und 70.000 Reiter; 
Brunetto Latini 231 und Roncioni 650: 150.000 Reiter; Epitome bell. sacr. 439: 
140.000 Fussvolk ; Bartholornaeus Cotton 431: 130.000 Reiter ; Chron. Estense 542 : 
100.000 Mann: Chron. S. Bertini 770: 60.000 Reiter und ebensoviel Fussvolk. 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 25 

Belagerungsniaschinen J ) wurden in kurzer Zeit zusammen- und aufge- 
stellt, so dass am 12. April a ) schon die Beschiessung der Stadt be- 
sann. Täglich rückten die Muslimen wie ein schreitender Lanzen- 
wald gegen die Mauern, indem sie die Wucht ihres Angriffes durch 
tobende Musik und bestialisches Geschrei unterstützten 3 ). 

In der mondhellen Nacht des 15. April 4 ) unternahmen die Be- 
lagerten einen Ausfall aus dem St. Lazarusthore 5 ) gegen die auf dem 
äussersten rechten Flügel der Belagerungslinie am Meere aufgestellten 
Truppen des Fürsten Muzaffar ad-din von Hamah, und zwar berichtet 
dessen Sohn Abulfeda als Augenzeuge folgendes darüber 6 ) : „Kleine 
Fahrzeuge mit Bohlen und (zum Schutz gegen das griechische Feuer) 
Büffelhäuten belegt, uäherten sich uns, und die Schiesszeuge schleu- 
derten uns Pfeile und Bolzen zu. So hatte unsere Front die Au griffe 
von der Stadt her zu bestehen und unser rechter Flügel von der See- 
seite. Der Feind liess ein Fahrzeug sich uns nähern, auf welchem 
sich eine Wurfmaschine befand, welche Steine gegen uns und unsere 
Zelte schleuderte. Dies Fahrzeug war uns recht unbequem, aber eines 
Nachts erhob sich ein sehr starker Wind, und das Schiff ward von 
den Wellen so hin und her geworfen, dass die Maschine in Unord- 
nung gerieth und unbrauchbar wurde. Eines Nachts während der 
Belagerung machten die Franken einen Ausfall und überraschten unser 
Heer. Unsere Vorposten vor sich hertreibend 7 ) griffen sie das Lager 
an, wo sie sich aber in den Stricken, welche die Zelte hielten, ver- 
fingen 8 ). Einer von den Rittern fiel in die Abtrittgrube einer Emir- 
Abtheilung und wurde dort getödtet. Da sie sahen, dass die mus- 



») 666 (als Zahl des Antichrist*) bei Excid. 769 ; 300 (Abulfaradsch, Chron. 
Syr. 627 [daneben 1000 Mineure] und Joh. Victoriens. 327); 92 (Makrizi 125); 
60 (Ludolf von Suchem 43; Chron. Estense 542); 44 (Jacobus Auriae 337); 40 
(Chron. di Bologna 296); 14 (Annales de Terre Sainte 460; Epitome bellor. 
sacror. 439). ?) Gestes 243. 

s ) Excidium 767 — 768. Die ebenda (und bei Bartholomaeus de Neocastro 
1183) gebotene Nachricht, dass die Christen trotz der furchtbaren Gefahr in 
Schenken und Bordellen sich herumgetrieben haben sollen, ist wohl billig zu 
bezweifeln. 

4 ) Das Datum nur im Chron. de Lanercost 139. 

s ) Gestes 245, während fälschlich Amadi und Bustron das S. Nicolausthor 
nennen. Auffallend ist die bei Abulfeda 164 und Ludolf von Suchern 43 erhal- 
tene Nachricht, dass die Christen Tag und Nacht die Thore der Stadt hätten 
offen stehen lassen. *) Abulfeda 164. 

7 ) Gestes 245. Die Christen wollten Feuer in das Reisig und Holzwerk der 
Feinde werfen, aber der Hafenvicomte that mit seiner Maschine einen zu kurzen 
Wurf und beschädigte nur die Bedeckungsmannschaft der feindlichen Waschine. 

s ) Gestes 245 bestätigt dies. 



26 



Röhricht. 



limischen Kämpfer ihnen an Zahl überlegen waren *), so flohen sie 
in die Stadt, und die Schaaren von Haniah tödteten von ihnen mehrere 2 ). 
Als der Tag anbrach, Hess Mälik al-Muzaffar, Fürst von Hainah, mehrere 
Führer der Franken am Halse der Pferde, die man ihnen abgenommen 
hatte, anbinden und schickte sie alle dem Sultan zu". 

Diese Unglücksfälle und schweren Verluste, welche die Christen 
in den Kämpfen gegen die vielfalch überlegenen Feinde erlitten, ohne 
selbst Nachschub zu erhalten, die entsetzlichen Strapazen des unaufhör- 
lichen Wachtdienstes und der unter den riesigen Wurfsteinen und 
Minen der Feinde bereits beginnende Verfall einzelner Thürme und 
Mauerstrecken Hessen die Spannkraft der Christen bald erlahmen, be- 
sonders seit dem 4. Mai, wo furchtbare Salven griechischen Feuers und 
gewaltige Steinschauer unaufhörlich über die Stadt sich ergossen 3 ). 

Allerdings kam König Heinrich IL von Cypern an demselben 
Tao-e mit einem Heere 4 ) und dem Erzbischof Johann von Nicosia, von 
den Belagerten mit Freudenfeuern begrüsst 5 ), aber sein Heer war doch 
zu schwach und sein Einfluss auf die Verhältnisse ebenso gering wie 
der seines in Accon zurückgebliebenen Bruders Amalrich 6 ). Es ge- 
lang ihm weder, die immer wieder auftauchenden Zwistigkeiten der 
Ordensritter unter einander und mit den italienischen Kaufleuten zu 
beseitigen, noch die heimliche Flucht vieler Angesehenen aus der Stadt 
zu hindern. Er sandte sofort nach seiner Ankunft den Templer Guil- 
laume de Cafran und Ritter Guillaume de Villiers an den Sultan 7 ), 



») 2000 Feinde gegen 200 Christen (Gestes 245) ; nach C'hron. de Lanercost 
L39: 15.000 Christen gegen 10.000 Muslimen. 

2 ) Die Christen verloren nach Gestes 245 im Ganzen 18 Ritter (Amadi 
221 : 8). die Feinde nach Bustron 3000 Mann. Bonincontrius 63 läset 2000 Christen 
und 7000 Feinde fallen, Chron. de Lanercost 139 sogar 5000 Muslimen gefangen 
werden. Ein anderer Ausfall aus dem St, Antoniusthore ist unmittelbar darauf 
gefolgt, welcher, da die Feinde die finstere Nacht durch Feuer erhellten, erfolg- 
los ablief. Bei dieser Gelegenheit sollen 2000 Muslimen und 2000 Christen gefallen sein 
(Abulfaradsch 627 j Oesterr. Reimchronik Vers 50.223. 50.229 ; vgl. 50.443. 50.458). 

s ) Excid. 770; Thaddaeus 5. 

4) Sanutus 231: 100 (Amadi 221: 100: Bustron: 600) Ritter und 500 Mann 
Fussvolk (Amadi 221: 200; Bustron: 2000) mit 42 (Amadi 221) Schiffen. 

5 ) Abu'l Mehasin 57o. 

r -) Der von einigen Quellen gegen ihn erhobene Vorwurf der Feigheit ist 
jedoch ungerecht (Bartholomaeus de Xeocastro 1183; Marinus Sanutus 230; 
Reinaud 570). 

') Gestes 246. 

7 ) Gestes 243, 246, wonach das Zelt bei der »Semmerie« des Tempels lag. 
welche sonst urkundlich als »Somelaria Templi« vorkommt (Röhricht in Zeitschr. 
d. Deutsch. Palästina-Vereines X, 251). 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 27 

welcher sein grünes Zelt auf einem Hügel dicht bei einem Templer- 
fchurme hatte x ), um Erklärung wegen des plötzlichen Angriffes gegen 
die Stadt zu erbitten, aber der Sultan stellte nur an sie die Frage, ob 
sie die Schlüssel der Stadt brächten, und als sie dies verneinten, aber 
um Gnade für das Volk baten, antwortete er, dass er nur die Stach 
haben wolle, alles andere sei ihm gleichgültig. Hierauf erklärten die 
Gesandten, dass sie nicht ohne eigene Lebensgefahr den Ihrigen die 
Uebergabe anrathen könnten. Während dieser ganzen Unterhandlung 
flog von der gegenüber auf dem Thurme des Legaten stehenden Ma- 
schine, die eben probirt wurde, unglücklicher Weise ein Stein so dicht 
an das Zelt, dass der Sultan sein Schwert zog, um die Christen nieder- 
zustossen, aber der Emir Schuga'i bat ihn, „sein Schwert nicht mit 
dem Blute der Schweine zu röthen. " 

Indessen machten die Belagerer immer mehr Fortschritte. Der 
Emir Schuga'i hatte einen neuen Thurm, der in der ersten Mauer vor 
dem „verfluchten Thurme" stand und „Thurm des Königs" hiess, 
unterminirt, die Barbacane des Königs Hugo wie den Thurm der Gräfin 
von Blois in Trümmer verwandelt (8. Mai); am 15. Mai ward der 
Thurm des Königs Eduard 2 ) völlig in den Graben geworfen, und die 
Belagerer füllten mit Sandsäcken und Reisig die Lücken der Trümmer 
aus, so dass eine Art Strasse nach der Stadt entstand. Am Morgen 
des 16. Mai rückte das feindliche Heer, dem die Christen nur noch 
7000 Mann entgegenstellen konnten, zum Sturme heran ; bald war der 
Graben am S. Antoniusthore auf hundert Klaftern Länge mit allerlei 
Material ausgefüllt b ) und die Vormauer erstiegen, in welche die Feinde 
eine Bresche von sechzig Klaftern legten 4 ). Die ermatteten Verthei- 
diger wichen auf Bogenschussweite zurück, bis die Templer herbei- 
eilten. Der Marschall der Johanniter Matthäus von Clermont 5 ) stellte 
sich an die Spitze der Christen, durchbohrte einen feindlichen Emir, 
hieb dann rechts und links um sich mit furchtbarem Erfolge, so dass 
die Christen wieder Muth gewannen und die Feinde nach der Bresche 
zurückdrängten, aber dort behaupteten diese sich und zogen die Fahne 
des Sultans auf 6 ). Die Christen stellten vor die Bresche zwanzig 



') Gestes 247. Auch Ludolf von Suchern 42 und Walther von Hemming- 
burgh [I, 24 wissen von den Unterhandlungen des Sultans, allerdings nichts 
Genaueres. 

-) Ueber ihn vgl. Röhricht in Archives I, 629, Not. 81. 

s ) Oesterr. Reimchronik Vers 48.744- 48.745 (wonach 30.000 Lastthiere das 
Material herangeschleppt hätten); Chron. Sampetrin. 128. 

*) Excid. 770. *) Excid. 773; Thaddaeus 22-23. 

fi ) Gestes 247. 



28 T{ ö h r i c h t. 

grosse und fünfzig kleine Maschinen, während ein Theil der Stadt- 
obersten im Johanniterhause zusammentrat, andere im Hafen Schiffe 
bereit machten, um die Weiber und Kinder zu retten x ) ; der Patriarch 
stärkte, nachdem er die Messe celebrirt, Beichte und Abendmahl ge- 
halten hatte, die Anwesenden durch eine begeisternde Kede, worauf 
sie sich unter Thränen gelobten auszuharren , aber die Kettung der 
Weiber und Kinder wurde unmöglich, da die See so hoch ging, dass 
diese schon am folgenden Tage (17. Mai) wieder in Accon landen 
mussten 2 ). 

Kaum war der trübe und nebelige Morgen 3 ) des 18. Mai 4 ) an- 
gebrochen, als das feindliche Heer unter furchtbarem Getöse zum 
Sturme heranrückte 5 ) ; dreihundert Kameele trugen Trommelschläger 
und Trompetenbläser, welche einen Höllenlärm machten 6 ), während an de r 
Spitze der Colonnen Keuegaten, Derwische und Fakire voll fanatischen 
Eifers vorauseilten 7 ). Das ganze Heer soll in 150 Schaaren getheilt 
gewesen sein, jede zu 200 Mann, die wieder eine starke Keserve von 
160 anderen Schaaren im Kücken gehabt 8 ). Die ersten hatteu grosse 
Tartschen, die vier dahinter folgenden Feuerkessel, Oel und Peckfackeln, 
die drei folgenden Ledertartschen und kurze Säbel 9 ). Die Christen 
wehrten sich gegen den Strom der Augreifer, so lange ihr Schiess- 



') Excid. 774. 

2 ) Gestes 248. Dass König Heinrich von Cypern am 16. Mai schon Accon 
verliess, wie das Excidium 770 behauptet, ist ein Irrthum. 

3 ) Ludolf von Suchern 44. 

4 ) Das richtige Datuni für den Tag der Eroberung geben Ep. Johannis de 
Vill. 93; Thomas de Burton 241; Cont. Vindob. 717; Aegidius li Muisis 151; 
Chron. Sampetrin. 127; Bartholomaeus de Neocastro 1183; Jacobus Auriae 337; 
Annal. Mutin. 73; Dand. 403; Simon della Tosa 154; Chron. Sanese 41; Gestes 
248 ; Annales de Terre Sainte 460 ; Makrizi 125 ; Abul Mehäsin 570 ; Corner 944. 
Falsch: 20. April (Cont. Florian. 749), 12. Mai (Chron. abbat. Parm. 336; Ludolf 
von Suchern 44), 14. Mai (Cronache di Termo 3), 16. Mai (Annal. Mogunt. 3), 
17. Mai (Jul. Cividat. 1200), 19. Mai (Cont. Godel 761; Chron. S. Martialis 810; 
Bernard Guidonis 709; Necrolog. ordin. Teuton. 361), 20. Mai (Calend. Teuton. 
469 not.), 7. Juni (Walter von Hemmingburgh II, 25), 17. Juni (Jon. de Oxendes 
283, wo statt XV cal. Jim. : XV. Cal. Julii steht; Abulfeda 164 [vgl. Weil IV. 
180] auf Grund einer theologischen Construction, weil Accon durch die Muslimen 
am 17 Djumada [I gerade 100 Jahre vorher an die Christen verloren ging, musste 
es an demselben Monats-Datum zurückgewonnen werden !). 

8 ) Im Umkreise von 6000 Schritten die Stadt einschliessend (Franc. Pipinus 
bei Muratori IX. 732), 12 Meilen sich ausbreitend (Chron. di Bondone in Siena, 
Bibl. publ. A. III, 23). B ) Makrizi II A, 125. 

7 ) Excid. 779; Bartholomaeus de Neocastro 1184; Joh. Vitoduran. 36—37. 

R ) EKcid. 779. fl ) Gestes 248—249. 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 20 

bedarf ausreichte, heldenmüthig, setzten dann den Kampf mit Sicheln, 
Steinen, Kuitteln und anderem zufällig sich bietenden Vertheidigungs- 
material fort, bis Matthäus von Clermont, der Johannitern! arschall, die 
eben durch das S. Antoniusthor einströmenden Feinde wieder hinaus- 
drängte !). Aber inzwischen waren andere Schaaren derselben über 
die Trümmer des Thurmes Hugos in die Stadt eingebrochen -) , be- 
setzten sofort die Barbacane zwischen der ersten und zweiten Mauer, 
theilten sich hier und gingen theils durch das Thor des „ verfluchten 
Thurmes" auf die S. Romanuskirche zu, wo die Pisauer ihre Maschinen 
hatten, theils nach dem S. Antoniusthore. Der Templermeister Guil- 
laume de Beaujeu sowie der Meister der Johanniter Jean de Villiers 
eilten mit 10 — 12 Ordensbrüdern nach dem letzteren Thore, fauden 
hier die cyprischen und syrischen Ritter im Weichen begriffen und 
wurden von einem furchtbaren Pfeilhagel empfangen 3 ). Der Templer- 
meister erhielt einen Schuss in die rechte Achselhöhle, wo die 
Platten des Panzers nicht fest genug schlössen 4 ), uud musste vom 
Kampfplatze getragen werden; im Templerhause ist er bald darauf 
gestorben 5 ). Ebenso ward der Johannitermeister Jean de Villiers 
schwer verwundet, aber auf ein Schiff gerettet 6 ). Matthäus von Cler- 



•) Excid. 777—779. 

2 ) Excid. 779 — 781; Ep. Johann, de Villiers 94; Ludolf von Suchern 44; 
Bartholomaeus Cotton 432; nach der letzteren Quelle drangen die Feinde (31.000 
Mann) ein »bei einem Mandelbaurugarten durch eine Mine'. Sonst wird gewöhn- 
lich als die Einbruchstelle der Punkt erwähnt, wo König Heinrich von Cypern die 
Vertheidigung zu leiten hatte (Cont. Vindob. in Mon. Germ. SS. IX, 717; Ludolf 
von Suchern 44; Godel bei Bouquet XXI, 761 ; Oesterr. Reimchronik, Vers 50.121, 
50.602—50.604), oder bei dem »verfluchten Thurrne« (Godel 761: »halechitibi"). 

?) Gestes 249. 

4 ) Gestes 249: Thaddaeus 18—19; Villani 338; vgl. Godel 761. 

5 ) Gestes 250—251. Er stammte nicht aus Brabant, wie Brunetto Latini 
232 meldet (Guichenou, Histoire de Dombes I, 210; Lacarelle, Hist. de Beaujolais I, 
93; Galeries de Versailles I, 454; II, 460), ist auch kein Verräther der Christen 
gewesen, wie die Chrou. riinee bei Bouquet XXII, 85, das Chron. Estense bei 
Muratori XV, 542, Stefan Orbelian, Hist. de Siounie ed. Brosset, St. Petersbourg 
1864, 245 — 246 und die Acten des französischen Templerprocesses (ed. Michelet, 
Paris 1841 ff. 1, 187; II, 209, 215; vgl. RH. No. 1413) melden, während die des 
cyprischen (Schottmüller, Untergang der Tempelherren II, 155 — 156) ihn völlig 
lreisprechen und zwar auf Grund des Zeugnisses von Mitkämpfern wie des Ritters 
Johannes de Plany. 

r ') Epistola Johannis de Villiers 94. Von den Templern sollen nur 10, von 
den Johannitern nur 7 (Excid. 782 ; wenige nach d. Epist. Joh. 95), von den 
Deutschherren kein einziger entkommen sein (Ludolf von Suchern 44; Thaddaeus 24), 
aber dem widersprechen die Angaben des cyprischen Processes (Schottmüller 11, 
395), wonach in Cairo Templer als Renegaten weiter gelebt hätten, und Ludolf 



30 



R ö h r i c h t. 



mont, der Johannitermarschall, der den ganzen Strom der eindringen- 
den Feinde bis an das St. Antoniusthor uud wieder zurück unter 
Wundern der Tapferkeit durchraunt hatte, fiel auch und zwar bei der 
Strasse der Genuesen l ). 

Inzwischen hatten andere feindliche Abtheilungen bei dem S. rio- 
manusthore die Pisaner zurückgedrängt, ihre Maschinen verbrannt, 
nach kurzem siegreichen Gefecht die Strasse der Deutschen hinunter- 
stürmend bei der St. Leonhardskirche 2 ) die Ritter des Thomasordens 
überwältigt, während wieder andere am St. Nicolausthore und am 
Thurme des Legaten eingedrungen waren, nachdem sie Johannes von 
Grailly 3 ) und Otto von Granson 4 ). welche auf dieser Seite die Ver- 
theidigung geleitet, zur Flucht gezwungen hatten; beide entkamen. 

Jetzt war natürlich Alles verloren; die tausend Christen, welche 
im Ganzen noch widerstandsfähig waren, wurden mit Leichtigkeit zu- 



von Suchern 54 meldet, dass er in Matharia bei Cario aus der Zahl der bei Accon 
Gefangenen Christen vier Deutsche, darunter einen Mann aus Schwarzburg in 
Thüringen, ferner (89) zwei Templer aus Burgund und Toulouse als Holzhauer 
am todten Meere getroffen habe, denen später der Sultan die Freiheit geschenkt. 
Dass viele christlichen Ritter .bis jetzt mit ihren Nachkommen ihnen (den Mus- 
limen) Sclavendienste thun müssen, aber wie man sagt, von ihnen in Achtung 
o-ehalten werden«, sagt Job. Vitodur. 37. Auch der Ueberbringer des bei Dandulus 
(MuratoriSS.XH, 513— 514) erhaltenen Briefes von 1300 war ein bei Accon gefan- 
gener | deutschen Ritter. Ebenso empfiehlt der Patriarch N. von Jerusalem in 
einem höchst wahrscheinlich fingirten Schreiben (es folgt nämlich p. 444. wie in 
den Annal. Wigoru. 548 ein Brieffragment des .Königs von Tarsis« an Bonifaz VIEL) 
dem Papste den Ritter Gaufridus de Semeray. welcher, während sein Bruder 
Johannes Capellanus fiel, bei der Eroberung Accons gefangen und jetzt nach 
9 Jahren befreit wurde (Wilh. Rishanger. Annales regni Eduardi primi ed. Riley, 
London 1865. 442—444). nämlich durch die Mongolen, die Cairo erobert hätten! 
Dieselbe erdichtete Siegesnachricht findet sich oft (Röhricht in Ärchives I, 649). 
i) Excid. 781—782; Thaddaeus 22—23; Ep. Joh. de Villiers 94; Gestes 255; 
vgl. Hist. litt, de France XX. 87. 

2) Bustron und Amadi : St. Raynalduskirche. 

3) Er entkam verwundet (Gestes 252), nach Excid. 781 »mit unverletzter 
Rüstung«. Ueber ihn vgl. E. de Rostaing, Jean de Grailly (Gex) ä la septieme 
croisade in Revue de 1' Ain 1879. Mai-Juin; eine Bulle für seine Gemahlin Beatrix 
(6. Jan. 1290), worin er als zurückgekehrt erwähnt wird, vgl. bei Langlois No. 1941. 
Der Vorwurf, dass er schon bei der Vertheidigung von Tripolis sich feige ge- 
zeigt (Thaddaeus 25—26). ist nach Gestes 237 nicht gerechtfertigt. 

4 ) Gestes 252. Er wird vielfach in Bullen der Päpste erwähnt wie Hono- 
rius' IV. (Prou. 37]. No. 535) und Nioolaus' IV.: 26. Aug. 1289, 13. Dez. 1280. 
15. October 1290 (Langlois No. 1351-1352; 2162 2163; 4391-4394); vgl. Mem. 
de la Franche Comte IV. 361—362; Anzeiger für Schweiz. Gesch. 1876, No. 3; 
1878 Nr. 2. In Pariser Templerprocessacten (ed. Michelet II, 224) wird erwähnt, 
dass er die Wahl Hugos de Peraudo zum Meister besonders gern gesehen hätte. 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 31 

rückgedrängt oder niedergemacht; wer konnte, rettete sich, aber im 
Ganzen standen nur sechs Schiffe bereit, zwei päpstliche, zwei cyprische 
und zwei genuesische unter Andreotus Pellotus *). Mit Mühe riss man 
den ehrwürdigen Patriarchen Nicolaus, der seine unglückliche, zerstreute 
Heerde nicht verlassen wollte, fort nach einem Schiffe ; er fiel in's Meer 
und ertrank, entweder weil der Matrose, der ihm die rettende Hand 
reichte, nicht fest genug hielt, oder der Patriarch nicht kräftig genug 
zugriff 2 ); auch zwei Schiffe schlugen, weil das Meer zu stürmisch war, 
um und begruben alle Flüchtigen im Meeresgrunde 3 ), so dass im Ganzen 
uur wenige Armenien und Cypern erreichten 4 ), wo sie sich dauernd 
niederliessen 5 ), oder nur kurze Zeit rasteten, um nach Italien zurück- 
zukehren 6 ). 

Der bei Weitem grössere Theil der früheren Bevölkerung war 
während der Belagerung gefallen, oder erlag schonungslos dem Schwerte 



') Gestes 254 ; Jacobus Auriae 337, desssen Bericht Giustiani, Annali di 
Genova lib. CX. L— Gm; üb. CXI1. G— H. ausschreibt. 

2 ) Gestes 254; vgl. Sanutus 231; Thaddaeus 10 — 18; Epist. Riccoldi in 
Archives de V Orient latin. II B, 269, 289—291 (über ihn genaueres in Hist. litt, 
de France XX, 51—78 und Röhricht, Syria sacra in ZDPV. X. 10—11). Nach 
dem Excid. 781 — 782 wollte Nicolaus in dem Schiffe, welches schon (nach Bru- 
netto Latino 232 durch 22—2300 Flüchtlinge) zu stark überlastet war, noch mehr 
einnehmen, wesshalb das Schilt' umschlug ; nur sein Diener soll sich gerettet haben. 

3 ) Gestes 254; Sanutus 231 ; Ludolf von Suchern 44. Es kamen durch die 
Eroberung Accons um : über 100.000 (Cont. Zwetl. 658), 70.000 (Brunetto Latini 231 ; 
Gesta Florent, 290). über 50.000 (Piero bei Tartinius II. 40), über 40.000 (Nau- 
gerius bei Muratori SS. XXI II. 1005- 1007). über 30.000 (Ptolom. Lucc. Annales in 
Documenti VI, 96; Chron. Anon. 170), 30.000 (Franc. Pipinus 773). 20.000 (Ro- 
bertus de Boston ed. Sparke 123). Gefangen und getödtet wurden: 106.000 (Lu- 
dolf von Suchern 46, darnach Corner 940: 105.000). 100.000 (Piero 46), 80.000 (von 
den Feinden 30.000 ; vgl. Oesterr. Reimchron.. Vers 52.335 und 52.340). über 70.000 
(Istoria di Chiusi bei Tartinius I. 932). 70.000 (Job. Vitoduran. 37), G0.000 (Yillani 
378 und daraus Chron. di Bondone), über 40.000 (Anon. Florent. bei Baluze, Mis- 
cell. IV. 105), über 30.000 (Epist. Riccoldi 202 ; Ptolom. Lucc. Hist. eccles. in 
Muratori SS. XI, 1196), 30.000 (Guill. de Sandwich in Act, SS. Maj. III, LXIV); 
10.000 wurden gefangen (Makrizi II, 126). 

4 ) Epist. Haithonis bei Bartholom. Cotton 221. 

5 ) Solche werden vielfach im cyprischen Processe als Zeugen erwähnt. 

6 ) Besonders Parmesanen (Annal. Parmens. 709). Aus dem Munde solcher 
Flüchtlinge und frei gewordener Gefangenen schöpfte Thaddäus (31, 39) Nach- 
richten für seine Historia de desolacione et conculcacione civitatis Acconensis ed. 
Com. Riant, Genevae 1873, für deren Textkritik ein bisher unbekannter Codex 
in Madrid, Bibl. nacion. H. 188 (Neues Archiv 1881, 315) unbenutzt geblieben ist. 
Hingegen fiel der pisanische Grosskaufmann Pannocchia Sasetta degli Orlandi 
(Roncioni, Istorie Pisane im Archiv, stör. ital. 1844. VI A. 651), und die Floren- 
tiner Firma Peruzzi erlitt grosse materielle Verlust'' (Brunetto Latini 232). 



32 R Ö h r i c h t. 

der Sieger, so viele Mönche und Geistliche *), während Kinder, Jung- 
frauen und Nonnen in die Gefangenschaft abgeführt wurden 2 ), oder 
brutale Gewalt erleiden mussten 3 ), die Kirchen und Klöster demoliert, 
heilige Gelasse und Geräthe, Bilder uud Statuen, Crucifixe und Glocken 
aufs gemeinste entweiht und zerschlagen wurden 4 ). 

Da sich ein Theil der Christen 5 ) mit dem Marschall der Templer 
Pierre de Sevry 6 ) in die feste Templerburg 7 ) geworfen hatte, während 
andere sich im Palast des Meisters und in den festen Ordenshäusern 
der Deutschherren und Johanniter verschanzten, so fanden die Sieger 
am 19. Mai neuen verzweifelten Widerstand, so dass der Kampf sich 
über zehn Tage 8 ) hinzog. Der Sultan Hess den Christen in der Templer- 
burg freien Abzug ohne Waffen und mit einem Kleide anbieten und 
schickte, als sie darauf eingingen, eine weisse Fahne zum Schutze, 



») Epist. Riccoldi 262—263; Jacobus de Aquis in Mon. bist. patr. III, 1604. 
Nach dem Chron. Sampet. 127 kamen alle Dominikaner um bis auf 7 (,de con- 
ventu Aquensi*), alle Franziskaner bis auf 5 (nacb Wadding, Annal. Minor. III, 
585: der Custos von Syrien Jacob und sein Gefäbrte Jeremias; vgl. Brewer, 
Monum. Francisc. 528), während nach Thaddäus (14—16) 2—300 Mönche und 
Geistliche den Tod im offenen Gefechte suchten und fanden. 

2 ) Makrizi II A, 125; Joh. Vitoduran. 37. In seinem Briefe an den König 
Haithon von Armenien meldet der Sultan, dass so viel Jungfrauen gefangen 
wurden , dass man in jede einzelne um eine Drachme verkaufte (Epist, Bar- 
tholom. Cotton 217). Nach d. Oesterr. Reimchronik (Vers 51.990 ff.) wurden die 
Gefangenen in drei Schaaren getheilt: Kinder, die geschont wurden, Geistliche, 
Weiber und Männer, die den Glauben nicht verleugnen wollten und dafür erschlagen 
wurden, und Schwangere, denen man den Leib aufschlitzte. Dass viele Gefangene 
getödtet wurden, bezeugen Sanutus 231, Bartholom. Cotton 432. Abulfeda 164. 
Abu'l Mehäsin 571, Epist. Soldani 218. 

3 ) Thaddäus 9-10 (vgl. oben Seite 11 Note 5); Epist, Riccoldi 263. Nach 
Ludolf von Suchern 45 wurden fünfhundert vornehme Damen durch einen plötz- 
lich auftauchenden Schiffer nach Cypern gerettet, wo er, ohne ihren Dank abzu- 
warten, ebenso unerkannt plötzlich wieder verschwand (der Gralritter?). 

*) Thaddäus 35 36; vgl. oben Seite 12 Note 2. In einer der Kirchen 
Accons wollten die Muslimen eine Bleitafel gefunden haben, welche die weitere 
Ausbreitung des Islams in Syrien für das Jahr der Flucht 700 (1300—1301) pro 
phezeite (Makrizi II A, 126) ; vgl. oben Seite 2 eine auf dasselbe Jahr sich be- 
ziehende Weissagung. 

5 ) Nach Thaddäus 13 und Sanutus 231 nur wenige, nach Amadi 400, nach 
dem Excidium 780: c. 1000, nach AbuT Mehäsin 571: über 4000, nach Chron- 
Sampetr. 127: 7000, nach Gestes 252, Brunetto Latini 232, Makrizi II A, 126: 10.000.. 

6 ) Gestes 256. 

7 ) Die genauere Beschreibung derselben vgl. in Gestes 253—254. 

8 ) Gestes 256: 10 Tage, Bartholomaeus Cotton 432 : 11 Tage, Chron. Sam- 
petr. 127: 12 Tage, Ludolf von Suchern 45: 2 Monate. Nach Sanutus 231 unter- 
handelte der Sultan schon am 19. Mai wegen Uebergabe. 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 35 

sowie einige hundert Mann x ) unter einem Emir ab, welche die pünkt- 
liche Ausführung der Capitulationsbedingimgen überwachen sollten 2 ). 
Da diese aber den Mädchen und Knaben Gewalt anthaten und die 
Capelle schändeten, so warfen sich die Christen auf die Feinde 3 ), tödte- 
ten sie alle und schleuderten mit der weissen Fahne ihre Leichname 
vor das Thor 4 ). Sofort begab sich der Marschall mit einigen Templern 
zum Sultan und bat ihn, nachdem er die Brutalität der Muslimen ge- 
schildert, die Capitulation doch aufrecht zu erhalten, allein dieser liess 
sie sofort hinrichten. Dann befahl er die regelrechte Belagerung des 
Ordenshauses. Bald waren die Mauern unterminirt, und nun stürmten 
die Angreifer durch die nächste offene Bresche, aber in demselben 
Augenblicke stürzte das gewaltige Gebäude in sich zusammen und be- 
grub Christen und Muslimen (28. Mai) 5 ). So fiel das letzte Bollwerk 
der Christen, und ihm folgten bald die wenigen festen Punkte innerhalb 
der Stadt wie die Burgen der Deutschherren und Johanniter 6 ), dann 
ward die Zerstörung gründlich fortgesetzt und was Menschenhand 
nicht schnell zerstören konnte, dem Feuer preisgegeben. Ein arabischer 
Dichter 7 ) sang damals die Verse: „Ich ging an der Stadt Accon vor- 
über nach der Zerstörung der Mauern, als eine feindliche Hand das 



') Excid. 782; Sanutus 231: 300; Gestes 256: 400; Bartholoniaeus Cotton 
432: 700; Amadi : 1200; Walter von Hemmingburgh II, 25: 5000 Mann. 
-) Abu'l Mehäsin 571. 

3 ) Nach dem Excid. 782 soll Meister der Templer Gaudinus gewesen sein, 
der aber Nachts darauf nach Cypern glücklich entkommen sei (die Oesterr. Reiui- 
chron., Vers 50.246 ff., 50.379 nennt ihn Perchtrand). Schottmüller, Untergang 587 
kennt Theobald Gaudin nur als Praeceptor des heil. Landes und (588—589) be- 
streitet die Nachricht, welche die sonst so zuverlässigen Gestes 256, 257 bieten, 
dass er sofort Nachfolger Guillaumes von Beaujeu geworden sei. 

4 ) Excid. 782; Sanutus 231 ; Abulphar. 628. Nach Abu'l Mehäsin 571 hätten 
die Christen die in der Burg befindlichen Zugthiere durch Zerbauung der Sehnen 
unbrauchbar gemacht, und desshalb habe er durch trügerische Versprechungen sie 
(20. Mai) herausgelockt und niederhauen lassen; vgl. Abulfeda 164. Nach dem un- 
gedruckten Berichte eines arabischen Augenzeugen hätten die Muslimen einzelne 
Christen im Castell getödtet, aber nur wenige hätten sich durch einen Sprung von 
der Mauer nach der Seeseite vor der Wuth der Christen gerettet (Weil IV, 181). 

5 ) Gestes 256: 2000; Amadi 234 : 3000; Walter von Hemmingburgh II, 25: 
5000; Bustron: 7000. Nach Amadi 234 waren von den Christen nur noch 113 
übrig. 

r> ) Deren Ruinen der bekannte Emir Fachr ed-din später zu einem Palast 
ausbauen liess (Ritter. Asien XVI, 733) ; ebenda (735— 736) werden auch als noch 
erkennbar die Ruinen anderer Bauten der Johanniter, eines Nonnen- und des 
St. Andreaskloster erwähnt. 

7 ) Der Kanzleisecretär des Sultans Scbehäb ad-din Mahmüdi aus Aleppo 
(Makrizi II A, 126). 

Mittheilungen XV. 3 



34 Röhricht. 

Feuer in der Mitte seiner Einfassungsmauer angezündet hatte. Ich sah, 
dass dieser Platz, nachdem er christlich gewesen, der Magierreligiou 
zugefallen war, da die Thürme vor dem Feuer sich neigten", und ein 
anderer 1 ): „0 ihr Bilder, die ihr die Kirchen schmücktet, wenn die 
Hand der Zeit mit Euch gespielt hat, wenn Euer Loos sich geändert 
hat, lange Zeit hat man vor Euch ehrgeizige Kitter, ruhmvolle Heer- 
führer sich neigen sehen ! Dies muss über jenen Gegensatz trösten ; 
in der That ein Tag folgt dem andern, und der Krieg hat seine 
Wechselfälle ! Der Eine macht Platz dem Andern, und unsere Zeit 
hat die Natur nicht geändert: denn jede Epoche hat verschiedene Ab- 
schnitte, verschiedene Menschen ! " 2 ). 

Sofort auf die Nachricht von dem Falle Accons verliessen die 
reichsten Bürger mit dem königlichen Baillif Adam de Cafran Tyrus 
mit Hinterlassung der Armen, Weiber und Kinder, worauf die Mus- 
limen unter Izz ad-din Benä ohne Widerstand die Stadt besetzten 3 ). 
In Sidon, das den Templern durch Kauf gehörte 4 ), rüstete man sich 
in der Hoffnung auf die durch Thibaut Gaudin von Cypern her ver- 
heissene Hülfe anfangs zur Gegenwehr , die auch bei der grossen 
Festigkeit des durch Louis IX. besonders verstärkten Inselcastells 5 ) 
nicht aussichtslos erscheinen musste, aber als der Emir Aläm ad-din 
Sandscliar die preisgegebene Stadt besetzte und sich zur Belagerung 
des Castells anschickte, flohen die Templer theils nach Tortosa, theils 
nach Cypern G ), worauf dieses mit der Stadt völlig zerstört wurde 
(13. Juli) 7 ). Nicht lange nachher erschien der glückliche Eroberer 
auch vor Beirut, lockte durch die trügerische Verheissung von Schutz 
und Sicherheit die Einwohner heraus und liess sie theils niederhauen, 
theils in die Gefangenschaft nach Damascus abführen (21. Juli) 8 ). 

') Ibn Damen Aldaha (Makrizi II A, 128—129). Nach Makrizi II A, 230 
ward ein Kirchenthor aus Accon durch den mit dem Zerstörungswerk beauftragten 
Emir Alam ad-din nach Cairo gebracht und das Thor des Collegiums Nasserija. 

-) Ludolf von Suchern 46 meldet, dass die Zerstörung keine vollständige 
gewesen sei ; eine Restauration des alten Accon biete keine grossen Schwierigkeiten. 

3 j Gestes 254 ; nach Makrizi II A, 127 am 19. Mai, nach der Epist. Soldani 
in Bartholom. Cotton 218 schon am 18. Mai, an demselben Tage, an welchem 
Accon fiel. 4 ) RH. No. 1319; Gestes 257. 

5 ) Eine Ansicht bei E. G. Rey, L'architecturedes croises, plancheXVI; vgl. 
153—159 und Ritter, Asien XVII, 393—394. 

n ) Gestes 257. Daraus, dass der Berichterstatter, den das Chronic. Sam- 
petrinum 128 ausschreibt, Sidon und Athlith noch in den Händen der Christen 
weiss, ist zu erkennen, dass der Bericht selbst sofort nach dem Falle Accons ab* 
gefasst sein muss. r ) 15 Radschab 690 (Weil IV, 181). 

s ) 23 Radschab 690, wie arabische Chronisten melden , durch Verrath 
(Weil IV, 181); vgl. Gestes 258. 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 35 

Wenige Tage später fielen auch Chaifa (30. Juli) l ) am Fusse des 
Carmel 2 ), dessen Kloster völlig zerstört ward, am 3. August Tor- 
tosa 3 ) und am 14. August 4 ) die starke Templerburg Athlith ; die letzte 
Spur christlicher Herrschaft war verschwunden. 

Der Sultan hielt nach dem verlustreichen 5 ), aber vernichtenden 
Siege über die Christen schon am 12. Juni in Damascus seinen glän- 
zenden Eiuzug; die christlichen Banner wurden, mit der Spitze nach 
unten, die Köpfe erschlagener Christen hoch auf Lanzen vorausge- 
tragen, die Gefangenen gefesselt auf Pferden nachgeführt 6 ). Nach- 
dem er einen grossen Theil der Beute für fromme Stiftungen und 
zum Bau kostbarer Grabdenkmäler angewiesen hatte, kehrte er nach 
Cairo zurück, wo er Mitte Juli einen pomphaften Einzug hielt. In 
zwei hochmüthigen Schreiben 7 ) meldete er dem König Haython von 
Armenien, welche ungeheure Beute er in Accon gemacht habe, und 
drohte ihm, wenn er nicht bald den schuldigen Tribut s ) wieder zahlen 
werde, sein Land zu verheeren und seine Hauptstadt Massissa zu zer- 
stören. 

Als die Nachricht von dem Falle Accons und dem Verluste des 
heiligen Landes durch Flüchtlinge 9 ), Privatbriefe 10 ) und päpstliche 

') 1 Schaban 690 (Weil). 

2 ) Die Brüder sollen, während sie das , Salve Regina 1 sangen, niederge- 
macht worden sein (Guill. de Sandwich in Acta SS. Maj. III, LXIY ; Joh de Ma- 
linis, Specul. historiale, Venetiis 1507 s. v. ; Werner Rolevinck, Fascicul. temp., 
Norimbergae 1483, 83). 

s ; 5 Schaban 690. Um dieselbe Zeit muss auch Dschubail gefallen sein. 

«) 16 Schaban 690; Ansichten und Pläne der Festung weist die Biblioth. 
geogr. Palaest. s. v. nach; vgl. auch Ritter, Asien XVI, 616—617. 

5 ) Er soll 60.000 Mann (Simone della Tosa, Annali in : Manni, Chronichette 
antiche, Firenze 1733, 154), nach Thaddaeus 30: 26.000 Reiter und über 100 Emire 
(31), für die grosse Leichenfeierlichkeiten veranstaltet worden seien (vgl. Weil 
IV, XII , wonach in einer Münchener arabischen Handschrift die Namen der 
Emire aufgezählt werden), verloren haben, nach Ludolf von Suchern 46: über 
300.000 Mann. 6 ) Makrizi II A, 129; Abu'l Mehäsin 571. 

') Bartholomaeus Cotton 215-217 und 218-219 (RH. No. 1511 und 1512); 
beide schickte Haython an König Eduard I. Im ersteren schreibt der Sultan : 
, nichts nutzte den Franken ihre Tapferkeit, die Stärke ihrer Mauern, ebensowenig 
die custodia Salachadyn (unverständlich!), als er die Stadt eroberte 1 . 

8 ) Vgl. das Instrument in RH. Xo. 1457. 

9 ) Vergl. Anmerk. 6 Seite 31. Dass auch nach Venedig viele Familien 
wie die Alberti, Bondomir, Barisani, Benedetti, Molin dal molin d' oro, Foscol, 
Lion, Mormora, Suriani 1291 (und wie Dandulus 409 meldet auch 1299) aus der 
Levante zurückkehrten, bezeugt Andreas Naugerius, Storia Veneziana in Muratori 
SS. XXIII, 1007; vgl. Laurentius de Monacis, Chron. de rebus Venetis ed. Cor- 
nelius, Venetiis 1758, 265. 

,0 ) Solch ein Schreiben wird erwähnt (aber nicht ausgezogen) als 1291 nach 

3* 



36 R ö h r i c h t. 

Schreiben l ) im Westen sich verbreitete, war nur Eine Stimme, dass 
Gottes Gericht über Accon gerecht gewesen sei 2 ). Aber man suchte 
doch auch wieder nach greifbareren Gründen, aus denen der völlige 
Verlust des heiligen Landes zu erklären sei, und klagte in Folge dessen 
bald den Papst an, der über der » sicilischen Frage ■ die für die ganze 
Christenheit viel wichtigeren Interessen des heiligen Landes vergessen 
und vernachlässigt habe 3 ), bald die Fürsten und weltlichen Herren der 
Christenheit, die nur Keichthümern und Genüssen nachjagten 4 ), bald 
die egoistische Politik der italienischen Kaufleute 5 ), aber allgemein 
war die Klage über den Verlust eines so heiligen und theuren Besitzes 6 ). 
Herzbewegend sind die Worte, in denen Thaddaeus von Neapel 7 ) seinem 
Schmerze Ausdruck giebt, aber Trost aus dem Propheten Jesaias s ) 
findet, welcher den nahen Zusammenbruch der Macht Babels und 
Aegyptens weisssagt, um endlich mit einem kräftigen Appell an den 
Papst, die Könige und Völker der Christenheit zu schliessen 9 ). Keiner 
hat aber in ergreifenderen und herzbewegenderen Betrachtungen uud 
Klagen seinem Herzen Luft gemacht als der Predigermönch Biccoldo 
de Monte Croce 10 ) in seinen Briefen an Gott, die Jungfrau Maria, 
die berühmtesten Heiligen und den bei der Belagerung Accons um- 
gekommenen Patriarchen Nicolaus. Inmitten einer feindlichen Welt 
als Sendbote und Verkündiger des Evangeliums hört er von dem Falle 
Accons, dazu die blasphe mischen Hohnreden der Muslimen, Juden und 
Mongolen, welche die Ohnmacht des Heilandes verspotten 11 ), er sieht 



Siena überbracht in Chromehe Sanese (Masconi, Kaccolta di documenti storici, 
Livorno 1876, I B, cap. 80) ; andere sind von den Chronisten ohne genaue An- 
gabe des Schreibers ausgezogen. 

Vgl. Potthast No. 23.772, 23773 und die unten zum 1., 13.. 16., 18. Aug. 
zu nennenden Schreiben. 

-) Vgl. Anmerk. 2—3 Seite 22. 

3 j Xach Bartholomaeus de Neocastro 1182 hätte dies der Templerbruder 
Guido als Bote der orientalischen Christen in freisten Worten ausgesprochen (vgl. 
auch Excid. 783-784). Dante, Inferno XXVII, 88—90 spricht von Bonifaz : »Che 
eiaseun suo nimico era Cristiano ; E nessuno era stato a vincer Acri, Xe merca- 
tante in terra del Soldano«. 4 ) Excid. 783. 

s ) Ludolf von Suchern (oben S. 21); Thaddaeus 37—38, 50 — öl. 

6 ) Klagegedichte in Gestes 263—273 (ed. Rec. armen. II. 822—826); Paul 
Meyer, Recueil d' anciens textes bas latins 95 — 96; Theoder de Kiem, Privilegia 
et jura imperii, ed. Schardius, Basileae 1566, 852. 

7 ) 48-60. 8 ) XIII, 3-22, und XIX, 1—22 (61-64). n ) 64-66. 
,0 ) Lettres de Riccoldo de Monte Croce ed. Röhricht in Archives de 1' Orient 

latin II B, 258-296; vgl. auch dazu den interessanten Artikel von Mandonnet 
in Revue biblique, Paris 1893, 44—61 und dessen Fortsetzungen. 
") Vgl. Röhricht. Deutsche Pilgerreisen (1889) 1. 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 37 

die Feinde des Kreuzes im Besitze des mit Strömen von Christenblut 
erkauften Lau des der Verheissung triumphiren, die heiligen Stätten, 
an denen Tausende und aber Tausende Gnade und Vergebung gefun- 
deu, in Trümmer, in Tempel des falschen Propheten oder Stätten des 
Unflats umgewandelt, endlich die langen Züge von Gefangenen, 
darunter Nonnen, welche in den Harems der Emire und des Chalifen 
Dienerinnen der Lust werden sollen, und fragt mit bebenden Herzen: 
Wie ist es möglich, dass Gott die Muslimen fortwährend siegen, das 
Thier der Offenbarung nun schon siebenhundert Jahre *) herrschen 
ässt? Er hält Gott sein unermessliches Erbarmen, seine unzähligen 
Verheissungen vor und fragt, ob denn nicht wenigstens zehn Gerichte 
in Accon gewesen seien, um deren willen er einst Sodom und Go- 
morrha hätte verzeihen wollen 2 ), er dringt in die Mutter Gottes, die 
Apostel und Heiligen und fragt, ob sie denn wirklich Freunde des 
falschen Propheten geworden seien, er beschwört die Märtyrer Accons, 
besonders die Ordensbrüder und Ordensschwestern mit dem Patriarchen 
Nicolaus, am Throne Gottes ihre Stimme zu erheben , dass er sich 
endlich wieder der unglücklichen Christen erbarme und seinen Arm 
watfne, um das vergossene Blut seiner Treuen zu rächen. Aus der 
Beute Accons erwirbt er heilige Gewänder und ein Brevier, welches 
einen Lanzenstich und einen Blutfleck zeigte, endlich die Moralia des 
heiligen Gregor, und aus ihnen, aus der Erklärung einer Stelle des 
Buches Hiob findet er wenigstens vorläufig 3 ) Trost und fügt sich mit 
stiller Ergebung in die unergründliche Weisheit seines Gottes. 

Die Schreckensbotschaft von dem schmählichen Zusammenbruch 
der christlichen Herrschaft in Palästina ward für die Curie das Signal 
für eine ganz ausserordentliche Thätigkeit. Papst Nicolaus IV. theilte 
am 1. August der ganzen Christenheit die Trauerkunde mit, befahl 
das Kreuz von Neuem zu predigen 4 ), damit der zum Johannisfeste 



') Man rechnete die Dauer seiner Herrschaft nur auf 66b" Jahre (Thad- 
daeus 45 ; Röhricht in Archives II B, 260, Studien zur Gesch. des fünften Kreuz- 
zuges 12-13). 

2 ) Dieselbe Frage in der Oesterr. Reimchronik. Vers 52.356 ff. ; der Verfasser 
weiss nur darauf dieselbe Auskunft, die bekanntlich Augustin seiner Prädestina- 
tionslehre zu Grunde legte und Johannes de Casa S. Mariae nach dem unglück- 
lichen zweiten Kreuzzuge gab, dass Gott die durch den Fall der Tausende von 
Engeln einst entstandenen Lücken habe ausfüllen wollen (Vers 52.403 — 52.452; 
vgl. Enenckel, Weltchronik ed. Strauch V. 327). 

3 ) »Pro responsione denique theoretia gratias ago, pr ac t icam nihilo- 
minus affectuose atque indesinanter exspecto* (Epist. Riccoldi 296). 

4 ) Potthast Nr. 23.756- 23.763 (vgl. 23.608) ; Langlois Nr. 7377—7378. Als 
Kreuzprediger werden genannt: die Erzbischöfe Conrad von Salzburg und Jacob 



gg Röhricht. 

1293 von König Eduard zu unternehmende Kreuzzug guten Fortgang 
habe, den Grafen Guido von Flandern x ) zur endlichen Ausführung 
seines Kreuzgelübdes zu veranlassen 2 ), und richtete (13. — 23. August) 
eine Keihe von Bittschreiben an mongolische Fürsten 3 ), den griechi- 
schen Kaiser und andere geistliche und weltliche Herren des Morgen- 
landes, um die längst gewünschte und versprochene Hülfe dem hei- 
ligen Lande in dieser Noth zuzuwenden. Ausserdem forderte er den 
König von Frankreich und eine Reihe von Prälaten (16. und 18. Aug.) 
auf 4 ), Provinzialsynoden abzuhalten, über die zum Nutzen des hei- 
ligen Landes zu ergreifenden Massregeln, besonders die schon auf dem 
Concil von Lyon 1274 ventilirte Frage der Vereinigung der Haupt- 
Ritterorden, zu berathen und bis Februar 1292 eingehend zu berichten. 
In Folge dessen wurden auch Provinzialconcile wirklich ab- 
gehalten, und zwar am 30. November 1291 unter dem Vorsitz 
des Erzbischofs Otto zu Mailand 5 ), am 20. Jan. 1292 zu Com- 

von Gnesen, der Dominikaner-Provincial Israel für Dänemark, der Dominikaner- 
prior der Lombardei mit 40 Brüdern, der Franziskanerminister in der Provinz 
des S. Franciscus mit 7 Brüdern und der Prior der Augustiner. Allen Zuhörern 
der Kreuzpredigt wurden 100 Tage Ablass verheissen. 

') Zur Geschichte seines Kreuzgelübdes vgl. die Bullen: 4. Dec. 1276, 
14. Dec. 1278, 11. Mai 1286, 22. Juni 1288, 24. Febr. 1289 (Kaltenbrunner I, 
No. 100, 142, 143, 143, 299—302, 320, 329), ferner die Urkunden in St. Genois, 
Inventaire analytique d. chartes d. conites de Flandre, Gand 1843—1846, No. 550 
bis 555, 651 u. Wauters, Table chrono]. VI, 399. lieber die Sammlung des Zehnten 
in Flandern (und dessen Collectoren) für den König Philipp von Frankreich vgl. 
St. Genois No. 594, 601, 604-605. 

2 ) Er sollte am nächsten Michaelisfeste unter den bereits bekannten Be- 
dingungen die Hälfte der ihm bewilligten Kreuzzugsgelder erhalten (Potthast 
No. 23.763). Am 5. August ward der Bischof Nicolaus von Tournay mit wei- 
teren Anweisungen in Bezug auf diese Zahlung versehen (Langlois No. 5765) 
ebenso der Bischof von Carcbray am 5. October (Potthast No. 23.850). 

3 ) RH. No. 1515—1517. Zur Geschichte der Beziehungen der Päpste und 
christlichen Könige zu den Mongolenchanen überhaupt vgl. auch dort No. 1134, 
1147, 1150, 1155, 1166, 1167, 1211, 1215, 1295, 1354, 1379, 1401, 1409, 1421, 
1423, 1456, 1477, 1485, 1489, 1491; Bustron 129—130; Dandulus bei Muratori XII, 
514; Archives d. miss. scient. 1851, 11, 345 ff.; über Päpste und Sultane vgl. RH. 
No. 544, 626, 852, 864, 1053, 1061, 1134, 1138, 1139, 1142-1145, 1213. 

4 ) Die Erzbischöfe von Spalato, Narbonne, Tours, Canterbury und Cagliari, 
auch den Hospitaliterprior in Venedig, (Potthast No. 27, 23.781, 23.783, 23.784. 
23.786, 23.787. 23.793, 23.794. 23.803; Langlois 6791-6799, 7381). 

-) t'orio, Histor. Mediolan. 1646, 300-301, daraus Mansi XXIV, 1070 bis 
1082; Giulini, Memorie VIII, 441-442; Calchi, Historia patiia in Graevius, Antiq. 
et bist, Italiae, Lugduni Batavorum 1704, II, 385-387; vgl. Hefele-Knöpfler VI, 
263. Hier ward für die Führung des Kreuzheeres der König von Frankreich ge- 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 39 

piegne x ), am 28. Jan. unter Erzbischof Conrad in Salzburg 2 ), am 
13. — 24. Februar unter dem Erzbischof Johannes von Canterbury 
zu London 3 ); hier forderte man Austreibung der Juden, regelmässige 
Sonntagsgebete für das heilige Land, wie sie Gregor VIII. und Inno- 
cenz III. eingeführt hatte, Herstellung eines allgemeinen Friedens unter 
den christlichen Fürsten, sofortige Wahl eines neuen Kaisers 4 ) als des 
Führers der Kreuzheere, Ueberweisung des ganzen englischen Zehnten 
an König Eduard und Vereinigung der drei Haupt-Kitterorden. Ebenso 
berieth man in York 5 ), am 20. April 1292 unter Erzbischof Gonsalvo 
von Corduba in Valladolid 6 ) und in Arles 7 ). Die französischen Prä- 
laten 8 ) verlangten im Wesentlichen dasselbe, wie die englischen, aber 
für die französischen Kreuzfahrer die Ernennung des Königs oder 
eines anderen grossen Herren zum Führer, schleunige Wahl eines 
deutschen Königs und Erhebung zum römischen Kaiser, ausnahmslose 
Heranziehung aller Geistlichen zur Zahlung des Zehnten, aber Mil- 
derung desselben, da der Ausgaben schon zu viele auf den Kirchen 
lasteten. 



wünscht, das Verbot jedes Handels mit der Levante, die Vereinigung der drei 
Haupt-Ritterorden und allgemeine Pacificirung der Städte Italiens gefordert. 

') Annales Blandin. in Mon. Germ. SS. V, 34 ; vgl. Finke, Konzilienstudien, 
München 1891, 105. 

2 ) Am 20. Nov. 1291 ladet Conrad den Bischof Ernicho von Freising ein (v. Lang. 
Keg. IV. 502; Pez. Cod. diplom. II, 164). Sonst vgl. Mansi XXIV. 107?— 1088; 
Dalham. Concil. Salisburg., Augustae Vindelicorum 1788. 136—139; Eberhard. 
Katispon. in Mon. Germ. SS. XVIII, 594, 600—605; Cont. Zwetlens. in Mon. Germ. 
SS. IX. 658; Hefele-Knöpfler VI, 263. 

s ) Bartholom. Cotton 206—210. 433; ebenda 199—205 Einladungsschreiben. 
Kurze Erwähnungen in: Gervasius Cantuar. Opera I, 299; Joh. de Oxened. 285; 
Ännal. de Dunstaplia 367; Annal. Wigorn. 507; Chron. de Lanercost 143 
bis 144 ; Walter von Hemmingburgh II, 25 ; Annal. Blandin. 33—34 ; vgl. Willems. 
Concil. Magnae Britann. II, 180; Mansi XXIV, 1079-1080; Finke 104. 

4 ) Bartholom. Cotton 207. 

5 ) Chron. de Lanercost 143-144; vgl. Raine 93—97; die Briefe des Erz- 
bischofs bei Wilkins II, 174 und Finke 104. 

fi ) Tejada y Ramiro, Colleccion de canones y de todos los concilios de la 
iglesia de Espaüa, Madrid 1859, VI, 58—59; vgl. Finke 104. 

') Bartholom. Cotton 215. Ein: Consilium magistri Templi datuin Cle- 
menti V super negotio Terrae Sanctae et super unione Templariorum et Hospitala- 
riorum siehe in Baluze, Hist. paparum Avenionens. II, 176-178, No 32 (1311?). 

8 ) Bartholom. Cotton 210—214. Nicolaus IV. forderte am 25. Sept. 1291 
den Erzbischof Johannes von Upsala auch auf. ein Provincialconcil vor Ankunft 
des Bischofs Bernhard von Tripolis zu halten (Potthast No. 23.828), welches höchst 
wahrscheinlich auch wird abgehalten worden sein (Diplom. Suec. No. 1052; Riant, 
Expeditions sacrees 371). Sonst vgl. zur Geschichte der Zehntensammlung in 
Seandinavien Diplom. Suec. II, No. 1034, 1039, 1041, 1043, 1053, 1081, 1737, 1731.» . 



40 R. öhri e h t. 

Wichtiger als diese Beschlüsse waren für die Interesseu des hei- 
ligen Landes die Unterhandlungen , welche die Curie mit König 
Eduard 1. von England pflog. Dieser hatte nämlich schon als 
Prinz einen Kreuzzug unternommen l ) , auf seiner Rückkehr durch 
Italien (Febr. — April 1274) mit Gregor X. wegen eines neuen Kreuz- 
zuges unterhandelt 2 ), ihm 1276 durch Abt R. von Westminster und 
Heinrich von Newark auch versprechen lassen 3 ), aber durch Johannes 
von Darlington und die Magister Heinrich und Wilhelm um Ueber- 
lassung des auf dem Concil von Lyon ausgeschriebenen Kirchenzehnten 
seiner Reiche gebeten 4 ). Die Nachricht von diesen Rüstungen er- 
zeugte im heiligen Lande neue Hoffnungen 5 ), aber erst 1282 giengen 
die Verhandlungen weiter, welche im Namen des Königs Hugo von 
Eveshara, der Decan Robert von York und Johannes Clarel, im Auf- 
trage des Papstes Garner und Rainer von Florenz führten 6 ). Eduard 
reizte diesen zwar dadurch, dass er die Ausführung der Kreuzzugs- 
zehnten aus seinem Reiche verbot und sie in eigene Verwaltung nahm 6 ), 



M Röhricht, La croisacle du prince Edouard d' Angleterre (Avchives I, 617 
bis 632; II A, 407—409). Wir tragen hier nach aus Palgrave, Kalend. and in- 
vent. of the exchequer, London 1836, I, 101 § 69 den Brief Karls I. von Sicilien, 
worin er Eduard gestattet, auf seiner Reise durch die Länder Karls und im hei- 
ligen Lande alle Vergehen seiner Leute selbst bestrafen zu dürfen, ferner den 
Geleitsbrief Karls für Eduard. Ueber die während des Kreuzzuges ausgestellten 
Schuldscheine des Roger Clifford vgl. ebenda 80, § 38 und 45; dort auch ähn- 
liche Verschreibungen des Hämo Extraneus über 375 Mark (§ 39), des Paganus de 
Cadurcis über 850 Turoneser Pfund (§ 40). des Johannes de Grilly über 2000 Turon. 
Pfund (§ 41), des Johannes de Vescy und Otto von Granson über 2500 Turoneser 
Pfund (§ 42), Edmunds, des Bruders von Eduard, über 1000 Mark (§ 43), des Jo- 
hannes von der Bretagne über 500 Talente Sarrasins (§ 44). Sonst vgl. auch über- 
haupt Rymer I B, 514 und Bond, Archaeologia Britann. XXVIII, 207 ff. ; den Brief des 
Pierre de Conde (21. Aug. 1278) aus Carthago über Eduards Pilgerfahrt siehe in 
Delisle, Litterature latine et hist. du moyen äye, Paris 1890, 72—73. 

2 ) Archives I, 627. Die bisher unbekannten Constitutionen Gregor X. be- 
treffend die Erhebung des Zehnten (18. Mai 1274) hat Finke, Concilienstudien 
113 — 117 herausgegeben. Ueber die Erhebung desselben handelt sehr genau Gott- 
lob, Die päpstlichen Kreuzzugs-Steuern 94 ff. ; für die Constanzer Diöcese vgl. 
Freiburger Diöcesan-Archiv 1865, I, 16— 299, für Salzburg vgl. Hauthaler, Libellus 
decimationis in der Beilage zum Progamm des Privat-Untergymnasiums Borro- 
maeum, Salzburg 1887; Steinherz in Mittheil, des österr. Instit. 1893, XIV, 1—86; 
für Holland vgl. de Sloet Ookondenb. von Gehe II, 941—947. 

3 ) Rymer I B, 537. 4 ) Rymer I B, 560; Potthast No. 21.378, 21.392. 
s ) Rymer I B, 586; RH. No. 1436. 

fi ) Rymer I B, 606-607, 610; Potthast No. 21.967. 

•) Rymer I B, 608; Potthast No. 22047; vgl. Gottlob, Die pästlichen Kreuz- 
zugs-Steuern 139-142, 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 41 

beruhigte ihn aber wieder durch das Versprechen des Kreuzgelübdes, 
welches er durch den Canonicus Walter von York, und Elias von 
Hanville officiell abgeben Hess 1 ). In Folge dessen ward ihm, wenn 
er bis Weihnachten sein Versprechen erfülle, auf drei Jahre der Zehnte 
aller seiner Länder, mit Ausnahme der Gascogne, deren Zehnten der 
Papst bereits dem König Philipp von Frankreich zugesichert batte, 
versprochen und für die Betreibung der Zurüstungen eine Frist von 
füuf Jahren bewilligt 2 ). Am 20. April 1285 wiederholte Martin IV. 
den Gesandten Eduards Walter von Wells und Elias von Hanville 
diese Zusage, bewilligte vom 10. October ab auf fünf Jahre den ge- 
wünschten Ausstand 3 ), und Honorius IV. verlängerte am 25. Juli 1285 
den Termin für die Annahme des Kreuzes von Weihnachten auf Pfing- 
sten 1286 4 ), am 1. April 1286 auf den 1. Juli 1286 5 ) und lobte 
Eduards Eifer H ). Dieser unterhandelte durch Otto von Granson über 
die Bewilligung des Zehnten weiter und erhielt am 17. Juni 1285 ihn 
auf sechs Jahre zugebilligt; die Zahlung solle Pfingsten 1287 beginnen, 
sobald er das Kreuz wirklich genommen haben werde 7 ). Die Unter- 
handlungen wurden durch Eduards Gesandte Richard de Punisei und 
Magister Johann de Gereberd 8 ), Anfang Mai 1288 durch Gislebert de 
Brigdesala 9 ), weiter fortgesetzt, aber besonders lebhaft mit dem Be- 
ginn des Jahres 1289. Am 3. Februar 1289 versprach der König die 
ihm durch den Dominikaner Wilhelm de Hothum übersandten Forde- 
rungen erfüllen zu wollen und zum Johannisfest 1293 seinen Kreuz- 
zug anzutreten ; er wünsche den auf sechs Jahre bewilligten Kirchen- 
zehnten zum Johannisfeste 1289 und 1290 in zwei Raten ausgezahlt 
zu erhalten und deren Erhebung durch seine eigenen Leute besorgt 
zu sehen; für den Fall, dass er durch eigene Schuld den Kreuzzugs- 
termin nicht innehalte, verspricht er die empfangenen Summen, 
auch wenn sie zum Theil durch Rüstungen aufgebracht seien, voll 
herauszuzahlen, sollten jedoch unüberwindliche Hindernisse eintreten, 
so habe er das Recht, die entstandenen Ausgaben von dem empfangenen 
Zehnten abzuziehen. Zum Schluss verpfändete Eduard als Garantie 
alle seine Güter und Einkünfte, verpflichtete auch seine Nachfolger 
zur Erfüllung der gegebenen Versprechungen 10 ). Der Fall von Tripolis 



') Potthast No. 22142. 2 ) Potthast No. 22143. 

3 ) Potthast No. 22230. 4 ) Potthast 22274. s ) Kyrner I B, 663. 

«) Potthast No. 22.427. 7 ) Potthast No. 22.486. 

8 ) Potthast 22.952. 9 ) Potthast No. 22.698; Langlois No. 7029. 

I0 ) Kymer I B, 705, 706, 714, 746; vgl. auch das Schreiben Eduards 
(4. Nov. 1290) an den Erzbischof Johann von York (Wilkins, Concil. Magna e 
Britanniae II, 174). 



42 R ö h r i c h t. 

gab dein Papste Veranlassung, dem Könige die Notwendigkeit eines 
Kreuzzuges wieder vor Augen zu stellen 1 ); am 7. Nov. 1289 bestätigte 
er die durch den Dominicaner Wilhelm von Hothum und Otto von 
Granson -) vorgelegten Paragraphen, welche im Wesentlichen den In- 
halt der Briefe Eduards vom 3. Februar wiederholen, setzte aber den 
Termin des Kreuzzuges wegen der dem heiligen Lande drohenden Ge- 
iahren, auf den 23. Juni 1292 fest 3 ). Am 10- Jannar 1290 gab Nico- 
laus IV. Anordnungen über die Abschätzung des Zehnten 4 ) und be- 
stimmte, dass nicht, wie der König gewollt, dessen Erhebung durch 
königliche, sondern päpstliche Bevollmächtigte erfolgen solle 5 ), dann 
rief er ihm (14. Mai 1290) die durch das Concil von Lyon aufge- 
stellten Bestimmungen betreffend die Erhebung des Zehnten wieder in's 
Gedächtniss 6 ) und wiederholte (16. Mai 1290) die bereits in Bezug 
auf Antritt der Kreuzfahrt und die Bewilligung des Zehnten gegebenen 
Anordnungen 7 ), worauf Eduard (14. October 1290) im Beisein vieler 
Grossen, auch des Bischofs von Grosseteste als päpstlichen Gesandten 
den Yorker Canonicus Wilhelm von Grenefeld für sich schwören Hess, 
dass er an dem festgesetzten Termine die Kreuzfahrt antreten und die 



') vgl. Anmerk. 1 Seite 14 und Potthast No. 23.633. 

2 ) Ein Empfehlungsschreiben (8. Mai 1289) für sie nach Rom hei Rymer 
L B, 708 und Stevenson, Docum. illustrat. of the history of Scotland 1870, I, 
p. 90—93: sie werden auch am 4. und 10. Nov. 1289 als Gesandte des Königs 
erwähnt (Potthast No. 23.102, 23.112). Ueher die Ausgaben dieser Reise vgl. 
Stevenson 134—138 In einem Schreiben Nicolaus IV. (10. Nov. 1289) wird statt 
Otto von Granson der bekannte Johann de Grailly genannt (Potthast No. 23.110; 
Langlois No. 8260). 

3 ) Rymer I B, 714—715; Potthast No. 23.099; Langlois No. 1585. 

4 ) Potthast No. 23.157; Langlois No. 1906. 

5 ) Potthast No. 23.158; Langlois No. 1934. 

6 ) Rymer I B, 732—733; Potthast No. 23.274. Von der Zahlung des Zehnten 
waren frei die Cistercienser (Potthast No. 20.905, 21.012), die Hospitaliter (ibid. 
21.021), Templer (ibid. 20.942), Deutschherren (ibid. 20.946), 20.953), Augustiner- 
nonnen (ibid. 20.948), Fratres de Mercede (ibid. 21.169). die Humiliaten (ibid. 
22.476). Der Zehnte sollte vom Johannisfeste 1275 an 6 Jahre lang gesammelt 
weiden (ibid. 20.925), über dessen Erhebung genaue Instructionen gegeben 
wurden (ibid. 20.947, 21.219, 22.332); einzelnen Kreuzfahrern wie Eduard wurde 
ein Theil des Zehnten (ibid. 21.086), auch Erhard von Valery (ibid. 21.079) über- 
lassen; König Karl von Sicilien empfing sogar wie Eduard den ganzen Zehnten 
seines Reiches auf 6 Jahre (ibid. 21.082, 21.873). 

7 ) Potthast No. 23 280 ; dem Briefe ist der Tenor zweier Urkunden einge- 
fügt, deren Unterschrift gefordert und am 24. October 1290 auch ausgefertigt 
worden ist. Die Gesandten des Königs, denen diese Antwort mitgegeben wurde, 
sind Gaufried de Genville, Mag. Wilhelm de Grenofend und Thomasius de Lag- 
gore (Rymer I B, 746; vgl. 726). 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 43 

Befehle des päpstlichen Stuhles befolgen wolle *) ; dasselbe wiederholte 
er (24. October 1290) von neuem unter ausdrücklicher Beziehung auf 
die bereits 3. Febr. 1289 seinerseits gegebenen Versprechungen a ) und 
schickte die Urkunde durch Magister Wilhelm von Montfort, Decan 
der St. Pauluskirche in London, den Dominikaner Kobert de Novo 
Mercato und den Minoriten Johann von Beckingham an den Papst 3 ). 
Dieser resumirt (18. März) noch einmal den wesentlichen Inhalt der 
getroffenen Bestimmungen 4 ), lobt den Eifer Eduards, der zuerst aus 
der Hand des Erzbischofs von Rieux 5 ), dann von Canterbury das Kreuz 
genommen habe, und beantwortet seine Frage, ob er desshalb, weil 
diese Prälaten officiell noch nicht Kreuzprediger gewesen seien, einen 
Fehler begangen habe, dahin, dass das von ihm und seinen Begleitern 
vor jenen Prälaten abgelegte Gelübde legal und verbindlich sei. Zu- 
gleich (18. März) 6 ) bewilligte er die Bitte des Königs, den Kirchen- 
zehnten, statt in zwei Raten, lieber ganz und zwar 23. Juni 1291 
zu empfangen, zwar nicht, wohl aber die Hälfte des ausserhalb Eng- 
lands gesammelten Geldes und schickte ihm 100.000 Mark Sterling 
durch Kaufleute aus Lucca 7 ), indem er zugleich die päpstlichen 8 ) und 



i) Rymer I B, 741. 

2 ) Rymer I B, 746—747. Zur Erläuterung des in diesen Zusammenhang 
nicht gehörigen Schreibens (Rymer I B, 745; Potthast 23.583) vom 28. Febr. vgl. 
Chronic, di Milano in Miscellan. della storia Italiana, Torino 1869, VIII, 7!) 80; 
Chron. abb. Parmens. 336; Schiavinna, Annales Alexandrini ed. Ponzilionus f, 
538, 542. 

3 ) Dies geht hervor aus dem Schreiben Nicolaus IV. vom "16. März 121)1 
(Rymer I B, 746—747; Potthast No. 23.604; Langlois No. 6664—6665, 

•») Rymer I B, 748; Potthast No. 23.607; Langlois No. 6667. 

5 ) Nach Trivetus 314 und Walsingham, Ypodigma Neust riae 178 nahm 
Eduard 1288 das Kreuz zu Blanquefort bei Bordeaux, nach den Annal. de Waver- 
leia 404 schon 1287 in Bordeaux in Folge eines in schwerer Krankheit abge- 
legten Gelübdes (»legato curiae Romanae ad hoc specialiter a latere domini papae 
destinato«). Ueber den Bruder Eduards Edmund und sein Kreuzgelübde vgl. Pott- 
hast No. 21.967, 23.122 (Langlois No. 1710), und Rymer I B. 537. 

fi ) Rymer l B, 750; Palgrave, Kalend. and invent., London 1836 1, 98, 
§ lil ; Potthast No. 23.610; Langlois No. 6668—6669. 

7 ) ,De societate Riccardi«: Labrus Vulpelli, Riccardus Guidicionis, Rkcardus 
Gottoli, Tliomasius Guidicionis. 

*) Wilhelm von Montfort, Radulf von Baudak und Gaufried de Vedano. Letz- 
terer, seit 1274 (Jolleetor nach dem Tode seines Vorgängers Bayamund, wird durch 
Eduard 16. Sept. 1291 den Bischöfen von S. Andrew und Glasgow empfohlen 
(Rotuli Scotiae I, 8; vgl. sonst über dessen Taxationen: Goncilia Scotiae, Edin- 
burgh 1866, LXV LXXl). Andere Briefe des Königs betreffend die Erhebung des 
Zehnten siehe in Rot. Scotiae, London 1814, I, 3, 4 (12. und 13. Aug. 1290), 7. 8 
(6. und 16. Juni 1291). 



44 Röhricht. 

bischöflichen Collectoren *) davon benachrichtigte. In dem letzten 
Schreiben, welches Nicolaus IV. (12. Febr. 1292) an Eduard nach dem 
Falle Accons richtete 2 ), erklärt er, dass, so viel angehe, er ihm den 
Zehnten derjenigen Länder bewilligen wolle, deren Herren nicht das 
Kreuz genommen hätten, doch sei weder aus Frankreich noch aus 
Castilien, deren Könige selbst den Zehnten ihrer Länder bereits zu- 
gewilligt erhalten hätten, etwas, aus Deutschland und den nördlichen 
Reichen Europas nur wenig eingegangen, ausserdem habe er selbst 
auf die Ausrüstung von Galeeren und Mannschaften grosse Summen ver- 
wendet. Die Bitte wegen Auszahlung des restirenden Zehnten am 
23. Juni 1292 erfüllt er, hingegen nicht die wegen Ueberlassung der auf 
100.000 Turoneser Pfund taxirten Zehnten der Cistercienser. Zum 
Schluss erklärt er, dass er vor einer neuen Aufforderung zu der Kreuz- 
fahrt, erst Ort und Zeit wissen müsse, wo und wann die Pilger sich 
sammeln sollten , nimmt ihn und alle Mitglieder in seinen Schutz- 
droht ihm aber, dass, wenn er -seine Versprechungen nicht pünktlich 
erfüllen werde , die Kirche ihu nicht schonen , sondern" sehr 
streng gegen ihn' vorgehen wolle. Wie wir wissen, sind diese Ver, 
Handlungen Jahre lang weiter gegangen und völlig nutzlos geblie- 
ben, r ohne dass der Bann den König getroffen hätte 3 ). Allge- 
mein aber ist in den englischen Geschichtsquellen jener Zeit die 
Klage, dass niemals eine schwerere Besteuerung 4 ) das Land getroffen 



') Potthast No. 23.611-23.615; Langloiß No. 6670-6679, 6693—6695. 
Aehnliche Anordnungen (29. März) siehe hei Potthast No. 23.631 — 23.633; Lang- 
lois No. 6684—6692, auch vom 1. und 22. April bei Potthast No. 23.635: Lang- 
lois 6696-6701. 

2 ) Rvmer I B. 743-744; Potthast No. 23.921; 23.922: Langlois No. 6858 
bis 6859. Als königliche Gesandte werden genannt Johannes de S. Johanne und 
Roger Lestrange. 

3 ) Interessant (aber aus ungarischen Quellen nicht zu bestätigen) ist die 
Antwort Eduards I. (23. Juni 1292) auf ein Schreiben des Königs Andreas III. 
von Ungarn, (welcher diesen durch Paganellus de Vicopisano ihn aufgefordert hatte, 
seinen Weg durch Ungarn zu nehmen), dass er seiner freundlichen Aufforderun. 
nicht folgen könne, aber die angebotene Hilfe von 1000 Rittern und Bogenschützen 
auf ein Jahr für seinen Kreuzzug gern annehme (Rymer I B, 760). 

4 ) Annales Waverleienses 410 ; Joh. de Oxenedes 284; Annales de Dunstapg 
lia 367; Chronic, de Lanercost 144; Annal. de Oseneia 331—333; Annal. Londin- 
I, 99; Annal. Wigorn. 506—509; Walter von Hemmingburgh II, 25; Thomas de 
Bnrton240; Bartholomaeus Cotton 183, 198—199. Sehr gründlichen Bericht über 
die damaligen Erhebungen enthält : Taxatio ecclesiastica Walliae auctore Nicolai IV. 
papa a. 1292, London 1802. fol. ; vgl. Dugdale, Monas! Anglic. III, 476—477: 
The priory of Coldingham (Surtee Society) 1841, CvTI— CXVII; Archaeologia 
Cambrensis 1889, 106 — 108, 357—358 (The taxation Norwich) und viele Briefe 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 45 

habe, zumal die Collectoreu mit rücksichtsloser Strenge aufgetreten 
seien 1 ). 

Diesen Unterhandlungen mit der Curie gingen die mit den mongo- 
lischen Fürsten parallel 2 ), ebenso der Briefwechsel mit König Haython von 
Armenien 3 ), dessen Boten auch zum König Philipp IV. von Frank- 
reich 4 ) gingen, um ihn zu einer schleunigen und persönlichen Unter- 
stützung der Interessen des heiligen Landes zu bewegen. 

König Philipp III. hatte bekanntlich am Kreuzzuge Louis' IX. 
gegen Tunis Theil genommen und am 25. November 1270 gleich nach 
der Landung in Trapani und vor Antritt seines Heimweges mit König- 
Karl von Sicilien die Ausführung eines zweiten Kreuzzuges auf drei 
Jahre verschoben 5 ). Seit 1272 war zu dessen Betreibung der Erz- 



in James Raine, Historical papers and lettres froni the northern registie, Lon- 
don 1873. 

') Als Collectoreu werden besonders genannt : Bischof Bernhard von Tripolis 
(Potthast No. 23.812; Bartholom. Cotton 225 — 226); die Bischöfe Johannes von 
Winchester und Oliver von Lincoln (Annal. de Dunstaplia 367 ; Johannes de 
Schalby, Yitae episcop. Lincoln in Giraldus. Opera VI, app. E, 209j, ferner der 
Abt Roger von Oseny (Annal. de Dunstaplia 372 ; Annal de Oseneia 332) und 
Prior von St. Catharina in Lincoln (Annal. de Oseneia 332—333). 

2 ) RH. No. 1380, 1401, 1409, 1421, 1497. 1506, 1515, 1516. Eduard hatte 
am 26. Jan. 1275 auf eine Gesandtschaft Abaghas über den Termin seiner Kreuz- 
fahrt unbestimmt geantwortet (Rymer I B, 520), dann wahrscheinlich mit Alfonso 
von Castilien (1278) weiter verhandelt (ibid. 564), und hatte (5. Octob. 1280) 
Nachricht bekommen, dass mongolische Gesandte in Accon gewesen seien und 
Hilfe versprochen hätten (ibid. 587); vgl. Röhricht in Archives I, 623, 638, 650 
bis 651, in Mittheil. d. österr. Instituts XI, 373. Sehr wichtig ist die Syrische- 
Histoire de Mar Jab Allaha et de Raban Sauma. Paris 18S8; vgl. Nöldeke im 
Lit. Centralblatt 1889, 843. Im Allgemeinen handeln über die Beziehungen 
christlicher Fürsten zu den Mongolen auch Recueil de voyages, Paris 1840, IV, 
457 ff. ; Abel Remusat in Mein, de 1' acad. d. insccript. VII. und VIII. ; Druruann, 
Bonifaz VIII, 1, 231 252; Gieseler. Kirchengesch. II, 660—663; Zarncke, Der Pres- 
byter Johannes 07 ff. Ueber den Unterschied zwischen muslimischer und mon- 
golischer Herrschaft vgl. Ibn. Ferat bei Reinaud 412. Bündnisse mit den Mon- 
golen galten als durch Jesaias 40, 1—6, empohlen (Chron. Sicul. bei Breholles, 
Hist. diplom. I, 902—903); eine Weissagung auf christliche Siege mit Hülfe der 
Mongolen notirt Rubruik ed. Paris. 386. 

3 ) RH. No. 1514 (vgl. 1511, 1512); Briefe der Johanniter an Eduard ibid. 
No. 1442, 1445, 1446, 1448, 1470. der S. Thomas-Ritter No. 1432, des Bischofs 
von Hebron No. 1436; vgl. No. 1497, 1506, 1510. 

«) RH. No. 1519. Unter demselben Datum (23. Jan. 1292) ruit Nicolaus IV. 
auch alle Christen (Potthast No. 23.899; Langlois No. 6850—6851) und die Meister 
der beiden Hauptorden zum Schutze Armeniens auf (Lnnglois No. 6854 — 6856), 

5 ) Röhricht in Archives I, 621. 



46 Röhricht. 

bischof von Corinth als Legat thätig *), doch bat Gregor X. den König 
vorläufig die Erfüllung seines Kreuzzgelübdes zu verschieben, bis die 
Eüstungen wirklich vollendet seien l ) ; um jedoch seinen Eifer zu zeigen, 
schickte Philipp einige Schaaren französischer Hilfstruppen nach Accon 2 ) 
und streckte 25-000 Mark zur Ausrüstung von Schiffen vor 3 ). Die 
Kreuzpredigt dauerte fort, ebenso die Unterhandlungen, welche im 
Xamen Gregors X. Magister Gregor und Guillaume de Matiscon lei- 
teten 4 ). Am 31. Juli 1274 bewilligte er dem König den Zehnten 
seines Landes, auch deutscher Diöcesen für den Kreuzzug 5 ), für dessen 
Zustandekommen der päpstliche Legat Cardinal Simon mit Erfolg thätig 
war 6 ), zumal Philipp das Kreuz, welches er bereits abgelegt hatte, 
von Neuem genommen hatte 7 ). Der nun folgende Krieg zwischen ihm 
und Castilien ward (1278) durch die Bemühungen der päpstlichen Le- 
o-aten den Cardinal Gerhard und den erwählten Patriarchen Johannes 
von Jerusalem 8 ), nicht verhütet, der Krieg gegen Aragonien, um die 
sicilianische Vesper zu rächen, war unglücklich, und Philipp 111. starb 
am 5. October 1285. Um den Krieg gegen Aragonien nachdrück- 
lich führen zu können, bewilligte Nicolaus IV. (31. Mai 1289) seinem 
Nachfolger Philipp IV. den ganzen Kreuzzugszehnten seines Keiches 
auf drei Jahre 9 ), aber dadurch wurde die wirksame Betreibung des 



1 ) Potthast No. 20.654 ; als Gesandter Philipps wird der sonst aus RH. Xo 1388 
bekannte Johannes butticularius de Accon genannt. Ueber die frühere Samm- 
lung von Kreuzzugsgeldern in Frankreich vgl. Lippert in Mittheil. d. österr. 
Instituts X, 663 ff'., in Deutschland ibid. 580—582. 

-j Raynaldi Annales 1273 § 18; vgl. Gottlob 109—111. 

3) Posse, Analecta 62, Xo. 776 ivgl. 66, No. 821). Diese Summe ward dem 
Erhard von Yalery, Imbert von Beaujeu, Connetable von Frankreich. Theobald 
von Chasteignier und Gerhard von Morbay übergeben (Potthast Xo 20.978 ; ibid. 
21.079 wird bestätigt, dass der genannte Erhard 2000 Mark Sterling vom Zehnten 
Navarras erhielt). 

->i Potthast Xo. 20.754 f. 

5 ) Potthast Xo. 20.875. Die deutschen Prälaten beschwerten sich darüber 
umsonst, und die Briefe Nicolaua III. (23. Jan. 1278) und Xicolaus IT. (31. Mai 
1289, vgl. Kaltenbrunner I, Xo. 107, 349; Langlois Xo. 991—1003) nahmen keine 
Rücksicht darauf; vgl. auch die Bullen 13. Juni 1290 (Langlois Xo. 2741 2742). 
3. Juli 1290 (Xo. 4312), 22. Xov. 1290 (Xo. 3863, 3866). 

6) Potthast Xo. 20.884, 20.940; vgl. Posse 65, Xo. 808—812. Xach Ab- 
gange Simons bewilligten Xicolaus III. (31. März 1280) und Martin IV. (19. Mai 
1282) den weiteren Genuss des Zehnten, ebenso 5. Mai 1284 (Kaltenbrunner 
Xo. 225, 238, 262 ; vgl. Taxatio seu valor decimae triennii pro Aragonia in 
Bouquet XXL. 546 j Heller, Deutschland und Frankreich 134—139), 

'•) Potthast Xo. 20.883. 

B) Posse 75, Xo. 914; 76, Xo. 916: Potthast Xo. 21.389, 21.490; vgl. 21.683. 

■->) Potthast Xo. 22.971; Langlois Xo. 3261—3264; vgl. 22.996. tu Bezug 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 47 

Kreuzzuges nach Syrien wieder unmöglich, zu dem ihn eben ein 
Schreiben des Mongolenchan Argon (c. Mai 1289) aufforderte *). In 
der dringendsten Weise bat Nicolaus den König (5. Dec. 1290) um 
Hülfe, indem er seine Besorgniss bekämpfte, als ob er durch die Ver- 
pflichtung der Unterstützung nicht nur die Gefahren, sondern eventuell 
die Schuld eines Verlustes des heiligen Landes mitübernehme 2 ), drohte 
ihm aber auch (9. und 16. Dec. 1290), dass, wenn er den Schutz des 
heiligen Landes nicht übernehmen wolle, er auch die schon seinem 
Vater bewilligten Zehntengelder an die päpstlichen Bevollmächtigte^ 
den Bischof Gerhard von Sabina und Cardinaldiacon Benedicct von 
St. Nicolaus in carcere Tulliano, herauszuzahlen haben werde 3 ). Nach 
dem Falle Accons wiederholte Nicolaus IV. (23. Aug. 1291) seine Bitte 
um schleunige Hülfe 4 ) und forderte ihn zur Unterstützung des Königs 
Karl II gegen die Aragonesen auf, da dieser als Herr von Sicilien dem 
heiligen Lande die leichteste Hülfe zu bringen vermöge 5 ), doch schlug 
er ihm die Bewilligung des Zehnten (13. Dez. 1291) gegen König 
Jacob auf 6 Jahre glatt ab 6 ), da auf diese Weise die Wiedereroberung 
des heiligen Landes unmöglich werde. 

Noch hoffnungsloser für einen Kreuzzug lagen die Verhältnisse 
in Deutschland. Hier war zwar durch die Wahl des Grafen Rudolf 
von Habsburg „die kaiserlose, die schreckliche Zeit u vorüber, aber 
die Gegnerschaft des Königs Ottokar IL von Böhmen liess ihn in den 
den ersten Jahren seiner Regierung nicht zur Ruhe kommen. Um die 
Freundschaft des Papstes Gregor X., welcher die Zustände des heiligen 
Landes aus eigener Erfahrung kannte und für dessen Befreiung eifrig 
bemüht war, zu gewinnen, liess Rudolf schon Ende December 1273 

auf die vergeblichen Verhandlungen zwischen den Königen von Sicilien und Ara- 
gonien vgl. Potthast No. 23.226; Amari, Storia. del Vespro Siciliano 1, 422 f. 

') RH. No. 1485; auch d. armen. Historiker Tschamtschean (Petennann, 
Beitr. 173) erwähnt dieses Schreiben. 

-') Potthast No. 23.484; Langlois No. 4409—4410. 

3 j Potthast No. 23.499 f. ; Langlois No. 4411—4414; dasselbe hatte übrigens 
Nicolaus IV. schon (24. April 12110) dem Könige in Aussicht gestellt (Potthast 
No. 23.246; Langlois No. 4300—4302). Ein Schreiben Philipps (30. Juli J2H0I 
an die Collectoren der Diöcese Rheims, worin er bittet, von den Zehnten 5000 
Pfund an die Erben des verstorbenen Bischofs Raynald von Beauvais zu zahlen, 
siehe bei Martene, Thesaus. I, 1232—1233; vgl, 1174-1175; Bist. litt, de France 
XIX, 814; Delettre, Hist, du diocese de Beauvais 1843, II, 349 350. 

*) Potthast No. 23.794; Langlois No. 0771» f. 

e ) Potthast No. 23.842, 23.845; Langlois No. 0837. 

") Potthast No. 23.874; vgl. Gottlob, IM)' — 133. Dass Philipp niemals ernste 
Neigung zu einem Kreuzznge hatte, beweist C. Wenck, Clemens V und Heinrich VII. 
51—58. 



48 R ö'h rieh t. 

durch den Propst Otto von Speier seine Absicht eines Kreuzzuges aus- 
sprechen und am 24. Februar 1274 durch den Franziskaner Conrad 
zum zweiten Male kundgeben l ); am 6. Juni 1274 musste sein Gesandter 
in Lyon ausser der Bestätigung mehrerer vom Papste gewünschter 
Privilegien die feierliche Zusage eines Kreuzzuges in seinem Namen 
geben, worauf am 26. September 1274 die päpstliche Anerkennung 
.Rudolfs erfolgte 2 ), nachdem der König Alfons von Castilien bewogen 
worden war, auf den deutschen Thron zu verzichten 3 ). Endlich nahm 
Kudolf am 18. October 1275 aus den Händen des Papstes mit vielen 
Edlen Deutschlads zu Lausanne das Kreuz 4 ). 

Inzwischen hatte auch Ottokar sich um die Gunst des Papstes 
bemüht und Mitte 1274 erklären lassen, dass er nach vier Jahren, die 



>) Vgl. Kopp, Gesch. d, eidgenöss. Bünde I, 67—130, 205 ff.; Plischke, 
Das Rechtsverfahren Rudolfs von Habsburg gegen Ottokar von Böhmen, Bonn 
1885 (Inaug. Diss.), besonders aber Wertsch, Die Beziehungen Rudolfs von Habs- 
burg zur röm. Curie, Bochum 1880 (Göttinger Inaug. Dissert.), Zisterer, Gregor X. 
und Rudolf v. Habsburg, Freiburg 1891, Redlich in Mitth. d. österr. Inst. X. 
341 — 418 und von Zeissberg im Arch. für österr. Geschichtsq. LXIX, 1 — 51. 

2 ) Potthast No. 20.929, 20.930 ; vgl. 20.809, 2057 ; 0. Lorenz. Deutsche Ge- 
schichte II, 45. 

3 ) Potthast No. 20.846; Kaltenbrunner, Actenstücke I, No. 48 und 49. Am 
28. Juli 1275 concedirte Gregor dem König den Zehnten seines Reiches auf sechs 
Jahre zum Kampfe gegen die Mauren; vgl. Potthast No. 21083. Dieselbe Con- 
cession für König Karl von Sicilien als Kreuzfahrer (13. October 1275) ibid. 
No. 21.982. 

4 ) Job. Victoriens. in Böhmer, Fontes I, 307 : Chron. Sampetrin. 108 ; Chron. 
Salimbene 267 ; Thomas Tuscus in Mon. Germ. SS. XXII. 529 ; Mart. Chron. ibid. 
XX, 442; Annal. Basil. ibid. XVII, 198; Dandulus 385; Ptolom. Lucc, Histor. 
eccles. XXIII, c. 3; Raynaldi Annales 1275 §9; Marinus Sanutus, Gesta Dei 225. 
»Seinem Beispiele folgten die Königin Anna und gegen fünfhundert Geistliche 
und Edle; zu den letzteren gehören sicher wohl die Zeugen der grossen Urkunde 
(Mon Germ. Leg. II, 403—40*) vom 20. October: Der Landgraf Ludwig IL vom 
Rhein (Riezler, Bayr. Gesch. II, 143), die Herzöge Friedrich (vgl. Potthast No. 20.857, 
21.104) und Conrad von Lothringen und Teck, der Burggraf Friedrich von Nürn- 
berg, die Grafen Albert und Burchard von Hochberg, Emicho und Friedrich von 
Leinigen, Eberhard von Katzenellenbogen, Siegbert von Werd, Theobald von 
Pürt, Heinrich von Freiberg, Ludwig von Homberg, Eberhard von Habsburg, 
Mangold von Neuenbürg und Hermann von Sulz (vgl. Kopp I, 120) : nach den 
Annal. Rudb. in Mon. Germ. SS. IX, 803 waren 1278 im Heere Rudolfs I. wem'g 
Ritter, die nicht das Kreuz tragen; vgl. auch Lorenz II, 58—60). Der Papst 
(»qui cum eisdem [den Königen von Deutschland, Frankreich und England] Terrain 
Sanctam intendebat visitare et ibi vitam fniire« nach Raynaldi Annal. 1275, § 42 ; 
1275, § 1), bestimmte als Termin für den Antritt der Fahrt 2 (Monate oder Jahre ?) 
nach künftiger Lichtmess (Annal. Colmar. in Mon. Germ. SS. XVII, 198 ; Kopp 1, 
126 will für das ausgefallene Wort: Monate lesen). Sonst vgl. über die Ab- 
machungen in Lausanne ibid. I, 126 ff., und Potthast Reg.: 6—19. Octob. 1275. 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 49 

er zu Rüstungen nöthig habe, persönlich einen Kreuzzug unternehmen 
wolle, und gebeten, ihm die Zehntengelder seines Reiches für diesen 
Zweck zu gewähren, über seinen Streit mit Rudolf aber erst nach 
seiner Rückkehr aus dem heiligen Lande zu entscheiden l ). Gregor X. 
lobte natürlich den Eifer des Königs (26. Septembter 1274), lehnte aber 
indirect die gewünschte Entscheidung ab, indem er sie dem Bischof 
Bruno von Olniütz übertrug, dessem Spruche Rudolf sich aber nicht 
unterwarf 2 ). In Folge der Beschlüsse des Nürnberger Reichstages 
(19. Nov. 1274) oppouirte Ottokar, klagte, dass Rudolf ihn trotz des 
auf dem Concil zu Lyon geforderten Friedens aller christlichen Herr- 
scher bekriegen und damit die Ausführung seines Kreuzgelübdes un- 
möglich machen wolle (9. März 1275) 3 ). Der Papst antwortete (2. Mai 
1275), dass er als Kreuzfahrer die Zehntengelder seines Reiches er- 
halten, aber zur Beilegung seines Streites mit Rudolf Boten senden 
solle 4 ). Da nun der Bruch entschieden war, so verbot Ottokar die 
Ausführung der erhobenen Zehntengelder 5 ); am 24. Juni 1276 ward 
über ihn die Reichsacht ausgesprochen und am 26. August 1278 fiel 
er bei Dürnkrut auf dem Marchfelde. So war Rudolf unbestrittener 
Herrscher von Deutschland, aber sein Kreuzgelübde hat er nicht ein- 
zulösen vermocht 6 ) ; er ist auch nicht dazu getrieben worden. 

Die Christen, welche aus den Litoralstädteu Syriens, nach Cypern 



') Emier No. 892 ; Raynaldi Annal. 1273 § 37, Biermann, Ottokar II. Stel- 
lung zur röm. Curie, Teschen 1857 (Progr.); Wertsch 11; v. Zeissberg 23—24: 
Ulanowski in Mitth. d. österr. Inst. VI, 421—440. 

2 ) v. Zeissberg 26. 

s ) Emier No. 946, 947; v. Zeissberg 36—39. In diese Zeit wird wohl die 
Gesandtschaft Ottokars an den Sultan Bibars zu setzen sein (RH. No. 1407). 

4 ) Emier No. 958 ; v. Zeissberg 39. 

6 ) Raynaldi Annal. 1247 § 7 ; dasselbe thaten später König Erich II. v. Nor- 
wegen und König Philipp von Frankreich (ibid. 1286 § 34 und Drumann, Bonifaz I, 
173 f.). Florentiner Kaufleute, welche den Zehnten aus Scandinavien holen sollten, 
wurden in Flandern auf der Rückreise geplündert und getödtet (Potthast No. 22.255, 
22.311—22.316, 22.321, 23.352); sonst vgl. Riant, Expedit, sacrees 391—392 über 
die Sammlungen in Scandinavien. 

6 ) Am 18. März 1277 versprach Rudolf dem Dogen von Venedig, bald 
seinen Zug antreten zu wollen (Zeitschr. für Gesch. d. Oberrheins 1854, V, 15 — 16; 
Mon. Germ. Leges II, 412—413). Ein Bittgesuch des Patriarchen Thomas (c. 1276) 
siehe in RH. No. 1410, von Johann XXI. (3. Febr. 1277) bei Potthast No. 21.221. 
Ueber die Sendung des Burchardus de Monte Sion nach Cairo vgl. oben Note 1 
Seite 6 und im Allgemeinen Lorenz II, 315—316. Eine Bulle Gregor X, worin 
wie am 18. Mai 1274 (Rymer I B, 139) dem König Eduard, hier Rudolf das Ver- 
bot der Turniere einschärft wegen des bevorstehenden Kreuzzuges, siehe bei 
Kaltenbrunner I, No. 97, 

Mittheilungeu XV. 4 



5Q Röhricht. 

geflohen waren und durch eine Theurung, welche die Insel heimsuchte, 
schwer litten 1 ), verbrachten die letzten Monate des Jahres 1291 und 
die ersten des folgenden in Angst; denn im Mai 1292, so glaubte man 
allgemein, sollte der Sultan auch Cypern zu erobern beabsichtigen 2 ), aber 
sein nächstes Ziel war die armenische Hauptfestung Hromgla am oberen 
Euphrat, die er am 28. Juni 1292 eroberte 3 ). Er konnte jedoch die 
Früchte seiner vielen Siege nicht lange geniessen; am 12. December 
1293 ward er auf der Jagd ermordet 4 ). 

Inzwischen hatte Nicolaus IV. in Ancona zehn Schiffe ausrüsten 
und nach Cypern abgehen lassen, denen von Genua zehn nachfolgten 
und König Heinrich IL fünfzehn andere hinzufügte. Diese Flottille 
unternahm einen Streifzug gegen Candelor (Alaja), musste sich aber 
mit der Zerstörung eines Thurmes begnügen und, ohne die Stadt er- 
obert zu haben, zurückkehren 5 ). Unter Cölestin V. (1294) wurden 
Flottenrüstungen vorgenommen 6 ), Bonifaz VIII. meldete am 26. October 
1298 dem Könige von Armenien, dass die Könige von England und 
Frankreich bald ihre Kreuzfahrt antreten würden 7 ), und Eduard (1300), 
dass die Mongolen, Georgier und Armenier auf seine Ankunft bereits 
warteten, um mit ihm gegen die Muslimen zu kriegen 8 ). König 
Karl II. von Sicilien 9 ), wie der Herzog Johannes von der Bretagne l0 ), 
hatten das Kreuz genommen, ebenso in Genua viele vornehme Frauen 
(1301), die mit Benedetto Zaccaria, Lanfranc Tartarus, Jacobus Pome- 



i) Gestes 259 (ibid. 259—260 die Matrikel des Königreichs Jerusalem; 
vgl. ßiblioth. geogr. Palaest. No. 67). Im Jahre 1295 (18. Febr.) urkundet König 
Karl II. von Sicilien für die auf Cypern nothleidenden Templer (Riccio, Saggio 
di codice diplom., suppl. 88—89, No. 83). 

2 ) Gestes 259; Thaddaeus 43; Bartholomaeus de Neocastro 1184. 

3 ) St. Martin, Mein, sur 1' Armenie I, 398; Rec- armen. I, 542—543, 654 
bis 655; Carriere, Melanges Orient. 1883, 167—213; Weil IV, 183. Auszüge aus 
dem Schreiben des Sultans, worin er die Eroberung meldete, giebt aus einem 
Münchner arabischen Codex Weil 184. 

4) Weil TV, 188. 

5 ) Gestes 261 ; Sanutus 232 ; Jacobus Auriae in Mon. Germ. SS. XVIII, 342 ; 
vgl. Heyd II, 28—29. 

e) Potthast No. 23.997. 

7 ) Potthast No. 24.745; vgl. Annal. Wigorn. 518—519; Walter von Hemming- 
burgh II, 217 und die Nachweise bei Röhricht in Archives I, 651, Note. Briefe 
Eduards II, (1307) an den König von Armenien und Georgien vgl. in Purchas, 
Pilgrim. II, 1273. 

8 ) Potthast No. 24.937 ; vgl. 24.976 f. König Philipp ward zugleich an die 
Erfüllung seines Kreuzgelübdes gemahnt (Potthast No. 24.469, 25.097 ; vgl. Guill. 
de Nangiaco, Cont. 605). 

e ) Potthast Nr. 24.992. 10 ) Potthast No. 24.975. 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 51 

lius und Johannes Blancus absegeln wollten *), aber alle diese Ver- 
sprechungen und Küstungen waren vergeblich; eine Landung, welche 
die Templer auf Wunsch des Mongolenchans Gazan auf der Tortosa 
vorliegenden Insel (1302) unteruahnien, endigte mit der Gefangenschaft 
oder dem Untergange der Christen 2 ). Neue Hoffnungen auf den Unter- 
gang des Islams 3 ), auf die Hülfe christlicher Herrscher 4 ) und Mon- 
golen 5 ) wurden zu Schanden. Im Jahre 1309, wo König Heinrich VII. 
von Deutschland das Kreuz genommen hatte, um 1312 abzuziehen 6 ), 
liefen gegen 40.000 Männer und Weiber ohne Kreuzpredigt in Eng- 
land, Holland, Belgien, in der Picardie und in Schlesien zusammen, 
erschlugen auf ihren Wegen nach Avignon überall die Juden 7 ), wur- 
den aber durch den Papst aufgefordert, sich wieder su zerstreuen 8 ). 
Im Jahre 1313 schienen die Könige von England, Frankreich und 



») Potthast No. 25.057 — 25.063 (trotzdem Genuas Handelsvertrag mit 
Aegypten (RH. No. 1503) noch nicht abgelaufen war). Nicolaus IV. hatte 23. Aug. 
1291 das alte Handelsverbot mit Aegypten erneuert (doch vgl. Langlois No. 4403, 
wo indessen nicht 1291, sondern 1290 (21. October) zu lesen ist, da der Patriarch 
längst todt war; vgl. Langlois No. 6784—6788), und dasselbe geschah immer 
wieder (Potthast No. 24.814, 24.922, 25.233), aber ohne Erfolg. 

2 ) Röhricht in Archives I, 648; Gestes 305. Ueber die Tapferkeit und den 
Glaubensmuth der hier gefangenen Templer vgl. Schottmüller I, 607, 642; II, 
160—161. 

3 ) Der 1305 erfolgen sollte (Döllinger in v. Raumer, Hist. Taschenbuch 
1871, 344). 

4 ) Verhandlungen mit Eduard von England wurden 1306 nach dem Concil 
von Portiers (Raynaldi Annal. 1306 § 3, 11 ; Chron. Triveti 409) gepflogen. 

5 ) Raynaldi Annales 1307 § 3—4. Dem Kreuzzugszwecke sollte besonders 
das Buch des Haithon, Historia orientalis dienen (darüber Biblioth. geogr. Palaest 
No. 178; vgl. Ernoul 561— 562), welches eben im Rec. armen. II, 113— 253 (franz.) 
253—363 (lateinisch) neu herausgegeben ist. 

6 ) Pöhlmann, Der Römerzug Heinrich VII., 7—8; Heidemann in Forsch, 
zur deutsch. Gesch. XI, 50—59, 75—78. In demselben Jahre (wo ein Johanniter 
das Geld aus dem Opferstocke der Osnabrücker Diöcese vergiebt; vgl. Ennen 
u. Eckertz. Quellen IV, 13) erfolgten Zehntenerhebungen durch den Erzbischof 
von Mainz in Deutschland (Sudendorf, Reg. I, 126—132; III. 67, dann in Norwegen 
(Annal. Islandici 198, 202 ; vgl. Riant, Expedit, sacrees 392—394), 1313 in den 
Diöcesen Mainz und Strassburg (Urkundenb. d. Abtei Eberbach III B, 612). 

') Viele Juden waren, weil der Messias erschienen sein sollte, 1297 nach 
Palaestina gezogen (Annal. Caesenat. in Muratori SS. XIV, 1115). 

8 ) Cont. Florian, in Mon. Germ. SS. IX, 752; Chron. Elwac. und Gesta. 
abb. Trudon. cont. III, ibid. X, 39, 412; Annal. Lub. und Gand. ibid. XVI, 421, 
596; Annal. T. Prussiae und Colbaz. ibid. XIX, 692, 717; Annal. Tielens., Martini 
cont. Brabant. und Annal. S. Blasii Brunsvic. ibid. XXIV, 26, 262, 825; Henne, 
Klingenberger Chronik 60—61; Aegidius li Muisis ed. deSmetl75; Mecklenburg. 
Urkundenb. No. 3279; Stenzel, Breve chron. Silesiae (SS. rerum Siles. I) 35; 

4' 



52 Röhricht. 

Navarra Ernst mit ihrem Kreuzgelübde machen zu wollen x ), und (1316) 
in Frankreich predigte der Patriarch von Jerusalem das Kreuz 2 ), so 
dass Karl der Schöne sich zu einer Kreuzfahrt rüstete 3 ), während zu- 
gleich Concilien weiterberiethen 4 ) , christliche Missionäre 5 ) zu den 
Muselmänner gingen und Gutachten in Fülle ausgearbeitet wurden, 
wie das heilige Land wiedergewonnen werden könne 6 ). Das ganze 
vierzehnte Jahrhundert 7 ) bis in die erste Hälfte des folgenden, wo die 



Chron. Guillelmi Monachi (in Matthaeus, Analecta II) 577 ; Bernard Guidonis ad 
1309; Ptol. Lucc. (Baluze I) 34. Nach St. Genois, Invent. de chartes de Flandre 
338, No. 1186 waren 1308 aus der Umgegend von Brügge 3000 Menschen zu einer 
Pilgerfahrt verurtheilt worden (vgl. Vinchant, Annales de Hainaut III, 79—80). 
Solche Pilgerzusammenläufe erfolgten auch 1320 (Chron. Cadom. bei Bouquet, 
XXII, 26). 

•) Raynaldi Annal. 1312 § 22 ff. ; 1313 § 2; Baluze, Hist. pap. Avenion. 
II, 79, 176, 186; Gnill. de Nangiaco cont. ad 1313. 

2 ) d'Achery, Spicil. VIII, 276—277; über ihn vgl. Guill. de Nangiaco 593, 815. 

3 ) Biblioth. de 1' ecole des chartes 1859, 563 ff.; 1875, 588—600; Soeiete 
de T histoire de France 1872, Ann. bullet 230—236, 246—255 und (separat) Boi- 
lisle, Projet de croisade du premier duc de Bourbon, Paris 1873 ; vgl. Bullet, de 
l'acad. de Bruxelles 1861 B, 123 ff. Hieher gehört auch: Vayssiere, Fragment 
d' un compte d 1 Etienne de la Baume dit le Galois relatif ä certaines depenses 
faites par 1' ordre du roi pour la preparation d' une croisade 1335 (Comite d. tra- 
vaux histor., section d' hist. et de pbilos. Bulletin 1884, No. 3, 4. 

«) Vgl. Hefele-Knöpfler VI, 408, 528, 704, 709. Ueber die Bemühungen 
der Päpste, die Cultusstätten in Palaestina, besonders in Jerusalem zu sichern, vgl. 
die Nachweise bei Röhricht. Bibliotheca geogr. 239, No 948. 

s ) 1308 Raymundus Lullus (Hist. litt, de France XXIX, 1—386; Raynaldi 
Annales 1308 § 30 ff. ; 1309 § 22 f.), Jordanus de Severaco 1330 (Rec. de voyages 
1839, IV, 37—68), 1334 Johannes de Marignola (Biblioth. geogr. Palaest. No. 207 ; 
vielleicht gehören auch die ibid. No. 199, 227 citirten Schriften hierher). 

6 ) Pierre Dubois, De recuperatione Terrae Sanctae ed. Ch. V. Langlois, 
Paris 1891 (Collect, de textes pour servir ä V etude et ä 1' enseignement de 1' hist. 
IX), XXIV und 144 pp. 8° (1305—1307 geschrieben); ein Tractat des Benedetto 
Zaccaria (1311) ist erwähnt in De Mas Latrie, Hist. de 1* Sie de Cypre II, 128 
bis 129 (vgl. 118—125); sonst siehe auch Bongars, Gesta II, 316—361 und die 
unter dem Namen Marinus Sanutus (1321) und Brocardus (eben neu her- 
ausgegeben im Rec. armen. II, 365—517; ibid. 519 — 555 Guillelmus Adam ; über 
den auch Bibl. de 1' ecole d. chartes 1892 : L' officium Robaire) in Bibl. geogr. 
Palaest. No. 179 und 183 nachgewiesenen Schriften (vgl. für das XVI. Jahrhundert 
auch Michaud, Hist. d. crois. ed. Breholles, Paris 1862, IV, 345—400). 

7 ) Im Jahre 1340 will Eduard von England absegeln (Walter von Hemming- 
burgh II, 339), in den Jahren 1340, 1348, 1351, 1355, 1356, 1359, 1361, 1362 
(Raynaldi Annal. ad ann. ; Chron. Danduli ad ann. ; Heinrich von Diessenhofen 
18, 46, 103 ; Ibn Khaldoun, Hist. des Berberes III, 52 ; Amari, I diplomi arabi VII ; 
Langlois, Documents, Paris 1859 ad ann.) erfolgen Rüstungen, 1365 erobert der 
König Peter von Cypern vorübergehend Alexandrien (Paul Herzsohn, Der Ueber- 
fall Alexandriens durch Peter I, Bonn 1886 (Dissert.) I ; darin die ganze Literatur ; 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 53 

Eroberung Constautinopels die Türkennoth den abendländischen Christen 
fühlbar macht, dauern diese Bestrebungen weiter, die dann an dem 
Wendepunkte der neuen Zeit durch Maximilian I, Christoph Columbus, 
Karl V. und Iguatius von Loyola wieder aufgenommen werden *), um 
dann für immer aus der Geschichte der europäischen Politik zu ver- 
schwinden. 

Die Christen, denen eine Fahrt nach dem heiligen Lande Herzens- 
bedürfniss war, haben zuerst für das verlorene heiligste Pilgerziel in 
mannigfacher Weise Ersatz zu finden sich bemüht 2 ), dann aber immer 



vgl. Hefele-Knöpfler VI, 709), 1366 geht Amadeo VI. von Savoyen nach Palaestina 
(P. Datta. Spedizione in Oriente di A., Torino 1826 und G. Canale, Della Spediz. di A., 
Genova 1887 ; über Humbert II. (1345) von Savoyen im heil. Lande; vgl. Archives I, 
537—538). Bald darauf ermahnt Catharina von Siena Gregor XL zum Kreuzzuge (Acta 
SS. April. III, 924), der Otto von Braunschweig mit der Königin Maria von Armenien 
zu vermählen gedachte (Rec. armen. I, 718). Kreuzzugspläne tauchen wieder auf 
1386 (Mem. de la Franche Comte IV, 386), 1390, 1403, 1409 (Döllinger in von 
Raumers Hist. Taschenb. 1871, 350—351; Remusat in Mem. de T Institut 1822, 
VI, 470 ff.), 1443 (Iireöek, Gesch. der Bulgaren 364; vgl. v. Sybel, Histor. Zeitschr. 
XI, Heft 2, 257 ff.). König Heinrich V. von England schickt 1422 Gillebert 
von Lannoy (Biblioth. geogr. Palaest, No. 276), wie Herzog Philipp der Gute von 
Burgund, der 1452 zum Kreuzzuge aufgefordert (Vinchant VI, 206), sich zu dessen 
Antritt rüstete (1454—1456; vgl. Mem. de la Franche Comte IV, 386); Paul 
Fredericq, Essai sur la röle politiqne et sociale d. ducs de Bourgogne, Gand 1875, 
42—43, 57; Chronique de 1' abbaye de Floreffe [Mon. de Namur VIII], 168—169; 
Chron. relat. ä 1' hist de la Belgique 1876, 79—94 ; Vinchant VI, 206 ; Bibl. de 
1' ecole d. chartes 1876, 502 ; Voigt, Pius IL Bd. II, 89 ff. ; III, 17 ff, 105 ff., 
685-724) den Bertrandon de la Brocquiere (Bibl. geogr. Pal. No. 299 ; ed. Schefer 1892), 
vielleicht auch den Martin Vilain (St. Genois, Les voyageurs Beiges I, 23; vgl. 
30—32) als Späher vorausgeschickt hatte. Philipp ging nicht nach dem heiligen 
Lande, ehrte es aber durch viele Stiftungen und Bauten (Tobler, Jerusalem II, 
120, 816, Bethlehem 112, Golgatha 136, 152). Ueber Kreuzzugspläne vgl. be- 
sonders Ludwig Pastor I, 460—464, 514—521, 536—544, 553-562; II, 170—172, 
217—234, 240—245, 260—261, 318—319, 419—422, 462—465, 497— 505 und über 
Kreuzzugsvorschläge zum Jahre 1477 Mones Anzeiger VII, 290, 302, 460 ; sonst vgl. 
auch Finot, Projet d' exp<§dition contre les Turcs, Jan. 1457 (Mem. de la societe 
d. sciences de Lille), Lille 1890, 51 pp. 8°. 

») Vgl. Leibnitius, De expeditione Aegyptiaca ed. Onno Klopp, praef. VII ff. 
In Spanien ward die Kreuzzugssteuer (la cruzada), trotzdem kein Kreuzzug unter- 
nommen wurde, weiter erhoben als Einnahmequelle der Krone (v. Sybel, Hist. 
Zeitschr. 1878, XXXIX, Heft 2, 281 ff.; vgl. H. Charles Lea, Indulgences in 
Spain 1890, 8°. 

*) In der Wallfahrt nach Cypern (Revue nobil. 1870, 54—55), in Geissler- 
zügen (Annal. Forajul. in Mon. Germ. SS. XIX, 205), Passionsspielen (ibid. 298; 
vgl. Wackernagel, Geschichte der deutschen Literatur 300) und »chemins de Je- 
rusalem« (Röhricht, Deutsche Pilgerreisen, 1889, 34, Note 1); auch die »geist- 
lichen Pilgerfahrten« werden hierher zu rechnen sein (Bibl. geogr. Palaest. s. voce). 



54 Röhricht. 

wieder nach dem Vaterhause ihres Glaubens sich znrückgesehnt und 
unbekümmert darum, dass wie in den ältesten Zeiten des Christen- 
thums fremde Herren dort regierten, die Stätten zu schauen gewünscht 
„wo seine Füsse gestanden haben" ; denn der Name Jerusalem ist „so 
weit christliche Gemeinden wohnen, ein gefeierter Name, an den 
immer Erinnerungen, Gefühle, Gedanken, Ueberzeugungen von der 
grössten und höchsten Wichtigkeit für das menschliche Herz geknüpft 
sind. Ja so weit heidnische Völker über den Erdball verbreitet 
sind, so weit dringt er auch heute schon vor, wird dort immer hei- 
mischer werden und die Augen aller Menschen dereinst auf jenes 
wunderbare Land der höchsten Offenbarung hinweisen *)". 

i) Karl Ritter, Asien XV, 4. 



Anhang. 
I. Kritische Bemerkungen. 

Die Zahl der Quellen, welche unser Thema, besonders die Eroberung 
Accons, behandeln, ist sehr gross, so dass ihre Vorführung viel Raum be- 
anspruchen würde. Wir haben die bedeutendsten und wichtigsten unserer 
Darstellung zu Grunde gelegt, und es genügt wohl, wenn wir hier nur 
den Zusammenhang der seeundären Quellen mit ihren Vorlagen aufzeigen. 
Der Verfasser hatte für die Societe de 1' Orient latin das ganze Material 
der Scriptores de amissione Terrae Sanctae bereits im Jahre 1886 druck- 
fertig ausgearbeitet, aber nach dem Tode seines hochherzigen Freundes des 
Grafen Riant (1888) war von dem Manuscript im Nachlass nicht ein Blatt 
wiederzufinden. Statt der Materialiensammlung bieten wir nun eine fer- 
tige Studie und möchten die in den Anmerkungen zum Theil schon ge- 
gebenen kritischen Bemerkungen nur noch durch einen Nachtrag ergänzen. 

Von occidentalischen Berichten ist zunächst eine Hauptgruppe 
hervorzuheben, zu der zu rechnen sind: die Estoire d' Eracles ( — 1277), 
die Chronique de Templier de Tyr (1242 — 1309) in den Gestes des Chy- 
prois (139 — 335), die Annales de Terre Sainte (in Archives de 1' Orient 
latin II B, 429 — 462, ed. Röhricht), Liber de passagiis ed. G. M. Thomas, 
Venetiis 1879, fol. max., die Chroniken des Amadi (ed. Comte de Mas 
Latrie in Collect, de documents inedits, Paris 189l) und Bustron (ed. 
Comte de Mas Latrie ebenda 1886), endlich die Secreta fidelium crucis 
von Marinus Sanutus (über dessen verschiedene Redactionen Simonsfeld im 
N. Archiv VII, 42 — 72 und Codices Röhricht in Bibl. geogr. Pal. No. 179 
handeln). Nachdem P. Richter in den. Mittheil. d. österr. Instit. XIII, 
255 — 310 durch seine ., Beiträge zur Historiographie in den Kreuzfahrer- 
staaten" einen Theil der Aufgabe gelöst hat, mag es wünschenswerth er- 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 55 

scheinen, einmal alle die oben genannten Berichte für die ganze Zeit 
der Kreuzfahrergeschichte kritisch zu behandeln. Dem Berichte des Marinus 
Sanutus folgen: Johannes Longus im Chronicon St. Bertini (Martene, The- 
saurus III, 769—77 3; vgl. Mon. Germ. SS. XXV, 865), d. Epitome bello- 
sacrorum (Basnage-Canisius, Thesaur. IV, 439) und Marcus Antonius Sa- 
bellicus (Histor. rerum Venetarum, Basileae 1670, 180 — 181), dem letz- 
teren und dem Villani folgt Marinus Sanutus jun., Vite de duchi di Venezia 
(Muratori, SS. XXII, 576). 

Villani, Histor. univ. (Muratori SS. XIII, 324) folgt den Gesta Flo- 
rentinorum und d. Chronicon de Bordone und wird selbst wieder ausge- 
schrieben von Benevenuto de Imola (Muratori, Antiquitt. [fol.] I, 1 1 1 1 — 1113; 
[4°] III, 439 — 444), Antonius Florentinus, Chronicon III C, tit. XX, cap. 
VI, § 9, fol. 77, Felix Fabri, Evagator. ed. Hassler (Stuttgarter Literar. 
Verein XLIII), II, 316 — 317 (wo nur die Notiz über den Tod des Do- 
minicaners Jordanus [1237] hinzugefügt ist; vgl. Chron min. in Mon.'Germ. 
SS. XXIV, 198, 212) und Henrico Giblet, Historie de' re' Lusignani, Bo- 
logna 1647, 182 — 201, der daneben auch den Bustron und Dandulus 
benutzt. 

Der Brief des Hospitalitermeisters Jean de Villiers an seinen Bruder 
Guillaume de V., Prior von St. Gilles in der Languedoc (ed. Leclerc in 
Hist. litt, de France XX, 93 — 94) ist die Grundlage für den Bericht: 
Anonymus de excidio Acconis (Martene, Ampi. Coli. V, 757 — 784) ge- 
worden, welcher in Hist. litt. XX, 79 — 92 sorgfältig, von Michaud, Hist. 
d. crois. ed. H. Breholles 1862, III, 496 — 502 kürzer ausgezogen (vgl. 
Ernoul 557 — 558) und von La Curne de Sainte Palaye im Eapport (von 
Paul Lecroix), Sur les manuscrits relatifs ä 1' histoire de France conservees 
dans les bibliotheques d' Italie, Paris 1 839 französisch übersetzt ist. Eine 
sorgfältige Ausgabe nach den Codd. : Rom, Eegina Christ. 737 (unvoll- 
ständig), Paris, Bibl. nation. fonds lat, 14.359, 14.379, fonds franc. 2825 
und Bibl. Mazarine 7 1 1 (letztere saec. XIV) wäre erwünscht. Dieses Ex- 
cidium ist ausgeschrieben vom Chronic. Zantfliet (Martene, Coli. V, 124 
bis 130). Thomas Walsingham I, 33 Annal. Merliolan. (Muratori, SS. XVI, 
682), Nicolaus Trivetus (ed. Hog 314—315, 317 — 319, 323; daraus 
Wilhelm Eishanger, Chron. mon. S. Albani ed. Eiley 1865, 116, 121, 122, 
130) und besonders Guillaume de Nangis (Bouquet XX, 572 — 574), dem 
d. Chroniques de St. Denys (Bouquet XX, 656 — 657), Girardus de Fracheto 
(Bouquet XXI, 9 — 11) und Aegidius de Eoya (Sweert, Eerum Belgic. 
Annales, Francofurti 1620, 43 — 44) folgen. 

Bernard Guidonis (Flores chronic, bei Bouquet XXI, 709) schreibt 
fast wörtlich den Franciscus Pipinus aus und wird ausgeschrieben vom 
Magnum chronic. Belgicum (Pistorius-Struve, Eerum German. SS. III, 295), 
Petrus de Dusburg, (Chron. T. Sanctae in SS. rerum Pruss. I, 205, 206, 
208, dem wieder die Annales exped. Pruss. ibid. III, 9 und Historia brevis 
magistrorum ibid. IV, 271 [daneben auch dem Nicol. v. Jeroschin] folgen), 
d. Contin. Vindobonensis (Mon. Germ. SS. IX, 757), Eberhardi archidiaconi 
Eatisponensis Annales (Mon. Germ. SS. XVII, 594), Theodericus de Niem 
(Vitae pontific. in Eccard, Corpus I, 1463), Jean der Preiz d' Oltremeuse 
(Ly mireur d. hist. ed. Borgnet, Bruxelles 1876. V, 479 — 480; letzterer 
folgt auch dem Guill. de Nangis). 



56 R ö h r i c ht. 

Die Gesta Florentinorum (Hartwig, Quellen II, 288, 290) ebenso d. 
Anonymus Florentinus (Baluze, Miscell. ed. Mansi IV, 105; er benutzt aber 
auch die Annales d. Ptolom. Luccensis) schreiben das Cbronicon des Paolini 
di Piero, Bartholomaeus Ferrariensis (Muratori, SS. XXIV, 701) das Chroni- 
con Estense, das Chronicon abbatum Parmensium (Mon. • historiae patr. 
Parmens. et Piacent, pertinentia, Parmae 1858, I, 336) kurz die Annales 
Parmens. maj. aus. Der Bericht des Antoninus Florentinus und Werner 
Kolewinck ist die Grundlage für d. Delucidario y demonstracion de la 
chronicas . . . . del sacro ordine del Monte Carmelo von Diego de Coria, 
Cordoba 1598, 469 a wie Guillelmus de Sandwich für Johannes Palaeonydor, 
Histor. Carmelitana, Magontini 1495, III, c. 10. 

Florius Blondus, Decades historiarum, Venetiis 1483, 330 — 331 lässt 
keinen bestimmten Bericht als leitenden erkennen, wird selbst aber vielfach 
wörtlich abgeschrieben, so von Sebastian Brandt (De origine et conver- 
satione, Basileae 1495, P 3 — PJ, Paulus Aemilius (De rebus gestis Fran- 
corum, Parisiis 1555, 304 — 306), Bonincontrius (Hist. Sicula in Lami, 
Deliciae erudit., Florentiae 1740, VIII, 59 — 64), Roncioni (Istorie Pisane 
im Archivio storico italiano, Firenze 1844, VI A, 650 — 651), Ubertus 
Folietus (Genuensium hist. in : Graevius, Thesaur. antiquitatis et histor. 
Italiae, Lugdani Batav. I, 396, 399 — 400), Hartmann Schedel (Lib. chronic. 
Norimbergae 1496, 147), Johannes Nauclerus (Chronic. Coloniae 1579,, 
975 — 976), Jacobus Wimpheling (Epitome in Schardius redivivus ed. 
Thomae, Gissae 1673, I, 186), Joachim de Watt (Chron. d. Aebte des 
Klosters St. Gallen, ed. Götzinger, St. Gallen 1875, I, 378—379). 

Die Annales Eberhard! Ratisponensis werden ausgeschrieben von der 
Contin. Weichardi de Polhaim (Mon. Germ. SS. IX, 813). Aus der Oesterr. 
Reimchronick fiiesst der Bericht des Thomas Ebendorfer v. Haselbach 
(Pez II, 778 — 781) und des Joh. von Victring (Böhmer, Fontes I, 327 
bis 329), aus Ludolf von Suchern die Chronica novella des Hermann Corner 
(Eccard. Corp. II, 946 — 947; das dort gegebene Quellencitat »secundum 
Egghardum * ist ein fingirtes ; vgl. Lappenberg im Archiv für ältere deutsche 
Geschichtswerke VI, 615 und Waitz 791 ff.) und die jüngere Hochmeister- 
chronik (SS. rerum Pruss. V, 102 — 109; daneben wird auch d. Livländ. 
Reimchronik benutzt), aus dem Chron. Sampetrin. die Düring. Chronik des 
Johannes Rothe (Thüring. Geschichtsq., Jena 1859, III, 469 — 47 1), aus 
den Annal. Waverleienses die Chronica des Matthaeus v. Westminster (Franco- 
furti 1601, 412). 

Der späteste aller Berichte: Johannes Herold, Continuatio belli sacri, 
Basileae 1549. 160 — 167 folgt den Annal. Januenses , Villani, Antonius 
Sabellicus und Aemilius Paulus, wird selbst wieder ausgeschrieben von 
Bosio, Dell'historia della Sacra religione et illustr. militia di S. Giovanni 
Gierosol., Roma 1621, 825 — 845 und Jauna, Hist. generale du ro'iaume 
de Chypre et de Jerusalem, Leide 1747, I, 704 — 726; letzterer kennt 
auch die Berichte des Marinus Sanutus, Amadi und Villani. Beide be- 
rufen (840 resp. 726) sich auf eine handschriftliche Quelle, welche durch 
Thomas Bosio, Bischof von Malta, nach Rom mitgebracht wurde, als der 
Ordensmeister Philippe de Villiers nach der Eroberung von Rhodus dorthin 
kam (ein Fragment der Histor. Hierosolym. des Melchior Bandini), ausser- 
dem die Schrift eines Ritters Foxan (Jauna: Toxan). Ehrle in: Historia 



Der Untergang des Königreichs Jerusalem. 57 

bibliothecae Roman, pontif. 1890 (in Bibl. della accad. storico giuridica VII) 
erwähnt 539, No. 1330 als in der Bibliothek Gregors XI zu Avignon 
befindlich: »Historia de perdicione Accon», über die wir leider sonst nichts 
wissen. 

Von den orientalischen Quellen ist neben Abulfeda, Novairi und 
dem Biographen des Sultans Kelawün der bei weitem wichtigste Bericht 
eines Augenzeugen, welcher in einer arabischen Handschrift zu München 
(v. Aumer, Die arab. Handschriften der königl. Hof- und Staats-Bibliothek 
in München, 1866 No. 406) erhalten, von Weil, Gesch. d. Chalifen IV, 
XI — XIV (vgl. 181 Note l) beschrieben und auch für seine Darstellung 
benutzt worden ist; er enthält eine ausserordentlich genaue Geschichte der 
Eroberung des christlichen Litorals, auch einen Brief des Sultans an den 
König von Armenien über den Fall Accons und über die Eroberung der 
armenischen Festung Hrongla am Euphrat 1293; über diese letztere han- 
deln auch 104 armenische Verse auf dem Reliquiarium, welches Promis 
in Mem. dell' Accad. di Torino 1884 XXXV, 125 bis 130 bespricht. 
Leider haben wir uns völlig vergeblich bemüht, eine Uebersetzung dieses 
Textes zu erlangen und müssen uns mit diesem Hinweise begnügen; wir 
wünschen nur dringend, das3 einmal ein tüchtiger Arabist die Arbeit 
übeimehmen möge, welche, nachdem das ganze sonst vorhandene Ma- 
terial nachgewiesen und verarbeitet ist, verhältnismässig geringe Schwie- 
rigkeiten machen, aber der Wissenschaft ausserordentlichen Nutzen brin- 
gen würde. 



2. Beilage. l ) 

Erat enim juvenis quidam nobilis progenie judiciis magnus et potens 
in civitatibus, qui Antiochie comitatum et principatum Tripoli gubernabat 

erat enim omnium istorum dominator. Habebat tarnen 

juvenis iste matrem suam quandam, que valde invidiosa erat; dolebat 
enim , quod amiserat comitatus et principatus nomen, quod filius suus 
et filii sui uxor plenarie obtinebant. Ipsa enim cum ista uxore filii sui 
predicti continui maligne et malivole vexabatur; fecit enim tarnen istius 

principis mater cum verbis et , quod princeps predictus ex 

uxore sua numquam potuit habere prolem. Cogitavit enim, quod filius 
suus princeps ex uxore filios non haberet neque uxorem diligeret, quod 
ipsa cum filio suo princeps esset principatus et tocius patrie gubernatrix. 
Accidit tarnen, quod ex voluntate Dei princeps iste istius domine filius 
de hoc seculo transmigravit, ita quod uxor sua desolata ad regionem, unde 
ipsa venerat, remeavit; erat enim ista domina principis uxor regis Fran- 
corum neptis. Remansit ergo vetula maledicta et obtinuit, quod volebat. 
Ipsa tarnen capta erat amore illicito de quodam homine pulcerimo, qui 

erat episcopus de Tortosa et ipsa oblita erat de morte 

principis antedicti. Volebat enim illum episcopum esse comitem et prin- 



') Der Text stammt aus dem Londoner Codex addit. 27.695 fol. 5 b , col. 
1—2, welcher mir durch die Güte des Herrn Dr. Charles Köhler aus dem Nach- 
lasse des Crafen Riant (Revue de 1' Orient latin 1893, T. 13) gütigst überlassen 
und durch Herrn Dr. Jeayes, Bibliothekar des Britischen Museums, nachcolla- 
tionirt wurde. 



58 Röhricht. 

cipem tocius terre predicti nati sui et ordinavit pro posse suo, quod tarn milites 
quam populäres jurarent et tenerent precepta episcopi antedicti, ac si esset 
princeps vel dominus tocius principatus. Fuerunt tarnen ex militibus 
externis, qui nullo modo episcopo predicto se subjicere voluerunt, con- 
tenti tarnen erant aliqualiter de principissa, et sie in terra illa orte fuerunt 
partes et discordia magna. Que soldanus sciens et audiens cum magno 

exercitu prineipatum invasit et cepit terram, interfecit , destruxit 

habitacula et ab illo tempore citra nullus illam terram postea habitavit. 
Fuit enim propter invidiam facta destruetio ista divino Dei emergente ju- 

dicio per nonnullos. Et sie se habuit veritas predictorum, 

quod hominum civitatis Tripoli, quando predieta civitas fuit capta ad- 

cisit , quod mare arruit delictando per totum usque in 

insulam civitatis taliter, quod Sarraceni cum toto ex forcis accesserunt 
super eam per terram et ipsam violenter ceperunt et oeeiderunt omnes 

homines et feminas induetos . . et ceteros induetos in dicte 

civitatis tarn mares quam mulieres plenarie evaserunt, et sie propter in- 
vidiam fuit principatus iste totaliter anullatus, sicut regna et multe alie 
civitates propter invidiam sunt destruete. Istud enim vicium contagiosum 
existit velud lepra quae infecit ad invicem conversantes, quare quod de 
prineipatu propter invidiam aeeidit, idem vel pejus aeeidit de civitate qua- 
dam vicina illius principatus, quae Achon civitas est vocata, propter idem 

scelus. Erat enim civitas illa in regione Surie regnum et 

illud, quod de ipsa propter invidiam aeeidit, verbis plenissime ennarrabo. 
(Davon ist im Folgenden aber keine Rede). 



Nachschrift. 

Die oben Seite 48 — 49 nur gestreiften Beziehungen Rudolfs von Habs- 
burg zu Gregor X. werden viel Licht empfangen durch die von Redlich 
in diesen Mitth. XIV., 653 ff. als demnächst erscheinend angezeigten Briefe 
und Acten stücke. 



Zur Vorgeschichte der Wahl Kudolfs von Habsburg. 

Von 

Harry Bresslau. 

Durch Urkunde vom 13. Oktober 1272 ertheilten die Capitane 
der Commune Genua drei Bürgern ihrer Stadt, dem Juristen Marchi- 
sinus de Cassino, dem Obertus Cigala und dem Johannes de Kovegno 
Vollmacht, bei der römischen Curie und unter deren Vermittlung 
mit dort befindlichen venetianischen Bevollmächtigten Friedensverhand- 
lungen zu führen *). Am 13. Jan. 1273 erhielten dieselben Gesandten 
eine zweite, ihre früheren Aufträge ergänzende Vollmacht 2 ). Am 
7. Februar 1273 erstatteten die Gesandten ihrer Stadtbehörde von 
Monte Fiascone aus einen eingehenden, uns im Original erhaltenen 
Bericht über ihre Verhandlungen mit den Venetianern 3 ). Diese hatten 
am 1. Februar in Orvieto, wo sich damals der Papst Gregor X. auf- 
hielt, begonnen, waren aber nicht zum Ziele gelaugt, so dass die 
Genuesen am 6. Februar Orvieto verliessen und sich nach Monte Fias- 
cone begaben. Von dort beabsichtigten sie an den Hof König Karls 
von Sicilien zu gehen , zunächst aber ein sicheres Geleit desselben 
abzuwarten ; sie erbaten sich gleichzeitig nach Rieti weitere Instruc- 
tionen aus ihrer Heimath. 

Der Abdruck des ganzen umfangreichen Berichtes, der ein Papier- 
heft von fünf in der Mitte gebrochenen Doppel - Blättern bis auf die 



') Genua. Archivio di stato. Materie politiche, mazzo 5. — Ich verdanke 
die Kenntnis der in diesem Aufsatz angeführten genuesischen Urkunden meinem 
jungen Freunde, Dr. 6. Caro. der dieselben abgeschrieben und, da er mit an- 
deren Studien beschäftigt ist, mir die Veröffentlichung des für die deutsche Ge- 
schichte wichtigen Theiles freundlichst überlassen hat. Ein .Stück des Berichtes 
ist schon benntzt. nach Excerpten Wüstenfelds, bei Caro, Die Verfassung Genuas 
zur Zeit des Podestats S. 148. -') Ebenda mazzo 6. s ) Ebenda mazzo 5. 



