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Full text of "Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung"

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N \ ^.vtvo. . 4' 



MITTHEILUNGEN DES INSTITUTS 



FÜR 



OESTERREICHISCHE 



GESCHICHTSFORSCHUNG. 



UNTER MITWIRKUNG VON 



08W. REDLICH, F. WICKHOFF und H. R. v. ZEISSBERG 



BEDIGIRT VON 



E. MÜHLBACHER. 



XVII. BAND. 




INNSBRUCK. 

VERLAG DER V^TAöNER'SCHEN UNIVERSITÄTS-BUCBHANDLUNG. 
1896. 



2)6 
( 

/5^. / 7 



DRUCK HEK WAGNKirSCHEN UNIV.-BUCHDRUCKEKEI IN INNSBRUCK. 



Inhalt. 



Seile 



Die falsclien Karolinger-Urkunden für St. Maximin (Trier). Von AHonK 

Dopsch . . . . . . . . . . . . 1 

Ein Ineditum Ottos I. für den Grafen von Bergamo von 970. Von 

E. von Ottenthai 35 

Die angebliche Ermordung des Herzogs Ludwig von ßaiern durch Kaiser 

Friedrich II. im J. 1231. Von E. Winkel mann . . . . 48 
Ein Bullenstempel des Papstes Innocenz IV. Von Ludwig Schmitz- 

Rheydt , 64 

Ueber Expensenrechnungen für päpstl. Provisionsbullen des 15. Jahrhunderts. 

Von M. Mayr-Adlwang 71 

Zur Geschichte des Jahres 1756. Von Adolf Beer . . . . 109 

Markgraf Friedrich der Freidige von Meissen und die Meinhardiner von 

Tirol 1296— 1298. Von Woldemar Lipp ert .... 209 

Die Reichssteuer der schwäbischen Reichsstädte Esslingen, Reutlingen und 

Rottweil. Ein Beitrag zur Geschichte der Einkünfte der deutschen 

Könige und Kaiser. Von TheodorSchön 234 

Die österreichischen Länder-Kongresse. Von weiland Professor H. J. 

Bidermann. Aus dem Nachlasse des Verewigten herausgegeben 

von Sigmund Adler . . . . . . . . . . 264 

Zur Geschichte der Witwenehe im altdeutschen Recht. Von Martin 

Wolff 369 

Zur Abstammung des österreichischen Kaiserhauses. Von Heinrich 

Witte 3S9 

Eine Episode aus der Geschichte des zweiten Lorabardeubundes. Von 

GeorgCaro . , 397 

Beiträge zum päpstlichen Kanzleiwesen des XIIL und XIV. Jahrhunderts 

mitgetheilt von JosefTeige . . . . . . . . 408 

Die höfische Kunst des Abendlandes in byzantinischer Beleuchtung. Von 

JuliusvonSchlosser 440 

Ueber die Entstehung des Kurfürstenthums. Eine Entgegnung von 

TheodorLindner 537 

Friedrichs III. Aachener Krönungsreise. Von Joseph Seemüller , 584 



296 



IV 

Seite 
Kleine M i 1 1 h e i 1 u n g e u : 

Die Städtegründungea Heinrichs I. Von C. Ro d enberg . . 161 

Vier verwandte Ai-elatische Diplome Konrads III. Von Robert 

Sternfeld . 167 

Das Verbot Bücher der Vaticanischen Bibliothek auszuleihen. Von 

Tb. Sickel 293 

L'eber die >tres comitatus* bei der Erhebung Oesterreichs zum Herzog- 

thum (1156). Von A. Dopsch 
Ueber die angeblich älteste deutsche Privaturkunde. Von J. S e e m ü 1 1 e r 310 
Zur Topographie und Organisation der umbrischen Bergdistricte. Von 

J. Ju'^ng 457 

^'(•rgleicll zwischen der Landgratschaft Nellenburg und der Hegauer 

Ritioscbaft im Jahre J54(). Von Georg Tumbült . . 459 

.Angeblich oigenhiindige Unterschriften deutscher Könige um die Wende 

des 13. und 14. Jahrhunderts. Von M. Vancsa . . . 666 

Zur Frage der böhmischen Verfassungsänderung nach der Schlacht am 

weissen Borge. \'ou M. May r- Adl wang . . . . 669 

Literatur und Notizen: 

Baumann Geschichte des Allgäiis S. 206. — Böhmen, Mähren 
und .Schlesien Die bist, periodische Literatur 1894 (Bretholz) 692. 
— Bretholz Der Vertheidigungskampf der Stadt Brunn gegen 
1645. — Ders. Urkunden, Briefe und Actenstücke zur Geschichte 
die Schweden der Belagerung der Stadt Brunn etc. 1643 und 
1645 (A. Huber) 501. — Büdinger Die Universalhistorie im Alter- 
thum 204. — Bukowina Neueste Schriften zur Geschichte der 
(S. Herzberg-Fränkel) 201. — Eulenburg Das Wiener Zunftwesen 
(Schalk) 676. — Fejerpataky Urkunden aus der Zeit König 
Stefan II. (A. Aldasy) 184. — Günther Geschichte des Feldzuges 
von 1800 in Über- Deutschland, der Schweiz und Ober-Italien 
(Criste) .".OG. — Gutsclie u. Scliultze Deutsche Geschichte von 
der Urzeit bis zu den Karolingern (Jung) 673. — Hampe Ge- 
.schichte Konradins von Hoheustaufeu (M. Vancsa) 187. — Huber 
Oesterreichi-schc Reichsgeschichte (Schwind) 177. — Jahrbuch der 
kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses 
Band 16. (Simon Laschitzer) 356. — Innerösterreich Die historische 
periodische Literatur 1892 — 1894 (Jaksch) 510. — Kempf Geschichte 
des deutscheu Reiches während des grossen Interregnums 1245 — 1273 
(Vancsa) 187. Kuun Relationura Hungarorum cum Oriente etc. 
historia antiquissima I. 205. — Lamprecht Deutsche Geschichte. 
5. Band, 2. liiilfte I. u. 2. Aufl. (Felix Rachfahl) 468. - Lippert 
Wettiner und Witteisbacher sowie die Nieder-Lausitz im XIV. Jahr- 
hiuiderto (S. öteinherz) 350. — Loewe H. Richard von San Ger- 
mano und die ältere Redaktion seiner Chronik (A. Winkelmann) 
185. — Luschin Oesterreichische Reich sgeschichte (Sartori-Monte- 
croce) 342. — Maretich-Uiv-Alpon Die zweite und dritte Berg-lsel- 
Schlacht (Gefechte in der Umgebung von Innsbruck am 25. und 
29. Mai 1809) (Jos. Egger) 508. . - Mayr Card. Commendone's 



Seite 
Kloster- u. Kirchenvisitation von 1569 206. — Ders. Einiges a. d. 
Berichten d. Grazer Nuntiatur 206. — Ders. Ueber Expensen- 
rechnungen f. päpstl. Provisionsbullen 206. — Milkowicz Monu- 
menta confraternitatis Stauropigianae Leopoliensis 207. — Mittel- 
schulprogramme österreichische 1895 (Prem) 682. — Neuwirth 
Mittelalterliche Wandgewälde und Tafelbilder der Burg Karlstein 
in Böhmen (Ad. Horcicka) 352. — Otto Die Beziehungen Rudolfs 
von Habsburg zu Papst Gregor X. (Osw. Redlich) 674. — Pastor 
Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters (Bach- 
mann) 487. — Posse Die Siegel der Wettiner bis 1324 und von 
1324—1486 etc. (Lippert) 191. — Reding-Biberegg Der Zug 
Suworow's durch die Schweiz 24. Herbst- bis 10. Weinmonat 1799 
(Oskar Criste) 504. — Schneller Beiträge z. Gesch. d. Bisthums 
Trient 206. — Schweizer Geschichte der schweizerischen Neutra- 
lität (J. Dierauer) 478. — Schwind u. Dopsch Ausgewählte Ur- 
kunden zur Verfassungsgeschichte der deutsch- österreichischen 
Ei'blande im Mittelalter (Luschin) 345. — Sforza Fälschungen 
A. Ceccarelli's 205. — Sickel Römische Berichte I. II. (Steinherz) 
679. — Slovenische historische Literatur der Jahre 1892—1894 
(Josef Apih) 529. — Spamers Illustrierte Weltgeschichte VIl. u. 
VIII. Band (Krones) 502. — Städtewesen deutsches Neuere 
Literatur VI, 28—50 (Karl Uhlirz) 316, 342. — Starzer Die Re- 
sidenz d. Nuntius in Graz 206. — Ders. Ueber einen Visitations- 
auftrag a. d. Bischof v. Gurk 1592 206. — Ders. Regesten zur 
Gesch. der Pfarren u. Klöster Niederösterreichs, Steiermarks, Kärn- 
tens 205. — Tadra Acta judiciaria cousistorii Pragensis II. 207. 
— Tadra Summa Cancellariae (Cancellaria Caroli IV.). (Bretholz) 
198. — Wachsmuth Einleitung i. d. Studium der alten Geschichte 
204. — Zdekauer Lo Studio die Siena nel rinascimento (Voltelini) 
482. — Westfälisches Urkundenbuch (Ottenthai) 348. 
Jahresbericht über die Herausgabe der Monumenta Germaniae historica 531 
Vierzehnte Plenarsitzung der Badischen Historischen Kommission . . 534 

Personalien . . . 207 



Die falsclien Karolinger-Urkunden 
für St. Maxiniin (Trier). 

Von 

Alfons Dopsch. 



Unter den verschiedenen Fälschungen von mittelalterlichen Königs- 
und Kaiserurkunden dürfen jene von St. Maximin-Trier neben den in 
der Keichenau angefertigten in hervorragendstem Masse das Interesse 
nicht nur des Diplomatikers, sondern auch des Historikers überhaupt 
beanspruchen. 

Hier wie dort wurde wiederholt und zu verschiedenen Zeiten in 
umfassender Weise gefälscht, der Inhalt dieser Fälschungen aber ist 
gerade bei den in St. Maximin fabricirten Spuria besonders wichtig, 
indem wir ihnen wichtige Aufklärungen in verfassimgs- und wirtschafts- 
geschichtlicher Beziehung verdanken ; auf sie hat, wie bekannt, K. W, 
Nitzsch ohne Argwohn bezüglich ihrer Echtheit seine geistvollen Aus- 
führungen über des Dienstrecht von St, Maximin grossentheils aufge- 
baut. Und wenn dieselben auch nichts für die Zeit besagen, in der 
sie angeblich ausgestellt wurden, so sind sie auch als Spuria nicht 
minder charakteristisch ; gerade als Fälschungen beleuchten sie ja durch 
ihre Tendenz noch viel schärfer die Strömungen der Zeit, in welcher 
sie entstanden. 

Die Frage nach der Echtheit der St. Maximin'scheu Urkunden ist 
bereits frühzeitig aufgeworfen und erörtert worden. Schon in der 
ersten Hälfte des 17. Jahrhundertes erschienen Streitschriften für und 
wider i). In neuester Zeit hat Bresslau sämmtliche älteren Urkunden 



') Vgl. Archiepiscopatus et electoratus Trevirensis per refractarios monachos 
Maximinianos aliosque turbati, Augustae Trevirorum 1633; dagegen Zyllesius, 
Defensio abbatiae imperialis s. Maximini 1638. 

Mittheilungen XVII. ^ 



A Hon 8 Dop 8 eil. 

liu- 8t. Maximiu iu zusammeuhäugeuder Untersuchung behandelt i), 
nachdem über die Karolinger-Diplume bereits Sickel seine Ansichten 
geäussert hatte -). 

An Karolingerurkunden liegen für St. Maximin 11 Stücke vor, 
von welchen die 5 ältesten ebenso wie das einzige Präcept aus der 
Mer(»vingerzeit (Dagobert) schon: seit längerem als Fälschungen erwiesen 
sind. Vier von diesen Spuria — angeblich von Pippin, Karl d. Gr., 
Ludwif d Fr und Lothar 11. herrührend — sind noch in den Urschriften 
(auf der Bibl. Nationale in Paris) erhalten, während das 5. Stück nur 
iu einem Chartular aus dem 13. Jahrhundert überliefert erscheint^). 

Die lieihe der echten Diplome beginnt mit einer Urkunde Karls III. 
vom Jahre 885 (M. 1671). 

Sickel hatte bereits erkannt, dass jene vier noch in den Urschriften 
erhaltenen Stücke „von ein und derselben Hand" herrührten. Sie 
wurden nach seiner Ansicht ,, spätestens im 11. Jahrhundert" ange- 
fertigt^), eine Zeitbestimmung, die sich aus dem Schriftcharakter der 
Dorsualbenierkungen ergebe, ßresslau nun ist iu seiner umfassenden 
Untersuchung zu dem Ergebnis gelangt, dass diese 4 Diplome ,,uud 
wahrscheinlich auch" die Urkunde Dagoberts sowie jene fünfte Karo- 
Unger-Urkunde, von der uns die Urschrift nicht mehr vorliegt (M. 730), 
eine einheitliche Fälschungsgruppe repräsentiren. Indem er von dem 
Ansätze Sickels autigieng und sich bezüglich der äusseren Merkmale 
jener Urschrifteu, wie dieser mit der Verwerthung der Dorsualbe- 
merkungen allein geuug sein liess, meinte er die Entstehungszeit dieser 
Fälschungen aus inneren Gründen des näheren auf die Jahre 953 bis 
963 fixiren zu können. Der terminus a quo ergebe sich aus dem Um- 
stände, dass in einem dieser Stücke, der Urkunde Lothars II. 
(M. 1283), augenscheinlich eine Urkunde Otto's I. von 953 (DO. 169) ^) 
benützt wurde, was die Aehnlichkeit des Inhaltes, sowie die auflfallende 
Uebereinstimmung einzelner Wendungen beweise. Anderseits müssten 
im Jahr 963 unsere Fälschungen bereits vorhanden gewesen sein, da 
in einem Diplom Ottos II. aus diesem Jahre (DOII. 7) die in dem- 

') lieber die älteren Königs- und Papaturkunden für das Kloster St. Maximin 
bei Trier, Westdeutsche Zeitschr. 5, 20 ff. 

'^) Beitr. zur Diplomatik V. in Sitz.-Ber. d. Wiener Akademie 49, 319 An. 1. 
(1865) und Reg. Karol. (1867) 421. 

») M(ühlbacher) Reg. n"^ 98, 430, 729, 1283. 

') M. 730. 

*) Der in den Beitr. z. Dipl. a. a. 0. gegebene Ansatz »spätestens im Be- 
ginne des 9. Jahrhunderts' ist, wie schon Breslau hervorgehoben hat, offenbar 
nur ein Druckfehler. Vgl. Reg. Karol. 421. 

"J Mon. Germ. ed. Sickel. 



Die falschen Karolinger-Urkunden für St. Maximin (Trier). 3 

selben verliehenen Kechte nicht wie dort allgemein auf Urkunden 
früherer Könige, sondern ausdrücklich auf diejenigen Dagoberts, Pip- 
pins, Karls des Grossen, Ludwigs des Frommen und ihrer Nachfolger 
begründet würden. Ganz entsprechend sei denn auch eine ähnliche 
Bezugnahme in einer Urkunde Ottos L von 965 (DO. 280) gehalten. 
Da das Vorhandensein von Originalen Dagoberts, Pippins etc. im Jahre 
963 bei der Beschaffenheit dieser Fälschungen ausgeschlossen erscheine, 
könnten die Urkunden, welche 963 Otto IL, 965 seinem Vater vor- 
gelegt wurden, nur unsere Fälschungen gewesen sein. Dies sei auch 
aus der Benutzung derselben „in jenen und späteren Bestätigungen", 
so insbesouders aus DOIL 42, deutlich zu erkennen. 

Dafür aber, dass jene 5 Fälschungen thatsächlich zwischen 953 
und 963 angefertigt worden seien, spreche auch das, was wir sonst 
aus den Diplomen der Ottoneuzeit über den lebhaften Kampf wüssten, 
welchen die Aebte des Klosters in diesem und dem folgenden Jahr- 
zehnt um die Kestitution der verlorenen Besitzungen, die Sicheruno- 
der Reichsuumittelbarkeit und Behauptung seiner Rechte geführt hätten. 
Wir wissen, dass 970 Kaiser Otto I. n^on Seiten des Klosters ver- 
schiedene Bitten vorgetragen wurden, die sich unter andern auch auf 
die Verbriefung gewisser Rechte und Freiheiten bezogen. Denselben 
wurde damals nur zum Theil stattgegeben, erfüllt aber wurden sie 
erst von Otto IL 973. Damit nun stünden nach Bresslau diese Fäl- 
schungen in einer nähern Beziehung; sie hätten den Bestrebungen 
des Klosters als Stütze gedient, mit ihrer Hilfe habe man die Erfül- 
lung jener wesentlich erreicht 

Diese Aufstellung Bresslaus hat ohne Zweifel viel Bestechendes 
für sich, da die einzelnen Beweismomente augenscheinlich geschlossen 
in einander greifen, die Sicherheit des Schlusses zu verbürgen. Eines 
mochte vielleicht auch dem der Sache Fernerstehenden auffallend er- 
scheinen, dass nämlich die vorhandenen 4 Urschriften nicht nach ihren 
äusseren Merkmalen näher untersucht wurden, oder mindestens über 
den paläographischen Befund derselben sogut wie nichts bemerkt 
erscheint. Gerade er aber konnte für mich, da ich jene Urkunden für 
die Neuausgabe der Karolinger Diplome in den Mon. Germ, zu bear- 
beiten hatte, nicht gleichgiltig sein, ich musste ihm vor allem auch 
eine entsprechende Beachtung schenken. 

Zunächst darf als feststehend betrachtet werden, dass sämmtliche 
vier Stücke, wie schon Sickel dargethan und Bresslau bestätigt hat, 
von einer Hand herrühren. Sie weisen alle Formen urkundlicher Be- 
glaubigung auf, wie sie in den Diplomen jener Zeit vorkommen (ausser 
der Unterschrift des Königs und der Recognitionszeile auch Mono- 



i AlfonsDopsch. 

gramm, Kecoguitiouszeichen und Besiegelung) und wollen somit die 
GeltuniT von Originalurkunden beanspruchen. Es gestattet daher der 
paläographische Befund direct eine Schlussfolgeruug auf die Zeit, da 
sie entstanden. Eben diesem aber ist der vorerwähnte Umstand sehr 
günstig, dass alle vier Stücke von derselben Hand geschrieben sind; wir 
können somit die äusseren Merkmale aller gleichmässig für die Beur- 
theilung ihrer gemeinsamen Entstehungszeit heranziehen und verwertheu. 

Im allgemeinen wird mau sagen dürfen, dass diese Fälschungen 
äusserlich sehr plump ausgefallen sind, derart, dass auf den ersten 
Blick die gänzliche Verschiedenheit des Schriftcharakters auffiillt gegen- 
über dem, welcher uns in Originalen aus der Karolingerzeit entgegen- 
tritt. Diese Urschriften machen von vornherein einen durchaus jün- 
geren, ja bedeutend jüngeren Eindruck. 

Wbhl hat sich der Schreiber anscheinend bemüht, ältere Formen, wie 
sie etwa in Karolinger-Diplomen üblich waren, nachzuahmen, so z. B. die 
Form des g, es ist ihm das aber schlecht genug gelungen. Auch der Versuch, 
die diplomatischen Kürzungszeichen und üblichen Cursivverbindungen 
nachzumachen — bei fr, ii, fu, st, sti, et — fiel recht kläglich aus. 

Immerhin mag dies darauf deuten, dass der Fälscher echte Karo- 
lingerdiplome als Vorlage benützte, oder wenigstens kannte, wozu in 
St. Maximin selbst sich hinreichend Gelegenheit bot. Auch lässt sich 
nicht verkennen, dass der Schreiber im Verlaufe seiner Arbeit Fort- 
schritte gemacht hat; es zeigt die auf den Namen Ludwig des From- 
men (M. 729) gefälschte Urkunde gegenüber der angeblich von Karl 
dem Grossen herrührenden (M. 430) einen entschieden regelmässigeren, 
gleichförmigeren Schriftverlauf, der Fälscher vermochte sich bei 
jener auch schon besser dem Linienschema anzubequemen, gegen das 
er in dieser durchaus sündigte. Hervorzuhebeu ist, dass die verlän- 
gerte Schrift der ersten Zeile gänzlich misrieth, anderseits aber die 
Chrismen am Beginn, sowie die Recognitionszeichen am Schlüsse völlig 
verunglückten, weil auch ganz missverstanden sind. 

Schon diese allgemeinen Beobachtungen zeigen, dass man zur Zeit 
der Anfertigung dieser Fälschungen in St. Maximin die ältere Diplom - 
schrift nicht mehr beherrschte; eben dies aber ruft von vornherein 
bereits gegen die Annahme Bresslaus Bedenken wach, da wir wissen, 
dass auch nach der von ihui als Entstehungszeit fixierten Periode 
(953 — 963) iu St. Maximin Königsurkunden geschrieben und der kai- 
serlichen Kanzlei zur Bestätigung vorgelegt wurden, welche ihrem 
Schriftcharakter nach der damals kanzleimässigen Diplomschrift durch- 
aus conform sind i). 

») So 1)0. SDl (070). 



Die falschen Karolinger-Urkunden für St. Maximin (Trier). 5 

Eine nähere Untersuchung ergibt aber des weiteren eine Reihe 
von Momenten, die ein bestimmteres Urtheil über die Entstehungszeit 
dieser Fälschungen bloss auf ihre äusseren Merkmale hin gestatten. 
Zunächst fallen die deutlich hervortretenden Abschnittslinien bei den 
verdickten Oberlängen auf. Besonders ist dies bei M. 98 der Fall. 
Wohl hat auch hier der Schreiber sich bemüht, denselben durch Auf- 
setzen von Haarstrichen das in der Diplomschrift übliche Aussehen 
zu verleihen, doch ist dies manchmal versäumt worden, ganz abge- 
sehen davon, dass auch sonst die ursprüngliche Form noch deutlich 
hervortritt. Diese deutlichen Abschnittslinien an den nach oben ver- 
dickten Schäften (bei d, h, 1, u. a.) sind vor dem 11. Jahrhundert so 
kaum nachweisbar. Ferner muss die überaus reichliche Verwendunsr 
von Abkürzungen näherer Beachtung gewürdigt werden. Verdient 
schon der weniger wesentliche Umstand Erwähnung, dass das Schluss-m 
nahezu durchaus gekürzt erscheint, was in dieser consequenten Durch- 
führung für die Diplomschrift des 10. Jahrhunderts schwerlich zu be- 
legen sein dürfte, so müssen verschiedene einzelne Kürzungen besonders 
hervorgehoben werden. So vor allem das con (M. 430 in constructum 
und weiter bei incunvulsa und contra) ; ferner die Kürzung von nullus 
(null), supra dicti (sup dicti), non (ü), insuper (insup), omni mode 
(öl mode) in M. 729; ähnlich auch in M. 1283. Andere Kürzungen, 
wie esse (ee), vel (t), quod (qd), quoniam (c|m), atque (atqi), welche 
sich auch in Original-Diplomen der Karolingerzeit vereinzelt belegen 
lassen, erscheinen in einer Häufung nebeneinander verwendet, die ganz 
ungewöhnlich ist. Ausserdem ist das Vorkommen des einfachen e an 
Stellen, wo vordem ae oder das (hier sonst auch verwendete) ^ auf- 
tritt, zu vermerken. (M. 98.) Bresslau hat für eine andere Fälschungs- 
gruppe (vornehmlich Urkunden der Salier) die gleiche Beobachtung 
zur Zeitbestimmung derselben verwertet, indem er sehr richtig be- 
tonte, dass solche oder ähnliche Kürzungen „bis zum Ende des 11. 
Jahrhundertes in Diplomen nicht eben häufig vorkommen" 2). That- 
sächlich wird nach diesen Beobachtungen auch für unsere Fälschungen 
dasselbe Argument zu verwerthen sein. 

Werden wir damit also schon etwa auf den Beginn des 12. Jahr- 
hunderts gewiesen, so finden sich endlich noch zwei wichtige Anhalts- 
punkte für die Schlussfolgerung auf eine engere Entstehungszeit. 

In dem auf den Namen Lothars II. gefälschten Stücke lautet die 
Datierung: Data Mettis civitate XVII kal. mai. anno dominice incar- 
nationis DCCCLXVIII, indictione prima, anno serenissimi regis Lo- 
tharii XV; in dei nomine feliciter amen. Wir haben hier eine von 

«J a. a. 0. S. 38. 



n AlfonsDopsch. 

der älteren Datirungsformel, wie sie zur Zeit der Karolinger und lange 
danach uocli ziemlich ständig eingehalten wurde, abweichende Form 
vor uns. Es folgt auf das einleitende data nicht unmittelbar die Tages- 
uud Mouatsangabe, um nach der Anführung der verschiedenen Jahres- 
bezeichuuugen mit der durch ein vorangehendes „actum" versehenen 
Ortsangabe zu schliessen, es sind die Angaben des Tages, der Jahre 
und des Ortes vielmehr anders augeordnet, das Actum aber fehlt ganz. 
Und diese Umstellung in den Angaben der Datirungszeile ist um 
so bedeutsamer, als der Fälscher sich sonst bemüht hat, die Datirung 
seiner Urkunden im Sinne der Zeit zu gestalten, der es sie speciell 

zuschrieb ^). 

Die vorliegende Datirungsform aber erweist sich als eine jener 
„Uebergangsdatirungen'S welche im 12. Jahrhundert von der Zeit 
Heinrich V. ab immermehr in Gebrauch kamen ^). Während auch 
noch in seiner Kanzlei ursprünglich die ältere Datirungsformel vor- 
wiegend in Verwendung stand, mehrten sich gegen das Ende seiner 
Regierungszeit die Abweichungen von derselben; aber nicht eine be- 
stimmte neue Formel tritt zunächst an die Stelle der alten, sondern 
in „buntester Mannigfaltigkeit" wandeln sich die Neubildungen. Aus 
der grossen Masse derselben heben sich nach den grundlegenden Aus- 
führungen Fickers einzelne Arten heraus. Auffallend häufig wird in 
den letzten Jahren Heinrich V. die Nennung des Ortes unter Data 
mit Beseitigung des „Actum^' •'). Von diesem Brauch die Datirung 
zu formuliren, ist der Fälscher unverkennbar beeinflusst. 

Allein noch näher schliesst sich der Kreis, wenn wir die Auf- 
einanderfolge der einzelnen Angaben in der obigen Datirung beachten. 
Unter Heinrich V. war schliesslich die Form eingebürgert worden, 
• dass auf Datum mit Ort zunächst die Jahresangaben, dann erst der Tag 
folgte. Anders unter seinem Nachfolger Lothar III., dem Supplinburger, 
mit dessen Regierung sich, wie bekannt, eine durchgreifende Aende- 
runtr in den Formen der deutschen Kfmigsurkunde vollzieht. Nun 
wird die Tagesbezeichnung den Jahresangaben wiederum vorangestellt, 
so zwar, dass auf Data mit Ort zunächst jene, dann erst letztere 
folgen ; das actum fehlt nach wie vor gänzlich •^). Eben damit aber 



•) Man vgl. M. 98 (Pippin): Datum quod fecit mensis ianuarii in puplico 
palatio Magontiae, Xllll regni nostri anno ; icliciter. und über die wahrscheinlich 
einem echten Diplom entnommene Datirung von M. 729 (Ludwig d. Fr.) Sickel 
Reg. 421. 

>) Ficker, Beitr. z. ürk.-Lehre 2, 311. 

3) a. a. 0. iS. 315. 



Die falschen Karolinger-Urkunden für St. Maximin (Trier). 7 

stimmt genau die Form unserer Datiruug überein, wir werden durch 
diese feine Unterscheidung gegenüber dem unter Heinrich V. üblichen 
Formular auf die Zeit Lothars III. verwiesen. 

In derselben Urkunde (M. 1283) begegnet uns aber des weiteren 
noch eine Erscheinung, die in ihrer Eigenart ebenso einen bestimmten 
Schluss auf die Entstehuugszeit gestattet. Es findet sich nämlich am 
Beginn der Kecognitionszeile das ,ego* vor dem Namen des Notars. 
Sie lautet: Ego Grimlandus advicem Advencii archicapellani recognovi. 
Das ,ego' tritt an dieser Stelle gerade in der Zeit Lothars III. hervor, 
nachdem es früher unter Heinrich IV. vorwiegend in der italienischen 
Kanzlei (entsprechend dem in Italien üblichen Brauche) Eingang ge- 
funden, unter Heinrich V. aber wieder ganz verschwunden war. Nun 
erst in der Zeit Lothars III. wird diese später regelmässig übliche 
Formel in der deutschen Kanzlei durchgreifend verwendet i). 

So wird durch das ZusammeutrefiFen dieser beiden charakteristi- 
schen Momente die Kegierungsperiode Lothars III. (1125 — 1137) als 
muthmassliche Entstehunofszeit unserer Fälschungen darofethan, womit 
der allgemeine Schriftbefund sehr gut übereinstimmt. Das einzige 
Argument aber, welches Sickel und nach ihm Bresslau bezüglich der 
äusseren Merkmale dieser Spuria vorbrachten, der Charakter der Dor- 
sualvermerke, verliert jedwede Bedeutung, da sich constatiren liess, 
dass dieselben Dorsualvermerke von derselben Haud und mit der 
gleichen Tinte geschrieben, auch auf Stücken sich finden, die nach der 
Annahme Bresslau's selbst jener weiteren Gruppe von Fälschungen 
zugehören, welche um 1116 etwa angefertigt wurden-). Uebrigens 
schienen mir, auch bevor ich dies feststellen konnte, die Schriftzüge 
jener Dorsualvermerke nicht von einer solchen Eigenart zu sein, dass sie 
„spätestens dem 11. Jahrhundert" zugewiesen werden müssteu. Die 
Möglichkeit einer Entstehung derselben in der ersten Hälfte des 12. 
Jahrhundertes hielt ich von vornherein für nicht unwahrscheinlich. 

Diesem Resultat nun, welches sich aus einer eingeheßdereu Unter- 
suchung der äusseren Merkmale dieser Fälschungen ergab, scheint der 
innere Sachverhalt, auf den Bresslau vornehmlich seine Hypothese auf- 
gebaut hat, zu widersprechen. 

Suchen wir diesem nunmehr näher zu treten. Wie früher er- 
wähnt, hat Bresslau angenommen, dass eine Urkunde K. Ottos I. vom 
Jahre 953 (DO. 169) dem Fälscher zur Vorlage gedient haben müsse. 



») Ficker a. a. 0. 2. § 290. 

2) Für die Karolingerzeit kommt davon nur eine M. 1727 B, eine Urkunde 
auf den Namen Arnolfs, in Betracht. 



Q Alfons Dopscli. 

da eines unserer Spuria eine auffallende Uebereinstimmuug mit der- 
selben in verschiedenen Wendungen zeige. Gegenüber dem damit ge- 
wonnenen Anfangszielpunkt meinte B. den terminus ad quem in einer Ur- 
kunde Ottos IL vom Jahre 963 erblicken zu können. Als Grund da- 
für führt er vornehmlich an, dass in dieser Urkunde die Verleihung 
der in ihr enthaltenen Kechte nicht mehr wie 953 ganz allgemein 
auf Diplome der Vorzeit, sondern ausdrücklich auf diejenigen Dago- 
berts, Pippins, Karls des Grossen, Ludwigs des Frommen etc. begrün- 
det werde. Dann aber folgert er wörtlich : „Die Annahme, dass noch 
963 . . . echte Originale Dagoberts etc. vorhanden gewesen wären, auf 
welche jene Kechte hätten begründet werden können, ist bei der Be- 
schatfenheit unserer Fälscungen auf das Bestimmteste ausgeschlossen; 
die Urkunden, welche Abt Wiker 963 Otto IL (965 seinen Vater) 
vorlegen Hess, köjiuen demnach nur unsere Fälschungen gewesen sein." 

So sehr diese Schlussfolgerung ob ihrer scheinbar stringenten 
Fassung für den ersten Moment auch bestechen mag, bedeutet sie 
eicrentlich doch nur einen Cirkelschluss. Aus der Beschaffenheit un- 
serer Fälschungen können wir, sowohl nach ihrer äusseren (incon- 
gruenten) Form als nach ihrer Diction nur erschliessen, dass echte 
Originale Dagoberts etc. unmöglich mehr vorhanden gewesen sein 
können zu der Zeit, da sie entstanden; wir können aber daraus au 
sich, so viel ich sehe, nichts erschliessen über das Nichtvorhandensein 
solcher Urkunden für das Jahr 963, was eben bewiesen werden sollte. 
Auf dieser Petitio principii aber beruht allein auch der weitere posi- 
tive Schluss über den Charakter der Urkunden, welche 963 (respective 
965) vorgelegt wurden. 

Es könnten, falls diese Fälschungen einer späteren Zeit zugehören, 
sehr wohl im Jahre 963 solche echte Urkunden noch vorhanden ge- 
wesen, später aber verloren gegangen sein, so dass der Fälscher seine 
Falsificate thatsächlich nicht mehr den entsprechenden (963 eventuell 
noch vorhandenen) echten Diplomen dieser Könige anzupassen ver- 
mochte. 

Wichtiger als dieses ist das andere Argument Bresslau's, welches 
sich auf die Benutzung unserer Spuria durch die Urkunde Ottos IL 
von 963 (DOII. 7) grüjidet. Von vorneherein muss hervorgehoben 
werden, dass er eine solche nur an 2 Stelleu anzunehmen vermag. 
Zunächst soll die Wendung „excepto nostre regalitati", welche sich 
auf di(^ Unabhängigkeit des Klosters bezieht, der falschen Urkunde 
Lothars M. 1283 entnommen sein. 

Bresslau selbst hat an einer andern Stelle seines Aufsatzes ange- 
Jioniinen, dass der Ausdruck „nostra regalitas" des Spuriums — er 



Die falschen Karolinger-Urkunden für St. Maximin (Trier). 9 

kommt daselbst nur in jener einzigen Wendung vor — aus der echten 
Urkunde DO. 169 (953) stamme. Thatsächlich lässt sich derselbe nicht 
nur in jenem echten Diplom Ottos I. von 953, sondern auch sonst 
wiederholt in Urkunden Ottos I. nachweisen 1). Es wäre somit nur 
die Verbindung mit ,excepto' oder letzteres Wort an sich gravirend. 
Nun finden wir aber die gleiche Wendung auch in einer weiteren, 
unzweifelhaft echten (im Original erhaltenen) Urkunde Ottos I. für 
einen anderen Empfänger (Fischbeck) verwendet. Dieses Diplom 2) ist 
umso beweiskräftiger, als es nicht nur im allgemeinen seinem Rechts- 
inhalt nach mit der in Frage stehenden Urkunde Ottos II. überein- 
stimmt, sondern ül^erdies die genannte Wendung eben an der Stelle 
aufweist, welche sich (wie in unserer Urkunde) auf die Unabhängigkeit 
des Klosters bezieht. Dieselbe lautet hier: ut nulli seculari dominio 
sint subiecte, excepto nostro. Dass also die Wendung, das Kloster 
solle niemanden „excepto nostre regalitati" unterworfen sein, welche 
in dem einen Spurium vorkommt, sich in der Urkunde Ottos II. von 
963 findet, kann somit nichts für die Priorität der Fälschung besagen, 
da jene Wendung als kanzleigemäss betrachtet werden darf, indem 
eine solche Ausdrucksweise auch sonst in Urkunden der Ottonenzeit 
nachweisbar ist. 

Es soll ferner nach Bresslau der Passus, in welchem DOII. 7 die 
freie Abtwahl zugesteht, sich enger an das eine Spurium auf den 
Namen Ludwig des Frommen (M. 730) anscliliessen, als an die echte 
Urkunde Karls III. (M. 1671). Diese Thatsache ist an sich ganz zu- 
treffend, wir können deshalb auch von der Urkunde Karls III. hier 
ganz absehen. Allein Bresslau selbst hat sich, wie man aus seiner 
Ausdrucksweise sieht, nicht verhehlen können, dass die Uebereinstim- 
raung zwischen DOII. 7 und jenem Spurium nicht ganz concludent 
sei. Es verliert diese Aehnlichkeit aber in dem Momente jede Be- 
deutung, als wir eine andere echte Urkunde Ottos II. nachweisen 
können, zu welcher jene Stelle in DOII. 7 besser, ja genau stimmt. 
Eine solche findet sich in; DOII. 6, einem Originaldiplom desselben 
Königs aus derselben Zeit für das Kloster Hilwartshausen, welches 
offenbar dafür als Vorlage gedient hat. Ich setze die betreffende 
Stelle, wie sie sich in den drei genannten Urkunden findet, hier an. 
Spurium Ludwigs d. Fr. 
(M. 730). 

Electionem etiam ab- 
batis monachorum con- 



Don. 7. 

Concedimus etiam 



DOII. 6. 

Concedimus etiam eis 



eis liberum inter se eli- liberum inter se eligendi 
gfendi abbatem arbi- abbatissam arbitrium, 



') So in DO. 85, 89, 102, 176. 
») DO. 144 (955). 



10 



Alfons Dopsch. 



ut eo propensius pro 
oborando statu nostri 
regni divinum implo- 
rent auxilium. 



cediraus arbitrio, cum Itrium, ut eo securius 
scilicet qui vite ac sa- ',diviuum ab illis implea- 
pientie luerito secun- jtur offitium summeque 
dum regulam probabi- [propensius maiestatis 
lis ubieuuque inveni- 'pro nobis implorent 
tur t'ligeudi. auxilium. 

Die Uebereinstimmuug der in Frage stehenden Stelle mit der in 
der Kanzlei Ottos II. aach sonst üblichen Diction ist so schlagend, 
dass es kiiuui uothwendig erscheint, noch weitere Beispiele aus jener 
Zeit von Otto 1. und Otto II. anzuführen. Ganz ähnliche Wendun- 
gen wie in DOII. 7 finde]! sich auch in den Urkunden Ottos I. 
DO. 229 (für Gernrode), DO. 255 (lür Kempten) und DOII. 22a für 
S. Paul in Verdun). DOII. S6 (für Borghorst). — So lässt sich denn 
der Nachweis erbringen, dass keiner der von Bresslau für das Jahr 
<.l(;p, als terminus ad quem der Eutstehungszeit unserer Fälschungen 
vorgebrachten Gründe stichhältig ist; es hat sich zugleich ergeben, 
dass die Urkunde Ottos II., welche angeblich auf Grund jener Fäl- 
schungen verfasst wurde, DOII. 7, durchaus kanzleigemässes Formular 
aufweist. Der Verdacht, dass dieselbe einzelne Wendungen jenen 
Fäl'^ehungen entnommen habe, erscheint daher beseitigt. 

und es lag damals auch gar kein sachlicher Grund vor, Fäl- 
schungen wie die unseren anzufertigen und der königlichen Kanzlei 
vorzulegen, um die Bestätigung der Rechte, welche DOII. 7 enthält, zu 
erlangen. Nichts anderes besagt ja dieses Diplom als die Bestätigung 
der Unabhängigkeit des Klosters unter Königsschutz und des freien 
Wahlrechtes. Beides aber war demselben durch Otto I. wiederholt 
verbrieft worden. Bereits 940 hatte Otto nach einem uns noch im 
■ Original erhalteneu Diplom (DO. 31) verfügt, „ut ip.si fratres predicto 
degeutes loco tauta religione dedito a nulla umquam vim dominatio- 
nis patiantur persona, sed neque ullius premantur ordinationis potestate 
vel famulatus absque voluntate electi abbatis, qui a reliqua promo- 
veatur eiusdem coenobii congregatione secuudum sancti Benedicti re- 
gulam, quando dominus ut voluerit predecessorum discreverit tempora, 
utque in nostro et successorum nostrorum regum nianeat mundiburdio, 
quateuus illorum quietudo nostro defendatur imperiali sceptro." 

Drei Jahre später (943) war dem Kloster in einer besonderen 
Urkunde das Recht der freien Abtwahl neuerdings von Otto ertheilt, 
(DO. 53), im Jahre 953 aber dessen Unabhängigkeit unter Königs- 
schutz wiederum zugesichert worden. Und wenn wirklich diese Un- 
abhäiigigki'it des Klosters vordem noch bedroht erschien, so war diese 
Gefahr eben mit dieser Urkunde (DO. lt;9 Original) mindestens für 



Die falschen Karolinger-Urknnclen für St. Maximin (Trier). \l 

die Zeit Ottos I. definitiv beseitigt, da dieser in ihr ausdrücklieli er- 
klärt, er habe diese Entscheidung getroffen über eine Klage des Erz- 
bischofes von Trier — und daher drohte ja St. Maxirain allein eine 
solche Gefahr — veelcher behauptete, das Kloster sei seiner Kirche 
ungerechter Weise entfremdet worden. In der Urkunde Ottos IL aber, 
welche 963, also zu Lebzeiten seines Vaters, des Kaisers Otto L, aus- 
gestellt wurde, findet sich keine Bemerkung über eine solche Bedro- 
hung des Klosters, es werden einfach die Privilegien seines Vaters 
bestätigt. Man mochte, wie anderwärts so auch in St. Maximiu Wert 
darauf legen, die erworbenen Kechte von dem neuen (961 erwählt) 
König gleich im Beginne seiner Regierung bestätigen zu lassen. Dass 
aber in dem Diplom neben den Privilegien seines Vaters von Otto IL 
auch solche von Dagobert, Pippin etc. erwähnt werden, kann an sich 
kaum als verdächtig betrachtet werden. Denn wenn auch, wie Bress- 
lau bemerkt, in der Urkunde Ottos I. von 953 ,,nur ganz allgemein" 
die Rede ist, dass das Kloster laut verlesener Privilegien ,,ab anti- 
quissimis temporibus" unabhängig gewesen sei, so ist doch als fest- 
stehend zu betrachten, dass St. Maximin einstens thatsächlich solche 
ältere Privilegien besass. In der uns noch (im Original) erhaltenen 
Urkunde Karls III. vom Jahre 885 werden in ganz bestimmter Weise 
„statuta antecessorura nostrorum" erwähnt. Dieser Erwähnung darf 
doch wohl eine grössere Bedeutung beigemessen werden, als dies von 
Bresslau geschehen ist. Wir wissen nicht nur, dass St. Maxirain Pri- 
vilegien älterer Karolinger besass i), wir sind durch jene Urkunde 
Karls IIL auch in den Stand gesetzt, auf den Inhalt jener ältesten 
Urkunden einen bestimmten Rückschluss zu thun. Karl habe in Er- 
fahrung gebracht, heisst es hier, „monasterium beati Maximini per 
diversas distributum persouas a propria electione iniuste et ultra sta- 
tuta antecessorura nostrorum iurationabiliter propriis privilegiis frus- 
tratum et ab electione penitus deiectum esse." Daraufhin habe der 
Kaiser das Kloster in seine Vorrechte wieder eingesetzt und demselben 
das Wahlrecht zugestanden -). Und wenn nun in dem auf diesen ein- 
gangs gegebenen Bericht folgenden dispositiven Theil des Diploms 
bestimmt wird : „ut deinceps hoc idem raonasterium sub nostra defen- 
sione salvum subsistat [nullusque habeat potestatem aliquam eis iu- 
rationabilem inferre molestiam", ausserdem aber noch die Verfügung 
über die freie Wahl angeschlossen erscheint, so ist es, wie schon 

') Einer Schenkung Dagoberts wird auch in dem echten (orig.) Diplom 
Ottos I. von 9f!6 (DO. 314) gedacht. 

2) monasterium propriis privilegiis restituimus et electionem fratribus . . . 
concessimus. 



12 Alfons Dopsch. 

Sickel 1) hervorgehoben hat, klar, dass sich die eigenen Privilegien 
auf die Unabhängigkeit (wahrscheinlich vom Erzbischof) und auf das 
Wahlrecht bezogen haben müssen. Ob diese einst vorhandenen älteren 
Privilegien 885 noch existirten, wird uns nicht gesagt. Die Annahme 
Sickels, der Hinweis auf jene Diplome der Vorfahren erfolge „in Aus- 
drücken, die wahrscheinlich machen, dass schon damals die älteren 
Urkunden beseitigt oder vernichtet waren", ist lediglich durch seine 
Auffassung des Wortes privilegia begründet. Doch scheint m. E. au.s 
dem Zusammenhang und wiederholtem Gebrauch dieses Wortes eher 
die Auffassung desselben im weiteren Sinne, gleich Vorrechten, 
geboten. Aber auch sonst wird die gegentheilige Annahme mindestens 
ebensoviel Wahrscheinlichkeit für sich beanspruchen dürfen, Avenn 
mtm bedenkt, dass der Nachweis jener Rechte seitens des Klosters 
unter den genannten Umständen jedenfalls auf Grund beweiskräftiger 
Documente geführt werden musste. 

Konute früher festgestellt werden, dass das Diplom Ottos IL von 
963, welches angeblich auf Grund unserer Fälschungen abgefasst wurde, 
seiner Form nach kanzleigemäss und durchaus unverdächtig sei, dass 
dasselbe ferner an Rechten nichts anderes enthalte als durch andere 
unzweifelhaft echte Diplome aus der unmittelbar vorhergehenden Zeit 
bereits sichergestellt war, so kann die in demselben vorkommende 
Bezugnahme auch auf Privilegien Dagoberts, Pippins etc. allein um 
so weniger einen zureichenden Grund bieten, einen Verdacht bezüg- 
lich der Vorlagen unseres Stückes zu begründen, als sich nachweisen 
Hess, dass das Kloster thatsächlich einstens ältere Privilegien besass, 
welche unzweifelhaft dieselben Rechte verbrieften. 

Es liegt somit nach keiner Richtung hin mehr ein Grund vor, 
mit Bresslau anzunehmen, dass unsere Fälschungen vor dem Jahre 
963 zu dem Zwecke augefertigt wurden, um daraufhin die Bestätigung 
jener Rechte von Otto II. in DOII. 7 zu erlangen. 

Mehr Wahrscheinlichkeit als die Bresslau'sche Hypothese hätte es 
von vornherein gehabt, als terminus ad quem das Jahr 973 zu be- 
trachten, da damals von Otto II. durch DOII. 42 nicht nur die Unab- 
hängigkeit des Klosters unter Königsschutz sowie das Wahlrecht 
bestätigt wurden, sondern auch noch weitere Rechte, und zwar 
solche (Gerichts- und Abgabenfreiheit), die unzweifelhaft eine grosse 
Aehnlichkeit aufweisen mit dem, was unsere Fälschungen sonst noch 
enthalten. Es muss ja auffallen, und spricht sicherlich wenig für jene 
Hypothese, dass in dem Diplom von 963, zu einer Zeit also, da bereits 

') Sitz.-Ber. d. Wiener Akademie 49, 320. Anm. 



Üie falschen Karolinger-Urkunden für St. Maximin (Trier). J3 

jene Fälschungen vorhanden gewesen sein sollen, ein Theil der in 
diese aufgenommenen Vorrechte keine Erwähnung faud. Eine ge- 
wisse Erklärung dafür lässt sich höchstens mit der von Bresslau, aller- 
dings zu anderem Zwecke aufgestellten Yermuthung gewinnen, da.ss 
ein Theil dieser Kechte nicht sofort, sondern erst später Anerkennung 
faud. Otto II. hätte demnach 963, da ihm jene Fälschungen angeb- 
lich vorgelegt wurden, nur einzelne von den in ihnen entlialteneji 
Kechten anerkannt, andere aber damals noch verweigert. Weshalb, 
ist allerdings dabei nicht recht einzusehen, da mau doch annehmen 
muss, dass Otto alle jene Privilegien wie später so auch damals als 
echt angesehen habe. 

Immerhin verdient die frappante Aehnlichkeit des Diploms von 
973 (DOll. 42) mit unseren Fälschungen, welche Bresslau betont hat, 
eine ernstliche Würdigung, Bresslau hebt 3 Stellen aus DOIl. 42 
heraus, welche so besonders schlatjend wirken. 

Fassen wir von denselbeu zunächst die an zweiter und dritter 
Stelle erwähnten analogen Wendungen ins Auge. Der Satz in DOII. 
42 : „theloneum a navibus eorum nuUus exigat" soll auf das Spurium 
M, 430 zurückgehen : „uec theloneum usquam a navibus eorum exigat." 

Diese Stelle wird m. E. an sich von vornherein wenig Bedeutung 
für sich in Anspruch nehmen dürfen, da sie in ihrer farblosen allge- 
meinen Fassung jeder charakteristischen Eigenart entbehrt. Zudem 
ist festgestellt, dass solche Erwähnungen von Zollabgaben in Immuni- 
tätsurkunden bereits zur 'Karolingerzeit vorkommen i). Für die Prio- 
rität der betreffenden Fälschung, aus welcher die Stelle eutuommen 
sein soll, kann dieselbe unter diesen Umständen umsoweniger etwas be- 
sagen, als sich trotz ihrer Kürze und allgemeinen Fassung überdies noch 
ein bedeutsamer Unterschied findet. „Nullus" in DOII. 42 steht „uec 
— usquam" im Spurium gegenüber. Diese in echten Urkunden sonst 
selten nachweisbare Formulirung der Fälschung involvirt, da ein „nul- 
lus" bereits vorausgeht, genau genommen eine weitere Ausdehnung 
des verliehenen Rechtes zu Gunsten des Klosters, indem auch die ört- 
liche Fixirung desselben gegeben erscheint. Es müsste sonach bei einer 
Priorität dieser Fälschung eigentlich Wunder nehmen, dass dem Kloster 
die ertheilte Zollbefreiung nicht in dieser weiteren, oder mindestens 
unzweideutigen Form bestätigt wurde. 

Die zweite zum Beweise angezogene Stelle hat Bresslau nicht 
direct vorgeführt, sondern nur ganz allgemein erwähnt, indem er be- 
hauptete „die in DOII, 42 gewährte Freiheit des Verkehrs in allen 



») Vgl. Sickel Beitr. z. Dipl. V. SB. der Wiener Akad. 49, 34 



DOII. 42. 
familiaque eorum ... et iu siu- 
gulis civitatibus imperialibus -vel 
pr^fectoriis liberam potestatem ha- 
beant iutrandi et exeuudi veudendi 
et emeudi pasceudi et adaquandi 
eique opera imperialia vel comi- 
tialia funditus perdonamus. 



lA Alfons Dopsch. 

köuigliclieu oder gräflichen Städten" gehe „auf einen entsprechenden 
Passus^' iu dem Spurium M. 730 zurück. Wie aber lauten die angeb- 
lich einander eutsprechenden Stelleu ? 

M. 730. 
Mancipia insuper seu predia vel 
cunctam monasterii substautiam 
abbatis potestati committimus, jut 
ad fratrum solummodo couductum, 
ne sancte religionis status deficiat, 
liberam veudendi vel commutandi 
habeatnostre auctoritatis licentiam, 
quatinus sine indigentia, sed cum 
tranquillitate et pace dominum 
pro Salute nostra iugiter exoreut. 
Sie sind, wie der Augenschein lehrt, grundsätzlich verschieden 
und können überhaupt nicht mit einander verglichen werden, da die 
eine sich auf etwas ganz anderes bezieht, als die audere enthält. Im 
Spurium wird der gesammte Besitzstand des Klosters, besonders die 
mancipia und predia, dem Abte unterstellt, diesem zu Gunsten des 
Klosters das freie Verfüguugsrecht (Verkauf und Tausch) über die- 
selben eingeräumt. Das echte Diplom Ottos II. aber enthält davon 
gar nichts, es wird vielmehr an der fraglichen Stelle dem Kloster und 
dessen Leuten Verkehrs treiheit in den königlichen und gräflichen 
Städten zugestaudeu, das Recht des Verkaufes und Kaufes, der Weide 
und (Vieh-) Tränke. Es wird kurz gesagt der F a m i 1 i a des Klosters 
ein Vorrecht und zwar ein solches, wie dasselbe der königlichen fami- 
lia zukam, ertheilt. Von einem Vorrechte der familia hinwiderum sagt 
jene Stelle des Spuriums überhaupt nichts, und speciell nichts von einem 
solchen, das sich auf die (königliehen und gräflichen) Städte bezog. 
Die beiden bisher besprochenen Stellen können somit weder für die 
Priorität dieser Fälschungen etwas besagen, noch auch zu dem Nach- 
weis verwerthet werden, dass die Spuria der echten Urkunde Ottos II. 
DOII. 42 zur Vorlage dienten. Sie sind vielmehr, wie schon Sickel 
vermerkt hat'), aus jener Urkunde Ottos I. von 970 entnommen, über 
welche ein bestimmtes Urtheil hinsichtlich ihrer Geltung mcht sicher 
ist, da die äusseren Formen der urkundlichen Beglaubigung Mängel 
aufweisen (Fehleu der Besiegelung). 

Wichtiger als diese beiden ist die dritte der Analogiestellen, welche 
Bresslau zur Begründung seiner Ansicht vorgebracht hat. 



') in MG. DO. 391. 



Die falschen Karolinger-Urkunden für Si Maximin (Trier). 15 

Es soll der Passus vou DOII. 42: et nt uuUa cuiuslibet iudi- 
ciariae dignitatis persona in curtibus eorum plaeita habere praesumat 
. . . familiaque illorum banuuin et fredas uulli nisi abbati persolvat" 
direct auf M. 1283 (Lothar) : „nulli etiam comitatui bauuum et fredas 
exsolvet, nee aliquis iu locis eiusdeni sancti Maximijii placitum habere 
presumaf' zurückgehen. 

Um einen genauen uud vollen Vergleich zu ermöglichen, müssen 
wir doch die entsprechenden Stellen ganz hier anführen. Ebeu damit 
verliert die vorhandene Aehnlichkeit schon sehr an Wirknno-. 
I^ÖII. 42: I Spurium M. 1283) 



abbaziam sancti Maximiui . . . 
nulli eciam comitatui baunum ac 
fredas exsolvat nee aliquis in locis 
eiiisdem sancti Maximini sine nostro 
iussu placitum habere presumat. 



et ut nulla cuiuslibet iuditiariae 
dignitatis persona in curtibus eo- 
rum placitum habere presumat, 
theloneum a navibus eorum uullus 
exigat familiaque eorum baunum 
et fredas nulli nisi abbati persolvat, 
nuUiusque nisi abbatis vel ab eo 
constitutorum placitum attendat 

Hinzuzufügen ist noch, dass in der echten Urkuude DOII. 42 
jener Steile eine Bestimmung unmittelbar voraugeht, welche dem Abt 
und den Conventualen das Recht verleiht, die Vogtei über das 
Kloster zu verleihen oder zu entziehen. In diesem Zusammenhano- 
gewinnt die einschränkende Klausel am Schlüsse der fraglichen Stelle 
„vel ab eo constitutorum" ihre specifische Bedeutung, es ist klar, dass 
sie sich auf den jeweiligen, vom Abt bestellten Vogt des Klosters be- 
ziehe. So wird das Mass der Analogie der beiden Stellen in ein deut- 
liches Licht gerückt und sofort der bedeutsame Unterschied klar, der 
thatsächlich besteht. Nach dem Wortlaut des echten Diploms wird 
zu Gunsten des Klosters einerseits die Ausübung jeder ordnungsmässigen 
Gerichtsbarkeit auf den ,,curtes" desselben untersagt, anderseits aber 
nur die familia des Klosters bevorrechtet, niemandem ausser dem Abt 
Gerichtsabgaben (Bann- und Friedensgelder) zu leisten und zugleich 
die Bestimmung aufrecht erhalten, dass dieselbe der Gerichtsbarkeit 
des Abtes und der von ihm bestellten Vögte unterstehen solle. 

Ganz anders die Bestimmungen des Spuriums. Die Abtei — 
ein, nebenbei gesagt, an sich ungewöhnlicher Ausdruck — soll ganz 
allgemein befreit sein Gerichtsabgaben an die Grafschaft zu leisten 
und jedwede Gerichtsbarkeit auf dem Klosterbesitz schlechterdings aus- 
geschlossen sein ohne Geheiss des Königs. 

Es ist klar, welche von diesen beiden Rechtsverleihungen ihrem 
Umfang nach als die weitere, welche vom Standpunkte des Klosters 



■^Q Alfons Dopsch. 

als die günstigere anzusehen ist. Und während so die Diction im 
allsemeinen sehr verschieden ist, erscheint die Uebereinstimmung der 
beiden Stücke im einzelnen, ihrem Wortlaut nach, bei einem Vergleich 
der in Betracht kommenden Stellen im ganzen auf sehr wenige Worte 
beschränkt. Nur die Ausdrücke „nuUi . . . bannum ac fredas exsol- 
vat" und „placitum habere presumat" sind thatsächlich gleich. Gerade 
diese aber sind gänzlich unverdächtig, weil keineswegs ungewöhnlich. 
Die Worte bannus ac freda finden sich schon in der Karolingerzeit 
gerade in Immunitätsurkunden nicht selten i). Aus den Karolinger- 
Diplomen werden sie dann (z. B. bei Bestätigungen) auch in die Urkunden 
der Ottonen übernommen 2). Aehnlich verhält es sich auch mit dem 
Ausdruck „placitum habere" '^). Während dieselben aber bislang 
entsprechend dem in der Karolingerzeit üblichen Formular der Immuni- 
tätsurkunden bei der Aufzählung jener Rechte angeführt werden, deren 
Ausübung durch die ordentliche Gerichtsbarkeit zu Gunsten des bevor- 
rechteten Klosters sistirt erscheint, formell also ein Rechtsverbot an 
die öflentlichen Beamten im Sinne einer Einschränkung ihrer amt- 
lichen Wirksamkeit^), bildet sich in den Urkunden der Ottonenzeit 
neben diesem noch ein anderes Formular aus. 

Die Bestimmung über die auf den gefreiten Gütern des Immuni- 
tätsherrn sesshaften Leute, welche früher gleichfalls in der Form des 
Verbotes dem einheitlichen Exemtions-Formular augegliedert war, er- 
langt vielfach eine selbständige Fassung und wird zugleich in die 
positive Form eines Vorrechtes umgewandelt. Diese Erscheinung geht 
Hand in Hand mit der Erwähnung des Vogtes als Immuuitäts-Ge- 
richtsorgans im Sinne eines ausschliesslichen Gerichtsstandes für die 
Familia, die nunmehr in den Diplomen der Ottonenzeit ständig wird. 
Es ist ein charakteristisches Zeichen für die Ausbildung der immuni- 
tätsherrlichen Gerichtsbarkeit — auf sie bezieht sich ja die Wirksam- 
keit der Vögte nach der einen Seite hin — welche in diesen Neue- 
rungen ihren Ausdruck findet. 

Nicht wie früher wird in diesen Urkunden den öfi'entlichen 
Beamten schlechthin untersagt (neben andern), gegen die Leute 
des Immunitätsbezirkes eine amtliche Zwangsgewalt geltend zu 
machen (homines ecclesie . . . iniuste distriugendos) oder von denselben 

») Vgl.^M. 133 (Karl d. Gr. 769 f. St. ßertin), M. 799 (Ludwig d. Fr. 826 f. 
Prüm), M. 1410 (or. Ludwig« d. D. 863 f. St. Felix u. Regula), M. 1541 
(or. Karls lü. 878 f. Reichenau). Vgl. auch Sickel, Beitr. z. Dipl. V. Sitz.-Ber. 
der Wiener Akad. 49, 356 fi". '') z. B. DO. 146. 

3) Vgl. M. 1215; 1587 bis 1590 und 16i)9. DO. 277 u. DOII. 210, vgl. auch 
DO. 245. 341. 372 u. DOIL 94; 144. 

^) Vgl. Brunner RG. 2, 293 ä'. 



Die falschen Karolinger-Urkunden für St. Maximin (Trier). ]^7 

öffentliche Leistungen zu erheben (uec ullas redibitiones . . . requiren- 
das) 1), diese Leute werden jetzt vielmehr bevorrechtet, vor niemand 
ausser dem Vogte Eecht zu geben, er sollte der ausschliessliche Ge- 
richtsstand sein, vor dem die Angelegenheiten derselben entschieden 
werden sollten. Sehr deutlich tritt dieser Uebergang von dem alten 
zum neuen Formular in einer Urkunde Ottos L für Neuenheerse ent- 
gegen 2). Hier wird der alten, aus der Vorurkunde übernommenen Im- 
munitätsformel die Bestimmung angeschlossen: „Hominibus quoque 
eiusdem monasterii predictum mundeburdum et tuitionem constitui- 
mus, ut etiam coram nulla iudiciaria potestate examinentur, nisi coram 
advocato. Zugleich aber wird dieser nunmehr selbständigen Bestim- 
mung manchmal jene weitere angeschlossen, dass diese Hintersassen 
niemand ausser dem Immunitätsherren Leistungen schulden sollten. 
„üt familiae eorum coram nullo nisi advocato eorum iustitiam secu- 
larem cogantur agere et null! nisi eidem congregationi serviant" be- 
sagt eine Immunität Ottos I. für Magdeburg (DO. 14) ^). 

Eine den fraglichen Wendungen des Diploms für St. Maximin 
ganz analoge Stelle bietet DO. 86 (für Trier) : ut abliinc uullus iudex 
publicus vel quislibet ex iudiciaria potestate comes ingredi habeat pote- 
statem causa legalis iusticie vel causa adunandi placiti in villis et in 
locis eiusdem T. ecclesie . . , neque familia ipsius ecclesie . . . aut 
tributa vel freda exsolvat . . . sed sufificiat comiti, ut advocatus s. T. 
ecclesie . . . iusticiam de familia reddat." 

Dabei ist im allgemeinen zu bemerken, dass neben dem Ausdruck 
,homines' besonders die Bezeichnung ,familia' verwendet wird. 

Indem sieh also sowohl die einzelnen Ausdrücke von DOII. 42 als 
unverdächtig erweisen, wie anderseits unzweifelhaft echte Diplome auf- 
zeigen Hessen, deren Bestimmungen sachlich dasselbe besagen wie dieses, 
ist ein Grund nicht einzusehen für die Annahme Bresslau's, dass jene 
Verfügung auf unsere Fälschungen hin getroffen worden sein müsse. 
Bei näherem Zusehen stimmt vielmehr die Diction von DOII. 42 weit 
besser zu dem sonst bekannten echten Formular der Ottonenzeit als 
zu jenen Fälschungen. Es darf in dieser Beziehung nicht nur auf 
das, wie gesagt, formelmässige ,familia' gegenüber dem allge- 
meinen und an dieser Stelle sonst kaum üblichen ,abbazia' des Spu- 
riums hingewiesen werden, es stimmt anderseits das in dem Spurium 
auftretende ,comitatui' nicht zu dem gebräuchlichen Formular echter 
Diplome, es schliesst sich endlich DOII. 42 insbesonders durch die in 

') Formulae imperiales ed. Zeumer MG. Form. 307. 

2) DO. 36. Vgl. ausserdem DO. 89. 227. 252. DOII. IG. 29. (11. 75. 95. 

3) Aehnlicli DO. 15. 16. Vgl. auch DO. 294. 

Mittheilungen XVII. ^ 



j[g A 1 f 11 s D p s c h. 

dem Spurium gänzlich fehlende Schlussclausel : ,,nulliusque nisi abbatis 
vel ab eo constitutorum placitum attendat" sehr wohl an die 
früher charakterisirte allgemeine Eatwickeluug au, indem dieselbe, wie 
eezeicrt wurde, neben dem Abt die von ihm bestellten Vöote als Ge- 
richtsstand der familia bestehen lässt. 

Und gerade mit diesem bedeutsamen Unterschiede haben wir auch 
zugleich den Schlüssel gefunden für die richtige AuflFassung der im 
Jahre 070 Kaiser Otto I. vorgetragenen Bitten, welche angeblich mit 
unseren Fälschungen in näherem Zusammenhang stehen sollen. Bress- 
lau hat ja angenommen, dass eine derselben, welche unter Otto L, 
wie der Befund von DO. 391 darthut, nicht erfüllt, sondern erst von 
Otto II. (eben durch DO. II, 42) realisirt wurde, die Verbriefung ge- 
wisser Rechte und Freiheiten betroffen habe, „für die man sich, zum 
Theil wenigstens auf unsere gefälschten Karolingerdiplome stützen 
konnte". , Sicherlich haben", meint er ,,die während dieses langen 
Kampfes von den Mönchen fabricirten falschen Urkunden denselben 
die endliche Erringung des Sieges auf das wesentlichste erleichtert". 

Thatsächlich erscheint in DOII. 42 jene 970 nicht vollzogene 
Urkunde Ottos I. (DO. 391), wie schon Sickel bemerkt hat, als 
Vorlage benützt, thatsächlich werden die dort angestrebten Rechte hier 
nun endgiltig bestätigt. 

Allein gerade das, worin beide Urkunden übereinstimmen, gerade 
das, was man dort erstrebte und hier erreichte, ist eben etwas ganz 
andei'es, als unsere Fälschungen enthalten. 

Wie die im Eingänge von DO. 391 uns entgegentretende Nar- 
ratio berichtet, bezog sich die damals vorgetragene Bitte vornehmlich 
auf die Vogtei i). Um den Unbilden zu steuern, welche die familia 
des Klosters von den Vögten zu erdulden hatte, erstrebte der Abt 
damals das Recht, die Vogtei beliebig verleihen und entziehen zu 
dürfen (ut idem abbas eiusque successores advocatias habeant quibus 
velint dandi quibusque velint tollendi potestatem). Der familia sollte 
ferner das Vorrecht zu theil werden, niemandes Gericht zu folgen 
ausser jenem des Abtes und der von ihm bestellten Vögte (nee epis- 
coporum aut ducum comitumve aut alicuius iudiciari^ potestatis pla- 
citum adtendant, nisi solius abbatis et advocatorum quos ipse elegerit 
et constituerit). 

Eben diese Stellen wurden dann in DOII. 42 wörtlich aufge- 
nommen, es waren also dies die Rechte und Freiheiten, welche man 



') Notum esse volumus, qualiter venerabilis abbas . . . nostram . . . adiit 
excellentiam conquerens ob advocatorum incuriam se suamque familiam per- 
multa pati incommoda. 



Die falschen Karolinger- Urkunden für St. Maximin (Trier). 19 

970 nicht erlangte, die erst 973 zuerkannt wurden. Gerade von der 
Vogtei aber (dem Ein- und Absetzungsrecht der Vögte, der Bestellung 
derselben als ausschliesslichen Gerichtsstand für die familia des Klo- 
sters) sagen unsere Fälschungen gar nichts, es ist — und das haben 
wir früher als auffallenden Unterschied gegenüber DOII. 42 hervor- 
gehoben — in keiner von ihnen allen auch nur eine Audeutuna; dar- 
über enthalten. 

Ist somit dargetlian, dass sie zu der wesentlichsten Frage, um 
welche es sich damals (970—73) dem Kloster handelte, keine Bezie- 
hung aufweisen, so können sie auch unmöglich damals zu dem Zwecke 
angefertigt worden sein, um auf sie hin oder wenigstens unter ihrer 
Mithilfe jene Kechte, die dann 973 wirklich ertheilt wurden, zu er- 
ringen. 

Es ist aber auch klar, dass sie zu einer Zeit fabricirt wurden, 
wo nicht diese, sondern eine andere Frage im Vordergrunde des von 
dem Kloster vertretenen Interesses stand. 

Was ist aber anderseits das Gemeinsame in all' diesen Fälschungen, 
worauf scheint in ihnen vor allem Werth gelegt? — Deutlich springt 
die Tendenz derselben in die Augen, wenn wir die einzelnen Stücke 
ihrem Inhalte nach vergleichen. Zunächst also die vier noch in den 
Urschriften erhaltenen Urkunden. Gemeinsam allen und im Mittel- 
punkte der einzelnen Bestimmungen stehend, findet sich die Verfügung, 
dass das Kloster unabhängig und von jedweder äusseren Ingerenz 
frei unter Königsschutz stehen solle i). Daneben wird die freie Wahl 
des Abtes besonders betont. ^) Die übrigen Kechte, welche ausserdem 
noch verliehen werden, schliessen sich in gewissem Sinne jenem zuerst 
erwähnten Kernpunkte, der Unabhängigkeit, an. Es ist die Immu- 
nität (M. 729), aus deren Inhalt noch besonders und wiederholt das 
Verbot, eine Gerichtsbarkeit auf dem Klosterbesitz auszuüben (M. 430 
und 1283), sowie Abgaben zu erheben (M. 430 und 1283), hervorge- 
hoben erscheint. Zollfreiheit wird durch zwei dieser Urkunden ver- 
liehen (M. 430, 1283). Mit dem specifischen Charakter dieser vier 
Stücke stimmen vollkommen auch jene zwei weiteren Fälschungen 
überein, die uns nicht mehr in der Urschrift erhalten sind, die Ur- 
kunde Dagoberts-^) und ein zweites auf den Namen Ludwigs des 
Frommen gefälschtes Stück (M. 730). Auch in ihnen tritt in gleicher 
Weise die Unabhängigkeit des Klosters unter Königsschutz als Haupt- 
sache hervor, es wird ausserdem in ersterer neben einer Besitzbestä- 
') So ausdrücklich M. 98, 430, 1283 dazu im allgemeinen 729 als Immunitilt. 
2) M. 98, 430. 
8) Beyer, Mittelrhein. U15. 1, 1 n" 3. 



20 Alfo n s Do psch. 

tigung jedweder gewaltsame Eingriff in das Kloster verboten, in letz- 
terem aber die freie Abtswahl und dazu die Unterordnung des gesammten 
Klosterbesitzes unter den Al)t mit freiem Verfügungsrecht über den- 
selben zugestanden. Wir dürfen mit ziemlicher Sicherheit annehmen, 
dass auch diese beiden Spuria auf denselben Fälscher zurückgehen, wie 
jene vier anderen, mindestens- aber zu derselben Zeit und aus dem- 
selben Anlasse entstanden sind. Eine Keihe also von 6 Fälschungen, 
deren gleichartiger Inhalt eine gemeinsame Tendenz verräth. Diese 
selbst, gewissermasseu als Programm für die ganze Gruppe, ist klar 
gezeichnet im Eingang der angeblich ältesten Urkunde, dem Spurium 
Dagobert's: „Ego Dagobertus rex poteutissimus," heisst es da, „con- 
venienti concilio episcoporum meorum comitumque legatos de mea 
parte ad abbatem Memilianum direxi mandans ei, ut diligenter in- 
quireret raichique per se ipsum iudicaret, quibus auctoribus illud mo- 
nasterium sancti Maximini constructum velcuius imperio ;ipri- 
stinis temporibus esset subiectum." 

Die staatsrechtliche Stellung des Klosters, sein Verhältnis zur 
Staats- und Diöcesangewalt, das ist die Frage, auf welche das Interesse 
dieser Fälschungen deutlich sich concentrirt. 

Sie aber sind offenbar entstanden, da jene Frage acut wurde, da 
St. Maximiu um diese seine Stellung, um seine Unabhängigkeit mit 
einer dieselbe bedrohenden Macht zu kämpfen hatte. 

Zur Zeit Ottos I. und Ottos II. war dies, wie früher ausgeführt 
wurde, nicht der Fall. Damals war die Unabhängigkeit des Klosters 
auch durch andere Diplome, als die in Frage stehenden DO. 169, 
DOII. 7 und DOII. 42 gewährleistet, unangetastet. 

Wenn wir aber nun die echten Königsurkunden der späteren 
Zeiten, welche sich auf jene Frage beziehen, untersuchen, so finden 
wir, dass diese Unabhängigkeit St. Maximins, wie sie in DOII. 7 und 
DOII. 42 ihren Ausdruck fand, auch m der Folge gewahrt blieb, so 
zwar, dass eine Keihe von Diplomen der späteren Herrscher direct 
auf sie als Vorurkunden zurückgeht, wesentlich die gleichen Bestim- 
mungen wiedergibt und bestätigt. So Otto III. in DOIII. 62 (990), 
Heinrich II. (1005) i), Heinrich IV. (1065) ^0, Heinrich V. (1116)^). 

Bis ins 12. Jahrhundert also war diese selbständige Stellung des 
Klosters vom Königthum ununterbrochen anerkannt und wiederholt 
verbrieft worden. Eben damals aber trat ein vollkommener Umschlag 



») Beyer 1, 334. 
2) Ebd. 1, 416. 
8) Ebd. 1, 495. 



Die falschen Karolinger-Urkunden für St. Maximin (Trier). 21 

ein. Wir wissen, dass im Jahre 1139 diese Unabhängigkeit St. Maxi- 
mins nicht mehr zu Hecht bestand, indem dasselbe damals definitiv 
von König Konrad III. — das Diplom ist noch im Original erhalten i) 
— dem Erzbisthnm Trier untergeordnet wurde. Dieser definitiven 
Entscheidung aber, welche damals vom Könige getroffen wurde, gieng, 
wie wir aus diesem Diplom erfahren, ein längerer Streit zwischen 
St. Maximin und Trier voraus, in dem das Erzstift Besitzrechte an 
das Kloster geltend machte. 

Schon seit langer Zeit hätten, wird uns berichtet, die Erzbischöfe 
von Trier unaufhörlich bei den früheren Königen Ansprüche auf St. 
Maximin erhoben, das, dem Bisthum zugehörig, widerrechtlich diesem 
entzogen worden sei. In ein neues Stadium aber sei dieser Streit mit 
verschärfter Eindringlichkeit getreten, da bei Heinrich V. der Erz- 
bischof Bruno, bei seinem Nachfolger Lothar III. Albero von Trier 
die Frage anhängig machten. ,,Ad postremum cum privilegia sua pre- 
dictus archiepiscopus Albero prenominato imperatori Lothario, qu^ de 
suprascript(^ abbatit^ s. Maximini possessione habebat, crebrius obtulisset 
et eidem imperatori pro hoc maxime consequeudo beneficio in expeditione 
Apuli^ cum magno et periculo et sumptu fideliter deservisset, tempus 
agend^ sibi iustici(j iuterventu principum obtinuit. Sed Imperator morte 
preventus causam iam quidem ceptara, sed minime consummatam reli- 
quit." Nach dem Regierungsantritte Konrads III. aber habe Albero 
jene Klage von neuem „magnis et assiduis allegationibus" iu Anwesen- 
heit der Fürsten vorgebracht „preferens utique antiqua privi- 
legia possessionem abbati^ s. Maximini suo episcopio 
iure confirmantia'. Auf jene Privilegien hin — je ein Diplom 
Dagoberts und Karl des Grossen werden genannt — und die Ver- 
sicherung, das Kloster sei früher dem Stifte widerrechtlich entzogen 
worden, sowie auf Bitten des Papstes Innocenz II. habe der König 
(Kourad III.) dieses eudgiltige Urtheil gefällt. 

Diese Entscheidung Konrads III. von 1139 muss unzweifelhaft 
als spätester terminus ad quem für die Entstehung unserer Fälschungen 
betrachtet werden, da durch dieselbe jene Rechtsfrage definitiv er- 
ledigt wurde, auf welche sich diese ausschliesslich beziehen. Damals 
aber, im 12. Jahrhundert also, war thatsächlich die Unabhängigkeit 
St. Maximin's ernstlich bedroht, es galt eben jene Rechte zu ver- 
theidigen, welche angeblich durch diese (falschen) Urkunden ver- 
brieft wurden. Damals sind dieselben auch offenbar entstanden, 
da ihre specifische Tendenz für diese Zeit eine eminente praktische 
Bedeutung erlangt. Und sehen wir genauer zu, so werden wir 

1) Beyer 1, 565. 



22 Alfons Dopsch. 

aus dem, was wir über jenen Streit im einzelnen erfahren, einen 
noch näheren Schluss auf die Entstehungszeit dieser Spuria thun 
können. Jene älteren Trierer Urkunden, durch welche die Besitzan- 
sprüche des Erzhisthums an St. Maximin begründet wurden, sind 
gleichfalls Fälschungen, Es ist aber nach den verschiedenen Andeu- 
tungen, welche über jenen Streit vorliegen i), höchst wahrscheinlich, 
dass dieselben von Seite des Erzbisthums Trier erst unter Albero pro- 
ducirt wurden, da ihrer in dem Berichte der Urkunden Konrads III. 
erst in diesem Zusammenhange ausdrücklich Erwähnung geschieht im 
Gegensatze zu der ganz allgemein gehaltenen Erzählung über die An- 
sprüche, welche früher, und auch von Erzbischof Bruno noch 
geltend gemacht wurden. Prümers ^) hat m. E. daraus mit Recht ge- 
schlossen, dass dieselben erst unter Albero angefertigt wurden, dieser 
selbst aber vermuthlich deren Urheber gewesen sei. 

Diese Spuria sind nun auf die Namen Dagoberts, Pippins und 
Karls des Grossen gefälscht aus dem sehr naheliegenden Grunde, um 
jene Ansprüche Triers möglichst alt erseheinen zu lassen und insbe- 
sonders jene Behauptung erweisen zu können, dass das Kloster später 
widerrechtlich dem Erzbisthum entzogen worden sei. Man hatte sich 
ja von Seiten Triers mit der späteren, thatsächlicheu Rechtsentwicklung 
abzufinden, der zu Folge St. Maximin mindestens seit den Zeiten Hein- 
richs I. unabhängig unter Königschutz gestanden hatte ^). Diese selb- 
ständige Stellung des Klosters w;ir von da ab durch eine Eeihe 
unzweifelhaft echter Diplome anerkannt und gesichert worden, man 
konnte sich in St. Maximin sogar auf eine noch heute erhaltene, echte 
Urkunde Karls III. von 885 (M. 1671) berufen, welche ein Gleiches 
besagte. Den Nachweis aber, dass diese durch eine geschlossene Reihe 
von Diplomen bezeugte Entwickelung dem ursprünglichen Rechtsver- 
hältnis zuwiderlaufe, nur durch ,, Gewaltmassregeln oder Nachlässig- 
keit" der späteren Herrscher hervorgerufen worden sei^), war eben 
nur mit solchen Urkunden zu erbringen. 



') Zu vergleichen ist dazu auch uocli das jener Urkunde entsprechende 
Mandat Konrads III. an Ö. Maximin, Trier Gehorsam zu leisten (Beyer 1, 567), 
sowie ein Diplom Friedrichs I. von 1157 (Bej'er 1, 655), durch welches das Ur- 
theil Koni-ads III. zu Gunsten des Erzbistums bestätigt wird. 

'^) Albero von Montreuil, Erzbischof von Trier. Diss. Göttingen 1874 Beil. II. 

s) Aus dem früher besprochenen Diplom Ottos 1. vom Jahre 940 (DO. 31) 
geht hervor, dass schon von Heinrich I. die damals bestrittene Unabhängigkeit 
des Klosters anerkannt wurde. Die Urkunde selbst ist nicht mehr erhalten. 

••) So suchte man von Seite des Erzbistums die Sache anscheinend darzu- 
stellen, da Konrad 111. in seinem Mandat an S. Maximin von Albero sagt, »nobis 
in presentia principum querimoniam suam repetivit quod abbatia S. Maximini 



Die falschen Karolinger-Urkunden für St. Maximin (Trier). 23 

Anderseits musste man in St. Maxiuiin erkennen, dass man dem 
Vorgehen Alberos nur dann mit Aussicht auf Erfolg begegnen, nur 
dann gegenüber dem von ihm geführten Beweisverfahren die eigene 
Unabhängigkeit behaupten könne, wenn man dafür gleichfalls Diplome 
aus der ältesten Zeit vorlegen konnte. Da man solche in dem Kloster 
damals offenbar aber niclit mehr besass, so griff man zu demselben 
Mittel, dessen sich auch Albero bediente, man Hess Fälschungen an- 
fertigen, und dazu konnte man sich in St. Maximin umso leichter 
bewogen fühlen, als das Kloster, wie früher nachgewiesen wurde, 
einstens thatsächlich solche ältere Diplome besass. Die Namen der 
Herrscher aber, welche dem Kloster zuerst jene nunmehr bedrohten 
Rechte ertheilt hatten, gaben die Diplome Ottos II. von 963 (DOII. 7) 
und 973 (DOII. 42), respective das Ottos I. von 965 (DO. 280) an die 
Hand. So wurden unsere Fälschungen unternommen und auf die in 
jenen Diplomen enthaltenen Namen ausgefertigt. So erklärt sich auch 
der umstand, dass man gerade diese Diplome dabei als Vorlage be- 
nützte, nach ihnen Wortlaut und Inhalt der Spuria formte i). 

Unter Albero von Trier, das wissen wir, kamen jene angeblich 
älteren Köuigsurkunden für Trier zuerst zum Vorschein, er legte sie 
Lothar 111. auf seinem Zuge in Apulien (1137) vor, um daraufhin die 
Unterordung St. Maximins unter seine und des Erzbisthums Herrschaft 
zu erreichen. Um diesen Bestrebungen zu begegnen, hat mau in dem 
Kloster unsere Fälschungen angefertigt, sie sind augenscheinlich zu 
derselben Zeit entstanden. In die Jahre 1132 (dem Regierungsautritt 
Alberos) bis 1137 also sind dieselben voraussichtlich anzusetzen, sie 
sind jedenfalls vor 1139 entstanden, wie das Diplom Konrads III. 
darthut. Das aber ist genau dieselbe Zeit, auf welche wir durch die 
Kritik der äusseren Merkmale jeuer vier noch in den Urschriften er- 
haltenen Spuria gewiesen wurden. Eigenthümlichkeiten, die erst in 
der Zeit Lothars III. auftreten, konnten dort beobachtet werden. 

Dieselbe Ursache also hat damals zur Zeit Lothars III. nach 
zwei Seiten hin zu Urkundenfälschungen Veranlassung gegeben. Der 
Streit über die staatsrechtliche Stellung des Klosters S. Maximia bietet 
das interessante Schauspiel eines Kampfes, bei welchem nicht nur, 

. . . episcopio suo iure proprietatis pertinuerit, sed iam dudum eadem possessione 
sive violentia sive negligentia principum diu caruerit. Beyer 1, 567. 

') Dass man bei dieser Auifassung über die Entstehungszeit dieser Spuria 
nicht mehr auf das Diplom Ottos 1. von 953 (DO. 169) als Vorlage zurückzugehen 
braucht, ist kaum nöthig hervorzuheben. Man konnte die Stellen, welche nach 
Bresslau au-s jener Urkunde stammten, einfach aus den Urkunden Ottos IL ent- 
nehmen, zu welchen unsere Spuria dem Wortlaute nach thatsächlich auch besser 
stimmen. 



24 Alfons Dojjsch. 

wie aucli sonst häufig, die eine Partei zur Begründung ihrer Rechts- 
ansprüche Fälschungen producirt, in beiden Lagern wird hier mit 
Hilfe von Fälschungen versucht, den jemals behaupteten Rechtsstand- 
punkt zu begründen. Und diese zwei, ihrem Inhalte nach direct ent- 
gegengesetzten Fälschungsgruppen erscheinen im einzelnen auf die 
Namen der gleichen Herrscher angefertigt. Das Recht selbst lag, 
von diesen Spuria abgesehen, ohne Zweifel auf Seiten des Klosters. 
Der von diesem vertretene Rechtsstandpunkt war nicht nur durch eine 
seit mehr als 200 Jahren anerkannte thatsächliche Eutwickelung be- 
gründet, er Hess sich auch für die frühere Zeit mindestens indirect 
rechtlich vertreten. Das Erzbisthum aber hat, soviel wir wissen, nie- 
mals einen directeu urkundlichen Beleg für die Rechte, welche es 
nunmehr anstrebte, besessen. Und doch fiel das Urtheil, welches 
diesen Streit endgiltig entschied, zu Gunsten dieses letzteren aus. 
Die Erklärung dafür aber kann kaum zweifelhaft sein. Wohl wird in 
dem Diplom Kourads III., durch welches jene Entscheidung gefällt 
wurde, bei Erwähnung der von Albero vorgelegten Urkunden, die als 
Beweisstücke dienten, ihrer äusseren Beglaubigungsform gedacht i), allein 
es kann dieses Moment umsoweniger ausschlaggebend gewesen sein, 
als auch die von dem Kloster producirten Urkunden eine solche Be- 
glaubigung aufwiesen. 

Der eigentliche Grund für diese Urthellsfällung ist sicherlich ein 
anderer gewesen, und er darf jedenfalls als bedeutend wirksamer be- 
trachtet werden, da wir ihn aus politischen Rücksichten gegen Albero 
ableiten möchten. 

Der Erzbischof von Trier, Albero von Montreuil 2), war ja jener 
Reichsfürst, dem König Konrad III. aus mehr als einem Grunde ver- 
pflichtet war. Er war es gewesen, der nach dem Tode Lothars IIL, 
da verschiedene bedeutsame Umstände sich vereinigten, den Schwieger- 
sohn des eben kinderlos Verstorbenen als geeignetsten Throucandidaten 
zu empfehlen, die Initiative zur Erhebung des Staufers ergriff", er 
war es auch, der nachher für die Anerkennung des zunächst nur 
von einer Partei Erwählten wirksam eintrat. Die zustimmende Er- 
klärung des Papstes zu dieser Parteiwahl dürfte von ihm, als dem 
geistigen Haupte der kirchlichen Partei wesentlich beeinfiusst worden 
sein. Wie damals bei seinem Regierungsantritte (1138), so verband 
auch im folgenden Jahre den König dessen eigenstes Interesse mit 



») Von der Urkunde Dagoberts heisst es: in quo per anuli sui notam im- 
pressionem confirniat; über die andere Urkunde aber erfahren wir: aliud nichilo- 
minus preceptum Karoli regis Francorum nota imagiue signatuin recitabat. 

'^) Vgl. für das Folgende die Ausführungen Prüraers a. a. 0. S. 43 fl'. 



Die falschen Karolinger-Urkunden für St. Maximin (Trier). 25 

Albero. Jetzt galt es, die Macht seines gefährlichsten Gegners, des 
stolzen Weifen, zu brechen, dem Rechtspruch, welcher auf die Wei- 
gerung Heinrichs, eines seiner Herzogthümer herauszugeben, erfolgt 
war, praktische Geltung zu verschaffen. 

Nach Strassburg hatte Konrad 1139 die Fürsten zu einem Reichs- 
tage berufen, um hier mit denselben wegen eines gemeinsamen Vor- 
gehens gegen Sachsen zu berathen, von ihnen eine entsprechende 
Unterstützung für dieses sein Vorhaben zu gewinnen. Unter diesen 
Umständen ist hier nun in Strassburg jene Entscheidung über den 
Streit zwischen St. Maxirain und dem Erzbisthum von dem Köniir ae- 
fällt worden. Konrad konnte, er durfte nicht anders als zu Gunsten 
des Erzbisthums, oder richtiger gesagt, Alberos entscheiden, umsomehr 
da auch der Papst zu dessen Gunsten intervenirte. 

So dürfen die Stellen des Diploms, in welchen der Rücksicht auf 
die grossen Verdienste Alberos gedacht wird, ihre specifische Bedeu- 
tung beanspruchen. Nach dem Tode Lothars habe Albero jene Klage 
neuerdings vorgebracht: „Nobis autem per dei misericordem provi- 
dentiam ad regui gubernationem subliraatis fidemque ipsius 
archiepiscopi studiumet labores circa nostrametregni 
fidelitatem multis argumentis persentientibus". Und das 
Urtheil selbst, die Entscheidung leitet der König also motivirend ein: 
, Nos itaque in hoc ipsum tum manifesta iusticiae attestatione, tum 
etiam precibus et peticione venerabilis patris nostri pap^ lunocentii II. 
etpreterea ipsius dilectissimi ac fidelissimi nostri archiepiscopi Alberonis 
obsequio et multimoda devotione rationabiliter inelinati. " 

Ein Postulat der Staatsraison war es, dass Konrad 1139 so ent- 
schied ; die Trier'schen Fälschungen gegenüber jenen von St. Maximin 
anzuerkennen, gebot die politische Klugheit, die Rücksicht auf die 
Verdienste Alberos um das junge Königthum der Staufer. 



Gehören, wie im Vorangehenden zu zeigen versucht wurde, diese 
Fälschungen der Zeit Lothars III. au, so rückt damit wiederum eine 
in sich geschlossene Gruppe von Spuria, welche bisher in die frühere 
Zeit verlegt wurde, in das 12. Jahrhundert. 

Es ist eine beachtenswerthe Erscheinung, dass von der grossen Masse 
der mittelalterlichen Ur künden fälschungeu immer mehr als P r o d u c t e 
des 12. Jahrhunderts erwiesen werden, ich möchte sagen in dem 
Masse, als die Forschung in die nähere Erkenntnis derselben eindringt. 

Seitdem K. Foltz im Jahre 1878 den Nachweis geliefert i), dass 

») Forschungen zur deutschen Gesch. 18, 493 fi'. — Vgl. dazu als nachträg- 
liche Ergänzung Mittheil, des Inst. f. öst. GF. 14, 327 tf. 



26 A Ifons Dopscli. 

die zahlreichen F u 1 d a e r Fälschungen einen Zusammenhang aufweisen, 
dass sie iusgesammt eben in jener Zeit von Eberhard, einem Mönche 
des Klosters hergestellt wurden, hat sich in der Folge immer mehr 
gezeigt, dass auch verschiedene andere Fälschungsgruppen der gleichen 
Zeit zugehören. Bresslau hat in seinem früher besprochenen Aufsatze 
(1885) das Gros der St. Maximiner Spuria in das 12. Jahrhundert 
überwiesen und in jüngerer Zeit ist durch die Untersuchungen K. 
Brandi'ö dargethan worden i), dass auch die überwiegende Mehrzahl 
der so zahlreichen Reichenauer Spuria dieser Zeitperiode angehöre. 

Die grossen Fälschungsreihen treten so zu einander, sie begegnen 
sich nahezu in der Zeit ihrer Entstehung. Aber auch ausser diesen 
werden an kleinei'en, weniger umfangreichen Fälschungsgruppen immer 
mehr derselben Zeit zugewiesen. Früher schon (1874) hatte Prümers 
in seiner oben bereits citirten Abhandlung (Beil. II.) festgestellt, dass 
die Spuria der Tricr'.^chen Kirche in die Zeit Lothars III. gehören. 

Pfister hat dann in jüngster Zeit den Nachweis erbracht, dass die 
Urkunden von Hohenburg und Niedermünster um die Mitte 
des 1 2. Jahrhunderts gefälscht worden seien -) und vor Kurzem erst 
hat W. Wigand entgegen der bisherigen Auffassung ein Gleiches für 
Strassburg dargethan ■'^). Er hat zugleich auch bereits für wahr- 
scheinlich erklärt, dass die umfaugreichen Ebersheim er Fälschungen 
dieser Periode angehö en und ist damit auch schon auf die Allgemein- 
heit dieser Erscheinung aufmerksam geworden. Sehr richtig hob er 
hervor, dass „wohl kein Jahrhundert des Mittelalters so fruchtbar an 
diesen Erzeugnissen sei wie eben das zwölfte", dass die Annahme 
Quicherat's, welcher solches für das 11. Jahrhundert nachweisen zu 
können meinte ^), in diesem Sinne modificirt werden müsse. 

Und thatsächlich treten zu den bereits angeführten Fälschungs- 
gruppen noch eine Reihe weiterer hinzu, welche, soweit es sich we- 
nigstens um angebliche Karolingerurkunden handelt, in der gleichen 
Zeit entstanden. — Die Fälschung für Drübeck (Mühlbacher 1510) 
gehört ebenso in das 12. Jahrhundert -''), wie ein St. Emmeramer Stück 
(M. 1959) % die Kemptener Fälschungen (M. 157 und 158), das Spu- 



') Die Reichenauer Urkundenfälschungen in d. Quell, u. Forschungen zur 
Gesch. d. Abtei Reichenau herausg. von der bad. hist. Commission I. 1890. Vgl. 
Mittheil. d. Inst. 14, 663 fi'. 

-') Annalcs de V Est 5, 430 tt'. 

s) Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrheins N. F. ü, 389 ff. 

*) Bibl. de 1' ecole des chartes 1865 p. 538. 

5) Vergl. Jacobs in Zeitschr. des Harzvereius 11, 1, 16 f. 

«J Waitz VG. 6, 461. 



Die falsclien Karolinger-Urkuuden für St. Maximin (Trier). 27 

riuin für Lindau (M. 961) ^) verdanken derselben Zeit ilire Entstehung, 
wie die falsclien Urkunden für Murrliardt (M. 643) ^) und Ottobeuern 
(M. 132.) 

Wenn bei all diesen Fälschungen der K ach weis dieser Entste- 
hungszeit schon geführt wurde, so wird sich derselbe überdies noch 
für manche andere Spuria in gleicher Weise erbringen lassen. Ich 
kann hier vorgreifend von den Ergebnissen der für die Neuausgabe 
der Karolingerdiplome in den Monumenta Germaniae gemachten Vor- 
studien mindestens soviel herausheben, dass auch die Spuria für Ober- 
münster (M. 1698), für ßheinau (M. 1361) und für Prüm (M. 361) 
in das 12. Jahrhundert gehören dürften. 

Umfassend also und an den verschiedensten Orten Deutschlands 
wurde damals die Anfertigung falscher Königs- und Kaiserurkuudeu 
betrieben, ja es hat den Ansehein, als ob zwischen einzelnen Fäl- 
schuno'sgruppen ein gewisser innerer Zusammenhang bestehe^ da das 
Formular mehrerer von ihnen eine auffallende Uebereinstimmung auf- 
weist. Mühlbacher hat seinerzeit bereits darauf aufmerksam gemacht^), 
dass solches bei Kempten (M. 158) und Ottobeuern (M. 132) zu be- 
obachten sei. 

Aus den Untersuchungen Brandi's geht hervor, dass diese Ueber- 
einstimmung in weiterem Umfang auch bei den Fälschungen der 
Keichenau, von Buchau, Lindau, Rheinau und Kloster Stein nach- 
weisbar ist ^). 

Ob es sich wohl um einen einheitlichen Ausgangspunkt bei all' 
diesen, unter einander sicher in einer gewissen Beziehung stehenden 
Fälschungen handelt, ob sich etwa eine gemeinsame Centralstelle für 
das südliche Deutschland nachweisen lässt, bei der die Fäden aus den 
verschiedenen Richtungen zusammenlaufen? 

Brandi hat dies für die Reichenau darthun zu können gemeint, 
nach ihm wäre die Reichenauer Fassung die ursprüngliche und aus 
ihr die Fälschungen der verschiedenen anderen Klöster hervorgegangen. 

Mir scheint die andere Möglichkeit mehr Wahrscheinlichkeit für 
sich zu haben, dass ein bestimmtes Formular sich allmählich ausgebildet 
habe, gewissermassen ein „Schimmel", der in den verschiedenen Klöstern 



1) Vgl. Sickel Reg. 418. 

2) Ficker Beitr. z. Urk.-Lehre 1, 14. 
3j Reg. bei no 158. 

4) Exkurs II seiner irüher cit. Abhandlung: Ueber die Verbreitung der 
Reicbenauer Fälschung, die Klostervögte betreffend u. die Heimat der Constitutio 
de expeditione Romana. 



28 A 1 f n s D p s c h. 

zu Grunde gelegt und je nach den Verhältnissen mehr oder weniger 
ausgeschrieben und befolgt wurde. Die speciellen Bedürfnisse und 
Sonderinteressen mögen dann im Einzelfalle bestimmend für die defini- 
tive Gesammttextirung gewesen sein. 

So erklärt sich m. E. natürlicher, dass bei diesen verschiedenen 
Fälschungen „nur abgerissene und unter sich verschiedene Bruchtheile" ^) 
der Keichenauer Fassung wiederkehren, was bei einem directen Zu- 
sammenhang derselben mit letzterer (als Vorlage) weniger plausibel 
erscheint. 

Die Thatsache, dass ein einheitliches Formular als „Schimmel' 
in einer Reihe von Klöstern bei Fälschungen verwendet wurde, deutet 
auf eine Gemeinsamkeit der Bedürfnisse sowohl, wie der Ziele, die 
mau an den verschiedenen Orten dadurch zu erreichen suchte. Und 
wenn wir nun über den Kreis dieser in näheren Zusammenhang ste- 
henden Fälschungen hinausgehen und alle jene zahlreichen Spuria des 
12. Jahrhunderts zusammenfassen nach inneren Gesichtspunkten, wenn 
wir deren Inhalt im einzelnen vergleichen, so lässt sich ein allen, 
oder mindestens sehr vielen von ihnen Geraeinsames darthun. Neben 
dem gemeinsamen Bestreben der verschiedenen Klöster — um solche 
handelt es sich nahezu ausschliesslich — für ihren factischen Besitz- 
stand ältere Rechtstitel zu schaffen, um diesen und damit zusammen- 
hängende Nutzungen besser gegen äussere Eingriffe vertheidigen zu 
können, begegnet uns auffallend häufig als Rechtsinhalt dieser Spuria: 
Immunität, Bestimmungen über die Vogtei und vielfach auch solche 
über Befreiung von öffentlichen Diensten und Leistungen. Und diese, 
den Inhalt dieser Fälschungen vornehmlich ausmachenden Freiheiten 
und Rechte stehen ihrerseits wiederum in enger Beziehung zu ein- 
ander, sie tragen ein einheitliches Gepräge, indem sie gemeinsam eiuer 
bestimmten Tendenz dienen. Die Immunität, um welche es sich bei 
diesen Fälschungen handelt, ist ja eine andere, als die uns aus den 
echten Diplomen der früheren, speciell derKarolinger-Zeit bekannte. Sehr 
deutlich tritt das neben den bereits oben besprochenen St. Maxirainer 
Stücken bei den Ebersheimer Fälschungen (vgl. iusbesouders M. 440), 
oder einzelnen Fuldaer (M. 1350) und Reicheuauer Stücken (M. 447 
und 1722) hervor und ganz in dem gleichen Sinne sprechen die Spu- 
ria für St. Stephan in Strassburg (M. 1086) und Kempten (M. 157 und 
158), sowie die damit übereinstimmenden falschen Urkunden für Lin- 
dau, Ottobeuern und Rheinau. Auch eine Reihe weiterer Spuria über 
deren Entstehungszeit heute nichts Näheres festgestellt ist — sie sind 



») Brandi a. a. 0. S. 109. 



i)ie falschen Karolinger-Urkunden für St. Maxim in (Trier). 



29 



ims nur aus späteren, jüngeren Ueberlieferungsformen bekannt — 
schliessen sich inhaltlich, ihrer Tendenz nach dem an. So die Neu- 
städter Fälschungen (M. 315 und 573) und jene für Masmünster 
(M. 751). Wie oben bei Besprechung der betreffenden St. Maximiner 
Urkunden ausgeführt wurde, tritt die Eigenart der älteren Immunität 
hier mehr in den Hintergrund, sie verblasst gegenüber der neuen 
Entwickelung, welche ihrerseits entsprechend den geänderten Bedürf- 
nissen eine andere Formulierung jenes Vorrechtes zeitigt. Während die 
ältere Immunität vornehmlich darauf abzielt, bestimmte und genannte 
ordnungsmässige Amtshandlungen der öff'entlicheu Beamten zu Gunsten 
des Privilegirten zu verwehreu, im wesentlichen also den Charakter 
der Exemtion an sich trägt, kehrt diese (jüngere) Fassung das andere 
der den Inhalt der Immunität ausmachenden Vorrechte hervor, die 
Defensio, im Sinne eines Schutzes vor bestimmten, gegen den Privi- 
legirten gerichteten Uebergriffen aus der Amtsgewalt und über dieselbe 
hinaus. Indem der Königsschutz zugesichert wird, erscheint hier das 
Hauptgewicht auf das Verbot gelegt, in den Immunitätsbezirk ge- 
waltsam einzudringen zu willkürlicher Gerichtshandlung und wider- 
rechtlicher Steuererhebung, drückende Abgaben von den Immunitäts- 
leuten zu erzwingen. 

Eben damit wird der Zusammenhang mit den daneben besonders 
auftretenden Bestimmungen über die Vogtei klar erwiesen, wir fühlen 
so deutlich die Spitze heraus und ihr Zielobject zugleich. In zahl- 
reichen solchen Fälschungen wird auf die Bedrückungen seitens der 
Vögte angespielt. Der charakteristische Ausdruck ,balraunt' findet 
sich wiederholt in diesem Zusammenhang ^), wir hören von wider- 
rechtlicher Abgabenerpressung; viele dieser Spuria haben denn auch 
die Feststellung der Rechte und Pflichten des Vogtes (zu Gunsten des 
Klosters) direct zum Zwecke -). 

So werfen diese Fälschungen ein bezeichnendes Licht auf die da- 
malige Entwickelung in rechtlicher und wirtschaftlicher Beziehung. 
Wir wissen ja, dass sich auf Grundlage der älteren Immunität die 
mit ihr gegebene ^) Eigen gerichtsbarkeit der gefreiten Gebiete allmäh- 
lich immer mehr ausbildete. Die Vögte als Träger dieser zunächst 
niederen, etwa auf den Umfang der dem Vicar oder Centenar zustehen- 
den Competenz beschränkten Immunitätsgerichtsbarkeit errangen immer 



1) M. 1722 (f. Reichenau), M. 1361 (f. Rheinau), M. 961 (f. Lindau) u. A. 

2) M. 767 u. 768 (Ebersheim), 361 (Prüm), 751 (Massmünster) u. insbesonders 
die St. Maximiner Spuria auf den Namen späterer Kaiser. 

8) Vgl. Brunner RG. 2, 298 ff. 



30 A 1 1 n s D p s c h. 

mehr Bedeutung, indem die Kirchen seit der ottonischen Zeit in 
der Folge allmählich auch die hohe Gerichtsbarkeit erwarben. 

Und während früher die Staatsgewalt eine sichere Ingerenz auf 
die Bestellung der Vögte sich gewahrt hatte, später aber, in der Zeit 
der Ottoneu, die Immunitätsinhaber das Recht erlangten, den Voo-t 
ein- und abzusetzen, musste die Stelluncr der Vöcrte gegrenüber den 
Immunitätsherrn in dem Momente an Festigkeit gewinnen, da die 
Leiheform auch diese Institution durchdrang. Im 11. Jahrhunderte 
ist dieser Process schon deutlich im Gange ^) die Vogtei wurde damit 
allmählich zu einem erblichen Besitz des Laienadels, welcher sie vor- 
nehmlich handhabte. Die nächste Folge davon aber war, dass die 
Inhaber der Vogtei alsbald die bevogteten Stifter und Klöster ganz 
in ihre Gewalt bekamen, ihre gesicherte Stellung gegenüber diesen 
allmählich widerrechtlich ausnützten, indem sie die Besitzungen der- 
selben an sich rissen und durch üntervögte, welche sie zu ihrer Ver- 
tretung in der Verwaltung einsetzten, die Klöster bedrückten. 

Der Druck, welcher damit auf der Kirche lastete, wurde früh- 
zeitig auch bereits unangenehm empfunden, involvirten doch die mate- 
riellen Vortheile, welche den Vögten daraus erwuchsen, eine ebenso 
schwere Beeinträchtigung der kirchlichen Interessen. 

Dagegen machen nun vornehmlich jene Fälschungen des 12. Jahr- 
hunderts Front, sie suchen gegen diese Entwicklung anzukämpfen, 
ihr o-ecrenüber zu Gunsten der Klöster einen festen Damm zu errichten. 

Es ist aber charakteristisch, dass diese Tendenz gerade in jener 
Zeit so umfassend zu Fälschungen verleitete. 

Um die Mitte des 12. Jahrhunderts etwa tritt, wie wir gesehen 
haben, diese Erscheinung zu Tage, in der Zeit Lothars III. besonders 
und der ersten Staufer. Es ist dies die Zeit, da mit der Beendigung 
des Kampfes zwischen dem Kaiserthum und Papstthum die Folgen 
desselben für das deutsche Königthum, für die deutsche Staatsverfas- 
sung überhaupt deutlich fühlbar werden. 

Die königliche Gewalt ging aus diesem Kampfe empfindlich ge- 
schwächt hervor, andere Elemente waren während dieser Zeit mächtig 
gefördert worden, insbesonders hob sich das Fürsteulhum nunmehr 
kräftig heraus, es trat dem Königthum in einer dessen Gewalt 
beschränkenden, mächtigen Stellung gegenüber. Die Kirche aber 
war in ihrem Ansehen erhöht worden, ihre Bedeutung überragte 
damals das deutsche Königthum und drohte es in den Schatten zu 
stellen. Die geistlichen Fürsten traten den weltlichen ebenbürtig zur 



') Vgl. Waitz VG. 7, 343 ff. Lamprecht, deutsches Wirthschaftsleben 1, 1 122 ff. 



Die falschen Karolinger-Urkunden für St. Maximin (Trier). 3[ 

Seite, die kirchliche Partei repräsentirte eineu Machtfactor, welchem 
die deutschen Thronwerber fortan eine bedeutsame Berücksichtigung 
angedeihen lassen mussten. 

Aus diesem Gesichtspunkte will die Erscheinung betrachtet werden, 
welche jene umfassenden Klosterfälschungen darstellen. Des Otto 
von Freising bedeutsame Bemerkung, dass die Kirche damals (vom 
Wormser Coucordat ab) einen grossartigen Aufschwung genommen 
mächtig erstarkt sei i), verdient auch in dieser Beziehung eine charak- 
teristische Bedeutung. Die Kirche nimmt die Gelegenheit wahr, jene 
günstigen Verhältnisse, die neue politische Lage in planvollem Zuge 
zur Festigung ihrer Stellung auszunützeu. Sie sucht sich von dem 
Drucke zu befreien, welcher mit jener verfassungsrechtlichen Ent- 
wickelung wirtschaftlich auf ihr lastete, indem sie damit ihren be- 
drohten Besitzstand sichert und zugleich die Eechte und Pflichten 
derjenigen zu uormiren trachtet, von deren Seite ihr jene Gefahr be- 
sonders drohte. 

So tritt die Eigenart dieser Fälschungen in ihrer besonderen 
Tendenz ins rechte Licht: die charakteristische Neuformuliruno- der 
Immunität, die Bestimmungen über die Vögte gewinnen ihre prak- 
tische Bedeutung. Dass in einzelnen dieser Spuria auch gegen die 
Erblichkeit der Vogtei -) und gegen die Einsetzung von Untervögten 
Stellung genommen wird s), darf in diesem Zusammenhang besonders 
hervorgehoben werden. Die zahlreichen Fälschungen anderseits, welche 
von dem Besitzstand der Klöster handeln, entsprechen dem Bedürfnis, 
als Schenkung und Vergabung älterer Zeiten das hinzustellen, v/ofür 
ein sicherer Besitztitel nicht producirt werden konnte. 

In dieser Beziehung erheischt noch eine andere Erscheinung 
wichtige Beachtung, die mit diesen Fälschungen gewissermassen Hand 
in Hand geht, indem sie durch das gleiche Bedürfnis veranlasst wurde^ 
aus derselben Tendenz sich erklärt. 

Es ist auffallend und gewiss nicht zuflUlig, dass gegenüber einem 
empfindlichen Mangel der früheren Zeit, gerade mit dem 12. Jahrhundert 
dieUrkundenbücher der Klöster (Chartulare und Copiarien) sich 
bedeutsam zu mehren beginnen. V^ährend wir für Deutschland aus dem 
10. Jahrhundert nur 3 (je eines für Corvey, Prüm und Passau), aus dem 11. 
gleichfalls nur 3 Chartulare (Stabloer Codex in Bamberg, St. Moritz- 



') Exhinc eccleeia libertati ad plenum restituta paceque ad integrum refor- 
mata, in magnura montem erevisse. Cbron. VII, 16. 

2) Vgl. M. 447 für Reichenau, Wirtemberg ÜB. 1, 72. 

3) Vgl, M. 158 (Kempten), M. 961 (Lindau), M. 1361 (Rbeinau), M. 447 
4G5. 1722 (Reichenau). 



^2 Alfons Dopsch. 

Magdeburg und St, Emmeram) kennen, sind uns von solchen, die im 
12. Jahrhundert angelegt wurden, deren 15 bekannt. In Aachen, Freisiug, 
Fulda, Gorze, Hersfeld, Kempten, Lorsch, Ottenbeuern, Passau (cod. 
vetustiss.), Rheinau, Trier (Romersdorfer Bullar), Werden und Worms 
legte man damals Copialbücher an, in Prüm fand das alte Chartular nun- 
mehr mit einem neuen (zweiten) Theile seine Ergänzung und anderseits 
reicht auch das Echternacher Chartular in seiner ursprünglichen Anlage 
in das 12. Jahrhundert zurück. Die Veranlassung zur Anlegung eines 
solchen Chartulars bot zunächst das Bestreben, die dem Kloster ver- 
lieheneu Urkunden und Privilegien abschriftlich zu sainmeln, um even- 
tuellen Verlusten an solchen, welchen die einzelnen Originalurkunden 
leichter zum Opfer fallen konnten, vorzubeugen. Ausserdem wurde 
der Besitzstand des Klosters hier verzeichnet und die mit demselben 
in Zusammenhang stehenden Nutzungen. Eintragungen über Tradi- 
tionen Privater, urbariale Aufzeichnungen treten hier entgegen. 

Der an sich deutliche Zweck der Anlage aber wird manchmal 
überdies ausdrücklich im Eingange hervorgehoben. Ein recht cha- 
rakteristisches Beispiel dafür bietet das grosse Copialbuch von 
Fulda, der sogonannte Codex Eberhardi. Die Vorreden, welche der 
Fuldaer Mönch Eberhard seinem zwischen 1155 — 1162 angelegten 
grossen Werke vorausschickt ^) und in welchen er den Zweck seiner 
Arbeit vorführt, dürfen als typischer Ausdruck dieser bedeutsamen 
Erscheinung gelten. Man wollte einen sicheren Ueberblick über den 
gesammten Besitzstand des Klosters, über dessen Rechte und begrün- 
dete Ansprüche gewinnen, gegenüber den Eingriffen, die der Laien- 
adel sich widerrechtlich erlaubte. Hier in Fulda hat dies zugleich 
Anlass zu umfassenden Fälschungen gegeben, zur Verunechtung echter 
und Herstellung neuer, falscher Urkunden. Und wenn diese Begleit- 
erscheinung auch als Ausnahme zu gelten hat, so ist jene Tendenz 
doch auch den übrigen Chartulareu gemeinsam. Die Eintheilung 
solcher Kopialbücher, dass mau die Masse der vorhandenen Urkunden 
meist nach deren Ausstellern (Päpsten, Königen und Privaten) schied, 
— im Fuldaer Chartular wird überdies nach einem sachlichen Gesichts- 
punkte die Reihe der Besitzurkunden von jenen der Privilegien ge- 
trennt — deutet darauf hin, dass man damit eben praktischen Be- 
dürfnissen zu Hilfe kommen wollte. Die verschiedenen Rechtstitel für 
den Besitz und die erworbenen Freiheiten jederzeit bequem und zuver- 
lässig zur Hand zu haben, war ein wirksames Mittel zur Wahrung der 
klösterlichen Interessen, Und so vereinigen sich denn diese beiden in 



') Gedruckt bei Dronke, Triulitiones et antiquitates Fuldenses. Vorrede V ff. 



Die falschen Karolinger- Urkunden für St. Maximin (Trier). 33 

dem Auftreten zahlreicher Urkundenfälschungen und der sich weithin 
verbreitenden Anlegung von Chartularen zum Ausdruck gelangenden 
Erscheinungen, uns einen Einblick thun zu lassen in eine wirtschaft- 
liche Bewegung, welche von der Kirche ausgeht und einer gewissen 
politischen Färbung nicht entbehrt. 

Gerade um die Mitte des 12. Jahrhunderts, vor allem in der Zeit 
Lothars III., mochte man zu solchen Urkundenfälschungen sich umso 
eher verleitet fühlen, als auch nach einer anderen Richtung hin die 
Aussicht vorhanden war, damit durchzudringen und einen praktischen 
Erfolg zu erreichen. Es ist jene Periode, da — unter Lothar III. 
wird dies besonders deutlich — die Formen der deutschen Königs- 
urkunde eine durchgreifende Umwandlung erfahren. Neue Formeln 
bürgern sich ein, die alten werden zum Theil umgemodelt, die 
deutsche Königsurkunde wandelt damals auch ihre äussere Form 1). 
Da der bisherige Herzog Lothar König wird und sein Beamtenper- 
sonal mit übernimmt, erscheint die Tradition in der königlichen 
Kanzlei unterbrochen, die Beamten, welche unter ihm auftreten, 
zeigen sich in dem Kauzleigeschäft weniger bewandert 2), die Papstur- 
kunde '^) wie die Privaturkunde macht ihren Einfluss deutlich bemerk- 
bar. Die ganze Kanzleigebahrung entbehrt jener exclusiven Bestimmt- 
heit, welche sie vordem auszeichnet; bedeutsam mehren sich jetzt die 
Fälle ganz ausserhalb der Kanzlei geschriebener Königsurkunden ^), 
die von der Partei hergestellt, der königlichen Kanzlei zur Beglaubi- 
gung präsentirt werden. 

Nimmt mau die Eigenart der früher bereits beleuchteten politi- 
schen Coustellation hinzu, die Geneigtheit des deutschen Königthums 
zu weitgehender Berücksichtigung der kirchlichen Ansprüche, so war 
damit die Möglichkeit eines praktischen Erfolges, der Anerkennung 
solcher falscher Urkunden, nicht unwahrscheinlich. Wie wir oben bei 
Besprechung der Trierer Fälschungen sahen, lassen sich thatsächlich 
Fälle nachweisen, in welchen solche Fälschungen den beabsichtigten 
Erfolg hatten. 

Und gerade nach dieser Seite hin wird der Masse dieser Fäl- 
schungen noch eine weitere Beachtung zu schenken sein. Indem die- 
selben dazu bestimmt waren, in der königlichen Kauzlei vorgelegt zu 
werdeu, sei es dass man damit nur einen Rechtstitel zur Wahrung 



i) Ficker Beitr. z. Urk.-Lehre 1, 190. 2, 74 u. 318. 

2) Vgl. die Ausführungen W. Schum's in Kaiserurkunden in Abbildungen, 
Text 114 ff. 

8) Vgl. Mühlbacher in Mittheilungen d. Inst. f. öst. GF. Erg.-Bd. 4, 510. 

*) Bresslau Urk.-Lehre 1, 339 An. 

Mittheilungen XVII. ^ 



6A Alfons Dopsch. 

bestrittener Rechte produciren wollte, oder sei es dass mau auf sie 
hiu eine Bestätigung seitens der königlichen Kanzlei zu erlangen 
suchte, mochte wohl auch das Formular letzterer nicht ganz unbeeiu- 
flusst an ihnen vorübergehen. Thatsächlich weist beispielsweise das 
Formular der jüngeren, in der Zeit der ersten Staufer sich einbürgern- 
den Immunität!) eine grosse Aehnlichkeit mit den in diesen Fäl- 
schuno-en zu Tage tretenden Formen auf. Und wenn dabei auch stets 
wohl berücksichtigt werden muss, dass diese Fälschungen ihrerseits 
ja vielfach aus echten Urkunden der Zeit schöpften, da sie entstanden, 
so ist nicht unwahrscheinlich, dass sie in gewissem Sinne auf die 
Umwandlung zum späteren Formular mitbestimmend gewirkt haben. 
Fälschungen sind ja gerade darauf angewiesen, neue Formen zu schafien, 
ihr Formular muss zum Theile frei concipirt werden, um damit auf 
die speciellen Ziele hinzuarbeiten, welche sie anstreben. 

Im Hinblick auf die grosse Masse dieser Fälschungen, das Auf- 
treten derselben an verschiedenen Orten, wird die Berücksichtigung 
dieser Möglichkeit für die Beurtheilung und das Verständnis des spä- 
teren Formulars, speciell auch der jüngeren Immunität, vielleicht nicht 
ohue fruchtbringende Folge sein. 



1) Lamprecht, deutsches Wivthschaftslebeu I, 2, 1020 ff. 



Ein Ineditum Ottos I. 
für den Grafen Yon Bergamo von 970. 

Von 

E. von Ottenthai. 



In uomine sanctae iudividuaeque trinitatis. Otto divina favente 
clemeutia imperator augustus. Si mundanum ins contra rem publicam 
statumque nostri regni insidiis inclinantes evellere iubet, tunc eos quos 
in nostra fidelitate insudare comperimus, sublimare atque augmentare 
omnimodo debeaius. Quocirca omnium fidelium sanctae dei ecclesiae 
nostrorumque praesentium scilicet ac futurorum noverit industria, Ber- 
nardum suggerente humaui generis inimico contra nostram fidelitatem ^) 
nequiter agere voluisse ideoque omnia sua^) nostrae rei publicae parti 
iure devenisse. Tunc uobis uostrisque successoribus proficuum fore si ea 
inter nostros fideles dispertiremus considerantes, interventu ac petitione 
Adheleidae <^) nostrae coniugis nostrique imperii consortis Giselberto 'i) 
comiti nostroque fideli res illas omues quas infra civitatem Ticinensem^) 
sive in eodem comitatu ac in urbe Pergami seu in ipso comitatu A^el 
in comitatu Seprensi [et] Brissiauensif), nee non curtes vel domicurtiles 
sitas in loco et fundo qui dicitur Hospitale monte Bergamascho, Re- 
biollo, Lauenia, Grampello, Bonade superiore, Greim, Gase Simolate, 
Gudi, Burico, Fiermates), Valleriano, Breniano, Marno, Sernego prae- 
fatus Bernardus possidere videbatur, cum omnibus mobilibus et immo- 



a) A, wohl verlesen für serenitatem oder maiestatem. ^) suae A. 

c) Adhibendae ■ A, am Rand von anderer Hand beigeschrieben Adelhaidis ; ich 
habe die an die Corruption am nächsten anschliessende Form, welche auch dem 
10. Jahrh. noch entspricht, gewählt. ^) Gilberto A. «) Dociuemsem A. 

Sempresi Brissianensi A. e) A, höchst wahrscheinlich verderbt für 

Farinate, vgl. p. 41. 

3* 



6ß Ottentlial. 

bilibus casis castris capellis viueis pratis pascuis molendinis piscatio- 
uibus aquis aquarumque decursibus servis et ancillis massaritiis aldioni- 
bus^) vel aldiouabus seu cum omnibus quae dici vel denominari pos- 
simt, ad easdem curtes quolibet^) modo pertineutibus uostri praecepti^) 
auctoritate concedimus largimur donamus nee nou de uostro iure 
in suumf*) ins [transfuudimus] e) atque delegamus, ut habeat teneat 
possideat, eo videlicet iure quo easdem res Bernardus*) coraes quondam 
possidere videbatur. Insuper praecipimus ut nullus dux marchio comes 
vicecomes gastaldio sculdasio vel aliquis publicae rei exactor nee nou 
magna parvaque persona praetaxatum Giselbertum de iam dictis rebus 
disvestire^) inquietare molestare ullo modo praesumat, sed tam ipse 
quamque sui beredes nostri praecepti^) auctoritate freti atque iuvati 
[de] praenominatis rebus prout eorum decreverit animus, disponant 
atque sui^»), omnium violentorum remota controversia. Si quis igitur, 
quod minime speramus, haue nostram praeceptalem >) auctoritatem in- 
friugere aut aliquo modo transgredi temptaverit, sciat se compositurum 
auri optimi libras centum, medietatem camerae nostrae et medietatem 
saepe dicto Giselberto ^) comiti suisque haeredibus quibus violentia illata 
fuerit. Quod ut verius credatur firmiusque ab omnibus observetur, 
mauu propria roborantes nostro sigillo iussimus insigniri. 

Signum dominii) Ottonis serenissimi augusti. 

Ambrosius cancellarius advicem Hubeiti episcopi et archicancellarii 
subscripsit. 

Anno dominicae incarnatiouis DCCCCLXX, imperii vero dominii) 
Ottonis IIII"^), indictione XIII; actum Papia, feliciter amen. 



Den ersten Hinweis auf vorstehende Urkunde verdanke ich der 
Freundlichkeit meines CoUegen Dr. Dopsch, welcher mir eine Reihe 
von Notizen über handschriftliche Ueberlieferungen Ottouischer Diplome 
— eine Ausbeute seiner französischen Reise für M. G. Diplomata, über 
welche er in dieser Zeitschrift berichtet hat i) — für meine Regesten 
der sächsischen Kaiser mittheilte. Bei einem Aufenthalt in Paris nahm 



a) udionihus A. ^) quas A. <=) in A corr. in praeceptdbtti, so dass in 

der Vorlage auch nostra praeceptali gestanden sein könnte. ^) A, statt eius. 

e) fehlt in A. ') A hat Giselbertus statt Bernardus, über die geringe Wahr- 

scheinlichkeit, dass diese Lesart richtig sei, vgl. unten p. 4f'". s) devestire A. 

h) A, sonst in diesem Zusammenhang gebraucht frui, perfrui^ ordinäre, facere. 
i) praeceptabilem A. ^) Güberto A. i) A. m) A, am Rand 

von anderer Hand : lege Villi. 

') Unedirte Karolinger-Diplome aus französischen Handschriften, Mitth. 16, 
193-221. 



Ein Ineditum Ottos I. 



37 



ich Gelegenheit diese bisher unbekannte Urkunde abzuschreiben und 
glaube den Abdruck derselben mit einigen Erläuterungen begleiten 
zu sollen. 

Meine Quelle (A) ist Codex n« 17 f. 247 der Collection Baluze 
der Bibliotbeque nationale zu Paris i). Es ist ein Saramelband, der 
sich aus verschiedenen Bestandtheilen zusammensetzt. Mit f. 231 beginnt 
ein Heft etwas kleineren Formates in Quart, von einer Hand des 
ausgehenden 17. Jahrh. beschrieben. Es enthält Diplome für S. Cri- 
stina, Bullen für Vallombrosa. Als Quelle ist am Kopfe angegeben: 
ex veteri codice mauuscripto. Auch die nächste Abtheiluug des Sammel- 
bandes, welche mit f. 242 anhebt, weist dieselbe Handschrift auf, und 
auch hier wieder ist zu Beginn citiert : ex veteri codice manuscripto. Diese 
Quellenangabe betrifft auch A, welches neben andern Documenten in 
diesem Theil des Codex steht. Da der Copist zu den einzelnen Urkunden- 
abschriften auch das Folio seiner Vorlage hinzufügte, können wir 
constatieren, dass dieselbe ein Codex von mindestens 393 Blättern 
war, aus welchem aber unser Abschreiber nur gewisse Urkunden — 
durchaus königliche und päpstliche — aushob. Denn f. 245, f. 247 (A), 
f. 249 des C. Baluze entsprechen f. 196, f. 269, f. 283 der Vorlage. 

Von den in diesem Heft vereinigten Urkunden betreffen zwei 
(Bullen des 14. Jahrh.) das Kloster S. Anton zu Vienne, alle übrigen 
Oberitalieu. Mit Ausnahme von A und von Böhmer Eeg. Heinr. VII. 
no 555 für die Fieschi von Genua sind alle Stücke an geistliche Em- 
pfänger gerichtet, oder doch zu gunsten geistlicher Genossenschaften 
erlassen, und zwar beziehen sich dieselben mit Ausnahme von 
DO. III. 54 (St. 924, für die bischöfliche Kirche zu Parma) durchwegs 
auf Klöster: neben S. Anton zu Vienne auf S. Salvadore an der 
Trebbia, Columba, S. Maria de Castiglione, Fontevivo bei Borgo 
S. Donnino, S. Giovanni in Pavia, S. Giovanni evang. bei Cremona, 
Farinate, S. Desiderio und Acquanegra bei Brescia. 

Aus dieser Manigfaltigkeit des Inhaltes folgt zugleich, dass der 
als Vorlage citierte „vetus codex manuscriptus" nicht ein zu vermögens- 
rechtlichen oder sonst wie immer gearteten Verwaltungszwecken an- 
gelegtes Copialbuch gewesen sein kann, sondern dass dessen Entste- 
hung geschichtlichem Sammeleifer, archivalischer Forschung entsprun- 
gen sein muss; wir werden daher auch das Alter jeuer Handschrift 
kaum über das 16. Jahrh. zurückzusetzen geneigt sein. 

Der „vetus codex manuscriptus« scheint keine weitern Angaben 
enthalten zu haben, aus welcher Quelle er seinerseits die einzelnen 

1) Vgl. Delisle Cabinet des manuscrits 1, 364 ff., Bibl. de l' ecole des 
chartes 35 (1874), 266—268. 



38 Ottentlial. 

Urkunden schöpfte. Wir haben das im besondern für unser Ineditum 
zu bedauern, weil die Abschrift in der Coli, Baluze sichtlich mehrfach 
verderbt ist, aber auch weil uns so ein Mittel gebricht, um den Inhalt 
dieser Urkunde, welche nicht eine kirchliche Corporation sondern blos 
Laien berührt, in wüuschenswerther Weise klar zu legen; doch gelingt 
es darüber und über die Geschichte des Diploms durch anderweitige 
Combinationen die nöthigsten Aufschlüsse zu erlangen. 

Als Empfänger von A wird ein Graf Giselbertus — wie neben 
der französischen Form Gilbertus zweimal richtig steht — genannt. 
Die geschenkten Objekte liegen in den Grafschaften Pavia, Bergamo, 
Seprio, Brescia; wir haben es also mit einem oberitalienisehen Grafen 
zu thun ; und da stossen wir auf Giselbert Grafen von Bergamo, welchen 
wir von 962 — 993 nachweisen können i). 

Beim Namen des ßernardus, welchem die in A verschenkten Güter 
abgesprochen wurden, ist nicht etwa an ein Verderbnis, an den vier Jahre 
früher verstorbenen König Berengar II. zu denken, von dessen Gütern 
zwar gerade der Bischof von Bergamo und darunter auch in einem 
der in A genannten Orte (Bonate superiore) profitierte ^), sondern es ist 
Graf Bernard von Pavia gemeint. Das erfahren wir mit vollster 
Sicherheit aus DO. II. 130 (St. 676)^), wo es heisst: tempore nostri 
patris Ottonis augusti quidam comes amisit predium quod tenebat ex 
parte uxoris sue, causa magne accusationis, scilicet Bernardus nomine, 
et assidue sui accusatores circa sedem imperii nostri euntes et eum 
frequenter insidiando persequentes numquam ad veniam recuperacionis 
predii per venire eo tempore meruit .... Nunc autem .... perdona- 
mus per hoc nostrum preceptum Bernardo comiti nostram henivolen- 
tiam et gratiam omnemque querimoniam calumniam qu^ pertinere 
videtur ad partem rei publice et omnia que egit circa sedem imperii 
et honoris nostri ab eo repellimus. 

Insuper concedimus illi omn^ predium quod olim tenuit ex parte 
sue uxoris, videlicet has cortes: Sexpile, Lauennam, Grapellum, 
Tiliam, Brenanum, Vailatem, Farinatem, Sarnegum, Piueniugum, 
Bonate m, unam doraum infra civitatem Cvmas positam et massaricia 
separata infra comitatus Bergomensem, Brixiensem, Mediolanensem 
posita. 

Dass diese beiden Urkunden in unmittelbarem und ursächlichem 
Zusammenhang zu einander stehen, ergibt sich auf das bestimmteste 



') Vgl. z. B. CD. Langob. n« 664. 767. 804. 844. 875; Ficker Ital. Forsch. 
4, 42 n" 31, 47 no 34; vgl. auch Ronchetti Mem. di Bergamo 2, 34 ff. 
2) Böhmer-Ottenthal Reg. no 3G7. 
s) M. G*. DD. 2, 146 ex or. 



Ein Ineditum Ottos I. 



39 



daraus, dass die oben gesperrt gedruckten Orte in A wiederkehren i). 
Auch die Narratio beider Documente ergänzt sich auf das beste. 

Auf die Persönlichkeit des Grafen Bernard komme ich zurück. 
Hier sei zunächst betont, dass uns von DO. II. 130 die Urschrift er- 
halten ist, deren Echtheit durch die Schrift des Kanzleinotars Folch- 
mar A^) vollständig verbürgt ist. Damit ist im allgemeinen auch die 
Glaubwürdigkeit unseres lueditums gewährleistet. Auf diesen Zusam- 
menhang muss ich auch deshalb grosses Gewicht legen, weil ich für 
den Wortlaut von A wohl behaupten kann, dass er durchaus zeitgemäss 
sei, nicht aber auch in der Lage bin den Kanzleinotar, welcher es 
abfasste, festzustellen. Das Protokoll entspricht dem Notar It. B bis 
auf den Umstand, dass dieser in der Datierungsformel nie das einfache 
anno imperii domui Ottonis verwendet, sondern stets einen zierenden 
Zusatz wie Serenissimi imperatoris oder ähnlich anfügt. Freilich könnte 
ein solcher in der Ueberlieferung von A ebensogut ausgefallen sein 
wie die Tagesangabe zu Beginn der Datierung oder wie in der Recog- 
nitionszeile „recognovit et" vor subscripsit. 

Auch der Context von A erinnert am meisten an diesen Kanzlei- 
beamten. So gleich die Publicationsformel mit der Angliederung der 
Narratio im accusativus cum infinitivo, die Ausdrücke inclinare, sub- 
limare, augmentare, interventu et petitione, remota controversia, dele- 
gare, die Gegenüberstellung der Satzglieder mit tam — quam, sive — 
seu; die Poenformel treffen wir übereinstimmend inDO. 1.410, während 
It. B. sonst andere charakteristischere Wendungen liebt •^). Aber über- 
haupt vermisse ich eine Anzahl von Phrasen, welche diesem Mann be- 
sonders geläufig waren und für deren Anwendung die Formulierung 
des Textes in A so guten Anlass geboten hätte wie in den andern 
Dictaten des It. B, so penitus, amodo in autea, die Einleitung der 
Pertinenzformel durch una cum (statt des einfachen cum in A); die 
Corroborationsformel will mit der Phraseologie des It. B nicht stimmen, 
auch der Areugengedanke ist fremdartig; eine Wiederholung der Arenga 
nach der Publicationsformel finden wir bei It. B nur in dem interpo- 
lierten DO. I. 401. Daher erscheint es mir wahrscheinlicher, dass unser 
Ineditum nur theilweise unter Einfluss der Kanzlei entstanden, dass 
It. B oder It. D (an den man bei einigen Wendungen noch denken 



') Ueber Farinate ^= Fiermate siehe unten S. 41. 

2) Vgl. die Vorbemerkung in der Ausgabe der DD. . ;:. . 

3) Ich verweise auf die Zusammenstellung, welche ich Mittb. Ergbd. 1, 146 
gegeben habe. 



40 Ottenthai. 

könnte) ein Parteiconcept nur ergänzt respective reingeschrieben, oder 
auch, dass It. B blos das Eschatokoll beigefügt liabe i). 

Auf solche Weise mögen sich in unser Ineditum ebensogut wie 
etwa in DO. I. 349. 410 und anderswo einige incorrecte oder doch dem 
Kanzleigebrauch fremde Ausdrücke und Satzbildungen eingeschlichen 
haben, wie contra nostram fidelitatem, wo allerdings ein üeberlieferungs- 
fehler näher liegt, oder die Wendung der Kaiser schenke curtes vel 
domicurtiles (die ich mich sonst nicht erinnere in den Diplomen Ottos I. 
gelesen zu haben, die Phrase fehlt auch im Glossar der DD. Ausgabe) 
sitas in loco et fundo qui dicitur H. u. s. w., während zu erwarten 
wäre : in locis infrauominatis : in fundo qui u. s. w. ungewöhnlich ist 
auch die Formel: sed tarn ipse quamque sui heredes nostri praecepta- 
bili auctoritate freti atque iuvati praenominatis rebus prout eorum de- 
creverit animus, disponant atque sui. Das gebräuchlichste ist unter 
Otto I.: habeat potestatem tenendi vendendi etc. et quicquid eorum 
decreverit animus (oder ähnlich) faciendi ^). 

Auch aus DO. II. 130 lassen sich keine Verbesserungen des For- 
mulares unseres Ineditums gewinnen, da es in der Fassung von A ganz 
unabhängig ist, was umgekehrt nur wieder ein Moment zugunsten 
der Glaubwürdigkeit dieses bildet. Nur für die Namen der Schenkuugs- 
objekte gewinnen wir aus DO. II. 130 eine gewisse und werthvolle 
Controller jene Orte, welche in dem oben aufgenommenen Excerpt 
dieses Diploms gesperrt gedruckt sind, kehren in A fast gleichlaui end 
wieder, sind also richtig. Bei andern der angeführten Orte ergibt sich 
das aus deren heutigem Namen, so Gudi = Gudi bei Abbiate Grasso 
und Marno =^ Marne am Brembo, sw. Bergamo ; Valleriano ist nach 
dem Index des CD. Langob. = Vairano, deren wir eines n. von Crema, 
ein anderes n. von Pavia finden. Das Hospital in den bergamaski- 
schen Bergen vermag ich nicht nachzuweisen '^) ; für Greim verweise 
ich auf ähnliche Ortsnamen im Gebiet von Bergamo: Grem im Val- 
gorno. Gromo uw. von Bonate, ein anderes am Oberlauf des Serio; 
ein Portus Buricus am Ticino ist in DO. III. 221 erwähnt; ich will 
nicht weiter ausführen, auf welche Combinationen man unter der An- 
nahme leichter Verderbung von Buricus käme (z. B. Brivio oder Burro, 



•) lt. B und It. D arbeiten auch in DO. I. 371 gemeinsam. 

'■') Für die Verbesserung dieser Stelle wäre auch auf die Formulae imperiales 
hinzuweisen, welche übrigens so Avenig als die Urkunden Ottos II. und III. eine 
Wendung bieten, aus welcher sich das sinnlose ,sui' palaeographisch ungezwungen 
erklären Hesse. 

3) Sollte eines der von Ronchetti Mem. di Bergamo 6, XXV aufgezählten 
Hospitäler zutreffen ? 



Ein Ineditum Ottos I. a-i 

beide im Bergamaskischen) ; denn da die Oertlichkeiten in A nicht 
nach Grafschaften geordnet sind, ist in solchem Falle grösste Zurück- 
haltung in der Emendation geboten. 

Bei ßebiollo darf wohl kaum an Robbiolo, Fraction von Grancinc 
sw. Mailand gedacht werden; für Gase Simolate fand ich überhaupt 
keine entsprechende Oertlichkeit. Dagegen glaube ich den sonderbar 
klingenden Namen Fiermate in plausibler Weise deuten zu können. 
Hatte der lugrossator des Gr. unseres A die offene langobardische Form 
von a verwendet, was ja durchaus wahrscheinlich ist, so erhalten wir 
durch leichten Lesefehler, namentlich seitens eines spätem Copisten, 
das Wort Fiermate ungezwungen aus Farinate. Dieser Ort ist auch 
in DO. IL 130 als Besitzthum der Gemahlin Beruards aufgeführt, er 
liegt zwischen Crema und Treviglio in der Nähe von Sergnano (in A 
und DO. IL 130 genannt), Vailate und Pianengo (in DO. IL allein 
erwähnt), er spielt in der Geschichte von A, wie wir noch sehen wer- 
den, eine weitere Rolle. 

Haben wir in diesem Fall einen Ortsnamen von A mit Hilfe 
von DO. IL 130 emendiert, so wäre es doch unzulässig, umgekehrt 
jene Orte in A welche in der Nachurkunde fehlen, zu beanständen; 
dem Grafen Bernard ist nach A sein ganzes Vermögen confisciert 
worden, zurückgegeben wurden ihm nach DO. IL 130 blos die Güter 
seiner Gemahlin und diese werden hier nicht vollständig aufgezählt. 
sondern es wird schliesslich auf massaricia separata infra comitatus Ber- 
gomensem, Brixiensem, Mediolanensem posita verwiesen. Es können 
also in A recht wohl noch andere Ortschaften und andere Grafschaften 
genannt sein als in DO. IL 130; anderseits braucht im J. 970 keines- 
wegs das ganze Heiratsgut der Gemahlin Bernards gerade an Giselbert 
geschenkt worden zu sein, es können also auch einige der in DO. IL 
aufgezählten Ortsnamen in A fehlen. 

Ohne hier auf alle topographischen Einzelheiten erschöpfend ein- 
gehen zu wollen, muss doch das Verhältnis der in beiden Diplomen 
erwähnten Grafschaften berührt werden. DO. IL 130 nennt nebenbei, 
aber in einer Weise, dass man schliessen muss, alle aufgeführten Güter 
sollen damit bestimmt werden, die Grafschaften Bergamo, Brescia, 
Mailand. A zählt ausser den beiden erstem noch auf: civitatem Doci- 
uemsem und in comitatu Sempresi. Den sinnlosen erstem Namen 
glaubte ich schlankweff in Ticinensem emendieren zu dürfen, das for- 
dert der ganze Inhalt der Urkunde, denn Bernard war, wie ich noch 
nachweisen werde, Graf von Pavia, die Verbesserung ist auch palaeo- 
graphisch naheliegend. Der letztere Name ist sicher verlesen statt 
Sepresi; es ist also die Grafschaft Seprio gemeint. Leider hat sich 



42 Ottenthai. 

nocli keiue italienische historische Gesellschaft gefunden, welche die 
Bearbeitung einer auf den grundlegenden verfassungsgeschichtlichen 
Werken Fickers beruhende, das reiclie Quellenraaterial erschöpfend und 
kritisch ausbeutende historische Geographie Italiens angeregt, noch weni- 
ger ein einzelner Gelehrter, welcher sich wirklicli an die höchst verdienst- 
volle Arbeit gemacht hätte. Mir aber fehlt hier das Material, um über 
das ursprüngliche Verhältnis der Grafschaften Mailand und Seprio zu 
handeln. Ich muss mich begnügen hier zwei Thatsachen festzustellen : 
die Grafschaft Seprio ist schon vor dem J. 970 nachweisbar ^), und 
es war für A Anlass vorhanden gerade diese Grafschaft zu nennen, 
denn Lavena liegt in diesem Sprengel -). 

Nachdem die Glaubwürdigkeit der Urkunde erwiesen ist, wäre 
noch die Einreihung festzustellen. Die Tagesangabe fehlt leider. Nach 
lucarnationsjahr und Incliction gehört die Urkunde in das Jahr 970, 
der Kaiser ist in diesem Jahr von Januar bis etwa 15- März in Pavia, 
dem in A genannten Ausstellungsort, nachweisbar. Das Kaiserjahr IUI. 
ist offenbares Verderbniss, die nächstliegende Emendation in VII (uii) 
hebt den Widerspruch zu den andern Jahresau gaben nicht auf, ist auch 
mit dem Ausstellungsorte nicht zu vereinen •') ; ist also wahrscheinlich 
V vor IUI ausgefallen, so würden alle Jahresdaten nach dem 2. Febr. 
970 zusammenstimmen, die Ausstellung der Urkunde also zwischen 
2. Febr. und 15. März fallen. 



An dem Inhalt unseres Ineditum interessiert uns zunächst die 
Persönlichkeit des verurtheilten Bernard. Dass er Graf von Pavia 
war, ergibt sich aus folgenden Thatsachen. DO. II. 130 stammt aus 
dem Archiv von S. Trinitä in Pavia. Ueber die Stiftung dieser Probstei 
berichtet Komualdus Flavia Papia sacra *) und Eobolini ^) nach den 
Aufzeichnungen Bossi's, dass der Graf Bernard von Pavia dieselbe zum 
Dank für die Befreiunc: aus grosser Trübsal errichtete. Der Inhalt 



') Lupi CD. Bergom. 2, 259 vom J. 961 Nantelmiis comes Sepriensis ; der 
älteste Beleg bei Ficker ist von 1014 (Ital. Forsch. 4, 66 n" 44) ; das Grafen- 
geschlecht scheint jenes der alten Grafen von Mailand zu sein. 

-) Amati Diz. corogr. nennt ein Lavena im mandamento Arcisate und ein 
anderes im mand. Gavirate, beide liegen in der Grafschaft Seprio. Allerdings 
finden wir auch im Val Camonica (Prov. Brescia) bei Breno einen Ort namens 
Laveno, aber schon die übereinstimmende Namensform in A und DO. II. 130 
spricht für jenes im Comitat Seprio. 

•') Otto kam im J. 908 nicht nach Oberitalien, vgl. Böhmer-Ottenthal 
Reg. 468— 489 a. 

•») 1, 38. 

*) Notizie di Pavia 2, 243. 



Ein Ineditum Ottos 1. 43 

von DO. IT. 130, für den sich Komuald auf das im Archiv von S. Trinita 
befiudliche Privileg Ottos II. beruft, wird freilich von Kobolini schief 
gedeutet, wenn er schreibt: essendo stato esso Bernardo uell'a. 96G 
accusato a torto come partecipe di certa sedizione contro l'imperio 
appresso Ottone M., perde egli la grazia dell' imperatore e furouo tutti 
i suoi beni confiscati. Aber die Thatsache der Stiftung wird ausser den 
Angaben Bossi's und Roniualdo's nicht nur durch die Provenienz dieses 
Diploms gesichert, sondern auch durch weitere Mittheilungen Robolinis, 
wonach Bernard in dieser Kirche begraben lag und schliesslich doit 
verehrt wurde ^). 

Die Familie Bernards ist aber auch durch andere Angal)en als in 
Pavia ansässig nachzuweisen. In DO. II. 130 werden die oben er- 
wähnten Güter an Bernardus et Rodlinda coraites zurückgegeben. Es 
handelt sich ja um das eonfiscierte Gut der Gemahlin! Im J. ICOl 
nun veranlasst vor dem zu Pavia unter persönlicher Anwesenheit 
Ottos III. abgehaltenen Hofgericht der Pfalzrichter Lanfrank, dass „Rolend 
cometissa ... et Ubertus diacconus s. Ticineusis ecclesie, filius b. m. 
Bernardi comiti, mater et filia" die Erklärung abgeben, keinerlei An- 
recht auf die Area und den Besitz des Klosters S. Salvator und Felix 
zu Pavia zu haben '^). Also es handelt sich um Besitz zu Pavia und 
auch der Diacon übert, des Grafen Bernard und der Rolend Sohn, 
gehört dem Klerus jener Stadt an. Und wieder im J. 1017 bekunden 
zu Pavia Bernardus comes filius b. m. Bernardi qui fuit comes, und 
Vater und Sohn Ubert (ohne Titel) die Stiftung eines Anniversariums 
für den verstorbenen Grafen Bernard bei der Alexanderkirche zu 
Bergamo ^). 

Als Ursache der Güterentziehung ist in A angeführt, dass Bernard 
suo-o-erente humani generis inimico contra nostram fidelitatera nequiter 
agere voluisse, also Verschwörung gegen den Kaiser. Diese Anklage wird 
auch in DO. II. 130 keineswegs als unbegründet bezeichnet; die kaiser- 
liche Kanzlei erklärt namens Ottos II. ausdrücklich : et omnia qu^ egit 
circa sedem imperii et honoris nostri ab eo repellimus. Getadelt wird nur, 
dass assidue sui (Bernards) accusatores circa sedem imperii euntes et 
eum frequenter insidiando persequentes numquam ad veniam recupera- 
cionis predii ■ (uxoris suae) pervenire meruit; und nur die Confiscation 
des Frauengutes wegen Verbrechens des Mannes wird als gesetzlos 
bezeichnet. 



1) Nach Reliquienverzeichnis von 1236, Notizie 4», 395, vgl. 4^, 256. 

2) M. G. DD. 2, 844 n" 411. 

s) Lupi CD. Bergom. 2, 487; über Grafen von Pavia namens ßernard y^]. 

auch Robolini 1. c. 2, 245. 



44 Ottenthal. 

Also die Anklage ging nur gegen Bernard allein. Näheres über 
seine Verschwörung wissen wir nicht. Wenn Eobolini sie in der oben 
angeführten Stelle auf die Autorität Komualdo's und Bossi's ins Jahr 
966 setzt, so vermögen wir nicht zu sagen, ob seiue Gewährsmänner 
hierfür einen positiven Haltpunkt hatten oder ob nur die allgemeine 
Kenntnis von den Aufständen italienischer Grosser nach Ottos Heim- 
kehr nach Deutschland im Jahre 965 und von deren Bestrafung auf 
dem dritten Zug nach Italien sie zu dieser Angabe veranlasste. 

In der That möchte sich Bernards Schuld frühestens aus den 
genannten Jahren herschreiben. Unsere Hauptquelle über jenen Auf- 
stand ist der Fortsetzer des Chr. Eeginonis ^). Er meldet zum Jahre 
965 : Eodem anno quidam ex Langobardis more solito ab imperatore 
deficiunt et Adalbertum in Italiam reducunt. Gegen diesen wird der 
Schwabeuherzog Burchard entsendet, welcher den Gegner zur Flucht 
zwingt. Der italienische Erzkauzier B. Wido von Modena vulpina 
calliditate imperatori se simulans fidelem ipsique infideles se prodi- 
turum iactitans kommt als Gesandter Adalberts nach Sachsen und 
wird auf dem Kückweg gefangen gesetzt. 960 will der fränkische 
Graf Udo coniurationem cum Adalberto . . . habens zur Blendung 
Waldos von Como nach Italien ziehen, wird aber als Hochverräther 
aus dem Eeich verbannt. Dann betritt der Kaiser selber Italien, 
Sigolfum Placentinum episcopum quosdamque ex comitibus 
Italicis propter Adalbertum priori anno a se deficientes in trans- 
alpinas partes . . . cnstodiendos direxit. Zu diesen exilirten Grafen 
könnte nun auch Bernard von Pavia gehört haben. Dass ein Theil von 
dessen Gut erst 970 verschenkt wurde, beweist nichts: dem Grafen 
Guntram von Breisgau war sein Besitz am 7. August 952 confisciert 
worden, Otto vergabte einzelne Theile desselben zwei Tage später, 
andere 953, 958, 959, ja noch 962 ! 2) 

Aus den Jahren 966 — 970 ist uns über weitere Aufstände in 
Oberitalien nichts berichtet; das schliesst allerdings nicht aus, dass 
dennoch solche stattfanden. Ich erinnere an Liudprands Erzählung 3), 
dass Adalbert. im Sommer 968 dem Kaiser Nikephoros meldet, er habe 
8000 Gepanzerte zur Bekämpfung Ottos bereit, wobei doch wohl an 
Adalberts alte Freunde in Italien gedacht werden muss ; wir wissen nichts 
über den Fortgang der Unternehmung^), sie scheint im Keime erstickt 
worden zu sein. Der auf versuchten Hochverrath Bernards hindeutende 



') M. G. SS. 1, 627, Schulausgabe ed. Kurze 175. 

2) Böhmer-Ottenthal Reg. 217 a, 218, 232, 256, 26S, 313. 

3) Legatio Const. c. 30, M. G. SS. 3, 353, Schulausgabe etl. Dümmler 179. 
^) Vgl. Reg. 485 ^ 



Ein Ineditum Ottos L 45 

Ausdruck (nequiter agere voluisse) würde auch hiermit sich wohl 
vereinen. 

Auch über die Motive Beruards erfahren wir aus den beiden 
Urkunden nichts. Aber nicht übersehen darf mau, glaube ich, das 
verwandtschaftliche Verhältnis, in welchem Bernard mit K. Adalbert 
resp. mit dessen Mutter Willa stand und zwar durch seine Gemahlin 
Rodlinda, wie sie DO. II. 130 heisst. In DO. III. 411 ist dieselbe be- 
zeichnet als Roleud cometissa filia b, m. domni Ugoni regis ^). Das 
Verwandtschaftsverhältnis dürfte ich am einfachsten durch folgendes 
Schema klar machen können. 
]. Thiebald v. Provence Bertha Tochter Lothars IL 2. Adalbert von Tuscien 



Boso von Tuscien K. Hugo Rotrud Innengard Adalbert von Ivrea Gisla 

•,J.„ Rodlind Bernard td ' rr 

VVilia ^.^,_ Berengar IL 

Adalbert 

Bernard war also durch seine Gemahlin direct Geschwisterkind mit 
Königin Willa, und wenn man ausseracht lässt, dass Bereugar II. nur 
ein Stiefsohn Irmgards war — wie so ehrgeiziger Schmuggel gegen- 
über vornehmer Verwandtschaft ja auch heutzutage blüht — auch mit 
Berengar II. selber. Welche Rolle aber verwandtschaftliche Beziehungen 
in Italien sowohl unter dem Regiment Hugos und Berengars, als auch 
später wieder spielten, ist allbekannt. Mir würde diese Verwandt- 
schaft als genügender Grund für Bernards politische Haltung er- 
scheinen. Der Gegensatz, welcher zwischen Hugo und Berengar um 
den Besitz des oberitalienischen Thrones bestanden hatte, trat uaturgemäss 
zurück, seitdem ein auswärtiger, beiden Sippen fernstehender Herrscher 
das Reich an sich genommen. Gegenüber der gemeinsamen Schädi- 
gung ihres Einflusses und ihrer Einnahmequellen lag es nahe, dass 
sie sich nur mehr als Veiwandte fühlten. Es mag da auch noch er- 
innert werden, dass Adelheid wohl die Verschenkung von Bernards und 
Rodlinds Gut befürwortete, die Rückerstattung dagegen ihre Rivalin 2) 
Theophanu. 

