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MITTELM! 



LIBRARY 

BUIYERSHY OF CALIFORNIA 

RIVERSIDE 






MITTELMEERBILDER 

GESAMMELTE ABHANDLUNGEN 
ZUR KUNDE DER MITTELMEERLÄNDER 



VON 



Dr. THEOBALD FISCHER 

GKH. REG.-RAT, PROFESSOR DER GEOGRAPHIE AN DER UNIVERSITÄT MARBURG 



NEUE FOLGE 



MIT 8 KARTCHEN 



LEIPZIG UND BERLIN 
DRUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER 

1908 






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ALLE RECHTE, 
EINSCHLIESSLICH DES ÜBERSETZUNGSRECHTS, VORBEHALTEN. 



Vorrede. 



Der im Jahre 1 906 erschienene Band meiner Mittelmeerbilder 
hat zu meiner Freude und Überraschung nicht nur in den weiteren 
Kreisen allgemein Gebildeter, für welche sie in erster Linie bestimmt 
waren, sondern auch bei den Fachgenossen in hohem Maße An- 
erkennung gefunden. Das war für mich eine Ermutigung, eine von 
vornherein ins Auge gefaßte Neue Folge nicht zu lange hinaus- 
zuschieben. 

Diese unterscheidet sich von der ersten insofern, als sie z. T. 
mehr wissenschaftliche Untersuchungen enthält, die aber auch mög- 
lichst allgemeinverständlich gehalten sind und das Verständnis für 
das Mittelmeergebiet, das inzwischen noch mehr in den Vordergrund 
der Weltpolitik gerückt ist, auch in dieser Richtung zu vertiefen 
geeignet sein dürften. Es handelt sich auch hier überwiegend um 
bereits veröffentlichte Abhandlungen und Vorträge. Daneben aber 
auch um Vorträge, welche zwar öffentlich vor größeren Zuhörerkreisen 
gehalten, aber noch nicht veröffentlicht worden sind. Das gilt 
namentlich von den ersten drei, die zur Einführung unerläßlich 
schienen. Gekennzeichnet wird der Band besonders durch Studien 
über die Küsten des Mittelmeeres, die fast durchaus auf Selbstsehen 
beruhen und besonders die geschichtlichen Beziehungen zwischen 
dem Wohnräume und den Geschicken der Menschen klarzulegen 
bemüht sind. Und gerade die Küstenlandschaften sind es, in welchen 
sich die Geschichte der Mittelmeerländer vorzugsweise abspielt, und 
die von den Reisenden mit Vorliebe besucht werden. 



XV Vorrede. 

Zum Verständnis der Zeitgeschichte dürften ganz besonders 
die letzten Aufsätze beitragen, welche Marokko und die Mittelmeer- 
völker behandeln, ganz besonders aber nach eigenen auf fünf Reisen 
gemachten Beobachtungen und nach in 30 Jahren gesammelten 
Lesefrüchten ein Bild der heute im Vordergrunde der Weltpolitik 
stehenden Berbern entwerfen. 

Marburg, im März 1908. 

Theobald Fischer. 



Inhaltsübersicht. 



I. Das Mittelmeergebiet. 

1. Seine kulturgeschichtliche Bedeutung i 

2. Seine Entstehung und Entwicklung 15 

3. Die geographischen Grundzüge des Mittelnieergebietes 31 

II. Küstenstudien aus den Mittelmeerländern. 

1. Zur Entwicklungsgeschichte der Küsten 59 

2. Die Abrasionsküste bei Tipaza und Algier 88 

1. Die Abrasionsküste bei Tipaza 93 

2. Vergleichender Überblick über die Küste von Tunesien und 

Algerien 108 

3. Veränderungen der Küste am Golf von Algier 112 

4. Neue Küstenstudien an der Abrasionsküste von Tipaza und Algier . 119 

5. An der Küste der großen Kabylei 137 

6. Die Bucht von Bona 14c 

7. Die Stätte von Karthago 155 

8. Die nordadriatische Haffküste 176 

9. Der Schwerpunkt Griechenlands 193 

III. Zur Geomorphologie Italiens. 

1. Zur Entwicklungsgeschichte der Apenninen-Halbinsel 210 

a) Die Tyrrhenis 211 

b) Der Süd-Apennin 215 

c) Terrassenbildung in Kalabrien und Sizilien 222 

d) Gargäno — Apulien 227 

2. Zur Hydrographie von Kalabrien 231 

IV. Versuch einer wissenschaftlichen Urographie 
der Iberischen Halbinsel. 

1. Geschichtlicher Überblick 241 

2. Die Iberische Scholle 247 

a) Allgemeiner Überblick 247 

b) Das Haupt-Scheidegebirge 252 

( I )as Iberische Tafelland 258 



VI Inhaltsübersicht. 

Seite 

3. Das Kantabrisch-Pyrenäische Faltenland 263 

a) Das Kantabrische Gebirge 264 

b) Die Pyrenäen 266 

4. Das Katatonische Gebirge 268 

5. Das Ebrobecken 270 

6. Das Andalusische Faltenland 270 

V. Klimatologische Studien. 

1. Das Klima der Mittelmeerländer und seine Folgewirkungen .... 279 

2. Das Klima von Marokko 303 

a) Der klimatologische Beobachtungsstoft" 304 

b) Bodenplastische Skizze 311 

c) Luftdruck und Luftströmungen 312 

d) Kühle Auftriebsküste 319 

e) Die thermischen Verhältnisse 326 

f) Die Niederschlagsverhältnisse 330 

g) Ausdehnung des Küstengebietes 341 

h) Das Innere. Niederschlagsverhältnisse 348 

i) Das Gebirgsland 353 

k) Die thermischen Verhältnisse des Innern 356 

1) Staubwinde 359 

m) Quellen- und Brunnentemperaturen 360 

n) Malaria 361 

o) Tanger und Mogador als klimatische Kurorte 362 

VI. Anthropogeographische Studien. 

1. Marokko als Kriegsschauplatz 367 

2. Die Völker des Mittelmeergebiets und ihre weltpolitische Bedeutung 374 

Namen- und Sachregister. 411 



Verzeichnis der Kärtchen. 



1. Tektonische Grundzüge der Mittelmeerländer zu I 2 

2. Die thalassogene Schwemmlandküste von Languedoc ,, II I 

3. Die Brandungsbuchten bei Tipaza „ II 2 

4. Die Rundbucht von Algier „ II 3 

5. Der Golf von Tunis „ II 7 

6. Die nordadriatische Haffküste „ II 8 

7. Die Ostseite von Griechenland „ II 9 

8. Regenkärtchen von Marokko „ VI 1 



I. Das Mittelmeergebiet. 



i. Seine kulturgeschichtliche Bedeutung. 

Wir sprechen von einem mediterranen Kulturkreise, in welchen 
die Wurzeln unserer europäischen, seit der Mitte des 19. Jahr- 
hunderts sich rasch zur ozeanischen, zur Weltkultur entwickelnden 
Kultur hineinreichen: Christentum und klassische Bildung. Die 
Wiege des ersteren stand in dem kleinen Mittelmeerlande Palästina, 
die der letzteren in dem kaum größeren Griechenland. Unter den 
Charakterzügen des Mittelmeergebiets, die dasselbe ganz besonders 
befähigten eine Heimstätte höherer Kultur zu werden, ist neben 
der Auflösung der Erdteile in Halbinseln und Inseln, neben der 
sich immer wiederholenden Annäherung des einen an den anderen, 
neben der gegenseitigen Durchdringung von Land und Meer, 
neben der Übereinstimmung in Klima, Pflanzenwelt und Bedin- 
gungen des Bodenbaues vor allem auch die Zugänglichkeit dieses 
weiten Erdraumes aus der Umwelt, vor allem von Europa und 
Asien aus zu nennen. Während das Mittelmeergebiet als Kultur- 
herd zu Afrika nur wenige Beziehungen, sei es gebend, sei es 
nehmend unterhalten hat, hat es Europa fast nur mitgeteilt, von Asien 
fast nur empfangen. Je weiter wir die Anfänge griechischer 
Kultur durch die Ausgrabungen auf griechischem Boden zurück- 
verfolgen können, um so mehr orientalische Einflüsse lassen sich 
nachweisen. Doch reichen dieselben nur bis Vorderasien, allen- 
falls bis Indien. Der ostasiatische Kulturkreis ist ein völlig in sich 
abgeschlossener gewesen, eine Welt für sich, die weder von 
außen beeinflußt worden ist, noch nach außen Einfluß ausgeübt 
hat. Wohl aber haben mehr oder weniger alle Kulturherde des 
süd- und vorderasiatischen Kulturkreises, wie untereinander, so 
zum mediterranen Beziehungen unterhalten. Sie alle sind durch- 

Fischcr, Mittelmeerbilder. Neue Folge. I 



2 I> I. Kulturgeschichtliche Bedeutung des Mittelmeergebietes. 

aus festländische und erscheinen als gebunden an große Ströme: 
Ganges und Indus, Oxus und Jaxartes, Euphrat und Tigris, Nil. 
Auch der leider noch zu wenig erforschte südarabische ist 
mit Hilfe künstlicher Berieselung erwachsen. Diese Ströme 
waren die lebenspendenden Naturkräfte in fast regenlosen Ge- 
bieten, die den Menschen förmlich herausforderten sie beherrschen 
zu lernen und sich dienstbar zu machen. Dort in der trocknen, 
reinen Luft der Wüste entwickelte sich aus der Beobachtung der 
Gestirne zur Feststellung der Zeit der Überschwemmungen die 
Wissenschaft der Astronomie, die Notwendigkeit, die nach den 
Überschwemmungen verwischten Flurgrenzen neu festzulegen, die 
Besteuerung zu regeln, das befruchtende Wasser nach Bedarf 
einzudämmen oder auszubreiten u. dgl. m. legte den Grund zur 
Mathematik, zur Meßkunst usw. Die Flüsse entwickelten sich zu 
Verkehrswegen. So wurden diese Oasenlandschaften Sitze einer 
immer dichter, einer immer zahlreicher werdenden Bevölkerung, 
die Brennpunkte des Handels, die Ausgangspunkte politischer 
Macht, vielfach die Kerne von Großreichen. Der so angehäufte, 
ungleichmäßig verteilte Wohlstand erlaubte Hingabe an rein 
geistige Tätigkeit, förderte Kunstgewerbe und Kunst. 

Es sind wohl weniger die Erzeuger und Träger dieser vorder- 
und südasiatischen Kultur selbst gewesen, welche die Errungen- 
schaften derselben ins Mittelmeer übertragen haben, als das 
Handelsvolk der Phöniker, die auch ihrerseits, ohne die viel 
umstrittene Frage ihrer Herkunft damit entscheiden zu wollen, erst 
durch Wanderung Mittelmeeranwohner geworden waren. Der 
phönikische Handel war gewiß ursprünglich Landhandel, hat sich 
aber sehr früh zum Seehandel entwickelt. Daß die syrische 
Küste eine solche Entwicklung besonders begünstigt habe, ist 
eine irrige Annahme. Sie war und ist keineswegs besonders 
hafenreich. Dessen bedurfte es auch in der ältesten Zeit gar 
nicht, viel wertvoller war ein flacher Strand, auf welchen man die 
kleinen Schiffe hinaufzog. Schiffsbauholz, Kupfer, auch Eisen 
boten der Libanon und Cypern. Der Fischreichtum des Meeres 
mußte bald zur Ernährung der in den kleinen Küstenebenen, auf 
den Schuttkegeln der Libanonflüsse rasch verdichteten Bevölke- 
rung in Anspruch genommen werden. Mit den Fischen gewann man 
wohl auch bald kostbaren Farbstoff liefernde Schnecken. Später 
leisteten kleine küstennahe Inseln, auf denen oder hinter denen, 



Die Phöniker. 2 

gewissermaßen als Hafendämme, die Seestädte sich entwickelten, 
wesentliche Dienste. Bald wurden diese natürlich geschützten 
Liegeplätze weiter durch Dämme zu wirklichen Häfen ausgebaut, 
auch wurden Hafenbecken auf dem Festlande selbst, wie solche 
vielfach die Karthager angelegt haben, sog. Kothone, durch Aus- 
schachtungen geschaffen. Die Phöniker haben das Seewesen 
wesentlich verbessert, Schiffstypen erfunden, die lange maßgebend 
gewesen sind, sie haben es auch gelernt, unter Benützung der 
Gestirne und nach ihrer auf Erfahrung beruhenden Kenntnis der 
Segelkraft des Windes sich von den Küsten loszulösen und größere 
Strecken des offenen Meeres zu befahren. Doch ist, was wir 
von der Kultur der Phöniker wissen, leider sehr lückenhaft und 
beruht z. T. auf den Berichten ihrer Feinde. In ihren Seestädten 
hatte Handel und Gewerbtätigkeit große Reichtümer aufgehäuft, 
die immer und immer wieder die Eroberer anlockten und trotz 
zähen Widerstands dieselben erobern ließen. Sie hatten den Land- 
handel von Mesopotamien und von Indien her in der Hand, da 
am nordsyrischen Gestade die den beiden Schenkeln des Euphrat 
folgenden Straßen ans Mittelmeer ausmündeten. Sie haben schon 
das Mittelmeer zu einem Durchgangsmeere gemacht, indem sie 
zur See ihre eigenen Erzeugnisse und die des ferneren Ostens dem 
Westen zuführten. Sie vermittelten namentlich auch, schon früh 
auf Landwegen den Ägyptern unterworfen, zur See, an dem un- 
nahbaren Strande von Palästina vorbei, wo sie bis weit in die 
israelitische Geschichte hinein Jaffa besetzt hielten, den Handel 
oder einen Teil des Handels von Vorderasien mit Ägypten 
und Ägyptens mit der Mittelmeerwelt. Schon um 1600 v. Chr. 
unter Tuthmosis III. sind die Phöniker auf den Denkmälern von 
Theben dargestellt als dem Könige Tribut bringend in der Ge- 
stalt von Edelmetallen und Edelsteinen bzw. aus solchen gefertigten 
und damit geschmückten Geräten, die auf den Handel der 
Phöniker mit dem ferneren Osten bis nach Indien und die kunst- 
gewerbliche Verarbeitung durch den Landhandel bezogener Roh- 
stoffe hinweisen. Ägypten ist eine durchaus festländische Oase 
in der Wüste, seine Bewohner, so gut sie sich auf die Nilschiff- 
fahrt verstanden, waren zu allen Zeiten meerscheu. Der breite, 
von Sümpfen und Haffen gebildete Gürtel am Rande des Deltas 
schloß das Land gegen das Meer ab. Die Phöniker und später 
die Griechen benutzten nur die Flußmündungen und Flußarme als 



a 1,1. Kulturgeschichtliche Bedeutung des Mittelmeergebietes. 

Zugänge und Häfen. Erst Alexander der Große legte am offenen 
Meere und am Westrande des Deltas, dessen landbildende Sink- 
stoffe die Küstenströmung nach Osten trägt, im Schutze einer 
kleinen Insel, einer verfestigten alten Düne, die bald mit dem 
Lande verbunden wurde, eine nach seinem Namen benannte 
Seestadt an, welche sich bald, namentlich durch den wohl aus- 
schließlich von Griechen betriebenen Handel durch das Rote 
Meer nach Südarabien, Indien und Ostafrika, zur ersten Welt- 
handelsstadt entwickelte. Alexandria war aber eine griechische 
Stadt, wie auch das seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, 
wiederum dank der Beziehungen zum Roten Meere, wieder auf- 
gelebte jetzige Alexandria kaum als ägyptische Stadt anzusehen 
ist. Die Phöniker haben also auch die Errungenschaften der ur- 
alten Kulturoase des Nils in den Bäuchen ihrer Schiffe dem 
Mittelmeergebiete zugeführt. 

Wenn wir mehr von den Phönikern wüßten, so würden wir 
auch besser beurteilen können, welchen erziehenden Einfluß das 
Meer auf sie ausgeübt hat. Ein günstigeres Geschick haben in 
dieser Hinsicht die Griechen gehabt. 

Von den Griechen kann man sagen, daß bei ihnen erst 
das Meer voll und ganz an Stelle der großen Ströme der Kultur- 
herde Asiens getreten ist. Man kann Griechenland kurz als 
ein maritimes Gebirgsland bezeichnen, Norwegen vergleichbar. 
Durch Bewegungen in der Erdrinde, die in diesem Teile des 
mediterranen Bruchgürtels ihren höchsten Betrag erreichten, ist 
hier sowohl ein junges Faltengebirge als auch eine alte Scholle 
(der Ägaeis) zerstückt und in Inseln und Halbinseln aufgelöst 
worden. Das Meer hat sich überall zwischen das Land gedrängt 
und das große Kugeltrapez, das durch die Parallelkreise von 
Kreta und Konstantinopel, die Meridiane etwa von Korfu und 
Rhodos begrenzt ist, besteht zum größeren Teil aus Wasser: die 
Welt der heutigen Griechen und die älteste griechische Welt. 
Aber auch das Festland ist zerstückt und zerfällt in lauter kleine 
Landschaften, von denen einige, trotz geringer Meerferne, nur 
geringe Beziehungen zum Meere unterhalten und daher erst 
spät in die griechische Kulturbewegung hineingezogen werden. 
So Böotien, das die Hegemonie erlangt, als Athen aufgebraucht 
ist, so Arkadien und Ätolien, die gewissermaßen die Rolle von 
Reservezellen spielen. Ganz Griechenland kann man einen 



Die Griechen. c 

Mikrokosmos nennen. Die Bewohner Griechenlands werden 
förmlich aufs Meer gedrängt, der Bau von Straßen ist durch den 
felsigen, gebirgigen Charakter des Landes außerordentlich er- 
schwert und auch das neuzeitliche Griechenland hat daher erst 
spät und unvollkommen ein Netz von Straßen- und Eisenbahnen 
erhalten. Aller Verkehr vollzog sich vor kurzem und vollzieht 
sich noch heute zum großen Teile zur See, im leichten Segelboote. 
Sehen wir doch, daß die erst in türkischer Zeit eingewanderten, 
ursprünglich ganz festländischen Albanesen in Griechenland sehr 
rasch so hervorragend seetüchtig geworden sind, daß die ,, grie- 
chischen" Seehelden im Unabhängigkeitskampfe gegen die Türken 
z. T. Albanesen waren. Ähnlich dürften im Mittelalter die ein- 
gedrungenen Slawen angeähnlicht worden sein. Das Meer hat 
auch in der Zeit der türkischen Übermacht die Griechen ge- 
schützt und hat Teile griechischen Bodens von türkischer 
Herrschaft frei, wenn auch unter venetianischer Hoheit, erhalten. 
Das hat bewirkt, daß das griechische Volk nicht gleich den 
Slawen, Albanesen, Rumänen auf Jahrhunderte von der abend- 
ländischen Kultur abgesperrt und in tiefe Unkultur versunken ist. 
Noch heute sind die Griechen ein Seevolk. Der griechische 
Seehandel spielt im ganzen östlichen Mittelmeer, von Odessa bis 
Alexandria, von Smyrna bis nach Malta eine große Rolle. Die 
griechische Flagge weht in allen Häfen des östlichen Mittelmeers 
auf zahlreichen, heute auch immer mehr durch Dampfer ersetzten 
Segelschiffen. An den Küsten von Syrien und Marmarika bis 
an die tunesische Ostküste findet man im Sommer ganze Flotten 
griechischer Fischerboote. Das Meer hat die Griechen erzogen, 
hat sie zu seiner Beherrschung angeleitet. Und eine um so viel 
gewaltigere Naturkraft das Meer ist, wenn es auch nur ein 
zahmes Meer war, das griechische Inselmeer, später das ganze 
Mittelmeer, im Vergleich zu den großen Strömen der Kulturherde 
Vorderasiens, um so höher ist die griechische Kultur. Die Aus- 
grabungen auf Kreta, Santorin und anderwärts haben neben den 
orientalischen Kultureinflüssen doch den Beweis geliefert, daß 
auf den Inseln und an den Küsten Griechenlands schon in 
früher Zeit, wohl schon um 2000 v. Chr., eine hohe Kultur 
herrschte. Die Argonautensage weist schon auf weite Seefahrten 
und die Kenntnis ferner Länder hin. Eine Odyssee, ein wahres 
Schifferepos, konnte nur entstehen und allgemeine Verbreitung 



6 I, I. Kulturgeschichtliche Bedeutung des Mittelmeergebietes. 

finden in einem Volke, das völlig mit dem Meere verwachsen 
war. Das Meer und der Verkehr auf dem Meere ließ nun aber 
auch früh einen anderen kulturfördernden Faktor in Wirksamkeit 
treten: den Raum. Durch die Schiffahrt erweitert sich der Raum, 
auf welchem sich die griechische Kultur entwickelt, immer mehr 
und immer rascher. Die räumliche Beschränkung, welche die 
Kulturherde Vorderasiens kennzeichnet, verschwindet im griechischen 
immer mehr, namentlich auch durch die Koloniegründungen. Wie bei 
den phönikischen, so spielten auch bei den griechischen Kolonie- 
gründungen innere Unruhen, wohl durch örtliche und zeitliche 
Übervölkerung hervorgerufen, eine Rolle. Recht bezeichnend für 
den Einfluß des Raumes, dessen Größe immer neue Stoffe, 
immer neue Menschen hereinzieht, zu immer neuen Austauschen 
und Reibungen führt, ist es, daß neben, ja z. T. vor den Städten 
des Mutterlandes Pflanzstädte, wie Milet, das Beziehungen zu 
ganz Kleinasien und zu den Ufern des Schwarzen Meeres unter- 
hielt, Syrakus, Tarent die Sitze des höchsten griechischen Geistes- 
lebens wurden. Die Wiege der geographischen Wissenschaft stand 
ja in Ionien und besonders in Milet. 

Auch darin prägt sich der Einfluß des Raumes aus, daß 
die griechische Kultur erst zur weltbeherrschenden wurde, als sie 
sich den Griechenland nächsten größeren einheitlichen Raum, 
das Land Makedonien völlig unterworfen hatte, freilich mit der 
Wirkung des rasch darauf folgenden Verlustes der eigenen poli- 
tischen Selbständigkeit. Wie wir heute wohl einmal ein Panzer- 
schiff oder einen der herrlichen deutschen Dampfer, die die 
weiten Räume des Ozeans bezwingen, als das höchste Erzeugnis 
neuzeitlicher Kultur preisen, so konnte man das Heer Alexanders 
des Großen das höchste Erzeugnis griechischer Kultur nennen. 
So klein es war, so überlegen war es nach seiner Bewaffnung, 
seiner taktischen Gliederung, der Ausbildung jedes Mannes usw. 
den ungezählten Scharen der asiatischen Despoten. Der Gegen- 
satz war fast so groß wie der zwischen der Handvoll Spanier 
des Cortez und den Scharen des neuweltlichen, auf engem Räume 
emporgewachsenen Kulturvolks der Azteken. Durch Alexander 
den Großen erweiterte sich der Schauplatz der griechischen 
Kultur über ganz Vorderasien, bis nach Indien, bis Turkestan. 
Die uralten Kulturherde von Babylonien und Chaldäa , von Ägypten, 
ganz Syrien wurden ihm einverleibt. In der griechischen Sprache 



Die Griechen. y 

wurde ein Verkehrsmittel allerersten Ranges geschaffen, dessen 
Vorhandensein nachmals vor allem auch der Ausbreitung des in 
dem kleinen, abgeschlossenen, abgelegenen Mittelmeerlande 
Palästina gezeitigten Christentums außerordentlich förderlich ge- 
worden ist. 

Inzwischen hatte sich aber griechische Kultur, namentlich 
durch die griechischen Kolonien über das ganze westliche Mittel- 
meergebiet ausgedehnt. Die Ausgrabungen und Forschungen 
der letzten Jahrzehnte haben ja gezeigt, wie groß der griechische 
Einfluß auch in Karthago gewesen ist, so eifersüchtig dies auch 
die Griechen selbst von seinem Machtbereiche fern hielt. Wir 
wissen, wie nachhaltig das Geistesleben der ganz anders gearteten 
Römer durch den Handel, durch viele Tausende von Griechen 
beeinflußt worden ist, die als Gelehrte und Lehrer, als Privat- 
sekretäre u. dgl. in Rom wirkten. Griechenland war sozusagen 
der Mittelpunkt der damaligen Welt, der Brennpunkt des medi- 
terranen Kulturkreises geworden. Der Welthandel lag, wenn er 
auch nicht ausschließlich seinen Sitz in Griechenland selbst hatte, 
doch fast ausschließlich in griechischen Händen und kam dem 
griechischen Volke zugute. Fast für ein halbes Jahrtausend. 
Wie in Griechenland jede Stadt eine Art heiligen Bezirkes hatte, 
wo die Heiligtümer der Götter lagen, die Volksversammlungen 
gehalten wurden usw., ähnlich ja auch in Rom, so war Griechen- 
land der heilige Bezirk für die ganze griechische oder griechisch 
sein wollende Welt des Altertums. Wer immer in dem weiten 
Bereiche des Hellenismus, sei es ein Herrscher, sei es ein reicher 
Privatmann, sich über Seinesgleichen erheben wollte, suchte 
griechische Herkunft nachzuweisen und betätigte seine vornehme 
Herkunft und feinere Bildung damit, daß er nicht nur daheim 
alle Seiten griechischen Geisteslebens, der Kunst, der Wissen- 
schaft usw. eifrig zu fördern bemüht war, sondern daß er auch 
selbst nach Griechenland wallfahrtete , an den Festspielen in 
Olympia teilnahm oder durch Abgesandte an den Orakelstätten 
und Heiligtümern von Delphi, Delos, Olympia kostbare Weih- 
geschenke übergeben ließ, so daß die Schatzkammern dieser 
heiligen Stätten mit unermeßlichen Schätzen an Edelmetallen und 
Kunstwerken gefüllt, die Städte selbst mit den herrlichsten Bau- 
werken geschmückt wurden. Wie die Neugriechen den alten, 
wenn man diese unbefangen ansieht, vielfach ähneln, so auch in 



8 1,1. Kulturgeschichtliche Bedeutung des Mittelmeergebietes. 

dieser Hinsicht : Athen, heute wieder der Brennpunkt des geistigen 
Lebens der ganzen griechischen Welt, ist mit Prachtbauten ge- 
schmückt, welche reiche Griechen im Auslande gestiftet haben. 
Und selbst in kleinen Orten, oft abgelegenen Gebirgsdörfern 
findet man Schulhäuser, welche Söhne des Dorfes gebaut haben, 
die in der Fremde reich geworden sind. 

Durch die Römer, welche der griechischen Kultur die Er- 
zeugnisse ihrer Eigenart hinzufügten, wurde die Peripherie des 
mediterranen Kulturkreises noch weiter nach Westen gerückt, die 
Atlasländer, die Iberische Halbinsel, Gallien wurden einbezogen. 
Nach ihren Anfängen als kriegerisches Bauernvolk an einer hafen- 
losen Schwemmlandküste, standen die Römer dem Seewesen 
durchaus fern, und die Erzählung, sie hätten ihre erste Flotte 
nach dem Muster eines gestrandeten karthagischen Schiffes ge- 
baut, ist bekannt. Sie legten aber fortan das größte Gewicht 
auf das Seewesen, da sie sich immer und immer wieder über- 
zeugen mußten, daß sie nur im Besitz einer starken Flotte die 
Herrschaft über die Mittelmeerländer behaupten konnten. Sie 
erkannten, daß das Meer allein ihr Weltreich zusammenhalte und 
daher die Beherrschung der Wasserwege unerläßlich sei. Durch 
die Römer, die Meister der Verwaltung und der Organisation, die 
die Errungenschaften griechischer Kultur auf praktische Ziele rich- 
teten, wurde erst das ganze Mittelmeergebiet auch politisch geeinigt, 
wurde es in voller Wahrheit zu einer Lebensgemeinschaft und 
wurden neue Faktoren der Entwicklung herangezogen. Das Im- 
perium Romanum umfaßte den ganzen sich rings um das Mittel- 
meer ausbreitenden Orbis Terrarum jener Zeit. Aber die Römer 
trugen auch bereits die mediterrane Kultur über die Grenzen 
des Mittelmeergebiets hinaus, wenn auch noch das ganze Mittel- 
alter hindurch sich das Mittelmeer als Kulturmeer bewährte und 
die Mittelmeerländer für das übrige Europa die Heimstätten 
höherer Gesittung waren. 

Auf dem Mittelmeer geschulte Seeleute waren es, welche die 
Völker am Ozean zu Seefahrern erzogen, sie zuerst anleiteten 
den stürmischen Wogen desselben Trotz zu bieten, seine weiteren 
Räume zu überwinden. Vor allem Italiener. Der Italiener 
Toscanelli hat die Entdeckung Amerikas vorbereitet, Columbus 
sie ausgeführt, nach einem Italiener benennen wir die Neue Welt. 

Schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts werden Genuesen als 



Die Italiener. g 

Schiffsbauer und als Bekämpfer der Muhamedaner zur See nach 
Galicia berufen. Im 13. und 14. Jahrhundert finden wir Italiener 
als Admiräle an der Spitze der kastilischen Flotte. Lange Zeit 
lag in Spanien die Leitung des Seewesens, die Prüfung der an- 
gehenden Steuerleute, die Ausarbeitung von Segelanweisungen 
für Schiffe, welche zu langen Fahrten bestimmt waren, in den 
Händen von Italienern. Sebastian Cabotto und Amerigo Vespucci 
waren bekannlich Großpiloten von Spanien. Giovanni Cabotto 
saß mit einem anderen Italiener, dem bekannten Pietro Martiro 
d'Anghiera im indischen Rate, 15 18 machte ihn Karl V. zum 
Großpiloten von Spanien, als welcher er 1524 den Vorsitz in 
der Konferenz von Badajoz führte, in welcher der Besitz der 
Molukken Spanien zugesprochen wurde. 

Von den Portugiesen muß man geradezu sagen, daß sie 
erst durch die Italiener zu Seefahrern erzogen worden sind. Erst 
nachdem Lissabon 1 1 47 mit Hilfe niederdeutscher Kreuzfahrer 
den Mauren entrissen worden war, war überhaupt an Seehandel 
in Portugal zu denken. Lissabon blieb aber lange lediglich 
Station der italienischen Flotten auf ihrem Wege nach England 
und Flandern. Erst König Diniz III. beschloß die Gründung 
einer portugiesischen Flotte und berief zu diesem Zweck den 
Genuesen Emmanuel Pessagno 13 17 nach Lissabon, den er zum 
Admiral ernannte und gegen reiche Besoldung verpflichtete, sich 
mit mindestens 3 Galeeren und 20 des Seewesens kundigen Ge- 
nuesen als Kapitänen und Piloten in seine Dienste zu stellen. 
Emmanuels Sohn und Nachfolger in der Admiralswürde, Carlo 
Pessagno, besiegte 1340 mit 10 portugiesischen Galeeren, welche 
durch 1 2 genuesische unter Egidio Boccanegra im Dienste 
Kastiliens verstärkt wurden, bei Xataves in der Nähe von 
Algeciras und dann bei Porto Bullones in der Meerenge von 
Gibraltar die vereinigten Flotten des Sultans Abul Hassan von 
Fez und Yussuf-el-Hadschadschi von Granada. Noch zahlreiche 
Glieder der Familie Pessagno erscheinen im 14. und 15. Jahr- 
hundert als Admiräle und Kapitäne in portugiesischen Diensten 
und neben ihnen zahlreiche andere Italiener. Sie sind als die 
Schöpfer der Flotte von 200 Schiffen anzusehen, welche mit der 
Eroberung von Ceuta 141 5 den Grund zu dem Aufschwung 
Portugals zur Welthandels- und Seemacht gelegt hat. Auch bei 
den darauf folgenden Entdeckungen an der Westküste Afrikas, 



IO I, i- Kulturgeschichtliche Bedeutung des Mittelmeergebietes. 

die zur Auffindung des Seeweges nach Indien führte, spielen 
Italiener als Kapitäne, ja ganze italienische Schiffsmannschaften 
eine Rolle. So der Genuese Usodimare, Bart. Perestrello, der 
Kolonisator von Porto Santo und Schwiegervater des Columbus 
(wenn nicht der Vater desselben), Antonio da Noli, lange Zeit 
portugiesischer Statthalter des Grünen Vorgebirges, Alvise Coda- 
mosto, ein Vorfahr einer noch heute in Venedig blühenden 
Familie. Prinz Heinrich ließ, wohl unter dem Einflüsse seines 
Bruders Pedro , der ihm eine Handschrift von Marco Polos 
Reisen und italienische Seekarten von Venedig mitgebracht hatte, 
den berühmten Camaldulenser Fra Mauro eine Neuzeichnung 
seiner großen Weltkarte anfertigen. Diese Karten haben auf die 
Entdeckung des Seewegs nach Indien großen Einfluß ausgeübt, 
denn es ist ausdrücklich bezeugt, daß den Seekapitänen, welche 
1487 auf 2 Karavelen auf Entdeckungen ausgeschickt wurden, 
eine Karte mitgegeben wurde, die von einer Weltkarte abge- 
zeichnet war. 

Ähnlich wie in Portugal war es in Frankreich. Ganze 
genuesische Geschwader standen im Dienste Ludwigs des Heiligen 
und Philipps des Schönen. Zahlreiche Italiener erscheinen als 
französische Admirale. Der in der Entdeckungsgeschichte soviel 
genannte Giovanni Verrazzano stand in französischen Diensten. 
Und ebenso in England, das ja erst im 16. Jahrhundert nament- 
lich unter der Königin Elisabeth und unter eifrigster Pflege des 
Seewesens seitens der Herrscher angefangen hat, sich zu einem 
Sitze des Seehandels und der Seemacht zu entwickeln. Schon 
1317 finden wir Leonardo Pessagno, den Bruder Emmanuel 
Pessagnos, mit 5 in Genua ausgerüsteten, bewaffneten und be- 
mannten Kriegsgaleeren im Dienste König Eduards II. Ein 
anderer Italiener Nicolö Usodimare erscheint 1337 als englischer 
Vizeadmiral gegen die Franzosen. Andrea Bianco zeichnete 
seine berühmte, von mir herausgegebene, Seekarte von 1448 als 
Kapitän einer venezianischen Galeere in London. Die Beziehungen 
des Columbus, der von Bristol aus seine Islandfahrt unternahm, 
und seines Bruders Bartolomeo zu England sind bekannt. 
Außerordentlich bedeutungsvoll ist aber der Aufenthalt der beiden 
Cabotto, Giovanni und Sebastiano, in England geworden, sowohl 
in bezug auf die Entwicklung des englischen Seewesens wie auch 
der Neigung zu Entdeckungen. Giovanni Cabotto wird von einem 



Die Italiener. Die Niederdeutschen. I I 

gleichzeitigen englischen Geschichtschreiber magister navis scien- 
tificus marinarius totius Angliae genannt. Seit 1491 leitete er 
von Bristol ausgehende Entdeckerfahrten in westlicher Richtung, 
aber in höheren Breiten, welche das durch Marco Polo bekannt 
gewordene Cipango (Japan) zum Ziele hatten. Sein Sohn Sebas- 
tiano, der sich an diesen Entdeckungsfahrten beteiligt und 15 17 
während kurzer Zeit im Dienste Heinrichs VIII. nach einer nord- 
westlichen Durchfahrt nach China gesucht hatte, war 1548, nach 
England zurückgekehrt, zum Großpiloten ernannt worden, als 
welchem ihm die Prüfung der Piloten, die Ausarbeitung von Segel- 
anweisungen für Schiffe weiter Fahrt, die Anfertigung geogra- 
phischer und hydrographischer Karten oblag. Vor allem hatte 
er auch König Eduard VI. in der Nautik und im Gebrauche des 
Kompaß zu unterrichten. Er war die Seele der 155 1 gegrün- 
deten Gesellschaft zur Entdeckung und kaufmännischen Aus- 
beutung neuer Länder, zu deren Leiter er von Maria der Katho- 
lischen 1553 auf Lebenszeit ernannt wurde. Als solcher rief er 
die englischen Forschungsfahrten nach dem nördlichen Rußland 
und dem Nordrande der Alten Welt ins Leben, die bezweckten, 
was erst Nordenskiöid gelungen ist, Asien zu umsegeln und 
einen Weg nach China zu finden. Sebastiano Cabotto hat so 
den tiefgreifendsten Einfluß auf die Entwicklung des englischen 
Seewesens ausgeübt. 

Die Niederdeutschen allein und neben ihnen wohl die Nor- 
weger, die Bewohner eines maritimen Gebirgslandes, ähnlich wie 
Griechenland, haben ihr Seewesen selbständig und ohne Beein- 
flussung seitens der Italiener entwickelt. Auch sie an und auf 
einem Mittelmeer, der Ostsee und ihrem Vormeere, der Nordsee. 
Sehr bezeichnend ist, daß die italienischen Seekarten des Mittel- 
alters, die auf dem Mittelmeere zur Entwicklung gekommen sind, 
nur bis zum Eingange des deutschen Meeres reichen, wo in 
Brügge und London Deutsche und Italiener ihre Waren aus- 
tauschten. Die Hanseaten waren den Italienern im Seewesen 
voll gewachsen, sie hielten sie völlig von ihrem Handelsbereiche 
fern. An Stelle der sinkenden Hansa traten dann die westlichen 
Niederdeutschen, die Holländer, die Bewohner des westlichen, 
ganz von Meerarmen und Flußmündungen durchsetzten völlig 
maritimen Teils des norddeutschen Flachlands, die auch im Kampfe 
mit dem Meere groß geworden sind. 



12 1,1. Kulturgeschichtliche Bedeutung des Mittelmeergebietes. 

Wir sehen so, daß um die Zeit, von welcher wir die Neu- 
zeit der Geschichte zu datieren pflegen, auf dem Mittelmeere 
geschulte Seemänner es sind, welche die am Ozean wohnenden 
Völker Europas zu Seefahrern erziehen, den Raum der Betätigung 
mediterraner Kultur auf ganz Europa ausdehnen und die Völker 
Europas in den Stand setzen, sich zu Herren des ganzen durch 
Italiener erweiterten Erdkreises zu machen. Seit dem 1 6. Jahr- 
hundert ist der Ozean, in erster Linie der Atlantische, an die 
Stelle des Mittelmeeres getreten, die mediterrane Kultur ist zu 
einer ozeanischen geworden und wird immer mehr zur Weltkultur. 
Das Weltmeer wirkt seitdem erziehend, indem es den mensch- 
lichen Geist zu seiner Beherrschung, zu seiner Dienstbarmachung 
anspornt. Es wird in seinen Luft- und Meeresströmungen immer 
sorgsamer erforscht, beide werden je nach Bedarf benutzt oder 
gemieden, seine Bewegungsformen, seine Tiefen werden er- 
gründet und dem Verkehr dienstbar gemacht, seine Lebewelt 
nach ihren Beziehungen und zum Nutzen des Menschen erforscht. 
Immer bessere, Sturm und Wellen Trotz zu bieten geeignetere 
Schiffe mit immer mächtigeren Maschinen zur Bezwingung des 
Raumes werden erfunden. Immer mehr wird der Ozean zum 
großen Wege des Weltverkehrs, auf welchem die entferntesten 
Erdgegenden mit ihren Bewohnern, ihren Stoffen und Kräften, 
nicht bloß, wie im Altertum und Mittelalter die Umwelt des 
Mittelmeeres, in Beziehungen zueinander treten. Handelte es 
sich bei den Völkerwanderungen früherer Zeiten nur um Ver- 
schiebungen meist von wenigen Hunderttausenden von Menschen, 
so sehen wir heute in einem Jahre eine Million von Bewohnern 
Europas der verschiedensten Völker das Weltmeer überschreiten, 
um die Hilfsquellen der Neuen Welt zur Entwicklung zu bringen, 
neue Stoffe und Kräfte, neue Natureinflüsse auf die Weiterent- 
wicklung der menschlichen Kultur einwirken zu machen , neuen 
Riesenvölkern Ursprung zu geben. Über die ganze Erde hin 
sehen wir Reibungsflächen zwischen den verschiedensten Völkern, 
deren jedes im Daseinskampfe angespornt wird alle seine geistigen 
und Körperkräfte einzusetzen, um nicht zu unterliegen. Nur die 
Völker, welche an der Beherrschung des Ozeans teilhaben, 
sehen wir auf der Höhe der Weltkultur stehen und der vom 
Deutschen Kaiser dem deutschen Volke zugerufene Satz: „Unsere 
Zukunft liegt auf dem Meere" zeugt von voller Erkenntnis einer der 



Die Deutschen. 



13 



großen Lehren der Geschichte. Selbst kleine Staaten, wie 
Venedig, Genua, Portugal, Holland, haben durch Beherrschung 
des Meeres die Rolle von Weltmächten zu spielen vermocht. 
Freilich nur verhältnismäßig kurze Zeit, weil die Basis ihrer 
Macht zu klein war, die Kräfte des kleinen Staats und Volks 
mit der Zeit erschöpft wurden. Auch bei England treten bereits 
Anzeichen hervor, daß der Höhepunkt seiner Weltmachtstellung 
überschritten ist und ein vielleicht geringfügiger Stoß die ganze 
Schwäche der Basis, auf welcher das ungeheure Weltreich ruht, 
enthüllen wird. Wenn wir Deutschen uns zur Welthandels-, wenn 
auch noch nicht zur Weltmacht aufgeschwungen haben, so ver- 
danken wir das nicht so sehr einer günstigen Lage und anderen 
Vorzügen unseres Landes, denn letztere sind gering und erstere 
tief im Innern des Erdteils, an einem Mittelmeere und nur auf 
eine kurze Strecke an einem Randmeere, sondern der hohen 
Kultur und der Kraft des deutschen Volkes, das die Ungunst 
der Natur bezwungen, die größte deutsche Landschaft, das nord- 
deutsche Flachland, aus Sumpf und See, aus Moor und Heide 
in ein reiches Kulturland verwandelt, eine ungünstige Küste be- 
festigt und geschützt, durch den Nordostseekanal einheitlich ge- 
macht, die Ströme zu leistungsfähigen Zufahrtsstraßen der Fluß- 
mündungshäfen gemacht hat. 

Auch wir Deutschen haben schon einmal eine Periode 
maritimer Betätigung gehabt: zur Zeit der Hansa. Auch uns 
hat ein Mittelmeer, die Ostsee mit ihrem Vormeer, der Nordsee, 
welche die Engländer noch heute das Deutsche Meer nennen, 
zu Seefahrern erzogen. Auch wir haben viele Jahrhunderte hin- 
durch nicht nur den Handel dieser deutschen Meere beherrscht, 
sondern auch auf alle Gestadeländer tiefgreifenden politischen 
und kulturellen Einfluß ausgeübt, von der Straße von Calais 
an, an deren innerem Eingange, in Brügge und London sich 
Italiener und Hanseaten die Hand reichten und die Handels- 
gegenstände ihrer eifersüchtig bewachten Handelsgebiete aus- 
tauschten, bis nach Groß-Novgorod, dem Ende der von der 
Ostsee ausgehenden Wasserstraßen, wo die Rohstoffe Rußlands zu- 
sammenströmten, um von den Hanseaten der übrigen Welt zu- 
geführt zu werden. Aber was waren Nord- und Ostsee im Ver- 
gleich zum Mittelmeere? Wie viel enger war der Raum, wie- 
viel kleiner, wie viel dürftiger ausgestattet, wie viel menschen- 



\a 1,1. Kulturgeschichtliche Bedeutung des Mittelmeergebietes. 

ärmer waren die Gestadeländer der Ostsee! Im Norden lag 
die Grenze des Kulturlandes, wenn nicht der Ökumene überhaupt 
ganz nahe, ja die Ostsee reichte selber im Finnischen Meerbusen 
noch in diese unwirtliche Kugelkappe hinein ! Nur nach Süden, auf 
den durch Deutschland führenden Landstraßen, auf denen sich 
die Deutschen die Erzeugnisse mediterraner Kultur herbeiholten, 
freilich nur tropfenweise, sozusagen auf dem Rücken von Saum- 
tieren, über die einen großen Teil des Jahres verschneiten 
Pässe der Alpen, und nach Südwesten reichten die Beziehungen 
weiter. Hier brachten aber die Italiener die Erzeugnisse ihres 
Handelsgebiets, wenn die Niederdeutschen auch schon während 
der Kreuzzüge den Weg ins Mittelmeer gefunden hatten und 
beispielsweise die Portugiesen bei der Eroberung von Lissabon, 
das nun der wichtigste Stützpunkt auf den Flandernfahrten der 
Italiener werden sollte, von den Mauren machtvoll unterstützten. 
Von Nord- und Ostsee hielten die Hanseaten die Italiener durch- 
aus fern. Wüßten wir das nicht aus anderen Quellen, so könnten 
wir es mit Sicherheit daraus schließen, daß die italienischen See- 
karten, die sogenannten Kompaßkarten, aus denen unsere heutigen 
Seekarten hervorgegangen sind, nur bis zum Eingang in die Nordsee 
jene bewundernswerte Genauigkeit aufweisen, von da an, wenn 
sie überhaupt weiter reichen, nur ungenaue, vage Skizzen sind. 
Wie ganz anders das Mittelmeer und seine Gestadeländer! 
Uralte Handelsstraßen münden an seinen Ecken und Enden, tief 
aus dem Innern der Erdteile kommend, ja sie, wie vom Roten 
Meere und dem Persischen Meerbusen her mit der Mittagsseite 
der Alten Welt und den dort gelegenen uralten Kulturherden, 
Südarabien und Indien verbindend. Am Mittelmeere stauten 
sich nicht nur die stofflichen und geistigen Erzeugnisse dieser Erd- 
teile, nein, auch die Völker! Dort mußten sie sich mischen, 
wenn es nicht ausnahmsweise gelang, über das Meer zur nächsten 
Halbinsel den Nachdrängenden auszuweichen. Die Gestade des 
Mittelmeeres sind das Ziel zahlreicher Völkerbewegungen ge- 
wesen: Phöniker, Griechen, Araber, Türken, Kelten, Germanen 
usw. Und sie sind es noch heute, wenn auch in anderem Sinne: 
viele Tausende pilgern heute aus religiösen Beweggründen aus 
der ganzen christlichen Welt nach Palästina und Rom, vielleicht 
ebensoviele aus anderen Gründen überallhin in die Gestadeländer 
des Mittelmeeres. 



Geologische Erforschung. I r 

2. Seine Entstehung und Entwicklung. 

Diese große Rolle in der Geschichte der Menschheit hat das 
Mittelmeergebiet nur zu spielen vermocht dank seiner geographi- 
schen Eigenart. Und diese wiederum ist bedingt durch die Ge- 
schichte dieses Teils der Erdrinde. 

Die geologische Erforschung der Mittelmeerländer, die freilich 
noch vielfach, namentlich in den Gestadeländern des Südost- 
beckens, lückenhaft und rückständig ist, hat wenigstens so viel klar 
gestellt, daß wir hier einen Erdraum vor uns haben, der, soweit 
wir die Erdgeschichte rückwärts verfolgen können, sich immer 
durch große Bewegungen in der Erdkruste und dadurch bedingte 
Verschiebungen von hoch und tief, von Land und Meer ausge- 
zeichnet hat. Namentlich gilt dies von der sog. Tertiärzeit, der 
Neuzeit der Erde, ja noch von der Quartärzeit, der Gegenwart 
der Erdgeschichte. So ist das Mittelmeer, wenn auch nicht als 
Meeresraum überhaupt, so doch wenigstens nach seinen diesen 
Namen als recht bezeichnend erscheinen lassenden Grundzügen, 
als ein junges Meer zu bezeichnen. Zu beiden Seiten, im Norden 
wie im Süden, sind diesem noch heute nach der Bewegtheit seines 
Reliefs, nach der Häufigkeit seiner Erdbeben, nach seiner leb- 
haften vulkanischen Tätigkeit, nach seinen Niveau- und Küsten- 
linienverschiebungen als „unruhig" erscheinenden Erdgürtel Teile 
der Erdrinde angelagert, die dem gegenüber den Eindruck großer, 
einförmiger, „ruhiger" Schollen machen: im Süden die große 
Wüstentafel, in welcher vom Atlantischen Ozean bis an den Fuß 
der Hochländer von Armenien und Iran und bis an den Persi- 
schen Meerbusen die Außenseite der Erdrinde von wagrecht lagern- 
den und daher auch große Einförmigkeit der Erdoberfläche be- 
dingenden Schichten gebildet wird; im Norden, jenseits der Alpen 
das Schollenland von Mitteleuropa, in welchem ebenfalls tafel- 
lagernde Schichten eines jüngeren Deckgebirges zum großen Teil 
ein altes Grundgebirge verhüllen, von dessen einst zu alpinen 
Höhen emporgepreßter Formenfülle nur noch der Sockel erhalten 
ist, der durch Bildung von Bruchlinien in einzelne Rumpfschollen 
zerstückt und durch Vertikalverschiebungen in der Tertiärzeit, 
welche die Abtragung begünstigten, der Decke beraubt, heute 
höchstens Reliefformen von der Höhe und Größe der höchsten 
unserer deutschen Mittelgebirge bildet. Ja, an dies mitteleuropäi- 



l5 I, 2. Entstehung und Entwicklung des Mittelmeergebietes. 

sehe Schollenland schließt sich nach Osten die große russische 
Tafel an, deren Einförmigkeit noch als weit größer als die der 
großen Wüstentafel erscheinen würde, wenn Breitenlage und meteo- 
rologische Ursachen ihr nicht ein Pflanzenkleid verliehen und 
sie dadurch für seßhafte Menschen bewohnbar machten. 

Wie bewegt muß demgegenüber dieser im Mittel etwa i 500 km 
breite Erdgürtel erscheinen, in welchem das Antlitz der Erde 
Runzeln aufweist, die, wie die Alpen und der marokkanische Atlas, 
einer Verlängerung des Erdradius fast um 5 km entsprechen, neben 
Kummer- und Altersfurchen oder Narben, welche, wie im Ioni- 
schen Tiefbecken und in der südwestpeloponnesischen Tiefe, sich 
dem Erdmittelpunkte fast um den gleichen Betrag nähern. 

Das Mittelmeergebiet liegt auf einem die Erde im größten 
Kreise umziehenden Bruchgürtel der Erdrinde, welcher von Mittel- 
amerika ostwärts und wiederum bis zum Stillen Ozean die drei 
Norderdteile von den drei Süderdteilen scheidet. Fast alle Meeres- 
räume, die wir heute auf Grund vieler gemeinsamer Züge unter 
der Bezeichnung Mittelmeere zusammenfassen, liegen auf diesem 
Bruchgürtel. In unserem Mittelmeergebiete sind diese Einbruchs- 
becken sowohl auf Kosten eines gefalteten Erdgürtels, wie auf 
Kosten des ihm im Norden wie im Süden anlagernden (Tafel-) 
Schollenlandes gebildet. Dieser gefaltete Erdgürtel kann wohl 
als das altweltliche Gegenstück des die beiden Erdteile der Neuen 
Welt an ihrer pazifischen Seite kennzeichnenden, die große meri- 
dionale Erstreckung und die einseitige atlantische Abdachung 
derselben bedingenden gefalteten Gürtels der Anden und Kordil- 
leren angesehen werden. Auch er bedingt die große westöstliche 
Erstreckung Europas und Asiens, weshalb wir von einem eurasi- 
schen Faltenlande sprechen, auch er kennzeichnet den Südrand 
dieser Erdteile und bewirkt, daß dieselben auch ihrerseits sich 
überwiegend zum Atlantischen Ozean und dessen nördlichem Neben- 
meere, dem sog. Nördlichen Eismeere neigen. Die wagrechte 
Gliederung des Mittelmeeres weist, soweit es in dies eurasische 
Faltenland, das Westende .desselben, eingebettet ist, so auffällige 
Unterschiede gegen den auf Kosten der Tafelschollen gebildeten 
Teil auf, daß ein Blick auf die Karte sofort diese Gegensätze 
erkennen läßt. Und dieser wagrechten Gliederung des Mittel- 
meeres entsprechen auch die Gegensätze der senkrechten Gliede- 
rung der Gestadeländer des Mittelmeeres, während das Boden- 



Entstehung des Mittelmeeres. 



17 



relief des Mittelmeeres diese Gegensätze zwar auch erkennen 
läßt, aber doch nur in geringem Maße. Wir sehen also, daß das 
Mittelmeer der Gegenwart jünger sein muß, als dieser Teil der 
eurasischen Faltengebirge. Und diese sind alle jung, ja sie ge- 
hören z. T. zu den jüngsten Faltengebirgen der Erde. Besteht 
doch das ganze gefaltete und seine Charakterzüge diesem ge- 
falteten Erdgürtel verdankende Halbinselland Italien zu zwei 
Dritteln, die Insel Sizilien zu vier Fünfteln aus Gesteinen, welche 
sich erst im Laufe der Tertiärzeit, ja noch später auf dem Meeres- 
grunde gebildet haben, dann durch tangentialen Schub zusammen- 
und emporgepreßt bzw. gehoben wurden. 

Das eurasische Faltenland des Mittelmeergebiets kennzeichnet 
die reiche Gliederung der Küsten, im großen wie im kleinen, 
der Reichtum an Halbinseln, Inseln, Buchten und Mittelmeeren 
im kleinen, hohe, steil vom Meere aufsteigende Gebirge, weite 
klimatische Oasen, deren Flüsse üppig fruchtbare Deltaland- 
schaften schaffen, kurz all die charakteristischen Reize der Mittel- 
meerlandschaft, und dadurch bedingt die ungeheure Mannigfaltig- 
keit des Völkerlebens. Im Bereiche der großen Wüstentafel da- 
gegen herrscht große Einförmigkeit der wagrechten, wie der senk- 
rechten Gliederung, Mangel an Inseln, an Buchten und Häfen, 
an einmündenden, die Länder aufschließenden Flüssen, von dem 
einen Nil abgesehen, der seine Gewässer weit jenseits der großen 
Wüstentafel in den Hochländern des tropischen Afrika sammelt. 
Alexandria ist an dieser ungeheuren menschenarmen und kultur- 
feindlichen Tafelschollenküste vom Golf von Tunis bis in den 
Winkel zwischen Kleinasien und Syrien der einzige Naturhafen! 

Jung ist aber auch diese kleinere Südosthälfte des Mittel- 
meeres, dessen Nordgrenze ungefähr dem 36. Parallel entspricht, 
der nahezu die Südspitzen Kleinasiens, Griechenlands und Sizi- 
liens berührt, andererseits längs der Nordküste Kleinafrikas und 
der Straße von Gibraltar, also längs dem Südrande des Nord- 
westbeckens des Mittelmeeres verläuft. Das sizilisch-afrikanische 
Meer, bei weitem überwiegend Flachsee, liegt zum großen Teil 
auf dem Austönungsgürtel des sizilischen Apennin, dessen Faltung 
sich drüben in Tunesien fortsetzt. Die kleine jungtertiäre Insel- 
tafel von Lampedusa, politisch zu Italien, geographisch zu Tunesien 
gehörig, und die Inselgruppe von Malta, von Bruchspalten durch- 
setzt, durch die Tiefenlinie von 200 m an Sizilien geknüpft, sind 

Fischer, Mittelmeerbilder. Neue Folge. 2 



l8 I, 2. Entstehung und Entwicklung des Mittelmeergebietes. 

Reste dieses Austönungsgürtels und eines flachen ausgedehnten 
Festlandsgebiets, auf welchem noch in der Quartärzeit Herden 
von Elefanten, Flußpferden usw. ihre Daseinsbedingungen fanden, 
deren Knochen noch heute in den Höhlen der Inselgruppe wie 
Siziliens in Menge gefunden werden. Wie die Südküste Siziliens 
allenthalben als in Abtragung durch die Brandungswoge begriffen 
anzusehen ist, so verkleinern sich auch Malta und Lampedusa 
noch heute beständig. Dabei mag allerdings ein viel umstrittener 
Vorgang mitwirken, nämlich eine in der jüngeren Quartärzeit ein- 
getretene und vielleicht noch heute andauernde Verbiegung der 
Erdrinde nach dem Erdmittelpunkte hin, so daß das übergreifende 
Meer das Land um so wirksamer abtragen konnte. 

Da hier nicht der Platz ist, auf die Frage einzugehen, ob 
sicher nachgewiesene, nicht lediglich auf Landanschwemmung 
oder Landabtragung zurückzuführende Verschiebungen der Küsten- 
linie aus Schwankungen des Meeresspiegels oder der festen Erd- 
rinde — positive Niveauverschiebung, wenn der Meeresspiegel 
gegen das Land ansteigt und über dasselbe übergreift, negative, 
wenn er zurücksinkt und zurückweicht — zu erklären sind, begnüge 
ich mich mit dem kurzen Hinweis, als nie wankend gewordenes 
Ergebnis mehr als 30 jähriger Mittelmeerstudien, daß im Bereich 
des Mittelmeeres von Schwankungen des Meeresspiegels, abge- 
sehen von örtlich und zeitlich beschränkten Windwirkungen, keine 
Rede sein kann. Die feste Erdrinde ist es, welche Bewegungen 
unterliegt. Das ist ja in den letzten Jahrzehnten auch von andern 
Forschern im Bereiche des Mittelmeeres und anderwärts sicher 
nachgewiesen worden. 

Für eine zentripetale Verbiegung der Erdrinde in dieser 
Gegend sprechen nämlich zwei Erscheinungen. Der herrliche 
Hafen von Malta, der dieser Inselgruppe neben ihrer Lage so 
große Bedeutung verleiht, ist nämlich nichts andres, als das Tal- 
stück eines Flusses, in welches das Meer eingetreten ist, und in 
der inneren kleinen Syrte hat die sorgsame Auslotung durch die 
Franzosen ein Bodenrelief, einen so merkwürdigen Wechsel von 
tiefen Rinnen und dazwischen gelegenen Hochformen, eine solche 
Übereinstimmung mit dem nahen Festlande erwiesen, daß man 
sofort nicht lediglich an Wirkungen der Gezeiten, sondern an ein 
überflutetes Festland hat denken müssen. Diese Vorgänge, die in 
eine Zeit fallen, in welcher der Mensch bereits dieses heute über- 



Entstehung des östlichen Mittelmeerbeckens. ig 

flutete Festland bewohnte, lassen sofort an die vulkanische Tätig- 
keit denken. Diese ist vorzugsweise an eine tiefe, diese Flachsee 
in ostsüdöstlicher Richtung durchziehende Rinne geknüpft, welche 
als die Grenze von Europa und Afrika anzusehen ist, und in welcher 
die vulkanischen Inseln Linosa und Pantelleria, diese aus iooo m 
tiefem Meere zu 836 m Höhe aufgetürmt worden sind, nach welch 
letzterer wir auch am besten diese Meerenge benennen. Vulka- 
nische, z. T. unterseeische Ausbrüche sind hier noch heute häufig. 
Solche schufen 1831 und 1832 eine kleine Insel, Ferdinandea ge- 
nannt, die schließlich 70 m Höhe und 700 m Umfang erreichte, aber, 
da sie aus lose aufgeschütteten Auswurfsstoffen bestand, bald von 
den Wogen wieder abgetragen und eingeebnet wurde. Doch fand 
1863 an derselben Stelle ein Ausbruch statt, und die Lotungen 
haben auf dem Meeresgrunde einen zwar etwas verwischten, aber 
noch deutlich erkennbaren Krater nachgewiesen. Während auf 
Pantelleria noch mehrere Krater erkennbar und Gasaushauchungen 
häufig sind, fand 1891 5 km nach NW ein gewaltiger untersee- 
ischer Ausbruch statt, bei welchem die Nordostküste von Pantelleria 
auf eine lange Strecke um 75 cm gehoben wurde. 

Ist so dieser wichtige das Nordwest- mit dem Südostbecken 
verbindende Meeresteil ganz jugendlichen Alters — die hier 
liegende Wanderstraße der Zugvögel, die nicht wissen können, 
daß das Meer hier so schmal ist, soll die ehemalige Landbrücke 
noch andeuten — , so gilt das gleiche vom äußersten Südosten, 
dem Meere an der ägyptischen und syrischen Küste. Schon 
das Hochland von Barka, die stumpfe Halbinsel, welche, mit 
Kreta durch eine unterseeische Schwelle verbunden, das levantische 
Becken von dem großen zentralen Einbruchskessel des Ionischen 
und des Syrtenmeeres scheidet, besteht aus jungtertiären marinen 
Schichten, welche heute bis auf mehr als 500 m über dem Meeres- 
spiegel gehoben von bedeutenden Krustenbewegungen zeugen. 
Und ebenso das Küstenland Marmarica. Ja, das heute von den 
Sinkstoffen des Nils aufgefüllte Dreieck war noch in der Glazial- 
zeit ein Meerbusen, der vorübergehend und durch eine ganz 
flache Meerenge mit dem Roten Meere in Verbindung stand. Der 
Nil mündete vorher viel weiter nordwärts und der heute als Palästina 
bezeichnete Teil der großen Wüstentafel wurde zum Nil ent- 
wässert und die Fauna des Jordans und des Tiberiassees stimmt 
noch mit der des Nils überein, ja in dem kleinen südlich vom 



2o T> -• Entstehung und Entwicklung des Mittelmeergebietes. 

Karmel mündenden Nähr Zerka kommen noch Krokodile vor, die 
der Mensch im Nil selbst weit nach Süden verscheucht hat. Mit 
den Krustenbewegungen, welche das Mittelmeer sich so weit nach 
Südosten ausdehnen machten, steht die Herausbildung individueller 
Züge in dem dem heutigen Mittelmeere dort parallelen Streifen 
der großen Wüstentafel, den wir, von dem einförmigen, wüsten 
Nordarabien scharf unterschieden, Syrien nennen. Der heutigen, 
in Südsyrien (Palästina) allerdings durch noch jüngere Vorgänge 
umgestalteten Küste Syriens läuft in dem geringen Abstände von 
30 — 50 km ein System von Bruchlinien parallel, an welche der 
sog. syrische Graben gebunden ist, eine tiefe Narbe im Antlitz der 
Erde, die ganz Syrien vom Fuße des taurischen Faltenlandes an 
der Südgrenze Kleinasiens an durchzieht und sich, zuletzt mit 
Meerwasser gefüllt, im Golf von Akabah bis zum Roten Meere, 
dem Erythräischen Graben fortsetzt. Vom Jordan durchflössen 
und z. T. durch die Spiegel der drei Jordanseen verhüllt, ist der 
südlichste Teil des syrischen Grabens unter dem Namen Ghor, 
das Tiefland, weil tief unter dem Spiegel des Mittelmeeres ge- 
legen, am bekanntesten. In Staffelbrüchen ist der heute das 
Westjordanland von Palästina bildende Streifen der Tafelscholle 
zum Mittelmeere hinabgesunken, so daß dasselbe vom Ostjordan- 
lande überragt wird. Dagegen sind in Mittelsyrien dieselben 
Streifen der Erdrinde zu beiden Seiten des Grabens, dessen 
Sohle hier auch bis zu 1000 m über dem Meere emporgehoben 
ist, in dem mittelsyrischen Zwillingshorste des Libanon und Anti- 
libanon so steil emporgepreßt worden, daß der Libanon nur 15 
bis 20 km vom Meere mauerartig bis zu 3000 m Höhe über 
dem Mittelmeere emporsteigt und der Fuß des Gebirges, das 
große Dampfmengen verdichtet und den größten Teil des Jahres 
schneebedeckt weithin dem die syrische Küste Ansegelnden ent- 
gegen leuchtet, durch die Gebirgsbäche reichlich getränkt in 
üppiger Fülle der subtropischen Pflanzenwelt prangt. So ist ganz 
Syrien, wenn auch nur in einer Breite von etwa 100 km anbau- 
fähig, während in Nordafrika, von der Niloase abgesehen, Steppe 
und Wüste an das Mittelmeer heranreicht, soweit die große 
Wüstentafel seine Gestade bildet. 

Die größten Tiefen des Mittelmeeres gehören diesem offenen, 
inselarmen Südostbecken an. Im Ionischen Meere liegen in der 
südwestpeloponnesischen Tiefe die größten bisher im Mittel- 



Entstehung des westlichen Mittelmeergebietes. 2 I 

meere überhaupt geloteten Tiefen von 4400 m, nur 12 km 
von Sapienza schon 3700 m. Dieser ungeheure Steilabbruch 
am West- und Südrande des Peloponnes wird noch immer 
durch häufige und heftige Erdbeben gekennzeichnet, in welchen 
sich die Krustenbewegungen auslösen, und es ist wahrscheinlich, 
daß die häufigen Zerreißungen der hier auf dem Meeresgrunde 
ruhenden Kabel auf solche zurückzuführen sind. Ähnlich liegen 
auch im levantischen Meere die größten Tiefen von nahe an 
4000 m dicht unter Land zwischen Rhodos und Lykien. 

In der Entwicklungsgeschichte der größeren nordwestlichen 
Hälfte des Mittelmeeres und der Mittelmeerländer spielen drei 
aus früheren Erdperioden erhaltene alte, offenbar tief in der Erd- 
rinde verankerte Schollen die entscheidende Rolle, die iberische, 
die tyrrhenische und die rumelische. Sie bedingen die drei süd- 
europäischen Halbinseln und die Eigenart jeder einzelnen. Alle 
drei sind überwiegend aus Gesteinen der Urzeit (archäischen) 
und des Altertums der Erde (paläozoischen) aufgebaut und nehmen 
die Stelle alter bis auf die Grundfesten wieder abgetragener Falten- 
gebirge von alpinen Höhen ein. An ihrer Stelle treten uns heute 
weite Hochebenen oder mäßig gegliedertes Hochland entgegen, 
da die steil aufgerichteten, einst hohe Gebirgsketten bildenden 
Schichten vielfach wie mit dem Rasiermesser quer durchgeschnitten 
erscheinen und die Form der Ebene im grellsten Gegensatze zu 
den unter unseren Füßen himmelwärts ausstreichenden Schichten 
steht. In großer Ausdehnung, namentlich gegen die Ränder der 
Schollen, ist dies alte Grundgebirge aber, ähnlich dem des deutschen 
Mittelgebirgslandes, von den tafellagernden und daher auch Ebenen 
bildenden Schichten eines jüngeren Deckgebirges überlagert, das 
sich auf dem Grunde des über die alten Schollen hinübergreifen- 
den Meeres mit den Trümmern des abgetragenen alten Gebirges 
bildete. Diesem Vorherrschen ebenflächiger Ausbreitungen ent- 
sprechend bezeichnen wir wohl auch die alte iberische Scholle 
als iberische Meseta, wie dort auch im kleinen die Bezeichnungen 
Mesa (Tisch) und die annähernd gleichbedeutenden Muela und 
Paramo häufig wiederkehren. Doch haben spätere Krusten- 
bewegungen auch diese Scholle zerstückt und Einbruchskessel 
geschaffen, die in der Tertiärzeit Seen waren, die heute mit Ge- 
birgsschutt aufgefüllt die baumarmen Hochebenen von Alt- und 
Ncukastilien bilden, zwischen welchen das kastilische Scheide- 



2 2 I, 2. Entstehung und Entwicklung des Mittelmeergebietes. 

gebirge zu Höhen von 2700 m, etwa 2000 m relativ emporragt, 
während das Becken von Aragonien vom Ebro in engem Durch- 
bruchstale entwässert wurde. An diese alte Scholle als Wider- 
lager wurde nun in der Tertiärzeit durch tangentialen Schub 
von Norden, vom Tiefbecken des Golfs von Biscaya her, das 
kantabrische Gebirge an- und emporgefaltet, das sich in den 
Pyrenäen nach Osten fortsetzt, die schließlich an einem hafen- 
reichen Querbruche am Mittelmeere endigen. Da in den Pyre- 
näen auch vom Ebrobecken her seitlicher Druck wirksam war, 
so weisen diese Fächerstruktur auf. Und in ähnlicher Weise 
wurde von Süden her das andalusische Faltengebirge an die 
iberische Meseta angefaltet und dadurch gegen Ende der Tertiär- 
zeit die Meerenge, welche durch Niederandalusien, die Guadal- 
quivirbucht, Ozean und Mittelmeer verband, geschlossen, während 
seit Beginn der Quartärzeit und noch in geschichtlicher Zeit der- 
jenige Querbruch des andalusischen Faltengebirges, welcher der 
stärksten Spannung der Schichten an der Umbiegung derselben 
nach Süden und Osten, wo es sich im nordafrikanischen Rif- 
gebirge fortsetzt, entspricht, zur Straße von Gibraltar durch Ge- 
zeiten und Brandungswoge ausgearbeitet wurde. Sie verbindet 
jetzt Ozean und Mittelmeer, aber dem gefalteten Gebirgsbogen 
entspricht noch eine unterseeische Schwelle, die am äußeren 
Eingange in die Meerenge mit nur etwa 200 m mittlerer Tiefe 
Kap Trafalgar mit Kap Spartel verbindet, die einander auf 44 km 
gegenüberliegen, und den westlichsten in der Reihe der medi- 
terranen Einbruchskessel, den andalusischen, vor der Meer- 
enge gelegenen , von dem Alboranbecken scheidet. So ist 
auch die Verbindung des Mittelmeers mit dem Ozean, die an 
der engsten Stelle östlich der Südspitze Europas nur 14 km 
erreicht, jungen Ursprungs. Wie die Pyrenäen am medi- 
terranen Bruchgürtel in einem Querbruche endigen, so auch 
das andalusische Faltengebirge, nur daß sich dieses in den 
Balearen noch weit in jenen hinein fortsetzt. Zwischen den 
Enden beider Gebirge reicht die alte iberische Scholle ans Mittel- 
meer, wie jenseits der Pyrenäen zwischen diesen und den Alpen 
das Zentralplateau von Frankreich, aber beide durch schmale 
Vorländer, die Küstenebenen von Valencia und von Languedoc, 
die die sie entwässernden Flüsse mit dem herabgeführten Schutt 
gebildet haben, vom Meere getrennt. So ist hier und nur hier 



Entstehung des westlichen Mittelmeergebietes. 2X 

am ganzen Nordwestbecken des Mittelmeeres der Typus der 
Schollenküste mit vorgelagerter hafenloser Schv/emmlandebene 
vertreten. 

Die große Übereinstimmung des Atlasvorlands von Marokko 
mit der iberischen Meseta konnte ich auf meiner Forschungsreise 
im Jahre 1899 feststellen. Wie das Rifgebirge die umgebogene 
Fortsetzung des andalusischen Faltengebirges ist, so ist die Tertiär- 
bucht des Sebu das Gegenstück der Guadalquivirbucht. Und 
wie sich von dieser eine Tiefenlinie der alten Meerenge ent- 
sprechend nach Osten fortsetzt, so scheidet eine solche, nur noch 
schärfer ausgeprägt über Fez , Tasa und Udschda das Rif- 
gebirge vom marokkanischen Atlas, wie die Sebubucht es vom 
Atlasvorlande scheidet. Dieses besteht genau wie die Meseta 
aus denselben steil aufgerichteten und bis auf die Grundfesten 
abgetragenen alten Formationen, die auch ihrerseits teils unter 
tafellagernden Schichten eines jungen Deckgebirges, teils offen 
zutage tretend, weite Hochebenen bilden. 

Wie das Rifgebirge gegen die alte Scholle des Atlasvorlands 
angepreßt und steil vom Mittelmeere aufsteigend, wenn auch nur 
mit Höhen, die nirgends 3000 m erreichen dürften, Marokko vom 
Mittelmeere trennt, so bildet das andalusische Faltengebirge, das 
im Mulahacen mit 3500 m, nur 35 km vom Mittelmeere, die 
höchsten Höhen Europas außerhalb der Alpen erreicht, einen 
Spanien vom Mittelmeere und seinem afrikanischen Gegengestade 
trennenden hohen Wall, genau wie Pyrenäen (Aneto 3400 m) 
und kantabrisches Gebirge, auch diese die Meseta weit über- 
ragend, einen solchen abschließenden Wall gegen Frankreich und 
den Golf von Biscaya bilden. So neigt sich die iberische Halb- 
insel zwischen diesen beiden hohen Randgebirgen nach Westen 
zum ungeheuren Ozean, zu welchem sie aber auch in gerad- 
liniger Schollenküste steil abbricht, die nur dadurch einige gute 
Häfen besitzt, daß das Meer dort neuerdings über das Festland 
hinübergreift, in die Flußmündungen eindringt (Oporto, Lissabon, 
Setubal, Huelva, Sevilla) oder Inseln abgliedernd und mit Hilfe 
der Gezeiten die Mündungen selbst kleiner Flüsse zu Rias aus- 
geweitet hat (Cadiz, Vigo, Ferrol, La Coruna). 

Das Rifgebirge, ein Teil der großen gefalteten Gebiete der 
Atlasländer, setzt sich ostwärts im sog. Tellatlas fort, der auch 
seinerseits, bis an den Golf von Tunis reichend, auf jungen, durch 



2± I, 2. Entstehung und Entwicklung des Mittelmeergebietes. 

vulkanische Tätigkeit gekennzeichneten Bruchlinien steil zum 
Mittelmeere abbricht. So reich gegliedert, wenigstens im kleinen, 
durch mehr oder weniger halbkreisförmige Brandungsbuchten diese 
Längsküste von Marokko, Algerien und Tunesien auch erscheint, 
so entbehrt sie doch der Naturhäfen durchaus und bildet eine 
wahre Absperrungsküste, an welcher selbst Kunsthäfen, auch wenn 
keine Kosten gespart werden, wie der von Algier zeigt, weder 
Dauer noch volle Sicherheit verheißen. Nur am Golf von Tunis, 
wo das Meer in die Längsmulde zwischen den dort konvergieren- 
den Faltengürteln des Teil- und des Saharaatlas eingedrungen 
ist, ist das Land aufgeschlossen, und dieser Punkt mit seiner Eck- 
lage, Sizilien und Sardinien gegenüber, an der beide Mittelmeer- 
becken verbindenden Meerenge, deren Verkehr Luft- und Meeres- 
strömungen wie Untiefen überdies an die afrikanische Küste 
drängen, wo auch die Landstraßen von Süden, wie namentlich 
von Westen her durch das Medjerdatal zusammenlaufen, mußte 
zu allen Zeiten einen Mittelpunkt des Handels und einen politischen 
Schwerpunkt großziehen, zumal an dem dem Seeverkehr günstigen 
Strande sich natürlich feste Punkte fanden: Insellage wie bei Utika, 
Halbinsellage nebst natürlich festen Höhen wie bei Karthago und 
Tunis. Ergänzend kommt das nahegelegene Biserta (Hippo Zaritus) 
hinzu, dessen herrlichen, unangreifbaren Naturhafen die Franzosen 
eben zu einem der größten Seekriegshäfen der Welt ausbauen. 
Die Geschichte von fast drei Jahrtausenden lehrt, daß Tunesien 
im Besitze einer starken Macht eine unerträgliche Bedrohung 
Siziliens und Sardiniens ist. 

Etwas anderen Charakter wie die iberische trägt die alte 
tyrrhenische Scholle. Von dieser sind nur noch einige Trümmer- 
stücke erhalten, die aber eine Vorstellung von ihrer früheren 
Ausdehnung und von ihrem Einflüsse auf die jüngsten Gebirgs- 
bildungen im Mittelmeergebiet zu geben vermögen. Sardinien- 
Korsika, die toskanischen Inseln, das toskanische Erzgebirge, die 
Apuanischen Alpen, andrerseits im Südosten Kalabrien und das 
Peloritanische Gebirge Nordostsiziliens sind die Reste dieser Fest- 
landsscholle, welche durch Krustenbewegungen, die schon im 
Mittelalter der Erde einsetzten, aber die ganze Tertiärzeit hin- 
durch, ja bis in die Quartärzeit und vielleicht in die Gegenwart 
sich fortsetzten. Es waren vorwiegend zentripetale Bewegungen. 
Und so liegt jetzt an Stelle der Tyrrhenis der tiefe Einbruchs- 



Die Tyrrhenis. 



25 



kessel des Tyrrhenischen Meeres mit Tiefen von 3700 m. Wie 
in der Umgebung desselben, am Golf von Neapel, noch in ge- 
schichtlicher Zeit bedeutende Schwankungen der Küste statt- 
gefunden haben, an der tyrrhenischen Seite Kalabriens noch heute 
ein Aufsteigen des Landes nachweisbar ist, so bezeugen die 
quartären, vom Meere gebildeten Terrassen Kalabriens, die Stufen 
ähnlich übereinanderliegend bis zur Höhe von 1200 m ansteigen, 
die furchtbaren Erdbeben und die vulkanische Tätigkeit an der 
inneren, der Abbruchsseite Italiens, daß die Umgebung des Tyrrhe- 
nischen Meeres und dies Meer selbst eine der am wenigsten in 
sich gefestigten Teile der Erdrinde bezeichnet. Da auch im süd- 
östlichen Tyrrhenischen Meere Kabelzerreißungen häufig sind, so 
lassen sich auch diese vielleicht auf Veränderungen des Meeres- 
bodens zurückführen. Wenn die Terrassen des fast 2000 m er- 
reichenden kalabrischen Aspromonte bezeugen, daß die Empor- 
pressung dieser Scholle der Tyrrhenis in und seit der Quartär- 
zeit erfolgt ist, so kann man wenigstens daran denken, daß auch 
die bedeutenden Höhen von Sardinien (Gennargentu fast 2000 m) 
und Korsika (Monte Cinto 2700 m) so erklärt werden könnten, ob- 
wohl auf Korsika kein Anhalt für eine solche Hypothese geboten 
ist, während das wechselvoller zusammengesetzte Sardinien aller- 
dings erst wieder durch eine quartäre Hebung, die die beträcht- 
lichen Ebenen der Insel geschaffen hat, zu einer einheitlichen 
Insel geworden ist. 

Daß diese alte Festlandsscholle noch zu Beginn der Tertiär- 
zeit viel weiter nach Osten, bis an die Westseite des heutigen 
Italiens reichte, dafür sprechen auch in den Apenninen, aber 
nur an der tyrrhenischen Seite von Kalabrien nordwärts bis an 
die Südgrenze von Latium vorkommende, hier und da bis 400 m 
mächtige Konglomerate des oberen Eozän aus Gerollen oft mit 
großen, kaum gerundeten Blöcken derselben archäischen Ge- 
steine, die noch heute bei weitem überwiegend den Osten von 
Sardinien und den größten Teil von Korsika bilden. In Kala- 
brien, an dessen Nordgrenze die archäischen Formationen unter 
die mesozoische und tertiäre Decke hinabtauchen, sind die noch 
nicht wieder abgewaschenen Reste des Eozän, die in der Sila 
noch 1380 m erreichen, ebenfalls aus solchen kristallinischen 
Konglomeraten gebildet, ja, was lange nicht beachtet worden war, 
schon 1864 hat G. Capellini und noch früher Brocchi ange- 



2 6 I, 2. Entstehung und Entwicklung des Mittelmeergebietes. 

nommen, daß die Gerolle aus Granit und kristallinischen Schiefern 
in den eozänen Konglomeraten bei Spezia von einem nach Westen 
vorhanden gewesenen alten Festlande herstammten. Später hat 
das auch Meneghini angenommen und Zaccagna für die gleiche 
Formation in den Apuanischen Alpen. 

An der Ostseite dieses alten Festlands, dessen Vorhanden- 
sein als solches, wenigstens was das ganze östliche Sardinien 
anlangt, während der Triaszeit noch neuerdings Tornquist be- 
stätigt hat, dehnte sich während des ganzen mesozoischen Zeit- 
alters bis ins Eozän an Stelle der heutigen Apenninen das Meer 
aus, in welchem sich, offenbar bei stetig sinkendem Meeresgrunde, 
auf der abgetragenen archäischen Scholle die Schichten des 
Mesozoikums bis zum Eozän in einer Mächtigkeit von 8000 m 
ablagerten. In der jüngeren Tertiärzeit wurden dann diese 
Schichten durch tangentialen Schub von der niedersinkenden 
Tyrrhenis her zusammen- und emporgepreßt. Sie bildeten das 
junge Faltengebirge der Apenninen, die daher, im Gegensatz zu 
den vorwiegend westöstlich verlaufenden eurasischen Falten- 
gebirgen, aber, wie wir sehen werden, nicht zu dem benachbarten 
illyrisch -griechischen, weil an der Ost- und Südseite der sich 
meridional erstreckenden tyrrhenischen Scholle gelegen, meridional 
in den mediterranen Bruchgürtel hinein verlaufen, dann aber, 
schon dem Südrande desselben nahe, nach Westen umschwenken 
und sich im gefalteten Gürtel des Atlas fortsetzen. So bilden 
die Apenninen eine Landbrücke quer über das Mittelmeer. Das 
verleiht Italien seine bevorzugte Stellung im Mittelmeergebiet. 

Freilich bestand das Apenninenland, wenigstens der Süden, 
zu Ende der Tertiärzeit aus lauter Inseln. Das Faltengebirge 
war dort, wo es aus der Süd- in die Westrichtung umschwenkte, 
ähnlich dem andalusischen, durch Querbrüche zerstückt, Meer- 
engen verbanden das Tyrrhenische Meer mit dem südadriatischen 
und Ionischen. Erst jene quartäre Hebung schuf wieder ein 
orographisch einheitliches Gebirge — so jung sind also die 
Apenninen — und schloß diese Meerengen bis auf die eine von 
Messina, die aber auch bis auf 3200 m verengt und auf 102 m 
am nördlichen Eingange verflacht wurde. Denkt man sich hier 
die Wasserhülle weg, so weisen die Apenninen, die auch hier, 
von der Sohle des ionischen und tyrrhenischen Tiefbeckens aus 
gesehen, als ein mindestens 3000 m hohes Gebirge erscheinen 



Die Apenninen. 2 7 

würden, nur eine Einkerbung zwischen dem Aspromonte und 
dem Peloritanischen Gebirge auf, etwa wie der Brenner eine 
solche zwischen den Ötztaler und Zillertaler Alpen darstellt. 
Kalabrien besteht im wesentlichen nur aus Trümmerstücken der 
alten tyrrhenischen Scholle, da an der ionischen Seite der tertiäre 
Außengürtel, welcher die Apenninen in ihrer ganzen Ausdehnung 
von Piemont bis Sizilien kennzeichnet, vom Golf von Tarent bis 
zu dem Querbruche, welcher die Ostseite von Sizilien begrenzt 
und an welchen die Meerenge von Messina gebunden ist, bis 
auf geringe Reste zum ionischen Einbruchskessel abgesunken ist. 
Bei den Höhen von beinahe 2000 m, welche der kristallinische 
kalabrische Apennin in der Sila, wie im Aspromonte erreicht, er- 
scheint so Kalabrien von den Sohlen der beiden angrenzenden 
Tiefbecken aus als ein schmaler, fast 6000 m hoher Steg, welcher 
Sizilien mit dem übrigen Apenninenlande verbindet, als eine Mauer 
der Erdrinde, welche beide Tiefbecken scheidet. 

Ähnlich wie in der Kleinen Syrte lassen auch in dem so 
häufig von Erdbeben heimgesuchten Ligurien vor der Küste liegende 
unterseeische Täler und die Gestalt der Küste mit ihren 
Ingressionsbuchten auf ein junges Vordringen des Meeres schließen. 
Auch der Golf von Neapel wird als ein junges Einbruchsbecken 
angesehen. Seine Ufer und seine Umgebung mit ihrer Fülle 
menschlicher Siedelungen und Trümmer von solchen haben aber 
den Beweis ermöglicht, daß hier die Erdrinde unablässigen Schwan- 
kungen unterliegt. Die berühmte Blaue Grotte von Capri, ein 
Werk der Meereserosion, wurde geschaffen, als Capri in vor- 
geschichtlicher Zeit etwa 18 m höher über dem Meeresspiegel 
emporragte als heute. Noch zur Zeit des Tiberius war die Insel 
6 m höher als heute. Die noch heute unter Wasser sichtbaren 
Stufen der Treppe im Hintergrunde der Grotte, welche durch 
einen jetzt verschütteten Gang zu einem Palaste des Tiberius 
emporführte, reichen so weit ins Wasser hinunter. Seitdem hat 
sich die Insel noch weiter gesenkt, der hohe und breite Eingang 
der Grotte ist zu einem großen Unterwasserfenster geworden, 
durch dessen eben noch über dem Meeresspiegel emporragende 
und nur von flachen Booten bei ruhigem Wasser gangbare oberste 
Öffnung man in die Grotte gelangt. Seitdem erst rief das seit- 
lich von außen in die Grotte sich fortpflanzende Licht die wunder- 
baren Lichtwirkungen hervor. Ähnliche Niveauschwankungen sind 



28 I) -• Entstehung und Entwicklung des Mittelmeergebietes. 

auch drüben auf dem Festlande bei Sorrent und vor allem bei 
Pozzuoli nachgewiesen. 

So erscheint das Nordwestbecken des Mittelmeeres als rings 
von einem großen Wirbel junger Faltengebirge umschlossen, 
die alle ihre steilen, durch vulkanische Tätigkeit gekennzeichneten 
Abbruchsseiten, gleichsam die Schichtenköpfe, in welchen die 
ältesten sie bildenden Gesteine zutage treten, dem Meere zu- 
kehren und nur an drei Stellen tiefere Einkerbungen aufweisen: 
die also noch jüngeren Straßen von Messina, von Pantelleria und 
von Gibraltar. Nur im Nordwesten treten an Stelle dieser Falten- 
gebirgen parallelen Längsküsten lange Strecken von Schollen- 
und Schwemmlandküsten zu beiden Seiten der Querbruchküste 
der Pyrenäen. Und dort liegen im Rhonetale und in der aqui- 
tanischen Schwelle die zwei bequemsten Landzugänge zum Mittel- 
meere, die zunächst Frankreich mit dem Mittelmeergebiete ver- 
binden und ihm früher als dem durch den Alpenwall getrennten 
Deutschland mediterrane Kultur zuführten. Das erklärt, daß Frank- 
reich früher zu höherer Kultur emporstieg und so auf Deutsch- 
land einen so großen Einfluß ausüben konnte. Diese beiden 
Zugänge lassen aber auch als große Zuglöcher große Massen 
kalter, schwerer Luft von Norden und vom Ozean her in das 
Mittelmeergebiet eindringen und beeinflussen das Klima des Nord- 
westbeckens. 

Mitten aus diesem großen Wirbel ragen Sardinien-Korsika 
auf, letzteres ein alpines Gebirge in immergrünem Gewände, die 
als Reste einer alten, einst ausgedehnteren Festlandsscholle in 
ihrer Pflanzen- und Tierwelt, ja man kann sagen auch in ihren 
Bewohnern, viel Altertümliches in ihrer Abgeschlossenheit bewahrt 
haben und auf den aufmerksamen Reisenden, von wo immer 
kommend er auf den Inseln landet, den Eindruck des Fremden 
hervorrufen. 

In zwei Armen, die die sonstige Ungunst seiner Verhältnisse 
etwas ausgleichen, greift das Südostbecken des Mittelmeeres nach 
Nordwesten gegen Mitteleuropa aus, den ebenfalls jungen Meeres- 
räumen des adriatischen und des griechischen Inselmeeres. Beide 
stehen genetisch in engen Beziehungen zur rumelischen Scholle, 
welcher ein großer Teil der südosteuropäischen Halbinsel an- 
gehört: Thrakien, Makedonien, Serbien. Die Bezeichnung 
„rumelische Scholle" für dies erdgeschichtlich und geschichtlich 



Die rumelische Scholle. 



29 



zusammengehörige Gebiet habe ich eingeführt, weil dasselbe 
ungefähr dem türkischen Rumelien, Rumili, entspricht, dem 
einzigen, jene großen Landschaften, im Gegensatz zu Anadoli, 
Kleinasien zusammenfassenden Namen. In Sofia hatte der 
Beylerbey von Rumili seinen Sitz, und noch heute liegen am 
Bosporus die beiden gewaltigen Festen einander gegenüber, durch 
welche es den Türken gelang, den Bosporus zu sperren und so 
endlich Konstantinopel zu erobern: Rumili und Anadoli Hirsar. 
Ost -Rumelien hat man neuerdings Ober -Thrakien genannt. 
Auch die rumelische Scholle ist durch spätere Krustenbewegungen 
zerstückt worden und wird so ganz besonders durch zahlreiche 
kleine, für sich abgeschlossene Beckenlandschaften gekennzeichnet, 
die meist von Seen gefüllt waren und durch enge Schluchten 
entwässert werden. Teils ist die alte Scholle, wie im oberen 
und unteren Maritzabecken Thrakiens oder auf der bulgarischen 
Kreidetafel zwischen Balkan und Donau, von jüngeren mesozoi- 
schen und tertiären Ablagerungen verhüllt, teils ragt sie als ge- 
waltiger Rumpfhorst wie im Rhodopegebirge zu Höhen von 3000 m 
auf. Ganz in Inseln, ähnlich der Tyrrhenis, aufgelöst ist die 
Aegaeis, die doch vielleicht einen südlichen Teil der rumelischen 
Scholle bildete, wenn das auch noch nicht völlig klargelegt ist. 
An ihrer Stelle dehnt sich heute das griechische Inselmeer aus, 
das einen von Bruchlinien zerstückten Teil der Erdrinde be- 
zeichnet, über welchen seit Ende der Tertiärzeit, aber besonders in 
der Quartärzeit von Süden her das Mittelmeer vordrang. Aber ähnlich 
wie die iberische Scholle von zwei hohen, jungen Faltengebirgen 
begleitet wird, so auch die rumelische: das illyrisch-griechische 
Faltengebirge und der Balkan. Nur ist nach dem heutigen Stande 
unsers Wissens anzunehmen, daß bei beiden der tangentiale Schub 
von der alten Scholle ausging, bei ersterem somit nach Westen, 
bei letzterem nach Norden gerichtet war. Auf dem Austönungs- 
gürtel des ersteren liegt das flache, nördliche Adriatische Meer, 
also auch einer der jüngsten Teile des Mittelmeers, den des 
letzteren bildet die bulgarische Kreidetafel. Ersteres bedingt die 
große meridionale, letzterer, ein zwar 600 km langer, aber kaum 
30 km breiter gefalteter Erdgürtel mit einseitigem Steilabsturz, 
die westöstliche Erstreckung der südosteuropäischen Halbinsel, 
die die Wissenschaft doch nachgerade nicht mehr nach diesem 
längst als ganz untergeordnet erwiesenen Zuge nennen sollte. 



30 I» -• Entstehung und Entwicklung des Mittelmeergebietes. 

Aber genau wie das andalusische und das apenninische Falten- 
gebirge gegen das Innere des mediterranen Bruchgürtels sich in 
Inseln auflösen, so auch das illyrisch-griechische. Die jung- 
tertiären und quartären Bruchlinien, welche den Archipel schufen, 
zerstückten das südliche Drittel auch dieses schließlich nach Osten, 
nach Kleinasien, wie das in Kreta so auffällig hervortritt, um- 
biegenden Faltensystems. So entstand ein neues Länderindi- 
viduum, das maritime Gebirgsland Griechenland, dessen wag- 
rechte und senkrechte Gliederung nicht mehr durch Falten, sondern 
durch Brüche bestimmt wird. 

Aber das somit ganz junge, vielleicht auch erst in der Zeit, 
wo dies Gebiet schon von Menschen bewohnt war, gebildete 
griechische Inselmeer, von dessen Nordwestende bei Saloniki 
ähnlich wie von der Nordspitze des Adriatischen Meeres von 
Triest und Venedig wichtige Landstraßen nach Mitteleuropa aus- 
gehen, hat noch einen maritimen Ausgang nach Nordosten. Hier 
drang das Meer in der Quartärzeit von Süden her, wohl infolge 
einer Senkung des Landes im Zusammenhange mit der Bildung 
des kleinen Einbruchskessels des Marmarameeres, dessen Längs- 
achse noch heute häufig von heftigen Erdbeben erschüttert wird, 
in das dadurch zerstückte Tal eines großen Flusses ein, die Meer- 
engen der Dardanellen und des Bosporus, und wurde so eine 
Verbindung der Reihe von Einbruchskesseln des eigentlichen 
Mittelmeeres mit einer etwas nördlicheren Reihe hergestellt, die 
man im inneralpinen Senkungsfelde von Wien beginnen und sich 
durch das ober- und niederungarische und das walachische, die 
heute Tiefebenen bilden, zum Schwarzen und Kaspischen Meere 
fortsetzen lassen kann. Hier dehnte sich in der Tertiärzeit das 
Sarmatische Meer aus, das aber bis zu Beginn der Quartärzeit 
sich in kleine Brackwasserseen aufgelöst und vom Kaspischen 
Meere getrennt hatte, an deren Stelle aber durch neue Einbrüche 
nun das Schwarze Meer trat, das nach Norden hin zu beiden 
Seiten eines den Kaukasus mit dem Balkan verbindenden Falten- 
gebirgsstücks, aus welchem durch maritime Anschwemmungen die 
Halbinsel Krim wurde, aus dem eurasischen Faltenlande hinaus 
sogar über die große russische Tafel hinübergriff und diese im 
Golf von Odessa und dem Asowschen Meere aufschloß. Beide, 
aber namentlich letzteres, sind ganz flache Überspülungen dieser 
Tafel und morphologisch vom Schwarzen Meere ganz verschieden, 



Das Schwarze Meer. Zusammenfassung. ? 1 

aber sie bilden geschichtlich außerordentlich wichtige Zugänge 
zum Mittelmeere und Ausgangspunkte von Welthandelsstraßen, die 
sich als Wasserstraßen mit andern im Bosporus vereinigend durch 
das Mittelmeer fortsetzten. Von Byzanz her wurde so ganz Ruß- 
land dem griechisch-orientalischen Christentume gewonnen, auch 
dies eine der letzten hochbedeutungsvollen Einwirkungen des schon 
von seiner Höhe herabgesunkenen mediterranen Kulturkreises. 

So hat sich das Mittelmeer, indem ein Einbruchskessel mit 
dem andern in der jüngsten Tertiär- und in der Diluvialzeit in 
Verbindung trat, so tief in die Festlandsmasse der Alten Welt 
ausgedehnt, die es seitdem als Wasserstraße erschließt. So wechseln 
Ausweitungen und Verengungen unablässig und nähern sich die 
Erdteile bald einander bis auf Sehweite, bald scheinen sie vor- 
einander zu fliehen. Dies in der Geschichte der Menschheit 
wichtigste Meer hat so, wenn auch aus lauter Teilbecken be- 
stehend, wenn wir das Schwarze Meer einrechnen, einen Flächen- 
inhalt, der fast einem Drittel des Erdteils Europa gleichkommt. 

Wie sich diese Ausgestaltung des Mittelmeers zu seinen 
heutigen Verhältnissen vollzogen hat, wie sich die Begrenzungs- 
linie von Land und Meer, genauer der Begrenzungsgürtel, auch 
heute noch beständig verschiebt, an der einen Stelle das Land 
gegen das Meer vorrückt, an einer andern das Meer und marine 
Kräfte das Land zurückdrängen, so daß sich aus diesen Kämpfen 
selbst schon in geschichtlicher Zeit, ein verschwindend kurzer 
Zeitabschnitt gegenüber geologischen Perioden, recht beträchtliche 
Veränderungen ergeben, das wird in Einzeluntersuchungen näher 
dargelegt werden. 



3. Die geographischen Grundzüge des 
Mittelmeergebietes. 

Gegenüber dem Umstände, daß man gewöhnlich das Mittel- 
meergebiet in drei Erdteilen aufzuteilen pflegt, bedarf es wohl 
einer Erklärung des Begriffs Mittelmeergebiet und der Tatsache, 
daß man sich gewöhnt hat, in demselben trotzdem eine große 
geographische Einheit zu sehen, die den Erdteilen als gleich- 
wertig gilt und vielfach als solche nach meinem Vorgange an 
unseren Hochschulen als Gegenstand akademischer Vorlesungen 



?2 I» 3- Die geographischen Grundzüge des Mittelmeergebietes. 

behandelt wird. In der Tat haben wir hier einen Teil der Erd- 
oberfläche vor uns, welcher so scharf ausgeprägte Sonderzüge 
besitzt, die überall wiederkehren und als Unterschiede, ja Gegen- 
sätze gegen die übrigen Teile des betreffenden Erdteils hervor- 
treten, daß eine Abgliederung von denselben und eine Zusammen- 
fassung zu einem besonderen Erdraume nicht nur möglich, son- 
dern zum vollen Verständnis desselben geboten erscheint 

Vor allem ist das Mittelmeergebiet gut gegen seine Um- 
gebung abgegrenzt. Im Süden und Südosten bildet diese Grenze 
die große Wüstentafel der Alten Welt vom Ufer des Atlantischen 
Ozeans südlich von Marokko bis an den Fuß des eurasischen 
Faltenlandes in Nordsyrien und Armenien. Das cissaharische 
Afrika, die Atlasländer, ist nach seinem geologischen Bau als 
ein Teil des eurasischen Faltenlandes, aber auch nach seinen 
sonstigen Zügen völlig unafrikanisch und vom Sudan durch den 
breiten Wüstengürtel wirksamer geschieden, als wenn an Stelle 
desselben ein Meer flutete. Von der Kleinen Syrte ostwärts 
und bis zur Nordgrenze von Syrien am Golf von Iskanderun 
tritt die große Wüstentafel unmittelbar ans Mittelmeer, dessen 
ganze kleinere Südosthälfte auf Kosten derselben entstanden ist, 
so daß nur ihre überall schmale und steile Abdachung zu den 
mediterranen Einbruchsbecken , im Anhauche des Mittelmeeres 
noch mediterranen Charakter trägt: Tripolitanien, Barka und 
Marmarika, das Nildelta und Syrien. Die Emporpressung der 
tafellagernden Schichten der großen Wüstentafel von dem medi- 
terranen Einbruchsbecken her hat diesem Abbruchsrande größere 
Höhe und Breite, die Fähigkeit, in höherem Maße die vom 
Mittelmeere aufgestiegenen Wasserdämpfe zu verdichten, verliehen. 
So besonders in Tripolitanien, Barka und Syrien. Aber an der 
Großen Syrte reicht die Wüste selbst bis ans Mittelmeer, und 
auch in Ägypten würde das der Fall sein, wenn dort nicht ein 
gewaltiger Strom, der durch den Wüstengürtel hindurch, wenn 
auch unter ungeheuren Verdunstungsverlusten, die Wassermengen 
dem Mittelmeere zuführte, welche die Tropenregen über den 
Sudan und Abessinien ausgeschüttet haben. Aber selbst in 
Syrien, wo die Krustenbewegungen so energische gewesen sind, 
daß die tafellagernden Schichten in Mittel - Syrien ein Ge- 
birge von der Höhe des Libanon, bis zu beinahe 3000 m, 
unmittelbar über dem Mittelmeere , in Süd - Syrien jenem 



Die Grenzen des Mittelmeergebietes. -> -> 

parallel eine bis beinahe iooo m unter den Mittelmeerspiegel, 
an der Sohle des Toten Meeres, hinabreichende tiefe Narbe 
im Antlitz der Erde bilden , ist dieser mediterrane Gürtel nur 
etwa ioo km breit. Dahinter liegt die syrisch-arabische Wüste, 
welche bis an den Euphrat reicht, der im Verein mit dem 
Tigris am Fuße des iranischen Faltenlandes die Oasenland- 
schaften von Mesopotamien geschaffen hat, die nach allen ihren 
Verhältnissen, namentlich aber mit völlig kontinentalem Klima 
und ohne regelmäßige Winterregenzeit, nichts weniger als medi- 
terran sind. Der Euphrat strebt bei seinem Austritt aus dem 
armenischen Faltenlande und seinem Übertritt auf die große 
Wüstentafel den taurischen Faltenzügen folgend dem Mittelmeere 
zu, wird aber nur noch 150 km (Leipzig- — Gotha) von demselben 
durch die Störungen, welche die nordsyrische Tafel erfahren hat, 
erst nach Süden, diesen Bruchlinien parallel, und dann nach 
Südosten abgelenkt , um schließlich in den fernen Persischen 
Meerbusen zu münden. Seine beiden Schenkel bilden so wichtige 
Zugangsstraßen zum Mittelmeere und machen Nordsyrien zu einem 
der geschichtlich wichtigsten Durchgangsländer des Weltverkehrs. 

Wie so im Süden und Südosten die Wüste die Mittelmeer- 
länder von der Umwelt abgrenzt, so im Norden die Gebirgswälle 
des eurasischen Faltenlandes: der Kaukasus, seine Fortsetzung 
in dem kleinen Gebirge der Krim, das sich seinerseits im Balkan 
fortsetzt, von welchem wir zu dem illyrischen Gebirge und den 
Alpen gelangen. Zwischen diesen und dem pyrenäisch-kanta- 
brischen Faltengebirge, das die Iberische Halbinsel scharf gegen 
Norden begrenzt, bildet auch das Zentralplateau von Frankreich 
und die Cevennen einen Abschluß. 

Die Größe des Mittelmeergebiets können wir auf etwa 3 /. 
der Größe des Erdteils Europa schätzen, wovon allerdings ein 
Drittel, mit dem Schwarzen Meer sogar etwa 2, 9 Millionen qkm, 
auf das Mittelmeer selbst kommen. 

Wo immer man diese Grenze des Mittelmeergebiets, die >vir 
uns natürlich nicht als eine Linie, sondern als einen bald 
schmäleren, bald breiteren Landgürtel zu denken haben, über- 
schreitet, empfängt man sofort den Eindruck, daß man sich in 
einem andern Erdraume befindet. Selbst da, wo bequeme Zu- 
gänge aus den drei Erdteilen in die Mittelmeerwelt führen. 

Diese Zugänge sind für die kulturgeschichtliche Bedeutung 

'ier, Mittelmeerbilder. Neue Folge. 3 



■1A I, 3. Die geographischen Grundzüge des Mittelmeergebietes. 

des Mittelmeergebiets von größter Bedeutung. Im Norden sind 
sie durch auch in klimatischer Hinsicht, als Zuglöcher, wichtige 
Lücken in dem Gebirgswalle gebildet. So in Frankreich die 
aquitanische Schwelle, die ins Garonnebecken führt, und das 
Rhonetal. Das sind die beiden Wege, auf welchen mediterrane 
Kultur in breitem Strome von Marseille und von Narbonne her 
nach Frankreich einströmte, über Frankreich nach den britischen 
Inseln und Deutschland, jenem eine frühere Kulturentwicklung 
und kulturelle Überlegenheit sichernd. Nur auf den Rücken 
von Saumtieren, sozusagen tropfenweise, vermochte sich Deutsch- 
land über hohe, einen großen Teil des Jahres verschneite Alpen- 
pässe die Erzeugnisse mediterraner Kultur zuzuführen. Nur an 
der äußersten Südostgrenze Deutschlands bot sich von der Nord- 
spitze des Adriatischen Meeres nach Wien ein uralter, verhältnis- 
mäßig bequemer Handelsweg, der im späteren Mittelalter nicht 
unwesentlich zu dem raschen kulturellen Aufblühen dieses deut- 
schen Siedlerlandes beigetragen hat, wie es schon in römischer 
Zeit durch blühende Städte bezeichnet wurde. 

Weiter nach Osten bilden die tiefen Einkerbungen der südost- 
europäischen Halbinsel, im engeren Sinne der rumelischen Scholle, 
welche durch den Lauf des Vardar und der Morawa und die 
Eisenbahnlinie Saloniki-Belgrad einerseits, das obere und untere 
Maritzabecken und die Linie Belgrad-Konstantinopel andererseits be- 
zeichnet werden, Zugänge zum Mittelmeer, aufweichen die römische 
Herrschaft in Dacien und die Beherrschung Ungarns durch die Türken 
beruhte, und die wohl in Zukunft noch größere Bedeutung er- 
langen werden, zumal die Wasserstraßen der Donau und der 
Theiß aus dem Herzen von Europa auf sie hinzielen. Von 
großer Bedeutung sind auch die beiden breiten Zugangstore vom 
osteuropäischen Flachlande her zum Schwarzen Meere, östlich 
und westlich der Krim, die Bucht von Odessa und das Asowsche 
Meer. Beide waren früh mit griechischen Kolonien besetzt, von 
deren einer ja Odessa seinen Namen hat, die die Erzeugnisse 
des Landes, besonders Getreide, dem Mittelmeergebiete zuführten. 
Von hier aus wirkte Byzanz als Kulturmittelpunkt, wie sich noch heute 
in der „griechischen" Kirche Rußlands ausprägt. Wie schon in 
spätgriechischer Zeit an der mediterranen Südküste der Krim 
und an dem ins Asowsche Meer führenden Tore große Handels- 
städte wie Chersonesos, Pantikapäon, Phanagoria u. a. aufblühten, 



Zugänge zu dem Mittelmeere. a c 

ja ein ganzer griechischer Staat, das Bosporanische Reich, hier 
lange Zeit bestand, so entwickelten sich im Mittelalter, wo von 
hier zugleich Handelswege nach Inner- und Ostasien ausgingen, 
reiche italienische Handelsstädte wie Kaffa und Sudak. Von 
geringerer Bedeutung war der Zugang vom südkaspischen Meere 
her über die kaukasische Landschwelle. Alle diese Wege liefen 
aber schließlich im Bosporus zusammen und machten diesen 
neben der Straße von Gibraltar zum wichtigsten Eingange ins 
eigentliche Mittelmeer. 

Die große Wüstentafel ihrerseits bietet nur zwei Zugänge 
zum Mittelmeere, die darum um so wichtiger waren und zu den 
kulturgeschichtlich wichtigsten Wegen des Weltverkehrs gehören. 
Beide beruhen auf tektonischen Vorgängen, welche mit der Bil- 
dung des großen Bruchgürtels der Erde und somit auch mit der 
Entstehung des Mittelmeeres selbst in Beziehungen stehen, die 
Grabenversenkung des Roten Meeres, welche, wohl erst in quar- 
tärer Zeit entstanden, die ganze Wüstentafel in ihrer ganzen 
Breite quert und in der Meerenge von Suez, die allerdings nur 
kurze Zeit bestand und sehr flach war, das Mittelmeer mit dem 
Indischen Ozeane verband, und der Persische Meerbusen, der 
z. T. wohl auch eine Grabenversenkung, z. T. ein flaches Trans- 
gressionsmeer auf der geologischen Grenze der großen Wüsten- 
tafel und des eurasischen Faltenlandes ist. Letzterem streben, 
aus dem Hochlande von Armenien herabstürzend, längs dieser 
geologischen Grenze die Zwillingsströme Euphrat und Tigris zu, 
nachdem ersterer sich dem Mittelmeere auf 1 50 km genähert hat. 
Sie haben den flachen inneren Teil des Persischen Meerbusens 
bereits weithinauf zugeschüttet und so das fruchtbare Schwemm- 
land von Mesopotamien geschaffen, einen der ältesten Sitze 
menschlicher Kultur, welcher zwischen Indien auf der einen, dem 
Mittelmeergebiete auf der anderen Seite vermittelte. Ist dieser 
Zugang zum Mittelmeer längs dem Euphrat und durch Nordsyrien, 
auf welchem die Blüte der phönikischen Seestädte, von Palmyra 
und von Antiochien wie später von Damaskus beruhte, auch 
kulturgeschichtlich wichtiger als jener durch das Rote Meer, so 
ist er heute doch durch diesen, besonders seit der Grabung des Suez- 
kanals, verdunkelt, kann aber jeden Augenblick seine Bedeutung 
zurückerhalten, weshalb sich die Engländer auch den Schlüssel 
zu diesem Welthandelswege, Cypern, gesichert haben. Das 

3* 



^6 I) 3- Die geographischen Grundzüge des Mittelmeergebietes. 

Rote Meer hat Ägypten außer der ihm an und für sich inne- 
wohnenden großen Bedeutung zum wichtigsten Durchgangslande 
des Welthandels gemacht. Den Seglern des Altertums freilich 
erschwerten die Windverhältnisse des nördlichen Roten Meeres, 
die vorherrschenden Nordwinde, den Verkehr derartig, daß dieser 
den Nil möglichst weit aufwärts bis zu Punkten größerer An- 
näherung benutzte, um möglichst weit nach Süden gelegene 
Häfen (Leukos Limen und Berenike) quer durch die felsige 
Wüste zu erreichen. Das Niltal selbst hat niemals, etwa wie in 
neuerer Zeit, eine hervorragende Rolle als Verbindungsweg mit 
dem Sudan gespielt. Das Christentum ist auf dem Seewege nach 
Abessinien gekommen. 

Auch die Wüstenstraßen, welche, durch Oasenreihen bedingt, 
vom Tschadsee her bei Tripolis und Gabes am Syrtenmeere 
ausmündeten, wie diejenigen, die Timbuktu am Nigerknie mit 
dem äußersten Südwesten von Marokko verbinden, haben niemals 
eine besondere kulturhistorische Bedeutung erlangt, wenn wir 
davon absehen, daß auf diesen Wegen der Islam ins Innere von 
Afrika getragen worden ist. 

Um so wichtiger ist aber das große Zugangstor vom Ozean 
her, die Straße von Gibraltar. 