60 Bresslau. 

letzten drei Seiten füllt, ist an dieser Stelle nicht angebracht, obwohl 
er mancherlei interessantes enthält 1 ). Von allerhöchstem Interesse aber 
ist ein am Schluss des eigentlichen Berichtes hinzugefügter Abschnitt, 
in welchem die Gesandten allerhand politische Neuigkeiten, die sie an 
der Curie erfahren haben, in die Heimath melden. Ich lasse diesen 
Abschnitt hier folgen: 

„Dominus Oddoardus est Rome 2 ). Dominus rex Karolus venit 
cum eo usque ad locum qui dicitur Insula prope Ceparanam. Dominus 
cardinalis et d. Precivalis 3 ) frater eius fuerunt in colloquio cum rege 
Karulo apud Insulam 4 ), ut ürmiter scivimus. Ambaxatores Pisarum 
sunt in curia Romana pro factis excommunicationis eorum nee aliquid 
faciunt in curia, nisi pareant ecclesie de factis Sardinee. Ambaxatores 
ßononienses fuerunt diu in curia pro factis Venetorum et nichil 
fecerunt et recesserunt discordes a Venetis. Quidam amicus co- 
munis, qui est de maioribus curie post papam, dum interrogaremus 
eum certifficari de factis regis Boemie, dixit nobis: „Securiter rescri- 
batis capitaneis vestris, quod dominus papa et ecclesia Romana volunt, 
quod imperator eligatur et fiat, verumtamen non vult, quod Fredericus 
de Stuffa vel exeomunicatus aliquis sit imperator''. Unde intellegite, 
de quo sentit ecclesia. Nuncii regis Boemie recesserunt de curia ala- 
criter, inter quos est Iacobus de Roba de Cremona 5 ), qui nobis dixit, 
quod non displicebat ecclesie, quod rex Boemie per prineipes Alemanie 
eligeretur in regem Romanorum. Predictus thesaurarius regis 6 ) nobis 

') So eine Aeusserung des Papstes, als die Gesandten bei ihm über die 
Unzuverlässigkeit des Königs Karl Beschwerde führen : Ego fui in partibus Sarra- 
cenorum et bene scio quod Sarraceni melius servant promissa et paces quam 
christiani. Et si rex Karolus fecit alique inconveniencia comuni Ianue, dolemus 
inde et ei scribemus. 

2 J Eduard I. von England, der nach Pauli IV, 5 am 14. Febr. in Orvieto 
beim Papst eintraf. 

s ) So! — Gemeint sind der Cardinal Ottobuono Fieschi, später Hadrian V., 
und sein Bruder Percival, päpstlicher Caplan. 

4 ) Am 31. Jan. 1273 urkundet Karl zu Isola del Ponte Solerato nach Mi- 
nieri-Riccio, Arch. stör, italiano Ser. 3a, Bd. XXII, S. 6. 

5 ) Es fügt sich glücklich, dass wir diesen Mann anderweit nachweisen 
können. ,Jacobus Robba« wird im J. 1269 als »bandezatus communis Cremonae* 
erwähnt, Muratori SS. VII, 649. Wie Heinrich von Isernia hat also auch er nach 
seiner Verbannung aus der Heimath sein Glück in Böhmen gesucht und gefun- 
den. Dort eine Spur von ihm aufzufinden, ist mir leider bisher nicht gelungen. 
Auch Herrn Prof. Emier in Prag, den ich desshalb befragt habe, ist sein Name 
bisher nicht begegnet, wie derselbe mir mitzutheilen die Güte hatte. 

6 ) Nicolaus Bozello, Schatzmeister König Karls von Sicilien, dem die Ge- 
sandten am 6. Febr. zwischen Orvieto und Monte Fiascone begegnet waren. 



Zur Vorgeschichte der Wahl Rudolfs von Habsburg. 61 

dixit, quod tractabatur coratn d. rege et quasi erat firmatum, quod 
Iauuenses et res eorum arrestate in regno deberent relaxari. Illud iddem 
dixit nobis Petrus de Stella in curia Romana, verumtaruen de hoc 
aliud pro certo nescimus" *). 

Von welcher Bedeutung die hier mitgetheilten Nachrichten für 
die Vorgeschichte der Wahl Rudolfs von Habsburg sind, erhellt sofort: 
sie zuerst gewähren uns einen sicheren Anhaltspunkt für die Beant- 
wortung der Frage, welche Haltung König Ottokar von Böhmen in 
den kritischen Monaten, welche der Wahl vorangiengen, eingenom- 
men hat. 

Bekanntlich erzählt eine böhmische Quelle, die nicht eben sehr 
zuverlässig ist 2 ), im August 1272 habe sich der Erzbischof von Köln 
im Auftrage, wie man annehmen muss, der übrigen Kurfürsten und 
in Begleitung mehrerer Edlen nach Böhmen begeben, um Ottokar die 
deutsche Krone anzubieten, dieser aber habe, nachdem er mit seinen 
Grossen Raths gepflogen, das Anerbieten abgelehnt und auf seinem 
Widerstände auch beharrt, als der Antrag wiederholt erneuert worden 
sei. Nachdem in neuerer Zeit, nach dem Vorgang J. F. Böhmers, 
diese Nachricht, wenigstens insoweit sie das Anerbieten der Krone 
und ihre Ablehnung durch Ottokar berichtet, ziemlich allgemein als 
unglaubwürdig verworfen worden ist, ist zuletzt Theodor Lindner 3 }, 
wenn auch mit gewissem Vorbehalt , für dieselbe eingetreten. Er 
glaubt zwar nicht, dass Engelbert von seinen Mitwählern zu einem 
derartigen Schritte ermächtigt worden ist, aber er hält es keineswegs 
für unmöglich, dass der Erzbischof den Wegen gefolgt sei, die sein 
Vorgänger Konrad im Jahre 1254 betreten hatte. Und wie das An- 
erbieten, so hält er auch die Ablehnung desselben durch den Böhmen 
für glaubhaft. Die Gefahr des Verlustes, wenn Ottokar auf den An- 
trag einging, meint Lindner, sei grösser gewesen als die Aussicht auf 
Gewinn ; mit stolzer Ruhe habe der Böhme einem etwaigen Kampfe mit 
dem zu wählenden deutschen König entgegensehen können; so habe 
er einfach abgewartet, was die Zeit bringen würde. 

Nach der Entdeckung unseres genuesischen Berichtes wird diese 
Ansicht nicht aufrecht erhalten werden können : verhandelte der König 



4 ) Es folgt das Datum (die Mortis, VII. Febr. apud Montem Fiasconum) 
und eine Nachschrift, die sich auf die Ankunft eines nach Siegelung des Briefes 
eingetroffenen Boten aus Genua bezieht mit Briefen an den Papst und den Vice- 
kanzler; in Folge dessen haben die Gesandten, beschlossen am folgenden Tage 
an die Curie zurückzukehren. 

2 ) Ann. Otak. SS. IX, 189, irrig zu 1271. 

8 ) Deutsche Geschichte unter den Habsburgern und Luxemburgern I, 18. 



ß2 B r e s 8 1 a u. 

im Anfang des Jahres 1273 mit der Curie über seine Wahl, so kann 
er selbstverständlich nicht im Sommer 1272 ein Anerbieten abgelehnt 
haben, das, wenn es überhaupt gestellt worden wäre, ihm vielmehr 
im höchsten Masse für seine Pläne hätte willkommen sein müssen. 
Und wenn es bisher befremdete, dass man vom August 1272 an, da 
Ottokar wissen musste, dass man im Reich eine Neuwahl plane, 
durchaus nichts mehr von seinen Bestrebungen auf dieselbe ein- 
zuwirken hörte x ), so ist diese befremdliche Lücke in unserem Wissen 
jetzt aufs erwünschteste ausgefüllt. Ja, wir dürfen sogar noch einen 
Schritt weiter gehen; Ottokar hat sich nicht darauf beschränkt am 
päpstlichen Hof Verhandlungen anzuknüpfen, die auf seine Wahl zum 
deutschen König abzielten; er ist fast um dieselbe Zeit auch mit dem 
Herrscher in diplomatische Beziehungen getreten, dessen günstige oder un- 
günstige Gesinnung für das Gelingen seiner Pläne, namentlich insoweit 
dabei die Curie in Betracht kam, von grösster Bedeutung sein musste. 
Am 26. März 1273 befiehlt Karl von Anjou 2 ) vom Lager bei 
Monteforte aus seinen Unterthanen, den an ihn abgesandten Fridericus 
Spigri 3 ) ,,nuncius illustris regis Boemie" auf dem Wege zu und auf der 
Rückkehr von seinem Hoflager frei im Reiche verkehren zu lassen. 
Es wird wohl nicht bezweifelt werden können, dass diese Gesandtschaft 
aji den König von Sicilien und diejenige, welche im Februar vom 
päpstlichen Hofe zurückkehrte, im Zusammenhang stehen; wenn es auch 
schwerlich dieselben Boten sind, von denen wir im Februar am päpst- 
lichen Hoflager und im März bei Karl von Anjou hören 4 ). Eher wäre 



') Vgl. die Bemerkungen Redlichs, Mittheil, des Instituts f. österr. Ge- 
schichtsforschung X. 344. 

2 ) Minieri-Riccio, Saggio di cod. diplomatico (Napoli 1878) I, 103 n. 116; 
vgl. Arch. storico Italiano Serie 3 a , Bd. XXII, S. 12. 

3 ) Auch über Fridericus Spigri habe weder ich selbst etwas weiteres er- 
mitteln können, noch kennt Herr Prof. Emier denselben. 

•») Dass das eine Mal Jacobus de Roba, das andere Mal Fridericus Spigri 
o-enannt wird, würde der Annahme, dass es sich um dieselbe Gesandtschaft handle, 
nicht im Wege stehen. War Fridericus Spigri das Haupt der Gesandtschaft, wie 
man nach dem Erlass vom 26. März annehmen muss. so könnte der Cremonese 
sein Begleiter gewesen und aus irgend welchen Gründen nicht mit an den Hof 
Karl* gegangen sein. Aber die Zeitverhältnisse stehen einer solchen Annahme im 
Weo-e. Boten, die vor dem 7. Febr. die Curie verliessen um sich zu Karl zu be- 
geben, würden aller Wahrscheinlichkeit nach vor dem 26. März bei diesem ein- 
getroffen sein. Allerdings könnte man vermuthen, dass der Erlass vom 26. März 
sich auf die Rückreise des Gesandten vom Hofe bezöge, wie der verwandte für die 
böhmischen Gesandten von 1276, Minieri-Riccio, Cod. dipl. I, 1J7 n. 139; aber in 
dem unsrigen heisst es : nos F. Sp. nuncio ill. regis Boemie veniendi, morandi et re- 
deundi directe ad nostram presentiam una cum Raynono de Santorono familiari 



Zur Vorgeschichte der Wahl Rudolfs von Habshurg. ß3 

allenfalls denkbar, dass nach der Kückkehr der Boten, die an die Curie 
gesandt waren, Ottokar den Fridericus Spigri zu Karl geschickt hätte, 
aber wahrscheinlich ist auch dies nicht; selbst wenn wir annehmen, 
dass die ersteren bereits einige Tage vor Absendung des Berichts der 
Genuesen den päpstlichen Hof verlassen hätten, was der Wortlaut des 
Berichts nicht ausschliesst, würde eine solche Combination kaum noch 
möglich sein. Doch wie dem auch sein mag: das wird man jeden- 
falls annehmen dürfen, dass Ottokar im Interesse derselben politischen 
Pläne, die ihn veranlassten sich über die Stellung der Curie zu seiner 
Königswahl zu vergewissern, auch mit dem Herrscher von Neapel in 
diplomatische Beziehungen getreten ist. 

Welchen Erfolg hat nun diese Action Ottokars im Anfang des 
Jahres 1273 gehabt? 

Dass man in Italien von der Bewerbung Ottokars um die Krone 
auch in weiteren Kreisen unterrichtet war, darf aus unserem genuesi- 
schen Bericht mit grosser Bestimmtheit gefolgert werden. Bezeichnend 
dafür sind die Frage der Gesandten und die Antwort, welche sie er- 
halten. Die Genuesen wenden sich an einen der einflussreichsten 
Männer bei der Curie, dessen Namen sie leider verschweigen, und 
bitten „über die Angelegenheiten des, Königs von Böhmen unterrichtet 
zu werden 1 '. Darauf wird ihnen geantwortet : „Ihr könnt Euren Ca- 
pitanen melden, dass der Herr Papst und die römische Kirche wollen, 
dass ein Kaiser gewählt werde *) ; aber er will nicht, dass Friedrich 
von Staufen (nur der Wettiner Friedrich der Freidige, der Enkel 
Friedrichs IL, der Sohn von dessen Tochter Margaretha aus ihrer Ehe 
mit Landgraf Albrecht dem Entarteten, kann hier gemeint sein 2 ) oder 
irgend ein Gebannter Kaiser werde". Man sieht, die Gesandten denken 



nostro latore presentiurn liberam concedimus facultatem. Also ist hier doch zu- 
nächst die Reise der Gesandten an den Hof ins Auge gefasst. 

l ) »Securiter rescribatis capitaneis vestris, quod dominus papa et ecclesia 
Romana volunt, quod imperator eligatur et fiat '. Man könnte zunächst geneigt 
sein zu übersetzen : Papst und Kirche wollen, dass er, nämlich der im vorigen 
Satz genannte Böhmenkönig, nach dessen Angelegenheiten sich die Gesandten 
erkundigen, gewählt werde. Aber, abgesehen von sachlichen Erwägungen, wäre 
dann der Nachsatz, ,er will nicht, dass Friedrich von Staufen oder ein Gebannter 
zum Kaiser gewählt werde 1 überflüssig; und gewiss könnte er nicht durch die 
starke Adversativpartikel »verumtamen* mit dem Vordersatz verbunden sein. 

-) Und so erhalten die letzten Ausführungen H. Grauerts im Hist. Jahrb. 
XIII, 110 ff. 200 ff., denen zufolge der Wettiner Friedrich als Candidat der stau- 
fischen Partei auch für die Kaiserwürde vielfach betrachtet wurde, durch unseren 
Gesandtschaftsbericht eine überraschende Bestätigung. 



(34 ß r e s s 1 a u. 

bei ihrer Frage an Ottokars Aussichten auf die deutsche Königswahl ; 
aber der Kardinal oder wer sonst ihr Gewährsmann war, umgeht eine 
bestimmte Antwort und gibt ihnen einen ausweichenden Bescheid, aus 
dem zu erkennen „de quo sentit ecclesia", ihren heimischen Behörden 
doch nicht so ganz leicht werden mochte. 

Etwas bestimmter drücken sich die Boten Ottokars aus, mit denen, 
ehe sie von der Curie zurückkehren, unsere Genuesen noch zusammen- 
treffen. „Fröhlich" reisen sie vom päpstlichen Hofe ab, und einer von 
ihnen berichtet seinen italienischen Landsleuten, es missfalle der Kirche 
mcht, dass Ottokar von den deutschen Fürsten zum römischen König 
gewählt werde. „Es missfalle der Kirche nicht" ; sollte hier die Form 
der Litotes gewählt sein, um ein starkes Interesse des Papstes an der 
Wahl des Böhmen auszudrücken? oder waren die Gesandten schon „fröh- 
lich", wenn der Papst derselben nur nicht widerstrebte? Man möchte 
geneigt sein, das letztere anzunehmen, wenn man diese Worte mit den- 
jenigen zusammenhält, welche die Genuesen von dem angesehenen 
Curialen hörteu, den sie befragt hatten : die Meinung des Papstes wäre 
dann dahin gegangen, dass er ohne Rücksicht auf die noch bestehenden 
castilischen Ansprüche eine Königswahl wollte, dass er zwar Ottokar 
als einen ihm genehmen Candidaten bezeichnet hätte, dass er aber im 
übrigen den Kurfürsten freie Hand bei der Wahl zu lassen entschlossen 
war, sofern dieselbe nicht auf den Sprössling aus dem verhassten 
Staufengeschlecht oder einen offenen Feind der Kirche fiel. 

Im Zusammenhang dieser Erwägungen dürften nun aber auch 
zwei schon oft besprochene Briefe aus der Formularsammlung des 
Heinrich von Isernia l ) erhöhte Beachtung erfordern, in denen ein 
Cardinal Simon 2 ) sjch bei Ottokar und bei einem Bischof, wahrschein- 
lich Bruno von Olmütz, für die Ernennung eben jenes Heinrich zum 
böhmischen Notar verwendet. „Wir hoffen, ja wir erwarten mit heissen 
Wünschen, dass Ihr zum Glanz kaiserlicher Hoheit gelangen möget", 
heisst es in dem einen; „wenn Ottokar zum Gipfel kaiserlicher Würde 



') Dolliner. Cod. epistolaris Primislai Ottocari II. S. 10. 12 ; Emier, Reg- 
Bohem. et Morav. II, 349 n. 848; 1140 n. 2612. 

2 ) Dass so der Fürbitter heisst. hat Dolliner aus einem anderen Brief (bei 
ihm S. 13; Emier IL 1147 n. 2623) mit Recht geschlossen und schon bemerkt- 
dass damals zwei Cardinal e dieses Namens existiren, der vom Titel der h. Caecilia, 
der spätere Papst Martin IV., und der vom Titel des h. Martin. Grauert, Hist. 
Jahrb. XIII, 202 und Andere vor ihm haben bei unseren Briefen nur an den 
ersteren gedacht; aber es ist keineswegs selbstverständlich, dass gerade er, der 
als einer der Führer der französisch-angiovinischen Partei an der Curie bekannt 
ist, der Gönner des Ghibellinen Heinrich von Isernia gewesen sei. 



Zur Vorgeschichte der Wahl Rudolfs von Habsburg. 65 

erhoben werden wird, was wir glauben und wünschen", heisst es in 
dem anderen. 

Beide Briefe gehören in das Jahr 1273; bisher hat man sie, einer 
Berechnung Dolliners folgend, in den September dieses Jahres gesetzt; 
doch ist diese Ansicht nicht sicher begründet *), und unser genuesischer 
Bericht kann um so mehr den Gedanken nahe legen, dass sie in eine 
etwas frühere Zeit gehören. Sind sie echt, so würden sie ein Zeichen 
dafür sein, dass auch innerhalb des Cardinalkollegiums die Hoffnungen 
getheilt worden sind, mit denen die böhmischen Gesandten die Curie 
verlassen hatten, und von denen unsere genuesischen Machtboten ihrer 
Heimathsbehörde Kunde gaben. Ob sie aber echt sind, erscheint mir 
keineswegs so sicher, wie man bisher immer angenommen hat. Zwar 
bezweifle auch ich die Thatsache nicht, dass ein Cardinal Simon Hein- 
rich von Isernia nach Böhmen hin empfohlen hat ; aber es fragt sich, 
ob dies durch uusere Briefe geschehen ist, oder ob vielmehr diese, der 
Thatsache entsprechend, erfunden worden sind. Durch eine stilistische 
Untersuchung, deren Verlauf ich hier nicht wiederhole, die aber jeder- 
mann leicht nachprüfen kann, habe ich die feste Ueberzeugung ge- 
wonnen, dass beide Schriftstücke von Heinrich von Isernia selbst ver- 
fässt sind. Ist dies richtig, und ich halte es für ganz sicher, so 
müssen sie entweder als blosse Musterdictamina angesehen werden, die 
Heinrich bei Anlage seines Formularbuches unter Anlehnung an wirk- 
lich geschehene Dinge frei componirt hat, oder sie stellen von ihm 
entworfene Concepte dar, welche er dem Cardinal vorgelegt hat, und 
welche dann von diesem wirklich ausgefertigt uud abgesandt sein 
können. In ersterem Falle würden die Briefe nicht für die Stimmung 
bei der Curie, sondern nur dafür Zeugnis ablegen, dass Heinrich von 
Isernia, der Notar Ottokars, an gute Aussichten seines Herrn bei der 
Bewerbung um die deutsche Krone geglaubt hat, was sich auch sonst 
erweisen lässt 2 ). Ich verzichte darauf an dieser Stelle auf die Frage, 
welche dieser beiden Alternativen anzunehmen ist, näher einzugehen, 



*) Die Beweisführung Dolliners rechnet noch nicht mit den uns jetzt be- 
kannten Thatsachen, 1. dass der Papst erst zwischen dem 21. und 2b". Sept. Bo- 
logna passirt hat (vgl. Kaltenbrunner, Mittheil, aus d. Vatikan. Archiv I, S. 45.47) 
und 2. dass Heinrich schon am 3. October als Notar Ottokars in dessen Lager 
vor Oedenburg nachweisbar ist (Emier, Reg. Bohemiae II, 339 n. 837 ; vgl. Ab- 
handlungen der böhm. Gesellschaft der Wissenschaften 6. Folge IX, S. 27. 3.6.) 

2 ) Vgl. in seinem Aufsatz bei Emier Reg. II, 1136 n. 2605 die Worte : ,in quo 
neinpe non falleris, rex regum eximie, qui habenas Boemie moderaris, quem 
rolum imperii solium prestolatur et fortüna cesarea suis desiderat fascibus deco- 
sare«. Vgl. dazu auch die Stücke Emier H, 1148 n. 2625. 2626. 

Mittheilungen XV. 5 



6ß B r e s 8 1 a u. 

indem ich mich begnüge, darauf aufmerksam zu machen, dass die sehr 
wichtigen Formularbücher, die unter dem Namen des Heinrich von 
Isernia und des Heiuricus Italicus gehen l ), dringend einer genaueren 
Untersuchung auf ihre Entstehung und Glaubwürdigkeit hin bedürfen, 
einer Untersuchung, welche sich auf den ganzen Inhalt derselben und 
auf alle Handschriften, namentlich auch auf die neuerdings von Ulanowski 
aufgefundene der Krakauer Universitätsbibliothek beziehen muss. Die 
isolirte Behandlung einzelner Stücke daraus, wie sie mehrfach versucht 
worden ist, wird nur in besonders günstig gelegenen Fällen zu sicheren 
Ergebnissen führen können. 

Bei solcher Untersuchung wird sich dann vielleicht auch über ein 
anderes Stück aus der Formularsammlung des Iserniers ein festeres 
Urtheil gewinnen lassen, das mit den hier besprochenen Verhand- 
lungen Ottokars mit Gregor X. und Karl von Anjou gleichfalls zu- 
sammenhängen könnte. Es gibt sich als einen aus Bologna nach 
Böhmen erstatteten Bericht über Vorgänge an der römischen Curie, 
der etwa in den Sommer 1273 gehören kann -). Der Berichterstatter 
(Heinrich selbst) meldet, dass Karl von Anjou ,,eleccionem de impera- 
tore prece viribus pretio" zu verhindern suche. Dann fährt er fort: 
„cuius (Karoli) nuper filio nata domini regis Boemie suadente papa 
tradi debet uxorios in amplexus, matrimonio, quod cum filio lantgravii 
contraxerat, in irritum auctoritate apostolica revocato". Dass eine 
Verbindung zwischen einer Tochter Ottokars und dem Sohn des Land- 
grafen Albrecht von Thüringen, Friedrich dem Freidigen, verabredet ge- 
wesen sein muss, ist sicher 3 ), und so könnte man vermuthen, dass auch 



1 ) Vgl. darüber Emier, Abhandl. der böhm. Gesellschaft der Wissenschaften 
a. a. 0. S. 54 ff.; Ulanowski, Mittheil, des Instituts VI, 421 ff.; Zeitschr. f. 
Gesch. und Alterth. Schlesiens XVI, 251 f. XXI, 394 ff. Die in dem letzteren 
Aufsatz erwähnte polnisch geschriebene Publication Ulanowskis ist mir nicht 
zugänglich gewesen, ebensowenig die czechisch geschriebenen Untersuchungen 
Tadras über böhmische Formularbücher (vgl. Mittheil. XIV, 515), von denen ich 
nicht weiss, ob sie sich auch auf die oben erwähnten Schriften beziehen. 

2) Dolliner S. 11; Emier, Reg. II, 1139 n. 2609. 

3 ) Vgl. zuletzt Grauert im Hist, Jahrb. XIII, 119. 122. Da Friedrich 1269 
den Böhmenkönig seinen Schwiegervater nennt, muss die Verbindung damals be- 
reits bestanden haben. Mit ihr hat Wegele, Friedrich der Freidige S. 64 N. 2 
eine in dem Formularbuch des Heinricus Italicus überlieferte Urkunde in Be- 
ziehung gesetzt (Voigt, Archiv f. Kunde österr. Geschichtsquellen XXIX, 167 
n. 181), welche sich als ein Ehevertrag Ottokars für seine Tochter und eines 
Landgrafen von Thüringen für seinen Sohn H. darstellt. Wegele hat mit un- 
zweifelhaftem Recht — ea lassen sich noch andere durchschlagende Gründe da- 
für anführen — die Meinung Voigts zurückgewiesen, dass hier Ottokar I. gemeint 
sei, dessen Tochter Agnes die zweite Gemahlin Heinrich des Erlauchten war. Aber 



Zur Vorgeschichte der Wahl Rudolfs von Habsburg. 67 

das, was hier über eine Lösung dieser Verbindung durch den Papst 
und über eine von ihm geplante Ehe zwischen Ottokars Tochter und 
Karls Sohn gesagt wird, nicht ganz aus der Luft gegriffen sei. Gerade 
nach dem, was wir oben über die Verhandlungen Ottokars mit Gregor 
und Karl ausgeführt haben, ist es an sich nicht unwahrscheinlich, 
dass man am päpstlichen Hofe in einem gegebenen Moment auf den 
— bekauntlich nicht ausgeführten — Plan gekommen ist, zwischen den 
Königen von Böhmen und Sicilien, deren Stellung zu der deutschen 
Wahlfrage eine so verschiedene war, durch eine dynastische Ver- 
bindung einen Ausgleich herbeizuführen. 

Ich beschränke mich darauf, diese Erwägungen, die sich an un- 
seren Bericht knüpfen lassen, zu weiterer Prüfung und Erörterung 
denen vorzulegen, welche sich näher mit der Geschichte jener Zeit 
beschäftigen. Ganz abgesehen davon aber bleibt das bestehen, 
dass uns durch jenen Bericht eine wichtige Aufklärung sicher und end- 
giltig gegeben worden ist : dass Ottokar die deutsche Königskrone nicht 
verschmäht, sondern zu Aufang des Jahres 1278 eifrig danach ge- 
strebt hat, steht fortan ausser Zweifel, und schon durch diese Auf- 
klärung ist uns von einer Stelle, wo man nicht danach suchen 
konnte, ein wichtiger Beitrag zur Vorgeschichte der Wahl Kudolfs 
von Habsburg gekommen. 



auch auf Ottokar II. passt dieses Stück nicht. Denn 1269 war dessen älteste 
Tochter Kunigunde (geb. 1265) vier Jahre alt; in unserer Urkunde aber lässt man 
Ottokar sagen, dass das heiratsfähige Alter seiner Tochter seinem Vaterherzen 
bereits schlaflose Sorgen bereitet habe, bis, nachdem er alle Lande wegen eines 
würdigen Gatten für sie durchforscht habe, seine Wahl auf den Sohn des Land- 
grafen von Thüringen gefallen sei (dum nubilis etas . . filie nostre sollicitudinis 
paterne stimulo insompnes urgeret pectoris nostris curas, et omnes provincias dig- 
num, quem suis iugaremus thalamis, exquirens curiosius percurreret, in filio 
tandem . . domini Thuringeusis lancravii residens conquievit). Uebrigens steht 
der erste Theil desselben Stückes auch in der Kolmarer Hs. (Cod. dipl. Moraviae 
VII, 979), nur wird hier statt des Landgrafen von Thüringen der Herzog Albrecht 
von Braunschweig genannt, und diesen Namen bietet wiederum in der Königs- 
berger Hs. ein ganz anders lautender Heirathsvertrag (Voigt a. a. o. S. 167 
n. 182 ; noch andere Fassung bei Palacky, Formelbücher S. 302). Ohne die oben 
S. 66 erforderte Gesammtuntersuchung lässt sich auch über diese Stücke ein end- 
giltiges Urtheil nicht gewinnen. 



5* 



Die Entstehung der pfälzisch -österreichischen 
Convention vom 3. Januar 1778. 

Von 

Adolf Unzer. 

Das Herzogtum Bayern, das Flussgebiet des Inns und der Isar 
bis zum Lech hin zu erwerben war lange das Ziel österreichischer 
Staatskunst. 

Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts eröffnete sich dem 
Wiener Hof eine neue Aussicht dies Ziel zu erreichen. Der Kurfürst 
von Bayern Maximilian Joseph war kinderlos; auch sein Oheim, Herzog 
Clemens (f 1770) hatte keine erbberechtigten Nachkommen. Mit ihm 
erlosch die bayerische oder wilhelminische Linie des Hauses Witteisbach ; 
als der natürliche Erbe galt Karl Theodor, Herzog von Sulzbach, 
seit 1742 Kurfürst von der Pfalz und Chef der pfälzischen oder 
rudolphinischen Linie. 

Frühzeitig hatte der österreichische Staatskanzler Fürst Kaunitz 
seinen Blick der bayerischen Successionsfrage zugewandt; im zehnten 
Band der Geschichte Maria Theresias hat Arneth, die Mitteilungen Beers 
in Sybels historischer Zeitschrift *) ergänzend, die frühesten Phasen 
dieser wichtigen Staatsaction mitgeteilt. 

Im Dezember 1772 fanden in Wien geheime Beratungen über die 
bei Maximilian Josephs Tod zu ergreifenden Massregeln statt, an denen 
der österreichische Directorialgesandte bei dem Reichstag zu Kegensburg, 
Freiherr von Borie, der Reichsvizekanzler Fürst Colloredo, der Geheime 
Referendarius in der Beichskanzlei Freiherr von Leykam und als Ver- 
treter der Staatskanzlei der Freiherr von Binder theilnahmen ; der 
Kaiser selbst hatte auf eine Anregung Bories hin die Beratungen an- 



') Bd. 35 S. 88 ff. 



Die Entstehung der pfälzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. 69 

geordnet. Es wurde beschlossen, dass bei dem Ableben des bayerischen 
Kurfürsten sofort die Besitzergreifung von Ober- und Niederbayern, 
sowie der Landgrafschaft Leuchtenberg als erledigter Reichslehen im 
Namen von Kaiser und Eeich erfolgen solle ; Borie am Reichstag, Graf 
Hartig in München erhielten die nötigen Vollmachten und Anweisungen. 

Nur ungern hatte Kaunitz diesen Beschlüssen von unberechen- 
barer Tragweite zugestimmt; weit lieber wäre es ihm gewesen, wenn 
man die Angelegenheit noch in dem bisherigen Ruhezustand belassen 
hätte. Es war nicht anzunehmen, dass von anderer Seite jetzt schon 
diese offenbar noch lange nicht spruchreife Frage ernsthaft angeregt 
werde; der König von Preussen hatte sie zwar im September 1772 
dem auf Urlaub gehenden kaiserlichen Gesandten gegenüber berührt, 
als aber van Swieten im Februar 1773 mit eingehenden Weisungen 
versehen nach Berlin zurückkehrte, schien Friedrich sie bald wieder 
aus den Augen zu verlieren; näher liegende Verhältnisse nahmen seine 
Aufmerksamkeit in Anspruch. Die von Kaunitz dringend anempfohlene 
Geheimhaltung und Vorsicht bei Ausführung der gefassten Conferenz- 
beschlüsse wurde indes gewissenhaft beobachtet. Der Wiener Hof ver^ 
mied es sorgfältig, die bayerische Erbfolge zu erwähnen; es kam ihm 
besonders darauf an, den Verdacht zu beseitigen, als ob die von 
preussischer Seite ihm zugeschriebene Vergrösserungsbegierde wirklich 
vorhanden sei. 

Weniger vorsichtig in der Geltendmachung von Ansprüchen auf 
Teile der einstigen Verlassenschaft Maximilian Josephs war Kursachsen. 
Die verwitwete Kurfürstin Maria Antonia von Sachsen, die Mutter des 
seit Dezember 1763 regierenden Kurfürsten Friedrich August III, war 
eine Schwester Maximilian Josephs; sie und die zweite Schwester, die 
Markgräfin von Baden, konnten berechtigte Ansprüche auf das bayerische 
Allodium erheben. Schon frühzeitig wurde zwischen Dresden und Mann- 
heim darüber verhandelt; im November 1774 überreichte der sächsische 
Gesandte am Hofe Karl Theodors, Graf Riaucour, eine Denkschrift; 
doch, wie es scheint, erst seit Anfang 1776 wurde diese Angelegenheit 
etwas lebhafter betrieben, ohne dass sie indes auch nur einen Schritt 
vorwärts kam, da man in Mannheim hoffte, durch ein Uebereinkommen 
mit Oesterreich die sächsischen Ansprüche gänzlich beseitigen oder 
doch stark einschränken zu könnnen. Nur insofern trat eine Aende- 
rung ein, als die Kurfürstin- Mutter am 1. Mai 1776 in Zweibrücken 
eine Cessionsacte l ) unterzeichnete, worin sie ihre Ansprüche auf die 
bayerische Allodialerbschaft an ihren Sohn, den regierenden Kurfürsten 



Datirt vom 20. April. 



70 



U n z e r. 



abtrat. Die von den pfälzischen Staatsmännern wiederholt als Vorwand 
zur Verzögerung der Unterhandlungen benützte angebliche Meinungs- 
verschiedenheit zwischen Mutter und Sohn über die Lösung der Allo- 
dialfrage konnte nun nicht mehr ins Treffen geführt werden. Als un- 
mittelbar danach, am 7. Mai 1776, die Markgräfin von Baden in 
München starb, war Maria Antonia bezw. ihr Sohn der einzige Allo- 
dialerbe. — Der Grund, weshalb Sachsen die Verhandlungen lebhafter 
in Angriff nahm, erhellt aus der Correspondenz des Grafen Riaucour 
mit dem Minister Grafen Sacken in Dresden. Man hatte vernommen, 
dass von pfälzischer Seite eine Vereinbarung mit dem Wiener Hof 
gesucht werde, dass der pfälzische Minister der Auswärtigen Angelegen- 
heiten, der hochbetagte Freiherr von Beckers die Hauptrolle dabei 
spiele; es hiess sogar, er habe es auf sich genommen, sich öffentlich 
desavouiren zu lassen, wenn die Verhandlungen bekannt würden. Doch 
erfuhr man wieder nicht lange danach durch einen Bericht des kur- 
pfälzischen Gesandten in Wien, Freiherrn von Eitter, vom 26. Sep- 
tember 1775, den Riaucour sich zu verschaffen wusste, dass wenigstens 
zu jener Zeit die beiden Höfe von einer Verständigung sehr weit ent- 
fernt gewesen waren ; ja, Ritter hatte sogar die Besorgnis ausgesprochen, 
dass Oesterreich mit anderen Staaten entweder bereits einig sei oder 
nahe vor einer Verständigung stehe über die Teilung der bayerischen 
Erbschaft. — Ritter hat hier offenbar eine Gefahr zu sehen geglaubt, 
die in Wirklichkeit nicht vorhanden war; wenn er aber berichtet: 
„Kaunitz und Colloredo erschöpfen die ohndurchdringlichste politique; 
Wörter und Sylben werden gleichsam abgewogen und über die ohn- 
zähligemal angegebenen und stathaft bestrittene Hindernisse immer 
neue Verzögerungen erfunden," — so entspricht dies Verhalten voll- 
kommen dem System, das Kaunitz anempfohlen hatte, nämlich grösste 
Zurückhaltung zu bewahren. 

Da ich im Bayerischen Geheimen Staats-Archiv zu München Berichte 
Ritters aus der Zeit vor Dezember 1777 nicht gefunden habe, möge 
es mir gestattet sein, an dieser Stelle einige Angaben über den Inhalt 
der anderen von Riaucour erlangten und nach Dresden gesandten 
Depeschen Ritters zu machen. 

Mit unsäglicher Mühe war es danach Anfang October 1775 dem 
kurpfälzischen Gesandten gelungen, durch Vermittlung des Freiherrn 
von Hochstetten, eines Beamten der Geheimen Staatskanzlei, eine lange 
Liste zu erhalten mit einem Verzeichnis aller derjenigen Ortschaften, 
die in Folge eines angeblich zwischen Oesterreich und Preussen ge- 
schlossenen Vertrags an den Wiener Hof fallen sollten. Nach dieser 
Aufzählung wäre allerdings von der Oberpfalz und Niederbayern nur 



Die Entstehung der pfälzisch-östevv. Convention v. 3. Jan. 1778. 71 

wenig, von Oberbayern nicht viel der österreichischen Begehrlichkeit 
vorenthalten geblieben. Es scheint indes, dass Kitter mit dieser Liste 
von dem Sekretär des Fürsten Kaunitz, der sie ihm überbrachte, ge- 
täuscht worden ist; vielleicht enthielt sie nur das Verzeichnis aller 
derjenigen Ortschaften, auf die der Wiener Hof aus irgend einem 
Grunde einen Anspruch erheben zu können glaubte. Sacken wenig- 
stens meinte, als ihm Eiaucour die Liste einschickte, sie sähe aus wie 
der Index eines Werkes, in dem die österreichischen und die kaiser- 
lichen Ansprüche erst begründet werdeu sollten; vielleicht gehöre sie 
zu der vom Kaiser angeordneten Ausarbeitung einer umfassenden Denk- 
schrift über die aus der bayrischen Hinterlassenschaft zu erwerbenden 
Gebiete. 

Von einer kritischen Beurteilung des ihm zugestellten Verzeich- 
nisses war aber Kitt er weit entfernt. Er klagt entsetzt über die 
wienerische Verstellungskunst, über die Ungeheuerlichkeit der öster- 
reichischen Entwürfe, die über die schlimmsten bisherigen Vermutungen 
noch weit hinausgingen. Alle seither gepflogenen Unterhandlungen 
seien also nichts als Blendwerk gewesen; aber auch jeden weiteren 
Schritt sieht er als nutzlos und verloren an, solange Kaunitz und 
Colloredo am Ruder sind und das Uebergewicht über die Gegenpartei 
behaupten ; nur von der Zukunft oder dem Spiele des Zufalls lasse sich 
eine Aenderung der Sachlage erhoffen. — Gerade diese Stimmung aber 
wird es wohl gewesen sein, die Kaunitz mit der Mitteilung jener Liste 
an Ritter herbeizuführen beabsichtigte: er wollte Ruhe haben vor den 
Anwürfen der ruhelosen Politik des Freiherrn von Beckers. Ein weiterer, 
als geheim bezeichneter Bericht Ritters an Beckers vom 27. Februar 1776 
lässt vermuten, dass der Minister in Mannheim die übermittelten Allarm- 
nachrichten mit kritischerem Auge betrachtete als der Gesandte, dass 
er bessere, zuverlässigere Mitteilungen verlangte ; aber vergeblich setzte 
Ritter alle seine Vertrauensmänner in Bewegung: nichts erfuhr er als 
„ zweideutige, elende und längst bekannte Sachen". Dagegen ver- 
sicherte ihm Hochstetten, auf dessen Angaben er sich verlassen zu 
dürfen glaubte, von Neuem, die ganze bayerische Erbschaft sei schon 
im vorigen Jahre zwischen dem kaiserlichen und dem preussischen Hof 
durch einen Partagetractat völlig geordnet worden. 

Wie schon angedeutet, glaubte Riaucour das, was er von einem Öster- 
reich! sch-preussischen Einverständnis in der bayerischen Angelegenheit 
vernahm ; er behauptete sogar, dass dabei Sachsen die Grafschaft Cham 
und eine hübsche Geldsumme zugewiesen sei. Aber gleichzeitig kam 
ihm doch auch wieder mancherlei zu Ohren, was damit nicht überein- 
stimmte: er hörte, Beckers habe dem Wiener Hof den jenseits des 



72 Unze r. 

Inns zwischen dem Erzherzogtum Oesterreieh und dem Erzbistum 
Salzburg gelegenen Teil von Bayern angeboten und erwarte die Ant- 
wort darauf. Dem König von Preussen sollten Jülich-Berg zufallen 
gegen Abtretung der Markgrafschaften Ansbach und Baireuth an Kur- 
bayern. Eine gewisse Bestätigung dieser ihm von dem Obersthofmeister 
der Kurfürstin von der Pfalz, dem Fürsten Galean gemachten Mit- 
teilungen sah Eiaucour in den häufigen Besprechungen des zu vor- 
übergehendem Aufenthalt in Mannheim eingetroffenen kaiserlichen 
Gesandten, des Landkomthurs Freiherrn von Lehrbach, mit dem Kur- 
fürsten und Beckers. Bald hiess es, der Kaiserhof habe dem pfälzi- 
schen seine Unterstützung in der bayerischen Suecessionsfrage in sichere 
Aussicht gestellt und verlange nur die Theilnahme des Kurfürsten 
Maximilian Joseph ; zugleich aber tauchte das Gerücht auf, dass Frank- 
reich Ansprüche an die bayerische Hinterlassenschaft zu erheben gedenke. 
Der französische Gesandte in Mannheim, Odunne stellte Letzteres be- 
stimmt in Abrede, deutete aber Riaucour an, dass sein Hof zwar die 
Beseitigung der obwaltenden Differenzen sehnlich wünsche, um dadurch 
einem sonst unvermeidlichen Kriege vorzubeugen, dass er indes auch 
die Ausführung allzuweit gehender Pläne des Wiener Hofes verhindern 
werde. Es wurde ferner erzählt, Beckers habe den Herzog Karl von 
Zweibrücken als den präsumtiven Nachfolger Karl Theodors zu gewinnen 
gesucht für das Zusammengehen mit Oesterreieh durch das Versprechen 
des goldenen Vliesses sowie eines hohen Banges in der k. k. Armee, der 
Herzog habe aber kühl ablehnend geantwortet. 

Beckers, dem das Bekanntwerden der Unterhandlungen überaus 
unangenehm war, suchte sie vergebens als einen grossen Betrug dar- 
zustellen, den seine Gegner ins Werk gesetzt hätten. Auch Karl 
Theodor leugnete, als die Kurfürstin- Witwe von Sachsen bei einem 
kurzen Aufenthalt in Mannheim (11. bis 13. April 1776) ihn über die 
angebliche geheime Unterhandlung in der bayerischen Erbfolgesache 
befragte, diese rundweg ab. 

Es ist mit dem mir vorliegenden Aktenmaterial nicht möglich 
festzustellen, was den Anlass gegeben hat, dass Anfang Mai 1776 von 
pfälzischer Seite die Regelung der Jülich-Bergischen Erbfolge-Garantie 
gleichzeitig mit einer Verständigung über die künftige bayerische Suc- 
cession angeregt wurde. Auf diese Anregung hin beantragte der 
Staatskanzler Fürst Kaunitz in einem Vortrag vor der Kaiserin-Königin 
am 9. Mai 1776, dass man angesichts der Bewegungen anderer Höfe 
und besonders des kursächsischen Hofes nicht länger unthätig bleibe ; 
doch empfahl er zuerst an die Jülich-Berg'sche Angelegenheit heran- 



Die Entstehung der piälzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. 73 

zutreten und dabei unter der Hand zu erkunden, wie Kurpfalz über 
die bayerische Erbfolge denke. 

Denn mindestens ebenso sehr wie die vielleicht noch ferner Zu- 
kunft vorbehaltene bayerische Frage beschäftigte die pfälzischen Staats- 
männer die Sicherung der Herzogthümer Jülich und Berg für das 
Haus Sulzbach. 

In dem Allianzvertrag zwischen Preussen und Frankreich vom 
5. Juni 174! hatte König Friedrich sich verpflichtet für sich und seine 
Nachfolger in aller Form seinen Ansprüchen auf die Erbfolge in den 
Herzogtümern Jülich und Berg zu entsagen zu Gunsten des Hauses 
Sulzbach; dagegen hatte ihm Frankreich den Besitz Niederschlesiens 
mit Breslau garantirt. Der Vertrag mit Kurpfalz, in dem jener Ver- 
zicht thatsächlich erfolgte, wurde am 24. Dezember 1741 abgeschlossen, 
im Januar 1742 ratifizirt; Kurpfalz übernahm darin ebenfalls die 
Garantie für Niederschlesien. Am 31. Dezember 1742 kam die Sulz- 
bach'sche Linie nach Karl Philipps Tod und dem Erlöschen der Neu- 
burger Linie mit Karl Theodor in den Besitz der Kur und der Pfalz 
am Khein; auch die Gemahlin, die Karl Theodor sich wählte, war 
eine sulzbach'sche Prinzessin. Nun nahm aber Kurpfalz im sieben- 
jährigen Krieg gegen Preussen Partei, freilich erst nachdem von Seiten 
des Wiener Hofs ihm die Erbfolge in Jülich-Berg gewährleistet worden 
war und Frankreich die Verpflichtung übernommen hatte, im künftigen 
Friedensschluss Preussen zur Erneuerung des Verzichts zu veranlassen. 
In der That bestimmte denn auch Artikel 18 des Hubertsburger 
Friedensvertrags: Der König von Preussen wird die 1741 mit dem 
Kurfürsten von der Pfalz über die Nachfolge in Jülich-Berg geschlossene 
Convention erneuern unter denselben Bedingungen, unter denen sie 
abgeschlossen worden ist » Von preussischer Seite war bisher aber 
noch kein Schritt zur Erfüllung dieses Versprechens gethan worden; 
und auch Karl Theodor wagte nicht, nachdem im Herbst 1763 Beckers 
als pfälzischer Gesandter in Berlin vergeblich versucht hatte mit Um- 
gehung Frankreichs die Erneuerung des Verzichts zu erhalten, aber- 
mals bei Preussen die Frage anzuregen, da er durch die dagegen zu 
gewährende Garantie Niederschlesiens in Wien Anstoss zu erregen 
fürchtete; noch weniger wollte er um die französische Befürwor- 
tung seines Wunsches bitten, die Friedrich zur Bedingung gemacht 

hatte. 

Diese Angelegenheit also gedachte Kaunitz in den Vordergrund 
zu stellen; es entsprach das seinem Grundsatz, die bayerische Frage 
möglichst lang in undurchdringliches Geheimnis gehüllt zu lassen. Da 
aber doch allerlei in die Oeffentlichkeit gedrungen war von dem An- 



74 Unze x. 

suchen des pfälzischen Hofes in Wien, machte Lehrbach dem Grafen 
Kiaucour Anfang Juni 1776 Mitteilung davon; er erzählte auch, dass 
Graf Colloredo auf der Durchreise in Mannheim sich bereit erklärt 
habe, seinen Vater, den Eeichsvizekanzler für die pfälzischen Wünsche 
günstig zu stimmen; dass Graf Pappenheini sich schon grosse Hoff- 
nung gemacht habe, mit den Verhandlungen in Wien betraut zu 
werden ; die Aussichten zum Ziel zu kommen seien nicht schlecht 
gewesen, aber das Geheimnis sei nicht gewahrt worden, die Grafen 
Sickingen, der eine pfälzischer Gesandter in Paris, z. Z. auf Urlaub in 
Mannheim, der andere leitender Minister in Mainz hätten eigene Politik 
getrieben und hinter Lehrbachs Kücken Vorschläge nach Wien ge- 
schickt; der Kurfürst von Mainz habe sich eingemischt und beschwert, 
dass man ihm von den ersten Eröffnungen keine Kenntnis gegeben 
habe; das Ergebnis von diesem Allen sei dann aber gewesen, dass 
man in Wien anderer Meinung wurde; jetzt würden schwerlich der 
Kaiser und die Kaiserin-Königin sich auf Unterhandlungen über die 
bayerische Erbfolge einlassen 1 ). 

Diese Eröffnung hatte die gewünschte Wirkung: Kiaucour glaubte, 
dass die Verhandlungen in Wien wirklich abgebrochen seien, aber er 
war überzeugt, dass Beckers bei nächster Gelegenheit eine neue An- 
knüpfung suchen werde. Gegen Ende Juni teilte ihm Odunne mit. 
Beckers beabsichtige sich im Lauf des Juli nach Wien zu begeben; 
die Unterbringung seines Sohnes im Theresianum und seiner Tochter 
in einem Kloster gebe den äusseren Anlass zur Reise, der Hauptzweck 
aber sei zweifellos die Stimmung am Kaiserhof in Sachen der bayeri- 
schen Erbfolge zu erkunden 2 ). Vierzehn Tage später wusste man 
freilich, dass Beckers Reise doch nicht stattfinden werde ; ihr Unter- 
bleiben in Verbindung mit einem ungewohnten Eifer des pfälzischen 
Ministeriums wegen Eröffnung der Unterhandlung mit Kursachsen 
schien die Mitteilungen Lehrbachs zu bestätigen. Man erfuhr, dass 
der Kurfürst selber Mitte Juli sich dem Marquis d'Antici gegenüber 
geäussert habe, der Faden der Unterhandlung mit Wien sei gänzlich 
abgerissen ; und Lehrbach antwortete, wie der vielwissende Odunne dem 
Grafen Riaucour erzählte, auf Beckers Versuch seine Vermittlung am 
Wiener Hof in der bayerischen Erbfolgefrage in Anspruch zu nehmen, 
ablehnend: er habe keine Weisung sich in diese Angelegenheit einzu- 
mischen 3 ). Von Lehrbach konnte Riaucour allerdings über die bayeri- 



') Riaucour an Sacken. Schwetzingen 8. Juni 1776. Orig. Dresdener Archiv. 
2 ) Riaucour an Sacken. Schwetzingen 25. Juni 1776. Orig. Dresdener Archiv. 
8 ) Riaucour an Sacken. Schwetzingen 9., 13, Juli; 10. September. Orig. — 
Sacken an Riaucour. Dresden 15. September. Concept. Dresdener Archiv. 



Die Entstehung der pfälzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. 75 

sehe Erbfolge nichts erfahren; war Kaunitz auch entschlossen, dieser 
Frage jetzt näher zu treten, so beschränkte er doch die Zahl der Mit- 
wisser des Geheimnisses so viel als nur irgend angängig. Da tauchte 
abermals der Plan einer Reise Beckers nach Wien auf; als der französi- 
sche Gesandte am 22. September dem Kurfürsten seine bevorstehende 
Abreise nach dem königlichen Hoflager zu Fontainebleau ankündigte, 
teilte ihm Karl Theodor die Absicht seines Ministers mit und fügte 
hinzu, er habe dem greisen Staatsmann die schon lange erbetene Er- 
laubnis nicht versagen können, indes werde Beckers keine politischen 
Aufträge erhalten. Trotz dieser bestimmt gegebenen Versicherung 
konnte Odunne seine Missbilligung des ganzen Reiseplanes nicht un- 
terdrücken, denn er kannte den ränkevollen Leiter der pfälzischen 
Politik viel zu gut, um nicht zu wissen, dass er selbst ein ausdrück- 
liches Verbot von Geschäften zu sprechen entweder unbeachtet lassen 
oder zu umgehen wissen werde. Der Gesandte stellte dem Kurfürsten 
vor, wie unzeitgemäss diese Reise sei, sie werde in Dresden, Berlin 
und München Argwohn erregen und den schon seit längerer Zeit um- 
laufenden Gerüchten neue Nahrung geben ; Karl Theodor jedoch meinte, 
diese Gerüchte würden verstummen, sobald man sehe, dass Beckers 
sich nur mit seinen Familienangelegenheiten beschäftige. 

Zwei Tage darauf hatte sich die Lage vollkommen geändert. Als 
Riaucour am 24. September wie jeden Abend in der Hofgesellschaft 
erschien, sagte ihm der Minister, er habe sich nach eingehender Er- 
wägung des Aufsehens, das sein Vorhaben hervorgerufen, und des 
Verdachts, den man in Dresden und an anderen Höfen unter den 
gegenwärtigen Verhältnissen schöpfen könne, entschlossen, seine Reise 
auf das nächste Frühjahr zu verschieben. Die Besorgnis vor Intriguen 
seiner Feinde bei Hofe, die seine Abwesenheit benützen könnten, um 
ihm Unannehmlichkeiten zu bereiten, habe gleichfalls zu diesem Ent- 
schluss beigetragen 1 ). 

Es lag natürlich im Interesse Beckers sowohl als der pfälzischen 
Politik, das Unterbleiben der Reise, das übrigens der Minister selbst 
von vorneherein mit Rücksicht auf sein Alter und seinen Gesundheits- 
zustand als nicht ausgeschlossen bezeichnet hatte, darzustellen als 
hervorgegangen aus Beckers eigener Entschliessung. Gewiss hat diese 
keinen geringen Anteil an der Verschiebung gehabt. Lehrbach, der 
nach Riaucours Bericht die Mitteilung von der bevorstehenden Reise 
bei einem kurzen Aufenthalt in Schwetzingen scheinbar kühl und 

') Riaucour an Sacken. Schwetzingen 24. September 1776. Orig. Dresdener 
Archiv. 



7ß U.n 2 e r. 

gleichgiltig aufnahm, hatte wohl auch schon im Juni von dem Reise- 
plan Kunde erhalten und darauf bei Kaunitz angefragt, wie er sich 
dazu stellen solle. Die Antwort lautete vermutlich, er müsse suchen, 
die Ausführung des Vorhabens zu hintertreiben. Jetzt, da die Absicht 
wirklich ausgeführt werden sollte, stellte Lehrbach dem pfälzischen 
Minister die Unannehmlichkeiten vor, denen er sich aussetzen werde : 
die Gefahr liege nahe, dass seine Gegner ihn durch immer neue In- 
structionen recht lange von Mannheim fernzuhalten und ihn allmäh- 
lich aus dem Ministerium des Auswärtigen zu verdrängen suchen 
würden. Dass gerade der Freiherr von Hompesch mit seiner Vertre- 
tung beauftragt sei, müsse ihm doch die Augen öffnen, denn dieser, 
mit dem Finanzdepartement längst nicht mehr zufrieden, werde sicher- 
lich, mit allen Mitteln die vorübergehend eingenommene Stellung zu 
behaupten suchen. — Die Vorstellungen machten den gewünschten 
Eindruck; Beckers erkannte die Berechtigung der geäusserten Besorg- 
nisse an und gab die Reise auf; doch versprach er, da ihm Zerstreuung 
not thue, den kaiserlichen Gesandten in Frankfurt zu besuchen l ). 
So berichtet Lehrbach. Dagegen meldet Riaucour, indem er Odunne 
als Gewährsmann anführt, der Kurfürst habe von Beckers bestimmt 
die Verschiebung der Reise gefordert 2 ). — Ganz klar sehen wir hier 
nicht, denn Lehrbach sowohl wie Odunne sind bei ihren Berichten in- 
teressirt; ersterer hatte den Minister durch Schilderung persönlicher 
Nachtheile, letzterer den Kurfürsten durch Darstellung der politischen 
Unzuträgliehkeiten zum Aufgeben des Planes zu bestimmen gesucht; 
jeder will sich den Erfolg zuschreiben. 

Bei seinem Ausflug nach Frankfurt traf Beckers bei Lehrbach den 
Geheimen Reichsreferendarius Baron Leykam, der von seinen Gütern 
im Westpfalischen nach Wien zurückreisend im Hause des Gesandten 
abgestiegen war. Während des Zusammenseins vom 25. bis 28. Sep- 
tember brachte der pfälzische Staatsmann die bayerische und die 
Jülich-Berg'sche Erbfolge zur Sprache, doch wich Leykam vorsichtig 
jeder Erörterung aus und vermied es, sich in Abwesenheit Lehrbachs 
auf politische Gespräche einzulassen. Es liegt kein Grund vor, an der 
Richtigkeit dieser Darstellung, wie sie Lehrbach in einem Berieht an 
Kaunitz vom 3. Oktober 1776 gibt, zu zweifeln; umso weniger, als 
auch Beckers in Mannheim zugibt, er habe keine Gelegenheit gehabt 
mit Leykam sich zu besprechen. 



') Lehrbach an Kaunitz. Frankfurt a M. 3. Oktober 1776. Orig. H. H. u. 
St. A. Staatskanzlei. Berichte aus dem Reich 183. 

2 ) Riaucour an Sacken. Schwetzingen 28. September 1776. Orig. Dresdener 
Archiv. 



Die Entstellung der pfälzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. 77 

Dennoch rief dieser Ausflug, der intime Verkehr mit Lehrbach, 
die gleichzeitige Anwesenheit des Reichsreferendarius grosses Aufsehen 
hervor: sogar der sonst so besonnene Sacken war fest überzeugt, dass 
man in Frankfurt sich über wichtige Dinge unterhalten und einen 
bösen Plan geschmiedet habe l ). Weniger Bedeutung legten Beckers 
Collegen im Ministerium dem Besuch bei; sie billigten ihn auch 
keineswegs, da er nur neuen Anlass zu Verdacht und Argwohn gab, 
ohne irgend welchen Nutzen zu bringen; denn wenn Leykam der 
kurfürstlichen Regierung Eröffnungen zu machen gehabt hätte, wäre 
er zweifellos nach Mannheim gekommen. Dieser Ansicht neigte schliess- 
lich auch Riaucour zu ; schon die Uneinigkeit innerhalb des pfälzischen 
Ministeriums machte einen Erfolg der Becker'schen Intriguen wenig 
wahrscheinlich. Trotzdem Hess er nicht nach in seiner Wachsamkeit; 
die wiederholten Beratungen Beckers mit dem kaiserlichen Gesandten, 
so oft dieser am pfälzischen Hofe erschien, entgingen ihm nicht; er 
wandte sich an Freiherrn von Oberndorff, kurfürstlichen Minister des 
Innern, um, wenn möglich, über den Inhalt der Unterredungen etwas 
zu erfahren ; indes Oberndorff legte ihnen kein Gewicht bei, nach seiner 
Meinung verhandelte der Wiener Hof nur zum Schein; in Wahrheit 
beabsichtige er die Dinge in dem bisherigen Zustand der Ungewiss- 
heit zu lassen, um bei Eröffnung der bayerischen Erbfolge im Trüben 
fischen zu können 2 ) 

Wie es nun auch um die Verhandlungen stehen mochte, so viel 
stand überall fest, dass Beckers in Wien als ein brauchbares und 
williges Werkzeug der österreichischen Politik angesehen wurde; der 
Kaiserhof selbst gab dies deutlich zu erkennen dadurch, dass bei Ge- 
legenheit des Aufschubes der Reise der Minister im Namen und Auf- 
trag der Kaiserin-Königin aufgefordert wurde, seinen Sohn nach Wien 
zu schicken, Ihre Majestät werde für ihn sorgen und auch sich der 
Tochter annehmen; es hiess ferner, dass dem Schwager Beckers, dem 
Geheimen Rat von Huber eine Reichshofratsstelle in Aussicht gestellt 
worden sei, dass aber Beckers auf eine noch vorteilhaftere Anstellung 
für ihn im Reichsdienst rechne. Da Lehrbach persönlich von dem 
Kurfürsten die Erlaubnis erbitten musste, dass der junge Beckers nach 
Wien gehen dürfe, erregte diese Angelegenheit nicht geringes Aufsehen ; 
die nicht der österreichischen Partei angehörigen Mitglieder der Re- 
gierung wunderten sich, dass Karl Theodor die Augen noch immer 



») Sacken an Riaucour. Dresden 8. Oktober 1778. Concept. Dresdener Archiv. 
2 ) Riaucour an Sacken. Schwetzingen 8., Mannheim 22. Oktober 1776. Orig. 
Dresdener Archiv. 



7$ U n z e r. 

nicht aufgehen wollten über die vollkommene Abhängigkeit seines 
leitenden Staatsmannes vom Wiener Hof 1 ). 

In Mannheim hatte man in der That Grund zu glauben, dass der 
Kaiserhof auf eine Vereinbarung über die bayerische Erbfolge keinen 
grossen Wert lege. Lehrbach vermied auf diese Frage einzugehen, 
während er im Geheimen freilich scharf beobachtete, wie man am 
pfälzischen Hofe darüber dachte. Er konnte berichten, dass der Kur- 
fürst grössere Ergebenheit als je für die Kaiserin-Königin zeige und 
des Allerhöchsten Schutzes sich würdig zu machen beflissen sei; eine 
Denkschrift, die Ritter in der Jülich-Berg'schen Successionsangelegen- 
heit überreichen solle, werde dieser Gesinnung Ausdruck geben. 
Gleichzeitig mit dieser Ankündigung äusserte Karl Theodor von Neuem 
den Wunsch, dass auch die bayerische Erbfolge bald geregelt werde, 
da der Gesundheit Maximilian Josephs nicht mehr zu trauen sei. Wäh- 
rend aber Lehrbach dort den Kurfürsten in seiner günstigen Stimmung 
zu bestärken suchte, wurde er hier schweigsam und wich näheren 
Erörterungen aus 2 ) 

Im Laufe des November übergab Ritter die in Aussicht gestellte 
Erklärung der Staatskanzlei; sie wurde gut aufgenommen, doch ver- 
langte man, dass entweder seitens der regierenden Kurfürstin von der 
Pfalz, die eine Prinzessin von Sulzbach und als solche unmittelbar an 
der Jülich-Berg'schen Erbfolge beteiligt war, wie von dem Herzog von 
Zweibrücken als Sohn einer sulzbach'schen Prinzessin, gleichlautende 
Schriftstücke eingesandt würden, oder dass diese Fürstlichkeiten in 
besonderen Schreiben an die kaiserlichen Majestäten unter Bezugnahme 
auf die Erklärung des Kurfürsten die Allerhöchste Verwendung in der 
fraglichen Angelegenheit nachsuchten. Offenbar hatte dies Verlangen 
wieder nur den Zweck Zeit zu gewinnen ; Kaunitz wollte wahrschein- 
lich erst die Ansicht des französischen Hofes vernehmen, bevor er mit 
Kurpfalz sich auf die eine und die andere Frage einliess. Es ist beach- 
tenswert, dass trotz der ersten Anregung Ritters im Frühjahr 1776 
bisher noch keine Schritte von Seiten der Wiener Staatskanzlei ge- 
schehen zu sein scheinen, um die Stimmung an anderen Höfen zu 
erkunden. 

Beckers geriet durch die Forderung des Wiener Hofes in Ver- 
legenheit; am 4. Dezember schrieb er an den in Mainz weilenden 
Lehrbach, er wisse nicht, wie er sie, soweit sie den Herzog von Zwei- 



') Riaucour an Sacken. Mannheim 9. November 1776. Orig. Dresdener Archiv. 
2 ) Lehrbach an Kaunitz. Frankfurt a/M. 27. und 30. Oktober 1776. Orig. 
H. H. u. St. A. 



Die Entstehung der pfälzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. 79 

brücken betreffe, erfüllen solle, denn die Umgebung dieses Fürsten, 
vielleicht sogar er selbst, seien nicht so gesinnt, dass auf die not- 
wendige Geheimhaltung gerechnet werden könne. Er bat, der Gesandte 
möge nötigenfalls seinen Einfluss bei dem Herzog geltend machen, um 
das Bekanntwerden des Geheimnisses zu verhüten; auch wünschte er 
sich mit ihm zu besprechen. Lehrbach versprach in seiner Antwort, er 
werde sein Möglichstes thim, um die Sache zu einem guten Ende zu 
führen, doch könne er erst nach Neujahr wieder nach Mannheim 
kommen; er verzögerte absichtlich sein Erscheinen, um vorher neue 
Instructionen aus Wien einholen zu können. Nicht lange danach er- 
hielt er ein weiteres Schreiben von Beckers (vom 13. Dezember) mit 
dem Vorschlag, dem Herzog von Zweibrücken solle einstweilen keine 
Mitteilung gemacht werden, man wolle ihn vielmehr erst nach erfolgter 
Verständigung zwischen Mannheim und Wien zum Beitritt auffordern. 
Schwierigkeiten erwartete man von dieser Seite nicht, denn der Herzog 
hatte erklärt, er werde sich in allen das pfälzische Haus betreffenden 
Angelegenheiten dem Willen des Kurfürsten fügen 1 ). 

An den europäischen Höfen, die nicht unmittelbar bei der baye- 
rischen Erbfolge beteiligt waren, war, wie gesagt, von Seiten des 
Wiener Hofes noch ebenso wenig eine Anregung zur Erörterung jener 
Frage erfolgt, wie bei den Nächstbeteiligten Bayern, Pfalz und Sachsen ; 
denn die bisher gepflogenen Verhandlungen waren von Kurpfalz aus- 
gegangen. Jetzt hielt indes Kaunitz den Zeitpunkt für gekommen, 
die Stimmung der französischen Kegierung zu erforschen; die Reise 
Kaiser Josephs nach Paris, die in den ersten Tagen des Jahres 1777 
angetreten werden sollte, bot eine günstige Gelegenheit. Er verfasste 
mit gewohnter Gründlichkeit eine Denkschrift 2 ), welche dem Kaiser 
als Instruction dienen sollte, vorausgesetzt, dass er Neigung habe bei 
seinem Aufenthalt in Versailles sich auf politische Gespräche oder gar 
diplomatische Verabredungen einzulassen. Dies Aktenstück ist durch- 
aus vertraulicher Natur, sein Inhalt daher von um so grösserer Be- 
deutung. Es ist keineswegs allein die bayerische Erbfolgefrage, die 
darin behandelt wird, sie nimmt auch nicht den grössten Raum ein; 
doch kommt das, was auf sie Bezug hat, allein für diese Untersuchung 
in Betracht. 



») Lehrbach an Kaunitz. Mainz 10. u. 13. Dezember. Orig. H. H. u. St. A. 
— Lehrbach an Beckers s. d. et 1., Extract, von Riaucour nach Dresden geschickt, 
Mannheim 21. Dezember 1776. Dresdener Archiv. Loa 2628 — des Geh. Rats 
Grafen von Riaucour Abschickung vol. XXX. 

2 ) Sie ist datirt vom 22. Dezember 1776; veröffentlicht von A. Beer im 
Archiv für Osten-. Gesch. Bd. 48. 1872. 



80 



U n z e r. 



Von vornherein lässt Kaunitz keinen Zweifel darüber, dass die 
von dem Wiener Hof geltend zu machenden Ansprüche auf bayerische 
Gebietsteile, obwohl an sich gewichtig und einleuchtend, doch noch 
keineswegs als unanfechtbar bezeichnet werden könnten, denn man 
wisse ja nicht, ob nicht Pfalz etwa stichhaltige Einwendungen und 
begründete Gegenansprüche vorzubringen vermöge. Andererseits habe 
aber auch kein einziger Staat ein Interesse daran, dass Österreich sich 
durch einen Zuwachs an bayerischem Gebiet vergrössere; im Gegen- 
teil sieht er es als sicher an, dass verschiedene Höfe die äussersten 
Mittel anwenden werden, um diese Machterweiterung zu verhindern. 
Ein schwerer und höchst gefährlicher Krieg gilt ihm als nahezu un- 
vermeidlich, falls Oesterreich den Besitz Bayerns behaupten wolle; 
eine Verständigung mit Preussen und Russland könne zwar zu dem- 
selben Ziele führen, aber man werde dann dem verhassten preussi- 
schen Nachbar einen gleichwertigen Gebietszuwachs gönnen müssen. 

Die Ansprüche des Erzhauses, so legt die Denkschrift dar, er- 
strecken sich nicht auf ganz Bayern, sondern nur auf Niederbayern. 
Oberbayern kann dagegen als verfallenes Lehen in Sequester genommen 
und dann auf Grund der Reichsgesetze für den Unterhalt des jeweili- 
gen Kaisers bestimmt werden. Hierzu sind Verhandlungen mit dem 
Reich, sowie mit verschiedenen deutschen und fremden Höfen erfor- 
derlich; da diese aber unabsehbare Weiteruugen herbeiführen können, 
so wird es am zweckmässigsten sein jetzt, da die Erbfolge bereits viel- 
fach erörtert wird und man gar nicht mehr in der Lage ist die In- 
teressenten an Verabredungen untereinander zu hindern, aus der bis- 
herigen Unthätigkeit herauszutreten und die ganze Frage durch eine 
Vereinbarung mit Kurpfalz aus der Welt zu schaffen. Zweck dieser 
Vereinbarung soll sein, die beiderseitigen Ansprüche festzustellen und 
anzuerkennen, dann aber sogleich dem Erzhaus ein Aequivalent zu 
bestimmen für Niederbayern, auf das es begründete Ansprüche macht ; 
auch will der Kaiser alsdann auf die Einziehuug der heimgefallenen 
Reichslehen verzichten. Zu dem auf dieser Basis zu schliessenden Ver- 
trag wird die Zustimmung Frankreichs und anderer unparteiisch den- 
kender Höfe leicht zu erhalten sein, während der König von Preussen 
ganz aus dem Spiel gehalten wird. Am meisten erwünscht wären nun 
für Oesterreich als Aequivalent die zwischen Inn und Donau gelegenen 
bayerischen Besitzungen, sowie die Oberpfalz mit Neuburg und Sulz- 
bach; für die letztgenannten beiden Herzogtümer könnte vielleicht 
ein Teil der österreichischen Vorlande abgetreten oder die Zahlung 
einer massigen Geldsumme an Sachsen wegen seiner Allodialansprüche 
übernommen werden. 



Die Entstehung der pfälzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. 8| 

Diese Abrundung des österreichischen Länderbesitzes verschafft dem 
Erzhaus zugleich eine Vermehrung seiner Einkünfte, besonders wichtig 
aber ist, dass die Zustimmung des Reichs und der fremden Höfe kaum 
bezweifelt werden kann. In jeder Beziehung ist also dieser Plan vor- 
teilhaft und auch einem etwaigen Austausch des ganzen Herzogtums 
Bayern gegen die Niederlande vorzuziehen. — Soweit die Denkschrift. 

Unter den fremden Mächten, deren Zustimmung für das Gelingen 
des Kaunitz'schen Planes wichtig war, stand Frankreich obenan. Als 
Garant des Westpfälischen Friedens hatte der Nachfolger Ludwig XIV. 
die Möglichkeit sich bei jeder Gelegenheit in die Angelegenheiten des 
Deutschen Keichs einzumischen ; aber auch als Verbündeter Oesterreichs 
konnte er verlangen, dass ihm von so weittragenden Plänen frühzeitig 
Mitteilung gemacht werde. Mit dieser Mitteilung nun gedachte Kaunitz 
den Kaiser zu beauftragen, zugleich sollte er die Verhandlungen über 
Frankreichs Einwilligung in Gang bringen. 

Gewiss bedauerte es der Staatskanzler aufs Tiefste, als der Kaiser 
seine Keise bis zum Frühjahr hinausschob; eine Gelegenheit zur An- 
knüpfung, wie sie günstiger kaum gedacht werden konnte, ging dadurch 
verloren; denn die Eröffnungen an den Versailler Hof abermals um 
ein Vierteljahr zu verzögern, den Kurfürsten von der Pfalz noch länger 
hinzuhalten schien bedenklich; so musste der regelmässige diplomati- 
sche Weg betreten werden, um die Unterhandlung einzuleiten. 

Der Vertreter des Kaiserhofes in Frankreich war ein langjähriger 
Vertrauter der Kaiserin-Königin, Graf Mercy-Argenteau, dem auch der 
Staatskanzler unbedingtes Vertrauen schenkte. An ihn erging bald nach 
dem Aufschub der Keise des Kaisers der Befehl, bei der ersten günsti- 
gen Gelegenheit die bayerische Erbfolge zur Sprache zu bringen. Ein 
Gespräch mit dem Minister des Auswärtigen, Grafen Vergennes über 
die Erbfolge in Jülich-Berg bot bald den gesuchten Anknüpfungs- 
punkt; Mercy sprach den Wunsch aus, dass gleichzeitig mit jener 
Frage ein Uebereinkommen wegen der bayerischen Succession getroffen 
werde; der König von Preussen habe dieserhalb dem Wiener Hof 
bereits böse Absichten angedichtet und auch andere Staaten entfalteten 
schon eine emsige Thätigkeit, während man in Wien bisher den Fall 
als noch zu fern liegend angesehen habe, um Vorkehrungen zu treffen. 
Indes scheine es jetzt an der Zeit zu sein, mit der Sprache herauszu- 
rücken und zugleich dem Verbündeten Mitteilung zu machen. 

Längst schon hatte das Versailler Cabinet den über den Rhein 
herüber dringenden Gerüchten von Verhandlungen zwischen den an 
der bayerischen Erbschaft Beteiligten Aufmerksamkeit geschenkt; der 
französische Gesandte in Mannheim, Odunne war durch vortreffliche 

Mittheilungeu XV. Ö 



g2 U n z e r. 

Verbindungen im Stande, manche wertvolle Nachricht nach Versailles 
gelangen zu lassen und seine Haltung beweist, dass das französische 
Ministerium, bevor es officiell durch Mercy von dem Stand der Dinge 
Kenntnis erhielt, seine Ansicht sich bereits gebildet hatte. Doch hielt 
es Vergennes nicht für zweckmässig, Mercy seine eingehende Bekannt- 
schaft mit der Frage zu verraten: er schützte mangelhafte Kenntnis 
der deutschen Reichsverfassung vor, um die sofortige Beantwortung zu 
umgehen. Der Botschafter legte ihm nun dar, dass die Frage mit 
Hilfe des Keichslehenrechts, der Bestimmungen des Westpfälischen 
Friedens und der kaiserlichen Wahlkapitulation leicht und einfach zu 
lösen sei; danach habe Kurpfalz nur Anspruch auf die fünfte Kur- 
würde und auf die Oberpfalz ; alles Uebrige sei Lehen und zwar Reichs- 
lehen, das mit Zustimmung des Reichs entweder neu vergeben oder 
als ein beständiges Domanium für den jeweiligen Kaiser verwendet 
werden müsse, — oder aber Lehen der Krone Böhmen und anderer 
Staaten. Ganz so einfach schien der Sachverhalt dem französischen 
Minister indes doch nicht zu sein; er entgegnete, seiner Ansicht nach 
träten beim Erlöschen einer Linie die Agnaten aus der andern Linie 
sofort als Erben ein; auch müsse man auf die Hausverträge Rücksicht 
nehmen. Mercy versetzte schlagfertig, der Eintritt der Agnaten sei 
nur möglich, wenn sie die Mitbelehnung empfangen hätten; was aber 
die Hausverträge betreffe, so seien sie nur gültig, soweit sie die Rechte 
Dritter nicht schädigten — vorausgesetzt, dass sie in Folge der 
Bestätigung durch Kaiser und Reich überhaupt reichsrechtliche Giltig- 
keit besässen. 

So bestimmt Mercy auch die Einwände des Ministers zurückwies, 
so wenig vermochte er ihn zu überzeugen; er hielt es schliesslich bei 
der sichtlichen Verstimmtheit Vergennes für ratsam, zunächst sich mit 
den gemachten Andeutungen zu begnügen „ und das hiesige Ministerium 
nicht auf einmal allzu schüchtern machen zu sollen, massen es solcher- 
gestalten den ganzen Umfang unserer Ansprüche nicht einsiehet und 
uns gleichwohl keiner Verschlossenheit beschuldigen kann." 

Entsprach schon die Aufnahme dieser einleitenden Eröffnungen 
den Wünschen des Wiener Hofes durchaus nicht, so zeigten die Aeusse- 
rungen des französischen Botschafters in Wien, der sich damals gerade 
in Baris auf Urlaub befand, dass Oesterreich mit seinen bayerischen 
Plänen bei Frankreich auf starken Widerstand stossen werde. Baron 
Breteuil machte gegen Mercys Vorbringen dieselben Einwendungen wie 
Vergennes, und als der Vertreter Maria Theresias die Agnatenerbfolge 
und die Gültigkeit der Hausverträge auch ihm gegenüber nur bedingt 
zugeben wollte, erklärte er, mit solchen Grundsätzen werde man das 



Die Entstellung der pfälzisch*österr. Convention v. 3. Jan. 1778. g$ 

ganze deutsche Reichssystem umstürzen. In seinem Bericht an Kaunitz 
bemerkte Mercy, es gebe nur zwei Arten der Erklärung für die Hal- 
tung der französischen Staasmänner: entweder sei die bayerische Erb- 
folgefrage schon von andrer Seite in Oesterreichfeindlichem Sinne 
augeregt worden oder die leitenden Grundsätze seien in Paris durch- 
aus verschieden von denjenigen, die man in Wien befolge 1 ). 

Aber noch eine andere Erfahrung machte Mercy, die ihm eben- 
falls peinlich war: immer deutlicher zeigte sich das Bestreben Ver- 
gennes alle wichtigeren diplomatischen Verhandlungen von Versailles 
weg an die fremden Höfe zu verlegen, wo sie von den französischen 
Gesandten geführt werden sollten. Als der pfälzische Gesandte Graf 
Sickingen mit dem Minister über die Jülich -Berg'sche Trage sprechen 
wollte, erhielt er den Bescheid, Breteuil, der bald nach Wien zurück- 
kehre, sei mit den nötigen Weisungen versehen; fast ängstlich wich 
Vergennes jedem Zusammentreffen mit dem kaiserlichen Botschafter 
aus, das zu eingehenden Auseinandersetzungen Gelegenheit geboten 
hätte. 

Am 24. März trat Breteuil die Rückreise nach Wien an; seine 
Instruction legt Zeugnis ab von der in den französischen Regierungs- 
kreisen herrschenden Verstimmung gegen den Kaiserhof *). Das gemein- 
same Vorgehen Mercys und Sickingens in der Jülich-Berg'schen An- 
gelegenheit hatte nämlich in Paris den Verdacht erweckt, als ob bereits 
seit längerer Zeit Verhandlungen zwischen Mannheim und Wieu im 
Gange seien, die man vor dem Alliirten geheimgehalten habe. Ja, 
man glaubte sich zu dem Vorwurf berechtigt, Oesterreich habe bisher 
stets nur seine eigenen Interessen verfolgt, selbst wenn sie zu denen 
des Bundesgenossen im Gegensatz standen; es habe sogar nach alter 
Gewohnheit bei den meisten Unterhandlungen Frankreichs im Aus- 
land, zumal an den deutschen Höfen, dessen Absichten bald offen, 
bald insgeheim bekämpft. Doch gestand die Instruction auch wieder 
zu, dass seit dem bedrohlichen Vorgehen der Russen auf der Krim 
darin eine bedeutsame Veränderung zum Besseren eingetreten sei und 
zwar wesentlich durch die freimütige Eröffnung des österreichischen 
Ministeriums über alle wichtigeren Fragen der internationalen Politik, 
die dann den Anstoss zu einem Meinungsaustausch und zu lebhafterem 
diplomatischen Verkehr gegeben habe. Die Frage nun, welche zur 
Zeit der Reise Breteuils im Vordergrund des Interesses stand, war die 



') Mercy an Kaunitz. Paris 19. Februar 1777. Orig. H. H. u. St. A. Frank- 
reich. Correspondenz 208. 

-) Instruction für Breteuil vom 2. März 1777. Recucil des Instructions t. I. 
Autriche p. 501 ft'. 

6* 



g4 Unze r. 

orientalische ; an ihrer Lösung war Oesterreich als Nachbar Russlands 
und der Türkei nahe beteiligt. Das Verhältnis zu Preussen trat für 
die Wiener Staatsmänner hinter jene brennende Frage kaum für einen 
Augenblick zurück. Erst in dritter Linie kam das Interesse Oesterreichs 
an der Succession in Jülich-Berg und an der bayerischen Erbfolge. 
Ueber diese Punkte hatte der Wiener Hof dem Grafen Vergennes durch 
Mercy seine Ansicht aussprechen lassen ; Breteuil sollte die Antwort 
darauf überbringen. 

Die für uns vorwiegend in Betracht kommende bayerische Erb- 
folgefrage erfährt in dieser Antwort eine sehr kurze Abfertigung, sie 
wird bezeichnet als eine noch im Stadium theoretischer Erörterungen 
befindliche Angelegenheit, über die das französische Ministerium weitere 
Aufklärungen erwarte, bevor es eingehender dem König berichten und 
dem Botschafter Weisung geben könne. Vergleicht man diese knappe 
Erwähnung mit der ausführlichen Besprechung der Jülich-Berg'schen 
Succession in Breteuils Instruction, so ergibt sich, dass Vergennes nicht 
o-ewillt war sich mit den dürftigen Andeutungen Mercy s vom Februar 
zu begnügen, dass er aber auch keineswegs die Kegelung der bayeri- 
schen Erbfolge für besonders dringlich hielt. Offenbar war ihm das 
Aufwerfen dieser Frage in dem gegenwärtigen Augenblick, da die Auf- 
merksamkeit Frankreichs ebenso sehr von den Vorgängen in der Krim 
wie in den amerikanischen Colonien in Anspruch genommen wurde, 
recht unbequem. Im Ganzen genommen war man aber doch zufrieden, 
dass der Kaiserhof sich endlich einmal offen und vertrauensvoll an 
seinen Alliirten gewendet hatte; deshalb wurde Breteuil angewiesen, 
durch freimütige Aussprache, wenn möglich, die Anknüpfung einer 
vertraulichen Corresponuenz herbeizuführen und so allen bisher recht 
zahlreichen Missverständnissen vorzubeugen. 

So also lagen die Dinge, als Kaiser Josef in den letzten Tagen 
des März 1777 die Reise nach Frankreich antrat. Schon in ruhigen 
Zeitläuften hätte dieses Ereignis die Blicke von ganz Europa auf sich 
gelenkt; um wie viel mehr musste dies der Fall sein in einem Augen- 
blick, da im Osten und im Westen des Weltteils schwere Gewitter- 
wolken am politischen Himmel den Ausbruch blutiger Kriege anzu- 
kündigen schienen, da im Innern des deutschen Reichs in Folge des 
Scheiterns der Kammergerichtsvisitation die Spannung zwischen 
Katholiken und Protestanten einen bedenklich hohen Grad erreicht 
hatte ! 

Es scheint fast, als habe man in Versailles Kenntnis gehabt von 
der Kaunitz'schen Denkschrift vom Dezember des Vorjahrs und von 
dem Zweck, den sie verfolgte. Schon hatte Joseph die französische 



Die Entstehung der plälzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 177S. 85 

Grenze überschritten, da verfasste auch Vergennes eine Instruction für 
seinen jungen, noch unerfahrenen Monarchen, um ihn zu warnen vor 
den Fallstricken seines hohen Gastes. Da man Joseph die Absicht zu- 
schrieb den Einfluss seiner Schwester, der Königin Maria Antoinette 
zu vero-rössern und durch sie den Herzog von Choiseul und den Baron 
Breteuil ins Ministerium zu bringen, war der Ton der Denkschrift 
ziemlich gereizt. Auch in ihr missbilligt der Minister aufs Schärfste 
die Art, wie die Allianz von Oesterreich bisher missbraucht worden 
sei. wie der Wiener Hof das Vertrauen der deutschen Fürsten auf 
Frankreichs Beistand bei der Verteidigung ihrer Eechte zu unter- 
graben gesucht habe. Er legt die Ungleichheit der Vorteile dar, welche 
die Allianz ihren Theilnehmern biete und warnt davor, neue Ver- 
pflichtungen zu übernehmen, etwa des Inhalts, dass Frankreich im 
Notfall Oesterreich mit allen seinen Mitteln unterstütze. Das Ziel des 
Wiener Hofes könne bei solchen Forderungen immer nur die Ver- 
nichtung Preussens sein; gerade dieser Staat sei aber das letzte Boll- 
werk gegen den österreichischen Ehrgeiz, das Frankreich in seinem 
eigenen Interesse aufrecht erhalten müsse. Eben dieses Interesse Frank- 
reichs verbiete auch eine Vergrösserung der österreichischen Macht, die 
selbst bei der Hingabe der Niederlande oder Vorderösterreichs als 
Aequivalent zu unermesslichem Schaden Frankreichs ausschlagen werde. 
Die Bewahrung des bestehenden Zustandes in Mitteleuropa, die Erhal- 
tung des Gleichgewichts der Mächte wird von Vergennes als der lei- 
tende Gedanke der französischen Politik hingestellt. 

Doch die Besorgnisse des Ministers vor gefährlichen Plänen Josephs 
erwiesen sich als unbegründet; der Kaiser kam nach Frankreich, um 
seine Schwester wieder zu sehen, seinen Schwager und den französi- 
schen Hof kennen zu lernen; die Absicht Politik zu treiben lag ihm 
fern. Und so ist auch wahrscheinlich die bayerische Erbfolgefrage bei 
seinem Aufenthalt in Versailles gar nicht einmal ausführlich erörtert 
worden x ). 

Während der Abwesenheit Josephs von Wien wurden in der 
Staatskanzlei alle Vorbereitungen getroffen, um nach der Rückkehr 
des Monarchen die Entscheidung über die weitere Behandlung sowohl 
der Jülich-Berg'schen als der bayerischen Erbfolge herbeizufühen. Ein 
lebhafter Meinungsaustausch mit dem pfälzischen Hofe hatte bereits 



') Vergleiche Riaucours Schreiben an Stutterheim. Mannheim 7. Juni 1777. 
ürig. ; on pretend au reste qu' il sera tres-difficile d' approf'ondir si 1' Ernpereur 
a parle d' affaire en France et que tout ce qu'on avance lä-dessus rt'est fonde 
que aur des conjectures incertaines. Dresdener Archiv. 



<^q Unze r. 

wesentlich zur Klarstellung der beiderseitigen Ansprüche beigetragen. 
Die Antwort des Wiener Ministeriums auf die pfälzische Anregung in 
der Jülich-Berg'scheu Angelegenheit vom November 1776 hatte, wie 
erwähnt, entgegenkommend gelautet; Kurfürst Karl Theodor hatte 
daraus Anlass genommen in seinem Dankschreiben den Wunsch aus- 
zusprechen, „dass Sie ebenmässige gewübrigste Neigung zu der Ihro 
nicht weniger am Herzen liegenden friedlichen Berichtigung über die 
eventuale bayerische Erbfolge Sich zu getrösten haben niögten". Als 
auch hierauf eine günstige Antwort erfolgte, erklärte Karl Theodor, 
dass er in beiden Angelegenheiten sein ganzes Vertrauen auf den 
Wiener Hof setze (am 14. Februar 1777) und wies seinen Gesandten 
Freiherrn von Eitter an sich in diesem Sinne zu äussern *) ; einen 
unzweideutigen Beweis dieser Gesinnung gab dann Beckers, indem er 
dem Freiherrn von Lehrbach einen Auszug aus der sehr umfangreichen 
Denkschrift des pfälzischen Staatsrats von Cuntzmann übermitteln liess, 
worin die Ansprüche des Kurfürsten auf die bayerische Erbschaft dar- 
gelegt und rechtlich begründet wurden, die zugleich aber auch die 
Mittel und Wege angab, wie Kurpfalz in den Besitz des Erbes gelan- 
gen könne. Das alleinige Heil sieht der Verfasser jetzt, nachdem er 
früher anderer Ansicht gewesen war, in rückhaltlosem Anschluss an 
den Kaiser; schon die Klugheit gebiete dies Verhalten, denn die 
kaiserlichen Ansprüche auf die unmittelbaren Reichslehen seien be- 
gründet und ihre Geltendmachung werde zu den grössten Unbequem- 
lichkeiten für Kurpfalz führen ; auch könne der Wiener Hof sehr zum 
Nachteil von Pfalz die kursächsischen Ansprüche auf das Allodium 
unterstützen. Die Denkschrift empfiehlt einen Gebietsaustausch: Karl 
Theodor erhält die Reichslehen, die im Besitz der bayerischen Linie 
gewesen sind, und gibt dafür das Land jenseits des Inns ganz oder 
zum Teil an esterreich ab. Der Wiener Hof soll auch versprechen, 
sich in Berlin für die Erneuerung der preussischen Garantie wegen der 
sulzbach'schen Nachfolge in Jülich-Berg zu verwenden. — Es war das 
Programm, der Operationsplan des kurpfälzischen Hofes, den Beckers 
dem kaiserlichen Gesandten überlieferte 2 ). 



') Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Dankschreiben Karl Theodors mit 
dem Schreiben vom 14. Februar, die erwähnte günstige Antwort mit der auf die 
Anregung vom November 1776 erfolgten identisch ist ; die Akten, denen ich hier 
folge, drücken sich nicht deutlich aus. Uebrigens scheint mir die Frage, ob ein 
oder zwei Schreiben ergangen sind, von nur geringer Bedeutung zu sein. 

2 ) Lehrbach an Kaunitz, Mainz 4. März 1777, sendet den ihm zugesandten 
Auszug, der »von einer vertrauten Person in grosser Eile ohne Jemandes Vor- 
wissen angefertigt worden* sei. H. H. u. St. A. 



Die Entstehung der pfälzisck-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. §7 

Da an der Aufrichtigkeit Karl Theodors und seines leitenden 
Staatsmannes nach einer so weitgehenden Eröffnung nicht mehr zu 
zweifeln war, beantragte Kaunitz am 15. März in einem der Kaiserin- 
Königin gehaltenen Vortrage, dem Kurfürsten nun auch diejenigen 
Ansprüche mitzuteilen, welche das Erzhaus Oesterreich an die bayeri- 
sche Erbschaft zu haben glaube ; dadurch erwidere man das Vertrauen 
und beuge zugleich nachteiligen Uebertreibungen vor, an denen es 
die Gegner schwerlich fehlen lassen würden. Mit dieser Aufgabe wurde 
Binder, der treue Gehülfe des Staatskanzlers, betraut; er übergab 
Kitter zwei Denkschriften, deren eine den Nachweis führte, dass die 
bayerischen Lande nach dem Erlöschen des wilhelminischen Mannes- 
stammes als eröffnete Reichslehen zu betrachten seien, während die 
andern die österreichischen Ansprüche auf einige Teile Bayerns 
darlegte 1 ). Mündlich machte Binder dazu die Bemerkung: „dass nur 
das vertrauliche kurfürstliche Benehmen das kaiserliche Ministerium 
bewogen hätte über einen Gegenstand so offenmütig zu Werke zu 
gehen, welchen man ansonsten bis auf den sich ergebenden Fall 
beruhen und dem diesseitigen Gerechtsamen günstig glaubenden Schick- 
sale zu überlassen gemeinet gewesen wäre " -). 

Die pfälzische Antwort auf diese Eröffnung liess lange auf sich 
warten ; erst Anfang Juli übergab Ritter eine Widerlegung der beiden 
Aufsätze. Die Behauptung, dass das Fehlen der gleichzeitigen Investi- 
tur der rudolphmischen Linie den Rückfall der bayerischen Lande an 
das Reich nach sich ziehe, liess man in Mannheim nicht gelten ; man 
suchte zu beweisen, dass allein das Recht der gemeinsamen Abstam- 
mung entscheide und dass demnach das Herzogtum Bayern an Kur- 
pfalz fallen müsse. Nicht so bestimmt sprach man sich über die An- 
sprüche von Kaiser und Reich auf die Neoacquisita und über die 
österreichischen Ansprüche aus 3 ). Gegen die hier vorgebrachten Ein- 
wendungen richtete sich eine Erwiderung der Staatskanzlei; dem wei- 
teren Notenwechsel gingen mündliche Besprechungen mit Ritter zur 
Seite ; dabei machte der Gesandte auch einmal den Vorschlag, Oester- 
reich möge die ganze bayerische Erbschaft einschliesslich der Öberpfalz, 
sowie die Herzogtümer Neuburg und Sulzbach nehmen und dafür ein 
angemessenes Aequivalent geben, doch zog er sich durch seinen Ueber- 



') Vergl. Beer in der hist. Ztschrft, Band 35 S. 96 und Arneth, Maria 
Theresia Bd. 10, S. 296. 

2 ) Denkschrift Ritters. Wien 14. Januar 1778. ürig. Bayer. Geh. St. A. 
K. schw. 329/32. 

3 ) Kaunitz Vortrag vor Maria Theresia vom 23. August 1777. Orig. H. H. 
u. St. A. Vorträge 176. 



88 



Unze r. 



eifer einen scharfen Verweis seines Vorgesetzten zu. da von einer 
Abtretung der Überpfalz. Xeuburgs und Sulzbachs niemals die Bede 
sein könne, sondern nur von der Hingabe Ober- und Niederbayerns. 

- weit -waren die Verhandlungen gediehen, als Kauuitz der Kaiserin - 
Könioön den entscheidenden Vortrag vom 23- August hielt. 

Obwohl man in Wien und Mannheim über alle Verhandlungen, 
die auf die bayerische Erbschaft Bezug hatten, das grösste Geheimnis 
walten Hess, drangen doch mancherlei Gerüchte in die Oeffentlichkeit. 
Gegen Ende Mai erfuhr Biaucour. dass die Differenzen Kursachsens 
mit dem böhmischen Lehenshof wegen der Grafschaft Schoenburg 
Beckers Anlass gegeben hätten ein Abkommen über die bayerische 
Erbschaft in Wien anzuregen — übrigens ein Lieblingsplan dieses 
Ministers — und dass man österreichiseherseit? jetzt nicht mehr die 
frühere Abneigung gegen diese Begehung zu zeigen scheine: bald 
wurde ihm Niederbayern oder das Land östlich des Inns als dasjenige 
Gebiet bezeichnet, welches auf Grund eines kürzlich getroffeuen Ab- 
kommens an Oesterreich fallen sollte l ). Gar manche Anzeichen sprachen 
für die Richtigkeit dieser Angaben ; Lehrbach wurde am kurfürstlichen 
Hoflager zu Schwetzingen zuvorkommender als je empfangen und auch 
an den üblichen vertraulichen Besprechungen mit Beckers fehlte es 
nicht, als er vom 21. bis 26. Mai sich in Mannheim aufhielt. Auch 
die Beise. die er fast unmittelbar danach zu dem Herzog Karl von 
Zweibrücken unternahm (31. Mai bis 3. Juni), um sein Beglaubigungs- 
schreiben zu überreichen, konnte so gedeutet werden, als ob er die 
Zustimmung des nach Karl Theodor nächsten Erbberechtigten zu einer 
Vereinbarung einholen wolle. Aber der Schein trog: Lehrbach spielte 
in dieser Angelegenheit nur eine untergeordnete Bolle, die Verkand- 
hingen über die Begehung der baverischen Erbfolge wurden in Wien 
geführt. In Mannheim war davon höchstens ganz im Allgemeinen die 
Bede, in Jaegersburg. dem herzoglichen Jagdschloss, vielleicht über- 
haupt nicht. Trotzdem ist Lehrbachs Besuch durchaus nicht ohne 
Bedeutung, insofern nämlich als der Gesandte die VermittleiTolle 
übernommen hatte zwischen den augenblicklich auf gespanntem Fuss 
mit einander stehenden Höfen von Mannheim und Zweibrücken; es 
gelang ihm durch offene Aussprache mit dem Herzog eine Wieder- 
annäherung zu erwirken, die bald nachher zu vollständiger Aussöhnung 
fohlte - '). Da der Herzog bisher eine starke Hinneignng zu Erank- 



J ) Riaucour an Stutterheim. Mannheim 27. u. 31. Mai 1777. Orig. Xr. 43 
u. 44. Dresdener Archiv. 

- Lehrbach an Kaunitz. Mainz 7. Juni, Mannheim 17. Juli 1777. Orig. 
H. H. u. St. A. 



Die Entstehung der plillzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. 39 

reich o-ezeigt hatte, von wo er beträchtliche und bei seiner leicht- 
sinnigen Finanzwirtb schaft kaum zu entbehrende Hilfsgelder erhielt, 
das französische Ministerium aber den österreichischen Ansprüchen auf 
Bayern nicht günstig gesinnt war, konnte die Versöhnung mit Kur- 
pfalz, das sich dem Wiener Hofe in die Arme geworfen hatte, zugleich 
als eine Annäherung an diesen gelten, und die Gefahr, dass Frank- 
reich sich des Herzogs zur Durchkreuzung der österreichischen Pläne 
bedienen werde, war dadurch verringert. — Noch mehrmals tauchten 
im Laufe des Sommers 1777 Gerüchte von Verabredungen zwischen 
Pfalz und Oesterreich in Mannheim auf, indes stellte sich jedesmal 
bald heraus, dass sie wenig Wahrscheinlichkeit besassen. 

Am 1. August, dem Tage, da Joseph von seiner Reise wieder in 
die österreichische Hauptstadt zurückkehrte, hatte Kaunitz bereits bei 
der Kaiserin-Königin in Anregung gebracht, dass der pfälzische Ge- 
sandte Freiherr von Bitter bei seinem Hofe um die Erlaubnis nach- 
suche, sich zu persönlicher Berichterstattung und Empfangnahme von 
Weisungen nach Mannheim begeben zu dürfen; er begründete seinen 
Antrag damit, dass die Vorbereitungen und Ausarbeitungen weit genug 
vorgeschritten seien, um demnächst der Allerhöchsten Beurteilung 
und Entscheidung vorgelegt zu werden *). Maria Theresia gab ihre 
Einwilligung, Ritter fragte in Mannheim an und erhielt umgehend die 
erbeteue Erlaubnis. 

Auf Grund der inzwischen beendeten Vorarbeiten trug nun der 
Staatskanzler am 23. August die bayerische Erbfolgefrage in ihrer 
geschichtlichen Entwicklung seiner Monarchin vor, er legte die augen- 
blickliche Sachlage dar und knüpfte daran eine Reihe von Fragen, 
deren Beantwortung für das weitere Verhalten des Wiener Hofes ent- 
scheidend werden musste; er verfehlte indes nicht jedes Mal gleich 
diejenige Antwort hinzuzufügen, welche seiner Ansicht nach die einzig- 
richtige war. Den wesentlichen Inhalt hat Arneth in seiner Geschichte 
Maria Theresias mitgetheilt 2 ) ; ich begnüge mich die von Kaunitz 
gefundenen Ergebnisse aus den vielseitigen Ueberlegungen kurz zu- 
sammen zu fassen. Der Staatskanzler rät nichb den Tod Maximilian 
Josephs abzuwarten, um Oesterreichs und des Kaisers Rechte geltend 
zu machen, sondern vorher und zwar möglichst bald eine Convention mit 
dem pfälzischen Hofe abzuschliessen. Darin soll Karl Theodor die 
Ansprüche des Erzhauses auf Niederbayeru und Mindelheim aner- 
kennen, wogegen Oesterreich die pfälzische Besitzergreifung Ober- 



') Vortrag Kaunitz' vom 1. August 1777. H. H. u. St. A. 
2 ) Band 10. Seite 297—301. 



90 Unze r. 

bayerns, allenfalls auch der Neoaquisita zuzulassen verspricht. Dem- 
nach werde der Vertrag nichts anderes enthalten als eine wechselseitige 
Anerkennung der beiderseits herabgeminderten und in Uebereinstim- 
mnng gebrachten Kechtsansprüche auf die bayerische Erbschaft; trete 
Karl Theodor dann mehr Gebiet ab, als er durch die Convention ver- 
pflichtet sei. so werde er — aber nur dafür — ein Aequivalent er- 
halten ; doch müsse dies späterer Vereinbarung vorbehalten bleiben. 
Diese Regelung auf Grund der beiderseits anerkannten Ansprüche zieht 
Kaunitz als die einfachste jeder anderen Lösung der Frage vor, weil 
dabei kein Aequivalent erforderlich ist. Die Schwierigkeiten, die sich 
der Beschaffung eines passenden Ausgleichsobjectes bei der Abtretung 
von Oberbayern, Oberpfalz, Sulzbach und Neuburg oder auch nur bei 
der Ueberlassung des Herzogtums Oberbayern an Oesterreich entgegen 
stellen, hält er für so gross, dass er von diesen Plänen abzusehen 
empfiehlt 3 ). Auf Grund dieser Darlegung erbat und erhielt Kaunitz 
die Erlaubnis der Kaiserin, die auf den Abschluss einer Convention 
abzielenden Verhandlungen mit Kurpfalz fortzusetzen ; auch der Kaiser 
gab seine Zustimmung. 

Alle rechtlichen und politischen Bedenken, welche gegen die An- 
sprüche des Hauses Oesterreich auf die bayerische Hinterlassenschaft 
etwa vorgebracht werden konnten, fasste der Staatskanzler in einem 
weiteren Vortrag (vom 24. August) zusammen; bei der schriftlichen 
Ausarbeitung findet sich die Bemerkung : „ Auf hohen Befehl Niemandem 
zu communiziren * 2 ). Offenbar wollte er seinen Antrag rechtfertigen. 
in einem Vergleich einen Theil der Ansprüche aufzugeben, anstatt auf 
dem Eecht in vollem Umfang zu bestehen. Auf seinen Wunsch wurde 
nun auch die Reichskauzlei von der bevorstehenden Unterhandlung in 
Kenntnis gesetzt und zwar geschah dies durch ein kaiserliches Schreiben 
an den Fürsten Colloredo, worin Joseph unter Einschärfnng strengster 
Verschwiegenheit befiehlt sich mit der Staatskanzlei in Verbindung zu 
setzen 3 ). 

Nachdem Maria Theresia die von Kaunitz vorgeschlagenen Grund- 
sätze genehmigt und ihm die Fortführung der Verhandlung mit Ritter 
völlig überlassen hatte, waren noch weitere wichtige Entscheidungen 
zu treffen, nämlich ob man Frankreich von der Unterhandlung Kennt- 
nis geben, wann und in welchem Umfange dies geschehen solle. Eine 
vorläufige Mitteilung allgemeiner Art war ja schon im Februar durch 



') Vortrag Kaunitz' vom 23. August 1777. H. H. u. St. A. 

-') Vergl. Beer, hist. Ztschr. Bd. 35 S. 99/100. 

s ) Der Kaiser an Colloredo 2. September 1777. Beer, hist, Ztschr.Bd. 35 S. 100. 



Die Entstehung der piälzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. 91 

Mercy gemacht worden ; Vergennes hatte aber damals , wie er- 
wähnt, die Besprechung der bayerischen Frage zu vermeiden ge- 
sucht und den Wiener Hof an ßreteuil gewiesen. Bald nach der 
Rückkehr des Botschafters nach Wien, die am 9. April erfolgte, 
hatte dann Kauuitz mit ihm eine Besprechung über die bayerische 
Erbfolge gehabt und darin ausgeführt, Oesterreich böten sich zwei 
Wes-e zum Ziel: entweder warte es den Tod des Kurfürsten 
Maximilian Joseph ab oder es regle vor dem Eintritt dieses Ereignisses 
die ganze Angelegenheit durch eine Vereinbarung mit Kurpfalz. Die 
Ende Mai erteilte offizielle Autwort des Botschafters hatte sich darauf 
für den Weg des Vergleichs ausgesprochen und die Mitwirkung Frank- 
reichs zur Herbeiführung eines Arrangements angeboten. Mit Dank 
waren die Anzeichen einer entgegenkommenderen Stimmung in Wien 
begrüsst worden und Mercy hatte Weisung erhalten, im Namen der 
Kaiserin diesem Dank für die freundschaftlichen Eröffnungen Breteuils 
Ausdruck zu geben und die Zusicherung zu erteilen, dass der Wiener 
Hof sich mit dem französischen Ministerium über alle ferneren Mass- 
nahmen in vertrauliches Einvernehmen setzen werde 1 ). Nachdem in- 
zwischen die Vorverhandlungen mit Ritter stattgefunden hatten, während 
deren keine weitere Eröffnung in Versailles erfolgt war, beantragte 
jetzt der Staatskanzler, die französische Regierung sogleich rückhalt- 
los von der geplanten Unterhandlung zu benachrichtigen und die 
wegen der Jülich-Berg'schen Garantieerneuerung doch notwendige 
Ministerialäusserung an Kurpfalz als Anlass und Anknüpfungspunkt zu 
bezeichnen, wie dies Vergennes selbst als zweckmässig empfohlen 
habe. Für ihn war die Annahme massgebend, dass Karl Theodor sich 
ohne Einwilligung des französischen Ministeriums überhaupt wohl 
kaum auf Vereinbarungen von solcher Tragweite wie die geplanten, 
einlassen werde; er hoffte aber auch, dass Kurpfalz die österreichi- 
schen Vorschläge eher annehme, wenn sie vorher in Versailles ge- 
billigt worden seien. Zugleich konnte er dann, Frankreichs Zustim- 
mung sicher, etwaigem Widerspruch von andrer Seite zuversichtlicher 
entgegen sehen. Indes wollte er den französischen Hof doch nicht 
mehr als das Nötigste erfahren lassen; Mercy sollte nur darlegen, 
welche Ansprüche Oesterreich auf Niederbayern, Mindelheim und die 
böhmischen Lehen geltend mache und wie es gegen deren Anerkennung 
auf pfälzischer Seite das Recht der gemeinsauien Abstammung und die 
daraus zu ziehenden Folgerungen zulassen wolle. 



') Mercy an Kaunitz. Paris — das Datum fehlt, da von der Depesche nur 
der erste Bogen vorhanden ist — wohl 22. Juni 1777; präsentirt Wien 29. Juni. 
Orig. H. H. u.. St. A. Frankreich 208. 



92 Unze r. 

Am 21- September erhielt Eitter die Antwort der Staatskanzlei 
auf sein Memoire vom 22. Mai wegen der Erneuerung der preussisch- 
pfälzischen Convention von 1741 über die Jülich-Berg'sche Erbfolge l ), 
kurz darauf verliess er Wien und begab sich nach Mannheim; etwa 
Mitte November gedachte er auf seineu Posten zurückzukehren. Er 
durfte dem Kurfürsten mitteilen, der Kaiserhof werde, sobald Kurpfalz 
die Grundzüge der Vereinbarung augenommen und die österreichischen 
Ansprüche auf Niederbayern uad Mindelheim anerkannt habe, nicht 
abgeneigt sein „in ein der beiderseitigen Convenienz angemessenes 
Arrangement oder Austausch dieser Forderung nach ihrem Wert ein- 
zugehen. " Auch mit anderen Versprechungen waren Kaunitz und Collo- 
redo nicht sparsam gewesen, als Ritter sich bei ihuen verabschiedet 
hatte ; besonders erwünscht musste Kurpfalz das Versprechen der beiden 
Staatsmänner sein hinwirken zu wollen auf die „vorteilhafteste Be- 
handlung", d. h. natürlich auf die möglichste Einschränkung der 
sächsischen Allodialforderungen, und auch die zur Schau getragene 
Neigung, die böhmischen Lehen an Kurpfalz zu vergeben, war nicht 
gering anzuschlagen 12 ). 

Während der Anwesenheit Ritters in Mannheim trat dort ein 
Ereignis ein, welches für das Schicksal der Unterhandlung in gewissem 
Sinne verhängnisvoll wurde: am 31. Oktober starb plötzlich der pfälzi- 
sche Minister Freiherr von Beckers, die Seele der Oesterreich-freund- 
lichen Politik und eigentlich auch deren einziger Vertreter innerhalb 
des Ministeriums. Da er die Verhandlungen mit dem Wiener Hof ohne 
Zuziehung der übrigen Minister und nur mit Hülfe seines Schwagers, 
des Geheimen Rates von Huber geführt hatte, war ausser dem Kur- 
fürsten Niemand in den Stand der Dinge eingeweiht. Auf die Wahl 
eines gewandten Nachfolgers, der zugleich den Beifall des Kaiserhofes 
hatte, kam daher viel an, und doch gestatteten die Verhältnisse keine 
lange Erwägung; rasche Besetzung des erledigten Ministerpostens war 
notwendig, wenn nicht die Ränke der Sickingen'schen Partei einen 
ungünstigen Einfluss ausüben sollten. Schon am 2. November betraute 
Karl Theodor seinen Oberst-Stallmeister, den Staats- und Conferenz- 
minister Freiherrn von Vieregg mit der einstweiligen Leitung der 
auswärtigen Angelegenheiten. Wenngleich Vieregg nichts von Ge- 
schäften verstand und deshalb den Auftrag nur ungern annahm, war 
seine Wahl keine schlechte; die Persönlichkeit des Neuernannten war 



') Kaunitz an Ritter. Wien. 21. September 1777. Copia. Beilage zur 
Weisung des Staatskanzlers für Mercy v. 5. Januar 1778. H. H. u. St. A. Frank- 
reich. Correspondenz 211. 

2 ) Ritters Denkschrift vom 14. Januar 1778. Bayer. Geh. St. A. 



Die Entstehung der pfälzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. 93 

bisher nur wenig hervorgetreten und hatte an dem fortwährenden 
Ränkespiel innerhalb des Ministeriums keinen, wenigstens keinen 
nachweisbaren Anteil; er besass das Vertrauen des Kurfürsten und 
erfreute sich der Gunst des Wiener Hofes. Als ein glücklicher Zufall 
ist es zu betrachten, dass der geschäftskundige Ritter gerade zur Hand 
war; von einer kurzen Reise an den zweibrück'schen Hof zurück- 
kehrend erhielt er den Auftrag, gemeinsam mit Vieregg die hinter- 
lassenen Papiere Beckers durchzusehen. Der kaiserliche Gesandte 
Freiherr von Lehrbach benützte jede Gelegenheit, Karl Theodor auf 
Ritter aufmerksam zu machen; man hatte in Wien schon längst den 
Plan gehabt, bei dem Abgang des mehr denn achtzigjährigen Beckers 
diesem Diplomaten die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten zu 
verschaffen. Solange freilich die bayerische Erbfolgefrage ungelöst, der 
Gegenstand geheimer Unterband lungen der beiden Höfe war, musste 
Ritter seinen Posten in Wien behalten ; sobald aber die geplante Ver- 
einbarung zu beiderseitiger Zufriedenheit getroffen war, stand Ritters 
Berufung an die Spitze der Geschäfte nichts mehr im Wege. 

Unmittelbar nach seiner Ernennung zeigte Vieregg durch einen 
Secretär den in Mannheim residirenden Vertretern der fremden Mächte 
an, dass er bis auf Weiteres die Leitung der auswärtigen Angelegen- 
heiten übernommen habe ; Lehrbach, der abwesend war, benachrich- 
tigte er schriftlich. Ueberall zeigte er grossen Eifer, aber der völlige 
Mangel an Geschäftskenntnis Hess sich nur langsam überwinden; 
längere Zeit besorgte Ritter die Geschäfte und Vieregg gab nur den 
Namen her. Unter diesen Umständen stand es von vornherein fest, 
dass der Nachfolger Beckers keine Aenderung in der pfälzischen Politik 
herbeiführen werde.; sobald die ersten und grössten Schwierigkeiten 
überwunden waren, erhielt Ritter von dem Kurfürsten den Auftrag 
in einem Schreiben nach Wien die dort durch Beckers Tod etwa wach- 
gerufenen Besorgnisse zu zerstreuen und zu erklären, dass die baye- 
rische Angelegenheit in gutem Gange sei. 

Gegen Ende des Monats November war Vieregg soweit eingear- 
beitet, dass Ritter an die Rückkehr auf seinen Posten denken konnte; 
am 29. unterzeichnete Karl Theodor die Vollmacht für ihn zu Ver- 
handlungen mit den Beauftragten des Kaisers und der Kaiserin-Königin, 
sowie zum Abschluss einer Convention oder auch mehrerer Conven- 
tionen x ). Nach kurzem Aufenthalt in München traf Ritter, der, wie 



•) Gedruckt in der »Vollständigen Sammlung von Staatsschriften zum 
Behuf der bayerischen Geschichte etc.« Bd. 3. S. 5 bis 7. 



94 U n z e r. 

hier bemerkt werden mag, seit einem Jahre auch Bayern am Kaiser- 
hof vertrat, am 13. Dezember iu Wien ein. 

Inzwischen war Lehrbach in das Geheimnis eingeweiht worden. 
Kaunitz hatte es für sehr wünschenswert gehalten, dass nach Ritters 
Abreise eine zuverlässige Persönlichkeit in Mannheim sei, die den Kur- 
türsten in seiner guten Gesinnung befestige und Intriguen der pfälzi- 
schen Partei vorbeuge; sein Antrag Lehrbach mit dieser Aufgabe zu 
betrauen hatte den Beifall Maria Theresias gefunden und am 23. No- 
vember war aus der Staatskanzlei eine ausführliche Weisung an den 
Gesandten ergangen 1 ). Er erhielt dadurch Kenntnis von der Rechts- 
frage, von den bisherigen Massnahmen und von dem augenblicklichen 
Stand der Dinge, sowie von den fernerhin noch erforderlichen Vor- 
kehrungen. Zwei kurze Abhandlungen über die Rechte von Kaiser 
und Reich und über die Ansprüche des Erzhauses dienten zur Ergän- 
zung der Instruction; vermutlich waren es dieselben, die Binder im 
März dem Freiherrn von Ritter übergeben hatte. Dieses inbaltreiche 
Schreiben war gerade noch so zeitig in Mannheim angekommen, dass 
Lehrbach wenigstens noch eine längere Unterredung mit Ritter haben 
konnte, bevor dieser sich auf den Weg machte. 

Von dem Augenblick an, da Ritter wieder in Wien anlangt, er- 
öffnet sich in den Berichten dieses Diplomaten eine Quelle von höchstem 
Wert für die Geschichte des bayerischen Erbfolgestreites; während bis 
dahin die für die Vorgeschichte der pfälzisch- österreichischen Conven- 
tion zweifellos hochwichtigen Depeschen des Gesandten von Wien nach 
Mannheim im Geheimen Staatsarchiv zu München nicht vorhanden zu 
sein scheinen, liegen sie von Mitte Dezember 1777 an ausnahmslos 
im Original vor; und überdies sind auch die Reskripte des Kurfürsten, 
sowie die Weisungen Viereggs an Ritter von da ab nahezu vollzählig 
erhalten. 

Am 14. Dezember meldete Kaunitz der Kaiserin die erfolgte An- 
kunft des pfälzischen Gesandten und suchte eine Audienz für ihn nach ; 
er fügte hinzu, nach Ritters Aeusserungen scheine der Mannheimer 
Hof zu einer Verständigung über die beiderseitigen Ansprüche bereit 
zu sein, doch dürften sich über die Art und den Inhalt derselben noch 
wichtige Anstände ergeben -). Huldvoll wurde Ritter am IG. von 
Maria Theresia, danach von dem Kaiser empfangen. In diesen Audienzen, 
sowie in den Besprechungen mit Kaunitz und Colloredo gewann er den 



l j Kaunitz an Lehrbach. Wien 23. November 1777. Conzept. H. H. u. St. A., 
Staatskanzlei, Weisungen ins Reich 29. 

-) Vortrag Kaunitz vom 14. Dezember 1777. H. H. u. St. A. 



Die Entstehimg der pfälzisch- österr. Convention v. 3. Jan. 1778. 95 

Eindruck, dass man mit etwas Nachgiebigkeit hüben und drüben wohl 
zu einem beide Teile befriedigenden Ergebnis gelangen werde 1 ). 

Da traf am 19. die Nachricht ein, dass Kurfürst Maximilian Joseph 
von Bayern erkrankt sei und dass die Krankheit wohl als Kinder- 
pocken sich entwickeln werde. Die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit 
einer unmittelbar bevorstehenden Eröffnung der bayerischen Erbschaft 
musste ins Auge gefasst werden. Ueberzeugt, dass die geplante Ver- 
einbarung das beste Mittel sei, einfach und rasch die Frage zu lösen, 
forderte der Staatskanzler nach eingeholter Erlaubnis den pfälzischen 
Gesandten auf, sogleich von seinem Hofe sich die Ermächtigung zur 
Abtretung von Niederbayern und Mindelheim zu erbitten. War erst 
diese Cession vertragsmässig festgestellt, so konnte Kurpfalz bei ein- 
tretendem Todesfall in München von seinem Anteil Besitz ergreifen, 
während dies sonst der Kaiser zu thun hatte. Gleichzeitig erging an 
den kaiserlichen Gesandten in München, Grafen Hartig uud an Borie 
in Regensburg der Befehl, von den geheimen Vollmachten zur Besitz- 
ergreifung Bayerns eintretenden Falls keinen Gebrauch zu machen -). 

Ritter war beim Eintreffen der Münchner Nachrichten zunächst 
nicht .ohne Sorge gewesen, der Kaiser möge, vor die Entscheidung- 
gestellt, doch den zwar gefahrvollen, aber im Falle des Erfolges lohnen- 
den Weg der Einziehung Bayerns einschlagen. Auf seine Anfrage 
hatte er jedoch die beruhigende Versicherung erhalten, dass die kaiser- 
lichen Majestäten nach wie vor zu einer freundschaftlichen Verein- 
barung bereit seien, doch dürften pfälzischerseits keine den bisherigen 
mündlichen Verabredungen zuwiderlaufende Massregeln ergriffen werden. 
Einen Beweis für die Aufrichtigkeit dieser Versicherung erhielt er als- 
bald in Gestalt jener Aufforderung, sich eiligst die Ermächtigung zur 
Abtretung von Niederbayern und Mindelheim zu verschaffen; die Ant- 
wort, die er am 20. überreichte, enthielt die Bedingungen, unter denen 
Karl Theodor abschliesseu wollte 3 ). Der Kurfürst erkannte den An- 
spruch Oesterreichs auf Niederbayern nur für den sog. Straubingischen 
Teil des Herzogtums an, der 1426 nach dem Tod des Herzogs Johann, 
Grafen von Holland, von Kaiser Sigismund an Herzog Albrecht von 
Oesterreich verliehen, 1429 aber an die anderen niederbayerischen 
Herzöge gegeben worden war; er sprach die Erwartung aus, dass man 
ihm nichts Unbilliges zumuten werde. Wie nun somit in der Con- 



') Ritter an Vieregg. Wien, 17. Dezember 1777. Orig. Bayr. Geh. St. A. 

2 ) Vortrag Kaunitz' vor Maria Theresia. 19. Dezember 1777. H. H. u. St. A. 

3 ) Prornernoria Ritters. Wien 19. Dezember 1777. Copia. Bayr. Geh. St. A. 
K. schw. 329/32. 



96 Unze r. 

vention der Anteil des Erzhauses an der bayerischen Erbschaft bestimmt 
angegeben wird, so verlangt Karl Theodor die Aufzählung aller Kur- 
pfalz zustehenden Rechte und zufallenden Teile, und zwar entweder 
in der Convention selbst oder in bündigen Nebenerklärungen. Vor 
Allem will er das Erbrecht des pfälzischen Hauses auf Grund der Ab- 
stammung von dem ersten Erwerber ausdrücklich au erkannt wissen; 
dauach sollen einzeln als dem kurpfälzischen Erbteil zugehörig auf- 
geführt werden: Ganz Oberbayern; das nicht-Straubingische Nieder- 
bayern; die Neoaquisita und zwar sowohl Reichslehen als Allo- 
dialgüter ; die böhmischen Lehen in der Oberpfalz sammt den dortigen 
Neuerwerbungen Leuchtenberg, Sulzburg und Pyrbaum. Der Wiener 
Hof muss sich ferner verpflichten an einer billigen Regelung der 
Allodialansprüche Dritter mit zu wirken; Kaiser und Reich haben 
allen weiteren Ansprüchen an Bayern zu entsagen. — Da alle diese 
Punkte bereits in der ersten Convention entschieden werden sollten, 
drängte Ritter auf schleunige Herbeiführung eines Einverständnisses 
darüber. Für die zweite Convention stellte er die Bereitwilligkeit des 
Kurfürsten in Aussicht, entweder einzelne Bezirke oder auch den 
ganzen Complex der ihm zufallenden bayerischen Erbschaft, nötigen- 
falls sogar einschliesslich der „ in dortigen Gegenden liegenden Herzog- 
tümer und Güter" auszutauschen „gegen andere annehmliche eigens 
zusammenhängende Territoria und Lande", die den Wert der abzu- 
tretenden Gebiete erreichen; er sprach den Wunsch aus, dass der 
Wiener Hof mit einem billigen Austauschvorschlag hervortrete. Ge- 
wissermassen einen Protest gegen das Verlangen, des Staatskauzlers, 
dass keine den mündlichen Verabredungen zuwiderlaufenden Schritte 
geschähen, enthält der Schluss der Denkschrift, welcher die Unver- 
bindlichkeit aller dieser vorläufigen Verhandlungen, so lange nicht 
ein bindender Abschluss erfolgt sei, für beide Höfe ausdrücklich zur 
Bedingung macht. 

Ritter selbst war vollkommen davon überzeugt, dass nur durch 
eine uneingeschränkte Vollmacht zu sofortigem Abschluss unermess- 
lichem Schaden vorgebeugt werden könne; ohne zu erwähnen, dass 
Kaunitz diesen Wunsch kundgegeben habe, bat er in seinem Bericht 
an Vieregg *), man möge ihn von der in seiner Instruction enthaltenen 
Verpflichtung, den Conventionsentwurf vor der Unterzeichnung nach 
Mannheim einzusenden, für den Notfall befreien ; auch möge der Kur- 
fürst im Voraus die Genehmigung des von seinem Gesandten abge- 



') Ritter an Vieregg. Wien. 20. Dezember 1777. Orig. Bayr. Geh. St. A. 



Die Entstehung der pfalzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. 97 

schlossenen Vertrags, wie dieser auch lauten werde, zusichern. Er 
begründete dieses allerdings ganz ungewöhnliche Verlangen mit der 
ausserordentlichen Gefahr, welche durch eine Verzögerung herbeige- 
führt werden könne, wenn plötzlich der Kurfürst von Bayern sterbe 
oder wenn etwa unvorhergesehene Ereignisse am Wiener Hofe ein- 
träten, bevor der Vertrag unterzeichnet sei. — Zu diesen gefürchteten 
Ereignissen, deren Zeitpunkt sich nicht vorausbestimmen Hess, gehör- 
ten, wie Kitter später einmal sagte, der Tod der Kaiserin, Colloredos 
oder Kaunitz'. — Nur der sofortige Abschluss könne, falls Maximilian 
Joseph jetzt sein Leben beschliesse, Kurpfalz davor bewahren, dass 
die Ansprüche von Kaiser und Reich und die des Erzhauses gemein- 
sam zur Geltung gebracht würden; nur so werde man die Interven- 
tion des Kaisers vermeiden und erreichen könuen, dass beide vertrag- 
sehliessende Teile die ihnen zufallenden Gebiete ungehindert besetzen. 
Der Gesandte fügte noch die Mahnung hinzu, Karl Theodor möge sich 
auch nach dem Eintreffen der Todesnachricht aus München ruhig halten 
und keinen Schritt zur Besitzergreifung thun, bis die Convention ab- 
geschlossen vorliege. Dafür glaubte er aber auch bei genauer Befol- 
gung seiner Ratschläge den günstigsten Erfolg der Verhandlungen 
prophezeien zu dürfen: ganz Europa werde überrascht und erstaunt 
sein, wenn eine Frage, die einen allgemeinen Brand zu entzünden 
gedroht habe, in grösster Ruhe gelöst sei; unsterblichen Ruhm aber 
würden der Kurfürst und sein Minister davontragen. 

Mit der Beantwortung der Ritterschen Note beeilte sich Kaunitz 
trotz des gegebenen Versprechens nicht allzu sehr; wahrscheinlich hat 
er inzwischen den pfälzischen Einwand gegen die Ansprüche auf ganz 
Niederbayern einer Prüfung unterziehen lassen ; erst am 26. Dezember 
hielt er der Kaiserin Vortrag darüber. Es war für den Fortgang der 
Verhandlungen von grosser Wichtigkeit, dass der Staatskanzler, seine 
bisherige Forderung einschränkend, sich nunmehr mit dem Straubin- 
gischen Anteil des Herzogtums Niederbayern begnügen wollte; damit 
war der bedeutendste Differenzpunkt beseitigt. Dagegen riet er der 
Kaiserin, die Neoaquisita nicht hinzugeben, sondern einstweilen ihre 
Verwendung für deren Neuverleihung bei Kaiser und Reich zu ver- 
sprechen; die Frage der böhmischen Kronlehen, die dem pfälzischen 
Hause nur ex nova gratia verliehen werden könnten, sollte überhaupt 
erst bei der zweiten Convention erörtert werden, ebenso wie die Be- 
richtigung der Allodialansprüche ; über diese zweite Convention wollte 
er sich aber erst äusseru, wenn die erste ins Reine gebracht sei. 

Maria Theresia gab den Vorschlägen des bewährten Beraters ihre 
Zustimmung; es dauerte aber wieder drei Tage, bis Ritter in den 

Mittheiluugen XV. 7 



gg U n z e r. 

Besitz der österreichischen Antwort kam 1 ). Denn Kaunitz suchte 
ängstlich den Schein zu vermeiden, als ob sein Hof ein übergrosses 
Verlangen nach dem Abschluss trage. Freilich lauteten auch die 
Nachrichten'.über das Befinden des bayerischen Kurfürsten günstig 
und mit der Besorgnis schwand der Anlass zur Eile. Die Antwort, 
ebenfalls als Promemoria bezeichnet, datirt vom 29. Dezember; sie 
bildet die Grundlage der Convention vom 3. Januar 1778. 

Eitter, hocherfreut, dass die Beschränkung auf das Straubingische 
Gebiet zugestanden war, gab der Hoffnung Raum, dass einige Be- 
sprechungen mit den österreichischen Staatsmännern genügen würden, 
um auch die andern Punkte zur Zufriedenheit seines Herrn zu ordnen 
und völliges Einverständnis zu erreichen. Die Verzögerung durch das 
Neujahrsfest mit seinen Feierlichkeiten machte ihm keine Sorge; der 
Kurfürst von Bayern war, wie man allerwärts glaubte, wieder ausser 
Lebensgefahr 2 ). 

Aber die Dinge kamen anders, als man gedacht hatte. Am Neu- 
jahrstag um 5 Uhr Nachmittags traf in Wien die Nachricht ein, dass 
Kurfürst Maximilian Joseph am 30. Dezember gestorben sei. Eitter, 
von Colloredo sogleich in Kenntnis gesetzt, geriet in die grösste Ver- 
legenheit, denn in einer wenige Stunden vorher eingelaufenen Depesche 
Viereggs war ihm die erbetene Ermächtiguug zum sofortigen Abschluss 
der Convention verweigert worden. Die günstigen Nachrichten aus 
München hatten wohl auch in Mannheim einen beruhigenden Einfluss 
ausgeübt, man hielt dort die Lage nicht mehr für kritisch, und der 
Minister wagte es nicht, dem Widerstreben des Kurfürsten gegen die 
Bevollmächtigung Ritters entgegenzutreten. Selbst für den schlimmsten 
Fall rechnete Karl Theodor auf die Loyalität der Kaiserin-Königin und 
des Kaisers, die gewiss vor dem Eintreffen der pfälzischen Antwort 
auf den von dem Gesandten einzuschickenden Conventionsentwurf 
keine gewaltsamen Massregeln ergreifen würden 3 ). Ritter eilte nach 
erhaltener Mitteilung sofort zu Colloredo und Kaunitz; er gab ihnen 
die Versicherung, dass sein Hof sich durch den Eintritt des gefürchteten 



») Promemoria an den Freiherrn von Ritter. Wien. 29. Dezember 1777. 
Copia. — Bayr. Geh. St. A. 

-') Ritters Postskript zu Depesche Nr. 7 vom 1. Januar 1778, geschrieben 
am 31. Dezember 1777, wie aus den Worten: ,le grand gala de demain . . .« 
hervorgeht. 

3 j Vieregg an Ritter. Mannheim. 27. Dezember 1777. Concept. Bayr. Ges. 
St. A. — K. schw. 329/32. 



l)ie Entstehung der pfä]zisch>österi\ Convention v. 3. Jan. 1778. C|<) 

Ereignisses nicht in seinen seitherigen Absichten irre machen lassen i 
dass er auch sonst keinen Schritt thun werde, der nur im Entferntesten 
den Verdacht eines Gesinnungswechsels gestatte. Schwer genug mag 
ihm die von Vieregg anbefohlene Eröffnung geworden sein, dass Karl 
Theodor sich sofort nach Eintritt des Todesfalles nach Bayern begeben 
werde, allerdings nicht um förmlich von dem Herzogtum Besitz zu 
ergreifen, sondern um die Ordnung aufrechtzuerhalten und den Intriguen 
der in München erwarteten Kurfürstin-Witwe Maria Antouia von 
Sachsen entgegenzutreten. Indes nahmen die Minister seine Mitteilun- 
gen freundlicher auf als er erwartet haben mochte ; sie gaben ihm ver- 
traulich zu verstehen, es liege nur an ihm, durch unverzüglichen Ab- 
schluss der Vereinbarung die Folgen des vertragslosen Zustandes zu 
vermeiden. Jetzt erst erfuhr der Gesandte, welches Schicksal über 
Bayern gekommen wäre, wenn nicht der pfälzische Hof sich so ent- 
o-eo-enkommend gezeigt hätte; man erzählte ihm nicht ohne Absicht, 
dass nur durch seine Denkschrift vom 19. Dezember die einstweilige 
Suspendirung der dem kaiserlichen Gesandten in München und dem 
österreichischen Vertreter in Regensburg früher gegebenen Vollmach- 
ten zur Besitzergreifung des ganzen Herzogtums bewirkt worden sei; 
dagegen werde die Besitzergreifung des Straubingischen Gebietes für 
das Erzhaus ungesäumt erfolgen. Er sah sich vor die Alternative ge- 
stellt: Annahme oder Ablehnung der Convention; nahm er au, so konnte 
sein Herr alles nicht- Straubingische Gebiet, dazu die Lehen, Allodial- 
güter und Neoaquisita in Besitz nehmen, ohne, zunächst wenigstens, 
Widerspruch bei Kaiser und Reich oder bei der Kaiserin-Königin zu 
finden; — lehnte er ab, dann nahm der Wiener Hof den ursprüng- 
lichen Plan wieder auf, österreichische Truppen besetzten sofort im 
Namen des Kaisers die bayerischen Lande ; Karl Theodor musste sich 
mit der Oberpfalz begnügen, die nach den Bestimmungen des West- 
pfälischen Friedens an Kurpfalz zu fallen hatte. Wenn Ritter noch 
schwankte, welche Wahl er treffen sollte, so wurden auch seine letzten 
Bedenken verscheucht durch die Erklärung der kaiserlichen Minister, 
dass man, wenn Karl Theodor die Convention abschliesse, nicht nur 
nichts gegen seine Reise einzuwenden habe, sondern seinen Aufent- 
halt in München sogar gern sehe ; Maria Theresia werde ihn dann bei 
der Besitzergreifung unterstützen und Fürsprache beim Kaiser ein- 
legen, dass er dasselbe thue; — denn gerade die Nichtbefolgung des 
Rats, keine eigenmächtigen Schritte zu thun, hatte in ihm die grösste 
Besorgnis wachgerufen. So entschloss er sich denn auf eigene Ver- 
antwortung zu handeln und, dem Drängen des Wiener Hofes nach- 
gebend, die Convention abzuschliessen ; nur bedang er sich aus, dass 

7* 



100 U n z e r. 

zu ihrer Gültigkeit die Katification des Kurfürsten erforderlich sein 
solle i). 

In diesem Entschluss konnte ihn die Aufregung nur bestärken, 
die sich der Wiener Hof kreise beim Eintreffen der Nachricht bemäch- 
tigte, der Kurfürst von der Pfalz habe sogleich nach dem Tode Maxi- 
milian Josephs durch ein Patent Besitz von ganz Bayern ergriffen. 
Mau kannte den Zusammenhang der Dinge nicht, man wusste nicht, 
dass das Patent ohne Auftrag Karl Theodors von der bayerischen 
Landesregierung auf Grund des pfälzisch-bayerischen Faniilienvertrags 
von 1774 erlassen worden war: man beschuldigte begreiflicherweise 
den pfälzischen Hof der Hinterhältigkeit, ja fast des Wortbruchs. Die 
Verstimmung machte sich auch in den Verhandlungen bemerkbar : als 
Kitter an dem von Kaunitz ihm vorgelegten Conventionsentwurf einige 
Abänderungen vorgenommen wissen wollte, erklärte man ihm, das sei 
nicht mehr zulässig, nach den Vorgängen in München müsse der Ver- 
trag wie er sei auf der Stelle unterzeichnet werden 2 ). 

So blieb denn kein Ausweg übrig: am 3. Januar 1778 setzte 
Kitter seinen Namen unter die Conventionsurkunde ; ein Courier machte 
sich sofort auf den Weg, um die Genehmigung des Kurfürsten einzu- 
holen. Man zweifelte in Wien gar nicht an der alsbaldigen Ratifi- 
cation und Kaunitz sprach dem pfälzischen Gesandten sofort nach der 
Unterzeichnung im Auftrag des Kaisers die Erwartung aus, dass der 
Kurfürst den bayerischen Behörden das bescheidenste und entgegen- 
kommendste Betragen gegen die einrückenden österreichischen Truppen 
zur Pflicht mache und von dieser Verfügung den Befehlshaber des 
Occupationskorps, Feldmarschall-Lieutenant Baron von Langlois in 
Linz in Kenntnis setze. 

Die zwischen Kaunitz und Ritter vereinbarte Convention vom 
3. Januar 1778 beraubte Karl Theodor eines wohlhabenden und stark 
bevölkerten Gebietes, sicherte ihm dagegen den ungeschmälerten Besitz 
des grösseren Restes von Bayern für die Zukunft dadurch, dass das 
Erzhaus allen weiteren Ansprüchen ausdrücklich entsagte und das 
pfälzische Erbrecht anerkannte. Auch die Herrschaft Mindelheim fiel 
an Oesterreich, das darauf eine alte Anwartschaft geltend machen 
konnte. Die Neuverleihung der beträchtlichen böhmischen Kronlehen 
in der Oberpfälz wurde Karl Theodor in Aussicht gestellt, ja sogar 
ihm Hoffnung auf Ueberlassung des Oberhoheitsrechtes gemacht, da- 
gegen unterblieb die Erwähnung der von der wilhelminischen Linie 



*) Ritter an Vieregg. Wien. 1. Januar 1778. Orig. Bayr. tieh. St. A. 
8 ) Bitters Denkschrift vorn 14. Januar 1778. 



Die Entstehung der pfälzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. 1()1 

in Bayern neuerworbenen Reichslehen. Damit jedoch über diesen 
letzten Punkt keine Missverständnisse einträten, gab Colloredo im 
Namen des Kaisers den Rat, der Kurfürst möge keine eigenmächtigen 
Schritte thun und die nach geschehener Ratification erfolgende Willens- 
äusserung des Kaisers abwarten 1 ). 

Waren diese Bestimmungen, die Hoffnungen erweckten ohne Ge- 
währ für ihre Erfüllung zu bieten, schon geeignet Anlass zu Missver- 
ständnissen zu geben, so galt dies noch viel mehr von der Bestim- 
mung, dass über die genaue Abgrenzung des ehemals straubingischen 
Gebietes die von pfälzischer Seite aus den bayerischen Archiven 
vorzulegenden urkundlichen Beweise entscheiden sollten. Ritter mag 
wohl geglaubt haben, es solle dadurch die Beeinträchtigung eines Teils 
durch den andern verhütet werden, — wo sollten die erforderlichen 
Beweisurkunden anders sein als in den bayerischen Archiven ? — auf 
österreichischer Seite hat aber bei dieser Forderung doch wohl, wie 
der Verlauf der Occupation zeigt, das Bestreben mitgewirkt von dem 
preisgegebenen Teil Niederbayerns das eine oder andere Rentamt mit 
einzuziehen in der richtigen Voraussetzung, dass der verlangte Beweis 
für die Zugehörigkeit zum nicht-Straubingischen Gebiet schwer zu 
führen sein werde. Je mehr Bezirke aber der Wiener Hof besetzen 
Hess, um so mehr Tauschobjecte bekam er in die Hand für die zweite 
Convention. 

Die weitere Entwicklung der Dinge hing nun davon ab, ob Karl 
Theodor den Vertrag annahm oder verwarf. Bis zur Entscheidung 
hierüber, die innerhalb vierzehn Tagen nach erfolgter Unterzeichnung 
der Convention fallen musste, verschob Maria Theresia auch den Ein- 
marsch ihrer Truppen in das ihr zufallende Gebiet; sie that dies aus 
Rücksicht auf des Kurfürsten bekannte Empfindlichkeit in allen Dingen, 
die seine wirkliche oder vermeintliche Würde berührten. Selbst der 
optimistische Ritter hielt es für ratsamer, eine vielleicht überflüssige 
Note zu übergeben, als auch nur die kleinste Vorsicht ausser Acht zu 
lassen: am 4. Januar legte er in einem Promemoria dar, dass sich die 
österreichische Anerkennung des pfälzischen Besitzstandes selbstver- 
ständlich auch auf die dem Sulzbach'schen Hause bereits gehörigen 
Gebiete erstrecke, und bat mit Rücksicht auf die zerstreute Lage dieser 
Besitzungen um ganz besondere Aufmerksamkeit seitens des kaiserlich- 
königlichen Kommissars und der ihn begleitenden Truppen -). 