Die Schenkung, welche K. Hugo 945 seiner Tochter Rodlind 
machte 3), geht zugleich, ja in erster Linie an Rotruda. Sie wird durch 
keinen Titel charakterisiert, wir haben aber in ihr ohne Zweifel Rod- 



>) Sie dürfte Bernard als zweiten Gatten geheiratet haben, da K. Hugo 945 
seine Tochter Rodlind als Gemahlin eines Grafen Elisiardus bezeichnet. CD. Langob. 
981 no 575. 

2) Vgl. Kehr in Sybels Zeitschrift 66 (1891), 423 fi. 

^) Vgl. oben Anm. 1. 



Aß Ottenthai. 

linds Mutter zu sehen, üeber diese Freundin K. Hugos berichtet Liud- 
praud Antap. 1. III. c 39, dass sie die Tochter Walperts, des praepoteus 
iudex von Pavia war und dass dessen Macht gerade darauf beruhte, 
dass er Kozam gnatam suani Gilleberto comiti palatii coniugio socia- 
verat; 1. IV c. 13 ^) zählt er unter den Concubinen Hugos auf: Eozam 
deiüde, Walperti superius memorati filiam, quae ei mirae pulcritudinis 
peperit uatam. Dieser Gillebertus aber ist niemand anderer als Pfalz- 
graf Giselbert von Bergamo, der Grossvater des Empfängers von A 2), 
denn im Jahr 959 macht Eotruda que et Raza comitissa b. m, Walperti 
iudicis filia et relicta quondam Giselberti comitis palatii eine Schen- 
kung an S. Alexander zu Bergamo für ihres Gemahls und ihres Sohnes 
Lanlrauk Seelenheil ^). 

Ich glaube nun ohne weiteres annehmen zu dürfen, dass König 
Huo-o nur eine Tochter namens Rodlind oder Rolend gehabt habe, dass 
die Gemahlin des Grafen Elisiardus und jene des Grafen Bern ard eine und 
dieselbe Person sei, eben der Sprössling der Rotrud, deren Name in 
Rodlind widerklingt. Unter dieser Voraussetzung ergibt sich, dass 
durch A ein Theil des Erbgutes der Rodlind an ihren Stiefneffen, den 
Enkel der Rotrud aus deren rechtmässigen Ehe kam. Eine solche 
Zuwendung ist sehr begreiflich, aber auf der anderen Seite nicht minder 
der besondere Hass, welchen die Grafen von Pavia gegen jene von 
ßero-amo hegten, welcher seinen Ausdruck findet in den ausser der 
Kanzlei aufgezeichneten Worten von DO. II. 130 : assidue eins accusa- 
tores circa sedem imperii euntes et eum frequenter insidiando perse- 
quentes. 

Da nun der ältere Pfalzgraf Giselbert bereits vor 935 starb *), so 
wäre es möglich, dass auch Theile der Morgeugabe Rotruds an Rodlind 
gekommen und diese eben in A an die Grafen von Bergamo zurück- 
gestellt worden wären, so dass also der jüngere Graf Giselbert die- 
selben zu gleichem Recht wieder empfieng, wie sie einst sein Gross- 
vater innegehabt hatte. Wegen dieser Möglichkeit, die ich freilich 
keineswegs auch als eine Wahrscheinlichkeit bezeichnen möchte, habe 
ich beim Abdruck in Anm. f nicht mit voller Bestimmtheit Giselbertus 
als Versehen für Bernardus bezeichnen wollen. 

1) M. G. SS. 3, 311. 319, Schulausgabe 70. 86. 

2) unser Giselbert bezeichnet sich in einer Urkunde von 993 als filius 
Lanfranci comitis palatini, Lupi CD. Bergom. 2, 395, Rotrud dagegen bekennt in 
der Urkunde, welche in der folgenden Anm. citiert ist, dass sie von Giselbert 
einen Sohn namens Lanfrank hatte. 

3) Lupi CD. Bergom. 2, 247, CD. Langob. 1089 n« 634. 

•») So Dümmler 7x1 Liudprand Antap. p. 70 Anm. 4 ohne Beleg, jedenfalls 
ist 945 Lanlrank an der Stelle des Vaters, Fickcr Ital. Forsch. 1, 313. 



Ein Ineditum^Ottos I. 47 

Was nun den tliatsäclilichen Erfolg unserer beiden Urkunden an- 
langt, so ist Gropello wirklich in den Besitz der Grafen von Pavia 
gekommen ; die von ihuen gestiftete Probstei S. Trinita wurde nach 
Bossi und Romualdus i) u. a. mit Schloss Gropello ausgestattet. In Fari- 
nate dagegen, das in DO. IL 130 ebenfalls als restituiert TDezeichnet 
ist, und zwar im castellum vetus daselbst, stifteten die Grafen von 
Bergamo vor 1114 ein Frauenkloster -). Gerade dieser Umstand scheint 
mir die Deutung Fiermate ^= Fariuate zu eiuer sehr wahrscheinlichen 
zu machen. Es belassen also entweder die Grafen von Bergamo auch 
aus andern ßechtstiteln Besitz in- Fariuate, oder was mir viel wahr- 
scheinlicher ist, es fand über diesen Besitz ein gütlicher Austrag 
zwischen beiden Geschlechtern statt. Leider sind Besitzverzeichnisse 
ebensowenig von S. Trinita wie vom Kloster zu Fariuate bekannt. Von 
letzterem besitzen wir die Bulle Paschais II. von 1114 April 14, mit 
welcher er die Stiftung bestätigt und unter päpstlichen Schutz stellt, 
die Besitzungen sind aber nicht aufgezählt ^j. Auf zwei weitere Be- 
stätigungen von Calixt II. und Innocenz IL verweist Lupi blos, ohne den 
Wortlaut derselben zu kennen. Der Cod. Baluze 17 enthält nur die 
Bullen Paschais und Innocenz'. 

Dass in einer solchen fast durchaus geistlichen Archiven entnom- 
menen Sammlung auch unser Ineditum überliefert ist, führt mich zu 
dem, wie ich glaube, recht naheliegenden Schluss, dass auch A dem 
Klosterarchiv von Fariuate entstamme und dass es dahin aus analogen 
Gründen gekommen sei, wie DO. IL 130 iu das Archiv von S. Tri- 
nitä kam. 



1) Vgl. p. 42 Anm. 4. 

2) Vgl. die folgende Anm. 

s) Lupi CD. Bergom. 2, 885; hier und Ronchetti Mem. di Bergamo 3, 22 
dürftige Mittheilungen über die Schicksale dieses Klosters, die für uns ohne 
weitem Belang sind. 



Die angebliche Erinordimg des Herzogs Ludwig 
von Baiein diircli Kaiser Friedricli IL im J. 1231. 

Von 

E. Winkelmann. 



Man kann nicht behaupten, dass durch die vielfache Behandlung, 
die in neuester Zeit der Fiage zu Tlieil wurde, wer die Ermordung 
des Herzogs Ludwig von Baiern am 15. September 1231 ^) angestiftet 
und was zu ihr Veranlassung gegeben habe, mehr Klarheit als früher 
in die Sache gebracht worden ist. Man wird aber auch von vorne- 
herein zugestehen müssen, dass es nach Lage der Dinge kaum möglich 
war, da selbst diejenigen Quellen, welche in Bezug auf sie scheinbar 
ganz positive Nachrichten bringen, thatsächlich doch nur, wie wir 
sehen werden, Muthmassungen geben und geben konnten, wenn sie 
auch von der Wahrheit derselben überzeugt waren. Es gilt das ganz 
besonders von dem Antheile, den sie, die bairischen Quellen fast aus- 
nahmslos, dem Kaiser Friedrich IL an der Ermordung zuschreiben, 
meist mit solcher Bestimmtheit, dass auch das Urtheil vieler neueren 
Geschichtsforscher dadurch mehr oder minder beeinfiusst worden ist, 
während eigentlich nur Eaumer und Schirrmacher in seinem „Kaiser 
Friedrich IL" Bd. I, 197 und neuerdings sein Schüler Lindemann 
in einer Rostocker Dissertation (,,Die Ermordung Herzog Ludwigs 
von Baiern und die päpstliche Agitation in Deutschland" 1892) den 
gegen den Kaiser erhobenen Verdacht abzuweisen versucht haben. 
Ich selbst fasste 1863 in meiner Gesch. K. Friedr. IL Bd. I, 399 Anm. 



') Der Tag lässt sich nicht ganz sicher bestimmen. Gegenüber dem ge- 
wöhnlich angenommenen 16, hat Riezler II, 59 sich für den 15. September 
entschieden. 



Die angebliche Ermordung des Herzogs Ludwig von Baiern etc. 49 

meine damalige Ansiclit im Anschlüsse an die Bölimers dahin zu- 
sammen, dass die Schuld Friedrichs mehr als wahrscheinlich sei, und 
auf dasselbe Urtheil kommen auch die Ausführungen Döllingers in 
einer 1864 gehaltenen Kede (Akad. Vorträge III, 194 ff.) und die 
kürzeren Erörterungen ßiezlers im II. Bande seiner bairischen Ge- 
schichte hinaus. Wegen der Tragweite der Frage fühlte ich mich 
jedoch bei der Neubearbeitung meiner Geschichte Friedrichs verpflichtet, 
nochmals sorgsam zu prüfen, ob denn das vor mehr als 30 Jahren 
Ausgesprochene wirklich Berechtigung habe. Komme ich jetzt zu dem 
entgegengesetzten Ergebnisse, muss ich mich vielfach selbst wider- 
legen, und in der Hauptsache, wie in vielen Einzelheiten, mich jetzt 
gegen Böhmer, Döllinger und ßiezler für Kaumer, Schirrmacher und 
Lindemann erklären, so mag man darin einen Beweis sehen, dass ich 
mit völliger Unbefangenheit an die Untersuchung herangetreten bin. 

Welches Aufsehen das Ereigniss machte, ist aus den zahlreichen 
Erwähnungen desselben in den Annalen der Zeit zu schliesseu. Aber 
die meisten sind in fast befremdender Weise ganz kurz gehalten: sie 
begnügen sich zu sagen, dass der Herzog von einem Banditen (sicarius 
und ähnlich; sterharius in der Cont. pred. Vindob., M. G. SS. IX, 727) 
mit einem Messer oder Dolche (Ann. Marbac. ib. XVII, 176: cultello 
preacuto, quem nos possumus appellare sicam) erstochen worden sei. 
So Ann. Scheftlarn. ib. p. 339 (mit dem 16. Sept.); Ann. S. Stephani 
Frising. ib. XIII, 56; Ann. Mellic. ib. IX, 507. Cont. Lambae. ib. 
p. 558; Cont. S. Cruc. prima ib. p. 627, tertia p. 637. Ann. Sahsb. ib. 
p. 784 (presente familia sua) und darnach (zum Theil) Herm. Altah. 
ib. XVII, 391 und Hist. episc. Patav. ib. XXV, 627; endlich noch 
kürzer Ann. Ensdorf. ib. X, 5. Ann. Saxon., ib. XVI, 431. Ann. Mogunt. 
ib. XVII, 2. Ann. Colmar. min., ib. p. 189. Aus diesen Annalen ist 
also für unseren Zweck nichts zu lernen. Verhältnismässig wenige 
Quellen bringen nun aber scheinbar genaue Angaben über die Persön- 
lichkeit und das Schicksal des Mörders und die Veranlassung seiner 
That und diese zerfallen nach dem Inhalte ihrer Mittheilungen in drei 
Gruppen i), von denen die erste 

I. vollständiges Dunkel über den Mörder und seinen 
Zweck walten lässt. Während sonst es wohl heisst, dass der Mord a 
quodam ignoto (so Ann. Scheftl., Salisb.), a quodam sicario (Albr.) u. s. w. 
geschehen sei, erklärt die Sächsische Weltchronik Kap. 376, M. G. 



*) Ich schliesse mich hier im Allgemeinen der von Lindemann S. 78 ge- 
wählten Eintheilung der Quellen an, die sich aber etwas vervollständigen lassen. 
Ueber die von Aventin gegebenen drei verschiedenen Versionen in betreff des 
Mörders und seiner Motive s. Riezler II, 60. 

Mittheiluugen. XVII, 4 



50 E. Winkel mann. 

Deutsche Chroniken II, 248, weshalb er unbekannt geblieben ist : van 
eneme manne, de wart dot geslagen, unde ne wiste neman rechte, we he 
was (Hist. irap. bei Mencken III, 125: idemque captus et occisus, quis 
vel unde fuit, quilibet ignoravit), und Ann. Stad., M.G. XYI, 361 sagen: 
sed ille uisus fugere, trucidatur. Das ist ein ganz natürlicher Hergang 
und den meisten bairischen Annalen hat gleichfalls wohl kein anderer 
vorgeschwebt, da gerade sie schwerlich es verschwiegen haben würden, 
wenn sie irgend etwas Genaueres über das Ende ihres Herzogs in 
Erfahrung gebracht hätten. 

Aber gerade weil sich nun Herkunft und Zweck des Mörders 
nicht mehr feststellen Hess, war den abenteuerlichsten Gerüchten Thür 
und Thor geöffnet, während auffälliger Weise an die nächstliegende 
Erklärung der That, dass ihr nämlich Privatrache zu Grunde liegen 
könnte. Niemand gedacht zu haben scheint, eine solche Erklärung sich 
wenigstens nirgends findet. Kindlich ist die Auffassung des Christianus 
de calamit. eccle. JMogunt. M. G. SS. XXV, 247, dass die Ermordung 
Ludwigs eine Strafe des Himmels dafür war, dass er sich vor ,30 Jahren 
der Hinterlassenschaft seines Oheims, des Kardinalerzbischofs Konrad 
von Mainz, bemächtigt habe. Aber lauge vorher war schon eine Ver- 
muthung aufgetreten und in einer zweiten Gruppe von Quellen zu 
Worte gekommen, die die That scheinbar aufs Einfachste erklärte, 
nämlich damit, dass 

IL der Mörder ein Assassine gewesen sei: der „Alte 
vom Berge", das Oberhaupt der Ismaeliten des Libanons, habe einen 
seiner Assassinen zur Ermordung Ludwigs abgeschickt. Aber dass 
diese Vermuthung aufgestellt wurde, lag doch nicht so nahe, wie viel- 
fach behauptet worden ist. Es ist, wie Döllinger S. 207 vollkommen 
mit Recht hervorhebt, keineswegs richtig, dass man damals im Abend- 
lande alle räthselhaften Morde schlechtweg dem Alten vom Berge in die 
Schuhe geschoben habe, und auch darin muss man Döllinger beistimmen, 
dass vielmehr der Mord des Baieruherzogs der einzige ist, der in Europa 
von Zeitgenossen den Assassinen zur Last gelegt wurde, während man 
allerdings im Oriente mit solcher Erklärung leichter bei der Hand war. 
Wie es nun gekommen sein mag, dass man auf den Fall Ludwigs von 
ßaiern die gleiche Erklärung anwandte, wird sich schwer ausmachen 
lassen i), wenn man nicht mit Döllinger S. 206 von vorne herein an- 
nehmen will, dass der Mörder wirklich ein Orientale gewesen sei, „dass 



*) Ich möchte glauben, dass die Veranlassung durch die grosse Aehnlichkeit 
jm Hergange der Ermordung Ludwigs mit der Konrads von Montferrat gegeben 
wurde, welch letztere auch in Europa gewaltiges Aufsehen gemacht hatte. 



Die angebliche Ermordung des Herzogs Ludwig von Baiern etc. 51 

Hautfarbe, Physiognomie, Besehneidung eine Verwechslung nicht zu- 
liessen", von welchen Dingen freilich in keiner Quelle die Kede ist, und 
dass es überall, geschweige in der Umgebung des Herzogs, der selbst 
einen Kreuzzug gemacht hatte, „eine Menge von Menschen gab, die 
in Palästina gewesen waren und einen Syrier wohl zu erkennen 
wussten". Dies Letztere ist ohne Weiteres zuzugeben. Trotzdem ist 
Döllingers Ausführung hinfällig, weil keineswegs feststeht, dass der 
Mann so aussah, dass er für einen Orientalen bez. für einen Assassinen 
sehalten werden musste und als solcher auch thatsächlich erkannt 
worden ist. Die erste Gruppe von eingehenderen Quellen weiss, wie 
gesagt, davon nicht das Geringste, und innerhalb der zweiten tritt die 
Angabe, dass der Mörder ein Assassine gewesen sei, zunächst auch 
nur als eine Möglichkeit, nicht als positive Thatsache auf. Denn wenn 
die Ann. Marbac. 1. c,, die den Mord überhaupt am ausführlichsten behan- 
deln, ihn geschehen lassen: a quodam persona, ut dicebatur, vili et 
ignota, quales mittere solet quidam potens, qui dicitur Senior de Mon- 
tania, so gestehen sie auch sofort zu, dass dies eben nur eine Ver- 
muthung sei, indem sie fortfahren: Comprehenso autem interfectore, 
cum multis suppliciis torquerent eum et cogerent ad confitendum, cuius 
instinctu vel iussu tantum facinus attemptare presumpsissel, nichil ab 
eo poterant extorquere. Et sie per omnia membra laniatus et discerptus 
periit. Ich will jetzt nicht darauf Gewicht legen, dass die Marb. in 
diesem Theile jedenfalls nicht gleichzeitig sind, dass sie mit ihrer Er- 
zählung von der nachträglichen Folterung des Mörders ganz allein 
stehen, und dass die Angaben der ersten Quellengruppe von seiner 
sofortigen Tödtung nach der That mindestens die gleiche Glaubwürdig- 
keit beanspruchen dürfen. Aber auch aus den Marbac. geht hervor, 
dass man nach der (angebhcheu) Folterung so klug war wie zuvor, 
d. h. nicht wusste, woher der Mörder war und was er gewollt hatte i). 
Während nun der Mörder den Ann. Marbac. ein Assassine gewesen zu 
sein scheint, behaupten allerdings andere Quellen schlechtweg, dass er 
ein solcher war. So Chron. Sampetr. ed. Stübel p. 71 : a servo cuiusdam 
geutilis, qui dicitur Senior, und Albricus, M. G. SS. XXIII, 929: Dux 
Bawarie Lud. a qüodam sicario Assacino occiditur a Veteri de Mon- 

1) Böhmer, der an der Schuld des Kaisers festhält, fragt freilich BFW. lllOl^* 
in Bezug auf die Marb.: , Konnte denn, solange noch der Kaiser in Ansehen 
stand, das ihn etwa gravierende Resultat der Untersuchung veröffentlicht werden?* 
So byzantinische Rücksichten hat die Zeit nicht gerade genommen: Böhmer führt 
selbst eine Menge von Stellen an, in denen der Kaiser geradezu der Anstiftung 
geziehen wird. Die Marbac. aber sagen ja ausdrücklich, dasa der Mörder trotz 
der von ihnen vorausgesetzten Folterung nichts gestanden habe: wie hätten sie 
ihrerseits also mehr wissen oder sagen können? 

4* 



52 E. Winkelmann. 

tana transmisso. Qiiod audiens rex Hungarie eidem Veteri multa trans- 
misit in auro et argento xenia et eius gratiam impetravit et obtinuit. 
Man sieht, wie das, was ursprünglich nur ein Gerücht war, sich bei 
seiner weiteren Verbreitung für gewisse Leute in eine Thatsache ver- 
wandelt hat; aber man wird auch beachten müssen, dass in diesen 
Schriften über den Grund, den der Alte von Berge zu seinem Vorgehen 
gegen den Herzog gehabt haben könnte, noch nicht das Geringste 
gesagt, also auch nicht der Kaiser für dasselbe verantwortlich gemacht 
wird, obwohl zu der Zeit, da Albricus schrieb, das Gerede von seiner 
Anstiftung schon so weit verbreitet war, dass die dritte Quellengruppe, 
in der es zum Ausdrucke kam, die zahlreichste ist. 

III. Der Kaiser ist Anstifter des Mordes. Man hatte 
zwar keinen Beweis für eine solche Behauptung; doch gaben zwei 
Thatsachen vielen unverkennbar Anlass, sie für begründet zu halten. 

Die eine ist die, dass Friedrich in der That seit seinem Kreuz- 
zuge mit den Ismaeliten des Libanons Beziehungen unterhielt. Er 
hatte aus Anlass desselben mit ihnen Briefe und Geschenke gewechselt, 
und noch im Sommer 1232 sollen nach Chron. reg. Colon, ed. Waitz 
p. 263 mit Boten des Sultans von Damaskus auch solche des Alten vom 
Berge bei ihm in Apulien gewesen sein. Erklären sich diese Bezie- 
hungen zur Genüge aus Friedrichs IL syrischer Politik, so mag 
es daneben ja sein, dass er, wie Döllinger S. 208 meint und wie 
es nach Albr. der König von Ungarn gethan haben soll, sich gegen 
etwaige Anschläge auf sein Leben von dieser Seite her zu sichern 
suchte. Genug, man wusste oder wollte wissen, dass er, der Ver- 
bündete der Sultane von Damaskus und Aegypten, auch mit dem 
Oberhaupte der sogenannten Assassinen befreundet sei. 

Die zweite Thatsache, die zu der Entstehung jenes Gerüchts den 
Anstoss gegeben, ist die, dass Friedrich, wie allbekannt war, 
Grund hatte, auf den Herzog Ludwig erzürnt zu sein : die Chron. reg. 
Col. will sogar wissen, dass er ihn geächtet habe. Es mag vielleicht 
auch bekannt gewesen sein, dass bis zu der Zeit, da der Herzog starb, 
noch keine förmliche Aussöhnung zwischen ihm und dem Kaiser selbst 
stattgefunden hatte, obgleich jener wieder am Hofe des Kaiserssohnes 
erscheinen durfte und überhaupt zwischen diesem und den Wittels- 
bachern wieder ein freundliches Verhältniss bestand. Aber nicht zwi- 
schen Ludwig und dem Kaiser. 

Da lag es nun nahe, dass sensationslüsterne Leute, und solche 
hat es zu allen Zeiten gegeben und gerade auch in den Klöstern, aus 
denen unsere Berichte stammen, jene beiden Thatsachen: des Kaisers 
Freundschaft mit den Ismaeliten und seinen Groll gegen den Herzog, 



Die angebliche Ermordung des Herzogs Ludwig von Baiern etc. 53 

mit einander in Verbindung brachten und zur Erklärung der sonst 
räthselhaften Ermordung des letzteren verwendeten, und zwar mit um 
so grösserem Scheine der Glaubwürdigkeit, je mehr sich allmählich 
die Meinung festsetzte, dass der Herzog unter den Dolche eines. 
Assassinen gefallen sei. 

Solche Gedankenverbindung, die nothwendig dazu führte, dem 
Kaiser die mittelbare oder unmittelbare Anstiftung zur That beizu- 
messen, zeigt sich sehr deutlich in der Chron. reg. Colon, ed. Waitz 
p. 263 (=Ann. Colon, max., M. G. SS. XVI, 842): Lud. dux. Baw 
a quodam Sarraceno, nuncio Vetuli de Montanis, in medio suorum 
est occisus. Nam idem Vetulus imperatori confederatus, multas iniurias, 
quas idem dux imperatori intulerat, intendit vindicare. Hoc autem 
conscientia imperatoris creditur gestum esse, quia Imperator ipsum 
ducem paulo ante diffidaverat in rebus et in persona, misso ad 
hoc nuncio special!. Ob nun Friedrich wirklich den Herzog geächtet 
hat — wenn es geschehen ist, kann es trotz des auf das Jahr 1231 
sich beziehenden paulo ante doch nur wegen seines Abfalls 1229 und 
bald nach Friedrichs Rückkehr aus dem heiligen Lande geschehen sein 
— das lässt sich beim Mangel anderer Nachrichten nicht verbürgen. 
Würde dafür sprechen, dass Friedrich beim Friedensschlüsse mit dem 
Papste im Jahr 1230 für den Herzog anscheinend keine Amnestie- 
urkunde ausgestellt hat wie für den in gleicher Lage befindlichen 
Bischof von Strassburg, so ist dem entgegenzuhalten, dass das im 
Grunde auch gar nicht nothwendig war, da dem Herzoge so wie so 
die allgemeine im Frieden den Anhängern des Papstes gewährte Am- 
nestie zu Gute kam. Ausserdem fällt ins Gewicht, dass eine förmliche 
Aechtung doch nur auf Spruch eines Fürstengerichts hätte erfolgen 
können, während deutsche Fürsten sich zu Friedrich erst im Winter 
1230 zum Zwecke der Vermittlung mit dem Papste begaben, diese 
aber schwerlich für eine Handlung zu haben gewesen wären, die den 
von ihnen erstrebten Frieden hätte erheblich erschweren, wenn nicht 
gar unmöglich machen müssen. Endlich, wenn Heinrich VIT. den 
Herzog an seinem Hofe empfing, ihm sogar einen vielleicht recht be- 
deutenden Einfiuss auf die Regierung einräumte, obgleich derselbe 
noch nicht ausdrücklich vom Kaiser zu Gnaden angenommen war und 
obgleich nur erwartet werden konnte, dass es demnächst geschehen 
werde, so war das doch etwas ganz anderes, als wenn Ludwig noch 
unter der kaiserlichen Acht gestanden hätte. Aus diesen Gründen 
scheint mir die von der Chron. reg. Col. gemeldete Aechtung Ludwigs 
trotz des zu ihrer Unterstützung beigefügten „ misso nuntio special! " in 
hohem Grade unwahrscheinlich. Aber man sieht, wie ihr Verfasser 



54 E. Winkelmann. 

schliesst: der Kaiser liat den Herzog geächtet; der Alte vom Berge 
ist des Kaisers Freund, also des Herzogs Feind; deshalb vollstreckt 
er unter des Kaisers Mit wissen die Acht i). 

Indessen für andere Annalisten bedurfte es nicht einmal der an- 
geblichen Aechtung, um mit. Hülfe der beiden oben berührten That- 
sachen zu demselben Schlüsse zu kommen, dass nämlich die Ermor- 
dung Ludwigs von Friedrich II. angestiftet worden sei. Dieses Er- 
gebnis ist jedoch immer nur eine Schlussfolgerung und wir haben 
keine Gewissheit dafür, dass die Verknüpfung zweier an sich von 
einander vollkommen unabhängiger Thatsachen, auf der sie beruht, 
der Wirklichkeit entsprochen hat. Man darf übrigens annehmen, dass 
auch diejenigen Schriftsteller, die nur von der Urheberschaft des 
Kaisers reden^ ohne sein Werkzeug beim Morde näher zu bezeichnen, 
sich dies als einen Assassinen gedacht halien. 

In diese Quellengruppe der Ankläger des Kaisers gehören nun: 

Ann. Scheftlarn mai. M. G. SS. XVII, 340, die zu 1231 nichts 
von einem Antheile Friedrichs am Tode Ludwigs wissen, bemerken zu 
1235, dass er wegen desselben suspectus habebatur. 

Ann. Scheftlarn. min. ib. p. 343: per nuncios Friderici. 

Herm. Altah. ib. p. 391 als Zusatz zu der kurzen Notiz der Ann. 
Salisb. (s. 0.): a quodam ignoto pagano .... et hoc apud Chelhaim 
insidiis d. Friderici imperatoris XVI. kal. oct., (wo namentlich auch 
die Hinzufüguug des Wortes pagano zu den Salisb. bemerkenswerth ist). 

Ann. Stad. 1. c. : procurante imperatore, obwohl sie (s. o.) sagen, 
dass der Mörder beim Fluchtversuche getödtet sei, was doch so viel ist, 
als dass man nicht wisse, wer und woher er war. 

Ann. Neresh., ib. X, 23: a quodam Sarraceuo Montanie dolo 
imperatoris occiditur. 

Chron. S. Aegidii Brunsv,, bei Leibn. Scr. rer. Brunsvic. : fecit per 
Asisinos occidi — und daraus Chron. Sampetr. p. 84 zu 1252, während 
es bei der ersten Erwähnung des Ereignisses zu 1231 den Kaiser aus 
dem Spiele lässt, den Mörder aber immerhin schon als Assassinen 
(s. 0.) bezeichnete. 

Sifr. de Balnhusin M. G. SS. XXV, 703: ab Assassinis, ut dice- 
batur, missis ab imp. Frid. 



») Wie Lindemann S. 86 trotz der conscientia imperatoris gegen mich be- 
streiten kann, dass der Kölner Chronist entschieden den Verdacht gegen den 
Kaiser theilt, ist mir völlig unbegreiflich. Etwas Schlimmes scheint er allerdigs 
in dieser »Mitwissenschalt» nicht gefunden zu haben; er berührt sich darin mit 
dem Geschichtschreiber von St. Gallen (s. u.). 



Die angebliche Ermordung des Herzogs Ludwig von Baiern etc. 55 

Der Gebrauch des Plurals (ab Assassinis) iu unseren Quellen, während 
nachweislich doch nur ein Einzelner den Mord vollstreckte, zeigt uns 
übrigens, wie unsicher ihre Kunde über den Hergang war ; mit Ausnahme 
der Scheftlarn. dürfte auf diesen gebrauch der Wortlaut der päpstlichen 
Bulle von 1245 (s. u.) von Einfluss gewesen sein, ebenso wie auf die 
einzige in Betracht kommende Erwähnung des Vorfalls in italischen 
Quellen, nämlich in Ann. S. Justinae Patav. M. G. SS. XIX, 159: dux 
Bawarie immemor patris sui a Friderico per Assisinos interfecti. 

Endlich gehört iu diese Gruppe noch die Cont. pred. Yindob. 
M. G. SS. IX, 727 (darnach wohl Chron. Aurea in Hormayrs Archiv 
1827 S. 432): nutu irap. Frid., aber mit der bemerkenswerthen Be- 
gründung, auf die noch zurückzukommen sein wird: quia procuravit 
filium in patrem. 

Sämmtliche bisher angeführte Quellen können, namentlich wenn 
wir dessen eingedenk bleiben, wie und wo solche Annalen u, s. w. 
entstanden, natürlich nicht im Geringsten beweisen, dass Friedrich IL 
wirklich einen mehr oder minder grossen Antheil am Morde Ludwigs 
gehabt hat, sondern nur das Eine, dass in weiten Kreisen der Glauben 
an seine Urheberschaft verbreitet war, trotzdem als festgestellt zu be- 
trachten ist und auch von anderen Zeitgenossen gewusst wurde, dass 
der Mörder keine Aussage gemacht hatte. 

Ganz anderes Gewicht als jene Behauptungen dürftig unterrichteter 
Mönche, die ihr Ohr nur zu gern einem aufregenden on dit liehen und 
dieses weiter trugen, hat aber die Darstellung des Conr. de Fabaria, M. G. 
SS. II, 181 ; ed. Meyer v. Knonau p. 243, der die Fabel von dem Assas- 
sinen nicht keuut oder nicht glaubt, trotzdem aber mit dürren Worten 
den Kaiser der unmittelbaren Anstiftung des Mordes zeiht: Reconciliato 
imperatore cum Romano pontifice, cum didicisset pro certo couspirationis 
facte contra ipsuin ducem Bawarie caput caudamque refrenauteui, misso 
sicario violeutissimo, qui suam vitam pro morte ducis non timeret opponere, 
ipsum, prout male gesserat, pugione fecit occidi. Verschiedene Umstände 
tragen dazu bei, dieser Anklage ein so grosses Gewicht zu geben, dass, 
wie ich selbst früher daraufhin die Schuld des Kaisers für mehr als 
wahrscheinlich erklärte, so auch Riezler II, 61 namentlich wegen dieses 
Zeugnisses sein Urtheil dahin zusammenfasst, „dass wir uns der Wucht 
des Verdachtes nicht entziehen können, mit dem die Zeitgenossen den 
Kaiser belasteten''. Man bedenke: Konrad von Pfäffers ist dem Kaiser 
sonst durchaus freundlich gesinnt und er giebt in der Lebensbeschrei- 
bung des Abts von St. Gallen, Konrad von Bussnang, der obige Stelle 
angehört, ersichtlich die Ansichten und Mittheilungen desselben wieder; 
der Abt selbst aber ist Mitglied des königlichen Raths, fast fortwährend 



56 E. W i n k e 1 m a n u. 

am Hofe Heinrichs VIL und von diesem zu den wichtigsten Auge- 
legenheiten verwendet, so dass wir in dem, was er über unsern Fall seinem 
Biographen mitgetheilt hat, wohl unbedenklich den Ausdruck der 
überhaupt am Königshofe gang und gäbe gewordeneu Meinung er- 
blicken dürfen. Selbstverständlich ist nicht daran zu denken, dass 
der Kaiser, wenn er wirklich einen Autheil an der Mordthat gehabt 
haben sollte, davon gerade seinem Sohne, der ihm obendrein augen- 
blicklich in hohem Grade missfällig geworden war, Mittheilung ge- 
macht haben sollte — das ist ohne Weiteres Lindemann S. 91 zuzu- 
geben. Aber darum bleibt das Gewicht gerade dieser Anklage doch 
ein sehr schweres. Es ist immerhin die Umgebung des Sohns, die so 
über den Vater redet und zwar mit voller Billigung seiner angeblichen 
That, an der man, so wenig wie der Kölner Chronist (s. o. S. 53 A.) 
irgend etwas Auffallendes findet, also nicht etwa in der Absicht, ihm 
etwas schlechtes nachzusagen. Im Gegentheil: Konrad von Pfäffers 
und gewiss ebenso sein Gewährsmann, der Abt, ist offenbar von diesem 
Ausgange Ludwigs höchst befriedigt: war letzterer doch der persön- 
liche Feind des Abts und sein Nebenbuhler um den Einfiuss auf den 
König gewesen! Bei Konrad ist also, wie Döllinger S. 206 ganz 
richtig betont, „nicht von einem Gerüchte oder allgemeinem Glauben 
die Kede, sondern die Sache wird als einfache, unzweifelhafte That- 
sache berichtet", als die gerechte Strafe eines Kebellen. Der Kölner 
Chronist hatte noch ein „creditur" für nöthig gehalten. Hier findet sich 
nicht die leiseste Andeutung eines Zweifels. 

In der Person Konrads von Pfäffers oder vielmehr des hinter ihm 
stehenden Abts erhebt sich also, obwohl er es nicht sein will, ein An- 
kläger gegen Friedrich IL, der alle Anderen an Bedeutung weit zu 
überragen scheint. Einen Beweis für seine Anklage kann freilich auch 
er nicht vorbringen, sondern indem er wiedergiebt, was wie anderswo, so 
auch am Königshofe geredet wurde, kann er nur seine feste, so zu sagen, 
moralische Ueberzeugung in die Wagschale werfen, und es wird von 
anderen Umständen, besonders Gründen der inneren Wahrscheinlich- 
keit abhängen, ob wir sie auch uns zu eigen machen zu müssen 
glauben. Wenn das aber sogar die Ueberzeugung des königlichen 
Hofes war, da kann es wahrhaftig nicht Wuuder nehmen, dass nicht nur 
das bairische Volk, wie Conr. de Fab. erzählt, sondern auch Ludwigs 
Sohn und Nachfolger, Herzog Otto, sie anfänglich theilte und dass 
Friedrich IL es 1235 bei seiner Durchreise durch Baiern für nöthig hielt, 
ihn von der Grundlosigkeit seines Verdachts zu überzeugen, wie die 
Ann. Scheftlarn. mai. p. 340 zu diesem Jahre berichten: Imp. duci 
Bawarie pro morte patris, de qua suspectus habebatur, reconciliatur. 



Die angebliche Ermordung des Herzogs Ludwig von Baiern etc, 57 

Es ist ebenso natürlich, dass man am päpstlichen Hofe, als nach 
der zweiten Exkommunikation Friedrichs Alles hervorgesucht wurde, 
was ihm irgend schaden konnte, dazu auch diesen schon weit ver- 
breiteten Verdacht benützte. Denn Schirrmacher, Albert v. Posse- 
münster S. 25 irrt, wenn er zur Unterstützung seiner Vertheidiguug 
Friedrichs gegen diesen Verdacht fragt, warum denn Gregor IX. kein 
Wort für denselben habe. Hat denn Gregor nicht deutlich genug auf 
ihn angespielt, indem er 1239 Nov. 23. (bei Höfler, Albert v. Beham 
S. 7. BFW. 7277) dem Kaiser vorwirft, dass er ,,quosdam de maioribus 

(principum) incarcerando, proscribendo et proditorie necis gladio 

feriendo ac paganorum, qui Asisini vocantur, quemlibet principem 
christianum gladiis exponendo" die Fürsten gefährde 1) ? Die offene 
Anklage erhebt allerdings erst Innocenz IV. in seiner Absetzungsbulle 
1245 Juli 17. M. G. Ep. pont. II, 192 BFW. 7552: ducem Bawarie 

. . . fecit, sicut pro certo asseritur, per Assasinos occidi. Als 

selbständige „höchst wichtige Zeugnisse'', wie Böhmer sie nennt, können 
diese Aeusserungen der Päpste natürlich nicht gelteu, da sie nur auf 
dem in Deutschland verbreiteten Gerücht fussen, während umgekehrt 
auch wieder mehrere der in den oben angeführten Annalen enthal- 
tenen positiven Bemerkungen über Friedrichs Antheil am Morde er- 
sichtlich erst aus diesen päpstlichen Erlässen geschöpft sind, deren 
Inhalt die Bettelmönche bei ihrer Agitation in Deutschland gegen den 
Kaiser gewiss so viel als irgend möglich verbreitet haben werden '-) ; 
was also früher nur als Gerücht herumgetragen worden war, galt nun, 
nachdem Papst und Konzil gesprochen, als Thatsache und wurde 
als solche in den späteren Annalenwerken festgelegt, Innocenz 
selbst aber, und darin muss man Liudemann S. 86 unbedingt bei- 
stimmen, hätte sicher mehr gesagt, sich bestimmter und schärfer aus- 
gedrückt, wenn er mehr gewusst hätte; er wusste eben nicht mehr 
und konnte wie jeder Andere nicht mehr wissen, als dass ein Ver- 
dacht gegen Friedrich bestand : sicut pro certo asseritur 3), Und auch 



1) Lindemann S. 79 hat diese Stelle gleichfalls ausser Acht gelassen. 

2) Hierfür ist eine Stelle in der Chronik des Erfurter Minoritenklosters 
M. G. SS. XXIV, 201 bezeichnend, in der gerade auf diese Anschuldigung durch 
Innocenz IV. Bezug genommen wird : Hec scribit Innocentius papa in decreto 

concilii Lugdunensis : Iste Frid. imp. obtinuit Asisinos homines mortiferos 

a quodam rege qui appellatur Vetustus Montanie, quos misit, quo voluit 

ad occidendum. Vgl. auch Lindemann S. 75. 94 ff. 

3) Lindemann S. 74 weist darauf hin, dass es nicht die einzige Mordanklage 
war, die jetzt von geistlicher Seite gegen Friedrich erhoben wurde, sondern dass 
ihm jetzt, wo es darauf ankam, ihn gleichviel durch welche Mittel moralisch zu 
schädigen, in ebenso gewundener Weise auch der Tod des Landgrafen Ludwig 



5g E. Winkelmann. 

das ist kein Beweis für die Berechtigung deh Verdachts, dass der be- 
kannte Agitator im päpstlichen Dienste Albert von Passau im Jahre 
1246 in einem Briefe an den Herzog Otto (Höfler, Albert S. 118, 
BFW. 11490) von dem Kaiser als dem „parricida vester" spricht. Um 
den Sohn des Ermordeten bei der päpstlichen Partei festzuhalten, spielte 
er diesen Trumpf aus, frischte er den alten Verdacht auf. Aber es 
ist sehr bezeichnend, dass er trotzdem seinen Zweck nicht erreichte. 
Herzog Otto muss in Betreff des Todes seines Vaters jetzt eine andere 
Meinung gehabt haben; denn sonst hätte er sich doch wohl bedacht, 
sich mit dem Mörder desselben zu verschwägern und noch in dem- 
selben Jahre seine Tochter mit dessen Sohne Konrad IV. zu ver- 
ehelichen. 

An der Hand der Ueberlieferung, das hat die bisherige Unter- 
suchung meines Erachtens klargelegt, dürfen wir nicht hoffen, das- 
jenige aufzuklären, was den Zeitgenossen selbst ein ßäthsel war und 
bleiben musste. Nur so viel hat sich ergeben, dass wenn auch nicht 
ein allgemeiner, so doch ein sehr weit verbreiteter Verdacht bestand, 
dass die Ermordung Herzog Ludwigs vom Kaiser angestiftet worden 
sei, und dass dieser Verdacht bei Conradus de Fabaria, auf dessen 
Mittheilungen wegen seines Gewährsmanns am Meisten etwas zu geben 
ist, mit einer geradezu verblüffenden Bestimmtheit auftritt. So sind 
wir denn, wenn wir weiter kommen wollen, darauf angewiesen, uns 
nach Gründen umzusehen, aus welchen mit einiger Wahrscheinlichkeit 
— denn, um das nochmals zu betonen, wir dürfen nicht hoffen, hier 
jemals zu absoluter Sicherheit zu gelangen — die Schuld des Kaisers 
erhärtet oder bestritten werden kann, und in ersterer Richtung, zur 
Unterstützung des gegen ihn ausgesprochenen Verdachts ist ja auch 
schon Mancherlei von Neueren vorgebracht worden. So stellt Böhmer 
in BFW. 11104^ die Behauptung auf: „darin, dass dieser Mord nicht 
etwa aus Privatrache oder aus zufälliger Veranlassung, sondern durch 
einen unbekannten (also doch wohl gedungenen) Meuchelmörder er- 
folgte, stimmen alle gleichzeitigen Quellen überein". Es ist erstens 
einzuwenden, dass der Mörder, weil er unbekannt blieb, darum doch 
nicht nothwendig ein gedungener zu sein brauchte, und zweitens, dass 
er, selbst wenn er gedungen gewesen wäre, darum doch sehr wohl 
das Werkzeug einer Privatrache sein konnte und nicht nothwendig 
gerade das des Kaisers gewesen sein muss, wie Böhmer unverkennbar 

von Thüringen 1227, der seiner Gemahlinnen und endlich der des eigenen Sohns 
Heinrich Vll. zur Last gelegt wurde. Die otfenbare Grundlosigkeit dieser Be- 
schuldigungen ist sehr geeignet, auch gegen die in Betreff Ludwigs von Baiern 
misstrauisch zu machen. 



Die angebliche Ermordung des Herzogs Ludwig von Baiern etc. 59 

geschlossen haben will. In Wirklichkeit liegt die Sache doch anders: 
keine Quelle hat die Privatrache u. s. w. als Grund des Mordes aus- 
drücklich abgelehnt; rücksichtiich derer aber, die den Kaiser — zum 
Theil erst, wie gesagt, auf die Autorität des Papstes hin — beschul- 
digen, muss immer wieder und wieder bemerkt werden, dass keine 
von ihnen in der Lage war, etwas wirklich Sicheres anzugeben und 
dass überhaupt Niemand es vermochte. Wenn aber Vermuthungen 
Raum gewährt werden darf, ist nicht leicht zu verstehen, weshalb 
nicht am Ende doch Privatrache in Betracht kommen könnte, Herzog 
Ludwig hatte viele Feinde, im Reiche sowohl, wo das Fürstenthum 
kurz vor seinem Tode auf den Tagen zu Worms im Januar und April 
1231 sich sehr entschieden gegen die von ihm beim Könige befür- 
wortete städtefreundliche Politik erklärt hatte, als auch in Baiern, wo 
z. B. seine Gewaltthätigkeiten im Bisthume Freising wohl Anlass zu einer 
blutigen That gegeben haben könnten und er ausserdem in dem zeit- 
weise verbündeten, meist aber feindlichen wilden Grafen Konrad von 
Wasserburg einen Nachbarn hatte, dem auch das Schlimmste zuzu- 
trauen war. Nicht als ob ich den Verdacht nach dieser Richtung hin 
ablenken wollte: ich möchte nur darauf hinweisen, dass die Möglich- 
keit, es liege hier trotz des Schweigens der Quellen ein Akt der Privat- 
rache war, keineswegs ausgeschlossen ist. Man denke nur, wie viele 
deutsche Fürsten gerade in dem Jahrzehent, um welches es sich hier 
handelt, solcher Rache zum Opfer gefallen sind. 

Doch bleiben wir bei der augeblichen Schuld Friedrichs IL Ver- 
stehe ich Dölliuger recht, so gründet er seine Ueberzeugung von der- 
selben, abgesehen von der Aussage des Conradus de Fabaria, vor- 
nehmlich auf folgende vier Indizien : 1. Der Mörder war ein Assassine 
— aber das steht, wie wir gesehen haben, keineswegs fest: die Sage 
von dem Assassinen hat sich vielmehr erst allmählich in Folge der 
vollständigen Unkenntnis über die Persönlichkeit des Mörders ge- 
bildet. — 2. „Warum hat Herzog Otto geschwiegen zu der Anklage 
des Papstes, wenn er den Kaiser für unschuldig hielt?" Dem darf 
man wohl die andere Frage entgegenstellen, ob es denn die Aufgabe 
des Herzogs war, die gegen Friedrich gerichteten Manifeste des Papstes 
seinerseits zu wiederlegen? Seine Antwort war die Verlobung seiner 
Tochter mit Konrad IV. — 3. „Warum hat der Kaiser selbst ge- 
schwiegen?" Nun, es giebt Dinge, gegen die sich zu vertheidigen, 
ein anständiger Mensch jedes Wort für zu viel hält, üeberdies was 
liätte es genutzt, auf die sich nur auf das Gerücht berufende Anklage 
des Papstes „Du bist der Mörder" mit einem „Ich bin es nicht" zu 
antworten, da Friedrich, selbst wenn er sich von aller Schuld frei 



(30 E. Winkel mann. 

wusste. doch ebensowenig wie irgend ein Anderer den wirkliehen 
Schuldigen anzugeben vermochte. Als Menschenkenner wird er sich 
gesagt haben, dass eine blosse Abläugnung und mehr konnte er nicht 
vorbringen, dem Gerüchte nur neue Nahrung gegeben haben mürde. 
— 4. Dem Kaiser ist eine solche That zuzutrauen : „Dem Gönner und 
Beschützer eines Ezzelin von Komano war nichts wohlfeiler als ein 
Menschenleben", Das mag sein — ich selbst habe früher darauf 
hingewiesen, dass es auch sonst Blutflecke in Friedrichs Leben giebt. 
Aber man wird ihm nicht leicht eine zwecklose Gewaltthat, eine blos 
von Eachsucht eingegebene Handlung nachweisen, und in unserm Falle 
ist schwer einzusehen, was er durch die Ermordung des Herzogs etwa 
zu gewinnen hätte glauben können oder welcher vernünftige Zweck 
nur auf diesem und auf keinem anderen Wege zu erreichen war. 

Die Quellen, die dem Kaiser die Anstiftung des Mordes schuld 
geben, sehen den Grund dazu ausgesprochener Massen oder still- 
schweigend in der vorausgegangenen Rebellion des Herzogs, Indessen 
Auflehnung eines Fürsten gegen den Kaiser war im Reiche nicht etwas 
so Ausserordentliches, dass es nur durch den Tod hätte gesühnt werden 
können: die Kaiser des Mittelalters hätten viel zu thun gehabt, wenn 
sie jeden rebellischen Fürsten hätten morden lassen wollen. Oben- 
drein war die Rebellion Ludwigs verhältnissmissig ungefährlich ver- 
laufen und endlich waren seit ihr schon zwei Jahre verflossen, als er 
dem Dolche erlag. Wenn nun der Hauptankläger Konrad von Pfäfiers 
diese verspätete Rache i) daraus zu erklären scheint, dass der Kaiser 
erst bei oder nach dem Friedensschlüsse mit dem Papste zuverlässige 
Kunde (pro certo) von Ludwigs Umtrieben erhalten habe, so kann man 
darin doch unmöglich mit Meyer von Knonau in seiner Ausgabe und 
mit Riezler II, 61 eine Stüze für die Anklage gegen Friedrich finden, 
sondern im Gegentheile einen Beweis dafür, auf wie schwachen Füssen 
sie sogar hier ruht, wo sie mit grösster Bestimmtheit auftritt. Wie 
kindisch ist hier die Verknüpfung von Ursache und Wirkung! Die 
Ermordung geschah ein Jahr nach dem Frieden des Kaisers mit dem 
Papste und dieser wieder ein Jahr, nachdem Heinrich VII. gegen den 
Herzog als Bundesgenossen des Papstes ins Feld gezogen war. Friedrich 
sollte also erst im Sommer 1230 von der Auflehnung Ludwigs pro 
certo erfahren und dann noch ein Jahr mit seiner Rache gewartet 



') Noch verspäteter erscheint sie bei dem unter Rudolf von Habsburg 
schreibenden Thomas Tuscus, M. G. SS. XXII, 521 : eo quod in discordia, quam 
habuerat cum Ottone (!j, partem Ottonis foverat toto posse, was nicht einmal wahr 
war. Denn Ludwig hatte, abgesehen von einem ganz vorübergehen den Schwanken, 
immer zu Friedrich gehalten. 



Die angebliche Ermordung des Herzogs Ludwig von Baiern etc. ß^ 

haben? Das glaube, wer es kann! Es ist ja möglich, dass er noch 
immer dem Herzoge grollte, dass noch keine offizielle Aussöhnung 
zwischen ihnen stattgefunden hatte; aber von da bis zu einem Morde 
ist noch ein weiter Schritt. 

Die Kebellion von 1229 reicht also in keiner Weise aus, um eine 
Anstiftung zur Ermordung Ludwigs einigermassen verständlich er- 
scheinen zu lassen. Dagegen würde die Begründung derselben in 
der Cont. predic. Vindob. M. G. SS. IX, 727 (s. o.): „quia provocavit 
filium in patrem" allerdings besser einleuchten, schon deshalb, weil sie 
sich auf unmittelbar vorangegangene Vorkommnisse bezieht. Dass sie 
ganz allein für sich steht, könnte ebenfalls für sie sprechen, insofern 
derjenige, der so schrieb, doch Grund gehabt haben muss, nicht mit 
in den allgemeinen Chor einzustimmen, der unbedenklich die Rebellion 
als Veranlassung des Mordes bezeichnete. Wenn wir nur wüssten, 
aus welchem Kreise die Nachricht herstammt und ob das ein solcher 
war, dem wir tiefere Einblicke in die Geheimgeschichte des kaiser- 
lichen Hofes zutrauen dürfen ! Giebt sie aber, wie vielleicht vermuthet 
werden kann, das Gerede am österreichischen Herzogshofe wieder, so 
waren die Beziehungen des jungen Herzogs Friedrich des Streitbaren 
zum Kaiser damals nicht der Art, dass letzterer so leicht jenen in seine 
Absichten, geschweige denn in eine so heikle Sache, wie die befohlene 
Tödtung eines Mitfürsten, eingeweiht haben wird. Wie steht es nun aber 
mit der inneren Wahrscheinlichkeit jener Angabe? Lindemann S. 87 
sagt, sie begehe einen groben Anachronismus, indem sie die Ermordung 
Ludwigs (1231) mit dem nachfolgenden Aufstande Heinrichs VII. (1234/35) 
in Zusammenhang bringe. Aber in dem Wortlaute liegt solch Anachro- 
nismus durchaus nicht: warum sollte der Verfasser nicht vielmehr das 
erste Zerwürfniss Heinrichs mit seinem Vater im Auge gehabt haben, das 
schon 1231 bestand und beinahe schon damals zu seiner Absetzung geführt 
hätte ? Nun ist vollkommen richtig, dass unter verschiedenen Massregeln 
Heinrichs VII, aus diesen Jahren, die den Vater stark gegen ihn auf- 
brachten, es ganz besonders die Parteinahme Heinrichs für die Städte 
des Bisthums Lüttich war und dass bei dieser der Einfluss Ludwigs 
von Baiern unverkennbar ist. Es ist ferner zum Mindesten sehr wahr- 
scheinlich, dass Ludwig einigen Antheil an dem thörichten Plane 
Heinrichs hatte, sich von seiner österreichischen Gemahlin zu trennen, 
die ihm der Vater gegeben hatte, und der Einfluss Ludwigs auf den 
König mag überhaupt weiter gereicht haben, als wir wissen; er mag 
ihn immerhin auch noch in anderen uns unbekannten Dingen in einem 
den Absichten des Kaisers entgegengesetzten Sinne gebraucht und so 
dazu beigetragen haben, dass sich im Jahre 1231 das Verhältnis 



62 E. Winkel mann. 

zwischen Vater und Sohn sehr unerquicklich gestaltete. Aber sollte 
es denn für den Kaiser gar kein anderes Mittel gegeben haben, den 
Sohn der Einwirkung des Baiern zu entziehen als allein dessen Er- 
mordung? Derselbe hatte am Hofe Heinrichs doch stets einen eben- 
falls einflussreichen Gegner in dem Abte von St. Gallen und obendrein 
scheint dort gerade um diese Zeit der Markgraf Hermann von Baden 
eine massgebende Persönlichkeit gewesen zu sein und dieser war ein 
Vertrauter des Kaisers. 

Genug, diejenigen Gründe, die vod den Zeitgenossen angeführt 
werden, um ihre Beschuldigung Friedrichs IL glaubhaft zu machen, 
sind durchaus hinfällige, und ich finde nicht, dass die Neueren, die 
sich die Beschuldigung aneigneten (ich nehme mich selbst keineswegs 
aus), bessere vorzubringen gewusst haben. Es lässt sich keiu ver- 
nünftiger Zweck entdecken, den Friedrich auf keinem anderen Wege 
als allein mittels der Beseitigung Ludwigs zu erreichen hätte hofifen 
können, während, vorausgesetzt, dass er überhaupt auf den Gedanken 
gekommen wäre, verschiedene schwer ^viegende Erwägungen ihn von 
der Ausführung desselben hätten abhalten müssen. 

Man weiss zum Beispiel, welchen Werth er auf ein gutes Ein- 
vernehmen mit den Fürsten legte und dass er deshalb sogar seine ganze 
Reichspolitik den fürstlichen Interessen unterordnete, und da sollte er, 
um einen vielleicht augenblicklich etwas unbequem gewordenen Fürsten 
loszuwerden, kurzweg zur Ermordung desselben gegriffen haben, deren 
Aufdeckung doch nicht so ausser dem Bereiche aller Möglichkeit lag, 
dass sie in keiner Weise zu besorgen gewesen wäre, die aber, wenn 
sie erfolgte, nothwendig den gesammten Fürsteustaud gegen ihn auf- 
bringen musste? 

Ein anderes nicht zu unterschätzendes Moment kommt hinzu. 
Zwei grosse Fürstenthümer, Baiern und Pfalz, waren wittelsbachisch ; 
aber dort regierte der Vater und hier der Sohn und zwar letzterer, 
soweit wir sehen können, in so völliger Unabhängigkeit vom Vater, 
dass sie während der letzten Jahre vielfach in den Reichsangelegen- 
heiten gesonderte Wege gegangen waren, Otto von der Pfalz sich auch 
nicht an der Empörung des Vaters betheiligt hatte. War es unter 
diesen Umständen für den Kaiser am Ende nicht vortheilhalfter, wenn 
Baiern und Pfalz so lange als möglich getrennt blieben, als wenn sie, 
wie das durch die Ermordung Ludwigs ohne Weiteres eintreten musste 
und eintrat, schon jetzt in einer Hand vereinigt wurden? 

Die Thatsache, dass gleich nach der Ermordung Ludwigs von 
Baiern ein weitverbreitetes Gerücht sie dem Kaiser zuschob, steht fest 
und es war schlimm genug, dass es Glauben fand. Aber aus dieser 



Die angebliche Ermordung des Herzogs Ludwig von Baiern etc. ßg 

Untersuchung denke ich, ist wenigstens das gewonnen worden, dass 
der Ueberlieferung, die dieses Gerücht weiter trug, nach keiner Kich- 
tung hin irgend welche innere Wahrscheinlichkeit zur Seite steht, 
während wir ganz gut zu verfolgen vermögen, wie es entstanden ist. 
Und wenn es in weiten Kreisen Glauben fand, darf man doch auch 
das nicht übersehen, dass diejenigen, die in erster Linie durch dag 
schreckliche Ereigniss erschüttert werden mussten, jenem Gerede offenbar 
nicht Glauben geschenkt haben nämlich die deutschen Eeichsfürsten, 
die wenige Monate nach dem tragischen Ende eines Standesgeuossen i) 
unbedenklich in grosser Zahl auf den Kuf des beschuldigten Kaisers 
zu ihm nach Friaul eilten, und Herzog Otto von Baiern, der sich mit 
ihm verschwägerte. Dass der Sohn des Ermordeten, sobald seine erste 
Erregung sich gelegt hatte 2), von der Grundlosigkeit des Gerüchtes 
überzeugt war, muss auch uns genügen. 



^) Ann. Sclieftlarn. : se nece tanti principis non modica turbatio inter prin- 
cipes fuit. 

?) Lindemann S. 72 bezweifelt wohl mit Kecht die Meinung Riezlers, dass 
die Schwankungen in Ottos Reichspolitik zu Anfang der vierziger Jahre darauf 
zurückzuführen seien, dass »der alte Verdacht in seiner Seele bald erstickt, bald 
wieder angefacht wurde". 



Ein Biillenstempel des Papstes Innocenz IV. 

Von 

Ludwig Schmitz-Rheydt. 

(Mit einer Tafel Abbildungen). 

Vor mehreren Jahren (Sommer 1887) wurde bei Baggerarbeiten 
in der Nähe Kölns ^) aus dem Rheinbett ein Apostelstempel ans Tages- 
licht gefördert; wenige Tage später kam noch ein Namensstempel des 
Papstes Innocenz IV. zum Vorschein, der fast an derselben Stelle 
im Strome gefunden wurde. Es unterliegt wohl keiuemZweifel, dass wir 
es hier mit einem zusammengehörigen Stempelpaar zu thun haben. 
Durch Herrn Prof. ßoue in Düsseldorf, in dessen Besitz augenblicklich 
beide Stempel sich befinden, wurde ich auf diese aufmerksam gemacht, 
und mit seiner gütigen Erlaubnis möchte ich diesen, wie mir scheint, 
höchst wichtigen und fast einzig dastehenden Fund ^) bekannt geben, 
der wohl das Interesse weiterer Kreise beanspruchen möchte. 

Eine genaue Beschreibung der beiden Stempel wird auch trotz 
der beigegebenen Abbildungen, welche einmal die ganzen Stempel und 
dann die eigentlichen Stempelflächen in Originalgrösse zeigen, nicht 
überflüssig sein. In der äusseren Form und dem Material, aus dem 
sie verfertigt sind, unterscheiden sich beide wesentlich von einander. 
Der Namensstempel, d, h. derjenige, der den Namen des Papstes trägt, 
ist aus einem stark kupferhaltigen Material hergestellt und jetzt infolge 
dieses Kupfergehalts mit einer intensiv grünen Schicht Patina über- 



') Der Fundort liegt genauer etwas oberhalb Kölns auf der Deutzer Seite, 
zwischen Deutz und Poll. 

2) Bisher ist ein Bullenstempel des Papstes Clemens III. bekannt, publiciert 
von Schlosser in dem Jahrbuch der kunsthist. Sammlungen des allerhöchsten 
Kaiserhauses 13 (1892) S. 44. 



Ein Bullenstempel des Papstes Innocenz IV. etc. (35 

zogen; er hat die Form eines abgestumpften Kegels, dessen Höhe 8*^"' 
beträgt; der Durchmesser der unteren Kreisfläche (mit der Inschrift) 
beläuft sich auf 3,5*^™, der der andern auf c. 3^"". Entsprechend 
seinem Material ist dieser Stempel sehr schwer und massiv. Anders 
der Apostelstempel. Aus einer, vorwiegend Eisen enthaltenden Bronze 
hergestellt, hat er die Form eines nach einer leisen Einschnürung nach 
oben hin breiter werdenden Cylinders mit aufgesetzter abgestumpfter 
Pyramide und ist etwas über 10°'" hoch; der Durchmesser der Kreis- 
fläche des Cylinders beträgt ebenfalls 3,5*^™. Im Vergleich zu dem 
Namensstempel ist er entschieden härter und widerstandsfähiger. 

Auf der Stempelfläche des Namensstempels findet sich die Legende 

INNO 

C6NTIVS, selbstredend die einzelnen Zeichen in umgekehrter Stellung 

•PP- IUI- 
und Keihenfolge, keilförmig eingeschnitten i), umgeben von einem 
Kranze von 61 Punkten. Der Apostelstempel zeigt die Köpfe der 
beiden Apostelfürsteu Paulus und Petrus mit den üeberschriften 
SPASPE; die Buchstaben stehen aber nicht in einer geraden Linie, 
besonders A und das zweite S sind grösser als die übrigen Buchstaben ; 
zwischen den Köpfen schwebt ein Kreuz, an dessen Spitze sich ein 
Punkt findet und dessen unterer Balken sich bis fast zu der das 
ganze Stempelbild einrahmenden Perlenschnur, die aus 75 (?) Punkten 
besteht, fortsetzt. Der Ausdruck der Köpfe weicht von dem der bisher 
bekannt gewordenen Bullentypen 2) bedeutend ab ; dies ist indes weniger 
auf unserer Tafel bemerkbar, als auf den Abdrücken, die zum Zwecke 
dieser Untersuchung von den aufgefundenen Stempeln genommen wurden. 
Bei Paulus tritt die Stirn sehr stark hervor, das rechte Ohr steht in 
seiner unteren Hälfte weit vom Kopfe ab, die Haupthaare sind durch 
8 einzelne Striche scharf hervorgehoben. Der obere Ansatz der Nase 
ist anatomisch wohl falsch, was eben durch die zu weit hervortretenden 
Stirnknochen bedingt ist. Die Gloriole um Paulus besteht aus 26 oder 
27 Punkten; ihr unterer Ansatz an den Randkranz ist nicht mehr 
deutlich erkennbar und deshalb auch die genaue Zahl der Punkte nicht 
sicher zu bestimmen. An dem Kopfe des h. Petrus fällt die starke 
Nase besonders auf; das Kopfhaar ist durch 25, der Bart durch 28 
und die Gloriole durch 26 Punkte angedeutet. 

Vergleichen wir nun nach dieser Beschreibung die Stempelbilder 
mit den bisher bekannt gewordeneu Bullen des Papstes Innocenz IV. 3), 



') Vergl. dazu Schlosser 1. c. 

^) Diekamp in den Mittheil. des Instituts 3, 610 u. 625 und die Tafel dazu. 

3) Vgl. besonders die Abbildungen bei Diekamp a. a. 0. und dann die Be- 



Mittheilungen XVII. 



QQ L u d w i g S c h m i t z - R h e y d t. 

SO ergiebt sich, dass unsere Stempel mit keinem dieser Bullentypen 
sich decken. Unser Namensstempel zeigt zwar eine auffallende Aehn- 
lichkeit mit dem 2. Namensstempel Innocenz' Ijei Diekamp, aber ander- 
seits auch wieder Verschiedenheiten — ich erwähne z. B., dass das 
in unserm Stempel zu hoch, bei Diekamp dagegen zu niedrig steht und 
dass der Punkt neben dem ersten P in unserm Stempel ziemlich 
weit von dem Eandkranz entfernt steht, während er ihn bei Diekamp 
fast berührt — , die eine Identität ausschliessen. Bei dem Apostel- 
stempel hingegen differiert die Zahl der Punkte der Gloriole um Paulus 
und des Randkranzes, der Ausdruck der Köpfe und, was besonders ins 
Gewicht fällt, die Form der Schriftzeichen von den Diekampschen 
Bullen, Hiernach können wir wenigstens mit voller Sicherheit be- 
haupten, dass unsere Stempel nicht gedient haben zur Herstellung der 
von Diekamp nachgebildeten Bullen. Dies spricht aber noch keines- 
wegs gegen die Echtheit unserer Stempel, über welche ich mich jetzt 
des weitern auslassen will. 

Es versteht sich, dass man einen solchen Fund kritisch betrachten 
muss. Deshalb sei hier zunächst ausdrücklich bemerkt, dass die Pro- 
venienz der Stempel zu irgend welchen Bedenken keinen Anlass giebt; 
die Arbeiter, die sie gefunden, und der Antiquitätenhändler, durch 
dessen Hände sie gegangen, verdienen, wie man mir mittheilt, in ihren 
Angaben über ihre Auffindung kein Misstrauen. Moderne Fälschung 
ist jedenfalls ausgeschlossen. Abgesehen von dem Bullennamensstempel 
Clemens III., für dessen Echtheit Schlosser eintritt i), ist bisheran 
nichts Bestimmtes von weiteren erhaltenen Exemplaren päpstlicher 
Bullenstempel bekannt geworden. Selbst in Rom in der Stempel- 
sammlung der vatikanischen Bibliothek hat sich nach eingezogenen 
Erkundigungen ein Bullenstempel nicht erhalten. Um so auffallender 
muss uns dieser Fund erscheinen, zumal wenn man bedenkt, mit 
welcher Vorsicht die Stempel behütet wurden und noch werden zur 
Vermeidung jeglichen Missbrauchs-). Wie weit die Nachricht bei 
Moroni : Dizionario di erudizione storico-ecclesiastica, Band 66, S. 88 : 
, Stellisco afferma, che possideva i piombi degli antipapi Pasquale III. 
e demente VII. " auf Wahrheit beruht, ist leider jetzt nicht mehr 
zu kontrollieren. 

scheibung eines DiekamiD nicht bekannten Namensstempels lunocenz IV. (an einer 
Bulle von 1254 Juni 26. für die Ciarissen in Brixen) von Straganz im Programm 
des Haller Gymnasiums 1894 S. 13. 

1) Jahrb. der kunsthist. Sammlungen des Kaiserhauses, Bd. XIII, 1892, S. 44. 

2) Moroni: Dizionario di erudizione storico-ecclesiastica. Band 5, S. 277. 
Diekamp 1. c. S. 531. Vergl. dazu Mansi : Sacrorum conciliorum amplissima col- 
lectio. tom. XVII, 715. 



Ein Bullenstempel des Papstes Innocenz IV. etc. g7 

Echt sind unsere Stempel jedenfalls in dem Sinne, dass sie gleich- 
zeitig, d. h. um die Mitte des 13. Jahrhunders gemacht sind. Denn 
nichts spricht gegen eine solche Annahme; vielmehr weisst das Mate- 
rial, aus dem sie verfertigt, die Kostspuren, die Patinaschicht direkt 
auf ein sehr hohes Alter hin. 

Ich glaube nun auch, dass wir noch einen Schritt vireiter o-ehen 
und behaupten können, die Stempel sind original, d. h. echte Bullen- 
stempel des Papstes Innocenz IV. Es ist mir zwar bisher keine Bulle 
an einer Urkunde Innocenz IV., die auf ihnen geprägt sei, beo-eo-net. 
Doch kann dies nichts beweisen, da wir über die Bullen der Päpste 
noch sehr wenig unterrichtet sind und die Forschung hier kaum an- 
gesetzt hat. Was Innocenz IV. speciell betrifft, so sind bisherau 
2 Apostel- und 3 Namensstempel, die während seines Pontifikats in 
Gebrauch waren, durch die Publikation Diekamps nachgewiesen worden: 
dazu wird noch ein dritter Apostelstempel, der „wegen des massiven 
Ausdrucks der Apostelköpfe " bald durch einen besser gearbeiteten er- 
setzt wurde, erwähnt ''). Möglich wäre es, dass dieser dritte Apostel- 
stempel die Vorlage für unseru Apostelstempel gewesen ist. 

Gegen eine Fälschung der beiden Stempel spricht fernerhin die 
sorgfältige, starke Herstellung der Stempelstöcke, von denen der 
Namensstempel ebenso wie der Clemens III. aus Kupferbronze gemacht 
ist. Diese Uebereinstimmung in diesen zwei bisher einzig bekannt 
gewordenen päpstlichen Namensstempeln ist doch ein Beweis für ihre 
Originalität. Für den aus Eisenbronze hergestellten Apostelstempel 
haben wir bis heute kein Analogon. Ich meine: ein Fälscher, der 
doch immer nur für einige wenige Bullen die Stempel benöthigt 
haben würde, hätte sie schwerlich aus so starkem Material hergestellt. 
Und wie ist die Verschiedenheit des Stoffes zu erklären? Gerade der 
Umstand, dass der Namensstempel aus weniger starkem Material her- 
gestellt ist als der Apostelstempel, ist wiederum ein Beweis für die 
wahrscheinliche Echtheit. Denn es ist doch natürlich, dass man den 
Apostelstempel, weil er nicht mit jedem Papste wechselte, aus mög- 
lichst starkem Material herstellte, während man für den Namens- 
stempel von vornherein nur eine beschränkte Gebrauchszeit, nämlich 
für die Dauer des Pontifikats, annehmen musste. 

Wie aber sind nun die Stempel an den Khein gekommen ? Durch 
die Annahme einer Nachlässigkeit oder Indiscretion seitens eines 
curialen Beamten lässt sich diese Frage nicht lösen. Eine solche Un- 
achtsamkeit läge jedenfalls vor, wenn immer nur e i n Bullenstempel 



') Diekamp 1. c. 3, 624 u. 625. Bibl. de T Ec. des chartes 19, 71 ft'. 



(jg Ludwig Schmitz-Rheyclt. 

in Gebrauch gewesen wäre. Dies ist aber, wie Diekamp und Straganz 
bewiesen liaben, nicht der Fall gewesen: unter Innocenz IV. und 
Alexander IV. kommen zwei verschiedene Namensstempel zu gleicher 
Zeit nebeneinander vor i). 

Wir müssen vielmehr, die Echtheit der Stempel vorausgesetzt, auf 
andere Weise eine Erklärung suchen. Die Kurie selbst ist unter 
Innocenz IV. nicht am Rhein gewesen, dagegen mehrmals ein päpst- 
licher Legat. Dass aber der Legat die Vollmacht gehabt habe, das 
päpstliche Siegel zu führen, diese Annahme klingt zu ungeheuerlich 
und lässt sich auch nicht irgendwie durch ein directes Zeugnis stützen, 
wenn auch durch sie der Fund wohl am leichtesten erklärt werden 
könnte. Ein Vergleich des Itinerars der päpstlichen Legaten unter 
Innocenz IV. mit den Oertlichkeiten, Städten, Klöstern u. s. w., zu 
deren Gunsten der Papst Privilegien verleiht oder an deren Adressen 
er Briefe sendet, ergibt zwar zuweilen ein auffallendes Zusammen- 
treffen und Uebereinstimmung in den Daten, z, B. 

Rodenberg Epist. saec XIII. Vol. II No. 220: Innocenz IV. an den 
Erzbischof von Trier: 1253 Juli 12. 

Regesta imperii V, 3, S. 1565: der Legat in Trier: 1253 Juli 5 — 14. 

oder Rodenberg 1. c. S, 146 1 147 : Innocenz IV für Köln : 1252 
December 9 und 12. 

Reg. irap. 1. c. S. 1562163: der Legat in Köln: 1252 October 29 
bis December 19. 

Aber diese immerhin ganz vereinzelten Fälle können nichts be- 
weisen ^). Zudem erhebt sich dann die Schwierigkeit, wie kamen diese 
Urkunden in die Register des Papstes. 

Erst eine genaue Untersuchung sämmtlicher erhaltenen Bleibullen 
Innocenz IV. könnte in der Frage nach der Echtheit unserer Stempel 
völlige Aufklärung geben. Würde sich hierbei herausstellen, dass 
unsere Typen auf den Bullen der päpstlichen Briefe für Deutschland, 
speciell für das Rheinland, sich thatsächlich finden, dann wäre wohl 
wenn die betreffenden Urkunden selbst nicht verdächtig sind, gegen 



') Diekamp 1. e. 4, 532. Straganz Mittheilungen aus dem Archiv des Cla- 
rissenklosters in Brixen, Progr. des Haller Gymnasiums 1894 S. 13. 

2) Für die Annahme, dass der Legat im Besitz eines Bullenstempels gewesen, 
könnte man vielleicht anführen : Rodenberg 1. c. Einleitung XIV, Anmerkung 4 : 
Authenticum bullatum ep. no 646 a. 1265 Nov. 4 Clemens IV. legato suo, 
quam in Francia habebat, subscribendum transmisit. Was soll das bedeuten? 
Die Bulle diente doch, wie man (Diekamp 1. c. III, S. 610) bisher angenommen, 
nicht nur zur Bestätigung des Inhalts der Urkunde, sondern durch sie wurde auch 
das Schreiben verschlossen, so dass also eine nachträgliche Einfügung in den Text 
unmöglich war, da der Adressat erst das Schreiben zu öffnen hatte. 



Ein Bullenstempel des Papstes Innocenz IV. etc. 69 

die Annahme, dass von einem päpstlichen Legaten die Stempel in 
Deutschland zurückgelassen sind und so den Weg in den Ehein ge- 
funden haben, nichts einzuwenden. Diese Untersuchung würde, falls 
sie ein positives Kesultat erzielte, auch wohl eine ganz genaue Datie- 
rung des Gebrauchs der Stempel und damit die Person des Legaten 
feststellen können. Bis diese Untersuchung geführt ist, muss die 
Frage nach der Herkunft unserer Stempel offen bleiben, und meine 
oben angedeutete Vermuthung kann einstweilen nur die Bedeutung 
einer Hypothese haben, die bis jetzt durch keinen stichhaltigen 
Orund gestützt ist. 

Ueber die beim Bullieren angewendete technische Procedur, über 
die wir bisher fast völlig im Unklaren sind ^), gestatten uns unsere 
Stempel, wie mir scheint, ziemlich sichere Muthmassungen. Was 
Schlosser hierüber sagt^ — nämlich, dass man sie sich so zu denken 
habe, dass der obere (Namens-) Stempel in den vertieften unteren 
(Apostel-) Stempel hineinpasste, in dessen Höhlung der Bleischrötling 
zu liegen kam — trifft jedenfalls nicht zu. Denn beide Stempel, die 
uns vorliegen, haben auf den Stempelfiächen denselben Durchmesser; 
von einer Vertiefung des einen ist nichts zu sehen. Ich stelle mir 
vielmehr das Bullieren folgendermassen vor. Bekanntlich existierten 
in der Plumbaria, dem Geschäftsräume für die BuUierung, zwei sog. 
fratres plumbi oder de plurabo -), die das Bullieren besorgten. Ihre 
Thätigkeit ward so vertheilt, dass der eine dieser Beamten, nachdem 
der Apostelstempel mit seiner unteren Hälfte (der abgestumpften Pyra- 
mide) in eine festliegende Oeffnung, wohl in einen Ambos oder 
einen Schraubenstock, in die er genau passte, gesteckt war, über diesen 
die zu bullierende Urkunde und mit der anderen Hand, wohl ver- 
mittels einer Zange, den Namensstempel hielt, während der zweite 
Frater den Hammerschlag ausführte. Das Bullenblei hatte schon die 
runde Form, wenn es zwischen die Stempel gelegt wurde. Dass beide 
Stempelbilder zu gleicher Zeit eingedrückt werden mussten, bedingt 
schon das weiche Material der Bulle; hätte man versucht, zuerst etwa 
nur die Apostelbilder und dann mit einem neuen Hammerschlag den 
Namensstempel einzudrücken, so würde natürlich der erste Eindruck 
durch den zweiten Hammerschlag wieder verschwunden sein, oder zum 
mindesten viel an Deutlichkeit verloren haben. Durch den gleich- 
zeitigen Eindruck beider Stempelbilder erklärt sich auch, wenn wir 
auf Bullen, wie es ja nicht selten vorkommt, finden, dass die Avers- 



1) Vergl. Diekamp 1. c. 3, 609. 

2) Moroni 1. c. 5, 277. 



•JTQ Ludwig Schmitz-Rlieydt. 

und Keversseite nicht gleichmässig geprägt sind i). Durch eine \]n-, 
aufmerksamkeit oder dadurch, dass der obere Stempel nicht genau auf 
den unteren aufgesetzt wurde, oder durch einen nicht senkrecht ge- 
führten Hammerschlag konnte ja leicht eine Verschiebung eines Stem- 
pels oder des Bleistückes eintreten, infolgedessen dann entweder nur 
ein Stempel oder beide nicht vollständig zum Abdruck kamen, was 
bei dem von Schlosser augenommenen Verfahren unmöglich gewesen 
wäre. 



') cfr. Diekamp 3, 610. 



lieber Expensenrecliiiuiigen 
für päpstl. ProvisionsbiiUen des 15. Jalirhimderts. 

Von 

M. Mayr-Adlwang. 



In der sogeuannten Serie , Corapositioues • der libri della camera 
apostolica des 15. Jahrhunderts, welche das römische Staatsarchiv ver- 
wahrt, nimmt der dritte Band eine Ausnahmsstellimg ein, da er einen 
von den übrigen Bänden wesentlich verschiedenen Inhalt aufweist. 
Er besteht aus zwei Original-Papierfascikel in Quart, von welchen 
der eine die Auischrif't „Liber cedularum expensaruui provisionum 
ecclesiarum et monasteriorum" trägt, der andere „Liber cedularum 
omnium expensarum factarutn in expeditionibus omnium bullarum 
expeditarum tam per cameram quam per cancellariam et tam gratis 
quam taxatarum de mandato sanctissimi doraini nostri pape" sich be- 
titelt. Der erste Theil, welcher 53 Blätter umfasst, beschäftigt sich 
ausschliesslich mit Konsistorialpfründen des Jahres 1463. Auf dem 
ersten Blatte steht der erwähnte Titel, die Folien 3 und 4 enthalten 
ein unvollständiges Kegister der aufgeführten Diöcesen und Abteien, 
die Blätter 2 — 11 und 44—53 sind leer. Mit Blatt 12 beginnt die 
alte gleichzeitige Numerierung in römischen Zahlzeichen. Der zweite 
Theil behandelt Provisionen des Jahres 1481 überhaupt. Neben der 
modernen Foliierung erscheint noch eine alte römische, die Fort- 
setzung von fol. 53 — 114 umfassend. Der Pergamentumschlag des 
ganzen Bandes weicht von den Einbänden der Cameralregister nicht ab. 

Nach den erwähnten Titeln sollte man eine Sammlung von Ex- 
pensenzetteln der Procuratoren oder Sollicitatoren, in dem einen Fall 
für die Ausfertigung und Expedition von Provisionsbulleu der Kon- 



72 M. Mayr-Adlwang. 

sistorialpfründen, im anderen der durch Kammer und Kanzlei über- 
haupt expedierten Bullen erwarten. Doch sind nicht die einzelnen 
cedulae aneinandergereiht, wie dies beispielsweise im Cod. Vatic. lat. 
3478, der Konsistorialpfründeu behandelt, oder in entsprechenden 
Bänden s. XVI des Konsistorialarchives der Fall ist. Wir haben hier 
vielmehr Bruchstücke einer besonderen Art von Cameral-Eegistern 
vor uns. Dies beweisen nicht blos die mehr oder minder ausführlichen 
Anga])en bei den einzelnen cedulae selbst, sondern vor allem die auf 
fol. 2 vorangestellte Abschrift eines Edictes des Kardinal-Kämmerers 
Ludwig von Aquileia vom 29. April 1462, welches dieser infolge eines 
mündlichen Specialauftrages des Papstes erlassen hatte i). 

Der Erlass, dessen Narratio uns auch in willkommener Weise 
über Veranlassung und Zweck dieser neu eingeführten Register be- 
lehrt, betitelt sich: Edictum positum pro exhibendis cedulis expen- 
sarum provisionum. Das Edict erscheint inhaltlich als eine Abstellung 
grober Misbräuche und Verschärfung der Vorschriften für die Solli- 
citatoreu, welche sich bei ihren Expensenberechnuugeu verschiedene 
Uebervortheilungen der Parteien zu schulden kommen liessen. Ausser 
anderen ungebührlichen Expensen, so wird in dem Erlasse berichtet, 
haben sie auch Posten für Geschenke an die Kardinäle und Prälaten 
der Kurie und an die Förderer der Sache des Ernannten, manchmal 
sogar an den Papst eingestellt, woraus für diese Schande und für die 
Promovierten Schaden erwachse. Um solchen Uebelständen zu steuern, 
wird befohlen, dass in Zukunft der Procurator oder Sollicitator von 
jeder Art von Provisionen, die in der Kammer taxiert sind, bei Ver- 
meidung der Excommunicatiou. der Entziehung seiner ßeneficien und 
einer Busse von 400 Kammergoldguldeu bereits ausgefertigte und expe- 
dierte Bullen nicht eher aus der Kammer oder Kurie fortnehme 
oder fortnehmen lasse, bis er nicht in der Kammer zur gewöhnlichen 
Amtsstuude eine ausführliche und richtige Rechnung über alle Aus- 
lagen präsentiert hätte. Erst wenn diese Rechnung geprüft, approbiert, 
signiert, vom clericus mensarius oder dessen Stellvertreter unterfertigt 
und in den Kammerbüchern gehörig registriert ist, darf sie gleich- 
zeitig mit den Bullen an die Partei ausgehändigt werden. 

Damit das Edict zur möglichst allgemeinen Kenntnis gelange, 
wurde die Publication desselben an den drei dazu bestimmten Oert- 
lichkeiten der Stadt ano-eordnet -). 



') S. Beilage I. 

2) Die Meldung des Cursor Autouius vom nächsten Tage über die geschehene 
Affichierung ist beigesetzt und vom Kammerkleriker G. de Vulterris, welcher das 
Edict gegengezeichnet hatte, gefertigt. Vgl. Beilage I. 



Ueber Expensenvecbnungen für päpstliche Provisionsbullen etc. 73 

Dass dieser Erlass practische Geltung erlangt und auch für min- 
destens eine Reihe von Jahren 1) behalten hatte, lehrt die Betrach- 
tung des Inhaltes unseres ßegisterbandes in formeller Beziehung. Die 
Yorschriften des Edictes erscheinen hier mehr oder minder genau 
durchgeführt. Zunächst steht am freien Rande an der Seite jeder 
Nummer, gleichwie in den übrigen Cameralregistern, der Name der 
betreffenden Diöcese. Der Kopf der cedula trägt eine Inhaltsangabe, 
welche in der Regel beginnt: Expense facte in eoufirmatione circa 
provisionem, in expeditione bullae etc. und neben der Art der 
Bulle oder Bullen Namen und Kirche des Empfängers, häufig auch 
den Procurator in der ersten Person sprechend anführt. Dann folgen 
die einzelnen Posten der mehr oder minder specialisierten Ausgaben, 
welche gewöhnlich mit primo einsetzen und meist nach der zeitlichen 
Aufeinanderfolge der Einzahlung in die einzelnen Aemter geordnet 
sind. Daran i-eiht sich der Präsentationsvermerk des Procurators. Er 
bescheinigt, dass dieser die Expenseunote der Kammer unter Ablegung 
eines Eides für ihre Richtigkeit persönlich vorgelegt habe und fügt 
das Datum der Präsentation bei. Diese Formel variiert ziemlich stark, 
vermerkt aber in der Regel, dass der Procurator sie eigenhändig ge- 
schrieben, was auch schon die subjective Stilisierung beweisen würde -). 
Manchmal fehlt sie vollständig, oder es wird die geschehene Vorlage 
von Seite der Kammer erwähnt. Diese bestätigt dann anschliessend, 
dass die Rechnung präsentiert, geprüft und nach Leistung des Eides 
approbiert wurde. Häufig wird auch hier oder nur hier das Datum 
beigesetzt. Wie das Edict vom 29. April 1462 weiters vorschreibt, 
folgt endlich die eigenhändige Unterschrift des jeweiligen :\ieusarius 
oder dessen Stellvertreters mit einfacher Namensangabe und dem 
Character „apostolice camere clericus". Vor der Aushändigung wird 
die cedula noch mit vollem Wortlaute in das Register übertragen. 
Aehulich wie bei den übrigen Registern hat der registrierende Kammer- 
notar, der auch collationiert, seinen Namen beizusetzen. 

Wie sich aus dem Gesagten von selbst ergibt, wechselt die Hand- 
schrift mit den Eegistratoren auch in unserm Registerbande. Indes 
sind die einzelnen Formeln nicht allzufeststehend und mannigfachen 
Variationen unterworfen, auch findet nicht selten ein vollständiger 
Wegfall einer oder mehrerer, vom angezogenen Edicte geforderter Ver- 



1) Vgl. Beilage II, weiche Beispiele aus dem Jahre 1463 und 1481 bringt. 
Die Auswahl derselben ist derart getroüeu, dass nur deutsche Empfänger, diese 
aber innerhalb der heutigen deutschen und österr. Grenzen vollständig berück- 
sichtigt wurden. 

2) Vgl. die Beispiele a. a. 0. 



74 ^I- M a y r - A d 1 w a 11 g. 

merke statt. Besonders bei deu Beispielen aus dem Jahre 1481 — noch 
nicht 20 Jahre nach Erlass des Edictes — ist eine ganz bedeutende 
Verschlechterung der formellen Behandlung zu constatiereu ^). 

Im Anschlüsse seien ein paar einzelne Beobachtungen erwähnt, 
die sich aus unseren Beispielen ergeben, jedoch nichts mit der 
Registratur der Expenseunoten selbst zu thun haben. Während im 
Jahre 1463 durchwegs noch Procuratoren genannt werden, erscheinen 
1481 nur mehr Sollicitatoren, wiewohl erst im nächsten Jahre eine 
feste Organisation des VacabilistencoUegs der Sollicitatoren durch die 
Bulle „Romanas pontifex" '^) erfolgte. In einem Falle erscheint der 
Procurator auch synouym als sindacus bezeichnet ^). Manchmal über- 
nimmt der Empfänger selbst die Procura seiner Bulle ^). Die Werth- 
bezeichnungen sind gewöhnlich in Kammergoklducaten angegeben, die 
Unterabtheiluugen in grossi und bolini. Selten finden sich Gulden ^), 
solidi und carlini. Angaben der Taxhöhe (nach der Regel in grossis), 
der Höhe der Annate und der gezahlten üesammtsumme kommen nur 
ausnahmsweise vor. 

Die weitere Aufgabe wäre, die Berechnung der Taxen in den 
einzelnen Bureaux und deren Vertheilung an unseren Beispielen näher 
zu untersuchen. Allein, um richtige und allgemein giltige Schlüsse 
ziehen zu können, liegt ein viel zu geringes Material vor. Vor allem 
müssten hiezu die correspondierenden Serien der Cameralregister mit- 
einbezogen werden. Weil wir aber über die p r a c t i s c h e Durch- 
führung der Taxenbemessung noch sehr wenig unterrichtet sind ß), 
dürfte trotzdem die Wiedergabe einiger allgemeiner Beobachtungen an 
unseren Beispielen von einigem Nutzen sein ''). 

Bezüglich der äusseren Form fällt zunächst aul, dass die Pro- 
curatoren kein feststehendes Schema für die Anordnung ihrer Zahlungen 
einhalten und häufig mehrere Posten zusammenzieheu, wie es ihnen 



') Vgl. die Beispiele der Abtheilung B. a. a. 0. 

'^) Vgl. M. Tangl, Die päpstlichen Kanzleiordnungeii, Constit. n'^ LII. S. 207 ft". 

3j A. 3. 

*) A. -2, 4. 

^) A. 1, 5, B. 6, 16; in A. 6 sind rheinische Gulden angegeben. 

") Aus diesem Grunde mag auch der Abdruck so verhältnismässig zahl- 
reicher Stücke seine Rechtfertigung finden. Vgl. darüber M. Tangl, Das Tax- 
wesen der päpstlichen Kanzlei vom 13. bis zur Mitte des 15 Jahrhunderts, Mittheil, 
des Inst. f. österr. Geschichtsforschung, XIII, 1 S. 60 ff. 

') Für die folgenden Darlegungen wurden durchwegs auch die betreffenden 
Abschnitte von E. v. Ottenthai, Die Bullenregister Martin V. und Eugen IV., 
Mittheil, des Instit. f. österr. Geschichtsforschung I. Ergänzungsband 401 fl'. zu 
Rathe gezogen. 



Ueber Espensenreclinungen für päpstliche Provisionsbnllen etc. 75 

eben bequem war oder gelegen kam. Manchmal wird jedoch auch in 
ihren Aufschreibungen strenge äussere Scheidung nach der Einzahluno- 
in die einzelnen ßureaux eingehalten. Bei näherem Zusehen lässt 
sich eine solche auch für die übrigen Fälle vornehmen, wenn auch 
äusserliche Abschnitte fehlen. Darnach erfolgten die Zahlungen für 
Pfründenverleihungen an folgende Aemter und in folgender Ordnung : 
im Supplikenamt, oder bei konsistorialen Pfründen an die Konsistorial- 
kanzlei für die vorbereitenden Acte; in der eigentlichen Kanzlei die 
Scriptoren- und Abbreviatorentaxe, welche nach dem officiellen Tax- 
buche zu berechnen war; ungefähr dieselben Taxen werden weiters 
noch im Siegelamte und im Register eingehoben; endlich kommen 
die ausgiebigsten Zahlungen in der Kammer. 

Wie aus dieser Zusammenstellung bereits erhellt, ist die eigentliche 
Kanzleitaxe nur für die Kanzlei, Plumbarie und das Register mass- 
gebend. Daneben sind in allen diesen Aemtern noch eine Reihe von 
Nebensporteln zu entrichten. Um ein richtiges Bild zu gewinnen, ist 
eine Scheidung unserer Verleihungen in konsistoriale Pfründen und 
gewöhnliche Provisionen nothwendig 1). Bei letzteren ist wieder die 
Expedition per cameram von der allgemein üblicheren per cancella- 
riam getrennt zu behandeln, da erstere einen anderen modus pro- 
cedendi in der Kanzlei bedingt. 

Konsistoriale und nichtkonsistoriale Verleihungen erfahren nur in 
der Kanzlei eine gemeinsame Behandlung, kommen jedoch auf ge- 
trenntem Wege in dieselbe. Bei konsistorialen Pfrüudenverleihungen 
wird zuerst unter dem Vorsitze des hiezu bestimmten Kardinals der 
kirchliche Process eingeleitet und das Ergebnis im Konsistorium zur 
Berathung uud Entscheidung gebracht ^). Vom Resultate wird die 
Kanzlei durch eine schriftliche Mittheilung - die cedulae consisto- 
riales — verständigt. Für die Ausfertigung dieser Voracten wurden 
natürlich auch Gebühren eingehoben. Sie kommen in unseren Bei- 
spielen vielfach zum Ausdrucke. In A. 6 erscheinen 6 Posten, welche 
nur auf die Ausfertigung der Voracten Bezug nehmen, in A. 5 deren 
fünf, in A. 4 deren vier, in A. 3 mindestens drei, in A. 2 deren 
zwei, in B. 17 zwei und B. 15 einer. Es finden sich da Ausgaben 
für die Prüfung der Zeugen und für den Process (A. 2), für den 
Kardinal-Kommissär (A. 3, 4, 5, 6). für die cedula an die Kanzlei 
(A. 2, 3, 6, 15, 17), für die Registratur derselben (B. 17), für den 

') Von den Beispielen sind A. 1—6, B. 11, 15, 17 konsistoriale Pfründen, 
dazu kommt noch Beilage III. 

-) Der mit der Leitung des Processes betraute Kardinal heisst in unseren 
Beispielen .commissarius", in den Konsistorialacten immer „cardinalis referens*. 



76 M. Mayr- Adl-wang. 

Secretär oder Notar des referierenden Kardinals (A. 4, 5), für die 
canierarii, parafrenarii und Trinkgelder an die anderweitige Diener- 
schaft, wie auch für die ersten Meldungen aus dem Konsistorium über 
die erfolgte Verleihung. Am höchsten erscheinen die Ausgaben für 
die sogenannte propina des Kardinals und für den Secretär. Sie 
schwanken in unseren Fällen i) für den Kardinal zwischen 15 duf. 
und 50 fl. (A. 5), für den Secretär werden zwischen 12 duc. und 
20 fl. (A. 5) gezahlt; der Preis der cedulae schwankt zwischen 1 bis 
6 duc. und 18 fl. rhein. Die Trinkgelder variieren naturgemäss gleich- 
falls stark. Aus einem Kostenüberschlag für die Ausgaben behufs Er- 
langung der Konfirmationsbullen für Trient vom Jahre 1505, welcher 
allerdings aus etwas späterer Zeit stammt, aber für unsere Zwecke 
gute Dienste leistet -'). ersieht man, dass für alle diese Ausgaben keine 
fixen Taxen bestanden. Sie richteten sich jedenfalls nach der Höhe 
der Einkünfte der betreffenden Kirche. Die propina für den Kardinal 
sollte eigentlich nicht in Greld, sondern in einem entsprechenden Ge- 
schenke bestehen. GewöhnUch wurde jedoch Geld gegeben, wie unsere 
Beispiele zeigen. Es kamen aber auch Zurückweisungen des Geldes 
seitens des betreffenden Kardinals vor (A. 6). Im Vergleich zu den 
ZahluDgen in den übrigen Aemtern müssen diese Leistungen schon 
als ganz beträchtliche bezeichnet werden. 

üsichtkonsistoriale Verleihungen hatten ihren Weg in die Kanzlei 
durch das Supplikeuamt zu nehmen. Wenn die Petitio nicht schon 
durch die Partei daselbst eingereicht wordeu war, wurde hier die 
Supplik ausgefertigt^). Dafür wurde nach unseren Beispielen eine 
Taxe von 2 oder 3 grossi eingehoben 4). Für die Eegistrierung der 
Supplik war die gewöhnliche Taxe 1 gr. 2 bol., für 2 das doppelte. 
Abschriften aus dem Kegister werden ziemlich hoch berechnet (B. 5). 
ebenso öfteres Schreiben der Supplik (B. 14); eine Keformation der- 
selben kostet 1 gr. 2 bol. (B. 5) '"). 

Die cedulae consistoriales und die genehmigten Suppliken ge- 
langen an den Vicekanzler zur Ausfertigung der Urkunden. An der- 

') Die Angaben der Beilage III. sind wegen der exorbitanten Höhe hier 
nicht mitinbegritten. 

-') Beilage lY. 

") Posten pro confectioue supplicationis finden sich ausdrücklich erwähnt 
in B. 9 und 14. 

4) In B. 14 werden dafür 8 gr. berechnet, offenbar ruusste man für die 
Stilisierung der Erectio mehr Zeit aufwenden. In B. 19 waren 6 gr. zu zahlen. 

6) Kähere Angaben -über diese kleinereu Zahlungen bietet die bei Woker, 
Das kirchliche Finanzwesen der Päpste S. 189 ff. abgedruckte taxa officialium, 
worauf ich aber aus dem unten S. 78 N. 1 angedeuteten Grunde nicht näher 
•eingehen kann. 



Ueber Expensenrechnungen für päpstliche Provisionsbullen etc. 77 

selben betbeiligen sich drei Bureaux: die Kanzlei, die Bullarie und 
das Register. Die uniforme Behandlung in diesen Aemtern kommt 
durch die wenigstens theoretisch gleich hoch bemessene Taxe, welche 
in jedem getrennt zu zahlen ist 1), zum Ausdrucke. Bekanntlich wird 
diese vom Kescribendar auf Grund des officiellen Taxbuches für jede 
Bulle nach ihrem Inhalte angesetzt und muss vier Mai: für die 
Scriptoren und Abbreviaturen (Kanzlei), in der Bullarie und im Register 
erlegt werden. Werden die Bullen per came/am expediert, dann tritt 
noch die taxa quinta für die expedierenden Secretäre hinzu -). 

Darnach ergibt sich für unsere Beispiele die nothwendige Schei- 
dung von selbst. Die meisten derselben sind einfache Provisionen, 
die übrigen lassen sich als Resignationen mit Pension (B. 1, 8, 22)^ 
einfache Resignationen (B. 5, 18), Pensionen (B. 3). Pension mit 
Altersdispens (B. 6), Unionen (B. 7, 12). Erection (B. 15) und Surro- 
gation (B. 20) bestimmen, soweit dies auf Grund der meist nur karo-en 
Angaben eben möglich ist. Bei den Provisionen herrscht die Expe- 
dition per cameram weitaus vor, nur A. 5, B. 4, 17, 19 haben 
4 Taxen, in allen übrigen sind 5 zu constatieren ^), wenn man die 
ganz summarischen Angaben in den übrigen 5 Beispielen von A ausser 
Spiel lässt. 

Wie aus unseren Beispielen ersichtlich ist, erfolgte die Einzahlung 
der taxa quinta im Siegelamte *), Gewöhnlich wird auch die Register- 
taxe gleich miteinbezogen, woher sich der Ausdruck pro tribus taxis 
erklärt. Manchmal werden alle 5 Taxen nur summarisch angegeben 
(B. 3, 12, 21). Auch die Bezeichnung der Taxen durch Ordnungs- 
zahlen kommt vor (B. 4, 19). Von den übrigen Verleihungen wurden 
die einfache Pension (B, 3), eine Union (B. 12) und die Surrogatio 
per cameram expediert. Ein Versuch die Taxe in unseren Beispielen 
auf den theoretischen Ansatz des Taxbuches zurückzuführen, ist eine 
misliche Sache. Erstlich tragen nur die cedulae B. 3, 6, 7, 20 am 
Kopfe Taxangaben, weiters sind die Zuschläge ^) oder die gewiss öfter 

') Aeusserlicb kommt dies in Beilage III zum Vorschein, ebenso beispiels- 
weise in einer Verleihung von 1463 für Stagnö (Curzola) im gleichen Bande der 
Compositiones fol. 4'. Ueber die getrennte Einzahlung vgl. Tangl, a. a. 0. 71 und 
Ottenthai, a. a. 0. 514—519. 

2) Darüber vgl. Ottenthai, 1. c. 469 f. und 513 N. 5. Tangl nimmt die 
allgemeine Einsetzung der taxa quinta erst durch Innocenz VIII. an (a. a. 0. 62), 
wobei er sich auf Ottenthai beruft, aber mit Unrecht, denn dieser erwähnt davon 
nichts. Unsere Beispiele sprechen gegen Tangls Annahme. 

3) In B. 2, 3, 20 wird diese Art der Expedition ausdrücklich erwähnt. 

4) Dadurch wird Ottenthals Angabe a. a. 0. 513 bestätigt. 

'"] Die oft mannigfaltigen clausulae sind ohne Urkundentext nicht zu be- 
stimmen. 



<jg M. May r- Ad Iwan g. 

von deu Procuratoren mit der Taxe verbundeneu Trinkgelder schwer 
zu eruieren und endlieli, was mir allerdings die Hauptsache scheint, 
fehlt uns für diese Zeit noch ein verlässliches Taxbuch i). Will man 
aber doch Proben anstellen, so ist es am gerathensten mit den taxierten 
Beispielen zu beginnen. Von den beiden Unionen (B. 7 und 12) ist 
die erstere mit 40 gr. taxiert, was ungefähr einem der Fälle im Tax- 
b)uche -) entsprechen würde. Die Zweite war ebenso taxiert, denn die 
Scriptorentaxe und 4 weitere Taxen (per cameram) betragen je 4 Du- 
caten. Der Schreiber bekommt in B. 12 noch 2 Duc. ausserdem, in 
B. 7 einen gr., welcher aber gleich zur Taxe geschlagen wird. Die 
Kegistertaxe entspricht deui Ansätze, die Abbreviatoren- und Siegel- 
taxe ist um je 5 gr. niedriger ^). B. 6 ist zu 30 gr. taxiert. Es finden 
sich ähnliche Verhältnisse für Scriptoren- und Abbreviatorentaxe ; Siegel- 
und Kegistertaxe weisen einen höheren Zuschlag auf. Aehnlich wird 
die Vertheilung der Taxen bei der einfachen Pension B. o mit dem 
Ansätze zu 20 gr. sein. Zieht man für Abbreviatoren- und Siegeltaxe 
je einen halben Ducaten ab, so stimmt der Ansatz von 9 Ducaten 
für die fünffache Taxe. Bei der Surrogatio B. 20 tritt die reine Taxe 
in der Abbreviatur und wahrscheinlich in der Siegeltaxe hervor, im 
übrigen ist ein massiger Zuschlag von je 1 gr. zu bemerken. Analog 
diesen Fällen steht es auch mit den nichttaxierten Pensionen und 
Resignationen. In B. 1 sind die 4 Taxen für die Resignation und 
Pension getrennt angeführt. Au Höhe unterscheiden sie sich nur 
in der Scriptorentaxe um 1 gr., in der Abbreviatorentaxe um 5 gr., 
doch fällt die doppelt niedrigere Siegeltaxe auf. In einem au deren 
Beispiele (B. 8) sind die Taxen für Resignation und Pension zu- 
sammengezogen, die einfache Taxe ist hier wie bei B. 18 etwas höher 
(wohl ungefähr 30 wie in B. G), Abbreviatoren- und Siegeltaxe in 
B. 8 und die Abbreviatorentaxe in B. 18 zeigen einen Nachlass, die 
Reo-istertaxe in B. 18 ist wohl die Grundtaxe. In B. 21 wurde auf 
-die fünffache Taxe 1 Duc. aufgeschlagen. Anscheinend grössere Ver- 
wirrung herrscht in B. 22. Die Grundtaxen für Resignation und 
Pension dürften 20 und 24 gr. betragen, wie sich aus den Scriptoren- 
taxen 21 und 26 gr., den Siegeltaxen 22 gr. und 24 gr. und der ge- 



1) Tangl führt den Gegenstand nicht so weit und Wokers erwähntes Buch 
über das kirchliche Finanzwesen der Päpste (Nördlingen 1878) wurde allgemein 
ablehnend aufgenommen, besonders die Edition der Taxbücher im Anhange erfuhr 
scharfe Kritiken (vgl. Tangl, a. a. 0. S. 1 ff.). Das Buch ist thatsächlich für 
unsern Zweck fast nicht benutzbar. 

2) Etwa bei Woker, a. a. 0. S. 172. 

3) Vgl. auch Woker, a. a. 0. 189, 190. 



Ueber Expensenreclinungen für päpstliche Provisionsbullen etc. 79 

meinsamen Kegistertaxe 44 gr. ergibt. Die Abbreviatorentaxe Avürde 
iu diesem Falle allerdings fehlen, wenn sie nicht, ja was möglich ist, 
bei der Registrierung der cedula einfach übersehen wurde. 

Betrachtet man die nichtkousistorialen Provisionen der Reihe 
nach, so ergibt sich, dass B. 2 ungefähr zu 20 gr. taxiert war; iu 
die Abbreviatorentaxe theilen sich hier der Abbreviator und der Sum- 
marius 1). Für B. 4 war wohl der Ansatz 26 gr., für B. 5 etwa 20 
gr., wobei die Siegeltaxe ungewöhnlich niedrig angesetzt erscheint; 
ebenso hoch war sie für B. 9. Die Abbreviatoren erhalten hier be- 
deutend mehr und auch der Summator bekommt seinen Ducaten. 
B. 10 erscheint zu 30 gr. taxiert, wiederum ist die Siegeltaxe be- 
deutend niedriger. In B. 16 theilen sich der Abbreviator und Sum- 
mator in die Abbreviatorentaxe, aber zu sehr ungleichen Theilen; der 
Ansatz ist wohl 24 carleni. B. 19 hat als Grundtaxe 21 gr., Abbre- 
viatoren- und Siegeltaxe sind beträchtlich geringer. Im grossen und 
ganzen kann eine gewisse Gleichheit aller Taxen, ob es nun deren 
3 oder 5 sind, nicht geläugnet werden, Abbreviatoren- und Sieo-el- 
taxen sind häufig niedriger als der Grundansatz. Soweit bei den an- 
gedeuteten schwierigen Verhältnissen ein Vergleich mit den Ansätzen 
der officiellen Taxrollen möglich ist. wurden diese wohl auch nicht 
übermässig überschritten. 

Mit ganz anderen Grössen haben wir bei konsistorialen Pfründen 
zu rechnen. Auch da gelten bezüglich eines Vergleiches mit den offi- 
ciellen Kanzleitaxen die gleichen Schwierigkeiten. Hier spielt der 
Ansatz für die betreffende Kirche im Liber provincialis mit herein, 
ferner ist die Anzahl der auszufertigenden Bullen, deren Anzahl 8, 
1^, sogar 10 "') betragen kann, massgebend. Die Beispiele, welche nur 
gauz summarische Angaben bieten, wie A 1, 3, 4, mögen lieber un- 
berührt bleiben, um unhaltbare Combinationen zu vermeiden. 

Die besten Aufschlüsse über den Vorgang bei der Taxierung der- 
artiger Verleihungen bietet der bereits erwähnte Trieutner üeberschlag 
von 1505 in dem Absätze über „expense pro bullis redimendis". 
Darnach kosten 9 Bullen in der Scriptorie 19 oder 20 Duc. nach 
Vereinbarung, mithin eine ungefähr 2 Duc; in B. 17 kosten 6 Bullen 
8 duc. 6 gr., in B. 15 dürften nach Abzug der bestimmten Taxe für 
die Arbeit der Scriptoren von 4 Duc. ^) 8 Bullen zu rechnen sein, 



') Ottentlial a. a. 0. 469 begegnet dem summator zum ersten Male 1486 und 
stösst sich daran, unsere Beispiele beweisen das frühere Vorkommen desselben 
zur Genüge. 

2) Im citierten Beispiele der Verleihung für Stagnö. ■ 

') Diese Summe wird wenigstens in Beilage IV angegeben. 



80 ^I- Mayr-Adlwang. 

ebenso iu A. 5; iü A. 6 sind 6, für Trient im Jahre 1488 wahr- 
scheinlich 8. 

Anders stellt sich die Berechnung seitens der Abbreviatoren. 
Zunächst fallen absolutio a censuris und munus consecrationis, welche^ 
wenn dafür zu zahlen ist, nach Vereinbarung an den custos cancella- 
riae oder senescalcus berichtigt zu werden scheinen i), weg. Für die 
übrigen Bullen wird für jede die feste Taxe von 2 Duc. weniger 2 Duo. 
von der Gesammtsumme gezahlt-). In B. 17 beläuft sich die Taxe 
für die Abbreviatoren und den custos ebenso hoch wie für die Scrip- 
toren. Jn B. 15 hatten die Abbreviatoren wohl 7 Bullen, in A. 5 
vielleicht 4 (weil der Protonotar ^) (3 — 8 Duc. erhält), iu A. 6 eben- 
soviel, für Trient 7, in B. 11 drei Bullen auszufertigen. 

Die Taxe in plumbo soll wieder vereinbart werden. Sie erscheint 
etwas niedriger als die Scriptorentaxe (A. 5, B. 15, 17), für Trient 
ist sie gleich hoch angesetzt. Dazu kommen Zahlungen für Siegel- 
verschluss und für die magistri plumbi nach Vereinbarung nebst Trink- 
geld für die familiäres nach Belieben. Besonders viel hatte Trient im 
Jahre 1488 im Siegelamte zu zahlen. 

Die Registertaxe war ungefähr ebenso hoch wie die übrigen 
oder etwas niedriger •*). Für Trient werden 16 Duc, in A. 5 sammt 
allen Trinkgeldern 12 duc. 9 gr. gerechnet, in B. 17 kosten 5 Bullen 
5 duc. 5 gr. Die Art der Berechnung ersehen wir wiederum aus 
dem Ueberschlag von 1505. Für die Registrierung der bulla prin- 
cipalis besteht keine fixe Taxe, es ist dafür 1 Duc. arbitrarie ange- 
setzt (in B. 15 werden 2 Duc. gezahlt), für die Consecrations- und 
Absolutionsbulle erscheinen je 2 Ducaten vereinbart (in B. 15 für die 
Consecrationsbulle 2 duc. 8 gr.). Dazu kommen noch die soge- 
nannten conclusiones ^), wofür iu der Regel je 1 Duc. gezahlt worden 
zu sein scheint. In B. 17 wurde für 5 Bullen eine ziemlich geringe 



1) Vgl. Beilage IV. 

2) Vgl. Beilage IV. 

s) Vgl. die Berechnung dieser Taxe in Beilage IV. Vgl. auch B. 15, 11, 17, A. 2. 

^) Ueber die Registertaxen im allgemeinen vgl. Ottenthai a. a. 0. 509 ff. 

s) Ich möchte darunter kurze Registrierung der Nebenurkunden nach der 
littera principalis vermuthen, etwa wie die bekannte Registrierung ,in eundem 
modum* ; die Zahl 6 dafür in Beil. IV würde stimmen : 6 -f- 2 -)- 1 =^ 9, in B. 15 : 
6-)- 1 + 1 =8 ; in der Verleihung für Stagnö werden von 10 Urkunden neben 
der littera principalis 4 weitere registriert und für letztere die halbe Taxe be- 
rechnet. Ebenda wird für 2 litterae clausae in der Kanzlei nur die Hälfte der 
Taxe, die andere Hälfte aber im Siegelamte gezahlt, ein corrige in plumbo (gr. 8) 
und ein solches in registro (gr. 10) werden ebenfalls in der Kanzlei gezahlt. 
Leider ist das Beispiel zur Veröffentlichung in diesem Rahmen zu umfangreich. 



Ueber Expensenrechnungen für päpstliche Provisionsbullen etc. g]^ 

Summe vereinbart. Neben den eigentlichen Taxen sind auch im Ke- 
gisteramte noch manche Zahlungen zu leisten. Am höchsten er- 
scheinen die regalia für den Vicekanzler i) (im Trientner Ueberschlag 
mit 3 Duc, in der Trientner Koufirmationsbulle mit 4 Duc. ^), in 
B. 15 und 17 mit 1 Duc. 4 gr.) angesetzt. Weiters erhalten die 
magistri bedeutende Sportein 3) (B. 15, 17), in der Trientner Kon- 
firmation ist 1 Ducaten für diese Art von Trinkgeld bestimmt. 

Für die Kegistratur selbst ist gleichfalls eine Taxe zu ent- 
richten (Trientner Konfirmation 1 Duc; B. 17 für 4 Bullen 1 duc. 
gr. 5 und für die Kegistratur der Bulle ad episcopos 3 gr.; B. 15 
1 duc. 4 gl'.; B. 11 Duc. 1)*). Endlich sind noch einige eventuelle 
Nebenzahlungen zu leisten, so in B. 15 pro grossis an die magistri 
4 gr., pro registratore 1 duc. 4 gr., pro portu 2 gr., pro familiari 
registri 1 gr.; in B. 17 pro portu ebenfalls 2 gr.; im Trientner Ueber- 
schlag siud pro turno und pro cassario die respectablen Summen von 
3 und 1 Duc. eingestellt^). 

Aehnliche Zahlungen neben der Taxe gab es auch in der eigent- 
lichen Kanzlei. Hier harrten noch mehr Personen der Entlohnung 
als im Siegel- und Hegisteramte. Die in einzelnen Beispielen notierten 
Posten wachsen der Zahl nach für unsere konsistorialen Pfründen 
bis zu 8 und 9 an (B. 15, 17, A. 5, Trienter Konfirmation), im 
Trientner Ueberschlag sind deren noch mehr. Es genügt die wich- 
tigsten kurz zu berühren. Diese sind vor allem die im Ueberschlag 
von 1505 und in den Taxlisten als fix angegebenen ß). Da erscheint 
zuerst die Taxe der Protonotare, welche, nach den Ansätzen des 
Liber provincialis mittelst eines eigenen Schlüssels iDcrechnet, meist 
in der camera eingefordert wird '). Die ,iura prothonotario- 
r u m " stehen aber in unseren Beispielen immer unter den Posten der 
Kanzlei und variieren in denselben zwischen 6 und 34 Duc. Wenn 
im Liber provincialis die Angabe der Einkünfte fehlt, was nicht selten 



1) Vgl. Ottenthai, a. a. 0. 516; auch nach der Stellung in unseren Beispielen 
scheint diese Taxe im Register erlegt worden zu sein, jedoch ausserhalb der 
eigentlichen Taxe. 

2) Hier sind wahrscheinlich noch andere regalia miteinbezogen. 

3) Vgl. Ottenthai, a. a. 0. 511 N. 2. 

*) In den Secretärregistern stellen sich diese Posten um ein Geringfügiges 
höher. 

*) Für das plumbum finden sich bei Stagnö (22 gr.) und in Beil. IV (pro 
tribus plumbis 5 Duc.) ganz beträchtliche Summen eingestellt. 

«) Eine andere Frage ist freilich, ob diese Leistungen auch früher schon als 
ordinarium zu bezeichnen sind. 

') Vgl. Beilage IV. 

Mittheilungen XVll. 6 



g2 M. M a y r A d 1 w a n ^. 

vorkommt, und aus der Gesammtangabe der servitia communia und 
minuta eine Berechnung erschwert ist, lassen sie sich aus der Taxe 
für die Protonotare bequem (wenigstens annähernd) berechnen. 

Eine weitere Entlohnung beziehen der custos cancellarie so- 
wohl als Taxe wie für seine Arbeit, ferner die Scriptoren, die 
Abbreviatoren für ihre Arbeit, sowohl der Abbreviator, welcher 
die Correcturen ausführt, wie nicht minder der Abbreviator primae 
visionis, der Rescribendar, der Computator, kurz alle irgend- 
wie an der Ausfertigung der Urkunde in der Kanzlei betheihgten 
Personen!). Die SoUicitatoren bekommen für ihre Mühewaltung 
gleichfalls eine ganz bedeutende Entschädigung, welche wiederum nach 
der Höhe der Einkünfte bemessen wird 2). Im Trientner Ueberschlag 
erscheint bereits das Sollicitatorencolleg der Jauitscharen, welche den 
20ten Theil des dem Papste zufallenden servitiums erhalten, dem- 
nach nicht von der Partei entlohnt würden. Die Partei muss ausser 
den Taxen, der Arbeit und der Entlohnung für dieselbe auch das 
Schreibmaterial bestreiten. Dazu kommen noch Trinkgelder an die 
Dienerschaft der bedeutenderen Beamten. 

Soviel durch die Kanzleiregeln über die Expedition der Bullen 
bekannt ist und durch Untersuchung der Originale für die Kenntnis 
derselben gewonnen wurde, bestätigt oder ergänzt, wie wir sehen, die 
Praxis. 

Was von den Nebeuauslagen in der Kanzlei, im Siegelamte und 
im Register für die konsistorialen Provisionen gilt, findet der Hauptsache 
nach auch auf die gewöhnlichen Verleihungen Anwendung. Weil es 
sich um geringere Beträge und wobl auch um einfachere Arbeit 
handelt, sind auch die Forderungen geringer und weniger zahlreich. 
Es tritt hier die Bezahlung der eigentlichen Arbeit (Anfertigung der 
Minuten, Registratur, Distributio etc.) und des Materials mehr in den 
Vordergrund, Trinkgelder sind seltener 3). Nur in ß. 14 fällt die 
enorme Höhe der iocalia auf, wenn nicht ein Fehler unterlaufen ist ^). 

Was die Kosten der Minuten anlangt, so stellt sich der Durch- 
schnittspreis auf 5 gr., die Zahlung variiert zwischen 4 gr. bis 1 Duc, 
in einem Falle stellt sie sich auf 2 duc. 2 gr. (B. 14), allerdings ist 



') Dasselbe gilt auch, Avenn die Bulle die audientia zu passieren hat. 

2) In einem Falle begnügt sich der SoUicitator mit einer Entlohnung nach 
gutem Willen (B. 22), wahrscheinlich rechnete er auf die Generosität des Em- 
ptängers. 

3) Die Namen der Kanzleibeamten werden bei gewöhnlichen Verleihungen 
sehr selten angeführt. 

*) Vielleicht versteckt sich dahinter auch eine Anuate. 



Ueber Expensenrechnungen für päpstliche Provisionsbullen etc. 33 

dies eine Erectionsbulle. Die cedulae uud cartae stellen sich auf 
1—6 gl'. ; für die Kesiguation, Kecognition und Consens werden 3 — 6 
gr. gezahlt 1), für die Distribution 2—5 gr. Für die prima visio, 
welche bei Bullen per cameram in der Kegel nicht stattfand 2) (nur 
B. 21 hat dieselbe), wurde für eine Urkunde 1 gr. gezahlt; in B. 1 
wird sie wegen der 2 Bullen zweimal gerechnet; in B. 17 steht aus- 
drückhch für 6 Bullen 6 gr. angegeben; in B. 15 stimmen 8 gr. 
für die angenommenen 8 Bullen, ebensoviel weist der Trientuer Ueber- 
schlag als ordinarium auf, nur die Konfirmation voö, 1488 verzehn- 
facht den Preis. Es ist noch hinzuzufügen, dass in den per cameram 
expedierten Bullen (B. 2, 9, 12, 13, 14, 16, 20, 21) mit einer Aus- 
nahme (B. 3) bereits der Summator vorkommt 3), der in der Kegel 
5 gr. oder 1 Duc. erhält, nur in B. 12 (Union) bekommt er 3 Duc. 4). 
. ' Die letzten Zahlungen für Provisionsbullen waren in der aposto- 
lischen Kammer zu leisten. Von den nichtkonsistorialen waren 
die eigentlichen Annaten zu erlegen, von den konsistorialen die ser- 
vitia, welche in communia und minuta zerfallen. Betrachten wir zu- 
erst die eigentlichen Annaten. worunter man den halben Betrasr 
einer Pfründe von 24 bis 100 Kammergoldgulden jährlichen Erträg- 
nisses versteht, der bei der Verleihung an die camera apostolica zu 
entrichten war, so fällt bei unseren Beispielen sofort auf, dass eine 
wirkliche Einzahlung nur in nicht per cameram expedierten Fällen 
erfolgt (B. 1, 5, 8, 10), dagegen in den per cameram verliehenen 
9 Bullen nur in zweien (B, 12, 20) die obligatio vorkommt. Letztere 
kann aber auch bei den Secretären stattfinden ^). 

') Diese werden auch getrennt aufgeführt. 

2) Vgl. Ottenthai, a. a. 0. 468 N. 4. 

3) Vgl. die bereits erwähnte (oben S. 79 N. 1) Angabe bei Ottenthai, 
a. a. 0. 469 und ebenda Beilage 5. 

■») Uebrigens hängt die Entlohnung des Summators von der Arbeit ab. Vgl. 
Beilage 5 bei Ottenthai, a. a. 0. 589 ,quod fribus vicibus fuerit bulla transscripta 
{et) quod tribus vicibus vel quatuor satisfactum fuerit summatori . . . *. 

5) Aus unseren wenigen Beispielen und den ungenügenden Angaben der- 
selben ist man nicht berechtigt zwingende Schlüsse zu ziehen. Wie Ottenthai 
in seinen Darlegungen über die expeditio per secretarios gesteht, weiss man 
darüber noch Weniges. Wenn man die grosse Anzahl unserer per cameram ex- 
pedierten Beispiele betrachtet und die enge Verbindung der Secretäre mit der 
camera apostolica erwägt, wird man vielleicht in dem Ausdrucke per cameram 
doch lieber apostolicam als secretam zu ergänzen geneigt sein und in dieser 
Expedition gegenüber dem immer gegensätzlich gebrauchten per cancellariam 
(vgl. auch Beilage I und die taxa officialium bei Woker) eher ein aus bestimmten 
Gründen abgekürztes Verfahi-en sehen, welches durch die taxa quinta theurer zu 
stehen kam. Dadurch braucht die Thätigkeit der Secretäre in der camera secreta 

nicht eingeschränkt zu werden. 

6* 



34 M. Mayr-Adlwang. 

Aus deu wirklich verzeichneten Zahlungen erhellt, dass neben der 
Annate regelmässig für die Quittung und Obligation, wenn eine solche 
erfolgte, zu zahlen war. Die Quittung, deren Ertrag dem Thesaurar 
zufällt 1), kostete nach unseren Beispielen 1 duc. 3 gr. (in B. 1 dürfte 
wohl ein Fehler sein, in B. 8 ist nach der Restitution der Obligation 
noch eine Quittung zu begleichen). Die Obligation wird meist zu 
3 sr. gerechnet. Hie und da werden auch die Kosten für die cedulae 
verrechnet. In B. 5 könnte man eine Quiudennia vermuthen, doch 
ist die Bulle sicherlich keine Union. 

Für konsistoriale Pfründen, d. i. für solche, deren jährliches Ein- 
kommen über 100 Kammergoldguldeu ausmacht, wurde in der Kammer 
ein Drittel des Jahreserträgnisses eingehoben, Sämmtliche derartige 
in Eom zur Verleihung kommenden Pfründen wurden in der Kammer 
und wohl auch beim caraerarius des heiligen Kollegs durch den 
mit dem Taxvermerke versehenen „Liber provincialis", auch „Liber 
caraere" genannt, in Evidenz gehalten 2). Zum Namen der betreffenden 
Kirche war gleich die zu zahlende Summe hinzugefügt. Der tech- 
nische Ausdruck dafür ist servitia communia. Eine Hälfte davon fällt 
dem Papste, die andere dem Kardinalscollegium zu. Wie in allen 
Aemtern ausser den Taxen noch eine Reihe von Zahlungen zu leisten 
ist, so treten auch zu den servitia communia noch fünf minuta ser- 



*) Vgl. darüber, wie überhaupt für die Zahlungen in der camera apostolica 
die von J, P. Kirsch im Historischen Jahrbuche der Gön-esgesellschaft IX, 300 ff. 
veröffentlichten Notizen aus der 2, Hälfte des 15. Jahrhunderts (aus Cod. Sessor, 46). 

2) Ein solcher Liber provincialis mit Taxvermerk ist bisher nur aus einer 
Bologneser Handschrift der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts von J. v. DöUinger, 
Materialien zur Geschichte des 15. und 16. Jahrhunderts IL S. 1—296 ediert. 
Gleichen Inhaltes ist aber auch der von Kirsch (vgl. N. 1) benützte Cod. Sessor. 46 
und eine Reihe von Handschriften der vatikanischen Bibliothek mit reicherem 
Inhalte als die Bologneser Handschrift, so Cod. Vat. lat. 9239, Ottob. 65 und 910. 
(vgl. die Beschreibung dieser Handschriften bei Forcella, Catalogo dei manoscritti 
riguardanti la storia di Roma, Rom 1879 ff. 5 Bde.). — Cod. 9239 wurde 1482 
vollendet. Der hübsch ausgestattete unfoliierte Pergamentcodex diente jedenfalls 
zur officiellen Benützung. Cod. Ottob. 65 ist gleichfalls eine Prachthandschrift 
und stammt zweifelsohne aus dem hl. Kolleg, weil die Statuten desselben fol. 112 ff. 
eingetragen sind, er dürfte derselben Zeit wie Cod. Vat. 9239 angehören, hat 
aber viele spätere Nachträge. Aus der Zeit Martins V. stammt Cod. Ott. 910, 
wie sich aus der ^'chlussnotiz fol. 161' ergibt, worin der Vicekanzler Johannes 
Kardinal von Ostia sagt, dass er nach Vollendung dieses »Liber provincialis* auf 
Befehl des Papstes Martin V. Nachträge gemacht habe. Diese folgen auch. — Cod. 910 
enthält dieselbe Münztabelle fol. 162' — 163 wie der Sessor, Im Konsistorialarchiv 
befindet sich ein auf Pergament geschriebenes Exemplar aus unserem Jahrhundert, 
versehen mit dem Imprimatur, — Ueber das »Provinciale* der Kanzlei vgl. Tangl, 
Die päpstl. Kanzleiordnungen, Einl. und. Abschnitt I. 



Ueber Expensenrechijungen für päpstliche Provisionsbullen etc. 35 

vitia, die iura sacre, iura subdiaconorum, iura quietantiarum und event. 
ein Betrag für Obligation und Eidesformel hinzu. Alle diese 
Leistungen, welche nach ganz bestimmten Schlüsseln von den servitia 
communia berechnet werden, fallen den Beamten der Kammer und 
des hl. Kollegs als Emolumente zu. Deren Vertheilung ist genau ge- 
reo-elt i). Für die sacra werden 5 % ^^''^ ganzen Taxe, für die Sub- 
diacouen V3 der sacra, oder nach der Rechnuug des Ueberschlages von 
1505 1% % der Taxe an den Kammerdepositar gezahlt. Die minuta 
servitia zerfallen in fünf Theile, nämlich : das miuutum caniere, wovon 
3/4 an den Kämmerer und V4 ^^ die Kammerkleriker fällt, 3 Minuten 
fallen dem gesammten zum Bezüge berechtigten Beamtenpersonal zu, 
die 5. minuta muss an das Bureau des hl. Kollegs abgeführt werden. 
Jede Minute ist der 28. Theil der ganzen (resp. der 14. Theil der 
halben ^) Taxe. Für die Quittungen gilt das Schema, dass bis zu einer 
Summe von 100 Duc. 1 Duc, bis 500 2 Duc, bis 1000 exclusive 3 Duc, 
für 1000 Duc. 4, für 1100 Duc. 5, von 1100—1500 Duc. 6 Duc. u. s. f 
zu zahlen sind. Von 2000 Duc. ab werden für jedes weitere Tausend 
4 Duc. gerechnet. Die erste Quittung, welche sich auf das commune 
servitium des Papstes, die sacra, das minutum camere und die 3 minuta 
<ic'r Beamten erstreckt, stellt der Kammerdepositar aus ; er nimmt das 
Geld dafür zugleich mit den andern an ihn zu erlegenden Beträgen 
in Empfang 3) und erhält für jeden Ducaten der Quittungskosten einen 
carlenus. Das Erträgnis dieser Quittung theilen Kämmerer'^) und 
Kammerkleriker zu gleichen Theilen. Eine zweite Quittung stellt der 
Kämmerer des hl. Kollegs für das servitium commune und minutum 
sacri collegii aus ; diese wird gleich der ersten berechnet. Der Clericus 
mensarius ist gehalten, keine Bulle auszuhändigen, bevor er nicht die 
Zahlungsbestätigung der Depositare in Händen hat^). 

In der Praxis sieht die Sache freilich wieder etwas anders aus. 
Die Kosten der sacra, der iura subdiaconorum und die Quittungen 
werden genau nach diesen Regeln berechnet, aber die servitia minuta 



1) Bequeme Anhaltspunkte für die Berechnung aller dieser iura geben uns 
die Aufzeichnungen im Codex Sessor. 46 (bei Kirsch, a. a. 0.) und unser Trientner 
Kostenüberschlag von 1505; zur Ergänzung dient auch noch ein Beispiel im Cod. 
Ottob. 910 f. 163'. Vgl. die Statuten in Cod. Ottob. 65 fol. 112 ff. und auch Gottlob, 
Aus der Camera apostolica, 92 ff. 

2) Vgl. Kirsch, a. a. 0. 306. 

3) Deshalb begegnet man wohl meist einer summarischen Angabe dieser 
Posten. 

*) In Beilage IV wird der Kämmerer nicht ausdrücklich als Theilhaber 
erwähnt. 

5) Vgl. bei Kirsch, a. a. 0. 307. 



gß M. Mayr- Adl wang. 

zeigen sehr verschiedene Höhe (A. 1, 2, 3). Im allgemeinen erscheinen 
sie niedriger angesetzt, als sie eigentlich betragen würden, nur in 
A 3 und jedenfalls in der Trientner Konfirmation sind sie höher, die 
Ueberzahlung über die Normaltaxen beträgt hier mindestens 100 Duc. 
In den Beispielen A. 4, 5, B. 11, 15, 17 sind nur summarische Angaben. 
Wegen der erwähnten Schwierigkeiten bei der Berechnung der Minuten 
lassen sich die einzelnen Posten nur für die sacra, iura subdiaconorum 
und Quittungen feststellen, wenn die Taxe der Kirche bekannt oder 
wenigstens der Betrag der Protonotare einzeln eingestellt ist, falls 
etwa Theilzahlungen erfolgten. Für die Obligation war die Taxe wohl 
1 Duc. (A. 3, B. 11, 17), wozu noch ein oder mehrere Groschen für die 
Quittungen (für je 1 Duc. entfällt je 1 gr.) kommen. Das kommt den 
Notaren zu gute. Trient rauss allerdings 1488 wieder die zehnfache 
Obligation und den Notareu 15 Duc. zahlen. A. 6 wurde gratiose 
expediert, dafür brauchten in der Kammer blos 126 Duc. gezahlt zu 
werden und 100 Duc. an den Papst für die Gnade. Die Taxe für 
Paderborn steht im Liber provincialis nicht angegeben, aber nach der 
Zahlung für den Protonotar war die Verleihung mindestens auf 
2000 Duc. taxiert. Die gratiose Expedition fällt demnach ganz be- 
deutend ins Gewicht. 

Aus dem Beginne des 16. Jahrhunderts gibt ein genaues Tage- 
buch des Trientner Kanzlers Anton Quetta ^) über seine Reise nach 
Rom im Jahre 1514, um die Bestätigung der Wahl des Bischofes 
Bernhard von Cles zu erwirken, so instructive Aufschlüsse über alle 
Einzelnheiten der Vorgänge bei einer Konfirmation, dass es sich wohl 
der Mühe lohnt, die für unsere Zwecke in Betracht kommenden Stellen 
einer auszugsweisen Besprechung zu unterziehen. 

Der Kanzler war am 28. August 1514 von Trient abgereist und 
traf am 7. September in Rom ein. Sogleich machte er sich an die 
Erledigung seiner Aufgabe, die ihn bis zum 9. October unausgesetzt 
thätig in der ewigen Stadt festhielt. Er suchte zunächst den refe- 
rierenden Kardinal Hadrian auf und übergab ihm ein kaiserliches 
Schreiben. In dessen Begleitung verfügte er sich am nächsten Tage 



1) K. k. Statth.-Arch. in Innsbruck. Cod. 489. Pap. -Original in 12» mit 
Pergamentumschlag, 96 Blätter. Fol. 1—8 enthalten die Ausgaben auf der Hinreise, 
fol. 17 — 19 verschiedene Ausgaben in Rom (darunter 12 quatrini für das vorliegende 
Büchlein), fol. 33—34' die Ausgaben für die Expedition der Konfirmation, fol. 49 
extraordinäre Auslagen, lol. 65—85' das Tagebuch über alle Verhandlungen und 
Schritte in Rom, fol. 94 eine Uebersichtstabelle über die "Wegentfernungen zwischen 
Rom und Trient, fol. 96' eine übersichtl. Zusammenstellung der mitgeführten 
Geldsummen- und Sorten. Alle übrigen Blätter sind leer. 



Ueber Expensenrechnungen für päpstliclie Provisionsbullen etc. g7 

zum Papst, um ebenfalls ein kaiserliches SchreibeB und die Acten des 
Wahlprocesses zu überreichen. Der erwähnte Kardinal erhielt sogleich 
das Referat übertragen. 

Da der Gegenkandidat (Bannisius) gegen die Wahl Bernhards 
bereits Einsprache erhoben hatte, war zuerst die Prüfung der Wahl 
im Konsistorium vorzunehmen und es mussten alle Formalitäten des 
Processes erfüllt werden. Kardinal Hadrian versprach hiebei seine 
möglichste Unterstützung und machte zugleich aufmerksam, dass an 
eine Expedition der Bestätigung nicht zu denken sei, solange nicht 
dem Kämmerer eine Obligation durch ein Bankhaus über die Ein- 
zahlung der dem Papste, dem hl. Kollegium und der Kammer zu- 
stehenden Gebühren vorliege. Neben der Beschleunigung dieser An- 
crelegenheit empfahl der Kardinal auch möglichste Geheimhaltung der 
Sache. 

Während zur Einleitung des Processes die nöthigen Zeugen requi- 
riert wurden, begann Quetta mit seinem Begleiter Thomas Marsoner 
(dem späteren Domherrn und Küchenmeister Bernhards von Cles) auch 
mit dem Banquier Angelus de Mapheis wegen Beschaffung der nöthigen 
Obligation und Umwechslung seines rhein. Geldes in das an der Kurie 
allein gangbare Kammergold zu verhandeln. Schon hiebei ergaben 
sich allerlei Schwierigkeiten bezüglich der Höhe der Interessen für 
den Banquier und bezüglich der Abwägung der rhein. Gulden bei dem 
Agenten der Fugger, deren eine grosse Zahl für zu gering erklärt 
wurde. Quetta nahm sein Geld und versuchte sein Glück bei anderen 
Bankhäusern (bei Spaniern und bei Welser) mit ebensowenig Erfolg. 
Auf Anrathen des Kardinals Hadrian wendete er sich an Altovitis' 
Erben bei der Engelsbrücke. Dort deponierte er 3700 fl. rhein., 1000 
ducati largi, 35 Kammerducaten und 280 aurati Bononienses gegen 
eine Bescheinigung. Der Banquier stellte die nöthige Obligation für die 
Kurie aus, des allgemeinen Inhalts, dass er sich zur Zahlung der Kon- 
firmationskosten verpflichte. Diese trug Quetta zu Kardinal Hadrian, 
der sie jedoch nicht entsprechend fand und dem Banquier eine andere 
ausfertigen Hess. Das war am 12. September, 

Inzwischen hatte der Process begonnen, es mussten Vertheidigungs- 
schriften angefertigt und der besondere Gönner der Gegenpartei, der 
Kardinal von Carpi, umzustimmen verbucht werden; letzteres hatte 
schlechten Erfolg. Auch der Versuch, einen Nachlass in der Annaten- 
zahlung zu erreichen, wurde unternommen. 

Am 14. September fand eine regelmässige Sitzung des Konsi- 
storiums statt, wobei die Konfirmationsfrage im Kardinalskollegium zur 
Sprache kam. Nach des Kardinal Hadrian Versicherung hielt der 



88 M. Mayr-Adlwang. 

Papst seilest die Einwürfe des Gegners für unmassgebend, wollte aber 
nicht den Schein erwecken, als ob derselbe nicht angehört würde; 
auf einen Nachlass der Annate gieng er nicht ein, ebenso bestand er 
auf der Reservation von Beneficien. 

Hierauf wurden den verschiedenen Kardinälen Besuche abgestattet 
und ihnen die Angelegeuheit empfohlen, ferner an der Widerlegung 
der inzwischen durch Kardinal Hadrian bekannt gewordenen Schrift 
der Gegner gearbeitet; der Advocat Joh. B. de Senis erhielt sogleich 
die üblichen zwei ungarischen Goldducaten. Da die Widerlegung der 
gegnerischen Artikel durch den Procurator Joh. Wayderaann sehr 
mager ausfiel, bestellte Quetta eiuen anderen Procurator. Am 
20. September raussten beide Parteien mit ihren Procuratoren und 
Advocaten vor Kardinal Hadrian erscheinen. Die Entscheidung sollte 
im nächsten Konsistorium fallen. Es waren dann unter Beihilfe der 
Procuratoren und Advocaten eine Reihe von Formalitäten: wie die 
Prüfung der Vollmachten, Beeidigimg der Zeugen, Information der 
Kardinäle zu erledigen. Diese schienen der Sache günstig gestimmt, 
doch fürchtete Quetta am 21., dass die Gegner im Konsistorium am 
nächsten Tatje eine Verschiebung der Konfirmation erreichen. Diese 

TD O 

trat thatsächlich aus Rücksicht für die Gegner ein, obwohl der Papst 
und alle Kardinäle für die Expedition waren, doch sollte das ent- 
scheidende Konsistorium schon am 25. stattfinden. 

Die folscenden Tagre bis zu demselben verliefen wieder mit 
Vorbereitungen hiefür und waren infolge der Thätigkeit der 
gegnerischen Partei mit mancherlei Aufregung und Befürchtungen ver- 
bunden. Kardinal Hadrian liess Quetta die betreffenden Nachrichten 
zukommen. Das Konsistorium am 25. brachte die gewünschte Ent- 
scheidung, den Gegner Bannisius wollte der Papst mit eiuer Praebende 
von 300 rh. fl. auf Kosten des Bestätigten abfinden. 

Quetta gieng sofort daran, die Expedition der Bestätigungsbullen 
zu betreiben. Zunächst musste vom referierenden Kardinal die cedula 
consistorialis erlangt werden, nach welcher die Bullen auszufertigen 
waren. Weil für die Expedition der letzteren in der Kanzlei, im 
Siegelamte und im Register Kammerducaten nöthig waren, wechselte 
Quetta am nächsten Tage deren 500 gegen 700 rh. fl. ein und betrieb 
bei den Abbreviatoren die Anfertigung der Minuten, nach welchen 
nachher die Bullen selbst geschrieben werden. Am folgenden Tage 
(27. Sept.) war die cedula consistorialis fertig. Quetta zahlte dem 
Kardinal die gewöhnliche propiua und betrieb die Reinschrift der 
Bullen nach den Minuten, um Tags darauf (Donnerstag, wo Amtstag 
der Kanzlei ist) die Expedition derselben zu erlangen. Auch der 



Ueber Expensenrechnungen für päpstliche Provisionsbullen etc. 39 

Advocat wurde bezahlt. Dieser wusste über die Practikeu des Kardinals 
vou Carpi Wunderdinge zu erzählen. Doch die Expedition sollte 
nicht so schnell vou statten gehen, als Quetta etwas optimistisch be- 
rechnet hatte. Die familia des Kardinals Hadrian wies die dargebotene 
propina von 60 fl. rh. als zu wenig ab und behielt die cedula zurück. 
Das Elend gieng nun erst recht an. 

Am nächsten Tage (28. Sept.) gieng Quetta in die Kanzlei, wo 
er die Bullen in den diversen bancha nach der Gepflogenheit signieren 
und subscribieren liess und überall nach der notula expensarum can- 
cellarie zahlte, doch wurde er nicht fertig. Er hatte an diesem Tage 
drei Anstände: wegen der Einwechselung der Kammerducaten, vou 
welchen er noch 200 nahm, dann mit den parafrenarii des Papstes 
und mit der faniilia des Kardinals. 

Am folgenden Tage (29. Sept.) wendete er sich wieder an Secretär 
und Kämmerer des Kardinals. Diese verlangten jetzt auch noch eine Er- 
höhung der propina für den Kardinal, da ein Abt so viel zahle, als 
er gegeben, und führten das Beispiel des Maiuzers ins Feld. Weil 
auch Qaettas SoUicitator Julian de Cesis die geschehene Zahlung für 
genügend erklärte, sträubte er sich lange, doch musste er endlich 
„invictis dentibus", wie er sagt, dem Secretär und dem niagister domus 
je 30 und der propina des Kardinals 50 Kammerducaten zulegen. Noch 
gab es aber mit den Familiären — quasi raptores nennt sie Quetta — 
mancherlei Gezäuke, bis sie die cedula endlich auslieferten (30. Sept.). 

Alsbald besorgte Quetta die Ausfertigung der contracedula, damit 
die Bullen registriert werden könnten. Er erhielt sie am Montag den 
2. October. Ein inzwischen bei dem Bauquier gemachter Versuch, für 
je 100 Kammerducaten weniger als 140 rh. fl. geben zu müssen, hatte 
fehlgeschlagen. Obwohl die Bullen noch nicht expediert waren, hatte auch 
der päpstliche Thesaurar infolge von Geldverlegenheiten schon am 
1. October die Auszahlung der Rate für den Papst erbeten. 

Am 3. October wurde vorerst die Expedition iu den noch übrigen 
Aemtern der Kanzlei, dann im Siegelamte besorgt. In letzterem er- 
hoben die barbati wieder ungebührliche Forderungen, und Quetta 
bemerkt, nirgends wurde soviel gezankt als hier. 

Im Register, wo am folgenden Tage die Verpflichtungen erledigt 
werden sollten, fehlte angeblich der Minutenzettel. Quetta hoff'te Tags 
darauf mit allen Geschäften fertig zu sein, um am 6. October abreisen 
zu können, doch erst an letzterem Tage erhielt er die Bullen aus dem 
Register und trug sie, nachdem er dort gezahlt, in die Kammer. Auch 
die cubicularii, die gemäss einer Bulle 17o erhalten, und die Leute 
an der porta ferrea wurden befriedigt. Bereits am 28. September hatte 



90 M. Mayr-Acllwang. 

Quetta zwei Suppliken wegen des Suffragaus und eines Dispensations- 
indultes eingereicht und am 29. wegen Formfehler erneuert. Die 
directe Besorgung beim Papste hatte Kardinal Hadrian zugesagt. Als 
Quetta das Indulgenzbreve jetzt erheben wollte, war es nicht auffindbar, 
er musste sich bis zur Anfertigung eines neuen gedulden. 

Am 7. October erhielt er endlich alle Bullen, und das Indulgenz- 
breve wurde zur Besiegelung an den Papst gesendet. Dieser Tag und 
die folgenden wurden noch mit heftigen Streitigkeiten betreffs der 
Abrechnung mit dem Banquier ausgefüllt, der 50 Ducaten Provision 
für das Versprechen seiner Obligation verlangte. Quetta wollte die 
Sache schliesslich der Entscheidung des Kardinal Hadrian überlassen. 
Da dieser aber verreist war, deponierte er inzwischen 50 Ducaten zu 
Händen einer dritten Person und reiste ab. 

Damit schliesst das Tagebuch. Bischof Bernhard von Cles schrieb 
eigenhändig auf die Kückseite des ersteu Blattes : Fuimus bene con- 
tenti de expeditione, fuit celeris non, obstantibus frivolis adversariorum 
oppositionibus, tarnen minori sumptu ^) quam in expeditione aliquorum 
predecessorum. 

Beilage I. 

Edictum liositum pro exhihendis ceduUs expensarum provislonum ^). 

1462 April 29 Rom. 

Universis et singulis presentes literas seu presens publicum edictum 
visuris, lecturis et audituris Ludovicus miseratione divina tituli sancti 
Laurentii in Damaso sacre Eomane ecclesie presbyter cardinalis Aquileiensis 
domini pape camerarius salutem in domino. Quoniam frequenter ad 
sanctissimi in Christo patris et domini nostri domini Pii divina Provi- 
dentia pape IL atque nostram notitiam fidedignis relatibus pervenit, quod 
in Eomana curia per illos, qui sollicitant expeditiones buUarum provisionum 
aliquarum ecclesiarum, in expensis per eos in ipsis expeditionibus propterea 
factis diversemodo fraudes plurime comictuntur, in quorum computis ex- 
pensarum huiusmodi transmissis ad partes ultra alias indebitas expensas 
plurime ponuntur exposite pecunie sub nomine donorum et exeniorum 
non solum reverendissimis dominis cardinalibus et aliis Romane curie 
prelatis et dominis fautoribus promotorum, sed, quod deterius est, ipsl 
summo pontifici quandoque datorum, unde predictis : pontifici , cardinali- 
bus, prelatis et dominis universeque Komanae curie, licet indebite, maxima 
resultat infamia, ipsis etiam promotis defectu talium defraudantium dam- 
pna plurima sepenumero subseeuntur : ad obviandum igitur, ne deinceps 



') Vgl. den Scliluss der Beilage III. 

'-') Erwähnt und theilweise verwerthet hat diesen Erlass A. Meister, Aus- 
züge aus den Rechnungsbüchern der Camera Apostolica zur Geschichte der Kirchen 
des Bistums Strassburg 1415 — 1513. Zeitschrift iur Geschichte des Oberrheins 
N. F. VII. (1892) S. 106 f. 



Ueber Expensenrechnungen für päpstliche Provisionsbullen etc. 9J 

talia commictantur^), nos Ludovicus camerarius prefatus de speciali man- 
dato prefati sanctissimi domini nostri pape super hoc vive vocis oraculo 
nobis facto ac auctoritate camerariatus offitii nostri omnibus et singulis 
tarn clericis quam laicis, cuiuscunque Status, gradus, ordinis vel conditionis 
existant, tenore presentium precipimus et mandamus, quatenus aliquis 
eorum, quicunque fuerit, qui onus expeditionis bullarum provisionis cuius- 
vis ecclesie patriarcalis, archiepiscopalis, episcopalis, abbatialis, magristratus, 
generalatus et cuiusvis alterius ecclesie in apostolica camera taxate assump- 
serit, in futurum in virtute sancte obedientie et sub excommunicationis 
et privationis omnium et singulorum benefitiorum suorum et 400 flore- 
norum auri de camera applicandorum sentenciis et penis, quas sentencias 
et penas quemlibet contrafatientem incurrere volumus ipso facto, de cetero 
non audeant quemlibet vel presumant bullas super talibus provisionibus 
confectas et expeditas per se vel alium seu alios extrahere seu extralii 
facere de camera apostolica et Eomana curia, nisi lorius in eadem caraei*a, 
dum dominos de ipsa camera de mane hora consueta in eorum loco so- 
lito et consueto pro tribunali sedere contigerit, porrexerit et presentaverit 
cedulam veri computi omnium et singularum expensarum in de et super 
ipsis provisionibus et builis expeditis factarum, quam cedulam expensarum 
in dicta camera examinatarum et approbatarum, postquam signata fuerit 
et subscripta manu clerici mensarii vel alterius eius nomine et in libros 
dicte camere debite registrata, teneant et debeant unacum builis ipsis 
expeditis ad partes ad eos, ad quos pertinet, in fidem legitimarum expen- 
sarum factarnm destinare. Alioquin contra inobedientes ad predictarum 
sentenciarum publicationem penarum quam exemtionem procedetur eorum 
contumacia in aliquo non obstante. Et ne quemquam de predictis hesi- 
tare contingat, hoc idem simile edictum per diversa alme urbis et Romane 
curie publica loca affigi mandamus, cum non sit verisimile ad omnium 
et singulorum notitiam non devenire, quod extitit tam patenter omnibus 
publicatum. In quorum testimonium presentes literas fieri nostrique si- 
gilli, quo in talibus utimur, fecimus et iussimus impressione communiri. 
Datum Rome sub anno a nativitate domini 1462 indictione 10, die vero 
29. mensis aprilis, pontificatas sanctissimi domini nostri pape prefati 
anno 4*^. G. de Vulterris. 

Et post die ultima dicti mensis aprilis Antonius . . . .^) Cursor re- 
tulit se affixisse tria similia edicta iu tribus publicis locis alme urbis, 
videlicet in valvis sancti Petri, in porta bronzea castri sancti Angeli et 
in columna Campiflori et ibi dimisisse. G. de Vulterris, 

Beilage n. 

A. Expensenrechnungen für konsistoriale Provisionen aus dem Jahre 1463. 

1. Constauz. (fol. 4). 
Expense facte in confirmatione . . . Burkardi electi et confirmati 
ecclesie Constanciensis in Almania. 
Primo pro annata ...... fl. 2500 



*) In der Vorlage commictatur. 
^) So in der Vorlage. 



92 



M. M a y r - A d 1 w a 11 g. 



Pro Sacra . . . . . 








fl. 


125 




Pro subdiaconis 








fl. 


41 s. 23 d. 


4. 


Pro tribus minutis servitiis 








fl. 


187 s. 25 




Pro minuto camere 








fl. 


83 s. 16 d. 


8 


Pro quitancia camere 








fl. 


7 




Pro minuto collegü 








fl. 


66 s. 25 




Pro quitancia collegü 








fl. 


7 s. 35 




In propina domini Peciapanni 








fl. 


105 




Notavio cause 








fl. 


20 




Pro familia domini cardimilis 








fl. 


17 




Pro proficiat familie cardinalis 








fl. 


20 




Pro magistro domus pro panno 








fl. 


12 




Pro procuratore cause 








fl. 


15 




Pro litteris expediendis 








fl. 


100 gr. 27 




Pro sollicitatura 








fl. 


4 




Pro parairenariis 








fl. 


6 




Pro famulo decani . 








fl. 


2 





Nos Gebhai'dus Saceler et üeorius Wiutei'stetter maioris et sancti 
Stephani Constanciensis ecclesiaruni canonici procuratores domini nostri 
electi supranominati hanc cedulam ad camei'am apostolicam sub nostris 
iuramentis die 15. ianuarii anni presentis 1463 personaliter presentavi- 
nius etc. scriptam manu nostri Gebbardi etc. 

Presens cedula presentata fuit die suprascripta per prefatum dominum 
Gebhardum et iuratum, quod omnes sunt vere expense et realiter facte, 
nee amplius aliquid pro expeditione dicte ecclesie intendit expedire. Nico- 
laus de Ghinizauo apostolice camei'e clerifus. 