Auf diesen Zugangswegen konnten die drei Erdteile, die 
am Mittelmeergebiet teilhaben, auf dieses einwirken. Menschen 
und Erzeugnisse derselben, stoffliche wie geistige, die oft aus 
unbekannten Fernen herstammten, gelangten hier ans Meer. So 
unterhielt das Mittelmeergebiet die vielseitigsten Beziehungen zu 
seiner Umwelt, bald empfangend, bald gebend. Wie viele Völker 
sind auf diesen Zugangswegen ins Mittelmeergebiet eingedrungen 
und haben dort die gewaltigsten Umwälzungen hervorgerufen. Man 
denke nur an Germanen, Araber und Türken! 

Daß dieser Charakterzug der Vielseitigkeit der Beziehungen 
für das ganze Mittelmeergebiet wirksam werden konnte, dazu trug 
die eigenartige wagrechte Gliederung der Mittelmeerländer bei. 
Entsprechend der Entstehung des Mittelmeeres auf dem großen Bruch- 
gürtel der Erde teils auf Kosten der großen Wüstentafel, nament- 
lich aber auf Kosten des eurasischen Faltenlands weisen alle 
drei Erdteile am Mittelmeere eine reiche Gliederung auf, sie 
lösen sich in Halbinseln und Inseln auf, die sich einander ent- 
gegenstrecken. Man kann die Halbinsel geradezu als die mor- 



Gliederung des Mittelmeergebietes. 



37 



phologische Charakterform der Mittelmeerländer bezeichnen. 
Afrika, eine große, hohe, ungegliederte Scholle, wird durch das 
Syrtenmeer, einen der mediterranen Einbruchskessel, an welchem 
die Wüstenstraßen ausmünden, aufgeschlossen. Es schiebt die 
stumpfe Halbinsel von Barka, welche wie eine Bastion die West- 
oststraße durch das Mittelmeer zu beherrschen vermag, ins Mittel- 
meer, das sich hier zwischen Kreta und Barka auf 250 km ver- 
engt, vor, und die Atlasländer, ein völlig unafrikanisches Stück 
des eurasischen Faltenlandes, rings von Wüste und Meer um- 
geben, werden recht bezeichnend von den Arabern Dschesiret- 
el-Maghreb, die Insel des Westens genannt. Die Atlasländer 
sind so völlig unafrikanisch, sind so wirksam durch die große 
Wüste vom Sudan geschieden, daß sie selbst die Vermittlerrolle 
zwischen Afrika und dem Mittelmeergebiet nur in geringem Maße 
gespielt haben. Auch ihre berberische, seit dem Mittelalter z. T. 
arabische Bevölkerung steht derjenigen Europas und Asiens näher 
als derjenigen Afrikas. An zwei Stellen, im Westen und im 
Osten in Sehweite Europas, an beiden in hohem Maße befähigt, 
nicht nur die Welthandelsstraße durch das Mittelmeer zu be- 
herrschen, sondern auch auf die Gegengestade einen tief greifenden 
politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einfluß auszuüben, 
haben die Atlasländer, seit sie durch die Phöniker und noch 
mehr durch die Römer in die Kulturbewegung des Mittelmeer- 
gebiets einbezogen wurden, auf dieses und auf die Kulturentwick- 
lung der Menschheit einen großen Einfluß ausgeübt. Man ver- 
gegenwärtige sich, was die Atlasländer erst in spätrömischer Zeit, 
dann wieder im arabischen Mittelalter an Dichtern und Gelehrten 
hervorgebracht hatten, und daß sie viele Jahrhunderte hindurch die 
ganze iberische Halbinsel, Sizilien und Sardinien sozusagen 
von der christlichen Welt losgelöst und sich und der Welt des 
Islam angegliedert hatten. Und andererseits, daß drei Jahr- 
hunderte hindurch die aus ihren Häfen auslaufenden Seeräuber- 
flotten den Verkehr im ganzen Mittelmeere störten, die Küsten 
Spaniens und Italiens, an denen noch heute verfallene, malerische 
W T arttürme auf allen Vorgebirgen von jener schrecklichen Zeit 
zeugen, völlig verödeten. Umgekehrt beherrscht heute eine euro- 
päische Mittelmeermacht bereits den größten Teil der Atlasländer 
und hofft dieselben nicht nur zu einer der mächtigsten Stützen 
seiner Weltmacht zu machen, sondern sogar dort ein neues 



^8 I. 3- Die geographischen Grundzüge des Mittelmeergebietes. 

europäisches, kulturell und sprachlich französisches Volkstum 
großzuziehen, eine Verjüngung des eigenen gealterten Volkes. 

Noch schärfer als in Afrika tritt die morphologische 
Charakterform der Mittelmeerländer in Europa hervor, sich nach 
Osten immer mehr steigernd, indem die Halbinselform sich auch 
im kleinen wiederholt und der Inselreichtum immer größer 
wird, entsprechend der Zerstückung der eurasischen Faltengebirge, 
die die geographischen Grundzüge von ganz Südeuropa bestimmen, 
wo immer sie tiefer in den mediterranen Bruchgürtel hineinreichen. 

Zunächst freilich ist die Gliederung der iberischen Halb- 
insel eine geringe, ja man kann sie noch mehr als in sich ab- 
geschlossen ansehen wie die Atlasländer. Im Norden und im 
Süden von hohen Faltengebirgen überragt und von den Nach- 
barländern getrennt, neigt sich dieselbe als ein hohes vereinsamtes 
Vorgebirge Europas zum Ozean, dessen ferne Gegengestade erst 
von einem seefahrenden Mittelmeervolke entdeckt werden mußten, 
dann aber mit ihren Schätzen einen ungeheuren, aber mehr 
schädlichen als wohltuenden und kulturfördernden Einnuß auf 
diese Mittelmeerhalbinsel ausgeübt haben. Die ganze verhältnis- 
mäßige Verödung des heutigen Spanien und Portugal ist eine 
Folge dieser Beziehungen zu Mittel- und Südamerika, andererseits 
aber zu Afrika und der Welt des Islam, denn der jahrhunderte- 
lange Kampf gegen diesen hat auch seinerseits den Charakter 
des spanischen Volkes aufs ungünstigste beeinflußt, indem er die 
Religion über alles setzte, das Priestertum allmächtig werden und 
schlichte bürgerliche Erwerbstätigkeit als minderwertig, ja ver- 
ächtlich erscheinen ließ. Noch heute tritt uns die lange Herr- 
schaft des nordafrikanischen Islams allenthalben entgegen, am 
meisten in Andalusien, nicht nur wegen seiner räumlichen Nähe 
zu Marokko, sondern auch weil es sich nach Südwesten öffnet 
und eine der am schärfsten ausgeprägten Sonderlandschaften ist. 
An diesen ist die Halbinsel reich und stehen namentlich die 
Randlandschaften, wenn auch nur eine, Portugal, auch politisch 
selbständig ist, in stetig wachsendem Gegensatz zu den zentralen. 
Spanien ist das Land der Gegensätze, so europafremd wie kaum 
der Rest des türkischen Reichs in Europa, so daß man in 
Frankreich sprichwörtlich sagt: hinter den Pyrenäen beginnt 
Afrika. In der Tat hat die Halbinsel in der Höhe und der 
Geschlossenheit ihres Umrisses und in seinem Klima etwas 



Das Halbinselland Italien. 



39 



Afrikanisches. Es ist der heißeste und trockenste Teil Europas, 
wo allein die Dattelpalme ihre Früchte reift, der Baum, welchen 
nach der Vorstellung des Orientalen die Vorsehung den Be- 
wohnern der Wüste geschenkt hat. Zum Mittelmeergebiet hat es 
immer die Rolle eines westlichen Grenzlandes gespielt, der Ver- 
kehr ging um die Halbinsel herum, nicht durch dieselbe. Der 
Einfluß, welchen dieselbe auf das übrige Mittelmeergebiet und 
auf Europa ausgeübt hat, ist zeitlich beschränkt und stets gering 
gewesen, etwa von dem echt spanischen Erzeugnis des Jesuitismus 
abgesehen, der ein Meer von Blut und Tränen über die Welt 
ergossen hat. 

Das ausgeprägteste Halbinselland ist Italien, zugleich das 
zentralste und maritimste, dasjenige, welches nach seiner Lage, 
Erstreckung und Hafenreichtum am meisten die Vermittlerrolle 
von Erdteil zu Erdteil zu spielen berufen erscheint und auch 
immer wieder in der Geschichte gespielt hat. Es erscheint als 
eine vom Fuße der Alpen quer 'durch und über den mediterranen 
Bruchgürtel nach Afrika geschlagene, freilich bei der Häufigkeit 
der Erdbeben, gleichsam noch schwankende Landbrücke, die 
einerseits über Sizilien sich Afrika, andererseits in der apulischen 
Halbinsel mit ihren herrlichen Naturhäfen von Tarent und Brindisi 
eine Art Landesteg nach Südosten vorschiebend, auch der öst- 
lichen Nachbarhalbinsel auf Sehweite nähert. Den Verkehr nach 
Südosten fördert auch das Adriatische Meer von seinem die Po- 
ebene erschließenden Haffhafen Venedig aus. Aber die Stirn- 
seite Italiens ist auch aus genetischen Gründen die reich ge- 
gliederte und inselreiche Westküste, während das Tiefland des 
Nordens nicht nur den Verkehr auf hier wichtigeren Landwegen 
mit Mitteleuropa vermittelt, sondern auch ein wichtiger Abschnitt 
einer Durchgangsstraße am Südrande des Festlandsrumpfes von 
Europa, von der unteren Donau her durch Südfrankreich nach 
Spanien, ist. Ziehen wir die schon durch die Länge der meri- 
dionalen Erstreckung bedingte Abstufung des Klimas und der 
Erzeugnisse noch in Betracht und den großen klimatischen Ein- 
fluß, welchen das Mittelmeer überall auf das schlanke Halb- 
inselland auszuüben vermag, das Vorherrschen fruchtbarer Boden- 
arten in dem jungen Lande, die große Volksdichte, namentlich 
an den Küsten — Italien allein beherbergt fast 1 / 3 der Bewohner 
des Mittelmeergebiets — so erscheint uns Italien als die geo- 



iO I> 3- Die geographischen Grundzüge des Mittelmeergebietes. 

graphisch am meisten bevorzugte Mittelmeerhalbinsel, wie sie 
auch, obwohl bei weitem die kleinste derselben zur Beherrschung 
des Mittelmeeres berufen erscheint, wie in römischer Zeit, so 
in Zukunft, und auf das ganze Mittelmeergebiet, ja die Mensch- 
heit im klassischen Altertum, im Mittelalter als Sitz des Welt- 
handels, in der Renaissancezeit und durch das Papsttum den 
größten Einfluß ausgeübt hat. 

Eine Art Doppelhalbinsel nach ihrer Entstehung ist die 
südosteuropäische, wie man sie nennen muß, nachdem längst 
festgestellt ist, daß die Benennung nach dem Balkan auf ganz 
falschen Vorstellungen von der Größe und Erstreckung dieses 
nicht einmal das rumelische Schollenland, dem es angehört, ge- 
schweige die ganze Halbinsel kennzeichnenden Gebirges beruhte. 
An das rumelische Schollenland, welches die größere Osthälfte 
bildet und die große westöstliche Erstreckung bedingt, ist im 
Westen das lange illyrisch-griechische Faltensystem angegliedert, 
auf welchem die große meridionale Erstreckung beruht. Das 
rumelische Schollenland ist offenes, wegsames, von allen Seiten 
zugängliches und daher eine Fülle von Beziehungen unterhaltendes, 
geschichtsreiches Gebiet, das, auch an inneren Schätzen reich, 
bei meist sehr fruchtbarem Boden und überwiegend mitteleuro- 
päischem, im Sommer noch regenreichem Klima eine dichte 
Bevölkerung zu ernähren vermag. Es streckt sich nach Nord- 
osten von der unteren Donau aus Rußland entgegen, nach Süd- 
osten Kleinasien und wird von Saloniki und Konstantinopel aus 
von zwei der geschichtlich wichtigsten Verkehrswege von Europa 
gequert, welche von Belgrad aus durch Ungarn auf Mitteleuropa 
zielen. 

Ganz anders das westliche Faltenland. Dies ist überwiegend 
Gebirgsland, vielfach mit Höhen von mehr als 2000, ja bis 3000 m, 
in großer Ausdehnung aus Kalkfels aufgebaut, entwaldet und ver- 
karstet, ein armes, verschlossenes Gebiet, da die Flüsse meist 
in engen, ungangbaren Quertälern aus den breiteren Längstälern 
zum Adriatischen Meere oder nach Osten durchbrechen. Könnte 
man das beziehungsreiche rumelische Schollenland auch in ge- 
schichtlichem Sinne ein Gebiet der Bewegung nennen, so haben 
wir hier ein Gebiet des Verharrens vor uns. Hier sitzen noch 
in urtümlichen Zuständen die Albanesen, die Nachkommen der 
alten Illyrier, die sich durch alle Stürme hindurch im Schutz 



Das illyrisch -griechische Faltenland. a j 

ihrer Berge Sprache und Eigenart zu bewahren vermocht haben. 
Hier haben sich die Wlachen, Reste der romanisierten Urbevölke- 
rung erhalten, und die Serben der Schwarzen Berge haben gegen 
alle Angriffe der Türken ihre Freiheit zu behaupten vermocht. 
Wie alle Verkehrswege, außer in der Zeit des künstlichen Straßen- 
baus des Römerreichs (Via Egnatia, Dyrrhachium-Konstantinopel), 
vor diesem wenig wegsamen Landgürtel nach Norden gegen die 
Donau, oder nach Süden gegen Griechenland abbogen, so ist 
das Küstenland des illyrischen Gebirges, Dalmatien, niemals den 
Türken unterworfen gewesen, die nur das Narentagebiet, die 
Herzegovina, dadurch ihrem Reiche anzugliedern vermochten, daß 
dasselbe von innen, aus dem Becken von Sarajevo, verhältnis- 
mäßig leicht zugänglich war. Alle Staatenbildungen erscheinen 
hier in die Länge gezogen. 

Zu einem neuen Länderindividuum wurde aber das südliche 
Drittel dieses gefalteten Erdgürtels ausgestaltet dadurch, daß der- 
selbe, je weiter hinein in den mediterranen Bruchgürtel um so 
mehr von den jungen Bruchlinien zerstückt wurde, welche das 
Festland der Aegaeis in quartärer Zeit in das griechische Insel- 
meer auflösten, Bruchlinien, welche bald dem Streichen der Falten 
parallel laufen, bald mehr oder weniger senkrecht auf demselben 
stehen. Auch Vertikalverschiebungen kamen vielfach vor, sowohl 
Einbrüche, wie Emporpressungen, die beispielsweise am Nord- 
rande des Peloponnes jungtertiäre Ablagerungen in Höhen von 
1800 m über dem heutigen Mittelmeerspiegel gebracht haben. 
Überall drang das Meer in die Senkungsfelder und Hohlformen 
ein, und so entstand das maritime Gebirgsland Griechenland, 
das sich immer mehr in Halbinseln und Inseln auflöste, in seiner 
Zerstückung in zahlreiche kleine Sonderlandschaften , die alle 
Sonderzüge, besondere Beziehungen zueinander und zu dem stets 
nahen Meere hatten, besondere Einflüsse auf ihre Bewohner aus- 
übten: ein Mikrokosmos, der in der Geschichte der Menschheit 
eine große Rolle gespielt hat, der gegenüber auf der vergrößerten 
Erde, wo auch die Größe des Raumes eine Rolle spielt, das 
heutige Griechenland als besonders klein und arm erscheint. 

Auch Asien nimmt durch zwei Halbinseln am Mittelmeer- 
gebiet teil, Kleinasien und Syrien. Letzteres dank der Lage 
am Mittelmeere und der Höhe seiner die Wasserdämpfe des- 
selben verdichtenden Gebirge in einem ca. 100 km breiten Gürtel 



4 2 I» 3- Die geographischen Grundzüge des Mittelmeergebietes. 

auch ohne künstliche Berieselung anbaufähig, anthropogeographisch 
eine Art Halbinsel zwischen Wüste und Meer, gleichsam ein hoher 
Steg, der vom Südrande Kleinasiens und von den beiden auf 
das Mittelmeer weisenden Schenkeln des Euphratlaufes den Ver- 
kehr zwischen diesen Gebieten, Arabien und Ägypten vermittelt. 
Klein asien, das Faltenland des Taurussystems, das nach Westen 
hin mit dem nach Osten umbiegenden griechischen in Beziehung 
stand, wie Kreta noch deutlich erkennen läßt, bildet in seiner 
großen westlichen eurasischen Erstreckung mit den nach Norden 
und nach Süden steil abbrechenden, sich nach Westen neigen- 
den und durch Längstäler geöffneten Gebirgen die eine Hälfte 
einer Landbrücke, welche Vorderasien mit Mitteleuropa verbindet 
— das rumelische Schollenland ist die andere — , und ist um so mehr 
ein Durchgangsland, als es nur der schmale Strom des Bosporus, 
an dessen südlichem Eingange in Konstantinopel die Natur einen 
Knotenpunkt von Land- und Wasserstraßen geschaffen hat, wie er 
kaum noch einmal auf der Erde wiederkehrt, von Europa trennt, 
auch die hafenreichen Buchten der Querbruchküste des vorderen 
Kleinasiens sich gegen Europa öffnen und man aus den weiten, 
kaum ein Verkehrshindernis bietenden Steppen des inneren Hoch- 
lands bequem in die westlichen Flußtäler hinabsteigt und durch 
sie zum Meere gelangt. Nur der festländische Zugang zu dieser 
Landbrücke von Mesopotamien und Syrien her ist durch die hohen 
Ketten des Taurus und Antitaurus erschwert. So reich und 
mannigfaltig Kleinasien überhaupt, aber namentlich auch mit inneren 
Schätzen ausgestattet ist, eine so dichte Bevölkerung es im größten 
Teile seines Gebiets zu ernähren und höherer Gesittung zuzu- 
führen vermag, so fehlt ihm doch wegen des echt asiatischen 
Steppencharakters des inneren Hochlands eine beherrschende Land- 
schaft, also ganz ähnlich wie seiner südosteuropäischen Schwester- 
halbinsel. Es hat daher niemals ein einheitliches Staatswesen 
für sich gebildet, sondern ist nur dann in seiner ganzen Aus- 
dehnung politisch geeint gewesen, wenn es von der gemeinsamen 
Hauptstadt Konstantinopel aus mit der südosteuropäischen Halb- 
insel verbunden war. 

Wie sich somit die Mittelmeerhalbinseln, die mediterranen 
Einbruchskessel mit ihren Faltengebirgen umschließend, einander 
immer und immer wieder bis in die Sehweite nähern oder durch 
Inseln miteinander in Verbindung treten, so durchdringt das 



Klimatischer Einfluß des Mittelmeeres. 



43 



Mittelmeer diesen ganzen Erdgürtel, verbindet die einzelnen 
Teile aufs innigste miteinander und vereinigt sie zu einer großen 
Lebensgemeinschaft, deren einzelne Glieder alle voneinander be- 
einflußt werden. Das Mittelmeer verbindet die Mittelmeerländer 
besser miteinander, als wenn sie durch entsprechende Strecken 
festen Landes miteinander verbunden wären. Wenn wir uns das 
Mittelmeer wegdenken, so haben wir die Alte Welt als ungeheure 
geschlossene Landmasse vor uns. Nicht nur die geographischen 
Verhältnisse der Mittelmeerländer, sondern der ganzen Alten 
Welt würden völlig verändert sein. Die große Welthandelsstraße, 
welche heute durch das Mittelmeer die Abendseite der Alten 
Welt und die dort sich drängenden Menschen mit der Mittags- 
und Morgenseite derselben mit ihrem noch größeren Menschen- 
gewimmel verbindet, das Bündel von Wasserstraßen, welches durch 
die Pforte von Gibraltar alle Verzweigungen des Mittelmeeres bis 
Taganrog und Batum erschließt, wäre nicht mehr vorhanden. 
Namentlich würde auch die Einwirkung wegfallen, welche das 
Mittelmeer auf das Klima dieses Erdgürtels ausübt. Der Gürtel 
der tropischen Regen bei höchstem Sonnenstande, der unter Ein- 
wirkung des Mittelmeeres mit seinem im Sommer relativ hohen 
Luftdrucke nur bis an den Südrand der Sahara reicht, würde 
sich bis an ihren Nordrand verschieben, und vor allem die große 
Warmwasserheizung, der Trog niederen Luftdrucks, als welcher 
das Mittelmeer im Winter erscheint, und damit die regenbringen- 
den winterlichen Zyklonen würden für dieses Gebiet wegfallen. 
Dadurch, daß das Mittelmeer durch die flache Schwelle an seinem 
Eingange von den Tiefen des Ozeans und seinen bis wenig über 
Null abgekühlten Gewässern abgesperrt ist, muß es seine thermi- 
schen Verhältnisse selbst regeln, und so besitzen seine Tiefen 
eine Temperatur, welche ungefähr der Temperatur der Oberfläche 
im kühlsten Monate entspricht, nämlich 12 — I3°C, im südlichen 
Südostbecken auch noch etwas mehr. Nur eine Oberflächen- 
schicht von 300 — 400 m ändert ihre Temperatur jahreszeitlich, 
so daß in derselben im Spätsommer beispielsweise die Wärme 
bis zur Tiefe von etwa 400 m sehr rasch abnimmt, von da an, 
auch wo die darunterliegende Wasserschicht 4000 m mächtig ist, 
so ziemlich gleich bleibt, während im Spätwinter wohl die ganze 
Wassersäule dieselbe Temperatur haben kann. Im Winter ist also 
das Mittelmeer mit warmem Wasser gefüllt, es erzeugt über seinen 



a* I, 3. Die geographischen Grundzüge des Mittelmeergebietes. 

Teilbecken Zyklonen, welche den Gestadeländern Wärme und 
Regen zuführen. Das Mittelmeergebiet hat so in der winterlichen 
Jahreshälfte veränderliche Winde und Regen, in der sommerlichen, 
wo es auch südlich von dem Gürtel hohen Luftdrucks an der 
Ostseite des Atlantischen Ozeans liegt, ist es vorwiegend bei 
relativ hohem Luftdruck Ausgangsgürtel von (nördlichen) Luft- 
strömungen und daher niederschlagsarm bis (im Süden) nieder- 
schlagslos. Thermisch erscheint aber das Mittelmeergebiet in 
seiner ganzen Ausdehnung begünstigt, wenn diese Begünstigung 
auch nach Osten hin abnimmt. Am größten ist sie naturgemäß 
im Winter. Die milden Winter der Mittelmeerländer sind ja be- 
kannt und gehören in erster Linie zu den Anziehungen, welche 
jeden Winter viele Tausende von Fremden in die Mittelmeer- 
länder locken, begreiflicherweise meist an die Ufer des Mittel- 
meeres selbst und in die klimatischen Oasen, welche im milden 
Anhauche dieses Meeres überall da entstehen, wo steil und hoch- 
aufsteigende Faltengebirge südliche Exposition und Schutz gegen 
kalte Nord- und Binnenwinde gewähren. Freilich darf man nie 
vergessen, daß der Winter zugleich die Regenzeit der Mittelmeer- 
länder ist. 

Die Eigenart des Mediterranklimas und ihre Folgewirkungen 
wird eine besondere Abhandlung beleuchten. 

Wie das Klima, so gehört auch die Pflanzenwelt zu den 
einheitlichen, individuellen Zügen der Mittelmeerländer. Sie übt 
auf die Phantasie des Nordländers den größten Einfluß aus und 
weckt am meisten bei ihm den Eindruck, ein zu seiner Heimat 
gegensätzliches Gebiet, den Süden, betreten zu haben. Freilich 
bedarf die landläufige Vorstellung von der Verbreitung der Medi- 
terranflora einer bedeutenden Einschränkung. Wie der Deutsche 
nach Überschreitung der Alpen, wenn er die wenigen künstlich 
und mühsam an den Ufern der lombardischen Seen eingebürgerten 
Vertreter der Mediterranflora hinter sich hat, in der Poebene, 
wenn er sich nicht durch die fremden Wirtschaftsformen beirren 
läßt, fast nur mitteleuropäische Gewächse um sich sieht, so 
verschwinden die charakteristischen Formen der Mittelmeerflora 
sehr rasch, wenn man sich von den Ufern des Mittelmeers ent- 
fernt und ins Innere der Mittelmeerhalbinseln eindringt und in 
die Berge emporsteigt. Die südosteuropäische Halbinsel, Klein- 
asien, Südfrankreich, ja selbst Italien ist nur von einem schmalen, 



Die Pflanzenwelt des Mittelmeergebietes. ac 

immergrünen Saume längs der Küsten umgeben, auch in Syrien 
ist derselbe höchstens ioo km breit, noch schmaler in Barka und 
Tripolitanien. Nur auf der iberischen Halbinsel gehört etwa die 
Südhälfte bis zum kastilischen Scheidegebirge und in den Atlas- 
ländern der Nordosten und der Nordwesten der Mediterrannora 
an. Also nur ein Bruchteil der Fläche der Mittelmeerländer ist 
in dieser Hinsicht völlig mediterran. Wie in bezug auf das Klima, 
so ist nach dem Pflanzenkleide der bei weitem größte Teil der 
südosteuropäischen Halbinsel mitteleuropäisch, dem auch Formen 
des Ostens eingestreut sind. Ebenso ist es im westpontischen 
Gebiete und am Nordrande der iberischen Halbinsel. Und selbst 
im Süden kehren im Gebirge die Formen Mitteleuropas wieder. 
In den Madonie Siziliens pflückt man im Sommer unter Buchen 
Erdbeeren wie im Harze. 

Es kann somit keinem Zweifel unterliegen, daß die Medi- 
terranflora völlig an das Mittelmeer gebunden, von dieser großen 
Warmwasserheizung abhängig ist. Sie reicht nur so weit land- 
einwärts, als diese ihren milde Winter bedingenden Einfluß geltend 
machen kann. Scheidet ein, wenn auch nur schmaler und nied- 
riger Gebirgswall das Innere vom warmen Anhauche dieses Meeres, 
wie etwa in Ligurien, Thessalien, Nordsyrien, so bilden sich grelle 
Gegensätze aus, um so greller, wenn zugleich, wie in Ligurien, 
die Streichrichtung des Gebirgs eine dem Süden zugekehrte, vor 
rauhen Winden aus dem Innern und von Norden geschützte Ab- 
dachung schafft. Tunesien und das östliche Algerien dagegen, 
die sanft zum Mittelmeere geneigt und dem Einflüsse desselben 
nur in geringem Maße durch Höhenzüge entzogen werden, tragen 
in großer Ausdehnung ein mediterranes Pflanzenkleid, in welches 
erst weiter nach Süden mit zunehmender Trockenheit Steppen- 
und Wüstenpflanzen eingemischt sind. Das gleiche gilt von Nord- 
marokko und dem Atlasvorlande von Marokko, andrerseits von 
dem sich zum Ozean neigenden Südwesten der iberischen Halb- 
insel, welche beide dem noch wirksameren Einflüsse des Ozeans 
ausgesetzt sind. Das andalusische Faltengebirge bildet in dieser 
Hinsicht keinen scheidenden Wall, da es der vorherrschenden 
Windrichtung parallel streicht. 

Für das Verständnis der Mediterranflora ist aber weiter von 
Wichtigkeit, daß wir uns hier auf dem Schauplatze einer langen 
Geschichte, auf einem alten Kulturherde, in einem Brennpunkte 



4 6 I) 3- -Di e geographischen Grundziige des Mittelmeergebietes. 

des Welthandels befinden. Das hat Jahrtausende hindurch un- 
unterbrochen, wenn auch in gewissen Perioden besonders auf- 
fällig, beabsichtigt und unbeabsichtigt, nicht nur den ursprüng- 
lichen Pflanzenbestand der einzelnen Mittelmeerländer zum Ge- 
meingut aller gemacht, wenn auch noch heute ein gewisser Unter- 
schied zwischen West und Ost zu erkennen ist, sondern denselben 
auch fast aus allen Florengebieten der Erde bereichert, aus dem 
feuchten Monsungebiete Südostasiens ebensogut, wie aus dem 
trockenen Hochlande von Mexiko, dem Kaplande oder Australien. 
Aus den verschiedensten Erdgegenden sind in verschiedenen 
Zeiten Nutz- oder Ziergewächse und mit ihnen, wie mit den ver- 
schiedensten Handelsgegenständen, zahlreiche „Unkräuter" in das 
Mittelmeergebiet eingeführt worden und dort mehr oder weniger 
verwildert. Die Agaven und Opuntien der Trockengebiete des 
tropischen Amerika haben sich im Mittelmeergebiet so einge- 
bürgert, sie passen auch so gut zu den wenigstens im Südwesten 
einheimischen Aloe und Stapelien, daß schon mancher Künstler, 
ohne zu ahnen, daß er Fremdlinge vor sich hat, durch sie die 
Mittelmeerlandschaft ganz besonders zu kennzeichnen glaubte. 
Ähnliches gilt von den zahlreichen Mesembryanthemumarten und 
Geranien des Kaplands, von denen einzelne ganz verwildert sind, 
den Eukalypten Australiens, ja selbst den Aurantiaceen Südost- 
asiens, den japanischen Mispeln oder den Kamelien, die an den 
oberitalischen Seen so stattlichen Wuchs erreichen, nicht zu 
vergessen die Dattelpalme, die heute über alle Küstenländer 
des Mittelmeers verbreitet, in Europa nur im trockensten Süd- 
osten Spaniens, in der Oase von Elche, und selbst im medi- 
terranen Nordafrika nur in Ägypten, Südtunesien und in der 
Umgebung von Marrakesch ihre (aber auch dort minderwertigen) 
Früchte reift. 

Ob dieser Bereicherung nicht eine ebensogroße Verarmung 
infolge der alten Kultur und der Waldverwüstung gegenübersteht, 
dürfte schwer zu entscheiden sein. Immerhin muß man das medi- 
terrane oder richtiger mediterran-orientalische Florenreich als ein 
im Vergleich zu der zur Verfügung stehenden Fläche reiches be- 
zeichnen. Beherbergt es doch gegen 8000 Arten von Gefäß- 
pflanzen, von denen etwa 60 °/ eigentümliche sind. Die iberische 
Halbinsel für sich allein besitzt 5400 Arten, von denen 3800 
ausdauernde und nicht weniger als 963 Holzgewächse, und von 



Charakteristik der Mittelmeerflora. 



47 



diesen fast die Hälfte immergrüne sind. Italien besitzt 4000 Arten, 
ja das kleine, aber zentral gelegene Sizilien 3000! 

Die Mittelmeerflora muß sich vor allem den klimatischen 
Verhältnissen anpassen. Sie muß so organisiert sein, daß sie die 
lange sommerliche Trockenheit zu ertragen vermag und daß ihr 
die Wärme, die auch im Winter hier noch herrscht, genügt. Niedrige 
Wintertemperaturen, die die ihren Vertretern eigene lange Vege- 
tationsperiode unmöglich machten, vollends wo dieselben mit 
sommerlicher Trockenheit gepaart sind, schließen sie aus. Zur 
Ertragung der sommerlichen Trockenheit sind die Mittelmeer- 
gewächse in verschiedenster Weise organisiert. So spielen Holz- 
gewächse mit immergrünem Laube eine so große Rolle, daß man 
geradezu von einem das Mittelmeer umsäumenden immergrünen 
Gürtel spricht. Auch ist die Zahl der einjährigen Arten sehr 
groß, die im Laufe des Winters ihre Samen reifen und aus- 
streuen, die dann erst nach Wiederbeginn der Regenzeit zu keimen 
anfangen. Man kann geradezu von einer vorzugsweise aus ein- 
jährigen Pflanzen gebildeten Winterflora sprechen, die durch be- 
ständigen Wechsel ihrer Vertreter, Monat für Monat, immer eine 
oder wenige Pflanzen in ungeheurer Individuenzahl, gekennzeichnet 
wird. Das immergrüne Laubblatt, lederartig, steif, glänzend, ist 
gegen zu starke Verdunstung geschützt, die Blattflächen sind auch 
klein, das Lorbeerblatt gehört schon zu den größten, und von 
da stufen sich dieselben ab, bis sie zu nadel- oder schuppen- 
artigen Gebilden werden, wie bei den Eriken, Rosmarin, Tamarix, 
ja bis zur völligen Unterdrückung der Blattbildung, an deren 
Stelle Dornen treten oder die Stengel selbst die Blattfunktionen 
übernehmen, wie bei den Spanien und Marokko ganz besonders 
kennzeichnenden Rutenpflanzen (Spartium, Retama). Die Kurz- 
lebigkeit der einjährigen Pflanzen teilen bis zu einem gewissen 
Grade auch die zahlreich vertretenen Knollen- und Zwiebel- 
gewächse (Orchideen, Asphodelus, Arum, Scilla usw.), deren ober- 
irdische Organe mit ihren oft wundervollen Blüten sich jährlich 
nur für wenige Wochen entwickeln. Ferner befähigt viele ihre 
Sukkulenz (Agave, Opuntia, Mesembryanthemum, Sedum, Stapelia, 
Aloe usw.) zur Ertragung der Sommerdürre. Oder sie scheiden 
ätherische Öle aus und setzen dadurch die Verdunstung herab. 
Die Erzeugung von Riechstoffen ist daher charakteristisch für 
viele Mittelmeerpflanzen, was ja auch gewerblich ausgebeutet wird. 



4.8 I> 3- Die geographischen Grundzüge des Mittelmeergebietes. 

Ach die mehr oder weniger schiefe Blattstellung vieler wirkt 
schützend. Ebenso die wollig-filzige Behaarung. 

Ein im wesentlichen auch durch das Klima bedingter Charakter- 
zug des Pflanzenkleides der Mittelmeerländer ist die Weitständig- 
keit, so daß immer nur ein Bruchteil des Bodens, je weiter nach 
Süden, um so weniger wirklich von Pflanzen bedeckt ist, und bei 
fast allen Holzgewächsen, namentlich den immergrünen, der ge- 
ringe Höhenwuchs. Selbst einige der zahlreichen Nadelhölzer 
kennzeichnet derselbe. Den 8 in Deutschland vorkommenden 
stehen hier 18 gegenüber. 

Das Pflanzenkleid der Mittelmeerländer läßt sich im wesent- 
lichen zu den drei Formationen der Wälder, der Macchien und 
der Matten ordnen. 

Waldarm sind die Mittelmeerländer alle, die alte Kultur, 
der Einzug von Hirtenvölkern haben den Wald, der gewiß ein- 
mal den bei weitem größten Teil des Gebiets, Italien z. B. noch 
in geschichtlicher Zeit, wie gut bezeugt ist, bedeckte, vernichtet, 
nur ausnahmsweise ist nach Verfall der Kultur wieder Wald empor- 
gewachsen, meist nur Macchia, Gestrüppdickicht, ja selbst diese, 
immer wieder als Brennholz niedergehauen oder zur Gewinnung 
von Weideland niedergebrannt, von weidenden Tieren, besonders 
Ziegen benagt, ist immer mehr verkümmert. Immerhin ist die 
Waldarmut der Mittelmeerländer nicht so groß, wie der gewöhn- 
liche Reisende annimmt. In abgelegenen Gegenden, besonders 
in feuchten Gebieten und in den Gebirgen finden sich noch 
schöne Wälder, die aber neuerdings, am auffälligsten in Italien 
und Kleinasien, der Wiedereinzug der Kultur, die Erschließung 
des Landes durch Eisenbahnen rasch verzehrt. Auch das Feuer 
ist bei der sommerlichen Trockenheit ein besonders gefährlicher 
Feind der Wälder. Von Waldschutz und geregelter Forstwirt- 
schaft ist, abgesehen von Versuchen der Franzosen in Algerien, 
noch nirgends die Rede, so daß auch die Flächenzahlen für die 
Waldbedeckung, zumal sich keine scharfe Grenze zwischen Wald 
und Macchia ziehen läßt und allenthalben in den Waldrevieren 
sich weite Lichtungen finden, sehr unsichere sind. Für Italien 
werden i6°/ , für Sizilien 5.5%, für Griechenland 9.3%, für 
Serbien 25%, für Spanien 7 °/ , für Portugal 5 °/ angegeben. 
Die Holzarmut ist in den Mittelmeerländern überall groß, so daß 
schon deshalb fast durchaus der Steinbau vorherrscht. Der Be- 



Die Macchien. 



49 



darf an Bau- und Werkholz wird von weit her, aus den Aipen, 
ja von Skandinavien gedeckt. Gestrüpp und meist daraus her- 
gestellte Holzkohlen dienen als Brennstoff, was wohl wesentlich 
dazu beiträgt, daß Garküchen in den Städten überall eine ganz 
andere Rolle spielen wie in Mitteleuropa. Ja, vielfach ist man 
auf getrockneten Viehdünger und Stroh als Brennstoff angewiesen. 
Im Innern Siziliens, in Alt- und Neukastilien, im größten Teile 
der Atlasländer bekommt wohl die Mehrzahl der Bewohner ihr 
Lebenlang nie einen hochstämmigen Baum zu sehen! 

Man muß zwischen den Wäldern der immergrünen Region 
und den Gebirgswäldern unterscheiden. In ersterer spielen Hart- 
laubbäume die erste Rolle, namentlich Eichen, an denen, sowohl 
immergrünen wie laubabwerfenden, das Mittelmeergebiet außer- 
ordentlich reich ist. Alle haben geringen Höhenwuchs, mehrere 
verkrüppeln. Dazu kommt der wilde Ölbaum, der Lorbeer, Hex 
aquifolium, das zum Baume wird, der Arganbaum, der in Süd- 
westmarokko fast allein lichte Haine bildet, und einige aber mehr 
auf feuchten Boden beschränkte, wie Pistacia atlantica im Westen, 
Pistacia terebinthus im Osten, die orientalische Platane, die nur 
kurze Zeit unbelaubt ist, und einige sommergrüne. Vor allem 
aber Nadelbäume, wie die Aleppokiefer, die Pinie, die vorzugs- 
weise neugebildetes sandiges Schwemmland besiedelt, die Zypresse, 
Pinus Pinaster und Pinus Maritima, Callitris quadrivalvis (im 
Atlasgebiet) und einige Wachholder. 

In den Gebirgswäldern sind neben der Buche, die in Sizilien 
bis zum 38. Par. nach Süden reicht, der Edelkastanie, sommer- 
grünen Eichen, dem Walnußbaum u. a. ebenfalls Nadelbäume 
häufig: die Zeder im Libanon, Taurus und Atlas, Edeltannen, 
Lariciokiefern, Pinus silvestris, Wachholder. Diese Gebirgswälder 
mit dem gedrängteren Wuchs ihrer auch größere Höhe erreichen- 
den Stämme ähneln noch am meisten unseren mitteleuropäischen 
Wäldern. 

Die Charakterformation des Mittelmeergebiets sind aber die 
Macchien, überwiegend immergrüne Gestrüppe oft buntester Zu- 
sammensetzung, aber nach der Dürftigkeit der Belaubung, die 
höchstens die Größe des Lorbeerblatts erreicht, so recht der Aus- 
druck der herrschenden Trockenheit. Je nach Boden und Feuchtig- 
keit sind die Macchien bald 3 — 4 m hoch, dicht gedrängt, durch 
Schlingpflanzen (Smilax, Tamus, Clematis, in den Atlasländern 

Fischer, Mitti'lmeerbilder. Neue Folge. 4 



cq I, 3. Die geographischen Grundzüge des Mittelmeergebietes. 

auch Ephedra altissima, Asparagus acutifolius, Rubusarten, Rosa 
sempervirens) geradezu undurchdringlich, bald erreichen sie 
höchstens 1 m und lösen sie sich in einzelne dürftige Büsche 
auf. Nach der Dürftigkeit der Belaubung ähneln diese Sträucher 
einander vielfach, erst zur Blütezeit, im Frühling tritt ihre häufig 
außerordentlich bunte Zusammensetzung auffällig hervor, noch 
mehr aber der intensiv-aromatische Geruch, der diese Sträucher 
kennzeichnet und an dem Napoleon I. noch auf St. Helena seine 
Heimatinsel erkennen zu können erklärte. In der Tat habe ich 
im ganzen Bereich der Mittelmeerländer nirgends so üppige und 
so aromatische Macchien getroffen wie auf Korsika. Örtlich herrscht 
wohl eine einzige Form vor, wie am Bosporus, aber auch in 
Spanien und Marokko hier und da, Erica arborea oder Cistus- 
rosen, diese besonders zu beiden Seiten der Straße von Gibraltar. 
Wie groß die Zahl dieser Sträucher ist, geht daraus hervor, daß 
etwa 20 Arten nach der Blattbildung der Oleanderform, etwa 
30 der Myrtenform angehören. Bei etwa 44 Arten fehlen 
die Blätter entweder ganz oder sind nur kurze Zeit vorhanden, 
so daß die Funktionen des Laubes auf die grünen, zylindrischen 
Zweige übergehen. Etwa 20 davon haben Dornen. Mit zu- 
nehmender Trockenheit nimmt auch die Bedornung zu. Einer 
der dornigsten dieser Sträucher, der für die trockensten Gebiete 
des mediterranen Nordafrikas charakteristisch ist und für sich 
allein dort Dickichte bildet, ist Zizyphus lotus. 

Daß die Macchien schon ursprünglich im Mittelmeergebiet 
vorhanden gewesen sind und beispielsweise schon in griechischer 
Zeit in Sizilien in der gleichen Zusammensetzung wie heute vor- 
kamen, unterliegt ebensowenig einem Zweifel, wie daß sie bei 
dem Rückgange der Kultur an Stelle der verwüsteten Wälder ge- 
treten sind. Am reichsten an Macchien ist wohl Spanien. Dort 
sind Flächen von vielen Tausenden von Quadratkilometern so 
gut wie menschenleere Gestrüppdickichte, besonders in Estre- 
madura und im Bereich der Sierra Morena. Die Macchien 
werden in Südfrankreich, Algerien, Dalmatien wohl zur Gewinnung 
von Wohlgerüchen, wo sie aus Cistusrosen bestehen, wohl auch 
zur Gewinnung von Ladanbalsam, allgemein zur Erzeugung von 
Holzkohlen oder unmittelbar als Feuerholz verwertet. Sie sind 
noch heute auf Korsika und waren es ehemals, besonders in 
Mittelitalien, Schlupfwinkel für Banditen und Wild. 



Die Matten. Vegetation der Wasserläufe. z I 

Indem die Macchien immer dürftiger werden, die Büsche 
immer niedriger und vereinzelter, gehen sie in die Matten über, 
die an Stelle der Wiesen Mitteleuropas treten. Man unterscheidet 
wohl auch noch eine Zwischenformation, die in Spanien die 
Tomillares (Thymian) umfaßt, in Südfrankreich die Garrigues, in 
Griechenland die Phrygana genannt sind. Das Pflanzenkleid der 
Matten ist besonders dürftig, der Nährwert, obwohl sie neben 
den Macchien die Hauptweidegründe bilden, ein sehr geringer. 
Leguminosen, Labiaten, Kräuter, Zwiebelgewächse, einjährige Gräser 
(Bromus, Avena, Briza u. a. m.), meist alles buntgemischt, kenn- 
zeichnen sie. Im Frühling ähneln sie bei etwas besserem Boden 
und bei Vorherrschen etwa von Aegylops ovata einem mageren 
Getreidefelde. Im Sommer tritt an ihre Stelle sonnenverbrannter 
Steppenboden. Auch verschiedene Asphodelusarten, oft in un- 
geheurer Individuenzahl, anderwärts Disteln und besonders Arti- 
schockendisteln kennzeichnen zuweilen diese Matten, die wohl 
auch im Südwesten, in Nordmarokko und Südwestspanien in un- 
geheure Bestände der einzigen im Mittelmeergebiet heimischen 
Palme, der Zwergpalme übergehen. Wirkliche Grassteppen bilden 
mit dichtverfilzten Wurzelballen ausdauernde trockenhalmige Gra- 
mineen, besonders Macrochlea tenacissima in Südostspanien, auf 
dem Atlashochlande von Algerien, in Tunesien und Tripolitanien. 
Ganz wertlos wird der Boden, wo er von dem unausrottbaren 
Adlerfarn überwuchert ist. 

Eine eiger T egetation begleitet die Wasserläufe, bald nur 
in der Gestalt -er Büsche, wie der weitverbreitete blüten- 

prächtige Oleai d der duftige Keuschbaum (Vitex agnus 

castus), zu denen sich wohl das sog. spanische Rohr (Arundo 
donax), auch Arundo phragmites gesellt, bald in Gestalt eines 
breiteren Saumes vorwiegend baumartiger Holzgewächse, die ein 
wenig an die Galeriewälder des tropischen Afrika erinnern. Da 
handelt es sich namentlich um Tamarisken, oft stattliche Bäume, 
Rizinus, Elaeagnus und Euphratpappeln. 

Wenn wir die Pflanzenwelt des Mittelmeergebiets auch nach 
Höhenregionen ordnen, so bietet noch mehr wie zur Bestimmung 
der Polargrenze der wichtigste Fruchtbaum des Mittelmeergebiets, 
der Ölbaum einen wertvollen Anhalt. In beiden Richtungen 
fällt seine Verbreitung im wesentlichen mit derjenigen der Medi- 
terranflora zusammen, er kennzeichnet die immergrüne 

4* 



C2 I, 3- Die geographischen Grundzüge des Mittelmeergebietes. 

Region. In Languedoc und Istrien nur etwa bis 200 m empor- 
steigend, erreicht er schon in Ligurien 700 m, in Sizilien 900 m 
und im hohen Atlas von Marokko 1 300 m, ja örtlich 1 500 m. 
Besonders die Vulkankegel Italiens lassen sehr schön die 
Höhenregionen erkennen. Am Mte. Amiata Toskanas steigen 
Ölbaum und Rebe bis 600 m empor, dann folgt bis 950 m die 
Kastanie und bis zum Gipfel (1734 m) die Buche. Am Vultur 
Apuliens steigt der Ölbaum bis 700 m, der Kastaniengürtel reicht 
bis 1000 m und von 1000 — 1330 m (Gipfel) die Buche. Am 
Etna steigen die Aurantiaceen bis 560 m, der Ölbaum bis 920 m, 
die Rebe bis 1030 m, der Kastaniengürtel reicht von 900 — 1500 m, 
der Buchengürtel von 1000 — 2000 m. Bei 2080 m trifft man 
die letzten Birken, darüber liegt die überall im Mittelmeergebiet 
wenig entwickelte alpine Region. 

Sehr auffällig ist, daß die Baumgrenze im Mittelmeergebiet 
bei 2000 m eher in geringerer Höhe liegt als in den Alpen und 
nach Süden hin kaum ansteigt. Auch das ist aus klimatischen 
Gründen, vor allem aber daraus zu erklären, daß die Nadel- 
bäume, die in den Alpen am höchsten emporsteigen, die Rot- 
tanne, die Arve, die Lärche im Mittelmeergebiet ganz fehlen. 
Auch Alpenweiden sind wenig entwickelt und Sennwirtschaft 
fehlt fast ganz, obwohl wandernde Herden im Sommer, wo unten 
alles verbrannt ist, die Gebirge aufsuchen, ja z. T. von der 
Malaria vertrieben in Kleinasien und Griechenland die Bevölke- 
rung zahlreicher Ortschaften zu Sommerdörfern emporsteigt. 
Dauernde Siedelungen, die man in den Alpen (Engadin) noch 
bis 2000 m findet, erreichen daher auch im Mittelmeergebiet 
geringe Höhen. Selbst auf Massenanschwellungen, wie im öst- 
lichen Spanien, liegen die höchsten Ortschaften nur in 1600 m 
Höhe, in den Abruzzen und dem Peloponnes in 1 300 m. 

Eine ganz andere Rolle wie in Mitteleuropa spielen im 
Mittelmeergebiet auch die Kulturgewächse, wenigstens die eine 
der beiden Formationen, in welche man dieselben gliedern kann: 
die Fruchthaine. Die Saatfelder, offene, baumlose Flächen 
ähneln den unsrigen im allgemeinen und dehnen sich vielfach, 
wie in Sizilien, Kastilien, den Küstenlandschaften Marokkos und 
anderwärts, unabsehbar einförmig aus. Je weiter nach Süden um 
so früher, an der Südgrenze schon im April und Mai, tritt die 
Ernte ein, um so länger ähnelt das im Winter üppig grüne Land 



Saatfelder und Fruchthaine. c -i 

sonnenverbrannter Steppe. Aber die Zahl der angebauten Ge- 
wächse ist wesentlich größer. Sind doch im Mittelmeergebiet 
nicht weniger als 15 Getreidegräser bzw. Hülsenfrüchte ursprüng- 
lich heimisch. Dasselbe ist unter allen Pflanzenreichen der Erde, 
ganz abgesehen von den eingeführten (Reis, Mais) daran am 
reichsten. Dazu kommen noch 25 Genußmittelpflanzen (Kümmel, 
Koriander, Senf, Zwiebel usw.), Gewerbepflanzen (Lein, Saffran, 
Krapp usw.), Heilpflanzen u. dgl. m. Die Mannigfaltigkeit der 
in den Fruchthainen vereinigten Fruchtbäume ist eine sehr große, 
eine so große, daß wir uns in Mitteleuropa davon, wie von der 
wirtschaftlichen und landschaftlichen Bedeutung der Fruchthaine 
kaum eine Vorstellung machen können. Denn wenn die im Jahre 1 901 
durchgeführte Zählung der Obstbäume im Deutschen Reiche deren 
im ganzen 164 Millionen ergab, so zählt man in Spanien allein 
300 Millionen Ölbäume, in Italien, das ja wenig über halb so 
groß, und soweit das dem Ölbaum zugängliche Gebiet anlangt, 
noch nicht x / 5 des Deutschen Reichs ausmacht, 100 Millionen. 
Dazu kommt mit mindestens der gleichen Zahl der Maulbeer- 
baum, der allerdings weniger als Fruchtbaum, wenigstens der weiße, 
als als Ernährer der Seidenraupe in Betracht kommt. Dazu, 
landschaftlich überall überaus bedeutsam, wirtschaftlich nur in 
der Oase von Elche in Murcia und in Nordafrika, die Dattel- 
palme, die verschiedenen Aurantiaceen (Apfelsinen, Limonen, 
Mandarinen, Pampelmusen, Pomeranzen usw.), die japanische 
Mispel, der Feigenbaum, der Mandelbaum, Aprikosen, Pfirsiche, 
Pistazien, Granaten, Johannisbrotbaum, auch die Opuntie ist zu 
nennen, deren Früchte im südlichen Mittelmeergebiet so massen- 
haft und so billig zu haben sind, daß dann monatelang weniger 
Brotstoffe verbraucht werden. Dazu kommen dann alle unsere 
mitteleuropäischen Obstarten, nur daß dieselben weiter nach Süden 
in höherer Lage besser gedeihen. Im marokkanischen Atlas ist 
der Walnußbaum außerordentlich häufig, fast wie die Edel- 
kastanie am Südhange der Alpen und sonst allenthalben in den 
Mittelmeerländern. Auch der Haselnußstrauch ist als Kultur- 
pflanze hier weit verbreitet. Auch der Weinbau spielt, wie be- 
kannt, in denselben eine große Rolle, in Italien, Spanien, Griechen- 
land, wo die Korinthe wichtiger ist als die Wein gebende Rebe, 
von alters her, in Algerien erst neuerdings. 

Die Flächen, welche mit Fruchthainen bedeckt sind, zu 



s.a I, 3- Die geographischen Grundzüge des Mittelmeergebietes. 

schätzen ist schwer, sowohl weil derartige statistische Angaben in 
diesen Ländern immer sehr unsicher sind, sodann aber weil ge- 
mischter Anbau dem Klima entsprechend häufig ist: Fruchtbäume 
über Felder verstreut, ja nicht selten drei Früchte zu gleicher 
Zeit auf derselben Fläche, etwa Ölbaum, Reben, Gerste. Erstere 
geben gerade erwünschten Schatten, letztere wird abgeerntet, 
meist als Grünfutter, wenn die Rebe eben zu grünen beginnt. 
In Algerien sieht man jetzt vielfach zum Schutz der jungen Triebe 
des Weinstocks gegen den Seewind schmale Streifen Roggen 
zwischen die Reben gesäet. Der Wert der Fruchthaine wird 
noch dadurch erhöht, daß die Früchte, abgesehen von Wein- 
und Ölbereitung, dank ihrem hohen Zuckergehalt und der trockenen 
Wärme des Herbstes, nicht frisch versendet zu werden brauchen, 
wie Apfelsinen, sondern sich leicht trocknen lassen und dann 
lange haltbar sind. So Feigen, Aprikosen, Trauben, Johannisbrot, 
Mandeln usw. In der Welt des Islam zieht man vorzugsweise 
Trauben, soweit sie nicht frisch gegessen werden, um sie trocken 
aufzubewahren oder einen Sirup daraus zu gewinnen. Die Küsten 
der Mittelmeerländer sind in großer Ausdehnung von Frucht- 
hainen begleitet. So kann man in Italien das ganze ligurische 
Küstengebiet einen einzigen großen Fruchthain nennen. Ebenso 
ist die Küste von Apulien in einem breiten Gürtel von solchen 
bedeckt und die Küsten von Sizilien ringsum außer an der afrika- 
nischen Seite. Ähnlich in Syrien bis hoch hinauf an den Hängen 
des Libanon. Niederandalusien ist zu beiden Seiten des Guadal- 
quivir von einem ungeheuren Olivenhaine bedeckt usw. Daß die 
Fruchtbäume die allgemeine Waldarmut der Mittelmeerländer 
etwas ausgleichen, wenigstens landschaftlich, ist klar. Sie erhöhen 
die Reize der Mittelmeerlandschaft in hohem Grade und bewirken, 
daß gelegentlich, selbst wo Saatfelder vorzugsweise weite Ebenen 
bedecken, diese nicht die Einförmigkeit unserer Getreidefelder be- 
sitzen. Wie baumreich ist z. B. die ganze Poebene! Im allgemeinen 
nimmt in den Mittelmeerländern der Reichtum an Fruchtbäumen zu, 
je mehr man in die Täler, die Becken, an die Küsten hinab- 
steigt, doch wenn die Bodenfeuchtigkeit in den Alluvialebenen 
zu groß wird, verschwinden die Fruchtbäume. Doch gibt es auch 
Gegenden, wo Baumzucht noch möglich ist, wenn die Bäume nur 
erst bei sorgsamer Pflege der Setzlinge eine feuchte Bodenschicht 
erreicht haben, wo selbst Getreidebau nicht mehr möglich ist. 



Bedeutung der Baumzucht. e c 

Welche Bedeutung die Baumzucht und ihre Erzeugnisse im 
Wirtschaftsleben der Mittelmeervölker hat, möge nur der kurze 
Hinweis beleuchten, daß, obwohl überall bei weitem das Meiste 
im Lande selbst verbraucht wird, in Griechenland 4 / 5 , in Spanien 
2 / 3 der Ausfuhr auf Erzeugnisse der Baumzucht kommt und daß 
Italien allein an Rohseide jährlich für mehr als 500 Millionen 
Frcs. ausführt! Dabei ist in Griechenland nur 20, in Italien 46, 
in Spanien 40 °/ des Bodens angebaut ! 

Aber noch höher muß die kulturelle Bedeutung der Baum- 
zucht eingeschätzt werden. Sie ermöglicht in den Mittelmeer- 
ländern die größte Verdichtung der Bevölkerung, sie macht den 
Menschen wahrhaft seßhaft und führt ihn höherer Gesittung zu, 
sie läßt dem Boden die höchsten Erträge abgewinnen, freilich 
nur bei sorgsamer Pflege. Sie bezeichnet, zumal sie meist auch 
unter künstlicher Berieselung betrieben wird, die höchste Stufe 
des Ackerbaus, der da mehr Gartenbau, Hackbau ist. Gebiete 
der Baumzucht sind wahre Gartenlandschaften. In Sizilien 
wohnen in dem Gürtel der höchst entwickelten Baumzucht 350 
Menschen auf 1 qkm, ja an der Nordküste 1000. Und in 
Mitteltunesien, heute durchaus Weideland, wo der ha nur 
etwa 10 Frcs. wert ist, steigt der Wert desselben Bodens, wenn 
er mit Ölbäumen bepflanzt ist, auf 700 — 800 Frcs., und wo 
heute nur 1 — 3 Menschen auf 1 qkm gerechnet werden können, 
müssen nach der Zahl und Dichte der Trümmerstätten von 
Städten, Dörfern und Meierhöfen in der glänzenden Zeit der 
letzten Jahrhunderte des römischen Kaiserreichs mindestens 100 
Menschen auf 1 qkm gewohnt haben. In den Atlasländern 
blühte in dieser Zeit die Baumzucht derartig, daß die Araber, 
freilich Wüsten- und Steppenbewohner, daher in dieser Hinsicht 
zu Übertreibungen geneigt, bei ihrem Einbruch staunend meldeten, 
man könne von Tripolis bis Tanger im Schatten der (Frucht-) 
Bäume wandeln. 

Bezüglich der Tierwelt des Mittelmeergebiets, das in dieser 
Hinsicht und in seiner ganzen Ausdehnung, so daß das Mittel- 
meer nicht etwa eine Scheidewand bildet, eine Subregion der 
palaearktischen Region ist, möge nur kurz bemerkt werden, daß 
dasselbe überhaupt ein tierarmes Gebiet ist und daß eine 
dreitausendjährige Geschichte die Tierwelt außerordentlich be- 
einflußt hat. Der Löwe, der einst durch Vorderasien bis Griechen- 



2 6 I> 3- Die geographischen Grundzüge des Mittelmeergebietes. 

iand und über die Atlasländer verbreitet war, ist ausgestorben. Und 
so viele andere Tiere. Auch Viehzucht spielt meist eine unter- 
geordnete Rolle, selbst die Schafzucht ist allenthalben gegen 
früher zurückgegangen, obwohl doch die vorherrschende Trocken- 
heit noch am besten dem Schafe zusagt. Klimatisch bedingt ist 
wandernde Vieh-, besonders Schafzucht in einem großen Teile 
der Mittelmeerländer. Im Winter weiden die Herden in der 
warmen Küstenregion, im Sommer steigen sie in die Berge hinauf. 
Diese wandernde Schafzucht hat namentlich früher, durch staat- 
liche Vorrechte geschützt, in Spanien und Italien große wirt- 
schaftliche Bedeutung gehabt. In Griechenland und Kleinasien 
wandern vielfach mit den Herden auch die Menschen in die 
Sommerdörfer hinauf und in Algerien sind diese klimatisch be- 
dingten Wanderungen von großer politischer Bedeutung, denn 
die Stämme der nördlichen Sahara sind im Sommer gezwungen, 
zur Erhaltung ihrer Herden auf das Atlashochland, ja in die 
Wälder an der Grenze des Teil emporzusteigen, und geraten 
daher in Abhängigkeit von den Franzosen. 

Die Fauna des Mittelmeeres ist im wesentlichen eine ver- 
armte Fauna des Atlantischen Ozeans. Es ist nachgewiesen, daß 
sich mit der Entfernung vom Ozean nicht nur die Artenzahl 
mindert, sondern auch die Individuen derselben Art nach Osten 
hin kleiner werden. Auch ist das Tierleben des Mittelmeeres 
im Vergleich zu gewissen Gegenden der Ozeane nicht als reich 
anzusehen. Fischereigründe von so ungeheuerer Ergiebigkeit, 
wie wir sie vielfach in den Ozeanen finden, fehlen hier und bei 
dem großen Bedarf an Fischnahrung der der katholischen oder 
griechischen Kirche angehörigen Mittelmeerbewohner wegen der 
vielen Festtage, auch weil aus klimatischen Gründen Fleischnah- 
rung nicht so erforderlich, aber auch schwerer zu haben ist, 
findet überall eine bedeutend größere Einfuhr von getrockneten 
Fischen vom Ozeane her statt, wie Ausfuhr etwa von Tunfischen 
(in Ol), von Sardinen und Sardellen. Die Tunfischereien, die 
große Anlagen erfordern, beschränken sich fast ganz auf das 
Mittelmeer und kennzeichnen dasselbe. Es finden sich noch 
heute Tunfischereien an Punkten, wo sie schon vor 2000 Jahren 
erwähnt werden. Sardellen und Sardinen werden überall im 
Mittelmeere im Sommer im großen gefangen. Ihr Fang liegt 
heute durchaus in den Händen der Italiener, die mit den 



Völkerleben des Mittelmeergebietes. cn 

Griechen, als Ausdruck des maritimen Charakters beider Länder, 
fast allein die Fischereien im Mittelmeere in der Hand haben. 
Im Sommer schwärmt die Fischerbevölkerung Liguriens und 
des Golfs von Neapel, wie vieler griechischer Inseln weithin 
aus, um Fische, namentlich aber auch Edelkorallen und Bade- 
schwämme, diese charakteristischen tierischen Erzeugnisse des 
Mittelmeeres, zu fischen. Griechen findet man an den Küsten 
von Syrien, von Marmarika und Barka, wie von Tunesien, 
Italiener an der ganzen Küste von Tunesien und Algerien, wo 
sie teils in Sommerlagern an den Küsten fischen, teils ganze 
neue Fischerdörfer gegründet haben. Die allerverschiedenartigsten 
Erzeugnisse des Meeres, auch solche, die man im Norden nicht 
zu essen pflegt, dienen dem Mittelmeeranwohner als frutti di 
mare zur Ernährung, und es ist bekannt, welche große Be- 
deutung die phönikische Purpurfärberei mit Hilfe der geringen 
Mengen Farbstoffe, welche gewisse Schnecken des Mittelmeers 
boten, im Altertume erlangt hatte. 

Bezüglich des Völkerlebens des Mittelmeergebiets begnüge 
ich mich ebenfalls mit einigen kurzen Bemerkungen, da eine 
besondere Abhandlung näher auf diese Frage eingehen wird. 
Die Vielgeteiltheit, die Vielseitigkeit der Beziehungen, die Wir- 
kungen einer langen Geschichte treten auch da hervor. Die 
wenigstens sprachliche Vereinfachung, welche die römische Herr- 
schaft herbeigeführt hatte, so daß neben dem Lateinischen nur 
noch das Griechische, besonders seit Alexander d. Gr. und im 
Osten eine Rolle spielte, ist längst wieder verwischt. Das Vor- 
dringen der Bekenner des Islams an die Ufer des Mittelmeeres 
zog eine scharfe, bis heute nicht verwischte Schranke zwischen 
den Mittelmeervölkern. Noch heute meint man von einem 
christlichen Mittelmeergestade in ein muhamedanisches gelangend 
eine andere Welt zu betreten und im Orient scheidet die Religion, 
ob christlich oder muhamedanisch, ja selbst christliche Bekennt- 
nisse Angehörige desselben Volkstums, derselben Sprache usw. 
scharf voneinander. Neben Mittelmeervölkern, welche zu den 
ältesten Europas gehören, wie Albanesen und Basken, gibt es 
ganz junge Zuwanderer wie Türken, Turkmenen und Araber. 
Neben solchen, die sich wenig mit anderen vermischt haben, 
wie die Albanesen und beträchtliche Teile der Berbern der 
Atlasländer, gibt es hochgradig gemischte, wie die heutigen 



c8 1-3- Die geographischen Grundzüge des Mittelmeergebietes. 

Türken, Italiener, Spanier, Griechen usw. Auch die Kultur- 
zustände sind außerordentlich verschiedene. Mitten in den 
Trümmern, die von der hohen Gesittung der Landesbewohner 
früherer Zeit zeugen, hausen heute auf niederer Kulturstufe 
stehende andersrassige Menschen, unter Umständen aber auch 
die verkommenen Nachkommen jener. Auch in dieser Hinsicht 
bildet das Mittelmeer eine Welt für sich. 



IL 

Küstenstudien aus den Mittelmeerländern. 

i. Zur Entwicklungsgeschichte der Küsten. 1 ) 

Wie uns ein volles wissenschaftliches Verständnis der Ober- 
flächenformen des Festen nur dadurch erschlossen wird, daß wir 
dieselben nicht mehr als etwas schlechthin Gegebenes lediglich 
beschreiben, sondern als etwas Gewordenes und in steter Weiter- 
entwicklung Begriffenes unter steter Bezugnahme auf die geo- 
logischen, tektonischen , petrographischen , klimatischen Verhält- 
nisse etc. ursächlich erklären, so muß auch das gleiche Verfahren 
auf die Betrachtung der Umrisse des Festen, auf die Gestaltung 
der Küsten angewendet werden. Denn nur so treten uns die 
Beziehungen der Länder zum Meere, die Bedeutung der Küsten 
für Verkehr und Kulturentwicklung, für eigentümliche Erschei- 
nungen im Völkerleben, für die Verteilung und die wechselnden 
Geschicke der menschlichen Wohnplätze klar entgegen, nur so 
können wir die Frage, ob ein Küstengebiet und sein Hinterland 
die Bedeutung, welche es heute hat — von der Einwirkung 
menschlicher und geschichtlicher Verhältnisse abgesehen — , 
stets gehabt hat oder stets haben wird. Derartige Untersuchungen 
sind im letzten Jahrzehnt häufiger angestellt und unsere Erkenntnis 
geographischer Gesetze dadurch außerordentlich gefördert worden. 
Doch ist die Frage noch nicht bis zur Aufstellung eines wohl- 
begründeten natürlichen Systems der Küsten gediehen, wie wir 
ein solches, im wesentlichen allgemein angenommenes von den 
Inseln besitzen. Möchten die hier niedergelegten Untersuchungen 
über die Entstehung, Weiterentwicklung und Veränderungen von 
Küsten, auf welche seit Jahrtausenden das Licht geschichtlicher 
Überlieferung fällt, mit zur Erreichung jenes Zieles beitragen! 

i) Erschienen in Petermanns Geogr. Mitteilungen. 1885, Heft XI. 



6o II) !• Zur Entwicklungsgeschichte der Küsten des Mittelmeeres. 

Das Mittelmeer kennzeichnet eine Bruchzone der festen 
Erdrinde, eine Stelle geringerer Widerstandsfähigkeit derselben; 
der Anlage nach reicht es in eine sehr frühe geologische Periode 
zurück, die wesentlichen Züge seiner Umrisse sind jedoch sehr 
jugendlichen Alters; Meeresteile, welche hier wirklich erst ein 
Mittelmeer geschaffen haben, wie der Archipel, die Straßen von 
Pantelleria und Gibraltar, sind diluvialer oder noch späterer 
Entstehung. Ed. Suess, M. Neumayr und andere haben nach- 
gewiesen, daß hier die feste Erdkruste von zahlreichen Bruch- 
linien durchsetzt wird, zu welchen die das Mittelmeer in seiner 
ganzen Erstreckung kennzeichnende vulkanische und Erdbeben- 
Tätigkeit in engen Beziehungen steht. Das Mittelmeergebiet 
läßt uns wie wenige erkennen, daß unser Planet noch voll Leben 
und Bewegung, daß er noch weit von der Erstarrung des Todes 
entfernt ist. Diese Bruchlinien haben die Umrisse der Mittel- 
meerländer bestimmt, ja die Küsten des Mittelmeeres sind, so 
große Veränderungen sich an ihnen selbst in der kurzen Spanne 
unserer geschichtlichen Kenntnis anderwärts nachweisen lassen, 
zum Teil noch als völlig frische Bruchlinien zu bezeichnen. 
Dies gilt namentlich von den Küsten Griechenlands, an dessen 
Felsgerüst sich nur an wenigen, besonders begünstigten Stellen 
Neubildungen von Land anzulegen und zu erhalten vermocht 
haben. Die Steilheit der Abbruche und noch mehr die sich so 
oft wiederholenden Bewegungen des Festen haben dies verhindert. 
Da über diese Verhältnisse von andrer Seite in allernächster Zeit 
Untersuchungen erscheinen werden, so soll hier nur auf die 
Vorgänge an der peloponnesischen Seite des Golfs von Körinth 
hingewiesen werden. Diese bezeichnet eine besonders scharfe, 
steil in die Tiefe reichende Bruchlinie. Die so zahlreichen 
kleinen Flüsse und Bäche, welche an Wasser und Sinkstoffen 
verhältnismäßig arm vom Hochlande herabstürzen, der Vostitza, 
Buphusia, Kalavryta, Akrata u. a., sind fast sämtlich bemüht, 
ihren Verhältnissen entsprechende Deltas zu bauen, ohne aber 
dadurch wesentliche und dauernde Veränderungen der Küsten- 
linie herbeizuführen. Die der steilen Böschung angelagerten, 
häufig miteinander verwachsenden kleinen Schuttkegel erliegen 
früh oder spät meist den hier so häufigen und heftigen Erdbeben 
— es ist bezeichnend, daß auch in den Städten der achäischen 
Küste der Erderschütterer Poseidon besondere Verehrung genoß — , 



Die Küsten Griechenlands. 5 j 

sie werden von Spalten zerrissen, lösen sich vom Felsgeriiste ab 
und gleiten in die Tiefe. Der Vorgang vom 26. Dezember 1861, 
das Erdbeben von Ägion, das Julius Schmidt so eingehend 
untersucht hat 1 ), bei welchem sich der dortige Schuttkegel durch 
einen 13 km langen und bis 2 m breiten Spalt vom Grund- 
gebirge ablöste und von Spalten durchsetzt um 1 — 2 m, in einem 
äußern Streifen selbst unter den Meeresspiegel senkte, wird sich 
öfters und gelegentlich in größerm Maßstabe wiederholen, wie es 
schon aus frühern Zeiten bezeugt ist. Der Untergang des nahe 
gelegenen Helike im Jahre 373 v. Chr., die teilweise Zerstörung 
von Skarpheia am Südufer des Malischen Busens und gewiß 
mancher andrer Ortschaft in dunklern Zeiten, ist auf das ganze 
oder teilweise Versinken solcher Schuttkegel zurückzuführen. 

Ähnliche mehr oder weniger scharfe und frische Bruchlinien 
bestimmen den Verlauf und Charakter der Küsten des Nordwest- 
beckens des Mittelmeeres und bedingen im wesentlichen die mor- 
phologische Einförmigkeit, welche auf der 3000 km (genau 2950) 
langen Küstenstrecke von der Meerenge von Gibraltar längs der 
Küste Kleinafrikas, Siziliens und Unteritaliens so auffällig hervor- 
tritt. Von der Meerenge bis zum Golf von Neapel wiederholt 
sich nicht weniger als 23 mal die Form der nahezu halbkreis- 
förmigen, von zwei hohen, steilen, weit vorspringenden Vorgebirgen 
begrenzten Bucht von kleinem Durchmesser, der im Mittel 30 
bis 35 km beträgt. Es sind die Buchten von Neapel, Salerno, 
Policastro, Santa Eufemia, Gioja, Milazzo, Patti, Termini, Palermo, 
Castellamare, Tunis, Biserta, Bona, Stora, Collo, Bougie, Algier, 
Tipaza, Arzeu, Oran, Mlila, Alhucemas und Tanger. Sehr lehr- 
reich ist, daß an der andalusischen Längsbruchküste solche 
Brandungsbuchten fehlen! Je größer der Maßstab der benutzten 
Karten ist, um so größer wird die Zahl dieser sich ins Endlose 
wiederholenden halbkreisförmigen Buchten, selbst die größern 
Golfe bestehen ihrerseits wiederum aus kleinern von Halbkreis- 
form. Es handelt sich hier überall um Steilküste, nur auf kurze 
Strecken am Golf von Tunis, von Santa Eufemia und Salerno 
tritt Flachküste auf. Und diese Steilküste sinkt überall jäh zu 
großen Tiefen hinab, die Tiefenlinie von 200 m liegt im Mittel 
7Y 2 km von der Küste, die von 1000 m 10 km, aber 14 km 



1 Studien über Erdbeben, 2. Ausgabe, S. 68 ff. 



6 2 n, i. Zur Entwicklungsgeschichte der Küsten des Mittelmeeres. 

vor der Hafeneinfahrt von Algier finden sich Tiefen von 2300 m, 
d. h. Tiefen, die den größten des zentralen Nordwestbeckens nahe- 
kommen. Nur im Tyrrhenischen Meere kommen Tiefen vor, 
welche 3000 m wesentlich übersteigen. 

Man vergleiche die Küste von Mekran, die, auch Längsküste, 
unter teilweiser Zertrümmerung von äußern Ketten und Bildung 
von halbkreisförmigen Buchten, wie die von Gwadar, ähnliche 
Verhältnisse aufweist. 

Die morphologischen (und die Wind-) Verhältnisse dieser 
ganzen langen Küstenstrecke haben unabänderlich die Punkte 
bestimmt, an welchen allein sich Seestädte entwickeln konnten, 
nämlich immer am westlichen Eingange des Golfes im Schutze 
des westlichen Vorgebirges. Derartig ist die Lage von Tanger, 
Mlila, Mers el Kebir, Arzeu, Algier, Dellys, Bougie, Dschidschelli, 
Collo, Stora, Bona, Biserta, Porto Farina, ja auch Utika und 
Karthago, Palermo, Milazzo, dem ehemals wichtigen Santa 
Eufemia, Policastro, Salerno, Neapel. Nur Oran macht eine 
scheinbare Ausnahme, sein Emporblühen beruht auf der natür- 
lichen Festigkeit seiner Lage, der Fruchtbarkeit der Umgebung 
und der leichten Verbindung mit dem Innern, es zog aber von 
jeher und zieht noch heute Vorteil von dem nahen Mers el Kebir, 
dem Portus divinus der Römer, wo die steil aufsteigenden Fel- 
sen keinen Raum für eine größere Ansiedelung lassen. Die 
Nachbarstädte von Palermo, Termini und Castellamare haben 
trotz ihrer in mancher Hinsicht günstigem, durch andere Ver- 
hältnisse bestimmten Lage im Hintergrunde der Golfe, als See- 
städte nie eine Rolle gespielt. Namentlich in Algerien sind die 
Lagenverhältnisse der dort genannten Seestädte, auch in bezug 
auf das Hinterland so übereinstimmende, daß dieselben sämtlich 
abwechselnd nach Maßgabe der politischen Verhältnisse eine 
Zeitlang eine große Rolle gespielt haben. Am schärfsten prägt 
sich wohl diese gleichmäßige natürliche Ausstattung darin aus, 
daß selbst unter einer so zentralisierten Verwaltung, wie die 
französische ist, Oran und Bona lange Zeit durchaus mit Algier 
zu wetteifern vermochten. 

Noch einmal kehren genau dieselben Küstenformen (und 
Windverhältnisse), wie hier an der Küste der Atlasländer, an der 
Südküste des Kaplands wieder, und auch dort haben sich, so- 
weit die sonstigen Verhältnisse eine dichtere Besiedelung ge- 



Küstenstädte der Atlasländer, Italiens und des Kaplandes. 6 X 

statteten, die bedeutendsten Seeplätze, wie Port Elisabeth, Aliwal 
und Simonstown, genau an derselben Stelle der Golfe entwickelt. 
Besiedelung und Verkehr unterliegen also an diesem Küstentypus 
ebenso strengen geographischen Gesetzen wie an der Föhrden- 
küste der Ostsee 1 ) oder an der aufgeschlossenen Flach- 
küste der Vereinigten Staaten, wo sämtliche Häfen, Savannah, 
Charleston, Wilmington, Richmond, Washington, Baltimore, Phila- 
delphia und New York Fluß- (bzw. Flußmündungs-) Häfen 
sind und von Richmond an sämtlich auf der Grenze des Tertiär 
und der laurentischen Gneißformation liegen, d. h. da, wo festeres 
Gestein die Ausweitung und Vertiefung der Flußmündung durch 
die Flut, unter Mitwirkung einer positiven Niveauveränderung, zu 
hindern beginnt und festerer Boden, wie die Möglichkeit, den 
Fluß zuerst oberhalb seiner Mündung zu überschreiten, die An- 
siedelung begünstigte. Dem entsprechend rücken die Seestädte 
je weiter nach Norden, um so weiter ins Innere. Es möchte 
naheliegen , unsern Küstentypus als die (algerische) durch 
Brandungsbuchten aufgeschlossene Form der Steilküste zu 
bezeichnen. Die Buchten von Algier und Palermo, beide fast voll- 
kommene Halbkreise, jene mit einer Öffnung von 15 km und 
einer Tiefe von 6,5 km, diese mit einer Öffnung von 14,2 km und 
einer Tiefe von 7,8 km 2 ), kennzeichnen die Form der Auf- 
schließung dieser Steilküste am besten, auch sind die sie be- 
grenzenden Vorgebirge Pointe Pescade und Kap Matifou, Monte 
Pellegrino und Kap Mongerbino bekannt genug. Es scheint mir 
allerdings richtiger, derartige Küstentypen nach ihrer Form und 
Entstehung, nicht nach ihrem Vorkommen zu benennen, wie wir 
Flachküsten, Steilküsten, Fjordküsten, Haff küsten etc. unterscheiden, 
doch vermag ich für jetzt keinen bessern Ausdruck für diese 



1) Es lassen sich an der deutschen Ostseeküste drei wesentlich ver- 
schiedene scharf gekennzeichnete Küstentypen unterscheiden : die Föhrden- 
küste, die Boddenküste (von der Neustädter Bucht bis zur Oder-Mündung) 
und die Haffküste. 

2) Alle Messungen und Untersuchungen, die hier angeführt werden, sind 
auf Grund des kartographischen Urmaterials vorgenommen, also hier zunächst 
auf den französischen Küstenkarten von Algerien in 1 : 100 000, die auf den 
Aufnahmen des Admiral Mouchez von 1867 — 73 beruhen, Blatt 3412, 3483, 
3 2, 9. 3234, 3202, 3030 und 3405, sowie auf den italienischen topographischen 
Karten in 1 : 25000, I : 50000 und 1 : 100 000. 



6 a II, i. Zur Entwicklungsgeschichte der Küsten des Mittelmeeres. 

halbkreisförmig aufgeschlossene Steilküste vorzuschlagen als etwa 
gebuchtete Abrasionsküste. 

Nach Ed. Suess, der es so meisterhaft versteht, das Antlitz 
der Erde von einem erhöhten Standpunkte aus zu betrachten und 
uns seine Züge zu enträtseln, haben wir hier eine große Bruch- 
linie zu sehen, eine Linie, längs welcher die kristallinische Mittel- 
zone des Apennin und des Atlas bis auf geringe, an gewissen 
Punkten der Küste anstehende Reste in die Tiefen des Mittel- 
meeres hinabgesunken ist (und vielleicht noch heute, namentlich 
an der südöstlichen Ausbuchtung des Tyrrhenischen Meeres, im 
Hinabsinken begriffen ist). Die fortgeschrittene geologische Er- 
forschung des Apennin und Atlas lassen eine auffällige Über- 
einstimmung im Bau beider erkennen. „Es wiederholt sich süd- 
wärts gewendet in Nordafrika der Bau des Apennin" 1 ). Auch 
hier ist wie an der innern, dem Tyrrhenischen Meere zugekehrten 
Seite der Apenninen der Gürtel der kristallinischen Felsarten 
bis auf wenige Reste eingebrochen, und das gefaltete Gebirge 
landeinwärts gestaut, auch hier bezeichnen vulkanische Gesteine 
die Gürtel der Einbrüche. Die ganze innere Seite Italiens ist 
von der Insel Capraja an, von welcher das Trachytvorkommen 
von Campiglia nördlich von Populonia und das Basaltvorkommen 
bei Piombino die Verbindung mit dem Monte Amiata herstellt, 
sei es auf dem Festlande, sei es auf den vorgelagerten Inseln 
bis Ustica, von noch tätigen oder erloschenen Vulkanen begleitet 
und ein Gebiet häufiger, heftiger Erdbeben. Ganz ähnlich treten 
am Nordrande der Atlasländer, sei es an der Küste, sei es auf 
den vorgelagerten kleinen Inseln 2 ) von Linosa und Pantelleria, 
welche, weder zu Afrika noch zu Europa gehörig, sich mitten in 
der Sizilien von Afrika trennenden Bruchlinie erheben, bis zur 



i) Ed. Suess, Das Antlitz der Erde. Leipzig 1883. I, S. 297. 

2) Nur die vielumstrittene Galitagruppe besteht doch wohl nicht aus 
vulkanischem Gestein, sondern nach Arthur Issel aus Granit, neben welchem 
Quarzite und Schiefer, vielleicht silurischen Alters, und quartäre Bildungen 
auftreten (vgl. Guido Coras Cosmos, Vol. VI, 1880, p. 383, und Tafel X. 
Velain dagegen (Comptes rendus de l'Academie des sciences, Bd. 78, 1874, 
p. 70) erklärt Galita für vorzugsweise aus eigentümlichen Trachyten aufgebaut. 
Die französischen Offiziere Lt. de Galbert und Cpt. Perret haben die Gruppe 
1900 topographisch aufgenommen und ersterer sie eingehend, aber ohne 
Förderung des Verständnisses ihres geologischen Aufbaus geschildert: L'ile 
de la Galite. Grenoble 1904. 



Die innere Abbruchsküste Italiens und der Atlasländer. 5- 

Meerenge allenthalben vulkanische Gesteine hervor. Und auch 
hier haben wir häufige Erdbeben, welche fast ausnahmslos der 
Küste folgen. Da diese Tatsache doch nicht so ganz allgemein 
bekannt sein dürfte, namentüch auch bei den Bauten der Fran- 
zosen in Algier in gefährlicher Weise mißachtet erscheint, so 
will ich nur an einige heftigere Erdbeben der allerneuesten Zeit 
erinnern, wie das von 1848, welches Mlilla stark beschädigte, 
das vom 21. und 22. August 1856, welches Dschidschelli zer- 
störte und auch Bougie und einige andre Küstenstädte beschä- 
digte, das Erdbeben von Tunis am 14. September 1863, das 
von Blidah am 2. Januar 1867, das von Algier und Cherchell 
am 28. März und 11. April 1874, das von Tenes am 2. und 
25. März 1880, welche letzteren beiden auch das Cheliftal be- 
rührten. Ein zweiter Gürtel längs der Küste, welcher aber auch 
die Galitagruppe und die kleine Insel Plane westlich von Oran 
angehört, besteht aus altern Felsarten, Gneiß, älterm Granit, 
Glimmer- und Tonschiefer mit Lagen von körnigem Marmor. 
Nur insofern zeigt sich ein gewisser Unterschied, als sich an der 
Küste der Atlasländer nicht wie in Italien die auf einer Haupt- 
spalte liegenden kesseiförmigen Einstürze, welche bogenförmig in 
das Gebirge eingreifen, unmittelbar aneinanderreihen, sondern 
daß die Bruchlinie auf weite Strecken glatt verläuft und dann 
die Küste, wie z. B. zwischen den Golfen von Algier und Bougie 
auf 185 km, den Anblick einer mehrere hundert Meter hohen 
geschlossenen Mauer bietet. Doch haben wir zwischen den 
Golfen von Santa Eufemia und Policastro ein ähnliches Küsten- 
stück. E. Suess 1 ) meint namentlich die Bucht von Algier als 
einen Einsturzkessel und die dieselbe begrenzenden Vorgebirge 
ähnlich der Halbinsel von Sorrent mit der Insel Capri als Horste 
auffassen zu müssen. Daß auch an der Küste der Atlasländer 



I) Außer den schon von Ed. Suess benutzten Quellen, und Tchihatchef, 
Spanien, Algerien und Tunis, deutsche Ausgabe Leipzig 1882, habe ich 
namentlich die neue vorläufige geologische Karte von Algerien von Tissot, 
Pomel und Pouyanne, 5 Bl. in I : 800000, Algier 1881, und den dazu ge- 
hörigen Texte explicatif de la carte geologique provisoire, 2 Bände, Algier 
1881 und 1882, verwertet. Dazu die neuen Blätter der geologischen Karte 
von Algerien in 1 : 100000 mit Erläuterungen, besonders Carte geologique 
detaillce Bl. Alger bis bearbeitet von E. Ficheur, Alger 1904. Auch die 
Küstenkarten in I : IOOOOO sind benüUt. 

Fischer, Mittelraeerbilder. Neue Folge. 5 



66 n, I. Zur Entwicklungsgeschichte der Küsten des Mittelmeeres. 

manche dieser halbkreisförmigen Buchten dieser Entstehung sind, 
ist wahrscheinlich, doch wird sich für nicht wenige eine andere 
Entstehungsweise annehmen lassen, und daß wohl alle die eigen- 
tümliche gleichmäßige Form, in welcher sie uns jetzt entgegen- 
treten, den gleich näher zu kennzeichnenden Vorgängen und 
Kräften verdanken, ist kaum zweifelhaft. 

A. v. Lasaulx 1 ) hat gezeigt, daß die Fjorde im südwestlichen 
Irland wesentlich als Wirkung der Brandung anzusehen sind, 
welche (weniger durch den Golfstrom, als vielmehr durch die 
vorherrschenden und häufig sehr stürmisch auftretenden Südwest- 
winde hervorgerufen) die zwischen von SW nach NO streichenden 
Wällen von Old Red Sandstone gelagerten Kohlenkalkmulden, 
das leichter verwitterbare Gestein zwischen widerstandsfähigerm 
herausgenagt hat. Ähnliche Verhältnisse haben auch bei der 
Herausbildung unsres Küstentypus mitgewirkt. Zunächst möchte 
ich auf die Tatsache hinweisen, daß in Algerien, welches Land 
allein bis jetzt hinreichend geologisch erforscht ist, die zahlreichen 
weit vorspringenden Vorgebirge aus alten kristallinischen Felsarten, 
Gneißen, Graniten, Schiefern, die als feinkörnig und fest be- 
zeichnet werden, oder aus Jüngern Eruptivgesteinen, besonders 
Basalt, ausnahmsweise auch aus hartem, kompaktem Nummuliten- 
kalk bestehen, während in den Buchten mioeäne Mergel, plioeäne, 
grobe, schlecht verkittete Sandsteinkonglomerate und Sandsteine, 
kurz weichere, jüngere Felsarten anstehen, welche augenscheinlich 
den zerstörenden Kräften des Luftkreises und der Brandung 
leicht unterliegen. Dunkle Glimmerschiefer, begleitet von Ton- 
schiefer und Jüngern Granitgängen, bilden die Vorgebirge von 
Cutha und Kap Negro südlich davon, ähnliches gilt von dem 
weit vorspringenden Ras ed Deir; an vielen Küstenpunkten der 
Provinz Oran treten granitische Gesteine auf, und ein größeres 
Granitgebiet (wohl palaeozoisch) liegt bei Nedroma nahe der Küste. 
In der Nähe der Tafna-Mündung bilden Basalte eine an einem 
Punkte bis 560 m hohe Steilküste bis zur Bucht von Beni Saf. 
Auch das Inselchen Rachgun ist der Rest eines alten Vulkans. 
Von Beni Saf an hat die Brandung alte Schiefer bloßgelegt, die 
auch das 272 m hohe Kap Ulhassa bilden, ebenso wie Kap Lindes 

1) Aus Irland, Reiseskizzen und Studien, Bonn 1877, S. 87 ff. Wir 
rechnen diese Küste jetzt zu den Riasküsten und schreiben die Herausbildung 
dieser spitz zulaufenden Rias in erster Linie den Gezeiten zu. 



Die Küste von Algerien. 5 7 

und Falcon, während von Kap Figalo bis zur Mündung des Wed 
Madar vulkanische Gesteine steile, am Dj. Tuila 371m hohe Wände 
bilden. In pliocäne, schlecht verkittete Konglomerate, Sandsteine 
und Sande ist die kleine Bucht von Honein, östlich von Nemours, 
eingeschnitten, während die benachbarten Vorgebirge Tarca und 
Noe mit ihren 100 m hohen, fast senkrechten Wänden aus mäch- 
tigen, häufig als Marmor auftretenden Kalksteinschichten des untern 
Jura bestehen. Die gleichen leicht zerstörbaren Felsarten umschließen 
die innern Buchten von Oran und von Arzeu. Sehr lehrreich ist 
das Küstenstück vom Golf von Arzeu bis zum Kap Sidi Ferruch; 
geringer Wechsel der Formationen und Felsarten fällt dort mit 
geringer Gliederung der Küste zusammen. Dies 300 km lange 
Küstenstück bildet auf lange Strecken eine den normannischen 
Falaises ähnliche, gelegentlich beträchtlich höhere Steilküste, die 
an vorgelagerten Klippen und kleinen Felsinseln besonders reich 
ist. Von Mostaganem bis Tenes wird diese Küste von miocänen 
Mergeln und Tonen gebildet, die leicht und gleichmäßig der 
Zerstörung unterliegen, von da bis zum Kap Chenoua, östlich 
von Cherchel, aus mergeligen Kalksteinen der obern Kreide. 
Die ostwärts von Kap Chenoua einschneidende flache Bucht 
von Tipaza ist wiederum, wie die von Honein, von Oran, von 
Arzeu in pliocäne, schlecht verkittete Konglomerate und Sand- 
steine eingeschnitten, deren steiler Abbruch allenthalben die 
Meereserosion erkennen läßt. Auf dieser ganzen Küstenstrecke 
wird nur durch die zwei Vorgebirge von Tenes und Chenoua 
die Einförmigkeit gemildert, und es ist daher sehr bezeichnend, 
daß diese 2- bis 300 m hoch mit steilen Wänden ansteigenden, 
zu jeder Jahreszeit von heftiger Brandung umtobten Vorgebirge 
aus sehr hartem, kompaktem Nummulitenkalk bestehen, der am 
Kap Chenoua marmorartig auftritt und als solcher ausgebeutet 
wird. Die Ilalbinselvorsprünge von Mers el Kebir und von 
Arzeu bestehen aus festen (wohl palaeozoischen) Schiefern, die- 
jenigen, welche im Westen wie im Osten die Bucht von Algier 
begrenzen, vorherrschend aus kristallinischen Kalken wohl palaeo- 
zoischen Alters (Ficheur) und Glimmerschiefern, während an der 
Bucht südöstlich von Algier tertiäre Sandsteine, Konglomerate, 
Tone und Mergel auftreten, also ganz wie an den genannten west- 
lichem Buchten und an den östlichen von Bougie und Bona. Die 
Ebenen, wie die Mitidja, die Chelifebene, die um den Salzsee 



68 II, i. Zur Entwicklungsgeschichte der Küsten des Mittelmeeres. 

von Oran sind nicht etwa Deltabildungen, eben erst ausgefüllte 
und noch in Ausfüllung begriffene Buchten, ihre Entstehung reicht 
vielmehr in die Pliocänzeit zurück. Die Mitidja ist ein pliocäner 
Meeresgolf, dann durch Bildung des Sahel vom Meere getrennt 
ein erst allmählich aufgefüllter in den letzten Resten jetzt künst- 
lich entwässerter See. Sie besteht meist aus gerollten Kieseln 
jeder Größe, die nur selten zu einem Konglomerat zusammen- 
gebacken und von einem gelblich grauen Schlamme bedeckt 
sind: ältere und jüngere Alluvionen. Auch reichen diese Ebenen, 
soweit sie dieser Entstehung sind, nirgends oder nur in sehr 
schmalen Streifen bis ans Meer, sie sind vielmehr durch ältere 
(miocäne und Buzarea-Massif) Formationen von demselben ge- 
trennt, so daß die heutigen Golfe durchaus nicht als Reste ehe- 
mals größerer angesehen werden können. Auch Dünen kommen 
an diesen Buchten wohl vor, sind aber nie von irgendwelcher Aus- 
dehnung, eben weil der flache, sandige, zeitweilig trocken liegende 
Strand fehlt. Auch das geschichtlich bedeutsame, weit vor- 
springende Kap Sidi Ferruch, westlich von Algier, besteht aus 
faserigem Granit und Glimmerschiefer, Kap Djinet, östlich von 
Algier, aus Basalt. Die gewaltige Gneiß- und Granitmasse am 
Nordhange des Dschurdschura tritt bei Bougie nahe ans Meer 
heran, die völlig geschlossene und unnahbare Steilküste zwischen 
Dellys und Bougie besteht ganz aus Nummulitenkalk- und Sand- 
steinen, der Gebirgssporn , in dessen Schutze Bougie liegt, und 
das Kap Carbon bestehen aus festen Jurakalksteinen. Das die 
Bucht von Bougie an der Ostseite begrenzende Kap Cavallo besteht 
aus einer Gruppe hoher Kegelberge tertiärer Granite, die durch 
tiefe Schluchten voneinander getrennt sind. Einige vorgelagerte 
Klippen zeugen von der vorsichgehenden Zerstörung. Von 
Dschidschelli ostwärts, wo das Teil meist aus kristallinischen 
Felsarten besteht, zeigt sich wiederum auffallend, daß der große 
Numidische Golf mit seinen Buchten von Collo und Philippeville 
von zwei mächtigen, aus festen Felsarten bestehenden Pfeilern 
begrenzt wird, der Halbinsel von Collo, die am Kap Bougaroni 
(die sieben Kaps) mit ihren Granit- und Quarzporphyrwänden 
steil zu großen Meerestiefen hinabstürzt und bei einer Höhe von 
ii 86 m aus Granit und Jüngern Eruptivgesteinen aufgebaut ist, 
und dem ebenfalls aus Granit und kristallinischem Schiefer be- 
stehenden fast insularen Dschebel Edough, der nach Westen das 



Die Küste von Algerien. 6ü 

nach dem Eisengehalt seiner eruptiven Felsmassen benannte Cap 
de Fer vorstreckt. An der Ostseite, bei Bona und namentlich 
am Cap de Garde, fallen die deutlich geschichteten Gneiß- und 
Glimmerschiefer in Winkeln von 60 — 80 ° nach SO ein. Das 
breite Vorgebirge Filfila (Felfelah) , welches die Bucht von 
Philippeville in zwei Unterabteilungen scheidet, besteht aus ver- 
schieden gefärbtem, feinkörnigem und höchst wertvollem Marmor, 
der schon von den Römern ausgebeutet wurde; das Kap Rosa, 
am östlichen Eingange des Golfs von Bona, wiederum aus 20 
bis 30 m hohen Felswänden aus Nummulitenkalk. 

Wir sehen also, daß an der ganzen Küste von Algerien die 
Buchten in leichter zerstörbare Felsarten eingeschnitten sind, 
während die Vorgebirge aus den festesten, widerstandsfähigsten 
bestehen. Es kommt nun noch ein zweiter Umstand hier in 
Betracht: das Küstengebiet von Algerien ist ein vielfach gestörtes, 
an Verwerfungen, Verschiebungen, Spalten und Bruchlinien 
reiches, wie die geologische Durchforschung an vielen Punkten 
festgestellt hat, und neuerdings auch Tchihatchef bezeugt. Die 
Schichten sind an vielen Punkten stark aufgerichtet und ihr 
Streichen nahezu senkrecht auf der Küstenrichtung, so daß also 
bei dem Vorhandensein von Spalten und Brüchen und bei dem 
Wechsel härterer und weicherer Felsarten der Brandungswelle 
sich allenthalben Punkte zu erfolgreichem Angriff boten. Noch 
bis in die nächste geologische Vergangenheit muß hier die 
feste Erdrinde großen Bewegungen unterworfen gewesen sein, 
denn selbst die jüngsten Ablagerungen, wie in der Mitidja und 
in der Chelifebene, haben noch Störungen erlitten. Eine Unter- 
suchung in dieser Richtung ergibt, daß an der Küste von Algerien 
das Vorkommen der halbkreisförmigen Buchten gebunden ist 
nicht nur an raschen Wechsel der Formationen und Felsarten, 
sondern auch an Gebiete eng mit jenen zusammenhängender 
großartiger Schichtenstörungen. Einförmigkeit der geologischen 
und tektonischen Verhältnisse prägt sich dagegen auch in der 
Einförmigkeit der Küstenumrisse aus. 

Daß die Küste von Algerien allenthalben vom Meere ange- 
griffen wird, dafür liegen zahlreiche Zeugnisse vor. Es zeugen 
dafür die zahlreichen vor der Küste liegenden Inselchen und 
Klippen, die auf weite Strecken überhängenden und von zahl- 
losen, geräumigen Grotten durchbohrten Felswände, vor allem 



70 II, i. Zur Entwicklungsgeschichte der Küsten des Mittelmeeres. 

aber auch die Hafenbauten der Römer und der Franzosen. 
Diese Grotten sind meist von Scharen von Tauben bewohnt, 
oft aber sind sie so groß, daß die Fischer- und Zollboote darin 
Unterkommen finden. Von den Hafenbauten der Römer sind 
heute, wie ähnlich von den mittelalterlichen der Genuesen an 
der Südküste des Schwarzen Meeres, kaum noch Spuren vor- 
handen, wenn sie nicht, wie das kleine Hafenbecken von Cherchel, 
in den Felsen gehauen waren. Von dem gewaltigen Felsdamm, 
durch welchen die Römer der alten Julia Caesarea einen Vor- 
hafen geschaffen hatten, ist trotz der Lage an einer ziemlich 
geschützten Bucht nichts als ein stark brandender unterseeischer 
Trümmerhaufen übriggeblieben. Die mit großen Kosten aufge- 
führten Hafendämme der Franzosen 1 ) können da, wo sie ohne 
natürlichen Schutz im Hintergrunde der Buchten, wie bei Philippe- 
ville und Oran, errichtet worden sind, nur mit Mühe erhalten 
werden, jeder Sturm richtet Zerstörungen an, und sie gewähren 
den Schiffen nur wenig Schutz. Die riesige Brandung schlägt 
über die Hafendämme und zertrümmert sie mitsamt den Schiffen, 
die hinter ihnen Schutz suchen. Von Landbildung, Anschwem- 
mung, Landfestwerden von Inseln ist an dieser ganzen Küste 
(außer an der Westseite des Golfs von Tunis) keine Rede, nur 
der Chelif hat vermocht, ein sehr kleines, noch nicht 3Y 2 qkm 
großes Delta der Küste anzulagern, an welcher ausnahmsweise 
die ioo m-Linie fast 10 km entfernt liegt. Auch anderwärts an 
der Küste von Nordafrika müssen wir der Brandung bei den in 
historischer Zeit nachweisbaren Veränderungen große Bedeutung 
zuschreiben. Daß in Barka z. B., wo ich allerdings nach wie 
vor auch eine positive Niveauverschiebung meine annehmen zu 
müssen, daneben oder besser infolge davon auch die Brandung 
die aus jungtertiären Schichten bestehende Küste um so erfolg- 
reicher angreift, lassen die Vorgänge bei Bengasi nicht mehr be- 
zweifeln. Die bei Tripolis eingetretenen Veränderungen lassen 
sich jedoch vollkommen auf letztere Ursache zurückführen. Schon 
Leo Africanus berichtet im Anfang des 1 6. Jahrhunderts von der 
dort wirksamen Meereserosion, welche die Stadt zurückweichen 
machte, und Admiral Beechey empfing zu Anfang des 19. Jahr- 



I) Für diese Fragen ist benutzt: Mouchez, Instructions nautiques sur 
les cötes de PAlgerie, Paris 1879, und Mouchez, La cote et les ports de 
l'Algerie, au point de vue de la colonisation. Paris 1881. 



Stürme an der Küste der Atlasländer. 



71 



hunderts den gleichen Eindruck. G. Rohlfs hält freilich an einem 
raschen Sinken des Landes fest. Er führt an, daß man vor 
30 Jahren noch außerhalb der Stadtmauer am Strande entlang 
gehen konnte, was jetzt das Meer, dessen Wellen an den Mauern 
emporschlagen, nicht mehr erlaubt, ja er behauptet, daß inner- 
halb eines Jahres, 1878 bis 187g, nach seinen Beobachtungen 
das Meer sehr bedeutende Fortschritte gemacht habe. Da ich 
selbst Gelegenheit gehabt habe, die sogar längere Zeit und in 
gewissen Perioden sehr verschiedenen Wasserstände an den 
Küsten des Mittelmeeres zu beobachten, so möchte ich derartigen 
einmaligen Beobachtungen kein großes Gewicht beilegen. Auch 
Malta verkleinert sich lediglich unter dem Anprall der Wogen, 
nur darauf sind die an steiler Felswand endenden Karrenspuren 
zurückzuführen. 

Daß an der ganzen Nordküste von Afrika einen großen Teil 
des Jahres eine bedeutende Brandung herrschen muß, ergibt 
sich sofort aus den dortigen Erwärmungs-, Luftdruck- und Wind- 
verhältnissen, über welche uns der beste Kenner derselben, Ad- 
miral Mouchez, gründlichen Aufschluß gibt. Es herrschen an 
der Küste von Algerien nahezu sieben volle Monate Winde aus 
dem vierten Quadranten, namentlich NW und N, beide treten 
häufig stürmisch und verheerend auf. Man bezeichnet letztere 
Windrichtung geradezu sprichwörtlich als den „Zimmermann von 
Majorka", weil dann gewöhnlich der Strand und die Häfen mit 
Schiffstrümmern bedeckt werden 1 ). Ein einziger solcher Nord- 
sturm vernichtete im Januar 1835 sämtliche (11) in die Bucht 
von Bougie geflüchteten Schiffe, ein andrer im Februar desselben 
Jahres überschüttete die Magazine auf den Molen von Algier, 
vernichtete 18 Schiffe im Hafen selbst und beschädigte 5 andre 
schwer; 1841 wurden sämtliche auf der scheinbar so sichern 
Reede von Stora liegenden Schiffe, auch ein Kriegsschiff, ver- 
nichtet, und 1854 blieben von 29 dort liegenden Schiffen nur 
7 unverletzt; die 50 m hohe Felseninsel Srigina wird oft völlig 
von den Wogen verhüllt. Nach amtlicher Schätzung von 1856, 
d. h. in einer Zeit, wo der Verkehr hier noch sehr gering war, 
betrug der jährlich durch Schiffbruch allein auf der Reede von 
Stora erlittene Verlust 1 l / 2 Millionen Franken. Noch im Winter 

1) Schon der englische Admiral -Smyth zu Anfang des 19. Jahrhunderts 
kennt diese Bezeichnung. 



y2 II, I. Zur Entwicklungsgeschichte der Küsten des Mittelmeeres. 

von 1878 wurden im Hafen von Philippeville hinter Dämmen, 
welche 15 Millionen Franken gekostet haben, 5 Schiffe zerschellt. 
Gleichen Gefahren ist auch der Golf von Tunis ausgesetzt, in 
welchem ebenfalls wiederholt ganze Flotten durch plötzlich herein- 
brechende Stürme vernichtet worden sind. Selbst im Sommer 
und bei schönem Wetter tobt an einzelnen Küstenpunkten, wie 
z. B. Kap Tenes, untertags häufig eine außerordentlich heftige 
Brandung, nur durch die regelmäßige, sommerliche nordöstliche 
Brise hervorgerufen, das Meer löst sich in weißen Schaum auf, 
und kein Schiff könnte sich unter Segel gegen diesen Wind 
halten. Fast an der ganzen Küste ist auch im Sommer das 
Landen nur in wenigen geschützteren Buchten und in den künst- 
lichen Häfen möglich. Auch die Fischerei wird an der ganzen, 
meist sehr fisch- und korallenreichen Küste, namentlich des west- 
lichen Algerien, durch die häufigen heftigen Stürme und die 
Strömung erschwert; Thunfischereien anzulegen ist nur an wenigen 
Punkten möglich gewesen. Nur an einem Punkte an der Mün- 
dung der Wed Oubay, nahebei, südöstlich, von Dellys, ist die 
Anlegung von Salzgärten möglich gewesen x ). Auch der Mangel 
an Ankergrund bei den großen Tiefen macht die Küste unnahbar, 
und so sehen wir, daß dieselbe auf ungeheure Strecken unbewohnt 
und unbebaut ist, man im Vorüberfahren nur hier und da das 
Feuer eines einsamen Hirten erblickt, und sich die Bewohner 
auf den wenigen begünstigteren Küstenpunkten zusammendrängen. 
Auf eine Strecke von 334 km entbehrt z. B. die Küste zwischen 
Oran und Algier jeder natürlichen Zufluchtsstätte. So ist die 
geringe Sicherheit und Zugänglichkeit der Küste ein schweres 
Hindernis der Entwicklung des Landes. Selbst die wenigen 
natürlichen Reeden, die gegen W, zum Teil auch gegen NW 
geschützt sind, sind, wie die oben angeführten Unfälle zeigen, 
weit weniger sicher, als man auf den ersten Blick glauben möchte, 
denn auch dort ist das Meer beständig bewegt, weil die um das 
Vorgebirge hereinkommenden Wellen (und Strömung) den von 
der Südostseite der Bucht zurückgeworfenen begegnen. Selbst 
der geringste Sturm, welcher auf dem Golfe du Lion ausbricht, 
ruft, auch wenn er die Küste von Algerien gar nicht erreicht, 



1) Wenn sie überhaupt noch bestehen, müssen sie von so geringer 
Ausdehnung sein, daß ich sie 1906, wo ich zweimal dicht an ihnen vorbei 
gekommen bin, nicht gesehen habe! 



Stürme und Strömungen an der Küste der Atlasländer. n -j 

dort heftige Brandung hervor. Meist kann man sich dieser Küste 
nur bei ganz ruhigem Wetter ungefährdet nähern, aber auch 
dann drohen die dieselben kennzeichnenden Nordstürme, die meist 
urplötzlich hereinbrechen, beständig Gefahr. Einzelne Vorgebirge 
sind fast zu jeder Zeit so umstürmt, daß ihnen die Schiffer ähn- 
lich wie dem Ras Addär, dem treulosen Vorgebirge, von den 
Europäern schmeichelnd Kap Bon genannt, Namen wie Teufels- 
spitze, Tolle Spitze, Verfluchtes Kap u. a. beigelegt haben. 
Diese Verhältnisse sind es, welche die Bewohner dieser Küsten 
im Altertum instand setzten , sie erst so spät Griechen und 
Römern bekannt werden und später wieder in Dunkel versinken 
zu lassen, so daß die Rifküste heute noch zu den wenigst be- 
kannten Küsten der Erde gehört. Ein vom Lande wie von der 
See schwer zugängliches Küstengebiet nahe einer vielbefahrenen 
Meerstraße, das sind die günstigsten Bedingungen zur Entwick- 
lung der Seeräuberei. Eben diese Verhältnisse, namentlich die 
so häufig und plötzlich hereinbrechenden Nordstürme, haben die 
zahlreichen Versuche europäischer Mächte — es sei nur an 
Karls V. Unternehmen gegen Algier 1 541 erinnert — , diesem 
Unwesen zu steuern, scheitern gemacht. 

Es ist daher sehr auffallend, daß die Franzosen erst sehr 
spät, und nachdem sie schweres Lehrgeld hatten zahlen müssen, 
begonnen haben, Häfen anzulegen, zum Teil aber nach Mouchez' 
Ansicht an Küstenpunkten, wo sie ihren Zweck nie völlig zu er- 
füllen vermögen und steter Gefahr ausgesetzt sind. Namentlich 
gilt dies von den im Hintergrunde der Buchten angelegten Häfen 
von Oran und Philippeville, in welchen die Schiffe nie völlig 
sicher sind und Segler nur bei ruhigem Wetter einlaufen können, 
die auch sofort beim Erlahmen der Wachsamkeit dem Schicksale 
des Hafens von Tenes erliegen werden, dessen auf eine kleine 
Felsinsel gestützte Dämme noch vor der Vollendung vom ersten 
Sturme zertrümmert wurden. Selbst der geschützteste, der Hafen 
von Algier, ist häufigen Beschädigungen ausgesetzt, der von Bona 
ist zu klein und seicht, um z. B. Panzerschiffe aufzunehmen, und, 
das einzige Beispiel dieser Art, von Versandung bedroht. 

Eine weitere Kraft, welche bei der Herausbildung dieses 
Küstentypus tätig ist, ist die Küstenströmung. Es ist bekannt, 
daß der Verdunstungsverlust des Mittelmeeres vorzugsweise durch 
einströmende Wassermassen aus dem Ozean und dem Schwarzen 



ja II, I . Zur Entwicklungsgeschichte der Küsten des Mittelmeeres. 