J ) Ritter an den Kurfürsten. Wien. 4. Januar 1778, Orig. Bayr. Geh. St. A. 
K. schw. 329/32. 

-) Orig. H. H. u. St. A. — St. K. Bayern 49. 



102 li n z e r. 

Am 6. Januar traf der Courier mit Ritters Depeschen und der 
Convention in München ein. Karl Theodor war auf die Todesnach- 
richt hin noch in der Neujahrsnacht, begleitet von Vieregg, von 
Mannheim abgereist und am 2. Januar Vormittags in der bayerischen 
Hauptstadt angelangt 1 ). Die Mitteilung, mit welcher der pfälzische 
Legationssekretär von Hammerer ihn hier empfieng, überraschte ihn 
peinlich; er mochte sich aber doch wohl erinnern, dass er gelegent- 
lich der Beratungen über den bayerisch -pfälzischen Familienvertrag im 
Jahre 1774 ein Patent eigenhändig unterschrieben hatte, welches bei 
Maximilian Josephs Tod sofort veröffentlicht werden sollte, um zu 
verhindern, dass eine dritte Partei sich in den Besitz der Erbschaft 
setze. Jetzt freilich konnte diese Voreiligkeit, wie Karl Theodor das 
völlig korrekte Verfahren des bayerischen Ministeriums nannte, die 
bedenklichsten Folgen nach sich ziehen. Deshalb beauftragte er Vier- 
egg, dem Gesandten in Wien ausdrücklich die Versicherung zu geben, 
dass der Entschluss zu einer Vereinbarung mit dem Kaiserhof uner- 
schütterlich feststehe ; man möge den Vorgängen in München, an denen 
er keinen Teil habe, keine Bedeutung beilegen. Bemerkt zu werden 
verdient hierbei, dass Vieregg um diese Zeit von dem wirklichen Zu- 
sammenhang der Besitzergreifung noch nicht unterrichtet war: er 
glaubte, sie sei auf Grund einer alten Vollmacht für Hammerer er- 
folgt, die man um Aufsehen zu vermeiden und das Geheimnis der 
Unterhandlung zu wahren, nicht widerrufen habe 2 ). Karl Theodor 
hatte also noch keine Zeit — oder vielleicht nicht den Mut? — ge- 
funden, seinen leitenden Staatsmann in das Geheimnis der Abmachun- 
gen von 1774 einzuweihen. 

Ein grosser Trost war für den Kurfürsten die Ankunft des Frei- 
herrn von Lehrbach ; der kaiserliche Gesandte, der auf seiner Deutsch- 
Ordens-Kommende Ellingen den ihm bewilligten Urlaub verbrachte, 
hatte sich auf die Kunde von Maximilian Josephs Tod sofort nach 
München auf den Weg gemacht; er wurde am 3- Januar in Audienz 
empfangen. Als er dabei auf das Besitzergreifungspatent und die 
darin angeführten Hausverträge von 1766, 1771 und 74, deren Existenz 
seinem Hofe gänzlich unbekannt sei, zu sprechen kam, geriet Karl 
Theodor in grosse Verlegenheit und sprach sein Bedauern aus, dass 
seine eilige Herreise die Publication des Patentes nicht habe verhin- 



*) Der Direktor der Slaatskanzlei Geh. Rat von Stengel und der greise 
Freiherr von Zedtwitz folgten unmittelbar danach. Unger, kursächs. Resident, 
an Stutterheim. München 4. Januar 1778. Conzept. Dresdener Archiv. Loc. 3463 
Depeches ecrites en cour 1778. 

2 ) Vieregg an Ritter. München. 3. Januar 1778. Conzept. Bayr. Geh. St. A 



Die Entstehung der pfälzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. JQo 

dern können. Das Vorhandensein der Hausverträge suchte er mit den 
sächsischen Ansprüchen an das bayerische Allodium zu rechtfertigen ; 
sie hätten dem Kaiser zur Bestätigung vorgelegt werden sollen. 
Schliesslich beteuerte er, dass keine Gesinnungsänderung stattgefunden 
habe noch auch stattfinden werde, und ersuchte den Gesandten, da- 
rüber an seinen Hof zu berichten. 

Wenige Stunden nach Eingang der Wiener Depeschen begab sich 
Lehrbach — am 6. Januar — zu dem Kurfürsten. Dieser hatte bereits 
mit dem bisherigen Leiter der bayerischen Politik, dem Obersthof- 
meister Grafen Seinsheim und dem bayerischen Geheimen Kanzler 
Freiherrn von Kreittmayr das Vertragsinstrument einer Durchsicht 
unterzogen, da der hierzu seiner Stellung nach berufene Freiherr von 
Vieregg mit den speciell bayerischen Verhältnissen gar nicht bekannt 
war. Er verhehlte Lehrbach nicht, dass der Inhalt der Convention ihn 
in arge Verlegenheit setze ; das abzutrennende Gebiet erstrecke sich 
vielfach weit in sein Land hinein; statt dass man allen Anlass zu 
Streitigkeiten für die Zukunft beseitige, schaffe man so eine Fülle 
neuer Streitpunkte. Auch könne er den Vertrag nicht sofort, wie man 
es von ihm verlange, unterzeichnen, da dies auf die gerade versammel- 
ten Landstände des Herzogtums den ungünstigsten Eindruck machen 
werde. Indes versprach er sich die Frage reiflieh zu überlegen, die 
einschlägigen Akten beibringen zu lassen und dann seine Antwort zu 
erteilen. Am Abend des 6. fand eine lange Beratung über die durch 
den Abschluss geschaffene politische Lage statt, an der ausser dem Kur- 
fürsten, Vieregg und den beiden bereits eingeweihten bayerischen 
Ministern auf Lehrbachs Empfehlung der Geheime Archivarius Graf 
Zech theilnahm. Es wurde, einem Vorschlag Kreittmayrs folgend, 
beschlossen, dem Kaiserhof die Oberpfalz, Neuburg und die bayerischen 
Ansprüche auf einige in nürnbergischem Besitz befindliche Aeinter an- 
zubieten, um durch diese Abtretungen das Herzogtum Bayern ungeteilt 
zu erhalten. Als Lehrbach am folgenden Vormittag bei Seinsheim, der 
ihn um eine Unterredung gebeten hatte, erschien, erhielt er den Be- 
scheid, der Kurfürst wolle vorläufig abwarten, ob der Wiener Hof sich 
nicht zur Annahme eines anderen, für ihn günstiger gelegenen Land- 
strichs und zum baldigen definitiven Abschluss mit Verzicht auf 
spätere Austauschungen bereit finden lasse. Seinsheim und der gleich- 
falls anwesende Kreittmayr betonten die notwendige Rücksicht auf die 
Landstände und baten den Gesandten, er möge auf eine Herabminde- 
rung der Ansprüche seines Hofes hinwirken 1 ). 

') Lehrbach an Kaunitz. München. 9. Januar 1778. Orig. H. H. u. St. A. 
St. K. Bayern 49. 



104 u n z e r - 

Eine Depesche Viereggs setzte Eitter von den Conferenzbeschlüssen 
in Kenntnis; ein Eeskript des Kurfürsten befahl dem Gesandten darauf 
zu dringen, dass man nicht mit bewaffneter Hand an so schwierige 
Fragen herantrete, sondern sich vielmehr zur Annahme eines passen- 
den Aequivalentes verstehe *). Beide Schreiben gingen jedoch, da Lehr- 
bach die Absendung des Couriers verzögerte, erst am 9. Januar ab. 

Kitter sah inzwischen ungeduldig der Antwort aus München ent- 
gegen. Die am 5. einlaufende Depesche Viereggs gab ihm neuen Mut, 
sie erklärte ihm das bis dahin gänzlich unbegreifliche Besitzergreifungs- 
patent wenigstens einigermassen, wenngleich er peinlich berührt wurde 
durch die Bemerkung, dass die bayerische Landesregierung es nicht 
für notwendig gehalten hatte, ihn in seiner Eigenschaft als bayeri- 
scher Gesandter von einem so bedeutungsvollen Schritt in Kenntnis 
zu setzen. Die bereits eingetretenen Folgen der Nachricht waren frei- 
lich nicht mehr rückgängig zu machen, doch liessen sich wenigstens 
weitere nachteilige Massregeln durch schleunige Klarstellung des Sach- 
verhalts verhindern. Am 2. Januar schon hatte der Kaiser sieben 
Bataillone und das Dragoner-ßegiment Prinz Coburg zum Einmarsch 
in Bayern bestimmt, dem F.-M.-L. Baron von Langlois die Leitung des 
Unternehmens übertragen und Tags darauf ihm eine Instruction sowie 
den Befehl erteilt, das bayerische Gebiet bis zur Linie Haag- Wald- 
münchen zu besetzen, das Hauptquartier nach Straubing zu legen 2 ). 
Die Nachricht von der thatsächlichen Besitzergreifung ganz Bayerns 
durch das Patent vom 30. Dezember hatte alsdann Anlass zu einer 
beträchtlichen Verstärkung des Occupationskorps gegeben; man hatte 
ausserdem dem Gesandten erklärt, wenn die Katification verweigert 
werde, werde der Kaiser sofort ganz Bayern einziehen und den Kur- 
fürsten wegjagen. Noch am Abend des 5. begab sich Kitter zu den 
kaiserlichen Ministern und teilte ihnen den Zusammenhang der pfälzi- 
schen Besitzergreifung mit; am folgenden Tage hatte er Gelegenheit, 
bei der Notifikation des Regierungsantritts Karl Theodors dem Kaiser 
gegenüber das unerschütterliche Festhalten seines Hofes an der bis- 
herigen Politik zu beteuern 3 ). Seine Versicherungen blieben nicht 
ohne Wirkung, aber bald begann man sich zu wundern, dass noch 
immer keine Antwort aus München anlangte, während sich allerlei 
Gerüchte verbreiteten, die auf die Absicht bewaffneten Widerstandes 



1 ) Vieregg an Ritter. München. 8. Januar. Conzept. Bajr. Geh. St. A. — 
Karl Theodor an Ritter, von demselben Datum, gedr. Arnetb, Maria Theresia. 
Bd. 10. S. 797/8. 

2 ) K. K. Kriegs-Archiv. 1778. Cab.-A. 

3 ) Ritter an Vieregg. Wien. 10. und 11, Januar 1778. Orig. Bayr. Geh. St. A. 



Die Entstehung der pfälzisck-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. 105 

der pfälzischen bezw. bayerischen Kegierung schliessen Hessen. In der 
Audienz, die Kitt er am 11. Januar bei der Kaiserin zur Uebergabe des 
Notificationsschreibens hatte, gab Maria Theresia ihr Missvergnügen 
offen kund und drohte mit folgenschweren Repressalien, wenn jene 
Gerüchte sich bewahrheiteten und die Convention verworfen würde; 
dagegen stellte sie die freundschaftlichste Unterstützung des Kurfürsten 
in Aussicht für den nach Ratification des ersten zu schliessenden 
zweiten Vertrag. Diese Austauschconvention in Angriff zu nehmen 
erklärten sich jetzt auch die Minister bereit, die bisher nur geringen 
Eifer dafür gezeigt hatten. Aber auch sie konnten dem Gesandten 
ihre Ungeduld, ihre Besorgnis nicht verhehlen, denn von Lehrbach 
fehlte ebenfalls jede Nachricht über die Aufnahme des Vertrags vom 
3. Januar. Der Gedanke lag nahe, dass die bayerische Partei, in 
deren Mitte der schwache Kurfürst mit seinem unerfahrenen pfälzi- 
schen Ratgeber sich befand, sich sei es aus böser Absicht, sei es um 
ihres Sondervorteiles willen der Vereinbarung widersetzte, und man traf 
ja mit dieser Vermutung ziemlich das Richtige. Auch Ritter dachte 
wohl, dass die bayerischen Minister ihre Hand im Spiel hätten; nicht 
ohne Grund hatte er vor ihnen gewarnt, aber er musste sich fragen, 
auf wessen Hülfe man rechnete, wie man überhaupt in München sich 
die weitere Entwicklung der Dinge vorstellen mochte. Von Frankreich 
war doch nichts zu erwarten, Breteuil, durch Kaunitz von den Inhalt 
der Convention in Kenntnis gesetzt, meinte, Kurpfalz habe gar nichts 
Besseres zur Erhaltung der Ruhe in Deutschland thun können. Aber selbst 
wenn der Versailler Hof anders dachte, so würde Bayern gewiss seinen 
Beistand teuer bezahlen müssen: die wieder ins Leben gerufenen An- 
sprüche des Hauses Orleans würden dann zu denjenigen Oesterreichs 
und Sachsens noch hinzutreten. Eher konnte man auf Preussens König 
zählen ; aber welchen Preis hätte man diesem durch seinen politischen 
Egoismus bekannten Fürsten erst zahlen müssen ! 

Alle diese Erwägungen der Kaiserin und der Minister sowie die 
Ergebnisse seines eigenen Nachdenkens legte Ritter nieder in einer 
Depesche an Vieregg vom 11. Januar. Noch aber war der Courier 
nicht abgegangen, als das kurfürstliche Reskript und des Ministers 
Weisungen vom 8. und 9. in Wien eintrafen. Auf der Stelle fügte 
er der Depesche eine Nachschrift bei. Gegenüber der Klage, dass die 
Convention eine Zerreissung Bayerns bedeute, stellt er die Behauptung 
auf, die österreichische Besitzergreifung des straubingischen Anteils sei 
vorübergehend, reine Förmlichkeit und habe nur den Zweck dem 
Publikum Sand in die Augen zu streuen; die Regelung des Besitz- 
standes sei überhaupt der zweiten Convention vorbehalten. Dringend 



106 Unzer. 

mahnt er, dass der Kurfürst an Stelle des bayerischen Ministeriums 
seinen eigenen Kuhm und seine Würde zu Rate ziehe und entschlossen 
Partei ergreife, — sonst sei Alles verloren; auch so schon werde die 
Einbusse an Vertrauen kaum mehr wieder gut zu machen sein. Wenig- 
stens hätte man ihm, meint er, die Ratification zuschicken sollen für 
den Vertrag, wie ihn der Kurfürst vorschlage, wenngleich man sich 
mit diesen Vorschlägen ganz von dem bisher verfolgten Weg der 
Unterhandlung entferne; da hätte der Wiener Hof wenigstens nicht 
an der Absicht einer Verständigung zweifeln können, wie er es jetzt, 
nicht mit Unrecht, thue. 

Man erkennt beim Lesen dieser Behauptungen den Diplomaten 
nicht wieder, der sich selbst einer dreissigj ährigen Erfahrung rühmt. 
Unmöglich kann Ritter geglaubt haben, Oesterreich werde das rechte 
Innufer wieder fahren lassen : seit Jahren wusste Jedermann, dass der 
Wiener Hof den Besitz dieses wichtigen Stromlaufs anstrebe. Und weiter, war 
es denkbar, dass man in Wien in der bestimmten Weigerung bayeri- 
sches Gebiet abzutreten etwas anders als eine verblümte Verwerfung 
des Vertrags gesehen hätte ? Das Bedenklichste aber war, dass seine 
Aeusserungen in München eine ganz falsche Auffassung wachrufen 
mussten, die der Sache des pfälzischen Hofes schwerlich von Nutzen 
sein konnte. 

Am folgenden Tag, den 12. Januar, übergab Ritter den kaiser- 
lichen Ministern das Reskript des Kurfürsten in Abschrift — auch 
Lehrbach hatte in München eine Abschrift erhalten; — in einer Begleit- 
note empfahl er dessen Inhalt den Majestäten zur Beherzigung l ). In 
höchster Ungeduld, schwankend zwischen Furcht und Hoffnung suchte 
er zu erkunden, wie wohl die Antwort lauten möge; doch die ver- 
traulichen Mitteilungen, die man ihm machte, gaben keine Hoffnung, 
und der mündliche Bescheid, den Kaunitz ihm Abends erteilte, recht- 
fertigte selbst die schlimmsten Befürchtungen. In Allerhöchstem Auf- 
trag erklärte ihm der Staatskanzler, dass der Kaiser und die Kaiserin 
entrüstet seien über die Verzögerung der Ratification und über die 
neuen Vorschläge ; auch er persönlich in seiner Eigenschaft als Minister, 
der jederzeit aufrichtig und vertrauensvoll die Unterhandlung geführt, 
habe Grund sich gekränkt zu fühlen. Er Hess durchblicken, dass er 
in den neuen Vorschlägen nur ein Mittel sehe Zeit zu gewinnen, 
damit das pfälzische Regiment in dem besetzten Gebiet festen Fuss 
fassen und zugleich erfahren könne, wie die fremden Höfe über die 



<) Promemoria Ritters. Wien 12. Januar 1778. Orig. H. H. u. St. A. St. K. 
Bayern 49. 



Die Entstehung der pfälzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. |Q7 

Frage dächten, — wenn nicht sogar die Absicht vorliege, mit diesen 
zum Nachteil Oesterreichs Verabredungen zu treffen. Aber der Kaiser- 
hof wolle sich nicht vor ganz Europa lächerlich machen lassen ; Lehr- 
bach werde sofort angewiesen, den Kurfürsten vor die Alternative zu 
stellen: Annahme der Convention wie sie ist — oder Ablehnung. Er 
fügte noch hinzu, die Verwerfung sei unter den gegenwärtigen Um- 
ständen für Oesterreich vorteilhafter als die Annahme, denn Alles stehe 
zu sofortiger Besitzergreifung bereit, die Patente seien gedruckt, die 
Truppen an der Grenze marschfertig; und komme es nun wirklich 
zum Einmarsch, so werde man auch vor den Thoren Münchens nicht 
Halt machen. 

Ritter sah sein Werk, die Convention vom 3. Januar, auf deren 
Abschluss er bisher mit stolzer Befriedigung geblickt hatte, aufs Ernst- 
lichste gefährdet, und doch konnte er kaum etwas zu ihrer Erhaltung 
thun. Es galt zunächst nur Zeit zu gewinnen, denn der Kurfürst 
hatte ja ausdrücklich erklärt die Convention annehmen zu wollen, wenn 
es unbedingt nötig sei. Deshalb beantragte Ritter, die Kaiserin- 
Königin möge den Einmarsch noch einige Tage aufschieben ; man er- 
widerte ihm aber, das sei nicht mehr möglich; nur soviel wurde zu- 
gestanden, dass die einrückenden Truppen noch nicht als Reichstruppen 
auftreten sollten. Die Veröffentlichung der Manifeste versprach Kaunitz 
noch sechs bis sieben Tage aufzuschieben, damit ein Courier von 
Ritter nach München abgehen und von dort mit der Entscheidung 
wieder zurückkehren könne. Aber die Vorlage eines anderen Ver- 
tragsentwurfs, über den man sich verständigen könne, schlug er ab 
mit der Bemerkung, sein Hof habe weitere Vorschläge nicht zu machen. 

Tief erschüttert berichtete Ritter dies Alles an Vieregg, er mahnte, 
keinen Augenblick zu verlieren, da die gewährte Frist zweifellos nicht 
verlängert werde. Aber er zog auch für seine Person die Consequen- 
zen aus der ihm unbegreiflichen Haltung seines Herrn, der den par- 
teiischen Münchener Ratgebern mehr Vertrauen zu schenken schien, 
als dem langjährigen erprobten Vertreter am Kaiserhof: er bat, man 
möge die kurfürstliche Entschliessung durch eine mit annehmbaren 
Vorschlägen und mit Vollmachten zur Unterhandlung und zum Ab- 
schluss versehene Vertrauensperson nach Wien senden; er selbst sei 
zu mutlos und eingeschüchtert, um die Verantwortung noch länger auf 
sich zu nehmen l ). 

Kaunitz hatte kaum, wie man etwa glauben könnte, übertrieben, 
als er Ritter sagte, auch die Besitzergreifungspatente für das ganze 



') Ritter an Vieregg. Wien. 12. Januar 1778. Orig. Bayr. Geh. St. A. 



108 Inzer. 

bayerische Land seien schon in Bereitschaft; am 12. Januar, da der 
Staatskanzler jene Mitteilung machte, befahl Kaiser Joseph dem Reichs- 
vizekanzler *), alle Instructionen und Patente anzufertigen, die zur 
Besitzergreifung Bayerns im Namen des Reichs bis zur Ausgleichung 
aller strittigen Ansprüche auf die Succession erforderlich seien; am 14. 
sollten sie durch einen Courier befördert werden. 

In München hoffte man wirklich, dass der Wiener Hof die neuen 
Vorschläge annehmen und sich mit den angebotenen oberpfälzischen 
Gebietsteilen begnügen werde. In dieser Stimmung traf Karl Theodor 
die Meldung des Rentamts Straubing, der Einmarsch der kaiserlichen 
Truppen stehe unmittelbar bevor ; sie erregte die grösste Bestürzung ; 
der Kurfürst liess Lehrbach rufen und bat ihn um seine Vermittlung, 
damit der Kaiser diesen Schritt doch wenigstens noch kurze Zeit auf- 
schiebe ; das Land werde sonst in die grösste Notlage geraten, er selbst 
aber, der Kurfürst, werde die von den Landständen geforderten Geld- 
bewilligungen nicht erhalten 2 ). An Ritter erging eine eilige Weisung, 
von dem Kaiserhof noch die Erfüllung dieses kleinen Wunsches zu 
verlangen und dabei immer wieder die reinen Absichten der pfälzi- 
schen Regierung hervorzuheben 3 ). Als einen neuen Grund für den 
Aufschub der geplanten Besetzung sollte er die Besorgnis anfuhren, 
der König von Preussen werde in ihr einen Gewaltakt erblicken und 
die Gelegenheit wahrnehmen, um Kurpfalz in Jülich-Berg einen Streich 
zu spielen, überzeugt, dass der Wiener Hof nichts dagegen sagen 
werde. 

Die Depeschen Ritters vom 10., 11. und 12. Januar zerstörten 
nun aber rasch alle Illusionen, denen man sich hingegehen hatte. 
Karl Theodor war schmerzlich betroffen, dass alle seine Vorstellungen 
gegen den Truppeneinmarsch vergeblich gewesen waren, besonders aber 
durch die Bemerkung, dass man ihn allen Ernstes im Verdacht feind- 
seliger Gesinnung und schlimmer Absichten gegen die kaiserlichen 
Majestäten gehabt habe. Man darf es dem schwachen Fürsten wohl 
glauben, dass er nicht im Entferntesten an Widerstand gegen Oester- 
reich oder an die Einmischung einer fremden Macht gedacht hat. Zum 
Beweis seiner stets gleich gebliebenen Gesinnung hinsichtlich der 
bayerischen Erbfolge that er den entscheidenden Schritt : am 14. Januar 
setzte er seinen Namen unter die von Ritter geschlossene Convention. 



') Joseph au Colloredo. Wien. 12. Januar 1778. Orig. H. H. u. St. A. 
Bavarica 49. 

2 ) Lehrbach an Kaunitz. München. 12. Januar 1778. Orig. H. H. u. St. A. 

3 ) Vieregg an Ritter. München. 12. Januar 1778. Conzept. Bayr. Geh. St. A. 



Die Entstehung der pfälzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 1777. 109 

Es ist Karl Theodor gewiss nicht leicht gewesen, den schönsten 
und fruchtbarsten Teil des ihm nach Maximilian Josephs Tod zuge- 
gefallenen Herzogtums abzutreten; er selbst sagt in dem Rescript an 
Ritter, dass er um der Ruhe Deutschlands und Europas willen den 
Vertrag mit gänzlicher Aufopferung seines Interesses ratificirt habe. 
Dafür hegte er aber auch die Hoffnung, dass der Kaiser und die 
Kaiserin-Königin nun ihre Versprechungen erfüllen und sich bei der 
zweiten Convention für die gebrachten Opfer erkenntlich erweisen 
würden 1 ). 

Der Kurfürst und sein Minister erwarteten, dass die Annahme 
der Convention genügen werde, den in Wien entstaudenen Argwohn 
gänzlich zu zerstören, sie glaubten nunmehr Alles gethan zu haben, 
um die Reinheit ihrer Absichten darzuthun; in ihren eigenen Herzen 
aber lebte noch lange eine gewisse Bitterkeit fort, wie sie die Ent- 
rüstung über einen so ungerechten Verdacht wachgerufen hatte. Be- 
sonders Vieregg gab diesem Gefühl sowohl Lehrbach als Ritter gegen- 
über ungescheut Ausdruck. Wenn seinen in der Erregung niederge- 
schriebenen Zeilen Glauben geschenkt werden darf, so war er bereits 
seines Amtes überdrüssig, da er bemerken musste, wie seine Politik 
der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit eine Wirkung hatte, die der im In- 
teresse seines Herrn gewünschten gerade entgegengesetzt war. Bei 
alledem war man aber ängstlich besorgt, dem Kaiserhof keinen An- 
lass zu begründeten Klageu zu geben. Da die Anerkennung Karl 
Theodors als Inhaber des Herzogtums Bayern auf dem Reichstag 
noch nicht erfolgt war — sie hieng ja, wenigstens nach österreichischer 
Auffassung, von der Annahme der Convention ab — unterliess man 
die Beisetzung jeglichen Titels in der Ratin cationsforrnel. Man beeilte sich 
Aufklärung zu geben über die so sehr beargwöhnte Sendung von Cou- 
rieren nach Paris und Berlin: sie hatten die Notification von Karl 
Theodors Regierungsantritt dorthin getragen; man suchte Ritter und 
durch ihn den Staatskanzler zu beruhigen über den Anteil einzelner 
dem Wiener Hofe nicht völlig genehmer Personen an den politischen 
Geschäften. 

Während Vieregg für seine Person Ueberdruss an der Leitung 
der Geschäfte kundgibt, mahnt er mit eindringlichen Worten Ritter 
zu tapferem Ausharren auf seinem schwierigen Posten. Er versichert 
ihn des uneingeschränkt fortdauernden Vertrauens seines Herrn, er 
spricht ihm in dessen Namen sein Bedauern aus über die Unannehm- 



») Karl Theodor an Ritter. München. 14. Januar 1778. Conzept. Bayr, 
Geh. St. A. 



\\0 U n z e r. 

lichkeiten, denen er unter den herrschenden Verhältnissen ausgesetzt 
sei, und sucht seinen Mut wieder aufzurichten durch die Aussicht, 
dass auch der Wiener Hof ihm in kürzester Frist das alte Vertrauen 
bezeigen werde. 

Mit der ratificirten Conventionsurkunde, die in Wien gegen das 
von Maria Theresia unterzeichnete zweite Exemplar ausgetauscht wer- 
den sollte, mit den Weisungen für Ritter und mit zwei kurfürstlichen 
Schreiben an die Kaiserin und an den Kaiser versehen, verliess noch 
am 14. Januar der Courier die bayerische Hauptstadt. Wenn er seine 
Reise auch noch so sehr beschleunigte : vor dem 16. Nachmittags, also 
vor Ablauf von zweimal vierundzwanzig Stunden konnte er nicht in 
Wien eintreffen. Mit bleierner Langsamkeit schlichen diese Stunden 
für Ritter dahin. Offenbar suchte er durch Schreiben seiner inneren 
Unruhe Herr zu werden. Vom 14. Januar ist datirt die , gründliche 
Geschichtserzehlung und daraus erhellende Rechtfertigung des Be- 
tragens des Freyherrn von Ritter, in der Behandlung über die Baye- 
rische Erbfolge mit dem K. K. Hofe", die er an Vieregg sandte. An 
diesem Tage erhielt er die Weisung vom 12. wegen des bevorstehen- 
den Eimnarschs kaiserlicher Truppen in Bayern; er machte die anbe- 
fohlenen Vorstellungen, doch ohne Erfolg. Dabei musste er wieder 
die schlimmsten Anschuldigungen seines Hofes anhöreu, ohne ihuen 
mit voller Ueberzeugung entgegentreten zu können, glaubte er doch 
selbst bereits, dass Karl Theodor ein anderes politisches System ange- 
nommen habe. Die Verweigerung der Ratification im kritischsten Augen- 
blick erschien ihm als ein untrügliches Zeichen dafür, dass die bis- 
herige Politik der Verständigung mit dem Kaiserhof aufgegeben sei. 
Nur die bayerischen Staatsmänner konnten diesen Umschwung be- 
wirkt haben, sie, die von all dem Vorhergegangenen nichts wussten; 
zu ihrer Belehrung hatte er die Denkschrift vom 14. Januar bestimmt, 
vorausgesetzt, dass sie sich überhaupt belehren lassen wollten. Denn 
er mochte wohl selbst einigen Zweifel an dem Erfolg hegeu, nachdem 
Kaunitz ihm seinen Verdacht mitgeteilt hatte, dass eine förmliche 
Verschwörung zwichen dem jüngst verstorbenen Beckers und dem Baron 
Zedtwitz auf pfälzischer, dem Ministerium in München auf bayerischer 
Seite bestanden habe bezw. noch bestehe , von der wahrscheinlich 
Vieregg gar nichts wisse, die möglicher Weise sogar dem Kurfürsten 

ÖD Ö O o 

unbekannt geblieben sei. Zugleich aber wollte er durch die „Gründ- 
liche Geschichtserzehlung- sein Verhalten in der bayerischen Succes- 
sionsverhandlung klarstellen und rechtfertigen gegenüber den Männern 
des neuen Systems, denen er zu weichen entschlossen war. Er erbat 
sich als Nachfolger auf seinem augenblicklich so wichtigen Posten 



Die Entstehung der pfälzisch-österr. Convention v. 3. Jan. 1778. \ \ \ 

einen Mann, der vollständig eingeweiht sei in die Grundsätze der nun- 
mehr zu befolgenden Staatsweisheit, für sich selbst einen ehrenvollen 
Ruhestand 1 ). 

Endlich am 16. Januar schlug ihm die Erlösungsstunde. In aller 
Frühe hatte er noch einem Bericht au Vieregg verfasst über den stets 
wachsenden Verdacht gegen Karl Theodor, der durch das zweideutige 
Auftreten des Geheimen Staatsrats von Cimtzmaun in Mannheim bis zu 
einem gewissen Grad gerechtfertigt werde, da erhielt er aus der Staats- 
kanzlei die Nachricht, ein Courier Lehrbachs habe das bevorstehende 
Eintreffen der Ratification gemeldet; zugleich liess ihm Kaunitz sagen, 
er sei überzeugt, dass die kaiserlichen Majestäten sehr zufrieden mit 
dieser Wendung der Dinge sein würden. Der kaiserliche Gesandte in 
München berichtete nämlich, der Kurfürst habe ihn am 14. in der 
Frühe rufen lassen und nach einer langen Unterredung die Rati- 
ficirung des Vertrages versprochen. Ritter nahm die Gelegenheit wahr 
hervorzuheben, wie die augekündigten Schreiben Karl Theodors an die 
Majestäten uuzweideutige Beweise der Aufrichtigkeit und Staudhaftig- 
keit der Gesinnung seien, und forderte dagegen die Rückkehr des alten 
Vertrauens von österreichischer Seite, damit das begonnene grosse 

7 ~ o 

Werk zu einem erspriesslichen Abschluss geführt werden könue -). 

Endlich um 7 Uhr Abends traf der Courier mit der ratificirten 
Convention ein. Ritter teilte der Staatskanzlei sogleich den Inhalt 
des kurfürstlichen Rescripts und der Weisungen Viereggs mit; Tags 
darauf, am 17., überreichte er den Majestäten die Schreiben seines 
Herrn und empfieng die Versicherung freundschaftlichster Gesinnung 
und erneuten vollständigen Vertrauens. Der Kaiser sowohl wie die 
Kaiserin sprachen überdies den lebhaften Wunsch nach baldigem Ab- 
schluss der zweiten Convention aus, damit alsdann nichts mehr die 
innige Freundschaft der beiden Höfe trüben könne. Wegen des unbe- 
gründeten Verdachts, über den sich Karl Theodor in seinem Schreiben 
beklagte, entschuldigte sich Maria Theresia; sie äusserte zu dem Ge- 
sandten: „Wir müssen nun auf das Engste zusammenhalten und ins- 
künftige für einen Mann stehen." Jetzt vollzog sie auch die Rati- 
fication und noch an demselben Tage wurden die Vertragsurkunden 
ausgetauscht. 

Man teilte Ritter nun die drei Patente mit, welche inzwischen 
erlassen worden waren : am 12. Januar hatte Maria Theresia die Ein- 
ziehung von Mindelheim, am 15. diejenige der böhmischen Lehen in 



') Ritter von Vieregg. Wien. 14. Januar 1778. Orig. Bayr. Geh. St.-A. 
*) Ritter an Vieregg. Wien. 1*J. Januar 1778. Orig. Nr. 14, Bayr. Geh. St.-A. 



112 Unzer. 

der Oberpfalz sowie des ehemals straubingischen Teiles von Nieder- 
bayern angeordnet. Colloredo sprach dem Gesandten sein Bedauern 
aus, dass in Folge der Eatificationsverzögerung an den Grafen Hartig 
in München bereits ein Manifest abgegangen sei wegen der Besitz- 
ergreifung der erledigten Reichslehen, das nicht mehr widerrufen wer- 
den könne. Dies war in der That am 14. geschehen ; man sandte an 
diesem Tage an F.M.L. Baron Langlois zwei Packete; das eine sollte 
er an Hartig abschicken, sobald ihm die Gewährung der Ratification 
aus München gemeldet werde; traf aber die Nachricht ein, dass die 
Convention verworfen sei, so ging das andere Packet an Hartig ab. 
In dem letzeren befanden sich Instruction und Vollmacht für Hartig 
zur Besitzergreifung des ganzen Herzogtums Bayern und andrer 
reich slehenbarer Lande, Güter und Gerechtsame, sowie das gedruckte 
Manifest, welches diese Massregel den Landesbewohnern ankündigte. 
Das erste Packet, das abgesendet wurde, enthielt die Instruction für 
den k. k. Commissär bei der Einziehung der erledigten Reichslehen 
mit Ausnahme des Herzogtums Bayern, die erforderliche Vollmacht, 
ferner Bemerkungen über einzelne Lehen und das gedruckte Patent. 
Obwohl die Aktenstücke am 14. von Wien abgingen, trugen sie sämmt- 
lich das Datum des 16. Januar l ). 

War nun auch die Einziehung der erledigten Reichslehen nicht 
mehr zu hindern oder rückgängig zu machen, so liess der Kaiser doch 
dem Kurfürsten auch jetzt wieder die Neuverleihung derselben in Aus- 
sicht stellen, wenn sie als eine Belehnung ex nova gratia, also nicht 
mit Berufung auf den bisherigen bayerischen Besitz, schriftlich erbeten 
und von der Kaiserin -Königin befürwortet werde. 

Das Aufrücken des pfälzischen Hauses in die fünfte Kurwürde 
beim Erlöschen der bayerischen Linie war bereits durch den West- 
fälischen Frieden bestimmt worden. Colloredo liess jetzt Karl Theodor 
auffordern, die dazu nötigen Schritte beim Kaiser zu thun, dagegen 
wurden noch keine Bestimmungen getroffen über die Führung der 
herzoglichen Stimmen Bayerns ; dies sollte erst geschehen, wenn die Ver- 
ständigung zwischen beiden Höfen vollständig sei , also vermutlich 
erst nach Abschluss der zweiten Convention, die ja möglicher Weise 
das ganze Herzogtum mitsammt der herzoglichen Stimme dem Erz- 
hause überlieferte. 

Die Stimmung am Wiener Hof war, seitdem die Annahme der 
Convention durch Karl Theodor feststand, wie umgewandelt. Ritter 
berichtet 2 ), dass die bisher ungünstige Meinung über eine ganze Reihe 

J ) H. H. u. St.-A. Bavarica 49. Successionssachen 1778. 

2 ) Ritter an Vieregg. Wien. 17. Januar 1778. Orig. Bajr. Geh. St.-A. 



Die Entstehung der pfälzisch-österr. Convention v. 8. Jaii. lit8. \]$ 

von Personen einer gerechten, ja geradezu optimistischen Beurteilung 
gewichen sei; man äusserte sich höchst anerkennend über Vieregg; 
man schenkte Lehrbach wieder das alte Vertrauen ; man erklärte, dass 
Graf Seinsheim stets in hoher Achtung gestanden habe und auch hin- 
fort sich derselben erfreuen werde. Hatte man bisher mit Begünstigung der 
sächsischen Allodialansprüche gedroht, so versprach man jetzt, sich zu 
verwenden, dass Sachsen eine mehr entgegenkommende Haltung be- 
obachte, man riet Karl Theodor freundschaftlich in dieser Frage nichts 
zu übereilen. Es war die Ansicht Maria Theresias und weiter Kreise 
der österreichischen Hauptstadt, dass nun die bayerische Erbschafts- 
angelegenheit so gut wie geregelt sei. 



Mittheilunsren XV, 



Der Herzog von Keiclistadi 

Ein Beitrag zu seiner Geschichte. 

Von 

Hanns Schütter. 

Als der Stern Napoleons noch im vollen Glanz erstrahlte, als der 
Sohn der Kevolution, welcher sich zum Imperator aufgeschwungen 
hatte, noch die Geschicke Europas nach seinem eigenen Ermessen 
lenkte, da glaubte er, sich als das einzige Werkzeug zur Aufrechterhal- 
tung der von ihm geschaffenen Ordnung betrachten zu müssen, und 
unmöglich schien es ihm, dass die Welt ohne ihn bestehen könnte. 
„Ich werde vielleicht zu Grunde gehen", sagte er im Jahre 1813 zu 
dem Fürsten Metternich, „aber meinem Falle folgt der Untergang der 
Throne und der ganzen Welt f)". 

Der Ausgang des Feldzuges von 1814, in welchem Napoleon bei 
verhältnissmässig beschränkten Mitteln die grösste militärische Begabung 
an den Tag gelegt hatte, offenbarte so recht den Hauptfehler, an 
welchem die Pläne des Gewaltigen kraukten: dass er stets zu ver- 
gessen pflegte, dass es denn doch eine Grenze gebe, über welche hin- 
aus die menschlichen Kräfte nicht reichten. Napoleon hat es nie 
verstanden, mit natürlichem Masse zu rechnen und so kam es, dass 
die Menschenmaschineu, welche er bis zur Ueberanstrengung in Be- 
wegung gesetzt, endlich den Dienst versagten. Die Gewohnheit, Fähig- 
keiten und Mittel seiner Gegner zu unterschätzen und zu verachten, trug 
auch nicht wenig dazu bei, seinen Fall zu beschleunigen. So hatte er bei 
Gelegenheit der Allianz von 1813 nicht so recht daran glauben wollen, 
dass unter Verbündeten der Geist der Einheit walten könnte, und sie 



l ) Aus Metternich s nachgelassenen Papieren II. 287, 



JÖer Herzog von Reichstadt. H5 

selbst zur Erreichung eines gleichen Zieles einträchtig zu wirken ver- 
möchten. 

Das Glück, der Grundstein seiner Macht, begann zu wanken und 
das Staatengebilde, welches er sich nach einem verzerrten und über- 
triebenen Ideale des Reiches Karl des Grossen zu erschaffen gedachte, 
fiel bereits während des Entstehens dem einheitlichen Zusammenwirken 
der Verbündeten zum Opfer. „Das weitläufige Gebäude, welches er 
errichtet hatte, — scbrieb Metternich im Jahre 1820, — war ausschliess- 
lich das Werk seiner Hände und er selbst der Schlüssel zu diesem. 
Aber so riesenhaft es auch war, so entbehrte es doch einer wesent- 
lichen Grundlage, und das Material, aus welchem er es gebildet, bestand 
nur aus Besten anderer Gebäude ; vieles war faul, anderes ohne Halt. Der 
Schlüssel zu dem Gewölbe wurde weggenommen und das Gebäude stürzte 
zusammen. Das ist in wenigen Worten die Geschichte des fran- 
zösischen Kaiserreiches — von Napoleon erdacht, entworfen und ge- 
schaffen existirte es einzig und allein in ihm, — mit ihm muste es 
auch zu Grunde gehen 1 ) u . 

Scheinbar ergeben in sein Schicksal beschäftigte Napoleon sich 
mit der Ausarbeitung der Abdankungsurkunde, welche er am 6. April 
1814 seinen Generalen vorlas. Sie hatte folgenden Wortlaut: „Nach- 
dem die verbündeten Mächte proklamirt haben, dass Kaiser Napoleon 
das einzige Hindernis für die Wiederherstellung des Friedens in 
Europa sei, erklärt jener, seinen Eiden getreu, dass er für sich und 
seine Erben auf die Throne von Frankreich und Italien verzichte, 
weil es kein persönliches Opfer, selbst das seines Lebens nicht aus- 
geschlossen, gibt, welches er dem Interesse Frankreichs nicht zu 
bringen bereit ist 2 )". Der Minister des Auswärtigen, Caulaincourt 
und die Marschälle Ney und Macdonald überbrachten dieses Schrift- 
stück den Verbündeten. Es hatte den Vertrag von Fontainebleau 
zur unmittelbaren Folge, welcher Napoleon den Kaisertitel und die 
Souverainetät der Insel Elba zusicherte. Der fünfte Artikel dieses 
Vertrages bestimmte das Schicksal Marie Louisens und des jungen 
Prinzen; er lautet wie folgt: „Die Herzogthümer Parma, Piacenza 
und Guastalla kommen als volles Eigenthum und souverainen Besitz 
an J. M. die Kaiserin Marie Louise; sie werden an ihren Sohn und 
dessen Nachkommen in direkter Linie erblich übergehen. Der Prinz, 
ihr Sohn führt fortan den Titel: Prinz von Parma, Piacenza und 
Guastalla 3 )". 

') Aus Metternichs nachgelassenen Papieren I, 290, 291. 
-') Martens, Supplement au recueil des principaux traites. (Göttingue 
1817) V, 696. s ) Martens V, 697. 

8* 



\\Q Schütter. 

Bevor noch Napoleon daran gegangen war, die Urkunde auszu- 
fertigen, welche seine Abdankung enthielt, beschäftigte er sich auf 
das lebhafteste mit dem bevorstehenden Schicksal seiner Gemalin und 
seines Sohnes. „Man gewähre meiner Familie die Mittel des Unter- 
haltes, rief er aus, das ist Alles, was ich verlange. Was meinen Sohn 
betrifft, so wird er Erzherzog sein, was für ihn vielleicht besser ist 
als der Thron Frankreichs ; denn — falls er ihn bestiege, wäre er auch fähig, 
diesen sich zu erhalten? Für ihn wie für seine Mutter würde ich Tos- 
kana wünschen l )". Als Caulaincourt darauf erwiderte, dass im besten 
Falle die verbündeten Souveraine sich dazu entschliessen würden, dem 
jungen Prinzen Parma zuzusprechen, rief Napoleon aus: „Wie! zum 
Tausch gegen das Kaiserthum Frankreich nicht einmal Toskana ! 2 )" 

Aber nicht einmal Parma erhielt der König von Kom als Ersatz 
für die verlorene Kaiserkrone. 

Auf dem Wiener Congresse wurde der fünfte Artikel des Vertrages von 
Fontainebleau zum Gegenstand eines erbitterten Streites, als die vormalige 
Königin von Etrurien in entschiedener Weise für die Erbrechte ihres Sohnes 
auf Parma eintrat. Napoleons Flucht von Elba, durch welche er als 
eidbrüchig sich aller Rechte begeben hatte, veranlasste den Congress 
jenen Vertrag für null und nichtig zu erklären, so dass man auf diesen sich 
nicht mehr berufen konnte, um die Forderungen Spaniens abzulehnen 
Da es auch die italienischen Fürsten mit banger Sorge für die Sicher- 
heit ihrer Staaten erfüllt hätte, wenn der früheren Vereinbarung ge- 
mäss, der Sohn Napoleons dereinst in Parma zur Regierung gelangt 
wäre, so wurde französischer Seits vorgeschlagen, dieses Herzogthum 
seinem vormaligen Herrn zurückzuerstatten, Marie Louisen hingegen mit 
den Einkünften der pfalzbayerischen Güter in Böhmen, nebst dem 
Fürstenthume Lucca, welches nach ihrem Tode an Toskana fallen sollte, 
schadlos zu halten. 

Am 9. Juni eröffnete jedoch der Congress dem spanischen Bevoll- 
mächtigten, dass er sich nur bereit erkläre, dem Infanten Karl Ludwig 
statt der Herzogthümer Parma, Piacenza und Guastalla das Fürs- 
tentum Lucca abzutreten und 500.000 Francs jährlicher Rente zu 
gewähren; aber in ihrer Eigenschaft als Vormünderin ihres Sohnes 
verweigerte die Exkönigin von Etrurien die Annahme eines solchen 
Ausgleiches, was zur Folge hatte, dass Marie Louise die Herzogthümer 
erhielt, ohne sie auf ihren Sohn vererben zu können. 

Diese Beschlüsse, welche Graf Neipperg ihr überbrachte, betrübten 



l ) Thiers, Histoire du Consulat et de 1' Empire XVII, 754. 
'-') Thiers ibidem. 



Der Herzog von Reichstadt. 117 

die Erzherzogin auf das tiefste. Noch hatte sie sich der Hoffnung 
hingegeben, dass die Mächte sich dazu verstehen könnten, ihrem Sohnei 
eingedenk der Opfer, welche sie Beide für die Ruhe Europas gebracht, 
einigen Ersatz für das Verlorene zu bieten. „An mir liegt mir gar 
nichts, "schrieb sie am 20. Oktober 1816 ihrem Vater, aber an der 
Zukunft meines Sohnes ! l ) M Aufgefordert ihre Willensäusserung be- 
kannt zu geben, richtete sie am 24. November folgenden Brief au 
Kaiser Franz : „Ich verhehle es Ihnen, mein teuester Vater, keines- 
wegs, dass ich nur mit schwerem Herzen jenen Anordnungen mich 
füge, welche die Zukunft meines Sohnes betreffen. Nach den unge- 
heueren Opfern, welche ich in dieser Hinsicht dem Frieden Europas 
bereits gebracht, war ich nicht auf ein weiteres gefasst. Um Ihnen 
jedoch eine neue Bürgschaft meiner kindlichen Liebe zu liefern und 
um zu beweisen, wie sehr ich meine eigenen Interessen dem allge- 
meinen Wole unterordne, willige ich unter bestimmten Bedin- 
gungen ein, jene Vorschläge anzunehmen, welche dahin lauten, meinem 
Sohne, wenn er auf die Erbfolge in den Parmesanischen Staaten ver- 
zichte, die passendste und vortheilhafteste Stellung unter öster- 
reichischer Regierung zu bieten. 

Indem ich alle meine Wolfahrt in Ihre Hände, mein erlauchter 
Vater, lege und vollständig überzeugt bin, dass die Zärtlichkeit für 
Ihre Tochter und die heiligen Pflichten, welche ihr und Ihnen, als 
dem Vormund ihres Sohnes, in gleicher Weise auferlegt sind, Sie ver- 
mögen werden, für diesen alles das zu erstreben, was am schicklichsten 
und ehrenvollsten erscheint, willige ich ein und genehmige, dass man 
nach folgenden Grundsätzen die Verhandlungen mit den dabei be- 
theiligten Mächten eröffne: 

1. Die Erbfolge in Parma kann nach meinem Tode auf die früher 
dort regierende Linie der Bourbons übergehen. 

2. Mein Sohn, der Prinz Franz Karl wird, sobald die Ver- 
handlungen, welche die Erbfolge betreffen, geschlossen 
sind, ohne Verzug in den Besitz der in Böhmen gelegenen, gegen- 
wärtig dem Grossherzog von Toskana gehörigen Herrschaften treten, 
welche als die Pfalz-Bayerischen bekannt sind und diese werden meiner 
Privatdomaine einverleibt. 

3. Nur die Abtretung eines gleichwertigen Besitztums 
in irgend einem andern Teile der österr eichischen Mon- 
archie u. zw. unter denselben Bedingungen könnte mich zu 
der oben erw ahnten Verzichtleistung bewegen, da ich fest entschlossen 



') Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien. 



1 1 g Schütter. 

bin, mich von Niemandem in Form einer gleichwertigen Pension ab- 
fertigen zu lassen. Es ist meine Mutterpflicht und mein ernster Wille, 
noch zu meinen Lebzeiten zu erfahren, nicht nur d a s s, sondern auch 
in welcher Art und Weise die Zukunft meines Sohnes ge- 
sichert ist. 

4. Um meinen Oheim, den Grossherzog von Toskana, für das 
Opfer, welches er mir durch die Verzichtleistung auf die böhmischen 
Güter bringt, zu entschädigen, willige ich ein, ihm nach meiner Be- 
sitzergreifung, Zeit meines Lebens die Hälfte der Kevenuen rein zu 
überlassen. 

5. Mein Sohn, der Prinz Franz Karl, wird so lange als möglich 
den Titel eines Herzogs von Parma führen, denn eine Aenderung wäre, 
in Ansehung der Bande, welche meine Unterthanen an meine Person 
knüpfen, von verderblichem Einfluss. Im Falle, als er dennoch seinen 
Titel ändern müsste, wird man für ihn den schicklichsten wählen 1 ) u . 

Kaiser Franz setzte sich mit Wärme dafür ein, dass die Ange- 
legenheit seiner Tochter in zufriedenstellender Weise geregelt werde. 
Als nun Fürst Metternich in der Lage war, Marie Louisen zu berichten, 
dass die Pariser Unterhandlungen einen günstigen Verlauf nehmen, 
da kannte die Dankbarkeit der glücklichen Mutter keine Grenzen. In 
einem Briefe vom 13. August 1817 schrieb die Erzherzogin folgendes 
an den Kaiser: „Sie haben mein Herz für vielen erlittenen Kummer 
reichlich belohnt und es wird Ihnen ewig dafür dankbar bleiben. Ich 
bitte Sie nun noch Ihr gutes Werk und Ihre guten gnädigen Absichten 
für mein Kind zu vollenden. Geben Sie ihm bester Papa einen Namen 
und ein Wappen, die ihn in den Eang eines nachgeborenen Prinzen 
unseres Hauses versetzen und seine Lage für die Zukunft vollkommen 
gründen. Gott wird Sie ewig dafür lohnen und mein und meines 
Sohnes Gebet für Sie gegen den Himmel gerichtet werden. Er wird 
sich durch seine Bildung Ihrer Gnade gewiss würdig machen" 2 ). 

Aber zu ihrer höchsten Verwunderung und mit grossem Leidwesen 
musste sie erfahren, dass der Pariser Vertrag vom 10. Juni 1817 
zwar den Bourbons Parma zugesichert hatte, dass aber darin mit kei- 
nem Worte ihres Sohnes gedacht ward. Dieser, welcher bis dahin 
Herzog von Parma geheissen hatte, war nunmehr ohne Namen, ohne 
Titel und ohne Gut. Nochmals wendete sich Marie Louise an Kaiser 
Franz und empfahl ihren Sohn seiner so oft erprobten väterlichen 
Gnade. „Auch der Namen und die Titel meines Kindes liegen mir 



') Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien. 
'-) Haus-. Hof- und Staatsavehiv Wien. 



Der Herzog von Reichstadt. 119 

sehr am Herzen, schloss sie ihren Brief, und ich hoffe Sie werden 
unter den alten Hanstiteln gewählt werden, da ein neuer meine Hoff- 
nung nicht erfüllen würde". 

In den edlen Gesinnungen des Kaisers lag es ja selbst, seinem 
Enkel Eang, Titel und Besitz zu geben und ihn für den Verlust der 
Staaten zu entschädigen, welche ihm durch den Vertrag von Fon- 
tainebleau zugesichert worden waren. Als Marie Louise von den Be- 
mühungen ihres Vaters erfuhr, richtete sie am 5. März 1818 aus 
Parma folgendes Schreiben an ihn: „Nur noch wenige Zeilen, liebster 
Papa, durch die heutige Post, um Ihnen die Gefühle meiner Erkennt- 
lichkeit auszudrücken für alles, was Sie die Gnade hatten für meinen 
Sohn zn thun, und welches ich soeben durch einen Brief von Fürst 
Metternich ersehen. Ich bitte Sie überzeugt zu sein, dass ich alles 
was Sie für uns machen wollen, tief fühle und dass mir nur Worte 
fehlen, Ihnen meine kindliche Dankbarkeit dafür auszudrücken. Aber 
an eine Undankbare verschwenden Sie Ihre Gnade nicht und mein 
immerwährendes Bestreben wird es sein, sowohl in der Nähe als 
auch von ferne in das junge Herz meines Sohnes diese nämlichen 
Gefühle einzuprägen, und ihm in ihnen immer den besten aller Gross- 
väter und seinen Woltäter zu zeigen. Wie gerne hätte ich nicht für 
ihn den Titel eines Herzogs von Mödling genommen, welcher 
die schönsten Erinnerungen der Geschichte der alten österreichischen 
Herzoge zurückruft; was mich davon abhielt, war das Unglück, dass 
diese Herrschaft im Besitz des Fürsten Liechtenstein, und dieses so 
merkwürdige"! alte Ritterschloss gerade einen Teil seines englischen 
Gartens ausmacht — denn wäre es in Ihren Besitzungen ge- 
legen, so wäre mir dieser Titel viel lieber als alle anderen .... 
Nach diesem bleibt mir nichts mehr übrig zu wünschen, als dass' 
mein Sohn mit der Zukunft ein guter und geistreicher Mann und 
Ihnen ein treuer Diener möge werden 1 )". 

Da Franz I. seiner Tochter die Wahl Hess, den passendsten 
Titel zw bestimmen, entschloss sie sich für einen, welcher aus den 
böhmischen Herrschaften genommen werden sollte. Als der Kaiser 
dies erfahren, benachrichtigte er sofort die Erzherzogin, dass er ge- 
sonnen sei, ihrem Sohne den Titel eines Herzogs von Keichstadt zu 
verleihen und ferner zu gestatten, dass er seinen Kang unmittelbar nach 
den Erzherzogen, den Prinzen des kaiserlichen Hauses zu nehmen habe. 
In einem Schreiben fvom 7. April 1818 dankte Marie Louise ihrem 
kaiserlichen Vater in innigen Worten für diesen neuerlichen Beweis 



') Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien. 



120 Schütter. 

seiner Liebe. „Nichts konnte mir in der Welt, versicherte sie ihm, 
angenehmeres geschehen, da ich nun für die Zukunft meines Kindes 
ganz beruhigt bin, und besonders da ich das Ziel aller meiner Wünsche 
einzig und allein dem besten aller Väter, und nicht den übrigen 
Monarchen von Europa verdanke, die sehr geschwind alle Opfer ver- 
gessen haben, die ich dem allgemeinen Besten gebracht. Mir 
war nie darum zu thun, dass mein Sohn regieren sollte, allein sein 
Schicksal einmal unverbrüchlich festgesetzt zu sehen, war die heiligste 
meiner Mutterpflichten, und Sie, liebster Papa, haben mir endlich die 
so lange verlorene Kühe wieder geschenkt, so dass ich mit meinem 
Loos vollkommen zufrieden bin . . . 1 )". 

Am 22. Juli desselben Jahres erliess Kaiser Franz das Patent, 
welches die Stellung des Sohnes Napoleons für die Zukunft regelte. 
Durch besondere Bestimmungen wurdem diesem die pfalz-bayerischen 
Güter in Böhmen zum Eigenthume für sich und seine männlichen 
Erben gegeben, doch sollten sie, im Falle des Aussterbens, an Oester- 
reich zurückfallen 2 ). 



') Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien. 

2 ) Montbel, Le duc de Reichstadt (Paris 1832), 129, 130. 



Kleine Mittheilungen. 

Zur Biographie des ErzMsckofs Tagiuo von 3Iagdeburg 
(1004 Februar 2 — 1012 Juni 9). Die Bearbeitung der Lebens- 
beschreibung des Genannten für die Allg. Deutsche Biographie gibt 
mir Anlass, meine in einzelnen Punkten von den Ergebnissen früherer 
Forschung abweichende Meinung an dieser Stelle ausführlicher zu 
begründen. Hirsch Jahrb. Heinrichs IL 1, 172 hält den Erz- 
bischof für einen jüngeren Sohn aus adeligem Haus im Bereich der Frei- 
singer Diöcese, der zuerst zu Pfründen an der Freisinger Domkirche 
bestimmt gewesen sei. Er beruft sich auf eine bei Meichelbeck Hist. 
Frising. l a , 201 abgedruckte Urkunde, in welcher der presbyter etecclesie 
Frisingensis aedituus Katolt seinen Besitz in dem bei Freising gelegenen 
Zolling zu dem S. Benedicti- Altar widmet, mit der Bestimmung, dass 
nach seinem Ableben der Priester Andricus 1 ), der den Altardienst besorgt, 
auf Lebenszeit den Nutzgenuss des Stiftungsgutes haben soll und dass 
nach dessen Tod die Verwandten des Stifters, Jakob und Tagini, in 
Nutzung und Dienst eintreten sollen. Den Vorrang hat der näher 
verwandte Jakob, erst nach dessen Tod oder im Falle als er die For- 
derungen des Stifters nicht erfüllen sollte, kommt Tagiui an die Reihe. 
Für beide sind als nothwendig einzuhaltende Bedingungen vorge- 
schrieben : die Erlangung der priesterlichen Würde, der Eintritt in das 
Kanonikat des Freisinger Domstiftes und die persönliche Besorgung 
des Altardienstes. Unter den Zeugen der Urkunde steht nach dem 



') Wohl eine Person mit dem als magister scholae unter Bischof Gott- 
schalk erwähnten Antricus vgl. Spect Gesch. des Unterrichtswesens p. 362. Altar 
s. Benedicti will Roth Oertlichkeiten 306 auf Zolling beziehen, wie ich glaube 
mit Unrecht, vgl. Rettberg Kirchengesch. 2, 261 über das Kathedralkloster S. 
Benedict zu Freisinn. 



\22 Kleine Mittheilung-en. 

Grafen Uodalscalh ein Tagini, wohl der Vater des im Texte Genannten. 
Des weiteren nimmt dann Hirsch im Anschlüsse an Meichelbeck Hist. 
Frising. l a , 202 und Chron. Benedictoburanmn p. 32 an, dass dieser 
Eatolt eine Person sei mit dem gleichnamigen Vorsteher des Klosters 
Benedictbeuern, als dessen Nachfolger in dem Chronicon Benedicto- 
buranum (Mon. Germ. SS. 9, 219) ein Tagino erwähnt wird: et ipse 
nobilis et non plus rexit nunc locum quam dimidium annum. Mo- 
guntiacensis archiepiscopus est constitutus. Berichtigt man den Irr- 
thum des Chronisten, wie das schon Meichelbeck Chron. Benedictobur. 
33 vorgeschlagen hat, indem man statt Moguntiacensis richtig Magde- 
burgensis schreibt, so ergibt sich die Identität des in Katolts Urkunde 
und im Chron. Benedictoburanum genannten Tagino mit dem gleich- 
namigen Erzbischof von Magdeburg. Hirsch setzt dann 2, 231 ßatolts 
Tod auf den 31. August 1003 an, so dass also Tagino unmittelbar 
vor seiner Erhebung zum Erzbischof die Propstei von Benedictbeuern 
innehatte, die für ihn allerdings nichts anderes war, als eine von 
Regensburg aus verwaltete Pfründe. Taginos Bild hat sich in Bene- 
dictbeuern so wenig eingeprägt, das die Chronik ihn sogar Erzbischof 
von Mainz werden lässt. 

Das Ergebnis zu dem Hirsch durch diese ganz einleuchtende Be- 
weisführung gelangte, ist von Kiezler Gesch. Baierns 1, 411 und auch 
von Janner Gesch. der Bischöfe von Kegensburg 1, 420 angenommen 
worden. Janner weiss uns in Fortbildung dieser Ansicht zu berichten, 
dass Tagino Ratolts „Neffe" war und dass dieser seinen Neffen für die 
Mutterdiöcese zu gewinnen suchte. Trotz der verlockenden Aussicht 
auf die Freisinger Altarpfründe wurde aber Tagino in die Schule 
Wolfgangs nach Regensburg geschickt. Janner verkehrt auch das 
zeitliche Verhältnis, indem er den Ratolt ..unserem Tagino" in der 
Vorsteherschaft zu Benedictbeuern nachfolgen lässt und damit den 
chronologischen Schwierigkeiten zu denen die Aufstellung seines Ge- 
währsmannes führt, aus dem Wege geht. 

Erscheint nämlich die von Hirsch beliebte Verknüpfung und Anord- 
nung der einzelnen Nachrichten bei der Gleichheit der Namen für 
den ersten Blick durchaus annehmbar, so stellen sich doch bei ein- 
dringender Untersuchung mehrfache Bedenken ein. Das schwer- 
wiegendste darunter ist wohl die Wahrnehmung, dass die von Hirsch 
gebotene Darstellung sich weder mit dem zeitlichen Ansatz der Ur- 
kunde Ratolts noch auch mit andern Angaben über Taginos Leben 
verträgt. Der von Meichelbeck aufgestellte Satz: Certe Tagino illi ac 
nostro (sc. Magdeburg, et Benedictoburano) uti nomen ita etiam tem- 
pus exacte respondent, steht mit den Quellen nicht im Einklang. Man 



Zur Biographie des Erzbischofs Tagino von Magdeburg (1004 —1012). 123 

hat nämlich übersehen, dass die Urkunde, welche den Ausgangspunkt 
der Untersuchung bildet x ), zur Zeit und auf Kath des Bischofs Gott- 
schalk von Freising ausgestellt worden ist. Dessen Vorgänger Abraham 
ist nun am 7. Juni 994 gestorben und Ratolts Verfügung kann also 
erst nach diesem Tage stattgefunden haben. Damals war aber der 
spätere Magdeburger Erzbischof schon vicedominus in Regensburg und 
vertrauter Gefährte des h. Wolfgang, der ihn zu seinem Nachfolger 
ausersehen hatte. Dass ein Mann in so hoher kirchlicher Würde, ge- 
ehrt durch das Vertrauen seines Bischofs und die Freundschaft des 
zur Nachfolge im bairischen Herzogthum berechtigten Prinzen, nicht 
für die persönliche Ableistung eines Altardienstes in Freising und zwar 
erst an dritter Stelle und unter der Bedingung des Eintrittes in das 
Freisinger Kanonikat vorgemerkt werden konnte, ist wohl klar und 
genügt an und für sich, die Identität des Freisinger Tagino und des 
Regensburger Vicedoms auszuschliessen, ganz abgesehen davon, dass 
im andern Falle ja gewiss die kirchliche Würde Taginos erwähnt 
worden wäre, und dass der in der Urkunde Ratolts erwähnte Tagini 
nicht einmal die priesterlichen Weihen gehabt zu haben scheint. 

Mit dieser Urkunde fällt aber auch der Beweis für des Magde- 
burger Erzbischofs südbairische oder Freisinger Abstammung. Wir 
vermögen ihr zudem einen guten Beleg für seine Regensburger Her- 
kunft entgegenzustellen in einer wenig beachteten Urkunde, die uns 
in dem unter Abt Ramuold angelegten 2 ) Theile des Liber trad. s. Em- 
merami f. 37' (alt 33') überliefert und darnach bei Pez Thes. l c , 109 
n° 53 abgedruckt ist. Es wird uns in derselben berichtet: qualiter 
quidam nobilis Tagini dictus offerens filium suum Tagininura ad. s. 
Emmerami servitium, tradens pro ipso hobas duas ad Tollunhovun cum 
duobus mancipiis, eiusdem loci fratribus regularibus serviendum, eo 
tenore ut quarndiu praedictus eius filius sub regulari stipendio inibi 
necessaria habuerit, locum non mutet, sin autem sustentationi demitur 
plenariae, praedictum praedium in jus haereditarium retrahatur. Be- 
richtet uns nun Thietmar 5 c. 42 auf Grund persönlicher Mittheilungen 
Taginos, dass Bischof Wolfgang von Regensburg „in vice filii a puero 
nutriens eundem iam adultum bonis suimet omnibus prefecissef, so 
wird an der Identität dieses dem Kloster S. Erameram übergebenen 
Knaben mit dem spätem Erzbischof nicht zu zweifeln sein. Dass der 
Vater zum Regensburgischen Adel gehörte, beweist sein Vorkommen 



') Sie ist nach Meichelbeck noch abgedruckt worden von Karl Roth, Oert- 
lichkeiten des Bisthums Freising 305 n° 710 und vom Grafen Hundt im Oberbayr. 
Archiv 34, 300 n° 145. 

2 ) Vgl. Bretholz in Mittheil. XII, 16. 



124 Kleine Mittheilungen. 

als Zeuge in mehreren Urkunden vornehmer Leute für S. Emmeram. 
So fand ich ihn in einer Urkunde der Herzogin Judit (Bret- 
holz in Mitth. XII, 43 und einer andern ebenda p. 45) , ferner 
in der des Grafen Udalrich (Pez Thes. 1, 99 n° 28), der des nobilis 
Timo (ib. 105 n° 45), endlich in den Urkunden, in welchen Hadmar 
von Laichliug und unus nobilium heroum Lieoparto nomine Familien- 
angehörige unter Widmung eines Gutes an S. Emmeram übergeben 
(ib. 103 n° 41 und 105 n° 45). Auch unter den Nachfolgern Ra- 
muolds finden wir den Namen Tagiui in Urkunden, so in Pez Thes. 
1, 114 n° 65; 128 n° 104. Von diesem Kegensburger Edeln scheide 
ich nun den Freisinger, der, gleichfalls vornehmen Standes, in Ur- 
kunden aus der Zeit der Bischöfe Abraham und Gottschalk vorkommt, 
Meichelbeck Hist. Frising. 1* n° 1138, 1139, 1153. Hundt a. a. 0. 283 
n° 80, 303 n° 151, 152. Die Gleichheit des Namens ist ohne Be- 
lang, wir kennen auch sonst gleiche Namen hervorragender aber deut- 
lich zu scheidender Personen in beiden Sprengein und andererseits ist 
der Name Tagini im bairischen Lande überhaupt l ) und auch im Frei- 
singer Gebiete üblich gewesen, ja wir finden unter B. Abraham sogar 
einmal ein mancipium Tagini angeführt (Hundt a. a. 0. 270 n° 34). 
Ich erwähne noch, dass der Abt Peringer von Tegernsee (nach 1003) 
Grund hatte, sich über einen Tagininus zu beklagen, der dem Kloster 
einen Zehnten zu Ezinhusun entzog (Pez Thes. 6, 142 n° 3) und dass 
der Bruder des Bischofs Gerold von Freising (1220 — 1230) Tagino 
hiess (Meichelbeck Hist. Frising. l a , 398). 

Lösen sich somit durch die Trennung der beiden Tagini die 
Schwierigkeiten, welche Meichelbecks und Hirsch' Darstellungen her- 
vorrufen , so bleibt noch die zweite Frage zu erledigen, ob der 
Regensburger oder der Freisinger oder etwa gar ein dritter Tagini 
des Rectors Ratolt Nachfolger in Benedictbeuern war. Eine befriedi- 
gende Antwort wird uns dadurch erschwert, dass die Chronologie der 
Vorsteher dieses Klosters im 10. und zu Anfang des 11. Jahrhunderts 
ganz unsicher ist (vgl. Hirsch a. a. 0. 2,231), da uns im Chronicon 
Benedictoburanum nur die Tage, nicht aber die Jahre ihres Ablebens 
überliefert sind. Spätere Klostertradition, auf die aber schon Meichel- 
beck nicht viel gegeben hat, setzt den Tod Ratolts in das Jahr 1009, 
den seines Vorgängers in das Jahr 997. Aus der Erzählung des Chroni- 
con erfahren wir nur, dass Ratolt zur Zeit Bischofs Gottschalk das 
Vorsteheramt bekleidete. Hirsch hat sich denn auch an diese Ansätze 



') Auch der bekannte Passauer Dekan Tagino unter Bischof Diepold (1172 
bis 1190) gehört hieher. Förstemann Personennamen col. 326 weist auf den 
Zusammenhang mit Thegan hin. 



Zur Biographie des Erzbischofs Tagino von Magdeburg (1004— 1012). 125 

nicht gehalten uud verlegte, da er der Ueberzeugung war, der Regen- 
burger Tagino sei auf Katolt gefolgt, des letzeren Tod in das Jahr 
1003. Starb dieser am 31. August, so blieben eben noch fünf Monate 
bis zur Erhebung Taginos auf den erzbischöflichen Stuhl. Lassen wir 
aber den Regensburger ganz aus dem Spiele, dann bleibt Ratolts 
Todesjahr ganz im Unsichern, beziehungsweise würde auch gegeD die 
Annahme von 1009 kein Bedenken obwalten. 

Wir haben nun für Taginos Vorsteherschaft kein anderes Zeugnis 
als die vorhin angeführte Stelle aus dem Chronicon. Wäre es denn 
nicht möolich, dass der Gleichlaut des Namens schon die alten Mönche 
von Benedictbeuern zu einer ähnlichen Combination verführte, wie sie 
sieben Jahrhunderte später der gelehrte Archivar des Klosters vorschlug? 
Der Mönch der diesen Abschnitt des Chronicon in dem ersten Lustrum 
der Sechziger Jahre des 11. Jahrh. schrieb, wusste wohl, dass es ein- 
mal einen Erzbischof Tagino gegeben hatte, aber gar fest war seine 
Kenntnis deutscher Kirchengeschichte doch nicht, da er ihn nach Mainz 
versetzte. Ich lege dieser Stelle umso weniger Gewicht bei, als der 
wirthschaftliche Zustand des Klosters zu jener Zeit nicht derart war, 
dass der von Haus aus begüterte Vertraute des Königs Heinrich in 
der Vorsteherschaft eine begehren swerthe Pfründe hätte erblicken können. 
War doch Tagino erst im J. 1002 zum Abt oder Propst des bei der 
alten Kapelle auf dem Königshofe zu Regensburg von Heinrich II. 
und Kunigunde errichteten Kollegiatstiftes bestellt worden! Und die 
seltsame Art in der das Rectorat von Benedictbeuern aus verwandt- 
schaftlichen Rücksichten vergeben wurde, liesse es viel wahrscheinlicher 
erscheinen, dass Ratolt seinem Verwandten, dem Freisinger Tagino, 
die Nachfolge zuwendete. Konnten wir also schon der ersten An- 
nahme Meichelbecks und Hirsch' nicht beipflichten, so werden wir 
auch berechtigt sein, die weitere Folgerung, Erzbischof Tagino sei im 
J. 1003 Rector von Benedictbeuern gewesen, abzulehnen. 

Ich möchte übrigens gleich bei diesem Anlasse darauf hinweisen, 
dass mir die Identität des Freisinger aedituus und des Rectors Ratolt 
nicht so sicher verbürgt zu sein scheint, als man gemeinhin annimmt. 
Mit vollem Recht können die Vertheidiger dieser Ansicht auf die auf- 
fallende Uebereinstimmung der allerdings oft gebrauchten Namen Ratolt 
und Tagino hinweisen, sie können anführen, dass der Rector im Chronicon 
Benedictobur. als ex castello Frisingensi nobilis vir, der aedituus in den 
Urkunden als nobilis clericus bezeichnet wird, dass das von dem Rector 
Ratolt an das Kloster geschenkte Gut Wacreinna nach Meichelbecks 
Deutung im engern Freisinger Bezirke lag, wo auch der aedituus be- 
gütert war, aber all dies dürfte zu einer sichern Entscheidung nicht 



126 Kleine Mittheilungen. 

genügen, wenn wir unser Augenmerk nochmals der schon -wiederhotl 
herangezogenen Urkunde zuwenden. 

Sie entbehrt der Datierung und gewährt uns auch sonst keinen 
Anhaltspunkt, um ihren zeitlichen Ansatz innerhalb 'der Regierungs- 
zeit Gottschalks (994 bis 6. Mai 1005) mit Hilfe des zugänglichen 
Materiales genauer zu bestimmen, da sie nicht in einer Reihe von 
Traditionen überliefert, sondern mit zwei andern Urkunden . Ratolts 
auf den dem Cozroh-Codex zum Schlüsse angefügten Pergamentblättern 
eingetragen ist l ). Doch werden wir sie mit Recht an den Anfang der 
Regierung Gotschalks setzen dürfen, wie ja auch Andricus nicht als ma- 
gister scholae bezeichnet wird. Vollends muss man früherem Ansatz bei- 
pflichten, wenn man Identität des aedituus und des Rectors annimmt. 
Liest man nun die Urkunde ganz unbefangen, so gibt sie sich als 
Willensäusserung eines Mannes der Ursache hatte, an seinen Tod zu 
denken und für diesen Fall eine Stiftung, die ihm am Herzen lag, zu 
begründen. Wäre ihm noch eine längere Lebensdauer in sicherer 
Aussicht gestanden, so würde er wohl dem Andricus sofort irgend eine 
Zuwendung gemacht haben, wie er ja in jungen Jahren für das sacrarium 
Sorge getragen hat. In der That muss Ratolt zur Zeit der Ausstel- 
lung der Urkunde schon in höherem Alter gestanden haben. Er war 
ein Sohn des ehemaligen bischöflichen Vogtes Ratolt -) und schloss 
als diaconus bereits mit dem Bischof Lantbert (Aug. 937 bis 19. Sept. 957) 
ein Tauschgeschäft ab 3 ), unter B. Abraham bekleidete er schon das 
Amt des custos ecclesie oder aedituus. Rücken wir auch die erste und 
die letzte Urkunde so nahe als möglich zusammen, so liegen doch 
zwischen beiden 37 Jahre, er muss also im Anfange Gottschalks zum 
mindesten sechzig Jahre alt gewesen sein. Ob nun der auf seinen 
Tod bedachte Mann in solchem Alter geneigt war, seine bequeme 
Stellung mit der Leitung eines entlegenen, aus gänzlichem Verfall 
emporzuhebenden, mit Weltpriestern besetzten Klosters zu vertauschen, 
ob ihm die körperliche Kraft gegönnt war, als Rector noch von schwerer 
Krankheit zu genesen und den Gebrauch der gelähmten Füsse wieder 
zu erlangen, wie uns erzählt wird 4 ), das sind Fragen, die allerdings 



') Fol. 398, 399 vgl. Roth Oertlichkeiten 301 n ü 707, 302 n° 708, 305 
n° 710, Roth bemerkt, dass unsere Urkunde n° 710 von anderer Hand und mit 
anderer Tinte geschrieben ist, als die beiden anderen Urkunden. 

2 ) Hundt in Abh. de hist. Cl. der k. bair. Akademie 14 b , 22. Sein Bruder 
und Vogt hie8s Dietricus. 3 ) Meichelbeck Hist, Frising. 1*> n° 1084. 

4 ) Chron. Benedictobur. SS. 9, 219 praedium suum in Wacreinna dedit ad 
altare s. Beuedicti, postquam in ecclesia s. Benedicü ante altare illius ambulare 
gressum recipiebat. 



Zur Biographie des Erzbischofs Tagino von Magdeburg (1004—1012) 127 

nicht den Ausschlag geben, aber doch nicht schlankweg von der 
Schwelle gewiesen werden können und die immerhin zu vorsichtiger 
Erwägung mahnen. 

Ich wende mich nach dieser Abschweifung zu einer andern Frage, 
die für die Lebensgeschichte des Erzbischofs Tagino von Belang ist. 
In der Vorrede zur neuen Schulausgabe Thietmars v. Merseburg (1889) 
hat der Herausgeber F. Kurze die Behauptung aufgestellt, Eb. Tagino 
habe eine Chronik verfasst, die von den Anfängen der Stadt Magdeburg 
bis zum J. 1004 reichte und Thietmars Quelle war. Kurze hat dann 
diese Behauptung in Mittheil. Ergänzungsband 3, 397 ff. ausführlicher 
begründet und da auch den Wortlaut dieser Chronik aus Thietmars 
Werk herauszuschälen versucht. Auf die quellenkritische Frage brauche 
ich mich hier nach den gegen Kurze gerichteten Bemerkungen Watten- 
bachs in der sechsten Auflage der Geschichtsquellen I, 352 um so weniger 
einzulassen, als im Neuen Archiv 17, 631 ein derselben gewidmeter Auf- 
satz F. Simsons angekündigt wird. Ich begnüge mich an dieser Stelle nur 
auf Taginos persönliche Thätigkeit einzugehen. Die Hauptstelle auf 
welche Kurze seine Beweisführung stützt, ist Thietmar Chr. 5, c. 44. 
Dieser berichtet da über Taginos Ordination zum Erzbischof und fährt 
dann fort: Et quia is (sc. Tagino) ut scriptura eius testatur, ab solo 
ordinandus apostolico, huc (sc. Komam) venire propter instantem ne- 
cessitatem non potuit, ibidem (sc. Merseburg) sacri crismatis delibucione 
tercium implevit numerum x ). Eben diese scriptura eius soll die Chronik 
Taginos sein. Dieser Auslegung hat schon Wattenbach 2 ) widersprochen 
und auch ich kann derselben nicht beipflichten. Kurze hat vor allem 
den Beweis nicht erbracht, dass Thietmar scriptura in der viel all- 
gemeinern , dem MA. aber nicht geläufigen Bedeutung unseres 
„Schrift" gebraucht. Es wäre dann auch auffallend, dass Thietmar 
nur an dieser Stelle die Chronik erwähnt, sonst aber sich auf die 
mündliche Erzählung Taginos beruft. Ferner würde Thietmar, wenn 
er eine von Tagino verfasste „ Schrift " hätte erwähnen wollen, sein 
geliebtes suimet verwendet haben, wie er das z. B. auch 6 c. 60 thut: 
eo quod in epistola suimet hunc iniuste apud papam incusaret. End- 
lich ist uns ja der Inhalt der scriptura angegeben in den Worten ab 
solo ordinandus apostolico. So sehe ich denn mit Wattenbach in der 
scriptura nichts anderes als eine päpstliche Verbriefung über ein Ehren- 
vorrecht der Magdeburger Erzbischöfe, das auch im J. 1027 vom 



') Vgl. dazu Uhlirz Geschichte des Erzbist. Magdeburg p. 114. 
2 ) Neuausg. der Uebersetzung Thietmars p. IX in (xeschichtschreiber der 
deutschen Vorzeit. 



128 Kleine Mittheilungen. 

Papste Johann XIX. beurkundet, aber nur in seltenen Fällen wirk- 
lieb geübt worden ist j ). Dass diese Verbriefung nicht erst Tagino, 
sondern schon seinem Vorgänger erteilt worden war, ist selbstverständlich. 
Das Wort eius besagt weiter nichts, als dass die Urkunde sich im 
Besitze des Erzbischofs befand und von ihm vorgewiesen wurde. 

Wenn dann Kurze weiter von den sächsischen Annalen- und 
Chronikenschreibern, welche eine notitia über die Translation der Re- 
liquien des h. Mauritius wörtlich oder gekürzt aufgenommen haben, ver- 
langt, dass sie in derselben die Erwähnung Regensburgs hätten streichen 
sollen, da doch für sie nur die Ankunft der Reliquien in Magdeburg 
Interesse haben konnte, so ist das eine so absonderliche kritische 
Forderuüg, dass sie ihre Widerlegung in sich selbst findet. Wir 
brauchen uns daher auch auf die aus der Nichterfüllung gezogene 
Folgerung, dass derjenige, der diese notitia zuerst seinem Werke ein- 
verleibte, ein Interesse an Regen sburg sowohl als an Magdeburg gehabt 
haben muss, dass das aber nur bei Tagino zutrifft, nicht weiter ein- 
zulassen und können nach dem Gesagten auch an der a. a. 0. S. 405 
gegebenen Schilderung des schriftstellerischen Verfahrens Taginos vor- 
übergehen. 

Wien. K ühlirz. 



Rückdatirung in Papsturkunden. In den Papierregistern des 
Gegenpapstes Clemens VII. begegnet eine Neuerung, die sich in den 
Registern der früheren Avignonesischen Päpste nicht findet und auch 
bei den späteren römischen Päpsten nicht wiederkehrt. Der Datirung 
der Bullen ist vielfach das Datum der Expedition und dann von neuer 
Hand das der Aushändigung an die Partei beigefügt. Dass dies nicht 
etwa lediglich der Laune eines Registrators entsprang, sondern einen 
tieferen Grund hat, beweist der meist bedeutende Zeitabstand zwischen 
Datirung und Expedition. Im ersten Band an. I. pars 1 fehlen Ex- 
peditionsvermerke bis f. 607. Auf f. 607' erscheint zum erstenmale: 
Dat. Fundis VI. kal. dec. anno I. P. Bosquerii und darauf: Expedita IX. 
kal. mai. anno nono. Po. de Curte. Tradita IL kal. mai. anno nono- 



3 ) Jaffe-Löwenfeld Reg. pont. n° 4084. Sagittarius in Boysen Allg. 
Mag. I, 288 : interdieimus ut nullus tuus successor ab alio aliquo consecretur, nisi 
a Romano pontifice vel a suo misso, seu cui ipse praeeeperit. Grosfeld, De 
archiepiscopatus Magdeb. orig. p. 56 hat allerdings Thietmars Bericht angezwei- 
felt und Usinger in Hirsch Jahrb. I, 278 diese Bedenken getheilt. doch glaube 
ich dasB die oben gegebene Darstellung zu Recht besteht. Vgl. Uhlirz Gesch. 
des Erzbistums Magdeburg 58 Anm. 3. 



Rückdatirung in Papsturkunden. 129 

Ja. de Firmitate. Die Eintragungen schreiten nun bis f. 638 genau 
chronologisch nach den Expeditionsvermerken fort, wobei diese vom 
9. bis zum 15. Pontificatsjabr steigen, während die Briefe durchaus 
aus dem 1. Pontificatsjabr datiren. Dieselbe Erscheinung wiederholt 
sich beim nächsten Band an. I. p. 2: bis f. 604 keine Aushändigungs- 
vermerke, von da an steigend vom 9. bis zum 15. Pontificatsjahr. Bei 
den folgenden Bänden 3 — 5 vermisste ich ähnliche Vermerke, dagegen 
tauchen sie an. I. p. 6 bereits von f. 234' an auf; der späteste ist 
f. 526 : Dat. Fundis VI. kal. dec. anno primo. Expedita III. id. augusti 
anno sexto decimo K. de Valle. Tradita XVII II. kal. septembr. anno 
sexto decimo. Siffredus. Die Erklärung liegt wohl nicht darin, dass 
die betreifenden Briefe 8 — 15 Jahre in der päpstlichen Kanzlei liegen 
geblieben sind, sondern in ganz anderen Ursachen. Das Streben, sich 
auf möglichst frühe Provisionsbullen berufen zu können, führte bei den 
Parteien dazu, in den Suppliken nicht nur um die Gunst selbst, sondern 
auch um Ausfertigung unter einem fingirten früheren Datum zu bitten 1 ), 
während die Lage des Papstthums nach 1378 in Rom so gut wie in 
Avignon zu weitestgehenden Zugeständnissen drängte, um das Obödienz- 
gebiet zu erhalten und zu mehren. Begreiflicherweise war der Rang 
vom ersten Pontificatsjahr der allbegehrte, und dies prägt sich bei 
Clemens VII. deutlich genug darin aus, dass die Papierregister aus 
dem ersten Pontificatsjahr 16 Bände umfassen, während die der fol- 
genden Jahre 2 — 15 ganz ständig 3 — 4 Bände zählen. Wenn Ex- 
peditionsvermerke erst mit dem 9. Pontificatsjahr auftauchen, so ist 
dies wohl nicht so zu deuten, dass der Unfug erst damals angieng, 
sondern dass man von da an an der Curie das wahre Zeitverhältnis 
in den Geschäftsbüchern in Evidenz hielt 2 ). So werden denn die 
massenhaften Rückdatirungen seit Clemens VII. anderen schlimmen 
Wirkungen des Schismas beizuzählen sein, und es ist wohl mehr als 
blosser Zufall, dass nunmehr auch in Rom unter Bonifaz IX. und 



') Vergl. Bresslau UL. 1, 872. 

2 ) Ottentkai, Regulae Cancellariae, Clemens VII. No. 131 : Sanctissimus . . 
dominus noster Clemens . . papa VII. kal. martii pontificatus sui anno IX. or- 
dinavit, quod si de cetero super quibuscunque gratiis beneficialibus vel aliis con- 
tingat in cancellaria sue sanctitatis aliquas litteras sub bulla expediri, . . . primo 
in bulla per unum es lectoribus scribatur in plica littere post taxam dies mensis 
per kal. non. vel idus et deinde in registro scribatur dies mensis 
et annus modoconsimili ethuiusmodi littere de dicto regest r o 
tradantur parti. Der Expeditionsvermerk ist, wie wir daraus ersehen, nur in 
den Registern vollständig; in den Originalen fehlt wohlweislich die Jahresangabe, 
durch deren Beifügung die Täuschung sofort offenkundig geworden wäre. Die 
Verfügung ist von Benedict XIII. Reg. Canc. No. 83 wiederholt. 

Mittheiluugen, XV. 9 



i on Kleine Mittheilungen. 

Johann XXIII. in den Kanzleiregeln eigene Verfügungen für den Fall ge- 
ti offen werden, dass die Partei eine „data anterior" wünscht 1 ). Die Sache 
ist für die Frage der Bedeutung und Verwertung der Papstbriefe, mag 
man nun den Originalen oder der Registerüberlieferung nachgehen, 
von Wichtigkeit. Man wird von etwa 1378 an besonders den aus den 
jeweiligen ersten Pontificatsjahren datirten Expectanzbriefen mit Miss- 
trauen begegnen und sich hüten müssen, aus ihnen vorschnelle Schlüsse 
für die Chronologie der in ihnen genannten Personen zu ziehen, um- 
somehr als die Beifügung des Aushändigungsvermerkes, der uns rasch 
darüber belehrt, dass der Petent nicht 1378 in Fondi sondern erst 1393 
in Avignon an der Curie weilte, in der Folgezeit wieder unterblieben ist. 

Der Misbrauch scheint erst seit dem Schisma grössere Dimensionen 
angenommen zu haben; ob er aber in bescheidenerem Mass und ver- 
einzelten Fällen nicht viel weiter zurückreicht, dürfte noch sehr zu 
beachten sein. Die Kanzleiregeln schweigen darüber und Registerver- 
merke fehlen; es mangelt also vorderhand an festen Anhaltspunkten. 

Bedenklich scheint immerhin, dass etwa seit Clemens VI. der 
Registerbestand an Gratialbriefen aus dem ersten Pontificatsjahr den 
Umfang der übrigen im Durchschnitt um die Hälfte überragt, ein 
Misverhältnis, das durch den naturgemäss gesteigerten Geschäftsgang 
zu Beginn des Pontificats nicht immer und nicht ausreichend erklärt 
werden dürfte. 

Wien. M. Tangl. 



i) Reg. Canc. Bonif. IX. No. 18, Jon. XXIII. No. 36. Martin V. Reg. 29 
untersagte die Expedition sub data anteiiore. 



Literatur. 

Diplomi imperiali e reali delle cancellarie d'Italia 
Pubblicati a facsimile della R. Societa Romana di Storia patria. 1. Liefe- 
rung: 15 Facsiniiles mit Text (Notizie e trascrizioni , 8°, 32 p. 
Roma 1893. 

Jeder, der sich mit der diplomatischen Seite der deutschen Kaiser- 
urkunde zu befassen hat, wird nach den von H. v. Sybel und Th. v. Sickel 
herausgegebenen »Kaiserurkunden in Abbildungen« langen müssen. Sie sind 
ein gnindlegendes Werk, das eine Menge neuer Gesichtspunkte eröffnet 
und eine Fülle von Anregungen bietet. Wie kaum anders möglich, sind 
allerdings nicht alle Mitarbeiter ihrer Aufgabe vollauf gerecht geworden 
und die Bearbeitung der einzelnen Partieen ist nicht immer eine gleich- 
massige. Aber das gebotene Material ist fast durchwegs ein ausserordent- 
lich wertvolles , es ist eine Illustration der Entwicklungsgeschichte der 
deutsehen Kaiserurkunde bis zum Schluss des Mittelalters. Ein Mangel, 
der in den gegebenen Verhältnissen seine Erklärung und Entschuldigung 
findet, macht sich wol fühlbar. Es ist nur Material aus den deutschen 
und österreichischen Archiven und Bibliotheken gegeben und auch das 
nicht gleichmässig für alle Perioden. Vereinzelte Stücke nur — aus 
Italien 8, aus der Schweiz 3 — sind von auswärts dazugekommen. 

Um so willkommener ist die vorliegende Publication. Soll sie auch 
nur bis zu den Hohenstaufen reichen, so wird sie doch Gelegenheit haben, 
nicht nur manche Beisteuer zur Lehre von der deutschen Kaiserurkunde, 
sondern auch — etwa für Friedrich II. — manche notwendige Ergänzung 
zu liefern. Und was mehr ist, sie wird auch für die Zeit, da Italien ein 
selbständiges Keich bildete, eine Lücke auszufüllen haben. 

Wie Th. v. Sickel der geistige Urheber und wissenschaftliche Leiter 
der »Kaisenirkunden in Abbildungen« war, so sind auch die Diplomi 
imperiali e reali seiner Anregung und energischen Mitarbeit zu danken. 
Gerade für Italien war eine derartige Sammlung ein dringendes Bedürfnis. 
Besitzt nunmehr Deutschland seine »Kaiserurkunden in Abbildungen«, so 
war, wenn man von England mit seinen auch auf diesem Gebiet gross- 
artigen Facsimilesammlungen absieht, in Frankreich durch die Eeproduc- 

9" 



132 Literatur. 

tionen französischer Königsurkunden seit den Karolingern in den Facskniles 
de 1' Ecole des ckartes, im Musee des archives depart. und Album paleo- 
graphique ziemlich ausreichende, wenn auch nicht systematische Vorsorge 
getroffen. In Italien besass man, wie auch die Facsimilesammlungen für 
paläographische Zwecke (Collezione fiorentina, Archivio paleografico italiano) 
erst denen der anderen Länder nachfolgten, für Königsurkunden kaum die 
eine und andere Reproduktion, wie im Codex Langobardiae, einige mehr 
für Privaturkunden, wie im Codex dipl. Cavensis, in moderner Gestalt und 
mit den Mitteln der modernen Technik , welche wissenschaftlichen An- 
forderungen allein noch Genüge leisten. Der R. Societä di Storia patria 
in Rom, die auch durch andere Publicationen — das Registrum Farfense, 
die Monumenti paleografici di Roma — einen hervorragenden Platz sich 
errungen hat, gebührt das Verdienst, durch die Uebernahme auch dieser 
Publication Italien jetzt eine Facsimilesammlung zu geben, welche seiner 
archivalischen Schätze würdig zu werden verspricht. Dem Unternehmen 
hat auch der kürzlich verstorbene Secretär der Gesellschaft, Guido Levi, 
seinen Eifer gewidmet. Ermöglicht wurde dasselbe noch durch die För- 
derung M. Amaris, dessen einflussreicher Vermittlung es gelang, die Schwie- 
rigkeiten zu beheben, welche sich durch die Archivreglements einer Ver- 
sendung der Urkunden entgegenstellten, und die Genehmigung zur Ueber- 
schickung nach Rom zu erwirken. 

So konnte aus den italienischen Staatsarchiven ein reichhaltiges Ma- 
terial zur Auswahl der Musterstücke nach Rom geschafft werden. Auch 
das Archivio comunale in Verona stellte seine Urkunden zur Verfügung 
und diesem Beispiel dürften wol auch andere comunale Anstalten, die 
im Besitz wertvoller Archivalien sind, wie die Bibl. Quiriniana in Brescia, 
folgen. Aber auch dann ist es nur ein Theil, wenn auch ein ganz an- 
sehnlicher Theil der archivalischen Schätze Italiens, der zur Auswahl und 
Verwertung herangezogen werden konnte. Während in Deutschland und 
mehr noch in Frankreich auch die Archive der bischöflichen Kirchen an 
den Staat übergingen, blieben diese in Italien bestehen ; in den bischöf- 
lichen und Capitelarchiven — ich erinnere nur an jene von Piacenza, 
Parma, Reggio, Modena, Lucca — sind besonders für die ältere Zeit archi- 
valische Schätze aufgespeichert, die gewiss manches interessante Stück 
hätten beisteuern können, wenn ihre Benützung für diesen Zweck zulässig 
gewesen wäre. 

Die erste Lieferung enthält 1 1 Karolinger Diplome, bearbeitet von 
Th. v. Sickel, je ein Stück von Heinrich III., Heinrich V. und Friedrich 1., 
bearbeitet von Carlo Cipolla, und zum Schluss eine derzeit im Privatbesitz 
befindliche Urkunde Berengars I. Schon hier bieten sich genug Belege 
für die Bedeutung, welche die italienische Sammlung neben der deutschen 
für sich beanspruchen darf. Von Karl dem Grossen ist das einzige Diplom 
mit der Recognition des Blado gegeben. Von Lothar I. zwei Diplome aus 
dessen italienischer Zeit, die zeigen, dass das Urkundenwesen auch in der 
äusseren Form ganz identisch ist mit dem der kaiserlichen Kanzlei, dass 
seine Kanzlei auch von dieser eingerichtet wurde. Von den nach mancher 
Richtung hin beachtenswerten Urkunden Kaiser Ludwig IL werden hier 
die ersten Facsimiles veröffentlicht. Von Heinrich V. ist eine Gerichts- 
urkunde beigestellt. Mit dem Diplom Berengars I. tritt die Sammlung 



Literatur. 133 

in ein noch brachliegendes Gebiet, die Zeit des nationalen Königtums, 
wenn man die sechs Jahrzehnte der Unabhängigheit von dem fränkischen 
und deutschen Reich untentlicher eig nicht nationalen Königen so be- 
zeichnen darf. Hier ist noch so gut wie alles zu thun und hier wird 
die wissenschaftliche Beai'beitung, falls sie nicht in altbewährter Hand 
liegt, ihre Probe zu bestehen haben. 

Den Facsimiles ist auch hier ein erläuternder Text beigegeben. Für 
ihn konnte der Text der » Kaiserurkunden in Abbildungen« Muster sein. 
Er bestrebt sich noch durchaus der Kürze und wird sich wol auch von 
der ermüdenden Weitschweifigkeit und Herbeischlepp ung nebensächlicher 
Dinge fernhalten, in die manche der Erläuterungen in den späteren Liefe- 
rangen der »Kaiserurkunden« — ich verweise nur auf jene von Schum 
— versinken. Als Fortschritt betrachte ich es auch, dass in der ita- 
lienischen Sammlung der ganze Urkundentext abgedruckt ist. Es ist un- 
nötig zu bemerken, dass die Erläuterungen, welche Th. v. Sickel den Karo- 
linger Diplomen beifügt, den diplomatischen Meister dieser Epoche bekunden. 

Die Reproduction der Facsimiles (Lichtdruck von Martelli in Rom) 
ist im ganzen recht gelungen, reicht aber doch nicht an die Vollendung 
der Technik und die Reinheit der Ausführung heran, welche, der eng- 
lischen Lichtdrucke zu geschweigen, die »Kaiserurkunden in Abbildungen« 
oder die Heliogravüren von Duj ardin in Paris auszeichnen. 

Wien. E. Mühlbacher. 



Müller Moritz, Die Kanzlei Zwentibolds, Königs von 
Lothringen. (895 — 900). Inaug. - Dissertation. Bonn, P. Haupt- 
mann, 1892. 8°, 98 S. 

Von Zwentibold sind uns 28 Diplome, davon 7 im Or. erhalten, 
bekannt (Mühlbacher 1904 — 1931). Was aus diesen mit Sicherheit für die 
Kanzleiverhältnisse unter diesem König zu gewinnen war, hat die bisherige 
Forschung, insbesondere Sickel und Mühlbacher, zur Genüge festgestellt. 
Gleichwohl hat es der Verf. der vorliegenden Schrift unternommen, sie zum 
Gegenstand einer monographischen Behandlung zu machen. 

Vorerst wird ein Abhub der einschlägigen Partien aus Dümmlers 
Gesch. des ostfränk. Reiches mit stellenweiser wörtlicher Entlehnung des 
dort Gesagten, unnötiger Weise mit Quellencitaten aufgeputzt, als » geschicht- 
licher ueberblick« geboten. 

Auf S. 24 kommt der Verf., nachdem er dankenswei'te Textverbesse- 
rungen gegeben, endlich zur eigentlichen Sache. In der Anordnung des 
Stoffes weicht er von dem hergebrachten Schema derartiger diplomatischer 
Untersuchungen ab, nicht zum Vortheil der klaren Uebersicht über das 
Ganze. 

Was zunächst die Dictatuntersuchungen betrifft, so wird man gewiss 
dem Verf. gerne zustimmen, wenn er sagt (S. 29), »dass bei den DD. 
Zwentibolds an eine einheitliche fassung im strengsten sinne des wortes 
nicht zu denken sei* und dementsprechend »mathematische genauigkeit* 
in der Beweisführuug nicht erwartet werden könne. Allein eben der Um- 
stand, dass unter Zwentibold »eine bunte mannigfaltigkeit des ausdrucks«, 



134 



Literatur. 



eine sehr freie Behandlung des Formulars mehr als früher zu Tage tritt, 
worauf schon Sichel aufmerksam gemacht hat, hätte den Verf. davon ab- 
halten sollen, allzusehr in's Detail zu gehen, und vielmehr eine Beschrän- 
kung auf das Wesentliche rathsam erscheinen lassen. Indem der Verf. des 
Weiten und Breiten auf 30 S. all' die verschiedenen Varianten in den 
einzelnen Formeln wiedergibt, kommt es dazu, dass man den Wald vor 
lauter Bäumen nicht sieht und auch ihm der Blick für die wirklich 
sicheren Unterscheidungsmerkmale im Dictat verloren geht. 

Mit Sicherheit lässt sich jedenfalls nur das Dictat der beiden meist 
genannten Notare Egilbert und Waldger feststellen. Hätte nun der Verf. 
kurz die diesen beiden eigenen Dictamina in ihren wirklich charakteristi- 
schen und zugleich unterscheidenden Merkmalen vorgeführt *), so wäre der 
Sache damit jedenfalls mehr gedient gewesen, als mit den vielredenden 
und doch nichts besagenden Ausführungen über Arengen, Motive (!) S. 40, 
die verschiedenen Arten der Petitio S. 42, oder die im Contexte auftreten- 
den »Beiwörter« S. 46. Kaum gerechtfertigt ist es auch, dass der ein- 
zigen von Albericus unterfertigten Urkunde (M. 191l) zwei ganze Druck- 
seiten gewidmet werden. 

Dagegen hätte es sich vielleicht empfohlen, die als Vorlage dienenden 
Formeln, welche jetzt in der Zeumer'schen Ausgabe so bequem zu benützen 
sind, nicht ganz unberücksichtigt zu lassen. 

Richtig, wenn auch nicht neu ist es, dass der Verf. sich gegen die 
Annahme zweier verschiedene Kanzleien (trierische und kölnische) ent- 
scheidet. 

Nicht glücklich ist die vielverheissende Ueberschrift zu § 5 gewählt: 
»die amtsthätigkeit der notare«. Der Verf. sucht hier nach dürftigen 
Bemerkungen über die chronologischen Merkmale der Urkunden die neben 
jenen beiden früher erwähnten Notaren des weiteren nur vereinzelt auf- 
tretenden Namen Gozbertus, Hunger, Franco als » corruptelen « zu erweisen. 
Die Gleichsetzung von Franco und Waldger an (S. 64) entbehrt jeder wissen- 
schaftlichen Begründung. 

Was der Verf. auf Grund von 7 Or. auf 8 S. über »die Schreiber« 
sagt, ist im wesentlichen kaum mehr als das vonSickel bereits Gefundene.« 2 ) 
Ob es nothwendig war, für diese wenigen Stücke einen Waldgerus A, B, C, 
ja auch noch einen Egilbertus A zu construiren, ist mehr als zweifelhaft. 
Dem Verf. hat augenscheinlieh das bekannte Chiffrensystem zu gut gefallen ; 
wenigstens fühlt er das Bedürfniss, diese nunmehr doch allbekannte Sache 
in einer längeren, aus Bresslau UL. abgedruckte Note des näheren zu er- 
klären (S. 73). 



J) Als solche betrachte ich insbesondere: die Einleitung der Arenga (rela- 
tivisch bei Egilbert, hypothetisch bei Waldger), den Uebergang zum Context (dort 
durch quia, hier durch qualiter), die apprecatio (bei Waldger in der erweiterten 
Form »in dei nomine feliciter amen« gegenüber dem einfachen »feliciter amen« 
des Egilbert) ; ferner, was der Verf. nicht hervorhebt, die verschiedene Einleitung 
des Beurkundungsbefehls (einfach verbal bei Egilbert, mit einem Causaladverb 
seitens Waldger), endlich aber das »propria« in der corroboratio, welches Wakiger 
gebraucht, das bei Egilbert aber fehlt. 

-') Text zu KU. in Abbild. S. 200. 



Literatur 135 

Auf den letzten 10 S. hören wir endlich unter dem Titel »Erz- 
kanzler und erzcapellan* etwas von dem, was die Ueberschrift der Ab- 
handlung ankündigt, den Kanzleiverhältnissen. Von den 28 DD. Zwenti- 
bolds sind 20 advicern Ratpodi archicancellarii u. 6 adv. Herimanni archi- 
capellani recognoscirt ; eines entbehrt der Recognition überhaupt, in einem 
andern wird nur der Notar genannt. 

Sickel hatte sich diese Sachlage ursprünglich so zurecht gelegt, dass 
er annahm, es sei bei der Einsetzung Zwentibolds zum König von Lothringen 
die Kanzlei desselben derart eingerichtet worden, dass Hermann von Köln 
als Erzkapellan an deren Spitze trat, »unter ihm aber der Trierer Erzbischof 
Radbod mit dem Titel archicancellarius stand«. Bresslau ist entgegen dieser 
Auffassung, für die Gleichberechtigung beider eingetreten, da »Ratpod nie 
einfach cancellarius, sondern nur archicancellarius oder summus cancel- 
larius genannt wird, und niemals die Recognition Ratpodus advicern 
Herimanni vorkommt«. Eine Erklärung für die abweichende Recognition 
adv. Herimanni archicap. hat sodann Mühlbacher geboten , indem er im 
Anschlüsse an die Urkunde über Oeren (M. 1907) auf einen Zwist zwischen 
Zwentibold und Ratbod schloss, in Folge dessen Ratbod für kurze Zeit 
(M. 1916 — 1920) seines Erzkanzleramtes enthoben worden und an seine 
Stelle der Kölner getreten sei. 

Mit Recht erklärt sich der Verfasser für die Bresslau'sche 
Auffassung im Sinne einer Gleichberechtigung beider Erzbischöfe. Wenn 
er aber auf Grund einer längeren Polemik gegen die Richtigkeit der 
Mühlbacher'schen Theorie von dem Zwiste zwischen Zwentibold und Ratbod, 
für welchen ein sicherer Beweis nicht erbracht werden könne, eine Er- 
klärung jener Recognition (adv. Herimani archicap.) in der Weise versucht, 
dass dieselbe »lediglich, sei es durch ein missverständniss, sei es durch 
die willkür des dictators Egilbertus eingeführt worden sei*, so kann man 
dazu nichts anderes sagen, als dass sich in dieser unmöglichen Erklärung 1 ) 
wiederum die harmlose Auffassung des Verf. über Kanzleigebarung in 
bedenklicher Weise bethätigt. 

Wie immer man über die Richtigkeit jener Annahme eines Zwistes 
oder einer Verstimmung 2 ) zwischen Zwentibold und Ratbod auch denken 
mag, die Thatsache, dass in einer geschlossenen Reihe von 5 DD. nicht 
wie sonst adv. Ratpodi archicanc, sondern adv. Herimanni archicap. re- 
cognoscirt wird, zwingt uns zu dem Schlüsse, Ratbod müsse aus irgend 
einem Grunde während dieser Zeit von der Leitung der Kanzlei zurück- 



') Etwas anderes bringt der Verfasser auf S. 67 zu Wege. Aus 
den letzten Jahren Zwentibolds (899 und 900) ist nur je eine Urkunde erhalten. 
Die letzte (M. 1931) weist er nun auch in das erstgenannte Jahr so zwar, dass 
nach seiner Ansicht vom Beginn 899 kein Diplom Z. mehr nachzuweisen wäre. 
Wie erklärt er nun dies? Es lässt sich vermuthen, dass 899 bei der zweiten 
Belagerung von Durfos die von den Ann. Fuld. berichtete körperliche Misshand- 
lung Ratbolds durch Zwentibold erfolgt sei. „So leuchtet von selbst ein*, heisst es 
nun, »weshalb der erzkanzler nicht länger seines amtes warten wollte und da- 
her regelrecht ausgestellte Urkunden vom beginn 899 ab nicht mehr vorkommen«. 

2 ) Von einer solchen spricht doch auch Sickel in seiner letzten diesbe- 
züglichen Aeusserung KU i. A. S. 200. 



136 Literatur. 

getreten sein. Und noch ein anderes Moment, das der Verf. in diesem 
Zusammenhange allerdings nicht berücksichtigt hat, fällt hiebei schwer ins 
Gewicht. Der Umstand, dass Egilbert, den wir von früher her (M. 1905) 
nur als Notar kennen, nun in den DD. dieser Reihe, welche er unterfer- 
tigte, — es sind deren 4 — plötzlich als cancellarius auftritt, kann nicht 
zufällig sein, wir ersehen daraus, dass man, da der Erzkapellan Hermann 
die officielle Leitung der Kanzlei übernahm, nun einen der Notare als 
Kanzler mit der thatsächlichen Führung des Kanzleigeschäftes betraute. 

Die Ausführungen des Verf. über die Urk. für Trier (M. 1907 be- 
treffs Oeren) S. 78 — 88 wären wol besser in einen Excurs zu verweisen 
gewesen. Er sucht darin diese Urk. entgegen der bisherigen Auffassung 
als Fälschung zu stempeln. Ref. vermag, ohne hier darauf des näheren 
eingehen zu können, sich weder in diesem Punkte, noch auch hinsichtlich 
der bei zwei weiteren DD (M. 1911 u. 1931) versuchten anderen Datirung 
der Ansicht des Verf. anzuschliessen. Die Neuausgabe der Karolinger DD. 
in den Mon. Germ, wird hinreichend Gelegenheit bieten, auf diese Ein- 
zelheiten zurückzukommen. 

Konnten wir uns also im allgemeinen mit derArbeitsweise und den 
Ergebnissen des Verf. nicht befreunden, so mögerj diese Mängel darin eine 
Entschuldigung finden, dass es eine Erstlingsarbeit ist, die als Disser- 
tation noch dem Druckzwange unterlag. Anderseits ist das Interesse, das 
der Verf. dem Gegenstande als solchem entgegenbringt, sowie der Fleiss, 
mit dem er sich in all' die Einzelheiten vertieft hat, rühmend hervor- 
zuheben. 

»Die einrichtung der kanzlei Zwentibolds darzulegen«, was nach des 
Verf. eigenen Worten »die aufgäbe der vorliegenden arbeit« war, konnte, 
wie bereits bemerkt, von vornherein, da diese Verhältnisse ziemlich plan 
liegen, kaum einen Erfolg verheissenden Vorwurf für eine diplomatische 
Specialuntersuchung bilden. Aber es hätten sich doch auch noch neue 
Gesichtspunkte finden lassen. Mit Rücksicht auf die Eigenart der behan- 
delten Zeit wäre es für die diplomatische Forschung vielleicht nutzbrin- 
gender gewesen, wenn der Verf. den Einfluss einerseits des westfränki- 
schen Kanzleigebrauches, andererseits der chartae pagenses auf das Urkun- 
denwesen unter Zwentibold näher verfolgt und festgestellt hätte, wofür 
eben Sickel seinerzeit doch schon einen deutlichen Fingerzeig gegeben hat x ). 
Mit diplomatischer Kleinigkeitskrämerei ist an sich nichts geholfen, sie ist 
nicht danach angethan, das Ansehen der Wissenschaft zu heben und birgt 
mindestens die Gefahr in sich, den Wert solcher Untersuchungen in den 
Augen Fernerstehender als einen sehr problematischen erscheinen zu lassen. 

Wien. A. Dop seh. 



Osnabrücker Geschichtsquellen, herausgegeben vom histo- 
rischen Verein zu Osnabrück. Band I: Die Chroniken des Mitte 1- 



i) ßeitr. z. Dipl. VI, Sß. d. Wiener Akad. 85, 378 und Text zu KU. in 
Abbild. S. 201. 



Literatur. 137 

alters bearbeitet von Dr. F. Philip pi und Dr. H. Forst. Osna- 
brück in Comru. der Rauclihorst'sclien Buchhandlung 1891. 8°, LIV und 
208 S. und 2 Tafeln. 

Der historische Verein von Osnabrück hat den dankenswerten Be- 
schluss gefasst, die historischen Quellen seines Bezirkes neu herauszugeben. 

Der vorliegende erste Band enthält die Chroniken des Mittelalters 
und zwar: 1. Osnabrücker Annalen von 772 — 1110, welche Philippi aus 
Notizen Ertmans zusammengestellt hat; sie dürften einer alten Ostertafel 
entstammen und bilden fast nur einen Osnabrücker Bischofskatalog. 
2. Geschichtliche Aufzeichnungen aus dem S. Johannisstift zu Osnabrück, 
Notizen von lokaler Bedeutung für das 13. — 16. Jahrhundert aus einem 
verlornen Todtenbuch dieses Stiftes. 3. ßeimchronik der Bischöfe von 
Osnabrück bis 1454 reichend, der erste Versuch einer zusammenfassenden 
Geschichte dieses Hochstiftes, verfasst vor 1480; für die ältere Zeit auf 
einem alten Bischofsverzeichniss fussend, von selbständigem Wert erst seit 
Ende des 14. Jahrh. 4. Ertwini Ertmanni Cronica sive catalogus ep. Osna- 
burgensium, eine bereits von Meibom im 2. Bd. seiner SS. herausgegebene 
Chronik. 5. Die Bruchstücke der sogenannten Ann. Iburgenses, Wieder- 
abdruck der beiden im Besitz des Vereins für Geschichte und Alterthümer 
Westfalens befindlichen Pergamentblätter s. XII. (M. G. SS. 16, 234—238), 
welche die Jahre 816 — 841 und 1072 — 1085 umfassen, dazu einige 
Notizen Ertmans welche gleicher Provenienz sein mögen. 

Jedem Stück ist eine zweckentsprechende Einleitung vorausgeschickt. 
Am ausführlichsten ist naturgemäss das umfänglichste und wichtigste Stück, 
die Chronik Ertmans (gleich n° 3 und 5 von Forst bearbeitet) behandelt. 
Wir ei-halten hier dankenswerte Aufschlüsse zur Biographie des etwa 1430 
gebornen. 150 5 verstorbenen langjährigen Bürgermeisters von Osnabrück, 
Erwin Ertman, welchen sein reger historischer Sinn zum eigentlichen Be- 
gründer der historischen Literatur an diesem Bischofsitze machte. Mit 
mehr Spüreifer als historischer Kritik sammelte und verwertete er, was er 
an altern geschichtlichen Aufzeichnungen in seiner Vaterstadt fand, was 
ihm an westfälischen und andern Chroniken unter die Hände kam, was 
ihm seine amtliche Stellung aus dem bischöflichen und dem städtischen 
Archiv zugänglich machte. Seine Chronik fand daher auch grosse Ver- 
breitung und eine Fortsetzung, sie ist in mindestens zwei Recensionen und 
mehreren Handschriften erhalten, deren Verhältnis? Forst mit grossem 
Scharfsinn darzulegen versucht hat. 

Die Fragmente der Ann. Iburg. hat Scheffer-Boichorst als Ableitung 
der verlornen Paderborner Annalen in Anspruch genommen. Forst erhebt 
dagegen Widerspruch, der in manchen Punkten Beachtung verdient, ohne 
dass mir aber die Annahme des jüngsten Herausgebers plausibel erschiene, 
dass nämlich die Ann. Patherbrunn. ihren Wortlaut den Ann. Iburg., Hal- 
tung und Auffassung dagegen der im entgegengesetzten Lager stehenden 
Kölner Quelle entnommen hätten. 

Die Ausgabe macht günstigen Eindruck, wenn man auch Anwendung 
des Petitdruckes nach dem Muster der Mon. Germ, und einen vollständi- 
geren Nachweis wünschen möchte, ob und wo die zahlreichen von Ertman 



138 Literatur. 

benutzten Documente gedruckt seien. Die Reproduction der Ann. Iburg, 
in Lichtdruck ist sehr gelungen; das Kegister jedoch ist nach einzelnen 
Stichproben welche ich gemacht, nicht ganz vollständig. 

Innsbruck. E. v. Ottenthai. 



Bretholz Berthold, Geschichte Mährens. I. Band. 1. Abth. 
(Bis 906). Brunn 1893. Winiker. XII, 120 S. 8. 

Die Geschichte Mährens, welche einst im Auftrage des mährischen 
Landes-Ausschusses B. Dudik begonnen hatte, musste von Anfang an als 
ein verunglücktes Unternehmen betrachtet werden. Denn bei dem Ein- 
gehen in das kleinste Detail, welches der gelehrte Verfasser für gut hielt, 
musste man sich darüber klar sein, dass wohl nur der geringste Theil des 
Werkes vollendet werden würde. In der That hat Dudik bis zu seinem 
im Jahre 1890 erfolgten Tode dasselbe nur bis zum Jahre 1350 fort- 
geführt, obwohl dasselbe einen Umfang von 12 (!) Bänden erreicht hat. 
Der Landes-Ausschnss Mährens hat jetzt die Aufgabe, eine Geschichte dieses 
Landes zu schreiben, einer jungen tüchtig geschulten Kraft übertragen, 
welche dieselbe nach ganz anderen Grundsätzen ausführen will und die 
Geschichte der Markgraf schaff bis zum Ausgange des Mittelalters in einem 
Bande, die der Neuzeit in zwei weiteren Bänden behandeln will. 

Bis jetzt liegt nur die 1. Abtheilung vor, welche die älteste Ge- 
schichte Mährens bis zur Katastrophe von 906 umfasste. Niemand wird 
erwarten, dass der Verf. in einer Periode, wo das Quellenmaterial dürftig 
und lückenhaft und deren wichtigste Partie, die Zeit Rastislaws und Swa- 
topluks und der Christi anisirung des Landes, vielfach und eingehend er- 
forscht worden ist, wesentlich Neues werde bieten können. Aber man muss 
anerkennen, dass derselbe das Wichtige vom Unwesentlichen richtig zu 
scheiden und klar und geschmackvoll zu schreiben versteht, so dass der 
vorliegende Abschnitt als eine im besten Sinne populäre Arbeit bezeichnet 
werden kann. Wir wünschen daher, dass diese rüstig vorwärts schreite 
und dass wir endlich eine auch wissenschaftliche Anforderungen befriedi- 
gende Geschichte eines Landes erhalten, welches bisher mehr als eine 
andere österreichische Provinz einer solchen entbehrt. 

Wien. A. Huber. 



Die Knechtschaft in Böhmen. Von Julius Lippert, 
(Bohemia, Jänner und Februar 1890). Joh. Peisker, Die Knecht- 
schaft in Böhmen. Prag, 1890. 82 Seiten 8°. 

Der bekannte Kulturhistoriker J. Lippert trat mit einer Studie über 
die Soci algeschichte in Böhmen in einer Reihe von Artikeln auf, welche 
als Vorläufer eines grösseren Werkes anzusehen sind. Er beschäftigte sich 
mit df* Frage, in welchem Umfang man eine Klasse der Unfreien in 
Böhmen annehmen kann. Das Resultat seiner Forschung war, dass es in 
Böhmen eigentlich keine freien Leute gab, sondern das ganze Volk eine 
Masse von Knechten bildete, welche der Landesfürst sammt und sonders 
verschenken oder verkaufen konnte. Diese Behauptung war wirklich neu 



Literatur. 139 

und befremdend zugleich, denn vor kaum vierzig Jahren hatte Palacky 
gerade das Gegentheil behauptet, nämlich, dass das böhmische Volk keine 
Knechtschaft gekannt hatte. Um die Ehre des böhmischen Historiographen 
und zugleich die dadurch angeblich angegriffene Ehre des böhmischen 
Stammes zu retten, trat Peisker mit einem kleinen Büchlein auf, welches 
als Antwort auf die Artikel Lipperts zwei Monate hernach erschienen ist. 
Peisker eilte mit der Antwort aus dem Grunde, um dadurch, wie er sich 
(S. 81) selbst ausdrückt, rechtzeitig zu verhindern, dass die Lehre Lipperts 
in die deutsche Sociologie eindringe, denn dann könnte, meint er, die 
Kulturgeschichtsforschung auf Irrwege geleitet und in ihrem Fortschritte 
auf viele Jahre gehemmt werden. »Man bedenke nur, ruft er aus, was 
es für die Sociologie bedeutet, unter der arischen Völkerfamilie ein einziges, 
uranfängliches Knechtevolk entdeckt und sogar urkundlich nachgewiesen zu 
sehen. Auf dem ganzen Erdenrund gab und gibt es kein Volk, von 
welchem das Gesagte in einer so allgemeinen Ausdehnung je gegolten hätte« 
(S. 56). ünermüdet, fast athemlos eilt er seinem Ziele entgegen, um nur 
schneller seinen Gegner hinzustrecken. 

Wir hätten uns an Peiskers Stelle die grosse Mühe erspart und Peisker 
selbst hätte sich vielleicht auch etwas beruhigt, wenn er nicht so rasch 
mit der Antwort geeilt hätte. Denn wahrlich, wie kann man von einer 
so radicalen Knechtschaft sprechen. Wozu möchte dann der Fürst sich 
die Mühe geben und Urkunden ausstellen lassen, dieselben auch eigenhändig 
zu bekräftigen, wenn er ein Gut Jemandem schenkt. Aber er schenkt es ja 
zum ewigen Eigen und das noch dazu in Anwesenheit der Barone und 
sogar mit deren Zustimmung. Wozu sässe er denn zu Gerichte um die 
Grundstreitigkeiten zu entscheiden, wenn es keinen eigentlichen Ei gen - 
thümer gegeben hätte? Wie wäre es denn möglich, dass dieser Unterthan, 
selbst dem Landesfürsten ein Grundstück streitig machen und bei Gericht 
sein Recht suchen könnte. Solche Rechtszustände sind bei keinem Volke 
zu finden und Böhmen bildet, wie Peisker richtig bemerkt, keine »Oase«, 
keine Ausnahme! Die Theorie Ls. ist zu wunderlich, als dass sie für die 
deutsche Sociologie gefährlich sein und selbe auf Irrwege leiten könnte. 
Der Alarm Peiskers ist also überflüssig gewesen. 

Es ist nur zu bedauern, dass von Männern eimster Arbeit solche 
Wundertheorien heutzutage dem gelehrten Publicum aufgetischt werden. 
Aber die Thatsache steht nicht vereinzelt da. So trat z. B. ein pol- 
nischer Gelehrter (Professor Sza^nocha) 1858 mit einer Theorie auf, 
welche besagte, dass der ganze polnische Adel skandinavischer Herkunft 
sei und die autochthone Bevölkerung geknechtet habe. Diesen Ge- 
danken spinnt noch weiter ein zweiter polnischer Gelehrter, der hochver- 
diente und gründliche Herausgeber vieler polnischer Quellen, Prof. der 
Krakauer Universität Piekosinski und hat sie in seinem Buche »Die Ver- 
teidigung der Befehdungstheorie « zu begründen gesucht. Der polnische 
Adel ist nach ihm aus den fremden Eroberern entstanden, welche das 
Volk geknechtet hatten. Szajnocha's und Piekosinski's Theorie ist natürlich 
nicht durchgedrungen, dem Prof. Szajnocha autwortete damals der böhmische 
Gelehrte Zap ziemlich scharf. Er sagte, die polnischen Etymologen wirken 
wahre Wunder ... es scheine dies schon in der polnischen Luft zu liegen. 
Wir würden auch die apologetische Abhandlung von Peisker an dieser 



•^40 Literatur. 

Stelle nicht besprechen, wenn er dabei nicht andere wichtige Fragen berührt 
hätte, welche sein Buch wertvoll machen. Gestützt auf die Arbeiten von 
Lamprecht über die Wirtschaftsgeschichte Deutschlands beweist er, dass 
der Landesfürst nur das Rodeland (terra) nicht aber den erblichen Boden 
(hereditas) verschenken konnte, dass wenn der Fürst Bauernfamilien ver- 
schenkte, er nicht ihre Personen sondern ihre Zinsen verschenkte, was zum 
richtigen Verständnis der Urkunden von Bedeutung ist. Er beweist, dass 
es bei den Slaven keine absolute Feldgemeinschaft wie z. B. die russische 
Mir-communion gab, (die russische Mir- Verfassung ist neueren Datums), dass 
der Boden der Familie als einer Einheit gehörte, innerhalb welcher ein 
einzelnes Familienmitglied kein freies Verfügungsrecht besass, dass aber 
der Landesfürst ein höheres Verfügungsrecht über den Gesammtboden des 
Landes hatte. Also Zustände, wie sie auch heute in ähnlicher Form be- 
stehen. Besonders aber gewinnt seine Abhandlung an Werth dadurch, 
dass er nach Meitzens Vorbild sich dem Kartenstudium zuwendet. Und da 
kommt er auch zu dem Resultate, dass Böhmen einst in unabhängige 
Stainmfürstenthümer zerfiel. Der Gedanke ist zwar nicht neu. Den An- 
gaben der böhmischen Chronisten Cosmas und Dalimil folgend haben 
mehrere Gelehrte jene ursprüngliche Theilung Böhmens zu ergründen 
gesucht. Die Grenzen des Gebietes von Slavnik, dem Vater des hl. Adalbert, 
giebt Cosmas selbst an. Nun versucht Peisker darzulegen, wie im Süd- 
westen von dem Slavnik'schen Gebiete ein neues Gebiet mit Polletitz als 
Mittelpunkt, welches er Zachlum nennt, dem böhmischen Kernlande all- 
mählich einverleibt wurde, wie sich also durch Ausrodung der Wälder die 
böhmische Grenze und mit ihr die Landespforte immer weiter nach Süden 
verschoben hatte. Er erklärt auch richtig die Namen einiger Ortschaften 
und wenn wir auch an jeden concreten, von ihm angeführten Fall nicht 
unbedingt, glauben möchten (z. B. bei dem Namen Preseka muss man nicht 
immer an eine Landespforte denken, denn auch in einer einzelnen Schlacht 
konnte der Weg schon mitten im Lande schnell durch einen Verhau ge- 
schützt werden), so ist doch die Idee richtig und im grossen und ganzen 
scharfsinnig durchgeführt und derAutor zeigte darin ein unleugbares Talent. 
Dies ist umsomehr anzuerkennen, als manche von den böhmischen Gelehrten, 
welchen solche Abgrenzung der Gebiete politisch gefährlich schien, dies 
rundweg leugneten. 

Wenn wir aber die Details seiner Abhandlung rühmend hervorheben 
mussten, dürfen wir auch nicht das Hauptergebnis seiner Untersuchung 
ungeprüft lassen. Er kam natürlich zu demselben Schluss wie Palacky, 
dessen Apologie er eigentlich schrieb, nur betont er es schärfer. Auf S. 32 
sagt er: die Auffassung, dass die alten Böhmen eine geknechtete Be- 
völkerungsklasse nicht kannten, ist unanfechtbar. In denselben 
Fehler nun, welchen P. seinem Gegner vorhielt, dass dieser nämlich an 
einen Ausnahmsfall glaubt, verfiel auch Peisker selbst, trotzdem er 
anfangs selbst bekennt, dass die vergleichende Kulturgeschichtsforschung 
es bereits zur Gewissheit erhoben, dasss alle Kulturvölker eine ganze 
Reihe ähnlicher Entwicklungsstufen haben durchlaufen müssen. Nach ihm 
ist also Böhmen doch ein sonderbares Land, in welchem es keine Knecht- 
schaft gab. 

Im Laufe seiner Polemik erklärt er eine Stelle, in welcher von einer 



Literatur. ]^ 

Verschenkung einer Familie durch den Herzog die Rede ist und sagt (S. 60): 
»Der Fürst schenkt also darin keinen Originarier sondern eine Familie, 
bestehend aus einer Anzahl unfreier Ministerialen' 1 . Es also gab doch 
Unfreie. Peisker möchte an Stelle des Wortes Familie das Wort snrrdones 
oder andere ähnliche sehen, um sich von dem Vorhandensein der Knecht- 
schaft überzeugt zu kalten, denn die Ausdrücke familia, servus etc. be- 
deuten bei ihm eine höhere Klasse, wahrscheinlich Halbi'reie. Aber wir 
müssen noch bemerken, dass er das Wort Ministerialen bei der Ueber- 
setzung des Ausdruckes familia eigenmächtig hinzusetzt, es ist blos 
darunter eine Familie der Unfreien, also Knechte gemeint, die der Herzog 
zu Dienstleistungen an die Kirche schenkt. Wenn in den böhmischen Ur- 
kunden der Ausdruck smrdo und andere zur Bezeichnung der Knechtschaft 
dienende Worte nicht vorkommen, sondern durch servus, mancipia, ser- 
vitus wiedergegeben werden, so hätte sich Palacky, besonders aber Peisker 
dadurch nicht bestimmen lassen sollen zu sagen : in Böhmen gab es keine 
Knechtschaft! Eine geknechtete Bevölkerungsklasse gab es doch bei an- 
deren slavischen Stämmen, wie wir jetzt genauer wissen, warum sollte es 
diese bei den Böhmen nicht gegeben haben. Die Ausdrücke smrdo, rab finden 
sich in den slavischen alten Sprachdenkmälern. Dass aber die ältesten 
böhmischen Quellen nur den Ausdruck servus, servitus etc. kennen, das 
möchten wir anders erklären und zwar, dass die böhmische Kanzlei deutsche 
oder slavische Elemente nicht so bald aufkommen Hess und sich, wie es 
auch durch andere Beispiele erhärtet werden könnte, nur der lateinischen 
Ausdrücke bediente. Dies gilt auch von den böhmischen Chronisten. Als 
König Bfelislav I. seinem Volke ein neues Gesetz in Gnesen verkündete, 
sagte er nach der Erzählung Cosmas II 4 : nolo ut violator huius rei se- 
cundum ritum nostrae terrae in servitutem redigatur sed potius . . . 
redigatur in Ungariam. Wir wissen nicht, wie diese Stelle Peisker erklären 
würde, aber wie immer auch Palacky und Andere die böhmische servitus 
erklären mögen, so bedeuten die oben angeführten Worte doch nichts 
anderes als den Verlust aller persönlichen Rechte, was als ritus terrae 
galt. Palacky und Peisker halten sich jedoch an die Urkunden und Rechts- 
denkmäler. Palacky erklärt, dass die Leibeigenschaft, wie wir sie in 
Deutschland finden, in Böhmen nicht vorkam, dass ferner zwischen den 
böhmischen Leibeigenen und den böhmischen Zinsbauern nur der Unter- 
schied bestand, dass es dem Leibeigenen nicht freistand seinen Herrn zu 
verlassen. Sonst wäre also der Leibeigene dem Zinsbauer gleichgestellt, 
durfte also nicht als eine Sache behandelt, nicht verkauft werden. Aber 
daran wird doch Peisker selbst nicht glauben. Zeugnisse dafür haben wir 
genug! Also der rechtliche Abstand zwischen dem Leibeigenen und dem 
Zinsbauer muss doch grösser gewesen sein. Hierzulande, behauptet ferner 
Palacky, finden wir keine Spur von Verträgen, wem die Kinder von Leib- 
eigenen zufallen sollten, wenn Vater und Mutter verschiedenen Herren 
gehörten, wie solche in Deutschland ziemlich zahlreich erhalten sind. Des- 
gleichen gibt es, fährt Palacky fort, in Böhmens und Mährens Vorzeit kein 
Beispiel von dem Wergeide, wodurch ja besonders die Ständeunterschiede 
bezeichnet wurden. Ganz richtig, Vertrüge und Spuren des Wergeides sind 
uns nicht erhalten, aber das beweist doch nicht, dass es keine echte Leib- 
eigenschaft hier gab. In Polen sind uns auch keine derartigen Verträge 



|42 Literatm'. 

bekannt; nichtsdestoweniger bestand dort die Leibeigenschaft und dies 
beweisen unter Anderem auch einige wenn nur wenige polnische Urkun- 
den, welche den Loskauf der Leibeigenen betreffen (manumissio). Spuren 
davon finden wir aber auch in Böhmen und zwar um nicht weit zu suchen 
in derselben Kede, welche Cosmas dem Herzoge Bfetislav in den Mund legt. 
Der Herzog sagt weiter: et nequaquam liceat ut pretio se redimat. 
Diesen Worten liegt zu Grunde die Idee von der redemptio de Servitute. Und 
wenn es in Polen eine regelrechte Leibeigenschaft gab, warum sollte die- 
selbe nicht auch in Böhmen zu Hause gewesen sein. Somit können wir 
unsererseits an die exceptionelle Stellung Böhmens in Bezug auf das Nicht- 
vorkommen der Leibeigenschaft nicht glauben. Wir befürchten auch nicht, 
dass die Theorie verheerend auf die s lavische Sociologie einwirken 
könnte. Eigentlich behauptet Peisker nicht dasselbe wie Palacky. Er hat 
sich von seinem Meister zu weit entfernt und vorausgewagt, denn er 
leugnet rundweg jede Knechtschaft. Wie in vielen anderen wichtigen Fragen 
ist auch in dieser der grosse böhmische Historiograph der Wahrheit näher 
getreten. An der oben angeführten Stelle sagt er: »Die Leibeigenschaft 
konnte in Böhmen nicht Wurzel fassen, sie schwand immer mehr. « Besser 
könnten wir auch heute diese Frage nicht formuliren. Weder sein Patriotis- 
mus noch seine Gelehrsamkeit diktirten ihm diese Worte, sondern sein 
historischer Instinkt. Er gerieth dadurch in Widersprach mit seiner offen 
aufgestellten Theorie, aber die Wahrheit liegt latent in jenen Worten. Die 
Aufgabe Peiskers wäre gewesen den Ursachen dieser Erscheinung nachzu- 
gehen und nachzuweisen, warum die Knechtschaft in Böhmen sich nicht 
so stark entwickelte wie in Deutschland. Dies bezieht sich auch auf Polen. 

Lemberg. W. Milkowic. 

Ueber die Chronik Cosmas' von Prag. Von W. Regel. 
(Sonderabdruck aus dem Journal des russ. Ministeriums für Volksauf- 
klärung in Petersburg. 1890). 

Die politischen und kirchlichen Verhältnisse des böhmisch-mährischen 
Reiches der älteren Zeit waren Gegenstand oftmaliger literarischer Kämpfe 
vornehmlich zwischen böhmischen und deutschen Gelehrten. Auf böhmischer 
Seite haben seit Dobner alle bedeutenden Historiker diese Verhältnisse mit 
Vorliebe behandelt, wie Palacky, Hanus, Dudik, Komarek, Kalousek, Tomek 
u. a. Aber erst die „deutsche Attaque" rief eine für die Wissenschaft 
fruchtbare Thätigkeit hervor. Männer wie Dümmler, Wattenbach, Giese- 
brecht, Büdinger, Zeissberg, und in der allerneuesten Zeit Loserth be- 
schäftigten sich mit dem Gegenstande in erschöpfenden und scharfsinnigen 
Untersuchungen. Es ist nur natürlich, wenn die Kritik immer mehr gegen 
den Vater der böhmischen Geschichte (Cosmas) und dessen Chronik ihre 
Angriffe richtete, Loserth namentlich hat die grosse Abhängigkeit dieser 
Chronik von ihren Quellen nachzuweisen gesucht. Aber bei allen die äl- 
tere böhmische Geschichte betreffenden Fragen handelt es sich nicht allein 
um die richtige Werthschätzung dieser Chronik, sondern in fast gleichem 
Masse um die Kritik der Annalen und Privilegien, besonders um die Echt- 
heit des für das Prager Bisthum sehr wichtigen Privilegs v. J. 1086. Die 
eine Partei suchte nun die Bedeutung der Cosmas'schen Chronik auf das 



Literatur. 143 

richtige Niveau zurückzuführen und verwarf das Privileg von 1086 als 
ein Spurium. Die anderen vertheidigten die Chronik und die Echtheit 
des genannten Privilegs. An diesem literarischen Streit waren aber auch 
andere Länder interessirt, zunächst Polen. Wir übergehen die polnischen 
Schriftsteller der älteren Zeit wie Bandtkie und andere, welche gelegent- 
lich auch diese Frage berührten und erwähnen nur die einzige kleine Ab- 
handlung von A. Lewicki ,,Wratyslaw IL Krölem czeskim" im Gymn. Pro- 
gramm Przemysl 1876, wenn sie auch, was ihren wissenschaftlichen Werth 
in unserer Frage betrifft , kaum erwähnt zu werden verdient (vgl. 
auch die Kritik von Swiezawski in Bibl. Warszawska 1877). Der Autor 
stellt sich auf die Seite derer, die das Privileg von 1086 verwerfen. 

Nun wird jeder Eingeweihte auch eine Stimme aus dem russischen 
Lager gerne vernehmen, die wir auch registriren wollen (obgleich sie 
nicht die erste ist) l ), um auch unsere Bemerkungen daran zu knüpfen. 

Der Aufsatz umfasst 83 Seiten Octav; es ist daher begreiflich, dass 
die Menge all' dieser Fragen, deren jede einen besonderen Aufsatz er- 
heischt, hier nur oberflächlich gestreift werden konnte. Der Autor be- 
rührt sie auch nacheinander und die übersichtliche kurze Zusammenfas- 
sung des einschlägigen Materials sammt den reichlichen Citaten macht 
diesen Aufsatz zu einem bequemen Repertorium. Zuerst bespricht er den 
mythologischen Theil der in Cosmas Chronik enthaltenen böhmischen Ge- 
schichte. Der Autor bringt nichts Neues, wiederholt nur kurz das schon 
Gesagte und leider auch die von Anderen schon begangenen Fehler. Wir 
sind nämlich zunächst der Meinung, dass man erstens versäumt hat die 
Vergleichung aller Mythen der benachbarten Völker durchzuführen und dass 
ferner dabei die Philologie vielleicht das erste Wort zu sprechen hätte. 
So wie wir dem Namen des von Cosmas genannten Berges Rip keine 
weitere Bedeutung beilegen möchten als die eines Berges überhaupt (hrib 
bedeutet ja noch heute bei einigen westlichen slavischen Stämmen den 
Berg, wie es schon von einigen Gelehrten hervorgehoben worden ist), so 
möchten wir auch die Sage von Krok nur im Zusammenhange mit dem 
ähnlichen polnischen, richtiger kroatischen Sagenkreise erklärt wissen. Der 
Autor wie andere vor ihm waren bemüht den Angaben des Cosmas folgend 
die genannten Ortschaften ausfindig zu machen und wie schwer es auch 
war, so war man doch unermüdlich in der Aufstellung immer neuer Hypo- 
thesen. Wir für unseren Theil möchten zuerst fragen, ob die Angaben 
von Cosmas der Wahrheit entsprechen und nicht auch sie vollständig in 
das Fabelreich gehören. Zur Begründung dessen, dass die bisherige Rich- 
tung der Kritik der Cosmas-Forscher in Bezug auf den mythologischen 
Theil auf falscher Fährte war, wollen wir ein Beispiel anführen und zwar 
ein solches, welches augenscheinlich nicht verdächtig sein kann. Cosmas 
erzählt unter anderm von dem angeblichen Grabhügel der Tochter Kroks 
Kazi und fügt hinzu: eius usque ho die cernitur tumulus oder wenn er 
von der Fussbekleidung des Fürsten Przemysl spricht, äussert er sich : et 
servantur (coturni) Wissegrad in camera ducis usque hodie et in 
sempiternum. Noch eine dritte ähnliche Stelle wollen wir anführen. 