Registrata et collationata. Maheimer. 



2. Con stanz (St. Gallen), (fol. 21'). 

Sancti Galli 0. S. B. Constanciensis diocesis cedula expensarum facta- 
rum per me Ulricum abbatem monasterii sancti Galli Constanciensis in 
procuiacione raea ad abbatiam eandem. 
Primo pro examine testium et processu 
Pro cedula ad cancellariam 
Pro litteris provisionis et ad contentum et in totum 

cancellaria 
Pro cedula prothonotariorum 
Pro custodi cancellarie 
Pro locumtenente correctorum pro birretu 
Pro plumbo et registro l)ullarum 
Pro propinis amieorum 
Pro Camera pro commuu 
Pro Sacra 
Pro subdiacono 
Pro minuto 
Pro tribus minutis 
Pro quitancia camere 
Pro minuto collegü 



duc. 


7 






duc. 


6 






L 

duc. 


18 






duc. 


H 






duc. 


2 






— 4 gr. 






duc. 


21 8 


r. 8 




duc. 


20 






duc. 


400 






duc. 


20 






duc. 


6 s. 


33 d. 


4 


duc. 


13 s. 


16 d. 


S 


duc. 


30 






duc. 


2 






duc. 


10 







Ueber Expensenrechnungen für päpstliche Provisionsbullen etc. 



93 



Pro quitancia collegii ...... duc. 2 s. 15 

Pro obligacione camere et quitancia . . . duc. 1 

Ita est ut prescribiter. Ulricus abbas manu propria. Exhibita pre- 
sens pagina expensarum per , . . Ulricum abbatem monasterii sancti 
Galli subscripta manu propria, in qua omnes exposite pecunie descripte 
sunt constituentes summam flor. auri de Camera 569 et sol. 25- 

Admissa est et approbata in camera apostolica Rome 16. maii 1463. 
Sulimanus apostolice camere clericus manu propria. Registrata per me 
Ciriacum Lecksteyn notarium. 



3. Constanz (Reichenau). (fol. 42). 

Expense facte pro sancta Maria et Marci Augiemaioris Constanciensis 
dioc. per me Gebardum Satler canonicum Constanciensem in decr. licent. 
sindacum sive pi'ocuratorem monasterii eiusdem. 
Item procuratori 
Pro cedula .... 
Pro notario cause . 
Pro sollicitatura 
Pro proficiat .... 
Pro cubiculariis domini cardinalis 
Pro parafrenariis 
Pro i^ropina domini 



Pro sanctissimo domino nostro 

Pro collegio cardinalium 

Pro minuto servitio cardinalium 

Pro minuto servitio camere 

Pro quitancia collegii 

Pro quitancia camere 

Pro munere benedictionis 

Pro subdiaconibus , 

Pro magioris 

Pro expeditione litterarum 

Pro obligatione et grossis quitantie 



10 
4 

8 
1 



duc. 
duc. 
duc. 
duc. 
duc. 8 
duc. 6 
duc. 8 
duc. 16 
duc. 125 



duc. 
duc. 
duc. 
duc. 
duc. 
duc. 
duc. 
duc. 
duc. 
duc. 



125 

12 gr. 5 
15 gr. 5 
2 gr. 3 
2 gl". 3 
15 gr. 5 
4 
2 

56 gr. 8 
1 gr. 5 



Die 4. maii 1463 infrascriptus Gebardus dedit hanc cedulam cum 
iuramento. Gaspar Blondus ad relationem domini G. de Vulterris. 



4. Laibach. (fol. 27). 

Expositi in causa Laybacensi per me Sigismundum electum Laybacensem. 
Primo in die pronunciacionis pro valete Raphaelo 

scutifero domini Rothomagensis nuncio pro nun- 

ciacione huiusmodi ..... 

Nicoiao Sule, qui fait primus nuncius pronunciacionis 
Johanni Bapt. secretario domini Rothomagensis 
Belfrenariis ........ 

Pro propina et reverencia domini Rothomagensis 
Pro expediendis litteris provisionis, iuramento fideli- 

tatis et aliis litteris necessariis, sollicitatura . 
Pro annata in camera ...... 



duc. 


14 


duc. 


1 


duc. 


12 


duc. 


3 


duc. 


15 


duc. 


49 gr. 6 


duc. 


150 



Q^ M. Mayr-Adlwang. 

Pro minutis servitiis . . . . • • 'i^c- 36 

Pro mandato de conferendo . . . . . — gi'- 4 

Ego Sigismundus Kamberger Laybacensis fateor medio iuramento me 
premissa exposuisse in causa huiusmodi manu propria. 

Die iovis 30. et ultima mensis iunü per prefatum dominum Sigis- 
mundum electum presentata fuit prescripta cedula expensarum Eome in 
Camera apostolica anno domini 1463 et per me Ciriacum dicte camere 
notarium regestrata. 

5. Meisseu. (fol. 33). 

Cedula expensarum factarum in (expeditione) ecclesie Misnensis. 

Primo pro notario domini Senensis . . . . fl. 20 

Pro proficiat . . . . . . . . fl. 8 

Pro camerariis . . . . . • . fl. 6 

Pro parafrenariis . . . . • • . fl. 4 

Pro propina domini facta exposuimus .. . . fl. 50 

Pro Antonio de Caff'arellis advocato . . . . fl. 3 

Pro litteris in cancellaria, pro principali littera camere 

constitialis (l)^) et aliis litteris contentis . fl. 20 gv. 5 

Pro custode cancellarie, regestratura cedule et littera'') fl. 4 gv. 3 

Pro plumbo . fl. 12 gr. 5 

Pro prothouotario, minutis et abbreviatore pro^) . fl. 12 gr. 9 

Pro registro pro bis omnibus . . . . . fl. 12 gr. 9 

In Camera pro annata . . . . . . fl. 444 gi'. 2 

Pro procuratore et sollicitatore .... — 

Ego Theodoricus de Scenbagh prepositus Misnensis die 2. mensis 
septembris anno domini 1463 dictam banc cedulam medio iura- 
mento .... (feblt). 

Exbibita in camera et pro summa 598 admissa est Tibure 6. sep- 
tembris 1463. Sulimanus G. de Vulterris. 

6. Paderborn, (fol. 24'). 

Expense facte circa provisionem domini electi Padeburnensis tam pro 
expeditione litterarum quam aliter prout infra. 
Primo per notariorum cedulam . . . . fl. renens. 18 

Pro referentibus nova post consistorium . . . fl. » 10 

Pro pellefrenariis et camerariis domini cardinalis com- 

missarii . . . . . .- . fl. » 10 

Pro coUacione sociis de familia domini , . . fl. » 3 

Pro coeo domini cardinalis ..... fl. » 1 

Pro propina domini cardinalis expositi fuerunt . fl. » 31 

Que summa recepta fuit, quia eam recipere renuit et distributa inter 
procuratorem, sollicitatores et promotores partim et partim restituta. 
Magistro Alberto Gog pro mandatis faciendis . . fl. 6 

Ad arcbiepiscopum pro litteris, ad imperatorem, ad 
clerum, ad prepositum, ad vasallos, ad capitulum, 

a) Vielleicht causam constituente. 

^) Es folgen 3 schwer lesbare Worte : auctoritatem munens constitiali I 
— birreto correctori . . . ! 



üeber Expensenrechnungen für päpstliche Provisionsbullen etc. 



95 



cluc. 


29 gr. 7 


duc. 


24 gr. 5 


duc. 


126 


duc. 


26 


duc. 


1 gr. 2 



munus consecrationis, pro carta, pro eustodecamere 
de munere consecrationis, pro regestratura cedule, 
pro portenario, pro Fabricio pro minuta, pro pro- 
thonotario, pro birreto locumtenenti correctorum 
In plumbo et registro ...... 

In Camera apostololica pro annata et minutis servitiis 
Pro diversis sollicitatoribus et expensis eorundem 
Pro Ciriaco notario camere apostolice 

Item expositi sunt 100 duc ad recognoscendum dominum nostrum 
sanctissimum, quia gratiose expediti sumus. 

Quod ista superius prescripta vera sunt, ego Arnoldus prior mona- 
sterii sancti Maynulfi in Badeken 0. can. reg. Padeburnensis dioc. manu 
mea protestor. 

Anno a nat. 1463 ind. 11. die sabbati 4. mensis iunii venerabilis pater 
dominus Arnoldus prior prescriptus obtulit cedulam expensarum prescriptam 
in Camera apostolica, quam ut sie manu propria subscripsit et dixit, ut 
prescribitur, exposuisse. 

B. Expensenrechnungen für Provisionen vom Jahre 1481. 
1. Augsburg (Pöttmes). (ibl. 85). 

Die 1 8. iulii dominus Georgius Schwab presentavit expensas infrascriptas 
per eum factas pro expeditione bullarum super ebdomadaria in parrochiali 
ecclesia sancti Petri oppidi Pettmess Augustensis diocesis de persona 
Georgii Swab et primo iuravit. ,^ 

Pro supplicatione et regestratura eiusdem 
Pro minuta et in parco minori 
Pro recognitione mandati et resignatione 
Pro taxa scriptorum . . 

Pro prima visione ..... 

Pro taxa abbreviatorum .... 

Pro taxa plumbi ..... 

Pro taxa registri ..... 

Pro registi-atura . . •. 

Pro annata ...... 

Pro quitancia . . ... 

Pro taxa scriptoris supei- expeditione dicte bulle pensionis 

Pro prima visione . 

Pro taxa abbreviatorum . 



Pro plumbo 

Pro registro bullarum 

Pro registratura 

Pro obligatione et insfitutione 

Pro cedulis 



gr. 3 b. 
gr. 13 
gr. 4 
duc. 2 
gr. 1 
gr. 17 
duc. 1 
duc. 2 
gr. 5 
duc. 1 7 
gr. 3 
duc. 2 
Carl, 
duc. 
duc. 
duc. 
Carl. 
Carl, 
carl. 



gr. 4 



gr. 
gr. 



3 



gr. 5 



Carl. 



1 
2 

1 
2 

5 

4^ 

4 



carl. 
carl. 
carl. 



2. Bamberg, (fol. 68). 

Expense in expeditione bulle gratie :^si neutri« pro domino Laurentio 
Thum super perpetua vacaria ad altare trium regum in ecclesia Bam- 
bergensi. 



96 



M. M a y r - A d 1 w a n g. 







duc 


1 










duc 


2 


gr- 


2 






duc 


1 










duc. 


6 










— 


gl-- 


4 




-1 


/ 0„1,K_1„T 




2 b. 6 





Pro minuta .... 

Pro scriptoribus 

Pro summario 

In plumbo, quia per cameram 

Pro registratura et auscultatura 

Pro obligatione in camera 

Die 16. iunii Henricus Scoleuben (Schönleben) iuravit ut supra. 
Marius. 

3. Bamberg, (fol. 83')- 

Expense facte pro bulla domini Melchioris Mekau Nuemburgensis 
Bambergensis dioc. taxata ad gr. 20 videlicet: 
Pro minuta ........ carl. 5 

Pro 5 taxis taxas solitas ..... duc. 9 

Pro consensu pensionis lo. Gerones . . . carl. 3 

Pro registratura et auscultatura, quia in libro secreto carl. 7 

Ita est, ut supra continetur, Conradus Brannter notarius palacii et 
sollicitator dicte bulle. Die 21. iunii 1481 dictus Conradus presentavit 
et iuravit. 

4. Bresslau. (fol. 61). 

Provisio archidiaconatus Wratislaviensis. 
Pro registro supplicationis . . . . . gr. 1 b. 2 

Pro minuta .... 
Pro prima visione . 
Pro taxa scriptorum 
Pro carta scriptori 
Pro secunda taxa 
Pro publicatione in cancellaria 
In plumbo pro tertia taxa 
Pro registro bullarum pi'o taxa 
Pro registratura bulle 



gl'- 
gr. 5 
gr. 1 
duc. 2 
gr. 1 
duc. 2 
gl-. 8 
duc. 2 
duc. 2 
gr. 3 



gr. 6 



gl-- 1 



gi-- 
gi-- 



Summa: duc. 1 1 gr. 3 b. 2 
Die 2. aprilis 1481 iuravit Nicolaus Czeppel clericus Poznavensis 
principalis ita solvisse etc. 

5. Co In (Kauonicat St. Simon), (fol. 70). 

Expense facte per dominum Joannem de Petra pro expeditione bullarum 
super canonicatu et prebenda sancti Simonis Coloniensis pro domino 
Henrico de Petra et primo: 
Pro supplicatione 
Pro registratura 
Pro distributione 
Pro minuta .... 
Pro duobus sumptibus ex registro s 
Pro reform atione supplicationis 
Pro resignatione in cancellai"ia 
Pro scriptoribus 
Pro taxa abbreviatorum . 
Pro taxa plumbi 



. 


gr. 3 




. gr. ]. 2 




gr. 4 




gr. 6 


mpplicationum 


duc. 2 gr 




— gr. 1. 




gr. 6 


. 


duc. 2 gr 


• . • 


. duc. 2 


... 


duc. 1 gr 



Ueber Expensenreclinungen für päpstliche Provisionsbullen etc. 



97 



Pro taxa registri 

Pro annata XV. 

Pro quietancia 

Pro obligatione 



duc. 2 gl". 5 
duc. 15 
duc. 1 gr. 3 
gr. 3 



gr. 2 
fl. 1 

fl. 3 gr. 
fl. 2 gl-, 
gr. 1 
fl. 3 gr. 
fl. 3 gr. 
— gr- 3 



6. Co In (Hactringen). (fol. 56). 

Die 29. martii (prefati) dominus Johannes Cebele cleiicus Coloniensis 
exposuit pro expeditione unius bulle nove pensionis cum dispensatione 
super ecclesia in Hactringen Coloniensis dioc. 4 marcharum puri argenti 
et taxata ad 30 pro Arnoldo Kassembergh medicine doctore defectu na- 
talium petiente, qui dictam ecclesiam ad hoc dispensatus obtulit et primo 
videlicet : 

Pro registratione duarum supplicationum . . . gr. 2 b. 4 

Pro redentione de manibus abbreviatoris 
Pro minuta unacum supplicatione 
Pro scriptore ..... 
Item in taxa abbreviatoris 
Pro prima visione .... 
Pro plumbo ..... 
Pro registro ..... 
Pro registratore .... 

Dicta die prefatus Johannes presentavit cedulam et iuravit in forma. 

7. Constanz (S. Laureutii in Triengen). (fol. 59'). 

Parrochialis ecclesie sancti Laurentii in Triengen 4 marcharum pre- 
posito et capitulo ecclesie sancti Mauricii in ßelingen Constanciensis dioc. 
unite et taxate ad 40. 
Pro minuta supplicationis 
Pro redemptione supplicationis 
Pro minuta domino Nicoiao Gaviliati 
Scriptori videlicet domino Sinolfo 
Abbreviatori pro taxa 
In prima visione 
Pro taxa plumbi 
Pro taxa regesti 
In regestro pro magistris 
In registratura 
^Magistris registri propter incorporationem 

Summa: duc. 14 gl*. 24 b. 2 

Die 2. apriüs dominus Vitus Maller clericus Augustensis dioc. solici- 
tator iuravit etc. 

8. Eich statt (S. Pauli in Enstenbach). (fol. 70). 

Expense facte per Eustacium pro expeditione trium bullarum videlicet 
resignationis cum pensione parrochialis ecclesie sancti Pauli in Enstenbach 
Eystetensis dioc, ut continetur in cedula presentata cum iuramento et 
piimo : 
Pro supplicatione . . . . . • • g^^- 1- 2 

Mittheilungen XVII. "^ 



gr. 2 

gr. 1. 2 

gr. ö 

duc. 4 gr. 1 

duc. 3 gr. 5 

gr. 1 

duc. 3 gr. r> 

duc. 4 

gr. 1 

gr. 3 

gr. 2 



98 



M. Mayr-Adlwang. 



Pro distributione abbreviatoris 

Pro minutis . 

Pro scriptore et carta 

Pro taxa abbreviatoris 

Pro taxa in plumbo 

Pro registratura 

Pro taxa in registro 

Pro annata 

Pro quietancia 

Pro obligatione et restitutione ac cedula 

Pro quietantia .... 



gr. 3 

gr. 10 

duc, 6 gl'. 5 

duc. 5 gr. 7 

duc. 5 gr. s 

gr. 8 

duc. 6 gr. 4 

duc. 27 gr. S 

duc. 1 gr. 3 

gr. 4. 2 

duc. 1 gr. 3 



1 



9. Eich statt (Talmetfelt). (fol. 70'). 

Expense facte per dominum Bruckardum pro bulla expedita super par- 
rochiali ecclesia in Talmetfelt Eystetensis dioc. pro Joanne Ampferlein, 
ut patet in cedula presentata cum iuramento. 
Pro confectione supplicationis . 
Pro redemptione supiDlicationis ex registro 
Pro redemptione ab abbreviatore 
Pro minuta 
Pro notario cancellarie 
Pro taxa scriptorum 
Pro taxa abbreviatoi'um . 
Pro tribus taxis in plumbo 
Pro summario domino Trapezuntio 
Pro registratura et auscultatura 

Summa: duc. 13 b. 2 



• gr. 3 






• gr. 1. 


2 




. gl-- 3 






• gr. 5 






• gr. 3 






. duc. 2 


gr. 


2 


. duc. 2 


gr. 


5 


. duc. 6 


gr. 


2 


. duc. 1 






• — gr. 


5 





10. Lavant (Katrig). (fol. 81). 

Expense facte per Jobannem Pemdel super prepositura 
Eatrig Lavantinensis dioc. 



ecclesie in 



Primo pro supplicatione . 








. gr. 2 


Pro registro supplicationis 








. gl-. 1 b. 2 


Pro examinatione 








. b. 10 


Pro iuramento in camera 








• gr. 4 


Pro abbreviatoribus 








. duc. 3 gr. 1 


Pro scriptoribus 








. duc. 3 gr. 1 


Pro plumbo . . . . 








. duc. 2 gr. 3 


In registro 








. duc. 3 


Pro registratura 








. gr. 5. 2 


Pro Camera apostolica 








. duc. 14 


Pro quitantia . 








. duc. 2 gr. 3 


Pro sollicitatore 








. duc. 1 


Pro obligatione 








. gr. 3 


Pro registro in camera . 








. gr. 2 


Die 17. iulii 1481 Ulricu 


LS soll 


icitatc 


)r iur 


aArit. Marius. 



Ueber Expensenrechnungen für päpstliche Provisionsbullen etc. 



99 



11. Mainz (Kloster St. Andreas), (fol. 58). 

Expense facte pro buUa monastei'ii B. M. de sancto Andrea ord. Cist. 
Maguntinenses dioc. per dominum Guidonem Morelli soUicitatorem. 
Et primo pro obligatione in bancho . . . duc. 1 

Pro scriptoribiis ....... duc. 6 gr. 2 

In plumbo ........ duc. 19 gr. 4 

Pro offitialibus plumbi . . . . . . gr. 2 

Pro taxa abbreviatoris ...... duc. 4 gr. 5 

Pro registratura ....... duc. 1 

Pro minuta ........ duc. 4 

Pro procuratore ordinis . . . . . . — 

Pro prothonotario ....... duc. 6 

Pro annata, minuta et quitantia .... duc. 80 gr. l(i 

Pro cambio et portu ...... scuta (!) 

Pro obligatione in camera ..... duc. 1 gr. l 

Pro notario cancellarie . . . . . . gr. 1 i 

Die 30. martii dictus dominus Guido soUicitator presentavt presentem- 
cedulam expositorum in expeditis dicti monasterii et iuravit. Jo. Gerones. 

12. Mainz (Lictim). (fol. 84'). 

Die 15. iulii dominus Benedictus de Feltro presentavit cedulam ex- 
pensarum infrascriptarum super expeditione bulle unionis decani et cano- 
nicorum ecclesie oppidi Lictim (!) Maguntinensis dioc, iuravit etc. 
Pro taxa scriptoribus ...... duc. 4 

Pro datis sibi ultra taxis ..... duc. 2 

Pro 4 aliis taxis in plumbo ..... duc. 16 

Pro resumpto supplicationis ex registro . . . duc. 1 gr. 1 

Pro sollicitatura ....... duc. 4 

Pro registratura . . . . . . . gi". 5 

Pro obligatione . . . . , . . gr. 3 

Pro Trapezuntio ....... duc. 3 

13. Mainz (Erfurt), (fol. 87). 

Die 12. (?) iunii iuravit dictus i) de Ameria, quod in expeditione 
bulle pro consulibus Ertfordensibus Maguntinensis (dioc.) hae fuerint 
expense. 



Pro supplicatione et sriptoribus 
Pro 3 taxis in plumbo 
Pro parco maiore et Hernes 
Pro registratura 
Pro extraordinariis . 
Pro obligatione et cedula 



duc. 7 gr. 2 
duc. 21 gr. ', 
duc. 8 
gr. 6 
duc. 1 



14. Mainz (Wertheim), (fol. 86). 

Expense in expeditione bulle erectionis collegiate ecclesie in Wertlieim 
per Henricum Schonleben soUicitatorem. 

*) Fehlt, auch früher steht der Name nicht. . 



100 



M. M a y r - A d 1 w a n g. 



Pro confectione supplicationis . 

Pro conscribenda supplicatione multis vicibus 

Pro minuta ...... 

Pro scriptore, quia bis scripsit 

Pro abbreviatoribus .... 

In plumbo ...... 

Pro registratura et auscultatura 

Pro Trapezuntio ..... 

Pro iocalibus ...... 



gr. 8 

duc. 1 

duc. 2 gr. 2 

duc. 4 

duc. 16 

duc. 49 gr. ' 

gl-. 8 
duc. 1 
duc. 60 



Die 26. iulii 1481 dominus Henricus suprascriptus iuravit. Marius. 



15. Naumburg, (fol. 84). 
Expense facta in buUis domini Theodori episcupi Numbergensis. 



Pro scriptore, carta et ipsius labore 




duc. 20 gr. 7 


Pro prima visione . 






. gl-. 8 


In banco abbreviatorum . 






duc. 12 


Pro prothonotario . 


. 




duc. 6 


Pro custode ipsius, taxa et omni 


ipsius 


solutione 


duc. 4 gr. 8 


Pro ostiai'io .... 






gr. 7 


Pro familiäre custodis . . ■ 






. gr. 2 


Pro ianitore .... 






gr. 1 


Pro abbreviatore, qui expedivit 






duc. 1 gr. 1 


Pro domino Benedicto de Maffeis, 


qui 


fuit in ordinc 




expediendi 






duc. 1 


Pro birretto domino correctori 






gr. 4 


Pro cedula vicecancellarii 






duc. 1 


In plumbo 








duc. 10 gr. 3 


Pro magistris 








duc. 1 


Pro familiaribus plumbi . 








gr. 5 


In registro bullarum pro princ 


ipa" 


i . 




duc. 2 


Pro 6 conclusionibus 








duc. 6 


Pro munere consecrationis 








duc. 2 gr. b 


Pro grossis magistris 








gr. 4 


Pro magistris 








duc. 1 


Pro registratore 








duc. 1 gr. 4 


Pro vicecancellario . 








duc. 1 gr. 4 


Pro portu .... 








gr. 2 


Pro familiari registri 








gr. 1 


Pro communi domini pape 








duc. 100 


Pro communi cardinalium 








duc. 109 gr. 


Pro aliis minutis 








duc. 4.3 



Die 24. iulii 1481 dominus Henricus sollicitator iuravit in forma. 
Marius. 

IG. Naumburg (Kanonicat). (fol. 86). 

Die 24. iulii dominus Ulricus WolfersdorflF presentavit expensas infra- 
scriptas per eum factas super bulla canonicatus ecclesie Nuemburgensis 
pro Keginaldo de Wyssenbach, iuravit. 
Pro taxa scriptorum . ............. ... carl. 24 



Ueber Expensenrechnungen für päpstliche Provisionsbullen etc. 



101 



Pro carta 

Pro sunimario 

Pro 3 taxis in plumbo 

Pro taxa abbreviatoris 

Pro registratura 



carl. 2 

carl. 5 

fl. 7 carl. 6 

fl. 1 carl. 9 

carl. 7 



17. Paderborn (Kloster St. Veit), (fol. 99')- 

Infrascripte sunt expense facta per me Antonium Kode de Lipsia 
Coloniensis dioc. pro expeditione bullarum provisionis monasterii sancti 
Viti Padeburnensis dioc. 

Pro cedula reverendissimi domini vicecancellarii 
Pro registratura eiusdem .... 

Pro roinutis . 

Pro correctore . . . . ... 

Pro custode carl. 5 . . . ... 

Pro hostiario ....... 

Pro videndo in prima visionse 6 bullas . 

Pro cartis . . . , . ■ . . 

Pro familiäre ostiarii . . . . 

Pro taxis scriptorum dictarum 6 bullarum 

Pro taxa abbreviatorum et custodis 

Pro protlionotariis in cancellaria 

Pro taxa in plumbo prefatarum 4 bullarum 

Pro taxa bulle ad episcopos 

Pro taxa bulle forme iuramenti 

Pro plumbatoribus . 

Pro taxa 5 bullarum in registro 

Pro forma iuramenti 

Pro magistris carl. 5 . - . 

Pro reverendissimo domino vicecancellario 

Pro registratura 4 bullarum . . . 

Pro registratura bulle ad episcopos 

Pro portu . . . • . , . 

Pro obligatione in camera 

Pro annata et minutis servitiis 

Et ita Antonius Eode de Lippia (!), iuravit. 

18. Pas sau (Melk), (fbl. 72). :^ '^;J. 

1481 iunii 20. Dominus Paulus Reisinger iuravit exposuisse pro 
expeditione bulle super resignatione parrochialis ecclesie sancti Stefani in 
Melico Pataviensis dioc. ? -.v-'i. 

Pro supplicatione . . . . .. . . gr. 2 • .i; ; ,;•; (,.'{ 



duc, 1 




gr. 2 




duc. 1 




gr. 4 




gr. 5 




gr. V2 




gr. 6 




gr. 6 




gr. 1 




duc. 8 gr. 


6 


duc. 8 gr. 


6 


duc. 7 




duc. 7 gr. 


4 


duc. 1 gr. 


2 


duc. 1 gr. 


2 


duc. 1 




duc. 5 gr. 


5 


gr. 1 




gr. 5 




duc. 1 gr. 


4 


duc. 1 gr. 


5 


gr. 3 




gr. 2 




duc. 1 gr. 


1 


duc. 375 


gr. 



Pro minuta . 
Pro taxa scriptorum 
Pro taxa abbreviatorum 
Pro prima visione . 
Pro taxa in plumbo 
Pro taxa in registro 



gr. 5 - ■ ^ 

duc. 3 gl'. 4 

duc. 2 gr. 5 

gr. 2 . 

duc. 3/ gr. 4 

duG. 3 : ; 



102 



M. M a y r - A d 1 w a n g. 



Pro registratura 

Pro resignatione in cancellaria 



gr. 5 
gr. 3 



19. Strassburg (Kanouicat), (fol. 72'). 

Die 22. ivinii dominus Henricus Schonleben principalis iuravit ex- 
posuisse pro expeditione bullarum super canonicatu ecclesie Argentinensis 
ut infra primo: 

Pro redemptione supplicationis ex registro . . b. 9 

Pro minuta . . . . . . . . gr. 6 

Pi'o prima taxa . . . . . . . duc. 2 gr. 1 

In bancho abbreviatorum . . . . . duc. 1 gr. 5 

In plumbo ........ duc. 1 gr. l 

In registro ........ duc. 2 gr. 1 

Pro registratura . . . . . . . gr. 4 

Pro obligatione et cedula . . . . . gr. 3. 2 

20. Würzburg (Zirndorff). (fol. 65"). 

Expense facte per me Eustachium Munch pro bulla surrogationis 
super parrochiali ecclesia in Zirndorff Herbipolensis dioc. pro domina 
Joanne Hyntermayr. Fuit taxata ad gr. 20 et expedita per cameram. 



1 



Pro taxa scriptorum ...... 

Pi'O taxa abbreviatorum et summario domino Joanne Hörn 
Pro tribus taxis in plumbo ..... 

Pro registratura . . . . . ' . 

Pro obligatione et cedula ..... 

Die 11. aprilis 1481 dictus Eustachius presentavit dictam cedulam 
et iuravit. Jo. Gerones. 



duc. 2 gr. 
duc. 2 
duc. 6 gl", 
gr. 5 
gl-. 2V2 b. 



21. Würzburg (Prestntat). (fol. 68'). 

Expense facte in expeditione bulle domini Georgii Krelis super pri- 
missaria ecclesie oppidi Prestnstat et primo : 



Pro supplicatione ...... 


gr. 3 


Pro registratura ...... 


gr. ] 


Pro distributione eiusdem 


. gr. 2 


Pi*o recognitione mandati 


gr. 1 


Pro resignatione ...... 


gr. 3 


Pro minuta ....... 


gr. 4 


Pro duabus cartis ...... 


gr. 2 


In prima visione ...... 


gr. 1 


Pro 5 taxis ad 2 pro qualibet taxa 


duc. 11 


Pro plumbatoribus ...... 


gr. 4 


Pi-o summario ...... 


gr. 5 


Pro registratura ...... 


gr. 5 


Pro cedula expensarum ..... 


gr. 2 



») Vgl. diese cedula mit theilweise verschiedenen Angaben und dem unrich- 
tigen Namen »Einsinger* auch in Starzer's n. ö. Pfarrregesten, Blätter des Yer- 
<nnes f. Landeskunde v. Niederöst. N. F. XXV. 131. 



üeber Expensenreclmungen für päpstliche Provisionsbullen etc. IQß 



Die 19. iunii 1481 dominus Stephanus de Caciis soUicitator iuravit 
se exposuisse ut supra. Marius. 

22. Würzburg (Ehren), (fol. 103). 

Expense facta super buUa parrochialis ecclesie in Ebren Herbipolensis 
pro Johanne Eimlin. 

Pro registratura supplicationis .... gr. 

Pro distributione eiusdem . . . . • gr. 

Pro recognitione instrumentomm . . . . gr. 

Pro resignatione et con sensu pensionis . . • gr. 

Pro taxa scriptoris littere mandati de providendo . duc. 2 gr. 1 

Pro taxa provisionis scriptorum .... duc. 2 gr. 6 

Pro prima visione . . . . . . . gr. 2 

Pro abbreviatore, pro minuta et sollicitatura . . gr. 6 (!) 

In plumbo pro littera provisionis .... duc. 2 gr. 2 

Pro litera pensionis ...... duc. 2 gr. 4 

Pro taxa registri Anibali ..... duc. 4 gr. 4 

Pro quitantia ....... duc. 1 gr. 3 

Pro sollicitatore quod voluerit dans. — 

Die 14. septembris 1481 Johannes Clupfel soUicitator iuravit. 



Beilage III. 

Auslagen für die Konfirmation des Bischofes Ulrich von Trient 
im Jahre 1488^). 

Dominus Georgius de Hürnhaim, canonicus Augustensis ecclesie, ex- 
posuit in nogocio confirmacionis pro reverendissimo patre et domino Udalrico 
de Fruntsperg, episcopo Tridentino, de anno 1488. 



In cancellaria. 



Item primo pro cedula confirmacionis 

Imprimis Scripten bullas 

Item pro bulla absolucionis pro taxa 

Item (pro) prima visione 

Item in parco abreviatorum 

Item seniceris 

Item rescribendario 

Item custodi pro taxa et cedula 

Item familiaribus custodis 

Item familiaribus hostiarii 

Item ostiario .... 

Item pro cedula prothonotariorum 

Item prothonotariis 

Item correctori pro birreto 



5 duc. 

16 duc. 8 karl. 

2 duc. 
8 duc. 
12 duc. 
87 duc. 

1 karl. 

4 duc. 8 karl. 

3 karl. 

2 karl. 
2 duc. 
2 karl. 
34 duc. 

4 karl. 



J) K. k. Statth.-Archiv in Innsbruck. Trient. A. lat. c. Hl. 169. Vgl. tr. 
Schneller, Beiträge zur Gesch. d. Bistums Trient, Ferd.-Zeitschrift III. F. 39. H. 235 f. 



104 



M. M a V r - A d 1 w a n s. 



In plumbo. 

Item in plumbo .... 

Item pro taxis .... 

Item magistris in plumbo 

Item pro plumbatoribus . 

Item pro familiaribus in plumbo 



In regist ro bullarum. 



Item pro taxis 

Item pro regalibus 

Item pro registratura 

Item pro bibalibus ad registrandum 

In Camera apostolica 

Item pro annata tria milia ducatorum 

Item pro officiis minutis 

Item pro obligacione camere . . . 

Item notario obligacionis 

Item magistro ceremeniarum pro iuramento prestito 

Ad munus consecrationis. 

Item pro mandato consecrandi ., ^ 

Item pro Omnibus necessariis ad munus consecracionis 

Item pro parillis cum vino ad munus consecrationis 

Item archiepiscopo Nannatensi alias Burdunensi aut 
Virdunensi consecratori reverendissimi episcopi 
12 duc. in una thacia de argento deaurato 

Item duobus episcopis assistentibus cuilibet unam 
thaciam argenteam pro . 

Item pro litera consecrationis impense 

Item camerariis domini archiepiscopi 

Item familiari Johannis Burckhardi . 

Item pifferis iu die consecrationis 



34 duc. 

16 duc. 

10 duc. 

1 duc. 4 karl. 

1 duc. 



16 duc. 
4 duc. 
1 duc. 
1 duc. 



3000 duc. 

899 duc. 

10 duc. 

15 duc. 

2 duc. 4 karl. 



1 duc. 4 
10 duc. 
8 karl. 



12 duc. 



karl. 



. 10 duc. 


. 3 


duc. 


. 1 


duc. 


. ::, 4 


karl. 


. ' 1 


duc. 



Summa 3986 duc. 20 kan 



In palacio. 

Item secretario . domini nostri sanctissimi 

Item camerariis secretis . 

Item cubiculariis . 

Item parafrenariis . 

Item magistris hüsserii . 

Item aput portam. ferream 

Item in prima porta 

Item in porta ortus secreti 

Item pro annulo domini Wilhelmi 

Item canapariis secretis '. ' ".' 



10 duc. 
40 duc. 
10 duc. 
8 duc. 

7 duc, 
6 duc. 
3 duc. 
3 duc. 

8 duc. 
2 duc. 



Ueber Expensenvechnungen für j)äpstliche Provisionsbullen etc. \()q 



lu domibus cardinalium. Vicecancellarii. 



Item secretario 

Item camerariis 

Item parafrenariis . 

Item auditori de Jeronimo 

Item credenciai'iis . 

Item iiotario . 



lu domo Seueusis. 



Item secretario 

Item camerariis 

Item credenciariis 

Item scaico 

Item parafrenariis 

Item domino Antonio magistro domus 

Item qui portat felis 

Item cursoribus . . 



:-5G duc. 
10 duc. 
8 duc. 
10 duc. 
4 duc. 
G duc. 



30 duc. 
10 duc. 
6 duc. 
4 duc. 
4 duc. 
2 duc. 
1 duc. 
1 duc. 



Summa 229 duc. 



Petr 



In domo cardiuali 

Item secretario 

Item camerariis 

Item credenciariis 

Item parafrenariis . 

Item propine cardinalibus 

Item expense pro oratoribus missis ad Eomanam curiam 

ascendunt circa ....•• 
Item expense facte per dominum Georgium de Hürnhaim 

canonicum Augustensem veniunt ad summam 

per totum annum . 
Item pro mantello .... 
Item pro propinis hincinde 
Item advocatis ante adventum domini 
Item 20 duc. Senis interim quod fuit 
Item 6 duc. pro Johanne Verber a die 22. mensis 

aprilis in hospicio usque ad 14. diem mensis 

maii et 1 duc. extraordinarie. 
Item pro expensis unius nunctii domini . 
Item pro transumpto episcopi Augustensis confirmacionis 
Item advocatis et scriptoribus in negocio informacionis 

domini .....-•• 
Item 100 duc. domino Petro Fingerlin eapellano domini 

et 3 flor. rhen. ac 30 gross., quos exposuit in 

negociis domini et in balneo Viterbiensi. 
Item 28 duc. dedi domino ad manus proprias inteiim 

quod in curia fuit et extra. 
Item 20 duc. duobus cavallariis missis a curia ad 

dominum cum literis. 



d vincula. 

20 duc. 
15 duc. 
6 duc. 
5 duc. 
400 duc. 



30(t duc. 



300 duc. 
21 duc. 
30 duc. 
9 duc. 
20 duc. 



duc. 
karl. 



66 duc. 43 l^arl. 



Summa 1048 duc. 3 fl. rh. 19 karl. 



106 



M. M a y r - A d 1 w a n g. 



Im Ganzen belaufen sich die Auslagen für die aufgezählten Posten 
nahezu auf 5270 Kammerdukaten. Rechnungen für andere kleine Auslagen 
liegen gleichfalls vor. Die nächste Trientner Konfirmation im Jahre 1496 
kostete ungefähr 4650 Dukaten, die Konfirmation von 1506 kam nahezu 
ebenso hoch, jene von 1514 etwas niedriger zu stehen^). 

Beilage lY. 

Trientner Aufzeichnung vom Jahre loOö über die Taxen für eine 
konsistoriale Provision -). 

Hec pro expeditione cuiusque ecclesie cathedralis vel monasterü 
ordinarie solvuntur apud sedem apostolicam. 

In primis annata, cuius medietas debita pape appellatur commune 
pape et sibi solvitur. Altera medietas debita collegio cardinalium appellatur 
commune collegii et solvitur depositario pape. 

Jura sacre, scilicet duc. 5 pro quolibet centenario totius taxe, et 
cedunt servientibus, solvuntur depositario minutorum. 

Jura subdiaconorum est ducatus unus cum duobus terciis ducati pro 
quolibet centenario tocius taxe et solvitur ut supra. 

Quinque sunt minuta servitia et quodlibet minutum servitium con- 
tinet vigesimam octavam partem tocius taxe, videlicet si taxa ascenderet 
ad duc. 2800, unum minutum ascenderet ad duc. 100 et quinque minuta 
essent duc. 500. 

Jura quietantiarum spectant dominis clericis, sunt duc. 8 usque ad 
duc. 100 summe, quam constituunt comune pape et 4 minuta servitia, duc, 
unus, item ab 100 usque ad 500 duc. 2, item ab 500 usque ad 1000 
exclusive duc. 3, inclusive 4, abinde supra reiteratos eadem solutio. Ita 
quod proveniunt duc. 4 pro quolibet miliar! et solvuntur depositario minu- 
torum et ultra capiunt 1 carl. pi'o quolibet duc. quielancie. 

Jura prothonotariorum exiguntur ut plurimum in camera et sunt pro 
primo centenario totius taxe duc. 5, abinde supra in infinitum 1 duc. pro 
quolibet centenario et quia sepissime aliquid magis exemplo qua ratione 
percipitur. 

Ponatur aliqua ecclesia vel monasterium esse in taxa 2800, solveudum 
esset ex premissis rationibus. 
Pro comuni pape 
Pi*o comuni coUesfü 



Pro Sacra 

Pro subdiaconis 

Pro minuto camere 

Pro minuto collegii 

Pro tribus aliis minutis 

Pro quietantia collegii 

Pro quietantia 



1400 duc. 
1400 duc. 
140 duc. 
46 duc. 
100 duc. 
100 duc. 
300 duc. 
7 duc. 
7 duc. 



') Ausführliche Rechnungen daiüber in der Art und Weise der obigen von 
1488 liegen im Statthalterei-Archiv in Innsbruck. Trient. lat. A. c. III. 169. 
Für die Numismatik von Bedeutung sind die häufigen Umrechnungen der ver- 
schiedenen Geldsorten. 

2) K. k. Statthalterei-Archiv in Innsbruck. Trient. lat. A. c. III. 169. 
2 gleichz. Exemplare, Vgl, Fr. Schneller, a. a. 0. 237. 



Ueber Expeusenrechnungen tür päpstliche Provisionsbullen etc. I(j7 



Pro obligatione, que cedit notariis 
Pro prothonotarüs 



4 duc. 
32 duc. 



Sequuntur arbitraria ut puta in ecclesia Trideutina, 
cuius annata 3000 duc. de camera. 

In domo reverendissimi cardiualis comissarii. 

Cardinali pro propina 80 duc. vel ad plus 100, licet soleat non pecu- 
niam, sed quid muneris accipi pro arbitratu oratorum. 

Secretario 24 duc. arbitr. 

Camerariis 3 vel 4 arbitr. 

Parafemariis ........ 3 arbitr. 

Credentiariis 3 vel 4 arbitr. 



In palatio pontificis. 



Cubiculariis 

Gentibus armormum 

Parafemariis . 

Hostiariis 

Porteferree 

Ad catenam 

In horto secreto 

Camerariis 



7 arbitr. 

2 arbitr. 

G arbitr. 

5 arbitr. 

1 arbitr. 

1 arbitr. 

2 arbitr. 

1 arbitr. 



Hec ommia moderantur ad arbitrium boniviri; plerasque tarnen Ger- 
manie aliarumque provintiarum ecclesias pro rata annate minus solvisse 
constat ut puta in expeditionibus ecclesiarum Maguncie, ^lonasteriensis, 
Osnaburgensis, Constantiensis, Madburgensis, Herbipolensis, Pombergensis 
«tc. Et hec pendent maxime ex fide procuratorum etc. expeditionis. 

Sequuntur expense pro buUis redimendis, quarum alie 

sunt ordinarie, alie arbitrarie, et sciendum est, quod vel 

maxime in expeditionibus ecclesiarum ultramontanarum 

dantur etsi non placeret infrascripte bulle. 



Confirmationis ,, ^ -i 2. ■ i 

> Hec due solent simul poni. 
A censuns ) 



Ad regem vel principem. 
Ad metropolitanum, si est suflraganeus. 
Ad populum. 
Ad clerum. 
Ad capitulum. 

Ad feudatarios, si habent feuda. 

Consecrationis, si non consecratur in curia, ut puta, si extra tempora a iure 
statuta vellet consecrari ut in p. v.») quemadmodum audio et si vult. 
Pro minutis abbreviatorum ..... duc. 3 arbitr. 
Pro scriptura omnium bullarum .... duc. 4 ordin. 



a) Vielleicht: presenti voce. 



108 



M. Mayr-Adlwang. 



Sciiptoribus pro 9 bullis computata etiam bulla con- 

secrationis potuisset taxari .... 

Familiari seriptoris ...... 

Pro regalibus rescribendarii et computi 

Pro taxa abreviatorum 7 bullarum, qviia excipiuntur 

pro unaquaque bulla 2 duc, postea detrahuntur 

duo, sie secundum num^rum bullarum essent 

14, detractis duobus remanent 12. Alle bulle 

sunt sub alia taxa ..... 

Pro taxa custodis bulle absolutionis et muneris con- 

secrationis 
Custodi pro registratura cedule 
Familiari custodis . 
Hostiario .... 

Familiari hostiarii . 
Pro cedula prothonotariorum . 
Corectori pro bireto 
In prima visione 
Pro taxa in officio sollicitatoi'um pro bulla principali 

duc. 12, quia quando annata non excedit 500 duc. 

solvuntur duc. 6, si autem excedit, solvuntur 1 2 duc. 
Sollicitatoribus, quos vulgo dicunt Janizeros 
Pro vigesima annate pape, que detrahitur de eomune 

pape, nam in casu nostro comune pape, ut audio, 

sunt 1500 duc, idest medietas annate, detra- 

hantur 75, remanent pontifici .. ... 

Capellano solicitatorum ...... 

Pro iure prothonotariorum ex ratione superius allegata 

in capitulo incipienti iura prothonotariorum 
Abbreviatoribus de parcho maiori pro eorum turno duc. 2 ord. 
Secretario vicecancellarii pro cedulla vel eins locumtenti duc. 4 arbitr. 
In plumbo pro taxa omnium bullarum . . , duc. 1 7 componitur. 

In 7 plumbis conclusionum . . ." ... duc. 3 componitur. 



duc. 19 vel 20 comp. 
Carl. 2 arbitr. 
Carl. 2 arbitr. 



duc. 1 2 ordin. 

duc. 6 componitur. 
carl. 7 arbitr. 
carl. 4 arbitr. 
duc. 1 carl. 2 arbitr. 
carl. 2 arbitr. 
carl. 2 arbitr. 
duc. 1 ordin. 
carl. 1 ordin. 



duc. 12 ord. 
dixc. 7 5 ord. 



1425 duc. 

carl. 2 extraord. 

duc. 32 ord. 



Pro magistris plumbi 

Pro familiaribus plumbatorum . 

In registro bullarum pro principali 

Pro bulla muneris consecrationis 

Pro bulla absolutionis 

Pro (■) conclusionibus solvendis \) 

Pro regalibus vicecancellarii 

Pro turno .... 

Pro cassario .... 

Pro trihus plumbis 



. ' duc. 2 componitur. 

duc. 1 carl. 6 arbitr. 

duc. 1 arbilr. 
. duc. 2 componitur. 

duc. 2 componitur. 

duc. 6 componitur. 

duc. 3 arbitr. 

duc, 3 componitur. 

duc. 1 arbitr. 

duc. 5 componitur. 



Quia pro stillo curie, que sunt vel arbitraria vel componibilia, sunt 
moderata. Plerique curiales, qui ex mamona iniquitatis querunt sibi facere 
amicos, aliquando secus faciunt in vilipendium sancte sedis apostolice et 
gruvem iacturam ecclesiarum et dispendium eorum animai'um. 

') An der Seite : Sunt bulle parve. ., • . . . . , • 



Zur Geschichte des Jahres 1756. 

Von 

Adolf Beer. 



I. 

Die Literatur über deu Ursprung des siebenjährigen Krieges hat 
in den letzten 25 Jahren wesentliche Bereicherung erfahren. Im Jahre 
1878 erschienen die Memoiren des Cardinais Bernis, bekanntlich des 
hervorragendsten französischen Unterhändlers bei den Verhandlungen 
zwischen Oesterreich und Frankreich seit dem Sommer 1755, die 
am 1. Mai ] 756 zum Abschlüsse des ersten Versailler Vertrages führten. 
Wie es scheint, zumeist aus dem Gedächtnisse niedergeschrieben, sind 
die Angaben mit Vorsicht zu benutzen. Martens hat in den Ein- 
leitungen zu den mit Oesterreich und England abgeschlossenen Ver- 
trägen Kusslands werthvolle Mittheilungen aus den russischen Archiven 
gemacht. Den reichhaltigsten Beitrag in erster Linie für die Beurthei- 
lung der preussischen Politik lieferten die betreifenden Bände der poli- 
tischen Correspondenz Friedrich's, die uns Tag für Tag einen Einblick 
in die Gedankenkreise des Königs gewähren. 

Die historische Forschung hat sich des neuen Materials bemächtigt 
und war bemüht, die gelieferten Bausteine zu verwertheu. Einige 
Arbeiten kommen vorzüglich in Betracht: eine im Jahre 1878 iu der 
Berliner Akademie vorgetragene Abhandlung von Max Duuker, welche 
in der nach dem Tode desselben herausgegebenen Sammlung : Abhand- 
lungen aus der neueren Geschichte, Leipzig 1887 Aufnahme gefunden 
hat, während ein älterer Aufsatz in der historischen Zeitschrift als 
werthlos bei Seite gelassen wurde. Das Werk des Duc de Broglie: 
L'aUiance autrichienne, Paris 1895, fusst im Wesentlichen auf öster- 
reichischem Schriftenmateriale mit Benutzung des IV. Bandes der 



wo Adolf Beer. 

Gescliiclite ]Maria Theresias von Arneth und einer von mir in dem 
XXVIl. Bande der historischen Zeitschrift erschienenen Abhandlung. 
Aus den französischen Archiven konnten nur einige Schriftstücke be- 
nutzt werden. Dem britischen Museum wird manche Notiz entnommen, 
ohne jedoch unsere Kenntnis der englischen Politik damaliger Tage 
wesentlich zu bereichern. Koser und Naude, der erste in seinem 
Werke : Friedrich der Grosse, der letztere in zwei Artikeln (Historische 
Zeitschrift Bd. 55 uud 56), haben die politische Correspondenz für 
die Schilderung der friedericiauischen Politik in den bedeutungsvollen 
Jahren 1755 und 1756 zur Grundlage genommen. Endlich erschien 
die Schrift Max Lehmann's: Friedrich der Grosse und der Ursprung 
des siebenjährigen Krieges. Leipzig. 1894. 

Welch grossen Eiufluss die Individualität des Forschers auf die 
Darstellung uud Beurtheilung geschichtlicher Ereignisse ausübt, wie 
^ehr auch die Zeitereignisse auf die Erforschung der Vergangenheit 
einwirken, wie schwer es ist jene Objectivität zu wahren, die zur 
Entwirrung des thatsächlichen Zusammenhanges erforderlich ist, davon 
legen die erwähnten Schriften vollgültiges Zeugnis ab, Dunker's in- 
teressante Abhandlung ist zu einer Zeit abgefasst, als die bisher innigen 
Beziehungen zwischen Deutschland und Russland gelöst waren, die 
Petersburger Politik eine gegnerische Haltung Preussen gegenüber 
einzunehmen begann. Nicht unwahrscheinlich, dass der Politiker 
Dunker seinen Blick in die Vergangenheit versenkte, um das Verhältnis 
zwischen Preussen und Eussland unter Friedrich dem Grossen zum 
Vergleiche heranzuziehen. Sein Schlussergebnis ist, Russland habe in 
erster Linie den siebenjährigen Krieg heraufbeschworen, eine Behauptung, 
die schwerlich auf Zustimmung wird rechnen können, und soweit ich 
sehe, bisher auch nicht gefunden hat. Die Feindseligkeit Elisabeths 
gegen Friedrich und die Politik ihres Kanzlers würden den Ausbruch 
des gewaltigen Kampfes nie herbeigeführt haben. Russland bildete 
allerdings einen bedeutsamen Factor in den Berechnungen des öster- 
reichischen Staatsmannes, der, ich wiederhole es, nach nochmaliger 
Prüfung des gesammten Materials, als Motor der grossen Coalition 
betrachtet werden muss. 

Nach Herstellung des Friedens im Jahre 1748 redete Kaunitz 
einer Verbindung mit Frankreich das Wort, aber die von ihm ver- 
tretene Ansicht bei den Berathungen im Jahre 1749 über die von 
Oesterreich einzuschlagende Politik hat die Zustimmung der Rathgeber 
Maria Theresias nicht gefunden, und Broglie irrt, wenn er behauptet, 
dass Maria Theresia ohne Zögern l)eigestimmt habe. Von ofi'ensiven 
Anflücren hielt sich die österreichische Politik damals frei. Nicht eine 



Zur Geschichte des Jahres 1756. 1^1 

Gewinnung Frankreichs zu einem aggressiven Vorgehen gegen Preussen 
wurde beabsichtigt. In Paris sollte mau von den friedlichen Absichten 
Oesterreichs überzeugt werden, und die Behauptung Friedrichs II.. 
als sinne man in Wien nur auf Erneuerung des Kampfes, widerleo-t. 
wo möglich eine Lockerung der innigen Beziehungen Frankreichs und 
Preussens bewerkstelligt werden Nur Bartenstein war der energischeste 
Befürworter einer Allianz mit Frankreich, aber selbst Kaunitz war 
nicfit mit dem von ihm beabsichtigte u Gange einverstanden i). 
Die Berichte Blondel's von den friedlichen Strömungen in der öster- 
reichischen Kesidenz nach Paris entsprachen durchwegs der Sachlao-e 
und sein Nachfolger gefiel sich nur in üebertreibungen, wenn er begeistert 
und entzückt von der Aufnahme bei der schönen Frau nach Hause 
schrieb, dass sich Maria Theresia dem Könige an den Hals werfe, 
von Frankreich zurückgewiesen sich aber wieder England zuwenden 
werde. Auch was Broglie über die damals geplante Königswahl Josefs 
beibringt, bedarf vielfach der Berichtigung. 

Die Sendung des Grafen Kaunitz war eine kluge Massregel. Er 
war unstreitig der geeignetste Mann, bessere Beziehungen zu Frankreich 
anzubahnen; seine persönlichen Erfolge in der französischen Haupt- 
stadt hatten jedoch auf die Politik keinen Einfluss. Es sei für jetzt 
auch nicht die leiseste Hoffnung vorhanden, Frankreich von Preussen 
zu trennen, schrieb er im Jahre 1751 nach Wien, ja, er warf die 
Frage auf, ob zur Befestigung der eigenen Sicherheit nicht eine Aus- 
söhnung mit dem Nachbarstaate gesucht werden solle, eine Anregung, 
die allerdings in Wien keiuen Anklang fand, aber als Thatsache von 
Broglie ohne Begründung bezweifelt wird. 

Auch bei Kaunitz war die Aussöhnung mit Preussen nur ein 
vorübergehender Gedanke. Die üeberzeugung dass dieser Staat nieder- 

') In einer Aufzeichnung vom 23. September 1755, welche die Grundlage 
für die Conferenz dienen sollte, finden sich folgende Bemerkungen. Wir haben 
mehr als Andere Alliierte nöthig. Nur zwei Wege: Frankreich und die See- 
mächte. System des Bartenstein : Ohne Frankreich können wir nicht Preussen 
schwächen; die natürlichste Allianz alle Katholischen und alle Protestanten; 
diese Idee flattiert ; Ratio odii gallici cessat. Wir die Katholischen wären an 
Macht superieure. 

Der Graf hat eingehen müssen. In principio war er einig, dass ohne 
Connivenz Frankreichs nichts zu thun. Hinc das Projekt von 1749. Allein er 
dift'erierte in modo von Bartenstein. Er hielt vor gefährlich, sich Frankreich 
blos zu geben, Bartenstein wollte incompatibilia combinieren, doctrinieren und 
machen, dass Preussen auf allen Seiten blos wäre. 

In Paris fanden wir zwar einige gute Dispositionen aber keinen Ernst. Frank- 
reich sah, dass wir nur halb, Preussen aber ganz und dass es einen oder den 
andern haben könne. 



112 Adolf Beer. 

geworfen werden müsse, hatte bei ihm zu feste Wurzeln gefasst. Als 
die Differenzen zwischen England und Frankreich jenseits des Oceans 
den Ausbruch eines continentalen Krieges wahrscheinlich erscheinen 
liessen, stand er auf Seite der Briten, allein es ist durchaus unrichtig, 
weun Dunker dem Berichte des preussischen Vertreters an der Themse 
Glauben schenkt, dass Oesterreich zum Kriege ermunterte. Noch im 
Frühjahre 1755 lag es durchaus in der Absicht des österreichischen 
Staatsmannes, an der Verbindung mit England festzuhalten ^). In einer 
Conferenz am 31. März im Beisein der kaiserlichen Majestäten wurde 
die einzunehmende Haltung in Berathung gezogen. Es sei nicht zu 
zweifeln, heisst es in dem Vortrage an den Kaiser vom 4. April 1755- 
dass, wenn die Feindseligkeit zur See wirklich erfolgen sollte, alsdann 
auch das Kriegsfeuer, wie das französische Cabinet sich schon bedroh- 
lich geäussert, sich auf das Festland ausbreiten werde, es sei daher 
kluge Vorsicht. Alles vorzukehren, um, wenn es zum Kriege kommen 
sollte, gleich in dem ersten Feldzuge die äussersten Kräfte anspannen 
zu können, dieselben so wenig als möglich zu theilen und meisten- 
theils in dem Kriege gegen Preussen zu verwenden, welches das einzige 
ergiebige Mittel sei, durch einen „vergnüglichen Anschein" dem Könige 
mehrere Feinde zuzuziehen und in die gehörigen Grenzen zu setzen, 
um sodann mit erforderlichem Nachdruck gegen andere Feinde der 
Kaiserin die Waffen gebrauchen zu können; es sei als ein Grundsatz 
jedoch festzuhalten, dass weder England noch Frankreich durch geheime 
ünterbauungen zu Feindseligkeiten angefrischt, sondern zu gütlicher 
Beilegung der amerikanischen Streitigkeiten die erforderlichen Schritte 
gethan werden sollen; dem englischen Ministerium sollten die höchst 
gefährlichen Folgen eines allgemeiuen Krieges und die mangelnden 
Vertheidigungsmittel zu Gemüthe geführt, jedoch der Bündnisfall, wenn 
England eine Landung auf dem Continente unternehmen sollte, an- 
erkannt und die Anwendung der äussersten Kräfte für den Fall eines 
entscheidenden Landkrieges im Voraus zugesichert werden, jedoch 
müsse England eine gleiche Eeciprocität angedeihen lassen, eine gleiche 
Versicherung von sich stellen, die gehörigen Anstalten bei Zeiten vor- 
zukehren. Noch in den ersten Julitagen waren diese Ansichten mass- 
gebend -). 

Bekanntlich haben die Anträge Oesterreichs im August 1755 
keinen fruchtbaren Buden in Paris befunden und ]\lonate lang- 



') Die Darstellung bei Broglie S. 140 ist nicht zutreffend. Von einem 
,refu8 positif* kann nicht gesprochen werden. Am 31. Mai 1755 erhielt Eszterhazy 
die Weisung Williams zu unterstützen. 

2) An Colloredo 12. Juli 1756. 



Zur Geschichte des Jahres 1756. 



113 



schleppten sich die Verhandln ngen fruchtlos hin. Auch die Kunde 
von dem Abschlüsse des Westminster -Vertrages hatte unmittelbar 
keinen bestimmenden Einfluss ausgeübt, denn in den Pariser Kreisen 
war damals der raassge1>ende Gedanke, sich auf einen Krieg mit 
England zu beschränken und bloss Oesterreichs Neutralität zu erhalten. 
Erst seit Beginn des Februar 1756 schöpfte Starhemberg ueue Hoff- 
nung. „Es dürfte mir gelingen", schrieb er nach Wien am 7. Februar, 
„den hiesigen Hof dahin zu bewegen, unseren ersten Plan der Ver- 
handlung zu Grunde zu legen, während Prankreich bisher bloss einen 
einfachen Garantievertrag abschliessen wollte. Wenn der französische 
Hof den Entschluss fassen würde, auf die österreichischen Vorschläge 
zurückzutreten, erwiderte Kaunitz am 22. Februar, und hierüber eine 
vollständige Abrede zu pflegen, wäre solches das Erwünschlichste, so dem 
Erzhause widerfahren könnte i). Starhemberg erhielt vollständige Bil- 
ligung, dass er, nachdem die Nachricht von dem Abschlüsse des West- 
minster- Vertrages eingelangt war, die geheimen Vorschläge auf die 
Bahn gebracht habe. Sollte er eine zweideutige Antwort erhalten, 
habe er seinen Eifer zu massigen, da man nicht zu übertreiben ge- 
denke, es sei Hoffnung vorhanden, künftig eine günstige Gelegenheit 
zu benutzen; der gegenwärtige Zustand sei derartig, dass man von 
dem gefährlichen Nachbar Alles zu befürchten , hingegen von dem 
Bundesgenossen wenig oder nichts zu hoffen, sogar die Unterstützung 
des gefährlichsten Feindes zu besorgen habe; man sei entschlossen, 
ein geheimes Einverständnis mit Frankreich zu erzielen, auch wenn es 
auf die Erneuerung des geheimen Vorschlages eine abschlägige Ant- 
wort ertheilen und in offensive Massnahmen gegen Preussen nicht 
eingehen wollte, da man sich endlich damit zu begnügen hätte, eine 
grössere Sicherheit sich zu verschaffen. Massgebend für den Entschluss, 
in welcher Form immer mit Frankreich abzuschliessen, war die Furcht, 
dass eine Erneuerung des Vertrages vom Jahre 1741 zwischen Frank- 
reich und Preussen stattfinden könnte, da man davon unterrichtet war, 
dass Friedrich dem französischen Sendboten Nivernois dargelegt habe, 
wie wenig sein mit England geschlossener Vertrag dem französischen 
Interesse zuwiderlaufe. Man wurde in dem Wunsche, mit Frankreich 

•) An Starhemberg 22. Februar 1756. Arneth hat IV. Note 508 den Anfang 
des Briefes von Kaunitz an Starhemberg nicht abgedruckt ; er lautet : Au moyen 
des ordi-es que vous parviennent aujord' hui mon eher comte, nous vous mettons 
en etat quelque soit la reponse que vous attendez d' aller en avant de tafon ou 
d' autre sans avoir besions d' attendre d' autres. IL seroit bien fache cependant, 
s' il c' etoit autrement que sous le pied du grand, que la providence offre si 
heureusement dans ce moment ci, qu' il n' est pas vraisemblable que jamais 
r occasion puisse etre aussi favorable. Dann folgt die Stelle bei Arneth. 

Mittheilungen XVII. 8 



114 Adolf Beer. 

zu einem Abschlüsse zu gelaugeu, durch Starhembergs Berichte be- 
stärkt, der ausführlich Kunde von den Gesprächen zwischen Friedrich 
und Nivernois gab. In Paris hatte eine Aeusserung Friedrichs 
auf liouille grossen Eindruck gemacht; dass er nichts einzuwenden 
hätte, wenn Frankreich einen Neutralitätsvertrag mit Oesterreich 
schliessen würde, was kein Hindernis wäre, den preussisch - französi- 
schen Vertrag zu erneuern. Nivernois hatte sich in diesem Sinne 
ausgesprochen i). 

Infolge einer am 26. März 1756 abgehaltenen Conferenz erhielt 
Starhemberg die Weisung, die Abschliessung einer Neutralitätscon- 
vention und eines Defensivvertrages zu fördern, die Erneuerung eines 
Vertrages zwischen Frankreich und Preussen mit allen thunlicheu 
Mitteln zu hindern, dem französischen Hofe jeden Zweifel zu benehmen, 
dass die kaiserlichen Majestäten ernstlich gewillt seien, nicht nur den 
Defensivvertrag, sondern auch den geheimen Tractat auf dem Fusse 
der Billigkeit und Keciprocität zu schliessen und „vollkommen in die 
französische Allianz einzugehen", das schliessliche Ergebnis sei jedoch 
nur „ conditionale " für den Fall einzurichten, wenn Eussland beitrete 
und die Durchführung möglich sei, denn zur wirklichen Ausführung 
des geheimen Planes sei erst dann zu schreiten, „bis sich vernünftigem 
Ermessen ein vergnüglicher Ausschlag zu versprechen sei " -). 

Als Starhemberg diese Weisung erhielt, waren die Verhandlungen, 
welche durch die Krankheit von Bernis ins Stocken gerathen waren, 
wieder in Fluss gekommen. Der französische Unterhändler würdigte 
die Frankreich erwachsenden Vortheile, nur darüber war er mit sich 
nicht im Eeinen, ob er dem Könige anrathen könne, schon jetzt 
auf den Plan Oesterreichs einzugehen. Aber Starmhemberg berichtete 
nach Wien, dass Bernis im Princip einverstanden sei, und wenn es 
vorläufig zum Abschlüsse eines Defensivvertrages käme, so würde 
später auch die Durchführung des grossen Planes gelingen, wozu viel- 
leicht der König von Preussen die Handhabe bieten würde. Hierauf 
waren auch die Bemühungen Starhembergs gerichtet. Bernis war für 



') (Nivernois) fait connaitre tout naturellement, que ce seroit ä son avis 
faire un grand coup, que de rendre aus yeux de toute V Europe inutile, illusoire 
et meme contraire ä 1' Angleterre le traite qu' eile vient de conclure avec le Roi 
de Prusse, et dont eile fait sonner si haut les avantages ; il convient qu' il n" y 
a pas beaucoup ä se fier de ce Prince, luais il croit qu' en meme tems on pourra 
se lier de fayon et lui faire prendre des engagemens si forts, qu' il seroit im- 
possible qu' il y manquät jamais. Nivernois übersendet zu diesem Behufe einen 
Plan. Starhemberg 11. März 1756. 

-) Bei der Conferenz bildeten die Depeschen vom 22. Februar und 11. März 
die Grundlage der Berathung. 



Zur Geschichte des Jahres 1756. ^15 

einen Defensivvertrag, während Kouille bloss für eine Neutralitäts- 
convention mit Hinzufügung eines geheimen Artikels, welcher eine 
Präliminarvereinbarung über die grosse Angelegenheit und gleichzeitig 
das Versprechen einer Defensivallianz enthalten sollte. Die Rücksicht- 
nahme für den König von Preussen war für Rouille, wie Stai'hemberg 
meldete, massgebend. Auch bezweifelte es Starhemberg, dass es ihm 
gelingen werde, die Unterstützung Frankreichs vor Abschluss des 
geheimen Vertrages zu erlangen, wenn der König von Preussen den 
Def'ensivvertrag zum Anlass eines Krieges machen würde. Erst am 
17. April nach Abschluss seines Berichtes über die Ergebnisse dieser 
Verhandlungen hatte Starhemberg noch eine Besprechung mit Bernis, 
welcher ihn hoffen Hess, zu einem Defesivtractate zu gelangen. Bernis 
sagte ihm. er sei des Königs und der Pompadour sicher. 

Welche Bedeutung hat der am 1. Mai 1756 zu Versailles abge- 
schlossene Vertrag? Broglie hat ein treffendes Wort gesprochen: 
der Vertrag roch nach Pulver. Vorläufig hatte man sich allerdings 
bloss über einen Neatralitäts- und einen Defensiv vertrag geeinigt, aber 
am 19. April war bereits im französischen Conseil der Beschluss ge- 
fasst worden, dass Aveitere Verhandlungen über einen geheimen Ver- 
trag unmittelbar folgen sollen. Am Tage des Abschlusses erhielt 
Starhemberg ein Schriftstück zugestellt, welches die Fortsetzung des 
begonnenen Werkes einleitete. Broglie hat den Wortlaut desselben 
veröfi'entlicht, Arneth seinerzeit bloss einen Auszug gegeben. Vor- 
läufig werden von Bernis weitere eingehende Aufklärungen und An- 
gaben gefordert über die Höhe der Summen, welche Frankreich zu 
zahlen hätte, in welchen Zeiträumen dieselben zu entrichten, und über 
die Plätze, welche dem König zur Sicherstellung einzuräumen wären, 
über die Zusammensetzung der von Oesterreich als nothwendig bezeich- 
j neten dritten Armee u. s. w. Auch ward die Geneigtheit Frankreichs 
ausgesprochen, auf das Anbot einzugehen, an Don Philipp niederlän- 
disches Gebiet abzutreten und Verhandlungen in Madrid, Neapel und 
Parma einzuleiten und zur Theilnahme an der zwischen Oesterreich 
und Frankreich getrofienen Vereinbarung zu bestimmen. 

Befriedigen konnte dieses Schriftstück den österreichischen Unter- 
händler nicht. Wichtiger ist eine zweite Schrift vom 11. Mai, worin 
Frankreich die Abtretung der gesammten Niederlande forderte und 
sich anheischig machte, einen Geldbetrag zur Verfügung zu stellen, 
welchen Oesterreich nach seinem Belieben verwenden sollte ; um grossen 
Forderungen des Wiener Cabinets vorzubeugen, wurde jedoch bemerkt, 
dass Frankreich bedeutende Ausgaben für seine Marine zu machen 
habe. In mündlichen Gesprächen ging Bernis weiter. Er begreife 

8* 



\1Q A cl 1 f B e e r. 

wohl, SO äusserte er sieh, dass Oesterreich die grösstmögliche 
Schwächung Preussens anstrebe, aber eine genaue Bezeichnung jener 
Gebiete forderte, welche dem König abgenommen werden sollen i ). 

In Wien sah man in dem Defensivvertrage bloss „den Grund- 
stein zu der grossen Absicht gelegt". Vorläufig Avar das Vertrauen 
zwischen Oesterreich und Frankreich hergestellt und die Unterstützung 
des letzteren für den Fall eines Angriffes gesichert. Von neuen Fehl- 
tritten Preussens — den ersten hatte es nach der Ansicht des Grafen 
Kaunitz durch den Abschluss des Vertrages in England gemacht — 
erwartete und erhofite man die Förderung der gehegten Pläne, Kaunitz 
war hocherfreut mit dem erzielten Ergebnisse, denn seine Gegner, Ver- 
treter der Verbindung mit deu Westmächten, waren aus dem Felde 
o-eschlao-en =^). Nach Empfang der Depesche Starhembergs fand eine 
Conferenz statt in Gegenwart des Kaisers und der Kaiserin. Kaunitz 
analysierte den Vertrag und begann seine Darlegung mit der Bemer- 
kuno-: „des Königs von Frankreich Aeusserung Hesse keinen Zweifel 
übrio-, dass in Bälde der Traite secret zu seiner Eichtigkeit kommen 
werde 3). Zwei Wochen darauf wurden die Punkte in Berathung ge- 
zogen, welche in dem Vertrage geregelt werden sollen. Die Abtretung 
der gesammten Niederlande, welche Frankreich forderte, war eine 
'j-rosse Zumuthung. Oesterreich sollte auf ein reiches, schönes und 
beträchtliches Land verzichten, welches netto 5 Millionen, brutto 
10 Millionen einbrachte. Ein edles Kleinod nennt Kaunitz den Besitz, 
allein ein grösserer Vortheil winkte für den Verlust: die volle Ent- 
kräftung des Königs von Preussen. Es handelte sich um die Auf- 
rechterhaltung der katholischen Eeligion, der kaiserlichen Autorität in 
Deutschland, der Reichsverfassung, um die Wohlfart, ja um die Existenz 
des Erzhauses. Der territoriale Verlust wurde durch die Wieder- 
eroberung Schlesiens und der Grafschaft Glatz reichlich aufgewogen *). 

In sechs Punkten wurden nun die österreichischen Bedingungen 
formuliert: 1. Conditio sine qua nou war, dass die Abtretung erst 
dann stattzufinden hätte, bis Oesterreich zum Besitze von Schlesien 
und Glatz gelangt sein werde; 2. der König von Frankreich habe 
nicht bloss zur Cession dieser Gebiete, sondern zu einer noch grösseren 
Schwächung Preussens beizutragen, Oesterreich müsse vor der preussi- 
schen Eache sichergestellt werden; diese Conditio sine qua non sei 



') Postscript II vom 13. Mai 1756 von Starhemberg. Das Schriftstück im 
Anhange. 

2) Kaunitz an Starhemberg, 19. Mai 1756. 
• ■' ' 3) (Schulenburg) Einige neue Aktenstücke. Leipzig, 184]. 
' :i- ■-■ 4) Arneth IV. 450. - . 



Zur Geschichte des Jahres 1756. Wl 

als der Probierstein der Gesinnung Frankreichs anzusehen; 3. Frank- 
reich müsse werkthätigen Antheil nehmen und ein namhaftes Corps 
unmittelbar gegen Preussen oder Westphalen absenden oder an den 
Grenzen bereit halten, um die protestantischen Mächte von einer 
etwaigen Unterstützuug Preusseus abzuhalten; 4. abgesehen von der 
Theilnahme Frankreichs an den von Oesterreich und Russland zu 
stellenden Armeen werde zur glücklichen Vollstreckuug des Vorhabens 
noch eine von anderen Mächten aufzustellende Armee gefordert ; 
5. Luxemburg, Chimaj und Beaumont, allenfalls auch die Pays retro- 
cedes sei man bereit, an Frankreich, den Rest an Don Philipp abzu- 
treten, wogegen dieser auf die italienischen ßesitzthümer und auf sein 
Recht auf Neapel zu verzichten hätte; 6, die französische Forderung, 
dass die Abtretung der gesammten Niederlande in Form eines Ver- 
kaufes stattfinden soll, sei unbillig, denn, wurde in der Weisung zur 
Erläuterung des letzten Punktes hinzugefügt, Frankreich wolle sich 
nicht nur wegen des Geldvorschusses sicherstellen, sondern für eine 
massige Geldsumme ansehnliche Gebiete erlangen, selbst wenn das 
ganze Unternehmen scheitern würde, ja, wenn auf dieses Ansinnen 
eingegangen würde, könnte Frankreich den ganzen Plan gegen Preussen 
hintertreiben; so lange der Krieg dauere, habe sich Frankreich zur 
Leistung eines Geldbeitrages zu verpflichten; die Niederlande sollten 
als Pfand für die gewährten Vorschüsse dienen, welche, im Falle das 
Vorhaben fehlschlüge, wieder zurückzuzahlen sind. 

Starhemberg hatte trefflich die Zwischenzeit bis zum Einlangen 
dieser Weisungen benutzt. Mit der Pompadour, mit Puissieux, mit 
dem Marschall Beleisle, die er als jene Persönlichkeiten bezeichnete, 
auf die es zumeist ankomm.e, fanden in Paris und in Compiegne 
Conferenzen statt; auch bemühte er sich mit Machault in nähere Ver- 
bindung zu treten. Von Wichtigkeit war, dass Bernis in Paris blieb 
und keinen Gesandtschuftsposten übernahm, eine Ansieht, welche die 
Pompadour vollkommen theilte und in dieser Richtung thätig war. 
Avährend ü'Argenson auf die Entfernuncr des Mannes hinarbeitete und 
hiefür bei Rouille und Machault Unterstützung fand. Starhemberg 
sah hoffnungsvoll der Zukunft entgegen. Mau dürfe nicht auf halbem 
Wege stehen bleiben, bemerkte die Pompadour, und die zu Oesterreich 
neigenden Staatsmänner waren derselben Ansicht, und wenn der 
österreichische Unterhändler auf die Conditio sine qua non hinwies, 
so erkannte man diese als billig keinem Anstände unterliegend an. 
Der Wunsch war ein allgemeiner, die neue Allianz zu einer dauer- 
haften, unauflöslichen zu gestalten. Nachdem Starhemberg die 
Weisuno'en erhalten hatte, ging; er augenblicklich ans Werk. Die 



11g Adol t Beer. 

sechs Punkte brachte er in neue Form und reducierte dieselben auf 
vier, um, wie er nach Wien schrieb, die französischen Staatsmänner 
nicht zu erschrecken i). Dass eine Schwächung Preussens nothwendig 
sei, hatte er ohnehin seit Monaten in seinen Gesprächen mit Bernis 
weitläufig erörtert, eine unmittelbare Mitwirkung glaubte er jedoch. nicht 
erlangen zu können. Aber Starhemberg wollte sich damit begnügen, 
wenn Frankreich die deutsehen Fürsten von einer Unterstützung 
Preussens abhielt, ferner, wenn es an Oesterreich reichliche Geldmittel 
und an einige deutsche Fürsten Subsidien zur Aufstellung und Erhal- 
tung eines Heeres gewährte. In diesem Sinne hatten Rouille' und 
Bernis mit Starhemberg gesprochen, der daraus die Folgerung zog, 
dass man die Noth wendigkeit erkenne, zum Gelingen des grossen 
Planes mitzuwirken. 

Dennoch vergingen mehrere Wochen, ehe Starhemberg eine be- 
stimmte Antwort erhielt, Dass man aber die Verhandlungen zu einem 
gedeihlichen Abschlüsse führen wollte, ging daraus hervor, dass Berni«, 
der zum Gesandten in Wien bestimmt war, in Paris blieb. Die Pom- 
padour und die anderen Minister betonten aber, dass die Forderungen 
zur oflfensiven Antheilnahme an dem Kriege allein den Stein des An- 
stosses bilde, denn abgesehen davon, dass dies dem König widerstrebe, 
könnte man nicht den Krieg gegen England mit Energie führen und 
überdies noch mit einer Armee Oesterreich unterstützen ; ohnehin sei 
das Gelingen der Unternehmung sicher. Frankreich verweigerte nur 
die Stellung eines französischen Corps, mit uichten aber die Unter- 
stützung mit Geld und besoldeten Truppen. 

Im August hatten die Verhandlungen endlich eine concrete Ge- 
stalt gewonnen. Starhemberg heischte kategorisch Autwort auf die 
von ihm formulierten vier Punkte. Bernis stellte eine Verständigung in 
Sicht, nur müsse er noch die Weisungen des Königs einholen. Zwischen 
ihm und Starhemberg fanden allabendlich Conferenzen statt, woriu 
die einzelnen zu vereinbarenden Punkte eingehend besprochen wurden, 
so dass an eine Formulierung des Vertrages geschritten werden konnte. 
Starhemberg hatte eine beträchtliche Geldunterstützung von Frankreich 
erreicht und hoffte noch mehr; Frankreich machte sich anheischig, 
sechs Millionen im Vorhinein zu bezahlen. Im Falle die Unternehmung 
gelang, verzichtete Frankreich auf die Rückzahlung, misslang sie, for- 
derte es die Hälfte zurück ^). Starhemberg war jedoch beauftragt, 



») Die 4 Punkte abgedruckt bei (Schulenburg) Einige neue Aktenstücke 
S. 29 nur sind dieselben nicht dem Grafen Starhenberg sondern von 
Starhembe.Tg dem französischen Cabinet übergeben worden. 

-) Ce qui est une prcuve bien evidente de V espoir qu' on se fait de la 



Zur Geschichte des Jahres 1756. \\C) 

acht Millionen zu verlangen und die gesamuiten Vorschüsse rückzahlen 
zu können. Frankreich heischte die Sicherheitsplätze Nieuport und 
Ostende und die freie Communication überYpern und Düukirchen. Auch 
beharrte es auf einem Theile der Niederlande, während Oesterreich 
bloss Luxemburg an Frankreich abzutreten gesonnen war. Starhem- 
bergs Mühe, die Forderungen Frankreichs einzuschränken, war ver- 
gebens 1). Hatte Starhemberg auch keine bestimmte formelle Ein- 
willigung zur gänzlichen Vernichtung Preussens erlangt, so erörterte 
man doch den Plan, mit Sachsen, Mannheim, Schweden und anderen 
Mächten Verhandlungen einzuleiten und ihnen einen Theil au der 
Beute zuzusagen. Frankreich überliess die Führung dieser Verhand- 
lungen Oesterreich und machte nur darauf aufmerksam, dass auch 
Holland und Dänemark heranzuziehen seien. Auf die Frage Starhem- 
bergs, was man Holland zusagen sollte, erwiderte Bernis, es grenze 
an Preussen, man werde daher irgend etwas ausfindig machen können. 
Bezüglich Dänemarks wurde auf Bremen und Verden hingewiesen. 
Beleisle meinte, Dänemark könne 12.000 Mann Infanterie stellen, 
ebenso auch Cavallerie. Auch Schweden sei zu gewinnen. Baron 
Bung, der in Abwesenheit des schwedischen Gesandten Schäffer die 
Geschäfte leitete, meinte, dass man in Schweden gerne gegen Preussen 
losschlagen werde, man erwarte mit Ungeduld den Ablauf des Ver- 
trages mit Preussen ^). Starhemberg forderte, dass Frankreich an 



reussite de notre entreprise et de la determination prise d' y concourir effica- 
cement. 

'j On nous soub90iine ou fait bembhmt de nous soubronner de vouloir 
tonjours corserver un reste de menagement pour 1' Angleterre d' envier a la France 
ce que est la plus propre ä lui donner 1' avantage contre son ennemi, tandis 
qu' Elle nous fournit les mojens d" ecraser le notre. On ne fait nulle attention 
äcequeje dis de la Jalousie et du mecontentement que donnerait a T Espague, 
ii r Hollande et ä toutes les Puissances de 1' Europe un aggrandissement de Puis- 
sance tel que la France le demande. On dit que la paix devra de necessite etre 
forcee pour le Koi de Prusse et pour 1' Angleterre, que par consequent ce n' est 
pas ä ce que diront ces deux Cours de nos arrangemens qu' il faut faire atten- 
tion ; qu" il sera aise de tranquilliser 1' Hollande qu' on pourra lui assigner une 
barriere plus reculee, que 1' Espagne ne pourra refuser son consentement ä une 
change si avantageusement pour 1' Infant. 

-) Schon im Jahre 1755 hat Kaunitz die Gewinnung Schwedens ins Auge 
gefasst. Graf Zinzendorf mit einer Mission nach Petersburg betraut erhielt die 
Weisung seinen Rückweg über Stockholm und Kopenhagen zu nehmen und mit 
Hoepken in Verbindung zu treten, »was den schwedischen Hof anreizen könnte, 
sich bei ausbrechendem Kriege ruhig zu halten und daran keinen Theil zu nehmen, 
nachher aber bei etwa sich ergebenden Gelegenheiten zur Widereroberung der 
verlorenen Pommernschen Lande sich zu bedienen*. Instruction an Colloredo 
12. Juli 1755. 



120 Adolf Beer. 

Sachsen Subsidieii geben solle. Dies wurde abgelehnt mit dem Hin- 
weise, dass man ohnehin Oesterreich grosse Summen verabreiche, welche 
sodann für Russland und Sachsen verwendet werden sollen. Starhem- 
berg hielt dies für vortheilhaft. Frankreich stellte die Forderung, 
dass Russland in Deutschland keine Erwerbung mache. Mit Bayern. 
Mannheim und Würtemberg werde Frankreich verhandeln, auch in 
Darmstadt und Würzburg thätig sein; ßeleisle bei Beginn des Jahres 
bloss für einen Krieg mit England war nunmehr ein eifriger Befür- 
worter des österreichischen Planes; er versprach, Rouille zu bestimmen, 
ohne Zeitverlust vorzugehen. Mit General Browne wünschte er in 
Correspoudenz zu treten i). 

Wie ersichtlich, war die Verständigung zwischen Stahremberg und 
dem französischen Staatsmännern weit gediehen, wenngleich man 
zu festen Abmachungen noch nicht gelangt war. Auch mit der 
Schwächung Preussens, d. h. mit der üeberweisung preussischen Grebiets 
an die Verbündeten, die sich an dem Kriege betheiligen, war Frankreich 
einverstanden. Starhemberg bezeichnete auch jene Länder, welche 
Oesterreich nebst Schlesien und Glatz für sich ausersah, Frankreich 
willigte ein, nur sollte das Wiener Cabinet die Abmachungen mit den 
betrefiFenden Höfen treffen -). 

Frankreich hat bekanntlich in Berlin durch Valory erklären 
lassen, dass es Oesterreich im Falle eines Angriffes unterstützen würde. 

') P. S. 20 Ang. 1756 Belleisle hatte an Browne bereits geschrieben, aber 
noch keine Antwort erhalten, worüber er zu Starhemberg seine Verwunderung 
äusserte. II fait grand cas de Mr. de Browne et desire fort d' entretenir avec lui 
une correspondance reglee et exacte pendant tous le cours de 1' entreprise pro- 
attee. Cela ne pourra que nous etre d' une tres grand avantage your 1' avan- 
cement de nos affaires. Le Credit de Mr. de Bellisle augmente et nous savons 
par r experience que nous en avons faite qu' il ne laisse pas languir les choses 
dout il se Charge. 11 est tres fort d' avis qu' il faudra temporiser avec le Roi 
de Prusse et eviter toute action decisive, ce que lui paroit un moyen sur de 
vaincre ce Prince. Uebev die Abwendung Belleisle's von der preussischen Partei 
Knyphausen Pol. Corr. X1I[ p. 62. 

2) J' ai ajoute'a ma deniande que nos vues etoient tournees principalement 
ou sur une partie de la Lusace, öu sur une partie du haut Palatinat, öu enfin 
sur le duche de Sultzbach, a cause que ces provinces etant limitrophes de la 
Boheme, seroient que toutes autres ä notre convenance. et que d' ailleurs elles 
appartenoient ä des Princes qu' il seroit aise de dedommager tres amplement aux 
depens du Roi de Prusse. Stahremberg hatte die Weisung erhalten auch Crossen, 
zu fordern; er kam derselben nicht nach; wenn man im Besitze von Schlesien 
s-ei, werde man die Forderung erheben können, schrieb er nach AVien. Ohnehin 
habe er den Ausdruck gewählt , toute la Silesie^ und Ja Silesie entiere^ II 
n" est pas propable que si tout le reste reussit ä souhait. on nous fasse de^ 
difficultes sur le seul objet (jui pourroit en causer beancoup presentement. 



Zur Geschichte des Jahres 1756. 191 

Die Ausiclit Lehmann's, dass , in den Bemühungen der französischen Mi- 
nister. Preussen von der Ergreifung der Offensive abzuhalten, noch einmal 
das Bündnis vom 5. Juni 1741 nachwirke und es den Anschein gewinne, 
als ob die Franzosen den preussischen König zu Hilfe rufen, um sich 
des österreichischen Versuches zu erwehren ", ist eine durchaus verfehlte. 
Es lag unbedingt im Interesse Frankreichs, einen Zusammenstoss zu 
liintertreiben, ehe eine Einigung mit Oesterreich erzielt wurde. 

Seitdem man in Paris Kunde von den militärischen Massnahmen 
erhalten hatte, drängten die Franzosen auf den Abschluss des geheimen 
Vertrags, Starhemberg befürwortete denselben und verlangte die üeber- 
seudung eines Vertragsentwurfes. Denn wie leicht konnte Oesterreich 
Schlesien uud Glatz erobert haben und zwar mit ünterstützuno- Frank- 
reichs, welches bei einer Offensive Preussens ein Heer zur Verfüguno- 
stellen musste, ohne nach einem glücklich geführten Krieg den Preis 
zu erhalten 1). Wenn die Vereinbarung abgeschlossen sei, bemerkte 
Starhemberg, und beide Höfe gleichmässig interessiert seien, die er- 
warteten Vortheile durch einen Krieg mit Preussen zu erlauben, 
würde man in Paris sogar wünschen, dass Friedrich sobald möglich 
zum Angriff' schreite -). 

IL 
Seit dem Beginne der englisch-französischen Wirren nahmen die 
Beziehungen Oestei-reichs zu Russland in den Combinationen des Grafen 
Kaunitz eine hervorragende Stelle ein. In einem Kriege gegen Preussen 



') On insiste presentement plus que jamais sur la prompte redactiou du Plan 
de notrs traite secret. J' entrevois aisement le motif de cet empressement; c' est 
la crainte que 1" on a, que le Roi de Prusse ne vienne ä nous attaqner avant 
la conclusion du dit traite. On voit bien que 1" on ne pourroit pas se dispenser 
en pareil cas de nous secourii', et meme tres efficacement, nous le serions aussi 
par la Russie, nos propres forces sont tres considerables, on conclut donc de lii 
qu' il est propable que nous remporterions 1' avantage sur la Prusse et qu' il 
seroit tres possible, que nous lui enlevassions la Silesie et le Comte de Glatz, 
et parvinsions ä notre but de 1' affaiblir de toute part, sans pour cela nou? 
fussions obliges de la cession des Paysbas. Je sais qu' il y a dans le conseil des 
gens, qui nous soup^onnent de desirer nousmemes que la negociation secrette 
ne se termine pas de sitot et que le Roi de Prusse vienne nous attaquer avant 
la conclusion da traite. — — L' Abbe de Bernis paroit, oü veut au moins pa- 
roitre, ne pas penser de meme ; mais il marque un egal empressement a ce que 
nous puissions bientöt conclure nos arrangements secrets. 

-) Si au contraire nos arrangemens se trouvent une fois conclues, les deux 
Cours egalement interessees, ä obtenir promptement les avantages qu' elles atten- 
dent d' une guerre contre le Roi de Prusse bien loin de craindre, qu' il nous 
attaquät le premier, auroient bien plustot ä desirer 1' une et 1' autre qu' il prit 
ce parti, et qu' il le prit au plustöt. Starhemberg 29. Aug. 1756. 



122 Adolt Beer. 

konnte England nur durch Geldmittel an Eusslaud uud an die kleinereu 
deutschen Staaten Unterstützung gewähren, während auf die Mitwirkung 
eines russischen Heeres unbedingt "gerechnet werden musste. Aber 
im Frühjahre 1755 wähnte man ernstlich zweifeln zu sollen, ob in 
Petersburg noch die bisherige feindliche Stimmung gegen Preussen 
obwalte. Das Verhältnis Eszterhazy's zu dem russischen Kanzler Be- 
stuschew war ein getrübtes, der Yicekanzler Woronzow war, wie man 
in Wien annehmen zu müssen glaubte, preussisch gesinnt. Die Ent- 
sendung des Grafeu Ludwig Zinzendorf nach Petersburg, um volle 
Klarheit über die Sachlage zu gewinnen, erfolgte. Die von demselben 
nach Wien gesandten Depeschen imd in erster Linie ein ausführliches 
Memoire „sur la Kussie", worin er nach seiner Eückkehr seine Ein- 
drücke und Erfahrungen zusammenfasste, sind bisher nicht veröffent- 
licht worden. Sie gewähren eine genaue Kenntnis über den Charakter 
der massgebenden politischen Personen und festigten in Wien die 
üeberzeugung, dass man auf Russlands Kreise rechnen könne uud 
zwar auch auf Woronzow und seine Partei, was um so wertvoller 
erscheinen musste, als der Einfluss Bestuschew's bei der Czariu im 
Sinken war, während Woronzow die Gunst derselben besass. Es ist 
Zinzendort's Verdienst, den Vieekauzler dauernd für Oesterreich ge- 
wonnen und während seiner Anwesenheit in Petersburg den Abschluss 
des russisch-englischen Vertrages vom 30. Dezember 1755 gefördert 
zu haben ^). Dem Einflüsse Woronzow's ist es bekanntlich in erster 
Linie zuzuschreiben, dass am 1. Februar 1756 die geheime Deelaration 
an Williams übergeben wurde, welche ausdrücklich besagte, dass die 
russischen Truppen nur im Falle eines Angriffes des Königs von 
Preussen gegen England oder dessen Bundesgenossen zur Verfügung 
gestellt werden sollen -). 

Die Weisung vom 13. März 1756, die Czarin zu fragen, ob Kuss- 
land einen österreichischen Angriff gegen Preussen unterstützen wolle 
und wann noch in diesem Jahre die Operation begonnen werden 
könnte, erklärt sich durch den Stand der Verhandlungen mit Frank- 
reich, da damals die Aussicht vorhanden war, auf Grund der im August 
des Vorjahres gemachten Anträge eine Einigung zu erzielen, und durch 
eine Anfrage des russischen Ministeriums '^). Zwischen Bernis und 

'I Die politische Correspondeiis erwähnt der Sendung nach Petersburg und 
Stockholm XII. 339. 

-) Martens, Recueil des traites et Conventions T. IX traites avec L" Angleterre 
p. 175 fg. 

^) Der Depesche Eszterhazj's vom 25. Februar 1756 liegt folgende Note des 
russischen Ministeriums bei : Les circonstauces du temps devenant tous les jours 



Zur Geschichte des Jahres 1756. ]^23 

Starhemberg fand über die Mitwirkung Russlands und über den Zeit- 
punkt des Augriffes gegen Preussen ein Gedankenaustausch statt. 
Wohl lehnte Frankreich eine militärische Unterstützung ab, aber man 
erörterte den Plan; dass es in Hannover einfallen, während Oesterreich 
gleichzeitig mit Preussen anbinden sollte. In Wien fand man den 
Gedanken trefflich, aber man konnte sich über die Durchführuug einiger 
Zweifel nicht erwehren; denn dass Russland zu werkthätigen Mass- 
nahmen gegen Preussen zu vermögen sein werde, konnte mit Walir- 
hcheiulichkeit angenommen werden, wenn aber die Auswechslung der 
Ratification des mit England geschlossenen Vertrages erfolgt war, 
wol-über man Anfangs März nicht unterrichtet war, und ein Gesinnungs- 
wechsel an der Newa eintrat, mus»te Russland England unterstützen. 
Avenn Frankreich in Hannover einen Einfall machte. Solans-e von 
Russland keine zuverlässige Erklärung erfolgt, lautet die Weisung vom 
6. März 1756 an Starheml^erg, sei es nicht möglich zu bestimmen, 
ob schon in diesem Jahre vorzugehen sei. Oesterreich hatte die feind- 
seligen Gesinnungen unermüdlich genährt, auf Russlands auswärtige 
Politik Einfluss zu nehmen gesucht, fortwährend gemahnt, sich in 
keinerlei Verwiklungen einzulassen und alle Kräfte zusammenzuhalten 
gegen den gemeinsamen gefährlichsten Feind: begreiflich genug, dass 
man an der Newa durch die österreichische Anfrage den Zeitpunkt 
lür einen Angriff gegen Preussen gekommen wäbnte. Die Antwort 
war daher eine willfährige. Im April waren die kriegerischen Mass- 
nahmen in der russischen Hauptstadt Tagesgespräch i). Aber gleich- 

plus critiques par la Guerre, qui semble etre comme inevitable entre V Angie- 
ten-e et la France, Sa Maj.'»-" Imp'«' si bieu par ses engagemens, que par 1' Interet, 
qu" Elle prend au Bien et ä la Surete des Ses Allies se trouve tres portee a les 
secourir vigoureusement, et c" est pour y etre plus prete, qu' Elle a ordonne ä 
son Ministere, de prier S. E. Mons.'' 1' Ambassadeur de vouloir bien s' expliquer 
clairement et par ecrit, sur les Sentimens et mesures de sa Cour sur le Gas 
d' une Guerre, qui surviendroit In Europe, et principalement et nommement sur 
celui : si le Roi de Prusse 1' eut commence, ou qu' il y fut mele seulement, c" est 
ä dire, que si le Roi de Prusse attaque quelqu' un des Allies Communs, alors avec 
quelles tbrces ils pensent a s' y opposei-, tout egalement, que s' Ils jugeront ä 
propos de 1' attaquer a Son tour, avec quels ott'erts ils Se proposent de 1' ett'ectuer. 

Sa Maj.te Imperiale etant egalement resolue de les seconder vigoureusement 
S. E. Mons. r Ambassadeur jugera de Lui meme, combien il est de 1' Interet de 
Sa Cour, de donner sur ce qu' est dessus de tels eclaircissemens que demande 
une affaire de cette importance. 

') Vorläufig, bis ein förmliches Projekt von Seite Oesterreichs vorliegen 
werde, erklärte sich Russland entschlossen, 1. Um Riga in Curland und 
längs der Düna 28 Infanterieregimenter zu formieren, daher 73.132 Mann 
aufzustellen. 2. Von Smolensk gegen die Ukraine drei Corps aufzustellen, 
im Ganzen 111.563 Mann. 3, Um Pleskow 5 Cürassier- und 4 Hussarenregi- 



124 Ado] f Beer. 

zeitig hatten die Verhandlungen mit Frankreich die Wendung genommen, 
dass vorläufig bloss der Defensiv- Vertrag abgeschlossen werden sollte, 
die Durchführung des grossen Planes um so mehr auf das nächste 
Jahr vertagt werden muoste. In Eussland wurde es nicht als De- 
müthigung empfunden, dass Eszterhaz}^ am 22. Mai 1756 den Auf- 
trag erhalten hatte, die russischen Kreise von dem Inhalte der mit 
Frankreich abgeschlossenen Verträge und der geheimen Artikel in 
Kenntnis zu setzen und dieselben aufzufordern, die seit Jahren ab- 
gebrochenen Beziehungen mit Frankreich aufzunehmen, um daselbst 
gemeinschaftlich mit Oesterreich gegen Preusseu zur Beförderung 
der grossen Absichten thätig zu sein, den Beginn des Kampfes 
aber zu vertagen. Hatte doch Russland nur für den Fall zu den 
Waffen greifen zw wollen erklärt, wenn auch Oesterreich sein Heer 
mobil mache. 

III. 
Die französischen Irrungen jenseits des Oceans beschäftigten die 
Aufmerksamkeit des Königs in ähnlicher Weise wie den österreichischen 
Staatsmann, allein während Kaunitz auch die Eventualität in Betracht 
zog, um vielleicht die Aufnahme und Durchführung längst genährter 
politischer Pläne zu ermöglichen, wünschte Friedrich eine Begleichung 
der Differenzen zwischen Frankreich und England, aber mit klarem 
Blicke erkannte er schon in den ersten Stadien des Conflictes die 
Rückwirkung auf die europäischen Verhältnisse. Die Furcht vor einem 
allgemeinen Kriege liess ihn alle erdenklichen Mittel ersinnen, dem- 
selben vorzubeugen. Die Schritte Englands in Wien und in Petersburg, 
namentlich auch die Sendung Williams bestärkten ihn in seiner Ansicht. 
Xur über den Beginn des allgemeinen Krieges war er im Zweifel. 
Da England ohne Mitwirkung Oesterreichs in Europa nicht im Staude 
war. den Krieg zu beginnen, so war wenigstens für die nächste Zeit 
nichts zu befürchten, da die inneren Verhältnisse des österreichischen 
Staates nach den Berichten seines Vertreters in W^ien die Regierung 
voll in Anspruch nahmen. 

mentev, ferner 4500 Mann leichte Cavallerie und einige Dragonerregimenter zu- 
sammenzuziehen. 4. Bei Keval nahezu 8000 zur Einschiffung in Bereitschaft zu 
halten. 5. In Curland 10.510 Mann als Reservecorps aufzustellen. 6. Bei allen 
Truppen befinde sich eine sehr ansehnliche Anzahl der Feld- und schweren Ar- 
tillerie ; alles sei in einem nicht nur zum Marsch, sondern auch zu Kriegs- 
operationen fertigen Stand, dass man gleich nach dem zwischen beiden kaiser- 
lichen Höfen zu erfolgenden Concert den König von Preussen zu Land und zu 
Wasser angreifen kann. 7. Die ganze Flotte werde der Art ausgerüstet sein, um 
die preussischen Küsten beunruhigen und die Festungen bombardieren und blo- 
quiereu z\i können. Kszterhazy am 22. April 1756. . . 



Zur Geschichte des Jahres 1756. )95 

Gerade die Furcht vor einem all<?emeiueu Kriesfe reifte den Plan, 
mit England, welches sich ihm durch den Herzog von ßrauuschweig 
genähert hatte, den Westminster- Vertrag abzuschliessen. Schon Zeit- 
genossen haben den leitenden (iesichtspunkt Friedrichs richtig beurtheilt ^). 
In Paris schien man lauge Zeit geneigt, diesen Schritt nicht als 
einen Absprung von der bisherigen Allianz aufzufassen. Selbst die 
grössten Bewunderer Friedrichs werden jedoch zugestehen müssen, dass 
die Berechnungen des Königs unrichtig waren. Wenn Naude behauptet, 
dass es in den ersten Monaten des Jahres 1756 den Anschein gewann, 
„als sei Preussens Macht und Einfluss ausserordentlich verstärkt worden, 
indem die von allen Seiten es umschliessende Vereinigung Englands. 
Oesterreichs, Russlands und Sachsens sich zu lösen begann, und der 
König eine Zeit lang sich in der Doppelstellung zwischen Frankreich 
und England zu erhalten verstand", so lässt sich hierfür schwerlich 
ein Beweis erbringen. Die ,, Siegeszuversicht", welche aus dem Schreiben 
vom 19. Februar 1756 an den Prinzen von Preussen hervorleuchten 
soll, stützt sich auf die Nachricht, dass man in Wien ungemein bestürzt 
sei, was mit den Thatsachen nicht übereinstimmt. Schon die erste 
Kunde von den zwischen England und Preussen angeknüpften Ver- 
handlungen steigerte an der Donau die Hoffnung, dass es nunmehr 
gelingen könne, die Pariser Kreise für Oesterreichs Pläne günstig zu 
stimmen. Die Annahme Friedrichs, dass England eine Lockerung der 
russisch- österreichischen Beziehungen werde bewerkstelligen können, 
war auch eine falsche, da mau an der Newa den Augenblick nicht 
ei-warten konnte, gegen Preussen loszuschlagen und einige Tage nach 
der Ratification des Vertrags mit England eine hierauf bezügliche 
Anfrasre nach Wien richtete. Von den Stimmungen und Strömungen 
in der russischen Hauptstadt hatte Friedrich keine genaue Kunde. 



') Als Starhemberg von dem Abschlüsse des Westmünstervertrages Kenntnis 
erhielt, schrieb er nach Wien : Dieu veuille que ceta se confirme. (P. S. vom 
22. Januar 1756). Am 7. Februar 1756 meldete er: Ces ministres (Rouille und 
de Sechelles) me dirent ensuite que c' etoit apparement la crainte des trouppes 
Russiennes qui avoit engage le Roi de Prusse a la demarche qu' il avoit de faire, 
que quoique on eut ici tout Heu d' etre mecontent de la fapon on n' avoit nean- 
moins pas grand sujet de s' inquieter pour le fond de la chose, qu' il n' etoit 
guerre possible que cette nouvelle liaison put subsister, qu' on ne voj'oit pas 
r avantage que le Roi de Prusse y trouveroit, et que selon toute apparence, il 
n' avoit cherche qu' ä se niettre h V abri de toute attaque, du cote de la Russie 
et de la pavt de mon Cour, que neanmoins la chose meritoit une attention se- 
rieuse, qu' on ne pouvoit encore ni condamner le Roi de Prusse, ni le justifier, 
mais que tout ce qu' on pouvoit m' assurer c' etoit que 1' on desiroit ä present 
plus que jamais, de s' unir etroitement avec ma Cour et qu' on attendoit a cet 
effet avec beaucoup d' impatience les ordres que je devois recevoir. 



126 A cl 1 f ß e e r. 

Die ehemaligen Partisane eines Bündnisses mit Preussen waren längst 
abspenstig geworden und in das österreichische Lager übergegangen, 
nachdem es gelungen war, dieselben mit klingender Münze und glän- 
zenden Versprechungen für die Zukunft zu gewinnen. Friedrich rech- 
nete auf die Geldkraft Englands, welches zögerte, die käuflichen Personen 
voll zu befriedigen und bloss den Kanzler Bestuschew, dessen Autorität 
längst brüchig war, gewann. Schwerlich kann die Politik des Königs 
als kurzsichtig bezeichnet, auch nicht getadelt werden, dass sie argwöhnisch 
war, aber sie war leichtgläubig und überstürzend. Den aus zweiter 
Quelle einlaufenden Berichten schenkte er vollen Glauben, was jedoch 
insoferne erklärlich ist, als seine Vertreter in Wien die unrichtigsten An- 
gaben über die Absichten des Wiener Hofes seit Jahren nach Berlin sandten, 
von Rüstungen und Befestigungen meldeten, die nur gegen den Nach- 
barstaat gerichtet sein konnten. Nicht minder war es eine Täuschung, 
wenn er infolge der bisherigen Gegnerschaft zwischen Habsburg und 
Bourbon eine Verbindung derselben für nicht wahrscheinlich hielt. 

Am 30. Januar 1756 berichtete Knyphausen zum ersten Male 
von lang andauernden Conferenzen zwischen Starhemberg und Rouille. 
Friedrich hält es am wahrscheinlichsten, dass ein Neutralitätsvertrasr 
hinsichtlich der Niederlande oder eine Vereinbarung geplant werde, 
dass Oesterreich sich einer französischen Demonstration gegen Hannover 
nicht widersetzen werde. Die Initiative ging seiner Ansicht nach von 
Frankreich aus und werde in Wien keinen Anklang finden, üeber 
die in Paris seit einem halben Jahre geführten Verhandlungen war 
das tiefste Geheimnis gewahrt worden. Nach allen Richtungen gingen 
am 10. Februar 1756 die Weisungen des Köuigs, den Dingen auf den 
Grund zu kommen. Die Sachlage erschien ihm bei näherer üeber- 
legung doch gefahrdrohend, aber er hoffte über das Jahr 1756 hinaus- 
zukommen, um mittlerweile alle Vorkehrungen treffen zu können ^). 
Unaufhörlich iDCschäftigen ihn die Beziehungen zwischen Oesterreich 
und Frankreich, er hält auch eine Abrede für möglich, dass sich 
Frankreich in eineu gegen ihn gerichteten Krieg Oesterreichs nicht 
mischen werde -). 

Sein Blick ist nach Petersburg gerichtet. Als Mitchell am 14. Juli 
die erste Audienz hatte, sagte Friedrich: Der Friede werde im laufenden 
Jahre erhalten bleiben; er wolle mit seinem Kopfe dafür haften, be- 
merkte er, als Mitchell in ihn drang, einen Plan zu entwerfen. Aber 
seid ihr der Russen sicher? Mitchell bejahte. So lange England auf 



1) 12. Februar 1756, Band XIII, S. 105. 

2) 14. Februar 1756, Band XIII, S. 107. 



Zur Geschichte des Jahres 1756. 197 

die Politik des russischen Cabinets massgebenden Einfluss ausübte, 
schien keine Gefahr für die Erhaltung des Friedens vorhanden. Die 
Mittheilungen des englischen Gesandten lauteten befriedigend. Bestu- 
schew und die Mehrheit des Conseils hielten au der Verbinduno- mit 
England fest, und Williams gab sich der Hoffnung hin, dass es ge- 
lingen würde, trotz der Gegenwirkung Oesterreichs Russland festzu- 
halten und eiue Verständigung mit Preussen anzubahnen. Friedrich 
musste daher infolge dieser Mittheilung wähnen, dass die Truppen- 
ansammlungen, über die er Kunde erhielt, nur auf (jrund des zwischen 
England und Eussland abgeschlossenen Vertrages erfolgten. Sein 
lebhafter Vi^unsch war nur, dass England ein wachsames Auge auf 
Petersburg habe, da er von der Sendung des französischen Emmissärs 
Douglas unterrichtet war 1). Immer mehr wurde er in seiner Auf- 
fassung der Sachlage bestärkt, dass im laufenden Jahre keine Kriegs- 
gefahr drohe. Knyphausen berichtet über die friedlichen Strömungen 
in Paris, Friedrich wendet sich nach London, die günstige Gelegenheit 
zur Begleichung der Differenzen zu nutzen. Nur die begonnene Chipo- 
tage Frankreichs in Petersburg ist ihm unerklärlich, obgleich er daran 
zweifelt, dass eine Allianz geplant werde ^). 

Dringender wurde die Aufforderung an das englische Cabinet, 
den Anschluss Eusslands an Oesterreich und Frankreich zu hinter- 
treiben, als er aus dem Haag Berichte erhielt, über die oftmaligen 
Zusammenkünfte der Vertreter Frankreichs und Eusslands. Nun schien 
es ihm klar, aus welchem Grunde Oesterreich an England eine solche 
allgemeine und ironische Antwort gegeben hatte und die bereits im 
Mai abgeschlossene Convention mit Frankreich nicht veröffentlichte; 
es wolle erst abwarten, meinte er. bis Eussland mit Frankreich einig 
sei 3). Wenn es aber England nicht gelang, die Bestrebungen Frank- 
reichs und Oesterreichs an der Newa zu hintertreiben, dann mussten 
Massuahmen ergriffen werden, der drohenden Gefahr zu begegnen, und 
zwar die Pforte zu gewinnen, gegen die Kaiserhöfe eine Erklärung zu 
erlassen oder ihnen den Krieg zu erklären. Gelang es England, in 
Petersburg festen Boden zu gewinnen, so war in Deutschland nichts 
zu befürchten *). 

') 25. Mai 1756. 
, 2) An Knyphausen 5. Juni 1756, an den Herzog von Braunschweig vom 
selben Tage. 

*) Der Neutralitäts- und Defensivvertrag wurde den Gesandten am Wiener 
Hofe am 11. Juni 1756 mitgetheilt, nachdem Starhemberg am 30. Mai gemeldet 
hatte, dass die Ratification am 28. erfolgt sei. 

*) An Finkenstein am 7. Juni mit der Bemerkung : le meilleur de tous les 
partis seroit celui de la paix. An Mitchell 8. Juni 1756. 



228 Adolf Beer. 

Die feste Zuversieht des englischen Ministeriums auf seinen Ein- 
fluss in Petersburg erwies sich als nichtig. Die Anzeichen mehrten 
sich, dass Oesterreich den Sieg davon tragen werde und auf den 
Kanzler Bestuschew, der England das Wort redete, auf die Dauer 
nicht zu rechnen sei. Der Verdacht Friedrichs steigerte sich, als 
Mitchell dem Grafen Finkenstein kein Hehl machte, dass er die Ver- 
hältnisse in Petersburg nicht günstig beurtheile und annehmen zu 
müssen glaube, dass WiUiams Schifibruch gelitten habe. Ein englischer 
Courier, der aus Russland kam, meldet von Truppenausammlungen 
zwischen Narwa, ßiga und Mitau und von in Petersburg umlaufenden 
Gerüchten, dass Eussland im Vereine mit Oesterreich den König an- 
greifen werde i). Diese Mittheilungen machten auf Friedrich grossen 
Eindruck. Tags darauf erlässt er die ersten Weisungen an Schlabern- 
dorf, dass er bei den jetzigen kritischen Umständen von Europa, da 
die Gefahr eines ausbrechenden grossen Kriegsfeuers fast überall 
gegenwärtig und vorhanden sei, sich genöthigt sehe, sich in eine 
Positur zur Deckung seines Landes gegen alle feindlichen Anfälle zu 
setzen -). 

Hatte der Rückzug der Russen den König beruhigt, so mussten 
die Nachrichten aus Wien seine Aufmerksamkeit erregen, dass Oester- 
reich allein einen Kampf wagen wolle. Schlaberudorf meldete von 
österreichischen Rüstungen. Sein Gesandter an der Donau hatte in 
den letzten Jahren wiederholt von militärischen Massnahmen berichtet, 
gut unterrichtet war er, wie wir nunmehr wissen, nicht. Klinggräfen 
hat zur Verschärfung des Gegensatzes zwischen den beiden Nachbar- 
staaten ungemein beigetragen und eine richtige Beurtheilung der an 
den beiden Höfen herrschenden politischen Absichten nicht aufkommen 
lassen. Wollte man den von ihm erstatteten Berichten Glauben 
schenken, dann war Krieg gegen Preussen seit dem Aachner Frieden 
der herrschende Gedanke in Wien. Die langjährigen , resultatlosen 
Verhandlungen über die Durchführung des Dresdner Vertrages über 
den Handel und die schlesische Schuld, hatten ohnehin dazu beige- 
tragen, freundliche Beziehungen nicht aufkommen zu lassen. Am 
26. Juni 1756 hiess es nun in einem Berichte Klinggräfens, Alles ge- 
winne den Anschein eines Krieges nur wolle mau den König als 
Angreifer hinstellen ; gleichzeitig bemerkte er, man könne nicht klar 
seheu, woher die Mittel kommen, und meinte, dass Spanien das Geld 
vorschiessen werde. Der Vertreter Preussens hatte wahrscheinlich 



1) Finkensteins Bericht 18. Juni 1756 Pol. Corr. XH. 426. 

2) 19. Juni XII. 432 fg. 



Zur Geschichte des Jahres 1756. 



129 



Kunde erhalten, dass man an der österreichisch-ungarischen Grenze 
zwei Cavallerielager zusammenzuziehen beabsichtige und daran seine 
Combinationen geknüpft ^). Friedrich beurtheilte die Sachlage anders 
als sein Vertreter. Man habe sich, heisst es in einer Weisuno- an 
Kliuggräfen, mit Kriegsvorbereitungen übereilt; dieselben bekunden 
nur die bösen Absichten des Hofes, und es gewinne den Anschein 
dass die Parteien noch nicht eng miteinander verbunden seien. Ich' 
habe Truppenbewegungen ausführen lassen; wenn die Oesterreicher 
sich mit einem Kriege tragen, Avird man ihnen Geburtshülfe leisten; 
wenn sie sich übereilt haben mit ihren Demonstrationen, werden sie 
die Schwerter rasch in die Scheide stecken. An demselben Tao-e, am 
6. Juli 1756, erhielt Klinggräfen die Mittheilung, dass der König drei 
bis vier Eegimenter die Garnisonen habe wechseln lassen, Puebla habe 
darüber seinem Hofe berichtet und wahrscheinlich die Thatsachen über- 
trieben, er habe zu erfahren, welche Eindrücke die Depesche des öster- 
reichischen Gesandten hervorgerufen habe, und ob man bereits in 
Böhmen und Mähren die militärischen Massnahmen vermehre. 

Die .Geburtshilfe" Friedrichs hatte in Wien den ErfoW. 
dass man nunmehr Truppen nach Böhmen sandte. Dies geschah un- 
mittelbar nach dem Einlangen der Puebla'schen Berichte. Dass man 
in Wien in die Nachrichten keinen Zweifel setzte, ist schon daraus 
leicht erklärlich, dass man auch aus Dresden von Lagern berichtete, 
welche der König angeordnet habe und zwar in Schlesien, Magdeburg 
und Pommern. Die Eückberufung preussischer Militärs aus Karlsbad 
zu einer Zeit, als Friedrich sich am Vorabende eines Krieges mit 
Eussland wähnte, wurde in diesem Sinne gedeutet. 

Wir sind gegenwärtig wohl in der Lage, die Berichte, welche 
dem König in den ersten zwei Juli -Wochen zugiengen, auf ihre Rich- 
tigkeit zu prüfen. Ob dieselben dem Sachverhalte entsprechen, konnte 
Friedrich natürlich nicht ermessen. Er nahm auf Treu und Glauben 
an, was ihm aus Wien und anderen Orten übermittelt wurde. Kling- 
gräfen scharrte alle Notizen zusammen, deren er habhaft werden 
konnte. In einem Schreiben, dessen Herkunft, wie der Herausgeber 
des XIII. Bandes der politischen Correspondenz bemerkt, mit absoluter 
Sicherheit nicht mehr festzustellen ist, wird die Anzahl der Kanonen 
und Mörser ziffermässig angegeben. Der Kaiser, der französische Bot- 



*) Derartige jCampement* hatten schon im April und Mai stattgefunden. 
Weisungen des Hofkriegsrath vom 17. April und 6. Mai ; über die Bedeutung 
der zwei Cavalleriecorps an der ungar.-österreich. Grenze (Erlässe des Hofkriegs- 
raths vom 1. und 19. Juni) vergl. Kaunitz an Starhemberg am 18. Juni im 
Anhange. 

Jßttheilungen XVII. 9 



130 



Adolf Beer. 



schafter, die Grafen Kaunitz und Neiperg dringen in die Kaiserin, den 
Moment zu benutzen, um sieh in den Besitz Schlesiens zu setzen. 
Frankreichs und Russlands Mitwirkung sei sicher. Man wähnt einen 
Notizenschreiber zu lesen, der aber von den wirklichen Verhältnissen 
keine Kenntnis hat. Friedrich schenkte jedoch den Angaben vollen 
Glauben, wie aus einem Briefe an den Prinzen von Preussen er- 
sichtlich, da er auch von dem Herzoge von Braunschweig am 12. Juli 
ein Schreiben erhalten hatte, worin von der Absicht Oesterreichs. 
Preussen anzugreifen, Meldung gemacht wurde. 

Dass Friedrich von der jedenfalls eigenartigen Anfrage in Wien 
die endgültige Entscheidung abhängig machen wollte, ob er zu den 
Waffen greifen solle, ist sicher, allein er zweifelte, dass die Antwort 
günstig ausfallen werde, und traf jedenfalls Vorbereitungen, um Oester- 
reich zuvorzukommen. Am 18. Juli war die Weisung an Klinggräfen 
abgegangen, am 20. und 21. liefen zwei Berichte des preussischeu 
Geschäftsträgers aus dem Haag ein, welche bedenkliche Mittheilungen 
enthielten, Auszüge aus einer Depesche des holländischen Gesandten 
in Petersburg, die auf den König Eindruck zu machen nicht verfehlen 
konnten. Swart berichtete nämlich, die beiden Kaiserhöfe seien über- 
eingekommen, Preussen anzugreifen; Russland werde 150.000, Oester- 
reich 80.000 Mann ins Feld stellen, der Angriff sei auf das Früh- 
jahr 1757 verschoben worden, die Ursache des Rückzuges der russi- 
schen Regimenter liege darin, dass man die durch Desertion und 
Krankheit hervorgerufenen Lücken ausfüllen wolle ; Oesterreich bedürfe 
einiger Monate, um die Ausrüstung zu vervollkommnen, die Kaiserhöfe 
seien nicht allein zum Angriffe entschlossen, auch das Bündnis zwischen 
Russland und Frankreich sei gesichert. Der Holländer fügte auch 
einige Angaben über die zwischen dem Wiener und Pariser Cabinet 
abofeschlossene Vereinbarung an. Die Schriftstücke Swarts sind vom 
19. Juni datiert, und damals hatte Oesterreich noch keine kriegerischen 
Vorbereitungen augeordnet. Mit Frankreich war noch keine Verein- 
barung getroffen, da die Weisungen au Starhemberg am 9. Juni ab- 
gegangen, zur Zeit der Abfassung des holländischen Berichts erst in 
Paris eingelaufft waren. Die einzelnen Punkte des üebereinkommens 
zwischen Oesterreich und Frankreich entsprachen dem Sachverhalte 
ebenfalls nicht. Das ganze Complot ist entdeckt und aufgeklärt, 
schrieb Friedrich am 22. Juli an seine Schwester. Er habe alle 
Mysterien entwirrt, schrieb er an Klinggräfen. Die Berichte flössen 
aus so trefflicher Quelle, dass er in die Richtigkeit keinen Zweifel 
setzte. Der Krieg erschien ihm unvermeidlich. Von der Antwort der 
Kaiserin wollte er seine Handlungsweise abhängig machen. Fiel die- 



Zur Geschichte des Jahres 1756. -[^i 

selbe UDgünstig aus, so wollte er das Prävenire spielen, und die in 
den nächsten Tagen von allen Seiten einlaufenden Berichite mussten 
ihn in seinen Ansichten bestärken. 

Auf die Antwort Maria Theresias harrte der König mit be- 
greiflicher Ungeduld. Da die allgemeinen Angelegenheiten, so 
lautete dieselbe, sich in einer Krisis befinden, so habe die Kaiserin 
es als zweckmässig erachtet, für ihre Sicherheit und für die ihrer 
Alliierten Massnahmen zu ergreifen, welche auf Niemandes Nachtheil 
abzielen. Dass Friedrich damals zum Angriffe gegen Oesterreich ent- 
schlossen war, wurde in Wien nicht angenommen. Die eigentliche 
Ursache der preussischen Kriegsrüstungen erschien zweifellos durch 
das Betragen des russischen Hofes gegen England und durch den An- 
marsch russischer Truppen nach Livland veranlasst. , Seitdem die 
russische Kaiserin", heisst es in dem Rescript an Starhemberg vom 
24. Juli 1756, ,auf unsere freundschaftlichen Vorstellungen mit den 
etwas voreiligen Kriegsanstalten innegehalten und ihren Truppen den 
unerwarteten Befehl habe zufertigen lassen, den Marsch nicht weiter 
fortzusetzen, so wisse der König von Preussen diese contradictorisch 
erscheinenden Massnahmen nicht zusammenzureimen, und es ist viele 
Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass er sich nicht leicht durch offensive 
Operationen einen gewissen Krieg zuziehen und uns dadurch in den 
Stand setzen werde, uns auf den casum foederis bei Frankreich und 
Russland wie auch bei den übrigen Alliierten berufen zu können " i). 
Die Kaiserin vermied es auch, bei der Klinggräfen, dem preussischen 
Gesandten in Wien, ertheilten Audienz sich in irgendeine Erörterung 
einzulassen und die Gegenfrage zu stellen, gegen wen die Kriegs- 
rüstungen Preussens gerichtet seien. Denn man gieng von der Ueber- 
zeugung aus, dass der König keinen Anstand genommen haben dürfte, 
die förmliche Erklärung abzugeben, dass er nichts Feindliches unter- 
nehmen, sondern seine Kriegsveranstaltungen abändern wolle, wenn 
von österreichischer Seite das Gleiche geschehe '^). Auch dem Gedanken, 
schon damals sich an Frankreich zu wenden, um von demselben für 
den Fall eines Kampfes die versprochene Hülfeleistung anzusuchen, 
glaubte man nicht Folge geben zu sollen, und zwar aus dem Grunde, 
weil, wenn die Verhandlungen über den geheimen Vertrag mittler- 
weile bereits zum Abschlüsse gekommen wären, man ohnehin auf die 
Mitwirkung Frankreichs rechnen konnte, im widrigen Falle aber be- 
fürchtet wurde, dass sich Frankreich an den Buchstaben des Defensiv- 



•) Eine von Lehmann nicht abgedruckte Stelle des Rescripts. 
-) Rescript an Starhemberg, Schlosshof 11. August, bei Lehmann S. 122. 

9* 



^32 Adolf Beer. 

Vertrages halten und zunächst seine guten Dienste anbieten, daher den 
nämlichen Weg einschlagen würde, welcher dem Könige von Preussen 
am allerangeuehmsten wäre, da dieser nichts anderes wüuschen dürfte, 
als auf eine glorreiche Art zur Sprache zu kommen und sich aus seiner 
dermaligen Verlegenheit herauszuziehen i). Endlich war auch die Er- 
wägung massgebend, dass selbst wenn der König das Versprechen 
geben würde, die Küstungeu einzustellen, dies nichts Anderes als bloss 
den Aufschub des Anmarsches, wozu er dennoch vorbereitet verbliebe, 
zur Folge hätte -). 

Man entschloss sich, die Gelegenheit zu nutzen, um die Küstuugen 
weiter fortzusetzen. Bis Anfangs Juli hatte sich Oesterreich lediglich 
darauf beschränkt, zwei Cavallerielager an der österreichisch-ungarischen 
Grenze zusammenzuziehen ^). Als man in den ersten Tagen Juli durch 
die Berichte Pueblas von preussischen Kriegsrüstuugeu Kunde erhielt, 
auch einige intercipierte Schreiben des Königs in die Hände des 
österreichischen Cabinets gekommen waren, worin von der Ausrüstung 
einiger schlesischer Festungen gesprochen ward, wurde eine Commissiou 
zusammengesetzt, welche sich mit den Vorkehrungen gegen einen 
etwaigen preussischen Anfall beschäftigen sollte *). 

') An den Grafen Starhemberg, 24. Juli 1756. Vergl. den Bericht Flemmings 
Pol. Corr. XIII. S. 210. 

'') Postscript vom 12. August 1756 an Starliemberg. 

3) Rescript an Starhemberg vom 18. Juni im Anhange. 

■») Vergl. Lehmann. — Die erste Depesche Puebla's ist vom 26. Juni 1756 
datiert ; sie lautet folgendermassen : Tres eloigne de vouloir donner des fausses 
alarmes, je sens bien qu' elles n' aboutiront qu' ä des simples demarcations que 
le Roy fait pour complaire k V Angleterre sur le meme pied qu' il a fait souvent 
dans la demiere guerre en faveur de la France, cependant il est certain que ce 
Prince ne discontinue point d' augmenter son armee la quelle il cherche ä porter 
sur le pie de 2ü0"' hommes et on dit avec quelque probabilite qu' entre ici et 
le lei' d" Aoüt il formera neuf nouveaux Regimens d' Infanterie de deux Bataillons 
chacun, savoir cinq en Prusse et quatre en Silesie; cette augmentation ä faire 
a la fois surpasse presque 1' imagination, et si eile a Heu et la force qu" on dit, 
je compte que les nouveaux bataillons qu' on a formes et qu' on forme depuis 
un an et au delä y serout compris et que 1' ordre doune aus Regimens d" etre 
moins scrupuleux pour la taille des Recrues, vise ä en faciliter les levees. 

On parle egalement et generalement des deux Corps d' Observation, qui 
pendant cet ete encore doivent s' assembler 1' un de 50'" hommes entre Francfort 
sur 1* Odre et Breslau, et 1' autre beaucoup plus inferieur au premier compose 
de la plus part des troupes qui sont en Westphalen et dans le Fays de Magde. 
bourg dans le voisinage de Cleves ou de Minden. II est au moins certain, que 
tous les congedies de la Garnison de Potsdam indistinctement ont ete rappeles, 
et que les Regimens de celle de Berlin ont eu ordre de rappeler les plus eloignes ; 
les conseillers Provinciaux ont eu ordre rigoureux d' avoir tous les soins imaginables 



Zur Geschichte des Jahres 1756. J3^ 

Am 9. Juli wurde der Bescbluss gefasst, sich in eine «vigouröse* 
Vertheidigung zu setzen. Die in Böhmen und Mähren befindlichen 
Truppen erhielten den Befehl, bestimmte Lager zu beziehen und sich 
durch die nächstgelegenen Eegimenter zu verstärken i). Man glaubte, 
dass man binnen kurzer Zeit dem König eine Armee von 50.000 Mann 
und im Monate September von 80.000 bis 90.000 Mann werde 
entgegenstellen können. Die gesammten Cavallerieregimenter , nach 
dem Friedensfusse zu 800 Mann gerechnet, waren an Maunsehaft 
und Pferden ganz complett, und man beabsichtigte, dieselben sobald 
als möglich auf den Kriegsfuss, zu 1000 Mann und Pferd gerechnet, 
zu setzen. Zum Ankauf von Rimontpferden waren bereits alle An- 
stalten getroöen. Im Falle der Noth beabsichtigie man auch mehrere 
Eegimenter Infanterie und Cavailerie aus Siebenbürgen, dem Banat 
und Slavonien, dann aus Italien ein Corps von 10.000 Mann und ein 
anderes aus den Niederlanden, 10.000 bis 12.000 Mann, heranzuziehen, 
wodurch das gesammte zur Verfügung stehende Heer sich auf 100.000 
Mann belaufen hätte -). 

chacun dans son district des chevaux d' Artillerie et du train des vivres, äfin 
qu* ils puissent venir aux rendez-vons marques aussitot que 1" ordre en par- 
viendrait. 

Am selben Tage meldete Paebla in einer Nachschrift, dass an Keith und 
Schmettau, sowie an andere Offiziere, welche sich damals in Karlsbad befanden, 
Weisungen ergangen seien, zurückzukehren; in einem chiffrierten Schreiben vom 
26. Juni, dass Württemberg Infanterie in 6 Tagen ihren Marsch antreten soll, 
die ganze Berliner Garnison werde folgen und vereint mit den Truppen aus 
Pommern ein Lager zwischen Stettin und Danzig bilden, um 30.000 Russen zu 
beobachten, die sich im Marsche befinden. Am 29. Juni meldete Puebla von 
Gerüchten in der Stadt, dass Rüstungen in Böhmen und Mähren, sowie russische 
in Livland den König, bewegen, Vorsichtsmassnahmen zu treffen, et peut-etre 
ä prevenir T une ou 1' autre Puissance qui songeroit ä le troubler. Man sprach 
auch von 4 Lagern zwischen Frankfurt a. d. Oder, in Magdeburg, Köslin und 
Minden. 

Auch in den späteren Berichten aus den ersten Julitagen ist von Truppen- 
märschen die Rede, hervorgerufen durch die gewaltigen Ansammlungen in Böh- 
men und Mähren. Je conviens avec toutes les personnes sensees, heisst es in 
der Sprache vom 1. Juli 1756, qu' il n' y a pas seeuement un motif aparent pour 
justifier en tout cas un coup aussi temeraire, qui ne devroit etre attribue qu' aux 
inquietudes que notre traite avec la France, et 1" etroite intelligence, qu' on suppose 
regner entre les Cours de Vienne et de Petersbourg lui causent. Am 17. Juli 
1756 meldete Puebla, Winterfeld solle dem Könige Vorstellungen gemacht haben. 
Friedrich aber habe geantwortet, er habe genaue Kenntnis, dass die Höfe von 
Wien, Versailles und Petersburg eine Vereinbarung getroffen haben, über ihn her- 
zufallen und Schlesien zu nehmen. 

') 10. Juli 1756 an Starhemberg; dass Tags zuvor der Beschluss gefasst 
wurde, entnehme ich einer Weisung an Starhemberg vom l'j. Sept. 1756. 

-) Dem Originalrescript an Starhemberg vom 24. Juli entnommen. 



134 Adolf Beer. 

Nach dem ursprünglichen Plane des Grafen Kaunitz war der Be- 
ginn des Kampfes für den März 1756 in Aussicht genommen, aber 
auf das nächste Jahr vertagt worden. Ehe an Rüstungen geschritten 
werden konnte, musste der geheime Vertrag mit Frankreich zum Ab- 
schlüsse gelangt sein *), denn man erwartete von Frankreich jedenfalls 
für die Durchführung des grossen Planes die erforderlichen Geldmittel. 
Man berechnete die nothwendigen Summen, von dem Ordinarium ab- 
gesehen, auf 12 Millionen, die, wie es in einer Zuschrift au Starhem- 
berg heisst, ohne Hülfe nicht aufgebracht werden könnten. Vier 
Millionen waren allerdings durch Errichtung einer Lotterie auf- 
genommen worden, die für die Ausführung des Vorschlages bereit 
gehalten wurden ^). Hierin liegt wahrscheinlich die Erklärung, dass 
Starhemberg bei den Verhandlungen im Sommer 1756 von Frankreich 
acht Millionen forderte. Diese in Bereitschaft liegenden Summen 
standen nun zur Verfügung; die Stände zeigten grosse Opferwilligkeit 
und machten sich zur Aufnahme von Anlehen im Betrage von über 
zehn Millionen anheischig. Die Ausführung des geheimen Vorschlags 
wurde damals nur dann beabsichtigt, wenn man „alle Wahrscheinlich- 
keit eines glücklichen Erfolgs vor sich sehen würde und das zu ver- 
abredende Concert dergestalt beschaffen fände, als es die Grösse der 
Unternehmung und die ansehnliche Kriegsmacht des Königs erfordern 
würde." Dieselbe konnte, wie man in Wien annahm, bis auf 200.000 
Mann gebracht werden, wovon der grösste Theil gegen Oesterreich und 
nur ein Corps von 50.000 Mann zur Verwendung gegen Russland kommen 
wird. Starhemberg meldete im Juli, dass man in Paris den grossen Plan 
ernstlich wolle. Die Möglichkeit, dass die Vereinbarung zu stände komme^ 
war daher vorhanden und in diesem Falle konnte von der Defensive zur 
Offensive übergegangen werden. Starhemberg wurde angewiesen den 
Franzosen ins Gewissen zu reden, die schöne und erwünschte Gelegenheit 
zu nützen, nicht nur den Krieg gegen England ohne Gefahr auf der Land- 
seite zu führen, sondern sich auch wichtige und wesentliche Vortheile zu 
verschaffen. Bisher hatte man die Mitwirkung französischer Truppen bei 
einem Angriffskriege gegen Preussen als conditio sine qua gefordert, nun 
zeigte man sich befriedigt, falls Frankreich eine vierte Armee Dicht zur 
Verfügung stellte, wenn es wenigstens England, Holland und die protestan- 
tischen Fürsten von jeder Hülfeleistung abhalten und zur Formierung 
einer ansehnlichen dritten Armee alles Erforderliche beitragen würde, 
Avas zur Ausführung des grossen Vorhabens unbedingt nothwendig sei^). 

') Vergl. die Weisung vom 22. Mai 1756 an Eszterhazy bei Scliulenbiug 
a. a. 0. S. 37, wo aber der Wortlaut nicht vollständig wiedergegeben ist. 
'^) An Starhemberg 6. März 1756. 
3) An Starhemberg 24. Juli 1756. 



Zur Geschichte des Jahres 1756. 135 

Als Friedrich die zweite Anfrage an Maria Theresia stellte, hatte 
man über den Fortgang der Verhandlungen in Frankreich noch keine 
Nachrichten erhalten. Man war daher vorläufig auf die eigene Kraft 
augewiesen, wenn Friedrich die Feindseligkeiten eröffnete. Man ent- 
schloss sich zum Kampfe ; ohnehin musste es nach reiflicher üeber- 
legung früher oder später zu einem Kriege mit Preussen kommen. 
Gegenwärtig war Friedrich der Angreifer und mau konnte daher 
infolge der Verträge mit Frankreich und Kussland auf die versprochene 
Hülfeleistuug rechnen. Es kam nur darauf an, Zeit bis in den Winter 
zu gewinnen. Im ärgsten Falle musste man sich auf den Verlust 
einer Schlacht und eines grossen Theiles des Königreiches Böhmen 
gefasst machen, allein man hoffte, dass dies nur „temporale Nach- 
theile * sein dürften, da bei eiuem künftigen Frieden allem Vermuthen 
nach kein Länderverlust zu besorgen sei, wogegen, wenn Schlesien 
wieder erobert würde, der gefährlichste Feind geschwächt, der Ruhe- 
stand uud die Wohlfahrt des Erzhauses befestigt sein würde und mit 
aller Wahrscheinlichkeit gehofft werden könnte, folglich ein zeitweiliger 
Schaden gegen einen immerwährenden uud unschätzbaren Vortheil in 
die Wagschale zu legen sei i). 

Bei dem an Klinggrafen ertheilten zweiten Memoire hatte man 
,zwei wichtige Objecte sorgfältig vor Augen", entweder den König 
, zum Angressor zu macheu * und sich die Hülfe Russlauds und Frank- 
reichs zu sichern, oder für den Fall, wenn Preussen in diesem Jahre 
ruhig bleibe, wegen der künftigen mit Russland und Frankreich zu 
concertierenden Massnahmen freie Hände zu behalten. Zugleich sollte 
vermieden werden, „ Ihrer Majestät allerhöchstes Werk keinem Vorwurfe 
einer Unwahrheit auszusetzen ", deun in der ersten an Klinggräfen gege- 
benen Antwort konnte mit Wahrheit versichert werden, dass die Kriegs- 
anstalten nur auf die eigene und der Alliierten Sicherheit und keines- 
wegs „auf Jemands Präjudiz'' abzielen. Nicht weniger richtig war es. 
dass zwischen üesterreich und Russland noch kein Offensivbündnis 
bestehe. Was für das künftige zu geschehen habe, kounte mit Still- 
schweigen übergangen werden, ohne von der Wahrheit abzugehen. 
„Allein dies sei der Hauptzweck, den der König von Preussen habe 
wissen wollen und da er diesfalls keine Versicherung erhalten, so 
stehe fast nicht zu zweifeln, dass er innerhalb wenigen Tagen zu den 
Waffen greifen werde und einen grossen Vortheil haben werde" -). 



>) An Starhemberg 22. August 1756. Vergl. Arneth IV. 485. An Eszterhazj 
22. August 1756. 

^) An Eszterhazy 22. August 1756. 



136 Adolf Beer. , 

Die Berechnungen des Grafen Käunitz trafen zu. Friedrich zog 
das Schwert aus der Scheide. Der Einfall nach Sachsen erfolgte. 
Schon Zeitgenossen haben den Entschluss des Königs, seinen Gegnern 
zuvorzukommen, nicht gebilligt. Sein getreuer Podewils rieth drin- 
gend ab. 

Hertzberg fasste sein Urtheil über die Politik Friedrich folgender- 
massen zusammen: „Auf geheime und wahrscheinliche Nachrichten 
gestützt, glaubte der König im Juni (1756), dass der Moment gekommen 
sei, in dem die Höfe zu Wien, Petersburg und Dresden den Plan, 
welchen sie vereinbart, auszuführen und ihn zu Anfang des Jahres 
1757 anzugreifen gedächten. Es steht fest, dass diese Pläne bestanden; 
aber da sie nur eventuelle waren und der Bedingung unterlagen, dass 
der König Veranlassung zu einem Kriege gäbe, wird es problematisch 
bleiben, ob diese Pläne jemals ausgeführt würden, oder ob die grössere 
Gefahr die gewesen ist, ihre Verwirklichung zu erwarten oder der- 
selben zuvorzukommen". Hertzberg irrte in der Annahme, dass die 
Pläne nur eventuelle waren und der Bedingung unterlagen, dass Fried- 
rich selbst die Veranlassung zu einem Kriege geben würde. Die Ge- 
schichtsschreibung hat fast durchweg die Ansicht vertreten, dass Fried- 
rich nicht anders handeln konnte, nachdem er die Ueberzeugung ge- 
wonnen zu haben glaubte, dass eine gewaltige Coalitiou gegen ihn im 
Bilden begriffen sei. Ranke, der zum ersten Male das Berliner archi- 
valische Material zu benützen in der Lage war, hat in seiner licht- 
vollen Darstellung die Gesichtspunkte in objektiver Weise dargelegt, 
welche den König leiteten. Die betreffenden Bände der politischen 
Correspondenz Friedrichs' schienen die Auffassung der grossen Geschichts- 
schreibers zu bestätigen, und Koser ist in seinem Werke mit Benützung 
der veröffentlichten Schriftstücke zu denselben Ansichten gelangt, wie 
sein Meister. 

Die Schrift Lehmanns wirft die bisherige Auffassung über den 
Ursprung des siebenjährigen Krieges über den Haufen. Nicht mit 
Erfolg. Seine Arbeit wird nur insofern Werth behalten, als er den 
stringenten Nachweis geliefert hat, dass Oesterreich erst seit dem Juli 
gerüstet hat. Auch die gewiss geistreiche Abhandlung Dellbrücks in 
den Preussischen Jahrbüchern hält bei einer kritischen Prüfung nicht 
Stich. Ein Bild von überwältigend furchtbarer Grösse soll Friedrich 
nach der Zeichnung Dellbrücks sein, aber es ist doch nicht Aufgabe 
des Geschichtsschreibers einen Mann grösser zu machen als er wirklich 
ist. Friedrich hat es auch nicht nöthig, dass Versuche gemacht werden, 
seine Bedeutung höher zu schrauben und die Fehler zu verkleistern, 
die er beffangceii haben luacj. 



Zur Geschichte des Jahres 1756. 137 

Ein österreichischer Militär des 18. Jahrhunderts hat über den 
Einfall in Sachsen folgendes ürtheil gefällt: „Menace' pas nne ligue 
formidable qui se forme contre lui, Frederic ne voit autres nioyeus 
que d' attaquer successivement ses ennemis. La Saxe comme le plus 
proche du centre de ses etats et celle qui pouvoit lui procurer les plus 
avantages dans le Cours de la guerre tant par sa richesse pour V en- 
tretient de ses armees que par sa Situation qui le mettoit en etat 
d'embrasser ou d' attaquer de tous cotes les etats de la maison d' Au- 
triche i). Ich glaube nicht zu irren, wenn ich behaupte, dass ein 
unbefangenes Studium, von vorgefasster Meinung nicht getrübt, zu dem- 
selben Ergebnisse gelangen wird. 

Anhang. 
I. 

Le 11. May 17 56. 
Ajoute ä la derniere reponse du ßoi Tres Chretien. 
(Vergl. S. 11.5). 

Sa Majeste Tres Chrelienne et SaMajeste rimperatrice Reine d' Hougric 
et de Boheme, en desirant d' assurer par des traites 1' union et la parfaite 
intelligence heureusement etablies entre Elles, ont eu principalemeut en 
vue de se precautionner contre leurs ennemis, et de prevenir tous les cas, 
qui pourraient un jour allumer une guerre generale, soit ä la mort des 
rois d' Espagne, et de Pologne, soit ä V ofcasion des limites des Etats 
respectifs des Cours de France et de Yienne. 

Le Systeme que viennent d' etablir Leurs dites Majestes doit etre 
un jour, s' il est bien suivi, le plus ferme soutien de la vraie religion, 
de la liberte germanique et du repos de V Europe entiere. 

Ce grand ouvrage n a pu s' elever et il ne saurait desormais se per- 
fectionner ni s' achever, que par la confiance pleine et entiere des deux 
cours. C est pourquoi Sa Majeste Trös Chretienne croit devoir ajouter 
ä sa derniere reponse des eclaircissements et des reflexions. 

La tendresse du roi pour ses enfants n' est pas 1' unique source du 
desir qu' il a de procurer un etablissement plus assure au Serenissime 
Infant D. Philippe. 

La crainte qu' il ne s' eleve un jour des disputes fächeuses entre 
les deux cours par rapport aux stipulations du dernier traite d' Aix la 
Chapelle qui coucernent les etablissements des Infants d' Espagne en Italic, 
est le motif qui presse le plus Sa Majeste T. Ch. de traiter de V echange 
des Etats de Parme, Plaisance et Guastalle et ce sont les premiöres pro- 
positions faites au mois de Septembre par Sa Majeste 1' Imperatrice, qui 
ont donne au roi 1' idee de choisir de preference une portion des Pays- 
Bas pour parvenir au dit echange. 

L' offre qui fut faite en meme temps, de remettre entre les mains 
de Sa Majeste les villes d' Ostende et de Nieuport fixa principalemeut 



') Aus dem Papieren Chastelers im Kriegsarchiv. 



■j^ß«^ Adolf Beer. 

r attention du roi sur la cöte maritime des Pays-Bas dans la vue d' en 
tirer des secours contre la Cour Britannique qui doit etre regardee au- 
i ourd' hui comme la seule et veritable ennemie de la France. 

Mais comme Sa Majeste 1' Imperatrice en explication des premieres 
propositions faUes au mois de Septembre vient de s' ouvrir entierement 
öur le des sein oü eile est de recouvrer la Silesie et le comte de Glatz, 
et que pour executer ce gi'and projet, Elle a besoin du concours et des 
secours de Sa Majeste Tres-Chretienne ; il a paru necessaire au ßoi d' entrer 
sur cet article dans un plus grand detail, afin de donner plus d' activite 
ä la negociation. 

p. Sa Majeste 1' Imperatrice ayant cede solemnellement la Silesie 
et le Comte de Glatz au Eoi de Prusse, le recouvrement de ces Provinces 
doit etre regarde par Elle comme une nouvelle acquisition, et un aggran- 
dissement reel, qui par son importance et sa Situation ne peut etre mise 
en paralelle avec la possession des Fays-Bas, dont plus grande partie du 
domaine se trouve actuellement allienee. 

2°. II ne serait ni juste ni reciproque que le Eoi en renon^aut a 
l'alliance de la Cour de Berlin et procurant ä Leurs Majestes Imperiales 
des avantages presents, ne retirät lui-meme que des avantages futurs et 
indirects de la renonciation de la Cour de Vienne ä V alliance de 1' An- 
gleterre. 

30. Par le meme pi'incipe de justice et de reciprocite, il parait in- 
dispensable que les places qui seront confiees au Koi pour la sürete des 
sommes qu' il sera tenu d' avancer et des interets des dites sommes, soient 
choisies de preference parmi les villes Maritimes du Comte de Flandres 
afin que S. M T. Chr. trouve aumoins dans son alliance avec Sa Majeste 
r Imperatrice une partie des resources contre les Anglais qu' Elle est bien 
aise de procurer ä la Cour de Vienne contre les Puissances dont cette 
Cour peut avoir le plus ä craindre. 

Ainsi pour prevenir tous les differends qui ne manqueraieut pas de 
naitre un jour de 1' echange propose dans les Pays-Bas, et pour couper 
d' un seul coup la racine de toutes les dissentions qui pourraient renverser 
le .Systeme d' union etabli entre les deux cours, il pavait indispensable 
que Leurs dites Majestes conviennent par les ai-ticles preliminaiies du 
traite secret et aux conditions proposees, d' une cession ouverte de tous 
les Pays-Bas possedes par 1' Imperatrice Keine et de tous les territoires 
sur lesquels il y a, ou peut y avoir contestation entre Leurs dites Majestes, 

Le seul reglement des limites de la portion des Pays-Bas, qu on 
echangerait avec les trois Duches possedes par 1' Infant serait sujet a des 
longueurs et u des difficultes, auxquelles les deux cours ont un interet egal 
de ne point s'exposer; l'amitie sincöre qui les lie et la haine politique 
qui les eclaire, exigent egalement qu' Elles s' arrangent sur de grands objets 
et qu' Elles ne laissent subsister dans leurs arrangements aucune Opposition 
d' interets ni aucuti germe de division. 

Le recouvrement de la Silesie est un objet si capital pour Sa Majeste 
r Imperatrice, qu' Elle ne doit pas balancer ä ceder au Roi ä des con- 
ditions raisonnables et acceptables la totalite des Pays-Bas : C est pour 
ce seul arrangement que les deux cours parviendront ä egaliser les avan- 
tages reciproques, qu' I]lles ont raison d'attendre: et qu' Elles doivent 



Zur Geschichte des Jahres 1756. 139 

retirer de leur union intime, et de 1' etablissement d' un nouveau Systeme 
politique. 

Pour cet efifet Sa Majeste 1' Imperati'ice ne sauvait trop tot remettre 
au Roi r etat des sommes qu' Elle compte repeter annuellement pour la 
cession des Pays-Bas, et du produit et des charges des dits doraaines. 

Sa Majeste 1' Imperatrice fera ensuite V usage qui lui conviendra des 
dites sommes et S. M. T. Chr. se chargera de procurer de Y aveu des cours 
de Madrid, de Naples et de Parme, un etablissement eonvenable et un 
juste dedommagement au Serenissime Infant pour les Etats qu' il possede 
en Italic, les quels seraient cedes ä Sa Maj. 1' Imp. et entreraient pour 
leur vaieur dans le prix de la vente ou cession des Pays-Bas, bien 
entendu, que pour la sürete des sommes convenues, il serait remis des 
places ä S. M. T. Chr. et par preference des places maritimes, et bien 
entendu aussi, que la vaieur des dites places serait une sürete süffisante 
de la vaieur des sommes couvenues et des interets des dites sommes. 

S. M. T. Chr. n' etant reellement assistee par aucune Puissance dans 
la guerre presente avec 1' Angleterre, est obligee t\ de grands fraix tant 
pour r entretient des armees qu' eile employe ä la defense des cötes de 
son Eoyaume, et de ses possessions dans le nouveau monde, que pour la 
reparation et V augmentation de sa Marine. 

Le Eoi espfere donc que S. M. 1' Imp. ne lui proposera dans la re- 
daction des articles preliminaires du traite secret que des conditions 
compatibles avec la depense de la presente guerre, sans quoi malgre le 
desir sincere que S. M. T. Chr. aura toujours de se preter aux desirs de 
la Cour de Vienne, il ne lui serait pas possible de sacrifier ä des vues 
de simple convenance ce que sa gloire exige d' Elle, et ce que son amour 
paternel pour ses peuples lui prescrit; dans des circonstances oü Elle re^-oit 
tant de preuves de leur zele et dans un temps oü Sa dite Majeste a de 
si justes motifs de soulager leurs besoins. 

J'ai copie mot ä mot tout cet ajoute ä la derniere reponse du U. 
T. Chr, tel qu'il m' a ete diele par Mr. 1' Abbe Comte de Bemis, lui en 
ayant ensuite fait la lecture et 1' ayant demande si ce que j' avais ecrit 
etait conforme a ce que le Roi 1' avait charge de me dicter, il m' a re- 
pondu qu'oui. Fait a Versailles. 

Ce 13. de Mai 1756. 
P. S. 2. J' ai eu, depuis que ma depeche est achevee encore une 
longue conversation avec 1' abbe de Bemis qui m' a parle beaucoup plus 
favorablement que la derniere fois sur le point du plus grand afiai- 
blissement de la puisance du ßoi de Prusse ; il m' a meme dit, 
qu' il connaissait tres-bien qu' il etait de notre interet d' insister sur ce 
point et qu' il se mettait ä cet egard entiörement ä notre place ; mais 
qu' il ne s' agissait que de lui donner des moyens de faire entrer le Koi 
et les Ministres dans nos idees et qu' il etait ä cet effet de necessite in- 
dispensable que nous nous expliquassions precisement sur cet article et 
tissions connaitre quel serait le partage que nous pourrions faire des 
provinces qu' on enleverait au Eoi de Prusse de quel pretexte on se ser- 
virait pour justifier ce depouillemant et quelle serait la portion des ses 
etats qu' on lui laisserait. 



140 Adolf Beer. 

II. 

Kaunitz an Starhemberg. 

Vienne, le 19 May 1756. 

J'ai ete bien aise, par bien des raisons, mon eher Comte, que vous 
soyez parvenu a signei' enfin notre traite attendu, que si on avait hesite 
sur cet objet, sur lequel assürement il y avait plus ä penser pour nous 
que pour la France, j' aurais eü naturellement bien de la peine ä me 
flatter de plus grandes idees, et beaucoup plus encore, ä empecher que 
d'autres ne perdent entierement courage et ne desesperent de pouvoir 
Jamals rien faire de grand et de solide avec la cour, oü vous etes. Pour 
de grandes choses il faut de grands moyens, et point de minuties; il 
est question de savoir, si la France veut profiter d'une occasion, qu'elle 
ne retrouvera peut-etre jamais, il ine semble, que 1' on ne devrait pas 
meme balancer sur ce sujet et cela supose, il s'ensuit, que voulant la 
chose. et sachant aujord 'hui ü quelles conditions eile est possible, et 
point autrement, on devrait, sans tarder davantage s'expliquer rondement, 
et point a deux fois sur ce que V on veut ou ne veut pas, il n' y a que 
cette methode, qui vaille avec nous, sur le pied de convenances justes, et 
reciproques il n'y a rien, que nous ne soyons capables de faiie, et en 
meme temps nulle idee quelconque, que nous ne soyons egalement capables 
d' abandonner, dez que nous verrons, qu'elle ne peut point aller sur le pied, 
dont je viens de faire mention et qui est le seul, auquel nous donnerons 
jamais les mains. Le Ministere fran^ais devrait un peu se mettre ä la place 
des gens, et ne point oublier qu'il faut s'entreaider dans la vie. 