Meere ersetzt werden muß. Auf Grund eingehender, erst zu 
späterer Veröffentlichung bestimmter Untersuchungen, die nament- 
lich auch die bisherigen Vorstellungen über die Strömungen im 
Mittelmeere klären und vielfach ändern werden, bin ich zu dem 
Ergebnis gelangt, daß über dem Mittelmeere eine Wasserschicht 
von mindestens 3 m jährlich verdunstet, wahrscheinlich beträcht- 
lich mehr (also jedenfalls mehr als doppelt soviel als man bis- 
her mit J. Herschel gewöhnlich annahm), davon werden ca. 25 
Prozent unmittelbar durch Regen, ca. 10 Prozent mittelbar durch 
die Flüsse ersetzt. Vom Schwarzen Meere her ist der Ersatz 
aber gering, etwas über 7 Prozent des Verdunstungsverlustes, wie 
man schon daraus schließen konnte, daß der Salzgehalt des 
Archipels, ja des Marmara-Meeres kaum merkbar herabgedrückt 
wird. Der Ozean muß also im wesentlichen den Verdunstungs- 
verlust des Mittelmeeres ersetzen, und der Querschnitt der Meer- 
enge ist ein so großer, daß in der Tat auch unter Berücksich- 
tigung der untern Gegenströmung die noch zu ersetzende Wasser- 
menge nicht nur leicht ersetzt werden kann, sondern die Ge- 
schwindigkeit der Einströmung auch ihrerseits es wahrscheinlich 
macht, daß die Mächtigkeit einer Verdunstungsschicht zu 3 m zu 
niedrig angenommen ist. Jedenfalls sind es gewaltige Wasser- 
massen, welche durch die starke Verdunstung in das Mittelmeer 
gezogen werden, die Verdunstung und die Winde sind dort die 
Kräfte, welche Strömungen hervorrufen. Von einer großen, das 
ganze Mittelmeer umkreisenden Strömung, von der man noch 
immer zuweilen lesen kann, ist selbstverständlich keine Rede, 
selbst die an der Nordküste Afrikas ostwärts bis gegen die 
syrische Küste hin verfolgbare Strömung, welche die Gebiete der 
stärksten Verdunstung kennzeichnet, nach welchen noch überdies 
die vorherrschende Windrichtung die Wassermassen hintreibt, 
wird sehr häufig durch den Wind unterbrochen und abgelenkt. 
Am schärfsten ist die Strömung an der Nordküste von Klein- 
afrika ausgeprägt, wo, wie ich früher nachgewiesen habe, die 
kühlem Wassermassen des Ozeans sogar klimatisch wirksam sind. 
Ihre mittlere Geschwindigkeit beträgt an der Küste von Algerien 
I Seemeile in der Stunde, etwas weiter hinaus jedoch häufig 
2 — 3 Seemeilen, so daß Lotungen und Fischen fast unmöglich 
werden. Nach Osten hin wird sie schwächer und jenseits Kap 
Bougaroni wird sie in ihrer Richtung und Stärke schon wesent- 



Küsten des nordwestlichen Mittelmeerbeckens. 



75 



lieh vom Winde beeinflußt. Die häufigen Nordwinde drängen 
nun diese Strömung an die Küste heran und geben ihr eine mehr 
ostsüdöstliche und südöstliche Richtung, so daß sie, schräg auf 
die Westseite der weit vorspringenden Vorgebirge stoßend, zum 
Teil gegen Süden abgelenkt wird, in die Golfe eindringt und, 
dieselben als Neerstrom umkreisend, an ihrem westlichen Ein- 
gange wieder in die Hauptströmung einbiegt. In allen diesen 
Golfen ist ein solcher Wirbel nachgewiesen. Je weiter das öst- 
liche Vorgebirge vorspringt, um so regelmäßiger und stärker ist 
diese Gegenströmung; im Golf von Oran und von Algier treibt 
sie die aus diesen Häfen bei schwachem Winde auslaufenden 
Segler häufig nach Westen gegen Mers el Kebir und Pointe Pes- 
cade ab. Während also in i — 2 Seemeilen Abstand von der 
Küste die östliche Strömung herrscht, herrscht in den Buchten 
eine westliche Gegenströmung. Die Fahrt in östlicher Richtung 
geht immer schneller als in westlicher, und die von N kommen- 
den Schiffe müssen dieser Strömung wegen stets eine 8 — io See- 
meilen westlichere Richtung einhalten; nach Algier bestimmte 
Schiffe z. B. müssen so steuern, als ob Kap Sidi Ferruch ihr Ziel 
wäre. Winde vermögen diese Strömung wohl zu beeinflussen, 
aber höchst selten umzukehren. Es kann kein Zweifel sein, daß 
diese Strömungen, wie sie einerseits die Golfe von Sinkstoffen 
rein halten, anderseits bei der Herstellung der Kurve, vielleicht 
auch der Vertiefung der Buchten, mitwirken. 

Denselben, hier seiner Entstehung und Herausbildung nach 
betrachteten Küstentypus haben wir nun auch an der spanischen 
Mittelmeerküste von der Meerenge bis Kap Palos. Dort haben 
wir nach E. Suess den abgebrochenen Innenrand der Betischen 
Kette. Wenn die Ausbuchtung dieser Steilküste weniger regel- 
mäßig ist, so beruht dies sowohl auf den etwas abweichenden 
geologischen und tektonischen Verhältnissen, als namentlich auf 
dem Fehlen der Kräfte, welche sich an der gegenüberliegenden 
Küste so wirksam erwiesen, Brandung und Strömung. Das Küsten- 
stück von Kap Palos bis Kap Nao bildet den Übergang zu dem 
zweiten hier zu betrachtenden Küstentypus, welcher jenseits Kap 
Nao deutlich ausgeprägt ist. Die Küsten von Sardinien und 
Corsica bedürfen noch eingehender Untersuchung, jedenfalls hat 
die Meereserosion auch dort bei der Herausbildung der heutigen 
Formen wesentlich mitgewirkt, der Gegensatz zwischen der dem 



7 6 II, I. Zur Entwicklungsgeschichte der Küsten des Mittelmeeres. 

Südwest zugekehrten Seite und der ruhigen Ostküste ist ein zu 
auffälliger; von Corsica wissen wir überdies, daß dort in den 
Riasbuchten die Brandung in hohem Grade zerstörend wirkt 1 ). 
Wo bleiben nun die an der Nordküste Kleinafrikas abge- 
riebenen Massen? Ich möchte die Vermutung aussprechen, daß 
sie teilweise an der Bildung der Sand- und Schlammbänke der 
Flachsee zwischen Sizilien und Afrika teilnehmen, teilweise an 
der Westseite des tief eindringenden Golfs von Tunis durch die 
Gegenströmung abgelagert werden und mit dem Medscherda jene 
großartigen Landbildungen und einen neuen Küstentypus hervor- 
rufen. Über diese Gegend sollen hier nur wenige Bemerkungen 
folgen, da über dieselbe in letzter Zeit von verschiedenen Seiten, 
auch in diesen Blättern, Untersuchungen angestellt worden sind 2 ). 
Die mit dem Absinken eines Teiles des Gebirges verbundene 
Landzertrümmerung hat hier etwas größere Ausdehnung gehabt; 
die beiden Seen von Biserta füllen Einsturzbecken aus, ihre Ver- 
bindung mit dem Meere ist vielleicht lediglich auf die Süßwasser- 
flüsse zurückzuführen, welche sie aufnehmen. Gleicher Entstehung 
dürften die Sebcha El Sedjum bei Tunis und der jetzt in Aus- 
trocknung begriffene Fetzarasee bei Bona, sowie die vier kleinen 
küstennahen Becken bei La Calle sein, El Melah (salzig), El 
Ubeira, El Hut und Labheira (nur ein Sumpf). Der Golf von 
Tunis war dem entsprechend inselreich; außer den noch vor- 
handenen Zembra und Zembretta, Plane und Pillau waren auch 
der Hügel von Karthago und der Höhenrücken (Kabeur el Djeheli), 



1) Recherches hydrographiques sur le Regime des Cötes, Depot des 
cartes et plans de la Marine, Heft 2, p. HO. 

2) Vgl. besonders Charles Tissot, Geographie comparee de la Province 
romaine de l'Afrique, Paris 1884, I, p. 76 ff., und F. Partsch, Peterm. Mitt. 
1883, S. 201 ff. Meine dort von Partsch widerlegte Ansicht bezüglich des 
Medscherda hatte ich selbst längst als irrig erkannt (vgl. Deutsche Revue 1882, 
S. 234), und jenen Hebungserscheinungen, die ich übrigens nicht als selbst- 
beobachtet hinstellte, sondern auf Guerin und Reclus zurückführte, stehe ich 
seit Jahren sehr skeptisch gegenüber; 1876 war auch ich allerdings nicht 
frei von den damals herrschenden Anschauungen. Das Verständnis der 
dortigen Vorgänge wird wesentlich gefördert durch die auch von Tissot noch 
nicht benutzten neuen Aufnahmen der Franzosen, Carte de la Tunisie. 
1:200000. Paris 1884, namentlich Blatt 2 und 5 (Biserta und Tunis). 
Auch die beiden französischen Seekarten Nr. 3603 (Bucht von Tunis in 
1 135000) und 3487 (Porto Farina in I : 25000) kommen wesentlich in Be- 
tracht. Eine eingehende Untersuchung würde hier zu viel Raum erfordern. 



Am Golf von Tunis. 



77 



welcher mit Kaläat el Wed (Castra Cornelia) endet, ursprünglich 
Inseln. Dieser letztere Höhenrücken hat eine Länge von 1 2 km 
und eine Höhe von 50 m, er wird jetzt an seiner Westseite vom 
Medscherda begleitet, während dieser seit den Bürgerkriegen und 
bis ins Mittelalter der Ostseite folgte. Jedenfalls legt Tissot (ab- 
weichend von Partsch) keine der sich stetig verschiebenden Med- 
scherda- Mündungen durch diesen Höhenrücken, und auch die 
neue Karte macht es unwahrscheinlich, daß der Hügel von Kaläat 
el Wed noch eine Insel für sich gebildet habe. Der Hügel von 
Utika ist vielleicht nicht erst durch Anschwemmung verlandet, 
sondern gehört einer aus etwas älterm Gestein bestehenden Land- 
zunge an. Die geringe Meerestiefe und die Inseln kamen wesent- 
lich in Betracht bei den raschen Landbildungen, die der Med- 
scherda und die Strömung vereint hier bewirkten. Die Delta- 
bildung des Medscherda beginnt schon ca. 6 km oberhalb Teburba. 
Tissot schätzt den Landzuwachs hier seit 21 00 Jahren auf 
250 qkm, das gesamte Neuland mag eher wohl das Doppelte 
betragen. Die Haffe von Tunis, von Karthago (Sebcha er 
Ruan), von Porto Farina und die noch heute über das Delta des 
Flusses, namentlich in der Nähe des Hügels von Utika verstreuten 
Sumpfbecken kennzeichnen die vor sich gehende Verlandung. 
Nach der genauen Beschreibung des Polybios (I, 73) muß die 
heute durch einen Dünensaum vom Meere getrennte Sebcha er 
Ruan noch eine Meeresbucht gewesen sein; die Landenge, welche 
damals zwischen dieser Bucht und dem Haff von Tunis die 
Halbinsel von Karthago mit dem Festlande verband, scheint sich 
aber seit jener Zeit, eben weil sie der Anschwemmung entrückt 
wurde, nur sehr wenig verbreitert zu haben, denn während Poly- 
bios ihre Breite zu ca. 25 Stadien, d. h. 4,6 km (die Stadie zu 
185 m) angibt, beträgt sie jetzt 5 km. Wohl aber hat sich 
der südliche, das Haff von Tunis absperrende Dünenzug von 
Y 2 Stadie (nach Appian) auf 6- bis 900 m und selbst an der 
schmälsten Stelle auf mehr als 200 m verbreitert 1 ). Die Mitwir- 
kung der Strömung 2 ) bei diesen Landbildungen prägt sich deut- 



1) Nach Carte de la Tunisie Blatt 5: die Seekarte 3603 gibt beträcht- 
lich geringere, aber noch immer dem Altertum gegenüber weit größere Zahlen. 

2) Ich finde das Vorhandensein einer solchen Gegenströmung im Golf 
von Tunis allerdings nirgends bezeugt, meine es aber schließen zu müssen. 
Auch die Gegenströmungen in den kleinen algerischen Buchten, namentlich 



y8 II, I. Zur Entwicklungsgeschichte der Küsten des Mittelmeeres. 

lieh in der genau zu verfolgenden Verschiebung der Medscherda- 
Mündung gegen Norden aus. Mag der Fluß auch bei Hoch- 
wasser schon im vorigen Jahrhundert sich teilweise in das Haff 
von Porto Farina ergossen haben, so scheint er doch seine Haupt- 
mündung erst in allerneuester Zeit dorthin verschoben zu haben. 
Während nämlich Mouchez 1876 noch die Hauptmündung un- 
mittelbar in den Golf gehen läßt, zeichnet Perrier 1884 nur eine 
Mündung in das Haff. Die gleiche Erscheinung aus gleicher 
Ursache wie hier haben wir an dem dem Medscherda nächsten 
größern Flusse des östlichen Kleinafrika, der Seybuse. Diese hat 
seit römischer Zeit ihre Mündung 7—8 km nach Westen verrückt 
und ergießt sich heute unterhalb der Ruinen von Hippo. Ihr 
altes Bett ist 1 7 km oberhalb in einem trocknen Arme angedeutet, 
den die Eingeborenen El Khelidj, die Kanäle, nennen, und der 
am Meere in den Sümpfen von Geräa bu k'mira endet 1 ). 

So tritt uns hier infolge dieser Neubildungen ein neuer 
Küstentypus entgegen, eine flache, einem schwach gespannten 
Seile ähnliche Kurve, gestützt auf die landfest gewordene Insel 
von Karthago und die felsige Halbinsel von Porto Farina. Dieser 
Küstentypus, bei welchem sich also eine mit großem Radius be- 
schriebene flache Kurve an die andere reiht und die so gebil- 
deten flachen Buchten durch mäßig vorspringende, aus landfest 
gewordenen Inseln bestehende Vorgebirge (seltener durch vor- 
geschobene Deltaspitzen) begrenzt werden, ist Flachküsten eigen, 
die im Vorrücken begriffen und von Haffen begleitet sind. Auf 
Karten kleinen Maßstabes könnte man diesen Küstentypus mit 



der von Bona, haben wir erst durch Mouchez kennen gelernt, nur westlich 
der Halbinsel Tres Forcas war eine solche schon früher bekannt (vgl. Medi- 
terranean Pilot vol. London 1873, p. 25;. Da nun eine starke östliche, auf 
Kap Bon gerichtete Strömung quer vor dem Golf von Tunis vorhanden und 
hier die vorherrschende Windrichtung eine ausgesprochen nordöstliche ist, 
so scheint mir kein Zweifel erlaubt, daß auch hier eine solche Gegen- 
strömung vorhanden ist, welche im Verein mit den Nordostwinden die Ost- 
seite des Golfs rein von Sinkstoffen und die dortigen größern Meerestiefen 
erhält, während sie an der Westseite die Sinkstoffe ablagert und den Med- 
scherda nordwärts drängt. Daß die vorherrschenden Ostwinde eine Barre 
vor dem in das Haff von Tunis führenden Kanäle bilden, bezeugt Medit. 
Pilot p. 265. 

I) Tissot a. a. O. p. 45. Vgl. die folgenden Abschnitte: Die Stätte von 
Karthago und Am Golf von Bona. 



Die Küste von Toskana. 



79 



dem eben erforschten leicht verwechseln. Er ist ganz andrer 
Entstehung und für Besiedelung und Verkehr noch weit un- 
günstiger, insofern eine solche Küste wegen der Flachheit des 
angrenzenden Meeres unnahbar ist und der natürlichen Zufluchts- 
stätten ganz entbehrt, künstliche Häfen wegen der andauernden 
Neubildung von Land noch vergänglicher sind als dort. Dieser 
Küstentypus ist außerordentlich häufig am Mittelmeere, am schärf- 
sten ausgeprägt an der Westseite Italiens vom Golf von Neapel 
bis zum Golf von Spezia und vor allem an der Küste von Langue- 
doc. Diese Form der Flachküste steht in der Mitte zwischen 
der geschlossenen Flachküste, wie wir sie etwa an der Nordwest- 
seite von Jütland oder an der atlantischen Seite der Sahara 
haben, und der aufgeschlossenen Flachküste, als deren Muster 
die atlantische Küste der Vereinigten Staaten anzusehen ist. Sie 
wäre vielleicht besser statt als Küstentypus von Languedoc als 
flachbogige Flachküste zu bezeichnen. 

Auch an der Westküste Mittelitaliens haben wir es mit einem 
Abbruch und mit Einsturzkesseln zu tun, durch welche dieselbe 
ursprünglich reicher gegliedert war. Hier aber vereinigten sich 
verschiedene Umstände, um diesen ungünstigen, einförmigen 
Küstentypus herauszubilden. Es blieben Bruchstücke des hier 
nur in geringe Tiefe gesunkenen kristallinischen Kerns, ja selbst 
Teile der geschichteten äußern Zone des Ur-Apennin als Inseln 
in seichterm Meere erhalten. Sie dienten, ähnlich wie am Golf 
von Tunis, wenn sie küstennahe waren, wie die von Gaeta, Cir- 
cello, Monte Argentaro, Piombino u. a., oder wenn sie innerhalb 
der Golfe lagen, wie die Monti dell' Ucellina und die Pisaner 
Berge, den Sinkstoffen als Stützpunkte, welche die hier auf der 
niederschlagreichern, breitern Südwestabdachung der verbreiterten 
Halbinsel größere Entwickelung erlangenden Flüsse mit sich führten. 
Diese Sinkstoffe werden durch die zeitweilige nach NW gerichtete 
Strömung an der Küste entlang geführt und an günstigen Punkten, 
wie man namentlich jetzt am Golf von Spezia beobachtet, ab- 
gelagert. Der Serchio verdankt dieser Küstenströmung das auf- 
fällige Knie in seinem untersten Laufstück. In der Zeit von 
175g — 1806, wo man ihn genau beobachtete, wich er beständig 
nach Norden aus, bis man ihn in letzterm Jahre durch Kunst- 
bauten festlegte. Auch dort kennzeichnen wie an der Mündung 
des Rhone zur Sicherung der Einfahrt errichtete Festen von 



8o II) I. 2ur Entwicklungsgeschichte der Küsten des Mittelmeeres. 

I 759» 1 797 u nd 1853 das Ausweichen und Vorrücken der 
Mündung, das ca. 2 km im Jahrhundert betrug 1 ). Auch der Arno 
ändert genau an der entsprechenden Stelle wie der Serchio seine 
bisherige Südwestrichtung. Diese Küstenströmung wird lediglich 
durch die einen großen Teil des Jahres herrschenden Südwest- 
winde hervorgerufen, welche große Wasserrnassen durch die breite 
Öffnung zwischen Sizilien und Sardinien ins Tyrrhenische Meer 
hineindrängen, und an den entgegenstehenden Küsten, da sie 
nur nach NW über die Flachsee des Toskanischen Archipels 
einen Abfluß finden, zuweilen bis 4 m steigen machen 2 ). Auch 
die vulkanische Tätigkeit, die hier in der Diluvialzeit und noch 
später besonders hervortrat und ganze Gebirge, wie das Albaner 
und die des südlichen Toskana, geschaffen hat, hat wesentlich 
bei Ausfüllung der Golfe mitgewirkt. Die Veränderungen, welche 
sich hier selbst noch in geschichtlicher Zeit vollzogen haben, sind 
so großartige, daß an der toskanischen Küste von den Be- 
dingungen, unter welchen sich die Tyrrhener zu einem Seevolke 
entwickelten, nur noch der Erzreichtum, teilweise auch die Inseln 
geblieben sind; die Golfe und sichern Häfen sind durch riesige 
Anschwemmung infolge der Ausrodung der im Altertum das 
Schiffsbauholz liefernden Wälder verschwunden, Malaria brütet 
über den verödeten Stätten einer altehrwürdigen Kultur 3 ). Der 
Reichtum einzelner toskanischer Flüsse an Sinkstoffen ist ein 
staunenswerter, der Ombrone führt bei Hochwasser 5 Prozent, in 
neuester Zeit 8 Prozent fester Stoffe mit sich. Toskana ist heute 
ein vom Meere abgewendetes Land, seine einzige Hafenstadt, 
Livorno, ist nur durch Kunst geschaffen und wird nur durch 
Kunst erhalten, seine Städte liegen im Innern, die Küstengebiete 
sind dünn bevölkert und von geringer Bedeutung. 

Größere, geradezu wunderbare Formenschönheit und Regel- 



1) A. Cialdi, Sul moto ondoso del mare e su le correnti di esso, spe- 
cialmente su quelle littorali. Rom 1866. pag. 447. 

2) Cialdi a. a. O. p. 373. 

3) Nähere Ausführungen mögen auch hier unterbleiben. Es sei auf 
meine Untersuchungen in der Zeitschrift für wissenschaftliche Geographie, 
Bd.V, S. 65, und auf E. Reyer, Aus Toscana. Geologisch-technische und 
kulturhistorische Studien. Wien 1884. S. 89 fr".: auch H. Nissen, Italische 
Landeskunde. Berlin 1883. S. 305ff., und G. vom Rath, Zeitschrift der 
Deutschen Geolog. Gesellsch. XXV, S. 118, verwiesen. 



Küste der Provence und von Languedoc. 3 I 

rnäßigkeit weist dieser Küstentypus in Languedoc 1 ) auf. Dort 
schwingt sich die Küste vom Fuß der Pyrenäen bei Collioure in 
acht Kreisbogen zum Alpensystem am Kap Couronne; land- 
fest gewordene Inseln und die Rhonemündungen bilden die Stütz- 
punkte der Kreisbogen. Der schönste derselben ist der zwischen 
der Jurakalkinsel von Leucate und dem Inselvulkan von Agde 
aufgehängte; derselbe ist von beinahe absoluter Regelmäßigkeit, 
wie vielleicht nirgends wieder in der Natur, und mit einem 
Radius von 45,75 km beschrieben. Die Öffnung der Bucht 2 ) be- 
trägt 53,25 km, die Tiefe 11,85 km. Diese Zahlen kennzeichnen 
diesen Flachküstentypus am besten, wenn man sie mit den oben 
für den Steilküstentypus von Algerien gegebenen vergleicht: 
herrschte dort Zerstörung vor, so hier Aufbau. Die Meerestiefen 
sind überall sehr geringe, und die Tiefenlinie von 10 m verläuft 
peinlich regelmäßig in einem konzentrischen Kreisbogen in einem 
Abstände von 1,35 km. Dort, wo der Mittelpunkt des Kreises 
zu suchen ist, wird eben die Tiefe von 100 m erreicht, also in 
einem Abstände von 45 km, während in Algerien die ioom-Linie 
nur 4 — 5 km entfernt ist. Die Regelmäßigkeit, mit welcher sich 
der Meeresgrund senkt, ist so groß, daß die Fischer aus der 
Meerestiefe ihre Entfernung von der Küste berechnen, und zwar 
auf je 20 m Tiefe einen Küstenabstand von 3 Milles (5,5 km) 
annehmen. 

Auch diese Küste, wie sie heute ist, ist zum Teil erst in 
geschichtlicher Zeit geworden. Die Bewegungen der festen Erd- 
rinde, von welcher auch hier das Auftreten vulkanischer Berge 
zeugt, hatten hier eine Küste geschaffen, welche an Aufgeschlossen- 
heit und reicher Gliederung derjenigen der Provence, welche die 
ursprünglichen Verhältnisse besser zu wahren vermocht hat, sehr 
ähnlich war. An der Küste der Provence 3 ) fehlten die Be- 
dingungen zu größern Veränderungen fast ganz, sie war und ist 



1) Vgl. die französischen Küstenkarten Nr. 2358 und 2474 in 1:150000. 
Vir haben hier ein gutes Muster einer thalassogenen Schwemmlandküste 

vor uns. 

2) Gemessen von Kap Leucate nach Kap Agde; der Radius bezieht 
sich auf den Bogen von der Grau de la Franqui zur Herault-Mündung. Wie 
in bezug auf Toskana beruhen die Ausführungen des Verfassers auch hier 
zum Teil auf eigenen Beobachtungen. 

3) Vgl. französische Küstenkarten Nr. 2681 und 2682. 
Fischer, Mittelmeerbilder. Neue Fule^. 6 



82 II, I. Zur Entwicklungsgeschichte der Küsten des Mittelmeeres. 

ärmer an Inseln, die wenigen vorhandenen sind sehr klein und 
erheben sich meist schon aus tieferm Meere und in größerm Ab- 
stände von der Küste, die Küste sinkt hier überhaupt rasch zu 
großen Meerestiefen hinab, es münden nur wenige kleinere und 
sinksto ff ärmere Flüsse, die nur kleinere Teile der tiefer ein- 
schneidenden Buchten, wie bei Cannes, Frejus, Tropez, Hyeres, 
zu verlanden vermocht haben, es fehlte vor allen Dingen ein großer 
sinkstoffreicher Strom wie der Rhone, der etwa bei Nizza mün- 
dete, und dessen Sinkstoffe die auch hier vorhandene (zeitweilige) 
Küstenströmung hätte westwärts tragen und in den Buchten und 
zwischen den Inseln ablagern können. Auch ist der Südost hier 
in dem engern Meere schon weniger wirksam. So haben wir 
hier einen Steilküstentypus, welcher, rein morphologisch betrachtet, 
etwa in der Mitte steht zwischen dem von Algerien und dem am 
Archipel vorherrschenden. Mit dem von Algerien hat er die kleinen 
halbkreisförmigen Buchten gemeinsam, die hier in gewisser Zahl 
auftreten, aber sämtlich durch Neulandbildungen entstanden sind. 
Auch das ursprünglich felsige Gestade von Languedoc war 
reich an Buchten, weit vorspringenden Vorgebirgen und Inseln. 
Ein ganzer Archipel von 12 — 15 Inseln, meist Bruchstücke des 
nördlich angrenzenden Jura- und Kreidekalkgebirges der südlichen 
Cevennen, erhob sich hier vor der Küste aus seichtem Meere. 
Teils sind sie heute ganz verlandet, wie die Montagne de la 
Clape, die größte von allen, die durch ihre langgestreckte Gestalt 
am meisten die Landbildung gefördert hat, die Gruissan, St-Martin, 
Ste-Lucie und Peyriac, teils bilden sie Vorgebirge, wie das von 
Leucate und der aus Dolomit und Kalkstein der Juraformation 
aufgebaute Felsen von Cette, teils sind sie aber auch noch als 
Haffinseln erhalten, wie Aute (alta) und Planasse im Etang de 
Bages. Dazu kam noch, abgesehen von einigen kleinern, der 
doch wohl ursprünglich insulare Vulkan von Agde mit der vor- 
gelagerten vulkanischen Klippe Brescou, der vielleicht vor 2500 
bis 3000 Jahren noch tätig gewesen ist. Er ist als der letzte 
Ausläufer einer Reihe vulkanischer Durchbrüche, welche über 
St. Thibery, Gabian, Caux, Nizas bis Escandolgue de Lodeve und 
dem vulkanischen Gebiete des Aveyron, Cantal usw. hinleitet. Ein 
inneres Meer breitete sich zwischen und hinter diesen Inseln aus. 
Dasselbe wird uns von Avienus (Ora Marittima v. 576 — 584) im 
vierten nachchristlichen Jahrhundert, allerdings wohl im Anschluß 



Küste von Languedoc. 8 3 

an ältere Quellen, sehr anschaulich geschildert. Es war der 
Lacus Rubresus, wie ihn Pomponius Mela (II, 5), oder Rubrensis, 
wie ihn Plinius (III, 5) nennt, der aber schon damals so seicht 
war, daß die Römer Kunstbauten errichten mußten, um mit 
Schiffen größten Tiefganges Narbonne noch zu erreichen, das 
damals noch dicht an der Audemündung lag. Daß der große 
(spatiosus admodum) Rubresus-See schon zu Beginn unserer Zeit- 
rechnung nur durch einen oder mehrere enge Kanäle mit dem 
Meere verkehrte, also bereits durch eine die äußern Inseln mit- 
einander verbindende Nehrung abgeschlossen war, bezeugt aus- 
drücklich Pomponius Mela (II, 5). Während aber die Römer- 
straße von Ruscino nach Narbo sich an der Landseite des innern 
Meeres hielt, geht heute die Eisenbahn von Perpignan nach 
Narbonne mitten durch das seitdem an seine Stelle getretene 
Schwemmland. 

Die Landbildung begann hier von zwei Seiten, von innen 
und von außen 1 ); an der innern beteiligte sich am eifrigsten der 
Au de, der dort, wo er bei Salleles in die Bucht eintrat, das 
Schwemmland sogar um 1 2 m über Meer erhöht hat. Die 
alten Denkmäler von Narbonne lassen erkennen, daß dort eine 
Schicht von 30 — 40 cm im Jahrhundert aufgeschwemmt worden 
ist. In den letzten sieben Jahrhunderten ist zwischen Coursan 
und dem Meere eine 14 km lange Ebene geschaffen worden. 
Der Fieber erzeugende See von Capestang (Caput stagni), der 
durch einen bei Salleles abgeleiteten Kanal mit den Sinkstoffen 
des Aude zugeschüttet werden sollte, was aber durch ein Hoch- 
wasser des Aude vereitelt wurde, ist die innerste Bucht des ehe- 
maligen Binnenmeeres, welche ähnlich dem latmischen Golfe 
durch den senkrecht auf die vorgelagerte Insel la Clape ein- 
mündenden Aude abgeschnitten wurde. Die eigentümliche Be- 
stätigung der hier in geschichtlicher Zeit rasch fortgeschrittenen 
Neubildung von Land, welche uns noch heute die Ortsnamen von 
Languedoc liefern, hat schon Astruc 2 ) hervorgehoben: alle Orts- 

i) Über die Anschwemmungen des Aude gibt recht lehrreichen Auf- 
schluß Cons, Privatdozent der Geographie zu Montpellier, im Bulletin de 
la Soc. Languedocienne de Geographie, T. V, 1882, p. 161 ff. Vgl. auch 
Ch. Lentheric, Les villes mortes du Golfe de Lyon, ßeme ed. Paris 1879, 
p. 179 ff. 

2) Memoires pour l'histoire naturelle du Languedoc. Paris 1737. 
P- 372. ,* 



$a II, r. Zur Entwicklungsgeschichte der Küsten des Mittelmeeres. 

namen im Innern sind keltischen, diejenigen an der Küste griechi- 
schen oder lateinischen Ursprungs. Das Küstengebiet ist eben 
erst später gebildet und bewohnbar geworden. Jedenfalls spielte 
der Seewind , der Autan , der zuweilen die Wassermassen staut 
und sie zwingt, ihre Sinkstoffe in den See fallen zu lassen, sowie 
namentlich von November bis April der vorherrschende SO bei 
der Verlandung eine Rolle. Weit wichtiger aber ist die Küsten- 
strömung, welche von außen Dünenwälle vor den Lücken zwischen 
den Inseln aufbaute, durch welche sich die Flüsse eine Mündung 
offenhalten mußten. Die Küste von Languedoc wird nämlich 
durch eine der Küste von der Rhonemündung gegen die Pyrenäen 
hin folgende Küstenströmung gekennzeichnet, welche die vom 
Rhone und den weiter westwärts mündenden Flüssen ins Meer 
geführten Sinkstoffe nach Westen trägt und an der Küste entlang 
ablagert, also zunächst vorzugsweise an den Eingängen in das 
ehemalige ruhige innere Meer. Doch ist festzuhalten, daß diese 
Küstenströmung, wie diejenige an der Westseite Italiens, nur eine 
zeitweilige ist, hervorgerufen durch die in diesem Meere vor- 
herrschenden SO -Winde; an 85 Tagen des Jahres hat man an 
dieser Küste im Mittel O und SO, und davon an 23 Tagen 
schwere See, während nur an 17 Tagen SW herrscht, der hier 
nie schwere See hervorruft. Es vermag diese Strömung eine Ge- 
schwindigkeit von 5,5 bis 7,5 km in der Stunde zu erreichen. 
Die vorherrschende Windrichtung und die heftigen Südoststürme 
wirken nun auch insofern bei der Verteilung und Ablagerung der 
Sinkstoffe mit, als sie auf dem seichten Grunde Sand und 
Schlamm aufregen und gegen die Küste drängen, wo sie die, 
wie man aus der Verteilung der Sinkstoffe schließen muß, sehr 
schmale, vielleicht nur 4 km breite Küstenströmung, bzw. die 
Küstenversetzung weiter nach Westen trägt, in der Weise, daß, 
wie in einem Flusse jedes Hochwasser die schweren Rollstücke, 
sie verkleinernd, ein Stück weiter stromab trägt, die durch jeden 
Sturm hervorgerufene oder verstärkte Küstenströmung die Massen, 
die beim Erlahmen ihrer Kraft zu Boden gesunken waren, wenig- 
stens die etwas schwerern Teile wieder aufhebt und ein Stück 
weiter trägt. Eine von Elie de Beaumont und Dufresnoy vor- 
genommene Untersuchung der Sandproben, welche westlich von 
der Rhonemündung und bei Cette entnommen worden waren, 
ergab, daß dieselben von der Zerstörung ein und derselben 



Küste von Languedoc. 



85 



Felsart herstammen müssen, nämlich des Granits, und daß sie 
daher nur auf den Rhone bzw. Durance zurückzuführen sind. 
Das gleiche Ergebnis liefern zahlreiche Beobachtungen, nach 
welchen im Hafen von Cette Baumstämme und andere schwim- 
mende Gegenstände angetrieben wurden, welche nur von einer 
Überschwemmung des Rhone herstammen konnten x ). Durch die 
Küstenströmung unter Mitwirkung des Südost vom Rhone herbei- 
geführte Sinkstoffe sind es also, welche den Hafen von Cette 
versanden, aus welchem man jährlich bis 1 00000 cbm Sand und 
Schlamm ausbaggern muß, und welche nach Bourguignon-Duperre 
den ganzen Strand zwischen den Rhonemündungen und Cette 
geschaffen haben. Weiter nach Westen mögen dann die Sink- 
stoffe des Herault und der andern Küstenflüsse überwiegen. Die 
roten Tone des Herault finden sich noch an der Mündung des 
Orb, und die Quarzsande des Aude gehen bis zur Grau de Grazel 
(gradellus). Die Wirkung der Strömung und des Windes erkennt 
man auch darin, daß keiner der Küstenflüsse seine Mündung 
vorzuschieben und eine größere Kurve in zwei kleinere zu zer- 
legen vermag, selbst wenn er sehr reich an Sinkstoffen ist und 
bereits den ihm benachbarten Teil des innern Meeres zugeschüttet 
hat. Die Abweichung, welche Tet und Tech von der Regel- 
mäßigkeit der großen flachen Kurve von Kap Leucate zu den 
Pyrenäen verursacht haben, ist außerordentlich gering. Die Strö- 
mung verteilt eben die Sinkstoffe längs der Küste. In der engen 
Einfahrt von la Nouvelle muß man jährlich 45000 cbm Schlamm 
ausbaggern, ohne eine größere Tiefe als 2 m erreichen zu können. 
Gegen das Vorhandensein einer beständigen westlichen Strömung 
spricht namentlich auch, daß man bei ruhigem Wetter das trübe 
Wasser des Rhone sich nach allen Seiten ausbreiten sieht, ost- 
wärts bis gegen Kap Couronne hin. Mag nun diese Schicht 
auch von geringer Mächtigkeit sein, so daß darunter doch eine 
westliche Strömung vorhanden sein könnte, so widersprechen dem 
doch die Fischer, die doch mit ihren Netzen die sichersten Be- 
obachtungen machen können, aufs entschiedenste, indem sie nur 
einen Wechsel der Strömung mit dem Winde zugestehen. Der 
Hydrograph Germain leugnet daher an der Küste von Languedoc 
wie der Provence jede beständige Westströmung 2 ). Der Selten- 

]) Recherches, Heft I, p. 6. 1) Recherches, HeftV, p. 25. 



86 II, i. Zur Entwicklungsgeschichte der Küsten des Mittelmeeres. 

heit und Schwäche der Südwestwinde an dieser Küste entspricht 
es aber, daß die Sinkstoffe des Rhone, trotz der nach SO ge- 
richteten Hauptmündung, sich nicht nach Osten verbreiten und 
am Eingang in den Hafen von Bouc nicht mehr nachweisbar 
sind, obwohl die Zuschüttung der Bucht von Fos eben durch das 
Vorrücken der Rhonemündung rasche Fortschritte macht 1 ). 

Die Küstenströmung und der Südost haben, die vorgelagerten 
Inseln als Stützpunkte benutzend, rascher das innere Meer durch 
einen vorgelagerten Dünensaum abgesperrt, als die in dasselbe 
mündenden Flüsse es zuzuschütten vermochten, es sind daher 
noch zahlreiche und ausgedehnte Reste desselben in den Etangs 
vorhanden. Küstenströmung, Küstenversetzung, Wellenbewegung 
und Südost haben also die schönen Kurven geschaffen, in welchen 
sich hier die Küste von Vorgebirge zu Vorgebirge schwingt. Man 
kann hier in bezug auf Verkehr und Ansiedelung von einer dop- 
pelten Küste sprechen, einer äußern und einer innern. Jeden- 
falls hat sich der Wert dieser Küste selbst in geschichtlicher Zeit 
in dieser letztern Hinsicht ganz gewaltig geändert. Noch in ge- 
schichtlicher Zeit war dieselbe der Sitz eines lebhaften Seeverkehrs, 
Languedoc ein dem Meere zugekehrtes Land. Die Gründung 
von Narbonne ist gewiß in sehr frühe Zeit zurückzuverlegen, 
wenn auch nicht notwendig bis ins n. oder gar 13. Jahrhundert 
v. Chr., wie Cons will. Jedenfalls war es eine bedeutende See- 
stadt, als es sich den Römern anschloß ; die größten Schiffe ge- 
langten noch in ihren Hafen. Strabon (IV, 1) nennt es (wohl 
mit Übertreibung gegenüber Marseille) wegen seines wichtigen 
Handels den Hafen von ganz Galizien. So war es auch noch 
im Mittelalter, wenn auch der Zugang schon künstlich offen- 
gehalten werden mußte. Im 14. Jahrhundert begann infolge der 
Laufänderung des Aude und der fortschreitenden Verlandung 
der rasche Verfall. Ähnlich ist auch Montpellier, das im Mittel- 
alter einen sehr bedeutenden Seeverkehr unterhielt, heute völlig 
zur Landstadt geworden. Ähnliches gilt von Eine (Illiberis), 
Castel Rousillon (Ruscino), Beziers (Biterrae), Agde, Aigues mortes, 



1) Ch. Lentheric, La Grece et l'Orient en Provence, 2eme ed. Paris 
1878, p. 312. Lentheric nimmt in einem andern Werke, Les villes mortes 
du Golfe de Lyon, 3eme ed. Paris 1879, p. 251, weiter nach Westen, zwischen 
Port Vendres und Leucate, eine von S nach N gerichtete Strömung an, aber 
ohne Belege dafür beizubringen. 



Küste von Languedoc. 3y 

St. Gilles und Arles. Die Schaffung des Kunsthafens von Cette 
im Jahre 1666, der nur unter großer Mühe und Kosten offen zu 
erhalten ist und heute das einzige Seetor der fruchtbaren Küsten- 
landschaft bildet, mag allerdings wohl mit zur völligen Verödung 
aller übrigen Seeplätze beigetragen haben. Die Schaffung eines 
solchen Hafens an der äußern Küste war aber notwendig ge- 
worden, weil die innern sämtlich unbrauchbar geworden waren. 
Schon Richelieu hatte 1632 den Versuch gemacht, am Kap Agde 
einen Hafen zu bauen. Auch hier wird das Leben ins Innere 
zurückgedrängt, die ganze Küstenzone ist von Fiebern heimge- 
sucht, die Kindersterblichkeit ist eine ungeheure, und während 
das mittlere Lebensalter für ganz Frankreich 35,75 Jahre be- 
trägt, sinkt es hier auf 20, ja 15 Jahre herab 1 ). Languedoc ist 
heute ein dem Meere verschlossenes, nicht Seehandel, sondern 
Landbau treibendes Land. Die Seichtigkeit des Meeres, die 
heftige Brandung, die Hafenlosigkeit macht den trostlos öden, 
sandigen Strand von Languedoc zum gefährlichsten des Mittel- 
meeres. Man rechnet im Jahresmittel in der Nähe von Cette 
auf je 8 km Küstenlänge ein verlorenes Schiff, bei Agde und 
Aigues mortes sogar auf ^,^ — 3,6 km eines. So erweist sich 
auch dieser Küstentypus als dem Verkehr feindlich, vielleicht 
ebenso feindlich wie die geschlossene Flachküste. Aber, wir be- 
tonen es noch einmal, er ist mit all seinen Eigentümlichkeiten, 
seinen harmonisch geschwungenen Kreisbogen sowohl, wie seiner 
tödlichen Einförmigkeit und Unbelebtheit, sozusagen erst gestern 
entstanden. 

Vielleicht läßt sich nun aus den hier vorgelegten Unter- 
suchungen der Satz ableiten, daß überall da, wo das Meer durch 
Brandungswellen und Strömungen überwiegenden Einfluß auf die 
Gestaltung und Entwickelung der Küsten, seien es Steilküsten 
oder Flachküsten, ausübt, die Küstenlinie die Form aneinander- 
gereihter Kreisbogen annimmt, an Steilküsten mit kleinem, an 
Flachküsten mit großem Radius, während da, wo die Küsten 
andre Umrisse aufweisen, die Mitwirkung des Meeres bei ihrer 
Ausgestaltung zwar durchaus nicht ausgeschlossen ist, aber doch 
andre Verhältnisse, in erster Linie die tektonischen Niveauver- 
änderungen und Bewegungen der festen Erdkruste einflußreicher 
sind oder bis vor kurzem waren. 

1) Bulletin de la Soc. Languedocicnne, V, p. 558. 



II, 2. Die Abrasionsküste bei Tipaza und Algier. 



2. Die Abrasionsküste bei Tipaza und Algier. 1 ) 

Meine Reise durch die mittlem und östlichen Atlasländer, 
die ich, in Erfüllung eines seit Jahren gehegten Wunsches, im 
Frühjahre 1886 ausführte, hatte im wesentlichen den Zweck, eine 
der letzten Lücken meiner auf Selbstsehen beruhenden Kenntnis 
der Mittelmeerländer auszufüllen. Doch lag es von vornherein 
in meinem Plane, einen möglichst großen Teil meiner für ein- 
gehendere Forschungen viel zu knapp bemessenen Zeit und Mittel 
auf Küstenstudien zu verwenden. Meine Beobachtungen und 
Forschungen an den Küsten der Mittelmeerländer seit 1872, später 
durch solche in Niederdeutschland und Skandinavien ergänzt, 
hatten mir von Jahr zu Jahr mehr zum Bewußtsein gebracht, wie 
dürftig unsre Kenntnis, wie lückenhaft der Schatz beobachteter Tat- 
sachen ist, wo es sich um die Gestaltung der Meeresküsten handelt, 
um die Vorgänge und Kräfte, welche dabei wirksam sind. Na- 
mentlich war mir aufgefallen, daß die Brandungswelle in ihrer 
Bedeutung als in hervorragender Weise küstengestaltende Kraft 
bisher kaum hinreichend gewürdigt worden war. Ich hatte ver- 
sucht, die Aufschließung der Küste von Algerien durch mehr oder 
weniger halbkreisförmige Buchten als Wirkung dieser Kraft hin- 
zustellen (vgl. die vorhergehende Abhandlung von 1885), und 
so galt es in erster Linie, zu untersuchen, ob diese am Schreib- 
tisch gewonnenen Anschauungen die Beobachtung an Ort und 
Stelle bestätigen würde. 

Die im ganzen nur neun Wochen umfassende Reise, die es 
mir hoffentlich durch eine zweite, an Zeit und Mitteln weniger 
beschränkte zu ergänzen gelingt, begann zunächst mit einem 
längern Aufenthalt in Algier, von wo aus Untersuchungen in der 
näheren und ferneren Umgebung, westwärts bis Tipaza, nach dem 
Innern bis Medeah vorgenommen und zugleich die Forschungen 
einheimischer Gelehrter eingesehen wurden. In Algier hatte ich 
auch die große Freude, unsern trefflichen Julius Fröbel, Karl Ritters 
Zeitgenossen und wissenschaftlichen Gegner, kennen zu lernen, der, 
vielleicht von den meisten Fachgenossen für tot gehalten, dort trotz 

*) Zuerst erschienen in Petermanns Mitteilungen Jahrg. 1887 unter Bei- 
gabe einer Kartenskizze und Profile. 



Süd -Tunesien. 



8 9 



seiner einundachtzig Jahre noch körperlich und geistig frisch als 
Konsul des Deutschen Reiches wirkt. Er hat mir einzelne wert- 
volle allgemeine Winke zuteil werden lassen. Von Algier aus 
bereiste ich die Küste ostwärts bis Bona und kreuzte dann von 
Bona aus Teil und Hochland über Constantine und Batna, von 
wo ich einen Ausflug in die gegen Ende März noch mit Schnee 
bedeckten Zedernwälder des Aures unternahm, bis Biskra, also 
bis in die algerische Sahara. Von Biskra kehrte ich nach Con- 
stantine zurück und durchschnitt von da, zum großen Teil zu 
Pferde, nochmals das Hochland in diagonaler Richtung über 
Tebessa, Feriana und Gafsa, also durch das tunesische Beled- 
el-Djerid, und das Schottgebiet nach Gabes. Die sehr selten 
von deutschen Reisenden, soviel mir bekannt, nur teilweise von 
H. v. Maltzan bereiste Strecke Tebessa — Gabes war, 1 ) da ich 
ohne eignes Zelt und auch sonst nur mangelhaft ausgerüstet, nur 
mit einem Führer, einem Stadtaraber aus Tebessa, reiste, wegen 
der großen Entfernung der Brunnen und Oasen nicht ohne 
Schwierigkeiten und Entbehrungen. Ich lernte dabei die diese 
Gegenden kennzeichnenden auffälligen Wärmeschwankungen, die 
heißen Tage und bitterkalten Nächte aus eigner Erfahrung kennen. 
Im Hochbecken von Fussana, 35 ° n. Br., 800 m Meereshöhe, 
stand am 1. April das Thermometer unter dem vorn offenen 
Zelte eines Araberscheikhs vom Stamme der Freschisch, der mich 
gastlich aufgenommen hatte, um 6 Uhr morgens auf Null, während 
es am Nachmittag des Tages vorher bis auf 30 ° C gestiegen war. 
Eine andre Nacht, die ich im Schottgebiet mittewegs Gafsa bis 
Gabes am Brunnen Mehamla im Freien verbringen mußte, war 
zum Glück von diesen Gegensätzen frei, da bei 34 ° n. Br. und 
fast im Meeresniveau der Himmel mit Wolken bedeckt war und 
sogar einen Teil derselben, dem Reisenden weniger erfreulich, 
in einem tüchtigen Regengusse dem Sande der Wüste zukommen 
ließ. Auch war zu sonstigen Besorgnissen, die vor kurzem in 
Südtunesien, wie die zahlreichen zum Andenken Erschlagener, 
namentlich in der Nähe der Brunnen errichteten Steinhaufen 
zeigen, gehegt werden mußten, kein Anlaß, da einerseits die 
Franzosen den landesüblichen Räubereien so ziemlich ein Ende 



i) Dieser Teil der Reise ist eingehend dargestellt in Mittelmeerbilder Bd. I, 

S. 301. 



go II, i. Die Abrasionsküste bei Tipaza und Algier. 

gemacht haben, anderseits ich mich auch einer kleinen an dem 
Brunnen rastenden Karawane anschließen konnte. Die auf dieser 
Linie erlangte Vertrautheit mit der Steppe und Wüste, mit dem 
Leben der Nomaden, mit einem Scirocco, der früher in Sizilien 
beobachtete Sciroccostürme weit in den Schatten stellte, sowie eine 
zweitägige, an neuen Eindrücken und Beobachtungen reiche Rast 
in der herrlichen Oase Gafsa wog natürlich die unangenehmen 
Zugaben vielfach auf. Wie ich in Algerien von französischen 
Gelehrten die liebenswürdigste Aufnahme und Förderung meiner 
Studien gefunden hatte, so leistete mir in Südtunesien ein offner 
Brief der tunesischen Regierung sehr wesentliche Dienste. Ich 
fand nachher Gelegenheit, in Tunis dem Herrscher des Landes 
meinen Dank auszusprechen und hatte dabei auch die Freude, 
zu sehen, daß unser dem Vaterlande und der Wissenschaft allzu 
früh entrissener Nachtigal dort noch im allerbesten Andenken 
steht. Dankbar gedachte der Bei seines tatkräftigen Eingreifens 
als Arzt bei Gelegenheit eines Eisenbahnunfalls im Juli 1880 bei 
La Marsa, wo der Bei, damals noch Prinz, leicht, und der Sohn 
des damaligen Bei schwer verletzt worden war. Nachtigal war 
zufällig auch im Zuge und unverletzt gewesen. 

Von Gabes aus bereiste ich die ganze Ostküste von Tunesien 
bis Tunis und verwandte dann die letzten zehn Tage auf afrika- 
nischem Boden fast ganz zur Erforschung des Medscherda-Deltas. 
Die Rückreise nahm ich über Cagliari, Sizilien, wo ich einige 
vor zehn und zwölf Jahren besuchte Punkte bezüglich der seitdem 
eingetretenen Veränderungen prüfen konnte, und durch Italien. 

Die Reise hatte, wie schon die weiten, mit zum Teil sehr un- 
vollkommenen Beförderungsmitteln zurückgelegten Strecken zeigen, 
der Hauptsache nach die Aufgabe, meine aus Bücher- und Karten- 
studien erlangte Kenntnis dieser Länder durch Selbstsehen zu 
vertiefen und zu ergänzen. Dieses Ziel ist erreicht worden. Ein- 
gehendere wissenschaftliche Forschungen waren nur an einzelnen 
Punkten geplant. Die auf der Reise gemachten Beobachtungen 
werden der Hauptsache nach erst bei einer späteren Veröffent- 
lichung verwertet werden, für jetzt und an dieser Stelle sollen 
nur die Küstenstudien zur Mitteilung gelangen, da es sich hier- 
bei um anscheinend jetzt mehr und mehr in den Vordergrund 
tretende Fragen handelt. Daß dies geschieht, dazu wird wohl 
das vor kurzem erschienene Werk Ferdinands v. Richthofen 



Die Küste von Algerien. q j 

wesentlich beitragen, das unter dem bescheidenen Titel eines 
, .Führers für Forschungsreisende" einerseits, namentlich in me- 
thodischer Hinsicht, einen bedeutenden Schritt vorwärts für unsre 
Wissenschaft bezeichnet, anderseits weitere Fortschritte anbahnt 
und der Forschung die Wege weist. Aus keinem Werke wird 
man wie aus diesem die Fülle der Aufgaben, welche der geo- 
graphischen Wissenschaft noch gestellt sind, das jugendfrische 
Aufstreben und die weite Zukunft, die sich ihr noch öffnet, so 
klar erfassen. Mit ganz besonderer Vorliebe auf Grund um- 
fassender eigner Beobachtungen, vielfach neue Gesichtspunkte 
einführend, scheinen in dem Werke die Küsten behandelt zu 
sein. Dasselbe kam mir durch die Güte des Verfassers wenige 
Tage vor meiner Abreise zu und bildete wohl das wertvollste 
Stück meiner Ausrüstung. Ich bin somit wohl der erste Geograph, 
der an der Hand dieses Führers gewandelt ist, und ich muß 
dankbar anerkennen, daß ich durch ihn in der Übung des Sehens, 
des Lesens in dem großen, allezeit aufgeschlagenen Hauptbuche 
des Geographen, der Natur, wesentlich gefördert worden bin. 
Gerade die Küsten von Algerien sind ja vorzugsweise geeignet, 
um Richthofens Theorie über die Entstehung der Abrasionsflächen 
zu prüfen, denn dort geht tatsächlich die Bildung einer solchen 
vor sich. Auf diesen Vorgang, auf die große Bedeutung, welche 
die Bildung von Abrasionsfiächen und übergreifender Schichten 
bei positiver Strandlinienverschiebung für die Entwicklung und 
das Verständnis der Oberflächenformen und die Umrisse des 
Festen hat, hingewiesen zu haben, ist ja eins der großen und 
zahlreichen Verdienste Ferdinands v. Richthofen um die geo- 
graphische Wissenschaft. 

Es war mir also vergönnt, eine Reihe von Küstenpunkten zu 
besuchen und dort zu prüfen, ob die von mir ein volles Jahr 
vorher ausgesprochenen Ansichten über die die Gliederung der 
Küste von Algerien bewirkenden Vorgänge einer Prüfung stand- 
hielten. Es ist dies in der Tat der Fall gewesen, es ist mir 
möglich gewesen, einen reichlichen Tatsachenschatz, der noch 
lauter für den großen Einfluß der Brandungswelle auf die Ent- 
wicklung der Küstenformen Algeriens spricht, beizubringen. Die 
hier niedergelegten eignen Beobachtungen sind daher zum großen 
Teil nur weitere Ausführungen der früher am Schreibtisch ge- 
machten Forschungen ; sie liefern an bestimmten Punkten ge- 



02 II, 2. Die Abrasionsküste bei Tipaza und Algier. 

wonnene Beweise für die küstengestaltende Kraft der Bran- 
dungswelle. 

Ich war zunächst bemüht, zur weitern Begründung des früher 
dargelegten Einflusses der an der Küste von Algerien herrschenden 
Winde auf Hervorrufung einer besonders zerstörungskräftigen 
Brandungswelle Beobachtungen über Windrichtung und Windstärke 
zu sammeln. Solche sind von Herrn O. Mac Carthy, wohl dem 
besten Kenner der physischen Geographie von Algerien, seit 
einigen Jahren angestellt worden, und wurden mir von demselben 
die Jahrgänge 1883 (von April an) bis 1885 zur Verfügung ge- 
stellt. Es ergibt sich daraus, daß die Windstärke zwischen den 
extremen Monatsmitteln der Beobachtungsreihe von 1,2 und 2 
schwankt 1 ). Aber es treten dabei die gar nicht so seltenen 
Stürme nicht genügend hervor, während anderseits sich die sehr 
wichtige Tatsache klar herausstellt, daß NO die vorherrschende 
Windrichtung ist, und daß in den Sommermonaten, wo sie fast 
allein herrscht, auch die Windstärke weit bedeutender ist als im 
Winter. In den sechs Monaten Mai bis Oktober überwiegen 
Winde des ersten Quadranten, meist NO, vor solchen aller drei 
übrigen Quadranten zusammengenommen, unter denen aber Nord- 
west noch ziemlich häufig ist, während in den übrigen sechs 
Monaten Winde des ersten Quadranten und besonders Nordost 
durchaus nicht selten sind. Wir haben demnach hier ganz auf- 
fällig häufiges Wehen der Winde gegen die Küste hin und es 
werden also die Küsten Algeriens von einer zwar nicht allzuoft 
zu ganz besonderer Heftigkeit aufgeregten, aber fast ununter- 
brochen kräftig wirkenden Brandungswelle angegriffen. Anderseits 
hatte ich als willkommene Ergänzung dieser Beobachtungen Ge- 
legenheit, an den Hafendämmen von Algier und Philippeville 
— in Oran ist es ähnlich gewesen — die ganz frischen Spuren 
der gewaltigen Kraft zu sehen, mit welcher die Wogen hier bei 
Nord- und Nordoststürmen die Küste angreifen. Drei Wochen 
vor meiner Ankunft, am 9. Februar, hatte nämlich an dieser 
Küste ein Sturm gewütet, der zu den furchtbarsten gehört, die 
man hier beobachtet hat. Ich konnte mir zwei große Photo- 
graphien verschaffen, welche den Hafen und die Küste bei Algier 



I) Zur Beurteilung der gewählten Skala diene, daß die Stärke der hef- 
tigsten in die Beobachtungszeit fallenden Stürme mit 3 angegeben wird. 



Stürme an der Küste von Algerien. 



93 



während des Sturmes darstellen, ein grauenhaft großartiges Schau- 
spiel. Turmhoch wurden die Wellen über die Häuser und über 
den Hafendamm gepeitscht, und die zahlreich im Hafen ver- 
ankerten Schiffe schwebten lange Zeit in der größten Gefahr. 
Der Hafendamm hat schwer gelitten und sich an verschiedenen 
Stellen gesenkt. Man meint das nunmehr besonders der Eigen- 
tümlichkeit zuschreiben zu sollen, daß man unten in demselben 
Öffnungen gelassen hat, weil man glaubte, dadurch den Stoß zu 
vermindern, während anscheinend der Brandungswelle damit erst 
recht Angriffspunkte geschaffen sind. Ähnlich war es in Philippe- 
ville. In Oran war der Schade noch weit größer. Während der 
fünfzehn Tage, welche ich der Küste von Algerien von Kap 
Chenoua bis Bona im März gewidmet habe, waren nur drei der- 
artig, daß es möglich gewesen wäre, im Boot Untersuchungen zu 
machen, und zwar in Bona. Diese habe ich zum Teil auch 
dazu benutzt, während der übrigen Zeit war, wie gewöhnlich, die 
Brandung so stark, daß es geradezu unmöglich war, im Boot 
Forschungen, wie ich sie namentlich gern bei Tipaza angestellt 
hätte, zu machen. Das kennzeichnet diese Küste. 

i. Die Abrasionsküste bei Tipaza. 
Es ist mir gelungen, den sichern Nachweis zu führen, daß 
an einer ganzen Reihe von Punkten die Küste von Algerien seit 
dem Beginn des Mittelalters unter dem Andrang der Brandungs- 
welle sehr bedeutend zurückgewichen ist, an zwei Punkten, daß 
sie auch heute noch rasch zurückweicht. Am augenfälligsten ist 
dies an der schon bei meinen früheren Untersuchungen in Be- 
tracht gezogenen flachen Bucht von Tipaza, westlich von Algier. 
Daß diese Bucht lediglich ein Werk der Brandungswelle ist, 
darüber kann jetzt kein Zweifel mehr bestehen. Sie wird be- 
grenzt im Westen von dem aus sehr hartem, kompaktem Nummu- 
litenkalk bestehenden massigen Vorgebirge Chenoua, an welchem 
dieselben, und zwar genau am Kap Chenoua, marmorartig auf- 
tretend als Marmor ausgebeutet werden. Es springt dies sich 
bis 907 m erhebende Vorgebirge mehr als 5 km gegen die Bucht 
vor und steigt in steilen, 200 bis 300 m hohen Hängen vom 
Meere auf; liegt doch selbst jener höchste Punkt nur 3000 m von 
der Küste. Die Stirnseite des jahraus jahrein von der Brandung 
umtobten Vorgebirges ist in wunderbarer Weise von kleinen 



04 II, 2. Die Abrasionsküste bei Tipaza und Algier. 

felsigen Buchten zerrissen, von Blöcken, Klippen und Inselchen 
umlagert, an der Ostseite ist die Felswand von den Grotten des 
Nador durchbohrt. An diesen felsigen Strand schließt sich etwa 
bis zur Tiefe von 40 m und einem Küstenabstande von nur 1000 m 
ein Saum von sandigen Ablagerungen, dann folgt schon Schlamm, 
hier und da jedoch noch Ablagerungen von Muscheln. Ein Quer- 
schnitt würde von dem noch zu besprechenden, für Pointe Pescade 
gegebenen, nur wenig abweichen. Die Grenze zwischen Vor- 
gebirge und Bucht fällt aufs genaueste mit der Grenze der festen 
Nummulitenkalke und der leicht zerstörbaren miocänen Kalksteine 
von Tipaza zusammen. 

Die östliche Begrenzung der Bucht wird gebildet von dem 
Massiv von Algier, einer sich nach S sanft abflachenden, nach 
N und O steil zum Meere abfallenden Felsmasse, die an ihrer 
Stirnseite abwechselnd Granite, Gneiße, Glimmerschiefer, Talk- 
schiefer und dunkelblaue Kalkschiefer hervortreten läßt. Das 
geschichtlich berühmt gewordene Kap Sidi Ferruch, der westliche 
Vorsprung des Massivs von Algier, besteht auch aus faserigem 
Granit und Glimmerschiefer. Auch dieses im Bouzarea, 2 km 
vom Meeresufer, 407 m erreichende Vorgebirge kehrt seine breite, 
hohe Stirn dem Meere zu und ist dort, ähnlich, wenn auch 
weniger reich wie das von Chenoua, von Blöcken, Klippen und 
Inseln umlagert; auch hier finden sich in den dunkeln Kalkfelsen 
in etwa 30 m Höhe Grotten am Kap Caxine und der Pointe 
Pescade selbst, von welchen die letztere als eine Wohnstätte des 
Menschen der Steinzeit erwiesen worden ist, der hier am heutigen 
Ufer des Meeres nur von Landtieren lebte, die zum großen Teil 
heute noch im Innern des Landes vorkommen. An den schmalen 
Saum der Felsblöcke, Klippen und Inseln, der Arbeitsstätte der 
Brandungswelle, über welche das Land meist in Steilabstürzen 
von 10 m Höhe und mehr ansteigt, schließt sich seewärts auf 
eine Entfernung von 1 — 1 x / 2 km vom Ufer und bis zu einer Tiefe 
von 40 — 50 m ein Gürtel an, welcher vorwiegend aus Sand, hier 
und da auch aus Kies, Korallen und Korallenbruchstücken, 
Muscheln und Muschelresten, seltener aus anstehendem Fels be- 
steht. Dann folgen bis in die größten Tiefen Schlammablagerungen. 
Die dem Strande vorgelagerte flachgeböschte unterseeische (Abra- 
sions-) Terrasse hat hier nur eine Breite von ca. 2 km, bei 100 m 
Tiefe beginnt der Steilabsturz, so daß in einer Entfernung von 



Der Sahel von Tipaza. q e 

nur ioooom vor Pointe Pescade sich Tiefen von 2100m finden. 
Am Vorgebirge Chenoua sind, wohl entsprechend dem etwas 
weniger widerstandsfähigen Gesteine, die entsprechenden Gürtel 
breiter, bis zu 100 m Tiefe finden sich Kies und Muscheln, dann 
aber, in einem Küstenabstande von 3000 bis 4000 m, also etwa 
doppelt so groß wie vor dem Massiv von Algier, beginnen Schlamm- 
ablagerungen und der unterseeische Steilabsturz. 

Zwischen beiden Vorgebirgen weist nun die im allgemeinen 
hier ONO streichende Küste, landeinwärts zurückweichend, wesent- 
lich andere Formen auf. Sie wird hier von einem tafelland- 
artigen Höhenrücken begleitet, welcher die orographische Ver- 
bindung zwischen dem Chenoua und dem Massiv von Algier 
bildet und wie ein Damm die westliche Mitidja vor einem Ein- 
bruch des Meeres schützt. Er ist ein wesentliches Glied der 
sogenannten Küstenkette, das man, ähnlich wie man das Massiv 
von Algier in engerm Sinne auch Sahel von Algier nennt, Sahel 
von Tipaza nennen könnte. Ich möchte jedoch im Gegensatz 
zu der noch immer wiederkehrenden, aber völlig irrigen Dar- 
stellung einer am Kap Ghir beginnenden und am Kap Bon 
endenden Kette auch hier darauf hinweisen, daß von Ketten in 
dem Sinne wie im marokkanischen Atlas in Algerien nicht ge- 
sprochen werden kann, noch weniger von sich an jene unmittelbar 
anschließenden Ketten. Wir haben es hier mit einer Massen- 
anschwellung zu tun, einer muldenförmigen Hochfläche, deren 
etwas erhöhte Ränder ihre reiche Gliederung, die Herausbildung 
einzelner kürzerer Bergketten, Berggruppen und Massivs, fast aus- 
schließlich atmosphärischen Agentien verdanken. Diese schon 
früher gebildeten, an Ort und Stelle aber noch mehr befestigten 
Anschauungen erwiesen sich beim Gedankenaustausch über diese 
Frage als völlig übereinstimmend mit denjenigen O. Mac Carthys 
in Algier, der dieselben schon 1881 klar und entschieden in einem 
der damals in Algier tagenden Versammlung der französischen 
Naturwissenschaftlichen Gesellschaft vorgelegten Schriftchen (G60- 
graphie physique de l'Algerie) ausgesprochen hatte. 1 ) Die Erosions- 



I) In solcher Schärfe läßt sich diese Ansicht, selbst rein orographisch. 
wie sie gemeint ist, nicht mehr aufrecht erhalten. Die zahlreichen kurzen 
Ketten, welche den Teil- wie den Sahara-Atlas bilden und sich aneinander, 
z. T. kulissenarüg voreinander schieben, sind in erster Linie tektonisch be- 
gründet. 



q6 II, 2. Die Abrasionsküste bei Tipaza und Algier. 

kraft des fließenden Wassers war und ist hier bei der Steilheit 
des Absturzes der Hochfläche zum Meere, bei dem geologischen 
Bau derselben und vor allem dem Klima, in welchem lange 
Perioden trockner Hitze mit gewaltigen plötzlichen Güssen und 
Perioden solcher wechseln, eine ganz außerordentliche. Wie die 
Ansicht, daß die Trockenbetten der Sahara durch auch jetzt noch, 
wenn auch selten eintretende Wasserfluten geschaffen seien, vieles 
für sich hat, so haben auch im Teil der Atlasländer erst die 
Flüsse den Rand der Hochflächen gegliedert, die Täler und die 
sie fast ausnahmslos kennzeichnenden, zum Teil großartigen 
Durchbruchschluchten, die großartigste die seit 1873 zugänglich 
gemachte Chabet-el-Akra, die Schlucht des in den Golf von 
Bougie mündenden Wed Agriun, geschaffen. Ungeheure Massen 
sind so in frühquartärer Zeit dem Gebirge am Südrande der 
Mitidja entrissen und bilden als gerollte Kiesel den Untergrund der 
ausgedehnten Ebene. Die durch den Gegensatz des Luftdrucks über 
Mittelmeer und Wüste hervorgerufenen Luftströmungen entladen 
eben ihre Wassermassen an dem beide voneinander trennenden 
Walle und rufen noch heute ein riesiges Anschwellen der Flüsse 
hervor, so daß zu derselben Zeit, wo die gegen die Küste heran- 
brausenden Stürme das feste Land in wagrechter Richtung an- 
greifen, diesem auch in senkrechter wohl noch erfolgreichere 
Angriffe gelten. Dieselben Stürme des Februar hatten in Algerien, 
namentlich gegen Osten hin, und in Tunesien furchtbare Ver- 
heerungen durch Wasserfluten angerichtet, alle Eisenbahnlinien 
der Provinz Constantine und Nordtunesiens waren an vielen 
Punkten wochen-, zum Teil monatelang unterbrochen. Doch 
wurde sehr glaubwürdig versichert, daß dies zum Teil an dem 
leichtfertigen Baue derselben liege, der von der Regierung selbst 
in dieser Weise, ohne Rücksicht auf die häufigen Hochwasser 
betrieben worden sei, damit man endlich einmal dem Drängen 
der öffentlichen Meinung etwas bieten könne. Jedenfalls aber 
konnte man im Tal der Seybouse nach fast 1 a / 2 Monaten noch 
allenthalben die Verheerungen des Flusses erkennen, dessen 
Wasserstand 6 — 10 m über dem damaligen, noch immer weit 
übernormalen gewesen war. Wie große Massen von festen Stoffen 
die Flüsse bei Hochwasser mit sich führen, ergaben die Messungen, 
welche am Cheliff bei dem Hochwasser vom 16. Dezember 1877 
an dem Staudamme von Orleansville vorgenommen wurden. Während 



Die Brandungsbuchtküste bei Tipaza. qj 

der Fluß im Winter im Mittel 50 — 60 cbm Wasser in der Sekunde 
wälzt, führte er damals 1448 cbm, die so reich an festen Stoffen 
waren, daß er deren in 24 Stunden 3777 894 Tonnen dem Meere 
zuführte, geeignet, eine Fläche von 3 qkm fast um 1 m zu er- 
höhen 1 ). Diese eine Hochflut also hätte das Delta des Cheliff 
um 1 m zu erhöhen vermocht. Wenn daher dieser größte Fluß 
Algeriens nur ein derartiges Delta-Embryo zu schaffen vermocht 
hat, so prägt sich darin die Bedeutung der früher hinreichend 
gekennzeichneten Küstenströmung aus. 

Der Sahel von Tipaza besteht aus ein sanftes Gewölbe bil- 
denden, fast wagerecht liegenden, nur sehr wenig nach N ge- 
neigten, in mächtigen Bänken auftretenden, miocänen, grobkör- 
nigen Kalksteinen mit Zwischenlagern roter Tone; ostwärts von 
dem Dorfe Berard treten pliocäne mit Sand untermischte Kalk- 
steine, namentlich an der Küste entlang auf. Beide haben ge- 
ringe Festigkeit. Das Gebirge hat den Charakter eines schmalen. 
Tafellandes, eines Tafelrückengebirges, das im Winter von zahl- 
reichen kleinen Teichen, die im Frühjahr verdunsten, bedeckt 
ist, sich steil nach innen zur Mitidja, etwas sanfter nach außen 
zum Meere senkt. Man wird es wohl als ein Horstgebirge ansehen 
können. Die Wasserscheide gegen die Mitidja, die hier 50 — 60 m 
über dem Meere und an der schmälsten Stelle des Rückens nur 
2800 m von demselben entfernt liegt, ist meist nur 800 — 1200 m 
von der Ebene entfernt. Die mittlere Höhe des Sahel von Tipaza 
mag 200 m betragen, zahlreiche Gießbäche eilen dem Meere zu, 
wirklich durchbrochen ist das Gebirge aber nur im O vom 
Mazafran in einem engen, steilhängigen Tale, dessen Sohle da, 
wo der Fluß aus der Mitidja in dasselbe eintritt, nur mehr 14 m 
Höhe hat, im W vom Nador, der nahe bei Tipaza mündet, und 
dessen breites Tal einen bequemen Zugang zur westlichsten Bucht 
der Mitidja bei Marengo bildet. Beide Durchbruchstäler sind 
wohl als antezedente aufzufassen. Mit der dichtem Besiedelung 
der Mitidja wird man die schwächlichen Versuche, Tipaza zu 
einem Seeplatze zu machen, mit mehr Ernst wieder aufnehmen 
müssen, denn ohne kostspielige Hafenbauten wird das nicht 
möglich sein. 

Die Küste bei Tipaza zeigt nun bis zu dem Kolonisten- 



1) Comptes rendus T. 88, p. 408. 
Fischer, Mittelmeerbilder. Neue Folge. 



q8 II, 2. Die Abrasionskiiste bei Tipaza und Algier. 

dörfchen Berard, soweit die grobkörnigen, leicht zerstörbaren 
miocänen Kalksteine dieselbe bilden, aber auch noch jenseit 
Berard bis gegen Castiglione hin, einem dicht am Meere gelege- 
nen aufblühenden Städtchen, entsprechend dem wenig geänderten 
petrographischen Charakter der etwas Jüngern Schichten, auffällige, 
auf der ganzen 25 km langen Strecke sich gleichbleibende Formen. 
Sie ist überall steil, meist wird sie von 10 m hohen Felswänden 
gebildet, die nur hier und da an den Buchten, wo die atmo- 
sphärischen Agenden die Abtragung rascher zu fördern vermocht 
haben, zu geringerer Höhe, aber immer noch kaum irgendwo 
unter 2 — 3 m herabsinken, so daß man dort bequemer an den 
Strand gelangen kann. Diese Steilküste ist nun durch zahlreiche 
kleine Buchten gegliedert, man zählt ihrer auf dieser Strecke 
nicht weniger als 22, also fast auf je 1 km eine; je weiter nach 
Westen, um so dichter reihen sie sich aneinander, um so tiefer 
dringen sie ein. Die größte, die von Tipaza, hat eine Öffnung 
von 600 m und eine Tiefe von 300 m. Das Streichen der Küste 
ist erst ein auf etwas über 10 km genau westliches, dann ost- 
nordöstliches, stets aber dem Schichtenstreichen parallel. West- 
lich von Tipaza ist zwischen diesem Küstentypus und der weit 
großartigem Steilküste des Vorgebirges Chenoua noch ein mit 
niedern Dünen besetztes 2,8 km langes Stück Flachküste zu bei- 
den Seiten der Nadormündung, die Öffnung des Nadortales 
bezeichnend, eingeschaltet. Östlich von Castiglione bis nahe an 
die Mündung des Mazafran behält die Küste noch die gleiche 
Höhe und Steilheit, entbehrt aber der Buchten. Von der Mazafran- 
mündung an tritt eine von Dünen, zum Teil von beträchtlicher 
Höhe, begleitete Flachküste auf, die nur von dem weit vor- 
springenden Kap Sidi-Ferruch unterbrochen wird und, in streng 
nordöstlicher Richtung streichend, am Ras Acrata, westlich von 
Guyotville, wo die Steilküste des Massivs von Algier beginnt, endigt. 
Eine Untersuchung dieses ganzen, somit eine flache, sich im 
W auf das Vorgebirge Chenoua, im O auf das Massiv von Algier 
stützende Kurve bildenden Küstenstücks von 60 km Länge hat 
nun Ergebnisse von allgemeiner Wichtigkeit gehabt. Es ist mir 
gelungen, den Nachweis zu liefern, warum die Küste auf der einen 
Strecke hoch, auf der andern niedrig ist, warum sie auf einer 
Strecke ausgebuchtet ist, auf der andern nicht; daß dieselbe dem 
Ansturm der Brandungswelle rasch unterliegt, daß hier bei posi- 



Die Brandungsbuchtküste bei Tipaza. gn 

tiver Strandlinienverschiebung eine Abrasionsfläche in Bildung be- 
griffen ist. Selbst ein ungefähres Maß des Zurückweichens meine 
ich gefunden zu haben. Es dürfte diese Einzeluntersuchung 
demnach in mehrfachem Sinne lehrreich sein und einen Einblick 
in die Vorgänge bei der Herausbildung gewisser Küstenformen 
überhaupt gewähren. 

Daß zunächst vor den Tälern der beiden den Sahel von 
Tipaza bis zur Basis durchschneidenden Flüsse Nador und Maza- 
fran von Dünen besetzte Flachküste liegt, erklärt sich daraus, daß 
hier unter dem Einflüsse der beiden auch heute noch zeitweilig 
sehr wasserreichen Flüsse, deren Quellen in den Gebirgen des 
Teil in Gegenden liegen, welche zu den niederschlagsreichsten 
Algeriens gehören, die in senkrechter Richtung wirkenden Kräfte 
die Abtragung des Gebirges weit rascher förderten, als die in 
wagerechter Richtung arbeitende Brandungswelle. Die Durch- 
bruchstäler des Nador, dessen Spiegel dort, wo er im NW von 
Marengo aus der Mitidja austritt, nur etwa 50 m hoch hegt, und 
des Mazafran sind schon in derselben frühquartären Zeit gebildet 
worden, in welche die Kieselablagerungen der Mitidja fallen. 

Die Durchbruchstäler beider sind nur am oberen Ende auf 
300 m verengt, dann sind sie durch die seitliche Erosion und 
die Schlangenwindungen, in welchen beide Flüsse durch die ebene 
Talsohle dem Meere zustreben, immer mehr ausgeweitet. Nament- 
lich hat der Nador sich seitdem eine gelegentlich bis 10 m tiefe, 
von senkrechten Wänden gebildete Rinne in dem festen lehmigen 
Schwemmlande gebildet. Beide führen dem Meere reichlich Sink- 
stoffe zu, welche die Brandung zurückwirft und damit die Dünen- 
säume aufbaut, durch die jene sich im Sommer nur mit Mühe 
einen Weg offen halten. Ihre Mündungen sind dann fast ganz 
durch Barren geschlossen. Auch machen beide, und ebenso der 
noch näher bei Tipaza mündende kleine Wed Terbout, recht 
bezeichnend an der Mündung eine Krümmung nach O bzw. NO. 
Ein Zurückweichen des Landes ist hier kaum anzunehmen, wenn 
auch der Nordwest bedeutende Mengen Sand, das Wachsen der 
Dünen verlangsamend, landeinwärts treibt und namentlich auf der 
Stätte des alten Tipaza fallen läßt, dessen Ruinen so seit etwa 
12 Jahrhunderten mit einer Sandschicht bedeckt worden sind, 
deren Mächtigkeit allerhöchstens 2 m betragen mag. Wurde dem- 
nach, wie wohl anzunehmen ist, schon die alte Stadt mit diesem 



IOO H> 2 - Die Abrasionsküste bei Tipaza und Algier. 

Dünensand überweht, so erreichte, die jährlich gebildete Schicht 
doch immer kaum 1,7 mm Mächtigkeit, d. h. sie wurde wohl 
gar nicht bemerkt. 

Jenseits der Mazafranmündung bis Kap Akrata haben wir 
in regelmäßigen flachen Kurven verlaufende, von Dünen begleitete 
Flachküste, weil dort die Abtragung des Küstenlandes durch die 
atmosphärischen Agentien in dem leicht zerstörbaren Gestein 
und geänderter Küstenrichtung rascher erfolgt ist, als durch die 
Brandungswelle. Doch ist auch da eine unterseeische Terrasse 
von ungefähr gleicher Breite wie bei Tipaza vorhanden. 

Die Hauptursache der Buchtenbildung bei Tipaza läßt schon 
ein Blick auf die in jede dieser kleinen Buchten mündenden 
Gießbäche erkennen. Die Mündung desselben bot der Brandungs- 
welle Angriffspunkte, denn er hatte die Schichten bis ins Meeres- 
niveau zerschnitten und meist auch noch die Steilküste an der 
betreffenden Stelle erniedrigt. Daß jenseit Castiglione unter 
sonst gleichen Verhältnissen die Steilküste solcher Buchten ent- 
behrt, erklärt sich sofort daraus, daß dort auf dem auf 4,5 km 
verbreiterten, fast ganz wagerechten Saheltafelland sich keine Gieß- 
bäche zu entwickeln vermögen, sondern nur der Steilabsturz von 
zahlreichen, kleinen Wasserrissen durchfurcht ist, von denen aber 
keiner durch eine sich hier entwickelnde untere Terrasse, auf 
welcher Castiglione schon liegt, das Meer erreicht. Sehr lehrreich 
ist in dieser Hinsicht auch ein fast 3 km langes Küstenstück 
westlich von Berard bei dem Meierhof Ben Coucha, das der 
Buchten ebenfalls entbehrt, weil ein größerer Gießbach durch 
Bildung eines der Küste in 1 700 m Entfernung auf 3 km parallelen 
Längstales die Bildung anderer Gießbäche verhindert hat. Seine 
Mündung ist dafür zu einer entsprechend größern Bucht ausge- 
weitet worden. Die Größe der Buchten steht nämlich stets im 
Verhältnis zur Lauflänge, Gebiet, Wasserreichtum (und Erosions- 
kraft) der in tiefen, unter üppigem immergrünen Gestrüpp ver- 
borgenen Rinnen dahinschießenden Gießbäche, und diese wiederum 
zur Lage und Höhe der Wasserscheide des Sahel von Tipaza. 
Von der Gegend der größten Verschmälerung des völlig mit 
immergrünen Macchien bedeckten Tafelrückens, die zusammen- 
fällt mit der größten Erniedrigung desselben und der größten 
Annäherung der Wasserscheide an das Meer etwas westlich von 
dem auf der Höhe des Rückens gelegenen, weithin sichtbaren 



Die Brandungsbuchtküste bei Tipaza. loi 

Grabmale numidischer Könige, das unter dem Namen Grab der 
Christin bekannt ist, wächst nach wie nach W die Höhe und 
der Abstand der Wasserscheide vom Meere. Erstere liegt zwischen 
200 und 260 m, letzterer zwischen 2200 und 3400 m. Dem ent- 
sprechend vergrößert sich auch das Gebiet und die Wasserfülle, 
während sich das Gefälle nur wenig mindert. Die Brandungs- 
welle konnte also die weitern Mündungen der größern Gießbäche 
zu weitern und tiefern Buchten auswaschen. In vereinzelten Fällen, 
wie bei der westlichsten dieser kleinen Buchten, in welche nur 
ein ganz kleiner Wasserriß mündet, ist das Vorhandensein einer 
Kluft die Veranlassung zur Bildung von allerdings nur sehr kleinen 
Buchten gewesen. 

Schon das Zusammenfallen der Buchten mit den Mündungen 
der Gießbäche und das Fehlen ersterer mit dem Fehlen letzterer 
läßt keinen Zweifel aufkommen, daß beide in ursächlichen Wech- 
selbeziehungen stehen, und daß die Abtragung der Küste an 
diesen Punkten rascher fortschreitet, als an den dazwischen 
liegenden. Daß eine Abtragung, ein Zurückweichen der Küste 
durch die Brandungswelle überhaupt sattfindet, darüber läßt, von 
ihrer Gliederung abgesehen, der Steilabbruch der Küste, die an 
ihr tosende Brandung, der sie umlagernde Block- und Klippen- 
wall, sowie vereinzelte kleine Inseln keinen Zweifel aufkommen. 
Das Vorhandensein von Ruinen aus römischer Zeit hat mir aber 
hier wie an einigen andern Punkten auch den unmittelbaren 
Beweis dafür zu führen und selbst ein annäherndes Maß des 
Zurückweichens festzustellen erlaubt. Der heutige kleine Ort 
Tipaza, mit wohl kaum mehr als 100 Einwohnern, von einigen 
in Reisighütten (Gurbis) inmitten der Ruinen des östlichen Stadt- 
teiles wohnenden arabisierten Berbern abgesehen, meist franzö- 
sischen Kolonisten, ist erst kurz vor 1860 gegründet worden und 
hat sich nur langsam entwickelt. Als H. v. Maltzan kurz vor 
1860 die Stätte von Tipaza besuchte, war sie noch unbesiedelt. 
In den letzten Jahren scheint es, wesentlich im Zusammenhang 
mit der Entwicklung des Weinbaues, etwas rascher zu wachsen, 
und wenn man in Zukunft einmal mit der Verdichtung der Be- 
völkerung und Hebung der Kultur nicht nur in der unmittelbaren 
Umgebung, sondern in der westlichen Mitidja, deren natürliches 
Seetor Tipaza ist, Hafenanlagen schaffen wird, welche in der 
heute gegen Winde, deren Richtung von der Nordrichtung 30 



102 II» 2. Die Abrasionsküste bei Tipaza und Algier. 

nach W bis 70 nach abweicht, völlig schutzlosen Bucht 
Sicherheit gewähren werden, so kann es sich unzweifelhaft wieder 
zur Bedeutung des alten römischen Tipaza erheben. In Würdi- 
gung der möglichen Bedeutung des Ortes hat man vor einigen 
Jahren ein kleines Stück Staden an dem geschütztesten Winkel 
der Bucht errichtet, auf welchem auch einige Güter lagerten. 
Auch hat man einen Zollwachtposten in einem über einer antiken 
Zisterne erbauten Hause eingerichtet, dessen entgegenkommende 
(weil vollkommen beschäftigungslose) Insassen mir einige meine 
Forschungen fördernde Winke gegeben haben. Obwohl das Meer 
eigentlich ruhig war, war aber doch in der innersten Bucht die 
von der herrschenden nördlichen Luftströmung hervorgerufene 
Brandung so stark, daß der Staden abwechselnd teilweise über- 
flutet wurde, trotzdem man ihn gegen N durch eine hohe, starke 
Mauer zu schützen gesucht, hat. Drei kleine Fischerboote, auf 
das Land gezogen, waren alles, was die Beziehungen des heutigen 
Tipaza zum Meere veranschaulichte. Doch kommt sein Strand 
jetzt auch für Seebäder in Aufnahme. Der kleine Ort, so weit- 
läufig auch die kleinen Häuschen verstreut sind, nimmt von dem 
alten Tipaza nur einen kleinen Teil ein. Die alte Stadt, die 
ihrem Umfange nach wohl 20000 Einwohner gehabt haben mag, 
lag annähernd halbkreisförmig, von Mauern, deren Verlauf noch 
heute ziemlich gut erkennbar ist, umgeben um die Bucht, die 
gegen W und NW durch einen halbinselartigen Landvorsprung, 
der heute auf seiner steil zum Meere abstürzenden Spitze einen 
Leuchtturm vierter Klasse trägt, ziemlich geschützt ist und wohl 
zur Gründung und zum Aufblühen des Ortes Veranlassung ge- 
geben hat. Es war eine unter Kaiser Claudius gegründete Vete- 
ranenkolonie, die von Ptolemäos und im Itinerarium Antonini 
und auch sonst einigemal in der Geschichte genannt wird. 
Nachdem sie noch ein halbes Jahrtausend geblüht hatte, erhielt 
sie den ersten Stoß unter dem Vandalen Hunerich, der bei dem 
Versuche, die Bewohner zum Arianismus zu bekehren, den 
größten Teil zur Flucht nach Spanien trieb und die zurück- 
bleibenden verstümmeln ließ. Der Einbruch der Araber scheint 
auch diesem Sitze römischer Kultur den Untergang gebracht 
zu haben. Es dürfte also Tipaza seit etwa 1200 Jahren in 
Trümmern liegen. Nur wenige Inschriften von geringer Wichtig- 
keit sind in denselben gefunden worden. Von diesen Trümmern 



Altertümer von Tipaza. 101 

sind die einer Kirche auf dem östlich die Bucht begrenzenden 
Vorgebirge, sowie die einer recht ansehnlichen Wasserleitung, 
welche das Wasser des Wed Nador tief aus dem Innern, aus 
der Nähe des heutigen Marengo herbei- und bis in die Zisternen 
am Hafen leitete, die auffälligsten, die am Strande gelegenen 
für uns die wichtigsten, da sich an ihnen zeigen läßt, daß seit 
den 1200 Jahren die Küste zurückgewichen ist. Die Ruinen be- 
gleiten die Küste auf einer Strecke von, die Windungen ein- 
begriffen, weit über 2 km, von einem westlichen, 30 m hohen 
Hügel, dessen höchste Spitze mit Gräbern bedeckt und von 
Grabkammern durchbohrt ist, über einen mittlem, der die Höhe 
von 34 m erreicht und den Leuchtturm trägt, bis zu einem 35 m 
hohen östlichen, der die Ruinen der Kirche und ebenfalls ein 
Totenfeld trägt. Zwischen den beiden letztern schneidet die 
Bucht von Tipaza ein, die sich im Hintergrunde durch einen 
natürlichen Vorsprung, an dessen Ostseite das kleine Stück Staden 
angebaut ist, in zwei kleine Buchten gliedert. Alle drei Hügel 
steigen gegen das Meer an und stürzen in 15 — 20 m hohen, 
meist senkrechten Wänden zu demselben hinab. Die westlichen 
sind mit dichten und hohen immergrünen Macchien bedeckt, in 
welchen im Winter und Frühling Scharen unsrer Singvögel Unter- 
schlupf finden. Die Grabkammern, welche in die dem Meere 
zugekehrte Stirnseite des westlichen Hügels eingehauen sind, 
liefern den Beweis, daß hier das Meer vorgerückt ist und noch 
immer rasch vorrückt; ihre Zugänge liegen nämlich heute an ca. 
15 m hoher, senkrecht zum Meere abstürzender Felswand, so 
daß kein Zweifel sein kann, daß sie in dieser Lage nicht ange- 
bracht worden sind. Denn wenn wir auch vielfach antike Gräber 
massenhaft in steile, nur durch Leitern oder Gerüste zugängliche 
Felswände eingehauen kennen, so wäre doch hier, wenn die Ver- 
hältnisse die heutigen gewesen wären, die Aushöhlung der Grotten 
und die Bestattung nur mit Hilfe großartiger Gerüste, die aus 
dem unten brandenden Meere hätten aufgebaut werden müssen, 
und unter bedeutender Gefahr möglich gewesen. Überdies zeigte 
mir Herr Tremeaux, ein seit 2^ Jahren hier ansässiger Groß- 
grundbesitzer, dem ein großer Teil der Ruinenstätte und ein 
schönes, von einem Park umgebenes Landhaus mitten in den- 
selben gehört, und der mich mit großer Liebenswürdigkeit auf 
die wichtigsten , für meine Forschung in Betracht kommenden 



104 U> 2 - ^ e Abrasionsküste bei Tipaza und Algier. 

Punkte hinwies, eine Stelle an der von Grabkammern durchbohrten 
Felswand, wo man noch vor 20 Jahren ohne jede Gefahr vor 
diesen Grabkammern vorbeigehen konnte, während dies heute 
ganz unmöglich ist. Es ist seitdem auf mindestens 1 m Breite 
die Felswand, unten von der Brandung unterwaschen, hinabge- 
stürzt. Es ist anzunehmen, daß der ganze Hügel auf der dem 
Meere zugekehrten Seite in übereinanderliegenden Reihen zu 
Kammern ausgehöhlt war, von denen heute nur noch die obersten, 
ursprünglich dem Meere fernsten, erhalten sind. Auch sie werden 
in spätestens 100 Jahren verschwunden sein. 

Sehr lehrreich sind die die ehemalige Hafenbucht umgeben- 
den Trümmer. Diese, wie wir sehen, sich schließlich, den ein- 
mündenden beiden Gießbächen entsprechend, in zwei kleine 
Buchten gliedernde Bucht war im Altertum weit besser geschützt 
als heute. So lag zunächst am östlichen Eingange derselben, 
gegen Nordost vortrefflich Schutz gewährend, eine langgestreckte 
Insel, die seitdem nicht nur wesentlich verkleinert, sondern auch 
in zwei Teile geteilt worden ist, die beide noch den ehemaligen 
Zusammenhang erkennen lassende Baureste aus römischer Zeit 
tragen. In ihrem heutigen Zustande — es waren wohl Hafen- 
anlagen und Bollwerke — wäre die Errichtung so ausgedehnter 
Bauwerke kaum denkbar, denn fast die Hälfte des Jahres sind 
sie nur ausnahmsweise einmal zugänglich. Ferner bot der west- 
lichem der innersten Buchten eine Klippenreihe, die, ungefähr 
westöstlich streichend, im ersten Augenblick für einen Steindamm 
gehalten werden kennte, reichlich Schutz, denn sie war früher 
höher, erstreckte sich weiter ostwärts und zeigte wohl nicht wie 
jetzt breite Lücken. Die Oberfläche dieser von der Brandungs- 
welle unablässig benagten Kalkfelsen zeigt die wunderlichsten an 
Karrenfelder erinnernden Formen, tiefe Rinnen, scharfe Kanten, 
kreisrunde wassergefüllte Becken verschiedenster Größe, natürliche 
kleine Fischbehälter. Wie wenig heute diese Klippenreihe Schutz 
gewährt, erhellt daraus, daß selbst am westlichen, also bei weitem 
geschütztesten Ufer, die Wellen mit solcher Kraft auftreten, daß 
sie das an der Wurzel der Klippenreihe in verhältnismäßig ge- 
schütztester Lage über einer antiken, noch heute das Dorf mit 
dem besten Trinkwasser versehenden Zisterne errichtete Zollwacht- 
haus gefährden. Die an geschützter Stelle angebrachte Tür des- 
selben ist schon wiederholt eingedrückt, und mehrere Kubikmeter 



Der Strand bei Tipaza. IO^ 

große Felsblöcke, welche den etwa 3 m über dem ruhigen Wasser- 
spiegel gelegenen kleinen Hof nach der Seeseite schützen sollen, 
sind einige Meter einwärts geschleudert worden. Unter solchen 
Umständen hätte man gewiß an dieser Stelle eine Zisterne nicht 
errichtet. 

An der westlichem kleinen Bucht finden sich mehrere in 
den Felsen gehauene Kammern nebeneinander, vielleicht ursprüng- 
lich Zisternen oder Wasserbehälter am Hafen, deren vordere 
Hälfte von den Wellen zerstört ist, die sich bei nur wenig be- 
wegtem Meere an den Hinterwänden brechen. Daran reihen 
sich ostwärts auch bei niedrigem Wasserstand und ruhigem Meere 
stets bedeckte Mauerreste und in Felsen gehauene viereckige 
Becken, die wohl auch einst Zisternen oder Wasserbehältern an- 
gehörten. Aus dem einen dieser Becken führt eine in den Felsen 
gehauene Rinne ins offene Wasser, das mit der Wellenbewegung 
bei ruhigem Meere aus- und einflutet. Dicht bei diesem heute 
stets unter Wasser liegenden Becken, das offenbar nur der unterste 
Teil eines ehemals hohen Raumes ist, der entweder ganz oder 
teilweise in den Felsen gehauen war, teils aus Mauerwerk be- 
stand, befindet sich landeinwärts, da, wo heute der etwas über 
2 m hohe Steilabsturz des Ufers liegt, ein aus zwei Abteilungen 
bestehender, in den gewachsenen Felsen gehauener Raum. Die 
vordere, größere Abteilung zeigt eine Türöffnung nach der See 
zu, eine andere nach der kleinern hintern. Die vordere Fels- 
mauer steht nur noch in einer Höhe von 1 m, aber nur 0,5 m 
über Wasser; der zementierte Fußboden wird überflutet und ist 
nur noch in der hintern Hälfte erhalten, vorn hat die durch die 
Türöffnung hereinbrechende Brandungswelle ein 0,5 m tiefes Loch 
ausgewaschen. Die hintere kleinere Abteilung ist sehr gut erhalten, 
selbst die Hälfte der gewölbten Decke und der 8 cm dicke 
Stucküberzug der vom natürlichen porösen Felsen gebildeten 
Wände ist noch vorhanden. Es ist möglich, daß auch dies Zi- 
sternen waren, und somit hier eine große, aus lauter kleinen, 
durch weite Türöffnungen miteinander in Verbindung stehenden 
Abteilungen gebildete Zisterne vorhanden war. Dann ist der 
Umstand wichtig, daß heute die Grenzlinie zwischen Land und 
Meer durch die hintersten Kammern läuft und die vordem mit 
ihrem Fußboden 0,5 m unter Wasser liegen, soweit sie erhalten 
oder in Spuren erkennbar sind. Auch sonst finden sich an dieser 



lOÖ H, 2. Die Abrasioasküste bei Tipaza und Algier. 

Bucht, wie an der östlichen allenthalben Mauerreste und in Fels 
gehauene Kammern heute vom Wasser bedeckt; allenthalben läßt 
sich erkennen, daß diese Buchten, in den letzten 12 Jahrhun- 
derten bedeutend sowohl in wagerechter wie in senkrechter Rich- 
tung durch die Brandungswelle vertieft, die Grenzlinie zwischen 
Land und Meer um einen Streifen von bedeutender Breite — ich 
schätzte dieselbe unter Erwägung aller Verhältnisse auf etwa 1 o m 
— zurückgedrängt worden ist. 

An der östlichen Bucht fällt zunächst ein durch einen stehen 
gebliebenen Felskamm noch etwas geschütztes quadratisches, in 
den Felsen gehauenes Becken, fast genau 1 qm groß, auf. Es 
sieht aus wie die obere Öffnung eines Brunnenschachtes, der, 
freilich mit Trümmern gefüllt, nur mehr 0,5 m tief, aber mit 
seinem Rande 0,8 m unter dem Wasserspiegel liegt (so daß also 
das Wasser jetzt 1,3 m über der Sohle des Beckens steht). Die 
viereckige Gestalt müßte bei einem Brunnen allerdings auffallen. 
Dicht daneben ist noch ein 2 m langes, ca. 0,8 m breites Becken, 
einem Brunnentrog ähnlich (oder Steinsarg?) in Felsen gehauen. 
Es ist 0,275 m tief, sein Rand hat ringsum die gleiche, also wohl 
die ursprüngliche Höhe, und erhebt sich 0,15 m über Wasser, 
wird also bei nur ganz mäßig bewegtem Wasser überflutet und 
ist stets mit Wasser gefüllt. Auch für diese Anlage, wozu immer 
sie gedient hat, heute unter dem Meeresspiegel und 4 m von der 
Grenzlinie von Land und Meer entfernt, läßt sich, wenn die Ver- 
hältnisse früher die gleichen gewesen wären, kein vernünftiger 
Grund finden. An der Ostseite der Bucht, am Fuße eines einige 
Gurbis tragenden Hügels, aus welchen zerlumpte Kinder herbei- 
stürzten und völlig unkenntlich gewordene römische Kupfermünzen 
und andere wertlose Altertümer anboten, findet sich ein wohl 
mindestens 8 qm großer, aus großen viereckigen Platten bestehender 
Fußboden unter Wasser. Gegenüber liegt ca. 50 m vom Ufer, 
rings von Wasser umgeben, ein ca. 6 m hoher Felsblock, der 
viereckig behauen, oben ausgehöhlt, durch übergelegte Steine eine 
Art Kammer gebildet zu haben scheint. Seine Basis ist von der 
Brandungswelle so weggespült worden, daß er sich geneigt hat 
und bald umfallen wird. 

Der Hügel des östlichen Stadtteiles diente an der Seeseite 
als Steinbruch, weil der dortige Stein besonders fest ist. Auf 
eine Strecke von etwa 100 m ist dadurch die Felswand zu einer 



Der Strand bei Tipaza. 107 

fast 10 m hohen Mauer geglättet, die wohl zugleich den Bau einer 
Schutzmauer unnötig machen sollte. Vielleicht entnahm man hier 
die Steine zu den Bauten am Hafen. Eine in diese Felswand 
gehauene, aber nur in den obersten Stufen noch gangbare Treppe 
führte hier zum Strande hinab. Diese Stelle ist sehr wichtig. 
Die Treppe ist bis hoch hinauf durch die Brandung zerstört, sie 
endet schließlich mit einem 1,5 m hohen Abbruch, an welchem 
die Brandung schäumt. Ein Boot könnte hier wohl nur höchst 
selten einmal im Sommer, im Winter jedenfalls nie anlegen, und 
nur durch einen 1,5 m hohen Sprung könnte man in dasselbe 
gelangen. Es mußte hier früher unbedingt ein Strand vorhanden 
sein, denn sonst war die Treppe zwecklos. Auch nahm man, 
als man hier Steine brach und die glatte Felsmauer zum Schluß 
herstellte, den Felsen selbstverständlich nicht bis metertief unter 
dem Wasser weg, es lag jedenfalls zu Ende des Steinbruchbe- 
triebes hier zwischen der glatten Felswand und dem Meere ein 
ziemlich breiter, teils aus größern oder kleinern Steinbrocken, teils 
aus stehengelassenem Fels gebildeter Strand, der auch bei Sturm 
nicht überflutet wurde. Heute ist dieser Strand verschwunden, 
die Brandung hat nach Beseitigung desselben nicht nur bereits 
eine fast 2 m tiefe Hohlkehle aus der künstlich behauenen Fels- 
wand herausgearbeitet, nein, es sind bereits die östlichen Teile 
derselben, so der Stütze beraubt, hinabgestürzt, Mosaikfußböden 
und senkrecht zur Felswand verlaufende Mauern sind mitten durch- 
gebrochen, auf einem riesigen, wohl mindestens 50 cbm haltenden, 
durch mehrere Meter breiten Spalt losgelösten und über das Meer 
geneigten Felsblocke finden sich noch Mauerreste. Große, deut- 
lich als solche erkennbare Zisternen reichen teils bis dicht an 
den Abgrund, teils sind sie, halb auseinandergerissen, schon in 
die Tiefe gesunken. Wie diese ganze Steilküste, so ist namentlich 
dieser Teil derselben von rasch in Zertrümmerung begriffenen, 
also nur kurze Zeit benutzenden Blöcken umlagert. Ich möchte hier 
die Breite des seit 1200 Jahren dem Meere erlegenen Landstreifens 
eher zu mehr als 10 m annehmen, vielleicht 1 m im Jahrhundert. 
Und dies, trotzdem hier der Fels sehr widerstandsfähig, frei von 
Spalten und Klüften ist, und dieser Teil der Küste überdies früher 
in hohem Grade durch die vorliegende Insel geschützt war. 

Diese beobachteten Tatsachen, namentlich an den beiden 
kleinen Buchten drängen unabweisbar die Erkenntnis auf, daß 



108 Hj -• Die Abrasionsküste bei Tipaza und Algier. 

hier eine positive Strandlinien -Verschiebung stattfindet. Ich finde 
diese meine Anschauungen von einem Herrn Lambert bestätigt, 
nach dessen Angaben E. Reclus im XI. Band seiner „Geographie 
Universelle", p. 497, der mir erst nach meiner Rückkehr zuging, 
die Bemerkung aufgenommen hat: „le port de Tipaza, heritier 
d'une ville romaine, en partie submergee, soit par l'affaisement 
du sol, soit par un phenomene d'erosion local". Daß von einer 
bloß örtlichen Zerstörung der Küste durch die Brandungswelle 
nicht die Rede sein kann, sondern diese Erscheinung die Küste 
von ganz Algerien, abgesehen von nur wenigen Punkten im 
Hintergrunde der Buchten, kennzeichnet, ergibt sich teils aus den 
frühern Ausführungen, teils aus weiter unten folgenden Be- 
obachtungen. Es sei daher hier nur die Frage erörtert, ob sich 
noch an andern Punkten der Mittelmeerküste der Atlasländer 
eine positive Strandlinien -Verschiebung nachweisen läßt. 

2. Vergleichender Überblick über die Küste 
von Tunesien und Algerien. 
Für die tunesische Küste, die ich von Gabes bis Bizerta an 
zahlreichen Punkten selbst habe untersuchen können, möchte ich 
nur schon hier bemerken, daß meine frühere, auf Angaben von 
Guerin und Reclus gestützte Vermutung einer Hebung in ge- 
schichtlicher Zeit von mir selbst, bald nachdem ich sie ausge- 
sprochen, aufgegeben und zurückgenommen war. Die scharf- 
sinnigen Untersuchungen von J. Partsch haben nachmals erwiesen, 
daß hier in geschichtlicher Zeit keine Verschiebung der Strand- 
linie irgend welcher Art, außer durch Versandung oder Delta- 
bildung, stattgefunden hat. Meine Untersuchung gerade der 
zweifelhaften Punkte — das Nähere wird gelegentlich mitzuteilen 
sein — hat dies Ergebnis literarisch -kritischer Forschung überall 
bestätigt. Doch möchte ich auf Roudaires gegenteilige Be- 
obachtungen (Comptes rendus, T. 79, p. 110 und 352) hinweisen. 
Ebenso muß hervorgehoben werden, daß sowohl Pomel, wie Flick 
und Pervinquiere und andere französische Forscher jeder nach 
eigenen Beobachtungen eine quartäre Hebung für die ganze Ost- 
küste von Tunesien vom Kap Bon bis nach Zarzis annehmen, 
während Djerba und die Kerkenah- Inseln jetzt in Senkung be- 
griffen seien. Bei Monastir, Hergla und Bir Lubeita stellte Pomel 
1877 gehobene quartäre Schichten mit Strombus mediterraneus 



Die Küste von Tunesien. 



ioo. 



und Conus Mercati fest, Doumet-Adanson 1884 dasselbe auf den 
Kerkenah-Inseln und bei Humt-Suk auf Djerba, Aubert und Bede 
von andern Küstenpunkten. Flick und Pervinquiere haben diese 
jüngsten gehobenen Küstenablagerungen bei Monastir, grobe gelbe 
oder gräuliche Kalksteine, reich an marinen Fossilien einer noch 
heute im Mittelmeer lebenden Fauna, einer genauen Untersuchung 
unterzogen und dabei festgestellt, daß die Sebcha von Moknine, 
die 60 qkm groß ist, 10 m unter dem Meeresspiegel liegt, von 
welchem sie durch einen 1 — 2 km breiten niedrigen Landstreifen 
getrennt ist. Auch liegt diese nur 1,10 m mächtige Küsten- 
ablagerung, die ihrerseits von einer Kalkkruste mit Helix, also 
einer festländischen Bildung bedeckt ist, nicht wagrecht, sondern 
neigt sich nach OSO von 20 m auf ro m. Bei Sfax kehren die 
gleichen Ablagerungen wieder, aber nur noch 8 m über Mittel- 
wasser, was auf örtliche, langsame Krustenbewegungen zu schließen 
zwingt. Die Sebcha von Monastir liegt im Meeresniveau, wird 
aber nur zuweilen mit Wasser gefüllt. Das dreieckige Vorgebirge 
von Monastir fällt nach N und nach W zur Sebcha steil ab und 
besteht aus Miocän, Pliocän und Pleistocän. Das vorliegende 
Inselchen La Thonara besteht aus diskordant dem Miocän auf- 
lagernden Pliocänschichten. Es erreicht nur 10 m Höhe 1 ). 

Sichere Belege einer positiven Strandlinien -Verschiebung 
gibt es meines Wissens nur vom Kap Spartel, wo die bekannte 
Mühlsteinhöhle, die Hooker und neuerdings auch O. Lenz be- 
sucht haben, dieselben liefert 2 ). Ähnliche Beobachtungen machte 
der Geolog Maw auch an der marokkanischen Küste bei Moga- 
dor 3 ). Dagegen meinte Capt. Bourdon 4 ), in der Nähe von Mosta- 
ganem an einem kleinen Küstenstück eine negative Niveauver- 
schiebung annehmen zu müssen. Wären diese Beobachtungen 
wirklich als vollwichtig anzusehen, so würde es sich wohl nur 
um eine örtliche Erscheinung handeln, um eine örtliche Ver- 

1) Plages soulevees de Monastir et Sfax. Bull. Soc. Geol. de France 
4. Ser. t. IV 1904, p. 194 — 206. 

2) Meine eigenen 1899 in den Mühlsteinbrüchen etwas südlich vom 
Kap Spartel gemachten Beobachtungen stellten zwar die Tatsache fest, daß 
diese Steinbrüche z.T. jetzt dauernd unter Wasser sind, aber nur weil sie 
nahe dem Meere bis unter den Meeresspiegel hinab betrieben und die dünne 
Scheidewand dann von der Brandungswelle zerstört worden ist. 

3) Auch bei Mogador sah ich lediglich Wirkungen mariner Erosion. 

4) Bull, de la Soc. de Geogr. de Paris 1869, I, p. 451. 



IIO II, 2. Die Abrasionsküste bei Tipaza und Algier. 

Schiebung einer einzelnen Scholle in ihrer Lage zum Meeres- 
spiegel. Dasselbe wäre nun allerdings auch in bezug auf die 
Erscheinung von Tipaza möglich, aber die schon früher angeführten 
Tatsachen und die hier niedergelegten Beobachtungen sprechen 
doch gar zu laut dafür, daß an der ganzen Küste eine im all- 
gemeinen vorherrschende positive Strandlinien -Verschiebung statt- 
findet 1 ). Wie an den beiden andern Küstenpunkten, an welchen 
wir den Charakter des vorgelagerten Meeresgrundes untersuchten, 
so schließt sich auch hier an die Grenzlinie von Land und Meer 
ein etwa ioo m breiter, hier und da auch breiterer Saum an, 
welcher mit Felsblöcken bedeckt und von aufragenden Klippen 
erfüllt ist; daran schließt sich ein im Mittel etwa 12 — 1500 m 
breiter Saum mit Sand etwa bis zur Tiefe von 40 — 50 m, dann 
folgt Schlammbedeckung bis in die größten Tiefen. Der Steil- 
absturz beginnt etwa mit 200 m in einem Abstände von 1 2 km 
vom Strande. Während also am Vorgebirge Chenoua und am 
Massiv von Algier die Abrasionsfläche eine Breite von gegen 4, 
bzw. 2 km hat und der Steilabsturz bei beiden in ca. 100 m Tiefe 
beginnt, beträgt der Abstand desselben hier 1 2 km. An der Bucht 
von Algier beträgt er 9, bei Oran 12, bei Arzeu sogar 20 km. 
Es folgt der unterseeische Steilabsturz, d. h. die den Verlauf der 
Küste bestimmende Bruchlinie, im allgemeinen der Richtung der 
Küste, vor den Vorgebirgen liegt er näher am Lande, vor den 
Buchten weiter ab, demnach verschmälert oder verbreitert sich 
die unterseeische Terrasse dem entsprechend. Auf weite Strecken 
verläuft der Steilabsturz geradlinig, wie bei Oran und bei Algier, 
so daß sich gerade da die Ausgestaltung der Küstenlinie zu Vor- 
gebirgen und Buchten ganz auffällig als das Werk der Brandungs- 
welle herausstellt. Bei Algier z. B. liegt der unterseeische Steil- 
absturz vor Pointe Pescade genau in der gleichen geographischen 
Breite wie vor Kap Matifu, vor beiden wie vor der Harrachmün- 
dung im tiefsten Hintergrunde der Bucht. Wir müssen daher — 
die weiter unten angeführten Beobachtungen bestätigen dies noch 
weiter — gerade diese Bucht, welche E. Suess als einen Einsturz- 
kessel aufzufassen geneigt ist, als ein Erzeugnis der Erosion be- 
trachten. Sie weist, wenn wir das Relief des Meeresgrundes, wie 

1) Vgl. die von General Lamothe ganz unabhängig von mir gemachten 
und zu demselben Ergebnisse führenden, in der folgenden Abhandlung 
mitgeteilten Beobachtungen. 



Verlauf der ursprünglichen Küste. j I j 

doch notwendig, mit in Betracht ziehen, ganz andre Verhältnisse 
auf, wie die durch einen Horst voneinander getrennten Golfe von 
Salerno und Neapel. Das sind Einsturzkessel. Diesen ähnelt 
dagegen die Bucht von Bougie und der Numidische Golf. An 
der Bucht von Bougie, die, wenn auch etwas flacher, den Um- 
rissen nach ungefähr der von Algier ähnelt, liegt der dort ganz 
besonders steile Absturz nur 5 km vom Strande, während er an 
dem westlich angrenzenden, so besonders steilen Küstenstück 
von Kap Carbon bis Kap Bengut auch noch nahezu 3 km ent- 
fernt ist. Hier haben wir sicher eine von vornherein im Ver- 
lauf der Küstenlinie als Einbruchskessel vorgezeichnete Bucht, 
die durch die Brandungswelle nur noch etwas ausgetieft worden 
ist und durch dieselbe ihre einem Halbkreis oder Kreisbogen 
ähnelnde Gestalt erhalten hat, genau so wie dies, teilweise wenig- 
stens, auch an den Golfen von Salerno und Neapel, dank den 
Sinkstoffen der einmündenden Flüsse geschehen ist. 