') Der Autor selbst hat darüber schon früher geschrieben. 



^44 Literatur. 

Zu der Erzählung von dem Grabhügel des Tyr fügt er hinzu : unde et h o d i e 
noruinatur militis acermni bustum Tyr. (Anklänge an Aeneide Virgils 1. XII) 
In allen diesen Angaben erblickt man den historischen Kern der Sage 
und ruft topographische Kenntnisse zu Hilfe, um diesen Angaben Platz einzu- 
räumen. Und doch hat man die fabelnde Manier der mittelalterlichen Chronisten 
nicht gehörig gewürdigt. Zur Erklärung dieser Stellen könnten wir belehrende 
Beispiele aus den deutschen Chroniken anführen, beschränken uns aber auf 
das polnische Gebiet als mit böhmischer Geschichte zusammenhängend. 
Eine ähnliche Rolle wie in Böhmen die Cosmas'schen Grabhügel und 
Przernysl' Fussbedekung spielten in Polen jene Insignien, welche Otto III. 
dem polnischen Könige Boleslaw I. bei dessen Krönung schenkte, wie 
die Vita s. Adalberti und die Chronik des sogen. Gallus erzählen (ab- 
weichend davon Dlugosz). Das Schwert des h. Mauricius sollte nach der 
Angabe des Letzteren in der Kathedrale zu Posen aufbewahrt gelegen sein, 
andere Quellen berichten aber : diese Insignien iacent in armario ecclesie 
Cracoviensis usque in hodiernum diem ad memoriam posterorum recondita. 
Mon. Pol. hist. IV 365. 

Solche bestimmte Angaben der Chronisten geben gewöhnlich Ver- 
anlassung zu Nachforschungen und besonderen Abhandlungen. Auch hier 
war es der Fall (vgl. Jcibczynski Wiadamoso histor. o mieczu przechowanym 
w archikatedrze Poznanskiej w Roczniku tow. n. pozn. l). Ebenso rief 
auch die Geschichte von dem Schwerte Boleslaw I., szczerbiec genannt, 
eine Reihe von Aufsätzen hervor. Auch bei diesen Angaben gebrauchen 
die Quellen die Ausdrücke hodie servantur, hodie monstran- 
tur etc., sie finden sich aber nur in den jüngeren Quellen. Bei diesen 
Beispielen möchten wir nicht unbedingt die Thatsache der Schen- 
kung selbst bezweifeln, sondern das spätere Vorhandensein dieser In- 
signien und die Angabe des Aufbewahrungsortes in Frage stellen. Dass 
die mit aller Bestimmtheit angeführte Angabe : hodie servatur, monstratur 
uns nicht irreführen darf, beweist zur Genüge eine ähnliche Stelle der 
grosspolnischen Chronik. In dem Capitel , worin die aus Deutschland 
nach Polen verpflanzte Waltersage erzählt wird, heisst es: huius itaque 
Helgundae sepulcrum in Castro Wysliciensi omnibus cer- 
nere cupientibus in petra excisum usque ad praesens de- 
monstratur (Mon. Pol. h. II 513). Könnten wir nun auf Grund des 
Gesagten die Angaben Cosmas, die man geschichtlich verwerthen wollte, 
ernst nehmen? So spüren wir auch, wenn wir die oben angefühlten 
Stellen von Cosmas lesen, nichts als den Hauch der Fabel! Wenn das 
Alles wahr sein sollte, was Cosmas angibt, so fragen wir, warum haben 
denn die Cosmas-Forscher noch eine Stelle seiner Chronik nicht mit der- 
selben Pietät untersucht. Wir meinen die Stelle lib. I. zum J. 1021, wo 
von der Brautentführung die Rede ist. Aus einem Kloster entführt Bfe- 
tislav gewaltsam seine Braut. Das Klosterthor war mit einer Kette ver- 
sperrt, die er nun mit seinem Schwert durchhaut haben soll und zwar 
mit einem Schlage. Mox exempto gladio, sagt er nun, ut festucam prae- 
cidit acuto, quae usque hodie cernitur Sectio fortissimi ictus 
pro testimonio. Wir wissen zwar nicht, ob Jemand auch über diese 
Stelle „Untersuchungen" angestellt hat, jedenfalls aber verdient sie neben 
den anderen ähnlichen auf gleiche Linie gestellt zu werden. 



Literatur. 145 

Sogar die Stelle bei Cosmas: quae usque hodie in Pragensi 
ecclesia honorifice habentur et dicunturparamentas. Adal- 
b e r t i, auf welche unser Autor besonderes Gewicht legen zu müssen glaubt, 
möchten wir nicht so unbedingt gelten lassen. Es ist bekannt, dass man 
in allen grösseren Städten Europas im Mittelalter verschiedene Reliquien 
zu zeigen pflegte, wie z. B. in Deutschland in Andernach, Aachen, Trier, 
Köln u. s. w., um durch solche visibilia signa das Volk beim Glauben 
fester zu halten und auch den Euhm der Metropolen zu erhöhen. Dürfte 
hier nicht ein ähnlicher Fall sein? 

Darum halten wir uns für berechtigt zu sagen, dass der mytho- 
logische Theil der Cosmas Chronik von der Forschung überhaupt und auch 
von unserem Autor nicht erklärt worden ist. 

Hierauf bespricht der Verf. die beglaubigte Geschichte Böhmens, die 
er von Borivoj begonnen wissen will, vornehmlich die kirchlichen Verhält- 
nisse in Böhmen und Mähren. Hier untersucht er besonders die Quellen , 
aus denen Cosmas schöpfte. Ausser Annales Fuldenses, Eegino, Vita s. 
Adalberti führt er als solche an: necrologium bohemicum, welches er für 
einen Auszug aus einem alten Necrolog der S. Veit -Kathedrale hält, Ca- 
talogi episcoporum, die man bei der Kathedrale geführt haben muss, und 
Annales. Unter diesen letzteren nennt er Annales Pragenses, Ann. Mo- 
guntini und polnische Annalen. Da die Prager Annalen eine Compilation 
aus dem 13. Jahrh. sind, so sucht er die alten Prager Annalen zu re- 
construiren. Er stellt sie zusammen aus den Ann. Bohemici, Mellicenses 
und aus den polnischen Annalen. Ferner reconstruirt er die Mainzer Com- 
pilationen nach Vorgang von Waitz, wobei der Autor nicht klar genug 
bei seiner Untersuchung vorgeht. Denn wenn er glaubt, dass z. B. die 
Notiz zum J. 968 Polonia cepit habere episcopum oder zum J. 1001: 
Poloni ceperunt Pragam . . . und andere in Krakau entstanden sind, so 
möchten wir das entschieden bezweifeln. Ebenso irrt er, wenn er z. B. 
die Notiz zum J. 894: Bofivoy, dux bohemorum baptizatur a Methudio 
episcopo Moraviae und andere als den Kern der alten Prager Annalen an- 
sieht. In der Heimat pflegt man die Namen der Landesfürsten und an- 
derer berühmten Persönlichkeiten gewöhnlich ohne Prädicat zu setzen. 
Man schreibt daher in Polen: obiit Dubravka, obiit Boleslaus rex mag- 
nus etc. und im Auslande setzt man das Prädicat hinzu z. B. : obiit Bo- 
leslaus dux Boemorum. Daher möchten wir solche Nachrichten lieber als 
fremde betrachten. Ganz ähnlicher Natur sind ja die Eintragungen der 
Necrologe. Nur von den Brüdern fremder Häuser sagt man z. B. : obiit 
Bi monachus domus s. Trinitatis, die Namen der eigenen Conventualen 
aber werden nur einfach notirt : obiit B. abbas oder o. M. monachus, höch- 
stens setzt man hinzu: domus huius. Wir berühren diese Frage, weil 
auch andere, die sich mit der Untersuchung der böhmischen und polnischen 
Annalen befassten, nicht vorsichtig genug dabei waren. Bei der Ver- 
gleichung der Cosmas-Chronik mit jener Eeginos führt er noch einige 
Stellen als verwandte an, welche Loserth entgangen sind, verwirft aber die 
zu weit gehende Skepsis des letzteren besonders in Bezug auf Stellen, 
welche über Boleslav IL und Emma handeln und von Loserth als ganz der 
Chronik Eeginos entnommen bezeichnet wurden. 

Sodann bespricht unser Autor die kirchlichen Verhältnisse Böhmen- 

iüttheilungen XV. 10 



146 



Literatur. 



Mährens, die ursprüngliche Zugehörigkeit Böhmens zu dem mährischen 
Bisthum, die Gründung des Prager Bisthums, welche er in das J. 974 
setzt und vertheidigt die Echtheit des Privilegs für das Prager Bisthum 
vom J. 1086. Ueber die Gründungs-Privilegien der Prager Kirche hat 
der Autor früher schon eine Abhandlung geschrieben ; als Vorlage des ge- 
nannten Privilegs bezeichnet er das Privilegium ecclesiae Moraviensis vom 
J. 880 und lässt es 983 entstehen. In der Untersuchung aller dieser 
Fragen ist unser Autor wenig selbstständig; es scheint jedoch, dass ihn 
nur Rücksicht auf den ihm zu Gebote stehenden Eaum von eingehenderer 
Erörterung zurückhielt. Darum sind auch seine Behauptungen nicht recht 
motivirt und wenig überzeugend. 

Lemberg. W. Milkovic. 



Finke, Heinrich. Ungedrnckte Doniinikanerbriefe. 
Paderborn, F. Schöningh, 1891; 8°, IV und 176 S. 

Das Buch hat zunächst wol als Quellenpublikation zu gelten, obgleich 
F. bei der blossen Veröffentlichung der Quelle nicht stehen geblieben ist, 
sondern in der anziehend geschriebenen Einleitung selbst praktisch ver- 
deutlicht hat, wie reich die Ausbeute ist, die sie zu gewähren vermag. 
Gegen dieses Verfahren, das zwar von der Regel abweicht, wird in diesem 
Falle um so weniger etwas einzuwenden sein, als F. sich nicht darauf be- 
schränkt hat, eine deutsche Paraphrase der oft recht widerhaarigen lateini- 
schen Briefe zu bieten, sondern sich bemühte, durch Heranziehung anderer 
Quellen eine möglichst gerundete Darstellung der von ihm gewählten Ver- 
hältnisse und Personen zu geben. Dies ist dem Verf. auch sehr wol ge- 
lungen und ich finde an seinen Auseinandersetzungen nichts zu berichtigen. 

Ebenso ist die Ausgabe der Briefe selbst mit sehr anerkennens- 
werter Sorgfalt gemacht worden. Namentlich scheint mir die oft recht 
schwierige Frage der chronologischen Bestimmung der zahlreichen undatier- 
ten Briefe überall wol erwogen und zutreffend gelöst. Deshalb wird man 
dem Verf. auch an jenen Stellen Vertrauen schenken dürfen, wo die 
Gründe für einen von ihm gewählten Ansatz nicht angegeben und nicht 
leicht erkennbar sind wie z. B. bei n° 86. 

Mit den Verbesserungen kommt man über Einzelheiten, und auch 
deren sind es nur wenige, nicht hinaus. Unter dem Provinzial in n° 40 
und 42 kann nur Wolfram verstanden sein, den F. ohnehin S. 18 Anm. 2 
als Vorgänger Ulrichs (1272 — 77) namhaft macht und der auch durch 
eine Urkunde von 1271 Juli 11 sicher bezeugt ist 1 ). Diese Urkunde 
konnte freilich dem Verf. so wenig bekannt sein wie die andern Urkunden, 
die aus dem erst im Druck befindlichen zweiten Band des Basler ÜB. an- 
geführt werden. In n° 84 ist ziemlich zweifellos Heinrich der Name des 
Provinzials, da Ulrich 1277 vom Generalkapitel nach Paris geschickt wurde, 



') LB. Basel 2, 41 n° 73: iidera fratres (Predicatores) de voluntate et iussu 
fratvis Wolframmi, tunc provincialis Theutonie, qui presens tunc temporis existe- 
bat, quatuor librarum uBualis monete redditus emerunt. 



Berichte. 147 

um dort Vorlesungen zu halten 1 ), und Heinrich zu 1286 Juni 6 und 18 
als Provinzial sicher nachweisbar ist 2 ). Mit Rücksicht auf den Stil möchte 
ich ihm auch noch den Brief n° 85 zuteilen, während für n° 86 Hermann 
wol richtig angenommen sein dürfte, dessen Wahl durch die eben ange- 
führten Urkunden von 1286 Juni auf die zweite Hälfte dieses Jahres ein- 
gegränzt wird 3 ). 

Aehnliches gilt von der Zeitangabe des Todes des Priors Ulrich (F. 
S. 22) mit Beziehung auf die Urkunde von 1277 April 10, die ihn noch 
handelnd einführt 4 ). 

In n° 30 muss es mit Beziehung auf den vorhergehenden Brief statt 
Konstanz richtiger heissen Lausanne, in Folge dessen auch der zweite Teil 
der Anmerkung eine andere Fassung erhalten müsste. Immerhin kann 
man an dem von F. gewählten Adressaten festhalten, da er sich als Ordens- 
angehöriger, dessen Interesse bei dem in jenen Briefen behandelten Ge- 
genstande leicht ins Spiel kommen konnte, von selbst empfiehlt. 

In n° 70 hätte der Ausdruck terminieren, der nicht jedem Leser 
gleich verständlich ist, billig durch »Spenden sammeln ersetzt* werden 
können. In n° 25 hiesse es statt »Elekt« besser »Erwählter* und in 
n° 5 verzichtete man gern auf das Wort »Gleichförmigmachung«. Unwill- 
kürlich wird man dabei an Wustmanns Elegie auf die deutsche Sprache 
erinnert. In n° 24 ist baldekinus nicht bloss mit Tuch zu übersetzen, son- 
dern genauer mit Altardecke. In n° 33 ist loica wol nur Druckfehler 
für laico. Unrichtig ist die Auflösung des handschriftlichen JHS mit 
Jhesus, wie in n° 105 und n° 128, statt mit Jesus. In n° 102 ist die 
bloss urkundliche Form Ottenbach durch die moderne Form Oetenbach zu 
ersetzen 5 ). Der in n° 98 genannte und auch auf S. 35 angeführte Kuno 
von Ygesdorf ist wenigstens an letzterer Stelle jedenfalls in einen Kuno 
von Jegenstorf 6 ) zu verwandeln und der ebendort vorkommende M. de 
Yfetal (Yfetai ist Druckfehler) sollte wenigsiens im Register als M[arcb- 
wardus] de Ifental 7 ) erscheinen. Dieses Register ist überhaupt sehr 
verunglückt und der Vorwurf der Nachlässigkeit bei dessen Herstellung 
kann dem Verf. nicht erspart werden. Statt einzelne Korrekturen anzu- 
bringen halte ich es für zweckmässiger, dasselbe vollständig u. zw. in der 
vom Verf. gewählten Form zu ergänzen s ). 



•) S. d. Anm. zu n° 81 S. 104. 

-) ÜB. Basel 301 n° 528 und n° 530: ego frater Henricus fratrum onlinis 
Predicatorum per Theuthoniam prior provincialis etc. 
s ) Vgl. Finke 8. 28 Anm. 2. 

4 ) ÜB. Basel 2, 128 n° 223 : frater Vlricus prior et servus fratrum ordinis 
Predicatorum per Theutoniain. 

5 ) Vgl. Eegister im ÜB. Zürich 2 s. v. Oetenbach. 

fi ) Vgl. Register in ÜB. Zürich 2, und Fontes rerum Bernensium 1 s. v. 
Jegisdorf = Jegenstorf w. Burgdorf. 

7 ) Ifental ehemalige Burg nw. Soloturn. Siehe ÜB. Basel und Zürich unter 
Ifental. Markwart von I. ist nachweisbar zu 1279 und 1294 Font. rer. Bern. 
3, 270 n° 288 und 3, 583 n° 591. 

s ) Agnes, Ericis filia 19. — Alemannia 59 A. 159. — Alexander IV. 
36 A. — Andreas, St. basilica 61 A. —Argentina 106, 106 A. 149 A. cives 122; 
conventus 45, 161 A. prior, subprior et lector 123 A. s. auch Erbo, Johannes; 
St. Marx 109 und nicht St. Maria, das ganz zu entfallen hat. — Augustensis, Augs- 

10* 



^48 Literatur. 

Dieser bedauerliche Mangel kann jedoch den guten Eindruck, den das 
Buch im allgemeinen macht, nicht verwischen, sondern man wird trotz- 
dem dasselbe zu den erfreulichsten Erscheinungen der historischen Literatur 
der zwei letzten Jahre rechnen dürfen. 

Basel. R- Thommen. 



The Absolution Formula of the Templars, von H. Ch. 
Lea, Sonderabdruck aus Papers of American Church Ristory Society 
Bd. V, 22 S. (p. 37—58). 

Eine Studie des bekannten amerikanischen Kirchenhistorikers, des 
Geschichtsschreibers der Inquisition, die an einem einzelnen Punkt, in 
Bezug auf die Beicht- und Absolutionspraxis und -Formel der Templer, 
die Berechtigung der gegenüber dem Templerorden vorgebrachten, in der 
Bulle „Faciens misericordiam« zusammengestellten Anklagepunkte prüft 
(vgl. Art. 24 — 29 und wieder 107 — 1 1 1). Dieser Punkt, obgleich schein- 
bar untergeordneten Charakters, ohne unmittelbaren Zusammenhang mit 
dem Hauptvorwurf wegen Ketzerei und so auch in das ursprüngliche Ver- 
zeichnis der Anklagepunkte, das der Verhörinstruktion für die Inquisitoren 
zu Grande gelegt wurde, vom Sept. 1307 noch nicht aufgenommen, son- 
dern erst hinterdrein beigefügt (warum? darüber vgl. meine Analyse der 
Anklageakte in »Schuld oder Unschuld des Templerordens«, S. 343 ff), 
ist darum von besonderer Wichtigkeit, weil er das Verhältniss des 
Templerordens zu der Entwicklung d er katholischen Lehre 



bürg 114, 118. — Bamberg s. Heinricus. — Basilea 60, 104; lector 106. — Bela, 
rex üngariae 18. — Bern 28 A. 29, 31, 107; fratres 31. — Bisnntina provin- 
cia (Besan9on) 149. — Bordeaux. Generalkapitel 81 A. — Brema s. Gerhard, 
Hildebold. — Chur 30. — Clemens IV. 8 A. — Clingental 60 st. 66. — Columbaria 
94 A. 100, 106 A. 149, 157; prior 111. — Korinth 41. — Cremesa (Krems) 157. 
Florenzia 4 A. — Freiburgensis lector ]57 s. Dietrich. — Frisonicuui lac 137 
st. 127. — Gamundia (Gmünd) 113. — Gerhardus, eps. Bremensis 62. — Gis- 
lingen = Geislingen. — Hagenowe (Hagenau ) 108 — 110. — Hannibaldus 8. 
Annibaldus. — Heinricus, eps. Bauibergensis 72 A. — Herbipolis, concilium 
92 f. — Hermaimus de Minda 87—119, 121—128, 157. — Hildeboldus, eps. 
Bremensis 62. — Humbertus 149. — Jegenstorf Kuno von — 98. — Ifental 
M. de — 98. — Jerusalem 35 A. — Iring 25. — Johannes fr. 122 A. ; de Alba 
122; de Argentina 122 A; eps. Lausannensis 28 A. 30; eps. Tusculanus 159. — Jutta 
19. — Lucerna 94. — Ludewicus, rex Francorum 11 A. 36 A. — Ludewicus. 
filius eiu3 36 A. — Martin IV. 123 A. — Mediolnnum, capitulnm 9, 20 n<> 2 A. 
41. — Moguntina (Mainz) provincia 123 A. — Munio 122 A. 148 A. — Nurero- 
berch s. Winkler. — Otto 14 st. 4. — Ottobonus 38 st. 58. — Paris 59. — Pa- 
taviensis Klostergründung 40 st. 30. — Predicatores 4, 72, 91; magister ord. 59; 
prior provincialis Teutoniae 94 A. 126, 159; sorores 4. — Prenzlavia 16 A. — 
Ratispona 117; cives 142; begine et begarde 142; sorores s. crucis 147. — Renus 
156. — Roma 103, 148—149 A. 154 A. Lateran 4; s. Clemens, Martin, Sixti 60- 
rores. — Rostock 71. — Scoti 72. - Sletstat 161 s. Hermann st. Johannes. — Teu- 
tonia 77, 88, 128, 140, 145, 149, 155, 159. — Teutonici fratres 136. — 
Thidericus de Friburg 155 A. — Thuricensis 100. — Traiecti s. H. — Viterbo 6. — 
Ygesdorf. s. Jegenstorf. — Winkler Ott von Nürnberg 72 A. — Wormacia 97. 
— Zofingen 94, 98, 103. f.; prior 106; plebanus 132. — Zülpich 27. 



Literatur. • 14<) 

in der seinem Sturz vorausgehenden Periode, im 13. Jahrh., besonders 
deutlich illustrirt. Es geschieht dies, indem einerseits die Entwicklung 
der katholischen Lehre in Bezug auf Beicht und Absolution im 12. und 
13. Jahrhundert, andererseits die templerische Praxis auf Grund der ver- 
schiedenen Schichten ihrer Regel wie der Zeugenaussagen aus dem Prozesse 
näher untersucht und miteinander verglichen wird. 

Das Ergebnis ist, dass die Templer, wenn sie auch keineswegs bei der 
Bestimmung ihrer ursprünglichen Kegel strenge stehen geblieben sind, 
sondern vor allem die Ausbildung der Absolutionstheorie auch bei ihnen 
die Absolution im Capitel durch dessen Vorsitzenden zu Gunsten der 
Privatabsolution durch den Priester in den Hintergrund gedrängt hat u. zw., 
was zu beachten ist, auch hier sehr zum Schaden der strengeren Ordens- 
zucht, daher von älteren Ordensangehörigen wie dem Visitator von Frank- 
reich (um 1300) Geraut de Villiers einmal bitter gerügt (vgl. die Aus- 
sage von Robert le Brioys Mich. I, 448), — doch dem Orden im all- 
gemeinen nicht, wie vielfach geschehen ist, eine Neigung, geistig seiner 
Zeit vorauszueilen, sondern vielmehr eine gewisse Unfähigkeit, mit der 
geistig-kirchlichen Entwicklung der Zeit Schritt zu halten, somit ein über- 
triebener Conservatismus Schuld zu geben ist. Dies ist nichts, was einen 
verwundern könnte, da, wie auch Lea bemerkt (p. 46), »die Templer offen- 
kundig Krieger und nicht Theologen oder Kanonisten waren*, oder, wie 
wir sagen möchten, die Entwicklung des Ordens mit den Anforderungen, 
welche die Lage des hl. Landes an ihn stellte, frühzeitig das mönchische 
Element zu Gunsten des militärischen völlig in den Hintergrund drängte. 
Hieran änderte auch die Einführung eines eigenen Ordensklerikats durch 
die Bulle »Omne datum Optimum« nichts, da dieser Ordensklerikat, wie 
auch in dieser Studie Leas wieder hervorgehoben wird, Dank der aus- 
drücklichen Vorsorge des Ordens auf das innere Leben desselben, die 
Ausbildung seiner Verfassung, so gut wie ohne Einfluss und auch der Zahl 
nach jederzeit sehr gering blieb, so z. B. weit hinter dem Verhältnis, das 
im Hospitaliterorden bestand, zurückblieb. 

Das Ganze ist durchaus im Einklang mit der Auffassung von dem 
Orden und seiner Entwicklung, die ich schon in der in dieser Zeitschrift 
erschienenen Studie über die »Templerregel* wie in meiner eben heraus- 
gekommenen »Schuld oder Unschuld des Templerordens* zum Ausdruck 
gebracht habe (vgl. dort neben der Analyse der Anklage-Artikel insbe- 
sondere die Anmerkung 3 zu p. 460). Wie dort gesagt ist, so wird die 
ganze Rolle, welche diesem Punkt in der Anklageliste zukommt und seine 
Behandlung in den Verhören (zumal der englische Prozess dreht sich ja 
grossentheils, in seiner zweiten Phase, fast um nichts als um diese schein- 
bar minutiöse Frage)* verständlich nur für den, der daran denkt, wie eben 
während der dem Prozess vorausgegangenen Periode die Lehre von der 
Absolution des Priesters, im Zusammenhang mit der Transsubstantiations- 
lehre, ausgebildet worden war und welche Rolle sie in den kirchlichen und 
politischen Parteikämpfen der jüngsten Vergangenheit, zumal gegenüber 
dem Kaisertum gespielt hatte*. Die Kehrseite davon ist, dass, womit Lea 
seine Studie schliesst »die Einfügung dieser Anklage in die Bulle ,Faciens 
misericordiam' durch die Schärfe, mit der dieser auf theologische Subtili- 
täten aufgebaute Punkt, über den die Scholastik in ihrer Debatte noch 



-[ 50 Literatur. 

keineswegs im reinen war, vorgebracht und behandelt wurde, das B e- 
wusstsein von der Unstichhaltigkeit der weiter gehenden 
Anklagen verrät«. L. Gmelin. 



Franz Kummer, Die Bischofswahlen in Deutschland 
zur Zeit des grossen Schismas 1378 — 1418 vornehmlieh in 
den Erzdiözesen Köln, Trier und Mainz. Leipzig, Verlag v. 
Gustav Fock, 1892. 8°, 183 S. 

Das Buch stellt sich die Aufgabe zu untersuchen, ob und in wel- 
chem Masse in Deutschland der Niedergang der päpstlichen Macht während 
des Schismas von den Kapiteln einerseits und der weltlichen Macht an- 
dererseits benützt wurde, um einen Theil des verlorenen Einflusses auf 
die Besetzung der Bischofsstühle zurückzugewinnen. Der Verf. gelangt zu 
dem Ergebnis, dass dies in einzelnen Fällen thatsächlich glückte, dass man 
aber von keiner Seite zielbewusst vorgieng, dass man sich mit dem fak- 
tischen Erfolg in concreten Fällen begnügte, ohne eine Eevision der 
durch die Päpste des 13. Jahrh. und Johann XXII. verrückten Eechts- 
grundlage auch nur anzustreben, dass auch das Konstanzer Concil dies- 
bezüglich mit sehr bescheidenen Erfolgen sich zufrieden gab. 

K. gibt in einem einleitenden Kapitel eine gedrängte Uebersicht über 
die Entwicklung der Bischofswahlen vom Wormser Concordat bis 1378, 
(S. 1 — 15), untersucht dann für die Zeit von 1378 — 1418 jede einzelne 
Wahl in jedem der drei rheinischen Erzbisthümer und innerhalb derselben 
in jedem Suffraganbisthum (S. 16 — 145) und fasst zum Schluss die Er- 
gebnisse in einer allgemeinen Darstellung (S. 146 — 157) und einer Tabelle 
(S. 160 — 183) zusammen. 

Die mit grossem Fleiss durchgeführte Arbeit berichtigt vielfach die 
Daten bei G-ams, sie bringt interessante Aufschlüsse über das wechselnde 
Obödienzgebiet der römischen und avignonesischen Päpste und beleuchtet 
das Interesse der päpstlichen Kammer an der Besetzung der Bischofs- 
stühle. 

Minder gut ist die Darstellung gerathen; sie entbehrt der Klarheit. 
Die leitenden Gesichtspunkte verlieren sich vielfach in unwesentlichem 
Detail, von dem sich auch die zusammenfassende Darstellung am Schluss 
nicht frei zu machen vermag. 

Ein Thema wie das von K. behandelte, bietet nicht nur historisches, 
sondern mindestens ebensoviel canonistisches Interesse. Der letztere Stand- 
punkt ist nun bei K. entschieden zu kurz gekommen 1 ), ohne dass ich 
dem Verf. daraus einen zu harten Vorwurf machen möchte. Auch der 



!) Hieher rechne ich, um nur eine Einzelheit zu erwähnen, wenn K. S. 99 
von dem »Cardinalcollegiuui, in dessen Kreise im Beisein des Papstes über die 
Biathumsbesetzungen berathen zu werden pflegte 1 , spricht. Es ist dies das Con- 
sistorium, der Staatsrath der Päpste, in dessen ausschliesslichen Wirkungskreis 
die Bisthumsprovisionen damals längst fielen. Wenn man auf dem Gebiet ar- 



Literatur. 151 

zünftige Canonist wird die Frage nach dem Rückdämmen des päpstlichen 
Einflusses bei den Bischofswahlen nicht befriedigend lösen können, so lange 
nicht die nothwendige Vorfrage nach der allmäligen Ausbildung des päpst- 
lichen Provision srechts gründlich beantwortet ist. Das ist nun aber keines- 
wegs der Fall; denn die Zusammenstellung bei Hinschius (Kirchenrecht 
3, 125 ff.), auf die sich auch K. im einleitenden Kapitel stützt, gibt 
wohl allgemeine Gesichtspunkte, ist aber keineswegs abschliessend. Es 
wäre hoch an der Zeit, auf dem von Schwemer (Innocenz III. und die 
deutsche Kirche während des Thronstreits von 1198 — 1208, Strassburg 
1882) glücklich und mit Geschick betretenen Wege fortzuschi'eiten ; nur 
dürfte man sich dabei nicht mit den aus der politischen Geschichte ge- 
wonnenen Gesichtspunkten begnügen ; man müsste sich vielmehr auch mit 
der Fassung der päpstlichen Provisionsbullen etwas näher befreunden und 
der allgemeinen Abforderung des Obödienzeides, sowie dem Aufkommen 
des Zwangs zur »visitatio liminum apostolorum« nachgehen. Das waren 
ja doch die Mittel, durch welche die Kurie den Episcopat immer stärker 
an sich fesselte. 

Ist diese Frage einmal erledigt, dann wird für das Weitere das Buch 
K.'s stets eine willkommene Vorarbeit bilden. 

Wien. M. Tangl. 



Otto Hüttebräuker, Der Minoritenorden zur Zeit 
des grossen Schismas. Berlin, Speyer & Peters, 1893. 8°, 93 S. 

Die Schrift behandelt die Entstehung der sog. Observanz innerhalb 
des Franciscanerordens. Johann de Valle gründete i. J. 1334 das erste 
Kloster dieser Richtung. Auf diese Gründung hatte Angelo Clarino, ein 
Führer der Spiritualen, Einfluss gehabt; sie wurde aber bald zerstört. 
1368 nahm Paolo de Trinci den Gedanken wieder auf. Von manchen Seiten 
wurde diese Richtung begünstigt. Ein Gegensatz zu der Mehrheit des 
Ordens, der Communität, stellte sich erst gegen das Ende des Jahrhun- 
derts heraus, nachdem die Observanten schon viele Klöster besassen. Seit 
1431 hielten sie eigene Generalcapitel ab, aber erst seit 1461 fanden auch 
keine gemeinsamen Capitel mehr statt. Dies ist die Entwicklung der Reform in 
Italien. In Frankreich entwickelte sich dieselbe ganz selbständig und wurde 
vom Constanzer Concile geschützt. Auch in Spanien und Portugal fand 
diese Richtung viele Anhänger, während sie in Deutschland und England 
sehr gering vertreten war. Der Grundsatz der Observanten war stricte 
Befolgung der Regel, während die Spiritualen hauptsächlich das Armuths- 
ideal hervorgekehrt hatten. Auch waren die Observanten überhaupt ge- 
mässigter und hielten sich von joachimitischen Ideen fern. Unter Sixtus V. 
trat die vollständige Trennung ein. 

Im Anfang gibt der Verf. eine Uebersicht über die Verfassung des 
Ordens am Ausgange des 14. Jahrh. ; am Schlüsse behandelt er die Stel- 



beitet, dann darf man einen derartigen Begriff nicht unischreiben, sondern muss 
das Kind beim rechten Namen nennen. 



152 Literatur. 

lung des Ordens zu den Zeitströmungen. Das Ergebnis ist, »dass der 
Orden durch seine innere Reform und die Verschiebung seiner Beziehungen 
zum Papstthum einen gewaltigen Aufschwung erfuhr« (9l) und dass »das 
religiöse Leben des 15. Jahrh. in erheblicher Weise unter dem Eindrucke 
jener Reform stand« (92). Seite 71 findet sich ein Irrthum über Ma- 
thias Döring; derselbe war zur Zeit des Basler Concils schon Provincial 
und nicht mehr Professor in Erfurt. 

Melk. 0. Holzer. 



P. Albert, Matthias Döring, ein deutscher Minorit 
des 15. Jahrhunderts. Stuttgart, Ochs, 1892. 8°, VIII und 194 S. 

Eine gute Schrift über einen interessanten Mann. 

Matthias Döring wurde am Ausgange des 14. Jahrh. zu Kyritz in 
der Mark Brandenburg geboren; frühzeitig trat er in das Franziskaner- 
kloster seiner Vaterstadt. Im Jahre 1422 kam er an die Universität Er- 
furt; zwei Jahre nachher wurde er daselbst Doctor und Professor der 
Theologie. Unter seinen theologischen Werken fand die Vertheidigung der 
Postille seines Ordensgenossen Nicolaus von Lyra die grösste Verbreitung. 
1427 wurde Döring zum Provincial der sächsischen Ordensprovinz ge- 
wählt und gab in Folge dessen die Professur auf. 1432 wurde er als 
Vertreter seiner Ordensprovinz Mitglied des Concils zu Basel ; dieses be- 
traute ihn im folgenden Jahre mit einer Mission an den König Erich von 
Dänemark. Beim Ausbruch des Schismas schloss er sich an den Gegen- 
papst Felix V. an und wurde 1443 von der Partei seines Ordens, die 
Felix anerkannte, zum General gewählt. Sechs Jahre hindurch suchte er 
diese Würde zu behaupten und leistete erst darauf Verzicht, als Felix V. 
zurücktrat. (1449) 1455 nahm er theil an dem Generalcapitel seines 
Ordens in Assissi. 1461 wurde er auf sein dringendes Verlangen seines 
Amtes enthoben; er zog sich nach Kyritz zurück, wo er im J. 1469 starb. 

Die vorliegende Schrift zerfällt in vier Abschnitte. Die beiden ersten 
enthalten die Biographie Dörings, der dritte behandelt Döring als den 
Fortsetzer der Chronik des Dietrich Engelhus, der vierte endlich ist der 
Schrift Confutatio primatus papae gewidmet. Der Verfasser sucht nämlich 
nachzuweisen, dass diese um das Jahr 1443 entstandene Streitschrift, 
welche auf dem Defensor pacis des Marsilius von Padua beruht, ein Werk 
Dörings sei ; in der That wird man sich den Gründen, die Albert anführt, 
nicht verschliessen können. 

Das meiste Interesse hat für uns das Geschichtswerk Dörings ; eigent- 
lich sind es Memoiren von 1420 — 1464 reichend. In denselben zeigt 
sich der Verfasser als heftiger und rücksichtsloser Parteimann. Wie er 
in den allgemeinen Angelegenheiten der Kirche unentwegt zum Basler 
Concil und den Grundsätzen desselben hielt, so war er innerhalb seines 
Ordens ein standhafter Vertreter der laxeren Richtung gegen die strenge 
Observanz. Von diesem Standpunkt ist das abfällige Urtheil aufzufassen, 
das er über hervorragende Männer seiner Zeit wie Julian Cesarini, Nicolaus 
v. Cusa, Johann v. Capistran fällt. Ueber kirchliche Zustände äussert sich 



Literatur. 153 

Döring mit grossem Freimuth, so z. B. über das Ablasswesen (S. 100), 
mit welchem, wie Albert hervorhebt (S. 110), in jener Zeit allerdings 
mancher Misbrauch getrieben wurde. Mit Recht jedoch nimmt der Verf. 
Döring in Schutz gegen den Vorwurf, den Woker erhoben hat, dass der- 
selbe nämlich von der katholischen Lehre abgewichen sei l ) ; dafür lässt 
sich kein Beweis erbringen (S. lll). »Matthias Döring ist uns ein lehr- 
reiches Beispiel von der Stärke der innerhalb der Kirche sich bewegenden 
oppositionellen Strömung, wie sie in Deutschland noch vor der Mitte des 
15. Jahrh. Platz gegriffen« (S. 193). Insoferne diese oppositionelle Strö- 
mung von Bedeutung ist für die Erklärung der Reformation, ist diese 
Schrift auch ein dankenswerther Beitrag zur Vorgeschichte derselben. 

Die einschlägige Literatur hat der Verfasser sehr ausgiebig benützt. 

Die Behauptung, dass Georg v. Podiebrad eigentlich Girzick geheissen 
habe und von geringen Eltern gewesen sei (S. 101, Anm. l), ist unrichtig. 
Georg entstammte dem Geschlechte der Boczek (Palacky Gesch. Böhmens 

IV, I, 118 Anm.). 

Melk. 0. Holzer. 



Beschreibung des Oberamts Ehingen und des Ober- 
amtes Keutlingen. Herausgegeben vom k. statistischen Landes- 
amt. Stuttgart 1893. 

In den während der Jahre 1824 — 1885 erschienenen Beschreibungen 
sämmtlicher württembergischer Oberämtor findet der Historiker ein reiches 
Material zur Geschichte der einzelnen Orte und Adelsgeschlechter des 
Königreichs, sowie zur Kulturgeschichte des ganzen Landes. Die Fort- 
schritte auf dem Gebiete der Geschichtswissenschaft, die Durchforschung 
des geh. Haus- und Staatsarchivs in Stuttgart, sowie der meisten Stadt- 
archive bewirkten es, dass die älteren dieser Oberamtsbeschreibungen ver- 
alteten und eine neue Bearbeitung derselben der Wunsch aller Geschichts- 
freunde wurde Das kgl. Statistische Landesamt ist nunmehr diesem 
Wunsche entgegengekommen und hat die 1826 und 1824 erschienenen 
Beschreibungen der Oberämter Ehingen und Reutlingen in zweiter Folge 
zur Ausgabe gebracht. 

Es sind zwei gar verschiedene Arbeiten, welche in diesen neuen 
Oberamtsbeschreibungen den Freunden vaterländischer Geschichte geboten 
wurden. Während die Beschreibung des Oberamts Ehingen für ihren 
historischen Theil in Julius Hartmann einen trefflichen Bearbeiter fand, 
haben am historischen Theil der Oberamtsbeschreibung Reutlingen nicht 
weniger als 2 1 Mitarbeiter mitgewirkt. Die natürliche Folge hiervon war, 
dass, während die Oberamtsbeschreibung Ehingen ein gediegenes Werk aus 
einem Guss ist, die Oberamtsbeschreihung Reutlingen neben einigen treff- 
lichen Arbeiten auch recht mittelmässige Leistungen enthält und es allein 
den Bemühungen Paul v. Stalins, des Referenten für den geschichtlichen 
Theil, zu danken ist, dass der Eindruck, den der Leser von dieser Ober- 
amtsbeschreibung erhält, nicht ein ganz unbefriedigender ist. 

') Pastor Gesch. der Päpste 1, 361 Anm. 1 eignet sich das Urtheil Wokers an. 



154 Literatur. 

Es sei gestattet, das bisher Gesagte weiter auszuführen. Am meisten 
Interesse erweckt natürlich die Geschichte Reutlingens, der alten Reichs- 
stadt; um so mehr ist es zu bedauern, dass das, was die neue Oberamts- 
beschreibung hierüber bietet, im Grossen und Ganzen ein Auszug aus 
Gayler's 1840 erschienenen Denkwürdigkeiten der ehemaligen freien Reichs- 
stadt Reutlingen ist, indem der Bearbeiter es verschmäht hat, die reichen 
Schätze des Stuttgarter Staatsarchivs und der drei Reutlinger Archive (des 
Stadtarchivs, Kirchenpflege- und Armenpflegearchivs) einer gründlichen Durch- 
forschung zu unterziehen. Hätte er die> gethan, so wären von ihm nicht 
wichtige Punkte in Reutlingens Geschichte übersehen worden. So weiss 
er z. B. nichts von den im Jahre 1748 und 1749 vorgefallenen Unruhen. 
1 1 Zunftmeister wurden damals von ihren Zünften gewaltsam abgesetzt, 
desgleichen am »Bürgermeistertag* sieben Rathsherren, denen man zu 
grosse Nachgiebigkeit gegen gewisse Forderungen der benachbarten, würt- 
tembergischen Orte vorwarf. Erst das Einrücken von 330 Mann schwäbi- 
scher Kreismiliz stellte die Ruhe wieder her. Ferner kennt derselbe nicht 
Reutlingens Fehde mit dem aus dem Armagnakenkrieg her bekaunten 
Hans von Rechberg von Hohen-Rechberg. Im Jahre 1454 raubte derselbe 
dem Reutlinger Spital etliches Vieh und um dieselbe Zeit verwüstete er 
das dem Reutlinger Bürgermeister Becht gehörige Dorf Mähringen. Des- 
halb klagten dann Reutlingen und die mit ihm verbündeten Städte beim 
Kaiser. Grund der Fehde war übrigens, dass Hans einen Widersacher der 
Städte, Heinrich von Isanburg in sein Schloss aufgenommen hatte. Hier 
sei auch noch bemerkt, dass die O.-A.-Beschreibung S. 2011 die irrige 
Angabe 1499 als Todesjahr des Hans von Rechberg (statt 13. Nov. 1464), 
welche sich im grossen Rittersaal des Schlosses Lichtenstein findet, wieder- 
giebt, ohne auf deren Unrichtigknit hinzuweisen, (der 1499 t Hans von 
Rechberg zu Ravenstein ist nicht der gefeierte Kriegsheld). Uebrigens 
rufen auch manche neue Aufstellungen in dieser Geschichte Reutlingens 
grosse Bedenken hervor. Schwerlich gieng die Gründung der Stadt von 
den Grafen von Achalm aus, welche erst seit 1024/1039 in den Besitz der 
Burg, nach der sie sich nannten, gelangten. Ein um 1030 gegründetes 
Dorf wird nicht leicht schon um 1210, d. h. nach 180 Jahren städtische 
Freiheiten erlangt haben. Ein so rapides Wachsthum von Ortschaften 
kennt das Mittelalter nicht, sondern erst die Neuzeit, namentlich in Amerika. 
Reutlingen wird vielmehr, begünstigt durch seine Lage, schon frühzeitig 
als Dorf bestanden haben. Ebenso beweist eine Registraturbemerkung, 
welche von einer Mariencapelle, gelegen im Marchthaler Hof, redet, nichts 
gegen G. Bosserts scharfsinnige Annahme, dass die Mariencapelle, welche 
von dem Kloster Marchthal erbaut wurde und demselben reiche Einkünfte 
verschaffe, die spätere Marienkirche sei. Dem Registratur waren eben 
einfach Marchthals Beziehungen zur Marienkirche unbekannt. Für das 
Vorhandensein solcher Beziehungen spricht u. a., dass 1339 Pfaff Albrecht 
der Munche (d. h. offenbar ein Marchthaler Mönch) Pfleger »unser Frawen 
Kelhun« war, sowie die Analogie von Schwäbisch Hall, wo das Stift Kom- 
burg das Patronat hatte. 

Am meisten hat unter der fehlenden, gründlichen, urkundlichen 
Forschung die Geschichte Reutlingens im 14. Jahrh. gelitten. Der Verf. 
hat es verschmäht, die gleichzeitige Geschichte anderer schwäbischer Reichs- 



Literatur. 155 

städte gründlich zu durchforschen, aus derselben Analogien für Reutlingen 
abzuleiten und für letztere an einzelnen urkundlichen Angaben Stützpunkte 
zu gewinnen. Die Thatsache, dass unter König Adolf von Nassau der 
königliche Vogt von Reutlingen nicht mehr genannt wird, das Schult- 
heissenamt nicht, wie bisher mit Gliedern patrizischer Familien, sondern 
1294 mit Freiherr Rumpold von Greiffenstein besetzt und zum ersten Male 
1294 ein Bürgermeister namens B echt genannt wird, deutet entschieden auf 
eine Aenderung der städtischen Verfassung und zwar zu Gunsten der Zünfte 
hin, welche, wie auch anderswo, lieber zum Schultheissen einen Landadligen als 
einen Patrizier wollten. Wenn dann unter König Adolfs energischerem Nach- 
folger Albrecht I. als Schultheiss wieder ein Patrizier Rüdiger Bondorfer 
1302 erscheint, auch der 1297 genannten 8 Zunftmeister nicht mehr Er- 
wähnung geschieht, so ist man doch wohl berechtigt, eine Wiederherstel- 
lung der patricischen Verfassung anzunehmen. Diese wird sich bestimmt 
so lange behauptet haben, als Reutlingen zu den Anhängern Friedrichs 
des Schönen, dem die ritterbürtigen Patricier besonders zugeneigt waren, 
zählte. Zwischen April und November 1330 trat dann die Stadt zu Lud- 
wig den Bayern über, welcher vielfach die durch die Zünfte ins Leben 
gerufene Ordnung begünstigte. Auch in Reutlingen scheint das patricische 
Regiment zum zweiten Male beseitigt worden zu sein, übrigens blieb dem 
patricischen Element wohl in Folge eines Compromisses zwischen beiden 
Parteien in der am 12. December 1342 vom Kaiser bestätigten Verfassung 
ein erheblicher Einfiuss eingeräumt. Ueber alle diese Verfassungskämpfe 
geht der Verfasser der Geschichte Reutlingens einfach stillschweigend hinweg. 
Noch manches andere könnte man zur Geschichte Reutlingens nach- 
tragen, was dem Verfasser bei ernstlichem Willen, auch die urkundlichen 
Schätze hervorzuziehen, sicher nicht entgangen wäre. So sei noch bemerkt, 
dass auf die Reutlinger Reichssteuer 1323 Johann von Bernhausen und Herr- 
mann von Haldenberg 1360 Graf Rudolf von Hohenberg angewiesen wurden. 
Ist somit die Geschichte Reutlingens ein nach manchen Seiten hin misslun- 
gener Theil der Oberamtsbeschreibung, so zählt dagegen die geschichtliche 
Entwicklung des Gewerbes im Bezirk zu den besten Parthien des Werks, 
an der wenig auszusetzen ist, höchstens nachzutragen, dass 1509 Abt Georg 
von Zwifalten dem Papierer Jacob Hirter gestattete, eines der drei Räder 
der dem Kloster gehörigen Schleifmühle in eine Papiermühle umzuwandeln. 
Auch kommt schon 1367 ein Grautucher- Zunftmeister vor, uud irrt daher 
die Oberamtsheschreibung I, 278, die die Tucherzunft erst nach der Re- 
formation erscheinen lässt. Ebenso ist der Abschnitt: »hervorragende 
Männer aus dem Bezirk« eine fleissige, gründliche Arbeit. Nur ver- 
misst man Johannes Ruperti , geboren in Pfullingen , welcher nach 
Sulger II, 6, im Jahre 1393 Abt von Zwiefalten wurde und am 10. Okt. 
1398 starb, und Nikolaus Schradin (t um 1531), welcher nach E. v. Mü- 
linen Prodomus einer schweizerischen Historiographie S. 124, aus Reut- 
lingen stammte. Auch fehlt bei Jakob Noa Epp (l. 496) das Geburts- 
datum (geb. 22. Mai 1808) und Todesdatum (t 8. Nov. 1884 in Stutt- 
gart), und hätte citirt werden müssen »der Muselmann aus Schwaben, 
Reutlingen bei B. G. Kurz, 1831*. Hans Staygmayer ist nicht, wie I, 483 
angenommmen wird, eine fingirte Persönlichkeit, sondern erscheint urkund- 
lich 1486 als Hennslin Staygmayer der Beck. 



156 Literatur. 

Von den Ortsbeschreibungen nehmen diejenigen von Pfullingen, Go- 
maringen, Betzingen, Ohmenhausen, Wannweil, Genkingen, Gross- und 
Kleinengstingen, Holzelfingen, Undingen und Willmandingen, welche alle 
auf gründlichen archivalischen Forschungen beruhen, eine hervorragende 
Stelle ein und bleibt nur weniges zu denselben zu bemerken. Die älteren 
Herren von Pfullingen sind gewiss nicht, wie 1. 472 behauptet wird, 
eines Stammes mit dem Geschlecht von Pfullingen, das einen Skorpion 
(oder Krebs) im Wappen führte. Vielmehr beweist der Umstand, dass 
Walter von Pfullingen, der zu den älteren Herren von Pfullingen gehörte, 
das gleiche Wappen mit den Remp von Pfullingen führte, dass die älteren 
Herren von Pfullingen und die Rempen eines Stammes sind, wofür auch 
die gemeinsamen Vornamen (Burkhard und Walter) sprechen. Zur Orts- 
beschreibung von Ohmenhausen ist nachzutragen, dass 1385 Mäcz die 
Umenhuserin Bürgerin in Bottenburg am Neckar war und dass ein Ge- 
schlecht Ohmenhäuser noch heute in Weil im Schönbuch fortblüht, wohl 
die Nachkommen des 1415 zu Breitenstein (O.-A. Böblingen) genannten 
Benz Umenhuser. Bei Gross- und Kleinengstingen ist noch zu bemerken, 
dass am 29. August 1312 ein Heinrich Engstinger als Bürger in Tübin- 
gen genannt wird. Gross-Engstigen gelangte wohl erst durch Bertold an 
Neuffen Grafen von Achalm, der noch daselbst richterliche Gewalt aus- 
übte, zwischen 1198 — 1219 an den Bischof von Chur. Auch war Kloster 
Weissenau in Gross-, nicht Klein-Engstingeu begütert. Aus Holzelfingen 
stammte auch einer der Pioniere des Deutschtums in Kamerun, der Lehrer 
Friedrich Flad, geb. 26. Aug. 1866, gestorben Januar 1891 (vgl. Württ. 
Generalanzeiger, 12. Februar 1891, Nr. 35 S. 1 — 2). 

Nicht weniger, als jene 10 resp. 11 Ortsbeschreibungen, sind gelun- 
gen die Geschichten der Herren von Lichtenstein und von Greiffenstein. 
Nur hätte bemerkt werden sollen, dass nicht nur die Herren von Höllstein, 
sondern auch die Herren von Meldungen eines Stammes mit den Herren 
von Lichtenstein waren , und dass Freiherr Ludwig von Greiffenstein 
11. Mai 1495 starb. 

Weniger befriedigt wird der geschichtskundige Leser sein von der Be- 
schreibung und Geschichte der übrigen Orte des Oberamts, unter welchen die 
von Ober- und Unterhausen entschieden die beste ist , wenngleich 
Verwechslungen mit dem Zollernschen Hausen sehr nahe liegen. Wenn 
trotz der geringen Beachtung, welche die Bearbeiter dieser Ortsbeschreibun- 
gen, mit Ausnahme dessen von Ober- und Unterhausen, dem urkundlichen, in 
den Archiven aufgespeicherten Material geschenkt haben, der Leser dennoch 
gar manches neues findet, so ist dies ohne Zweifel das Verdienst Paul 
v. Stalins, dessen kundige Hand ergänzte, wo irgend zu ergänzen ihm 
möglich war. 

Wie ganz anders tritt die Oberamtsbeschreibuug Ehingen dem Leser 
entgegen! Nicht nur wurden benutzt das Stuttgarter Archiv und manche 
Privatarchive, auch die einschlägige Literatur wurde fleissig herangezogen. 
Dabei zeichnet sich die Arbeit durch Uebersichtlichkeit und Klarheit aus 
und hat der Verfasser es verstanden, gegenüber den confessionellen Con- 
flicten, unter denen dieser Bezirk so schwer gelitten hat, strengste Ob- 
jectivität zu bewahren. Nur Weniges ist nachzutragen. Bei der Erwäh- 
nung der Harscher von Allmendingen hätte auch das hervorragendste Glied 



Literatur. 157 

dieser Familie genannt werden können. Es war dies der um den 24. Juni 
1475 gestorbene Hans Harscher, Kath des württ. Hofes, dessen Grabdenk- 
mal in Urach stand und dem man nachrühmte : » ein hartnäckiger, gestrenger 
Herr, wankte er niemals in seinen Beschlüssen aus Furcht, oder irgend 
einer andern, weniger gerechten Ursache. Nie ergriff ihn Verzagtheit. * Doch 
mag eben die knappe, concise Form, deren Julius Hartmann sich bei der 
Oberamtsbeschreibung befleissigte, Grund gewesen sein, dass er » dieses 
Mannes Namen nicht erwähnte. Unter den aus Ehingen stammenden geist- 
lichen Würdenträgern sei noch nachzutragen Walter von Ehingen, Guardian 
der Barfüsser in Reutlingen (1277). 

Trotz dieser — übrigens ganz unbedeutenden — Ausstellungen, bleibt 
die neue Oberamtsbeschreibung Ehingen eine schöne Bereicherung der ge- 
schichtlichen Literatur. Falls man auch die andern Oberamtsbescheibungen 
in gleich trefflicher Weise einer Umarbeitung unterzieht und man nicht 
in den bei der Oberamtsbeschreibung Eeutlingen gemachten Fehler ver- 
fällt, zu viele Mitarbeiter heranzuziehen, sondern, wie bei Ehingen, die 
Arbeit einer einzigen, tüchtigen Hand anvertraut, wird das Erscheinen 
eines jeden neuen Bandes mit Freuden begrüsst werden und dem Würt- 
temberger Lande der Ruhm erhalten bleiben, in seinen Oberamtsbeschrei- 
bungen etwas zu besitzen, um was das Ausland es beneidet. 

Stuttgart. Th. Schön. 



Herbert, Der Haushalt Hermannstadts zur Zeit 
Karls VI., im Archiv des Vereines für siebenbürgische Landeskunde. 
Neue Folge. Band 24 (Jhrg. 1892) Seite 83—229 und 438—518. 

Selten dürfte heutzutage Jemand, der den Beruf zu einer historischen 
Publication fühlt, so unvorbereitet und ungeschickt an die Arbeit gehen, 
als der Verfasser vorliegender Abhandlung. Nicht schulmässig erlernte 
Kritik ist es, die man an dem Verfasser allein vermisst, sondern das 
nothwendigste Verständnis. Wenn es heute als pädagogisch feststehend an- 
zunehmen ist, dass man bei Betrachtung von Zuständen und Einrichtun- 
gen der Vergangenheit von der Gegenwart, über die man sich doch volle 
Klarheit verschaffen kann, ausgeht, ein Grundsatz der beispielsweise beim 
geographischen Unterrichte — wo es sich zwar nicht um Vergangenes und 
Gegenwärtiges sondern um Ferner- und Näherliegendes handelt — damit 
befolgt wird, dass man nicht wie einst mit den fremden Weltteilen, sondern 
mit der Karte des Ortes, wo sich die Schule befindet, beginnt; so kann 
man wol erwarten, dass der Verfasser, als er daran gieng den Stadthaus- 
halt Hermannstadts im 18. Jahrhundert zu erforschen, sich zur Orien- 
tierung zunächst mit dem des vergangenen Jahres beschäftigt hätte, wo- 
bei er vor allem den Gesichtspunkt gewonnen hätte , dass es sich 
bei Feststellung eines Gemeindehaushalts doch zunächst und in erster 
Linie um die ordentlichen, gewöhnlichen mit dem Wesen eines 
städtischen Gemeindewesens in organischem Zusammenhange stehenden 
Bedürfnisse und deren Befriedigung und die Thätigkeit der mit 
der Durchführung der aus denselben sich ergebenden Einnahmen und 
Ausgaben betrauten Gemeinde-Fachorgane und nicht um das ausser- 



158 Literatur. 

ordentliche, nur durch bestimmte zufällige Verhältnisse veranlasste 
handelt. 

Um auf den vorliegenden Fall zu kommen hätte in einer Einleitung 
die staatsrechtliche Stellung Hermannstadts im Rahmen der politischen 
Verhältnisse kurz erörtert, die Organisation der Stadtverwaltung nament- 
lich mit Rücksicht auf die Finanzverwaltung erläutert und in Folge dessen 
die Stellung des » Stadthannen«, des obersten Wirtschaftsbeamten in den Vor- 
dergrund gestellt werden müssen. Wie zu erwarten, nahmen in der That auch 
die Stadthannen-Rechnungen, die schon um das Jahr 1350 beginnen, den ersten 
Platz unter den im städtischen Archive befindlichen Rechnungen ein 
(Zimmermann, Das Archiv der Stadt Hermannstadt, 6 7 ff). Die staats- 
rechtliche Grundlage für das gesammte politische Leben in Siebenbürgen 
für die Zeit, die Gegenstand der Betrachtung ist, ist das Leopoldinische 
Diplom vom 4. Dezember 1691, der Staatsgrundvertrag zwischen Sieben- 
bürgen und Oesterreich, der von den nachfolgenden Fürsten dieses Hauses 
bei dem Antritt ihrer Regierung vor der Huldigung der Stände immer 
feierlich beschworen wurde (Hauptinhalt dieses Diploms in Teutsch, Ge- 
schichte der Siebenbürger Sachsen 1. Auflage 1858, 627). An der Spitze 
der Stadtverwaltung in Hermannstadt stand der Bürgermeister, die beiden 
wichtigsten Aemter neben demselben waren das des Stuhlrichters und das 
des Stadthannen (Villicat); die Besetzung dieser Aemter erfolgte durch 
Wahl der Communität aus den Mitgliedern des Senats auf dem Rathause. 
(Den Vorgang bei den Wahlen am 4. Januar 1721 schildert Herbert im 
Archiv N. F. 17, 354). Die Communität oder Hundertschaft, nicht auf die 
Zahl von 100 beschränkt, war ein äusserer Rath, der bei Abgängen durch 
den 1 2gliedrigen inneren Rath (senatus oder magistratus) aus der Bür- 
gerschaft ergänzt wurde. Der innere Rath ergänzte sich durch Cooptirung. 
Statt solcher wenigstens in den allgemeinsten Grundzügen orientirender 
Angaben beginnt die vorliegende Abhandlung mit den Bürgermeister- 
Rechnungen *), welche, wie ich aus dem Verzeichnisse der Archivalien 
ersehe und wie zu erwarten ist gar nicht existieren, sondern aus den 
Rathsprotokollen construirt sind, und zwar beginnend mit den Ausgaben, 
die ohne Motivirung eines Einteilungsgrundes willkürlich in 12 Gruppen 
zusammen gefasst sind. Nach 11 Zeilen »dieser« Einleitung beginnt der 
Gegenstand mit Titel »I. Die landesfürstlichen Steuern« also einer 
Ausgabe, die nicht aus den zunächst liegenden inneren Bedürfnissen des 
Gemeinwesens, sondern aus dessen staatsrechtlicher Stellung zur Provinz 
und zum Reiche entspringt, wogegen die Hauptsache, die Rechnungen 
des Stadthannen erst auf Seite 438 als eine Art Annex folgen. 

Nachdem ich auf das völlig Verkehrte der Disposition, wie ich glaube, 
hinlänglich hingewiesen, bleibe kurz darauf aufmerksam zu machen, dass 
die Behandlung des Einzelnen ganz auf der Tiefe der Grund einteil ung 
steht. Statt das Material in Tabellen zusammenzufassen, die erläutert 
werden, reihen sich Rechnungs-Excerpte endlos in erzählender Form. Stücke 



l ) Der Bürgermeister als Finanzorgan ! etwa sowie der Minister-Präsident, 
insoferne er das oberste Organ der ganzen Verwaltung ist, was ja auf alle Ressorts 
ausgedehnt werden kann und man dann nur mehr von der Thätigkeit eines Ein- 
zigen sprechen müsste. 



Literatur. 159 

aus lateinischen Acten bilden die Nachsätze deutscher Vordersätze. Unter 
»Ertrag des Stadtbräuhauses* gehen die Acten gleich selbst in den Text 
über (Seite 219 bis 233) und so fort. 

Hätte diese Publication nur localhistorisches Interesse für Vereins- 
mitglieder eines hist. Vereins, brauchte man sich über den Geschmack der- 
selben den Kopf nicht zu zerbrechen ; die Arbeit, natürlich in anderer Art 
durchgeführt, könnte aber ein wertvoller Baustein für vergleichende Finanz- 
geschichte sein und von diesem Standpunkt ist zu bedauern, wenn der 
Autor seinen Excerpierfleiss nicht einer besseren Einsicht unterordnet und 
nur mit grösster Mühe Brauchbares mit riesiger Papierverschwendung zu 
Tage schafft. K. Schalk. 



Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen des 
Allerhöchsten Kaiserhauses, herausgegeben unter Leitung des 
Oberstkämmerers Sr. k. u. k. apost. Majestät Ferdinand Grafen zu 
Trauttmansdorff- Weinsberg vom Oberstkämmerer- Amte. (Redacteur: 
Dr. Heinrich Zimerrnan). Vierzehnter Band. Mit 41 Tafeln und 
174 Textillustrationen. Prag, Wien, Leipzig. F. Tempsky und G. Freytag 
1893. 392 und CCLXII S. 4°. 

Seit die Mittheilungen des Institutes im 9. Bande S. 153 — 157 eine 
Besprechung der Bände V — VIII des Jahrbuches von Fr. Wickhoff gebracht 
haben, sind weitere fünf Bände (IX — XIV) dieser einzig dastehenden vor- 
nehmen Publikation erschienen. Indem Eef. heute nur den für das Jahr 1893 
herausgegebenen XIV. Band zur Anzeige bringt, behält er sich vor ; in 
einem der nächsten Hefte auch auf den Inhalt der früheren Bände in Kürze 
zurückzukommen. 

Der Löwenantheil am 1. Theile dieses Jahrganges fällt der Malerei zu, 
da vier Abhandlungen ausschliesslich und eine noch zum Theile mit Kunst- 
werken der Malerei sich beschäftigen, während zwei weitere Abhandlungen 
kunstindustriellen Erzeugnissen gewidmet sind und ein Aufsatz ganz und 
ein anderer zum Theile mit Gegenständen der kleinen Plastik sich befassen. 

Chronologisch vorgehend, müssen wir zuerst der Arbeit von Franz 
Wickhoff über »Die Ornamente eines altchristlichen Codex 
der Hofbibliothek« (S. 196 — 213) gedenken. Sie handelt über den 
Codex 847, welcher zwei verschiedene Handschriften enthält: das Frag- 
ment eines griechischen Evangeliariums und die lateinische Abhandlung 
des Eufinus über die Segnungen der Patriarchen. Beide gehören jedoch 
einer Zeit und einer Kunstschule an, was die Schrift und dasselbe System 
von Ornamenten beweisen. Der eigentlichen Besprechung des Codex schickt 
der Verf. eine Einleitung voraus, worin er einen Typus geschmückter Co- 
dices als Kinder- respective Schulbücher reicher vornehmer Leute und 
einen andern Typus als Prunkbücher vornehmer Damen in, wie mir scheint, 
ganz zutreffender Weise nachzuweisen sucht. In diesen ältesten künstlerisch 
ausgeschmückten Büchern gehen nun Schrift und Bild vollständig getrennt 
nebeneinander her, nicht wie später in den Miniaturcodices der irischen 
und karolingischen Periode und des späteren Mittelalters, in denen Schrift 
und künstlerischer Schmuck insbesondere durch die Initialornamentik enge 



1(3() Literatur. 

mit einander verbunden sind. Es können sich also diese nicht aus den 
ersteren herausgebildet und entwickelt haben. Für sie muss es andere 
Uebergangsglieder gegeben haben. Ein solches Binde- und Uebergangs- 
glied, wenn auch nicht aus dem Beginne der Entwicklung dieses Stiles der 
Buchausstattung, so doch das älteste bekannte Beispiel dieser Bichtung, 
das sich uns erhalten hat, geschmückt mit den einfachsten Ornamenten 
der altchristlichen Kunst, bietet der genannte Wiener Codex aus dem 6. 
oder aus dem Beginne des 7. Jahrb., von dem der Verf. eine genaue Be- 
schreibung, besonders des ornamentalen Schmuckes desselben, der haupt- 
sächlich in der Ausschmückung der Canonestafeln des Eusebius besteht, 
gibt. Er geht dann auf die Entwicklung dieser Ausschmückung näher 
ein und weist die darin verwendeten Motive nach. Er erläutert endlich 
die Ornamente der Zier- oder Titelblätter der Handschriften und erörtert 
die einzelnen dafür aus älteren Kunsterzeugnissen entlehnten Vorbilder. 
Das lineare Flachornament erscheint bereits durchaus durchgeführt, aber 
bei aller Durchbildung gehört der Codex doch noch den Zeiten der Ver- 
suche an, denn noch ist das Ornament nicht in die Schriftseite selbst 
eingedrungen, noch hat es sich mit der Schrift nicht verbunden und 
sie beeinflusst, wie eben später die Initialornamentik. So wurde einem 
wichtigen Denkmale altchristlicher Buchausschmückung durch den Verf. 
der ihm in der Entwicklung dieser Kunstgattung zustehende Platz in prä- 
ciser Weise zugewiesen. 

Gleichfalls mit Denkmälern der Buchmalerei, doch einer viel späteren 
Zeit, beschäftigt sich die Abhandlung von Julius v. Schlosser: »Die 
Bilderhandschriften Königs Wenzel I«. (S. 214 — 317). Nach 
einer kurzen orientirenden Einleitung, die sich insbesondere über die von 
König Wenzel angelegte Bibliothek verbreitet, gibt der Verf. als ersten 
Theil seiner Arbeit eine »Beschreibung der Miniaturen in den (neun) 
Handschriften König Wenzels*, worunter die sogenannte Wenzelsbibel der 
Wiener Hofbibliothek den ersten Platz einnimmt. Aber es ist unrichtig, 
wenn der Verf. in der Ueberschrift von einer Beschreibung der Miniaturen 
spricht, denn die Miniaturen der Wenzelsbibel weiden eben nicht beschrie- 
ben, sondern in knappen Schlagworten einfach nur aufgezählt. Wo Minia- 
turen fehlen, werden die vorhandenen Vorschriften für den Maler wörtlich 
mitgetheilt. Etwas eingehender beschrieben erscheinen nur die Miniaturen 
einiger anderer Codices, dafür aber fehlt wieder bei anderen, wie bei 
Willehalm von Oranse, sogar eine vollständige Aufzählung derselben. Dieser 
Theil hat also eine ziemlich ungleichmässige Behandlung erfahren und ist 
keineswegs abschliessend. Im zweiten Theile behandelt der Verfasser die 
»Randverzierungen« (Drolerien) dieser Handschriften. Er erklärt sie 
für den wichtigsten Gegenstand der Untersuchung und in der That sind 
sie in mehrfacher Richtung höchst merkwürdig und interessant und bieten 
der Forschung schwierige Probleme zur Lösung. Zunächst werden fünf 
Gruppen von Emblemen ausgeschieden und jede einzelne für sich betrachtet. 
Es sind dies: 1. Das Bademädchen, 2. die männliche Figur (König Wenzel 
selbst), im Bade bedient oder am häufigsten als Gefangener vorgeführt, 
3. die Schärpe der Bademagd, 4. der Eisvogel und 5. der wilde Mann. 
Ausserdem kommen in den Drolerien noch allerlei wirkliche Thiergestalten, 
dann aber auch phantastische Thier- und Menschengebilde vor. Den 



Literatur. 161 

Grundaccord der Darstellungen aber bilden immer die beiden Buchstaben 
W und E, theils allein vorkommend, tbeils in den verschiedensten Varia- 
tionen untereinander oder mit den übrigen Darstellungen verbunden. Ausser 
den Emblemen finden sich dann in den Darstellungen noch Devisen auf 
Spruchbändern vor, welche einzeln beschrieben und erklärt werden. Der 
Verf. weist dann das Vorkommen dieser Allegorien und Symbole der 
Handschriften auch an anderen gleichzeitigen Denkmälern nach, wodurch 
der Eisvogel in der Schleife geradezu als ein Symbol König Wenzels sich 
ergibt. Aus diesen Figuren und Symbolen in den Handschriften geht nun 
hervor, dass es sich in diesen Darstellungen um eine erotische Allegorie, 
um ein Liebesverhältnis zwischen König Wenzel und der Bademagd, auf 
welche die Initiale E bezogen werden muss, handelt. Dieses Liebesver- 
hältnis wird unter dem Bilde der Fesselung und des Kerkers dargestellt, 
was auch in der mittelalterlichen Dichtung, wofür der Verfasser eine An- 
zahl Belegstellen erbringt, sehr häufig zum Ausdruck kommt. Auch der 
Eisvogel und die wilden Männer fügen sich in diese Allegorie sehr wohl 
ein, ebenso entspricht es ganz dem Brauche der höfischen Poesie des 
Mittelalters, dass die Geliebte nur mit dem Anfangsbuchstaben bezeichnet 
erscheint, desgleichen werden für die übrigen Darstellungen in den Dro- 
lerien Parallelen erbracht. Hierauf geht der Verf. auf die Darstellung des 
Liebesverhältnisses König Wenzels mit der Bademagd Susanna, wie sie in 
der späteren böhmischen Literatur vorkommt , über und gedenkt kurz 
der Beurtheilung, die diese Erzählung in der kritischen Geschichtslitera- 
tur gefunden hat. Er erklärt die Erzählung Häjeks nicht einfach als 
Fälschung, sondern als die Aufzeichnung einer in der Volksphantasie ent- 
standenen und allgemein bekannten Sage und erörtert, daran anschliessend, 
das damit im Zusammenhange stehende Privileg Wenzels für die Prager 
Baderzunft und das Prager Badewappen. Er zeigt dann, dass die Wenzels- 
bibel nur für König Wenzel und seine zweite Gemahlin Sophie von Baiern 
geschrieben sein kann, denn aus allem dem, was dargelegt wurde, geht 
zur Evidenz hervor, dass die männliche Figur eben König Wenzel selbst 
ist, dass ferner die vorkommende weibliche Figur, meistens als Bademagd 
dargestellt, eben auch niemand anders ist als Wenzels Gemahlin, und dass 
endlich die Initiale E nichts anderes als den Anfangsbuchstaben ihres 
Nebennamens Euphemia, dessen allein sie sich sogar in Urkunden bedient, 
vorstellt. Weiters sucht er nun die Frage zu beantworten, was Wenzel 
wohl bewogen haben mag, seine Königin in der ungewöhnlichen Weise 
einer Bademagd darstellen zu lassen und versucht es wahrscheinlich zu 
machen, dass auch das Bademädchen nur eine Allegorie sei, hinter welchem 
sich vielleicht die mittelalterliche Sirene verbergen könnte. Zugleich spricht 
er eine Vermuthung aus, wie König Wenzel zu dieser Allegorie gekommen 
sein mag und sucht diese durch Parallelen glaubhaft zu machen. Damit 
aber scheint mir der Verf. über das Ziel hinausgeschossen zu haben, denn 
meines Erachtens ist es überflüssig, in der Gestalt der Bademagd noch 
eine Allegorie zu suchen. Mit der Erbringung des Beweises, dass es nach 
den Anschauungen der Zeit und des Bestellers nicht für anstössig galt, 
seine Geliebte oder Frau nackt darzustellen, ist auch schon die unge- 
zwungene Lösung dieser Darstellungen gegeben. Freilich bleibt es dabei 
immerhin noch unaufgeklärt, warum gerade Badescenen in so wechsel- 

Mittheilungen XV. 11 



X62 Literatur. 

voller Weise gewählt wurden. Vielleicht hat ein besonderes Ereignis 
zwischen ihnen, das mit dem Badeleben im Zusammenhange stand, das 
sich aber unserer Kenntnis bis nun entzieht, zu diesen Darstellungen Ver- 
anlassung gegeben. Im dritten Theile der Abhandlung werden »Die Maler 
König Wenzels und ihre Kunst« besprochen. An der Ausschmückung der 
Codices haben sich mehrere Maler betheiligt. Nur zwei, Frana und 
N. Kuthner, nennen sich in der Wenzelsbibel selbst mit ihren Namen, die 
übrigen bleiben unbekannt. Ihre Leistungen sind sehr verschieden. Allein 
eine Scheidung und Auftheilung der Miniaturen auf die einzelnen Maler 
hat der Verf. nicht versucht, nur im Allgemeinen charakterisirt er ihre Ar- 
beiten, bespricht die Vorschriften für die Maler und das Verhältnis der 
ausgeführten Bilder zu diesen, erörtert gleichfalls nur ganz allgemein das 
Verhältnis der Bilder zum Text und zu älteren typischen Darstellungen, 
weist den französischen Einfluss, der in ihnen sich zeigt, nach und schliesst 
mit der Charakterisirung der Ornamentation. Als Anhang ist das »Orakel 
aus der Wiener Handschrift der alfonsinischen Tafeln« beigegeben und ein 
»Verzeichnis der Abbildungen im Texte« bildet den Schluss dieser sehr 
reichhaltig und für das Verständnis des Dargelegten entsprechend illustrir- 
ten Abhandlung, die, abgesehen von einigen Ungleichmässigkeiten und Un- 
vollkommenkeiten, mit zu den besten dieses Jahrganges zählt. 

Gleichfalls über Miniaturgemälde doch wieder einer etwas späteren 
Zeit handelt Eduard Chmelarz in seinem Aufsatze: »Eine französi- 
sche Bilde rhandschrift von Boccaccio 's Theseide« (S. 318 bis 
328.) Der Verf. gibt zuerst eine gedrängte Inhaltsangabe des langathmi- 
gen Gedichtes, bespricht dann das Liebesverhältnis Boccaccio's zu Maria, 
der natürlichen Tochter des Königs Robert von Neapel, das zur Abfassung 
des Gedichtes die Veranlassung gegeben hat, und gedenkt kurz der Urtheile 
über den literarischen Werth des Gedichtes. Hierauf beschreibt er die in 
der Wiener Hofbibliothek befindliche Handschrift der französischen Ueber- 
setzung (Cod. Nr. 2617) und sucht den Uebersetzer zu ermitteln, ohne zu 
einem Resultate zu gelangen. Auch die vornehme französische Dame, 
welcher das Buch gewidmet ist, bleibt unbekannt, denn die ausgesprochene 
Vermuthung, dass es Jeanne de France, die Tochter Karl VII., sei, er- 
scheint durch gar nichts gestützt. Nicht besser ist es mit der Eruirung 
der Namen der Maler bestellt, welche die 14 Miniaturen in unserer Hand- 
schrift hergestellt haben. Auch sie entziehen sich unserer Kennt- 
nis. Der Verf. theilt die um 1470 entstandenen Bilder zweien französi- 
schen Miniatoi-en zu, von denen der eine ein ganz ausgezeichneter Künstler 
Foucquet' scher Richtung war , der in seinen sieben Miniaturen eine 
grosse Aehnlichkeit mit jenen im Roman: »Cuer d'amours espris« von 
König Rene dem Guten zeigt. Von geringerem Werthe sind die sieben 
Bilder des zweiten Künstlers. Sämmtliche Miniaturen sind durch gute 
Heliogravüren wiedergegeben. 

Mit Erzeugnissen der Tafelmalerei beschäftigt sich die umfangreiche 
Arbeit von Fr. Kenner: »Die Port rätsammlung des Erzherzogs 
Ferdinand von Tirol« (S. 37 — 186). Der Verf. leitet die Abhand- 
lung mit einer Uebersicht über die Bestandtheile der Sammlung, aus denen 
sie sich zusammensetzt, ein. Er charakterisirt dann den Erzherzog Fer- 
dinand als Sammler insbesondere von Bildnissen und erzählt, wie dieser 



Literatur. Iß3 

zum Entschlüsse kam, eine einheitliche, nach bestimmten Gesichtspunkten 
angelegte Portriitsammlung zu schallen, und wie er diesen Entschluss in 
den Jahren 1578 — 159 durchführte, nachdem er einen früher in Angriff 
genommenen Plan mit einem etwas grösseren Formate fallen gelassen hatte. 
Hierauf schildert er durchaus auf Grund authentischer Quellen, von wo- 
her und durch welche Vermittlung der Erzherzog eben in der genannten 
Zeit von 157 8 bis 1590 sich die Bildnisse nach und nach verschaffte, 
und wie unterdes auch in Innsbruck oder Ambras an der Herstellung der 
Sammlung gearbeitet wurde. Dass die über 900 Bildnisse umfassende 
Sammlung nicht über die aus den erzählenden Quellen gewonnene Zeit 
von 1578 bis 1590 hinausgeführt worden war, wird auch auf Grund 
einiger biographischer Daten der in der Porträtsammlung vertretenen Per- 
sönlichkeiten gezeigt. Weiters werden kurz die Umstände erwähnt, die es 
uns erklärlich erscheinen lassen, dass der Erzherzog in verhältnissmässig 
kurzer Zeit eine so zahlreiche und ansehnliche Sammlung zusammenbringen 
und herstellen lassen konnte. In einem besonderen Kapitel werden die 
Quellen untersucht, welche für die Herstellung der Bildnisse, falls solche 
eben nicht von Zeitgenossen herrühren und nach dem Leben gemalt sind, 
als Grundlage dienten. Ueber drei Viertel (7 00 Stücke) der Sammlung 
können als authentische Porträte angesehen werden, und nur nicht ganz 
ein Viertel (200 Stücke) sind theils Phantasiebildnisse, theils zweifelhaft. 
Der wissenschaftliche Werth der Sammlung ist darum kein geringer. Mit 
wenigen Worten wird dann der Kunstwerth der Sammlung gestreift. 
der Auswahl der Persönlichkeiten, deren Bildnisse in die Sammlung Auf- 
nahme gefunden haben, gedacht und die alte Anordnung der Sammlung 
erörtert, worauf noch die Schicksale der Sammlung nach dem Tode des 
Erzherzogs erzählt werden. Mit Angaben über ältere Publikationen der 
Sammlung und mit einigen Bemerkungen über ihre dermalige Aufstellung 
schliesst der Verf. diese allgemeine Einleitung, die vieles Neue bietet und 
über den Gegenstand eine recht gute Uebersicht gewährt. 

Von der gesammten, gegenwärtig 1080 Stücke zählenden Sammlung 
sind 941 Stücke in die dermalige Aufstellung in der 11. Abtheilung der 
kunsthistorischen Sammlungen aufgenommen und 139 Stücke wurden ins 
Depot hinterlegt. Davon werden in diesem Bande des Jahrbuches die 
2 21 habsburgischen Bildnisse und 19 Porträte von Fürsten jener Häuser 
und Länder, welche mit dem Erzhause theils durch verwandtschaftliche, 
theils durch territoriale Beziehungen in nächster Verbindung standen — 
und das sind Burgund und Lothringen, Böhmen, Ungarn und Siebenbür- 
gen — eingehend beschrieben und ausführlich besprochen. Sie sind sämmt- 
lich im Saale XVI auf Tafel C vereinigt. Dazu kommen die mit Einschalt- 
nummern bezeichneten Porträte späterer Erwerbung und der im Depot 
befindlichen Bilder. Der ins Einzelne gehenden Beschreibung und Be- 
sprechung dieser Bildnisse schickt der Verf. eine eigene, auf sie bezüg- 
liche Einleitung voraus. Er weist darin zuerst den Maler nach, der die 
ältesten 142 österreichischen Bildnisse geschaffen. Es war dies der erz- 
herzogliche Hofmaler Anton Waiss, auch Anton Boys genannt, der sie in 
der Zeit von 1584 bis 1587 gemalt hatte, nachdem er schon früher 
(1579 — 1584) mit einer ähnlichen Arbeit, nämlich mit der Herstellung 
des jüngeren Stammbaumes von Ambras, beschäftigt gewesen war. Die 

LI" 



164 Literatur. 

Bildchen wurden von ihm nach einem älteren, jetzt verschollenen Stamm- 
baum, von dem sich noch zwei Copien, eine im Schlosse Tratzberg, die 
andere im kunsthistorischen Hofmuseum (ehemals in Ambras) erhalten 
haben, copiert. Der Verf. bespricht hierauf im Allgemeinen das Verhältnis, 
in dem die erhaltenen Stammbäume, insbesondere der von Tratzberg und 
der jüngere Ambrasser, zu einander stehen und geht dann auf die Frage 
nach dem ikonologischen Werth der beiden letzteren Stammbäume und 
unserer kleinen Bildnisse näher ein und hebt jene Merkmale hervor, welche 
die Benützung alter authentischer Vorlagen durchscheinen lassen oder auch 
die Spuren solcher zu verwischen geeignet sind. Dabei wird besonders 
auf die Haltung der Personen, welche oft der Gruppierung in den Stamm- 
bäumen nicht entspricht, auf die Behandlung der Barte, auf das Costüm 
und endlich auf das Physiognomische hingewiesen, um ältere wirkliche 
Porträte als Vorlagen und somit die Originalität vieler Bildnisse glaubhaft 
zu machen. Eine Verminderung ihres ikonologischen Werthes haben diese 
Bildnisse schon durch den Maler des Originalstammbaumes erfahren, der 
seine Vorlagen im Sinne des 15. Jahrh. modernisirt und egalisirt hat. 
Ebenso erfolgte dann durch die Malweise und den Geschmack des Copisten 
Anton Waiss eine noch weitere Entfernung der Bildnisse von ihrer ur- 
sprünglichen Vorlage, so dass dieser Theil im Ganzen nur einen geringen 
ikonologischen Werth besitzt. Anders steht es mit den 55 Bildnissen der 
nachmaximilianischen Zeit, die durchaus auf authentische Vorlagen, welche 
theilweise noch nachgewiesen werden können, zurückgehen. Auch diese 
Einleitung ist wissenschaftlich werthvoll und entspricht ganz wohl ihrem 
Zwecke. 

Was endlich die Beschreibungen der Bildnisse selbst und die ihnen 
beigegebenen Nachweise anbelangt, so sind die ersteren entsprechend und 
genau und die letzteren meist werthvoll. Doch hätten die biographischen 
Daten, die bei den historisch hervorragenden und bekannteren Persönlich- 
keiten meistens nichts als ein Compendium der allerwichtigsten und darum 
auch allgemein bekannten historischen Daten geben, füglich weggelassen 
werden können. Die Angaben über den genealogischen Zusammenhang der 
Personen nebst den Geburts- und Todesdaten hätten vollständig genügt. 
Uebrigens schadet ein Zuviel in dieser Richtung nichts. Dn Ganzen kann 
man die Publikation dieser Bildnisse nur willkommen heissen und sich 
auch mit der Art derselben — abgesehen eben von der etwas grossen 
Weitschweifigkeit durch die Beigabe der biographischen Daten — einver- 
standen erklären. Dem Verf. aber gebührt unser Dank für seine mühe- 
volle und saubere Arbeit. 

Die Abhandlung: »Gian Marco Cavalli im Dienste Maxi- 
milians des Ersten« (S. 184 — 195) von Robert von Schneider fällt 
zum Theil ins Gebiet der Malerei, zum Theil in jenes der kleinen Plastik. 
Der Verf. weist in vollständig zutreffender Weise nach, dass die Präge- 
stöcke für »einen Teston, ausgeprägt in Gold und Silber, der auf der 
vorderen Seite die nach rechts gewandten Köpfe Maximilians und der 
Bianca Maria zeigt, auf der Kehrseite die heilige Jungfrau, auf Wolken 
thronend, wie sie dem Jesuskinde die Brust reicht, umgeben von sieben 
geflügelten Engelsköpfen « von dem Mantuaner Goldschmiede Gian Marco 
Cavalli i. J. 1506 zu Hall in Tirol hergestellt wurden, und dass die erste 



Literatur. 165 

Skizze hiezu die Akademie der schönen Künste in Venedig in einem mit 
dem Namen des Leonardo da Vinci versehenen und von Ivan Lermolieff 
dem Ambrogio de Predis zugesprochenen Blättchen besitzt, auf dem das 
Christkind und zwei Porträtköpfe, ein männlicher und ein weiblicher, ge- 
zeichnet sind. 

Ganz den Erzeugnissen der Medailleurkunst ist die Arbeit von Karl 
Domanig: »Aelteste Medailleure in Oesterreich« (S. 11 — 36) 
gewidmet. Die Meister, deren Leben Domanig skizzirt und deren Arbeiten 
er beschreibt, waren fast sämmtlich an der Münze zu Hall in Tirol thätig. 
Dem Bernhard Beham, dem Aelteren, (1435 oder 1436 — 1507) weist der 
Verf. eine Medaille mit dem Bildnisse des Erzherzogs Sigismund, dem 
Benedict Burkart aber zwei im Jahre 1507 entstandene Medaillen auf 
Herzog Albrecht IV. von Baiern und seine Gemahlin Kunigunde, der 
Schwester des Kaisers Maximilian I., zu. Den Versuch, dem Ulrich Ursen- 
thaler (gest. 1561), über dessen Thätigkeit ziemlich ausführliche Nach- 
richten vorliegen, einzelne Arbeiten seiner Hand zuzutheilen, macht der 
Verf. nicht. Hingegen werden 2 Medaillen des Hans Beham (gest. 1535) 
und 4 Medaillen des Thomas Beham (gest. 1551) näher beschrieben. Aber 
die Zutheilung der einzelnen Stücke an all' diese Meister ist noch durch- 
aus eine unsichere und meist nur rein vermuthungsweise. Ziemlich aus- 
führlich sind die Nachrichten über das etwas bewegte Leben Bernhard 
Behams des Jüngeren (gest. 1547) und auch die ihm zugewiesenen Arbeiten 
sind theilweise durch urkundliche Nachrichten begründet. Er war zuerst 
in Hall und dann in Ungarn thätig. Durch seine Beziehungen zum 
Mantuaner Medailleur Gian Marco Cavalli während des Aufenthaltes des- 
selben in Hall wurde er direkt von der italienischen Kunstweise beeinflusst. 
Von ihm werden zwei Stücke beschrieben. Im Anschlüsse daran werden 
drei Medaillen mitgetheilt, die der Verf. nur ganz allgemein der Haller 
Schule zuspricht, ohne sie einem der genannten, dort thätig gewesenen 
Meister namentlich zuzutheilen. Von den Medaillen des Goldschmiedes 
Ludwig Neufarer, der zwischen den Jahren 1545 und 1562 für den könig- 
lichen Hof in Wien und Prag gearbeitet hat, werden 10 im kunsthistori- 
schen Hofmuseum befindliche Stücke näher beschrieben. Die datirten 
Medaillen dieses Meisters fallen in die Zeit von 1532 bis 1547. Dem 
Nürnberger Hans Krug (gest. 1528), der Münzmeister zu Kremnitz war, 
konnte der Verf. bestimmte Werke nicht zuweisen. Anders verhält es sich 
wieder mit einem späteren Nürnberger Meister: Joachim Deschler (geb. 
um 1500, gest. um 157l), der auch in Oesterreich eine ausgebreitete 
Thätigkeit entfaltete. Er war ein fruchtbarer und vielseitiger aber zu- 
gleich auch ein hervorragender Künstler, der Schule gemacht hat. Seine 
Arbeiten müssen den bedeutendsten Erzeugnissen der Medailleur-Kunst 
beigezählt werden. Von ihm beschreibt der Verf. 45 Stücke, die sich 
sämmtlich im Besitze des kunsthistorischen Hofmuseums befinden. 

Eine ganz besondere Art kunstindustrieller Erzeugnisse behandelt 
Th. Frimmel in seinem Aufsatze: »Die Ceremonienringe in den 
Kunstsammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses« (S. l 
bis 10). Von den beschriebenen 6 bischöflichen Amtsringen werden 4 
mit mehr oder weniger sicheren Gründen auf die Päpste Nikolaus V., 
Pius II., Paul IL und Sixtus IV. zurückgeführt, einer steht mit Ferdinand I. 



16(3 Literatur. 

von Neapel in Beziehung, während für 2 sichere historische Anhaltspunkte 
für ihre Entstehung nicht ermittelt werden konnten. Ein hervorragend 
kunsthistorischer Werth kommt den beschriebenen Ringen, die sämmtlich 
durch entsprechende saubere Abbilduigen veranschaulicht werden, nicht zu. 

Nur erwähnt seien schliesslich die »Nachträge« zur Arbeit über 
die »Augsburger Waffenschmiede, ihre Werke und ihre Be- 
ziehungen zum kaiserlichen und anderen Höfen« (S. 329 
bis 345) von Wendelin Boeheim und der Nekrolog über den hervor- 
ragenden Aegyptologen der Wiener Hofsammlungen, »Ernst R. v. Berg- 
mann« von Alexander Dedekind (S. 346 — 350). 

Der zweite Theil des Jahrbuches, der der Veröffentlichung von kunst- 
historischem Quell enmateriale gewidmet ist, bringt den Beginn der Pub- 
likation der »Inventare aus dem Archivo del Palacio zu 
Madrid«, hg. von Rud. Beer (S. I — LXX. Nr. 9705), und zwar enthält 
dieser Band einen Theil des in den Jahren 1598 — 1607 angelegten »In- 
ventars der Schatzkammer Königs Philipp II.« im Auszuge, in- 
dem alle jene Rubriken des Inventars abgedruckt werden, die sich auf 
Kunst- und kunstgewerbliche Gegenstände beziehen und demnach in das 
Programm der Quellenpublikationen des Jahrbuches fallen. In dem dies- 
falls abgedruckten Theile erscheinen 1066 Kunstobjekte angeführt, ja sie 
werden sogar meistens ziemlich eingehend und ausführlich beschrieben. 
Die Veröffentlichung dieser Inventare, über deren Entstehung und Anlage 
uns eine kurze Einleitung des Herausgebers entsprechend orientirt, ver- 
spricht für die Kunst- und Kulturgeschichte überhaupt, insbesonders aber 
für die Kulturgeschichte Spaniens und für die Geschichte einzelner Kunst- 
objekte von grosser Bedeutung zu werden. Man denke nur daran, welch' 
ausserordentliche Menge von Kunstschätzen aller Art und darunter viele 
ersten Ranges unter den ersten kunstsinnigen spanischen Habsburgern aus 
fast ganz Europa nach Spanien gebracht worden waren. Die Kunstfor- 
schung kann dieses Unternehmen um so freudiger begrüssen, als es sonst 
wohl noch sehr lange Zeit gedauert hätte, bis diese Inventare durch eine 
entsprechende Publikation allgemein bekannt und zugänglich geworden 
wären. 

An diese Inventar- Ausgabe schliesst sich die Fortsetzung der von 
David von Schönherr herausgegebenen »Urkunden und Regesten 
aus dem k. k. Statth alterei- Archive in Innsbruck« (S. LXXI — 
CCXIII, Nr. 9706 — 1 1207). Sie umfassen die Jahre 1565 — 1587, stammen 
also aus der Zeit der Regierung des Erzherzogs Ferdinand, dieses ausser- 
ordentlich kunstsinnigen Sammlers und eifrigen Förderers der Kunst an 
seinem Hofe. Die Publikation bringt daher vieles, sowohl für die all- 
gemeine wie auch insbesondere für die tirolische Kunstgeschichte wichtige 
Quellen-Material. Besonders reichhaltig sind die Nachrichten über die in 
Tirol und am Hofe des Erzherzogs beschäftigten Kunsthandwerker, aber 
auch zur Biographie und Geschichte der Arbeiten von hervorragenden und 
allgemein geschätzten Künstlern enthalten die Regesten viele wichtige 
Nachrichten. Namentlich seien hervorgehoben die Nachrichten über den 
Bildhauer Alexander Colin und über die verschiedenen Hofmaler des Erz- 
herzogs Ferdinand, unter welchen Joh. Bapt. Fontana, Francesco de Tertiis 
(Terzio), Heinrich Teufl u. A. hervortreten.. 



Notizen. 167 

Bndlich bringt dieser Jahrgang noch »Urkunden und Regesten 
aus dem Stadt- Archive zu Wiener-Neustadt« aus den Jahren 
1338 bis 1478, hg. von Josef Mayer (S. CCXIV— CCXL, Nr. 11209 
bis 11495), welche hauptsächlich Nachrichten von lokalgeschichtlichem In- 
teresse enthalten und namentlich für die Handwerksgeschichte von Wiener- 
Neustadt von Bedeutung sind. 

Eine ausserordentliche Erleichterung für den wissenschaftlichen Ge- 
brauch des Jahrbuchs bilden die für jeden Theil besonders gearbeiteten 
genauen Register. 

Klagenfurt. S. Laschitzer. 



Notizen. 

Als Vorarbeit zur geplanten Ausgabe der Placita in den Monumenta 
Germaniae veröffentlichte R. Hübner ein Regestenwerk: Gerichts Ur- 
kunden der fränkischen Zeit (1. Abth. Weimar 1 8 9 1 ; 8°, 118 S.; 
2. Abth. W. 1 893 ; 8°, 258 S. ; Sonderabdr. aus der Zeitschrift der Savigny-Stif- 
tung. Bd. 12, 14, germanist. Abth.). Es ist eine Arbeit ungewöhnlichen und mit 
Anspruchslosigkeit gepaarten Fleisses und tüchtigster Sachkenntnis. Sie 
wird dem Rechtshistoriker dieselben Dienste leisten, wie dem Historiker 
die Regesten Böhmers, erst durch sie ist ein Ueberblick über das process- 
rechtliche Material gewonnen und dessen allseitige Verwertung, wenn nicht 
ermöglicht, doch mindestens ausserordentlich erleichtert. Bei den engen 
Beziehungen zwischen Rechtsgeschichte und Diplomatik wird auch der 
Diplomatiker sich der Arbeit zu Dank verpflichtet fühlen. Die erste, die 
Gerichtsurkunden aus Deutschland und Frankreich bis zum Jahre 1000 
umfassende Abtheilung enthält (ohne Nachträge) 614 Nr., die 2. Abthei- 
lung, Gerichtsurkunden aus Italien bis 1150, 1063 Nr. Dem rechtsgeschicht- 
lichen Zweck entsprechend weicht die Formulirung des Regests von der 
gewöhnlichen ab. Präcis und klar, bei dem oft verwickelten Rechtsgang 
und dem verschiedenartigen Inhalt der Gericktsurkunden ein bedeutender 
Vorzug, lässt sie die rechtlich wesentlichen Momente bestimmt hervortreten, 
die Terminologie und die Behandlung des Stoffes zeigt den sattelfesten 
Fachmann. Nicht unberechtigt auch dem Rechtshistoriker gegenüber dürfte 
der Wunsch sein, dass bei den Drucken auch ihre handschriftliche Quelle 
angegeben und die Filiation der Drucke beachtet worden wäre. Einzelne 
Versehen sind bei einer so umfassenden Arbeit unvermeidlich, sie schmälern 
ihren Wert nicht. Die aufgewandte Sorgfalt bezeugen auch die Berich- 
tigungen und Nachträge. Zu diesen wird wol noch das eine und andere 
kommen, wie die Urkunde Berengars und Adalberts für Casauria 960 
Mai 27, B. 1439. Beiden Abtheilungen sind orientirende Uebersichten 
und ein Quellenverzeichnis beigegeben. E. M. 

Ganz unerwartete und wertvolle Funde von Kaiserurkunden machte 
E. Freiherr v. Oefele in einem Fascikel, der Krkundenabschriften aus Eich- 
stätt aus den Beginn des vorigen Jahrb. enthielt, und in einem wenig 



Iß3 Notizen. 

späteren Archivrepertorium. Leider sind nur zwei derselben im vollen 
Wortlaut erhalten. Sie wurden vom Finder unter dem Titel Unedirte 
Karolinger Diplome in den Sitzungsber. der phil. hist. Commission 
der Münchener Akademie 1892 S. 121 — 136 veröffentlicht. Das eine 
Diplom Ludwigs des Deutschen von 831 Jänner 8, ein Seitenstück zur 
fast gleichzeitigen Besitzbestätigung für Niederaltaich (Reg. d. Karol. 
n° 1302), bietet für die Besiedlung der Ostmark nach der Niederwerfung 
der Avaren neue Daten. Ludwig bestätigt dem Kloster Herrieden (sw. 
Ansbach) das mit Genehmigung Karls des Grossen in Besitz genommene, 
aber nicht urkundlich verbriefte Land und die dort erbauten Orte Bielaa 
Medilica und Grunanita — also Bielach und Melk, die hier zum ersten 
Mal genannt werden (vgl. Kämmel, Die Anfänge deutschen Lebens in 
Oesterreich 247); Grunanita hängt wol mit dem Grunzwitigau an der 
Traisen (Kämmel 252) zusammen. Die 2. Urkunde von Arnolf 899 
März 1 1 , Restitution des eingezogenen Eigenguts an Poppo, hat geschicht- 
liches Interesse ; es kann nur der Markgraf Poppo von der Sorbenmark 
aus dem Geschlecht der Babenberger sein, der 892 infolge der von ihm 
veranlassten unglücklichen Heerfahrt gegen Böhmen abgesetzt und durch 
Einziehung der Lehen bestraft worden war (Reg. d. Karol. n° 1824 a , b ). 
Die Texte beider Urkunden sind stark verderbt. Eine grössere Anzahl von 
jetzt verlorenen Diplomen — 12 Karolinger, 2 von Otto I, je 1 von 
Konrad II. und Heinrich III. — verzeichnet das Archivrepertorium. Es 
gibt nur Regesten, aber dazu das vollständige Eschatokoll. Sie sind von 
Frh. v. Oefele in dem Aufsatz Vermisste Kaiser- und Königs- 
urkunden des Hochstiftes Eichstätt (Münchener Sitzungsber. 1893 
S. 288 — 30 1) publicirt. Auch hier ist das eine und andere Stück von 
weiterem Interesse; so eine Schenkung Ludwigs d. D. an den Slovenen- 
fürsten Priwina und 2 Schenkungen Ludwigs d. K. von 907 an seine 
Mutter Ota, die darauf hinweisen, dass die Reichsregierung doch das Be- 
dürfnis fühlte, die schmählich behandelte Königin-Mutter für andere ent- 
zogene Güter zu entschädigen. Beide Publicationen sind mit sorgfältigen 
Erläuterungen versehen. E. M. 

Pascikel II der Indices chronologici ad Antiquitates Ita- 
liae M. Ae. et ad opera minor a A. Muratorii (vgl. Mittheil. 
11, 50l) umfasst in Nr. 1222 — 2458 die von Muratori publicirten Ur- 
kunden aus der Zeit von 900 — 1295 und gewinnt dadurch an Bedeutung, 
dass er auch die neueren Drucke nach Muratori einbezieht. 



R. Parisot, Deux diplomesinedits pour la collegiale S te 
Marie-Madeleine de Verdun (Extr. des Annales de 1' Est, 7 e annee 
1893; 8°, 11 p.,) veröffentlicht eine Urkunde Heinrichs III. von 1056 
Jänner 23 und Heinrichs IV. von 1062 Okt. 14 nach den Originalen im 
Municipalarchiv zu Reims (Collection Turbe), von denen die erste nur 
durch ein von Wolfram (Jahrb. der Gesellschaft für lothring. Gesch. l, 156) 
publicirtes französisches Regest, die zweite nur durch ein Bruchstück bei 
Clouet (Hist. de Verdun, darnach Stumpf n° 261 l a ) bekannt war, mit Bei- 
gabe diplomatischer Erörterungen und der topographischen Daten. 



Notizen. 169 

Als Festgabe zum Rossi - Jubiläum veröffentlichte Ludo Moritz 
Hartmann eine Urkunde einer römischen Gärtnergenossen- 
schaft vom Jahre 1030 (Freiburg i. B. 1892; 4°, 19 S.) Die aus 
dem Archiv von S. Maria in Via lata stammende Urkunde bietet zwar 
manches Interesse, doch an diesen vereinzelten Fall knüpft der Herausgeber, 
ohne das bekannte Quellenmaterial zu erschöpfen, weitgehende Folgerungen 
über eine ausgebildete, sich mit der alten deckende Zunftorganisation zu 
Anfang des 11. Jahrb. in Rom, deren Unhaltbarkeit bereits anderweitig 
(Götting. Gel. Anz. 1892 S. 723 f.) nachgewiesen wurde. 

Von Leist's Urkundenlehre ist eine zweite Auflage erschienen 
(Leipzig, Weber 1893). Der Verf. sagt in der Vorrede, er habe eine Reihe 
von Aenderungen und Verbesserungen vorgenommen, »allerdings aber, um 
es gleich hier zu sagen, ohne allzugrosse Engherzigkeit, da Aenderungen 
und Verbesserungen mit dem Fortschreiten der Wissenschaft von Zeit zu 
Zeit immer wieder werden eintreten müssen«. In der That, es wurden 
eine Reihe von Werken und Ergebnissen der Forschung, die seit 1882 zu 
verzeichnen sind, verwertet — aber das Buch selbst in seiner ganzen An- 
lage, in dem unverhältnismässigen Ueberwiegen von Palaeographie und 
Chronologie, mit dem Charakter des vielfach zufällig Zusammengestellten, 
mit der oft mangelnden Scheidung und Darstellung des Wesentlichen und 
seiner Entwicklung — das Buch ist das alte geblieben und was Uhlirz 
in den Mittheil, des Instituts 4, 122 ff. in dieser Hinsicht über die erste 
Auflage gesagt hat, gilt auch jetzt noch für die zweite. 0. R. 

In der Festgabe »Aus dem Theresianum« zur 42. Philologenversamm- 
lung in Wien (1893) handelt August Engelbrecht über Das Titel- 
wesen bei den spätlateinischen Epistolographen und dehnt 
seine früheren derartigen Studien an den Briefen des Ruricius (Patristische 
Analecten, Wien 1892) auf Symmachus, Ambrosius, Hieronymus, Au- 
gustinus u. s. w. und besonders auch auf die Papstbriefe aus; er erörtert 
eingehend das Aufkommen ceremonieller Titulaturen im Briefstyl des 
4. Jahrh. und ihre Ausbildung im 5. Jahrh. und gibt zum Schlüsse eine 
lehrreiche Uebersicht der gefundenen Titel und Epitheta ornantia. 0. R. 

Der 26. Band der Atti della R. accademia delle scienze di 
Torino enthält drei kurze aber wertvolle Abhandlungen von Cipolla. 
Die erste betrifft eine in dem Cod. n° 1 5 der Capitelbibliothek zu Vercelli 
erhaltene Aufzeichnung über die Schenkungen Karl III. an die Kirche von 
Vercelli. Wenn auch diese Notiz nicht unbekannt war, wie C. anzunehmen 
scheint und auch im N. Archiv 17, 451 zu lesen ist — sie ist in den 
Wiener Sitzungsber. 92, 400 von Mühlbacher gedruckt worden — so hat 
doch erst C. wahrscheinlich gemacht, dass hier der Auszug eines verlorenen 
D. Karl III. vorliege, welches mit dem im J. 999 der Kanzlei Otto III. 
vorgelegten und in D. 323 erwähnten Präcept Karls identisch sein dürfte. 
Bei der schlechten Ueberlieferung der Diplome für Vercelli wird volle 
Sicherheit freilich weder hierüber zu gewinnen sein, noch über die Glaub- 
würdigkeit der Urkunde Karls. C. tritt für die Echtheit derselben ein, ohne 
auf Löwenfelds Annahme, dass die Urkunde eine Interpolation erfahren 



1 70 Notizen. 

haben könnte (Leo von Vercelli 11), einzugehen. Entscheidend wäre das 
Alter jener Aufzeichnung, über welches sich C. nicht bestimmt äussert; 
stammt dieselbe aus dem 9. Jahrb., wie nach Fickers Urtheil Mühlbacher 
angibt, dann erscheint die Echtheit des D. Kai-ls gesichert. — Zwei wei- 
tere Aufsätze behandeln das Itinerar Konrad II. im J. 1026. Von 
Stumpf 1943 für Fruttuaria hat C. eine Copie gefunden, welche die bis- 
her unbekannte Datirung bietet und aus welcher hervorgeht, dass Konrad 
am 20. Dez. 1026 mit der Belagerung von Ivrea beschäftigt war. Die 
Annahme Bresslaus, der König wäre im Sommer 1026 von Ravenna der 
Küste entlang bis nach Pescara vorgedrungen, scheint mir durch C's. sorg- 
fältige Erörterung der DD. Stumpf 1910 — 1912 stark erschüttert; zwei 
derselben datiren von Peschiera am Gardasee, die dritte St. 1911, in wel- 
cher von einem früheren Aufenthalt des Königs in Bei-gamo gesprochen 
wird, ist ohne Grund mit jenen beiden verknüpft worden, ihr actum lautet: 
in Episcoparico, wie schon Lupus im C. D. Bergom. gedruckt hat. C. 
verzichtet auf Erklärung dieses Namens; in einem Original würde seine 
Erklärung allerdings Schwierigkeiten machen, da aber das in der Stadt- 
bibliothek zu Bergamo befindliche Schriftstück nach Bresslaus Urtheil nur 
als Copie gelten kann, so ist doch eine Verderbung des Namens nicht 
ausgeschlossen, etwa so, dass Episcoparico durch irrthümliche Annahme 
und Auflösung einer Kürzung aus Eparico entstanden, und dass hiemit 
Ivrea gemeint sein könnte. Ich spreche diese Vermuthung mit um so 
grösserer Zurückhaltung aus, als sich Bresslau (N. Archiv IS, 703) vor- 
behalten hat, auf das auch im Ar eh. stör. Lombardo (18, 157; 19, 5 und 
37 7) von Cipolla und Pagani erörterte Itinerar des Jahres 1026 im Zu- 
sammenhang zurückzukommen. W. Erben. 

In der Abhandlung Die Anfänge des Klosters Selz (Zeitschr. 
f. Gesch. des Oberrheins N. F. 7, l) sichtet W. Erben nach einleitenden 
Abschnitten über die Erwerbungen Adelheids, der zweiten Gemalin K. Otto I., 
und ihrer burgundischen Brüder im Elsass und über die mit einem grossen 
Theil dieser Güter zu Ende 991 von Adelheid durchgeführte Gründung 
und Ausstattung des Klosters Selz in scharfsinniger Weise das weitere ur- 
kundliche Material: die drei Ausfertigungen von DO III. 159, eine Bulle 
Papst Johanns XV. von 995 Apr. 4, deren Echtheit durch Vergleich mit 
Bullen desselben Papstes für St. Maurice in Wallis und Hinweis auf Ein- 
wirkungen von Seite der Reichskanzlei mit Erfolg erwiesen wird, endlich 
angebliche Urkunden K. Heinrichs III. (Stumpf 2401), eine interpolirte 
Copie von DO III. 88 und das gefälschte DO III. 430, welche alle zu Ende 
des 1 2. Jahrb.. in Selz fabricirt wurden, um als Waffe gegen die Zehent- 
ansprüche benachbarter Klöster zu dienen. 0. R. 

Die Diplomatisch-kritische Untersuchung der Berner 
Handfeste von Prof. Dr. B. Hidber in der »Festschrift zur VII. Saecu- 
larfeier der Gründung Berns 1191 — 1891« tritt wie die ebendort befind- 
liche Abhandlung A. Zeerleder's »Die Bern er Handfeste« für die 
Echtheit dieser Urkunde K. Friedrichs IL vom 15. April 1218 in der 
überlieferten Fassung ein und H. vermuthet, die jetzt allein noch vor- 
handene Copie sei 1365 angefertigt worden, um dem Kaiser Karl IV. zur 
Bestätigung vorgelegt zu werden. H. berücksichtigte nicht die gegen die 



Notizen. 171 

Echtheit der Urkunde vorgebrachten Gründe Fickers in Eeg. imp. V n. 935 
und F. Philippi's, Zur Gesch. der Eeichskanzlei unter den letzten Staufen 74. 
Wir können auf die Bemerkungen G. Meyers von Knonau in der Histor. 
Zeitschrift 70, 268 f. verweisen. 0. K. 

In den Sitzungsber. der Münchener Akademie histor. Classe 1892, 
3, Heft (S. 443 — 536) hat H. Simonsfeld über Fragmente von 
Formelbüchern auf der Müncbener Hof- und Staatsbiblio- 
thek dankenswerthe Mittheilungen gemacht. Diese elf Bruchstücke bilden 
jetzt den Cod. lat. 29095, sie entstammen den verschiedensten Werken: 
der Ars dictandi des Guido Faba, einer aus Orleans stammenden, doch 
nicht mit der Ars dictandi Aureliacensis, die Rockinger edirte, identischen 
Sammlung, der Summa notariae des Johannes von Bologna, dann (n. 4 
und 6) einer österreichisch-bairischen Briefsammlung, die mit der von Pez 
Thesaurus Anecd. 6 b edirten im Zusammenhang steht, der aus päpstlichen 
Archivalien schöpfenden Formelsammlung des Riccardus de Pofis, Formel- 
büchern aus der Zeit und Kanzlei Rudolfs von Habsburg (n. 8, 9), end- 
lich dem Formelbuch aus Böhmen, von dem aus andern Fragmenten zu- 
erst Wattenbach in Forschungen 15 Mittheilung gemacht hatte. In den 
Beilagen edirt S. eine Reihe von Stücken, unter denen hervorzuheben 
wären: ein Schreiben über das Ende der Bedrängnisse der Salzburger 
Kirche (S. 50 1), das S. vermutungsweise zu 1275 setzt und auf Ottokar 
von Böhmen bezieht, das aber wol eher zu dem Streit Herzog Albrechts 
von Oesterreich mit Erzbischof Konrad, vielleicht zu Anfang 1287 gehört; 
S. 509 Verleihung einer päpstlichen Scriptorstelle (aus Richard de Pofis); 
S. 509 ff. Schreiben Urbans IV. und Clemens IV. an K. Ludwig von 
Frankreich, an Karl von Anjou über die Gefangennahme des Patriarchen 
von Aquileia durch den Grafen Albert von Görz (1267) x ) u. a. ; Schreiben 
K. Rudolfs über seine Berufung zur Kaiserkrone (fällt nach 1275 Febr. 15, 
der Schlussatz sehr bemerkenswert: Con firmatos namque in regno 
Romano a sanctissimo patre nostro vocatos nos sciat(is) veraciter 
ad recipiendum . . imperii dyadema); endlich S. 528 ff. Schreiben von 
und über Wok von Rosenberg, Hauptmann in Steiermark (1260 — 1262) 
und mehrere Schreiben von und an König Ottokar von Böhmen. Die 
Arbeit mahnt übrigens wieder recht daran, wie viel noch in Bezug auf 
Bearbeitung und Verwertung der Formelbücher der zweiten Hälfte des 
13. und ersten des 14. Jahrhunderts zu thun ist. 0. R. 

Eine kleine Abhandlung von Dr. Hans Pischek, Zur Frage nach 
der Existenz einer mittelhochdeutschen Schriftsprache 
im ausgehenden 13. Jahrhundert (Jahresber. d. Staats-Realschule 
in Teschen 1892) schlägt den Weg ein zur Lösung dieser Frage die 
deutschen Urkunden König Rudolfs v. Habsbur? heranzuziehen. 



') Darauf bezieht sich auch ein Schreiben in dem von P. Konrad Eubel 
veröffentlichten Register band des Cardinalgrosspönitentiars 
Bentevenga, eine auf das kirchliche Busswesen bezügliche Sammlung von 
Urkunden aus der Zeit von 127!» bis 1289 (Mainz 1890), die aber auch eine Reibe 
für politische und Culturgeschichte beachtenswerter Documente enthält, interes- 
sant auch als Registerband eines Cardinais. 



\12 Notizen. 

Das bemerkensweite Ergebnis ist, dass in Rudolfs deutschen Urkunden 
keine einheitliche, allen gemeinsame Sprache, sondern nur Dialecte herrschen 
und dass diese Dialecte abhängig erscheinen vom Empfänger der Urkunde. 
Der Schluss aber, den P. aus diesen Thatsachen zieht, dass »nahezu alle 
(deutschen) Originale vom Empfänger verfasst und nicht aus der Kanzlei 
hervorgegangen sind« darf zunächst nur in der Beschränkung angenommen 
werden, dass die Textirung ein Werk der Empfänger war, allein es ist 
eine ganz andere Frage, welche durch die sehr summarischen Bemerkungen 
des Verf. keineswegs erledigt ist, ob auch die Ausfertigung dieser Urkun- 
den — bis auf das Siegel — vom Empfänger herrührt. Dass dies wirk- 
lich nicht selten und nicht etwa bloss bei deutschen Urkunden vorge- 
kommen, hat schon Herzberg-Fränkel in Kaiserurk. in Abbild. Text 2 1 2 
gesagt, zur Entscheidung im einzelnen Falle bedarf es aber der Unter- 
suchung der gesammten Merkmale an Originalen und besonders auch des 
Vergleiches von Stücken derselben Provenienz. 0. R. 

Von der Gründungsurkunde der Prager Universität 
handelt V. J. Noväcek in der Zeitschrift des böhm. Museums (Pra- 
meny zakläd. listiny univ. prazske. Separatabdruck S. 1 — 14). Angeregt 
durch eine Bemerkung von Denifle (Die Universitäten d. Mittelalters bis 
1400 S. 587) hat er alle bis zum J. 1348 ausgestellten ähnlichen Grün- 
dungsurk. verglichen und ist zu dem Resultate gekommen, dass auch diese 
U. kein selbständiges Dictat der kaiserlichen Kanzlei ist; schöne und red- 
nerische Wendungen haben auch hier, wie die ganze Gelehrsamkeit der 
mittelalterlichen Notare , ihre Quelle in dem Formelbuche. Die U. 
wurde aus drei Formeln der Sammlung des Petrus de Vinea (Ausgabe des 
Germ. Philaletes Amberg 1609 lib. III. Nr. 10 — 12) compilirt. Auch 
diese drei Formeln handeln über Gründungen von Universitäten (und zw. 
der in Neapel und Salerno nach Huillard-Breholles und Böhmer-Ficker). Im 
Texte sind alle vier Urkunden nebeneinander abgedruckt, die U. Karls IV. 
nach dem Original der deutschen Prager Universität. V. Kr. 

Die vielfach neuen Aufschlüsse, welche die nun vollendete Ausgabe 
des Registrura Clementis V. für die Finanzverwaltung der Curie brachte, 
werden von Dr. Leo König in dem Buch »Die päpstliche Kammer 
unter Clemens V. und Johann XXII«. (Wien, 1894, 87 S.) in 
sorgfältiger und verdienstvoller Weise verwertet. Dagegen wäre der Name 
Johanns XXII. vom Titel des Buches besser fortgeblieben ; denn für diesen 
ungleich bedeutenderen Papst wird nicht einmal das im Verhältnis zu 
Clemens V. ohnedies spärliche gedruckte Material vollständig herangezogen. 
Mit wenigen zusammenhanglosen Notizen lässt sich die Geschichte der 
päpstlichen Kammer unter Johann XXII. nicht abthun, und man wird 
daher auch die Entscheidung über die von K. aufgeworfene Frage, ob 
und inwieweit die Finanzverwaltung unter Clemens V. einen Fortschritt 
gegen die frühere und eine wesentliche Vorstufe für die spätere Zeit bildet, 
bis zu dem Zeitpunkt vertagen, da man über das Früher und Später selbst 
besser unterrichtet sein wird, als dies bisher und auch bei K. der Fall ist. 
Im ersten Abschnitt (Introitus Camerae) stören mehrfache Unklarheiten 
und Unrichtigkeiten. Von grossem Intex - esse ist der dritte Abschnitt (Ver- 



Notizen. 173 

gleich der Einnahmen und Ausgaben). Man ersieht daraus, dass unter 
Clemens V. das Einnahmenbudget jenes der Ausgaben durchschnittlich andert- 
halb- bis zweimal überragte. Die Grundlage für diese glänzenden finan- 
ziellen Erfolge, das Provisions- und Reservationswesen der Curie, findet in 
K. einen warmen Vertheidiger. Anders dachte jener Curiale, der dem von 
Kirsch (Hist. Jahrb. 9, 301 ff.) besprochenen Consistorialtaxbuch den 
Schreiberspruch anfügte: »We illi, per quem scandalum venit«. T. 

Die Arbeit von Ludwig Lewinski, Die Brandenburgische 
Kanzlei und das Urkundenwesen während der Regierung 
der beiden erstenHohenzoller 'sehen Markgrafen 1411 — 1470 
(Strassburg, Heitz 1893) gibt eine eingehende Darstellung aller in Frage 
kommenden Einrichtungen und Verhältnisse und bietet so einen erwünsch- 
ten Beitrag zu der noch ergiebiger Bearbeitung harrenden Diplomatik des 
späteren Mittelalters. — Von Formulatur der Urkunden, statt von Formular 
zu sprechen (S. 68 ff), ist wol ein wenig glücklicher Ausdruck. 0. R. 

Nachdem Dr. Renward Brandstetter sich schon in zwei früheren 
Abhandlungen mit Mundart und Schriftsprache in Stadt und Landschaft 
Luzern beschäftigt (vgl. Geschichtsfreund der V Orte 45. und 46. Bd.), 
folgte im 47. Bande des Geschichtsfreundes (l 892) eine weitere über Die 
Luzerner Kanzleisprache von 1250 — 1600. B. versteht darunter 
das in den Schriftdenkmälern Luzerns geschriebene Idiom, unterscheidet 
drei Perioden der Entwicklung, bis seit dem 17. Jahrhundert das Neu- 
hochdeutsche eindringt und schildert eingehend die ganze Entwickelung. 
B. fusst durchaus auf dem originalen archivalischen Material, denn nur 
ein sehr kleiner Theil der Drucke ist auch für den Sprachforscher ver- 
wendbar. Gerade dies ist ein Punkt, um dessentwillen die Beachtung 
derartiger Arbeiten x ) für jeden Herausgeber dringend geboten ist. Denn 
wenn wir Historiker Urkunden u. s. w. herausgeben, soll es doch so ge- 
schehen, dass auch dem Sprachforscher damit gedient ist — oder soll 
denn alles doppelt gedruckt werden? Eine Verständigung der Historiker 
vor allem mit den Germanisten muss in dieser Beziehung einmal gefunden 
werden, denn die Weizsäcker'schen Editionsgrundsätze haben gerade von 
germanistischer Seite Widerspruch erfahren (vgl. z. B. Wackernell in Zeit- 
schr. f. deutsche Philologie 15, 369 ff) 0. R. 

Wie das Baumwollenpapier, ist nun das Baumbastpapier, das auch 
lange genug in der Lehre vom Schriftwesen spuckte, endgiltig abgethan. 
In den Studien über angebliche Baumbas tpapiere (Sitzungsber. 
der phil. hist. Classe der Wiener Akademie Bd. 126) theilt Julius 
Wiesner das Ergebnis seiner mikroskopischen Untersuchung der »unan- 
gezweifelt baumbastpapierenen « Handschrift der Wiener Hofbibliothek mit, 
welche deren Material als zweischichtigen Papyrus erweist, und führt 



') Vgl. z. B. die Abhandlung von Willy Scheel, Jaspar von Gennep 
und die Entwicklung der neuhochdeutschen Schriftsprache in 
Köln, Westdeutsche Zeitschrift Ergänzungsheft 8 (Trier 1893). 



174 Notizen. 

den naturwissenschaftlichen Nachweis, dass ein eigentliches Baumbastpapier 
technisch unmöglich ist und daher nie existirt haben konnte. 

Einen interessanten Beitrag zur Kenntnis der Geheimschriften liefert 
der Vortrag von L. v. Bockinge r, Ueber Geheimschriften- 
schlüssel der bayerischen Kanzlei im ]ß. Jahrhundert 
(München 1891, 8°, 68 S. mit 30 S. lithographirter Beilagen). Es sind 
hier so ziemlich alle Systeme vertreten , Yertauschung der Buchstaben, 
Ziffern, das Kreuzalphabet, eigentliche Chiffera. Im ganzen sind es etwa 
100 eigene Geheimschriften, welche die baierischen Kanzleipapiere aus 
dem Iß. Jahrh. bieten. 

Von H. Grotefend's trefflichem Handbuch der Zeitrechnung 
des deutschen Mittelalters und der Neuzeit ist nun der erste 
Theil des 2. Bandes erschienen, der die Kalender der Diöcesen Deutsch- 
lands, der Schweiz und Scandinaviens enthält. Mit vollem Becht sieht 
G. in der Veröffentlichung der vollständigen Kalender den sicheren Unter- 
grund für Arbeiten oder Forichungsbedürfnisse auf engeren Gebieten und 
für vergleichende Zusammenstellungen. Der zweite Theil des Bandes soll 
den Schluss der Kalender (romanische Diöcesen), das alphabetische Heiligen- 
verzeichniss und einen Anhang von Tafeln bringen. 0. B. 

Gustav Bilfinger, der Verfasser des Werkes über den »Bürgerlichen 
Tag« und mehrerer die altorientalische und antike Zeitmessung behandeln- 
der Arbeiten, veröffentlichte nunmehr ein Buch über Die mittelalter- 
lichen Hören und die modernen Stunden. Ein Beitrag zur 
Kulturgeschichte (Stuttgart. Kohlhammer 1892). Ein verdienstliches Werk 
über eine lange vernachlässigte Materie. Der Verf. bespricht die populäre 
Tageseintheilung im Ausgang des Mittelalters in Italien, Frankreich, Eng- 
land und Deutschlands, die Verschiebung der Hören, die Essenszeit im 
Mittelalter, dann in einem zweiten Theile die Einführung der modernen 
Stunden, die Entwicklung der Uhren, die italienisch-böhmische, türkische 
Stundenrechnung, die »halbe Uhr*, die Nürnberger und Basler Uhr und 
ihre eigenthümlichkeiten. Eine Eeihe landläufiger , aber irrthümlicher 
Ansichten und Angaben erfahren hier ihre Eichtigstellung. 0. K. 

Im Eranos Vindobonensis (Wien 1893) theilt S. 93 ff L. M. Hart- 
mann eine in Nepi nördl. Born ausgestellte Notariatsurkunde (Verpach- 
tung) vom December 92] mit, welche neben ihrer barbarischen Latinität 
auch deshalb bemerkenswerth ist, weil sie eine Datierung mit imperatore, 
consolu aufweist und so das nunmehr späteste Beispiel der Datirungs- 
weise nach dem Consulat bietet. 0. K. 

In der Zeitschr. f. Gesch. des Oberrheins N. F. 8, 706 bemerkt 
Bau mann, dass man die Bezeichnung Ewiger Abend für den 31. De- 
zember im Allgäu noch im Iß. Jahrhundert gekannt hat. 0. B. 

In der Notice sur les sceaux Carolin giens des archives 
de la Haute Marne (Joinville 1892; 8°, 20 p.) bietet Alphonse 



Notizen. 175 

Roserot in Chaumont einen dankenswerten Beitrag zur Kunde der Karo- 
linger Siegel. Von Interesse ist der nähere Nachweis des zweiten Siegels 
Ludwigs des Frommen seit 834, das dem ersten nachgeschnitten ist, aber 
eine Variante in der Umschrift enthält; es ist auch bereits von Sickel 
(Acta Kar. 1,352) besprochen und darnach in den Regesten der Karolinger 
(S. LXXXII) erwähnt. Ausser diesem wird noch ein bisher unbekanntes Siegel 
Karls III. nachgewiesen (n° 4 der Abbildungen). Zu S. 20 darf ich wol 
bemerken, dass n° 3 das von mir (Reg. der Karol. LXXXII1) verzeichnete 
2. Siegel Karls III. ist. Ein anderer Typus desselben Siegels (n° 2) ist 
zu schlecht erhalten, um ihn bestimmt classificiren zu können. Dazu 
kommen noch 2 Siegel westfränkischer Karolinger (Karlmanns u. Lothars) 
von denen das letztere schon mehrfach beachtet wurde. Die kleine Schrift 
zeigt scharfe Beobachtung und volle Vertrautheit mit dem Stoff und selbst 
der deutschen Literatur. Beigegeben ist eine Tafel mit photographischer 
Abbildung der Gypsabgüsse. E. M. 

In weiterer Ausführung der in dieser Zeitschi'ift 12, 257 f. gegebenen 
Mittheilungen gibt J. v. Schlosser in der Abhandlung Typare und 
Bullen in der Münz- Medaillen- und Antikensammlung des 
a. h. Kaiserhauses (Jahrbuch der Kunstsammlungen des a. h. Kaiser- 
hauses Bd. 13) eine eingehende Darstellung mit zahlreichen Abbildungen 
der sphragistisch wertvollsten Stücke jener Sammlung, des Typars 
Rudolfs I. von Habsburg, des, wenn echt, ältesten uns erhaltenen Original- 
typars eines deutschen Königs, des Bullenstempels Clemens III und anderer 
mittelalterlicher Siegelstempel, sowie einer Anzahl von Bullen von (Karl IV., 
des Concils von Basel, von Maxmilian I. u. s. w. 

Im Zusammenhang mit seinem verdienstlichen, im österreichischen 
Herrenhaus eingebrachten Antrag zur Einleitung einer Organisation des 
österreichischen, staatlichen Archivwesens hat Freiherr v. Helfert auch 
eine Schrift über »Staatliches Archiv wesen* verfasst , die auf 
Grund gedruckten und zahlreichen dem Verf. zur Verfügung gestellten 
amtlichen Materials in allgemeiner Uebersicht das Archivwesen der euro- 
päischen Staaten bespricht. In gedrängter Kürze wird über allgemeine 
Organisation, Archivbestände, Aufbewahrung, Sicherheit, Archivbeamte, 
Archivtechnik, Zusammenhang und inneren Verband der Archive, Archiv- 
dienst, wissenschaftliche Forschung und Einsichtnahme für andere Zwecke, 
Veröffentlichungen, und Scartirung (Auscheidung von Acten) Bericht er- 
stattet. Das österreichische Archivwesen ist hiebei mit Absicht ausser 
Betracht gelassen — aber die Zusammenstellungen der Schrift bilden 
einen wirksamen Hintergrund, um daran abzunehmen, was die Organi- 
sirung unseres Archivwesens noch zu wünschen übrig lässt. — Frh. 
v. Helferts Arbeit steht an der Spitze des soeben erschienenen 2. Bandes 
der Mittheilungen der dritten (Archiv-) Section (Wien 1893), 
die von der k. k. Centralcommission f. Kunst- und histor. Denkmale her- 
ausgegeben werden und deren l.Bd. die Archivberichte aus Tirol 1. Theil 
enthält. In diesem 2. Bd. findet sich ausserdem: Bericht über die An- 
legung eines historischen Gerichts-Archivs für Deutsch- Tirol 
im neuen Gerichtsgebäude in Innsbruck von Alois Frhr. v. Mages ; Be- 



176 Notizen. 

rieht über das in den Archiven der Stadt Brunn befindliche kunst- 
historische Quelleninaterial von Dr. Wilh. Schräm; Auszug aus einem 
vom Eeg. Rath Wussin erstatteten Berichte über die Archive von 
Garsten und Gleink; Eigenhändige Lebensnachrichten des mährischen 
Malers J. Chr. Handke von Dr. Wilh. Schräm. 0. R. 

Der akad. Historiker-Club in Innsbruck hat »zur Erinnerung an die 
vor vierzig Jahren begonnene Lehrthätigkeit Fickers« eine kleine Fest- 
schrift (Innsbruck, Selbstverlag des Vereines 1893) hei-ausgegeben, die 
eine Würdigung Fickers als Lehrer und ein vollständiges Verzeichnis 
der Schriften und Werke desselben enthält. 0. R. 

Heinrich Brunner hat sich den Dank weiter Kreise erworben, 
indem er eine Sammlung seiner rechtsgeschichtlichen Abhandlungen her- 
ausgab, unter dem Titel Forschungen zur Geschichte des deut- 
schen und französichen Rechtes (Stuttgart, Cotta 1894). Der 
Band gliedert sich in die Abschnitte : 1 . Zur Geschichte des Lehnwesens 
(Die Landschenkungen der Merowinger und Agilolfinger, Der Reiterdienst 
und die Anfänge des Lehnwesens, Zur Gesch. des Gefolgswesens) ; 2. Zur 
Geschichte des Processrechtes (Zeugen- und Inquisitionsbeweis, Herkunft 
der Schöffen, Wort und Form im altfranzös. Process, Zulässigkeit der An- 
waltschaft im französischen, normannischen und englischen Recht) ; 3. Zur 
Geschichte des Strafrechtes (Abspaltungen der Friedlosigkeit, Duodecimal- 
system und Decimalsystem in den Busszahlen, Ueber absichtslose Misse- 
that); 4. Zur Geschichte des Privatrechtes (Die fränkisch-romanische Ur- 
kunde als Wertpapier, Zur Gesch. des Inhaberpapiers, Die Erbpacht der 
Formelsammlungen von Angers und Tours, Ueber den german. Ursprung 
des droit de retour, Zur holländischen Rechtsgeschichte). Die Aufsätze in 
den Festgaben für Heffter, Mommsen, Beseler, Waitz und Gneist mussten 
— leider — ausgeschlossen bleiben. 0. R. 

Die Gesellschaft für deutsche Erziehung s- und Schul- 
geschichte gibt seit 1891 Mittheilungen (Berlin, Hoffmann & Comp.) 
heraus, die von dem Schriftführer Dr. K. Kehr bach, dem hochverdienten 
Begründer der Monumenta Germaniae Paedagogica, redigirt werden und 
den Zweck haben, eben dieses grosse Unternehmen und sein Weiter- 
schreiten, sowie deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte überhaupt zu 
fördern. Wie die Gesellschaft und ihre Ziele, besonders die Begründung 
eines Archivs und einer Bibliothek von allen erreichbaren handschrift- 
lichen und gedruckten Materialien zur deutschen Schulgeschichte, auf das 
lebhafteste zu begrüssen und zu unterstützen sind, so verdienen auch diese 
Mittheilungen der Gesellschaft allseitige Förderung. Sie sollen zu einem 
Mittelpunkte für die deutsche Unterrichtsgeschichte werden und es wäre 
sehr zu wünschen, dass möglichst viele derartige Arbeiten und Veröffent- 
lichung von Materialien eben in diesen » Mittheilungen « untergebracht 
würden, anstatt in Local- und Provincialblättern oder Zeitschriften zerstreut 
und dann vergessen und übersehen zu werden. Von Wichtigkeit und Be- 
deutung kann ja — wie überhaupt in der Historie — auch das kleinste 
werden, wenn es in den rechten Zusammenhang gebracht wird. So sei 



Notizen. 177 

denn ausdrücklich auf jene Quellen hingewiesen, deren Sammlung § 2 der 
Gesellschaftssatzungen erstrebt und deren Bekanntmachung und Erforschung 
die » Mittheilungen « dienen: Schulordnungen jeder Art, Bestallungsurkunden, 
Eidesformeln, Stundenpläne, Visitationsprotokolle, Eechnungen, Quittungen, 
Schulacten aller Art; Schulbücher; Biographien, Tagebücher u. s. w. von 
pädagogischem Werte, bildliche Darstellungen, Schulkomödien, -Reden, 
pädagogische Gutachten, Tischzuchten u. s. w. Ueberdies findet sich ja 
in allen möglichen sonstigen Quellen Material zur Unterrichts- und Er- 
ziehungsgeschichte. Die zwei ersten Jahrgänge der »Mittheilungen« (1891, 
1892) bringen eine Fülle verschiedenartigster Beiträge, deren mannig- 
faltiger Inhalt durch die jedem Bande beigegebenen sehr verdienstlichen 
Namen- und Sachregister in übersichtliche Ordnung gebracht und so jedem 
Benutzer leicht zugänglich gemacht ist. Auf einzelne Aufsätze sei noch 
eigens hingewiesen, so Voigt Das erste Lesebuch des Triviums in den 
Kloster- und Stiftsschulen des Mittelalters (Bd. 2, 42), Schrauf Eine Schul- 
ordnung K. Rudolfs II. für Wien (Bd. 1, 215), Hannak Ein Beitrag zur 
Erziehungsgesch. K. Maximilians I. von 1466 (Bd. 2, 145), Loesche Die 
Bibliothek der Lateinschule in Joachimsthal (Bd. 2, 207), Sattler Zur Er- 
ziehung des Königs Maximilian IL von Bayern (Bd. 2, 143). 0. R. 

Die Mittheilungen aus dem Stadtarchiv von Köln er- 
scheinen seit 1892 unter Leitung Joseph Hansens, des Nachfolgers 
Höhlbaums am Kölner Stadtarchiv, und sollen im alten Geiste und in der- 
selben trefflichen Weise fortgesetzt werden. Die unter der neuen Leitung 
erschienenen Hefte 20 — 23 schliessen sich den früheren ebenbürtig an. 
In Heft 20 bespricht H. Keussen »Die Rotuli der Kölner Universität« 
— es sind von diesen für die Geschichte der Universitäten besonders wich- 
tigen Aktenstücken 6 aus der Zeit von 1389 — 1431 — und gibt einen 
vollständigen Abdruck des Zweitältesten Rotulus mit 143 Nummern und 
den Nachweisen der Bittsteller aus den Matrikeln; J. Hansen publicirt 
im Anschluss an seine auf dem vatikanischen Material beruhende Arbeit 
über den Erzbischof Gebhard Truchsess von Köln (Publik, des k. preuss. 
hist. Instituts im Rom 1. Bd.) aus einer Kopie im Kölner Stadtarchiv den 
» Informationsprocess de vita et moribus des Kölner Erzbischof Gebhard 
Truchsess« (1579); der Aufsatz »Chroniken und verwandte Darstellungen 
im Stadtarchiv « von K e us s e n und Hansen verzeichnet den Bestand des 
Archivs an derartigen handschriftlichen Aufzeichnungen, Korth die Kölner 
Archivalien im Nachlass von A. Fahne (auf der Fahnenburg in Düssel- 
dorf), 105 Stücke von 1219—1748 nebst verschiedenen Schreinssachen. 
Die folgenden Hefte beginnen die Aufgabe »neben der Fortsetzung und 
dem Abschluss der Uebersichten, deren Veröffentlichung begonnen ist, eine 
andere grosse Abtheilung des Archivs, die Aktenmassen der städtischen 
Verwaltung, in erster Linie der finanziellen, neu zu erschliessen 1 ). .In 
Heft 2 1 gibt L. Schwörbel eine Uebersicht über » die Rechnungsbücher 



4 ) Seitdem hat bereits die selbständige Veröffentlichung von Acten zur 
Geschichte der Verfassung und Verwaltung der Stadt Köln 
im 14. und 15. Jahrh. begonnen und es ist 1893 ein 1. Bd. bearb. von Walther 
Stein erschienen. 