Je desire fort aussi, que l'on n'imagine pas, oü vous etes, d'en user 
ä l'avenir ä notre egard, que comme avec un Allie de passage, passes 
moi le terme, je crois, que vous m'entendrez. K^ous nous regardons, 
comme entierement livres au parti, que nous avons pris, et je vous reponds, 
que nous nous conduirons en consequence, que nous ne ferons pas les 
choses ä demi; et qu'il n'y aura certainement rien de louche dans nos 
procedes: mais je vous avertis en meme temps, que nous exigerons aussi 
une conduite parfaitement reciproque de la part de notre nouvel allie, et 
je vous prie d'in.sinuer et de faire comprendre, combien il Importe, que 
r on s' occupe serieusement et de bonne foi de tous les moyens propres ä 
nous donner de la confiance dans notre nouvelle alliance. 

III. 

Kaunitz an Starhemberg.' 

ce 18 Juni 1756. 
D' apres tout ce qu' on vous a dit par le dernier Courier, vous ne 
douterez pas, M', que nous ne voulions toujours serieusement le grand 
objet, que nous avons propose ä la France : mais je vous repete, que nous 
ne la croyons point aussi deciilee lä dessus, que nous le sommes. Cela a 
du natm-ellement nous engager ä songer ä des conditions propres ä assürer 
une pareille entreprise, necessairement accompagnee d' embarras et de dan- 
gers. Celle, d'3' interesser, ou plut(»t envelopper la France, comme partie 
princlpale, est entre autres de cette espece. J'imagine qu'elle en sera un 
lieu effarouchee, parceque cela se trouve etre tres oppose ä l'esprit et aux 



Zur Geschichte des Jahres 1756. \±-t 

vues des ditierents ecrits, qu' eile nous a donnes jusqu' ici, et il se pourrait 
aussi, que ses forces de terra ne fussent pas actuellement encore assez 
considerables, pour qu' eile püt mettre en campagne 1' armee. que nous lui 
demandons. Mais quelque raison que l'on puisse avoir, pour ne pas vouloir 
s'engager ä une pareille mesure, il sera toujours necessaire d'y insister, 
tant et aussi longtemps, que nous ne trouverons pas la France decidem- 
ment disposee ä vouloir la chose, ä ce seul point pres, de la meme fa^on, 
que nous la voulons, et qu'elle nous convient. Ce n'est donc, que dan« 
ce cas, que vous pourriez, M^' faire entrevoir comme de vous meme, que 
nous ne chicannerons jamais sur des mots, ni nous ne attacherons preci- 
sement ä une condition dez qu' on pourra la remplacer par une autre, qui 
ferait le meme effet, et serait plus agreable ä celle des deux parties, qui 
aura ä la remplir, en un mot il y aura moyen de s'entendre, döz qu'on 
le voudra aussi serieusement a Versailles qu'on le veut ici. 

Au reste on vous a dejä informe Monsr. que le roi de Prusse fait 
des preparatifs qui denotent 1' ombrage, qu' il coni-oit de notre alliance, et 
surtout de la vivacite, avec la quelle les Busses fönt des armemens extra- 
ordinaires. II nous Importe grandement, de nous mettre ä l'abri de toute 
surprise; mais nous concevons en mt5me temps, qu'il est de la prudence, 
de ne point augmenter plus qu'il ne le faut absolument, les inquietudes 
de ce dangereux voisin. Pour eviter l'une et 1' autre extremite, il a ete 
resolu, de nous borner ä des arrangemens, qui ont dejn ete pratiques 
plusieurs fois depuis la paix d'Aix la Chapelle, et par consequent nous 
nous bonerons quant ä present ä deux Camps de Cavallerie sur les confins 
de la Hongrie vers ici, pour rassembler une bonne partie des regimens^ 
qui se trouvent disperses dans ce Royaume, afin de pouvoir les faire 
marcher en Boheme, ou il n' y en a pas assez, au cas que vers . l'Automne 
le roi de Prusse voulut nous attaquer. 

II n'y a rien dans cette disposition, qui puisse donner raisonnable- 
ment des inquietudes au roi de Prusse, ni ä qui que ce soit puisque 
cela est d' usage depuis plusieurs aunees, comme je vous F ai dejä fait 
remarquer. Nous somment cependant bien aises, de donner ä cette occasion 
une nouvelle marque de confiance au roi T. Ch. en lui faisant part de la 
resolution que leurs Majestes Imples. viennent de prendre, et des motifs, 
qui les y engagent, et vous aurez, Monsieur, ä en instruire Messieurs 
de Rouille et de Bernis de la maniere que vous jugerez la plus con- 
venable. 

Nous savons aussi que le roi de Prusse fait tout ce qu'il peut, pour 
engager la cour de Londres, ä accorder des subsides aux cours de Dresde 
et de Munic, et ä employer le verd et le sec pour seduire la Russie ; nous 
savons egalement, que 1' on cajole beaucoup M^" de Valory. 

Vous ferez de ces notions 1' usage, que vous croirez pouvoir en faire. 

IV. 

Starhemberg an Kaunitz. 

Paris le 18- Juni 1765. 

J'ai täche dans 1' Intervalle qui s'est passe depuis le depart 

de mon susdit Coun-ier du 13. de Mai et nommement depuis la publi- 



142 



Adolf Beer. 



cation de notre traite d' alliance d' employei- utilement ce temps d' inactiou 
quant ä 1' objet principal pour preparer d' avance las esprits aux choses 
sur lesquelles nous allons avoir a nous concerter, pour entretenir las 
"bonnes dispositions dans lesquelles on est actuellement, et pour m' attirer 
de plus an plus 1' amitie et la confiance des personnes desquellas dependra 
principaleraent le succes et la necessite de notre grande atfaire. J'ai au ä 
cet äffet pandant cat intervalle outre les Conferences ordinaires du mardi 
avec Mr. Kouille, des conversatious tres frequentes quoique la plupart du 
temps secretes soit ici, soit ä Versailles avec l'Abbe de Bernis une entrevue 
tres sacrete avec Mad. da Pompadour, et de meme avec Mr. de Puysieulx 
et avec le Marechal de Ballisla. Ce sont lä ä peu pres les personnes dont 
nous avous le plus besoin, et qui sont les mieux intentionnes pour la 
reussite da notre affaira. Je dois y ajouter Mr. da Machault avec lequel 
ä Texemple de plussieui-s de mes confrferes je n'avais eu par le passe 
ancun commerce, taut parcequ'ii est le seul de tous les Ministres d' Etats 
qui na rand pas la visite aux Ministres etrangers que parcequ'en mon 
particuliar j' avais eu lieu d' etre mecontent de la fa^on dont il m' avait 
re^u, lorsque je m' etais fait presenter ä lui par feu Milord Albemarle, oü 
il na m' avait fait aucune politesse, na m' avait pas offert de siege, ni 
meme adresse la parole. Comme je n' etais pas ci-davant dans le cas d' avoir 
rien ä traiter avec lui, je n' avais plus cherche ä le voir, et j' ai du de 
toute necessite continuer ä en agir de meme, tant qu'il a fallu cacber 
notre liaison, vu que je n'aurais au aucun pretexte pour lui demander 
une entrevue secrete et que je ne pouvais le voir publiquemant sans 
donner des soup^ons a ceux de mes confreres qui se trouvent vis-a-vis de 
lui dans le meme cas que moi. Actuellement la chose est differente, il est 
naturel que je voie tous les ministres du Eoi, et je puis passer d' autant 
plus aisement sur la petite difficulte de ceremoniel que je me trouve 
revetu d' un caractera qui ne m' assujettit ä rien, et que d' ailleurs je suis 
eertain, que Mr. de Machault reparera par toute sorte d'attentions et de 
politesse son inattention passee a mon egard, et 1' Omission de la visite 
rendue dans laquelle apparemment il persistera toujours. 

Je profiterai donc de l'occasion que va me fournir le voyaga tres 
prochain de Compiegne pour Her connaissance avec lui et tächer de tirer 
parti des dispositions favorables dans lesquelles Mad. de Pompadour et 
l'Abbe de Bernis m' ont assure, qu' il etait de preference ä tous les autres 
Ministres du Koi, et (ju'il est naturel de lui supposer lorsqu'il s'agit 
d' une affaire tendante au bien de V etat, ä V avantage du commerce, de la 
navigation de la puissance maritime et par consequent du departement 
dont il est charge, et ä la diminution du credit de son adversaire le comte 
d'Argenson, qui malgre 1' approbation qu' il a donne dans la conseil ä tous 
les arrangements dejä pris entre les deux cours et ceux qu' on est convenu 
de prendre encore, et malgre toutes les choses tres satisfaisantes qu'il 
m'a dites, loi'S de la conclusion du traite, parait neanmoins encore toujours 
un peu suspecta ä Mad. de Pompadour, tant par rapport aux sentiments 
qu'Elle lui connait, qu'a cause de quelques indiscretions, qu'on le soup- 
yonne d' avoir commises depuis qu'il est admis dans le secret de notre 
ncgociation et ä cause de 1' empressement qu'il marque de voir partir au 
plustöt l'Abbä de Bernis et des conseils secrets qu' on sait qu il a donne 



Zur Geschichte des Jahres 1756. 143 

a cet egard ä Mr. Rouille. Toutes ces circonstances prises ensemble, et 
peut-etre quelques autres encore, qua 1' on n' aura pas juge a propos de 
nie oomrauniquer, fönt que ce ministre parait toujoure suspects ä Mad, 
de Pompadour. Je regarde ces soup^ons corame une certitude de sa 
mauvaise volonte, des qu'ils sont assez forts pour qu'ou croye devoir me 
les faire entrevoir, mais je n' en crains gueres les effets ; tous les autres 
niinistres sont certainement dans la bonne voye; la seule cbose qui soit 
le plus ä craindre est que sa mauvaise volonte n'infiue indirectement sur 
les Operations de Mr. Rouille par les conseils secrets qu' il lui donne ; mais 
il sera aise d' obvier ä cet inconvenient en deeidant le sort de V abbe de 
Bernis et faisant cesser par lä les inquietudes de Mr. Rouille, desquelles 
apparement Mr. d'Argenson a su profiter pour obtenir sa confiance et pour 
r engager li se diriger en bien des cboses d' apres ses conseils. Ce point va 
etre decide dans peu, et je crois d' apres tout ce que m'ont dit Mad. 
de Pompadour, Mr. de Puysieulx et le marecbal de Bellisle qu'ils par- 
viendront ä persuader le Roi de le garder ici: Tout ce qui fait la plus 
grande difticulte est son admission au conseil sans laquelle il ne serait 
pas naturel <{u' on le fit demeurer et sans laquelle meme sa demeure 
deviendrait presque inutile. .11 y a la dessus differents points de vue et 
les sentiments sont bien partages; Mad. de Pompadour a fort a coeur que 
personne n' entre au conseil avant Mr. de Soiibise, qui effectivement y 
entrera dans peu de semaines lors de la retraite du marquis de Puysieulx, 
qui se fera incessament ; Elle voit bien la necessite d' y admettre aussi 
l'Abbe de Bernis, mais eile craint que cela ne fa!?se crier contre eile, et 
ne donne du meconteutement ä Mr. de Machault, qui est d'avis que l'Abbe 
de Bernis parte apres la signature des preliminaires et cela apparemment, 
parcequ' il desire de s' approprier ensuite lui-meme la direction principale 
de notre afiaire; je crois neanmoins qu'elle aura pris son parti d' apres 
les representations que nous lui avons faites ä ce sujet Mr. de Puysieulx 
et moi et j'espere qu'elle purviendra ä se decider le Roi. Le Marechal de 
Bellisle d'un autre cöte desirerait fort que le Duc de Nivemais eüt, sinou 
avant tout autre, du moins tres tot place au conseil, il voit cette espe- 
rance bien reculee, si l'on y admet a present l'Abbe de Bernis et ensuite 
Mr. de Moras, qui de toute necessite devra y entrer bientot, et il souhai- 
terait peut-etre ü cette fin que l'Abbe de Bernis n'y parvint pas encore, 
quoiqu' il soit d' avis et meme tres fortement qu' il faut que ce dernier 
demeure ici. Mais je crois avoir trouve le moyen de vaincre son Oppo- 
sition en proposant comme je 1' ai fait ä Mad. de Pompadoiu* de faire 
nommer Mr. de Nivernais pour l'ambassade d'Espagne ä laquelle il serait 
en effet tres-pro^Dre et qui lui procurerait pour le present une position 
honorable, et assurerait pour 1' avenir son entree au conseil. Mr. de Belisle 
m'a paru goüter beaucoup cette idee et est Interesse par lä personnelle- 
ment ä faire demeurer l'Abbe de Bernis. Mr. de Puysieulx dit tout natu- 
rellement, qu' il n' y a pas d' autre parti ;i prendre, qu' il y va du bien et 
de la reussite de notre aflfaire et que cette affaire doit etre regardee comme 
manquee si 1' on fait partir l'Abbe de Bernis ; il se propose d' en parier 
encore tres fortement au Roi et de lui dire qu' il comptait par lä lui rendre 
un bien plus grand Service encore qu' il n' avait eu Y avantage de lui rendre 
il y a un an, lorsque conjointement avec le Marechal de Noailles il 1' avait 



]^44 Adolf Beer. 

detourne du parti iujuste et contraire ä ses interets, qu' on voulait lui 
faire prendre d'envahir les Pays-Bas et d'entrer en guerre avec Sa Majeste 
r Imperatrice. Je prevois qu'on ne prendra de determination fixe lä-dessus 
qu' apres 1' arrivee de la reponse de Sa Majeste aux dernieres ouvertures 
du Koi Tres Chretien et lorsqu'on en aura infere quelle sera ä peu peu la 
conclusion de notre negociation. 

On attend cette reponse- avec beaucoup d' impatience et 1' on parait 
desirer tres fort que nous puissions nous accorder sur tous les grands 
objets qui nous restent ä discuter, l'y prevois encore de bien grandes 
difficultes, mais j' espere toujours de parvenir ä la fin ä les surmouter. 
r augure beaucoup de bien des dispositions favorables dans lesquelles il 
me parait de voir Mad, de Pompadour et la plus grande partie des 
Ministres. Ils desirent reellement la chose il ne s' agira que de convenir 
des moyens, et de trouver la voye d' assurer en meme temps la couve- 
nance des deux Cours ; cela ne sera certainement pas impossible et malgre 
r enormite des demandes que 1' on nous fait ici et 1' Opposition tres-forte 
que je prevois ä toutes celles que de notre cöte nous pourrons faire, 
j' ose assurer neanmoins qu' en continuant ä agir avec la bonne foi, la 
verite, la douceur et la fermete, que nous avons employe jusqu' ä present 
dans notre negociation, nous viendrons ä bout de tout. Le point essentiel 
etait de faire desirer ä la France, ce que nous desirons, et c' est ä quoi 
nous sommes certainement parvenus : II est vrai qu'elle se flatte d' y 
trouver de plus grands avantages qu' apparemment nous ne lui accor- 
derons. mais je crois que quand meme eile en trouverait beaucoup moins, 
eile compterait toujours pour un trös-grand point, d' avoir rompu le lien 
physique entre nous, et les Puissances Maritimes, et que cet objet seul 
lui fera toujours desirer la reussite de notre entreprise, bien entendu 
neanmoins qu' eile tächera en meme temps de se procurer ä cette occasion 
le plus d' avantages qu' il lui sera possible et cela est tres naturel. 

Mad. de Pompadour et tous les Ministres me disent unanimement qu' il 
ne faut pas laisser notre grand ouvrage ä demi acheve, bien loin de me faire 
aucune objection lorsque je fais sentir que tous les avantages qui doivent 
revenir ä la France seront uniquement dependants de V accomplissement de 
la condition sine qua non, on me repond toujours, que rien n' est si 
juste, et que c' est un point qui ne sera pas conteste, enfin on temoigne en tout 
le desir le plus vif de rendre la nouvelle alliance durable et indissoluble on 
fait apercevoir en toutes les occasions des marques de la franchise et de la 
pleine confiance que 1' on nous a promises, et s' il arrive quelques fois 
que Mr. Kouille matte un peu de reserve dans ses ouvertures, qu' il est 
dans le cas de me faire, je crois devoir attribuer cette reserve plus tot 
ä sa propre circonspection, ä sa timidite naturelle et k d' autres raisons 
d' inquietude de Jalousie et de raecontentement qui lui sont personnelles 
qu' au sentiment du Eoi, et ä celui de ses Ministres et des personnes 
qu' il honore plus particulierement de sa confiance telles que Mad. de 
Pompadour et 1' Abbe de Bernis. Ce dernier de meme que le Marechal 
de Bellisle m' assurent toujours que 1' Intention du Koi est, que tout se 
fasse de concert entre les deux Cours, que Mr. Rouille me communique 
tout ce qui peut interesser la cause commune et ne me fasse en rien des 
demi-confidences. Je vois en effet que dans la plupart des choses, il 



Zur Geschichte des Jahres 1756. 1^5 

s' agit dans cette conformite. 11 vient de reparer pleinement la reserve qu' il 
m' avait mise dans les Communications qu' il m' avait faites au sujet du traite 
an-ete avec la Baviere et de 1' envoy de Mr. Duglas en Russie. II m' a tait part du 
projet que 1' on a d' envoyer des troupes en Corse le lendemain du jour que ce 
projet avait ete con(;u ; il m' a communique la reponse du Eoi Tres Chretein aux 
Etats Generaux avant qu' elle-eut ete expediee et m' en a donne ce piece 
d' abord apres qu' il 1' ent fait partir et avant que d' en parier ä qui que 
ce seit et meme ä 1' ambassadeur d' Hollande, qui n' en a pas encore con- 
naissance ; il m' a informe des soup90us, que le Koi de Prusse a cherche 
d' inspirer au Eoi de Naples dös le lendemain du jour ou la lettre de ce 
Prince est arrivee: Enfin je dois en tout rendre pleine justice ä la bonne 
foi apparente et ä la confiance dont je crois que 1' on en agit envers 
nous. Mr. Eonille m' a fait entendre dejä plusieurs fois que nous u' en 
agissions iDas de meme, qu' il fallait que les confidences fussent recipro- 
ques et que je ne lui disais jamais rien de ce qui se passait de notre 
cöte et ne lui communiquais aucun des avis que nous recevions de nos 
Ministres aux cours etrangeres. Je 1' ai prie de se souvenir, que je 
r* avais informe de toutes les demarches faites en dernjer lieu par le 
Ministre d' AngleteiTe ä Vienne^ et des reponses qui lui avaient ete don- 
nees; que je lui avais fait part en son temps des premieres ouvertures 
faites en Eussie, et de 1' eflfet qu' elles y avaient produit et qu' en tout 
je ne lui avais laisse ignorer depuis le commencement de la negociation, 
aucune demarche faite par ma Cour qui püt en , quelque fagon interesser 
Celle ci, au lieu que de son cöte il n' avait commence qu' apres la con- 
clusion du traite e mettre toute reserve de cöte et ä agir avec 1' Ouver- 
türe et la franchise qu' il etait de notre interet mutuel d' employer en 
toutes les occurences. 

Mad. de Pompadour m' a beaucoup reccommande de dire de sa part 

I ä Votre Excellence de ne pas se livrer ä des coup9ons que 1' envie et le 

mecontentement de 1' union parfaite entre nos deux cours pourrait engager 

de certaines gens, ä vouloir faire naitre, eile m' a dit que l' on se met- 

< trait ici ä 1' abri de toutes ces choses lä, qu' il fallait se communiquer 

ingenuement, tous les mouvements relatifs ä cet objet que V on apercevrait 

: de part on d' autre ; Elle a ajoute qu' eile me repondait de Mrs. de Machault 

i de Bellisle de Maras et de Bernis que ce dernier etait le seul qui fut 

I pleinement instruit des intentions du Eoi au sujet de notre aflPaire et en 

' qui le Eoi avait mis a cet egard toute sa confiance; que Mr. Eouille 

: etait tres honnete homme, et ne desirait en eflfet que le bien mais qu' il 

I etait faible et coupQonneux et se laissait un peu trop conduire par 1' Abbe 

I de la Ville ; que celui-ci avait 1' ambition de vouloir faire le Ministre et 

le negociateur tandis qu' il n' etait que commis, mais qu' eile m' assurait 

qu' il n' aurait jamais le maniement d" aucune affaire et nommement de la 

', presente; que le Eoi faisait beaucoup de cas de Mr. de Puysieulx, que 

c' etait un homme d' une droiture et d' une integrite parfaite, que nons 

perdions beaucoup en lui mais qu' il avait insiste si vivement que le Eoi 

n' avait pu lui i'efuser sa demission ; que nous avions perdu encore 

j d' avantage par le malheur arrive a Mr. de Sechelles, qu' il y avait des 

\ gens qui ne pensaient pas si bien que tout ce qu' Elle venait de nommer 

j et desquels il fallait bien se mefier, mais qu' ils ne pourraient pas nous 

1 Mittheilungen XVII. 10 



j^(^ Adolf Beer. 

nuire, et que notre afFaire reussirait certainement si 1' on continuait ä la 
traiter de la meme fa9on qu' eile avait ete conduite jusqu' ä present. Elle 
ne m' a pas parle du Prince de Soubise dont 1' admission au conseil est 
Sans doute la seule cause qui a fait accepter la demission de Mr. de 
Puysieulx. V. E. le connait personnellement, il a beaucoup de politesse 
et d' usage du monde, mais je ci'ois que malgi-e la consideration person- 
nelle que lui donne sa naissance, ses alliances, la faveur dans laquelle il 
est aupres du Koi, et 1' amitie de Mad. de Pompadour, sa voix ne sera 
neanmoins pas d' un bien grand poids dans le conseil et ne remplacera 
que tres imparfaitement Celle de Mr. de Puysieulx. Elle m' a repete 
plusieurs fois de ne pas manquer de faire parvenir a V. E. 1' avis qu' on 
m' avait donne et dont j' ai dejä fait mention dans plusieurs de mes pre- 
cedentes que V on etait ])resque certain que le Roi de Prusse avait un 
espion ä Vienne lequel etait tres instruit et qui devait etre du bureau des 
affaires etrangeres. Elle m' a dit qu' Elle me verrait en particulier, toutes 
les fois que je le demanderais, qu' il fallait se parier souvent, s' expliquer 
tout avec franchise et surtout ne point perdre de temps, et häter autant 
que possible la conclusion et 1' execution de nos arrangements. 

Je ne m' etendrai pas davantage sur tous les pi'opos generaux qu' eile, 
aussi bien que tous les ministres du Koi m' ont tenu pour prouver com- 
bien on est decide d' entrer dans nos vues et de s' en tenir au Systeme 
nouvellement adopte. Nous verrons dans peu si les effets repondront ä 
toutes ces belies paroles. Je vais pour le present passer a des objets 
plus particuliers et faire mention des dernieres confidences que Mr. Rouille 
a eu ordre de rae faire. 

J' avais ecrit jusqu' ici lorsque j' ai ete interrompu i^ar 1' arrivee de 
mon chancelliste qui m' a apporte les ordres tres gracieux du courant i). 
J' ai suspendu pendant vingt quatre heures la continuation de ma depeche 
pour avoir le temps de lire tout le contenu tres-important des ordres 
sonverains et des pieces qui y etaient jointes. Je compte actuellement 
les mettre au plutöt en execution, mais il me parait necessaire avant 
toute chose de faire partir la presente depeche ä laquelle aussi bien je 
ne pourrais rien ajouter de ce qui serait relatif ä V execution de ces 
ordres puisque je ne puis gueres esperer d'avoir plustöt que dans cinq 
ou six jours une reponse de 1' Abbe de Bernis ä la premiöre Ouvertüre 
que je lui ferai, laquelle pour autant que j' ai pu me decider jusqu' ä 
present ne concernera que les arrangements ä prendre au sujet de la 
premiei-e des conditions sine quibus non qui a ce que je prevois 
pourra seule donner lieu ä de tres grandes difficultes, puisque je crois que 
r on ne comptait de prendre ä cet egard d' engagement positif que lors 
de la conclusion des articles pi'eliminaires. Je ferai neanmoins de mon 
mieux pour obtenir la declaration que j' ai ordre de demander et j' agirai 
en tout tout-ä-fait conformement ä ce qui m' a ete enjoint sans passer en 
rien les bornes qui me sont prescrites. 

Je reprends presentement le fil de ma depeche. Sui- les plaintes 
quoique trfes moderees que j' ai faites de la reserve que Mr. Eouille avait 
mise dans les coramujiications confidentielles touchant 1' envoy de Mr. 



*) Weisungen vom 9. Juni gemeint. 



Zur Geschichte des Jahres 1756. \^~ 

Duglas en Russie et touchant le traite avec la Baviere, ce ministre a eu 
ordre de s' ouvrir ä cet egard ainsi que sur tous les autres objets qui 
pourraient interesser ma cour avec plus d' etendue et de detail vis-ä-vis 
de moi. II a execute cet ordre mardi passe, ajoutant neanmoins qu' il 
esperait de notre part un pareil retour de confiance et que nous ne ferions 
H r avenir aucun mystere de tout ce qui pourrait interesser cette cour. 
II me dit en consequence que le premier envoy de Mr. Duglas n' avait 
eu d' abord d' autre objet que de tächer de decouvrir quelles pouvaient etre 
les vues de la Russie relativement aux contestations qui venait alors 
d' eclater entre la France et la grande Bretagne, quelles etaient les mesures 
qu' eile prenait oü prendrait avec la derniere de ces cours, et qu' elles 
etaient ses dispositions ä 1' egard de la France. Mr. Duglas avait eu 
oi-dre de s' adresser d' abord par preference au Comte de Woronzow, qu' on 
croyait mieux intentionne pour cette cour que Bestucheff et de voir si 
r on ne serait pas dispose ä renouer le commerce avec la France, et ä s' en- 
voyer mutuellement des ministres ou des ambassadeurs. II avait täche 
d' abord de s' insinuer chez 1' ambassadeur d' Angleterre oü il s' etait fait 
connaitre pour natif Ecossais, et par qui il esperait d' etre presente ä la 
Cour. Mais ce Ministre ayant su qu' il etait en liaison avec des negociants 
fran(jais s' en etait mefie, et ne lui avait plus donne d' acces. 11 avait 
trouve neanmeins moyen de parier au C^*^ de Woronzow, qui lui avait 
donne des reponses tres favorables mais avait fait difficulte de s' ouvrir 
bien precisement vis-ä-vis de quelqu' un qui n' etait en aucune sorte ac- 
credite. Sur ce Duglas avait pris le parti de s' en retourner jusqu' en 
Pologne, oü (si j' ai bien entendu) il s' est arrete et a ecrit ici pour faire 
rapport de ce qui s' etait passe et demander une lettre de creance. Cette 
lettre lui avait ete envoyee non en forme de lettre de creance, mais de 
simple recommandation pour le porteur dont le nom n' avait meme pas 
ete exprime. Elle etait de Mr. Rouille ä Mr. de Woronzow. Muni de 
cette lettre, Duglas etait retourne en Russie, avait ete tres bien acceuilli 
par les Ministres, et presente a 1' Imperatrice. On lui avait dit que SaMajeste 
Czarienne etait toute prete et desirait fort de renouer commerce avec le Roi 
T. Chr. qu' Elle consentait ä lui envoyer un ambassadeur, qu' il n' y avait pas 
de meilleur parti ä prendre ä cet egard, que de convenir du jour, oü 1' on ferait 
ci chacune des deux cours la nomination de 1' ambassadeur respectif, que la com- 
munication une fois retablie, on prendrait ensuite des arrangements de commerce 
ä la convenance des deux cours et vivrait ä 1' avenir en bonne intelligence. 
Ces ouvertures avaient donne lien ä la depeche que Mr. Duglas avait fait- 
parvenir par les mains memes du Ministere Russien ä Mr. de Bonac, 
qui r avait envoyee par Courier ici, ainsi, qu' on m' en avait informe tout 
aussi tot comme j' ai eu 1' honneur de le marquer ä V. E. dös le 30. du 
mois passe. Mr. Duglas a donne du depuis des nouvelles ulterieures par 
le moyen d'un negociant fran^ais etabli en Russie et qui est arrive ici 
en secret 1' avant veille du jour ou Mr. Rouille m' en a parle ; II a fait 
demander par ce negociant une lettre de creance en forme et a donne 
part que la Cour de Russie allait envoyer ici, mais en secret, un homme 
accredite qui est actuellement en chemin et qui ä ce que croit Mr. Rouille 
est du bui-eau des affaires etrangeres. Mr. Rouille devait rapporter hier 
au conseil les informations qu' il venait de recevoir et a cru prevoir quo 

10* 



]^4g Adolf Beer. 

r on deciderait 1' envoy d' une lettre de creance ä Mr. Duglas, 1' admission 
du Charge d' affaires Eussien et le consentement ä la proposition de la 
nomination des ambassadeurs respectifs. 11 m' a xDromis de me faire part 
mardi prochain de ce qxii am-ait ete resolu. II m' a dit que Mr. Duglas 
n" avait ni ne recevrait aucune information relative k la negociation existante 
entre nos deux cours, qu' on lui ferait part simplement de 1' alliance 
contractee avec Sa Majeste 1' Imperatrice, et qu' on lui enjoindrait d' agir 
en tout de concert avec Mr. le C^^ d' Esterhazy. II a ajoute en outre, que 
les points qui tenaient ä coeur ä cette cour ici etaient, que la Russie ne 
secourut pas V Angleterre, qu' Elle observa ä V exterieur vis-ä-vis de la 
France les bienseances convenables entre deux grandes cours, et qu' Elle prit 
avec Elle des arrangements pour le commei-ce. Qu' au reste o n' avait aucun 
interet ä demeler avec Elle, et beaucoup moins encore depuis que 1' on 
etait en liaison avec ma Cour et qu' il avait cru par consequent ne devoir repondre 
que vaguement ä la demande que lui avait faite de la part du Ministere 
Rusöien le negociant envoye par Mr. Duglas quel etait le sentiment de la 
cour d' ici au sujet du traite conclu entre les cours de Londres et de Berlin. 

Voici en quoi consiste 1' Ouvertüre que Mr. Rouille m' a faite ; V. E. 
pouiTa juger en la combinant avec les rapports de Mr. le C*^ d' Esterhasy 
si eile est tout-ä-fait-sincere. II m' a dit pour conclusion que je de- 
vais me souvenir qu' il y avait dejä du temps qu' il m' avait parle de 
tout ceci, que d' abord il ne m' en avait fait qu' une mention tres-legere, 
parcequ' il n' avait pas fait grand fond sur cet envoy, et que d' ailleurs 
il n' eut gueres ete possible avant la conclusion de notre traite de faire 
une pareille confidence, que depuis le traite conclu, il m' avait averti tout 
aussitöt et de 1' envoy de Mr. Duglas, et du motif et de la premiere de- 
peche detaillee qu" il-en avait reQu. 

Je n' ai pas manque quoique je n' eusse pas 1' ordre encore, de faire 
sentir ä Mr. ßouille que c' etait ä ma cour et ä 1' avis qu' Elle avait donne 
ä Celle de Russie de sa liaison avec la France, que cette derniere devait 
toute r Obligation des procedes si favorables de la Russie ; 11 est convenu 
que cela pouvait etre en grande partie, mais il a ajoute neanmoins. qu' il 
y avait dejä du temps que 1' on apercevait que la Russie etait bien dis- 
posee envers cette cour; que surtout le C**^ de Woronzow avait toujours 
incline pour eile; mais que Mr. de Bestuchef etait entierement livre ä 
r Angleterre et avait empgche jusqu' ici que 1' on ne se rapprochät. Mr. 
Rouille est extremement satisfait de ce bon succes qu' il s' attribue uniquement ; 
car le conseil du Roi n' a rien su jusqu' ici de cet envoy et ne 1' aurait 
Jamals appris si on avait echoue. 

L' Abbe de Bernis et le Marechal de Bellisle sont, ou affectent d' etre 
peu Contents de cette manigance secrete, ils craignent qu' eile ne donne 
du mecontentement et de la Jalousie ä notre cour et disent qu' il aurait 
ete plus convenable de faire passer comme je 1' avais propose en son temps 
la negociation pour 1' envoy respectif des ambassadeurs jjar les mains du 
C*ß d' Esterhasy ; la chose aurait certainement beaucoup mieux valu pour 
nous car on avirait pu entrainer la conclusion jusqu' ä la conclusion de nos 
preliminaires. Je crains beaucoup presentement 1' arrivee du Ministre ou 
Charge d' affaires qui est en chemin pour se rendre ici ; si, comme il 
n' en faut pas donter, il est instrait de notre secret, et s' il a ordre de 



Zur Geschichte des Jahres 1756. 149 

pousser les choses ä cette coui% il peut tout guter, particulierement s' il 
venait ä decouvrir trop tot les vues de sa Cour au sujet de 1' avantage 
qu' eile vondrait obtenir en echange de celui qu' eile procurerait ä la Po- 
logne aux depens du Roi de Prasse. J' attendrai les Communications ul- 
terieures que Mr. Eouille doit me faire, et je me conduirai ensuite ä cet 
egard conformement aux ordres et aux eclaircissements relatifs a cet objet, 
que je viens de recevoir, bien entendu neanmoins que j' agirai avec toute 
la circonspection possible pour empecher que 1' une on Y auti-e de ces 
deux Cours ne puisse soupQonner que nous soyons jaloux ou mecontents de 
r iutelligence qui va s' etablir entre EUes, et pour faire connaitre au contraire 
que c' est ä nous et ä notre interposition qu' Elles en ont toute 1' Obligation. 

Apres cette communication Mr. Eouille m' a informe aussi des arran- 
gements pris avec la Baviere. II a commence par me dire que cette 
negociation etait commencee avant qu' il eut ete instruit de la nötre, et 
€ela me parait assez vraisemblable ; je crois merae que j' ai eu en son 
temps r honneur d' en avertir V. E. II a ajoute ensuite qu' on avait des 
lors promis le secret ä Y electeur sans exception aucune, que c' etait lä 
la seule raison pour laquelle on avait tarde ä me parier de cette nego- 
ciation, et qu' on s" en etait fait d' autant moins scrupule que les points 
dont il s' etait agi ne pouvaient que nous etre tres indifferents. Apres 
ce preambule Mr. ßouille m' a fait la lecture d' un extrait des articles 
arretes, mais il n' a pas voulu consentir ä m' en donner ni a m' en laisser 
prendre copie, sous pretexte que le traite n' etant qu" arrete, mais pas 
«ncore conclu, il n' etait pas en son pouvoir de m' en faire une plus 
ample communication. Je n' en redirai donc que ce qu' il m' en souvient 
d' apres une simple lecture que j' ai faite de 1' extrait qui m' a ete com- 
munique, le traite consiste en sept articles. 

La France promet ä 1" electeur un subside annuel de trois Cents 
soixante mille florins aux conditions suivantes: 

Apres r expiration de son traite de subside avec Y Angleterre, il ne 
le renouvellera pas et ne prendra aucun engagement avec qui que ce soit 
que du consentement de la France. On ne lui demande point de troupes. 
II vivra en paix avec ses voisins. II ne lui sera point permis de fournir 
des troupes ä qui que ce soit, hormis son contingent dans le cas d' une 
guerre d' empire ; ses ministres agiront partout et particulierement ä la 
diette pleinement de concert avec ceux de France. II donnera sa voix 
ä la diette conformement aux constitutions de 1' Empire, ä la paix de 
Westphalie garantie par la France, et conformement aux intentions 
d e S. M. T. C b r. Le traite durera six-ans, apres 1' expiration desquels 
r electeur le renouvellera de preference ä tout autre engagement. 11 sera 
signe ä la fin de Juillet qui est le terme ou doit expirer le traite avec 
r Angleterre et 1' on echangera les ratifications en deux mois. 

C est lä pour autant que je m' en ressouviens tout ce que Y extrait 
qui m' a ete communique contient de plus essentiel, j' aurai probablement 
change 1' ordre et les paroles, mais je crois n avoir rien omis de la sub- 
stance. Mr. Rouille m' a prie avec instance d' observer exactement le secret, 
€t de faire en sorte qu' il soit observe a ma cour. Ce point tient fort ä coeur ; 
1° parce qu" on 1' a promis ä 1' electeur, 2° parce qu' on craint que si 
r Angleterre venait ii savoir 1' arrangement pris, eile ne retint le dernier 



150 



Adolf Beer. 



payement du subside et 3™*^ parce qu" en pareil cas la France ne pour- 
rait se dispenser de dedommager 1" electeur. J' ai promis ä Mr. Rouille 
que le secret serait exactement garde. J' ai dit ä lui et ä 1' Abbe de 
Bernis qu' il eüt ete ä desirer qu" on eut stipule que 1' electeur serait 
oblige de donner des troupes ä la France si Elle en avait besoin : V Abbe 
de Bernis est convenu que j' avais raison, Mr. Rouille croit qu' il suffit 
d" voir empeche que la Baviere n' en donnät ä V Angleterre et 1' un et 
l'autre sont d' avis, qu' en ajoutant quelque cbose aux subsides stipules 
il ne sera pas difficile d' obtenir des troupes. Je ne m' etais pas trompe 
lors que j' ai eu 1' bonneur de marquer ä V. E. que 1' affaire etait conclue 
et je crois qu' Elle 1" a ete le jour meme que j' ai indique. 

Mons. Eouille m' a paru fort inquiet du propos que Mr. d' Aubeterre 
marque, que V. E. lui avait tenu touchant 1' Espagne, savoiv que la France 
ne devait compter sur aucun secours de la part de la dite cour et que 
1' on n' etait pas content ä Madrid de 1' alliance que nous venions de con- 
tracter. II soup^onne toujours Mr. le C^e Migazzi de donner des avis 
contraires et m' a demande encore quand donc arriverait le &^ de ßosen- 
berg? On avait ete tres satisfait des derniers rapports de 1' Abbe de 
Fritscbmann, et 1' on se flattait dejä de faire revenir 1' Espagne ; mais ce 
que marque Mr. d' Aubeterre a renouvelle les allarmes. Je ne dois pas 
omettre ä cette occasion d' informer V. E. d' un propos que m' a tenu en 
dernier lieu 1' Abbe de Bernis, lorsque nous parlions des demarches qu" il 
faudrait faire en Espagne et u Naples pour faire entrer ces deux cours 
dans nos vues, et des difficultes que nous pourrions y rencontrer. Ce 
propos est, que comme dans le fond il ne s' agissait pour 1' execution de 
nos arrangements que du consentement de 1' Infant D. Philippe, que cer- 
tainement ce Prince ne refuserait pas, nous pourrions au pis aller prendre 
notre parti meme sans le consentement de ces deux cours. Je n' ai rien 
replique, mais j' ai cru qu" il etait important d' informer V. E. de ce propos. 

Voilä tous ce que j' avais pour le present ä marquer ;i V. E. J" aurai 
r bonneur de 1' informer au plus tot des demarches que je vais faire 
actuellement en execution des ordres qui viennent de me parvenir, ainsi 
que de 1' effet que ces demarches produiront. 

En attandant j" ai 1" honneur de lui envoyer ci-joint une copie de la 
declaration de guerre contre 1" Angleterre qui a ete publiee il y a trois 
jours. Comme ce counier ne va pas jusqu' ä Vienne, je ne le Charge point 
des ratifications de nos traites, pour ne les pas faire passer par differentes 
mains. Je les ferai partir par le premier courrier que j' expedierai en 
droiture ä V. E. 

3. Juli 1756. 

Je lui (Bernis) dis, qu' il ne pouvait etre question 

d' abord que de Celles qui concernaient la possibilite de notre entreprise, vu 
qu' il etait inutile de traiter des convenances, avant que de savoir ä quoi 
s' en tenir au sujet de la possibilite. J' ajoutai en gros que quoique Lear 
Majestes Imperiales n' eussent jamais corapte de se determiner ä 1' entre- 
prise projetee sans etre assurees du concours de la Fi-ance et d" un de- 
dommagement convenable pour les sacrifices qu' EUes auraient ä faire,^ 
Elles etaient neanmoins ä present encore plus que jamais decidees de ne 
se preter ä des sacrifices beaucoup plus grands, que ceux sur lesquels 



Zur Geschichte des Jahres 1756. 151 

Elles avaient compte d' abord, qu' au moyen d' nn concours beaucoup plus 
grand el plus efficace de la pavt de la France et de dedommagements bien 
plus considerables que ceux dont il avait ete question dans le commencement. 

Je le fis ensuite convenir par avance de toutes les propositions gene- 
rales sur lesquelles se fondent les conditions que j'avais ä lui proposer: 
savoir: que pour obtenir de grands avantages il faut de grands efforts; 
que qui veut bien sincerement la chose, veut aussi les moyens qui y con- 
duisent ; que quand on cherche des avantages en commun il faut aussi s' ex- 
poser aux risques et aux peines etc. Je parlai tres fermement sur la decision 
oü etaient Leurs Maj. Imp. de faire de Leur cöte tout ce qui etait en elles 
pour la reussite de notre grand ouvrage, pourvu que la France fit aussi pour 
sa part des efforts proportionnes ä la grandeur de 1' entreprise et des avantages 
qui lui en reviendraient, que si eile ne se pretait pas ä ce point, Leurs 
Majestes contentes d' avoir reussi dans le premier objet qu' elles s' etaient 
propose, en etablissant une amitie et une union parfaite avec le Eoi T. Chr. 
abandonneraient sans balancer leur second point de vue et n' insisteraient 
pas davantage sur une chose qui ne pouvait se faire que d" un commun 
concert et avec un desir egal des deux parts de reussir promptement. 
J' ajoutai encore differents autres raisonnements dont je ne ferai pas ici 
la repetition, ainsi que de tous les discours, dont j'ai accompagne le 
detail de mes propositions; ce sont toutes choses connues, redites et dont 
la plupart m' ont ete suggerees par les ordres qui me sont parvenus depuis 
quelque temps. Je crois avoir dit tout ce qu' il fallait et de la faQon qu'il 
le fallait. J' ai neanmoins evite bien soigneusement d' en dire trop et de 
toucher differents articles dont il ne devra etre question que quand les 
veritables sentiments de la France seront bien ä decouvert au moyen des 
reponses qu'Elle fera ;i nos presentes propositions. 

J' ai reduit les six conditions sine q u i b u s n o n au nombre de 
quatre, afin de ne pas effrayer cette cour par un trop grand nombre de 
demandes fuites a la fois. Comme la premiere des six a fait 1' objet d' une 
negociation preliminaire, eile a ete par lä separee des autres et je n'en 
ai plus fait mention. Des cinq qui restaient j'en ai compose quatre et je 
les ai proposees dans 1' ordre et la forme que V. E. verra marquee sur la 
feuille ci-jointe au N. 4. Je n ai pas donne ni meme laisse prendre de 
copie de cette feuille, mais j'ai du consentir que l'Abbe de Bernis prit 
note de ce (jue je lui disais ou qu" il eut ete autrement impossible qu' il 
se fut souvenu du total du contenu des propositions. Ces quatre con- 
ditions resteront dorenavant dans le me'me ordre, et toutes les fois que 
j' en ferai mention, ce sera dans cette conformite. Apres avoir acheve 
r expose de ces conditions ainsi que des motifs que nous avions pour les 
demander, et de ceux qui devaient engager la France a y consentir, j 'ajoutai 
a tout ce detail celui des eclaircissements aux cinq points sur lesquels la 
France avait declare dans sa reponse du l^^^' de Mai avoir besoin d'une 
plus ample Information. Je ne fis nulle mention encore de ce que j' avais 
eu ordre de reprondre a la 3*^ qui concerne les places de sürete; je dis 
simplement que cette demande tombait d'EUe meme par 1' arrangement que 
nous avions propose dans notre troisieme condition; je rendis au reste 
tous les eclaircissements conformes au contenu des quatre conditions pro- 
posees et je tächai en tout de mettre nos vues, quant ü la possibilite de 



152 Adolf Beer. 

r entreprise et de la reussite dans un tel jour, que la France ne pourra 
plus mainteuaut se dispenser de iious donner des reponses precises 
et cathegoriques qui quoiqu' Blies ne seront peut-etre pas son dernier 
mot, devront neanmoins etre telles que nous pourrons en inserer clairement 
si Elle desire sincerement 1" entreprise et la reussite de notre ouvrage et 
si eile est prete ä y concourir efficacement et ä des conditions raisonnables. 

V. E. verra que j'ai porte toutes mes demandes au plus haut, et en 
partie meme au delä de ce que j' en avais eu Y ordre ; je prevois que sur 
plusieurs points 11 faudra se relächer considerablement mais ce ne sei-a cer- 
tainement qu' a bonnes enseignes et a mesure que la cour d' ici ajoutera aux 
oflFres qu' Elle va nous faire, qui peut-etre ne seront pas du premier abord 
tout-ä-fait satisfaisantes. Mais que j' espere neanmoins de parvenir encore a 
faire porter aussi loin que la necessite l' exigera, et que la position dans 
laquelle la Fi-ance se trouve actuellement pourra le permettre. 

L'Abbe de Bernis n' a pas paru effraye ni etonne de 1' etendue de nos 
demandes et du peu que nous avons ofiert ä la France en comparaison 
de ce qu'elle esperait obtenir. II est vrai que j' avais eu soiu de le pre- 
parer depuis longtemps et nommement depuis V arrivee des ordres du 
9. de juin ä 1" une et 1" autre de ces choses. II m' a dit seulement qu" il 
prevoyait de bien grandes difficultes, mais que nous etions trop avances, 
pour rester en si beau chemin, qu'en nous pretant de part et d' autre fi 
ce qui etait raisonnable et en nous mettant Fun a la place de 1' autre 
nous surmenterions certainement toutes les difficultes et que pour sa part 
il ne desesperait pas de la reussite et du succes de notre grande nego- 
ciation. 

Je n" en desespere pas non plus, mais il nous faudra encore un peu 
de temps et beaucoup de patience; nous voila maintenant parvenus au 
moment critique. Je ferai pour ma part tout ce que mon zele pour le 
Service et la connaissance que j' ai des dispositions personnelles de ceux 
avec qui je traite me mettront en etat de faire. J'irai au devant de 
toutes les difficultes et je mettrai toutes les circonstances favorables ä 
profit. Si je n'obtiens pas tout ce que nous avons demande, ce ne sera 
certainement pas faute d' avoir suffisamment insiste sur tout, mais j' aurai 
du moius grand soin de parvenir au point essentiel qui est de faire 
cooperer cette cour reellement et efficacement a la reussite de notre grande 
entreprise et de la mettre dans le cas de devoir desirer cette reussite autant 
que nous la desirons nous-memes. 

J' insisterai toujours fortement sur la premiere coudition qui est celle 
du plus grand aflFaiblissement du Roi de Prusse ; c' est un point sur lequel 
il m'a paru depuis le commencement de notre negociation que nous ne 
pouvions pas nous relächer, et je crois qu'il vaudrait mieux ne rien 
conclm-e que de ne pas nous assui'er de cette condition dans la plus grande 
etendue qu'il soit possible de lui donner. 

Nous n' obtiendrons jamais la seconde, ou du moins ce ne sera qu'avec 
de bien grandes restrictions. On ne veut absolument pas entrer directe- 
ment en guerre avec le Roi de Prusse : peut-etre s' y trouvera-t-on insen- 
siblement engage malgre soi-meme, et sans savoir comment ; je n" ose 
meme promettre d" obtenir que Ton mette des ;i present une armee en 
carapagne pour empecher les secours de l'Angleterre et des Puissances 



Zur Geschichte des Jahres 1756. ]^53 

Protestantes, si on s'y determine ce sera pour autant que je puis juger 
dans le dessein d' attaquer 1" electorat d'Hannovre: je ne sais pas trop, si 
cela pourrait nous convenir. II est pourtant de necessite absokie que la 
France tienne en respect tous les Princes qui voudraient secourir le Roi 
de Prusse. Si Elle nous donne des secours considerables en argent et 
qu'en outre eile nous fournisse des troupes de Princes auxquels eile paye 
des subsides, Elle ne sera gneres en etat de mettre outre cela une armee 
en campagne et de soutenir en meme temps avec vigneur sa guerre contre 
TAngleterre, laquelle 1" oblige ä un employ considerable d'hommes pour 
garnir ses cötes et h des fraix immenses pour 1' entretien, et 1" augmen- 
tation de sa Marine : ce dont il s' agit, est de faire faire ä la France tout 
ce qu'Elle est en etat de faire et de voir ensuite si tous ces efforts suffi- 
ront pour assurer la reussite de notre entreprise et pour mettre la France 
dans le cas de devoir en desirer le succes autant que nous le desirous 
nous memes. 

II me semble qu.e i-ien n" etablirait mieux ce point que la condition 
que j'ai mise au N. 3 Suvoir que les sommes que Sa Majeste T. Chr. 
fournira seront exposees aux memes risques que toute Y entreprise. Je 
tiendrai ferme tant que je pourrai sur cette condition qui me parait une 
des plus essentielles et beaucoup plus encore que la precedente qui meme 
serait en certaine faQon une suite necessaire de celle ci; car si on pouvait 
obtenir de la France de nous fournir des sommes considerables, sans espoii' 
de remboursement au cas que 1* entreprise vient ü manquer, eile serait 
par lä interessee elle-meme non seulement ä la reussite de cette entre- 
prise. Plus je connais T importance de cette condition, plus j'y prevois de 
difficultes et je me suis bien aper9u que c'est celle qui a le plus frappe 
l'Abbe de Bernis; neanmoins je trouve indispensable d'y insister. Cela 
met le ministere d' ici bien loin du compte qu" il avait fait, car on avait 
espere d' arranger les choses de fayon, que quelque fut le succes, la France 
ne risquiit jamais rien, et c' est precisement ce que nous devons absolü- 
ment eviter; aussi ne me relächerai-je en rien de cette condition jusqu' a 
nouvel ordre. 

Je ne crois pas neanmoins que nous puissions nous dispenser de 
donner a la France des süretes. Elle ne se desistera jamais de cette 
demande, mais il faudrait empecher si possible, que ces süretes ne fussent 
pas pour la restitution des sommes avancees mais seulement pour 1" accom- 
plissement des conditions convenues au cas que 1' entreprise reussisse. Si 
eile venait ä manquer, il faudrait qu'on nous rendit nos süretes. Si j'obte- 
nais cette condition et la premiere, je croirais avoir gain de cause mais 
je suis encore bien loin de pouvoir le promettre ni meme Tesperer: au 
moins n" epargnerai-je rien pour cela, et les raisons que j" ai ä dire pour 
appuyer ma demande sont certainement tres bonnes et couvaincantes. 

Quant u la quatrieme condition j'en vois toute l'importance mais je 
compte aussi que V, E. connaitra corabien la matiere est delicate ; et quels 
menagements je serai ol>lige de garder en la discutant. 

L"Abbe de Bernis aurait desire que je me fusse ouvert en meme 
temps sur le point des convenances, mais c'est ce que je n'ai pas cru 
devoir faire et ne ferai certainement pas, avant qu' il ne m' ait donne des 
reponses cathegoriques a ces quatre propositions. II pretend que j'agis en 



154 



Adolf Beer. 



cela contre ce que Leurs Majestes ont declare dans leur derniere reponse, 
mais je lui ai prouve le contraire. 

Le Koi est parti hier pour Compiegne, les ministres s'y rendront aujour- 
d" hui et FAbbe de Bernis demain, on conferera apres demain. Je ne crois pas 
que je puisse avoir de si tot 1' honneur de marquer quelque chose de positif 
;i V. E. ; mais je ferai de mon mieux pour qu" il tl j ait pas de temps perdu. 
Je me rendrai apres demain ä Compiegne et y suivrai ma besogne de pres. 

Les dispositions me paraissent encore toujours favorables et je crois 
ne ra'y pas trom])er. J'ai tire preliminairement aux ouvertures que je 
viens de faire differents aveux de Mr. Rouille et de FAbbe de Bernis qui 
sont certainement de tres bon augure. Mr. Rouille, lorsque je lui parlai 
de la necessite d'une armee ä fournir par la France m'a dit: »ne vous 
suffit-il pas que nous tenions FAngleterre occupee et que nous F obligions 
tant que durera votre guerre contre le Roi de Prusse ä 
garder et retenir dans son contineut les troupes Hannoveriennes et Hessoises 
qui pourraient venir au secours de votre ennemi; pourvu que nous 
restions en guerre avec FAngleterre jusqu'ä ce que vous 
soyez venus u bout de votre entreprise, que pouvez vous desirer 
de plus?« II m'a parle aussi de son propre chef d'une diversion ä faire 
dans F Electorat d' Hannovre. FAbbe de Bernis me dit en parlant de cette 
arraee a mettre en campagne: »Et si au lieu de cette armee nous vous 
fournissions un corps de vingt mille bommes compose de troupes de 
differents princes, auxquels nous payerions des subsides etc.« ces propos 
et differents autres encore me fönt voir que Fon reconnait certainement 
la necessite de cooperer efficacement ä la reussite de notre entreprise. 
Aussi ne suis-je nuUement effraye de ce qui est dit dans la derniere 
reponse du Roi, pour faire sentir qu' on avait cru qu' il suffisait de la 
renonciation a F alliance du Roi de Prusse. II est assez naturel que Fon 
se tienne tant que F on peut, sur la defensive : on voudrait ne rien risqutr 
et obtenir de tres-grands avantages: mais quand on reconnaitra bien, quil 
n'y a pas moyen de conclure sur ce pied la, et qu'il faut absolument 
rabattre de ses demandes, et ajouter ä ses offres pour le concours: j'espere 
qu" on s' y pretera jusqu' ä un certain point s' entendre, car je suis bien 
eloigne de me flatter de pouvoir obtenir la totalite des conditions de- 
mandees. — — — — 

P. S. 1. Si j'ai compris le sens des ordres qui me sont parvenus nous 
comptons qu' il faudra mettre quatre armees en campagne, 1*^ la notre, 2'^^'^' celle 
de Russie, 3*^° Celle qui doit etre composee des trouppes de differents 
Puissances, 4*° celle que la France doit fournir. C est dans cette con- 
formite que je me suis explique, et j' ai eu grand soin en detaillant la 
premiere des quatre conditions (pie j'ai proposees, de faire comprendre 
((u'elle etoit indispensable pour la reussite puisque c' etoit eile qui devoit 
nous procurer ia diversion absolument necessaire ä faire par une Troi- 
sieme armee, ([ui ne devoit pas se confondr« avec la quatriene que nous 
demandons immediatement ä la France. 

Ce 3. de Juillet 1756. 

(3. Juli 175fi). 

P. S. 2. Je suis tres inquiet du jugement que F on portera sur ma con- 
duite et sur mes raisonnemens. II me paroit d' etre dans le bon chemin, mais 



Znr Geschichte des Jahres 1756. 155 

je puis nie Iromper, cela n' est que trop possible lorsqu' on est charge d' une 
besogne aussi grande et aussi delicate que V est Celle que j' ai ä traiter. 
Je crois de mon devoir de dire les choses comme je les trouve, et je 
trouve, certainement la Cour d' icy dans des dispositions favorables 
jjour notre grand projet. Elle en desire la reussite, et je le crois 
decidee ä j cooperer efficacement. Toute la difficulte consiste en ce 
qu' eile ne voudroit courir que peu öu i^oiut de risque, et obtenir des 
avantages bien plus grands que nous ne pouvons lui aecorder. Elle fera 
tout ce qu' eile croira qu' il est de necessite qu' eile fasse, mais rien de 
plus ; et eile insistera sur tout ce qu' eile croira de la possibilite d' obtenir, 
et ne voudra en demordre en rien. Voilä je crois son Systeme. Elle croit 
que le projet peut reussir sans qu' eile soit obligee ä prendre part direc- 
tement ä la guerre contre le Koi de Prusse, et Elle voudroit s' en dispenser. 
Elle espere de pouvoir si non la totalite du moins la plus grande partie 
des Pays-Bas, et eile ne voudroit pas lächer cet avantage. II faut voir 
si r on pourra s' arranger sur ces deux points et je ne puis cesser de 
m" en flatter. 

10. Juli 1756. 
Votre Excellence aura vu par ma tres humble depeche en cbiffre 
du 13. de ce mois, quel etait 1' expedient propose par Mr. de Machault 
d' abord ä Mad. de Pompadour, et ensuite au Koi, pour faire demeurer 
ici r Abbe de Bernis jusqu' ä la conclusion de notre negociation. Le 
jour meme du depart de la dite depeche on fut sur le point d" apres 
quelques representations que je crus devoir faire, d' abandonner cet expt§- 
dient et de se determiner ä ce que j' avais depuis plusieurs mois propose 
ä Mad. de Pompadour comme le meilleur de tous les partis ä prendre 
sur cet objet, savoir de fixer ici V Abbe de Bernis en lui donnant ixne 
place dans le conseil. Je fis connaitre que la nomination de 1' Abbe a 
r ambassade de Vienne remplissait a la verite une partie de 1' objet que 
nous nous etions proposes en cberchant ä empecher son depart pour 
r Espagne, en ce que 1 " Elle le faisait rester ici jusqu' a la conclusion 
de notre negociation sans que cela donnät de 1' ombrage et de 1' inquietude 
aux autres ministres et nommement ;i Mr. Eouille et 2° en ce qu' eile 
donnait une apparence tout-ii-fait naturelle aux frequentes conversatious 
que nous etions obliges d' avoir ensemble, qui malgre toute la circon- 
spection que nous y apportons, ne peuvent etre toujours ignorees; mais 
que neanmoins la partie essentielle de 1' objet que nous nous etions pi'o- 
poses n" etait nullement remplie par 1' expedient en question ou que ce 
qui importait davantage encore que les arrangements ä prendre presen- 
tement entre nos cours, etait 1' execution de ces arrangements et un con- 
cert parfait sur tous les objets qu' il comprendrait, que c' etait principa- 
lement pour cet egard qu.' il avait paru necessaire que 1' Abbe de Bernis 
demem-ät ici, que 1' on pouvait s' attendre ä mille inconvenients et mesen- 
tendus dans 1' execution de notre concert, si 1' on eloignait 1' homme qui 
avait traite toute cette affaire depuis son commencement, qui ]Dar 1' etude 
qu' il en avait faite etait plus ä portee que tout autre d' avoir une con- 
naissance eutiere de tout ce qui y etait relatif, qui (comme Mad. de Pom- 
padour me r avait dit elle-meme) etait le seul en qui le Roi eut entiere 
confiance; qui se trouvait ä portee de parier confidentiellement ä chacun 



156 Adolf Beer. 

des ministres, de decouvrir et menager leurs differentes vues personnelles, 
de reunii* leurs avis et de rapporter le tout au sentiment particulier du 
Roi, et qui enfin par sa liaison avec Mad. de Pompadour et par 1' estime 
qu" eile en faisait devenait necessairement V homme de confiance des deux 
parties et celui par lequel nous entretenions la communication si neces- 
saire avec Mad. de Pompadour, a qui je ne pouvais parier souvent en 
particulier et qu' il importait' beaucoup de faire informer de tout ce qui 
avait rapport ä notre grande afFaire par quelqu' un sur qui eile comptät, 
et sur qui V on püt compter. Que toutes ces choses se rencontraient dans 
r Abbe de Bernis et exigeaient indispensablement qu' on le fit demeurer 
ici. Qu' ä la verite il pourrait, se trouvant ä Vienne suivre egalement 
notre objet, se communiquer avec les ministres, ecrire en particulier au 
ßoi et ä Mad. de Pompadoiu' etc. Mais que tout cela ne pouvait faire le 
meme eifet que lorsqu' il se trouvait sur les lieux et etait ä portee de 
voir tout par ses yeux et parer k tous les inconvenients ä craindre. 
Que Mad. de Pompadour se souviendrait qu'elle m' avait dit elle-meme, 
que tous les Ministres du Eoi ne pensaient pas egalement, qu' il y en 
avait dont il fallait se mefier beaucoup que ceux-lä, ou pour mieux dire 
celui lä qui aiFectait d' etre ä present le plus zele de tous pour la reussite 
de notre grand ouvrage ne manquerait pas apres le depart de 1' Abbe de 
faire jouer tout plein de ressorts Caches pour que notre projet manquät, 
qu'il aurait beau jeu pour lors, puisque la communication entre Mad. 
de Pompadour et nous serait interrompue qu" Elle meme n" aurait per- 
sonne qui la conseillät et ne saurait souvent quel parti prendre ni a qui 
se fier lorsqu' il s' agirait de deliberations politiques sur lesquelles Elle ne 
risquerait pas de prendre un parti par Elle-meme ; et enfin qu' il y avait 
tout ;'i craindre et de lui et de la chose meme qui etait trop grande et 
trop etendue pour que dans 1" execution il ne se renconträt tout plein 
d' incidents et de difficultes, qu' on ne pouvait pas prevoir d' avance, si 
r on ne prenait la parti auquel je croyais qu" il faudrait toujours en 
venir ä la fin de fixer l'Abbe de Bernis ici et de lui donner place au 
conseil. 

C est a r Abbe de Bernis lui-meme et ä Mad. de Pompadour que je 
fis toutes ces representations, ils convinrent qu" EUes etaient tres fondees, 
ils en redirent une partie au Roi et a Mr. de Machault et 1' Abbe de 
Bernis me rapporta le soir qu' il croyait que notre afiaii'e etait faite et 
qu' il allait rester ici pour tonjours. Mais le lendemain on changea d' avis 
et on se determina positivement pour 1' expedient de la nomination a 
r ambassade de Vienne. Je crois que c' est Mr. de Machault lui-meme qui 
malgre sa liaison avec Mad. de Pompadour a agi sur ce point le plus 
vivement pres du Roi. II craint apparemment comme tous les autres 
ministres, que si 1" Abbe venait ü rester ici, il ne s' emparät seul de toute 
la confiance du Roi et ne V emportät sur eux tous. Cette crainte de leur 
part me parait assez bien fondee, et je ne suis pas etonne de tous les 
mouvements qu" ils se donuent pour s' en delivrer. Mad. de Pompadour 
m'a declare la premiere le parti auquel le Roi s' etait decide; Elle m" a 
lait connaitre que c' etait a son avis dejä un grand point de gagne que 
d' avoir fixe ici 1" Abbe pour longtemps, vu qu" on ne se presserait pas de 
le faire partir, que cela i)Ourx-ait bien trainer une annee et que dans cette 



Zur Geschichte des Jahres 1756. j^j 

annee il se presenterait peut-etre des circonstances qui faciliteraient la 
reussite de nos vues, qu' au pis aller ce serait toujours beaucoup que 
d'avoir fait cesser la Jalousie et les inquietudes de Mr. ßouille et les 
ineonvenients qui an resultaient, de nous etre assures que 1' Abbe resterait 
ici jusqu' ä la conclusion de notre negociation et qu' au surplus sa nomi- 
nation ne pouvait a tous egards qu' etre fort agreable ä ma com-. Elle 
me dit que Mr. Eouille m' en parlerait et que je ne lui fisse pas con- 
naitre d' en avoir ete instruit auparavant. II m' en parla en effet le 
meme jour comme d' une idee qui lui etait venue ä lui-meme, il me de- 
manda ä d' expedier un courrier pour faire part a ma Cour de cette 
resolution, il me suggera ce qu il desirait que j'ecrivisse ä ma Cour et 
me pria de lui communiquer ma lettre pour V. E., ainsi qu' il me com- 
muniquerait celle qu' il ecrirait ä Mr. d' Aubeterre. C est ce qui m' a 
oblige d'ecrire ä V. E. sur cet objet une lettre separee qu' Elle trouvera 
ci-jointe et que j' ai fait lire ä Mr. Eouille. J' y ai rendu tous ses pro- 
pos tels qu' il me les a tenus et j' ai du y garder en difierents endroits 
des menagements personnels pour lui que V. E. n' aura pas de peine a 
apercevoir. II est enchante de cet expedient et m' a fait connaitre qu' il 
comptait que ma cour serait tres contente du parti que le Eni prenait, 
qui prouvait bien la sincerite de ses intentions et suffisait seul pour 
ecarter tout ombrage et soup^on sur le vrai desir du Eoi de terminer au 
plus tot notre negociation et de procurer u Sa Majeste les avantages 
qu' Elle 3' en promettait. 

J' aurais desire tres-fort de pouvoir en expediant ce courrier marquer 
en merae temps ä V. E. quelque chose de positif au sujet de cette nego- 
ciation, et lui envoyer les reponses aux quatre propositions que j' ai faites, 
il y a trois semaines ä cette cour. Mais malgre toutes les instances que 
j'ai fait sans cesse pour obtenir ces reponses, et malgre les dispositions 
favorables oü je vois 1' Abbe de Bernis et Mad. de Pompadour et oü tout 
nous prouve que le Eoi et tout son ministere persistent constamment, on 
ne m' a pas encore donne ces reponses. L' Abbe de Bernis m' a promis 
hier tres positivement que je les aurais sans faute quatre ou cinq jours 
apres 1' arrivee du Marechal de Bellisle qui est attendu ici avant la fin 
du mois, et ä qui on a envoye par courrier 1' ordre de presser son retour 
tant qu' il le pourrait. I' ai vu sa reponse, qui me prouve en effet qu' on 
n'attend que lui pour se decider sur le parti ä prendre; tout ce que je 
puis entrevoir par les conversations particulieres que j' ai eues pendant 
tout ce temps avec Mad. de Pompadour et avec chaque individu du mi- 
nistere me fait prevoir que les plus grandes difffcultes rouleront sur la 
condition que j' ai mise au Nr. 2. Ce n' est pas que je ne prevoye que 
les trois autres et nommement les deux derniäres en rencontreront beau- 
coup aussi, mais du moins y aura-t-il ä cet egard quelque moyen d' ac- 
commodement, au lieu que je n' en vois aueun sur 1' objet de la condition 
dont je viens de parier. On me declare constamment et positivement que 
le Eoi ne veut ni ne peut entrer en guerre offensive contre le Eoi de 
Prusse, que depuis le commencement de la negociation c' avait toujours 
ete lä son sentiment, qui m' avait ete dit et confirme ä chaque occasion ; 
qu'autre chose serait si le Eoi de Prusse venait a nous attaquer et ä 
nous mettre par lä dans le cas de demander des secours defensifs; mais 



158 



Adolf Beer. 



i^ue pour r offensive il etait impossible de nous donner des troupes, iiue 
meme nous n' en avions nul besoin, mais que 1' on nous donnerait des 
secours puissants en argent et nous procurerait les moyens d' avoir autant 
de troupes auxiliaires qu' il nous en fallait. Qu' il n' etait pas juste a 
nous d' insister sur une chose qui etait contraire aux sentiments du Roi 
et qui meme etait en certaine fa(;on impossible, puis<iue V on ne pouvait 
pas pousser avec vigneur la guen-e contre 1' Angleterre, garnir les cötes, 
nous fournir des sommes d' argent immenses et raettre outre cela une 
armee en campagne. 

Que r on me prouverait clair comme jour que la reussite de notre 
entreprise etait certaine sans le secours d' une armee fran^aise. Mais 
qu' ä ce seul point pres on ferait tout ce que nous pouvions desirer, ou 
qu" il etait juste qu" on concourüt efficacement ä la reussite de notre- 
entreprise et que 1' on y etait decide. Je ne me suis encore reläche en 
rien de ma demande et je compte de tenir bon jusqu"au bout puisque ce 
sera lä le veritable moyen d' obtenir des conditions plus favorables pour 
le reste. J" oppose des raisons d' impossibilite aux arguments d' impos- 
sibilite qu' on me produit, et j' ai mhme fait entrevoir dejä differentes fois 
que je craignais fort que sur ce pied la nous ne nous arrangerions pas. 
II faudra voir les reponses, elles nous mettront ä portee de faire un juge- 
ment plus precis et plus sür. Mad. de Pompadour et 1' Abbe de Bernis 
m' ont fait apercevoir assez clairement, qu" il ne serait jias de notre propre 
interet d' engager cette cour ä une demarche qui ne pourrait manquer 
de donner beaucoup de credit et d' influence dans les affaires au seul 
ministre qui etait oppose ä notre Systeme et ä la faveur de Mad, de 
Pompadour, cet argument n' est pas depourvu de fondement quoiqu' en effet 
il ne soit pas convainquant vu qu' il est certain que le credit de Mad. 
de Pompadour est mieux t§tabli que jamais, et que celui de ses adver- 
saires baisse d' un jour ä 1' autre. Mr. Rouille ne me parle plus depuis 
quelque temp« de Y expedient dont il m' avait fait mention d' une diver- 
sion ä faire dans le Pays d' Hannovre. L' Abbe de Bernis n' a jamais 
touche cette corde et je n' ai pas voulu lui en parier le i^remier, de 
peur que cela ne lui fit croire que nous pourrions nous contenter de cet 
expedient; je erois pourtant que e' est lä ä peu pres le non plus ultra 
auquel on pourrait se decider sur la dite condition Nr. 2. Nous verrons 
plus clair sur tout ceci en quinze jours au plus tard. Mr. Rouille est fort 
ttonne de ce que je ne regois aucune nouvelle depuis (luelques semaines 
des mouvements du ßoi de Prusse, il avait ete fort inquiet d' abord de 
Celles qui lui sont venues ä ce sujet de Berlin et de Dresde mais notre 
silence le rassure et il commence ä croire que le Roi de Prusse n' a 
nulle envie d" attaquer, et que nous nous en doutons bien. Mr. d' Aube- 
terre marque (ju' on ne parait gueres inquiet ä Vienne des monvements 
que ce Prince fait et que peut-etre on ne demanderait pas mieux que 
d' etre attaque par lui; comme cette lettre est arrivee hier au soir, 
Mr. Rouille est aujourd' hui de cet avis, peut-etre changerait-il demain si 
j' etais dans le cas de lui faire apercevoir de grandes inquietudes ä cet 
egard, ce que je n' ai pas juge ä propos de faire dans la position presente 
de nos affaires et nommement depuis que je sais la fa9on dont on a 
repondu ä Mr. de Valory et de Broglie, et les propos que Mr. Rouille a 



Zur Geschichte des Jahres 1756. 159 

tenus ä Mrs. de Fitzthum et de Kniphausen avec le dernier desquels il a 
eu ces jours passes une prise tres vive. On a fait connaitre a tous ces ini- 
nistres, que si le Eoi de Prusse venait ä nous attaquer, on etait decide 
de nous donner non seulement les secours stipules mais de nous assister 
en outre de toutes ses forees. Mr. de Kniphausen s' est attire lui-meme 
ce propos par ceux qu' il a tenus ä Mr. Eouille pour lui faire connaitre 
que le Roi de Prusse n' avait d' autre but dans les dispositions qu' il 
faisait que de se mettre en etat de defensive au cas que la cour de 
Yienne vint ä 1' attaquer, comme eile en avait le dessein que comme 
apparemment eile chei'cherait ä inspirer des soupQons ä la France, il etait 
de r interet de son maitre de chercher ä les detruire. Mr. Eouille a 
repondu, que nous cherchions si peu ä inspirer des soupQous ä sa cour que 
c' etait eile au contraire qui venait de me donner avis des nouvelles qu" eile 
recevait de differents parts concernant les dispositions que ce Prince faisait ; 
qu' au reste le roi comptait trop sur la prudence de Sa Majeste Prussienne, 
pour qu' il put s' attendre que ce Prince voulut en attaquant Sa Majeste 
Imperiale, le mettre dans la necessite d' entrer directement en gueiTe avec 
lui ce qui n' avait jamais ete son Intention et ä quoi il serait tres-fäche 
de se voir oblige. C est ce propos qui a donne lieu a la vivacite de 
la siiite de cette conversation depuis laquelle le Baron de Kniphausen 
me paräit de tres mauvaise humeur et tr^s embarasse de sa contenance. 

Mr. de Fitzthum s' est donne beaueoup de mouvements pour m' en- 
gager ä agir aupres de cette cour, afin qu' eile se determinät i\ faire des 
offres de subsides ä la sienne. Je lui ai conseille d'en parier a Mrs. 
Eouille et de ßernis et je leur ai represente qu.' il serait ä propos de lui 
donner au moins des esperances ;. Je crois qu" ils 1' ont fait, et cela n' etait 
pas bien difificile parce qu' il est convenu lui-meme qu' il n' avait aucun 
ordre d' en faire la demande en forme ; au moyen de quoi on lui a re- 
pondu : qu' il voyait bien qu' on ne pourrait pas traiter avec lui s' il n' avait 
des ordres pour cela. J' ai marque en dernier lieu ä V. E. quelles etaient 
les vues que je puis croire, que 1' on a ä cet egard et il serait peut-eti-e 
mieux qe ce füt nous qui traitassions immediatement avec la Saxe, parce 
que cela faciliterait beaueoup la reussite des desseins que nous avons de 
ce cöte-lä. J' ai lieu de croire qu' on compte de s' assurer de cette cour 
au moyen des subsides que nous lui payerions et de la promesse de faire 
elire de Prince Electoral Roi de Pologne ä la mort du Eoi son Pere : c' est 
au moins lä tout ce que je puis inferer de plusieurs propos qui sont 
echappes ä Mad. de Pompadour, lorsque je lui parlai de ce qui est contemi 
dans la depecne de Petersbourg du 8^ Juin au sujet du Prince de Conti. 

J' ai reflechi longtemps sur la fagon dont j' executerais les ordres 
que V. E. m' a fait parvenir ä cet egard par le meme courrier que je 
renvoye aujourd' hui et j' ai trouve tout bien considere qu' il n' y avait 
rien de mieux ä faire que d' en parier tout naturellement ä Mad. de 
Pompadour, qui a juge a propos que j' en parlasse ensuite aussi ä V Abbe 
de Bernis, mais non ä Mr. Eouille ni ä aucun des autres ministres. Ce 
que j' ai pu lirer des deux est une assurance pesitive qu' ils m' ont donne 
r un et r autre que j' allais avoir avec les reponses que 1' Abbe de Bernis 
devait me donner, un eclaircissement entier de ce qui avait ete dit dans 
la reponse du 1 ^ de May au sujet de la Pologne. Le roi qu' ils ont in- 



160 



Adolf Beer. 



forme de la demarche fait par Mr. le prince de Conti aupres de 1" Impe- 
ratrice de Eussie, assure qu' il n' en a ancune conuaissance et ne croit 
pas qu' eile puisse etre vraie. II a voulu s" en eclaircir avec Mr. le Prince 
de Conti lui-meme mais on V en a detourne. II a dit neanmoins qu' il 
etait tres possible que le Prince de Conti eüt donne quelque commission 
ä Mr. Duglas qui lui avait ete toujours personnellement attache, mais 
qii' il croyait que ce ne pouvait etre que des compliments et (pour me 
^ervir de la meme expression que Mad. de Pompadour) des coquetteriesi 
ä sa fa9on. Mais qu' il n' etait gueres vraisemblable qu' il eüt demande 
ä r iusu du Koi la permission de se rendre ä Petersbourg. Ils m' ont 
dit tous deux qu' il etait vrai que le Prince de Conti faisait depuis long- 
temps des demarches pour se faire elire Eoi de Pologne, que meme le Eoi 
avait paru s' y preter, mais que jamais ce n' avait ete une Intention bien 
decidee qu' il n' etait ni juste ni convenable decontrecarrer 1' election du 
Frere de Mad. la Daupbine que meme on ne sait pas comment le Prince 
de Conti pourrait soutenir la dignite Eoyale, que c' etait sa chimere, et 
qu' on la lui avait laissee, qu' il y avait des gens qu' il etait bon de tenir 
occupes, que c' etait un os qu' on lui avait donne ä ronger qui 1" empechait 
de mordre ä autre chose et en un mot qu' on me parlerait sur tout ce qui 
concernait cet objet, langage si clair et si positif qu' il ne resterait plus 
aucun doute, et que les vues du roi nous seraient entiörement connues. 
Je n' en ai pas demande davantage, il faudra voir si Ton tiendra parole 
et je jugerai trfes-aisement par la combinaison de differentes circonstances 
si le langage qu" on tiendra ä ce sujet est sincere, ou si 1' on y aura mis 
quelque reserve. — — — — — — 

Post S. • ce 18- Juillet 17 56. 

V. E. s' attendra sans doute ä la reception de cette depeche d' y trouver 
la reponse de cette cour aux conditions que nous lui avous proposees. 
Ce n'est certaiment point ma faute si eile ne s' y trouve pas. Je presse 
tant que je puis, mais on me repond qu' il faut avoir tout le temps de 
la reflexion lorsqu' il s' agit de prendre une resolution des objets aussi 
gi-ands et d' aussi grande consequence que ceux dont il est question. 
D' ailleurs on ne veut rien decider sans 1' avis du Marecbal de Bellisle. 
J' espere que les premiers jours du mois prochain je serai en etat d' en 
dire davantage. En attendant je ne perds pas mon temps ici. Je vois 
souvent les ministres, je parle ä chacun d' eux en particulier, je täche de 
connaitre leurs dispositions et de m' assurer leur confiance et amitie. La 
petite difficulte du ceremonial qui m' empechait de voir Mr. de Machault 
est levee, sans ((u' il y ait eu d' explication ä cet egard. J' ai ete le voir 
sans savoir s' il me rendrait la visite, il m' a re^u avec beauccup de poli- 
tesse et est retourne quekiues jours apres chez moi. Mr. d' Argenson me 
fait beaucoup d' accueil, je le vois assez frequemraent, mais de fagon ü ne 
pas pouvoir donner d' ombrage aux gens r|ui ne sont pas bien avec lui. 

Mad. de Pompadour m" a fort recommande la derniere fois que je 
r ai vue de dire de sa part ä V. E. qu' Elle la priait instamment d' ecarter 
pour 1" avenir tout soupc-on et toute mefiance qui ne pouvaient etre 
qu' injustes et mal fondes et ([ui blessaient la delicatesse du Eoi. 



Kleine Mittheiluugeu. 

Die Städtegründimffeu Heinrichs I. Zu den vielen Streit- 
iragen. über die eine völlige Einigung noch nicht erzielt ist, zählen 
auch die Städtegründungen Heinrichs I. in Sachsen. Zwar über den 
Charakter der neuen Städte besteht keine ernstliche Meiauncrsversehie- 
denheit: sie waren Festungen und sollten militärischen Zwecken dienen. 
Dagegen herrschen noch Zweifel inbezug auf eine verfassungsrecht- 
liche Frage, welche damit zusammenhängt. Wir hören, dass Heinrich 
die umwohnende Landbevölkerung für die Befestigung und die dauernde 
Besetzung der Städte verwendet hat. Konnte nun der König solche 
Dienste von jedem freien Mann fordern oder nur von den Leuten, die 
sich in einer privatrechtlichen Abhängigkeit von ihm fanden und auf 
seinem Grund und Boden lebten ? Von dem Ausfall der Antwort hängt 
tjs ab, ob man in den neuen Städten ausschliessHch königliche Pfalz- 
städte zu erblicken hat, oder ob man annehmen darf, dass Heinrich 
seine Anordnungen auch auf andere Orte hat ausdehnen können und 
ausgedehnt hat Unsere Hauptquelle, der Bericht des Widukind, spricht 
äch über den streitigen Punkt nicht mit der wünschenswerthen Klar- 
heit aus. Man kann aber, wie mir scheint, zu einem völlig befriedi- 
genden Ergebniss kommen, wenn man anderes Material heranzieht, 
das bisher nicht oder nicht genügend verwerthet ist. 

Die viel citierte Stelle über die Maassregeln Heinrichs lautet bei 
Widukind I, 35 fblgendermassen : Et primum quidem ex agrariis mi- 
litibus nonum quemque eligens in urbibus habitare fecit, ut caeteris 
confamiliaribus suis octo habitacula extrueret, frugum omnium tertiam 
partem exciperet servaretque, caeteri vero octo seminarent et meterent 
frugesque colligerent nono et suis eas locis reconderent. Cohcilia et 
omnes couventus atque convivia in urbibus voluit celebrari: in quibus 
extruendis die noctuque operam dabant, quatinus in pace discerent, 

Mittheilnngen XVII. 11 



|g2 Kleine Mittheilungen. 

quid contra liostes in necessitate facere debuissent. Vilia aut nulla 
extra urbes fuere moenia. 

Es herrscht üebereinstimmung darin, dass Heinrich bisher offene 
;(L)rte ummauert und dadurch zu Städten gemacht hat. Allerdings sagt 
dies Widukind nicht geradezu, aber seine Andeutungen können in 
Verbindung mit den übrigen Nachrichten, die wir haben i), nicht an- 
ders verstanden werden. In den neuen Städten Hess der König ex 
agTariis militibus jeden neunten Mann Wohnung nehmen. Unter den 
Gründen für diese Anordnung lässt Widukind wieder den wichtigsten 
nicht recht deutlich hervortreten: offenbar sollten doch jene agrarii 
milites als Besatzung dienen. Ebensowenig spricht er mit bestimmten 
Worten aus, wer denn eigentlich die Mauern erbaut hat. Der ganze 
Bericht giebt nur Aeusserlichkeiten ohne strenge logische Verknüpfung. 
Allein Wesen und Zweck von Heinrichs Anordnungen lässt sich daraus 
doch mit hinreichender Klarheit erkennen: der König verfügte, dass 
bestimmte Orte von der umwohnenden Landbevölkerung, zu der auch 
die agrarii milites gehörten, befestigt, verproviantiert und mit einer 
Besatzung versehen und diese von den draussen Wohnenden unter- 
halten würde. Dafür sollte das Landvolk, wenn der Feiud drohte, in 
den neuen Städten Schutz und Aufnahme finden. 

Streitig ist nun, ob Heinrich diese Anordnungen nur für seine 
königlichen und herzoglichen Domänen getroffen hat oder auch anderswo. 
Man hat früher in den agrarii milites freie Grundbesitzer gesehen; 
indessen nach dem Vorgange von Waitz und Giesebrecht hat man 
in neuerer Zeit meist angenommen, dass es abhängige Leute des Kö- 
nigs waren, da dieser anderen dergleichen nicht hätte befehlen können-). 
Jedoch Widerspruch dagegen ist nicht ausgeblieben. Neuerdings hat 
Hegel agrarii milites übersetzt mit „Umwohner des Landes" ^) ; und 
in einem kürzlich erschienenen Buch von Keutgen ^) wird, freilich mit 
einiger Unsicherheit, die Ansicht geäussert, „dass die heerbannpflich- 
tigen Bauern gemeint sind" '"). 

Hier helfen uns Urkunden weiter. Im Jahre 940 verlieh Otto I, 
dem Kloster Corvey ß), dass seine Aebte bannum habeant super ho- 
mines, qui ad prefatum coenobium et ad civitatem circa illud debent 
ponstructam confugere et in ea operari, hoc est in pago Auga in co- 



>) Waitz, Heinrich I., 3, Aufl. S. 95 fi'. 

-) Die Literatur bei Waitz, Heinr. L, 98, Not. 6", 

3j N. A. XVIII. 214. 

••) Untersuchungen über den Ursprung der deutschen Stadtverfassung 45. 

^) Vgl. auch Böhmer-v, Ottenthai, Keg. Heinr, I. n. 12. 

*■•) DD. I, 114, n. 27. 



Die Städtegrünclungen Heinrichs I. jgß 

lüitatu Kethardi et in pago Netga in comitatu Dendi et Hamponis et 
iu pago Huetigo in comitatu Herimanni; nullus horum aut aliqua 
iudiciaria potestas super prefatos homines potestatem [habeat exercendij 
ullius banni quem burgban vocant, nisi ipsius monasterii abba et cui 
ipse VLilt committere. Aehnliclie Wendungen hat eine Urkunde Ottos III. 
vom Jahre 980 für Gandersheim i), durch die er der Aebtissin urbalem 

bannum, quem vulgariter burgban vocant, ad praedictam civi- 

tatem pertinentera bestätigte und dazu diios nostrae dominationis ur- 
bales bannos, unum in Seburg et alterum in Grene, neu hinzufügte. 
Man erkennt hier deutlich eine Institution des öffentlichen ßechts, 
die lebhaft an die Schilderung des Widukind erinnert. Es sind Land- 
bezirke abgegrenzt und für jeden eine Stadt bezeichnet, in der zu 
Zeiten der Noth die Landbevölkerung eine Zuflucht finden soll. Für 
dieses Recht hat dieselbe die Pflicht zur Instandhaltung der Festungs- 
werke beizutragen, und die Grafen sind befugt die Ausführung der 
Befestigungsarbeiten mit dem Banne zu erzwingen. Das ist der Buro-- 
bann, der nun von den öffentlichen Beamten auf die geistlichen Herr- 
schaften, denen die Stadt untersteht, übertragen wird. Die Einrich- 
tung, einem ländlichen Gebiete eine Stadt als Zufluchtsstätte zuzu- 
weisen, ist auch auf das unterworfene slavische Land ausgedehnt. Im 
Jahre 961 schenkte Otto I. der Morizkirche zu Magdeburg den Zehnten, 
welchen die zu Magdeburg, Frohse, Barby und Calbe gehörigen Slaven 
zu entrichten hatten, und fügte hinzu: Hoc instantissime iubemus, ut 
omnes Sclavani. qui ad predictas civitates confugium facere debent, 
annis singulis omnem addecimacionem eorum plenissime ad sanctum 
Mauricium persolvant -). Wie in der Urkunde für Corvey haben wir 
auch hier das bezeichnende Wort , debent', das auf eine obrigkeitliche 
Anordnung hinweist. Jeder Zweifel über den Charakter der ganzen 
Einrichtung wird aber beseitigt durch eine andere Urkunde Ottos I. 
für das Morizkloster. Im Jahre 965 ^) verlieh er demselben den Königs- 
bann in der Stadt Magdeburg und dazu opus coustruend^ urbis a 
circummanentibus illarum partium incolis nostro regio vel impera- 
torio iuri debitum *). 

') DD. II, 242, n. 214. 

2) DD. I, 306, n. 222^. 

5) DD. I, 416, n. 300. Der hier erwähnte Königsbann ist natürlich von 
dem Burgbann verschieden, schloss aber vermuthlich diesen in sich. Der Königa- 
bann ist der Kirche 979 von Otto II. neu verliehen, ohne dass dabei von dem 
Anspruch auf Befestigungsarbeiten die Rede ist; DD. II, 225, n. 198. 

*) Ah Otto II. 974 der Merseburger Kirche die Stadt Zwenkau schenkte, 
bestimmte er, dass kein öffentlicher Beamter liberos homines infra eiusdem civi- 
tatis terminos et appertinentias positos ad bannum persolvendum vel ad opus 

11* 



j(]^ Kleine Mittheilungen. 

Diese Urkunden zeigen uns, dass nicht lange nach dem Tode 
Heinrichs I. der König ki-aft seiner öffentlichen, staatlichen Gewalt in 
Sachsen das Eecht besass, von der Landbevölkerung Leistungen und 
Dienste für die Befestigung von Burgen und Städten zu fordern. Es 
waren dies öffentliche Lasten, die auf den Freien ruhten. Schon im 
Jahre 940, in der Urkunde Ottos I. für Corvey, erscheinen sie als 
etwas keineswegs Neues, sondern werden wie etwas Allbekanntes und 
Eingebürgertes behandelt. Unbedenklich darf man annehmen, dass sie 
schon zur Zeit Heinrichs I. bestanden haben. 

Man darf dies um so eher, als der König nicht allein in Sachsen 
von freien Leuten Befestigungsarbeiten beanspruchen konnte. Im 
Jahre 947 verlieh Otto L dem Erzstifte Trier eine Immunitätsurkunde i) 
In der bekannten Weise werden darin den öffentlichen Beamten Amts- 
handlungen auf dem kirchlichen Grund und Boden untersagt und dabei 
auch bestimmt, dass die bischöfliche familia nicht ad aliquod castelli 
opus ab exactoribus veetigalium impleatur. Also die königlichen Be- 
amten hatten das Recht Beihülfe zum Burgenbau zu fordern, sollten 
dasselbe aber gegen die Insassen der Immunität nicht zur Anwendung 
bringen. Für Weissenburg verfügte Otto I. im Jahre 965 ^), dass die 
Leute des Klosters ad nullam aliam civitatem vel castellum muniendum 
ab aliquo cogantur vel distringantur, nisi tantum ad idem praescriptum 
monasterium. Hier wie anderswo sehen wir, wie das ursprünglich 
öffentliche Eecht auf eine geistliche Herrschaft übergeht; und aus der 
späteren Zeit haben wir viele Beispiele, dass in den sich bildenden 
geistlichen und weltlichen Territorien die Leute bestimmte Pflichten 
für den Bau und die Unterhaltung der Mauern von Städten und 
Burgen übernehmen mussten ^). Besonders charakteristisch ist eine 
Urkunde des Propstes Adalbero von S. Paulin zu Trier vom Jahre 1037 ^). 
Er schenkte dem Kloster des heiligen Matthias vor Trier eine Anzahl 
Villen mit der Beschränkung, ut quelibet domus dictarum villarum 
uno die singulis annis unius viri labore pro Castro nostro Sarburch 
laborare tenebitur et tenetur; doch kann diese Last in Geld abgelöst 
werden. Auf anderen Tillen, die er schenkt, liegt die Verpflichtung, 
quod quelibet domus predictarum villarum, viduis exclusis, dimidium 



muri urbani faciendum aut ad miiiistrationem expeditionis tribuendam . . . co- 
-gere vel ullatenns distringere audeat; DD. II, 104, n. 89. 

1) DD. I, 169, n. 86. . ■.- ; -: : . , \ J •=.,' . 

-') DD. I, 401, n. 287.. 

3) Waitsi, Verf.-Gesch. VIII, 210; Hegel, Verf.-Gesch. von Mainz 42; Köhue, 
Stadtveif. in Worms, Speier und Mainz 84; Eeutgen 4G. 

") Mittelrhein. U. B. I, 362, n. 308 III; wiederholt a. 1159, ibid. 678. n. 616. 



Die Städtegründungen Heinrichs I. 165 

lualdriim avene ad castrum uostrum Sarburch predictum singulis auuis 
dare tenetiir, ratione cuius nos et successores nostri in Castro predicto 
easdem villas ab omnibus sibi violenciaoi aut iniuriam facientibus de- 
feusare tenebimur et tenemur. Also die Landleute haben für die Ver- 
proviantirung von Saarburg Hafer zu liefern, und dafür übernimmt der 
Herr der Burg ihren Schutz, ein gauz ähuliches Verhältniss wie bei 
Widukind. Allerdings handelt es sich in jener Urkunde um abhän- 
gige Leute; aber ihre Verpflichtungen sind sichtlich denen der Freien 
nachgebildet. Vielleicht auch stammen die Lasten aus einer Zeit, wo 
die Leute noch frei waren; darauf deutet der Umstand hin, dass der 
Burgherr zu einer Gegenleistung verpflichtet ist. 

Man sieht, wenn Heinrich L in Sachsen freie Leute zu Arbeiten 
für den Burgenbau zwang, so nahm er ein Recht in Anspruch, das 
dem Könige überall im Reiche zukam. Es ist nun in hohem Grade 
wahrscheinlich, dass dieses Recht nicht erst im 10. Jahrhundert ent- 
standen ist und auch die übrigen militärischen Leistungen, die er von 
den Sachsen forderte, nichts völlig Neues gewesen sind, sondern dass 
er nur Einrichtungen des karolingischen Staates neu belebt und in 
eigenthümlicher Weise ausgestaltet hat. Lehrreich ist hierfür das 
Edictum Pistense vom Jahre 864 c. 27 ^), worin Karl der Kahle be- 
fiehlt: comites vel missi nostri diligenter inquirant, quanti homines 
liberi in singulis comitatibus maneant, qui per se possunt expeditio- 

nem facere, vel quanti de his, quibus unus alium adiuvet, — 

sive de his, qui a quatuor quintus adiuvetur et praeparetur, ufc expe- 
ditionem exercitalem facere possint, et eorum summam ad nostram 
uotitiam deferant; ut illi, qui in hostem pergere non potuerint, iuxta 
antiquam et aliarum gentium consuetudinem ad civitates novas et 
pontes ac transitus paludium operentur et in civitate atque in marca 
wactas faciant; ad defensionem patriae omnes sine ulla excusatione 
veniant. Man unterscheidet hier zwei Klassen von freien Leuten, je 
nach den militärischen Pflichten, die ihnen oblagen. Die einen ziehen 
aus gegen den Feind; die anderen haben die Ausziehenden zu unter- 
stützen und auszurüsten und militärische Arbeiten zu verrichten. Die 
Aehnlichkeit mit den von Widukind beschriebenen Anordnungen Hein- 
richs fällt in die Augen. Auch unter den Karolingern konnten freie 
Leute zum Bau von Festungswerken gezwungen werden 2). W^enn 
ferner Widukind hervorhebt, dass die kriegerischen Besatzungen in 



•) LL. Sectio II, t. 11, 321. 

-) Die Verpflichtung zum Bau von Brücken und Dämmen und zu Wach- 
diensten wird auch sonst erwähnt ; Waitz, Verf.-Gesch. IV^, 31, 35, 36. 



IQQ Kleine Mittheilungen. 

den ueuen sächsischen Städten von den draussen Wohnenden zu un- 
terhalten waren, so lag diese Verpflichtung in dem karolingischen ad- 
iutorium inbegriffen; denn da der Kriegsmann sich im Felde selbst 
zu verpflegen hatte i), so mussten die, welche den Ausziehenden in 
seiner Ausrüstung unterstützten, ihm auch die nöthigen Mittel zum 
Unterhalt liefern. Den meisten Austoss hat, wie es scheint, die neuere 
Forschung daran genommen -), dass Heinrich I. einen Theil des krie- 
gerischen Aufgebots, wie Widukiud sieh ausdrückt, in den neuen 
Städten Wohnung nehmen liess. Allein dass einzelne Abtheilungen 
lange Zeit unter den Waffen blieben, war unter den Karolingern nichts 
Seltenes gewesen; denn wir hören häufig von Besatzungen, welche die 
Könige in Grenzorte oder wichtige Punkte feindlicher Gebiete legten •^) 
Der Herrscher konnte das Heer aufbieten, wann er wollte, und es 
verwenden, wie es ihm beliebte. Auf Widerspruch musste er nur ge- 
fasst sein, wenn er Unerträgliches oder Unmögliches verlangte. Die 
Mannschaften in den sächsischen Städten werden aber mit ihrem 
langen Kriegsdienste, der sie fast zu einem stehenden Heere machte, 
schwerlich unzufrieden gewesen sein, wenn sie dafür von anderen un- 
terhalten wurden. 

Gewiss hat Heinrich nicht einfach karoliugische Einrichtungen 
erneuert. Was er schuf, passte sich den momentanen militärischen 
Bedürfnissen an ; aber er knüpfte überall an die A'^ergaugenheit an, an 
Traditionen und Gewohnheiten, die noch nicht verschwunden waren; 
denn bei den in ewigem Grenzkriege lebenden Sachsen wird die ka- 
roliugische Wehrverfassung wohl kaum ganz in Vergessenheit gerathen 
sein. Was daher Heinrich in der Ungarnnoth seinen Landsleuten zu- 
muthete, war für diese nichts völlig Neues und Unerhörtes, Neu war 
nur, dass er aus den Ueberresten einer vergangenen Zeit wieder ein 
wirksames System der Landesvertheidigung zu machen verstand. 

Heinrich hat für seine Maassnahmen die Genehmigung eines Reichs- 
tages nachgesucht '^). Damit wird ihr staatlicher Charakter vollends 
gesichert; denn er brauchte niemanden zu fragen, wenn er seine 
Pfalzen befestigen lassen wollte und dazu seine eigenen Leute ver- 
wendete. Wohl aber konnte die Zustimmung einer Reichs Versammlung 
der königlichen Autorität eine erwünschte Stärkung gewähren, wenn 
er von den Freien militärische Leistungen forderte, die zwar nicht 



M Waitz, Verf.-Gesch. IV 2. 621. 
-') Waitz, Heinr. I. 98. 
3) Waitz, Verf.-Gesch. IV«, 613. 

*) Miracula S. Wigberti c. 5; SS. IV, 225; Waitz, Heinr. I., 95; Böhmer- 
V. Üttenthal 11. 12. 



Vier verwandte Arelatische Diplome Konrads III. IQJ 

ganz neu, aber immerhin ungewöhnlich gross und für das Leben des 
Einzelnen oft recht einschneidend waren. 

Kiel. C. Eodenbero-. 



Vier verwandte Arelatische Diplome Konrads III. Kon- 
rad III. hat nicht ohne Glück versucht, eine festere Verbindung Bur- 
gunds mit dem deutschen Königreich anzubahnen. Der erste Staufer. 
der die Krone trug, Hess es sich angelegen sein, im Arelat eine Po- 
litik zu inauguriren, die dann von seineu grösseren Nachfolgern mit 
Erfolg fortgesetzt wurde : die geistlichen Würdenträger gewann er sich 
durch Verbriefungen, die ihnen, gegenüber den weltlichen, ausgedehntere 
ßechte gewährten; er mischte sich in die Streitigkeiten der Laien- 
aristokratie, begünstigte die eine Parthei, um sich auf sie gegen die 
andere stützen zu können i). 

Unter seineu Urkunden für einzelne Arelatische Grosse — es sind 
ihrer nicht viele — fallen uns vier Diplome auf, die durch die Ueber- 
einstimmung eines grossen Theiles ihres Textes zusammen zu gehören 
scheinen, wenn sie auch aus verschiedeneu Jahren Konrads herrühren. 
Es sind die Privilegien für die Erzbischöfe von Arles (A) und Embruu 
(E), für den Bischof von Viviers (V) und für den Edlen von Clerieu (C). 
Diese Diplome, mancher Eigenschaften halber verdächtig, daher von 
den Forschern bald für acht, bald für gefälscht gehalten, sollen hier 
eingeheuder geprüft werden -). 

1. Das Privileg für Arles. Das älteste unserer vier Diplome 
ist der Datierung nach das für das Erzbisthum Arles (A) 3). Diese 



') Hütfer, Das Verhältnis Burgunds zu Kaiser und Reich unter Friedrich I. 
(Paderborn 1874) S. 23 tf. — Fournier Le royaume d' Arles 1138—1378 (Paris 
1891) S. 5 ff. 

2) St. 3526—28 und 3584 hält A und C für gefälscht, E und V für echt. 
Hütfer hält A, E, V für acht (S. 25), C in der vorliegenden Form für zweifelhaft, 
den Inhalt für authentisch (S. 70). Fournier hält alle für verdächtig, C für ge- 
fälscht (S. 13 und 18 Anm.). Bernhardi^ Jahrbücher Konrads III. (S. 533 Anm. 65 
und S. 891 Anm. 19) hält E und V für ursprünglicher, A für danach gefertigt, 
C für Fälschung. Ficker, Reichsfürstenstand S. 302, 305 und 26, zweifelt nicht 
an der Aechtheit. 

3) Saxi, Pontificium Arelatense, (Aix 1629, S. 226) hat neben manchen an- 
dern Fehlern des Abschreibers im Datum .anno quinto VII«, wo für quinto na- 
türlich vero zu lesen ist. — Eine Copie Arndts, die ich durch die Güte des Herrn 
Professor Scheffer-ßoichorst erhielt, enthält den Veimerk : ,Ex originali spurio 
Arch. Massiliensis. Das angebliche Or. in groben Schriftzügen im Livre d' or 
f. 71, Siegel verloren«, ohne weitere Gründe für den Verdacht. Wahrscheinlich, 
handelt es sich hier um eine ziemlich gleichzeitige Copie. 



168 



Kleine Mittlieiluncren. 



nennt das Jahr 1144 und zwar im 7. Jahre der Regierung Konrads lll.v 
d. h. vom 18. März an i). Die Zeugen geben keinen sicheren Anhalt 
für die Ausstellung. Es sind : Heinrieh von Mainz, Bucca von Worms, 
Ortlieb von Basel, Burchard von Strassburg, ein Archidiakou Diether 
und ein Notar Albert. Merkwürdig ist hierbei, dass der Kanzler 
Arnold, der doch während der ganzen Eegierung Konrads als Keco- 
o-uoscent auftritt, fehlt. Nun wissen wir. dass Arnold im Febr. 1144 
nicht am Hofe, sondern in Köln ist und erst am 25. März wieder für 
Heinrich von Mainz zeichnet-'). Somit mag A Mitte März 1144 in 
Würzburg ausgestellt sein ^). Statt Arnolds finden wir unter den 
Zeugen den Erzbischof Heinrich selbst, in unsem andern drei Diplomen 
aber fehlt er. während Arnold, wenn auch nicht wie üblich recognos- 
cirt, so doch als Zeuge erscheint. Wie sollte wohl ein Fälscher im 
Arelat, der, wie man meint, A nach dem Muster von E fabrizirte, 
auf den Gedanken kommen, plötzlich Arnold fortzulassen und Heinrich 
hinzuzusetzen ? 

Der hier genannte Notar Albert fehlt bei den drei andern in der 
Zeuo-enreihe. Der Name des sonst Unbekannten findet sich nun — 
ausser in St. 3465, s. u. Anm. 3 — nur noch dreimal und zwar in 
drei andern Arelatischen Diplomen der nächsten Zeit, nämlich in dem 
für Vienne 1146, für Arles 1153, iür Vienne 1153, was sehr zu be- 
achten ist. ,. . - 

Der Inhalt von A giebt zu keinen Bedenken Anlass. üeberein- 
stimmend mit späteren Diplomen ist die Betonung der Prärogative des 
Erzbisthums Arles. Dann wird ein Testament des Grafen von Toulouse 
erwähnt, in welchem einst dem Erzbischof Gibiliu gewisse Besitzungen 
abgetreten sind. Dies Testament ist in der That, aus dem Jahre 1105, 
vorhanden ^) und bestätigt mehrere Angaben in A ^). Auch für die 
weiteren Güterverleihuno-eu liegen andere Urkunden zum Vergleich 



1) St. 3528 u. Hütt'er (S. 25) ziehen A zu ] 146, weil sie es ohne Noth mit 
E und V zusammenbringen: die Verschiedenheit des Datums schien ihnen un- 
wesentlich gegenüber den Aehnlichkeiten des Contextes. Und auch an das Datum 
kehren sie sich nicht, weil sie, (S. S. 170, Anm. 3), die drei Diplome nach Böhmers 
Vorgang zum Speirer Reichstag vom Januar 1147 ziehen zu müssen glauben. 

-•) St. 3466. 

s) Diese Annahme wird bestätigt dadurch, dass am 23. Febr. 1144 (St. 3465) 
für den abwesenden Arnold ebenfalls Albert (Adelbertus) recognosciert, der hier 
capellanus genannt wird. Bernhardi (S. 370, A. 2) sagt, Albert habe nur diese 
eine Urk. recognosciert. Aber A ist die zweite, die ihn nennt und unter Konrad 
kommt er noch einmal vor (Bernhardi S. 447 A. 39). 

'*) Gallia christiana I, preuves S. 97. . j .• .i> 

''') quartam partem Albaronis et 6e Fossö. - - - • '■■'■'■ ''*-=- 



Vier verwaudte Arelatische Diplome Konracls III. Ißf) 

vor. 1153 haben Papst Anastasius i), wie auch Kaiser Friedrich 1.-) 
dem Erzbischof Privilegien gegeben. Es sind keine Confirmationen 
von A 3), aber eine Anzahl von Namen findet sich in allen Diplomen ^). 
Allerdings giebt A die bei weitem grösste Anzahl von verliehenen 
Orten, und so könnte mau hieraus auf eine Fälschung schliessen. Aber 
näher liegt die Erklärung, dass damals, als der Erzbischof sich zuerst 
an den deutschen König wandte, dieser die hohen Ansprüche von 
Arles nicht prüfen konnte oder wollte, dass spätei- aber, wo mittler- 
weile Concurrenten aufgetreten waren, Arles sich bescheiden musste^'). 

— Noch eine Bestimmung hat A allein : in der Comminatio sind dem 
Uebertreter als Busse 40 tt Goldes angedroht, iu die sich Fiscus und 
Erzbischof zu theilen haben. Warum sollte der burgundische Fälscher, 
der diese, sonst übliche^), Formel in E nicht fand, sie hinzusetzen, da 
sie doch keine praktischen Folgen hatte? 

So finden wir keinen Grund, A für unecht zu halten. Das Erz- 
bisthum Arles hatte noch am ersten von allen Arelatischen Ständen 
sich eine lockere Verbindung mit dem deutschen Könige bewahrt; 
Lothar, als er diese auffrischen wollte, hatte sich nicht lange vorher 
an Arles gewandt'). Jetzt war es der Erzbischof Kaimund, der sich 

— vielleicht bedrängt von dem Rivalen in der Stadt Arles, dem Grafen 
der Provence^) — des fernen Souveräns wieder erinnerte, und zu 
Konrad III. mit einem umfangreichen Privilegiengesuch kam. Dieser 
zögerte nicht, die Hand des mächtigen Metropoliten zu ergreifen und 
ihm 1144, vielleicht im März zu Würzburg, das uns erhaltene Diplom 
auszustellen. Damit war ein gutes Beispiel gegeben. Schon 1 146 kam 
der zweite Metropolit des südlichen Burgunds, der Erzbischof von 
Vienne, und im nächsten Jahre folgte auch der Dritte, der von 
Embrun, nach. 



') Gall. Christ, ibid. 

2) St. Act. ined. n. 339. 

3) Wie Hüffer S. 25 meint. 

*) de Fosso, Albernicum, Avalon, Montdragon. Friedrich bestätigt ausserdem 
von den in A genannten Gütern : Albaron, das Grau (die steinige Ebene bei 
Arles) und die auch später immer als Reichslehen bezeichnete Burg Salon: 
de Fosso und Albaron verleiht er ganz, nicht nur zum vierten Theil, wie 1105 
und 1144. 

s) Barbarossa liebte überhaupt keine blossen Bestätigungen früherer Diplome, 
wenn er auch durch den Zusatz, dass Alles, was vorher die reges Komanorum 
verliehen hätten, in Kraft bliebe, die Gültigkeit anerkannte. 

'^) Allerdings gewöhnl. 100 Pfund. 

') Hüffer S. 24. 

s) Ibid. S. 102. 



170 Kleine Mittheilungen. 

2. Die Privilegien für Embrun (E) i) uud Vi vier s (V)-). 
Unter den vier Urkunden sind diese beiden wieder wegen der fast 
völligen Uebereinstimmung als zusammengehörig zu betrachten. Beide 
Male giebt Konrad 111. den Empfängern die Regalien in ihren Städten, 
die Münze, den Zoll auf den Landstrassen und auf dem Flusse. Ge- 
meinsam ist auch das Datum: ..1147. im 10. Jahre der Reffierung 
Konrads", d. h. vom 13. März au'^). Da Konrad bald danach ins 
heilige Land zieht, könnte man die Diplome zu April 1147 setzen. 

Dies wird gestützt durch die unter den Zeugen erwähnten Bischöfe 
von Strassburg und Havelberg. Beide waren Mitte März zum Pabste 
nach Frankreich geschickt, wo sie ihn am 30. in Dijon trafen; mit 
seinem Bescheide zurückgekehrt, sahen sie Konrad wohl im April am 
Rhein*), denn am 1. April ist er in Aachen, am 20. in Bamberg. 
Aus diesen Tagen dürften unsere Diplome stammen. 

Die Zeugen stimmen überein. Gemeinsam mit A sind Ortlieb, 
Burchard, Bucca und der unbekannte Archidiacon Diether. Dazu kommt 
der Kanzler Arnold (Arnulf), ein unbekannter Rengerius und endlich 
„Constantiensem Anselmum". Da der Bischof von Constanz damals 
Hermann heisst, so können diese Worte, wie schon die Stellung zeigt, 
nicht zusammengehören. Es müssen zwei Personen sein: vor Con- 
stantiensem ist der Name (Hermannum oder H.) ausgefallen, nach An- 
selmum der Ort (Havelbergensem.) 

Die Unterschiede zwischen E und V sind gering. E hat eine 
Invocatio, V nicht. E hat vor Conradus noch Ego, was bei V fehlt. 
Beides kann nicht gegen die Aechtheit sprechen, denn, wie die In- 
vocatio um diese Zeit zu verschwinden beginnt, wird das Ego vor dem 
Ausstelleruamen häufig. Uebrigens kann die Verschiedenheit auch auf 
die Copien zurückgehen. Auf sie ist wohl zu schielten, wenn in E 
Konrad „Secundus'- heisst, in V nicht; denn die Zahl findet sich auch 
in A und C. Sollten diese kleinen Difierenzen aber schon in den 
Originalen gewesen sein, so ist das ein Beweis, dass weder E aus V, 
noch V aus E gefälscht ist. Denn gerade diese formalen Theile hätte 
der Fälscher im Areiat nicht fortgelassen, während die Kanzlei darauf 
keinen Werth legte. Im Uebrigen sind die Abweichungen durch die 
Unterschiede der Empfänger und ihrer Kirchen bedingt. Dass Embrun 



>) St. 3526, Gall. christ. III, pr. S. 179. ■ 

2) St. 3.527, Gall. christ. XV, pr. S. 224, Böhmer Act. imp. sei. n. 90. 

•'•) Böhmer (ibid. Anm.) setzt E. u. V. zum Speirer Tag vom 6. Jan. 1147. 
weil damals alle genannten Zeugen anwesend. Vielleicht haben wir es mit Hand- 
lungszeugen zu thun, während das Datum auf die Beurkundung geht. 

■») Bernhardi S. 559. 



Viel- verwandte Arelatische Diplome Konrads III. 171 

die Gerichtsbarkeit iu der Stadt, Viviers aber nicht erhält, könnte 
Wunder nehmen ; vielleicht aber ist „iusticiam" in V bei der Abschrift 
ausgelassen. — Wilhelm von Viviers wird consanguineus Konrads III. 
ö-enannt. Es ist nicht zu ermitteln, wie diese Verwandtschaft beider 
entstanden war, aber es leuchtet doch ein, dass eine solche Angabe 
sich nicht aus der Luft greifen liess, am wenigsten von einem Fälscher. 
Durch die verwandtschaftlichen Beziehungen erklärt es sich, warum 
Wilhelm der einzige Bischof des Arelats war, der sich von Konrad die 
Eegalien bestätigen liess. 

E ist von den meisten Forschern für die am wenigsten verdächtige 
Urkunde gehalten^). Aus dem Gesagten wird erhellen, dass V nicht 
aus E gefälscht, sondern gleichzeitig von der Kanzlei ausgestellt ist. 
Doch sei aus dem Inhalt noch einiges für die Echtheit beigebracht. 
Das Bistum Viviers lag zum grössten Theile auf dem rechten Khoue- 
Ufer, also auf französischem Gebiete; nur wenig war links „in imperio" 
gelegen. Zu diesem gehörte aber gerade die in V einzig erwähnte 
Besitzung Donzere^). Indessen beanspruchte die Reichsgewalt im 12- 
und 13. Jahrhundert die Hoheit über das ganze Bistum, was im 13. 
zu Conflikten mit dem französischen König führte. Friedrich I. hat 
1177 den ganzen Sprengel dem Bischof verliehen und jedes Andern 
Hoheit ausgeschlossen^). Wenn nun in V nur das ohne Zweifel im 
Reiche liegejide Donzere vergabt wird, so zeugt dies von einer Be- 
scheidenheit, die sonst den Fälscher nicht zu zieren pflegt und den 
Zweck der Fälschung ausser Augen setzt; denn worin konnte dieser 
bestehen, als zweifelhafte Ansprüche durch Brief und Siegel des 
Königs zu stützen? 

3. Das Privileg für Clerieu (C). Die Herren von Glerieu, 
deren Gebiet iu der Gabel der Rhone und Isere lag*), sind in der 



') Fournier i. c. S. 14. 

2) Auch im 15. Jahidt., als das Reich jedem Anspruch auf das rechte Ufer 
entsagt hatte, ist der Erzbischof von Viviers als Herr von Donzere Reichsfürst, 
Ficker. Reichsfürstenstand S. 302. 

3) St. 4190, Hüffer S. 52 (ungenau) und 95. Man könnte sich wundern, 
dass hier, 1177, auf V keine Rücksicht genommen ist. Aber wir finden bei 
näherer Betrachtung, dass der damalige Bischof von Viviers, Nicolaus, eine 
Bestätigung des Privilegs seines Vorgängers Raimund erbittet, der von 1157 bis 
1170 regiert hatte. Folglich hat Friedrich I. bereits früher ein Diplom für 
Viviers gegeben, das uns verloren ist. Uebrigens stimmt auch V mit der Urkunde 
von 1 177 an einer Stelle überein : monetam, pedaticum, utraque strata telluris et 
Rhodani. 

*) Vgl. über sie Giraud, Essai sin- 1" abbaye de S. Barnard, (Lyon 1856) wo 
eis. 321 gedruckt ist. 



]^72 Kleine Mittheilurgen. 

Mitte des 12. Jahrhunderts zu bedeutendem, wenn auch nicht lauge 
währendem Ansehen gelangt. Silvio v. Clerieu war es, der nach mehr- 
jährigen freundschaftlichen Beziehungen zu den deutschen Herrschern 
1157 in Besancon von Barbarossa als einziger Laienfürst neben den 
geistlichen Würdenträgern Biirgunds die Beuefizien erhielt; und Kage- 
win^) hat von ihm eine so hohe Meinung, dass er ihn „magnus priuceps- 
et praepotens de Ciaria'' nennt. Im nächsten Jahre begleitete er dann i 
den Kaiser nach Italien und weilte mit ihm bei Koncaglia-). 

Die Anfänge dieses Aufschwungs Silvios reichen in die letzten 
Jahre Konrads III. zurück. Von mächtigen Nachbarn abhäugig. be- 
sonders vom Grafen von Albon und dem Erzbischof von Vienne, der 
als Abt des nahen Romans Lehnshoheit beanspruchte, nähert er sich j 
dem deutscheu Herrscher — der einzige Arelatische Laieufürst neben 
den Herren von Baux — , um bei ihm Unterstützung seiner ehrgeizigen 1 
Pläne zu finden. Und Konrad, hocherfreut über dieses ungewohnte i 
Ansuchen, zögerte nicht, Silvios vermeintliche Privilegien zu bestätigen. { 
Wie so oft, bekräftigt der König ohne viel Prüfung die Rechte dessen^ i 
der ihn anruft; ihm kommt es nicht darauf an, später auch die des \ 
Rivalen gutznheisseu, mochten sie sich auch widersprechen. ; 

So erhielt Silvio 1151 von Konrad III. die Reichsunmittelbarkeit, | 
das Recht zweier ZoUstätteu, die Aufhebung ihn schädigender Ver- , 
kaufe seines Vorfahren Ado an den Erzbischof Leodegar von Vienne. ' 
— Dies Diplom hat wieder dieselbe Arenga, wie A, E^ V, nur ent- i 
sprechend abgeändert, ferner dieselben Zeugen, wie E und V, mit zwei | 
Abweichungen. Erstens : ausser Dicterum noch Ticterum archidiaconum, 
was gewiss lapsus calami ist. Zweitens: unter den Zeugen steht statt 
Bucca jetzt Konrad von Worms. Das ist für den Beweis der Echtheit 
von Bedeutung. Bucca war Ende 1149 gestorben, ihm folgte Konrad. 
Hätte C 1151 noch den verstorbenen Bucca als Zeugen aufgeführt, so 
Avürde selbst das noch kein zureichender Grund für die Annahme der 
Fälschung sein; aber dass nun richtig aus Bucca Conrad wird, stützt 
gar sehr die Meinung für die Aechtheit: ein Fälscher in Burgund 
konnte doch schwer die Veränderung in Worms erfahren. 

Trotzdem hat gerade C die meiste Anfechtung erfahren. Warum? 
1. Nur in C finden wir Ausstellurgs-Tag und -Ort: K). September 
1151, Worms. Konrad aber soll an diesem Tage in Würzburg ge- 
wesen sein-'). Angenommen, das träfe zu, so ist nach Fickers Unter- 



») Buch III, Cap. XI. 

2) Fournier ibid. S. 23. 

3) St. 3584. 



Vier verwandte Arelatische Diplome Konrads III. 173 

suchungeu die Uuächtheit keineswegs erwiesen. Denn Worms liegt 
nur zwei Tagreisen von Würzburg ; der König, der damals von Lütticli 
südwärts zog, weilte vermutlich Mitte September in Worms, bevor er 
nach Würzburg aufbrach. Worms lag für burgundisclie Empfänger 
günstig; zwei Jahre später (Juni 1153) hat Silvio, wie auch der Erz- 
bischof von Arles, ebenfalls in Worms ein Privileg erhalten. 

2. Fournier meint, die Bezeichnung „regnum Viennae" für Burgund 
sei im 12. Jahrhundert nie gebraucht worden, daher C, wo dies vor- 
kommt, verdächtig. In der That findet mau den Ausdruck nicht vor 
1215, sondern meist „regnum Burgundiae'-. Aber dies reicht doch 
nicht für den Beweis der Fälschung aus. Denn es ist in C nicht von 
„regnum Viennae" dieEede, sondern von „reges ßomanorum et Viennae", 
was doch nicht ganz dasselbe ist. Dann aber ist zu beachten, dass in 
der Kanzlei Konrads erst versucht wurde, gegenüber neuen Erschei- 
nungen der Petenten feste Formen zu gewinnen, die dann unter 
Friedrich I. häufig wieder fallen gelassen wurden. Bricht sich unter 
ihm also „regnum Burgundiae" Bahn^), so ist aus dem vorher einmal 
vorkommenden „reges Viennae" noch nicht eine Fälschung aus dem 
13. Jahrhundert zu folgern. Viel zu selten ist überhaupt in den Ur- 
kunden ein Ausdruck für das ganze Reich, als dass man so bindende 
Schlüsse ziehen dürfte. 

3. Dass Silvio „princeps" heisst, kann nicht verdächtig er- 
scheinen, da durch die erwähnte Stelle bei Ragewin dieser Titel ge- 
stützt wird -). Ficker hat richtig erkannt ^), dass es sich hier nicht um 
den Begrifi' des Reichsfürsten, sondern um einen mehr traditionellen 
oder usurpirten Titel handelt, wie bei den Herren von Baux, den 
„principes" von Orange. Allerdings hat Friedrich I. den Silvio in 
dem Diplom von 1153 nicht so genannt; er war nicht so leicht 
geneigt, solche selbstgeschaffenen Titel durch seine Kanzlei zu be- 
glaubigen. 

4. Bisher nicht bemängelt, aber verdächtig ist die Anrede, „vene- 
rabilis pretaxate princeps". Ohne Frage ist sie aus E (oder V) über- 
nommen, wo es heisst „venerabilis pretaxate urbis archiepiscope." 
Während also hier ganz richtig der Prälat venerabilis genannt wird 
und pretaxate zu urbis sehr gut passt, stimmt in C venerabilis nicht 
zu princeps, schwebt pretaxate als Vocativ zu princeps in der Luft. 
Man könnte hieraus auch auf eine Fälschung von C schliessen. Aber 



') Und wie selten ist auch dies ! (Urk. für Vienue 1157, vgl. Fournier S. XXI). 
Auch scheint regnum Burgundiae ein weiterer Begriff, als regnum Viennae. 
-) Das übersieht Fournier, trotzdem es Hüffer S. 70 hervorhebt. 
3) Keichsfürstenstand S. 26. 



174 Kleine Mittheilungen. 

sollte eiu Fälscher, der sorgsam zu Hause sein Diplom fabrizirt, wirk- 
lich diese Worte beibehalten, sollte er urbis fortgelassen haben und 
pretaxate nicht? Ist nicht durch eine rasche, flüchtige Kanzlei -Aus- 
fertigung von C nach dem Muster von E das Inconcinne in C viel 
einfacher zu erklären i)? — 

Wir haben bisher unsere vier Diplome gesondert betrachtet und 
sind zu dem Kesultat gelaugt, dass schwerwiegende Gründe für die 
Annahme einer Fälschung nicht vorliegen. Dabei sind wir immer von 
der Ansicht ausgegangen, dass das Kanzleiwesen gerade unter Konrad III. 
das Bild der grössten Unregelmässigkeit bietet, dass es im Stadium 
des üeberganges befindlich ist und daher Alles schwankend und ephemer 
erscheint. Feste Schlüsse aus einzelnen Merkmalen auf denWerth der 
Urkunden zu ziehen, wird daher nur selten erlaubt seiu^). 

Wären uns die vier Diplome nicht alle erhalten, sondern nur 
immer eines von ihnen, so wäre meines Erachtens überhaupt Niemand 
auf den Gedanken gekommen, eine Fälschung anzunehmen 3). Erst 
dadurch, dass sie, obwohl aus verschiedenen Jahren, zum grossen Theil 
denselben Wortlaut haben, ist man darauf gebracht, dass eines aus 
dem andern entstanden sei, und dies konnte man sich nicht anders 
erklären, als durch Fälschung eines oder mehrerer auf Grund einer 
ächten Vorlage, als welche das eine der vier gedient hatte. 

Aber die Uebereinstimmung lässt sich doch noch anders motiviren. 
Man kann nämlich die Beobachtung machen, dass die locale Zusammen- 
gehörigkeit der Empfänger auch Aehnlichkeit ihrer Privilegien -Verbrie- 
fungen mit sich bringt*). Um dies zu belegen, wollen wir einmal die 
wenigen andern Königs-Urkundeu heranziehen, die uns aus dem Jahr- 
zehnt 1144 — 1153 für Süd-Arelatische Empfänger erhalten sind, näm- 
lich die Konrads für Baux (1145) undVienne (1146) und die Friedrichs 
fürVienne, Arles, Clerieu (alle drei 1153). Da finden wir nun — ausser 
kleineren Aehnlichkeiten, wie die Besiegeluug mit Goldbulle '^), die Er- 
wähnung eines Archivs^), den sonst unbekannten Notar Albert '') — ^ 

') Aus einer Stelle könnte man vielleicht entnehmen, dass C nicht nur E, 
sondern auch A zur Vorlage benutzt hat, insofern nämlich in C und A von 
aurea bulla, in E von aureum sigillum die Rede ist. Doch kann dies auch 
Zufall sein. 

») Vgl. Tangl über St. 3403 im Arch. f. Osten-. Gesch. 76, 327 ft'. 

3) Das venerabilis pretaxate princeps in C wäre allerdings schwer zu er- 
klären. 

*) Vgl. Schefter-Boichorst ^Ueber Diplome Friedrichs I. für Cisterz. -Klöster 
in Elsass und Burgund', Mittheil. d. Inst. f. öst. GF. 9, 215. 

'•') Bernhardi 1. c. S. 447, Anm. 41. 

«) ibid. Anm. 39. 

■>) S. oben S. 168. 



Vier verwandte Arelatische Diplome Konrads III. \']Py 

dass auch in drei audern Diplomen jene völlige üebereinstimmuug der 
Arenga und anderer Theile vorhanden ist, die unsere vier Diplome 
verdächtig macht: bei Baux (1145) i), Arles^) und Cle'rieu3) (beide 
1153). Also hier selbst in den Urkunden verschiedener Herrscher gleich- 
lautende Parthieen. Wie ist dies zu erklären? 

Entweder: das erste, vom deutschen König erworbene Privileg 
(hier A) mochte im Arelat bekannt werden, die schwungvolle Arenga 
gefallen; wer nun beabsichtigte, dem fernen Herrscher ebenfalls seine 
Eechte zur Bestätigung zu unterbreiten, wünschte vielleicht ein ähn- 
liches Diplom zu erhalten, wollte zugleich der Kanzlei die Mühe der 
Ausfertigung vermindern: kurz, er schrieb sich jene Urkunde ab, 
natürlich mit den für seine Person und seine Verhältnisse nöthigen 
Aenderungeu, präsentirte dieses Schriftstück dem Könige, und die Kanzlei 
unterfertigte ohne viele Prüfung mit ihren Corroborationen das ge- 
wünschte Privileg. So hat Scheffer-Boichorst die Echtheit von 7 früher 
für unecht gehaltenen Diplomen Friedrichs I. für burgundische und 
elsässische Cisterzienserklöster nachgewiesen*), indem er zeigte, dass 
zwar nicht ihr Context, wohl aber ihre Beglaubigungszeichen, Siegel^ 
Monogramme aus der Kauzlei stammen. 

Oder: die Kanzlei hat das erste Diplom der Reihe (hier A, dort 
das für Baux 1146) entweder registrirt oder besser — da Registrirung 
in dieser Zeit kaum nachweisbar — ein Concept aufbewahrt. Als 
nun andere Prälaten und Herren aus dem Arelat sich dem Hofe mit 
ihren Wünschen nahten, wohl gar mit der Bitte um ähnliche Diplome, 
benutzte man jenes erste als Vorlage für die neuen, schrieb der Be- 
quemlichkeit wegen aus ihm ab, was nur immer beizubehalten anging, 
fügte das Gewünschte hinzu und Hess Nichtpasseudes fort. 

So erklärt sich Alles aufs Beste: die Wiederholung der Arenga 
und der Theile des Protokolls, deren Inhalt für den Werth des Diploms 
völlig gleichgültig war; ja auch die Beibehaltung der Zeugen, deren 
Anführung für die Geltung des Privilegs bereits ganz irrelevant ge- 
worden war; man that schon ein Uebriges, wenn man (wie in C) 
wenigstens den Namen eines jetzt nicht mehr lebenden Zeugen ab- 
änderte ^j. 

') St. Acta inedita n" 332. 

-) ibid. n'J 339. 

3) ibid. n« 338. 

*) S. oben S. 174, Anm. 4. 

^) Aus der Flüchtigkeit, mit der man dabei zu Werke ging, ist vielleicht 
zu schliessen, dass die zweite der oben genannten Möglichkeiten noch eher zu- 
treffe, als die erste. Dies wird bestätigt durch die noch immer nicht aufgeklärte 
Erwähnung eines Archives in drei Urkunden für Burgund, wobei man doch in 



;j^76 Kleine Mittheilungen. 

Somit dürfte die Echtheit der vier Diplome nachgewiesen sein. 
Damit ist nur bestätigt, was bisher zu Gunsten Arelatischer Urkunden 
überhaupt bemerkt werden konnte: es ist bisher unter ihnen noch 
keine gefälschte entdeckt worden, gewiss ein gutes Zeichen für die 
Ehrlichkeit der Bewohner. 

Fügen wir unsere Urkunden in die Kegesten Konrads 111. ein, 
so würde sich mit den zwei übrigen für Südburgund folgende Reihe 
ergeben : 

1. Für Arles: 1144, Mitte März, Würzburg. 

2. „ Baux: 1145, 10. August, Würzburg. 

3. „ Yienne: 1146, 6. Januar, Aachen. 

4. ,, Embrun: 1147, (Januar oder April). 

5. „ Viviers: 1147, (Januar oder April). 

6. ,. Clerieu: 1151, 16. September, Worms, 

Berlin. Richard Sternfeld. 



der Kanzlei vorhandene Abschriiten früherer Privilegien im Auge hatte. 
( Ficker, Beiträge zur Urk.-Lehre I, 331 ; Bresslau, Handbuch der Urk.-Lehre 
Bresslau bemerkt zu der oben angeführten Arbeit Schefi'er-Boichorsts, dass wahr- 
scheinlich für die Privilegien jener bürg. u. eis. Klöster unter Friedrich I. ein 
besonderes, von den sonstigen Kanzleibräuchen abweichendes Formular verwandt 
worden ist, wie das auch Naude für Hirschauer Klöster aus Urk, der letzten 
Salier nachgewiesen hat. Jahresber. d. Gesch.-Wiss. 1888, 4, 71. 



Literatur. 

Alplions Huber, Oester reichische ßeichsgeschichte. 
Geschichte der Staatsbildung und des öffentlichen Kechtes. 280 SS. 
F. Tempsky und Freitag, Wien. Prag und Leipzig 1895. 

Wohl noch nie hat eine Disciplin in so eigenartiger Weise ihren 
Einzug auf akademischem Boden gehalten, als die junge Wissenschaft, der 
das hier anzuzeigende Buch von Alphons Huber gewidmet ist. Nachdem 
man es längst als ein wissenschaftliches Bedürfnis empfunden, dass der 
Pflege der österreichischen Verfassungsgeschichte einige Aufmerksamkeit 
zugewendet würde, und nachdem einige wenige ziemlich vereinzelt daste- 
hende Arbeiten über Fragen aus diesem Gebiet veröffentlicht worden 
waren, hat das Gesetz vom 20. April 1893 R. G. Bl. Nr. 68 die »öster- 
reichische Reichsgeschichte*, welche eine Geschichte der Staatsbildung und 
des öffentlichen Rechtes Oesterreichs enthalten soll, als ObligatcoUegium 
in den juridischen Studienplan gestellt und den Universitäten die Lehre 
dieses obligaten Faches zur Pflicht gemacht. Während sonst die wissen- 
schaftliche Forschung in ihrer Entwickelung neue Wissenszweige und 
Disciplinen schafft und diesen oft in mühsamem Kampfe Anerkennung auf 
akademischem Boden erringt, mit schwerer Anstrengung und nur allmählich 
ein Stück desselben erobert, war hier der umgekehrte Weg eingeschlagen : 
zuerst die gesetzliche Anerkennung und die Lehrkanzeln mit entsprechender 
Lehrverpflichtung und dann die Wissenschaft. 

Den gewünschten Erfolg der regeren Pflege unserer Disciplin hat 
dieser gesetzgeberische Versuch zweifelsohne erreicht. Berufene und Un- 
berufene haben sich alsbald den neuen Problemen zugewendet, an denen 
sie vordem — vielleicht mit Rücksicht auf die besonderen Schwierigkeiten, 
die da bestehen — kühl vorübergegangen waren. Aber die Schwierig- 
keiten selbst sind dadurch nicht beseitigt, und jeder, in dessen Hände das 
Schicksal die Vertretung dieser Disciplin gelegt, lernt dieselben auf Schritt 
und Tritt zur Genüge kennen. 

Unter diesen Umständen mochte es doppelt mit Freuden zu begrüssen 
sein, dass Alphons Huber, der Meister der österreichischen Geschichte, 
der ein Leben voll regsamer Arbeit diesem Fache gewidmet hatte, sich 
bereit fand mitzuwirken, als es galt auf solider Basis die Grundpfeiler für 

Mittheilungen XVII, 12 



^^'jfg Literatur. 

die neue Disciplin aufzurichten. Es ist selbstverständlich, dass H.'s Werk, 
an den Anfang der neuen Disciplin gestellt, abschliessend weder sein will 
noch sein kann; und so wird es auch in seiner Bedeutung nicht beein- 
trächtigt, wenn die zukünftige Forschung über dasselbe hinaus fortschreiten, 
zum Theile wohl auch andere Wege wird einschlagen und sich bahnen 
müssen. Der Natur der Sache und der Absicht der Unterrichtsverwaltung 
entsprechend muss die junge. Wissenschaft immer mehr im Geiste einer 
rechtsgeschichtlichen Disciplin ihren Ausbau finden ; und im Sinne einer vor- 
wiegend rechts geschichtlichen Auffassung wird manches verdrängt oder 
umgestaltet werden, was als Erbstück der vorwiegend geschichtlichen For- 
schung in H.'s Oe.-E.-G-, sich noch erhalten hat. — 

Die Anlage des Buches ist folgende: Auf eine Einleitung, welche die 
Bildung der territorialen und ethnographischen Grundlagen kurz skizziert, 
folgt in 5 Perioden mit den Grenzen: 1526, 1740, 1792, 1848 gegliedert, 
die eigentliche Darstellung, überall in der Weise gruppiert, dass an einen 
kurzen Ueberblick über die Geschichte der territorialen Verhältnisse die 
Geschichte des öffentlichen Rechtes sich anschliesst. 

Für die erste Periode ist naturgemäss die Scheidung nach den drei 
Ländergruppen vollständig durchgeführt, für jede derselben Staatsbildung 
und die wichtigsten Institute des öffentlichen Rechtes in ihrer geschicht- 
lichen Entwickelung besonders skizziert. Wohl mit Rücksicht auf einige 
bei Berathung des oben genannten Gesetzes von massgebender Seite ge- 
machte Aeusserungen hat H. die Aufnahme dieses ersten Abschnittes in 
der Vorrede besonders begründet, und in der Darstellung selbst finden 
wir diesen Zeitabschnitt viel kürzer und summarischer behandelt, als die 
folgende neuere Zeit. Es ist möglich, vielleicht recht wahrscheinlich, dass 
H. damit den Intentionen derer, welche die Oe.-R.-G. in den juridischen 
Studienplan eingefügt haben, vollauf gerecht geworden ist. Aber ebenso- 
wenig erscheint es mir zweifelhaft, dass die zukünftige Entfaltung der 
Oe.-R.-G. dem mittelalterlichen Rechte einen weiteren Umfang im Ver- 
hältnis zur neuen Zeit zuweisen oder erobern wird, als H. ihr gönnte. 
Nicht nur, dass die rechtsgeschichtliche Entwickelung in der Zeit des 
urwüchsigen gewohnheitsrechtlichen Werdens für die wissenschaftliche For- 
schung weit mehr Interesse bietet als in der späteren Periode mit dem 
in seiner Entstehung so mannigfaltigen Zufälligkeiten ausgesetzten Gesetzes- 
rechte, es sind auch die Probleme, welche das mittelalterliche Recht zur 
Entfaltung brachte oder angebahnt hat, tonangebend und grundlegend für 
die ganze spätere Zeit. Zum Theile fördernd, zum Theile auflösend und 
umgestaltend hat die Gesetzgebung der Neuzeit den Rechtsstoff fortge- 
bildet, den das Mittelalter erzeugt hatte. In ihren positiven Schöpfungen, 
wie in ihrer destructiven Function fusst die neuere Rechtsgeschichte auf 
der mittelalterlichen Vorzeit und bis in die Tage des eindringenden Staats- 
absolutismus und des Umsturzes der bäuerlichen Verfassung ist sie ohne 
genaue Kenntnis der mittelalterlichen Verhältnisse nicht verständlich; so 
scheint es mir ganz unvermeidlich, dass die Oe.-R.-G. in Zukunft der 
grundlegenden Entwickelung de^ ersten Periode noch etwas mehr Raum 
wird gönnen müssen. Eine eingehendere Darstellung, für die vielfach 
heute allerdings noch die Vorarbeiten fehlen, wird es dann auch erst er- 
möglichen, den einzelnen Ländern ihr eigenes Colorit zu geben und so 



Literatur. ]^79 

der thatScächlicheu Mannigfaltigkeit gerecht zu werden, welche in der 
Ausgestaltung der landesfürstlichen und exterritorialen Hoheits- und 
Besitzrechte, der ständischen Entwickelung, des Gerichtswesens u. s. w. 
in den einzelnen Territorien zu verfolgen ist. 

Auch die Einbeziehung der altern ungarischen Verfassungsgeschichte 
hat H. in der Vorrede besonders begründet. Es kann gar keinen Zweifel 
unterliegen, dass dieselbe zum Verständnis der späteren gesammtstaat- 
lichen Entwickelung und der andauernden Sonderstellung Ungarns uner- 
lässlich ist, und jeder Benutzer des Buches wird dem Autor für die hier 
gebotene auf seinen ältere Studien fussenden Darlegungen Dank wissen. — 

Nach dem Inhalte, den Quellen und den Formen der Ausgestaltung 
des Kechtslebens unterscheidet sich die neuere Zeit in vielen Punkten vom 
Mittelalter, und dieser Unterschied übt natürlich auch seine Wirkung auf 
die Darstellung selbst. Trotz der Sonderstellung, welche auch nach 1526 
die drei Ländergruppen sich zu bewahren suchen, fehlt es nicht an ge- 
meinsamen Berührungspunkten und wechselseitiger Influenzierung ; und 
an die Stelle des mittelalterlichen Staates tritt der neuzeitliche mit seinem 
geänderten Kriegs- und Gerichtswesen, seiner Beamtenorganisation und dem 
Gesetzesrecht, das sich immer weiteren Boden gewinnt. All dem muss 
die Darstellung nicht nur in ihrem Inhalte sondern auch in der Anord- 
nung gerecht werden. H. gliedert den Stoff in seiner Darstellung der 
2. Periode in der Weise, dass er zunächst unter dem Titel »Geschichte 
der Staatsbildung« die Erwerbung Böhmens und Ungarns durch das Haus 
Habsburg und dann die territorialen Veränderungen bespricht, welche die 
Kämpfe um Ungarn und Siebenbürgen, die Erwerbungen Ferdinand I., der 
Erwerb von Schlesien, der dreissigj ährige und der spanische Erbfolge- 
krieg und endlich die mit der polnischen Bewegung zusammenhängenden 
letzten Kämpfe und Friedensschlüsse unter Karl VI. mit sich brachten. 
Li diesem Abschnitte handelt es sich H. um die Schilderung der allge- 
meinen geschichtlichen Entwickelung und um die territoriale Aus- 
gestaltung nicht um die Schicksale der Staatsgewalt und um die Wand- 
lungen, welche sich in deren Inhalt vollzogen haben. 

Der 2. Abschnitt über die Geschichte des öffentlichen Kechtes be- 
handelt zunächst die Erbfolge, das Thronfolgerecht in den drei Länder- 
gruppen und die im wesentlichen einheitliche Ausgestaltung desselben 
durch die pragmatische Sanction, und daran anschliessend die Geschichte 
der Verwaltung, des Stände- und Städtewesens, sowie das Verhältnis von 
Staat und Kirche. Dabei ist die Geschichte der Verwaltung wohl am aus- 
führlichsten behandelt. In ziemlich detaillierter Weise finden wir hier 
eine Besprechung der allgemeinen Verwaltungs- und Justizbehörden und 
ihrer Organisation, wie sie auf Grund der organisatorischen Gesetze des 
Landesfürsten oder auch unter dem Einflüsse ständischer Bewegungen in 
den einzelnen Ländergruppen erwachsen sind ; besondere Paragraphen bieten 
uns eine Uebersicht über das Finanz- und Heerwesen jener Zeit — durch- 
wegs Ausführungen, welche zwar zum grossen Theile auf älteren Special- 
untersuchungen fussend doch so manche Erweiterung unseres bisherigen 
Wissens enthalten und in der von H. gegebenen Zusammenstellung als 
höchst werthvoller Beitrag für unsere Rechtsgeschichte zu begrüssen sind. 

12* 



180 



Literatur. 



Es braucht nicht erst hervorgehoben zu werden, dass die Besprechung 
der verschiedenen Yerwaltungszweige auch implicite so manches über die 
denselben entsprechenden staatlichen Hoheitsrechte enthält. Aber auch 
wenn wir die so zerstreut sich vorfindenden Andeutungen sammeln, so 
kann doch darüber kein Zweifel aufkommen, dass so manches fehlt, was zur 
Charakteristik des Staatsrechtes jener Periode nothvvendig wäre. Zunächst 
Ausführungen über die innere Cousolidation der Staatsgewalt, welche 
zeigten, wie die im Mittelalter zur Landeshoheit gelangte Fürstengewalt 
sich allmählich in den davon doch so wesentlich verschiedenen Staats- 
absolutismus des vorigen Jahrhundertes umgestaltet hat. Liegt die Vollen- 
dung dieser Entwickelung freilich erst in der Theresianisch-Josephinischen 
Zeit, die H. als eine eigene Periode gesondert bespricht, so hat die Grund- 
lagen hiefür doch die vorausgehende Zeit — also H.s zweite Periode — 
o-eschafien. Die Umgestaltung, an die hier zu denken ist, besteht aber 
keineswecrs lediglich oder auch nur hauptsächlich in dem allmählichen 
Zurücktreten des ständischen Einflusses sondern vielmehr in dem Zurück- 
treten der privatrechtlichen Auflassung der fürstlichen Hoheitsrechte gegen- 
über der modernen Idee einer Staatsgewalt und staatlicher Omnipotenz, 
die zwar zunächst — 1' etat c' est moi — in der Person des Monarchen 
verkörpert, doch in jeder Richtung publicistischen Character trug. Es ist 
zweifellos, dass die Behördenorganisation und die im Greiste — oder wenig- 
stens in den Formen — der romanistischen Doctriu herangezogene »ge- 
lehrte« Beamtenschaft einen grossen Antheil in dem erwähnten Umwand- 
lungsprocesse als ihr Verdienst sich viudiciren kann, und dass namentlich 
die grosse Gesammtentwickelung in unserem Behördenwesen vielleicht den 
Grundstock für diese Wandlungen abgeben musste. Aber gegenüber den 
häufig nur ephemeren Einzelbildungen in der Behördenorganisation werden 
die eben angedeuteten Fragen für die Forschung der österreichischen 
Eechtsgeschichte wesentlich in den Vordergrund rücken müssen. Sie wird 
untersuchen und klarlegen müssen, wie die landesfürstliche Verwaltung 
immer weitere Gebiete für ihre Bethätigung gewonnen und ihren Einfluss 
allmählich auch auf die Kreise auszudehnen gewusst hat, welche zunächst 
noch privaten oder wenigstens nicht staatlichen Händen anvertraut blieben. 
Freilich stehen Untersuchungen dieser Art ganz besondere Schwierigkeiten 
entgegen, auf die im Folgenden noch näher hinzuweisen sein wird. 

Auch noch in anderer Richtung werden H.'s Darlegungen noch eine 
Ergänzung und Erweiterung finden müssen, nämlich bezüglich des Ver- 
hältnisses der einzelnen Länder. Zwar finden wir hier sowohl in der Dar- 
stellung des Behördenwesens als auch bei Schilderung des Ständewesens 
sorgfältig alle Momente verzeichnet, welche gegenüber der principiell be- 
stehenden Trennung der einzelnen Ländergruppen als Ansätze einer cen- 
tralistisch-einheitlichen Entwickelung in Betracht kommen. Aber für das 
Verhältnis der Länder innerhalb der einzelnen Ländergruppen, die ja doch 
auch nicht schlechthin ein einheitliches Ganze bildeten, insbesondere für 
die deutsch-österreichische Ländergruppe, die uns am nächsten steht, ist 
manche bedeutsame Frage unberührt geblieben. So namentlich die Frage, 
welche Stellung die einzelnen Länder unterhalb und trotz des einheitlichen 
(oder zeitweise zweigetheilten) Behördeorganismus eingenommen haben, in 
wie weit die Länder trotz der einheitlichen Regierung sich ihre Selbstän- 



Literatur. 181 

digkeit und Individualität wenigstens auf einzelnen Recht sgebieten bewahrt 
haben, und in wie weit die centralistische Verwaltung zu einer inneren, 
organischen Vereinigung geführt hat, die nicht bloss in den Gesetzen und 
Verfügungen der landesfürstliehen Eegierung normiert, sondern auch im 
wirklichen Eechtsleben zur Anerkennung gekommen ist — ein rechts- 
geschichtliches Problem, das doch gewiss zu den aller bedeutsamsten ge- 
hört, welche die österreichische Eeichsgeschichte der Neuzeit zu lösen hat. 

Zum Schlüsse sei hier noch eine allgemeine Bemerkung gestattet, 
welche freilich nicht bloss für die hier besprochenen sondern auch für die 
späteren Perioden wenigstens zum Theile zutrifft. Sie gilt den Quellen 
des Rechtes in dem doppelten Sinne: als Factoren in der Bildung des 
Rechtes, wie als Mittel zu dessen Erkenntnis — ein grosser Abschnitt, 
dem nicht nur um seiner selbst willen, sondern mehr noch wegen der 
aus einer richtigen Würdigung der Rechtsquellen für deren Behandlung 
und die Darstellung sich ergebenden Consequenzen hervorragende Bedeu- 
tung zukommt, und den H.'s Oe.-R.-G. leider ganz mit Stillschweigen über- 
gangen hat. Für die hier behandelte Periode schiene es nicht unzweck- 
mässig aus der :» Theorie« der Rechtsquellen besonders darauf hinzuweisen, 
dass es sich, wie in so vielen Beziehungen, so auch bezüglich des Ge- 
setzesrechtes um eine Periode des üeberganges handelt. Gewiss tritt das 
Gesetzesrecht im Verhältnis zur früheren Zeit mächtig in den Vordergrund, 
immer weitere Kreise mit seinen festen Normen regelnd, die früher ur- 
wüchsig (zufällig oder inneren Gründen folgend) in bunter Mannigfaltig- 
keit, oder doch auch wieder nach einheitlichen Grundgedanken sich frei 
aus dem Leben entwickelt haben. Und gerade die äusseren Erscheinungs- 
formen des staatlichen Lebens, die Grundsätze für die staatliche Organi- 
sation treten uns immer ausschliesslicher im Kleide des Gesetzesreehtes 
entgegen. Aber die Zeit war noch lange nicht erreicht, in der man auch 
nur entfernt daran denken konnte, dass die einzige oder auch nur die 
vorwiegende Quelle der Rechtsbildung im Gesetzesrechte liege. Nach wie 
vor haben dieselben Kräfte, welche das mittelalterliche Recht geschaffen, 
auch unter dem äusseren Mantel des Gesetzesrechtes fortgewirkt; sie haben 
zum Theile selbständig und neben diesem ihre eigenen Rechtsbildungen 
gezeugt oder auch modificierend und eindämmend sich dem Gesetzes- 
rechte entgegengestellt. Erst in dem letzten Jahrhundert oder wenige 
Decennien früher hat der Glaube an die Omnipotenz des Staates und die 
Omnipotenz der Gesetzgebung dem Gewohnheitsrechte fast jeden Boden 
entzogen, ihm seine positiv schöpferische Function wenigstens theoretisch 
so ziemlich ganz benommen: die negativ ablehnende und ebenso die 
modificierende Macht wird auch die Zukunft dem Leben niemals nehmen 
können. 

Die allmähliche Entwickelung, die hier vorliegt^ muss aber bei Durch- 
forschung und Darstellung der Rechtsgeschichte selbst entschiedendste Be- 
rücksichtigung finden. Je näher die behandelte Zeit dem Mittelalter steht, 
desto mehr Beachtung muss die Rechtsentwickelung finden, die ihren Aus- 
druck nicht in dem Gesetze findet. Mit allen Mitteln und mit allen 
Kräften wird die zukünftige Rechtsgeschichte daran gehen müssen, diese 
im verborgenen sich entfaltenden Triebe aufzudecken und der Erkenntnis 
zugänglich zu machen, und je weiter die Forschung hier fortschreitet 



\^'2 Literatur. 

desto mehr wird in der Darstellung der plötzliche Sprung beseitigt werden, 
"welcher die mittelalterliche Rechsgeschichte so schildert, als fusste sie 
lediglich auf dem Gewohnheitsrechte, und die Neuzeit so, als hätten hier 
nur Gesetze die Rechtsbildung bewirkt. Entsprechend der allmählich 
sich vollziehenden Wandlung in der Ȋusseren* Rechtsgeschichte wird auch 
die Verschiedenheit in der Darstellung der »inneren* nicht sprungweise 
sondern sacht vermittelt zu l'age treten. Die Schwierigkeiten aber, die 
sich hier der Forschung entgegen setzen, sind einleuchtender Weise be- 
sondei's gross. Abgesehen von der dem Gesetzesrechte durch die bestimmte 
Form seines Auftretens von selbst innewohnende Präponderanz, sei nur 
des einen Umstandes gedacht, dass in den Archivbeständen aus jüngerer 
Zeit gegenüber den Urkunden das Aktenwesen überhand nimmt; und 
»Akten* sind bekanntlich nicht nur durch ihre Zahl und ihren den Inhalt 
meist weit überragenden Umfang, sondern gerade für die hier angegebenen 
Fragen oft auch darum eine Rechtsquelle von etwas bedenklicher Art. 
weil sie vielfach bewusst oder unbewusst unter dem Einfluss des einmal 
bestehenden Gesetzesrechtes stehen und deshalb oft nicht ganz rein indi- 
cieren, wie viel von den Gesetzen nur — auf dem Papiere stand. 