Die Querschnitte zeigen, daß die unterseeischen Neigungs- 
winkel sehr wesentlich von den überseeischen abweichen; die 
Bruchlinie entspricht nur mehr im allgemeinen dem Verlauf der 
Küste, der ursprünglichen Küste, die Einzelgliederung derselben 
ist vorwiegend das Werk der Brandungswelle, welche die Küste 
nach dem Wechsel härterer und weicherer Felsarten, nach dem 
Vorhandensein von Verwerfungen, Flußmündungen, Klüften usw. 
modelliert hat. Die Bucht von Tipaza ist das Werk der Bran- 
dungswelle, die hier einen im Maximum 1 2 km breiten Streifen 
der Sahelplatte abgetragen hat. Wie sie diese Arbeit im einzelnen 
vollzieht, sahen wir. Ebenso sahen wir aber auch, daß an andern 
Punkten ein ebenso breiter oder noch breiterer Landstreifen ab- 
getragen worden ist, und daß die Abtragung, trotz der schon 
vorhandenen Breite der Brandungsterrasse, noch immer fortdauert. 
Es ist wohl der Schluß erlaubt, daß auch an den Golfen von 
Arzeu und Oran die Herstellung einer so breiten unterseeischen 
Terrasse bei der verhältnismäßig kurzen Zeit, welche seit Bildung 
dieser Bruchlinie verlaufen ist, durch eine im Gesamtergebnis 
positive Strandlinien -Verschiebung unterstützt worden ist, bzw. 
wird, daß die Brandungswelle ohne letztere, infolge der Reibung 
erlahmend, keine so gewaltige Kraft mehr zu entfalten vermochte, 
wie es doch bei Tipaza noch der Fall ist. Wir würden also hier 
dem anziehenden Schauspiele der Bildung einer Abrasionsfläche 



112 H> 3- Veränderungen der Küste am Golf von Algier. 

beiwohnen. Die Sand- und Schlammablagerungen, letztere nur, 
wo vor Buchten die Fläche bereits größere Breite erlangt hat, 
wären in Bildung begriffene übergreifende Schichten, der Wechsel 
im petrographischen Charakter derselben bei unzweifelhafter Gleich- 
alterigkeit würde dann sogar einen Schluß auf ihre Entstehung 
vor Buchten oder Vorgebirgen erlauben. Doch mögen die hier 
in Bildung begriffenen übergreifenden Schichten nur geringe 
Mächtigkeit haben, da die Strömung einen großen Teil der ab- 
geriebenen oder durch die Flüsse herbeigeführten Massen ost- 
wärts davon trägt. Da die positive Strandlinien -Verschiebung 
nach Osten geringer wird, ja wohl schon in Ostalgerien ganz 
aufhört, auch die Kraft der Strömung erlahmt, so dürfen wir 
dort eine geringere Breite der Abrasionsfläche und größere 
Mächtigkeit der übergreifenden Schichten erwarten. Auch ist 
dort die Meerestiefe eine noch geringere, das Relief des Meeres- 
grundes ein sehr verschiedenes. Ein Querschnitt durch die 
Nordspitze von Afrika, Ras Engeiah, 10 km westlich des gewöhn- 
lich als solche angegebenen, aber um volle 2 Bogenminuten 
weiter südlich gelegenen Kap Blanco, weist daher etwas andre 
Formen auf. 

Wir erkennen ferner, daß die normale Gliederung einer Ab- 
rasionsküste durch Bildung konkaver Buchten erfolgt, daß selbst 
Einsturzkessel, wie der von Bougie oder am Numidischen Golfe, 
oder erweiterte Flußmündungen, wie bei Tipaza, früher oder später 
diese Form annehmen. Es kann bei positiver Strandlinien -Ver- 
schiebung die Brandungswelle weit nachhaltiger wirken, als bei 
unveränderlichem Meeresspiegel. Wir möchten daher den Satz, 
mit welchem wir die früheren Untersuchungen schlössen (S. 87), 
nunmehr schärfer so fassen, daß an Küsten mit unveränderlichem 
Meeresspiegel die Brandungswelle, wenn sie die ausschlaggebende, 
küstengestaltende Kraft ist, konkave Buchten, aber wohl immer 
nur von geringer Tiefe, schaffen kann, an Abrasionsküsten aber 
in der Regel solche schaffen wird. 



3. Veränderungen der Küste am Golf von Algier. 

Noch an einigen andern Punkten, und zwar an Vorgebirgen 
festen Gesteins, nicht bloß an Buchten, ist es mir gelungen, Be- 
weise für die fortschreitende Abtragung der Küste durch die 



Abrasion bei Algier. hj 

Brandungswelle zu sammeln. So zunächst bei Algier. Das Lieblings- 
ziel der Ausflüge der Bewohner von Algier, das Boulogner Wäldchen, 
der Prater, der Tiergarten von Algier ist das ganz nahe an der 
Küste gegen N im vollen Anhauch des Meeres gelegene, rasch auf- 
blühende Dorf St. -Eugene, das aus lauter Villen und Kneipen der 
verschiedensten Art besteht. Es führt nur eine einzige, darum vom 
Morgen bis zum Abend mit Fuhrwerken (und Fußgängern) bedeckte 
Straße, meist unmittelbar am Strande entlang dorthin. Als ich diese 
Straße an einem schönen, sonnigen Tage, an welchem das Meer 
nur ganz mäßig bewegt war, wandelte, stieß ich, nachdem ich 
das Nordwesttor von Algier, Bab-el-Wed, und die davorliegende 
Vorstadt, Cite Bugeaud, durchschritten hatte, auf eine Stelle der 
Straße, welche durch die Brandungswelle schwer beschädigt 
worden war und von derselben abwechselnd überschüttet wurde, 
so daß man nur- unter Gefahr eines Sturzbades vorüberkonnte. 
Die Stellwagen, welche vorzugsweise den Verkehr vermitteln, hatten 
vor jener Stelle Halt machen müssen, und andre jenseit derselben 
hatten die Fahrgäste wieder aufgenommen, nachdem die Wogen 
wiederholt die Fenster derselben zerbrochen und die Fahrgäste 
mit Salzwasser überschüttet hatten, auch die Pferde infolge der 
Sturzbäder und des furchtbaren Stoßes und Brausens der Bran- 
dung scheu geworden waren. Der Sturm vom 9. Februar hatte 
die Straße zeitweilig ganz ungangbar gemacht, doch war sie da- 
mals notdürftig wiederhergestellt worden. Indessen häufte ein 
paar Tage hindurch Mitte März die Brandungswelle während der 
Nacht auf eine Strecke von 200 m eine Sandschicht von 0,5 m 
Höhe auf der Straße auf, so daß 50 Mann daran arbeiteten, den 
Sand immer wieder wegzuschaffen. Diese Stelle liegt vor dem 
sogenannten Hospital des Dey, einer ausgedehnten Anlage von 
Häusern und Gärten, welche 1791 — 1799 von dem Dey Baba 
Hassan als Sommerwohnung geschaffen worden ist und heute als 
Militärhospital dient. Die am Strande gelegenen, nur durch die 
Straße vom Meere getrennten Teile dieser Anlage, die sogenannte 
Salpetriere, sind erst 18 15 durch den schwedischen Konsul Schultz 
vollendet worden. Noch vor so kurzer Zeit lagen also hier die 
Verhältnisse ganz anders, denn heute, wo die Wogen die Vorder- 
wand der Salpetriere über die dazwischenliegende Straße hinweg 
bespritzen, würde man eine solche Anlage so unmittelbar am 
Meere nicht schaffen. Das Meer hat eben hier, trotzdem es ziem- 

Ki scher, Mittelmeerbiltler. Neue Folge. 8 



IIA H> 3* Veränderungen der Küste am Golf von Algier. 

lieh feste alte Schiefer anzugreifen hat, einen breiten Landstreifen 
abgetragen und schließlich die Landstraße selbst erreicht. Etwas 
näher am Bab-el-Wed ist in derselben Weise seit der Eroberung 
der alte Christenfriedhof von den Wogen abgetragen worden, der 
seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Gebrauch ge- 
wesen war. Auch weiter nach Nordwesten, vom Fort des Anglais 
bis gegen St.-Eugene hin, sind die auf dem Klippenrand stehen- 
den Häuser schwer bedroht und werden in Kürze geräumt werden 
müssen, da das Meer ihnen immer näher rückt. Man wird sehr 
bedeutende Arbeiten vornehmen müssen, um der Brandungswelle 
erfolgreich Widerstand zu leisten und die Straße und das Hospital 
des Dey, das beim nächsten Sturme der größten Gefahr ausge- 
setzt sein würde, zu schützen. 

Wie hier am westlichen Eingange der Bucht von Algier so- 
mit die Brandungswelle die festesten Felsen abträgt und, wie wir 
sahen, bereits eine 2 km breite Abrasionsfläche geschaffen hat, 
so auch am östlichen. Das Kap Matifu besteht nach Tchihatchef 1 ) 
aus S chiefer felsen, die so quarzreich sind, daß sie fast zu reinem 
Quarz werden, oder aber viel Glimmer enthalten und dann einen 
quarzigen Glimmerschiefer bilden , der hier und da in Gneis 
übergeht. Die Schichten fallen nach Norden in einem Winkel 
von 30 ° ein und bilden am Meere phantastische Felsen. Das 
Vorkommen dieser Felsarten, auf denen das Vorhandensein des 
Vorgebirges überhaupt beruht, steht in Beziehung zu den ähn- 
lichen im Massiv von Algier. Nach der geologischen Karte von 
Algerien 2 ) besteht der inselartige Hügel des Kap Matifu aus den- 
selben Glimmerschiefern und Tonschiefern, wie sie drüben im 
Buzarea- Massiv auftreten. Daran lagern sich südwärts und dar- 
über mioeäne Mergel und Sandsteine an, die die Steilküste bei 
Rusgunia bilden, aber ihrerseits von altem Alluvium bedeckt 
sind. Zwei Kilometer südlich vom Kap Matifu nehmen diese 

1) Das Vorkommen der altern Felsarten habe ich nicht gesehen, denn 
es ist auf sehr engen Raum auf dem Vorgebirge selbst beschränkt, das jetzt 
auf der höchsten Erhebung, 72 m, eine Feste trägt, der ich mich auch nur 
zu nähern von vornherein nicht die Absicht hatte. Zum Überfluß wurde ich 
schon beim Betreten einer zum Cholerahospital bestimmten Anlage, deren 
Dasein mir unbekannt geblieben war, von einem Soldaten zurückgewiesen. 
Die Ruinen von Rusgunia reichen nicht so weit. 

2) Carte geologique detaillee Bl. Alger bis 1:50000, bearbeitet von 
Ficheur, Alger 1904. 



Der Strand von Rusgunia. 1 1 e 

allenthalben am Süd- und Ostrande der Bucht von Algier an- 
stehenden miocänen Tone, Mergel und Sandsteine etwas größere 
Festigkeit an, und fallen die wenig mächtigen, aber in ihrer 
Schichtung deutlich erkennbaren Bänke derselben in einem Winkel 
von 30 nach OSO ein, überlagert von völlig wagrechten, hier in 
Bänken von 2 — 3 m Mächtigkeit auftretenden jungen Kalk- und 
Sandsteinen. Erstere sind oft sehr sandig und wechseln mit Kon- 
glomeraten von mehr oder weniger feinem Korn. Diese festern 
Schichten schützen die leicht zerstörbaren Tone und Mergel, so 
daß sofort mit ihrem Herantreten an die Küste diese zur 10 m 
hohen Steilküste wird. Damit war eine sichere Lage für eine 
Stadt unmittelbar am Meere und im Schutze des noch höheren 
Vorgebirges gegeben. Die Kalk- und Sandsteinbänke lieferten 
zugleich leicht zu bearbeitende Bausteine. Auf diesem hohen 
Küstenstück finden sich auf mehr als 1 km weit nach Norden bis 
an die Grenze der altern Felsarten, da, wo heute ein alter Wart- 
turm und die Anlagen einer Thunfischerei stehen, die Ruinen der 
römischen Stadt Rusgunia. Landeinwärts dehnt sich das Trümmer- 
feld ebenfalls bedeutend aus, so daß Rusgunia an Größe wohl 
Tipaza übertroffen haben mag. Zum Teil ist die Ruinenstätte von 
mahonesischen Kolonisten, die ihre niedern Häuschen in die 
Trümmer hineingebaut haben, in Anbau genommen und vorzugs- 
weise in Artischocken- und sonstige Gemüsefelder verwandelt. 
Doch sind die erhaltenen Trümmer nicht sehr bedeutend, weil 
man dieselben zu Ende des Mittelalters nach Leo Africanus als 
Steinbruch zum Bau der Mauern von Algier verwertet hat. 

Die Grenze jener altern Felsarten und der Jüngern, auf denen 
Rusgunia stand, ist genau gekennzeichnet durch das Zurückweichen 
der Küste in östlicher Richtung um etwa 600 m. Dies Zurück- 
weichen ist das Werk der Brandungswelle bei Westwinden, denen 
allein dies Küstenstück voll ausgesetzt ist. Und die Westwinde ge- 
hören hier nicht zu den vorzugsweise stürmisch auftretenden Winden. 
Doch erkennt man, daß auch hier die Wassermassen 6 — 8 m hoch 
emporgepeitscht werden und somit die Tone und Mergel auf- 
lösen. So haben die darüber lagernden festen Bänke im ge- 
gebenen Augenblick keinen Halt mehr und brechen ab, die Küsten 
nunmehr einige Zeit als malerischer Blockwall schützend. Man 
sieht hier diesen Vorgang in den verschiedensten Abschnitten. 
Doch erliegen diese Blöcke, wie ihr wunderbar zerfressenes 

8* 



Il6 H> 3- Veränderungen der Küste am Golf von Algier. 

Aussehen zeigt, ganz abgesehen von den mechanischen Angriffen, 
der Verwitterung sehr rasch. Ganze Mauerteile, durch guten 
Mörtel zusammengehalten, sind mit herabgestürzt und werden 
von der Brandungswelle zerkleinert, an verschiedenen Stellen endi- 
gen die Grundmauern am Steilrand der Klippe. Mauerreste unten 
am Strande, wie solche von Stadenmauern und Hafenanlagen, 
die doch vorhanden waren, zu erwarten wären, suchte ich ver- 
gebens. Da wohl kaum anzunehmen ist, daß man dieselben mit- 
samt den Fundamenten weggeführt habe, so müssen sie der 
Brandung erlegen sein. So erkennt man auch hier, daß ein Teil 
der alten Stadt verschwunden und ein Küstenstreifen abgetragen 
ist. Rusgunia war eine von Augustus angelegte Kolonie, die wohl 
auch erst dem Einbruch der Araber erlegen ist. Doch behauptete 
es wegen seiner Lage und des Schutzes, den hier die Schiffe 
gegen alle Winde, außer W und NW fanden, eine gewisse Be- 
deutung; selbst als Algier anfing, größere Wichtigkeit zu erlangen, 
diente die flache Bucht unter Kap Matifu gewissermaßen als Er- 
gänzung von Algier, denn gerade bei Windrichtungen, wo man 
dort keinen Schutz finden konnte, fand man denselben hier. Also 
ganz wie bei Tanger noch heute. Im 12. Jahrhundert rühmt Edrisi 
noch den guten Hafen neben der kleinen, wenig bevölkerten, in 
Trümmern liegenden Stadt Tämadfus, im Beginn des 16. Jahr- 
hunderts rühmt auch Leo Africanus den guten Hafen, dessen sich 
die Algeriner bedienten, da sie keinen solchen hätten, sondern nur 
einen Strand. Diese ausdrückliche Hervorhebung — erst seit 1 53 1 
konnte man von einem Hafen in Algier sprechen — läßt vermuten, 
daß Rusgunia wirklich einen Hafen besaß, wie auch Shaw, der 
eine lange Reihe von Jahren im ersten Drittel des vorigen Jahr- 
hunderts in Algier lebte, ausdrücklich erwähnt, es seien noch die 
Spuren eines alten Cothon vorhanden. Seitdem erst wären also 
diese Anlagen von der Brandungswelle verschlungen worden. 

Noch weit gründlicher als mit den Trümmern von Rusgunia 
ist mit denen von Rusubbicarri, weiter ostwärts, etwas westlich der 
Mündung des Isser, 4 km nordwestlich von dem Dorfe Zamori, 
seit dem Mittelalter Mers-el-Djedjadje, Hühnerhafen, genannt, auf- 
geräumt worden. El Bekri nennt hier noch eine wichtige Stadt, 
Edrisi desgleichen, und hebt namentlich ihre Festungswerke und 
den guten Hafen hervor. Heute sind nur ganz dürftige Reste 
der alten, gar keine der mittelalterlichen Stadt erhalten, das Meer 



Die Bucht von Algier. j j y 

hat die Stadt und den Hafen verschlungen, nur eine ganz kleine, 
wenig Schutz bietende Einbuchtung ist noch vorhanden. Weiter 
ostwärts an der Steilküste der großen Kabylei finden sich Ruinen 
einer römischen Seestadt bei dem Kap Tigzirt, in dessen Nähe 
1 881 ein danach benanntes Kolonistendorf angelegt worden ist, 
ig km östlich von Dellys. Aus gewaltigen Blöcken hatte man 
einen die vorgelagerte kleine Felseninsel mit dem Festlande ver- 
bindenden Damm gebaut, von dem noch Reste erhalten sind, sowohl 
auf dem Lande wie auf dem Grunde des Meeres, bei ruhigem 
Wetter bis 50 m weit erkennbar 1 ). Kiepert sucht hier Rusuccuru. 
Daß also an den beiden den Golf von Algier begrenzenden 
Vorgebirgen die Küste noch immer und zwar ziemlich rasch 
zurückweicht, steht fest. Wie verhält es sich nun im Innern des 
Golfs? Die Ufer der Bucht von Algier sind von dem oben an- 
geführten Punkte 2 km südlich Kap Matifu bis zum Isly-Tore von 
Algier, wo faserige Granite auftreten, völlig flach und bilden eine 
vollkommene Kurve. Der Anblick, welchen von einer Anhöhe 
dieser riesige kreisbogenförmige Wall weißen Schaumes bei etwas 
bewegtem Meere bietet, ist ein großartiger. Von Mustapha bis 
Rusgunia ist die Küstenlinie ein wie mit dem Zirkel gezogenes 
Kreisbogenstück mit dem Radius von 8,5 km. Es reicht der 
flache Strand genau soweit wie die leicht zerstörbaren Felsarten 
reichen, die Tone und Mergel, die leicht zerreibbaren weißen 
Kalksteine, die molasseähnlichen Sandsteine, wohl sämtlich plio- 
cänen Alters. Festere, für Bauzwecke brauchbare Steine treten 
meines Wissens nur oberhalb des Jardin d'Essai auf, also ziemlich 
nahe an Algier und hoch über dem Meere. Wenn wir sehen, 
daß selbst die festen Felsarten an den beiden begrenzenden Vor- 
gebirgen ziemlich rasch der Brandungswelle erliegen, so können 
wir, unter Hinblick auf die schon besprochenen morphologischen 
Verhältnisse des Meeresgrundes, nicht daran zweifeln, daß die 
Bucht an Stelle der abgetragenen weichern Gesteine getreten ist, 
die sich wie im Westen, so auch im Osten an das Massiv von 
Algier anlegten. Die beiden hier einmündenden Flüsse, Harrach 
und Hamiz, erleichterten der Brandungswelle die Arbeit. Beide Flüsse 
haben aber einen die Bucht umschließenden niedern Höhenrücken 
zu durchbrechen gehabt, der auch hier die Mitidja vom Meere 

l) Vgl. Bulletin de correspondance africaine I, p. 143. 



I 1 8 H, 3- Veränderungen der Küste am Golf von Algier. 

trennt. Der Harrach tut dies in einem wohl gleichzeitig mit denen 
des Mazafran und Nador gebildeten Durchbruchstale, an dessen 
Ostseite sich bei Maison Carree noch Höhen von 50 m finden. 
Von da nimmt die Höhe des Rückens, jedenfalls wohl weil die 
atmosphärischen Agentien die weichern Felsarten rascher abtrugen, 
rasch ab bis auf 30 m, aber immerhin nötigt er den Hamiz, auf 
fast 3 km der Küste parallel zu fließen, ehe er in scharfem Knie 
zum Meere durchzubrechen vermag, nur 1700 m südlich von 
Rusgunia. Diesem niedern Rücken ist ein flaches, auf eine Strecke 
von 6,5 km zu beiden Seiten der Harrach-Mündung mit Dünen 
besetztes Vorland vorgelagert, das an der Harrach-Mündung, wo 
man den Artillerieschießplatz auf demselben angelegt hat, 800 m 
breit ist, weiter gegen Algier hin sich aber auf 600 m verschmälert. 
Dort liegt der berühmte Versuchsgarten der Hamma auf diesem 
Vorlande, dessen außerordentlich fruchtbarer, feuchter Boden im 
milden Anhauch des Meeres, Palmen und andre Kinder der 
Tropen in großer Mannigfaltigkeit und tropischer Üppigkeit her- 
vorbringt, ein Treibhaus im Freien. Das ist neugebildetes Land, 
gehobener Meeresboden. Hier im Hintergrunde der Bucht findet 
jetzt sicher keine Abtragung, sondern vielmehr Auflagerung, wenn 
auch gewiß sehr langsam, statt. Dafür spricht auch der Umstand, 
daß die Küste bei der schon seitwärts der tiefsten Einbuchtung 
gelegenen aufblühenden Niederlassung gemüsebauender .Mahonesen, 
die nach einer dicht am Strande liegenden alten Türkenfeste Fort 
de l'Eau genannt ist, durchaus nicht von der Kurve abweicht, 
was unbedingt der Fall sein würde, wenn hier noch immer Land- 
abtragung stattfände, denn dort tritt der Höhenrücken, der gerade 
dort feste mächtige Kalkbänke, wie ein Straßeneinschnitt zeigt, 
enthält, mit Höhen von 20 m auf 250 m an den Strand heran. 
Wir müssen daher annehmen, daß infolge der in östlicher Rich- 
tung überhaupt abnehmenden positiven Niveauverschiebung, oder 
weil dauernd oder vorübergehend dieselbe zum Stillstand gelangt 
ist, die Abrasionsfläche diejenige Breite erlangt hat, bei welcher 
die Brandungswelle, durch Reibung erlahmend, nicht mehr abzu- 
tragen vermag, sondern die an den Vorgebirgen abgeriebenen 
oder von den von zwei Flüssen und zahlreichen Gießbächen 
herbeigeführten Massen im Innern der Buchten ablagert. Auch 
die Gegenströmung kommt dabei in Betracht. Es dürften hier 
die in Bildung begriffenen übergreifenden Schichten schon eine 



Die Bucht von Algier. t i g 

ziemliche Mächtigkeit erlangt haben. Bohrungen nahe dem Strande, 
etwa vor dem Versuchsgarten, könnten dies ohne viel Kosten 
feststellen. Wenn ich somit die Bucht von Algier in ihren sonstigen 
Verhältnissen als eine Brandungsbucht an einer Abrasionsküste 
ansehen muß, so muß ich doch auf die von mir 1 906 beobachtete 
Tatsache hinweisen, daß der gewaltige Steilabsturz der hier dis- 
kordant und ungestört dem Palaeozoicum auflagernden Miocän- 
schichten des Sahel von Algier über dem Jardin d'Essai und 
Mustapha Superieur auf einer im flachen Bogen verlaufenden Ver- 
werfung beruht. 



4. Neue Küstenstudien an der Abrasionsküste 
von Tipaza und Algier. 1 ) 

Eine Studienreise, welche ich in der Zeit von Ende Februar 
bis Anfang Mai 1906 mit Unterstützung der Karl Ritter- Stiftung 
der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin unternahm, hatte zwar 
vorwiegend den Zweck in Europa, außer etwa in Paris, nicht gut 
auszufüllende Lücken in meiner Kenntnis der Atlas -Länder, die 
seit langem im Vordergrunde meiner Mittelmeerstudien stehen, 
durch Literatur-, kartographische und ähnliche Studien auszu- 
füllen; aber ich hatte doch auch Studien im Gelände und nament- 
lich an den Küsten von vornherein in meinen Arbeitsplan aufge- 
nommen. Obwohl durch einen Anfall der im März in Algier 
herrschenden Influenza an solchen Arbeiten gehindert, war es mir 
doch möglich, annähernd das gesteckte Ziel zu erreichen und im 
Laufe des April auch sonst fast alles auszuführen, was geplant 
war. Sehr großen Dank schulde ich dabei dem außerordentlich 
freundlichen Entgegenkommen der französischen Gelehrten, vor 
allem Prof. Ficheur, dem ausgezeichneten Kenner der Geologie 
Algeriens. 

Da die hier mitgeteilten Beobachtungen an frühere unmittel- 
bar anschließen, so kann ich den Hinweis nicht umgehen, daß 
ich mich mit Küstenstudien überhaupt, aber namentlich in Nord- 
Afrika, seit Jahrzehnten mit Vorliebe beschäftigt und auf ver- 

1) Zuerst erschienen in der Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde 
zu Berlin 1906, wo 12 Bilder nach eigenen Aufnahmen und eine Karte den 
Text erläutern. 



120 H, 4- Küstenstudien an der Abrasionsküste von Tipaza und Algier. 

schiedenen Reisen die Küsten der Atlas-Länder, von der Kleinen 
Syrte bis Mogador, mehr oder weniger eingehend kennen gelernt 
habe. Namentlich kam es mir dabei darauf an, den Einfluß der 
Brandungswelle auf die Küstengliederung klar zu legen und an 
besonders lehrreichen Punkten zu veranschaulichen; denn ich 
hatte längst erkannt, daß es wohl Küsten gibt, an denen uns 
die Wirkungen dieser gewaltigen Kraft noch weit packender ent- 
gegentreten , die der Britischen Inseln z. B., aber kaum solche, 
die so genaue Zeitangaben ermöglichen wie hier. Die Nordküste 
der Atlas-Länder ist fast seit drei Jahrtausenden von gesitteten 
Völkern besiedelt, die dort bauliche Anlagen der verschiedensten 
Art, wenn auch vorzugsweise dem Seeverkehr zu dienen bestimmte, 
schufen. Diese Anlagen waren nun dem Ansturm der Brandungs- 
welle ausgesetzt, und ihr heutiger Zustand gewährt uns so einen 
Zeitmesser für die Arbeitsleistung des Meeres. Daß diese an 
einem Mittelmeer von geringer meridionaler Erstreckung und in 
der niederen Breite von 36 ° n. Br. geringer sein muß als an den 
Ozeanküsten höherer Breiten, namentlich an Küsten, wo stürmische 
West- und Südwestwinde, Gezeiten, Frost und dergleichen mit- 
wirken, kann von vornherein keinem Zweifel unterliegen; aber an 
der ganzen Nordküste von Afrika, vom Kap Spartel bis zur Grenze 
Ägyptens gegen Syrien, sind im Jahresmittel auflandige Winde 
vorherrschend, ganz besonders in der warmen Jahreshälfte, also 
eine lange Zeit und gelegentlich im Winter, wenn sich Tröge 
niedern Luftdrucks auf den Teilbecken des Mittelmeeres ent- 
wickeln, mit ungeheuerer Stärke wirkende Kraft. In der Tat 
kann man ihre Wirkungen überall, bei Alexandria, in Barka, bei 
Tripolis und an der ganzen Nordküste der Atlas -Länder wahr- 
nehmen. Es ist der Passat, der infolge der gegensätzlichen Er- 
wärmungs- und Luftdruckverhältnisse der einander parallel äqua- 
torial verlaufenden Erdoberflächengürtel des Mittelmeeres und der 
großen Wüste die Südhälfte des Mittelmeeres mehr oder weniger 
scharf ausgeprägt in seinen Herrschaftsbereich einbezieht. Die 
Windrichtungen schwanken zwischen Nordwest und Nordost, die 
Windstärke und dem entsprechend die Brandung wächst mit 
steigender Sonne. Nachdem ich diese wohlbekannte Erscheinung 
selbst im Frühling, im März und April, wo ich sie nicht erwartet 
hatte, zu meinem Schaden festgestellt hatte, benützte ich stets 
ganz frühe Morgenstunden, wenn es galt, im Boot vom Meere 



Abrasionsküste bei Algier. j 2 i 

aus die Küste zu untersuchen, gelegentlich zu landen oder küsten- 
nahe Felsinseln zu erreichen. Beides war gegen Mittag der 
starken Brandung wegen unmöglich. 

Die von der Deutschen Seewarte unter Dr. Schotts Leitung 
durchgeführte Verarbeitung der Beobachtungen deutscher Schiffe 
auf dem Wege durch das Mittelmeer 1 ), also in geringer Entfernung 
der Nordküste Afrikas entlang, stellt das Überwiegen dieser nörd- 
lichen Luftströmungen, also auflandiger Winde an der Küste, im 
Laufe des Jahres fest. Im Winter herrschen südlich vom 40. Pa- 
rallel allgemein Nordwestwinde vor, am meisten mit 37 Prozent 
vor Ägypten. An der Küste der Atlas-Länder speziell überwiegen 
im Dezember und Januar je weiter nach Osten um so mehr Nord- 
westwinde. Im Frühling überwiegt Nordwest noch mehr, je weiter 
nach Osten um so mehr. Im Sommer herrscht im nordwestlichen 
Mittelmeer vom 40. Parallel nach Süden monsunartiger Nordost, 
also Passatrichtweg, im Südostbecken Nordwest, ja vor dem Nil- 
Delta zu 67 Prozent. Im Herbst überwiegen im Osten und Norden 
des Mittelmeeres Nordwestwinde, doch sind auch andere Wind- 
richtungen häufig. Die Wandstärke wächst vom November an 
auffallend, dreiviertel aller Stürme fällt auf den Winter. 

Diese auf offenem Meere gemachten Beobachtungen finden 
im allgemeinen ihre Bestätigung durch diejenigen der Küsten- 
stationen 2 ). In Nemours, nahe der Grenze von Marokko, über- 
wiegen vom Mai bis Oktober Nordwinde durchaus, in Oran sind 
sie in allen Monaten des Jahres häufig bzw. überwiegend, be- 
sonders im Sommer, nächstdem Nordwest; auf Kap Falcon über- 
wiegt Nordost durchaus im Sommerhalbjahre, in Algier Ostwinde, 
nächstdem Nord und Nordost, in Tizi-Uzu etwas landeinwärts im 
Tale des Sebau der großen Kabylei sind Nordwest und Nordost 



1) Wind, Strom, Luft- und Wassertemperatur auf den wichtigsten 
Wasserwegen des Mittelmeeres. Herausgegeben von der Deutschen Seewarte. 
Berlin 1905. 

2) Einer meiner früheren Zuhörer, Herr Dr. K. Knoch, Assistent am 
Kgl. Meteor. Inst, in Berlin, hat die Beobachtungen der fünf Stationen 
Nemours, Oran, Kap Falcon, Algier, Tizi-Uzu auf Grund der für seine 
Dissertation über die Niederschlagverhältnisse der AÜas-Länder gesammelten 
Beobachtungen für mich berechnet und zwar für die Periode von 1885 bis 
1900, bemerkt aber dazu, daß die Beobachtungen nicht allzu zuverlässig zu 
sein scheinen, da Wechsel der Beobachter oft auch einen Wechsel der Wind- 
richtungen bedingt. Vgl. auch S. 92. 



12 2 II, 4- Küstenstudien an der Abrasionsküste von Tipaza und Algier. 

die häufigsten Windrichtungen in allen Monaten des Jahres. Im 
März und April 1906 überwogen in Algier nach meinen eigenen 
Beobachtungen nordwestliche und nordöstliche Winde in solchem 
Maße, daß nur an wenigen Tagen andere Windrichtungen, be- 
sonders West, oder Windstillen herrschten. 

Mit welcher unwiderstehlichen Gewalt die Stürme hier die 
Küste angreifen, das haben die Franzosen bei ihren Hafenbauten 
erfahren, die periodisch bei jedem größeren Sturme Schaden 
leiden. Wie das bei dem Sturme vom 9. Februar 1886 in Algier 
aufgenommene Bilder zeigen, wurden damals die Brandungswogen 
turmhoch an den auf hoher Klippe stehenden Häusern empor- 
gepeitscht. In Tipaza fand ich 10 m über dem Meeresspiegel 
und mindestens ebenso weit von demselben die pliocänen Sand- 
steine von der Brandungswelle bienenwabenähnlich zerfressen. Ich 
hatte 1886 festgestellt, daß das Meer vor dem alten Nordwesttore 
von Algier, dem Bab-el-Wed, anscheinend die Küste unablässig 
abtragend und eine Abrasionsterrasse bildend, gegen das Land 
vorrückt und die unmittelbar am Strand entlang die Stadt mit 
dem Villenvorort St. Eugene verbindende Straße bedroht, ja zeit- 
weilig ungangbar macht, wie bei dem Sturme vom 9. Februar. 
Man hatte sie notdürftig ausgebessert. So erfolgreich war das 
Meer an einer kleinen in den festen alten paläozoischen, prä- 
kambrischen (?) bläulichen, tonigen, von Quarzadern durch- 
zogenen Schiefern des Buzarea-Massivs ausgearbeiteten Bucht 
gegen das Land vorgerückt, daß die so gefährdete Straße nur noch 
die Kaserne der Salpetriere, die erst 1815 als ein Teil der 
Sommerresidenz des Dey erbaut worden war, vom Strande trennte 
und bei Sturm die Wogen die Mauern dieses Bauwerks bespritzten, 
das man unmöglich so nahe am Meere errichtet haben würde, 
wenn die Verhältnisse eben die gleichen wie heute gewesen wären. 
Ich sprach damals aus x ) : „Man wird sehr bedeutende Arbeiten 
vornehmen müssen, um der Brandungswelle erfolgreichen Wider- 
stand zu leisten und die Straße und die Salpetriere, die beim 
nächsten Sturme der größten Gefahr ausgesetzt sein würde, zu 
schützen." Einer meiner ersten Spaziergänge im März 1906 
führte mich an diese Stelle; mit Staunen und Genugtuung stellte 
ich fest, daß diese ,,sehr bedeutenden Arbeiten" inzwischen aus- 

1) Siehe S. 114. 



Besiedelung der Küste von Algerien. 



123 



geführt worden waren! Eine 5 — 6 m, örtlich noch höhere Ufermauer 
aus mächtigen Blöcken des harten blauen Kalksteines des Buzarea- 
Massivs schützt jetzt auf mehr als 1 km Länge das Land gegen 
die Angriffe des Meeres, und durch Aufschüttungen hinter dem 
Damme ist noch Raum für eine am Meere entlang führende 
Kleinbahn gewonnen! 

Eine kleine Reise galt Tipaza, der Trümmerstätte einer großen 
römischen Küstenstadt, 68 km westlich von Algier, um meine dort 
vor 20 Jahren gemachten Beobachtungen nachzuprüfen und zu 
ergänzen. Dieselbe bot zugleich Gelegenheit, die außerordent- 
lichen Fortschritte festzustellen, welche die Kolonisation seitdem 
gemacht hat. Die ganze Küste bis zu dem weit aus dem ur- 
sprünglich geraden Verlauf der Küstenlinie als hohe Landmarke 
von der Brandungswelle herauspräparierten Kap Chenoua, 75 km 
westlich von Algier, ist heute besiedelt, von Algier bis zu dem 
durch die Landung der Franzosen am 14. Juni 1830 bekannt ge- 
wordenen Kap Sidi-Ferruch sogar ziemlich dicht. Aber man stellt 
sofort fest, daß Spanier und Italiener, die allerdings hier in der 
Umgebung von Algier der Aufsaugung durch die Franzosen rasch 
unterliegen dürften, unter den Ansiedlern sehr zahlreich sind und 
daß namentlich ihre Arme, meist der einzige Besitz, über welchen 
sie verfügen, die großen Weinpflanzungen, die hier angelegt 
worden sind, geschaffen haben. Ich bin hier mehr mit Spaniern 
und Italienern, auch solchen, die kein Wort Französisch kannten, 
zusammengetroffen, als mit Franzosen, aber auch mit Spaniern, 
die nicht mehr Spanisch konnten. In Guyotville, einem der 
hübschesten Dörfer Algeriens, nur 15 km westlich von Algier, 
findet sich sogar die größte geschlossene Landwirtschaft treibende 
italienische Kolonie in Algerien, etwa 1000 Köpfe unter den 
2800 Einwohnern des Dorfes. Sie bauen namentlich auf dem 
warmen sandigen Boden Gemüse und Frühtrauben zur Ausfuhr. 
Die angebaute Fläche ist in lauter kleine Felder geteilt, die von 
hohen Zäunen von Arundo donax zum Schutze gegen den salzigen 
Seewind umschlossen sind. Wo dieses, wohl weil der Boden zu 
trocken ist, nicht gedeiht, hat man zu gleichem Zweck zwischen 
den hier stets niedrig gehaltenen Reben Streifen von Roggen ge- 
säet, der im Frühling, wenn die jungen Triebe der Rebe sich 
entwickeln, schon hoch in Ähren steht und so den nötigen Schutz 
bietet, das einzige Mal, wo ich Roggen in Algerien gesehen habe. 



124 ^' 4* K-üstenstudien an der Abrasionsküste von Tipaza und Algier. 

Guyotville wird auch immer mehr als Sommerfrische und zum 
Genuß der Seebäder aufgesucht, wie fast alle diese Küstenorte 
westlich und östlich von Algier. Bei Fort de l'Eau, einer An- 
siedlung Gemüse bauender Spanier von der Insel Minorka (Ma- 
honesen), östlich von Algier, an der Bucht, das einen herrlichen 
feinsandigen Badestrand besitzt, ist ein förmlicher, nur im Sommer 
bewohnter Badeort entstanden. Ebenso fand ich die Ansätze zu 
einem solchen, zunächst aus ein paar Dutzend kleiner verstreuter 
Villen bestehend, auf der schmalen Hebungsterrasse am Ostfuße 
der steil aufragenden Kalkwände desKapChenoua, daher „Chenoua 
Plage" genannt. Auch Tipaza verdankt seine Entwickelung zum 
Teil seiner Eigenschaft als Seebadeort, die gewiß weniger auf 
seinem felsigen Strande beruht, der sich wenig dazu eignet, als 
auf der lieblichen Umgebung und den Altertümern. Die Ent- 
wickelung aller dieser kleinen Küstenplätze zu Seebadeorten unter- 
liegt zwingenden geographischen Bedingungen. Die Ebene der 
Mitidja, obwohl nur durch den schmalen und niedrigen Damm 
des Sahel von Algier vom Meere getrennt, ist so heiß, schon im 
April, im Sommer auch noch vielfach von Malaria heimgesucht, 
wenn auch nicht entfernt mehr wie in den ersten Jahrzehnten 
nach der Eroberung, daß jeder, der es irgendwie kann, sich in den 
kühlen Anhauch des so nahen Meeres flüchtet. Und da die Mitidja 
jetzt fast in ihrer ganzen Ausdehnung besiedelt und angebaut, 
auch der Wohlstand der Ansiedler wesentlich gestiegen ist, so er- 
klärt sich dieser neue Faktor der Entwickelung der Küstensiede- 
lungen, von welchen vor 20 Jahren noch keine Spur vorhanden 
war. Daneben sind aber auch inzwischen reine Fischerdörfer an 
dieser fischreichen Küste entstanden. So an der flachen, bisher 
namenlosen, aber am besten nach Tipaza zu benennenden Bucht, 
zwischen Kap Chenoua und Kap Sidi-Ferruch das Dorf Tschifalo, 
ganz italienisch, von italienischen Fischern gegründet und nach 
ihrem Heimatorte Cefalu in Sizilien benannt. So am Kap Matifu, 
dem östlichen Vorgebirge der Bucht von Algier, nahe nördlich 
der Trümmerstätte von Rusgunia , neben dem alten türkischen 
Fort, das Dorf La Perouse, 1896 gegründet, und östlich vom 
Kap das Dorf Jean Bart, 1893 gegründet, wie schon die Namen 
der französischen Seehelden erkennen lassen, staatliche Grün- 
dungen, und als solche schon von fern zu erkennen, in welche 
man unter den denkbar günstigsten Bedingungen, wie in ein 



Besiedelung der Küste von Algerien. 12^ 

warmes Nest, korsische (La Perouse) und südfranzösische Fischer 
gesetzt hat. Auch diese, wie alle anderen im Laufe von Jahr- 
zehnten immer und immer wiederholten Versuche, die italienischen 
Fischer, die nach wie vor die reichen Fischereigründe an der 
algerischen Küste ausbeuten, durch französische zu verdrängen, 
sind als gescheitert anzusehen. Nur einige korsische, also im 
Grunde auch italienische Fischerfamilien in La Perouse haben sich 
gehalten; ich sah einige ihrer Boote mit geschwellten Segeln vom 
Fang heimkehren. Sonst sind hier, wie anderwärts, Neapolitaner 
an Stelle der Franzosen getreten. Und jede dieser französischen 
Fischerfamilien hatte dem Staat ioooo Frcs. gekostet! Freilich 
waren es auch vielfach nicht wirkliche Fischer, sondern Leute, 
die man in den Häfen der Bretagne oder der Provence aufge- 
lesen hatte. Italiener (und Spanier) bilden auch heute noch, wenn 
sie auch durch ein 1888 erlassenes Gesetz, welches nur franzö- 
sischen Staatsbürgern das Fischen an den Küsten von (Frankreich 
und) Algerien gestattet und die italienische Bevölkerung in Algerien 
von 1886 — 1896 von 44000 auf 35000 sinken machte, äußer- 
lich zu Franzosen gemacht worden sind, die ganze Fischer- und 
seemännische Bevölkerung Algeriens. Zu den Seßhaften kommen 
aber sommerliche Wandervögel hinzu, noch mehr wie an den 
Küsten Algeriens an denen Tunesiens. Dort neben Italienern 
auch Griechen, die besonders Schwämme und die getrockneten 
als Nahrung in Griechenland so geschätzten Pulpen fischen. 
Immerhin sind solche zeitweiligen Niederlassungen italienischer 
Fischer an den versteckten Buchten Algeriens nicht selten. Ich 
fand eine solche an der Küste der großen Kabylei. Ein großes 
Zelt, vor welchem die Boote auf den sandigen Strand gezogen 
waren, beherbergte ein Dutzend Fischer und ihre Beute, einge- 
salzene Sardinen , Tonne über Tonne hoch aufgestapelt. Auch 
in Tipaza fand ich eine solche Sommerkolonie italienischer Fischer. 
Manche bringen auch ihre Familien mit, da die Frauen und 
Kinder beim Einsalzen helfen können. 

Die Küste von Algier bis zum Kap Chenoua ist mäßige Steil- 
küste, meist felsig und klippig, außer am Kap Sidi-Ferruch und 
an der Mündung des Nador bei Tipaza. Außerordentlich malerisch, 
wild zerrissen, von Klippen und felsigen Inselchen begleitet, ist 
die Küste des alten Massivs des Buzarea von Algier bis Ras 
Acrata, besonders am Kap Caxine und an der Pointe Pescade. 



12Ö n, 4. Küstenstudien an der Abrasionsküste von Tipaza und Algier. 

Auf dieser Strecke kann man die erfolgreichen Angriffe des Meeres 
mit Händen greifen. Die Mündung jedes der kleinen Gießbäche, 
welche das Buzarea-Massiv so wild durchschluchtet haben, daß 
die jetzt im Bau begriffene kleine Straße, welche durch das be- 
kannte Frais Vallon auf die miocäne Hochfläche von El Biar 
hinaufführt, streckenweise, wenn man von der südlichen Pflanzen- 
welt absieht, einem Alpensträßchen gleicht, ist zu einer kleinen 
Brandungsbucht ausgearbeitet. Die reichste Kleingliederung ent- 
spricht den festen mehr oder weniger kristallinischen blauen 
Kalken des Buzarea, nächstdem den Tonschiefern. Am Kap 
Caxine treten Gneise, wohl das älteste Gestein des Buzarea-Massivs, 
zutage. Daß die flache Bucht von Tipaza zwischen den hohen 
Landvorsprüngen des Massivs des Buzarea auf der einen, des 
Chenoua auf der anderen Seite als eine auf Kosten der weichen 
Neogenschichten des Sahel von Algier gebildete Brandungsbucht 
aufzufassen ist, kann keinem Zweifel unterliegen, namentlich wenn 
man sieht, wie bei Tipaza das Land unter dem Anprall der Wogen 
beständig zurückweicht und im Laufe von kaum 1 1 / 2 Jahrtausend 
um etwa 15, ja vielleicht 25 m zurückgewichen ist. 

Ein neues Interesse gewinnt aber diese Frage der Ver- 
schiebung der Küstenlinie in der Wagerechten, wenn wir daneben 
den Bewegungen derselben in der Senkrechten Aufmerksamkeit 
schenken. Wie General de Lamothe 1 ), der diesen Erscheinungen 
in Nord-Afrika, auch in Tunesien, gründliche Studien gewidmet 
hat, festgestellt hat, lassen sich am Sahel d'Alger acht alte Strand- 
linien erkennen, welche den Isohypsen von 17, 30, 55, 100, 140, 
200, 265, 320 m entsprechen. Auch sind Spuren einer noch 
höheren von 350 m vorhanden. Man kann sie auf große Strecken 
verfolgen, da sie topographisch in scharf ausgeprägten Stufen 
hervortreten, die Reste unterseeischer Plattformen, wie sich deren 
eine nach meiner Ansicht in der Gegenwart hier vor der Küste 
bildet, von roten Sanden mit kleinen weißen Quarzkieseln be- 
deckt, die ausnahmsweise auch marine Konglomerate bilden. Ihre 
Ausbildung fällt in die Zeit vom alten Pliocän (die höchsten) bis 
ins obere Quartär. Nach bei Mostaganem gemachten Beobachtungen 
glaubt Lamothe annehmen zu müssen, daß nach dem Niveau von 



*) Les anciennes lignes de rivage du Sahel d'Alger. C. R. Ac. Sc. 
25. Dec. 1904. 



Küstenterrassen. 



127 



15 (17)111 eine große negative Bewegung die Strandlinie unter 
das heutige Niveau gesenkt habe, seitdem aber eine positive Be- 
wegung sie zum heutigen Niveau ansteigen macht, d. h. er kommt, 
ohne meine Arbeit zu kennen, zu derselben Anschauung, zu 
welcher ich schon 1886 gekommen war, daß nämlich aus dem 
Vorrücken des Meeres in geschichtlicher Zeit und aus dem 
Charakter der unterseeischen Abrasionsterrasse auf (eine positive 
Bewegung) eine Senkung des Landes geschlossen werden müsse. 
Bei Zeralda, südlich vom Kap Sidi-Ferruch , liegen vier solcher 
Terrassen, ehemalige Küstenebenen, den Stufen einer Riesentreppe 
ähnlich, übereinander. Die größte derselben, auf welcher die 
großen Anlagen des ehemaligen Klosters La Trappe liegen, das 
Schlachtfeld vom 19. Juni 1830, erstreckt sich kilometerweit ganz 
wagerecht. Wie General de Lamothe an der ganzen Küste von 
Algerien solche Strandlinien feststellen konnte, so fand ich auch 
am Kap Chenoua derartige Terrassenbildung deutlich ausgeprägt. 
Ras-el-Amuch, der nordöstliche Landvorsprung, wird von einer 
untersten Terrasse gebildet, die etwa der Strandlinie von 17 m 
entspricht, die ihrerseits aber bereits wieder zum Teil der 
Brandungswoge erlegen ist. Das ganze Vorgebirge erscheint von 
der Brandungswelle fast in gleichem Maße wie das Buzarea-Massiv 
zernagt. Es ist rings von Klippen und kleinen Felsinseln um- 
geben und den höheren Strandlinien entsprechen Reihen von 
Höhlen in dem marmorartigen und auch als Marmor und zur 
Zementgewinnung am Kap Chenoua selbst ausgebeuteten Kalkfels. 
Die bekanntesten dieser Höhlen sind die Grottes du Nador an 
den fast senkrechten Felswänden der Ostseite. Auf einer wohl 
der Strandlinie von 30 m entsprechenden Terrasse, die man in 
dem durch einen Gießbach geschaffenen Aufschlüsse als Aus- 
füllung einer Meeresbucht erkennt, hat sich, weltabgeschieden, 
von Kap Chenoua selbst, vom Meere und hohen Felswänden um- 
schlossen, ein französischer Ansiedler niedergelassen, der mir 
liebenswürdige Gastfreundschaft bot. Er betreibt vorzugsweise mit 
spanischen Arbeitern neben der Landwirtschaft einen Marmor- 
bruch und eine Zementfabrik, deren Erzeugnisse im Segelboot 
nach Tipaza und von dort auf Küstendampfern nach Algier ver- 
frachtet werden. Ein äußerst malerisches Gebirgssträßchen ver- 
bindet jetzt sein Königreich mit der Welt. Die Dünenbildung 
ist aufs engste mit den Flußmündungen verknüpft. Am Kap 



12 8 n, 4- Küstenstudien an der Abrasionsküste von Tipaza und Algier. 

Sidi-Ferruch, einem aus der Tiefe inselhaft auftauchenden Bruch- 
stück des Buzarea-Massivs, ist es der Wed Mazafran, die Haupt- 
wasserader des Mitidja- Atlas, der die Sandvorräte liefert. Die Küsten- 
strömung drängt seine namentlich bei Hochwasser außerordentlich 
sinkstoffreichen Fluten, nach denen er der gelbe Fluß (Saffran) 
benannt ist, nach rechts an der Küste entlang, gegen Kap Sidi- 
Ferruch, so daß die linke Seite seiner Mündung ganz dünenfrei 
ist. Doch liefert anch die Brandung selbst Stoff zu den Dünen, 
die mit immergrünen Macchien, ja zum Teil mit Wald bedeckt 
sind. Auch an der Mündung des Wed Nador, der die westlichste 
Mitidja entwässert, haben sich kleine Dünen gebildet. 

Von der Mazafran-Mündung bis Tipaza ist die Küste aus 
wagerechten Schichten pliocänen Sandsteins gebildete 10 — 20 m 
hohe Steilküste, die Mündung fast jedes Gießbaches zu einer 
kleinen Bucht ausgearbeitet. Das Kolonistendorf Berard liegt auf 
der etwas breiter entwickelten 1 7 m -Terrasse. Der ganze Hang 
bis hinauf zur Isohypse von 1 00 m, wo noch heute die Macchien 
des Sahel beginnen, ist jetzt bebaut, kleine Dörfer und zahlreiche, 
meist große Meierhöfe sind hier entstanden. Auch hier, wie in 
der Mitidja, erkennt man, daß vorzugsweise französisches Groß- 
kapital sich hier niedergelassen und mit Hilfe spanischer Arbeiter 
besonders große, sorgsam gepflegte Weinpflanzungen angelegt hat. 
Bei Berard waren auch ansehnliche Bananenpflanzungen, die 
man auch bei Algier, bei Fort de l'Eau und anderwärts findet. 
Diese Kolonistendörfer sind alle, soweit es nur irgend das Gelände 
erlaubte, nach demselben Schema in ganz Algerien erbaut und 
verraten darin ihren staatlichen Ursprung. Das gilt von den 
ältesten in der Umgebung von Algier, wie etwa Birmandreis, wie 
von den jüngsten. Den Mittelpunkt bildet ein freier Platz, häufig 
mit amerikanischen Platanen bepflanzt, an welchem die Kirche, 
die Mairie mit dem Schulhaus, ein (Lauf-)Brunnen und mindestens 
ein Kaffeehaus sich findet, meist mehrere, nicht selten als Hotels 
bezeichnet, die Gasträume fast immer mit Absinth oder Wein 
trinkenden, Billard oder Karten spielenden Männern besetzt. An 
diesen Platz schließen sich rechtwinklig schneidende, auch meist 
mit Bäumen besetzte, von lauter niederen Häuschen gebildete Straßen 
an. Allerdings unterliegt der Weinbau, der den Anbau und die 
Kolonisation so mächtig gefördert hat, die Karte, auf welche man 
in übertriebener Spekulation meist alles gesetzt hat, augenblicklich 



Das heutige Tipaza. j2Q 

in Algerien einer schweren Krisis, die durch vollständige Wieder- 
herstellung und durch die riesigen Erträge der Weinpflanzungen 
im Mutterlande, durch Überfüllung des Marktes und wohl auch 
Geringwertigkeit der algerischen Weine verursacht ist, bei deren 
Behandlung man in dem heißen Klima noch immer zu lernen 
hat. Es waren 1903 im Departement Algier 66000, in Oran 
95000, in Konstantine 21000 ha mit Reben bepflanzt. Aber die 
auf diesen Pflanzungen ruhende Schuldenlast wurde auf 330 Mill. 
Frcs. geschätzt, d. h. 1823 Frcs. auf 1 ha, während man jetzt 
in der Mitidja den Hektar fertiges Weinland zu geringerem Preise 
kaufen kann. In Konstantine ist der Weinbau in vollem Ver- 
falle, ungeheure Flächen sind schuldenhalber zwangsweise ver- 
kauft worden. 

Tipaza, das bei meinem ersten Besuche 1886 von den 
Archäologen kaum entdeckt war und mit seinen wenigen ärm- 
lichen Kolonistenhäusern einen wenig hoffnungerweckenden Ein- 
druck machte, hat sich seitdem außerordentlich entwickelt, aber 
anscheinend nicht so sehr durch Hebung des Anbaues, obwohl 
auch das zu beobachten ist und namentlich die Familie des 
inzwischen verstorbenen Herrn Tremeaux , der mich 1886 
hier freundlich aufnahm, die vom Staate sozusagen geschenkten 
Ländereien in eine ganz unabsehbare Weinpflanzung verwandelt 
hat. Sein schlichtes Landhaus inmitten eines eigenartigen Parkes 
mit sei es dort aufgestellten, sei es an Ort und Stelle befindlichen 
zahlreichen Altertümern ist aber gänzlich unverändert, nur einige 
schöne Marmorsarkophage sind hinzugekommen. Auch einige 
aus Feldsteinen und Reisig errichtete armselige Hütten der Ein- 
geborenen auf dem östlichen der drei Hügel, über welche sich 
die alte Stadt ausdehnte, sind gänzlich unverändert. Die Kinder, 
welche mir, als ich in die Nähe kam, geringwertige römische 
Münzen anboten, waren vielleicht die Sprößlinge der Kinder, die 
vor 20 Jahren dasselbe getan hatten. Alles gleich armselig, 
schmutzig, zerlumpt wie damals. 

Der Aufschwung von Tipaza beruht vielmehr auf denselben 
geographischen Gründen, die hier in spätrömischer Zeit eine Stadt 
von mindestens 20000 Einwohnern schufen. Tipaza ist das natür- 
liche Seetor der westlichen Mitidja, die hier durch das Tal des 
Wed Nador, der ähnlich dem Mazafran, den Sahel von Algier 
durchbricht, einen bequemen Zugang zum Meere hat. Als See- 
Fischer, Mittelmeerbilder. Neue Folge. 9 



I 30 H> 4- Küstenstudien an der Abrasionsküste von Tipaza und Algier. 

Stadt und Seebadeort ist das alte Tipaza aufgeblüht, und das 
neue würde noch mehr aufblühen, wenn das die französischen 
Verhältnisse gestatteten. Die Mitidja ist heute in ganz anderer 
Weise besiedelt und angebaut wie in römischer Zeit und im 
Mittelalter, wo sie in großer Ausdehnung versumpft und ungesund 
war. Erst allmählich haben sie die aus dem Mitidja- Atlas un- 
geheuer geröllreich hervorbrechenden Flüsse mit ihren Schutt- 
kegeln aufgehöht, um so rascher in den letzten Jahrhunderten, je 
mehr das Gebirge entwaldet und infolgedessen um so rascher 
abgetragen wurde. Den letzten großen Sumpf, den Hallulasumpf, 
haben die Franzosen erst künstlich ausgetrocknet. Reste römischer 
Siedelungen hat man nur an den Rändern und Enden der Mitidja 
und stets nur über derselben gefunden. Selbst Icosium (Algier) 
und Rusgunia kamen im Altertum zu keiner größeren Entwick- 
lung, weil sie kein Hinterland hatten. Als Seebadeort mag sich 
Tipaza entwickeln, soweit es der ungünstige Badestrand erlaubt; 
aber seiner Entwicklung als Seestadt sind dieselben Grenzen ge- 
setzt, wie allen Küstenplätzen soweit nach Westen und Osten, 
als man nur irgend hoffen darf, den Verkehr noch nach Algier 
zu lenken, bis Oran im Westen, Philippeville im Osten. In Dellys 
und in Bougie, den beiden Seetoren der großen Kabylei, die ein 
zwar an Erzeugnissen armes, aber an Menschen reiches Hinter- 
land für beide bildet, hört man bitter klagen, daß Wahl- und 
andere Rücksichten, welche die Regierung auf Algier nehmen 
muß, den Bau von Häfen verhindern, so daß der Großverkehr in 
Algier vereinigt ist, und somit diese Stadt, echt französisch 
zentralisierend, auf Kosten aller Küstenplätze weithin stetig und 
rasch wächst. Nur gerade so viel hat man allen diesen Plätzen 
geschaffen, daß kleine Küstendampfer bei gutem Wetter anlegen 
können, welche die Landeserzeugnisse, soweit sie nicht auf Eisen- 
bahnen verfrachtet werden, nach Algier bringen und Erzeugnisse 
des Mutterlandes zurückbringen. Bei Dellys hatte man bereits 
den Bau eines Hafens begonnen und 800000 Frcs. darauf ver- 
wendet, als es diesen Einflüssen gelang die Arbeiten zum Still- 
stand zu bringen, angeblich weil die natürlichen Verhältnisse zu 
große Schwierigkeiten böten. Bougie, das an Gunst der Lage 
sich durchaus mit Algier messen kann und im Mittelalter, wo 
Algier, wie auch im Altertum, kaum genannt wurde, lange Zeit 
eine mit herrlichen Bauwerken geschmückte große Seehandelsstadt 



Das heutige Tipaza. I 2 j 

und Herrschersitz war, würde bei gleicher Begünstigung seitens 
der Regierung Algier bald einholen. 

Man hat in Tipaza seit 1886, wo hier nur ein Zollwächter- 
posten und Seeverkehr fast unmöglich war, eine Ufermauer, an 
welcher bei ruhigem Wetter die kleinen Küstendampfer und Segler 
anlegen können, und einen gepflasterten Lagerplatz geschaffen, 
der aber durch eine starke 5 m hohe Mauer gegen die Brandung 
geschützt werden mußte. So können hier die Erzeugnisse der 
Umgebung, namentlich riesige Mengen Wein, nach Algier ver- 
frachtet werden. Manchen Tag legen zwei kleine Dampfer zu 
diesem Zwecke an. 

Auch im Altertume waren Kunstbauten nötig gewesen, um 
Tipaza zu einer Seestadt zu machen. Diese Anlagen und die 
landabtragende Tätigkeit des Meeres genauer zu erforschen, als 
ich es 1886 gekonnt hatte, das war meine Aufgabe. 

Mitten auf der Trümmerstätte des alten Tipaza, aber nur 
den mittleren Teil — wohl auch im alten Tipaza der älteste — 
einnehmend, wächst langsam, aber doch seit 1886 recht auffällig, 
das neue Tipaza heran, dessen Umgebung schon den Eindruck 
der Kulturlandschaft macht. Es besitzt schon 500 (europäische) 
Einwohner, drei Gasthäuser, von denen das eine, Hotel du Rivage, 
auch einem Verwöhnten leidliches Unterkommen bietet; der schon 
1867 errichtete Leuchtturm, die Zufluchtsstätte der wenigen da- 
mals vorhandenen Europäer bei dem Eingeborenenaufstande von 
1871, ist ein wundervoller Aussichtspunkt; die Trümmerstätte 
bietet viel Anziehendes. Das Landschaftsbild der Umgebung ist 
nicht ohne Reiz. Offenes Land, mit Weinreben bepflanzt oder 
mit Weizen bestellt, mit Waldrestchen, Eukalyptuspflanzungen 
und der urwüchsigen immergrünen, im Frühling blühenden, duftigen 
Macchia wechselnd, bedeckt das hügelige Gelände, darüber in 
der Ferne nach Osten auf der Höhe des Sahel der geheimnis- 
volle stumpfe Kegel des Grabmals numidischer Könige, von den 
Eingeborenen als Grab der Christin bezeichnet, das immer wieder 
die Blicke auf sich zieht, nach Norden das blaue Mittelmeer, im 
Westen den Horizont begrenzend, die schönen Linien der ge- 
waltigen Kalkmasse des Kap Chenoua. Die Neubauten, wie die 
eben im Gange befindlichen Arbeiten zur Erweiterung der 
Anlagen am Landeplatze, wobei es sich um Abtragung einer 
2 — 2*/ 2 m mächtigen Bodenschicht handelt, haben manche Alter- 

9* 



I 32 Hi 4< Kiistenstudien an der Abrasionskiiste von Tipaza und Algier. 

tümer zutage gefordert. Ich sah dort eine große Zisterne bloß- 
legen, unterirdische Entwässerungskanäle u. dgl. 

Seit meiner ersten Anwesenheit haben die Altertümer von 
Tipaza unter Verwertung meiner Feststellungen eine gründliche 
Untersuchung durch den trefflichen Archäologen Stephan Gsell, 
der sich um die Erforschung des römischen Mauritanien große 
Verdienste erworben hat, in den Jahren 1891 und 1892/93 er- 
fahren 1 ). Nach Gsell handele es sich nach dem Namen, welcher 
Durchgang bedeute, um eine phönikische Gründung, die aber 
wohl nie besondere Bedeutung erlangt habe. In numidischer Zeit 
trete Tipaza auch noch nicht hervor, wenn auch seine Lage zwischen 
dem nahe westlich gelegenen Herrschersitze Cherchel und dem 
eben genannten Grabmal ihm eine gewisse Bedeutung verleihen 
mußte. Unter Kaiser Claudius wurde es römische Kolonie. Später 
erlangte es volles Bürgerrecht und nahm unter den Antoninen 
und Severus einen rascheren Aufschwung. In der zweiten Hälfte 
des 2. oder im Anfange des 3. Jahrhunderts dehnte es sich dem 
Meere entlang und um die kleine Bucht herum über die drei 
Hügel aus und wurde von einer 2200 m langen, noch deutlich 
verfolgbaren, 1,60 m starken Mauer mit Rundtürmen umgeben. 
Man kann seine Bevölkerung für jene Zeit auf 20000 schätzen. 
Wie heute, wurde in der Umgebung vorzugsweise vom Großgrund- 
besitz Weinbau und Olivenzucht getrieben, aber es war in erster 
Linie Handelsstadt, mit guter Straßenverbindung mit dem Innern 
und an der großen Küstenstraße. Namentlich muß man aus dem 
Umstände, daß sich die Bewohner Ende des 5. Jahrhunderts vor 
den Vandalen nach Spanien flüchteten, auf Handelsbeziehungen 
zu Spanien schließen. Aus den Namen der Inschriften, die nur 
wenige punische Anklänge bieten, müssen wir schließen, daß die 
Bevölkerung ganz romanisiert war. Wenn auch in vandalischer 
Zeit durch die Katholikenverfolgungen geschädigt, bestand Ti- 
paza noch in byzantinischer Zeit. In Trümmern dürfte es etwa 
seit dem 6. Jahrhundert liegen. 

Die Lagenverhältnisse, die Entwickelung des alten Tipaza 
und die Veränderungen, welche die Brandungswoge hier im Laufe 
von 1 300 Jahren hervorgerufen hat, liegen jetzt durchaus klar 
vor mir. Den Anstoß zu der ersten Niederlassung phönikischer 



1) Tipaza. Ville de la Mauretanie cesarienne. Rom 1894. 



Das alte Tipaza. nj 

Kaufleute gab sicher die kleine Bucht und die Verbindung mit 
dem Innern durch das Nador-Tal von dieser Stelle aus. Die 
älteste Siedelung lag daher unzweifelhaft an der Stelle des heu- 
tigen Landeplatzes, und von dort dehnte sich die Stadt über die 
ebene, sanft nach innen ansteigende Fläche aus, auf welcher 
auch das heutige Dorf steht. Später nahm die Stadt auch das 
Hügelvorgebirge in Anspruch, an dessen Fuß das heutige Hotel 
du Rivage und das Landhaus Tremeaux steht und auf dessen 
Spitze 1867 der kleine Leuchtturm errichtet worden ist. Er heißt 
heute Ras-el-A'isch. Gsell nennt ihn nach den Tempelresten, die 
er dort nachgewiesen hat, den Hügel der Tempel. In christ- 
licher Zeit wuchs die Stadt auch noch auf einen östlichen Hügel 
hinauf, der aber nur zum Teil von der Stadtmauer eingeschlossen 
wurde. Auf ihm wurde außerhalb der Mauern die Basilika der 
heiligen Salsa, der Schutzheiligen von Tipaza, errichtet und ein 
christlicher Friedhof angelegt, dessen Gräber zum Teil in den 
Felsen gehauen und mit Steinplatten belegt, zum Teil einfache 
Steinsarkophage sind und heute ein weites eigenartiges Steinfeld 
bilden. Dieser Hügel heißt heute Kudiat Zarar. Ebenso dehnte 
sich die Stadt nach Westen über einen dritten Hügel aus, auf 
dem ebenfalls eine Basilika errichtet wurde, aber noch innerhalb 
der Mauern. Dieser Hügel heißt danach Ras-el-Knissa, Vorge- 
birge der Kirche. Auch an diese Basilika schließt sich, aber 
innerhalb der Mauern, ein christlicher Friedhof an, von dem aber, 
wie ich schon 1886 nachweisen konnte, durch Unterwaschungen 
des Meeres und Nachstürzen der etwa 30 m hohen Felswand, 
ein Teil zerstört ist. 

Dem wachsenden Verkehr der Stadt genügte bald die kleine 
Bucht an der südöstlichen Wurzel des Leuchtturmhügels nicht 
mehr. Es fehlte namentlich an Raum zum Lagern der 
Güter und an Ufermauern, an welchen die Schiffe, allerdings nur 
bei ruhigem Wetter, ganz wie heute, anlegen konnten. Diesen 
Raum schuf man durch Abtragen der Felsen vom Ufer landein- 
wärts, so daß die Häuser des östlichen Stadtteils auf einer 10 m 
hohen, so künstlich geschaffenen senkrechten Felswand standen, 
über welche man auf in den Felsen gehauenen Treppen auf den 
davor liegenden Lager- und Hafenplatz hinabstieg. Die so ge- 
wonnenen Steine hat man wohl zum Teil als Bausteine verwertet, 
namentlich aber, um noch mehr Raum zu gewinnen zu Auf- 



1^4 ^> 4- Küstenstudien an der Abrasionsküste von Tipaza und Algier. 

schüttungen seewärts und zu Ufermauern. Diese stützten sich 
auf etwa i oo m, von Westen nach Osten verlaufend, auf den ge- 
wachsenen, aber nach der Seeseite geglätteten und abgesprengten 
Fels. Der so künstlich geschaffene Lagerplatz und die Fels- 
fundamente der Ufermauer werden heute auch bei ruhigem Wetter 
vom Meere überspült! Bei den Felsabtragungen wohl der ältesten 
Zeit, an der zuerst als Hafen benützten Bucht, wurde ein mäch- 
tiger Felsblock, der stehen geblieben war, viereckig behauen, 
3,50 m x 3 m, ausgehöhlt und mit einem nur an einer Ecke, 
wohl absichtlich, abgebrochenen Felsdeckel versehen. Auch dieses 
merkwürdige Denkmal steht heute dauernd im Wasser. Die 
Brandungswoge hat unten eine Hohlkehle ausgewaschen, so daß 
es sich bereits etwas auf die Seite geneigt hat und in Zukunft 
einmal umstürzen wird. Es ist gewiß ein Mausoleum, und ich 
mache, auf jede Deutung meinerseits verzichtend, die Archäologen 
darauf aufmerksam, daß an der Küste von Lykien bei Makri 1 ), 
heute ebenfalls ganz im Wasser, ein ähnliches, nur künstlerisch 
reicher ausgestattetes Denkmal steht. 

Daß diese Anlagen, die nur im Sommer zu benutzen waren, 
dem wachsenden Verkehr nicht genügten, liegt auf der Hand. 
So schuf man, wohl in der Zeit der höchsten Blüte der Stadt, 
einen wirklichen, wenn auch kleinen Hafen und zwar mit Hilfe 
zweier kleiner Felsinseln, welche dem Osthügel in etwa 120 m 
Entfernung, Zeugen der Abtragung, vorgelagert sind. Diese beiden 
sich heute nur wenig über 2 m über Mittelwasser erhebenden 
Felseninselchen waren sicher einmal vereinigt, ob noch zu der 
Zeit, wo man den Hafen schuf, ist nicht zu entscheiden. War 
das nicht der Fall, so mußte man sie künstlich miteinander ver- 
binden. Kapitän Berard, der zuerst diese Küste aufgenommen 
hat, glaubte in der Tat die Reste eines solchen Dammes zu 
finden. Ebenso verband man sie durch einen Steindamm mit 
dem Ufer. Der so geschaffene kleine Hafen diente wohl nur als 
Liegehafen bei unruhigem Wetter; denn er lag abseits der Stadt 
und war wohl auch nur im Boot zugänglich oder höchstens auf 
Treppen von dem Gräberfelde des Osthügels aus 2 ). 

1) Abgebildet u. a. in Eduard Suess: Das Antlitz der Erde. Bd. 2, 
S. 567. Wien 1888. 

2) Da die vorhandenen Karten nicht genügen, um diese topographi- 
schen Verhältnisse zu veranschaulichen, so empfand ich es besonders schmerz- 



Abtragung der Küste bei Tipaza. j ■} c 

An diesen Anlagen hat nun die Brandungswelle zwölf Jahr- 
hunderte lang gearbeitet, Ihre Wirksamkeit erkennt man zunächst 
an der Bildung hier vorhandener Hohlkehlen, wie schon das 
Grabmal zeigt. Demnächst folgt Nachstürzen der unterwaschenen 
Felsen und, wenn der Trümmerwall im Laufe der Zeit aufbe- 
reitet und abgetragen ist, Bildung neuer Hohlkehlen u. s. f. Ein 
Vergleich des heutigen Zustandes mit dem von 1886 ließ er- 
kennen, daß an einer der zum Lagerplatz hinabführenden Treppen, 
deren einzelne in den Felsen gehauenen Stufen schon zum großen 
Teil zerstört sind und die nach unten an einer Hohlkehle endi- 
gen, ein Nachstürzen, aber auch eine schon weit fortgeschrittene 
Aufarbeitung der Blöcke stattgefunden hat. Am Osthügel liegen 
mehrfach neugebildete Blockwälle vor der bis 30 m hohen Steil- 
wand. Überhaupt kehren die drei voneinander durch Brandungs- 
buchten geschiedenen und vorgebirgsartig herauspräparierten Hügel 
ihre hohen Stirnen dem offenen Meere zu, das dieselben auch 
immer weiter zurückdrängt. Die kleinen Buchten entsprechen 
durchaus, wie ich schon 1886 gezeigt habe, den Mündungen 
von Gießbächen, in welche die Brandungswelle um so erfolgreicher 
hineinstürmte, als dieselben zugleich Tiefenlinien größter senk- 
rechter Abtragung sind. Auch in den innersten Winkeln dieser 
kleinen Brandungsbuchten erkennt man die noch immer vorsich- 
gehende Abtragung in den auch da vorhandenen, nur niedrigeren 
Steilabbrüchen, vor denen nur geringe Mengen abgeschliffener 
Gerolle liegen, während im Hintergrunde so großer und tiefer 
Brandungsbuchten, wie die von Algier, heute Sandablagerungen 
stattfinden. 

Sind die beiden kleinen Felsinseln etwa als, weil aus feste- 
rem Gestein bestehend, stehengebliebene Zeugen der Abtragung 
aufzufassen, so sieht man an ihnen ganz besonders, wie erfolg- 
reich das Meer hier arbeitet. Bei hoher See stürzen sich gewaltige 
Brecher über die schon ganz niedrigen Inseln hinweg. Dieselben 
sind so zerfressen, karrenfeldartig, daß man nur sehr schwer über 
sie hingehen kann, und an der Seeseite sind ganze wagrechte 
Felsplatten, die innersten festesten Teile eines Schichtenkomplexes, 
herausgearbeitet. Auch Löcher finden sich vielfach, durch welche 



lieh, daß ich den Gedanken, selbst Aufnahmen zu machen, sofort fallen 
lassen mußte. 



1^6 II, 4- Küstenstudien an der Abrasionsküste von Tipaza und Algier. 

das Wasser, wenn sich hier eine Welle bricht, meterhoch, wie aus 
einer Springquelle, emporspritzt. Auf der größeren Westinsel 
glaubte ich eine größere künstlich geglättete Fläche erkennen 
zu können; von Mauerwerk ist nur noch ein großer, umgestürzter 
Mauerblock an der Innenseite vorhanden, der auch bald ver- 
schwinden wird. Auf der kleineren Ostinsel ist noch ein längeres 
Stück des Fundaments einer Mauer erhalten. Von dem die Ost- 
insel mit dem Festlande verbindenden Steindamme glaube ich die 
Trümmer, übereinandergeworfene behauene Blöcke, deutlich unter 
Wasser erkannt zu haben. Sie lagen nahe der Insel in so ge- 
ringer Tiefe, daß meine Bootsleute, selbstverständlich Italiener, 
sehr vorsichtig fahren mußten. Der Hafenlagerplatz des alten 
Tipaza, eine weite geglättete Felsfläche, ist heute dauernd über- 
spült, ja bei Sturm wird eine 8 m breite, 5 m hohe Terrasse an 
der Innenseite derselben überspült, zu welcher die schmalere der 
beiden Felstreppen hinabführt, und die, nach den Spuren zu 
schließen, Magazine und Zisternen trug. Letztere, meist aus 
rotem Mosaikfußboden, der hier seit 1886 beträchtlich zurück- 
gewichen ist, so daß die von mir damals geschilderten 1 ) baulichen 
Anlagen zum großen Teile heute verschwunden sind, finden sich 
mehrfach in der Linie der größten Zerstörung. Die Basilika des 
Westhügels stützte sich schon im Altertum auf starke Futter- 
mauern. Trotzdem ist der größere Teil der Apsis, ähnlich wie 
viele Gräber, zum Meere abgestürzt. 

Wenn ich dem im Laufe von zwölf Jahrhunderten hier durch 
die Brandungswelle abgetragenen Landstreifen 1886 eine Breite 
von etwa 10 m glaubte geben zu sollen, so neige ich heute da- 
zu, sie eher auf 15 m zu schätzen. Auch glaube ich an der 
Annahme einer in geschichtlicher Zeit eingetretenen Senkung des 
Landes unbedingt festhalten zu müssen. Ich möchte aber in Er- 
gänzung meiner eigenen Beobachtungen darauf hinweisen, daß 
der hervorragende französische Altertumsforscher Ed. Cat 2 ) im 
Anschluß an dieselben auch seinerseits für diese Küstenstrecke 
westlich von Tipaza, nämlich zwischen dem nahe westlich von 
Kap Chenoua gelegenen Cherchel, dem phönikischen Iol, und dem 



1) Siehe die vorhergehende Abhandlung. 

2) Essai sur la province romaine de Mauretanie cesarienne. Paris 
1891, p. 18. 



Abtragung der Küste von Algerien. 137 

nahe der Tafnamündung, also nahe der marokkanischen Grenze 
gelegenen Siga, bedeutende Veränderungen meint annehmen zu 
müssen, die sich in geschichtlicher Zeit vollzogen haben, und 
zwar auf Grund der Angaben des Periplus des Skylax. In dieser 
hier wohl auf phönikische Quellen zurückgehenden Segelanweisung 
werden die Küsteninseln Acium, Pasmathus und Bartas aufge- 
zählt, die ersteren beiden mit einer Stadt und einem Hafen, 
letztere nur mit einem Hafen. Es handle sich offenbar um Inseln 
von einiger Bedeutung, groß genug, um Häfen zu bilden und 
Städte zu tragen, was bei den heute vorhandenen Inselchen 
Aschak, Colombi und anderen undenkbar sei. Die Insel Bartas 
sei überhaupt nicht nachzuweisen, da sie in einem Meerbusen 
liegen soll, die Golfe von Arzeu und Mers-el-Kebir, die allein 
in Frage kommen, keine Inseln haben. 

Ich besuchte auch die Trümmerstätte von Rusgunia, am öst- 
lichen Eingang in den Golf von Algier, nahe am Kap Matifu, 
vermochte aber meinen 1886 dort gemachten Beobachtungen 1 ) 
keine neuen hinzuzufügen, außer etwa die Feststellung, daß seit- 
dem an einer Stelle durch Wegspülung der steil aufgerichteten 
weichen eocänen Tonschichten die mächtigen Bänke jüngster 
Kalksandsteine, gehobener Meeresgrund, die jene diskordant über- 
lagern, durch Spalten losgelöst abzustürzen und einen Blockwall 
zu bilden im Begriff sind. Es ist also auch hier in den letzten 
20 Jahren die Landabtragung fortgeschritten. Ich möchte aber 
an dieser Stelle noch daraufhinweisen, daß der Archäolog Cat 2 ) schon 
1891 festgestellt hat, daß der Hafen und ein Teil der römischen 
Küstenstadt von Rusibricari Matidiae, heute Mers-el-Hadjadje, 
Pilgerhafen genannt, etwas östlich vom Kap Matifu, vom Meere 
abgetragen worden ist. 



5. An der Küste der großen Kabylei. 

Auch an der Küste der großen Kabylei durfte ich hoffen 
Nachweise der Abtragung der Küste durch die Arbeit des Meeres 
in geschichtlicher Zeit erbringen zu können. Namentlich bei 



1) Siehe die vorhergehende Abhandlung. 

2) Essai sur la province romaine de Mauretanie cesarienne. Paris 
1891, S. 117. 



138 n, 5. An der Küste der großen Kabylei. 

Dellys und der 27 km weiter ostwärts gelegenen Trümmerstätte 
von Tigzirt. Dellys ist heute sowohl zur See durch kleine Küsten- 
dampfer von Algier erreichbar, die aber sehr unpraktische Abfahr- 
zeiten haben, wie zu Lande mit der Eisenbahn, zuletzt mit einer 
sogenannten Straßenbahn, die aber nach meinen Erfahrungen die 
angenehmste und rascheste Beförderung in Algerien bieten. Dellys 
spielt die Rolle der Mündungsstadt des Sebau, der Hauptwasser- 
ader und bequemsten Zugangsstraße vom Meere her des in sich 
abgeschlossenen Gebirgslandes der großen Kabylei, das westliche 
Seetor derselben, wie Bougie das östliche ist. Da sich aber an 
der Mündung des Flusses selbst auch nicht der geringste Schutz 
bietet, so hat sich als solches die am nächsten Küstenpunkte ge- 
legene Siedelung entwickelt, die so viel oder so wenig Schutz 
genießt, als die gefährliche algerische Küste überhaupt zu bieten 
vermag. Es liegt 6,5 km östlich der Mündung des Sebau an 
dem steilen Ostgehänge auf einer 50 m hohen Terrasse eines 
hohen dolchartig zugespitzten Vorgebirges, Kap Dellys, hoch über 
dem Meere. Die so gebildete Bucht bietet wenigstens gegen 
West- und Nordwestwinde Schutz. Dellys liegt also genau so 
wie alle Küstenstädte der Atlasländer von Tanger bis Biserta. 
Aber obwohl schon in römischer Zeit, vermutlich auch schon 
früher besiedelt, hat dieser Punkt doch niemals größere Bedeu- 
tung erlangt, wahrscheinlich weil die Bucht doch gar zu wenig 
Sicherheit bietet. Es ist heute ein bescheidenes Städtchen, das 
aus einem malerischen Eingeborenen -Viertel und einem neuen 
europäischen besteht, das Ganze von einer Steinmauer umschlossen, 
die vom Meere zu beiden Seiten, das Vorgebirge einschließend, 
hoch am Gebirge hinauf bis zu einem 200 m hohen Gipfel, den 
ein starkes Blockhaus krönt, geführt und, nur mit Schießscharten 
versehen, lediglich auf die Angriffe der Gebirgsberber berechnet 
ist. Baumreiche Gärten füllen waldartig den größten Teil des 
so umschlossenen Raumes aus, auch die Straßen der französischen 
Neustadt sind meist mit Bäumen besetzt. Da auch sonst die 
Umgebung, namentlich nach Westen bis zum Kap Bengut, von 
baumreichen Gärten bedeckt ist, so ist die Lage von Dellys eine 
recht liebliche, luftige und gesunde. Weit schaut man nach Osten 
über das Meer und die Höhen der Kabylei. 

Von römischen Altertümern, welche als Anhaltspunkte für 
die Arbeit des Meeres dienen könnten, ist nichts vorhanden. 



Die Küste bei Dellys. I 2q 

Wie überall, wo an Stelle einer römischen Siedelung eine mittel- 
alterliche getreten ist, haben die Trümmer die Bausteine für diese 
geliefert, ja oft sind die fertigen Werkstücke, wo man sie bequem 
verladen konnte, weithin verschleppt worden, von Rusgunia hin- 
über nach Algier, von Karthago, wie bekannt, sogar nach Italien. 
Nur diejenigen Trümmerstätten, an deren Stelle keine spätere 
Ansiedelung getreten ist, wie Tipaza, und wie wir gleich sehen 
werden, Tigzirt, haben sich leidlich erhalten. Doch war es mög- 
lich, auch ohne solche Anhaltspunkte die fortschreitende Abtra- 
gung des Landes und die Ausgestaltung der Küste durch die 
Brandungswelle festzustellen. Zunächst aus der vollen Gegenwart. 
Die riesigen Blöcke, die man dem Vorgebirge selbst entnommen, 
teils in natürlichem Zustande, teils als Gußwerk zu den be- 
gonnenen Hafenbauten an der Spitze des Vorgebirges selbst 
1,2 km nördlich von Dellys verwendet hatte und die zum Teil 
einen Schutzwall um das Vorgebirge selbst bilden, sind schon 
zertrümmert und untereinander geworfen. Eine Laterne, die 10 m 
über Mittelwasser auf der Schutzmauer errichtet war, erlag einem 
der ersten Stürme. Dellys muß sich jetzt mit einem steinernen 
Landestege begnügen am Fuße der Stadt und in der innersten 
Bucht, an dem aber die kleinen Küstendampfer nur bei ganz 
ruhigem Meere anlegen können. Drei Fischerboote, die, ver- 
ankert, sich ziemlich weit draußen auf den Wellen schaukelten, 
und einige auf den Strand gezogene kleine Boote waren alles, 
was das Städtchen zur Unterhaltung der Beziehungen zum Meere 
besitzt. 

Das Kap Dellys, das in scharfer Spitze endigt, auf welcher 
30 m hoch ein kleiner Leuchtturm thront, besteht aus fast seigeren 
Schichten von Sandsteinen des unteren Oligocän, die in Nord- 
ostrichtung gegen das Meer ausstreichen und sich noch mehrere 
Kilometer weit in brandenden Untiefen, Zeugen der Abtragung, 
fortsetzen. Die steile Aufrichtung der Schichten, zum Teil aber 
auch die Arbeit des Menschen bedingt die fast senkrechten Wände 
des Vorgebirges. Entsprechend der vorherrschenden Windrichtung 
müssen die Angriffe des Meeres an der Nordwestseite am heftigsten 
und wirkungsvollsten sein. In der Tat fand ich dort eine wunder- 
volle Abrasionsterrasse von mindestens 50 m sichtbarer Breite. Die- 
selbe begleitet das Vorgebirge in etwa 1,5 km Länge, bis die 
Basalte des Kap Bengut eine Änderung in der Richtung und im 



140 n, 5. An der Küste der großen Kabylei. 

Charakter der Küste bedingen. Der dem numidischen ähnliche 
Sandstein tritt hier teils in ganz dünnen Schichten, teils in 0,5, 
ja 1 m mächtigen Bänken auf, die schnurgerade verlaufend, senk- 
recht aufgerichtet und von der Brandungswelle wagerecht durch- 
geschnitten sind. Es ist so eine Felsplatte entstanden, die wie 
mit geraden parallelen Linien dicht nebeneinander überzogen 
erscheint. Die mächtigeren, daher widerstandsfähigeren Bänke 
sind in der Höhe bis zu im, als wären es stehengebliebene 
Grundmauern, aus der Felsfläche herauspräpariert. Die Eisen- 
bahn, die hier der Küste folgt, hat man in der Länge von 1 km 
durch eine 8 m hohe starke Ufermauer schützen und schließlich 
in einem Tunnel durch die Spitze des Vorgebirges führen müssen. 
Auch sie gelangt durch ein befestigtes Tor innerhalb der Ring- 
mauer. 

Ganz andere Formen wie am Kap Dellys und seiner Um- 
gebung, zwar auch Steilküste, welche den Angriffen des Meeres 
unterliegt, aber gerundete Landvorsprünge treten uns nach Westen 
am Kap Bengut und seiner Umgebung entgegen. Jeder Land- 
vorsprung und das Kap selbst, das einen großen Leuchtturm trägt, 
von welchem man eine herrliche Aussicht über die Küste genießt, 
ist gebildet von miocänen Andesiten und oberoligocänen Basalten. 
Den von diesen Eruptivgesteinen durchsetzten Sandsteinen und 
Mergeln entspricht stets eine Einbuchtung und flacher Strand. 

Dieselbe Erscheinung wie bei Dellys, die Bildung hoher, 
steiler, sich in Klippen oder Inseln fortsetzender Vorgebirge, wenn 
auch nur im kleinen, bedingt durch steil aufgerichtete, gegen das 
Meer ausstreichende Schichten numidischer Sandsteine, wiederholt 
sich nun auf der 27 km langen Strecke von Dellys bis Tigzirt, 
also an der Küste der Kabylei noch elfmal. Da aber die Unter- 
schiede der Widerstandsfähigkeit der numidischen Sandsteine und 
der etwas älteren Mergel und Sandsteine, die im allgemeinen die 
daher auch mäßig steile Küste bilden, nicht sehr groß sind, so 
verläuft die Küste mit geringer Kleingliederung nach Osten. Auch 
die Mündungen der zahlreich vom Gebirge herabkommenden Gieß- 
bäche, obwohl alle von der Brandungswoge ausgearbeitet sind, 
haben keine reichere Gliederung zu schaffen vermocht. Eine neue 
Straße führt jetzt an der Küste entlang, welche in Tigzirt endigt 
und diesen Endpunkt der europäischen Besiedelung mit der Welt 
verbindet. Auch sie hat der Erbauer peinlich genau dem Ge- 



Die Küste zwischen Dellys und Tigzirt. 141 

lande angepaßt. Sie verläuft unablässig in Windungen sowohl in 
wagerechtem, wie in senkrechtem Sinne: im wagerechten, indem 
sie in den Flußtälern eine Wendung landeinwärts, auf den diese 
trennenden Bergspornen seewärts macht, im senkrechten, indem 
sie sich in den Tälern zugleich senkt, trotz der Windung talauf- 
wärts, auf den Bergspornen hebt. 

Die europäische Besiedelung endigt schon wenige Kilometer 
östlich von Dellys. Ein größerer, aber vernachlässigt erscheinender 
Pachthof, der einem Bankier in Lyon gehört, ist von den letzten 
europäisch bearbeiteten Feldern umgeben. Dann herrscht Macchia 
vor, nur hier und da gelichtet und von leicht als solche kennt- 
lichen Getreidefeldern der Eingeborenen oder von Pflanzungen 
von Feigenbäumen bedeckt. Der Feigenbaum ist neben dem 
Ölbaum der Fruchtbaum der großen Kabylei schlechthin; ge- 
trocknete Feigen spielen in der Ernährung dieser Gebirgs-Berber 
eine große Rolle. Wasser und getrocknete Feigen war alles, 
was uns die gastfreien Leute von Taksebt zu bieten vermochten. 
Keine ihrer Siedelungen liegt an der Straße, die gänzlich un- 
belebt erscheint, kaum daß diese Spuren von Anbau, hier und 
da eine in der Macchia weidende Herde von Ziegen, wohl auch 
Rindern daran erinnern, daß das Land bewohnt ist und zwar 
sehr dicht bewohnt ist, das dichtest bevölkerte Gebiet von ganz 
Algerien, wo 224 Köpfe auf 1 qkm kommen, trotz oder vielmehr 
wegen des durchaus gebirgigen Charakters des Landes; denn 
dasselbe bildete, schon bei den Römern daher als Mons ferratus 
bezeichnet, eine natürliche Festung, in welcher sich die freiheits- 
liebenden Berber zusammendrängten, und die, obwohl man von 
Algier aus im Winter die schneebedeckten Berge herüber leuchten 
sieht, zu erobern auch die Franzosen 27 Jahre gebraucht haben. 
In der großen Kabylei ist daher kein Raum für europäische An- 
siedlung; und wir haben so hier eines der größten Gebiete vor 
uns, in welchem die Masse der Eingeborenen fast ohne Be- 
rührung mit den Kolonisten sich fast jeder europäischen Beein- 
flussung entzieht. Ein Markttag in Tigzirt führt, in dieser schein- 
bar unbewohnten Gegend, Tausende von Eingeborenen zusammen. 
Näher gegen Tigzirt verdichtet sich die durchaus aus immer- 
grünen Sträuchern gebildete Macchia, die Sträucher werden viel- 
fach zu Bäumen, und im Hintergründe der Täler erblickt man 
so dichte und hohe Bäume, daß man wohl an Wald denken 



I A2 n, 5. An der Küste der großen Kabylei. 

kann. Es ist der Wald von Mizrana. Doch zeigen alle diese 
Wälder die Spuren der kläglichsten Verwüstung. Hier und da 
hat man den Eindruck großartiger Wildnis. 

Tigzirt ist der berberische Name einer Trümmerstätte aus 
römischer Zeit, des Vorgebirges, auf welchem dieselbe liegt, und 
der kleinen Abgliederungsinsel vor demselben. Tigzirt bedeutet 
die kleine Insel. Die Römerstadt hatte einen phönikischen Namen: 
Rusuccuru. Dies erscheint im dritten Jahrhundert als Municipium, 
auf der Tabula Peutingeriana als Colonia. In den Stürmen der 
Vandalenzeit zerstört, wurde die Stadt in der byzantinischen Zeit 
wieder aufgebaut, aber auf engerem Räume. Die byzantinische 
Stadtmauer verlief beträchtlich innerhalb der römischen, wie der 
archäologische Erforscher dieser Altertümer, P. Gavault 1 ), nach- 
gewiesen hat, beide aber quer über das Vorgebirgsdreieck von 
einem Ufer zum andern, wohl ähnlich wie die neuen Mauern von 
Dellys, ein Stück ins Meer hinaus, um ein Eindringen der Feinde 
auch dort unmöglich zu machen. Eine große Basilika, deren 
Trümmer wohl erhalten sind, stammt aus dem Ende des fünften 
oder dem Anfange des sechsten Jahrhunderts. Sie lag innerhalb 
der römischen Mauer. Auf dieser Trümmerstätte, die man über- 
haupt erst 1886 zu erforschen begonnen hat, ist nun 1888 eine 
französische Ansiedlung, und zwar unter Zerstörung vieler Altertümer, 
auf dem Räume zwischen der römischen und der byzantinischen 
Mauer gegründet worden, offenbar von der Vorstellung ausgehend, 
daß, wo sich im Altertum eine Stadt entwickeln konnte, die 
mindestens 20000 Einwohner gezählt haben muß, auch die Be- 
dingungen zur Entwicklung einer neuzeitlichen Siedlung gegeben 
sein müßten. Bisher ist aber davon nichts zu bemerken. Der 
Ort wächst nicht, Ackerbau lohnt nicht, da der Boden außer- 
ordentlich steinig und die Urbarmachung des Landes, Rodung 
der Macchia, Beseitigung der Steine außerordentlich kostspielig 
ist. Auch der Absatz der Erzeugnisse ist schwierig; denn Dellys 
ist die nächste europäische Siedlung, der Verkehr zur See mit 
Hilfe eines kleinen Steindammes, den die Regierung erbaut hat, 
auch sehr schwierig und nur bei ruhigem Wetter in kleinen Segel- 



*) Etüde sur les ruines romaines de Tigzirt. Paris 1897. Bibl. d'Archeol. 
Africaine. Fase. II. St. Gsell im Atlas Archeologique de l'Algerie, Feuille 6, 
p. 11, identifiziert übrigens Dellys mit Rusuccuru und Tigzirt-Taksebt mit 
Jomnium. 



Tigzirt. I4 3 

booten möglich. Die Bewohner haben sich daher alle auf kleine 
Nebenerwerbe, Handwerke u. dgl. geworfen, ohne daß es aber 
auch nur einer in reichlich i x j 2 Jahrzehnten zu etwas Wohlstand 
gebracht hat. Neuerdings rechnet man auch hier auf Sommer- 
gäste und den Badestrand. Dies und die Altertümer haben wohl 
bewirkt, daß man in einem kleinen Gasthause inmitten der 
Trümmerstätte, daher Hotel des Ruines Romaines genannt, ein 
recht erträgliches Unterkommen, weit besser als in Dellys, findet. 
Eine Sommerkolonie italienischer Sardinenfischer dürfte den Be- 
wohnern wenig Nutzen bringen. Die völlige Vereinzelung dieses 
europäischen Dorfes, das Fehlen einer Straße nach dem Innern, 
nach Tizi-Uzu, dem europäischen Hauptorte im Innern der ganzen 
Kabylei im Tale des Sebau, ist natürlich auch ungünstig. Tigzirt 
ist überhaupt neben dem noch mehr vereinsamten, aber doch 
wenigstens durch eine Straße mit dem Sebau-Tale verbundenen 
Azeffun, noch 30 km nach Osten, auch an Stelle einer römischen 
Siedlung, der einzige Besiedlungsversuch zwischen Dellys und 
Bougie an der sehr schwierigen Küste der Kabylei. 

Daß auch bei Tigzirt das Meer das Land überall mit Erfolg 
angreift, sieht man, aber die Altertümer geben nur an einer 
Stelle, an der Ostbucht, einen Anhalt für das Maß der Land- 
abtragung im Laufe der letzten 1200 Jahre. Die Stadt Rusuccuru 
und das heutige Dorf Tigzirt liegen auf einer der für die Küste 
von Algerien so charakteristischen Strandterrassen, die hier, von 
Steilabstürzen begrenzt, von etwa 20 m am vorderen Rande sanft 
nach innen gegen den Fuß des Gebirges ansteigt. Die Ober- 
fläche der Terrasse wird gebildet von denselben jungquartären, 
an Muscheltrümmern reichen Kalksteinen, die auch die Trümmer 
von Rusgunia tragen, Ablagerungen des gehobenen Meeresbodens 
auf einer Abrasionsterrasse eocäner, das Vorgebirge bildender, 
steil (40 — 50 ) aufgerichteter, hier und da feingefältelter, ja zer- 
knitterter Schichten numidischer Sandsteine, Konglomerate und 
Mergel, also scharf diskordant, wie das Vorgebirge und die Insel 
zeigt. Diese Kalksteindecke ist heute noch kaum 2 — 3 m mächtig, 
aber sehr widerstandsfähig, am Vorgebirge selbst schon von der 
Brandung zerfressen. Da die Eocänschichten hier aus weichen 
Tonen und Tonschiefern bestehen, so unterliegen dieselben rasch 
der Brandungswoge, und die der Unterlage beraubte Decke stürzt, 
einen Blockwall bildend, nach. Eine Querlücke ist ein künst- 



144 ^' 5" ^" n ^ er ^üste ^ er großen Kabylei. 

licher Durchstich durch das Vorgebirge für den Weg nach dem 
auf der anderen Seite gelegenen kleinen Molo. Dieser Durch- 
stich wird in nicht ferner Zeit (geologisch gesprochen) zu einer 
Meerenge und das Vorgebirge zur Insel werden. Ganz nahe 
diesem Durchstich, etwas weiter nach Osten, dürfte, nach der 
Lage der Trümmer der alten Stadt, unten am Strande ein 10 bis 
15 m, ja an einer Stelle bis 30 m breiter Streifen des Stadt- 
plateaus in den letzten 1200 Jahren abgetragen und um so viel 
der breite Streifen sandigen Strandes, auf welchem die italienischen 
Fischer ihr Zelt aufgeschlagen hatten, verbreitert worden sein. 
Daß die Abtragung an der Westseite noch größer gewesen ist, 
kann keinem Zweifel unterliegen ; aber ich konnte keine sicheren 
Belege dafür finden. Gavault 1 ) nimmt, jedoch ohne näheren 
Nachweis, 20 m an seit dem fünften Jahrhundert. Die Stadt- 
mauer habe dort bis zu einem 30 m entfernten Felsen gereicht, 
bis dahin erkenne man die 3,5 m breiten Fundamente deutlich. 
Ich sah diesen Felsblock, der selbst ein Zeuge der Abtragung ist. 
Daß die namengebende Insel durch Abgliederung von dem 
Vorgebirge entstanden ist, unterliegt keinem Zweifel und ist bei 
dem weichen, das heutige Vorgebirge bildenden Gestein sehr 
begreiflich. Daß die zeitweilige Spitze desselben aber als Insel 
erhalten ist, das erklärt sich daraus, daß dort die Eocänschichten 
aus festem, in mächtigen Bänken auftretendem, numidischem Sand- 
steine bestehen. Dieselben bilden jedenfalls auch die brandenden 
Klippen und Untiefen, die sich von der Insel noch 1,5 km weit 
ins Meer hinaus erstrecken und ein Ausbiegen der Tiefenlinien 
bis zur 50 m-Linie bedingen. Die heute kaum 100 m vom Lande 
entfernte Insel ist mit dichtem Gestrüpp von wilden Ölbäumen, 
Pistacia Lentiscus und Opuntien bedeckt. Wilde Tauben und 
Möwen hausen in den Felsen an der Westseite. Ich fand an der 
dem Lande zugekehrten Seite die Trümmer eines ansehnlichen 
Bauwerks, Gewölbe, eine Säulentrommel, ein Kapital; auch ein 
Brunnen scheint vorhanden gewesen zu sein. Daß sie zur Zeit 
der Blüte von Rusuccuru durch einen Steindamm mit dem Vor- 
gebirge verbunden, und daß damit, je nach der Windrichtung, 
bald auf der einen, bald auf der anderen Seite ein ruhiger Liege- 
platz für Schiffe geschaffen war, hat schon Gavault angenommen. 

l ) a. o. St. 3. 108, 1. 



Tigzirt und Taksebt. i a c 

Ich glaube noch die behauenen Blöcke des Dammes auf dem 
Meeresboden, der wenig über ein Meter tief ist, gesehen zu haben. 
Wenn Gavault versichert, man könne bei ruhigem Wetter noch 
zu Fuß nach der Insel gelangen, so bestätigten dies meine Fähr- 
leute, aber mit dem Zusatz, auf eine kurze Strecke müsse man 
doch schwimmen. Daß die Brandung, die mit steigender Sonne 
regelmäßig in der Meerenge auftritt, den Meeresgrund austieft, 
unterliegt keinem Zweifel. 

Drei Kilometer östlich von Tigzirt springt das hohe Kap 
Tedles, auch aus festen numidischen Sandsteinen bestehend, das 
Gegenstück des von Dellys, weit gegen das Meer vor. Die 
an seiner Ostseite so gebildete Bucht bot guten Schutz, und 
so entwickelte sich auch hier, teils unten am Strande, teils 
oben auf dem das Vorgebirge mit dem Lande verbindenden 
Sattel, eine römische Siedlung, von der noch ansehnliche 
Trümmer, namentlich die eines nach seiner Gestalt von den 
französischen Kolonisten als Phare bezeichneten, weithin sicht- 
baren Mausoleums erhalten sind. Hoch über dem Meere, in- 
mitten dieser römischen Trümmer am Ostgehänge des Vor- 
gebirges, liegt jetzt ein echtes Berberndorf, Taksebt, aus lauter 
kleinen Steinhäusern mit Stroh- oder Rohrdächern und kleinen, 
von Dornhecken umhegten Höfen. Alle Höhen und Hänge, so 
steil sie sind, teilweise terrassiert und mit Feldern und Feigen- 
pflanzungen bedeckt, während noch heute die Macchia beinahe 
an Tigzirt heranreicht. Welches der Name des römischen Taksebt 
war, weiß man nicht. Es soll mit Rusuccuru (Tigzirt) eine Ge- 
meinde gebildet haben. 



6. Die Bucht von Bona. 1 ) 

Die Bucht von Bona ist der Schauplatz ähnlicher Vorgänge 
wie an der von Algier. Auch dort findet kein Zurückweichen 
des Landes unter dem Ansturm der Wogen mehr statt, sondern 
vielmehr Neubildung von Land, entsprechend der Tiefe der Bucht 



i) Aus Peterm. Mitt. 1887 auf Grund meiner Untersuchungen von 1886. 
In französischer Übersetzung und mit Ergänzungen von Woehrel und Papier 
im Bulletin de l'Academie d'Hippone, Bone 1894 erschienen. Diese vom 
Verfasser erbetenen Ergänzungen sind hier berücksichtigt. 

Fischer, Mittelmeerbilder. Neue Folge. 10 



j4Ö n, 6. Die Bucht von Bona. 

von nicht weniger als 14 km bei einer Breite der Öffnung der 
Bucht zwischen Kap de Garde und Kap Rosa von 40 km und 
der Einmündung von zwei so bedeutenden Flüssen wie der 
Mafragh und die Seybuse, von denen letzterer dem Chelif an 
Reichtum an Wasser und Sinkstoffen wenig nachsteht. Die Bucht 
von Bona ist rings von Dünen umsäumt, die unmittelbar an der 
Mündung der Seybuse beginnen und ostwärts an Höhe und 
Breite rasch zunehmen. Elf Kilometer jenseits der Mafragh-Mün- 
dung treten jedoch die festen Nummulitenkalke, welche das öst- 
lich begrenzende Vorgebirge, Kap Rosa, bilden, an die Küste 
heran und bilden 30 m hohe Klippen. Doch sind auch diese 
landeinwärts von Sand überweht, stellenweise in einer Breite von 
14 km. In den Vertiefungen sammelt sich das Regenwasser in 
zahlreichen kleinen, im Sommer verdunstenden Teichen oder es 
staut sich hinter den Dünen zu ausgedehnten Sümpfen. Üppige, 
immergrüne Macchien bedecken Sand und Sumpf. Der Steilab- 
bruch der Küste läßt hier ein Vorrücken derselben sehr unwahr- 
scheinlich erscheinen, während an der flachen Küstenstrecke und 
namentlich am westlichsten Küstenstück nicht an einem solchen 
gezweifelt werden kann. Es hat hier hinter den Dünen eine 
ausgedehnte Deltabildung stattgefunden. Alle Binnenwasser werden 
hier gestaut, erweitern sich zu Sümpfen und fließen erst auf 
lange Strecken dem Meeresufer parallel, ehe ihnen ein Durch- 
bruch gelingt. So vereinigen sich drei Flüsse, der Wed bu Namussa, 
der Wed Churka und der Wed el Kebir, in einem ausgedehnten 
Tamarisken-Sumpfe zur Bildung des Mafragh unmittelbar hinter 
den Dünen, die sie dann zu durchbrechen vermögen. Doch ist 
das Wasser der dem vollen Ansturm der Brandung ausgesetzten 
Mafragh-Mündung stets durch eine Barre an freiem Abfluß be- 
hindert. Es liegt hier hinter den hohen Dünen ein ausgedehnter 
Landstrich nur 1 — 2 m über dem Meeresspiegel, so daß die An- 
lage von Entwässerungskanälen ihren Zweck nicht erreicht hat. 
Namentlich auffällig ist die westliche Krümmung der hier mün- 
denden Flüsse. Wie der Wed el Kebir, so floß auch der Khelidj 
lange hinter den Dünen dem Meere parallel westwärts — schon 
3,6 km oberhalb der ehemaligen Mündung hatte er sich auf 
0,8 m dem Meere genähert — und die Seybuse hat, nachdem 
sie dem Meere bereits auf 1700 m nahe gekommen ist, ihren 
Lauf noch um 5 km demselben parallel verlängert. Wir wiesen 



Verschiebung der Flußmündungen. j*n 

bereits früher darauf hin, daß der Neerstrom, der also hier von 
Kap Rosa her gegen Kap de Garde die Bucht umkreist, diese 
Westwärtswendung der Flußmündungen bewirkt. Die die Sink- 
stoffe zurückwerfende Brandungswelle wirkt dabei mit. Am auf- 
fälligsten ist das Westwärtsrücken bei der Seybuse. Diese mündete 
nach der Peutingerschen Tafel 5 Mühen, d. h. ca. 7,5 km östlich 
von Hippo Regius. Die Lage von Hippo Regius kennen wir ganz 
genau, die Stadt lag auf zwei kleinen Hügeln, die heute, von 
neu angeschwemmtem Lande umschlossen, vom Meeresufer ab- 
gerückt sind, und von denen der kleinere östliche von der Seybuse 
unmittelbar bespült wird. Rechnen wir von da 7,5 km nach 
Osten, so treffen wir (genau in 7 km Entfernung von Hippo) auf 
eine Stelle, wo der Dünensaum schmäler wird und schließlich 
an einer Stelle von 200 m Länge bis auf 2 m erniedrigt ist, so 
daß man erkennt, daß derselbe hier ehemals durchbrochen war. 
Jetzt führt der Fahrweg, welcher von Bona sich nahe der Küste 
haltend möglichst gerade nach La Calle geht (die eigentliche 
Poststraße macht wegen der Schwierigkeiten, welche die Sümpfe 
hinter den Dünen und diese selbst boten, einen großen Umweg 
nach Süden), über diese Stelle der Dünen, der einzige Punkt, 
wo sie unmittelbar an das Meer herantritt. Hinter dieser „schad- 
haften" Stelle des Dünenwalles, die es einem vorrückenden Meere 
so leicht machen würde, in das Land einzubrechen, dehnen sich 
die Bu-Kamira-Sümpfe der Küste parallel aus. In diese tritt von 
Süden her, dann aber in vielen Windungen nordwestliche und 
westliche Richtung einschlagend, der Khelidj ein, ein toter Fluß- 
lauf, der heute selbst bei allerhöchstem Wasserstande sich nicht 
mehr belebt, weil die Seybuse seitdem an jener Stelle ihr Bett tief 
in den von ihr selbst gebildeten Schuttkegel eingeschnitten hat, 
daß dasselbe selbst bei der großen Überschwemmung im Februar 
1886 nicht so weit gefüllt war, daß es wieder in den Khelidj 
hätte eintreten und dieser jene niedrige Stelle im Dünenwalle zu 
durchbrechen vermocht hätte. Etwas mag dazu beitragen der 
aus dem Bu-Kamira-Sumpfe in westlicher Richtung zur Seybuse 
geführte Entwässerungskanal, dessen Gefälle allerdings gleich 
Null sein muß. Der Khelidj läßt sich landeinwärts bis nahe an 
das obere Ende der Ebene von Bona bei Mondovi, 23 km süd- 
südöstlich von Bona, verfolgen und stellt sich somit unzweifelhaft 
als der alte Lauf des Ubus (Seybuse) in römischer Zeit heraus, 



IA.8 H> 6. Die Bucht von Bona. 

fast ganz genau entsprechend den Angaben der Peutingerschen 
Tafel. A. Papier macht auch darauf aufmerksam, daß die von 
der Tabula Peutingeriana angegebene Entfernung zwischen der 
Mündung des Ubus (Khelidj) und des Armoniacus (Mafragh) 
20 Millien gleich 14-814 km sehr gut den heutigen Verhältnissen 
entspricht, der Unterschied von 400 m könne recht gut auf die 
Krümmungen der Straße gerechnet werden. Der geringe Unter- 
schied in der Lage der heute noch erkennbaren Ubus-Mündung 
und dieser Angaben braucht keineswegs auf ungenaue Messungen 
der Römer zurückgeführt zu werden, sondern läßt sich einfach 
daraus erklären, daß nach der der Peutingerschen Tafel zugrunde 
gelegten Messung die Mündung etwas weiter nach Westen rückte. 
Auch bezog sich die Messung jedenfalls auf eine römische Straße, 
die, dem Zwang der physischen Verhältnisse folgend, den Fluß 
unmittelbar an seiner Mündung überschritt. Es lehren diese Ver- 
hältnisse aber auch, daß damals an dieser Stelle und überhaupt 
von da ostwärts die Küstenlinie wohl gerade da lag, wo sie heute 
liegt. Nur westwärts von diesem Punkte ist die Küstenlinie seit- 
dem wesentlich vorgerückt. Wir können also das Westwärtsrücken 
der Seybuse seit römischer Zeit genau verfolgen. Doch müssen 
wir neben dem die Mündung nach Westen drängenden Neerstrom 
und den sie überhaupt zu sperren strebenden Winden auch der 
natürlichen Erhöhung der Ebene durch den Fluß selbst Rechnung 
tragen. Derselbe breitete sich beim Eintritt in die Ebene, bei 
Hochwasser sie weithin überschwemmend und durch Ablagerung 
seiner Sinkstoffe erhöhend, aus, erhöhte sein Bett und neigte 
schon deshalb zu Änderung seines Laufes. Wir haben gewiß 
auch in andern Sumpfstrecken der Ebene alte Läufe der Seybuse 
zu sehen, eine sorgsame Erforschung derselben und der römischen 
Straßen wird das herausstellen. Mit dem vom Ubus mitgebrachten 
und von der Brandung mit Meermuscheln vermischt zurückge- 
worfenen Sande, vermehrt durch von Küstenversetzung und dem 
Neerstrome herbeigeführten, der die Abtragung am Kap Rosa 
liefert, sind erst die Dünen westlich seiner Mündung vom 
Winde aufgebaut worden, und sie liefern auch ihrerseits den 
Beweis, daß hier das Land vorgerückt ist. Man erkennt näm- 
lich hier durch langgestreckte, von Sumpf erfüllte Einsenkungen 
voneinander getrennte Dünenreihen, die von der alten Ubus- 
Mündung westwärts mäßig divergieren. Die innerste Reihe 



Die Lage von Hippo Regius. 140 

ist die älteste, die mittlere weist auf die Hügel von Hippo hin 
und endigt 1,2 km von dem kleinen östlichen derselben, genau 
dem Nordende des kleinern Bu Hamra-Massivs gegenüber. Das 
war das Meeresufer zur Zeit der Blüte von Hippo; die äußere 
dagegen, das jetzige, erst etwa seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. 
gebildete Meeresufer weist auf Bona hin und endigt i km vom 
Hafen an der heutigen Seybuse-Mündung. 