Mittheilnngen, XV. 12 



{78 Notizen. 

der Stadt Köln von 1351—1798« und in Heft 23 (1893) R. Knipping 
eine genaue Stückbeschreibung dieser, wie er mit Recht betont, ungemein 
wichtigen Stadtrechnungen. — In Heft 21 publicirt K. Höhlbaum in- 
teressante »Aussagen und Urtheile über den Kölner Aufruhr von 1525 * ; 
Keussen und Knipping geben Nachricht über den für das Kölner 
Stadtarchiv erworbenen Theil des Nachlasses Kessel (hauptsächlich Archi- 
valien der alten Abtei St. Martin und der Pfarrkirche St. Brigitta in Köln ; 
darunter eine unbekannte Urk. K. Adolfs von 1292 Aug. 5 und eine Bulle 
P. Johann XXII. von 1316 Nov. 29). — Heft 22 ist angefüllt mit den 
von Keussen bearbeiteten Auszügen aus den stadtkölnischen Kopien- 
büchern von 144J — 1444 und dem Brief-Einlauf des 14. und 15- Jahr- 
hunderts (zunächst 1320 — 1400), ein ungemein reichhaltiges Material. — 
Heft 23 bringt Ergänzungen aus dem Urkunden- Archiv der Stadt Köln, 
von 1018 — 1400 reichend und besonders von Bedeutung, weil in sie die 
aus der früheren Abtheilung »Köln und das Reich« (Papierurkunden des 
14. Jahrh.) stammenden Stücke aufgenommen wurden. — An kleineren 
Mittheilungen enthält Heft 21 »Entwurf einer niederrheinisch-westfälischen 
Kriegsverfassung vom J. 1591« (mitgeth. von Höhlbaum), »Kreutters topo- 
graphische Sammlung« (von Keussen); Heft 22 »Der literarische Nachlass 
des kölnischen Historiographen Stephan Broelmann« (von Knipping); 
Heft 23 »Zur ältesten Geschichte des Jesuitenordens in Deutschland (von 
Hansen). 

Jahrgang 1- — 4 (1890- — 1892) des Jahrbuches der Gesellschaft 
für lothringische Geschichte und Alterthumskunde (Metz, 
G. Scriba) reihen sich dem ]. Bande des unter glücklichen Auspicien be- 
gonnenen Unternehmens (vgl. Mittheil. 11, 510) würdig an nnd bieten, 
vielfach neues Material verwertend, für die Geschichte Lothringens und 
über dieses hinaus eingehende und vielseitige Specialforschungen. Der 
Römerzeit gehören zwei Aufsätze im Bd. 2 an, der von A. Eberhard, 
Les voies romaines de Metz ä Treves, die archäologische Untersuchung von 
0. A. Ho f f m a n n , » Antonia, die Gemahlin des Drusus und die Büste der 
Clytia«, welche die Annahme vertritt, dass die berühmte Büste der Clytia 
im britischen Museum eine Porträtbüste der Antonia ist, sowie der an- 
ziehende Vortrag von Wichmann über Decempagi-Tarquinpol (Bd. 4 b ). 
G. Wolfram gibt (Bd. 2) die Fortsetzung der Regesten der in den Metzer 
Archiven beruhenden Kaisei - - und Königsurkunden von 948 — 1399 (mit 
zahlreichen Emendationen der älteren Drucke und dem Abdrucke von drei 
unedirten Kaiserurk. von Friedrich IL 1215 und 2 von Karl IV. 1356), 
sowie einen Nachtrag zu den Regesten der Papsturkunden (1130 — 1328) 
und in Bd. 4 a Nachricht über die höchst wertvolle Erwerbung der Archi- 
valien der alten Metzer Familie de Heu für das Metzer Bezirksarchiv (u. 
a. 5856 Urkunden vom 1145 an). Ausser einer ausführlichen Biographie 
des Bischofs Adalbero von Metz (929 — 962) liefert Wichmann noch 
eine diplomatische Untersuchung über Adalberos Schenkungsurkunde für 
das Arnulfskloster und ihre Fälschung (mit Facsim.) mit dem Nachweis, 
dass von derselben noch das unzweifelhafte Original vorliegt, die bisher 
bekannte und erweiterte Fassung aber Fälschung des 12. Jahrh. ist. In 
den »Neuen Untersuchungen über das Alter der Reiterstatuette Karls des 



Notizen. 179 

Grossen* vervollständigt Wolfram seine frühere Beweisführung (vgl. Mit- 
theil. 11, 343), dass die Statuette ein Werk der Renaissance sei, gegen 
die von Clemen erhobenen und keineswegs geschickten Einwände. Mehr 
oder minder auf ungedrucktem Material beruht eine sorgfältige Abhand- 
lung von Günther Voigt über Bischof Bertram von Metz (1180 — 1212) 
in Bd. 4 b (erster Theil über die äussere Thätigkeit des Bischofs), sodann 
die von W. Wieg and bearbeiteten vatikanischen Regesten zur Geschichte 
der Metzer Kirche in Bd. 4 (zunächst von Honorius III. bis Alexander IV.), 
weiter die Aufsätze von P o i r i e r über die alte Pfarre St. Simplice in Metz 
(Bd. 4 b ), von V. Chatellain, Histoire du comte de Crehange (so. Metz, 
bis zum Frieden von Luneville eine Enclave des deutschen Reichs (Bd. 3 
und 4 b ) von N. van Werveke, Les relations entre Metz sous la regne 
de Wencezlas, roi du Romains et duc de Luxembourg (1383 — 1419 Bd. 3) 
von 0. Winckelmann, Beiträge zur Geschichte der staatsrechtlichen Be- 
ziehungen Lothringens zum Reich im 16. Jahrh., mit einem Nachtrag von 
Wolfram, Die lothringische Frage auf dem Reichstage von Nürnberg 
und dem Tage von Speier (Bd. 2), die ausführliche Darstellung der Ver- 
hältnisse und Kämpfe Lothringens gegen Karl von Burgund von Heinrich 
Witte (Bd. 2, 3, 4 a ) und Beiträge zur Geschichte der Herrschaft Bitsch 
1506 — 1606 (Bd. 4 a ). Dazu kommt u. a. die Publication des Stadtrechtes 
von St. Avold (aus dem Ende des 16. Jahrh.), hrg. von H. v. Hammer- 
stein (Bd. 3) und zweier Privilegien für die Juden im Bistum Metz 
(1422, 1603) von N. Richard (Bd. 2). — Für die Geschichte der Kunst 
ist, neben Aufsätzen über die ehemalige Deutschordenskapelle in Hund- 
lingen von H. Lempfried (Bd. 2), über die Kreuzkapelle in Forbach 
von M. Besler (Bd. 3) und über die Kleinalterthümer des römisch- 
mittelalterlichen Museums in Metz von 0. A. Hoffmann die Abhandlung 
von C. Wahn, Die ehemalige Pfarrkirche St. Georg in Metz (mit Grund- 
riss und Abbildungen Bd. 3) und besonders die von Wolfram über die 
älteste Kathedralkrrche zu Metz (um 581 vollendet) von Interesse. — Be- 
sondere Aufmerksamkeit ist auch wieder der Sprachkunde von Lothringen 
zugewandt. In dem Aufsatz Zur Geschichte des Deutschthums in Loth- 
ringen (mit einer Karte der Sprachgrenzen Bd. 2) bespricht Hans Witte 
die deutsche Sprache in der bischöflich metzischen Kanzlei, die Urkunden- 
sprache in den der Sprachgrenze nahe gelegenen Ortschaften, die Stellung 
der Metzer Bischöfe zum Deutschthum, die deutsch - französiche Sprach- 
grenze im ausgehenden Mittelalter bis zur Wende des 16. Jahrh. J. Graf 
weist (Bd. 2) die germanischen Bestandteile des Patois-messin nach, in 
Bd. 4 b sind ältere Lieder im Patois-lorrain-messin mitgetheilt. N. Hou- 
pert gibt (Bd. 2) als Anhang zu seinem Vortrag über das deutsche Volks- 
lied in Lothringen verschiedene Proben des in seiner Urwüchsigkeit und 
Frische erhaltenen deutschen Volksliedes. 

Es gibt unstreitig wenige local-historische Gesellschaften, denen eine 
geschichtliche Ueberlieferung von solcher Mannigfaltigkeit und solcher über 
den Ursprungsort weit hinausreichenden Bedeutung zu Gebote steht, wie 
dies bei dem historischen Verein von St. Gallen der Fall ist. 
Auch wird man bereitwillig zugeben, dass der Verein diesen Umstand 
von Anfang an zu würdigen gewusst, und es daher vorgezogen hat seine 

12* 



180 Notizen. 

„Mitteilungen zur vaterländischen Geschichte" viel mehr für die Veröffent- 
lichung von alten und ältesten wertvollen historischen Denkmälern als 
von Abhandlungen oft zweifelhaften Wertes zu benützen. Bedauerlich bleibt 
dabei nur, dass mit diesem Editionseifer auch eine gewisse Systemlosigkeit 
gleichen Schritt hält, ein Uebel, mit dem freilich die meisten, auch grösseren 
historischen Gesellschaften behaftet sind. Das letzte Heft der „Mitteilungen" 
(Band 24 oder 3. Folge 4. Bd. l. Hafte — sehr bequem zu citiren!) ver- 
einigt wieder zwei ganz verschiedene Quellen, nämlich die Vita beati Galli 
in der Bearbeitung von Walahfrid Strabo hrg. von E. T h u 1 i und einen 
ersten Theil der Vadianischen Briefsammlung hrg. von E. Arbenz. Der 
Abdruck der Vita wird mit dem Hinweis auf eine bezügliche Anregung 
Dümmlers gerechtfertigt. Ich muss es dahin gestellt sein lassen, ob er 
auch von der Ausgabe selbst befriedigt wäre. Damit soll jedoch kein 
Zweifel in die Genauigkeit des hergestellten Textes der Vita ausgesprochen 
sein. Beigegeben ist ein hübsch ausgeführtes Facsimile der St. Galler 
Handschrift der Vita (9. Jht.). Warum aber nur in halber Grösse des 
Originales? — Höheres Interesse beansprucht die zweite Publikation. Dass 
man den Entschluss gefasst hat, den Briefwechsel Vadians trotz seiner etwas 
beklemmenden Stofffülle ganz zu veröffentlichen, wird bei allen Forschern 
auf dem Gebiete des Humanismus unbedingte Anerkennung finden. Auch 
den für die Ausgabe angenommenen Grundsätzen wird man beipflichten 
dürfen. Offenbar will man zunächst alle an Vadian gerichteten Briefe 
bekannt machen. Ich schliesse das, da es in der Vorrede nicht gesagt 
ist, daraus, dass die mitgetheilte Serie keinen einzigen von Vadian ge- 
schriebenen Brief enthält. Auf alle Fälle wäre die Anwendung dieses 
Princips nur zu billigen. Erst wenn dieser Teil der Correspondenz voll- 
ständig vorliegt, lässt sich der Umfang derselben ganz überblicken und 
sind die nöthigen Anhaltspunkte für die Nachforschung nach den jeden- 
falls sehr zerstreuten Briefen Vadians selbst gegeben. Auch die spätere 
Benützung würde durch diese Theilung unzweifelhaft erleichtert. Mit den 
sonstigen vom Hrsg. beliebten Einzelheiten — Anbringung von Begesten 
und erläuternden Anmerkungen, — wird man sich ebenfalls einverstanden 
erklären können. Dem Unternehmen, das in guten Händen liegt, ist also 
nur rascher Fortgang und allseitige Förderung zu wünschen. R. Th. 

Ein höchst dankenswertes Werk ist das im Auftrage der allgem. ge- 
schichtsforschenden Gesellschaft der Schweiz von J. L. Brandstetter 
bearbeitete Repertorium über die in Zeit- und Sammelschriften 
der Jahre 1812 — 1890 enthaltenen Aufsätze und Mitteilungen 
schweizergeschichtlichen Inhalts (Basel 1892). Ein l. Theil 
bietet das Verzeichnis der Zeit- und Sammelschriften, der 2. Theil das 
systematische Verzeichnis der Abhandlungen und Mittheilungen. Dies letz- 
tere theilt sich in vorrömische Zeit, römische Zeit, Mittelalter und Neu- 
zeit. Diese dritte grösste Gruppe ist wieder geschieden in : 1 . Geschichte, 
2. Personengeschichte, 3. Ortsgeschichte, 4. Kirchengeschichte, 5. Quellen 
zur Geschichte, 6. Hilfswissenschaften zur Geschichte, 7. Verfassungs- und 
Rechtsgeschichte, 8. Kunst und Altertum, 9. Wissenschaft und Unterricht, 
10. Sprachgeschichte, 11. Literaturgeschichte, Theater und Musik, ^.Kultur- 
geschichte, 13. Kritik historischer Werke, 14. Reisen, 15. Naturchronik, 



Notizen. 181 

Lebensmittelpreise, 16. Feuersbrünste, 17. Chronik der Gegenwart, 18. Re- 
gister, Totenschau, 19. Biographieen und Necrologe. Ein 3. Theil enthält 
das Verfasserregister. Wird man auch mit der Eintheilung nicht überall 
einverstanden sein können und wirkt bei den alphabethischen Namen- 
registern das Vorausstellen der Vornamen wenig übersichtlich, da man ja 
doch nach dem Geschlechtsnamen sucht, so sind das kleine Mängel gegen- 
über dem grossen und offenbaren Nutzen eines solchen Werkes und der 
überaus sorgsamen Bearbeitung. 0. R. 

Erwünschte Beleuchtung der verschlungenen, noch vielfach dunklen 
Frage nach den Quellen der Pöhlder Chronik und der mit ihr verwandten 
ostsächsischen Quellen, des Annalista Saxo, der Magdeburger Geschichts- 
werke u. s. w. bildet die tüchtige, scharfsinnige und besonnene Unter- 
suchung von H. Herre: Ilseburger Annalen als Quelle der 
Pöhlder Chronik (Leipzig in Comm. der Hinrichs'schen Buchhandlung, 
1890). Theils anknüpfend, noch mehr aber im Gegensatz zu den An- 
sichten von Waitz, Scheffer-Boichorst, Bernheim, Heinemann und anderen 
verficht Herre mit guten Gründen die Behauptung, dass die bisher etwas 
überschätzten (verlorenen) Rosenfelder Annalen keine Quelle der Annales 
Palidenses waren. Auf Grund einer Vergleichung der übereinstimmenden 
Nachrichten des ganzen Quellenkreises wird vielmehr dargelegt, dass die 
Pöhlder Jahrzeitbücher für die Jahre 1138 — 1164 vornehmlich auf einer 
einzigen und einheitlichen Quelle beruhen, welche in staufischer Gesinnung 
und von sächsischem Standpunkt aus geschrieben war. Als die Heimat 
dieser 1125 — 1164 gleichzeitig (?) geführten Annalen wird das Kl. Ilsen- 
burg angenommen, dessen Geschichte daher eingehend erzählt wird. Herre 
bezeichnet seine Untersuchungen als Theil einer grösseren Arbeit über die 
Pöhlder Chronik; nach der gegebenen Probe wird dieselbe ein wichtiger 
Beitrag zur sächsichen Historiographie werden, wenn sich auch nicht alle 
Aufstellungen Herre's, oder doch nicht in vollem Umfange aufrecht erhalten 
lassen sollten. E. v. 0. 

B. Kugler berichtet im Verzeichnis der 1892 — 93 von der philos. 
Facultät Tübingen ernannten Doctoren über Eine neue Handschrift 
der Chronik Alberts von Aachen und gibt deren Varianten. 

Ein dankbares und wichtiges Gebiet behandelt die noch von Weiz- 
säcker angeregte Arbeit von Victor Menzel, Deutsches Gesandt- 
schaftswesen im Mittelalter (Hannover, Hahn 1892). In klarer 
Gliederung des Stoffes bespricht M. nach einer Einleitung über Ursprung, 
Klassen und Acten der Gesandten die Acten deutscher Gesandtschaften 
im Mittelalter, diplomatisches Verfahren und Ceremoniell, Personal, Dauer, 
Beförderung, Gesandtschafts-Kosten und Gesandtschaftsrecht. Die ersten 
beiden Abschnitte scheinen uns die wertvollsten uud fruchtbarsten des 
Buches zu sein; die Erörterungen über die Negociationspapiere und -belege 
und über Hilfspapiere der Gesandten wird sich auch die Urkundenlehre 
zu Nutzen machen müssen. Dass bei einer Arbeit auf so weitem Gebiete 
gar manches Material unbenutzt geblieben, ist ja natürlich, aber doch 
manchmal bedauerlich; die verhältnismässig reichen Quellen z. B. über 



\%2 Notizen. 

die vielen Gesandtschaften Rudolfs von Habsburg hätten dem Verf. in gar 
vielen Puncten seiner Darstellung willkommene und bessere Belege bieten 
können. Unmittelbar den Gegenstand berührende Vorarbeiten jedoch hätte 
der Verf. nicht übersehen sollen, so die Geschichte des Institutes der 
missi dominici von V. Krause (Mittheilungen der Instituts 11, 193 ff.), 
die ihn vor der Auffassung der Köni^sboten als Gesandten bewahrt hätte, 
und den Aufsatz von Schaube Zur Entstehungsgeschichte der ständigen 
Gesandtschaften (Mitth. d. Inst. 10, 501 ff). 0. ß. 

In der Schrift Die Fabel von der Bestattung Karls des 
Grossen (Aachen 1893; 8°, 82 S.) begründet Theodor Lindner 
nochmal im einzelnen und allseitig den schon früher von ihm erbrachten 
und, wenn auch hie und da aus Anhänglichkeit an die poetische Tra- 
dition mit einigem Widerstreben, so doch jetzt ziemlich allgemein aner- 
kannten Nachweis, dass Karl der Grosse nicht, wie die bekannten Berichte 
über die Eröffnung des Grabes durch Otto III. besagen, auf dem Thron 
im vollen Ornat sitzend, sondern in einem Sarge bestattet worden ist. 
Ausser einer eingehenden und scharfsinnigen Kritik des gesammten Quellen- 
materials, deren wesentliche Ergebnisse zur Genüge gesichert sind, bringt 
die Schrift auch ein Gutachten des Professors der Anatomie in Halle a. S., 
H. Welcher, über »Das Verhalten der frischen Leiche« (S. 40), welches 
die Beisetzung der Leiche Karls — er starb am 28. Jänner um 9 Uhr 
vormittags und wurde noch am selben Tage, bei der kurzen Tagesdauer 
also wenige Stunden später, des Seelengottesdienstes wegen vielleicht schon 
vormittags, bestattet — in sitzender Stellung als ausgeschlossen erscheinen 
lässt. Die Argumentation bezieht auch den Gebrauch der Beerdigungen 
im früheren Mittelalter und die sehr wenigen Fälle ein, welche sich für 
Beisetzung auf einem Thron anführen Hessen, und gibt hier dem an sich 
späteren Bericht Thietmars über die Bestattung des Bischofs Sigmund I. von 
Halberstadt eine allerdings kühne, aber immerhin noch die annehmbarere 
Deutung. Die Frage darf jetzt wohl als endgiltig gelöst betrachtet werden. 
Der Einwand, den Grauert in einer Besprechung der Schrift Lindners 
(Hist. Jahrbuch 14, 302 f.) erhebt, dass, wofür er auch nur eine sehr 
späte Nachricht anführt, griechische Geistliche auf einem Sessel sitzend 
bestattet wurden wie auch in neuester Zeit ein Patriarch von Konstan- 
tinopel, wird kaum einen Belang für sich beanspruchen, abgesehen davon, 
dass für eine derartige Bestattung der griechischen Kaiser sich kein be- 
stimmter Beleg findet. Wie sollte man in jener Zeit und bei den häufig 
sich reibenden Gegensätzen zwischen lateinischer und griechischer Kirche 
in Aachen dazu gekommen sein, entgegen dem abendländischen Beerdigungs- 
brauch die Bestattungsweise griechischer Geistlicher oder überhaupt eine 
griechische oder orientalische Ausnahmsart bei der Beisetzung des 
grossen Kaisers zum Muster zu nehmen? E. M. 

Eine Arbeit, die vor allem den Wunsch anregt, dass sie anderweitig 
Nachahmung finde, ist die von Hermann Ludwig von Jan, Das 
Elsass zur Karolingerzeit (Freiburg i. B. 1892; 8 °, 56 S., Sonder- 
abdruck aus der Zeitschr. f. die Gesch. des Oberrheins N. F. Bd. 7). Auf 
gründlichen Quellenstudien und genauester Ortskenntnis fussend bietet sie 



Notizen. 183 

in übersichtlichster Form ein alphabetisches Verzeichnis aller in der Ka- 
rolingerzeit genannten Ortschaften des Elsasses mit den Quellenbelegen, 
eine Zusammenstellung der alten Namensformen und der begüterten 
Kirchen sammt einer Karte. Fraglich mag nur die Berechtigung zur Ver- 
wertung der Fälschungen eben für die Karolingerzeit selbst erscheinen, 
da es sich in vielen Fällen doch auch um späteren Besitz bandelt. E. M. 

Heinrich Finke, Konzilienstudien zur Geschichte des 
1 3. Jahrhunderts: Ergänzungen und Berichtigungen zu Hefele-Knöpfier 
» Conciliengeschichte * Band V und VI. (Münster Begensberg 1891). Die 
Concilienstudien enthalten zwei Abhandlungen: »Neue Aktenstücke zur 
Geschichte des Lyoner Konzils von 1274* und »Das Mainzer Provinzial- 
konzil von 1261*. Die erstere stützt sich auf eine Handschrift des Osna- 
brücker Bathsgymnasiums ; die Actenstücke hat F. am Schlüsse der Schrift 
edirt. Die zweite Abhandlung untersucht die Statuten des Mainzer Concils 
von 1261 und kommt zu dem Besultat, dass dieselben zum grössten Theile 
aus den Statuten der Synode von Fritzlar (1244) entnommen sind. Die 
»Ergänzungen und Berichtigungen* erstrecken sich auf die Concilien- 
geschichte des 13. Jahrhunderts und enthalten manche wichtige Nummern 
so z. B. 1, 43, 58. 66. (im Ganzen 78 N.) Anderes hätte der Verf. 
vielleicht weglassen können; von Bedeutung sind im Allgemeinen doch 
nur jene Concilien, deren Statuten uns bekannt sind. 0. H. 

In der Zeitschr. des böhm. Museums beschäftigt sich Noväcek mit dem 
Aufenthalte Karls IV. an dem päpstl. Hofe zu Avignon im 
J. 1365. (Karla IV. pobyt pfi dvofe dvofe papezskem r. 1365. Sep.-Abdr. 
S. 1 — 20.) Der Verf. schildert eingehend die Eeise des Kaisers und den 
Aufenthalt desselben in Avignon und stellt das Itinerar Karls vom 1 0. April 
bis 9. Juni 1365 fest. Ueber den Inhalt der Verhandlungen mit dem 
Papste (welche das Uebersiedeln desselben nach Born bezweckten), bietet 
auch diese Abhandlung keinen endgiltigen Aufschluss. Dafür enthält sie 
eine Menge neuer und interessanter Details über das Leben an dem päpst- 
lichen Hofe während eines so ausserordentlichen Besuches. Als Quelle 
der Schilderung dienten Nachrichten des Chronisten Neplach (Böhm. 
Geschichtsquellen III. S. 482 ff.), der über die avignonesischen Begebenheiten 
von einem Augenzeugen unterrichtet wurde, und die Libri introitus 
et exitus des Vatican. Archivs (No. 310. ann. pontif. Urb. V. III.). 
Excerpte aus diesen (No. 1 — 24) sind als Beilage abgedruckt. Von der 
Krönung mit der Arelatischen Krone meint der Verf., es sei keine leere 
Ceremonie ohne Bedeutung gewesen, sondern ein vorbedachter Akt, welcher 
in Verbindung mit einigen eben damals angeführten Beformen, einen 
engeren Anschluss des genannten Königreiches an das röm. Beich und das 
Verhindern einer allmähligen Verschmelzung mit Frankreich anstrebte. V. Kr. 

Ad. Novacek theilt in den Sitzungsber. der k. böhm. Gesellsch. d. 
W. 1893 eine Keihe von Vemeschriften aus dem Egerer Archiv 
mit, welche die Ausdehnung der Vemegerichtsbarkeit auch auf das nord- 
westliche Böhmen im 15. Jahrhundert erweisen. 0. B. 



184 Notizen. 

Die Verfassung Genuas in seiner mittlem Epoche, d. h. während der 
Zeit, in welcher die Compagna (Stadtgenossenschaft) nicht mehr Consuln 
aus ihrer Mitte zur Geschäftsleitung berief, sondern um die innere Euhe 
nicht zu gefährden, einen auswärtigen Edeln als Podestä erwählte, be- 
handelt eingehend Georg Caro, Studien zur Geschichte von 
Genua 1. Die Verfassung Genuas zur Zeit des Podestats 
(1190 — 1257). Strassburg Heitz 1891, 169 S. Mit Eecht betont der 
Verfasser, dass gerade aus dieser Zeit relativer Euhe, in welcher historische 
Quellen aller Art so reichlich fliessen (ausser gedruckten konnte er noch 
die reichen handschriftlichen Sammlungen Wüstenfelds benutzen), am besten 
geeignet sei das Dunkel der altern Zeit zu erhellen und die Ursachen 
bioszulegen, welche zum Umsturz von 1257 und zu den langdauernden 
Kämpfen zwischen den Nobili und Populani führten. Zu rügen ist die 
Ausstattung wegen des augenverderbenden kleinen Druckes. E. v. 0. 

F. C. Carreri, der sich schon vielfach mit der Geschichte des merk- 
würdigen friaulischen Burgortes Spilimbergo beschäftigt hat, beabsichtigt 
gemeinsam mit Vincenzo Joppi einen »Codice diplomatico Spilimbergese « 
herauszugeben, welcher für die Geschichte Friauls gewiss recht wichtig 
werden wird und viele Beiträge zur eigenthümlichen Entwicklung des Adels 
und Feudalwesens in dieser Grenzgegend erwarten lässt. Aus den Vorbe- 
reitungen Carreris zu diesem Unternehmen entstand der Aufsatz: Del buono 
governo spilimbergese (Arch. Veneto 37, parte II, und separat, 47 S.) 
— so betitelt, da der Verfasser ein unbedingter Verehrer mittelalterlicher 
Zustände ist. Carreri theilt in diesen »note storiche« allerlei Interessantes 
aus seinem reichen Schatz friaulischer Documente mit, z. B. ein Verzeichnis 
des Silberschatzes einiger H. v. Spilimbergo von 1367; mit Eecht merkt er 
p. 26 an, dass es ein eclatanter Beweis für die Erhaltung der deutschen 
Tradition im Haus der Spilimbergo sei, wenn 1401 Eudolf v. Walsee 
dem Wenzel v. Sp. die österreichischen Güter in Pordenone durch eine 
deutsche Urkunde in Pacht gibt. Um all' diese Mittheilungen in frucht- 
baren Zusammenhang zu bringen, fehlt es dem Verfasser freilich an der 
Kenntnis und Erkenntnis der mittelalterlichen Verfassungsgeschichte. E. v. 0. 

Die Eestauration des Stadthauses von Portogruaro gab E. Degani, 
dem eifrigen Localhistoriker des westl. Friaul den Anlass, in anziehender 
Form die Geschichte jener Stadt bis zur Occupation durch die Venetianer 
zu erzählen (II Comune di Portogruaro, sua origine sue vicende 
1140 — 1420). Portogruaro war der bedeutendste Ort des vielleicht un- 
bedeutendsten Suffragans des Patriarchen vonAquileja; die Stadt ist trotz 
allerlei Streitigkeiten stets in bestimmtester Abhängigkeit von diesem 
Herren geblieben. Danach kann man ihre Wichtigkeit bemessen. Nie 
hat sie bedeutende Ereignisse erfahren. Und doch ist ihre Geschichte 
nicht uninteressant, weil wir ihre Gründung verfolgen können. Sie ver- 
dankt ihr Leben dem deutsch-venetianischen Handel, der soweit als mög- 
lich die Flussläufe benutzte. Indem Bischof Gervinus im J. 1140 die 
Portulani von allen Abgaben ausser der Maut und dem Grundzins für 
die Häuser befreite, machte er die unmittelbare Umgebung seines bisch. 
Schlosses zum Stapelplatz für die Schiffahrt auf dem Lemene. Nach einer 



Notizen. 185 

interessanten fiscalischen Stadtbeschreibung von 1339 zählte Portogruaro 
damals 314 Häuser (p. 131). Wie so vielfach in Friaul scheint auch 
hier Analogie mit deutschen Verhältnissen obzuwalten ; dass das alte 
Stadtarchiv längst schon in Flammen aufgegangen (p. 109), las st leider 
den Uebergang zu italienischen Bräuchen auch in der Stadtverwaltung 
nicht deutlich verfolgen. E. v. 0. 

Vincenzo Joppi Di Cividale delFriuli e dei suoi ordi- 
namenti amministrativi, giudiziari e militari (Udine 1892) 
bespricht nach einer Uebersicht über die Geschichte Cividales die 1891 
von Emilio Volpe edirten, 1307 — 1309 aufgezeichneten Ordinamenta seu 
Statuta Civitatis Austrie und die daran sich schliess enden weiteren Sta- 
tuten, sowie eine Reihe älterer und jüngerer Documente, die für straf- 
und civilrechtliche Verhältnisse Cividales von Wichtigkeit sind und die er 
im Anhange abdruckt. Die Urkunden reichen von 1205 bis 1416, es be- 
finden sich darunter auch vier der Patriarchen Raimund und Ottobonus 
von Aquileja von 1280, 1281, 1296 und 1313. 0. R. 

Von M. Baltzer ist zur Säcularfeier der Vereinigung Danzigs mit 
der preussischen Monarchie (7. Mai 1893) ein wertvoller Beitrag er- 
schienen: Zur Geschichte des Danziger Kriegswesens im 14. 
und 1 5. Jahrhundert (Programm des Gymnasiums zu D. Ostern 1893). 
Das Danziger Stadtarchiv bot hiezu in den Berichten der Feldhauptleute 
ein besonders anziehendes Material, die Bedeutung der Stadt verleiht der 
Studie mehr als localgeschichtlichen Wert. B. bespricht in knapper, aber 
stets reich belegter Darstellung die Wehrpflicht der Bürger, Stellver- 
tretung, Theilnahme der Schiffer und Zünfte am Krieg, Dauer des Dienstes 
und Controlle, Soldtruppen der Stadt, Dienst zu Ross und zu Fuss, Schutz- 
waffen, Angriffswaffen, Belagerungsgerät, Feuerwaffen, Rüstkammer und 
Marstall, Verwaltung und Disciplin, Lagerung, Wachen und Spielleute, 
Banner, Kampfes Vorbereitungen und Angriff, Verwundete und Gefangene. 
Am Schlüsse gibt der Verf. ein Register der vorkommenden technischen 
Ausdrücke. 0. R. 

Im Jahrbuch für Schweizer Geschichte 1893 Bd. 15 veröffentlichte 
Aloys Schulte eine Abhandlung Gilg Tschudi, Glarus und 
Saeckingen, die nicht verfehlt hat, in Glarus eine gewisse Aufregung 
hervorzurufen. Sie tritt nämlich den Nachweis an, dass eine Reihe von 
Urkunden, die für die ältere Geschichte von Glarus von grundlegender 
Bedeutung sind, durch Aegydius Tschudi, den bekannten schweizerischen 
Geschichtschreiber des 16. Jahrh. zum Theil ganz erfunden, zum Theil 
verfälscht wurden, um sein Geschlecht und andere als edle und freie im 
Lande Glarus schon seit den ältesten Zeiten hinzustellen und seiner 
Familie auf Grund dieser Documente im Jahre 1559 von K. Ferdinand I. 
den Adel bestätigen zu lassen. Mit dem Gelingen dieses Nachweises 
muss auch die bisherige Ansicht fallen, der Canton Glarus habe eine 
wesentlich aristokratische, von den benachbarten Thalgemeinden z. B. Uri 
verschiedene Ständeverfassung besessen. Dieser negative Theil der Beweis- 
führung erhält, wie wir glauben, überzeugende Kraft durch den zweiten 



|g6 Notizen. 

positiven Abschnitt, der auf Grund bisher unbenutzter Archivalien des 
Klosters Saeckingen zeigt, dass das ganze Glarner Land Grundeigentum 
des Frauenstiftes Saeckingen war, dass dementsprechend die Bevölkerung 
aus sehr wenigen Ministerialengeschlechtern, ihrer Masse nach aber aus 
bäuerlichen Unfreien bestand, an deren Spitze die Meier des Klosters stand. 
Weitere Ausführungen beschäftigen sich in mannigfach anregender Weise 
mit dem Meieramt in Glarus, mit der Vogtei über Saeckingen und Glarus 
und den Habsburgern, mit dem Kelleramt und den Klostereinkünften in 
Glarus. In zwei Excursen endlich handelt Seh. über die Anfänge des 
Klosters Saeckingen (hl. Fridolin und hl. Hilarius) und über die Be- 
sitzungen dieses Klosters. — Fällt so auf Gilg Tschudi ein tiefer Schatten, 
so betont Seh. ausdrücklich und mit Recht, dass ihm noch genug des 
verdienten Ruhmes übrig bleibt. 0. R. 

Moritz Stern veröffentlichte in den letzten Jahren eine Reihe von 
Schriften zur Geschichte der Juden: Die israelitische Bevölkerung 
der deutschen Städte I. Ueberlingen am Bodensee (l890), wo seit 
dem Beginn des 13- Jahrhundert Juden nachweisbar sind, II. Kiel (1892) 
seit Ende des 17. Jahrhunderts. Die Quellenkunde zur Geschichte der 
deutschen Juden (Kiel 1892) gibt in diesem 1. Theil eine dankens- 
werte Zusammenstellung der Zeitschriftenliteratur. Die letzte Publication 
bilden Urkundliche Beiträge über die Stellung der Päpste 
zu den Juden (Kiel 1893, 1. Heft), aus zahlreichen Archiven, besonders 
dem vaticanischen, zusammengetragen. Das älteste Stück ist eine Bulle 
Papst Gregors X. von 1272 Oct. 7 (in der Cardinalliste hätte das rich- 
tige Ancherus der Copie nicht in Antonius geändert werden sollen); das 
nächste ein umfangreiches Document Graf Eduards von Savoyen von 1329, 
die Mehrzahl der Stücke entstammt dem 15. und 16. Jahrhundert. 0. R. 

Die österr. Leo-Gesellschaft beabsichtigt ein Unternehmen Quellen 
und Forschungen zur Geschichte, Literatur und Sprache 
Oesterreichs und seiner Kronländer unter der Leitung der Pro- 
fessoren J. Hirn und J. E. Wackernell in Innsbruck herauszugeben. 
»Sie sollen Abhandlungen und Ausgaben enthalten, Biographien einzelner 
Persönlichkeiten und zusammenfassende Darstellungen kleinerer Perioden 
oder grösserer Zeiträume.« Als erste Publicationen werden erscheinen 
eine Ausgabe der altdeutschen Passionsspiele aus Tirol von J. E. Wacker- 
nell (bereits im Druck) und Briefe der Grossherzogin Magdalena von 
Florenz an ihren Bruder Erzh. Leopold von Tirol (1618 — 1632) von J. Hirn. 

Die Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg bringt in 
ihren zwei letzten Jahrgängen (36. und 37. Bd., 1892, 1893) einige sehr 
bemerkenswerte Arbeiten. T. v. Sartori- Montecroce bietet eine ein- 
gehend, sorgsam und gut gearbeitete Abhandlung über Die Thal- und 
Gerichtsgemeinde Fleims und ihr Statutarrecht (Bd. 36). Das 
Thal Fleims, bis zu Anfang dieses Jahrhunderts eine politische Gemeinde 
und heute noch eine Wirtschaftsgemeinde, auf italienischem Gebiet, war 
ein ganz besonders interessanter Gegenstand rechtshistorischer Bearbeitung. 
Im Anhang veröffentlicht der Verf. das bisher noch nie edirte Statut von 



Notizen. 187 

Fleims in der allein erhaltenen italienischen Fassung von 1533/34 und 
gibt eine sehr verdienstliche Bibliographie der italienisch -tirolischen Sta- 
tuten überhaupt — ein Verzeichnis, das zu einer Sammlung und Heraus- 
gabe dieser Statuten gleich den deutschen Weisthümern geradezu heraus- 
fordert. — Zwei andere Arbeiten sind dankenswerthe Beiträge zur Historio- 
graphie des 15. Jahrhunderts. V. Schaller (leider 1892 allzufrüh ge- 
storben), Ulrich II. Putsch, Bischof von Brixen und sein 
Tagebuch (1427—1436) (Bd. 36 S. 225 ff., Nachtrag S. 568). Nach 
einer sorgfältig gearbeiteten Biographie des politisch, literarisch und für 
Kunst sehr thätigen Bischofs Ulrich II. von Brixen veröffentlicht Seh. dessen 
im Innsbrucker Statth. Archive in Autograph vorhandenes Tagebuch, eine 
eigenartige, unmittelbar anmutende, und für die tirolische Geschichte jener 
Zeit hervorragende Quelle; bisher war sie nur in Auszügen Sinnachers 
bekannt, aber zu wenig beachtet gewesen. — Leben und Schriften 
des Doctor Johannes Hinderbach, Bischofs von Trient 
(1465 — i486) behandelt Victor v. Hofmann - Wellenhof (Bd. 37 
S. 203 ff.). In sorgsamer Weise sind alle Nachrichten über das Leben 
des aus Hessen stammenden, am Hofe K. Friedrichs III. emporgekommenen 
Humanisten und — freilich wenig glücklichen — Diplomaten gesammelt. 
Hinderbach zählt zu den nicht zahlreichen Männern, die schon um die 
Mitte des 15. Jahrhunderts in Deutschland die humanistische Eichtung 
mit Erfolg vertraten und pflegten ; auch als Bischof von Trient förderte 
er wissenschaftliche und künstlerische Bestrebungen *). Seine Fortsetzung 
der von Aeneas Sylvius verfassten Geschichte K. Friedrichs III. bespricht 
der Verfasser eingehend und würdigt dann Hinderbachs Thätigkeit als 
Glossator, in der sich seine grosse Belesenheit und Geschichtskenntnis so 
recht kundgibt. Im Anhang ist Hinderbachs von der Universität Padua 
i. J. 1452 ausgestelltes Doctordiplom mitgetheilt. 0. E. 

In dem von S. M. Prem trotz der Kürze der Zeit, die zur Ver- 
fügung stand, trefflich redigirten Buche : Kufstein, Festschrift zur Feier 
der vor 500 Jahren erfolgten Erhebung des Ortes zur Stadt (Kufstein 
1893, jetzt im im Verlag von C. Gerolds Sohn, Wien) finden wir im 
ersten geschichtlichen Theile einige bemerkenswerte Arbeiten. Michael 
Mayr behandelt Die Freiheiten der Stadt Kufstein auf Grund 
des im Innsbrucker Statth. -Archiv vorhandenen Materials und druckt im 
Anhang die ältesten der Stadt verliehenen , bisher unedirten Freiheiten 
von Kaiser Ludwig d. B. 1339 Juni 30 und Herzog Stephan III. von 
Baiern 1393 Jan. 7 ab. — K. Th. Heigel handelt Ueber Namen 
und Wappen der Stadt Kufstein (im Indiculus Arnonis Caofstein, 
wahrscheinlich mit ahd. choph = Kopf, Bergkuppe zusammenhängend). 
— Eine Studie von E. S i n w e 1 über Hans von Pinzenau, den be- 
kannten Vertheidiger Kufsteins im Jahre 1504, unterzieht dessen Haltung 
und Tod einer sorgsam abwägenden Beurtheilung. — G. Frh. v. Maretich 



') Vergl. auch die zum Theil auf handschriftlichem Material beruhende 
Studie von Anton Zingerle, Der Humanismus in Tirol unter Erzh. 
Sigismund d. Münzreichen, Festgruss aus Innsbruck an die 42. Philologen- 
Versammlung, Inusbruck 1893. 



188 Notizen. 

schildert eingehend Die Veste Kufstein zur Zeit des zweiten 
schmalkaldischen Krieges (1552) 1 ). — Nach weiteren Beiträgen 
über das moderne Kufstein und moderne Kufsfceiner schliesst ein inter- 
esianter Aufsatz von F. v. Wieser, Die Hechtseekarte des Peter 
Anich den ersten Theil der hübsch ausgestatteten Festschrift. Den 
zweiten Theil bildet ein » Dichter kränzcken«. 0. K. 

Auf die wichtige Arbeit von Alfons Dopsch, Entstehung und 
Charakter des österreichischen Landrechtes, deren Ergebnis, 
dass das Landrecht unter König Ottokar in den ersten Monaten des 
Jahres 1266 entstanden sei, schon vielfache Zustimmung gefunden hat, 
werden wir an anderer Stelle zurückkommen. 

Aus einer bisher unbeachtet gebliebenen Handschrift des gräfl. Her- 
bersteinischen Archives in Graz hat Arnold Luschin v. Ebengreuth 
unter dem Titel Herbersteiniana im 24. Bd. der Beitr. z. Kunde 
steierm. Geschichtsquellen (1892) beachtenswerte Ergänzungen der von 
Karajan in Fontes rer. Austr. SS. 1 herausgegebenen Selbstbiographie Sig- 
munds v. Herberstein ans Licht gebracht. Die Grazer Hs. ist nach 
1562 entstanden und war, wie eine Beihe anderer handschriftlicher und 
gedruckter Werke des berühmten Freiherrn dazu bestimmt gegenüber den 
zahlreichen Verlan mdungen der Neider und Feinde den eigentlichen Grund 
von Einfiuss und Ansehen der Herberstein darzuthun. Die Hs. umfasst 
die Jahre 1508 — 1562, die bedeutendste Ergänzung bietet sie über die 
Sendung Herbersteins an König Christian von Dänemark im Jahre 1516 
wegen Entfernung der Düveke. 0. R. 

Die erste Abtheilung der Nachträge zum 3. Bande von J. R. 
v. Aschbachs Geschichte der Wiener Universität von Wenzel 
Hartl und Dr. Karl Sehr auf (Wien 1893) enthält auf Grund sorgsamer 
Durchforschung besonders des Wiener Universitätsarchivs und der Hof- 
bibliothek eingehende Nachrichten über eine Reihe der Universität Wien 
in der Zeit von 1520 bis 1569 angehöriger Lehrer; es werden behandelt : 
Johann Aicholz aus Wien, Mediciner; Lambert Auer aus Rattenberg in 
Tirol, Jesuit und Theolog; Xathanael Balsman aus Torgau, Professor der 
Poesie ; Johann Alexander Brassicanus, bekannter Humanist, und seine 
Brüder Johann Ludwig, Philolog und Jurist, und Sebastian; endlich der 
berühmte Jesuit Peter Canisius in seiner Wirksamkeit als akademischer 
Lehrer in Wien. 0. R. 

Die Liste der von Wattenbach (Geschichtsquellen 5. A. 2, 470) ver- 
zeichneten Fälschungen ist durch ein neues Stück bereichert worden, durch 
den von Zappert 1857 im 21. Band der Sitzungsberichte der Wiener Aka- 
demie veröffentlichten »ältesten Plan« der Stadt Wien, der nach 1043 
und von 1147 entstanden sein sollte. Den palaeographischen Nachweis für 
die Fälschung führt in erschöpfender und scharfsinniger Weise die Ab- 



') Von demselben Verf. andre Arbeiten zur Geschichte Kufsteins in der 
Zeitschr. des Ferdinandeums 1892 und 1893. 



Notizen. 189 

handlung von R. Schuster, Zapperts »Aeltester Plan von Wien« 
(Sitzungsber. der Wiener Akademie Bd. 127). Zappert ist auch der Fälscher 
des althochdeutschen »Schlummerliedes«, dessen Unechtheit Jaffe längst dar- 
aethan hat. Das angebliche Original des ältesten Plans von Wien galt als 
verschollen und wurde erst im vorigen Jahre in der Wiener Hofbibliothek 
wieder ausgeforscht. Hier wie beim » Schlummerlied « scheint der Beweg- 
errund literarische Eitelkeit gewesen zu sein: durch dieses wollte er die 
Funde von Waitz und Karajan, durch jenen Camesina übertrumpfen, der 
ein Jahr früher die älteste Ansicht Wiens von 1483 herausgegeben und da- 
zu einen Stadtplan reconstruirt hatte. Trotz der verdächtigenden Schwierig- 
keiten, die Zapperts ältester Stadtplan nach vielen Seiten bot, wagte man 
doch nicht, ihn als Falsificat zu verwerfen. Er ist jetzt definitiv beseitigt. 
Der Abhandlung ist ein Facsimile der beiden Zappert'schen Fälschungen, 
des ältesten Stadtplans und des Schlummerliedes bei gegeben. E. M. 

In der Oesterreich. Vierteljahresschrift für das Forstwesen 1893 
Heft 1 veröffentlicht Dr. Tr übrig eine Studie über Heinrich Wuest 
gemeiner Waldmeister zu Hall in Tirol 1511 — 1520, die ein 
weiteres Interesse beanspruchen darf, weil in ihr auf Grund archivalischen 
Materials die tirolische Forstverwaltung zur Zeit Maximilians I. in Kürze 
skizzirt wird und weil der Verf. zeigt, dass diese Forstverwaltung ihrer 
Zeit weit vorausgeeilt war, dass die Errichtung von Waldordnungen in 
Tirol ihre Heimat hat und die ältesten Waldordnungen aus Tirol stammen. 

0. R. 

Die Archives de 1' Orient latin, welche nach dem Tode ihres Leiters 
und Mäcens, des Grafen Paul Riant, eingegangen waren, erscheinen jetzt 
unter dem Titel: Revue de l'Orient latin, Paris 1893 (Leroux) von 
Neuem. Wir heben vorläufig die saubere Studie von Delaville le Roulx, 
dem gründlichen Palaeographen und verdienten Forscher auf dem Gebiete 
der Johannitergeschichte , über den Orden von Montjoye hervor, welcher 
bisher so gut wie unbekannt war und nun aus spanischen Archiven, be- 
sonders durch Confirmationsbullen Alexander III., Urban III. und Innocenz III. 
uns näher bekannt wird. R- Röhricht. 

Von der in Mitth. des Instituts 11, 507 angezeigten Geschichte 
der Benedictiner Abtei Muri-Gries von P. Martin K i e m ist der 
2. Bd. (Stans 1891) erschienen, der die Geschichte von 1596 bis in die 
Neuzeit führt. Die am 1 . Bande gerühmte Sorgfalt und Liebe der Behand- 
lung ist vom Verf. auch diesem Schlüsse des Werkes gewimet. 0. R. 



Zwölfte Plenarsitzung der badischen historischen 

Commission. 

Karlsruhe im Oktober 1893. Die zwölfte Plenarsitzung der badi- 
schen historischen Commission wurde am 23. und 24. Oktober in Karls- 
ruhe abgehalten. Auch in diesem Jahre führte wegen Verhinderung des 
Vorstandes Geh. Hofraths Prof. Winkelmann durch Krankheit, der Secretär 
Archivdirektor Dr. v. Weech den Vorsitz. 



J90 Berichte. 

Seit der letzten Plenarsitzung ist der Kominission ein hochgeschätztes 
ausserordentliches Mitglied, Prof. Karl Hartfelder durch den Tod entrissen 
worden. Der Vorsitzende widmete dem Dahingeschiedenen Worte ehrenden 
Andenkens. 

An der XII. Plenarsitzung nahmen ausser dem Vorsitzenden theil die 
ordentlichen Mitglieder: die Geh. Hofräthe Prof. Schröder und Erdmanns- 
dörffer aus Heidelberg, die Prof. v. Simson und Schulte aus Freiburg, Geh. 
Rath Wagner und Archivrath Obser aus Karlsruhe, Archivrath Baumann aus 
Donaueschingen und Archivdirektor Prof. Wiegand aus Strassburg, sowie 
die ausserordentlichen Mitglieder Prof. Köder aus Kastatt, Prof. Maurer 
aus Mannheim und Universitätsbibliothekar Prof. Wille aus Heidelberg. 
Die ausserordentlichen Mitglieder Geh. Kath Prof. Knies aus Heidelberg, 
Geistl. Kath Prof. König und Geh. Hofrath Prof. Kraus aus Freiburg und 
Prof. Bücher aus Leipzig hatten ihr Ausbleiben entschuldigt. 

Seit der letzten Plenarsitzung ist erschienen: 

Obser K. Politische Korrespondenz Karl Friedrichs von Baden. 
III. Band (1797—1801). 

Fester R. Kegesten der Markgrafen von Baden und Hachberg. 2. u. 
3. Lieferung. 

Brandi K. Quellen und Forschungen zur Geschichte der Abtei 
ßeichenau IL Band. Die Chronik des Gallus Öhm. 

Krieger A. Topographisches Wörterbuch des Grossherzogtums Baden. 
Erste Abtheilung. 

Badische Neujahrsblätter. Drittes Blatt 1893. Erdmannsdörffer B. 
Das badische Oberland im Jahre 17 85. Keisebericht eines österreichischen 
Kameralisten. 

Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins. Neue Folge. VIII. Band, 
nebst den Mittheilungen der Badischen Historischen Kommission No. 15. 

Mittelalterliche Quellen-, insbesondere Regestenwerke. 
Von den Regesten der Pfalzgrafen am Rhein, bearbeitet von A. Koch und J. Wille, 
wird noch im Laufe dieses Jahres die Schlusslieferung des 1. Bandes (bis 
1400 mit Register nebst Nachträgen und Einleitung) ausgegeben werden. 
Den 2. Band wird Dr. Wille allein bearbeiten. — Das Manuskript zu der 
von Dr. Müller bearbeiteten Schlusslieferg des 1. Bandes der Regesten zur 
Geschichte der Bischöfe von Konstanz, und der Lieferung des 2. Bandes, 
bearbeitet von Dr. Cartellieri in Karlsruhe, sowie zur 4. und 5. Lieferung 
der Regesten der Markgrafen von Baden und Hachberg, bearbeitet von 
Dr. Fester in München, sind längst druckfertig, doch stellten sich der 
Drucklegung durch anderweitige Inanspruchnahme der Wagner'schen Uni- 
versitätsbuchdruckerei zu Innsbruck Hindernisse entgegen. Für 1894 ist 
ihr Erscheinen gesichert. Dr. Fester hat im Herbst 1893 die Archive zu 
Würzburg, Coblenz und Frankfurt besucht. — In der Bearbeitung der 
Quellen und Forschungen zur Geschichte der Abtei Reichenau, von denen 
noch ein dritter, die Lehenbücher behandelnder Band in Aussicht genommen 
ist, wird eine längere Unterbrechung eintreten müssen, weil der Bearbeiter, 
Dr. Brandi in München, durch andere Arbeiten im Auftrage der bayerischen 
Historischen Kommission für die nächste Zeit ausschliesslich in Anspruch 
genommen ist. — Von dem Codex diplomaticus Salemitanus, dessen Her- 
ausgabe die Kommission unterstützt, wird die 3. Lieferung des 3. Bandes 



Berichte. 191 

(bis zum Schlüsse des 15. Jahrb.) in den nächsten Wochen ausgegeben 
werden. Diese Lieferung ist unter Mitwirkung des Archivdirektors v. Weech 
durch Dr. Peter Albert in Karlsruhe bearbeitet worden. — Die Veröffent- 
lichung der Stadtrechte und Weistümer des Oberrheins wird im nächsten 
Jahre durch die Bearbeitung der Stadtrechte von Ueberlingen ihren An- 
fang nehmen. — Für das nächste Jahr beabsichtigt Prof. Schulte die in- 
folge seiner Berufung an die Universität Freiburg im Jahre 1893 nicht 
möglich gewesene archivalische Reise zur Sammlung der Urkunden und 
Akten zur Geschichte des Handelsverkehrs der oberitalienischen Städte mit 
den Städten des Oberrheins im Mittelalter auzutreten. 

Quellenpublikationen zur neueren Geschichte. — Von der 
Politischen Korrespondenz Karl Friedrichs von Baden ist der 4. Band (bis Ende 
1803 oder Anfang 1804) in der Bearbeitung begriffen; der Druck kann im 
Laufe von 1894 beginnen. — Ein abermaliger mehrmonatlicher Aufenthalt in 
Korn hat auch im Jahre 1893 den Archivdirektor v. Weech abgehalten, die 
Sammlung der Korrespondenz des Fürstabtes Martin Gerbert von St. Blasien 
in erheblicherem Masse zu fördern. Er hat aber die Absicht, sich im 
Laufe des Jahres 1894 nach dem Stift St. Paul in Kärnten zu begeben, 
um die dort aufbewahrte Korrespondenz des Fürstabtes durchzuarbeiten. 

Bearbeitungen. Von dem Topographischen Wörterbuche des Gx - oss- 
herzogtums Baden, bearbeitet von Archivrath Krieger, ist die 2. Liefernng 
nahezu druckfertig, eine 3. wird 1894 vollendet werden. — Prof. Gothein 
in Bonn hofft, dass der Druck des 2. Bandes der Wirtschaftsgeschichte 
des Schwarzwaldes und der angrenzenden Gaue in der zweiten Hälfte 1894 
beginnen kann. — An der Sammlung für Herausgabe der Siegel und 
Wappen der badischen Gemeinden und der Wappen der Territorien, aus 
denen das heutige Grossherzogtum Baden zusammengesetzt ist, wird unaus- 
gesetzt fortgearbeitet. — Von dem Obei'badischen Geschlechterbuch, dessen 
Bearbeitung der Königl. preuss. Major a. D. Kindler v. Knoblach über- 
nommen hat, liegt das Manuskript für die 1. Lieferung druckfertig vor. 
— Die dem Dr. A. Rössger in Stuttgart übertragene Studie über die 
Herkunft der romanischen Einwanderung in Baden in den Jahren 1685 ff. 
wird in unserer Zeitschrift veröffentlicht werden. 

Periodische Publikationen. Von der Zeitschrift für die Ge- 
schichte des Oberrheins, Neue Folge, befindet sich das 1. Heft des 9. Bandes 
unter der Presse. Die Mittheilungen der badischen historischen Kommission 
werden auch fernerhin die Verzeichnisse der Archive und Registraturen der 
Standes- und Grundherren, Gemeinden und Pfarreien u. s. f., von denen 
nur noch verhältnismässig wenige der Durchforschung hai-ren, veröffent- 
lichen. — Im Neujahrsblatt für 1894 behandelt Archivrath Dr. Baumann 
die Territorien des Seekreises im Jahre 1800. 



Personalien. 



Ernannt wurden: J. Loserth zum ordentl. Professor für allgemeine 
Geschichte an der Universität Graz, E. v. Ottenthai zum ordentl. Pro- 
fessor für allgemeine Geschichte an der Universität Innsbruck, S. Herz- 
berg-Fränkel zum a. o. Professor für allgemeine Geschichte an der 



192 Personalien. 

Universität Czernowitz, Osw. Redlich zum a. o. Professor für histor. Hilfs- 
wissenschaften und Geschichte des Mittelalters an der Universität Wien, 
0. Weber zum a. o. Professor für neuere Geschichte an der deutschen 
Universität in Prag; A. v. Kärolyi zum Sectionsrath und zweiten Vice- 
director, K. Sehr auf zum Sectionsrath, J. Paukert zum wirkl. Staats- 
archivar, A. v. Györy zum Concipisten 1. Classe und V. Kratochwil 
zum Concipisten 2. Classe am k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv in 
Wien ; F. v. P a p e e zum Custos an der Universitätsbibliothek in Lemberg ; 
K. Eieger zum Landesschulinspector für Jsiederösterreich ; A. Starzer 
zum Official des Statthalterei- Archivs in Wien; M. Mayr zum Cor- 
respondenten der k. k. Central-Commission f. Kunst- u. histor. Denkmale. 

Es habilitirten sich an der Universität Wien A. D o p s c h und an der 
Universität Czernowitz R. F. Kaindl für österreichische Geschichte. 

M. Vancsa trat als Conceptspractikant bei dem Archiv des k. k. 
Finanzministeriums, J. Mantuani als Volontär an der Hofbibliothek in 
Wien ein. 

Den XIX. Curs des Instituts (1891 — 1893) absolvirten als ordent- 
liche Mitglieder: 

Ambros Wilhelm R. v. 

Klicman Ladislav. 

Mantuani Josef. 

Teige Josef, Dr. iur. 

Vancsa Max, Dr. phil. 

als ausserordentliche Mitglieder: 

Äldäsy Anton, Dr. phil. (1891 — 92). 

Criste Oskar, k. u. k. Oberlieutenant. 

Gernet Alexis v., Dr. phil. (1891 — 92). 

Hammerl Benedict Johann 0. S. B. (1892 — 93). 

Kaindl Raimund Ferdinand, Dr. phil. (1892 — 93). 

Kienast Andreas, k. u. k. Oberheutenant. 

Müller Alfons Maria 0. Pr. (1892—93). 

Rollmann Manes 0. Pr. Provincial der österr. Dominikanerprovinz 
(1891—92). 

Wagner Friedrich. 
Als Thema der Hausarbeiten wählten: 

Ambros : Das Zollwesen im fränkiseken Staate. 

Klicman: Studien über die Vorläufer des Husitentums. 

Mantuani : Ueber die Malerei der Ottonenzeit. 

Teige: Ueber die Anfänge der Landtafel in den böhmischen Ländern. 

Vancsa: Das Auftreten der deutschen Sprache in der Königsurkunde 
(1240—1313). 

Criste: Der Beitritt Oesterreichs zur Coalition im Jahre 1815- 

Kienast: K. Friedrich IL von Preussen und Ungarn bis zum Hubertus- 
burger Frieden 1762. 

Neu aufgenommen wurden: 5 ordentliche und 8 ausserordentliche 
Mitglieder. 



Alfonso Ceccarelli 

und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 

Von 

A. Riegl. 

Im 16. Jahrhundert herrschte unter den vornehmen Familien Italiens 
eine krankhafte Sucht, ihre Anlange in möglichst frühe Zeit hinauf- 
zuschieben. Am liebsten wollte man den Zusammenhang mit irgend 
einer der altrömischenFamilien herstellen ; wo dies nicht angieng, Hess 
man den Ahnherrn im Gefolge Karls des Grossen oder Otto's I. aus 
Frankreich oder Deutschland eingewandert sein. Dieser geistigen 
Modekrankheit hat die historische Forschuug zweifellos manches Wert- 
volle zu verdanken : es lässt sich ja denken, welch mächtiger Ansporn 
damit gegeben war, um die verborgensten Archive zu durchspähen 
und bislang unbekannt gebliebenes Material an das Licht der Oeffent- 
lichkeit zu zieheu. Anderseits liegt es auf der Hand, dass selbst die 
eifrigste Suche dasjenige, was man wünschte, kaum in höchst vereinzelten 
Fällen zu Tage fördern konnte. Die Versuchung lag somit nahe, die 
Beweise, die sich aus den alten Schriftquellen nicht beibringen Hessen, 
auf dem Wege der Fälschung zu beschaffen. Findige Köpfe und ge- 
wandte Hände fanden sich wie zu allen Zeiten, so auch damals, um 
eine Schwäche der zeitgenössischen Gesellschaft auszubeuten. Der be- 
rüchtigste aber unter den genealogischen Fälschern, welche das 16. Jahr- 
hundert in Italien hervorgebracht hat, war der römische Arzt Alfonso 
Ceccarelli *) aus Bevagna. 

Ceccarelli's Fälscherthätigkeit fällt in die Siebziger- und die ersten 
Achtziger-Jahre des 16. Jahrhunderts. Erst unter Gregors XIII. Re- 



') Er selbst sclmeb sich auch Ciccarelli. 

Mittheilungen XV. 13 



194 R i e g 1. 

gierung wurde ihm das Handwerk gelegt. Den Anstoss zu seiner In- 
haftnahme und dem Prozesse, der mit seiner Hinrichtung endigen sollte, 
gab zwar nicht eine seiner genealogischen Fälschungen, die ja bloss 
der Eitelkeit Einzelner schmeichelten, aber Niemandem materiellen 
Schaden bringen konnten. Er hatte sich vielmehr von diesem harm- 
loseren Gebiete, auf dem er hauptsächlich nur für die Geschichts- 
forschung schädlich werden konnte, schliesslich auf das weit gefähr- 
lichere der Fälschung von Besitzurkunden gewagt. Die Fälschung 
eines Fideicoinmisses war es, um derentwillen man ihm den Prozess 
machte ; dadurch wurden aber naturgemäss auch diejenigen unter seinen 
Klienten aufgescheucht, denen er zu uralten Ahnen verholfen hatte. 
So wurde gerade einer von diesen, Alberico Cibo Fürst von Massa, der 
allerdings aufgeklärt genug gewesen war, den Schwindler noch recht- 
zeitig zu durchschauen, zum Hauptbelastungszeugen wider Ceccarelli. 
Auf solche Weise kamen auch viele von den historischen Fälschungen 
Ceccarelli's an's Licht, und bei dem Aufsehen, das der Verlauf des 
Prozesses in den gelehrten Kreisen Koms hervorgerufen haben mochte, 
stünde zu erwarten, dass man gegenüber den in Umlauf gesetzten 
Fälschungen vorsichtiger geworden wäre. Aber die verhältnissmässig 
geschickte Art, in welcher diese an verschiedenen Orten aufbewahrten 
und erst allmählig und in weitabliegenden Werken veröffentlichten 
Urkunden unter Benützung echter Documente fabricirt waren, sowie 
der Umstand, dass Ceccarelli zugleich ganze Autoren fälschte, durch 
deren Angaben er den Inhalt und somit die Echtheit der von ihm 
gefälschten Urkunden zu stützen suchte, bewirkten, dass die Machwerke 
dieses Mannes eine Zeitlang eine förmliche Verwirrung in der Ge- 
schichtschreibung angerichtet haben. 

Noch zu Lebzeiten Ceccarelli's Hessen sich durch seine Fälschungen 
täuschen : Francesco Sansovino x ) und Giovanni Batt. Lorenzo 2 ). Im 
Jahre 1642 zählt Leo Allacci in einer Schrift, mit der wir uns noch des 
Näheren beschäftigen werden, folgende Opfer auf: Petrus Riguardatus sive 
Recordatus in Historia mouastica; Monaldus Monaldeschus de Cervaria in 
Commentariis historicis 3 ) ; Ferdinandus Marra, Chronologia familiarum, 
Neapoli 1641 apud Octavium Bertranum ; Joannes Petrus Crescentius Ro- 



1 ) Faraiglie illustri <T Italia, Venedig 1609, (zuerst erschienen 1582). 

2 ) Storia della famiglia degli übaldini, Florenz 1580. Nach Gamurrini IV, 1. 

3 ) Monaldo Monaldeschi, Corninentari bist, della cittä d' Orvieto, Venedig 
1584. _ Dieser Fall erscheint dadurch besonders bezeichnend, dass M. selbst 
gefälschte Urkunden von Ceccarelli erworben hatte und sein Buch zu einer Zeit 
erschienen ist, da der Fälscher bereits entlarvt war. 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 195 

manus, in Corona Nobilitatisltaliae, Bononiae 1G39, in 4° x ) ; Hieronymus 
Marafiotus in Chronicis et antiquitatibus Calabriae, Patavii 1601 in 4° 2 ). 
In welche Verlegenheit Ceccarelli's weitverbreitete Fälschungen einen 
gewissenhaften Forscher bringen konnten, erhellt in drastischer Weise 
aus einem Histörchen, das derselbe Allacci zum Besten gibt. Giugurta 
Tommasi, der im J. 1625 den ersten Band seiner Geschichte von 
Siena vollendet hatte, war bei seinen bezüglichen Untersuchungen 
mehrfach auf gewisse problematische Autoren gestossen, und wandte 
sich diesbezüglich um Autklärung an Adriano Politi, der damals in 
Rom lebte. Dieser gab sich nun alle erdenkliche Mühe, um über die 
fraglichen Schriften Authentisches zu ermitteln. Er durchsuchte alle 
Bibliotheken : „ Vaticanam, Culumnensem, Jesuitarum, Mureti et Car- 
dinalis Montis Regalis libris recens auctam", — ja er verschaffte sich 
sogar zu den Bibliotheken des Serafino und Cesare Valentini „tum 
novis tum veteribus libris, iisque iunumeris et admodum curiosis prae- 
divites" Zutritt, ferner zog er Fulvio Orsini und Petrus Ciacconius 
„rerum harura peritissimos viros", überhaupt alle pädagogisch und 
literarisch gebildeten Leute zu Rathe: Alles fruchtlos. Politi begriff 
nicht, dass in Rom — in hac urbe, in quam locis ex omnibus viri 
praestantes ingeniis et doctrinarum omni genere exeulti, tum Greci cum 
Latini turmatim conveniunt — irgend welche authentische Autoren un- 
bekannt sein könnten. Erwäge man hiezu die barbarische und unele- 
gante Sprache, in der die zur Prüfung übersandten angeblichen Ge- 
schichtsquellen abgefasst wären, ferner den Umstand, dass darin be- 
glaubigten Autoren wie Apollodor, Plinius, Athenäus, Eusebius v. Cä- 
sarea, ganz unbekannte Werke zugeschrieben würden, so müsse man 
zu dem Schlüsse gelangen, dass es sich hiebei nur um eine Fälschung 
handeln könne. Politi's diesbezügliche Vermuthung richtet sich auch 
direkt auf Ceccarelli: medici illius qui ob similes inventiones laqueo 
vitam finiit, fraudem esse et commenta. 

Um dieser Verwirrung und Unsicherheit ein Ende zu bereiten, 
entschloss sich, etwa 50 — 60 Jahre nach Ceccarelli's Tode, Leo 
Allacci 3 ), Charakter und Umfang der Fälschungen Ceccarelli's fest- 



') Crescenzi, Corona della nobilta d' Italia, Bologna 1639—1642. 

2 ) Ferner finden sich Urkundenfälschungen Ceccarelli's als echt aufgenommen 
bei Clementini, Raccolto istorico di Rimino (Rimini 1617); Salvetti, Trattato overo 
raccolto ist. di casa Pepoli ms. saec. XVII. in Cod. Magliaheccli. XXVI. 29 zu 
Florenz. 

3 ) Leo Allacci stammte aus einer griechischen Familie, und war im J. 1586 
auf Scios geboren. Im J. 1600 trat er in das Collegio dei Greci in Rom ein, 
war dann eine Zeitlang bischöflicher Generalvicar auf Scios, kehrte aber wieder 

13* 



196 R i e g 1. 

zustellen. Das Material hiezu lieferte ihm Felix Contelorius, der 
Präfekt des vatikanischen Archivs *), der ihm die auf dem Vatikan in 
Verwahrung gebliebenen Akten des Fälschungsprocesses zur Verfügung 
stellte. Allacci scheint übrigens nicht Ceccarelli allein, sondern auch 
anderen Fälschern nachgespürt zu haben. Wenigstens ergibt sich 
aus verschiedenen Andeutungen , uud namentlich aus dem Titel 
der auf Ceccarelli bezüglichen Druckschrift, dass Allacci ein Buch 
über Apokryphen im Manuscript fertiggebracht hat. In Druck ist 
dasselbe wenigstens zur Gänze niemals erschienen, doch dürfen wir 
annehmen, dass aus demselben nicht blos die Broschüre die sich mit 
Ceccarelli befasst und von der es ausdrücklich gesagt ist, sondern auch 
die fast 20 Jahre später erschienene Schrift: Johannes Henricus Hot- 
tingerus fraudis et imposturae convictus circum Grecorum dogmata, 
Romae 1661, entnommen wurde. Der Bericht über Ceccarelli's Process 
erscheint beigebunden zu dem Buche: Leonis Allatii in antiquitatum 
Etruscarum fragnienta ab Inghiramio edita animadversiones. Additur 
eiusdem animadversio in libros Alphonsi Ciccarelli et 
auctores ab eo confictos. Romae apud Mascardum MDCXLII. 
Sumptibus Joannis Antonii Bertani 2 ). In 12°. Die Schlussparthie des 
Buches S. 255 — 360 ist dem Prozesse Ceccarelli's besonders gewidmet 
und trägt einen eigenen Titel: Leouis Allatii de Alphonso Ciccarello. 
Ex opere eiusdem Leonis non edito de libris apocryphis. 

Aus dieser Schrift erfuhr nun die gelehrte Welt Italiens die Namen 
derjenigen Autoren, deren Fälschung unzweifelhaft ein Werk Cecca- 
relli's war. Ughelli wies in der Geschichte der Bischöfe von Perugia 3 ) 
ausdrücklich auf die zur Zeit der 1. Auflage eben im Erscheinen be- 



nach Rom zurück, wo er Medicin studirte und am Collegio dei Greci Griechisch 
lehrte. Im J. 1622 wurde ihm die Ueberf'ührung der Heidelberger Palatina nach 
Rom anvertraut. Im J. 1632 ward Allacci Bibliothekar des Cardinais Francesco 
Barberini, 1661 unter Alexander VII. Gustos der Vaticana als Nachfolger des 
Lucas Holstenius, als welcher er im J. 1669 im Alter von 83 Jahren verstarb. — 
Kurze Notiz über sein Leben und Katalog seiner Werke in der Raccolta d' opus- 
coli scientifici e filologici, Venedig 1744 p. 267. 

*) Von der Hand Contelori's finden sich auf Manu Scripten Ceccarelli's in 
der Vaticana häufig Randbemerkungen, die diese Schriften als Fälschungen bezeich- 
nen. Im Besonderen hat er — nach Allacci's Bericht — die Schrift Ceccarelli's 
»de familiis Bononiensibus« als eitle Erfindung entlarvt und gebrandmarkt. 

*) So lautet der Titel des auf der Bibl. Casanatensis zu Rom verwahrten 
Exemplars, das bei diesen Untersuchungen benützt worden ist. Der Katalog der 
Werke Allacci's in der obcitirten Raccolta verzeichnet das Buch als erschienen 
»Pars. 1640«. 

•'•) Italia sacra ed II. 1, 1160. 



Alfonso Ceccarelli und Beine Fälschungen von Kaiserurkunden. J<J7 

griffene Schrift Allacci's hiü. Auch Gamurrini i), der kurz nachher 
seine genealogischen Untersuchungen veröffentlichte, war dadurch ge- 
nöthigt und in die Lage versetzt den Fälschungen Ceccarelli's vor- 
sichtig aus dem Wege zu gehen. Gleichwohl Hess er sich doch ge- 
legentlich verleiten einen echten Kern als zu Grunde liegend zu ver- 
muthen und noch weniger darf es uns verwundern, dass er einmal 
(I. 863) eine von Ceccarelli gefälschte Urkunde Lothar's III für die 
Buoncompagni (Stumpf Reg. 3281) für echt gehalten hat. Immerhin ist 
ihm das Verdienst zuzuerkennen, dass er als erster eine Urkunde (Kon- 
rads IL für die Monaldeschi) ausdrücklich als Fälschung Ceccarelli's 
erklärt und zu dem Zwecke vollständig abgedruckt hat 2 ), damit man an 
dem Beispiele andere von demselben Fälscher fabricirte Urkunden leichter 
erkennen könne. Trotzdem fanden sich noch im 18. Jahrhundert Ver- 
theidiger dieser Fälschungen. So hat Soldani in seiner Historia monasterii 
S. Michaelis de Passiniano (S. 63 ff.) eine Anzahl Urkunden für die 
Markgrafen von Monte Santa Maria für echt erklärt, die schon Ga- 
murrini 3 ) verworfen hatte ; und Gamberto 4 ) soll nach Soldani 5 ) sogar 
für die Echtheit des berüchtigtsten Hauptautors Ceccarelli's, des noch öfter 
zu erwähnenden Fanusius Campanus, eingetreten sein. Die aufklärende 
Schrift Allacci's hat offenbar bei ihrem Erscheinen nicht jene allge- 
meine Verbreitung in Italien gefunden, um eine Fortsetzung der Täu- 
schungen für immer unmöglich zu machen. Dies ist erst geschehen 
seitdem Tiraboschi in seinem allverbreiteten Werke 6 ) die Resultate 
von Allacci's Schrift zur allgemeinen Kenntniss gebracht hat. 

Noch leichter als bei den Autoren konnte man bei Urkunden 
Ceccarelli'scher Mache einer Täuschung anheimfallen. Allacci machte 
zwar die Namen der gefälschten Autoren bekannt, nannte auch eine 
Anzahl von Familien, für welche Ceccarelli Urkunden gefälscht hat, 
aber der volle Umfang dieser Fälschungen lässt sich aus Allacci allein 



J ) Tstoria genealogica delle famiglie nobili Toscane I— V (Florenz 1668 
bis 1685). 

-') A. a. 0. I. 233. 

3 ) A. a. o. T. 160. 

4 ) Specchio della veriiä, Venedig 1719. — Ueber weitere Verwirrungen, die 
durch Ceccarelli's Fälschaugen angestiftet wurden, vgl. auch Beltrani's Biographie 
des Feiice Contelori, im Archivio della Societä Romana di storia patria 3, 37. 

5 ) A. a. 0. 74. 

fi ) Storia della letteratura XII. 1507; vgl. V. 317, VI. 662, X. 122. Ueber 
Ceccarelli handelt Tiraboschi auch in den Riflessioni sugli Scrittori genealogici, 
Padua 1789. Bezeichnend für die geringe Verbreitung von Allacci's Schrift ist 
der Umstand, dass Tiraboschi dieselbe nirgends aufzutreiben vermochte, bis man 
endlich von Rom aus eine Abschrift derselben besorgte. 



198 R i e g 1. 

noch nicht ersehen. Aus den von Allacci publicirten Prozessakten x ) 
ergibt sich nur das in ganz allgemeinen Ausdrücken abgefasste Ein- 
geständnis des Angeklagten, Privilegien laugst verstorbener Kaiser ge- 
fälscht zu haben ; eine einzige solche Fälschung wurde von ihm im 
Einzelnen zugestanden, nämlich diejenige der Constantinischen Schenk- 
ung durch Kaiser Theodosius 2 ). So blieb man mangels bestimmter 
Angaben im Dunkeln, welche die von ihm fäbricirten und in die 
Familienarchive von halb Italien eingeschmuggelten Fälschungen seien. 
Wie schon erwähnt wurde, ist selbst der vorsichtige Gamurrini in 
einem solchen Falle der Täuschung unterlegen. Kein Wunder daher, 
dass man auf der kaiserlichen Kanzlei in Wien ebenfalls in die Falle 
gieng und z. B. im J. 1699 von Leopold I. fünf von Ceccarelli ge- 
fälschte Kaiserurkunden für die Markgrafen von Monte Santa Maria 
bestätigt wurden. Auch Urkunden für die Lottieri, Carpegna, und 
Savelli, nicht minder Fälschungen Ceccarelli's, sind aus ähnlichen An- 
lässen in das k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv gelangt. Ander- 
seits hat noch in unserem Jahrhundert Acquacotta 3 ) eine Urkunde als 
Fabrikat Ceccarelli's bezeichnet. 

Als man nun in der Diplomata- Abtheilung der MG. bei der Bear- 
beitung der Spuria Otto's I. angelangt war, stiess man auf eine 
ganze Anzahl von Fälschungen, die auf Ceccarelli zurückzugehen 
schienen. Das nur wenig variirte, sehr charakteristische, für das 10. Jahr- 
hundert aber vollständig unmögliche Formular der als unzweifelhafte 
Fälschungen Ceccarellis erwiesenen Urkunden kehrt nämlich oft wört- 
lich wieder in einer ganzen Anzahl anderweitiger Fälschungen, die 
noch nicht mit Ceccarelli in Verbindung gebracht worden waren. Es 
schien daher wünschenswerte sich aus dem etwa auf dem Vatican noch 
vorhandenen Processmaterial und vor Allem aus der (in Wien nicht 
vorfindlichen) Schrift Allacci's einen möglichst weiten Ueberblick über 
die Fälschungen Ceccarelli's auf urkundlichem Gebiete zu verschaffen. 
In diesem Zusammenhang wurde mir, als ich mich im Anfange des 
Jahres 1884 an das Instituto austriaco di studi storici nach Kom be- 
gab, u. a. auch der Auftrag zu theil, Nachforschungen über den Um- 
fang von Ceccarelli's Fälscherthätigkeit anzustellen. Ich entledigte 
mich desselben, in dem ich einestheils einen ausführlichen Auszug aus 



1 ) Das Verhörsprotokoll mit den Eingeständnissen Ceccarelli's im Einzelnen 
scheint Allacci nicht zu Gesicht bekommen zu haben, sondern nur die Verthei- 
digungsschrift des Fälschers, worin dieser das Eingestandene zu beschönigen sucht. 

2 ) Von Grauert veröffentlicht im Jabrb. der Görres-Gesellschal't IV, 611. 

3 ) Mernorie di Matelica ; lapidi e documenti, Ancona 1839, 19 n° 8. 



Alfonso Ceccarelh und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 199 

Allacci's Buche anfertigte, anderseits das auf der vatikanischen Bib- 
liothek verwahrte Processmaterial, insbesondere die behufs Schuldbe- 
weises saisirten Manuscripte Ceccarelli's, durchsah und soweit darin 
Urkundliches erwähnt erscheint, excerpirte. Beides wurde in Form 
eines einheitlichen Berichtes gebracht und der Leitung des Istituto 
in Wien eingesandt. Dr. Adolf Fanta, der damalige Bearbeiter der 
Spuria Otto's L, unternahm es sodann auf Grund seiner eigenen 
diplomatischen Ermittlungen und des aus Korn beschafften Ma- 
terials, das er in einigen Punkten auch nach der literarhistorischen 
Seite ergänzt hatte, eine Abhandlung über Alfonso Ceccarelli und 
seine Urkundenfälschungen für diese Zeitschrift abzufassen, wurde 
aber leider an dem Abschlüsse derselben durch seinen vorzeitigen Tod 
verhindert. Nun ergieng seitens der Redaction die Aufforderung an 
mich, den Aufsatz druckfertig zu stellen. Dieser Aufforderung glaubte 
ich trotz des verhältnismässig langen, seit meinen bezüglichen Unter- 
suchungen verflossenen Zeitraumes, während dessen ich mich sehr 
fernabliegenden Arbeitsgebieten widmete, gleichwohl nachkommen zu 
sollen, zumal Prof. v. Ottenthai in freundlicher Weise die Revision 
beziehungsweise Ergänzung der diplomatischen Erörterungen Fantas, 
welche ich an ihrer Stelle wörtlich einschalte, übernommen hat. 

Das Meiste, was man bisher über Ceccarelli's verbrecherisches Trei- 
ben wusste, verdankt man der Vermittlung Leo Allacci's. Beim Process 
spielten die bei Ceccarelli beschlagnahmten Manuscripte eine Haupt- 
rolle, und darunter insbesondere sein Briefwechsel mit Alberico Cibo, 
Fürsten von Massa. Man fand nämlich bei Ceccarelli einerseits die 
Briefe Cibo's, anderseits die Concepte der Briefe Ceccarelli's, die heute 
mit andern Stücken im Cod. Ottobon. 3053 zusammengebunden sind; 
übrigens scheint Cibo die Originalbriefe Ceccarelli's selbst dem Richter 
zur Verfügung gestellt zu haben. Dieser Briefwechsel, sowie die 
Vertheidigungschrift (Liber Supplex) Ceccarelli's au die Richter 
sind die Hauptquellen, aus denen Allacci seinen Bericht geschöpft 
hat. Ueber Ceccarelli's Privatleben erfahren wir aber von Allacci 
äusserst wenig; hier tritt namentlich ein die Jahre 1578 — 1580 
umfassendes kurzes Notizbuch Ceccarelli's ergänzend ein, das im Cod. 
Vatic. 6158 fol. 115 — 125 erhalten ist. Dieses scheint Contelori dem 
Allacci nicht zur Verfügung gestellt zu haben, denn sonst würde letz- 
terer wohl Gebrauch davon gemacht haben. Auch die Briefsamm- 
lung im obcitirten Cod. Ottob. 3053 ist von Allacci nicht benützt 
worden. 

„Claudii et Trapeiae (sie) filius, Ceccarellus sive Ciccarellus " : in 



200 R i e g 1. 

diesen Worten erschöpft sich alles, was Allacci über des Fälschers Her- 
kunft zu sagen weiss ; ausserdem nennt er Bevagna als seinen Geburts- 
ort. Von seinen Familienverhältnissen erfahren wir blos, dass er eine 
Frau Namens Imperia Ciccola besessen habe, der er einmal eine scherz- 
hafte Grabinschrift l ) weihte, was Allacci zum Beweise des witzigen 
und launigen Geistes des Mannes anführt. Endlich weiss Allacci, 
dass Ceccarelli's ursprünglicher Beruf der ärztliche gewesen sei. Einiges 
Licht über die Verhältnisse in Ceccarelli's Elternhause verbreitet da- 
gegen einmal ein Originalbrief des Vaters Claudio an seinen Sohn 
Alfonso, datirt aus Bevagna zum 8. Nov. 1581, und erhalten im Cod. 
Ottob. 3053 f. 116, mitten unter Stücken aus dem Briefwechsel mit 
Cibo. Aus diesem Briefe geht hervor, dass der Vater ein Ehrenmann 
gewesen sein muss , dem die traurigen Familienverhältnisse genug 
Kummer und Sorge machten. In minder günstigem Lichte erscheint 
die Mutter, der die Schuld an dem Missrathen eines anderen Sohnes 
zugeschrieben wird. Aber auch mit Alfonso's Treiben, das er also 
gekannt zu haben scheint, war der Vater durchaus nicht zufrieden; 
nachdem er ihn wegen etlicher älterer Schulden an fremde Leute ge- 
mahnt hat, sagt er des weiteren: ,,et dirö quel che assai volte ho 
detto, che le vostre vigilie, fatighe e stenti si risolveranno in fumo 
et in niente, ma voi volete cosi et cosi habbiate. " 

Ganz wesentliche Aufschlüsse über Ceccarelli's Privatverhältnisse 
gewinnen wir ferner aus seinen oberwähnten Memoiren. Dieselben 
umfassen die Jahre 1578, 1579 und 1580, die er zugleich das 46o 
47. und 48. seines Lebens nennt. Da er überdies hiebei das Jahr in 
der 2. Hälfte des Februar umsetzt, so gewinnt es Wahrscheinlichkeit, 
dass er in der zweiten Hälfte des Februar 1532 geboren wurde. Jedem 
Jahre sind astrologische Betrachtungen vorausgeschickt, was bei einem 
Arzte und dem damaligen Stande der Heilkunde nicht verwundern 
darf. Angaben über sein körperliches Wolbefinden, über etwaige Er- 
krankungen, ihre Dauer und die Mittel, mit denen er sich geheilt hat, 
folgen darauf. Von seinem Vater ist mehrfach die Kede, von dessen 
Erkrankung und einem für Alfonso offenbar ungünstigen Testamente, 
das der erstere im J. 1580 gemacht hat. Wir erfahren ferner von 
Verwandten, von einer im J. 1578 verstorbenen Tochter Felicitas, und 
einem ungehorsamen Sohne Pannonius, dem er im J. 1579 das Haus 
verbieten musste. Von seiner Frau geschieht keine Erwähnung, umso- 



l ) Alphonsus Ciccarellus Mevanas, civis Romanus ac multarum civitatum 
Italiae Patricius beneineritus, Eques et comes Palatinus Imperiae Ciccolae conjugi 
incomparabili etc. 



Altbnso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 201 

mehr dagegen von Liebschaften, die ihn mehr als einmal in finanzielle Be- 
drängnisse brachten. Die Genauigkeit im Einzelnen, in welcher die bezüg- 
lichen Aufzeichnungen geführt sind, wird nur übertroffen von derjenigen, 
mit der er seine „literarischen" Honorare eingetragen hat. Im Jahre 1579 
betrugen diese letzteren ein ganz stattliches Sümmchen; daneben muss 
er aber auch ärztliche Praxis ausgeübt haben. Im J. 1580 hatte er 
einen vornehmen Patienten im Bischof von Savona, den er auch nach 
Grottaferrata begleitete. Ueberdies scheint er im Hause einer römischen 
Dame ständiger Leibarzt gewesen zu sein, denn als er im August 1580 
erkrankte: si ammalö tutta la casa della signora. Diese Herrin, 
zu der er doch nur als Arzt in Diensten stehen konnte, war nach 
einem von Bulifon überlieferten, weiter unten noch zu erwähnenden 
Briefe vom 14- April 1581 eine Signora Ersilia, a Pasquino. 

Die vornehmste Wichtigkeit besitzen diese Memoiren für uns da- 
durch, dass er darin eine Reihe von Adeligen anführt, von denen er 
Honorare bekommen hat. Wofür, können wir uns denken; es wird 
aber gelegentlich auch ausdrücklich gesagt, und zum Ueberflusse ge- 
steht er gleich im ersten Jahre (1578) die Nachmachung älterer Schrift- 
stücke direkt ein. So mochte Ceccarelli mit diesen Memoiren dem 
Richter selbst ein vernichtendes Beweismaterial an die Hand gegeben 
haben. Aber auch die übrigen Notizen geben in ihrer Gesammtheit 
ein so deutliches Bild von Charakter und Lebensführung des Mannes: 
von seinen Passionen, seinen Geldnöthen, die ihn gelegentlich sogar 
in das Schuldgefängnis brachten, und der daraus entsprungenen Nö- 
thigung Geld zu verdienen, — dass ich dieselben unter blosser Hin- 
weglassung der astrologischen Bemerkungen in extenso wiedergeben 
zu sollen glaube. 

Ciccarellis Memoiren, Cod. Vat. 6158, f. 115 — 125. 

Liber Revolutionum mei Alphonsi ineipiendo ab Anno domini 1578 et anno 
aetatis meae 46. 

Revolutio anni 46 aetatis meae (1578). v 

Iste annus fuit mihi in lucro medioeris, immo feci multas expensas inutiles 
et multa expendidi in meretrice quadam juvene captus amore eius in ultima quarta 
anni, et eam ingravidavi a die 8. Xbris usque ad 16. eiusdem mensis anni 1578. 

Fuit annus totus sanus per gratiam dei, et semper commedi cum appetitu 
et medioeriter usus sum coitu et in prineipio anni habui malum in^oculis et brevi 
fui curatus. 

Multa scripsi manu propria, quod habita sunt et tenen- 
tur pro a n t i q u i s. Ex quibus plura lucratus sum et c o m p i 1 a v i 
plura opuscula, quae hueusque lucratus sum de scriptis , per rae sunt 
seudi 25 '), seudi 19. 

') Wol von den Herren de Matelica, von denen Ciccarelli im Briefe an Cibo 
vom 21. Jan. 1579 25 Aureos erhalten zu haben behauptet. 



202 R i e g 1. 

In mense augusti etiam ingravidavi mulierem Margharitam, cum qua pluries 
usus sum coitu. 

In mense octobris mortua est sora Veronica, quae est soror carnalis inei patris. 

In mense 7bris Claudius pater meus ex casu ab alto multa passus est, et 
stetit in fine mortis, tarnen evasit per gratiarn dei. 

In fine anni die 15 februarii mortua est Felicita(s) filia mea, cuius animam 
deus reponat in sinu suo propter eius misericordiam. 

In mense Xbria mortuus est patruus meus carnalis d. Franciscus spetiosus 
v. z. D. 

Revolutio anni aetatis mee 47 (1579). De mense martii illa mulier gra- 
vida fecit abortum. 

In mense februarii Pannonius filius meus incepit esse mihi contrarius et 
inobediens adeo quod coactus fui expellere eum et relinquere ut domum rediret. 

In die S. Andree 1579 recevei in dono dall'abbate di S. Gre- 
gor io d. 50. perche gli feci l'historia di casa Conti e de piu del 
mese di gennaro 1 580 scudi X. et piü del mese di febraio 
scudi 20. Item dal S r Livio Lotthiero per certa scrittura do- 
natali midonö scudi 12 nel mese di gennaro 1580. 

Nel mese di novembre 1579 mi furono donati scudi 20 dal ves- 
covo della Ripa (einem Buoncompagni). 

Nel mese di febraio die 15, 1580 mi furono donati scudi 25 dal 
S r . Berardino Savelli con promissione di darmene piü assai delle altre 
volte. 

In questo anno sono stato sano tutto di corpo senza havere havuto mai 
male alcuno per gratia di dio. 

Revolutio anni aetatis mee 48 (1580). 

Nel mese di marzo il S r Berardino Savello mi donö scudi 12 
d i p a o 1 i. 

Nel medesimo mese il vescovo di Savona mi donö 25 scudi di paoli per 
la cura della sua infirmitä; nel mese di aprile mi donö scudi 15 di paoli. Alli 
25 di marzo andai col sopradetto vescovo di Savona a Grottaferrata et ci stetti 
17 giorni et me ne partei per ritornare a casa per vedere mio padre ammalato 
et mi partei di Roma alli 15 di aprile. 

Ritornai da casa qui in Roma alli 20 di maggio. Ma mentre stttti a casa 
patei molto per conto del testamento fatto da mio padre et di altri fastidii, 
non dimeno fui ben visto et accarezzato da ognuno. Ritornato a Roma da li ad 
un di stetti male per il male delle renelle tre giorni et guari colla gratia di dio 
pigliando una medicinetta et facendo cbristieri ; poi stetti assai bene per 1' estate 
et alli 4 di agosto mi ammalai del male del castrone, mi sanguinai, pigliai si- 
roppi et presi medicina et in sei giorni mi curai. Et con me si ammalö tutta 
la casa della signora. 

Ristorato e vivendo innanzi et dopo ho fatto molte fatiche et da nessuno 
sono stato rimunerato et d' ogni cosa ho visto il contrario. 

Per la securtä fatta a pirro ci fui prigione un mezzo giomo alli t! di ottobre. 
Et pigliando il termine di pagamento quella donna la pagai capo di un mese 
che furono A. 19 sensa le spese. Alli 25 di ottobre Pieragostino di Roscio per 
la securtä fattali per 76 scudi mi lassö suo berede et subbito morse delli 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserkunden. 203 

quali robbe ne pato molti fastidii. Si come faccio ancora per la pigionc della 
poetina. 

Unter dem Personale des Vatikans scheint Ceccarelli auch einen 
Verwandten besessen zu haben; wenigstens gab er einem Tomus VI 
variarum lectionum (Cod. Vat. 6215), der sich unter seinen saisirten 
Manuskripten befand, die Aufschrift: ex originali extante apud D. 
Odoardum Ceccarellum capellae pontificiae musicum. Es ist dieser 
Umstand vielleicht nicht unwichtig, weil Ceccarelli sich dieses Ver- 
wandten zur Einschmuggelung von gefälschten Autoren in den Vatikan 
bedient haben konnte. 

Zur allgemeinen Charakteristik des Mannes möge auch eine Anek- 
dote beitragen, die uns Allacci von ihm überliefert hat. Dass Cecca- 
relli den Aberglauben seiner Zeit durch astrologische Charlatanerien 
ausgenützt hat, mössten wir annehmen, selbst wenn es Allacci nicht 
ausdrücklich berichten würde. Um mit einer seiner Weissagungen 
für alle Fälle sicher zu gehen, verfiel er einmal auf folgenden Schwindel. 
Bei einer Papstwahl (bei welcher, wird nicht gesagt), richtete er an 
jeden älteren Cardinal, der als Papabile galt, ein anonymes Schreiben 
worin er ihm zuverlässig die Wahl prophezeite ; doch knüpfte er daran 
die strenge Mahnung, ja Niemandem davon Mittheilung zu machen 
bis ihm nach vollzogener Wahl Jemand ein Erkennungszeichen brächte 
von der gleichen Beschaffenheit, wie ein dem Schreiben beigelegtes. 
So hoffte er auf jeden Fall von dem künftigen Papste etwas heraus- 
zuschlagen. 

Höchst charakteristisch für die Art und Weise, wie sich der Fälscher 
mit seinen Angeboten an die ihm geeignet scheinenden Vornehmen 
herandrängte, ist ein Brief von ihm an einen Francesco Mercanti, 
datirt aus Rom vom 14. April 1581, und abgedruckt in Bulifons Brief- 
sammlung *). Mercanti hatte ihn — was für den weitverbreiteten 
Ruf des vermeintlichen Chronikenbesitzers und Dokumentensammlers 
bezeichnend ist — im Namen der Herren Cavalcanti um eine 
Chronik gebeten, in welcher vom Ursprünge dieses Hauses die Rede 
wäre. Ceccarelli gibt in dem citirten Briefe vor, er hätte die Chronik 
dem Signor Monaldo geliehen, es stünde übrigens nichts ■Wesentliches 
von den Cavalcanti darinnen. Er besitze aber unter vielem Anderen 
eine handschriftliche Chronik, worin nach der im J. 1103 verfassten 
Geschichte des Piero Canigiano viel von den fiorentinischen Geschlech- 



Lettere memorabili, istoriche politiche ed erudite, raccolte da Antonio 
Bulifon I. Pozzuoli 1693, S. 129. Es ist dies derselbe Brief, in welchem er seine 
oben gedachte Adresse (a Pasquino) angibt. 



204 R i e g 1. 

terii die Rede wäre. Der Ahnherr der Medici habe hienach im J. 806 
eine Dame aus dem Hause Cavalcanti heimgeführt. Hierauf fährt er 
fort: e son certissimo, che se Sua Altezza sapesse 1' origine di Casa 
de' Medici, pagherebbe un buon beveraggio, perche in mano mia si 
ritrovano gran cose. Si che V. S. puö farmi favore in varii modi e 
mi puö ajutare e balzarmi innanzi, che io le prometto, che ho cose 
alle mani, che ognuno ne resterä stupito. Aspetterö 1' aviso suo quanto 
prima, perche sono ricercato da molti altri, se voglio dar questa cronica, 
ma porgendomisi questa occasione ne o voluto scrivere a. V. S. per 
intentar meglior fortuna u. s. w. — Dass die Medici in die Falle ge- 
gangen wären, ist kaum anzunehmen ; für das Vorgehen des Fälschers 
ist aber die Geschichte gewiss charakteristisch. 

Am besten unterrichtet sind wir über die Negociationen, die Cecca- 
relli mit Alberico Cibo, Fürsten von Massa geführt hat und die 
sich durch einen Zeitraum von 7 — 8 Jahren hinzogen. Beim Prozesse 
hat der bezügliche Briefwechsel, allem Anscheine nach, eine sehr wich- 
tige Bolle gespielt, und da darin mehrfach die von Ceccarelli fabricirten 
Autoren ausdrücklich erwähnt sind, hat Allacci darüber so viel mit- 
getheilt, als er nur aus den Akten erfahren konnte. Wir befinden uns 
in noch glücklicherer Lage, da uns überdies der Cod. Ottob. 3053 zur 
Verfügung steht, den Allacci aus irgend eiuem Grunde nicht einsehen 
konnte. Dieser Sammelband enthält nämlich nicht blos Concepte von 
Ceccarelli's Briefen an Cibo, wogegen Allacci die wahrscheiulich von 
Cibo zur Verfügung gestellten Originalbriefe benutzt hat, sondern auch 
eine Anzahl von Briefen Cibo's von deren Inhalt Allacci nichts be- 
kannt ist. Ich glaube mir diesen Umstand so erklären zu sollen, dass 
aus den bei Ceccarelli saisirten Briefen Cibo's die für die Rechtssache 
wichtiger scheinenden ausgesucht und den Prozessakten beigelegt wor- 
den sind: diese Briefe kennt daher auch Allacci. Dagegen wurden 
die minder wichtigen zusammen mit den Briefconcepten Ceccarelli's und 
einigen anderen Schriften desselben in ein Convolut gebracht, das Allacci 
von Contelori, gleichgiltig aus welchem Grunde, nicht vorgelegt worden 
ist. Aus einem dieser Briefe Cibo's (Fol. 96) ersehen wir, wann der 
Verkehr zwischen beiden Männern anhob und was die erste Veran- 
lassung dazu gegeben hat. Vom 13. Juni 1574 ist dieser früheste 
Brief Cibo's datirt, in welchem er sich bei Ceccarelli wegen einer 
Stelle im Procopius anfragt, die angeblich von den Ahnen Cibo's han- 
deln solle. Zu dieser Zeit müssen also Ceccarelli's genealogische Ent- 
deckungen bereits Aufsehen erregt haben, da selbst ein so aufgeklärter 
Mann wie Cibo sich an ihn wendete. Auf Fol. 98 folgt das undatirte 
Concept eines Briefes Ceccarelli's, womit er dem Fürsten eine Schrift 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 205 

„Simulacro di casa Cibo" *) überreicht. Der Schreiber unterzeichnet 
sich hiebei bombastisch : Alfonsus Ciccarellus de Bevagua Filosofo ecc mo 
trovatore delle grandezze del mondo et tribuno delle Delitie dell' alma 
natura. Cibo war aber nicht so leichtgläubig wie Andere, und ant- 
wortete in einem Brief, den Allacci einsehen konnte, er habe keine 
Spur von den bei Ceccarelli citirten Autoren linden können, und auch 
der Cardinal Sirletti habe diesen Umstand für höchst bedenklich ge- 
funden. Scipio Ammirato, den er ebenfalls darum befragte, habe bei 
der Nennung der Autoren allein schon lachen müssen. Schliesslich 
forderte der Fürst Ceccarelli auf anzugeben, wo sich die von ihm ci- 
tirten Autoren aufbewahrt fänden ; bevor er dieselben nicht selbst zu 
Gesicht bekäme, vermöchte er Ceccarelli's Ausführungen keinen Glauben 
zu schenken. 

Ceccarelli erwiderte hierauf am 24. März 1576 (das Concept hie- 
zu auf f. 118) in einem ausführlichen Schreiben, das für die Kon- 
statirung der von ihm gefälschten Autoren von grosser Wichtigkeit 
ist und daher auch von Allacci ausführlich mitgetheilt wurde. Gegen 
Sirletti's Kaisonnement wendet er vor allem ein, dass man demzufolge 
auch den Plinius und den Plutarch und viele heilige Schriften des 
Alten Testaments als unecht verdammen müsste, weil die Autoren, aus 
denen dieselben schöpften, seither verloren gegangen sind. Gleich- 
wohl stünde es mit seinen Autoren und zwar mit dem Fanusius Cam- 
panus und dem Corellus 2 ) diesbezüglich sogar besser, als mit jenen 



') Im später noch zu erwähnenden Index der Schriften Ceccarelli's führt Allacci 
auch das Simulacro an; oh er die Schrift gesehen, lässt sich nicht entscheiden; 
heute scheint sie auf der Vaticana nicht vorhanden zu sein. Noch eine zweite 
Schrift, betitelt »dejubilaeo* hat Ceccarelli dem Fürsten bald, nachdem die Beziehun- 
gen zwischen ihnen begonnen hatten, übersandt, und zwar angeblich um dadurch 
ihre Drucklegung herbeizuführen. Der Fürst zeigte die Schritt mehreren in diesen 
Dingen erfahrenen Männern, und besonders dem Jesuiten Ramirez, der manches 
darüber zu bemerken hatte. Ceccarelli äusserte sich darauf zum Fürsten, er wolle 
dem Ramirez nichts erwidern, da er sich sonst in die Notwendigkeit versetzt 
sähe, wiederum einen ganzen Traktat zu schreiben; er könnte sich dessen uinso- 
mehr enthalten, als die Schrift in allem und jedem von der hl. Inquisition appro- 
birt worden sei. Auch habe ihm der Cardinal Sirleti nahegelegt, er möge das 
ihm gewidmete Exemplar das mit zierlichen Buchstaben geschrieben war, zum 
ewigen Gedächtnisse in der vatikanischen Bibliothek hinterlegen. — Allacci er- 
zählt die Geschichte an der Stelle, wo er in seinem Verzeichnisse von Ceccarelli's 
hinterlassenen Schriften den Traktat , de jubilaeo« erwähnt; geschöpft hat er sie 
aus einem Briefe Ceccarelli's an Cibo vom 20. Sept. 1575, wozu sich das Concept 
im Cod. Ottob. 3053 Fol. 108 erhalten hat. 

') Jacobus Corellus de Colonia, Historia de cardinalatu, ist ein von Ceccarelli 



206 B i e g 1. 

unbezweifelten Schriften, denn sie existirten noch in „Mundi Biblio- 
theca". Damit bewegte sich Ceccarelli allerdings in einem Cirkel, 
denn diese Mundi Bibliotheca, die er in einer Geschichte des Hauses 
von Santa Croce (siehe weiter unten) einem Henricus Barcellius de 
Agrigento zuschreibt, ist selbst nichts anderes gewesen, als eine Fälschung 
Ceccarelli's. In der Vertheidigung seiner Autoren fährt er aber fort: 
die gelehrtesten Männer von Rom hätten sich zu ihren Gunsten er- 
klärt. „Sed quod magis est, se certiorem esse redditum ab episcopo 
Lutevano in Gallia, in Diegi Mendozae bibliotheca et in bibliotheca 
D. Gulielmi a Choul in montibus Delfinatus Praefecti"' — risum teneatis 
amici , bemerkt dazu Allacci — „multos ex illis quos ipse allegat, 
reperiri'*. Von Aufbewahrungsorten seiner Autoren nennt er: für 
den Fanusius Campanus und den Corellus die Bibliothek des Giacomo 
Baoncampagni 1 ). Der Liber de notabilibus et memorabilibus mundi 
von Johannes Selinus befände sich in Archivio arcis capitolinae. Die 
übrigen angezweifelten Autoren verwahre er in eigenem Besitze. 

Seine erdichtete Geschichte des Hauses Cibo scheint Ceccarelli von 
Anbeginn mit gefälschten Urkunden gestützt zu haben. In einem un- 
datirten Briefconcept (f. 91) heisst es nämlich: de piü gli dico che io 
ho un libro antico dove sono molti privilegii de papi et de imperatori 2 ), 
libro notabilissimo et ce sono alcuni privilegii in favore di casa Cibo, 
et questo basti per hora. Zwischen den Zeilen hat er dann hinzu- 
gefügt: di Carlo magno et di Ottone impp. Ob er diesen Brief wirk- 
lich abgeschickt hat, ist mir zweifelhaft. Wahrscheinlich hat er, durch 
die Zweifelsucht des Fürsten angesichts des „Simulacro" bewogen, der 
Urkunde, mit der er den Fürsten zu beschwindeln gedachte, von vorn- 
herein einen vertrauenerweckenden Geleitbrief mitgeben wollen. Zu 
dem Zwecke fingirte er die Geschichte eines im Hause des Stadtcaplans 
zu Tosella bei Todi erfolgten Urkundenfundes 3 ), die einigermassen an 
ein ähnliches, in unserem Jahrhunderte vorgefallenes Geschehnis er- 
innert. Das Concept dieses Briefes (f. 92) ist datirt vom 5. Sept. 1578; 
Allacci gibt einen ausführlichen Auszug aus dem ihm vorgelegeneu 



oft citirter Autor aus seiuer eigenen Fabrik. Weitere von Ceccarelli gefälschte oder 
wenigstens von ihm erdichtete Autoren sind : Johannes de Virgilio, Timocrates 
Arsenius, Hermes trimegistos (de orbium proportione), Filarius Epidaurus, Pietro 
Baccarino (Chronik von Italien). 

•) Für diese Familie hat Ceccarelli nachweislich getälscht. 

-) Von diesem »liber privilegiorum* wird noch die Rede sein. 

s ) Vielleicht hat er die Auffindung in der That mit Einverständnis des Stadt- 
caplans in Szene gesetzt. 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 207 

Origiualbriefe, der zum 5. üecember 1578 datirt ist. Es heisst darin 
unter Anderem: 

Diebus elapsis l ) in oppido quodani Tuderti, Thoscella dicto, in Eusebii 
dicti oppidi Capellani aede in capsa antiqua niulti vetusti libri, contractus, scrip- 
turae et privilegia in charta pergamena reperta sunt: ipse a Francisco Ciotto 
Mevanate, mihi amicissimo, certior factus illuc me subito contuli et multa ibi 
comperi imperatorum et summorum pontificum privilegia 2 ), inter 
ea erat unum Ottonis primi Imperatoris Guidoni Cibo scriptum 
cuius tibi exemplar transmitto ; et aliud Honorii papae II. familiae Montimarti, 
quae nun Corbaria dicitur, in quo subscribitur : Ego Uldaricus Cibo Genuensis, 
presbyter cardinalis ss. Joannis et Pauli. Et haec omnia privilegia ab eodem 
Eusebio, cum ipsi maria et montes promisissem, extorta penes me habeo et licet 
mihi magna nonnulli pollicerentur, non ea tarnen a me sibi impetrarunt. Si 
quid ex his tuo usui esse poterit, tantum mihi indicato. 

Nun glaubte sich Ceccarelli genügend gesichert, um das Privileg 
selbst dem Fürsten überreichen zu können. Die Antwort des Fürsten 
auf das Geschenk mag dem geldbedürftigen Fälscher zu lange ausge- 
blieben sein, deun um Weihnachten desselben Jahres hat er einen 
Brief an Cibo concipirt, der auf f. 123 vorliegt und die Befürchtung 
ausdrückt, dem Fürsten könnten Bedenken gegen die Echtheit des 
Diploms aufgestiegen sein: gli dico che non dubiti che non sia antico 
quel privilegio, perche e stato trovato fra molti altri che ho et da 
molti sono stati pigliati per degna memoria della loro nobiltä, et solo 
vostro e col sigillo il quäle ha avuto il S r . Fulvio Orsino. Zum 
Schlüsse sagt er mit gewohnter Ungenirtheit : Et poiche e il natale, 
colla risposta aspetto la mancia. In der That hatte der Fürst in- 
zwischen bei Sachverständigen Umfrage gehalten, ob der Echtheit der 
Urkunde zu trauen sei. Ein Bischof Anatolius erklärte es für viel 
jünger, als die Zeit, aus der es stammen sollte. Noch eine ganze Keine 
anderer gravirender Einwürfe — ad fastidium usque scribentis, sagt 
Allacci — machte Cibo in seiner Antwort Ceccarelli gegenüber geltend, 
und hierauf erfolgte ein ausführliches Vertheidigungsschreiben des 
Fälschers, das uns gleichfalls doppelt, im Original bei Allacci und im 
Cod. Ottob. 3053 f. 93 erhalten ist. Das frische nichtalterthümliche 
Aussehen der Urkunden — offenbar einer der Gründe für Anatolius' 
Diagnose — erklärt er durch die sorgfältige Art der Aufbewahrung; 
es wäre nichts Verwunderliches dabei: cum in sacri palatii bibliotheca 
scripturae et libri alii manuscripti repositi sint ante nongentos et mille 



J ) Im Concept heisst es: nel principio del mese passato, mehrmals um- 
gebessert. 

-) Im Concept nennt er 12. 



208 R i e g 1. 

annos descripti qui nunc temporis exarati videntur. Dass die Cibo'schen 
Privilegien gerade in Todi gefunden seien, brauche auch nicht zu ver- 
wundern; ursprünglich wären sie im Archiv von Orvieto aufbewahrt 
gewesen und erst nach Niederbrennung dieser letzteren Stadt nach 
Todi gerettet worden. Auch die Privilegien vieler anderer Familien, 
z. B. der Rangona, wären auf diese Weise nach Todi gekommen. 
Uebrigens habe sich daselbst auch Bonifaz IX. aus dem Hause der 
Cibo zeitweilig aufgehalten. In Rom habe man die Privilegien unbe- 
denklich für alt gehalten, die Ottoni von Matelica hätten eine darunter 
befindliche Bulle, die von der Schenkung von Matelica handelt, sogar 
in ihrem Rechtsstreite vor Gericht vorgelegt; für eine Copie dieser 
Bulle hätten ihm die Ottoni *) 25 Golddukaten gezahlt 2 ). Es möge da- 
her auch Cibo das ihm von Ceccarelli übersandte Privileg mit nota- 
rieller Beglaubigung versehen lassen und im Familienarchiv seines 
Hauses reponiren. ,,Annon jam tenes subdolas Ciccarelli technas? ruft 
er pathetisch aus. 

Der Fürst war aber weder von der Echtheit der Urkunden, noch 
von derjenigen der im Simulacro genannten Autoren zu überzeugen; 
auch nicht durch einen eigenen Geschichtsschreiber Namens Filippo 
Scaglia, den Ceccarelli nachträglich für ihn gefälscht zu haben scheint: 
wenigstens nennt Ceccarelli denselben in der Einleitung zu seiner 
Historia di casa Monaldesca, die im J. 1580 in Druck erschienen ist, 
als im Archiv des Alberico Cibo befindlich. Wann der endgiltige Bruch 
eingetreten ist, bleibt ungewiss. Ein Briefconcept Ceccarellis vom 
4. März 1581 oder 1580 3 ), (f. 105) lässt noch ein leidliches Verhält- 
nis erkennen. Da aber vom Fürsten schlechterdings nichts heraus- 
zuschlagen war 4 ), entschloss sich der Fälscher endlich zu einem Ab- 
sagebriefe an denselben. Zwei Concepte liegen hiefür vor. Das erste 
(f. 111) ist in sehr scharfen Ausdrücken abgefasst, die das herbe Maass 
der Enttäuschung des Fälschers deutlich erkennen lassen: er droht 
dem Fürsten für dessen rinocerotica opinione mit nichts Geringerem 



') Denen allerdings die Bulle von grösstem Werthe war, da sie eben damals 
die Herrschaft über Matelica einbüssten. 

2 ) Eine Entlohnung von 50 Ducaten führt mit Berufung auf Actenstücke 
Acquacotta in den Mem. di Matelica p. 55 an. 

3 ) Die ohnehin schwer leserliche Schrift ist durch das zum Schutze über- 
geklebte Papier — wie es auf der Vaticana bei brüchig gewordenen Handschriften 
Brauch ist — nahezu unleserlich geworden. 

4 ) »E Ciccarelli nugamentis antiquissimain suam stirpem inquinari magis 
quam illustrari* äusserte sich der Fürst schliesslich in einem Briefe, wie Allacci 
mittheilt. 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von .Kaiserurkunden. 209 

als mit der gänzlichen Todtschweigung seines Hauses. Doch besann 
er sich später eines Besseren — wusste man doch nicht, wozu es gut 
sein konnte — und entwarf ein zweites Concept (f. 120), das in mas- 
sigeren Ausdrücken abgefasst war. 

Der Handel mit Cibo schloss also für Ceccarelli mit einem ent- 
schiedenen Verlustsaldo: ho fatto molte fatiche e da nessuno sono 
stato rimunerato et d' ogni cosa ho visto il contrario, sagt er in seinem 
Eesume über das Jahr 1580, und mag dabei ganz besonders die an 
Cibo's Ahnenglorifizirung verschwendete Liebesmühe im Auge gehabt 
haben. Ausser Cibo weiss Allacci — wohl auf Grund der bei Cecca- 
relli vorgefundenen Briefe — nur noch Einen zu nennen, der dem 
Fälscher durch seine Neugierde hinsichtlich der Autoren unbequem 
geworden ist. Es war dies der damalige Bischof von Novara, der 
einen von Ceccarelli gefälschten Katalog der Bischöfe von Novara be- 
sass und in den mailändischen Bibliotheken keine Spur von den in 
jenem Kataloge citirten Autoren finden konnte. Ceccarelli zieht zu- 
erst die Antwort hinaus, äussert sich dann ausweichend und wider- 
spruchsvoll, sagt bald, er hätte den Autor in eigener Verwahrung, bald 
er würde ihn nur gegen Deponirung einer Geldsumme zu Händen be- 
kommen, bald wollten ihn die Fürsten, denen er ihn geliehen, nicht 
mehr herausgeben ; endlich beruft er sich auch auf unbestimmte Aus- 
sagen Anderer. 

Weit zahlreicher aber waren diejenigen unter Ceccarelli's Kund- 
schaften, die seine Machwerke in Treu und Glauben als echt entgegen- 
nahmen und den vermeintlich kundigen Vermittler belohnten. 

Inwieferne dies seitens der Familie Santa Croce der Fall war, 
lässt sich zwar nicht mit Bestimmtheit sagen. In einer Handschrift der 
Barberina (XXXII. Q2) findet sich an eine echte Selbstbiographie des Cardi- 
nais Prosper von Santa Croce angefügt : Alphonsi Ciccarelli de origine anti- 
quitate nobilitate illustrissimae domus Sanctacruciae. Beides hat G. B. 
Adriaui edirt in den Miscell. di storia italiana, Torino 1868 Vol. V, 465 
bis 476. Die Vorfahren der Familie lässt Ceccarelli unter dem Namen „Des- 
creutetii" (Des Creutes =Kreuz = Crux) aus Deutschland eingewandert sein. 
Weiters weiss er eine Menge Namen des 9. und 10. Jahrh. zu nennen, 
und citirt hiefür als Gewährsmänner den Fanusius Campanus, Johannes 
de Virgilio, Jacobus Corellus, Heinricus Barcellius und sogar einen 
Hermes Trimegistos. Zum Schlüsse sagt er: accipe cardinalis amplissime 
geniales honores et tuae illustrissimae domus honores, quae mihi 
hucusque nota sunt. Dies lässt darauf schliessen, dass Ceccarelli 
bereit war noch weitere Nachrichten zu finden. Der Cardinal scheint 

Mittrheilungon XV. 14 



210 Riegl. 

aber keinen Werth darauf gelegt zu haben, denn wir begegnen keinem 
Diplom das für die Santa Croce gefälscht wäre. Erwägt man näm- 
lich, dass Ceccarelli für alle die leichtgläubigeren Adeligen, deren eine 
ganze Anzahl wir schon aus seinen Memoiren (S. 201 f.) kennen, 
zugleich Diplome gefälscht hat, so drängt sich der Schluss auf, dass 
er bei den Santa Croce mit seinen Anerbietungen keinen Erfolg ge- 
habt hat. In der Liste von Cardinälen dieses Hauses nennt er u. a. 
einen Alexander Santacrucius romanus, lebend zur Zeit Heinrich's I. ; 
vielleicht hat er ihn einmal in einem gefälschten Diplom dieses Königs 
als Zeugen verwendet. 

Sehr reiche Früchte trug dem Fälscher seine Thätigkeit für die 
Familie der Conti. Im J. 1579/80 erhielt er nach den Memoiren 
von dem Abt von S. Gregorio in mehreren Raten zusammen 80 Scudi. 
Es war dies das Honorar für eine von Ceccarelli verfasste Historia 
della nobilissima et antica casa Conti Romana, die uns im Codex Ottob. 
2611 erhalten ist 1 ). Ceccarelli hat hier zwei falsche Urkunden auf- 
genommen: eine Ludwig's II. für sieben Söhne des Faustus de Coini- 
tibus (Rom 871 Juni 28) und eine Friedrich's II. für Benedikt Conti 
(Monte Malo 1220 November 24), deren Originale sich nach seiner 
Angabe bei dem Abte Hieronymus Conti von S. Gregorio befanden. 
Doch will ich gleich hier bemerken, dass sich für die Conti noch drei 
andere Urkunden in hinterlassenen Schriften Ceccarelli's vorgefunden 
haben, und zwar Otto's I. für Johann und Ludwig Conti (Viterbo 902 
November 10), Friedrichs I. für Alexander Conti (Mailand 1162 April 10) 
und Heinrich's VI. für Petrus, Ubertus und Guido Conti, (Bari 1196 
September 20). Offenbar erschien der Abt von S. Gregorio dem Fäl- 
scher als so geeignetes Ausbeutungsobjekt, dass er ihm nach Abliefe- 
rung der ,, Historia" seines Hauses noch drei weitere Urkunden ange- 
hängt hat. 

In demselben Jahre 1579/80 bekam Ceccarelli auch von dem Herrn 
Livio von Castell Lothieri 12 scudi per certa scrittura donatali. 
Diese „scrittura" liegt uns noch vor; es ist die Urkunde Otto's I. für 
Rainerius Lothieri (Viterbo 962 August 19). Von dieser Urkunde be- 
finden sich zwei Abschriften im Haus-, Hof- und Staatsarchiv zu Wien. 
Die eine ist eine gleichzeitige kalligraphische Ausfertigung eiues am 
20. December 1580 auf Verlangen des Herrn Attilius Lothieri ange- 
fertigten notariellen Transsumptes, welche Meiller 2 ) benützt hat, die 



') Für die Urkunden-Citate im Einzelnen verweise ich ein für allemal aut 
das am Schlüsse dieser Abhandlung befindliche Gesammtverzeichnis der von Cec- 
carelli gefälschten Diplome. '-') Oesterr. Notizbl. 11. 373. 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 2il 

zweite eine notariell beglaubigte Abschrift vom 9. Mai 1699. Fran- 
cesco Maria Lothieri bewarb sich nämlich im Jahre 1699 um die Be- 
stätigung dieser Urkunden und auf diese Weise kamen die Abschriften 
nach Wien. Die Bittschrift, welche damals eingereicht wurde, besagt, 
dass auch andere Herrscher das Privileg Otto 1. bestätigt hätten. Die 
Namen der Herrscher nennt die Bittschrift nicht. Im vierten Buche 
des Fanusius Campanus wird aber wirklich eine Urkunde Konrads II. 
für die Lothieri erwähnt und eine zweite Friedrichs I. für Sinolph 
Lothieri (Mailand 1162 März 23) befindet sich vollständig eingerückt 
in dem Cod. Ottob. 3053. In letzterer Urkunde werden neben der 
Urkunde Otto I. auch solche Otto IL, Otto III. und Heinrich IL er- 
wähnt uud wir müssen uns daher die Möglichkeit offen halten, dass 
diese Fälschungen von Ceccarelli auch wirklich ins Werk gesetzt 
wurden. 

Am 15. Februar 1580 bekam Ceccarelli von Bernardino Savelli 
25 scudi „con promissione di darmene piü assai delle altre volte", 
und wirklich erhielt er noch 12 scudi im März. Wofür er diese 
Summe bekommen, sagt Ceccarelli nicht. Aber es ist uns eine Ur- 
kunde Otto I. für Virginius Sabellus (Aachen 964, August 10, BO.Keg. 361) 
erhalten, die sich den Urkunden Otto I. für die Conti und Lothieri 
ganz zur Seite stellt. Die Urkunde, welche jetzt im Haus-, Hof- und 
Staatsarchiv zu Wien bewahrt wird, ist uns noch in der Gestalt er- 
halten, wie sie aus der Fabrik Ceccarelli's hervorgieng. Sie will als 
Original erscheinen und ist mit Ausnahme der scheinbar von anderer 
Hand herrührenden Kanzlerunterschrift mit rother Tinte auf grobem 
Pergament geschrieben. An der Plicatura hängen noch die aus rother 
Seide und Silberfäden geflochtenen Siegelschnüre. Ein Siegel aber fehlt 
jetzt. Diese Urkunde erwähnt Ceccarelli wirklich in seinem dreibän- 
digen Werke über den römischen Adel 1 ). Er beschreibt sie als ein 
privilegio di Ottone primo imperatore quäle e scritto a lettere rosse 
e si trova in mano dell ill 1110 Cardinale Savello. Aber für die Savelli 
fälschte er auch noch andere Urkunden : so eine Heinrich's VI. und 
und eine Friedrich'« IL (Rom 1221 Januar 18), welche er in dem- 
selben Werke erwähnt. Von letzterer Urkunde hat sich auch das 
Fabrikat Ceccarellis im Haus-, Hof- und Staatsarchiv zu Wien erhalten. 
Es ist mit gewöhnlicher Tinte unverkennbar von derselben Hand ge- 
schrieben wie das oben erwähnte Exemplar der Urkunde Otto's I; ein 
Siegel ist nicht mehr vorhanden. Die verlängerte Schrift beider Ur- 
kunden lässt auf Vorlagen von Urkunden Otto's IV. und Friedrich's II., 



') La serenissima nobilta dell 1 ahua citta di Koma, Cod. Vat. 4909—4911. 

14" 



212 Riegl. 

von denen Ceccarelli gewiss, wie wir noch sehen werden, einige ge- 
sehen haben muss, schliessen. Die Contextschrift dagegen ist rein ge- 
künstelt; es ist dies eine Fantasieschrift, die sich Ceccarelli selbst zu- 
recht gelegt und die nie bestanden hat. Im grossen und ganzen 
herrscht der maiuskle Charakter vor, darunter stark verschlungene 
Minuskelbuchstaben. Am ehesten lässt sie sich noch mit der unter 
Hadrian VI. an der römischen Curie aufgekommenen sogenannten scrit- 
tura Liegese vergleichen. 

In seinem obenerwähnten Werke über die römischen Adelsfamilien 
erwähnt Ceccarelli ausser den bereits angeführten Urkunden auch die 
Otto's I. und Otto's IV. für die Carpegna, die Konrad's II. für Tancred 
Monaldo, Otto's I. für die Familie Ottoni (Ludwig und Peter de Ponte) 
und endlich die Karls des Grossen für die Markgrafen von Monte 
S ta Maria. Er selbst bemerkt einmal x ) : Tutti questi privileggi stanno 
in mano delli sopradetti et io gli ho visti in mano loro con sigilli et 
autentichi in ogni modo. 

Otto I. für die Carpegna lehnt "sich ganz an die schon ange- 
führten Urkunden desselben Herrschers für die Conti, Lothieri und 
Savelli an. Clementini, welcher das Archiv der Carpegna zu Scavolino (an 
der Marechia) benützen konnte, geht auf das Fabricat Ceccarellis selbst 
zurück. Uns liegt sie in einem Transsumpt vom Jahre 1692 vor, in 
dem sich auch die bisher nur im Extrakt bekannte Urkunde Otto's IV. 
befindet (im Haus-, Hof- und Staatsarchiv zu Wien). Der Transsumpt 
beschreibt die Urkunde Otto's I. folgender Massen : in prisca membrana 
et integra pergamena seu membrana descripti ac aureo sigillo cordulis 
sericis ac rubris decore muniti dependentis. Diese Abschrift scheint 
erst 1749 nach Wien gekommen zu sein, als es sich um die Erbnach- 
folge in den Besitzungen der Carpegna handelte und es ist damals in 
den Akten vermerkt, dass nur jene zwei Kaiserurkunden für die Car- 
pegna existirten. Trotzdem muss aber eine dritte vorhanden gewesen 
sein und zwar eine Heinrich's II; denn Ceccarelli führt einmal einen 
Namen aus der Zeugenreihe derselben an. Eine Urkunde Otto I. für 
das Geschlecht der wie die Carpegna zu ßimini gehörigen Grafen 
Guidi di Bagno erwähnt Clementini mit wenigen Worten, die aber 
genügen, um auch hier mit ziemlicher Sicherheit eine Fälschung Cec- 
carelli's zu erkennen. 

Ausgebreiteter scheint seine Thätigkeit für die Monaldeschi 
gewesen zu sein. In seinem Nachlasse befand sich eine Geschichte 
von Orvieto, in welcher er die Monaldeschi oft zu erwähnen hatte. 



') La serenissima nobilta dell' alma cittä di Roma, Cod. Vat. 4M08 S. 29fi. 



Alfoiiso Ceecarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 21o 

Auch eine Geschichte dieses Hauses hat er verfasst l ) , doch finden 
wir in seinem Tagebuche nicht verzeichnet, was er dafür bekommen. 
Dieses Werk enthält zwei Urkunden: Die eine Friedriche II. (Böhmer- 
Ficker Reg. 450) ist echt, aber die zweite Otto's IL für Ludwig Mo- 
naldeschi (Stumpf Reg. 463) eine Fälschung, welche auch im Fanusius 
Campanus erwähnt wird. Doch schon bei der Geschichte des Hauses 
Conti haben wir gesehen, dass er noch nachträglich Urkunden für 
dieses Haus gefälscht hat, die in der „Geschichte" natürlich noch 
nicht enthalten sein konnten. Ebenso lassen sich auch für die Monal- 
deschi noch andere Urkunden ausser den genannten nachweisen: so 
eine Otto's III (Stumpf Reg. 1170 a ) und die bereits erwähnte Kon- 
rad's IL, die Gamurrini als Muster zur Kennzeichnung der andern 
Fälschungen Ceccarelli's abgedruckt hat. 

Ceecarelli hat aber auch an manche Adelige angebliche Privilegien 
ausgehändigt, die gar nicht für das Haus derselben ausgestellt waren. 
So erfahren wir aus Gamurrini, dass er das Privileg Konrads II. für 
die Monaldeschi für die Genealogie der Ubertini (Grafen von Chatig- 
nano) verwerthete und da genügte es in die Zeugenreihe einen Albertus 
Ubertinus comes Florentii pincerna hineinzubringen. Das Privileg 
scheint sich auch wirklich im Besitze der Ubertini befunden zu 
haben. Sicher können wir ein solches Verfahren des Fälschers gegen- 
über den Orsini nachweisen. Fälschungen Ceccarelli's für diese Fa- 
milie seheinen nicht vorhanden zu sein. Aber er erwähnt selbst ein 
privilegio di Federico primo imperatore fatto a casa Malatesta d' Ari- 
mini il quäle si trova in mano dell' ill mo Arrigo Orsino marchese di 
Stimigliana; fra gli altri testimoni ce si legge questo di casa Orsino, 
il quäle era marescalco dell' imperio : Julius Ursinus marescalcus imperii 
nel fine di detto privileggio che questo fü 1' anno della salute 1186. 
Eine Urkunde Otto's III. für die Malatesta wird im Fanusius Cam- 
panus erwähnt; ob Ceecarelli diese Fälschung wirklich ins Werk ge- 
setzt hat, bleibt freilich unentschieden. Wahrscheinlich konnte er die 
beiden Fälschungen bei dem Hause, für welches sie bestimmt waren 
nicht anbringen und desshalb hat er wenigstens die eine bei den Or- 
sini, für welche sie ja auch einen Werth hatte, verwerthet. Daraus 
erklärt sich auch, dass Clementini, der Lokalgeschichtsschreiber von 
Rimini, von diesen Urkunden keine Kenntnis hatte. 

Fünf Urkunden fälschte Ceecarelli endlich für die Markgrafen 
von S ta Maria del Monte. An der Spitze steht die Karls des 
Grossen für Arimbert, priueeps der Baronie Burbonia (Böhmer-Mühl- 



') Dell' historia di Casa Monaldesca, Ascoli 1580. 



214 Riegl. 

bacher Keg. 371); es folgt die Ludwig's II. für den Markgrafen Karl 
von Thuscien, die sich mit der Fälschung Ludwig's IL für die Conti 
nahe berührt , die Berengars IL für Uguccio de Colle von 917, 
Friedrichs I. für Uguccio de Colle, Sohn des Philipp und endlich Hein- 
richs VII. für die Markgrafen Kigoue und Ghino von 1312 December 12; 
alle die Urkunden werden bei Fanusius erwähnt. Soldani, der die 
Echtheit dieser Urkunden vertheidigt x ), bemerkt, dass die Originale 
derselben nach dem Tode des Markgrafen Cerbone an die Herrn 
Del Nero gekommen seien; er selbst war auf Copien angewiesen. Alle 
diese Urkunden wurden im Jahre 1699 von Leopold I. bestätigt 2 ). 

Dies sind die Namen der vornehmsten Familien, für welche Cec- 
carelli in besonders intensiver Weise als Urkundenfälscher thätig war. 
Natürlich ist damit die Zahl seiner Kundschaften überhaupt weitaus 
nicht erschöpft; aus der am Schlüsse dieser Abhandlung beigefügten 
Gesammtliste der von Ceccarelli gefälschten Diplome — soweit wir 
sie bis jetzt zu übersehen vermögen — ergibt sich noch eine reiche 
Anzahl weiterer Namen. Insbesonders für Bologneser Familien muss 
er sehr stark beschäftigt gewesen sein, da er denselben ein besonderes 
Buch gewidmet hat, wie wir an der Hand Allacci's noch erfahren 
werden. 

Den Aulass zur endlichen Verhaftung Ceccarelli's bot, wie schon 
erwähnt wurde, eine von ihm begangene Fälschimg von Besitzurkunden. 
Freilich wurden daun sofort auch seine genealogischen Fälschungen 
in die gerichtliche Untersuchung einbezogen, da er durch dieselben 
allein schon der professionsmässigen Urkundenfälschung überwiesen 
erschien. Ceccarelli hat sich im Laufe des Prozesses zu theilweisen 
Geständnissen herbeigelassen, nicht ohne das Eingestandene mit Ent- 
schuldigungsgründen zu beschönigen. Zu diesem Zwecke verfasste er 
eine Selbstvertheidigungsschrift, die Allacci Liber supplex nennt, 
und in die ihm von Contelori Einblick gewährt wurde. Die Einge- 
ständnisse selbst waren in den Verhörsprotokollen enthalten, auf die 
sich Ceccarelli im Liber supplex beruft: in actis pleraque continentur 
quae ipse confessus sum. Ob Allacci diese Protokolle selbst eingesehen 
hat ist zweifelhaft; ich konnte sie ebensowenig wie den Liber supplex 
selbst auf der Vaticana zu Stande bringen. Die Eingeständnisse sind 
im Liber supplex mit einer einzigen das Theodosianum 3 ) betreffenden 



') Soldani a. a. 0. 72. 

2 ) Soldani a. a. 0. 105 Anm. 

3 ) Diese Fälschung will Ceccarelli nur im Interesse der Wahrheit begangen 
haben. 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 215 

Ausnahme von der schon auf S. 198 die Rede gewesen ist, bloss in 
allgemeinen Ausdrücken gehalten. So gestand er ein, Privilegien 
längstverstorbener Kaiser gefälscht zu haben; mit Eücksicht auf die 
Wichtigkeit dieses Eingeständnisses bringe ich dasselbe hier vollständig 
zum Abdruck. 

Allacci S. 281: 

Confessus praeterea sum nonnulla meiinperatoruin demortuoruni 
privilegia composuisse: id vero molitus sum ad decorem familiarum, 
namque cum inter legendum reperissem praedictas familias multis a dictis im- 
peratoribus gratiis fuisse cohonestatas , ea ad aliorum exemplar con- 
scripsi, quemadmodum multi alii historici fecerunt, quippe familiis nobilibus 
atque iUustribus pertractantes multa composuerunt privilegia: qualis est Fran- 
ciscus Rosieres in stenimatibus Lotharingie, Wolfgangus Lazius in Lib. de trans- 
migratione gentium, Franciscus Sansovinus in suis Historiis, Scipio Ammiratus, 
Lucas Contilis, et alii scriptores et historici, ideoque neque ipse reprehensionem 
mereor, neque notam falsitatis subeo, quoniam non id peregi contra veritatem, 
sed pro veritate in favorem nobilium et illustrium familiarum neque in praeju- 
dicium imperii. 

An anderer Stelle (S. 283) gesteht er die Fälschung von Trans- 
sumpten ein. 

Confessus sum nonnullas genealogias ad modum transsump- 
torum confecisse: eas ex autorum approbatorum libris aliisque scripturis 
erui ; idque ideo feci, quod in aliis etiam me vidisse recordor, mente non mala; sta- 
bilire enim fulcireque veritatem cum veritate non est alienum a iure, quoniam non 
fit contra veritatem neque in praejudicium alienum, sed in honorem familiarum 
illustrium. 

Endlich hat er die Fälschung der Geschichte vieler Adelsfamilien 
und italienischer Städte unumwunden zugegeben, leider ohne Nen- 
nimg von Namen im Einzelnen. 

Den im Liber supplex geltend gemachten Entschuldigungsgründen 
scheinen die Richter keine Giltigkeit zuerkannt zu haben, da sie den 
Fälscher dem Schaffet überantwortet haben. Ein urkundliches Datum 
hiefür ist aber nicht überliefert. Da sich von Ceccarelli's Thätigkeit 
über das Jahr 1581 keine sicheren Spuren mehr finden, und der Pro- 
zess nach Allacci's Mittheilung in die Zeit Gregor' s XIII. gefallen ist, 
so mag die Hinrichtung in der That, wie einige spätere Autoren be- 
richten im J. 1583 stattgefunden haben l ). Auch über die Art des 
Todes war zu Allacci's Zeit nichts Bestimmtes mehr zu erfahren. Nach 
einer Version, für die sich Allacci auf Adriano Politi als Gewährsmann 
beruft, wurde er, nachdem ihm die Hand abgeschlagen worden, am 



') Dieses Jahr nennt Fumagalli Istit. dipl. IL 405 ausdrücklich als das Jahr 
der Hinrichtung; über die Todesart ist daselbst nichts gesagt; auch Soldani a. 
a. 0. 73 lässt im J. 1583 das Todesurtheil über Ceccarelli gefällt sein, woraus 
er sogar eine Stelle zu citiren weiss. 



216 R i e g 1. 

Pfahle erdrosselt und sodann verbrannt. Aber auch eine zweite Ver- 
sion, nach welcher der Fälscher enthauptet worden wäre, wird von 
Allacci erwähnt und als Gewährsmänner hiefür Jacobus Grimaldus, 
opusculura de sacrosancto Veronicae sudario et lancea, und Ughelli's 
Italia sacra l ) citirt. 

Da Allacci sich bei dieser seiner Arbeit zum Hauptzwecke gesetzt 
hatte, die Autorenfälschungen Ceccarelli's ihrem vollem Umfange nach 
festzustellen, hat er es sich zu diesem Behufe besonders angelegen sein 
lassen, ein möglichst vollständiges Verzeichnis der Ceccarelli'schen 
Schriften zusammenzubringen. Dasselbe liegt uns vor in drei Indices, die 
Allacci am Schlüsse seines Berichtes abgedruckt hat. Ich gebe im 
Nachstehenden den Inhalt dieser Indices, soweit mir derselbe bei der 
Durchsicht in Kom für den mir gestellten Zweck kopirenswerth er- 
schien. Alle daiin genannten Schriften, die mir in Rom zugänglich 
gewesen sind, wurden von mir eingesehen und das auf Urkunden be- 
zügliche Material hieraus excerpirt. Die darin vorgefundenen Citate, Ee- 
gesten, Abschriften einzelner Kaiser-Urkunden sind in dem am Schlüsse 
dieser Abhandlung beigefügten Gesammtverzeichnisse der dem Cecca- 
relli bisher nachgewiesenen Fälschungen von Kaiserurkunden auge- 
führt. In der Aufzählung der Schrifteu folge ich der Anordnung 
Allacci's, und füge zur besseren Orientierung laufende Nummern bei. 
Allacci's Bemerkungen gebe ich im lateinischen Text, um dieselben 
von meinen eigenen Zusätzen in einer jeden Zweifel ausschliessenden 
Weise zu trennen. 

Index primus scriptorum ipsius Ceccarelli, sive typis editoruin sive 
manuscriptorum ; adduntur etiam ea, quonim apud eundem Ciccarellum vel alios 
raentio aliqua extat. 

1. De Clitumno flumine celeberrimo, editum cum opusculo * de 
tuberibus 1 1564. — Das Exemplar auf der Bibl. Casanatensis (Alpkonso Cicca- 
rello a Maevania physico auctore) enthält keine Urkunden, wohl aber Citate aus 
einigen der von ihm gefälschten Autoren, wodurch bewiesen erscheint, dass die 
bezügliche Thätigkeit des Mannes bis in die Sechszigerjahre zurückreicht. Viel- 
leicht darf man auch die Vermuthung ableiten, dass Ceccarelli zuerst mit der 
Fälschung von Autoren, und erst später mit derjenigen von Urkunden be- 
gonnen hat. 

2. Dell' his toria di Casa Monaldesca, libri cinque. In Ascoli 
appresso Gioseppe degli Angeli 1580. Addidit dell" origine d' Orvieto (vgl. S. 212 f.). 
Diese Druckschrift scheint allein weitere Verbreitung gefunden zu haben, da sich 
ein Exemplar derselben auch auf der Wiener Universitätsbibliothek vorfindet. 

3. Relatum est mihi eundem typis edidisse Originem et historiam 
familiae Boncompagnae. Ipse eam nondum vidi. — Auch ich nicht; dass 

') A. a. 0. I, llb'O. 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälscliungen von Kaiserurkunden. 217 

der Fälscher iür die Boncompagni thätig war, ist schon durch seine Memoiren 
bezeugt. 

Et haec quidem ipsius edita sunt ; non edita vero : 

4. La serenissima nobilitä del Talma cittä di Roma, tomi tre. 
Conservantur in Bibliotheca Vaticana num. 4909, 4910, 4911. — Existiren daselbst 
noch unter den gleichen Nummern, und bilden nächst dem Fanusius Campanus 
die reichste Fundgrube für die Constatirung von Ceccarelli's Urkundenfälschungen. 