Bei diesen bedeutenden Schwierigkeiten, welche der Forschung in diesen 
Gebieten entgegen stehen, darf es nicht Wunder nehmen, dass das erste 
diesen Problemen gewidmete Buch, das eine Gesammtdarstellung bezweckt, 
der Hauptsache nach bei dem Aeusserlichen und Greifbaren stehen ge- 
blieben ist; lässt sich doch eine erschöpfende und wirklich befriedigende 
Lösung dieser Fragen nach dem heutigen Stande der Wissenschaft über- 
haupt noch nicht geben. Andererseits ist es wieder natürlich, dass aller 
Voraussicht nach eine tiefer eindringende rechtsgeschichtliche Forschung 
au den bisher in der angegebenen Weise gewonnenen Resultaten mehr 
ändern und umstürzen muss, als an den auf den gleichen Grundlagen ge- 
wonnenen Darstellungen der jüngeren Perioden, für welche das Gesetzesrecht 
zu viel umfassenderem Einflüsse auf die Lebensverhältnisse gelangt ist. 
Für die Forschung selbst aber, die nach wie vor auf dem Gebiete der 
staatlichen Verwaltung und dem anschliessenden Grenzgebiete ein reiches 
Feld der Bethäthigung finden wird, wäre zu wünschen, dass sie weniger 
dem wandelnden Schicksale der Behördenorganisation, als vielmehr 
der Bethätigung derselben d. h. ihrem Einflüsse auf das öflPentliche Leben 
vornehmlich ihr Augenmerk zuwenden möge; nicht nur, wie die Behörden 
eingerichtet, was sie gewollt und was sie für den Landesfürsten bedeutet 
haben, sondern daneben ebenso, wie sie gewirkt und was sie erreicht, 
welche Lebensverhältnisse sie vorgefunden und in welche Bahnen sie die- 
selben zu lenken vermocht haben, das muss als das Ziel der inneren Ver- 
waltungsgeschichte der Neuzeit gelten. 

Und gewinnt die Wissenschaft in langjährig mühevoller Arbeit die 
Ergebnisse, die hier zu erwarten sind, dann wird in dem lebensvollen 
Bilde, das sie uns vorführt, das Gesetzesrecht und seine Bedeutung erst 
im richtigen Lichte erscheinen, und die Darstellung der Veränderungen 
innerhalb der Behördenorganisation von selbst auf den richtigen Umfang 
sich einschränken. — 



Literatur. 1§3 

Die späteren Perioden geben, nachdem hier die allgemeinen Fragen 
erledigt sind, zu weiteren Bemerkungen weniger Anlass. Mutatis mutan- 
dis und mit den oben angegebenen Einschränkungen werden manche der 
obigen Andeutungen freilich auch hier berechtigt sein. Auch für die 
3. Periode, die Zeit der inneren Eeforraen unter Maria Theresia und ihrem 
Söhne, die H. wohl um sie von der folgenden Zeit »der politischen Stag- 
nation '=■' zu scheiden mit dem Jahr 1792 abschliesst und für die Zeit von 
da an bis 1848, welche H. als 4. Periode besonders behandelt, obwohl 
sie sich völlig ruhig und, soweit das Gebiet des üifentlichen Rechtes in 
Betracht kommt, ohne jede merkliche Caesur an die frühere Periode an- 
schliesst. bieten H.'s Ausführungen der Hauptsache nach eine Geschichte 
des Eegierungs- und Behördenwesens und der von dort ausgehenden Re- 
formbewegungen auf dem Gebiete des öffentlichen Rechtes. Auch lür 
diese Zeitabschnitte ist zu hoffen, dass die Zukunft auch den etwas tiefer 
gelegenen Gebieten des öffentlichen Rechtslebens grössere Berücksichtigung 
werde angedeihen lassen. So z. B. der Geschichte der ständischen Glie- 
derung und des Unterthanenverbandes, der Grundherrschaften, der Land- 
gemeinden und der Städte, deren rechtliche Schicksale bis herein in die 
moderne Zeit eine genauere Darstellung wird finden müssen ; und ebenso 
wird die rechtliche Stellung, welche die einzelnen Länder eingenommen 
haben, grösserer Klärung bedürfen. 

Die letzte Periode gehört wenigstens seit 1S67 ■ — • soweit das öffent- 
liche Recht in Betracht kommt — wohl nicht eigentlich der Geschichte 
sondern der Gegenwart an. Es ist das heute gütige Staatsrecht, das seit 
der Publication der December-Gesetze wenig bedeutendere Veränderungen 
erfahren hat. Vom Standpunkte des Lehrplanes der juridischen Studien, 
aber auch von dem Standpunkte aus. welcher in der österreichischen 
Eeichsgeschichte eine rechtsge schieb tliche Disciplin vor Augen hat. 
wird es wohl gerechtfertigt erscheinen, die Ausführungen über diese Zeit 
dem positiven Staatsrechte zu überlassen. 

Fassen wir das Gesagte zusammen, so wird man sich darüber keiner 
Täuschung hingeben können, dass unter dem Einflüsse der fortschreitenden 
rechtsgeschichtlichen Forschung die Darstellung der österreichischen Reichs- 
geschichte in gar vielen Punkten eine wesentliche Veränderung erleben 
werde gegenüber den Formen, die ihr H. in seinem Buche gegeben; ja. 
€3 ist, wenn anders die Hoffnungen sich erfüllen sollen, die vielleicht mehr 
als jeder andere H. selbst an die junge Disciplin geknüpft hat, zu deren 
Begründung er sein Buch geschrieben, unzweifelhaft geradezu zu wünschen, 
dass sich die angedeutete literarische Entwickelung bald und mit aller 
Entschiedenheit vollziehe. Alphons Huber's österreichischer Reichsgeschichte 
steht demnach mehr als irgend einem seiner Werke das Schicksal bevor, 
dass es bald veralte. Liegt aber dies einerseits in den Eingangs erwähnten, 
ganz eigenartigen Verhältnissen tief begründet, unter denen das Buch er- 
schienen ist, so soll man andererseits, auch wenn es einst — früher oder 
später — von diesem Schicksale ereilt sein wird, des Nutzens nicht ver- 
gessen, den es jetzt jedem gewährt, der als Lehrer, Schüler oder Exami- 
nator mit der österreichischen Reichsgeschichte in Berührung kommt, man 
soll der Bedeutung eingedenk bleiben, die dem Werke in dem Momente 
zukommt, wo das Gesetz in autonomer Souveränität von der Wissenschaft 



Ig4 Literatur. 

etwas Ganzes fordert, und diese aus tief liegenden inneren Gründen trotz 
jenes strengen Gebotes nur Bruchstücke zu liefern vermag. 

Innsbruck, 27. Juli 1895. Schwind. 



Fejerpataky, Oklevelek II. Istväu kiräly kor ab öl. 
(Urkunden aus der Zeit König Stefan IL). Budapest, Aka- 
demie, 1895. 

Vor nicht langer Zeit gaben wir an dieser Stelle (Mitth. 14, 507) 
Nachricht von den Untersuchungen F.'s über Urkunden des König Kolo- 
mann von Ungarn. Heute sind wir in der Lage eine neue Abhandlung 
des Verf. zu verzeichnen, welche gleichsam eine Fortführung seiner ersten 
ist. Sie handelt über Urkunden aus der Zeit König Stefan IL 

Wie schon der Titel vermuthen lässt, sind es nicht bloss königliche, 
aus der höniglichen Kanzlei hervorgegangene Urkunden, welche Verf. in 
diesem Werke einer genauen Prüfung unterzieht. Und in der That finden 
wir in dem Werke an erster Stelle die ältesten Privaturkunden vom 
diplomatischen Standpunkt aus beleuchtet. 

Die erste Privaturkunde, welche die angarische Diplomatik aufweisen 
kann, ist diejenige Guden's, mit der er zu seinem Seelenheil seine Be- 
sitzung in Paloznak dem hl. Michael darbringt. Zu dieser Schenkung gab 
der König vorher seine Zustimmung. Der König ist in der Urkunde als 
di'itte Person angeführt, man könnte nun erwarten, dass der Consens des 
Königs auch in äusserlicher Form, in der Besiegelung zur Schau tritt. 
Hierin jedoch täuscht uns die Urkunde. Wohl ist das Siegel der Urkunde 
zum Theil verbröckelt, zum Glück ist aber das Siegelbild erhalten. F. ge- 
lang es ein zweites Exemplar dieses Siegels, wohl an einer jüngeren Ur- 
kunde, zu entdecken, und mit Hülfe dieses zu konstatieren, dass das frag- 
liche Siegel kein königliches Siegel ist. Aus seinen Untersuchungen erhellt 
weiter, dass es auch kein Siegel irgend eines locus credibilis ist, sondern 
ein Privatsiegel und dass somit diese Urkunde mit Eecht als die älteste 
Privaturkunde betrachtet werden kann. Die Urkunde selbst ist undatiert, 
nach den Untersuchungen Pauler's stammt sie aus den .Jahren 1()1{^/\OHO- 

Die zweite Privaturkunde ist in Original nicht vorhanden. Der Text 
befindet sich im Liber ruber der Erzabtei zu Martinsberg. Die Urkunde 
stammt aus den Zeiten König Kolomans. Nach dem Text zu urtheileu 
wäre man geneigt die Urkunde für eine »privata notitia« zu halten, der 
Umstand jedoch, dass dieselbe im Liber ruber verzeichnet ist, weist darauf 
hin, dass es sich um eine wirkliche Privaturkunde handelt. 

Nunmehr wendet sich Verf. zu den aus der Zeit Stefan II. stam- 
menden Privaturkunden, welche dieselben Merkmale aufweisen, wie die des 
Jahres 1079/80. Verf. gelangt zu dem Kesultat, dass die zwei^ ebenfalls 
undatierten Urkunden, ebenso als Privaturkunden zu betrachten sind, wie 
die erste. 

Was die aus der königlichen Kanzlei unter Stefan IL hervorgegangenen 
Urkunden betrifft, so besitzen wir leider kein einziges Original. Wir kennen 
bloss drei Urkundentexte, theils aus späteren Abschriften, theils nach der 
Mittheilung Lucius'. Als Ergebniss seiner Untersuchungen über zwei von 



Literatur. ]^35 

diesen Urkundentexten gelangt Verf. zu dem Ergebnis?, dass die chartae pa- 
genses auf die Textier ung der königlichen Urkunden entschieden Einfluss hatten, 
(lass aber die königliche Kanzlei in dieser Zeit schon als eine organisierte 
Einrichtung dasteht und ihre Thätigkeit sich nicht mehr bloss auf die Besie- 
gelung der Urkunden — wie unter Kolomann — erstreckt, sondern schon 
Urkunden in dem Namen und unter dem Siegel des Königs promulgiert. 

In einem besonderen Abschnitt beschäftigt sich Verf. mit der dritten 
Urkunde aus der Zeit Stefans 11. aus dem Jahre 1124, welche ebenfalls 
nur in Transscript aus dem Jahre 1217 erhalten ist. Diese königliche 
Urkunde ist zu Gunsten der Benediktiner-Abtei juxta Gran ausgestellt. 
Betreffs dieser Urkunde gelangt Verf. nach sorgfältigen, bis ins Detail 
sich erstreckenden Untersuchungen zu dem Resultat, dass derselben sowohl 
nach äusseren, wie nach inneren Merkmalen eine fides diplomatica nicht 
zugesprochen werden kann. 

Betreffs der königlichen Kanzlei gelangt Vf. am Ende seiner Erörterungen 
zu dem Resultat, dass die königliche Kanzlei sich schon in mehr entwickeltem 
Zustand befand, als unter Kolomann. Die innere Organisatiori, das Kanzlei- 
personal u. s. w. sind jedoch noch immer nicht bekannt. Bloss in der 
Urkunde von 1124 wird bemerkt, dass der König dieselbe durch den 
Ofner Propst Peter siegeln lässt. Leider kann, nach den Ausführungen 
des Verf.'s eben diese Urkunde auf fides diplomatica keinen Anspruch er- 
heben. Erst unter König Bela II. bewegen wir uns auch in dieser Be- 
ziehung auf sicherem Grund. 

Budapest. A. Aldiisy. 



Loewe, Heinrich, Dr. phil., Richard vou San Germauo 
und die ältere Redaktion seiner Chronik. Halle a. d. S. 
1894, Max Niemeyer. 8°, 100 S. 

Kurze Zeit, nachdem ich in dieser Zeitschrift (Band 15) einen kleinen 
Aufsatz über »Das Vei-hältnis der beiden Chi-oniken des Richard von San 
Germano* veröffentlicht hatte, erschien obige Abhandlung, gänzlich unab- 
hängig von jenem; dies spricht dafür, dass eine Vergleichung beider 
Chroniken entschieden ein Bedürfnis war. 

Aeusserlich unterscheiden sich beide Untersuchungen schon durch 
den Umfang; während die meinige nur ungefähr 14 Seiten umfasst, ist jene 
zu einem recht stattlichen Bändchen von 100 Seiten angewachsen. Gänzlich 
verschieden ist auch die Anordnung, indem hier beide Redactionen Jahr 
für Jahr besprochen wurden, wodurch sich vielfache Wiederholungen als 
unvermeidlich herausstellten, während in meinem Aufsatze der Stoff nach 
gewissen allgemeinen Gesichtspunkten geordnet und möglichst kurz zu- 
sammengefasst ist. Einige kleinere Unterschiede der beiden Redactionen. 
z. T. formeller Art, konnten deshalb von mir übergangen werden, die aber 
von Loewe mit grosser Sorgfalt und Genauigkeit bei den betreffenden 
Jahren aufgeführt sind. 

Der Verf. gibt zunächst in einem Einleitungskapitel (S. 1 — '17) eine 
kurze Uebersicht über Richards von San Germano Leben. Er nimmt an. 
dass Richard etwa »im letzten Viertel des zwölften Jahrhunderts zu San 



]^gß Literatur. 

Germauo« geboren sei, eine Ansicht, der man recht wohl folgen kann; 
sein Geburtsjahr aber noch vor 1185 zu setzen, und zwar aus dem Grunde, 
weil Eichai'd seine Anwesenheit auf dem Latei-anischen Konzil (1215) be- 
zeugt, dürfte etwas gewagt sein. (S. 1 Anm. 3). Eichard widmete sich 
dem geistlichen Stande, und zwar im Dienste des Abts von Monte Casino 
(S. 17, 29); etwa 1221 fand die »promotio"* zum kaiserlichen Notar 
statt (S. 4), zu einem Amte-, in dem wir ihm öfters begegnen. Der 
Verf. macht ferner darauf als erster aufmerksam, dass auch ein Bruder 
unseres Eichard nachweisbar ist, Johannes von San Germano, wie jener 
kaiserlicher Notar. (S. S). 

Im Kapitel II kommt der Verf. auf die Entstehungszeit der von 
Gaudenzi zuerst veröffentlichten Chronik zu sprechen, und schliesst aus 
einer grossen Zahl von Beobachtungen, wie Gaudenzi und der Eef., 1. dass 
diese Ausgabe die ältere ist, 2. dass diese nicht in der Form von Ein- 
tragungen von Jahr zu Jahr entstanden sein kann 3. dass die »Veröffent- 
lichung«, d. h. besser der Abschluss der Chronik, etwa ins Ende des 
Jahres 1226 und Anfang 1227 zu setzen ist. Von einer »Veröffent- 
lichung* kann aber keine Eede sein, da sich Eichard in der Widmung 
ausdrücklich den »famulus^^ des Abts Stephan von Monte Casino nennt, 
Avas er doch als kaiserlicher Notar 1226/27 nicht wohl thun konnte. Viel- 
mehr ist die Sachlage die, dass das Wei'k durch den Tod des Auftrag- 
gebers (l227, Juli 27), unterbrochen wurde. Der Auftrag wurde Eichard 
noch vor 1221, als er Stephans »famulus« war, ertheilt; er schrieb die 
Widmung, trug dann die Ereignisse aus der Zeit vor 1221 nach, woher die 
zahlreichen Anachronismen herrühren dürften, und führte die Chronik fort 
bis zum Tode des Abtes Stephan. 

In dem dritten Theil, dem Hauptabschnitt » Vergleichung der beiden 
Eedaktionen der Chronik <■= werden nun ausführlich die sachlichen wie 
formalen Unterschiede beider hervorgehoben, vielfach unter Nebeneinander- 
stellung der Sätze, unter Betonung der uns aus der älteren Chronik er- 
wachsenden Bereicherung der geschichtlichen Kenntnisse der Zeit Frie- 
drichs II. — Die sehr auffallende Umänderung des »iurare, iuramentum« 
(in Chronik A) in »promittere, fides data« (in B.) und zwar nur wenn 
von Friedrich IL selbst die Eede ist (s. Mitth. 15, 61l), entging dem Verf. 
— Ueberflüssig darf man es wohl nennen, dass L. in einer solchen Spezial- 
untersuchung Uebersetzungen ganzer Aktenstücke gab, da doch jeder, der 
sich mit dieser Frage beschäftigen will, die beiden Ausgaben selbst zur 
Hand nehmen muss. — Auf Einzelnheiten der Vergleichung hier einzu- 
gehen, würde zu weit führen. Unrichtig wird es sein, wenn der Verf. 
den Satz der Vorrede in B »Solet etas antiquior et provida priorum 
actoritas digna memoria queque per orbem gesta describere 
. . .« auf das frühere Mittelalter bezieht; vielmehr kann es wohl nicht 
zweifelhaft sein, dass Eichard unter »etas antiquior* das Alterthum und 
dessen geschichtliche Werke verstand. — Von einem »Lokaljiatriotismus» 
Eichards in A und einer »Erweiterung des Gesichtskreises* in B kann 
man nicht gut reden : die für A so charakteristische Bevorzugung von 
Monte Casino entsprang eben dem Umstand, dass dessen Abt der Auftrag- 
geber der »Klosterchronik« war, die Chronik B aber eine sicilische »Eeichs- 



Literatur. 187 

Chronik« sein sollte und schon aus diesem Grunde mit 1189, dem Aus- 
gange des alten Herrscherhauses, anhub. 

• Im üebrigen verliert die Arbeit Loewes nichts von ihrem Werth. 
wenn ein Theil ihrer Ergebnisse, ohne dass er es wissen konnte, schon 
von andern vorweg genommen war. 

Heidelbero-. Alfred Winkel mann. 



J. Kenipf, Geschiclite des deutschen Reiches wäh- 
rend des grossen Interregnums 1245—1273. Auf Grund einer 
von der philosophischen Fakultät der Julius-Maximilians-Üniversität 
Würzburg gekrönten Preisschrift umgearbeitet und ergänzt. Würz- 
burg, Stuber 1893. 8^ VIIT und 292 S. 

Karl Hampe. Geschichte Konradins von Hohen- 
staufen. Mit einer Kartenskizze. Innsbruck, Wagner 1894. 8*^, 
VI und 394 S. 

Die beiden vor.stehenden Werke, von denen das eine eine Gesaramt- 
darstellung der deutschen Geschichte während des sogenannten Interregnums 
zu bieten sucht, das andere eine interessante Episode dieses Zeitraumes 
eingehend behandelt, haben ausser dieser stofflichen Beziehung auch noch 
mehrfach andere Berührungspunkte. Sie gründen sich beide auf reiche 
Kenntnisse der Literatur und Benützung der neuen Quellenpublikationen, 
so namentlich der Neubearbeitung der Böhmerschen Eegesteu durch Ficker 
und Winkelmann und der Papstregesten, wodurch sie schon von vorne- 
herein frühere Arbeiten übertreffen und den neuesten Standpunkt der 
Forschung repräsentiren. Die Verfasser gleichen sich auch in der gewissen- 
haften und nüchternen Quellenprüfung und in dem geschulten kritischen 
Blick, welcher sie auch in der Beurtheilung derselben Gegenstände sich 
begegnen lässt. Sie befleissen sich Beide einer klaren, wo möglich mehr 
die Thatsachen berücksichtigenden Darstellung und vermeiden die Phrase 
und die Eetiexion, wobei allerdings Kempfs Schreibweise etwas Trockenes 
bekommt, während dagegen Hampe mit Frische und Wärme des Tones 
einen bedeutenden Zug verbindet. 

Das Eine hat Kempf voraus, dass er der Erste ist, welcher, abgesehen 
von Lorenz' Darstellung im Kahmen seiner »Deutschen Geschichte im 13. 
und 14. Jahrhundert«, eine zusammenfassende Geschichte des Interregnums 
schrieb; doch waren die einzelnen Theile bereits in mehr oder minder 
trefflichen Monographien behandelt und es kann nicht geläugnet werden, 
dass eine oder die andere derselben, wie Hintzes Buch , über Wilhelm von 
Holland oder Bussons »Doppelwahl des Jahres 1257«. einen sehr starken 
Einfluss auf die Darstellung des Verf.s ausgeübt hat. — Den Ausgang 
nimmt das Werk ganz richtig von den Bestrebungen des Papstes Inno- 
cenz IV., die Herrschaft Friedrichs auch in Deutschland unmöglich zu 
machen, also von der Wahl Heinrich Easpes (1245) und nicht vom Tode 
Konrads (1254), von welchem Jahre nach der landläufigen Art das Inter- 
regnum gerechnet wird. Es zerfällt in zwei Abschnitte, von welchen der 



l<<j>i Literatui". 

erste umftiugreiohere deu Stauferu uud ihren Gegenkönigen. der zweite 
dem Poppelkönigthuni Kicbard;? von Coruwallis und Altous' von Kastilien 
gewidmet ist Die Unterabtheilungeu sind durch die Eeiheufolge der Er- 
eignisse gegeben, nur als III. Kapitel des I. Äbseiinitts ist eine Schilde- 
rung der italienischen Ereignisse von 1240 — 1250 eingeschoben, welche 
uns tiir eine Arbeit, die sich ausdrücklich als » Geschichte Deutschlands "^ 
bezeichnet, zu sehr ins Einzelne geratheu scheint. Die Hauptgesichtspunkte, 
nach welchen der Vertl die Schuld au den Wirreu in Deutschland dev 
italienischen Politik Friedrichs und dessen Gleichgültigkeit gegen das Keich 
iuschiebt, hätte er ja in der Einleitung auseinaudei-setzeu ki)nnen. Hat er 
doch auch die Beziehungen Wilhelms zu Italien vielfach bei Seite gelassen. 
Im Uebrigen scheint mir aber der Gedanke glücklich durchgeführt. das> 
die Päpste die Absicht hatten, die stautiseheu Gegeukönige auch in Italieu 
gegen die Ghibellinen zu verwenden. Sie wollten sie also durchaus nicht 
in Ohnmacht erhalten. 

Bei der Darstellung der Doppelwahl des Jahres 125T geht der Yerf. 
auch auf die staatsrechtliche Seite, insbesondere auf die Frage des Kiu- 
turstencoUegiums näher ein. Er setzt auseinander, dass vor 125T allen 
Fürsten und Edlen des Kelches das Kecht zukam, den X(>nig zu wählen, 
und dass es üblich wtvr. sich vor dem formellen Wahlakt auf eine W- 
stimmte Person in den Wahlverhandiungen zu einigen. Am Wahltage 
selbst hatten dann einige wenige Fürsten den Xamen des von den Uebrigen 
Erwählten zu verkündigen. Die Aenderuug seit 1257 bestand nun darin, 
dass diese bestimmten Fürsten nicht mehr durch das Wahlrecht der andern 
Fürsten gebunden waren, sondern wählten, wen sie wollten. In dieser 
Anschauung nähert er sich den neuesten Untersuchungen Lindners über 
die deutschen Kiinigs\\-ahlen. welche er noch nicht kannte, luir dass dieser 
die Hypothese von einem einzigen Verkündiger. dem Eiector. aufgestellt 
hat. Bezüglich der Anerkennung der Wahl Wilhelms von Holland durch 
Sachsen und Bi-andenburg auf dem Brauuschweiger Tage des Jahres 1252 
geht er nicht so radikal vor wie Lindner. welcher den Akt nur auf das 
allgemeine Wahlrecht der Fürsten zurückführen will und ihm deshalb eine 
principielle Bedeutxmg abspricht, sondern schliesst sieh der seit Böhmer 
herrschenden Ansieht an. wonach hier zum ersteji Male auf die Stimmen 
Sachsens und Brandenburgs als zu einer rechtmässigen Wahl erforderlich 
Gewicht gelegt wurde. — Ich brauche wohl hier nur auf Seeligers Aus- 
führungen über die Entstehung des Kurkollegs im 16. Bande dieser Zeit- 
schritt ^^S. 44^ zu verweisen. 

Für die kurze Geschichte Heinrich Raspes sind zwei Excurse wichtig. 
Der eine stützt die bereits von Ficker behauptete Echtheit der Urkiinde 
von Oorvey (^1246 V. 25). mittels \velcher die Theihiehmer an der Wahl 
Heinrichs festgestellt werden können, diux^h weitere Gründe. Der andei-e 
weist nach. dass. wie gleichtklls Ficker schon erklärt, im Sommer 1246 
niur eine Schlacht bei Frankfiirt stattgefunden. Ein Excurs enthält eine 
gute Beurtheilung der Glaubwürdigkeit des Matthäus Paris auf Grund der 
neuen Ausgaben von Liebermann und Luard. Weniger glücklich erscheint 
mir dagegen ein anderer Excurs. worin er. in den Spuren Hintzes wandelnd. 
die Bambergische Briefsammlung, welche Busson im Archiv f. öst. ilesch. 
40. 134 ff. herausgegeben und Scheffer-Boiehorst in den Mitth. d. Insr. »<. 



Literatur. 



18^ 



ötyi) ergänzt hat, ah Auszüge wirklicher Briefe nachweisen will; da wird 
es wohl auch in Zukunft bei der Annahme der Herausgeber, das.s es Stii- 
proben seien, denen ja trotzdem ein historischer Kern zugrunde liegen 
kann, bleiben müssen (vgl. auch Grauert in Götting. Gel. Anz. ]^'.H. 
S. 617 ff.). 

Im letzten Kapitel nimmt die Schilderung des Prozesses der beiden 
Gegenkönige Richard und Alfons einen breiten Üaum ein, die übrigen 
Ereignisse sind im Vergleiche mit den früheren Partien kürzer und flüch- 
tiger behandelt. Sehr zu bedauern ist, dass der Verf. gar nicht auf die 
Wirkung eingeht, welche die Wirren auf die culturellen und wirtschaftlichen 
Zustände Deutschlands ausgeübt haben. Erst dadurch wäre die Geschichte 
dieses traurigen Zeitraumes vollständig geworden : aber das Werk ist über- 
haupt nicht das, was der Titel besagt, eine Geschichte Deutschlandr!. 
sondern vielmehr nur eine Geschichte der deutschen Könige und Geggji- 
könige von ]23o — 1272. 

Während Kempfs Buch als zusammenfassendes selbständiges Werk 
über den erwähnten Zeitraum ohne Vorläufer ist und nur für die einzelnen 
Theile sich mit Vorarbeiten abfinden muss, ist Hampe vor die ^^chwierige 
Aufgabe gestellt, ein bedeutendes Buch, welches densell>en Gegenstand auf 
Grund de=?Belben Quellenmaterials und vom Standpunkte moderner For- 
schung behandelt hat, nämlich Schirrmachers »Die letzten Hohenstaufen*. 
überbieten zu müssen, wenn anders seine Arbeit Bedeuttmg für die Ge- 
schichtsschreibung besitzen soll. Die Kritik ist in der angenehmen Lage, 
die Frage, ob ihm das gelungen, welche er selbst in seiner Vorrede aul- 
wirft^ bejahen zu können. Er vermag nicht nur seinen Vorgänger in 
sehr vielen Einzelheiten zu berichtigen, sondern gibt neue Gesichtspunkte 
und bereichert auch im Grossen unsere Kenntnisse. 

Am schwächsten und unselbständigsten sind die drei ersten Kapite]. 
welche die Kindheit Konradins vor dem Zuge nach Italien behandeln. 
Hervorzuheben ist hier nur, dass der Einfluss Eberhards von Konstanz 
und des Abtes Berthold von St. Gtillen auf den Knaben in das rechte 
Licht gesetzt wird. Ludwig von Bayern erscheint auch hier, wie über- 
haupt in den neuen Darstellungen, als der verständige und praktische 
Vormund. Für einen Mangel halte ich es, dass der Verf. die Lage in 
Italien nicht wenigstens in kurzen Zügen bis zu Friedrichs Tode zurück- 
veriolgt hat, jedenfalls hätte die Stellung Manfreds sowohl in Sicilien, als 
auch in Beziehung zu den deutschen Staui'ern klar gezeichnet werden 
müssen, die geringen Angaben genügen dazu nicht. Dies ist umso be- 
dauerlicher, als sich der Verf. im IV. und VI. Kapitel als ein genauer 
Kenner der complicierten italienischen Verhältnisse erweist. In ausgezeich- 
neter Weise versteht er es hier, die höchst verwickelten, in den einzelnen 
Städten vielfach diametral entgegengesetzten Tendenzen der Guelfen und 
Ghibellinen klar zu legen. Er hebt die Bedeutung Sienas für die Action 
za Gunsten Konradins gebührend hervor und schildert die Stellung der 
grossen Seestädte Venedig, Genua und Pisa. Die ghibellinischen Häupter 
Oberitaliens, die Lancias und Capecces, gehen nach Deutschland, um per- 
sönlich Konradin zum Zuge zu bewegen; von Konrad Capecoe wird der 
Kriegsplan entworfen. Die hohe Bedeutung Heinrichs von Kastilien für 
die ganze Unternehmung, obwohl er nicht als der einzige Urheber der- 



190 



Literatur. 



selben anzusehen ist, tritt klar zu Tage. Im Gegensatz dazu werden 
Eonradins Aussichten in der Lombardei fast ganz zurückgedrängt durch 
die politische Taktik der päpstlichen Legaten, unter deren Einfluss die 
städtischen Congregationen entstehen. 

Mit dem Beginne des kühnen italienischen Unternehmens Konradins 
hebt sich die Darstellung des Verf.s und erhält einen gewissen grossen 
Zug, der bis zum Schlüsse fesselt. Vor seinem Aufbruch aus Deutschland 
hat Konradin bekanntlich in der sogenannten Protestatio seinen Rechts- 
standpunkt auseinandergesetzt. Es ist ein Verdienst Hampes, als den Ver- 
fasser derselben den Protonotar Konradins, Peter von Prece, durch Stil- 
vergleichung mit dessen späterer Schrift, der Adhortatio ad Henricum, 
nachgewiesen zu haben (Excurs Nr. 6). — Bei seinem Eintreffen in der 
Lombardei fand Konradin durchaus nicht den erwarteten grossen Anhang, 
wodurch seine Lage sehr misslich wurde, und die Fortführung des Unter- 
nehmens geht daher bei der eher abmahnenden Haltung seiner Verwandten 
und Freunde wirklich auf einen spontanen Entschluss des von der Grösse seiner 
Ahnen erfüllten fünfzehnjährigen Jünglings zurück. Erst als der wesent- 
lich von Konrad Capecce organisierte Aufstand im Königreiche Sicilien den 
vom Papste nach Tuscien berufenen Karl von Anjou, an welchem die 
Guelfen bisher einen starken Rückhalt besessen, zur Umkehr zwang, werden 
die Aussichten günstiger. Ueber die mächtige Ausdehnung dieser Erhebung 
gegen die Fremdhen-schaft und gegen den Steuerdruck gibt Excurs Nr. 7 
den eingehendsten Aufschluss, welcher durch die dem Buche beigegebene 
Kartenskizze seine anschauliche Ergänzung findet. — Uebrigens verdankte 
es Konradin noch immer nur einer Reihe günstiger Zufälle, dass er sein 
Heer durch das feindliche Gebiet glücklich nach Rom zu führen vermochte. 
Vortrefflich schildert der Verf. den Papst Clemens IV., wie er trotz mangeln- 
dem Scharfblick dennoch selbst in der bedenklichsten Lage seinen uner- 
schütterlichen Optimismus und seine Siegeszuversicht nicht verliert, welche 
sogar zu späterer legendarischer Ausschmückung Anlass gegeben hat. Nun 
durchleben wir mit Konradin die letzten zukunftsfreudigen Tage, welche 
ihm Heinrich von Kastilien in der ewigen Stadt bereitet, und begleiten 
ihn dann zum Entscheidungskampfe, welchen Karl von Anjou nördlich von 
Lucera, dessen Belagerung er beim Herannahen des Gegners schleunigst 
aufgab, verlegte, um nicht diese feindliche Stadt im Rücken zu haben. 
Bei der Darstellung der Schlacht folgt der Verf. im Ganzen und Grossen 
Ficker. Das unerbittliche Vorgehen Karls gegen Konradin führt er haupt- 
sächlich auf die schwere Bedrohung der angiovinischen Herrschaft durch 
den Aufstand in Sicilien zurück. Sie konnte nur noch gesichert werden, 
wenn der letzte Spross der Staufer vollständig aus der Welt gerättmt war. 
Mit einer sehr wertvollen Schilderung des Eindruckes der Katastrophe auf 
die Zeitgenossen in Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland schliesst 
das Werk ab. In dem letzten Theile vermissten wir nur eine kurze Be- 
sprechung der weiteren Entwicklung in Deutschland während Konradins 
Zuges. Wir wissen ja von einer Bewegung zu Gunsten einer Wahl des 
Staufers. Hier tritt Kempf (S. 25 1) ergänzend sein. 

Von den im Anhange gegebenen Excursen verdient ausser den schon 
erwähnten noch hervorgehoben zu werden Nr. 3, welcher eine Beurthei- 
lung der inneren Politik Karls von Anjou in den Jahren 1266 — 1268, 



Literatur. j 9 [ 

die im Wesentlichen die staufische fortsetzt, bietet, und Nr. 5, welcher 
darlegt, dass Peter Eomani und Peter de Vico, die wegen der grossen 
Aehnlichkeit ihrer Schicksale häufig identificiert werden, dennoch zwei ver- 
schiedene Persönlichkeiten waren. 

Für den Diplomatiker ist der Hinweis auf eine Eegisterführung in 
Konradins Kanzlei überraschend (S. 177). Leider stützt sich derselbe auf 
eine Stelle — ^fecimus has litteras in quaternis magne nostre curia regi- 
strari^^ — aus einer Urkunde, welche nur im Codex Magliabech. s. XIY. 
in Florenz überliefert ist. Busson veröflPentlichte sie in den Forschungen 
z. deutschen Gesch. 14, 590 zugleich mit einer andern aus demselben 
Codex, welche wol nur eine Stilübung ist. Er vertheidigt zwar die Echt- 
heit der Ersterwähnten und auch Ficker Reg. imp. 5 n. 4849 spricht 
keinen Zweifel daran aus, immerhin dürfte die Sachlage noch nicht 
ganz gesichert erscheinen und so kann auch die oben citierte Stelle noch 
nicht als unumstösslicher Beweis für eine unsere bisherigen Kenntnisse 
in dieser Hinsicht umstürzende Annahme gelten. 

Dem Buche ist zur rascheren Orientierung ein Namens- und Orts- 
register beigegeben. 

Wien. M. Vancsa. 

Otto Posse, Die Siegel der Wettine r bis 1324 uud der 
Landgrafen von Thüringen bis 1247. Leipzig (Giesecke und 
Devrient) 1888. 20 S., Tafel I — XV. gr. 2°. 

Otto Posse, Die Siegel der Wettiner von 1324— 148G 
und der Herzöge von Sachsen- Wittenberg und Kur- 
fürsten von Sachsen aus askanischem Geschlecht, nebst 
einer Abhandlung über Heraldik und Sphragistik der Wettiner. [Siegel 
der Wettiner IL Theil]. Leipzig (Giesecke und Devrient) 1893. X S. 
und 74 Spalten, Tafel XVI— XXXIII. gr. 2^ 

In neuerer Zeit ist auf dem Gebiete der historischen Hilfswissen- 
I schaffen, die bisher, von Diplomatik und Chronologie abgesehen, nicht recht 
I als Arbeitsgebiet für den zünftigen Historiker galten, ein Wandel zum 
! Bessern eingetreten, insofern besonders die Disciplin, die mit am ärgsten 
I dilettantischer Behandlung ausgesetzt war, die Sphragistik, sich strengwissen- 
' schaftlicher Durchforschung und Darstellung erfreuen konnte, die ihrer 
Zwillingsschwester, der Heraldik, mit zu gute kommt. Eine der sowohl 
ihrem Umfange, als ihrer inneren Bedeutung nach wichtigsten Veröffent- 
lichungen der letzten Jahre bildet Posses Werk über die Wettinersiegel. 
Posse hat seine Aufgabe im umfassendsten Sinne genommen, indem er 
nicht nur die regierenden Mitglieder, sondern alle Personen des wettini- 
ichen Hauses, männliche wie weibliche, weltliche wie geistliche, aufnahm, 
und auch die Wettinerinnen, die durch Heirath in fremde Häuser über- 
I gingen, deren Siegel also mehr der Sphragistik des betreffenden Landes 
oder Hauses angehörten, nicht ausschloss, ferner hat er den Gegenstand da- 
I durch erweitert, dass er die Vorgänger der Wettiner in Thüringen vor 
i 1247, das alte Landgrafenhaus, und die Askanier im Hei'zogthum Sachsen 



192 Literatur. 

vor 1423 mit behandelt; wir erhalten somit die Siegel sämmtlicher 
Herzöge und Kurfürsten von Sachsen, J^andgrafen von Thüringen. Mark- 
crrafen von Meissen, Landsberg und der Lausitz, Grafen von Brehna u. a.. 
vom 12. Jahrhundert bis zur Theilung der Ernestiner und Albertiner 
1485. 

Den Tafeln ist eine umfängliche Einleitung »Heraldik und Sphragistik 
der Wettiner"^^ vorausgeschickt, die die Grundzüge der Entwicklung der 
wettinischen Wappen darlegt und dabei manche vielumstrittene Frage 
mitberücksichtigt, so die Entstehung und Bedeutung des sächsischen 
Rautenkranzes. Als eines der ältesten farbigen Bilder desselben ist 
hierzu nachzutragen auch die aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts 
stammende Darstellung der Wahl Heinrichs VH. 1308, vgl. Die Romfahrt 
Kaiser Heinrichs VH. im Bildercyclus des Codex Balduini Trevirensis 
(Berlin 188l) Taf. 3^, nebst S. XI, XII des Textes von G. Irmer; der 
Rautenkranz erscheint hier schon ganz in der gewöhnlichen Form als 
grüner Schrägbalken mit den kronenartigen Verzierungen an der oberen 
Seite. Zu der Literaturmenge, die Posse Sp. 23 zusammenstellt, ist noch 
zuzufügen G. Bursian in den Mittheil, des Kgl. Sachs. Alterthurasvereins XIII. 
(1863) S. 77 folg., 81, der unter Hinweis auf die Darstellung von Herzog 
Rudolfs I. (des Freundes Karls IV.) Wappen in der Veitskirche zu Prag, 
den Rautenkranz auch wie andere für eine Krone, nicht für einen Laub- 
kranz hält. Posse weist aber auf andere Zeugnisse hin, die für die Deu- 
tung als Laub kränz sprechen. Zu seinen Belegen sei hier noch ein 
besonders deutlicher gefügt. In der Klosterkirche zu Dobberan in Mecklen- 
Ijurg ist das Wappen der Gemahlin Herzog Johanns von Meklenburg 
(t 1422), der Herzogin Katharina, Tochter Herzog Erichs von Braunschweig- 
Lauenburg, angebracht : Lauenburg führte bekanntlich gleichfalls den Rautenr 
kränz und in unserm Falle ist er als wirklicher Kranz dargestellt : von einem 
grünen Stengel, der von der linken, unteren Ecke nach der rechten obern 
läuft, gehen nach beiden Seiten hin je drei kleine grüne Zweiglein 
und nach unten noch ein unentwickelter Zweigansatz aus, vgl. C. Teske, 
Die Wappen des Grossherzogl. Hauses Mecklenburg in geschichtlicher Ent- 
wicklung (Güstrow 1893) S. .lO, Abbildung Nr. 167 und in grösserer 
farbiger Darstellung Taf. 9^. 

Auf die Einzelheiten des Auftretens und Verschwindens der verschie- 
denen Wappenbilder hier einzugehen, muss ich mir versagen, so interessant 
für die Heraldik auch manche dieser Fälle sind; es sei nur noch darauf 
hingewiesen, dass Posse als ältestes Wappen der Wettiner nicht die so- 
genannten , ,L an dsb erger Pfähle" bezeichnet, sondern den meissner 
schwarzen Löwen in Gold; die Bezeichnung „Landsberger Pfähle" weist 
er als unzutreffend zurück. Als Heinrich der Erlauchte 1247 Thüringen 
erwarb, gab er, nach Posse Sp. 10. die seit 3 Generationen geführte 
Pfahltheilung auf und nahm den Löwen von Thüringen an; als er dann 
seinem Sohn Albrecht 1261 Thüringen überliess, führte auch dieser einen 
Löwen, der als der thüringische zu betrachten ist, und Heinrich selbst, 
der die Mark Meissen behielt, führt als eignes Wappen gleichfalls einen 
Löwen, der bei ihm nun als meissnischer zu fassen ist (Sp. 11, 12). Die 
iilte Pfahltheilung war somit frei geworden und als 1291 die Mark Lands- 
berg an Brandenburg verkauft wurde und dann an den neuen Besitzer 



Literatur. \ 93 

mit dem Lande die Führung von Titel und Wappen überging, fasste mari 
— da, wie überhaupt Landeswappen, so auch ein eignes altes landsberger 
Wappen früher nicht existii'te und selbst Markgi-af Friedrich von Lands- 
berg und sein Sohn Friedrich Tuta stets den Löwen führten — , die ledig 
gewordenen Pfähle als solches auf und sie gingen deshalb mit an die 
brandenburgischen Askanier über (Sp. 13). Ferner sei von wichtigeren 
Kichtigstellungen noch die Frage des meissner Helmkleinods, des soge- 
nannten Judenkopfes, erwähnt, der angeblich als Symbol des 1350 
durch Karl IV. verliehenen Judenschutzes auftritt. Dies ist ganz falsch: 
1. kennt noch die erste Hälfte des 1 5. Jahrhunderts die Deutung Judenkopf 
nicht, 2. besass Friedrich der Ernste schon seit 1329 und 1330 das 
Judenregal, ohne dasselbe im Wappen zum Ausdruck zu bringen, 3. hat 
sein Sohn Friedrich der Strenge, bei dem zuerst das bärtige Kumpfkleinod 
auftritt, es schon 1349 vor Karls IV. Bestätigung und vor seines Vaters 
Tod geführt, der doch, solange er lebte, allein Inhaber dieses Rechts war. 
Ausser diesen von Posse Sp. 20 angeführten Gründen sei noch ein altes 
Zeugnis hervorgehoben: an dem 1850 abgetragenen Niederthor der Stadt 
Rochlitz (SO. V, Leipzig) befand sich das markgräfliche Wappen (jetzt an 
der Friedhofsmauer eingemauert); dasselbe wird in den Anfang des 14. Jahr- 
hunderts angesetzt und lässt noch deutlich erkennen, dass auf dem Schild 
mit dem meissner Löwen ein Topfhelm mit dem spitzhütigen Manneskopf 
und -rümpf sitzt, giebt gleichfalls also ein Zeugnis für das Vorhandensein 
dieses Kleinods schon in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, vgl. 
Steche, Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler 
des Königi-eichs Sachsen XIV (1890), Amtshauptmannschaft Rochlitz S. 55. 
57, Figur 30. 

Ich habe diese Fälle herausgegriffen, weil sie besonders deutlich zeigen, 
wie unsicher der Boden war, auf dem sich die Forschung bewegt; Hypo- 
thesen sind in der Heraldik umso geföhrlicher, als die bunte Welt der 
Bilder leicht die Phantasie zu allerhand sich hübsch ausnehmenden Deu- 
tungen verlockt, wo doch die nüchternste Prüfung auf Grund des posi- 
tiven Thatbestands von Siegeln und andern zuverlässigen alten Darstel- 
lungen doppelt geboten erscheint. 

Den Siegeltafeln selbst ist hohes Lob zu zollen. Sie sind zum Theil 
direkt nach den Originalen, zum Theil nach sehr guten galvanoplastischeu 
Nachbildungen von Posse selbst sorgsam photographiert und in der An- 
stalt von Stengel und Markert zu Dresden in gelungenen Lichtdrucken 
vervielfältigt. Aber dennoch erwecken diese Tafeln ein gewisses Bedenken. 
Bei ihnen ist jede Sorgfalt, die sich zur Erzielung eines getreuen Abbilds 
anwenden Hess, allseitig angewandt worden und sie stehen jeder ähnlichen 
Publikation ebenbürtig zur Seite und mancher voran, und trotzdem lassen 
einzelne Siegelbilder an Deutlichkeit zu wünschen übrig. Es kommt dies 
nicht auf Rechnung der betheiligten Personen, sondern des photographi- 
schen Verfahrens an sich. Siegelreproduktionen bieten infolge der er- 
habenen Oberfläche grössere Schwierigkeiten als die Facsimilirung von Hand- 
schriften. Das Photographieren nach den originalen Wachssiegeln selbst hat 
besonders bei den oft tief in Schüsseln liegenden Siegeln des 14. und 
15. Jahrhunderts den Nachtheil, dass es schwer hält, die Siegelfläche so 
gleichmässig zu beleuchten, dass die Photographie keinen Schatten aufweist. 

Mittheilungeu XVII. 13 



194 Literatm-. 

Auf mehreren der vorliegenden Abbildungen ist denn auch ein Theil des 
Randes so beschattet, dass die Umschrift Iheilweise unkenntlich geworden 
und damit die Kontrolle der Lesung und die Vergleichung mit einem 
etwa vorliegenden Originalsiegel sehr erschwert, wenn nicht unmöglich ge- 
macht ist. Bei den galvanischen Abgüssen fällt dieser üebelstand weg, 
dagegen tritt mehrfach infolge ihrer metallischen Glätte der andre auf, 
dass durch ihre zu glänzende Oberfläche die Photographie verschwommen 
wird und neben einigen wegen der Spiegelung zu grell l)eleuchteten Par- 
tien die anderen umsoweniger hervortreten. Daher geben manchmal die 
Darstellungen ein unklareres Bild, als es das betreffende Siegel, das Ref. 
im Original ansehen konnte, in der That bietet. Ein deutliches Beispiel, 
selbst ohne Beiziehung der Originale, liefert ein Siegel Markgraf Wilhelms I. 
von Meissen: XIX, ], in natürlicher Grösse nach dem Wachssiegel selbst, 
ist klar und deutlich, XIX, 2, dasselbe Siegel nach dem galvanischen Nieder- 
schlag, ist trotz starker Vergrösserung minder deutlich als 1. — Wenn 
ich auch diese eventuellen Schwierigkeiten selbst der besten Photographie 
für die Siegeire Produktion hervorhebe, soll damit keineswegs gesagt sein, 
dass ich dem Nachzeichnen das Wort reden will. Es giebt ja — von ge- 
lernten Zeichnern abgesehen — ab und zu in Archiven fingerfertige Leute, 
die Siegel anscheinend getreulichst nachzeichnen, doch selbst die sklavischste 
Hand vermag an absoluter Treue mit dem Lichte nicht zu konkurriren. 
Vor der Zeichnung verdient die Photographie doch noch weit den Vorzug: 
es sollte nur gezeigt werden, dass auch sie in einzelnen Fällen noch der 
Verbesserung bedarf, um überall deutlich zu sein. 

Um nach diesen allgemeinen Bemerkungen über die Tafeln ein paar 
Einzelheiten herauszuheben, sei das ziemlich häufige Vorkommen von 
Gemmen im Siegelbilde erwähnt. Der bekannteste Fall ist der in vier 
Generationen, von Friedrich dem Freidigen bis zu seinem Urenkel Fiiedrich 
dem Streitbaren, in Gebrauch gewesene reifgeschmückte Jünglingskopf VIII 1, 
XVI 9, XVII 3, XX 2 und 3; ferner XVII 7 (Landgraf Balthasar 1355); 
XXII 7 (Kurfürst Friedrich der Sanftmüthige 1445): XXIII 1 (Friedrich 
der Sanftmüthige 1459), XXVI 6 (Herzog Albrecht der Beherzte 1493); XXXT 
11 (Kurfürst Albrecht III. 1369) u. a. Für die Entwicklung des Siegel- 
wesens und der Heraldik ist manches Stück interessant ; hier sei nur noch 
ein Prachtstück erwähnt, das für die politische Geschichte höchst lehr- 
reich ist: die goldene Bulle des Gegenkönigs Heinrich Raspe XVI 2^, 2^'. 
Der Avers zeigt die gewöhnliche Darstellung des thronenden Königs, der 
Revers das gewöhnliche Stadtbild mit der bekannten Umschrift »Roma 
Caput mundi regit orbis frena rotundi. « Das Einzigartige daran aber sind 
in der unteren Hälfte innerhalb zweier von einem romanischen Pfeiler ge- 
bildeten, thorartigen Bogen die beiden Apostelköpfe des Petrus und Paulus 
und zwar ganz in der typischen Form, wie sie auf den Papst- 
bullen dargestellt sind. Treffender konnte der Pfaffenkönig Heinrich 
das Wesen seiner Herrschaft wahrlich nicht zum Ausdruck bringen! Mühl- 
baclier kannte bei Abfassung seines Aufsatzes ,,Kaiseru] künde und Papst- 
urkunde* (in diesen Mittheilungen, Ergänzungsband IV [1893] 499 folg., 
."ilo) dieses Ineditum noch nicht; es würde ein schönes Beispiel für seine 
Darlegungen vom Einfluss der politischen Machtverhältnisse zwischen Kaiser- 
lliuin und Papstthum auf die Kaiser- und Papstdiplomatik geliefert haben, eine 



Literatur. |95 

Parallelersclieinung zu der Rota in den Urkunden von Heinrichs Nach- 
folger Wilhelm von Holland, dem andern Gegenkönig von Papstes Gnaden. 
Nun zum Schlüsse noch einige weitere Ergänzungen und Berichti- 
gungen, Den thüringischen Landgrafentitel konnte Markgraf Heinrich der 
Erlauchte von Meissen erst seit 1247 führen und dem entsprechend giebt 
Posse als heute durch Siegel nachweisbare Zeitgrenzen für den Gebrauch 
seines dritten Stempels, HI ß, die Jahre 12 50 — 12M8 an. Da muss es 
nun doch sehr befremden, als Datum der Urkunde, an der das als 
Vorlage für die Abbildung dienende Siegel hängt, bezeichnet zu finden 
12 3 1 Oktober 5, Hauptstaatsarchiv Dresden Orig. Nr. 306, ohne dass 
dieser schroffe Widerspruch irgendwie erklärt ist. Hier musste unbedingt 
zur Erläuterung der Hinweis auf Posses Lehre von den Privaturkunden 
fLeipzig 1887) S. 49 gegeben werden, wo die Urkunde als Fälschung des 
1 4. Jahrhunderts bezeichnet ist ; es liegt also der nicht selten vorkommende 
Fall vor, dass einer Fälschung ein echtes altes Siegel, und zwar hier un- 
passender Weise von einer Urkunde aus der Zeit nach 1247, angehängt 
ist, denn mittelalterliche Fälscher selbst, wie ihre getäuschten Zeitgenossen, 
waren ja nicht in der Lage, solche Anachronismen wahrzunehmen. Tafel 
Vni und IX sind 8 Siegel Landgraf Diezmanns von Thüringen gegeben. 
Als fünfter Stempel ist VHl 7 nebst Text S. 15 das Siegel mit dem 
Lausitztitel aufgeführt, mit der Angabe, es sei von 1292 — 1306 in Ge- 
brauch. Dies ist jedoch unzutreffend. 1303/4 verkaufte Diezmann die 
Lausitz an Brandenburg und seitdem führte er auch im Urkundeneingang 
den Markgrafentitel der Lausitz nicht mehr. Die letzte mir bekannte Ur- 
kunde, woran er das Siegel mit ET • LVSACIE • MARCHIONIS führt, ist 
die vom 10. August 1303, Hauptstaatsarchiv Dresden Orig. Nr. 1734 
(Druck Wilke, Ticemannus, Dipl. S. 168 Nr. 133); deren Siegel ist zwar 
völlig zerbröckelt, aber gerade 2 Stücke mit der Legende LVSACI und 
E • MAR sind noch erhalten, wir haben also VHI 7 vor uns. Als Gebrauchs- 
jahre des fünften Stempels sind somit die Grenzen 1292 — 1303 anzugeben. 
Diezmanns vierter und sechster Stempel VIH 6 und IX 1 zeigen eine so 
grosse Uebereinstimraung, dass man sich fast versucht fühlt, sie für 
identisch zu halten, denn die Abweichungen in den von Posse gegebenen 
Legenden beider sind in der That nicht vorhanden, die Abkürzungszeichen 
und Punkte stimmen überein und die Hauptvariante VIII 6 GREVIZH. 
IX 1 GREVITZH, ist nicht vorhanden, beide bieten deutlich das T. Ref. 
hat, um sicher zu gehen, sämmtliche Siegel an den Originalurkunden aus 
Diezmanns letzten Jahren im Dresdner Archive zur Vergleichung beigezogen, 
und ist schliesslich, da die genaueste Vergleichung der Einzelheiten 
doch manche kleine Verschiedenheiten betreffs der Stärke der Buch- 
stabenschäfte, der Haltung der Vorderhufe, der Mähne u. dgl., dabei aber 
gleichzeitig eine solche absolute Gleichheit der Anordnung der 2 Schrift- 
reihen und der Reiterfigur aufwies, zu der Ueberzeugung gelangt, dass 
beide Stempel identisch, aber doch insofern verschieden sind, als der wohl 
im Lauf der Jahre abgenutzte Stempel in späterer Zeit einer Neugravirung 
bez. Nachgravirung unterzogen wurde, wodurch einige Stellen ein etwas 
verändertes Aussehen durch Verdickung der Schäfte u. a. erlangten, — 
Posse giebt frühere Abbildungen der Siegel stets mit an, was, obwohl 
diese meist ungenügenden Darstellungen durch die neue Publication werthlos 

13* 



J96 Literatur. 

werden, doch für eventuelle Identifikationen nicht unnütz ist. Hierzu ist 
noch nachzutragen die Abbildung vom Siegel der Margarete von Oester- 
reich, der Schwester Kaiser Friedrichs IIL, Gemahlin Kurfürst Friedrichs 
des Sanltmüthigen, die sich bei Joh. Aug. Schneider, Biographische Frag- 
mente von der Churfürstin Margarethe (Altenburg ISOO) S. 22 findet. — 
Den Beispielen von Siegelkarenz junger Wettiner Sp. 32 ist noch beizu- 
fügen der interessante Beleg für Friedrich den Ernsten 1321, der bei 
Lebzeiten seines durch Siechthum regierungsunfähigen Vaters den von 
seiner Mutter mit dem Erzbischof von Magdeburg geschlossenen Vertrag 
mitbesiegeln sollte und dazu seines Vaters Siegel nahm: »wan wir selbe 
nicheyn ingsigel noch habin, das wir unses vater ingesigel, da uns ane 
gnuget, zu dissem brive gegebin haben*, (Riedel, Cod. diplom. Branden - 
burgensis II, I, 472, Lippert, Wettiner und Witteisbacher S. 11 — 13). 

Den Sp. 1 — 4 gegebenen urkundlichen Zeugnissen über das Auftreten 
von Herolden und Persevanten der Wettiner )ait bestimmten 
Landesnamen ^) als Dienstnamen kann ich zwei weitere Fälle an- 
reihen: Hauptstaatsarchiv Dresden, Copial 48 fol. 9^ ist eingetragen die 
lateinische Ernennungsurkunde Herzog Wilhelms IIL von Sachsen für seinen 
Herold »Thüringerland«: .... considerantes virtutum insignia ac saga- 
citatis industriam Heinrici de Schriessen dicti Doringerland eraldi nostri 
(in der fol. 10 darauf folgenden deutschen Fassung derselben Urkunde: 
Heinrichs von Schriessen genand Doringerland unnsers erhalts), quem in 
agnicione rerum et actuum militavium adeo laudabiliter expertum repe- 
rimus, ut . . . .; horum itaque et aliarum virtutum intuitu eundem in 
eraldum creavimu^, instituimus et prefecimus .... (Der Text ist ganz 
wie der der Bestallungsurkunde für Johannes dictus Missenland 1421, 
Posse Sp. 3.) Datum in Castro nostro Wymar sub sigillo nostro appenso 
dominica die, qua cantatur Oculi mei, ab anno domini milleslmo quadrin- 
gentesimo quadragesimo quinto (28- Februar 1445). Noch lehrreicher ist 
die andere Urkunde: der Schutzbrief Herzog Wilhelms III. für seinen auf 
Reisen gesandten Persevanten Thüringerland, Hauptstaatsarchiv Dresden, 
Copial 49 fol. 5^, 6; denn hierin wird die offizielle Beilegung eines be- 
sondern Amtsnamens ausdrücklich mit beurkundet: j> wanne wir den erbarn 
Casparn von Heytingen geinwertigen czeiger dieszs brives zu unnserm perse- 
vand creyret und uffgenomen und ym dorzu den namen Doringerland zu- 

') In besonderer Blüthe stand damals das Heroidswesen an den glänzenden 
Höfen des Westens, dem Karls VII. von Frankreich und dem Philipps von Bur- 
gund. Die Geschichte beider liefert zahlreiche Beispiele auch für die Führung 
besonderer Amts namen von Ländern oder Landestheilen, von 
denen einige hier miterwähnt seien : König Karl VII. hatte in seinen Diensten 
die Herolde Barry, Valois, Touraine, Dauphin (ob Dauphine y), den Wappenkönig 
Normandie (vgl. G. du Fresne de Beaueourt, Histoire de Charles VIL, tome IV., 
15, 16", 58, 314, V, 141, 143); auch noch in Ludwigs XI. Diensten kommt Nor- 
mandie (eigentlich hiess er Roger de Golant) vor (Biblioth. de 1" ecole des chartes 
LIV, 415). In Herzog Philipps Diensten finden wir die Herolde Charolais und 
Fribourg, (s. Beaueourt V, 396, VI 157) und den Herold Osteirich, Wappenkönig von 
Ruwier oder Ruir (Chmel, Der österreichische Geschichtsforscher 1, 231, 237). 
König Ladislaus Postumus von Böhmen-Ungarn hatte einen Herold Hongrelant 
(Public, de r instit. de Luxembourg XXX,' 64. — Als eins der ältesten deut- 
schen Vorkommen ist zu erwähnen im Dienst Herzog Ludwigs des Brandenburgers 
von Baiern 1348 Wolflein der Wappenmeister (s. Abhdlg. d. bist. Kl. der K. B. 
Akad. d. Wiss. zu München, II, I. Abth., S. 181. 



Literatur. [97 

gefugt haben, angesehin sin redeliclie vernunfft, auch siuen zugeneygten 
Üiess, den er treit zu merunge der ere des adels mit uflfrichtiger belobunge 
ritterlicher tat und notdorfftiger straifunge der ubeltete eins iglichen, und 
das er die underscheid der woppin und cleynod notdorffticlich weisz zu 
plasinaien .... Geben zu Wymar uff sand Mertins des heiligen bischofis 
tag anno domini MoCCCCLIP« (n. November 1452). 

Ein siegelfreudiger Herr war Landgraf Balthasar von Thüringen, Posse 
führt 7 Stempel von ihm an. Für die Kunde seiner Siegel ist wichtig 
seine und seines Sohnes Friedrich Urkunde vom 6. Juli 1400 (Vereignung 
von Getreideeinkünften im Dorfe Buffleben im Gericht Gotha an dieVikarie 
des Altars S. Michaelis an U. L. F. -Kirche zu Gotha) Hauptstaatsarchiv 
Dresden, Copial 2 fol. 244 ''. ». . . . mit Urkunde diszes brifes, daran wir 
Balthazar vorgenante unser nuwe ingesigel wizsentlichen haben laszen 
hengen nach der cziet, alz unser alte ingesigel verloren wart in deme 
lande czu Hessyn, do der herczoge von Sachzsen mit andern fursten, graffen, 
herren unde vil guten luten gefangen unde beschediget wart, dez wir 

Friderich vorgenante mite hirane gebrüchen Geben czu Gota am 

dinstage vor Kiliani anno CCGCo«. Das erwähnte Ereigniss ist der be- 
kannte Ueberfall auf den vom Frankfurter Tag heimreitenden Herzog 
Rudolf IIL von Sachsen bei Fritzlar am 5. Juni 1400, wobei Herzog 
Friedrich von Braunschweig seinen Tod fand, ein Vorfall, über dessen An- 
stifter seit damals bis in unsere Zeit viel geforscht und gestritten worden 
ist, vgl. Wenck, Die Wettiner im 14. Jahrhundert, insbesondere Markgraf 
Wilhelm und König Wenzel S. 69 folg., 118^). 

Posses Werk bildet eine der werthvollsten Bereicherungen der Lite- 
ratur sowohl der deutschen Sphragistik, wie der sächsisch - thüringischen 
Geschichte. Es erweckt lebhaft den Wunsch, dass eine gleichgute, brauch- 
bare Bearbeitimg auch den sächsischen Städtesiegeln zu Theil werden 
möchte. Für einzelne Städte, die im Codex diplom. Saxoniae berücksichtigt 
sind, sind Abbildungen der mittelalterlichen Siegel mit veröffentlicht, doch 

') Bei dieser Gelegenheit seien noch ein paar andere Angaben zur Siegel- 
kunde der Wettiner mitgegeben, die zwar, da sie 8 Jahre nach Posses Endtermin 
fallen, nicht eigentlich in den Bereich dieser Besprechung gehören, aber doch 
den Sphragistikern nicht unwillkommen sein werden, da sie an ihren versteckten 
Stellen leicht der Beachtung entgehen. Es sind Notizen über die Anschaffung 
neuer Siegel Friedrichs des Weisen, des Kurfürsten von Sachsen, und seines 
Bruders, des Herzogs Johann (des Beständigen) aus dem Jahre 1494. Der Kur- 
fürst hatte damals eine Fahrt nach dem heiligen Lande unternommen und be- 
rührte auf der Hin- und Rückreise Venedig und Innsbruck vgl. über diesen 
Aufenthalt N. Arch. f Sachs. Gesch. IV, 37 folg.), wo er verschiedene Einkäufe 
machte. In dem Rechnungsbuch über die Reiseausgaben, im Sachsen-Ernestini- 
schen Gesaramtarchiv zu Weimar Reg. Bb. 4150 (unfoliirt) findet sich nun unter 
der Ueberschrift ,Uszgab zu Venedig und Yspruck* aufgeführt: ,XX schock 
XII groschen IX phennige zcallt den Vockern an XLII ducaten für meiner 
gnedigsten und gnedigen hern naw sigill*, und 1 Blatt weiter in demselben Ab- 
schnitt ,11 schock XXIllI groschen zcallt den Vockern für eyn wappenstein 
meinem gnedigen hern hern Hannsen an VI guldin XVIII groschen*' (der Wappen- 
stein war wohl ein geschnittener Stein mit dem herzoglichen Wappen für einen 
Siegelring); ferner weiter hinten unter »Uszgab bottenlohn" : , XXI groschen eym 
hotten, der das armbendlin [hierzu :jUszgab Hanns Umbhawen zu iNürmberg: 
Ltl groschen VI phennige hat Umbhawen zcallt Cristoff Schurlin für ein armbant 
meinem gnedigsten hern hern Friderichen'], ettlich briefe und meyns gnedigen 
hern hertzog Hannsen secret von Nurinberg hereyn getragen hatt-<. 



Ijiy Literatur. 

nuinche Städte, die er.st nach l-i.S5 Stadtrecht erhielten oder neuere 
Gründungen sind, werden sich plangemäss überhaupt der Behandlung 
im Codex nicht zu erfreuen haben . andre werden bei dem leider sehr 
langsamen Fortschreiten dieses Unternehmens noch Jahrzehnte oder noch 
mehrere Menschenalter lang zu warten haben, ehe sie an die Reihe 
kommen ; auch wäre es für die wissenschaftliche Benutzung viel empfehlens- 
werther, wenn ebenso, wie von vornherein bei dem I. Haupttheil des 
Cod. dipl. Sax. auf die Beigabe landesherrlicher Siegel verzichtet wurde, 
weil für diese die obenbesprochene Spezialpublikation eintreten sollte, auch 
dem II. die Städte behandelnden Haupttheil des Codex ein besonderer 
Siegelband an die Seite gegeben würde, statt die Siegel über die einzelnen 
Bände zu verzetteln. Der Umstand, dass bisher schon dem Codex, wie er- 
wähnt, einige beigegeben sind, käme bei deren geringer Zahl gegen eine 
einheitliche Gesammtpublikation der sächsischen Städtesiegel gar nicht in 
Betracht; erst eine solche würde auch — abgesehen von der praktischen 
Brauchbarkeit für sächsisch-historische Zwecke — die Siegel für Fragen 
der wissenschaftlichen Sphragistik benutzbar machen; Posse selbst wäre 
der geeigneteste Bearbeiter für ein solches Werk. 

Dresden. W. Lippert. 

Ferdinand Tadra, Summa Cancellariae (Cancellaria 
Caroli IV.). Formuläf kral. kauceläfe ceske XIV. stol. [Ein For- 
mularbuch der königlichen böhmischen Kanzlei aus dem 14. Jhd,]. 
Historicky Archiv ceske akademie cisafe Frantiska Josefa. Öis. VI. 1895. 

Der Herausgeber der Cancellaria Arnesti (I88O), der Summa Gerhardi 
(1882) und der Cancellaria Johannis Noviforensis (I886) hat nun auch eine 
vollständige kritische Ausgabe der Summa Cancellariae besorgt, jenes 
Formularbuches, das sowohl wegen seiner Reichhaltigkeit und unmittelbaren 
Beziehung zur Kanzlei K. Karls IV., wie wegen der grossen Verbreitung 
in Bibliotheken und Archiven Oesterreichs und Deutschlands besondere 
Beachtung verdient. Mehrere Handschriften dieser Sammlung sind schon 
seit längei'er Zeit bekannt, eine ziemlich bedeutende Anzahl von Briefen 
ist aus verschiedenen Codices bereits publiciert, die Haupthandschrift, jene 
des Prager Domcapitels, ist schon von Pessina, Pelzel und Dobner benützt 
worden. Im J. 1886 hat Tadra selbst in einer Abhandlung über Johann 
v. Neumarkt (Casopis cesk. Musea) eine Uebersicht des handschriftlichen 
Materials geboten, und diese Liste ist dann in einer 1891 erschienenen 
Arbeit von Jean Lulves, »Die Summu cancellariae des Johann v. Neumarkt. 
Eine Handschriftenuntersuchung über die Formularbücher aiis der Kanzlei 
K. Karls JV. -^ theils vermehrt, theils richtiggestellt worden. Die Haupt- 
schwierigkeit für die Edition des Gesauimtwerkes bildete die mühsame 
Vergleichung der bisher bekannt gewordenen 1 6 Hss. und ihre Gruppierung, 
und diese Untersuchung wurde für den Herausgeber noch dadurch er- 
schwert, dass er mit den Ex-gebnissen Lulves' in den meisten Hauptpunkten 
nicht übereinstimmen konnte. Bezüglich der Verwandtschaft der Hand- 
schriften untereinander, der Entstehungszeit der ersten Anlage der Samm- 
lung, der Ausbildung der einzelnen Redactionen gehen die Ansichten beider 



Literatur. | Qf) 

Forscher weit auseinander und nur, was den Autor der Sammlung an- 
langt, ist eine gewisse Uebereinstimmung zu constatieren. Allerdings 
Lulves' »entscheidenden Beweis«, dass der Kanzler Johann »wirklich der 
Schöpfer der Summa cancellariae ist« (S. 4) hat Tadra zerstört. Ein Brief 
der Sammlung (bei T. Nr. 36) beginnt nämlich mit den Worten: »Inter 
clericos iuniores cancellarie mee^^ und enthält eine Entschuldigung des 
Kanzlers gegenüber einem Bekannten, namens Sagremor, wegen eines 
Scherzes der Kauzleibeamten, die mit des Kanzlers Wissen wie anderen 
Personen so auch Sagremor höllischen Durst erzeugende Zeltchen bei- 
brachten, an denen dieser aber erkrankte. Friedjung, der diesen Brief in 
seinem »K. Karl IV. etc.« (S. 322) zuerst edierte, benützte eine Hs. in 
welcher »cancellaria mee* steht, verbesserte diese Lesart in »cancellaria 
inea* und deutete nun das Schreiben merkwürdigerweise in dem Sinne, 
dass sich Johann bei Sagremor entschuldigt, j>wenn er ihn durch die 
Cancellaria beleidigt habe, die unter den jungen Clerikern wegen ihres 
oft hiuuoristischen Tones sehr verbreitet sei« (S. 110). Lulves hat nicht 
nur die unmögliche Auslegung des Schreibens, sondern auch, wiewohl er 
in mehreren Hss. die richtige Lesart »cancellarie mee« gesehen haben 
musste, die Emendation »cancellaria mea« mit ihrer falschen Beziehung 
auf das Schriftwerk anstatt auf das Bureau acceptiert und daraus eine 
Reihe unrichtiger Folgerungen gezogen (S. 38, 39). 

Entfällt nun auch dieser positive Nachweis über die Autorschaft 
Johanns, so glaubt doch auch T. nicht daran zweifeln zu sollen, dass der 
Kanzler die Sammlung in ihrer ursprünglichen Form entweder selbst zxx- 
sammenstellte oder von einem seiner Schreiber zusammenstellen Hess, denn 
nur mit seinem Wissen und Willen habe eine so grosse Zahl seiner eigenen 
Briefe herausgegeben werden können. 

L. hat mit Rücksicht auf die Verschiedenheit der Hss. in Zahl und 
Anordnung der Stücke 4 ßedactionen unterschieden. Die 1. entstand 1374/5, 
von Johann selbst als eine private Sammlung von zumeist eigenen Briefen 
allmählich zusanmiengestellt ; eine treif liehe Abschrift derselben stelle uns 
die Görlitzer Hs. dar. Erst die Erkenntnis, dass mit seiner Arbeit einem 
allgemein empfundenen Bedürfnis abgeholfen sei, veranlasste den Kanzler 
eine zweite vermehrte und verbesserte Redaction zusammenzustellen. Diese 
sei uns in den Hss. des Prager Domcapitels, der Leipz. Universitätsbibl. 
(1273 a), der Wien. Hofbibl. (3372), der Raigerer Stiftsbibl., der Prag. 
Universitätsbibl. (13 D. 6) und schliesslich in den beiden Fragmenten der 
Prag. Universitätsbibl. (8 A. 19) und des Koblenzer Staatsarch. (G. 27) 
erhalten; doch construiert L, zugleich für diese Codices verschiedene Ab- 
leitungen und Zwischenglieder. 

Aber auch jetzt fehlte noch »das Ideal eines handlichen Formular- 
buches«. Nicht der Kanzler, sondern ein Kanzleibeamter habe sich dieser 
Arbeit unterzogen und — Redaction III. geliefert. Das beste Exemplar 
derselben sei eine Hs. der Breslauer Universitätsbibl. (II F 23); durch 
mehr oder weniger Mittelglieder stehen auch die beiden Wolfenbüttler 
(Heimst. 441 und 362) Hss., ferner die der Prag. Universitätsbibl. (l4 G. 4) 
und eine Quedlinburger mit ihr in Verbindung. Schliesslich — Redaction IV. 
— Hess Johann von einem seiner Notare für die Olmützer Bischofskanzlei 
ein ähnliches Werk wie die bisherige Sammlung anlegen, die vielleicht 



2(10 Literatur. 

ei'dt nach seinen Tode (t i:iS(i) fertiggestellt wurde; eine gute Abschrift 
davon biete eine Hs. der Leipziger Stadtbibl. (II, 7l), aus dieser entstand 
gleichzeitig und am gleichen Orte (Oluiütz) die Hs. der Klagenfurter bi- 
schöflichen Bibliothek. Dieses überaus kühne Gebäude ist durch T.'s 
Deductionen sehr stark erschüttert worden. Wer jeuials ähnliche hand- 
schriftliche Untersuchungen auf verwandten Gebieten angestellt hat, wird 
Lulves' Versuch in die Entstehungsweise der verschiedenen Fassungen mit 
solcher Bestimmtheit eindringen zu wollen, für sehr precär erachten. Dabei 
sind aber auch thatsächliche Unrichtigkeiten in L.'s Ausführungen ent- 
halten. So sagt er S. 45, dass sämmtliche Stücke der Görlitzer Hs., die 
ihm als directe Abschrift aus der 1. Red. gilt, in den Hss. 1. Leipzig Uni- 
versitätsbibl. 1273 a, 2. Prag. Universitätsbibl. 1.3 D 6, 3. Raig. Stiftsbibl. 
und 4. Wien. Hofbibl. 3372 sich »bis auf einige Differenzen« wiederfinden, 
während die Tabelle bei Tadra über Zahl und Anordnung der Formeln 
in den Hss. beweist, dass die Hs. sub 2 und die mit ihr verwandte sub 3 
keineswegs alle Formeln enthalten, die sich in Görlitz finden. 

Tadra hat eine ganz andere Anschauung von der Entstehung der 
einzelnen Redactionen und dem Verhältnis der Hss. zu einander. Die erste 
Anlage verlegt er etwa in das J. 1360; das Original fehlt; den Anspruch 
dieser ersten Redaction am nächsten zu stehen, schreibt er der Hs. der 
Prag. Universitätsbibl. 8 A. 19 zu; eine blosse Vermehrung zeigen die 
Hss. des Prager Domcapitels, der Prager Universitätsbibl. 13 D6 und die 
von Raigern, die alle bis spätestens 1365 entstanden. Eine weitere Ver- 
mehrung an Formeln erhielt die Sammlung in der Zeit bis 1370 und von 
dieser H. Redaction erhielten sich Beispiele in den Hss. der Leipziger Uni- 
versitätsbibl. 1273 a, der Wien. Hofbibl. 3372 und des Koblenzer Staats- 
archivs. Nun folgten in einer ganzen Gruppe von Hss. (Görlitzer Hs. 
— die sich von allen übrigen abscheidet) — Universitätsbibl. von Prag 1 4 G. 4, 
die beiden Helmstädter in Wolfenbüttel und die Quedlinburger Hs.) Be- 
arbeitungen von Schreiben mit grösseren und kleineren Auslassungen und 
Ergänzungen in der Zeit von 1370 — 1378. Schliesslich zeigen die beiden 
Hss. in der Leipz. Stadtbibl. und in Klagenfurt eine abermalige Neu- 
ordnung und Vermehrung durch andere Formeln, 

Insoferne Tadra sein System lediglich auf die innere Verwandtschaft 
der Hss. aufbaut und eigentlich keine Redactionen, sondern nur Gruppen 
von verwandten Hss. scheidet, erscheinen seine Ergebnisse zuverlässiger als 
jene Lulves'. Die meisten Zweifel erregt mir die rasche Aufeinanderfolge 
der einzelnen Redactionen. Lulves drängte sie in die Zeit von 1374 — 1380, 
Tadra lässt immerhin einen Zeitraum von c. 20 Jahren, doch auch dieser 
erscheint mir zu kurz. Die Bemerkung Johanns von Gelnhausen, der nach 
Karls IV. Tode ein Formularbuch unter dem Titel » Collectarius perpetua- 
rum formarum* herausgab, dass ihm die bisherigen Formulare des Kanzler- 
stils nichs genügten und mangelhaft seien, scheint mir in Widerspruch 
zu stehen mit der Annahme, dass die Summa cancellariae schon in der 
Zeit Karls IV. in einer ganzen Anzahl von Redactionen herausgegeben war. 

Was die Ausgabe selbst anbelangt, so kann dieselbe als dui'chaus 
gelungen bezeichnet werden. T. hat für die Textherstellung die älteste 
und zugleich beste Handschrift des Domcapitels benutzt ; da sie aber die 
Sammlung nicht vollständig enthält, hat er die übrigen Formeln nach der 



Literatur. 201 

üä. der Leipz. Üniversitätöbibl. ediert und schliesslich die in einzelnen IIss. 
allein vorkommenden Briefe angefügt. Die Varianten wurden — ich 
glaube mit Kecht — auf das allernothwendigste Mass reduciert, dass sie 
zumeist gleich im Text eingefügt wurden und die Fussnoten nur sach- 
lichen Bemerkungen vorbehalten blieben, ist nebensächlich. Das Vorwort 
(XLVIII S.) enthält neben den in Kürze bereits wiedergegebenen Aus- 
führungen über die Handschriften und die Entstehung der Sammlung im 
5. Abschnitt eine Zusammenstellung der Briefe nach den Ausstellern und 
Empfängern, und nur eine Würdigung der historischen Bedeutung dieser 
Sammlung wird daselbst entbehrt. Besonders bemerkenswerth ist die 
schöne Ausstattung der Publicationen der Akademie. Das Sachenregister 
wäre von jenem der Namen zu scheiden und reichlicher zu gestalten 
gewesen. 

Brunn. B. Br et holz. 

Neueste Schriften zur Geschichte der Bukowina. 

Die Bukowina besitzt eine umfangreichere geschichtliche Literatur, als 
die dürftige Vergangenheit dieses jungen Landes erwarten Hesse. Die 
Forschungen zur Landes- und Volkskunde seit 17 73 hat Gustos Dr. Polek 
im Jahrbuch des Bukowiner Museumsvereins von 1893 zusammengestellt; 
das Verzeichniss der im Jahre 1894 erochienenen Schriften liefert R. F. 
Kai ndl. Für eine jährliche Berichterstattung über die einschlägige 
Literatur ist Sorge getragen. Es ist viel Minderwerthiges und Unbedeu- 
tendes darunter; auf einige neueste Arbeiten von allgemeinerem Interesse 
sei im Folgenden hingewiesen. 

Privatdocent R. F. Kaindl Hess dem im J. 1888 erschienenen ersten 
Theile seiner Geschichte der Bukowina 1895 den zweiten folgen, 
der sich bis zur Vereinigung mit Oesterreich erstreckt. Es ist keine aus 
den Quellen geschöpfte Arbeit, aber eine fleissige Compilation, erwünscht 
und dankenswerth als die erste übersichtliche Gesammtgeschichte des 
Landes. Den Gegenstand der Erzählung bildet allerdings wesentlich die 
Geschichte des moldauischen Fürstenthums, da die Bukowina bis zur Einver- 
leibung kein landschaftliches Sonderleben entwickeln konnte ; doch gewinnt 
das Allgemeine eine innigere Beziehung zur Localgeschichte vermöge der 
Zugehörigkeit der früheren Landeshauptstädte Sereth und Suczawa und 
einiger alter Klöster zum österreichischen Antheil der Moldau. Den deut- 
schen Leser werden vor Allem die Nachrichten über deutsche Stadtver- 
fassung und deutsches Bürgerthum, insbesondere in den Städten Sereth 
und Suczawa zu Ende des 14. und im 15. Jahrhundert überraschen und 
interessieren (IT, 28, 7l); im J. 1473 stellen der Graf und die ge- 
schworenen Bürger von Suczawa eine deutsche Urkunde aus. Dieses 
Deutschthum scheint ein schwächlicher Ableger des siebenbürgisch-säch- 
sischen gewesen zu sein ; es ist erstaunlich, wie viel von dem kostbaren 
Culturelemente ohne Nutzen für die eigene Nation in den entlegenen Ge- 
genden des Ostens aufgebraucht worden ist. Auch das jetzige Deutsch- 
thum des Landes ist dem Tode geweiht; es wird mit seiner treuen Ar- 
Ijeit die übrigen Völkerschaften zu höherer Cultur erziehen und dann vor 
ihrem Selbständigkeitsdrange, ihrem Hass und Uebermuth verschwinden. 



202 iiiteratiir. 

— Dass Kaindl seinem Buche keine ausführliche Inhaltsübersicht, bei- 
gegeben hat, ist umsomehr zu bedauern, als die Darstellung wie in einer 
Klosterchronik fast nur durch den dünnen Faden der Zeitfolge verbunden 
ist, ohne dem sachlichen Zusammenhang Eechnung zu tragen. 

Von demselben Verfasser rührt eine kleine Studie über die Erwer- 
bung der Bukowina her, ein Habilitationsvortrag, der den persönlichen 
Antheil Kaiser Josephs IL an den entscheidenden Ereignissen nachdrücklich 
hervorhebt. 

Professor Dr. v. Zieglauer schliesst zwei Reihen j,6eschicht- 
licher Bilder aus der Bukowina« (1893 und 1895) an seine 
1888 erschienene Arbeit über den Zustand der Bukowina zur Zeit der 
österreichischen Occupation nach den Denkschriften des Generals von 
Spleny. Das erste Bändchen schildert die Lage des neugewonnenen Landes 
auf Grund der Berichte und Vorschläge des Generals Freiherrn von Enzen- 
berg, der, längst vertraut mit den Verhältnissen der Bukowina, im Jahre 
17 78 als Nachfolger Spleny's an die Spitze der Civil- und Militärver- 
waltung trat und im folgenden auf Befehl des Hofkriegsrathes sieben 
Denkschriften verfasste, in denen er Land und Leute schilderte und Pläne 
ffir die Organisation der Verwaltung entwarf. Diese in dem Archiv des 
Reichs-Kriegsministeriums aufbewahrten Denkschriften bilden die Unterlage 
für Zieglauers Darstellung; sie verdienen durch ihre lebendigen und aus- 
führlichen Schilderungen in der That das ihnen vom Bearbeiter gespen- 
dete Lob. Nichts entgeht Enzenbergs Aufmerksamkeit: Städte, Dörfer 
und Volkszahl des Landes, Bauern und Grundherren, Kauf leute und Hand- 
werker, Geistliche und Mönche, Magyaren und Zigeuner, Armenier und 
Juden werden characterisiert und ganz im Sinne der Zeit nach ihrem 
Nutzen für den Staat bewerthet, die Armenier als eifrige und unter- 
nehmende Geschäftsleute besonders hoch gestellt. Die drei Städte sind 
über alle Massen elend; Czernowitz ist ein grosses aber nicht statt- 
liches Dorf, Suczawa liegt in Ruinen. Der zahlreiche Clerus ist geistig 
und sittlich verwahrlost ; Simonie herrscht überall ; der Vicar des 
Metropoliten kann weder lesen noch schreiben, das Schulwesen liegt 
vollständig im Argen. Im Ganzen trifft man in dem vor Kurzem den 
Türken abgenommenen Lande noch völlig asiatische Zustände ; von einer 
Polizei sind kaum die Anfänge zu finden; die Justizverhältnisse sind 
trostlos. Dem gegenüber steht als Vorzug die sehr geringe, wenn auch 
unverständig vertheilte Besteuerung der Bauern; Enzenbergs Vorschläge 
streben eine angemessene Uebertragung westlicher Einrichtungen auf das 
neuerworbene Kronland an. Er will sogar die Bauern stärker als bisher 
mit Roboten belasten, offenbar um Grundherrn die Arbeitskräfte für eine 
bessere Bewirthschaftung zur Verfügung zu stellen. Vor Gewaltsamkeit 
und Bevormundung scheut er so wenig zurück wie irgend einer seiner 
Zeitgenossen: er will die zerstreuten Bauernhütten zusammenziehen um 
bessere Polizei zu ermöglichen, er will die Bauern zum Bau von Ställen 
zwingen um die Viehzucht zu heben. Seine Gedanken fliessen nicht nur 
aus seinen Erfahrungen in der Verwaltung, sondern auch aus der Theorie 
der Staatswissenschaft, namentlich will er eine Polizei ganz nach den 
Lehren Josephs von Sonnenfels einführen. Zur Durchführung gelangten 
seine Entwürfe vornehmlich auf dem Gebiet des Kirchenwesens. 



Literatur. 203 

Die zweite Bilderreihe behandelt auf Grund der Akten des Kriegs- 
archives und des Archivs im Ministerium des Innern die endlosen Bera- 
thungen über die »Bukowiner Distrikts-Einrichtung* und die kirchlichen 
Verhältnisse des Landes in den Jahren 17 80 und 1781. Zuerst befasste 
sich der Hofkriegsrath mit dieser Angelegenheit und brachte unter Mit- 
wirkung Enzenbergs und des Oberkriegskommissärs Wagmuth ein umfang- 
reiches Elaborat zu stände, das aber fruchtlos blieb, da Kaiser Joseph 
während seiner Reise nach Galizien August 1780 auf den Gedanken kam, die 
Bukowina in das grössere Nachbarland einzuverleiben. Wenige Monate 
später überreichte ein einheimischer Bojar, Basilius Balschs, der einzige 
europäisch gebildete Mann seiner Heimath, im Namen des Adels und der 
Geistlichkeit eine Denkschrift über die Organisation der Bukowina, die 
eben wegen ihres Ursprungs von grossem Interesse ist. Indessen hatte 
Graf Brigido, der Gouverneur von Galizien, dem kaiserlichen Befehle gemäss 
einen langathmigen Entwurf über die Vereinigung der Bukowina mit 
Galizien ausgearbeitet, der jedoch nicht sofort die Genehmigung des Kaiser.-i 
erhielt, sondern der Hofkanzlei zur Begutachtung übergeben wurde. Die 
Denkschrift der Hofkanzlei schliesst sich in der Hauptsache an die des 
Grafen Brigido an, steht aber im Widerspruch mit der persönlichen Mei- 
nung des Hofkanzlers Grafen Blümegen, eines Parteigängers der admi- 
nistrativen Selbständigkeit der Bukowina. Einer solchen Entscheidung 
schien auch ein kaiserliches Handschreiben an den Hofkriegsrath vom 
20. Mai 1781 zuzuneigen, welches von dieser Behöi'de wenige Tage später 
mit einem eingehenden Keformentwurf beantwortet wurde. Damit waren 
die Berathungen nicht zu Ende, vielmehr hatte noch die » Staatsräthliche 
Zusammentretung«, d. h. die Conferenz der Mitglieder des Staatraths, ver- 
stärkt durch die Vertreter der obersten Verwaltungsbehörden, ihr Votum 
abzugeben; sie fügte den Vorschlägen des Hofkriegsrathes einige Punkte 
bei und erlangte im August 1781 für ihre meisten Beschlüsse die Ge- 
nehmigung des Kaisers. Mit der Ausführung wurde der Hofkriegsrath 
als die höchste Instanz der Verwaltung dieses Landes betraut; doch war 
mit soviel Mühe und Arbeit nur ein Provisorium geschaffen worden, denn 
im Jahre 1786 führte der Kaiser den längst gehegten Plan der Einver- 
leibung in Galizien aus. 

Das zweite Hauptstück schildert die kirchlichen Verhältnisse ; von allge- 
meinerem Interesse sind besonders die drei ersten Kapitel: der Hochver- 
rathsprocess des erzbischöflichen Vicars Makari, der den geistigen und 
moralischen Zustand der orthodoxen Geistlichkeit, aber auch die Rechts- 
anschauungen des Hofkriegsraths in seltsamer Beleuchtung erscheinen lässt; 
der von dem Präfecten des griechisch-katholischen Seminars in Wien aus- 
geheckte, vom Nuntius Garampi übernommene, von der Regierung zurück- 
gewiesene Plan, die Ueberführung der Orthodoxen in der Bukowina zu 
erschleichen, indem man einen Unirten zum Bischof einsetze, der sich 
anfangs nicht ausdrücklich zur Union bekennen solle ; endlich die kix'ch- 
liche Organisation des Landes, seine Loslösung aus der Unterordnung 
unter den Metropoliten von Jassy und seine Vereinigung zu einer einzigen 
Diöcese, mit dem würdigen Bischof Dositheu von Radautz, der als ein 
weisser Rabe unter dem Clerus der Bukowina geschildert wird, an der Spitze. 



2()4 Literatur. 

»Die Bukowina zu Anfang des Jahres 1783* von Custos 
Johann Polek beruht auf einer Denkschrift des Mappierungsdirectors 
Johann Budinszky, der zum Theil aus den amtlichen Akten geschöpft hat, 
zum Theil nach eigener Anschauung berichtet, und den Zustand des 
Landes besonders in wirthschaftlieher Beziehung schildert. Derselbe Ver- 
fasser hat eine Arbeit über die Eeisen Kaiser Josephs II. nach Galizien und 
der Bukowina in der Czemowitzer Zeitung begonnen; dieselbe i&t jedoch 
abgebrochen worden und soll demnächst mit einer reichlichen Aktenleilage 
ausgestattet, als ein zusammenhängendes Ganzes im Jahrbuch des Buko- 
winer Landesmuseums erscheinen ^). 

Der letzterwähnte Umstand bezeichnet eine erfreuliche Wendung zum 
Bessern. Denn der Mangel eines geeigneten Organs für die Veröifent- 
lichung landesgeschichtlicher Arbeiten hat sich empfindlich fühlbar gemacht. 
Sämmtliche hier besprochene Schriften sind Sonderabdrücke aus Tages- 
blättern und es versteht sich von selbst, dass die Verfasser auf die Be- 
dürfnisse des Leserkreises Kücksicht nehmen mussten. Für Zieglauers 
Geschichtsbilder wäre der Abdruck von Aktenstücke oder Aktenauszügen 
einer orientierenden Einleitung die entsprechendste Form gewesen; da 
aber für den gewöhnlichen Zeitungsleser, dem wohl schon die sorgfältigen 
Anmerkungen über die vorkommenden Persönlichkeiten zu gelehrt sein 
dürften, eine solche Darstellung ungeniessbar gewesen wäre, musste der 
Verfasser zu einer Darstellungsweise greifen, die zwischen Aktenauszug und 
Erzählung die Mitte hält. Das ist auf die Dauer ohne Schaden nicht 
durchzuführen. Einiges, wie z. B. Zieglauers zweite Bilderreihe, hätte in 
die bezeichnete Form gebracht, seine Stelle am besten im »Archiv für 
österreichische Geschichtet^ gefunden; vieles aber, was für die Landes- 
geschichte werthvoll ist, hat zu wenig allgemeine Bedeutung, als dass es 
in den Schriften der Akademie Unterkunft verlangen dürfte. Hier beginnt 
das Wirkungsgebiet einer landesgeschichtlichen Zeitschrift; es wäre er- 
wünscht, wenn das »Jahrbuch des Landesmuseums« diesem Zwecke dienst- 
bar gemacht würde. 

Czernowitz. S. Herzberg-Fränkel. 



Notizen. 

Zwei neuere Arbeiten, die alte Geschichte betreifen, mögen auch hier 
erwähnt werden: Gurt Wachsmuth, Einleitung in das Studium 
der alten Geschichte (Leipzig 1895, bei S. Hirzel, 727 S.) und 
Max Büdinger, Die Universalhistorie im Alterthume (Wien 
1895, bei C. Gerold's Sohn, 222 S.). Beide Werke ergänzen sich; während 
das eine durch die Genauigkeit der Daten ausgezeichnet ist, entwickelt 
das andere eine geistreiche Gesammtansicht. Wachsmuth bietet, indem 
er die alten Quellenschriftsteller durchnimmt, auch eine S(.)rgfältige Analyse 
der heidnischen und christlichen Chronographen der Kaiserzeit, behandelt 
aber die spätrömischen Autoren nur bis zum J. 375, wo der Verf. Alter- 
thum und Mittelalter sich scheiden lässt; in Folge dessen fehlt manches, 
was in das Werk wohl passen würde, z. B. die Literatur über die römi- 

') Ist mittlerweile erscliieneu. 



Notizen. 205 

sehen Proviucialkataloge, die Mommseu zuletzt mit seiner wohlcommen- 
tirten Ausgabe des Polemius Silvius (Auetores antiqu. der M. G. IX, 2) 
bereieiiert hat, und die man doeh eher hier als bei Wattenbach verzeiehnet 
zu sehen erwartete. — Die Arbeit von Büdinger behandelt »die Anfänge 
der Universalhistorie ^ bei den altorientalischen Culturvölkern, den »Antheil 
der Hellenen«, endlich die »Einwirkung der Römerherrschaft "^ (bis Taeitus) 
auf die Fortbildung der universalhistorischen Betrachtung der Dinge. Dabei 
nimmt der Vf. Bezug auf seine früheren nniversalhistorischen Studien, wie 
^ Zeit und Raum bei dem indogermanischen Volke «, » Zeit und Schicksal 
bei Römern und Westariern« (W. Sitzungsb. 1881. 1887), ferner »Die 
Entstehung des achten Buches Otto's von Freising« (ebenda 1881), »lieber 
Darstellungen der allgemeinen Geschichte, insbes. des Mittelalters* (Hist. 
Zeitschr. 1861. Vgl. Wachsmuth S. 202) u. a. m., ebenso auf die neueren 
Universalhistoriker, wie Johannes Müller und Leopold Ranke. »Ueber 
Ranke als Universalhistoriker hoffe ich mich noch in alter Dankbarkeit 
äussern zu können«. J. J. 

Das Werk des Grai'en Geza Kuun »Relation um Hungarorum 
cum Oriente gentibusque orientalis originis historia anti- 
quissima« Vol. I 1893 11 1895 (Claudiopoli, d. i. Klausenburg, e 
typogr. societ. »Közmüvelödes irod. es münyomdai reszvenytärsasäg«) ver- 
dient Beachtung, da zumal die arabischen Quellen, u. zw. Jbn Rosteh 
(früher Ibn Dasta genannt) schon nach der neuen Ausgabe von de Goeje 
in Leiden, fachkundig ausgenützt sind, überdies de Goeje und (für die 
alten Bulgaren) Konst. Jirecek dem Vf. Auskünfte ertheilten, die man 
im Buche nachsehen muss. J. J. 

Im Archivio storico Serie V. 15, 276 — 287 theilt Giov. Sforza einige 
Briefe aus dem Archiv von Massa über die Fälschungen mit, durch welche 
Alfonso Ceccarelli vom Fürsten Alberio Cybo goldenen Lohn gewinnen 
wollte. Sie geben einen weitern Beweis von der Gewandtheit, Findigkeit 
und der für seine Zeit nicht unbedeutenden Belesenheit dieses dunklen 
Ehrenmannes. Die Ausführungen Riegls in dieser Zeitschr. 15, 204 fi'., 
welche Sforza zwar citirt aber nicht weiter benutzt hat, werden damit 
durchaus bestätigt, in ein Paar Einzelheiten ergänzt. E. v. 0. 

In den letzten Jahren sind eine Reihe von Arbeiten erschienen, in 
denen frühere Mitglieder des Istituto Austriaco di studi storici in Rom 
die reichen, besonders aus <ler Camera apostolica stammenden Archivalien 
(im Vaticanischen Archiv und im römischen Staatsarchiv) für die öster- 
reichische Provincial- und besonders Kii'chengeschichte des späteren Mittel- 
alters und neuerer Zeit verwerteten. So die Publicationen von Albert 
Starzer: Regesten z. Gesch. der Pfarren Niederösterreichs 
und Regesten z. Gesch. der Klöster Nieder Österreichs im 
24., 25. und 26. Band der Blätter für Landeskunde Niederösterreichs 
(1890 — 1892); dann Auszüge aus den Rechnungsbüchern der 
Camera apostolica z. Gesch. der Kirchen Steiermark s in der 
A q u i 1 e i e r , L a v a n t e r und S e c k a u e r D i ö c e s e in den Beitr. z. 
Kunde steierm. Geschichtsquellen 25. Bd. (1893); und neuestens Re- 
gesten z. Kirchengeschichte Kärntens im Archiv f. vaterl. Gesch. 



206 Notizen. 

und Topographie 17. Jahrg. (jsy4). — Ferner hat Friedrich St-hneller 
im 3S. und 39. Heft der Ferdinandeumszeitschr. f. Tirol u. Vurarlljerg 
(l894, 1895) eine umfangreiche Arbeit Beiträge z. Gesch. des Bis- 
thums Trient aus dem späteren Mittelalter veröffentlicht, die 
aus dem römischen Staats- und dem Innsbrucker Statthaltereiarchive Re- 
gesten der Pfarreien und anderer Seelsorgsstellen, sowie von Bischof und 
Domcapitel vom 13. Jahrh. an bis c. 1520 bringt, für die geistliche Ver- 
waltungs- und die Localgesehichte Südtirols ein dankenswertes Material. 
— Für das 16. und 17. Jahrh. sind in dieser Hinsicht zu erwähnen die 
Mittheilungen von Michael M a y r über Cardinal C o m m e n d o n e's 
Kloster- und Kirchenvisitation von 1569 in den Diöcesen 
Pas sau und Salzburg (Studien u. Mitth. a. d. Benedictiner- u. Cister- 
zienserorden 1893) und Einiges aus den Berichten der Grazer 
Nuntiatur an die Curie in Mitth. d. histor. Vereins f. Steiermark 
4J. Jahrg. 1893, sowie von Starzer über Die Eesidenz des Nun- 
tius in Graz (a. a. 0.) und Ueber einen Visitationsauftrag an 
den Bischof Christoph von Gurk i, J. 1592 (Carinthia 83. Bd., 
1893). — Vgl. auch den Aufsatz von M. Mayr oben S. 71 ff. 0. Pi. 

Vor kurzem ist ein Werk zum Abschluss gelangt, das, der Geschichte 
einer einzelnen deutschen Landschaft gewidmet, vermöge der ausgezeich- 
neten Art seiner Durchführung eine der besten, wenn nicht geradezu 
die beste neuere deutsche Specialgeschichte genannt werden darf. Es ist 
die Geschichte des Allgäus von F. L. Baumann, in drei Bänden 
von 1883 bis 1894 bei Jos. Kösel in Kempten erschienen. Der erste 
Band reicht bis 1268, der zweite bis 1517, der dritte bis 1802. Die 
»äussere Geschichte« nimmt in der ältesten und mittelalterlichen Zeit nur 
einen geringen Raum in Anspruch, erst in den letzten Jahrhunderten lässt 
sich mehr bringen, der Antheil des Allgäus am Bauernki-ieg von 1525 
ist ausführlich behandelt. Weitaus überwiegen im ganzen Werke die Ab- 
schnitte, welche die Zustände im Allgäu durch den Wechsel der Zeiten 
herab schildern und darin liegt der eigentliche und über das kleine Allgäu 
hinausreichende Wert des Buches. Ein mit der allgemeinen Entwicklung 
von Verfassung und Recht, von kirchlichen und ständischen, städtischen 
und bäuerlichen Verhältnisen, von Kunst und Wissenschaft vertrauter 
Forscher hat mit vrillständiger Behen-schung des gesammten Quellen- 
materials hier einmal gezeigt, wie denn alle jene Seiten geschichtlichen 
Lebens in einer bestimmten Landschaft mit bestimmten natürlichen Be- 
dingungen im einzelnen und individuell sich gestaltet haben. Das ist die 
rechte Specialgeschichte und an einem solchen Werke lässt sich, nebenbei 
bemerkt, auch ersehen, wie überflüssig im Grunde die Rufe nach einer be- 
sondern Disciplin der » Culturgeschichte « sind. Ganz besondern Werth aber 
verleihen dieser Geschichte des Allgäus die mehr als 1100 Illustrationen 
und Vollbilder, welche uns Land und Leute, Städte und Dörfer, Burgen 
und Ruinen, Bau- und Kunstdenkmale aller Art, Wappen und Siegel, Ur- 
kunden, Handschriften und Karten in lehrreichster Weise vor Augen führen 
und, zum grössten Theile erstmalige Reproductionen, auch an sich werth- 
volle Beiträge zur Alterthumskunde bilden, ßaumann hat mit diesem Werke 
seiner Heimat die schönste Gabe dargeb)-acht. 0. R. 



Notizeu. 207 

Tadi'ii l*'enl., Souilui akta kousistofe Tiaz^ke z rukopisu 
aichivu kax)it()lnib() v Praze (Acta judiciaria consistorii Pragen- 
sis) IL Theil 13S() — 1387. Prag. Historisches Archiv der böhmischen 
Kaiser Franz Josephs-Aka<lemie Nr. 2 J893. Gr. 8" p. IX und 448. Wir 
haben bereits in diesen Blättern 14, 673 auf die Wichtigkeit des von der 
böhmischen K. F. J. Akademie inaugurirten Unternehmens der Herausgabe 
der Acta judiciaria consistorii Pragensis hingewiesen. Von dieser Publi- 
kation ist nun von Tadras bewährter Hand der 2. Band enthaltend 2 weitere 
Originalbände und umfassend die Jahre 1380 — 1387 erschienen. Der vor- 
liegende Band gewinnt noch dadurch an Bedeutung, dass die Confirmations- 
bücher für die Jahre 1380 — 1383 fehlen und wir nur in diesen Geiichts- 
akten einen Ersatz für sie bekommen. Auch sind es die letzten 2 Bände, 
welche sich ganz erhalten haben. Wie im 1. Bande ist auch hier für die 
leichte Orientirung durch kurze Regesten und durch sachliche, Orts- und 
Personenregister gesorgt. 

Wittingau. F. Mar es. 

Auch der lange vernachlässigte ruthenische Stamm Oesterreichs beginnt 
sich in erfreulicher Weise zu entwickeln. Die zur wissenschaftlichen Aus- 
bildung gelegten Keime beginnen Sprossen zu treiben. Die nationalen 
Vereine wie »Matica'^'' und der »Sehewczenko-Verein<< entwickeln eine er- 
spriessliche Thätigkeit auf dem literarischen Gebiete, zum Theile auch die 
nationalen Institute wie »Narodnyj Dom^^ und das » Stauropigianische 
Institut« in Lemberg. Dieses letztere, ursprünglich eine 1586 gegründete 
Kirchenbruderschaft beginnt nun sein Archiv zu publiciren. Der erste 
Theil von Monumenta confraternitatis Stauropigianae Leo- 
poliensis ed. Dr. Wladimir Milkowicz (Leopoli 1895, XVI und 495) 
liegt nun bereits vor. Dieses Urkundenbuch enthält ein für die Kirchen- 
geschichte des Ostens sehr wichtiges Material. Die vom Patriarchen 
Jeremias IL von Konstantinopel gegründete Bruderschaft hatte weit vei'zweigte 
Beziehungen nicht nur in Polen, sondern auch in Eussland, in der Moldau, 
in Griechenland, in der Türkei u. s. w. Viel unbekanntes Material wird 
da ans Licht gezogen, ohne welches die Geschichte der kirchlichen Union 
kaum geschrieben werden könnte. Im Ganzen sind im ersten Theile 300 
Urkunden abgedruckt, von denen 173 bisher unbekannt waren. Eine be- 
sondere Schwierigkeit für die Edition liegt in der Vielsprachigkeit des 
Materials, nicht weniger als sechs Sprachen muss der Herausgeber be- 
herrschen. Vorrede, Regesten und Anmerkungen sind daher mit Recht 
lateinisch abffefasst. 



Personalien. 

Tb. R. V. Sickel erhielt die preussische grosse Medaille für Wissen- 
schaft, sowie das Commandeurkreuz der französ. Ehrenlegion und wurde 
zum Socio onorario der Pontificia Accademia Romana di archeologia, zum 
Associe corresp. honoraire etranger der Societe des Antiquaires de France 
und zum auswärt. Mitglied der dänischen Gesellsch. der Wissenschalton 
gewählt. 



208 



Personalien. 



H. Brunn er wurde zum auswärt. Mitglied der k. Akademie der 
AVissenscliaften in Wien gewählt. 

Ernannt wurden: P. Kehr zum ord. Professor der Greschichte in 
Göttingen, S. Herzberg-Fränkel zum ord. Professor der allgem. Ge- 
schichte in Czernowitz, M. Tangl zum ausserord. Professor für mittlere 
und neuere Geschichte und histor. Hilfswissenschaften in Marburg i. Hessen ; 
E. Chmelarz zum 1. Custos, 0. Doublier und J. Mantuani zu 
Amanuenses der Hofbibliothek in Wien; 0. v. Falke zum Director des 
städt. Kunstgewerbemuseums in Köln. 

Es habilitirten sich S. Steinherz für Österreich. Geschichte an der 
Universität Wien, M. Mayr für neuere Geschichte an der Universität 
Innsbruck, W. Milkowicz für mittlere und neuere Geschichte an der 
Universität Czernowitz. 

F. Dorn hoff er trat als Praktikant am Statthalterei- Archiv in Wien, 
K. Kl aar an jenem in Innsbruck ein. 

M. Vancsa erhielt den Preis der Jablonowski-Gesellschaft in Leipzig für 
seine Arbeit: »Das erste Auftreten der deutschen Sprache in den Urkunden«. 
Den XX. Curs des Instituts (1893 — 1S9.5) absolvirten als ordent- 
liche Mitglieder: 

Hermann Julius Hermann, Dr. phil. 
Kretschmayr Heinrich, Dr. phil. 
Schedy Max, Dr. phil. 
Schestag August. 
Tomaseth Julius, Dr. phil. 

Als ausserordentliche Mitglieder: 
Dingler Komuald. 
Dörnhöffer Friedrich. 

Fuchs Adalbert P., 0. S. B. (1893—94). 
Gablenz Dionys Freih. v., k. u. k. Oberlieutenant. 
Gäl Julius, k. u. k. Hauptmann. 
Klaar Karl, Dr. phil. 

Strakosch-Grassmann Gustav^ Dr. phil. (l893 — 94). 
Susta Josef 

Als Thema der Hausarbeiten wählten: 
Hermann: Die Miniaturcodices in der Wiener Hofbibliothek und in 

Innsbruck. 
Kretschmayr: Eeichsvicekanzler Georg Sigmund Seid. 
Schedy : Die Entwickelung der Immunität bis in die Zeit der Karolinger. 
Schestag: Die Miniaturcodices der Wiener Hofbibliothek (Nr. 1 — 6 50). 
Tt>maseth: Beiträge zur Geschichte des Pontificats Gregors XI. 
Dingler: Franz Guilliman und sein Werk De principum Habsburgo- 

Austriacurum vita. 
Dörnhöffer: Ein Cyclus von Federzeichnungen mit Darstellungen von 

Kriegen und Jagden Maximilians I. von Jörg Bren. 
Klaar: Die Urkundenfälschungen des Klosters Sonnenburg. 
Susta: Ueber mittelalterliche Urbarialaufzeichnungen mit besonderer 

Kücksicht auf Böhmen. 
Gablenz: Die Besetzung Krakaus i. J. 1846; 
(Jäl: Der Pressburger Landtag 1741. 




"^ 







Original-Aufnahme unJ [.ichtdruck von Wilh. Oito, Düs 



Markgraf Friedricli der Freidige von 3Ieisseii 
und die Meinliardiner von Tirol 1296—1298. 

Von 

Woldemar Lippert. 



Wie die Persönlichkeit des Markgrafen Friedricli des Freidigen 
von Meissen, des rastlosen Kämpfers für sein und seines Hauses Eecht 
gegen die Ländergier zweier deutscher Könige und gegen die Angriffe 
der Nachbarn im Norden und Süden, eine der interessantesten Er- 
scheinungen des wettinischen Hauses und des mittelalterlichen Reichs- 
fürstenstandes überhaupt ist, so gewinnen besonders seine Schicksale 
zur Zeit der Eroberung Thüringens und Meissens durch König Adolf 
sogar einen romantischen Anstrich. Im Volke haftete lange die Er- 
innerung an diese Zeit, wo der Markgraf im eigenen Lande, nur von 
einem Knechte begleitet, ruhelos wie ein gehetztes Wild umherstreifte, 
von einem Zufluchtsort zum andern gescheucht, aber durch des treuen 
Volkes Liebe von den Verfolgern errettet: hat doch bis in unsere Tage 
die Volkssage einzelne Züge aufbewahrt ^). 



^) Schon der Abt Peter, von Königsaal, Friedrichs Zeitgenosse, der in seinem 
Chronicon aulae regiae auch über den Volksglauben berichtet, der in dem jungen 
Friedrich als Hohenstaufensprossen und Erben der staufischen Ansprüche den 
ersehnten machtvollen Kaiser der Zukunft sah, erzählt uns solche sagenhafte 
Züge, II c. 12 S. 424 (her. von Loserth Wien 1875) ,. . . nee unam munitionem 
in toto Misnensi marchionatu habuit neque equum proprium, in quo sederet, 
sed quasi vagus et profugus in terra propria circa suos familiäres victui neces- 
saria ipse diebus pluvibus mendicavit. Cum autem ad extremam inopiam per- 
venisset, de se ipso ludibrium facere coepit, ad quendam pastorem, qui gregem 
in agris pavit, solus accessit, cui sie ait: »Obsecro te, extende manus tuas et 
capias me. '< Pastori vero petitioni loquentis, quem minime cognovit, satisfacienti 

Mittheilungen XVII. 14 



2\() Wol demar Lippert. 

Geschichtlich ist aber, dass Friedrich zeitweilig das Erbe seiner 
Väter ganz meiden musste, um landflüchtig wie ein Recke der deut- 
schen Heldensage in der Fremde Schutz und Unterkommen zu suchen. 
Wegele ^) hat nach zwei zusammenhanglosen und unbestimmten An- 
gaben die Vermuthung aufgestellt, dass er sich nach Kärnten zu sei- 
nen Verwandten begeben habe. Die Herzoge von Kärnten und Grafen 
von Tirol Otto, Ludwig und Heinrich waren Friedrichs Schwäger, 
denn dessen erste Gemahlin Agnes war die Tochter Meinhards IL von 
Kärnten, des Vaters jener drei Brüder. Die 1285 geschlossene Ehe 
hatte zwar schon 1293 der Tod der Markgräfin gelöst; aber Agnes 
hinterliess ihrem Gemahle, der seiner Zuneigung durch Stiftungen zu 
ihrem Seelenheil Ausdruck verlieh, einen Sohn, Friedrich den Lahmen, 
den treuen Beistand seines Vaters in den späteren Kämpfen-), 

Diese Ehe hatte enge Beziehungen zwischen beiden Häusern, die 
schon vorher durch verwandtschaftliche Verbindung mit den Staufen 
einander nahe standen 3), geknüpft, da Agnes und ihre herzoglichen 



ipsumque per laciniam vestimenti captivi more tenenti marchio sie ait: »Nunc 
cunctis hunc referas sermonem, quod tu Misnensem captivum habueris marchio- 
nem«. Ad baec verba pastor obstupuit et rem gestara Omnibus enarravit"'. 
Ueberbaupt spielt unter allen meissniscben Fürsten der ersten Jahrhunderte die 
scharf sich heraushebende Persönlichkeit Friedrichs in der Sage eine häufigere 
Rolle als irgend ein anderer der Markgrafen jener Zeiten, und gerade seine 
Kämpfe gegen Adolf und Albrecht sind es, auf die sich viele Beziehungen finden, 
zum Theil rein sagenhaft, zum Theil mit historischer Grundlage, aber entstellt, 
und wo Friedrich nicht selbst Mittelpunkt der Sage ist, sondern sie sich auf 
andere Personen bezieht, werden letztere gern wenigstens in einen äusserlichen 
Zusammenhang mit ihm gebracht, vgl. hierzu I. A. E. Köhler, Sagenbuch des 
Erzgebirges (Schneeberg 1886) S. 488, 538, 540, 562 f. Nr. 619, 723, 725, 745 f. 
(dazu auch S. 496 Nr. 639) ; J. G. Th. Grässe, Der Sagenschatz des Königreichs 
Sachsen (2. Aufl., Dresden 1874) I, 81, 220, 249, 251 f., 269, 298, 347, 357 
Nr. 83, 246, 270, 273 f., 296, 333, 399, 410, II, 396 Nr. 91. 

1) Wegele, Friedrich der Freidige und die Wettiner seiner Zeit (Nördlingen 
1870) S. 233. 

-') Vgl. Wegele S. 94, 157, Lippert im N. Archiv f. Sachs. Gesch. X, 2 flg. 
— Noch 1308 bethätigte der Markgraf seine treue Anhänglichkeit an die Ver- 
storbene durch eine Stiftung zu ihrem Seelenheil, s. L. Schmidt, Urkundenbuch 
der Stadt Grimma und des Klosters Nimbscheu (Cod. dipl. Saxon. Abth. II. 
Bd. 15) S. 217 Nr. 305, wo aber gesagt ist, dass die Urkunde bis auf »un- 
wesentliche Abweichungen« mit Nr. 270 S. 192 übereinstimme, obwohl letztere 
Urkunde Heinrichs des Erlauchten von 1277 zum Seelenheile von dessen Gemahlin 
Konstantia gegeben ist, eine doch nicht unwesentliche Abweichung. 

3) Wegele S. 95. Wichtig wurden diese freundschaftlichen Beziehungen der 
Wettiner und Meinhardmer auch später in den politischen Stürmen der Jahre 
i;^07— 1310, vgl. meinen Aufsatz »Meissen und Böhmen 1307—1310*, im N. Arch. 
f. Sachs. Gesch. X (1889) 1 flg. 



Markgraf Friedrich der Freidige von Meissen etc. 211 

Brüder durch treue geschwisterliche Zuneigung verbunden waren i). 
Wiederholt hören wir, dass an die Fürstin, die, des kräftigen tiroler 
Weins gewöhnt, am Trank norddeutscher Reben wohl weniger Geschmack 
finden mochte, im Auftrage der Herzöge Weinsendungen abgingen. 
so 1288 und 1289; sie theilte darin den Geschmack ihrer an Herzog 
Albrecht von Oesterreich vermählten Schwester Elisabeth, die obgleich 
selbst Herrin eines gesegneten Weinlandes, sich doch ihren Tiroler 
zuschicken Hess 2). 

Wesrele stützte sich bei seiner Annahme von Friedrichs Flucht 
zu den Meinhardinern auf die Stelle der Altzeller Annalen, die ohne 
nähere Zeitangabe berichten, dass Friedrich in seiner Hilflosigkeit Auf- 
nahme bei seinen Verwandten gefunden habe, und auf die Notiz der 
Kolmarer Annalen zu 1296, dass der Sohn des Landgrafen von Thü- 
ringen nach der Lombardei gekommen sei ^). Diese unbestimmten An- 
haltspunkte erhalten die vollständigste und trefflichste Bestätigung 
durch verschiedene Rechnungen über die landesherrliche Verwaltung 
von Tirol, denn darin finden sich auch für Friedrich, der bald als 
Markgraf von Meissen, bald als Landgraf bezeichnet ist, mehrere Aus- 



1) Noch 1312 soll ihr Bruder Heinrich ihr Andenken durch Stiftung eines 
Jahrgedächtnisses im Kloster Stams geehrt haben, s. L. A. Gebhardi, Genealogische 
Geschichte der erblichen Reichsstände in Teutschland (Halle 1785) HI, 616. 

2) Vgl. die Belege aus tiroler Verwaltungsrechnungen mit unter den Bei- 
lagen am Schlüsse. 

3) Annales Veterocellenses (herausgeg. v. Opel, Mittheil, der Deutsch. Ge- 
sellsch. in Leipzig I, 1874) S. 94 ». . . marchio Fredericus . . . adeo pauper 
factus fuit, ut tribus equis contentus tamen modico tempore cognatorum et 
hospitio et solatio frueretur'', und Annales Colmarienses maiores, Mon, Germ. 
Script. XVn, 222: 1296. , Filius marggravii Thuringe venit in Lombardiam et 
quedam civitates eum dominum receperunt". Da die Kolmarer Annalen bei den 
aufgezählten Ereignissen eines jeden Jahres die chronologische Folge möglichst 
einhalten und vorher von sicher bestimmbaren Vorfällen des Jahres 1296 solche 
aus dem Februar, April und Mai stehen, so gehört der Aufenthalt Friedrichs in 
die Zeit nachher. Vgl. über die Stelle der Annal. Colmar. auch schon I. C, Adelung, 
Directorium, Chronolog. Verzeichniss der Quellen der südsächsischen Geschichte 
(Meissen 1802) S. 141 Nr. 440 ; K. Gautsch, Archiv f. sächs. Geschichte (Grimma 
1843) I, 56 zweifelt an der Zuverlässigkeit, da ihm sonstige Zeugnisse, wie sie 
hier unsere Rechnungen erbringen, für Friedrichs Aufenthalt im Süden fehlen. 
— Dass Friedrich aus seinen Landen weichen musste, bezeugt ferner auch der 
Zeitgenosse Sifrid von Balnhusin in seinem Compendium historiarum (Mon. 
Germ. Script. XXV, 713) cap. 240: ,et iunc [nach dem Fall Freibergs und der 

üebergabe Meissens] marchio Fridericus et Theodericus germanus suus 

de iam dictis terris progenitorum suorum eliminati sunt*. 

14* 



212 Wolclem ar Lippert. 

gabeposten, aus deueu sowohl die Zeit seines Aufenthalts, als auch 
sogar einzelne Aufenthaltsorte sich ergeben i). 

Im Codex 279 (Raitbuch Nr. 3) des Innsbrucker Statthalterei- 
archivs finden sich unter den Rechnungen von Beamten der Grafen 
von Tirol und Herzöge von Kärnten über das Jahr 1296 als Nr. 31 
auf Blatt 14 b Rechnungsablegungen Dietrichs, des Richters von Lienz. 
Die erste fand auf dem Schlosse Zenoberg bei Meran am 11. Mai 
1296, die zweite zu Chemnat ^) am 30. August 1296 statt. Zu der 
letzteren nun, die sich also über die Zeit vom Mai bis August er- 
streckt, sind Ausgaben für Landgraf Friedrich zugleich mit solchen 
für die Herzöge Ludwig und Heinrich aufgeführt. Lienz 3), heute Sitz 
einer Bezirkshauptmannschaft, liegt im Pusterthale, nahe der jetzigen 
kärntner Grenze. Friedrichs Aufenthalt an diesem Orte, der von den 
Hauptorten des Landes abseits liegt, erklärt sich damit, dass er hier 
auf der Durchreise von Kärnten her geweilt hat, denn das Oberdrau- 
thal und westlich daran anschliessend das Pusterthal bildeten die alte 
Heer- und Handelsstrasse zwischen Tirol und Kärnten. 

Im Codex 282 (Raitbuch Nr. 6) desselben Archives stehen Blatt 
23 folg. unter der Bezeichnung „Raciones auni nonagesimi septimi- 
die Rechnungen von 45 Beamten über das letztverflossene Jahr ihrer 
Amtsführung; der erste von ihnen legt seine Rechnung im Januar, 



1) Ich verdanke diese Stellen der Liebenswürdigkeit des Hen-n Professors 
Dr. O. Redlich in Wien, Gymnasialprofessors Ludw. Schönach in Brunn und 
Archivbeamten Dr. Mich. Mayr in Innsbruck. Theilweise sind diese Aemter- 
rechnungen gedruckt in M. von Freybergs Xeuen Beiträgen zur vaterländischen 
Geschichte und Topographie I. Bd, I. (einziges) Heft. (München 1837) S. 161 folg., 
doch, wie er selbst S. 163 sagt, nur im Auszuge; Quelle war Cod. Tirol. Xr. 3 
im K. B. Reichsarchiv zu München, der einen mehrfach abweichenden Text bietet ; 
über eine dritte Ueberlieferungsform einiger dieser Stellen s. Beilagen IV, Y. 

') Chemnat ist jedenfalls Kematen, im Oberinnthal westl. Innsbruck. 

3) Bei Lüncz ist jedenfalls Lienz zu verstehen. Lienz war damals allerdings 
nicht tirolisch, es musste 1252 nebst andern Orten von Graf Albert von Tirol an 
den Erzbischof von Salzburg abgetreten werden, und lag ausserdem auch östlich 
von der Grenzlinie des tirolisch-görzischen Theilungsvertrages von 1271; denn 
hiemach gehörte alles Land östlich der Haslacher Klause, die etwas östlich von 
Mühlbach im Pusterthal liegt, den Grafen von Görz, und demgemäss wird von 
Herzog Otto auch 1309 das tirolische Gebiet von Ost nach West bezeichnet durch 
die Grenzpunkte von Weissbach bei der Haslacher Klause bis auf die Höhe des 
Arlberges. Später erscheint Lienz auch als görzisch. Vgl. J. Egger, Geschichte 
Tirols (Innsbruck 1872) I, 259, 304; A, Jäger, Geschichte der landständischen 
Verfassung Tirols (Innsbruck 1881) J, 147, 293, 676; Aelschker, Geschichte 
Kärntens (Klagenfurt 1885) I, 497, 528. 



Markgraf Friedrich der Freidige von Meissen etc. 213 

der letzte im November ab. An 31. Stelle erscheint hier Blatt 37 b 
der prepositus in Wiptal ßertoldus de Tiuns, Kichter zu Sterzing. und 
erstattet seinen Bericht über das officium in Wiptal i) am 1. Septem- 
ber 1297 zu Petersberg 2) auf das abgelaufene Jahr; er erwähnt da 
unter seinen Ausgaben für verschiedene Fürsten, Grafen und Herren 
auch solche für den Markgrafen von Meissen, ohne indessen dieselben 
näher zu spezialisieren. 

An die liechnung des Berthold schliesst sich auf Blatt 38 als 
Nr. 32 die des Beschliessers Jakob zu Strassberg 3), der am 2. Sep- 
tember 1297 gleichfalls zu Petersberg seine Rechnung ablegte, in der 
wiederum Auslagen für den Markgrafen von Meissen gebucht sind, je- 
doch ebenfalls ohne näheres. 

Beide Angaben finden sich auch im Codex 280 (Eaitbuch Nr. 4) 
Blatt 42^ und 44^; derselbe enthält ferner noch eine dritte Notiz 
auf Blatt 75 in der am 29- Oktober 1297 zu Tirol abgelegten Eech- 
nung Swikers, des Richters zu Marling"^). Dieser bringt bei seinem 
Bericht 5 Urnen „tailwin" — eine auch sonst in den Rechnungen 
genannte Weinart ^) — in Abrechnung, die er dem Landgrafen gespen- 
det hat. 

Aus dem folgenden Jahre stammen mehrei'e weitere Rechnungs- 
ablegungen. Blatt 43^ in dem obgedachten Codex 282 sind zusam- 
mengestellt die „Racioues anni XCYIIIi", es erscheinen hier die Rech- 
nungen über 50 Aemter und als dritter Beamter tritt auf Blatt 45 '^' 
der Vorstand des Officiums Meran, Heinrich (Heinzlin) Plancho auf. 
Er gab am 14. Februar 1298 Rechenschaft über die Zeit vom Februar 
1297 — 1298 und verrechnete dabei eine Zahlung zu Gunsten des Mark- 
grafen von Meissen in der Höhe von 23 Mark 7 Piund, wobei er sich 
auf das Zeugniss des Burggrafen von Tirol berief. 



') Las Wippthal ist das Thal der Sill nördlich vom Brenner und der nörd- 
lichste Theil des Eisackthales südlich vom Brenner, die Aratsvorsteher hatten 
ihren Sitz in Sterzing. Vgl. Jäger, Landständ. Verfassung I, 652 — 654. Tiuns 
ist wohl das Dorf Tuins oder Thuins, westlich nahe bei Sterzing. 

-) Petersberg war das Hauptschloss im alten Landgericht gleichen Namens, 
im Oberinnthal, westlich von Innsbruck, Bez. Imst, oberhalb des Dorfes Silz. 

') Strassberg heute Schlossruine bei Sterzing. 

*) Marning ist Marling, Dorf im Bez. Meran, Gericht Lana. In der im Fol- 
genden gegebenen Meraner Rechnung vom 14. Febr. 1298 ist ein pratum Mer- 
ningerorum ei-wähnt. 

5) Als Theilwein erklärt E. Brinckmeier, Glossarium diplomaticum (1855) 
II, 908 mit besonderer Berufung auf tirolische Verhältnisse den Wein, ,,den der 
Weinbau treibende colonus partiarius dem dominus directus des Weinbergs ab- 
zugeben hatte". 



214 W ] d e m a r L i p p e r t. 

Der Burggraf von Tirol selbst, Konrad Gandner, legte an zwölf- 
ter Stelle am 8. Mai 1298 seine im Codex 282 Blatt 50* erhaltene 
Rechnung in Tirol ab über den Zeitraum wahrscheiulich nur eines 
halben Jahres; denn bereits am 7. Oktober 1298 legte er abermals 
Rechnung ab. Bezieht sich dementsprechend die Rechnung vom Mai 
auch nur auf das letztvergangene Halbjahr, so fallen die Zahlungen 
in die Zeit von Michaelis 1297 bis Walpurgis 1298. Unter denselben 
sind 12 Mark weniger 1 Pfund, die Gandner dem Plancho für die 
Auslagen des Markgrafen gab. Dieser Posten steht also in Zusammen- 
hang mit der in der vorhererwähnten Rechnung Planchos vom 14. Feb- 
ruar 1298 aufgeführten Zahlung, der Zeitraum dieser für Friedrich 
geraachten Auslagen wird somit auf die Wintermonate von Michaelis 
1297 bis Februar 1298 eingeschränkt, während deren Friedrich sich 
in oder bei Meran aufhielt. 

Dem Codex 282 gehört auch die am 19. Juli 1298 zu Tirol voll- 
zogene Abrechnung Heinrichs, des Schliessers von Gries i), an, die als 
Nr. 37 auf Blatt 63^' steht; zugleich mit Ausgaben an Geld und Na- 
turalien für die Landesherren verrechnete Heinrich auch solche für 
den Landgrafen. 

Schliesslich ist unter diesen Rechnungen von 1298 noch eine 
vierte Notiz in der 42. Rechnung im Codex 282 Blatt 66 zu erwäh- 
nen, wo die Wittwe des Kellners -) Heinrich zu Meran im Hause des 
vorgenannten Plancho am 13. September sich über ihre Auslagen aus- 
weist, und zwar liefert sie uns die genaueste Angabe, denn sie sagt 
uns sogar, wofür unser Markgraf das Geld brauchte und wo er sich 
aufhielt: sie zahlte 10 Pfund für sein Ross, das er in Welsberg hatte 
verpfänden müssen. Welsberg (heute noch eine Schlossruiue) liegt 
zwischen Bruneck und Toblach im Pusterthale ^) ; Friedrichs Aufent- 



') Gries bei Bozen. 

-) Ueber den Begriff des Kellners, des landesherrlichen Finanzbeamten, der 
die fürstlichen Forderungen, Steuern, Renten, Bussen zu erheben und diese meist 
in natura geleisteten Zahlungen zu verwalten, davon Gelder auf besondere An- 
weisungen auszuzahlen, Beamtengehalte und Kosten landesherrlicher Bauten u. a. 
zu bestreiten hatte, s. Lamprecht, Deutsches Wirthschaftsleben im Mittelalter 
(Leipzig 1886) I, 2, 1410— 142 L In wettinischen Landen scheint die landesherr- 
liche Verwaltung (für welche eingehendere Zeugnisse in den Beamtenrechnungen 
hier erst mit der Mitte des 14. Jahrhunderts beginnen) diese Amtsbezeichnung 
nicht zu kennen. Ueber die Identität der Begriffe » cellerarius ^- und »Speiser* 
s. Jäger, Landständ. Verfassung II, 1, 16. 

3) Welsberg lag also gleichfalls ausserhalb der alten Grenzen der damaligen 
Grafschalt Tirol, vgl. über die Grenzlinie im Pusterthale oben S. 212 Anm. 3. Es war 



Markgraf Fiiedrich der Freidige von Meissen etc. 215 

halt iu dem kleinen, abgelegenen Orte weist also gleichfalls, wie die 
obige Angabe über Auslagen in Lienz, auf eine Durchreise nach oder 
von 1) Kärnten hin. 

Bei dem häufig zwischen beiden Ländern wechselnden Aufenthalt 
der Meinhardiner ist wohl anzunehmen, dass Friedrich auf der Reise 
vom Hofe des einen Schwagers zu dem andern durch das Pusterthal 
geritten ist. 

Die Verpfändung seines Pferdes könnte auch auf besondere äussere 
Noth hinzuweisen scheinen und würde somit den Vorwurf ungastlicher 
Knauserei gegen seine herzoglichen Verwandten zu erheben berechti- 
gen, wenn nicht plötzlicher Mangel an baaren Zahlungsmitteln bei 
Fürsten seine Erklärung in den wirthschaftlichen Verhältnissen jener 
Zeit, dem Eingehen der Einkünfte in Naturalien, fände und solche 
Vorkommnisse selbst bei Fürsten im eigenen Lande und unter fried- 
hchen geordneten Verhältnissen etwas gar nicht seltenes wären ^). 

Besitz des Bisthums Brixen, s, Sinnacher, Beiträge zur Geschichte der bischöf- 
lichen Kirche Sähen und Brixen (Brixen 1827) V, 39. 

') Hierüber s. im Folgenden. 

3) Z. B. Versetzung des eigenen Pferdes u. a. Pfänder finden wir bei den 
Witteisbachern: 11. September 1342 ersuchte Kaiser Ludwig die Augsburger, den 
Wirth seines Sohnes Stephan zu bezahlen, Böhmer, Regesten des Kaiserreichs 
unter Ludwig dem Bayern Nr. 2263; am 28. August 1348 bat Markgraf Ludwig 
der Aeltere die Juden zu München, ihm sein daselbst seinem Wirthe als Pfand 
gelassenes Ross schleunigst auszulösen und nach Ingolstadt nachzuschicken, da 
er es nothwendig brauche, Riedel, Cod. dipl. Brandenburg. III, 1, 29 ; am 24. De- 
cember 1351 versprach Ludwig der Aeltere stünem Bruder Ludwig dem Römer, 
ihm sein Hofgesinde und die Pfänder für 500 Mark auszulösen, Riedel III, I, 32. 
Auch bei den Wettinern finden wir ähnliches, so verbürgten eich am 3. November 
1336 die Grafen Heinrich und Günther von Schwarzburg- Arnstadt für Markgrat 
Friedrich den Ernsten für 100 Mark Silber j,di her schuldic sime wirte ist ze 
Nuremberg«, Hauptstaatsarchiv Dresden Orig. 2752; am 12. April 1350 sagte ein 
Erfurter Bürger im Namen eines Mainzers Friedrich den Strengen und dessen 
Bürgen einer Schuld von 90 Gulden ledig, wofür ihm 2 beschlagene Gürtel ver- 
pfändet worden waren, S.-Ernestin. Gesamratarchiv Weimar Reg. G. p. 621. — 
Auch für die Meinhardiner selbst fehlen Belege nicht, so buchte der Bozener 
Beamte am 3. März 1297 Einlösegelder für Pfänder, die die Herzöge hatten geben 
müssen: »pro solutione seile domini ducis Ottonis solid. 15, pro phantlosa domino 
duci Heinrico in Bozano libr. 12*, s. v. Freyberg, Neue Beiträge I, 170. Herzog 
Heinrich zahlte für seinen Schwiegersohn Johann Heinrich von Luxemburg, den 
Gemahl der Margareta Maultasch, 1330 j,umb phantlose auf Sand Zenenberg« 
10 Mark, s. Chmel, Der österreichische Geschichtsforscher H, 183. Ueber die 
Geldnoth besonders Heinrichs s. Jäger, Landständ, Verfassung II, 1, 18—21. Das 
Aufiallige daran ist nicht sowohl die momentane Zahlungsunfähigkeit der Fürsten 
auch bei kleinen Beträgen, als vielmehr der Mangel an Credit bei den eigenen 
ünterthanen, die selbst solche geringe Schulden vielfach nicht ohne besondere 
Sicherstellung durch Pfänder stundeten. 



2\(y W 1 d e m a r L i p p e r t. 

ISelimeu wir nuu zu diesen Zeit- und Aufeutlialtsnotizen der 
Kechnungen die sonstigen spärlichen Angaben über Friedrichs Auftreten 
in diesen Jahren, so ergiebt sich folgendes. 

Im März 1296 fiel Freiberg in König Adolfs Hand; damals weilte 
Friedrich noch im Lande, denn um den nicht hingerichteten Kest der 
Besatzung des Freiberger Schlosses zu retten, gab er Meissen hin. 
Auch nach dem Verlust dieses letzten festen Punktes hielt er sich noch 
einige Zeit im Lande auf. selbst noch im Juni weilte er hier, wie 
sich mit ziemlicher Sicherheit aus der Urkunde vom 19. Juni 1296 
schliessen lässt, worin ihm der Bischof Bruno von Naumburg die 
Städte Grosseuhain und Ortrand verlieh i). 

Um die Mitte des Jahres aber hat er die Mark verlassen und ist 
nach Tirol gegangen; denn schon vor Ende August ist er hier nach- 
weisbar, wie die Kechnung des Richters Dietrich von Lienz ausweist. 
Der Ort Lienz zeigt, dass Friedrich von Kärnten her nach Tirol kam, 
und wenn wir die allgemeinen politischen Verhältnisse in Betracht 
ziehen, verstehen wir auch, weshalb der landflüchtige Fürst nicht 
den nächsten Weg nach Tirol eingeschlagen hatte, denn dieser, der 
ihn von der Mark Meissen südwestwärts geführt hätte, war ihm völlig 
verschlossen. Quer an der ganzen Südgrenze der Mark war Böhmen 
vorgelagert und dessen König Wenzel stand in engen Beziehungen zu 
Adolf, die gerade erst im April 1296 durch eine persönliche Zusam- 
menkunft beider Könige zu Grünhain im Erzgebirge ihren Ausdruck 
fanden und noch am 9. August durch die Vermählung von Adolfs 
Sohn Kuprecht mit Wenzels Tochter Agnes besonders bethätigt wur- 
den. Weiterhin das Vogtland hielt zu Adolf, denn die Vögte von 
Plauen und Weida hatten sich vom Anfang seines Einschreitens an 
ihm angeschlossen. Thüringen selbst war in Adolfs Händen, die 
fränkischen Bischöfe des Mainlandes, die Witteisbacher in der Ober- 
pfalz und Oberbaiern, wie die in Niederbaiern, der Erzbischof von Salz- 
burg, sie alle zählten zu seinen Anhängern, und gerade diese letzteren 
waren nicht bloss als Freunde des Nassauers dem Wettiner feindlich, 
sondern bei ihnen kam noch eigene Feindschaft mit den Meiuhardi- 
nern hinzu. Denn zwischen Tirol und Baiern bestanden unmittelbare 
Grenzfehden und der Erzbischof von Salzburg war mit den herzog- 
lichen Brüdern von Kärnten-Tirol verfeindet, weil diese eng zu ihrem 
Schwager, Herzog Albrecht von Oesten-eich, hielten, mit dem der Salz- 
burger in heftigem Kampfe lag; diese Fehde berührte die Kärntner um 
so näher, als Salzburg grossen Besitz in Kärnten hatte. 



') S. Wegele S. 219 und 422 Nr. 54. 



Markgraf Friedrich der Freidige von Meissen etc. 9]^7 

So blieb für Friedrich als sicherer Reiseweg nur der weite Um- 
weg ostwärts um Böhmen und Mähren herum durch die von seinem 
Bruder besessene Niederlausitz, durch Schlesien, zu dessen Herzöo-eu 
die Wettiner freundliche Beziehungen hatten, und durch Ungarn, dessen 
König Andreas mit dem Habsburger in Freundschaft und Verwandtschaft 
stand, nach Oesterreichi). Hier Hessen ihn bei seinem Schwager Albrecht 
nicht nur die Bande der Verwandtschaft, sondern mehr noch dessen 
persönhche Feindschaft gegen König Adolf gastfreundliche Aufnahme 
erhoffen, und von hier führte ihn sein Weg über den Semmering oder 
eine andere Alpenstrasse nach Steiermark und weiter nach Kärnten 
ins Drauthal, durch welch letzteres er dann seine Reise geraeinsam 
mit seinen Schwägern, den Herzögen Ludwig und Heinrich, nach Tirol 
fortsetzte. Doch auch hier kam nun für ihn keine länsere Zeit des 
müssigen Stillliegens und der Ruhe nach den unruhevollen Zeiten, die 
ihm unaufhörlich das letzte Halbjahr mit den unglücklichen Kämpfen, 
dem flüchtigen Umherirren in Meissen und der weiten Fahrt von der 
Elbe bis zur Etsch gebracht hatte, denn mit ins Jahr 1296 setzen die 
Kolmarer Annalen seine lombardische Unteruehmuno:. Dieser Zus in 
die Lombardei findet seine Begründung in früheren Beziehungen Fried- 
richs selbst, wie in gegenwärtigen Beziehungen seiner Schwäger zu 
Oberitalien. Friedrich, der Erbe der staufischen Ansprüche durch seine 
Mutter Margareta, des grossen Friedrichs H. Tochter, war wiederholt 
von den italieuischen Ghibelliuen als ihr Oberhaupt im Kampfe gegen 
die guelfisch gesinnten Elemente und gegen das Papstthum und dessen 
Vorkämpfer, die Aujous, in Aussicht genommen; hatte doch ihn selbst 
noch als Knabeu der. wenn auch nur schattenhafte Königstitel vonSicilien 
vorübergehend geschmückt -). Die Meinhardiner ihrerseits unterhielten, 
wie sich aus der nahen Grenznachbarschaft erklärt, vielfache, bald 
freundliche, bald feindliche Beziehungen zu den oberitalischen Siojnoren 



') Vgl. über die politische Sachlage Wegele S. 185. 189, 198, 221 folg.: 
Lippert, König Adolf und die Vögte von Plauen, Zeitschrift des Ver. f. Thüring. 
Geschichte XlII (X. F. V, 1887) 340 folg. (die daselbst beigegebeue ürk. ist 
auch gedruckt bei Kopp S. 283 Nr. 12); Kopp, Geschichte der eidgenössischen 
Bünde III (Berlin 1862) I. Abth. 75—78, 101, 228—235; Egger, Gesch. Tirols I, 
326 folg. ; V. Ankershofen und Tangl, Handbuch der Geschichte des Herzogthums 
Kärnten IV (Klagenfurt 1864) 682—687 ; Fessler, Geschichte von Ungarn (deutsch 
V. Klein, 2. Aufl. Leipzig 1867) I, 451 ; Böhmer, Regesten des Kaiserreichs 1246 
bis 1313, I. Ergänzungsheft (Stuttgart 1849) S. 492 folg. 

-) Vgl. Wegele, Friedrich der Freidige, Beilage 111, S. 361 folg.. über Vor- 
gänge der Jahre 1269— 1271 ; Busson, Friedrich der Freidige als Prätendent der 
sicilischeu Krone und Johann von Procida, in den Historischen Aufsätzen dem 
Andenken an Georg Waitz gewidmet (Hannover 1886) S. 324 folg. 



218 W 1 d e m a r L i p p e r t. 

und Coramuueu. Im Jahre 1290 hatte ihr Vater Meinhard IL mit 
Alberto della Scala, dem Herrn von Verona, ein Bündniss geschlossen i). 
Gerade im Jahre 129G aber hatten sich die Verhältnisse feindlich ge- 
staltet und es kam zwischen Tirol und Verona zum offenen Kriege =^). 
Wir erfahren dies aus zahlreichen Ausgaben, die theils direkt für krie- 
gerische gegen Süden gericht-ete Vorkehrungen gemacht wurden, theils 
sonst darauf Bezug nehmen ^). 

Da diese Kämpfe für den Monat Oktober und ihr Ende für den 
Januar 1297 sicher bezeugt sind, fallen sie gerade in die Zeit, in 
der wir, wie erwähnt, den Aufenthalt Friedrichs in der Lombardei 
ansetzen müssen, in die zweite Hälfte von 1296. Die Herzöge hatten 
sich damals ganz in die Nähe der italischen Grenze begeben und hiel- 
ten sich von October 1296 bis Januar 1297 in Südtirol auf*). Im 



') J. von Hormayr, Sämmtliche Werke (Stuttgart 1821) II, S. CXI Nr. LI. 

2) Hieraus ergiebt sich, dass Verona nicht, wie Wegele S. 234 Anm. meint, 
Friedrichs Stützpunkt gewesen sein kann, von dem sein lombardischer Zug 
ausging. 

3) S. von Freyberg, Neue Beiträge S. 167 in der Rechnung des Uh-ich Badekk, 
capitaneus in Tenno, über die Zeit von März 1296 bis März 1297: ^Item Göt. 
de Bozano pro expensis equitum missorum Ripam marcas 10 bone monete. Item 
ipse Uh'icus Badekk et comites eius expenderunt libras 24 '/^ veteris monete 
eundo Castromannum et intromittendo sedeui montis*. S. 168 in der Rechnung 
des Bonus caniparius (Vorstand der Speisekammer und Weinkellerei) zu Trient 
über dieselbe Zeit: ,Ex hiis dedit ad expensas magistri curie et familie domini 
in Octobri, quando Veronenses intraverant Vallem Suganam, panicii modios 4 

Tridentinos * S. 172 in der Rechnung des Jakob Hozzer in Tirol über 

die Zeit von April 1296 bis 1297: ,Ex hiis dedit ad expensas H. magistri curie 
et aliorum in Tridento in Octobri, quumque Veronenses intrarnnt Vallem Suganam, 
marcas 113 solidos 10 veteris monete«. S. 175 in der Rechnung des Ulrich de 
Corde, Hauptmanns zu Trient, über dieselbe Zeit : »Idem F. de Tridento pro custodia 
montis in Triendeburch per unum mensem libras 5 veteris monete. Item spicu- 
latoribus versus Veronam et nuntiis versus Vallem Suganam libras 40 veteris 
monete". Die Notizen von S. 168 und 172 geben uns also den genauen Zeit- 
punkt des Krieges, den Oktober 1296. 

4) Vgl, die in der vorigen Anm. 3 erwähnten Auslagen für den Hofmeister 
und das Hofgesinde (familia) der Herzöge in Trient im Oktober, die auf einen 
Aufenthalt des herzoglichen Hofes daselbst schliessen lassen, ferner über die 
Anwesenheit der Herzöge selbst S. 172 in Hozzers Rechnung: »Item ad ex- 
pensas dominorum in Tridento tempore compositionis facte inter eos et Vero- 
nenses 10 intrante Januario marcas 414 minus solidis 3 veteris monete*. Am 
25. November 1296 urkundet Herzog Otto zu Gries (bei Bozen) für den deutschen 
Orden, s. Just. Ladurner, Zeitschr. des Ferdinandeums für Tirol (Innsbruck 1861) 
[IL Folge, Heft 10 S. 4S. Am 18. December (Dienstag feria Hl. vor S. Thomas) 
1296 schlössen Otto und Ludwig für sich und ihren Bruder Heinrich im Kloster 
Au bei Bozen mit Bischof Landulf von Brixen ein Abkommen über ihre Streitig- 
keiten., s. Sinnacher, Geschichte von Sähen und Bri^en V, 26 folg. (mit 19. De- 



Markgraf Friedrich der Freidige von Meissen etc. 219 

Anfang des Januars erfolgte die Beilegung der Streitigkeiten i) und 
im Februar wurde das alte Einvernehmen durch die Erneuerung de^ 
früheren Bündnisses wiederhergestellt -). Da der Krieg die Herzöge 
soweit südwärts führte, näherte sich Friedrich, den wir uns jedenfalls 
auch in dieser Zeit in ihrer Umgebung zu denken haben 3), den italie- 
nischen Fluren, und mit einer Schaar von Tirolern oder Kärntnern 
mag- er in die Ebene selbst herabgekommen und dabei vielleicht uuter- 



cember) ; J. v. Hormavr, Gesch. der gefiirsteten Grafschaft Tirol (Tübingen 1808) 
I, 2, S. 59i Nr. 245 (auch falsch 19., dsgl. Egger, Gesch. Tirols I, 326). Ueber 
ihren Aufenthalt in Bozen s. auch die folg. Anm. 1. 

^) S. vorige Anm., vgl. auch S. 172 die in dieselbe Zeit gehörenden Aus- 
gaben für eine Gesandtschaft nach Verona: »Item ad expensas domini episcopi 
Brixinensis, magistri R. de Misna (dies ist der auch sonst bekannte Notar der 
Herzöge Meister ßudolt von Meissen, der auch als Gesandter an der römischen 
Curie 1296 thätig war, vgl. Codex 280 Blatt 80, Cod. 281 Blatt 41^, 42») domini 
H. de Ruvina descendendo et veniendo de Verona et in via libras 54 solidos 5 
veteris monete*. 

2) Am 2. Februar 1297 ermächtigte Alberto della Scala seinen ältesten Sohn 
Bartolomeo, mit den Herzögen Otto und Ludwig zugleich mit für deinen Bruder 
Heinrich, aufs neue ein Bündniss zu schliessen (ad contrahendum et faciendum 
societatem, confederacionem et unionem de novo), s. Hormayr, Sämmtliche 
Werke U, S. CXV Nr. LIV. Dieses neue Bündniss war also nicht, wie Sommer- 
feldt, dem gleichfalls die Rechnungen bei von Freyberg und damit auch der Krieg 
von 1296—1297 unbekannt geblieben sind, in diesen Mittheil. XVI, 432 meint, 
eine Folge der von König Adolf über die Meinhardiner verhängten Reichsacht, 
sondern lediglich die Wiederherstellung des 1290 geschaftenen, durch den Krieg 
von 1296 gestörten Zustandes. 

5) Dies wird dadurch mehr als wahrscheinlich, als alle drei herzoglichen 
Brüder Otto, Ludwig und Heinrich damals in Südtirol nachzuweisen sind, denn 
in der Rechnung des Göthelin von Bozen über die Zeit von März 1296 bis März 
1297 (von Frej'berg S. 169—170) finden sich Auslagen verschiedener Art, die 
für jeden einzelnen von ihnen oder auf ihren direkten Befehl oder für ihr Ge- 
folge in Bozen gemacht sind (pro cingulo argenteo domino duci . . ., pro solu- 
tione seile domini ducis Ottonis . . ., pro phantlosa domino duci Heinrico in 
Bozano . . ., pro medicinis pro domino duce Ludevico . . ., dicto Binge iussu 
ducis Ottonis in debitis domini ducis Heinrici . . ., pro solutione pignorum in 
Pozano . . . iussu ducis Ludovici, fabro domini ducis Heinrici pro spadone 
. . ., pro dimio (?) pellicio vario veteri dato domino R[udolfb] notario . . .). Um 
die Mitte des Decembers 1296 und im Februar 1297 weilte jedoch Herzog Hein- 
rich nicht mehr in diesen Gegenden und war wohl nach Kärnten gegangen, denn 
den Vertrag mit Bischof Landulf von Brixen zu Au bei Bozen am 18. December 

1296 (S. 2J8 Anm. 4) schlössen Otto und Ludwig »pro se et domino Heinrico duce 
fratre suo absente% und in der Vollmacht des Herrn von Verona vom 2. Februar 

1297 wird Bartolomeo zu Verhandlungen mit Otto und Ludwig ermächtigt, die 
mit für ihren Bruder Heinrich handeln sollen, dieser selbst kann also nicht mehr 
zugegen gewesen sein. In der That finden wir ihn auch schon am 15. Februar 
1297 in Klagenfurt, s. von Ankershofen und Tangl, Handbuch der Geschichte des 
Herzogthums Kärnten IV, 688. 



220 Woldemar Lippert. 

stützt durch das Andenken an seine Herkunft von einigen Städten, 
die wohl einen Kückhalt gecreu ihre Nachbarn, wie ffegen die stei- 
gende Maclit der veronesischen Scaliger oder der mailändischen 
Visconti, suchten, zum Herrn angenommen worden sein, nach Art der 
zahlreichen Signoren, wie wir sie seit der zweiten Hälfte de^ 13. Jahr- 
hunderts in fast allen Städten Mittel- und Oberitaliens unter den 
verschiedensten Titeln (als Podestä, Generalkapitäu, Rektor u. s. w.) 
finden. Auch für diese auf dem Zeugnisse der Colmarer Annalen be- 
ruhende Annahme lässt sich ausser obigen auf die Wechselbeziehungen 
zwischen Tirol und Verona bezüglichen Angaben zur Verstärkung 
noch auf eine weitere Stelle der tirohr Eechnuugen hinweisen, die 
uns zeigt, dass um jene Zeit die Meinhardiner mit einer andera be- 
nachbarten oberitalischeu Stadt Beziehungen anknüpften, nämlich mit 
Brescia i). Es könnte somit die Vermuthung naheliegend erscheinen, 
dass unter den Städten, die sich dem von Tirol aus unterstützten 
Wettiner anschlössen, Brescia mit war, wenn die italienischen Partei- 
verhältuisse nicht gar so verworren wären -). Während die in den 

*) Freyberg, Beiträge S. 170 in der Rechnuag des Göthelin von Bozen: > Item 
pro expensis Oetlini notarii et ipsius Gothelini versus Brissiam libras 33*. In 
dieser Rechnung weisen auf italienische Beziehungen auch mancherlei andere Ein- 
träge hin : » Item pro phantlosa domino N. et Iwani de Verona (ein Yvan osterius 
de aquila de Verona erscheint auch in der veroneser Büudnissurkunde von 1290. 
oben S. 218 Anm. 1.) in Tridento libras 26 solidos 17 veterum. Item pro expensis 
domini Ulrici de Corde et H. de Schennan in Ala et in via libras 19 solidos 5 
veterum. item domino Petro Gnano de Verona [ein Petrus Nanus de Vincencia 
ist in der veroneser Vertragsurkunde vom 2. Feljruar 1297 als Zeuge genannt, 
S. 2)9 Anm. 2], domino Nikolao et Iwauo et sociis eorum pro solutione pignorum 
in Tridento marcas 7 libras 4 solidos 2 veterum ^.. Ferner »Item A^amy (?) et 
Cavalo Friscobaldis pro expensis in Bozano et Merano libras 26*, die Friscobaldi 
waren ein paduanisches Geschäftshans, Freyberg S. 208 (Rechnung des Niger de 
Tridento vom 2. März 1298 in Gries) : »fecit rationem de libris 20 Venet. gross, 
receptis a Francisco et Petro sociis de societate Friscobaldorum Padue morantium*. 