Daß Hippo, eine phönikische Gründung, am Meere lag und 
nicht etwa sich der Ubus-Mündung als Hafen bediente, steht fest. 
Es lagen hier gewissermaßen versteckt im westlichen Hintergrunde 
der Bucht dicht am Lande, das sich hier nach S wie nach W 
weithin eben ausdehnte und eine Fülle von Erzeugnissen zum 
Tauschhandel bot, leicht zu verteidigen, zwei kleine, möglicher- 
weise schon damals miteinander durch Neulandbildung verwachsene 
Inseln, aus der Tiefe auftauchende Bruchstücke des Gneismassivs 
des Edough. Noch heute machen beide aus dem wagerechten 
Schwemmlande auftauchenden Blöcke von kristallinischem Kalk- 
fels den Eindruck von Inseln. Das waren Lagenverhältnisse, 
wie sie die Phöniker mit Vorliebe auszusuchen pflegten, sie 
ähnelten denen von Utica. A. Papier weist jedoch nach, daß 
jedenfalls in römischer Zeit dieser Teil des Golfs bereits ver- 
landet war, was nicht ausschließt, daß IOOO Jahre früher die 
Hügel Inseln waren. Erst die Franzosen haben die sumpfige und 
fiebererzeugende Ebene um dieselben und gegen Bona hin mühsam 
trocken gelegt und dem Anbau gewonnen. Sie liegt noch heute i m 
über dem Meeresspiegel. Der größere westliche Hügel, der heute 
von einem herrlichen Haine uralter Ölbäume umgeben, zum Teil 
noch bedeckt ist, in welchem Landhäuser und Meierhöfe malerisch 
versteckt liegen, hat eine Höhe von 55 m und trägt außer aus- 
gedehntesten Trümmern auf seinem Gipfel einen weithin sicht- 
baren Neubau des tatkräftigen, vaterlandsliebenden Erzbischofs 
und Kardinals Lavigerie, die Basilika des heiligen Augustin und 
ein Greisenasyl, ein Zwing-Islam, wie derselbe deren mehrere an 
hervorragenden Punkten der Nordküste von Afrika errichtet hat 
— sie erinnerten mich lebhaft an die Klosterpaläste, an welchen 
man auf der Donau zwischen Linz und Wien vorbeifährt — , und 
durch welche er die beiden Ziele seines Ehrgeizes, Christianisie- 
rung Nordafrikas und die Patriarchenwürde von Afrika, zu er- 
reichen strebte. Der kleinere östliche Hügel, von den Arabern 



I co II) 6. Die Bucht von Bona. 

Rarf el Artran genannt, ist nur 20 m hoch und trägt eine heute 
in ein Landhaus verwandelte ehemalige Militärstrafanstalt. An 
der Westseite ist Hippo jedenfalls am frühesten verlandet, denn 
dort mündete der wasser- und sinkstoffreiche Bu Djema in die 
Bucht, die er früh zuzuschütten begonnen hat. Die Brücke, 
welche bei dem Marabut Sidi Brahim, 600 m nordnordöstlich 
über den Fluß geschlagen ist, soll römischen Ursprungs sein; der- 
selbe mündete früher selbständig ins Meer, später in den Hafen 
von Bona; da man aber bald bemerkte, daß er denselben zu- 
schüttete, so leitete man ihn 1876 bei Sidi Brahim durch einen 
Kanal direkt nach O in die Seybuse, 150 m oberhalb ihrer 
Mündung. Gefährlich wurden die Neulandbildungen jedoch erst 
für Hippo, als in einer nicht genau zu bestimmenden Zeit, welche 
in die ersten Jahrhunderte des Mittelalters fällt, die durch ihren 
Rückgang der Kultur und den Mangel geschichtlicher Überliefe- 
rungen und Denkmäler auch für die physische Geographie eine 
Lücke bezeichnen, die Seybuse ihren Lauf mehr und mehr nach 
Westen verschob und ihre Sinkstoffe sich um die Hügel lagerten. 
Daß die Seybouse sich erst seit dem Altertum Hippo genähert 
hat, darüber erlauben die obigen Ausführungen wohl kaum einen 
Zweifel. Es ist mir aber auch gelungen, Beweisstoff zusammen- 
zutragen dafür, daß der Strom noch heute hier nach W drängt, 
immer dichter an den östlichen Hügel heran, von dem er nur 
mehr 140 m entfernt ist, und daß er bereits angefangen hat, die 
Trümmer von Hippo abzutragen. Ich wurde auf die Möglichkeit 
dieses Vorganges aufmerksam durch eine Bemerkung in dem 
verdienstvollen Werke des Professors zu Bona, O. Niel, Geo- 
graphie de l'Algerie II, p. 300, daß 1853 noch am linken Ufer 
der Seybouse oberhalb der Mündung ein etwa 40 m langes Stück 
Stadenmauer vorhanden gewesen sei, welches das Hochwasser 
von 1854 zerstört habe. Auch bestätigte mir Herr Doublet, der 
liebenswürdige Generalsekretär der Academie d'Hippone, diese 
Angaben seinerseits. Schon der Botaniker Desfontaines und der 
Abbe Poiret hatten 1784 bzw. 1785 auf diese damals noch 300 
Schritte lange Stadenmauer aufmerksam gemacht. Noch 1836 
und 1843 war sie vorhanden. Zwischen 1843 und 1853 war 
also der größte Teil in der Länge von 260 m zerstört worden, 
1854 erlag der Rest. Bei Kanalisierung des Bu Djema 1876 
fand man unterhalb der römischen Brücke etwa 100 m vom 



Die Mündung der Seybuse. I c j 

heutigen Meeresufer und in 12 — 15 m Tiefe die untersten Lagen 
einer Stadenmauer aus mächtigen Blöcken Molassesandstein aus 
den Steinbrüchen von Fort-Genois. Ich meine, die fragliche 
Stelle, wo die letzten Reste der Mauer gestanden hatten, gefunden 
zu haben am Fuße des kleinen Hügels, genau östlich von der 
Stadenmauer, die auch ihrerseits durch ihr Verschwinden meine 
anderweitigen Beobachtungen bestätigt; jedoch keine Spur, nicht 
einmal Steine, die von ihr herrührten, habe ich am Ufer weder 
vom Lande, noch vom Kahne aus gefunden. Wenn es sich 
wirklich um eine Stadenmauer aus römischer Zeit, nicht um 
Schutzbauten etwa für eine in jüngster Vergangenheit dort vor- 
handen gewesene Überfahrt handelte, so lag dieselbe natürlich 
nicht am Ubus, sondern am Meere. A. Papier hält es doch für 
möglich, daß es ein Teil der Hafenanlagen von Hippo Regius 
war. Oberst Mercier verlege die Mündung des Ubus in römischer 
Zeit 4,7 km weiter aufwärts von der heutigen Mündung. 

Wie schon die Abtragung dieser alten Stadenmauer durch 
den Fluß vermuten ließ, so gelang es mir, bei einer genauen 
Untersuchung der Ufer des Flusses sowohl zu Lande als im Boot 
von der Mündung bis zur sogenannten Brücke von La Calle 
2,2 km weit noch mehrere Belege für das noch immer andauernde 
Westwärtsdrängen des Flusses zu sammeln. Die Untersuchung 
vom Lande aus war sehr schwierig, da die Ufer des Flusses mit 
dichtem Gestrüpp bewachsen sind und, von der Strömung be- 
ständig unterwaschen, meist senkrecht abfallen oder überhängen, 
so daß man ihnen nur schwer nahen kann. Das Ufer ist hier 
3 m hoch und besteht aus festem, lehmig- tonigem Schwemm- 
boden jüngster Entstehung. Die Mächtigkeit dieses Schwemm- 
bodens ist seit römischer Zeit noch um ca. 1 m gewachsen, es 
unterscheiden sich aber dem äußern Ansehen nach die das Liegende 
einer dort noch erkennbaren römischen Straße bildenden Schichten 
gar nicht von den das Hangende bildenden, obwohl jene vom 
Bu Djema und andern kleinen Bächen, diese von der Seybuse 
abgesetzt sind. Diese römische Straße ist ca. 200 m unterhalb 
der Brücke an einem Einschnitt der Eisenbahnlinie Bona — Guelma 
bloßgelegt, 1 m unter der heutigen Oberfläche des Bodens. Sie 
geht in fast genau nördlicher Richtung auf den Fluß zu, an 
dessen Ufer ich vom Boot aus geradezu in einem Querschnitt, 
welchen der Fluß gebildet hat, das Pflaster der Straße und die 



I e.2 II, 6. Die Bucht von Bona. 

breiten Randsteine auf das deutlichste erkennen konnte. Die 
Straße ist 4 m breit, das Pflaster lag bei damaligem (noch ziem- 
lich hohem) Wasserstande 2 m über dem Wasserspiegel der Sey- 
buse, reichlich 1 m unter der Oberfläche. Die die Straße be- 
deckenden Schichten bestehen keineswegs aus Schutt, sondern 
aus Flußschlamm, Häuser standen aber hier nicht an der Straße. 
In dem Eisenbahneinschnitt meinte ich noch die Eindrücke der 
Räder in einem Stein zu erkennen. Vor dem Ende der Straße 
liegt ein Haufen Steine, während sonst das Ufer völlig steinfrei 
ist und nur aus feinen Schwemmstoffen besteht. Die Steine 
rühren von der Straße her, die der Fluß abgetragen hat, sie be- 
legen deutlich, daß derselbe hier sein linkes Ufer abträgt. Nach- 
dem ich selbst alles genau geprüft hatte, fragte ich, um ein ab- 
solut unbefangenes Urteil zu hören, meinen Bootsmann, einen 
Italiener von der Insel Ponza, wie man deren, meist irgendwie 
schiffbrüchige Leute an diesen Küsten überall trifft, wofür er die 
Steine halte. Auch er erklärte sie sofort für eine gepflasterte 
Straße, die vom Fluß unterbrochen sei. Ich untersuchte zum Über- 
fluß die entsprechende Stelle am rechten Flußufer, fand aber 
natürlich keine Fortsetzung der Straße. Dieselbe führte jedenfalls 
von Süden her, etwa in der Richtung der heutigen Poststraße 
D'Uzerviile — Bona nach Hippo. Wäre der Fluß damals hier ge- 
wesen, so müßte natürlich auch eine Brücke, sei es eine feste, 
sei es eine fliegende, mit entsprechenden Steinbauten vorhanden 
gewesen sein. Sie müßte den Fluß auch in bedeutender Höhe 
überspannt haben, schon die Straße müßte daher höher, vielleicht 
sogar auf einem Damme zur Brücke geführt worden sein. Von 
alledem keine Spur. 

Etwa 50 m stromab, also näher an Hippo, fand ich sechs 
senkrecht auf den Fluß stoßende einander parallele Mauern, je 
3 m voneinander, 2 m unter der Oberfläche und mit der untern 
Fläche der Fundamente 1 m über dem Wasserspiegel, alle in 
gleicher Tiefe, also wohl demselben Bauwerke angehörig. Ich 
sah gewissermaßen die Mauern von unten, vom Innern der Erde 
aus. Auch hier lag vor dem Kopfende jeder Mauer ein Haufen 
Steine, bei sonst völlig steinlosem Schwemmlandufer, also eben- 
falls Belege für vorsichgehende Abtragung des Ufers; einzelne 
Steine der Mauern, die rückwärts noch gehalten wurden, ragten 
frei über dem Fluß vor, um in kürzester Zeit auch herabzustürzen. 



Westwärtsdrängen des Seybuse. js? 

Daran schloß sich stromab unmittelbar ein Doppeltor an, jedes 
i X L m breit, die Schwelle von einem einzigen Steine gebildet, 
ebenso jeder der Türpfeiler, die aber an der Oberfläche des 
Bodens abgebrochen sind. Es lag die Schwelle dieses Doppel- 
tores nur i m unter der Oberfläche, also doch wohl in gleichem 
Niveau mit dem Bauwerk daneben, dessen Grundmauern natür- 
lich tiefer in den Boden reichten als das Tor. Ist meine Er- 
klärung dieser Trümmer als die eines Tores richtig, so wird 
dasselbe vielleicht schon heute verschwunden sein, sicher aber 
beim nächsten Hochwasser im Herbst oder Winter verschwinden. 
Vor dem Tore muß aber ein größeres Bauwerk gestanden haben, 
denn ein großer Haufen Steine lag als Rückstand der abgetragenen 
Masse vor demselben, alle nur roh behauen, weil sie eben den 
Fundamenten angehört hatten. Von da an ist das Flußufer 
regellos von großen und kleinen Steinen bedeckt, ein Zeichen, 
daß der Fluß hier die Ruinen von Hippo, wenn auch bis jetzt 
wohl nur kleinere Bauwerke vor der eigentlichen Stadt, abträgt. 
Das Westwärtsdrängen der Seybuse ist also hier wirklich ein 
dauernder Vorgang, weil Wirkung dauernd vorhandener Kräfte. 
Es handelt sich nicht um eine einmalige Abspülung bei Hoch- 
wasser. Wenn A. Papier auf die Tatsache hinweist, daß beim 
Bau eines Wirtschaftshofes weiter stromauf und auf dem rechten 
Ufer der Seybuse ioo m von der eisernen Straßenbrücke über 
den Fluß zahlreiche Spuren römischer Bauwerke, Gräber, Topf- 
scherben usw. auch 4 Grabinschriften gefunden wurden, so ist 
damit doch noch nicht der Beweis erbracht, daß diese Siedelung 
zu Hippo gehörte. Ihr Vorhandensein braucht nicht einmal als 
Beweis einer plötzlichen Laufverlegung zu gelten, obwohl eine 
solche neben dem jetzigen langsamen Westwärtsdrängen auch 
vorgekommen sein kann. Erst jetzt kann man sagen, Hippo, 
oder vielmehr seine Trümmer liegen am Ubus, aber auf dem 
linken Ufer, nur 1600 m von der Porte d'Hippone von Bona, 
nicht wie noch Kiepert (auf der dem Corpus I. L., T. 8 beige- 
gebenen Karte) es darstellen durfte, auf dem rechten Ufer, 5 km 
südsüdöstlich von diesem Tore und an einer Stelle, die tatsäch- 
lich von der Seybuse mitten durchflössen wird. Jedenfalls kann 
das Westwärtsrücken nicht lange mehr andauern und wird schon 
jetzt gegen früher wesentlich verlangsamt sein, denn der Fluß ist 
schon bis auf 100 m an die Hügel unterhalb der Brücke heran- 



ic a TL, 6. Die Bucht von Bona. 

gerückt, und man wird ihm, da er bereits die Eisenbahn zu be- 
drohen beginnt, wohl jetzt die Arbeit noch künstlich erschweren. 

Es wäre sehr zu wünschen, daß diese einmaligen, flüchtigen 
Beobachtungen, bei denen eben deshalb leicht Täuschungen unter- 
laufen können, von einheimischen Forschern aufgenommen würden. 
Es wäre dies eine schöne Aufgabe für die Academie d'Hippone 
und ihren trefflichen Präsidenten Herrn Papier. Es würde nicht 
schwer sein, das Fortschreiten der Erosion des Unken Seybuse- 
ufers, namentlich mit Rücksicht auf die Eisenbahn zu messen. 
Auch müßte der Verlauf der römischen Straßen in der Umgebung 
von Hippo auf das sorgsamste, sorgsamer als bisher, festgestellt 
werden. 

Wenn Hippo auch durch die Vandalen zerstört wurde, so 
muß das doch nicht sehr gründlich gewesen sein, denn Belisar 
eroberte es 534 zurück und 696 nahmen es die Araber ein. 
Von da an beginnt erst die Verödung. El Bekri kennt schon 
das neue Bona; zu seiner Zeit (zweite Hälfte des 11. Jahrhun- 
derts) muß aber auch das alte noch bewohnt gewesen sein, wenn 
anders seine Angaben sich nicht auf eine frühere Zeit beziehen. 
Auch ist die Entfernung, 3 Meilen vom neuen Bona, obwohl sich 
dasselbe in französischer Zeit in der Richtung von Hippo aus- 
gedehnt hat, viel zu groß. Die Angabe, daß Bona etwas nach 
1058 n. Chr. mit Mauern umgeben worden sei, läßt jedoch 
schließen, daß dasselbe erst im n. Jahrhundert sich auf Kosten 
des alten zu größerer Bedeutung erhoben hat. Verläßlicher ist 
die Angabe Ibn Haukais, der Bona 970 n. Chr. selbst besuchte 
und als eine bedeutende Handelsstadt schildert, die alte Stadt 
aber nicht erwähnt. Die Verödung von Hippo fällt also in die 
Zeit von 700 — 1000 n. Chr. Bedeutungsvoll ist, daß Leo Afri- 
canus ausdrücklich erwähnt, daß die Ruinen als Steinbruch zum 
Aufbau von Bona dienten. Die Lage von Hippo war so ausge- 
zeichnet, so natürlich fest und bequem für den Seeverkehr, daß 
durchaus kein vernünftiger Grund zu finden wäre für die Ver- 
legung der Stadt um volle 2 km nordwärts an das Steilufer, wo 
nur mit Mühe der Baugrund geebnet werden konnte, für die 
Verschleppung der Trümmer dorthin, wenn wir nicht in dem 
Westwärtsrücken der Seybuse und der Verlandung der Bucht 
unter Überhandnehmen der Malaria einen solchen hätten. Die 
Seybuse konnte das zurückweichende Meer nicht als Hafen er- 



Bildung des Golfs von Tunis. ur 

setzen, denn nur bei Hochwasser, wo sie aber sehr reißend ist, 
hat sie für kleinere Seeschiffe hinreichende Tiefe, für gewöhnlich, 
ja zuweilen viele Jahre hindurch, ist ihre Mündung überdies durch 
eine Barre geschlossen. Natürliche Vorgänge, nicht geschichtliche 
Ereignisse oder menschliche Willkür haben Hippo Regius den 
Untergang gebracht. Das auf Felsgrund im Anhauch des Meeres 
gegründete Bona war dagegen gesund und hat an der ganzen 
gegen W und NW trefflich geschützten Steilküste in mehreren 
kleinen Buchten guten Ankergrund. Die neuzeitliche Großschiff- 
fahrt freilich erforderte wirkliche, auch gegen Nord- und Nord- 
oststürme schützende Hafenanlagen. Bona besitzt heute einen 
fast ganz sichern, freilich bei genannten Windrichtungen schwer 
zugänglichen Hafen, der aber nur durch beständiges Baggern in 
der nötigen Tiefe erhalten werden kann, denn- die Strömung 
trägt die Sinkstoffe der Seybuse hinein. Der Dampfer, mit 
welchem ich einlief, wühlte die Sinkstoffe mit der Schraube auf 
und der Kapitän versicherte mir, daß er nur wenige Zentimeter 
Wasser unter dem Kiele habe. Man hofft dem vorzubeugen da- 
durch, daß die Mündung des großen Vorhafens von der Ost- 
auf die Nordseite verlegt werden soll. 



7. Die Stätte von Karthago. 

Über die Veränderungen des Küstensaums an der Westküste 
des Golfs von Tunis gibt es schon ziemlich umfang- und zahl- 
reiche Veröffentlichungen. Von den Untersuchungen des Verfassers 
abgesehen, haben J. Partsch 1 ) und Ch. Tissot 2 ) sehr eingehend 
über die Neulandbildungen an der Mündung des Medscherda 
(Ton auf der ersten Silbe) gehandelt. Auch Reclus widmet dem 
bei der großen geschichtlichen Wichtigkeit eine eingehende Dar- 
stellung 3 ). Alle drei geben ihren Untersuchungen auch Karten 
bei, die jedoch sämtlich, sei es, weil die topographische Unter- 
lage ungenügend war oder nicht durch Selbstsehen verbessert und 

1) Petcrm. Mitt. 1883, S. 202. Diese Abhandlung ist zuerst auf Grund 
meiner Forschungen an Ort und Stelle 1887 in Peterm. Mitt. erschienen. 

2) Geographie comparee de la Province romaine d'Afrique. Paris 1884, 
I, p. 74 f. 

3) Geogr. Univ., T. XI, p. 159. 



1^6 n, 7. Die Stätte von Karthago. 

ergänzt werden konnte, noch mehr oder weniger zahlreiche Fehler 
enthalten. Am mangelhaftesten ist die Darstellung der Ober- 
flächenformen merkwürdigerweise bei Tissot. Ich habe diesem 
Gebiete, das mich schon seit 10 Jahren beschäftigt hat, besondere 
Aufmerksamkeit gewidmet und meine, noch manchen neuen Ge- 
sichtspunkt mitteilen, Irrtümer berichtigen zu können. Um Wieder- 
holungen, namentlich mit Rücksicht auf die treffliche quellen- 
kritische Darstellung j. Partschs zu vermeiden, sollen nur die 
Punkte hervorgehoben werden, über welche sich noch Neues vor- 
bringen läßt. 

Suchen wir zunächst uns zu vergegenwärtigen, welches die 
Verteilung von Land und Meer hier am Golf von Tunis war, be- 
vor die beiden hier mündenden Flüsse, der von Westen her 
kommende, in seinem untersten Laufstücke an die Triasschichten 
durchsetzende Bruchlinien gebundene Medscherda und der weit 
kleinere von Süden kommende Wed Miliane, wohl ein reiner 
Abdachungsfiuß, ihre von marinen Kräften beeinflußte landbildende 
Tätigkeit begannen. Beide sind als die einzigen dauernd Wasser 
führenden Flüsse Tunesiens anzusehen. 

Wir haben den Golf von Tunis, dessen Umgebung freilich 
geologisch noch nicht hinreichend erforscht ist, als einen Ein- 
bruchskessel aufzufassen, der sich in der Quartärzeit bildete im 
Zusammenhange mit den Vorgängen, welche Apennin und Atlas, 
Sizilien und Tunesien voneinander trennten und in Verbindung 
mit welchen sich die vulkanische Tätigkeit auf der nun unter- 
seeischen Schwelle zwischen Nordwest- und Südostbecken des 
Mittelmeeres (Pantelleria und Umgebung) entwickelte. Er greift 
von Nordost nach Südwest in das Land ein, genau an der 
Nordostecke der Atlasländer und auf der Grenze der beiden 
gegen diese Nordostecke zusammenlaufenden junggefalteten Gürtel 
des Teil- und des Sahara-Atlas. So wohl bekannt mir die Ein- 
würfe sind, sehe ich noch immer die beiden die Eingänge in 
den Golf bezeichnenden Vorgebirge, Ras Sidi AU el Mekki 
(Promont. Pulchrum) am westlichen, Ras Addar (Kap Bon, 393 m 
Promont. Mercurii) am östlichen Eingange als die Enden der 
beiden gefalteten Gürtel des Atlas an. Vollends der Grund, 
den Atlas am Südrande des Golfs von Tunis im Dj. Bu Kurnin 
und Ressas endigen zu lassen, weil die Halbinsel Dakhelat 
el Mauin oder el Beschr (im Mittelalter bei Edrisi Djazirat 



Bildung des Golfs von Tunis. \cn 

Bachon, bei den Europäern gewöhnlich Halbinsel des Kap Bon 
genannt) nur aus miocänen Schichten aufgebaut sei, kann 
für den Geographen in keiner Weise stichhaltig sein. Die 
Öffnung des Golfs beträgt zwischen den beiden Vorgebirgen 
68 km und entspricht ungefähr der Tiefenlinie von ioo m, die 
aber im Bogen in den Golf eingreift und noch mehr die 50 m- 
Linie, die bis an den Eingang der innersten Bucht zwischen Kap 
Kamart und Kap Fartass reicht. Die Tiefenlinie von 10 m, die 
für die heutige Schiffahrt so wichtig ist, liegt bei diesen beiden 
Vorgebirgen wie an den beiden andern dicht unter Land, vor 
La Goletta aber 3,5 km seewärts, nördlich von Kap Kamart im 
allgemeinen 2,5 km. Der Golf greift 50 km tief in das Land ein. 
Für seine Entstehung als Einbruchskessel spricht die Steilheit seiner 
Ufer an der Ostseite, über und unter See, und die bei Hammam 
Lif am Fuße des Dj. Bu Kurnin, Hammam Korbeus und Hammam 
el Atrus am Fuße von Steilabstürzen hervorbrechenden heißen 
Quellen. Hammam Korbeus, deren Quellen 56 ° C. haben, war 
als Aquae Carpitanae in römischer Zeit ein glänzender Badeort 
und wird auch jetzt benützt, während Hammam Lif (47 — 49 C.) 
sich zu einem europäischen Badeort entwickelt. Namentlich spricht 
aber auch der Reichtum an Inseln dafür, die man sofort alle als 
junge, vorwiegend tektonische Abgliederungsinseln erkennen wird: 
westlich von Kap Bon die Aegimuren der Alten, Djamur el Kebir 
(455 m) und Dj. es Srir (53 m) (Zembra und Zembretta), vor dem 
Kap Sidi Ali el Mekki die kleine niedrige Insel Plane, jene 
durch die 50, diese durch die 20 m-Linie an ihre Vorgebirge 
angeschlossen. Nördlich von dem Halbinselvorsprunge des Kap 
Sidi Ali el Mekki die ebenfalls kleine, aber hohe Insel Pilau 
(117 m). Auch sah ich die dem jüngsten Miocän angehörigen 
Schichten dieses pfeilartig nach Osten streichenden schmalen Rückens 
steil nach Süden, also gegen den Golf einfallen, wo ihnen kalkige 
Molasseschichten des Pliocän (Ostrea crassissima, Pecten Jacobaeus 
usw.) auflagern, während sie die Schichtenköpfe dem schmalen 
gegen Norden vorgelagerten Vorlande zukehren. Vor allem war 
aber der heute verlandete Teil des Golfs an Inseln reich, die 
eben die Landbildung außerordentlich gefördert haben. Solche 
Inseln waren der heutige Dj. Menzel RuI (165 m), an dessen Nord- 
ostspitze dem heutigen Plane ähnlich das Inselchen von Utica 
lag. Ferner der schmale 12 km lange Kücken des Kudiat Tuba 



j cg II, 7. Die Stätte von Karthago. 

(59 m). Ein 4. Inselchen, Kudiat el Mebtuh (27 m) und ein 5. Dj. 
Chauat (114 m) lagen in dem jetzigen gleichnamigen Sumpfe. 
Eine 6. war Dj. Maiana (186 m) nordöstlich Teburba, eine 7. große 
Insel ist die von Karthago (miocäne Sandsteine, 129 m), eine 8. 
die kleine Insel Chekli im Haff von Tunis. Ob auch die Hügel 
von Tunis, der Dj. Amar und Dj. Naheli, als solche Inseln auf- 
zufassen sind, wage ich jetzt nicht zu entscheiden. Jedenfalls 
läßt die Umgebung von Tunis zusammenhangslose vereinzelte Hügel 
von Kreide- und Miocän- (Sandsteine) Gesteinen erkennen. Der 
Dj. Amar besteht aus Triasgesteinen. Auch die Mornag- Ebene 
an der untersten Miliana ist quartär. 

Der Medschertia ist einer der eifrigsten Deltabauer, sein 
Wasser ist stets mehr oder weniger sihkstoffreich und getrübt, da 
er eine ganze Reihe stufenförmig übereinanderliegender Becken 
durchfließt, die in früherer Zeit von ihm mit feinerdigen, lehmig- 
tonigen Sinkstoffen ausgefüllt worden sind. Heute durchfließt er 
diese Becken in tief eingeschnittenem Bett und bereichert sich 
dabei, die Ufer unterwaschend, mit Sinkstoffen. Diese lagert er, 
bei Hochwasser wenigstens, weit mehr in seinem dann weithin 
überschwemmten Delta als im Meere ab. Bei gewöhnlichem 
Hochwasser führt er 500 cbm Wasser in der Sekunde, bei Über- 
schwemmung der Ebene 2000. Sehr richtig vergleicht ihn daher 
schon Shaw mit dem Nil, denn es ist eine sehr bedeutende Fläche, 
die so ziemlich alljährlich im Winter oder Frühling vom Flusse 
mit außerordentlich fruchtbarem, feinem Schlamm überdeckt und 
somit allmählich aufgehöht wird. Selbst künstliche Erhöhungen 
zur Anlage der Dorfschaften fehlen nicht, wenigstens findet sich 
eine solche am heutigen linken Flußufer, 3Y 2 km unterhalb der 
großen Brücke am Fonduk. Sie trägt heute noch bedeutende 
antike Trümmer, in welchen ein armseliger Duar Platz gefunden 
hat. Freilich von einer Regelung der Überschwemmung, die wohl 
jeden Winter einmal die ganze Ebene in einen großen Süßwasser- 
see verwandelt, einer Nutzbarmachung ist hier keine Rede, im 
Gegenteil sie verwüstet meist die Weizenfelder, und ich fand die 
Bauern im April (1886) nach der großen Überschwemmung vom 
Februar überall in der Ebene beschäftigt, die eben trocken 
werdenden verschlammten Felder von neuem zu pflügen, um noch 
eine Gerstenernte zu erzielen. Doch ist der größte Teil der Ebene 
heute unangebaut, größere Sümpfe und Wasseransammlungen halten 



Das Delta des Medscherda. 



!59 



sich auch im Sommer, weite Strecken des fruchtbaren Schlammes 
reißen dann in weiten Spalten auf, so daß es gefährlich ist, dar- 
über zu reiten. Die eigentliche Deltabildung des Flusses beginnt 
52 km oberhalb der heutigen Mündung bei Djedeida, wo der 
Fluß aus einem kurzen, nur 10 km langen und 1,5 km breiten 
Durchbruchstale, zugleich auch seine Richtung ändernd, heraustritt. 
Die neue Eisenbahn nach Algerien tritt durch dieses, gerade auf Tunis 
hinweisende Tor in das eigentliche Medscherdatal ein. Oberhalb 
dieses Tores weitet sich das Tal sofort wieder zu dem untersten 
der erwähnten Talbecken, dem von Teburba bis Medjez-el-Bab 
aus. Unterhalb Djedeida dehnt sich, rings von Bergen von 300 m 
Höhe umgeben, eine sich nach Norden neigende Ebene aus, die 
innerste, in vorgeschichtlicher Zeit zugeschüttete Ausbuchtung des 
Golfs von Tunis, die noch heute, namentlich in ihrem nördlichen 
Teile, wo sie Garaet el Mebtuh heißt, sumpfig ist und nur als 
Weideland dient. Es erscheint mir als durchaus wahrscheinlich, 
daß hier noch in geschichtlicher Zeit ungangbarer Sumpf, wie 
heute nach großen Überschwemmungen vorübergehend, vorhanden 
war. Diese ganze Ebene würde unschwer zu ent- und wieder 
künstlich zu bewässern und zu befruchten sein. Durch ein Stau- 
werk bei Djedeida ließen sich damit 220 qkm fruchtbarsten Landes 
dem Anbau gewinnen und, nach den entsprechenden Gegenden 
des Nildeltas urteilend, für mehr als 50000 Ansiedler, im ganzen 
Delta für fast die dreifache Zahl Raum gewinnen. Allerdings 
unter Beseitigung der Malariagefahr. Ein einsichtiger Bey hatte 
im 17. Jahrhundert bei El Batan 9 km oberhalb Djedeida durch 
einen holländischen Wasserbaumeister, aber wohl auf römischer 
Grundlage eine große Staubrücke über den Medscherda bauen 
lassen, und so Bewässerungskanäle durch die Olivenhaine geleitet, 
deren Spuren noch zu erkennen sind. 

Diese ehemalige, sich etwa 21 km in NNO -Richtung er- 
streckende Meeresbucht stand durch zwei Engen mit der äußern 
Bucht in Verbindung, indem sich derselben im Nordosten die 
12 km lange schmale, sich nach Norden zuspitzende Insel von 
Kalftat el Wed (Castra Cornelia) vorlagerte. Dieser Höhenrücken 
ist bei Tissot durchaus falsch dargestellt 1 ); er erreicht im Süden 

1) Auch das Blatt 2 der neuen französischen topographischen Karte 
läßt hier eine ösüichere flache Bodenschwclle von ca. 20 m Höhe nicht 
erkennen. 



1 60 1I> !• Die Stätte von Karthago. 

in dem Kudiat Tuba die größte Höhe von 59 m, senkt sich 
dann an der Stelle, wo zugleich seine Richtung aus NNO in nahe- 
zu N übergeht, auf 20 m herab und bietet da, wie heute der 
Straße von Tunis nach Bizerta, so im Altertum der von Karthago 
nach Utica den natürlichen Übergang. Dort führt denn auch 
eine steinerne Brücke, deren Grundlagen römisch sein sollen, 
über den Fluß, bei welcher man einen Fonduk, danach F. el Kan- 
tara genannt, errichtet hat, an den sich ein kleiner Duar anschließt. 
Die Nordspitze dieser ehemaligen Insel trägt bei Kaläat el Andeless 
noch heute, obwohl 6 l / 2 km ins Land gerückt, durchaus den 
Charakter eines steilen Vorgebirges, auf welchem man unwillkür- 
lich einen Leuchtturm sucht. Ehe der Fluß seine Sinkstoffe hier 
dem Meere zuführte, war dies Vorgebirge von der Brandung bei 
Nordostwinden in ähnlicher Weise umspült, wie heute noch das von 
Karthago; es fiel, von der Brandung benagt, in steilen, ca. 20 m 
hohen Abstürzen zum Meere ab, genau wie es in Cäsars Bellum 
civile geschildert wird: „jugum directum, eminens in mare, utra- 
que ex parte praeruptum atque asperum". Wenn aber schon 
Scipio hier um das Vorgebirge sein Schiffslager aufschlagen konnte, 
so mußte sich bereits ein Saum Neuland um dieses aus jung- 
tertiären bröckeligen Kalksteinen bestehende Vorgebirge gelagert 
haben. Heute liegt auf der Spitze das große Dorf Kaläat el 
Wed oder Galaat el Andeless. 

Das Südende dieser ehemaligen aus dem Schwemmlande 
des Medscherda auftauchenden Insel war durch eine reichlich 
5 km breite Meerenge, die noch heute mit ihrem wagerechten 
Boden den Eindruck einer solchen macht, von der Hügelgruppe 
des Dj. Amar (328 m) und des über eine Einsattelung damit zu- 
sammenhängenden Dj. Naheli (261 m) getrennt. Durch diese 
Meerenge schob der Medscherda in der Zeit, in welcher zuerst 
geschichtliche Überlieferung diese so hervorragend geschichtlich 
gewordene Gegend beleuchtet, seine Wasser- und Sinkstoffmassen 
dem Meere zu. Hier lag die Mündung in der Zeit des soge- 
nannten großen Söldnerkriegs (240 v. Chr.). Die durch Wind und 
Küstenversetzung vor der Mündung gebildete Barre benutzte 
Hamilkar Barkas, um sein Heer auf das linke Ufer des Stromes 
zu bringen. Vorher aber muß wohl notwendig schon einmal sein 
Lauf nach N gerichtet gewesen sein, an der Westseite der Insel 
vorbei, denn die Verlandung des Mebtuh-Beckens und der zweiten 



Das Delta des Medscherda. 1 6 1 

Enge, durch welche dieselbe mit dem äußern Deltaland in Ver- 
bindung stand, zwischen dem Nordende der Insel und dem ge- 
nau demselben parallelen Halbinselvorsprung von Utica kann nur 
durch den Medscherda erfolgt sein. Diese nördlichere ehemalige 
Meerenge hat eine Breite von 3000 m. Damit stimmt allerdings nicht 
überein die Angabe derselben oben angeführten Stelle des Bellum 
civile, nach welchem die Entfernung des Vorgebirges von Castra 
Cornelia von Utica geradeswegs etwas über 1000 Schritt betragen 
soll. Die Quelle, die sich auf diesem geraden, aber sehr sumpfigen 
Wege befinden soll, vermag ich nicht festzulegen, da doch kaum 
die warme Quelle von Utica (A'in el Hammam) darunter zu ver- 
stehen ist. Wolle man den Sumpf vermeiden, so müsse man 
einen Umweg von sechs Meilen machen , d. h. man müßte dem 
Höhenrücken von Castra Cornelia südwärts folgen und die Ebene 
ungefähr da überschreiten, wo die Straße von Tunis nach Bizerta 
heute sie überschreitet, und offenbar auch die Straße Karthago 
bis Utica sie überschritt. Dort war also schon damals ziemlich 
fester Boden. Auch heute ist die Strecke zwischen Galaat und 
Bu Schater nur im Sommer fest und trocken, sonst breiten sich 
auch heute noch, abgesehen vom Flusse selbst, Sümpfe aus. Es 
darf wohl angenommen werden, daß in dieser Enge eine Er- 
höhung des Schwemmlandes dadurch stattfand, daß der Fluß 
hier, nachdem er die Mebtuhebene wohl in viele flache Arme 
geteilt durchirrt hatte, wieder zusammengedrängt und von der 
Brandung gestaut zum Fallenlassen der letzten Sinkstoffe genötigt 
wurde. Eben die Erhöhung seines Bettes ließ ihn dann wohl 
bei einem Hochwasser sich den südlichen Engen (wieder) zu- 
wenden. Hier, wo der Fluß aus der Enge heraustrat, war dem- 
nach der bequemste Übergang, wenn man von Karthago nach 
Utica wollte, hier, fast genau mittewegs Sebala und Fonduk, wo 
die Straße heute noch einen alten Flußlauf quert, müssen wir 
demnach die Brücke und die Stadt an der Brücke suchen, bei 
welcher nach Polybios (I, 75) Hamilkar Barkas die Söldner 
schlägt. An diese Stelle konnten die Söldner von dem 1 2 km 
entfernten Utica zu Hilfe eilen, von hier mußten sich die Geschlagenen, 
nachdem die am Südufer gelegene Stadt an der Brücke ge- 
nommen, naturgemäß nach Tunis flüchten, denn die Einsenkung 
zwischen Dj. Amar und Dj. Naheli verbindet eben diesen Punkt 
mit Tunis. Der Verlauf der Straßen ist in einem Gebiete wie 

Fischer, Mittelmcerbilder. Neue Folge. II 



IÖ2 n, 7- Di e Stätte von Karthago. 

dieses, wo Berge, Sümpfe und Flußläufe wechseln, streng geo- 
graphisch bedingt. Ich bin zweimal nahe an jener Stelle vorbei- 
gekommen, hatte aber nicht die Zeit, nach Trümmern der Stadt 
und der Brücke zu forschen, meinte auch, daß dieselben im 
Schlamm vergraben seien. Erst beim Abschluß der Arbeit fiel 
mir ein sehr versteckter Bericht von Daux in die Hand 1 ), nach 
welchem dieser wirklich an der von mir aus den örtlichen Ver- 
hältnissen geschlossenen Stelle Reste einer Brücke und einer 
alten Stadt dicht dabei auf etwas erhöhtem Boden gefunden 
haben will. Daux meint, sie müsse Cigissa oder Cigisa geheißen 
haben. 

Hier lag also die älteste geschichtlich festgestellte Mündung 
des Medscherda, sie war allmählich bis auf 10 km vom nord- 
westlichen Stadtteile von Karthago, der Totenstadt auf dem Vor- 
gebirge Kamart, vorgerückt und lag, wie Tissot und schon im 
vorigen Jahrhundert Shaw annehmen, unmittelbar unter dem nord- 
östlichsten, ebenfalls Vorgebirgscharakter tragenden Vorsprunge 
des Dj. Naheli, den heute der weithin sichtbare Marabut Sidi 
Amor bu-Ktiua krönt. Freilich lag eine Meeresbucht zwischen 
beiden Punkten. Hier mündete der Fluß, wie Partsch hervor- 
gehoben hat, noch 49 v. Chr. In der darauf folgenden Zeit be- 
gann er aber seine Mündung immer weiter nach Norden vorzuschieben, 
zunächst an der Außenseite der Insel entlang, wo noch heute der 
alte Flußlauf deutlich zu erkennen ist, dann, als der Weg durch 
die südliche Enge mehr und mehr versperrt wurde, an der Innen- 
seite entlang, so daß er schließlich die heutige Richtung ein- 
schlug und den Teil der Bucht, welcher vor den Vorgebirgen 
von Utica und Castra Cornelia lag, zu verlanden begann. Daß 
dazwischen eine Zeit gelegen hat, wo der Fluß zwei Mündungen 
nördlich und südlich der Insel hatte, ist wahrscheinlich und er- 
klärt die abweichenden Angaben der Quellen. Es war genau so 
wie heute, wo der eine Berichterstatter und die eine Karte die 
Mündung in das Haff von Porto Farina verlegen, der andre un- 
mittelbar ins Meer. Es brach sich der Fluß mit der allmählichen 
Verlegung der südlichen Enge erst gelegentlich nach Norden 
Bahn und behielt noch die östliche als eigentliche Mündung bei, 



1) Comptes rendus de l'Academie des Inscriptions et Beiles Lettres 
N. S. IV a. 1868, p. 155. 



Das Delta des Medscherda. 



163 



nach und nach aber wurde jene die Hauptmündung, und erlosch 
diese gänzlich. Die Erhöhung des Unterlaufes, die Verstopfung 
der Mündung durch eine Barre, die Bildung einer Nehrung — 
die heutige flache Sebcha Er Riana ist wohl der Rest eines Vor- 
gängers des Haffs von Porto Farina — zugleich auch Erhöhung 
und Verengung des Durchganges zwischen der Insel und dem 
Dj. Amar durch die von demselben herabkommenden Gießbäche, 
mochten die Hauptursachen der nördlichen Abschwenkung des 
Flusses sein. Daß derselbe außer jener ältesten nachweisbaren 
Mündung unter Sidi Amor bu-Ktiua, wo der Flußlauf noch sehr 
deutlich zu verfolgen ist, noch mehrere andere weiter nördlich ge- 
habt hat, kann nicht bezweifelt werden; ich selbst habe Stücke 
alter Flußläufe in der fraglichen Gegend gefunden, einzelne füllen 
sich sogar streckenweise im Winter mit Regenwasser, aber es ist 
mir nicht gelungen, die von Tissot eingezeichneten Flußbetten in 
dieser sichern Weise festzustellen. Es muß auch Bedenken er- 
regen, daß Tissot, der freilich über ganz ungenügende Karten 
verfügte, den Höhenrücken der ehemaligen Insel, die er auf 
2i 1 / 2 km verlängert (!), in der Mitte, wo er ihn als Dj. Kabeur el 
Djehela bezeichnet, so riesig verbreitert, und den Fluß diese 
tafellandartige Hügelmasse rings umfließen läßt. Falls hier nicht 
ein grober Fehler des Zeichners vorliegt, wie wahrscheinlich, so 
müßte man den Verdacht hegen, Tissot, der wohl selbst diese 
Karte nicht mehr hat nachsehen können, habe die Örtlichkeit 
gar nicht betreten, sonst wäre eine so irrige Darstellung des Ge- 
ländes, die schon den klassischen Berichten widerspricht, unmög- 
lich. Um diese Flußläufe so festzulegen, wie sie auf Tissots 
Karte sich finden, ist eine sehr eingehende Untersuchung des 
Geländes Voraussetzung. Mir war gerade an diesem Punkte 
eine solche nicht möglich. Auf Partschs Karte ist ein Flußlauf 
aus römischer Zeit mitten durch die ehemalige Insel verzeichnet. 
Das ist natürlich auch unmöglich. Die neuen französischen Auf- 
nahmen lassen mehrere alte Flußläufe in dieser ehemaligen Meer- 
enge erkennen, auch ganz junge durchgebrochene Flußschlingen 
finden sich. 

Seit den ersten Jahrhunderten unsrer Zeitrechnung ist also 
der Schauplatz der Landbildung nach Norden verlegt. 

Aus einer Bemerkung bei Shaw S. 7 1 , daß man auf dem 
Wege von Sidi Ali (Amor) bu Ktiua nach Galaat (Kaläat) die 



164 H> 7. Die Stätte von Karthago. 

Ebene mit Tannenzapfen, Stämmen von starken Bäumen und 
andern Anzeichen großer Überschwemmungen bedeckt finde, 
müßte man schließen, daß noch anfangs des 18. Jahrhunderts 
das Hochwasser des Medscherda durch die südliche Enge sich 
ausgebreitet habe. Es erscheint mir dies wenig wahrscheinlich. 
Nördlich von Galaat kann man jene Anzeichen von Über- 
schwemmungen heute allenthalben finden, obwohl ich Zapfen 
der Aleppokiefer entsprechend der Verwüstung der Wälder 
im Quellgebiet des Medscherda nicht mehr sehr häufig gefunden 
habe. Die ganze Ebene östlich des niedrigen Rückens von Galaat, 
die Garaa bu Ammar, ist noch heute sumpfig und seewärts von 
Haffen, welche ein schmaler niedriger Dünenzug vom Meere trennt, 
begleitet. Auch nördlich von Galaat ist die Ebene von win- 
dungsreichen alten Flußläufen gefurcht. Die Verlandung der 
Sebcha Er Riana (oder Er Ruan) ist auch noch in geschichtlicher 
Zeit zu verfolgen. Sie war noch in den letzten Jahren des puni- 
schen Karthago ein offener Meeresteil, tief genug, daß eine 
Zeitlang die römische Flotte an ihrer Südküste, dem Nordrande 
der Landenge, welche die Halbinsel von Karthago mit dem Fest- 
lande verbindet, sich aufstellen und die Verbindung mit Italien 
unterhalten konnte 1 ). Seitdem erst hat sich also die Nehrung 
gebildet, die von dem sandreichen Kap Kamart aus diese Bucht 
zum Haff gemacht hat. Sie liegt im Sommer schon zum großen 
Teil trocken. 

Die Halbinsel von Utica und die nur kurze Zeit als Halb- 
insel vorhanden gewesene, rasch völlig verlandete ehemalige Insel 
werden von Schwemmland umhüllt. Utica, noch kurz vor Beginn 
unsrer Zeitrechnung Seestadt und Hafen, wird bereits nicht mehr 
als solcher bezeichnet in der uns aus der zweiten Hälfte des 
3. Jahrhunderts n. Chr. erhaltenen Abfassung einer alten Segel- 
anweisung (Stadiasmos). Gegen Ende der Kaiserzeit beginnt 
Utica zu veröden, denn mit Recht schließt dies Daux aus dem 
Umstände, daß er keine Spur byzantinischer Neubauten mit altern 
Resten dort finden konnte. 

Doch gab es bis zur Eroberung durch die Araber Bischöfe 
von Utica, der letzte, Potentinus, floh 683 vor jenen nach Spanien 2 ). 



1) O. Meltzer: Gesch. der Karthager II, S. 157. 

2) Maltzan I, S. 331. 



Die Stätte von Utica. 



I6 5 



Seitdem war die immer mehr von fieberschwangern Sümpfen um- 
schlossene Halbinsel wohl völlig verödet, nur ein armseliges Dorf, 
Bu Schatir, nach zwei dicht beieinander auf dem zweiten 
Hügel gelegenen Marabuts genannt, erhob sich unmittelbar über 
der großen Zisterne auf der Spitze des dritten Hügels. An Stelle 
dieses seitdem i 1 ^ km weiter westwärts auf dem Höhenrücken 
verlegten, jetzt nur aus fünf Hütten bestehenden Araberdorfes ist 
seit dem Besuche Maltzans (1868) ein großer Meierhof eines 
rasch reich, aber fast ebenso rasch wieder arm gewordenen 
Tunesen getreten, nach demselben bis vor kurzem Bordsch Ben 
Ayed genannt. Im Jahre 1885 ist die Ruinenstätte von Utica 
mit dem Meierhof und einer weiten Umgebung in den Besitz 
eines französischen Grafen Frank übergegangen, der den ganzen 
Hügelzug und die Stätte von Utica mit Reben bepflanzen läßt. 

Daß Utica die älteste phönikische Ansiedelung am Golfe 
war, wird bei Untersuchung und Vergleichung der Örtlichkeiten 
von Utica und Karthago sofort klar. Das älteste Utica lag auf 
einer kleinen Insel vor der Spitze der Halbinsel und wuchs erst 
allmählich auf die Halbinsel hinüber. Seine Lage war ganz ge- 
eignet für eine erste Niederlassung von Kaufleuten, sie war ähn- 
lich der von Ubbo (Hippo) eine echt phönikische Handelslage. 
Dagegen waren die Phöniker, die sich auf der weiten, einer 
riesigen Großstadt Raum bietenden, in jeder Hinsicht groß ange- 
legten Halbinsel von Karthago niederließen, unbedingt von vorn- 
herein zahlreicher, selbstbewußter, sie waren nicht lediglich auf 
Erwerb und gute Beziehungen zu den Eingeborenen bedachte 
Kaufleute, sondern nicht unbemittelt kommende Glieder einer in 
den innern Kämpfen unterlegenen politischen Partei, die hier von 
vornherein nach politischer Macht strebte. Zwischen der Gründung 
von Utica und der von Karthago ist daher gewiß ein langer 
Zeitraum verflossen. Der Unterschied der Lagenverhältnisse ist 
ein so bedeutender, daß Utica jederzeit hinter Karthago zurück- 
stehen mußte. Auch die landschaftlich so anziehende Hügel- 
gruppe von Karthago (Höhe von Sidi Bu Said 141 m) bildete 
ursprünglich eine Insel, nur dürfte deren Landfestwerden min- 
destens in frühquartäre Zeit fallen; die Landenge besteht zum Teil 
aus Schichten ziemlich festen Kalksteins, in dem an den wenigen 
Punkten, wo ich ihn untersuchen konnte, Versteinerungen ganz fehlen. 
Gewiß war sie bei Gründung der Stadt schmäler als jetzt. 



1 66 II. !• Die Stätte von Karthago. 

Die Landbildung ist hier in den letzten 18 Jahrhunderten 
sehr rasch vor sich gegangen, denn die Landfläche, welche sich 
seitdem hier gebildet hat, ist nicht sehr viel kleiner, als die in 
den Jahrhunderten vor Beginn unsrer Zeitrechnung gebildete. 
Überhaupt ist die Landbildung in geschichtlicher Zeit viel rascher 
vor sich gegangen als in vorgeschichtlicher. Den in letzterer 
gebildeten etwa 220 qkm stehen 350 in ersterer gebildete gegen- 
über, von denen die Sebcha Er Riana und das Haff von Porto 
Farina mit 24 und 26 qkm als noch nicht verlandet abzuziehen 
sind. Daß die Landbildung in geschichtlicher Zeit rascher vor 
sich gegangen ist, durfte man bei sonst sich gleich bleibenden 
Verhältnissen als eine Folge der Ausdehnung des Anbaues und 
der Waldverwüstung, damit auch der Hochwasser und der in 
diesem Klima rascher fortschreitenden Abtragung erwarten. Das 
Medscherda-Gebiet war ja das Gebiet dichtester Besiedelung und 
höchster Kultur im römischen Afrika, im Medscherda-Tale auf- 
wärts drangen die römischen Ansiedler auf das Hochland vor. 

Besondere Aufmerksamkeit verdient noch die Lage der 
Mündung des Flusses, denn wunderbarerweise gehen darüber die 
Angaben auffällig auseinander. Ich selbst ließ bisher auf Grund 
des kartographischen Urmaterials, der neuen französischen topo- 
graphischen Karte von Tunesien, deren betreffendes Blatt im 
Mai 1884 ausgegeben ist, den Fluß in das Haff von Porto Farina 
münden, das Gleiche und wohl aus gleichem Grunde tut Tissot 
und Reclus, während Partsch, wohl der Darstellung der 1883 
noch als Urmaterial hier anzusehenden Seekarten folgend, den 
Fluß, wenn auch unter Abgabe von Nebenarmen an das Haff, 
unmittelbar ins Meer führt. Und diese Darstellung ist die richtige, 
so schwer man an einen so groben Irrtum auf einem so wichtigen 
Kartenwerke, wie das genannte amtliche französische ist, noch 
dazu in einer der Hauptstadt nahen Gegend, glauben mag. Der 
Medscherda mündet nicht in das Haff von Porto Farina, sondern 
unmittelbar ins Meer, er sendet nur gelegentlich bei Hochwasser 
im Winter Nebenarme in das Haff. Aber auch diese sind auf den 
neuesten französischen Kartenausgaben nicht eingezeichnet. Das 
hätte man jeden Tag im Kanal von La Goletta von den dort 
liegenden Barkenführern von Porto Farina erfahren können. Ich 
habe mir einen Einblick in diese Verhältnisse auf einer drei- 
tägigen Fahrt auf einer kleinen Segelbarke von Porto Farina, die 



Die Mündung des Medscherda. l57 

ich in La Goletta gemietet hatte, an der ganzen Küste entlang 
und auf dem Haff verschafft, und denselben durch Fußwande- 
rungen durch die nach dem Hochwasser vom Februar besonders 
unwegsamen Sümpfe an der Mündung des Flusses noch weiter 
vertieft. Doch ist es erklärlich, wie diese irrige Darstellung auf 
die französische Karte gekommen ist. Die Aufnahme hat jeden- 
falls im Winter stattgefunden, wo diese Sümpfe allerdings schwerer 
zugänglich, aber frei von Fieber sind. Vielleicht war der be- 
treffende Winter ein besonders regenreicher, und gab der Fluß 
infolgedessen besonders starke Arme an das Haff ab, die somit 
leicht als Hauptarme angesehen werden konnten. Freilich hätte 
die so völlig abweichende Darstellung der französischen Seekarte 
Nr. 3487 zur Vorsicht mahnen sollen. Die Mündung des Med- 
scherda liegt tatsächlich jetzt 4 km südöstlich von der Mündung 
des Haffs und ist seit der Aufnahme Mouchez' von 1876 und 
wohl mindestens 100 m vorgerückt. Doch bezieht sich dies nur 
auf die Spitze der Flußmündung selbst, die sich aber unterseeisch 
weit vorgeschoben hat, so daß selbst flachgehende Barken eine 
weite Ausbiegung nach O machen müssen, um diese sich vor die 
Mündung des Haffs vorschiebende Untiefe zu vermeiden. Im 
April dieses Jahres hatte sich vor der Mündung, und zwar recht 
bezeichnend an der linken Seite eine wohl 1,5 km lange schmale 
Sandinsel gebildet, welche durch einen nach Norden abgehenden 
seichten Arm noch vom Lande geschieden war, jedenfalls aber 
bald mit demselben verwachsen wird. Ihre Südspitze war der 
Sammelplatz einer ungeheuren Möwenschar, die auf den Untiefen 
an der Flußmündung reichliche Nahrung fand. Der Strand wird 
von einer sehr flachen, etwa 200 m breiten Düne gebildet, hinter 
welcher sich die von Salzpflanzen bedeckten, sich durch die 
Überschwemmungen, welche feinen Schlamm ablagern, stetig er- 
höhenden Sümpfe ausdehnen. Da die Franzosen auf der rechten 
Seite der Deltaspitze wohl bei der neuen Aufnahme unter Manen 
1882 eine hölzerne Pyramide als Seezeichen errichtet haben, so 
wird es möglich sein, das Vorrücken derselben zu messen. Schon 
eine Vergleichung der Aufnahme Manens, deren Ergebnisse noch 
nicht veröffentlicht sind, mit derjenigen Mouchez' von 1876 wird 
lehrreich sein. 

Die Schwierigkeit, zu entscheiden, ob der Medscherda in 
das Haff oder unmittelbar ins Meer münde, ist schon alt, aber 



l68 II) 7- Die Stätte von Karthago. 

durchaus erklärlich, zumal tatsächlich bezeugt ist, daß der Strom 
wiederholt in das Haff gemündet hat und immer wieder künstlich 
davon abgelenkt worden ist, um seine Verlandung zu verhüten. 
So neuerdings 1 ), aber auch schon Ende des 17. Jahrhunderts 2 ). 
Von dem Augenblicke an, wo der Fluß seine Mündung nord- 
wärts zwischen Galaat und Bu Schatir ins Meer vorzuschieben 
begann, mußte der Teil der Bucht, welcher hier noch am steilen 
Südhange des als scharf zugespitzte Halbinsel und dem nach dem 
Marabut Sidi Ali Mekki benannten Vorgebirge endigenden Dj. 
Nadur ins Land hinein rückte, mehr und mehr zu einem sich 
rasch verengenden Haff am Fuße des Gebirges umgewandelt 
werden. Der Fluß hat hier wohl fast immer zwei Mündungen 
gehabt, wenn auch diejenige unmittelbar ins Meer immer die 
Hauptmündung gewesen ist. Das ergibt die Art des Vorrückens 
der Landbildung und die Küstenumrisse. Die Absperrung des 
Haffs nach der Seeseite ist vorzugsweise mit Sinkstoffen herge- 
stellt, welche der Medscherda ins Meer getragen hat, und die 
nun von der Strömung (und den Wellen) nordwärts getragen und 
vor dem Haff abgelagert worden sind. Ich habe schon früher 
einen Neerstrom als die Kraft bezeichnet, welche vorzugsweise 
die nördliche Verschiebung der Medscherda-Mündung verursacht 
hat. Es ist mir gelungen, auch dafür einen neuen Beweis zu 
liefern. Bei einer Landung am Strand etwas nördlich der Med- 
scherda-Mündung fand ich ein ganz frisches, gekrümmtes Stück 
Schiffsbauholz, wie es zur Herstellung der Rippen kleiner Barken 
verwendet wird. Mein Barkenführer betrachtete es sofort als 
wertvolle Beute und schleppte es an Bord. Wir stellten fest, daß 
dasselbe bei dem Nordoststurme im Februar, wo das Wasser, 
wie ich selbst noch auf der Nehrung von La Goletta habe be- 
obachten können, weit auf die flachen Ufer hinaufstieg, von den 
kleinen Bootsbau- und Ausbesserungsplätzen von La Goletta weg- 
gespült und von der Strömung 50 km weit nordwärts getragen 
worden ist. Es lag, wohlgemerkt, auf der linken Seite der Fluß- 
mündung, es war also in das Flußwasser geraten, und mit diesem 
nach links, nach N abgelenkt worden. Das Vorhandensein der 



1) Monchicourt, Ann. de Geogr. 1904, p. 145. 

2) Davis, Karthago und seine "Überreste. Aus dem Engl. Leipzig 1863. 
S. 297. 



Das Haff von Porto Farina. 



169 



Sebcha Er Riana ließe auch auf eine solche Strömung schließen, 
sie ist, weil zur Rechten der ehemaligen Medscherda-Mündung 
gelegen, nicht verlandet worden. Sie verlandet erst jelzt langsam 
von der Seeseite her, indem der Wind die Sandmassen der 
hohen Dünen, welche er nördlich von Kamart aufgehäuft hat, 
landeinwärts trägt. Das lieblich gelegene palmenreiche Dorf 
Kamart selbst ist schon gefährdet. Zum Teil sind diese Dünen 
auf die Zerstörung der aus (miocänem) Sandstein und Konglo- 
meraten bestehenden Steilküste der Hügelgruppe von Karthago 
zurückzuführen. Auch dort lassen Trümmer des Altertums vom 
Fuße des Byrsahügels bis Kap Kamart das Zurückweichen des 
Strandes unter dem Andrang der Brandungswelle deutlich er- 
kennen. Der Hafenkapitän von La Goletta bestätigte mir auch 
das Vorhandensein einer solchen Gegenströmung, die namentlich 
bei O und NO sehr kräftig sei, doch komme, wenigstens im 
südlichsten Teile des Golfes, gelegentlich auch eine Strömung in 
entgegengesetzter Richtung, um das Südende des Golfs nach O 
und NO, vor, namentlich wenn nach länger andauerndem O und 
NO kräftige Westwinde eintreten und das vorher im Haff von 
Tunis aufgestaute Wasser um so rascher wieder abfließen machen. 
Als Beleg führte er an, daß die Leichen von drei Matrosen einer 
am Eingange in dies Haff gescheiterten Bark, deren Wrack ich 
noch liegen sah, gegen Hammam Lif getragen und dort auf- 
gefunden worden waren, und daß ein vom französischen Ge- 
schwader auf der Reede verloren gegangener ungeladener Torpedo 
in ebendiese Richtung getragen worden sei. 

Neben der Strömung ist aber unbedingt auch der Wellen- 
bewegung, welche die ins Meer getragenen Sinkstoffe zurückstaut, 
hier ein Einfluß bei der Landbildung und der Gestaltung der 
Küstenumrisse zuzuschreiben. Unbedingt aber werden, weil ab- 
seits der Flußmündung, auf der rechten Seite derselben gelegen, 
das Haff von Tunis und die Sebcha Er Riana, die ich bereits 
eine Vorgängerin des Haffs von Porto Farina nannte, länger vor- 
handen sein als letztere, deren Verlandung sehr rasch vorschreitet. 
Die Strömung und die Brandungswelle baut die Mündung zu, 
die überhaupt nur noch durch den periodisch einmündenden 
Medscherda offen erhalten wird, der aber seinerseits das Haff 
zuschüttet. Ohne die periodisch vom Flusse in das Haff ge- 
führten Wassermassen würde die Mündung (El Boghaz), das Tief, 



170 II) 7- Di e Stätte von Karthago. 

längst geschlossen sein, das Wasser des Flusses hält es offen, 
und das durch den Windwechsel von O nach W hervorgerufene 
Ein- und Ausströmen wirkt dabei mit. Es steigt das Wasser im 
Haff bei steifem O und SO, wie ich einen solchen dort erlebte, 
sehr bedeutend, in wenigen Stunden um i m, die Brandung an 
der Barre ist dann so riesig, daß ein Aus- oder Einlaufen ganz 
unmöglich ist, man ist einfach eingesperrt. Ich brauchte, da 
meine Zeit zu kostbar war, als daß ich auf passendes Wetter 
hätte warten können, drei Stunden, um, gegen den Wind an- 
kreuzend, über das Haff an die Nordspitze der südlichen Nehrung 
zu gelangen, 3 km weit! Auch war die Sache durchaus nicht 
ohne Gefahr; meine selbstverständlich nicht wasserdicht gekleideten 
Bootsleute, die ich nur mit Mühe hinausgebracht hatte, waren 
nach wenigen Minuten völlig durchnäßt und hatten viel Arbeit, 
das Boot, das alle Augenblicke vollschlug, über Wasser zu halten 
und vor dem Kentern zu bewahren. Doch hatte ich gerade bei 
dieser Fahrt gute Gelegenheit, den Einfluß des Windes und des 
Windwechsels auf Bildung der Barre und der Nehrung wie auf 
Offenhaltung der Mündung zu beobachten. Die Entstehung dieser 
Nehrung nämlich ist sehr lehrreich. Anstoß zu ihrer Bildung gab 
zunächst die Strömung, die Küstenversetzung und die Brandungs- 
welle, welche auf der linken Seite der Flußmündung eine näher 
an dieser bald überseeisch werdende, dem Meere die konkave 
Seite zukehrende Nehrung schuf. Damit war aber auch der An- 
halt zur Ablagerung der feinern vom Medscherda in das neu- 
gebildete Haff herbeigeführten Sinkstoffe an der innern Seite ge- 
geben. So besteht die von Süden gegen das Tief vorgeschobene 
Nehrung aus zwei an der Spitze verwachsenen Kurven, einer 
äußern außerordentlich regelmäßigen, nach dem Meere konkaven, 
und einer innern von den Westwinden gebildeten, nach dem 
Haff zu konkaven. Dazwischen liegt noch offenes Wasser. Die 
nördliche, an den Dj. Nadur angelagerte Nehrung besteht auch 
ihrerseits aus zwei an der Spitze verwachsenen, offenes Wasser 
einschließenden Kurven, aber beide sind gegen das Haff hin 
konkav, beide sind vom Westwinde auf der früher vorhandenen, 
aber wohl unterseeisch gebliebenen Nehrung aufgebaut worden, 
die äußere, flacher gekrümmte in einer frühern, kürzern Periode, 
wo der Medscherda vorwiegend seine Wasser- und Sinkstoffmassen 
dem Haff zuführte, die innere in einer spätem, länger und wohl 



Porto Farina. 



171 



noch jetzt andauernden, daher breiter. Jene ist lang und schmal 
und verläuft sowohl von innen wie außen regelmäßig, da sie 
auch von außen dem Einfluß der Wellen unterliegt. Bei ihr tritt 
heute das vorhanden gewesene Ansteigen nach innen nicht mehr 
hervor. Um so mehr aber bei der innern Kurve, die vom Haff 
aus steil zu 2 m Höhe aufsteigt und nach außen sich sehr sanft 
abdacht, indem oben Sand und Staub allmählich vom Strande 
nach außen angelagert wird. 

Diese nördliche Nehrung ist bereits zum Teil in Anbau ge- 
nommen, den die fleißigen Bewohner von Porto Farina noch 
immer ausdehnen. Eine wichtige, mir bis dahin neue Rolle 
spielt dabei die Dattelpalme. Man pflanzt nämlich überall bei 
Porto Farina, aber namentlich auf der nördlichen, mit breiter 
Grundlinie mit dem jungtertiären Höhenrücken des Nadur ver- 
wachsenen Nehrung die Dattelpalme unmittelbar am Strande an 
und läßt dieselbe mit ihren üppigen Wurzelschößlingen und ihren 
starren Wedeln 3 — 5 m hohe undurchdringliche, ganz ausgezeichnet 
auch gegen den Wind schützende Zäune bilden. Bis nahe an 
die Südspitze der Nehrung sind diese Pflanzungen vorgerückt, 
sie halten die schweren, vom Winde herbeigeführten Sandkörner 
auf und schaffen so einen wahren Damm, hinter welchem sich 
nur die feinern und fruchtbaren Boden bildenden Stoffe ablagern. 
Im Schutze dieser Hecken von Dattelpalmen macht man nun den 
Boden urbar und zieht Gemüse aller Art, Kartoffeln, Feigen und 
Granaten wie andres Obst von vorzüglicher Güte. Überhaupt 
macht Porto Farina einen verhältnismäßig freundlichen Eindruck, 
obwohl auch da zahlreiche Häuser leer stehen und in Trümmer 
fallen, eine für ganz Tunesien und die bisher dort herrschenden 
Zustände kennzeichnende Erscheinung. Namentlich der Hafen, 
das Arsenal und die alten steinernen Festen, wie andere dem 
Staat gehörige Bauwerke sind in einem kläglichen Zustande. 
Aber die Gärten, welche sich an der West- wie an der Ostseite 
der Stadt auf einem nach Westen an Breite zunehmenden Vor- 
lande, das aber keineswegs jüngster Entstehung ist, sondern 
ungefähr gleichalterig sein dürfte mit der Landenge von Karthago, 
ausdehnen, sind so vorzüglich gehalten, wie ich es in ganz 
Tunesien nicht mehr gesehen habe; die herrlichsten Feigen-, 
Johannisbrot- und Mandelbäume, auch Pflaumen und Oliven be- 
Bchatten dort ausgedehnte, mit Rebenpflanzungen wechselnde 



in 2 II, 7. Die Stätte von Karthago. 

Felder von Kartoffeln und Mohn, die beide wohl nur hier in 
Tunesien im großen gezogen werden. Der Mohnbau zur Opium- 
gewinnung ist durch einen türkischen Beamten aus Kleinasien 
hier eingeführt worden. Die Kartoffel ermöglicht hier zwei Ernten 
und liefert, nach Tunis und zur Ausfuhr gebracht, eine der wich- 
tigsten Einnahmequellen des Städtchens. Eine dritte Ernte, wie 
in Algerien, ist nicht möglich, weil es an Wasser zu künstlicher 
Bewässerung fehlt. Zwar ist der innere Bau des Dj. Nadur der 
Bildung von Quellen gerade an seinem Südfuße sehr günstig, 
denn die Schichten dieses wohl miocänen 1 ) Rückens, bald an 
schlecht erhaltenen Versteinerungen überreicher Kalkstein, bald 
Sandstein und grobes Konglomerat, drüben in Sizilien vorkommenden 
Ablagerungen außerordentlich ähnlich, streichen genau West-Ost 
und fallen in einen Winkel von 10 ° nach Süden ein, während 
der Rücken in steilem Abbruch dem N die Schichtenköpfe zu- 
kehrt. Doch ist hier ein breiteres, ebenfalls leidlich angebautes 
Vorland mit Baumpflanzungen und einzelnen Höfen vorgelagert. 
Die Felspyramide der Insel Pillau ist ein stehen gebliebenes 
Stück des Gebirges. Dasselbe ist mit dürftigen, nur in den 
Wasserrissen üppigem Macchien bedeckt, in welchen Rosmarinus 
officinalis, Thymus vulgaris, Juniperus phoenica, Pistacia Lentiscus 
und Pistacia atlantica sowie mehrere Arten Genista vorherrschen. 
Dennoch treten bei Porto Farina nur ziemlich schwache Quellen 
und in so tiefem Niveau zutage, daß künstliche Bewässerung un- 
möglich ist. Die Dattelpalme, von der man hier noch gelegent- 
lich Palmwein, aber keine Früchte gewinnt, ist hier besonders 
häufig, man trifft herrliche, mit denen der Oasen wohl zu wett- 
eifern befähigte Gruppen dieses edlen Baumes. Doch ist die 
Dattelpalme überhaupt auch in Nordtunesien nicht selten, da sie 
sich im Küstengebiet entlang, wo kein unwirtliches Hochland 
zwischen den Gürtel der Palmenoasen und den mediterranen 
Nordrand eingeschoben ist, nordwärts verbreiten konnte. In 
Algerien dagegen ist sie im Teil, außer wo sie die Franzosen 
wieder häufiger angepflanzt haben, ziemlich selten, seltener als in 
Südspanien. Die verhältnismäßige Blüte von Porto Farina mag 



1) Herr Prof. v. Koenen in Göttingen vermochte der schlechten Er- 
haltung wegen von den mitgebrachten Handstücken eine Auster nicht mit 
genügender Sicherheit als Ostrea Boblayi Desh. zu bestimmen. Siehe oben 

S. 157. 



Das Haff von Porto Farina. 



173 



wohl mit dem bedeutenden Prozentsatz christlicher Elemente, 
Malteser umd Italiener, zusammenhängen; von den etwa 1000 Be- 
wohnern sind 150 Christen, die eine eigene Kirche unter einem 
italienischen, aus Südtirol stammenden Kapuziner besitzen. 

Daß in den letzten Jahrzehnten die Hauptmündung des 
Medscherda unmittelbar ins Meer gegangen ist, darüber kann kein 
Zweifel sein, für 1860 versicherte es V. Guerin, für 1868 Maltzan 
ausdrücklich, auch stellen es die englischen Seekarten dieser 
Zeit so dar. In Porto Farina wurde mir von landeskundigen, 
dort gebornen Bewohnern versichert, daß der Fluß erst seit An- 
fang der sechziger Jahre bei Hochwasser Nebenarme in das Haff 
sende. Doch gibt dies V. Guerin schon für 1860 an, und für 
185g möchte ich es aus Davis 1 ) schließen, obwohl derselbe unter 
Hinweis auf den Mangel an Übereinstimmung in bezug auf die 
Flußmündung dieselbe unmittelbar ins Meer verlegt. Denn die 
Stelle, wo er, im Boot den Fluß 9 km weit hinauf fahrend, um- 
kehren mußte, weil sich derselbe verbreiterte und verflachte (nur 
auf eine kurze Strecke, denn auch in seinem Delta fließt er bis 
auf einige Kilometer oberhalb der Mündung in tief eingeschnittenem 
Bett), liegt eben da, wo der erste Seitenarm abgeht. Ende des 
17. Jahrhunderts ist der Unterlauf desselben auch künstlich vom 
See abgelenkt worden 2 ) und um 1850 bestand die Absicht, um 
den Fluß selbst die Barre wieder beseitigen zu lassen, ihn wieder 
in das Haff zu lenken. Das Haff von Porto Farina war i6qo 
noch der sicherste Hafen von Tunesien, wo die Kaperflotte des 
Bey zu liegen pflegte, große Werften waren und wo noch ein 
Schiff von 40 Kanonen einlaufen konnte. Um die Verlandung 
zu verhüten, leitete man den Fluß unmittelbar ins Meer. Nun 
bildete sich aber mit den Sinkstoffen desselben eine Barre vor 
dem Tief des Haffs, das um 1740 nur noch 10 englische Fuß 
Wasser hatte. Für die Verlandung desselben ist es fast gleich- 
gültig, ob der Fluß durch dasselbe oder unmittelbar ins Meer 
mündet; in ersterm Falle wird es rasch zugeschüttet, in letzterm 
schließt sich die Mündung; wie die Verhältnisse heute liegen 
— und sie zu ändern, würde es bedeutender Arbeiten bedürfen — , 
schreitet beides rasch vor. Seit den Aufnahmen von Mouchez 



1) Davis, Karthago, S. 295. 

2) O. Meltzer a. a. O., S. 159. 



j - i II, 7. Die Stätte von Karthago. 

im Jahre 1876 haben sich die Tiefen im ganzen südlichen und 
östlichen Teile sehr vermindert, und ist das Land dort vorgerückt. 
Das Tief hatte damals noch eine Breite von 575 m und in einer 
gewundenen Rinne 1,5 bis 2,5 m Tiefe, während sich an der 
Außen- wie an der Innenseite Untiefen gebildet hatten. Die 
Rinne ist noch vorhanden, aber so seicht, daß meine Barke, die 
nicht ganz 1 m Tiefgang hatte, vor der Mündung erst den 
größten Teil des Ballastes auswerfen mußte, um einlaufen zu 
können. Noch 185g war Davis mit dem englischen Dampfer „Harpy" 
eingelaufen 1 )! Die innere Untiefe (Barre) ist zu einer wirklichen, 
fast mit der südlichen Nehrung verwachsenen Sandinsel geworden, 
die auch bei dem durch den Ostwind so bedeutend erhöhten 
Wasserstande als solche nicht verschwand. Und die Gegenden 
des Haffs unmittelbar vor dem Tief, in welchen Mouchez' Karte 
Tiefen von 0,9 bis 1,4 m südwestlich vom Eingange verzeichnet, 
haben jetzt nur 0,5 bis 0,7 m, nördlich davon nur 0,3 bis 0,5 m. 
Nur der nordöstlichste Teil des Haffs, wo noch jetzt Tiefen von 
2 m vorkommen, scheint seine Tiefe nicht gemindert zu haben. 

Daß das Haff von Tunis, ehemals die innerste Bucht des 
Golfes, deren Umwandlung in ein Haff nicht weit vor Beginn 
geschichtlicher Überlieferung zurückreicht 2 ), in geschichtlicher 
Zeit seinen Umfang und seine Tiefe wesentlich durch den Unrat 
von Tunis und hineingewehten Sand vermindert hat, hat J. Partsch 
und anfangs des vorigen Jahrhunderts schon Shaw gezeigt. Dieser 
gab die größte Tiefe zu 6 bis 7 Fuß an, während Mouchez' 
Karte nach den Lotungen von 1876 eine größte Tiefe von 1 bis 
1,5 m (nur an einer Stelle) im östlichen Teile zeigt. Es wechselt 
übrigens, was wohl zu beachten ist, der Wasserstand auch in 
diesem Haff sehr bedeutend, bei Westwind läuft ein großer Teil 
desselben trocken, während bei Ostwind das Wasser in starker 
Strömung eindringt, und die Tiefe wie der Umfang des Haffs 
sehr bedeutend wächst. Da im Sommer östliche Winde im all- 
gemeinen vorherrschen, so ist in dieser Jahreszeit das Haff weit 
besser zu befahren als im Winter. Im Altertum, wo sich hier 
ganze Flotten frei bewegten, war nicht nur die Tiefe größer, 
sondern auch das Tief breiter und tiefer als heute. Wäre das 
Tief nicht breiter gewesen als heute, wo es durch eine 65 m 

1) Davis, Karthago, S. 29. 

2) Davis a. a. O., S. 297. 



Verlandete Inselwelt. j j e 

lange Schiffbrücke, an welche sich ein kurzer Steindamm an- 
schließt, geschlossen ist, so wäre das Eindringen der römischen 
Flotte sehr gewagt gewesen, denn die Karthager hätten es durch 
einige versenkte Schiffe schließen können. Auch hätte die Neh- 
rung, die heute einen bequemen und kurzen Weg nach Süden 
von Goletta nach Rades bietet, in den Kämpfen um Karthago 
eine Rolle gespielt. Wie ich schon früher zeigen konnte, daß 
die Nehrung seit dem Altertum sich verbreitert hat, so konnte 
ich Beweise für die fortschreitende Verbreiterung sammeln. An 
den nördlichen Teil der Nehrung hat sich seewärts ein neuge- 
bildeter breiter Landstreifen angelagert, der nur bei durch Ost- 
winde (und Flut) hervorgerufenem höhern Wasserstande noch als 
lange schmale Insel erscheint, und der Hafenkapitän von La 
Goletta zeigte mir eine Stelle unmittelbar südlich vom äußern 
Eingang in den Kanal von Goletta, wo noch vor wenigen Jahren 
größere Schiffe ankern konnten, während heute das Meer sehr 
flach, zum Teil sogar schon trockenes Land ist. Die Sinkstoffe, 
aus welchen die Nehrung des Haffs von Tunis erbaut ist, liefern 
die Gießbäche und Flüßchen an der Ost- und Südküste des Golfs, 
vor allem der Wed Miliana. Dem entsprechend ist die südliche 
Nehrung länger und breiter, zum großen Teil angebaut. Ohne 
den künstlichen Kanal von La Goletta, der schon sehr früh im 
Mittelalter angelegt ist, würde das Haff von Tunis bei dem 
Mangel eines einmündenden Flusses wahrscheinlich ganz vom 
Meere abgesperrt sein, so aber wird dadurch, daß die von Ost- 
winden in das Haff getriebenen Wassermassen nicht durch den 
engen Kanal allein rasch genug bei eintretenden heftigen West- 
winden, wie sie im Winter nicht selten sind, abfließen können, 
das bis zuletzt offen gebliebene Tief immer wieder ausgetieft. 
Der See von Bizerta dagegen verdankt seine noch vorhandene 
Verbindung mit dem Meere den einmündenden Zuflüssen. Ur- 
sprünglich war dieselbe i km breit, sie ist aber längst durch 
vorgelagerte Sandmassen bis auf den engen Kanal geschlossen 
worden, dessen Tiefe auch nur vom Eingange bis zur Brücke 
2 m beträgt. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das Haff 
von Tunis eine ehemalige Bucht ist, und der erste Anstoß zur 
Landbildung hier durch die Insel von Karthago gegeben wurde. 
Die Bildung der Landenge von Karthago ist gewiß in frühquartäre 
Zeit zu setzen. 



176 H> 8. Die nordadriaüsche Haffküste. 

So ist also hier eine ganze Inselwelt in seichtem Meere ver- 
landet. An seine Stelle ist fruchtbares, offenes, wegsarnes Land 
getreten, dem eine Fülle von Wasser aus den Flüssen, durch 
leicht zu grabende Brunnen aus dem Untergrunde zur Verfügung 
stand bzw. ohne allzugroße Schwierigkeiten und Kosten Trink- 
wasser aus der großen Kalkmasse des Zaghuan von S her zuge- 
führt werden konnte. Daß so in dieser geographisch hervorragend 
bevorzugten Erdstelle mehrfach die topographischen Bedingungen 
zur Entwicklung einer Großstadt und eines großen politischen 
Schwerpunkts gegeben waren und wie die Neuzeit diese Be- 
dingungen künstlich verbessert hat, habe ich an anderer Stelle 
gezeigt *). 



8. Die nordadriatische Haffküste. 2 ) 

Die Form der Haffküste ist zwar weit verbreitet und die 
Hälfte unserer deutschen Ostseeküste gehört ihr an, aber ein 
Haffküstengebiet von solcher Vielseitigkeit der Beziehungen, wie 
sie die Küste von Norditalien am Adriatischen Meere zu beiden 
Seiten der Po-Mündungen aufweist, kehrt nirgends auf der Erde 
wieder. Man muß sich fragen, ob diese Küste anziehender und 
lehrreicher ist in rein geomorphologischer oder in anthropogeo- 
graphischer oder in geschichtlicher Hinsicht. Das Werden und 
die Veränderungen dieser Küste unter den Wirkungen endogener 
und exogener Kräfte, mariner und festländischer klarzulegen, ist 
ebenso anziehend, wie die Beeinflussung dieser Kräfte durch den 
Menschen, dem in letzter Stelle es zuzuschreiben ist, daß die tha- 
lassogene Schwemmlandküste an der Po-Mündung durch eine pota- 
mogene unterbrochen wird, ja, der die flache Kurve vor den La- 
gunen von Venedig hervorgerufen hat. Und von welcher Bedeutung 
ist es, mitten in diesem amphibischen, menschenfeindlichen Gürtel, 
der ein dicht bevölkertes Hinterland hermetisch von dem völker- 
verbindenden Meere scheidet, einen Brennpunkt politischer Macht 
und höchster menschlicher Gesittung emporblühen zu sehen und 
festzustellen, wie die Seemacht Venedig im Kampfe mit den 



i) Mittelmeerbilder I, Tunis, Bizerta und Tunesien im Jahre 1904, S. 440. 
2) Nach La Penisola Italiana. Torino 1902. Deutsch bearbeitet. 



Die nordadriatische Flachsee. 



177 



Naturkräften, die ihm den Untergang drohten, zur Landmacht 
werden mußte. 

Die Bedeutung des Adriatischen Meeres ist für Italien eine 
verhältnismäßig geringe, weit geringer, als die des Tyrrhenischen, 
denn schon nach seiner Entstehung wendet Italien diesem das 
Gesicht, jenem den Rücken zu. Die ganze Ostseite Italiens ist, 
bezeichnend für eine Längsküste, arm an Häfen, selbst die herr- 
lichen Riashäfen von Brindisi und Tarent haben nur im Alter- 
tume eine größere Wichtigkeit gehabt, als die östliche Nachbar- 
halbinsel und überhaupt das östliche Mittelmeergebiet größere Be- 
deutung hatte. Neben ihnen hat nur diese nordadriatische Haff- 
küste Verkehrsbedeutung gehabt, weil durch sie allein die Po-Ebene 
und seit dem Mittelalter auch die Alpenländer und Mitteleuropa 
einen Ausgang nach dem Mittelmeere hatten, der freilich, be- 
ständig durch die landbauenden Flüsse bedroht, seine Stelle immer 
wieder geändert hat: Spina, Hadria, Aquileja, Ravenna, Venedig. 
Das lange schmale Adriatische Meer, das sich als Mittelmeer 
niederer Ordnung, zwischen den beiden gefalteten Erdgürteln der 
Apenninen auf der einen, des dinarischen auf der andern Seite 
von dem ostwestlichen Bruchgürtel des Mittelmeeres aus weit nach 
Nordnordwesten in die Festlandsmasse Europas hinein schiebt, ist 
jedenfalls in seiner ganzen Ausdehnung ein junges Meer, jünger 
als diese beiden jungen Faltengebirge, die ihm beide ihre äußeren 
Austönungsgürtel zukehren. So macht das ganze flache nord- 
westliche Adriatische Meer ganz den Eindruck eines Transgressions- 
meeres. Es ist eine ganz flache Überspülung der Erdrinde ähn- 
lich dem Persischen Meerbusen, dessen Vormeer, die Bucht von 
Oman, das Gegenstück des Einbruchskessels des südadriatischen 
Beckens ist. Zwar liegt innerhalb der nirgends 200 m Tiefe er- 
reichenden unterseeischen Schwelle, die, durch die tremi tischen Inseln 
und Pelagosa gekennzeichnet, vom Monte Gargano nach Dalmatien 
hinüber zieht, noch ein kleines etwas tieferes Becken, das Pomo- 
becken, mit 243 m größter Tiefe, aber von da nimmt die Tiefe 
rasch zu 90 m emporsteigend nach Nordwesten stetig und so gleich- 
mäßig ab, daß man eine völlig ebene Fläche ähnlich dem Boden 
vieler Alpenseen vor sich hat und A. Grund ganz neuerdings die 
Ansicht ausgesprochen hat, daß die nordadriatische Flachsee die 
untergetauchte postglaciale Po-Ebene sei, eine untergetauchte Akku- 
mulationsebene, die sich ähnlich wie heute das Po -Delta vom 

Fischer, Mittelmeerbilder. Neue Folge. 12 



1^8 II, 8. Die nordadriatische Haffkiistc. 

Fuße der Westalpen bei Turin an bis an den Rand des Pomo- 
Beckens vorgeschoben hatte. Jenseits einer Linie vom Südost- 
ende des heutigen nordadriatischen Deltalandes nach der Süd- 
spitze Istriens kommen keine Tiefen von 60 m und von den Po- 
Mündungen nach Istrien hinüber keine von mehr als 20 m vor, ja 
ein breiter Gürtel vor dieser Haffküste hat nur Tiefen von unter 
10 m. Bohrprofile der unteren Po-Ebene zeigen, daß in Tiefen 
von 20 — 80 m, also in Tiefen, welche der nordadriatischen Flach- 
see entsprechen, sich nur festländische Ablagerungen finden, von 
denen man also annehmen kann, daß sie sich im Boden dieser 
Flachsee fortsetzen. Nehmen wir also an, daß diese Flachsee so 
jugendlichen Alters ist, so ergibt sich, daß das siegreiche Vor- 
dringen der Landanschüttungen der nordadriatischen Flüsse noch 
Jüngern Datums, ja, wie wir sehen werden, z. T. der geschicht- 
lichen Zeit angehört und sich noch mehr unter unsern Augen voll- 
zieht. Da drängt sich aber sofort die Frage auf, ob die Vor- 
gänge, welche dem Meere erlaubt haben, so weit über die fest- 
ländisch aufgeschüttete Po-Ebene hinüber zu greifen, nicht vielleicht 
noch heute andauern, d. h. ob zentripetale Bewegungen der Erd- 
rinde in dieser Erdgegend noch heute andauern. Denn auf Grund 
meiner 35jährigen Studien über und Reisen in den Mittelmeer- 
ländern bin ich niemals, auch nicht durch Ed. Suess' Einwürfe, 
so ernst ich sie geprüft habe, in der Ansicht wankend geworden, 
daß es sich bei allen Küstenveränderungen, welche sich im Mittel- 
meergebiet in geschichtlicher Zeit und vermutlich in der ganzen 
Quartärzeit vollzogen haben, neben Deltabildungen und mariner 
Abtragung nur um Bewegungen der festen Erdrinde handelt, nicht 
um Schwankungen des Meeresspiegels. Wenn es sich heraus- 
stellen sollte, daß an dieser Haffküste 1 ) neben der landanlagern- 
den Tätigkeit der Flüsse, der Küstenströmung und Küstenversetzung 
ein Sinken des Landes stattfindet, so gewinnen die Vorgänge, 



1) Ich gebrauche mit Vorbedacht stets den Ausdruck Haffkiiste, nie- 
mals Lagunenküste, weil es für den Deutschen selbstverständlich ist, daß er 
Deutsch spricht, namentlich da diese Küstenform von der Divenow bis Memel 
die ganze deutsche Ostseeküste kennzeichnet und selbst in Italien die Bezeich- 
nung Lagune nur für die Haffe von Venedig angewendet wird — andere 
Haffe Italiens werden Stagno genannt — und man im Spanischen und Portu- 
giesischen diese Bezeichnung auch auf stehende Gewässer anwendet, die geo- 
morphologisch mit Haffen gar nichts zu tun haben. 



Senkungserscheinungen im Haffgebiet von Venedig. 11Q 

welche die Küstenformen geschaffen haben, wie sie heute sind, 
als Ergebnis sich bekämpfender Kräfte noch eine ganz andere 
Bedeutung. 

Den oben angeführten Bohrprofilen lassen sich noch andere 
beifügen, die alle zu der Anschauung führen, daß diese in post- 
glacialer Zeit an der Oberfläche abgelagerten Schuttmassen durch 
Senkung in diese Tiefe gekommen sind. Gewiß wird man zuerst 
an ein Zusammensitzen der lose aufgeschwemmten Massen, an ein 
Auspressen des Wassers, namentlich aus den ehemals an der 
Oberfläche gebildeten Torfmassen denken, wodurch schon die 
Mächtigkeit der ganzen Ablagerung eine geringere werden, die 
Oberfläche in ein tieferes Niveau kommen und die Möglichkeit 
neuer Ablagerungen gegeben sein muß. Auch an den Druck auf- 
gehäufter Massen von Dünensand ist zu denken. Ob aber diese 
Vorgänge genügen, um die unzweifelhaften Senkungserscheinungen 
zu erklären, muß weiteren Forschungen und Beobachtungen vor- 
behalten werden. Tatsache ist, daß man in Ravenna und ander- 
wärts tief unter dem heutigen altes Straßenpflaster gefunden hat. 
Namentlich in Adria, das dem Meere den Namen gegeben hat, 
von dem es heute 22 km entfernt ist, das aber durch Auf höhung 
des Bodens bei Überschwemmungen heute 3,28 m im Mittel über 
dem Meeresspiegel liegt, hat man beträchtlich unter dem heutigen 
Spiegel des Adriatischen Meeres Reste von Bauwerken aus römi- 
scher Zeit gefunden, ja die Türschwellen von Häusern, die nicht 
älter als 500 Jahre sind, liegen jetzt unter der Bodenoberfläche. 
In Venedig hat man zur Herstellung eines Brunnens im öffent- 
lichen Garten eine Bohrung bis 121m niedergeführt, bei welcher 
man bis 85,5 m nur sandige und tonige Flußablagerungen und zu 
unterst eine Torfschicht antraf, bei 105 m Sand mit marinen und 
Süßwassermuscheln gemischt, bei 119 m und bis zum Ende der 
Bohrung nur marine Muscheln. Seit Jahrhunderten sind die Bau- 
meister in Venedig peinlich bemüht, die Erdgeschosse ihrer Bau- 
werke nicht nur über dem Niveau der gewöhnlichen Flut, sondern 
vor allem auch über dem von Zeit zu Zeit unter Mitwirkung von 
Windstau eintretender hoher Fluten zu halten, die 1,50 m zu er- 
reichen vermögen. Aber das gelingt ihnen niemals, weil sich der 
Boden immer wieder senkt. Der Markusplatz liegt jetzt nur 0,42 m 
über dem Niveau der gewöhnlichen Flut und wird infolgedessen 
zuweilen überflutet. Als man 1742 den Fußboden der Markus- 

12* 



l8o II» 8. Die nordadriatische Haffküste. 

kirche zu 0,52 m über der gewöhnlichen Flut erneuerte, fand 
man einen alten Fußboden 1 m unter derselben. Aus denselben 
Gründen überstieg die hohe Flut von 1867 auch die Einfassungen 
der öffentlichen Zisternen, die bis dahin niemals erreicht worden 
waren, und es ist eine ganz gewöhnliche Erscheinung, daß die 
Erdgeschosse der Häuser, Kirchen, Verkaufsläden u. dgl. wegen 
zunehmender Feuchtigkeit aufgehöht werden müssen. Reste alter 
Bauwerke, Pflaster, Fußböden, auch aus römischer Zeit, sind viel- 
fach bei Ausschachtungen 2 — 3 m unter der Oberfläche gefunden 
worden. Man kann also nicht daran zweifeln, daß sich das mittlere 
Flutniveau in Venedig und an der ganzen Haffküste in geschicht- 
licher Zeit gehoben hat. Das hat zur Folge gehabt, daß überall 
da, wo nicht wie in Venedig künstliche Aufhöhungen vorgenommen 
und sonstige Schutzvorrichtungen geschaffen wurden, das Land 
überflutet wurde. So kann sicher nachgewiesen werden, daß 
mehrere Haffinseln verschwunden sind. Das altberühmte, einst 
so volkreiche Städtchen Torcello wird immer kleiner und von der 
Bevölkerung verlassen. Namentlich sind solche Landverluste bei 
Grado und Aquileja zu verzeichnen, die dadurch versumpft sind. 
Der gewaltige Bau der Murazzi, eines schützenden Blockwalles 
an der Außenseite der Nehrung des Lido, wurde notwendig, weil 
seit dem 1 6. Jahrhundert diese schützende Nehrung immer schmäler 
und niedriger wurde. 

Daß es sich nicht bloß um ein Zusammensitzen der auf- 
geschwemmten Massen handele, dieser Verdacht drängt sich auf, 
wenn man drüben an der Felsküste von Istrien und Dalmatien 
dieselbe Beobachtung des Übergreifens des Meeres über das Land 
macht. Schon die Küstengliederung, bei Pola z. B., die Quarne- 
rischen Inseln, die als Fortsetzungen von Istrien erscheinen, die 
wassergefüllten Flusstäler des Canale di Lerne, dell' Arsa, di 
Quieto usw. lassen einen solchen Schluß ziehen. Auch die Ab- 
bruche vieler Inseln an Bruchlinien, welche längs der inneren 
Seite der Alpen, des Karstes und des Dinarischen Gebirges ver- 
laufen und denen häufig heftige Erdbeben folgen, lassen schließen, 
daß hier die Erdrinde noch nicht in sich genügend verfestigt ist. 
Auch dort finden sich Reste römischer Bauwerke an vielen Punkten 
unter dem Meeresspiegel, wie z. B. in Salona römische Sarko- 
phage aus dem festen Kalkfels gehauen und auf Felsboden unter 
dem Meeresspiegel liegen. Alle Flußtäler Dalmatiens, bis wohin 



Sinkstofführung der Flüsse. I 8 1 

die Akkumulationsebene, die noch diejenigen Istriens verhüllt, 
nicht reichte, setzen sich nach A. Grund unterseeisch fort und diese 
rezente Senkung hat nicht nur die fluvioglacialen Schotter des 
Narentatales , sondern auch die postglacialen Lößablagerungen 
unter den Meeresspiegel gebracht. Das Wasser des Vranasees, 
das bis 1630 süß war, ist seitdem salzig. 

Worauf aber immer die Senkungserscheinungen zurückzu- 
führen sein mögen, sie vermögen die Wirksamkeit der landbilden- 
den Kräfte nur zu verlangsamen, nicht aufzuheben, denn die ört- 
lichen Landverluste verschwinden gegenüber dem allgemeinen 
Landzuwachs. Bedeutungsvoll ist dabei, daß alle Flüsse von der 
inneren Steilseite der Alpen sowohl, wie von der sanfteren äußeren 
Abdachung der Apenninen gegen einen Punkt in der Gegend der 
heutigen Po-Mündung hinstreben und schon in früherer Zeit hin- 
strebten, so daß sie, wenn auch ihre Mündungen vom Po selbst 
durch seine überlegene Stoßkraft stromabwärts verschleppt er- 
scheinen, schließlich Zuflüsse des Po wurden und nur von der 
Etsch geschlossen werden kann, daß ihr dem Po weithin paralleler 
Lauf und ihre selbständige Mündung auf Abdrängung zurückzu- 
führen ist. Jedenfalls bilden alle Flüsse vom Isonzo im Norden 
bis zu der bei Rimini mündenden Marecchia gemeinsam das große 
nordadriatische Deltaland. Das Wachsen desselben ist vor allem 
durch die Seichtigkeit des Adriatischen Meeres und die Fülle der 
Sinkstoffe bedingt, welche die Flüsse aus den Alpen und Apen- 
ninen herbeiführen, obwohl einzelne, wie Adda und Tessin, ihre 
Gerolle in den lombardischen Seen, an deren Zuschüttung sie 
arbeiten, abladen. Um so größer ist die Geröllführung der Flüsse 
von Friaul und der Romagna, während der Po nur noch feinere 
Sinkstoffe bis ins Meer trägt bzw. schiebt. Aber immerhin be- 
rechnet man dieselben zu 46 Millionen Kubikmeter jährlich. So- 
lange diese Sinkstoffe nur dem Walten der Natur überlassen 
waren, wurden sie teilweise zur Aufhöhung der Ebene verwendet, 
indem die Flüsse bei Hochwasser, die besonders im Herbst ein- 
treten, wo gewaltige Dampfmengen vom wannen Mittelmeere her 
an den schon erkalteten Höhen der Alpen verdichtet werden, die 
Ebene weithin überschwemmten und in einen ungeheuren Süß- 
wassersee verwandelten. Im unteren Ende ihres Laufes ließen 
sie bei gewöhnlichem Wasserstande, geminderter Strömung und 
Tragkraft einen Teil ihrer Sinkstoffe fallen und erhöhten so ihr 



182 H> 8. Die nordadriatische Haffküste. 

Bett. So fließen die Flüsse von Friaul, welche noch Gerolle 
führen, meist auf einem breiten, von ihnen weit in die Ebene 
hinaus aufgehöhten Damme. Auch vom Po gilt dies. Sein Spiegel 
liegt bei Hochwasser bei Ostiglia 3,5, bei Guarda Veneta 6 m 
über der umgebenden Ebene. Um so größer mußte die Gefahr 
der Stromverlegungen werden. Darauf beruht wohl auch im 
wesentlichen die Teilung der Deltaarme. Die Sinkstoffmassen, 
welche ins Meer gelangten, gerieten dort neben der rasch er- 
lahmenden Stoßkraft des Flusses unter den Einfluß mariner Kräfte, 
des Windes, der Wellen und vor allem der Küstensrrömung und 
der Küstenversetzung. Diese lenkten, wie man am Rauche eines 
Schornsteins die Windrichtung erkennt, entsprechend der im 
Adriatischen Meere an der Ostseite nordwärts, an der Westseite 
südwärts setzenden Strömung, alle Sinkstoffe dieser nordadria- 
tischen Deltaküste vom Isonzo an, an dessen Mündung man das 
besonders deutlich erkennen kann, nach rechts, nach Süden ab 
und bauten sie zu Nehrungen (hier lidi genannt) auf, welche 
flache, randliche Meeresteile abschnitten und so die Hafte schufen, 
die die ganze Küste begleiten, auch südwärts vom Po, ja süd- 
wärts von Ravenna, wo nur noch kleine Flüsse münden. Nun 
lagerten die Flüsse ihre Sinkstoffe vorzugsweise in diesen Haffen 
ab und verlandeten sie. War das erreicht, so schoben sie wiederum 
die Sinkstoffe ins offene Meer, es bildeten sich wieder Nehrungen 
und so fort. Im Po -Delta erkennt man noch heute diese ehe- 
maligen, dem heutigen von niedrigen Dünen besetzten Lido von 
Venedig ähnlichen Nehrungen als langgestreckte, z. T. mit Pinien, 
welche neugebildete sandige Anschwemmungen besonders lieben, 
bewachsene niedrige Sandwälle, die heute weit im Innern liegen, 
mehrere hintereinander. Namentlich lehrreich ist, daß die Nehrung 
des heutigen Lido von Venedig sich über Chioggia in das heutige 
Sumpfland des Po-Deltas hinein und quer durch dasselbe in süd- 
licher Richtung bis in das Haff von Comacchio verfolgen läßt, 
das auch seinerseits durch solche Wälle in einzelne Becken zer- 
legt wird. Noch im 2. Jahrhundert v. Chr. lag südlich vom Po 
das große Padusa-Haff, das sich südwärts bis zur Mündung des 
Uso erstreckte. Auf einer seiner Inseln lag Ravenna. Die heu- 
tigen Haffe, die heutige Küste bezeichnen also nur einen vorüber- 
gehenden Zustand. Ohne das Eingreifen des Menschen wären 
auch die Haffe von Venedig und Comacchio bereits verlandet 



Künstliche Aufhöhung der Haffe. j 33 

oder in Sümpfe verwandelt. Das von Comacchio hat man der 
reich lohnenden Fischereien wegen erhalten und ihren gefähr- 
lichsten Feind, den zeitweilig ungeheuer anschwellenden und außer- 
ordentliche Massen von Schlamm, bis 7%, aus dem tonigen 
Apennin herbeischleppenden Reno, unschädlich gemacht, indem 
man ihn um das Haff herum nach Süden ablenkte. Weiter süd- 
wärts sind die Seesalzgärten der Cervia auch nur künstlich er- 
haltene Reste eines Haffs. Der Reno und die Fiumi Uniti (Montone 
und Ronco), Savio und Marecchia, so klein sie sind, haben be- 
reits nach Ausfüllung ihrer Haffe begonnen, ihre Mündungen vor- 
zuschieben und die Bildung neuer Haffe anzubahnen. Im Norden 
haben sich nur zwischen den Mündungen der geröllreichen Flüsse 
Isonzo und Tagliamento die Haffe von Murano und Grado er- 
halten, obwohl der östliche Teil derselben schon verlandet ist, weil 
die dort mündenden Flüsse aus Friaul als sog. Fiumi di risorgiva, 
d. h. als durch das aus den Schuttmassen der oberen Ebene 
wieder zutage tretende Grundwasser gebildet, zwar wasserreich, 
aber arm an Sinkstoffen sind. Zwischen Tagliamento und Livenza 
dehnt sich ein Haffgebiet aus, welches die Verlandung bereits 
in mehrere Stücke aufgelöst hat. Zwischen Livenza und Piave 
bezeichnet das Sumpfgebiet des Valle dei Sette Casoni die Stelle 
eines ehemaligen Haffs und das Gebiet von Ravenna mit seiner 
Pineta den Abschluß dieses Entwicklungsvorgangs. Dünen, selbst 
von so geringer Höhe wie am Lido von Venedig, begleiten diese 
Haff küste durchaus nicht überall, die Küste ist auf weite Strecken 
niedrig und flach, schwer anzusegeln, die wenigen Tiefs noch 
schwerer aufzufinden, Land und Meer gehen unmerklich inein- 
ander über. Das Lot ist vorzugsweise das Hilfsmittel zur Be- 
stimmung der Entfernung von der Küste. 

Ganz neuerdings hat man, wenigstens südlich vom Po, an- 
gefangen, die Sumpfgebiete, welche den Gürtel der Haffe an der 
Innenseite begleiten, dadurch gesund zu machen und dem Anbau 
zu gewinnen, daß man sie künstlich aufhöht durch das auch 
anderweitig in Italien angewendete Colmata- System, indem man 
die Flüsse zwingt, ihre Schlammassen an bestimmten Stellen ab- 
zulagern und sie damit aufzuhöhen. So hat man durch den Lamone 
ein weites Sumpfgebiet, einen Teil des ehemaligen Padusa-Haffs 
urbar gemacht, ganz nahe nördlich und nordwestlich von Ravenna. 
Durch die Renozuflüsse Idice und Quaderno hat man an der 



j 3a n, 8. Die nordadriatische Haffküste. 

Westseite des Haffs von Comacchio 14000 ha aufgehöht. Man 
erhält damit auch die kostbaren Schlammassen, die sonst nutzlos 
ins Meer geführt würden, dem Lande. Hat man doch berechnet, 
daß Frankreich in dieser Weise jährlich Feststoffe im Werte von 
30 Millionen Franken verloren gehen. Auch in holländischer 
Weise durch Eindeichen und Auspumpen sind beträchtliche Teile 
dieses Haffgebiets, an der West- und an der Nordseite des Haffs 
von Comacchio, bei Ferrara und an andern Stellen, im ganzen 
etwa 60000 ha, trocken gelegt und in fruchtbare Felder verwandelt 
worden. Auch hier also, wo dieser menschenleere und menschen- 
feindliche Gürtel der Haffe und Sümpfe, welcher das angebaute 
und dicht bevölkerte Innenland vom Meere scheidet, bis zu 30 km 
breit ist, wird derselbe allmählich verschmälert. 

Im Mittel hat der Haffgürtel eine Breite von 15 — 20 km. 
Er bildet einen fast hermetischen Abschluß des Landes, denn er 
ist unbewohnt und wenig wegsam. Im allgemeinen nimmt aber 
die Wegsamkeit von Norden nach Süden zu, mit der Zahl und 
Größe der Wasserwege. Bewohnt sind nur wenige Punkte, die 
Schnittpunkte der Wasserwege, wo sich die Menschen auf den 
hohen Dämmen niedergelassen haben, oder für die Fischerei 
günstig gelegene Punkte, also vorzugsweise Inseln. Aber von diesen 
auch nur diejenigen, welche durch die kräftige Gezeitenbewegung 
fieberfrei gehalten werden: Venedig, Chioggia, Burano, Comacchio. 
Alle Siedelungen sind klein, von Venedig und Chioggia abgesehen, 
da sonstige Hilfsquellen fehlen. An der Küste selbst sind, wenn 
wir von den vor Venedig gelegenen und gewissermaßen als seine 
Vororte anzusehenden , namentlich den Seebädern absehen, 
zwischen Duino und der Cervia-Mündung Caorle und Grado die 
einzigen bewohnten Orte. Es sind auch kleine Fischersiedelungen. 
Einzig und allein Venedig ist großen Schiffen zugänglich, heute 
aber auch nur noch durch die Kunst der Wasserbaumeister und 
die Tatkraft der reichen Handelsstadt. Die Haffe, die wir also 
sämtlich nach ihrer Entstehung als randliche Abgliederungen des 
Meeres, daher als lange schmale, der Küste parallele Strandseen 
anzusehen haben, dazu bestimmt, dem Festlande zugefügt zu 
werden, sind naturgemäß alle sehr flach und nur für ganz flache 
Boote fahrbar. Die tieferen Rinnen, welche sie kennzeichnen und 
die bei Venedig bis 46 m größte Tiefe erreichen, sind wohl 
teilweise als durch das Sinken des Landes unter den Wasser- 



Eigenart des Haffgürtels. I 8 5 

Spiegel geratene alte Flußläufe, teilweise aber als durch die Ge- 
zeitenströmungen ausgewaschen anzusehen. Bei Ebbe liegen große 
Flächen des Haffbodens trocken und machen von dichten See- 
gräsern bedeckt den Eindruck grüner Wiesen. Das ist die sog. 
Laguna morta, die sich naturgemäß besonders an der Innenseite 
ausdehnt. Diese Vegetation bedingt das reiche Tierleben an 
Fischen, Mollusken, Krustaceen usw. Die größte Wasserfläche 
bietet noch das Haff von Comacchio. Mit 407 qkm ist es noch 
heute größer als der Garda-See. Die ganze von den vor- 
geschobenen Flußmündungen mit ihren Neulandbildungen (Taglia- 
mento, Livenza, Piave, Etsch, Po, Reno) zerschnittene Haffläche 
mag noch 800 qkm betragen. Treviso , Padua, Ferrara be- 
zeichnen die Grenze des schon seit längerer Zeit trockenen und 
festen Landes, alle drei völlig Landstädte, 30 — 50 km vom Meere. 
Nur Ferrara ist durch künstlich gegrabene und sorgsam unter- 
haltene Kanäle für kleine Seeschiffe erreichbar, ebenso wie die 
freilich dem Meere viel näher liegenden Ravenna und Rimini. 
Die Hauptsitze der Fischerei sind neben Venedig Chioggia und 
Comacchio, letztere beiden fast nur Fischersiedelungen, Chioggia 
zugleich Vorort von Venedig und Venedig vielfach ähnlich und 
wirtschaftlich in ähnlicher Weise von ihm abhängig wie Mestre 
auf der Landseite. Auch die heute toten Inselstädtchen Burano 
und Torcello können als Vororte von Venedig gelten und vor 
allem das gewerbtätige Murano. Comacchio ist lediglich Fischer- 
stadt. Die ertragreiche Haffischerei beruht hier namentlich darauf, 
daß viele Fische während der warmen Jahreszeit diese seichten 
Gewässer und zu Beginn der kühleren das offene, dann wärmere 
Meer aufsuchen. Das ist vorzugsweise die Fangzeit. Das ganze 
Haff ist, sei es von Natur, sei es durch Kunst, durch Dämme in 
einzelne Becken, Valli genannt, gegliedert und noch vielfach durch 
Zäune geteilt, so daß den Fischen die Wege vorgeschrieben sind. 
Der Schöpfer dieses Haffgebietes ist natürlich in erster Linie 
der Po, der aber auch seinerseits vom Menschen gebändigt worden 
ist, so daß seine Deltabildung heute in andrer Weise vor sich 
geht, wie früher. Die infolge der natürlichen Aufhöhung seines 
Betts häufigen Stromverlegungen und Überschwemmungen zwangen 
den Menschen, sobald eine gewisse Verdichtung der Bevölkerung 
eingetreten war, sich durch Eindeichungen gegen diese Natur- 
kraft zu schützen.' Schon früh im Mittelalter begannen diese 



1 86 H) 8. Die nordadriatische Haff küste. 