5. De historicorum ordine et collectione secundum tempora 
quibus floruerunt, seu Bibliotheca Historiarum. Sunt praecipue nomina auctorum 
classicorum, inter quos miscet auctores a se compositos. In eadem bibliotheca 
num. 5312. — Erhalten daselbst unter der gleichen Nummer. Enthält keine Ur- 
kunden im Einzelnen, aber in einer eingeschobenen Liste »Historici, chronicae 
et libri manuscripti qui sunt in mea bibliotheca* nennt er auf S. 24 a einen 
»Liber privilegiorum pontificum imperatorum et regum pertinentium ecclesiae 
cathol. Rom. et variis civitatibus. familiis et particularibus 1 , worüber noch weiter 
unten die Rede sein wird. 

6. Scala et ordine dell'historie d'Orvieto, in eadem biblioth. 
num. 5311. — Daselbst erhalten unter der gleichen Nummer. Handelt vornehm- 
lich von den Familien der Filippeschi und Monaldeschi. Zu dem Kapitel über 
einschlägige Kaiserdiplome, das ausdrücklich in Aussicht genommen war, ist er 
nicht mehr gekommen, da dem Fälscher zur Vollendung dieses Werkes nicht 
mehr Zeit gelassen wurde. 

7. Historia ecclesiastica ecclesiae Mediolanensis, in eadem 
biblioth. n° 5310. — Erhalten daselbst unter der gleichen Nummer; enthält einen 
Bischofskatalog mit kurzen historischen Notizen '). 

8. Variarum lectionum volumen, ex eiusdem autographo descrip- 
tum in eadem biblioth. num. 6215. — Diese Abschrift daselbst unter der gleichen 
Nummer erhalten, enthält nichts Urkundliches. 

9. De origine civitatis Tipherni tractatus, quem scripserat anno 
1573, mense Junii. Apud abbatem Ferdinandum Ughellum. In der That heisst 
es in Ughellis Italia sacra I. 1517: De origine civitatis Tipherni tractatum scripsit, 
mendaciis innumeris refertum, Alphonsus Ciccarellus, quod M. S. extat apud me« 
— Daher auch auf der Vaticana nicht vorfindlich. 

10. Geniturae diversorum plurimae, in unum iäscem redactae, 
in archivo Vaticano, quas antea in volumen redegerat Alphonsus ipse, in plerisque 
addito discursu sub hoc titulo : 

11. Nativitates seu geniturae plurium magno rum et illust- 
rium virorum, dominorum cardinalium etc. Apposuit suam, uxoris et filiorum, 
in vatic. num. 6156, quemadmodum et 

12. num. 6158 continentur eiusdem nativitates heroum mundi. - 
Von diesen von Allacci im engeren Zusammenhange aufgezählten Handschriften 
ist die erste (Nr. 10) unauffindbar. Im vatikanischen Archiv wurde mir die Aus- 
kunft, dass alles auf Ceccarelli's Prozess Bezügliche seinerzeit an die Bibliothek 
abgeliefert worden wäre ; auf dieser letzteren ist aber Nr. 10 nicht vorhanden. 
Aehnlich steht es mit Nr. 11, denn Cod. Vat. 6156 enthält bloss Pergament- 
handschriften des 13. und 14. Jahrh., was umso bedauerlicher ist, als die »Na- 



l ) Ist hierin der S. 209 erwähnte von Allacci hier nicht registrirte Katalog der 
Bischöfe von Novara enthalten ? 0. 



218 Riegl. 

tivitates« nähere Nachrichten über Ceccarelli's Familienverhältnisse enthalten zu 
haben scheinen. Dagegen ist Nr. 12 noch unter der gleichen Nummer auf der 
Vaticana vorhanden und enthält auf f. 115- 125 die auf S. 201 f. abgedruckten 
Memoiren. 

13. Scripturae variae et privilegia, ab eodem composita, ibid. 
num. 6253. — Diese Handschrift enthält nur einen alten Computus und astro- 
logische Bemerkungen Ceccarelli's; da auch Allacci diese letztern als dem ur- 
kundlichen Theile vorangehend verzeichnet hat, so gewinnt es den Anschein, 
dass die Scripturae et privilegia — für uns bedauerlicher Weise — seither los- 
getrennt und vernichtet worden sind. 

14. Historia di Casa Farnese, meminit ipse in historia Monaldesca l ). 

— Also von Allacci nicht gesehen, ebensowenig von mir. 

15. Simulacro della casa Cibo. — Mir unbekannt geblieben. 

Ego vero ipsius vidi, praeter ea quae diximus supra, conservari in bibliotheca 
Vaticana et Archivo : 

16. Yitam Gregorii Nazianzeni, ad Gregorium XIIL divisam in 
partes 4. — Mir unbekannt geblieben. 

17. De origine, benedictione etc. agnorumDei, Sirletti gewidmet, 

— habeturque in bibliothecis Altempiana, Aniciana et Gabrielis Naudaei. 

18. Historia della nobilissima e antica casa Conti Romana, 
erhalten im Cod. Ottob. 2611. vergl. S. 210. 

19. De Pisa Etruriae civitate eteius o r i g i n e. — Mir unbekannt 
geblieben. 

20. De familiis Bono ni ens ib us. Item: Accarambona, Alteria, Aqua- 
viva, Benvenuta, Benzonia, Boccamazza, Caesarina, de Centelles Hispana, Caesia, 
Cincia, Corbaria, Crescentia, Monte Martia, Mottina Genuensi, Mutia Passara 
Sabella. Sanctacrucia, Sumbura, Ubertina Florentiae. Discursus de his familiis a 
Ciccarelli inulto abhinc tempore vidit et examinavit acerrimi vir ingenii, Felix 
Contelorius archivo apostolico praefectus, et veluti ex apochryphorum auctorum 
pena depromptos, nulloque firmo nixos fundamento reiecerat et damnaverat. — 
Diese Schrift scheint wichtig, weil sich in der That für mehrere der oben ge- 
nannten Familien gefälschte Diplome nachweisen lassen, und daher auch auf die 
übrigen der gleiche Rückschluss verstattet ist. Mir ist dieselbe unbekannt ge- 
blieben. 

21. Quamplurimas item de variis familiis illustribus ipsius nota- 
tionis autographas in eodem archivo Vaticano conservatas et virorum in illis in- 
signium series, ex auctoribus potissimum ab eo confictis concinnatas, quibus ut 
ingenue fatear, vera etiam quae de ilhs familiis apud probatos auctores reperiun, 
tur, in controversiam vocat. — Mir unbekannt geblieben. 

22. Sumiuarium operis d e Regno catholico S. Romanae Ecclesiae- 

— in 7 Theilen, handelte zumeist von der Constantinischen Schenkung und ent- 
hielt im 6. Theil einen Abschnitt: de aliis donationibus factis ecclesiae et pon- 
titicibus ante et post donationem Constantini. — Mir unbekannt geblieben. 

23. Meminit etiam Ciccarellus quae tarnen ipse non vidi: de historia 
familiarum illustrium totius orbis. — Mir ebenso unbekannt geblieben 
wie Allacci. 



») Im Index der angeblich von ihm benützten Autoren nennt Ceccarelli da- 
selbst in der That eine »Historia di casa Farnese di Alfonso Ceccarelli«. 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 219 

24. De jubilaeo. — Ueber diese Schrift vgl. das auf S. 205 Anm. 1 Ge- 
sagte. Mir ist dieselbe unbekannt geblieben. 

25. Syntagmata etiam de Etruria meditabatur. — Näheres weiss Allacci 
ebensowenig wie ich zu sagen. 

Dann folgt Index secundus continens libros manuscriptos Ciccarelli quos 
ipse dicit conservari in sua bibliotheca. 

Eine lange Liste, welche hier abzudrucken .Raumverschwendung 
wäre. Uns interessirt daraus nächst dem famosen Fanusius Campanus 
bloss der Liber privilegiorum pontificum imperatorum et 
reg um pertinentium ecclesiae romanae variis civitatibus familiis et 
particularibus, den wir schon in Index I. n° 5 citirt fanden. Wenn 
dieses Buch sich erhalten hätte, wäre es für uns natürlich von grösster 
Wichtigkeit. Auf dem Vatikan war es aber nicht zu finden, und es 
muss sogar angenommen werden, dass es auch Allacci nicht zu Gesicht 
bekommen hat, da laut Ueberschrift im Index II. nur solche Schriften 
Platz fanden, die sich nach Aussage Ceccarelli' s in seiner Bib- 
liothek befanden. Es ist daher nicht einmal zu entscheiden, ob Cecca- 
relli sich in der That ein solches Urkundenbuch angelegt oder das- 
selbe bloss fingirt und zu besitzen vorgegeben hat x ). 

Der Fanusius Campanus ist jener Autor, den Ceccarelli zur 
Beglaubigung der von ihm erdichteten genealogischen Geschichten in 
der Regel als Hauptquelle citirt hat. Gelebt haben soll er um das 
Jahr 1443. Das Exemplar, das gemäss Index IL Ceccarelli im eigenen 
Besitze behalten hat, ist auf die vatikanische Bibliothek gekommen; 
es ist dies der Cod. Vat. 8251, dessen erste 88 Folien die fünf Bücher 
des Fanusius enthalten. Die Schrift ist eine absichtlich entstellte und 
scheinbar verblasste, offenbar um den Schein der Alterthümlichkeit zu 
erwecken 2 ). Da man auf der vatikanischen Bibliothek diesen Fanusius 
ebenso wie alle anderen Manuskripte, deren Blätter von der Tinte an- 

') Diesen Liber privilegiorum meint wohl Ceccarelli, wo er in einem Brief- 
concept an Cibo (S. 206) von einem Libro antico spricht ; das Buch sollte also 
ähnlich wie der Fanusius Campanus als aus früheren Zeiten stammend, gelten. 

-) Dieses Fanusius- Exemplar scheint Allacci im Auge gehabt zu haben bei 
der Beschreibung die er in dem 1. Theile seines Buches, der dem auf Ceccarelli 
bezüglichen Theile vorausgeht, auf S. Ü0 — 92 von einem Autographurn des Cecca- 
relli gibt. Allacci, der sich in jenen erstem Theile vielfach über paläographische 
und diplomatische Dinge : Buchstabenformen, Schreibstoffe, Siegel u. dgl. ver- 
breitet, berichtet a. a. 0. auch über eine Unterredung die er einmal mit Flora- 
vante Martinelli gehabt haben soll. Letzterer setzte ihm hiebei des Weiteren 
auseinander, wie arg es damals die Fälscher in der Nachmachung von Schriftzügen 
trieben, und zum Beweise dessen wird eben ein Manuscript von CeccarelH's Hand 
mit folgenden Worten beschi-ieben : Liber is, ut videtur, atramento jam 
evanescente et marcescentibns ac in extremo juncturis etiam quibus colli- 
gantur, laceris paginis, quod eadem fraude factum est, satis antiquus. Literarum 



220 R i e g 1. 

gegriffen erscheinen mit durchsichtigem Papier überklebt hat, so ist 
das Lesen desselben dermalen zum Theil ausserordentlich erschwert; 
es ist daher leicht möglich, dass mir bei meiner Durchsicht der 88 Folien 
manche auf Urkundliches bezügliche Stelle entgangen ist und daher in das 
Gesammtverzeichniss der Ceccarelli'schen Kaiserdiplomfälschuugen am 
Schlüsse dieser Abhandlung nicht aufgenommen werden konnte. In 
den Büchern I. IL und V. scheinen überhaupt keine Kaiserurkunden 
erwähnt zu sein. Dagegen konnte ich zahlreiche bezügliche Erwäh- 
nungen in den Büchern III. und IV. registriren; es sind durchwegs 
nur einfache Citate von Kaiser und Empfänger, aber keine einzige 
Urkunde in extenso wiedergegeben, sondern mit Bezug auf den Wort- 
laut auf den oben erwähnten Liber und das (sofort zu erwähnende) 
Compendium privilegiorum verwiesen. 

Ausser dem aus Ceccarelli's Eigenbesitz in die Vaticana gelangten 
Exemplar des Fanusius scheinen vom Fälscher noch mehrere andere 
in Umlauf gesetzt worden zu sein. Sicher befand sich ein Exemplar 
im Besitze der Boncompagni: es wird uns dies von Ceccarelli selbst 
an nicht weniger als drei Stellen gesagt L ). 

Ein anderer Codex des Fanusius befand sich im Besitze von Petrus 
Ciacconius, der ihn angeblich von Ceccarelli selbst erhalten hatte und 
dem Sansovino zur Benützung weiter gab. Nach diesem ebenfalls 
mit gekünstelten Buchstaben geschriebenen Codex sollte der Fanusius 
am Anf. des 17. Jahrh. gedruckt werden, wie wir aus einem Briefe 
des Marcus Welser an Pignoria von 1606 erfahren; doch ist es dazu 
nicht gekommen 2 ). Im J. 1609 befand sich derselbe Codex nach einem 
Briefe des Lorenzo Pignoria bei Alessandro Tassoni in Modena. Auf 
der Ambrosiana hat Fumagalli 3 ) ein Exemplar gekannt, und das gleiche 



t'ormae variae nee ab eodem calarno nisi introspiciantur, legentiuui oculis obji- 
ciuntur ; plures in eo exscribendo operam impendisse, ipso primo aspectu dices : 
ast ubi censoria virgula oculum fixeris, fraus in propatulo fit. Und nachdem er 
noch berichtet, von welchem Erfolge die mannigfaltigen Fälschungen Ceccarelli's 
begleitet waren, sagt er: et dum illius auctoris ut supra diximus volumina tarn- 
quam oracula apud vulgum lectitantur, divina Providentia factum est, ut auto- 
graphum hoc tandem aliquando in bibliothecam Vaticanam conservandum de- 
portaretur. 

«) Im Briefe an Cibo vom 24. März 1576 (vgl. S. 205) : in bibliotheca Bon- 
compagni ; in der Einleitung zur Historia della casa Monaldesca : nella libreria 
e archivio dell' ecc. signor Giacomo Boncompagno Generale di S. Chiesa ; endlich 
nach einer Aussage des Ceccarelli bei Allacci im Index : in bibliotheca Jacobi 
Boncompagni, Sorani JDucis. 

2 ) So bemerkte Fanta aus mir unbekannter Quelle. 

3 ) Istituzioni diplom. II. 406 ; auch die Schrift dieses Codex war auf den 
Schein der Alterthümlichkeit berechnet. 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 221 

bestätigt Soldani *), der ausser diesem und dem bei den ßoncampagni 
verwahrt gewesenen, noch ein weiteres Exemplar im Besitze der Mark- 
grafen Del Monte (wie die Boncampagni eine ehemalige Kundschaft 
Ceccarellis) erwähnt 2 ). Und letzteres wird nach Gamurrini 3 ) wiederum 
bestätigt von Giovanni de Barbiano, Istoria di alcune famiglie illustri 
d' Italia, der daraus eine Stelle citirt hat. 

Index tertius continens catalogum scriptorum quos Ciccarellus 
suis in operibus ad corroboranda quae dixit adducit, non quidem om- 
nium, sed eorum qui numquam fuerunt, vel quorum potissimum opera 
jam non extant, vel suspectam esse fidem in operibus quae laudantur 
existimant viri probi. Hier erscheint u. a. verzeichnet ein Compen- 
dium privilegiorum ducum principum comitum et mar- 
chionum Italia e. Dasselbe ist mit dem früher erwähnten Liber 
privilegiorum nicht zu verwechseln. 

Befand sich dieser angeblich im Besitz Ceccarelli's selber, so jenes 
in der vat. Bibliothek. Bei Fanusius Campanus, wo das Compendium 
öfter citirt wird, heisst es (III. 5) bei Erwähnung eines Kaiserdiploms für 
die Monaldeschi: Otho secundus imp. concessit Privilegium . . . . ut 
continetur in compendio privilegiorum ducum principum comitum et 
marchionum Italiae quod est in bibliotheca Vaticana. Ferner 
heisst es ebenda am Anfange des 6. Capitels: Dominus Eleutherius 4 ) 
hinc inde in suis eferaeridibus facit mentionem de istis familiis privi- 
legiatis et allegat dictum compendium privilegiorum. 

Wie es mit der Existenz dieses Compendiums beschaffen war, ist 
ebensowenig auszumachen, wie es hinsichtlich des Liber privilegiorum 
möglich war. Allacci sagt davon : dicunt asservari in bibliotheca Yati- 
cana. Gesehen hat er also das Compendium nicht; es fragt sich nun, 
ob er das Gerücht von seiner Existenz in der Vaticana von Zeitgenossen, 
etwa von Beamten der vatikanischen Bibliothek oder anderweitigen 
damit vertrauten Personen gehört hat. oder ob er es auf Grund von 
Ceccarelli's eigenen obcitirten Angaben aus Fanusius mitgetheilt hat. 
Mir scheint letzteres das Wahrscheinlichere, und neige ich zur Ansicht, 
dass das Compendium gar nicht existirt hat und Ceccarelli bloss zur 
Beglaubigung seiner Erd ichtun gen auf eine angeblich im Vatikau ver- 



i) A. a, 0. 74. 
2) A. a. 0. (53. 
s ) A. a. 0. I. IGO. 

4 ) Eleutherius Mirabellius, Ephemerides totius Ytaliae, einer der fingirten 
oder gefälschten Autoren Ceccardllite. 



222 R i e g 1. 

wahrte Quelle hingewiesen hat. War dasselbe aber in der That vor- 
handen, dann muss es Ceccarelli auf irgend eine Weise x ) in die vati- 
canische Bibliothek eingeschmuggelt haben. 

Haben wir somit aus Allacci's Bericht, Ceccarelli's Memoiren, 
Briefen und gefälschten Autoren eine Fülle von Anhaltspunkten ge- 
wonnen, die uns zahlreiche auf unsere Tage überkommene Kaiser- 
diplome als unzweifelhafte Fälschungen Ceccarelli's erscheinen lassen, 
so sind wiederum aus diesen letzteren innere Kriterien zu gewinnen, 
mittels welcher sich selbst solche Urkunden, die wir mit Hilfe jener 
schriftlichen Nachrichten nicht mit aller Bestimmtheit mit dem ge- 
nannten Fälscher in Verbindung zu bringen vermögen, dennoch als 
Machwerke von seiner Hand erweisen lassen. Die diplomatische Un- 
tersuchung der von Ceccarelli gefälschten Kaiserurkunden hat Dr. Adolf 
Fanta ganz selbständig durchgeführt und auch das Ergebnis derselben 
endgiltig redigirt; ich kann daher nichts Besseres thun, als dasselbe 
im Nachstehenden wortwörtlich zum Abdruck bringen. 

„Ich will hier — sagt Fanta — vorerst die Urkunden Ottos I. 
besprechen und habe vorderhand nur die im Auge, welche bisher voll- 
ständig bekannt sind ; es sind das die Urkunden für Udalrich Carpegna, 
Kainer Lothieri, Ludwig und Peter de Ponte (Ottoni), Guido Cybo. 
Virginius Savelli und eine bisher ungedruckte für Johannes und Ludwig 
Conti. Alle diese Urkunden werden bei Ceccarelli erwähnt und dass 
sie aus dieser Fabrik hervorgegangen sind, zeigt wohl am besten der 
Umstand, dass sie bis auf kleine, unwesentliche Differenzen und den 
natürlich verschiedenen Namen der Personen und Besitzungen gleich- 
lautend sind. Selbst die Zeugenreihe ist überall dieselbe. Wir finden 
einen Egenulfus Magdeburgensis princeps, der nur in der Urkunde für 
die Savelli durch einen HildebertusMaguntinus archiepiscopus ersetzt wird, 
dann die Namen Guillelmus Misnie pall., Johannes alme Urbis prefectus, 
marchio Edegarus Uüom., wobei die wohl für pallatinus und Uuor- 
maciensis gebrauchten Abkürzungen, wenn man von einzelnen falschen 
Deutungen der Copisten absieht, überall wieder erscheinen; der comes 
Eucherius fehlt nur in der Urkunde für die Savelli und der Cesar 
Fliscus Lavanie comes et dapifer nur in den Urkunden für Lothieri 
und Cybo, während er in der Urkunde für die Conti durch Marcus 
Alterius Komanus dapifer ersetzt wird. Die Urkunde für die Savelli 
nennt im übrigen noch einige andere Zeugen. Kleine charakteristische 
Eigenthümlichkeiten des Dictats, so das oft erscheinende presens et 



8 ) Vielleicht durch jenen Üdoardo Ceccarelli (S. 203). 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunclen. 



223 



successura posteritas (statt presens etas et succ. post.), will ich, nach- 
dem die wörtliche Uebei-einstinimung constatiert ist, nicht weiter be- 
rühren, aber auf den Umstand möchte ich noch hinweisen, dass alle 
diese Urkunden mit Ausnahme der für die Savelli in der zweiten 
Hälfte des Jahres 962 in Viterbo ausgestellt sein sollen. Können wir 
nun annehmen, dass Ceccarelli zufällig eine Menge gleichlautender 
Urkundenfälschungen, die von andern herrühren, zu Gesicht bekommen 
habe? So weit die von ihm ei'wähnten Urkunden Otto I. erhalten 
sind, zeigen sie die unverkennbaren Merkmale einer gemeinsamen Ab- 
stammung und der Fälscher kann somit nur Ceccarelli sein. Nun aber 
finden sich auch zwei andere Urkunden die er nicht erwähnt, die aber 
zweifellos aus derselben Fabrik hervorgegangen sind: die Otto I. für 
die Gonzaga (Böhmer- Ottenthai Reg. 333), über welche wir, da ihre 
wörtliche Uebereinstimmuug mit den anderen Urkunden gleich auf- 
fällt, nichts weiter bemerken wollen, und das noch uugedruckte Frag- 
ment einer Urkunde für Johann Pepoli (BO. Reg. 338). Der knappe 
Auszug, deu Salvetti (siehe S. 195 Aum. 2) giebt, genügt hier, um 
mit Sicherheit eine Fälschung Ceccarelli's zu erkennen. 



BO. Reg. 338. 

Otho primus divina favente de- 
mentia imperator augustus generoso 
viro Johanni Pepulo Bononiensi. At- 
tendentes grata servitia ipsius 
damus et instituimus in rectum 
feudum et legale dominium pro 
se et pro suis heredibus in perpe- 
tuum castrum Britenoris cum Om- 
nibus curtis suis omnique di- 
strictu et lionore et decla- 
ramus illum comitem. 



BO. Reg. 325. 

. . . Otto primus divina favente de- 
mentia Romanorum imperator et sem- 
per augustus . . . considerantes quo- 
que idonea et grata servitia ip- 
sius . . . donamus et . . . concedimus 
in rectum et legale feudum 
sibi et suis successoribus cum omni 
eorum districtu et lionoribus 



vgl. BO. Reg. 335 
grata servitia considerantes 
norem declaramus et . . 



ho- 



lst aber die Urkunde Otto I. für Johanu Pepoli eine Fälschung 
Ceccarelli's, so muss dies auch von den mit ihr theilweise wörtlich 
übereinstimmenden Urkunden Otto's II. und Friedrich's I. (Stumpf 
Reg. G47 und 3857) für dasselbe Haus gelten, wie sich das übrigens 
auch daraus ergiebt dass diese beiden Urkunden grösstentheils wörtlich 
mit den auch sonst bekannten Fälschungen Ceccarelli's, die auf den 
Namen Otto's IL und Friedrich's I. lauten, übereinstimmen. 

Offenbar hat sich Ceccarelli mit Hilfe der Urkunden Ottos IV 
einen Schimmel aufgesetzt, welchen er für alle die Fälschungen, die er 
Otto I. beilegte, verwendete. Ebenso hatte er für alle auf den Namen 
Ottos II. lautenden Urkunden ein eigeues Formular, das zwar ein an- 



224 



R i e g 1. 



deres ist, als das für Otto I., aber doch vielfach daran anklingt und 
ganze Sätze desselben wiederholt. Dasselbe gilt von den Urkunden 
Friedrichs I. Die Fälschungen Ceccarelli's sind deshalb immer leicht 
zu erkennen. In diesen Formularen herrscht im wesentlichen der 
Kanzleistil der spätstaufischen Periode, speciell der Ottos IV., vor. Bei 
dem für die Urkunden Ottos I. verwendeten Schimmel können wir 
sogar mit ziemlicher Bestimmtheit die Quelle nachweisen. Abgesehen 
davon, dass die im übrigen ganz frei erfundene Zeugenreihe vielfach 
an die Urkunden Ottos IV. anklingt, stimmt auch das ganze Protocoll 
und Eschatocoll mit dem der Urkunden dieses Herrschers überein. Von 
einer eingehenden Vergleichung der Urkunden Ottos I. mit denen 
Ottos IV. will ich hier absehen; ich will nur darauf verweisen, dass 
beispielsweise die bei Böhmer-Ficker Reg. 423, 435, 441, 449, 46i» 
verzeichneten Urkunden mit unserm Formular vielfach übereinstimmen. 
Die Urkunde, welche, wie ich glaube, von Ceccarelli für sein Formular 
benützt wurde, ist die Ottos IV. für Monaldo Monaldeschi (BF. Reg. 
450). Zur Vergleichung drucke ich hier beide neben einander ab, 
wobei ich bemerke, dass ich für das Formular Ottos I. die Urkunde 
für die Carpegna zu Grunde lege. 



Formular Otto I. 

In nomine sancte et indi- 
vidue trinitatis. Otto primus 
divina favente dementia imperator 
augustus. Quoniam pio semper 
assensu imperialis benign i- 
tas desideriis benemerentium 
occurrere consuevit etdignis 
honoribus a maiestate munificen- 
tie nostre proficiscentibus eos lo- 
cupletare, ut eorum fidelitas a d 
serviendum imperio semper pa- 
rata sit et plerique ad huiusmodi 
obsequia exhibenda animentur: in- 
specta hac consideratione ad 
universorum imperii fidelium 
presentis (e t a t i s) et p o s t e r i t a- 
tis successure notitiam duxi- 
mus proferendum quod nos 
considerantes circumspectam f i d e m 
(quod nos propter singularem 
fidem) ac sinceram dilectionem (de- 
votionem) ... (quas erga nostrarn 
g e r i t maiestatem) . . . (considerantes 
quoque idonea) et grata ser- 



Böhmer-Ficker Eeg. 450. 

In nomine sanctae et in- 
dividuae trinitatis. Otho quar- 
tus dei gratia Koni, imperator et 
semper augustus. Desideriis 
benemerentium pio semper 
assensu imperialis benig ni- 
tas consuevit occurrere et 
dignis eos munificentiae sue 
beneficiis locupletare; quotiens 
enim devotis premia impendimus in 
sua corroboramus fidelitate et pleros- 
que ad serviendum imperio ac 
nobis invitamus. Qua saue consi- 
deratione habita ad universo- 
rum imperii fidelium prae- 
sentis aetatis et posteri- 
tatis successurae notitiam 
duximus proferendum, quod 
nos propter multam fidem ac 
devotionem quam erga nostram 
gerit celsitudinem dilectus fidelis 
noster Neapoleon Rainaldi de comite 
Munaldo adtendentes quoque ido- 
nea et grata s e r v i t i a ipsius quae 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 



225 



vitia), que imperio in profligandis 
. . . Saracenis . . . laudabiliter exhibuit 
ac in posterum deo adiuvante 
nobis et imperio poterit ex- 
hibere... ex innata nobis de- 
mentia eidem et omnibus eius 
successoribus (heredibus) c o n f i r m a- 
mus (in rectum et legale feu- 
dum) ...cum omnibus districti- 
bus etbonoribus (districtu et 
bonore) . . . tarn intra quam 
extra et cum universis iusti- 
ciis et rationibus eorum im- 
perio attinentibus statuen- 
t e s etc. 



iam pridem in partibus Apuliae nobis 
laudabiliter exhibuit ac deinceps do- 
mino adiuvante nobis et im- 
perio poterit exhibere ex in- 
nata nobis dementia eidein 
Napoleoni et suis heredibus dona- 
mus et in perpetuum concedimus 
et confirmamus in rectum et 
legale feudum... omnique 
districtu et honore suo tarn 
intra quam extra et cum uni- 
versis iusticiis etrationibus 
suis imperio attinentibus . . . 
statuentes etc. 



Den Schluss der Urkunde will ich gar nicht hieher setzen ; dt- nn 
die weitere Uebereinstimmung ist eine womöglich noch grössere. Der 
Schluss also, dass Ceccarelli für sein Formular die eben angeführte 
Urkunde für die Monaldeschi benützt hat, ergibt sich von selbst uud 
die Sache wird nur um so wahrscheinlicher, als Ceccarelli die Ur- 
kunde Ottos IV. in seinem Werke über die Geschichte der Monal- 
deschi x ) abgedruckt hat. 

Ein anderes Formular benützte Ceccarelli für die Urkunde Ottos IL, 
wie man aus den auf den Namen dieses Herrschers lautenden Fäl- 
schungen für die Monaldeschi, Pepoli und Monmarto ersehen kann. 
Denn sowohl dieses, als auch dasjenige, welches er für die Urkunden 
Friedrichs I. benützte, berührt sich in vielen Punkten mit dem For- 
mular für die Otto I. beigelegten Urkunden. Dass aber Ceccarelli 
auch für die Urkunden Friedrichs I. eiu besonderes Formular benützte, 
zeigt der im Wesentlichen übereinstimmende Wortlaut der Urkunden 
für die Conti, Lothieri und Marioni mit der für Uguccio de Colle. Mit 
diesen Urkunden stimmen aber auch die in Stumpf Reg. 3932 und 
3966 verzeichneten Urkunden, welche Ceccarelli, soweit wir constatieren 
konnten, nirgends erwähnt. Müssen wir also auch diese Urkunden 
als seine Fälschungen erklären, so kann uns in dieser Behauptung 
auch nicht der Umstand irre machen, dass Soldani beide Urkunden 
angeblich nach einem Transsumt von 1223 abdruckt. Schon Ficker 
hat mit Recht geltend gemacht, dass der Transsumpt selbst gefälscht 
sein müsse. Der hier konstatirte Zusammenhang der Urkunden mit 
Ceccarelli lässt an dieser Thatsache keinen Zweifel aufkommen. Cec- 



') Dell' historia di casa Monaklesca S. 13. 
Mittheilungen, XV. 



15 



226 R i e g 1. 

carelli selbst hat das Geständniss (S. 215) abgelegt, mehrere Trans- 
sumte von Kaiser Urkunden gefälscht zu haben. 

So können wir also sechs Urkunden Friedrichs I. als Fälschungen 
Ceccarellis erklären. Damit ist aber die Zahl seiner Fälschungen auf 
den Namen dieses Herrschers noch lange nicht erschöpft. Alle diese 
Urkunden sollen nämlich im März oder April 1162 bei der Belagerung 
von Mailand ausgestellt sein. Ceccarelli gebrauchte also auch hier, 
sowie bei den Urkunden Ottos I. mit Vorliebe ein bestimmtes Datum 
für alle seine Fälschungen. Ich möchte daher auch nicht daran zwei- 
feln, dass die bei Sansovino (a. a. 0. Fol. 381) erwähnte, angeblich 
bei der Belagerung von Mailand ausgestellte falsche Urkunde für Jo- 
hannes Pallavicini ein Fabrikat Ceccarelli's sei. Ist dies aber richtig, 
so werden wir auch die weiteren, von Sansovino ebenda erwähnten 
Urkunden für die Pallavicini und zwar die Ottos II. für Adalbert 
Pallavicini und die Friedrichs I. für Otto und Friedrich, Söhne des 
Berthold von Borgo S. Donnino von 1175 für Fälschungen Ceccarellis 
erklären müssen. Andererseits berechtigt uns der Umstand, dass die 
Urkunde Friedrichs I. für die Marioni in Gubbio sicher auf Cecca- 
relli zurückgeht, dazu die von Sansovino zu den Jahren 801 und 962 
citirten Urkunden für dasselbe Geschlecht demselben Fälscher zuzu- 
schieben, umsomehr, als auch das Datum 962 ganz gut zu den Fäl- 
schungen Ottos I. stimmt und die einzige uns vollständig vorliegende 
Urkunde Karl des Grossen auch vom Jahre 801 4 a ^ r ^ ist- 

Zum Schlüsse will ich noch die Urkunden Ottos IV. und Fried- 
richs II. erwähnen. Auch diesen liegt ein gemeinsames Formular zu 
Grunde, wie ich aus der Vergleichung der mir in vollständigen Abschriften 
vorliegenden Urkunden Ottos IV. für die Carpegna und Friedrichs II. 
für die Conti und Savelli ersehen kann. Bei den Urkunden früherer 
Herrscher ist die Fälschung immer leicht zu erkennen, nicht so bei 
den Urkunden Ottos IV. und Friedrichs II.; ist doch das Formular 
derselben unzweifelhaft echten Urkunden dieser Zeit entlehnt, sie fügen 
sich daher bisweilen ganz gut in das ltinerar ein. Doch werden in 
diesen Urkunden gewöhnlich die früheren Fälschungen citivt, und 
schon dadurch kann es nicht zweifelhaft sein, aus welcher Fabrik sie 
hervorgegangen sind. Von den Fälschungen auf den Namen anderer 
Herrscher liegen mir nur einzelne Urkunden in vollständigen Drucken 
oder Abschriften vor; doch nehme ich an, dass Ceccarelli auch für 
diese sein besonderes Formular hatte. Ich will hier nur eine Urkunde 
Lothars III. (für die Boncompagni Stumpf Beg. 3281) näher er- 
wähnen, die Gamurrini (I. 363) für echt gehalten hat. Doch will ich 
nicht diese Behauptung Gamurrini's widerlegen, denn es kann gar 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 227 

nicht zweifelhaft sein, dass wir es auch hier mit einer Fälschung zu 
thun haben. Gamurrini aber sagt, dass die Urkunde auch in einer 
sehr alten Chronik erwähnt werde. Welche Chronik hier gemeiut ist, 
kann ich nicht sagen; die Angabe Gamurrinis muss aber auf einem 
Irrthum beruhen. Denn hier getraue ich mich aus dem Dictat allein 
auf Ceccarelli zu schliesseu. Mir stehen zwar keine andern Ur- 
kunden des Fälschers auf den Namen Lothars III. zu Gebote; aber 
die Berührungspunkte des Dictates mit dem in andern Fälschungen 
dieses Mannes sind ganz auffallend; ich erwähne nur die sincera fides 
et grata obsequia que imperio et nobis exhibuit et in posterum ex- 
hibiturus sit, die Verbindung von locupletare et decorare, die Phrase 
nobilis civitas, die dictrictus et honores tarn intra quam extra im- 
perio attinentes, das gleiche Protokoll und Eschatocoll. Endlich kommt 
dazu, dass der (von Ceccarelli erfundene) Fanusius die Boncampagni und 
diese Urkunde selbst erwähnt, dass sich ein Manuscript des Fanusius 
nachweislich in der Bibliothek der Boncampagni befand und Cecca- 
relli sogar eine Geschichte dieses Hauses geschrieben haben soll." 

Zum Schlüsse lasse ich ein Verzeichniss derjenigen Kaiserdiplome 
folgen, die sich auf Grund der im Vorstehenden beigebrachten, theils 
äusseren, theils inneren Kriterien, als Fälschungen Ceccarelli's erweisen 
lassen. Das Verzeichniss ist in allem Wesentlichen ebenfalls schon 
von Adolf Fanta zusammengestellt worden. 

1. Kaiser Theodosius bestätigt die Konstantinische Schenkungs- 
urkunde (vgl. S. 198). 

2. Karl der Grosse für Arimbert princeps der Baronie Burbonia, 
Rom 801 December 21. — Böhmer-Mühlbacher Reg. 371. — Er- 
wähnt als im Besitze des Mons. del Monte befindlich bei Ceccarelli 
La sereniss. nobiltä im Cod. Vat. 4910, p. 242, erwähnt bei Fanu- 
sius III, 23. 

3. Karl der Grosse für die Marioni in Gubbio, Sansovino 342' cit. 
zum J. 801. 

4. Karl der Grosse für die Cjbo, erwähnt Ceccarelli in einem Briefe 
an Alberico Cybo als im libro antico befindlich (Cod. Ottob. 3053 
f. 9l). Mit diesem Privileg scheint aber Ceccarelli nicht herausge- 
rückt zu sein. 

5. Karl der Grosse für die Este, erwähnt Fanusius III, 15. 

6. Karl der Grosse für die Mailänder Patrizier Licinius Lignanus, 
Johannes Stampa, Farulfus Siconi, erwähnt Fanusius lib. IV. 

7. Karl der Grosse für die Rudolfini in Narnia, erwähnt Fanusius 
lib. IV. 

8. Karl der Grosse für die Ubaldini, soll sich nach Gamurrini 4, 1 
in Giovanni Battista di Lorenzo, Storia della famiglia degli Ubaldini 
(Florenz 1588) befinden. 

15. 



228 ft i e g 1 

9. Ludwig II. erhebt Julius, Evander, Cesar, Nicolaus, Johannes und 
Stephan die Söhne des Faustus de Comitibus Romanis zu Grafen und 
schenkt ihnen die Städte Tusculum, Fondi, Segni, Frosinone, Supino, 
Anagni und Ceccano. Eom 871, Juni 28. Copien in Ceccarelli 
Histor. della casa Conti im Cod. Ottob. 2611 f. 51 und Varia scripta 
Alfonsi Ceccarelli im Cod. Ottob. 3053 f. 121. Abschrift von Riegl 
im Apparat der Diplomata-Abtheilung. 

10. Ludwig IL für Markgraf Karl von Tuscien (Del Monte S ta Maria). 
Rom 873, BM. Reg. 1225; erwähnt im Fanusius III, 23. 

11. Be rengar I. für Uguccio de Colle (Del Monte S ta Maria). Rom 
917, Juni 27. Soldani, Storia di S. Michele di Passiniano 77 aus 
neuerer Copie; erwähnt Fanusius III, 23. 

12. Otto I. für Johann Pepoli zum J. 950. Böhmer-Ottenthal Reg. 338- 

13. Otto I. für Udahich Carpegna. Viterbo 962 Aug. 17. BO. Reg. 324. 
Cit. bei Ceccarelli La serenissima nobiltä Cod. Vat. 4909 p. 294. 

14. Otto I. für Rainer Lothieri. Viterbo 962, August 19. BO. Reg. 325. 
Cit. bei Ceccarelli La serenissima nobiltä Cod. Vat. 4909 f. 294. 

15. Otto I. für Johannes und Ludwig Conti. Viterbo 962 November Kl. 
BO. Reg. 332. Copie in Ceccarelli's La serenissima nobiltä im Cod. 
Vat. 4911 p. 130; erwähnt ebenda Cod. Vat. 4909 p. 294. 

16. Otto I. für Walter Gonzaga. Viterbo 962, November 13. BO. 
Reg. 333. 

17. Otto I. für Guido Cybo. Viterbo 962, December 7. BO. Reg. 335. 
Cit. in Ceccarelli, La serenissima nobiltä, Cod. Vat. 4909 p. 294. 

18. Otto I. für Ludwig und Peter de Ponte (Ottoni). Viterbo 962, 
Dec. 10. BO. Reg. 336. Cit. in Ceccarelli, La serenissima nobiltä 
Cod. Vat. 4909 p. 294. 

19. Otto I. für Ubaldinus Ubaldini, 2. Febr. 962 — 1. Febr. 963. BO. 
Reg. 337. 

20. Otto I. für die Marioni in Gubbio. Sansovino 342 cit. zum J. 962. 

21. Otto I. für Virginius Sabellus. Aachen 964, Aug. 10, BO. Reg. 361. 
Regest bei Ceccarelli, La serenissima nobiltä Cod. Vat. 4911 p. 27. 

22. Otto I. belehnt den Guido Tedesco mit der Grafschaft Modigliana in 
der Romagna. Clementini Raccolto ist. di Rimino 1, 251. Guido 
Tedesco ist der sagenhalte Stammvater der Grafen Guidi di Bagno, 
der späteren Herren von Casentino. 

23. Otto I. für die Este, erwähnt Fanusius III, 15. 

24. Otto I. für die Gregorii in Interamna. Cit. bei Ceccarelli, La serenis- 
sima nobiltä Cod. Vat. 4909, p. 294. 

25. Otto I. für die Malaspina, erwähnt Fanusius III, 7. 

26. Otto I. für die Sala zu Ferrara, erwähnt Fanusius lib. IV. 

27. Otto I. für Orvieto, erwähnt Fanusius lib. IV. 

28. Otto IL für Ludwig Monaldeschi. Orvieto 975 Februar 23. Stumpf 
Reg. 643; erwähnt Fanusius III, 5. 

29. Otto IL für die Ubaldini. Orvieto 975, Febr. 23. Stumpf Reg. 643a. 

30. Otto IL für Udo Pepoli. Montefiascone 975, April 6. Stumpf 
Reg. 647. 

31. Otto IL belehnt Adalbert Pallavicini mit Castel Pelegrino, Gusa- 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 220 

lechio, Val di Mugella und Fortiliera und ernennt ihn zum Mark- 
grafen. Keg. bei Sansovino 3S0 ; zum Jahre 981. 

32. Otto IL für Pharulphus-Monmartus. Kom 983 April 17. Stumpf 
Reg. 835 a . 

33. Otto II. für die Calcagnini in Ferrara, erwähnt Fanusius lib. IV. 

34. Otto II. für die Este, erwähnt Fanusius III, 15. 

35. Otto IT. für die Lothieri, erwähnt in n° 77. 

36. Otto II. für die Malaspina, erwähnt Fanusius III, 7. 

37. Otto II. für die Scaligeri, erwähnt Fanusius III, 22. 

38. Otto II. für Orvieto, erwähnt Fanusius lib. IV. 

39. Otto III. für Robert Raugone. Sansovino 86 cit. zum J. 989 nach 
dem von Ceccarelli gefälschten Johannes Virgilius, Historia del regno 
cattolico. Nach Crescenzi Corona della nobiltä II p. 504, der sich 
auf Virgilius und Johannes Selinus beruft, scheint die Urkunde die 
Ernennung zum capitaneus enthalten zu haben. 

40. Otto III. für die Monaldeschi 998. Stumpf Reg. 117() a . 

41. Otto III. für die Lothieri, erwähnt in n° 77. 

42. Otto III. für die Malatesta, erwähnt im Fanusius 1. III c. 14. 

43. Heinrich IL für die Camaldoli; inter festes alios nominantur etiam 
isti: M. Valore di M. Nicola de Colonensis de Roma, M. Giovanni di 
M. Jacopo degli Mutoli de Roma, Pagelo di M. Orsino degli Orsini 
da Roma; cit. von Ceccarelli, La serenissima nobiltä Cod. Vat. 4909 
p. 294. 

44. Heinrich IL erhebt den Friscus de Frischi (Fiesco) zum Grafen 
von Lavagna und zum Statthalter vcn Ligurien und dessen Bruder 
Obizo zum Statthalter in Toscana. Sansovino 318 Reg. zum J. 1007. 

45. Heinrich IL für die Carpegna; inter alios festes nominantur: Anti- 
mus Mutius Rom. dapifer. Cit. in Ceccarelli, La serenissima nobiltä 
Cod. Vat. 4911 p. 91. 

46. Heinrich IL für die Farnese, erwähnt Fanusius III, 6; ist wahr- 
scheinlich bei Gelegenheit der Verfassung der Historia di casa Farnese 
von Ceccarelli fabricirt worden. 

47- Heinrich IL für Lothieri, erwähnt in n° 77. 

48. Heinrich IL für die Montemarti, erwähnt Fanusius III, 6. 

49. Heinrich IL für die Mugnari, erwähnt Fanusius III, 6. 

50. Heinrich IL für die Nigromontorii, erwähnt Fanusius III, 6. 

51. Konrad IL für Tancred Monaldo. Rom 1027 April 24. Stumpf 
Reg. 1937. Cit. Ceccarelli la serenissima nobiltä. Cod. Vat. 4909 
p. 294 und 4911 p. 91. 

52. Konrad IL für die Ardiccioni, erwähnt Fanusius lib. IV. 

53. Konrad IL für die Carenii, erwähnt Fanusius lib. IV. 

54. Kon r ad IL für die Farnese, erwähnt Fanusius III, 6; vgl. n° 40. 

55. Konrad IL für die Lodicieri, erwähnt Fanusius lib. IV. 

56. Konrad IL für die Lothieri, erwähnt Fanusius lib. IV. 

57. Konrad IL für die Montismarti, erwähnt Fanusius III, 6. 

58. Konrad IL für die Nigromontorii, erwähnt Fanusius III, 6. 

59. Konrad IL für die Mugnari, erwähnt Fanusius III, 6. 

60. Konrad IL für die Pineti, erwähnt Fanusius lib. IV. 

61. Konrad IL für die Simoncelli, erwähnt Fanusius lib. IV. 



230 Riegl. 

62. Heinrich III. für die Campiliae, erwähnt Fanusius III. 6. 

63. Heinrich III. für die Marsciani, erwähnt Fanusius III, 6. 

64. Heinrich III. für die Montismarti, erwähnt Fanusius III, 6. 

65. Heinrich III. für die Roccaviani, erwähnt Fanusius III, 6. 

66. Heinrich IV. für Can Grande, erwähnt Fanusius III, 13. 

67. Heinrich V. für die Saregha, Sansovino, 334 cit., wahrscheinlich 
Fälschung Ceccarelli's. 

68. Lothar in. für Rudolf de Draconibus (Bonconrpagni). 1133. Stumpf 
Reg. 3281. Nach Gamurrini I. 363 auch von Fanusius erwähnt. 

69. Lothar III. für die Cianchiani, erwähnt Fanusius III, 6. 

70. Lothar HI. für die Montismarti, erwähnt Fanusius III, 6, pag. 66. 

71. Lothar III. für die Roccaviani, erwähnt Fanusius III, 6. 

72. Lothar III. für Soane, erwähnt Fanusius III, 6. 

73. Lothar IH. für die Grafen von Titignano, erwähnt Fanusius III. 6. 

74. Friedrich I. für Pepoli, Lodi 1159 Mai 23. Stumpf Reg. 3857. 

75. Friedrich I. für Porcarius filius Rolandi de Rubeo seu de Platis 
(Familie Piatoni) 4. April 1159 Lodi, Crescenzi Corona etc. II, 94 
unvollst. 

76. Friedrich I. für Uguccio de Colle (Del Monte S ta Maria). Vor Mai- 
land 1162 März 13. Stumpf Reg. 3932. 

77. Friedrich I. bestätigt dem Sinolf Lothieri die Verleihungen der 
drei Ottonen und Heinrichs IL Vor Mailand 1162 März 23. Copie 
in den Manuscripten Ceccarelli's im Cod. Ottob. 3053 f. 227, er- 
wähnt in La seren. nobilitä Cod. Vat. 4909 S. 294 f. Abschrift von 
Riegl im Apparat der Diplomata-Abtheilung. 

78. Friedrich I. für Julius de Marionibus. Vor Mailand 1162 April 7. 
Stumpf Reg. 3939 a . 

79. Friedrich I. bestätigt dem Alexander de Comitibus die Urkunde 
Otto I. (vgl. n° 15). Vor Mailand 1162 April 10. Copie bei Cecca- 
relli La serenissima nobiltä Cod. Vat. 4911 p. 132. — Abschrift 
von Riegl im Apparat der Diplom. -Abth. 

80. Friedrich I. für Ludwig Balio, Herzog von Schwaben. Cagli 1162 
Sept. 7. Stumpf Reg. 3966. 

81. Friedrich I. bestätigt dem Johannes Pallavicini die Verleihungen 
Ottos IL (vgl. n° 31) und fügt neue hinzu. Sansovino f. 381 Reg. 
zum Jahre 1162 quando prese Milano. 

82. Friedrich I. bestätigt den Brüdern Otto und Friedrich, Söhnen 
des Berthold von Borgo S. Donino (Pallavicini) die Verleihungen 
Otto II. und belehnt sie mit andern Besitzungen. Sansovino 381 
Reg. zu 1175. 

83. Friedrich I. für die Malatesta, als Urkunde im Besitze des Herren 
Arrigo Orsino marchese di Stimigliana cit. von Ceccarelli La sere- 
nissima nobiltä Cod. Vat. 4909 p. 287 mit dem Zeugen Julius Ur- 
sinus marescalcus imperii zum Jahre 1185; wiederholt S. 294 f. In 
der Historia ecclesie Mediol. Cod. Vat. 5310 f. 27 und 41 erwähnt 
Ceccarelli noch Bernardus Oldradus de Mediolano camerarius als Zeu- 
gen, und setzt die Urkunde zum Jahre 1181. 

84. Friedrich I. bestätigt den Ottoni die Urkunde Otto I. (vgl. n° 18). 
Sansovino f. 35 Reg. zum J. 1185. 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 231 

85. Friedrich I. erhebt die Aligeri zu Rieti in den Ritterstand. Reg. 
bei Fanusius lib. IV. 

86. Friedrich I. für die Giramonti in Ferrara Fanusius lib. IV. 

87. Heinrich VI. bestätigt dem Petrus, Ubertus und Guido de Comi- 
tibus eine Anzahl von Städten und Schlössern. Bari 1196 Sept. 20. 
Copie in Ceccarelli, La serenissima nobiltä Cod. Vat. 4911 p. 133. 
— Abschrift von Riegl im Apparat de Dipl.-Abth. 

88- Heinrich VI. für Savelli. Ceccarelli La serenissima nobiltä Cod. 

Vat. 4909 S. 294 nennt daraus den Zeugen Johannes almae urbis 

prefectus. 
8 9. Heinrich VI für Ricardus de Camino erwähnt Fansius III, 13. 

90. Otto IV. für die Ottoni bestätigt die Verleihung Otto I. (vgl. n° IS, 
84). Sansovino 35 Reg. zum J. 1209, der sie wohl nicht mit Böhmer- 
Ficker Reg. 306 verwechselt hat, da in letzterer Urkunde die Ottoni 
nicht erwähnt werden. 

91. Otto IV. für Vernelius Carpegna. Der Transsumpt von 1699 im 
Haus-, Hof- und Staatsarchiv nennt unter den Zeugen Dyopicidus 
dux Spoleti, Federicus marchio de Baden, comes de Faraponte und 
fügt hiezu : La data del sudetto privileggio e fatta in S. Ginese 
l'anno 15 del suo imperio. Vgl. BF. Reg. 455 und Clementini Rac- 
colto istorico di Rimino 1,357, der wohl das Fabrikat Ceccarelli's 
selbst gesehen und daraus das Incarnationsjahr 1211 angiebt. In 
La serenissima nobiltä Cod. Vat. 4909 S. 294 sagt Ceccarelli: in 
privilegio Ottonis IV. imp. pro familia de Carpinea inter testes no- 
minatur Albertus Capisucchus de Roma camerarius, den der Trans- 
sumpt nicht verzeichnet. 

92. Friedrich II. bestätigt dem Benedict de Conti die Schenkungen 
Friedrichs I. (vgl. n° 79) und Heinrich's VI (vgl. n° 87). Bei Rom 
am Monte Malo 1220 November 24. Copien in Ceccarelli La serenis- 
sima nobiltä Cod. Vat. 4911 p. 135 (erwähnt auch Cod. 4909, 294 f.) 
und Historia di casa Conti Cod. Ottob. 2611 p. 48. — Abschrift von 
Riegl im Apparat der Diplom. -Abth. 

93- Friedrich IL bestätigt dem Giacomo Savelli die Schenkungen seiner 
Vorgänger. Rom 1221 Januar 18. BF. Reg. 1272. Fabrikat Cecca- 
relli's im Haus-, Hof- und Staatsarchiv zu Wien. Erwähnt in La 
serenissima nobiltä Cod. Vat. 4911 S. 27. 

94. Friedrich II. Brief an Odoardus Saxonicus 1206 Juni 28 mit Aufzählung 
vieler Edlen, die er angeblich bei der Belagerung von Spoleto gefangen 
genommen. Copie von Ceccarelli Cod. Ottob. 3053 233. Nach RiegFs 
Berichte vom J. 1884 »von so handgreiflicher innerer Unwahrschein- 
lichkeit, dass ich mich der Mühe des Copierens überhoben glaubte«. 

95. Friedrich IL für die Benati in Monfalcone, erwähnt Fanusius lib. IV. 

96. Adolf (Athaulfus) für Matheo Visconti. 1260 (!) erwähnt Fanusius 
III, 13. 

97. Albrecht I. imperator für Matheo Visconti. 1294, erwähnt Fanusius 
III, 13. 

98. Heinrich VIT. für die Familie Del Monte S t;l Maria. 1312 Decem- 
ber 12. Soldani S. 87, erwähnt Fanusius III, 2 3. 



232 R i e g 1. 

99. Ludwig der Baier für die Sala in Ferrara. Erwähnt Fanusius IV. 

100. Wenzel für die Catanei. Erwähnt im Fanusius IV. 

101. Sigismund für die Gonzaga. Erwähnt im Fanusius III, 21. 

102. Friedrich III. verleiht dem römischen Geschlechte der Cesarini das 
Recht, den kaiserlichen Adler im Wappen zu führen. Wiener-Neu- 
stadt 20. Mai 1405. In Ceccarelli's La serenissima nobiltä Cod. Vat. 
4910 S. 168; Abschrift von Riegl im Apparat der Dipl.-Abth. — 
Ceccarelli beschreibt a. a. 0. das angebliche Original: et detto pri- 
vilegio e scritto in carta pergamena con un arme miniato d' oro in 
mezzo coli' aggiunta dell' aquila sopra all' arme cesarino et con un 
sigillo grand di cera zaura et in mezzo rossa et nel sigillo ci e 
1' aquila con due teste et attorno lettere et quattro armi picciole : et 
questo si ritrova presso S. S. Ill ma . 

103. Friedrich III. erhebt die Brüder Pamphili von Gubbio in den 
erblichen Grafenstand, womit gewisse Befugnisse in der Besetzung 
von Kanzleistellen verbunden erscheinen. Wien 15. Sept. 1461. An- 
geblicher Transsumpt vom 27. Okt. 1501, in Ceccarelli's Varia scripta, 
im Cod. Ottob. 3053 f. 232. Abschrift von Riegl im Apparat der 
Dipl.-Abth. 

Damit ist die Liste der von Ceccarelli gefälschten Kaiserdiplome 
gewiss nicht erschöpft. Auch finden sich in seinen hinterlassenen 
Manuscripten mehrfach Stellen, die eine bezügliche Urkundenfälschung, 
zwar möglich aber nicht zwingend nothwendig erscheinen lassen. So 
z. B. im Fanusius IV. wo wir u. a. lesen : Carl d. Grosse adelte einmal 
in Florenz gleichzeitig sieben Familien: die Siguranni, Fighineldi, 
Sisanti, Uberti, Lamberti, Ormanni und Area; ferner wurden die 
Familie de Nerlis, die Grafen Gandolandi und Sandonati, und die 
Edlen von Bessa mit Privilegien ausgestattet „vom Grafen Ugo von 
Luxemburg, Statthalter von Etrurien im Namen Kaiser Ottos". In 
La serenissima nobiltä dell' alma cittä di Roma, Cod. Vat. 4911 
S. 167 — 169 gibt er ferner aus einem seiner fingirten Autoren, 
Johannes Petrus Scriniarius, eine Serie von au geblichen Zeugen aus 
Diplomen von Karl dem Grossen angefangen bis auf Otto IV., be- 
schränkt sich aber dabei auf die Nennung der Namen des Kaisers 
und der Zeugen. Am Schlüsse sagt er daselbst: ista privilegia cum 
suis sigillis partim aureis et partim cereis conservantur in archivio 
capitolino cum multis aliis scripturis. 

Von Königsdiplomen, die Ceccarelli in seinen Schriften erwähnt 
und daher vermuthlich gefälscht hat, finde ich in meinen Auszügen 
erwähnt folgende zwei unteritalischen: ein Privileg Roger's I. für 
das Haus Pierleonis in La serenissima nobilitä Cod. Vat. 4911 
S. 3 und eines Ferdinande von Sizilien und Neapel vom J. 1469, 
ebenda S. 14. Endlich geht aus zahlreichen Citaten hervor, dass 



Alf'onso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaisennkunden. 233 

Ceccarelli auch Papstbullen und Privaturkunden gefälscht hat; daraufhin 
bleibt das auf der Vaticana befindliche Material erst noch zu unter- 
suchen, da meine Nachforschungen im J. 1884, die das Substrat da- 
vorstehenden Abhandlung geliefert haben, bloss den Zweck verfolgten, 
den Umfang der Ceccarelli'schen Eingriffe in das Gebiet der Kaiser- 
urkunden nach Möglichkeit festzustellen. Was aber diesen letzteren 
Zweck betrifft, so glauben wir ihn, trotzdem das vorstehende Ver- 
zeichnis von 103 Fälschungen nicht als absolut vollständiges gelten 
kann, dennoch insofeme erreicht zu haben, als wir der inneren und 
äusseren Anhaltspunkte genug vorgelegt haben, um etwa neu auf- 
tauchende Kaiserdiplome von Ceccarelli's Mache als solche auch so- 
fort zu erkennen. 



Nachwort. Der Beweis für den Zusammenhang dieser vielen 
Fälschungen und für die Ausdehnung der dunklen Thätigkeit Cecca- 
relli's ist durch die Arbeiten von Kiegl und Fanta vollständig erbracht. 
Dass die Fälschungen auf den Namen Otto's I. für die Pepoli, Car- 
pegna, Lottieri, Cibo, Gonzaga, Ottoni, Savelli, Conti auf eine Quelle 
zurückgehen, hatte ich bereits erkannt, als ich zu Anfang der 80 ger Jahre 
die italienischen Kaiserurkunden Otto's I. als Mitarbeiter der Diplomata- 
abtheilung untersuchte. Gerade aus Mangel genügender Nachrichten über 
Ceccarelli musste ich damals diese Forschungen unabgeschlossen meinem 
Nachfolger, dem verewigten Fanta zurücklassen ; später für die Kaiser- 
regesten habe ich meine Wahrnehmung theils selbständig, theils in 
Kenntnis des Kiegl-Fanta'schen Materiales weitergeführt. Ich glaube 
das hier anführen zu sollen, weil das wesentlich übereinstimmende 
Ergebnis, zu dem wir in getrennter Arbeit und von verschiedenen 
Ausgangspunkten beginnend, gekommen sind, dadurch noch gesicherter 
erscheinen dürfte. 

Meine Untersuchungen hatten sich naturgemäss auf die'^Zeit der 
sächs. Kaiser und speciell auf jene Otto's I. beschränkt; ähnliches war 
auch bei Fanta der Fall. Für die folgenden Epochen mangelten uns 
beiden die volle Kenntnis des zerstreuten und noch ungedruckten 
Materials. Daher wird die vorausgeschickte Liste der Ceccarelli-Fäl- 
schungen für die späteren Zeiten noch vielfacher Ergänzungen fähig 
sein, soweit nicht Kiegl's Bericht die solide Grundlage bildet. Auch 
die Aufzählung der Ceccarelliana aus der Ottonenzeit war bei Fanta 
nicht ganz vollständig : die Urkunden für die Ubaldini (n° 19 und 29) 
schob Riegl erst auf Grund meiner Kaiserregesten ein. An der Sach- 



234 R i e g 1. 

läge kann kein Zweifel sein. Vollständiger Text ist nur von n° 29 be- 
kannt. Zur Charakterisirung dieser Urkunde wird es genügen anzu- 
führen, dase sie das gleiche Datuni und viele derselben abenteuerlichen 
Zeugen mit St. 643 für die Monaldeschi gemein hat, welch letztere 
Urkunde Fanta mit Kecht als Ceccarelli-Fälschung betrachtet. Die 
angebliche Verleihung Otto's 1. ist nur aus St. 643 bekannt. Da 
dieses Citat sehr ausführlich und präcis ist, habe ich es im Gegensatz 
zu den mehr vagen Erwähnungen der sub n° 20. 22. 23-27 des Ceccarelli- 
Index gegebenen Regesten unter die Urkunden Otto's eingereiht, obwol 
ich überzeugt bin, dass Ceccarelli niemals die entsprechende voll- 
ständige Urkunde auf den Namen Otto's I. fabricirt habe, sondern 
wie z. B. bei den Lottieri (n° 77) versuchte er auch hier die „mancia" 
für das Diplom dadurch hinaufzuschrauben, dass durch solche Hin- 
weise auf frühere Privilegien das Alter und Ansehen des Hauses 
noch höher , seine Rechte und Besitzungen noch begründeter er- 
scheinen mussten. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich überhaupt einem Missverständ- 
niss entgegentreten, das aus der beigegebenen Liste der Ceccarelli- 
Fälschungen entstehen könnte. Etwa die Hälfte dieser Nummern sind 
nur aus kurzen und meist undatirten Erwähnungen in Ceccarelli's 
Schriften oder Werken, welche erweislich aus Ceccarelli geschöpft haben, 
bekannt. Im Grosstheil dieser Fälle wird es auch beim einfachen 
Citat geblieben sein, für welches die vollständige Urkunde hinzu zu 
fälschen Ceccarelli sich vorbehalten haben wird, falls die betreffende Familie 
zahlungsbereit war oder ihn durch ihre Zweifelsucht in die Enge trieb; 
vgl. was oben S. 210 und 213 von den Fälschungen für die S. Croce 
und Malatesta gesagt ist. Die Anzahl der citirten Urkunden ist also 
jedenfalls viel grösser als jene der ausgeführten Fälschungen. 

Zu den Verdiensten Fanta's gehört besonders der Nachweis, dass 
das echte Diplom Otto's IV. für die Monaldeschi BF. Reg. 450 die 
Vorlage für die Fälschungen auf Otto I. abgab. Fanta selbst bemerkt, 
dass dann für die Fälschungen auf den Namen anderer Herrscher wieder 
verschiedene andere Muster benutzt wurden. Ich glaube weitergehen 
und auch für die Fälschungen auf Otto I. Kenntnis noch anderer 
echter Königsurkunden annehmen zu sollen. 

Während in diesem Fälschungscomplex Titulatur, Arenga und der 
folgende Context bis zur abschliessenden Poen- und Corroborations- 
formel, endlich die Datirungsformel sich engstens an BF. 450 an- 
schliessen, finden sich in zwei Punkten Abweichungen vom Kanzlei- 
gebrauche Otto's IV. überhaupt. In Reg. 332. 333. 335. 336. 361 



Alfonso Ceccarelli und seine Fälschungen von Kaiserurkunden. 235 

ist das Monogramm angebracht: es ist das richtige Namens- 
monogramm Otto's L, am besten gezeichnet im „Or. * n° 361 und 
in der Copie ersten Grades n° 336. Das kann weder aus dem Titel-M, 
Otto's IV. abgeleitet, noch frei erfunden sein. Ferner haben Keg. 324 
und 361 die übereinstimmende Recognition: Ego canc. Witfridus ar- 
chieps. Colon, et totius Italiae archicanc. recognovi cum (con) signo 
meo, worauf im Or. n° 361 ein Recognitionszeichen folgt. BF. 450 
hat überhaupt keine Recognition (und wohl deshalb auch die andern 
Fälschungen auf Otto I. nicht), aber die obige Formel entspricht der 
Zeit Otto's IV. überhaupt nicht; auf seinem ital. Zug ist regelmässig 
der Hofkanzler Bischof Konrad von Speier in Stellvertretung des 
Erzbischofs von Köln als des Erzkanzlers für Italien genannt; oder 
ausnahmsweise, wie BF. 333 nur Konrad allein, aber dann natürlich 
nur mit dem Kanzlertitel. Das Recognitionszeichen war damals 
längst vergessen. 

Nun entspricht diese Formel freilich der Zeit Otto's I. ebenso- 
wenig: der Erzkanzler bediente sich damals nicht des erzbischöflichen 
Titels, und seit Apr. 962 bestand ein eigener italienischer Erzkanzler; 
am allerwenigsten nannte sich je ein Kanzleibeamter Kanzler und Erz- 
kanzler zugleich. Das deutet entschieden auf ein Missverständniss. 
Dagegen gab es wirklich einen cancellarius Wigfridus auf Otto's erstem 
Zug nach Italien 951 — 952. Sollte Ceccarelli die Recognition: Wig- 
fridus canc. adv. Brunonis archicanc. recognovi vor sich gehabt, gleich 
andern italienischen Copisten „Brunonis" niissverstanden und durch die 
die geläufige Phrase archieps. Colon, et totius Italiae archicanc. er- 
setzt haben? 

Beweisen kann ich das allerdings nicht, aber Haltpunkte finden 
sich für eine solche Vermuthung. Das in der Kanzlei Otto's I. ge- 
bräuchliche Recognitionszeichen ist von Wigfrid allerdings nur aus 
den für Deutschland bestimmten Reg. n° 201. 207 bekannt und in 
n" 361 jedenfalls sehr verständnisslos übernommen. Das Monogramm 
in diesem Or. dagegen stimmt vollständig mit dem speciell von Wigfrid 
gebrauchten (mit rautenförmigen 0, vgl. die Abbildungen M. graph. III, 
2 und Kaiserurk. in Abbild. III, 20). Ich erwähne dann noch die 
Datirung. In Reg. 324. 325. 332. 333. 335. 336 aus August— Dec. 962 
ist überall a. ine. 962, a. regni et imperii 26 angegeben, also Zählung 
nach Königsjahren, während die italienische Kanzlei Otto's I. damals nach 
Jahren der kaiserlichen Regierung unter Beseitigung der königlichen 
datirt. Die von Wigfrid in den letzten Monaten des ersten italienischen 
Aufenthaltes Otto's (Jan. und Febr. 952) gesohriebnen Urkunden tragen 
dagegen die Daten : a. ine. 952, a. r. 16. Ceccarelli wollte Urkunden 



230 R i e g 1. 

nach dem ihm wohl bekannten Zeitpunkt der Kaiserkrönung geben. 
Zählte er von einem solchen Muster um 10 Jahre weiter, damit er 
diesen Termin erreichte, so kam er auf a. regni 26, der zwar in Wirk- 
lichkeit für die von ihm gegebenen Tage des J. 962 nicht mehr 
stimmt, da a. r. Ottonis mit August 8 umsetzt, sich aber unter dieser 
Voraussetzung gut erklärt. 

Damit hoffe ich die zu Keg. n° 324 gemachten Aeusserungen ein- 
gehender begründet zu haben. E. v. Ottenthai. 



Die Finanzverwaltimg Oesterreichs 1749 — 1816. 

Von 

Adolf Beer. 

Die Finanzverwaltung des österreichischen Staates seit dem Re- 
gierungsantritte Maria Theresia's hat bisher eine auf archivalischen 
Studien fussende Darstellung nicht gefunden. Das bekannte Buch von 
Adam Wolf (Oesterreich unter Maria Theresia. Wien, 1855), worin die 
reformatorische Thätigkeit der Eegierung Maria Theresias in vielen 
Zweigen der Verwaltung geschildert wird, beruht zumeist aufgedruckten 
Quellen. Zur Zeit seines Erscheinens eine höchst anerkennenswerthe 
Leistung, entspricht es gegenwärtig den Anforderungen nicht mehr 
Das Werk von Hock (Der österreichische Staatsrath, eine geschicht- 
liche Studie. Wien, 1877 ff.) enthält eine Bereicherung unserer Kennt- 
nisse, erweist sich aber bei kritischer Prüfung namentlich über die 
theresianische Zeit als unzureichend und vielfach ungenau. Arneth 
hat in seinem Werke über Maria Theresia auch die Verwaltung in den 
Kreis seiner Darstellung gezogen, ohne jedoch in allen Punkten einen 
Einblick in die bedeutsamen Gründe jener Veränderungen zu ge- 
währen, welche sich unter der grossen Herrscherin vollzogen haben. 
Die ungemein fleissigen Arbeiten von d' Elvert (Zur österreichischen 
Verwaltungsgeschichte mit besonderer Rücksicht auf die böhmischen 
Länder. Brunn , 1880, und Zur österreichischen Finanzgeschichte. 
Brimn, 1881), lassen manches zu wünschen übrig. Nur über die Justiz- 
verwaltung besitzen wir ein Buch, (Geschichte der obersten Justizstelle 
in Wien 1749 — 1848 von Fried, v. Maasburg 2. Aufl.) durchweg auf 
handschriftlichem Material ruhend und den Anforderungen entsprechend. 

Bei meinen Studien über die Staats- uud Volkswirtschaft Oester- 
reichs seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde mir die Lückenhaftigf- 



238 ß e e Jf. 

keit unserer bisherigen Kenntnisse über die Entwicklung der öster- 
reichischen Verwaltung klar. Diese auszufüllen setzt sich die gegen- 
wärtige Arbeit über die Central-Finanzverwaltung zur Aufgabe, wobei 
in erster Keihe die reichen Schätze des Hofkamraer-Archivs, sodann 
aber auch das Hof- und Staatsarchiv, sowie das Archiv des Ministeriums 
des Innern benutzt wurden. Bei der innigen Verbindung der Finanzen 
mit der politischen Verwaltung inusste auch letztere an geeignetem 
Orte berücksichtigt werden. Leider konnte trotz aller Bemühungen 
Vollständigkeit nicht erzielt werden. Mehr als 100 Fascikel wurden 
durchforscht, ohne über manche wichtige Massregel lückenlose Beleh- 
rung zu bieten, ohne mit den Gründen voll bekannt zu machen, die 
bei den oftmaligen Aenderungen des Wirkungskreises der Behörden 
massgebend waren. In vielen Fällen war es zweifellos das persönliche 
Eingreifen der Betheiligten, welches ausschlaggebend war, um kaum 
eingeführte Einrichtungen wieder über Bord zu werfen, ohne abzu- 
warten, ob dieselben sich bewährt haben. Die österreichische Finanz- 
verwaltung kam in diesem Zeiträume nicht zur Buhe, nicht allein durch 
fortwährende Organisationen und Keorganisationen, sondern auch durch 
den oftmaligen Wechsel des Beamtenpersonals. Erst mit der Ernen- 
nung Stadion's zum Finanzminister, dem organisatorische Talente, wie 
Pillersdorf und Kübek, zur Seite standen, erhielt die Finanzverwaltung 
jene Einrichtung, welche bis zum Jahre 1848 im Wesentlichen auf- 
recht geblieben ist. 

Doch muss bemerkt werden, dass ich die in den Ländern vorge- 
nommenen Veränderungen der Verwaltungen zurückstellen musste, um 
die Arbeit nicht zu umfangreich werden zu lassen. Bei der Auswahl 
am Schlüsse aus der amtlichen Correspondenz der Monarchen aufge- 
nommener Stücke musste ich mir ebenfalls Beschränkungen auferlegen. 

I. 

Maria Theresia fand bei ihrem Kegierungsantritte eine Central- 
behörde für die Finanzen in der Finanzconferenz vor, welcher die Hof- 
kammer und die Ministerialdeputation insoferne untergeordet waren, 
als alle wichtigen Angelegenheiten von der Conferenz berathen und 
die etwaigen Anträge dem Kaiser zur Beschlussfassung unterbreitet 
wurden. Eine der ersten Massnahmen der neuen Herrscherin war die 
Aufhebuug dieser Conferenz und die Uebertragung der gesammten 
Leitung der Finanzen an den Grafen Starhemberg, der gleichzeitig 
auch Ministerial-Deputationspräsident war. Nach dem Tode Starhem- 
berg's wurde Graf Philipp Kinsky zum Präsidenten der Ministerial- 



hie Finanzverwaltnug Oesterreichs 1749—1816. 239 

bancodeputation ernannt und diese am 18. September 1746 zu einem 
Hofmittel erklärt, oder mit einem andern Worte, dieselbe wurde nun- 
mehr eine unabhängige Centralstelle, die Vorträge an die Monaich eu 
erstatten konnte. 

Eine durchgreifende Veränderung in dem gesammten Verwaltungs- 
organismus trat 1749 ein, einmal durch die Trennung der Justiz von 
der Verwaltung, sodann aber auch durch die Schaffung einer Central- 
behörde für die politischen und finanziellen Angelegenheiten, welche 
den Titel „Directorium in publicis et cameralibus" erhielt. Graf Fried- 
rich Wilhelm Haugwitz wurde zum Präsidenten ernannt, da dessen in 
den letzten Jahren gemachten Vorschläge für das Heer und die Ver- 
zinsung der Schulden durch eine mit den Ständen auf 10 Jahre zu 
treffende Vereinbarung die Billigung der Kaiserin und durch seine 
Bemühungen auch Annahme in den verschiedenen Ländern gefunden 
hatten. Der Gedanke war wol nicht neu, und das Verdienst des Grafen 
Haugwitz bestand vornehmlich darin, dass er sich einer schwierigen 
Arbeit unterzogen hatte, indem, als er Hand ans Werk legte, weder 
die Höhe der Schulden noch die anderen erforderlichen Ausgaben, 
ebenso wenig aber auch die zur Verfügung stehenden Einnahmen be- 
kannt waren, und das gesammte Materiale, worauf mit Sicherheit ein 
Finanzplan entworfen werden konnte , erst mühselig herbeigeschafft 
werden musste. 

Die Trennung der Justiz von der Verwaltung war unstreitig eine 
grosse That, welche die Rechtspflege in günstiger Weise beeinflusst 
hat. Dagegen hat sich die Vereinigung der politischen und finanziellen 
Angelegenheiten nicht als förderlich erwiesen. Wol bestand die Hof- 
kaminer mit einem beschränkten Wirkungskreise fort, der in den näch- 
sten Jahren noch weiter eingeengt wurde. Auch die Ministerialdepu- 
tation behielt die Leitung des Bancoinstituts und die Verwaltung jener 
Gefälle, welche derselben zur Sicherstellung überwiesen waren: die 
neu geschaffene Centralstelle wurde dennoch durch die Ueberfülle der 
ihr anvertrauten Geschäfte erdrückt. Durch Schaffung von Kommis- 
sionen mit einem selbstständigen, bestimmt umschriebenen Wirkungs- 
kreise, denen die Befugnis eingeräumt wurde, unmittelbar der Kaiserin 
Vorträge zu erstatten, suchte man der Ueberbürdung abzuhelfen. Der 
Staatshaushalt gerieth in dem nächsten Jahrzehnt vollständig in Un- 
ordnung. Ueber die Höhe der Einnahmen und Ausgaben herrschte 
volle Unklarheit, und während des dritten schlesischen Krieges trat 
die Unbeholfenheit des Directoriums als Finanzbehörde in auffälligster 
Weise hervor. 

Für die oberste Leitung der ungarischen Finauzverwaltung be- 



240 B e e i*. 

stand die köuigl. ungarische Kammer, seit 1749 Hofkammer genannt 
früher der allgemeinen österreichischen untergeordnet, später mit einem 
gewissen selbständigen Wirkungskreise. In prinzipiellen Fragen wurde 
das Gutachten der österreichischen Hofkammer oder des Directoriums in 
publicis et cameralibus während dessen Bestandes abgefordert. Der 
ungarischen Hofkammer unterstanden die von Maria Theresia zu Ofeu, 
Szegedin, Arad und in der Zips errichteten Kammerämter. Die Ver- 
waltung der ungarischen Krön- und Kammergüter, das Salz- und 
Bergregale, die Judentaxen, die Post, das Dreissigstgefälle gehörten 
zum Wirkungskreise der österreichischen Centralstelle. Für Sieben- 
bürgen bestand in Wien eine mit der polititschen Verwaltung betraute 
Kanzlei; im Lande war die oberste Verwaltungsbehörde des Landes- 
gubernium ferner zugleich die oberste Gerichtsbehörde. Die Finanz - 
angelegenheiten besorgte das siebenbürgische Thesauriat. 

Nach Errichtung des Directoriums war eine einheitliche Verwal- 
tung des Finanzwesens nicht vorhanden. Es gab hiefür 1761 drei 
Centralstellen : dem Directorium in publicis et cameralibus waren die 
Contributionen, und die anderen direkten Steuern, sowie das „deutsche 
Cainerale" zur Verwaltung anvertraut; das Münz- und Bergwesen, 
sowie das ungarische Camerale unterstand der Hofkammer, endlich 
hatte der Wiener Stadt-Banco eine selbstständige Verwaltung unter 
einem eigenen Präsidenten. Selbst gleichartige Gegenstände wurden 
von verschiedenen Centralstellen verwaltet. So unterschied man zwischen 
verpfändeten und rückverpfändeten Gefällen, diese unterstanden dem 
Directorium, jene der Bancodepufation. Jede Centralstelle hatte nicht 
blos die Verwaltung der zu ihrem Wirkungskreise gehörigen Ange- 
legenheiten zu besorgen, sondern auch alle etwaigen Ausgaben zu be- 
streiten und darüber Rechnung zu legen. Alle diese Stellen waren 
von einander unabhängig und erschwerten natürlich eine zweckmässige, 
von gleichartigen Gesichtspunkten ausgehende Verwaltung. Bei Fragen 
verwickelter Natur traten wol Commissionen zusammen, welche zu 
berathen und Vorschläge zu erstatten hatten, allein die verschiedenen 
von einander oft abweichenden Gesichtspunkte der Mitglieder, welche 
blos die einseitigen Interessen ihres Ressorts zur Geltung zu bringen 
suchten, machten es der Monarchin nicht gerade leicht, eine Entschei- 
dung zu treffen. 

Längst hatte sich das Bedürfnis einer einschneidenden Aende- 
rung fühlbar gemacht. Die Schwerfälligkeit der Finanzverwaltung 
trat während des Krieges augenfällig zu Tage. Wie Bartenstein in 
einer Denkschrift tief klagend bemerkte, kannte mau weder die Höhe 
der Einnahmen noch der Ausgaben genau; seiner Schilderung nach 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749—1816. 241 

herrschte grosse Unordnung. Unmittelbar nach Schaffung des Staats- 
rates wurde deshalb auch die Reform der Finanzverwaltung in Er- 
wägung gezogen. Ueber die Notwendigkeit einer Trennung der 
politischen Verwaltung von jener der Finanzen waren die meisten 
Mitglieder des Staatsrathes einig. Nur Graf Haugwitz verfocht die 
Beibehaltung des Wirkungskreises des Directoriums in dem von ihm 
geschaffenen Umfange. Das wesentlichste Verdienst um Klärung der 
Ansichten erwarb sich Kaunitz, der in einer meisterhaften Denkschrift, 
die sich auf alle Fragen der Verwaltung erstreckte, in erster Linie 
aber jene der Finanzen beleuchtete, auf die bisherigen vielen Gebre- 
chen aufmerksam machte. Die Erblande , legte er dar , seien noch 
niemals in einer vollkommenen Verbindung unter sich gestanden, sie 
hatten ihre besondere Regierung und Verfassung. Eine nicht ganz zu 
missbilligende Eifersucht war bei den Ständen und Stellen der „ Antrieb 
sich abgesondert und ihre Privilegien aufrecht zu halten". Der Sou- 
verän wurde in diesem Vorurtheile erzogen und „von seinen Bedienten 
unterhalten". Das Unternehmen einer Vereinigung schien theils zu 
gefährlich, theils zu hart, der Nutzen wurde nicht eingesehen bis die 
Kaiserin die so heilsame als herzhafte Entschliessung gefasst habe, 
eine Verbesserung des bisherigen Staatssy stein s zu unternehmen und 
die Theile mit dem Ganzen zu verbinden. Kaunitz hatte hiebei die 
Reformen im Jahre 1749 im Auge; allein man sei, wie er bemerkt, 
von der reinen Verfassung wieder abgegangen. Man habe mit einan- 
der verknüpft, was nicht zu verbinden gewesen wäre. Seine Forderung 
geht auf Trennung der Finanzverwaltung und zwar der Einnahmen 
von den Ausgaben und dieser wieder von der Rechnungslegung. Mit 
vollem Rechte wies er darauf hin, dass z. B. „der Banco die Ver- 
Avaltung der grössten und schönsten Cameralgefälle in Händen habe 
ohne Oberaufsicht, ohne Controlle". Es waren dies die sogenannten 
an die Bank verpfändeten Gefälle, welche ihr zur Sicherstellung der 
von ihr aufgenommenen Anlehen übergeben wurden, während die 
anderen Gefälle, die un verpfändeten, der Hofkammer unterstanden. 
Die Schaffung eines Directoriums in publicis et cameralibus hatte sich 
durchaus nicht als vortheilhaft erwiesen. Der Wirkungskreis desselben 
war von jenem der Hofkammer nicht scharf abgegrenzt. Für eine 
grosse Anzahl staatlicher Belange wurden Commissionen ins Leben 
gerufen, deren Vorstände unmittelbar an die Kaiserin Vorträge er- 
statten konnten. Niemand, bemerkt Kaunitz treffend, habe sich in 
der Monarchie befunden, der mit der Sorgfalt für die Totalität und 
die allgemeine Wohlfahrt des Staates beladen gewesen wäre; vor Allem 
sei aber auf das „Universale" das Augenmerk zu richten, dann erst 
Mittheilungen XV. IG 



242 B e e r. 

auf das „Partikulare", indem dieses, wenu es auch an sich namhaft 
und beträchtlich wäre, niemals für erspriesslich gehalten werden kann, 
wenn dasselbe dem Ganzen zum Nachtheil gereiche. Kaunitz weist 
darauf hin, dass es an guten Gezetzen und Verordnungen nicht fehle, 
die aber nicht gehalten werden, „das Wiener Gebot sei schon längst zum 
Sprichworte geworden" und es wäre weit besser, keine Verordnungen zu 
erlassen als solche, die nicht befolgt werden. Es gebe überflüssige 
Bedienungen, Pensionen und Besoldungen; die Ehrentitel und Stellen 
haben sich vom geheimen Rath bis auf den letzen Bedienten so sehr 
gemehrt, dass dadurch ihr Ansehen vermindert worden sei und junge 
Cavaliere damit anzufangen suchen, womit sie endigen sollen : mit der 
geheimen Rathswürde. 

Die Arbeit ist überhaupt ein glänzendes Zeugnis wahrhaft grosser 
staatsmännischer Auffassung. Lassen sich auch mancherlei Einwen- 
dungen im Einzelnen erheben, in allen wesentlichen Punkten befür- 
wortet Kaunitz Einrichtungen, die erst in der zweiten Hälfte des 
19. Jahrhunderts in diesem Umfange in dem staatlichen Leben sich 
durchgerungen haben. In vielen Fragen eilt er seiner Zeit voraus. So 
betont er es, dass die Staatswirthschaft den wichtigsten Gegenstand des neu 
zu errichtenden Systems abzugeben habe und dieselbe nicht in allen 
Stücken nach der Privatwirtschaft beurtheilt werden dürfe, da bei 
dieser die Regel stattfinde, dass die Ausgaben nach den Einnahmen 
abzumessen seien, hingegen bei einer gut eingerichteten Staatswirth- 
schaft die Einkünfte nach den nöthigen und nützlichen Ausgaben be- 
stimmt werden müssen. Mit Entschiedenheit wendet er sich gegen 
die Geheimnisthuerei des Banco-Instituts, weil vermeintlich das edelste 
Kleinod des Credits keiner Gefahr auszusetzen sei, eine Ansicht, die 
bei den Berathungen von dem Staatsrathe Stupan energisch vertreten 
wurde. Seine Bemerkungen über die zu ergreifenden Massnahmen zur 
Hebung von Handel und Industrie sind gegen die engen Gesichts- 
punkte gerichtet, die in dem damaligen Commerzdirectorium ihre Ver- 
treter hatten, und zeigen einen mit den wirthschaftlichen Verhält- 
nissen vertrauten Mann, sei es , wenn er auf die Notwendig- 
keit statistischer Tabellen hinweist, oder wenn er eine Centralbe- 
hörde befürwortet und überhaupt für die Erleichterung des Verkehres 
eintritt x ). 

Das Ergebnis der eingehenden Berathungen war die Schaffung von 



! ) Votum des Staatakanzlers vom 20. Nov. 17G1, Nachtragsvotum vom De- 
zember 1761. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749—1816. 243 

drei Finanzpräsidenten 1 ). Das Directoriuru in publicis et cameralibus wurde 
in eine politische Verwaltungsbehörde umgestaltet und der bisherige 
Bancodeputationspräsident, seit 1759 zugleich Hofkammerpräsident, 
Graf Kudolf Choteck, der bisher auch mit dem Commerzoberdirectorium 
betraut gewesen war, wurde zum obersten Kanzler der böhmisch-öster- 
reichischen Hofkanzlei, welchen Namen von nun an die Centralstelle 
führen sollte, ernannt 2 ). Ausschlaggebend fürdie Ernennung desselben war 
wahrscheinlich der Umstand, dass man sich zur Schaffung einer selbst- 
ständigen Behörde für Handelsangelegenheiten entschied und die Selbst- 
ständigkeit der Bancodeputation wesentlich einschränkte. Zum Präsi- 
denten der Hofkammer, mit welcher bereits seit 1759 das Münz- und 
Bergwesen vereinigt war, wurde Graf Johann Seyfried Herberstein 
ernannt, bisher an der Spitze der Landesbehörde in Krain. Die allge- 
meine Hofkammer hatte auch das ungarische Camerale, sowie die 



') In dem Handschreiben vom 23. Dec. 1761 an die drei Finanzpräsidenten 
wird gesagt, dass das ganze Finanzwesen einer dreifachen Verwaltung unterstehen 
soll : Hof kammer, Caisse generale und Rechenkammer. Arneth VII S. 26 bezeichnet 
die deutsch-erbländische Creditsdeputation als eine selbstständige Centralbehörde, 
der die Stadtbank untergeordnet wurde, was unrichtig ist. Hatzfeld führte anfangs 
den Titel : Teutsch-erbländischer-Credits-Deputations- und Stadt wienerscher Banco- 
präsident. Handschreiben an Hatzfeld, 23. December 1761 ; in demselben wird 
auch bemerkt: Die Kaiserin erkenne wol, dass die Vereinigung aller Einkünfte 
in eine C'assa ein grosses und wichtiges Werk sei, allein dies lasse sich nicht auf 
einmal noch ohne nothwendige Vorbereitung zur Vollkommenheit bringen; man 
müsse mit aller Sorgfalt vorgehen, besonders aber fürdenken, dass dem Credit 
kein Abbruch geschehe. Der Stadtbanco sei daher bei seiner Verfassung zu be- 
lassen, jedoch für denselben, sowie über die deutsch. -erb! ändische Creditsdepu- 
tation nur ein Präsident gesetzt, damit durch Vereinigung des doppelten Prae- 
sidii unter ein Capo das Fundament gelegt werde, worauf eine vollkommene 
Union zu begründen sei und wohin alle übrigen Credit-Cameral- und Contri- 
butionalfonde sobald als möglich nach und nach einzuleiten seien. — Die An- 
sicht des Staatskanzlers hatte nicht den Sieg davon getragen, jene Stupan's, wie 
es scheint, Eindruck gemacht. Stnpan hatte beantragt, dass die k. k. Hofkam- 
mer auf dem alten Fuss hergestellt, bei derselben die Haupt-, Militär- und 
Cameralcassa aufgerichtet, in diese aber alle Einkünfte des Staates einfliessen 
und von ihr alle Hof-, Militär- und Civilerfordernisse bestritten werden sollen. 
Die Hof kammer hätte für die Einkünfte, die Contröle generale aber als Central- 
finanzdirection für die Ausgaben zu sorgen, das Universal-Militär- und Cammeral- 
zahlamt wäre zu instruiren, keine Zahlungen zu leisten, die nicht durch die 
Contröle generale angewiesen seien; Bancocassa und Schuldencassa seien nicht 
mit den übrigen Staatseinkünften zu vermischen, da sonst eine Schwächung des 
Credits zu befürchten wäre (16. Febr. 1761). Kaunitz dagegen sprach sich für 
eine Einbeziehung des Banco, sowie für eine Vereinigung aller Fonds aus. (Vo- 
tum 27. November 1761). 

-) Da Ihrer Majestät Augenmerk bei Hofstellen sei dasjenige, was seiner Natur 

16" 



244 Beer. 

bisher vom Directoriurn in publicis et cameralibus übertragenen deut- 
schen Cameralangelenheiten zu besorgen. Graf Carl Friedrich Hatzfeld, 
der als Beisitzer der Kepräsentation und Kammer in Prag Gelegenheit 
o-ehabt hatte, sich mit den wirthschaftlichen und finanziellen Verhält- 
nissen des Landes bekannt zu machen und später eine Zeit lang als 
böhmischer Appellationspräsident thätig war, wurde zum Präsidenten 
der Ministerialbancodeputation und bald darauf der Generalcassen- 
direction ernannt. Zum Präsidenten der Rechnungskammer wurde 
Graf Zinzendorf, ein Günstling des Grafen Kaunitz, bestimmt 1 ). Die 
Finanzpräsidenten erhielten 12000 fl. Gehalt 8 ). 

Die im Jahre 1761 beschlossene Neuordnung beruhte auf einer 
Dreitheilung: Verwaltung, Geld und Rechnung. Der Hofkammer wurde 
die Oberaufsicht, Direction und Verbesserung aller sowol „freien, als 
verschuldeten Cameral- und Contributionsgefälle" übertragen. S.e hatte 
daher für die Herbeischaffung der Staatseinnahmen zu sorgen und die 
Ausgaben anzuordnen, welche für den öffentlichen Staatsauf wand sich 
als notwendig erwiesen. Die gesammten Einnahmen des Staates sollten 
der allgemeinen Cassa zufliessen, welche von nun an alle Zahlungen 
zu leisten hatte, ohne jedoch ausser der ihr anvertrauten Besorgung 
der gesammten öffentlichen Credite in die Verwaltung einzugreifen. 
Endlich wurde die Rechenkammer errichtet, welche mit der Prüfung 
der empfangenen und ausgegebenen Gelder betraut wurde, demnach 
die allgemeine Controle über die beiden anderen Centralstelleu zu 
führen hatte 3 ). 

Wie sehr die Kaiserin die grosse Tragweite der Neuorganisation 
erfasst hatte, geht aus vielen Handschreiben jener Tage hervor. Die 
Grundsätze, worauf die Reform beruhte, erschienen ihr als die rich- 
tigen und in der ersten Zeit war sie jeder auch der geringfügigsten 
Aenderung abhold und fortwährend bemüht, die Schwierigkeiten, welche 



nach nicht unter die Oberverwaltung gehört, von einander zu trennen und dasjenige, 
was von gleicher Eigenschaft ist und beisammen bleiben kann, untereinander zu 
verbinden, so sollen die Politica von der obersten Justiz abgesondert bleiben 
und die oberste politische Stelle nicht mehr mit Cameral- und commissariatlichen 
Geschäften vereinigt sein. V^iener Zeitung 11. Januar 1762. 

1 ) Für das bisher dem Directoriurn in pub. et cameralibus anvertraute Militär- 
Oeconomiewesen wurde eine eigene unmittelbare Commissariat- und Proviant- 
Hofcommisbion unter dem geh. Rath Joh. von Chotek gebildet. 

2 ) Handschreiben vom 25. Febr. 1762. Die 10 /0 betragende Arrha wurde 
ihm vergütet. 

3 ) Die kaiserl. Resolution vom 23. Dezember 1761 abgedruckt Ludwig und 
Karl Zinzendorf s Selbstbiographie, herausgegeben von Pettenegg, Wien 1879, S. 86. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 174!» — 1816. 245 

der Durchführung entgegenstanden, zu beseitigen. Die Befugnisse der 
neugeschaffenen Centralstellen mussten erst genau abgegrenzt werden, 
was nicht ohne Beibungen erfolgt zu sein scheint, denn die Kaiserin 
sieht sich genöthigt, Ziel und Aufgabe der einschneidenden Umge- 
staltung darzulegen und den Wirkungskreis der Behörden zu um- 
schreiben l ). Trotzdem erfolgte die vollständige Vereinigung der Finanz- 
verwaltung bei der Hofkammer nicht. Das Contributionale blieb bei 
der böhmisch-österreichischen Hofkanzlei, der Banco behielt die Ad- 
ministration der verpfändeten Gefälle und die Hofkammer blieb daher 
auf das Bergwesen und auf die unverpfändeten deutschen und unga- 
rischen Cameral- Einnahmen beschränkt. Die Militärkassen wurden 
durch eine kaiserliche Entschliessuug den allgemeinen Cassen entzogen, 
das Schuldenwesen wieder unter Oberdirection des Kaisers verwaltet 2 .) 
Die Bestrebungen des Grafen Herberstein die in der Verwaltung der 



') Vergl. das am 8. März 1762 präsentirte Handschreiben der Kaiserin. Wie 
sehr die Kaiserin auf der strikten Durchführung beharrte, geht auch daraus her- 
vor, dass Graf Seyfried Herberstein in einem Vortrage vom 12. Februar 1762 bat, 
den gegenwärtigen Zustand noch ein Jahr lang zu belassen und die Kassen so- 
wie die Buchhaltung des Münz- und Bergwesens nicht alsogleich den neuen Be- 
hörden überweisen zu müssen, da er allzu kurz im Amte sei und daher noch 
nicht in der Lage sei, sich mit den Verhältnissen des Münz- und Bergwesens 
bekannt zu machen. Die Kaiserin gieng jedoch nicht darauf ein. Ich habe 
bereits Meine, nach reifer Ueberlegung gefassten Beschlüsse, lautet die Ent- 
schliessung, ganz deutlich bekannt gemacht und beharre unabänderlich, dass 
Meine Kammer sich künftig blos und allein mit der Oberaufsicht und Admini- 
stration aller Meiner Gefällen beschäftigen und das Kassa- und Rechnungswesen 
abgesondert bleiben solle. 

■) Durch Handschreiben vom 24. September 1763 wurde Graf Hatzfeld von 
der Kaiserin verständigt, dass ,Ihro Maj. der Kaiser die Administration der neuen 
Schuldencassa zu übernehmen belieben wollen« ; s die von denen administrirenden 
Stellen einzubringenden Gelder und Fonds d" araortissement, so der erwähnten 
neuen Schuldencassa gewidmet sind, die Finanzoperationen so damit zu machen, 
die Art diese Gelder so damit zu verwenden, und er selbsten wird, insoweit es 
diese Cassa betrifft, der Disposition und Anordnung Ihro Majestät des Kaisers 
gänzlich untergeben sein«. Die Aufsicht über die Staatsschulden führte bis zu 
seinem Tode Kaiser Franz, der sich überhaupt um die Ordnung des Staatshaus- 
haltes, namentlich aber um das Münzwesen die grössten Verdienste erworben hat. 
Die einflussreiche und vom Erfolge gekrönte Wirksamkeit dieses Mannes ist bis- 
her noch nicht gehörig gewürdigt worden. Eine grosse Anzahl von Schriftstücken, 
eigenhändig in französischer Sprache geschrieben, gewährt einigen Aufschluss 
über die unter seiner Mitwirkung durchgeführten Reformen namentlich auf dem 
Gebiete des Münzwesens. Auch widmete er in Zeiten der Noth nicht unbedeu- 
tende Summen für Staatszwecke. Nach seinem Tode erhielt Hatzfeld das ganze 
Staatsschuldenwesen. (Handschreiben an Hatzfeld 21. Oct. 1765.) 



24(3 Beer. 

Bancodeputation stehenden Gefälle der Hofkamrner zu überweisen, 
blieben ohne Erfolg 1 ). 

Der Präsident der Bancodeputation war angewiesen, die Sitzungs- 
protokolle ausnahmslos dem Kammerpräsidenten zu übersenden, damit 
dieser entweder zustimme oder etwaige Erinnerungen mache. In letz- 
terem Falle sollte eine Zusammentretung der beiden Präsidenten statt- 
finden, und wenn eine Einigung stattfand, wurde blos das Protokoll 
zur Approbation der Kaiserin überreicht, kam aber ein Beschluss nicht 
zu Stande, musste ein gemeinschaftlicher Vortrag erstattet und die 
verschiedenen Ansichten dargelegt werden. Die Bancodeputation war 
nicht berechtigt, in der Administration eines Gefälles ohne Einver- 
nehmung der Hofkammer eine Veränderung vorzunehmen. Viertel- 
jährlich mussten die Ausweise über die Einnahmen der Hofkammer 
vorgelegt und am Jahresschlüsse der Kechnungskammer ordentliche 
Rechnung gelegt werden 2 ). 

Differenzen zwischen den Finanzstellen und der böhmisch-österrei- 
chischen Kanzlei über die Frage, welche Behörde in reinen Cameral- 
sachen Verordnungen an die Gubernien zu erlassen habe, machten 
sich bemerkbar. Die Hofkanzlei hatte bereits in einem Vortrage vom 
5. October 1762 auf die Verwirrung aufmerksam gemacht, wenn 
an die der Hofkanzlei allein unterstehenden Landesgubernien und 
Stände kaiserliche Befehle oder gar Normalien ohne ihr Vorwissen 
gelangen, und gleichzeitig die Bitte gestellt, dass die Finanzstellen 
mit der Hofkanzlei diesbezüglich concertiren sollen. Dem entsprechend 
erfolgte auch eine kaiserliche Entschliessung am 19. October 1762. 
Allein damit war die Angelegenheit nicht abgethan, und die Hof- 
kanzlei wendete sich abermals in derselben Angelegenheit an die Mo- 
narchin. In einem Vortrage vom 24. November 1764, worin sie be- 
merkte, „sie wolle ganz gerne geschehen lassen, dass in puris Carne- 
ralibus die Finanzstellen auch unmittelbar an die Länder-Dicasterien, 
allein doch niemals an die Stände expediren mögen", wurde in 
Anspruch genommen, dass bei Erlässen, welche die Publica politica 
betreffen, die Unterschrift des Hofkanzlers notwendig sei. Durch Hand- 
schreiben vom 14. März 1764 an den Grafen Herberstein verfügte die 
Kaiserin: „Nachdem bey den Landes-Gubernien zeithero ein so an- 
deres Missverständniss aus Veranlassung der abgelofenen Resripten 
und Verordnungen sichergeben", so habe sie zu künftiger Hindan haltung 



1 ) Vergl. Handschreiben vom 31. März 1762. 

2 ) Handschreiben an den Grafen Heiberstein ohne Datum , praes. den 
20. Februar 1762. 



Die Fiuanzvenvaltung Österreichs 1749—1816. 247 

derlei Anstössigkeiten zu resolviren befunden, „dass von den Finanz- 
Stellen weitershin zwar an die unterhabende Aemter in den Ländern 
die Befehle und Verordnungen wie zeithero ausgefertiget, dahingegen 
von nun an keine Resripten oder Anordnungen an die Landes-Gu- 
bernien ohnuiittelbar von ihnen erlassen, sondern alles, was von ihnen 
au solche zu ergehen hat, durch die Böhmisch-Oesterreichische Cauzley 
auf dem Fuss, wie solches unter dem vormaligen Directorio geschehen 
und von dem Commercien-Rath auch noch gegenwärtig beobachtet 
wird, jedesmal expedirt, sofort die Expeditionen nebst dem obersten 
Canzler zugleich von dem Präsidenten der betreffenden Finanzstelle 
mit unterfertigt werden sollen. Wornach also von der Cammer der 
Verhalt zu nehmen ist, allermassen die Rechen-Cammer und Cassen- 
Direction in der nämlichen Gleichförmigkeit untereinstens anweise' 1 1 ). 
Aehnlich ein Handschreiben an Hatzfeld vom selben Tage. 

Graf Hatzfeld wurde in seinen Bestrebungen nach Schaffung einer 
einheitlichen Finanzverwaltung von dem Präsidenten der Hofrechen- 
karnmer, Grafen Ludwig Zinzendorf, unterstützt. In einem gemein- 
schaftlichen Elaborate befürworteten sie die strikte Durchführung der 
einmal angenommenen Grundsätze und bekämpften den Einfluss der 



l ) Eine ähnliche EntSchliessung der Kaiserin war auf einen von Hat-feld 
am 21. Mai 1764 erstatteten Vortrag erfolgt, dahin gehend: »um die Anstössig- 
keiten bei der Correspondenz mit den Länderstellen zu beheben, haben die Stellen 
zur genauen Richtschnur zu nehmen, dass sie die Schranken der ihnen einge- 
räumten Activität nicht überschreiten und jene Geschäfte, welche in mehrere 
Departements einschlagen, gemeinschaftlich concertiren, und gleichförmig expe- 
diren, auch wenn von den Länder-Stellen die Berichte unrecht dirigirt werden, 
solche ohne mindesten Aufenthalt der betreffenden Stelle brevi manu zu schicken, 
und ein gleiches auch in dem Fall beobachten sollen, wenn von Mir ein Vortrag, 
oder eine Auskunft von einem Präsidenten, oder Stelle anverlanget würde, das 
Geschäft aber gänzlich , oder zum Theil in ein anderes Departement ein- 
schlagte. 

So viel die Rescripta selbst, und die Verordnungen an die Länder- Gubernia 
anbetrift, da hat zwar de Regula die Canzley allein die Expeditiones zu erlassen, 
weilen aber auch verschiedene Anordnungen von den Finanz-Stellen dahin ge- 
machet werden müssen, so will Ich hiebey künftig beobachtet wissen, dass solche 
jedesmal der Canzley zur vorläufigen Einsicht hinüber gegeben, und hernach erst 
mit der vorhin angeordneten Mitunterschrift des Obristen Canzlers, und respective 
Vice-Kanzlers expediret werden sollen, wohingegen jene Finanz- Expeditionen, 
welche allein die Bergbau- und münzämtliche Manipulation, das Buchhalterey- 
oder Cassa-Weesen betrefen, folglich mit dem Publico-politico oder Provinziali, 
keinen Zusammenhang haben, von den Finanz-Stellen temers an die Gubernia zu 
erlassen sind, nur die Montanistica in Kärnten, und Crain ausgenommen, wo die 
Anordnungen gerade an die Aemter abgehen mögen«. Gleichlautend ein Hand- 
schreiben an Herberstein 27. Mai 1764. 



248 B e e r - 

Hofkanzlei iu Finanzangelegenheiten. Da sich die gesainniten Con- 
tributionen bei dieser Centralstelle bestanden und auch die übrigen 
Auflagen in einem grösseren oder geringeren Zusammenhange mit den 
ständischen Angelegenheiten waren, so konnte von den Finanzstellen 
ohne Zuthun der Kanzlei strenge genommen keine Verfügung ge- 
troffen werden. Langsamkeit und Verzögerung der Geschäfte, unnö- 
thige Schreibereien waren die Folge. In dem Vortrage wurde der 
Kaiserin dargelegt, dass die böhmisch-östen eichische Hofkanzlei ihrer 
Natur nach nichts als eine politische Stelle sei, welche sich von jeher 
in dem Besitze des ständischen Vertrauens zu erhalten gesucht und die 
Klagen der Stände Allerhöchstenorts geltend gemacht und unterstützt 
habe. Von ihrer Mitwirkung hingen alle wichtigen Finanzangelegen- 
heiten ab. Für das Contributionale, die Erbsteuer, die Schulden- und 
Interessensteuer sei sie die eigentlich administrirende Stelle und daher 
erklärlich, dass aus einer solchen Einrichtung kein Vortheil für die 
Finanzen erwachsen könne. Wol finden zwischen den verschiedenen 
Centralstellen Zusammentretungen statt, allein der Vollzug der zu 
treffenden Massnahmen werde dadurch gehemmt. So z. ß. sei die 
Publication des Fleischkreuzerpatentes bereits vor einem Jahre von 
der Kaiserin genehmigt worden, aber in Oesterreich ob der Enns bis 
vor wenigen Wochen die Veröffentlichung verweigert, in Kärnthen bis 
zur Stunde hintertrieben worden. Ein Fehler der Organisation be- 
stünde auch darin, dass bei Absonderung der Cameral- nnd Bancal- 
gefälle Einkünfte einerlei Gattung sich unter einer verschiedenen Ver- 
waltung befinden. Die ungarischen Mauthgefälle werden ungemein 
schlecht administrirt. Die Vereinigung derselben mit der Hofkammer 
wäre ebenfalls notwendig und für die Wohlfahrt der deutschen Erb- 
lande von Wichtigkeit. Nur durch Vereinfachung der Verwaltung 
könnte eine Besserung erzielt werden. „Alle in verschiedenen Händen 
befindlichen Gegenstände einer Art sollen so viel möglich in einer 
Hand vereinigt, die Administration sämmtlicher Gefälle müsse von 
einer Centralbehörde besorgt werden", die Cassadirection sowie die 
Bancodeputation und die Hofkammer sollen wol in ihrer bisherigen 
Verfassung verbleiben, oder einem Präsidenten untergeben werden. Die 
Eechenkammer sei aufrecht zu erhalten, jedoch dahin zu beschränken, 
dass sie auf die Vollziehung der Geschäfte nicht hemmend einwirke, 
Während durch die Ende Dezember 1761 getroffene Organisation drei 
Finanzpräsidenten geschaffen wurden, sollten daher künftig nur zwei 
die gesammte Finanzverwaltung besorgen: ein Hofkammerpräsident, 
dem die Administration des Contributionale und sämmtliche Cameral- 
gefälle, die Direction des Banco und der Generalcasse zu übergeben 



Die Vinauzverwaltung Oesterreichs 1749—1816'. 949 

seien, und der Präsident der Kechenkaminer. Die Au tragsteiler griffen 
zur Begründung dieses Antrages auf die Einrichtung vor 1703 zurück, 
darauf hinweisend, dass bis dahin das gesammte Finanzwesen unter 
Einem Präsidenten gestanden habe. Die bei den Berathungen bekämpfte 
Vereinigung der Bancodeputation mit der Hofkammer unter einem 
Präsidenten, indem dadurch der Kredit des Banco geschädigt werden 
dürfte, wurde mit dem Hinweise widerlegt, dass Graf Rudolf Chotek 
diese beiden Präsidien vereinigt hatte. Es fragte sich nur, ob eine 
Kraft im Stande sei, die grosse Last zu bewältigen. Hatzfeld und 
Zinzendorf beriefen sich auf die Hofkammer-Instruction vom Jahre 
1717, worin angeordnet war, dass die weniger wichtigen Agenden 
ohne Mitwirkung des Präsidenten in verschiedenen Kommissionen be- 
sorgt werden sollen; nur sollte der Hofkammerpräsident allwöchent- 
lich in eiuer Plenarversammlung die wichtigen Dinge berathen lassen. 
Jeder Kommission — es wurden deren vier in Vorschlag gebracht — 
sollte ein Vicepräsident vorstehen, der Plenarversammlung die Be- 
schlussfassung vorbehalten bleiben über alle Angelegenheiten, worüber 
zwischen zwei Stellen ein Widerspruch bestehe, ferner über jene, die 
in das Ressort mehrerer Ceutralstellen gehören, endlich über alle wich- 
tigen Angelegenheiten, die bei den gewöhnlichen Rathssitzungen in 
Abwesenheit des Präsidenten nicht zum Abschluss gebracht werden 
können. 

Die Kontribution sei, insolange die Bewilligung der Stände nicht 
erfolgt sei, ein Gegenstand der politischen Stelle, die Eintreibung 
und Erhebuug jedoch stehen einzig und allein dem Finanzminister 
zu. Die Postulirung und Bewilligung der Contribution hätte die 
Kammer im Einverständnisse mit der Rechenkammer bekannt zu 
geben und das gemeinschaftliche Protokoll zur Allerhöchsten Ent- 
Schliessung vorzulegen, die Kanzlei hätte dieselbe den Ständen zu 
übermitteln und die Bewilligung einzuholen, etwaige Anstände der- 
selben wären durch gemeinsame Berathung zu beheben und abermals 
eine EntSchliessung zu erbitten, die Eintreibung der bewilligten Kon- 
tribution bliebe ausschliesslich der Kammer überlassen und durch die 
Gubernien zu besorgen. Dasselbe gelte von der Erbsteuer, von der 
Interessen- und Schuldensteuer, von sämmtlichen ständischen Admini- 
cularfonds und Supererogaten : das ständische Kreditwesen, wofür das 
Aerar zu haften habe, solle den Finanzstellen zugewiesen werden und 
die Kanzlei damit nichts zu thun haben, nur sei ihr zu gestatten, 
Anzeige bei der Kaiserin zu machen, wenn sie erführe, dass dem 
ständischen Kredit zu nahe getreten werde. Das ständische Domestical- 
Schuldenwesen habe der Kanzlei zu verbleiben, die Finanzstellen seien 



250 Beer. 

jedoch von dem Stande desselben zu unterrichten. Keinem Lande 
wäre die Vermehrung der Domestical - Schulden ohne Einverneh- 
mung der Finanzstelle zu gestatten. Verwaltung, Berechnung und 
Revision der ständischen Kassen seien ein gemeinschaftlicher Gegenstand 
der Kanzlei und der Finanzstellen und es sei noth wendig, sämmtliche 
ständischen Buchhaltereien der Rechenkammer zu subordiniren. Ueber 
die Proportion der Länderkontribution nebst dem Exaequatorio und 
Rectificatorio müsse die Kanzlei bei ihrer Kenntnis der verschiedenen 
Länder, sowie über die Proportion derselben gegen einander, von dem 
Erträgnis der Herrschaften, Güter und Gründe, worauf diese Abgaben 
gebaut sind, am verlässlichsten unterrichtet sein, es wäre folglich 
nützlich, dies der Kanzlei zu überlassen; da jedoch unendlich daran 
gelegen sei, dass kein Land beschwert werde, so solle ein Hofrath der 
Rechenkammer beigezogen werden. Ständische Gravamina verblieben 
der Kanzlei, die Untersuchung derselben sei jedoch eine gemeinschaft- 
liche Angelegenheit der Stellen. Die ständischen Privilegien, insolange 
sie das Aerar nicht direkt oder indirekt betreffen, unterstünden der 
Kanzlei, im letzteren Falle aber sind die Finanzstellen einzuvernehmen x ). 

Die in dem Vortrage vom 11. September 1764 gemachten Vor- 
schläge über die Einrichtung der Fiuanzstellen erregten bei der Kai- 
serin einige Bedenken und sie beauftragte ihren geheimen Cabinets- 
sekretär Neny, dieselben dem Grafen, Hatzfeld zur Kenntnis zu 
bringen. Drei Punkte waren es namentlich, die sie nicht befriedigten: 
die Beibehaltung der Generalcassadirection, die nicht genügsame Ein- 
schränkung der Controlle der Rechenkammer, endlich dass der böhmi- 
schen Kanzlei allzu viel Einfluss auf die ständischen Angelegenheiten 
belassen worden sei. Die Beibehaltung der Cassadirection sei unnöthig 
und die Geschäfte könnten von der Hofkammer besorgt werden, die 
Controlle der Rechenkammer verursache viele Weitläufigkeiten, endlich 
gebe der Einfluss der böhmischen Kanzlei auf die ständischen Ange- 
legenheiten zu vielen Verzögerungen Anlass. 

In seiner im November übersehenen Erläuterung bemerkte Hatz- 
feld, die Aufhebung der Cassadirection sei nicht angerathen worden, 
weil man sich „zum Endzweck gesetzt", diese Abänderung auf eine 
solche Art einzuleiten, dass sie bei dem in- und ausländischen Pub- 
likum kein allzugrosses Aufsehen erwecke, mittlerweile sei jedoch der 



l ) Allerunterthänigste Vorschläge über die Einrichtung des Finanzwesens 
und Verbesserung des gegenwärtigen Finanzsystems vom 11. September 1764 
unterzeichnet Graf v. Hatzfeld und Graf v. Zinzendorf. Die Arbeit ist das Werk 
Zinzendorfs. Vergl. die Note im Anhange. 



Die Finanzvorwaltung Oesterreichs 1749—1816. 251 

Antrag auf Aufhebung der Generalcassadirection gestellt worden durch 
Vereinigung derselben mit der Hofkammer unter einem Präsidenten. 
Wenn diese erfolgt sei, können die sämmtlichen Centralstellen durch 
ein Handschreiben angewiesen werden, alle Cassenangelegenheiten an 
die Hofkammer zu leiten, wodurch sich stillschweigend diese Aufhebung 
ergeben würde. Eine Einschränkung der Rechenkammer konnte damals 
von Hatzfeld aus dem Grunde nicht beantragt werden, da er gemein- ■ 
schaftlich mit dem Präsidenten den Vortrag an die Kaiserin erstattet 
hatte, aber er beschwichtigte die Herrin, dass eine Einschränkung 
insoferne erfolgt sei, indem die Mitwirkung der Rechenkammer nur 
auf ganz wichtige Dinge und Pensionsertheilungen sich erstrecke. Die 
administrirende Stelle hätte sich künftig an die Rechenkammer zu 
wenden, so oft sie von der Buchhalterei ein Gutachten über „ zukünftige 
Dinge " abzufordern nöthig haben werde. Die Mitwirkung der Kanzlei 
bei den ständischen, die Finanzen betreffenden Angelegenheiten ziehe 
allerdings eine gewisse Langsamkeit nach sich, „allein ein so grosses 
Werk und die Einrichtung einer aus so vielen und mit verschiedenen 
Privilegien versehenen Staaten zusamuiengesetzten Monarchie könne 
unmöglich zu letzter Vollkommenheit gebracht werden", und man könnte 
nur dadurch Abhilfe schaffen, wenn man der Hofkammer das ständische 
Finanzwesen „privative" überweisen würde, aber eine derartige Ver- 
einigung würde den Ländern oder den Finanzen gefährlich sein. Denn 
denke der Minister allzu sehr auf Vermehrung der Einkünfte, so sind 
die Länder einer nicht geringen Bedrückung ausgesetzt, sei hingegen 
dieser Minister von den Privilegien der Stände übermässig einge- 
nommen, so erleiden die Finanzen Abbruch, wogegen, wenn die Kanzlei 
und die Kammer die ständischen Angelegenheiten gemeinschaftlich 
besorgen, so werde die Kanzlei alles beibringen, was das Wohlsein 
der Länder erheische und die Kammer werde auf „Erhebung der 
Finanzen* bedacht sein. Dem Staatsrathe werde es dann nicht schwer 
fallen, ohne Vorurtheil das Wohl der Länder mit jenem der Finanzen 
zu vereinbaren und dem beiderseitigen Eifer dieser Stellen durch eine 
Allerhöchste Entscheidung Schranken zu setzen ; die Vollstreckung der 
Allerh. Entscheidung müsse jedoch der Kammer überlassen bleiben. 
Hatzfeld befürchtete nämlich, wenn eine gemeinschaftliche Berathung 
mit der Kanzlei nicht eintreten würde, „ Beschwernisse ■ bei der Durch- 
führung der von der Kammer angeordneten und selbst Allerhöchsten 
Orts gebilligten Massnahmen, denn die Stände sehen die Kanzlei als 
eine sie vertretende Stelle an, diese würde dem Ansuchen der Stände, 
eine beschlossene Massregel zu hintertreiben, wenn sie an der Ent- 
scheidung keinen Antheil hätte, Folge geben. Sollte jedoch der Be- 



252 B e e r - 

schluss gefasst werden, die Kanzlei von der Mitberathung über das 
ständische Finanzwesen auszuschliessen, dann schlug Hatzfeld vor, die 
betreffenden Agenden theils der Hofkammer, theils der obersten Justiz- 
stelle zu übergeben und zwar die Wegreparationssachen, die ökonomi- 
schen Angelegenheiten der Städte, das Commerciale, die Publica und 
Politica der obersten Justizstelle zu überweisen x ). 

Die in dem Vortrage Zinzendorf's und Hatzfeld's in Anregung 
gebrachten Fragen wurden in einer ausserordentlichen Commission 
unter dem Vorsitze von Kaunitz berathen. Die vorgebrachten Be- 
denken, namentlich aber der Einwand, class die Ueberweisung so vieler 
Geschäfte an eine Person eine Ueberbürdung zur Folge haben dürfte, 
wurden von Hatzfeld widerlegt ; „ es handle sich in der Hauptsache 
darum, einen gleichen Esprit einzuführen, und er berufe sich diesfalls 
auf den Staatsrath, welcher derzeit oftmals in einem und demselben 
Geschäfte von den Stellen zwei verschiedene Vorschläge erhalte, wo- 
durch die Beurtheilung, wie die Sachen in der That beschaffen seien, 
nur erschwert werde, so dass man zuletzt nicht wisse, worauf eigent- 
lich eingerathen werden solle; er gedenke daher einen solchen Geist 
einzuführen, damit die Cameralia und Bancalia so, als wenn sie von 
einer und derselben Stelle verhandelt würden, tractirt werden ". lieber 
die Beibehaltung der bisher bestehenden Commissionen als Schulden-, 
Interessen-, Steuer-, Tabak- und Stempelcommission konnte sich Hatz- 
feld nicht aussprechen, bevor er von den näheren Geschäften Einsicht 
genommen haben werde. Kaunitz war der Ansicht, dass keine Com- 
mission ihre Protokolle und Anträge an die Kaiserin unmittelbar ge- 
langen lassen solle, sondern dieselben an die Hofkammer abzugeben 
habe, welche sodann ihr Gutachten darüber zu erstatten hätte 2 ). 

Graf Hatzfeld erreichte das Ziel seiner Wünsche. Die Kaiserin, 
lautete eine Zuschrift vom 15. Mai an ihn und an den Grafen Herber- 
stein, habe den Entschluss gefasst, „die Hofkammer mit dem Banco 
unter einem Präsidenten zu vereinigen derart, dass der Banco in seinen 



') Erläuterung des Bancodeputations- und Generalcassa-Directionspräsidenten 
über die demselben im Namen Ihro Majestät durch den geheimen Cabinets- 
secretär von Neny eröffnete Zweifel über den gemeinschaftlichen Vortrag vom 
11. September 1764, die Errichtung der Finanzstellen betreffend, übergeben, circa 
im Monate November 1764. 

*) Protokoll der ausserordentlichen Commission unter Vorsitz des Fürsten 
Kaunitz 1. Mai 1765: Hatzfeld bemerkte, dass die weitschichtige Correspondenz 
mit den Stellen Verzögerung und Arbeit erheische ; ein beträchtlicher Theil der 
Geschäfte entfalle ohnehin durch Verpachtung der hierländiscben Mauten und 
des Handgrafenamtes, wenngleich die Hungarica und die übrigen Cameralanlicgen- 
heiten zuwachsen. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749 — 1816. 253 

Verrichtungen abgesondert bleibe und in Zukunft Graf Hatzfeld beiden 
Centralstellen vorzustehen habe". Die Generalcassadirection werde mit der 
Hofkammer ebenfalls vereinigt, jedoch sei dieselbe von einem Rath „son- 
derheitlich" zu besorgen. Die Verwaltung der Staatsschulden verbleibe 
abgesondert und sei wie bisher fortzuführen. Die Vereinigung der 
gesammten Finanzverwaltung werde von nun an der Hofkammer 
derart übertragen, dass nicht nur das Contributionale uud die übrio-en 
die Länder betreffenden Angaben, sondern auch alle Ländergeschäfte, 
welche in das Finanzwesen einschlagen, von der Hofkammer allein 
besorgt und zur Execution gebracht werden, der vereinigten könio-1. 
böhmischen und österreichischen Hofkanzlei aber werde unbenommen 
sein, wenn sie zum Besten der Länder etwas zu erinnern finde, ihr 
diensam erachtende Vorstellungen vorzulegen, ohne dass dies in der 
Execution einen Verzug zu veranlassen habe. 

In der am 18. Mai 1765 unter dem Vorsitze von Kaunitz ab- 
gehaltenen Commissionssitzung trat Graf Hatzfeld mit Entschieden- 
heit für die Uebertragung der Contributionen von der Hofkanzlei an 
die Hofkammer ein, da sich die erstere allzu gefügig den Ständen 
gegenüber erweise. Hatzfeld erstrebte überhaupt eine Concentration 
der Finanzverwaltung und beantragte daher, alle damit im Zusammen- 
hang stehenden Angelegenheiten der Kammer zu überweisen, so z. B. 
auch den Bau der Strassen. Die politische Stelle sollte nur beurtheilen 
dürfen, wo neue Strassen zu bauen räthlich sei, die Verwenduno- des 
Wegegefälles und der Fonde sei jedoch Sache der Hofkammer, „da 
diese wenigstens die Präsumption für sich hätte, von der diesfälligen 
Oekonomie mehr Einsicht als die politische Stelle zu besitzen." *). Hatz- 
feld wies auch darauf hin, dass in In u erÖsterreich, wo das Strassen- 
wesen zur Ingerenz des Banco gehörte, besser als sonst irgendwo ge- 
führt werde. Von andern Mitgliedern wurde mit Schärfe hervorgehoben, 
dass keine Anordnung die Besorgung des Contributionswesens von 
Seite der Kanzlei verfügt habe. 

Graf Rudolf Chotek erklärte sich entschieden gegen die Ueber- 
tragung der auf die Contribution bezüglichen Angelegenheiten an die 
Holkammer. Alle „Neuigkeiten" der Regierungsform, setzte er in 
einem Vortrage vom 14. Juni 1765 auseinander, besonders wenn da- 
durch das Alte völlig umgekehrt werde, seien verhasst und es sollte 
niemals dazu geschritten werden, als wenn ein offenbarer Nutzen oder 



l ) Commissionsprotokoll vom 18. Mai 1765 unter dem Vorsitz von Kaunitz. 
Anwesend waren : Haugwitz, Blumegen, Hatzfeld, Zinzendorf, Borie, Binder, Stu- 
pan und König. 



254 ^er. 

eine absolute Notwendigkeit solches einrathen. Von der neuen Ein- 
richtung des Contributionswesens sei kein Nutzen zu erwarten, es wäre 
daher besser gewesen, die Sache beim Alten zu belassen. Er erblickte 
auch in den neuen Massnahmen eine Aenderung der Verfassung l ). 

Die Berathungen kamen erst im September zum Abschlüsse. Hatz- 
feld drang jedoch mit seinen Anträgen durch. Nur die Verhandlung 
der Postulate mit den Ständen blieb auch künftighin der böhmisch- 
österreichischen Kanzlei überlassen, sie sollte sich jedoch in die Kam- 
merpostulate nicht mischen und die einlaufenden Berichte der königl. 
Commissäre jedesmal an die Kammer senden. Die das Contributions- 
wesen betreffendes Angelegenheiten sollten von nun an durch Com- 
niissäre an die Stände übermittelt, alle übrigen Anforderungen — „An- 
sinnen" heisst es in der k. Erschliessung — aber durch Iiescripte an die 
Länderstellen erlassen werden, um den Vollzug zu bewirken, eine Verfü- 
gung, die bereits früher getroffen und nun erneuert wurde, wodurch der 
Wirkungskreis der Stände eine wesentliche Beschränkung erfuhr 2 ). 
Seit 1765 bestanden daher zwei Finanzpräsidenten, der eine hatte 
die gesammte Verwaltung, der andere die Controle zu besorgen. Graf 
Hatzfeld hatte das ersehnte Ziel erreicht; ihm waren Hofkammer, 
Bancodeputation und Generalkassedirektion anvertraut und nach dem 
Tode des Kaisers Franz wurde ihm durch Handschreiben vom 21. Ok- 
tober 170:") auch das Schuldenwesen übergeben. Bezüglich der Ge- 
schäitsbehandlung wurde verfügt, dass für die Verwaltung der un- 
vcrpfäudeten Kammer-Gefälle und der verpfändeten Gefälle, welch' 
letztere bisher von dem Banco besorgt wurden, je eine selbständige Com- 
mission bestellt werden sollte. Die Uebelstände waren damit jedoch 
nicht ganz beseitigt; es ergaben sich oft vielfache Schwierigkeiten, 
die Verwaltung nach gleichen Normen einzurichten. In Folge dessen 
wurde die Verfügung getroffen, alle Gefälle nach ihren Gattungen 
ohne Kücksicht darauf, ob ihre Verwaltung bisher der Hofkammer 
oder dem Banco anheimgestellt war, unter die Hauptdirektion des Hof- 
kammer- und Bancopräsidenten zu vereinigen. 

Für sämmtliche Geschäfte wurden cominissionelle Verhandlungen 



'I Ich kann hiebei, heisst es in dem oben erwähnten Vortrage, mit Still- 
schweigen nicht übergeben, wie schmerzlich es den treu gehorsamsten Ständen 
gesamniter Erblanden nach so vielen überstandenen Drangsalen und so standhaft 
erwiesenen allerunterthänigsten Treu und Devotion zu Gemüth dringen müsse, 
wenn sie nunmehr erfahren sollen, dass sie in dem wesentlichen Theil ihrer Ver- 
fassung eine Veränderung leiden und in ihren treu devotesten Bewilligungen 
cameraliter dirigirt werden sollen. 

-) Kaiser!. Kntschl. auf Protokoll 1. und 20. Mai und 9. und 14. Sep- 
tember 1"(!5. 



Die Finanzverwaltung Oosterroichs 1740—1816. Qgg 

veriiigt. Nur das Credit- und Cassawesen, soweit es wichtige Ange- 
legenheiten betraf, blieb ausschliesslich der Entscheidung dv* Finanz- 
rainisters — denn diesen Titel führte nunmehr der Präsident — vor- 
behalten, aber die Mitwissenschaft eines Vicepräsidenten forderte die 
Kaiserin, weil dieser in Abwesenheit des Chefs die Geschäfte zu führen 
hatte. Jeder Comtnission stand ein Director vor. Die Geschäfte sollten 
in Sitzungen zur Verhandlung kommen. Dem Vorsitzenden wurde 
ausdrücklich das Recht zuerkannt, seine Meinung zu äussern, sowie 
er für alle den Commissionen zugewiesenen Angelegenheiten die Verant- 
wortung zu tragen hatte. Auf den Protokollen sollten die Namen 
der anwesenden Käthe, sowie die Referenten augegeben werden. Die 
Kaiserin rügte es, dass auch jene Käthe namhaft gemacht werden, die 
abwesend seien, dieser wider die Ordnung laufende Fehler sei zu ver- 
meiden -). Die Protokolle mussten nach Unterfertigung durch den Di- 
rektor dem Finanzminister zur Approbation vorgelegt werden. Bei 
den Hauptsessionen oder Gesammtsitzungen hatte der Finanzminister 
den Vorsitz zu führen. Dieselbe fanden zweimal wöchentlich am Mon- 
tag und Freitag statt. Bei denselben hatten die Directoren und die 
vortragenden Käthe, über deren Agenden Beschlüsse gefasst werden 
sollten, zu erscheinen. Die Protokolle mussten von 14 zu 14 Tagen 
,,nach Hof" gesendet werden. Dem Referenten blieb es freigestellt, 
seine etwa abweichende Ansicht beizufügen. Bei Angelegenheiten, wo 
Gefahr im Verzuge war, konnte der Direktor oder der betreffende 
Hofrath dem Minister Vortrag halten, um seine Zustimmung einzu- 
holen, aber in der nächsten Plenarsitzung musste hievon Melduno- ov- 
macht und die verfügten Massnahmen zu Protokoll gegeben werden. 
Kamen Fragen zur Verhandlung, die andere Centralstellen berührten, 
so musste von Seite derselben ein Correferent bestellt werden. 

So wohl erwogen auch die Normen waren, welche für die Ver- 
waltung nach eingehender Berathung beschlossen wurden, befriedigt 
waren die massgebenden Kreise nicht. Mit Josef war ein treibendes 
Element zum Einflüsse gelangt, und auch die Kaiserin besass nicht 
die erforderliche Ruhe und klagte fortwährend über die Langsamkeit 
der Verwaltung, über die Vielschreibereien der Behörden. Mit Un- 
geduld erwartete sie von jeder Massregel sogleich Abhilfe, welche erst 
die Zeit und andauernde Arbeit bringen konnten. Die Anzahl der zu 
erledigenden Schriftstücke aus den verschiedeneu Zweigen der Ver- 
waltung nahm ihre Kraft stark in Anspruch, zum Theil durch sie 



') Protokoll einer gemeinsamen Zusammentretung vom 14. September I7IJ5. 
") Kais. Entschl. auf Protokoll vom IS. Juni 1766. 



256 B e e r. 

veranlasst. Ihre Anforderungen an die Behörden waren nämlich nicht 
selten schwer zu erfüllen. Sie klagte über die Behelligung mit unbe- 
deutenden Dingen und heischte dennoch übe* Kleinigkeiten Auskunft. 
Die Sitzungsprotokolle selbst über die unscheinbarsten Verwaltungs- 
angelegenheiten wurden ihr vorgelegt. Sie setzte ihre Erschliessung 
bei und war unbefriedigt, wenn eine Centralstelle im eigenen Wir- 
kungskreise über geringfügige Dinge Entscheidungen traf, ohne ihre 
Willeüsmeinung .eingeholt zu haben. Die Verwaltung gelangte nie 
zur Kühe und die Erprobung einer zweckmässigen Weisung wurde 
nicht abgewartet, wenn von berufener oder unberufener Seite irgend 
ein Tadel ausgesprochen wurde. 

Seit 1761 hatte man sich unaufhörlich mit der Organisation der 
Centralstellen beschäftigt, deren Wirkungskreis wiederholt geregelt l ). 
Anfangs 1768 wurden neue Gutachten gefordert, wie die Vielschreiberei 
gehindert, die Langsamkeit bei Erledigung der Geschäfte behoben wer- 
den könne, in welch' zweckmässiger Weise die Vertheilung der Agen- 
den erfolgen, eine Erweiterung der Geschäfte der Länderstellen zur 
Entlastung der Centralstellen stattfinden könne 2 ). Neue Untersuchungen 
und Erhebungen fanden statt. Treffend bemerkte Graf Rudolf Chotek 
in einem Vortrage vom 22. November 1768, „er vermöge nicht zu 
verhalten, dass die so oftmaligen Neuerungen und ansinnende Ver- 
besserung der Dicasterial-Einrichtungen eben nicht die beste Wirkung 
nach sich ziehen." Der oberste Kanzler kam jedoch den Weisungen 
der Herrin nach, erstattete Vorschläge „über die bessere Auseinander- 
setzung der zAvischen der obersten Justizstelle und der Kanzlei vor- 
fallender agendorum" und machte die richtige Bemerkung, dass der 
Kaiserin „alle neuen Gesetze und Generalien und über sonatige wich- 
tigere und ausserordentliche Zufälle die zu schöpfen kommende Reso- 
lutionen vorläufig in Uuterthänigkeit vorzutragen, die daraus fliessen- 
den Verfügungen aber von den Stellen ohne weiters zu veranlassen 
wären." Der Staatsrath beschäftigte sich mit den von den Central- 
stellen abgegebenen Gutachten iu der Sitzung vom 6. Dezember 1768 
unter dem Vorsitze des Fürsten Starhemberg ; die anderen Theil- 
nehmer waren: Staatsminister Blümegen, die Staatsräthe Borie, Binder, 
Stupan, Gebier. Der Staatsrath sprach sich in allen wesentlichen 
Punkten für die Anträge Chotek's aus. Eine wesentliche Aenderung 



') Vergl. das Handschreiben vom 26. August 1765 und die Vertheilung der 
Agenden im Anhange. 

2 J Vergl. die Handschreiben vom 28. Februar 1768, März und 28. October 
1768 im Anhange. 



Die Finanzverwaltung Oesterreiclis 1749 — 1816 257 

in dem Wirkungskreise der Hofstelle trat nur durch die Schaffung 
einer Wirtschaftsdeputation ein, wovon noch die Rede sein soll, ferner 
wurden hinsichtlich der Abgrenzimg der Geschäfte der Justizstelle und 
der Hofkanzlei einige Aenderungen getroffen. Auch die Finanzverwal- 
timg und die Hofrechenkammer behielten den ihnen eingeräumten 
Wirkungskreis, und für die Geschäftsbehandlung wurden durch kaiser- 
liche Handschreiben einige belangreiche Weisungen erlassen J ). 

Eine Beschränkung der Eiuflussuahme der Finanzstelle fand durch 
Handschreiben vom 28. October 1768 statt, indem das Montanisticum 
und die Agenden des Banates der unmittelbaren Leitung des Finanz- 
ministers entzogen wurden, und zwar, wie es in dem Handschreiben 
heisst, weil derselbe mit andern Geschäften überhäuft sei, sodann aber, 
weil für die Verwaltung dieser Angelegenheiten besondere Eigen- 
schaften und Kenntnisse nothwendig seien. Zur Besorgung derselben 
wurden zwei Commissionen eingesetzt und dem Finanzminister bloss 
die Oberleitung eingeräumt. Die Commissionen mit einem Vicepräsi- 
denten an der Spitze hatten demselben alljährlich einen Operations- 
und Erfordernisaufsatz zur Einsicht zu überreichen, wobei es ihm frei- 
stand, etwaige Bemerkungen zu machen. Ebenso sollten auch die an 
die Kaiserin zu erstattenden Vorträge durch seine Vermittlung weiter 
befördert werden, damit er den Stand der Dinge daraus entnehmen 
und in seinem Einbegleitungsvortrage eventuell seine Erinnerungen 
machen könne 2 ). Die Verwendung der Ueberschüsse blieb den Hof- 
kammerpräsidenten überlassen. 

Die getroffenen Massnahmen über die Abgrenzung der Wirkungs- 
kreise der Centralbehörden kamen nach einigen Jahren in Gefahr über 
den Haufen geworfen zu werden. 

Die Veranlassung gab eine Bemerkung der Kaiserin, dass sie mit 
Missfallen beobachtet habe, wie ungeachtet aller bereits zur Beschleu- 
nigung der Geschäfte gemachten Anordnungen bei der Erledigung der- 
selben eine solche Langsamkeit obwalte, dass selbst in minder wich- 
tigen Dingen nicht jene Behendigkeit platzgreife, welche das wahre 
Wohl des Staates erfordert. Bei genauerer Ueberlegung habe sie ge- 
funden, dass hauptsächlich drei Umstände die Ursache wären: einmal 
die Absonderung der politischen und Commercialstellen von den Fi- 
nanzen, sodann die allzu gehäuften Berichterstattungen der Länder an 
die Hofstellen nebst der vielfältigen Begutachtung der letzteren an die 



') Vergl. die Handschreiben vom 24. December 1765, sowie die kais. Ent- 
Schliessung auf den Vortrag vom 27. März 1769. 

2 ) Kais. Entschliessung auf Vortrag vom 22. November 1768. 
Hittheihiugeu, XV. 17 



258 B e e r - 

Kaiserin und endlich die Vertheilung der böhmischen und österreichi- 
schen Erblau de unter zu zahlreiche Gubernien. Hatzfeld erhielt zu- 
gleich den Auftrag, im Geheim gutachtlich „an Handeu zu lassen", 
wie die politischen und Finanziellen unter einer Directiou zusammen- 
gezogen werden könnten, wie die Hof- und Läuderstellen, ohne sie 
in eine allzu grosse Unabhängigkeit zu versetzen, von der allzu häu- 
figen Erstattung von Vorträgen und Berichten entledigt werdeu könnten, 
und endlich, auf welche Art die Ländergubernien einiger Provinzen 
unter Ein Gubernium zu ziehen wären. 