2} Was wir von den Parteiverhältnissen der oberitalischen Communen in 
dieser Zeit wissen, lässt freilich gar keine näheren Schlüsse zu. Zur ghibel- 
lini sehen Pai-tei zählten sich damals (1296/97) die Visconti, deren Oberhaupt 
Matteo als Reichsvikar und Capitano del popolo M a i 1 a n d behen-schte, ferner 
die Partei der Soardi, die in Bergamo, die der Rusconi, die in Como die 
Oberleitung hatten, desgleichen die Tornielli in Novara, Manfredi Beccaria in 
Pavia, Bardellone de' Bonacolsi in Mantua. Als guel fisch galten Lodi 
unter Antonio di Fissiraga, Brescia unter dem Bischof Berardo Maggi, der 
die Signoria inne hatte, Piacenza unter Alberto Scotto, Ferrara unter Azzo 
von Este, dem auch R e g g i o und M o d e n a gehorchten ; auch C r e m o n a und 
Parma, die keinen Signoren über sich hatten, waren guelfisch. Alberto della 
Scala von Verona, dem auch F e 1 1 r e , B e 1 1 u n o unterstanden (na';h anderer 
Ansicht standen sie unter Gerard da Camino, Herrn von Treviso) war Ghibelline, 
kommt aber wesren des Kriegs mit Tirol nicht als Förderer Friedrichs in Betracht; 



Markgraf Friedrich Jer Freidige von Meissen etc. 221 

Kechnuugen vom 1. und 2. September 1297 erwähnten Auslagen für 
Markgraf Friedrich den letzten Monaten von 1296 oder dem Anfang 
von 1297 angehören und seinen Aufenthalt zu Sterzing zeigen, hat er 
sieh um die Mitte des Jahres 1297 den heimischen Grenzen wieder 
genähert, denn bei der Krönung König Wenzels IT. von Böhmen zu 
Pfingsten, den 2. Juni, 1297 weilte er mit zahlreichen anderen Fürsten, 
darunter auch seinen Schwägern Otto von Kärnten und Albrecht von 
Oesterreich, in Prag ^). Die Anwesenheit seiues Bruders Diezmauu, der 



auch für die andern von Ghibellinen geleiteten Städte, die übrigens auch zum 
Theil in freundschaftlichen Beziehungen zu den Scaligern standen, ist kaum an- 
zunehmen, dass ihre Signoren oder Capitane dem fremden Fürsten ihre oft schwer 
erlangte und mühsam behauptete Herrschaft überlassen hätten, zumal jede Aen- 
derung leicht einen politischen Systcmwechsel mit sich führen konnte. Wir sind 
unter diesen Umständen ganz im Ungewissen darüber, aus welchen Elementen 
sich die Anhänger Friedrichs in der Lombardei zusammensetzten, zumal die 
Parteiverhältnisse äusserst schwankend und unzuverlässig waren, und oft Ghibel- 
linen sich mit Guelfen gegen eine ghibellinische Nachbarstadt oder Signorie ver- 
banden und ebenso umgekehrt ; die beiden Namen waren meist ein leerer Klang, 
ohne greifbaren Gehalt und feste Grundsätze. Vgl. für die dargelegten Verhält- 
nisse in den einzelnen Städten Francesco Lanzani, Storia dei comuni Italiani 
dalle origine al 1313 (Milano 1882, Theil der von Pasquale Villari herausgege- 
benen Storia politica d' Italia) S. 668—694; für ßrescia auch Federico Odorici, 
Storie Bresciane (Brescia 1856) VI, 247—253. Möchte man nach Friedrichs ein- 
stigem Auftreten als ghibellinischer Prätendent geneigt sein, seine Anhänger 
unter den Ghibellinen zu suchen, so ist doch zu beachten, dass als oberster Herr 
der Ghibellinen der deutsche König galt und dass damals der mächtigste ghibel- 
linische Parteigänger Oberitaliens, Matteo Visconti, freundliche Beziehungen zu 
König Adolf unterhielt, auch Friedrich, wie erwähnt, den zweiten Hauptführer 
der Ghibellinen, den Scaliger, als seinen Gegner betrachten musste. Bei dieser 
politischen Konstellation dürfte also die Möglichkeit, dass die Anhänger Friedrichs 
eher Guelfen waren, nicht ausgeschlossen erscheinen. 

') Im Jahre 1297 fand auch ein reger gesandtschaftlicher Verkehr zwischen 
den Fürsten von Tirol, Böhmen und Schlesien statt ; Bussen, Beiträge zur Kritik 
der steyerischen Reimchronik und zur Reichsgeschichte im 13. und 14. Jahr- 
hundert, in den Sitzungsberichten der kais. Akad. der Wissenschaften zu Wien 
Bd. 117 (Jahrgang 1888) S. 37 hat mehrere Stellen aus den tiroler Rechnungen 
angeführt, wodurch der Aufenthalt einer Gesandtschatt aus Breslau (an der einen 
Stelle direkt als »nuntii domni Boleslai ducis Slesie* bezeichnet) in Tirol be- 
wiesen wird, s. V. Freyberg, Neue Beiträge S. 187, 190, 195 ; er irrt freilich darin, 
dass er diese Gesandtschaft bestimmt in den August und September 1297 verlegt. 
Im August und September 1297 fand lediglich die betreftende Rechnungsablage 
statt, die sich aber über den Zeitraum eines vollen Jahres von August 1296 bis 
1297 erstreckte, strenggenommen ist daher die Gesandtschaft nur in diese Zeit- 
grenzen einzufügen, oder falls eine engere Fassung versucht werden soll, in das 
Frühjahr oder den Sommer 1297, da die Gesandtschaft mit der Prager Zusammen- 
kunft im Juni in Zusammenhang stand, sie entweder vorbereitete oder als Folge 
von ihr aufzufassen ist. Dasselbe, wie für die schlesische Gesandtschaft, gilt auch 



022 Woldemar Lippert. 

bisher im Besitz der Niederlausitz unangefochten geblieben war, bei 
der Prager Versammlung ist von Wegele bezweifelt worden, weil sie 
nur durch Ottokars Reimchronik überliefert ist; da aber die fernen 
brandenburgischen Markgrafen sicher zugegen waren, so ist eine Be- 
theiliffims: ihres lunsitzischen Nachbars nicht ohne weiteres abzulehnen, 
zumal Diezmann damals keinen etwaigen Angriff König Adolfs zu ge- 
wärtigen hatte, denn der Nassauer weilte im Frühjahr und Sommer 
1297 im westlichen Deutschland i). 



für eine tiroler Sendung uacli Prag, vgl. Innsbrucker Statthaltereiarchiv Codex 282 
fol. .38^: »Item domino Ulrico de Vellenberch venienti de Praga scapulam I 
caseos II pabuli galetas V vini pacidam I. Item nnnciis Omnibus ibi pernoctan- 
tibus apud eum (bei dem die Rechnung ablegenden claviger Jacobus zu Strass- 
berg) pro pastibus CII libras XI solidos V pabuli modios VII vini pacidam I et 
pro feno et solucione pignorum libras IX solidos 11«, (theilweise bei Freyberg 
S. 195). Im Winter 1297 oder Frühjahr 1298 waren auch Gesandte des Ungarn- 
königs in Tirol, vgl. Rechnung des Burggrafen Konrad Gandner von Tirol, im 
Folg. Beilage Nr. VII. Auch mit dem Erzbischof von Mainz, der mit in Prag 
gewesen war und gegen Adolf arbeitete, standen die Kärntner in Verbindung, 
s. in der Rechnung des H. prepositus de Inspruk (abgelegt 3. August 1297 in 
S. Petersberg) »Domino Sifrido nuntio episcopi Moguntinensis et Liebenbergerio 
pro phantlosa in Insprukke libras 24«, s. von Freyberg S. 183. Busson S. 32 und 
Wegele S. 235 nennen bestimmt Heinrich als den in Prag anwesenden Kärntner, 
ohne dass aber eine der drei Quellen ihn namhaft macht. Schon aus dem Um- 
stand, dass für Otto (nach Ottokars Reimchronik v. 69395—69604, Mon. Germ. 
Deutsche Chroniken V., herausg. von Seemüller, S. 921) zu Prag Albrecht von 
Oesterreich als Freiwerber um Euphemia, Heinrichs von Breslau Tochter, auftrat 
(s. dazu Busson S. 36 f.), könnte man geneigt sein, auf seine Gegenwart zu 
schliessen, wie dies Tang], Gesch. des Herzogthums Kärnten IV, 694 thut; zur 
Gewissheit wird Ottos Anwesenheit jedoch erhoben durch einen Posten in der 
Rechnung des Eberlin Amphrover von Innsbruck (abgelegt 25, August 1297 auf 
Schloss Ambras), der eine dem Herzog Otto in Prag geliehene Summe bezahlt 
hatte: »Item Weimmaro de Ratispona marcas 17 domino duci Ottoni in Praga 
mutuatas", von FiTyberg, S. 192. 

1) Irgend welche sachlichen Gründe gegen Diezmanns Anwesenheit hat 
Wegele S. 235 Anm. 1 nicht beigebracht, auch widerspricht keine sonstige Auf- 
enthaltsnotiz seiner Abwesenheit im Juni, da wir für diese Zeit überhaupt keine 
Kunde von ihm haben; erst am 7. August 1297 finden wir ihn wieder in einer 
Urkunde zu Luckau (nicht Lübkau Wegele S. 232 Anm. 2), s. Worbs, Inventarium 
diplom. Lusatiae inferioris Nr. 286. Die von Wegele hierbei mit besprochene 
Urkunde Diezmanns für Guben vom 2. (nicht 11.) Mai 1298, Worbs Nr. 293, 
worin er verspricht, sie eventuell nur an einen Fürsten zu veräussern, ist übrigens 
keineswegs so aufzufassen, als wollten die Gubener Bürger damit sich vor der 
Herrschaft König Adolfs schützen; »nur an einen Fürsten« setzt nicht als Gegen- 
satz voraus r nicht an das Reich', denn am 9. August 1301, wo die Furcht vor 
Adolfs zügellosem Kriegsvolke doch niemand mehr schrecken konnte, Hessen sich 
Luckaus Bürger von Diezmann die gleiche Zusicht'rung ortheilen, Worbs Nr. 317. 



Markgraf Friedrich der Freidige von Meisseu etc. 223 

Bei dieser Fürstenzusammenkuuft, deren gegen Adolf feindlicher 
Charakter durch die Personen der Theilnehmer ziemlich uuverhüUt zu 
Tage trat, mochte auch der von Adolf am schwersten verletzte Mark- 
graf Friedrich gehofft haben, seine Rechnung zu linden und hatte des- 
halb den Kärntnerherzog begleitet i). Da jedoch die Verhältnisse in 
Meissen ihm noch nicht reif genug erscheinen mochten, vor allem aber 
die übrigen Gegner Adolfs noch nicht sogleich losschlugen, sondern 
noch ein Jahr warteten, ging Friedrich von Prag wieder nach Tirol 
zurück-), wie sich aus den Rechnungen vom 14. Februar, 8. Mai. 
12. Juli und 13. September 1298 ergiebt. Die beiden, wie oben be- 
rührt, in Beziehung stehenden Posten der Rechnungen vom 14. Feb- 
ruar und 8. Mai führen auf einen Aufenthalt in und um Meran in 
den Monaten Oktober 1297 bis Februar 1298, und es ist deshalb 
wahrscheinlich, dass auch die Notiz der Rechnung vom 29. Oktober 
1297, die eine Ausgabe des Richters zu Marling betrifft und die sonst 
bei ihrer Unbestimmtheit auch vor die Prager Reise gehören könnte, 
in den Herbst 1297 gehört. Mit diesem Aufenthalt in Meran steht 
ferner in Zusammenhang die Ausgabe des Schliessers in Gries in der 



Gegensatz ist hier entweder die Ueberlassung an geistliche Hand, in deren Besitz in 
der Lausitz mehrere Städte waren, (so war Lübben dobrilugkisch, Fürstenberg 
neuzellisch), oder besonders die an adelige Herren, denn zahlreiche Städte (Kalau, 
Forst, Drebkau, Spremberg, Sorau, Beeskow u. s. w.) waren damals herrschaftlich, 
landesherrlich waren nachweislich nur wenige, wie Luckau, Guben, Sommerfeld, 
und ihnen lag daran, diesen landesherrlichen Herrschaftscharakter nicht zu einem 
grundherrlichen herabdrücken zu lassen. 

') Vgl. Chron. Aulae regiae (her. v. Loserth) II c. 62 S. 151: i>insuper per 
gloriosara illustrium principum praesentiam domini Alberti Austriae, Bolconis 
Slesiae, Glogoviae, Opuliae et aliorum ducum necnon per aspectum magnificorum 
principum domini Hermanni Brandenburgensis, domini Ottonis cum telo, domini 
Friderici Misnensis marchionum gaudium ingeritur. Chron. Sampetiinum (her. 
von Stübel. Geschichtsquellen der Prov. Sachsen I) S. 307 nennt Friedrich nicht, 
wohl aber unter anderen seine Schwäger von Oesterreich und Kärnten mit vielen 
Grafen und Herren aus ihren Landen. Ottokars Oesterreichische Reimchronik 
S. 914 f., c. 952 erwähnt die Füi'sten von Schlesien, Brandenburg, Oesterreich u. a., 
V. 69092: ,dä was ouch herlich | von Mihsen marcgraf Friderich | und von Durinc 
lantgraf Diezmann*. Dass das Chron. aul. reg., wie Wegele S. 235 Anm. 1 an- 
giebt, von Friedrichs dürftigem Auftreten spreche, ist unzutreffend, da dasselbe 
über sein Aeusseres gar nichts sagt; der entgegengesetzte Ausdruck der Reim- 
chronik j, herlich* hat aber wohl auch kaum Anspruch, strenggenommen zu 
werden, sondern wurde nur als Flickwort des Reims zu Friderich gesetzt. Ueber 
die anwesenden Fürsten (manche Nennungen sind ja zweifelhaft) vgl. die Bemer- 
kungen von Busson a. a. 0. S. 31 folg. und von Seemüller in den Anmerkungen 
zur Reimchronik S. 914. 

-] Dadurch erklärt sich zugleich, dass er, wie Wegele S. 236 angiebt, wieder 
für ein Jahr völlig verschwindet. 



224 AV 1 d e m a r L i i> p e r t. 

Kechuuug vom 12. Juli 1298: doch so sicher es auch ist, dass sie, 
dem Kechnungszeitraum von 1297 — 1298 entsprecheud, nach der Rück- 
kehr aus Prag- fällt, so ist mir doch genauere zeitliche Begrenzung 
bei ihr ebenso wenig möglich, wie bei der letzten unserer Rechnuugs- 
angaben, der vom 13. September 1298 über das zu Welsberg ver- 
setzte Ross. Denn geschah -es auf der Reise nach Tirol, so gehört 
dieser zweite Aufenthalt im Pusterthale dem Spätsommer oder Herbst 
1297 an; geschah es aber auf der Heimreise aus Tirol, so fällt er in 
das Frühjahr 1298 ^), 

Im Laufe des Frühlings, in den Monaten März bis Juni 1298, 
ist dann Friedrich in seine Erblande heimgekehrt, am 8. September 
urkimdet er wieder zu Grossenhain -). Dass er zu Beginn des Jahres 



I) Leider ist das mir zu Gebote stehende urkundliche Material über den 
Aufenthalt der Herzöi^e von Kärnten zu dürftig, um ihr und damit zugleich mit 
ziemlicher Zuverlässigkeit ihres Gastes Friedrich Itinerar feststellen zu können. 
Anfang Juni 1297 ist Otto zu Prag, am 14. August (s. Ankershofen-Tangl IV, 696) 
Heinrich zu St. Andrä im Lavantthale in Kärnten, östlich von St. Veit, am 
24. September (a. a. 0. IV, 698) bei der Aussöhnung Herzog Albrechts von 
Oesterreich mit Erzbischof Konrad von Salzburg, die die Meinhardiner direkt mit 
berührte, wohl wenigstens einer der Brüder in Wien, 16. Oktober (a. a. 0. IV, 701 f.) 
Otto, Ludwig und Heinrich zu St. Veit in Kärnten, 9. Febr. 1298 zwei der Brüder 
in Wien, im Frühjahr 1298 (IV, 712 f.) alle drei in St. Veit. Wir müssen uns 
unter diesen Umständen begnügen, zwei Möglichkeiten herauszuheben: die eine 
ist die, dass Friedrich beim Weggange von Prag mit Otto und Albrecht, der nach 
Wien zvu-ück ging, über Wien nach Kärnten und von hier also im Herbste 1297 
durch das Pusterthal nach Tirol zurückkehrte und zwar, da des Rechnungszeitraums 
wegen die Reise nicht vor den September fallen kann, wohl erst nach dem 
16. Oktober, wo alle drei Brüder in St. Veit weilten; die zweite Möglichkeit 
innerhalb des Zeitraums von Sept. 1297 bis Juni 1298 wäre dann die, dass er 
im Januar oder Anfang Februar 1298 auf der Reise aus Tirol nach Kärnten und 
mit den Herzögen weiter nach Wien, wo wir letztere am 9. Februar treffen, 
Welsberg berührte, s. hierzu auch die folgende Anm. 2. 

») Wegele S. 428 Nr. 60. Wegele vermuthet, dass Friedrich von Liegnitz 
(s. folg. S. Anm. 2) nach der Lausitz gegangen sei und von hier aus mit seinem 
Bruder den Angriff auf die Mark Meissen eröffnet habe. So wahrscheinlich es 
nun auch ist, dass die Lausitz, wo Diezmanns Macht unerschüttert dastand, den 
Stützpunkt für die Rückeroberungspläne abgab, so bedurfte es doch, um dahin 
zu gelangen, 1298 nicht des weiten Umwegs über Schlesien, den Friedrich 1296 
bei der Flucht zu nehmen hatte, denn alle Länder von Tirol und Kärnten bis 
zur Niederlausitz waren jetzt, seit dem Parteiwechsel des Böhmenkönigs, Freundes- 
land. Wenn eine allerdings reine Vermuthung gestattet ist, bietet sich eine 
Erklärung, wie Friedrich heimkehrte, sehr bequem dar. Am 9. Februar 1298 
Avurde zu Wien die Verlobung des jungen Königssohnes Wenzel (III.) von Böhmen 
mit Elisabeth von Ungarn gefeiert, wobei deren Väter König Andreas und König 
Wenzel II., femer zwei Herzöge von Kärnten, die Markgrafen Hermann und Otto 
von Brandenburg, die Herzöge von Sachsen, Oppeln und Troppau und zahlreiche 



Markgraf Friedrich der Freidige von Meissen ete. 225 

1298 sich nach Schlesien begeben habe und am 2b- März zu Liegnitz 
in einer Urkunde Herzog Bolkos I. von Schweidnitz und Fürstenberg 
für Grüssau, das Hauskloster der Bolkonen, als Zeuge auftrete i), be- 
ruht auf Verwechslung mit einem andern Wettiner dieses Namens. 
Wohl erscheint in der gedachten Urkunde zu Liegnitz am 25. März 
1298 ^) hinter dem Grafen Siegfried von Anhalt und vor den Herren 
Ludwig von Hakeborn und Hermann von Barby ein , Landgraf Fried- 
rich von Thüringen". Doch das ist nicht unser Friedrich 3). Schon die 
Stellung hinter dem Grafen von Anhalt lässt auf einen Fürsten von 
geringerer Bedeutung schliessen, und in der That lebte ja damals in 
Schlesien ein Titularlandgraf Friedrich : Friedrich mit dem Zunamen 



geistliche Fürsten zugegen waren, vgl. die gleichzeitige Continuatio Zwetlensis lll 
der Annales Mellicenses (Mon. Germ. Script. IX, 659 und darnach Annal. Zwet- 
lenses, ibid. 679) und die von einem in Wien oder Klosterneuburg lebenden 
Zeitgenossen aufgezeichnete und deshalb für diese Vorgänge zuverlässige Contin. 
Vindobonensis (Script. IX, 720) : die gegen die Zeugnisse von der Anwesenheit 
Markgiaf Hermanns sprechende Urkunde Hermanns angeblich vom 8. Februar 
1298 zu Spandau (Riedel, Codex diplom. Brandenburgensis I. Haupttheil, XI, 14), 
ist thatsächlich am 9. Oktober 1298 (denn dies ist der dies s. Dionysii eiusque 
sociorum) ausgestellt. Sollte nun nicht Friedrich der Freidige damals mit seinen 
kärntnischen Schwägern nach "Wien, dann im Geleite König Wenzels durch 
Böhmen und weiter durch die Oberlausitz, die den befreundeten Brandenburgern 
gehörte, in seines Bruders Land gekommen sein? Auf diese Weise würde sich 
die Rückkehr des ohne eigenes Gefolge und ohne Mittel in der Ferne weilenden 
Fürsten in die Niederlausitz auf dem nächsten Wege zwanglos erklären, zumal 
auch zeitlich sich diese Annahme passend in das sonst Bekannte einfügt. Dass 
Friedrich spätestens im Juni in die Lausitz zurückgekehrt war, geht daraus hervor, 
dass die Rückeroberung noch bei Lebzeiten König Adolfs begann, denn Friedrich 
hatte bereits einige Orte gewonnen und dann auch den Reichsstatthalter in 
Meissen, Grafen Heinrich von Nassau, gefangen genommen, als die Kunde von 
Adolfs Fall (t 2. Juli 1298) nach Meissen kam, s. Wegele S. 236 folg. 

') Wegele S. 236. 

2) Ludewig, Reliquiae maniiscriptorum V (1724) Nr. 74 S. 495: Acta sunt hec 
in Legnicz a. d. 1298 in die annunciacionis gloriose virginis Marie presentibus 
bis domino Sifl'rido comite de Anhalt, domino lantgravio Turingie Friderico, do- 
mino Ludovico de Hakinborn .... datum in Legnicz* ; zu diesem Drucke sind 
jedoch zu vgl. die Bemerkungen Grünhagens in den Regesten zur schlesischen 
Geschichte (Cod. dipl. Silesiae VII, 3, Breslau 1886) Nr. 2502. 

^) Dass er mit Bolko, der allerdings in Prag gewesen war, nach Schlesien 
gegangen sei, durch welche Vermuthung Wegele seine Ansicht zu stützen sucht, 
wird durch die obenbesprochenen Rechnungsnotizen bestimmt als irrig er- 
wiesen; dagegen war, und zwar wohl im Gefolge seines Oheims Bolko, Friedrich 
ohne Land gleichfalls in Prag gewesen, wie wenigstens Ottokars Reimchronik 
angiebt, v. 69106 i,und ein heiTe wol erkant | hiez marcgräve ane lant^, und er 
ist auch wieder mit nach Schlesien zurückgekehrt. 

Mittheilungen XVII. 15 



226 W 1 cl e ni a r L i p p e r t. 

,,ohne Land'' (anelant), der Sohn von Friedrichs des Freidigen ältestem 
Bruder Heinrich, dem man fälschlich auch den Namen „ohne Land'' 
beigegeben hat i). In den Jahren 1287 (bez. 1285), 1290, 1305, 1312, 
1313 tritt er, der seit 1283 niemals mehr in irgend welchen Bezie- 
hungen zur Heimat nachweisbar ist, urkundlich in Schlesien auf, 1297 
soll er mit in Prag gewesen sein, was deshalb nicht unglaubhaft ist, 
weil die Anwesenheit des Herzogs Bolko von Seh weidnitz- Fürstenberg 
durch das übereinstimmende Zeugniss aller drei Quellen (Keimchronik, 
Chronicon Sampetrinum, Chronicon aulae regiae) sicher bezeugt ist. Es 
ist unter diesen Umständen kaum ein Zweifel gestattet, dass auch der 
Landgraf Friedrich, der 1298 in Liegnitz iu ziemlich untergeordneter 
Stellung bei Bolko auftritt, der Prinz ist, der von der Landgrafschaft 
Thürincren nicht mehr als den bedeutungslosen Titel besass. 

Eine sonderbare Fügung des Schicksals wollte es, dass sowohl 
der Sohn wie der Enkel Friedrichs des Freidigen Tirol gleichfalls be- 
suchten, aber unter ganz anderen Verhältnissen als er. Vor einem 
deutschen König flüchtig, hatte er hier eine Zuflucht gesucht und ge- 
funden; als Gast eines deutschen Kaisers, seines Schwiegervaters Lud- 
wigs des Baiern, besuchte mitten im Winter 1330 Friedrich der Ernste 
von München aus, wo er zwei Monate zu Besuch weilte, Tirol und hielt 
sich vom 11. — 15. December in Innsbruck bei Herzog Heinrich von 
Kärnten, dem Titularkönige von Böhmen und Freunde seines Vaters, 
auf-). 18 Jahre später, im Sommer 1348, kam sein Sohn Friedrich 



') Ueber Friedrich Anelant vgl. Grünliagen, Der Landgraf ohne Land, iu 
der Zeitschrift des Vereins für thüringische Geschichte und Alterthumskunde IV 
(1860) S. 161 folg., Regesten zur schles. Gesch. (Cod. dipl. Siles. VII, 3) Nr. 2043, 
2140, 2144; (Cod. dipl. Siles. XVI) 2829, 3248, 3334; H. Jäkel, Zur Geschichte 
Hedwigs von Breshiu und der Landgrafen Heinrich von Altenburg und Friedrich 
ohne Land, in der Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Alterthum Schle- 
siens XXI (1887) 219 folg., bes. 236 folg. Dass nur bei Friedrich, nicht seinem 
Vater Heinrich, der Zuname »ohne Land« historisch berechtigt ist, haben Jäkel 
a. a. 0. S. 233 und H. Ermisch in einem Vortrag im K. S. Alterthumsverein zu 
Dresden 1895 gezeigt. 

2) Vgl. hieriiber Lippert, Zur Geschichte Kaiser Ludwigs des Baiern. II. Ein 
Besuch Markgraf Friedrichs von Meissen beim Kaiser, in den Mittheil, des Instit. 
für Oesterreich. Geschichtsforschung XIII (1892) 599 folg. Den hier gegebenen 
Nachweisen über die Anwesenheit des Kaisers Ludwig und des Königs Johann 
von Böhmen in Innsbruck sind übrigens noch die Angaben zuzufügen, die aus 
Urkunden Herzog Heinrichs von Kärnten zu entnehmen sind, s. Auszüge aus 
einem Diplomatarium des tirolischen Landesfürsten König Heinrichs von Böhmen 
aus den Jahren 1326—1330, bei J. Chmel, Der österreichische Geschichts- 
forscher II, 172 f. Heinrich selbst urkundet in Innsbruck am 27., 29. No- 
vember, 8., 12., 14., 19. December 1330, s. S. 182—185 Nr. 41—50; über Ludwig 



Markgraf Frieärich der Freidige von Meissen etc. 227 

tler Strenge gleichfalls anlässlieh eines Aufenthalts bei seinen bairischen 
Verwandten, Kaiser Ludwigs Söhnen, mit nach Tirol, das damals der 
älteste dieser Witteisbacher, Ludwig der Aeltere, Markgraf von Bran- 
denburg, als Gemahl von Herzog Heinrichs Erbtochter Margarete be- 
herrschte. Er besuchte sogar zum Theil dieselben Gegenden, wo der- 
einst sein Grossvater geweilt hatte, , denn ausser in Passeyr ist er in 
Sterzing nachweislich i). 

In allen drei Fällen ist es dieselbe Gattung von Quellen, der wir 
diese Kunde verdanken: Ausgaberechnungen über Lebensunterhalt, 
doch sind es stets nur einzelne, immerhin werthvolle. aber doch dürf- 
tige Brocken. 

Auch für die Keise des Kurfürsten Friedrichs des Weisen, der 
1493 auf seiner Fahrt nach dem heiligen Lande sowohl hinwärts wie 
herwärts durch Tirol kam, bilden Eeiserechnungen unsere Quelle -). 

Weit reichhaltiger fliessen dagegen die Quellen an Akten, Correspon- 
denzen und zeitgeschichtlichen Aufzeichnungen über einen Besuch, 
den im 16. Jahrhundert ein Wettiuer dem Lande Tirol abstattete, 
kam er doch auch mit so zahlreicher Begleitung, wie keiner seiner 
Ahnen zuvor: über den siegreichen Zug des Kurfürsten Moritz durch 
die Ehrenberger Klause bis nach Innsbruck im Jahre 1552 ^). 



und Johann 8. die Urkunde Nr. 47 vom 12. December 1330, worin Heinrich dem 
Volkmar von Purchstal, Burggrafen zu Tirol, für verschiedene Auslagen eine 
Anweisung giebt, darunter »unserm liebm swager dem edlen graf Johan von 
Lutzelburch [König Johann] ze chost an Meran, do er gen Triende für und do er 
herwider auz gen Inspruke für zu unserm oheim chaiser Ludweigen 40 mark 
3 grossoa und seinem sun unserm aidm [Johanns Sohn Johann Heinrich] umb 
gwant 14 mark an ain pfunt und zu der pruken ze Tyrol 25 pfant 4 grossos''. 

*) Lippert, Wettiner und Witteisbacher, sowie die Niederlausitz im 14. Jahr- 
hundert (Dresden 1894) S. 52 Anm. 45, wo die näheren Nachweise erbracht sind. 

-) Friedrich kam über Augsburg (3. April), Landsberg (6. April) nach Inns- 
bruck (14. April), Matre}-^ (15. April), Sterzing (16. April), Toblach (19. April), 
Treviso (24. April), Venedig (30. April) ; auf der Heimkehr über Venedig (1. Sep- 
tember), Treviso (7. Sept.), Seravalle (9. Sept.) nach Toblach (12. Sept.), Bruneck 
(13. Sept.), Mühlbach, Sterzing (14. September), Matrey (15. September), Innsbruck 
(16. September bis 2. Oktober), Schwaz (3. Oktober), auf dem Inn nach Kufsteiu, 
Fischbach, Aibling (4. Oktober), München (5. Oktober). Er berührte also gleich- 
falls dieselben Gegenden, die fast 200 Jahre vorher sein Ahnherr durchzogen 
hatte, wie das Wippthal und Pusterthal. Vgl. Röhricht und Meisner, Hans Hundts 
Rechnungsbuch 1493—1494, im N. Archiv f. Sachs. Gesch. IV (1883) 37 f., bes. 
44, 49 f., 64—67, 79 f. Einige Angaben über den Aufenthalt zu Innsbruck bietet 
auch Hans Leimbachs Rechnungsbuch, Gesammtarchiv Weimar Reg. Bb, Nr. 4150. 
Auch Wilhelm IIL, Albrecht, Ernst reisten 1461, 1476, 1480 durch Tirol. 

3^ Vgl. D. Schönherr, Der Einfall des Churfürsten Moritz von Sachsen in 
Tirol, im Archiv für Gesch. und Alterthumskunde Tirols IV (1868); Issleib, Moritz 

15* 



228 W 1 d e m a r L i p p e r t. 

I. 

31. Juli 1288. 

Weinsendung an Agnes von Kärnten, die Gemahlin Friedrichs des Freidigen 
von Meissen und Thüringen. 

Anno domini MCCLXXXYIII ultimo die Julii fecit H. de Vlurlingen i) 
prepositus racionem de marcis 

De vino dedit 

Item domine mee de Turingia carradas V pacidas IUI, quod accepit 
H. de Vrideberch. 

Item .... 



Item de vino ducto domine de Turingia pro vectura in Mittenw^alde 
libras XXII. 

Item 

K. k. Statthaltereiarchiv zu Innsbruck, Codex 277 (Raitbuch Nr. l) 
fol. 22^, 22^. 

II. 

23. April 1289. 

Anno domini MoCCoLXXXIX in die sancti Georii fecit Ch. Tschüds 

claviger de Inspruk racionem. Item primo 

Ex hiis dedit Jacobo 

Item domine ducisse Austrie vini carradas III urnas II 

Item 

Item domine de Duringia ^) vini carradas IUI. 

Item 

K. k. Statthaltereiarchiv zu Innsbruck, Codex 277 fol. 21 ^). 



von Sachsen gegen Karl V. 1552, im N. Arch. für Sachs. Gesch. VII (1886) 1 f. 
Damals weilte auch noch ein Wettiner in Tirols Hauptstadt : der ehemalige Kur- 
fürst Johann Friedrich der Grossmüthige als Gefangener Karls V. 

1) Vlurlingen ist Flaurling im Innthale, westlich von Innsbruck. Mittewald 
ist zwar eine Gemeinde im Bez. Brixen, Gericht Sterzing, nahe bei Franzensfeste, 
doch ist hier wohl an den bekannten oberbairischen Flecken Mittenwald, Bezirk 
Garmisch, an der Isar, südlich vom Walchensee, zu denken, weil es undenkbar 
ist. dass man den Wein von Flaurling erst bei Zirl vorbei das Innthal entlang 
bis Innsbruck, dann das Wippthal hinauf, über den Brenner und das Eisackthal 
hinunter bis nach Mittewald geschafi't habe, um ihn dann den ganzen Weg 
wieder zurückzufahren, während von Zirl aus die eine Hauptverkehrsstrasse von 
Tirol nach Norden ausgeht, um über Seefeld und Scharnitz nach Mittenwald zu 
gelangen, das von Flaurling aus somit in einem Tage zu erreichen war (vgl. in 
diesen Mittheil. XIII, 600). 

-) Cod. »Duringie"". 

3) Auch in der am 3. August 1297 zu S. Petersberg abgelegten Rechnung 
des R. caniparius de Inspruk wird unter seinen Ausgaben aufgeführt: »Item mi- 
sit domine ducisse Austrie vini carradas VI urnas III minus pacidis 11", vergl. 
V. Freyberg, Neue Beiträge I, 185. 



Markgraf Friedrich der Freidige von Meissen etc. 229 

III. 

Keniaten 30. August 1296 ^). 
Eechnung des Richters Dietrich von Lienz. 

Anno domini MCCXCoVP die XI» exeunte Maio in Monte Sancti Zenonis 
fecit racionem Dietericus iudex de Lüncz de marcis XIII 

Et remanent apud eum 

Postmodum 11° exeunte Augusto eiusdem anni in Chemnat computavit 
idem Dietericus se dedisse ad expensas dominorum ducum L[udowici] et 
H[ainrici], domini F[rideiici] lantgravii, Petri Trautson et aliorum Vero- 
uenses mai-cas XXXVII solidos VIII. 

Item pro dextrario, quem dominus dux Lud[owicus] dedit Ch[uni'ado] 
Trautson Veronenses marcas XXV. 

Et sie dedit ultra marcas XXXVII libras VIIj Veronenses, quas 
Ch[unradus] de Fridberch ^) sibi statim assignavit in Chemnat ; et sie debita 
ntrimque sunt totaliter expedita. 

K. k. Statthaltereiarehiv zu Innsbruck, Codex 279 (Raitbuch Nr. 3) 

fol. 14^, als Nr. 31 der Rechnungen. 

IV. • 

Petersberg 1. September 1297. 

Rechnung des Richters Berthold von Sterzing als Vorstand 

des Amtes Wippthal. 

Anno domini MoCCoXCVIlo primo Septembre in Monte Sancti Petri 

legt Bertholdus de Tiuns iudex de Sterzinga ^), prepositus in Wiptal, 



') Die folgenden Texte bieten mit den vielfachen Kürzungen besonders auch 
in den technischen Ausdrücken und Bezeichnungen der Landwirthschaft, von denen 
verschiedene ja lokaler Natur sind, manche Schwierigkeiten, zumal wenn man 
nicht die gesammten Texte zur Vergleichung beiziehen kann, sondern nur ein- 
zelne Abschnitte vor sich hat. Ich habe deshalb noch versucht aus der sonstigen 
Ueberlieferung über diesen Gegenstand Auf8chlu.ss zu holen; Freybergs Druck bot 
nicht zu viel Auskunft, da seine Lesungen und Auflösungen oft unsicher er- 
scheinen und uaehrtach gewiss unrichtig sind ; eher lässt sich die anscheinend 
getreue Wiedergabe des Textes der Rechnungen vom Jahre 1303 zur Unterstützung 
zuziehen, in Chmels Oesterreichischem Geschichtsforscher II, 133 — 171, da der 
Herausgeber die Abkürzungen beibehält, man also in den Fällen, wo die volle Form 
dasteht, annehmen kann, dass hier auch die Vorlage das Wort ausgeschrieben 
bietet. Dass z. B. das »gal. « = »galeta* ist, dafür vgl. die Stellen ebendaselbst 147 
»de . . . olei galeta 1"', 149 »galeta l'< ; dass das ,bern. porc.* = »berna porcina"', 
s. 151 j,de bernis porcinis, berne porcine, bernas porcinas*, dsgl. 152, 155, 163, 
166, Freyberg liest ,birna pancin*. Das öfters vorkommende »sagis scutll." ist 
mehrfach mit isagiminis scutella*, Schüssel Fett, Schmalz (sagimen) aufzulösen, 
obwohl auch ,saginata scutella* vorkommt, wenigstens findet sich S. 146, 147 
die ausgeschriebene Ablativform „de ... . saginatis scutellis"'. 

'-) Ch. de Fridberch ist identisch mit dem im Folgenden genannten Ch. ca- 
merarius, Konrad von Friedberg war der Kämmerer Herzog Ottos, der des Herzogs 
Ludwig hiess Ottolinus (im Folgenden in der Rechnung V Ortolf), vgl. in den 
Rechnungen von 1303 bei Chmel die bestimmten Zeugnisse für Konrad S. 138, 
150, 151, 153, 168, 169 u. a., für Ottolinus S. 138, 147, 150, 163, 169. Auch für 
andere Namen bieten die Rechnungen von 1303 Aufschlüsse. Der „Ch. Obula* 
{im Folg. in Nr. V), bei Freyberg »Ebuli*, erscheint dort wiederholt als ,Ch[un- 
radus] Obulus* (vgl. S. 150, 170 pro domino Ch. Obulo, 154 domini Ch. Obuli) ; 
an Stelle des ,Pero de Eben« tritt dort S. 143, 144 ein »Albero de Eben« auf. 

■°) Auch in den Rechnungen von 1303 begegnet uns der Richter Berthöld, 



93Q Woldemar Lippert. 

Kechnung ab über das seit dem 3. August 1296 (anno preterito UV' in- 
trante Augusto signato) abgelaufene Jahr. 

Item ad expensas dominorum ducum i), marchionis Mihsinensis, comitum 
Goricie et de Habsburch, domini Peronis, doraini de Auvenstain "-) et de 
Preisinga et aliorum, de quibus habuit litteras sigill&tas, factas usque 
nunc Veronenses marcas XXVI, libras VIIj, armenta^ II, oves CXVI, pul- 
los CCLXXXII, ova II milia DCX., Item domino Ülrico de Vellenberch. 
libras XXIV iussu domini ducis Öttonis . . • • 

K. k. Statthaltereiarcbiv zu Innsbruck, Codex 282 fol. 37^' unter den 
fol. 23 beginnenden »Eaciones anni nonagesimi septirai« als n*^ 31. 

V. 

Petersberg 2. September 1297. 
Eeohnung des Scbliessers Jakob zu Strassberg. 

Anno domini MoCCoXCVIIo secundo intrante Septembre in Monte 
Sancti Petri Jacobus claviger de Strazpercb fecit racionem de remanenciis 
preterite racionis facte per eum anno preterito IUI intrante Augusto. 
Item de tritici 

Ex hiis dedit ad expensas dominorum ducum ^), marchionis Mihsi- 
nensis, comitum Goricie et Habsburch et Werdenberch, Tauverserii et 



zwar nicht als Rechnungsableger selbst, wohl aber wird seiner in des Innsbrucker 
caniparius Reimboto Rechnung vom 16. August gedacht »Perhtoldus iudex de 
Sterzinga*, Chmel II, 151. 

') Der Druck bei von Freyberg S. 194 Nr. XXV. weicht vielfach ab: ^Ad 
expensas dominorum ducum Ottonis et Ludovici, comitis junioris de Goritia; 
domini R. comitis de Habspurch, domini marchgravii Mianensis, Preisingerii et 
domini Peronis de Eben et domini H. de Uvenstain Veronenses marcas 2H libras 
7V„ ....", auch die Zahlenangaben sind theilweise verschieden. Die dritte An- 
gabe über die am 1 . Sept. 1 297 abgelegte Rechnung des Bertoldus iudex et prepo- 
situs de Wiptal über das Amt Wippthal im Codex 280 des Innsbrucker Statthalterei- 
archivs fol. 42i>, stimmt ziemlich mit der in Cod. 282 überein, in einigen Punkten 
aber berührt sie sich mit dem Freybergschen Texte: ,Item dedit ad expensas 
dominorum Ot[tonisJ et Lud[owici] ducum, comitum de Goricia et de Habspurch, 
domini marchionis de Mihssina, domini H. de Prisingen, domini Peronis de Eben, 
domini H[ainrici] de Uvenstein et aliorum in litteris sigillatis contentas marcas 
XXVI . . . ." (die folgenden Zahlen ganz wie in Cod. 282). 

2) Ueber die Aufensteiner, die später in direkte Beziehungen zu Friedrich 
und seinem Sohne kamen, s. Neues Archiv für Sachs. Gesch. X, 4 folg.; Graf 
G. von Pettenegg im Jahrbuch des Vereins Adler, Wien 1875. 

3) Auch hierbei zeigt der Druck bei Freyberg S. 195 Nr. XXVI starke Ab- 
weichungen: »Ex hiis dedit ad expensas dominorum marchgravii (die Hauptsache, 
der Name Meissen, fehlt also), 0. et L. ducum, comitum de Gorizia, de Habchs- 
purch et de Werdenberch, Tuverserii et sororis eius, raagistri curie domini H. 
de Vouvenstain, Peronis de Eben, Preisingerii, nunciorum de Brezlawe, 0. et 
Ch. Camerariorum, Ch. Ebub, Vetlini de Tablat et aliorum Veronenses libras 50 
grossos 5 . . . ."'; dasselbe gilt für die Zahlenangaben und selbst für die Auf- 
fösungen der oft stark abgekürzten Begriffe der gelieferten Gegenstände, der Masse 
u. s. w. Auch hierfür bietet einen dritten Text, der aber sich ziemlich an den 
von Cod. 282 anschUesst, der Codex 280 fol. 44«: ,Ex bis dedit ad expensas 
dominorum ducum, marchionis Mihssinensis, comitum Goricie, de Haspurch et de 
Werdenberch, Taufersarii, magistri curie, domini H. de Uvenstein, Peronis de Eben, 
nunciorum de Prezlawe, Ch. Obuli, Utlini de Tablat, camerariorum et aliorum 
in litteris sigillatis contentas Veronenses libras L grossos V <" (die fol- 
genden Zahlen wie in Cod. 282). 



Markgraf Friedrich der Freidige von Meissen etc. 231 

sororis eius, magistri curie i), dominorum Heinrici de A-Uvenstain, Peronis 
de Eben, Ch[unradi] Obula, nunciorum de Vratizlavia, Ortolfi et Ch[unradi] 
camerariorum, Autonis de Tablat et Cli[unradi] Trautsou, de quibus habuit 
litteras sigillatas, libras L grosses V, tritici modios XVI galetas IIIIj, 
siliginis modios XIII galetas IUI, pabuli et ordei modios CX galetas III, 
armentum I, oves aridas XXVj, bernam porcinam I quartale I, scapulas 
XLVII, sagiminis scutellas XXXVIj, caseos DCCCXLIII, vini carradas VII 
pacidam j. 

Item Jaclino clavigero in Tirol 

K. k. Statthaltereiarchiv zu Innsbruck, Codex 282 fol. 38, unter den 

Rechnungen von 1297 als n*^. 32. 

VI. 

Tirol 29. Oktober 1297- 
Rechnung des Richters Swiker von Marling. 

Anno domini MCCXCVII III exeunte Octobre in Tirol fecit Swikerus 

iudex de Marninga racionem de marcis 

Summa 

Ex his dedit Fer. de Passira camerario ante racionem ipsius ...... 

Item lantgravio de tailwin urnas V. 

Item 

K. k. Statthaltereiarchiv zu Innsbruck, Codex 280 (Raitbuch Nr. 4) 
fol. 7 5. 

VII. 

Tirol 14. Februar 1298. 
Rechnung des Heinrich Plancho von Meran. 

Anno domini MCCXCVIII» XIIII intrante Februario -) in Tirol Hainz- 
linus Plancho de Merano [fecit racionem] de Veronensibus marcis X •*) de 
Ch[unrado] camerario ante eius racionem receptis, item de libris CXIX de 
Ch[unrado] purkgravio post eius racionem receptis, item de libris LXX de 
Hupoldo de Laas post eius racionem receptis. 

Ex hiis dedit ad expensas domini marchionis Mihsinensis marcas XXIII 
libras VII, sicut seit purkgravius ^). Item ad fenum primum et secundum 



') Hofmeister war Heinrich von Rottenburg, dessen Familie das Amt erblich 
besass, vgl. Jäger, Landständ. Verfassung II, 1, 28, der den hier in Betracht 
kommenden Heinrich von Kottenburg erst vom Jahre 1305 an als Hofmeister 
erwähnt ; ferner G. Seeliger, Das deutsche Hofmeisteramt im späteren Mittelalter 
(Innsbruck 1885) S. 37 folg. 

2) Druck bei Freyberg S. 207 Nr. XXXIX: »Anno domini MCCXCVIU. 14 in- 
trante februario fecit H. Planche rationem in Tyrol de Veronens. marc. 10 de 
camerario Gh. de Fridberch receptis ante eius rationem. Item de libr. 100. 19 
de Ch. purchgravio post rationem ipsius Ch. receptis. Item de marcis 7 de 
Hupoldo officiali de Las recept. post eius rationem. Ex hiis dedit ad expensas 
marchionis Michsne. marc. 23 libr. 7*, das Weitere fehlt hier. 

') Erst geschrieben XHII, korrigiert X. 

■*) Der Burggraf ist der vom Schlosse Tirol bei Meran, unter dem Meran 
und das ganze Amt stand, vgl. C. Stampfer, Chronik von Meran (2. Aufl. Inns- 
bruck 1867) S. 20, 22 und Urkunden 2—5, 7—9, 11 — 14 u. s. w. : A. Jäger, Ge- 
schichte der landständischen Verfassung Tirols II, 1, 16, 27. Daher bat sich 



232 W 1 cl e m a r L i p p e r t. 

in Merana anno XCVP libras LH, sicut seit Schilhius.. Item ad fenum 
prati Merningerorum grosses XXII. 

K. k. Statthaltereiarchiv zu Innsbruck, Codex 282 fol. 45^ unter den 

»Kaciones anni XCVIIIi« als n». 3. 

yiii. 

Tirol 8. Mai 1298. 
Rechnung des Konrad Gandner, Burggrafen von Tirol. 

Anno domini MCCXCVIIlo die YHIo intrante Maio in Tirol Ch[un- 
radus] Gandnerius purkgravius in Tirol fecit racionem de Veronensibus 
marcis XII libris IIIj puris libris VIII duplicatis de ficto domorum Arnoldi 
Tarandi ...... 

Ex hiis dedit Ch[unrado] de Fridberch camerario ante racionem ipsius 
camerarii marcas XXX. Item 

Item pro solucione expensarum nunciorum i-egis Ungarie libras XXX 
clipeatori. Item 

Item Planchoni ad expensas marchionis marcas XII minus libra I ante 
racionem Plan[chonis]. Item 

Summa expeditorum marce DCCCLXXXII libre VIj 

Postmodum YII intrante Octobre fecit idem Ch[unradus] purkgravius 
racionem ...... 

K. k. Statthaltereiarchiv zu Innsbruck, Codex 282 fol. 50, unter den 

»Eaeiones anni MCCXCVIII« als n». 12 »Eacio Ch[unradi] purk- 

gi'avii *. 

IX. 

Tirol 19. Juli 1298. 
Rechnung des Schliessers Heinrich von Gries. 

Anno domini MCCXCVIII XIII» exeunte Julio in Tirol Hainricus 
claviger de Griez fecit racionem de Veronensibus marcis XI libris VI, 
tritici 

Summa receptorum tritici ...... 

Ex hiis dedit Ch[unrado] de Fridberch ante eius racionem Veronenses 
marcas X. 

Item Völchlino 

Item ad expensas dominorum et lantgravii et quorundam dextrariorum 
contentas in litteris sigillatis Veronenses libras XL solidos V, armenta 
viva II, armenta arida LXXXXII quartalia III, oves vivas XII, aridas LXXXV, 
bernas porcinas XXX, scapulas CCCXCVIII, agnos et edos CCLXXXVIII, 
aueas XLII, pullos et capones CCCCXXVII, ova III milia CX, caseos VI 
railia CCCC, sagiminis scutellas XXXIII, tritici 

K. k. Statthaltereiarchiv zu Innsbruck, Codex 282 fol. 63^\ unter deu 

Rechnungen von 1298 als n^. 37. 

für das Land um Merau mit dem I'asseyerthale der Name des »Burggrafeu- 
arats* bis in die neueste Zeit erhalten. Damals bekleidete schon das Amt Eourad 
Gandner, den Jäger erst zum Jahre 1304 als Burggrafen kennt, vgl folgende 
Beilage VUL 



Markgraf Friedrich der Freidige von Meissen etc. 233 

X. 

Heran 13. September 1298. 
Eechnung der Wittwe des Kellners Heinrich von Heran. 

Anno domini HoCC'^LXXXXVIIP XIII« intrante Septembre in Herano 
in domo Planchonis domina Katherina relicta quondam Heinrici celnerii 
fecit racionem de 

Ex hiis dedit ad expensas dominorum ducum, comitum Groricie, de 
Ortenburch, Gralandi, marschalci et aliorum 

Item pro solucione palefredi lantgravii Mihsinensis in Welfspercb 
libras X. 

Item Wilhalmo de Trostperch 

K. k. Stattbaltereiarchiv zu Innsbruck, Codex 2s2 fol. 6G, G6^' unter 

den Eechnuncren von 1298 als n°. 42. 



Die Eeiclissteuer der scliwäbisclien Eeiclisstädte 
Esslingen, Eentlingen und Eottweil. 

Ein Beitrag zur Gescliichte der Einkünfte der deutsclien Könige und Kaiser. 



Von 

Theodor Schön. 



Am Beginn des 14. Jahrhunderts waren die deutschen Könige 
bezüglich ihrer Einkünfte hauptsächlich auf die Reichsstädte ange- 
wiesen, da es den Fürsten nach und nach gelungen war, sich fast 
gänzUch ihren finanziellen Verpflichtungen gegen das Reichsoberhaupt 
zu entziehen. Doch auch diese Quelle von Einkünften floss im Laufe 
der folgenden Jahrhunderte bis zum Ende des römischen Reiches 
deutscher Nation immer schwächer und trüber. An der Hand der 
Geschichte der Reichssteuer dreier schwäbischen Reichsstädte soll im 
folgenden gezeigt werden, wie nach und nach der Ertrag der Reichs- 
steuern statt in die Hände des Reichsoberhaupts in die einzelner Stände 
des Reichs gelangte. 

1. Die ßeiclissteuer der Stadt Esslingen. 

Die erste Nachricht stammt aus dem Jahre 1315. Am 27. October 
desselben erliess Kaiser Heinrich VII. der Stadt Esslingen die Reichs- 
steuer für die Dauer des Kriegs mit Graf Eberhard von Württemberg 
und noch weitere 10 Jahre nach Beendigung desselben i). Auch wurde 
in diesem Jahre die Esslinger Reichssteuer auf 1000 Pfund Heller 
festgesetzt. Als indessen am 24. August 1313 der Kaiser gestorben 
war, kehrte sich sein Nachfolger Ludwig der Bayer an diese Verfügung 



') Chr. Fr. Stalin. Wirtemberg. Gesch. 3, 145. 



Die Reichssteuer der schwäb. Reichsstädte Esslingen etc. 235 

seines Vorgängers nicht, sondern wies am 12. Jnli lo23 dem Grafen 
Eberhard von Württemberg 2000 Pfund Heller auf die Esslinger 
Eeichssteuer an i). Am 1. April 1330 versprach er jedoch den Esslin- 
gern fünfjährige Steuerfreiheit, sowie dass die Steuer nicht über 
800 Pfund Heller erhöht werden sollte -). Im Besitz dieses Privilegs 
suchte die Reichsstadt sofort die noch ausstehende Zahlung der Reichs- 
steuer vom Vorjahr zu begleichen und so quittierte ihr denn auch am 
B.April 1330 Graf Ulrich von Württemberg, der seit 2. April 1330 Land- 
vogt in Niederschwaben war, für 800 Pfund Heller Reichssteuer 3). Es 
hätte nun Esslingen eigentlich bis 1335 keine Reichssteuer mehr zu 
zahlen gehabt. Aliein der Kaiser gestattete noch vor Ablauf des Termins 
dem Grafen Ulrich von Württemberg wiederum, 800 Pfund Heller aus 
der Esslinger Reichssteuer zu beziehen, welche dieser auch am 8. Juli 
1333 erhielt und darüber eine Quittung ausstellte ^). Am 8. Juni 
1336 erhielt Graf Ulrich von Kaiser Ludwig 600 Mark aus dieser 
Steuer dafür , dass er dem Grafen Burkard V von Hohenberg die 
gleiche Summe, welche der Kaiser demselben schuldete, gezahlt hatte ^). 
Auch im Jahre 1340 bezog Graf Ulrich 400 Pfund aus dieser Steuer 
und bat am 11. Januar die Stadt, die Martini 1340 fällige Steuer dem 
Juden Löwen von Stuttgart zu zahlen. Am 30. Januar 1341 stellte 
dann der Graf eine Quittung über den Empfang dieser 400 Pfund 
Heller aus'*). 

Noch am 18. März 1342 wies Kaiser Ludwig demselben Grafen 
2502 Pfund Heller auf die Reichssteuer zu Esslingen, Reutlingen, Hall, 
Weil der Stadt und Gmünd, und zwar 800 Pfund Heller auf die 
Esslinger Steuer an ^). Nach dem Tode Kaiser Ludwigs hört man 
erst 1352 wieder etwas von der Esslinger Reichssteuer. Am 26. August 
1352 baten die Grafen Eberhard und Ulrich von Württemberg, die 
Söhne des im Jahre 1344 gestorbenen Grafen Ulrich, die ihm in der 
Landvogtei nachfolgten, die Stadt Esslingen, dem Vogt Heiner von 
Göppingen die jährliehe Stadtsteuer pro Martini 1 353 auszuzahlen ^), 
Am 15. September 1353 befahl König Karl IV. der Stadt Esslingen, 
die Reichssteuer an die Grafen von Württemberfj, seine Landvögte. 



') Ebeudas. 164. 

2) Ebeudas. 181. 

3) Staatsarchiv, Geschichte der Stadt Esslingen von Pfatf, S3. 
*) Staatsarchiv in Stuttgart. 

'') L. Schmid, Monumenta Hohenbergica Nr. 377. 

'^) Pfaff 83 und Staatsarchiv in Stuttgart. 

') Stalin 3, 207, Anm. 3. 

*) Staatsarchiv Stuttgart, ebenso die fo]gf>nden Urkunden bis 1359. 



236 Theodor Schön. 

zu entrichten und stellte auch am 22. October 1356, 23. Juli 1358. 
sowie 29. Januar 1359, diesen Grafen Anweisungen auf diese Steuer 
aus. Allein ira Jahre 1363, nachdem Württemberg am 31. August 
1360 die Laudvogtei verloren hatte, liess Kaiser Karl IV. den Herzog 
Friedrich von Teck, seit 3. November 1347 Landvogt in Augsburg 
(t 1390), die Esslinger Reichssteuer ^) zukommen, empfieng am 20. Juli 
1360 selbst 800 Pfund Heller 2) und begabte am 27. Dezember 1364 
wieder den Bürgermeister ?tüdeffer Manes von Zürich und Eberhard 
Braun, des Kaisers heimliches Hofgesind mit 1100 Gulden vou den 
1600 Pfund Heller, welche Esslingen jüngst dem Kaiser bewilligt 
hatte 3). Im Jahre 13ö6 wies Kaiser Karl IV. dem Grafen Ulrich 
v. Helfenstein, seinem Landvogt in Schwaben (d. h. Oberschwaben bis 
1367) 400 Pfund Heller und dem Bischof von "Werden (Eudolf II 
Rühle) die gleiche Summe auf die Reichssteuer der Stadt Esslingen 
an, beide Anweisungen wurden noch im selben Jahr bezahlt *). Nach 
einer Urkunde vom 26. Februar 1367 hatte vom Kaiser der Bischof 
Lambrecht von Speyer 400 Pfund Heller aus der Esslinger Steuer 
erhalten. Sechs Jal: re später liess der Kaiser dem BurggTafen Friedrich 
von Nürnberg, dei seit 31. März 1367 Landvogt in Oberschwaben 
war, die Esslinger Reichssteuer zukommen. Im gleichen Jahre musste 
die Stadt dem Kaiser noch eine aussergewöhnliche Abgabe entrichten. 
Am 19. April 1373 quittierte derselbe ihr nemlich den Empfang von 
10.000 Gulden, so sie in seinem Namen dem Grafen Eberhard vou 
Württemberg bezahlt hatte, und am 25. Mai 1373 befahl er den Bür- 
gern zu Esslingen, die ihm auf Pfingsten zu bezahlenden 10.000 Guldeu 
dem Bürgermeister und Rath von Nürnberg zu übergeben ^). Unter 
Karls IV. Sohn, König Wenzel, welcher noch als römischer König am 
31. Mai 1377 Esslingen die abgelaufeneu Steuern erliess, dauerten die 
Anweisungen auf die Esslinger Reichssteuer fori. Am 11. Januar 1390 
quittierte Graf Eberhard der ältere vou Württemberg für sich und 
seinen Enkel Eberhard über den Empfang von 2100 Gulden*^). 
König Wenzel wies am 20. September 1394 den Jürgen Vraunhofer 
(Frauenhofer aus dem bayerischen Geschlecht), der seit 17. August 
1385 bis 1388 Landvogt in Ober- und Niederschwaben gewesen war, 



') Pfaff, Esslingen 83. . 

-') Reg. Karls IV. n. 3238. 

•'') Staatsarchiv Stuttgart. - .. 

*) Pfaff, Esslingen 83, Staatsarchiv Stuttgart. 

s) Pfaff", Esslingen 83, Staatsarchiv Stuttgart und Reg. Karls IV. n. 5204. 

") Staatsarchiv Stuttgart. 



Die Reichssteuer der Schwab. Reichsstädte Esslingen etc. 237 

auf die Reichssteuei* zu Esslingen au und befahl der Stadt, dieselbe 
an ihn zu zahlen ^). 

Dem abgesetzten König Wenzel folgte am 21. Auo-ust 1400 
Ruprecht von der Pfalz. Schon am 9. Mai 1402 erhielt sein Sohn, 
Pfalzgraf Ludwig von ihm die Esslinger Reichssteuer, ferner am 
25. November 1402 der Nürnberger Bürger ßerthold Pfinzing die 
Steuer für 1403. Ohne practische Folgen blieb es, dass Ruprecht im 
gleichen Jahre seinen königlichen Hofsehreiber Johann Kircheim auf 
die jährliche Steuer des nächsten Jahres anwies, da er schon am 
25. October 1403 der Stadt auftrug, dem Albrecht Raner (Roner) und 
Hans Sachs von Esslingen 200 Gulden zu geben ^). Am 22. Juni 1404 
und 8. Juli 1405 befahl er der Stadt, die nächste Jahressteuer dem 
Heinrich von der Hubeu, Hofmeister zu Heidelberg zu geben, am 2. Oc- 
tober 1406 und 25. November 1407 gebot er, die nächste Jahressteuer 
dem Syraod von Eberbach, Haushofmeister zu Heidelberg, desgleichen 
am 14. Nov. 1408, 17. November 1409 und im Jahre 1410 seinem nicht 
benannten Haushofmeister zu geben •^). 

Der neue König Sigismund verpfändete am 4. September 1413 
seinem Protonotar Johann Kirchen, der ihm drei Jahre lang in 
Deutschland und Italien treu gedient hatte und dem er für Kosten 
und Zehrung 4000 Gulden schuldig geworden war, die Reichssteuer 
zu Esslingen, jedoch so, dass er sie wieder verkaufen konnte. Am 
21. Januar 1414 schlug er noch 2000 Venediger Ducaten wegen 
neuer, , festiglicher und köstlicher" Dienste auf diese Pfandschaft. Zu 
dieser Verpfändung gaben Kurköln am 25. April 1415, Kurtrier am 
I.April 1415, Kurpfalz am 14. Februar 1415, Kursachsen am I.April 
1415, Kurbrandenburg am 6. Februar 1414 und Kurmainz am 1, Februar 
1416 ihre Einwilligung. Der nene Pfandinhaber Johann Kirchen ver- 
kaufte sodann am 23. Mai 1414 die Pfandschaft au die Stadt Esslingen 
für 6000 Gulden (ein Drittel baar, der Rest in Schuldverschreibungen), 
nachdem am 6. Februar 1414 Sigismund in diese Veräusseruug eiu- 
gewilligt hatte ■*). 

Fortan blieb Esslingen von der Zahlung der Reichssteuer befreit. 
Zwar wies Kaiser Friedrich III, am 13. November 1461 die Bürger 
von Esslingen mit der Bezahlung der gebührenden Steuer an den 
Markgrafen Albrecht von Brandenburg ^) und forderte nochmals am 



') Ebendort. 

2) Chmel Reg. Ruperti n. 1181, 1356, 1378, 1620. 

3) Ebenda n. 1784, 2005, 2200, 2419, 2690, 2826, 2894. 

4) Pfaff, Esslingen 83. 

^) Stuttgart Staatsarchiv. 



238 Theodor Schön. 

4. Februar 1484 die Keichssteuer vou Esslingen. Doch war dies ohne 
practische Folgen und Esslingen blieb bis zum Tod des Kaisers 
(19. August 1493) von wirklicher Zahlung der Steuer verschont i). Am 
27. August 1504 verlangte Herzog Ulrich von Württemberg von 
Esslingen, dass es die Steuern, die sie den Schürmann, den Kechts- 
nachfolgern Johann Kirchens schuldig sei, fortan seinem Kanzler 
Dr. Gregor Lamparter und Marschall Conrad Thumb (nicht Thunck) 
und deren Erben -') zahlen solle. Als am 7. September 1505 Kaiser 
Maximilian I. aufs neue von Esslingen die Keichssteuer forderte, ant- 
wortete die Stadt, sie habe diese Steuer von Johann Kirchen erkauft ; auch 
hätte des Kaisers Vater Friedrich III. darüber zwar Bericht verlangt, 
sich aber mit diesem begnügt und es würde seit Menschengedenken 
die Steuer nicht mehr eingefordert. Damit gab sich der Kaiser zu- 
frieden und erklärte am 1(3. December 1505, bezüglich der Esslinger 
Keichssteuer sollte alles beim alten bleiben, er versprach auch am 
26. Juli 1510, die Reichssteuer Esslingens nicht mehr zu erhöhen. Die 
Forderungen wegen der Keichssteuer erneuerten noch 1573 Kaiser 
Maximilian II. und 1579 Kaiser Rudolf IL, sie standen aber auf den 
Bericht des Esslinger Raths von ihrem Begehren wieder ab. Erst 
Kaiser Karl VI., der 1723 die verpfändeten Keichssteuern einzulösen 
beschloss, trat mit der Forderung der Wiedereinlösung an die Stadt 
heran. Diese suchte in einer Vorstellung an den Kaiser vom 5. Dec. 
1724 zu beweisen, dass sie zur Einlösung nur durch einen Keichstags- 
beschluss gezwungen werden könne, sie trat 1725 sogar mit der Be- 
hauptung auf, dass die verpfändeten Reichssteuern garnicht mehr ein- 
gelöst werden könnten. Allein der Kaiser beharrte auf seiner For- 
derung von 1600 Gulden Reichssteuer jährlich, da die früheren 800 
Pfund Heller so viel nach jetzigem Geldwerth ausmachten, und erlaubte 
ihr nur 300 Gulden als Zins der Pfandsumme von 6000 Gulden davon 
abzuziehen. Darauf erwiderte 1734 die Stadt: der abziehbare Zins 
müsse auf 600, sogar 900 Gulden berechnet werden. Doch nützte 
dies nichts, ebensowenig als die Fürbitte des schwäbischen Elreises. 
Der Kaiser begehrte sogar noch 11750 Gulden Steuerrückstände 
Letztere erliess er jedoch am 18. Januar 1738 und ordnete an, dass 
die Stadt erst nach sechs Jahren (also 1743) die Keichssteuer wieder 
zu zahlen habe. Noch vor dieser Termin ablief, starb Karl VI. am 
20. October 1740. So lange sein Nachfolger Karl VII. lebte, wurde 
Esslingen nicht weiter bedrängt. Erst Kaiser Franz I. forderte am 



') Pfaif, Esslingen 84, woselbst auch die weiteren Belege für Esslingen. 
-) Klüpfel, Ürk. zur Geschichte des schwäb. Bundes 1. 515. 



Die Reichssteuer der schwäb. Reichsstädte Esslingen etc. 239 

24. Januar 1746 die Stadt auf, die Sache wegen der Keichssteuer zu 
ordnen, Hess es indes bei der blossen Aufforderung bewenden. Kaiser 
Joseph II., der am 1 8. August 1765 ihm folgte, begehrte noch im 
Jahre seines Regierungsantritts die Steuer nebst den Rückständen von 
1743 an ohne Verzug und verklagte 1781 die Stadt durch den Reichs- 
fiskal beim Reichshofrath. Dieser verurtheilte die Stadt Esslingen 1787 
zur Zahlung der Steuer nebst 42.100 Gulden Rückständen, gewährte 
ihr aber eine Frist nach der andern, bis 1792 endlich der Revo- 
lutionskrieg ausbrach und die Sache ganz in Vergessenheit gerieth. 

2. Die Steuer der Stadt Reutlingen. 

Eine ganz andere Entwicklung als in Esslingen nahm die Ge- 
schichte der Reichsöteuer in Reutlingen, Acht Jahre später als die 
Esslinger wird die Reutlinger Reichssteuer zuerst erwähnt. Am 12. Juli 
1323 gab Ludwig der Bayer dem Johann von Bernhausen von der 
Steuer der Reichsstadt Reutlingen 1200 Pfund Heller, ebenso dem 
-Hermann von Haldenberg von der Steuer der Reichsstädte Reutlingen 
und Rottweil 1000 Pfund Heller i). Als am 18. März 1342 Graf 
Ulrich von Württemberg, seit 2. April 1330 Landvogt in Nieder- 
schwaben, mit dem Kaiser abrechnete und ihm noch 2502 Pfund zu 
gut kamen, wies der Kaiser dem Grafen 400 Pfund Heller auf die 
"Steuer der Stadt Reutlingen an ^). 

Karl IV. gebot am 20. Juli 1360 dem Bürgermeister, Rath und 
den Bürgern von Reutlingen ihm 400 Pfund Heller auf künftigen 
Martini zu zahlen 3). Am 22. Sept. 1360 erhielt Graf Rudolf III. von 
Hohenberg von demselben eine Anweisung von 600 Gulden auf die 
jährliche Reichssteuer zu Reutlingen und am 4. Nov. 1360 quittierte 
der Kaiser der Stadt den Empfang der gewöhnlichen, auf Martini 
übers Jahr fälligen Steuer -i). Vier Jahre später, am 9. Februar 1364, 
befahl er wieder der Stadt, die dem Reiche schuldigen, jährlich auf 
Martini fälligen 400 Pfund Heller dem Werner von Mörsberg um 
seiner getreuen Dienste willen zu geben. Auf diese 400 Pfund Heller ^) 
jährlicher, auf künftigen Martini fälliger Steuer gab der Kaiser in den 
folgenden Jahren einer Reihe von Fürsten und Edlen Anweisungen, 



') Böhmer, Reg. Ludwigs n. öül, 592. 

-') Stalin 3, 207. 

3) Böhmer - Huber, Reg. Karls IV. n. 3238. 

•*) Staatsarchiv Stuttgart, ebenso alle folgenden Urkunden bis einschliesslich 
zum Jahre 1401. 

ä) In der Urkunde vom 24. Februar 1367 heisst es: löV» Schilling Heller 
gleich einem Gulden. 



240 



Theodor Schön. 



nemlich am 14. Januar 1365 dem Herzog Friedrich vou Teck, der 
seit 3. November 1347 Landvogt in Augsburg war, am 12. Januar 
1366 dem Grafen Ulrich von Helfeu stein (Landvogt in Oberschwaben 
bis 1367), am 24. Februar 1367 dem Landgrafen Johann von Leuch- 
tenberg, am 3. Februar 1368 dem Herzog Wenzel von Luxemburg, 
Brabant und Limburg, Keichsvicar diesseits des Lampertschen Gebirgs, 
,,dieweil er Vicar ist'S und am 28. October 1368, sowie am 26. Sept. 
1370, 14. Sept. 1371 und 16. October 1373, dem Burggrafen Friedrich 
von Nürnberg, welchei* seit 31. März 1367 Landvogt in Ober- 
schwaben war. 

Inwieweit übrigens diese kaiserlichen Anweisungen Zahlungen zur 
Folge hatten, ist unbekannt, erhalten sind nur Quittungen des Burg- 
grafen Friedrich vom 29. März 1371, vom 15. Januar 1372 und vom 
19. Februar 1374 für die Martini des Vorjahres fälligen Steuern. 

Weitere Anweisungen des Kaisers auf diese Steuer lauteten am 

4. Juni 1374 auf Friedrich, Pfalzgraf bei Khein und Herzog in Bayern, 
sowie am 3. August 1375 auf Stephan und Friedrich, Pfalzgrafen 
bei Khein und Herzogen in Bayern. Doch muss der Letztgenannte, 
der ja seit 1374 Landvogt iu Oberschwaben und seit 1378 in Nieder- 
schwaben war, auch auf die auf Martini 1374 und Martini 1375 
fällige Reichssteuer kaiserliche Anweisungen erhalten haben. Denn 
am 25. November 1375 befahl er dem Bürgermeister, Eath und Bür- 
gern von Reutlingen, die auf den vergangenen Martini fällig gewesene 
gewöhnliche Steuer an Otto den Roten, Bürgermeister zu Ulm und 
Hans den Gäzzeler, Bürger daselbst, zu reichen und am 18. November 
1375 quittierte er der Stadt den Empfang von 400 Pfund, alles „gärer 
und geber iteliger Heller'', ihrer gewöhnlichen Stadtsteuer. 

Auch König Wenzel begabte Friedrich, Pfalzgi'af bei Rhein und 
Herzog von Bayern, 1379 oder 1380 mit der halben Reichssteuer der 
Stadt Reutlingen, denn am 1. Nov. 1380 gebot Friedrich dem Bürger- 
meister, Rath und den Bürgern von der auf Martini 1380 fälligen 
o-ewöhnlichen Steuer 200 Pfund Heller dem Grafen Heinrich von 
Wartstein zu geben. Eine königliche Anweisung auf die ganze, Martmi 

1380 fällige Steuer erhielt Friedrich erst am 3. November 1380. Am 

5. November 1380 that daher dieser der Stadt kund, dass er Hans 
dem Vischer, seinem Wirth uud Vogt zu Esslingen, 200 Pfund Heller 
von der auf Martini 1380 fälligen Steuer verschrieben habe. Auch 
die Steuer des nächsten Jahres erhielt König Wenzel am 19. Sept. 

1381 von Pfalzgraf Friedrich. Am 11. October 1381 stellte er der 
Stadt über den Empfang derselben eine Quittung aus. Doch schon 
im folo-enden Jahre wurde ein anderer Fürst vom König Wenzel auf 



Die Reichssteuer der schwäb. Reichsstädte Esslingen etc. 241 

die Steuer angewiesen; am 5. September 1382 gebot Wenzel dem 
Bürgermeister, Kath und den Bürgern die gewöhnliche Steuer an 
Martini dem Herzog Leopold zu Oesterreich (seit 25. Februar 1379 
Landvogt in Ober- und Niederschwaben) zu geben, der auch am 
16. November 1382 den Empfang derselben quittierte. Die gleiche 
Anweisung erfolgte im nächsten Jahr am 24. August 1383. Am 
16. October 1383 und 31. August 1384 stellte der Herzog der Stadt 
eine Quittung für die Steuer aus, die sie ihm als des Keiches Land- 
vogt zu Sehwaben zu reichen schuldig war i). Die Steuer war ihm 
aber nicht baar gezahlt worden, sondern deren Betrag von der Geld- 
schuld, wofür den mit Keutlingen verbundenen Städten von den Ver- 
wandten des Herzogs, dem Grafen Rudolf von Hohenberg, Oberndorf 
und Schömberg versetzt worden waren, in Abzug gebracht worden. 
Noch einmal, am 21. Juli 1384, gebot Wenzel der Stadt, dem Herzog 
die gewöhnliche Steuer zu zahlen. 

Am 17. August 1385 entzog König Wenzel dem Herzog Leopold 
von Oesterreich die Landvogtei und ernannte am gleichen Tage zu 
deren Verweser Wilhelm Frauenberger vom Hage. Diesem musste die 
Stadt nach einer königlichen Anweisung am 9. October 1385 die ge- 
wöhnliche Steuer entrichten , worüber Wilhelm am 28. Januar 1386 
eine Quittung ausstellte. 

Am 7. Juli 1386 und 8. Juli 1387 befahl sodann Wenzel der 
Stadt, dem Edlen Hadmar von Laber die gCAvöhnliche Steuer zu zahlen, 
der dann auch am 7. Februar 1387 und 17. Juni 1388 deren Empfang 
bescheinigt. Zu Landvögten in Ober- und Niederschwaben bestellte 
im letzteren Jahre König Wenzel die Gebrüder Landgraf Johann und 
Sigobot von Leuchtenberg. Daher erklärt es sich, dass am 28. Febr. 1389 
Bürgermeister, Richter und Rath der Stadt Reutlingen dem Schreiber des 
Landgrafen Friedrich 20 rheinische Gulden von der an Martini 1388 fällig 
gewesenen Steuer zahlten. Am 12. Juni 1389 gebot der König der Stadt, 
die gewöhnliche an Martini 1389 fällig werdende Steuer an Borziboy von 
Swinars, Pfleger zu Ruerbach und Ulrich v. Wolfsberg, Pfleger zum 
Rotenberg, sowie am 16. October 1389 die an Martini 1388 fällig ge- 
wordene Steuer an den Landgrafen Sigobot zu Leuchtenberg, Graf zu 
Hals, Landvogt in Ober- und Niederschwaben, zu entrichten, welcher 
der Stadt auch die Quittung der genannten zwei Pfleger überantworten 
sollte. Ebenso gebot er am 28. December 1388 der Stadt, die Steuer 
an Sigobots Bruder Hans, dagegen am 11. December 1390 dieselbe 

') Schon früher hatten Landvögte die Steuer erhalten. Hier wird aber 
zum erstenmal die Steuer als eine Zubehör des Amts eines Landvogts bezeichnet. 
Ursprünglich war dies nicht der Fall, wie die ältesten Anweisungen zeigen. 

MittheUungen XVII. 16 



942 Theodor Schön. 

dem Borziboy von Swinars, Pfleger zu Auerbach, zu entrichten, der 
dann auch am 13. Januar 1391 deren Empfang bestätigte. Am 
14. Februar 1391 erhielt Landgraf Sigobot, dem auch am 18. October 
1391 die Steuer angewiesen wurde, erst die ihm 1389 angewiesene 
Steuer im Betrag von 47 Pfund Heller und 60 rheinischen Gulden 
ausbezahlt. 

^^i^achfolger Sigobots in der Landvogtei von Schwaben wurde der 
Böhme Borziboy von Swinars, der auch Landvogt im Elsass wurde. 
An diesen musste Reutlingen nach königlichen Anweisungen vom 
12. August 1392, 2. Mai 1393 und 1. September 1394 die Steuer 
zahlen. 

Am 19. Juni 1395 ernannte der König Herzog Stephan von 
Bayern zum Landvogt in Ober- und Niederschwaben und gebot am 
28. August 1395 der Stadt ihm die Martini 1395 fällige Steuer zu 
zahlen; mit der Eincassierung derselben beauftragte der Herzog am 
9. Januar 1396 Ulrich den Eumhof, seinen Landschreiber. Desgleichen 
wies der König am 29. April 1397 Herzog Stephan, der am 12. Nov. 
1397 eine Quittung über den Empfang ausstellte, die Steuer an, 
v^rährend dagegen am 25. August 1396 wieder Borziboy von Swinars, 
jetzt Hauptmann in Bayern eine Anweisung auf dieselbe erhalten hatte 

Im Jahre 1398 ernannte König Wenzel den Grafen Friedrich zu 
Oettingen zum Landvogt in Ober- und Niederschwaben, welchem er 
am 11. Juli 1398 die gewöhuliche, Martini 1398 fällige Steuer laut 
Quittung vom 11. November 1398 zukommen liess. Die Martini 1399 
fällige Steuer dagegen erhielt am 13. August 1398 seine Wirthin 
zu Nürnberg, Barbara, die Witwe des Nicolaus Muffel; diese bevoll- 
mächtigte am 6. November 1399 zur Empfangnahme ihren Diener 
Hans, dem dann am 12. Nov. gegen eine Quittung die Steuer von 
Seiten der Stadt gezahlt wurde. Auch die Martini 1400 fällige Steuer 
übertrug König Wenzel am 3. Jänner 1400 au Barbara (Colar), Wittwe 
des Nicolaus Muffel, Bürgerin zu Nürnberg und ihre Kinder Nicolaus 
und Anna. 

König Ruprecht von der Pfalz wies am 31. August 1401 die auf 
Martini 1401 fällige Steuer dem Nürnberger Bürger Heinrich Hars- 
dorfer an, der sie auch am 11. November in Empfang nahm. Unter 
diesem neuen König wechselten die Empfänger der neuen Steuer fort- 
während. Es waren der Reihe nach mit derselben begabt worden: 
Am 9. Mai 1402 Johann Kirchen, des Königs Hofschreiber, der am 
28. December 1402 der Stadt den Empfang bescheinigte i), am 25. Nov. 



') Chmel, Reg. Ruprechts n. 1181 und Staatsarchiv Stuttgart. 



Die Reichssteuer der schwäb. Reichsstädte Esslingen etc. 243 

1402 der Nürnberger Bürger Berthold Pfintzing, dem die Stadt die 
Steuer, ausgenommen 127 Guldeu i), am 12. November 1403 aus- 
zahlte 2) , am 25. November 1403 Ritter Eberhard von Landau 3) , am 
2. November 1405 Johannes, Kammerschreiber des Königs^), am 
S. September 1406 Ritter Heinrich Buchberger, der am 12. November 
1406 über die ganze Steuer im Betrage von 400 Pfund Heller quit- 
tierte, was auch am 18. November 1407 Albrecht von Giech zu der 
Zeit gesessen zu Brunn in Franken, that, der am 29. September 1407 
eine königliche Anweisung auf die Steuer erhalten hatte s). Am 
10. November 1408 verschaffte König Ruprecht dem Herrn von 
Hemesperg 100 Gulden, dem Salentin von Isenburg dem Juno-eu 
40 Gulden, dem Kammerschreiber Johann von Altdorff 50 Gulden, 
dem Hanman Waltmann 50 Gulden, dem Hans Stumpf von Aspach 
und Diether Hund dem Jungen 60 Gulden von der Steuer der Stadt 
Reutlingen. Doch sollte der Kammerschreiber die Quittung über den 
Empfang der 300 Gulden ausstellen, was auch am 28. November 1408 
geschah 6). Am 17. November 1409 wies der König dem Kammer- 
schreiber Johann von Altdorff wieder die Martini 1409 fällig o-ewor- 
dene Steuer an. Am 17. November 1409 gab dagegen der Könio- 
diese Steuer dem Kammerschreiber, Hanman Waltmann, dem Herrn 
von Hemesperg und Salentin von Isenburg dem Jungen; den Empfano- 
quittierte wieder am 25. November 1409 der Landschreiber allein. 
Auch 1410 verschrieb der König jenen vier die Steuer '). Vom neuen 
König Sigmund erhielt am 31. August 1411 der Burggraf Friedrich 
von Nürnberg die au Martini 1411 fällige Steuer, welcher der Stadt 
am 3. April 1412 eine Quittung ausstellte«). Am 31. August 1412 
wies der König seinen Protonotar Johannes Kirchen auf die Martini 

1412 fällige Steuer an, ferner am ] 1. August 1413 auf die Martini 

1413 fällige seinen Rath Wiguleus Schenk von Geyern, dem er sogar 
am 23. December 1413 die Anweisung bis auf Widerruf wegen rück- 
ständiger Besoldung ausdehnte. Eine weitere Anweisung erfolgte am 



-) Diese hielt die Stadt zurück für einen ihrer Bürger, dem eine gleiche 
Summe zu Heidingsfeld am Main (Königreich Bayern) geraubt worden war. 

3j Chmel n. 1356 und Staatsarchiv Stuttgart. 

3) Chmel n. 1619. 

*) Staatsarchiv Stuttgart. 

*) Chmel n. 2189, 2364 und Staatsarchiv Stuttgart. 

^) Chmel n. 2683 und Staatsarchiv Stuttgart, woselbst auch die beiden 
nächsten Urkunden. 

') Chmel n. 2824, 2895 und Staatsarchiv Stuttgart. 

*) Staatsarchiv Stuttgart. 

16* 



244 Theodor Schön. 

16. Januar 1414 ^). Inzwischen hatte Johannes Kirchen dem gekl- 
bedürftigen Könige) 3000 Gulden geliehen, wofür dieser ihm am 
30. März 1415 die gewöhnliche Steuer von Reutlingen, im Betrag von 
400 Pfund Heller versetzte. Als Kurfürst von Brandenburg gab König 
Sigmund am 6. April 1415 zu dieser Verschreibung seine Zustimmung 
und benachrichtigte am gleichen Tage den Bürgermeister, Eath und 
die Bürger von Reutlingen, dass die Steuer auf Wiederlösung und in 
Pfandsweise verschrieben wäre und dass Johann Kirchen und seine 
Erben ihre Rechte an der Steuer versetzen und verkaufen dürften^ 
wenn sie wollten, und dass ihnen und ihren Rechtsnachfolgern die 
Steuer auf Martini gegen ihre Quittungen bezahlt werden müsste. Am 

17. November 1417 beschränkte indessen der König das Recht, die 
Steuer zu versetzen, anf ein Versetzen derselben an die Pfalzgrafen 
Ludwig uud Otto bei Rhein und Graf Eberhard von Württemberg. 

Die Pfaudsumme wurde übrigens mehrmals durch Sigmund erhöht, 
am 4. August 1418 um 600 rheinische Gulden und am 27. April 1420 
um 400 venetianische Ducaten („wegen der seitens Johann Kirchen 
dem König zu Breslau geleisteten Dienste, in den grossen und 
schweren Sachen, die zwischen dem König von Polen und dem 
deutschen Orden 3) gewesen sind"). Am 8. März 1422 verwandelte 
Sigmund die Pfandsumme, die 3600 rheinische Gulden und 400 vene- 
tianische Ducaten betrug, in Mark Silber, so dass er 600 Mark Silber 
für die 3600 rheinische Gulden, d. i. für 6 Gulden 1 Mark löthiges 
Silber rechnete, worauf er noch 100 Mark Silbers dazu schlug. Die 
Pfandsumme belief sich nun auf 700 Mark Silber und 400 Ducaten. Fortan 
bezog Johann Kirchen die Reichssteuer ruhig ais zu seinem Tod, da 
Graf Rudolf von Sulz, dem Sigmund am 29. September 1427 die Er- 
laubnis zur Einlösung der Steuer gab^), hievon keinen Gebrauch 
gemacht hatte. Im Pfandbesitz der Steuer folgte Johann Kirchen sein 
Sohn Johann, Lehrer in geistlichen und kaiserlichen Rechten, welcher 
am 12. März 1434 von Sigmund im Pfandbesitz bestätigt wurde s). 



1) Staatsarchiv Stuttgart und Wien. 

2) Derselbe sagt; „wann wir yetzund fil czyte in unsern und des heihgen 
romischen richs landen unsere und desselben richs und nemelich des heiligen 
concilii, das man gegenvorticlichen in der stat Costentz czu trost der heiligen 
Cristenheit heldet, und ouch gemeines nutzes anligende und notdurftige sache 
und geschefte mit grossr zerung und Coste getriben und gearbeitet haben." — 
Die folgenden Urkunden bis 1422 im Staatsarchiv Wien. 

■i) Siehe Schiemann, Russland, Polen und Livland I, S. 535. 
*) Aschbach, Gesch. K. Sigismunds 3, 463. 
^) Staatsarchiv Wien. 



Die Reichssteuer der schwäb. Reichsstädte Esslingen etc. 245 

Am 5. Mai 1460 war auch der jüngere Johann Kirchen tot; er 
hinterhess zwei Töchter, Mechtilt und Magdalena als Erbinnen, die 
an Ludwig Bettendorfer und Ludwig Schuermann vermählt waren. 
Diese beiden Töchter wurden durch ein Verbot Kaiser Friedrichs an 
dem Bezug der Steuer gehindert, erlangten jedoch am 16. März 1459 
eiue Aufhebung des Verbots und einen Befehl des Kaisers an den 
Bürgermeister und Rath der Stadt Reutlingen zur Auszahlung der 
Steuer. Die Mäuner der beiden Erbinnen Hessen vorsichtiger Weise 
am 5. Mai 1460 durch Bruder Gerhard, Abt des Cistercienserklosters 
Schönau im Bisthum Worms, Lehrer der heiligen Schrift, sich ein 
Vidimus der kaiserlichen Urkunde ausstellen, welche sie der Stadt 
Reutlingen am 6, Febr. 1462 übersandten mit dem Ersuchen, die auf 
Martini 1461 fällig gewordenen 400 Pfund Heller an den Ueberbringer, 
Lenhard Kurcz von Augsburg, auszuzahlen i). Die eine Tochter des 
Johann Kirchen, Mechtilt, verstand es später sich in den alleinigen Besitz 
der Pfandschaft zu setzen. Am 12. Februar 1487 erlaubte ihr Kaiser 
Friedrich IIL, die Reutlinger Reichssteuer so lange einzunehmen, bis 
sie wegen der Hauptsumme und 400 Gulden, welche sie dem Kaiser 
von den verfallenen Steuern zu geben versprochen hatte, befriedigt 
worden sei, und befahl der Stadt, ihr die Steuer im Betrag von 400 
rhein. Gulden zu zahlen. 

Schuermann (Schewrmann) und seine Frau erhielten um Martini 
1487, 1488 und 1489 je 275 Gulden von der Steuer, ebenso ihre 
Söhne Ludwig und Johann Martini 1490, 1491, 1492 und 1493 je 
275 Gulden. Am 1. März 1491 theilte Ludwig dem Reutlinger Bürger- 
meister Wilhelm Walker mit „ich han ylens uff den nehsten abscliiedt 
burgermeister und rate der stat Rutlingen mynem bruder geschriben, 
von mynem gnedigen herren pfaltzgraven sclirifft erlangen zu berich- 
timg, wie soliche der von Reutlingen stadtstuwer hinfüre nit mee 
unser lieben muter gebure, sonder uns sonen. Die schicke uch sampt 
unser quitantzen, uch fliszlich bitten uff semlich Paulo Butler, zeiger 
dieser brietf an myn stat zu uszrachtung der Ilir' pfund heier ver- 
helffen und mir bey im schicken darfür 275 gülden an guten golt, 
dieser zit nemen vollen. Darab get ein gülden dem statschriber. 
Wollet auch entrichten und gebietteut all zit zu mir". 

Im Jahre 1495 wurde die Familie Schuermann im ruhigen Besitz 
der Pfandschaft gestört. Denn am 6. September 1495 befahl König 
Maximilian I. dem Bürgermeister und Rath der Stadt Reutlingen, 



') Staatsarchiv Stuttgart, daselbst auch die folgenden Urkunden bis 1496 
November 23. 



246 Theodor Schon. 

fortan die Steuer dem Grafen Eitel Friedrich zu Zollern zu geben 
dem er sie um etlicher von seinem Vater herrükrenden Schulden ver- 
schrieben hatte, bis der Graf oder seine Erben 2000 rliein. Gulden 
empfangen haben würden. Am 30. November 1495 zahlte auch die 
Stadt 275 rheinische Gulden an des Grafen Obervogt zu Zollern und 
Haigerloch, Thomas von Wehiugen. Die Steuer des Vorjahrs (fällig 
Martini 1494) hatte die Stadt dem König selbst laut Quittung am 
13. November 1495 gezahlt, ebenso zahlte sie ihm die Martini 1496 
fällig werdende Steuer am 27. September 1496. Am 23. November 1496 
dagegen gebot er, die Martini 1496 fällig gewordene Steuer dem 
Grafen Eitel Friedrich zu Zollern, seinem Kämmerer und Eath, zu 
geben, der auch laut Quittung am 2. December 1496 die 275 rhein. 
Gulden empfieng ^). Es hat demnach die Stadt 1496 die Steuer 
doppelt gezahlt. Am 8. August 1497 befahl der König, 400 rhein. 
Gulden von der Keichssteuer, die etliche Jahre (jedenfalls vor 1495) 
in Arrest und Verbot gelegt worden waren, ebenfalls dem Grafen 
auszuzahlen ''^). Letzterer sandte am 22. October 1497 seinen Diener 
Gabriel Hypp nach Eeutlingen, um die gewöhnliche Stadtsteuer zu 
empfangen, und erhielt am 8. November 1497 die Martini 1497 fällig 
werdende Steuer ^). Indessen regten sich wieder die Schuerniann mit 
ihren Ansprüchen und am 13. August 1498 kam ein Vertrag zu stände, 
laut welchem Mechtilt Kirchnerin nnd ihre Söhne Ludwig und Johann 
Schuermann künftig alljährlich zu Martini in Abschlag der Summe 
Gelds, so ihnen an der Hauptsumme oder dem Kapital, um welche 
ihnen solche Stadtsteuer verschrieben worden war, noch ausstand, 
175 rheinische Gulden, Graf Eitel Friedrich zu Zollern die übrigen 
Gulden ebenfalls in Abschlag der Summe Geldes, um die ihm die 
Stadtsteuer verschrieben worden war, erhalten sollten. Auch wurde 
bestimmt, dass die beiden Gebrüder Schuermann und ihre Mutter 
noch ein Jahr nach Ausgang der die zur Bezahlung ihrer Haupt- 
summe nöthigen Jahre 175 rheinische Gulden erhalten sollten, da 
sie etliche Jahre die Steuer nicht eingenommen hätten und dadurch 
200 Gulden Schaden erlitten zu haben glaubten. Am 24. August er- 
folgte dann ein Mandat an die Stadt, künftig in oben angegebener 
Weise die Steuer auszuzahlen ^). Ludwig und Johann Schuwermann, 
beide Licentiaten der Kechte, empfiengen dann ihre 175 Gulden zuerst 
mit der Mutter am 3. April 1499, dann allein am 19. November 1499 



ij Staatsarchiv Stuttgart. 
-) Staatsarchiv Wien. 
3) Staatsarchiv Stuttgart. 
•*) Staatsarchiv Wien. 



Die Reichssteuer der schwäb. Reichsstädte Esslingen etc. 247 

19. November 1500, 19. November 1501, 19. November 1502, 19. Nov. 
1503, während Graf Eitel Friedrich die 100 rheinischen Gulden am 
19. Februar 1499, 9. März 1500, 2. März 1501 und 18. Februar 1502, 
sowie 16. Juni 1503 empfieng i). 

Das Jahr 1504 brachte indessen wieder eine Veränderung. Am 
3. September 1504 that König Maximilian der Stadt Keutlingen kund, 
dass er den Pfalzgrafen Philipp bei Rhein mit sammt seinen Auhän- 
o-eru, Verwandten, Helfern und Helfershelfern wegen ihres merklichen 
Ungehorsams und Verachtung, welche sie ihm und dem heiligen Reich 
bewiesen hätten, in seine und des Reiches Acht und Aberacht erklärt 
habe; da nun Ludwig und Hans Schirman des Pfalzgrafen Anhänger 
und Verwandte seien, dieselben aber von der Stadtsteuer 175 Gulden 
einzunehmen hätten, habe Herzog Uh-ich von Württemberg und Teck 
kraft der Acht des königlichen Processes und der königlichen Man- 
date diese Summe Geldes angefallen (d. h. mit Beschlag belegt) und 
sie seinem Kanzler Gregor Lamparter und seinem Marschall Conrad 
Tumm (Thumb v. Neuburg) mit Einwilligung des Königs übergeben, 
welcher der Stadt bei einer Strafe von 20 Mark löth^gen Silbers gebot, 
die 175 Gulden jährlich an die beiden zuletztgenannten auszuhändigen, 
lüdessen kam es hierzu nicht. Vielmehr hat König Maximilian selbst 
am 10. October 1504 und 2. November 1505 laut Quittung die 175 
Gulden eingenommen ; die übrigen 100 Gulden empfing, wie bisher, 
am 11. Januar 1504 und 21. Februar 1506 Graf Eitel Friedrich zu 
Zollern. 

Wenn auch am 1. November 1505 König Maximilian der Stadt 
gebot, die Stadtsteuer zu Reutlingen an Ludwig und Johanna Schuer- 
mann, die demnach der Acht entlassen waren, auszuzahlen, so gieug 
doch dieselbe bald ganz der Familie Schuermann verloren. Am 
6. December 1506 verlieh Maximilian dieselbe dem Grafen Eitel 
Friedrich zu Zollern zu rechtem Mannslehen, wozu am 24. Juli 1507 
Erzbischof Jacob von Mainz und Erzbischof Jacob von Trier, sowie 
Kurfürst Friedrich von Sachsen, am 4. November 1507 Kurfürst 
Joachim von Brandenburg und am 4. Mai 1510 Erzbischof Philipp 
von Köln und Kurfürst Ludwig von der Pfalz ihre Zustimmung gaben. 
Am 7. August 1507 gebot dann Maximilian dem Bürgermeister und Rath 
der Stadt Reutlingen, die Steuer dem Grafen Eitel Friedrich zu zahlen, 
welcher am 23. December 1507 über den Empfang von 275 Gulden, die 
auf Martini 1506 fällig geworden waren, und 200 Gulden, die am letzten 
Martini fällig waren eine Quittung ausstellte. Weitere Quittungen über 
die gleiche Summe erhielt die Stadt von dem Grafen am 12. Nov. 1508, 

*) Staatsarchiv Stuttgart, wo auch alle folgenden Urkunden. 



248 Theodor Schön. 

18. November 1509, 18. November 1510, 16. November 1511. Am 
23. Jänner 1512 verspraeli er, dass, wenn vom Kaiser oder dessen 
Nachfolgern etwas ausginge, das ihn oder seine Leibeserben an dieser 
Lehenschaft und die ßeutlinger an der Bezahlung solcher Reichssteuer 
hindere, er und seine Erben dies auf ihre Kosten und ohne Schaden 
der Eeutlinger abschaffen sollten; wenn letzteres nicht geschehe, oder 
er oder seine Erben rechtlich solcher Lehenschaft entsetzt würden, 
oder diese ihnen aberkannt oder von ihnen eingelöst würde, so sollte 
die Verschreibung die Keutlinger nicht binden, ihnen etwas zu geben. 
Auch Bürgermeister und Richter der Stadt Reutlingen mussten sich 
durch einen Revers am gleichen Tage für sich und ihre Erben ver- 
pflichten, wenn vom Kaiser oder dessen Nachfolgern etwas ausgienge, 
das den Grafen von Zollern uder seinen Erben an der Lehenschaft 
hindere, dem kaiserlichen Gebote nachzukommen. Hierauf verlieh der 
Kaiser dem Graten Franz Wolfgang von Zollern, der am 18. Juni 
1512 seinem Vater Eitel Friedrich gefolgt war, als ältestem Sohne 
die Reutlinger Stadtsteuer (275 rh. fl.j als Pfandlehen. Der neue 
Pfandherr stellte der Stadt am 13. November 1514, am 19. November 
1515, am 20. November 1516 Quittungen aus. Er starb jedoch schon 
am 16. Juni 1517. Am 10. Juli 1517 fragte Kaiser Maximilian bei 
der Stadt an, ob die Stadtsteuer dem verstorbnnen Grafen sein Leben 
lang oder auf etliche Jahre verschrieben gewesen sei. Graf Franz 
Wolf gang hinterliess einen siebenjährigen Sohn, Christoph Friedrich. 
Der Bruder des Verstorbenen, Graf Eitel Friedrich 111., schrieb am 
17. Juli 1518 der Stadt, dass er ihr Schreiben betreffs der Stadtsteuer, 
den Mitvormündern zuschicken und , darinnen auf das fürderlichste 
handeln werde, wie sich das gebüren will.* Sieben Tage vorher war 
aber bereits Graf Joachim, des verstorbenen Grafen anderer Bruder, 
als Lehenträger Christoph Friedrichs mit der Reichs- oder Stadtsteuer 
zu Reutlingen vom Kaiser belehnt worden. Als Vormund Christoph 
Friedrichs stellte Graf Eitel Friedrich der Stadt am 11. Jänner und 
26. November 1518, 18. November 1519, 9. Jänner und 26. November 
1521, 25. November 1522 Quittungen aus. Doch nicht all' dieses Geld 
gelaugte in die Hände seines Mündels. Am 18. Juni 1520 verschrieben 
sich Graf Christoph von Werdenberg und Heiligenberg, Graf Joachim 
von Zollern, Jörg Truchsess Freiherr von Waldburg, Vormünder der 
Kinder des verstorbenen Grafen Franz Wolfgang, gegen Graf Eitel 
Friedrich III., dass letzterer sein väterliches und mütterliches Erbe um 
30.000 Gulden ihnen verkauft, aber nur 24.000 Gulden baar erhalten 
habe. Für den Zins des noch ausstehenden Kaufgeldes (6000 Gulden), 
nämlich 300 Gulden, verschrieben sie ihm 250 Gulden von der Reut- 



Die Reichssteuer der schwäb. Reichsstädte Esslingen etc. 24"^ 

linger Stadtsteuer, die er jährlich auf Martini beheben sollte. Graf 
Eitel Friedrich schickte darauf der Stadt am 19, Februar 1521 eine 
Quittung über die 275 Gulden Stadtsteuer, die am letzten Martini 
fällig war, und 50 Gulden (je 15 Batzen 1 Gulden) Zins von 300 
Gulden, die ihm die Stadt geliehen hatte. Am 8. Jänner 1521 hatte 
nämlich Graf Eitel Friedrich die Stadt gebeten, seinem Boten 250 
Gulden zu übergeben, 25 Gulden aber als Abschlagszahlung am ent- 
lehnten Gelde zurückzubehalten. 

Während noch am 8. März 1521 der Kaiser Graf Joachim von 
Zollern als Lehenträger des Grafen Christoph Friedrich mit der Stadt- 
steuer belehnte, überkam 1523 Graf Eitel Friedrich III. die Stadtsteuer 
als Mannsieheu. Doch behielt sich das Reich das Eecht vor, dieselbe 
für 5000 Gulden einzulösen i). Am 21. Juni 1523 versprach Balthasar 
Kylmayer, Schultheiss zu Hechingen, der Stadt Reutlingen die Wille- 
briefe der Kurfürsten, so die Grafen von Zollern über die Könio-s- 
oder Stadtsteuer Reutlingens in Händen haben, in Monatsfrist zu 
überantworten -). Am 5. September 1523 theilte Kaiser Karl V. dem 
Bürgermeister und Rath mit, er habe einen allgemeinen Reichsconvent 
nach Nürnberg ausgeschrieben und wollte zugleich Bericht über die 
Reichssteuer haben. Ehe die Stadt hierauf antwortete, wandte sie sich 
au Graf Eitel Friedrich. Dieser antwortete ihr am 1. December 1523 : 
^ich mag wohl leiden, dass ihr des heiligen reichs regiment zu Nürn- 
berg anzeigen sollet, dass ihr die königsteuer jährlich gebet den Grafen 
von Zollern auf ihre quittung". Indessen erfreute sich Graf Eitel 
Friedrich III. nicht lange des Genusses der Steuer; er starb am 
15. Jänner 1525. Schon am 17. December 1526 bestätigten die Vor- 
münder seiner Kinder, Graf Felix v. Werdenberg und Heiligenberg 
und Gaugolf Herr von Hohengeroldseck und Sulz, der Stadt den 
Empfang non 220 Gulden (1 Gulden = 27 Kreuzer und 2 Heller), 
ebenso am 19. November 1527 Graf Felix von Werdenberg als Vor- 
mund derselben Kinder den Empfang von 250 Gulden. Auch stellte 
am 12. December 1527 der Graf von Werdenberg diese 250 Gulden 
und 50 Gulden baar der Stadt zurück, wodurch das Anlehen, welches 
Graf Eitel Friedrich III. bei der Stadt Reutlingen gemacht hatte, im 
Betrage von 300 Gulden getilgt wurde. Ferner quittierte Freiherr 
Gottfried Werner von Zimmern am 23. November 1529 und 30. Nov. 
1530 den Empfang der im Betrage von 250 Gulden fälligen Stadt- 
steuer. 



1) Statthalter ei archiv Innsbruck. 

-) Staatsarchiv Stuttgart wie die folgenden Urkunden. 



250 Theodor Schön. 

Inzwischen hatten sich wieder die Schuermannschen Erben mit 
ihren Ansprüchen auf die ßeichssteuer gemeldet. Schon vor dem 
11. September 1518 sandten der Bürgermeister und Rath au Graf 
Eitel Friedrich von Zolleru, weil von Barbara Scheurmanu an sie eine 
„Anforderung* wegen der Stadtsteuer erhoben worden war. Der Graf 
begehrte von Bürgermeister und Rath am letztgenannten Tag, dass 
sie in dieser Angelegenheit das dienliche thun möchten, und erbot 
sich zu a'leichem. Indessen ruhte die Sache noch zwei Jahre. Erst 
im Jahre 1520 beklagten sich Hans Schurmann für sich, Philipp von 
Hansen, Hanman von Stetten, Gatte der Felicitas Schurmanu, Walter 
Boschmann, Gatte der Margarethe Geckenheimer, von wegen ihrer 
Frauen, und Margarethe Geylin, die Wittwe des Hans Schurmann, 
bei den Kurfürsten unter Berufung auf den am 13. August 1498 ab- 
o-eschlossenen Vertrag und unter dem Vorgeben, dass die wider die 
Schurmanu geschehene Acht noch nie „dargethan" (bewiesen) sei i). 
Hierüber beschwerte sich die Stadt, die von den Schurraännischen 
Erben vor das westfälische Gericht geladen worden war, und betonte, 
dass „sie doch nach kaysers Maxmilian befehl niemandem als dem 
Grafen von Zollern die reichsteur schuldig und an den mit diesen 
Schurmännischen getroffenen Accord nicht gebuuden sey". Sie be- 
tonte, dass ,sie hoffen wolle, die Schurmänuischeu werden entweder 
gar ab oder an die erste Instanz, richter der statt Reuttlingen, ver- 
wiesen werden." üer Process gelangte aus Kammergericht, das am 
30. Jänner 1539 entschied: „ist nach allen fürpringen zu recht er- 
kennt, das gemellte von Reutlingen von fürpracht clag zu absolviren 
und erledigen seyen. * ^) So zahlte denn Reutlingen die Steuer an 
Graf Karl I. von Zollern, den inzwischen mündig gewordenen Sohn 
des Grafen Eitel Friedrich III. Derselbe quittierte dann auch der 
Stadt am 15. November 154G, 28. December 1547, 12. November 1548, 
6. Jänner 1550, 15. December 1550, 20. Jänner 1553, 16. März 1554, 
•2S. Februar 1555, 4. Jänner 1558, 12. December 1558 den Empfang 
von 250 Gulden (den Gulden zu Gl Kreuzer). Im Jahre 1560 wurde 
die Stadt Esslingen mit der Entscheidung in Reutlinger Steuerange- 
legenheiten betraut i). Ob diese sich auch auf die Reichssteuer be- 
zogen, ist unbekannt. 

Graf Karl I. von Zollern, der am 7. Mai 1569 und 14. December 
1571 den Empfang von 250 Gulden rheinisch in Gold der Stadt 



*) Stadtarchiv Reutlingen, wo auch die folgenden Urkunden. 
^) Staatsarchiv Stuttgart, wo auch die folgenden Urkunden. 
3) Pfaft, Esslingen li, 521. 



Die Reiclissteuer der schwäb. Reichsstädte Esslingen etc. 251 

bescheinigte 1) , starb am 8. März 1576. Von ihm hatte am 27. Mai 
1573 Kaiser Maximilian II. Bericht über die Keichssteuer verlaugt, 
wie auch am 19. Januar von der Stadt Nachricht, was und an wen 
sie die Steuer zahle. Nach des Grafen Tod begehrte am 28. December 
1578 wiederum Kaiser Rudolf II. einen Bericht. Bei der Theilung des 
väterlichen Erbes gelangte die Lehenschaft der Reutlinger Stadtsteuer 
au Graf Eitel Friedrich I. zu Hohenzollern - Hechingen. Derselbe 
schrieb am 3. December 1580 an die Stadt und verlangte die 250 
Gulden an Gold, doch nicht wie bisher in allerlei „verbotenen kleinen 
Münzen-, sondern in guter Eeichswähruug. Am 26. September 1585 
forderte Graf Karl II. zu Hohenzollern - Sigmaringeu , welcher wider 
seinen Bruder Graf Eitel Friedrich I. wegen einer Pfandhandlung eine 
Gegenpfändung auf die Reichssteuer vornehmen wollte, dass Bürger- 
meister und Rath nichts von den 250 Gulden ausfolgen Hessen. Im 
Besitz der Lehenschaft der Stadtsteuer folgte am 16. Jänner 1605 
Graf Johann Georg (seit 28. März 1623 Reichsfürst). Am 20. Jänner 
1618 verlangte Kaiser Mathias von der Stadt einen Bericht über die 
Stadtsteuer, den man schon 1578 an Kaiser Rudolf IL hätte erstatten 
sollen, aber nicht erstattet hatte. Am 28. September 1623 folgte dem 
Fürsten Johann Georg sein Sohn Eitel Friedrich II. Dieser bevoll- 
mächtigte am 14. April 1642 seinen Bruder Leopold Friedrich, die 
ihm zuständige Stadtsteuer zu Reutliugen zu erheben. Graf Leopold 
wies die Urkunde hierüber 1646 dem Bürgermeister und Rath vor, 
sie vertrösteten ihn auf 1647. Am 23. November 1647 ersuchte Graf 
Leopold nun die Stadt, „an baar Geld oder, da es nicht sein können, 
an Wein die Gebür zu erstatten ". Die Stadt, welche am 23. April 
1607 sich für Graf Johann Georg bei Dr. Johann Drechsler in Augs- 
burg um 4000 Gulden Darlehen verbürgt hatte, wollte sich wegen 
dieser Bürgschaft so lange au der Reichssteuer , erhohlen ", bis sie für 
die übernommene Bürgschaft schadlos gehalten sei, und theilte dies 
am 30. Jäuner 1648 dem Grafen Leopold mit. Der Graf erwiderte 
hierauf, dass, weil die Zollernsche Reichssteuer Niemandem zu ver- 
setzen sei, die Ausrede wegen der Entschädigung für die Drechslerische 
Schuld der Stadt nicht zu statten käme. AUeiu die Stadt erklärte am 
22. December 1649, sie könne dem Grafen nichts auf Abschlag der 
ausständigen Reichssteuer verabfolgen. Graf Leopold beklagte sich 
darauf am 29. December 1649 sehr, dass man ihm dife Bezahlung der 
Zollernschen Reichssteuer so schwer mache, und bat die Stadt, „dem 
Rittmeister und Wirth Pfäfflin in Reutlingen die bei demselben von 



>) Staatsarchiv Stuttgart, wo auch die folgenden Urkunden. 



252 Theodor Schön. j 

i 

ihm gemachte Schuld auf Abschlag zu zahlen. Die Stadt hinwiederum j 
erklärte nochmals am 31. December 1649, dass sie wegen der Friedens- 
gelder und der bairischen Einquartierung die Keichssteuer zu bezahlen \ 
nicht im Stande sei, und bat den Grafen um Geduld. Nochmals wieder- ' 
holte der Graf am 22. Jänner 1650 sein Gesuch, dem Pfäfflin etwas im | 
Rbschlag von der Zollernschen Reichssteuer zu zahlen. Alles umsonst, i 
Der Graf schrieb nun dem Syndicus der Stadt, Dr. Kurrer, nm I 
3|24. Jänner 1650 sehr scharf: „Ich will den Effect meines Bruders 
und seiner Erbarn Siegel und Brief und sait iher versichert, das ain 
kaiserlicher Eat und Graf des Eeichs so fihel verstaut wurt haben, 
als ain ungeschigter Doctor, so nur auf seinen Nutzen gehet." Am 
15.|26. Jänner 1650 erklärte er sodann aber nochmals: „Ich will 
simpliciter haben, dass man auf Abschlag meiner von meinem Herrn 
Bruder in Hand habender Obligation meine Schuld im Wirthshaus 
zum rothen Ochsen alhier bezahlen solle. " Auch Eitel Friedrich IL 
mischte sich in die Sache und schrieb am 30. Jänner 1650 der Stadt: 
„ich will die verlangte Abechnung und auf abschlag wenigstens etwas 
an Geld". Da gab dann endlich die Stadt nach und versprach von 
der Reichssteuer des Jahres 1647 219 fl. 40 kr., von der des Jahres 
1648 58 fl. 20 kr., von der des Jahres 1650 an Pfäfflin 214 fl. 24 kr., 
von der des Jahres 1651 116 fl. 2 kr. und von der des Jahres 1652 
152 fl. 30 kr. zu zahlen. Diese Abrechnung wurde 1652 mit dem 
Rentmeister des Fürsten Eitel Friedrich IL, Heinrich Ehrincjer, getrofien. 
Sie sollte der Stadt theuer zu stehen kommen. Denn der vom 
Grafen Johann Georg unter Bürgschaft der Stadt Reutlingen am 
23. April 1607 dem Dr. Johann Drechsler ausgestellte Schuldschein 
über 4000 fl. war von des Doctors Erben (der einzigen Tochter Maria 
Magdalena) den Carmelitern zu Augsburg gegen Alimentation über- 
lassen worden. Der Prior Bonaventura mahnte nun die Stadt am 
17. October 1652 wegen Bezahlung der Zollernschen Steuerausstände 
und drohte mit Execution, wenn mau sich nicht mit ihm vergleichen 
wollte. Dies meldete Dr. Erhard Schreiber, Rath und Advocat der 
Stadt Augsburg, am 20. October 1652 dem Syndicus von Reutlingen. 
Joh, Wendel Kurrer, der sofort am 25. October an den Kammer- 
gerichtsadvocat Dr. Lucas Goll in Speyer schrieb, dass dieser die Exe- 
cution durch Errichtung eines guten Vergleiches abwenden möge, wozu 
sich auch Bürgermeister und Rath am 26. October gegenüber dem 
Prior bereit erklärten. Doch kam erst am 1. Juli 1654 zu Rotten bürg 
ein Vergleich zu stände, nach welchem Reutlingen dem Carmeliter- 
orden so lange jährlich 254 fl. 10 kr. zu zahlen habe, bis die 8000 fl- 
— so hoch war, da keine Zinsen gezahlt worden waren, das 1607 



Die ßeichssteuer der schwäb, Reichsstädte Esslingen etc. 25H 

von Graf Johauu Georg entlehnte Kapital angewachsen — getilgt 
seien; falls später ein Graf von Zollern im Eechtswege vom Orden 
die Eückzahiung dieser 8000 fl. an sich erstritte, sollte Eeutlingen 
wiederum dem Orden wegen der entlehnten 4000 fl. sammt Zinsen 
haften. 

Hatte somit die Stadt 8000 fl. für die Grafen den Karmelitern 
gezahlt und war sie auch mit den 1652 den Zollernschen Rentmeistern 
zugesagten Geldern nicht im Eückstaud geblieben, so hörten doch die 
Geldforderungen nicht auf. Am 8. August 1653 verlangte Fürst Eitel 
Friedrich 5341 fl. 43 kr. als Eest der Eeichssteuer, deren er zur Ab- 
fertigung seines Herrn Bruders Graf Leopold Deputates „ höchstnothig •• 
bedürfe. Allein die Stadt erwiderte am 29.|19. August 1653, es sei 
! ,bei jeziger Zeit allerorthen kundbaren Gelttmangel und noch immer 
! fort continuierenden Eeichsanlage " unmöglich, mit einer so starken 
' Summe auf einmal aufzuwarten. Am 1. October 1653 forderte Graf 
Leopold Friedrich von Zollern von der Stadt 1000 Thaler, die von 
i der Eeichssteuer auf sein Deputat kämen, und erklärte, die von der 
! Stadt für Zollern übernommene Bürgschaft sei kein Grund für die 
i Stadt, nicht zu zahlen, da , solche Steuer kraft der Erbeinigung von 
dem Hause Zollern als Eeichslehen und Pfaxidschilling in keiner Weise 
zu veräussern wäre". Jedenfalls fand seine Forderung kein Gehör, 
ebensowenig als das Begehren des Fürsten Eitel Friedrich, der am 
19. August 1654 bat : ihm zu einer Eeise, die er vorhätte, ein Stück 
Geld auf Abschlag des alten Ausstandes widerfahren zu lassen. Am 
2.|12. August 1655 suchten J. Eudolf Streitt von Immendigen und 
Johann Hildebrandt, Jägermeister, den Bürgermeister und Eath „gar 
beweglich" um Bezahlung von 500 fl. restierender Eeichssteuer nach. 
Inzwischen nahm sich 1650 Kaiser Ferdinand III. der hohenzollern- 
schen Lande an und übertrug dem Bischof von Konstanz und Mark- 
grafen von Baden die Verwaltung des Landes. Diese ernannten zwei 
Subdelegierte ,zur Zollern - Hechingenschen Eeformation", Ferdinand 
von Hochberg und Johann Wagner, welche am 22. September 1655 
den Bürgermeister und Eath sehr ernstlich ermahnten, dass sie mit 
Hintansetzung des nichtigen Vorwandes der Entschädigung für die 
Bürgschaft die Zollernschen Eeichssteuerausstände insgesammt bezahlen 
sollten. Am 3. October 1655 kam zu Eottenburg durch Heinrich 
Efiferenn, Apotheker zu Eeutlingen ein Vergleich zu stände, durch den 
die angeschwollenen Steuerausstände ermässigt wurden. Am 6.|16. Oct. 
1655 schlugen Johann Hildebrandt, Oberlieutenant und Jägermeister 
und Melchior Zündelin, Kanzleiverwalter der Stadt, vor, dass die Stadt, 
bis das Drechslerische Kapital abgelöst wäre, von der Zollernschen 



254 T h e d r S c h ö n. j 

i 
Reichssteuer 200 fl. den Carmelitern bezahlen sollte. Die Stadt gieug i 

hierauf ein und zahlte am 28. Jänner 1656 für den Jahrgang 1655 j 

den fürstlich Hohenzollernschen Eäthen und Oberbeamten 254 fl. ' 

Courantmünze, bedang sich dabei aber aus, auf Georgi oder sonst ; 

nicht das Geringste zahlen zu müssen. Am 5. Februar 1656 erklärten i 

sich auch die Carmeliter bereit, die Schuldverschreibung bis zur völligen 

Compensatiou der Fristenzahlungen beim Magistrat der Stadt Augsburg ; 

zu deponieren. So hatte denn dieser ärgerliche Handel sein Ende , 

erreicht. ■ 

Unter dem Fürsten Philipp Christoph Friedrich, seit 1661 Erbe 

seines Bruders Eitel Friedrich, hört man nichts von Streitigkeiten oder , 

Anständen wegen der Keichssteuer. Sein Sohn Friedrich Wilhelm, ; 

der am 13. Jänner 1671 ihm gefolgt war, sah sich aber am 28. Jänner j 

1726 veranlasst, die Stadt daran zu erinnern, dass zwei Jahre lang ! 

die Reichssteuer ungeachtet der öfteren Erinnerung nicht entrichtet i 

worden sei, und bat, die ausstehenden 108 fl. 20 kr. (jedes Jahr 54 fl. ; 

10 kr.) ohne weitere Verzögerung zu zahlen. Fürst Joseph Wilhelm, i 

der am 4. Juni 1750 seinem Vetter Friedrich Ludwig, dem Sohne | 

seines am 14. November 1735 gestorbenen Oheims, folgte, wandte sich i 

am 17. December 1792 an die Stadt: die Reichssteuer, die das Haus j 

Hohenzollern vom Kaiser zu Lehen trüge, beliefe sich auf 275 fl. > 

jährlich, die Stadt zahle aber nur 254 fl. Er ersuche um Auskunft j 

wegen dieser Abänderung, da er ehestens um abermalige Belehnung 

nach dem Ableben Kaiser Leopolds IL nachsuchen müsse. Die Ant- | 

wort der Stadt ist unbekannt. Noch am 24. Oct. 1800 zahlte die i 

Stadt einem Boten von Hechingen wegen Abholung der Reichssteuer ; 

40 Kreuzer. Das gräfliche, später fürstliche Haus Hohenzollern- 

Hechingen hat also bis zum Ende des heiligen römischen Reichs deut- . 

scher Nation die Steuer bezogen, zuletzt Fürst Hermann Friedrich. ! 

3. Die Reichssteuer der Stadt RottweiL ! 

Früher, als der Esslinger und Reutlinger Stadtsteuer, wird der ; 
Reiehssteuer der Stadt Rottweil gedacht. Schon im Jahre 1285 um . 
den 22. September verpfändete König Rudolf I seinem Schwager, 
Graf Albrecht II. von Hohenberg, der seit 1274 Landvogt in Schwaben . 
war, 56 Mark von der Reichssteuer zu Rottweil. Die eine Hälfte war 
]\Iichaelis, die andere am Aschermittwoch zu entrichten ^). Den Besitz 
dieser Pfandschaft bestätigte am 23. Nov. 1299 König Albrecht, ebenso 
am 5. Mai 1310 König Heinrich VII. dem Grafen Rudolf I von 
Hohenberg-), dem auch König Ludwig, welcher am 28. März 1325 

') L. Schmid Monumenta Hohenbergica Nr. 103. 

^) Oberamtsbeschreibung Rottweil 230. 



Die Reichssteuer der schwäb. Reichsstädte Esslingen etc. 255 

über die auf 11. Nov. fällige Jahressteuer auf 5 Jahre quittierte i), am 
28. Aug. 1330 eine Bestätigung ertheilt ^). Derselbe König hatte übrigens, 
wie schon erwähnt, am 12. Juli 1323 dem Hermann von Haldenberg 
1000 Pfund Heller von der Steuer der Reichsstädte Reutlingen und Rott- 
weil angewiesen. Eine andere Urkunde vom 17. Jau. 1331 that kund, 
dass er 1000 Pfund Pfennige Müncheuer Währung, die er und sein 
verstorbener Bruder Herzog Rudolf seinem Oheim, dem Grafen Rudolf 
von Hohenberg, „der etwenne unser pfleger waz", za Rottenburg 
schuldig geworden und geblieben waren, für die ihnen zu Rottenburg 
gereichte Kost, auf das Pfand, das jener von andern Königen und 
Kaisern her, in der Stadt Rottweil besass, geschlagen habe ^). 

Als Graf Rudolf am 11. Jan. 1336 starb, ging die Pfandschaft 
auf seine Söhne Albrecht, Hugo und Heinrich über. Doch bestimmte 
am 19. Mai 1336 Kaiser Ludwig, dass den nicht verpfändeten Rest 
der Steuer Ritter Heinrich von Reischach so lange beziehen sollte, 
bis er 600 Pfund Heller, die ihm der Kaiser verschaffte, empfangen 
habe; nach dieser Befriedigung sollten vom restierenden üeberschuss 
Friedrich von Lochen und seine Söhne 500 Pfund Heller erhalten; 
während dieser Zeit habe Rottweil jährlich nicht mehr, als 500 Pfund 
Heller Steuer zu reichen'^). 

Am 2. März 1341 überliess mit Einwilligung seiner Brüder Graf 
Heinrich von Hohenberg den Rottweilern, da sie seine Schulden (2000 
Pfund Heller) zu bezahlen übernommen hatten, unter anderm die Pfand- 
schaft an den 56 Mark von der Reichssteuer zu Rottweil so lange, 
bis diese die ausgelegte Summe wieder erhalten hätten ^). Dies muss 
vor dem 24. Juni 1348 erfolgt sein. Denn an diesem Tage verkaufte 
Graf Heinrich die Pfandschaft der 56 Mark um 1000 Pfund Heller 
seinem Bruder Albrecht, erwählten Bischof zu Würzburg, der am 
18. April 1349 den Empfang von 224 Pfund Heller der Stadt quit- 
tierte, jedoch am 21. August 1355 die Pfandschaft der 56 Mark an 
die Rottweiler um 1110 Mark Silbers und 1000 Pfund Münchener 
Pfennige verkaufte, wozu am 20. März 1358 Kaiser Karl IV. seine 
Zustimmung gab ^). 

Einen andern Theil der Rottweiler Reichssteuer bezog eine Zeit 
lang der jeweilige Inhaber der Landvogtei. Seit 2. April 1330 war 

1) Boehmer, reg. imp. nr. 806. 

2) L, Schmids Monumenta Hohenbergica Nr. 177 und 218. 

3) Staatsarchiv Stuttgart; L. Schmids Monumenta Hochenbergica Nr. 329. 
^) Oberamtsbeschreibung Rottweil 232 ; L. Schmids Monumenta Hohen- 
bergica Nr. 374. 

5) L. Schmids Monumenta Hohenbergica Nr. 413. 

6) L. Schmids Mon. Hohenbergica Nr. 471 und 515. 



256 Theodor Schön. I 

Graf Ulrich von Württemberg Landvogt. jS'acli seinem Tode (1344), j 
folgten ihm als Landvögte seine Söhne Eberhard und Ulrich i). Sie j 
befahlen am 12. Nov. 1346 der Stadt, die auf Martini fälligen 320 ' 
Pfund Heller dem Grafen Heinrich von Fürstenberg zu Haslach, ihrem | 
Oheim, desgleichen dem Eitter Albrecht von Kechberg am 18. Juli | 

1348 250 Pfund Heller und am 25. Febr. 1349 76 Pfund Heller von | 
der Martini 1348 und 1349 fälligen Steuer auszuzahlen. Am 21. Ja- i 
nuar 1349 wies Graf Eberhard die Stadt an, 200 Pfund, die er und ] 
sein Bruder seinem Diener Wernher von Horenberg schuldeten, von 
der Martini 1349 fällig werdenden Steuer zu begleichen. Am 12. März 

1349 c^uittierten Graf Eberhard und Ulrich der Stadt den Empfang 
von 26 Pfund guter Heller, die Martini 1349 fällig wurden. Am 
3. Januar 1351 geboten beide Grafen die am vergangenen Martini 
fällig gewordene Steuer, ihrem Oheim Herzog Hermann von Teck zu 
reichen 2), am 22. Nov. 1351 dagegen 175 Pfund Heller von der 
Martini 1351 fällig gewordenen Steuer ihrem Diener Frik Kaib ^). 
Weitere Anweisungen erhielten von den beiden Grafen am 9. März 

1355 ihr Diener Eitter Conrad v. Ehingen auf 200 Pfund Heller von 
der Martini 1355 fälligen Steuer (den Empfang von 100 Pfund Heller 
quittierten am 17. November 1356 Eitter Conrad und seine Söhne 
Marquard und Peter der Stadt), am 6. Januar 1355 Wilhelm Schenk 
von Stain auf 75 Pfund Heller von derselben Steuer, am 9. October 

1356 Berhtold der Sahse auf 75 Pfund Heller von der Steuer für 
1356, ferner laut Quittung vom 28. Februar 1357 Volmer von Brandeck 
auf 75 Pfund Heller von der Steuer für 1257 und am 11. Mai 1357 ihr 
Diener Swigger von Gundelfingen auf 225 Pfund Heller von der 
gleichen Steuer*). Kaiser Karl IV. befahl am 22. Juli 1358, und 
am 29. Jänner 1359 der Stadt die am künftigen Martini fällige 
Steuer den beiden Grafen zu entrichten ^). Er selbst quittierte am 
20. Juli 1360 der Stadt den Empfang von 400 Pfund Heller auf 

') Wie man sah, bezogen Graf Uhich und seine 2 Söhne auch die Reichs- 
steuer von Esslingen von 1330—1359. Mit der Landvogtei Niederschwaben war 
1342 auch die Reichssteuer von Reutlingen verbunden, 3 330—1359 die von Rott- 
weil, dagegen mit der Landvogtei Oberschwaben die Essliuger 1366 und 1372, 
die Reutlinger 1366, 1368-1373, 1374—1378, die Rottweiler 1368-1373, 1374 
bis 1378, mit der Landvogtei Schwaben die Rottweiler 1274 und 1299, mit der 
Landvogtei Ober- und Niederschwaben die Reutlinger 1382—1386, 1388, 1389, 

1391, 1392—1394, 1395, 1397, 1398, die Rottweiler 1382—1384, 1385, 1389, 1391, 

1392, 1393, 1395, 1397, 1398, sowie 1399. 
-) Staatsarchiv Stuttgart. 

■■') Stadtarchiv Rottweil. 

^) Staatsarchiv Stuttgart und Stadtarchiv Rottweil. 

^) Stadtarchiv Rottweil. 



Die Reichssteuer der schwäb. Reichsstädte Esslingen etc. 257 

Martini 1360 fälliger Steuer i), da er in diesem Jahre die Grafen mit 
Krieg überzogen hatte und ihnen auch am 31. August 1360 die Land- 
vogtei entzog. 

Im Jahre 1360 wurde die Steuer wieder von der Landvogtei ge- 
trennt. Schon vorher am 29. Nov. 1355 hatte Karl IV. der Stadt 
eine Quittung über den Empfang von 500 Gulden, die jedoch nicht 
zur regelmässigen Stadtsteuer, sondern zu den anlässlich der Krönung 
in Rom von den Reichsstädten geschenkten 11912V2 Gulden gehörten, 
ausgestellt. Am 29. Jänner 1362 befahl er der Stadt 176 Pfund 
Heller von der Martini 1362 fälligen Steuer dem Grafen Eberhard 
von Wertheim zu geben -). Von 1363 — 1366 war Herzog Friedrich 
von Teck im Genuss der Steuer. Diesem wies Karl IV. am 20. März 
1363, 15. Mai 1364 und 14. Jänner 1365 175 Pfund Heller von der 
am nächsten Martini fälligen Steuer an •^). Am 15. Jänner 1365 
empfing in des Herzogs Namen Oswald von Wildenstein die Martini 
1365 fälligen 175 Pfund Heller und am 5. October 1366 Herzog 
Friedrich selbst für dieses Jahr 176 Pfund Heller^). 

Am 19. Jänner 1366 wies Karl IV. die Martini 1366 fälligen 
200 Pfund Heller seinem Kammermeister Thyme von Kolditz an ^). Dieser 
stellte am 24. Jänner 1367 der Stadt eine Quittung aus giltig für 
den Fall, dass sie seinem Schreiber Heinrich die Summe zahlen 
würden ß). 

Dem Landgrafen Johann von Leuchtenberg hatte der Kaiser be- 
fohlen, die gewöhnliche Steuer in allen Reichsstädten zu erheben und 
dabei je 15 V2 Schilling Heller für 1 Gulden zu rechnen. Am 26. Fe- 
bruar 1367 trug er ihm jedoch auf, den Bischof Lamprecht von 
Speyer die ihm früher auf die Rottweiler Steuer angewiesenen 200 
Pfund Heller ruhig einnehmen zu lassen '). 

Am 3. Februar 1368 erhielt der Herzog Wenzel zu Luxemburg 
und Limburg von Karl IV. die Rottweiler Reichssteuer, so lange er 
Vicar des heiligen Reiches diesseits der lombardischen Gebirge wäre *). 

Von 1368 bis 1373 war im Genuss der Reichssteuer Burggraf 
Friedrich von Nürnberg, seit 31. März 1367 Landvogt in Oberschwaben. 
Ihm wies Karl IV. am 28. October 1368, 22. October 1369, 26. Sep- 

») Böhmer-Huber Reg. Karls IV. n. 3238! 

2) Staatsarchiv Stuttgart. 

3) Stadtarchiv Rottweil. 
*) Staatsarchiv Stuttgart. 
5) Stadtarchiv Rottweil. 
") Staatsarchiv Stuttgart. 
') Ebendort. 

•^) Stadtarchiv Rottweil. 

Mittheilungen XVII. 17 



258 Theodor Schön. 

tember 1370, (jedenfalls auch 1371, obgleich eine Anweisung fehlt), 

I. September 1372 und 16. October 1373 die künftigen Martini fällige 
Steuer, je 15 Vg Schilliug Heller für einen Gulden au, und der Burg- 
graf empfing auch die angewiesenen Summen (je 176 Pfuud Heller) 
laut Quittungeu vom 3. März 1370, 29. April 1371, 15. Jänner 1372, 

II. Juni 1373 und 19. Febr. 1374 i). 

Von 1374 bis 1378 hatten die Herzoge Friedrich und Stephan 
von Bayern, beide seit 1374 Landvögte in Oberschwaben, die Steuer 
inne. Es ist auffällig, dass die Eeichssteuer dieser niederschwäbischen 
Stadt so lange mit der Landvogtei in Oberschwaben verbunden wurde. 
Karl IV. wies dem Herzog Friedrich die Steuer am 8. Juui 1374, 
26. December 1375 und den Herzogen Friedrich und Stephau am 
7. April 1376, 4. August 1377 und 14. März 1378 an. Herzog 
Friedrich stellte am 13. December 1374 eine Quittung über den Em- 
pfang aus 2). Doch erst am 22. December erhielten seine Bevoll- 
mächtigten, die ülmer Bürger Otto der Rot, genannt Hittishain. und 
Hans Gessler der Junge das Geld. Ebenso war es im folgenden Jahr. 
Am 15. Nov. 1375 stellten Herzog Friedrich und Stephan eine Quit- 
tung aus. Doch erst am 24. December 1375 empfingen die genannten 
zwei ülmer Bürger das Geld. Vom Jahre 1376 fehlt eine Quittung. 
Am 23. December 1377 bescheinigte Hans der Gesseler den Empfang 
der jährlichen, von seinen Herren in Bayern an ihn gewiesenen Reichs- 
steuer. Am 14. Juni 1378 quittierte Herzog Friedrich selbst den 
Empfang der Steuer, desgleichen am 25. April 1379 Herzog Friedrich 
und Stephau. In der letzteren Urkunde heisst es wiederum: „nach- 
dem könig Wenzel ihm (Friedrich) die landvogtei in Ober- und 
Niederschwaben mit allen steuern, nutzen, reuten, anfallen und zuge- 
hörden empfohlen hat" ; es wird somit die Steuer wieder als Zubehör 
der Landvogtei bezeichnet '^). König Wenzel verlieh am 27. Februar 
1379 dem Wilhelm von Burne seinem Diener und Hofgesinde für ge- 
treue stete Dienste zu rechtem Mannleheu 50 Gulden von der Steuer 
der Stadt RottweiH). Doch blieb ihm die Stadt diese 50 Gulden 10 
Jahre lang (1379—1389) schuldig. Erst am 24. Juni 1390 erhielt 
er von derselben eine Abschlagszahlung von 300 Gulden und am 
18. November 1390 die auf Martini 1390 fällig gewordenen 50 Gulden. 
Den Rest, 200 Gulden, empfieng er dann am 11. November 1390. 
Als Ruprecht König wurde, hielt die Stadt Rottweil 4 Jahre lang 50 
Gulden von der Stadtsteuer zurück, um damit Wilhelm von Burne 



1) Ebendort. '') Ebendort. 

s) Ebendort. 

4) Oberamtsbescbr. Rottweil 232. 



Die ßeichssteuei- der schwäb. Reichsstädte Esslingen etc. 259 

befriedigen zu köuiieu. Am 25. März 1405 zahlte sie jedoch dem 
König die zurückbehaltenen 50 Gulden aus, nachdem derselbe sie auf- 
gefordert hatte, ihm als römischen König uud niemandem andern 
ohne allen Abzug die Steuer zu entrichten i). 

Am 11. October 1381 quittierte Herzog Stephan in Bayern der 
Stadt den Empfang der auf Martini 1381 fälligen Steuer 2). Von 
1382 — 1384 bezog Herzog Leopold von Oesterreich, seit 25. Februar 
1379 Landvogt in Ober- und Niederschwaben, die Steuer. König 
Wenzel wies ihn am 5. September 1382 ^) und 24. August 1383 auf 
dieselbe an und am 16. November 1382 und 16. Oct. 1383 quittierte 
er auch den Empfang der Steuern der beiden Jahre. Doch hatte er 
sie nicht baar erhalten, sondern sie war zur Abzahlung der Geld- 
schuld verwendet worden, wegen deren den verbündeten Städten von 
seinem Oheim, dem Grafen Kudolf von Hohenberg. Oberndorf und 
Schönberg verpfändet worden waren. Der gleiche Fall trat am 6. Ja- 
nuar 1384 ein^). d •■:l: 

Am 9. October gebot König Wenzel der Stadt die gewöhnliche 
■Steuer' an Wilhelm Frauenberger, seit 17. August 1385 Landvogt in 
Schwaben, zu zahlen und zwar 15V2 Schilling Heller für 1 Gulden. 
Am 16. November 1386 bestätigte Bischof Nicolaus von Constanz der 
Stadt den Empfang von 110 Pfund neuer Heller von der an Martini 
1387 fälligen Steuer, welche ihm König Wenzel angewiesen hatte. 
Am 10. August 1387 Hess dann der König wieder die auf Martini 
1387 fällige Steuer den Nürnberger Bürgern Niclas Muffel und Hein- 
rich Eysfogel zukommen ^). 

Erst 1389 wurde wieder der Genuss der Steuer mit der Land- 
Tog-tei vereinigt, indem am 2S. December König Wenzel der Stadt 
gebot, die Steuer für 1390 an Johann den jungen, Landgrafen zu 
Leuchtenberg und Grafen zu Hals, seit 1388 Landvogt in Schwaben ^) 
ÄU geben. Im Jahre 1391 erhielt dagegen der Landgraf Sigiost zu 
Leuchtenberg, ebenfalls seit 1388 Landvogt in Schwaben, die Steuer '). 

Schon 1390 hatte Borziwoy von Swinars, Pfleger zu Auerbach, 
vom König eine Anweisung auf die Steuer erhalteu. Auch am 12. 
August 1392 '^), 2. Mai 1393 imd 25, August 1396 gebot der König 

^) Staatsarchiv Stuttgart. 

') Stadtarchiv Rottweil. 

-) Staatsarchiv Stuttgart. 

•■') Stadtarchiv Rottweil. 

^) Staatsarchiv Stuttgart. 

'") Ebendort. 

''') Stadtarchiv Rottweil. 

') Staatsarchiv Stuttgart. 

17* 



260 Theodor Schön. ^ 

die am nächsten Martini fällige Steuer demselben zu geben i). Er 
nennt ihn 1392 und 1393 Landvogt in Schwaben, — er war es seit 
1392 — und 1396 seinen Hauptmann. Am 28. August 1395 und 
29. April 1397 ^) wies Wenzel dem Herzog Stephan von Bayern, seit 
19. Juni 1395 Landvogt in Schwaben, am 11. Juli 1398 ^) dem Grafen 
Friedrich von Oettingen, seit 1398 ebenfalls Landvogt in Schwaben^ 
am 3. Mai 1393 dem Herzog Ernst von Bayern, nach Urkunden 
vom 3. Juli 1399 und 4. Mai 1400 ebenfalls Landvogt in Ober- und 
Niederschwaben, die Steuer der betreffenden Jahre an. Am 3- Juli 
1399 gebot er, die Steuer an Hans den Selman, Bürger zu Mem-r 
mingen zu zahlen *). 

Mit dem Jahre 1399 hörte die Verbindung der Rottweiler Steuer 
mit der Landvogtei auf. König Ruprecht wies auf die je am künf- 
tigen Martini fällige Steuer an: am 29. Juni 1401 Heinrich Hars- 
dorfer, Bürger zu Nürnberg s); am 9. Mai 1402 seinen Hofschreiber 
Johann Kircheim ß) ; am 20. März 1403 Eberhard von Gemmiugen 
den Jungen, am 2. April 1404 Gerhard von Thalheim und Herolt 
von Oren "), am 3. November 1405 seinen Kammerschreiber Johann 
von Altdorff. 

Am 13. August 1400 quittierte der König der Stadt den Em^ 
pfang von 1000 rheinischen Gulden, welche sie ihm bezahlte ,von 
solcher gütlicher aumutung und vorderung wegen, als wir an sie und 
andere unsere und des heiligen reichs stedte gemeinlich getan haben" ^). 

Ln Jahre 1406 verfügte der König wieder über die 50 Gulden^ 
die einst Wilhelm von Burne gehabt hatte, er verlieh sie am 9. No- 
vember an Burkard von Mansperg, den Hofmeister des Herzogs Friedrich 
von Oesterreich, zum rechten Mannlehen und befahl am 10. November 
1406 der Stadt, ihm und seinen Erben diese Summe alljährlich gegen 
Ausfolgung einer Quittung auszuzahlen ^). Die Stadt zahlte übrigens 
nicht pünktlich, 1411 standen 100 Gulden aus. Da König Ruprecht 
1410 gestorben war und Rottweil, gewitzigt durch die schlimmen Er- 
fahrungen, die es bezüglich der dem Wilhelm von Burne angewieseneu 
50 Gulden gemacht hatte, fürchtete, dass der neue König Sigmund 



1) Stadtarchiv Rottweil. 

2) Ebendort. 

s) Staatsarchiv Stuttgart. 
*) Stadtarchiv Rottv?eil. 
s) Staatsarchiv Stuttgart. 
") Stadtarchiv Rottweil. 
■) Staatsarchiv Stuttgart. 
**) Stadtarchiv Rottweil. 
») Staatsarchiv Stuttgart. 



Die Reichssteuer der schwäb. Reichsstädte Esslingen etc. 261 

die Anweisung seines Vorgängers nicht anerkennen würde, so gab sie 
am 20. Dez. 1411 dem Eitter Burkard von Mansperg, Landvogfc der Herr- 
schaft von Oesterreich, und seinem Sohne Burkard nur leihweise die rück- 
ständigen 100 Gulden, und derselbe musste sich verpflichten: falls der 
römische König oder jener, dem von ihm die Steuer verliehen würde, 
die Stadt darum anspräche, sie vor Gericht zu vertreten. Indessen 
erkannte König Sigmund die Verfügung seines Vorgängers an und 
gebot am 27. März 1413 ^) und 29. Juli 1414 ~) der Stadt, die am 
künftigen Martini fälligen 50 Gulden dem Ritter Burkard von Mansperg 
zu zahlen. Am 10. August 1434 belehnte sodann der König, nachdem 
Heinrich, der Sohn Burkards von Mansperg nach des Vaters Tod dies 
Lehen am 5. März 1433 aufgegeben hatte, Wilhelm von Münchingen mit 
den 50 Gulden, der auch am 17. Juli 1442 dieses Lehen von König 
Friedrich IV. erhielt. Wilhelm starb am 19. Juni i486. Am 22. 
Dec. 1486 ertheilte König Friedrich dessem Sohn Wilhelm das Lehen 
der 50 Gulden aus der Eeichssteuer zu Rottweil *). Dieser starb schon 
1491, beerbt von seinem Vetter Georg. Da von diesem keine Be- 
lehnung mit der Reichssteuer bekannt ist, hat wohl schon Wilhelm 
bei Lebzeiten das Lehen der 50 Gulden an Claus Reinhart von Weis- 
sach veräussert, der es 1511 inne hatte. 

König Ruprecht wies auf die Rottweiler Steuer noch an: am 29. 
September 1406 den Ritter Haupt Marschall von Pappenheim ^), am 
13. Deceraber 1407 seinen Kanzler Bischof Raban von Speyer, am 
29. September 1408 Ritter Raban von Mentzingen und am 29. Sep- 
tember 1409 Herrn Hadmar zu Laber ß). 

Der neue König Sigmund wies am 31. August 1411 dem Burg- 
grafen Friedrich von Nürnberg die Steuer für 1410 und 1411 an, 
deren Empfang im Betrag von 222 Pfund Heller er am 9. Mai 1412 
quittierte '), ferner am 31. August 1412 Johann Ladebom, Domherrn 
zu Worms, am 27. Mai 1415 seinem Rath Graf Rudolf von Montfort, 
Landvogt in Oberschwaben und am 26. Februar 1417 dem Heintz 
Schitrer. Am 1. März 1417 verschrieb er den nach Zahlung der 
Manspergschen 50 Gulden erübrigenden Rest der Reichssteuer dem 
Herzog Reinold von ürslingen, den er mit einem Jahressold von 500 



1) Ebendort. 

-) Stadtarchiv Rottweil. 

^) Oberamtsbeschr. Rottweil 232. 

*) Stadtarchiv Rottweil und Ohmel, Gesch. K. Friedrichs IV. 86, 729. 

^) Stadtarchiv Rottweil. 

®) Staatsarchiv Stuttgart. 

') Stadtarchiv Rottweil. 



262 



Theodor Schön. 



Gulden zu seiuem Dieuer und Hofgesinde angenommeu, jedoch 2 Jahre 
lauo- den Sold nicht gezahlt hatte, für 1500 Gulden solchen Soldes. 
Am 17. Februar 1422 verpfändete der Herzog um 1500 Gulden die 
Pfaudschaft des Rests der Kottweiler Steuer an Ritter Hans Bock von 
Rottweil, dessen Wittwe Ursula am 17. December 1435 der Stadt den 
Empfang der bis auf diesen, Tag fällig gewordenen Steuer quittierte i). 
Am 11. October 1438 bestätigte ihr König Albrecht diese Pfand- 
schaft ^). Ursula wurde von ihrem Bruder Dietrich Last von Tübingen 
beerbt, der am 30. December 1440 den Pfandbrief durch den Ess- 
liuger Bürgermeister und Rath vidimieren liess ^), jedoch am 31. Mai 
1447 die Pfandschaft des Restes der Steuer von Rottweil an Graf 
Ludwig von Württemberg um 350 Gulden und ein Leibgeding ver- 
kaufte. König Friedrich IV. bestätigte am 5. Februar 1448 die Pfand- 
schaft mit dem ausdrücklichen Befehl, dass die Stadt an die Grafen 
von Wüi-ttemberg 50 Gulden so lange zahlen sollten, bis der Kaiser 
und das Reich dieses Pfand um 1500 Gulden eingelöst hätten. 

Doch auch Württemberg blieb nicht im dauernden Besitz der 
Pfandschaft der Reichssteuer -i). 1508 begab sich Rottweil in den 
österreichischen Schutz und Schirm. Nun verbot König Maximilian L 
der Stadt die Steuer so lange an Herzog Ulrich von Württemberg zu 
zahlen, bis er sich mit demselben verglichen habe. Die Stadt drehte 
dies Verbot so, als ob ihr damit die Steuer nachgelassen worden sei^ 
und berichtete am 23. October 1509 dem Herzog, dass sie hinfort 
nichts mehr au ihn bezahlen würde. Der Herzog beschwerte sich 
1510 auf dem Reichstag zu Augsburg beim Kaiser und verwies da- 
rauf, dass diese Steuer keine Begnadigung, sondern eine Pfandschaft 
sei, für die er mit gutem Titel Briefe und Siegel habe. Der Kaiser 
erkannte das Recht desselben an und versprach, ihm daran keinen 
Eintrag zu thun. Die Stadt wollte sich aber nicht zur Zahlung eut- 
schliessen, bis sie einen schriftlichen Befehl vom Kaiser hätte. End- 
lich am 2. October 1511 befreite der Kaiser die Stadt von der jälir- 
lichen Zahlung von 62 Gulden und 40 Kreuzer an Herzog Ulrich 
von Württemberg und 50 Gulden an Claus Reinhart von Weissach,, 
den Rechtsnachfolger Wilhelms von Münchingen für Zeit seinem Lehens 
und verpflichtete sich, diese 112 rheinischen Gulden und 40 Kreuzer 
aus seiner Kammer in Innsbruck zu zahlen. Zugleich quittierte er 
der Stadt den Empfang aller Anschläge, so ihnen durch die Kurfürsten, 

1) Staatsarchiv Stuttgart. .iijVi. . 

^) Oberaintsbeschr. Rottweil 232. 

S) Staatsarchiv Stuttgart. 

*) Oberamtsbeschr. Rottweil 232, 233. 



Die Reichssteuer der schwäb. Reichsstädte Esslingen etc. 263 

Fürsteu uud Stände des Reichs auf alleu Reichstagen bisher auferlegt 
worden waren i). 

So blieb denn Rottweil bis zum 12. Januar 1519 von der Reichs- 
steuer befreit. Während der schwäbische Bund, Karl V. und Ferdi- 
nand I. das Herzogthum Württemberg inne hatten (1519 — 1534), 
scheint Rottweil längere Zeit keine Steuer gezahlt zu haben. Auch 
befreite am 17. Nov. 1530 Kaiser Karl V. die Stadt wegen Hand- 
habung des katholischen Glaubens auf 15 Jahre lang nach Absterben 
Sebald Hallers (f 26. Oct. 1578) und Leonhard Stockheimers, denen er die 
Steuer auf ihre Lebenszeiten verschrieben hatte, von der Reichssteuer -). 
Nach dem Absterben der Beiden kam der Reichshofrathssecretär Andreas 
Erstenberger, Licentiat der Rechte mit der Stadt überein, dass, falls 
der reo'ierende, römische Kaiser dazu seine Einwillicjuno^ cyeben und 
die Befreiung der Stadt von der Steuer noch zu den 5 Jahren auf 
15 Jahre erstrecken würde, so dass die Stadt nach Erstenbergers Ab- 
sterben 20 Jahre lang steuerfrei bliebe, die Stadt ihm die Steuer sein 
Leben lang gutwillig ausfolgen würde. Dieses üebereinkommen wurde 
am 22. October 1579 von Kaiser Rudolf IL genehmigt 3). Erstenberger. 
der am 13. Nov. 1562 den Reichsadel und am 18. Juli 1571 den 
Reichsritterstand mit dem Prädikat , zum Freyenthurm * erhalten hatte, 
starb 1593 als kaiserlicher Reichshofrath. Somit blieb Rottweil bis 
1613 von der Reichssteuer befreit. Der bald hereinbrechende Krieg 
scheint es herbeigeführt zu haben, dass man vergass, dass die Steuer- 
befreiung nur eine zeitlich begrenzte war. Wenigstens fanden sich 
keinerlei weitere Nachweise darüber, dass fernerhin noch die Steuer 
bezahlt wurde. 

An der Hand der Geschichte dreier schwäbischer Reichsstädte 
wurde im Vorhergehenden geschildert, wie die Reichsteuer zeitweilig 
doch nur bis 1399 mit dem Besitz der Landvogtei verbunden, später 
von ihr getrennt war, um schliesslich, sei es auf dem Wege der Ver- 
pfändung oder auf dem der Belehnung oder auf dem einer andern 
Begnadigung aus den Händen des Reichsoberhaupts in die einzelner 
Reichsstände, ja selbst in die von Privatpersonen zu gelangen. Der 
Zweck der Reichssteuer, dem Reichsoberhaupt Geldmittel zu schaffen, 
wurde hierdurch natürlich vereitelt. 



') Stadtarchiv Rottweil und Staatsarchiv Stuttgart. 
2) Oberamtsbeschr. Rottweil 292. 
■») Staatsarchiv Stuttgart. 



Die österreicliischen Länder-Kongresse. 

Von 
weiland Professor H. J. Bidermann. 

Aus dem Nachlasse des Vei'ewigten hei-ausgegeben von Sigmund Adler. 