Eindeichungen, die immer weiter stromauf rückten, heute 400 km 
weit, bald auch die Nebenflüsse umfaßten und immer höher und 
fester gebaut wurden. Dies hat den Strom zwar nicht gehindert 
bei besonders hohen Wasserständen die Dämme zu durchbrechen 
und furchtbar verheerende Überschwemmungen anzurichten, aber 
im wesentlichen sind doch immer mehr Sinkstoffe ins Meer be- 
fördert worden. Zugleich hat die fortschreitende Entwaldung 
auch die Sinkstoffmengen vermehrt. Das hat zur Folge gehabt, 
daß das eigentliche Delta seit den Deichbauten und besonders 
in den letzten Jahrhunderten immer rascher in das seichte Meer 
vorgeschoben worden ist, so rasch und energisch, daß die marinen 
Kräfte nicht mehr imstande waren die Sinkstoffe an der Küste 
zu verteilen. Während es sich nämlich bei dieser ganzen nord- 
adriatischen Haffküste um eine thalassogene Schwemmlandküste 
handelt, eine Küste, deren Verlauf in flachen Bögen die marinen 
Kräfte bestimmen, bildet mitten darin das immer weiter über 
diese Bögen hinaus ins offene Meer vorgeschobene Po-Delta eine 
potamogene Schwemmlandküste von ganz anderen Formen. Der 
Strom beginnt im Meridian von Adria sich zu teilen und mündet 
schließlich in 7 Mündungsarmen, von denen der nördlichste, der 
Po di Maestra, 50 km vom südlichsten, dem Po di Primero ent- 
fernt ist. Die Hauptmündung ist heute der Po di Tolle. Aber 
obwohl alle unter ungeheuren Kosten eingedeicht sind und steter 
kostspieliger Überwachung unterliegen, ist ihre Wasserführung 
und die Arme selbst doch sehr wechselnd, bald wird der eine 
wasserreicher und versandet der andre und umgekehrt. Die 
Mündungsarme schieben daher auch ihre Schlammkegel mit ver- 
schiedener Geschwindigkeit vor, ja es kommt vor, daß beim Er- 
lahmen des Flusses oder Verlegung der Mündung ein solcher 
wieder abgetragen oder verkleinert wird. Jedenfalls ist auch das 
vorgeschobene Delta des Po überwiegend als ein Werk des Menschen 
zu bezeichnen. Die schon erwähnten Dünenreihen erlauben das 
Wachstum des Deltas zu verfolgen. Das heutige auf 40 km langer 
Basis 20 km vor die thalassogene Schwemmlandküste vorge- 
schobene Delta ist erst seit etwa 1200 n. Chr. entstanden. 

Durch einen Durchstich im Beginn des 17. Jahrhunderts ver- 
schob man dasselbe nach Süden, weil die nördlichen Arme das 
Haff von Venedig bedrohten. In einer seiner letzten Arbeiten 
hat der treffliche, der Wissenschaft zu früh entrissene Giov. Mari- 



Wachstum des Po-Deltas. Seehäfen desselben. 



I8 7 



nelli auf Grund der von den Österreichern um 1823, von den 
Italienern um 1 893 vorgenommenen Küstenaufnahmen nachgewiesen, 
daß sich das Po -Delta unter dem Einflüsse der marinen Kräfte 
weniger nach vorn, als seitwärts vorschiebt und zwar der Po di 
Maestra jährlich 80 m, Po di Tolle 96 m, Po di Gnocca 34 m, 
Po di Goro 79 m, und daß allein in diesen etwa 70 Jahren das 
Po -Delta um 53 qkm, das ganze nordadriatische Deltaland um 
68 qkm gewachsen ist und daß, wenn dies Wachstum andauerte, 
nur 1 2 000 Jahre, also eine geologisch gesprochen sehr kurze Zeit 
nötig wäre, damit das Delta die 90 km entfernt gegenüberliegende 
Küste von Istrien erreiche. Dann würde das Nordende des 
Adriatischen Meeres in ähnlicher Weise zu einem Landsee ab- 
geschnürt sein, wie der Latmische Meerbusen in Kleinasien, an 
welchem Milet lag, durch das Vorrücken des Deltas des Mäander 
zu einem Landsee geworden ist. 

Durch dieses Vorrücken der Anschwemmungen mußten natur- 
gemäß alle Siedelungen, welche an oder in der Nähe der Fluß- 
mündungen, etwa auf Haffinseln oder auf den Nehrungen lagen, 
allmählich ins Binnenland rücken und außer stand gesetzt werden 
als Seetore des Hinterlands zu dienen. Die Seestädte dieser 
Haffküste haben daher alle nur eine verhältnismäßig kurze Blüte- 
zeit gehabt. Immer wieder trat an Stelle einer älteren eine 
jüngere weiter seewärts oder der Gegend der raschesten Land- 
bildung etwas mehr entrückte. Die älteste der aus diesem Delta- 
lande bekannten Seestädte war Spina, deren Stätte bis heute 
noch nicht sicher hat nachgewiesen werden können. Es hatte seine 
Blütezeit als Sitz des Handels in vorrömischer Zeit. Sein Name 
haftet noch an einem der südlichsten Deltaarme des Po. Ihm 
folgte Adria, dessen Blütezeit um den Beginn der christlichen 
Zeitrechnung liegt. Es war eine echte Haffstadt wie Venedig 
und lag im Hintergrunde eines offenbar vielgeteilten Haffgebiets, 
das man als die 7 Meere bezeichnete. In den ersten Jahrhun- 
derten unserer Zeitrechnung begannen diese Haffe zu verlanden, 
und das heutige Adria, von dessen Bedeutung nur bei Ausgrabungen 
unter den seitdem abgelagerten Schlammschichten gefundene Reste 
zeugen, ist eine stille Landstadt, die seit dem 17. Jahrhundert 
aus einem im Sumpfe verkommenen Dorfe wieder etwas aufgelebt 
ist. Es liegt am sogenannten Canal Bianco, der wahrscheinlich 
ein ehemaliger Arm der Etsch ist, 22 km vom nächsten Küsten- 



1 88 n, 8. Die nordadriatische Haffküste. 

punkte, 39 km in gerader Linie, 45 km den Windungen folgend 
von der heutigen Hauptmündung des Po. An seine Stelle trat 
Aquileja, das in den ersten christlichen Jahrhunderten seine Blüte- 
zeit hatte. Es lag nahe dem Nordende dieser Haffküste und 
war auch ein Haffhafen, dem die Lage am Nordende des Adria- 
tischen Meeres und nahe der Grenze Italiens zugute kam. Es 
vermittelte namentlich den Handel Italiens und des Mittelmeer- 
gebiets mit den Alpenländern, besonders den östlichen. Be- 
deutende Altertümer zeugen noch von seiner einstigen Größe. 
Es liegt heute 10 km vom offenen Meere, ohne Beziehungen zu 
demselben in neberschwangeren Sümpfen. Neben den natürlichen 
Vorgängen, die seine Verbindung mit dem Meere abschnitten 
und so seine Lebensader unterbanden, trug zu seinem Verfall 
auch seine Lage am nordöstlichen Eingangstore Italiens bei, durch 
das in der Völkerwanderung so viele Völkerstürme, besonders 
die Hunnen, gebraust sind, für welche diese erste reiche Stadt 
Italiens besonders verlockend sein mußte. Nun kam, diesen Ge- 
fahren entrückt, nahe dem Südende der Haffküste die Haffstadt 
Ravenna, die nächste Vorgängerin von Venedig, zur Blüte, nament- 
lich weil es mit der dem Seeverkehr günstigen Lage große natür- 
liche Festigkeit verband, die in jenen unruhigen Zeiten des Nieder- 
gangs des Römerreiches besonders wertvoll war. Es trug voll- 
ständig den Charakter von Venedig, seine Häuser standen auf 
Pfahlrosten, seine Straßen waren z. T. Kanäle. Im Haff hinter 
der Nehrung gelegen, war es weder zu Lande noch zu Wasser 
angreifbar. Es spielte so eine Zeitlang geradezu die Rolle einer 
Hauptstadt Italiens, besonders soweit es von Ostrom abhängig 
war, und eine Fülle kostbarer Bau- und Kunstdenkmäler, nament- 
lich aus dem frühen Mittelalter, zeugt noch heute in der stillen 
Landstadt, die nur durch einen Kanal geringe Beziehungen zu 
dem 8 km entfernten Meere, Porto Corsini, unterhält, von der 
ehemaligen Größe und den Beziehungen derselben zu Byzanz. 
Vom Meere trennt sie die auf breitem, flachem Dünenwalle, der 
sich erst in geschichtlicher Zeit gebildet hat, emporgewachsene 
Pineta von Ravenna, einst wohl der schönste Pinienwald der 
Mittelmeerländer, heute leider verwüstet. 

Auf Ravenna folgt Venedig. Dies war sicher zuerst eine 
Fischersiedelung auf einer Haffinsel, wie es deren heute noch 
gibt. Aus den bei Fundamentierungen gefundenen römischen 



Entwicklung von Venedig. igü 

Resten ergibt sich, daß es bereits in römischer Zeit bestand, ja 
schon eine gewisse Bedeutung hatte. Während der Völkerwande- 
rung flüchteten sich in diese weder zu Wasser noch zu Lande 
angreifbare, nahe seitwärts gelegene Zufluchtsstätte Bewohner des 
von den Völkerstürmen verwüsteten Zuganges zu Italien von Nord- 
osten her. Sie brachten Unternehmungsgeist, reichere Mittel, 
höhere Bildung, und so wurde aus dem Fischerdorfe bald ein Sitz 
der Schiffahrt und des Handels, dessen Entwicklung, selbst während 
der unruhigen Zeiten des Mittelalters, infolge der Sicherheit seiner 
Lage nicht leicht gestört werden konnte, bis die Bevölkerung, 
namentlich durch stete Zuwanderung, der Reichtum und die Macht- 
mittel so gewachsen waren, daß sie selbst über das Inselgebiet 
hinaus greifen konnte. Von der See aus unangreifbar, weil die 
Tiefs (Porti), welche allein durch den Wall der Nehrungen in 
das ruhige Haff hineinführen, leicht gesperrt und verteidigt werden 
können, während dieselben und die tiefen Rinnen, welche das 
Haff durchziehen, auch den größten Seeschiffen den Zugang zu 
der Inselstadt, ja in früheren Zeiten bis in die Kanäle derselben 
ermöglichten. So verfügte Venedig über ausgedehnte, sichere 
Ankerplätze, die bald durch Kunst verbessert wurden. Die Ge- 
zeiten, welche hier in dieser zugespitzten Verengung des Mittel- 
meeres noch die beträchtliche Höhe von im Mittel 0,60 m, im 
Höchstbetrage 1,20 m erreichen, tragen wie anderwärts, in unserem 
deutschen Wattenmeere z. B., dazu bei, durch ihre Strömungen 
diese Rinnen offen zu erhalten, ja sie haben sie beträchtlich aus- 
getieft. Je größer das Haff ist, dessen Wassermassen so periodisch 
regelmäßig erneuert werden, um so tiefer und schiffbarer sind 
die Tiefs. Die Gezeiten erneuern auch das Wasser des Haffs, 
erhalten es salzig und gesund, tragen auch neben der verhältnis- 
mäßig üppigen Vegetation von Seegräsern, welche den Boden 
der Haffe bedeckt, zu dem großen Fischreichtum des ganzen 
Haffgebiets bei, der nicht nur einem bedeutenden Bruchteil der 
Bevölkerung lohnende Beschäftigung, sondern der Gesamtheit 
billige Nahrung bietet. Die Mannigfaltigkeit dieser Fischfauna 
hängt vielleicht auch damit zusammen, daß die innersten Teile 
der Haffe, die sog. Valli, nicht mehr von den Gezeiten erreicht 
werden und so Süßwasser haben, das nur ausnahmsweise einmal 
versalzen wird. 

So wurde Venedig bald der einzige Seehafen nicht nur in 



I qo II, 8. Die nordadriatische Haffküste. 

diesem ganzen Haffgebiete, sondern im ganzen Adriatischen 
Meere, der End- und Knotenpunkt zahlreicher Landstraßen, die 
hier nicht nur aus dem ganzen östlichen Teile der Po -Ebene 
zusammenliefen, sondern auch aus und von jenseits der Alpen. 
Die tiefen Einkerbungen der Alpen im Brenner (und Reschen- 
scheideck), der bequeme Zugang zum Kärntner Becken durch 
das Kanaltal und weiter bis an die Donau bei Wien, erlaubten 
Venedig in die engsten Handelsbeziehungen zu den süddeutschen 
Handelsstädten, Augsburg, Ulm, Nürnberg, Konstanz zu treten, 
von denen noch heute am Canal Grande der Fondaco Tedesco 
zeugt. Und diese Landstraßen setzten sich, besonders seit die 
Kreuzzüge die Beziehungen zum Orient belebt hatten, in immer 
wichtiger werdenden Wasserstraßen fort, die der Richtung des 
Adriatischen Meeres entsprechend auf das östliche Mittelmeer 
zielten und dieses vorzugsweise, aber durchaus nicht ausschließ- 
lich, zum Handelsgebiet der Venetianer, zu einer Quelle ihres 
Reichtums und ihrer politischen Macht machten. Diese Beziehungen 
finden noch heute ihren Ausdruck in dem Charakter vieler der 
herrlichsten Baudenkmäler Venedigs, besonders San Marco, und 
in dem Fondaco dei Turchi, der, erneuert, auch seinerseits zu 
den anziehendsten Palästen an dem an solchen so reichen Canal 
Grande gehört. 

Aber drei Feinde gefährdeten die Entwicklung Venedigs, ja 
bedrohten seine Zukunft: zwei Naturkräfte, die Brenta und die 
Gezeitenströmungen, und die Seeräuber der an guten Häfen und 
versteckten Zufluchtsstätten so reichen Küste von Dalmatien, die 
die Zugangsstraße nach Venedig beständig von der Seite bedrohten. 
Die Bekämpfung, die Besiegung dieser Feinde haben die Handels- 
stadt, gewiß ursprünglich nicht ohne Bedenken, ja vielleicht wider 
Willen, zu einem Brennpunkte politischer Macht, zur Hauptstadt 
eines weit ausgedehnten Reiches, das man in der engeren Welt 
des Mittelalters dem heutigen englischen Weltreiche vergleichen 
kann, zur Weltmacht gemacht. Hatte schon die Rom aufge- 
zwungene Unterwerfung der dalmatischen Seeräuber, der Illyrier, 
Vorfahren der Albanesen, Rom zur Ausdehnung seiner Herrschaft 
nach Osten gebracht, so auch Venedig. Nur waren hier in- 
zwischen Südslawen, Serben, an Stelle der Illyrier getreten, die 
aber die Landesnatur auch in wenigen Jahrhunderten zu den 
vortrefflichen Seeleuten erzogen hatte, die sie noch heute sind: 



Venedigs Kampf gegen Menschen und Naturkräfte. jqj 

die einzigen unter den durchaus festländischen Slawen, Kreuz- 
fahrer im Dienste der wohl wenig kriegsgeübten fürstlichen Kauf- 
leute, die ihre Kriege ja immer mit Söldnern führten, ermöglichten 
es Venedig, das ganze Ostgestade des Adriatischen Meeres unter 
seinen Einfluß zu bringen. Korfu bildete dann besonders den 
Türken gegenüber den Schlüssel zu diesem rein venetianischen 
Mittelmeere. Härter war der Kampf mit der einen der Natur- 
kräfte, der auch seinerseits bald durch menschliche Widerstände 
erschwert wurde. Diese wurden besiegt, was zur Folge hatte, 
daß Venedig auch auf dieser Seite eine Landmacht wurde, aber 
die Naturkraft muß man für unbesiegbar halten. Die gewaltigsten 
Anstrengungen haben nur dazu geführt, daß das Verhängnis 
hinausgeschoben worden ist. Aber das bewundernswerteste Denk- 
mal dieses wenigstens zeitweilig siegreichen Kampfes ist die Ge- 
stalt der Küste vor dem Haffgebiet von Venedig, eine Einwirkung 
des Menschen auf die Natur, wie sie in solchem Maße wohl noch 
nie vorgekommen ist. Die verhältnismäßig tiefe Einbuchtung, 
welche die Küste nördlich vom Po -Delta aufweist, beruht auf 
gehindertem Wachstume des Landes. Und das, wie die Erhaltung 
des Haffs, das längst verlandet oder in einen großen Malaria er- 
zeugenden Sumpf verwandelt worden wäre, ist das Werk der 
Venetianer, ein Werk, das ihnen bei allen Erdkundigen zu höherem 
Ruhme gereicht als alle Paläste und alle Kunstschätze dieses 
großen Museums. 

Die Brenta mündete in das Haff, lud in demselben ihre aus 
den Alpen herbeigeschleppten Sinkstoffe ab, schob das Land vor 
und drohte das ganze Haff in einen Sumpf zu verwandeln, 
Venedig vom Meere abzuschneiden, vom Lande zugänglich und 
ungesund zu machen. Es galt also die Brenta vom Haff abzu- 
lenken und in einem langen und wegen des dadurch außer- 
ordentlich verringerten Gefälls besonders schwer zu unterhaltenden 
Umgehungskanal südwärts erst bei Fusina, dann bei Malamocco, 
dann bei Chioggia und schließlich bei Brondolo nahe der Etsch- 
mündung ins Meer zu leiten, eine der schwierigen, sich immer, 
namentlich bei den häufigen Hochwassern erneuernden Aufgaben, 
welche die Italiener zu den besten Wasserbaumeistern der Welt 
erzogen haben. Auch die Mündungsarme des Po wurden nach 
Süden verschoben und im Norden der Sile in die alte Mündung 
des Piave geleitet und diesem selbst seine heutige Mündung ge- 



in 2 U> 8. Die nordadriatische Haffküste. 

graben. Doch ist trotzdem die Aufhöhung nicht völlig fernge- 
halten worden. Seitdem wurde über die Erhaltung des Haffs mit 
größter Sorgfalt gewacht, schon im 14. Jahrhundert wurden die 
Grenzen desselben durch Dämme und 100 Steinzeichen festgelegt, 
die zum letzten Male 1791 erneuert worden sind. Aber das war 
erst möglich, nachdem man in erbittertem, sich immer wieder er- 
neuerndem Kampfe das benachbarte Padua unterworfen hatte. 
Denn wenn Venedig die Brenta vom Haff fernhalten mußte, so 
war es ebenso eine Lebensfrage für Padua sie so rasch und 
gerade wie möglich in das Haff zu leiten, um die Überschwemmungs- 
gefahr abzuwenden. So griff Venedig aus seiner sicheren Stellung 
inmitten des Haffs auf das Festland hinüber und immer weiter 
nach Westen aus, um sich die Wasserstraßen zu sichern, schließ- 
lich selbst über den Mincio bis an den Corner See. Noch heute 
bezeichnen wir diesen ehemaligen Besitz der Republik auf dem 
Festlande, wo man noch überall, besonders in den Städten ihre 
Einflüsse erkennt, mit dem Namen Venetien. Es ist in der Tat 
eine der großen natürlichen Landschaften Italiens, die namentlich 
durch ihr z. T. schiffbares Flußnetz nach Venedig gravitiert. Das 
erleichterte die Erwerbung derselben. 

Den dritten und gefährlichsten Feind hat man erst sehr spät 
erkannt, nämlich den Sand, welcher von Strömung und Küsten- 
versetzung an der Küste entlang und z. T. in das Haff hinein- 
geschoben wird und die Tiefs, welche nach Ablenkung der Brenta 
der Druck des Binnenwassers nicht mehr hinreichend offen zu 
halten vermag, zu verschließen droht. Erst neuerdings würdigt 
und studiert man diese Vorgänge. Das Tief des Lido, das viele 
Jahrhunderte lang allein als Zugangsweg benützt wurde, verlor 
seit 1724 an Bedeutung gegenüber dem Tief von Malamocco, 
dessen Erhaltung man sich mehr angelegen sein ließ. Der be- 
rühmte Wasserbaumeister Paleocapa hat das Verdienst, durch die 
gewaltigen Dämme, welche seit 1840 dieses Tief befestigt haben, 
einen so tiefen Zugangsweg geschaffen und gesichert zu haben, 
daß die größten Panzerschiffe der Gegenwart mit mehr als 8 m 
Tiefgang einlaufen und vor Venedig Anker werfen können. Dies 
ist heute auch italienischer Kriegshafen. Aber dieser 15 km lange 
Weg durch das Haff ist dem Verkehr zu lang, und das Bedürfnis, 
das nur 5 km entfernte Tief des Lido wieder fahrbar zu machen, 
drängte sich immer mehr auf, namentlich da man auch erkannte, 



Gegenwart und Zukunft Venedigs. I n ? 

wie dringend nötig es sei, die Flut in voller Kraft eindringen zu 
lassen. So hat man seit 1882 durch zwei weit ins offene Meer 
hinaus verlängerte Dämme einen 900 m breiten, die drei Kanäle 
del Lido, di San Erasmo und Treporti in sich vereinigenden 
Eingang geschaffen, welchen der Handel jetzt allein benützt. 
Die Gezeitenströmungen haben denselben bereits auf 12 m aus- 
getieft und die Sandbänke, welche sich vor dem Eingange zu 
bilden begonnen hatten, weggefegt. Schon seit 1846 verbindet 
eine 3600 m lange Eisenbahnbrücke die Stadt mit dem festen 
Lande und den Alpenpässen. Zugleich ist sie durch Flüsse und 
Kanäle der Knotenpunkt eines immer besser gepflegten und er- 
weiterten Netzes von inneren Wasserstraßen, welche bis Casale 
Monferrato, zum Corner und Langen See und bis Modena aus- 
greifen. Eine 33 km lange Leitung führt der Stadt auch gutes 
Trinkwasser zu. So hat sich die alte Herrscherin der Adria, 
wenn auch ihre Kräfte in den letzten Jahrhunderten erlahmt zu 
sein schienen, doch wieder aufgerafft, neues Leben beginnt wieder 
einzuziehen und das Schicksal von Ravenna scheint vorläufig ab- 
gewendet zu sein. Aber gewiß nicht für immer. Auch das Haff 
von Venedig wird sich einmal in einen Sumpf und schließlich in 
festes Land verwandeln, und die Paläste der herrlichen Stadt 
werden dann zu den künftigen Geschlechtern reden, wie heute 
Ravenna zu uns. 



9. Der Schwerpunkt Griechenlands. 1 ) 

Als es sich bei Gründung des neuen Königreichs Griechen- 
land um die Wahl der Hauptstadt handelte, schwankte man lange 
zwischen Korinth und Athen. Korinth hatte jedenfalls viel für 
sich, denn die Gunst seiner Lage hatte es schon im Altertume 
stets eine wichtige Rolle spielen und als Erbin Athens in spät- 
griechischer Zeit zur größten und reichsten Handelsstadt Griechen- 
lands werden lassen. Auf der Landenge gelegen, wo diese am 
schmälsten ist, so daß Beziehungen zu beiden Meeresräumen, zu 
Ost- und zu Westgriechenland, zum östlichen und westlichen 
Mittelmeergebiet möglich sind, war Korinth in erster Linie See- 

1) Nach meiner Landeskunde von Griechenland, Leipzig 1893, bearbeitet. 
Fischer, Mittelmeerbilder. Neue Folge. 13 



j qm II. 9. Der Schwerpunkt Griechenlands. 

handelsstadt, was für ein Land, wie das maritime Gebirgsland 
Griechenland, unerläßlich war. Eine Schleppbahn ermöglichte so- 
gar kleinere Schiffe über die Landenge zu befördern. Dazu kam 
aber die Lage an dem einzigen Landwege, welcher Mittelgriechen- 
land mit dem Peloponnes verbindet und der dort in ein Bündel 
von Wegen ausstrahlt, welche an der Nord- und Ostküste der 
Halbinsel und zwischen beiden verlaufen. Zugleich beherrscht 
hoch über der Stadt thronend Akrokorinth, das, wie in makedo- 
nischer, so besonders auch in türkischer Zeit eine der Fesseln 
Griechenlands war, die Wege über die Landenge und den Ein- 
gang in den Peloponnes. Auch liegt Korinth für das Königreich 
in seiner damaligen Ausdehnung außerordentlich zentral. Wenn 
schließlich die Entscheidung für Athen fiel, obwohl dies nichts 
wie ein Haufe von Trümmern war, in dem sich kaum ein be- 
wohnbares Haus fand, das also ganz neu aufgebaut werden mußte, 
so bewirkte das die große geschichtliche Bedeutung Athens, die 
glänzende Rolle, welche es im Altertum gespielt hatte. Die doch 
nur in gewissen Grenzen berechtigte Vorstellung der Neugriechen, 
daß sie die Nachkommen der alten Griechen seien, die sich 
auch in dieser Entscheidung bedeutungsvoll geltend machte, ist 
als ethischer Faktor in der Entwicklung Griechenlands und des 
griechischen Volks nicht hoch genug einzuschätzen. Sie ist die 
Quelle mancher tüchtigen Leistung. Daß in diesem Falle die 
Wahl in doppelter Hinsicht eine gute war, zeigt einerseits die 
erstaunliche Entwicklung, welche Athen in kaum Dreivierteljahr- 
hundert genommen hat, andererseits das Schicksal von Korinth. 
Korinth liegt nämlich auf einer der gefährlichsten Erdbebenlinien 
Griechenlands und ist 1858 wieder einmal so gründlich durch 
13 Monate lang sich wiederholende Erdbeben zerstört worden, 
daß die Bewohner darauf verzichtet haben, es wieder aufzubauen. 
Die mächtigen Säulen des alten dorischen Tempels stehen noch 
aufrecht inmitten einer von Trümmern alter und neuer Zeit be- 
deckten Stätte. Neu-Korinth ist unten am Strande des Korin- 
thischen Meerbusens als regelmäßige, ärmliche Stadt wieder auf- 
gebaut worden, da auch der Kanal keine neue Blüte zu bringen 
vermocht hat. Aber noch andere Punkte am Saronischen Golfe 
haben in neuerer Zeit eine Rolle gespielt, die Felseilande Hydra 
und Spetzä und die Meerengenstadt Porös. Im Altertum war 
noch vor Athen die Insel und Inselstadt Ägina, von dessen 



Die Bedeutung des Saronischen Golfs. 



*95 



Bedeutung noch der Poseidon-Tempel zeugt, der Brennpunkt des 
Verkehrs im Saronischen Golfe. Kurz, wir sehen, daß in den 
verschiedensten Perioden einer fast dreitausendjährigen Geschichte 
der Sitz des Verkehrs und der höchsten Gesittung Griechenlands 
an diesem Meerbusen gewesen ist. An ihm hat zu allen Zeiten 
der Schwerpunkt Griechenlands gelegen. 

Eine Erklärung dieser Tatsache werden wir in den geogra- 
phischen Verhältnissen Griechenlands, ganz besonders aber der 
wagrechten Gliederung seiner Ostseite finden. 

Griechenland ist der südlichste Teil eines allerdings, wie 
die tiefer dringende Forschung immer mehr herauszustellen 
scheint, nicht einheitlich gebildeten gefalteten Gürtels der Erd- 
rinde, der in einer Länge von etwa 1200 km und einer mittleren 
Breite von 150 km der ganzen Westseite der südosteuropäischen 
Halbinsel ihren Charakter aufprägt, der dieselbe ganz besonders 
als ein Gebiet des Verharrens, als eine Schranke des Verkehrs 
in westöstlicher Richtung erscheinen läßt. Dieses junge Falten- 
gebirge bedingt in Griechenland zahlreiche meridionale Gebirgs- 
ketten, wie sich dies am auffälligsten in den Epirus von Thes- 
salien , Ätolien von Phokis trennenden Ketten , in der langen 
meridionalen Erstreckung des Peloponnes und in den drei Spitzen 
ausprägt, in welche derselbe nach Süden ausgeht. Aber schon 
in Mittelgriechenland schwenken diese meridionalen Falten nach 
Osten ab und vermitteln, am augenfälligsten in Kreta, die Ver- 
knüpfung des griechischen Faltensystems mit dem taurischen 
Kleinasiens. Gegen Ende der Tertiärzeit und weit in die 
Quartärzeit hinein tritt auch hier ein geradezu für den mediter- 
ranen Bruchgürtel kennzeichnender Vorgang in die Erscheinung: 
Krustenbewegungen finden ihre Auslösung nicht in der Bildung 
von Falten, sondern von Brüchen, die den ganzen gefalteten 
Gürtel durchsetzen und in einzelne Schollen zerstücken, die sich 
gegeneinander vorzugsweise in der Vertikalen verschieben unter 
Überwiegen zentripetaler Bewegungen, aber auch gegenteiliger, 
denn A. Philippson, dem wir in erster Linie die geographisch- 
wissenschaftliche Erforschung Griechenlands verdanken, hat ge- 
zeigt, daß am Nordrande des Peloponnes pliocäne marine Schichten 
heute bis 1 800 m über dem Meere vorkommen. Dadurch ist 
das Faltenland hier zum Bruchlande geworden. Nicht mehr die 
Faltenbildung, sondern die Bruchbildung bestimmt die senkrechte, 

13* 



I q6 II, 9. Der Schwerpunkt Griechenlands. 

wie die wagrechte Gliederung Griechenlands. Eine allgemeine 
Senkung des Gebiets in der Quartärzeit geht damit Hand in 
Hand, so daß das Meer auch in die von exogenen Kräften, be- 
sonders dem rinnenden Wasser gebildeten Hohlformen, nicht bloß 
in die Gräben und Brüche eintritt und die abgesunkenen Schollen 
bedeckt. Das ägäische Festland wird im Laufe der Quartärzeit 
zum ägäischen Inselmeere. Das Faltenland, das zwar noch 
immer als meridionaler Gürtel zu erkennen ist, löst sich so in 
eine große Zahl kleiner Sonderlandschaften, in Halbinseln und 
Inseln auf. Denkt man sich die Wasserhülle weg, so würde 
dieser Teil der Erdrinde wie mit dem Beile zerhackt erscheinen. 
Wie das Land auf dem Festlande, wie es auf den Halbinseln und 
Inseln steil und zu bedeutenden Höhen emporsteigt, so senkt 
sich auch der Meeresgrund jäh zu großen Tiefen. In wunder- 
barer Weise erscheint hier Land und Meer gemischt, beide 
durchdringen und beeinflussen einander, Halbinseln und Inseln 
setzen das Festland ins Meer hinaus fort, Meerbusen, Meerengen 
und Mittelmeere im Kleinen, wie die Golfe von Korinth, von 
Arta und Volo, das Meer ins Festland hinein. Und die Bewohner 
nicht nur der Inseln sind für den Verkehr auf das Meer ange- 
wiesen, weil die Meerfernen überall gering sind, das Land bei 
dem Vorherrschen von Steilküsten, bei der Steilheit der Gehänge, 
der Höhe und dem felsigen Charakter der Gebirge wenig weg- 
sam ist, während die überall vorhandene Landnähe und ein 
großer Reichtum an geschützten Durchfahrten, an kleinen sicheren 
Buchten, die auch Gelegenheit bieten, das kleine Segelboot auf 
flachen Strand zu ziehen, einen großen Teil des Jahres günstige 
Windverhältnisse und andere Umstände mehr den Seeverkehr er- 
leichterten, den Menschen auch anlockten, einen Teil seiner 
Nahrung dem Meere abzugewinnen und so immer mehr mit dem- 
selben vertraut zu werden. Griechenland ist durch diese Vor- 
gänge, die der jüngsten geologischen Vergangenheit angehören, 
ja sich vielleicht noch in der Gegenwart fortsetzen, ein maritimes 
Gebirgsland geworden, ein wahrer an Gegensätzen reicher 
Mikrokosmos, und das südliche Drittel dieses gefalteten Erd- 
gürtels unterscheidet sich daher durchaus von dem mittleren 
und nördlichen Drittel, ein neues, eigenartiges und durch seine 
Eigenart und den Einfluß, den dieser Erdraum auf die Be- 
wohner ausgeübt hat, in der Geschichte der menschlichen Kultur- 



Die Zerstückung der Erdrinde in Griechenland. jgy 

entwicklung einzigartige Rolle spielendes Länderindividuum 
ist so entstanden. Es möge hier nur noch kurz darauf hinge- 
wiesen werden, daß noch zwei andere der jungen mediterranen 
Faltengebirge, die Apenninen und das andalusische Faltengebirge, 
dort wo sie sich tief hinein in den mediterranen Bruchgürtel er- 
strecken, in ähnlicher Weise durch Brüche zerstückt und in 
Inseln aufgelöst wurden, Sizilien und Umgebung, die Balearen. 
Die Zerstückung der Apenninen ist nur scheinbar eine geringere, 
weil eine bedeutende Hebung der Quartärzeit mindestens sieben 
größere Inseln Süditaliens wieder miteinander verbunden und die 
Apenninen auch orographisch wieder zu einem einheitlichen Ge- 
birge verbunden hat. Nur die Straße von Messina blieb, wenn 
auch verengt, noch offen. Welchen Einfluß das alte ägäische 
Festland bei der Zusammenfaltung Griechenlands und bei der 
Umbiegung der Falten nach Osten hin ausgeübt hat, soll hier 
unerörtert bleiben. Es ist auch seinerseits zerstückt worden und 
nur noch in Inseln, besonders den dem entsprechend vorwiegend 
aus alten kristallinischen Felsarten aufgebauten Kykladen erhalten. 
Aber diese lassen doch eine verkehrsgeographisch außerordent- 
lich wichtige Tatsache erkennen: sie sind entsprechend dem Um- 
stände, daß die Bruchlinien, wie es vielfach im Faltenlande vor- 
kommt, sowohl dem Streichen der Falten parallel, also südöstlich 
verlaufen, wie senkrecht dazu, also westöstlich, in Reihen an- 
geordnet, sie bilden also gewissermaßen Schrittsteine, die von 
Griechenland nach Kleinasien hinüberführen. Bei dem Umbiegen 
der Falten an Griechenlands Ostseite werden dieselben von den 
südsüdöstlich verlaufenden Brüchen quer durchschnitten, so daß 
also hier und noch mehr am kleinasiatischen Gegengestade eine 
geöffnete, dem Verkehr günstige Querbruchküste entstand. Vulka- 
nische Tätigkeit, die an diese Bruchlinien geknüpft und nament- 
lich auf Santorin noch rege ist, hat die Mannigfaltigkeit der Erschei- 
nungen und die Zahl der Inseln noch vermehrt. Am größten 
ist die Zerstückung der Erdrinde an der Ostseite Griechenlands, 
während die Westseite steil zu den größten Tiefen des Mittel- 
meeres, dem ionischen Tiefbecken, hinabsinkt und nur die 
ionischen Inseln als landnahe Abgliederungsinseln sich am Außen- 
rande des Schelfs, des Flachseegürtels erheben. 

In welcher Weise diese Landzertrümmerung, diese Bildung 
von Inseln und Meerengen sich vollzogen hat, darin gewähren 



igg II, 9. Der Schwerpunkt Griechenlands. 

uns zwei gut beobachtete Vorgänge der Neuzeit einen Einblick, 
die uns auch weniger gut beobachtete und überlieferte Vorgänge 
früherer Zeiten verständlich machen. Beide hängen mit den in 
Griechenland so häufigen Erdbeben zusammen. Wie häufig die- 
selben sind, ergibt sich bereits aus den seit 1892 eingerichteten 
Erdbebenbeobachtungen, nach denen in dem fünfjährigen Zeit- 
räume von 1893 — 98 nicht weniger als 3187 Erschütterungen zur 
Beobachtung kamen, die meisten längs der steilen westlichen Abbruchs- 
seite, nächstdem am Evripos und am Golfe von Korinth. Das 
zeigt wie die Erdrinde hier auch heute nicht zur Ruhe gekommen 
ist, und macht den Kultus des Herrn des Meeres und Erd- 
erschütterers Poseidon im alten Griechenland begreiflich. Er 
wurde gerade in den am häufigsten erschütterten Landschaften 
am eifrigsten verehrt. Dort standen seine zahlreichsten Heilig- 
tümer und es macht einen tiefen Eindruck, wenn Xenophon er- 
zählt, daß, als die Spartaner mit ihren Bundesgenossen im Jahre 
390 v. Chr. einen Einfall nach Argolis machten und ein Erdbeben 
am ersten Abende auf feindlichem Gebiete das ganze Lager in 
Erregung brachte, nur die Spartaner den Kopf nicht verloren, 
sondern in mächtigem Chore einen Hymnus auf Poseidon durch 
die stille Nacht erschallen ließen. Das eine dieser Ereignisse 
war das Erdbeben von Lokris im April 1894, welches der grie- 
chische, in Deutschland ausgebildete Geologe Skuphos beobachtet 
und geschildert hat. Bei demselben bildete sich in Lokris dem 
Talantikanal und der Küste parallel ein 55 km langer Spalt, der 
durch Ebene, Hügel und Berge, durch Schwemmland, durch 
tertiäre und feste Gesteine der Kreideformation verlief bei einer 
Breite der entstandenen Kluft von Z 1 /^ m und einer sichtbaren 
Tiefe von 15 — 20 m. Dabei hatte sich der so abgelöste breite 
Festlandsstreifen um i 1 /« m gesenkt, so daß der Außenrand des- 
selben dauernd vom Meere bedeckt und ein Teil als Insel ab- 
gegliedert wurde. Zugleich hatte eine horizontale Verschiebung 
stattgefunden, so daß die Betten der unterbrochenen Gießbäche 
nicht mehr aufeinander paßten. Es hatte also hier durch rand- 
liche Abbruche eine Erweiterung des Talantikanals und der die 
Insel Euböa vom Festlande trennenden Meerenge stattgefunden, 
so daß man sich eine Vorstelluug machen kann, wie dieses 
durch Bruchlinien ausgesonderte Stück des Festlands zur Insel 
geworden ist. Ein anderes Erdbeben veranschaulicht, in welcher 



Wirkung der Erdbeben. I qq 

Weise neu gebildetes, also das Festland vergrößerndes Land 
wieder dem Meere zum Opfer fällt. Bei dem von dem deutschen 
Naturforscher J. Schmidt, der den größten Teil seines Lebens in 
Griechenland als Direktor der Sternwarte in Athen gewirkt hat, 
gut beobachteten Erdbeben von Aegion in Achaja (26. Dez. 1861) 
löste sich auf 13 km langen, bis 2 m und mehr breiten Spalten 
der große von den Flüssen dort angeschwemmte Schuttkegel vom 
festen Lande ab, offenbar weil er durch die Erschütterung ins 
Gleiten gekommen war, und sich in einer Ausdehnung von 1 5 qkm 
gegen den Golf von Korinth senkte, so daß ein randlicher 
Streifen dauernd vom Meere bedeckt blieb. Solche Vorgänge 
sind in Griechenland nicht selten und erklären den aus dem 
Altertum berichteten Untergang der in derselben Gegend gelegenen 
Stadt Helike 373 v. Chr. und den von Skarpheia, das in der 
Gegend des Erdbebens von 1894 lag, im Jahre 426 v. Chr. 

Ein auch nur flüchtiger Blick auf eine Karte läßt sofort die 
Tatsache erkennen, daß die Ostseite Griechenlands zwar im all- 
gemeinen aufgeschlossener, reicher gegliedert ist, als die West- 
seite, aber daß diese Aufgeschlossenheit ein wirklich hohes 
Maß doch im wesentlichen nur an einem kurzen Küstenabschnitt 
erreicht. Vom Golf von Saloniki, von wo die Abgliederung der 
griechischen Halbinsel von dem festländischen Trapez der süd- 
osteuropäischen Halbinsel beginnt, erstreckt sich durch eine Bruch- 
linie, die man wohl als ägäische Diagonalspalte bezeichnet hat, 
bestimmt, die Küste als geschlossene Steilküste auf ^^^ km nach 
Südosten, bis zum Dorokanal, der zwischen Euböa und Andros 
aus dem nordöstlichen griechischen Inselmeere in das südwest- 
liche führt. Die Bruchlinie setzt sich noch weiter in gleicher 
Richtung fort, bildet an der Außenseite der Kykladen eine tiefe 
Furche in der Sohle des Inselmeers und weiterhin bis zu der 
weiten Lücke zwischen Rhodos und Karpathos die Grenze zwischen 
Europa und Asien. Die Ostküste von Thessalien und Euböa 
verläuft daher, wenn sie auch als eine Querbruchküste bezeichnet 
werden muß, geradlinig, kaum daß sie größere, ganz flache Aus- 
buchtungen wie die im Altertum Td KoiXd genannte an der 
Ostseite Euböas aufweist, die tektonisch bedingt sind und kleine 
mehr oder weniger halbkreisförmige, aber Schiffen keinen Schutz 
bietende Buchten, das Werk des hier namentlich im Sommer 
während des Wehens der Etesien tobenden Brandung, die die 



200 n, 9. Der Schwerpunkt Griechenlands. 

ganze Küste als eine Abrasionsküste erscheinen läßt. Hier ver- 
schließt sich also Griechenland gegen das Meer, so daß der ein- 
zige fast in der Mitte gelegene Eingang, der Kanal von Tricheri 
um so wichtiger sein muß. „Thessaliens 1 ) Ostküste hat nicht 
einen einzigen sichern Bergeplatz für Schiffe, welche der Nord- 
ostwind überrascht; gegen die steilen , ? Backofen-Felsen" (Ipnoi) 
oder an den Rand der „Sepias-Küste" geworfen zu werden, be- 
deutete — wie die Flotte des Xerxes mit Schrecken erfuhr — 
rettungsloses Verderben. Noch berüchtigter war bei der stärkeren 
Befahrenheit des vor ihr liegenden Meeresraumes die eiserne 
Ostküste von Euböa. Kein Punkt des ganzen Ufersaumes von 
ganz Griechenland ward von den Seefahrern mit so banger Scheu 
betrachtet als die unheimlichen Wände am Vorgebirge Kaphareus." 
Dazu kam, daß Jahrhunderte hindurch auch die Seeräuber hier die 
Menschen von der Küste ins Innere und auf die Berge drängten. 
Dieselbe ist daher heute so gut wie unbewohnt. Nur an dem 
Stückchen Flachküste, welches der Salamvria der Felsküste an- 
gelagert hat, hat sich Phteri als kleiner Ausfuhrplatz Nord-Thes- 
saliens entwickelt. Dasselbe Schauspiel wiederholt sich an der 
Ostseite des Peloponnes, die vom Golf von Nauplion bis zum gefürch- 
teten Kap Malea auf 220 km auch in südsüdöstlicher Richtung 
als geradlinige geschlossene Steilküste, eine Längsküste verläuft, 
von welcher felsige Gebirgslandschaften steil ansteigen. Hier er- 
scheint der Peloponnes am auffälligsten trotz seiner Halbinselnatur 
als völlig festländisches Gebiet, dessen Bewohner, wie es ja die 
Spartaner ganz besonders als echte Festlandsgriechen kennzeich- 
nete, wie im Altertume so erst recht heute wenig Beziehungen 
zum Meere unterhalten. Recht bezeichnend ist der einzige Punkt, 
der an dieser Küste, wenn auch mit Mühen und Gefahren da- 
durch, daß die Abrasion einen mächtigen Felsblock aus der Küste 
herauspräpariert hat, im Schutze der Festung, die der Felsblock 
trug, das Land zugänglich macht, Monemvasia (uovn, eußacic, 
der einzige Zugang) genannt worden. Nur in venetianischer 
Zeit hat es als Festung und Verschiffungsort für Wein (Malvasier) 
eine gewisse Bedeutung gehabt. Heute liegt es in Trümmern. 
Inmitten dieser beiden zusammen also 550 km langen ver- 



1) Neumann -Partsch, Physikalische Geographie von Griechenland, 
Breslau 1885, S. 144. 



Zugänge zur Ostseite Griechenlands. 201 

kehrsfeindlichen Küatenstrecken liegt nun eine 165 km lange 
dem Verkehr um so günstiger gestaltete zwischen dem Dorokanal 
und der Küste des Peloponnes. Ihre Bedeutung wird noch er- 
höht dadurch, daß in sie auch eine der für Griechenland so 
charakteristischen inneren Wasserstraßen einmündet und die größte 
natürliche, zum ganzen übrigen Griechenland besonders gegen- 
sätzliche Sonderlandschaft, das ebene, wasserreiche, an Getreide, 
Pferden und Rindern reiche Thessalien mit dem Schwerpunkt 
Griechenlands verbindet. Der Tricherikanal, dem die felsige 
Inselgruppe der nördlichen Sporaden vorgelagert ist, verdankt 
wie seine Fortsetzung der Oreoskanal und der Golf von Lamia 
seine Entstehung Verwerfungen, die hier das Land durchsetzen 
und mit dem von Westen eindringenden Golfe von Arta Nord- 
Griechenland von Mittel-Griechenland abschnüren. An der engsten 
Stelle ist der Tricherikanal nur 7, ja am Eingange in den Golf 
von Volo nur 5,5 km breit. Dieses fast kreisförmige rings von 
Steilufern umgebene Becken gleicht einem großen Landsee 
(7 1 o qkm, also wesentlich größer als der Genfer See) , über 
welchen, namentlich im Südosten, 8 kleine Inseln verstreut sind. 
Nur an der Westseite findet sich die kleine von Gießbächen ge- 
bildete Ebene von Halmyro, das im Mittelalter als Seeplatz 
Thessaliens eine Rolle gespielt hat. Weit günstiger für den 
Verkehr mit der innerthessalischen Ebene ist aber seine nörd- 
liche Ausbuchtung, von welcher aus nur der schmale Höhenzug 
der ziragiotischen Berge, der an einer Stelle bis auf 137 m ein- 
gekerbt ist, zu übersteigen ist. Hier liegt Volo, das einzige 
Seetor Thessaliens, heute der Ausgangspunkt des thessalischen 
Eisenbahnnetzes. Hier lagen bezeichnenderweise auch Iolkos, 
Pagasae und Demetrias, die in Sage und Geschichte Griechen- 
lands, letzteres als eine der drei Fesseln Griechenlands in makedo- 
nischer Zeit, eine große Rolle gespielt haben. Nur von Süden 
her erschließt das Meer Thessalien und verknüpft es mit dem 
übrigen Griechenland. Auch auf gebrechlichen Fahrzeugen 
konnten auf diesen inneren Wasserstraßen aus dieser seiner nächsten 
Kornkammer dem dicht bevölkerten Mittel-Griechenland Brotstoffe 
zugeführt werden. Ohne Thessalien konnte ein griechischer 
Staat kaum als lebensfähig erscheinen. Daher ist Volo seit 1881 
in raschem Aufschwünge. 

Der westsüdwestlich gerichtete Oreoskanal verengt sich als 



202 H, 9. Der Schwerpunkt Griechenlands. 

schmale fjordartige Felsengasse bis auf 2 km. Es scheint, daß 
hier an der Nordwestspitze von Euböa, einer von heftigen Erd- 
beben besonders häufig heimgesuchten Erdgegend, sich zwei, 
vielleicht drei Bruchlinien kreuzen, da der fast ringsum von 
flachen, sumpfigen Ufern umgebene Golf von Lamia, an dessen 
Zuschüttung der Spercheios und einige Gießbäche mit Eifer ar- 
beiten, ziemlich streng westliche Richtung hat und auf dieser Linie 
die drei bekannten heißen Quellen von Aidipsos, den Thermo- 
pylen und Hypata liegen, während die engen Durchfahrten zwischen 
Euböa und dem Festlande südöstliche Richtung haben. Diese 
letztere innere Wasserstraße, der Evripos, läßt seine Entstehung 
auf Bruchlinien an einzelnen Punkten, wie am Kandili- und Galt- 
zadesgebirge Euböas, deutlich zurückführen. Einer riesigen Mauer 
ähnlich steigt dort die Küste an der Bruchfläche empor, an deren 
Nordwestende, am Fuße des steil abgebrochenen Galtzadesgebirges, 
auf einer tiefgehenden Verwerfungskluft die heißen Quellen von 
Aidipsos (7 6° C) dicht am Meere hervorbrechen. Und so steil 
setzt sich die Bruchfläche auch unter dem Meeresspiegel fort, 
daß man nur 900 m vom Strande bei 360 m keinen Grund fand. 
Es sei hier auf die genetisch, wie teilweise auch morphologisch 
hervortretende Ähnlichkeit zwischen diesem Meeresteile und dem 
durchaus parallelen , Mittel-Griechenland von dem Peloponnes 
trennenden tiefen Graben hingewiesen. Der talantische Evripos 
entspricht dem korinthischen Golfe, der eretrische dem innern, 
der Golf von Petali dem äußern saronischen Golfe. Der 7 km 
lange chalkidische Evripos, dessen wechselnde Strömungen ein 
Rätsel waren, das erst neuerdings gelöst, auf Gezeiten- und Seiche- 
strömungen zurückgeführt worden ist, besteht aus drei Verengungen, 
die durch seeartige, einige Inseln enthaltende Ausweitungen von- 
einander getrennt sind. Am nördlichen Eingange verengt er sich 
auf 60 m und verflacht sich auf 5 — 6 m, so daß schon fast ein 
halbes Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung eine Brücke die Insel 
ans Festland knüpfen und Befestigungen die Meerenge schließen 
konnten: Chalkis war zu allen Zeiten eine der Fesseln Griechen- 
lands. Wir haben hier das Gegenstück der Landenge von Korinth, 
deren Breite selbst der Entfernung zwischen der nördlichen und 
der südlichen Enge entspricht. Nur daß dort eine Landenge, 
ein schmaler über den Meeresspiegel gehobener Landstreifen vor- 
handen ist, während er hier noch von Wasser bedeckt ist. Der 



Talantikanal und Evripos. 20^ 

Oreoskanal und der Golf von Lamia entsprächen dem Golf von 
Patras. Ein drittes System paralleler Bruchlinien verläuft an der 
Außenseite von Euböa und hat die nördlichen Sporaden vom 
Festlande abgelöst. An sicheren Buchten und Häfen fehlt es 
dieser inneren Meerstraße, namentlich auf der festländischen Seite, 
nicht, es sei nur der Name Aulis genannt, wo sich die Griechen 
zum Zuge nach Troja versammelten , obwohl auch da die 
Küste meist steil ansteigt, doch erscheint die Enge von Chalkis, 
welche sowohl die Meerstraße wie den Verkehr zwischen der 
Insel und dem Festlande beherrscht, so bevorzugt, daß keine 
Siedelung hier mit Chalkis, abgesehen etwa von Eretria, wett- 
eifern konnte. Nach den von hier ausgegangenen Koloniegrün- 
dungen benennen wir ja die noch heute griechische dreifingerige 
Chalkidike. Abgesehen von den beim Erdbeben von 1894 ein- 
getretenen Küstenveränderungen, denen aber gewiß viele ähnliche 
vorausgegangen sind, finden sich solche in großem Maßstabe am 
Golf von Lamia, wo die überaus rasche Schwemmlandbildung des 
Spercheios in geschichtlicher Zeit wohl 136 qkm der Fläche des 
Golfs zugeschüttet hat. Landbildung verursachen auch die heißen 
Quellen der Thermopylen, die auch ihrerseits nahe einer mehr 
als 300 m hohen Felswand hervorbrechen, die eine einzige Ver- 
werfungsfiäche darzustellen scheint, durch starke Sinterbildung. 
Der nach diesen Quellen benannte Engpaß zwischen der Steil- 
wand und dem Meere ist dadurch außerordentlich verbreitert, 
ohne aber darum seine Bedeutung verloren zu haben, denn dicht 
neben der Straße liegt ein ungangbarer Sumpf. 

Vom 10 km breiten Dorokanal an, einer der befahrensten 
und für Segler schwierigsten Engen des Mittelmeers zwischen 
Euböa und Andros, nimmt die Küste, zugleich im rechten Winkel 
umbiegend und nach Südwest streichend, ganz andern Charakter 
an. Steil und felsig bleibt sie zwar auch noch, ja die Kahlheit 
der Kalkberge, die hier wie im ganzen Osten von Griechenland 
überwiegen, ist hier größer als irgendwo, damit erreichen aber 
auch die eigenartigen Reize, die Formen und Farben der grie- 
chischen Landschaft das höchste Maß. Welcher Zauber, von der 
Akropolis von Athen die Sonne über Akrokorinth untergehen zu 
sehen! An Stelle der geschlossenen Steilküste tritt aber hier die 
denkbar größte Aufschließung. Treppenförmig sich nach Süd- 
westen vorschiebend strecken sich hier zwei Halbinseln, die attische 



2oa -^> 5* -^ er Schwerpunkt Griechenlands. 

und die argolische, denen man Süd-Euböa als dritte anreihen 
könnte, nach Südosten gegen das Inselmeer vor und drängen sich 
drei inselreiche Meerbusen, der von Petali eingerechnet, einander 
parallel und an Bruchlinien, wohl Grabenbrüche, gebunden in 
Südost-Nordwest-Richtung in das Land hinein. Während die 
Küste an der Ostseite des Poloponnes ganz, an der Ostseite 
von Thessalien und Euböa fast inselrein ist, und nur in der 
sonst wenig begünstigten Gruppe der nördlichen Sporaden 77 
meist kleine Inseln zusammengeschart sind, löst sich das Land 
in und vor diesen Golfen und in der Fortsetzung der Halb- 
inseln in Schwärme von Inseln auf, deren man hier auf engem 
Räume mehr als 300 zählt! Und an der Ostseite Griechen- 
lands überhaupt 483, gegen nur 116 an der überdies der 
Halbinseln ganz entbehrenden Westseite. Hier weist also 
Griechenland seine größte Küstengliederung auf, hier treten 
Festland und Meer in die innigsten Beziehungen, hier tritt der 
maritime Charakter Griechenlands am auffälligsten zutage. Auf 
diese 165 km lange Strecke vom Dorokanal bis zur Küste des 
Peloponnes muß sich der Seeverkehr Griechenlands um so mehr 
zusammendrängen, als von hier die Inseln und regelmäßig wehende 
Winde die Verbindung mit Kleinasien und Kreta, weiterhin Syrien 
und Ägypten, wie anderseits mit Makedonien, dem Hellespont 
und dem Pontus erleichtern, vor allem auch nur eine schmale, 
jetzt in einem Kanal durchstochene Landenge den mittelsten 
der drei Meerbusen von einer bequemen, fast ganz Griechenland 
querenden Wasserstraße nach Westen, nach Italien und dem 
Adriatischen Meere trennt. Während der Golf von Nauplion blind 
verläuft, der von Petali nur in eine innere Wasserstraße nach 
Thessalien ausgeht, erscheint der saronische, der mit dem korin- 
thischen an eine Grabenversenkung geknüpft ist, als Teil einer 
großen Wasserstraße, auf welcher im Altertum geradezu die Stel- 
lung Griechenlands als Sitz des Welthandels in der engen Welt 
jener Zeit beruht. Und dieser größte unter den dreien, der ein 
Rhomboid mit der mittleren Seitenlänge von 48,5 und 67,5 km 
bildet, erscheint auch noch dadurch begünstigt, daß hier im Gegen- 
satz namentlich zum korinthischen und dem Talanti-Kanal, die 
nicht selten durch heftige Fallwinde heimgesucht sind, das Meer 
selten stürmisch bewegt, die Ufer nicht so steil und gebirgig 
sind, daß sie nicht überall besiedelt und angebaut sein könnten, 



Der Saronische Golf und seine Umgebung. 2 CK 

ja sogar an der nördlichen Ecke wie in Argolis kleine frucht- 
bare Ebenen von Megara, Eleusis, Athen, Troizen, Epidauros sich 
finden, daß beide ihn begrenzenden Halbinseln reich gegliedert 
und hafenreich sind und vor allem der Inselreichtum des insel- 
reichen Griechenland hier am größten ist. Zählt man doch zwischen 
dem attischen Säulenkap und dem argolischen Skylläon nicht 
weniger als 62 Inseln, zu welchen noch 29 Inseln der Hydra- 
gruppe hinzukommen. Auch die Lage des Golfes in der Mitte 
der Ostseite auf der Grenze des festländischen, des peninsularen 
und des insularen Griechenland, da wo meridionale Landstraßen 
in westöstliche bzw. in Wasserstraßen übergehen müssen, ist be- 
deutungsvoll. Hier liegen auch außerordentlich gegensätzliche 
Landschaften dicht nebeneinander. Attika, nur dem Meere ge- 
öffnet, gegen Norden durch den leicht zu verteidigenden Quer- 
wall der Kithäron-Parniskette geschützt, von Westen, von der Land- 
enge und dem Poloponnes nur auf dem gefährlichen Felspfade der 
skironischen Felsen, der Kakiskala zugänglich, wo durch Fels- 
sprengungen mühsam Raum für Straße und Eisenbahn gewonnen 
ist, dem Süden zugekehrt, sonnig, trocken, hafenreich, erz- und 
tonreich, aber steinig und wasserarm, wenig für Ackerbau, mehr 
für Zucht des Ölbaums, des Feigenbaums, der Rebe und der 
Ziege geeignet. Daneben, in wenigen Stunden erreichbar, das 
völlig festländische Böotien, ganz vom Meere abgeschlossen, trotz 
geringer Meerferne, weithin von Landseen bedeckt, daher mit 
feuchtem Klima und kühlen Wintern, die kaum Olivenzucht ge- 
statten, aber reich an fruchtbarem Boden. Dort regsame, Handel 
und Gewerbe pflegende, rasch fortschreitende Ionier, hier bedäch- 
tige, bäurische, langsam der Entwicklung der griechischen Kultur 
folgende Äolier, die erst in der Geschichte des griechischen 
Mikrokosmos eine Rolle spielen, als die Kräfte von Athen schon 
zu erlahmen beginnen. Auf der anderen Seite das nur Handel 
treibende, etwas materielle Korinth, das gebirgige Hirtenland 
Arkadien und das konservative monarchische Bauernland Lakonien. 
Aber hier konnten auch am besten in ganz Griechenland ferner 
hegende Gebiete, großräumige, an Erzeugnissen reiche Landschaften, 
wie Kleinasien auf der einen, Unteritalien und Sizilien auf der 
anderen Seite ihren Einfluß ausüben, von hier gingen die erfolg- 
reichsten Kolonisationen aus. 

Auf dieser geographischen Grundlage erschließt sich das 



206 n, 9. Der Schwerpunkt Griechenlands. 

Verständnis für die auffällige Tatsache, daß, so wechsclvoll die 
Geschicke Griechenlands im Laufe von drei Jahrtausenden ge- 
wesen sind, so sehr auch Zeiten der Blüte mit Zeiten des Ver- 
falls gewechselt haben, ob Griechen oder, wenigstens teilweise, 
Nichtgriechen, im Mittelalter Franken, in der Neuzeit Albanesen 
hier gewohnt haben, ob fremde Herren hier geherrscht oder die 
Landesbewohner ihre Geschicke selbst geleitet haben, stets am 
Saronischen Golfe die Brennpunkte des maritimen Lebens Griechen- 
lands und damit der griechischen Kultur, stets dem Zeitalter ent- 
sprechend, gelegen haben. Die geschichtlich wichtigsten Städte 
und Landschaften Griechenlands liegen alle um oder nahe an 
diesem reichst gegliederten Teile des Landes. An diesem Golfe 
muß naturnotwendig die Hauptstadt Griechenlands liegen und sie 
muß den Charakter einer Seestadt tragen. An welchem Punkte 
speziell, das hängt mehr von geschichtlichen Einflüssen ab, ob- 
wohl Attika in vieler Hinsicht, namentlich auch als die groß- 
räumigste unter diesen kleinen Landschaften, als am meisten be- 
vorzugt erscheint. Am frühesten scheint das mitten im Golfe ge- 
legene Ägina, welches den inneren Golf vom äußeren scheidet, 
und nach welchem derselbe auch häufig benannt wird, die zweit- 
größte der Golfinseln, durch Seehandel aufgeblüht und reich ge- 
worden zu sein. Die Trümmer der herrlichen Tempelbauten auf 
hohen Vorgebirgen zeugen auch davon. Bald aber nimmt Athen 
die erste Stelle ein, namentlich als ihm aus den laurischen Berg- 
werken reiche Mittel zufließen. Es behauptet dieselbe fast durch 
alle Perioden der Geschichte, auch im Mittelalter, vor Nauplion 
und Patras, wenn auch im Altertume zeitweilig, besonders durch 
Entwicklung der Beziehungen zum Westen Korinth als Handels- 
stadt den Vorrang erringt. In der Neuzeit, unter der Gewalt- 
herrschaft der festländischen Türken mußte der Seehandel vom 
Festlande weichen. Flüchtlinge, namentlich Albanesen, schufen 
ihm im 18. Jahrhundert eine neue Heimstätte auf den kahlen, 
wasserlosen Felseninseln von Hydra und dem noch kleineren, aber 
fruchtbaren Spetzä, am südlichen Eingange in den Golf, die bis 
zum Beginn der Freiheitskriege, mit denen der Ruhm der Hy- 
drioten und Spetzioten für alle Zeiten verknüpft ist, als fast un- 
abhängige Gemeinwesen zu erstaunlicher Blüte gelangten und ihre 
Schiffe nach Hunderten zählten. Daneben spielte und spielt noch 
heute auch Porös (Kalauria) eine Rolle als Seestadt, als welche 



Athen und Piräus. 



207 



es auch zweiter griechischer Kriegshafen (Salamis der erste) ist. 
Es verdankt dies dem ausgezeichneten Hafen, welchen die 1 Y 2 km 
nach Süden vorspringende, im Altertume mit dem Festlande, 
heute mit der Insel Kalauria durch eine schmale, flache Land- 
enge verbundene und durch eine 300 m breite Durchfahrt (Porös) 
vom Festlande getrennte trachy tische Halbinsel Sphäria bildet, auf 
welcher die Stadt liegt. 

In der neuesten Zeit ist der Piräus wieder in seine ge- 
schichtlichen Rechte eingetreten und in rascher Entwicklung schon 
heute zum ersten Seehafen Griechenlands emporgeblüht. Der 
Piräus verdankt dies, wie im Altertum, seiner Eigenschaft als 
Hafen der Hauptstadt Athen, mit welcher er heute mehr und 
mehr verwächst, und seiner Vortrefflichkeit als Hafen. Aber auch 
diese ist zum Teil ein Werk der Menschen. Die aus dichten, 
einen guten Baustein liefernden marinen Kalksteinen tertiären 
Alters bestehende Halbinsel des Piräus mit ihren kleinen Buchten 
von Munychia und Zea war ursprünglich eine Insel, die durch 
die Anschwemmungen des Kephissos, der mit einem noch durch 
einen Gießbach vom Daphnegebirge verstärkten Hauptarme in die 
Bucht des Piräus mündete, verlandet worden ist. Das noch heute 
bei Regenwetter schwer gangbare Schwemmland war lange Zeit 
sumpfig und nur schwer gelangte man durch den Sumpf nach 
dem jenseitigen festen Boden der Insel, daher der Name Piräus, 
der Jenseitige. Deshalb wurde die Halbinsel auch verhältnis- 
mäßig spät besiedelt, die flache, seit dem Altertum auch durch 
Landbildung verkleinerte Bucht von Phaleron, heute als Bade- 
strand von Athen und Sammelplatz der Kriegsflotten wichtig, war, 
weil näher an Athen gelegen und leicht zugänglich, der älteste 
Landeplatz. Noch zur Zeit der Erbauung der langen Mauern war 
der Boden so sumpfig, daß denselben erst durch Versenkung 
schwerer Steine und Aufschüttung von Kies eine feste Grundlage 
geschaffen werden mußte. Auch heute noch erreicht nur ein 
schmaler wohl künstlich aufgehöhter Streifen 2% m. Wirkliche 
Hafenanlagen schuf erst Themistokles , der auch den erst vor 
kurzem den Bedürfnissen der Schiffahrt unserer Zeit entsprechend 
wieder erweiterten Eingang des Piräus durch Steindämme von 
310 m auf 50 m verengte. Dadurch und seitdem wurde Athen 
erst im vollsten Sinne eine Seestadt und bald die Hauptstadt 
eines großen Seestaates und Seebundes, die wirkliche Hauptstadt 



208 H> 9- Der Schwerpunkt Griechenlands. 

des maritimen Griechenland. Seine Gründung und Entwicklung 
verdankte es dem Umstände, daß hier völlig isoliert aus der 
Ebene eine 140 — 157 m hohe Felsplatte, rings von 30 — 50 m 
hohen steilen Abstürzen umgeben, als natürliche Festung aufstieg, 
die Akropolis, die bei einer Länge von 330 und einer Breite 
von 134 m der ältesten Siedelung Raum bot, um die dann 
die Großstadt herum wuchs, die sich den Hafen schuf. Den 
Löwen, welche die Marmorpfeiler dieses engen Hafeneinganges 
schmückten, verdankte der Piräus seinen erst jetzt wieder ver- 
schwindenden mittelalterlichen Namen Porto Leone oder Draco. 
Gereinigt, vertieft, mit Stadenmauern und anderen Anlagen ver- 
sehen, durch Eisenbahnen mit Athen verbunden, ist der Piräus, 
an welchem zu Ende der Freiheitskriege auch nicht ein Haus 
mehr aufrecht stand, heute wieder ein sicherer, den größten 
Kriegsschiffen zugänglicher, allezeit von Schiffen wimmelnder Hafen, 
der bereits für den wachsenden Verkehr zu eng geworden ist. 
Die Meerenge zwischen dem Festlande und der küstennahen, 
reichgegliederten Insel Salamis bietet aber sicheren Ankergrund 
für ganze Flotten. 

Im Vergleiche zum Saronischen ist die Bedeutung des Argo- 
lischen Golfs eine geringe. Nur an der Ostseite ist er buchten- 
und inselreich, am Nordende von zum Teil sumpfigem Schwemm- 
lande umgeben. Nauplion, obwohl Seetor der Ebene von Argos, 
hat immer mehr als natürliche, durch Kunst verstärkte Festung, 
denn als Sitz des Seehandels Bedeutung gehabt, sein Seeverkehr 
ist gering und im Rückgang. Daß aber auch Argolis von seiner 
Lage, vielleicht unter früh eingetretenen phönikischen Kultur- 
einflüssen, Vorteil zu ziehen vermocht hat, das bezeugt die Rolle, 
welche es in der älteren Zeit, lange vor Attika, gespielt hat, das 
bezeugen die Altertümer von Argos, Tiryns, Mykenä! 

Es kann fraglich sein, ob nicht im Altertum zur Zeit der 
höchsten Blüte Griechenlands der Saronische Golf und seine Ge- 
stadelandschaften im Verhältnis noch mehr als heute nach Be- 
völkerung, wirtschaftlicher und geistiger Bedeutung den Anspruch 
erheben konnten, der Schwerpunkt Griechenlands zu sein. In der 
Gegenwart unterliegt es keinem Zweifel, daß der Schwerpunkt 
nicht nur Griechenlands, sondern der ganzen griechischen Welt 
hier liegt. Athen ist der geistige Mittelpunkt, die große Bildungs- 
stätte für die ganze griechische Welt, neben der Smyrna 



Athen als Bildungsstätte. 20Q 

und Konstantinopel, obwohl auch sie Sitze regen wirtschaftlichen 
und geistigen Lebens des Griechentums sind, obwohl auch sie 
von dem griechischen Gemeinwesen geschaffene und unterhaltene 
bedeutende Bildungsstätten besitzen und Konstantinopel wahr- 
scheinlich die Stadt mit der größten Zahl griechischer Einwohner 
ist. Neben seiner nach deutschem Muster eingerichteten Universi- 
tät besitzt Athen noch eine ganze Anzahl verschiedener Schul- 
anstalten, Kunst- und Altertumssammlungen in Prachtpalästen, fast 
alle durch die Freigebigkeit und Vaterlandsliebe im Auslande 
reich gewordener Griechen. Die Jugend der ganzen griechischen 
Welt bis tief nach Kleinasien hinein holt sich in Athen seine 
Bildung und wirkt dann als Träger nicht nur europäischer Kultur 
in griechischem Gewände, sondern vor allem auch griechisch- 
nationaler Gesinnung in der Heimat. In gewissem Sinne kann 
man das als eine Erscheinung auffassen, welche ähnlich wirkt 
wie die griechischen Koloniegründungen des Altertums, die auch 
von dieser Gegend Griechenlands ausgingen. Die Landschaften, 
welche um diesen aufgeschlossensten Teil Griechenlands liegen, 
gehören, wenn sie auch den Ionischen Inseln, die eben keine 
türkische Herrschaft und keine Freiheitskämpfe zu durchleben 
gehabt haben, weit nachstehen, doch zu den bevölkertsten Griechen- 
lands. Es wohnen um den Saronischen Golf reichlich eine halbe 
Million Menschen, d. h. ein Fünftel der Bewohner des König- 
reichs, und Athen mit dem Piräus, obwohl beide erst 1834 neu 
erstanden sind, ist heute, bei wahrhaft amerikanischem Wachstum, 
eine Großstadt von 1 80 000 Einwohnern, gewiß mindestens soviel, 
wenn nicht mehr, wie in der glänzendsten Zeit. 



Fischer, Mittclmccrbilder. Neue Folge. 14 



III. Zur Geomorphologie Italiens. 



i. Zur Entwicklungsgeschichte der Apenninen- 
Halbinsel. 1 ) 

In meiner Länderkunde von Südeuropa habe ich versucht, 
zur Anschauung zu bringen, in welcher Weise ich seit einer langen 
Reihe von Jahren bemüht gewesen bin, soweit das der Stand der 
Erforschung erlaubte, in den länderkundlichen Vorlesungen ein 
besseres Verständnis des wichtigsten Abschnitts der Landeskunde, 
der Gestaltung der Oberfläche und des Umrisses des Landes, auf 
entwicklungsgeschichtlichem Wege zu vermitteln. Daß dies als 
allein mögliche wissenschaftliche Grundlage der Länderkunde 
auch von andern Seiten erkannt worden ist und dem entsprechend 
unterrichtet wird, das zeigen beispielsweise de Lapparents vor 
kurzem veröffentlichte, seit vier Jahren an der Ecole libre des 
Hautes - Etudes in Paris gehaltene geomorphogenetische Vor- 
lesungen, denen wir besonders in methodischer Hinsicht große 
Bedeutung beimessen. Daß aber eine solche Betrachtungsweise 
durchaus, auch bei den deutschen Geographen, noch nicht die 
allgemein angenommene ist, das muß man unter anderm aus der 
Tatsache schließen, daß die Begriffe Land, das Dauernde, 
Naturgegebene, vom Menschen doch nur in geringem Maße zu 
Beeinflussende, und Staat, das vom Menschen Geschaffene, darum 
nur dann verhältnismäßig Dauernde, wenn es geographisch be- 
gründet ist und namentlich an den Oberflächenformen haftet, 
von vielen Geographen gar nicht oder nicht scharf genug aus- 
einandergehalten werden. Eine Landeskunde von Deutschland, 



i) Zuerst erschienen in Pet. Mitt. 1897. 



Land und Staat. 2\\ 

selbst von Holland ist möglich, denn das sind Teile der Erd- 
oberfläche, welche nach ihren geographischen Grundzügen und 
entwicklungsgeschichtlich sich als Länderindividuen, in den ge- 
nannten Beispielen allerdings verschiedener Ordnung, heraus- 
stellen; wenn aber auch von einer Landeskunde des Deutschen 
Reichs oder Belgiens, dieser Eintagsfliegen der politischen Geo- 
graphie, geredet wird, so müssen wir daraus schließen, daß die 
oben angedeuteten Anschauungen doch auch unter den Geographen 
noch nicht allgemeine Anerkennung gefunden haben. Wenn wir 
beispielsweise unlängst den von einem deutschen Fachgeographen 
ausgesprochenen Satz lasen: „Kein Land Europas hat in den 
letzten dreißig Jahren einen so proteushaften Wandel seiner Ge- 
staltung durchlebt wie Deutschland", so mußten wir uns fragen, 
ob wir in diesen dreißig Jahren geschlafen haben und inzwischen 
etwa die Nordsee wiederum über unsre Marschen hereingebrochen 
ist oder die Alpen über ihren angenommenen Massendefekten 
zusammengestürzt sind. Doch müssen wir uns vorbehalten, in 
nächster Zeit näher auf diese Frage einzugehen ; zur Kennzeich- 
nung der nachfolgenden Untersuchungen genügen diese Andeu- 
tungen. 

Seit wir unsre länderkundliche Skizze des Halbinsellandes 
Italien (März 1891) abgeschlossen haben, ist die geologische 
Durchforschung Süditaliens, die damals kaum begonnen hatte, 
weitergeführt und zu einem vorläufigen Abschluß gebracht worden. 
Die seitdem z. T. in meiner Penisola Italiana, Torino 1902, ver- 
werteten Ergebnisse derselben sind so wichtig, daß unsre frühere 
Darstellung mehrfache und wesentliche Berichtigungen erfährt, die 
wir doch auch einem deutschen Leserkreise, da nicht jeder in 
der Lage ist, jene Arbeiten im einzelnen zu verfolgen, zugäng- 
lich machen möchten. Nur um diese neuen Gesichtspunkte, 
nicht um eine systematische zusammenfassende Darstellung handelt 
es sich. 

a) Die Tyrrhenis. 

Einen wesentlichen Schritt weiter geführt ist die Frage der 
Tyrrhenis. Wenn wir schon seit längerer Zeit Anhaltspunkte für 
die Annahme besaßen, daß das südliche tyrrhenische Tiefbecken 
noch heute zentripetalen Bewegungen unterliege, wie dies von 
der südwestpeloponnesischen Tiefe mit noch größerer Wahrschein- 

14« 



2 12 HE» x • Zur Entwicklungsgeschichte der Apenninen-Halbinsel. 

lichkeit angenommen werden muß, so hat die geologische Durch- 
forschung Süditaliens Tatsachen festgestellt, welche zu der An- 
nahme zwingen, daß die archaischen Schollen Kalabriens und 
Siziliens Reste eines großen archaischen Gebirgslandes sind, 
welches sich in frühtertiärer Zeit von dort in nordwestlicher 
Richtung westlich vom heutigen Süditalien bis in die Breite der 
Lepinischen Berge, ja bis westlich der Apuanischen Alpen, also 
an der ganzen Westseite des heutigen Italien erstreckte. Also 
erst im Laufe der Tertiärzeit hat sich an Stelle desselben der 
große und tiefe tyrrhenische Einbruchskessel gebildet, der seine 
heutige Gestalt aber erst in der Quartärzeit erlangt hat, denn 
die randlichen halbkreisförmigen Einbruchskessel von Neapel und 
Salerno, die allerdings auch bereits zum Teil wieder verlandet 
sind, sind quartären Alters. Daß auch die südlichsten Teile des 
Tyrrhenischen Meeres, welche Sizilien und Kalabrien vorlagern, 
auf jugendliche Einbrüche zurückzuführen sind, dafür spricht 
manches, ja die hier häufigen Kabelzerreißungen deuten vielleicht 
auf Veränderungen des Meeresgrundes hin. Die Liparen stehen 
jedenfalls in ursächlichen Beziehungen zu dem Steilabbruch 
Siziliens und Kalabriens. Bergeat hat neuerdings in seinen so 
gründlichen Studien über die Liparen darauf hingewiesen, daß 
das Tyrrhenische Meer im Süden und Südwesten von einem 
Staffelbruche begrenzt sei und daß die Ostwestreihe der Liparen 
am Rande der innern Staffel, also vom Lande, Sizilien und 
Kalabrien aus gesehen, auf der ersten Bruchlinie liegt. Die 
Vulkanreihe Stromboli, Panaria, Salina, Filicudi, Alicudi und 
Ustica wiederholt den Verlauf der gegenüber liegenden sizilisch- 
kalabrischen Küste. Die übrigen Inseln, denen wahrscheinlich 
die Secca del Capo, eine nur von 10 m Wasser überspülte 
ziemlich ausgedehnte Untiefe nördlich von Salina zuzurechnen ist, 
liegen auf einer geraden ungefähr Nord — Süd streichenden 
Linie, welche mindestens als ein Nebenriß, bzw. bei dem bogen- 
förmigen Verlaufe der Ostwestreihe als ein Radialsprung zu 
deuten ist, welchem aber auch vielleicht eine große tektonische 
Bedeutung zukommt, denn ihre Verlängerung trifft genau auf 
den Ätna. Damit erscheint auf den ersten Blick die bedenkliche 
Lücke zwischen Kalabrien und Sardinien ausgefüllt, doch muß 
der Beweis einer Zusammengehörigkeit beider, wie andererseits 
von Beziehungen zu den Westalpen noch erbracht werden. Viel- 



Das nördliche Tyrrhenische Meer. 21X 

leicht liefert ihn die noch sehr rückständige Erforschung Sardiniens. 
Diese ist inzwischen wesentlich durch A. Tornquist 1 ) gefördert 
worden. Derselbe zeigt, daß das breite Grabental des Campidano 
und die Ebene von Nurra zwei geologisch voneinander ver- 
schiedene Gebiete scheiden, welche schon im Mesozoicum ver- 
schiedene Wege wandelten. Das Iglesiente im Südwesten und die 
Nurra di Sassari haben an der altkretaceischen und jungtertiären 
Auffaltung der jungen mediterranen Faltengebirge teilgenommen. 
Dort sind die Schichten der Trias, des Jura, der Kreide gefaltet. 
Sie bilden einen Außenfaltengürtel und setzen sich am wahr- 
scheinlichsten in dem mesozoischen Gürtel von Nizza, also dem 
Außengürtel, dem Kalkalpengürtel der Westalpen fort. Er verhält 
sich ähnlich zu den Apenninen, wie der Jura zu den Alpen. 

Was östlich jener Hohlform liegt, ßarbagia, Gallura, Sarrabus, 
ist von keiner jüngeren Faltung berührt worden und ist im wesent- 
lichen aus stark gefalteten altpaläozoischen Schiefern und ar- 
chaischen Felsarten, namentlich Gneisen und Graniten aufgebaut. 
Es war zur Triaszeit Festland und erst während der oberen Jurazeit 
vom Meere bedeckt und von Sedimenten überlagert: die Jura- 
schichten, Konglomerate, Kalke, Dolomite liegen ungestört und sind 
höchstens durch Schleppung an Verwerfungen ein wenig aufge- 
richtet. Sie bilden daher vielfach, namentlich in der Barbagia 
Tafelberge, burgartige Felstürme u. dgl. auf dem steil aufgerichteten 
Grundgebirge. Auch die Reste der mesozoischen Decke an der 
Ostseite der Insel sind ungefaltet. Korsika ist die Fortsetzung 
des östlichen Sardinien, sein Granitgürtel die Fortsetzung des 
Granitlandes der Gallura. Dieser Gürtel bildete zur Triaszeit als 
Festland die Scheidewand zwischen der außeralpinen Trias des 
westlichen Sardinien — dieser Gürtel fehlt in Korsika — und 
der alpinen Trias Nordost-Korsikas. Er findet seine Fortsetzung 
in den Montagnes des Maures der Provence. Der sedimentäre 
Nordosten Korsikas gehört zum gefalteten Apenninengürtel. Erst 
eine quartäre Hebung vereinigte, indem sie das Campidano 
trocken legte, die verschiedenen Teile von Sardinien, also in 
derselben Zeit, in welcher der südliche Apennin durch eine solche 
auch wieder zu einem orographisch einheitlichen Gebirge wurde. 



i) Sitzb. Berliner Ak. \V. XXXV 1902, S. 8008— 29, XXXVI 1903, 
S. 685—99. 



2i a III, I. Zur Entwicklungsgeschichte der Apenninen-Halbinsel. 

Die Beziehungen Sardinien -Korsikas zum toskanischen Erz- 
gebirge und den Apuanischen Alpen scheinen sich dagegen als 
immer engere herauszustellen, wenn auch die Rinne zwischen 
Korsika und Capraja sich als weit tiefer erwiesen hat, als man 
bis vor kurzem annahm. Sie besitzt Tiefen, welche überall 400 m 
übersteigen. Auf Gorgona, Elba und dem Argentaro treten Ge- 
steine zutage, welche vielleicht archaischen, sicher vorsilurischen 
Alters sind: gneisartige Schiefer, Glimmerschiefer, überlagert von 
Kalkschiefern, kristallinischen Kalken, Serpentin- und Diabas- 
Schiefern. Auf Elba sind auch silurische Schichten festgestellt. 
Giannutri besteht aus porösem Kalkstein des Rhät, der auf per- 
mischen Schiefern ruht, ganz wie auf dem Argentaro, in den 
Pisaner Bergen, den Apuanischen Alpen, dem Höhenzug von 
Siena 1 ) und im toskanischen Erzgebirge, besonders in der Um- 
gebung von Massa Marittima. Die porösen Kalksteine des Erz- 
gebirges haben an ihrer Basis deutlich geschichtete Kalksteine, 
die wohl den Marmor der Apuanischen Alpen vertreten, also der 
obern Trias angehören. Die Streichrichtungen des toskanischen 
Erzgebirges, NW — SO, stimmen, wo sie erkennbar sind, ganz mit 
denen der Apuanischen Alpen überein. 

Bezüglich der biologischen Verhältnisse des toskanischen Erz- 
gebirges, des toskanischen Archipels und Sardinien-Korsikas, auf 
deren Übereinstimmung schon früher hingewiesen wurde, möge hier 
noch betont werden, daß Sardiniens Tierwelt auf längere Ab- 
sonderung der Insel als Teil eines größeren Ländergebiets hin- 
weist. Nur hier ist in ganz Italien der Damhirsch noch heimisch 
und wild erhalten. Das Wildschwein hat so eigenartige, an das 
ausgestorbene Sus palustris erinnernde Züge entwickelt oder er- 
halten, daß manche Zoologen es als besondere Art unterscheiden 
möchten. Der Mufflon von Sardinien-Korsika war ehemals weiter 
verbreitet. Pferde, Esel und Rinder werden durch geringe Größe 
gekennzeichnet. 

Nur die Apuanischen Alpen sind durch die letzten gebirgs- 
bildenden Bewegungen orographisch inniger mit den Apenninen 
verbunden worden. Von den inselartig aus jüngstem Schwemmlande 
aufragenden Pisaner Bergen bis zum Querhorste von Sorrent, der 



I) Lotü: Descrizione geologico-mineraria dei dintorni di Massa Marittima 
in Toscana. (Mem. descr. Carta geol. d'Italia, Bd. VIII, S. 30.) Rom 1893. 



Sardinien-Korsika und Toskana. Süd-Apennin. 2 1^ 

aber auch seinerseits durch den Bruch von La Cava orographisch 
fast vollständig vom kampanischen Apennin abgelöst ist, liegt der 
überseeisch gebliebene, bzw. durch Hebung, Anschwemmung und 
vulkanische Tätigkeit wieder überseeisch gewordene Teil des tyrrhe- 
nischen Senkungsfeldes an dessen Ostseite als niedriges Vorland vor 
den Apenninen, durch eine namentlich hydrographisch und als innere 
Verkehrslinie von Lucca bis Nocera in Kampanien scharf hervor- 
gehobene Tiefenlinie von denselben getrennt. Auch die höchsten 
Erhebungen dieses tyrrhenischen Apenninenvorlandes bleiben weit 
hinter denen der Apenninen zurück, sie bieten nur wie in den 
Bergen von Chianti oder in den lepinischen oder auf dem Vesuv 
erhöhte Standpunkte zum Überblick über den innern Steilabbruch 
des Apennin. Wohl aber verdankt die Halbinsel diesem geo- 
logisch so mannigfaltigen Vorlande ihre große Breite, ihre großen 
Flüsse, in ihm liegt Rom, Florenz, Neapel. 



b) Der Süd-Apennin. 

Vom Golf von Neapel, also der Gegend der jüngsten Ab- 
und Einbrüche südwärts, fehlt jedes Vorland, die ältesten am 
Aufbau des Apennin beteiligten mesozoischen Schichten treten 
unmittelbar ans Meer, ja in Kalabrien fehlen auch sie, das ar- 
chaische Grundgerüst tritt an ihre Stelle. Während nordwärts von 
Kampanien Querbrüche in größerer Ausdehnung nicht vorkommen 
und namentlich die Bodenplastik des Apenninenlandes durch 
solche so gut wie gar nicht beeinflußt ist, sind Querbrüche süd- 
wärts davon in dieser Hinsicht von größter Bedeutung. Sie zer- 
stückten den vormiocänen Apennin in eine Gruppe von Inseln, 
indem ein erst in der Quartärzeit geschlossener pliocäner Meer- 
arm den Kampanischen Golf mit der Adria, andre Meerengen das 
Tyrrhenische Meer nicht nur an Stelle der Landenge von Catan- 
zaro und der heutigen Meerenge von Messina, sondern auch 
zwischen Cinquefronde und Mammola 1 ) in Süd -Kalabrien, also 
die Serra vom Aspromonte scheidend, mit dem Ionischen ver- 
banden. Ein randlicher Abbruch löste das kleine Poro- Massiv 
von Kalabrien, ein Längsbruch die apulische Scholle und den 
Gargäno vom Apennin. So waren hier, wie dies noch heute in 



i) Cortese: Descrizione geologica dclla Calabria. S. 32 u. ö. Rom 1895. 



2i6 HI, I. Zur Entwicklungsgeschichte der Apenninen-Halbinsel. 

der Oberflächengestalt deutlich zu erkennen ist, wohl in der 
mittlem Pliocänzeit nicht weniger als sieben Inseln vorhanden. 
Die Bildung dieser jene Meer- und später Landengen, sowie die 
Umrisse des Landes bedingenden Bruchlinien muß erfolgt sein 
sofort nach Ablagerung des obern Miocän, wenn auch in der 
Gegend der Meerenge von Messina die Zeit des tiefsten Unter- 
tauchens der Schollen das obere Pliocän und das Altquartär ist. 
Der Meerarm, welcher das kleine Poro-Massiv etwa in der Richtung 
des heutigen Mesima- und Angitola- Tales vom südkalabrischen 
Massiv schied, schloß sich noch vor dem obern Pliocän wieder. 
Das Sila-Massiv dagegen war, nur durch den tief eindringenden 
Crati-Busen abgesondert, eine Halbinsel des neapolitanischen 
Apenninenlandes. Sehr bezeichnend aber ist, daß an der ganzen 
tyrrhenischen Seite Süditaliens außer an den Rändern jener ehe- 
maligen Meerengen tertiäre und quartäre Ablagerungen durchaus 
fehlen, die archaischen Gesteine also auf weite Strecken in steilem 
Abbruch unmittelbar ans Meer treten. Nördlich der Sila ver- 
schwinden die archaischen Gesteine Kalabriens allmählich unter 
dem mesozoischen Deckgebirge, das die tyrrhenische Seite des 
neapolitanischen Apennin bildet. In einer von der Trias bis 
ins Eocän reichenden thalassischen Periode lagerte sich dasselbe 
in einer ca. 8000 m erreichenden Gesamtmächtigkeit über den 
stark denudierten alten Formationen ab 1 ). Daß es einst auch 
weiter nach Süden vorhanden war, davon zeugen die zahlreichen 
bald kleinern, bald größern Denudationsreste desselben auf dem 
kristallinischen Gebirge Kalabriens. Aber noch so weit nach 
Norden wie in der Umgebung von S. Severino Lucano im Tale 
des zum Sinni - Gebiet gehörigen Torrente Frida tauchen, wie 
C. Viola nachgewiesen hat, archaische kristallinische Schiefer und 
Amphibolite unter der Trias auf, wie Carbonschichten von De 
Lorenzo in der Umgebung von Lagonegro von der Trias dis- 
kordant überlagert nachgewiesen worden sind 2 ). Heute haben 
wir auch eine Erklärung für die schon seit den 30 er Jahren be- 



1) De Lorenzo: Studi di geologia nelP App. meridionale. (Atti Accad. 
di Napoli, Bd. VHI, Nr. 7 S. 46.) Neapel 1897. 

2) De Lorenzo a. a. O., S. 47 hat neuerdings jene kristallinischen 
Schiefer für eocän erklärt, obwohl auch nach seiner Ansicht hier die in 
Kalabrien zutage tretenden kristallinischen Gesteine die Unterlage der Trias 
bilden. 



Süd - Italien. 



217 



kannten rätselhaften Granitblöcke, oft von gewaltigen Dimensionen, 
und für die granitischen Konglomerate, welche an immer zahl- 
reicheren Punkten verstreut noch weiter nordwärts um Vallo di 
Lucania, Muro Lucano, Vallo di Diano u. a. bis zum Vultur und 
Aquilonia — die Breite der Ponza-Insel Zannone — nachgewiesen 
sind. Eocäne Konglomerate sind in bis zu 400 m mächtigen 
Schichtenkomplexen und bis zu den höchsten Gipfeln ganz aus 
archaischen kristallinischen Felsarten gebildet, zuweilen in riesigen 
noch unregelmäßig eckigen Blöcken. Auch die Trias- Sandsteine 
bestehen vielfach aus Trümmern kristallinischer Gesteine, bis zur 
Südgrenze der Basilicata und bis ostwärts von Potenza. Auch 
in Kalabrien, aber sehr bezeichnend nur an der ionischen Seite, 
besteht das unmittelbar dem Archaischen auflagernde untere 
Eocän in bis 600 m mächtigen Schichtensystemen aus groben 
kristallinischen Konglomeraten, in der Sila bis zu 1 38 1 m Höhe. 
Anderseits sind von C. Viola 1 ) neuerdings Denudationsreste von 
Eocänschichten mit granitischen Gerollen am Monte Cacume der 
Lepinischen Berge aufgefunden worden. So mögen auch die von 
Branco in den vulkanischen Tuffen des gegenüberliegenden Her- 
niker- Gebirges gefundenen granitischen Gerolle daher stammen. 
Ebenso lassen die von denselben kristallinischen, vorwiegend 
Massengesteinen wie in Kalabrien gebildeten Einschlüsse in den 
Auswurfsmassen der Somma schließen, daß dieselben auch dort 
die Unterlage der an der dem Golf von Salerno zugekehrten Seite 
des Horstes von Sorrento wie am Nordhange des Massiker- Gebirges 
hervortretenden Triasschichten (Hauptdolomit) bilden. Leider ist es 
nicht möglich, bei dem gänzlichen Fehlen von Versteinerungen das 
Alter der in schmalen Streifen am Nordrande der Ponza-Insel 
Zannone unter den jungeruptiven Gesteinen hervortretenden Schiefer 
und Kalksteine zu bestimmen. V. Sabatini 2 ) versichert aber mit 
aller Bestimmtheit, daß die Kalksteine, die nach den Lagerungs- 
verhältnissen jünger sind als die Schiefer, wie H. Doelter glaubte 
annehmen zu müssen, petrographisch mit den heute als liasisch 
erkannten des Kap Circeo übereinstimmen. Bedeutungsvoll ist 
aber, daß schon Brocchi und, seit 1864, auch G. Capellini an- 
genommen hat, daß die Gerolle aus Granit und kristallinischen 

1) Bull. Comit. geol. d'Italia 1895, S. 324. 

2) Dcscrizionc geol. delle Isole Pontinc. (Bull. Comit. geol. d'Italia 
1893, S. 309.) 



2i8 IH, i. Zur Entwicklungsgeschichte der Apenninen-Halbinsel. 

Schiefern in den eocänen Konglomeraten bei Spezia von einem 
nach Westen vorhanden gewesenen alten Festlande herstammen 
müssen. Später hat das auch Meneghini angenommen und neuer- 
dings Zaccagna für die gleiche Formation in den Apuanischen 
Alpen. 1 ) 

Das Gebirge, welches diese durch Flüsse offenbar in östlicher 
Richtung verfrachteten Geröllmassen lieferte, mußte in seinem innern 
Bau ganz mit Kalabrien und Nordost-Sizilien übereinstimmen, es 
mußte vorwiegend granitisch sein. Es erstreckte sich 2 ), nach 
diesem Vorkommen granitischer Konglomerate zu urteilen, von 
Kalabrien der heutigen tyrrhenischen Küste parallel nach NW bis 
zur Halbinsel von Sorrent, ja bis zur Südgrenze von Ligurien. 
Jene Granitblöcke, Konglomerate und Sandsteine zeugen von seiner 
Abtragung. Schließlich versank es in dem sich bildenden tyr- 
rhenischen Einbruchskessel, nur der gefaltete und zertrümmerte 
Außengürtel, auf welchen jene kristallinischen Geröllmassen ab- 
gelagert worden waren, blieb stehen und umgibt heute, vorwiegend, 
wie die geologische Durchforschung seit 1892 zu allgemeiner Über- 
raschung festgestellt hat, aus Triasgesteinen aufgebaut, in weitem, 
flachem Halbkreise ihm die hohe Seite, die Schichtenköpfe, der 
Adria die niedere, konvexe Seite zukehrend, vom Golf von Neapel 
bis Potenza und dem Agri-Tale bis Lagonegro, Maratea und Nord- 
Kalabrien den tyrrhenischen Einbruchskessel. Es bildet dieser 
hohe triasische tyrrhenische Gebirgshalbkreis, in welchem Haupt- 
dolomit und Dachsteinkalk eine große Rolle spielen, bei einer Ge- 
samtmächtigkeit der Triasschichten bis zu 3000 m meist auch die 
Wasserscheide, die daher dem Tyrrhenischen Meere wieder nahe 
rückt. Faltung ist zwar überall erkennbar, tritt aber meist als 
entscheidender Faktor der Bodenplastik hinter Bruchspalten und 
darauf erfolgten Vertikalverschiebungen zurück. Doch sind noch 
bei Lagonegro die Kreideschichten in steile Falten gelegt, nach 
Osten überschoben und zusammengepreßt. Die Hauptfaltung er- 
folgte in nacheocäner Zeit, also etwa um die Mitte des Tertiär. 
Sie ist für den ganzen Apennin entscheidend und hat im Gran 
Sasso Eocänschichten bis zu 2600 m emporgepreßt. Zugleich mit 



i) Steinmann hat ganz neuerdings diese Erscheinungen aus der Wander- 
schollen-Theorie erklärt, sie aber auch auf Korsika zurückgeführt. 

2) L. Baldacci e C. Viola: Bull. Comit. geol. d'Italia 1894, S. 389. 



Süd -Italien. 



2 19 



derselben bildeten sich vorwiegend in der gleichen Richtung in 
OSO und SO verlaufende Brüche, welche wenigstens in der 
Gegend von der Südgrenze der Basilicata bis zum Vultur ein die 
Triasschichten umfassendes voreocänes Faltensystem, das mehr 
meridional verläuft, in Ellipsoide und ähnliche Massen, wie der 
Serino und Vulturino, zerstückten 1 ). Das ganze Gebirge, also der 
kampanische und lukanische Apennin, besteht so aus mesozoischen, 
vorwiegend triasischen Kalkschollen, die aus niederem Tertiärland auf- 
ragend mit echt apenninischem Streichen in NW — SO mehr oder 
weniger elliptische Gestalt haben. Der südliche Apennin unter- 
scheidet sich also, wie dies eine hier nicht beabsichtigte nähere 
orographische Betrachtung noch klarer herausstellen würde, nach 
seiner geologischen Geschichte und Tektonik sehr wesentlich vom 
nördlichen und mittlem. Es stimmen aber die triasischen Ab- 
lagerungen in der Basilicata und Kalabrien, wie so eben noch 
De Lorenzo 2 ) betont hat, sowohl untereinander, wie mit denen 
West-Siziliens überein. 

Die Herausbildung einer reichern wagerechten Gliederung der 
Westseite Italiens wie die größere geologische und orographische 
Mannigfaltigkeit, die in auffallendem Gegensatze zu der geschlossenen 
und einförmigen Ostseite steht, reicht also bis in die Tertiärzeit 
zurück. Auf jene Hauptfaltung folgt aber mit Ende der Pliocän- 
zeit und weit in die Quartärzeit hinein eine Hebung des ganzen 
Gebiets, die, anscheinend ohne Faltung, von Norden nach Süden 
an Intensität zunahm, dort die früher erwähnten Meerengen schloß 
und erst wieder ein zusammenhängendes Gebirge schuf. Wir 
müssen die Bewegungen der festen Erdrinde, welche hier zuerst 
als vorwiegend tangentiale ein Faltengebirge schufen, dasselbe dann 
als vorwiegend zentripetale zum Teil wieder zerstückten, in enge 
Beziehungen zur Bildung des Mittelmeeres setzen, das aber seiner- 
seits nur ein Glied in einer Kette von Erscheinungen, nämlich ein 
Teil eines großen einem größten Kreise der Erde folgenden Bruch- 
gürtels der Erde ist, der hier namentlich an seiner Nordseite von 
Faltengebirgen begleitet wird. Wie in diesem Bruchgürtel das 
Vorhandensein einer tief verfestigten alten Scholle der Erdrinde 
einen weitreichenden Einfluß auf die Faltengebirge der iberischen 
Halbinsel ausgeübt hat und auch von der rumelischen Scholle der 



1) De Lorenzo a. a. O., S. 48 fr". 2) A. a. O., S. 46. 



2 20 HI) *• Zur Entwicklungsgeschichte der Apenninen-Halbinsel. 

südosteuropäischen Halbinsel dies anzunehmen ist, so möchten 
•wir die Tatsache, daß hier in der Mitte des mediterranen Bruch- 
gürtels ein Faltengebirge entstehen und gewissermaßen eine Brücke 
quer über den Bruchgürtel bilden konnte, in ursächliche Beziehungen 
zu der alten tyrrhenischen Scholle setzen, die im einzelnen freilich 
noch der Klarlegung harren. Sie diente derselben gewissermaßen 
als Stütze. Daß der tangentiale Schub, welcher dies Faltengebirge 
schuf, im allgemeinen vom Nordwestbecken des Mittelmeeres, also 
von der Tyrrhenis her kam, ist klar. Die Richtung des Schubs 
ging allmählich von N nach S aus SW in N über. Derartiges 
Umschwenken kehrt ja im Alpensystem (im weitern Sinne) noch 
dreimal wieder: an der untern Donau, in den Westalpen und an 
der Straße von Gibraltar. Die Umbiegung der Apenninen am 
Südrande des tyrrhenischen Kessels, also auch wohl am Südrande 
der Tyrrhenis ist darum schwerer zu erkennen, weil in Kalabrien 
die Faltenbildung gehemmt gewesen zu sein scheint oder wahr- 
scheinlicher der größte Teil des gefalteten sedimentären Gürtels 
an der Außenseite gegen das ionische Tiefbecken, das größte und 
tiefste des ganzen Mittelmeeres, abgesunken sein dürfte. Vom 
Golf von Tarent bis zur Ätna-Bucht Siziliens fehlt derselbe fast 
ganz, und der kalabrische Apennin unterscheidet sich dadurch 
in auffallender Weise vom übrigen Apennin; die erst in der 
Quartärzeit wieder miteinander verbundenen archaischen Schollen 
Kalabriens erscheinen so als ein riesiger Steg, der zwischen zwei 
3000—4000 m tiefen Einbruchskesseln mit 5000 — 6000 m größter 
relativer Höhe das breite Apenninenland der Basilicata und Lu- 
kaniens mit dem ebenso breiten von Sizilien verbindet. An der 
Außenseite Siziliens fehlt ein solcher Einbruchskessel. Das seichte 
Afrikanische Meer erscheint nur als eine Überspülung des breiten 
Tertiärgürtels, dessen Schichten, wie man aus den stehengebliebenen 
Tafeln von Malta und Lampedusa schließen kann, am Außenrande 
des apenninischen Systems, wie ja vielfach bei Faltengebirgen, 
selbst keine Faltung mehr erfahren hatten. Die Bildung der im 
Relief der Erdrinde deutlich erkennbaren Bruchspalte, auf welcher 
sich die noch heute rege vulkanische Tätigkeit von Pantelleria 
entwickelte, steht zu dieser Überspülung des flachen Tertiärlandes 
und zur Loslösung Siziliens von Afrika in Beziehungen. Diese Vor- 
gänge, die auch die Abgliederung der ägatischen Inseln von 
Sizilien herbeiführten, fallen etwa in die Mitte der Quartärzeit. 



Süd -Italien und Sizilien. 22 1 

Die Überspülung ist seitdem immer weiter vorgeschritten, sowohl 
gegen die Küste von Sizilien, die eine entfernte Ähnlichkeit mit 
den nordfranzösischen Falaises hat und wie diese durch Abbruche 
in einem allerdings wohl wesentlich langsamem Zurückweichen 
begriffen ist, wie namentlich gegen Tunesien, Malta und Lam- 
pedusa. An beiden letztern ist ja die fortschreitende Abtragung 
nachgewiesen. Beide müssen aber noch weit in die Quartärzeit 
hinein Teile größerer Festlandsgebiete und sowohl mit Sizilien 
wie mit Tunesien verbunden gewesen sein. Sowohl in Sizilien 
wie auf Malta und in Tunesien sind in großen Mengen die 
Reste derselben diluvialen Säugetiere zutage gefördert worden, vor 
allem von Elefanten und Hippopotami, die auf dem heutigen der 
Quellen wie des fließenden Wassers so gut wie ganz entbehrenden 
Malta ihre Daseinsbedingungen unmöglich finden könnten. Die 
von J. H. Cooke neuerdings vorgenommene Durchforschung der 
Har Dalam-Höhle im SO der Insel, etwa 800 m von der durch 
Meereserosion entstandenen Marsa Scirocco- Bucht, lieferte von 
neuem den Nachweis einer reichen diluvialen Fauna in der Zeit, 
wo diese Höhle von rinnendem Wasser gebildet und durchflössen 
wurde, und stellte die Wahrscheinlichkeit fest, daß der Mensch 
schon in jener Zeit die Verkleinerung der Insel mit durchlebt hat, 
wie er das langsame Fortschreiten derselben auch heute festzu- 
stellen in der Lage ist. 

Wir halten so mehr als je trotz der Einwürfe, namentlich 
E. Haugs, an der Richtigkeit der von Eduard Suess zuerst aus- 
gesprochenen Ansicht fest, daß sich der Apennin in dem Falten- 
gebirge am Nordrande von Klein-Afrika fortsetzte, namentlich seit 
wir durch eigne Anschauung fast an der ganzen Küste von Genua 
bis zur Westspitze Siziliens und anderseits vom Golf von Tunis bis 
Melilla und wieder an der Meerenge von Gibraltar und an der 
andalusischen Südküste Vergleiche anstellen konnten. Rings um 
die Ost- und Südseite des mediterranen Nordwestbeckens von 
Genua über Sizilien bis an die Meerenge von Gibraltar sind die 
Schichtenköpfe und die relativ ältesten Formationen diesem Becken 
zugekehrt. Das andalusische Faltensystem, dessen älteste Formationen 
ebenfalls dem Mittelmeere zugekehrt sind, endet nach Osten hin 
in den mediterranen Bruchgürtel hinein, ganz wie das griechische 
Faltengebirge durch Querbrüche zerstückt, gesenkt und in Inseln 
aufgelöst auf Minorka 350 km westlich von Sardinien, welchem 



22 2 HI, i. Zur Entwicklungsgeschichte der Apenninen-Halbinsel. 

gegen Osten auf 300 km Entfernung der innere Abbruchsrand 
der Apenninen im Sabiner Gebirge gegenüberliegt. Mitten in 
diesem Wirbel gefalteter und nach innen zum Nordwestbecken 
des Mittelmeeres auf peripherischen, fast durchaus durch vulkanische 
Tätigkeit gekennzeichneten Brüchen abgesunkener Gebirge liegen 
die Trümmerstücke einer alten Scholle, der Tyrrhenis. Man wird 
an die großen Verhältnisse erinnert, wie sie um den Stillen Ozean 
herrschen. Auch die Lage des freilich noch zu wenig erforschten 
Borneo zu den südostasiatischen Faltenzügen erweist sich vielleicht 
einmal als der von Sardinien-Korsika vergleichbar. Der Gedanke 
an einen Zusammenhang zwischen der Bildung des mediterranen 
Nordwestbeckens und den dasselbe umschließenden Faltengebirgen, 
speziell des tyrrhenischen Einbruchskessels, mit den Apenninen 
liegt nahe. 

c) Terrassenbildung in Kalabrien und Sizilien. 

Die neuerdings durchgeführte geologische Erforschung Kala- 
briens hat auch das Verständnis der letzten Hebung des ganzen 
Apenninenlandes wesentlich fördernde Tatsachen festgestellt. Auf 
die Periode der gebirgsbildenden faltenden Bewegungen, die vom 
Ende der Eocänzeit bis in die Miocänzeit andauerten, also eine 
Periode des Auftauchens, folgte in der Pliocänzeit eine kurze 
Periode des Sinkens und Übergreifens des Meeres, die noch in 
der Pliocänzeit in eine noch andauernde Hebung überging. Vor 
allem hat sich herausgestellt, daß in Kalabrien, wie wir schon 
vorher annahmen, in der Quartärzeit eine durch Ruhepausen unter- 
brochene, daher durch Terrassenbildung veranschaulichte Hebung 
stattfand, welche anscheinend gegen die Meerenge hin an Inten- 
sität zunahm, wie auch in Sizilien eine fast überall noch nach- 
weisbare Hebung gegen die Meerenge hin am bedeutendsten 
gewesen zu sein scheint. Cortese x ) hat an der ganzen tyrrhenischen 
Seite Kalabriens von der Südwestecke der Sila bis an die Meer- 
enge fünf solcher Terrassen festgestellt, stets als Strandbildungen 
zugleich durch Ablagerungen von Sand und roten Konglomeraten 
gekennzeichuet, nach Süden hin an Höhe zunehmend. Am deut- 
lichsten treten dieselben bei Nocera Tirinese hervor. Dort unter- 
scheidet Cortese folgende vier: 1 . Piano della Gabella, von 10 — 50 m 



1) Descrizione geologica della Calabria, S. .185. 



Die kalabrischen Terrassen. 



223 



über dem Meere, 200 m breit. 2. Piano del Casale, 150 — 200m, 
600 m breit. 3. Piano della Civitä, 350 — 480 m, 1500 m breit. 
4. Piano di Stia, 640 — 700 m, 1000 m breit. Am Golf von 
Sta. Eufemia, wo die gehobenen Strandbildungen die Flüsse 
stauen, so daß ein furchtbarer Malariaherd entstanden ist, am 
Poro-Massiv, in der Ebene von Gioja, am Aspromonte lassen 
sich diese Terrassen ebenfalls verfolgen, aber am Poro-Massiv 
liegen sie schon höher als bei Nocera und am Aspromonte 
wiederum höher. Am Piano della Limina, an Stelle der ehe- 
maligen südkalabrischen Meerenge zwischen Cinquefronde und 
Mammola, reicht das Quartär bis 1000 m empor, und am West- 
hange des Aspromonte liegen in Denudationsresten erhaltene plio- 
cäne Sande noch bei 1000 m, quartäre (nach de Lorenzo jüngste 
pliocäne) Ablagerungen in den sogen. Campi di Reggio und den 
Piani di Aspromonte bei 1 300 m. Am Aspromonte speziell unter- 
scheidet de Lorenzo ! ) vier Gruppen von Terrassen. Die oberste, 
die Campi di Aspromonte, 1000 — 1300 m; die 2. die Piani della 
Melia, 550 — 700 m; die 3. die Piani di Matinite, 300 — 400 m; 
die 4. die Piani della costa, o — 120 m. Auch im Crati-Becken 
lassen sich solche Terrassen erkennen und zu denen bei Nocera 
Tirinese in Beziehungen setzen. Doch ist sonst an der ionischen 
Seite solche Terrassenbildung nur ausnahmsweise zu erkennen 
und finden sich marine Qartärbildungen nur bis zu 1 70 m, ver- 
einzelt bis 330 m. 

Man wird bei diesen kalabrischen Terrassen sofort an die 
ungefähr in derselben Zeit gebildeten am Nordrande Algeriens 2 ) 
und an die Hebung der Ostküste Tunesiens 3 ) denken, nur ist in 
Algerien seitdem eine Senkung eingetreten. 

In den zum Golf von Tarent ausmündenden Flußtälern des 
Agri, Basento u. a. kann man talaufwärts die postpliocänen Ab- 
lagerungen allmählich in pliocäne übergehen sehen, die bei Avi- 
gliano 918 m, bei Carbone 950 m erreichen 4 ). Es bildeten sich 
bei dieser Hebung vielfach in den Hohlformen aus Meeresbuchten 
Seen, welche schließlich ausgesüßt wurden und zuletzt erloschen, 
so daß das Quartär dieser Gegenden häufig, wie im Vallo di 
Diano, bei Rotonda und Lajno, bei Lagonegro und Lauria und 
anderwärts lakuster ist. 



I) A. a. O., S. 123. 2) Siehe vorn S. 126. 

3) Siehe vom S. 109. 4) De Lorenzo a. a. O. S. 89. 



2 2A m> '• ^ ur Entwicklungsgeschichte der Apenninen-Halbinsel. 