Hatzfeld kam am 5. Februar 1771 der Aufforderung der Kaiserin 
nach. Er verwies darauf, dass im J. 1765 Hofkammer, Ministerial- 
bancodeputation und Generalcassadirection einer Person anvertraut 
wurden, indem man den Bancopräsidenten zum Hofkammerpräsidenten 
ernannte, und dieser sodann sämmtliche Angelegenheiten der drei 
Stellen besorgte, ohne dass in dem Zuge der Geschäfte sich die ge- 
ringste Abänderung ergeben habe; man begnügte sich lediglich, ohne 
eine Kundmachung zu erlassen, die Weisungen der Cassadirection unter 
dem Namen der Hofkammer hinauszugeben und die Gubernialpräsi- 
denten durch ein Privatschreiben zu belehren, dass sie künftighin alle 
über Geldsachen, sowie über das gesammte Finanzwesen zu erstatten- 
dem Berichte, an die Kammer einzuseuden hätten. In gleicher Weise 
meinte der Hofkammerpräsident, könnte auch jetzt vorgegangen wer- 
den. Sobald es der Kaiserin gefällig sein werde, die Geschäfte eines 
Obersten Kanzlers, Hofkammer- und Bancopräsidenten Einer Person 
zu übertragen, so sei diese Vereinigung vollbracht; es bedürfe keiner 
Kundmachung an die Länder. Nur einige wenige Agenden, welche 
bisher die Hofkanzlei zu besorgen hatte, sollten seiner Meinung nach 
der obersten Justizstelle übergeben werden, unter diesen auch die Uni- 
versitäts- und Studiensachen. Im Verlaufe seines weiteren Vorschlages 
beantragte er, dass die Geschäfte dieser vereinigten Centralstelle in Zu- 
kunft in zwei Hauptdepartements ihre Erledigung finden könnten, wäh- 
rend gegenwärtig dieselben von sechs Stellen besorgt würden und zwar 
von der Kanzlei, dem Commerzienrathe, der Hof kammer, der Hof kaminer 
in Montanisticis, der Hofkammer in Banaticis und Domänenwesen, 
endlich von dem Banco. Endlich beantragte Hatzfeld auch die Auf- 
hebung der Rechenkainnier. Ferner machte er den Vorschlag, dass 
der Finanzminister dem Staatsrathe beiwohne und seine Meinung bei- 
füge ; er werde hiedurch auch in Kenntnis von den ungarischen, sieben- 
bürgischen und illyrischen Geschäften gesetzt, wodurch er bei Besor- 
gung der deutschen Erblande eine grosse Erleichterung habe ; er werde 
das Militärwirtschaf tswesen, welches mit den Finanzen einen nicht 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749 — 1816. 259 

geringen Zusammenhang hat, kennen lernen und werde in der Lage 
sein, jene Anstäude, welche bei der Beurtheilung seiner Vorträge im 
Staatsrathe sich äussern, zu erörtern, wodurch alle Erläuterungsvorträge 
erspart, mithin eine schleunige Erledigung erzielt werde. „Die Kai- 
serin erhalte die gründliche Kenntnis seines Fleisses, seiner Geschick- 
lichkeit, da er gleichsam über Alles und Jedes ex arena werde Rede 
und Antwort geben müssen -. Die Beiziehung zum Staatsrathe sei 
auch das einzige Mittel, wodurch er die untergebenen Vicecapi (Vice- 
präsidenten) in jener Subordination erhalten könne, ohne welche die 
Besorgung vieler Geschäfte unmöglich falle; die Weitschichtigkeit der- 
selben sei so gross, dass er deren Erledigung unmittelbar selbst nicht 
bestreiten könne; die ihm untergeordneten Personen werden auch 
dadurch verhindert, sich gegen den Finanz minister aufzulehnen, und 
wenn es ja geschehen sollte, würde es ihm leicht fallen, ihre Schein- 
gründe mündlich zu vernichten. Die Beiziehung zum Staatsrathe sei 
so nothwendig, dass die Ausführung des Vorschlages unmöglich werde, 
wenn dieses nicht geschehe, und sich wohl schwerlich jemand finden 
dürfte, der sich der Aufgabe zu unterziehen das Herz hätte. 

Die kaiserliche Entschliessung auf diesen Vortrag Hatzfeld's vom 
5. Februar 1771 lautete: „Die angetragene Vereinigung habe nicht 
stattzufinden, sondern Hatzfeld werde die Oberaufsicht über das Poli- 
ticum und Camerale anvertraut, jedoch 2 abgesonderte Dicasterien und 
die Geschäfte seien durch eiuen vorzulegenden Plan wohl abzutheilen ". 
Es erfolgte sodann die Ernennung Hatzfeld's zum Obrist - Kanzler, 
Keopold Kolowrat's zum Kanzler; Graf Wrbna wurde Vicepräsident 
und mit der Leitung der Bancodeputation und des Commercienrathes 
betraut. 

Was die Vereinigung der damaligen Ländergubernien anbetrifft, 
so konnte Hatzfeld eigentlich nur die Vereinigung von Mähren mit 
Schlesien, ferner von Krain, Görz und Gradiska in Antrag brin- 
gen, während er bei den übrigen Landesstellen die Beibehaltung 
derselben befürwortete. Bezüglich Böhmens machte er allerdings die 
Bemerkung — die sich schon in einem Vortrage Rudolf Chotek's vom 
Jahre 1764 findet — dass das Gubernium eine grosse Strecke Landes zu 
besorgen habe und zu wünschen wäre, dass, sowie der König von 
Preussen bei der Eroberung des Herzogthums Schlesien anstatt eines 
drei Landesgubernia gebildet habe, das Königreich Böhmen wenigstens 
in zwei Theile könnte abgetheilt werden, allein dies könnte wohl ohne 
sonderbare Zerrüttung des ganzen Landes nicht geschehen, und er 
glaube daher, dass es bei der dermaligen Verfassung zu verbleiben 
habe. 

17' 



260 Beer. 

Hatzfeld erörterte auch die Frage, ob das Münz- und Bergwesen 
in den einzelnen Ländern, sowie die Bancaladministration den politi- 
schen Länderstellen unterzuordnen wäre, allein er sprach sich dahin 
aus, dass er nicht glaube, dass dies mit dem wahren Nutzen der Kai- 
serin vereinbarlich sei. Denn was das Bergwesen anbelangt, so sei 
sicher, dass von den früheren Landesfürsten demselben „ausnehmende 
Vorzüge" eingestanden worden seien, andererseits die Grundherren 
verhalten werden, dem Bergwesen auf ihren eigenen Gründen viele 
Freiheiten und Vorzüge zu gestatten, wodurch dasselbe in allen Län- 
dern, besonders aber von den Obrigkeiten mit schelen Augen ange- 
sehen werde, welchem Beispiele die meisten Gubernia zu folgen pflegen 
aus dem Irrwahne, dass die Freiheiten, besonders jene, welche sie auf 
den Gründen der Obrigkeiten auszuüben berechtigt sind, den Landes- 
einwohnern schädlich fallen, und daher diejenige Unterstützung dem 
Bergwesen verweigern, die ihm gebühre. Die Streitigkeiten, welche 
zwischen der Bergbehörde und der politischen Stelle sich ergeben, zu 
begleichen, würde in Wien leichter sein als bei den Gubernien, welche 
sehr oft dem Bergwesen abhold seien. Auch könnte er nicht einrathen, 
dass die Gefälle des Banco der Obsorge der politischen Stelle anver- 
traut werden sollten; ihre Regie sei von einem ausserordentlichen 
Detail, welches die Gubernia nicht bestreiten könnten; sie erfordere 
Kenntnisse, welche die Glieder der politischen Landesstellen nicht be- 
sitzen. Man müsse bedacht sein, „diese Gefälle in den genauesten 
Bezug zu setzen", wogegen jedoch die meisten Gubernien als einen ge- 
meinen Grundsatz aunehmen, dass der genaue Bezug der Cameral- 
gelälle mehr vermieden als gesucht werden müsse. Die Verminderung 
des Ertrages würde die Folge sein, wenn die Bu,ncalämter den Guber- 
nien unterstellt würden. Die Erfahrung lehre, dass alle Gefälle, welche 
von den politischen Stellen verwaltet werden, nicht in dem Erträgnis 
wachsen, sondern von Jahr zu Jahr herabgehen. Aus diesem Grunde 
habe man ja verschiedene Gefälle, welche als ständische gewissermassen 
durch die politischen Stellen administrirt worden sind, dem Banco in 
Eegie gegeben, und der grössere Ertrag habe erwieseü, dass diese 
Massregel vortheilhaft gewesen sei. 

Da Graf Hatzfeld zum Obersten Kanzler der böhmischen und 
österreischen Hofkanzlei ernannt und ihm zugleich das Präsidium der 
Bancodeputation und Hofkammer belassen worden war, erhielt er eine 
ähnliche Stellung, wie Graf Haugwitz, ja in gewisser Hinsicht eine 
noch umfassendere, da neben Haugwitz noch ein Bancodeputations- 
präsident bestand, der zugleich Commerzdirector war, während Hatzfeld 
alle diese Aemter vereinigen sollte. Graf Hatzfeld fühlte jedoch nach 






Die Finanz Verwaltung üesterreichs 1749 — 1816. 261 

kurzer Zeit, dass seine Kraft zur Bewältigung dieses umfassenden 
Wirkungskreises nicht ausreiche, und beantragte daher eiue ganz neue 
Geschäftseintheilung. Einerseits sollten einige Agenden der Justiz- 
behörde überwiesen werden, z. B. Unterrichtsangelegenheiten und 
Cultussachen, anderseits an die Spitze der verschiedenen Departements 
Vizepräsidenten mit einer ziemlich ausgedehnten Befugnis zur Er- 
ledigung der Geschäfte gestellt und ihm persönlich bloss in den wich- 
tigsten Fragen die Entscheidung vorbehalten werden. Im Staatsrathe 
wurde über die Vorschläge des Grafen Hatzfeld eingehend verbandelt. 
Nur zwei Gutachten verdienen Erwähnung, da in den anderen bloss 
die Einzelheiten der Anträge bemängelt und modificirt wurden. Er 
habe, legte Binder dar, von einem so erfahrenen Minister wie Hatzfeld 
etwas ganz Anderes und Vollkommeneres als die gegenwärtige Aus- 
arbeitung erwartet. Bei der Errichtung des gegenwärtigen Systems 
habe man sich vor Allem an den Grundsatz gehalten, dass eine syste- 
matische Ordnung die Seele der Geschäfte sei, daher nur eine solche 
Hintheilung und Besorgung derselben den allgemeinen Beifall verdiene, 
welche dasjenige, was seiner Natur und Eigenschalt nach zusammen- 
gehört, mit einander zu verbinden sucht, hingegen dasjenige, wobei 
sich ein wesentlicher Unterschied ergibt, von einander trennt und ab- 
sondert. Aus diesem Grunde wurden die Publica und Politica aller 
deutschen Erblande von dem Justiz- und Finanzwesen abgesondert 
und letzteres in drei Departements : Administration, Cassa und Schulden, 
dann Rechnungswesen abgetheilt. Zur Erzielung einer noch grösseren 
Einfachheit wurden später Administration, Cassa und Schulden in 
Einem Departement vereinigt. Man habe das unter dem Directorium 
der Hofkammer und dem Banco zerstückelte Tabak-, Mauth- und Salz- 
gefälle unter einer Administration vereinigt und ohne dem Bank- 
institute zuwiderzuhandeln die Gefälle derselben und jene der Kammer 
von denselben Räthen besorgen lassen. Die nunmehrigen Anträge 
Hatzfeld's laufen auf das Gegentheil hinaus, da er die Publica, Politica 
und Cameralagenden ohne allen Nutzen zusammenziehen wolle. Es 
sei kein Grund, warum die mit so vieler Mühe vereinigten Finauz- 
gefälle und Agenden der Kammer und des Banco wieder getrennt 
werden sollen. Dieser Vorschlag übersteige seine Begriffe. Mit Ent- 
schiedenheit sprach sich Binder jedoch gegen die Forderung Hatzfeld's, 
in den Staatsrath aufgenommen zu werden, aus, da dessen Wesenheit 
in der Grundregel bestehe, „ dass kein membrum zugleich judicem und 
partem vorstelle, noch ein solches Uebergewicht bekommen solle, so 
der nöthigen Freimüthigkeit der Stimmen nachtheilig sein könnte". 
Auch gegen den die Rechenkammer betreffenden Vorschlag erklärte 



262 Beer. 

sich Binder. Graf Hatzfeld, meinte er, wolle sich allein die Direction 
aller inländischen Geschäfte zueignen und dadurch die Gewalt eines 
solchen Premierministers überkommen, der von allen Controllen befreit 
sich nur die Oberdirection der Verwaltung sichert. Die Aufrechter- 
haltung der Kechenkammer bei dem S3 r steni des Grafen Hatzfeld sei 
um so noth-w endiger *). , 

Mit Binder in voller Uebereinstimmung befand sich Kaunitz. Das 
nach so vielen Berathungen angenommene S}'stem. so lautet das Gut- 
achten des Staatskanzlers, sei so wohl bestellt und derart beschaffen, 
dass dasjenige, was zu seiner Vollkommenheit noch erwimschlich sein 
dürfte, durch Verbesserungen in einigen Theilen leicht bewirkt werden 
könnte, ohne dass es nöthig wäre, das ganze selbst anzugreifen und 
umzukehren. Die Kaiserin habe jedoch ihr besonderes Vertrauen auf Graf 
Hatzfeld gesetzt, ihn mit Belassung seiner bisherigen Hofkammer- und 
Bancodeputationspräsidentenstelle zum Obersten Kanzler und Commerz- 
präsidenten ernannt, folglich in den wesentlichsten Punkten die nun- 
mehr in Vorschlag gebrachten neuen Einrichtungen im Vorhinein zu 
entscheiden geruht, man möge daher die Vorschläge Hatzfeld's geneh- 
migen, zwei ausgenommen: seine Beiziehung zum Staatsrath, sodann 
die proponirte Modification der ßechenkammer. Man möge lieber den 
Staatsrath ganz aufheben als den Wünschen des Grafen Hatzfeld 
Rechnung tragen. Die Aufrechterhaltung der ßechenkammer mit ihrer 
Censur, Revision, Buchführung, Controlle und Verfassung als einer 
independenten unmittelbaren Hofstelle sei nothwendig und es sei Alles 
anzuwenden und vorzukehren, was zur Erreichung ihrer endlichen 
Vollkommenheit dienlich sein würde, denn das Institut der hiesigen 
ßechenkammer lasse sich in keinem Stücke mit jenem der nieder- 
ländischen vergleichen. 

Die Kaiserin vertagte die Entscheidung. Mit dem Plane Hatzfeld's 
war sie eigentlich einverstanden, da sie in der Zusammenziehung aller 
Theile unter einer Aufsicht das einzige ßettungsmittel erblickte; ihrem 
Befehle Folge leistend, hatte er sein neues System entwickelt, aber 
das Hindernis für die Genehmigung der Anträge lag in der Forderung, 
in den Staatsrath berufen zu werden, wogegen sich die einflussreichsten 
Mitglieder desselben ausgesprochen haben *). Erst nach Monaten er- 



1 ) Das Votum vom 20. August 1771. 

2 ) Durch Erschliessung vom 1. September 1771 forderte die Kaiserin von 
Hatzfeld »über die Frage, wie die Recbenkammer künftig gestellt sein sollte, 
das besonders verbeissene Gutachten«, bis dahin bleibe ihr Entschluss ausgesetzt: 
die »Anmerkungen* der Staatsräthe wurden ihm mitgetheilt, ,um nach reifer 
Erwägung seine weitere Erläuterung abzufassen« ; sie gedenke das ganze 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749 — 1816. 263 

folgte die Entscheidung. Graf Hatzfeld weigerte sieh sein neues Amt 
als Oberstkanzler anzutreten, wenn die Rechenkammer nicht vorher 
aufgehoben sei J ). Josef hatte schon seit Monaten einige Aenderungen 
iu dem Geschäftsgange des Staatsratlies gefordert, nach seiner Rück- 
kehr aus Böhmen legte er der Kaiserin seine Vorschläge vor. Graf 
Hatzfeld sollte als Nachfolger Starhemberg's in den Staatsrath be- 
rufen werden, Binder und Blümegen aufhören, Mitglieder desselben 
zu sein, letzterer zum Obersten Kanzler ernannt werden. Binder 
konute neben dem Grafen Hatzfeld nicht in dem Staatsrathe belassen 
werden, da er in dem Kampfe zwischen Hatzfeld und Zinzendorf für 
die Anträge des letzteren mit Ueberzeugung und Entschiedenheit ein- 
getreten war 2 ), 

Am 15. December wurde die Erschliessung der Kaiserin ver- 
kündigt. Graf Carl Friedrich von Hatzfeld und Gleichen wurde zum 
diria'irenden Minister in inländischen Geschäften ernannt und seine 
bisherigen Stellen wurden folgendermassen vertheilt: Erster Kanzler 
wurde Heinrich Cajetan von Blümegen, Präsident der Hofkammer und 
Ministerialbancodeputation, sowie des Commercienrathes Graf Leopold 
von Kolowrat ; als Vicepräsidenten wurden demselben Graf Wrbna bei 
der Hofkammer und Bancodeputation, Freiherr von Reischach beim 
Commercieurath beigegeben, Binder wurde als wirklicher und geheimer 
und erster Rath an die Hof- und Staatskanzlei versetzt, endlich die 
Freiherren Franz Carl von Kresse], von Qualtenberg und Johann 
Friedrich von Löhr als wirkliche Staatsrathe in inländischeu Sachen 
berufen. Mit geringen Modifikationen waren daher die Anträge Josefs 
durchgedrungen 3 ). 

Gleichzeitig erfolgte eine Einschränkung des Wirkungskreises der 
Hofkammer. 

Das Contributionale nebst der Erbschafts- und Schuldensteuer, sowie 
der geistliche Fortificationsbeitrag wurde von der Hofkammer wieder 
abgetrennt und der HofKanzlei überwiesen, desgleichen die Verwaltung 
des Banats. Die Staatswirtschaftdeputation 4 ), sowie die Cominission für 



Geschüft im Staatsrathe einverständlich mit ihm in nochmalige Erwägung 
zu ziehen. 

') Promemoria Zinzendorfs 20. Oct. 1771. 

2 ) Vergl. Handschreiben vom 30. November 1771 an Hatzfeld, welches nur 
erklärlich ist, wenn diese Verhältnisse berücksichtigt werden, bei Arneth, IX., 304* 

3 ) Vergl. Josefan Maria Theresia, 27. Nov. 1771 bei Arneth, M.Theresia uud 
Josef I, 353. Die Notifikation erfolgte durch Handschreiben vom 17. Dec. 1771. 

4 ) Handschreiben an Blümegen 17. December 1771 ; an Leop. Kollowrat vom 
selben Tage. 



264 'Beer 

Proviantirungsangelegenheiten sollten unter Vorsitz des Obersten 
Kanzlers bleiben 1 ). Eine Erweiterung ihres Wirkungskreises erhielt 
dagegen die Finanzstelle durch die Aufhebung der galizischen Hof- 
kanzlei, welche nach der Erwerbung der polnischen Gebiete für die 
gesammte Verwaltung ins Leben gerufen worden war. Die Besorgung 
der Geschäfte der „recuperirten" Königreiche Galizien und Lodomerien, 
„als welche zu dem Complex der deutschen Erblande gezählt werden, 
wurde den Hofstellen der übrigen Erblande unterstellt". Die politi- 
schen und commerziellen Angelegenheiten wurden daher der böhmisch- 
österreichischen Hofkanzlei übertragen, ebenso auch die directen 
Steuern; das Salz-, Münz-, Mauth- und Domänenwesen erhielt die 
Hofkammer zugewiesen 2 ). 

Für die Angelegenheiten der illyrischen Nation wurde eine be- 
sondere Commission, die illyrische Deputation, eingesetzt und mit dem 
Präsidium der jüngere Bartenstein betraut. Die übrigen Centralstellen 
hatten Mitglieder in die Sitzungen zu entsenden. Von der Hof- 
kammer wurden zwei Mitglieder von Maria Theresia dazu ausdrücklich 
bestimmt 3 ). Im J. 1777 wurde die illyrische Deputation aufgehoben 
und die Agenden derselben den Hofstellen der betreffenden Länder, 
dem Hofkriegsrathe. der ungarischen Hofkanzlei und jenen Hofstellen, 
welchen die banatischen Angelegenheiten unterstanden, übestragen i ). 

Obgleich zu wiederholten Malen Normen über den Wirkungskreis 
der verschiedenen Hofstellen erlassen wurden, fehlte es an Keibungen 
zwischen denselben nicht. Die Hofkammer beklagte sich darüber, dass 
von Seite der Hofkanzlei Erledigungen in Huldsachen ausgehen, und 
ersuchte die Kaiserin, derselben den Befehl zukommen zu lassen, dass 
in allen Geldangelegenheiten hierüber ein Einvernehmen mit der 



1 ) Durch Handschreiben vom 6. Juni 1772 wurde verfügt, dass die den 
Banat betreffenden Angelegenheiten zu theilen seien ; die publica politica und 
Contributionalia sammt Fundis, endlich die Inpopulationsgeschäfte seien von der 
böhm.-österr. Hofkanzlei zu besorgen, das Montanisticum, Salz-, Maut- und Cassa- 
wesen von der Hofkammer. 

2 ) Handschreiben an Kolowrat vom 27. April 1776 und eine Zuschrift an 
denselben vom 30. April 1776, mit der Aufforderung über die Vertheilung der 
Referate unter die Räthe die Appropation der Kaiserin einzuholen. Von den Mit- 
gliedern der galizischen Hof kanzlei sei von der Kammer Koczian, zu übernehmen, 
die anderen der öaterr. Kanzlei zuzuweisen. 

3 ) Handschreiben an Hatzfeld 13. December 1765. Die Beiordnung zweier 
Mitglieder der Hofkammer aus dem Grunde ,da das Camerale mit den illyrischen 
Angelegenheiten einigen Nexum habe*. Fekete und Feshtics wurden dazu ernannt. 

4 ) Amtsdecret des Obersthofmeisteramtes an den Hofkammerpräsidenten 
Grafen Kolowrat, 2. December 1777. 



Die Finanz Verwaltung Oesterreichs 1749 — 1816. 265 

Kammer zu pflegen sei. Eine hierauf bezügliche Weisung war bereits 
früher ergangen, die Kaiserin Hess sich aber bestimmen, ihre frühere 
Entschliessung einzuengen und anzuordnen, dass die von der Kanzlei 
erstatteten Vorträge im Original dem Kammerpräsidenten vorzulegen 
sind i). 

II. 

Der Wirkungskreis der Rechenkammer wurde durch eine kaiser- 
liche Erschliessung festgestellt. Die Kaiserin hatte durch Hand- 
schreiben vom 8. März 1762 einen gemeinschaftlichen Vortrag über die 
Abgrenzung der neu geschaffenen Finanzstellen gefordert, nach ein- 
gehenden Beratungen erstatteten die Präsidenten am 10. April ihre 
Anträge. Die Rechenkammer, verfügte die Kaiserin, hat iu die Ver- 
waltung nicht einzugreifen, noch auch deren Manipulation zu erschweren, 
oder den schleunigen Vollzug zu hemmen, sondern müsse sich an der 
Beobachtung der Controlle und zwar der Einnahmen und Ausgaben, 
dann der Rechnungsrevision begnügen „ allermassen, wenn die Rechen- 
Kammer gleich anfänglich in das Individuale und in die Manipulation 
der administrirenden Stellen eingehen wollte, sie die Universal-Cogni- 
tion haben und mit so vielen von allen Bestreitungen gründlich in- 
formirten Räthen besetzet werden müsste, auch andurch in der Haupt- 
sache die unmittelbare Directum in dem gesammten Finanzwesen 
erlangen, hieraus aber die Hauptabsicht unterbrochen werden würde, 
dass die Rechenkammer die Controle general und alle Rechnungen 
aufnehmen, censuriren und justificiren solle, welche Controle general 
nicht mehr statt hätte, da ferne die eröffnete Rechenkammer zum 
voraus mit operirete und Alles individualiter berichtigte, weilen sie 
alsdann ihre eigenen Facta in der Rechnung nicht mehr censuriren 
könnte". Auf die Ablieferung der Rechnungen in der vorgeschriebenen 
Zeit, die Prüfung derselben durch die Buchhaltern hatte sie ihre Auf- 
merksamkeit zu richten, doch war ihre Thätigkeit keine bloss rech- 
nungsmässige, denn ausdrücklich war verfügt, „dass die Buchhaltern 
sich nicht mit der Calculation zu begnügen oder bloss unnöthige For- 
malitätsausstelluugen zu machen habe, sondern auf die wesentliche 



') Vortrag am 18. Januar 1777. Das eigenhändige Marginal lautet: , einige 
resolutions waren schonn eher ergangen andere aber allein von der Cantzley er- 
kenntnuss dependirn sonsten höreten alda alle gratialia auff. was nicht meine 
intention ist, habe also resolvirt das es wie jetzo wegen deren Vorträge zu bleiben 
hat, nicht aber eher zu expediren als in dem wöchentlichen sessionstage ihme 
Cammerpräsident das original vorgelegt hat*. 



266 B e e r - 

Beschaffenheit der Gefälle und ihrer Bestreitung das Absehen nehme, 
sowie ob das angestellte Personale nicht übermässig oder allenfalls gering 
sei, ob jeder seine Schuldigkeit verrichte" u. dgl. m. Sie sollte die 
Ursachen der Zunahme oder Abnahme der Gefälle ins Auge fassen, so 
z. B. ob der Consum des Salzes oder die andern Aufschläge in Stadt 
und Land proportionirt seien, welche Gefälle bessere Erträgnisse brin- 
gen und welchen Einnuss darauf die Verwaltung habe, überhaupt die 
Vermehrung der Einnahmen sowie die Verminderung der Ausgaben zum 
Gegenstande ihrer Studien machen. Ausdrücklich waren die Gegenstände 
bezeichnet, über welche die Wolmeinuug der Rechenkammer von den an- 
dern Centralbehörden abgefordert werden musste, so bei Aenderungen 
in dem Mauth- und Tarifwesen, bei Errichtung neuer Salzsud- und Berg- 
werke, bei allen die Verwendung der Gefälle betreffenden Fragen, bei Er- 
richtung neuer Gebäude, Schaffung neuer Dienstellen, Erhöhung der Be- 
soldungen, Verleihung von Pensionen und Gnadengaben, endlich bei 
Ausgaben, die in dem von der Monarchie genehmigten Generaletat 
nicht enthalten waren oder für welche kein bestimmter Verlagsfond 
vorhanden wäre. Die Bemerkungen mussten allerhöchstenorts vorge- 
legt werden. Auch auf die Prüfung der Voranschläge für das Heer 
sollte sich der Einnuss der Rechenkaminer erstrecken. Vor der Ra- 
tification der von dem Militärcommissariat abgeschlossenen Contrakte 
hatte die Rechenkammer „ihre Erinnerungen" zu machen. Bei den 
auf bestimmte Zeit gewährten Pensionen oder Gnadengaben hatte sie 
Erkundigungen einzuziehen, ob die betreffenden Personen noch leben 
und sich in dürftigen Umständen befinden l ). 

Die das Rechnungswesen betreffenden Angelegenheiten umfassten 
die Rechnungscensur, die Buchführung und die Vorschreibung der 
Rechnuno-smethode. Die Buchhaltereien wurden daher den verwal- 
tenden Stellen entzogen und einer unabhängigen, mit keiner Ver- 
waltung sich befassenden Stelle, der Hofrechenkammer, zugewiesen, 
allein trotzdem mussten die Buchhaltereien nach wie vor den admi- 
nistrirenden Stellen alle Arbeiten, welche diese forderten, liefern Der 
Präsident Graf Zinzendorf wendete seine volle Sorgfalt der Rechnungs- 
methode zu, welche in der That einer gänzlichen Umformung bedurfte. 
Bei keiner Buchhalterei befand sich ein ordentliches Hauptbuch, bei 
den ständisch- ärarischen Creditcassen gab es nicht einmal Oeditbücher. 
Ueber die Empfänge und Ausgabeu der Staatshauptcassen wurden von 
den Cassenämtern ungleichförmige, aus unordentlichen Strazzen ebenso 



l ) Erschliessung auf einen gemeinschaftlichen Vortrag der Grafen Hatzfeld, 
Heiberstein und L. Zinzendorf vom. 22. Mai 1762. 



Die Finanzverwaltung Oesfeerreichs 1749 — 181»)'. 267 

unordentlich verfasste Rechnungen gelegt, die oft erst 3 oder 4 Jahre 
nach Ablauf des Rechnungsjahres zu Stande kamen. Bei dem Banco 
führte man zahlreiche Bücher in doppelten Posten, die gar nicht ab- 
geschlossen werden konnten. Bei den Gefällen war die alte Rech- 
nungsart im Gauge, nach welcher Empfang und Ausgabe in Rechnung- 
gestellt werden musste, wenn auch weder eines noch das andere wirk- 
lich berichtigt worden war und erst am Ende der Rechnung wurde 
mittelst eines sogenannten Liquidationsausweises dargelegt, was bei 
der Einnahme oder Ausgabe ausständig gebliebeu war, eine Methode, 
die zur Deckung mannigfaltiger Malversationen den Mantel hergab. 
Von einer „auf ein gemeinschaftliches Centrum gerichteten Buch- 
führung" , um die Uebersicht des Finanzstaudes zu gewähren, 
war keine Spur, ja sogar bei der Ungleichheit und Unvollstän- 
digkeit der Rechnungsformen nicht einmal die Möglichkeit dazu vor- 
handen. Um jenen vielfältigen und wesentlichen Gebrechen abzuhelfen, 
die Verrechnung des Brutto und Netto der Finanzen richtig abzuson- 
dern, eine Gleichförmigkeit allenthalben einzuführen und in eine solche 
Form zu bringen, dass es möglich würde, eine Centralhauptrechnung 
über die ganze Finanzverwaltung von Jahr zu Jahr zu verfassen und 
ebenso auch einen Centralvorschlag der in dem folgenden Jahre zu 
erwartenden Staatseinnahmen und zu bestreitenden Ausgaben zu liefern, 
war eine Reihe von Vorkehrungen nöthig l ). 

Durch die der Rechenkammer zugewiesene Generalcontrole ab 
ante erhielt dieselbe den Charakter einer Finanzstelle und musste 
daher von allen Unternehmungen der verwaltenden Stellen in Kenntnis 
gesetzt werden und in allen wichtigen Angelegenheiten zu Rathe ge- 
zogen werden. War sie mit den zu ergreifenden Massnahmen der 
administrirenden Behörde nicht einverstanden, so hatte ihr Widerspruch 
einen vorläufigen Aufschub zur Folge, bis die kaiserl. Genehmigung 
erfolgte. Der Präsident der Rechenkammer suchte auch in den näch- 
sten Jahren den ihm zugewiesenen ausgedehnten Wirkungskreis voll- 
ständig zu erhalten, obgleich manigfache Versuche gemacht wurden 
den Wirkungskreis einzuengen. Nur wurde durch ein Handbillet vom 
26. Juni 1762 verfügt, dass die Rechenkammer nicht befugt sei, von 
den manipulirenden Aemtern unmittelbare Berichte abzufordern. 

In dem Vortrage vom 11. September 1764, welchen Hatzfeld und 
Zinzendorf über die Vereinigung der Finauzstellen erstatteten, wurde 



') Diese Darstellung ist zum Theil wörtlich einem ausgezeichneten Schrift- 
stücke entnommen, welches im J. 1805 über Auftrag des Kaisers von dem da- 
maligen Hofrath und Director des Staatsreehnungscontrolle, Augustin Veit v, Schitt- 
lersberg ausgearbeitet wurde. 



268 Beer. 

die Erweiterung des Wirkungskreises der Rechenkammer vorgeschlagen. 
Derselben sollten auch alle ständischen Buchhaltereien, desgleichen auch 
die Buchhalter des Stadt wienerschen Oberkammeramtes untergeben 
werden. Die Notwendigkeit, lauteten die Darlegungen, von den 
ständischen Domesticalausgaben, von der Verwaltung ihrer Admini- 
culargefälle, von der Manipulation ihres Domesticalcredites eine ge- 
nauere Kenntnis zu erlangen, erweise sich theils aus der Beträchtlich- 
keit dieser in den verschiedenen Ländern einige Millionen jährlich be- 
tragenden Gegenstände, theils aus der unrichtigen und unvollständigen 
Wissenschaft, welche man bisher davon gehabt, der Unordnung end- 
lich, worin sich das ständische Kechnungswesen bisher befunden, und 
zum Beleg dafür dienen die in den gesammten österreichischen Län- 
dern sich ergebenden so häufigen Bankerotte der ständischen Cassa- 
beamten. Durch die Unterordnung aller dieser Buchhaltereien unter 
die Rechenkammer würde die Wurzel aller Missbräuche auf einmal ab- 
geschnitten. Da die Kaiserin aus landesfürstlicher Macht, den 
Unterthan, welcher jederzeit die Last der ständischen Ausschreibungen 
zu tragen habe, gegen die aus den übermässigen ständischen Domesti- 
calausgaben auf ihn fallende Bürde zu schützen, ferner die Ausgaben zu 
reguliren allerdings berechtigt sei, so könne eine solche Verfügung 
keineswegs als ein Eingriff in die ständischen Privilegien angesehen 
werden und um so weniger zu Klagen Anlass geben. Bei diesem Vor- 
schlage werden die Stände nur als eine admiuistrirende Stelle ange- 
sehen, deren Administration die Kaiserin der Beurtheilung einer dritten 
unabhängigen Stelle zu unterwerfen geruhe. Die neue verbesserte Rech- 
nungsmethode solle überall im Einverständnisse mit den administriren- 
den Stellen eingeführt werden. Der Rechenkammer wäre die Besetz- 
ung der sämmtlichen Buchhaltereien in den Ländern anzuvertrauen; 
in Siebenbürgen und in den Vorlanden sei dies bereits der Fall. So 
lange die Rechenkammer die Berechtigung zur Besetzung aller Stellen 
nicht habe, werde eine bessere Ordnung schwerlich eingeführt werden 
können. Nur von Seiten dei ungarischen Hofkammer könne ein 
Widerspruch besorgt werden, aber daselbst befinde sich das Rechnung- 
wesen in der grössten Unvollkommenheit und sei die Durchführung 
des Vorschlages am allernoth wendigsten. Auch bei den Aemtern in 
Ungarn und Siebenbürgen wäre es nothwendig, das Rechnungswesen 
in eine bessere Ordnung zu bringen, um durch die Einsicht in die in- 
dividuelle Reparation der Contribution, desgleichen in die Provinzial- 
und Domesticaleinkünfte, sowie in die Ausgaben der Comitate und Di- 
strikte von den inneren Kräften dieses weitläufigen Königreiches und 
Fürstentums eine genaue und hinlängliche Kenntnis zu erlangen. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749 — 1816. 26Ö 

Am 20. Mai 1765 beschäftigte sich die bereits erwähnte ausser- 
ordentliche Commission unter dem Vorsitze des Staatskanzlers mit der 
Erörterung der Frage, ob die neu eingeführten Kechnungsmo dalitäten 
beizubehalten seien. Graf Hatzfeld, damals im vollsten Einverständ- 
nisse mit dem Grafen Zinzendorf, ergriff zuerst das Wort und sprach 
sich entschieden dafür aus. Das neue Rechnungsformulare könne und 
müsse um so gewisser beibehalten werden, da es „den Rechnungs- 
beamten alle Erleichterung, dem Allerh. Aerar aber alle nur menschen- 
mögliche Sicherheit verschaffe, Ordnung und Accuratesse zur Grund- 
lage habe, alle früheren Fehler aus der Wurzel behoben werden". Dort, 
wo dasselbe noch nicht eingeführt sei, möge „staffelweise" vorgegangen 
werden, und zunächst sei bei den Bancalcassen die Einleitung zu treffen 
sodann bei den Münz- und ßergwerkscassen. Einstimmig sprach sich 
die Commission für die Einführung der neuen Rechnungsmethode bei 
allen staatlichen Aemtern aus, wo dieselbe bisher aus Mangel an ge- 
eigneten Persönlichkeiten noch nicht Eingang gefunden hatte. Nur 
über die Frage, ob es räthlich und erspriesslich sei, die sämmtlichen 
ständischen und städtischen Buchh altereien der ßechenkamuier zu 
unterstellen, giengen die Ansichten auseinander. Das Recht des Landes- 
fürsten, in die städtischen Einnahmen und Ausgaben Einsicht zu 
nehmen, sei zweifellos, die Notwendigkeit für Kriegszeiten begründet, 
denn „Alles sei alsdann an dem Einfluss des Geldes und daran gelegen, 
dass man wisse, wie viel von den ausgesprochenen Prästationen von 
Woche zu Woche eingeflossen wäre. Erst durch diese Massregel würde 
die Berechnung des Vorspann- und Schlafkreuzers, der Rekrutirungen, 
überhaupt aller ständischen Supererogaten mitten im Kriege von Monat 
zu Monat möglich, während man dermalen erst lange darnach auf 
veraltete, verfälschte und unrichtige Atteste liquidiren müsse". Be- 
sonderen Nachdruck legte Zinzendorf in seiner lichtvollen Darstel- 
lung auf die Unterstellung der ungarischen Locumtenential- und 
Cameralbuchhaltereien unter die Rechenkammer, welche das einzig 
wahre Mittel sei, zur Kenntnis der inneren Kräfte des Königreiches 
und der Missbräuche, die sich bei den Comitaten eingeschlichen, zu 
gelangen. Allein diese Ansicht fand getheilte Aufnahme. Selbst Kaunitz 
bezweifelte die Berechtigung des Landesfürsten, über das Eigenthum 
der Stände Rechnungsführer zu bestellen, die von den Ständen bezahlt 
weiden sollen. Die Stände würden auf diese Weise unter Curatel ge- 
stellt, was ihnen doch nicht zugemuthet werden könne. Freiwillig 
würden sich die Stände nicht fügen, besonders jene nicht, die keiner 
üblen Gebahrung beschuldigt werden können, da sie Einsicht zu neh- 
men nicht verweigern. Wenn man aber par droit des canons durch- 



270 Beer. 

setzen wolle, so scheine ihm Alles überflüssig, sobald man kein Be- 
denken trage, die hergebrachten Verfassungen und Privilegien über 
den Haufen zu werfen. Blümegen bemerkte, die Visitationen können 
ungehindert vorgeuommen werden , jedoch durch den ordentlichen 
Canal, nämlich durch Deputirte des stäudischen Ausschusses oder durch 
den Landeshauptmann, welcher zugleich laudesfürstlicher Repräsentant, 
mithin homo principis et honio statuum ist. Er sehe nicht ein, warum 
man mehr Zutrauen auf die ßuchhaltereibeamten als auf den Landes- 
hauptmann selbst setzen wolle. GrafHaugwitz hob hervor, dass in Schle- 
sien die ständische Buchhalterei mit der königlichen vereint sei. Er 
habe als Präsident des Landes seinerzeit diese Union auf gütlichem 
Wege mit den schlesischen Fürsten und Ständen, die von allen erb- 
ländischen die stärksten Privilegen haben, erwirkt, da er ihnen die 
unnöthigen Kosten einer doppelten Buchhalterei begreiflich gemacht 
hätte. 

Dem gewichtigen Einflüsse des Fürsten Kaunitz ist es wahr- 
scheinlich zuzuschreiben, dass die Anträge der Commission durch- 
drangen l ). Die kais. Entschliessung verfügte, die neue Rechnungsform 
bei allen Cassen und Administrationen ehebaldigst zu Stande zu brin- 
gen; die Untergebung der ständischen und städtischen Buchhaltereien 
an die Rechenkammer könne noch ausgesetzt bleiben; vor allen Dingen 
sei an baldige Einführung der neuen Rechnungsform bei den ständi- 
schen Buchhaltereien zu arbeiten und ,,aus der Erfahrung wahrzu- 
nehmen ob dadurch der Endzweck erreicht und die Untergebung 
an die Rechenkammer nämlich vermieden werden möge". Den Ständen 
sei zu erkennen zu geben, wenn bei Einführung der neuen Rechnungs- 
form Anstände erregt werden wollten, sich die Kaiserin alsdann ver- 
anlasst sehen dürfte, die ständischen Buchhaltereien der Rechenkammer 
zu subordiniren. 

Die Verwaltungsbehörden eifersüchtig auf ihren Wirkungskreis setz- 
ten in der nächsten Zeit ihre Bemühungen fort die Einflussnahme der 
Rechenkammer zu beschränken. In der That gelang es, die Kaiserin zu 



') Eine Rechenkammer, heisst es in einem Vortrage des Fürsten Kaunitz 
vom 10. Oct. 1765, war etwas Neues, und die Perspective einer controle generale 
führte natürlicher Weise die Abneigung aller Hof- und Länderstellen mit sich. 
Hiemit vereinigte sich noch die zum Theil schon eingeführte neue Rechnungs- 
methode, welche den allgemeinen Aufstand, den Hass und das Missvergnügen der 
Rechnungsofficialen um so mehr erweckte, da deren Eigenliebe nothwendig be- 
schädigt werden musste, dass sie nach langjährigen Dienstjahren erst was Neues 
erlernen und unter einer strengeren Aufsicht stehen sollten. Kaunitz wies auf 
die Unzulänglichkeit des Personals hin und bezeichnete die Vermehrung desselben 
als nothwendig. 



Die Finanzverwaltung- Oesterreichs 1749 — 1816. 271 

bestimmen, einige Abänderungen bei der Eeelienkammer anzuordnen 
Durch Handschreiben vom 15. März 1768 wurde verfügt, dass bei der 
Abfassung der Instructionen für die den administrirenden Stellen 
unterstehenden Aemter die Rechenkammer nur insolerne mitzuwirken 
hätte, als dieselben in die Kechnungsmethode einschlagen. Von nun an 
sollte sie auch in der Regel nur in folgenden Fällen von den Verwaltungs- 
tellen zuRathe gezogen werden: Bei Abänderungen in der Rechnungsart, 
bei allen neuen Einrichtungen oder wichtigen Abänderungen der be- 
stehenden oder bei Verpachtungen wichtiger Gefälle, deren Ertrag 
6000 fl. erreicht, sowie bei Aufhebung solcher Pachtungen, bei Käufen 
und Verkäufen der Realitäten, deren Werth sich auf 6000 fl. belief', 
bei Abänderungen der Tarife, bei Verfassung des jährlichen Finanz- 
systems, Liquidirung alter Forderungen, überhaupt bei allen Credit- 
operationen, bei Rückzahlung der Schulden und Aufnahme neuer Dar- 
lehen, endlich bei Uebertragung der Schulden von einem Creditfonde 
auf den andern. Ein besseres Verhältnis zwischen den Verwaltung- 
stellen und der Hofrechenkammer war durch diese Entsehliessuno- der 

o 

Kaiserin nicht herbeigeführt und im J. 1771 war es namentlich Graf 
Hatzfeld, der den Vorschlag machte, die Hofrechenkammer in eine 
von den administrirenden Stellen abhängige Behörde nach Art der 
Rechenkammer in Brüssel umzugestalten 1 ). 

Es ist schon erwähnt worden, dass Hatzfeld in seinem Elaborate vom 
5. Februar 1771 sogar die Beseitigung der Rechenkammer beantragte. 
Durch die Errichtung der Rechenkammer, legte er dar, seien alle Buch- 
haltereien von den administrirenden Stellen abgezogen worden, was 
das Uebel mit sich brachte, dass alle Auskünfte eine Verzögerung der 
Geschäfte herbeiführten, indem man gleichsam nur bittweise dieselben 
durch die Buchhaltern erhalten habe und besonders in wichtigen 
Dingen Monate verstrichen seien, ehe die administrirende Stelle in 
den Stand gesetzt wurde, entweder die Angelegenheit zu berichtigen 
oder ihren Vorschlag zu erstatten. Die Verschiedenheit der Denkungs- 
art der Hofkammer von jener der Rechenkammer verursache über- 
dies noch andere Verzögerung. Die Einrichtung des Schulden wesens 
könne zum Beweise der Wahrheit dienen. Dieses wichtige Werk sei 
5 Jahre lang herumgetrieben worden, bis es endlich vor wenigen 
Monaten seine Entscheidung erhalten habe. Die Einführung der neuen 
Rechnungsart war der Hauptgegenstand der Rechenkammer und die 
Censur der Rechnungen wurde nur als ein Nebenwerk angesehen. Das 
Bucbhalterei-Personale hatte von dieser neuen Rechnungsart keinen, 



') Vorträge vom 5. Februar, b. Mai und 17. September 1771. 



272 Beer. 

wenigstens keinen hinlänglichen Begriff. Man sah sich daher ge- 
zwungen, eine Menge junger Leute aus den Piaristenschulen zu nehmen 
und diesem Werke zu widmen. Diese hatten von jenen Gegenständen, 
bei welchen diese Rechnungsart eingeführt werden sollte, keine Kennt- 
nis, mithin wurde der Vollzug unendlich erschwert, weil überhaupt 
die Begriffe von der Contalibität und denjenigen Gefällen, bei welchen 
man sie in Vollzug setzen wollte, sehr selten in einer Person sich 
vereinbart fanden. Es wurden daher diese jungen Leute mit nicht 
geringen Unkosten verschickt, um die Wesenheit der Gefälle kennen 
zu lernen, was aber in kurzer Zeit nicht bewirkt werden konnte. Es 
sei daher nich zu verwundern, dass unrichtige Abschlüsse und Aus- 
züge erfolgt sind, wie z. B. bei der Stadt Wien, dem Handgrafenamte 
u. s. w. Wenn also die neue, mit der Kanzlei vereinbarte Einanz- 
stelle in Stand gesetzt werden sollte, gründlich und mit jener Schleu- 
nigkeit zu wirken, wie es das Beste des Staates erfordert, so sei 
die Aufhebung der Rechenkamnier unbedingt nothwendig. Man 
werde ohne dieselbe die in dem Rechnungswesen etwa noch vorfin- 
denden Gebrechen verbessern und bei den übrigen Buchhaltereien jene 
Normen einführen können, welche mit Zufriedenheit der Kaiserin bei 
der Directorialbuchhalterei zur Zeit des Directoriums beobachtet wor- 
den; die Rechnungscensur werde in ordentlichen Gang gebracht 
werden, ohne dass man dazu den kostbaren Schwall von Leuten, 
welcher sich bei der Rechenkammer und den Buchhaltereien befindet, 
nöthig haben werde. Auch Ersparnisse könnten dadurch herbeigeführt 
werden. Nur der einzige Einwand könnte gemacht werden, dass da- 
durch die Controle gegenüber der administrirenden Stelle gänzlich 
beseitigt würde. Wenn man aber betrachte, dass diese Controle von 
keinem Nutzen war, so falle dieser Einwurf hinweg. 

Der Vorschlag Hatzfeld's wurde nicht blos von dem Grafen Zin- 
zendorf auf das entschiedenste bekämpft, sondern auch der Staatsrath 
sprach sich dagegen aus *). Auch Graf L. Kolowrat trat nach seiner 
Ernennung zum Hofkammerpräsidenten für eine Einschränkung der 
Befugnisse der Rechenkammer ein, bemängelte namentlich die 1768 
für bestimmte Fälle eingeräumte Controle ab ante , wornach die 
administrirenden Stellen das vorläufige Einvernehmen mit der Rechen- 
kammer zu pflegen angewiesen waren. Dem Antrage Kolowrats ent- 
sprach die Monarchin durch das Handschreiben vom 2. März 1772 
an den Hofkammerpräsidenten. „Damit künftig", heisst es daselbst, 
„die administrirenden Stellen durch diese Vernehmungen in ihren 



') Vorträge vom 6. Aug. und 18. October 1771 von Ziuzendorf. 



DieFinanzverwaltung Oesterreichs 1749—1816. 273 

Amts-Handlungen keiner dingen aufgehalten werden, und damit auch 
die Rechen-Kaimner selbst um so füglicher erkleken können mit den 
unter habenden Buchhaltereien die obliegende Rechnungs-Censur und 
anderweite Ausarbeitungen zu bestreiten: 

„ So habe beschlossen, dass künftig auch in diesen noch vorbe- 
haltenen Fällen, denjenigen allein ausgenommen, wo es um eine neue 
Einrichtung, oder Abänderung der Rechnungsart zu thun ist, diese 
Controle ab ante gänzlich aufgehoben, folglich von den administriren- 
den Stellen hirunter ohne vorläufige Vernehmung der Rechen-Kammer 
in ihren Amts-Handlungen fürgegangen werden solle". 

„Es wird jedoch wie die Anordnung allschon bestehet, fortan ge- 
nauest darob zu halten seyn, damit von jeglicher der administriren- 
den Stellen die jeweilige zur Vormerkung gehörige Veranlassungen 
der Rechen-Kammer unnachbleiblich mitgetheilet werden, weilen sie 
allein dadurch im Stand gesetzt wird, sowohl die Rechnungs-Censur 
als auch die Haupt-Controle im Finanzwesen der Ordnung nach zu 
vollbringen". 

„Zu gleicher Zeit habe auch der Rechnung-Kammer nochmals ein- 
gebunden, die verlässliche Verfügung zu treffen, damit von den sämt- 
lich unterhabenden Buchhaltereien, und Beamten den administrirenden 
Stellen, wie auch deren Hofräthen die anverlangende Auskünfte, und 
Behelfe ohne Anfrage unweigerlich jedesmal ertheilt, auch sonsten in den 
vorkomenden Ausarbeitungen, wo die Buchhaltereien zu intervenireu 
haben all benöthigter Bey stand auf Verlangen geleistet werden solle." 

Der Rechenkammerpräsident versuchte es nun in dem nächsten 
Jahre die ihm entzogene Generalcontrole wieder zu erhalten, die Folge 
jedoch war, dass die Kaiserin endlich den Rathschlägen der Verwal- 
tungsstellen nachgab und die Hofrechenkammer durch Handbillet vom 
20. Januar 1773 aufhob l ). Seitdem befanden sich die Buchhaltereien 
und das Rechnungswesen von der Verwaltung in vollständiger Ab- 
hängigkeit, obgleich der neue Chef der Hofrechenkammer die Stel- 
lung eines Präsidenten beibehielt. Unter dem Präsidium des Grafen 
Khevenhüller wurden die Buchhaltereien später wieder von den ad- 
ministrirenden Stellen grösstentheils unabhängig gemacht und eine 
Hofrechenkammer als unmittelbare Hofstelle wieder hergestellt. 

III. 

Für die Handelsangelegenheiten bestand seit 1746 ein Commerz- 
directorium, zuerst unter dem Fürsten Kiusky und nach dessen Tode 
seit 1749 unter dem Grafen Rudolf Chotek, der gleichzeitig Banco- 

') Vergl. den Vortrag des Hof kammerpräsidenten Kolowrat v. 12. Januar 1773. 
Mittheihuigen XV. 18 



274 ß ee r. 

deputationspräsident war. Am 17. December 1 753 wurde Chotek durch 
Uhlfeld verständigt, dass das Commerzdirectorium zu einer mit dem 
directorio in publicis et cameralibus vereinigten unmittelbaren Hof- 
stelle erklärt worden sei. Durch Schaffung des Commerzdirectoriums 
wurde der Versuch gemacht, die Handelsfragen der gesammten öster- 
reichischen Länder nach einheitlichen Gesichtspunkten zu entscheiden, 
weshalb auch den Sitzungen Mitglieder der ungarischen Behörde bei- 
gezogen wurden ; bei Gegenständen, welche die italienischen und nieder- 
ländischen Gebiete betrafen, war die Mitwirkung des niederländischen 
und italienischen Käthes erforderlich. Nachdem diese beiden Hofstellen 
aufgehoben und mit der Geheimen Hof- nnd Staatskanzlei im Jahre 
1757 vereinigt worden waren, fielen die Gutachten der Staatskanzlei 
auch in commerziellen Fragen ins Gewicht. Die Eegulirung der Mauten 
und Zölle gehörte bis 1749 zum Wirkungskreise der politischen Stelle, 
nur mussten Mitglieder der Bancodeputation und der Hofkammer den 
Berathungen zugezogen werden, seitdem wurden die darauf bezüglichen 
Angelegenheiten dem Commerzdirectorium übertragen im Einvernehmen 
mit den anderen Centralstellen 1 ). Die Wiener Commercial- und Manu- 
facturgeschäfte wurden durch Verordnung vom 4. Januar 1754 dem 
Commercien - Directorium unterstellt und zwar jene Fabriken, welche 
Flachs, Wolle, Seide, Leder und Mineralien verarbeiten. Zur Besorg- 
gung dieser Angelegenheiten wurde dann eine selbstständige soge- 
nannte „Delegirten-Commission" eingesetzt. Die von den Kreishaupt- 
leuten und Obrigkeiten erstatteten Berichte sollten von nun an un- 
mittelbar an das Directorium eingesendet werden 2 ) 

Bei den Beratungen über die neue Verwaltungsorganisation hatte 
Kaunitz Schaffung einer selbstständigen Centralstelle für die wirtschaft- 
lichen Fragen angeregt. 

Durch Handschreiben an Bartenstein vom 27. Januar 1762 theilte 
die Kaiserin ihren „höchsten Entschluss" mit, dass der Commerzienrath 
künftig „von allen anderen Hofstellen abgesondert und mit einem 
eigenen Präsidenten und bei keinen anderen Stellen angestellten 
Käthen besetzt werden solle". Er, Bartenstein, werde ad interim 
das Präsidium übernehmen, nachdem die Kaiserin in seine diesfallsige 
Kenntnis und die ihm beiwohnende, ihr wohlbekannte Geschicklich- 
keit das gnädigste Zutrauen setze. Gleichzeitig wurden ihm auch die 
Mitglieder bekannt gegeben 3 ). Bartenstein machte die Kaiserin in einem 



J ) Ueber Chotek vergl. meine Abhandlung in den Mittheilungen Bd. XIV. 

2) Cod. aust. V. 829. 

3 ) Graf Philipp Sinzendorf, Baron Toussaint, Baron Reischach, Graf Palfy, 
von Mygind ; Secretäre i Gebier, Schell, Degelmann. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749 — 1816. 275 

Vortrage vom 1. Februar 1762 darauf aufmerksam, dass mit dem ihm 
zugewiesenen Personale die Geschäfte nicht erledigt werden könnten, 
worauf die kais. Erschliessung erfolgte, dass es sich blos um die Be- 
sorgung des Commerzwesens ad interim handle, sie werde sich näch- 
stens bezüglich der vollständigen Bestellung eines Commerzienrathes 
entscheiden l ). Bereits am 16. März 1762 erfolgte die Anzeige, dass 
die Kaiserin ihres Dienstes befunden habe, „dero Commerzien-Haupt- 
stelle in der selber bisher allermildest eingeräumten Activität zu be- 
lassen und im Verfolg dessen unter dem Namen eines Commercien- 
rathes als eine unmittelbare Hofstelle zu bestätigen und zu erklären 1 *. 
Die demselben zugewiesene Aufgabe sollte darin bestehen: „wie das 
Wachsthum der inländischen Cultur, die Erhebung der Manufacturen, die 
Emporbringung des Commercii mithin die wesentliche Wohlfart dero 
getreuesten Erblande und Unterthanen zu befördern sei". Zum Prä- 
sidenten wurde der Repräsentation- und Kammerpräsident, wie auch 
Landeshauptmann ob der Enns, Graf von Andlern- Witten ernannt 2 ). 
Die Mautämter blieben der Banco-Deputation unterstellt und der Com- 
mercienrath hatte auf die Verwaltung Anfangs gar keinen Einfluss. 
Ja, die Mautämter weigerten sich, ihm Auskünfte zu ertheilen. Man 
getraue sich nicht eine Aenderung zu beantragen, heisst es in einem 
Protokolle vom 1. März 1765, „und den Bauco zu schmälern 1 ', da der 
„in das Grosse gehende Nutzen der Handlung noch keine Gewissheit 
habe". Das einzige Ergebnis der Berathung, wie dem Uebelstande ab- 
zuhelfen sei, war eine Erschliessung der Kaiserin, die Mautämter an- 
zuweisen, der Commerzstelle und der Intendenza zu Triest Auskünfte 
zu ertheilen. Eine Erweiterung erhielt später der Wirkungskreis des 
Commerzienrathes durch die Uebertragung der Verwaltung der Staats- 
fabriken, welche bisher von der Bancodeputation verwaltet worden 
waren. Nach der Aktivirung des Commerzienrathes hatte die Kaiserin 
ein hierauf bezügliches Gutachten gefordert 3 ), aber erst einige Zeit 



') Nur wurde ihm gestattet Doblhof ,pro nunc auf das Comnierciale anzu- 
weisen« und Nefi'zer, der Jahre lang in Zollangelegenheiten eine gewichtige Rolle 
hatte, zu verwenden. 

-) Graf Andlern erhielt 8000 fl. Gehalt, mit dem Zusätze der Kaiserin ,exi- 
gire keinen Staat oder sonstigen Aufwand«- Wirkliche Käthe cum voto : Baron 
Reischach, von Doblhof junior, v. Degelmann, v. Mygind ; »die Ernennung zweier 
Handelsleute will vorbehalten, von der ungarischen und der siebenbürgischen 
Hofkanzlei sind nur in jenen Fällen zwei Hofräthe zuzuziehen, wenn Angelegen- 
heit derselben vorkommen«. 

s ) An den Grafen Herberstein den 6. Mai 1762. Auch sollte in Erwägung 

18* 



276 Beer. 

später, als mau einen genauen Einblick in die ungenügende Verwal- 
tung der Bancodeputation gewonnen hatte, wurde die Zuweisung au 
die Handelsbehörde beschlossen, die jedoch der Aufgabe sich ebenso- 
wenig gewachsen zeigte. 

Am 4. Mai 1765 verständigte die Kaiserin den Grafen Andlern, dass 
sie den Beschluss gefasst habe, das „Commerciale u mit der böhmisch- 
österreich. Hofkanzlei zu vereinigen. Auf Vortrag vom 27. Mai verfugte 
sie, dass der Commercienrath als abgesonderte Stelle, jedoch unter 
der Oberdirection des jeweiligen Obersten Kanzlers zu stehen habe 
und den Länderstellen bekannt zu machen sei. dass die Aenderung 
deshalb beliebt worden sei, um den Commercialangelegenheiten, welche 
in das „Provinciale" einschlagen, eine desto geschwindere und ergie- 
bigere Beförderung und Unterstützung zu verschaffen 1 ). Graf Rudolf 
Chotek, damals Oberster Kanzler, machte jedoch Vorstellungen und 
sprach sich mit dem Hinweise auf Ungarn entschieden dagegen aus, 
welches, wenn der Kanzlei die commerciellen Angelegenheiten über- 
wiesen würden, auch eine selbstständige Entscheidung in Handels- 
sachen in Anspruch nehmen würde. Der Hofcommercienrath habe die 
Fragen, welche ,,das Universale betreffen", in Betracht zu ziehen. Die 



gezogen werden, , ob es niebt Einträglicher für Mein Aerarium und den Staat 
wäre, diese Fabriken an privatos zu überlassen 1 . 

') Meine Willensmeinung ist, dass zwar die böbraiscb-österreich. Kanzlei und 
der Commercienrath abgesonderte Stellen verbleiben, jedoch beide unter der Ober- 
direction und dem Praesidio eines zeitlichen Obrist-Kanzlers stehen, mithin auf 
die nämliche Art, wie es dermalen mit der Hofkammer und dem Banco geschieht, 
nur in Ansehung der Oberdirection vereinigt werden sollen; woraus dann von 
selbst folget, dass 

ad I um weilen keine vollkommene Union der zweyen Stellen bewürket wird, 
ferners besondere Sessionen gehalten werden, der Oberdirection aber unbenohmen 
seyn solle, nach Beschaffenheit der Umstände die Räthe und Referenten einer 
Stelle in die andere zu ziehen ; 

ad Ildum h a t der Commercienrath seinen eigenen Präsidenten, der jedoch 
unter der Oberdirection eines jeweiligen Obrist-Kanzlers stehen soll, beizubehalten, 
wornach es dann von der Benennung des Andlern zum Kanzler zugleich abkommt ; 
gleichwie hingegen der Commerienrath nur als eine dem Praesidio des Obrist- 
Kanzlers, nicht aber der Kanzley und deren Vicepraesidio untergebene Stelle an- 
zusehen, so wird auch der Vicekanzler einigem praesidio bey dem Commercio 
sich nicht zu unterziehen, sondern in Abwesenheit des Obrist-Kanzler und des 
Praesidenten der erste Rath vom Commercienrath solches zu vertreten haben; 

ad Illtium s i n( j hienach auch die agenda und das Personale der beiden Hof- 
stellen abgesondert zu lassen, und auf gleiche Art hat 

ad IV tum der Commercienrath seine dermalige Benennung annoch beizu- 
behalten ; 

ad V tum Ist den Hof- und Länderstellen nur so vieles bekannt zu machen, 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749— 1817. 277 

Kaiserin änderte nun ihre EntSchliessung insoferne, als sie verfügte, 
dass Pässe, Flaggenpatente u. dergl. Urkunden unter dem Namen des 
Commercienrathes ausgestellt, von dem Obersten Kanzler jedoch unter- 
fertigt werden sollen, ohne „diese Qualität" beizusetzen i). 

Eine von Maria Theresia dem Grafen Chotek übergebene Denk- 
schrift über die Aufgaben eines Hofcommercienrathes, deren Verfasser 
nicht genannt war und die wahrscheinlich von Josef herrührte 2 ), gab 
den Austoss zur Schaffung einer neuen Körperschaft. In einem Hand- 
schreiben vom 28. October 1768 an Chotek bezeichnete die Kaiserin die 
Mängel, die nach ihrer Ansicht bei der bisherigen Behandlung der Ge- 
schäfte von Seite des Hof-Commercienraths sich herausgestellt hatten. 
In einer Denkschrift, allerunterthänigste Erinnerungen betitelt, weist 



dass Ich, um den Commercial-Angelegenheiten, welche in das Provinciale ein- 
schlagen, eine desto geschwindere und ergiebigere Beförderung und Unterstütz- 
ung zu verschaffen, für gut befunden habe, den Commercienrath der Oberdirection 
uud dem Praesidio eines zeitlichen Obrist-Kanzlers zu übergeben, im Uebrigen 
aber annoch bei seiner bisherigen Verfassung zu belassen. 

Hiernach wird also in die Ausübung der Oberdirection ohne weiteren An- 
stand von nun an angetreten werden können. (Vortrag der böhmischen und 
Österreich. Kanzlei, unterzeichnet Rudolf Graf v. Chotek, 27. Mai, rep. 14. Juni 1765. 

') Vortrag, 5. Juni 1765 nnd kais. EntSchliessung. Das Handschreiben der 
Kaiserin an Rudolf Choteck, 14. Juni 1765. Ein Handschreiben vom 14. Juni 
verfügte, dass nach , Jubilation* des Andlern vorläufig Lichnowsky als erster Rath 
des Herrenstandes das Geschält zu führen habe. 

-) Die Anmerkungen lauten; Unter allen Theilen der Regieruug erfordert 
jene des Commercienwesens die meiste Beförderung und Behendigkeit sowohl in 
Ansehung der Entschliesungen als in dem Vollzuge selbst. 

Bis auf einige Generalsätze, die unveränderlich bleiben müssen, ist alles 
Uebrige in dem Commercienwesen plötzlichen Veränderungen unterworfen. Durch 
längere Ueberlegungen eines Commercienrathes können zum öfteren die günstig- 
sten Gelegenheiten aus Händen gelassen werden und für stets verloren gehen. 

Das politische Commercium erfordert ausserdem : 

Imo Di e wichtigste Combinirung aller Theile der Bedürfnisse sowohl als des 
Ueberflusses, eine genaue Nachforschung, wie erstere mit den geringsten Kosten 
und das Entbehrliche am vortheilhaftesten an Mann gebracht werden möge. 

II do Eine gründliche Kenntniss des Wechsels und wie solcher mit den besten 
Nutzen des Staates einzuleiten. 

IIl u o Eine Kenntniss der Transporten, wie allenthalben die Versendungen 
zu veranstalten , was für Schwierigkeiten oder Erleichterung bei selben zu 
Wasser und Land sich vorfinden, was in Ansehung der Assecurationen zu be- 
trachten u. s. w. 

lV t0 Eine nicht geringere Kenntniss aller inländischen Erzeugungen, ihrer 
Verarbeitung, wie solche hier und bey dem Ausländer zu geschehen pflegt, der 
Gattungen, an welchen es dem Staate anuoch gebricht, und wie der Abgang 



278 Beer. 

Chotek darauf hin, dass es bisher an dem nöthigen Personale fehlte. 
An den Berathungen nahmen nämlich auch Mitglieder der böhmisch- 
österreichische u Hofkanzlei theil, wenn es sich um Angelegenheiten 
handelte, welche auch das Politische betrafen. Eine Scheidung der 
Agenden sei nothwendig und jeder Stelle sollten nur „jene eigen ver- 
bleiben , die ohne besorgliche Vermischung keinen Zusammenhang 
leiden": „die publico-politischen sollen der Kanzlei, die eigentlichen 
Commercialia dem Handelsdepartement verbleiben 1 '. Zu den letz- 
teren wurden gerechnet: Die Besorgung des Manufacturstandes aller 
deutschen Erblande, insoweit nicht allgemeine Anordnungen erforder- 
lich seien, „die in das politicum mit einschlagen", der Privathandel 
mit demselben Vorbehalt, die Correspondenz mit den Consessen, die 
Ertheilung von Pässen für die Einfuhr verbotener Waaren, Cassa- 
angelegenheiten der Commerialfonde, die Verwaltung der Küste sowohl 
in politischer als ökonomischer Hinsicht, das Seewesen und die Schiff- 
fahrt, die Ertheilung der Flaggeupatente, Anstellungen von Consulen 
u. dgl., die Aufsicht über die zur Beförderung des Handels bestimmten 
Unternehmungen, die Schiffbarmachung der Flüsse, Herstellung von 
Kanälen, Austrocknung von Sümpfen u. dgl. ; allein auch bei diesen 
dem Handelsdepartement zugewiesenen Angelegenheiten, meinte Chotek, 
können sich Fälle ereignen, die zu einer allgemeinen Veranstaltung 
den Anlass geben, wo daher ein innigerer Zusammenhang mit der 
Kauzlei hergestellt werden müsse, insoweit diese die ganze Staatswirt- 
schaft besorge; mit andern Worten, Chotek forderte, dass allgemeine 
Normen und Verfügungen nicht selbstständig von der Commerzabthei- 
lung erlassen werden sollen, sondern dieser blos die Durchführung 



zu ersetzen und wie die rohe ausser Land begebende Materialien im Lande selbst 
zu verarbeiten. 

V t0 Eine genaue Lokalkenntniss der Gegenden und Ortschaften, was für 
Vortheile besonders in Beziehung aut eine so andere Fabrik oder Manufactur 
daselbst anzutreffen. 

Vl t0 Eine Kenntniss der fremden Waaren und welche sonderheitlich con- 
venireten, um gegen solche das Enthehrliche hintanzugeben, wovon sodann diese 
mit dem besten Nutzen weiters wiederum zum Verschleiss zu bringen. Eudlich 

VI! 11 ' Die Kenntniss fremder Staaten und Nationen, mit welchen vortheil- 
hafte Commercien-Tractaten zu schliessen, was für Waaren denselben besonders 
conveniren und von dorther wiederum bezogen werden könnten ? 

Wenn man den Umfang dieser Kenntnisse betrachtet, wird man anerkennen, 
dass keiner Bingen das Geschäft eines Commercienrathes ausmachen, welcher 
wöchentlich ein- oder zweymal sich versammelt und dem in den Sessionen kaum 
die Zeit erklecket, die Vorträge anzuhören und die vorkommende viele Angelegen- 
heiten zu Erledigung zu bringen. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749—1816. 279 

oder die eigentliche Verwaltung zu überlassen sei; eine Vereinigung 
unter eiuem Chef sei herzustellen; damit aber die ,,Obrist-Kanzley" 
nicht mit allzu vielen, öfters nur mechanischen Verrichtungen beschäf- 
tigt werde, sei das Präsidium einem Vicepräsidenten zu übertragen, 
und der Kanzler hätte sich nur jene Angelegenheiten vorzubehalten, 
die eine kaiserliche Entschliessung erheischen. Ferner sollten die Be- 
rathungen in selbstständigen Sitzungen der Hof kanzlei in allen den 
Handel und die Staatswirtschaft betreffenden Angelegenheiten statt- 
finden. Die Staatswirtschaft, heisst es in dem Vortrage Choteks, und 
das Commercium in den dentschen Erblanden, wenn auch die Ober- 
aufsicht über beide für eine wesentliche Beschäftigung der Kanzlei 
angesehen wird, ist mit dem Camerali und dessen Stelle in mehreren 
Stücken, sonderlich aber in dem die Zölle und Mauten vertretenden 
Bancali so sehr verflochten, dass ohne übereinstimmenden Vorgang 
sowohl in Ansehung der Grundsätze als der Befolgungsart schwerlich 
etwas Erspriessliches zu hoffen sei. Eine gleiche Beschaffenheit habe 
es mit den ungarischen Erblanden, dem Grossfürstenthum Siebenbürgen, 
dem Temesvarer Banat und den dem Militär in Politicis übergebenen 
Landesbezirken. Sei zwischen diesen und den deutschen Erblanden 
bezüglich der erwähnten Gegenstände kein systematischer Zusammen- 
hang, sehe sich jedes Land und die ihm vorgesetzte Stelle für einen 
eigenen Staatskörper an, der seinen Diensteifer nur darin setzt, dem 
anderen einen Vorzug zu benehmen und sich beizulegen, mit einem 
Wort immer nur der wirkende und niemals der leidende Theil sein 
zu wollen, so werde sich das Gleichgewicht niemals festsetzen lassen. 
Aus diesem Grunde schlage er vor, dass die Kanzlei in Commerz- und 
Staatswirtschaftssachen als eine Deputation anzusehen wäre, wie eine 
dergleichen schon in Sanitätssachen bestehe , bei welcher die Vor- 
fallenheiten aller Länder dergestalt wenigstens quo ad normalia et 
generalia zu verhandeln wären; dass daselbst ein Rath von jeder Stelle, 
nämlich von der Hofkammer, der Ministerialbancodeputation, der Re- 
chenkammer, der ungarischen und siebenbürgischen Hof kanzlei, nöthigen- 
falls auch von dem Hofkriegsrathe allemal zu erscheinen, den erfor- 
derlichen Vortrag zu machen und die Expedition zu veranlassen hätte. 
Sei dieser Rath mit den Ansichten der Deputation einverstanden, so 
wäre nicht zu gestatten, Allerhöchstenorts dagegen eine Vorstellung 
zu machen und damit den Vollzug aufzuhalten; wenn aber der Bei- 
sitzende oder die nach Wichtigkeit der Sache besonders abgeordneten 
Räthe verschiedener Meinung wären, so müsste die Allerhöchste Ent- 
scheidung erbeten werden. 

Bezüglich der Erhebung der Population, des Verhältnisses des 



280 B e e r - 

Nahrungstriebes in den verschiedenen Gewerben oder der Manufactur- 
tabellen, der verschiedenen und hauptsächlichsten Erzeugnisse der 
Bodeucultur, welche ihren Einfluss theils auf die gemeine Lebensnoth- 
durft, theils auf den Urstoff zu Manufactur und Handlung haben, 
endlich bezüglich der Commercialtabellen, welche die Bilanz zwischen 
dem Activ- und Passivhandel angeben sollen, sprach sich Chotek da- 
hin aus, dass niemand die Nutzbarkeit dieser Tabellen misskenne, 
allein es werde zu überlegen sein, ob die Fassionen zur Erhaltung des 
Bevölkerungsstandes mit jenem wegen der Schuldensteuer zu verein- 
baren, ob es thunlich, nebst dem Gewerbetriebe auch den Manufactur- 
stand mit Verlässlichkeit zu erheben oder ob die mühsame und un- 
verlässliche Verfertigung besonderer Tabellen über den letzteren er- 
spart werden könne, wem die Besorgung der Beschreibung obliegen, 
durch welche anreizende Mittel die genaue Vollstreckung erzielt wer- 
den solle, damit wegen des täglichen Verbrauches der Produkte nicht 
eine überflüssige und daher unnütze Arbeit geschehe, und da das Journal 
für die Commerztabellen nichts anderes sei, als die Einführung einer 
verlässlichen Verrechnungsart bei den Mautämtern, so müsste zu über- 
legen sein, ob diese Rechnungsart einzuführen oder den Beamten 
eine üoppelrechnung zu halten zuzumuthen sei. Die vorgeschla- 
genen Tabellen haben nur dann einen Nutzen, wenn sie sich auf 
die ganze Monarchie erstrecken, die Verfassung der Länder sei aber 
so verschieden, dass darauf Rücksicht zu nehmen sei; die Erörterung 
aller dieser Umstände werde daher das Geschäft der vorgeschlagenen 
Deputation sein und könne durch eine vorläufige Aeusserung nicht er- 
schöpft werden. 

Die kaiserliche Genehmigung dieser Vorschläge erfolgte. Der 
neuen Körperschaft, Deputation in Staats- und Wirtschaftssachen ge- 
nannt, fiel die Aufgabe zu, alle das Commercialwesen überhaupt die 
Verbesserung der innerlichen Staatswirtschaft betreffenden Angelegen- 
heiten der gesammten deutschen und ungarischen Erblande wenigstens 
in Bezug auf die Normalien und Generalien in gehörigem Zusammen- 
hang zu behandeln *) Graf Rudolf Chotek wurde zum Vorsitzenden 
der Wirtschaftsdeputation bestimmt. Die verschiedenen Hofstellen 
hatten an den Sitzungstagen, wofür der Donnerstag festgesetzt wurde, 
so oft es sich um Angelegenheiten handelt, die mit ihrem Ressort in 
einem Zusammenhang stehen , sich durch ein Mitglied vertreten zu 
lassen und eventuell Vorträge zu erstatten. Ausdrücklich wurde ge- 
fordert, dass, im Falle die Präsidenten, die nach Thunlichkeit selbst 



') Resolution der Kaiserin de accepto 31. Dec. 17(38. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749—1806". 281 

den Sitzungen beizuwohnen haben, am Erscheinen verhindert werden, 
ein Hofrath zu entsenden sei, und zwar müsste er mit einer Instruc- 
tion versehen werden, um seiue Stimme abzugeben; eine Entschuldi- 
gung, als wäre er dazu nicht ermächtigt, würde nicht angenommen 
werden; wenn eine Stelle gegen das abgegebene Votum des abgesen- 
deten Käthes oder gegen einen Beschluss der Deputation Erinnerungen 
anzubringen hätte, so sei diese der Kaiserin binnen drei Tagen zu 
eröffnen. Die Protokolle mussten der Kaiserin von acht zu acht 
Tagen, am Schlüsse des Jahres ein Ausweis über die gesammte Gestion 
vorgelegt werden, „allermaassen das Verdienst derjenigen, die sich auf 
eine ausnehmende Art vor andern verwenden", besonders belohnt wer- 
den solle. 

Der Commercienrath wurde nunmehr auf die eigentliche Verwal- 
tung der Manufacturen und des Privathandels beschränkt ; ferner wurde 
ihm die Verwaltung des Litorales, des Seewesens und der Schifffahrt 
die Ertheilung der Flaggenpatente, die Anstellung der Consulen, die 
Schiffbarmachung der Flüsse, die Herstellung der Canäle, Austrocknung 
u. dffl. m. übertragen. Der Commercienratli blieb dem Obersten Kanzler 
unterstellt, ihm zur Seite stand für die „mechanischen Verrichtungen" 
ein Vicepräsident. Alle jene Angelegenheiten, welche die Allerhöchste 
Entschliessung erheischten, blieben ausdrücklich dem Obersten Kanzler 
vorbehalten. 

Im Jahre 1771 wurde das „Commerciale" der Hofkammer über- 
wiesen und der Leitung eines Vicepräsidenten unterstellt l ), 1776 aber- 
mals mit der Hof kanzlei vereinigt. Der damalige Vicepräsident Baron 
Beischach wurde gleichzeitig Kanzler 2 ). Die Commerciencasse sollte 



') Handschreiben an Kolowrat 17. Dec. 1771. 

2 ) Handschreiben an ßlümegen, 2. Januar 1776; an den Hofkammerpräsi- 
denten vom gleichen Tage mit der Bemerkung, dass »gewiss nicht Misstrauen 
auf seine Person den Anlass gegeben habe, da er bis jetzo selben (den Com- 
mercienrath) zu Meiner vollkommen Zufriedenheit geführet hat«. Die Kaiserin 
erwarte seine Vorschläge, heisst es in dem Handschreiben an Blümegen, diese 
sind einstweilen die Sätze, die Ich festgestellt habe: alle nur möglichen Frei- 
heiten im Handel und in der Erzeugung in allen Ländern, Aufhebung der Inten- 
denza in Triest, Untergebung aller Polizei und Iudizialges chatte an die Landes- 
hauptniannschaft in Görz; Fiume, Buccari, Buccarizza und Portore an Ungarn. 
Zengg und Carlopago an das Militär. Interessant sind die Bemerkungen über 
die Fiume betreffende Entscheidung in einem Protokolle vom 17. Jänner: Diese 
Stadt habe immer zur krainischen Landesstelle gehört und einen zu dem Herzog- 
thum gehörigen »Gezirk« avisgemacht; es dürfte also die Abreissung desselben als 
eines Theils einer zum römischen Reiche gehörigen deutschen Provinz wie Krain 
sei, und die Einverleibung zur Krone Ungarns bedenklich sein, und zu Weite- 



282 B e e r - 

überall von dem Commereiali geführt werden, nur die jährlieh von 
der Kaiserin bewilligten Anweisungen seien auszubezahlen, während 
bisher ein bestimmter Fond hiefür festgesetzt war. Die ungarischen 
Angelegenheiten wurden den ungarischen politischen und Cammeral- 
behörden übertragen. Zwei Jahre später wurde auch die Aufsicht 
über die Navigationsarbeiten als „ein Publikum 1 ' der böhmisch-öster- 
reichischen Hof kanzlei übergeben, welche die Notwendigkeit und den 
Nutzen dieser Arbeiten zu ermessen und hiernach die jeweiligen An- 
träge zu machen hätte x ). 

Um das Handelswesen in den einzelnen Königreichen und Län- 
dern in einen besseren Stand zu setzen, wurde bereits 1700 in Nieder- 
österreich und im Lande ob der Enns eine Hofkommission angeordnet, 
später wurde in Böhmen eine Commerzdeputation ins Leben gerufen ; die 
Mitglieder waren Anfangs unbesoldet und ihnen die Aufgabe zugewiesen 
auf die „Emporbringung der Commereien" bedacht zu nehmen. Seit 
1749, nachdem einige Jahre zuvor das Commercien-Oberdirectorium 
für die gesammten österreichischen Länder geschaffen worden war, 
wurden in den einzelnen Ländern Commerzconsesse oder Commerz- 
commissionen gebildet 2 ). 

Im Jahre 1753 wurde ein Manufacturscollegium in Prag errichtet, 
welches 1757 mit dem Commerzconsesse vereinigt wurde und den 
Namen Consessus in commerciaiibus et manufacturisticis führte. Zum 
Präsidenten wurde der ßepräsentations- und Kammerrath, zugleich 
oberster Münz- und Bergmeister in Böhmen, Graf Franz Josef v. Pachta 
ernannt. Ausser 11 Assessoren, die ernannt wurden, sollten auch 
2 Kaufleute den Sitzungen beigezogen werden, für die besonderen 



rungen mit gedachtem römischem Reiche, welches diese Abtrennung für ein Avul- 
sum lmperii ansehen dürfte, unfehlbar führen. Fiume sei an Görz, sowie Triest^ 
zu übertragen. Die kaiserl. Entschliessung wiederholte die Weisung, fügte nur 
hinzu, dass die Linzer Fabrik, welche bisher von dem Commercienrath verwaltet 
worden war, von der Hof kammer noch zwei Jahre zu besorgen, sodann an Kauf- 
leute zu überlassen sei. 

!) Kaiserl. Entschliessung vom October 1778. 

? ) Rescript vom 10. März 1749. Da nun die Deputationen die nöthige Zeit 
zur Vorbereitung und Ausarbeitung der auf das Commercielle bezüglichen Agen- 
den in ihren Deputations-Consessen nicht leicht finden dürften, so sollen sie nach 
kaiserlichem Befehl zwei oder höchstens drei Personen, welche in Commerzange- 
legenheiten besonders bewandert und durch andere Geschäfte nicht allzusehr ab- 
gezogen sind, zu einem Particular-Consess zu dem Ende zusammensetzen, damit 
diese den Commercialdingen obliegen und ihre ausgearbeiten Vorschläge zur wei- 
teren Berathung an die Deputationen abgeben sollen. Ausführliche Instruction 
am 15. März 1749 von Chotek erlassen. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749 — 1816. 283 

Comniercial- und Manufactursgeschäfte der Prager Städte war die 
Mitwirkung von 3 königl. Richtern dieser Städte bei den Sitzungen 
erforderlich l ). Nach Errichtung des Commercienrathes wurde auch 
an die Organisation der Consesse in den übrigen Ländern geschritten. 
Denselben sollten drei Mitglieder aus dem Kaufmannsstande beige- 
zogen werden 2 ). In Mähren wurde das bisherige „Manufacturamt" 
aufgehoben und dem Concesse die Besorgung der darauf bezüglichen 
Angelegenheiten übertragen 3 ). In Niederösterreich wurde Graf 
Philipp Sinzendorf zum Präsidenten ernannt 4 ). Die Länderstellen wur- 
den zur jährlichen Berichterstattung „in Corurnercialibus" aufgefordert 
und angewiesen, von den Consessen einen Ausweis zu fordern, über 
die in dem betreffenden Jahre getroffenen Veranstaltungen und Vor- 
kehrungen, ferner darüber zu berichten, welche Fabrication in dem Lande 
zu vermehren, welche Gattungen fremder Waareu zu verbieten, welche 
inländischen Erzeugnisse zum Verschleiss neu einzuleiten seien u. dgl. m. 
(3. November 1763). Die Consesse waren verpflichtet, alljährlich Ta- 
bellen über die im Lande befindlichen Manufacturen einzusenden, 
einerseits, um hierauf gestützt sodann die nothwendigen Weisungen 
über die Förderung des einen oder des anderen Industriezweiges zu 
erlassen, vornehmlich aber, weil man in Wien selbst das Bedürfnis 
empfand, sich zu unterrichten, obgleich nicht selten selbst die Länder- 
consesse von dem Stande der Industrie in dem eigenen Lande keine 
Kenntnisse besassen. Die Handelsleute, lautet eine Zuschrift an sämmt- 



') An die Repräsentation und Kammer, 20. October 1757. 

2 ) Kaiserl. Entschliessung auf Vortrag des C. R., 12. Juli 1763. 

3 ) An das Landesgubernium in Mähren 14. Nov. 1763. In Mähren be- 
standen eigentlich drei Stellen, die sich mit Handelsangelegenheiten zu be- 
schäftigen hatten: das Manufacturamt, die Lehenbank und der Consess. Ueber 
das Manufacturamt. heisst es in einem Bericht des mährischen Concesses vom 
14. Mai 1763, es sei leider mit solchen Subjekten versehen , welche weder 
die wahren Commercialgrundsätze noch die erforderliche Uebung und Erfahrung 
besitzen, was sehr viele Unordnungen und die Abneigung des ganzen Landes 
nach sich ziehe. Am 14. Nov. 1763 erfloss die Weisung an das Landesguber- 
nium, dass dem Graf Schlick das Präsidium des Commercialconsesses anvertraut 
sei. Auch sollen erfahrene Handelsleute beigezogen werden. 

4 ) Die andern Mitglieder waren : Graf Carl Zinzendorf, Friese, Graf Lam- 
berg, Schmerling, Pillowitz, Motter, Laube, Martini, Kessler. Als Grund, wess- 
halb bei Besetzung der Posten bei den Commercialconsessen keine reiche Aus- 
wahl vorhanden sei, wird angegeben : da das Vorurtheil noch zu frisch, dass die 
Commercialwissenschaft ausser dem Handelsstande die Hauptbeschäftigung eines 
Menschen und dessen Fortkommen schwerlich ausmachen könne. Vortrag von 
Andlern- Witten 2. Oct, 1764. 



284 B e e r. 

liehe Commercialconsesse , verlangen für diesen oder jenen Artikel 
Pässe unter dem Vorwande, dass solche in den Erblanden nicht er- 
zeugt werden; die Commercialconsesse, auch wenn sie darüber ver- 
nommen werden, vermögen keine verlässliche Auskunft zu ertheilen, 
inwieweit dem Gesuche zu willfahren sei, weil ihnen die Gewerb- 
schaften der übrigen Kronländer und deren Erzeugnisse nicht einmal 
dem Namen nach bekannt seien *). Die in einzelnen Ländern be- 
stehenden „Zunftcommissionen'' wurden aufgehoben und die Agenden 
den Consessen übertragen a ). Die Consesse wurden angewiesen, ihr 
Augenmerk darauf zu richten, dass nur nützliche und im Lande nicht 
vorhandene Manufacturen eingeführt werden und zwar solche, zu wel- 
chen das Kohprodukt im Lande vorhanden sei, damit das bare Geld 
in den Erblanden erhalten bleibe und nicht für solche Waaren, die 
darin bequem verfertigt werden könnten, ausfliesse. In manchen Er- 
lässen begnügte man sich nicht mit diesen allgemeinen Andeutungen, 
sondern bezeichnete auch jene Industrien, deren Förderung angezeigt sei 3 ). 
Auch in den Ländern jenseits der Leitha wurden Commercialconsesse 
errichtet, so in dem Banate 1759 durch Dekret vom 10. Sept. erst 
1770 aktivirt, in Siebenbürgen durch Handschreiben vom 6. Januar 
1769 „um daselbst die Handelschaft und Manufacturen sammt der 
Agricultur besser einzurichten" 4 ). Seit 1772 wurden die Consesse 
beseitigt, zunächst in Böhmen, um daselbst mit dem dortigen Guber- 
nium vereinigt zu werden (18. Mai 1772), einige Monate später in 
Görz und Kärnten, in Krain, Oberösterreich, Tirol und Vorderöster- 
reich (10. Sept. 1772.) 5 ) 



1 ) An sämmtliche Concesse, 23. Juli 1767. 

2 ) 17. April 1769 an d. Consess in Böhmen. 

s ) Circulare für Böhmen, 26. Juni 1769; 28. August 1769 für Mähren. 

4 ) Durch Handschreiben vom 13. Juli 1769 an R. Chotek verfugte die Kai- 
serin : da die von der siebenbürgi sehen Commission erstatteten Commercialpro- 
tokolle nicht in behöriger Art verfasst sind, so hat er ein Formular von einem 
hiesigen Protokolle des Commercien-Consessus zugleich aber ein Formulare von 
denen über wichtige Punkten zu erstattenden Berichten an die siebenbürgische 
Commission zu übergeben, damit sich hiernach auch in Siebenbürgen gerichtet 
werden möge. 

5 ) Der Antrag bezüglich Böhmens wurde durch Protokoll vom 13. Febr. 1772, 
bezüglich der anderen Länder einige Monate später gestellt. Die Sitzung fand 
unter dem Vorsitze des Grafen Leop. Kolowrat statt und wurde da Protokoll am 
14. Juli der Kaiserin vorgelegt. 

,Ich begnehmige überhaupt das Einrathen der Commission , dass näm- 
lich der böhmische Commercialconsess mit dem Gubernio vereinbart, dessen 
Agenda sohin gedachtem Gubernio übertragen und künftighin allda in einer 
besondern Commission, wie es mit der Polizei und Sicherheit gehalten 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749— 1816. 285 

Auf Vorschlag des Grafen Josef Kinsky wurden in den Com- 
mercialkreisen Böhmens, wie man die an Sachsen grenzenden Be- 
zirke nannte, Manufactursinspectoren bestellt. Die denselben ertheilte 
Instruction, nach dem Vorbilde der von Friedrich II. für Glatz erlas- 
senen entworfen, gieng dahin, Reisen in den ihrer Obsorge unter- 
stellten Bezirke vorzunehmen, die daselbst befindlichen Fabriken und 
Manulactnren zu untersuchen, die Anzahl der Fabrikanten, Commercial- 
haudwerke, Meisterschaften und Künstler anzuzeigen, die Menge der 
jährlich erzeugten Fabrikate , sowie die Verleger und Handelsleute, 
auch wohin der Verschleiss gehe, namhaft zu machen. Vornehmlich 
sollten sie sich angelegen sein lassen, die Natur- und Industrieerzeug- 
uisse anzugeben, ob und wie die Cultur derselben vermehrt und ver- 
bessert worden sei, ob in den Bezirken die Woll- und Flachsspinnerei 
genügend belegt, wie dieselbe eventuell einzuleiten und zu vermehren, ob 
die Gespinnste durch die eigenen oder durch die benachbarten Weber- 
schaften verarbeitet werden, wo sich die Woll- und Garnmärkte befinden, 
n. dgl. m. Bei den Bleichen hatten sie zu erheben, ob auf sächsische 
oder schlesische Art gebleicht werde, mit welchem Materiale dies ge- 
schehe, ob nicht etwa schädliche Mittel gebraucht werden und welche 
Verbesserungen vorgenommen werden könnten, in welcher Weise die 
Erzeugung feiner, dann gezogener und gefärbter Leinwände und Tisch- 

wii*d, unter dem Vorsitz des bisheiügen Commerien-Praesidis Grafen Kinsky und 
Bevziehung der in dem Protokoll angetragenen Räthe tractiret, sofort auch nach 
dem Einrathen das Commercial-Personale unter jenes des Gubernii eingetheilt 
werden soll, nur allein ist nöthig, dass ein eigener Rath, welcher annoch zu be- 
nennen sein wird, der dieser Commission nicht beysitzt, derselben Berichte und 
Protokolle bey dem Gubernio referire. Wegen der Correspondenz-Einleitung mit 
dem Commercienrath, sowie wegen Vereinigung der Commercienconsessen in den 
übrigen Ländern mit den Länderstellen gewärtige das versprochene Gutachten 
Die Aufhebung des Webergroschen kann nach dem Einrathen der Commission 
sogleich veranlasst werden. (Protocollum commissionis extraordinariae 13. Febr., 
rep. 14. Mai 1772, betreffend die Vereinigung des böhm. Commei-zconsesses mit 
dem dortigen Landes-Gubernio.) 

Die zweite Resolution der Kaiserin lautet : Die Vereinigung der Commercien- 
Consesse mit den Länderstellen hat auf dem Fuss und in der nämlichen Art, 
wie solche in Böhmen schon eingeführet worden, auch in den übrigen Ländern 
ohne Unterschied zu geschehen. Bey Mähren hingegen wird mir über die Eigen- 
schaft, Einhebungsart und Erträgniss des Gewerbsbeytrages der besondere Vor- 
trag von dem Commercien-Rath abzustatten und zugleich anzuzeigen sein, wan, 
warum und auf was Art dieser Beytrag eingeführt werden. Das Protokoll vom 
30. Juni 1772 (unter dem Vorsitz von Leopold v. Kolowrat, gegenwärtig: Reischach, 
Mannagetta, Doblhoff-Dier, v. Egger, Hofsecretär Paradis) beschäftigt sich mit 
der Frage über die Vereinigung der übrigen Commercien-Concesse mit den Landes- 
stellen nach dem Muster von Böhmen. 



286 B e e r - 

zeuge, so wie auch die Spitzen-, Schnüren- oder Bandfabrikation ge- 
hoben und emporgebracht werden könnte 1 ). Sie hatten genaue Nach- 
richt von dem Flachsbaue und von den Garnpreisen zu geben, in Er- 
wägung zu ziehen, ob und wo die Wollen-, Zeug und auch Cotton- 
fabrikation eingeleitet und erhoben werden könnte, genaue Unter- 
suchungen über die Tuchmacherei und Walkerei anzustellen, ob mit 
Füllerde oder Seife gewalkt werde, ob die Tuchmacher das Fett aus 
der Wolle und dem Loden bringen, ob sie der Woll- und Farbmischuug 
kundig seien, ob die genügende Anzahl der Wollsortirer und Färbereien 
vorhanden sei und wo neue anzulegen wären, wohin die böhmischen 
Tücher Absatz finden, welche Tuchmeisterschaften sich auf die feineren 
Gattungen mit spanischer Wolle verlegen wollen, überhaupt sollten 
sie von allen in ihren Bezirken befindlichen Commercialfabrikaten Cal- 
culationen entwerfen und bemerken, ob dieselben im Preise den Frem- 
den gleichstehen und ob nicht etwa bessere verschafft werden könnten. 
Sie hatten anzuzeigen, woher die Ungleichheit rühre und wie dieselbe 
etwa abzustellen, ob der Spinn-, Weber- und Appretirungslohn im ge- 
hörigen Verhältnisse stehe. Sie sollten Beobachtungen über den Handel 
in ihren Bezirken anstellen und hervorheben, ob der Activ- und Passiv- 
handel dem Lande vortheilhaft oder schädlich sei, jene Kaufleute nam- 
haft machen, welche sich den Verschleiss der Landesmanufacturen 
angelegen sein lassen; ob die Fabrikanten den Vertrieb ihrer Erzeug- 
nisse selbst besorgen ; und sich auch darüber gutachtlich äussern, ob 
und wie der Handel überhaupt, besonders nach Aussen für das inlän- 
dische Manufacturwesen vorteilhafter gemacht werden könnte. Sie 
hatten ihr Augenmerk hauptsächlich auf die benachbarten fremden 
Lande zu richten, dieselben zu bereisen, den Vortheil, welchen dieselben 
»egen die heimischen Gebiete in der Erzeugung sowohl als im Handel 
und Wandel haben, anzeigen, die Schleichwege bemerken, auf welchen 
verbotene Waaren ein- und ausgeführt werden, in welchem Stande 
sich die Commercialstrassen befinden, wo dieselben herzustellen nütz- 
lich sei, ob aus der mautämtlichen Manipulation dem Handel und 
Wandel Beschwerde erwachse, sich die Verbreitung der Spinnerei so- 
wol auf dem Lande als auch in den Städten besonders angelegen 
sein lassen, die Dominien dazu aneifern, den erforderlichen Unterricht 
durch geschickte Lehrmeister ertheilen lassen, denselben die nöthigen 
Hilfsmittel als z. B. Spinnräder, verschaffen und dafür sorgen, dass 



l ) Die Hinzufügung der »feinen Leinwände und Tischzeuge, der gefärbten 
Leinwände, der leinenen Schnüre oder Barchet« hatte die Kaiserin in ihrer Ent- 
schliessung auf den Vortrag ausdrücklich gefordert. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749 — 1816. 287 

die Gespinnste entweder den Verschleiss erhalten oder von einer 
Fabrik verlegt werden, diese letztere aber die Gespinnste in der ge- 
hörigen Qualität und Feine überkomme. Alle Jahre sollte Bericht 
erstattet werden, in welchen Orten die Spinnerei sich vermehrt oder 
vermindert habe, nicht minder hatten sie auf die Vermehrung der 
Kunst- und Feinweberei, sowie der Wollen-, Zeug- und Cotonfabri- 
kation an den entsprechenden Orten Bedacht zu nehmen und dahin 
zu streben, sowol geschickte Fabrikanten und Appreteure aus den be- 
nachbarten Landen unter den ausgemessenen oder vorzuschlagenden 
Begünstigungen herüberzuziehen, denselben das nöthige Unterkommen, 
und die Anstellung bei einer Landesfabrik zu verschaffen, damit die 
eigenen Unterthanen von denselben die bessere Manipulation nach und 
nach erlernen *). Denselben sollte alljährlich zur Bestreitung der Un- 
kosten ein Beitrag aus dem Commercialfonde angewiesen werden, den 
neu einzuführenden Manufacturen das erforderliche fremde Materiale 
aus der ersten Hand und zum wolfeilsten Preise verschafft werden, das 
heimische Rohprodukt durch nützliche Proben verbessert, das mangelnde 
z. B. Erdfarben und Farbwurzeln im Laude erzeugt und zubereitet, 
folglich die ganze Circulation des Geldes so viel möglich erhalten 
werden 2 ). 

In Böhmen waren 1770 fünf Landesinspectoren thätig, der tüch- 
tigste war wol Josef Schreyer, der sich auch literarisch einen Namen 
gemacht hat und der von dem Grafen Josef Kinsky wegen seiner 
schutzzöllnerischen Richtung geschätzt und vielfach verwendet wurde. 
Auch Lieblein erwarb sich Verdienste. Die Inspectoren wurden ange- 
wiesen ihren Wohnsitz nicht in Prag, sondern in ihren Kreisen zu 
nehmen 3 ). Auch in den andern Ländern wurden Inspectoren bestellt. 
Im Jahre 1772 wurden die Commercialgeschäfte den Kreishauptleuten 
übertragen und denselben die Weisung ertheilt, sich die Emporbrin- 



') In dem der Kaiserin unterbreiteten Protokolle vom 4. Juni 1762, worin 
der Vorschlag gemacht wurde, derartige Landesmanufacturs-Inspectoren zu ernennen, 
heisst es, dass es hauptsächlich darauf ankomme, die Vortheile den Nachbarn 
abzugewinnen, geschickte Fabrikanten anzulocken. Hierauf wurde daher bei der 
Anstellung ein besonderes Gewicht gelegt. 

*) Protokoll vom 4. Juni 1772. Instructions-Puncta für die k. k. Land- 
inspectoren in commercialibus in dem Königreiche Böhmen, der Kaiserin durch 
den Vortrag vom 21. Juli 1762, rep. am 26. Aug. 1762 überreicht. Die Anzahl 
der Landesinspectoren in commercialibus wurde später vermehrt. Jeder derselben 
erhielt 1200 fl., sie hatten aber in Folge der kaiserl. Erschliessung die Reise- 
und Zehrungskosten bei ihren Visitationen zu bestreiten. Auch verlangte Maria 
Theresia, dass sie sich die besten Bücher und »Commercialjournale« anschaffen. 

8 ) 28. Januar 1773. 



288 Bee r. 

gimg des Commercialis und dessen nützliche Einleitung besonders 
pflichtgemäss angelegen sein zu lassen. Die bisherigen Commercial- 
Inspectoren und Manufactur-Commissarien wurden den Kreishaupt- 
leuten zur Aushilf beigegeben und führten nunmehr den Titel Kreis- 
commissäre; neue Inspectoien sollten künftig nicht ernannt werden 1 ). 
Denn die Kreisämter, welche in dem Handschreiben Maria The- 
resia's an Rudolf Chotek vom 28. October 1768 als die wichtigsten 
Bedienstuugen des Staates bezeichnet werden, sollten zur Besorgung 
der Staatswirtschaft herangezogen werden 2 ). Jeder Kreishauptmann 
sollte alljährlich seinen Kreis bereisen und über die vorgefundenen 
Gebrechen berichten, die das Polizeiwesen und den Nahrungsstand 
betreffenden Anordnungen als Richtschnur dienen. Die Kaiserin hatte 
von Chotek über die Art und Weise der Besetzung der Kreishaupt- 
leute ein Gutachten gefordert. Chotek setzte in seinem Vortrage aus- 
einander, dass es allerdings diensam sein werde, den Kreisämtern die 
Aufsicht und Unterstützung der Landescultur und der Polizeiangelegen- 
heiten aufzutragen und ihnen eine besondere Instruction zu geben, 
allein er fügte hinzu, dass zunächst die Gebrechen bei der Personal- 
bestellung der Kreishauptleute behoben werden müssten. Früher habe 
man hiezu in dem Kreise possessionirte Persönlichkeiten ausgewählt, 
weil sie die Schwäche und Stärke ihres Bezirkes am besten kennen 
und auch mit ihrem geringen Gehalte auskommen können, das Wol 
des Kreises besser als auswärtige berücksichtigen werden, allein später 
sei ein Verbot erlassen worden possessionirte Kreishauptleute in dem- 
selben Kreise, wo sie angesessen, anzustellen. Ein weiteres Gebrechen 
bestehe in der geringen Rücksicht, welche auf die Kreishauptleute so- 
wohl in honorifico als utili genommen werde, den Verdienteren möge 



») An das Gubernium in Böhmen 18. Mai 1772. 

2 ) In Böhmen (seit 1627) und Mähren bestanden die Kreishauptleute bereits 
vor dem Regierungsantritt Maria Theresias; in Krain wurden erst 1748 drei Kreis- 
ämter ins Leben gerufen, und zwar in Laibach für Oberkrain, in Adelsberg für 
Innerkrain und in Rudolfswerth für Unterkrain ; Oberösterreich erhielt vier Kreis- 
hauptleute. Sie wurden dem Herren- und Ritterstande entnommen und mussten 
in den zwei ersten Jahrzehnten in dem Kreise begütert sein. (Instruction vom 
26. Juli 1748; Verordnung vom 6. Oct. 1753 in der Sammlung österr. Gesetze 
V. 806). Die Kreisämter waren eine landesfürstliche Behörde, dem ständischen 
Einflüsse entzogen, von ihnen sollte > überhaupt Alles was zur Beibehaltung guter 
Polizey erforderlich fürgekehrt, nicht minder auch jenes, was sonst in das Pub- 
licum zuschlägt, durch selbe besorgt werden«. Die städtischen Behörden und 
zum Theil auch die herrschaftlichen Aemter waren ihnen untergeordnet. Ueber 
die Kreisümter vergl. den schönen aber allzu idealisirenden Aufsatz von Kern : 
Geschichtliche Vorträge und Aufsätze. Tübingen 1875 S. 176 fg. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749 — 1816. 289 

daher der Geheimrathscharakter wie dem Obergespan in Ungarn 
beigelegt und bei erledigten höheren Stellen auf die Tüchtigen Rück- 
sicht genommen werden. 

Die Commercial-Kreisinspectoren hatten sich jedoch nicht überall 
der Unterstützung der Kreishauptleute zu erfreuen. Die Verordnungen 
wurden entweder gar nicht oder erst nach Verlauf von mehreren 
Monaten publicirt. Zum Theil lag allerdings auch der Fehler an den 
Stadträthen und obrigkeitlichen Administratoren, und die Unterthanen 
wurden öfters zu Strafen verurtheilt, ohne das Gesetz gekannt zu 
haben, zum Theil geriethen aber auch die Verordnungen in Vergessen- 
heit und wurden nicht ausgeführt, oder die Kreishauptleute und Landes- 
ältesten kümmerten sich um den Vollzug nicht und begnügten sich ledig- 
lich damit, die ihnen übermittelten Decrete abschriftlich im Kreise ver- 
theileu zu lassen. Auch kam es nicht selten vor, dass man den 
Inhalt der Patente und Decrete nicht erfasste. Wenn sich die Kreis- 
inspectoren beschwerten, so zogen sie sich den Hass und die Feindschaft 
der Kreishauptleute zu und diese wiesen die Bittschreiben der Kreis- 
inspectoren um Assistenz ab. Die Kreishauptleute sahen auf die In- 
spectoren, wie berichtet wird, mit Verachtung herab, betrachteten die 
Einrichtung als „ein Unding und unbeständiges Wesen' 1 , zogen dieselben 
zu den Verhandlungen nicht hinzu. Der Iglauer , Hradischer und 
Olmützer Kreisin spector beschwerten sich, dass das Commerciale nie 
aufkommen könne, weil einzelne Kreishauptleute sich darüber äusserten, 
diese Einrichtung könne nicht lange dauern, das Teufelswerk werde 
bald abgethan sein i). Derartige Aeusserungen machten bei dem Pub- 
likum Eindruck und veranlassten Aufstände und Widersetzlichkeiten 
gegen die Kreisinspectoren. 



IV. 

In allen Zweigen der Verwaltung tritt das Streben zu Tage, Ord- 
nung zu schaffen und die bureaukratischen Formen strenger und 
straffer herauszubilden. Nicht selten wurden der Kaiserin Vorträge 
erstattet ohne irgend eine Zeitangabe. Sie findet, dass daraus Irrungen 
entstehen können, da man nicht wissen könne, welche Entschliessungen 
die früheren oder späteren seien ; kein Vortrag sollte daher früher als 

') Unter den Kreishauptleuten, welche in dieser Beziehung sich am ener- 
gischesten gegen die Inspectoren aussprachen, werden der Iglauer Kreishanptmann 
Baron Werner und dtr Prerauer v. Beer besonders genannt. Der Iglauer Kreishaupt- 
mann wird als der gefährlichste Verhetzer gegen das Commerzwesen geschildert, 
Mittheilungen XV. 19 



290 Bee r. 

an dein Tage der Abgabe an das kaiserliche Cabinet datirt werden 1 ). 
Wie sehr der Gegenstand die Monarchin beschäftigte, geht daraus her- 
vor, dass sie bereits einige Tage später anordnete, es sei auch ersicht- 
lich zu macheu, waun die in einem Vortrage behandelteu Gegenstände 
im Rathe vorgekommen seien, auch habe der Präsident zu bemerken, 
an welchem Tage er die kaiserl. Entschliessung, welche nicht, wie es 
gegenwärtig der Fall ist, datirt war, empfangen 2 ). Auf den Vorträgen 
und den der Kaiserin überreichten Protokollen sollten die anwesenden 
Räthe und anderen Theilnehmer der Sitzungen augegeben werden 3 ). 
Die Referenten hatten ihren Namen beizusetzen 4 ). Seit 1765 wurdeu 
alle Normalresolutionen der Kaiserin in ein Buch in chronologischer 
Ordnuug eingetragen uud der Beschluss gefasst, eine Sammlung der 
allerhöchsten Entschliessungen in den Jahren 1748 — 1764 zu ver- 
öffentlichen 5 ). Die Finanzstellen hatten alljährlich über ihre Thätig- 
keit einen Bericht zu erstatten. Um aber über die einzelnen Länder 
einen Einblick zu gewinnen, wurde seit 1769 auch noch vorgeschrieben, 
dass von jeder Bancogefällsadministration, von den Hauptbergwerks-, 
Münz- und Salzämtern eine „historische Nachricht" über das abge- 
laufene Jahr verfasst und in den ersten acht Tagen des Monats Januar 
vorgelegt werden soll 6 ). Dieselbe sollte alles enthalten „was Er- 
spriessliches durch den Verlauf des Jahres eingeleitet worden". Schrift- 
stücke aus der Registratur an Hofräthe und Secretäre auszugeben, 
sollte nur gegen Empfangsschein gestattet sein 7 ), eine Weisung, die 
später oft wiederholt wurde, aber den beabsichtigten Erfolg nicht hatte. 
Denn die Entlehner bescheinigten wohl, die betreffenden Acten erhalten 
zu haben, stellten sie aber oft nie zurück und manchmal gelangten 
die Registraturen Jahrzehnte nach dem Tode des Empfängers durch 
Zufall in den Besitz der Schriften. Ungemein werthvolle Actenstücke 
sind rettungslos verschwunden und nur die Empfangsscheine der Ent 



J ) An den Grafen Herberstein, 27. März 1762. 
2 ) An den Grafen Herberstein, 11. April 1762. 
s ) Kaiserl. Entschliessung auf den Vortrag vom 21. Februar 1769. 

4 ) An den Grafen Herberstein, 6. Dezember 1762, an Hatzfeld vom selben 
Tage. Ich habe wahrgenommen, dass die Referenten denen Vortragen, welche sie 
zu verfassen haben, ihre Namen beyzusetzen öfters unterlassen. Ich verordne 
dahero, dass von denen die Referaten zu verfassen habenden Räthen jedesmalen 
a tergo, wie sonsten gewöhnlich wäre, der Name beygesetzet werde. 

Maria Theresia. 

5 ) Beschluss der Finanzstellen vom 14. Sept. 1765. 

6 ) Handschreiben an den Grafen Hatzfeld, 31. October 1769. 

7 ) 17. Februar 1769. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1740 — 1816. 291 

lehner machen den Forscher auf die vorhandene Lücke aufmerksam. 
Auch das Kanzleipersonale nahm dienstliche Arbeiten nach Hause, 
was mancherlei Missbräuche zur Folge hatte, zu wiederholten Malen 
zwar abgestellt wurde, jedoch, wie es scheint, nicht mit besonderem 
Erfolge. Die Verfertigung von Abschriften zum eigenen Gebrauch von 
Seiten der E-äthe wurde gerügt, und, wenn nicht die Erlaubnis des 
Präsidenten eingeholt worden war, mit Dienstentlassung bedroht 1 ). Die 
Annahme von Geschenken wurde den Beamten verboten. Wieder- 
holt erflossen Weisungen, diesen Misbrauch zu beseitigen 2 ). Gegen 
Malversationen sollte unnachsichtlich vorgegangen werden 3 ). Der 
Verkehr mit den auswärtigen Ministern, d. h. mit den Gesandten der 
Höfe wurde der Staatskanzlei übertragen, und seit Kaunitz die Ge- 
schäfte übernommen hatte, den Verwaltungsbehörden wiederholt ein- 
geschärft, dass keine der Stellen sich unmittelbar mit den auswär- 
tigen Ministern einlasse 4 ). Die Betheiligung an Handels- und 
Industrieunternehmungen war untersagt. Als die Kaiserin Kennt- 
nis erlangte, dass der Landeshauptmann in Krain Graf Auersperg und 
Graf Brigido in Triest Actien der Temesvarer Compagnie besitzen, 
forderte sie , dieselben anzuweisen , sich derselben zu entledigen 5 ). 
Beamte, die Schulden hatten, sollten mit Arrest bestraft werden, und 
wenn sie binnen 14 Tagen die Mittel zur Bezahlung derselben sich 
nicht verschaffen, aus dem Dienste entlassen werden G ). 

Das Vorrecht des Adels für die höheren Bedienstungen erhielt 
sich während der Regierung Maria Theresias. Graf L. Zinzendorf 
sprach sich über die Eignung derselben wegwerfend aus. Eine Klasse 
der Räthe, heisst es in einem Votum, bestehe aus Cavalieren, die ge- 



') Handschreiben an die Hofkaramer vom 11. November 1774. 

2 ) Handschreiben an Bartenstein, 1. Mai 1766, an die Hofkammer 11. No- 
vember 1774. 

3 j Handschreiben vom 11. Februar 1774. Eine kaiserl. Entschliessung auf 
den Vortrag vom 25. Juli 1768 an den Grafen Zinzendorf lautet: es sei nöthig, 
dass über die in diesem Vortrage entdeckte unordentliche Gebahrung beim Cassen- 
wesen ungesäumt zwischen Rechenkammer und Bancodeputation eine Zusammen- 
tretung stattfinde, bei welcher von Seite der Rechenkammer jene Vorsichten an 
die Hand gegeben werden sollen, die derselben zur Bestellung und steten Bei- 
behaltung einer guten Ordnung in dem Cassawesen nöthig erscheinen. Wo Ueber- 
einstimniung zwischen den Stellen vorhanden sei, haben die betreffenden Normen 
augenblicklich ins Leben zu treten, wo jedoch differirende Meinungen vorliegen, 
zur Entscheidung binnen 10 Tagen zu bringen. 

4 ) Handschreiben, 28. August 1762. 

6 ) Vortrag, 4. Juli 1767. 

8 ) Weisung vom 11. December 1764. 

19" 



292 Beer. 

meiniglich nicht von hier sich entfernen und weder von der Theorie 
noch von der Praxis Kenntnis haben. Auch Josef äusserte sich wieder- 
holt in ähnlicher Weise. Für die Neuorganisation der Behörden wurde 
der Nachweis juridischer und später cameralistischer Studien gefordert. 
Nach Errichtung des Lehrstuhls für die Cameral- und Polizeisachen 
an der Wiener Universität (1763) bestimmte das Rescript vom 31. Oct. 
1763, dass jene, welche die Vorlesungen mit gutem Fortgange besucht 
haben, vor andern Bewerbern zu landesfürstlichen Diensten zugelassen 
werden sollen. Kenntnis der Polizei Wissenschaft wurde durch Hof- 
decret vom 11. Juni 1766 zu kreisamtlichen Stellen, später zu allen 
politischen, landesfürstlichen, ständischen und städtischen Diensten ge- 
fordert 1 ). Bei Besetzung der Concipisteu stellen, lautet eine im No- 
vember erlassene Weisung an die Länderstellen, seien nur jene in An- 
trag zu bringen, die nebst dem juridischen Studium zugleich auch in 
den Polizei- und Cameral wissen schaffen hinlängliche Kenntnis er- 
worben haben. 

Bezüglich der Personalien drang Maria Theresia darauf, dass die 
ihr erstatteten Vorschläge ein klares Bild über die betreffenden Per- 
sönlichkeiten liefern sollen. Ausdrücklich forderte sie, dass nicht blos 
Religion und Geburtsort, sondern auch die etwa geleisteten Dienste 
in Tabellen ersichtlich gemacht werden, wol der Anfang der späteren 
Conduitenlisten, welche über die Beamten geführt wurden '-). Sie ver- 
langt, dass ihr die Finanzstelle eine derartig ausgefüllte Tabelle über 
das bereits dienende Personal übergebe, was auch geschah. „Ich habe 
beschlossen", lautet eine Entschliessung vom 2. Oct. 1767, „dass von 
nun an, bei Ersetzung deren bey meinen Hofstellen in Erledigung 
kommenden Bedienungen nicht allein die Religion und der Geburts- 
orth, deren vorgeschlagen werdenden Persohnen, sondern auch, wo 
selbe lezters gedienet haben, angezeiget werden solle. Er hat sich also 
die Erfüllung dieser Meiner Gesinnung sowol bey sich ereignenden 
Fällen gewärtig zu halten, als auch die Ausfüllung der anliegenden 
Tabelle respectu des dermahl unter ihm dienenden Personalis zu be- 
wirken, und Mir dann Ehestens vorzulegen". Auf den Vortrag vom 
4. November 1767 schrieb sie eigenhändig: „So offt ein neuer aufge- 
nohmen wird es beyzusezen und wo er ehender gedienet' 1 . Eine spätere 
Weisung verfügte, Niemanden anzustellen, der nicht der katholischen 
Religion zugethan war, nichtkatholische Beamte mit oder ohne Ge- 
halt zu entlassen. Der Präsident der Hofkammer für Münz- und 



*) Hofdekrete vorn 3. November und 7. December 1770, 
2 ) Kaiserl. Entschliesbung vom 2. October 1767. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749 — 1816. 293 

Bergwesen wies in einem Vortrage darauf hin, dass mehrere der be- 
reits angestellten Beamten der reformirten oder lutherischen Keligion 
angehören und mit Genehmigung der Kaiserin in kaiserl. Dienste ge- 
treten seien; künftig werde er trachten, dem Wunsche der Kaiserin 
nachzukommen l ). Die Besoldung der Beamten war reichlich bemessen, 
mit Gewährung von Personalzulagen an verdiente Personen kargte die 
Kaiserin nicht, in derartigen Fällen fügte sie nicht selten eigenhändig 
eine schmeichelhafte Bemerkung bei. Bis 1772 wurde für jede Er- 
höhung der Gehälter eine kaiserl. Entschliessung gefordert, seitdem er- 
hielt der Hofkammerpräsident die Befugnis alle Erhöhungen die 150 fl. 
nicht übersteigen zu bewilligen und nur alle drei Monate ein Ver- 
zeichnis vorzulegen und die Gründe anzugeben 2 ). In den letzten Jahr- 
zehnt ihrer Eegierung drang sie darauf die Beamtenzahl nicht zu ver- 
mehren; wegen der „so hoch gestiegenen ßeköstung der Salarialsta- 
tuum" sollte auf Zulagen und Vermehrung der Beamten „nicht leicht- 
lieh" angerathen, bei ausserordentlichen und besondern Umständen 
halbjährig besondere Vorträge erstattet werden 3 ). Von Jahr zu Jahr 
sollte ein Ausweis vorgelegt werden, „um was für ein Quantum die 
allseitigen Besoldungen gegen den Statum des vorhergegangenen Jahres 
vermehret worden 4 )". Den in öffentlichen Aemtern und im k. k. 
Dienste stehenden Räthen und Beamten wurde verboten, an privaten 
und öffentlichen Pachtungen, Handlungscompagnien, Geschäften oder 
Fabriken theilzunehmen 5 ). Gegen lässige Beamte wurde unnachsicht- 
liche Bestrafung und Entfernung aus dem Amte eingeschärft. Unbe- 
begründete Angebereien wurden nicht selten gerügt, bisweilen auch 
bestraft. So z. B. verfügte die Kaiserin in einem Handschreiben, dass 
„Prie wegen seiner gegen die beiden Triestiner Intendanzräthe Lopresti 
und Schell vorgebrachten unbegründeten Beschuldigungen zu einer 
Geldstrafe von 500 fl. in Gold condemniret sei." 

Ausdrücklich wird von der Kaiserin gefordert, den Kanzlisten den 



') Der Vortrag unterzeichnet L. Kolowrat und Franz Graf Kolowrat. Die 
Kaiserin schrieb auf diesen Vortrag eigenhändig: bin in allem verstanden das 
vor jetzo nichts zu ändern doch beständig das haupt augenmerk zu richten, keine 
andere als katholische in diensten besonders die Decret und jurament ablegen 
anzustellen wären. Vortrag 5. Mai reprod. 10. Mai 1780. 

2 ) Akt der Hofkammer vom 20. Feb. 1772. 

3 ) Handschreiben vom 9. Juli 1773, nochmals eingeschärft 12. August 1774 
an den Grafen Kolowrat, letzteres mit dem eigenhändigen Zusätze: »solle noch 
weniger Schulden zu zahlen oder Vorschuss zu geben einrathen.* 

4 ) Obiges Handschreiben vom 9. Juli 1773. 
6 ) Circular vom 28. März 1776. 



294 Beet. 

Besuch des Gottesdienstes zu ermöglichen. An Sonntagen und an den 
nicht dispensirten Feiertagen sollten sich daher bei den Centralstellen, 
sowie bei den Behörden in den Ländern nur ein oder zwei Kanzlisten 
abwechseld einfinden, die jedoch „dienstgebührend" dem Gottesdienste 
beigewohnt haben müssen; die übrigen sollten von dem Dienste ganz 
befreit bleiben. „Die Capi haben darauf die geflissentliche Absicht zu 
tragen, damit in derley Tagen die Beamten dem Gottesdienste beizu- 
zuwohnen und das heilige Wort Gottes anzuhören nicht verabsäumen". 
An den dispensirten Feiertagen hatten sich die Kanzlisten erst um 
10 Uhr einzufinden, ,, damit sie keinen Anlass nehmen mögen, hier- 
wegen von Besuchung des Gottesdienstes sich zu eutschlagen *)*'. 

Die der Kaiserin in den sonntäglichen Audienzen überreichten 
Bittgesuche wurden Tags darauf den betreffenden Centralstellen zuge- 
sendet. Noch in derselben Woche sollte ein Vortrag oder eine Aus- 
kunft erfolgen, mindestens die Ursache etwaiger Verzögerung ange- 
geben werden 2 ). Später bürgerte sich der Unterschied zwischen sig- 
nirten und ohne kaiserliche Unterschrift übermittelten Schriftstücken 
ein. Auch erbat sich Maria Theresia nicht selten ein Gutachten, in- 
dem sie auf einem Zettel ihre Präsidenten aufforderte, eine Angelegen- 
heit, die ihr am Herzen lag, zu untersuchen und zu begutachten. Nach 
dem Tode ihres Gatten suchte sie sich des Schreibgeschäftes zu ent- 
schlagen; sie war älter und bequemer geworden, vergass auch manch- 
mal ihren Namen den Bittgesuchen beizusetzen, aber sie forderte, dass 
ihre Behörde sich mit der Prüfung des Anliegens beschäftigte, und 
ihr Unmuth loderte auf, wenn aus dem Grunde, weil sie ein Gesuch 
nicht gezeichnet hatte, die betreffende Behörde einen Vortrag zu er- 
statten verweigerte und die Bittsteller damit abfertigte, dass die kaiser- 
liche Signatur fehle. Ein Handschreiben an den Grafen Schlick ist 
so charakteristisch, dass eine wortgetreue Wiedergabe nicht fehlen soll : 
„Unmöglich kann allzeit Zetul schreiben, auch nicht allzeit die Memo- 
rials signiren, weil selbe nicht aufhalten will. Wenn aber was Im- 
portantes, oder was einen Dritten interessiren kunte, vorkommt, so 
sind alle Präsidenten und ßäthe nach ihren Pflichten schuldig ohne 



*) Handschreiben an den Grafen Hatzfeld, 16. Dezember 1766. 

2 ) An den Grafen Herberstein, 15. November 1762, an Lichnowski 11. Sep- 
tember 1766. Unter Haugwitz wurde monatlich ein Ausweis der Kaiserin vor- 
gelegt. Auf einen Vortrag vom 30. Januar 1756 schrieb Maria Theresia eigen- 
händig: Placet und solle nur gantz eigenhändig gantz succinct alle Monath ein 
protocoll eingeben, von allen memorialien die dis Monath zu ihm gekommen und 
was vor Bescheyd darauf gegeben worden und a parte von denen auf welchen 
noch keine Antwort gegeben. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749— 1816. 295 

ermahnt zu werden, den Vortrag zu machen und nicht denen Parteyen 
zu antworten, dass, wan ihre memorials nicht signirt sind, verbotten 
ist ein Vortrag: dises wird nirgends wo gefunden werden, und wenn 
auch eine solche Resolution wäre, so versteht sich eine solche auf 
Betlereyen, Dienstanstellungen, nicht aber wo einem Dritten ein Scha- 
den geschehete. Diese Entschuldigungen seynd wider die Befehle 
und wider die Pflichten, da allen Parteyen, wie Mir solle gedient 
werden" ] ). 

Ueber die Art und Weise, wie Maria Theresia die Geschäfte er- 
ledigte, hat Helfert eine eingehende Darstellung gegeben, die nur in 
einigen wenigen Punkten der Ergänzung bedarf. Man muss zwei 
Perioden unterscheiden: jene vor Einsetzung des Staatsraths und die 
Zeit seit 1762. In der ersteren hatte der jeweilige Vertrauensmann 
der Monarchin auf die Abfassung der kaiserlichen Entschliessung 
Einfluss, namentlich wenn es sich um eine Entscheidung hochwichtiger 
Massregeln handelte; oft wurden auch die Ansichten mehrerer Personen 
eingeholt, ehe die Kaiserin eine Entschliessung fällte. Später war es 
der Staatsrath, bei dem die Geschäftsstücke zusammenliefen und dessen 
Anträge in der Regel genehmigt wurden. Nicht selten forderte die 
Kaiserin nochmals ein Gutachten der betreffenden Centralstelle oder 
ordnete eine specielle Berathung an. Die kaiserlichen Entschliessungeu 
erfolgten entweder auf den Vortrag oder auf das vorgelegte Protokoll 
der commissionellen Berathung oder durch Handschreiben an die 
Minister. Die der Kaiserin übermittelten Schriftstücke trugen in 
einzelnen Fällen die einfache Ueberschrift „Nota" oder „allerunter- 
thänigste Nota", wenn die Kaiserin über eine Verhandlung eine noch- 
malige Auskunft verlangte, oder „Promemoria" ; bei Protokollen, welche 
über mehrere Angelegenheiten handelten, wurde sodann am Schlüsse 
die kaiserliche Entschliessung entweder durch die Formel: ich geneh- 
mige diese Anträge, zusammengefasst oder sie erfolgte über jeden ein- 
zelnen Punkt, wenu z. B. verschiedene Ansichten in den Protokollen 
dargelegt wurden und eine Einigung nicht zu Stande gekommen war. In 
früheren Jahren, als das Schreiben der Monarchin nicht so beschwer- 
lich fiel, schrieb sie am Rande eines jeden Punktes der nicht selten 
umfangreichen Protokolle ihre Ansicht, sei es durch einfaches „placet", 
„verstanden", „placet in totum" oder auch grössere Entscheidungen, 
namentlich dann, wenn sie bereits eine Weisung ertheilt hatte, auf 
deren Durchführung sie beharrte, indem sie in mehr oder minder 
ausführlicher Weise die Gründe, welche sie dazu bestimmten, hinzu- 



') Handschreiben an den Grafen Schlick, 25. Juni 1766. 



296 Bee r. 

fügte. Mit welcher Aufmerksamkeit sie die ihr vom Staatsrathe vor- 
gelegten Eesolutionen las und erwog, geht aus den beigefügten hand- 
schriftlichen Zusätzen hervor. Bis zum Jahre 1768 wurden die Ver- 
träge unmittelbar an die Kaiserin gerichtet und trugen dem ent- 
sprechende Ueberschriften. Durch Handschreiben an den Grafen 
Hatzfeld vom 14. Dezember 1768 verfügte die Kaiserin, dass künftig 
die „Kesolutiones über die erstatteten Vorträge auch von dem Kaiser 
ergehen werden, so sollen die Vorträge generaliter gestellt und im 
Kopfe blos die Worte „Eure Majestät'' vorangesetzt und also im Con- 
textu fortgefahren werden". Die kaiserl. Entschliessungen und Ver- 
fügungen wurden bis 1762 allen Stellen, welche durch dieselben be- 
rührt wurden, durch Handschreiben mitgetheilt, jene Centralbehörde, 
ausgenommen, welche den Antrag gestellt und den Vortrag oder das 
Protokoll sammt der darauf erfolgten Entscheidung zurückerhielt. 
Später wurde die Anordnung getroffen, dass die Kaiserin nur der- 
jenigen Stelle ihre Willensmeinung zu erkennen geben wird, die den 
Vortrag erstattet habe und die sodann verpflichtet sei, das Schrift- 
stück, Vortrag sammt Entschliessung, allen übrigen Hofstellen, welche 
der Gegenstand betreffen konnte, mitzuth eilen 1 ). 

Einige Entschliessungen der Kaiserin in Person alangelegenheiten 
sind charakterisctisch und verdienen mitgetheilt zu werden. In einem 
Vortrage vom 20. October 1765 beantragte Graf von Hatzfeld, dem 
Freiherrn v. Neffzern das Keferat „in contributionali"' zu belassen und 
Grünwalder zum Hofrath zu ernennen. Die Kaiserin schrieb eigen- 
händig: „placet wan es zur mehreren ruh dieses gutten diener ge- 
reichen thut". Graf Hatzfeld beklagte sich in einem Vortrage vom 
2. Dezember 1766 über einen Beamten Namens Meyer, der die Wei- 
sungen überschritten hätte, und ersuchte die Kaiserin, ihn in seine 
Schranken zu verweisen, Maria Theresia schrieb eigenhändig auf den 
Vortrag: „ich bin daran schuld weillen mich gegen meyer nicht ex- 
plicirt und selbst confundirt was schone ehender befohlen und erst 
letzthin resolvirt worden ein so verdienter mann als meyer müsste 
billig schmertzen eine solche anthuung die nicht ihme zu machen er- 
laube zu empfangen". Als der verdienstvolle bei der Intendenza in 
Triest angestellte Kath Eaab nach Wien mit einem Gehalt von 5000 fl. 
und die Zusicherung eines Hofquartiers versetzt werden sollte, erhob 
derselbe Vorstellungen, dass er in Triest mit 3000 fl. bei 7 Kindern 
leichter leben könne, als mit 5000 fl. in Wien, und er erbat sich da- 
her einen Gehalt von 5500 fl. und Uebersiedlungskosten. Die Kaiserin 



{ ) Handschreiben an den Grafen Herberstein, 31. Juli 1762. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749—1816. 297 

schrieb auf den Vortrag vom 19. Dezember 1769 eigenhändig: „wir 
schneiden tieff in das Tuch, nehmen die besten leut in ländern weeg 
machen sie dardurch unglücklich und den unsrigen beutel lehr so wohl 
raab als krössl wären besser und lieber in ihren platzen wegen modesti 
aber accordire keines weeg 3000 fl. nur 2000 fl. ist dis grad genug 
vor ein avocat die niemahls gern in stellen sehe approbire wan es 
sein muss die 5000 fl. und wenn ein quartier wird vacant sein auch 
die 400 fl." Durch Note vom 21. Mai 1769 wurde der Antrag ge- 
stellt Lopresti von seinen Dienstleistungen zu entheben und ihm den 
Hofrathscharakter zu verleihen. Die Kaiserin schrieb auf das am 
23. Mai herabgelangte Schriftstück eigenhändig: der jetzige Charakter 
ist vor ihm Gnad genug, also pure zu entlassen. Auf ein Protokoll 
vom 1. Juni 1773, worin über die Pension der Familie des schwer 
erkrankten Lauben angefragt wurde, schrieb Maria Theresia: „wann 
Gott mit ihm disponirte ihr und ihrer Tochter zusam 600 fl., jeder 
300 ist eine grosse Gnad die wenig andere versichert seyn'\ 



Seit Herstellung des Friedens war die Regierung bestrebt Ord- 
nung in den verworrenen Staatshaushalt zu bringen. Das Staats- 
erfordernis sollte alljährlich von den Finanzpräsidenten mit Zuziehung 
der Aemter geprüft und nach erfolgter kaiserlicher Genehmigung der 
Caisse general zur Richtschnur und Bedeckung mitgetheilt werden. 
Keine Ausgabe dürfe gemacht werden, die nicht genehmigt worden 
sei l ). Die grössten Verdienste , die Voranschläge übersichtlich zu 
machen und dadurch einen klareren Einblick in die dem Staate zur 
Verfügung stehenden Beträge zu gewähren, erwarb sich Graf L. Zinzen- 
dorf, dessen Thätigkeit geradezu Staunen erregt. Im März 1762 er- 
folgte eine kaiserliche Weisung ein „Staatsinventarium" anzufertigen, 
da sonst weder in dem Credit, noch in dem übrigen Finanz- und Ad- 
ministrationswesens etwas Grosses und Vollkommenes zu Stande ge- 
bracht noch eine richtige Bilance zwischen den Einnahmen und Aus- 
gaben gezogen werden könnte. Kaunitz bestärkte die Monarchin in 
dieser Ansicht; die Einnahmen und Ausgaben befinden sich in grosser 
Dunkelheit, lautet ein Votum vom 18. Juli 1762, bis zur Stunde wisse 
Niemand worin diese bestehen 2 ). 



') Weisungen an Hatzfeld und L. Zinzendorf, später an Kolowrat. 

-) In einem Handschreiben vom 4. Aug. 1766 fordert sie unter anderem die 



298 Bee r. 

In den nächsten Jahren richtete die Kaiserin zu wiederholten 
Malen Anfragen an die Finanzbehörde, wie es mit dem Staats-Inven- 
tarium stehe, und sie begrüsste es mit Freude, als ihr der erste um- 
fassendere Staatsvoranschlag vorgelegt wurde. Auch wurde grössere 
Ordnung dadurch in die Finanzverwaltung gebracht, dass auch die 
Militärverwaltung in strengerer Weise als bisher an ihren „Bedürf- 
nisaufsatz" gebunden wurde. Die Voranschläge des Kriegscommissari- 
ats wurden von dem Präsidenten der Hofrechenkammer geprüft. Die 
Grundsätze, wornach bei Abfassung des Staatsvoranschlages vorge- 
gangen werden sollte, wurden durch kaiserl. Entschliessungen bestimmt. 
Bei den Staatseinnahmen sollte eher „eine geringere als eine allzu 
hohe, doch minder verlässliche Summe" angesetzt werden. Die Frage, 
ob der Amortisationsfond als ordentliche oder als ausserordentliche 
Ausgabe anzusehen sei, wurde dahin entschieden, dass der ganze Be- 
trag im Ordinariuni zu erscheinen habe, die ausserordentlichen Aus- 
gaben jedoch nicht zum „Current-Erfordernis" gehören und durch An- 
lehen bestritten werden können. Aus der Staatsbilanz sollte eine ge- 
naue Uebersicht gewonnen werden können, ob das Erfordernis durch 
die anzuhoffenden Einnahmen bedeckt sei. Längstens in den ersten drei 
Monaten eines jeden Jahres sollte die Staatsbilanz fertig sein, spä- 
testens Anfangs Februar vorgelegt werden 1 ). 

Die Finanzstellen hatten, wie bereits erwähnt, alljährlich einen 
Ausweis ., ihrer Gestion vorzulegen". 



Finanzpräsidenten auf »den Stand, wie die sämnitlicken Einkünfte des Staats 
sich gegen die allseitigen Bedürfnisse verhalten, ins Klare zu setzen«, und die 
Ausarbeitung ihr zu überreichen. 

2 ) Kaiserliche Erschliessung auf einen Vortrag, womit das Staatsinven- 
tarium für 1769 vorgelegt wurde: 

Die Hauptabsicht, wegen welcher Ich die alljährliche Vorlegung der sog. 
Staatsbilanz angeordnet habe, besteht darin, damit Ich gleich bey dem Anfang 
des Jahres die verlässlichste Kenntniss erhalte, inwieweit die Erforderniss durch 
die sicher anzuhoffende Einnahme bedecket sei, auf dass in dem Falle, da sich 
ein Deficient äusserte, noch zu rechter Zeit auf die Mittel fürgedacht werden 
möge, wie entweder die Ausgabe für das eintreffende Jahr in einigen Rubriken 
vermindert oder die Einnahmen um soviel es nöthig vermehrt werden könne. 

Zu Erreichung dieses heilsamen Endzweckes hat demnach die Rechenkammer 
gedachte Staatsbilanz längstens in den ersten drei Monaten eines jeden Jahres 
zu Stande zu bringen und Mir solche folglich auf das späteste mit Anfang des 
Monates Februarii vorzulegen, wobei jedoch künftighin der speculative Theil, 
dessen dermalige mühsame und auf den wahren Nutzen der Finanzen abzielende 
Ausarbeitung zu meinem ausnehmenden Vergnügen gereicht, dem Staats-Inven- 
tario nicht einzuverleiben, sondern zu Verfassung dessen sich mehrere Zeit zu 



Die Finanzverwaltung Österreichs 1749 — 1816. 299 

Die Kaiserin und Josef legten auf die „Historischen Nachrichten", 
welche die Bergwerks-, Münz- und Salzämter alljährlich zu erstatten 
hatten, grossen Werth und forderten wiederholt grössere Ausführlich- 
keit. Damit die "Aemter um so sicherer den Anforderungen entsprechen, 
hatten die Finanzstellen ein Formulare zur Darnachachtung zu ent- 
werfen. Welche Wichtigkeit derartigen Arbeiten beigelegt wurde, geht 
auch daraus hervor, dass dieselben auch dem Grossherzog von Toscaua 
Leopold übermittelt wurden, damit er eine vollkommene Einsicht in 
den Zustand des gesammten Finanzwesens gewinne. 

Mit grosser Aufmerksamkeit studierte die Kaiserin die ihr vorge- 
legten Rechnungsabschlüsse, welche in der That alljährlich eine grössere 
Vollkommenheit erhielten. „ Zu Meinem grössten Wohlgefallen gereichet 
es", schrieb sie auf einen Vortrag vom 16. Dezember 1777, ,, womit ihr 
der Rechnungsabschluss für das vorige Jahr vorgelegt wurde, wenn 
man mit diesem Ausweis des Staatsvermögens durch die geflossene 
Bearbeitung der Finanzstellen von Jahr zu Jahr zu einer mehreren 
Vollkommenheit gelanget. Ich versehe Mich auch gnädigst, dass künftig 
annoch die Stücke, die gegenwärtig ermangeln, benanntlich der Ab- 
schluss über die galizische Einkünfte und Ausgaben, der Ausweis der 
Bruttoerträgnisse aller Cameralgefälle, die unter der Cameralregie stehen, 
der Abschluss des Montanistici, der Ausweis über das Betten- und 
Militärverpflegswesen, das ökonomische Monturwesen, das Fortificatorium, 
das Zeugswesen, der Abschluss der Ständecassen von Breisgau, Ungarn 
und Siebenbürgen, der Abschluss über die Wegeassen und endlich jener 
über das Jesuitenvermögen versprochener Massen bey den Haupt- 
abschlüssen zugleich erscheinen mögen*'. 