Unter dem vorstehenden Titel übergebe ich eine Abhandlung der 
Oeffentlichkeit, welche sich in dem literarischen Nachlasse des hoch- 
verdienten Gelehrten vorgefunden hat. lieber die Beschaffenheit die- 
ses Nachlasses und über meine Legitimation zur HerausgalDC wurde 
schon anlässlich der Veröffentlichung einer andern nachgelassenen 
vSchrift des Verewigten in Grünhut's „Zeitschrift für das Privat- und 
öffentliche Recht" XXI. Bd. umständlich berichtet. Die dort veröffent- 
lichte Abhandlung schien damals das einzige zu sein, das mir aus 
dem Nachlasse zu publicieren vergönnt sein könnte. Eine wiederholte 
Durchsicht wurde aber mit Erfolg belohnt, eine Anzahl gesammelter 
Blätter ergab ein Ganzes, das ich nun vorlegen und kurz kennzeichnen 
möchte. 

Auf meine Anfrage war Herr Professor von Luschin in Graz 
so freundlich festzustellen, dass Bidermann am 15. November 1882 in 
Graz eine Eectoratsrede gehalten hat, welche bisher ungedruckt blieb. 
Inhalt und Form der vorliegenden Abhandlung erweisen nun ihre 
Identität mit diesem Vortrage, wenn auch mit Rücksicht auf die fest- 
liche Gelegenheit und die gemessene Zeit manche Kürzung unvermeid- 
lich gewesen sein wird. Der Grund, warum der Vortrag seiuer Zeit 
nicht gedruckt wurde, ergiebt sich aus Bidermann, ,, Gesch. der Oest. 
Gesammtstaatsidee"' II, Bd., wo ein besonderer Excurs über die Ge- 
sammt-Landtage versprochen wird. Offenbar hatte B. die Absicht, den 
Vortrag zu ergänzen und mit Benützung neuerer Forschungen in ver- 
änderter Gestalt zu publicieren, eine Annahme, welche durch eine 



Die österreichischen Länder-Kongresse. 265 

briefliche Mittheilung des Verewigten an mich ihre Unterstützung fin- 
det. Trotz dieser Pläne Bidermaun's hielt ich mich verpflichtet, den 
Vortrag in unveränderter Gestalt zu veröfifentlichen. Nur stilistische 
Aenderuugen wurden hier und dort vorgenommen. Eine künftige 
Forschung wird an dem Inhalte manches berichtigen und ergänzen, 
aber die grosse Wichtigkeit des Gebotenen kaum verkennen. 

Die Arbeit stützt sich fast durchwegs auf archivalisehe Forschun- 
gen, ohne dass in der Niederschrift die Quelle näher bezeichnet ist. 
Dieser bedauerliche Umstand mindert zwar bei der bekannten Gewis- 
senhaftigkeit des Autors nicht die Zuverlässigkeit des Gesagten, ent- 
zieht aber freilich dem Forscher auf gleichem Gebiete die nötigen 
Behelfe. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass sich ein grosser Theil 
des Inhalts auf Akten des Archivs des Ministeriums des Innern, des 
Hofkammer-Archivs, der Landes-Archive in Graz und Wien und des 
Statthalterei-Archives in Innsbruck gründet. — Seite 287 fehlt im 
Manuscript eine Ausführung, ohne dass dieser Mangel den Zusammen- 
hang des Ganzen wesentlich beeinträchtigen könnte. 

Der Herausgeber. 



Der Kougress geht in der Verfassungsgeschichte der Länder natur- 
gemäss dem Landtage überall voran, wo der Landschafts-Verband, 
aus dessen Mitgliedern späterhin der echte Landtag besteht, erst ge- 
gründet werden soll, oder es sich um eine Erweiterung dieses Ver- 
bandes, insbesondere um das versuchsweise Erproben der Zuträglich- 
keit einer solchen Erweiterung handelt. Es kann auch vorkommen, 
geschieht aber selten, dass der Kongress nur die Nachwirkung einer 
ehedem innigeren Verbindung ist, mit welcher diese sozusagen aus- 
klingt. 

Während eines gewissen Uebergangsstadiums tragen sodann in 
dem einen wie in dem anderen Falle diese Zusammenkünfte sowohl 
Merkmale des Kongresses, als solche eines Landtags au sich, und die 
Verfassungsgeschichte lehrt, dass ihre Benennung überhaupt den wah- 
ren Sachverhalt nicht immer richtig ausdrückt. 

So gab es, um mich ohne Aufenthalt der vaterländischen Verfas- 
sungsgeschichte zuzuwenden, in und für Krain sogenannte Landtage, 
welche bis um die Mitte des XVI. Jahrhunderts eigentlich Kongresse 
waren. Denn es nahmen daran auch die Stände der windischen Mark, 
des Karstgebietes, der Grafschaft Istrien, dann zeitweilig die Städte 
Triest und Fiume theil, ohne dass dieselben eine Verpflichtung, mit 
den Inner- und Oberkrainern sich auf solchen Tagen zusammenzufin- 
den, anerkannt und sich durch die daselbst gefassten Mehrheitsbe- 



266 H. J. Bill er mann. 

Schlüsse, selbst wenn sie hiebei mitwirkten, unbedingt gebunden er- 
achtet hätteu. Die „Landleute" der windisehen Mark wachten bis ins 
XVI. Jahrhundert hinein so eifersüchtig über ihrer Selbstständigkeit, 
kraft deren sie durchaus nicht in den Ständen des Fürstenthumes 
Kraiu begriffen sein wollten, dass der krainer Landtag im Jahre 1510 
die Ursache ihres damaligen Fernebleibens in einem Versehen der 
Hofkanzlei fand, welchem zufolge jene ,, Landleute" in dem betreffen- 
<len Einberufungsschreiben Maximilians nicht ausdrücklich genannt 
waren. Und noch im Jahre 1567 ergiengen abgesonderte Privilegien- 
Bestätigungen des Beherrschers von Innerösterreich. Erzherzog Karl, 
für Möttling und die March einerseits, Istrien und den Karst an- 
dererseits, ungeachtet derselbe Erzherzog am 29. April 1564 ,, einer 
ganzen ersamen landschaft des Fürstenthums Krain sambt derselben 
angeraihten Herrschaften: der Wind. March, Möttling, Isterreich und 
Karst" über ihre Freiheiten eine in die krain. Landhandfeste nicht auf- 
genommene Kollektivbestätigung ertheilt hatte. Späterhin verzichte- 
ten freilich jene kleinen Verbände auf jede Sonderstellung, somit auch 
auf formelle Anerkennung der betreffenden Rechtsbasis und giengen 
in der grossen Krainer Lajidschaft auf. — Dass die ursprünglichen 
Kongresse den Weg hiezu gebahnt, ddss sie diese Verschmelzung ge- 
fördert haben, ist unverkennbar. Doch betrifft dies nur die Gestal- 
tung einer Provinz, bei Avelcher auch landesfürstliche Hoheitsrechte 
und diesen entsprungene administrative Einrichtungen mitwirkten, ins- 
besondere den Kahmen dafür feststellten und für die Assimilierung 
des Inhalts sorgten. 

Auch in Tirol trugen die sogenannten , Landtage" Jahrhunderte 
laug den Kongress-Charakter an sich und verloren, staatsrechtlich ge- 
nommen, ihn gänzlich erst mit der Mediatisierung der geistlichen Fürsten- 
thümer Trient und Brixeu. Die Landschaft an der Etsch war ur- 
sprünglich ein Körper für sich, hatte bis ins 19. Jahrhundert herauf 
ihr besonderes, landeshauptmannschaftliches Gericht und erfreute sich 
bis dahin in Gestalt des sogenannten südlichen Activitätscollegiums 
eines besonderen stäudischen Orgaus mit eigenen Beamten. Die Puster- 
thaler hielten noch 42 Jahre nachdem sie von Maximilian I. der ge- 
fürsteten Grafschaft Tirol zugetheilt worden waren, nämlich im Jahre 
1542 einen besonderen Landtag zu Toblach, besuchten also in der 
Zwischenzeit die Tiroler Landtage nur in der Eigenschaft von Kongress- 
Mitgliedern, nicht als tiroler Landleute. Dabei begegnen wir der son- 
derbaren Erscheinung, dass, solange den Zusammenkünften, aus wel- 
chen späterhin der grosse tiroler Landschaftsverband erwuchs, der 
Kongress-Charakter sozusagen an der Stirne geschrieben stand, die- 



Die österreichischen Länder-Kongresse. 267 

selben Landtage hiesseu, späterhin aber, als sie diesen Charakter mehr 
und mehr einbüssten (vielleicht um die Widersacher für diese essen- 
tielle Veränderung zu entschädigen), ,,Kougresse" genannt zu werden 
anfiengen. Uebrigens sind gerade bei Bewerthung der Faktoren, welche 
die Abrundung der Provinz Tirol herbeiführten, die vorerwähnten Kon- 
gresse, ausnahmsweise hoch anzuschlagen. Dieselben begünstigten 
nämlich die Waffenbrüderschaft, welche dem neueren tirolischen Land- 
schaftsverbande vornehmlich za Grunde liegt, und erleichterten auch 
sonst den Angehörigen dieses Verbandes das Erkennen ihrer gemein- 
samen Interessen , eine Erkenntniss, welche bei ihnen, die sich vor 
der Fürstenmacht von Alters her weniger beugten uud administrativen 
Einflüssen weniger gehorchten, als die Bevölkerungen anderer Provin- 
zen, der Konstituierung der wesentlichen Bestandtheile des heutigen 
Landes Tirol zu Einem Ganzen nothwendio- vorauscjehen umsste. 

Dagegen vermochten die Kongresse, zu welchen das Land ob 
der Enns mit dem Lande unter der Enns im XV^. Jahrhun- 
derte nicht selten zusammentrat, eine dauernde Vereinio'uns; dieser 
beiden Provinzen nicht zu begründen. Sie wirkten eher trennend als 
bindend. Gleiches gilt von den General-Landtagen der böhmischen 
Krone, welche in der ersten Hälfte des XVL Jahrhunderts die dieser 
Krone unterthänigen Länder häufig zusammenführten, ohne dass die- 
selben sich wechselseitig angezogen gefühlt hätten. Vielmehr entstan- 
den daraus und verschärften sich dadurch Abneio-uno;en, welchen so- 
gar die jene Länder umspannenden Verwaltungs-Behörden zeitweilig 
zum Opfer fielen und welche namentlich zur Folge hatten, dass die 
Beseitigung gemeinsamer Einrichtungen unter Maria Theresia von 
den Mährern so gut wie von den Schlesiern als Befreiung begrüsst 
wurde. 

Von keiner längeren Dauer waren die als „Ausschusstage" oder 
„gemeine Landtage'* bezeichneten KongTcsse der fünf nie d eröster- 
reichisch eu Länder, nämlich der drei Herzogthümer Steiermark. 
Kärnten und Krain, denen, ohne stets ausdrücklich hervorgehoben zu 
werden, insgemein die Grafschuft Görz sich anschloss, und der beiden 
Länder: Oesterreich unter und Oesterreich ob der Enns. Diese Pro- 
vinzen, — denen der ältere Sprachgebrauch Tirol, Vorarlberg und die 
österreichischen Vorlande als „Ob er Österreich'', die Letzteren allein 
oder in Verbindung mit Vorarlberg als „Vor der Österreich" gegen- 
überstellt, — also die im Gegensatze hiezu mit der Collectiv-Bezeich- 
uung „Nieder Österreich" belegten fünf, richtiger sechs Länder 
begannen frühzeitig bei feierlichen Anlässen, wenn es einen gemein- 



9ßg H. J. Bidermann. 

Samen Beherrscher zu begrüssen oder Staatsverträge zu besiegeln galt, 
unter sich in Berührung zu treten. 

Doch waren dies noch keine förmlichen Länder-Kongresse. Die 
älteste Spur einer derartigen Zusammenkunft der kärntner und kraiaer 
Stände, zu welcher diese auch die der Steiermark und die des Landes 
unter und ob der Enns luden, entdeckte ich vor 17 Jahren in einer 
Urkunde des lunsbrucker Statthalterei-Archivs. Diese Zusammenkunft 
sollte am 20. März 1474 zu Judenburg stattfinden und war, wenn sie 
zu Stande kam, der erste niederösterreichische Ausschusstag. 

In den „Vorarbeiten zur Quellenkunde und Geschichte des Land- 
tagswesens der Steiermark", welche der nicht blos um die österrei- 
chische Geschichtschreibuug, sondern auch um das Erforschen 
der bezüglichen Quellen vielverdiente Historiker K r o n e s veröfientlicht 
hat, geschieht eines solchen Ausschusstages, der im Frühjahre 1494 
zu Wien abgehalten wurde, Erwähnung. Das ist der älteste, von dem 
es feststeht, dass er wirklich stattfand. Auf ihm huldigten die fünf 
uiederösterreichischen Lande ihrem künftigen Herrscher, Maximilian I., 
gemeinschaftlich. Von da an wiederholten sich solche Ausschuss- 
tage bei den verschiedensten Anlässen, hauptsächlich aber wegen stei- 
gender Türkeugefahr, bis mit der Theilung der österreichischen Erb- 
lande nach dem Tode Ferdinands L eine wichtige, wo nicht wesent- 
liche Voraussetzung dafür, die Identität des Herrschers, entfiel. 

Hievou unberührt blieben die Ausschusstage der inner öster- 
reichischen Länder, d. h. diejenigen, auf welchen Ausschüsse der 
Herzoffthümer Steiermark, Kärnten und Krain nebst solchen aus der 
Grafschaft Görz, sich zu trefien gewohnt waren und deren Anfänge, 
wie Krones nachgewiesen hat, in das Jahr 1338, also hinter die 
Zeit zurückreichen, in welche der erste erweisbare niederösterreichische, 
also umfassendere Ausschusstag fällt. 

Hundert Jahre später kam das Abhalten innerösterreichischer 
Ausschusstage dergestalt in Uebung, dass nun beinahe kein Quinquen- 
uium mehr vergieng, ohne dass mindestens ein solcher Kongress 
stattgefunden hätte, bis unter Ferdinand II. au die Stelle dieser Zu- 
sammenkünfte mehr und mehr die „nachbarliche Correspondenz" d. h. 
ein ziemlich lebhafter Zuschriften- Wechsel trat, welcher bis in die 
Tage Kaiser Josephs IL ununterbrochen dauerte und auch späterhin 
noch als Verständigungsmittel zuweilen in Anwendung kam. Eine ge- 
meinsame Angelegenheit, welche die drei Herzogthümer immer wieder 
zwang, unter sich Einvernehmen zu pflegen und über den bezüglichen 
Kostenaufwand mit einander abzurechnen, war durch zwei Jahrhuu- 



Die österreichischen Länder-Kongresse. 269 

derte die sogenannte Militärgrenze. Ihr galten die „Raittage", zu 
welchen sich Deputierte und Beamte der drei Herzogthümer regel- 
mässig alle Jahre nach Graz begaben; ihr galten auch die drei letzten 
innerösteiTeichisehen Länder-Kongresse, die der Jahre 1639, 1661 
und 1677. Dieselben unterschieden sich allerdings von den älteren 
dadurch, dass sie nur wenige stimmberechtigte Theilnehmer zählten 
(der Kongress von 1661 z. B. nur drei von jedem Lande, der von 
1677 gar nur je zwei), und desshalb werden sie auch nicht als „Aus- 
schusstage" bezeichnet, sondern als „Konferenzen". Aber im Wesent- 
lichen waren sie so gut Kongresse, wie jene. 

Den innerösterreichischen Ausschusstagen gebührt die Anerken- 
nung, dass sie weittragende, praktische Wirkungen äusserten, den Zu- 
sammenhalt der innerösterreichischeu Länder befestigten, den wechsel- 
seitigen Bestand regelten, die Bereitwilligkeit dazu immer von Neuem 
auffrischten. Aber einen sie selber überdauernden, staatsrechtlichen 
Verband, haben sie so wenig begründet, als die niederösterreichischeu 
Länder-Kongresse oder die General-Landtage der böhmischen Krone. 

Und ohnmächtiger noch in dieser Beziehung erwiesen sich 
zweifellos die Zusammenkünfte der Nieder-Oesterreicher mit 
den Ober-Oesterreichern (hier mit denen der Stände von 
Oesterreich unter und ob der Enns ja nicht zu verwechseln), welche 
zu veranstalten Maximilian L unablässig sich bemühte. Noch bei seines 
Vaters Lebzeiten berief er in Verbindung mit diesem Ausschüsse aller 
österreichischen Erblande für den 24. August 1493 nach Linz. Die 
Sendboten aus Krain waren schon auf dem Wege dahin, als die Nach- 
richt vom Tode des Kaisers Friedrich ihnen zukam und sie umzukehrn 
bestimmte. Auf dem Sterzinger Landtage von 1499 trug Maximilian 
den Tirolern das Begehren vor, dass „zu guet den ober- und nider- 
österreichischen Landen", d. h. zum Frommen derselben „gegen wel- 
chem Landt krieg auferstundt, das ander demselben hilf vnd beistaudt 
thät". Es hat den Anschein, als wären sohin Ausschüsse aller öster- 
reichischen Lande nach Köln gezogen, um dort in des Kaisers Gegen- 
wart über diesen Punkt sich zu verständigen. Gewiss ist, dass drei 
Jahre später ein zu Wiener-Neustadt versammelter niederösterreichi- 
scher Ausschusstag mit den oberösterreichischen Landen, deren Bot- 
schafter dort anwesend waren, Verbindungen knüpfte. An diesen 
Kongress schloss sich im Jahre 1503 ein Ausschusstag zu Linz, dessen 
Umfang und Resultate unbekannt sind. 

Nun trat eine Pause ein, während welcher Maximilian von sei- 
nen Unterhandlungen mit Ungarn stark in Anspruch genommen war. 
Im Juli 1507 lässt er plötzlich auf dem Kremser Landtage mit den 



97Q H. J. Bi der mann. 

Stäucleu des Landes unter der Enns wegen eines Schutz- und Trutz- 
Bündnisses, welches die fünf niederösterreichischen Lande zunächst 
unter sich und nach ihrer Einigung mit den Oberösterreichischen 
schliessen sollten, durch seine Kommissäre verhandeln. Der Kremser 
Landtao- lehnt die Defensions-Ordnung. welche diesem Bündnisse zu 
Grunde liegen sollte, ab. Dadurch wird der Kongress aller österrei- 
<ihischen Lande, welchen Maximilian nach St. Veit in Kärnten zu obi- 
gem Zwecke einzuberufen vorhatte, gegenstandslos. Aber der Kaiser 
verfolgt jenes Ziel mit aller Energie weiter. Ihn nöthigt dazu die 
Heiratsabrede mit dem Könige Wladislaw von Ungarn und Böhmen 
vom 12. November 1507, wonach dessen Tochter Anna demjenigen 
österreichischen Erzherzoge angetraut werden sollte, „qui in archi- 
ducatu Austrie et comitatu Tirolis cum principatibus et provinciis eis 
adherentibus succedet seu successor deputabitur". Sein Trachten muss 
daher auf eine desto innigere Verbindung Nieder- und Oberösterreichs 
gerichtet sein. 

Ich eüthalte mich der näheren Ausführung dessen, was demzu- 
folge im Jahre 1509 zu Salzburg, späterhin wiederholt zu Brück an 
der Mur, dann 1513 in Wien und 1518 zu Innsbruck verhandelt 
wurde und was zur Ermöglichung der betreffenden Zusammenkünfte 
geschah. 

Das Ergebnis liegt in Gestalt des Innsbrucker Küstungs- oder 
Defeusions-Libells vom 24. Mai 1518 und anderer damals gemeinsam 
gefasster Beschlüsse aller Ausschüsse vor. 

Die Nieder- und Oberösterreieher sicherten sich mit diesem Libelle 
für Fälle der Bedrängnis wechselseitige Unterstützung zu und zwar 
auf die Dauer der nächstfolgenden fünf Jahre, nach deren Ablauf 
diese Reziprozität mit Zustimmung aller ßetheiligten (wozu auch der 
Kaiser gehörte) sollte verlängert werden können. Es wurden auch 
verschiedene andere Vorbehalte gemacht, welche zu weiteren Verhand- 
lungen Anlass gaben. 

Diese waren um so weniger zu umgehen, als der bald darauf 
erfolgte Tod Kaiser Maximilians es zweifelhaft machte, ob wohl das 
Innsbrucker Libell auf die dadurch herbeigeführte Situation ohne Wei- 
teres Anwendung zu finden habe. Die zur Entscheidung hierüber 
nach Brück an der Mur gekommeneu Ausschüsse aller österreichi- 
schen Erblande errichteten daselbst am 11. März 1519 ein neues Li- 
bell, mit dem sie das lunsbrucker, insoweit ihre „freuntlich vnd brü- 
derliche Verainigung vnd Verstentnuss" darin Ausdruck fand, als auf- 
recht anerkannten und worin die ,. Gesandten der fstl. Gfschft. Tirol" 
ausdrücklich erklärcen: die tiroler Landschaft sei erbötig, die zu Inns- 



Die österreichischen Länder-Kongresse. 271 

brück gegen die Niederösterreicher eiugegaugeuen Verpflichtungen zu 
erfüllen. Einhellig wurde daselbst noch beschlossen, die „Erbherrn", 
den König Karl von Spanien und Erzherzog Ferdinand, mittelst einer 
Gesandtschaft „von allen und jeden Oesterr. Landen" zu bewillkomm- 
ueu, ferner zu Wien einen gemeinsamen Münztag abzuhalten, und das 
Kecht zum Aufgebote der verbündeten Länder einem Verordneten- 
Kollegium zu übertragen, welches bei drohender Feiudesgefahr zu 
Brück an der Mur zusammentreten sollte. 

Die Gesandten Tirols schieden demnach damals von den Nieder- 
österreichern in gutem Einvernehmen. Dasselbe erfuhr aber bald dar- 
auf durch den Streit über die Zugehörigkeit des Pusterthaies und die 
Concurrenz bei Erhaltung der Friauler Festungen eine merkliche Trü- 
bung. Die an den spanischen Königshof bestimmte Huldigungs-Depu- 
tation der Tiroler zog, der Brucker Abrede zuwider, einen anderen 
Weg, als die der Niederösterreicher, und stellte sich auch dem Könige 
nicht im Vereine mit dieser vor, was die Spannung erhöhte. 

Ferdinand L, ursprünglich ständescheu, hatte beim Antritte seiner 
Regierung wenig Lust, was die Veranstaltung von Länder-Kongressen 
betrifft, dem Beispiele seines Grossvaters zu folgen. Auch die öster- 
reichischen Erbländer sehnten sich damals wenig nach solchen Zusam- 
menkünften. Hatten ja doch die zu Innsbruck und zu Brück beschlos- 
senen Libelle dem dringendsten Bedürfnisse endlich abgeholfen und 
die diesen Abmachungen vorausgegangenen, vielfältigen Anläufe den 
betheiligten Ständen das Abhalten von Ausschusstagen verleidet. Allein 
im Jahre 1525 regte sich wieder in mehreren Ländern das Verlangen 
nach einer Zusammenkunft, obschon gerade damals bei Unterdrückung 
der Bauernaufstände die vorerwähnten Libelle sich als wirksam er- 
wiesen, indem die einzelnen Landschaften sich wechselseitig unter- 
stützten und namentlich den Steierraärkern der Beistand der Krainer 
und Görzer zu Theil wurde. 

Den vornehmsten Anlass, jenem Begehren zu willfahren, bot das 
Verhalten der Tiroler Stände, welche unter sich uneinig, von der Theil- 
nahme Anderer an ihren Berathungen eine Versöhnung der in ihrer 
Mitte bestehenden Gegensätze, sowie die Förderung spezieller Anliegen, 
die sie hatten, erwarten mochten und deren Reformeifer auf kirch- 
lichem Gebiete dem Erzherzoge Ferdinand das Eingehen auf diesen 
Wunsch gerathen erscheinen liess. Anfangs zögerte er zwar „die Zu- 
einander- Verfueguug gemainer Erblande", um welche die Tiroler drin- 
gend baten, zu bewilligen. Er gebrauchte allerlei Ausflüchte und re- 
dete sich namentlich auf den Kaiser aus, welcher nothwendig vorher 
um seine Zustimmung angegangen werden müsste, da er ja Gebieter 



972 ^' '^* Biclei*™''*^"^- 

in mehreren Erbländern, Ferdinand daselbst nur „Gubernator" sei. 
Als jedoch die Tiroler erklärten: Daferne die Versammlung nicht be- 
willigt uud sofort der Termin für sie bewilligt wird, werde „ewig 
Zerrüttung, abfall" und anderes Unheil folgen: da verstand sich Fer- 
dinand zu deren Einberufung und verwies die Erledigung der tiroli- 
schen Keligionsbeschwerden auf dieselbe. Dem Landtage im Lande 
ob der Enns, welcher Mitte Juni 1525 tagte, gieng bereits die Wei- 
sung der niederösterreichischen Centralstelle zu: den tiroler Landtag, 
welcher am 12. Juni eröfiiiet werden sollte, mit zwei Abgeordneten 
zu beschicken, die dort „neben anderen niederösterreichischen Landen 
und derselben Potschaftern was zu Erhaltung irer f. Durchlaucht Ee- 
putation, auch in ander Weg zu Frid vnd Eue dienstlich, handeln 
sollen". Da dieser Auftrag verspätet eingetroffen war, entsprachen 
die von Oesterreich ob der Enns demselben, so gut es eben noch in 
der Eile o-ieng, indem sie dem ohnehin gerade in Tirol weilenden 
Obersthofmeister des Erzherzogs, Cyriak Freiherrn von Polheim, ein 
Creditiv an die tirolische Landschaft zuschickten, es aber im üebrigen 
dem Ermessen des Erzherzogs anheimstellten, ob von dieser Vollmacht 
noch werde Gebrauch zu machen sein. Und da ihnen bald darauf ein 
neuer landesfürstlicher Befehl, die Wahl von Ausschüssen für einen 
., gemainen" Landtag, den der Erzherzog am 11. November „mit allen 
nidern und obern österr. Landen zu halten" entschlossen sei, auftrug, 
so entsendeten sie auch hiezu Ausschüsse „mit genuegsamer Gewalt". 
Aber diese letzterwähnte Zusammenkunft unterblieb so gut als die 
ein halbes Jahr zuvor nach Innsbruck ausgeschriebene und es bedurfte 
energischer Kundgebungen, wie eine solche z. B. von Seiten der Stände 
des Landes unter der Enns am 14. November 1525 durch einstweilige 
Verweigerung aller Kriegshilfen ausging, um Ferdinands Widerwillen 
gegen den Länder-Kongress so weit zu besiegen, dass dieser am 13- 
Dezember 1525 durch den Hofkanzler Leonhard von Harrach eröffnet 
werden konnte i). An ihm nahmen nicht nur sämmtliche niederöster- 
reichische Länder, sondern auch Tirol und die vorderösterreichischen 
Länder mit Ausnahme von Elsass, Sundgau und ßreisgau, theil und 
auch diese drei Landschaften waren, gleich dem Fürstenthum Würtem- 
berg, während der Kongress seine Verhandlungen hielt, zu Augsburg 
mindestens durch Gesandte, die dem Gauge der Verhandlungen sorg- 
falti<5 folgten, vertreten. Die Versammlung ruhte nicht, bis der ver- 



1) Vgl. jetzt über dies^en ,Generallaudtag* die im Jahre 1894 erschienene 
Arbeit von Michael Mayr in der Zeitsebr. des Ferdinandeums 38. Bd. (Aiini. des 
HorauBg.). 



Die österreichisclien Länder-Kongresse. 273 

hasste Günstling und oberste Sehatzmeister Ferdinands, der Spanier 
Gabriel von Salamauca, in seiner Stellung so erschüttert war, dass 
sein vollständiger Sturz, d. h. seine Entfernung vom Hofe nur mehr 
eine Frage der Zeit war. Sie berieth auch über Vorkehrungen wider 
neue Bauernaufstände, Sicherung des protestantischen Gottesdienstes, 
d. h. der „lauteren" Verkündigung des Evangeliums, wie Ferdinand 
kurz zuvor sie den Tirolern gewährt hatte — , über Abwehr der Tür- 
ken, Besetzung der Hofämter mit Personen „hochteutscher Nation" 
(nachdem der Erzherzog „ein regierender Fürst in hochteutschen Erb- 
landen"), ferner über eine Polizei-Ordnung und über das lunsbrucker 
Defensions-Libell von 1518, welches die hiezu bevollmächtigten Aus- 
schüsse für die nächsten vier Jahre unter gewissen Bedingungen als 
ihre Kommittenten bindend anerkannten. Sie machten dies nämlich 
von der Einbeziehung aller vorderüsterreichi&chen Gebiete in das be- 
zügliche Schutz- und Trutzbündniss, welches der .Erzherzog zu bewerk- 
stelligen hätte, ferner von der Zusicherung abhängig, dass der Erz- 
herzog ohne Zustimmung der Erblande keinen Offensivkrieg beginnen 
werde, endlich von der Erfüllung bestimmter Zusagen, welche schon 
Maximilian .1. diesfalls gegeben hatte. Erstere Bedingung stellten ins- 
besondere die Vertreter Tirols, Ferdinand genehmigte den also ver- 
klausulierten Beschluss am 22. Februar 1526 der Hauptsache nach 
und versprach am 12. März den Ausschüssen, dass er mit den „vor- 
dem Landen" „aufs förderlichst" handeln wolle, damit sie der Defen- 
sions- Ordnung beitreten. 

Nichtsdestoweniger war diese Angelegenheit damit nicht erledigt, 
sondern galt fortan als der Feststellung erst noch bedürftig. Die Ur- 
sache lag offenbar bei den Vorderösterreichern, denen es nicht con- 
venierte, dem Schutz- und Trutzbündnisse der übrigen Erblande sich 
anzuschliessen. So geschieht denn auch der Augsburger Beschlüsse 
über diesen Gegenstand vom Jahre 1525 in der Folge nur selten Er- 
wähnung. Auch die Beisteuer von 400.000 fl., mit welcher Ferdinand 
nach einigem Bedenken sich zufrieden gab, machten die Ausschüsse 
der fünf niederösterreichischen Lande und Tirols davon abhänsrio", dass 
Ferdinand „die vorderen und äusseren österreichischen Erblande ver- 
möge", d. h. sie bestimme, die nach der Inusbrucker Repartition auf 
sie entfalleude Quote zu zahlen. Dass dies gelaug, muss bezweifelt 
werden. Aber dass es ausbedungen wurde, ist ein Beweis, wie ent- 
schieden die österreichischen Erblande damals schon zu dem Grund- 
satze sich bekannten, dass ein Zersplittern ihres Kraftaufwandes ver- 
mieden werden müsse und dass, wenn keine den Erfolg verbürgende 
Anstrengung vereinter Kräfte zu erzielen ist, besser jede über die 

Mittheilungen XVII. 18 



274 H- J- Bi dermal! u. 

unmittelbare, eigene Vertheidigung hinausgehende Kriegsaktion un- 
terbleibt. 

Ein weiteres Hindernis für das Inslebentreten des Innsbrucker 
Defensions-Libells war der Streit der einzelnen Länder unter sich über 
die sogenannten „Gülten-Ansagen", d. li. über ihre Einschätzung zum 
Zwecke gleichmässiger Vertheilung der gemeinsamen Steuerlast. Au 
derartigen Misshelligkeiten scheiterte wohl auch ein für den Monat 
Oktober des Jahres 1526 nach Linz ausgeschriebener Ausschusstag, 
auf welchem die von den krainer Ständen gewählten Ausschüsse auch 
Vertretern der oberösterreichischen Lande zu begegnen hofften. Viel- 
leicht aber vereitelte diese Zusammenkunft die mittlerweile in Ungarn 
bei Mohacz eingetretene Katastrophe, welcher zufolge Erzherzog Fer- 
dinand sich beeilen musste, in Ungarn und Böhmen die Erbschaft 
anzutreten, die der vorsorgende Eifer seiner Ahnen ihm zuzuwenden 
bemüht gewesen war. Zur Geltendmachung seiner bezüglichen Kechte 
bedurfte es grosser Opferwilligkeit auf Seite der österreichischen Erb- 
lande. Um diese rege zu erhalten, schilderte Ferdinand den Ständen 
dieser Lande bald nach der Mohaczer Schlacht die Vortheile, welche 
die nunmehr bevorstehende Inbesitznahme Ungarns und Böhmens durch 
ihn, beziehungsweise der Anfall dieser Königreiche und ihrer Depen- 
denzen an das Haus Habsburg für sie haben werde, mit so bestechen- 
den Farben, dass diese Stände nothwendig auf den Gedanken verfallen 
mussten: es sei an der Zeit, die Theiluahme der beiden Königreiche, 
namentlich die Böhmens, an der Bestreitung der allgemeinen Lasten, 
die ja gerade ihretwegen von Jahr zu Jahr stiegen, anzustreben. Die 
Stände des Landes ob der Enns beantworten die aus Ofen, den 3. Feb- 
ruar 1528 datierte Darlegung der Gründe, wesshalb Ferdinand I. mit 
seinen bezüglichen Forderungen an die einzelnen Landtage herantrete 
und nicht lieber auf einem Kongresse der nieder- und oberösterrei- 
chischen Laude sie vorbringe, — mit der Gegenproposition : der 
König wolle ehestens auch Ausschüsse seiner neu erworbenen König- 
reiche zu sich bescheiden, mit ihnen sich berathen und bewirken, 
dass sie sich über eine „erspriessliche und gleiche Bürde" unter 
einander vergleichen. Handelt es sich um eine „stattliche und be- 
harrliche Hilfe'', so ist, sagen sie in ihi*er Antwort vom 13. Feb- 
ruar 1528, nichts geeigneter, als eine „ainträchtige Vergleichung", 
an welcher auch jene Königreiche participieren , weil dann selbst 
die Stände des deutschen Kelches lieber ihre Streitkräfte den schon 
geeinigten der habsburgischen Länder werden beifügen wollen. 
Die Centralstelle der niederösterreichischen Lande sab über diesen 



Die österreichischen Länder-Kongresse. 275 

Vorschlag wegen eines Verbands aller S. Mt, Königreiche und 
Fürstentümer am 21. Febrnar 1528 ihr Gutachten dahin ab: dass ihr 
eiue solche Vorkehrung ,,gantz wol non nöthen bedüncke". 

Die Stände des Landes unter der Euns dachten sieh freilich die 
Sache noch einfacher. Sie proponierten dem Könige auf dem Wiener 
Landtage vom 8. November 1528 die Vereinigung Böhmens, Mährens, 
Schlesiens mit den niederösterreichischen Erblanden und mit Tirol zu 
Einem Staatskörper. Einige Monate früher hatte das Verordneten- 
Collegium dieses Landes den krainer Ständen bedeutet: es erwarte 
eine gründliche Abhilfe nur von einer allgemeinen Versammlung aller 
Lende. Dieselbe Ueberzeugung äusserten die steiermärkischeu Stände 
am 30. Mai 1529 in einer ausführlichen Beschwerdeschrift. 

Solcliera Andrängen musste Ferdinand, der ohnehin wieder vier 
Jahre hatte verstreichen lassen, ohne dass er eiue allgemeine Zusam- 
menkunft auch nur der altösterreichischen Lande veranstaltete, noch 
vor Ablauf des Jahres 1529 nachgeben. Anfangs Dezember eröffnete 
er den einzelnen Ständeversammlungen : er wünsche, dass sie bis zum 
13. Januar 1530 nach Linz ihre Ausschüsse senden. Kaum waren die 
Ausschüsse der innerösterreichischen Stände hier eiugetroifen, so eni- 
pfieugen sie den Besuch der Ausschüsse des Erzherzogthums Oester- 
reich ob und unter der Enns, welche ihnen mittheilten: ihre Voll- 
macht laute auf „Verhandeln und Schliessen mit der Krone Böhmens, 
den Markgrafschaften Mähren und Lausitz, dem Fürstenthume Schle- 
sien und den österreichischen Erblanden Sr. Majestät"; sie müssten 
daher den abwesenden König bitten, „solche Handlung neben der 
Cron Behaimb und ihren zugethanen Landen in Vollziehung kommen zu 
lassen". Die Innerösterreicher waren mit diesem Begehren nicht ein- 
verstanden. Sie suchten die dafür Eingenommenen zum Zuwarten zu 
bewegen. Am 16. Januar wurden die Ausschüsse aller fünf nieder- 
österreichischen Lande zu den königlichen Kommissären in das Linzer 
Schloss beschieden, wo ihnen des Königs „Werbung" vorgelesen ward. 
Darin ist betont, dass die zur Behauptung Böhmens und Ungarns 
bisher gebrachten Opfer nicht ohne Wissen und ßath der Königreiche 
und anderer Lande ünterthanen aufgewendet wurden und dass Ferdi- 
nand, von allem Anderen abgesehen, es den Böhmen schuldig gewesen 
sei, der ungarischen Krone nachzutrachten, nachdem die Böhmen es 
gewesen, welche schon dem Könige Wladislaus zu dieser Krone ver- 
halfen und weil sie bei seiner Wahl zum König von Böhmen darauf 
rechneten, dass er den Ansprüchen der Ungarn auf Gebietstheile ent- 
gegentreten werde, was auf keine Weise so sicher geschehen konnte, 
wie mittelst der Geltendmachung seiner Erbansprüche auf Ungarn. 



276 H. J. Bi der mann. 

Den Vorwurf, als hätte er liiedurch den Türken Anlass gegeben, bis I 
zu Wien's Mauern vorzudringen, und ihnen gewissermassen den Weg ■ 
dahin gebahnt, — wies er mit dem Hinweise auf das längst von vie- ; 
len Fürsten anerkannte Axiom zurück: „dass den Türkhen nit wol j 
zu widersteen. dann allain so das Königreich Hungern in aines Ertz- ; 
herzogen von Oesterreich oder aines andern teutschen Fürsten gewalt | 
und banden wäre". Sein Nichterscheinen in Linz entschuldigte er : 
mit der Nothwendigkeit, gerade jetzt bei den Ländern der böhmischen j 
Krone um Hilte wider den Gegenkönig in Ungarn und wider die mit j 
diesem verbündeten Türken anzuhalten. Hiezu weilte er in Budweis, I 
wo die Stände jener Länder zum General- Landtag versammelt waren, j 
jedoch trotz eifrigen Zusprechens von seiner Seite und so kurz die j 
Reise gewesen wäre, nicht zu bewegen waren, ihrerseits Ausschüsse • 
nach Linz zu senden. Die Nebenlande zwar zeigten sich dem nicht 
abgeneigt; doch die Vertreter des Hauptlandes Böhmen wollten davon ^ 
absolut nichts wissen, Sie schützten Mangel an entsprechender Voll- 
macht vor, verhehlten aber auch nicht, dass, hievon abgesehen, sie ' 
es mit der Würde der böhmischen Krone und mit der eigenen als 
Repräseutanteu eines Königreiches nicht vereinbar finden, den Aus-- 
schüssen von Ländern niedrigeren Ranges eutgegenzureisen. Ferdinand 
war über diese Weigerung so erbost, dass er am 17. Jänner 1530 von 
Budweis aus seiner Schwester, der Königin- Wittwe Maria klagte : diese 
böhmischen OHgarchen hätten den Teufel im Leibe (je vois autant 
que ont du tout le diable au corps), worauf Maria, der Erfahrungen 
eingedenk, welche sie selber an der Seite ihres verstorbenen Gemahls 
gemacht hatte, von Linz aus, wo sie als ihres Bruders Stellvertreterin 
fungierte, erwiderte: „fürwahr, solange dieses Gelichter obenauf ist, 
können Eure Geschäfte unmöglich gut von Statten gehen'- (certes, 
entretant que cette bände fiorisse, il n'est possible, que vos affaires 
peuvent bien aller. Bucholtz IV. 421). 

Am 18. Jänner fassten die in Linz anwesenden Ausschüsse der 
fünf niederösterreichischen Länder den einhelligen Beschluss, bevor 
nicht auch Ausschüsse der böhmischen Kronländer und solche aus 
den oberösterreichischen Landen ihnen zur Seite treten und dabei mit- 
wirken, auf keinerlei Verhandlungen mit dem Laudesfürsten sich ein- 
zulassen. Die Bekanntgabe dieses Beschlusses kreuzte sich mit der 
vom 19. Jänner datierten ausführlichen Schilderung, welche Ferdinand 
zu Händen seiner Gemahlin und Schwester von den Schwierigkeiten 
entwarf, mit welchen er zu Budweis kämpfte und die ihn zwangen, 
für das Königreich Böhmen allein einen neuen Landtag auszuschrei- 
ben. Am folgenden Tage, den 20. Jänner, lud er gleichwohl die in 



Die östeiTeichischen Länder-Kongi-esse. 



v< i 



Liuz versammelten Ausschüsse der einzelnen Länder ein, je zwei oder 
drei Personen aus ihrer Mitte sofort nach Budweis zu delegieren, 
welchem. Ansinnen, aber nur zur Entgegennahme von Mittheilungen, 
die vor die Linzer Pleuarversammlung zu bringen wären, entsprochen 
wurde. Am 23. Jänner erneuert diese Versammlung den vorerwähnten 
ßeschluss, anerkennt übrigens auch Ferdinands redliches Bemühen, 
demselben gerecht zu werden. Am 24. Jänner weist sie ihre Dele- 
gierten in Budweis an, hier mit den Ausschüssen Böhmens und der 
zugewandten Laude sich wegen nachbarlichen Beistandes ins Einver- 
nehmen zu setzen und ihnen für Nothfälle dessen Vergeltung in Aus- 
sicht zu stellen, namentlich aber sie für die Theilnahme an der jre- 
planten, allgemeinen Zusammenkunft günstig zu stimmen. AVas die 
Delegierten über den Erfolg ihrer Bemühungen nachträglich berich- 
teteu, bestätigte vollkommen des Königs Erklärung, dass zwar die 
Mährer, Schlesier und Lausitzer bereit wären, an einem derartigen 
Kongresse theilzunehmen. dass jedoch die Böhmen völlig untraktabel 
seien. Daher beschränkte sich auch des Königs Einflussnahme in Bud- 
weis zuletzt nur auf jene Vertreter der Nebenlande, denen er das Ver- 
sprechen abnahm, dass sie auf dem nächsten Generallandtage der böh- 
mischen Krone die Beschickung einer allgemeinen Versammlung be- 
fürworten und dafür stimmen würden. Das Fernebleiben der Tiroler 
und Vorarlberger motivierte er mit dem Winke, umzukehren, den er 
ihnen, welche schon auf der Keise nach Linz waren, ertheilte, als sich 
herausstellte, dass ihre Vollmachten unvollkommen und die Vorderöster- 
reicher, ohne deren Mitthun sie schon gar nicht zu einer ,,beschliess- 
lichen'' Theilnahme sich hätten verstehen mögeu, nicht einmal gewillt 
waren, Ausschüsse mit beschränkter Gewalt nach Linz zu entsenden 
Diesen Aufklärungen zufolge Hessen sich die hier anwesenden Aus- 
schüsse endlich doch auf Verhandlungen mit dem Könige ein; nur 
fassten sie ihre bezüglichen Resolutionen auf „Hintersichbringen" und 
erstatteten daher auch dem Könige am 5. Februar 1531 blos einen 
„uuverpindtlichen Ratslag". Darin ist die Bereitwilligkeit der fünf 
niederösterreichischen Erblande, Gesandte „zur Krön Behaim" nach Prag 
zu schicken, welche dort die böhmischen Stände um Beistand anzu- 
flehen hätten, ausgedrückt. Am folgenden Tage schritten die Aus- 
schüsse auch schon zur Wahl dieser Gesandten, Die Steiermärker 
wählten ihren Landeshauptmann Sigmund von Dietrichstein. 

Der Eindruck, welchen damals das Misslingen der auf einen all- 
gemeinereu Kongress gerichteten Bestrebungen auf die Landschaften 
der einzelnen mit dem Kongress einverstandenen Provinzen machte, 
war der der bittersten Enttäuschung. 



278 



H. J. B i d e !• m a n n. 



Die Stände des Landes ob der Enus, welche unmittelbare Zeugen 
der Linzer Vorgänge gewesen waren, bejammerten im März 1530 die 
trostlose Lage der, wie sie sagten, „durch unaufhörliche Particular- 
hilfen erschöpften'' niederösterreichischen Lande und machten sich für 
die Zukunft blos anheischig, daferne der König mit Zuthun der böh- 
mischen Krone und oberösterreichischen Erblande sowie Würtembergs 
und der Vorlande ein stattliches Heer aufbrächte, diesem Kriegsvolke 
ein ihrer Gültenschätzung entsprechendes Contingeut als „Zusatz'^ an- 
zufügen. Den Anfang mit einer Truppen- oder Geldbewilligung zu 
machen, lehnten sie für die Folge ab, was, beharrlich eingehalten, 
allerdings ein Mittel war, den König zur Veranstaltung einer allge- 
meinen Zusammenkunft aller vorgenannten Länder zu zwingen. 

Gleichzeitig schlugen auch die Stände des Landes unter der Enns 
diesen Ton au, und um sich mindestens der Willfährigkeit der mäh- 
rischen Stände zu versichern, leiteten sie durch Abgeordnete Verhand- 
lungen mit denselben über gemeinsamen Grenzschutz, Stellung von 
Reitern und Lieferung von Proviant ein. Das hiezu dienende Memo- 
rial vom 21. März 1530 beantworteten die Mährer am 9. Mai mit 
Zusicherung nachbarlicher Unterstützung und durch Entsendung von 
Deputierten zur Besichtigung der Grenze gegen Ungarn. 

Ob die in Linz gewählte Gesandtschaft der Niederöstereicher sich 
wirklich nach Prag begab, ist mir nicht bekannt. Keinesfalls erreichte 
sie dort ihren Zweck. Denn es vergiengen noch elf Jahre, bis die 
Böhmen den Niederösterreichern die Hand boten, und in der Zwischen- 
zeit fanden sich wiederholt Abgeordnete Letzterer in Böhmens Haupt- 
stadt ein, welche alle Ueberredungskünste aufboten, um dieses Resultat 
herbeizuführen. 

Zunächst galt es, den gesunkenen Muth der Niederösterreicher 
dadurch aufzurichten, dass sie mit den Oberöaterreicheru in nähere 
Berührung gebracht und ihnen von diesen beruhigende Zusagen ge- 
macht wurden. 

Ferdinand berief die Ausschüsse der fünf niederösterreichischen 
Lande für Weihnachten des Jahres 1531 abermals nach Linz, wo die- 
selben, hoffend dort die Oberösterreicher zu treffen, sich pünktlich 
und zahlreich einfanden. Aber statt hier ihre Hoffnung erfüllt zu 
sehen, mussten sie vielmehr nach längerem Zuwarten sich zur Weiter- 
reise nach Innsbruck entschliessen, wo Ferdinand sie zu erwarten er- 
klärte. Auch diesem Rufe folgten sie willig. Brachte er sie ja doch 
in räumlicher Beziehung Denjenigen näher, nach deren Beistaude sie 
sich sehnten. Aber die tiroler Stände kehrten den Ankömmlingen so- 
zusagen den Rücken und verhielten sich selbst den paar Anfragen 



Die österreichischen Länder-Kongresse, 279 

treo^enüber, welche diese an sie richteten, schroff ablehnend. Erregt, 
wie sie von vorneherein waren, und durch diese Erlebnisse in noch 
crrössere Aufregung versetzt, geriethen nun die Niederüsterreicher zu 
Innsbruck unter sich in heftigen Streit, was nicht geeignet war. die 
Tiroler aus ihrer Zurückhaltung hervortreten zu machen, deren nächste 
Ursache in den Hindernissen lag, welche die Steiermärker unkluger 
Weise gerade damals der Approvisiouierung der tirolischen Bergwerke 
und dem Einkaufe von Lebensmitteln für Tirol in ihrem Lande be- 
reiteten. Ferdinand, der die grosse Tragweite dieses an sich kleinen 
Zerwürfnisses ganz richtig würdigte und sogleich erkannte, Hess es 
nicht an Versuchen, dasselbe beizulegen, fehlen. Doch gelang ihm 
dies um so weniger, weil die Gegensätze theils im Hochmthe der Ab- 
o-esandten von Oesterreich ob der Enns, welche durchaus ihre enge 
Heimat als ein besonderes Erzherzogthum anerkannt wissen wollten, 
theils in dem Argwohne der Innerösterreicher, dass die Stände des 
Landes unter der Enns sie bei Fatierung der Steuerfahigkeit zu über- 
vortheilen suchten, ihren (Irund hatten. 

In der gedrücktesten Stimmung, welche sich auch den Eegie- 
rungskreisen mittheilte, verliessen die Niederüsterreicher nach zweimo- 
uatlichem Aufenthalt Tirol. 

Eine Wendung zur Besserung trat für sie und für ganz Oester- 
reich erst auf dem Prager Kongresse ein, welcher im Winter 
von 1541 auf 1542 stattfand und an dem ausser ihnen auch die 
Länder der b(»hmischen Krone, sowie ein Theil der Oberösterreicher, 
nämlich die Tiroler und Vorarlberger sich betheiligten. 

Dieser Kougress, einer der umfassendsten, welche die österrei- 
chische Geschichte kennt, war die Frucht mühseliger Anstrengungen, 
welche sowohl von Ferdinand I. als von den Ständen der niederöster- 
reichischen Lande gemacht worden waren, um endlich bei Abwehr der 
Türken und der mit diesen verbündeten Ungarn ein planmässiges Zu- 
sammenwirken aller Länder zu erzielen. Schon zu Anfang des Jahres 
1538 gaben sich die Innerösterreicher der Ei Wartung hin, es stehe 
eine solche Zusammenkunft, und zwar eine, an welcher auch die 
Ungarn theiluehmeu würden, unmittelbar bevor. Die von den krai- 
uer Ständen hiezu erwählten Ausschüsse erhielten mit Instruction vom 
27. Mai 1538 den Auftrag : bei den Gesandten der beiden König- 
reiche sich dafür zu bedauken, dass sie den Erzherzog von Oesterreich 
zum Landesfürsteu angenommen haben und dadurch zum Tröste der 
österreichischen Erblande .,Giieder eines Leibs, ihre Mit ver- 
wandten, Brüder und Gesellen" geworden. Den Ober- und 
Vorderösterreichern sollten sie sagen: dass die Aussicht, diese würden 



280 



H. J. Bi der mann. 



ihuen die schwere Kriegsbürde tragen helfen, sie mit der Zuversicht 
des Sieges erfülle. 

ludessen erwiesen sich derlei sanguinische Voraussetzungen auch 
jetzt als trügerisch, und da die in Wien auf den Beitritt der Böhmen 
und Ungarn harrenden Ausschüsse aller niederösterreichischen Lande 
die Vereitelung ihrer Hoffnungen dem heimlichen Entgegenwirken des 
Königs zuschrieben, versicherte ihnen dieser am 2. Dezember 1538 
mündlich: er habe, um die Böhmen zur Theilnahme zubewegen, drei 
Landtage mit ihnen gehalten und — das sind seine eigenen Worte 
— er habe .,wahrlich sein Leben laug nit so hart und schwarlich ver- 
gebens orearbeitet". Schliesslich hätten ihm die böhmischen Käthe 
unverholen eingestanden, dass nicht die mindeste Aussicht auf einen 
Erfolg vorhanden sei. Nicht besser sei es ihm bei den tiroler Ständen 
ergansen, zu welchen er seinen Hofmarschall Leonhard Freiherrn von 
Vels, der zugleich die Würde eines Landeshauptmannes von Tirol be- 
kleidete, abgeordnet hatte, und die „vorderen Laude" — klagte der 
König — ..habens gar abgeschlagen und wollten keiuesweg in die 
Zusammenkunlt". Das Widerstreben der Böhmen war für die Nieder- 
österreicher um so verletzender, je weniger sie mit zuvorkommenden 
Schritten gespart hatten. Wiederholt: im Monate März des Jahres 
1537 und zu Anfang des folgenden waren sogar ihrer Aller Gesandte 
in Prag als Bittsteller erschienen, die es sich laut der von den steier- 
märkischen Abgeordneten erstatteten Relation zu hoher Ehre rechneten, 
von den Ständen der böhmischen Krone mindestens im offenen (xene- 
ral-Landtage, wo sie ihre Anliegen mündlich darbrachten, empfangen 
worden zu sein. Jedoch, so dringend sie auch darum baten, der Ge- 
neral-Landtag verstand sich weder im Jahre 1537 noch im folgenden 
Jahre dazu, Ausschüsse zur Verhandlung zu delegieren. 

So schleppten sich denn die VerhandUmgeu zur Bewerkstelligung 
des grossen Kongresses Jahre lang hin. 

Eine bestimmte Gestalt nahmen dieselben erst im Jahre 1540 an, 
wo die Böhmen wenigstens die Zusicherung gaben, sie würden auf 
Anträge der Nieder- und Oberösterreicher eingehen , vorausgesetzt, 
dass diese sich zuvor unter einander darüber verständigen und bindende 
Beschlüsse fas.sen. Damit dem entsprochen werde, beschied Ferdinand 
gegen das Ende des Jahres 1541 neuerdings die Nieder- und Ober- 
österreicher nach Linz. Diesmal liess die Versammlung, was Voll- 
ständigkeit anbelangt, wenig zu wünschen übrig. 

Doch beim Vergleichen der Vollmachten der Repräsentanten- 
Gruppen der einzelnen Länder zeigten sich solche Abweichungen und 
Mäugel, dass der Kongress vom 6. November bis zum 4. Dezember 



Die österreichischen Länder- Kongrest<e. 281 

unterbrochen wurde, damit in der Zwischenzeit durch die betreffenden 
Landtage die erforderliche üebereinstimmung hergestellt werden konnte. 
Bios die Vollmacht der steiermärkischeu Ausschüsse bedurfte keiner 
Nachbesserung. Als der Kongress wieder zusammentrat geschah dies 
nicht mehr in Linz, sondern in Prag, wo der König am 5. Dezember 
den böhmischen Generallandtag mit einem Vortrage eröffnete, dessen 
wesentlicher Inhalt mit der Proposition übereinkam, die er dem Kon- 
gresse in Linz gemacht hatte. Während der folgenden Tage beriethen 
sich die Niederösterreicher in Prag eifrigst über ihr den böhmischen 
Kronläudern gegenüber zu beobachtendes Verhalten. Den Freiherru 
Hanns von Uugnad erkoren sie zu ihrem Sprecher, der am 10. De- 
zember vor den Generallandtag trat, den Anliegen seiner Kommit- 
tenten zierliche Worte lieh und die von einem engeren Ausschusse 
ausgearbeitete Denkschrift derselben über die ihnen drohenden Gefahren 
überreichte. Am Morgen dieses Tages erschienen übrigens die Ge- 
sandten der mährischen Stände bei den Niederösterreichern mit 
einem besonderen Kredenzbriefe an dieselben und mit dem Erbieten: 
ihnen bei Ermittlung der geeignetsten Vorkehrungen wider die Türken 
getreulich Beistand leisten zu wollen. ,, Dessen haben" — Avie das 
Tagebuch, dem diese Angaben entnommen sind, berichtet — ,,die 
Herrn Gesandten der u. ö. Lande gegen ihnen sich freundlich bedankt.'' 
Auch der böhmische Generallandtag that nun nicht mehr spröde, 
sondern erwiderte die Werbung des Freiherrn von Ungnad mit Be- 
theuenmgen, wonach es ihm zur grössten Freude gereiche, von den 
Niederösterreichern also freundlich und vertraulich heimgesucht zu 
werden"; die böhmischen Kronländer hätten dies längst herbeige- 
wünscht und seien nun gar ,, begierlich, all ihr Vermögen, Leib und 
Gut zu ihnen, den niedern und obereu österr. Landen zu setzen, diese 
in Nöthen als ihre lieben Freunde und Nachbarn nicht zu verlassen". 
Schliesslich einigten sich damals in Prag die Niederösterreicher nicht 
nur unter sich über gleiche Grundsätze, nach welchen bei Einschätzung 
der Steuerkraft der einzelnen Länder vorgegangen werden sollte, son- 
dern auch mit den Oberösterreichern und Böhmen über verschiedene, 
das Kriegswesen und die Beschaffung von Geld liiefür betreffende 
Punkte. 

Die Gesandten der Tiroler und Vorarlberger traten in Prag erst 
am folgenden Tage, den 1 1 . December mit den Niederösterreichern 
in Berührung, gleich als hätten sie abgewartet, welchen Erfolg die 
Werbung des Fhrn. von üngnad haben würde. Ein meritorischer 
Bescheid hierüber wurde den Niederösterreichern am 18. Dezember 
schriftlich zugestellt. Tags darauf besahen sich diese denselben und 



282 



H. J. Biderman n. 



befanden ihn, wie das Tagebuch sagt, „in vielen Artikeln gering und 
unerkannt" d. h. wohl: undeutlich. Ihre Ausstellungen daran theilten 
sie nicht blos dem Generallandtage sondern auch dem Könige mit, auf 
dass er diesem zu Gehör rede und ihre eigenen Einwendungen unter- 
stütze, was auch in der Zeit vom 24. Dezember bis 8. Jänner geschah. 
Die Nieder- und Oberösterreicher hielten auch am 22. und 23. De- 
zember „allerlei Disputation" d. h. Besprechungen mit Ausschüssen 
der böhmischen Kronländer, und änderten darauf hia einzelne Aus- 
drücke in ihren zu Linz beschlossenen Anträgen. 

Das Hauptresultat dieser vereinten, vom besten Willen beseelten 
Bemühungen liegt, so weit die n. ö. Lande dabei in Betracht kommen, 
in Gestalt einer vom 11. Jänner 1542 datierten Vereinbarung vor, 
welche wiederholt gedruckt wurde und folgenden Titel trägt: „Der 
Nieder-Oesterreichischen Erblandt sambt der fürstl. Grafschafit Görtz 
aufgerichte Vergleichung und Anlag des Werths, so neben der Krön 
Böhaimb und derselben zugewendten Fürstenthumben und Landen zu 
Prag beschlossen worden". Dieser Titel drückt jedoch den Inhalt nicht 
genau aus und der Letztere erschöpft auch keineswegs die auf dem 
damaligen Prager Kongresse vereinbarten Beschlüsse. 

O o o 

Der Titel läs,st die Bewilligung der Oberösterreicher, derer doch 
iü dem Libelle Erwähnung geschieht, vollkommen unberücksichtiget 
und das Libell enthält Nichts von den damaligen Abmachungen zwi- 
schen den böhmischen und österreichischen Ländern in Bezug auf gleich- 
massige Truppen-Stellung und vorläufige Unterordnung aller Truppen- 
Kontingente unter den vom Könige zu ernennenden, obersten Feld- 
hauptmann, ferner hinsichtlich eines gleichen Müüzfusses, gleicher 
Reiterbesoldung und gleicher Kündigungsfristen für das Kriegsvolk, 
dann in Ansehung gemeinsamer Vorstellungen an den König, einer 
gemeinsamen Legation an den Reichstag zu Speyer und an den König 
von Polen, auch nicht in Bezug auf einen der Regierung bewilligten 
Vorschuss und rücksichtlich der späteren Erledigung jener Punkte, über 
welche sie sich vorerst nicht einigen konnten, obschon sie dieselben 
prinzipiell jetzt schon als geraeinsame Angelegenheiten anerkannten. 

Diese Punkte wareu: die Einbringung rückständiger Steuerfassio- 
nen, die Theilnahme an der Proviantbeschaö'ung für das Kriegsvolk, 
die Beistellung verschiedener Kriegsgeräthe und die Bemannung für 
eine Flotille, welche der König auf der Donau, Save und Drau zu 
verwenden gedachte. 

Auf die Vertagung der Entscheidung hierüber beziehen sich die 
Worte eines krainischen Landschaftssekretärs, welcher als Ohrenzeuge 
eine Uebersicht der „Prager Handlung" zu Papier brachte: „In Summa 



Die österreichischen Länder-Kongresse. 283 

sie (die Böhmeu) haben sich in nichts weisen oder pessern lassen. Ihr 
Maiuung stundt: Also ists beschlossen; dapey muss es pleiben". 

x\llein aus der grossen Anzahl der damals vereinbarten Beschlüsse 
und aus der Bereitwilligkeit, zur Einigung über die noch unerledigten 
Verhandlungsgegenstäude einen Nach-Kongress zu beschicken, 
erhellt, dass der Starrsinn der Böhmen damals einer versöhnlichen 
Stimmung gewichen war. ohne dass, jenen Worten nach zu urtheilen, 
jetzt auch die Innerösterreicher sich einer solchen rühmen durften. 

Welchen Antheil an diesem ßoUenwechsel die Haltung der Stände 
der böhmischen Nebenländer hatte, die sich von jeher mehr zu 
den Niederösterreichern hingezogen fühlteu, ist nicht vollkommen klar. 
Aber das früher über das Entgegenkommen der Mährer Mitgetheilte und 
die Thatsache, dass die Stände aller in Kede stehenden Nebenläuder 
der böhmischen Krone den unmittelbar vorhergegangenen Linzer Kou- 
ofress zu beschicken bereit gewesen wären, Avenu nicht die ünseueifft- 
heit der Böhmen ihnen die üeberzeugung von der Fruchtlosigkeit auf- 
gedrängt und der Eespect, den sie Letzteren als den Prinzipalständeu 
schuldig zu sein glaubten, sie davon zurückgehalten hätten. — diese 
verbürgten Argumente berechtigen, jenen Antheil hoch anzuschlagen. 

Was die Tiroler und Vorarlberger anbelano-t, so war es fast 
ebenso schwer, sie zur Theilnahme an dem nach Linz ausgeschriebenen 
und sohin nach Prag verlegten Kongresse zu bestimmen. Ferdinand 
suchte schon in den Jahren 1537 und 1538 die Tiroler für sein be- 
zügliches Vorhaben zu gewinnen. Die Niederösterreichür aber forderten 
sie im Jahre 1540 direct durch Männer von Ansehen auf, mit ihnen 
gemeinsame Sache zu machen. Es handelte sich da um Differenzen, 
welche noch hinter die auf dem Innsbrucker Kongresse von 1532 zu 
Tage getretene Verstimmung zurückreichten und wahrscheinlich in 
einer verschiedenen Auffassung des Innsbrucker Defensionslibells vom 
Jahre 1518 wurzelten. Denn, während in lunerösterreich die Mei- 
nung verbreitet war, die rechtsverbindliche Kraft jenes Libells erstrecke 
sich auch auf die Tiroler, und demzufolge der steiermärkische Landtag 
am 4. September 1526 einen Beschluss fasste, der mit den lakonischen 
Worten : .,Den Tyrolern zueschreiben, Hilf thuen" in das betreffende 
Protokoll eingetragen ist, — erwiderte anderthalb Jahre später, am 
6. Mai 1528, die tirolische Landesstelle dem Könige Ferdinand auf 
dessen Befehl, vorzusorgen, dass falls ein Land dem anderen zu Hilfe 
ziehen müsste, auch Tirol dem Innsbrucker Libelle gemäss gerüstet 
dastehe, — : das bezogene Libell sei noch nie in volle Wirksamkeit 
getreten und nicht einmal von ihm, dem Könige, genehmigt. Die 
Landesstelle bemerkte dazu ausserdem: es bedürfe zum Anfgfebote der 



.)^_. H. J. Bidermaun. 

ausjerecrteu Küstung eines besondern tii-oler Landtagsbeschlusses und 
es sei "nicht zu er-^varteu. dass die tiroler Staude diesen tas.>en bevor 
sie der Mitwirkung der übrigen oberösterreichischeu Lande gewiss sind. 
Als Ferdinand im folgenden Jahre Ausschüsse der tiroler Landschaft 
nach Linz citierte. damit sie in (jemeinschaft mit den Ausschüssen 
anderer Erbländer über Kriegsanstalten wider die Türken berath- 
schlacren, fertigte die genannte Landschaft ihre Sendboten zwar dahin 
ab. jedoch nur mit der Yollmacht ,.aiü' Hintersichbringen- und da 
diese zwecklos war, blieb dem Konige. um den Linzer Beschlüssen 
die Durchführung in Tirol einigermasseu zu sicheru. nichts Andei-es 
übrig, als am IS. Dezember an die tirolisehe Landesstelle ein Sehreiben 
zu richten, in welchem er die zuversichtliche Erwartung aussprach: 
die tiroler Stände würden, so wie sie „bisher in allen uasern der ge- 
maiuen Lande Beschwerungen vnd Obliegen mit Hilf, fiat uud Beystand 
uit die Letzten gewesen", so auch jetzt annehmen und befolgen, was 
der Linzer Kougress ohne sie beschliesst. Zu diesen traurigen Er- 
fahrunsen gesellte sich die des Jahres löol. Terdiuand that daher 
LTut daran, dtvss er. auf die Kompletierung der österreichischen Länder- 
KoLgresse bedacht, schon um die Mitte des Jahres 1537 von einigen 
tiroler Landräthen ein Gutachten darüber verlangte, ..wie und welcher 
Massen-' die tiroler Stande ..auf einem künftigen Landtag von wegen 
einer gemaineu Zusammenkunft aller unserer Königreiche und Erb- 
lande zu ersuchen sein möchten, damit sie gleicherweise, wie nnseix* 
niederösterreichischen Et-bland gethan. in solche Zusammenkunft be- 
willigen und desshalb ihre Ausschüsse mit vollraechtiger Gewalt ohn 
"Widerhindersiehbringen verordnen und fürnehmen". Am 13. Februar 1 5oS 
leitete er abemuüs im Wege der Kegierung zu Innsbruck Erhebungen 
hierüber ein. Diese Yorbereitimgen genügten, wie wir sahen, nicht 
um noch für das Jahr 1538 einen Erfuig zu erzielen; aber sie fruch- 
teten wenigstens insoferne. als die Tiroler und Yorariberger sich mehr 
imd mehr mit dem Gedanken vertraut machten, eines Tags doch noch 
einmal, den Niederösterreichern zur Seite, über Angelegenheiten, «lie 
ihnen AJen gemein wären, zu berathen und zu beschliessen. Hiezu 
kam- dass -lie Nieder Österreicher dieselben direct auliorderten, mit ihnen 
gemeinsame Sache zu macheu. Zu diesem Ende begab sich im Früh- 
jahre 154».' Franz von Herberstorf als Abgeordneter der steiermärki- 
schen Stünde nach Tirol imU das schmeichelte den schmollenden Se- 
paratisten, die nun bei allem Selbstbewusstsein sich dazu verstanden. 
Deputierte nach des Königs "Wunsch und den Niederösterreichern zu 
Gefallen zu entsenden, denen dann auch die in Innsbruck anwesenden 
Wahlmänner der vorariberger Stände das Mandat übertrugen. 



Die ößteiTeicliiBelieii Linder-KongreBBe. 285 

Der zeitgenÖÄSüSche Tiroler Ckronist Kirckmair geräth bei Be- 
sprechung jener WaUvorgänge völlig ausser si-eii und findet es un- 
begreiflich, wie der Tiroler Landtag sich entsehliesseii konnte .,solclie 
Procuratores ausser Land zu schicken, er, der sich je und allzeit" 
geweigert, dieses zu thun, weil es den Landesfreiheiten zuwiderlaufe, 
weil Tirol nicht berufen sei „das Üngarland weder zu gewicneu noch 
zu erhalten'% weil das Land trotzdem seit 40 Jahren sich über seine 
Kräfte angestrengt kabe u. s. w. Ein Beweis, wie schwer es den 
Tirolern fiel, dem Könige diesfalls zu willfahren, Sie thaten es auch erst 
nach 300 Jahren wieder. 

Als Wirklicher Theilnehmer am Kongresse wird nur der Freiherr 
Hanns Trautson Ton Sprechenstein erwähnt und auch er scheint mit 
den übrigen Mitgliedern desselben selten mündlich, sondern in der 
Kegel durch Vermittlung der kgl. Hofkanzlei verkehrt zu haben. Auf 
dem ^ach-Kongresse der am 10- Februar 1542 seinen Anfang nahm. 
waren diese Landschaften gar nicht vertreten; aber auch die Inner- 
österreicher waren es lediglich durch den krainischen ßitter Sigmund 
von Weichselberg, welcher von allen Gesandten derselben allein neben 
ßeinprecht von Ebersdorf' und Andreas Fhrn. zu Wiudhag, die dtis 
Erzherzogthum Oesterreich vertraten, in Prag ausgeharrt hatte und 
nur auf Zureden der kgl. Kommissäre sich entschloss, bei den weiteren 
Verhandlungen nicht nur für ganz Innerösterreich sondern auch im 
Xamen von Tirol und Vorarlberg zu intervenieren. Diese naehträg- 
Hehen Verhandlungen betrafen aber ungleich wichtigere Dinge, als der 
Kongress, dessen Nachspiel sie waren, selber erlediget hatte, 

Ihnen war es nämlich vorbehalten, die auf Grund der früher 
vereinbarten Einschätzungsnormen von den einzelnen Landtagen ge- 
lieferten Steuer-Fähigkeits-Ausweise bei der Bewilligung von Geld und 
Mannschaft, als ßepartitionsmassstab anzuwenden und dieser Bewil- 
ligung, soweit es sich um Ermittlung der Gesammtsumme handelte, 
zu Grande zu legen. Geführt wurden diese Verhandlungen nicht, wie 
vordem jene, bei welchen die böhmischen Kronländer und die öster- 
reichiscken Erbländer zusammenwirkten, durch Ausschüsse letzterer 
auf und mit dem böhmischen General-Landtage, sondern jetzt zum 
ersten Male allseitig durch Ausschüsse, was einen grossen 
Fortschritt in der wechselseitigen Annäherung bedeutete und nach 
zweimaliger Erneuerung innerhalb des nächsten Tiienniums sich bis 
zum Jahre 1861 nicht vdeder ereignete. 

Die Stände der böhmischen Krone stiegen damit von der Tribüne, 
auf der sie unter Leitung der sieh vomehm.er dünkenden Böhmen ge- 



286 



H. J. Bidermaun. 



thront und zu welcher die der österreichischen Erblaude bis dahin 
ihre Anträge als Gesuche emporgereicht hatten, gleichsam in eine ge- 
meinsame, politische Arena herab. Sie coordiuierten sich den bisher 
als nicht ebenbürtig betrachteten Ständen der Erhlande. Aber freilich 
traten diese letzteren einigermassen geeinigt zur Seite, was eine nicht 
ohne reife üeberleguug ausbedungeue Voraussetzung dafür gebildet 
zu haben scheint. 

Dabei fällt auf, dass nicht der böhmische General-Landtag als 
solcher die betreffenden Ausschüsse aus seiner Mitte delegierte, sondern 
dass jedes in diesem vertretene Land, mit Ausnahme Schlesiens und 
der Herzogthümer Jauer und Schweidnitz, seine besonderen Ausschüsse 
zu jenem Nach-Kongresse entsendete. Jedenfalls wurde die wechsel- 
seitige Verständigung der beiden Haupt-Gruppen dadurch sehr geför- 
dert und ist der im Ganzen glatte Verlauf der betreffenden Zusam- 
menkünfte, sowie das in politischer und staatsrechtlicher Beziehung 
namhafte Ergebniss derselben vornehmlich dieser Vertretungsart zuzu- 
schreiben. 

Die Vereinbarung über den zu bestreitenden Kriegsaufwand und 
über die Kostenvertheilung erfolgte am 3. März 1542. Aulässlich 
der Subrepartition entbrannte in Mitte der Niederösterreicher der alte 
Streit wegen der richtigen Proportion und es kam zu Tage, dass Sig- 
mund von Weichselberg in der Eile die Steuerkraft derselben viel zu 
uiedricy angegeben hatte, welche Entdeckung nicht geeignet war, deren 
Ansehen in den Augen der andern Stände zu heben und diese be- 
stimmte, sich auf ihre alte, dem Zusammenwirken hin- 
derliche Position zurückzuziehen. Zwar wurden die Verhand- 
lungen zur Durchführung der im Jahre 1542 gemeinsam gefassten 
Beschlüsse noch ein paar Jahre lang fortgesetzt: doch die wechsel- 
seitigen Beziehungen der Verbündeten lockerten sich mit jedem 
Jahre mehr und es zeigte sich immer deutlicher, dass deren An- 
näherung auf dem vorgeschilderten Prager Kongresse ihren Höhe- 
punkt erreicht hatte. Die Beitragsquoten erfuhren nachher noch 
mannigfache Aenderuugen; aber die Finanzverwaltung hielt 
sich fortan für berechtiget, bei ihren Ansprüchen an 
die einzelnen österreichischen Erbländer die Prager 
Abmachungen zur Kich tschur zu nehmen, auch dann noch, 
als die Böhmen sich an ihre adäquaten Zusagen nicht mehr gebunden 
erachteten, sondern beanspruchten, dass die Oesterreicher im Falle 
eines Beistandsbedürfnisses ihnen wieder Gesuche überreichten, Bot- 
schafter an sie schickten, und überhaupt so mit ihnen verkehren, wie 



Die östeiTeichischen Ländei -Kongresse. 937 

es vor dem Jahre 1542 üblich war. Dies geschah z. B. im Jahre 1556 
vom Ausschusstage aus, den die fünf uiederösterreichischen Lande da- 
mals in Wien abhielten und welcher die Reihe ihrer Kongresse 
beschloss; ebenso im Jahre 1615, wo die Ausschüsse der Landschaften 
von unter und ob der Enns sich in Prag wider alles Erwarten eine 
sie kränkende, übrigens reichlich verdiente Zurückweisung holten. Der 
Zweck dieser Conföderationen war von dem der vorbesprochenen 
Länder-Kongresse wesentlich verschieden. Bei ihnen handelte es sich 
nicht, wie bei den Kongressen, um die Klärung und Durchführung 
der österreichischen Staatsidee, nicht um den Ausbau des Staates und 
um die Befestigung seiner Grundlagen, überhaupt nicht um positives 
Schaffe u, sondern um das Gegentheil. 

An diesen Zusammenkünften theilzuuehmen, konnten auch die 
Ungarn nicht umhin, sie, die doch an den älteren aktiv sich zu 
betheiligen, stets Anstand genommen hatten, wenn es ihnen auch ge- 
rathen erschienen war, ohne jedes Gegenversprechen bei deren Mit- 
gliedern Mitleid zu erregen und sie zu diesem Ende auch die Kosten 
einer Gesandtschaft zuweilen auf sich nahmen i). 

Man glaubte in der Folge von Verständigungsversuchen der Länder 
unter einander absehen zu können und absehen zu sollen. Das Vor- 
gebrachte erklärt und rechtfertiget diesen Entschluss. Aber von Zeit 
zu Zeit machte sich auch fernerhin das Bedürfniss geltend, Repräsen- 
tanten und Bevollmächtigte der einzelnen Länder über wichtige Re- 
gierungsmassregeln gleichzeitig und so zu vernehmen, dass sie etwaige 
MeinungsdifFerenzen mündlich unter sich austragen, etwaige Interessen- 
Collisionen mündlich erörtern und beheben konnten. Namentlich war 
die Repartition allgemeiner Lasten ein Gegenstand, welcher sich zur 
Befriedigung aller Betheiligten schwer auf andere Weise erledigen 
liess und bei dessen absolutistischer Behandlung die Unzufriedenheit 
ganzer Provinzen endlose Schwierigkeiten bereitet hätte. 

Dies würdigend, versammelte die Central-Regierung im Jahre 1696 
Ausschüsse aus allen Erbkönigreichen und Ländern, welche erklärten: 
die Accisen und überhaupt alle Aufschläge seien mit dem durch die 
„Erbvereinigung der Länder" eingeführten Modus contribuendi durch- 
aus nicht in Einklang zu bringen. 



1) Anmerkung des Herausgebers: Hier fehlen Ausführungen über die 
Zusammenkünfte zu Prag 1619 und zu Xeusohl 1620. — Ein Zeichen im Manuscripte 
weisst auf die Absicht hin, hier eine Ergänzung vorzunehmen. (Siehe übrigens 
»Gesammtstaats-ldee'' H. S. 97). 



9^).^ H. J. Bi der man 11. 

Otfeiibar verstauden clieselbeu unter der „Erbvereiuiguug'' die 
im Jahre 1542 zu Prag getroffene Vereinbarung, obscliou diese zu- 
nächst blos für einige Jahre und für einzelne Läadergruppen mass- 
gebend war. 

Als mit IJeginu des 18. Jahrhunderts die Wiener Holkammer 
die Schuldenlast des Militärärars um 12 und die des Hofärars um 10 
Millionen zu erleichtern vorhatte, wurde in einer am 30. October des 
Jahres 170Ö abgehalteneu Staats-Konferenz der Beschluss gefasst, diese 
22 Millionen „auf jedes Land der alten teutschen Erbkönigreiche und 
Provinzen, worunter Tyrol und Friaul suo modo auch begriffen sein 
sollen" — , zu vertheilen. Dabei wurde im Hinblicke auf die in frü- 
heren Zeiten befolgte Vertheilungs-Maxime und weil „der Hof und 
die Stände bei mündlicher Verhandlung sich am besten und aufrich- 
tigsten gegen einander expectoriren und viel deutlicher als per Kescripta 
et Responsa explicieren können", es als wüuschenswerth und als „wohl 
thunlich" bezeichnet, dass in Wien ,,eine Congregatio aller 
Länder sub Directorio Augustae Aulae angestellt werden 
möge-', zu welcher die einzelnen Länder entsprechend instruierte De- 
putierte abzusenden hätten. 

In der That wurden die Stände einzelner Provinzen damals auf- 
gefordert, behufs üebernahme jener Staatsschulden Deputierte nach 
Wien zu senden; ob und wie aber diese Deputationen unter sich ver- 
kehrten, ist mir nicht bekannt. 

Noch weiter gieng ein mit Vortrag der Hofkammer vom 20. Feb- 
ruar 1714 zur Kenntniss des Kaiser KarVs VL gebrachtes Project 
In diesem Schriftstücke wird bezweifelt, dass ,,ohne Concurrenz der 
Länder und Stände" gründliche Reformen auf den verschiedenen Ge- 
bieten der österreichischen Staatsverwaltung bewerkstelliget werden 
könne und heisst es weiterhin wörtlich: ,,dahero .... vorträo-lich 
scheinet, nebst Resolvirung einer Haupt-Emrichtungs-Deputation aus 
allen Landen insonderheit zur Beratschlagung und Feststellung eines 
aequalen beständigen Steuerfusses und Reglements in Regalibus de- 
putirte Stände und demnebst Vertreter des gemainen 
Mannes zu evociren, , . . massen das A. h. Erzhaus von Oesterreich 
in keinem seiner acquirirteu, ja auch weder in denen mit Waffen er- 
oberten Ländern jemahls despoticam Potestatem sich augemasset, 
sondern ubique . . . sich ad Legem Regiam vel quasi obligiret, prout 
optimis Principibus semper placuerit sub specie Libertatis regere Po- 
pulum suura". Wer der eigentliche Urheber dieses in schwerfällige 
Worte gekleideten, aber für die damalige Zeit höchst bedeutsameu Vor- 
schlages war, ist aus den alten Akten der Wiener Hoi'kamraer nicht 



Die österreichischen Liinder- Kongresse. 289 

zu ersehen ; nur soviel ist gewiss, dass ausser dem Hofkammer- Präsi- 
denten Gundaker Grafen Starhemberg der Graf Rochus von Stella und 
der Hofkammerrath David von Palm grossen Autheil an ihm hatten, 
indem sie den betreflfenden Vortrag an den Kaiser mit unterzeichneten. 
Und in der That ergiengen, wie das Theatrum Europeum vom Jahre 
1714 (S. 111) berichtet, damals kaiserliche Ausschreiben in die Erb- 
laude des Inhalts, „dass selbige gewisse Leute abordnen und be- 
vollmächtigen sollten, mit denen man sich in Wien bereden und her- 
nach Mittel ausfinden könnte. Alles auf bessern Fuss zu stellen, ohne 
dass die Einwohner derer Lande ohngebührlich oder unerträglich be- 
schwert werden dürften". Die Landschaften leisteten Folge. So spär- 
hch die Aufzeichnungen darüber in den Provinzial-Archiven sind, so 
geht dies doch unter Anderem ausdemEeeesse hervor, welchen KarlVL 
damals mit den Ständen des Königreiches Böhmen schloss. 

Dass zur Annahme der in dem eben genannten Jahre bereits in 
Vorverhandlung gestandenen Pragmatischen Sanction die Reo-ieruno- 
nicht einen solchen Ceutralausschuss einberief, sondern lieber mit den 
Ständen der einzelnen Provinzen von Land zu Land sich verständio-te 
ist begreiflich, wenn man bedenkt, dass unter diesen die Stände des 
Landes unter der Enns die Einzigen waren, welche damals die Erb- 
folgeordnung mit einer Erbverbrüderung aller davon berührten Könio-- 
reiche und Länder in Verbindung bringen wollten, und dass diese 
Anregung, ungeachtet die geheime Hofkanzlei sie protegierte, bei den 
übrigen Landschaften weder Dank noch Beifall fand. 

Maria Theresia konnte sich mit dem Gedanken, einen Centralaus- 
schuss der Stände zu Eathe zu ziehen, oder gar demselben zuzuge- 
gestehen, dass er gewisse Finanzfragen in der eigenen Mitte zum Aus- 
trag bringe, keineswegs befreunden, obschon namentlich die Stände 
der Steiermark ihr denselben nahelegten und sie selber ihn sozusao-en 
streifte, indem sie mit dem Patente vom 25. Juni 1748, das die 
Grundsteuer-Reform ankündigte, an die Vereinbarungen der Länder 
unter sich von 1542 und 1578 erinnerte. 

In ihre Regierungszeit fällt meines Wissens eiue einzige Staats- 
Aktion, welche mit Rücksicht auf die dabei beobachtete Förmlichkeit 
und auf deren augenfällige Tendenz den österreichischen Länderkon- 
gressen der Vorzeit anzureihen ist. 

Am 24. Mai 1761 traten einem Rufe der Kaiserin gemäss stän- 
dische Deputierte aus Böhmen, Mähren, Schlesien, dem Lande unter 
und ob der Enns, Steiermark, Kärnten, Krain und aus Görz-Gradiska 
in Wien zur Entgegennahme einer Botschaft zusammen, welche Fürst 
Mittheilungen XVll. 19 



290 H. J. ß i d e r m a n n. 

Wenzel Kaunitz (damals noch Graf, aber die Titel führend: „Kon- 
ferenz-Minister, Geheimer Hof- und Staatskanzler der auswärtigen, 
niedei-1. u. italien. Geschäfte, auch Staatsminister der inländischen") 
ihnen vortrug und deren Hauptinhalt die Aufforderung war: es möch- 
ten die Stände der genannten Länder für ein Anlehen von 18 Millio- 
nen gutstehen ; und zwar jede Landschaft zunächst für einen bestimm- 
ten Theil dieser Geldsumme, im Falle der Insolvenz eines solchen 
Spezialb ürgen aber auch für dessen Antheil nach Massgabe der eigenen 
Steuerschuldigkeit. Kaunitz hielt au die Versammlung, welche zumeist 
aus Angehörigen der vornehmsten Adelsgeschlechter bestand, eine An- 
sprache, worauf die Deputierten die gute landesmütterliche Absicht 
priesen und sich verpflichteten, die Zustimmung ihrer Kommittenten 
dazu einzuholen. Ein Gedankenaustausch meritorischer Natur hat bei 
dieser Gelegenheit nicht stattgefunden und hätte auch kaum Erspriess- 
liches bewirkt. Denn die Stände des Königreiches Böhmen waren 
o-erade damals wenig geneigt, mit denen der österreichischen Erb- 
läuder einträchtig zusammenzugehen. Erblickten sie ja sogar in der 
1760 für Böhmen dekretierten Einführung der österreichischen Masse 
und Gewichte eine Beleidigung der Landeswürde, weil es einem König- 
reiche nicht zukomme, sich nach der Sitte eines Erzherzogthums zu 
richten. Und noch bezeichnender für diese Stimmung ist der Wider- 
spuch, welchen der Graf Rudolph Chotek in seiner Eigenschaft als 
Chef der neucreierten böhmisch-österreichischen Hofkanzlei der mit 
dieser Einrichtung bezweckten Assimilierung der böhmischen und öster- 
reichischen Länder entgegensetzte, ungeachtet Maria Theresia auf seine 
erste diesfällige Vorstellung vom 9. Februar 1762 ihm bedeutet hatte : 
„(ad 8vum) ist mir an Erreichung der Uuiformität meiner gerammten 
deutschen Erblande, in Rücksicht deren ich die Uniruug beider Canz- 
leien (d. h. der böhmischen mit der österreichischen) beschlossen 
habe, allzuviel gelegen und beharre daher unabänderlich bei der vor- 
geschriebenen Eintheilung der Referenten nach den Materien" (nicht 
nach den Ländern). Als Chotek mindestens die Hofräthe dieser Cen- 
tralstelle in ,, böhmische" und „österreichische" unterschieden wissen 
wollte, erklärte ihm die Kaiserin: nur Hofräthe ihrer ,, deutschen Erb- 
lande" (worunter Böhmen so gut als Oesterreich begriffen sei) zu ken- 
nen. Aber seine und seiner Anhänger Opposition dauerte, wie gesagt, 
fort und hatte ohne Zweifel an den damaligen Ständen Böhmens einen 
festen Kückhalt. 

Die von Tirol und von den Vorlanden hatten damals so gut als 
die ungarischen Stände die Uebernahme einer Mit- Bürgschaft bei Kon- 
trahierunjjc von Staatsschulden rundwesf abgelehnt. Sie verweigerten 



Die österreichischen Länder-Kongresse. 291 

jede Gemeinschaft mit den vorgenannten Ländern. Die Ungarn brü- 
steten sich in Ermanglung wirklicher Selbstständigkeit mit der ihnen 
durch Gesetzartikel verbürgten ; die Tiroler pochten auf ihre Selbst- 
genügsamkeit und gaben auch Beweise davon. 

Dies war 100 Jahre vor dem Erscheinen der Februar- Verfassung 
und noch lange nachher der Stand der Dinge in Oesterreich. 

Ich verfolge den Gang unseres Verfassungslebens nicht weiter, 
sondern befasse mich, am Ende meines Vortrages angelangt, aus dem 
Gesagten Schlüsse zu ziehen und diese mit einigen kurzen Bemer- 
kungen zu begleiten. 

Unter den europäischen Monarchien ist keine, in welcher der 
Föderalismus mehr Gelegenheit hatte, seine Leistungsfähigkeit darzu- 
thun, als in Oesterreich, zu dessen Eigenthümlichkeiten und histori- 
schen Charakter-Merkmalen dies ohne Zweifel gehört. Aber gerade 
hier hat sich derselbe zu keiner Zeit, auch nicht in der seines üppigsten 
Wachsthumes und freiesten Schaltens als Bindemittel für den Staat 
bewährt. Er hat blos Provinzial -Verbände bilden geholfen. Alle 
Versuche, den österreichischen Staat als ganzen auf genossenschaft- 
licher Grundlage zu constituieren, sind gescheitert. Sie legten nur 
Keime des Verderbens bloss. 

Im Kreislaufe, den die österreichische Verfassungsgeschichte dies- 
falls beschreibt, offenbart sich eine Erscheinung, welche der Psycho- 
Pathologe den Atavismus nennt, nämlich das zeitweilige Durch- 
brechen gewisser Eigenschaften, also politischer Tugenden und poli- 
tischer Laster, welche vorübergehend einer Generation fehlen mögen, 
desto gewisser aber an der folgenden typisch wieder zu Tage treten. 

Je reiner ein Volksstaram sein Blut bewahrt, um so wenio-er 
bleiben ihm solche Rückfälle erspart, denen auch der Statistiker sein 
Augenmerk zuzuwenden alle Ursache hat. 

Die Völker Oesterreichs zeigen sich — mit Ausnahme der Ma- 
gyaren — oft für die österreichische Staatsidee begeistert; sie stehen 
auch in Nothfällen thatkräftig für dieselbe ein ; aber spontane Aeusse- 
rungen dieser Art sind überaus selten. Fast immer muss das habs- 
burgische Herrscherhaus die ihm unterthänigen Völker der Reihe nach, 
und einzelne sogar regelmässig, zu einträchtigem Zusammenwirken 
ermahnen, auf ihre Vergesellschaftung hinwirken, sie zu diesem Ende 
begütigen und ermuntern. 

Dann fühlen diese Völker sich zumeist nach ihrer eigenen Aus- 
sage wohl als „Glieder eines Leibes"; doch der Sitz der Seele dieses 
Leibes zu sein, behaupten sie selber nicht. Das ist in ihren Augen 
und in der That die regierende Dynastie, 

19* 



292 



ii. J. Bidermaun. 



Dies unter allen Umständen zu bekennen, ist ein Gebot wissen- 
schaftlicher üeberzeugungstreue ; es beim heutigen Universitäts-Feste 
zu sagen aber überdies eine Pflicht der Dankbarkeit gegen jenes 
rürsteugeschlecht, dem ja speziell die Giazer Universität ihr Dasein 
und mannigfache, wirkungsvolle Förderung ihrer Lehrthätigkeit ver- 
dankt. 



L 



Kleine Mittheiliingen. 

Das Verbot Bücher der Vaticaiiiseheii Bibliothek auszu- 
leihen ist allerdings zuweilen von den Päpsten zu Gunsten Einzelner 
ausser Kruft gesetzt worden. Wie sehr man aber eine ausnahmsweise 
ertheilte Erlaubniss Bücher zu entlehnen einzuschränken bemüht war, 
bezeugen zwei ßreven des P. Pius IV. vom 20. Juni und vom 29. No- 
vember 1564 für keinen geringeren als den Cardinalnepoten Carl 
Borromeo, welcher trotz seiner einflussreichen Stellung sich den be- 
stehenden Einrichtungen gegenüber in seinen Wüu sehen beschränken 
mu&ste. Ich fand diese Briefe im Arm. XLII des Vaticanischen Ar- 
chivs, im tom. 20 fol. 449 — 450, iu einem Bande, welcher betitelt ist 
Pii IV. Brevia (minuta) a mense Januarii per totum menseni Junii 1564 
und in der That die Originalcoucepte enthält. Das Breve vom 20. Juni 
(f. 450), ganz von Cesare Gloriero (s. Mitth. XIV. S. 582) geschrieben 
und von ihm unterfertigt lautet: 

Dilecto filio Carolo tituli s. Martini in montibus[lJ pre.sbitero cardi- 
nali, BoiTomeo vocato secundum carnem nepoti nostro. 

Pius papa IIII. Dilecte fili noster salutem etc. Egregia tua singula- 
risque virtus et in optimarum artium studia assidua propensissimaque [2] 
voluntas promerentur, ut honestas tuas petitiones nostrae gratiae favore 
libenti animo prosequamur. Itaque circumspectioni tuae, de cuius praestanti 
probitate fide atque modestia magnopere in domino confidimus, ut postac, 
quotiescumque volueris, libros quoslibet ac volumina [,3] per te vel alios 
probos et eruditos vires ad id a te deputandos ex bibliotheca nostra Va- 
ticana accipere teuere et excribi curare, prout tibi videbitur, libere et 
lic'ite valeas, plenam et liberam per praesentes concedimus facultatem. 
mandantes in virtute sanctae obedientiae quibusvis eiusdem bibliothecae 
custodibus et praefectis, ut [4] libros ac volumina buiusmodi tibi et per- 
sonis a te deputandis praef'atis, habita per eos ex chirographo vestro de 
illis receptis fide ac restituendis promissione, benigne absque ulla ex- 
cusacione tradant et accommodent, volumus [5] autem quod singula quaque 



n(iA Kleine Mittlieilungen. 

vice singulos libros tantum accipere debeas et, nisi primo antea restituto, 
alium inde sumere nequeas. cui quidem nostrae tibi concessae facultati 
nihil penitus obstare decerninus. Datum ßomae apud sanctum Marcum etc. 
die 20 iunii 1564 anno 5. C. Glorierus. 

Dass und inwiefern die hier ertheilte Befugniss dem Cardinal 
nicht genügte, geht aus der offenbar reiflich erwogenen Fassung der 
Minute (III.) zu einem bessern ßreve hervor. Um es zu erwirken, 
scheint Borromeo eine Abschrift des Originalbreves I. eingereicht zu 
haben, welche (II.) an der Spitze des fol. 449 bezeichneten Blattes 
stehend als Vorlage für die andere folgende Minuta III. gedient hat i). 
Der mit der Anfertigung der letztern betraute Secretär copirte 
nun II.: aber des Brevenstils kundig verbesserte er nicht allein die 
Fehler, sondern brachte zugleich die Aenderungen an, welche theils 
durch die neue Sachlage geboten, theils von dem Peteuten gewünscht 
worden waren, wobei er allerdings nicht jedesmal sofort das Kichtige 
traf, sondern sowohl aus II. her übergenommene, als auch von ihm 
neu gewählte Worte durchstrich und durch andere ersetzte. Dieses 
sein Elaborat revidirte und corrigirte dann Gloriero, um schliesslich 
die neue Fassung durch seine Unterschrift gutznheissen. 

Um sämmtliche Differenzen zwischen III. und L, sie mögen be- 
deutsam oder auch irrelevant sein, in das rechte Licht stellen zu kön- 
nen, habe ich im Abdruck von I. die betreffenden Stellen mit Zahlen 
versehen, nach denen ich hier die Abänderungen anführe und erkläre- 

1. In der Adresse heisst es jetzt: Dilecto filio Carolo tituli s. Praxedis 
pr. c. etc., da Borromeo am 17. November 1564 diesen Titel, nachdem 
dessen bisheriger Inhaber gestorben war, angenommen hatte. — 

2. Dass statt des Superlativs der Positiv propensa gewählt wurde, 
war wohl nur Geschmacksache ^). — 3. Hier beginnen die wesentlichen 
Aenderungen, aus denen wir erfahren, dass dem Cardinal mit dem 
ersten Breve sehr wenig gedient worden war. Diese Stelle sollte in 
dem neuen Breve lauten : volumina, etiam registra nuncupata et quae 



') Dass II. auf das Originalbreve zurückgeht, folgt daraus, dass im Eingang 
die Grussformel salutem et apostolicam benedictionem ausgeschrieben worden 
ist und dass am Schlüsse die volle Datirung : Datum Romae apud sanctum Marcum 
8ub annulo piscatoris die 20 iunii 1564, pontificatus nostri anno quinto geboten 
wird. — Sonst weicht IL von I. darin ab, dass im Eingang das Wort virtus 
ausgelassen, dass statt postac posthac geschrieben worden ist. 

2) Zuvor ist das in II. ausgefallene virtus richtig wieder eingesetzt worden. 
— War im folgenden Satze in II. fälschlich spectanti geschrieben worden, so 
wiederholte es auch der Dictator von III., corrigirte es aber sofort in praestanti. 
Dagegen behielt er posthac, wie es in 11. heisst, bei. 



Das Verbot' Bücher der Vaticanischen Bibliothek auszuleihen. 295 

forsan, ne adeo omnibus ostenderentur, magis reserata et custodita 
essent, per te vel alios probos viros ad id a te tempore deputandos ^). 
Offenbar hatten sich die Bibliothekscustoden geweigert, dem Cardinal 
Eeorister und reservirte Werke, weil sie im ersten Breve nicht aus- 
drücklich genannt waren, zu bewilligen. Dass sie aber auch noch 
formelle Schwierigkeiten gemacht hatten, geht aus dieser und der 
nächsten emendirten Stelle hervor. — 4. Wurde hier beliebt zu sagen 
ut, visis praesentibus in suis vel suorum manibus remansuris, libros 
ac Volumina et registra huiusmodi, so handelt es sich wohl nicht blos 
um die mehrmalige Ausdehnung der ßefugniss des Ausleihens auf 
Werke jeglichen Inhalts und jeglicher Art, sondern auch um den 
Vorgang bei diesem Geschäft. Man scheint auf der Bibliothek ver- 
langt zu haben, dass der Cardinal den ihm ertheilten Gunstbrief dort 
zurücklasse, und dass er die gewünschten Werke abholen lasse durch 
Männer, welche den Custoden nicht allein als viri probi, sondern auch 
als viri eruditi bekannt seien ^). — 5. Am wenigsten wird dem Cardinal 
gefallen haben, dass er auf Grund des ersten Breves nur je ein Buch 
ausgeliehen erhalten sollte. Dem entsprechend sollten, wie ein neuer 
Vorschlag besagt, ihm in Zukunft bis sechs Bände auf ein Mal be- 
willigt werden. Aber die Ertheilung einer so weit reichenden Be- 
fuguiss mag auf unüberwindliche Schwierigkeiten gestossen sein, so dass 
man schliesslich diese Frage hier unberührt gelassen und die Ent- 
scheidung über sie der jeweiligen Verständigung zwischen Borromeo 
und den Custoden überlassen zu haben scheint. In III. ist der ganze 
Satz volumus — nequeas getilgt worden, so dass sich an accomodant 
unmittelbar anschliesst cui quidem, und da hier kein Verweisungs- 
zeichen angebracht worden ist, ist auch nicht anzunehmen, dass etwa 
auf dem nicht mehr erhaltenen Kaude ein Ersatz geboten worden sei. 



') Hier hatte der Dictator zueist gesetzt : etiam registra nuncupata et ea 
quae forsan, ne adeo ostenderentur, prohibita essent. 

2) Damit in Zusammenhang steht der Versuch einer weiteren Abänderung, 
dessen Endergebniss sich nicht mehr feststellen lässt. Nach chirographo hat 
nämlich der Dictator mindestens noch ein Wort setzen wollen, wie es scheint 
manus. Dasselbe ist aber so durchstrichen, dass die Lesung unsicher ist. Statt 
des einen Wortes ist ein Zeichen gesetzt, welches auf eine Correctur am Rande 
verweist. Von dieser ist aber nur noch ersichtlich und zwar sicherlich von 
Glorierus geschrieben ubscri, indem das 11. und IIL enthaltende Blatt, um auf 
ein grösseres Blatt aufgeklebt und so dem betrefienden Minutenbande einverleibt 
zu werden, stark beschnitten worden ist. So bleibt es nicht allein fraglich, wie 
die noch erkennbaren sechs Buchstaben von Glorierus Hand zu ergänzen sind, 
sondern auch ob chirographo vestro schliesslich überhaupt abgeändert worden ist. 



296 



Kleiui' Mit:lliei]un"-(3n. 



Ich komme nochmals darauf zurück, dass 13orromeo erst durch 
das zweite Breve erlaubt wurde, auch Kegisterbäude zu entlehnen. 
Was diese betrifft, so war selbst die Benutzung auf der Bibliothek er- 
schwert und um etwas aus ihnen copiren zu dürfen, bedurfte es spe- 
cieller päpstlicher Erlaubniss. Borromeo, der auch in Mailand seine 
Studien fortsetzte, erfreute .sich dabei mancherlei Unterstützung durch 
seine Freunde in Kom, welche ihm u. a. Material aus Vaticauischen 
Handschriften mittheilteu. Als er aber einmal unter Gregor XIII. 
vou Cardinal Sirleto als Custoden der Bibliothek sich Auszüge oder 
Copien aus Begistern erbeten hatte, antwortete ihm dieser, che havemo 
ordiue di non poter cavare scritture di registri ne copia senza licentia 
cspressa di N. Signore; il medesimo ordine n' e stato dato da Pio V. 
s. ra. et cosi s' e osservato flu qui i). Sirleto konnte also dem Cardinal 
Borromeo nur versprechen, dessen Bitte dem Papst vorzutragen und 
zu befürworten, 

Kom. Sickel. 



Ueber die „tres comitatiis" bei der Erbebuiig^ Oesterreichs 
zum Herzogtlium (1156). Der Bericht Otto's von Freising über die 
Erhebung der Mark Oesterreich zum Herzogthum hat seit langem, 
schon von der Zeit des Lazius ab ^), den Gegenstand einer lebhaften 
Discussion von Historikern und Rechtsgelehrten gebildet, insofern es 
sich darum handelte festzustellen, was unter den tres comitatus zu 
verstehen sei, welche nach ihm ,,von altersher zur Ostmark gehörig" 
bei Erhebung derselben zum Herzogthum dem Babenberger Heinrich IL 
vom Kaiser geliehen worden seien. 

Man war bis in die jüngste Zeit übereinstimmend der Ansicht, 
dass damit eine territoriale Vergrösserung der Ostmark gemeint sein 
müsse. Und hatte man früher angenommen, es sei damals das ge- 
sammte Gebiet des heutigen Landes ob der Ens mit der Ostmark ver- 
einigt worden, so hielt man auch später, als diese Auslegung bereits 
als haltlos erwiesen war, an derselben Auffassung fest, und schränkte 
nur das Mass dieser angeblichen Gebietserweiterung ein ^). Von der 



^) Ich verdanke die Kenntniss dieser Stelle aus einem Briefe Sirlets vom 
7. März 1573 in der Ambrosiana F. inf. 46 n» 54 Herrn Dr. Starzer. 

2) Vgl. über die ältere Literatur Krones, Umrisse des G escliichtslebens der 
deutsch-österreichischen Ländergruppe 170, n. 86 e. 

•^) Luschin, Gesch. des älteren Gerichtswesens in üesterreich 14. — Huber, 
Gesch. Oesterreichs 1, 250 Anm. 2. 



Uebor die ^tres comitatuB" de. 297 

Kichtigkeit dieser Interpretation des Ausdruckes „comitatus" schien 
man derart überzeugt, dass Strnadt i) noch in jüngster Zeit auf heftigen 
Widerspruch 2) stiess, als er mit dem Nachweis, es könne damals über- 
haupt keine Vergrösserung der Ostmark stattgefunden haben, den Ver- 
such verband, eine andere Deutung dieses Wortes zu vertreten. Und 
er selbst vermochte sich, indem er comitatus im Sinne von in der 
Mark gelegenen ,,Gerichtssprengeln" fasst, seinerseits noch nicht 
ganz von jener Auffassung (im territorialen Sinne) frei zu machen. 
Auch nach dieser Arbeit sind nahezu alle Forscher, welche sich mit 
dieser Frage beschäftigten, unentwegt bei der fi-üheren Annahme ver- 
blieben : Huber ^) und Gengier ^), Luschin ^) und Bachmann "). Nur 
Werunsky hatte sich Struadt's Auffassung angeschlossen 7). 

Ich habe mich bei den Vorarbeiten zu der Sammlung „Aus- 
gewählte Urkunden zur Verfassungsgeschichte der Deutschösterreichi- 
schen Erhlande im Mittelalter" ^) auch mit dieser Frage beschäftigt 
und mir eine neue Auffassung zurecht gelegt. Früher au der Pub- 
lication meiner Ergebnisse durch eine längere Studienreise verhindert, 
sehe ich jetzt; dass V. Hasenöhrl gleichzeitig mit mir zu denselben 
Resultaten gekommen ist; sie liegen in seiner eben erschienenen Ab- 
handlung „Deutschlands südöstliche Marken im 10., IL und 12. Jahr- 
hunderte" ^) bereits gedruckt vor. 

Indem Hasenöhrl den Nachweis versucht, dass im gesammten 
Markgebiete die Grafschaftsverfassung bestanden habe, so zwar dass 
die ganze marchia in Grafschaften getheilt war und der Markgraf 
entweder bloss eine (Krain), oder auch mehrere (Oesterreich) davon 
verwaltete, meint er eben damit auch die Erklärung der fraglichen 
Stelle Otto's von Freising gefunden zu haben. Bestand auch in der 
Ostmark die Grafschaftsverfassung, so könne der Ausdruck comitatus 
bei Otto nur im Sinne von Grafenberechtiguncj genommen werden. 
Die Auffassung Strnadt's wäre sonach dahin zu berichtigen, da es 
unzulässig sei Otto sagen zu lassen, dass Heinrich Jasomirgott das 
Gebiet der Ostmark mit dem (damit identischen) Gebiet der drei Graf- 
schaften erhalten habe. 



1) Die Geburt d. Landes ob d. Ens 79 ff. 

-) Bachmann in der österr. Gymnasialzschr. 1887, S. 551 ff.; 1888, S. 186. 

3) Oesterr. Reichsgesch. S. 7. 

*) ßeitr. zur Rechtsgesch. Baj-erns 1, 133. 

s) Oesterr. Reichsgesch. S. 87 und 108. 

") Lehrbuch d. österr. Reichsgesch. S. 38. 

^) Oesterr. Reichs- u. Rechtsgesch. S. 61 N. 

•*) Innsbruck (Wagner) 1895 (mit E. v. Schwind). 

») Arch. f. österr. Gesch. 82, 419 ft". insbesonders 436—40. 



OOG Kleine Mittheilungen. 

Haseuöhrl hat sich mit dieser Erklärung zufrieden gegeben, ohne 
weitere Belege dafür vorzubringen, vor allem ohne auf die Schwierig- 
keiteu, welche diese Streitfrage sonst bietet, näher einzugehen. Die 
Deutung dieser Stelle des Otto von Freising hat ja vornemlich deshalb 
so viel Schwierigkeiten bereitet, weil noch eine Reihe anderer Berichte 
über dasselbe Ereignis vorliegen, mit welchen man sie in Ein- 
klang zu bringen suchte. Indem verschiedene Quellen direct melden, 
dass im Jahre 1156 (bei der Erhebung der Ostmark zum Herzogthum) 
eine Vergrösserung derselben durch bairische Gebietstheile stattgefunden 
habe, und auch die Belehungsurkunde selbst (das Privilegium Minus) 
erzählt, dass Heinrich der Löwe neben der Mark auch auf Lehen ver- 
zichtet habe, welche einst Markgraf Leopold von Baiern innegehabt 
hatte, glaubte mau, dass diese comitutus bei Otto in demselben Sinne, 
als territoriale Vergrösserung der Ostmark zu fassen seien. 

Es ist Strnadt's Verdienst, mit gründlicher Untersuchung Licht 
in die Sache gebracht zu haben. Indem er zeigte, dass die Nachricht 
von einer Verffrösseruna: der Ostmark iiu Jahre 115G ausschliesslich 
in Quellen der späteren Zeit überliefert sei, welche sämmtlich auf 
Hermann von A Itaich zurückgiengen, wies er zugleich nach, dass auch 
der angeblich von Abt Konrad von Wizzenberg (1177 — 1203) her- 
rührende Bericht in dem Breve Chronicon Austriae Mellicense i) für die 
Beurtheilung dieser Frage nicht in Betracht kommen könne, da die 
entsprechende Stelle eine spätere Interpolation sei -). 

So haben wir thatsächlich nur drei Quellen näherer Untersuchung 
zu würdigen: das Privilegium Minus, den Bericht Otto's von Freising 
und die Darstellung bei Hermann von Altaich. 

Als Ausgangspunkt muss einer neuerlichen Untersuchung auch 
heute noch eine genaue Analyse des Minus zu Grunde gelegt werden, 
Dux autem Bawarie, heisst es da ^j, resignavit nobis marchiam Austrie 
cum omni iure suo et cum omnibus beneficiis, que quondam marchio 
Leupuldus habebat a ducatu Bawarie. Ne autem in hoc facto ali- 
quatenus minui videretur honor et gloria dilectissirai patrui nostri . . . 
marchiam Austrie in ducatum commutavimus et eundem ducatum 
cum omni iure prefato patruo nostro Heinrico ... in beneficium con- 
cessimus. 

Wir hören also von einem Verzicht Heinrich's des Löwen und 
dann von einer Verleihung an Heinrich den Babenberger. Vergleicht 
man den Wortlaut der beiden einander entsprechenden Stellen, so 

') MÜ. SS. 24, 71. . . . ,.i: ;,,,,, ^:,_;,; , ,., 

^) a. a. 0. S. 66 ff. ,, : -r w ■ .;^,..i .-, 

•'') MG. Constit 1, 222. r. ; ,.;.;. 



Uebcr die jtres comitatiis"^ etc. 299 

kann auffallen, was bis jetzt noch nicht hervorgehoben wurde, dass 
bei der Verleihung neben der (zum Herzogthum erhobenen) Mark wohl 
wiederum wie bei dem vorangehenden Verzicht das „cum omni iure 
suo " betont erscheint, dagegen nicht auch das dort noch Folgende „et 
cum Omnibus beneficiis". Die Belehnungsurkunde selbst sagt uns 
somit von dem Babenberger eigentlich nur, dass er die zum Herzogthum 
erhobene Mark cum omni iure (suo) zu Lehen empfangen habe, sie 
sagt uns aber nichts über jene beneficia, auf welche Heinrich der Löwe 
nach ihrem Wortlaut zuvor noch ausserdem verzichtet hatte. Allerdings 
möchte ich diesem Umstände keine grosse Bedeutung beimessen, da 
wir nach der damaligen politischen Lage kaum annehmen dürfen, dass 
der Kaiser diese Lehen, auf welche Heinrich der Löwe verzichtet hatte, 
etwa in seiner Hand zurückbehalten habe; offenbar erfolgte der Ver- 
zii;ht auf dieselben nur, um sie dem Babenberger zu übertragen. Nun 
liegt nahe, im Hinblick auf die bekannten Grundsätze des Heerschildes 
anzunehmen, jene Lehen seien bei der Verleihung deshalb nicht mehr 
erwähnt worden, weil der neue Herzog fürder dem Baiern nicht Mann- 
schaft leisten konnte, ohne dass sein Heerschild geniedert wurde. Doch 
wird man mit der Verwertung dieser Erklärung sehr vorsichtig sein 
müssen, da einerseits der genannte Grundsatz sich scharf erst im 
13. Jahrhundert ausbildete ^) und zudem die Babenberger auch früher 
ja schon als Markgrafen dem (altern) Reichsfürstenstande angehörten -). 
üeberdies lassen sich auch für andere Reichsfürsten von damals ein- 
zelne bairische Lehenstücke nachweisen, wieFicker hervorgehoben hat^). 

Allein wenn man jene Erklärung auch als in dem vorliegenden 
Falle nicht zutreffend ansieht, so erscheint es aus rein politischen 
Rücksichten sehr begreiflich, dass der Babenberger, bisher auch Herzog 
von Baiern, nunmehr, da er nach längerer Weigerung definitiv auf 
dieses Herzogthum verzichten musste, einen besonderen Werth darauf 
legte, Baieru gegenüber vollständig unabhängig zu werden, dass das, 
was seine Vorfahren nur als Lehensbesitz von Baiern innegehabt hatten, 
aus dieser Verbindung losgelöst, von diesem Bande befreit werde. 

Das Privilegium Minus verdient sicherlich auch nach dieser 
Richtung hin eine entsprechende Würdigung, kündigt es sich doch 
selbst als Vergleich an ^), der nach einem längeren Streite um Baiern 

•) Ficker, Ueber die Echtheit des kleineren östeiT. Freiheitsbriefes SB. der 
Wiener Ak. 23, 509. 

2) Ficker, Vom Reichsfürstenstand §. 187. 

s) Vom Heerschilde S. 117. 

■*; Litern et conti'oversiam, que inter dilectissimum patnnim nostrum Hein- 
ricum ducem Austrie et karissimum nepotem nostrum Heinricum ducem Saxonie 
diu agitata fuit de ducatu Bawarie hoc modo termiuavimus . . a, a. 0. 



800 



Kleine Mittheilunireii. 



schliesslich getroflfen worden sei. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass 
in dem Verzicht Heinrichs des Löwen auf jene bairischen Lehen ein 
Componsationsobject zu erblicken ist für die definitive Herausgabe 
Jiaicrns durch den Babenberger. Nur wird man dasselbe nicht, wie 
dies bisher geschehen ist, so aufzufassen haben, als ob damals ein 
o-eschlossenes Gebiet (von der Ens bis zum Rotensala) von Baiern 
losgetrennt und zu Oesterreich geschlagen worden sei. Dem wider- 
spricht vor allem die territoriale Verfassung, in welcher sich jene 
(lebiete damals befanden i). Brunner ''^) hat in diesem Sinne schon mit 
Ivecht betont, dass 1L56 „die Landeshoheit durchaus noch nicht so 
weit gediehen" war, um geradezu von der Abtretung eines bestimmten 
Landstriches sprechen zu können. 

Wir werden somit unter jenen Lehen eher einzelne Besitzungen 
oder Güter zu verstehen haben, welche frühere Babenberger, speciell 
Leopold, von Baieru einst inne hatten. Dass wir nicht an ein ge- 
schlossenes Territorium dabei zu denken haben, deutet m. E. auch die 
Ausdruckweise des Minus, das auf eine Vielheit oder Mehrheit von 
Lehensstücken weisende Beiwort au (cum omnibus beneficiis). 

Für diese Auffassung würde insbesonders auch sprechen, dass sich 
nicht nur Analogien dafür in anderen Markgrafscliaften, sondern direct 
auch Anhaltspunkte für solche Besitzungen der Babenberger ausserhalb 
der Ostmark, in bairischem Gebiete nachweisen lassen. 

Durch die Untersuchungen Doeberl's ist nämlich für die Mark- 
grafen auf dem bayrischen Nordgau, welche in einem gauz ähnlichen 
staatsrechtlichen Verhältnis zu Bayern standen wie die Markgrafen von 
Oesterreich, festgestellt worden, dass deren Lehensverbindung mit 
Bayern auf dem Besitze herzoglicher (vornehmlich aus säcularisiertem 
Kircliengnt stammender) Kammergüter 1:)eruhte ^). Aehnliches nun auch 
für Oesterreich anzunehmen liegt sehr nahe und ist seinerzeit schon 
von Ficker eben mit Bezug auf das Minus angedeutet worden 4). 

Anderseits aber hat Strnadt in jüngster Zeit auf eine Urkunde 
Herzog Leopolds V. aus dem Jahre 1181-'') aufmerksam gemacht). 



') z. B. lässt sich in dem damals von Oesten-eicli noch unabhängigen Gericht 
der Schaunberge »per Traungeu et Tunawetal, ciiius termini usque Kotensala 
protcnduntnr' noch im 13. Jahrh. ein reicher Besitz der Passauer Kirche nach- 
weisen. Mon. Boica 29 1>, 204. 

-) Das gerichtliche Exemtionsrecht der Babenberger SB. d. Wr. Ak. 47, 355. 

8) Die Markgrafsehiift und die Markgrafen auf dem bayrischen Nordgau S. 76 tf. 

■•) Vom Heerschilde S. 117. 

■') Mon. Boica 11, 464. 

") In einer Besprechung der Abhandlung Hasenöhrl's über die Marken 
(Linzer Zeitung vom 5. Dec. 1895). 



lieber die ,tres comitatus« etc. 



301 



welche auf jene Lelien weise, indem sie die Existenz österreichischer 
Lehen bei Deggendorf bezeuge. 

Für die Annahme einer Vergrösserung der Ostmark im Jahre 1156, 
auch in der restringierten Form, wie man sie zuletzt vertreten hatte, 
bietet also das Minus keinerlei Begründung. Aber auch der Bericht 
Otto's von Freising nicht. Denn was meldet er uns? . . marchiam 
Orientalem, sagt er von Heinrich dem Löwen i), cum comitatibus ad 
eam ex antiquo pertinentibus reddidit. Exinde de eadem marchia 
cum predictis comitatibus, quos tres dicunt, iudicio principum ducatum 
fecit [sc. imperator] eumque non solum sibi [sc. Heinrico Babenb.], 
sed et uxori cum duobus vexillis tradidit. " 

Nach dieser Darstellung treten neben der Ostmark noch „Comi- 
tatus, hervor. Man hätte diese wohl kaum im Sinne einer terri- 
torialen Vergrösserung jener gedeutet, falls der Bericht Otto's allein 
vorläge. Ausdrücklich wird ja von diesen Comitatus gesagt, dass sie 
„ex antiquo« zur Ostmark gehörten und damit der Gedanke an eine 
Vergrösserung von vornherein ausgeschlossen. Nur das Hinzutreten 
der späteren Quellen hat verwirrend da gewirkt sowie die Analogie 
jener beneflcia, die im Minus neben der marchia genannt werden. 
Aber sind wir zu der früher charakterisierten Identificieruno- dieser 
beiden Begriffe auch berechtigt? Von jenen beneficia wissen wir nur, 
dass sie einst Markgraf Leopold inne gehabt und dass sie von Baiern 
leheusrührig waren. Es ist nicht ausgemacht, wie Bachmann mit 
Recht hervorhebt -), dass wir dabei an eine Contiuuität des Besitzes 
seit jenem Leopold denken dürfen. Von den , comitatus' bei Otto aber 
wissen wir nicht, dass sie ein Lehensbesitz der Babenberger ge- 
wesen, nicht dass sie von Baiern rührten, es wird uns anderseits direct 
gesagt, dass sie ex antiquo zur Mark gehörten. Durchaus ist also die 
Vorsicht berechtigt, welche Riezler beobachtet hat 3), als er mit der 
Heranziehung jener beneficia zur Erklärung der fraglichen comitatus 
zögerte. Der schlagendste Beweis aber gegen diese Identificierung und 
die Annahme einer Vergrösserung der Ostmark durch drei bayrische 
Grafschaften, liegt in der Thatsache, dass es bisher nicht gelungen 
ist, diese im Sinne jener beiden Nachrichten auch nachzuweisen. 



') MG. Schulausgabe ed. 2. S. 128 c. 55. 

'■') In seiner »Duplik'' Zeitschr. f. österr. Gymn. 1888. S. 186. 

^) In Heigel und Riezler, das Herzogthum Baiern zur Zeit Heinrichs des 
Löwen und Ottos I. von Witteisbach S. 218: Vielleicht ist auch an die bene- 
ficia zu erinnern, welche nach dem kleinei-en Freiheitsbrief quondam marchio 
Liupoldus habebat a ducatu Bawariae. 



302 



Kleine Mittheilunffen. 



Genügt die blosse Aualogie in der Erwähnung der comitatus hier 
trpo-euüber den beueficia dort, sie beide zu identificiren, dann muss 
mindestens auch die Berechtigung einer anderen Combination zuge- 
standen werden, diese comitatus nämlich mit dem im Minus besonders 
und in ähnlicher Weise hervorgehobenen Begriff des zur Mark ge- 
hörigen „omne ius' in Parallele zu stellen. Für diesen Vorgang würde 
sich sogar noch anführen lassen, dass dann auch die beiden folgenden 
Sätze hier und dort congruieren würden. Wie nämlich im Minus bei 
der Verleihung der zum Herzogthum erhobenen Mark das ,cnm omni 
iure suo' wiederum betont erscheint, so hebt auch Otto wiederum 
hervor, dass das Heinrich verliehene neue Herzogthum aus der Mark 
,cum predictis comitatibus " gebildet worden sei. 

Doch ziehen wir, bevor wir an die Deutung der in Frage ste- 
henden comitatus selbst gehen, noch den Bericht Hermanns von Altaich 
heran, der sonst noch in Betracht kommt. Marchionatum Austrie, so 
erzählt er von Kaiser Friedrich i). a iurisdictione ducis Bawarie exemit 
et quosdam ei comitatus de Bavaria adiungendo in ducatum vertit, 
iudiciariam potestatem prefato principi Heinrico et suis successoribus 
ab Anaso usque ad sjlvam prope Pataviam quae dicitur Rotensal, 
protendendo. Diese Darstellung hat, wie bemerkt, vor allem der bis- 
herigen Annahme einer Vergrösserung der Ostmark als Stütze gedient, 
umsomehr als die Reihe jener späteren Quellen für sie zu sprechen 
schien. Allein jene Hypothese verliert an sich schon sehr an Be- 
gründung, wenn wir bedenken, dass die Erzählung Hermanns hundert 
Jahre nach den geschilderten Ereignissen entstand, dass Hermann 
nicht als Zeitgenosse auf Grund eigener Informationen berichtet, son- 
dern seine Darstellung aus Quellen schöpfte. Und welche diese waren, 
darüber kann heute ein Zweifel kaum mehr bestehen. Dass Hermann 
das Privilegium Minus gekannt hat, war längst bekannt; er hat es 
vollinhaltlich zum Jahre 1156 in sein Annalenwerk aufgenommen. 
Aber noch mehrl Hermaun hat offenbar auch den Bericht Otto's von 
Freising vor sich gehabt, da er selbst gesteht, dass dieser für seine 
Darstellung die vornehmste Quelle gewesen sei '^). Ja ich glaube 
kaum zu weit zu gehen, wenn ich behaupte, dass die ganze Erzählung 



') MG. ÖÖ. 17, 382 (zu 1152). 

'■') Diese directe Aussage Hermanns bezieht sicii allerdings nur auf die 
frühere Partie seines Werkes (bis 1146) und die Chronik Ottos; allein es ist 
erwiesen, dass auch die zunächst folgende meist wörtlich aus früheren Quellen 
abgeschrieben ist. Vgl. Kehr, Hermann von Altaich und seine Fortsetzer S. 45. 
Anderseits kannte er sicherlich auch Otto's Gesta Friderici. 



lieber die »tres comitatus« etc. 303 

Hermanns wesentlich auf diesen beiden Vorlagen beruhe. Dafür 
spricht durchaus die Art und Weise seiner Darstellung. 

Zwei Momente fallen bei derselben besonders auf Zunächst die 
Unbestimmtheit, mit welcher er von jenen comitatus spricht. Er 
weiss nur von ,quosdam' comitatus zu berichten; hätte er I^äheres 
gewusst, er würde sicherlich nicht verfehlt haben, es uns auch zu 
erzählen. Den Zusatz de Bawaria hat er augenscheinlich aus dem 
Minus entnommen, indem er bei dem Mangel anderer, bestimmter 
Nachrichten seine Vorlagen so zu vereinigen suchte. Und in welchem 
Satzgefüge er von dieser angeblichen Vergrösserung spricht! Nicht iu 
einem besonderen Satz wird diese Nachricht gegeben, sondern nur iu 
gedrungener Angliederung an den Hauptsatz, dessen Leitmotiv deutlich 
an Otto's Diction anklingt (ducatum fecit dort, in ducatum convertit hier). 
Man fühlt die Unsicherheit des Autors gleichsam aus der Vorsicht 
des Ausdruckes heraus, aus der Zurückhaltung, die er sich auferlegt. 

Neu ist bei Hermann von Altaich thatsächlich nur der Nachsatz, 
die Auslegung der , comitatus'. Und gerade diese ist wiederum so 
überaus charakteristisch. Dass er sich diese augebliche Hinzufügung 
jener comitatus nur im Sinne einer Ausdehnung der Gerichts- 
gewalt des Babenbergers denken kann, ist der beste Beweis dafür, 
wie wenig auch damals schon von einer territorialen Vergrösserung 
der Ostmark im Jahre 1156 bekannt war, wie wenig eine solche An- 
nahme damals zulässig erschien. 

Es ist bis jetzt nicht gelungen, für diesen Nachsatz Hermanns 
eine entsprechende Vorlage nachzuweisen. Augenscheinlich rührt er 
von Hermann selbst her, der das Bedürfnis fühlen mochte, jene etwas 
unklare Stelle einiger luassen zu erklären. Gebrach es aber an einer 
zuverlässigen älteren Nachricht darüber, so war es ganz natürlich, 
dass Hermann aus den politischen Verhältnissen seiner Zeit heraus 
jene Erklärung zu geben suchte. 

Strnadt hat nun recht scharfsinnig darauf aufmerksam gemacht i), 
dass die Ansprüche, welche Otakar von Böhmen auf die Grafschaften 
Bogen and Deggendorf Bayern gegenüber erhob, vermuthlich für den 
Melker Annalisten Anlass geboten haben, jene Stelle in das breve 
Chronicon Austriae Mellicense später einzufügen, die Aehnliches besagt. 
Diese Ansprüche Otakars aber datieren schon aus den fünfziger Jahren =^), 
so dass die Vermuthung, auch Hermann von Altaich könne im Hin- 
blick auf sie zu dieser Darstellung gekommen sein, nicht unwahr- 



') a. a. Ü. S. 76 tf. 

^) Vgl. Riezler, Gesch. Bayerns 2, 115. 



304 



Kleine Mittheilnni'en. 



scheinlich ist. Er hat ja sein Anualen werk erst änV Beginne der fünf- 
zio-er Jahre unternommen ') und anderseits mochte seine deutlich her- 
vortretende Parteinahme zu Gunsten Otukars '^) ihn umso eher dazu 
bewegen, jene Ansprüche desselben als alt begründete, etwa auf das 
Jahr 1156 zurückgehend, anzusehen. 

So verliert für unsere Untersuchung auch der Bericht Hermanns 
von Altaich seine Bedeutung als ursprüngliche Quelle mit dem Nach- 
weise, dass er in der Hauptsache doch aus anderen, uns bekannten 
Quellen abgeleitet sei. Gleichwohl bietet er uns aber zugleich durch 
seine originale Partie einen werthvoUeu Fingerzeig für die Deutung 
der dunklen Stellen bei Otto von Freising. Denn dass er schon jene 
comitatus nicht im Sinne einer territorialen Vergrösseruug der Ost- 
mark, sondern nur als Ausdehnung der Gerichtsgewalt des Babenbergers 
deuten honnte, verleiht der oben gefundenen Möglichkeit der Erklärung 
schwerwiegende Begründung, diese comitatus im Umfange des (nach 
dem Wortlaut des Minus) neben der Mark besonders betonten ,omne 
ins' zu suchen. Mit andern Worten : die Auffassung Hermann's weist 
direct darauf hin, jene comitatus nicht im territorialen Sinne zu fassen, 
sondern als ein Recht, die Grafenberechtigung. Zugleich ergibt sich aber, 
dass sodann diese Grafschaftsrechte sich auf die Mark selbst beziehen 
müssen ; es können nicht Graf schaftsrechte ausserhalb derselben, sondern 
nur die Grafschaftsrechte in der Mark selbst darunter verstanden werden. 

Hasenöhrl hat schon darauf hingewiesen, dass die Worte Otto's 
in dem von ihm behaupteten Sinn auch im Einklang stünden mit dem 
Minus, indem die Grafenberechtiffung unter das mit dem Ducate ver- 
liehene ,omne ins' falle •*). Es wird sich aber nun darum handeln, 
auch die formelle Berechtigung für einen solchen Vorgang zu be- 
gründen, was Hasenöhrl nicht gethan hat. Denn wenn er nebenher 
bloss auf die Analogie mit den Verhältnissen in den südlichen Marken 
verweist, indem Istrien und Krain gleichfalls cum comitatu (,.das ist 
mit den Grafschaftsrechteu in ihnen") an Aquileja übertragen wurden, 
so mag dieses Argument vielleicht nicht genügend beweiskräftig er- 
scheinen, da eben bezüglich dieses Ausdruckes mindestens bis iu die 
jüngste Zeit gleichfalls Meinungsverschiedenheiten ähnlicher Art be- 
standen. Zudem gehören die dort in Betracht kommenden Urkunden 
einer anderen (früheren oder späteren) Zeit an. 

Ueutlicher und unzweideutiger spricht dagegen eine Urkunde des- 
selben Kaisers Friedrich, welche ich zur Erklärung neu heranziehen 

') Vgl. Kehr a. a. 0. S. 41 ff. 

-•) Ebd. S. .3S. 

8) a. a. 0. S. 440. 



lieber die »tres comitatus* etc. 3Q5 

möchte. Sie ist umso beweiskräftiger, als sie gleichfalls von der Bil- 
dung eines neuen Herzogthums handelt, einen Act ähnlicher Bedeu- 
tung verbrieft wie das Privilegium Minus, sie beide gewissermassen 
die Marksteine der neuen Kaiserpolitik in Deutschland. Es ist die 
Geluhausner Constitution vom 13. April 1180, durch welche die Theilung 
des Herzogthums Sachsen, respeetive die Neubildung des Kölner Herzog- 
thums beurkundet wirdi). Das Diplom ist noch im Original erhalten 
und unzweifelhaft echt-). Das alte Herzogthum Westfalen und Eugern 
wird in zwei Theile getheilt und einer davon dem Kölner Erzbischof 
übertragen. Wie aber lautet da die Stelle, welche von der Verleihung 
handelt? . . ducatum, qui dicitur Wcatfalie et Angarie, in duo divisi- 
mus et . . . unam partem ... cum omni iure et iurisdictione, vide- 
licet; cum comitatibus, cum advocatiis, cum conductibus, cum mansis, 
cum curtibus, cum beneficiis, cum ministerialibus, cum mancipiis et 
cum Omnibus ad eundem ducatum pertinentibus ecclesie Colonieusi 
legitime donavimus et de imperatoria liberalitate contulimus. 

Genau so also wie im Minus werden auch hier neben dem du- 
catus die zu demselben gehörigen Rechte bei der Verleihung besonders 
hervorgehoben. Dieselbe Wendung „cum omni iure" tritt uns hier ent- 
gegen, sie wird aber durch dieses Diplom unzweideutig auch erklärt, 
indem direct der Inhalt dieser Rechte erläutert erscheint. Und an 
erster Stelle finden wir da das von Otto vou Freising gebrauchte ,cum 
comitatibus' hervorgehoben. Hier kann kein Zweifel bestehen, dass 
damit die Grafschafts rechte in dem Herzogthume gemeint seien. 

Eiüe andere Analogie, allerdings aus viel späterer Zeit, bietet auch 
die Belehnung der österreichischen Herzoge Albrecht'sII. und Otto's mit 
dem Herzogthum Kärnthen (1335). Auch da erscheinen bei der Ver- 
leihung in der kaiserlichen Urkunde neben dem ducatus die zu dem- 
selben gehörigen Rechte besonders angeführt uud wiederum an erster 
Stelle die Grafschaftsrechte hervorgehoben'^). 

Ist somit der Nachweis erbracht, dass wir thatsächlich berechtigt 
sind, die von Otto von Freising erwähnten comitatus unter den Be- 
griff des ,omne ins' im Privilegium Minus zu subsumiren, darunter 



') Mon. Genn. Constitutiones 1, 384. 

'■^) Vgl. Scheffer-Boichorst in der Deutschen Zeitsclir. f. Geschichtswissensch. 
3, 321 ff. 

3) Schwind u. Dopsch, Ausgewählte Urk. z. VG. der deutschösterr. ErbL 169: 
ducatum Karinthie ... cum omnibus et singulis comiciis, advocaciis ac 
dominus neenon iudiciis mutis theloneis monetis nemoribus et silvis et omnibus 
iuribus ac bonis feodalibus ad predictum ducatum Karinthie pertinentibus . 
contulimus et conferimus in feodnm . . . 

Mittheilungeu XVII. 20 



^Qg Kleine Mittheilungen. 

eine Berechtigung, die Grafschaffcsrechte in dem neuen Herzogthum zu 
verstehen, so möchte andererseits die Thatsache vielleicht noch eine 
Erklärung erfahren, das Otto im Gegensatze zu dem Wortlaute der 
kaiserlichen Belehnungsurkuude, welche er sicher auch kannte, jene 
comitatus speciell hervorhob. 

Von vornherein werden wir uns gegenwärtig halten müssen, dass 
die Grafschaftsrechte nicht etwa wie die niedere Gerichtsbarkeit mit 
dem Besitz an Grund und Boden an sich verknüpft waren, sondern 
ein eigenes Leihegut darstellen, das vom König, bei welchem die 
höchste Gerichtsbarkeit ruhte, verliehen wurde. Die Fürsten empfangen 
die Grafschaftsrechte zugleich mit dem Fürstenthum vom König zu 
Lehen; sie sind aber verpflichtet, die in demselben enthaltenen Graf- 
schaften (Gericlitslehen) in die dritte Hand zu leihen. Eine Aus- 
nahmestellung nehmen in dieser Beziehung die Markgrafschaften ein; 
der Markgraf übt in der ganzen Markgrafschaft die Grafenrechte selbst 
aus, er kann mehrere Grafschaften in einer Hand vereinigen. 

Gerade dieser Unterschied, welcher hinsichtlich der Ausübung der 
Grafenrechte zwischen dem Markgrafen und den übrigen Fürsten 
l)esteht, verdient in dem hier vorliegenden Falle Beachtung. Die 
Ostmark stellt die Vereinigung mehrerer Grafschafteu dar, die öster- 
reichischen Markgrafen übten im gesammten Gebiete ihrer Mark die 
Grafenrechte aus. Allein gerade damals, da die Mark zu einem Herzog- 
thum umgewandelt wurde, mochte die Frage entstehen, ob dieses Vor- 
recht, das nur dem j\larkgrafeu zustand, auch dem neuen Herzoge ent- 
gegen dem sonst bestehenden Verhältnis zukommen würde. Eben aus 
diesem Gesichtspunkt wird die besondere Hervorhebung der comitatus 
in dem Berichte Otto's von Freisiug erst recht verständlich. Es ist 
thatsächlich das eigentlich Charakteristische für das neue Herzogthum, 
dass den Inhabern desselben — wohl auch aus politischen Eücksichten 
— der Territorialbesitz (die Mark) zugleich mit den Grafenrechteu in dem 
ganzen Umfange, wie sie die ]\Iarkgrafen von alters her ausgeübt 
hatten (marchia cum comitatibus ex antiquo ad eam pertinentibus), 
gewahrt blieben. Es war eine Ausnahmestellung, welche den Baben- 
bergern damit eingeräumt wurde, und Brunuer hat seinerzeit schon 
mit Kecht betont, dass „die Babenberger durch das Privilegium Minus 
nicht zu Herzogen im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern sozu- 
sagen zu Markherzogen erhüben wurden, welche die äussere Macht- 
stellung und den Kang des Herzogs mit der nach innen um vieles 
strafferen Gewalt des Markgrafen vereinigten* i). 

') a. a 0. S. 320. 



Ueber die »tres comitatus* etc. 3Q7 

Interessant ist in diesem Zusammenhange, dass wir auch für die 
spätere Zeit, da das österreichische Herzogthum nach dem Aussterben 
der ßabenberger an ein neues Herrschergeschlecht verheben wurde, 
einen Bericht besitzen, der ähnlich gehalten ist wie jene Stelle bei 
Otto von Freising. Der steirische Keimchronist, eine allerdings nicht 
durch besondere Zuverlässigkeit ausgezeichnete Quelle, beri(;htet nämlich 
über die ßelehnung der Söhne König Rudolfs im Jahre 1282: 

der Kunic mit siner hende 

sinen sünen beiden 

lech unverscheiden 

die grafschaft und diu land 

diu ich vor hän genant 

diu enphiengen si mit vanen i). 
Er hebt also neben den Ländern (Oesterreich, Steiermark und 
Krain), mit welchen Albrecht und Rudolf belehnt wurden, besonders 
auch die Grafschaft hervor, obwohl in der Belehnungsurkunde selbst -) 
nur jene ,cum universis suis honoribus iuribus libertatibus et perti- 
uenciis" angeführt erscheinen. Hier kann über die Bedeutung des 
Ausdruckes „Grafschaft" wohl kaum ein Zweifel bestehen. Man sieht 
aber, dass es auch damals noch mindestens nicht als überflüssig er- 
schien, die Verleihung der Grafschaftsrechte an die neuen Herzoge 
eigens zu erwähnen ^). 

Ist also der Ausdruck comitatus im Sinne eines Vorrechtes, von 
Grafenrechten, zu fassen, dessen besondere Hervorhebung bei Otto von 
Freising keineswegs auffallend erscheinen kann, so erfährt nunmehr 
auch ein anderes Moment seine natürliche Erklärung. Bei Otto, welcher 
zunächst nur von comitatus schlechthin spricht, findet sich im zweiten 
Theile seines Berichtes eine nähere Bestimmung dieser in dem Satze 
,quos tres dicunt". 

Man hatte daraufhin allgemein angenommen, dass es sich um 
drei besondere Grafschaften handle, respective nach der Ansicht Strnadts 
um drei (Grafschaften entsprechende) Gerichtssprengel. Wurden bei 
der ersteren Auffassung die Schwierigkeiten damit noch erhöht, drei 

») MG. Deutsche Chron. V, 1, 263. 

2) Schwind und Dopsch, Ausgewählte Urk. n" 67. 

^) Hier darf vielleicht auch auf eine Stelle des Sachsenspiegels verwiesen 
werden, an welcher die Verleihung von »Grafschaft* durchaus in dem oben ge- 
deuteten Sinne erwähnt wird. Ssp. III. 52 § 2 : den Konig küset man to richtere 
over egen unde len und over je welkes mannes lif. Die Keiser ne mach aver in 
allen landen nicht sin, unde al ungerichte nicht richten to aller tiet, darumrae 
liet he den vorsten grafs cap unde den greven scultheitdum. Vgl. dazu Homeyer, 
Sachsenspiegel 2'\ 540. 

20* 



308 



Kleine Mittheilunpren. 



solche Gi-iifschaften nachzuweisen, so gewann die Strnadt'sche Hypo- 
these eben dadurch an Wahrscheinlichkeit, indem sie das, was wir über 
die ältere österreichische Gerichtsverfassung wissen, unterstützte. Brunner 
hatte nämlich schon daraus, dass der österreichische Landesherr sein 
Taidino- von 6 zu 6 Wochen und au drei Malstätten halte i), sehr scharf- 
sinuio- erkannt, dass die Ostmark ihrem Umfange nach drei gewöhn- 
lichen Grafschaften gleichstand 2), da nach Ssp. I. 2, § 2 und III. 61, 
§ 1 der Graf über 18 Wochen dingt. Es waren insbesonders die drei 
Dino-ötätten, welche auch andere Rechtshistoriker zu der Ansicht be- 
stimmten, dass die Ostaiark in der Zusammenfassung dreier Graf- 
schaften bestand, indem sie als die ehemaligen Hauptorte verschiedener 
Gerichtsbezirke augesehen wurden s). In seiner letzten Abhandlung 
ist dem nun auch Hasenöhrl selbst, der früher*) eine andere Auf- 
fassung verfocht, beigetreten'^). 

Haben wir aber, wie ich (mit Hasenöhrl) meine, unter comitatus 
eine Berechtigung, die Grafenrechte, zu verstehen, dann möchte ich 
einen besonderen Nachdruck auch auf die Thatsache legen, dass der 
österreichische Landesherr von 6 zu 6 Wochen dingte. Es ist danach 
im Einblick auf jene Stellen des Ssp. wohl anzunehmen, dass der 
österreichische Landesherr wirklich auch dreifach die Grafenberechti- 
gung übte, wie sie ihm nach dem in Frage stehenden Bericht Otto's 
von Freising damals mit übertragen wurde. 

Sehr richtig hat Hasenöhrl auch auf die Form hingewiesen, in 
welcher jene nähere Bestimmung der comitatus bei Otto von Freising 
uns entgegentritt. Wären damals, wie man früher annahm, thatsäch- 
lich drei besondere Grafschaften zu der Ostmark hinzugekommen, dann 
müsste man von einem über die Verhältnisse so wohl unterrichteten 
Manne, wie es Otto von Freising unzweifelhaft war, auch annehmen, 
dass er sich darüber anders, und zwar bestimmter ausgesprochen hätte. 
Ich möchte allerdings nicht mit Hasenöhrl annehmen, dass der von 
Otto gebrauchte unbestimmte Ausdruck ,cpos tres dicunt' auf einen 
„Zweifel" deute, den derselbe über die Anzahl der comitatus hegte"). 
Mir scheint wahrscheinlicher, dass damals die Erinnerung an die That- 
sache, dass ursprünglich die Mark sich aus drei Grafschaften zusammen- 



') Oesterr. Landrecht (I. Fassung) Art. 1. 
2) a. a. 0. S. 321. 

") L\is(;bin, Gesell, d. alt. Gericlitswes. in Oesterr. 52 N. 70. und Weransljy 
a. a. 0. 

■■) Oesterr. Landesrecht im 13. 11. 14. Jahrh. S. 179. 
•>) Arch. f. österr, Gesch. 82. 439 Anm. 127. 
'■) a. a. 0. S. 440. 



Ueber die ,tres coinitatus* etc. 



309 



setzte 1), infolge ihrer bereits erfolgten Verschmelzung zu einem ein- 
heitlichen Herrschaftsgebiete schon in einer Weise ver- 
blasst war, dass man sich dessen nur in solch' unbestimmter Weise 
mehr bewusst war. — Für diese Auffassung lässt sich eine That- 
sache anführen, welche Hasenöhrl selbst (allerdings niclit in diesem 
Zusammenhange) nachgewiesen hat. Während nämlich früher die öster- 
reichischen Markgrafen urkundlich auch als comites bezeichnet werden 
und damit also deutlich noch die ursprüngliche Stellung derselben 
zum Ausdrucke gelangt, verschwindet bezeichnender Weise diese 
üebung bereits gegen die Mitte des 11. Jahrhunderts^), so dass nur 
mehr die Bezeichnung ,marchio' vorkommt. Eben daraus können wir 
deutlich entnehmen, wie thatsächlich die Erinnerung an die ursprüno-- 
Hche Stellung des Markgrafen allmählich verblasste, dass der Begriff 
des comes hinter den des ,marchio' zurücktrat, indem der Markgraf 
innerhalb des gesammten Markgebietes die Grafenrechte ausschliess- 
lich übte. 

Zum Schlüsse will ich noch ein Moment berühren, das gleichfalls 
gegen die frühere Auffassung der fraglichen comitatus spricht. Otto 
von Freisiug erzählt uns, dass dem Babenberger das neue Herzogthum 
mit zwei Fahnen übertragen worden sei. Die Fahne, an sich das 
Zeichen des Fürstenthums, wurde doch auch frühzeitig schon bei Ver- 
leihung von Grafschaften verwendet^). Nun könnte man, falls jene comi- 
tatus wirklich territorial, als drei besondere Grafschaften zu fassen 
wären, erwarten, dass jede von ihnen mit einer Fahne verliehen worden 
sei, neben dem Herzogthum, welches, wie wir aus anderen Fällen 
wissen, gleichfalls mit einer Fahne geliehen wurde. 

Dass aber dies nicht statthatte, sondern die Investitur mit nur 
zwei Fahnen vollzogen wurde, spricht dafür, dass wir nur zwei Lehens- 
güter anzunehmen haben. In diesem Sinne hat schon Strnadt die 
Sache gefasst. Indem er darauf verwies, dass die Fahnen keinesweo-s 
nur das Investitursymbol von Territorien waren, sondern auch bei der 
Leihe anderer Lehensgüter in Verwendung standen, meinte er, die eine 
Fahne sei als Symbol der Heinrich „neu verliehenen Herzogsgewalt", 

') Den Nachweis dafür hat gegenüber den Bedenken Huber's (bei Bespre- 
chung der Arbeit Strnadts im Lit. Centralbl. 1886, 575 f.), welchen sich auch 
Gengier, Beitr. z. Rechtsgesch. Bayerns 1, 133 anschloss, nunmehr Hasenöhrl mit 
seinen Ausführungen über, ,marchia und comitatus' (a. a. 0. S. 422—30) wohl 
endgültig erbracht. 

') Arch. f. österr. Gesch. 82, 431 ff. 

*) Vgl. die Ausführungen Homeyers Ssp. 2b, 551, ferner die Urk. Eönig's 
Alfons, von 1258 bei Strnadt a. a. 0. S. 80 und die Urk. Kais. Sigmunds von 
1436 nov. 30 bei Schwind und Dopsch, Ausgewählte Urkunden n". 180. 



310 



Kleine Mittheilunffen. 



die andere aber als jenes der Grafschaft zu fassen, „d. i- der bisherigen 
Ostmark, Avie sie seit altersher in drei grossen Gerichtsbezirken mit 
den Malstätten Korneuburg, Tulln und Mautern bestanden hat^). 

Da wir nun wissen, dass der ducatus auch sonst mit einer 
Fahne verliehen wurde, nach dem Wortlaut des Minus aber neben dem 
ducatus nur die zu demselben gehörigen Kechte als zweites Lehens- 
o-ut in Betracht kommen können, so werden wir deu Bericht Otto's 
von Freising wohl am besten so auslegen, dass (wie auch Hasenöhrl 
annimmt) mit der einen Fahne die zum Herzogthum erhobene Ost- 
mark, mit der andern aber die mit ihr verliehenen Kechte (insbe- 
sonders die Grafenberechtigung) bei der Investitur symbolisirt werden 
sollten. 

Wien, December 1895- A. Dop seh. 



Ueber die angeblich älteste deutsche Privaturkuiide. Im 

Anzeiger für Schweiz. Gesch. 1888, 230 hat Dr. W. F. v. Mülinen 
unter dem Titel ,Eine der ältesten deutschen Urkunden (12. November 
1221)' Nachricht über ein im Familienarchiv Mülinen befindliches 
deutsches Diplom gegeben : Lodwich von nioUnen und Jehans sin i^rüder j 
verkaufen ihre Mühle, die da ze möl'men lit, ihrem Bruder Chonrdt von 
moUnvn; Zeugen sind her Hainrich der Cremest ze den ziten Rihtar 
ze ivienne. her Nyclas von Eslain. Hainrice von molinen vnser vetter 
vnd ander biderher lavte genüch; Zeitangabe: Do derre prlef gehen 
ivart do loärn ergangen von Cristes geburte. Der zuelfen hondM Jar. 
In dem ain vnd zwantzgistem Jar an dem nechstem fritag nach sant 
martis tag — das wäre also der 12. XI. 1221. ,Die vollständig er- 
haltenen Siegel sind gemäss der Schildform des XIII. Jh.. wie sie j 
besonders in Frankreich gebräuchlich war, dreieckig, beidseitig wenig j 
abgerundet'. Die Inschriften sind + S. LVDVICL D. MVLINGgI 
und -f S. JOHANN IS. D. MVLING. , Innerhalb auf unregelmässig j 
gestreiftem Felde befindet sich der Helm mit Decke sammt 4 speichigem | 
8 schaufligem Mühlrad', Conrad von Mülinen sei sonst 1229 nach-l 
zuweisen; Ludwig und Johann sollen mit dem Pfalzgrafen Otto von 
Schwaben nach Kleinburgund gezogen sein ; dadurch würde sich auch \ 
der Ort der Ausstellung der Urkunde, Vienne, erklären, ,da an Wieni 
nicht gedacht werden darf'. So der Herausgeber. \ 

Ihm schliesst sich vollinhaltlich Max Vancsa in seinem reichen; 
und nützlichen Buche Das erste Auftreten der deutschen Sprache in 

M a. a. 0. fc>. 82. 



Ueber die angeblich älteste deutsche Privaturkunde. 3H 

den Urkunden (Preisschr. d. Jablonowski-Gesellscli. 19) S. 26 an. Auch 
er sieht in ze tvierme ,natürlich nicht Wien, sondern Vienne' (aus 
denselben Gründen, die v. Mülinen leiteten), ja es ergibt sich für ihn 
daraus geradezu die Vermutung eines gewissen Zusammenhanges, in 
dem die Verwendung der heimischen Sprache mit der verwandten 
Bewegung im benachbarten Südfrankreich stehe. Allerdings fällt ihm 
der ,merkwürdig grosse Zwischenraum zwischen diesem Stück und der 
nächsten erhaltenen Originalurkunde in deutscher Sprache' auf, dem 
Theilungsvertrag zwischen den Grafen Albrecht und Rudolf von Habs- 
burg (1238/1239). 

Da nach Vancsa's Sammlungen diese Mülinensche Urkunde über- 
haupt die älteste deutsche wäre und auch ein bedeutendes sprachliches 
Interesse sich an sie knüpfen müsste, so lohnt es sich wohl ihr Alter 
zu prüfen i). 

Ihre Sprache trägt alemannische Merkmale : Ut = liget, helibe (prs, 
conj.), ziten, fritag ; husfrmven ; gezüge ; Chonrät ; tön (1. sg.); Lodtvkh, 
molinen, mol, chontj vrchonde^ hondert ; verchoffen (neben chauffen) ; 
choftig (^ kunftic) ; vnserin (dsg. und pL). Daneben fallen bairisch- 
österreichische Laute auf: durchweg ai für ei, ferner lavte (=liutej, 
das a in zivantzigstem. Ebenso schlecht wie diese Formen passen 
femer zum Jahr 1221 die Apokopen im dsg. prief, rat^Jar^ (tag, fritag), 
gsg. sach, nsg. rihtar, wil (=wille), gegenüber vollen Formen wie 
adv. State, dsg. mxJionde, gehurte, npl. gezüge, gpl. lavte, cj. praes. gnade, 
belibe; ferner nsgf. (relat.) die. 