Auch der Ingenieur Fr. Salmojraghi 1 ) hat die kalabrischen 
Küsten terrassen , allerdings weiter im Norden, beobachtet und 
solche bis zum Golf von Policastro nachgewiesen. Er hält die- 
selben aber nicht für Zeichen einer Hebung, sondern für vom 
Meere abgetragene alte Schuttkegel. Das mag wohl für die nied- 
rigen Terrassen gelten, die sich noch heute bilden, indem die 
Brandung die Schuttkegel bis zu einer Höhe von 5 m über 
Mittelwasser abzutragen und die Küstenversetzung die Geröll- 
massen am Strande entlang, vorzugsweise nach Norden, zu ver- 
schleppen und abzulagern vermag. Es findet so eine bedeutende 
Anlagerung von Neuland statt, am auffälligsten an der Nordseite 
der Vorgebirge. Die innern Streifen dieses Neulandes sind auch 
vielfach bereits in Anbau genommen. Selbst Klippen und Inseln 
sind landfest geworden. Für die höheren Terrassen erscheint 
mir aber keine andere Erklärung möglich als die von Cortese 
gegebene, denn gegenüber Corteses Feststellung, nach welcher 
die Terrassenablagerungen quartären Alters sind, ist Salmojraghis 
Annahme, dieselben seien tertiär, hinfällig. De Lorenzo pflichtet 
hier im wesentlichen Cortese bei, nur die ältesten rückt er ins 
Ende der Pliocänzeit hinauf 2 ). 

Westlich von der Straße von Messina hat der geologische 
Erforscher Siziliens, Baldacci, auch bei Cefalü bis 90 m über dem 
heutigen Meeresspiegel in Terrassen ansteigende quartäre Kon- 
glomerate und Sande nachgewiesen, die auch er als Beweise 
einer nachquartären Hebung ansieht, während Cortese 3 ) auch auf 
den Liparischen Inseln, namentlich auf Lipari, ähnliche Terrassen 
und Terrassenablagerungen als Zeichen einer Hebung erkannt 
hat. Für die mediterrane Pflanzenreste enthaltenden Tuffe von 
Bagnosecco speziell nimmt er frühquartäres Alter an. Kalkstein- 
schichten, welche auf diesen Terrassen auftreten, beweisen, daß 
dieselben marinen Ursprungs sind. Die Versteinerungen noch 
lebender Arten, die sie enthalten, stimmen genau überein mit 
denen, welche sich bei Milazzo in ähnlichen Spaltausfüllungen 
des kristallinischen Gesteins dieses Vorgebirges finden. Ganz in 
gleicher Weise in der Form von Spaltausfülluugen kehrt derselbe 



1) Bull. Comit. geol. d'Italia 1886, S. 281 f. 

2) A. a. O. S. 122. 

3) Cortese e Sabatini: Descrizione geologico -petrografica delle Isole 
Eolie. (Memorie descr. Carta geol. d'Italia, Bd. VII.) Rom 1892. 



Hebung der Küste von Kalabrien. 



225 



Kalkstein in Kalabrien von Scilla bis Bagnara und Palmi wieder. 
Die Insel Lipari weist drei Terrassen auf, die denen der Nord- 
küste Siziliens und den drei untersten am Westhange des Aspro- 
monte entsprechen. 

Handelte es sich bei diesen Terrassenbildungen um quar- 
täre Vorgänge, so reihen sich denselben doch Erscheinungen an, 
welche auf eine noch heute oder auch heute vor sich gehende 
Hebung zu schließen erlauben. So hat Cortese auf die an der 
tyrrhenischen Steilküste bis 8 m über dem heutigen Mittelwasser 
gelegenen Linien von Bohrlöchern der Pholaden und auf die 
fünf konzentrischen Küstensäume am Golf von Sta. Eufemia hin- 
gewiesen. In Tropea *) mußte man früher, um eine kleine Kirche 
zu besuchen, welche auf einer küstennahen Klippe erbaut ist, im 
Boot übersetzen, da der Fuß der Klippe und der Felsküste vom 
Meere umspült war. Jetzt geht man zu Fuß zu der Kirche, und 
unter den Fenstern von Tropea sind Gärten angelegt. Am Kap 
Vaticano sieht man vom Boot aus etwa 5 m über Meer im Granit- 
fels, der dort fast senkrecht zum Meere abstürzt, die charakte- 
ristische Marke und Bohrlöcher der Lithophagen, welche zeigen, 
daß das Meer einst in dieser Höhe stand. Eine ähnliche Marke 
mit Bohrlöchern findet sich in etwa 4 m Höhe an der Felsküste 
zwischen Porto Oreste und Bagnara. Vor Gioja, das ursprüng- 
lich auf einem hohen, steilen Vorgebirge unmittelbar über dem 
Meere lag, ist allmählich ein 800 m breiter Strand hervorgetreten. 
Einige dieser Erscheinungen, welche Cortese alle lediglich aus 
einer Hebung erklärt, dürften sich wohl auch wie in Nord- 
Kalabrien aus Landanlagerung erklären lassen. Auf Zusammen- 
sitzen oder auf eine durch die Brandung bewirkte Wiederab- 
tragung von Anschüttungen, welche von den Fiumaren, der Küsten- 
versetzung, vielleicht sogar von Menschen gebildet wurden, möchte 
ich jedoch entgegengesetzte Erscheinungen in der Nähe von 
Reggio an der Meerenge zurückführen, die Cortese dort fest- 
gestellt hat, aber als Beweise eines Sinkens der Küste ansieht. 
Wo heute der Landungsplatz von Reggio liegt, ist eine Küsten- 
befestigung versunken und zerstört. Ebenso ist eine andere 
Küstenbefestigung, das Castel a mare, halb zerstört, die Mauern 
stürzen ins Meer, während man noch im Jahre 1848 trocknen 



1) Descrizione geol. della Calabria, S. 57. 
Fischer, Mittelmeerbilder. Neue Folge. 15 



22b HI> !• Zur Entwicklungsgeschichte der Apenninen-Halbinsel. 

Fußes um dasselbe herumgehen konnte. Das um 1884 erbaute 
Schlachthaus von Reggio war etwa 10 Jahre später schon wieder 
vom Meere zerstört. In gleicher Weise werden zwei Bahnwärter- 
häuschen in der Nähe vom Meere angegriffen. Ähnliche Er- 
scheinungen hat Cortese seit 1881 bis gegen Kap Spartivento hin 
beobachtet. Ebenso stellt derselbe fest, daß die Farospitze Siziliens 
heute und seit 1888 in Abtragung begriffen ist — meine Be- 
obachtungen reichen nur bis 1876 — und daß der neue Leucht- 
turm 1882 viele Meter landeinwärts erbaut wurde. Er sucht 
auch dies durch ein Sinken des Landes zu erklären. Es gehört 
aber wohl nur eine geringe Änderung in den Wind- und Strö- 
mungsrichtungen hinzu, um diese von beiden geschaffenen losen 
Anlagerungen auch wieder zur Abtragung zu bringen. Zu der 
in geschichtlicher Zeit erfolgten Hebung der Westküste Siziliens, 
die ich vor 20 Jahren nachzuweisen suchte, möge noch angeführt 
werden, daß die Stagnone-Insel sich bei der vom Militärgeogra- 
phischen Institut in Florenz 1896 vorgenommenen Messung um 
°i33 Q^m größer darstellte als bei der Messung von 1884, was 
G. Marinelli auf wirkliche in der Zwischenzeit erfolgte Vergröße- 
rung der flachen, in seichtem Meere gelegenen Insel zurück- 
zuführen geneigt ist 1 ). Auch De Lorenzo 2 ) nimmt an, daß die 
Hebung des Landes noch heute in Süd-Italien andauert. 

Genauere Feststellungen über jüngste Niveauverschiebungen 
liegen auch aus dem Bereich der Pontinischen Sümpfe vor. Die 
von der Brandungswelle ausgewaschenen Höhlen bei Terracina 
und am Kap Circeo, besonders die berühmte Ziegengrotte mit 
ihren von Lithophagen durchbohrten Wänden, liefern den Beweis, 
daß hier eine Hebung von etwa 10 m zu Beginn der Quartär- 
zeit stattgefunden hat, infolge deren die Insel Circeo landfest 
wurde und die Pontinischen Sümpfe, wie die dort bei den Ent- 
wässerungsarbeiten aufgeschlossenen Ablagerungen zeigen, sich 
aus einem seichten Meerbusen in ein Brackwassergebiet und schließ- 
lich in Festland verwandelten, das aber seinerseits seitdem wieder 
infolge einer Senkung versumpft und unbewohnbar geworden ist. 
Auf eine Senkung muß man aus den Untersuchungen der Ziegen- 
grotte schließen. Die bei den Entwässerungsarbeiten gemachten 



1) Atti R. Ist. Veneto, T. VIII, Ser. VII, 1896/97, S. 183. 

2) A. a. O. 124. 



Gargäno - Apulien. 22 7 

Aufschlüsse ergaben 1 ) bei 2,10 m Tiefe unter Torf und sonstigen 
Festlandsbildungen eine 1,20 m mächtige fossilreiche Brack- 
wasserschicht, in 3,3 m Tiefe jüngsten fossilreichen marinen 
Mergelsand. 

d) Gargäno — Apulien. 

Wie das Apenninenland in Mittel - Italien ein breites Vor- 
land an der tyrrhenischen Seite besitzt, so in Süd-Italien an der 
adriatischen. 

Die geologische Geschichte des Gargäno und Apuliens, die 
Beziehungen beider zum Apenninengebiet, zur Adria und zu 
Dalmatien sind in den letzten Jahrzehnten Gegenstand vielseitiger 
Erörterung gewesen. Der Geograph kann nicht umhin, auf diese 
Frage einzugehen, da nur durch eine Klärung derselben sich das 
Verständnis dieses eigenartigen Gebiets, des Einflusses, welches 
dasselbe auf seine Bewohner ausgeübt hat, und seiner Zugehörig- 
keit zu Italien erschließen läßt. Es handelt sich also auch hier 
um einen Versuch, individuelle Züge einer Landschaft entwicke- 
lungsgeschichtlich zu erklären. 

Der Gargäno und Apulien sind mesozoische Schollen, welche 
nach Oberflächenformen und innerm Bau vom Apenninenlande 
durchaus nicht so verschieden sind, wie man lange angenommen 
hat, nachdem endlich und endgültig die so lange angenommene 
Gabelung des Apennin in die kalabrische und apulische Halb- 
insel als nicht vorhanden erwiesen worden war. Im Gegenteil, 
die im letzten Jahrfünft mit großem Eifer und Erfolg wenigstens 
im großen durchgeführte geologische Erforschung des so lange 
unbekannt gebliebenen neapolitanischen Apennin hat klar heraus- 
gestellt, daß dort zahlreiche ähnliche mehr oder weniger tafel- 
förmige Kalkschollen vorhanden sind, die sich nur durch geringere 
Größe, aber bedeutendere Höhe unterscheiden. Solange man 
nur den benachbarten Tertiär - Apennin und das früher er- 
forschte Dalmatien zum Vergleich heranzog, schienen der Gar- 
gäno und Apulien dem letztern näher zu stehen, zumal ja beide 
auch durch eine inselreiche unterseeische Schwelle auf einer 
Linie miteinander verbunden sind, in welcher G. Stäche die 



l) R. Meli: Sopra In natura geologica delle paludi pontine. 

(Estr. Boll. Soc. geol. ital., Bd. XHI.) Rom 1894. 

«5* 



2 28 III, I. Zur Entwicklungsgeschichte der Apenninen-Halbinsel. 

Südküste des ehemaligen adriatischen Festlandes sieht. Man 
glaubte daher den Gargäno als ein durch Bildung der Adria 
von Dalmatien losgelöstes, in der Quartärzeit dann durch Hebung 
mit dem Apenninenlande verbundenes Stück der dalmatinischen 
Tafel ansehen zu müssen. De Giorgi meinte ein eigenes nur 
noch in diesen Resten erhaltenes apulisch-garganisches Hebungs- 
system annehmen zu müssen. 

Der Gargäno ist eine apenninisch orientierte Kalkscholle 
der Jura- und der Kreideformation, welcher nur am Südost- und 
am Nordrande eocäne Kalkschichten in geringer Ausdehnung 
auflagern. Er bildet ein halbes Ellipsoid, dessen aus jurassischen 
Dolomiten gebildete Hebungsachse sich echt apenninisch in der 
Richtung NW — SO etwa auf der Linie Varano — Mattinata er- 
streckt. Die Faltung der etwa 2 / 3 des ganzen Gebiets bildenden 
Juraschichten ist eine sehr geringe, meist liegen sie wagerecht; 
die Hippuritenkalke sind am Südrande, der steilen Abbruchsseite, 
stärker geneigt und fallen namentlich von Mte. S. Angelo ziem- 
lich steil gegen Manfredonia ein. Der Charakter der verkarsteten, 
an Dolinen reichen und selbst der Karstseen nicht, des rinnen- 
den Wassers ganz entbehrenden gegen NO sanft geneigten Hoch- 
fläche ist darin begründet. Auch das schien auf Dalmatien hin- 
zuweisen. Heute wissen wir, daß ähnliche Gebiete im Apennin 
gar nicht selten sind. E. Cortese und M. Canavari 1 ) heben aus- 
drücklich hervor, daß die Hippuritenkalke des Gargäno solchen 
der Apenninen durchaus ähnlich sind. Das gleiche behauptet 
der Petrograph Bucca von den Jurakalken, indem er dieselben 
speziell mit denen von Giffoni Sette Casali in der Provinz Salerno 
vergleicht. Ferner hat P. Moderni 2 ) auf die Übereinstimmung 
der Nummulitenformation der Majella, eines jener apenninischen 
Kalkmassive, mit derjenigen des Gargäno hingewiesen, und de 
Giorgi 3 ), der beste Kenner Apuliens, hebt hervor, daß die weißen, 
festen Kalke der mittlem Kreide, aus deren nur wenig geneigten, 
nicht gefalteten Schichten der Alburno, ein andres dieser apen- 
ninischen Kalkmassive im Gebirgslande des Cilento, aufgebaut 
ist, mit den gleichaltrigen der Murgie, also Apuliens, überein - 



i) Bull. Comit. geol. d'Italia 1884, Ser. II, Bd. V, S. 295. 

2) Bull. Comit. geol. d'Italia 1891, Bd. XII, S. 32. 

3) Ebenda Bd. XII, S. 39. 



Apulien. 229 

stimmen und die Kalkformation Apuliens im Alburno wiederkehrt. 
Ebenso hat G. di Stefano die Tatsache betont, daß die Kreide 
der Murgie keineswegs, wie behauptet worden ist, eine lithologisch 
und paläontologisch von der Kreide der Apenninen verschiedene 
Facies besitzt. Dazu haben neuerdings C. Viola und L. Baldacci 
triassische Schichten an der Punta della Pietre Nere nördlich 
von Gargäno nachgewiesen, und nach M. Cassetti 1 ) stimmt die 
konkordante Lagerung der urgonischen Kalksteine auf den Dolo- 
miten im Matese, einem andern Kalkmassiv der Apenninen, und 
im Gargäno überein, ebenso der allmähliche Übergang der einen 
in die andern, so daß man sie nicht trennen kann. Anderseits 
vermag A. Tellini 2 ) aus seiner Untersuchung der Tremi tischen 
Inseln, bei welcher er auch der Frage der Entstehung der Adria 
näher tritt, keine zwingenden Gründe für die Annahme bei- 
zubringen, daß diese nur einseitige Beziehungen zu Dalmatien 
haben sollen. Auch ihre Pflanzen- und Tierwelt spricht nicht für 
solche einseitigen Beziehungen. Eine Landverbindung Gargäno 
— Apuliens über die Tremiten in der Pliocänzeit, welche M. Neu- 
mayr angenommen hatte, glaubte er zurückweisen zu müssen; nur 
in der Miocänzeit habe eine solche bestanden, aber mit Aus- 
schluß der Tremiten. Daß sich auf dem Gargäno einige dem 
übrigen Italien fehlende Pflanzen finden, wie Campanula gar- 
ganica Ten., Inula Candida Guss., Vesicaria sinuata Poir., die 
drüben an der dalmatischen Küste verbreitet sind, kann nicht be- 
sonders auffallen bei der räumlichen Nähe, der Verknüpfung 
durch Luft- und Meeresströmungen und der völligen Überein- 
stimmung von Klima und Boden, welch letztere im zunächst 
liegenden Tertiär - Apennin nicht vorhanden war, während die 
weiter entfernten apenninischen Kalkmassive sich bezüglich des 
Klimas recht wesentlich unterscheiden. Die vereinzelt in Apulien 
vorkommende Knopperneiche (Quercus Aegilops L.), die sonst 
in Italien ganz fehlt, aber das östliche Mittelmeergebiet kenn- 
zeichnet, kann wegen der wertvollen Eichelbecher dort ein- 
geführt sein. 

Wir glauben uns daher nach dem heutigen Stande der Er- 
forschung dahin aussprechen zu sollen, daß der Gargäno und 



1) Bull. Comit. geol. d'Italia 1893, S. 333. 

2) Ebenda 1890, Bd. XXI, S. 442. 



2jO HI, I. Zur Entwicklungsgeschichte der Apenninen-Halbinsel. 

Apulien Teile des vormiocänen Apennin sind und sich zu dem- 
selben ähnlich verhalten wie Malta zu Sizilien oder der von der 
Faltung des schweizerischen Jura nur noch in geringem Maße er- 
griffene und daher die etwas öden Hochflächen der Franche 
Comte bildende Gürtel an der Außenseite desselben. Ein System 
apenninischer Brüche trennte dann diesen altern wenig gefalteten 
Außengürtel vom Apennin, dessen letzten nacheocänen ent- 
scheidenden Bewegungen gegenüber sich derselbe als starre Scholle 
verhielt, ja auf welchen stellenweise die jüngsten Falten geradezu 
hinaufgeschoben wurden 1 ). Auf der Kreuzung von Längs- und 
Querbrüchen am Rande der oben erwähnten bis ins Quartär hinein 
vom Golf von Tarent zur Bucht von Vasto führenden Meerenge 
entwickelte sich dann die verhältnismäßig kurzlebige vulkanische 
Tätigkeit des Vultur. Die apulische Ebene liegt da, wo sich die 
beiden nach den Golfen von Tarent und von Kampanien führen- 
den pliocänen bis ins Quartär erhaltenen Meerengen vereinigten. 
Die Trennung des Gargäno von Apulien reicht also bis in die 
Pliocänzeit zurück. Im Miocän war Apulien Festland, im Pliocän 
war dasselbe teilweise untergetaucht, namentlich gegen die Meer- 
enge hin, da dort bei Gioja del Colle noch in einer Höhe von 
360 m Pliocänschichten erhalten sind. Ja in 400 — 500 m Höhe 
kommen bei Matera noch postpliocäne marine Ablagerungen vor 2 ). 
Daß Apulien an den jüngsten Bewegungen der Apenninen nicht 
teilgenommen hat, dafür spricht wohl auch die von de Giorgi 
hervorgehobene und sich auch aus einer von uns veröffentlichten 
Erdbebenkarte von Italien 3 ) sofort ergebende Tatsache, daß das- 
selbe keinen eigenen Erdbebenherd besitzt, verhältnismäßig selten 
heimgesucht wird und daß diese dann stets ihren Ausgangspunkt 
außerhalb, aber viel seltener im Apenninenland als im ionischen 
Einbruchskessel haben. Wir glaubten daher die ganze eigen- 
artige Stellung Gargäno — Apuliens am besten zu kennzeichnen, in- 
dem wir es als adriatisches Apenninenvorland bezeichneten. 

Der Werdevorgang des Halbinsellandes Italien ist also ein 
recht verwickelter. Die Achse desselben scheint sich im allge- 
meinen nach Osten verschoben zu haben. Der älteste Teil lieart 



1) Deecke, 5. Jahresbericht der Geogr. Ges. zu Greifswald 1890 — 93, 
S. 96. 

2) De Lorenzo a. a. O., S. 89. 

3) Länderkunde von Süd-Europa, S. 326. 



Kalabrien. 



231 



unter den Wogen des Tyrrhenischen Meeres versenkt, nur noch 
Trümmer ragen auf. Dieses archäische Italien trägt aber im 
Süden noch größere Reste des mesozoischen; am Aufbau Mittel- 
Italiens sind Jura- und Kreidegesteine, an demjenigen Süd-Italiens 
und Siziliens in unerwartet großer Ausdehnung triassische betei- 
ligt, während in dem entsprechend verschmälerten Nord -Apennin 
nur noch der vorwiegend aus Flyschgesteinen aufgebaute tertiäre 
Außengürtel erhalten ist, der aber, von geringen Resten abgesehen, 
nur in Kalabrien unterbrochen, von Piemont bis zur Westspitze 
Siziliens reicht und erst durch eine sehr junge Hebung das ganze 
Apenninenland zu einem orographisch und geologisch zusammen- 
hängenden Gebiet gemacht hat. 



2. Zur Hydrographie von Kalabrien. 1 ) 

Die furchtbaren Verheerungen, welche zu Beginn des Früh- 
jahrs 1895 die Flüsse des südlichen Schwarz- und Wasgenwalds 
angerichtet haben, allen voran die Dreisam in Freiburg, sind wohl 
in erster Linie auf die für Mitteleuropa in der Tat ganz un- 
gewöhnlich hohen Niederschläge in kurzer Zeit zurückzuführen, 
deren Wirkung die gerade dort noch ziemlich günstige Wald- 
bedeckung um so weniger aufzuheben vermochte, als im Gebirge 
gefrorener Boden und schmelzender Schnee hinzukam. Man wird 
sich aber aus diesem Vorkommnis sofort eine Vorstellung von 
der furchtbar verheerenden, umgestaltenden Wirkung machen 
können, welche so bedeutende, in kurzer Zeit fallende Regen in 
einem Lande erzielen müssen, in welchem sie keine seltene Aus- 
nahme sind, Waldlosigkeit und bewegliche, vorher in langer regen- 
loser Zeit ausgetrocknete und tief aufgerissene Böden vorherrschen. 
Diese Bedingungen sind mehr oder weniger überall in den Mittel- 
meerländern, am meisten allerdings im mediterranen Spanien und 
in Italien, dort wieder im höchsten Maße in Kalabrien erfüllt. 
Kalabrien ist dasjenige Land, dessen ganzer Charakter, nament- 
lich seine Oberfiächengestalt, dessen Rolle in der Geschichte seit 
griechischer Zeit, dessen Bewohner am meisten im ganzen Mittel- 
meergebiet durch die Eigenart, welche Bodenbeschaffenheit und 



I) Aus allen Weltteilen, Jahrg. XXVH, [895. 



2^2 III, 2. Zur Hydrographie von Kalabrien. 

Klima seinen Flüssen verlieh, Entwaldung verschärfte, beeinflußt 
worden ist. Es dürfte kaum ein Land der Erde von gleicher 
Ausdehnung geben, dessen Flüsse in solchem Maße jedes Kultur- 
wertes entbehren, ja geradezu neben den Erdbeben und der mit 
ihnen eng verbundenen Malaria zu den schädlichsten Faktoren 
der Landesnatur gehören. Keiner von ihnen ist schiffbar, ja, 
wie mehrfach wiederholte Versuche gezeigt haben, nicht einmal 
zum Flößen von Holz, schneide man es auch noch so kurz, 
brauchbar; wenige vermögen gewerbliche Triebkraft oder Wasser 
zu künstlicher Bewässerung zu liefern, eben weil sie den größten 
Teil des Jahres wasserarm oder wasserlos sind, alle dagegen er- 
schweren den Verkehr, indem sie entweder das gebirgige Land 
tief durchschluchtet haben oder in breiten Betten dahinfließen, 
deren Geröllmassen keine Brücke dulden, bei rascher Aufhöhung 
des Bettes das angebaute Land der Flußtäler und Küstenebenen 
überschütten oder versumpfen, die Siedelungen an der Küste zer- 
stören oder durch Fieber unbewohnbar machen. 

Sie ziehen nicht etwa wie in Mitteleuropa den Menschen an, 
der sich dort mit solcher Vorliebe an ihnen niederläßt, daß kaum 
eine größere Siedelung abseits eines Flusses zu denken ist, nein, 
sie scheuchen ihn von sich weg, weil sie durch ihre Unbeständig- 
keit und Geröllführung keine gewerbliche Anlage, überhaupt kein 
Menschenwerk dulden und meist die Täler durch Malaria ver- 
pesten. Weg von den Flüssen auf die Höhen, welche reine Luft 
und natürlichen Schutz bieten, flüchtet sich der Mensch, nur 
Quellen bestimmen wohl hie und da den Ort, wo er sich nieder- 
läßt, z. T. allerdings in solchem Maße, daß das Gebundensein 
der sehr zahlreichen albanesischen Kolonien in Kalabrien an 
Quellen geradezu sprichwörtlich ist. 

Alle Flüsse Kalabriens haben sehr bedeutendes Gefälle, da 
Kalabrien durch und durch Gebirgsland mit, im Vergleich zur 
geringen Breite der Halbinsel, recht bedeutenden Höhen ist. 
Höhen von mehr als 2000 m finden sich zwar nur an der Nord- 
grenze, wo die Jurakalkkette des Mte. Pollino im Dolcedorme 
mit 2271 m nur 28 km vom Ionischen, 34 km vom Tyrrhenischen 
Meere gipfelt, aber in der Sila erreicht der Botte Donato auch, 
nur 34 km vom Tyrrhenischen Meere, im Süden im Aspromonte 
der Montalto nur 18 km vom Meere, fast volle 2000 m. Durch 
die geringen Meerfernen und die Abdachung der Halbinsel an- 



Der geologische Aufbau Kalabriens. 2 3 3 

nähernd gleichmäßig zu beiden Meeren wird zugleich eine Viel- 
zahl lauter kleiner gefällreicher Flüsse bedingt. Der einzige Crati 
erreicht dadurch, daß er an ein annähernd der Erstreckung der 
Halbinsel paralleles Bruchsystem gebunden ist, die für Kalabrien 
auffallende Länge von 93 km und ein Flußgebiet von 2300 qkm. 
Diese übereinstimmenden Züge treten bei allen kalabrischen 
Flüssen bald mehr, bald weniger hervor und fehlen nur kürzeren 
Strecken ihres Laufes. Dies wird von den petrographischen Ver- 
hältnissen bedingt. Diese, im Verein mit der Entwaldung und 
dem Klima bestimmen auch, ob das rinnende Wasser örtlich das 
Land rascher oder weniger rasch abträgt. Am raschesten voll- 
zieht sich die Abtragung, am größten ist die Geröllführung der 
Flüsse, die Auf höhung und Versumpfung der Täler, die An- 
schüttung an der Küste im Tertiärland. Kalabrien besteht be- 
kanntlich, wie die nunmehr glücklich durchgeführte geologische 
Aufnahme namentlich durch den trefflichen E. Cortese mit voller 
Schärfe zu erfassen erlaubt, aus zwei großen archäischen Inseln, 
welche erst im Laufe der Quartärzeit durch eine nach Süden 
hin immer intensiver werdende Hebung an der Landenge von 
Catanzaro miteinander (wieder) verbunden worden sind: das Sila- 
und das Serra-Aspromonte-Massiv. Von jeder derselben ist an 
der tyrrhenischen Seite ein Stück als Halbinsel abgegliedert, die 
tyrrhenische Küstenkette Mittelkalabriens und die Halbinsel des 
Kap Vaticano. Wie die Landenge von Catanzaro nur aus jung- 
tertiären und quartären Ablagerungen aufgebaut ist, so sind auch 
die ehemaligen jene Halbinseln abgliedernden Meerbusen, die wir 
heute als Crati- und als Mesima-Tal bezeichnen, mit eben solchen 
gefüllt. Dazu lagert sich an der ionischen Seite der Halbinsel 
von der Meerenge von Messina bis zum Golf von Tarent ein bald 
breiterer, bald schmalerer, aber namentlich an der Ostseite der 
Sila zu einem breiten, niederen Vorlande entwickelter, vorwiegend 
pliocäner Gürtel an, der aus den Trümmermassen der abgetragenen 
archäischen Schollen gebildet ist. Nur an der Nordgrenze Ka- 
labriens, an der Nordostseite der Pollinokette bilden vorwiegend 
eocäne Schichten ein ausgedehntes Tertiärland, das Gebiet des 
Sinni. Aber ob älteres oder jüngstes Tertiär, gebildet sind diese 
Schichten überall zum bei weitem größten Teil von Sanden, 
Konglomeraten, weichen Schiefern, Mergeln und Tonen, zum Teil 
den echten, so berüchtigten Schuppentonen des Apennin, zum 



234 ^*> 2 * ^ ur Hydrographie von Kalabrien. 

Teil ihnen ähnlichen Tonen, also lauter leicht zerstörbaren Ge- 
steinen. In diesen Gebieten geht die Abtragung außerordentlich 
rasch vor sich, Bergschlipfe sind sehr häufig, ganze Hänge setzen 
sich, durch die lange Trockenheit des Sommers in tiefen Spalten 
aufgerissen, in die das Wasser der Winterregen eindringt, in Be- 
wegung, die Flüsse werden zu Schlammströmen, welche unge- 
heuere Massen Feststoffe langsam vorwärts schieben, die zwischen 
den Tonschichten eingeschalteten dünnen Kalkschichten vermögen 
keinen Halt zu bieten, sie lösen sich in Kalkbrocken auf, welche 
über die Tonflächen gesäet den Anblick noch unerfreulicher 
machen. Selbst Anbau und Wiederbewaldung solcher Gebiete ist 
schwierig, da die Wurzeln der Pflanzen immer wieder zerrissen 
werden. Nur mächtigere Decken von (Nummuliten-)Kalkstein oder 
von festeren Sandsteinen schützen und schaffen in luftigen Höhen 
sicheren Baugrund für die Siedelungen. Da diese Gesteine aber 
hier in hohem Grade durchlässig sind, so erodieren die unter 
ihnen zutage tretenden Quellen die Tone um so kräftiger, so daß 
diese festen Decken an den Rändern abbrechend sich langsam 
verkleinern. Breite, flache Täler, in welchen sich die Flüsse für 
gewöhnlich in zahlreichen dünnen Fäden in bis zu i km breitem, 
gelegentlich sogar noch breiterem, Geröllbette dahinschlängeln, 
herrschen in diesen Tertiärgebieten vor. 

Fiumara, was wir deutsch etwa durch Geröllstrom ausdrücken 
können, ist die in Kalabrien und Nordost- Sizilien für solche 
Flüsse gebräuchliche Bezeichnung. 

Nicht selten liegt das Flußbett auf längere oder kürzere 
Strecken ganz trocken, das Wasser ist unter dem Geröll ver- 
schwunden, um dann an einem unterirdischen Hindernisse wieder 
hervorzutreten. In den Küstenebenen verändern dabei die Flüsse 
ihren Lauf infolge Aufhöhung ihres Bettes beständig, sie über- 
schütten das angebaute kostbare Land mit Geröll, zerstören Ort- 
schaften, Straßen, Eisenbahnen und Brücken und schaffen in den 
zwischen den Geröllanhäufungen bleibenden Vertiefungen, die 
sich mit stagnierendem Wasser füllen, die gefährlichsten Malaria- 
herde. Der Bau von Straßen und Eisenbahnen ist daher in 
Kalabrien sehr schwierig und kostspielig, Unterhaltung und Be- 
trieb verursacht, ganz abgesehen von der Malaria, welche auch 
noch zu besonderen Aufwendungen für die Beamten zwingt, un- 
unterbrochen große Kosten. Bei der Ungunst der Küsten, die 



Flüsse und geologischer Aufbau des Landes. 2^\ 

eigentlich keinen einzigen natürlichen Hafen aufweisen, ist aber 
das Vorhandensein guter Straßen um so wichtiger. Schon aus 
strategischen Gründen mußte Italien die tyrrhenische Küstenbahn 
bauen, so ungeheure Kosten namentlich die zahllosen Fiumaren, 
die zu überschreiten sind, verursachen: ist die ionische Küsten- 
bahn durch den Ausbruch eines Geröllstroms unterbrochen, so 
darf man hoffen, daß die tyrrhenische brauchbar ist und um- 
gekehrt. 

Wie rasch sich die unteren Täler auf höhen, erkennt man 
am Crati, der zwar ein für seine Größe mächtiges Delta in den 
Golf von Tarent vorschiebt, aber dabei durch die Ebene hin und 
her irrend noch die Trümmer des alten Sybaris, wie die vor- 
genommenen Untersuchungen ergeben haben, unter einer 12 — 15 m 
mächtigen Geröllschicht vergraben hat. Ein weites Sumpfgebiet 
ist nicht nur an seiner Mündung, sondern auch dort, wo er den 
Coscile und wiederum wo dieser den Esaro aufnimmt, entstanden. 
Der Esaro fließt nicht mehr unter der schönen Steinbrücke hin- 
durch, in welcher ihn die große kalabrische Straße überschreitet, 
man hat eine Notbrücke über den neuen Lauf bauen müssen. 
Und ähnlich der Coscile. 

So sind diese Tertiärlandschaften Kalabriens dem Verkehr, 
dem Anbau und der Besiedeiung wenig günstig, sie machen einen 
öden, abschreckenden Eindruck, der durch die vorherrschend 
bunte Färbung dieser Schichten nicht gemildert wird. Nicht viel 
besser aber ist es in den Gebieten der einen großen Teil der 
archäischen Schollen bildenden alten Schiefer. 

Grundverschieden verhalten sich die Flüsse in dem festen 
Gestein des Archäischen, besonders in den in der Sila und der 
Serra verherrschenden Graniten, wie in den mesozoischen Kalken 
an der Nordgrenze von Kalabrien. Die Sila ist der Oberflächen- 
gestalt nach unserem Harz zu vergleichen, eine steil aus dem 
sie fast rings umlagernden tertiären Gürtel aufsteigende, groß- 
wellige Hochfläche von 1200 — 1300 in mittlerer Höhe und sanften, 
runden, sich mit geringer relativer Höhe darüber erhebenden 
Gipfeln, übermäßig entwaldet, z. T. mit Roggenfeldern bedeckt, 
die hier, eine für Italien höchst auffallende Erscheinung, den Be- 
wohnern das Brot liefern, noch mehr Weideland und nur im 
Sommer in weithin verstreuten, den Hirten als Wohnung und zur 
Käsebereitung dienenden Einzelhäusern bewohnt. Mühsam steigt 



236 HI, 2. Zur Hydrographie von Kalabrien. 

man auf die Hochfläche hinauf, wie ja auch die Harzanwohner 
„auf den Harz gehen" zu sagen pflegen, oben bieten sich keine 
Schwierigkeiten mehr. Dort fließen die Flüsse, in dem auch hier 
wasserreichen Granitgebiet von Quellen gespeist, langsam in breiten, 
flachen Tälern dahin, die sich aber gegen den Rand des Ge- 
birges hin rasch in enge, wilde, nicht selten unzugängliche Ero- 
sionsschluchten verwandeln, in welchen sie sich, der Bode unseres 
Harzes vergleichbar, über übereinander getürmte Granitblöcke 
schäumend und brausend herabstürzen, um dann im Tertiärland 
den oben geschilderten Charakter anzunehmen. Ähnlich verhalten 
sich die Flüsse des Kalkgebiets, von denen der Lao als Muster 
dienen kann. Derselbe sammelt seine Gewässer in dem pliocänen 
Seebecken von Rotonda, das er entwässert hat, sein Gebiet be- 
steht aber fast ganz aus festen Triaskalken, in welche er und 
seine Zuflüsse enge Erosionsschluchten eingeschnitten haben, die 
das ganze wild zerrissene Gebiet so unwegsam machen, daß hier 
noch heute die herrlichsten Wälder mächtiger Buchen im Urwald- 
zustande verharren. Ähnlich hat der nördlich vom Crati mün- 
dende Raganello in die Jura- und Kreidekalke der Pollinokette 
einen 13 km langen, bis 800 m tiefen Canon eingeschnitten. 
Nicht selten weisen die Flüsse Kalabriens, während sie in ihrem 
ganzen Laufe durchaus den Charakter der Fiumaren tragen, auf 
kurze Strecken, wo sie eben feste Gesteine zu durchnagen hatten, 
enge Täler auf. Man kann aus den Meßtischblättern förmlich 
die geologischen oder petrographischen Verhältnisse herauslesen. 
So hat der Crati auf 6 km zwischen Tarsia und Terranova di 
Sibari ein Engtal in auftauchende archäische Gesteine einge- 
schnitten, die nach dem Rückzug des Pliocän- und Quartärgolfes 
noch lange Zeit einen See aufstauten. 

Die Entwaldung eines so gebirgigen Landes, wo also überall 
geneigte Hänge vorherrschen, mußte die zerstörende Wirkung, 
welche in Felsarten von geringer Widerstandsfähigkeit plötzlich 
und in gewaltigen Güssen nach langer, regenloser Zeit einsetzende 
Regen hervorbringen mußten, noch außerordentlich steigern. Diese 
Entwaldung vollzog sich auch hier ursprünglich wohl in sozusagen 
normaler Weise, um den Anforderungen der sich verdichtenden 
Bevölkerung zu genügen. Sie steigerte sich aber im ganzen 
Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert dadurch, daß durch die 
Unsicherheit der Küsten, die unablässig Überfälle von Seeräubern 



Abtragung des Landes. 237 

erlitten, die Bevölkerung, die in der besten Zeit Groß-Griechen- 
lands dichtgedrängt gerade an den Küsten gesessen hatte, ins 
Innere und auf die Berge zurückgedrängt wurde, und dann die 
infolge der damit zusammenhängenden Verwahrlosung der Wasser- 
läufe gerade im Küstengebiet am furchtbarsten einsetzende Malaria 
noch weiter in gleichem Sinne wirkte. Es wurden nun, ähnlich 
wie vielfach im türkischen Reiche infolge der Bedrückung der 
Christen, die Gebirge immer mehr besiedelt, immer mehr ange- 
baut und dafür entwaldet. Es schreitet die Entwaldung aber 
noch heute, nicht zum Ruhme des jungen Königreichs, in ver- 
hängnisvoller Weise fort. Cortese, dieser beste Kenner Kalabriens 
unter allen jetzt Lebenden, berichtet, daß noch heute in der 
Sila die Wälder niedergebrannt werden, unter den Augen der 
Forstbeamten, um Acker- oder Weideland zu gewinnen, und auf 
ganzen Flächen, wie heute kaum noch im Waldlande Brasiliens, 
das zur Besiedelung kommt, noch so und so lange die ange- 
brannten Stümpfe gen Himmel ragen oder die Stämme umher- 
liegen, so daß das Land als Wald verloren, als Ackerland aber 
nicht gewonnen ist. Auch die Pechgewinnung wird in so bar- 
barischer Weise betrieben, daß die Wälder daran zugrunde 
gehen. Unheilvoll hat in dieser Hinsicht auch der Eisenbahnbau 
gewirkt, indem der Bedarf an Schwellen und sonstigem Holz wie 
die Möglichkeit auch anderweitigen Absatzes die Waldverwüstung 
in Gegenden trug, in denen bisher die Wertlosigkeit des Holzes 
der beste Schutz des Waldes gewesen war. Die Folgen haben 
sich rasch und furchtbar bemerklich gemacht, am meisten an den 
Eisenbahnen selbst. Die Abtragung der Berge, die Verwüstung 
der angebauten Hänge, der Täler und Küstenebenen, die Auf- 
häufung von Schutt und Geröll durch die Flüsse ist heute ärger 
als jemals in ganz Kalabrien. 

So zunächst im tyrrhenischen Mittelkalabrien , im Gebiete 
der fauligen archäischen Schiefer, aus denen vorwiegend die 
Küstenkette aufgebaut ist. Die Wasserscheide nähert sich dort, 
trotzdem sie nur an wenigen Punkten unter 1000 m herabsinkt, 
streckenweise dem Tyrrhenischen Meere auf 4 km. Die zahl- 
losen kleinen Sturzbäche sind daher alle eifrige geologische 
Arbeiter, die das Gebirge abtragen und Schuttkegel an der Küste 
anhäufen, so daß man vielfach keinen anderen Ausweg gefunden 
hat, als die Flüsse und Bäche in stark geneigten Betten und 



2^8 III, 2. Zur Hydrographie von Kalabrien. 

über Brücken über die Eisenbahn hinweg ihre Geröllmassen 
ins Meer schütten zu machen. Am schlimmsten war es bei Fiume- 
freddo und Longobardi, die jahrelang in der größten Gefahr 
sch webten. Dort brechen zahlreiche Quellen am Fuße der mehr 
als 300 m hohen Triaskalkpyramide des Monte Cocuzzo (1542 m) 
hervor, die den einen einförmigen Rücken bildenden Schiefern 
weithin sichtbar aufgesetzt bzw. als Denudationsrest erhalten ist. 
Infolge der Entwaldung hatten dieselben unglaublich rasch immer 
tiefere Täler ausgegraben und in wenigen Jahren 40 m hohe 
Schuttkegel an der Küste angehäuft. Es gelang indessen in 
kurzer Zeit durch Wiederbewaldung namentlich mit der rasch 
wachsenden kalabrischen Bergerle (Alnus cordifolia) die Gefahr 
zu beschwören. 

Noch lehrreicher sind die Verhältnisse an dem durch eine 
Bruchlinie gebildeten Steilabsturze des Silamassivs gegen die 
kalabrische Landenge von Kap Suvero über Sambiase bis Nicastro. 
Dort haben die kleinen Flüsse und Bäche in einer früheren Zeit 
höherer Kultur, welche die Wälder des dahinter gelegenen Ge- 
birges verzehrt hatte, große Schuttkegel aufgehäuft, welche heute 
herrliche Haine alter Ölbäume und Weinpflanzungen tragen. Beim 
Rückgang der Kultur hatte sich das Gebirge von selbst wieder 
mit Wald bedeckt, die Geröllführung der Flüsse hatte sich so 
vermindert, daß dieselben vielmehr in die Schuttkegel tiefe 
Schluchten eingerissen hatten, etwa wie die Ötztaler Ache in den 
das ötztal vom Inntal absperrenden Diluvialwall. Als in neuester 
Zeit die Waldverwüstung wieder begann, erwachte auch die Wut 
der Gießbäche von neuem. Die Fiumara von Sambiase hat nicht 
nur die Schlucht ausgefüllt, sondern mit ihrem an der Basis 3 km 
breiten Schuttkegel die Olivenbäume und Weinpflanzungen zu 
überschütten angefangen und bedrohte selbst die vorher hoch 
über dem Becken des Flusses gelegenen warmen Bäder von 
Sambiase, die nur durch Schutzbauten erhalten wurden. Ebenso 
die Fiumara Piazzi, die bei Nicastro aus dem Gebirge tritt. Die- 
selbe führte wieder Blöcke bis zu 6 cbm Inhalt aus dem Gebirge 
herab, türmte einen 5 km langen und an der Basis 2 km breiten 
Schuttkegel auf und zerstörte die Vorstadt Terravecchia von 
Nicastro, indem sie die Häuser teils wegriß, teils bis zum ersten 
Stockwerk begrub. Durch kostspielige Eindämmung, noch mehr 
aber durch Wiederbewaldung des Gebirges ist es auch hier ge- 



Veränderungen an der Küste. 2 3Q 

lungen, die Gießbäche zu zähmen. Schon heute wälzen dieselben 
nur noch wenig Geröll, sie schieben ihre Schuttkegel nicht allein 
nicht mehr vor, sondern haben bereits wieder begonnen, ihre 
Betten in dieselben einzuschneiden. 

Aber gehen wir weiter nach Süden, so hat die Fiumara 
Molaro, die ganz nahe östlich vom Kap dell' Armi mündet, ein 
verhältnismäßig kleiner Wasserriß, der nur etwa 8 km ins Innere 
gegen den Aspromonte hinauf reicht, dessen Gebiet aber ganz 
dem Tertiär und den archäischen Schiefern angehört, an der 
Küste in der Regione Saline einen so ungeheuren Schuttkegel 
aufgehäuft, daß derselbe eine Kirche und viele Häuser vergraben, 
ja ganze Hügel miocäner Tone und Kalke bedeckt hat. Schon 
bedroht sie die dicht am Meeresufer entlang geführte Eisenbahn. 
Schon mancher von den Agrumenhainen, die hier bei Reggio in 
paradiesischem Gürtel den Fuß des den größeren Teil des Jahres 
schneebedeckten, befruchtende Wasser herabsendenden Aspro- 
monte umsäumen, ist der Wut der Gießbäche zum Opfer gefallen. 
Kostspielige Mauern vermögen auf die Dauer nicht zu schützen, 
nur die Wiederbewaldung der abschreckend öden, wildzerrissenen 
Landschaft, die sich unmittelbar hinter und über dieser Huerta 
ausdehnt, wird dies vermögen. 

Besondere Beachtung verdient bei der gerade bei Reggio 
greifbaren gewaltigen Geröllanschüttung an der Küste die durch 
Cortese hervorgehobene Erscheinung, daß dort die Küste nicht 
allein nicht vorrückt, sondern vom Meere abgetragen wird, jeden- 
falls zurückweicht. Dort, wo heute der Landeplatz von Reggio 
ist, lag vor kurzem noch eine Küstenbefestigung, und das an der 
Südwestecke von Reggio gelegene Forte a mare, um welches man 
noch 1848 ringsherum gehen konnte, ist heute zur Hälfte zer- 
stört, die Mauern sinken ins Meer. Das Mitte der achtziger Jahre 
erbaute Schlachthaus ist bereits vom Meere zum Teil zerstört, 
das schon seine Fundamente angreift. Auch die Eisenbahn ist 
bedroht. Cortese will diese Erscheinung auf ein Sinken des 
Landes zurückführen. Vielleicht ergeben sorgsame Beobachtungen, 
daß es sich nur um örtliches Gleiten der angelagerten Geröll- 
massen handelt, was in einem so oft von Erdbeben erschütterten 
Gebiet und bei der Steilheit der unterseeischen Böschung — 
kaum 3000 m vom Strande von Reggio lotet man 600 m — nicht 
auffallen kann. Auch die Veränderungen, welche Cortese, der 



2A.O III, 2. Zur Hydrographie von Kalabriea. 

für die ganze tyrrhenische Küste Kalabriens eine noch vor sich 
gehende Hebung glaubt erweisen zu können, an der Farospitze 
Siziliens feststellt, möchte ich nur aus der bald an-, bald abspülen- 
den Tätigkeit des Meeres erklären. Ich habe früher ein An- 
wachsen der Farospitze unter dem Einflüsse der Strömungen fest- 
zustellen gesucht und namentlich nach messinesischen Gewährs- 
männern auf die Tatsache hingewiesen, daß mehrfach der Leucht- 
turm weiter vorgerückt werde. Cortese erklärt, ohne aber einen 
Beweis dafür zu bringen, die zwei niedrigen alten Rundtürme, 
von denen der eine südlich, der andere westlich vom heutigen 
Leuchtturme steht, seien zu Telegraphen- und Signalzwecken be- 
stimmt gewesen. Jedenfalls ist aber nicht daran zu zweifeln, daß 
nach Corteses bis 1880 zurückreichenden fast jährlichen Be- 
obachtungen — die meinigen fallen Mitte der siebenziger Jahre 
— hier das Land heute im Zurückweichen begriffen ist. 

Wir sehen somit, daß, abgesehen von sehr kurzen Strecken 
jedes Strandes, jeder jungen Anlagerung entbehrender Steilküste, 
die sich aber, höchst bedeutungsvoll, nur an der tyrrhenischen 
Seite der Halbinsel finden, die Flüsse Kalabriens seit der Plio- 
cänzeit schon, rascher, energischer aber aus den angeführten 
Gründen, in geschichtlicher Zeit, namentlich im Mittelalter und 
in der Neuzeit dem Inneren des Landes entnommene Geröll- 
massen an der Küste, die wir also mit Philippson eine thalassogene 
Schwemmlandküste nennen würden, ablagern, wo sie die (Strömung 
und) Brandung zum Teil weiter schiebt. Dadurch wurden die 
Küstenlandschaften verwüstet und verseucht, die Küste dem Ver- 
kehr immer ungünstiger gestaltet, die Seeräuber halfen nur noch 
alles Leben ins Innere zurückdrängen. Kalabrien war dadurch 
ein verschlossenes Land geworden, es ist dies auch noch heute, 
obwohl die Sicherheit und die Eisenbahn die Bewohner von den 
Bergen herab an die Küste zieht. Es wird die Arbeit vieler 
Geschlechter und ungeheure Kosten erfordern, um diese Ungunst 
der Natur durch Wiederbewaldung, Regelung der Wasserläufe 
und Schaffung von Häfen mit Erfolg zu bekämpfen. 



IV. Versuch einer wissenschaftlichen 
Urographie der Iberischen Halbinsel. 1 ) 

i. Geschichtlicher Überblick. 

Die Iberische Halbinsel gehört nächst der südosteuropäischen 
zu denjenigen Länderindividuen zweiter Ordnung des Erdteils 
Europa, deren geographische Erforschung und wissenschaftliche 
Darstellung nur in sehr geringem Maße den Anforderungen und 
dem heutigen Standpunkt unserer Wissenschaft entspricht. Die 
Grundlage jeder wissenschaftlichen Landeskunde, die Bodenplastik, 
ist uns dort nur in rohen Umrissen bekannt, denn die topo- 
graphische Aufnahme, so treffliche Karten sie in Spanien liefert, 
umfaßt erst einen sehr kleinen Teil des Hochlandes von Neu- 
Kastilien und auch noch nicht ganz Portugal, hat aber schon 
den Beweis erbracht, daß mit dem Fortschreiten der Aufnahmen 
unsre Vorstellungen über die Oberflächenformen der Halbinsel 
nicht nur in den feinern Modellierungen wesentliche Berichti- 
gungen erfahren werden' 2 ). Die geologische Durchforschung, die 
allein das Verständnis der Oberflächenformen, eine wissenschaft- 
liche Erfassung und Gruppierung derselben ermöglicht, ist zwar 
so ziemlich für die ganze Halbinsel durchgeführt, und ihre Er- 
gebnisse liegen sogar in einer die ganze Halbinsel darstellenden 
geologischen Karte in dem großen Maßstab von i : 400 000 ver- 
anschaulicht vor 3 ), aber bei näherer Prüfung zeigt sich, wie jeder 



1) Zuerst erschienen in Peterm. Mitt. 1894 mit einem Profil und einer 
bodenplastischen Kartenskizze. 

2) Vgl. Vogel in Peterm. Mitteil. 1888, S. 300. 

3) Mapa geologico de Espafia, que per orden del ministerio de fomento 
ha formado y publica la Comision de ingenieros de minas, creada en 28. de 
marzo de 1873 bajo la direcciön del inspector general Sr. Don Manuel Fer- 

Kischer, Mittelmeerbilder. Neue Folge. l6 



242 



IV, I. Geschichtlicher Überblick. 



Kundige bei dem Gegensatz zwischen der Größe der Aufgabe 
und der zu ihrer Lösung zur Verfügung stehenden Zeit, Kräften 
und Mitteln von vornherein erwarten wird, daß es sich, so große 
Anerkennung das Geleistete auch verdient, doch um kaum mehr 
als um eine geologische Rekognoszierung handelt. Namentlich 
der Tektonik, auf welche es für das Verständnis der Boden- 
plastik zunächst ankommt, haben begreiflicherweise als dem schwie- 
rigsten, langjährig geschulte Kräfte erfordernden Teile der Auf- 
nahme nur einzelne Forscher, überwiegend Fremde, in erwünschter 
Weise Aufmerksamkeit geschenkt. Ein ganzes wichtiges Gebirge, 
das von uns sogenannte Katatonische Bruchgebirge, bezeichnet 
hinsichtlich seiner Tektonik und seiner Stellung in der geologischen 
Literatur eine absolute Lücke. Immerhin ist aber die Einzel- 
forschung so weit gediehen, daß man den Versuch wagen kann, 
die Einzelerscheinungen auf wissenschaftlicher Grundlage zu Grup- 
pen und Systemen zu ordnen und überhaupt ein naturwahreres 
Bild der Oberflächenformen der Halbinsel zu entwerfen. Vor 
allem gilt es dabei, die bisher gebrauchten Namen auf ihre Be- 
deutung und Berechtigung zu prüfen und die darin teilweise 
herrschende Verwirrung zu klären 1 ). 

Wenn wir unsern eignen Versuch aus frühern geschichtlich 
entwickeln wollen, so ist darauf hinzuweisen, daß schon Albrecht 
v. Roon 2 ) 1838 ein klares, später wieder vielfach verdunkeltes 
Bild der Oberflächenformen in großen Zügen entworfen hat, frei- 



nandez de Castro. Madrid 1889. Es sind zwei Ausgaben, eine in iö Bl. 
und eine in 64 Bl., dazu eine Übersichtskarte in 1:1500 OOO erschienen. 
Außerdem stehen in den Memorias und dem Boletin de la Comision del 
Mapa geolögico de Espana geologische Karten aller spanischen Provinzen bis 
auf Lerida und Leon, auch meist in 1 : 400 000 zur Verfügung. 

1) Der Verfasser hat einen solchen Versuch bereits gemacht in seiner 
Länderkunde von Südeuropa in „Unser Wissen von der Erde", herausgegeb. 
von A. Kirchhoff, Bd. III, Abteil. 2, S. 557 ff. Hier handelt es sich um 
eine Weiterführung und -wissenschaftliche Begründung des dort Gegebenen, 
zu welcher letztern dort kein Raum war. Auch lag dem Verfasser daran, 
seinen Versuch in einer der ganzen wissenschaftlichen Welt zugänglichen 
Zeitschrift einer Prüfung zu unterbreiten und so hoffentlich durch Hinweis 
auf die Lücken und verschiedene einer Klärung noch recht bedürftige Fragen 
einem weitern Ausbau entgegenzuführen. 

2) Grundzüge der Erd-, Völker- und Staatenkunde, 2. Abteil., 2. Aufl., 
S. 666 ff. Berlin 1838, und: Die Iberische Halbinsel. Eine Monographie 
aus dem Gesichtspunkte des Militärs. Berlin 1839. 



A. v. Roons, K. Ritters, M. Willkomms Einteilung. 



243 



lieh, dem damaligen Stande der Wissenschaft und der Forschung 
entsprechend, ohne wissenschaftliche Begründung. Er unterscheidet 
rein orographisch das Tafelland, welches aus drei übereinander 
aufsteigenden und sich nach O hebenden Stufenlandschaften, dem 
Andalusischen Tieflande, dem Neu- und dem Altkastilischen 
Plateau, besteht und an welches sich als halbinselartige Gebirgs- 
zungen die Pyrenäen und das Oberandalusische Gebirgsland an- 
gliedern. Er spricht schon von einem erhöhten Ostrande des 
Tafellandes, der durchaus keine wallartige Gebirgskette bilde und 
mit Unrecht in Kompendien und auf Karten als Iberische Ge- 
birgskette gezeichnet werde. Er setzt denselben in enge Be- 
ziehungen zum kastilischen Scheidegebirge. Die Pyrenäen „ge- 
hören ganz wesentlich dem Iberischen Hochlande an". K. Ritter 1 ), 
in so hohem Maße er sich auch da als Meister plastischer Schilde- 
rung bewährt, zeigt keinen wesentlichen Fortschritt gegen v. Roon. 
In noch höherm Grade auf Selbstsehen beruht Moriz Willkomms 2 ) 
orographische Einteilung der Halbinsel, die sich auch die Syste- 
matiker, namentlich die deutschen, mit Vorliebe angeeignet haben, 
wie Willkomm seinerseits selbstverständlich von den einheimischen 
Systematikern beeinflußt worden ist. Auch bei ihm fehlt aus den 
gleichen Gründen wie bei v. Roon die wissenschaftliche Begrün- 
dung. Willkomm spricht bereits vom zentralen Tafelland und 
von peripherischen Stücken; mit dem Tafellande stehen oro- 
graphisch in Verbindung die Pyrenäische und die Bätische Berg- 
terrasse. Jene hat ehemals an ihrem jetzt freien Ende mit dem 
nordöstlichen Teile des Tafellandes, diese mit dem Hochlande 
Nordafrikas zusammengehangen. Willkomm hat weiter schon er- 
kannt, daß das zentrale Tafelland sich in mehreren stufenartigen 
Absätzen zu dem Binnenbecken von Aragonien und zur Küsten- 
ebene um den Golf von Valencia senkt. Freilich nimmt er das 
Gleiche auch gegen Süden an, wie auch K. Ritter von einem 
die ganze Halbinsel zwischen 38 und 59 N. Br. von O nach 
W durchsetzenden Gesamtzuge spricht. Er unterscheidet dem- 
entsprechend sechs voneinander fast unabhängige r Gebirgssysteme: 
das Pyrenäische, das Iberische oder das östliche Randgebirge des 

1) Europa. Vorlesungen, herausgegeb. von H. A. Daniel, S. 321 ff. 
Berlin 1863. 

2) Das Pyrenäische Halbinselland (Wappaeus, Handbuch der Geographie 
und Statistik, Bd. III, Abteil. 2, 7. Aufl. Leipzig 1862— 71). 

10* 



24.4 ^"' lm Geschichtlicher Überblick. 

Tafellandes, das zentrale System oder das Kastilianisch-Leone- 
sische Scheidegebirge, das Gebirgssystem von Estremadura, das 
Marianische System oder das südliche Randgebirge des Tafel- 
landes, das Bätische System. E. Reclus 1 ) zeigt Willkomm gegen- 
über keinen wesentlichen Fortschritt, in Einzelheiten sogar einen 
Rückschritt. Er unterscheidet das zentrale Tafelland, das aus 
zwei durch einen Wall, für welchen er keinen zusammenfassenden 
Namen hat, da er die Bezeichnungen Karpeto-Vetonisches System 
und Sra. de Guadarrama gleichsetzt, voneinander getrennten 
Stufen, tertiären Seebecken, besteht. Es wird im Norden von 
den Kantabrischen Pyrenäen begrenzt; dem erhöhten Ostrande, 
wie den Gebirgen Andalusiens gibt er keinen zusammenfassenden 
Namen. Die Ketten, in welchen die Quellen des Guadiana, Se- 
gura und Guadalimar liegen, bilden nach ihm den Beginn der 
Sra. Morena, die an einer andern Stelle als erhabener Rand des 
Tafellandes von Kastilien bezeichnet wird. Die einheimische 
rein geographische Forschung — wir sehen hier von den zum 
großen Teil ausgezeichneten geodätischen und topographischen 
wie von den geologischen Arbeiten ab — ist der Entwicklung 
unsrer Wissenschaft in andern Ländern leider so wenig gefolgt, 
daß sie das wissenschaftliche Verständnis des eigenen Landes 
nur wenig zu fördern vermocht hat. Von zwei allein in Betracht 
kommenden Werken entspricht das eine, welches den hochver- 
dienten Geologen Fed. de Botella y de Homos zum Verfasser 
hat, leider nicht den Erwartungen, welche der Titel hervorruft 2 ). 
Botella unterscheidet vier Gebirgssysteme : i. das nördliche, die 
Asturisch (oder auch Kantabrisch)-Pyrenäische Kette, 2. das zen- 
trale, 3. das östliche und 4. das südliche. Das zentrale System 
besteht 1. aus der Cordillera Lusitano-Arevaca (unser Haupt- 
scheidegebirge), 2. den Montes Carpetanos oder dem Lusitano- 
Karpetanischen Scheidegebirge (Berge von Toledo), von Kap 
Espichel bis Cerro de S. Felipe, wo es mit der Idübeda ver- 
wächst, sich aber in der Ilergetanischen Kette (unser Katalonisches 
Bruchgebirge) fortsetzt, und 3. der Sierra Marianica (Sra. Morena), 

1) Nouvelle Geographie Universelle I, S. 666 ff. Paris 1876. 

2) Espana. Geogräfia morfolögica y etiolögica. Observaciones acerca 
de la constituciön orogräfica de la peninsula y leyes de direcciön de sus 
sierras, cordilleras, costas y rios prmcipales. Gr.-8°, 129 S., mit 3 Karten. 
Madrid 1886. 



Einheimische Versuche. 



245 



auch Marianisch-Kontestanisch-Balearische Scheidekette genannt. 
Das östliche System besteht aus der Idübeda-Kette, der Wasser- 
scheide zwischen dem Ebro, Mijares, Guadalaviar und Jucar auf 
der einen, Duero, Tajo, Guadiana auf der andern Seite, das 
südliche aus der Bätischen Kordillere. Die Ilergetanische Kette 
wird an andrer Stelle als eine Abzweigung der Pyrenäen be- 
zeichnet. 

Eine sozusagen amtliche Darstellung der Urographie der 
Halbinsel bietet ein umfangreiches, mehr einem Staatshandbuch 
ähnelndes Werk, welches unter der Leitung des berühmten Geo- 
däten General Ibafiez veröffentlicht worden ist 1 ). Es werden „in 
Übereinstimmung mit den meisten Geographen" sechs Gebirgs- 
systeme unterschieden: I. das nördliche, welches die Pyrenäen 
und die sogenannte Kantabrische Kordillere umfaßt; 2. das Ibe- 
rische System, gebildet von den Massiven, welche den Ebro auf 
der rechten Seite begleiten und sich bis Kap Gata fortsetzen; 
3. das zentrale, gewöhnlich Karpeto- Vetonische oder Karpetanische 
Kette genannt, — ein Name, der aber außer Gebrauch gesetzt 
werden müsse, weil sich nur ein Teil des südöstlichen Abhanges 
im Gebiete des alten Karpetanien befinde; 4. das System der 
Berge von Toledo, die sogenannte Oretanische Kette, — ein 
Name, der ebenfalls wenig passend sei; 5. das Bätische System 
oder die Marianische Kette, vorzugsweise von der Sra. Morena 
gebildet; 6. das Penibätische System, die Sra. Nevada und die 
zugehörigen Ketten. Weiterhin wird eine Menge von Namen 
und wertvollen Höhenzahlen gegeben, aber kein Versuch ge- 
macht, ein Bild der Gebirge zu geben, sie wissenschaftlich zu 
begrenzen u. dgl. Die Ebenen finden sehr wenig Berücksichtigung. 

Zu den einheimischen Versuchen einer orographischen Syste- 
matik haben wir wohl auch denjenigen zu rechnen, welchen der 
hochverdiente englische, aber in Spanien eingebürgerte Geolog 
J. Macpherson gemacht hat 2 ). Er unterscheidet sechs große Ge- 
birgsgruppen, von denen fünf annähernd ostwestlich streichen: 
die Pyrenäisch-Kantabrische Kordillere, die Karpeto-Vetonica, die 
Oretana oder Oreto-Herminiana, die Marianica, die Betica. Die 



1) Resefia geogräfica y estadistica de Espana por la direcciön general 
del Institute- geogräfico y estadistico. 4 , 251 u. II 16 S., mit einer Karte 
der Halbinsel in I : l 500 000. Bes. S. 58 ff. Madrid 1888. 

2) Bosquejo Geol6gico de la provincia de Cädiz, S. 13 ff. Cadiz 1872. 



2A.6 rV) 2. Die Iberische Scholle. 

sechste, die Keltiberische, streicht in NW— SO aus der Provinz 
Santander bis Valencia. Hervorhebung von Einzelheiten auf später 
versparend, möchten wir hier nur noch darauf verweisen, daß 
Macpherson weiterhin (S. 25) von einem O 2 8° N streichenden 
Bätischen und einem O — W streichenden Penibätischen System 
spricht. Er schließt sich aber hierin wohl Botella 1 ) an. 

Werfen wir einen Blick auf diese geschichtlichen Betrach- 
tungen zurück, so sehen wir, daß eine große Verwirrung in der 
Namengebung, keine Übereinstimmung in der Abgrenzung der 
Systeme und Gruppen herrscht, kein Versuch gemacht wird, die 
Oberflächenformen zum innern Bau in Beziehungen zu setzen. 
Daß es sich in den Pyrenäen und den Andalusischen Gebirgen 
um gefaltete und daher vielfach parallele Ketten handelt, daß 
das orographische Streichen ganzer Höhenzüge vielfach, wie z. B. 
in der Sierra Morena, zum Streichen ihrer einzelnen Ketten im 
Gegensatz steht, die Form der Hochfläche, die immer wieder- 
kehrt, von Tafellagerung der Schichten bedingt wird, alle der- 
artigen Betrachtungen sind der Literatur über die Urographie der 
Iberischen Halbinsel bis jetzt fast durchaus fremd geblieben. Es 
ist also wohl nicht zuviel gesagt: dieselbe entbehrt bisher einer 
wissenschaftlichen Grundlage. Den ersten Anfängen einer solchen 
begegnet man da, wo man sie billigerweise nicht zuerst erwarten 
sollte, in einem Lehrbuche, dem von Guthe -Wagner, das somit 
auch da den Charakter eines wahrhaft wissenschaftlichen Werkes 
wahrt. Es gilt uns also, einen ersten Versuch zu wagen, die 
reiche geologische Literatur für die wichtigste geographische Auf- 
gabe, Klarlegung der Orographie, auszubeuten. 



2. Die Iberische Scholle. 

Die Iberische Halbinsel gehört zu denjenigen Ländern, deren 
Oberflächenformen in ungewöhnlichem Maße von ihrem innern 
Bau, namentlich von der Tektonik, abhängig sind. Sie besteht 
aus einer sehr alten schicksalsreichen Scholle der festen Erdrinde, 
an welche später zwei fremdartige jüngere Gebilde, das Anda- 
lusische und das Pyrenäische Faltenland, angegliedert worden 



I) Descripciön geolögico-minera de las provincias de Murcia y Alba- 
cete, S. 2 Madrid 1868. 



Die Iberischen Alpen und ihre Abtragung. 2 47 

sind. Da jene heute in ungeheurer Ausdehnung eine Decke 
jüngerer tafellagernder Schichten trägt und auch wo diese fehlen 
als Abrasionsfläche weite Ebenen oder eine flachwellige Ober- 
fläche zeigt, ähnlich dem Rheinischen Schiefergebirge, so sind 
damit alles beherrschende Gegensätze zwischen diesem Iberischen 
Tafellande, wie wir es wohl am besten nennen, und den Jüngern, 
halbinselartig angegliederten Faltenländern gegeben 1 ). 

a) Allgemeiner Überblick. 

Die alte Iberische Scholle ist in großer Ausdehnung aus 
archäischen Gesteinen, Gneisen, kristallinischen Schiefern und alten 
Graniten aufgebaut, welche letztere, namentlich im Nordwesten, 
eine Fläche von mehr als 50 000 qkm bilden. Sie sind teils 
älter, teils etwas jünger als die ältesten die archäischen Gebilde 
überlagernden paläozoischen Schichten, die auch ihrerseits vom 
Cambrium bis zum Carbon in hohem Maße an dem Aufbau der 
Scholle teilnehmen. Eine durch tangentialen Schub hervorgerufene 
Faltung schuf zu Ende des paläozoischen Zeitalters aus 
diesem Material hier ein gewaltiges Gebirge von alpinen 
Formen, dessen namentlich am heutigen Nord- und Südrande 
gut nachgewiesene Faltenzüge einen großen, vom rechten Ufer 
des Guadalquivir nach Nordwesten gegen die Mündung des 
Douro, von dort mehr nordwärts verlaufenden und im östlichen 
Galicien und in Asturien immer mehr nach Nordosten und Osten 
umbiegenden Bogen bildeten 2 ). Der konvexe Scheitel des Bogens 
liegt also im südlichen Galicien. Im innern Nord-Portugal und 
in den umgebenden Landschaften, die zugleich die geologisch 
noch am wenigsten erforschten sind, scheint die Streichrichtung 
der Falten durch die ausgedehnten Granitdurchbrüche beeinflußt 
bzw. verwischt zu sein. Um so schärfer, namentlich auch oro- 



i) Bezüglich der Gegensätze der Rand- und der inneren Landschaften 
verweisen wir auf unsre Darstellung in Bd. I der Mittelmeerbilder, S. 245 fr. 

2) Wir folgen hier selbstverständlich den scharfsinnigen Darlegungen 
von Ed. Sueß, „Antlitz der Erde", namentlich Bd. II, S. 144 ff., verwerten 
aber davon, wie von der sonstigen geologischen Literatur, nur das geo- 
graphisch Wertvolle. Die Urquellen sind besonders Macphersons noch zu 
nennende Arbeiten und Barrois' „Recherches sur les terrains anciens des 
Asturies et de la Galice". (Memoires de la Soc. geol. du Nord DT, Lille 
1882, S. 603.) 



2aS rV> 2. Die Iberische Scholle. 

graphisch, ausgeprägt ist sie aber am Süd- und am Nordrande, 
wo das alte Gebirge heute an scharfen, weithin geradlinig ver- 
laufenden, annähernd parallelen Bruchlinien endigt, dem Gali- 
cisch- Asturischen und dem Guadalquivir- Bruch. Es laufen so 
die alten Falten und die Schichten in steiler Aufrichtung im 
Süden gegen die Guadalquivirbucht aus, im Norden gegen den 
Ozean. Da auch die Westseite durch Steilabbrüche zum Ozean 
gebildet wird urid wir an der Ostseite ein großes System 
von Staffelbrüchen kennen lernen werden, so erscheint also 
dieser älteste Teil der Halbinsel der Anlage nach als ein ge- 
waltiger Horst. 

Seit der Carbonzeit, also seit einem ungeheuren Zeiträume, 
dauert die Abtragung dieses Iberischen Alpengebirges teils durch 
Abrasion seitens der Brandungswogen des übergreifenden Meeres 
im mesozoischen Zeitalter, teils durch die zerstörenden Kräfte 
des Luftkreises seit Ende desselben an, und auch die großen 
Bruchlinien, die dasselbe zerstückt und der Halbinsel ihre eckige 
Grundform gegeben haben, sind sehr alt. 1 ) Es ist daher nur 
noch der Sockel desselben stehen geblieben, vielfach, wie im 
südwestlichen Portugal, dem Campo de Ourique (gefaltete Carbon- 
schichten) und dem Campo de Beja (Gneis und Granit), zur 
völligen Ebene oder zu großwelligem Hügellande abgeschliffen, 
häufiger aber die ursprünglichen Faltenzüge ähnlich unserm Tau- 
nus — die Oberflächenformen des ganzen südwestlichen Viertels 
der Iberischen Scholle erinnern immer und immer wieder, wenig- 
stens abseits der Granitdurchbrüche, an das Rheinische Schiefer- 
gebirge — noch in flachen Höhenrücken bewahrend. Diese 
streichen vom Guadalquivirbruche, welchem der einzige Tief- 
landsstrom der Halbinsel fast in seiner ganzen Länge, vom hohen 
Andalusischen Faltungssystem und der Stoßkraft seiner linken 
Zuflüsse an den südlichen Steilrand der Scholle gedrängt, folgt, 
bis zum Hauptscheidegebirge fast durchaus in NW-Richtung, also 
senkrecht zum Streichen des jungen Andalusischen Faltensystems, 

i) Über diese meist in annähernd SO — NW- u. SW — NO-Richtung 
verlaufenden und die durch die Faltenbildung bedingten Formen vielfach ver- 
wischenden Verwerfungen verbreitet sich Macpherson namentlich in seiner 
„Relaciön entre la forma de las costas de la Peninsula Iberica, sus princi- 
pales lineas de fractura y el fondo de sus mares" (Rev. gen. de Marina, 
Tl. XIX 1886, S. 576 ff.). 



Bodenplastik und innerer Bau. 2 40 

südlich von der Guadalquivirbucht 1 ). Selbst die großen gürtel- 
förmigen Granitdurchbrüche, die hier häufig zu einförmigen Hoch- 
flächen abgeschliffen sind (Los Pedroches), haben diese Richtung. 
Der längste derselben erstreckt sich fast ohne Unterbrechung von 
Andujar und Montoro am Guadalquivir bis jenseits Alcantara am 
Tajo bei einer mittleren Breite von 15 km auf 330 km. Am 
schärfsten ausgeprägt sind diese parallelen Höhenzüge, meist 
Sätteln silurischer Quarzite entsprechend, im Gebiet von Alcudia. 
Einen derselben, die Sierra de Pela, durchschneidet der Gua- 
diana in einem Engtale unterhalb Casas de San Pedro, einen 
zweiten im Puerto Pefia etwas oberhalb, einen dritten unter auf- 
fälliger Kniebildung unterhalb Ahijön in dem berühmten Portillo 
de Cijarra. Ähnliche Durchbrüche hat auch der Tajo gebildet, 
der ja davon seinen Namen hat, und der ganze Charakter der 
Täler beider Hochlandsströme, ihr geringer Kulturwert, beruht 
eben darauf, daß sie auf ihrem Wege aus dem Miocänbecken 
von Neu-Kastilien zum Meere eine große Zahl dieser silurischen 
und cambrischen Falten und die Granit- und Gneismassen mehr 
oder weniger senkrecht durchbrechen. Zwischen Guadiana und 
Tajo bestehen die Montes de Toledo, die ja schon in die topo- 
graphische Aufnahme inbegriffen sind, die Sierra de Altamira, die 
Sierra deGuadalupe, de S.Pedro, S.Mamede u.a. m., aus solchen silu- 
rischen und cambrischen, meist steil aufgerichteten, aber fast bis zum 
Sockel abgetragenen, dicht gedrängten, nordwestlich streichenden 
Falten, deren einer der Tajo weithin folgt, bis er an der Mündung 
des Tietar durchbricht. Jenseits setzt sich dieser Sattel, wenn auch 
mehr und mehr nach W abgelenkt, bis an den Südfuß des 
Hauptscheidegebirges bei Penamacor in Portugal fort. Im Haupt- 
scheidegebirge selbst sind hier die Sierra de Gata und de Francia, 
deren Kämme in der dasselbe kennzeichnenden NO — SW-Rich- 
tung streichen, aufgebaut aus WNW — OSO streichenden silu- 
rischen und cambrischen Schichten 2 ). Die gleiche Richtung haben 
die unmittelbar benachbarten silurischen Höhenzüge der Provinz 
Salamanca und noch im westlichen Leon die Sierra de la Culebra 
und de Pefia Negra. 



I) Diese auch bodenplastisch wichtigen Gegensätze hat namentlich 
Macpherson in seinem „Estudio geolögico y petrografico del norte de la 
provincia de Sevilla" (Bol. Com. Mapa geol. de Esp., Bd. VI, 1879 S. 97 
IT.) klargelegt. 2) Macpherson, „Relation", S. 670. 



2^0 I^ T . -• Di e Iberische Scholle. 

Nur im äußersten Südwesten, in der Provinz Huelva und in 
Süd-Portugal, geht die Nordwestrichtung der alten Faltenzüge, 
die hier überwiegend dem Carbon angehören, mehr und mehr in 
eine westliche über, und der gleichen Richtung fügen sich die 
besonders in Huelva häufigen Durchbrüche von Graniten, Dia- 
basen und Porphyren. Dem entsprechend herrschen hier ost- 
westlich verlaufende Höhenzüge vor, wie in der Sierra de Aracena, 
der Sierra de Caldeira u. a. Doch ist die Zerstückung durch 
Bruchlinien hier eine so große, daß häufiger unregelmäßige Berg- 
landschaften, wie das Andevalo von Huelva, entstehen. 

Die Höhe, mit welcher sich in dem ganzen betrachteten 
Gebiete diese ihre Erhaltung fast ausnahmslos der größern Wider- 
standsfähigkeit der sie bildenden Gesteine verdankenden Höhen- 
züge über die Umgebung erheben, ist überall eine sehr geringe, 
wie dies namentlich die Höhenschichtenkarte Fr. de Botellas 
selbst für die Berge von Toledo erkennen läßt 1 ). Dazu kommt, 
daß nicht nur vielfach, wo eben keine größern Härteunterschiede 
vorhanden waren, das alte Gebirge geradezu zu Hochebenen ab- 
geschliffen ist, wie in Süd-Portugal, den Pedroches, La Serena, 
dem Campo de Calatrava, dem Sayago und andern ähnlichen 
Landschaften, sondern daß auch Decken von jungtertiären Schichten 
und Diluvium, wie in großer Ausdehnung zu beiden Seiten des 
Guadiana oberhalb Badajoz, ein ehemaliges Seebecken, oder zu 
beiden Seiten des Tajo unterhalb Toledo die somit auf der Ibe- 
rischen Scholle weit verbreitete Form der Ebene hervorrufen. 
Die Flüsse des ganzen Gebiets, wenigstens die kleinern, lassen in 
ihrer Laufrichtung, am auffälligsten zwischen Guadalquivir und 
Guadiana, ihre Abhängigkeit von den tektonischen Verhältnissen 
erkennen. Am rechten Ufer des Guadalquivir endigen alle Höhen- 
züge in steilem Abbruch, wie auf der geologischen Karte auch 
die in parallelen Bändern angeordneten alten Formationen auf 
einer ziemlich geraden Linie, eben dem Guadalquivirbruche, von 
Alcaraz, dessen Kastell sich auf einer aus den Triasschichten 
auftauchenden silurischen Felskuppe erhebt, bis zum Kap S. Vi- 
cente wie mit der Schere quer durchgeschnitten erscheinen. 

In der Nordwestecke der Halbinsel, in Nord-Portugal und 
Galicien, ist die alte Faltung wegen der ausgedehnten Granit- 

1) Mapa hipsometrica de Espana y Portugal. I : 2 000 000. Madrid 
1891. Isohypsen von IOO m. (Bol. Soc. Geogr. Madrid 1891, S. 17 fr.) 



Nord -Portugal und das Hauptscheidegebirge. 2^1 

durchbräche bodenplastisch von geringerer Bedeutung. Immerhin 
ist die fast meridional zwischen ähnlich orientierten, aber meist 
an Verwerfungen gebundenen Flüssen streichende Sierra Rona- 
daira an ihrem Nordende von einem Sattel silurischer Sandsteine, 
der am Kap Busto quer durchgebrochen ist, weiter südwärts von 
zwei Antiklinalen cambrischer Schiefer und Quarzite gebildet 1 ). 
Auch die Sierra de Meira und der niedere Rücken, welcher in 
der Punta de la Estaca de Vares endigt, die Sierra de Fala- 
doira, ist eine cambrische Antiklinale, und ähnlich mögen sonst 
in Galicien die mehrfach hervortretenden flachen Bodenwellen 
der Westseite an das vorherrschend südwest-nordöstliche Strei- 
chen der archäischen Schichten 2 ) gebunden sein. Für Süd- 
Galicien betont Cortazar 3 ) die verworrene Lagerung der kristal- 
linischen Felsarten, auf welche auch schon Schulz 4 ) hingewiesen 
hatte. Im allgemeinen aber sind die tektonischen Verhältnisse 
im ganzen Nordwesten infolge der in dem außerordentlich nieder- 
schlagsreichen Klima dieses Vorgebirges besonders wirksamen 
Denudation und der sehr ausgedehnten, den bei weitem größten 
Teil des Landes bildenden Granitdurchbrüche für die Gestaltung 
der Oberfläche von geringem Belang. Der Grad der Wider- 
standsfähigkeit der außerordentlich mannigfaltigen Gesteine — 
auch alte grüne Gesteine (Gastaldis Pietre Verdi der Westalpen) 
treten nach G. Schulz und Macpherson vielfach auf — spielt 
hier die erste Rolle. Die größten Erhebungen sind granitisch, 
So bildet der größere Teil Galiciens und Nord-Portugals unregel- 
mäßige (Berg- und) Hügellandschaften mit gerundeten Kuppen, 
oft mit magerer Heide bedeckt oder kahl, überall verstreuten ge- 
rundeten Granitblöcken und an den Hängen mächtigen Ansamm- 
lungen von Grant als Zeugen der rasch fortschreitenden Ab- 
tragung. Auch eine recht ansehnliche Diluvialdecke von Quarz- 
kieseln, gerollten Quarziten, Sand, Lehm u. dgl. deutet darauf 



i) Ch. Barrois, „Recherches", S. 422. 

2) Macpherson, „Uniclinal structure of the Iberian Peninsula", Madrid 
1880, S. 5. 

3) „Datos geolögicos de la prov. de Orensc" (Bol. Com. Mapa geol. 
de Esp. 1877). 

4) „Descripciön geognöstica de Galicia", Madrid 1835, S. 10. Dies 
Werkchen ist noch heute für die Geologie und Urographie von Galicien un- 
entbehrlich. 



2C9 IV, 2. Die Iberische Scholle. 

hin. In großer Ausdehung kann man sogar von einer Hochebene 
sprechen. Nur der vorwiegend paläozoische Osten, der auch 
petrographisch weniger mannigfaltig ist, ist gebirgiger, und Quarzite 1 ) 
bedingen dort die Höhenzüge, also ganz wie im Süden der Ibe- 
rischen Scholle. 

Ganz ähnlich derjenigen Galiciens und in gleicher Weise 
bedingt ist auch die Oberflächengestalt des auch sonst Galicien 
sehr ähnlichen Nord-Portugal, nördlich vom Hauptscheidegebirge, 
namentlich aber nördlich vom Duero. Auch dies Gebiet ist ganz 
und gar archäisch, nur ein schmaler, vom Duero oberhalb Porto 
nordnordwestlich streichender Gürtel abgeschliffener silurischer 
Falten, zwischen Pavoa de Varzim und Espozende am Meere 
schräg durchgebrochen, ist hervorzuheben. Die Richtungen der 
kurzen, niedern Höhenzüge wechseln vielfach, doch scheint die 
südwestliche, die auch bei den rechten Zuflüssen des Douro vor- 
herrscht, zu überwiegen. Da die Tektonik Nord-Portugals noch 
unaufgehellt ist, so lassen wir es unentschieden, ob man hier 
mit den spanischen Geographen eine Fortsetzung der Asturischen 
Ketten zu sehen und an Beziehungen zu den Falten und Brüchen 
Asturiens zu denken hat 2 ), oder an solche zum Hauptscheide- 
gebirge. Tiefer landeinwärts tritt in diesem wesentlich grani- 
tischen Hochlande von Nord-Portugal, am meisten in dem schon 
spanischen Sayago, ebenfalls Galicien ähnlich, die Form flach 
welliger Hochebene auf. Die Flußtäler, am meisten das des 
Douro, sind auch hier canonartig eng und tief eingeschnitten, die 
Flüsse reich an Schnellen. 

b) Das Haupt-Scheidegebirge. 

Die größten Veränderungen durch spätere Vorgänge hat die 
alte Iberische Scholle ungefähr in der Mitte erfahren, wo sich 
heute, dieselbe fast in ihrer ganzen größten südwest-nordöstlichen 
Ausdehnung durchziehend, das Hauptscheidegebirge der Halb- 
insel erhebt, das diese, namentlich aber die alte Scholle in zwei 
Hälften zerlegt und die Grenze zwischen Nord- und Südspanien, 
vor allem in pfianzengeographischer Hinsicht — Polargrenze des 



i) Schulz a. a. O., S. 22. 

2) Dafür scheint neuerdings Choffat einzutreten: Apercu de la geologie 
du Portugal, p. 7. Lisbonne 1900. 



Nord - Portugal und das Hauptscheidegebirge. 2S^ 

Ölbaumes und der mediterranen Baumzucht — , bildet. Wir 
haben es hier mit einem System von Ketten und Höhenzügen 
zu tun, welche miteinander zusammenhängend eine wenn auch 
nur lose orographische Einheit, eine Wasserscheide von einer 
Länge von 700 km bilden. Die Länge der einzelnen Ketten, 
diese Bezeichnung im engern Sinne gefaßt, ist eine geringe. Ge- 
meinsam ist allen das nur wenig von NO-SW abweichende Streichen 
und die einander parallele staffeiförmige Aneinanderreihung, sowie 
das Überwiegen archäischer Felsarten in ihrem Aufbau. Die Frage 
der Entstehung und der tektonischen Verhältnisse dieses viel- 
seitig anziehenden Gebirges ist noch ungelöst, wenn wir auch die 
geologischen Verhältnisse desselben im allgemeinen kennen. Ed. 
Sueß 1 ) gibt wenigstens für die Osthälfte eine Erklärung: „Südlich 
von Salamanca geht in Virgation ein mächtiger Ast (des alten 
hier in SSO und SO streichenden Iberischen Faltensystems) gegen 
O und ONO ab. Er besteht hauptsächlich aus Granit und Gneis 
und bildet die Sierra de Gredos und Sierra de Guadarrama." 
Wir können uns dieser Anschauung des geistreichen Forschers 
nicht anschließen. 

Zunächst haben wir vergebens nach einer auf Beobachtung 
beruhenden Quelle für diese Tatsache gesucht, nach welcher wir 
also die beiden genannten Kettensysteme, demnach wohl, da von 
ihnen die der Westhälfte unmöglich getrennt werden können, das 
ganze Scheidegebirge als durch Faltung entstanden ansehen müßten. 
Ferner kennen wir kein Faltengebirge, welches orographische Formen 
besitzt wie dieses. Weiter ist überaus auffällig, daß in der 
ganzen Ausdehnung desselben südwestliches Streichen, d. h. ein 
zu den Iberischen Falten dieser Gegend geradezu senkrechtes 
herrscht. Ebenso sahen wir bereits, daß an der Südseite die 
nordwestlich streichenden paläozoischen Faltenzüge, etwas nach 
W abgelenkt, bis unmittelbar an das Scheidegebirge herangehen 
und sich an der Nordseite (Höhenzüge von Salamanca, Sierra de 
la Culebra) in gleicher Richtung fortsetzen, ja daß ein Teil des 
Scheidegebirges selbst (Sierra de Gata und de Francia), trotz dem 
auch hier vorhandenen kennzeichnenden orographischen Streichen 



1) „Antlitz der Erde" II, S. 148. Ganz neuerdings scheint Choffat 
a. a. O., S. 7, aber ohne irgend welche Begründung, das Scheidegebirge auf 
Faltung zurückführen zu wollen. 



2cj. IV, 2. Die Iberische Scholle. 

in NO — SW-Richtnng, aufgebaut ist aus WNW — OSO, also auch 
ziemlich senkrecht dazu, streichenden stark gefalteten silurischen 
und cambrischen Schichten. Schließlich ist noch zu betonen, 
daß das Scheidegebirge in seiner ganzen Ausdehnung trotz der 
petrographischen Übereinstimmung zu allen übrigen Höhenzügen 
der Iberischen Scholle, wie sie sich bis heute erhalten haben, in 
grellstem Gegensatze steht durch seine bedeutende absolute und 
namentlich relative Höhe. Obwohl sich dasselbe auf dem höchsten 
Teile der alten Scholle erhebt, ragt es bis um etwa 1500 m im 
Mittel, bis 2000 m im Höchstbetrage über die Fläche derselben 
empor! Es bildet also in der Tat ein ausgezeichnetes Scheide- 
gebirge, welches die Halbinsel in zwei fast gleiche Teile teilt. 

Es scheint demnach demselben ein anderer Ursprung zuzu- 
schreiben zu sein, und wir möchten die Vermutung aussprechen, 
daß wir in ihm ein Bruchgebirge vor uns haben, in welchem die 
Grundfesten der alten Scholle, etw r a im Beginne der Tertiärzeit 
und im Zusammenhange mit der Bildung der großen kastilischen 
Seebecken, zu ansehnlicher Höhe emporgepreßt wurden. Auch 
die mesozoischen Ablagerungen am Westrande der Iberischen 
Scholle zu beiden Seiten der Tejomündnng wurden in diese Be- 
wegungen hineingezogen. Es muß natürlich der exakten Be- 
obachtung vorbehalten bleiben, zu entscheiden, ob diese Ver- 
mutung haltbar ist. Ihr widerspricht zunächst nicht der fast überall 
vorhandene einseitige Steilabsturz nach Süden. Dafür sprechen 
die oben erwähnten Verhältnisse der Sierra de Gata und de 
Francia und was sonst noch Macpherson, den wir wohl als den 
besten Kenner der Halbinsel in ihrer ganzen Ausdehnung und 
als denjenigen der einheimischen Geologen anzusehen haben, der 
den tekionischen und genetischen Verhältnissen die größte Auf- 
merksamkeit gewidmet hat, in dieser Hinsicht anführt, wenn er 
auch nicht ausdrücklich und mit genügender Klarheit sich in 
diesem Sinne ausspricht. Er spricht von einem Einfallen der 
Gneisschichten der Sierra de Guadarrama und de Gredos auf 
Verwerfungen nach Südosten 1 ) und einem großen Bruchgürtel, 
welcher die ganze Halbinsel vom Golf von Biscaya in den bas- 



1) Breve noticia acerca de la especial estructura de la Peninsula Ibe- 
rica. (An. Soc. Esp. de Hist. Nat., T. 8, S. 20, Madrid 1879, und Re- 
laciön, S. 650 ff.) 



Das Hauptscheidegebirge. 2^ 

kischen Provinzen bis zur Tejomündung durchsetzt. An dieser 
Depression liegt das große Scheidegebirge mit seinen in NO — 
SW orientierten archäischen Massen und seinen in gleicher Rich- 
tung orientierten Massenausbrüchen von Granit, ihr folgen auch 
der Tejo von seinem Eintritt in Portugal und seine rechten Zu- 
flüsse Alagon und Ponsul, auf ihr liegt schließlich die tertiäre 
Tejobucht, in welche der Strom oberhalb Abrantes eintritt. Die- 
selbe ist mit miocänen und pliocänen Ablagerungen gefüllt. Auch 
die aus zum Teil Jüngern Schichtgesteinen aufgebauten äußersten 
Enden des Scheidegebirges lassen auf Brüche und senkrechte 
Verschiebungen, nicht auf Faltung schließen. Dort, wo dasselbe 
aus dem östlichen Randgebirge hervortritt, wird es in der Sierra 
Ministra und den Altos de Barahona von Triasschollen gebildet, 
welche ihre 200 bis 300 m hohen Schichtenköpfe der Neukasti- 
lischen Hochebene zukehren. Weiter nach W, in der Sierra de 
Pela, besteht das Gebirge, das man eigentlich erst hier beginnen 
lassen kann, aus stark gestörten, nach S W einfallenden Jura- und 
Kreideschichten mit bereits bedeutenderen Höhen und in der 
Sierra de Ayllon aus silurischen nach SO einfallenden Schiefern, 
die den in der Somosierra zuerst hervortretenden Gneisen kon- 
kordant auflagern. Im SW scheint die Serra da Estrella, die 
überwiegend aus cambrischen Tonschiefern und nur in ihrem 
nördlichsten, höchsten Teile aus Granit besteht, ein Horst zu sein, 
der seine Haupterstreckung ebenfalls in NO — SW hat, von welchen 
sich dann das Scheidegebirge noch bis zum Cabo da Roca als 
niederer Rücken aus vorwiegend jurassischen Gesteinen fortsetzt, 
die aber vielfach von Bruchlinien zerstückt sind, auf denen Erup- 
tivgesteine, namentlich ein granitartiges, noch die Kreideschichten 
durchbrechendes, emporgedrungen sind, die hier ein sehr wechsel- 
und reizvolles kleines Gebirgsland, die Serra da Cintra, geschaffen 
haben. Eine Reihe niederer domförmiger Ophitkuppen begleitet 
den Jurarücken an seiner Westseite. 1 ) Die Serra da Arrabida 
ist eine aufgekippte Schollenkante, die ihren scharfen, in ONO 
verlaufenden Bruchrand und ihre Schichtenköpfe, als tiefste 
Schichten Lias, der Bucht von Setubal zukehrt. 

Bei den spanischen Geographen, die dies Scheidegebirge 



I) Communicacoes da Comissao dos Trabalhos geolögicos de Portugal, 
T. I, S. 50. Lissabon 1883—87. 



256 IV> 2 - Die Iberische Scholle. 

auch als ein einheitliches aufzufassen pflegen, herrscht auch hier 
in der Namengebung keine Übereinstimmung. Botella bezeichnet 
dasselbe bald als Cordillera Lusitano-Arevaca, bald als Lusitano- 
Carpetana, die Resefia als Carpeto-Vetonica, auch kurz als Car- 
petanica, spricht aber auch von einem zentralen System. Mac- 
pherson hat die Bezeichnung „Carpeto-Vetonische Cordillere". 
Bei den deutschen Geographen findet sich schon bei v. Roon 
der am häufigsten gebrauchte Name „Kastilisches Scheidegebirge", 
bis zum Cabo da Roca, Willkomm spricht von einem zentralen 
System oder dem Kastilianisch-Leonesischen Scheidegebirge. Wir 
möchten den Namen „zentrales" oder besser iberisches „Haupt- 
scheidegebirge" für den bezeichnendsten und den deutschen Geo- 
graphen kaum eine Neuerung bietenden halten. 

Von größern zusammenhängenden Höhenzügen der Ibe- 
rischen Scholle pflegt man gewöhnlich noch zwei zu unter- 
scheiden, die in der Streichrichtung dem Hauptscheidegebirge 
annähernd parallel, aber von demselben nach innerm Bau, Ent- 
stehung, Höhe und Bedeutung grundverschieden sind: die Montes 
de Toledo und die Sierra Morena. Es ist nicht zu leugnen, 
daß zwischen dem mittlem Guadiana und dem Tajo eine ge- 
birgsartige Wasserscheide mit im allgemeinen westsüdwestlicher 
Richtung vorhanden ist und daß sich dieselbe, wenn auch boden- 
plastisch sehr wenig ausgeprägt, bis nach Portugal hinein, ost- 
wärts, wenn man dort überhaupt von einer orographisch selbst 
kaum merkbaren Fortsetzung sprechen will, quer durch das Neu- 
kastilische Tertiärbecken, nahe dem Laufe des Tajo bis zum 
östlichen Randgebirge, mit welchem es durch die sogenannten 
Altos de Cabrejas bei Cuenca verwächst, verfolgen läßt. Es ist 
dieser durch auffallende Windungen der Wasserscheide gekenn- 
zeichnete flache Rücken wohl in seiner ganzen Ausdehnung als 
eine Denudationserscheinung aufzufassen, sowohl da, wo er aus 
wagerechten Schichten des lakustren Miocän besteht, wie da, 
wo er aus den, wie wir sahen, im allgemeinen in nordwestlicher, 
in den östlichen Montes de Toledo mehr in westnordwestlicher 
Richtung streichenden Falten des Paläozoikum und den dasselbe 
durchdringenden Graniten herausgearbeitet ist. Lediglich die 
größere Widerstandsfähigkeit der silurischen und cambrischen Quar- 
zite läßt diese meist sehr steilen, dicht gedrängten Sättel hie und 
da noch eine das großwellige Hügelland, als welches das ganze 



Die Südhälfte der Meseta. 



257 



Gebiet zwischen den beiden Strömen zu bezeichnen ist, um 
1000 m überragende Höhe erreichen. Wirklicher Gebirgscharakter 
mit schwierigen Paßübergängen u. dgl. fehlt fast durchaus, und 
nur die zum Teil auf den unfruchtbaren Bodenarten, welche die 
Schiefer und Quarzite geben, beruhende furchtbare Verödung 
dieses weithin mit dürftigem Gestrüpp bedeckten Gebietes — man 
denkt an die Eichenschälwälder des Rheinischen Schiefergebirges 
und das Schiffelland der Eifel — vermag hier den Eindruck 
eines trennenden Gebirges hervorzurufen. Die gelehrte spanische 
Geographie, die, zu großes Gewicht auf die Wasserscheide legend, 
allerdings meist von einem vom Kap Espichel bis zum Cerro de 
S. Felipe im östlichen Randgebirge sich erstreckenden Scheide- 
gebirge spricht, was ganz unhaltbar ist, gebraucht auch hier ver- 
schiedene Namen, bald Lusitano-Karpetanisches, bald Oretanisches, 
bald Oretanisch-Herminianisches Gebirge. Es dürfte sich emp- 
fehlen, der geringen Bedeutung dieser Hügelzüge und dem Mangel 
eines innern Zusammenhanges entsprechend hier überhaupt auf 
jede zusammenfassende Bezeichnung zu verzichten und nur die 
allgemein eingebürgerten Sondernamen, wie Montes de Toledo, 
Sierra de Guadelupe u. a. zu gebrauchen. 

Ähnlich verhält es sich mit der Sierra Morena, die über- 
haupt kein Gebirge, sondern nur die südliche, steil über dem 
Andalusischen Tieflande am Guadalquivirbruche aufragende Kante 
der Iberischen Scholle ist. Nur von dort, vom algarvischen Bei- 
ramar, und von den am Guadalquivir gelegenen Sitzen alter, 
hoher Gesittung aus macht diese von den zerstörenden Kräften 
des Luftkreises der wechselnden Widerstandsfähigkeit der so stark 
gestörten Schichten entsprechend ausgearbeitete und namentlich 
von den gefällreichen, wenn auch wasserarmen Bächen und 
Flüssen tief eingekerbte Schollenkante den Eindruck eines Ge- 
birges von ansehnlicher, wenn auch 500 — 600 m relativ selten 
übersteigender Höhe. Wer sich über die Scholle hin in der 
Richtung des Guadalquivir bewegt, durchschneidet überall nur 
ein welliges, ödes, gestrüppbedecktes und menschenleeres Hügel- 
land, das durch höchstens taunusartige, wenig von der Nord- 
westrichtung — die Richtung der Schollenkante ist WSW — ab- 
weichende Höhenzüge gekennzeichnet wird, bis ziemlich plötzlich, 
wenigstens da, wo man nicht den meist schluchtartigen Flußtälern 
folgen kann, der kurze Steilabstieg beginnt. Erreichen und Über- 
I'isc her, Mittelmeerbilder. Neue Folge. 17 



258 IV, 2. Die Iberische Scholle. 

steigen doch in dem ganzen Gebiet zwischen Guadiana und 
Guadalquivir nur wenige Punkte 1000 m! Schon Ferdinand 
Römer 1 ) erkannte den wunderbaren Gegensatz beim Aufstieg 
über die fast senkrecht stehenden Tonschiefer- und Quarzit- 
schichten der Schlucht von Despenaperros auf die Hochfläche, 
die dort in geringer Entfernung von der Schollenkante von jenen 
diskordant in wagerechter Lagerung bedeckenden Schichten hell- 
grauer Süßwassermergel gebildet wird. Selbst weiter westwärts, 
in Huelva und Algarve, wo die Falten mehr westwärts streichen, 
gewinnt man nur von Süden her gebirgsartigen Eindruck, wenn 
auch in diesen Gegenden der südliche Steilabsturz gemildert 
und verbreitert erscheint. Die Wasserscheide zwischen dem Gua- 
diana und dem Guadalquivir verläuft kaum merkbar in zahlreichen 
Windungen dem Guadalquivirbruche zwar annähernd parallel, 
aber quer zum Streichen der Falten. Diese Eigenart dieses „Ge- 
birges" sich stets gegenwärtig haltend, muß man dann allerdings 
dasselbe vom Kap S. Vicente bis Alcaraz als eine einheitliche 
Bildung auffassen und dies auch in Namen ausdrücken. Da man 
als Sierra Morena nur den Teil der Schollenkante bezeichnet, 
dem der Guadalquivir folgt, die spanischen Geographen aber 
auch hier zu keiner Übereinstimmung gekommen sind und ab- 
wechselnd die Namen „Bätisches System", „Marianische Kette" 
oder „Marianisch-Contestanische Kette" gebrauchen, so schlagen 
wir den Namen „Südliches Iberisches Randgebirge" vor. Roon 
nennt es „Andalusisches Scheidegebirge", Willkomm „Marianisches 
System". 

c) Das Iberische Tafelland. 

Wir hatten uns bisher nur mit dem Teil der alten Iberischen 
Scholle beschäftigt, in welchem die Grundfesten derselben zutage 
liegen. Anders in der Osthälfte. Dort sind diese von Jüngern, 
fast durchaus noch tafellagernden Schichten bedeckt, und sie 
treten nur an einigen Randstellen hervor, gerade hinreichend, um 
ihr Vorhandensein feststellen zu können. Mit dem Anfange des 
mesozoischen Zeitalters beginnt das Meer fast allenthalben — nur 
im Nordwesten fehlen heute die Belege dafür — die Ränder der- 
selben zu überfluten, und neue Schichten bilden sich auf seinem 

I) „Geologische Reiseskizzen aus Spanien". (Jahrbuch 1864, S. 794.) 



Die mesozoische Transgression. 250, 

Grunde aus den von den Iberischen Alpen abgetragenen Massen. 
Am Süd- und Westrande bilden mesozoische Ablagerungen, dis- 
kordant und ungefaltet, nur hier und da auf Brüchen verschoben, 
das gefaltete paläozoische und archäische Grundgebirge über- 
lagernd, von Alcaräz bis Kap St. Vincent und von dort bis nahe 
an die Dueromündung einen meist schmalen Saum, gleichsam 
einen Rahmen um die alte Scholle. Zwischen Kap S. Yicent 
und der Serra da Arrabida sind sie allerdings infolge späterer 
Abbruche nur in Resten erhalten. Über den mesozoischen 
Schichten lagern konkordant jungtertiäre — das Eocän fehlt im 
ganzen Bereich der Iberischen Scholle — , Miocän und Pliocän, 
die in großer Ausdehnung, wie wir sahen, die Bucht des Tajo 
und Sado füllen. Diese ganze meso- (und käno-) zoische Trans- 
gression bildet hier nur am Südwestende des Hauptscheidegebirges 
Berg- und Hügelland, sonst nur schmale Küstenebenen. Einzig 
dem Miocän- und Pliocängebiet der Tajobucht entsprechen die 
weiten Tiefebenen von Mittel -Portugal. Anders an der Ostseite 
der Scholle. Dort, wo wir heute die höchste Massenanschwellung 
der ganzen Halbinsel haben, drang das mesozoische Meer, die- 
selbe weithin überflutend, bis gegen Segovia vor, und über dem 
Grundgebirge lagerten sich Triasschichten, Jura, aber namentlich 
Kreide ab. In der Kreidezeit reichte die Überflutung am weitesten, 
denn Kreideschichten lagern nicht nur dem Nordrande der Sierra 
de Guadarrama an, sondern scheinen nach den selbst im Innern 
des Gebirges, wie z. B. im obersten Lozoya-Tale, erhaltenen 
Resten einen großen Teil des Gebirges selbst bedeckt zu haben. 
Auch unter dem lakustren Tertiär der Neukastilischen Hochebene 
treten häufig und bis Quintanar de la Orden nach Südwesten 
Kreideschichten hervor. Als sich das Meer, wohl infolge einer 
Hebung der ganzen Scholle, die im Osten bedeutender war als 
im Westen — das Ansteigen der Tertiärschichten gegen Osten 
spricht namentlich dafür 1 ) — , zurückzog, bildeten sich in den 
Einbruchskesseln zu beiden Seiten des Hauptscheidegebirges und 
auf Verwerfungen, welche dem Ostrande in geringer Entfernung 
parallel liefen, große Seen-), die allmählich und Hand in Hand mit 



1) Vgl. Calderon y Arana: „Ensäyo orogenico sobre la meseta centra 
de Espaöa". (An. Soc. Esp. de Hist. Nat., Madrid 1885, Bd. XIV S. 150.) 

2) A. Penck, Das Klima Spaniens während der jüngeren Tertiär- und 
Diluvialperiode, ZGE Berlin 1894, hat seitdem, im Gegensatz zu den spanischen 

17* 



2ÖO IV» 2. Die Iberische Scholle. 

der Ausbildung der Abflußrinnen nach Westen mit den Geröllmassen 
der iberischen Alpen ausgefüllt wurden. Da auch die Schichten des 
lakustren Tertiär keine Störungen erfahren haben, so entstanden 
hier die weiten Hochebenen von Alt- und Neukastilien, deren 
lakustre Ablagerungen an den Rändern der Gebirge noch in 
großer Ausdehnung durch diluviale bedeckt sind, die von Teruel, 
von Almazan und andere kleinere. In dem ganzen ungeheuren 
Gebiet mesozoischer mariner und tertiärer lakustrer Ablagerungen 
herrscht noch heute Tafellagerung der Schichten ; die Ausgestaltung 
der Oberfläche in demselben ist nur auf Denudation und Erosion 
und auf die Bildung von Brüchen und Verwerfungen, die den 
Ostrand der alten Scholle ganz besonders kennzeichnen, zurück- 
zuführen. Auch in dem außerordentlich zerstückten mesozoischen 
Gebiet kehrt immer die Form der Hochfläche wieder. Schon de 
Verneuil 1 ) hebt den Gegensatz zwischen dem reichgegliederten 
Steilabsturz zur Küstenebene von Valencia und dem Tafelland- 
charakter gerade der durch den gemeinsamen Ursprung zahlreicher 
Flüsse gekennzeichneten Gegend in der Umgebung der Muela de 
S. Juan hervor. Kein Gipfel erhebt sich auffällig über diese lang- 
gestreckten Hochflächen, die nur durch tiefe Schluchten voneinander 
getrennt sind. Namentlich bilden die aus Kreide bestehenden 
Bergzüge streng genommen Reihen von Tafelbergen; schon die 
Bezeichnungen Paramo, Paramera und Muela, die hier so häufig 
sind, deuten darauf hin. Faltung gehört lediglich zu den örtlichen 
und untergeordneten Erscheinungen. 2 ) Meist empfängt man nur in 
den tief eingeschnittenen Flußtälern und in höherm Maße in der 
Umgebung des Moncayo und der Sierra de la Demanda den 
Eindruck des Gebirgsartigen. Obwohl die geologische Durch- 
forschung noch in hohem Grade der Vertiefung bedarf, kann man 



Geologen, diese abflußlosen Binnenbecken als in einer Zeit trockenen Klimas 
mit lockeren Fluß- und Binnenablagerungen gefüllt bezeichnet, so daß nicht 
eigentlich von lakustren Schichten zu sprechen wäre. 

i) „Coup d'ceil sur la Constitution geologique de quelques provinces de 
l'Espagne". (Bull. Soc. geol. de France 1852/53, X, 2 e Serie, S. 96, 97, 
106, 118.) 

2) Spanische Geologen (Sanchez Lozano, Descripcion fisica, geolögica 
y minera de la provincia de Lagroüo, Mem. Com. del Mapa Geol. de Erp. 
Madrid 1894, scheinen neuerdings eine wirkliche, wenn auch sehr geringe 
Faltung des Mesozoikum anzunehmen. 



Das östliche Iberische Randgebirge. 2 6l 

auf Grund derselben schon heute sagen, daß unsere Karten, die 
auch hier die Oberfläche als durchaus gebirgsartig gestaltet dar- 
stellen, sehr viel einfachere Formen zeigen werden, wenn einmal 
auf den ausgezeichneten topographischen Karten in — leider noch 
ziemlich ferner Zukunft auch dieses Gebiet zu naturwahrer Dar- 
stellung gelangen wird. Hier in der Osthälfte der Iberischen 
Scholle haben wir so das eigentliche Iberische Tafelland, die 
Meseta, vor uns. 

Der reichstgegliederte mesozoische Teil bildet den erhöhten 
Ostrand desselben, der sich orographisch im Nordwesten durch 
ausgedehnte Kreide-Hochflächen mit dem Kantabrischen, im Süd- 
osten, an der Südgrenze der Provinz Valencia, mit dem Anda- 
lusischen Faltengebirge verbindet. Der Aufstieg auf diesen höch- 
sten Teil des Iberischen Tafellandes von den Kastilischen Hoch- 
ebenen aus ist überall ein merkbarer, aber sanfter, er beträgt 
überall nur wenige hundert Meter; der Abstieg nach Nordosten 
gegen den tiefen, bergumwallten Trog des Ebrobeckens, und nach 
Südosten gegen die Küstenebene von Valencia ist dagegen, wo 
man nicht den Flußtälern zu folgen vermag, ein sehr steiler. Die 
Höhenunterschiede betragen da nicht unter iooo m, denn in 
einer Ausdehnung von etwa 40000 qkm erreicht dieser Teil des 
Iberischen Tafellandes eine mittlere Höhe von 1000 — 1500 m, 
etwa 15000 qkm im Quellgebiet des Guadalaviar sogar 1300 bis 
1500 m. Man kann daher hier wirklich von einem erhöhten Ost- 
rande der Iberischen Scholle sprechen, und die Bezeichnung öst- 
liches Iberisches Randgebirge scheint uns die passendste zu sein. 
Die spanischen Geographen gebrauchen dafür die Namen Idübeda 
(Botella), das Iberische System oder das Celtiberische, wohl auch 
Iberische Cordillere, eine Bezeichnung, die, wenn daneben von 
einer Kantabrischen oder Bätischen gesprochen wird, grundfalsche 
Vorstellungen wecken muß; v. Roon, dessen scharfsinnige Erfassung 
der Oberflächenformen trotz der damaligen ungenügenden Er- 
forschung wir immer wieder bewundern müssen, sieht das ganze 
Gebiet nur als den höchsten Teil der Hochebenen von Alt- und 
Neukastilien an; ähnlich schildert es auch K. Ritter (Europa, 
S. 335 ß-)- Willkomm bezeichnet es als Iberisches System, hat 
aber ebenfalls schon eine im wesentlichen richtige Vorstellung 
der hier herrschenden Oberflächenformen. 

Über die Tektonik hat der spanische Geolog Calderon y 



2Ö2 IV, 2 - Die Iberische Scholle. 