Es dauerte Jahre ehe die Rechnungsabschlüsse annähernd dem 
Voranschlage entsprachen. Die Erklärung liegt wohl zumeist darin, 
dass die Einnahmen der wichtigsten Steuern geringe Steigerung auf- 
wiesen, um den oft unvorgesehenen Aufwand bedecken zu können. 
Denn jährlich traten Anforderungen an die Finanzstelle heran, wofür 
Vorsorge zu treffen durch die laufenden ordentlichen Einnahmen schwer 
ja unmöglich war. Die Königskrönung Josefs, die zweite Vermählung 
desselben, die Verheirathung der Prinzessinnen heischten grosse Be- 
träge, die schliesslich nur durch Credit beschafft werden konnten. 
Auch die allzu grosse Freigebigkeit Maria Theresias brachten Verlegen- 
heiten ; nicht selten drang sie auf minutiöse Sparsamkeit, wäh- 



lassen und wenn er auch erst einige Monate nach Einreichung des Staats-Inven- 
tarii zu Stand gebracht werden könnte, solcher alsdann unter blosser Beziehung 
auf gedachtes Staats-Inventariura Mir in separato einzureichen und sogleich auch 
der administrirenden Stelle mitzutheilen seyn wird. 



300 Beer. 

rend sie grosse Summen für Pensionen einzelner Personen anwies. 
Mit vollen Händen spendete sie, wenn die Noth in einzelnen Ländern 
dringend Lindernng heischte, und ihr Unmuth loderte auf, wenn ihren 
Weisungen nicht allsogleich Folge gegeben wurden. Der Finanzminister 
hatte nicht selten seine liebe Noth mit seiner Herrin. 



VI. 

Bereits als Mitgregent hatte Josef einer Centralisation der Behör- 
den das Wort geredet und nach dem Tode seiner Mutter nahm er 
diesen Plan wieder auf. Seine Absicht war ursprünglich nicht blos 
auf eine Vereinigung der politischen und finanziellen Geschäfte ge- 
richtet, sondern auch die Justizgeschäfte sollten der Hof kanzlei über- 
geben werden und die Appellationsgerichte von den Landesstellen in 
den verschiedenen Ländern besorgt werden. Dem Staatsrathe gelang 
es, die Unabhängigkeit der Justiz zu vertheidigen *), und Josef be- 
gnügte sich, die gesammte politische Verwaltung, Handel und Finanzen 
einer Centralstelle zu überweisen, welche den Titel „Vereinigte böh- 
misch-österreichische Hofkanzlei, Hofkammer und Ministerial-Banco- 
deputation" führte. Für die Verwaltung des Zollgefälles wurde für die 
deutschen und ungarischen Länder die Zollregie geschaffen, seit 1786 
Bancalgefällendirection genannt, nachdem ihr die Verwaltung der 
meisten indirecten Steuern zugewiesen wurde. Die Cameralgegen- 
stände, sowie das Münz- und Bergwesen in Ungarn, Siebenbürgen 
und dem Banat wurden der ungarischen Hof kanzlei übertragen (24. Mai 
1782), die siebenbürgische Hof kanzlei mit der ungaris chen als ungarisch- 
siebenbürgische Hof kanzlei vereinigt 2 ). 

Ein leidenschaftlicher Gegner der Vielschreiberei hatte er bereits 
in einer seiner Mutter überreichten Denkschrift Vorschläge zur Ver- 
einfachung des Geschäftsganges gemacht. Graf Kudolf Chotek, dem 
Maria Theresia die Arbeit Josefs, ohne den Verfasser zu nennen, über- 
mittelt hatte, sprach sich über dieselbe nicht gerade günstig aus. 
Einige Monate nach seinem Regierungsantritte kam er jedoch auf 
seinen vor Jahren ausgesprochenen Gedanken zurück. Mit der Aus- 
arbeitung über die Abkürzung der Geschäftsaufsätze wurde Sonnen- 
fels durch ein Handschreiben des Kaisers vom 1. März 1781 betraut. 
Eine umfangreiche Arbeit desselben bildete bereits am 7. Mai 1781 



') Hock a. a. 0. S. 112. 

2 ) 11. August 1782; Justizgesetzsammlung No. 50 und 67. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749—1816. 301 

den Gegenstand der Berathung unter dem Vorsitz des obersten Kanzler's 
Grafen v. Blümegen. Die hierauf bezügliche Verordnung wurde am 
2. Januar 1782 erlassen *). 

Die schon von Maria Theresia erlassenen Normen über die Con- 
duitelisten wurden von Josef erneuert und verschärft. In einem Hand- 
schreiben vom 28. December 1780 machte er die Behörden darauf 
aufmerksam, dass die schon vormals üblich gewesene Einrichtung der 
Eingabe jährlicher Conduitenlisten für den Dienst von wesentlichem 
Nutzen sein könne. „ Die Vorgesetzten werden auf diese Weise stufen- 
weise die genauere Kenntnis von dem unterstehenden Personale er- 
halten, wenn nach dem Befund der schuldigen Wahrheit für das Beste 
des Staates dergleichen Nachrichten von den unteren Aemtern an die 
Behörden in den Ländern und von diesen wieder an die Hofstellen, 
sodann dieselben auf Verlangen zu meinen Händen selbst gelangen 
werden". Er übermittelte gleichzeitig Formulare der beim Hofkriegs- 
rathe für die Civil- und Kanzleiparteien eingeführten Conduitelisten, 
mit der Aufforderung, dieselben zu adaptiren und ein entsprechendes 
Formulare zu entwerfen. Zahlreiche Weisungen an die Behörden 
zeigen, dass sich der Kaiser auch in den nächsten Jahren fortwährend 
damit beschäftigte. Bei den Gerichten wurden am 5. Januar 1781 
Conduitetabellen angeordnet, eiuige Wochen später auch den Beamten 
der Verwaltungsbehörden eingeschärft. Strengere Normen wurden in 
den nächsten Jahren erlassen. Keine persönliche Rücksicht sei zu 
nehmen; die Aussteller seien dafür verantwortlich zumachen; alljähr- 
lich bis Ende October sollen die Conduitelisten aus den Ländern bei 
der vereinigten Hof kanzlei einlangen ; dieselben seien geheim und unter 
eigener Sperre des Präsidenten aufzubewahren. Zur Verminderung 
von Schreibereien wurden gedruckte Formulare mit 15 Rubriken über- 
geben 2 ). Am 8. März 1787 erfolgte eine Weisung, es sei auch in 
den Conduitenlisten eine gewissenhafte Beschreibung der Leibes- und 
Geistesuntauglichkeit zur normalmässigen Behandlung oder wegen Un- 
fleisses, Unverträglichkeit, übler Aufführung etwa zur Entlassung ge- 
eigneter Individuen anzuzeigen, jedoch dürfe mit der Entlassung solcher 



') Gegenwärtig waren bei der Berathung der Hof kanzler Heinrich v. Auers- 
perg, der Vicekanzler Graf Josef v. Auersperg, der General der Cavallerie Graf 
v. Carameli, von Seite der Hof kanzlei Hofrath Frh. v. Stupan, von Seite des Hof- 
kriegsrathes von Türkheim, ferner ein Mitglied der Obersten Justizstelle und der 
Hofkammer; Sonnenfels fungirte als Referent. 

2 ) An sämmtliche Länderstellen, 17. November 1785. Die Angabe bei Hock 
Staatsrath S. 131, dass die Berichte erst am 4. Febr. 1786 als strengstes Präsi- 
dialgeheimnis erklärt worden seien, ist unrichtig. 



302 B e e r - 

Beamten, die über eine, höchstens zweimalige Ermahnung, sieh nicht 
bessern, nicht etwa bis zu Ende des Jahres, d. h. bis zur Wiederein- 
sendung der Conduitenlisten zugewartet werden, sondern es sei allso- 
tjleich zu deren Entlassung zu schreiten und der Hofstelle Bericht 
darüber zu erstatten. 

Leopold kehrte zu den Einrichtungen seiner Mutter zurück. Die 
auf den Handel, sowie auf die Finanzen bezüglichen Angelegenheiten, 
die Contributionen ausgenommen, wurden von der politischen Hof- 
stelle losgelöst und die Hofkammer, mit der Bancodeputation ver- 
einigt, wiederhergestellt, zum Präsidenten Graf Johann Chotek mit 
Rücksicht auf seine „geprüften Kenntnisse" ernannt 1 ). Das Münz- und 
Bergwesen wurde einer selbständigen Behörde übergeben und Graf 
Kolowrat zum Präsidenten derselben ernannt, das ungarische Münz- 
und Bergwesen wie unter Maria Theresia der allgemeinen Hofkammer 
zugewiesen -), ebenso auch die siebenbürgischen Cameralia und Mon- 
tauistica 3 ) ; Nur die ungarischen Commercialia verblieben der un- 
garischen Hofkanzlei. Ueber jene Gegenstände jedoch, die mit den 
deutschen Erblanden in einer innigen Verbindung stehen, sollte jeder- 
zeit mit der allgemeinen Hofkammer Einvernehmen gepflogen wer- 
den i ). Die von dem Kaiser geforderte Trennung der Cameralagenden 
von den politischen in Ungarn und Siebenbürgen stiess jedoch auf 
Schwierigkeiten und Leopold sah sich genöthigt, einen bestimmten 
Zeitpunkt für die Durchführung festzusetzen 5 ). Der Hofkammer wurde 
auch die oberste Leitung aller Staatskassen dergestalt unterstellt, dass 
der Präsident bei allen Verwendungen und Anschaffungen niemals 
einseitig, sondern immer mit Vorwissen der Stelle oder in Fällen, wo 
strenges Geheimnis erfordert wird oder Gefahr im Verzuge haftet, 
wenigstens nicht ohne Mitwissen des Vicepräsidenten und des Re- 
ferenten vorzugehen hätte, mithin hätten ihrer drei für jede Hand- 



') Der Antrag der Hofkammer, dieselbe oberste Finanz- und Commerzstelle 
zu nennen, lebnte der Kaiser in seiner Entschliessung auf den Vortrag vom 
20. Februar 1791 ab: , die von ibm vorgeschlagene Denomination gründe sich zu- 
gleich auf die Gesetze des römischen Reiches 1 . Die Ernennung Kolowrat's erfolgte 
am 30. Januar 1791 ; die Ernennung Chotek's war schon am 25. Januar erfolgt. 

2 ) Handschreiben an Pälfl'y, 22. April 1791. 

3 ) Zwei Handschreiben aus Florenz, 23. April 1791 an Chotel und Teleky 
zugleich mit der Weisung, dass »die Trennung des Cameraiis im Lande von dem 
Gubernium sowie die Organisation des Thesauriats so bald möglich erfolge*. 

4 ) Entschliessung auf die Note der Hofkammer vom 31. März 1791. 

s ) Handschreiben Prag 30. September 1791 an Chotek und nochmalige 
Weisung vom 14. October 1791, worin der 1. Nov. 1791 als Zeitpunkt festge- 
stellt wurde. Weitere Vorstellungen werde er nicht annehmen, fügte er hinzu. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749—1816. 303 

lung zu haften. Die Finanzstelle sollte von den Chefs der übrigen 
Hofstellen, wenn es sich um Schaffung eines neuen Amtes, um Ge- 
währung einer Besoldung oder Pension handelt, unterrichtet werden. 
Der Antrag des Hofkammerpräsidenten, dass die Chefs der übrigen 
Hofstellen ohne Beistimmung der Finanzstelle keine Anträge an den 
Kaiser zu stellen hätten, wurde von ihm abgelehnt, da, wie er sich 
ausdrückte, ihre Activität mit Anstand nicht so weit eingeschränkt 
werden könne. Das Contributionale , dessen Perception, Aenderung 
oder Modificirung gehörte in den Wirkungskreis der Kanzlei, jedoch 
mit der Finanzstelle sollte ein Einvernehmen erfolgen x ). 

Die unter Maria Theresia erlassenen Verfügungen über die Formen 
der Geschäftsbehandlung lebten wieder auf. Bereits am 2. März 1791 
hatte der Kaiser in einem Handschreiben die Weisungen gegeben, dass 
bei jenen Geschäften, die sowohl auf die politische als auf die Finanz- 
stelle einen wechselseitigen Einfluss nehmen, ,,alle weitschichtige und 
die Erledigung nur verzügernde Correspondenzen zu vermeiden seien 
und die vorhin mit gutem Erfolg unter der Regierung seiner Höchst- 
seligen Frau Mutter bestandene und wöchentliche Concertationen 
zwischen der politischen und der Finanzstelle wieder eingeführt werden 
sollen". Wöchentlich habe eine gemeinschaftliche Berathung stattzufin- 
den und die darauf bezüglichen Gegenstände sollten durch Protokolle 
oder durch gemeinschaftliche Vorträge zur Entschliessung des Kaisers 
vorgelegt werden. Am 1. August 1792 wiederholte er diesen Auf- 
trag. „Nun sind bereits 5 Monate verstrichen' 1 , heisst es in dem Hand- 
schreiben an Chotek, „ohne dass Ich von dieser Meiner Anordnung den 
mindesten Erfolg sehe. Ich gewärtige demnach, dass derselben ohne 
weitere Verzögerung Folge geleistet und sogleich das Erforderliche 
zur schleunigsten Vollziehung meiner Gesinnung zwischen dem Hof- 
kammerpräsidenten und dem Obersten Kanzler fürgekehrt werde". 

Nur Currentien durften, ohne in einer Kathssitzung vorgetragen 
zu werden, selbständig erledigt werden. Als solche wurden, von dem 
Monarchen ausdrücklich bezeichnet : „ solche Exhibita, die lediglich ad 
acta gehen, oder die ohne Erinnerung wieder remittirt werden oder 
an eine untere Behörde um Bericht geschickt werden". Alle übrigen 
Stücke mussten ausnahmslos in der Rathssitzung vorgetragen werden. 
Jeder Beisitzer hatte jedoch die Pflicht, im Falle er mit dem Antrage 
des Referenten nicht einverstanden war, auch seine Meinung zu äussern 



') Vortrag vom 4. Januar 1791, die Organisirung der neuen Finanzstelle 
und Commerzhofstelle betreffend, ferner eine französische Note vom 27. Januar 
1791 an den Grafen Chotek. 



304 B e e '• 

und die Aufnahme derselben ins Protokoll zu fordern. Bei eigener 
Haftung hatte er nachzufragen, ob dem Folge gegeben worden sei, 
und eventuell an den Kaiser die Anzeige zu erstatten 1 ). Auch den 
Länderstellen wurde ein ähnlicher Vorgang vorgeschrieben. 

Die kaiserlichen Entschliessungen mussten in ein Resolutionsbuch 
eingetragen werden, welches während der Sitzung auf dem Rathstische 
liegen sollte und sodann dem Referenten, in dessen Departement sie ein- 
schlagen, zur Darnach ach tung oder etwaiger Erledigung zugewiesen 
werden. Dieser hatte sodann die Pflicht, an dem nächsten Sitzungs- 
tage die herabgelangte Anordnung öffentlich vorzutragen, in das Re- 
solutionsbuch eigenhändig den Tag, wann der Vortrag erfolgt sei, ein- 
zuschreiben und eine gleiche Vormerkung auf dein Stück des Originals 
zu bewerkstelligen 2 ). 

Ueber die von dem Kaiser signirten Bittschriften musste dem- 
selben Vortrag erstattet werden, ebenso auch über jene welche nicht 
signirt an die Hofkammer gelangten, „wenn die Bitte billig und be- 
gründet und entweder nicht schon abgeschlagen war oder den be- 
stehenden Normalien zuwiderlief". Die anderen Bittschriften sollten 
von der Hofstelle erledigt und den betreffenden Parteien der Bescheid 
ertheilt werden, um dieselben über die getroffene Verfügung oder die 
Unthunlichkeit des Gesuches zu belehren „und von öfterer Hofbehel- 
ligung und unnützen Zudringlichkeiten abzuhalten 1 '. Ueber die Er- 



*) Handschreiben an Chotek, 11. Januar 1792. 

2 ) Handschreiben vom 13. Januar 1792 an Chotek. Da alle Geschäfte, heisst 
es sodann weiter, bey der Stelle in gewisse Branchen eingetheilt, und zu dieser 
oder jener Branchs eigene Referenten bestellet sind, so müssen auch alle Ge- 
schäfte, die bey ihrer Hofstelle vorkommen, von den betreffenden Referenten 
behandelt und in dem gewöhnlichen Rathsprotokolle aufgeführt werden, mithin 
hört die Führung der sonst etwa üblichen Nebenprotokolle von selbst auf, nur 
für jene Gegenstände allein, die ihre Beziehung privative auf den Chef haben, 
oder wo die Wichtigkeit der Sache die vorläufige geheimste Verhandlung erfor- 
dert, kann, sowie Ich es bereits in Meiner Verordnung vom 1. Jänner puncto 1 
erklärt habe, die Führung eigener Mir von Monat zu Monat vorzulegenden Pro- 
tokolls noch statt haben und ebenso müssen aus der nämlichen Ursache die 
Finanzgegenstände, sowie bisher, auch fernerhin insbesondere verhandelt und der 
Gang dieser Geschäfte Mir in den vorgeschriebenen Creditsprotokollen insbeson- 
dere vorgelegt werden ; auch will Ich gestatten, dass, wenn wider Vermuthen, 
das Hofstellen-Capo eine Ahndung gegen seine Person erhielte, solche in dem 
Rath nicht dürfe vorgetragen werden, endlich aber 

um die Aufsuchung und Ausfindigmachung der Acte desto mehr zu er- 
leichtern, so rauss die Fürkehrung getroffen werden, dass alle Meine Original- 
resolutionen oder Handbillete, sobald als sie vorgetragen und darüber expedirt 
worden ist, in die betreffende Registratur zu Aufbewahrung sogleich abgegeben 
werden. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749— 1816. 305 

ledigung der Bittschriften hatte sich die Hofkammer in den Kaths- 
protokollen auszuweisen l ). Bei günstigen Entscheidungen sollten die 
Parteien verständigt werden, dass dieselben auf Befehl des Kaisers oder 
mit seiner Bewilligung erfolgt sind 2 ). Bei abweisenden EntSchlies- 
sungen des Kaisers in Parteiangelegenheiten sollten die unteren Be- 
hörden auch mit den Beweggründen bekannt gemacht werden 3 ). 

Unter Franz I. war die Finanzverwaltung stetem Wechsel unter- 
worfen und erhielt erst seit 1824 jene Einrichtung, die sich bis zum 
Kevolutionsjahre 1848 erhielt. Die von seinem Vater verfügte Organi- 
sation wurde beseitigt und die Josefinische Einrichtung wieder her- 
gestellt. Die Geschäfte der Hofkanzlei, Hofkammer und Ministerial- 
bancodeputation und Commerzstelle wurden einem Directorium über- 
wieseu 4 ). Durch Handschreiben vom 2. September 1797 wurde dieser 
Stelle abermals die Leitung der Finanzen entzogen und eine selbständige 
Behörde geschaffen unter dem Grafen Saurau, dem auch die Handels- 
angelegenheiten der sämmtlichen deutschen uud ungarischen Erbstaaten 
zugewiesen wurden 5 ). Die gegenwärtigen Staatsverhältnisse, heisst 
es in dem Handschreiben vom 2. Sept. 1797 an Lazansky, machen 
die Finanzverwaltung zu einem so wesentlichen Gegenstande meiner 
Sorgfalt, dass ich es für meinen Dienst nöthig finde, die Finanz- 
geschäfte von den politischen zu trennen. Bereits am 14. October 
1797 wurde Graf Saurau, der bisher bloss mit der provisorischen 
Führung betraut war, zum wirklichen Finanzminister und Hofkammer- 



') Handschreiben an (Jhotek, 25. October 1791. 

J ) Handschreiben an Chotek, 11. Januar 1792. 

8 ) Handschreiben an Chotek, 27. Januar 1792. 

4 ) Durch Handschreiben vom 13. November 1792 wurde verfugt die 
österreichische Hof kanzlei mit der das ungarisch - siebenbürgische Camerale 
besorgenden Hotkammer in die engste Verbindung zu setzen; der Vicepräsi- 
dent und die Hofräthe der ungarischen Nation, denen die Besorgung der 
ungar.-siebenb. Camerale anvertraut ist, haben bei Verhandlung der deutsch-erb- 
lündischen Publicorum mitzustimmen. Die Benennung Kanzlei habe aufzuhören 
und diese Stelle den Titel zu führen : Directorium in Cameralibus der hungariseh- 
siebenbürgischen und deutschen Erblande, wie auch in publico-politicis dieser 
letzeren. Eine einige Tage später erfolgte kais. Entschliessung besagte, dass die 
Benennung »Directorium« zu verbleiben habe, jedoch könne der Vorsteher den 
Titel „Obristkanzler* beirücken. Zum »Vorsteher' wurde als Oberstministerial- 
Director Graf Kolowrat ernannt, Directorialhofkanzler für die publica - politica 
Oberstburggraf Rottenhann, 2 Kameralviceprüsidenten : für die ung.-sieb. Geschäfte 
Majlath, für die deutsch - österreichischen Degelmann. Die Geschäfte sollen in 
sechs Provin^ialdepartements, jedes aus zwei Senaten bestehend, erledigt werden. 
Rescript vom 17. November 1792. 

• r ') Rescript vom 7. September. 1797. 
Mittheilungeu, XV. 20 



806 B e e r. 

Präsidenten ernannt. Nur die Erbschaftssteuer verblieb der politischen 
Behörde, weil die Eingänge als ein Fond den Ständen zur Schulden- 
tilgung zugewiesen waren, doch sollte die Finanzstelle Einsicht in die 
Protokolle erhalten x ). Eine Einschränkung der Finanzstelle erfolgte 
durch Handschreiben vom 10. Mai 1800, indem die wichtigen Credits- 
angelegenheiten und das Schulden wesen überhaupt einer geheimen 
Hofcommission überwiesen wurden. Graf Saurau behielt bloss das 
Bancale, Camerale und Commerciale. Mit der Leitung der neuen 
Commission wurde der erste dirigirende Minister Graf Kolowrat be- 
traut. Im April 1801 erfolgte abermals eine Vereinigung der Hof- 
kammer Banco-, und Commerzstelle mit der böhmisch-österreichischen 
Hofkanzlei unter dem Obersten Kanzler Grafen Lazansky. Der bis- 
herige Finanzminister Graf Saurau wurde zum Botschafter in St. Peters- 
bürg ernannt 2 ). Die Bancalgeschäfte sollten von einer eigenen, dem 
Obersten Kanzler untergeordneten Deputation besorgt, die Finanz- 
und Creditgegenstände. welche bisher von einer Finanzhofcommission 
behandelt worden waren, von der neuen vereinigten Hofstelle abge- 
sondert und hiefür eine besondere geheime Creditcommission unter 
der Leitung des dirigirenden Staatsministers Grafen v. Kolowrat er- 
richtet werden. Bereits nach kurzer Zeit, im Jahre 1802 erfolgte die 
Trennung der Hof kammer vou der Hofkanzlei 3 ). Graf Carl Zichy 
wurde zum Präsidenten der Hofkammer, Ministerialbancodeputation, 
Finanz- und Commerzhofstelle ernannt, demselben auch die monta- 
nistischen Angelegenheiten zugewiesen, eine Organisation, welche bis 
zum Jahre 1814 Bestand hatte. Eine Erweiterung erhielt der Wirkungs- 
kreis der Hof kammer durch die Zuweisung der Finanz- und Cameral- 
gegenstände der venezianischen Staaten, sowie Dalmatiens und AI- 



•) Protokoll vom 6. September 1797. 

2 ) Die Verständigung an die Behörden erfolgte am 30. April. 

s ) Am 2. März 1802 richtete der Kaiser Franz an Lerbach folgendes Hand- 
schreiben : Sie werden Ihre freimüthige Aeusserung über nachfolgenden für das 
Beste des Staates höchst wichtigen Gegenstand, wenigstens über diejenigen Punkte 
desselben, wovon Sie Kenntnis zu haben glauben, unmittelbar an mich gelangen 
lassen und hiebei ohne Rücksicht auf wen immer einzig und allein nur Ihr Ge- 
wissen und Pflicht vor Augen haben, auch hierüber das strengste Stillschweigen 
beobachten. Beiliegend eine Abschrift der 1801 erlassenen Handschreiben, betref- 
fend die Errichtung eines Conferenzministeriums. Lehrbach schlug nun vor: eine 
politische Hofstelle und ihr alle politischen und geistlichen Gegenstände der ge- 
sammten Monarchie, Italien inbegriffen, zu übertragen, Ungarn und Siebenbürgen 
eingeschlossen, und dieser Stelle wie früher alle Geschäfte der Ministerialbanco- 
deputation, der Hofkammer, im Münz- und Bergwesen sowie im Commerzwesen 
zu überhagen, ferner eine oberste Justizstelle, Ungarn und Siebenbürgern jedoch 
ausgenommen, endlich eine Polizeihofstelle. (Vortrag vom 12. März 1802). 



Die Finanzverwaltung Österreichs 1749 — 1816. 307 

baniens, welche bisher von der italienischen Hofkanzlei besorgt wurden. 
Nur bei Angelegenheiten, die zugleich auch in den Wirkungskreis 
anderer Hofstellen einschlugen, wurde das Einvernehmen mit den- 
selben zur Vorschrift gemacht. Der Kaiser behielt sich in diesen 
Gebieten auch die Besetzung der „mindesten Dienstplätze " — die in 
den andern Ländern den Behörden überlassen war, — vor. Die Nach- 
folger des Grafen Zichy waren Josef Graf Odonell 1808 — 1810, 
Graf Wallis 1810—1813. Nach dem Rücktritte von Wallis wurde 
das Finanzdepartement provisorisch mit Cabinetsschreiben vom 17. April 
1813 an Ugarte, damals Obersten Kanzler, und nach einigen Monaten 
an Stadion übertragen. Nach zweijähriger provisorischer Verwaltung 
wurde Stadion mit Handschreiben aus Belluno vom 16. April 1816 zum 
Finanzminister ernannt 2 ). Der Finanzminister musste sich seinen 
Wirkungskreis förmlich erst erobern. Um die Einrichtung der mit 
der Monarchie wieder vereinigten Provinzen zu beschleunigen, war 
mit Handschreiben vom 31. Juli 1814 eine Centralbehörde unter dem 
Namen Organisirungshofcommission gebildet und derselben mit Aus- 
nahme der höheren Finanz-, Credits- und Cassengegenstände, dann 
der Justizgeschäfte alle Angelegenheiten dieser Provinzen übertragen 
worden 3 ). Die Abgrenzung der Wirksamkeit der neuen Behörde und 
der Finanzhofstelle sollte erst nachträglich erfolgen. Zwischen der 
Creditcommission und der Organisirungscommission wurde bald eine 
Verständigung erzielt, allein diese erstreckte sich natürlich nur auf 
einen Theil der finanziellen Angelegenheiten, und Stadion hielt es für 
notwendig, alle mit den Finanzen in Zusammenhang stehenden An- 
gelegenheiten für das Finanzministerium in Anspruch zu nehmen 4 ). 
Die kaiserliche Entschliessung trug den Anforderungen des Finanz- 
ministers Rechnung. Die Organisirung und Verwaltung aller indirecten 
Abgaben und Gefälle, so lautet ein Cabinetsschreiben an den Grafen 
Lazanzky vom 14. December 1814, in den neu acquirirten Provinzen 
sei an die Hofkammer und Bancodeputation zu übertragen und dieser 



') Handschreiben vom 22. Mai 1803; Protokoll vom 5. Febr. 1803. 

2 ) Stadion erhielt 24.000 fl. Gehalt, 18.000 fl. Tafelgeld, Wohnung im Münz- 
hause, Fortbezug einer Personalzulage von 6000 fl. bei der Staatskanzlei. 

3 ) Der Wirkungskreis erstreckte sich über die illyrischen Provinzen, den 
villacher Kreis, Gürz und Krain ausgenommen, welche am 1. Aug. 1814 dem 
innerösterreichischen Guberniuum zugewiesen wurden, ferner über die venetianischen 
Provinzen, die Lombardei, Tirol und Vorarlberg und über die eventuell mit der 
Monarchie zu vereinigenden Länder. Baldacci war mit Handschreiben vom 
23. Juli 1814 von der Besorgung der Tiroler und Vorarlberger Geschäfte enthoben 
worden. Das Präsidium der Centralorganisirungskommission erhielt Graf Lazansky. 

4 ) Vergl. den Vortrag Stadion's vom 16. November 1814 im Anhange. 

20* 



308 Bee r. 

Hofbtelle auch in den neuen Provinzen der nämliche Wirkungskreis 
einzuräumen, der ihr in den übrigen Provinzen zusteht. Lazanzky 
überging aber in seiner Zuschrift das Commerzwesen gänzlich. Stadion 
sah sich noch einmal genöthigt, einen Vortrag an den Kaiser zu er- 
statten und die Ansicht zu begründen, dass das Commerzwesen von 
dem Wirkungskreise der Bancodeputation nicht zu trennen sei. 

Erst im Jahre 1816 erhielt die Finanz Verwaltung eine Organi- 
sation, welche sie bis zu dem im Jahre 1824 erfolgten Tode Stadions 
beibehielt. Dem Finanzminister wurde die Finanzgesetzgebung und 
die gesammte Leitung der höheren Creditsoperationen übertragen, 
während die Hofkammer bloss mit der Verwaltung betraut wurde, 
und zwar gehörten zu den unmittelbaren Geschäftsgegenständen des 
Finanzministeriums: alle auf die zur Herstellung der Geldcirculation 
sich beziehenden Geschäfte, alle Creditoperationen, die Leitung der 
Creditinstitute, insoferne es sich nicht um die blosse Vollziehung und 
Ausführung der schon festgesetzten Grundsätze handelt, die Dispo- 
sition über die Hauptreservekasse, über die ausserordentlichen Fonde, 
über die Militärdotation, insolange das Präliminar nicht festgesetzt 
war, die Bearbeitung der Staatsvoranschläge, die Verhandlungen über 
die Grundsätze und die Bestimmungen der Grund-, Erwerb-, Personal- 
und Classensteuer. Das Ministerium konnte jedoch auch eine Einsicht 
in die von der Hofkammer angefertigten und durch das Ministerium 
an den Kaiser erstatteten Vorträge nehmen. Die Hofkammer selbst 
war in drei Senate eingetheilt: den Gefällssenat, den Cameralsenat 
und den montanistischen Senat 1 ). Die verschiedenen selbständigen 
Abtheilungen der Hofkammer, nämlich die geheime Creditshofcommission 
und Ministerialbancodeputation, die Commerzhofstelle, die Hofkammer 
für Münz- und Bergwesen wurden der unmittelbaren Leitung des 
Hofkammerpräsidenten und der obersten Aufsicht des Finanzministers 
unterstellt. • 

Im Jahre 1816 wurde neuerdings ein Hofcommercienrath ins 
Leben gerufen 2 ). Stadion war es, der in einem Vortrage vom 28. Juni 



') Aus einem Umlaufschreiben des Präsidenten der Hofkammer Chorinsky 
an die Vicepräsidenten und Referenten. Die Allerh. Entschliessung ist durch 
Handschreiben aus Triest vom I. .Mai 1816 erfolgt. Die Centralorganisirungs- 
Commission wurde durch Cabinetsschreiben vom 20. Dec. 1818 mit der Hof- 
kanzlei vereinigt, und diese sollte nunmehr , Vereinigte Hofkanzlei 1 benannt 
werden. 

2 ) Bereits im Jahre 1805 lag ein Vorschlag Herberts vor, Commercium und 
Montanisticum zu einer Hofstelle zu erheben (Vortrag vom 22. Juli). Das Schrift- 
stück kam 1808 unerledigt zurück. 



Die Finanzverwaltimg Oesterreichs 1749—1816. 309 

1816 den Antrag stellte, eine Hofcommission zur Regelung der 
Commerzangelegenheiten der gesammten Monarchie ins Leben zu rufen. 
Der Zuwachs der Provinzen, setzte er dem Monarchen auseinander, 
durch welchen die Grenzen der Erbstaaten sich weit ausgedehnt und 
die Küste des Meeres erreicht haben, hätte in den commerciellen 
Verhältnissen der Monarchie wesentliche Veränderungen hervorgerufen 
und in dem Handelsinteresse der einzelnen Provinzen eine Verschieden- 
heit erzeugt, welche sich in den Ansichten und Meinungen der Indi- 
viduen und Körperschaften in den mannigfachsten Formen ausspreche. 
Daher rühren die Bitten, Klagen und Beschwerden, welche von vielen 
Seiten an den Monarchen herantreten. In Staaten, wo das Prohibitiv- 
system angenommen sei, könne die Einwirkung der Staatsverwaltung 
auf die commerciellen Verhältnisse nicht aufgegeben werden, allein 
diese Einwirkung müsse auf richtigen Grundsätzen der National - 
Oekonomie fussen und mit beständiger zusammenhängender Rücksicht 
auf das wahre Interesse des Handels und der Industrie geleitet werden. 
Besonders in den österreichischen Staaten sei die umfassendste und 
tiefste Einsicht mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit nothwendig, 
weil vielleicht in keinem Staate von Europa die Interessen der ein- 
zelnen Bestandtheile bezüglich der Richtung des Handels und der 
Industrie so entgegengesetzt und verschieden seien und ihre Vereinigung 
für den Zweck des ganzen Staatskörpers so grossen Schwierigkeiten 
unterliege. Eine sichere Grundlage der Commerzleitung werde nur 
dann gewonnen werden, wenn die Principien der Handelspolitik in 
eine concentrirte Behandlung genommen und mit Rücksicht auf die 
Neugestaltung der Dinge festgesetzt werden. 

Nach dem Vorschlage Stadions sollte diese Hofcommission ge- 
trennt von der currenten Leitung der Gewerbe-, Fabriks- und Handels- 
gegenstände sich vornehmlich damit beschäftigen, die Verhältnisse 
des Haudels und der Industrie in ihren Beziehungen gegen einander 
und gegen fremde Staaten zu erforschen, um sich eine klare, voll- 
ständige Kenntnis und Uebersicht zu verschaffen. Sodann hätte sie 
die Vorschläge zu erstatten , wie die verschiedenen commerciellen 
Interessen der einzelnen Theile der Monarchie zu vereinigen und welche 
Grundsätze das Handelssystem des gesammten Staatskörpers be- 
folgen solle, ferner die Regulirung des Mauthsystems im Allgemeinen, 
sowie die Zolltarife in Antrag zu bringen. Die Commission sollte be- 
rechtigt sein, Handelsleute und Fabrikanten von den bedeutenderen 
Handelsplätzen und Fabriksplätzen der Monarchie zu berufen, um ihre 
Ansichten, Wünsche und Vorschläge über Verbesserungen in den An- 
stalten zur Belebung des Handels und der Industrie zu vernehmen. 



310 Beer. 

Zum Präsidenten wurde Stahl ernannt, der diese Stelle bis zur Auf- 
hebung der Hofcommerzcommission bekleidete x ). 

VII. 

Unter Josef IL wurde der Wirkungskreis der Hofrechenkamnier 
erweitert. Die Buchhaltereien in den einzelnen Ländern wurden der- 
selben unterstellt, von ihr sollten bei Erledigung von Stellen die Vor- 
schläge erstattet werden 2 ). Auch die ständischen und städtischen 
Buchhaltereien wurden ihr untergeben, ebenso auch die beiden Rechen- 
kammern in den Niederlanden und der Lombardei, wo das in den 
deutschen Erbländern bestehende verbesserte Rechnungssystem einge- 
führt werden sollte. Auch die Leitung und Aufsicht der Buch- 
haltereien in Ungarn und Siebenbürgen wurden ihr übertragen. Zum 
Präsidenten der Ho frech enkammer wurde der bisherige Gouverneur 
von Triest ernannt, der am 12. April 1782 um 12 Uhr Mittags den 
Eid ablegte. Graf Carl Zinzendorf, dessen Thätigkeit schon in seinen 
früheren Stellen bewunderungswürdig war, hat sich auch auf dem 
neuen Posten grosse Verdienste erworben. Die unter seiner Leitung 
gelieferten Arbeiten zeichnen sich durch Reichhaltigkeit und Sorgfalt 
in den Details aus. Jetzt erst gewann man ein klares Bild über die 
dem Staate zur Verfügung stehenden Hilfsquellen. Das Ziffernmaterial 
ist übersichtlich geordnet. Carl Zinzendorf hat das von seinem Bruder, 
dem Grafen Ludwig Zinzendorf, begründete Werk vielfach ergänzt. 
Das Rechnungswesen der gesammten, dem Habsburger Scepter unter- 
stehenden Länder befand sich daher nunmehr unter einer einzigen 
gemeinschaftlichen Leitung, allein schon unter Leopold IL wurden in 
dieser Richtung abermals Aenderungen vorgenommen. Die Brüsseler 
und Mailänder Rechenkammer, die Hof- und Staatskanzlei, das unga- 
rische und siebenbürgische Camerale und andeie Buchhaltereien wurden 
dem Wirkungskreise der Rechenkammer entzogen. Unter Franz II. 
wurde sie im Jahre 1792 zum zweiten Male aufgehoben, und an ihre 
Stelle trat nun eine dem Directorium in Publicis, politicis et came- 
ralibus subordinirte Staats-Hauptbuchhaltung 3 ), die eigentliche Controle 
wurde dem Staatsrathe übertragen ; indess rang sich die Meinung wieder 
durch, dass die zur Controle der Verwaltung bestimmten Buchhaltereien 
unter einer unabhängigen Hofstelle stehen müssten. Graf Strasoldo's 



1 ) Vergl. meine Handelspolitik im 19. Jahrhundert erstes Capitel. 

2 ) An die Buchhaltereien, 30. Januar 1782. 
s ) Cabinetsbefehl vom 23. November 1792. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749—1816. 311 

Entwürfe drangen zwar nicht durch, die Controle von den Admini- 
strativbehörden vollständig unabhängig zu machen, aber sie hatten 
doch die Schaffung einer selbständigen Behörde, der obersten Staats- 
controle, zur Folge. Prokop Graf Lazansky wurde zum Präsidenten 
der obersten Staatscontrole ernannt. Unglücklicher Weise, heisst es 
in einer vorliegenden Arbeit, hatte die neue Hofstelle, in ihrem eigenen 
Chef den thätigsten Gregner, und eben jene Hand, welche ihr eine 
vollkommene Ausbildung hätte geben sollen, arbeitete an ihrer Zer- 
störung. Im Sommer 1796 legte er einen Organisirungsplan vor, dem 
der Kaiser jedoch nicht ganz zuneigte, sondern erst die Begutachtung 
von Seite der Beamten verlangte l ). Als Lazanzky zum obersten 



') Kais. Resolution auf den Vortrag ddo. 17. August 1796, das Staatsrech- 
nungswesen betreffend. Da das Staatsrechnungswesen für Meinen Dienst sowohl, 
als für das Wohl vieler Tausende in Verrechnung stehender Beamten von der 
grössten Wichtigkeit ist, so finde ich für nöthig zu verordnen, dass Sie den mir 
vorgelegten Entwurf, so wie er ist, den sämtl. Hofbuchhaltern (mit Ausnahme 
des Hof kriegsbuchhalters) den Kammeral- und Finanz-Referenten bei dem Direc- 
torio und dem 1. Vice-Präsidenten B Degelmann um ihre freymüthige schrift- 
liche Aeusserungen durch den Weg der Circulation zustellen und Mir diese mit 
ihrer Wohlmeinung spätestens in 3 Monaten vorlegen, worüber Ich sodann mit 
ihrer Zuziehung, und mit dem hiezu nöthig findenden Personen eine Conferenz 
abhalten werde, So viel es aber insbesondere die Hof kriegsbuchhaltung betrifft, 
ist hieran bei den gegenwärtigen Umständen eine Abänderung nicht thunlich. 

Die von Lazansky überreichten Grundsätze zur Organisirung der Buchhal- 
tereyen und der Staatskontrole enthalten im Wesentlichen folgende Anträge : 

^tens Dass die Provinzialbuchhaltereyen mit den administrirenden Länder- 
stellen, und die Hofbuchhalterey mit der Hofstelle vereinigt, und die kontro- 
lirende Hofstelle als selbständig ganz behoben werden sollte. 

2tens £) ass jeder administrirenden Stelle ein im Rechnungswesen erfahrenes 
Buchhalterey-Individuum als Rath beyzugeben wäre, welcher nebst einem zu be- 
sorgen habenden Beferat auch über die Ordnung und Fleiss des Buchhalterey- 
Personals zu wachen hätte, in Ansehung dieser Geschäfte ganz von einem Staats- 
minister abhängig zu machen wäre, und die Befugniss haben müsste in allen 
Fällen, wo ungeachtet seiner Erinnerung der Chef der Stelle etwas gegen die 
Vorschriften unternehme, dem Minister davon die schriftliche Anzeige zu machen. 

3tens D ass die Zentralbuchhalterey dem Staatsrath untergeordnet, und deren 
Leitung einem Staatsminister anvertraut werden sollte. 

4tens Dass die Buchhaltereyen künftig keine Rechnungskonfizienten mehr 
seyn, sondern detailirte Rechnungen zur Zensur erhalten sollten. 

5tens Dass die Zensur aller solcher Rechnungen von den Landesbuchhal- 
tereyen zu besorgen, und daraus? nur summarische Eingaben an die Hofbuch- 
halterey einzusenden wären. 

ßtens Dass die Hofbuchhalterey aus solchen Eingaben die Handlungen der 
Provinzialbuchhaltereyen zu übersehen und zu beurtheilen hätte, ob diese die 
Control gegen den Rechnungsführer nach ihrer Pflicht beobachten, ob sie die 
nemliche Control gegen die Landesstelle ausüben, dass sie die notbwendigen Er- 



312 Beer. 

Directorialminister befördert wurde (21. August 171)7), sucht er den 
Wirkungskreis derselben so viel als möglich einzuschränken. Die 
gegen seine Reformanträge von sachkundigster Seite vorgebrachten 
Bemerkungen drangen nicht durch. Zur Organisirung der Buchhalte- 
reien wurde eine Commission unter dem Vorsitze des Hofrathes von 
Schotten, der interimistisch das Präsidium der obersten Staatscontrole 
leitete, mit Beiziehung des Hofrathes Eder und des Gubernialrathes 
Grafen von Herberstein zusammengesetzt. Dieselbe überreichte in den 
nächsten Jahren ihre auf die Verbesserung des Rechnungswesens, so- 
wie auf die Regulirung der obersten Staatscontrole und der Buch- 
halterei abzielenden Vorschläge, welche zum Theil genehmigt, zum 
Theil einer weiteren Prüfung unterzogen wurden, zum Theil auch 
unausgeführt blieben. Die mit den Organisirungsarbeiten betraute 
Commission wurde durch kaiserliche Erschliessung vom 26. August 
1801 aufgelöst, und auf Grund eines Vortrages des Erzherzogs Carl 
über die Reform der Staatscontrole wurde die Errichtung einer contro- 



innerungen mache , wenn Anweisungen vorkommen , welche gegen die Vor- 
schriften lauten. Dass endlich die Hofbuchhalterey bey dem geringsten bey 
einer Rubrik vorkommenden Verdacht das Detail darüber von der Provinzial- 
buchhalterey abfordern und solches prüfen sollte. 

7tens D as8 auch die Centralbuchhalterey so verfasste summarische Eingaben 
von der Hofbuchhalterey erhalten sollte, aus welchen erstere die Verwaltung 
eines jeden Gefälls durch Vergleichung mit den leztern Jahren oder mit Durch- 
schnittssummen zu prüfen im Stande wäre. Die Zentralbuchhalterey müsste 
nicht allein die Einsicht des Nettoertrages, sondern auch den Bruttoertrag von 
jedem Gefäll haben, und diesen nicht nur zu einer gewissen Zeit des Jahrs, son- 
dern immer fortwährend bekommen, weil der hauptleitenden Zentralstelle daran 
gelegen wäre zu wissen, ob ein Gefäll steige oder falle, und in welcher Provinz, 
und aus welchen Ursachen sich solches ergebe. 

8tens Dass dieser Geschäftsgang im Rechnuugsfache keinen Zweifel unter- 
liegen könne, weil der Gang der Administrazion der politischen Geschäfte ganz 
der nemliche sey. 

9tens Da dieser Rechnungsgang nun durch ein Jahr bey sehr komplizirten 
Rechnungen einer Oekonomie zu bewerkstelligen möglich gewesen wäre, so werde 
es auch von jeder andern Verrechnung möglich seyn. 

10 tens Bey zweckmässiger Verwendung der Buchhaltereyen zur Zensur und 
Kontrol sollen sie der administrirenden Stelle zu jeder Stunde in der möglichst 
kürzesten Zeit alle Auskünfte ertheilen, und selbe in so weit kontroliren, dass 
sie über alle Geldanweisungen, welche ihr ante expeditionem per videat zu- 
kommen, die nöthigen Erinnerungen machen, wenn bey solchen etwas gegen 
die Vorschriften vorkömmt*. 

Das Gutachten des Hof buchhalters Meyner, eines tüchtigen Beamten, im 
Auszuge bei Lichtnagel, Geschichte des österr. Rechnungs- und Controlwesens. 
Graz 1872. S. 156 fg. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1759—1816. 313 

lirendeu Hofstelle abermals zur Sprache gebracht. Mehrere Com- 
missionen wurden unter dem Vorsitze des Erzherzogs abgehalten, 
und sodann die Allerh. Entschliessung erlassen , dass vom Mili- 
tärjahre 1802 angefangen alle Buchhaltereien an die Chefs der 
Hofstellen angewiesen werden, das Centraldepartement dem dirigiren- 
den Staatsminister Grafen von Kolowrat, die Länder und Gefälls- 
buchhaltereien aber den Läuderstellen unterzuordnen seien, damit eine 
Vereinfachung des Rechnungswesens auf diese Weise zu Stande ge- 
bracht werde. Der seit 1761 festgehaltene Gesichtspunkt einer Tren- 
nung der Verwaltungsbehörde von der Rechnungslegung wurde über 
Bord geworfen. Nach drei Jahren trat abermals eine Aenderung ein. 
Hofrath Augustin Veit von Schittlersberg wurde aufgefordert einen 
Vorschlag auszuarbeiten, „wie eine unabhängige und bündige Staats- 
controle oder ein Rechnungsdirectorium herzustellen wäre, welches 
— ohne die Aktivität der Hof- und Länderstellen zu lähmen oder 
zu hemmen — alle Branchen der Comptabilität nach einheitlichen 
Principien zu leiten und zu überwachen hätte, damit der Zweck einer 
richtigen Staats-Haushaltung möglichst vollkommen und mit thun- 
lichster Schonung des Aerars erreicht werden könnte 1 ) tf . Die von 
ihm entworfenen Grundsätze erhielten die kaiserliche Genehmigmnff 
und blieben in dem Zeiträume von 1805 — 1866 mit unwesentlichen 
Aenderungen, bis zur Schaffung eines obersten Rechnungshofes im 
Jahre 1866 in Kraft*). 



Grössere Anmerkungen. 

I. (Zu S. 237 fg.) 

J. G. Megerle von Mühlfeld hat die Eeihenfolge der Hofkammerprä- 
sidenten von dem Zeitpunkte der Errichtung der k. k. Hofkammer zu 
Innsbruck 1498 bis 1828 zusammengestellt. (Abgedruckt üst. Archiv 1830.) 

Einige Irrthümer mögen Berichtigung finden. Paul Freiherr von 
Krausenegg war schon 1610 Präsident, nicht erst 1611. Auf den „Hof- 
kammerdirector" Gundacker von Polhaim, der seit 1615 in dieser Eigen- 
schaft der Hofkammer vorstand, folgt der in dem Verzeichnisse von Me- 
gerle übergegangene „Hofkammerdirector" Vincenz Muschinger im Jahre 
1622, der jedoch nur kurze Zeit diese Stelle bekleidete; 1623 erscheint 
Anton — nicht Johann, wie Megerle angibt — Abt zu Kremsmünster 
als Hofkanimerpräsident bis 1680. 

Als Maria Theresia zur Regierung kam, war Franz Gottfried Graf 
von Dietrichstein Hofkammerpräsident seit 1719. Auf Vortrag vom 2. Sep- 



') Das Handschreiben an den Grafen Zichy 7. Februar 1807. 
2 ) Hierüber sehr ausführlich Lichtnage] a. a. 0. 



314 B e e r. 

teinber 1743 wurde verfügt, dass die Hofkanzlei in allen das Aerar be- 
treffenden Angelegenheiten mit der Hofkammer das Einvernehmen zu pfle- 
gen und gemeinschaftlich Vortrag zu erstatten habe. Im Jahre 1745 
wurde das Bancalität-Collegium aufgehoben. Die beiden Generalcassen, 
nämlich die Cameral- und die Militärcasse sollten durch zwei Oberdirec- 
toren besorgt werden und durch die Hofkammer ihre beiderseitigen Legi- 
timationen empfangen, an dieselbe wöchentlich die Cassa-Extracte über- 
geben. Der Director der Bancalität, Peter Anton Freiherr v. Prandau, 
wurde wegen seiner „der Kaiserin und ihren Vorfahren Leopold, Josef 
und Carl sowohl bei der Hofkammer, als bei der Bancalität geleisteten 
langen und erspriesslichen Dienste" zum Vicepräsidenten der Hofkammer 
ernannt, In einem Acte vom 14. September 17 45 ist von einer Restau- 
rirung des Hofkammerwesens die Rede, worin diese jedoch bestand, ist 
nicht ersichtlich. 



Beiliegend ein Status 
Der von Uns Bestättigt- und Neu-Bestelten Hof-Cammer. 



Besol- 
dung 



Prsesident 



Vice-Prsesident . . . 
Räthe desHerrnstandes 



Räthe desRitterstandes 



Graf v. Dietrichstein 

Und ex speciali für seine Person allein, 

Beynebst 

Baron v. Prandau 

Graf Carraffa 

Graf Cavriani 

Graf Gaisruckh 

Baron Schmidlin, zu dem Bergwerks-Con- 

silio 

Baron Wisenhütten 

Graf Esterhasy 

Zuanna, zu dem Bergwerkhs-Consilio . 

Saffran 

Koch 

Pistrich 

Sumerau 

Grieblpauer 

Kempf zu dem Bergwerkhs-Collegio . 

Nagy • • • 

Luchsenfeid, so beynebst expediren solle 



14000 

6000 
8000 
4000 
4000 
4000 

4000 
3000 
4000 
5000 
5000 
5000 
5000 
4000 
4000 
4000 
5000 
4000 



Ueber die Berathungen, welche zur Schaffung des Directoriums, d. h. 
zur Vereinigung der gesammten politischen und cameralistischen Agenden 
bei einer Centralstelle führten, sind wir bisher nicht genau unterrichtet. 
Im Jahre 1748 wurde verfügt, dass die wichtigsten Politica und Publica 
unter der Direction der kaiserlichen Majestäten besorgt werden sollen. 
Dieser Berathungskörper führte den Namen » Conferenz in Internis oder Hof- 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749 — 1816. 315 

deputation«. Die auf die Verhandlungen mit den Ständen bezüglichen An- 
gelegenheiten, welche zur Abschliessung der Decennal-Eecesse führten, 
kamen hier zur Berathung , und in dem am 2. Mai 1749 erlassenen 
Handschreiben wird speciell hervorgehoben, dass „die unter des Kaisers Maje- 
stät und Liebden und meiner Direction angefangene Besorgung deren wich- 
tigsten Landes-Politicorum ihre gute Wirkung gehabt, die bisher ver- 
driesslichen Collisiones der Stellen vermieden, alles schleunig expediert und 
sowohl das Militare und Contributionale, als auch das Camerale in eine 
solche Ordnung gebracht worden, worin es in vorigen Zeiten noch nie 
gewesen." Diese Äusserung bezieht sich auf die finanzielle Neuerung oder 
wie die Bezeichnung lautet, auf „das Militär und Cameral Hauptfinanz- 
Systema", woran, wie es scheint, seit 1747 gearbeitet wurde und wobei 
Haugwitz der tonangebendste Rathgeber war. Die Tendenz war dahin ge- 
richtet, „das Militare von dem Camerali und beide wiederumb von dem 
Cameralschuldwesen gänzlich zu separiren, mithin jedem Theil wie seine 
Einkünfte , also auch Ausgaben besonders anzuweisen". Das von den 
Ständen bewilligte Quantum militare war an das Generalkriegscommissariat 
monatlich abzuliefern. Die für das Cameralschuldwesen bestimmten Be- 
träge flössen der Cameralschuldcassa zu. Die Cameralrechnungen wurden 
bisher nach dem Solarjahre abgeschlossen: künftighin sollte der Abschluss 
wie beim Militare vom 1. November bis 31. October erfolgen. (Weisung 
nach Böhmen und Mähren vom 23. August 1748). Die bisherigen Dar- 
stellungen über diese wichtige Angelegenheit sind unvollständig und ein- 
seitig. Namentlich der Gegensatz zwischen Harrach und Haugwitz wurde 
ungebührlich betont. Harrach hat, soweit ich bisher aus den Acten ent- 
nehme, während der Jahre 1747 und 1748 in entscheidender Weise mit- 
gewirkt und viele auf die Verhandlung mit den Ständen bezügliche Vor- 
träge sind von ihm erstattet und von der Kaiserin mit zahlreichen Rand- 
bemerkungen versehen worden. Bei welcher Gelegenheit jene scharfe Aeus- 
serung Maria Theresia's über Harrach fiel, von der Arneth, IV. S. 22 
berichtet, ist nicht ersichtlich. Das Handschreiben vom 2. Mai 1749, 
worin die Trennung der Justiz von der Verwaltung ausgesprochen wird, 
ist an Harrach gerichtet, wornach es bei der Besorgung der Publicorum 
und Politicorum bei der Conferenz in Internis unter dem Vorsitze der 
kaiserlichen Majestäten zu verbleiben habe. Nur sollen die Vorarbeiten 
in einem Consessu unter Haugwitz als » Präsidentens praesidio des direc- 
torii in publicis et cameralibus geschehen und wöchentlich vorgetragen 
werden*. In einem Anhang (abgedruckt bei Maschek von Maasburg S. 303) 
sind die Agenden der Conferenz in Internis aufgezählt. Von einer Auf- 
hebung der Kanzleien ist da keine Rede, wohl aber in einem Handschreiben 
an Ulfeid vom 3. Mai 1749, welches sonst mit jenen an Seilern und 
Harrach gleichlautend ist. Die Mitglieder des Consessus waren: v. Saffran, 
v. Doblhoffen, v. Kannegieser, v. Cetto, v. Stupan, von Kranischstätten 
und Freih. v. Neumayer. Sie erhielten den Titel geheime Referendare und 
Hofräthe, jeder hatte ein Land zum Referat zugewiesen (Vortrag von Haug- 
witz 4. Mai 1749). Am 20. Mai wurde die Neuordnung den anderen Hof- 
stellen mitgetheilt. Die Oberleitung der Hofdeputation scheint Graf 
Harrach behalten zu haben. In einer Specification des Besoldungsstatus 
des Directoriums in Publicis et Cameralibus ist der Gehalt von Har- 



316 Beer. 

räch mit 30.000 fl., jener von Haugwitz mit 8000 fl. angegeben. Am 
4. Juni 1749 starb Harrach und nun wurde Haugwitz die leitende Per- 
sönlichkeit in allen politischen und finanziellen Fragen. Von einer Hof- 
deputation oder Conferenz in internis findet sich in den Acten seitdem 
keine Erwähnung. Aus Acten des Jahres 17 54 ist zu entnehmen, dass 
Haugwitz 24.000 fl. bezog, der Kanzler Johann Carl Chotek 16.000 fl., 
der Vicekanzler Bartenstein 8880 fl. 

Noch vor Schaffung des Directoriums in publicis et cameralibus, nach- 
dem die Recesse mit den Ländern bereits grösstentheils abgeschlossen 
waren, wurde der Wirkungskreis der Hofkammer eingeschränkt. Die neue 
Organisation bestand darin, dass den directe von der Kaiserin dependi- 
renden Deputationen in den einzelnen Ländern das festgesetzte Universal- 
Systema in Vollzug zu bringen, übertragen wurde. Das Schuldenwesen 
wurde von nun an lediglich der Schuldencassa-Direction unterstellt, die 
Hofkammer hatte keinen Einfluss darauf. Ueber jene Angelegenheiten, 
die das Militare mixtum und das Camerale betrafen, waren die Berichte 
und Anträge unmittelbar an die Kaiserin zu senden, die sich vorbehielt, 
nach Befund sich von der Hofkammer Vortrag erstatten zu lassen und 
derselben ihre Entschliessung mitzutheilen. Die Hofkammer hatte die Auf- 
gabe, die Deputationen zu überwachen, dass sie den ihnen ertheilten In- 
structionen in allem genau nachleben, das Cameralwesen bestens befördern, 
besonders aber, dass die in dem Cameral-Systema festgesetzten Ausgaben 
niemals überschr-itten, Weisungen und Verordnungen an die Deputationen 
nur im Namen der Kaiserin ausgefertigt werden, mit dem Unterschiede, 
„dass Expeditiones, so Resolutiva et Decisiva enthalten, der eigenhändigen 
Unterschrift der Kaiserin bedürfen, Informativa und Praeparatoria von dem 
Hofkammerpräsidenten zu unterschreiben sind«. Ferner bestimmte die Kai- 
serin, dass, da der geheime Rath, Kämmerer und Präses des königlichen 
Amts im österreichischen Antheil von Schlesien, Friedrich Wilhelm Graf 
von Haugwitz von dem Universal-System und den davon abhängenden 
Cain er al- Systeme der Länder die beste Kenntniss habe, demselben die 
Expeditionsconcepte für die in den Ländern bestellten Deputationen vor 
deren Ausfertigung mitgetheilt werden sollen. An die Hofkammer, den 
9. September 1748- 

Am 19. Sept. 1748 einging eine Instruction an die Cassadirection fol- 
genden Inhalts : 

Das General-Schuldenwesen wurde in Betracht gezogen und ,,umbso 
viele Treuhertzige Credits-Partheyen in aufrechten Stand zu erhalten, als 
den so sehr darniederliegenden Credit wieder empor zu bringen, und in 
seine gemessene Ordnung auch Richtigkeit zu setzen, als hiemit die Justitz 
befördert und ein Gott höchst wohlgefälliges Werk verrichtet wird, und 
von dem Wohlstand und Befestigung des Credits aber das allgemeine Wee- 
sen so vielen Nutzen schöpffet, und die Monarchie Selbsten am besten er- 
halten, und unterstützet werden kann' ; werde eine Direction unter allei- 
niger Aufsicht und Dependenz der Kaiserin errichtet, zu Mitgliedern der- 
selben ernannt: v. Prandau und v. Koch. Für die Schuldenscasse sind 
Fonds bestimmt. Sollte die monatliche oder vierteljährige Bezahlung 
stocken, so ist dies sogleich der Kaiserin anzuzeigen. Die Gelder sind 



Die Finauzverwaltung Oesterreichs 1749—1816. 317 

unverweilt monatlich oder vierteljährig anherzuziehen, damit die Casse 
im rechten Stande sei und das Publicum Zutrauen gewinne. Keine Be- 
zahlung an Capital oder Interesse darf ohne General- und Specialverord- 
nung der Kaiserin geleistet werden. In die Bitte der Markgrafschaft 
Mähren, dass die Capitalszahlungen nicht jährlich, sondern monatlich ab- 
gestossen werden mögen, wurde eingewilligt. Monatlich ist ein verläss- 
licher Extract zu überreichen. Von der Casse sind die Kechnungen mit 
den Belegen vierteljährig an die Direction abzugeben , um dieselben zu 
prüfen und der Kaiserin Bericht zu erstatten. 

In Folge der am 2. Mai 1749 erlassenen Handschreiben wurde den 
Deputationen, die Anfangs Juni zur Durchführung des „Hauptfinanzsystems" 
bestimmt wurden, der Character » einer königl. Eepräsentation und Kammer" 
beigelegt und die gesammte Verwaltung an dieselben übertragen. Die 
Statthalterei in Prag wurde aufgehoben, die in der uralten Landesverfas- 
tung gegründete Obrist-Land-Ofhziere in ihrer Activität beibehalten ; sie 
sollten unter der Direction die Oberstburggrafen jene mixta besorgen, 
welche in Wien der Obristen-Iustizstelle übertragen waren, sowie jene An- 
gelegenheiten, welche die Landesordnung der Statthalterei überwies. Diese 
„Mixta" wurden in Mähren von dem königl. Tribunal, in Schlesien von 
dem königl. Amte, in N.-Oesterreich, Steiermark und Tirol von den Re- 
gierungen, in O.-Oesterreich von der Landeshauptmann schaft besorgt. 

Leider lassen uns die vorhandenen Schriftstücke im Stiche, um die 
seit 1749 bis 1761 in der Finanzverwaltung vorgenommenen Aenderungen 
genau kennen zu lernen. Das Directorium hat nur allmälig sämmtliche 
Cameralangelegenheiten an sich gezogen, der Wirkungskreis der Hof kammer 
schrumpfte immer mehr zusammen, so dass ihr nur die auf den Hofstaat und 
die ungarische Camerale bezüglichen Angelegenheiten verblieben. Das Universal- 
Cameral-Zahlamt wurde dem Directorium 1751 übergeben (Rescript an die 
Stellen vom 29. Januar 1 75 1). Zwei Jahre später wurde demselben auch 
eine Einflussnahme auf die Handelsangelegenheiten eingeräumt, indem das 
Commerzdirectorium als eine mit dem Directorio in publicis et cameralibus 
vereinigte unmittelbare Hofstelle erklärt wurde. (An Haugwitz, 17. De- 
zember 1753, unterzeichnet Uhlfeld). Auch das Münzwesen, wofür im Jahre 
1745 eine Hofkammer unter Ferdinand Graf Königsegg-Erps errichtet wor- 
den war, wurde dem Directorium unterstellt. Graf Königsegg-Erps wurde 
am 13. März 1755 zum Hofkammerpräsidenten ernannt. Im Jahre 1758 
verständigte die Kaiserin durch Handschreiben vom 4. August den ge- 
nannten Hofkammerpräsidenten, sie habe in wohlbedächtiger Erwägung, 
dass das Directorium in publicis et cameralibus mit so wichtigen neu zu- 
getretenen als häufigen anderweiten Geschäften überbürdet sei, den Ent- 
schluss gefasst, das Münzwesen dem Präsidenten der Ministerial-Banco- 
deputation und des Commerzdirectoriums Grafen Rudolf Chotek zu über- 
weisen, die Cameralia Transsilvaniae, die Banatica Publica und die Ca- 
meralia verbleiben dem Directorium in publicis et cameralibus. Graf 
Rudolf Chotek, seit 1749 Bancodeputationspräsident, wurde Ende December 
1759 gleichzeitig zum Hofkammerpräsidenten ernannt (Handschreiben an 
Chotek vom 27. Dec. 1759 bei Wolf: Aus dem Hofleben Maria Theresias 
S. 70; an Brandau vom 29. Dec. 17 59) und gleichzeitig die Verfügung 
getroffen, dass Commercialsachen des Banats unter der Aufsicht der Hof- 



318 Beer. 

kammer zu stehen haben. Die Vereinigung der Präsidentschaft der Mini- 
sterial-Bancodeputation und der Hofkammer unter Chotek war nur eine 
äusserliche ; das Stadtbanco blieb auch künftig unter einer besondern Ver- 
waltung. Ein Jahr darauf wurde zur Verfassung eines Haupt-Finanz- 
Systematis und Besorgung der gesammten kais. königl. Schulden eine Hof- 
Comrnission eingesetzt. Eine kais. Entschliessung vom 14. Dec. 1760 
lautet: »Die Commission hat mit genauer Untersuchung deren Einnahmen 
und Ausgaben durch alle Eubriquen fleissig fortzufahren, um in allen 
Branchen klar zu sehen, somit hieraus abnehmen zu können, in wie weit 
der Bilan auslange, wie die Einnahmen bestehen, und wie die Ausgaben 
die Einnahmen übersteigen. 

»Weiters hat diese haubtsachlich was bey dem Empfang zu verbessern, 
und was bey denen Ausgaben zu erspahren seye ? zum Augenmerck zu 
nehmen, diesfalls in die Specifica, oder durch alle Eubriquen einzugehen, 
und dahero die Ersparungs-Entwürffe respectu deren Besoldungen, Pen- 
sionen, und anderweiten überflüssig befindenden Ausgaben umständlich zu 
verfassen, und successive herauf zu geben. 

»Zum Unterhalt des Militär- Staats solle ein quantum von 14 Mil- 
lionen pro fundamentum genohmen werden; das Militär Würthschaffts- 
Weesen werde besonders überlegen, und ausarbeiten lassen; 

»In Ansehung deren Einnahmen, derenselben Meliorirungen, und wegen 
deren Erspahrungen, oder Verminderung derer Auslagen, wird dasjenige, 
was die Commission selbsten nicht wissen kann, sowohl bey denen Capi 
deren über die fonds bestellten Administrationen als bey denen Capi deren 
Stellen, und Aemteren zu erhohlen und ausfindig zu machen seyn; übri- 
gens aber stehet der Commission frey, alle Käthe und Beamte von Stellen, 
so Sie zu eruirung dieses wichtigen Geschäffts nöthig findet, auszuwählen, 
und von denen Stellen zu verlangen; Die Ausarbeitungen sind Mir her- 
auf zu geben. Ueber den weiteren Inhalt des Protocolls aber halte Mir 
bevor Meine Entschliessung seiner Zeit zu ertheilen«. Die Mitglieder dieser 
Commission waren: Bartenstein, Prandau, Toussaint, die Hofräthe Saffran, 
Stupan, Neny. Die grösste Thätigkeit entfaltete Bartenstein, dessen Ar- 
beiten umfassend waren. 

II. (Zu S. 241). 

Ueber die Gründung des Staatsrats: Hock, der österreichische Staats- 
rat^ Wien 1868. S. 1 fg. und Arneth Maria Theresia VII S. 1 fg. 

Die Mitglieder des durch Patent vom 17. Dec. 1760 (Cod. A. V 115) 
gegründeten Staatsraths waren: Kaunitz, Haugwitz, Daun, mit dem Titel 
eines Staatsministers, ferner drei Staatsräthe: Heinrich Cajetan Graf von 
Blümegen, bisher Landeshauptmann in Mähren mit dem Titel Minister, 
der bisherige Reichshofrath Freiherr von Borie, Stupan von Ehrenstein. 
Als Referendar wurde der bisherige Staatssecretär der Kaiserin, König von 
Kronburg, ernannt. Durch Handschreiben 3. Juni 1762 wurde verordnet, 
dass die Staatsräthe den Hofräthen vorzugehen haben. Bios Staatsrath, 
nicht Hof- und Staatsrath sollen sie betitelt werden. 

Im Jahre 1766 wurden Starhemberg, Binder und Pergen zu Mit- 
gliedern des Staatsrathes ernannt. Die beiden erstgenannten Männer ent- 
falteten in den nächsten Jahren eine rege Thätigkeit; ihre Gutachten sind 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749—1816. ;}!<) 

zum grossen Theil ausgezeichnete Arbeiten. Starhemberg bekundete in 
Finanzfragen einen klaren Blick und in dem Streite zwischen Hatzfeld und 
Zinzendorf nahm er für den letzteren Partei ; er wurde auch von der Kai- 
serin zu wiederholten Malen zum Leiter von Commissionen , die über 
wichtige Angelegenheiten zu berathen hatten, gewählt. Binder bekundete 
eine geradezu staunenswerthe Vertrautheit mit allen bedeutsamen Fragen, 
einen von Voreingenommenheit ungetrübten Blick und staatsmännische 
Begabung in der Beurtheilung schwieriger , die innere Organisation be- 
treffender Probleme x ). 

Wenn der Staatsrath jene Erwartungen nicht erfüllte, die bei seiner 
Gründung vorschwebten, so liegt die Erklärung in der Form der Geschäfts- 
behandlung. Anstatt ihn auf principielle Fragen zu beschränken, wurden 
ihm die meisten Vorträge der Centralstellen zur Begutachtung überwiesen, 
über welche die Kaiserin ein Gutachten forderte, ehe sie eine Entschei- 
dung fällte. Eine collegiale Behandlnng fand in der Eegel nicht statt, 
sondern die betreffenden Stücke wurden bei den Mitgliedern im Umlauf 
gesetzt, die sodann ihre Meinung beifügten. Die in Antrag gebrachte 
kaiserliche Entschliessung wurde sodann beigefügt. Bis 1765 ist König 
der Verfasser, später Blümegen, seit 1771 Hatzfeld. Gesammtsitzungen 
des Staatsrathes fanden bei divergirenden Gutachten der Staatsrathsm.it- 
gliedar unter dem Vorsitze der Majestäten statt, worüber sodann kurze 
Protocolle abgefasst wurden, die nicht immer einen genügenden Einblick 
in die bestimmenden Gründe der endgiltigen Entscheidung gewähren und 
den Eindruck erwecken, dass bereits vor dem Sitzungstage der Versuch 
gemacht wurde, die differirenden Meinungen zu begleichen. 

Mannigfache Vorschläge zur Abänderung des Geschäftsganges des 
Staatsrathes wurden seit 1762 gemacht. Stupan hat bereits Anfangs Ja- 
nuar 1762 in einer Denkschrift auf die Mängel der Geschäftsbehandlung 
aufmerksam gemacht. Eine Aenderung trat nicht ein. Bald darauf for- 
derte die Kaiserin einen Vorschlag, wie der Ueberhäufung mit Geschäften 
gesteuert werden könnte 2 ). Hatzfeld und Zinzendorf wiesen in ihrem Vor- 
trage vom 11. September 1764 auf die Notwendigkeit hin, den Staats- 
rath zu entlasten In diesen Vortrage heisst es : die zu grosse Ueberhäu- 
fung des Staatsrathes mit Geschäften sei ebenfalls als ein Gebrechen der 
gegenwärtigen Verfassung anzusehen. Der Staatsrath stelle den allge- 
meinen Mittelpunkt vor, bei welchem alle wichtigen Angelegenheiten zu- 
sammenfüessen ; derselbe habe zugleich alle Hofstellen zu übersehen, die 
verschiedenen Meinungen derselben zu vereinbaren und Alles zum allge- 
meinen Besten der Monarchie einzuleiten. Um aber diesen so wichtigen 
Endzweck erfüllen zu können, seien vornehmlich zwei Dinge erforderlich, 
einmal, dass der Staatsrath von allen wichtigen Geschäften die nöthige 
Wissenschaft erlange, sodann aber zweitens, dass derselbe mit Kleinig- 
keiten nicht zu sehr überladen werde, weil demselben die Möglichkeit, 
sich mit wichtigen Gegenständen zu beschäftigen, genommen werde. Josef 



») Dem Urtheile Ameth's IX. 294: »Durch die erwähnten Ernennungen war 
dem Staatsrathe kaum irgend welche Verstärkung zu Theil geworden % kann ich 
auf Grund meiner Studien in staatsrechtlichen Acten nicht bestimmen. 

2 ) Vgl. Hock, Staatsrath S. 19. 



320 B e e n. 

und Kaunitz vertraten später dieselbe Ansicht. Die Geschäftsführung des 
Staatsraths wurde mit der Zeit sogar eine noch verwickeitere, da die Gut- 
achten desselben den Leitern der Centralstellen übermittelt wurden, um 
ihre Gegenbemerkungen anzubringen, die sodann wieder die Runde bei den 
Mitgliedern des Staatsrathes machten und manchmal auch wieder neue, 
abermalige Gutachten zur Folge hatten. Die Anträge der einen Central- 
stelle wurden der anderen mitgetheilt, mit deren Ressort sie in einem 
gewissen Zusammenhange standen und jede suchte für ihre Auffassung die 
gewichtigsten Gründe ins Feld zu führen. Sodann wurden auch ausser- 
ordentliche Commissionen aus Mitgliedern des Staatsrathes und der Cen- 
tralstellen mit der Berathung wichtiger Angelegenheiten betraut. Hierin 
liegt die Erklärung für die namentlich seit der Mitte der Sechziger-Jahre 
sich verzögernde Entschlussfassung der Monarchin, der die Energie und 
Entschlussfreudigkeit früherer Jahre abhanden gekommen war; hierin auch 
der sich immer mehr vertiefende Gegensatz zwischen ihr und ihrem Sohne 
und Mitregenten, dessen rasche Auffassungsgabe sich mit den Zögerungen 
der Mutter nicht befreunden konnte und dessen Unmuth aufloderte, wenn 
seine Rathschläge nicht schnell genug Gehör fanden. Josef hat in einer 
Denkschrift ausführlich die staatsräthliche Organisation besprochen, welche 
die Kaiserin an Kaunitz überwies, der seine Schöpfung vertheidigte 1 ). 
Josef schlug einen Rath mit den Präsidenten sämmtlicher Centralstellen 
vor, dessen Sitzungen unter dem Vorsitze der Monarchen stattfinden sollten. 
Erst nach zwei Jahren fanden umfassende Berathungen statt. Die »Capi« 
der Centralstellen sowie Fürst Starhemberg wurden aufgefordert, Gutachten 
über eine entsprechendere Gestaltung der Verwaltungsgeschäfte abzugeben. 
Auf die Behandlung der staatsräthlichen Agenden hatten dieselben geringen 
Einfiuss: nur war der Beschluss von Wichtigkeit, dass die „wichtigsten 
Geschäfte« künftig unter dem Vorsitze der Majestäten berathen werden 
sollen, allein der Staatsrath wurde fortwährend mit vielen unbedeutenden 
Angelegenheiten behelligt 2 ). Ein neues Statut wurde am 12. Mai 1774 
erlassen. 

III. (Zu S. 262.) 

Am 22. Nov. 1771 wurde an die Länderstellen eine Weisung er- 
lassen, die einen Einblick gewährt, wie Hatzfeld die Geschäfte behandelt 
wissen wollte. 

Ihro Kaiser-Königl : Apostol: Majt: haben dero Dienstes zu seyn be- 
funden, zu mehrerer Beschleunigung der Geschäften Dero politische und 
Finanzstellen unter eine Direction zusammen zu ziehen, und zu vereinbaren, 
und anmit, theils durch Vorschrift einer kürzeren, und bündigeren Mani- 
pulation, theils durch Entledigung der Hof- und Länder-Stellen von denen 
bisherigen allzuhäufigen Berichts- und Vortrags-Erstattungen denen all- 
seitigen Agendis einen geschwinderen Trieb zu verschaffen. 

Gleichwie nun zu dieser Vereinigung durch die Ernennung Dero Hof- 



') Die Denkschrift Josefs bei Arneth : Maria Theresia und Josef IL Band III. 
jene von Kaunitz vom 18. Febr. 1766 im Archiv für österreichische Geschichte 
Band 58 S. 98. 

2 ) Josef an Leopold, 29. Oct, 1772 bei Arneth I S. 383. 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749 — 1816. 321 

kammer- und Ministerial - Banco-Deputations Präsidentens zum Obersten 
Kanzler, und Kommerzien Präsidenten mit Beylassung ersterer bishero 
begleiteten Präsidien der erste Schrit bereits geschehen; Also ist auch 
weiters zu vollständiger Erreichung dieser Allerhöchsten Absicht aller- 
gnädigst resolviret, und anbefohlen worden, dass von nun an, ohne jedoch 
eine Publication in die Länder zu verlassen, alle Agenda, welche bishero 
von der Hof-Kanzley, der Hofkammer, dem Kommerzien - Eath, und der 
Ministerial-B co -Deputation separatim besorget worden, hinfüro unter einem 
in der Person Dero Obersten Kanzlers Hofkammer, Ministerial B co Depu- 
tation und Kommerzien-Präsidentens, als dirigirenden Ministers vereinigten 
Praesidio in zwey haupt-Departements abgetheilet, und in das Erste alle 
diejenige Gegenstände, welche mit der Kanzley, und der Kammer einen 
Zusammenhang haben, gleichwie jene, welche zwischen dem Kommerzien- 
Rath, und dem Mautwesen in Verbindung stehen, nebst dem bishero ca- 
meraliter besorgten Hungarischen, Siebenbürgischen, Banatischen, Tyro- 
lischen, und V: O eu Maut- und Salzweesen, in das zweite Departement zu- 
sammengefasset, und somit einer Seits die Hofkanzley mit der Hofkammer, 
wie dagegen der Kommerzien-Rath mit der Ministerial-Banco-Deputation 
in ein Departements, und zwar deren jedes unter einem bey solchen be- 
sonders den Vorsitz führenden nachgeordneten Capo vereiniget, dabey jedoch 
nach ausdrücklicher Massgebung der Allerhöchsten Resolution der der- 
malige modus expediendi gänzlich beybehalten, und solchergestalten die 
publica politica & contributionalia in Namen der Kanzley, die Cameralia in 
Namen der Kammer, die Bancalia in Namen der Banco-Deputation, und 
die Commercialia in Namen des Kommerzien - Raths fernershin ausgefer- 
tiget werden sollen; Gleichwie dann auch die Berichte aus denen Ländern, 
und die Anbringen der Partheyen ihren bisherigen Zug an die betrefende 
Hofstellen nach Verschiedenheit der für deren jede ausgemessene Agen- 
dorum, zu behalten haben. 

Es wird zu schleunigerer, und bündigerer Besorgnuss der verschie- 
denen agendorum hinführo alle vorkommende Geschäfte nach ihrer Eigen- 
schaft auf viererley Art abzuthun seyn, als die einen durch das Current- 
Protocoll, die zweyten durch das Consilium, bey welchen der Vorgesetzte 
Minister gegenwärtig zu seyn nicht verbunden ist, die dritten, bey wel- 
chen die Gegenwart des Minister erfordert wird , und endlich die vierten, 
welche in pleno, mithin in Gegenwart aller nachgeordneten Capi, und ver- 
schiedenen Räthen von beyden Departements vorzunehmen seyn werden. 

In das Current-Protocoll der Hof-Kanzley so, wie in jenes der Hof- 
kammer gehören die in denen Beylagen sub B : et C : specificirte mindere 
blos durchlaufende Geschäfte, oder sogenannte currentia, als z: B:, welche 
die weitere Vernehmung der Länder- oder anderen Hofstellen erforderen, 
oder blosse Anzeigen ad Statum notitiae, Befolgung des angeordneten, oder 
lediglich restitutionem communicati enthalten, oder sonst durch die aller- 
höchste Resolutiones, oder vorhergegangene Conclusa Consilii, oder auch 
nach ihrem ordentlichen Lauf schon ihre ausgewiesene Bestimmung haben, 
oder auch als ein ordinarium anzusehen sind. 

Was die Art des Current-Protocolls zu führen anlanget, ist ferner 
auf dem nemlichen Fuss fortzufahren, wie es anjetzo beobachtet wird. Die 
Mittheilungen XV. 21 



322- 



Beer. 



zweyte Art, die Geschäfte zu erledigen, hat im Rath zu geschehen, bey 
welchem der dirigirende Minister beständig beyzusitzen nicht verbunden ist. 

In diesem wird alles zu erledigen seyn, was die Executionen der 
schon bestehenden, oder noch weiters fest zu sezenden Anordnungen be- 
tritt, keinen allerhöchsten Ort zu erstattenden Antrag bedarf, und wie 
gleich folget, nicht besonders für die Gegenwart des dirigirenden Mini- 
sters vorbehalten ist. 

Dahingegen wird in Gegenwart des dirigirenden Ministers vorzu- 
nehmen seyn. 

l m0 : All dasjenige, was durch einen Vortrag an lhro Majestätt zu 
gelangen hat. 

2 io : alle allerhöchste Resolutionen. 

;i tin : alle Regulativa, welche entweder dem Publico, oder denen Be- 
amten zur Richtschnur zu dienen haben. 

Als da sind Abänderungen in der Manipulations-Art, oder in denen 
politischen, Cameral- oder Commercial-Einrichtungen , Vermehrung oder 
Verminderung der Giebigkeiten, Commercial-Verbothe, und deren Auf- 
hebung. 

4 t0 : All dasjenige, was seiner Wichtigheit halber die Gegenwart des 
dirigirenden Ministers erfordert, als Errichtung beträchtlicher Gebäude, 
Verpachtung der ganze Länder betreuenden Gefällen, die Errichtung neuer 
Strassen, Veräusserung, oder Ankauf beträchtlicher Realitäten, und der- 
gleichen. 

5 to : Strittigkeiten mit anderen Hofstellen. 

6 to : jene Handlungen, welche fremde der hiesigen Bothmässigkeit 
nicht unterworfene Staaten betreffen. 

Ad plenum aber gehören lediglich jene Geschäfte, welche die gemein- 
schaftliche Ueberlegung beyder Haupt - Departements, oder eines derselben 
mit dem Münz- und Bergweesen Departement erfordern, als die Verrufung, 
Erhöhung, oder Abwürdigung der Münzen, die Lossprechung der Berg- 
arbeiter von allgemeinen Anlagen, die Auflegung der Kopfsteuer auf die 
7bürgisch: Salz- Arbeitern, und Schifknechte und dergleichen. 

Zu Erledigung aller dieser Geschäften werden bey dem einen, wie 
bey dem anderen Haupt-Departement alle Wochen, um denen Referenten 
mehrere Zeit zur Arbeit übrig lassen, nur zwey Raths-Sessiones, nemlich 
Montag, und Donnerstag, und zwar in der Behausung des dirigirenden 
Ministers, damit derselbe sich von einer Session in die andere, zu Be- 
handlung der wichtigen Materien begeben möge, zu halten, welche Don- 
nerstag nicht zur Erledigung haben gebracht werden können, folgenden 
Freitag volkommen zu beendigen seyn. 

IV. (Zu S. 280.) 

Die kais. Entschliessung auf den den Vortrag Chotek's, worin der 
Antrag auf Schaffung einer Wirthschaftsdeputation gestellt wurde, lautet: 
Der von ihme sehr wohl überdachte Vorschlag, wie die Besorgung der 
Staats-Wirthschaft mit dem Commerciali zu vereinbaren, ist Meiner Ge- 
sinnung vollkommen gemäss und verdient, dass ich ihme Meine besondere 
Zufriedenheit hiemit zu erkennen gebe. Nach dieser entworfeneu Grund- 



Die finanzverwaltung Oesterreichs 1749—1816. 323 

läge wird nunmehr auch das nähere Detail, wie dieses Departement von 
nun an in die wirkliche Activität zu setzen und seine Operationen anzu- 
fangen hat, demnächstens zu fassen und zu Meiner weiteren Begnehmi- 
gung zu überreichen seyn, wobey denn insonderheit auch die nachstehende 
Punkten zur Nachahmung zu nehmen; 

I mo dass nebst andern vorzüglich die Protocolla der Agricultur-Ge- 
sellschaften in denen Ländern, dann alle Normalien in Maut -Sachen oder 
wo es dabey auf eine Abänderung in der Manipulation ankommt, bey 
dieser Deputation voi'genommen, 

Il do dass die Räthe, welche von Seiten anderer Stellen den Zusammen- 
tretungen beywohnen, hierwegen mit der gehörigen Instruction versehen 
und keine Entschuldigung, als wären sie zur Abgebung ihrer Stimme nicht 
begwaltet, angenohmen, 

III tl0 dass zu denen Sessionen der Deputation der Donnerstag jeder 
Woche Vormittag von 10 Uhren bestimmt und solches der dabey zu in- 
tei-veniren habenden Stellen behörig angedeutet, 

IV to dass, wenn gleichwohl eine Stelle gegen das abgegebene Votum 
ihres Raths oder sonsten gegen den ihr mitgetheilten Schluss der Depu- 
tation noch einige erhebliche Erinnerungen anzubringen hätte, solche läng- 
stens binnen drey Tagen der Deputation und von dieser Mir zu Meiner 
Entscheidung eröffnet werden sollen, um den Vollzug des beschlossenen 
allenfalls nicht länger auszusetzen, 

V to dass die Expeditionen bey den betreffenden Stellen dem ausge- 
fallenen Schluss gemäss ausgeführt und die Abschrift jedesmal der Depu- 
tation zur Einsicht abgegeben, endlich 

VI to dass anfänglich von diesem Departement die Protocolla von 8 
zu 8 Tagen zu Meinen Händen vorgeleget und sodann mit Ende des Jahres 
über die geführte Gestion der ganze Ausweis Meiner Einsicht unterzogen 
werden solle , allermassen ich die Verdienste derjenigen, die sich auf eine 
ausnehmende Art bey diesem Departement vor andern verwenden, auch 
besonders zu belohnen bedacht seyn werde. 

Die Ausarbeitung, was den kreisämtlichen Instructionen wegen der 
Aufsicht auf die Landescultur und das Commercienwesen beyzufügen wäre, 
wird von der neu bestellten Deputation am ersten vorzunehmen seyn. 

An den Grafen Hatzfeld erliess die Kaiserin am 7. Januar 1769 fol- 
gendes Handschreiben : 

Ich habe unter dem Praesidio Meines böhmisch-österreichischen ob- 
risten Kanzlers und Commerz-Präsidenten Grafen Rudolph Chotek ein be- 
sonderes Departement mit der Benennung einer Deputation in Staats- 
Wirthschalts-Sachen zu bestellen befunden, wo unter der Vereinigung mit 
dem Commerciali alle das Commerzien- Wesen und überhaupt die Verbes- 
serung der innerlichen Staats-Wirthschaft betreffenden Anliegenheiten re- 
spectu Meiner gesammten teutschen und hungarischen Erblande wenigst 
quoad normalia et generalia vorgenommen und in dem behörigen Zusam- 
menhang verhandelt werden sollten. Gleichwie nun hiebei nach Mass, als 
es um ein so andere Vorkehrungen in den verschiedenen Ländern und 
Administrations-Zweigen zu thun ist, die betreffende allseitige Stellen unum- 
gänglich zu interveniren haben; als geht auch Meine Willensmeinung da- 
hin, dass bey den wöchentlich am Donnerstag Vormittags abhaltenden 

21* 



324 See r. 

Sessionen der ersagten Deputation, so oft es erforderlich und von dem 
Praeside der Deputation solches verlanget werden wird, ein TJath von 
diesen betreffenden Stellen, benanntlich von dem Hofkriegsrath der hun- 
gari sehen und siebenbürgischen Kanzley, dem Banco, der Kammer, dann 
der Rechen-Kammer erscheinen, in den ihm zukommenden Materien den 
Vortrag machen, und sodann auch nach den in den betreffenden Punkten 
ihm mittheilenden Protocolls-Extracten die Expedition bey seiner Stelle 
zu veranlassen haben soll. 

Die nähere Eintheilung wird ihm von Seiten des Chotek ohnehin noch 
bekannt gemacht werden, indessen will ihm hievon vorläufig zu dem Ende 
die Nachricht geben, um nach der bey der Kammer und dem Banco der- 
malen bestehenden Eintheilung dahin die Veranlassung zu treffen, damit 
jedesmal die Praesides der Commission selbst, somit die vorkommenden 
Materien und ihr Departement einschlagen, nach Thunlichkeit den Zu- 
sammentretungen der Deputation beywohnen, oder allenfalls, soweit solches 
nicht thunlich fallen sollte, einen Rath und zwar allezeit von einem jeden 
Departement den nämlichen dazu benennen und abschicken sollen. 

Wobei dann noch zum Verhalt zu nehmen ist: 

I mo dass allenthalben diese Käthe behörig instruirt zu erscheinen 
haben, allermassen keine Entschuldigung, als wären sie zu Abgebung ihrer 
Stimme nicht begwaltet, angenommen werden würde. 

II do dass, wenn gleichwohlen eine Stelle gegen das abgegebene Vo- 
tum ihres Kaths, oder sonst gegen den ihr mitgetheilten Schluss der De- 
putation noch einige erhebliche Erinnerungen anzubringen hätte, solche 
längstens binnen drey Tagen der Deputation und von dieser Mir zur 
Kenntnis gebracht werden sollen. 

Die Concurrenz der Kammer bey denen Sitzungen der Kreisämter will 
nach seinem Einrathen hiemit aufgeben, dagegen wird die in denen Böh- 
mischen Landen eingeführte Beobachtung der Creis-Amts-Eenovationen, da 
hierdurch die Creishauptleute umsomehr aufmerksamer in ihrer Dienst- 
Obliegenheit erhalten werden, auch ferners nicht ausser Acht zu setzen, 
sondern von drey zu drey Jahren diese nämliche Renovation, doch ohne 
einige weitere Taxentrichtung vorzunehmen und bey dieser Gelegenheit 
über das Verhalten eines Jeden der Creis-Hauptleute die gewisse Infor- 
mation von den Länderstellen einzusenden seien, mit Bemerkung derjeni- 
gen, bey denen allenfalls die Stellen zu Amotion eine gegründete Ursache 
voll obhanden zu 'seyn finden. Die Kanzley hat anbey noch in Ueber- 
legung zu nehmen, und Mir ihre Gutmeinung zu eröffnen, wie eine gleich- 
förmige Beobachtung auch in den österreichischen Landen, soweit sie allda 
noch nicht bestehet, künftig einzuführen wäre. 

Gegen das Handschreiben vom 7. Januar 1769, worin die Bildung 
der Wirthsebaftsdeputation mitgetheilt wurde, erhob Graf Hatzfeld einige 
Bedenken mit dem Hinweise auf das unter dem 24. December 1768 sta- 
tuirte Normale, wonach die nunmehr in besondere Commissionen einge- 
theilten Cameral- und Bancal-Deputationen dreimal in der Woche, nämlich 
am Dienstag, Donnerstag und Samstag jede insbesondere zusammentreten 
und ihre Agenda behandeln müssen, es daher gänzlich unthunlich sei, dass 
ein Commissions-Director oder Rath den am Donnerstag haltenden Staats- 
Wirth3chafts-Deputations-Sessionen beiwohne; da jeglicher Commissions- 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749—1816. 325 

Director oder Rath nur von jenen Geschäften die wahre Kenntniss und 
Unterricht hat, welche in seiner Commission behandelt werden, so sei er 
ausser Stand, das Referat bei der Wirthschafts-Deputation im Namen des 
Banco oder der Kammer überhaupt zu führen. Es gebe dermalen noch 
einige Räthe, welche von den meisten Gefällen eine Kenntniss haben, weil 
vordem die Geschäfte bei der Kammer sowohl als bei dem Banco in einer 
Session behandelt worden, und die Referenten nach den Ländern bestellt 
waren, daher ein jeder Referent mehrere Gefälle zugleich zu respiciren 
hatte; für das künftige könnte er jedoch nicht Bürge sein, da nach der 
dermaligen Eintheilung jeder Referent nur Ein Gefälle zu besorgen hätte, 
folglich von den übrigen eine Kenntniss nicht erlange. Um dem Allerh. 
Befehl nachzukommen, wäre nur das einzige Mittel, wenn mit der der- 
maligen Verfassung des Finanzwesens zu vereinbaren wäre, dass bei jeder 
Commission und zugleich bei den Departements in Montanisticis und Ban- 
naticis ein Referent bestellt, zugleich aber auch gestattet würde, dass an- 
statt der allwöchentlich dreimal am Dienstag, Donnerstag und Samstag zu 
haltenden Sessionen nur zweimal am Mittwoch und Samstag zusammen- 
getreten würde. 

Diekais. Entschliessung auf diesen Vortrag vom 10. Januar 1769 lautet: 
Meine Willensmeinung in dem an ihn erlassenen Billet ist dahin 
gegangen, dass, so oft bey der Staats- Wirthschafts-Deputation eine Materie 
vorkommen würde, die mit der Besorgniss der ihm unterstehenden ver- 
schiedenen Departements einen Zusammenhang hat, er auf die hievon durch 
den Grafen Chotek erhaltene Anzeige den Praesidem oder einen Rath eines 
jeden derjenigen Departements, in deren Agenda das objectum delibera- 
tionis einschlagt, zu der Deputations-Session abzuschicken habe. Da nun 
dieser Fall ein jedes Departement nicht allwöchentlich und die sämmt- 
liche Departements sehr selten an einem Tage betreffen werde, so ist nicht 
abzusehen, wie sich die nur zuweilen ereignen könnende Abwesenheit eines 
oder andern Praesidis oder Raths die Abhaltung des Pleni bey der Kammer 
oder der besonderen Sessionen bey denen ihr unterstehenden Deputationen 
so leicht verhindern können. Sollte jedoch er Kammer-Präsident, für gut 
erachten, dass statt der wöchentlich drei Commissions-Sessionen nur zwey 
oder statt der zwey Zusammentretungen in Pleno nur eine gehalten würde, 
so wäre allerdings geneigt, diesen Antrag zu begnehmigen, da es ohnehin 
erwünschlich wäre, dass die Praesides und Räthe der verschiedenen Depu- 
tationen zu so viel Rathssitzungen nicht über die Notwendigkeit ange- 
halten würden, und ihnen mehrere Zeit zur Vorbereit- und Ausarbeitung 
derjenigen Geschäfte, die bey den Sessionen behandelt werden, überlassen 
werden möge. 

Da am 19. Januar 1769 heisst es in einem Vortrage von Hatzfeld 
vom 13. Januar 1769 die erste Zusammentretung der neuen Staats- 
Wirthschafts-Deputation stattfinden wird, in welche viele Gegenstände der 
Hofkammer und Ministerial-Banco-Deputation einschlagen, so erbittet sich 
Graf Hatzfeld von der Kaiserin die Erlaubnis, jener selbst mit Beiziehung 
des Hofraths Baron v. Neffzer beiwohnen zu dürfen. 

Darauf antwortet die Kaiserin in einer eigenhändigen Marginalnote : 
»Dises stehet ihme alzeit frey zu selben zukommen oder nicht und 
werde alzeit vill ruhiger meine resolutionen geben wo er dabey ist.* 



326 Beer. 



V. (Zu S. 30 J.) 

Die Aufgabe der obersten Finanzverwaltung soll darin bestehen, dass 
sie die Staatsbedürfnisse ausmittelt, und ihre Sicherstellung bewirkt, in- 
dem sie verhältnismässige Beiträge von den Mitgliedern der bürgerlichen 
Gesellschaft in Anspruch nimmt, und sowohl für ihre Aufbringung, als 
für die gehörige Verwendung zu den abgesehenen Zwecken Sorge trägt. 

Diese verschiedenen Verrichtungen stehen in dem engsten und un- 
mittelbarsten Zusammenhange. Sie lassen sich weder von einander trennen, 
noch zwischen zwey oder mehreren Behörden theilen, ohne dass zugleich 
das erste Princip einer zweckmässigen Finanzverwaltung, welches aus der 
genauesten Uebereinstimmung der Bedürfnisse mit den Bedeckungsmitteln, 
auf der vollständigsten Einheit und Gleichförmigkeit in den Disposizionen, 
und auf einer klaren und leichten Uibersicht beruhet, verlegt würde. 
Sollte die Finanzverwaltung blos die öffentlichen Bedürfnisse mit den von 
einer andern Behörde gewählten und aufgebotenen Mitteln der Bedeckung 
vergleichen und zusammenstellen, so würde sie zu einem buchhalterischen 
Departemente herabgewürdiget. Hätte sie dagegen nur über die vorhan- 
dene Baarschaft nach dem ihr mitgetheilten Bedarfe zu disponiren, ohne 
auf die Sammlung der erforderlichen Baarschaft selbst Einfluss zu nehmen, 
so würden sich ihre Funkzionen auf eine blosse Kassemanipulation be- 
schränken, zu der es wohl keines eigenen Verwaltungszweiges bedarf. 
Wenn sie endlich das Geschäft der Aufbringung oder Verwendung der 
Bedeckungsmittel mit einer zweiten Bekörde theilen sollte: so würde keine 
von beiden mehr die Verantwortlichkeit für die Sicherstellung der Staats- 
bedürfnisse auf sich nehmen können; es würden Reibungen und Lähmun- 
gen unvermeidlich seyn, weil es unmöglich ist, beiden einen nach festen 
Grundsätzen streng geschiedenen Wirkungskreis zuzuweisen; es würden 
kreuzende Disposizionen und widersprechende Entscheidungen erfolgen, 
weil nicht zu erwarten ist, dass zwey Behörden in allen Fällen nach einem 
Geiste, und nach gleichen Grundsätzen vorgehen; es würde endlich alle 
Evidenz aufhören, und die in den Disposizionen über die Geldmittel des 
Staats so nothwendige Schnelligkeit und Bestimmtheit gestöret werden — . 
Ich würde eher wünschen, dass Euere Majestät der Central-Cominission 
die Leitung aller finanziellen Angelegenheiten in den neuerworbenen Pro- 
vinzen, die Sicherstellung des dort vorfallenden Staatsaufwandes mit be- 
griffen, ohne allen Vorbehalt übertragen, und es würden gewiss daraus 
geringere Nachtheile entspringen, als aus einer getheilten Leitung. Allein 
abgesehen davon, dass dann doch zwey Finanzbehörden in der Monarchie 
bestehen würden, während in einem wohlgeordneten Staate nur ein Mittel- 
punkt für die Angelegenheiten der Staatshaushaltung existiren soll, halte 
ich auch jede Vereinigung nnd Vermengung der finanziellen Verwaltung 
mit der politischen für absolut schädlich, und der Bestimmung beyder 
Verwaltungszweige zuwiderlaufend. Die politische und die finanzielle Ver- 
waltung sind ihrer Natur, und ihren Zwecken nach so wesentlich von 
einander verschieden, dass nur bey einer sorgfältigen Trennung ihrer 
Funkzionen beide Behörden auf eine Art wirksam seyn können, welche 
für den Staatsverein wohlthätig wird. Während die politische Verwaltung 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749 — 1816. 327 

die moralische und intellektuelle Veredlung der Nazion, die festere Ver- 
schlingung der Bande des bürgerlichen Vereines, die Begründung innerer 
Ruhe und Ordnung, und die Bewahrung und Vermehrung des Privat- 
wohlstandes zum Zwecke hat, hat es die Finanz Verwaltung dagegen nur 
mit den öffentlichen Bedürfnissen des Staates und mit den Mitteln ihrer 
Bedeckung zu thun. Die politische Verwaltung ist insofern berufen, die 
Kontrole der Finanzadministration zu bilden, als sie darüber zu wachen 
hat, dass durch die letztere nicht das Privatvermögen auf eine Art in 
Anspruch genommen werde, wodurch es erschöpft werden könnte. Allein 
sie soll weder in die Funkzionen der Finanzverwaltung lähmend eingreifen, 
noch selbst daran Theil nehmen. Im ersten Falle würde sie Kläger und 
Richter zugleich werden, und im letzteren nicht mehr das Amt einer un- 
befangenen Controlle ausüben können. 

Nach dieser Andeutung der Gesichtspunkte, von welchen ich ausge- 
gangen bin, erlaube ich mir, zur Entwickelung der Grundsätze zu schreiten, 
nach welchen die Bezeichnung der Grenzlinien für die Wirksamkeit der 
Organisirungs-Commission und der Finanzhofstelle zu geschehen hätte. 

Da die Finanzverwaltung für die Sicherstellung der gesammten Staats- 
bedürfnisse durchaus auf allen Punkten, nach welchen ihre Bedeckung 
nothwendig wird, zu sorgen hat, so wird es unerlässlich, dass auch alle 
Ei'trägnisszweige und Einnahmsquellen in den mit der Monarchie ver- 
einigten Provinzen unter ihren unmittelbaren Einfluss gesetzt werden. 
Euere Majestset dürften daher festsetzen, dass an den daselbst bestehenden 
Erträgnissen, sie mögen aus was immer für einer Quelle entspringen, ohne 
Zuratheziehung und Beistimmung der Finanzhofstelle keine Aenderung er- 
folge, und dass den Finanzen für den daraas fliessenden Entgang in jedem 
Falle in anderen Wegen der Ersatz verschafft werde. Es könnte der 
Central-Commission dabey unbenommen bleiben, wenn sie einzelne Ein- 
nahmszweige für die Kontribuenten drückend oder für den Nazionalwohl- 
stand nachtheilig findet, nach vorläufiger Rücksprache mit der Finanz- 
verwaltung auf ihre Umstaltung oder auf die Milderung harter Bestimmungen 
anzutragen. 

Es ist jedoch nicht genug, dass die Zuflüsse zur Bestreitung des 
öffentlichen Aufwandes im Verhältnisse zu den Staatsbedürfnissen sistemi- 
sirt seyen, sondern es ist eben so nothwendig, dass auch für die Auf- 
bringung und Einhebung dieser Zuflüsse gehörig gesorgt werde. Da keine 
Behörde ein näheres Interesse haben kann, dass die sistemisirten Beiträge 
richtig eingehen, und da ihr nur bey dem richtigen Einfliessen dieser 
Beiträge, für die Sicherstellung des Staatsbedarfes die Haftung auferlegt 
werden kann: so muss ich ehrerbietigst darauf antragen, dass ihr auch 
die eigentliche Verwaltung aller Erträgnisse, die Sorge für ihre Einhebung 
und Evidenzhaltung ausschliessend übertragen werde. Die Landesbehörden 
hätten sich daher künftig hierin blos nach ihren Weisungen zu benehmen, 
und alle periodischen Uebersichten über den Ertrag der einzelnen Ein- 
nahmszweige, sowie alle Anträge zu Nachsichten oder Befreiungen an sie 
zu leiten. Sollte die Central-Commission, zumal bey den direkten Ab- 
gaben, aus politischen Rücksichten zu Gunsten einzelner Bezirke oder 
Steuerpflichtigen auf Nachsichten einzuschreiten sich bewogen finden, so 
könnte sie dem unbeschadet, Euerer Majesta-t ihre Anträge vorlegen» 



328 B e e r - 

So wenig die Finanzverwaltung im Stande ist, die Bedürfnisse des 
Staates sicher zu stellen, wenn ihr nicht die Sistemisirung und Ver- 
waltung aller Erträgniszweige überlassen ist, ebensowenig vermag sie für 
die gehörige Bedeckung zu sorgen, wenn die in den öffentlichen Cassen 
vorhandene Baarschaft nicht ausschliessend unter ihre Disposition gesetzt 
wird. Es müssen nothwendig Kreuzungen und Verlegenheiten daraus ent- 
stehen, wenn zwey Behörden gleichzeitig über Kassemittel disponiren, und 
die Erfahrung hat gelehrt, dass sie wirklich entstanden sind. Während 
ich auf die vorhandenen Kassevorräthe in den venezianischen Provinzen 
rechnete, und der italienischen Armee- davon zum Theile ihre Bedeckung 
zudachte, erhielt ich von dem Fürsten Reuss kürzlich die Anzeige, dass 
diese Verräthe durch andere Dispositionen, die mir unbekannt blieben, 
erschöpft worden seyen. Ich sah mich auf solche Art einer Hilfe beraubt, 
welche ich mit Recht in dem Anschlag der Bedeckungsmittel einbezogen 
hatte, und das Militär, welches ich auf diese Bedeckungsquelle verwies, 
ohne meiner Schuld einer Verlegenheit preisgegeben. 

Damit aber, wenn die öffentlichen Kassen ausschliessend der Dispo- 
sizion der Finanzverwaltung vorbehalten bleiben, die öffentlichen politischen 
Anstalten nicht aus Mangel an den nöthigen Zahlungsmitteln aufliegen 
können, hätte die Central-Commission als oberste politische Behörde einen 
Voranschlag der Summen zu entwerfen, welche zur Bestreitung der Aus- 
lagen bey dem Gottesdienste, bey dem öffentlichen Unterrichtswesen, und 
zum Behufe anderer politischer Anstalten nothwendig sind. Dieser Vor- 
anschlag wäre nach vorläufiger Rücksprache mit der Finanzhofstelle Euerer 
Majestaet zur Sankzionirung vorzulegen, wonach bey den Landeskassen auf 
die nach dem Voranschlage nöthigen Summen der Kredit eröffnet, und 
die ratenweise Erfolgung derselben angeordnet werden würde. 

Um Ordnung, Evidenz und strenge Oekonomie in die Verwendung 
der Landeserträgnisse zu bringen, wird es übrigens vor allem unverschieb- 
lich die Willkühr der Landesbehörden in der Bestreitung von Ausgaben 
zu beschränken. Ich überzeuge mich aus den Kasseständen, welche zu 
meiner Einsicht gelangen, dass in einigen der neuerworbenen Provinzen 
bedeutende Summen einfliessen. Allein sie werden immer wieder eben so 
sehneil durch beträchtliche Local-Auslagen erschöpft. 

Es kann den neu gebildeten Landesbehörden leider dermal noch nicht 
das Vertrauen geschenkt werden, dass sie dabey richtigen Grundsätzen 
folgen, und mit kluger Sparsamkeit vorgehen. 

Ich sehe mich daher zu dem Antrage gezwungen, dass den Länder- 
stellen daselbst die Befugniss genommen werde, ausser sistemisirten Be- 
soldungen, Pensionen und Provisionen andere Zahlungen selbst anzuweisen, 
und dass sie verhalten werden, über alle im Verlaufe eines Monats vor- 
fallenden Zahlungen vor dem Eintritte desselben, Voranschläge an die 
Finanzstelle einzusenden, vor deren Genehmigung keine Zahlung zu er- 
folgen hätte. 

Diese Einleitungen scheinen nun um so nothwendiger, als diese Pro- 
vinzen die einzigen Quellen zur Bedeckung des sehr bedeutenden Bedarfes 
an klingender Münze sind ; diese Einleitungen sind überhaupt unerlässlich, 
wenn die Finanzverwaltung die Haftung dafür übernehmen soll, dass sich 
in der Bedeckung des öffentlichen Aufwandes in den neuen Bestandtheilen 



Die Finanz Verwaltung Oesterreich* 1749 — 1819. 329 

der Monarchie keine Lücke ergebe, und wenn man überhaupt von dem 
Wunsche ausgeht, Einheit, Evidenz und Ordnung in die Leitung der 
finanziellen Angelegenheiten daselbst zu bringen. Ich darf mich wohl 
einer näheren Erörterung darüber enthalten, wie wünschenswert]! die Er- 
reichung dieser Zwecke für die Finanzverwaltung unter allen Umständen 
seyn muss, und wie sehr sie zumal gegenwärtig zum dringenden Be- 
dürfniss wird, wo durch eine so auffallende Verschiedenheit in den Geld- 
und Münzverhältnissen zwischen diesen Provinzen und den älteren Be- 
standteilen der Monarchie eine Scheidewand gezogen ist, welche jede 
Unterstützung der ersteren aus dem Mittelpunkte der Finanzen für die 
Dauer unmöglich macht: wo nur die angestrengtesten, mit harmonischer 
Übereinstimmung und mit dem ununterbrochenen Ueberblicke aller Hilfs- 
mittel geleiteten Bemühungen hinreichen können, die ausgebreiteten Be- 
dürfnisse des Staats zu befriedigen. 

Wenn auf solche Art alles — was auf die Einnahmen und Ausgaben 
des Staates — mit Ausnahme derjenigen, welche zum Behufe politischer 
Anstalten gemacht werden — alles was auf das öffentliche Schuldwesen, 
auf die Kassegebahrung, auf das Münzwesen Bezug hat, als zur Wirksam- 
keit der Finanzverwaltung gehörig angesehen, dagegen alle nicht unter 
diesen Abtheilungen begriffenen Angelegenheiten ausser ihren Einfluss 
gesezt werden; so wird zugleich jeder Anlass zu Verwickelungen, und zu 
Eingriffen in den gegenseitigen Wirkungskreis gehoben. Es bleibt mir 
dann nur noch der Wunsch übrig, dass bei jeder Landesstelle in den 
neuen Provinzen für alle diese Gegenstände, welche das finanzielle Inter- 
esse berühren, ein Vereinigungspunkt gebildet, und dass sie einer, oder 
nach Erforderniss zwey Geschäftsabtheilungen ausschliessend zugewiesen 
werden. (Aus dem Vortrage Stadions vom 16. November 1814). 

Aeusserung des Staats- und Konferenz-Ministers Grafen von Stadion 
zu dem Konferenzprotokoll vom 3. Dezember 1814 wegen der zu be- 
stimmenden Gränzlinie der Wirksamkeit zwischen der Central- Organi- 
sirungs-Hofkommission und der geheimen Kreditshof kommisäion , dann 
wegen der Leitung der finanziellen Angelegenheiten in den neuen Provinzen 
überhaupt. Wien, den 12. Dezember 1814. 

Ich habe mir vorbehalten, meine schriftlichen Erläuterungen zu dem 
Konferenzprotokolle nachzutragen, falls die Konferenz bei meinen Anträgen 
Bedenken finden sollte, weil es mir von der grössten Wichtigkeit zu seyn 
scheint, dass dieser Gegenstand in ein vollständiges Licht gesetzt werde, 
ehe er zur höchsten Entscheidung Euerer Majestät gelangt. Ich muss 
mir vor Allem erlauben, die Definizion zu bestreiten, welche von den 
minderen Stimmen über die Funkzionen des Finanzministeriums aufgestellt 
worden ist. Nicht die blosse Nachweisung der Staatsbedürfnisse und die 
Anweisung der disponiblen Geldmittel zur Bedeckung derselben, wie hier 
angeführt wird, sondern die konzentrische Uebersicht und Oberleitung aller 
Erträgnisszweige und Bedeckungsmittel zur ununterbrochenen und voll- 
ständigen Sicherstellung des nöthigen Staatsaufwandes bilden den Inbegriff 
der Verrichtungen des Finanzministeriums. Weder die Bankodeputazion 
noch die Hofkammer im engeren Sinne, und nicht die Kreditskommission 
machen das eigentliche Centrum der Finanzverwaltung, sie sind durchaus 
blosse Abtheilungen, welche über einen mehr oder minder ausgebreiteten 



330 B e e r - 

Zweig des Finanzwesens die unmittelbare Leitung besorgen. Sie müssen 
jedoch insgesammt von den Finanzministerium den Impuls erhalten, denn 
nur von diesem können die Disposizionen im Grossen, insofern sie das 
Staatshaushaltungswesen berühren, ausgehen, sowie sie auch nur dort 
wieder in ihren letzten Eesultaten zusammentreffen. Schon hieraus ergiebt 
sich, dass eine Trennung dieser Branchen oder einzelner Bestandteile 
ihrer Wirksamkeit von den Funkzionen des Finanzministeriums nicht denk- 
bar ist, ohne dieses in der Erreichung seiner Bestimmung zu paralysiren. 
Es ist wahr, dass — wie Staatsrath Hauer anführt — in verschiedenen 
Staaten die Verwaltung einzelner Gefälle besonderen Direkzionen über- 
tragen ist. Allein weit entfernt, diese Direkzionen ausser den Einfluss 
des Finanzministeriums zu setzen, sind sie vielmehr in solchen Staaten 
unter die unmittelbare und ausschliessende Leitung desselben gesetzt. 
Diese Verfassung lässt sich daher nicht als ein Argument für den Antrag 
anwenden, nach welchem ein Theil der Staatsgefälle unter die Leitung 
einer selbstständigen, von dem Finanzministerium gänzlich getrennten Hof- 
stelle gebracht werden soll. — Es ist mir keineswegs entgangen, dass 
auch in den deutschen Provinzen die direkten Steuern von den poli- 
tischen Behörden verwaltet werden : allein abgesehen davon, dass erst 
nachgewiesen werden müsste, ob diese Einrichcung sich auch als nützlich 
bewährt, scheint mir gerade in dem als Motiv dieser Errichtung ange- 
führten Umstände der ständischen Verfassungen und des ständischen Ein- 
flusses auf die Einhebung der direkten Steuern, ein triftiger Beleg zu 
liegen, dass in den neu erworbenen Provinzen, in welchen keine Stände 
vorhanden sind, eine ähnliche Einrichtung überflüssig und unbegründet 
seyn würde. Ueberdiess werden Euere Majestät Sich gnädigst erinnern, 
dass, als man im Jahre 1811 den Grund zu einer neuen Ordnung in den 
Finanzen legen wollte, mein damahliger Vorgänger im Finanzministerium 
es nothwendig fand, auch die Einhebung der direkten Steuern unter 
seinen unmittelbaren Einfluss zu setzen, wesshalb dieser Gegenstand mit 
Uebergehung der politischen Hofstelle bei der unter seine Leitung ge- 
stellten Central-Finanzhofkommission verhandelt wurde. Unter den der- 
mahligen Verhältnissen durfte eine ähnliche Massregel kein geringeres 
Bedürfniss und nicht minder begründet seyn. Unstreitig sind aber die 
Nachtheile, welche aus einer getrennten Oberleitung der indirekten 
Abgaben oder Gefälle entspringen, noch weit auffallender und bedenk- 
licher. Sie sind grösstentheils von der Stimmenmehrheit der Konferenz 
mit solcher Sachkenntniss dargestellt worden, dass ich mich jeder näheren 
Erörterung darüber enthalten kann. Ich werde bloss bei den Anträgen 
verweilen, mit welchen die minderen Stimmen diesen Nachtheilen zu be- 
gegnen glaubten. 

Graf Lazanzky meint nämlich, das Geschäft der Organisirung der Ge- 
fälle könne füglich von der kurrenten Finanzverwaltung getrennt werden, 
und stehe mit dem politischen Eiurichtungsgeschäfte in so engem Zu- 
sammenhange, dass es gleichzeitig und bei einer und derselben Behörde 
behandelt werden soll. — Allein was ist wohl die Organisierung von 
Gefällen anderes, als die Sistemisirung der Zuflüsse, welche der Staats- 
schatz im Wege der Gefälle erhalten soll, und wer kann diese Sistemi- 
sirunsr und das Verhältniss dieser Zuflüsse zu den Bedürfnissen der 



Die Finanzverwaltung Oesterreiehs 1749 — 1816. 33 J 

Finanzen richtiger beurtheilen und angeben als das Centrutn der Finanz- 
verwaltung? Euere Majestät haben in dem beiliegenden Konferenzvorakte x ) 
aus eigenem Antriebe befohlen, dass die neuerworbenen Provinzen »nach 
ihren Kräften und im Verhältnisse zu den Lasten der deutschen Provinzen 
zu den Bedürfnissen der Monarchie beitragen sollen.« Schon aus dieser 
Erklärung, und aus der wiederholt ausgesprochenen Willensmeinung Euerer 
Majestät, dass diese Länder nach einem gleichen Massstabe wie die älteren 
Bestandteile der Monarchie belegt werden sollen, geht hervor, dass ihre 
Beiträge nur im Zusammenhange mit den Bedürfnissen des ganzen Staats 
und mit dem, was die übrigen Provinzen leisten, bemessen werden können. 
Alle diese Behelfe befinden sich aber ausschliessend im Besitze der Finanz- 
verwaltung. In Beziehung auf den zweiten Theil der Behauptung des 
Gr. Lazanzky über den Zusammenhang zwischen den politischen und finan- 
ziellen Einrichtungen muss ich übrigens auf die Bemerkung zurückkommen, 
dass beide Verwaltungen ein ganz verschiedenes Objekt für ihre Wirk- 
samkeit haben, indem die erstere die Rechte und das Wohl der Privaten 
gegenüber dem Staate beschützt, die letztere aber den Staatsschatz in seinen 
Rechten und in seinem Interesse vertritt. Es ist wahr, dass sie sich zu- 
weilen in ihren Funkzionen berühren müssen, allein eben so berühren 
sich auch die Funkzionen des auswärtigen Ministeriums und jene des 
Kriegsdepartements, ferner das letztere und die politische Verwaltung. 
Der Vereinigungspunkt für die verschiedenen Funkzionen der Staatsgewalt 
kann sich aber in jedem Staate nur in der Person des Souveräns, oder 
in der als sein Organ konstituirten obersten Centralbehörde finden. Wenn 
ferner Or. Wallis und Gr. Lazanzky glauben, der gestörte Verband zwischen 
dem Finanzministerium und der von ihm losgerissenen Gefällsleitung werde 
durch die Gefällsreferenten, welche auch bei der Centralkommission diese 
Angelegenheiten leiten, wieder hergestellt, und könne durch die Zuweisung 
des Vizepräs. Gr. Herberstein zur Organisirungskommission noch mehr be- 
festiget werden: so scheint mir in dieser Ansicht ein grosser Irrthum 
zu liegen. So sehr ich es für nothwendig halte, das Geschäft der höheren 
Finanzleitung nicht mit der Leitung der Gefälle und mit der ausführen- 
den Finanz Verwaltung zu vermengen, und nur das erstere den unmittel- 
baren Einwirkungen des Finanzministeriums vorzubehalten, so muss doch 
nach meiner innigsten Ueberzeugung zwischen beiden stäts ein ununter- 
brochener Zusammenhang und das Verhältniss von Unterordnung bestehen. 
So wie die Gesichtspunkte für die Benützung der Erträgnisszweige des 
Staats und für die Aufbringung seiner Bedürfnisse nur unmittelbar von 
dem Finanzministerium ausgehen können, so kann auch weder der einzelne 
Referent, noch ein Vizepräsident oder Stellvertreter des Hofkammer- 
prräsidiums, insofern er als Mitglied einer dem Minister fremden Hofstelle 
abstimmt, als das Organ des Finanzministeriums angesehen werden. Könnte 
ich auch zugeben, dass dieser Abgang durch häufigen Schriftenwechsel 
zwischen der Finanzverwaltung und der Behörde, welche einen Theil ihrer 
Funkzionen an sich gezogen hat, ersetzt werden könne, so würde es doch 
in die Augen springen, dass ein schlapper Geschäftsgang und schädliche 
Stockungen in dem Einrichtungsgeschäfte selbst die unvermeidliche Folge 

') Kaiserl. Erschliessung vom 31. Juli 1814. 



332 B e e r - 

davon seyn würden. Ich habe mich, seitdem Euere Majestät mich* zur 
Oberleitung der Finanzen zu berufen die Gnade hatten, bereits damit be- 
schäftiget, eine feste Grenzlinie zwischen den Geschäften, auf welche das 
Finanzministerium unmittelbaren Einfiuss zu nehmen hätte, und zwischen 
denjenigen, die zwar ohne unmittelbares Einschreiten des Finanzministeriums 
jedoch nach seinem Impulse und in stätem Zusammenhange mit seinen 
Operazionen zu behandeln wären, zu entwerfen. Ich würde Euerer Majestät 
meine Ansichten hierüber bereits unterzogen haben, wenn nicht meine 
eingetretene Krankheit mich daran verhindert hätte. Euere Majestät 
werden Sich aus denselben überzeugen, dass *ich das Finanzministerium 
von allen jenen Gegenständen zu entledigen wünsche, welche meine Auf- 
merksamkeit von dem höheren Interesse der Finanzen ablenken und die- 
selbe hindern die wichtigsten Resultate finanzieller Erscheinungen ununter- 
brochen im Auge zu behalten. Diess darf mich jedoch nicht abhalten, 
alle jene Angelegenheiten für die Finanzverwaltung zu vindiciren, ohne 
welchen eine konzentrische Leitung, Einheit in den Operationen und Er- 
zielung von Evidenz nicht denkbar ist. Die Nachtheile, welche daraus 
entspringen, wenn zwei verschiedene Behörden über eine und dieselbe 
Kasse disponiren, haben sich bereits durch die Erfahrung so sehr bewährt, 
dass ich mich jedes Beweises darüber enthoben glaube. — Je grösser die 
Bedürfnisse des Staats sind, je schwerer die Aufgabe der Finanzverwaltung, 
und je dringender es ist, zu einem Zustande fester Ordnung in dem 
Finanzwesen zurückzukehren, um so nachdrücklicher muss ich Euere 
Majestät auch bitten, der Behörde, welcher die Lösung dieser Aufgabe 
obliegt, und welche Euere Majestät dafür verantwortlich machen, kein 
Hilfsmittel zu versagen, auf welches sie einen so hohen Werth legt, und 
welches ihr nach dem Ausspruche der, aus Männern von langjähriger Er- 
fahrung im Fache der Finanzen bestehenden Stimmenmehrheit der Kon- 
ferenz unentbehrlich ist. Ich muss daher bei dem dringenden Wunsche, 
dass Euere Majestät meine Anträge ohne Vorbehalt gnädigst zu genehmigen 
geruhen, ehrfurchtsvoll beharren. Ich erlaube mir nur noch beizufügen, 
dass sowie bereits Gr. Herberstein selbst erklärt hat, dass er das ihm 
nach dem Antrage des Gr. Wallis zugedachte Vizepräsidium bei der 
Organisirungskommission ohne Abbruch der ihm gegenwärtig obliegenden 
Geschäfte nichts übernehmen konnte, ich gleichfalls überzeugt bin, dass, 
da er dermal nach der höchsten Intention Euerer Majestät die Leitung 
der verschiedenen Sekzionen der Finanzhof stelle, den Vorsitz bei den Be- 
rathungen und die Geschäfte der Eevision besorgt, eine dem Dienst höchst 
nachtheilige Stockung in dem Geschäftsgange bei dieser Stelle unvermeidlich 
seyn würde, wenn er seine Zeit künftig zwischen diesen Geschäften und 
jenen der Organisirungskommission theilen sollte. 

Aus der amtlichen Correspondenz. 

I. 

Wien, 31. October 1745. 
Lieber Graf Dietrichstein! 

Es ist Euch ohnedeme bewusst, dass Ich zu desto genauerer und 
besserer Besorgung deren Berg- Werks und dess Münz- Wesens aller Meiner 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749—1816. 333 

Erb-Landen unter dem Praesidio und der Direction des Grafen von 
Königsegg-Erps eine Hof-Commission als ein Eigenes und Independentes 
Collegium resolviret habe. Aus beyliegender Abschrift meines gnädigsten 
Hand-billets an ob-gedachten Grafen werdet Ihr das mehreren ersehen, 
inwieweit eines Theillss dieses Collegium alss ein pars camerae zu con- 
sideriren und auf was Weys und Art selbiges andern Theillss eine eigene 
und independente operirende Hof-Commission seye. Auch von Münz-Wesen 
nichts und kein Land, von denen Berg- Werken aber keine andern, als die 
böhmischen allein, excipiret und demnach die banatisch-, mährisch- und 
schlesische so wohl alss alle andere ohne Ausnahme deren Eisen-Berg- 
Werke zu dieser Commissien gehörig seyen, und nachdeme Mein Dienst 
erfordert, dass selbige ungesäumt in Activität komme, so sollet Ihr ohne 
Zeitverlust alle nöthige Befehle expediren lassen und selbe nach Erfor- 
dernuss unter Meiner Unterschrift oder Hof-kammer-Räthl. Fertigung be- 
förderen, dessenhalben denen Land-Kammern, Administrationen, Kassen, 
Buchhaltereien, Kanzleyen, Ober- und anderen Beamten das Nöthige zu 
intimiren und alle und jede Berg- Werks und Münz- Beamte an ihme, Grafen 
v. Königsegg-Erps und die unter seinem Praesidio errichteten Hof-Com- 
mission anzuweisen. 

Uebrigens erwarte Ich von Eurem und gesammter Hof-Kammer Dienst- 
Eifer dass Eueres Orts dieser neuen Hof-Commission all-möglicher Beystand 
und Vorschub werde gegeben, ihr keine Informationes entsaget, weder 
Schwürigkeit gemachet, und in denen Fällen, wo Concertirungen und ge- 
meinschaftliche Referata erforderlich, mit der zu Meinem Dienst nöthigen 
gutten, Einverständnuss werde zu Werke gegangen, in der Hof-Kammer 
Kanzley aber die von dieser Commission dahin kommende von dem Grafen 
v. Königsegg-Erps und dem Secretario unterschriebene Concepten ohne 
Verspättung und schieinigst geschriben und expediret werden, damit sie 
bey Zeitten so wohl (wan es erforderlich) zu Meiner alss stätts zur Com- 
missions-Unterschrift und zu der Post befördert werden. Und wegen der 
starken Correspondenz welche ihme dies zuziehet, werdet Ihr auch die 
Befehle an das Post-Amt besorgen, damit er Graf Königsegg von dem 
Brief-Porto frey gehalten werde. 

Verbleibe Euch mit k. und k. Gnaden wohl beygethan 

Maria Theresia. 

Eigenhändig hinzugefügt : 

Wie stehet es mit dem haubtbuch vicedomb und rechnung einrichtung 
dis alles wird indessen wohl ausgemachet seyn. 

IL 
Lieber Graf Kinsky! 
Nachdeme die Erfahrung bishero gezeiget, wie nöthig es sey, dass zu 
Einführ- und Fest-Stellung eines Universal-Commercii in Meinen gesammten 
Erblanden eine stäte unerlässliche und fördersahme Obsorg sowohl in 
deliberando als expediendo getragen seye, folglich zu solchen End ein 
ganz besonderes von Mir unmittelbahr dependirendes Directorium stabi- 
liret werde, welches gleichwie bishero die das Commercium respicirende 
Materien sparsim bey allen Hof- und Land -Mitteln sehr different trac- 
tiret worden und dahero niemahlen der rechte Endzweck ein Universal- 



334 ßee v. 

Commercium einzuführen erreichet noch ein dahin abzielendes einförmiges 
Systema gefasset werden möge, fürohin universaliter alle in diese Sphaeram 
einlaufende Materien conjunctim und allein tractiren solle, als habe Ich 
diessfall in Euch Mein Vertrauen gnädigst gesezet und bin dahero ge- 
wollet, dass unter Euerem Praesidio das Universal-Commercial-Directorium 
constituiret und darzu die Assessores aus Meinen Hof-Stellen und zwar 
von der hungarischen Kanzley der Fekete, von der böhmischen der Kanne- 
giesser, von der österreichischen der Doblhoffen und von der unter Euerem 
Praesidio ohnehin stehenden Ministerial-Banco-Deputation der Schwandner 
zugezogen, Euch aber dabey frey stehen solle, allen insgesammt oder auch 
nur einen oder den andern zu dieser oder jener Session pro re nata an- 
sagen zu lassen. 

Die vorhin in den Ländern angestellten Commercien-Collegia und 
Commissiones werden dadurch nicht aufgehoben, sondern vielmehr in ihrer 
Activität bestätiget und behalten vor wie nach ihre Relation und Dependenz 
zu denen Hof-Kanzleyen; alle von diesen Commercien-Collegiis oder auch 
sonsten von anderwärts her bey denen Hof-Stellen in re commerciali ein- 
laufende Relaliones Bericht und Anbringen aber sollen sodann wegen des 
Zusammenhangs gesammter Länder und einzuführen intendirenden Uni- 
versal-Coinmercien von denen Hofräthen in das unter Euch angestellte 
Direktorium Mitgebrachte daselbst vorgetragen, darüber delibiriret pro re 
nata entweder ein Schluss gefasset oder aber die Sach Mir referiret und 
Meine Resolution erwartet werden. Die Expeditiones können darüber so- 
dann gleichwie von Euch an die Zoll- und Mauth-Aemter also von denen 
Hof-Kanzleyen an die Dicasteria deren Länder und Commercien-Collegia 
erlassen, von gedachten Hof-Stellen aber wegen des allgemeinen Zusam- 
menhangs in Manufactur- und andern Commerz-Sachen nichts vorgenohmeu 
noch expediret werden, welches nicht vorhero in denen General- Commer- 
cien-Directorien berathschlaget und resolviret worden, wie denn auch die 
in Commerciali über die von Euch gefassten Resoluta von denen Kanz- 
leyen abfassende Expeditionen Euch vorläufig ad revidendum vorgezeiget 
werden sollen und gleichwie vorhin besagter Maassen alle das Commer- 
cium respicirende Materien künftighin bey Euch vorgenohmen und berath- 
schlaget werden sollen, also habt Ihr auch insonderheit und 

I mo an die bessere Einrichtung deren Mäuthen und Aufschlägen wo- 
durch dem Handel und Wandel so vieler Schaden besonders in Oesterreich 
und in Mähren respectu des hungarischen Commercii zugezogen worden, 
alsobald die Hand anzulegen; 

II d0 eine beständige Obsorg auf die Producta und Manufacta deren 
Länder und den damit nutzlich einzuleiten kommende Barato zu tragen; 
und gleichwie 

HI tio die Navigable-Machung deren häufigen Flüssen womit die Natur 
die Erblanden gesegnet und deren selben Conjunction auch die Erhaltung 
und Reparation deren Commercial-Strassen dem Handel und Wandel den 
grössten Vorschub geben werden kann, also wird auch darauf ein be- 
sonderen Bedacht zu legen seyen. 

jyto Verdienet das Commereium zu und aus dem Littorali austriaco 
eine Haupt- Consideration, worüber und was alldorten sich vor Mängel be- 
finden und was etwa nuzlich einzurichten seye? Vorhin ganze Deductiones 



Die Finanzverwaltung Oesterreichs 1749—1816. 335 

vorhanden seyend und gleichwie viele dieser Mängeln jedoch nur, insoweit 
selbe in das Justiz- und Polizei-Weesen einschlagen, durch die österrei- 
chische Hof-Kanzley und Commercien-Direction alsogleich abgestellet werden 
können ; als wird hingegen über all dasjenige was allda und Innerösterreich 
zu dem Commerciali gehöret, allein bey dem Euch anvertrauten Haupt- 
Directorio zu deliberirn und zu Schlüssen seyen, allerrnaassen dann die 
dortige Intendanza, wie solches hiemit geschiechet mit ihrer Dedendenz 
lediglich an Euch angewiesen, mithin allein und unmittelbar ihre Rela- 
tiones an Euch zu erstatten und von Euch ihr Verhaltungs-Befehl zu ge- 
warten haben wird. 

V to Ist auch für die Einrichtung ordentlicher Commercial-Strassen 
umb denen häufigen Zoll-Defraudationibus vorzubeugen, sobald nur immer 
thunlich, vorzudenken, überhaupt aber und 

VI to wird bey dem General-Commercien-Directorio über den Zusam- 
menhang des erbländischen Commercii mit frembdem Nationen und die 
dabey sich ereignende Anstände oder Vortheile zu berathschlagen seyn, 
zu welchem End Wir dann die Ministros Fremder Puissancen , welche 
des Commerciums halber hierorts was anzubringen haben oder einen 
Commerzial-Tractat anstossen wollen, an Euch anweisen lassen werden, 
um es nachgehends und conferencialiter vortragen zu lassen und zu resol- 
viren. — Deine Ihr also in Allen wie nachzukommen schon wissen werdet 
und Wir verbleiben etc. 

Wien, den 6. April 1746. 

III. 
Lieber Baron Bartenstein! 

Bey Einrichtung deren SteUen habe Ich den höchsten Entscbluss 
gefasst, dass Mein Commercien-Rath künftighin von allen andern Hofstellen 
abgesondert, und mit einem eigenen Praesidenten, so wie mit eigenen 
bey keinem anderen Stellen angestellten Räthen besetzet werden solle ; 

Ich gesinne dahero hinmit an Euch gnädigst, womit Ihi über die 
Commercialgeschäfte, welche bishero unter dem Grafen Rudolph Chotek 
dirigiret worden sind, bis dahin, als Ich den künftigen Commerc'.enrath 
reguliren werde, ad interim das Praesidium, nach dem in euere diesfällige 
Känntniss, in der Euch beywohnenden, Mir wohl bekannten Geschicklichkeit, 
setzenden gnädigsten Zutrauen übernehmen, und führen, auch deren in dem 
anschlüssigen Schemate begriffenen Räthen und Secretären provisorie zu 
diesem Commercial-Departement Euch gebiauchen sollt. Mit kaiser-. königl-, 
und Erz-Herzoglichen Gnaden Euch wohlgewogen verbleibend. Wien den 
27. Jennei 1762. 

Maria Theresia. 

IV. 
Handschreiben an Herberstein praes. 8. März 1762. 

Ich habe verschiedentlich wahr genohmen, dass Meine nun angestellte 
Vinanzpräsiedenten über die Execution des von Mir vestgesetzten neuen 
Finanzsystematis sich nicht wohl vereinigen können; da nun die Ursache 
dieser Umständen in dem bestehen dürfte, dass ein so andere) derenselben 
sich noch keinen vollkommenen Begrif von denen Gränzen seinen Amts- 



336 B e e r - 

Verrichtung gemacht haben müsse, und vielleicht auf die alte Einrichtung 
zu viel zurück gesehen werden wolle. So finde erforderlich Meines Dienstes 
zu seyn. zu Behebung dieser difficultäl en denen dreien Finanz-Praesidenten 
die hier anschlüssige das gefaste System erläuternde Punkten zu dem End 
mitzutheilen , auf dass Sie hierüber sogleich zusammentreffen, die Gegen- 
stände sammt und sonders genau erwegen, und Mir sodann ohnverschieb- 
lich ihr gemeinschaftliches Gutachten erstatten solkn. 

Allein bevor seze Ich voraus, dass das vor Mir entschlossene System, 
von welchem, als einer in der Natur deren Sachen, und in der besten 
Ordnung gewidmeten Einrichtung, die sich in alle Theile der Finanz- und 
C r e d i t -Wesens erstreckt, Ich keineswegs abzugehen gemeinet bin, nicht 
wohl möglich bestehen könne, wenn die für solches wohlgestelte Ilaupt- 
Principia nicht genauest beobachtet und auf solche nicht in allen herfür 
berechnenden Fällen sogleich zurückgesehen werden will, daher gegen, 
wenn zu solchen recurriret wird, sich jeder noch so anstössig rechnender 
Casus entwickeln muss. 

Kraft dieser Grundsätzen ist die Verwaltung deren Gefällen, die Geld- 
einnahme, und Ausgabe, dann die Verrechnung, so ehedeme mit einander 
vereiniget waren, und unter einer Direction stunden, abzusondern, von 
Mir beschlossen wordeu, wodurch also das gesammte Finanzwesen ein 
andere Gestalt erhält, und was die Cammer vor diesem allein war, sich 
nunmehro in die drey Finanzstellen eingetheilt befindet, dergestalten, dass 
diese drey von nun an die vorherige Agenden der Cammer abgesonderter 
zu verrichten habe; woraus sich von selbsten folgert, dass die Cammer 
sich in ihren Amts-Handlungen alleine mit der Administrirung aller Meiner 
Gefällen zu beschäftigen, somit diese zu vermehren, und die auf das Höchste 
gebrachte bey Kräften zu erhalten habe; dass ferner alle Einkünften der 
Monarchie in die Caisse generale einfliessen, und hinwiederumen alle Aus- 
gaben derselben durch solche bestritten werden müssen, und dass end- 
lichen von der Eechenkammer, als der Controlle generale ohne Ausnahme 
in all dasjenige frey und independent zu besorgen seye, was von deren 
gesammten bishero von denen Stellen abhängig gewesenen Buchhaltereyen 
bewirket worden. 

Weiters hat die bereits aufgetragene Verfertigung des so genannten 
Staatsinventarii eine deren vorzüglichsten Bsechäftigungen der dreyen 
Finanz - Praesidenten zu sein, da ohne solchen weder in Credit, noch in 
dem übrigen Finanz- und Administrationswesen etwas Grosses als Voll- 
kommenes zu Stande gebracht, weder eine richtige Balance zwischen den 
Staatseinnahmen und Ausgaben gezogen werden kann. Ich sehe solchem- 
nach als die dringlichste Notwendigkeit an, womit dieses so wichtige, als 
weitläufige Werk zu seiner baldigen Richtigkeit und Endschaft gebracht 
werde, und übertrage dahero hiemit die zu Erreichung dieses Endzweckes 
bishero unter dem Praesidio des Rudolph Chotek niedergesetzt gewesene 
Finanz-Commission an die drey Finanz-Praesidenten,