Für sich allein würde man diese Bedenken kaum für ausschlag- 
gebend halten. Wie nun aber, wenn ze wienne der Urkunde nicht das 
französische Vienne, sondern thatsächlich und unzweifelhaft das öster- 
reichische Wien bedeutete? Der Nachweis ist leicht zu führen; er 
gründet sich auf die Zeugenschaft Heinrichs des Chraunest, der einer 
Wiener Bürgerfamilie angehört, und des Nicolaus von ,Edam', in welchem 
der ebenfalls in Wien ansässige Nicolaus von Eslarn zu erkenne u ist. 
Beide sind häufig zu belegen, einzeln, und wie in unserer Urkunde, 



*) H. Bresslau hatte in seinem Handbuch I, 988 in den Nachträgen die 
Mülinen'sche Urkunde erwähnt und aus ihrem Abdrucke keine Bedenken gegen 
Echtheit oder Originalität des Stückes geschöpft. Eben jetzt — nach Abschluss 
dieses Aufsatzes — lese ich im neuesten Hefte des Archivs 21,589, dass es ,nach 
ihm gemachten Mittheilungen als sehr zweifelhaft erscheinen muss, ob sie nicht 
erheblich später entstanden ist', und dass er eine neue Untersuchung darüber 
für wünschenswert erklärt. Ich hoflFe, dass die folgenden Darlegungen die Frage 
endgiltig beantworten. 



Ol 9 Kleine Mittheilungen. 

zusammen, ohne Amtstitel und mit einem solchen, der dem bei Mülinen 
genau entspricht. 

Folg-ende Belege sind mir zur Hand: 1300, Wernhart und Herr 
Heinrich, sein Bruder, die Chrannest, Q(uellen z.) G(eschichte d. St.) 
\V(ien) I, ur. 874; 1300 Wien, als Zeuge: her Heinreich Chranest, 
U(rkdb. V.) Oe(sterr.) o(b d.) E(nns) IV, 350 ; 1303, als Z. : her Hain- 
reich der Chrannest, her Nycla von Eslarn F(ont. rer. Austr. II.) 3, 455 ; 
1304 Wien, her Hainrich der Chrannest ze den Zeiten rihter ze Wienne 
F. 18, 115; 1304, Heinrich der Chrannest, Kichter von Wien, besiegelt 
eine Schenkungsurkunde QGW I, nr. 879 ; 1306 Wien, mit hern Nychlas 
Insigil von Ezlarn, der zv den Zeiten Bihter was ze Wienne F. 18, 119; 
1306 Wien, her Hainrich der Chrannest, Bürgermeister zu Wien 
QGW U, nr. 1551 (ebenso nr. 1552); 1309, Ni/clas von Eslarn ze den 
Zeiten Purger Maister vnd der Rat ran der Stat ze Wienn Mitth. d. 
Altertumsver. in Wien XI, 270; in der Liste der Verpfändungen ! 
Friedrichs des Schönen, Avch. f. öst. Gesch. II, 533, vom Jahr 1310 i 
sind Heinrich und Wernher Chrannest und Nicolaus von Eslarn ge- ! 
nannt; 1311 Wien, her Nichla von Ezlaren, her Hainr. der Chranest j 
. . . die zu den zeiten amptleute in Osterreiche waren, ürkdlx v. Nieder- i 
öst. I, 1^ 228; 1312 als Z. : her Wernhart vnd her Hainrich di Chrvn- \ 
neste F. 10, 135; 1312 Wien, Herr Niclas von Eslarn, zu den Zeiten | 
Bürgermeister zu Wien, Herr Heinrich der Chrannest, z. d. Z. Richter zu 
Wien QGW I, nr. 886; 13U' als Z. : her Nycla von Eslarn pvrgermaister \ 
F. 16, 405; 1313 Wien, her Nyclas pvrger maister ze Wienne F. 16, 40 
(dass damit N. v. E. gemeint ist, ergibt sich daraus, dass neben ihm i 
— wie in anderen Urkunden, die ihn mit vollem Namen bezeichnen — 
her Otte sein prveder genannt wird); 1316 Wien, Niclas von Eslarn, i 
Bürgermeister QGW I, nr. 758; 1318 Wien, als Z.: her Hainrich der | 
Chrannest ze den zeiten rihter ze wienne, her Nichla von Eslarn, (her 
Otte sein prüder) F. 10, 161; 1319 Wien, als Z.: her Heinrich der 
Chrannest, her Niclas von Ezlarn F. 16, 407; 1319 Wien, ich Hain- 
reich der Chranneste, pvrger ze Wienne F. 18, 168; 1320 Wien, her 
Hainrich der Chrannest zu den zeiten richter zu Wienn . . . her Nichlas 
von Eslarn, Geschichtsquellen d. St. Wien I, 90; 1320 Wien, Ich 
HainreicJi Chrannest ze den zeiten Richter ze ivienne, und als Z. : 
her Niclas von Eslarn, (her Ott sein prueder) F. 10, 178; 1321 Wien, 
mit hern Nyclas jnsigel von Eselarn (vnd mit herrn Otten jnsigel sines 
prüder) UÖoE A^ 286; 1321, 6. Dez. als Schiedsrichter: Nyclas 
von Eslarn und Heinrich der Chrannest, Richter zu Wien 
QGW i, nr. 27 ; 1322 Wien, siegelt Niclas von Eslarn QGW I, nr. 764; 
1323, 28. October, Wien, als Schiedsrichter: Niclas von Eslarn QGW I, 



Ueber die angeblicli älteste deutsche Privaturkunde. 'dVd 

nr. 991 — a.us dieser Urkunde geht auch hervor, dass Heinrich der 
Chrannest damals bereits gestorben war, denn es handelt sich um einen 
Rechtsstreit zwischen seiner Witwe Christine und deren Stiefsohn 
Konrad ^). Niclas von Eslarn ist auch späterhin noch mehrmals be- 
legt, z. ß. 1330 F. 18, 190, 1339 ebenda S. 217: nach der Urkunde 
F. 18, 247 zu schliessen, ist er im Jahre 1344 bereits verstorben. 

Es wäre zu seltsam, wenn Heinrich d. Chr. und Nicolaus v. Esl., 
die hiermit nicht bloss einzeln sondern öfters auch in derselben Ver- 
bindung wie in der Mülinen'schen Urkunde, der erste überdies wie 
dort als Richter von Wien, nachgewiesen sind, andere Personen wären, 
als die dort genannten. Durch jene Urkunden sind wir aber aus dem 
Anfang des 13. in den des 14. Jahrhunderts versetzt, und es ist sehr 
zu betonen, dass die Chrannest vor Ende des 13. Jahrhunderts über- 
haupt nicht nachweisbar sind (z. B. 1288 Heinrich d. Chr. als Zeuge 
QGW I, nr. 869). Ueber die Eslarn vgl. noch Wissgrill, Schaupl. d. 
n. ö. Adels II, 429. 

Die Kette der Beweise kann aber noch enger geschlossen werden. 
Denn noch bleibt es auflFallend, dass gerade zwei AViener in einer von 
Herren von Mülinen ausgestellten Urkunde als Zeugen erscheinen. 

Aber Angehörige dieses Geschlechtes sind zur selben Zeit wie jene 
beiden in Niederösterreich und in Wien urkundlich zu belegen. 

Am 24. VI. 1310 beurkundet Herzog Friedrich von Oesterreich, 
dass der Propst Berthold von Klosterneuburg vnserm diener Ludwigen 
von MnJinge vnd semer hausvrowen vron Katereyen vnd ir pakler erben 
den Hof zu Meinhartsdorf vf der wienne verliehen habe, F. 10, 118. 
Und am 25. I. 1317 stellen Chvnrat von Mulingen vnd Margret sein 
Havsvrowe zu Wien eine Urkunde aus über einen Schiedspruch an- 
lässlich des Streites zwischen ihnen und Propst Berthold von Kloster- 
neuburg um einen hof ze Memiinge, F. 10, 155: sie ist mit Konrads 
und meins prvder Ludiciges von Mulingen Siegel gesiegelt, jenes hat 
die Aufschrift -f- S. Chvnradi de Mding (und im runden Feld ein 
Mühlrad), a. a. 0. Von den vier Mülinen der Urkunde von ,1221': 
Ludwig, Johann, Konrad und Heinrich, haben wir in Wien denn einen 
Ludwig und einen Konrad: auch diese sind Brüder, wie jene dort, die 
Aufschrift auf den Siegeln ist hier und dort ganz dieselbe (man be- 
merke, dass Ludwigs Siegel beide male im Namen auslautendes gg 
zeigt!), das Wappenbild hier und dort das Mühlrad. 



') Mehrere der Urkunden, die im Register des 1. Bandes der QGW zum 
Titel ,Heinrtch der Chrannest Richter zu Wien' aufgezählt werden, beziehen sich 
nicht auf unseren Heinrich. 



•ji 1 Kleine Mittheilungen. 

Konrad von Müliueu ist noch im Jahre 1330 in Niederösterreich 
zu beleo-en, denn am 27. Jänner dieses Jahres siegelt er einen Ver- 
gleich zwischen Weingartenbesitzern iu Döbling und dem Kaplan der 
St. Pankrazkapelle in Wien; er heisst hier Chunrad von Mvelingen^ 
ZV den zeiten schaffer vnd phleger der vroioen gvt von Tuln Prediger 
Ordens, F. 18, 185. (Der Herausgeber der Urkunde hat das Siegel 
nicht beschrieben). 

Er ist in Wien gestorben und bei den Minoriten begraben: das 
Necrol. pp. minor. Viennens. bei Pez, SS. rer. Austr. I, 513 verzeichnet: 
Conradus de Mulling uno die sejyuUus cum uxore domina V. Kai. Sept. 
in eodem sepulchro. Auch ein Knabe der Familie lag dort: Domicelhis 
Pertschn (Berthold) de Mulling, obiit 1329, XII. Kai. Jul, Pez a. a. o. 
Der Text des Gräberverzeichnisses, den Lind in den Mitth. d. Alter- 
tumsver. v. Wien 12, 78 bringt, nennt ihn richtiger Pertschi de mvling 
und gibt auch ein Facsimile des Wappenschildes am Grabe, das uns 
deshalb wichtig ist, weil wir daran .die dreieckige, beiderseits wenig 
abgerundete' Schildform, von der Dr. W. F. v. Mülinen spricht, und 
das ,4speichige, 8schauflige' Mühlrad wiedererkennen, so dass an der 
Identität der Familien kein Zweifel mehr bleibt. Noch bemerke ich, 
dass auch Eslarne und Chranneste bei den Minoriten begraben waren, 
Pez 480, 501, 513, Lind 79, 105 f. 

Die aargauischen Mülinen standen in guten Beziehungen zu den 
Herzogen von Oesterreich (Kopp, Gesch. d. eidg. Bünde IV, 1, 9 f., 
Lichuowski, Regesten I, 365, 309, 423), und wie Mitglieder des Ge- 
schlechtes nach Oesterreich, nach Wien kamen, ist wohl durch den 
Ausdruck vnser diener, den Herzog Friedrich für den einen von ihnen 
gebraucht, genügend angedeutet. Ich glaube, man wird in dem Nach- 
weis, dass von den vieren der Urkunde von . . 21 zwei im Jahre 1317 
in Wien waren, dass eiuer von ihnen in Wien starb, eine bessere 
Erklärung für die Ortsangabe der Urkunde ze ivienne finden, als in 
dem Zug nach Kleinburgund, an dem ein Ludwig und ein Johann von 
Mülinen im 13. Jahrhundert theilgenomraen haben sollen. Haben jene 
Schweizer aber in Wien gelebt, so erklärt sich, wie in den alemanni- 
schen Hauptcharakter ihrer Urkunde österreichische Laute sich ein- 
mengten. 

Es erklärt sich nunmehr auch der Mangel an sprachlichen Alter- 
tümlichkeiten einerseits, das Vorhandensein junger Formen andrerseits : 
denn die urkundlichen Nachweisungen über den Chrannest, den von 
Eslarn, Konrad und Ludwig von Mülinen zwingen zur Folgerung, dass 
die angenommene Datierung der Urkunde gewiss falsch und zwar — - da 
der Chrannest eben im Jahre 1321 auch sonst als Richter in Wien 



Ueber die angeblich älteste deutscbe Privaturkunde. 315 

belegt werden kann, t^, o. — gerade um ein Jahrhundert zu alt ist. 
In dem Satz do warn ergangen von Cristes gehiirte. Der zuelfen hondert 
Jar ist Der wie zuelfen in hohem Grad auch sprachlich verdächtig: 
es ist gehurte. Drilzehen zu lesen. Auch sonst hat der Text Fehler: 
von vnsern husfrmven rät ; dem vorgenanten sinn prüder (statt vnserm 
fr.) ; Eslain (statt Eslarn) ; Hainrice (statt Hainrich). Ob das Fehler 
des Schreibers oder der Herausgebers sind, vermag ich nicht zu ent- 
scheiden. 

Keinesfalls darf die Urkunde mehr den Reigen der ältesten deut- 
schen anführen; sie gehört erst ins 14. Jh., sie ist am 13. Nov. 1321 
ausgestellt. 

Innsbruck, 7. IL 1896. Joseph Seemüller. 



Literatur. 

Neuere Literatur über deutsches Städtewesen. 

VI. 

'JS, Kortli Leonard, Köln im M ittel alter, Köln 181)08", 
m 88. Sonderausgabe aus den Aunaleu des Hist. Vereins für den 
Nicderrliein Heft 50. 

2'.). Kruse Ernst, Die Kölner Sicher zeche. In Zeitschr. 
der Savignystiftung für Rechtsgesch. 9 (1888), Germ. Abt. S. 152 ff. 

3( ). Kruse Ernst, Exkurs über die ältere Gerichts- 
verfassung der Stadt Köln, ebenda 9 (1888), Germ. Abt. 
S. 201 ff 

31. Liesegang Erich, Zur Verfassungsgeschichte der 
Stadt Köln, vornehmlich im 12. und 13. Jh., ebenda 11 (1890), 
Germ. Abt. S. 1 ff. 

V>2. Hayn Kasimir, Eitter Hilger Quattermart von der 
Stessen. Paderborn 1888. 8°, 85 SS. 

33. ]j a u Friedrich, Die e r z b i s c h. Beamten in der 
Stadt Köln während des zwölften Jahrhunderts. Bonner 
Dissertation. Lübeck 1891. 8<^, 89 SS. 

34. Beiträge zur Geschichte vornehmlich Kölns und 
der ßh einlande. Zum 80. Geburtstag Gustav von Mevissens dar- 
gebracht von dem Archiv der Stadt Köln. Köln 1895. 8°, VII + 406 SS. 

35. Keinhold F., Verfassuugsgeschichte Wesels im 
Mittelalter. Breslau 1888. 8^ VIII -f 122 SS. In Gierkes Unter- 
suchungen zur deutschen Staats- und ßechtsgeschichte 23. Heft. 



Literatur. o i -7 

36. Liesegang Erich, Recht und Verfassung von Eees. 
In Westd. Zeitschrift, Ergäuzungsheft 6. Trier 1890. 8°, 112 SS. 

37. Löviuson Hermann, Beiträge zur Verfassungs- 
geschichte der westfälischen Reichsstädte. Paderborn 
1889. 8«, 132 SS. 

38. PhilippiF., Zur Geschichte der Osuabrücker Stadt- 
verfassung. In Hausische Geschichtsblätter 1889, 155 ff. 

39. Schröder W., Die älteste Verfassung der Stadt 
Minden. In Jahresbericht des k. Gymnasiums zu Minden 1890. 

40. Ilgen Th., Zur Herforder Stadt- und Gerichtsver- 
fassung. Münster 1891. 8°. Aus der Zeitschr. für vaterl. Gesch. 
und Altertumskunde Westfalens 49. Bd. 

41. Ilgen Th., Uebersicht über die Städte des Bistums 
Paderborn im Mittelalter. In dem Buche: Aus Westfalens 
Vergangenheit (Münster 1893), S. 91 — 109. 

42. Kniecke August, Die Einwanderung in den west- 
fälischen Städten bis 1400. Ein Beitrag zur Geschichte der 
deutschen Städte. Münster 1893. 8°, 176 SS. 

43. Philippi F., Zur Verfassungsgeschichte der west- 
fälischen Bischofs Städte. Mit urkundl. Beilagen und vier ge- 
schichtl. Stadtplänen. Osnabrück 1894. 8°, 102 SS. 

44. Varges W., Die Gerichtsverfassung der Stadt 
Braun schweig bis zum J. 1374. Marburg 1890 El wert. 8° 
11 + 66 SS. 

45. StoeckertG., Beiträge zur Verfassungsgeschiehte 
der Stadt Magdeburg. In Jahresbericht über das k. Pädagogium 
bei Züllichau, 1888. 

46. Stoeckert G., Die Reichsunmittelbarkeit der Alt- 
stadt Magdeburg. In Historische Zeitschrift 66 (1891), 193 ff. 

47. Hertzberg Gustav, Geschichte der Stadt Halle an 
der Saale von den Anfängen bis zur Neuzeit. Nacli den 
Quellen dargestellt. 3 Bände. Halle a. S. 1889—1893. 

48. Bippen Wilhelm v., Geschichte der Stadt Bremen. 
I. Band. Bremen 1892. 8^ VIII + 392 SS. 

49. Obst Arthur, Ursprung und Entwickeln na- der 
Hamburgischen Rathsverfassung bis zum Stadtrecht von 
1272. Berliner Dissertation. Hamburg 1890. 8°, 82 SS. 



o -j n Literatur. 

50. Bulmerincq August v., Der Ursprung der Stadt- 
verfassuug Rigas. Leipzig 1894. 8«, X -{- 8o SS. 

In auerkenneiiswerther Weise hat L. Korth es verstanden auf wenigen 
Seiten die Geschichte Kölns darzustellen (28). Die gut geschriebene Ueber- 
sicht bildete die Einleitung einer den zu Köln im Sommer 1888 ver- 
sammelten Xaturforschern und Aerzten gewidmeten Festschrift und ist 
dann in erweiterter Fassung in die Annalen des hist. Vereins für den 
Kiederrhein aufgenommen worden. In dieser neuen Form hat sie der 
Verf. mit nahezu 200 Anmerkungen ausgestattet, in denen sich eindrin- 
o-ende Kenntnis der Literatur und der archivalischen Quellen mit beson- 
nener Kritik vereinigt und welche die Schrift zu einem brauchbaren Leit- 
faden für Forschung und Darstellung machen. 

Der vielbesprochenen Kölner Eicherzeche hat Ernst Kruse eine 
scharfsinnige und trefflich angeordnete Abhandlung gewidmet (29), die viel 
des Guten enthält, der man aber in der Hauptsache doch die Zustimmung 
weigern muss. v. Below i), Hegel 2), Doren ^) und Lau haben ihren ab- 
lehnenden Standpunkt begründet und zugleich die Schwächen der Beweis- 
führung Kruses aufgedeckt. Ich kann mich daher auf einen blossen Be- 
richt beschränken. Kr. wendet sich gegen Ennens Ansicht von der un- 
mittelbaren Entstehung der Richerzeche aus der alten Gilde und nimmt 
ebenso wie Hegel an, als Erbin dieser alten Gilde sei die spätere Wein- 
brüderschaft zu betrachten i). Freilich die Art der Beweisführung wie sie 
uns auf S. 167 entgegentritt, werden wir unbedingt ablehnen müssen, 
auch wenn die zu beweisende Thatsache zugegeben werden sollte. Klar 
und anschaulich handelt dann Kr. von der Theilung der Eicherzeche in 
zwei Klassen, der verdienten Bürgermeister und der nicht verdienten Mit- 
glieder, wobei er der Ansicht zuneigt, dass die Mitglieder beider Klassen 
als Amtleute, officiales, bezeichnet wurden, berechnet als Maximalzahl der 
ersten Klasse dreissig und beschreibt die Kompetenzen der Brüderschaft. 
Entstanden soll nun die Eicherzeche auf folgende Weise sein: Ursprünglich 
soll die Gilde die Bürgermeister gewählt haben, die Gilde löste sich auf 
und fiel weg, die Bürgermeister aber blieben und bildeten eine Korpora- 
tion. Da nun das Amt und das Wahlrecht in die Hände der Eeichen 
gekommen waren, welche Müsse hatten, sich den städtischen Geschäften 
/.u widmen, so wurde diese Korporation eine patricische, sie erhielt den 
Spitznamen der Eicherzeche, wie ja ,reich' den Sinn von ,mächtig' hat. 
Das ist klug und fein ausgedacht, aber einen Beweis für die grund- 

') D. Ztschr. für Geschichtsw. 1889 443 ff. 

'-') Städte und Gilden 2, 334 ff. 

3) Kaufmanns<;ri](ien S. 86 ff^ 

*) Höniger hat ncuestens seine Ansicht über diese Frage dahin abgeändert, 
dass in der ursprünglichen Gilde zwei verschieden berechtigte Klassen von Mit- 
gliedern vereinigt waren. Die Verleihung der geringern Berechtigung wäre im 
12. Jahrhundert abgestellt worden und sei in der Weinbrüderschaft fortgesetzt, 
die vollberechtigten Mitglieder seien in der Gilde geblieben und deren Rechte an 
die Richerzeche übergegangen. Vorbemerkung zu dem 2. Theile des 2. Bandes 
der Schreinsurkundeu p. II. Dieser zur Zeit, als ich diese Anmerkung nieder- 
schrieb, letzten Ansicht Ilönigers folgte bald eine neue Wandlung, auf die ich 
noch zu sprechen komme. 



Literatur. 319 

legenden Behauptungen hat der Verf. nicht erbracht. Die erste und wich- 
tigste Voraussetzung ist für ihn, dass das Amt der Bürgermeister uralt, 
um vieles älter als die Richerzeche sei. Wir wissen aber nicht mehr, als 
dass die Bürgermeister zuei-st 1177 und die Richerzeche zuerst 1178 — 1182 
urkundlich erwähnt werden ^). Kr. beruft sich nun auf die Stäbe der 
Bürgermeister als ein uraltes Symbol, sowie auf die Amtseide, die allerdings 
erst aus dem 1 4. Jh. erhalten sind, aber im wesentlichen auf die alten Amts- 
eide zurückgehen. Lassen wir die Stäbe bei Seite, so ist es richtig, dass Eide 
in der Regel sehr wenig geändert werden, doch hat dies zur Voraussetzung, 
dass nicht in einen Zeitabschnitt eine grundsätzliche und tiefgreifende Aende- 
rung der Verfassung fällt, welche dann auch in einer vollständigen Um- 
arbeitung der Eide ihren Ausdruck findet. Das dürfte aber gerade in Köln 
vor dem 14. Jh. geschehen sein, so dass ich aus den Amtseiden dieses Jahr- 
hunderts keinen Rückschluss auf eine frühere Zeit machen würde. Wenn 
nun Kr. mit Fug und Recht die eigenartige Stellung der Kölner Bürger- 
meister hervorhebt, die ja des Vorsitzes im Rathe entbehrten und auch 
auf das Steuerwesen keinen Einfluss hatten, und wenn er betont, dass die 
Bürgermeister weder blosse Orgaue der Richerzeche noch auch allein 
Stadtoberhäupter sind, so könnte man durch diese Beweisgi-ünde dazu ver- 
anlasst werden, dieses Amt als etwas Neues zu betrachten und durch 
das allmähliche Zusammenwachsen verschieden abzuleitender Kompetenzen 
zu erklären ^). Kr. weiss sich aber anders zu helfen. Die Bürgermeister 
sind nicht blosse Organe der Richerzeche, sie nehmen vielmehr eine Stel- 
lung neben dieser ein. Nimmt er nun wahr, dass in geschichtlich be- 
kannter Zeit, also nach 1225, die Bürgermeister immer mehr gegenüber 
der Richerzeche zurücktreten, was ja übrigens erst zu beweisen wäre, so meint 
er, es sei an und für sich methodisch zulässig, auch für die Vorzeit eine Ent- 
wickelung in derselben Richtung anzunehmen. Wir kämen da also auf 
einen Punkt, wo die erwerbende Richerzeche gar nichts hat, die Bürger- 
meister aber alle Gewalt besitzen. In der Anwendung dieses seltsamen 
Verfahrens lässt sich Kr. gar nicht dadurch beirren, dass wie er selbst 
ausführt, in späterer Zeit die Bürgermeister als erwerbend auftreten und 
die Richerzeche an Macht verliert. Der Hinweis auf eine analoge Ent- 
wickelung in den Parrochialbehörden ist ganz unzulässig, da ja die kri- 
tische Frage sich eben so stellt: Ist das Amt auf dem Bürgerhause mit 
den Bürgermeistern (magistri burgensium) Vorbild oder Nachahmung der 
, Aemter in den Burhäusern mit ihren Burmeistern (magistri civium) ? Man 
i wird nach dem Stande der Quellennachrichten wie nach dem allgemeinen 
Verlaufe vorläufig viel eher die zweite Alternative annehmen und vertreten 
können. Kr. aber ist der gegentheiligen Meinung, er weiss auch, dass die 
Bürgermeister zwar nicht von der gesammten Gemeinde, welche ja aus 
den Buren der Parrochien bestanden hätte, wohl aber von einer Gemein- 
schaft, die sich auf die ganze Stadt erstreckte und einen engern Verband 
in der Bürgergemeinde bildete, gewählt werden. Dieser Verband war die 



*) Vgl. Hönigers später zu erwähnende Abhandlung. 

2) In ähnlichem Sinne spricht sich auch Höniger ans, der nachzuweisen 
sucht, wie der Bürgermeister Kompetenzen der alten Richter und Zöllner, die vor 
ihm an der Spitze der Bürgerschait standen, übernommen hat. 



320 



Literatur. 



(rilde. Sie eignet sich vortretflich zu jedem gewagten Beweisversuch, da 
wir von ihr el>ensowenig wissen als von den praehistorischen Bürgermeistern. 
Aber Kr. versichert uns: Ihre Mitglieder müssen im Gegensätze gegen 
die Buren Bürger geheissen haben, ihre Vorsteher müssen die Bürger- 
meister und ihr Versammlungshaus m u s s der Bürger Haus gewesen sein. 
Den Hinweis auf Groningen, wo allerdings den Gildegenossen (burgenses) 
die nicht zur Gilde gehörigen Buren gegenüberstehen, wird man nicht 
billigen können, da in Groningen ein Unterschied zwischen dem grossen 
und kleinen Bürgerrecht bestand, den man in Köln nach Kruses eigenen 
Ausführungen nicht kannte ^). Wir müssten denn annehmen, ein und der- 
selbe Mann sei in der Gilde Bürger, in der Parrochie Bure gewesen und 
gerade für jenes Bürgerrecht sei das Wort burscap gebraucht worden. In 
keiner Weise ist endlich Kruse der Nachweis gelungen, dass die Befug- 
nisse der Eicherzeche von der alten Gilde herstammen. Wir wissen über 
diese wie gesagt nichts und der seit Nitzsch's Aufsätzen so beliebt ge- 
wordene Hinweis auf Göttingen, Groningen oder gar Menden sollte doch 
einmal durch bessere Beweismittel ersetzt werden. Zu welch wunderlichem 
Vorgange wir überhaupt auf diesem Wege gelangen, zeigen Kruses Aus- 
führungen über die Verleihung der Weinbrüderschaft (des Weinzapfes), 
welche in ilen Händen der Richerzeche ruht. Diese Weinbrüderschaft soll 
der Ueberrest der Gilde sein, aber der Vorsteher dieser Gilde ist nicht 
auf sie übergegangen und auch nicht das Kecht der selbständigen Auf- 
nahme der Mitglieder, sondern diese Vorsteher sind nach der Auflösung 
der alten Gilde selbständig geblieben, haben die Richerzeche gebildet und 
dieser das Recht der Weinzapfverleihung übertragen. Man wird doch am 
besten von der Gilde ganz absehen und die Entstehung der Richerzeche 
an den gewöhnlichen Gegensatz der potentes et pauperes anknüpfen. In 
der Handelsstadt Köln, wo so viele Bürger in Urkunden und Geschicht- 
schreibern das Beiwort dives oder praedives tragen, war für eine Ent- 
faltung dieses Gegensatzes, für die endliche Vereinigung der divites ein 
besonders günstiger Boden '■^). Diese Zeche welche sich über den Sonder- 

'] Höuiger (Sclireinsurkunden 2 b, 5) scheidet zwischen Kleinbürgerrecht 
(in den PaiTOchien) und Grossbürgerrecht, von dem er aber sagt, die Grossbürger 
seien von den Kleinbürgern nicht durch ein Geburtsrecht geschieden gewesen, 
sondern es habe sich da nur um die Frnge des Kapitalsbesitzes gehandelt, wes- 
halb auch (reiche) Handwerker das Grossbürgerrecht haben konnten. Da sind 
aber zwei ganz verschiedene Dinge vermengt. Denn in dem einen Falle handelt 
es sich um eine locale, im andern um eine sociale Zugehörigkeit, beide müssen 
auseinandergehalten werden, wenn auch die reicheren Bürger, nicht anders wie 
heute, in den besser gelegenen fetadtth eilen, hier namentlich in der Martiuspfarre, 
zusammenwohuten. Mir scheint die Deutung von burschaf auf das Grossbürgerrecht 
und die Bezeichnung der einen von Höniger veröffentlichten Liste als Gross- 
bürgerliste als verfehlt. Burscap bedeutete damals gewisse Gemeinderechte, welche 
ein Bürger haben musste, neben dieser burschaf gab es dann noch eigene Kauf- 
mannsrechte der Gilde. Es konnte ein Bürger nur das eine, ein anderer beide 
besitzen. So würde es sich erklären, dass an der Spitze des ersten Verzeichnisses 
burschaf, an der des zweiten coifman steht. (Vgl. die Scheidung zwischen burscap, 
wigbelderecht, copfart und inniuge im ÜB. v. Hameln 306 no 406). 

^) Darauf weist auch Zeumer in Waitz Vfgg. 5 "■', 416 hin, der vielleicht mit 
Kecht an der Deutung als Zeche der Kelchen wegen der Form Rigirzegheide 
Anstoss nimmt. Dass aber in ihr jedenfalls die bürg. Geldaristokratie die erste 
Rolle spielte, geht aus der neu auigefundenen ältesten Urkunde der Richerzeche 
hervor, über die Müheres weiter unten mitgetheilt wird. 



Literatur. 32 \ 

gemeinden ei'hebt, schafft sich ihre Organe in den Bürgermeistern, richtet 
sich nach dem Muster der gewohnten heimischen Art ein und entlastet die 
Schöffen in Hinsicht auf die Verwaltung der Stadt. 

Seine Anschauung von der Entstehung der ßicherzeche und dem 
Bürgermeisteramt hat Kr. auch in seinen Exkurs über die ältere Gerichts- 
verfassung der Stadt Köln (30) hinübergetragen. Sehen wir von ihr ab. 
so werden wir die andern Ergebnisse dieser Abhandlung gerne annehmen. 
Kr. wiederlegt vor allem Lisegangs Ansicht, dass die parrochialen Gerichte 
Hundertschaftsgerichte seien, und weist nach, dass wir sie gar nicht als 
Glieder der öffentlichen Gerichtsverfassung, sondern als autonome Gemeinde- 
gerichte zu betrachten haben, denen das Bürgermeistergericht für die ganze 
Stadt an die Seite zu stellen ist, während als das öffentliche Gericht für 
die ganze Stadt das mit Schöffen besetzte Stadtgericht angesprochen werden 
muss. Die Uebereignung von Liegenschaften fand nicht nothwendig in 
öffentlicher Gerichtsversammlung unter Vorsitz des öffentlichen Richters 
statt, es handelt sich da nicht um gebotene Dinge, sondern um Zeugen- 
zuziehung, gegebenen Falles auch des Richters. Für die eigentliche ge- 
richtliche Sicherung durch den Bann muss daher eine besondere Gebühr 
entrichtet werden ^). 

Die Gründe, welche Liesegang (3l) gegen Kruses Ausführungen 
vorgebracht hat, wiegen nicht schwer. Vor Allem tritt er einen Rückzug 
in der Hauptfrage an; wenn er erzählt, er habe Kruse schon »privatim 
mitgetbeilt, dass er die früher von ihm vertretene Meinung längst auf- 
gegeben habe'^S so wird der Leser an diesem auch anderswo begegnenden 
Verfahren des privaten Widerrufes früher mit grosser Ausführlichkeit dar- 
gelegter Ansichten keinen rechten Gefallen finden. L. gibt auch die 
Centenare auf in einem Satze, den ich mir im Wortlaut anzuführen ge- 
statte: S. 11. »Da diese iudices, die natürlich älter sind wie die Collegien 
der Burmeister, die, darin stimme ich Kruse völlig bei, relativen Ur- 
sprunges — , so müssten in der davor liegenden Zeit die iudices neben 
jenen beiden Burmeistern, die älter gewesen sein sollen, der communalen 
Verwaltung vorgestanden haben, eine Annahme, die natürlich unmöglich 
ist*. Auch darin ist er mit Kruse »einig«, dass man die Eintragungen, 
welche auf Grund von im echten Ding vorgenommenen Rechtsgeschäften 
erfolgten, »deutlich von dem Gros auf Grund der Ausdrücke, die auf die 
Gei-ichtsversammlung angewendet werden, sondern kann«. (S. 12). Dagegen 
spricht er sich gegen Kruses Ansicht von dem Zeugencharakter der Richter 
aus und meint dafür Stellen anführen zu können, in denen die lokalen 
Versammlungen , geradezu der Leitung dieser angeblichen Zeugen' unter- 
stellt werden. Darin ist ihm zum Theil Recht zu geben, aber die von 
ihm angezogene Formel in audientia iudicis et parrochianorum (Schreins- 
karten Martin 2, V, 2 ; 3, I, 8 u. s. w.) ist nicht glücklich gewählt, 
denn Martin 3, I, 16 heisst es in audientia parrochianorum. üeberhaupt 
wäre der Unterschied in dem Wortlaut der Formeln sowohl von ihm als 
auch von Kruse besser zu beachten gewesen. In einzelnen Formeln wird 
die Thätigkeit des Richters von dem blossen Zeugenumstand geschieden, 
in presentia (= audientia) iudicis et testimonio parrochianorum (Martin 



1) Vgl. dazu Lau S. 42. 

Mittheilungen XVII. 21 



322 



Literatur. 



2, IV, 11; '2, V, l), in anderen wird er bloss als Zeuge angeführt coram 
judice et magistris civium 3, II, 35; III, 37; coram judicibus et magistris 
civium et coi-am ipsis civibus 2, IV, 23. Besonders lehrreich ist 3, V, 14. 
Factum coram magistris civium. Inde dederunt testimonium. De privi- 
legio ecclesie s. Petri apud magistros civium deposito Tidricus (der eine 
Vertragstheil) dedit testimonium. Factum coram iudicibus et magistris 
civium. Wieder in andern Formeln wird zwischen Richtern und Gemeinde- 
genossen nicht unterschieden: cum testimonio iudicis et parrochianorum 
2, III. 46, sowie die von Liesegang angeführten Stellen. Endlieh fehlt 
der Richter ganz: in presentia civium et magistrorum 3, III, 19; in 
audientia parrochianorum 3, I, 16. Wenn ferner Liesegang gegen Kruses 
Ansicht für den Bestand eigener und ständiger Richter in den Sonder- 
gemeinden eintritt und als Argument anführt, dass ein Umzug des Richters 
von Parrochie zu Parrochie sich nicht mit der Amtswürde verträgt, so ist 
das abzulehnen ^). 

IS'och ist zu erwähnen das Büchlein Kasimir Hayn's über Hilger 
Quattermart von der Stessen (32) und zwar vornehmlich deshalb, weil 
diese Schrift von K. Höhlbaum angeregt ist, in der rechten Erkenntnis, 
dass wir uns nicht mit der abstrahierenden Darstellung von Verfassungs- 
änderungen zu begnügen haben, sondern auch den Menschen in der Stadt 
näher treten müssen. »Mehr als bisher würde die Thatsache erhellt 
werden, dass die Bildung und die Veränderung in den Gruudzügeu und 
den Formen der Verfassungen deutscher Städte mannigfach und stark 
durch persönliche Momente, persönliche Eingriffe bedingt worden sind« i). 
Höhlbaum selbst hebt aber hervor, dass der Verf. dies Ziel vielfach aus 
den Augen verloren hat. Das darf bei einer Erstlingsschrift nicht W^under 
nehmen. Stellt die Biographie an sich strenge Anforderungen au die 
kunstgemässe Form der Darstellung, so wird die Aufgabe noch erschwert 
bei Männern, deren Lebenslauf doch nur in fragmentarischen Nachrichten 
und einzelnen Notizen überliefert ist, und für die sich der geschichtliche 
Hintergrund nicht so leicht beschaflfen lässt, wie für Helden von mehr 
hervorragender Stellung. Hayn hat diese Anforderungen ganz ausser Acht 
gelassen und so erhalten wir nicht viel mehr denn eine an sich ver- 
dienstliche, fleissige Zusammenstellung der Nachrichten über Hilgers Leben, 
Besitz und Thätigkeit. Des Verf. Wunsch durch diese Arbeit die Gestalt 
Hilgers »der Kenntnis unserer Tage näher zu bringen*, scheint mir auf 
diesem Wege nicht erfüllt worden zu sein. Die wenig übersichtliche Anord- 
nung und lange Sätze von oft seltsamer Fügung machen das Lesen des 
Heftes nicht gerade zu einer vergnüglichen Aufgabe. Auf S. 1 7 wird 
der Propst Dionysius als eine »angemessene Persönlichkeit« zur Erledigung 
einer »geistigen Angelegenheit« bezeichnet, es handelt sich um eine Rom- 
lahrt zur Aufhebung des über die Bürgerschaft verhängten Bannes. 

Ein nützliches Ililfsbüchlein bietet uns Friedrich Lau mit seiner 
sorgfältigen Dissertation über die erzbischöflichen Beamten in der Stadt 
Köln (33), in der er das in dem ersten Bande der Schreinsurkunden bei- 
gebrachte Materiale für die äussere Geschichte dieser Aemter verwertet hat. 

Vgl. auch Lau S, 30, 43 und Höniger in der noch zu erwähnenden 
Abhandlung. 

'^) Deutsche Lit. Zeitg. 1891. 1714. 



Literatur. 323 

Als eine schöne Gabe edeln Dankes hat das Kölner Stadtarchiv eine 
Anzahl von Untersuchungen in einem ansehnlichen Bande vereinigt und 
seinem Gönner, dem um die rheinische Geschichtsforschung so verdienten 
Gustav V. Mevissen zu seinem 80. Geburtsfeste dargebracht. Ich hebe 
aus ihnen die für unsern Gegenstand wichtigen heraus: IL S. 17 — 70, 
Walther Stein, Deutsche Stadtschreiber im Mittelalter. 
IV. S. 107 — 130, Friedrich Lau, Das Schöffenkollegium des 
Hochgerichts zu Köln bis zum J. 1396. V. S. 131 — 159, Richard 
Knipping. Ein mittelalterlicher Jahreshaushalt der Stadt 
Köln (1379). VIIL S. 222 — 241, Heinrich Kelleter, Zur Ge- 
schichte des Kölner Stadtpfarrsystems im Mittelalter. 
IX. S. 242—252, Traugott Geering, Ueber städtische Wirt- 
schaftsbilanzen. X. S. 253 — 298, Robert Höniger, Die älteste 
Urkunde der Kölner Richerzeche. XL S. 299 — 332, Rudolf 
Banck, Die Bevölkerungszahl der Stadt Köln in der 
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts (ermittelt cca. 37000 
Personen). Von diesen Abhandlungen gibt mir die Hönigers Anlass zu 
etlichen Bemerkungen, da sie dem Gegenstande nach ohne Frage die für 
Städtegeschichte wichtigste des ganzen Bandes ist. H. nimmt in ihr 
Stellung zu jener werthvollen Urkunde, die Knipping in den Collectaneen 
eines Kölner Forschers aufgefunden und im Korrespondenzblatt der Westd. 
Zeitschrift (l892, 117) veröffentlicht hat. In ihr verleihen die beiden 
Bürgermeister cum communi consilio et consensu officialium de Richir- 
zegheide die Brüderschaft. Während bisher die erste urkundliche Er- 
wähnung der Richerzeche dem J. 1225 angehörte, konnte Knipping diese 
neue Urkunde, obwohl sie nicht datiert ist, mit Sicherheit den Jahren 
1178 — 1183 zuweisen. Mit Zuhilfenahme eines reichen in den von ihm 
edierten Schreinsurkunden erschlossenen Materiales hat Höniger diesen 
Zeitansatz gesichert und noch etwas genauer bestimmt. Von grösstem 
Werthe aber ist die Erläuterung, welche H. dieser Untersuchung über den 
zeitlichen Ansatz angeschlossen hat. Wir erfahren, dass die in der Ur- 
kunde genannten Amtleute der Richerzeche zumeist Bürger, nicht Mini- 
sterialen sind, der höchsten Schicht der Bürgerschaft angehören, inner- 
und ausserstäd tischen Grundbesitz, Renten, Marktstände, also um einen 
süddeutschen Ausdruck zu gebrauchen, Burgrecht haben, und Finanz- 
geschäfte betreiben, dass aber nur einer als Kaufmann im eigentlichen 
Sinne und zwar als Tuchhändler nachzuweisen ist, dass gerade nur dieser in 
dem berühmten Verzeichnisse der Gildemitglieder ^) vorkommt, während 
die andern alle darin fehlen. Die Gilde und die Amtleute der Richerzeche 
sind von einander ganz verschiedene Kreise. Das ist ein Ergebnis, das 
an Werth besonders dadurch gewinnt, dass es von Höniger ausgesprochen 
wurde, denn durch dasselbe wird nicht allein die Stellung und Zusammen- 
setzung der Richerzeche im Sinne der Gegner der Gilde- und Kaufmanns- 
theorien erklärt, sondern auch der letzte Beweis für die Existenz einer 
alten Gilde hinweggeräumt -). Denn während man bisher jenes Gilde- 

') Jetzt veröffentlicht von Höniger im 2. Theile des 2. Bandes (S. 46 ff.) 
der Kölner Schreinsurkunden. 

2) Dass die Köloer Kaufleute in London ein Gildehaus besassen, sich also 
der englischen Gildeordnung einfügten, berechtigt noch nicht zur Annahme, dass 

21* 



324 



Literatur. 



Verzeichnis als den letzten erhaltenen Eest der Buchführung einer in un- 
vordenkliche Zeiten hinaufreichenden Gilde erklären konnte, nimmt jetzt 
selbst Höniger an, dass uns der Anfang einer neuen Gilde darin vorliege ^). 
Doch lässt H. trotzdem nicht von der alten Gilde und es ist ganz ver- 
wunderlich, den Weg zu verfolgen, den er zur Eettung dieser Lieblings- 
vorstellung einschlägt. Er nimmt zunächst an, dass eine Gilde bestanden 
habe zui' Wahrung der merkantilen Interessen, die seitens der öffentlichen 
Gewalten eine ausreichende Pflege nicht gefunden hatten (S. 272). Einen 
Beweis für den Bestand der Gilde sowie für den Satz, dass »in einer Zeit, deren 
üflentlichen Gewalten Verständnis wie Fähigkeit, den merkantilen Interessen 
Genüge zu thun, bis zu gewissem Grade fehlte«, bringt H. nicht bei, ebenso- 
weniof bestrebt er sich, iins darüber aufzuklären, wann diese »Zeit« war, wo- 
durch dieser Mangel an Verständnis bethätigt wurde, und wie der »gewisse 
Grad«, in dem dies geschah, bestimmt werden könne. Das aber dürfen wir 
wohl veiiangen, denn so ganz unbesehen können wir diese Behauptungen 
nicht hinnehmen. Wenn z. B. Höniger selbst zugibt, dass die »wirtschaft- 
lichen Vorrechte des Gildegenossen«, von denen wir allerdings nicht erfahren, 
»welcherArt sie in Köln waren«, »auf öffentlich-rechtlicher Verleihung, sei es 
des Kaisers, sei es des Erzbischofs beruhen«, so würde ich darin einen sehr 
werthvoUen Beweis des Verständnisses, das Erzbischof und Kaiser den 
Forderungen des Handels entgegenbrachten, erblicken ^). Die Gildegenosseu 
stiegen nunmehr in die Reihen der angesehensten Bewohner auf (woher 
hatten diese ihr Ansehen und Vermögen?), knüpften verwandtschaftliche 
Beziehungen zu den Schöffen an, erlangten Zutritt zu den Schöffenstühlen, 
ja endlich am Anfang des 12. Jahrhunderts die Majorität im Schöffen- 
kolleg. Um dieselbe Zeit vollzieht sich die Zusammenfassung der Theil- 
gemeinden zur Stadt, was die Schaffung einer städtischen Centralbehörde 
uöthig macht. Dafür wird aber kein neues Organ eingefügt, sondern es 
wird »die alte bürgerliche Centralinstänz«, das Schöffeukolleg innerlich 
und äusserlich verstärkt, diese Entwickelung vollzieht sich unter dem 
Antriebe der kaufmännischen Kreise, welche im Schöffenkolleg das Ueber- 
gewicht haben. Wir sind also an einem Punkte angelaugt, wo alles der 
Kaufmaim macht. Wenige Jahrzehnte später aber finden wir nach Hönigers 
Nachweis nur mehr einen Kaufmann in der an der Spitze der Bürger- 
schaft stehenden Korporation. Die arme Gilde, die bisher so redlich ihre 
Beweispflicht gethan hat, erfährt nunmehr gelehrten Undank, sie muss 
sich aullösen und sie thut es auch in so diskreter Weise, dass wir gar 
nichts davon erfahren. Sie ist ja überflüssig geworden, denn die »ge- 
stärkte« Centralinstänz reicht jetzt vollständig zur Wahrung der merkan- 
tilen Interessen aus, was die ärmste an öffentlich-rechtlichen Befugnissen 
erhalten hatte, muss sie dienstwillig noch vor ihrem Ableben an diese 
Centralinstänz übertragen. Wir müssen die Gute um so mehr bedauern, 
da ihr Opfer nicht einmal viel nützt. Denn noch sind die Kaufleute da 



diese Verbindung auch in der Heimat anerkannt worden war. Aus Alpert er- 
sehen wir, dass mann in geistlichen Kreisen die Verbindung der Kaufleute in 
Tiel sehi" abgünstig beurtheilte. 

') Dadurch wird auch der Darstellung Dorens {Kaufmannsgilden 83 ff.) der 
liodeu entzogen. 

-) Vgl. auch Deren Kaufmannsgilden S. 26. 



Literatur. 'd2b 

und weil sie 1180 nicht mehr da sind, so besteht noch immer ein Wider- 
spruch. Ihn zu lösen, müssen auch sie verschwinden. Durch zwei Jahr- 
hunderte haben diese Kaufleute zähe und mit allen Mitteln darnach ge- 
strebt, die städtische Verwaltung in die Hand zu bekommen, nur aus dem 
Grunde, um für ihre merkantilen Interessen bestens sorgen zu können. 
In dem Augenblicke da sie das Ziel erreicht haben, verlieren sie die 
Freude an ihrem Berufe und geben das Geschäft auf, sie finden dass 
dessen » Selbstausülmng ihnen nicht mehr angemessen ist und sichern 
sich nur die privatrechtlichen Vortheile«, indem sie ihre Verkehrsvorrechte 
»an jeden verkaufen, der sie begehrte«. Es werden die später nachweis- 
baren 361 Pfründen der Eicherzeche gebildet, es müssen also bei Auflösuno- 
der alten Gilde 361 Gildeberechtigte dagewesen sein, das erhaltene Gilde- 
verzeichnis bietet uns die Namen jener Leute, die sich von diesen 361 
die Verkehrsvorrechte kauften, andere Abspaltungen sind die Weinbrüder- 
schaft und die Verleihungen der verschiedenen Brüderschaften, die 1149 
dem Schöffenkolleg, und soweit wir jetzt sehen, 1180 zuerst der Richer- 
zeche zusteht. 

Wie unwahrscheinlich der ganze Vorgang ist, muss jedem auf den 
ersten Blick klar werden. Ist es wohl denkbar, dass 361 grosse Kauf- 
leute mit einem Schlag ihr Geschäft aufgeben, bloss um sich dem Xichts- 
thun, im besten Falle der üeberwachung städtischer Angelegenheiten zu 
widmen, dass sie ihren einträglichen Erwerb in die Schanze schlagen und 
sich mit Pfründen, dem verhältnismässig geringen Ertrag der Brüder- 
schaftstaxen, die übrigens nur zum Theil der Eicherzeche zufielen, und dem 
Vorzug, die Gilderechte für sich und ihre Erben unter ermässigten Zah- 
lungsbedingungen zu erwerben, begnügen sollten? Es wäre das ein so 
unerhörtes Ereignis, es widerspräche so sehr dem, was wir kaufmännischen 
Geist nennen und was zu allen Zeiten und an allen Orten ziemlich gleich 
gewesen ist, dass wir uns nur bei dem allerschärfsten und deutlichsten 
Beweise zur Annahme derselben bereit erklären könnten. Diesen Beweis 
aber hat H. nicht beigebracht und wird ihn auch nicht beibringen. Denn 
er rechnet mit lauter Unbekannten, von denen er nicht eine zu bestimmen 
vermag. Der Hauptfehler aber ist unzweifelhaft die Einschaltung einer 
Hilfsgrösse, die unbekannt und überflüssig ist, der alten Gilde. Man 
versuche es, ohne sie auszukommen und ich glaube, man wird zu grösserer 
Klarheit und Sicherheit gelangen; es sollte doch endlich Beachtung finden, 
dass man trotz dem fortwährenden Abmühen mit allen Hypothesen auch 
nicht einen Schritt der Wahrheit näher gekommen, auch der neueste Ver- 
such nicht besser ausgefallen ist, als die früheren, dass weder die Ent- 
stehung der Eicherzeche, noch die der Gilda mercatorum festgestellt und 
erklärt wird. Viel befriedigender scheinen die Untersuchungen über das 
Bürgermeisteramt zu sein, mit denen H. seinen Aufsatz abschliesst und in 
denen er nachzuweisen sucht, wie zuerst die iudices (Bürgergraf und Bürger- 
vogt) an der Spitze der Stadt standen^ dann der Zöllner ihnen den Vorrang 
abläuft, bis endlich das Bürgermeisteramt die führenden Befugnisse beider 
aufnimmt, während die Inhaber jener Aemter wieder auf ihren eigentlichen 
Beruf zurückgedrängt und der städtischen Verwaltung einverleibt werden. 

Eine ausführliche Darstellung der Verfassungsgeschichte Wesels hat 
F. E einhold geboten (35), in der uns vornehmlich die Stellung der 



tj2(5 Literatur. 

Stadtherrschaft und die Entwickelung des Gerichtswesens interessiert. 
Anfangs besteht auch hier eine zweifache Ortsherrschaft in der villa und 
der curtis Wiselensis, die erst beseitigt wird, als der Graf von Cleve, der 
die villa besass, auch über das in der curtis errichtete Kloster die Vogtei 
erhält. Die Rechte des Grafen erinnern nun vielfach an die der Grafen 
von Namur in Dinant. Er hat die Gerichtshoheit, bezieht kraft öffent- 
lichen Rechtes einen Hühnerzins von 365 Hofstätten und besitzt die 
Regalien, den Wild- und Mühlenbann, die Zölle, das Fermentum (gruyt). 
Dagegen hat er kein Obereigentum an der Ahnende, wie auch die Aufsicht über 
Mass und Gewicht, sowie das Richten über geringere Vergehen dem Bürger- 
meister zusteht. Grund und Boden der Stadt ist im Besitz erbgesessener 
Familien, von denen ihn der Einwanderer zu Leihe nehmen muss. Von 
irgendwelcher hofrechtlichen Organisation findet sich aber keine Spur. 
Diese Erbgenossen bilden eine obere Schicht der Bürgerschaft, einzelne 
Familien, darunter die der Ledechganc, halten sich vom Handel fern, andere 
wieder verdanken ihm ihren Reichthum, zu einer Abschliessung der Ge- 
schlechter ist es nicht gekommen, wie überhaupt die Stadt sich einer 
günstigen Vermögensvertheilung zu erfreuen hatte. Das Handwerk ist 
mit Ausnahme der Tuchmacherei von geringerer Bedeutung, die Zünfte 
nehmen keine vorragende Stellung ein, die Bevölkerung ist auch nicht 
nach ihnen, sondern nach Vierteln getheilt. Entscheidend wurde für die 
Verfassungsent«dckelung das Privileg von 1241, in welchem den Bürgern 
ein bestimmter Antheil an der Verwaltung der städtischen Angelegenheiten 
zugesprochen^ aber das patrizische Schöffenkolleg als Stadtbehörde beibe- 
halten wurde. Damit gaben sich die Bürger nicht zufrieden, doch voll- 
zieht sich die Bildung des Rathes auf ruhigem Wege. Zuerst ziehen die 
Schöffen einzelne Bürger nach ihrer Wahl heran, dann erhält die Gemeinde 
ohne besondere Kämpfe das von ihr begehrte Recht der selbständigen Be- 
setzung des Rathes, sie ist hinfort an der Wahl der Schöffen, des Rathes 
und dem Erlass der Willküren betheiligt und dank der vorsichtigen Ein- 
mischung des Stadtherrn sowie der geringen politischen Begehrlichkeit 
der untern Bevölkerungsschicht herrscht im Ganzen gutes Einvernehmen 
in der Stadt. Bietet die etwas einförmige Verfassungsentwickelung nicht 
gerade viel Anziehung, so hat R. eine grosse Anzahl guter Nachrichten 
dazu verwerthen können, uns über die einzelnen Seiten des städtischen 
Lebens genau zu unterrichten und namentlich die mannigfachen Befugnisse 
des Rathes eingehend darzustellen. Ich hebe daraus nur den Abschnitt 
über das Gerichtswesen hervor. Wenn auch Reinholds Ausführung an 
Schärfe zu wünschen übrig lässt, so vermögen wir doch die Hauptzüge 
zu erkennen. Vor allem müssen wir das öffentliche, mit Schöffen besetzte 
Gerieht der Herrn von den autonomen Gerichten der Gemeinde scheiden. 
Das älteste dieser autonomen Gerichte ist das Burgericht, das von zwei 
Bauermeistern versehen wird, die aus den Rathsmitgliedern bestellt wurden. 
Die Burmagistri haben agrarische Functionen, ferner die Lebensmittel- 
polizei und die Leitung des städt. Rentamts, v. Below hat sich dafür 
ausgesprochen, dass das Amt der Bauermeister erst später nach Analogie 
der Landgemeinde eingeführt sei (Stadtgemeinde p. 27), und namentlich 
den Einwand erhoben, dass zwei Bauermeister vorhanden sind, wärend die 
alte Landgemeinde nur einen Vorsteher hatte. Dass nun in Wesel zwei 



Literatur. 327 

Bauermeister sich finden, könnte vielleicht dadurch erklärt werden, daas 
ursprünglich villa und curtis getrennt waren und dass auch um die curtis 
eine selbständige Ansiedelung entstanden war. Im übrigen besteht ebenso 
wenig als bei Hameln eine Nötigung, den ursprünglichen Bestand dieser 
Burmagistri und des Burgerichts zu verneinen. Neben diesem alten Bur- 
gericht entstehen die andern autonomen Gerichte des bürgerlichen Ge- 
meinwesens, zuerst das Gei'icht über Mass, Gewicht und Verkauf, das E. 
in nicht eben klarer Weise bald als Stadtgericht bald als Gericht des 
Bürgermeisters bezeichnet, dann das ungleich wichtigere ßathsgericht, das 
sich zuerst auf dem Gebiete des Privatrechts ausbildet und sich ein 
eigenes Strafrecht schafft, dessen Mittel Geldbussen, Entziehung des Bürger- 
rechts und Stadtverweisung sind, das dann auch eine schiedsgerichtliche 
Thätigkeit entfaltet und mit dem Schöffengericht konkurriert. 

Im Anhange zu seiner Schrift (36) druckt Liesegang das um 
1400 abgefasste Eeeser Stadtrecht und eine Anzahl sehr lehrreicher Ur- 
kunden aus dem Reeser Stadtarchive ab. Aus diesen ergibt sich folgendes: 
Zur Zeit der Gräfin Ermentrudis, welche gegen Ende des 1 1 . Jh. die villa 
Ressa an Köln geschenkt hatte, bestand die Gewohnheit, dass die merca- 
tores in ßessa manentes an den benachbarten Handelsorten zoll- und ab- 
gabenfrei Handel treiben durften, wogegen die Kaufleute dieser Orte das 
gleiche Recht in Rees gemessen sollten. Diese consuetudo bestätigt nun 
Erzbischof Arnold im J. 1142 (n^ l). Weil dann die Reeser von den 
Einfällen böser Leute sehr belästigt wurden, so gestattet Erzbischof Hein- 
rich im J. 1228 den burgenses, das oppidum zu befestigen und verleiht 
ihnen die Rechte und Freiheiten, welche seine burgenses zu Neuss von 
altersher haben. Dieses Privilegium libertatis wird von dem Reeser Kapitel 
anerkannt, welches auch zugesteht, dass diejenigen welche stiftische areae 
absque ulla conditione besitzen, diese Freiheiten mitgeniessen dürfen, wo- 
gegen die burgenses für etwaigen Schaden der Kirche jährlich 32 sol. 
zahlen müssen, bis sie ihr ein Gut dieses Ertrages überweisen (n^ 2, 3). 
Diese Rechte seiner cives Ressenses will nun Erzbischof Konrad befestigen 
und so veroi'dnet er im J. 1240, dass von den einzelnen mansiones in 
oppido jährlich 6 dn. gezahlt werden sollen, wogegen die Bürger ab omni 
exactione et servitii onere frei sein sollen, beschränkt ihre Kriegspflicht 
auf vier Meilen, gestattet ihnen das Holzfällen im Eisbruch, widmet alle 
Einkünfte der Bürgergemeinde zum Bau der Stadt, bestimmt das Gewedde 
vor dem judex oppidi und richtet einen vrimarket ein, der dreimal des 
Jahres je vier Tage lang gehalten werden soll (n" 4). Im selben Jahre 
entscheidet er, dass ein von den cives et scabini secundum consuetudines 
et privatas leges oppidi gefällter Spruch zu Recht bestehe, auch wenn er 
dem jus commune widerspreche und ordnet an, dass von Rees der Rechtszug 
an die Städte Neuss und Köln gehen solle (n^ 5). Am 23. August 1241 
Hess dann derselbe Erzbischof an die Kaufleute von Dortmund und die 
der andern Städte des Reiches Ausschreiben ergehen, in denen er ihnen 
die Errichtung des Freimarkts anzeigt und sie auffordert denselben zu 
besuchen, et eas iuxta mercatorum morem iuretis observare (n^ 6). Im 
J. 1245 befreit er die oppidani Ressenses von dem Gerichtszwang bei 
Niedermörmter und Aspeln, wobei es sich wahrscheinlich um ausser- 
städtischen Landbesitz der Bürger handelt (n« 7), im nächsten Jahre er- 



328 



Literatur. 



laubt er den cives auf gemeinem Grunde ein Haus ad utilitatem commu- 
nitatis zu erbauen, er übt also die Oberheirlichkeit über die Almende 
(no 8). Erzbischof Sigfried endlich bewilligt den oppidani zur Herstellung 
der an dem Ehein sich erstreckenden, verfallenen Mauer die Auflage einer 
assisa (n» 1 4). Ueber diese ganz klaren und gewiss in manchem Betracht 
lehrreichen Urkunden hat Liesegang 87 Seiten geschrieben. Es wäre ganz 
unmöglich, den Wegen die er- eingeschlagen hat, nachzugehen, ohne nicht 
nochmals 87 Seiten voll zu schreiben, ich muss es mir daher genügen 
lassen, seine Auslegungskunst an der ersten Urkunde zu prüfen. Es heisst 
in derselben: Ermentrudis . . . villam Ressam nomine contulit a suis 
temporibus dilectionis et honoris hanc habentem consuetudinem, ut mer- 
catores in Eessa manentes, si Wisilam, Xanctum, Embvicam, Elthenam, 
Duthenkheim, Smithhusen mercandi causa venerint, liberi nullo ab eis ex- 
acto vel dato theloneo, recedant. E converso quoque si supranorainatarum 
villarum mercatores Eessam propter eandem causam venerint, venderent 
libere et emerent et nullum theloneum darent. Quam consuetudinem 
immo honoris et amoris vicissitudinem cum usque ad nostra tempora in 
pace vidissemus deductam, rogatu quorundam fidelium nostrorum scribi 
jussimus et tam scripto quam sigillo nostro confirmamus. Et quia Xanctum 
et supradicta Eessa potestatis nostre prorsus juris erant, ne quis in per- 
petuum hanc inter eas consuetudinem solvere vel infringere presumeret, sub 
anathemate firmiter interdicimus. Man sieht, es handelt sich um eine 
recht einfache Sache, die bezeichneten Orte bilden einen Handelskreis, da 
nun die Zollgebühren sich ausgleichen, so machte man dem ganz nutzlosen 
Hin- und Herzahlen derselben ein Ende. Selbstverständlich musste diese 
Erleichterung auf die ansässigen Kaufleute beschränkt bleiben. Liesegang 
verwundert sieh aber ganz ungeheuer darüber. ,Der Inhalt dieser Urkunde 
lässt die Verkehrsverhältnisse des Niederrheins in einem so eigenthüm- 
lichen Lichte, so überaus früh entwickelt erscheinen, dass man sich nur 
mit Mühe von ihrer Echtheit zu überzeugen vermag'. Sein kritisches 
Gewissen wurde zwar von Prof. Bresslau beruhigt, dafür beginnt das Ver- 
wundern auf Seite des Lesers. Es bestand ,ein altes Kaufmannsrecht' darin, 
dass die Kauf leute von Eees mit Genehmigung ihrer Herrin mit den Händlern 
anderer niederrhein. Orte ein Uebereinkommen auf gegenseitige Zollfreiheit 
getrofi'en hatten. (Von einem solchen Uebereinkommen der Kaufleute ist in 
der Urkunde gar nicht die Eede und selbst wenn wir es uns vorstellen 
wollten, so wäre das wesentliche doch die Duldung und Zustimmung der 
Ortsherrn und ihrer Zöllner, wie ja auch der Erzbischof die Vereinbarung 
nur für die beiden ihm gehörigen Orte Eees und Xanten bekräftigt). 
Die meisten der hier genannten Orte gelangten aber erst spät oder über- 
haupt gar nicht zu städtischer Entwickelung. Wie ist es nun, fragt Liese- 
gang, damit zu vereinen, dass gleichwohl in so früher Zeit Kaufmann- 
schaften in ihnen gesessen haben sollen, die auf eigene Hand mit 
denen anderer Orte Verträge schlössen? (Man merkt die Steigerung, die 
vorhin erwähnte , Genehmigung der Herrin' fällt weg, dafür erhalten wir 
die , eigene Hand'.) Da gibt es nur eine Erklärung, dass eine , Periode 
grösserer Blüte vorangegangen sein muss, die sich von der spätem da- 
durch unterschied, dass die freieren Schöpfungen, deren der gesteigerte Ver- 
kehr bedurfte, durch die Initiative der städtischen Bevölkerung ins Leben 



Literatur. 329 

gerufen werden'. (Ermentrudis comitissa . . beato Petro villam Ressam 
nomine contulit, lesen wir in der Urkunde.) Wo war diese städtische 
Bevölkerung, die aus eigener Initiative Verträge abschloss und wo blieb 
sie? Nun bringt L. den gar nicht passenden Hinweis auf Tiel herein 
und damit erscheint denn die Gilde auf dem Platze. Wer soll die Ver- 
träge abgeschlossen haben vor Existenz eines städtischen Rathes? Weder 
die Bauerschaftsvorstände, noch die Schöffen ,die sich übrigens für diese 
Zeit in keinem der Orte nachweisen lassen, noch die Hörigen, ,Nur die 
Gilde bleibt übrig, die die Kaufleute z. B. die Reeser frühzeitig organi- 
siert zu haben scheinen. Dass in der spätem Entwickelung sich keine 
Spur einer solchen findet', macht bei Liesegang wenig aus, da er natür- 
lich die ,in verknöchertem Zustande bis in die Gegenwart herübergeretteten' 
Kaufmannsgilden niedersächsischer Städte anzuführen weiss und auch 
darauf hinweist, dass Reinhold die Existenz einer Kaufmannsgilde für Wesel 
wahrscheinlich macht, unbekümmert darum, dass Reinhold p. .38 sich sehr 
vorsichtig ausdrückt und sich eigentlich nicht für sondern gegen eine gilda 
mercatorum ausspricht. So hat die Gilde auch in den klaren und einfachen 
Vorgängen der Reeser Stadtgeschichte unerwünschte Verwirrung angerichtet. 
Eifrige Bearbeitung hat die Geschichte der westfälischen Städte ge- 
funden. Zeitlich an erster Stelle stehen Lövinson's Beiträge zur Ver- 
fassungsgeschichte der westfälischen Reichsstiftstädte (37). Die vornehmste 
Absicht des Verf. geht dahin, die Entstehung und das Wesen der west- 
fälischen Stadtgrafen zu erforschen. In diesem Betracht ist er zu neuen 
Ergebnissen von Bedeutung nicht gelangt, dass sie Ministerialen sind und 
von dem geistlichen Stadtherrn bestellt wurden, hat ja schon Ficker Reichs- 
fürstenstand p. 79 nachgewiesen. Verdienstlich sind aber Lövinsons gene- 
alogische Zusammenstellungen, die ein dankenswertes Hilfsmittel zur äussern 
Geschichte dieses Amtes bieten. Dagegen hat er einen schwerwiegenden 
Irrthum darin begangen, dass er annahm, ein Ministeriale könne nur wieder 
über Unfreie richten, und daraus folgerte, dass die bürgerliche Bevölkerung, 
die dem Stadtgrafen zu Gericht stand, abgesehen von den Kirchenhörigen, 
fast nur aus Ministerialen bestanden haben wird. Seine Behauptung, 
Minden sei mit Dortmunder Recht bewidmet gewesen, ist von Schröder 
in der gleich anzuführenden Schrift abgelehnt worden, gegen die Beur- 
theilung der Herforder Verhältnisse hat sich Ilgen ausgesprochen. An 
den Exkurs in dem L. die in DO. III. 387 erwähnte Uebertragung des 
comitatus in mehreren Gauen an das Bisthum Paderborn eben wieder 
Otto III, zuschreibt, möchte ich eine Bemerkung anknüpfen. L. führt 
dafür keinen andern Grund an, als dass die mit insuper eingeleitete Ver- 
fügung über die comitatus , offenbar in einem von Otto III. selbst ausge- 
stellten Privileg enthalten gewesen war*. Aus der Urkunde geht das aber 
nicht hervor, aus der Fassung könnte man nur das eine entnehmen, dass 
Her. C. bei der Aufzählung diese eine Verfügung übersehen und erst, als 
er auf sein Versehen aufmerksam geworden war, eingeschoben hat. Dagegen 
hat L. ganz übergangen, dass die betreffende Schenkung als Entgelt für 
die an Corvei gegebenen Paderborn er Zehnten bezeichnet wird, und dass also 
die Frage im Zusammenhang mit der Geschichte des Zehentstreites erle- 
digt werden müsste, wie das auch Hirsch Jahrb. H. II. 2, 57 betont 
hat. Mir macht es den Eindruck als ob auch die darauf folgende Be- 



330 



Literatur. 



Stimmung über die Erbstbaft nach den Geistlichen einer spätkarolingischen 
Urkunde angehört hätte, vgl. Richter-Dove Kirchenrecht », 1334, während 
allerdings die Schenkung von Hufen in Duisburg und Dortmund, sowie 
eines Forstes ohne Bedenken Otto III. zugewiesen werden können. Uebrigens 
bemerke ich, dass Do. III. 387 als ein gutes Beispiel eines Appennis 
dienen kann, dessen Angaben über den Verlust der Urkunden nicht allzu- 
genau genommen werden dürfen (vgl. Sickel in Mittheil. 1, 249) und dass 
in der Diplomata-Ausgabe 2, p. 817 Z. 27 statt dictos besser datos in 
den Text gesetzt worden wäre, wie die Nachurkunde Heinrichs IL und 
auch die Vita Meinwerci haben. 

Sehr lehrreich sind die Untersuchungen, welche P h i 1 i p p i der Eaths- 
und Gerichtsverfassung Osnabrücks gewidmet hat (38). In den einleitenden 
Worten tritt er für die Berechtigung der Einzelforschung ein und em- 
pfiehlt den schon von Gaupp eingeschlagenen Weg, die Verfassungsver- 
hältnisse von Städten eines Kechtsgebietes erst einzeln zu untersuchen, 
dann vergleichend zusammenzufassen i). Daher beschränkt er sich auf die 
Benutzung westfälischer Quellen. Osnabrück ist besonders anziehend, da 
es als wirthschaftlicher und kirchlicher Mittelpunkt seines Gebietes orga- 
nisch erwachsen ist und die alten Verhältnisse mit westfälischer Beharr- 
lichkeit festgehalten hat. Die Altstadt entstand aus vier Laischaften 2) 
(letscap, letscop), die wir von den gleich benannten und noch bestehenden 
wirthschaftlichen Genossenschaften zu trennen und gleich dem Münster- 
ländischen collegium (legio) für Bauerschaften zu halten haben. Zuerst 
wurden Binnenburg und Haselaischaft verbunden, welche sich an die Dom- 
freiheit anschliessen, dazu kamen, wie Ph. vermuthet, um 1253 Butenburg 
und S. Johanneslaischaft, im J. 1306 endlich vereinigten sich Alt- und 
Neustadt. Die Pfarreintheilung stimmt in keiner Zeit mit den Laischaften 
überein. Mit gutem Grunde nimmt Ph. an, dass diese Laischaften vor 
ihrer Vereinigung selbständige Gemeinden waren, und in gewissem Sinne 
behalten sie auch nach der Vereinigung ihre Selbständigkeit, da sie jede für 
sich ihre besonderen Vertreter in den Rath wählten und zwar die beiden 
älteren je 2, die beiden andern je 4. Wenn aber Ph. in jenen zwei 
Rathsleuten die Eathmannen der alten Landgemeinde erblickt und daher 
annimmt, der Rath sei aus dem Vorstand der Landgemeinde hervorge- 
gangen, so vermag man ihm darin nicht zuzustimmen, da jene erste Ver- 
einigung im 12. Jh. stattgefunden haben muss, zu dieser Zeit aber dem 
Bauerschaftsvorsteher ein ständiger Ausschuss von iurati nicht zur Seite 
stand, ganz abgesehen davon, dass wir ja nicht wüssten, was dann mit 
dem Bauerschaftsvorsteher selbst geschehen sein sollte. Da der Rath auch 
nicht vom Schüflfenkolleg abgezweigt ist, so dürfen wir ihn auch in Osna- 
brück als eine ganz neue Einrichtung betrachten. Wenn Ph. meint, dass 
die Organe der alten Gemeinde irgendwie berücksichtigt werden mussten, 
ja sogar von einer Ablösung ihrer Rechte spricht, so wird ihn ein Blick 
auf irgend eine neuere Stadterweiterung belehren, dass dazu keine Nöthi- 
gung besteht und in Osnabrück um so weniger bestand, als es sich da 

') Vgl. dagegen Keutgen Untersuchungen p. 6. 

') Vgl. über das Wort auch Lenfers im 55. Jahresber. des Gymnasiums zu 
Coesfeld (1882/1883) p. 24, der aber ganz ohne Grund damit wicbilete zusammen 
brinsjt. 



Literiitvir. 33 1 

um ein Aufsteigen in bessere und freiere Verhältnisse handelte. Dass die 
beiden jungem Laischaften mehr Kathsleute wählten als die andern, findet 
seinen Grund wohl in ihrer zahlreicheren Bevölkerung und grösseren wirth- 
schaftlichen Bedeutung. Wie nun in der alten Ortsgemeinde nur die Be- 
sitzer eines ganzen Erbes vollberechtigte Genossen waren, so wurde auch 
in der Stadtgemeinde das Bürgerrecht Anfangs an die gleiche Bedingung 
creknüpft; daraus entstand das Patriziat der Erbmänner, Erfsaten, ganz 
unabhängig von der Ministerialität, die mu* insoferne in Betracht kommt, 
als Ministerialen in den Besitz städtischer Erben kamen oder umgekehrt 
Bürger in die Ministerialität eintraten. Neben diesen Erbbürgern drangen 
die Handwerker ^) und Kautleute zu gleichen Rechten dui'ch, aber 
noch 1370 war es den Handwerkern verboten während der Zeit als sie 
im Eathe sassen, ihr Gewerbe zu betreiben. Wohl noch im 13. Jh. wurde 
das Vollbürgerthum allen gewährt, die ein eigenes Haus besassen und das 
Bürgerrecht erworben hatten. Die Bürgerschaft ist dann getheilt in die 
Gilde und die Wehr, (gewere, haereditas) mente, menheit, Gemeinde, also 
die nicht in die Aemter gehörigen Bürger. Weniger ergiebig ist der Ab- 
schnitt über die Gerichtsverfassung, in dem Ph. über Vermuthungen nicht 
viel hinauskommt und genöthigt ist, sich vielfach auf die Analogien der 
Gerichtsverfassung anderer Städte, namentlich Soest's, zu stützen. Ich 
hebe nur die wenigen wichtigeren Thatsachen hervor. Den in altern Ur- 
kunden vorkommenden rector civitatis erklärt Ph. in Uebereinstimmung 
mit Lövinson für den ministerialischen Untervogt, der auch die hohe Ge- 
richtsbarkeit hatte. Durch Privileg von 1171 sicherte Kaiser Friedrich 
den Bürgern den Gerichtsstand vor dem rector und die Behandlung nach 
dem Gewohnheitsrecht der Stadt zu. Nach 1193 verschwindet der rector 
aus den Urkunden, im J. 1236 wurde die Vogtei angekauft und der Vogt 
tritt, der hohen Gerichtsbarkeit, die auf den Gaugrafen übergeht, entkleidet, 
in eine untergeordnete Stellung. Neben diesem öffentlichen Gerichts- 
beamten kommt dann noch ein judex vor, der dem burrihte, dem Judi- 
cium civile, dessen eine Hälfte im J. 1225 die Stadt ankauft, vorsteht. 
Er heisst später iudex civitatis, nimmt das Bürgergeld ein und richtet 
über Schmähungen bei einer Busse von 6 den., im weiteren Verlaufe 
wird seine Kompetenz sowohl in Bezug auf die freiwillige Gerichtsbarkeit 
als auch nach der strafrechtlichen Seite hin erweitert. In einem Exkurse 
vertritt Ph. seine Anschauung, dass die Bauerschaft eine politische Ge- 
meinde und zwar, da die Kirchspiele erst spät und ohne rechten Erfolg 
für staatliche Zwecke verwendet wurden, die einzige politische Gemeinde 
des Mittelalters sei. Er beruft sich dafür vornehmlich auf C. Stüves im 
J. 1851 erschienene Schrift über Wesen und Verfassung der Landgemeinde. 
Ph. stützt sich namentlich darauf, dass der Bauerschafts Vorsteher die An- 
ordnungen der ,eigentlich staatlichen Beamten' den Unterthanen übermittelt 
und ihre Ausführung überwacht, sowie dass er die Buren zur Landes- 
vertheidigung führt, daraus ergibt sich ihm, dass er , mittelbarer Staats- 
beamter' ist und daraus schliesst er eben auf den politischen Character 
der Gemeinde selbst. Gegen Ph. hat sich v. Below Ursprung p. 69 aus- 



') ^S^- o^gßi^ Philippi's Ansicht von einer Anfangs geschlossenen, dann in 
11 Aemter getheilten Gilde Schaube in Gott. Gel. Anz. 1894, 561. 



332 



Literatur. 



o-esprochen und dessen Ansicht rundweg abgelehnt, in der Hauptsache 
wie ich meine, mit Eecht i). Denn darüber, worauf es am meisten an- 
kommt, kann auch nach Philippis Darlegung kein Zweifel bestehen, dass 
nämlich die öffentliche Gerichtsverfassung mit der Hundertschaft abschliesst^). 
üao-egen wird in mancher anderen Beziehung wohl ein Zusammenhang 
des Gemeindevorstehers mit der Staatsverwaltung anzunehmen sein, wenn 
auch vielleicht nur für sächsisches oder gar nur westfälisches Gebiet, und 
ich möchte in diesem Betracht auf die ganz ähnlichen Verhältnisse bei den 
Angelsachsen hingewiesen haben 3). 

Als einen gelungenen Versuch, die Sondergeschichte einer Stadt unter 
der neuen freieren Auffassung darzustellen, dürfen wir W, Schröders 
Abhandlung über Minden betrachten (39). Der Verf. hebt die Ueberein- 
stimmung mit Hameln namentlich in Betreff der erhaltenen Reste der alten 
Markgenossenschaft und in Betreff" des Einflusses, den an beiden Orten 
das Stift auf die Entwickelung der Stadt nahm, horvor. Da aber die 
bischöfliche Herrschaft nicht zu voller Entwickelung kam, so wurde sie 
der bürgerlichen Freiheit nicht gefährlich und vermochte auch dem Mini- 
sterialenstand nicht zu einer massgebenden Rolle zu verhelfen. Immerhin 
waren die städtischen Beamten früherer Zeit Ministerialen, so vor allem 
der eigentliche Ortsvorsteher, der Wiegraf, der verschiedenartig abzuleitende 
Befugnisse in seiner Hand vereinigt, neben dem aber auch der Bauermeister 
sich forterhalten hat. Sehr, erweist den Fortbestand von Freien, die aller- 
dings gewisse Verpflichtungen übernommen hatten, ohne aber an ihrem 
Stande Einbusse zu erleiden, zu ihnen gesellen sich die Kaufleute und 
jene Leute, die nicht eigene Häuser besassen, aber auch nicht zu den Hörigen 
gerechnet werden können. Die burgenses treten zuerst im J. 1230 selb- 
ständig auf, aus dem nächsten Jahre kennen wir das erste Vorkommen 
des Stadtsiegels, erst 1244 erscheinen neben der universitas civium die 
consules, 1808 erst die Eathsmeister. Obwohl die Schöffen zum ersten Male 
zwei Jahre nach den consules erwähnt werden, nimmt Sehr, doch an, dass 
sie älter seien und vor dem Eathe die städtischen Angelegenheiten geleitet 
haben, wie wir hinzufügen dürfen, unter Führung des Wichgrafen. Mit 
dem Eintritt in den rheinischen Bund tritt die Bürgergemeinde auch 
nach aussen hin selbständig auf, im Innern kommt es zu Streitigkeiten 
mit dem Bischöfe, die in Wechsel vollem Verlaufe endlich doch zu freierer 
Stellung der Stadt führen. 

Selbständigen Werth beansprucht Ilgens Schrift (40) durch die 
darin veröffentlichte Aufzeichnung über die Rechte der Aebtissin in der 
Alt- und Neustadt Herford, die nach 1224, dem Jahre der Gründung der 
Neustadt, und vor 1256 abgefasst sein muss. Indem ich auf die sach- 
gemässe Erläuterung Ilgens verweise, hebe ich hier nur das Wichtigste 
hervor. Wie in Rees so erfahren wir auch in Herford den Ursprung des 
von den Bürgern zu entrichtenden Zinses von 6 Denaren ; während er dort 
als Ablösung anderer Lasten erscheint, wird er in Herford pro usuario 
et pasnagio erhoben und die Vollbürger sowohl als die kein Haus Be- 



') Vgl. auch Keutgen Untersuchungen p. 99. 

••i) S. auch Stubbs Sei. Ch." S. 9. 

••') Stubbs Const. Ilist. 1, 82, 89, 95. Select Ch.' S. 9. 



Literatur. 333 

sitzenden müssen neben dem Treueid noch besondere Leistungen übernehmen, 
wie das Einführen des Rheinweins in den stiftischen Keller und im Winter 
das Aufhacken der Stiftsteiche. Wie die Aebtissin im Eigenthum aller 
Hofstätten (worde, aree) steht, so hat sie auch das Burggericht, das über den 
Handel mit Lebensmitteln und die Hofstättenzinse richtet, also ganz gleich 
dem iudicium foi'i von Radolfzell zu halten ist. Die Hofgenossen sind auch 
hier von diesem Gerichte ausgeschlossen und dem der Aebtissin unter- 
stellt. Neben diesem Burggericht, das recht eigentlich den Bedürfnissen 
der städtischen Bevölkerung entspricht, besteht dann noch das Burgericht 
und das mit den Schöffen besetzte öffentliche Vogtgericht. Ist in der 
Altstadt die Aebtissin alleinige Stadtherrin, so muss sie in der Neustadt 
die Gewalt mit dem Erzbischof von Köln theilen. Die Bestellung des 
ßathes ist in beiden Städten von der stadtherrlichen Genehmigung ab- 
hängig gemacht. Neben der Neustadt besteht die Hofverfassung der curtis 
Libbere ungeändert fort, die Aufnahme von Kirchenleuten zu Bürgern ist 
an die Genehmigung der Aebtissin geknüpft. Bei der Vereinigung beider 
Städte zu gleichem Recht und gemeinsamen Auslagen bleiben die beiden 
Eäthe bestehen, doch hat der Rath der Neustadt den Rechtszug an den 
der Altstadt, dieser wiederum an die Schöffen. 

Sehr dankenswerth ist desselben Verf. Uebersicht über die Städte des 
Bisthums Paderborn (4l). Die Bischofsstadt selbst ist allmählich als Sitz 
der kirchlichen Obergewalt entstanden, im 12. Jh. beginnen dann Städte- 
anlagen, sei es »von wilder Wurzel*, sei es durch Erhebung kleinerer Ort- 
schaften zu Stadtrecht, wobei die Bischöfe durch die Ansprüche der Kölner 
Metropoliten eingeengt wurden, ein Streit der sich bis an das Ende des 
13. Jh. hinzog. Bei diesen Städtegründungen stehen Handel und Gewerbe 
im Hintergrunde, Hauptsache ist die Befestigung, welche dem Ackerbauer 
Schutz gegen feindliche Einfälle und unholde Landfahrer gewähren soll. 
Im J. 1344 hören sie mit der Gründung des Städtchens Schwaney auf. 
Am Schlüsse bietet Ilgen eine kurze zusammenfassende Darstellung der 
Verfassungsverhältnisse in diesen Gemeinwesen. 

Der Titel, den Kniecke für seine Schrift (42) gewählt hat, ruft Er- 
wartungen hervor, die in derselben nur zu geringem Theil erfüllt werden. 
Kn. stellt genau und ausführlich die Rechtsverhältnisse bei der Einwande- 
rung d. h. im Wesentlichen die Bedingungen und Formen des Bürger- 
rechtserwerbes, die Rechts- und Standesverhältnisse in der Bürgerschaft 
dar. Ist Kn. dabei zu neuen Ergebnissen nicht gelangt, so wird man 
doch die bequeme Zusammenstellung der bezüglichen Quellenstellen als 
eine auf ein abgeschlossenes Stadtrechtsgebiet beschränkte Ergänzung zu 
dem fünftem Exkurs in Genglers Stadtrechtsalterthümern dankbar annehmen. 
Auf das Gebiet aber, auf dem neue Aufschlüsse besonders erwünscht und 
wohl auch erreichbar gewesen wären, hat sich Kn. nicht begeben, über 
die Grösse der Einwanderung erhalten wir nur einige Excerpte aus Bücher's 
und Paasche's Werken, der so wichtige wirthschaftliche Zusammenhang, in 
dem die Wanderungen zu betrachten sind (vgl. Bücher Entstehung der 
Volkswirthschaft und dazu Adolf Wagner in Preuss. Jahrb. 75, 552) ist 
gar nicht berührt. In einem Exkurse wendet sich Kn. gegen Hegels 
Hinweis darauf, dass zuerst Heinrich der Löwe den Grundsatz , Stadtluft 
macht frei' in seinen Städteprivilegien angewendet habe und dass hier 



334 



Literatur. 



englischer Einfluss zu vermuthen sei. Was Kn. dagegen anfährt, vermag 
nach meiner Ansicht den Werth dieses Hinweises nicht zu verringern. 
Dass die Verjährungsfrist als solche auch dem deutschen Recht zu eigen 
ist, wird ja niemand bezweifeln, dafür bedurfte es keiner weiteren Häufung 
der Belegstellen. Ebenso unzweifelhaft ist die uralte Anwendung dieses 
Grundsätze« auf den Besitz in der Gemeinde, sowohl der alten, wie der 
spätem Land- und Stadtgemeinde i). Aber davon verschieden ist die besondere 
Anwendung dieses Grundsatzes auf das Verhältnis des in die Bürgerschaft 
eingeti-etenen Unfreien gegenüber seinem früheren Herrn. Davon ist nun 
in der Soester Schrae nirgends die Rede. Dass aber beide Bestimmungen 
nicht identisch sind, ergibt sich aus den Urkunden, welche beide trennen, 
den englischen (z. B. Stubbs Select Ch. 1 1 2) und den deutschen. Halten 
wir an dieser Trennung fest, dann wird allerdings dem Weifenherzog das 
Verdienst zugesprochen bleiben, diesen Grundsatz zuerst angewendet zu 
haben, wofür namentlich die auf ihn zurückgehenden Jura Jndaginis an- 
zuführen sind (Gengier Stadtrechtsalterth. 415). Nicht so sicher scheint 
mir die gleichartige Verfügung in dem Privileg Friedrichs L für Lübeck 
auf ihn zurückzugehen. Ist dieses auch eine Erneuerung der von dem 
Herzog verliehenen Rechte, so bleibt doch zu beachten, dass die Urkunde 
anlässlich eines Streites der Grafen von Schauenburg und Ratzeburg mit 
der Stadt super terminis et usu finiuni suorum ausgestellt wurde, und 
es wäre nicht unmöglich, dass dieser Streit den Anlass zur Aufnahme 
dieser Bestimmungen, welche am Schlüsse der von Heinrich verliehenen 
Rechte stehen, gegeben hat ^). Kein Zweifel aber kann darüber bestehen, 
dass Heinrich nur einer allgemein empfundenen Forderung nachgegeben 
hat, wie ja derselbe Grundsatz in den Einschaltungen des Stadtrechts von 
Freiburg i. Br. und in dem 1186 ausgestellten Privileg für Bremen zur 
Anerkennung gelangt ist. Dürfen wir aber Heinrich den Löwen als den 
Landesherrn betrachten, der zuerst dieses Vorrecht einer seiner Städte 
verliehen hat, dann ist die Vermutung, dass hiebei das Beispiel der eng- 
lischen Könige den Schwiegersohn Heinrichs II. beeinflusst habe, keineswegs 
abzulehnen. 

Seine Absicht, nach der Untersuchung der Verfassungsverhältnisse einer 
einzelnen Stadt eine Darstellung städtischer Verfassung in einem geschlos- 
senen Rechtskreise zu liefern hat Philipp! in einer sehr verdienstlichen 
Schrift (43) ausgeführt. Der mit dem Stoffe wohl vertraute Verf. nimmt 
die Entstehung des Studtrechts aus dem Landrechte, das Emporwachsen 
der Stadtgemeinde aus der alten (Land-) Gemeinde an und weist nach, 
dass weder der Jahr- noch der Wochenmarkt, sondern der auf dem Hand- 
werk beruhende ständige Markt für das wirthschaftliche Leben der Stadt 
von grösster Bedeutung ist. Deutlich geht aus den dem Büchlein bei- 
gegebenen Plänen die Erweiterung der Stadt um den Kei'n der Innern 
Altstadt, die Zusammensetzung aus mehreren, früher selbständigen Bauer- 
schaften hervor. Der noch ei'kennbare Marktbezirk deckt sich weder mit 
der Stadtfeldmark noch mit dem ummauerten Stadtgebiet. Den haupt- 
sächlichen Anlass zum Wachsthume der Städte erblickt Ph. in der Mög- 



') Vgl. auch Waitz Vfgg.^ 5, 313 Anm. 5. 

') Vgl. auch Freusdorff, Stadt- und Gevicbtsverf, Lübecks p. 34 tf. 



Literatur. 335 

lichkeit, ohne Kapitalsanwendung, aber auch ohne drückende, die Freiheit 
mindernde Bedingungen den Besitz eines Hauses zu erwerben. Das Mittel 
hiezu war wie er sagt, das Weichbildreclit, wie wir zunächt besser sagen 
wollen, das Weichbild. Der Abschnitt, in dem er über das Weichbild 
handelt, ist wohl der werthvollste des Buches, wir werden daher bei ihm 
etwas länger verweilen. Mit vollem Kecht erhebt Ph. die Forderung, dass 
vor aller Erklärung und Ausdeutung der Sinn und Inhalt des Wortes, 
dessen Verwendung an der Hand der Urkunden in zeitlicher Folge ermittelt 
werden und er entspricht dieser Forderung in trefflicher Weise. Das Wort 
wird zuerst im Sinne eines Rechtes und zwar des bürgerlichen Rechtes, 
jus civile verwendet und als Hauptinhalt dieses Rechtes ist die städti- 
sche Erbzinsleihe zu betrachten ^). Dieses Recht erhält über seine privat- 
rechtliche Wirkung hinaus Beziehungen zum öffentlichen Rechte, da mit 
dem Weichbilde die Bedingung verknüpft wird, dass der Beliehene die 
städtischen Lasten trage, wie auch die Ueberwachung dieses zu Weichbild 
ausgethanen (jutes dem Rathe übertragen wird, dieser übernimmt die 
Bürgschaft für die Erfüllung der dem Leiheherrn gebührenden Leistungen 
und das Recht auf die Erfüllung bürgerlicher Pflichten. Daraus lässt 
sich die (Gerichtsbarkeit des Rathes über die Weichbildgüter ableiten. In 
diesem Sinne der Erbleihe wird das Wort Weichbild auf die einzelnen 
Güter und dann auf den ganzen Komplex dieser Güter angewendet. Dieser 
Vorgang lässt sich aus Philippis Darstellung ableiten, auch wenn man an 
der Deutung Weichbild ^= Stadtrecht (wik und bilida) festhält. Wie ich schon 
früher bemerkt habe, liegt also darin keine Nöthigung zu einer anderen 
Deutung. Ph. aber glaubt, dass das Wort von Anfang an seinem hauptsäch- 
lichen Inhalte entsprochen haben muss, dass also Weichbild =^ städtischer 
Leihe sein muss, und dem soll eben die von ihm vorgeschlagene etymo- 
logische Ableitung genügen. Er will S. 28 bilithe zurückführen auf bilien 
(beleihen), wie behovete aus behoven, buwete aus buwen entstanden ist. 
Ich gestatte mir in dilettantischer Bescheidenheit die Frage, ob denn diese 
Ableitung zulässig ist, beziehungsweise ob aus bili-itha Bild entstehen 
konnte? Bahder Verbalabstracta p. 159 kann nur wenige Formen mit 
dem Suffix itha aus dem Altfries, und Altsächs. anführen, bili-itha ergäbe 
langes und wegen der tonlosen Partikel bi betontes i, deshalb passen auch 
die Analogien behovethe, buwethe nicht und deshalb wäre auch der Aus- 
fall dieses i nicht wahrscheinlich, wir können vielmehr aus dem Umstände, 
dass der Vocal nach der Liquida der Synkope unterlegen ist, schliessen, 
er sei kurz und tonlos gewesen. Es muss also bilithe, bilethe gesprochen 
worden sein, was ja nicht zu bili-itha, wohl aber zu bilida passt. Zudem 
lautet das Verbalabstractum zu bilien nach Schiller und Lübben Mittel- 
niederd. Wörterbuch biliginge. Halte ich also an der früher besprochenen 
Deutung fest, so verringert das keineswegs die inhaltliche Richtigkeit der 
von Ph. gegebenen Darstellung. Ph. macht dann auch darauf aufmerksam, 
dass in der bekannten Leipziger Urkunde Weichbild ebenfalls nur im Sinne 
des innerhalb der Grenzzeichen geltenden Rechtes gebraucht wird und nicht 
auf diese Zeichen bezogen werden kann, sowie dass die Gleichstellung von 



') Vgl. auch Keutgen Untersuchungen p. 77, 165. 



33g Literatur. 

ius forense und Weichbild nicht für die Herleitung des Stadtrechts aus 
dem Marktrecht zu verwerthen ist. 

Von dieser Hauptbedingung städtischen Wesens wendet Ph. seinen 
Blick auf das Bürgen-echt, als dessen älteste Grundlage sich ihm das Erbe, 
also der Besitz vollen, echten Eigens ergibt, d. h. dass für das städtische 
Bürgerrecht dieselbe Bedingung gilt wie für die vollberechtigte Mitglied- 
schaft in der alten (Land-) Gemeinde. Eben durch das Weichbild tritt nun 
eine Erweiterung dieses engern Kreises der Ervesaten, Erbgenossen ein und 
es ist gewiss sehr lehrreich, dass der Eintritt in die Rechte der Bürgergemeinde 
zuerst den Kautleuten, den Nahruugsmittelgewerben und jenen Gewerben, die 
Kundenwaare in grösserer Menge liefern, wie die Schuster, ermöglicht wurde i). 
Aus dieser Gestaltung des Bürgerrechts und aus den Befugnissen der Sonder- 
gemeinden folgert Ph., dass die Sondergemeinden, aus denen sich die Stadt 
bildet, aus der alten (Land-) Gemeinde hervorgegangen und vor der Vereini- 
gung selbständig gewesen sind. Wenn Ph. p. 52 neuerdings seine Ansicht von 
der politischen Gemeinde heranzieht, so ist da auf das früher über diesen 
Gegenstand Gesagte zu verweisen. Jedenfalls geht Ph. auch darin zu weit, 
dass er den ßath aus der alten Gemeinde ableiten will. Er selbst nimmt 
seine Ansicht von dem Bestände alter Bauei'schaftsausschüsse zurück und 
weist darauf hin, dass als die ersten Vertreter der Stadt der Richter 
(Bauerschaftsvorsteher) und der Rath erscheinen, der erstere aber von 
diesem verdrängt wird. Daraus ergibt sich der Rath als etwas Neues, 
das dem neuen Bedürfnis städtischen Lebens entspricht; dieser Rath ver- 
drängt eben wie Ph. selbst ausführt (S. 58) das Executivorgan der alten 
Gemeinde, das er anfangs neben sich duldet, und wird zum alleinigen 
Executivorgan der neuen städtischen Gemeinde. Ph. selbst spricht daher 
ganz richtig (S. 1 3) von einem , Bauerrichter der Stadtgemeinde und dem 
diesem beigegebenen Ausschuss, dem Rath'. In dem Abschnitte über das 
Gerichtswesen hat Ph. eine Anzahl wichtiger Fragen aufgeworfen, auf die er 
aber eine befriedigende Antwort nicht zu geben vermochte, woran wohl der 
auf diesem Gebiete recht empfindliche Mangel an Nachrichten Schuld trägt. 
Von einer Ausdehnung des Immunitätsgerichtes auf die Stadt zu sprechen, 
scheint mir nicht zulässig. 

Den Einfluss der Gilden auf die Entstehung der städtischen Verfas- 
sung lehnt Ph. ebenso ab, wie den Zusammenhang mit der Markgenossen- 
schaft, er betont mit gutem Grunde (S. 30), dass in den Städten das 
Grundstück allmählich an Werth gegen das Wohnhaus zurücktritt. Die 
Sorge für Mass und Gewicht weist Ph. für sein Gebiet als alte Gemeinde- 
kompetenz nach, wir werden das mit Rücksicht auf die schon vorher be- 
rühi-te eigenartige Stellung der westfälischen Gemeinde zugeben, aber auch 
vor einer Verallgemeinerung warnen müssen. Aus Genglers Zusammen- 
stellung (Stadtrechtsalterthümer 170 ff.), welche Ph. (S. 72 Anm. 19ß) 
heranzieht, geht die alte selbständige Gemeindekompetenz keineswegs 
hervor, der betreffende Paragraph des freiburger Stadtrechts gehört der 
Einschaltung an, das Recht der öfientlichen, der Frohnwage beruht zu- 
meist auf stadtherrlicher bezw. landesfürstlicher Genehmigungr. 



') Vgl. auch Stubb.s Coiist. Hist. 1, 410 the fully qualified members of the 
lownship . . . These were the owners of laud, the owners of houses, shi'ops or 
gardens, der an dieser »Stelle auch das Begräbnisvorreeht der Bürger erwähnt. 



Literatur. 337 

Ganz im Sinne der beiden ersten Abhandlungen v. Below's hat 
W. V a r g e s seine Untersuchung über die Gerichtsverfassung der Stadt 
Braunschweig geschrieben (44), die trotz des darauf verwendeten Scharf- 
sinns gerade an entscheidenden Punkten zu Widerspruch herausfordert, 
den ich ausführlicher zu begründen im Hinblick auf die Bedeutung der 
betreffenden Urkunden und Verhältnisse genüthigt bin. Im Anschluss an 
Hänselmann schildert Varges die Entstehung der Stadt aus fünf Gemeinden. 
Die städtische Entwickelung geht von der Altstadt aus, einer freien burscap, 
die schon von dem alden herrn, also Heinrich dem Löwen, mit städtischem 
Rechte begabt wurde und neben der sich die Neustadt bildete. Neben 
beiden entsteht als Gründung Heinrichs des Löwen der Hagen (indago), der 
gleichfalls von diesem Fürsten Stadt- und Innungsrecht erhalten hatte. Diese 
drei städtischen Gemeinwesen verbinden sich im J. 1269. Die hofrechtliche 
Gemeinde finden wir in dem Alten Wijk, der zuerst 1031 erwähnten herr- 
schaftlichen villa Braneswic; durch Ansiedelung auf ursprünglich herr- 
schaftlichem, dann aber aus dem Hofrecht ausgesondertem Boden entstand 
der Sack. Beide brachten es nicht zu selbständiger städtischer Entwicke- 
lung und kamen erst im 14. Jh. durch Verpfändung an die Stadt. Ausser- 
halb des Stadtrechts war und blieb die Burg Tanquarderode, in deren 
Freiung die herzoglichen Dienstmannen sassen, ferner bestanden zwei 
geistliche Freiungen. 

Unter den Stadtrechten stehen an erster Stelle das sogenannte Otto- 
nianum für die Altstadt (Hänselmann Uß. 1, n^ 2) und die Jura et liber- 
tates Indaginis (ÜB. 1, n*^ 1, Döbner Städtepriv. Ottos des Kindes 31 n*' 12), 
beide der Nennung des Ausstellers und der Datierung entbehrend, beide aber 
mit einem herzoglichen Siegel versehen, das nur Otto dem Kinde (1227 bis 
1252) angehören kann. Frensdorflf und Döbner haben die erste Urkunde 
verdächtigt, Frensdorff suchte dann die Annahme zu begründen, dass die 
jura Indaginis 1227 besiegelt,, im selben Jahre auch eine Urkunde für die 
Altstadt ausgefertigt worden sei, die uns verloren ist, dass also die erhaltene 
Fassung eine erweiterte Ueberarbeitung darstelle, während Döbner die Be- 
siegelung beider Urkunden, also ihre Anerkennung durch den Herzog, in 
dessen letzte Eegierungsjahre versetzt, Hänselmann dagegen diese für das 
Jahr 1227 in Anspruch genommen hat, in welchem Otto einer chronica- 
lischen Nachricht zu folge seine joyeuse entree hielt und der Stadt , viele 
Gnaden' ertheilte (vgl. auch Böhmer-Ficker Reg. 5, 739 a). Gegen diese 
Annahme erklärt sich nun V. Mit vollem Recht führt er gegen Frens- 
doriFs Trennung den Umstand ins Treffen, dass beide Urkunden durch das 
gemeinsame Siegel in zeitlichen Zusammenhang gebracht sind. Dagegen 
scheint mir sein Versuch, das Siegel als echt zu erweisen, nicht geglückt. 
Es ist doch sehr auffallend, dass dasselbe sich gerade nur an diesen beiden 
Urkunden findet und wenn Mack (Deutsche Lit. Zeit. 1891, 1537) darauf 
hinweist, dass Otto noch 1226 August 9. den Titel dux de Luneborg 
führt, während er in dem fraglichen Siegel als dux de Brunesvic be- 
zeichnet wird, vom Januar 1227 an aber bereits das Siegel verwendet 
wird, dessen sich der Herzog bis an sein Ende bedient, so steigen da um 
so mehr Bedenken auf, als V. selbst nachweist, dass die Niederschrift des 
Ottonianum in verschiedenen Absätzen erfolgt ist und dass als Schreiber des 
letzten Absatzes ein im J. 1231 erwähnter Stadtschreiber durch Vergleichung 

Mittheilungen XVII. 22 



338 Literatur. 

mit einer städtischen Urkunde dieses Jahres festgestellt werden kann. 
Damit möchte ich über den Inhalt beider Stücke keineswegs den Stab ge- 
brochen haben. Zu Gunsten der Urkunden spricht nicht- allein der gute 
Eindruck, den die Jura Indaginis machen, sondern auch der Umstand, dass 
das Altstädter Recht im J. 1265 in gleicher Formlosigkeit wiederholt 
wurde. Erneute diplomatische Untersuchung der gesammteu Urkunden des 
Herzogs wird wohl zu besser- gesichertem Ergebnis führen, was una so 
Wünschenswerther wäre, da das Ottonianum als das älteste in deutscher 
Sprache abgefasste Stadtrecht zu gelten hätte. Wenn V. noch anführt, 
dass bereits 1245 das Altstädter Recht auf die Alte Wijk übertragen 
wurde, so ist dieser Beweisgrund abzulehnen, da aus der betreffenden Ur- 
kunde (Hänselmann ÜB. ], n» 5, Döbner 25 n» 8) vor allem nicht her- 
vorgeht, dass eben das Ottonianum übertragen wurde und dann über- 
haupt in derselben nicht von einer Bewidmung mit städtischem Recht der 
Rede ist. Es handelt sich nur um die Innung, wie ja die Abschrift der 
Urkunde sich auch nur in der Lade der Tuchmacher erhalten hat, die 
Worte alia omnia und per omnia beziehen sich keineswegs auf das Stadt- 
recht, sondern sind nur mit der durch die Absicht der Urkunde bedingten 
Beschränkung zu verstehen (vgl. denselben Sprachgebrauch in ÜB. n» 10, 
12, dazu Hegel Städte und Gilden 2, 419, Doren Kaufmann sgiklen S. 135 f.). 

Während das Ottonianum sich als eine Arbeit der städt. Kanzlei er- 
wiesen hat, dürften die Jura Indaginis in der herzoglichen Kanzlei ge- 
schrieben worden sein. Auch hier liegt nur eine Bestätigung der Rechte 
vor, welche Heinrich der Löwe den im Hagen angesiedelten Flamländern 
bei der Gründung des Ortes im J. 1150 gegeben hatte. V. nimmt an, 
dass Heinrich sich hiebei flandrisches Recht zum Muster genommen hat, 
im Eifer der Untersuchung vergisst er aber ganz, hiefür den Beweis durch 
Vergleich mit flandrischen Rechten zu führen. Diese ursprünglichen Rechte 
wurden nun durch Zusätze erweitert, welche theils als Neuverleihung Ottos, 
theils als gewohnheitsrechtliche Bestimmungen aufzufassen sind, die ihrer- 
seits den Einfluss des Altstädter Gewohnheitsrechtes aufweisen. Auf diesem 
Wege will V. die Uebereinstimmung der Jura und des Altstädter Otto- 
nianum erklären und nachweisen, dass Frensdorffs Annahme gleichlautender 
Sonderprivilegien Heinrichs für Altstadt, Neustadt und Hagen innerer 
Nöthigung entbehrt. Ganz gewiss ist V. im Recht, wenn er auf die ver- 
schiedene Entstehung der Altstadt und des Hagens hinweist und daraus 
auf den verschiedenen Charakter der Privilegien jedes Ortes schliesst, doch 
scheint mir durch seine Ausführung die Annahme, dass auch die Altstadt 
ein Privileg von Heinrich dem Löwen erhalten hat, in keiner Weise aus- 
geschlossen. Viel ungezwungener liesse sich dabei die Uebereinstimmung 
beider Rechte erklären und ganz gut möglich ist es, dass der einsichtige 
Herzog den besonderen Verhältnissen des Hagens Rechnung getragen habe. 

In dem Abschnitte über das Gerichtswesen ist der Uebergang der 
herzoglichen Gerichtsbarkeit auf den Rath richtig erkannt, aber im Ein- 
zelnen sind doch manche Bedenken auszusprechen. Dass der seit 1147 
erwähnte Vogt von Braunschweig auf die Altstadt beschränkt war, ist 
ebenso unwahrscheinlich wie die Annahme, dass die Altstadt ihren Namen 
nicht im Gegensatz zur Neustadt, sondern im Gegensatz gegen den Hagen 
erhalten hat. Auch die Behauptung, dass es in Braunschweig neben dem 



Literatur. 



339 



ministerialischen Edelvogt keine Untervögte gegeben hat, sondern dass die 
in den einzelnen Sondergemeinden erwähnten advocati Burrichter seien, 
vermag ich nicht anzunehmen. Wissen wir über die Kompetenz dieser 
advocati so gut wie nichts, so werden wir uns eben an ihren Namen 
halten müssen und dieser ist allerdings für den Burmeister nicht ge- 
bräuchlich. Auch die Theorie von den beiden ueben einander bestehenden 
Obervögten, einem büi-gerlichen in der antiqua civitas und einem herzog- 
lichen in den andern Gemeinwesen scheint mir mit den Urkunden nicht 
im Einklang zu stehen. Ohne in dieser wesentlich localgeschichtliehen 
Untersuchung entscheiden zu wollen, glaube ich, dass man mit der ge- 
wöhnlichen Annahme eines Edelvogts, dessen Gewalt sich über die ganze 
Stadt Braunschweig erstreckt und von Untervögten in den einzelnen Weich- 
bilden zu klarerem Verständnis gelangen dürfte. Aus der Urkunde vom 
J. 1299 (ÜB. n'^ 15) lässt sich nicht schliessen, dass die Bürger ,die 
Autonomie in Bezug auf die Gerichtsverfassung' erhalten haben (p. 4i). 
Das Zugeständnis, dass sie ere recht moten wol betei-n wur se mögen, an 
usen scaden, bezieht sich auf die statutarische Befugnis des ßathes, wie ja 
auch der Herzog verspricht jura ipsius civitatis Brunesvich meliorare, 
manutenere et fideliter conservare (n« 14 vom J. 1296), und sich ver- 
pflichtet bekennt ,ere recht to beterende (n« 15). In den folgenden Ka- 
piteln bespricht V. die einzelnen Gerichte: das Vogtding, das er als das 
öffentliche Gericht nachweist, das Rathsgericht, das Vemeding, das er für 
die Fortsetzung des alten Burdings hält, und das vom Rathe von P'all zu 
Fall einberufene Schiedsgericht, ferner die nichtbürgerlichen Gerichte: 
Marschalls-, Juden- und Sendgericht. 

Der Verfassungsgeschichte Magdeburgs hat Stoeckert zwei Unter- 
suchungen gewidmet. In der erstem (45) schildert er Verlauf und Be- 
deutung des in den J. 1293/1295 von der Gemeinde gegen die Geschlechter 
geführten Kampfes, dessen Ziel die Verdrängung der Ministerialen aus dem 
Rathe und den städtischen Aemtern, die Beschränkung der Vorrechte und 
der auf die bürgerliche Gericht:^barkeit sich erstreckenden Kompetenz des 
aus den Geschlechtern besetzten Schöffenkolle^-s war. Der Erfolg dieses 
Kampfes, in dem der Erzbischof auf Seite der Innungen stand, war nicht 
vollständig, aber immerhin gross genug. Die Ministerialen wurden aus- 
geschlossen, den Schöffen wurde die Führung der Stadtbücher genommen, 
doch blieb ihnen das Recht der Selbstergänzung und die Gerichtsbarkeit, 
sowie auch das Recht, die vor ihnen geführten Verhandlungen zu beur- 
kunden. Doch griff der Rath in ihre Kompetenz durch seine polizeiliche 
Gewalt und durch das auf das falsche Privileg von 940 zurückgeführte 
Recht, mit Zustimmung der ,witzigsten Levite' aus der Gemeinde Willküren 
zu setzen. Mit diesen Erfolgen hängt die Erwerbung des Schultheissen- 
gerichts zusammen, welches, die Stadt 1294 vom Erzbischof zu Lehen er- 
hielt, während der Erzbischof mit ihrer Beihilfe das Burggrafenamt an 
sich brachte. In einem besondern Abschnitte behandelt St. die Entwicke- 
lung des Schultheissenamtes. Darin berichtigt er vor allem Hagedorns 
Gebrauch, praefectus schlechthin mit Schultheiss zu übersetzen, und weist 
nach, dass praefectura als die Untervogtei zu betrachten ist, mit der das 
Schultheissenamt verbunden war, ebenso wie der Obervogt die gräflichen 
Rechte in seiner Hand hielt. Nahm mit dem Wachsthum der Stadt auch 



oAr\ Literatur. 

die Thätigkeit des dem gebotenen Ding des Landrechts entsprechenden 
Schaltheissengerichtes zu, griff es durch die vor ihm geübte freiwillige 
Gerichtsbarkeit auch in Viürgerliche Verhältnisse ein, so musste es dem 
Erzbischof wie der Bürgerschaft lästig sein, dies Amt im erblichen Besitze 
eines Ministerialen-Geschlechtes zu sehen. Erzbischof Wichmann suchte, 
allerdings ohne nachhaltigen Erfolg, die Erblichkeit zu beseitigen und den 
amtlichen Charakter wiederherzustellen; zu Anfang des 13. Jh. vollzog 
sich dann die Abtrennung des Schultheissenamtes von der Untervogtei, 
wobei festgestellt -wurde, dass der Schultheiss von freier Geburt sein müsse, 
am Ende des Jahrhunderts erfolgte dann der Uebergang des Amtes an die 
Stadt. Daraus ergab sich die Scheidung zwischen der Gerichtsbarkeit in 
der Altstadt und auf dem Neuen Markte. Hier wie dort war der Erz- 
bischof als Burggraf oberster Gerichtsherr, aber während er in der Altstadt 
dem städtischen Schultheiss blos den Bann lieh, bestellte er auf dejn 
Neuen Markte, wo er Grundherr blieb, seinen eigenen Beamten, den Möllen- 
vogt und dem ßathe stand hier das Gericht nur während der grossen 
Herbstmesse zu. 

In der zweiten Abhandlung (46) erörtert St. die halbe und unent- 
schiedene staatsrechtliche Stellung Magdeburgs. Unzweifelhaft sind un- 
mittelbare Beziehungen der Stadt zum Eeiche nachzuweisen und die stadt- 
herrlichen Rechte des Erzbischofs sind fast ganz verflüchtigt, die Stadt 
tritt dem Erbischof als selbständige Persönlichkeit entgegen und scheint 
ihn ebenso wie Halle nur als geistliches Oberhaupt anzuerkennen, da sie 
ihm erst nach der päpstlichen Bestätigung huldet. Trotz dieser thatsäch- 
lichen Keichsunmittelbarkeit aber ist die Stadt auch Landstand des Erz- 
bischofs und hat es nie zu einer formellen Anerkennung als Eeichsstadt 
o-ebracht, zu Ende des Ki. Jahrhunderts wurde sie auf die Stellung einer 
Landstadt herabgedrückt. 

Die beiden umfassenden Geschichtsdarstellungen Hertzbergs (47) 
und V. Bippens (48) erwähne ich nur in aller Kürze als musterhafte 
Vorlagen dafür, wie Stadtgeschichten, die auch allgemeines Interesse ge- 
währen sollen und in denen das so oft vernachlässigte Gleichmass der 
einzelnen Theile festgehalten ist, angelegt und ausgeführt werden sollen. 
Mit seiner Dissertation über die Hamburgische Rathsverfassung (49) 
sucht Obst »den zuletzt von Sohm ausgesprochenen Theorien für die 
Entwickelung der Hamburgischen Verfassungsgeschichte Geltung zu ver- 
schaffen«. Das ist ihm nur zum Theil gelungen. Sehr bald vergisst Obst 
auf sein Vorhaben und liefert uns, ohne viel an Theorien zu denken, eine 
ganz unterrichtende Darstellung der Verfassung Hamburgs. Seinem eigent- 
lichen Zweck dürfte wohl nur der von ihm gelieferte Nachweis entsprechen, 
dass von den beiden Theilen, aus denen Hamburg entstanden ist, der 
Altstatlt und der Neustadt, die erstere ursprünglich ein Marktort war. 
Das kann man ja gerne zugeben, denn niemand läugnet, dass an einem 
Markte eine Stadt entstehen könne, und ganz gewiss kommt auch der 
Kaufmaunstheorie für die ausschliesslich den Zwecken des Handels dienen- 
den Ortsanlagen des deutschen Nordens beschränkte Geltung zu. Sind die 
Besonderheiten, auf die wir hier treffen, von höchstem Interesse, so folgt 
doch aus ihnen noch kein allgemein giltiger Aufschluss über die Ent- 
stehung deutschen Städtewesens überhaupt. 



Literatur. 341 

Daher befindet sich auch Bulmerincq im Irrthum, wenn ev glaubt, 
dass das Verfahren bei der Gründung solcher Kaufstädte wie Riga (50), zur 
Erhellung dieser Frage wesentlich beitragen kann. Denn es handelt sich, wie 
das auch Perlbaeh und v. Below treffend hervorgehoben haben (D. Literaturz. 
1895, 594, Hist. Ztschr. 74, 17l) bei diesen Gründungen um die Uebertragung 
fertiger Einrichtungen, eben derselben, deren Entstehen wir ja kennen lernen 
wollen, und von denen wir gar nicht annehmen können, dass sie ihre erste 
Wirksamkeit unter denselben Zuständen begannen, wie sie in diesen späteren 
Zeiten herrschten. Die Christianisierung Livlands erfolgt im Zusammen- 
hange mit der Ablenkung des deutschen Handelsverkehrs von Nowgorod 
zur Düna, die zuerst in den 60er Jahren des 12. Jh. von Deutschen be- 
fahren und bald zu einem sehr beliebten Handelswege wurde. Begründer 
des Bisthums war Meinhard, dem Arnold folgte, der im J. 1198 starb. Nach 
ihm besteigt jener Mann, der auch die politische Organisation des neuge- 
wonnenen Landes durchführte, den bischöflichen Tiiron, Albert von Buxhö- 
veden. Einer mei'kwürdigen Mischung geistlicher und weltlicher Absichten 
verdankt Riga seine Entstehung. Albert wusste eine stattliche Flotte mit 
Kreuzfahrern zu sammeln, 23 Schiffe fuhren im J. 1200 in die Düna ein, 
dem Kaufmanne wie den Bischöfe musste daran gelegen sein, dass an dem 
Anfange der neuen Handelsstrasse ein von Deutschen bewohnter Ort ent- 
stand. Albert Hess sich von den Liven einen geeigneten Platz abtreten 
und im Sommer 1201 wurde die Stadt an der Riga erbaut, in die er 
seinen Bischofssitz von Ykeskola übertrug. Im nächsten Frühjahr kamen 
die ersten Ansiedler, welche die Befestigungsmauer ausbauten. Es wurde 
keine Burg errichtet, sondern blos ein befestigter Marktort angelegt., die 
Ansiedler waren von vorneherein keine Landbauer, sondern Kaufleute und 
Handwerker, jeder erhielt eine Hofstelle, die Almende aber behielt der 
Bischof als Grundherr, entsprechend dieser Anlage war auch das Bürger- 
recht unabhängig vom Grundbesitze. Um zur Ansiedelung zu locken, 
wurden den Bürgern allerlei Sicherheiten und auch das jus Gotorum, doch 
nicht in vollem Umfange, verliehen. Die stadtherrlichen Rechte übte der 
advocatus oder iudex, der anfangs vom Bischöfe ernannt wurde. Neben 
den ansässigen Kaufleuten kommen auch die Fremden in Betracht, die 
sich einen eigenen advocatus wählen. Diese Verhältnisse sind, wie man 
sieht, von städtischem Wesen noch weit entfernt und die Weiterentwicke- 
lung erfolgt auch nicht vom rein kaufmännischen Gesichtspunkte aus, 
sondern in Folge der Umbildung dieser kaufmännischen Ansiedelung zu 
einer Gemeinde. Daher sind wie B. richtig hervorhebt, nicht die Kauf- 
leute überhaupt, sondern nur die ansässigen Kaufleute (und Handwerker) 
von Einfluss auf diese städtische Entwickelung gewesen. B. geht aber in 
die Irre, wenn er um diesen Vorgang zu erklären, die Gilde heranzieht. 
Wir wissen hier von ihr ebensowenig als anderswo und die Prämissen, 
von denen B. auf ihren Bestand schliesst, sind falsch. Daraus, dass die 
fremden Kaufleute Gilden bildeten, folgt noch nicht, dass auch die An- 
sässigen in einer Gilde vereinigt waren, denn für sie fiel die Nöthigung 
weg, welche die Fremden zum Zusamraenschluss veranlasste; noch weniger 
aber kann daraus, dass schon die ältesten burgenses ein Siegel hatten 
(was übrigens nicht so sicher ist, wie B. meint) und dass an ihrer Spitze 
seniores standen, auf eine Gilde geschlossen werden, umsoweniger als B. 



342 



Literatur. 



selbst nachweist, dass seniores gleiche Bedeutung mit consules, rathmanni 
hat (S. 79). Selbstverständlich muss auch die Eigaer Gilde sich zur 
rechten Zeit auflösen. Es lagen also in Riga die Verhältnisse nicht an- 
ders als in andern Städten. Zuerst wurde der ansässigen Bürgerschaft 
eine gewisse Theilnahme an der Stadtverwaltung und an der Ueberwachung 
des Gerichtswesens eingeräumt, Rechte, die auszuüben mehrere angesehenere 
Bürger, seniores, aldermänuer bemfen wurden. Die Erstarkung des neuen 
Gemeinwesens führt zur Bildung des Rathes, im weitern Verlaufe unter 
dem fördernden Einflüsse der politischen Verhältnisse zur Zurückdrängung 
der bischöflichen Stadtherrschaft und zur Erwerbung der Autonomie. 

Wir schliessen unsere Wanderung. Von den Ufern der Maas bis an 
die nordöstliche Grenze deutschen Lebens sind wir den Spuren städtischer 
Freiheit und Selbständigkeit gefolgt. Die räumliche Ausdehnung, die 
gleichmässige, wohl zu verzögernde aber nirgends zu überwindende Kraft 
der Entwickelung Hessen uns die wahrhafte Macht dieses Gedankens er- 
kennen, der die schönsten und anziehendsten politischen Bildungen, deren 
sich das deutsche Volk rühmen darf, hervorgebracht, segenbringend und 
fruchtbar für alle Zeiten gewirkt hat. 

Wien. K a r 1 U h 1 i r z. 



Arnold Luschin v. Ebengreutli, Oesterreichische Reichs- 
geschichte (Geschichte der Staatsbildung, der Rechtsquellen und des 
öffentlichen Rechts). Ein Lehrbuch. I. Theil. L und IL Hälfte. 324 S. 
Bamberg, Buchner. 1895. 

Erst im letzten Hefte hatten die »Mittheilungen« Gelegenheit, die 
österreichische Reichsgeschichte von A. Huber anzuzeigen, und wiederum 
sind wir in der Lage, das Erscheinen eines neuen Lehrbuches dieses 
Faches willkommen zu heissen. Diese Thatsache ist um so erfreulicher, 
als es diesmal ein Rechtshistoriker ist, der sich dieser ebenso schwierigen 
als verdienstvollen Aufgabe unterzogen, und zwar einer der berufensten 
Vertreter unserer jüngstgebornen akademischen Wissenschaft, welcher schon 
seit Jahren die »österreichische Reichs- und Rechtsgeschichte« zum Gegen- 
stande seiner Vorlesungen gemacht und durch mehrere literarische Arbeiten 
wei*thvolle Bausteine dazu geliefert hat. 

»Unsere Wissenschaft bedarf noch — der Durchforschung, nicht der 
Anordnung des Erforschten'^: dieser Ausspruch Paul Roth's, den L. in 
der Vorrede zu seiner Geschichte des älteren Gerichtswesens in Oesterreich 
(1879) auf die österreichische Staats- und Rechtsgeschichte anwendet, gilt 
wohl auch heute noch, und wenn sich L. trotzdem zu einer Gesammtdar- 
stellung bewegen Hess, so war auch für ihn augenscheinlich die Rücksicht 
auf das praktische Bedürfnis massgebend, welches die neue juridische 
Studienordnung, in dieser Richtung der Wissenschaft weit vorauseilend, 
plötzHch ins Leben gerufen hat. Unter diesem Gesichtspunkte muss daher 
auch L.'s Oe. R. G. beurtheilt werden, und da sei nun gleich constatiert, 
dass dieselbe, soweit sie eben vorliegt, m. E. allen billigen Anforderungen, 
welche derzeit an ein solches Unternehmen gestellt werden können, voll- 
auf entspricht, und sich als ein für Schüler wie Lehrer gleich unentbehr- 



Literatur. 343 

liebes Buch darstellt. Dass dasselbe ebensowenig wie Hubers Werk ab- 
schliessend sein kann, ist ja selbstverständlich, und es steht zu erwarten, 
dass der Autor selbst nicht zum geringsten Theile dazu beitragen wird, 
diese seine Oe. E. G. zu überholen; dieselbe ist trotzdem auch für die 
Wissenschaft bedeutsam genug: einerseits durch die Fülle neuer, auf 
eigener Forschung beruhender Ergebnisse und Gesichtspunkte, andererseits 
insoferne, als darin die Kesultate aller bisher auf dem fraglichen Gebiete 
geleisteten Arbeit zusammengefasst erscheinen, und dadurch genau der 
Stand angezeigt wird, an welchem unsere Disciplin heute angelangt ist, 
und von dem aus die Forschung, sich hinvriederum nach verschiedenen 
Richtungen hin verzweigend, vorwärts zu schreiten haben wird. 

Einzelnes von dem, was an dieser Stelle bei Besprechung des Huber'- 
schen Buches angedeutet worden, finden wir nun bei Luschin. Zunächst 
ist hier, wie ja zu erwarten war, mehr die r e c h t s geschichtliche Auf- 
fassung vorherrschend. Weiters ist dem Mittelalter ein viel grösserer Um- 
fang zugewiesen: der ganze vorliegende I. Theil, 324 Seiten stark, um- 
fasst nämlich nur »die Zeit vor 1526*, ist also ausschliesslich derjenigen 
Periode gewidmet, die Huber summarisch als Vorgeschichte behandelt und 
deren Berücksichtigung er in der Vorrede ausdrücklich rechtfertigt. Auch 
sonst unterscheidet sich L.'s Oe. R. G. in Anlage und Gliederung des 
Stoffes wesentlich von derjenigen Hubers. L. greift zunächst mit seiner 
Darstellung weiter zurück, indem seine »I. Periode'^ die Zeit vom Sturze 
der Römerherrschaft bis zum Jahre 976 als Vorgeschichte umfasst; der- 
selben geht eine Einleitung voraus, worin Aufgabe, Methode und Termi- 
nologie festgestellt, und eine ethnographisch-statistische Uebersicht des 
heutigen Kaiserreiches, nebst einer Skizze der öffentlichrechtlichen Ver- 
hältnisse in den österreichischen Landen als römischen Provinzen gegeben 
werden. In dieser ältesten Periode zeigt die Oe. R. G. naturgemäss am 
wenigsten ein eigenes Gepräge, sie erscheint vielmehr gewissermassen 
als ein Abschnitt aus der allgemeinen deutschen Reichs- und Rechtsge- 
schichte mit localer Begränzung, und zwar vorwiegend als eine baierische 
R. G. Auf einen geschichtlichen Uebei'blick folgen die Rechtsquellen, d. i. 
eine Darlegung des Geltungsverhältnisses der einschlägigen Volksrechte 
und Capitularien, nebst einer Aufzählung der fast durchwegs bairischen 
Formelsammlungen und Urkunden; daran reiht sich die Geschichte des 
öffentlichen Rechtes, worin insbesondere von der Stellung der baierischen 
Stammesherzoge, der Verwaltung der Ostmark (800/976), der Stellung der 
Kirche in Baiern und den wirthschaftlichen und socialen Zuständen ge- 
handelt wird; am werthvollsten scheinen mir die Ausführungen über die 
beiden letzteren Punkte zu sein. 

Mit dem Regierungsantritt der Babenberger im Jahr 976, wo die 
Selbständigkeit der altösterreichischen Lande gegenüber Baiern angebahnt 
wurde, beginnt die eigentliche Oe. R. G., beziehungsweise die II. Periode, 
welche bis 1493 reicht und in 6 Abschnitte zerfällt. Die beiden ersten 
Abschnitte werden durch eine Darstellung der territorialen Entwicklung 
der Alpenländer und eine geschichtliche Skizze ausgefüllt; der äusserst 
complicirte Entwicklungsgang in der territoralen Ausgestaltung der alt- 
österreichischen Lande in Verbindung mit den wechselvollen Schicksalen 
der betreffenden Fürstengeschlechter setzt einer vollkommen übersichtlichen, 



344 



Literatur. 



sich dem Gedächtnisse leicht einprägenden Darstellung so bedeutende 
Schwierigkeiten entgegen, dass es nicht Wunder nehmen darf, wenn die- 
selben auch hier nicht gänzlich überwunden sind. Den Eechtsquellen 
dieser Periode, wovon bei Huber nur gelegentlich im Zusammenhange mit 
der Verfassungsgeschichte Erwähnung geschieht, ist hier der dritte Ab- 
schnitt mit 19 Seiten gemidmet; an eine Einleitung über die in Betracht 
kommenden Kategorieen der Rechtsquellen schliesst sich eine Besprechung 
der zu den einzelnen altösterreichischen Ländern gehörigen Eechtsdenk- 
mäler; einer künftigen K e c h t s geschichte Oesterreichs bleibt es vor- 
behalten, eine in die Tiefe der mittelalterlichen Eechtsbilduug in den frag- 
lichen Ländern dringende Untersuchung zu liefern. Der folgende Abschnitt 
handelt von der Verfassung; in klarer, prägnanter Form werden zunächst 
die Ursachen angedeutet, welche in unseren Ländern auf verschiedenem 
Wege zur Landeshoheit geführt haben, und sodann die Wandlungen ein- 
gehend geschildert, welche die Stellung der nach immer grösserer Selb- 
ständigkeit strebenden österreichischen Herzoge dem deutschen Reiche gegen- 
über durchgemacht hat. Ein besonderes Interesse bieten die darauffolgenden, 
an neuen Gesichtspunkten reichen Ausführungen über die Anfänge und 
die allmählige Ausgestaltung der landständischen Verfassung in den ein- 
zelnen Territorien; beispielshalber mag hier nur die Feststellung der bis 
ins 14. Jahrh. zurückreichenden Theilnahme der Landstände an der landes- 
fürstlichen Regierung durch den »geschworenen Eath der Landherren« 
hervorgehoben werden, eine Frage, deren eingehende Behandlung sich L. 
für eine andere Gelegenheit vorbehält. Nirgends macht sich die Lücken- 
haftigkeit der Einzelforschung so unangenehm bemerkbar wie im darauf- 
folgenden Abschnitt über die Geschichte der landesfürstlichen Verwaltung, 
welcher verhältnissmässig am dürftigsten ausgefallen ist; ganz besonders 
gilt dies für ein Gebiet, das gerade für den Rechts historiker von hervor- 
ragender Bedeutung ist, für das Gebiet der Rechtspflege: hier eröffnet sich 
dem Forscher noch ein weites, wohl auch dornenvolles Feld der Bethäti- 
gung; ungleich detaillierter ist die Besprechung des Heerwesens und na- 
mentlich der Finanzvenvaltung. Eine sehr gründliche Behandlung ist auch 
den wirthschaftlichen Zuständen, und im letzten Abschnitte den socialen 
Verhältnissen zu Theil geworden, wofür dem V. eben werthvolle eigene 
und fremde Vorarbeiten zu Gebote standen; am dringendsten bedürfen 
noch der Untersuchung und Klarlegung diese Dinge in Tirol. 

Die kurze al)er bedeutungsvolle Zeit zwischen 1493 und l,52fi, die 
bei Huber noch zur Vorgeschichte gehört, behandelt L. als selbständige 
in. Periode mit der Ueberschrift : der Uebergang vom Mittelalter zur 
Neuzeit ; zur Begründung dessen macht der V. wie mir scheint mit Recht 
geltend, dass einerseits die Reformen Maximilians einen entschiedenen 
Wendepunkt in der österreichischen Verfassungsgeschichte bedeuten, während 
andererseits durch den Anfall von Böhmen und Ungarn die Entwicklung 
des österreichischen Staates in ganz neue Bahnen gelenkt wurde. Die 
Maximilianische Vcrwaltungs- und Behördenorganisation, die Rückwirkung 
derselben auf die Landstände, die Entstehung einer landständischen Ver- 
waltung, die Zwischenherrscha^t, der Landstände nach Max I. Tode und 
deren Auseinandersetzung mit Ferdinand I. bilden, nebst einer geschicht- 
lichen Einleitung, den Inhalt dieser lU. Periode. 



Literatur. ;^^5 

Die ältere Verfassungsgeschichte der beiden Ländergruppen Böhmen 
und Ungarn hat auch L. in den Kreis seiner Darstellung einbezogen, allein 
er begnügte sich zum Unterschiede von Huber mit zwei summarischen, 
übrigens dem Zwecke durchaus entsprechenden Skizzen, die als Anhang I 
und II das Werk abschliessen. 

Der II. Theil, welcher bis Ostern 1896 in Aussicht gestellt wird, soll 
die »Oest. R. G. seit dem Mittelalter* umfassen und in zwei Perioden 
zerfallen: I. die neuere Zeit bis 1740, und II. die neueste Zeit bis 1867. 
Es liegt nun der Wunsch nahe, dass dieser II. Theil dem I. in jeder 
Hinsicht ebenbürtig sein möge; leider ist die Befürchtung nicht un- 
begründet, dass L. die Neuzeit viel summarischer behandeln werde, 
nachdem er der Ansicht huldigt, dass die neuei-e Geschichte Oesterreichs 
mehr zur Competenz des Dogmatikers als des Eechtshistorikers gehöre i). 
Wenn auch nicht geleugnet werden soll, es sei »die Zeit des Mittelalters 
das eigenste Gebiet des Rechtshistorikers <S so kann es andererseits wohl 
keinem Zweifel unterliegen, dass auch die neuzeitliche östen-eichische 
Reichs- und Rechtsgeschichte der Forschung eine Fülle der bedeutsamsten 
Probleme darbietet, deren Lösung füglich nicht dem Dogmatiker überlassen 
werden darf. 

Innsbruck im Dezember 1895. v. Sartori-Montecroce. 



Ausgewählte Urkunden zur Verfassungsgeschiebte 
der deutsch-österreichischen Erblande im Mittelalter, 
Herausgegeben mit Unterstützung des k. k. Ministeriums für Cultus 
und Unterricht von Dr. Ernst Freilierrn von Schwind und 
Dr. Alphons Dopsch. Innsbruck, Wagner 1895. XX und 475 S. 

Die Absicht der Herausgeber war, eine Reihe von Urkunden, welche 
die Verfassungsgeschichte der deutsch-österreichischen Erblande im Mittel- 
alter beleuchten, in bequemer Form der Benützung zugänglich zu machen. 
Die Sammlung ist zunächst für den akademischen Gebrauch in Uebungs- 
collegien und Seminarien berechnet, doch hoffen Dopsch und Schwind, dass 
sie sich auch in etwas weiteren Kreisen als brauchbar erweisen dürfte, da sie 
eine Anzahl bisher noch nicht, oder doch nur in ungenügender Form ver- 
öffentlichter Urkunden in kritischer Form zum Abdruck bringt. 

Referent ist der festen Ueberzeugl^ng, dass sich die so bescheiden 
geäusserte Erwartung der Herausgeber vollauf erfüllen wird d. h., dass 
das wohlgelungene Werk nicht blos Lehrern und Schülern, für die es zu- 
nächst bestimmt ist, sondern überhaupt dem Forscher auf dem Gebiet der 
Verfassungsgeschichte des deutschen Reichs und seiner Territorien, als 
bequemes und zuverlässiges Hilfsbuch willkommen sein wird. Zu den 
schwierigen Aufgaben, welche die Herausgeber zu bewältigen hatten, 
gehörte nicht blos die Sammlung eines so vielfach zerstreuten Materials, 
sondern auch die richtige Auswahl. Man wird die Grundsätze, von welchen 
sie sich dabei leiten liessen, nur billige a können. Dem Werke einen 

') Vgl, die Vorrede zu seiner Geschichte des älteren Gerichtswes. in Oe. 
S. VII f. 



oA(\ Literatur. 

arösseren Umfang zu geben, war zunächst unthunlich, es erreicht ohnedies 
beinahe die doppelte Bogenzahl (.30 gegen 17) der vorbildlichen Lörsch- 
Schröderischen »Urkunden zur Geschichte des deutschen Privatrechts«. 
Dopsch und Schwind hatten daher nur die Wahl entweder sich im wesent- 
lichen auf ein Land zu beschränken und von den übrigen nur vereinzelte 
Proben zu bieten, oder sie mussten die Auswahl von vornherein mit 
möglichst gleichmässiger Berücksichtigung aller altösterreichischen Lande 
einrichten. Sie haben sich mit Recht für den zweiten Weg entschieden 
und bieten auf 444 Seiten die stattliche Eeihe von 231 Urkunden, die 
in chronologischer Folge vom J. 1027 bis zum Schluss des 15. Jahrh. 
reichen. Vom provinziellen Standpunkt aus könnte man allerdings noch 
die Aufnahme einiger Stücke mehr wünschen, keineswegs jedoch auf 
Kosten des schon Gebotenen, von dem wenigstens der Referent nicht gern 
ein Stück vermissen würde. Hoffen wir also im Interesse der österreichi- 
schen Eechtsgeschichte, dass recht bald ein Ergänzungsband erscheine, für 
welchen namentlich der Codex dipl. Istrianus von Kandier noch manchen 
wichtigen Beitrag liefern könnte. Als Zusätze würde ich für Kärnten die 
Urkunde über die Gewissenden vom J. 1279 in Vorschlag bringen, mit 
welcher die Ordnung vom J. 1312 und die Tiroler vom J. 1349 zusammen- 
hängen, ferner Kg. Friedrichs IV. Bestätigung des Landrechts und der 
Landgerichte vom J. 1444 (Landhandfeste S. 19) und etwa die Polizei- 
ordnung vom J. 1492 (Megiser, ann. Gar. 1243). Für Steiermark möchte 
ich auf°die Müllerordnung vom 25. Nov. 1346, sowie auf die Vergleiche 
zwischen den beiden obern Ständen und der Bürgerschaft vom 12. Juli 
1418 und 6. Nov. 1445 aufmerksam machen, für Tirol wären wohl die 
Urkunden von 1282, 24. Mai und (l283) 20- Jänner (Hormayr, Bei- 
träge I, 258/9) zu berücksichtigen, die sich auf die staatsrechtliche Stel- 
lung des Grafen von Tirol beziehen, bei Oesterreich vermisse ich den wich- 
tigen Landfrieden Otakars vom J. 1251. 

Die Ausgabe der gewählten Stücke entspricht völlig dem heutigen 
Stande wissenschaftlicher Arbeiten und übertrifft sogar in der Ausführung 
die Lörsch-Schröderische Sammlung dadurch, dass die Herausgeber in erster 
Linie nicht Urkundenwerke, sondern Archive benützten. Es wird daher 
von wenigen Fällen abgesehen kein Wiederabdruck, sondern eine text- 
kritische Ausgabe geboten und überdies — was bei Urkunden zur Ver- 
fassungsgeschichte keineswegs gleichgiltig ist — überall auch die Be- 
schaffenheit der Vorlage (ob Original oder Abschrift) und der Ort, wo sie 
sich befindet angegeben. Uneingeschränktes Lob verdient ferner die Art 
und Weise, wie in der Dopsch-Schwind'schen Sammlung der Eechtsstoff 
dem Benutzer zugänglich gemacht wird, da der Text nicht nur mit An- 
gaben der Werke, in welchen ein Stück schon erwähnt oder abgedruckt 
ist, versehen wurde, sondern auch die einschlägige Fachliteratur nachweist. 
Dazu kommen drei am Schlüsse beigegebene Uebersichten, die den reichen 
Inhalt der Urkunden nicht blos nach Zeitfolge und Ortszugehörigkeit, 
sondern auch stofflich erschliessen. Die Realübersicht kann man geradezu 
als ein durch Urkunden erläutertes System des österreichischen Verfassungs- 
und Verwaltungsrechts zur Zeit des Mittelalters bezeichnen. 

Es wurde schon erwähnt, dass die Herausgeber ihre Sammlung zu- 
nächst als Unterrichtsbehelf erklären. Solchem Zweck entspricht sie in 



Literatur. 347 

der That aufs Beste, da sie eine sehr empfindliche Lücke ausfüllt. Wie 
sehr beschränkt war man nicht in der Wahl eines genügend zugänglichen 
Quellenstoffes, wenn man ein Uebungscollegium aus der österreichischen 
ßechtsgeschichte abhalten, wollte. Nur für Oesterreich und Steiermark 
(wenn man sich auf die altösterreichischen Erblande beschränkt) liegen 
geeignete Ausgaben von Rechtsquellen vor, während jene der übrigen ent- 
weder noch gar nicht, oder zerstreut oder endlich in so seltenen Sammlungen 
veröffentlicht sind, dass man sie kaum beschaffen konnte. Diesem Mangel 
ist nun durch die ausgewählten Urkunden mit einem Schlage abgeholfen, 
da sie, wie ein Blick in die geographische Uebersicht lehrt, Rechtsstoft' 
aus allen altösterreichischen Landen in hinlänglicher Menge darbieten. 

Zu Verbesserungen giebt die Ausgabe der , ausgewählten Urkunden^'' 
nur wenig Anlass. S. 175 Nr. 94 wird bei Abdruck der von Herzog 
Albrecht IL für Kärnten erlassenen Landesordnung bemerkt, dass an dem- 
selben Tage eine gleiche Landesordnung für Krain ergieng. Das ist ein 
Irrthura, die Kärntner Landesordnung datiei't 1338 an des heiligen 
chreuzestag ze herbst, die Krainer zwei Tage später am mittichen nach 
des heiligen chreuzestag, als es erhoben ward. Richtig ist, dass beide 
Ui'kunden im Inhalt übereinstimmen, wenn gleich mit kleinen Verschieden- 
heiten, die in der Fussnote leicht Platz gefunden hätten. Vielleicht wäre 
es sogar besser gewesen, den Text der Krainer Landesordnung zur Grund- 
lage der Ausgabe zu machen, da er nur in einer mit Druckfehlern ent- 
stellten und modernisierten Fassung in der an sich seltenen Landhandfeste 
des Herzogthums Krain vorliegt (mit der Jahreszahl 1398 statt 1338), 
während der Text der Kärntnischen nach dem Original des Staatsarchivs 
von Ankershofen veröffentlicht wurde. Aehnlich verhält es sich mit der 
vom Grafen Albrecht von Görz seiner Ritterschaft am 29. April 136.5 
ausgestellten Verbriefung, die sowohl der Ritterschaft in der Mark und 
dem Möttlinger Boden als auch in Istrien ertheilt wurde. Hier hätte es 
sich ebenfalls verlohnt, die wenigen Varianten der Urkunde für Istrien in 
den Noten zu bringen. Zu untersuchen wäre überdies, ob nicht eine 
dritte und vielleicht sogar eine vierte Ausfertigung für die Görzer Vasallen 
der Grafschaft und auf dem Karst vorhanden ist. Die Stelle bei Czörnig, 
Görz S. 697 Anm. 1 lautet, dass Graf Albert wie seinen Vasallen in 
Istrien so gleichzeitig auch seinen Mannen in Görz und in der windischen 
Mark ein Privilegium ertheilt habe. Dass der Adel auf dem Karst im 
Besitze besonderer Verbriefungen sich befand, ist für die Zeit K. Frie- 
drichs III. nachweisbar. Neumarkt in der Möttling, wo die erwähnten 
Urkunden ausgestellt wurden, ist aber kein anderer Ort, wie man nach 
der Reduction des Datums denken könnte, als eben Möttling selbst. (Vgl. 
Valvasor Ehre des Herzogthums Krain, XL Buch, S. 386, die Stiftungs- 
urkunde über das Spital in der Stadt Möttling). 

Endlich sei der Abdruck des österreichischen Landesrechts erwähnt. 
Die Herausgeber haben die ältere Aufzeichnung zum J. 1237 gestellt, in 
welche Zeit sie nach allgemeiner Annahme gehört, den erweiterten Ent- 
wurf aber, entsprechend der Abhandlung, die der eine der Herausgeber, 
Dopsch im 79. Bande des Archivs f. österr. Geschichte veröffentlicht hat, 
bei dem J. 1266 gebracht. Referent hat schon an anderm Orte (österr. 
Reichsgeschichte 136 Anm. 3) erklärt, dass er durch die Beweisführung 



oAii, Literatur. 

des Dr. Dopsch in seiner Meinung, dass der Entwurf in die Zeit König 
Albrechts I. gehöre, nicht erschüttert worden sei. Er wiederholt dies heute 
nochmals und möchte un vorgreif lieh einer ausführlicheren Widerlegung, 
diesmal nur auf einen Punkt aufmerksam machen. Dopsch hat vor allem 
aus den Zusätzen, die sich in dem erweiterten Entwurf finden, auf die Ke- 
ffierung König Otakars als Zeit der Abfassung geschlossen, hat es aber 
unterlassen, zu prüfen, ob auch die aus der älteren Fassung herüber- 
genommen Bestimmungen mit den Verhältnissen der von ihm angenomme- 
nen Entstehungszeit vereinbarlich sind; das ist nämlich nicht durchwegs 
der Fall. So enthalten Art. 2 der Landrechtsaufzeichnung und § 2 des 
jungem Entwurfs übereinstimmend den Satz, dass der Landesherr einen 
Dienstmann der nicht auf handhafter That betreten wurde, zwar ächten 
dürfe, dass aber die Oberacht vom Eeich verhängt werden müsse, da nur 
dieses ihm Ehre und Recht benehmen könne. Wie will man nun dies 
mit dem bekannten Landfrieden Otakars vom J. 1251 in Einklang bringen, 
der die erste Aechtung (den Furban) den obern Landrichtern überlässt 
und die Oberacht für den Landesherrn in Anspruch nimmt? (Hasenöhrl 
österr. Landesrecht 214). Ist es wohl wahrscheinlich, dass Otakar auf ein 
wichtiges Recht, das er sich schon bei der Besitzergreifung Oesterreichs 
beigelegt hatte, fünfzehn Jahre später (1266), als er auf der Höhe seiner 
Macht stand, ohne weiters zu Gunsten des Reiches und der Landesmini- 
sterialen wieder verzichtet habe? Wohl kaum; dagegen fallen die Ein- 
wände fort, sobald man die Entstehung des Entwurfs in die Zeit nach 
König Otakars Herrschaft verlegt, weil König Rudolf bekanntlich die Rechte 
des Reiches über Oesterreich im Umfang, wie sie zur Zeit der Babenberger 
bestanden hatten, vrieder hergestellt hat. Die Frage der Entstehungszeit 
des österreichischen Landrechts-Entvmrfs ist daher meines Erachtens trotz 
der blendenden Beweisführung des Dr. Dopsch noch nicht endgiltig ent- 
schieden und soll von mir bei passender Gelegenheit noch ausführlicher 
erörtert werden, 

Graz. L u s c h i n V. E b e n g r e u t h. 



Westfälisches Urkundenbuch, Fortsetzung vou Erhards 
Regesta historiea Westfaliae, herausgegeben von dem Vereine für Ge- 
schichte und Alterthumskunde Westfalens IV. B a n d. D i e U r k u u d e n 
des Bisthums Paderborn vom J. 1201-1300. 1201—1250 
bearbeitet von K. Wilmans, 1250—1300 bearbeitet von H. Finke 
nebst Personen- und Ortsregister, Siegelverzeichnis und Glossar von 
H. Hoogeweg. Münster 1877—1894, in Comm. der Regensbergschen 
Buchhandlung. IV". 1452 und VII S. 

R. Wilmans hat die beiden ersten 1874 und 1880 ausgegebenen, 
4,30 Nummern zählenden Hefte dieses Urkundenbuches bearbeitet und ver- 
öffentlicht. Als er dann — theilweise auch, wie Finke im Vorwort an- 
deutet, wegen der von Giefers gegen jene Publikation erhobenen Vorwürfe 
— vom westfäl. ÜB. zurücktrat, übernahm Giefers, und als dieser kurz 
darauf starb, Diekamp die Leitung. Der Bau des Unternehmens war nun 



Literatur. 



349 



in erfreulicher Weise erweitert worden. Während Wilmans sich wesentlich 
auf die Ausbeutung der im Staatsarchiv zu Münster verwahrten Urkunden 
beschränkte, dehnten seine Nachfolger mit Kecht ihre Forschungen auch 
auf die übrigen Fundstellen für Urkunden des Sprengeis Paderborn aus; 
sie beschlossen auch die Urkunden der an Waldeck und Lippe-Detmold 
gekommeneu Theile dieser Diücese aufzunehmen, und waren auch nicht 
ängstlich, Urkundenbestände, welche auch ausserhalb noch aus der directen 
Interessensphäre der Paderborner Bischöfe hervorgegangen waren, ein- 
zureihen. 

Die Sammlung dieses Stoflfes war grossentheils beendet, als Diekamp 
Ende 1883 starb. Zu seinem Nachfolger wui'de Prof. Finke erkoren, 
ihm fiel ausser der Abschliessung der archivalischen Forschung die mühe- 
volle Aufgabe zu, das ausgedehnte und vielgestaltige Material zu sichten 
und zu verarbeiten. In dem Vorwort gedenkt dieser Herausgeber in be- 
sonderer Weise der vielseitigen Mithilfe, welche Johannes Gf. v. Bocholtz- 
Asseburg seit dem J. 1880 bei der Herausgabe geleistet. 

Die Editionspi-incipien entsprechen den heutigen Anforderungen, die 
kleinen Abweichungen der späteren Lieferungen vom Vorgang Wilmans 
gereichen dem Buch nur zum Vortheil. Die Zuverlässigkeit der Abdrücke 
entzieht sich meiner Beurtheilung, doch spricht für dieselbe, dass nach 
Finkes Worten ein grosser Theil der Quellen, und man ist möglichst auf 
die Originale zurückgegangen, nachcollationiert wurde. Der ganze Band 
enthält mit Einschluss der Nachträge gegen 2700 Stücke, bis auf wenige 
alles Urkunden im engern Sinn. Bereits bequem veröffentlichte oder 
solche Urkunden, welche nur wegen westfälischer Zeugen zu erwähnen 
waren, sind im Regest, die übrigen in vollem Text geboten. Das unge- 
druckte Material überwiegt bereits in den beiden ersten Heften, und dann 
immer mehr. 

Der grosse Eeichthum an Urkunden wird neben den stattlichen Ar- 
chiven der beiden Hochstifte Münster und Paderborn ganz wesentlich denen 
der vielen aufgehobenen Klöster der Paderborner Diöcese verdankt. Das 
bestimmt auch den Charakter des Urkundenbuches. Namentlich in den 
ersten zwei Dritteln des 13. Jahrh. stehen Urkunden vermögensrechtlichen 
Inhaltes für oder doch in Zusammenhang mit geistlichen Stiftern und 
Stiftungen durchaus im Vordergrund, daneben Documente der landesherr- 
lichen und der geistlichen Jurisdiction des Bischofs und des Erzbischofs 
von Köln, endlich päpstliche Mandate in weitaus grösserer Anzahl als 
Privilegien. Erst seit etwa 1270 mehren sich Geschäfte Adeliger unter 
einander und Documente über städtische Verhältnisse. Auch die Zahl der 
für- die politische Territorialgeschichte Westfalens bedeutsamen Urkunden 
wächst nun. Die ßeichsgeschichte tritt in der ganzen Sammlung wenig 
hervor, am wenigsten in der 2. Hälfte. Von König Wilhelm treffen wir 
3 Urk. für das Paderborner Gebiet (no 471. 526. 600), ebensoviele von 
Rudolf (no 1627. 1830. 2076), von Albrecht 2 (n^ 2515. 2576). 

Für die westfälische Geschichte dagegen ist der umfangreiche, vielfach 
zum ersten Mal erschlossene Stoff" natürlich nach den verschiedensten 
Richtungen von grossem Werth. Hervorgehoben sei noch die sorgfältige 
Feststellung und Erklärung der Oertlichkeiten, in deren Deutung Finke 
Wilmans gegen die Angriffe Giefer's in Schutz nimmt, und die eingeh