Arana 1 ) Aufschlüsse gegeben, die das Verständnis der Ober- 
flächen formen zu vertiefen imstande sind. Nach ihm ist dieser 
höchste Teil der Meseta durch eine Reihe von in SO — NW 
orientierten Staffelbrüchen gegliedert, welche unter sich und dem 
Ebrolaufe, der auch durch eine solche Bruchlinie bedingt ist, 
parallel streichen. Die Unterlage dieses mesozoischen breiten 
Rahmens, die Trias, kehrt so die hohen, heute die Wasserscheide 
bildenden Kanten ihrer Schollen dem Tafellande zu, während sie 
nach außen von jungem Ablagerungen bedeckt wurde, die auch 
ihrerseits später von Staffelbrüchen zerstückt wurden. Man steigt 
so über parallele, langgestreckten Ketten ähnliche Stufen zum 
Hochlande empor. In der Sierra de la Demanda und dann 
wieder von dem triassischen Moncayo bis zu dem tertiären Hoch- 
lande von Teruel tritt selbst in langen, schmalen, einander par- 
allelen und nur durch den mit lakustrem Miocän gefüllten Bruch 
des Jiloca-Tales getrennten Gürteln das paläozoische (Silur und 
Kambrium) Grundgebirge (Sierra de la Virgen, Sierra de Vicor usw.) 
zutage. Auch weiter nach dem Innern des Tafellandes, in der 
Sierra Menera, Sierra Alta, in den Parameras de Molina, tauchen 
die paläozoischen Schichten meist in Gestalt flacher Rücken silu- 
rischer Quarzite auf, stets aber miteinander parallelem, nordwest- 
lichem Streichen auch der Schichten, also der gleichen Richtung 
wie in der Sierra Morena 2 ). Am Rande des Ebrobeckens treten 
bei Prejano und Turrucun auf einer Verwerfung Karbonschichten 
hervor, so daß sie in gleichem Niveau mit dem lakustren Miocän 
hegen. Die Trias hegt auch hier diskordant auf dem Paläozoikum. 
Die französischen Forscher Chudeau und A. Dereims 3 ) erklären 
die beiden silurischen Parallelgürtel als Teile einer Antiklinale, 
deren niedergebrochener Sattel das mit lakustrem Miocän gefüllte 
Jiloca-Ribota-Tal ist. Die Silurschichten erscheinen überall stark 
gefaltet und verworfen, doch ist die Forschung noch nicht weit 



i) „Ensayo", S. 146. 

2) Die hierhergehörigen Provinzbeschreibungen, besonders Donayre, 
„ßosquejo de una descripciön fisica geolögica de la prov. de Zaragoza" (Bol. 
Com. Mapa geol. de Esp., Madrid 1873, Bd. I)., und D. de Cortazar, „Bos- 
quejo fisico-geolögico y minero de la prov. de Teruel" (ebenda, Bd. XII), 
berücksichtigen leider die Tektonik fast gar nicht. 

3) „Le plateau de Soria" (Ann. de Geographie, Paris 1892, I, S. 279). 
A. Dereims, „Nouvelles observations sur la geographie physique du plateau 
de Teruel" (ebenda DI, S. 3 15 ff.). 



Der nördliche gefaltete Gürtel. 262, 

genug fortgeschritten, daß wir entscheiden möchten, ob Ver- 
werfungen, so daß man die paläozoischen Rücken etwa als Horste 
oder auch als Staffelbrüche aufzufassen hätte, oder Faltungen die 
Oberflächengestaltung mehr beeinflussen. 



3. Das Kantabrisch-Pyrenäische Faltenland. 

Im vollsten Gegensatz zu der alten Iberischen Scholle und 
namentlich dem Teile, der den ausgeprägtesten Tafellandcharakter 
trägt, steht das den größern Teil des Nordrandes der Halbinsel 
und dieses Tafellandes selbst bildende Kantabrisch-Pyrenäische 
Faltensystem. Dank den Forschungen eines Ch. Barrois, Adan 
de Yarza, Magnan, E. de Margerie u. a. kennen wir dasselbe 
heute hinreichend. Zunächst möchten wir gegenüber vereinzelt 
auftretenden gegenteiligen Anschauungen feststellen, daß alle diese 
Erforscher des Systems keine Trennung von Pyrenäen und Kan- 
tabrischem Gebirge in genetisch -tektonischer Hinsicht zugeben, 
wie auch orographisch eine Grenze zwischen beiden sich nur 
ungefähr ziehen läßt, eine wirkliche Trennung aber nicht vor- 
handen ist. Ch. Barrois 1 ) läßt Asturien am Westende der Pyre- 
näen gelegen sein und betont, daß die große Bewegung des 
kantabrischen Bodens, welche zwischen Eocän und Miocän fällt 
und diesem Gebiete endgültig seine Oberflächenformen vorzeich- 
nete, gleichzeitig mit derjenigen eintrat, welche das Relief der 
Pyrenäen bestimmte, ja mit derselben identisch ist. De Margerie 2 ) 
hebt nachdrücklich hervor, daß die von den Geographen ange- 
nommene Grenze der Pyrenäen am Port de Velate oder Idiazabal 
geologisch ganz unzulässig sei. Es habe wohl in den baskischen 
Provinzen eine Minderung der vertikalen Kraftäußerung stattge- 
funden, da die paläozoischen Schichten dort nicht zutage treten, 
aber die Faltung hält die gleiche Richtung ein und erfährt keine 
Unterbrechung bis zu dem paläozoischen Gebiet von Asturien, wo 
gewissermaßen gegenseitige Durchdringung der karbonischen und 
der nachkretazeischen Faltungen eintritt. Eine Ausdehnung des Kanta- 
brisch-Pyrenäischen Systems, in dessen Namengebung auch bei 



1) „Recherches", S. 601 u. 604. 

2) De Margeric et Fr. Schrader: „Apercu de la stiucture geologique 
des Pyrenöes". (Kxtr. Annuaire Club Alpin Francais Paris 1892, XVIII, S. 64.) 



26a IV, 3. Das Kantabrisch-Pyrenäische Faltenland. 

den spanischen Geographen Übereinstimmung herrscht, bis Ga- 
licien und Kap Finisterre, wie diese und auch noch Macpherson 1 ) 
will, ist natürlich schon nach unsrer obigen Darstellung unmöglich, 
ebensowenig wahrscheinlich ist es nach dem heutigen Stande der 
Forschung, daß die Asturischen Ketten in südwestlicher Richtung 
sich bis in das obere Silgebiet oder gar nach Nord-Portugal 
fortsetzen. Casiano de Prado 2 ) hat festgestellt, daß die Gebirge 
des obern Silgebiets und der Fluß selbst NO — SW- Richtung 
haben, das Streichen der Schichten (Kambrium, Silur, Karbon) 
jedoch in dieser ganzen Gegend im Mittel N 55 ° W ist und die 
heutigen Oberflächenformen Erzeugnis der Denudation sind. In- 
dem wir so die Grenze des Kantabrischen Gebirges im W nach 
West - Asturien legen, kann als Grenze gegen die Pyrenäen die 
Gegend der wohl durch Querverwerfungen, die zur Bildung des 
Ebrobeckens in Beziehung stehen dürften, verursachten größten 
Erniedrigung des Kreidegebirges südlich von dem flachen Golfe 
von S. Sebastian angesehen werden. 

a) Das Kantabrische Gebirge. 

Entsprechend seiner Entstehung durch tangentialen Schub in 
der Richtung von N nach S 3 ), also gegen die Iberische Scholle 
hin, in einer Zeit, welche zwischen Eocän und Miocän liegt, er- 
scheint das Kantabrische Gebirge als ein im wesentlichen in 
Westostrichtung streichendes System von Parallelketten, der meer- 
fernsten, im allgemeinen auch der höchsten 4 ). Es herrschen kar- 
bonische Gesteine vor, namentlich Kohlenkalk, oft, wie in dem 
höhlenreichen Gebiete von Covadonga, der letzten Zufluchtsstätte 
der Christen, marmorartig auftretend. Namentlich sind auch die 
Picos de Europa karbonisch, wenn sich auch Reste von Lias- 

1) „Breve noticia", S. 12. 

2) „Breve resena geolögica de la parte occidental de la provincia de 
Leon" (Madrid 1862), S. 12. 

3) Barrois, „Recherches", S. 604. 

4) Das Hauptwerk über die Urographie von Asturien ist noch immer: 
G. Schulz' „Descripciön geolögica de Asturias", Madrid 1S58, mit einem 
geologisch-topographischen Atlas, der namentlich geographisch sehr lehrreiche 
geologische Profile enthält. Dazu P. Labrouche et le C te de Saint-Saud, XX 
1893, P- I2 9 — x 86. A. Penck, Die Picos de Europa und das Kantabrische 
Gebirge, GZ. 1897, P- 2 /8 — 81. 



Baskisches Gebirge. 265 

Kalken zwischen den paläozoischen Massen eingeklemmt erhalten 
haben. Bei dem Vorherrschen dieser festen, vielfach zu Karren- 
feldern ähnlichen Formen ausgearbeiteten Kalksteine und dem 
bedeutenden Gefäll der wasserreichen Flüsse und Bäche, das 
durch die geringe (80 km) Entfernung der 2000 m hohen Wasser- 
scheide vom Meere bedingt ist, haben diese, namentlich der Tru- 
bia, Sella, Aller, Caudal, Dares Ponga, Nalon u. a., allenthalben 
tiefe Erosionsschluchten, wahre Canons, gebildet, von den Landes- 
bewohnern Hoces, Foces, Escabios genannt. Der Canon des Aller 
ist an der Foz de Paraya 300 m tief. Barrois (S. 525) nennt 
diesen Kohlenkalk, das unterste Schichtensystem des Karbon, 
geradezu calcaire des canons. Um die schon durch die Namen 
torres und penas für die Gipfel gekennzeichneten Formen noch 
wilder zu machen, kommt aber hinzu, daß die Schichten des Paläo- 
zoikum durch die doppelte Faltung, die jüngere für die Oberflächen- 
formen weit wichtigere in Meridian-, die ältere zu Ende des 
Karbon mehr in Parallelrichtung, und dazu kommende Brüche 
und Verwerfungen ganz außerordentliche Störungen erfahren haben 
und wild durcheinandergeworfen sind. Das Karbon ist dadurch 
in außerordentlich verschiedene Höhenlagen gekommen. Bei Ar- 
nao werden Steinkohlen unter dem Meeresniveau gewonnen, etwas 
südlich davon, im Becken von Sama de Langreo, in 220 m Höhe, 
und in der Kantabrischen Kette liegen Karbonschichten in 2000 m 
Höhe 1 ). Talweitungen und Ebenen fehlen fast durchaus, so daß 
kaum eine 1 km lange ebene Strecke zu einer Basismessung ge- 
funden werden konnte. Die während der mesozoischen Überflutung 
auch dieses Teils der Iberischen Scholle abgelagerten Schichten 
gehören ebenfalls vorwiegend der Kreide an und füllen besonders 
stark gefaltet und zum Teil ihrerseits von Eocän konkordant über- 
lagert die auch hydrographisch gut ausgeprägte Längsmulde (Syn- 
klinalbecken) von Oviedo. Es treten, die Faltung kennzeichnend, 
die mesozoischen Formationen in Asturien vorzugsweise in west- 
östlichen Bändern auf. Daß die Wildheit der Formen zum Teil 
durch das Klima bestimmt ist, ersieht man daraus, daß an der 
sanftem dem Hochlande zugekehrten Abdachung sofort sanftere 
Formen auftreten. Man wird demnach das Kantabrische Gebirge, 
wenn auch in anderm Sinne wie die Sierra Morena, als ein Rand- 
gebirge auffassen können. 

i) Barrois, „Recherches**, S. 605. 



266 IV, 3- D as Kantabrisch-Pyrenäische Faltenland. 

In den Baskischen Provinzen, wo zwischen den Meridianen 
von Santander und Tolosa andre als Kreidegesteine so gut wie 
ganz fehlen, sind zwar die Höhen der den geologischen For- 
mationen entsprechend westöstlich (in Viscaya zum Teil mehr 
nordwestlich) streichenden Ketten geringer, die Steilheit des nörd- 
lichen Hanges und die Wildheit der Formen ist aber noch recht 
bedeutend, denn auch hier haben die Schichten, abgesehen von 
der Tätigkeit des Wassers in diesem niederschlagsreichen Gebiete, 
sehr bedeutende Störungen und Pressungen erfahren 1 ). Dem auch 
hier von Norden her erfolgten Zusammenschub folgte ein steiler 
Ab- und Einbruch nach N unter Hervortreten von Eruptivgesteinen 
auf den Bruchspalten. Dem Norden sind so meist die Schichten- 
köpfe in steilen Hängen zugekehrt. Gegen das Meer hin werden 
die Falten immer schmäler, wird die Schichtenstellung immer steiler. 
Wie bedeutende Wirkungen aber auch die Erosion zu erzielen 
vermag, das zeigt der großartige Zirkus von Orduna, den Adän 
de Yarza nur als solche auffaßt. Auf nur etwa 35 km Entfernung 
streicht die Hauptkette der Küste parallel. Diabas- und Ophit- 
durchbrüche sind namentlich in Vizcaya und Guipuzcoa von Be- 
deutung für die Oberflächengestalt, sie folgen meist dem Streichen 
der Falten und verursachen eine besonders reich gegliederte Land- 
schaft zwischen Vergara und Azpitia. Die sanfte Neigung geht 
auch hier nach innen, und an der Innenseite besonders setzen 
sich die Falten der Kreide- und Eocänschichten ununterbrochen 
in die Pyrenäen hinein fort. Flache, mit lakustrem Tertiär oder 
Diluvium gefüllte Becken (Vitoria, Trevino) sind eingeschaltet. 

b) Die Pyrenäen. 

Nicht nur durch größere Höhe und Breite, sondern noch 
mehr durch größere Mannigfaltigkeit des innern Baues zeichnen 
sich die Pyrenäen vor dem Kantabrischen Gebirge aus. Die 
topographischen Arbeiten Franz Schraders, die geologischen 
Forschungen E. de Margeries und die lichtvollen Darstellungen 



1) Adan de Yarza: „Descripciön fisica y geolögica de la prov. de Gui- 
puzcoa" (Memorias de la Comisiön del Mapa geolögico de Espafia, Jahrgang 
1884, S. 10). Derselbe, „Descripciön &c. de Alava" (Madrid 1885), Vizcaya 
(Madrid 1892), bes. S. 9 u. 97. Diese Arbeiten zeichnen sich namentlich auch 
durch besondre Berücksichtigung der geographischen Beziehungen aus. 



Die Pyrenäen. 767 

beider haben uns erst neuerdings das Verständnis der Pyrenäen, 
wenigstens der spanischen, erschlossen. Wir wissen so, daß die 
Fläche der letztern zwei Drittel des ganzen Gebirges ausmacht 1 ), 
daß die orographische Mannigfaltigkeit dort am größten, der Ein- 
blick in den innern Bau am leichtesten ist, da die Abtragung an 
dieser niederschlagsärmeren Seite weit weniger fortgeschritten ist. 
Im großen betrachtet bilden die Pyrenäen eine aus stark gefalteten 
alten, von Granitmassen durchsetzten Gesteinen aufgebaute Kette, 
die zu beiden Seiten von Nebeugürteln mesozoischer und tertiärer 
Gesteine begleitet wird. Ihre Gesamtrichtung ist WNW — OSO 2 ). 
Das Streichen der Falten ist genau O 30 ° S, weiter nach O biegen 
sie in ONO um. De Margerie sucht eine Art Fächenstruktur in 
der ganzen Ausdehnung der Pyrenäen zu erweisen. Es folgen 
im senkrechten Querschnitt stets mehrere, auf der französischen 
Seite orographisch und hydrographisch kaum erkennbare parallele 
Gürtel aufeinander, auf der spanischen Seite 1. der Gürtel des 
Mt. Perdu, orographisch in diesem Hochgipfel, der Pena Colla- 
rada, Tendenera, Cotiella, Turbon u. a., ausgeprägt (obere Kreide 
und Eocän, die nur hier an der Bildung der höchsten Gipfel be- 
teiligt sind); 2. der des Aragon (Eocän), orographisch an der 
auffälligen Längsmulde am besten kenntlich, welcher im soge- 
nannten Canal de Berdun der Aragon von Jaca abwärts folgt, 
während dieselbe in der Landschaft Tulivana sich weiter nach 
Osten bis über den Gallego hinaus, der sie zu durchqueren ver- 
mochte, fortsetzt; 3. der Gürtel der Sierras (Trias, Kreide, Eocän). 
Dieser letztere Gürtel ist auch orographisch der hervorstechendste 
Zug der spanischen Pyrenäen. Steil, sich girlandenartig mit- 
einander verknüpfend erheben sich diese ihrer Tertiärdecke bis 
auf geringe Reste beraubten Antiklinalen auf dem etwa 500 m 
hohen Sockel des Gebirges unmittelbar am Rande desselben gegen 
das raiocäne Ebrobecken. Ihr Bau ist ein sehr verwickelter, die 
Trias grenzt zum Teil unmittelbar an das Miocän des Ebrobeckens. 
Meist verbergen sie dem Blick von diesem aus nicht nur die 
hinter ihnen liegenden langgestreckten tertiären Synklinalen, 
sondern sogar den im Mittel etwa 50 — 60 km entfernten Kamm 



1) Fr. Schradcr u. E. de Margerie: „Apercu de la forme et relief des 
Pyrönees", Paris 1893, S. 23. Schöne hypsometrische Karte. 

2) Fr. Schradcr u. E. de Margerie: „Apercu de la strueture geolögique 
des Pyrenees", Paris 1892, S. 12, 23. Schöne geologische Karte. 



2 68 IV» 4« Das Katalonische Gebirge. 

der eigentlichen Pyrenäen. Sie haben den Charakter langer 
Falten gut bewahrt, und die vordersten an der Ebroebene sind 
nicht selten nach außen überstürzt. Es sind die Sierra de Santo 
Domingo, Puig Chicibro, Sierra de Guara, Carodilla und Montsech. 
In diesem tritt die nordöstliche Umbiegung deutlich hervor, die 
Sierra de Cadi, die Verlängerung des Canigou, schließt sich un- 
mittelbar an. Westlich von der Sierra de Santo Domingo setzen 
sich diese Falten, den Rand des Gebirges bildend, in gleicher 
Richtung noch weiter fort, nur ist die Tertiärdecke erhalten, erst 
in der Sierra de Cantabrio bilden wieder die Kreideschichten den 
Kamm. Der Ebro, der hier in der Enge der Conchas de Haro 
in sein Becken eintritt, schneidet die Montes Obarenes, die Fort- 
setzung jener, von ihnen ab. In ähnlichen engen Durchbruchs- 
tälern durchbrechen sämtliche Pyrenäenflüsse diesen steilen Außen- 
rand des Gebirges, im Innern desselben folgen dieselben aber 
meist und auf lange Strecken den tektonischen Linien, während 
auf der französischen Seite fast alle Hindernisse beseitigt und 
die Wasserläufe meist in der Richtung des größten Gefälles 
geradegelegt sind. Nur die Esera und die beiden Nogueras 
machen eine Ausnahme und fließen daher fast durchaus in engen 
Tälern, oft ungangbaren Schluchten, während ihre wasserarmen 
Zuflüsse in breiten Tälern den tektonischen Linien folgen. 



4. Das Katalonische Gebirge. 

Schwer ist die Grenze zwischen den Pyrenäen und dem 
Katalonischen Gebirge zu ziehen. Wir ziehen dieselbe auf dem 
Hochlande von Llusanes, das als eine sehr flache Eocänmulde 
zwischen der Sierra de Cadi und der innern Katalonischen Kette 
liegt und sich nach der einen Seite gegen das Ebrobecken, nach 
der andern gegen die Ebene des Ampurdan neigt, in der Mitte 
tief ausgefurcht durch die von dem hohen Kamme der Sierra de 
Cadi herabkommenden Gewässer, welche dann, zum großen Teil 
in der Llobregatrinne vereinigt, das niedrigere Katalonische Ge- 
birge durchbrechen bzw. im Ter der Mulde selbst nach Osten folgen. 

Das Katalonische Gebirge ist nach seinen tektonischen Ver- 
hältnissen und seiner Stellung gänzlich unerforscht. De Margerie 



Das Katatonische Gebirge. 2ÖQ 

und Schrader bezeichnen 1892 l ) dasselbe, ganz in Übereinstimmung 
mit unsrer Auffassung, als den eigentlichen Pyrenäen fremd, 1893 2 ) 
dagegen ziehen sie einen Teil der Innerkatalonischen Kette vom 
Montserrat über die Berge von S. Llorens zum Monseny zu den 
Pyrenäen als einen Teil der oben geschilderten Ketten des Außen- 
randes derselben, aber ohne eine nähere Begründung zu geben, 
anscheinend auch ohne eigene Forschungen an Ort und Stelle. 
Die spanischen Geologen 3 ) versagen für diese Frage völlig, die 
Geographen haben meist nicht einmal einen eigenen Namen für 
das Gebirge, da sie es entweder ganz unberücksichtigt lassen 
oder zu den Pyrenäen rechnen. Botella unterscheidet wenigstens 
die Südwesthälfte als Ilergeten-Kette. Willkomm und v. Roon 
rechnen dasselbe auch zu den Pyrenäen. Das scheint uns ganz 
unmöglich, da, abgesehen von minder wichtigen Unterschieden, 
die Streichungsrichtungen auf den pyrenäischen Ketten nahezu 
senkrecht stehen, das Gebirge auch seine Entstehung südwest- 
nordöstlich verlaufenden Brüchen zu verdanken scheint und oro- 
graphisch aus zwei parallelen Höhenzügen besteht, die durch 
ein fast in seiner ganzen Ausdehnung mit Jüngern und jüngsten 
Ablagerungen gefülltes Längstal voneinander geschieden werden. 
Dasselbe beginnt mit dem Einbruchskessel des Ampurdan und 
endigt am Meere bei Tarragona. Es dürfte als eine Graben- 
versenkung aufzufassen sein und ist reich an heißen Quellen und 
vulkanischen Ausbrüchen 4 ). Das lakustre Miocän, das hier wie 
auf der Iberischen Scholle dem Silur auflagernd vorkommt, hat 
noch bedeutende Störungen erfahren, — also auch eine von den 
Pyrenäen abweichende Erscheinung. Vielleicht kommen wir der 
Wahrheit am nächsten, wenn wir die Vermutung aussprechen, 
daß wir hier einen Teil der Iberischen Scholle, von der das 
Katalonische Gebirge auch nur durch das Erosionstal des Ebro, 



1) „Structure geol.", S. 24. 

2) „Apercu de la forme", S. II. 

3) Es kommen namentlich in Betracht: Jose Maureta und S. Thös y 
Codina, „Descripciön fisica &c. de Barcelona" (Memorias Com. Mapa geol. 
de Esp., Jahrg. 1881); Bauza, „Breve resena geol. de la prov. de Gerona" 
(Bol. Com. Mapa geol., Bd. 1, Jahrg. 1874), und L. Vidal, „Resena geol. y 
minera de la prov. de Gerona" (Bol., Bd. XIII) ; Mallada, „Reconocimiento 
geogrifico y geolögico de la prov. de Tarragona" (Bol., Bd. XVI). 

4) Wir verweisen auf unsre Darstellung in „Unser Wissen von der 
Erde". Bd. in, S. 6(7 ff. 



2 70 IV, 5- D as Ebrobecken. 6. Das Andalusische Faltenland. 

über welches die Formationen und Höhenzüge unverändert hin- 
überstreichen, getrennt ist, vor uns haben, welcher durch Anda- 
lusische Bruchlinien zerstückt worden ist. 



5. Das Ebrobecken. 

Das Tiefbecken von Aragonien schließlich ist als ein großer 
Einbruchskessel auf dem Ebrobruche mit den Ablagerungen eines 
großen Tertiärsees gefüllt, welcher im NW mit demjenigen von 
Alt-Kastilien in breiter Verbindung stand. Daß die Geschicke 
des Ebrobeckens von demjenigen der Kastilischen etwas ab- 
weichende waren, hat Calderon y Arana betont 1 ). Erosion und 
Denudation haben die Miocänschichten derartig ausgearbeitet, 
daß die Form der Ebene nur in geringer Ausdehnung auftritt. 



6. Das Andalusische Faltenland. 

Geologisch gut erforscht, wenigstens in seiner größern Süd- 
westhälfte, ist das große Andalusische Faltenland, namentlich dank 
den Arbeiten wie schon früher eines Verneuil, so in der alier- 
neusten Zeit der französischen Geologen, die unter Fouques 
Leitung das Erdbeben vom 25. Dezember 1884 klargelegt 
haben. Zum Andalusischen Faltenlande rechnen wir das ganze 
Gebiet südlich von der Guadalquivir-Bucht und dem Iberischen 
Tafellande bis zum Kap Nao. Daß die niedern Gebirgszüge der 
Provinzen Murcia und Alicante bis in das südliche Valencia, die 
bei den Systematikern bisher entweder keine Beachtung gefunden 
haben oder zum Tafellande selbst gezogen worden sind, dem 
großen Andalusischen Faltensystem zuzurechnen sind, das geht 
schon aus den Untersuchungen von de Verneuil 2 ) hervor, deren 
Ergebnissen Macpherson sich später durchaus angeschlossen hat. 
Derselbe rechnet seine Bätische Kordillere bis zum Kap Nao 3 ) 



1) „Ensayo", S. 146. 

2) „Coup d'ceil sur la Constitution geologique de quelques provinces 
de l'Espagne" (Bull. Soc. geol. de France, T. I, 2 e ser., 1852/53, bes. 
S. 84 u. 91). 

3) „Bosquejo geol. de Cadiz", S. 17 u. 25 fr. Ich konnte diese Schrift 
erst nach Vollendung meiner „Landeskunde von Spanien" erlangen. Es ist 



Gebirge von Murcia und Alicante. 2 71 

und begreift den Moncabrer, dessen Aufbau aus gefalteten und 
verworfenen Kreideschichten schon de Verneuil nachgewiesen hat, 
die Sierra del Carche, de la Pila, de Alcaräz und Sagra unter 
derselben. Botella dagegen 1 ) rechnet diese Gebirge, obwohl ge- 
rade seine hypsometrische Karte 2 ) auch rein orographisch die 
Sierra de Alcaräz scharf von der Sierra Morena und dem Tafel- 
lande abhebt und mit der Sierra de Segura, de Maria etc. eng 
verbindet, zu einer Marianisch-Kontestanisch-Balearischen Scheide- 
kette, die die eigentliche Südgrenze der Halbinsel bildet und am 
Kap S. Antonio endet, um sich in den Gebirgen der Balearen 
fortzusetzen. In seinem 18 Jahre früher erschienenen Werke über 
die Provinz Murcia 3 ) rechnet auch er es allerdings zum Bätischen 
System. Dafür spricht vor allem noch die große Ausdehnung und 
Bedeutung, welche hier das marine Miocän erlangt, das auf dem 
Tafellande ganz fehlt. Nach dem heutigen Stande unsrer Kenntnis 
kann es nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß die Anda- 
lusischen Faltenzüge sich bis zum Kap Nao und S. Antonio 
fortsetzen und daß sich auch hier die vorwärts bewegten Schichten 
am Südrande der alten Scholle stauten. Botella selbst hebt in 
seiner frühern Arbeit über Murcia 4 ) hervor, daß die paläozoischen 
Schichten westlich der Sierra de Alcaräz dem Silur und der Sierra 
Morena angehören und fast in saigerer Richtung annähernd nord- 
westlich streichende Faltenzüge bilden, während die dem Penn 
angehörigen, auch petrographisch verschiedenen Schichten, die nur 
im Ausbiß am Süd- wie am Nordrande der auf einem jener 
Längsbrüche gelegenen Huerta von Murcia hervortreten, schwächer 
gefaltet in N 28 ° O streichen. Wie die Sierra de Alcaräz aus 
denselben gefalteten nordöstlich streichenden Triasschichten be- 
steht, die weiterhin im Campo de Montiel wagerecht lagernd eine 
mehr als 1000 m hohe Hochebene bilden, den höchsten Teil der 
Mancha, so sind auch die Schichten der Trias, des Jura, der 



deshalb um so wichtiger, daß ich ganz unabhängig von Macpherson zur 
Unterscheidung eines Andalusischen Diagonal- und eines Äquatorialsystems 
gekommen bin, genau der Bätischen und der Pcnibäüschen Kordillere jenes 
entsprechend. 

1) „Geogräfia morfolögica", S. IOO. 

2) Vgl. Anm. 1, S. 250. 

3) S. 246, Anm. I. 

4) Botclla, „Murcia", S. 35 u. 29. 



2 7 2 IV, 6. Das Andalusische Faltenland. 

Kreide und des Eocän in Murcia und Alicante, wenn auch viel- 
fach von Verwerfungen durchsetzt, vorwiegend in der andalusischen 
Diagonalrichtung gefaltet 1 ). De Verneuil fand die Nummulit- 
schichten in der äußersten Nordostecke der Provinz Alicante, 
gegen Kap Nao hin, so stark gefaltet, daß dort ein reichgegliedertes 
Gebirgsland mit Höhen von 1000 bis 1200 m gebildet wird, das 
ihn mit seinen wild durcheinandergeworfenen Schichten an die 
Alpen erinnerte. Starke Faltung, ja gegen das Hochland be- 
wegte Wanderschollen, hat neuerdings hier auch R. Nickles an- 
genommen. 2 ) 

Wir haben hier dasjenige etwas ausgedehntere Gebiet der 
Halbinsel vor uns, welches am längsten, bis zum Beginn der 
Pliocänzeit, Meer war 3 ). In der Miocänzeit bestand hier nur ein 
Archipel. 

Es handelt sich somit im Andalusischen Faltenland um ein 
jugendliches Faltensystem, das sich mit dem zugehörigen der 
nordafrikanischen Küste zwischen dem alten Iberischen Horste 
auf der einen, dem alten afrikanischen Festlande auf der andern 
Seite in ähnlicher Weise bildete wie die Pyrenäen zwischen jenem 
und dem Zentral -Plateau von Frankreich 4 ). Erst zu Ende der 
Kreidezeit wurde hier ein wirkliches Gebirge emporgefaltet, die 
faltenden Bewegungen umfaßten aber noch einen großen Teil 
der Tertiärzeit , bis zu Beginn der Pliocänzeit , während die 
vom Meere erst zur Meerenge von Gibraltar ausgearbeitete Quer- 
verwerfung sich erst in der Quartärzeit bildete, das Tal des 
Guadalquivir aber dauernd Festland wurde. Noch während 
der Miocänzeit (Helvetien) ging eine Meerenge vom Ozean zum 
Mittelmeer, die im N vom Südrande der Iberischen Scholle, 
im S von der Sierra Nevada und deren Fortsetzungen begrenzt 
wurde. De Verneuil 5 ) hat diese Ansicht zuerst ausgesprochen, 



1) Vgl. auch de Verneuil a. a. O., S. 76, 78, 84, 86. 

2) B. S. Geol. de France 1904. 4. Ser., Bd. rV, S. 223. 

3) Man vergleiche dazu die Karte Botellas im Bol. Soc. Geogr. Madrid 
1877, II, Taf. 3. 

4) „Mission d'Andalousie. Etudes relatives au tremblement de terre du 
25 dec. 1884 et la Constitution geologique du sol ebranle par les secousscs. 
Directeur de la mission M. F. Fouque" (Memoires present6s par divers savants 
ä l'Academie des Sciences de l'Institut national de France, Paris 1889, 
T. XXX, No. 2, S. 572 ff.) 

5) „Coup d'ceil" etc., S. 79. 



Quer- und Längsfurchen des Andalusischen Faltenlandes. 273 

und die Gelehrten 1 ) der Mission d'Andalousie halten sie noch 
fest. Erst zur Miocänzeit hat die Sierra Nevada ihre Höhe er- 
reicht; das obere Miocän hat zum Teil noch bedeutende Störungen 
erfahren, örtlich aber lagert es, wenn auch zu Höhen bis 1000 ru 
emporgehoben, noch fast wagerecht — eine für die wechselnden 
Oberfiächenformen dieses Gebiets wichtige Tatsache — ; so in 
dem von den Flüssen tief durchschluchteten Tafellande von 
Ronda 2 ), in der weiten, großwelligen Hochebene südwestlich von 
Granada, an der Nordseite der Sierra de Alhama und Sierra de 
Almijara, namentlich aber in großer Ausdehnung im nordöstlichen 
Tale des Andalusischen Faltenlandes, das dadurch einen wesent- 
lich verschiedenen Charakter erhält. Hier scheint auch die In- 
tensität der Faltung eine geringere gewesen zu sein. Störungen, 
welche auch das Pliocän, namentlich an der Küste, hier und da 
erfahren hat, glauben die Geologen der Mission d'Andalousie auf 
einfache Gleiterscheinungen oder örtliche Senkungen zurückführen 
zu müssen 8 ). Für eine späte Hebung zeugen aber die in der 
Provinz Almeria 600 m Höhe erreichenden Pliocänschichten 4 ). 
Ganz ausnahmsweise bilden auch die Kreideschichten, nur zu ganz 
flachen Wellen gefaltet, Hochebenen, wie um die Fuente de Piedra 
und in der sogenannten Sierra de las Yeguas 5 ). 

Dieser Entstehung des Gebirges entsprechend haben wir es 
in dem ganzen Gebiet von Cadiz und der Meerenge bis zum 
Südrande der Küstenebene von Valencia mit langgestreckten 
einander mehr oder weniger parallelen Gebirgsketten zu tun. 
Daß dieselben eine gewisse Länge nicht überschreiten und die 
Sierra Nevada mit 80 km Länge die längste dieser meist als 
antiklinale Sättel aufzufassenden Ketten sein dürfte, das bewirkte 
ein zweiter für die Oberflächengestaltung wichtiger tektonischer 



1) Bertrand et Kilian, „Etudes sur les terrains secondaires et tertiaires 
dans les provinces de Grenade et de Malaga", S. 480. 

2) Macpherson, „Relaciön entre las formas orogräficas y la constituciön 
geolögica de la Serrania de Ronda" (Bol. Soc. geogr. Madrid X, S. 280). 

3) Das Bild in der „Länderkunde" S. 552 stellt solche Störungen nach 
einer Photographie des Verfassers dar. 

4) F. M. Donayre, „Datos por una resena fisica y geolögica de la regiön 
SO de la prov. de Almeria" (Bol. Com. Mapa geol. de Esp. 1877, Bd. IV, 
S. 383). 

5) D. de Orueta, „Bosquejo fisico-geolögico de la regiön septentrional 
de la prov. de Malaga" (ebend. 1877, Bd. IV, S. 89). 

Fischer, Mittclmcerbildcr. Neue Folge. l8 



? 74 IV, 6. Das Andalusische Faltenland. 

Vorgang, nämlich die Bildung großer, annähernd zur Richtung 
der Falten senkrechter, durch die Denudation und Erosion der 
Tertiär- und Quartärzeit orographisch schärfer ausgearbeiteter Quer- 
brüche in nachtriassischer Zeit. Diese zerstücken namentlich die 
innern Faltenzüge in einzelne Ketten, aber ohne den Zusammen- 
hang derselben völlig zu lösen, zugleich mit einem gewissen 
Grade von wagerechter Verschiebung der Stücke. Wir bezeichnen 
diese Querbrüche, die als die Haupterdbebenlinien erkannt worden 
sind, nach Malaga, Motril und Guadix 1 ). Jedem entspricht eine 
einen Zugang aus dem Innern zum Mittelmeere schaffende Ein- 
kerbung des höchsten Faltenzugs, ein dort zum Meere durch- 
brechender Fluß (Guadalhorce, Guadalfeo, Almeria) und eine von 
demselben heute zum großen Teil schon wieder verlandete Meeres- 
bucht. Neben diesen und andern, minder wichtigen Querbrüchen 
treten aber auch zahlreiche Längsverwerfungen, ja wahre Ein- 
bruchskessel oberflächengestaltend hervor. Ein ganzes System von 
solchen schafft im Innern des Andalusischen Faltenlandes eine 
Art orographische Längsfurche, die zugleich eine geologische 
Grenze zwischen dem archäischen und paläozoischen Gürtel auf 
der einen, dem mesozoischen und tertiären Gürtel auf der andern 
Seite bildet und auch hydrographisch und als natürlicher Ver- 
kehrsweg im Innern des Gebirgslandes, an welchen zugleich die 
wichtigsten Siedelungen (Loja, Granada, Guadix, Baza, Lorca, 
Murcia, Orihuela, Alicante) gebunden sind, an die große Längs- 
furche der Alpen erinnert. Genauer erforscht ist von diesen 
Längsbrüchen nur der von Granada, ein zu Ende der Miocän- 
zeit durch angehäufte Sande und Rollkiesel, die zum größern Teil 
von der Sierra Nevada, zum kleinern von den nördlichen Ketten 
herstammen, ausgefüllter Einbruchskessel 2 ) mitten im Faltenlande. 
Ähnlich verhält es sich mit dem von Guadix und Baza 3 ). Weiter 
nach Osten ist am Nordrande dieses Gürtels von Längsverwer- 



i) „Mission d'Andalousie", S. 117 fr. Dieselben finden sich dort auf 
einer Karte dargestellt. Vgl. auch E. de Margerie, „La Geologie de l'Anda- 
lousie" (Extr. Revue Generale des Sciences pures et appliquees), S. 4; mit 
Karte. Paris 1890. 

2) Außer der Mission d'Andalousie ist hier auf von Dräsche, „Geol. 
Skizze des Hochgebirgsteils der Sierra Nevada" (Jahrb. d. Geol. Reichs- 
anstalt, Wien 1879, Bd. 29), zu verweisen. 

3) L. Siegert, ZGE Berlin 1905, S. 528. 



Der Gürtel der Längsbrüche. 27 S 

fungen die Sierra de Maria als eine ONO streichende, an beiden 
Seiten durch Verwerfungen begrenzte jurassische Antiklinale mit 
nach S gegen das alte Gebirge, von dem die Verwerfung trennt, 
einfallenden Schichten erkannt worden 1 ), während die ihr jen- 
seits nahezu parallel streichende Sierra de las Estancias aus 
kambrischen Schichten aufgebaut ist, mit einem Reste triassischer 
am Rande des hier mit Diluvium gefüllten Bruches. Auf einer 
geologischen Grenze gelegen, müssen diese Einbruchskessel auch 
in der Geschichte des Andalusischen Faltensystems eine wichtige, 
noch näher festzustellende Rolle spielen, denn wie sie rein oro- 
graphisch das ganze System in ein inneres, vorwiegend aus altern 
Gesteinen und Formationen aufgebautes, die höchsten Ketten und 
Gipfel enthaltendes, wirkliches Hochgebirge mit wildern Formen 
und ein äußeres, nur aus mesozoischen und tertiären Schichten 
aufgebautes, mit weit niedrigem Ketten, scheiden, so bezeichnen 
sie zugleich auch eine auffällige Änderung der Richtung der 
Faltenzüge und, dadurch bedingt, der Gebirgsketten. Innerhalb 
dieses Gürtels von Längsbrüchen herrscht ziemlich genau west- 
östliche Richtung vor, landeinwärts desselben nahezu südwest- 
nordöstliche. Diese Unterschiede sind so auffällig, daß sie schon 
längst bemerkt und auch in der Namengebung zum Ausdruck 
gekommen sind. Botella 2 ), für welchen diese Richtungsänderung 
im Sinne des Elie de Beaumontschen Fentagonalsystems von 
größter Wichtigkeit war, unterschied so lediglich auf Grund der- 
selben alle Ketten von der Sierra Nevada bis zum Kap Palos 
als Penibätisches System von den Ketten von der Serrania de 
Ronda bis zum Kap San Antonio, die er als Bätisches System 
bezeichnet. Ihm folgt Macpherson 3 ), nur daß er richtiger die 
Gebirge bis zum Ozean zu letzterm rechnet und beide Systeme 
in der Serrania de Ronda, wo die Umbieg ung nach S eintritt, 
sich vereinigen läßt. Das Penibätische System läßt er das eine 
Mal in der Sierra de los Filabres beginnen, dehnt es aber rich- 
tiger ein andermal bis zur Provinz Cartagena, also wohl bis zum 



1) D. de Cortazar, „Resefia fisica y geolögica de la regiön norte de 
la prov. de Almeria" (Bol. Comision del Mapa geo'ögico de Espana 1875, 
Bd. II). Vgl. auch J. Macpherson, „Breve noticia acerca de la especial 
estructura de la Peninsula Iberica" (Anal. Soc. esp. de Hist. Nat., Madrid 
1879, T. VIH, S. 18). 

2) „Murcia", S. 2. 3) „Cadiz", S. 23. 

18* 



2i 6 rV» 6. Das Andalusische Faltenland. 

Kap Palos aus. Auch gebraucht er gelegentlich die Bezeichnung 
Bätische Kordillere für das ganze Andalusische Gebirge und 
schreibt derselben die Richtung O 2 8° N zu. Die französischen 
Geologen verstehen unter Bätischem System nur das südliche, 
aus altern Felsarten aufgebaute, das nördliche bezeichnen sie als 
Subbätisch. Ed. Sueß 1 ), der diese Forschungen noch nicht be- 
nutzt hat, versteht, wohl im Anschluß an Macpherson, unter der 
Bezeichnung Bätische Kordillere das ganze Andalusische Falten- 
land, von der Meerenge bis zum Kap Nao, unterscheidet aber 
ebenfalls den innern Schiefergürtel von dem äußern, aus meso- 
zoischen und eocänen Gesteinen bestehenden, stark gefalteten 
und von Verwerfungen vielfach durchschnittenen. Durch Sueß 
dürfte wohl bei den deutschen Geographen die Bezeichnung 
,,Bätisches Gebirge" am meisten eingebürgert sein. Da aber die 
amtliche Resena 2 ) unter dem Bätischen System, das sie auch als 
Marianisches (Sierra Morena) bezeichnet, den Südrand der Ibe- 
rischen Scholle versteht, die Gebirge von Hoch-Andalusien aber 
Penibätisches System nennt, die Sierra de Alcaräz, Sagra, de los 
Filabres etc. jedoch zum Iberischen rechnet, so sehen wir die 
tollste Verwirrung in der Namengebung vor uns, aus welcher 
herauszukommen wir vorschlagen, den so viel mißbrauchten, so 
weit hergeholten, noch dazu einem Flusse entnommenen Ausdruck 
„Bätisch" ganz fallen zu lassen und dafür die wohl überall sofort 
verständlichen Bezeichnungen Andalusisches Faltenland, 
Andalusisches Äquatorial-System und Andalusisches 
Diagonal-System einzuführen. 

Gemeinsam ist dem ganzen Andalusischen Faltenlande die 
größere Steilheit und Höhe der Ketten an der Mittelmeerseite, 
der Ab- und Einbruchsseite, von welcher der seitliche Druck her- 
kam — der Kamm der Sierra Nevada ist in der Luftlinie, ob- 
wohl ihr noch ein niedrigerer paralleler Zug, Sierra de Contra- 
viesa und Sierra de Gador, vorgelagert ist, nur 35 km vom 
Mittelmeer entfernt — , nach innen ist die Neigung der Schichten 
der immer jungem Formationen überall eine geringere, ja wir 
sahen schon, daß bei ganz flachlagernden Miocänschichten die 
Form der Hochfläche vielfach wiederkehrt. Dies schon im eigent- 



1) „Das Antlitz der Erde", Bd. I, S. 298 ff. Prag 1893. 

2) Vgl. S. 245, Anm. 1. 



Sein Ostende. Jüngere Durchbrüche. 2 77 

liehen Hoch-Andalusien, noch mehr aber in Murcia und Alicante. 
Dort erheben sich, schmalen Inseln ähnlich, die aus gefalteten, 
vielfach noch durch Längsbrüche zerstückten Schichten des Jura, 
der Kreide und des Eocän, hier und da auch der Trias, ge- 
bildeten Ketten, die alle SW — NO-Streichen haben, mit meist 
geringer relativer und absoluter Höhe über die einförmigen Hoch- 
flächen oder das flachwellige Hügelland des Jüngern marinen 
Tertiär. Dadurch sowohl wie durch die, selbst wo sie die Falten- 
züge queren, breit ausgewaschenen Flußtäler des Segura und 
Vinalapö wird dieser Teil des Andalusischen Faltenlandes in 
hohem Grade gangbar. Cartagena und Alicante sind daher 
wichtige und die am bequemsten erreichbaren Häfen von Kastilien, 
und es ist dies ganze Gebiet, das infolge seiner Dürre und bei 
dem Vorherrschen der nur magern, nicht selten salzhaltigen Boden 
liefernden Tertiärschichten mehr dem Hochlande ähnelt als den 
Randlandschaften , von jeher in den engsten Beziehungen zu 
jenen gewesen, auch x j± Jahrtausend früher wieder christlich ge- 
worden als Hoch-Andalusien. 

Jüngere Eruptivgesteine, die man an der innern Seite des 
einseitigen Gebirges erwarten wird, treten die Oberflächenformen 
beeinflussend nur am Kap Gata auf, wo sie ein eigenartiges 
kleines Gebirge bilden, das alle Erscheinungen in solcher Voll- 
ständigkeit aufweist, daß man es als das Modell eines vulkanischen 
Ausbruchs- und Aufschüttungsgebirges ansehen könnte 1 ). Von 
da finden sich meist niedere Hügel, im Mar Menor Inseln bildend, 
vereinzelt jung-eruptive Gesteine in einem 200 km langen Gürtel 
bis zum Kap Palos, weiterhin auch noch in der Provinz Murcia. 
Eine große Serpentinmasse ist entscheidend für die Oberflächen- 
gestaltung der Serrania de Ronda. Sie bildet gewissermaßen 
einen Wall des Hochlandes gegen das Meer 2 ). Zahlreiche Ophit- 
durchbrüche der Provinz Cadiz sind bodenplastisch bedeutungslos. 



1) A. Osann, „Über den geologischen Bau des Kap Gata" (Ztschr. f. 
d. Deutschen geolog. Gesellsch. 1891, S. 323 — 346 u. 688 — 722). Drei 
Kärtchen stellen die Verbreitung der verschiedenen Eruptivgesteine dar. 

2) Macpherson, „Serrania de Ronda" (vgl. Anm. 2, S. 273). Calderon 
y Arana, „Estudio petrogrdfico sobre las rocas vulcanicas del cabo de Gata 
y isla de Alboran" (Bol. Com. Mapa geol. de Esp. 1881, Bd. IX, S. 333). 



278 rV> 7« Die Guadalquivirbucht. 

7. Die Guadalquivirbucht. 

Die Guadalquivirbucht, Nieder- Andalusien, bezeichnet noch 
heute am deutlichsten den Verlauf jener rniocänen Meerenge 
zwischen Ozean und Mittelmeer, die erst gegen Ende der Tertiär- 
zeit im wesentlichen durch Hebung verlandet wurde. Sie er- 
scheint als ein sehr spitzes Dreieck, etwa mit der Grundlinie 
Cadiz-Guadianamündung und der Spitze bei Villacarillo. Nament- 
lich die nördliche Seite fällt sehr scharf mit dem Guadalquivir- 
bruch und bis Cantillana (oberhalb Sevilla), wo sich der Strom, 
von der Tiefe des Golfs von Cadiz angezogen, vom Rande der 
iberischen Scholle unter auffallender Richtungsänderung ablöst, 
mit dem Guadalquivirlaufe zusammen. Die Bucht ist also zum 
großen Teil mit rniocänen Ablagerungen gefüllt, erst unterhalb 
Sevilla tritt Pliocän auf, aber auch nur an den Rändern, am 
Strome selbst wird es durch einen breiten Gürtel diluvialer und 
alluvialer Gebilde bedeckt. Die Form der Ebene ist daher ledig- 
lich auf letztere, also etwa auf ein Dreieck, dessen Spitze etwas 
unterhalb Cantillana liegt und das wir, auch mit Rücksicht auf 
die Stromteilung, wohl als eine Deltabildung auffassen können, 
beschränkt. Noch in römischer Zeit lag nach dem Zeugnisse des 
Pomponius Mela (III, 5), eines gebornen Südspaniers, an Stelle 
der heutigen Marismas ein großes Haff, welchem der Guadal- 
quivir in zwei Armen entströmte. Nieder - Andalusien ist also 
überwiegend welliges Hügelland mit stromaufwärts deutlich aus- 
geprägten Höhenzügen, den sogenannten Lomas (de Chiclana, 
de Ubeda), und breiten, tief eingeschnittenen Tälern der Neben- 
flüsse des Guadalquivir und des Stromes selbst. Wo die Miocän- 
schichten aus Mergeln und Kalkstein bestehen, bieten sie guten 
Ackerboden (Campina de Cordoba) und tragen sie die ungeheuren 
Olivenhaine Nieder-Andalusiens, wo sie aber sandig und wasser- 
arm *), hier und da selbst noch salzhaltig sind, daher der Fluß- 
name Salado nicht weniger als siebenmal wiederkehrend, treten 
Ödländereien, ja Steppen auf, in einer Ausdehnung, die mit der 
Vorstellung, die man sich gewöhnlich von Andalusien macht, 
schwer zu vereinigen ist. 



1) L. Mallada, „Reconocimiento geolögico de la prov. de Jaen" (Bol. 
Com. Mapa geol. de Esp. 1884, Bd. XVI). 



V. Klimatologische Studien. 

i. Das Klima der Mittelmeerländer und seine 
Folge Wirkungen. *) 

Die Zahl der Deutschen, die, sei es zu ihrem Vergnügen, 
sei es zu ihrer Belehrung oder aus gesundheitlichen Gründen, 
die Mittelmeerländer, zu Lande oder zur See, bereisen oder am 
Ufer des Mittelmeeres längere oder kürzere Zeit Aufenthalt nehmen, 
wächst außerordentlich rasch. Und ebenso wächst, wie man aus 
verschiedenen Anzeichen schließen muß, die Zahl derjenigen All- 
gemeingebildeten, die sich nicht mit ihrem Reisehandbuche be- 
gnügen, sondern ihr Verständnis für diese Länder auch noch 
aus andern Quellen zu vertiefen und damit den Genuß der Reise 
zu erhöhen bemüht sind. Diesem Bedürfnis in bezug auf einige 
bisher weniger beachtete Fragen entgegenzukommen ist der Zweck 
dieses Aufsatzes. 

Das Klima der Mittelmeerländer, das ja zu den, den Nord- 
länder am meisten anziehenden Eigenschaften dieses Länder- 
gebietes gehört, wird gekennzeichnet durch die Milde des Winters 
bei nur mäßig gesteigerter Sommerwärme, wozu die das ganze 
Jahr, aber besonders im Sommer wegen der wunderbaren Mischung 
von Land und Meer, die diesen Erdgürtel ferner kennzeichnet, 
lebhaft bewegte Luft beiträgt, vor allem aber durch eine je weiter 
nach Süden um so schärfer hervortretende Scheidung des Jahres 
in eine Regenzeit und eine Trockenzeit. Die Regenzeit der 
Mittelmeerländer beginnt , wenn diese , entsprechend der Ver- 
schiebung des subtropischen Luftdrucks an der Ostseite des 
Atlantischen Ozeans nach dem scheinbaren Gange der Sonne 



i) Erschienen in der Deutschen Rundschau. 33. Jahrg. 1907. 



280 V, I. Das Klima der Mittelmeerländer und seine Folgewirkungen. 

äquatorwärts, in den Mitteleuropa das ganze Jahr kennzeichnen- 
den Gürtel veränderlicher Winde eintreten; sie endigt, wenn sie 
südlich von diesem Gürtel veränderlicher Winde liegen und mehr 
das Ausgangsgebiet von Luftströmungen, also vorzugsweise nörd- 
licher sind. Freilich, der Nordländer, der den Süden wegen der 
Milde des Winters aufsucht, macht sich nicht immer klar, daß 
er da zugleich in die Regenzeit hineinkommt, und empfindet da- 
her zuweilen eine gewisse Enttäuschung. Doch wird er bald fest- 
stellen, daß ein Regentag in den südlichen Mittelmeerländern, 
ja selbst noch an der Riviera, etwas andres bedeutet als in 
Mitteleuropa; denn der Satz, den Cicero nach seinen dort ge- 
machten Erfahrungen aussprach, in Sizilien herrsche nie so schlechtes 
Wetter, daß man nicht jeden Tag die Sonne sehe, war in der 
Tat eine nur sehr geringe Übertreibung. Vereinzelte, kurze, 
heftige Güsse, die oft große Niederschlagsmengen liefern, kenn- 
zeichnen die Winterregenzeit der Mittelmeerländer. Nach einem 
solchen Gusse bricht sofort die Sonne wieder durch. Der Wärme- 
gang sowohl in der täglichen wie in der jährlichen Periode ist 
zwar weit entfernt von der Gleichmäßigkeit des reinen See- oder 
des Äquatorialklimas, aber doch weit gleichmäßiger als in Mittel- 
europa, um so gleichmäßiger, je mehr die betreffende Örtlichkeit 
nach ihrer Lage dem Einflüsse des Mittelmeeres ausgesetzt ist. 
Dieser bewirkt, daß beispielsweise der Unterschied der Mittel- 
temperatur des wärmsten und des kühlsten Monats in Palermo 
nur 14,4, in Malta 14,0, in Alexandria 11,5° C beträgt, gegen 
19,3 in Frankfurt a. M., 20,2 in München. Dieser Gegensatz 
wird im allgemeinen unter festländischen Einflüssen von Süden 
nach Norden und von Westen nach Osten, ebenso von den 
Küsten ins Innere der Mittelmeer -Halbinseln größer. Aber das 
ganze Mittelmeergebiet nimmt an der thermischen Begünstigung 
Europas teil, am meisten im Winter; denn man kann sagen, daß 
das Mittelmeer, das — dank seiner Abgeschlossenheit gegen den 
Ozean durch die unterseeische Schwelle am äußeren Eingange 
der Straße von Gibraltar seine thermischen Verhältnisse selbst 
regelt und, abgesehen von einer nur etwa 350 m mächtigen Ober- 
flächenschicht, mit nach dem Stande der Sonne veränderlicher 
Temperatur, — einem gewaltigen Troge mit Wasser von etwa 
13 C gleicht, der als mäßige Warmwasserheizung wirkt. Auch 
in den größten Tiefen des Mittelmeeres, in der südwestpelopon- 



Winter und Winterregen der Mittelmeerländer. 28 I 

nesischen Tiefe, hat man bei 4400 m noch 13,5° C nachgewiesen. 
Daneben sendet aber auch die große Wüste als Herd einer aller- 
dings meist nicht angenehm empfundenen (Scirocco) Warmluft- 
heizung in vereinzelten Luftwirbeln große Massen meist staub- 
reicher, warmer Luft in das Mittelmeergebiet hinein, die sich 
örtlich, über Gebirgswälle herabsinkend, ähnlich dem Föhn unsrer 
Alpen, zu ungewöhnlichen Wärmegraden, noch in Palermo bis 
nahe an 50 C, zu erhitzen vermag. Obwohl die Niederschlags- 
mengen infolge der Mischung von warmen Meeresflächen und 
hohem Lande im allgemeinen größer sind als in Mitteleuropa, 
so ist bei der höheren Wärme die relative Feuchtigkeit und die 
Bewölkung doch weit geringer, die Heiterkeit des Himmels sehr 
viel größer. Tatsächlich verfügen die meisten Mittelmeerländer 
und namentlich die Ostseiten der Halbinseln, je weiter nach 
Süden um so mehr, wenn das dem gerade in der Regenzeit die- 
selben besuchenden Nordländer auch nicht gleich einleuchten 
will, über eine so große Zahl heiterer Tage, wie sie kaum in 
einer andern Erdgegend vorkommen dürfte. 

Diesen so skizzierten klimatischen Charakterzügen des Mittel- 
meergebietes entspricht nun eine ganze Reihe von Folgewirkungen 
verschiedener Art, die sich einmal vor Augen zu führen lohnend 
und für das Verständnis dieses so vielseitig anziehenden Länder- 
gürtels von Wert sein dürfte. 

Zunächst möge, ohne auf feinere physiologische Untersuchungen 
und Spekulationen einzugehen, auf gewisse offensichtliche Wirkungen 
des Klimas auf den Menschen hingewiesen werden. So ist es 
noch nicht lange her, ja in abgelegeneren Orten Italiens, Spaniens 
und anderwärts tritt uns das heute noch entgegen, daß der Nord- 
länder, ehe mit dem gesteigerten Reiseverkehr eigens für seine 
in der kurzen, winterlichen Regenzeit hervortretenden Bedürfnisse 
gebaut wurde, die steinernen Fußböden in den steinernen Häusern 
schmerzlich empfand. Die Häuser sind eben vorzugsweise der 
Sommerwärme angepaßt, die abzuhalten in Nordafrika meist die 
engen Gassen nicht nur mit Weinranken oder Segeltuch über- 
spannt, sondern sogar hier und da tunnelähnlich überwölbt sind. 
Im Winter schützt man sich durch Pelzwerk und dicke Kleidung, 
wohl auch durch das gefährliche Kohlenbecken, oder man sucht 
die Sonnenseite der Straßen auf. So kann man vielfach, nament- 
lich nach Regenwetter, die Bewohner sich sonnen sehen, und in 



2 82 V, i. Das Klima der Mittelmeerländer und seine Folgewirkungen. 

Andalusien spricht man ebenso von tomar el sol (wörtlich: Sonne 
nehmen), wie man von tomar tabaco oder tomar chocolate (eine 
Schokolade nehmen) spricht. Fast das ganze Leben der Mittel- 
meervölker spielt sich im Freien ab und bewahrt den Menschen 
vor den üblen Folgen des Lebens in eingeschlossener, vielfach 
verdorbener Luft. Wie viel geringer sind die Anforderungen an 
Wohnung, Kleidung und Nahrung! 

Eine weitere Folgewirkung des Mediterranklimas liegt darin, 
daß der Mensch durch den Wechsel einer niederschlagsreichen 
und niederschlagsarmen Jahreszeit förmlich auf die Aufspeiche- 
rung von Wasser zunächst für sich und sein Vieh, weiterhin aber 
auch für seine, ihm selbst und seinem Vieh Nahrung bietenden 
Pflanzen, also zur künstlichen Berieselung während des 
trockenen aber warmen Sommers angeleitet wird, der dann die 
Pflanzen um so besser gedeihen macht. Der Anbau des Bodens 
steht daher im Mittelmeergebiet unter ganz anderen Bedingungen 
wie in Mittel -Europa. Ohne künstliche Berieselung können nur 
Gewächse gezogen werden, denen, wie z. B. der Weizen, die 
niedrige Temperatur der Regenzeit noch genügt. 

Es gibt im Mittelmeergebiete ganze Landschaften von größter 
Fruchtbarkeit des Bodens, die nur für Nomaden und nur während 
der Regenzeit bewohnbar waren. War diese vorüber, so wurde der 
Wassermangel bald so groß, daß auch sie abziehen mußten. In 
diesen Landschaften hat offenbar das Vorhandensein natürlicher 
Wasserlöcher in Felsbecken den Menschen dazu geführt, diese künst- 
lich zu vermehren, zu vergrößern, sie mit zugeleitetem Wasser zu 
füllen, und ihm so die Möglichkeit zu schaffen, sich dauernd nieder- 
zulassen. Dies gilt vor allem von der Landschaft En Nukra im 
nordöstlichen Palästina, die, obwohl ihr rotbrauner, tiefgründiger 
Boden, ein vulkanischer Zersetzungsstoff, die reichsten Ernten 
wundervollen Weizens mit Hilfe der Winterregen hervorzubringen 
vermag, nur durch künstliche Aufspeicherung des Wassers dauernd 
bewohnbar war. Und so war es mehr oder weniger für einen 
großen Teil von Palästina. Jerusalem selber war ja im wesent- 
lichen auf die Zisternen, deren jedes Haus eine besaß und be- 
sitzt, und die großen in der Bibel so oft genannten Teiche an- 
gewiesen, die mit Regenwasser gefüllt wurden. So litten während 
der vielen Belagerungen wohl die Belagerer, nicht aber die Be- 
lagerten an Wassermangel. 



Bedeutung künstlicher Bewässerung. 28 3 

Auch in Italien gibt es Gegenden, wo die Bevölkerung allein 
auf das in Zisternen künstlich aufgespeicherte Wasser angewiesen 
ist. Nahezu % Mill. Menschen, namentlich in Apulien, haben 
nur solches, und da es in ungenügender Menge vorhanden und 
häufig verunreinigt ist, so sind Typhus und andere Erscheinungen 
dort an der Tagesordnung. 

Ähnlich war in einem großen Teile von Tunesien, wo in 
den glücklichen Zeiten, deren sich dies Land in den ersten 
christlichen Jahrhunderten als Zubehör des römischen Kaiser- 
reiches erfreute, ein großer Teil seiner dichten Bevölkerung, da 
es nur wenige Quellen dort gibt und die Flüsse nur zeitweilig 
Wasser führen, auf künstliche Aufspeicherung der winterlichen 
Regenmengen angewiesen. Nur dadurch war eine solche Boden- 
verwertung und Verdichtung der Bevölkerung möglich. Reste 
dieser Anlagen, zum Teil so wohl erhalten, daß die gute fran- 
zösische Verwaltung sie ohne große Kosten hat wieder herstellen 
können, finden sich noch allenthalben. Aber alle Kunst ver- 
mochte nur Wasser für Menschen und Tiere aufzuspeichern, nicht 
auch, oder nur ganz ausnahmsweise, für künstliche Berieselung 
des Landes, obwohl man vielfach Wasserbehälter von großen 
Ausmessungen findet. Brunnen waren nur ausnahmsweise möglich. 
Es gab ansehnliche Städte, die nur von der Aufspeicherung der 
Winterregen lebten, die auf die kahlen Berge der Umgebung 
fielen. Diese waren künstlich mit zementierten Rinnen überzogen, 
die alles Regenwasser in Zisternen leiteten. 

Während die Franzosen in Algerien, wohl nach spanischen 
Mustern, wahre Seen hinter mächtigen Staudämmen aufstauten, 
die schon wiederholt bei den gewaltigen Regenmengen, die zu- 
weilen in den südlichen Mittelmeerländern plötzlich herabstürzen, 
weggerissen worden sind, so daß unsägliches Unheil angerichtet 
worden ist, legten die Römer zahlreiche kleine Stauwerke an, 
meist vom Ursprung der Bäche und Flüsse an, was zur Folge hatte, 
daß sich nicht nur der Wasserdruck verteilte, ein Becken sich 
nach dem andern füllte, sondern auch der Humus aufgespeichert 
wurde und einzelne dieser Becken angebaut werden konnten. 

Auch im Atlas -Vorlande von Marokko, namentlich in den 
durch eine Decke fruchtbarster Schwarzerde ausgezeichneten Ge- 
bieten der Abda und Dukkala, wo Brunnenbohrungen sehr schwierig 
und kostspielig sind, häufig auch kaum genießbares Wasser liefern, 



284 V, I. Das Klima der Mittelmeerländer und seine Folgewirkungen. 

Quellen und Flüsse weithin völlig fehlen, konnte ich feststellen, 
daß diese Gegenden trotz ihrer Fruchtbarkeit erst durch künst- 
liche Aufspeicherung der Winterregen dauernd bewohnbar ge- 
worden sind. Dort wurde der Mensch auch wohl zu diesem Ver- 
fahren angeleitet dadurch, daß sich auf der ihrer Entstehung 
nach noch zu schildernden Kalkkruste in Vertiefungen das Regen- 
wasser längere Zeit hielt. Man hat dort in großer Zahl offene, 
meist kreisrunde Teiche angelegt, die von flachen Wällen des 
ausgehobenen Bodens umgeben sind. Dagegen sammelt man auf 
der Hochebene von Marrakesch, offenbar weil die vom Atlas herab- 
kommenden Flüsse, wenigstens die kleineren nach der Schnee- 
schmelze versiegen bzw. ihr Wasser in den Geröllfeldern versinkt, 
das Grundwasser der Geröllfelder in außerordentlich geschickt 
angelegten unterirdischen Sammelkanälen, den sog. Chattaras, die 
schließlich als Bäche an die Oberfläche treten. 

Künstliche Berieselung ist in den Mittelmeerländern gewiß, 
wenn auch nur im kleinen, uralt. Schon in den homerischen 
Dichtungen werden künstlich bewässerte Gärten erwähnt. Wenn 
es auch denkbar ist, daß die Mittelmeervölker künstliche Beriese- 
lung von Ägypten und Mesopotamien her über Syrien kennen 
gelernt haben, notwendig ist das nicht. Die erziehende, kultur- 
fördernde Wirkung der künstlichen Berieselung kann nicht gut 
überschätzt werden. Sie sichert und erhöht die Ernte, sie zwingt 
die Menschen bald, sich zu Genossenschaften zusammen zu tun, 
um Rieselwasser im großen zu sichern und weiter zu leiten, sie 
zeitigt ein besonderes Wasserrecht, sie zwingt, um die Kosten 
der Wasseranlagen zu decken, zum Anbau reicher lohnender Ge- 
wächse, die, wenn sie dauernde Wasserzufuhr bei hoher Wärme 
bedürfen, eben nur unter künstlicher Bewässerung gezogen werden 
können und oft aus den entferntesten Erdgegenden herbeigeholt 
worden sind, wie schon im Mittelalter Zuckerrohr und Baumwolle. 
Vor allem aber erfordert Baumzucht meist dauernde Wasser- 
zufuhr. Wenigstens die Zucht der am reichsten lohnenden, aus 
dem regenreichen südostasiatischen Monsungebiete stammenden 
Aurantiaceen ist nur unter künstlicher Berieselung möglich. Der 
gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in den kleinen Küsten- 
ebenen der andalusischen Südküste reichen Ertrag gebende Zucker- 
rohrbau hat großartige Wasseranlagen möglich gemacht. Der 
Charakter ganzer Landschaften wird unter künstlicher Berieselung 



Künstliche Bewässerung in Marokko. 285 

ein anderer. Der Wert und der Ertrag des Bodens steigern sich 
außerordentlich. In Sizilien bringt bewässerter Boden 20 fachen, 
in der Huerta von Murcia bis 3 7 fachen Ertrag und in der süd- 
lichen Huerta von Valencia ist schon ein Hektar bewässerbarer 
Apfelsinenhain mit 30 000 Franken bezahlt worden. Ja selbst 
an sich minderwertige Gewächse können unter künstlicher Be- 
rieselung reichen Ertrag geben. So die Luzerne- und Kleefelder 
der Lombardei, die ausnahmsweise bis achtmal im Jahre ge- 
schnitten werden können, ja einige Lombarden, die sich in der 
römischen Campagna angesiedelt haben und mit Hilfe von Riesel- 
wiesen Rom mit Milch und Butter versehen, erzielen bis zu zehn 
Schnitte im Jahre. Auf solchen Rieselwiesen beruht im wesent- 
lichen die hochgestiegene und ungeheure Mengen von Butter und 
Käse (Gorgonzola, Strachino, Parmesan usw.) liefernde Viehzucht 
der niederen Lombardei. Man berechnet die jetzt in Italien 
künstlich berieselte Fläche auf 16 700 qkm, zu denen in Zukunft 
weitere als berieselbar erwiesene 1 4 000 qkm hinzukommen werden. 
Italien würde dann also eine Fläche künstlich berieselten Bodens 
etwa von der Größe der Provinz Pommern haben. Nehmen wir 
nun den Ertrag dieses Riese! landes im Mittel um zehnmal größer an 
(wohl zu hoch), so würde das also einer Vergrößerung des Landes 
um zehn Provinzen wie Pommern entsprechen. Der so viel größere 
Ertrag findet aber auch einen Ausdruck in der viel dichteren 
Bevölkerung, die, auf kleine Fläche zusammengedrängt, eine ganz 
andere Bedeutung hat als die gleiche Menschenzahl, die über 
einen weiten Raum verstreut ist. An der Nord- und Ostküste 
Siziliens, die einem fast ununterbrochenen Fruchthaine mit künst- 
licher Berieselung gleicht, in dem bei Palermo eine Quelle, die 
nur 1 1 Wasser in der Sekunde gibt, einer jährlichen Rente von 
3000 Franken entspricht, drängen sich die Menschen, obwohl 
sie fast ausschließlich auf die Bodenverwertung angewiesen sind, 
derartig, daß in dem Küstengürtel von o — 50 m Höhe 1003 Köpfe 
(allerdings wegen Palermo) auf 1 qkm kommen. Ähnlich ist es 
in den Huertas von Spanien. In der größten, der von Valencia, 
wohnen 200 Menschen auf 1 qkm, in dem sich darüber erheben- 
den Hügellande von Teruel dagegen nur 17. 

Auf künstliche Aufspeicherung der winterlichen Regenmengen 
weisen vor allem auch die durch die sommerliche Trockenheit 
bedingten Gegensätze der Wasserführung der Flüsse und Bäche 



286 V, I. Das Klima der Mittelmeerländer und seine Folgewirkungen. 

hin, die so groß sind, daß nur eine nach Süden hin immer kleiner 
werdende Minderzahl derselben dauernd Wasser führt. Das Fluß- 
netz der Mittelmeerländer, wie es meist auf unsern Karten dar- 
gestellt wird, muß daher bei dem Nichtkundigen falsche Vor- 
stellungen hervorrufen. Es müßten Dauerflüsse von nur zeitweilig 
fließenden durch besondere Zeichen unterschieden werden, wie 
das Volk schon in Italien einen Torrente oder eine Fiumara (in 
Kalabrien und Sizilien) von einem Fiume, in Spanien eine Rambla 
von einem Rio, in Nordafrika einen Wadi von einem Wed unter- 
scheidet. Führen doch an der 250 km langen Küste von 
Palästina von den zahlreichen, aus dem Westjordan -Hochlande 
herabkommenden Flüssen, von starken Quellen am Fuße des 
Hochlandes gespeist, nur zehn dauernd Wasser, aber auch nur 
in der Küstenebene. Allerdings hat der Boden, sein Pflanzen- 
kleid und seine Verwitterungs- und Humusdecke auf die Wasser- 
stände der Flüsse einen großen Einfluß. Denn auch diese zehn 
würden Gießbäche sein, wenn sie eben nicht ein Gebiet mit 
durchlässigem Gestein (Kalkfels) entwässerten, in dem sich die 
durch Poren, Spalten, Klüfte rasch in die Tiefe sinkenden Meteor- 
wasser zu unterirdischen Wasseradern, zuweilen wahren unter- 
irdischen Flüssen sammeln, die dann auf undurchlässigen Schichten 
an geeigneten Stellen zutage treten. Es ist daher bedeutungsvoll, 
daß die Gestadeländer des Mittelmeeres in großer Ausdehnung 
aus Kalkgebirgen bestehen, die, wenn auch nicht zahlreichen, so 
doch starken Quellen Ursprung geben, welche vielfach geradezu 
als zutage tretende unterirdische Flüsse oder als unterirdische 
Abflüsse von Karstseen anzusehen sind. Solche Quellen sind 
meist von großer Bedeutung, an ihnen siedelt sich der Mensch 
an, sie ermöglichen ihm durch Berieselung dem Boden höchste 
Erträge abzugewinnen. Daher hat man überall eigene, fast überall 
das Gleiche bedeutende Namen für solche Quellen: Ras el Arn 
in Syrien, Kephalari in Griechenland, Capo d'acqua in Italien, 
Nacimiento in Spanien. Freilich tragen diese Kalkgebiete überall 
den Charakter der Karstländer: Palästina, der Südrand Klein- 
asiens, der ganze Westrand der südosteuropäischen Halbinsel, 
Apulien usw. Das obere Tibergebiet gibt uns ein lehrreiches 
Beispiel für den Einfluß des Bodens auf die Wasserstände der 
Flüsse. Der obere Tiber entwässert ein fast durchweg aus un- 
durchlässigen Felsarten aufgebautes Gebiet, und der Fluß schwillt 



Dauer- und zeitweilige Flüsse. 287 

daher nach heftigem Regen oder rascher Schneeschmelze im 
Apennin gewaltig an, während er in der Trockenzeit zu einem 
dünnen Wasserfaden herabsinkt, der bei tiefstem Stande nur 
5 cbm Wasser führt. Dagegen sammelt der erste größere Neben- 
fluß des Tiber, die Nera, ihre Gewässer in einem an mächtigen 
Kalkstöcken reichen Gebiete der Apenninen und wird daher vor- 
zugsweise von starken Quellen genährt. Sie hat daher im Mittel 
eine Wasserführung von 100 cbm in der Sekunde und selbst bei 
niedrigstem Stande noch 68 cbm. Es leuchtet ein , daß der 
Kulturwert beider Flüsse völlig verschieden ist. Am Tiber würden 
gewerbliche und Bewässerungsanlagen in der einen Zeit weg- 
gerissen, in der andern ohne Wasser sein, während an der Nera 
das ganze Jahr die gleichen Wassermengen als Triebkraft und 
zu Bewässerungen zur Verfügung stehen. So führen die meisten 
Flüsse des hybläischen Berglandes in Südost-Sizilien, obwohl dies 
der niederschlagsärmste Teil der Insel ist, dauernd Wasser, weil 
sie in dem aus Kalkfels und vulkanischem Gestein aufgebauten 
Lande von Quellen genährt werden, während im niederschlags- 
reicheren peloritanischen Gebirge der Nordostecke der Insel den 
undurchlässigen Felsarten, besonders Gneisen, Fiumare entsprechen, 
die zu den wildesten gehören, die man kennt. Ähnlich ist es 
in den Atlasländern, wo man die wirklichen Flüsse leicht zählen 
kann — in Tunesien gibt es tatsächlich nur zwei — und der 
größte Fluß Algeriens, der Schelif, bei niedrigstem Stande nur 
3 — 5 cbm, bei höchstem 1400 cbm in der Sekunde wälzt. Die 
Schiffbarkeit der Mittelmeerflüsse und überhaupt ihr Kulturwert, 
wo sie nicht zu künstlicher Berieselung verwendet werden können, 
ist daher sehr gering. Von Binnenschiffahrt, die doch im übrigen 
Europa eine so große Rolle spielt und beispielsweise die groß- 
gewerbliche Entwicklung des Deutschen Reichs in so hohem 
Grade gefördert hat, ist im mediterranen Europa kaum die Rede. 
Ja, die Mittelmeerflüsse sind vielfach schwere Verkehrshindernisse, 
die zu überwinden allen Scharfsinn der Wegebaumeister und 
große Kosten erfordert. Die beiden wichtigen Küstenbahnen 
Kalabriens haben eine große Zahl von fast immer trocken da- 
liegenden Fiumaren in mächtigen, langen Brücken überschreiten 
müssen, die doch noch häufig zerstört werden, wenn sich die 
Geröllmassen, die diese plötzlich dahertobenden Ungeheuer mit 
sich schieben, vor den Brückenbögen stauen. In besonderen 



288 V, I. Das Klima der Mittelmeerländer und seine Folgewirkungen. 

Fällen zieht man es vor, die Gießbäche in breiten Brücken über 
die Eisenbahnen hinwegschießen zu lassen. In Spanien ist man 
bei Straßenbauten auf den billigeren Ausweg verfallen, daß man 
das Bett der Gießbäche, dort wo die Straße sie zu überschreiten 
hat, in breitem, flachem, aber stark geneigtem Bett abpflastert. 
Dann schießen die Wasser- und Gerölimassen rasch zu Tal, so 
daß man, auch wenn die Gießbäche angeschwollen sind, durch 
sie hindurchfahren kann. Aber selbst diese Anlagen werden noch 
zuweilen zerstört, wenn auch nicht so oft wie Brücken, die man 
bei Dauerflüssen doch nicht entbehren kann. Wenn der Reisende 
daher in Spanien oft gewaltige Brücken in hohen Bögen über 
armselige Wässerchen gespannt sieht, so würde er das in diesem 
Falle mit Unrecht spanischer Prunksucht zuschreiben. 

Anderwärts haben die Mittelmeerflüsse, da in dem trockenen 
Klima die Tiefenerosion rascher arbeitet, wie die allgemeine Ab- 
tragung des Landes tiefe canonartige Schluchten gebildet, und 
fließen sie daher tief unter der Landoberfläche, so daß sie schwer 
zu überschreiten und schwer zu Berieselungszwecken zu ver- 
wenden sind. So besonders auf dem iberischen Tafellande und 
dem ihm so ähnlichen Atlasvorlande von Marokko, aber auch 
auf der südosteuropäischen Halbinsel und anderwärts. Während 
der Trockenzeit lösen sich viele Flüsse, indem sie zu fließen 
aufhören, in Tümpel auf oder erzeugen Sümpfe, die Brutstätten 
von Stechmücken. 

Sehr groß ist die geomorphologische Bedeutung des Medi- 
terranklimas. Es beeinflußt die Oberflächenformen, den Land- 
schaftscharakter und bewirkt vor allem, daß die Abtragung des 
Landes, die Einebnung der Gebirge und dementsprechend auch 
die Zurückdrängung des Meeres durch neu angeküstetes Land 
rascher vor sich geht als vielleicht irgendwo auf der Erde. Selbst- 
verständlich wird der petrographische Aufbau des Landes diese 
klimatischen Einflüsse bald fördern, bald verlangsamen. Auch 
der Mensch wird durch Eingriffe in die Natur, z. B. durch Wald- 
verwüstung, diese klimatisch bedingten Gefahren noch erhöhen. 
Am raschesten dürfte sich die Abtragung vollziehen in Gebieten 
von leicht zerstörbarem Gestein, namentlich in tonigem Gelände. 
Während des langen Sommers trocknet der Boden aus, reißt in 
Spalten auf, die den plötzlich und in gewaltigen Güssen ein- 
setzenden Winterregen willkommene Angriffslinien bieten. Ganze 



Flüsse im Mittelmeerklima. 



:8g 



Landschaften werden dann in kurzer Zeit von tiefen Schrunden 
zergliedert, ganze Hänge setzen sich in Bewegung, die Täler 
werden aufgehöht und gleichen trägen Schlammströmen, Flächen, 
die noch von Bäumen besetzt sind, deren Laub die Regenwasser 
aufhält, auch den Boden vor zu großer Austrocknung schützt, 
deren Wurzeln den Boden festhalten, werden in kurzer Zeit zu 
Hügeln herauspräpariert. In Toskana gibt es Gegenden, deren 
Oberfläche sich infolgedessen so rasch verändert, daß man alle 
zehn bis zwanzig Jahre die Feldgrenzen neu festlegen muß. Da 
ein großer Teil der Apenninen, die man irrtümlich häufig als 
ein Kalkgebirge bezeichnet, aus tertiären Tonen aufgebaut ist, 
namentlich in dem Außengürtel, von Piemont bis nach Sizilien: 
so sind dort derartige Veränderungen, wahre Gleiterscheinungen 
und Bergschlipfe, im Winter nach dem Einsetzen des Regens 
außerordentlich häufig. Nicht allein, daß die Schaffung und Er- 
haltung von Verkehrswegen dadurch sehr erschwert und verteuert 
wird, nicht allein, daß die Eisenbahnen häufig zerstört werden, 
indem der ganze Bahnkörper mit den Hängen ins Gleiten kommt 
und man dann neben einer noch benutzbaren Linie hier und da 
ein paar zerstörte sieht — nein, auch viele Siedelungen sind 
beständig bedroht, und kein Winter vergeht, in dem nicht die 
eine oder die andere ganz oder teilweise zerstört wird und 
Menschenleben verloren gehen. Diese durch Boden und Klima 
bedingten Gleiterscheinungen (Frane) gehören geradezu neben 
dem Erdbeben und der Malaria zu den Landplagen Italiens. 
Die besonders heftig einsetzenden Herbstregen des Jahres 1896, 
um nur ein Beispiel anzuführen, bewirkten derartige Gleiterschei- 
nungen, daß das ganze Dorf Sant' Anna de Pieve Pelago in der 
Landschaft Frignano des Apennin dell' Emilia, 1 1 8 Häuser und 
60 Ställe, zerstört wurden. Die Quellen verschwanden, Gießbäche 
wurden abgelenkt und die Staatsstraße zerstört. Die uralte 
Etruskerstadt Volterra, die auf einer Felsplatte inmitten solch 
gleitenden Geländes liegt, ist in langsamer Zerstörung begriffen. 
Sehr übel treten diese Erscheinungen auch im obersten Tiber- 
gebiet hervor. Dort bildete sich 1 km südlich von Pieve St. Stefano 
am 17. Februar 1855 dadurch, daß ein Berghang ins Tal hinab- 
glitt und den Fluß abdämmte, ein 60 m tiefer See, der das 
Städtchen unter Wasser setzte und den Boden so mit Schlamm 
aufhöhte, daß man die Erdgeschosse der Häuser dauernd, auch 

Fischer, Mittelmeerbilder. Neue Folge. 19 



2QO V, I. Das Klima der Mittelmeerländer und seine Folgewirkungen. 

nachdem der See sich bald wieder geleert hatte, in Keller ver- 
wandeln mußte. Frisch gepflügtes Ackerland pflegt so im Oktober 
und November großer Mengen des besten Bodens beraubt zu 
werden. 

Dementsprechend ist natürlich die Geröll- und Schlamm- 
führung der Flüsse eine ungeheure. Sie hat hier und da eine 
Schätzung der Abtragung der betreffenden Flußgebiete erlaubt. 
Alle vorliegenden Schätzungen scheinen ihrerseits zu bestätigen, 
daß die Abtragung sehr rasch vor sich geht, rascher als wohl 
irgendwo auf der Erde. Von dem kleinen, aber außerordentlich 
geröllreichen geschichtlichen Grenzflusse zwischen Frankreich und 
Italien, dem Var, nimmt man an, daß er jährlich 12 Mill. cbm 
Geröll und Schlamm ins Meer schiebt, vierzigmal so viel als der 
Rhein bei Germersheim vorbeiführt, und daß er demnach sein 
Einzugsgebiet in nur 310 Jahren um 1 m erniedrige. Mag das 
vielleicht auch eine zu hohe Schätzung sein, so hat man doch 
auch für das Einzugsgebiet des Po die Abtragung um 1 m in 
2400 Jahren und seine Sinkstofführung auf 46 Mill. cbm ge- 
schätzt. Für den Tiber liegt eine neue, auf gute Beobachtungen 
gestützte Berechnung vor, nach der sein Stromgebiet in 3758 
Jahren um 1 m erniedrigt wird. Das sind alles Werte, denen 
nur wenige Stromgebiete gleichkommen. Schon die Namen vieler 
Mittelmeerflüsse deuten auf ihre reiche Sinkstofführung hin. So 
werden viele danach als Weißwasser bezeichnet: Aspropotamo, 
Aksu, Guadalaviar, Argens, wie auch der Tiber bei den Römern 
stets als flavus Tiberis bezeichnet wird. Beim toskanischen 
Ombrone, der vorzugsweise ein toniges Gebiet entwässert, steigt 
neuerdings die Schlammführung gelegentlich auf 8 °/ , während 
der gerade nach seiner reichen Sinkstofführung benannte Hoangho 
nur 0,5 % Sinkstoffe führt. Bei vielen Mittelmeerflüssen ist auch 
das Meer weithin durch sie getrübt, wie schon Herodot angibt, 
daß die griechischen Seefahrer annahmen, sie befänden sich noch 
eine Tagesfahrt von der ägyptischen Küste, wenn sie das durch 
den Nil getrübte Wasser erreicht hatten. So sah ich den durch 
die Frühlingsregen geschwellten Sebau, den Hauptfluß der großen 
Kabylei in Algerien, licht gefärbte Wassermassen ins Mittelmeer 
wälzen, die aber sofort von der Küstenströmung nach Osten ab- 
gelenkt wurden. Die Deltabildung fast aller Gewässer der Mittel- 
meerländer hängt mit dieser reichen Sinkstofführung zusammen, 



Schlammführung der Flüsse. 2QI 

ist also auch mittelbar eine Folgewirkung des Mittelmeerklimas. 
Kann man doch annehmen, daß die Landfläche Italiens jetzt 
sich jährlich um i — 1% qkm in dieser Weise vergrößert. An 
der Arno- und Serchiomündung wird das angeschwemmte Land 
von Zeit zu Zeit vom Staat veräußert. Für Frankreich hat man 
den Wert der so dem Lande durch die Flüsse entzogenen Fest- 
stoffe auf 30 Mill. Franken jährlich geschätzt. 

In Italien wendet man jetzt ein Verfahren an, einen Teil 
dieser Feststoffe im Innern des Landes künstlich zur Ablagerung 
zu bringen, also ähnlich wie in Ägypten, nur gilt es hier in erster 
Linie der Bekämpfung der Malaria. Es ist das sogenannte Col- 
mata- System, das darin besteht, daß man das sinkstoffreiche 
Wasser in künstliche Becken leitet und es dort seine Flußtrübe 
ablagern läßt. Diese gibt in der Ebene von Grosseto aus dem 
Ombrone auf je 7 m Wasser Y 2 m Schlamm. Durch derartige 
künstliche Ablagerung und Aufhöhung des Bodens mit etwa 
130 Millionen cbm hat man dort eine Fläche von 120 qkm trocken 
und gesund gemacht. Die großartigste Leistung Italiens in dieser 
Hinsicht ist wohl die Aufhöhung einer 200 qkm großen Fläche 
im toskanischen Chiana- Tale um 2 — 5 m, wodurch eine neue 
Wasserscheide zwischen Tiber und Arno geschaffen, den vorher 
stagnierenden Gewässern Gefäll verliehen und dadurch das früher 
malariaverpestete Chiana -Tal gesund geworden ist. Viel älter 
aber ist ein anderes Verfahren, die Davonführung der fruchtbaren 
Verwitterungsdecke durch Wind und Regen zu verhindern und 
selbst steil geneigte Hänge dem Anbau zu gewinnen: die Terras- 
sierungen. Bei der im allgemeinen, aber namentlich einen großen 
Teil des Jahres herrschenden Trockenheit geht die Verwitterung 
des Felsbodens viel langsamer vor sich, namentlich die chemische. 
Die Regen leisten viel mechanische, aber wenig chemische Arbeit. 
Der Pflanzenwuchs wirkt nur wenig zersetzend. Mehr tragen die 
starken Temperaturschwankungen zur Lockerung des Gefüges der 
Felsen bei. Und die sich bildende Verwitterungsdecke wird 
durch keine Rasennarbe, ja überhaupt kaum durch Vegetation 
geschützt, in der Trockenzeit vom Wind, in der Regenzeit von 
den heftigen Güssen davongetragen. Das Fehlen einer Humus- 
decke ist daher charakteristisch besonders für die südlichen 
Mittelmeerländer, in erster Linie die Kalkgebiete, die daher, 
wie Griechenland und Palästina den Eindruck wahrer Felsland- 

19* 



2Q2 V, i. Das Klima der Mittelmeerländer und seine Folgewirkungen. 

Schäften machen. Aber auch dieser Umstand wirkte, wenn erst 
eine gewisse Kulturhöhe erreicht war, kulturfördernd: er spornte 
an, die kostbare, im Laufe langer Zeiträume gebildete Verwitte- 
rungsdecke künstlich zurückzuhalten. So sammelte man die Fels- 
brocken zu schützenden Wällen und Stützmauern und wandelte 
die geneigten Hänge in Terrassen um, wie wir sie noch heute im 
Libanon und in einzelnen Gegenden Italiens sehen, wie sie aber 
nach den vorhandenen Spuren zu schließen besonders in Palä- 
stina allgemein waren. Es ist bewundernswert, was viele Genera- 
tionen an derartigen Kulturarbeiten in den Mittelmeerländern ge- 
leistet haben. 

Da es im Mittelmeergebiet auch abflußlose Gebiete gibt, so 
sind diese gleichfalls, wie in anderen Erdgegenden Gebiete natür- 
licher Aufhöhung des Landes und natürlicher Umgestaltung der 
Oberfläche. Am meisten gilt dies von dem Steppenhochlande 
von Algerien, in dem zahlreiche Flüsse des Sahara- Atlas und 
auch einige des Teil- und marokkanischen Atlas ihr Ende finden 
und den Boden mit ihren Geröll- und Sinkstoffmengen aufhöhen. 
Dadurch zerfällt dies Hochland heute in zahlreiche Einzelbecken, 
deren tiefste Stellen meist von flachen, im Sommer vielfach ganz ver- 
dunstenden Salzseen eingenommen sind. Kahle felsige Bergketten 
ragen noch aus den mächtig aufgehöhten Schuttmassen auf. Doch 
beginnt diese Aufhöhung schon um die Mitte der Tertiärzeit. Sie 
dauert aber noch heute an, und neben dem rinnenden Wasser wirkt 
hier bereits während der Trockenzeit der Wind als Bildner der 
Erdoberfläche. Auch im südöstlichen Tunesien gibt es solche ab- 
flußlose Becken, und selbst im Atlasvorlande von Marokko sah 
ich Gießbäche von der oberen Stufe herabkommen, die, ohne 
das Meer oder einen der größeren Flüsse erreichen zu können, 
ermattend und versiegend ihre Sinkstoffe auf der unteren fallen 
lassen. Auch in Spanien kommt dies im kleinen vor, im größeren 
Maßstabe wieder im Innern von Kleinasien. 

Eine, wie in neuerer Zeit vielfach beobachtet worden ist, 
außerordentlich rasche Abtragung des Landes findet, allerdings 
unter Mitwirkung des Menschen, der die Wälder verwüstet, in 
den sehr ausgedehnten Kalkgebieten der Mittelmeerländer statt, 
eine Erscheinung, die man mit der Bezeichnung Verkarstung am 
besten kennzeichnet. Je reiner der Kalkfels ist, in um so 
höherem Maße unterliegt er der völligen chemischen Verwitterung, 



Abtragung des Landes. 



2 93 



um so geringer ist der unlösliche Rückstand roter eisenhaltiger 
Tonerde. Werden nun die Wälder, die auch diese Kalkgebirge 
bedecken und bedeckten, verwüstet, so wird in kurzer Zeit die 
in langen Zeiträumen gebildete Verwitterungsschicht abgeschwemmt, 
und der kahle Fels tritt zutage, der sehr bald eine grauliche, 
weißliche Färbung annimmt und seinerseits der chemischen Ver- 
witterung nun um so rascher unterliegt, so daß sich bald Karren- 
felder bilden und die ganze Landschaft einer öden Felswüste 
gleicht, ohne Wasser, da dieses rasch in die Tiefe sinkt, ohne 
Pflanzenkleid. Gibt es doch im Karstlande Montenegro Gegenden, 
die eine Niederschlagshöhe von 4 m haben, die höchste in 
Europa vorkommende, und wo die Hirten, die im Sommer hier 
ihre Herden weiden, auf die erhaltenen und künstlich geschützten 
Schneeanhäufungen als einziges Trinkwasser angewiesen sind! 
Auch in Mitteleuropa gibt es Kalkgebiete, die unvorsichtiger- 
weise entwaldet worden sind, aber von der furchtbaren Öde der 
Karstlandschaften, die das Mittelmeerklima schafft, geben sie keine 
Vorstellung. Doch trägt zur Verödung, neben den heftigen 
Herbst- und Winterregen, auch der trockene Sommer und der 
Wind, vor allem in Dalmatien die Bora bei, die allen gelockerten 
Boden davonführt. Auch die Zucht von Ziegen und Schafen, 
die das Pflanzenkleid noch weiter zerstören und den Boden 
lockern, kommt hinzu. 

Aber nicht bloß Kalklandschaften werden infolge unvorsich- 
tiger Entwaldung und unter der Einwirkung geschichtlicher Vor- 
gänge im Mediterranklima rasch ihrer Humusdecke beraubt, mehr 
oder weniger gilt dies auch von allen anderen Gesteinsarten. 
Und das Mediterranklima ist es dann auch , das bei einem 
Kulturrückgange und in andern, dem freien Walten der Natur 
günstigeren Zeitläufen vielfach verhindert, daß der Boden sich 
von selbst wieder mit Wald bedeckt, wie es doch in dem feuchten 
Klima von West- und Mitteleuropa der Fall sein würde. Hie 
und da ist das wohl der Fall gewesen und würde es noch heute 
der Fall sein, aber meist entwickelt sich nur Gestrüpp, wie ja 
die Vegetationsformation der Macchia die Mittelmeerländer kenn- 
zeichnet. Aber so traurig der Eindruck ist, den man empfindet, 
wenn man diese unwirtlichen Felslandschaften fast rings um das 
Mittelmeer durchwandert, um so malerischer erscheinen sie von 
fern, etwa vom Meere aus gesehen. Sie geben mit ihren Formen 



2Q4 V, I. Das Klima der Mittelmeerländer und seine Folgewirkungen. 

und Farben der Mittelmeerlandschaft ihren besonderen Reiz. 
Wem werden nicht die kahlen Felsklötze, die Felskegel und Fels- 
wände, welche die Bucht von Palermo umsäumen und steil über 
dem üppig grünen Fruchthaine der Conca d'Oro aufsteigen, un- 
vergeßlich sein? Vor allem der Monte Pellegrino ! In wessen 
Gedächtnis wird sich je das Bild verwischen, das er auf der 
Akropolis von Athen oder von Akrokorinth und von andern 
Punkten der griechischen Landschaft empfangen hat, namentlich 
bei einem schönen Sonnenuntergänge? Vielfach treten uns 
infolgedessen im Mittelmeergebiet auch in geringer Höhe, ja am 
Meere selbst, Formen entgegen, die wir sonst nur im Hoch- 
gebirge zu sehen gewohnt sind. Und welchen Eindruck macht 
es, zu schweigen von den meist von kahlen Felsgebirgen um- 
schlossenen Huertas und Vegas Spaniens, wenn man plötzlich in- 
mitten dieser öden Felslandschaften in einer Doline oder Polje 
oder in einem der Täler des Antilibanon eine üppig grüne Oase, 
einen großen Garten der herrlichsten Fruchtbäume erblickt, den 
dort der von Wind und Regen zusammengetragene Verwitterungs- 
boden mit dem Wasser hat aufsprießen lassen, welches das Ge- 
birge aus seinem Innersten zutage sendet! 

Der Wind spielt in den Mittelmeerländern als abtragende, 
davonführende und ablagernde Kraft bei der allgemeinen, aber 
namentlich im Sommer so scharf hervortretenden Trockenheit 
eine weit größere Rolle als in feuchten Ländern. Namentlich 
auch bei der Nähe des größten Wüstengebiets der Erde. Bei 
dem großen, sorgsam in seinen Ausgängen aus der nördlichen 
Sahara, südlich von Tunesien und auf seinem Wege durch Tu- 
nesien, quer über das Mittelmeer, über Italien und Deutschland 
bis an die Ostsee erforschten Staubsturme vom g. bis 12. März 1901 
wurden allein in Nordafrika 150 Millionen Tonnen Feststoffe 
abgelagert. Die zahlreichen Tafelberge und kleinen Tafelrücken- 
gebirge im Atlasvorlande von Marokko sind als „Zeugen" äoli- 
scher Denudation, der Abtragung durch Wind aufzufassen. Die 
abgetragenen Massen sind dann zum Teil im Küstengürtel, wo 
der Boden während des Winters doch etwas mehr durch- 
feuchtet wurde und ein zum Teil außerordentlich üppiges Kleid, 
freilich meist nur einjähriger Pflanzen unter Ausschluß aller Holz- 
gewächse trägt, als Staub abgelagert und von dem feuchten 
Boden und der Pflanzendecke festgehalten worden. Unter Hinzu- 



Geologische Arbeit des Windes. 2QK 

kommen der pflanzlichen Zersetzungsstoffe hat sich so die äußerst 
fruchtbare Decke von Schwarzerde gebildet, die in einer Aus- 
dehnung von etwa 20000 qm die untere Stufe des Atlasvorlands von 
Marokko zu einer der Kornkammern der Erde machen könnte. Auch 
in Südtunesien und in Algerien kann man häufig die abtragende 
und ablagernde Tätigkeit des Windes beobachten. Aber auch 
sonst ist sie vielfach bezeugt. So berichtet uns der Geologe 
E. Tietze aus dem kleinasiatischen Lykien von bedeutenden 
Staubablagerungen und Lößbildung in der Dumbre-Ebene. Das 
alte Theater von Myra und viele Felsengräber stecken jetzt tief 
in seitdem abgesetztem Löß. Eine im fünften oder sechsten Jahr- 
hundert errichtete Kirche des heiligen Nikolaus, die noch heute 
benutzt wird, ist mit ihrem unteren Gemäuer inmitten der Löß- 
absätze verschwunden, so daß man wiederholt Grabungen hat 
vornehmen müssen, um den Eingang in das Gotteshaus zugänglich 
zu erhalten. Das Niveau der Lößebene liegt nahezu 4 m über 
dem Fußboden der Kirche. Es hätte sich also hier die Löß- 
schicht um Y 3 m im Jahrhundert erhöht. Die nach ihrer vor- 
herrschenden Färbung benannte Terra rossa, der unlösbare Rück- 
stand chemisch verwitterter KalkfelsmasseD , aus denen ja die 
Mittelmeerländer in großer Ausdehnung aufgebaut sind, ist auch 
ihrerseits vielfach durch Wind umgelagert. 

Als eine Folgewirkung des Mediterranklimas muß auch eine 
Erscheinung angesehen werden, die bisher nach ihrer Entstehung 
und Bedeutung nicht hinreichend gewürdigt worden ist: die Bil- 
dung einer Kalkkruste. Man hat dieselbe vielfach für an- 
stehenden Fels gehalten, während es sich tatsächlich nur um eine 
oft kaum 1 — 2 cm, zuweilen aber auch einen halben Meter und 
mehr mächtige neu gebildete Kruste handelt, deren Zusammen- 
setzung aus lauter ganz dünnen Lagen, etwa wie beim Karls- 
bader Sprudelstein, häufig deutlich zu erkennen ist. Unter der 
Kruste befindet sich ein ganz weiches, bröckeliges Gestein, ja 
nicht selten ist geradezu Flußgeröll durch Bildung einer Kalk- 
kruste fest verbunden. Die Oberfläche kann, namentlich wenn 
sie noch von Flechten bedeckt ist, ganz den Eindruck von ge- 
schichtetem Kalkgestein machen. Jedenfalls ist der Boden durch 
die Kruste ganz verschlossen. Er bringt kaum in Spalten und 
Löchern einige kümmerliche Pflanzen hervor, die steppenartig 
dürftigstes Weideland bilden, so daß namentlich die mitten im Ge- 



2QÖ V, I. Das Klima der Mittelmeerländer und seine Folgewirkungen. 

biete der Schwarzerde vorkommenden Kalkkrusten den grellsten 
Gegensatz zu den Fruchtgefilden jener bilden. Ihre Farbe ist 
immer eine lichte, äußerlich grau. Die mit dem Namen Ham- 
mada bezeichnete Erscheinungsform der Wüste beruht häufig auf 
einer solchen Kalkkruste. 

Die Verbreitung dieser Kalkkruste ist in den südlichen 
Mittelmeerländern eine sehr große. Ich sah sie im Atlasvorlande 
von Marokko häufig sowohl auf der unteren Stufe wie auf dem 
weiten Schotterfelde am Fuße des hohen Atlas und bei Marra- 
kesch. Dort löste sich unter mechanischen Einflüssen, wie den 
Hufen der Last- und Reittiere, die Kalkkruste häufig wieder in 
die Gerolle auf, die sie verbunden hatte. Sie bildet oft große, 
geschlossene Flächen, gelegentlich aber auch flache Schalen, in 
denen sich das Regenwasser eine Weile hält. Geringe Neigung 
des Bodens scheint überall eine Rolle zu spielen. Selbst in dem 
Dünengürtel von Mogador in Südwest-Marokko fand ich Stücke 
dieser Kalkkruste eingeschaltet, die landeinwärts immer größer 
wurden und eine geschlossene Decke bildeten. In Algerien und 
Tunesien kehrt sie überall wieder, namentlich in großer Ausdeh- 
nung auf dem inneren Steppenhochlande. Der einheimische 
Name dafür ist in Tunesien Tafaize. In der nördlichen algeri- 
schen Sahara bildet diese kalkige oder gipsigkalkige Kruste als 
Abschluß und Neubildung auf den diluvialen sandigen Schwemm- 
gebilden nach Rolland ebenfalls felsige Hammaden. Ich habe 
in Ligurien bei Bordighera ebenfalls diese Kalkkruste beobachtet. 
Was der Geologe Karstens von Capri beschreibt, dürfte auch als 
Kalkkruste oder Oberflächenbildung zu verstehen sein und ebenso, 
was ich in Katalonien gesehen habe. 

Die Bildung einer Kalkkruste ist verhängnisvoll für die Mittel- 
meerländer. Große Gebiete werden dadurch dem Anbau ent- 
zogen. Auch der geologischen Forschung bietet sie schwere 
Hindernisse, indem sie eine Untersuchung des wirklichen Auf- 
baues der Erdrinde unmöglich macht. Einen gewissen wirtschaft- 
lichen Wert hat sie in sonst kalkarmen Ländern, indem sie Kalk 
zum Kalkbrennen, zur Mörtel- und Zementgewinnung bietet. Das 
sah ich bei Marrakesch und in Tunesien, wo schon in römischer 
Zeit daraus hydraulischer Kalk gewonnen wurde, mit dem man 
die Wasserleitungen und Zisternen auskleidete. Mit Ziegelbrocken 
vermischt, bildete er den Beton, in den man die Mosaikfußböden 



Die Kalkkruste der Mittelmeerlünder. 



297 



einlegte. Auch für die Anlegung von Matamoren, unterirdischen 
Behältern für Getreide und andere trocken aufzubewahrende 
Gegenstände, ist die Kalkkruste, wenn sie mächtig und fest genug 
ist, von Wert. Wo sie nur geringe Festigkeit hat, ist es nicht 
schwer, sie zu zertrümmern und so den Boden durch Erschließung 
der weichen Unterlage wieder anbaufähig zu machen. Selbst in 
Marokko, wo doch noch viel gutes Land des Anbaues harrt, 
habe ich gesehen, daß man die Kalkkruste zerbricht und die 
flachen Brocken in Haufen und Wällen zum Einhegen der Felder 
auftürmt. So z. B. nahe bei Mogador und in Abda, wo hie und 
da in dieser Hinsicht wohl von Generationen eine gewaltige 
Kulturarbeit geleistet worden ist. In Katalonien bei Tarragona 
muß man zu schweren Hämmern und zu Sprengstoffen greifen, um 
die schon mächtigere Kalkkruste zu bewältigen. Doch macht 
die Fruchtbarkeit des so gewonnenen Bodens und der nament- 
lich bei künstlicher Berieselung erzielte hohe Ertrag solche Ar- 
beiten möglich. 

Die Entstehung dieser Kalkkruste, die sofort an die dunkle 
Schutzrinde vieler Wüstengesteine denken macht, ist auf klima- 
tische Einflüsse zurückzuführen, besonders auf die große Luft- 
trockenheit, die lange Sonnenscheindauer, die beide eine rasche 
und starke Verdunstung von dem nur wenig durch ein Pflanzen- 
kleid geschützten Boden, nach ziemlich reichlichen, in plötzlichen 
Güssen mit hoher Temperatur herabstürzenden Regenmassen und 
sich daraus ergebendem, nicht zu tiefem Stande des Grund- 
wassers bedingen. Die Kalkkruste ist eine travertin- oder tuff- 
artige Bildung, eine Art Versinterung. Die dünnen Lagen kohlen- 
sauren Kalks, aus denen sie besteht, stammen aus dem Unter- 
grunde. Die große Sonnenhitze saugt mit löslichem kohlensaurem 
Kalk beladenes Grundwasser empor, wo dieses rasch verdunstet 
und der kohlensaure Kalk sich in dünnen Schichten nieder- 
schlägt, die unter Umständen große Mächtigkeit erlangen können. 
Diese travertinartigen Niederschläge können auch die Sand- und 
Mergelkörnchen der Oberfläche umkleiden und Rollkiesel mit- 
einander verbinden. Bei manchen, durch Zertrümmerung der 
Kalkkruste gebildeten Gerollen kann man die, einen weicheren 
Kern umschließenden, konzentrischen Lagen deutlich erkennen. 
Das Auftreten der Kruste in flachen Schalen, mit ausgeprägten 
Rändern, in denen sich das Regenwasser eine Weile hielt, wie 



9 qg V, I. Das Klima der Mittelmeerländer und seine Folgewirkungen. 

ich es bei Marrakesch sah, legte mir die Vorstellung nahe, daß 
es sich unter Umständen um kohlensauren Kalk handeln könne, 
der von dem warmen, kohlensäurehaltigen Regenwasser an der 
Oberfläche von den Kalkgeröllen gelöst und bei der raschen Ver- 
dunstung wieder niedergeschlagen worden ist. 

Als eine letzte Folgewirkung des Klimas der Mittelmeer- 
länder haben wir die Malaria anzusehen. Die Auffassung der 
Malariafieber ist zwar neuerdings dadurch eine andere geworden, 
daß man nicht mehr wie bisher, und wie es auch der italienische 
Name andeutet, die Ursache der Krankheit in den Fieberdünsten 
sucht, welche die, der sommerlichen Regenzeit entsprechend, im 
Sommer nicht mehr fließenden, versumpfenden und stehenden Ge- 
wässer bei der hohen Wärme und den sich zersetzenden pflanz- 
lichen Resten aushauchen, sondern in gewissen Stechmücken, be- 
sonders der Gattung Anopheles, die Träger und Übertrager des 
Malariagiftes erkannt hat. Aber die klimatische Einwirkung 
bleibt doch bestehen, denn die im Sommer bei der hohen Wärme 
versumpfenden Gewässer sind die Brutstätten dieser Mücken. 
Neben dem Schutz gegen sie muß daher auch Beseitigung ihrer 
Brutstätten angestrebt werden. Dazu führt im allgemeinen die 
wirtschaftliche Entwicklung eines Landes von selbst, wie man 
namentlich in Griechenland sehen kann, das zwar auch heute im 
Sommer noch in vielen Gegenden malariaverseucht ist, aber nicht 
entfernt mehr so, wie nach den Freiheitskriegen, als fast alle 
Städte und Dörfer in Trümmern lagen, der Anbau und die Ge- 
wässer vernachlässigt waren. Wie schwer haben da namentlich 
die bayrischen Truppen an Malaria gelitten, wie viele wissen- 
schaftliche Forscher sind ihr erlegen! Aber auch auf dem Wege 
zum wirtschaftlichen Aufschwünge gibt es noch gefährliche Rück- 
fälle, wie Italien lehrt. Dort hat der Eisenbahnbau vielfach große 
Erdarbeiten veranlaßt, die den Abfluß der Gewässer verhindert 
haben. Vor allem sind dadurch vorher verschlossene und noch 
waldreiche Gebiete erschlossen, die Wälder zugänglich und ab- 
getrieben worden. Dem ist die Abspülung der Verwitterungs- 
decke und die Versumpfung der Täler auf dem Fuße gefolgt. 
So hat neuerdings die Malaria in Italien zugenommen. Selbst in 
Rom, das vorher als eine so ziemlich malariafreie Insel inmitten 
der malariaverpesteten Campagna gelten konnte, nahm die Malaria 
bei der riesigen Bautätigkeit nach 1870, die große Bodenbewe- 



Die Malaria. 



199 



gungen, Abtragung alter Schuttmassen u. dgl. zur Folge hatte, 
rasch zu. Doch ist auch da bald wieder, schon seit 1880, eine 
bedeutende Besserung eingetreten. Und vor allem muß sofort 
bemerkt werden, daß, wie nur im Sommer die Gewässer stocken 
und Stechmücken ausbrüten, die Malariagefahr auch auf diese 
Jahreszeit beschränkt ist, so daß also die gewöhnlichen Besucher 
der Mittelmeerländer, die diese eben des milderen Klimas wegen 
im Winter und im Frühling aufsuchen und sie fliehen, sobald die 
Wärme zu groß wird, in keiner Weise Gefahr laufen. In diesen 
Jahreszeiten gibt es keine stockenden Gewässer und keine gefähr- 
lichen Mücken. Vielleicht sind auch dieselben Mücken in dieser 
Jahreszeit nicht gefährlich. Ich selbst bin vor Jahrzehnten in Tra- 
pani in Sizilien, wo es damals keine geschützten Betten gab, im 
April derartig von Mücken zerstochen worden, daß ich erst Nacht- 
ruhe fand, als ich die Reithandschuhe auch nachts trug, die 
Ärmel zuband und den Kopf in Schleier hüllte. Nach drei Mo- 
naten sah man die Beulen an Händen und Gesicht noch. Aber 
von Malaria, an der es im Spätsommer in Trapani nicht fehlt, 
keine Spur! Nur der wissenschaftliche Forscher, der Künstler 
und ähnliche Leute, die eben auch im Sommer in den Mittel- 
meerländern festgehalten werden, laufen Gefahr, von Malaria be- 
fallen zu werden. Doch wird es auch diesen bei einiger Kennt- 
nis der Gefahr, einiger Vorsicht in der Ernährung und Lebens- 
weise möglich sein, sie zu vermeiden, bzw. Gegenden aufzusuchen, 
die malariafrei sind. Bei meinen vielen Reisen und langen Auf- 
enthalten in den Mittelmeerländern habe ich nur einen einzigen, 
allerdings äußerst heftigen Fieberanfall in einer fieberverpesteten 
Gegend Tunesiens (1886) gehabt, wo kurz vorher ein zu großen 
Hoffnungen berechtigender junger deutscher Gelehrter der Malaria 
erlegen und sein Nachfolger in den betreffenden Forschungen so 
schwer erkrankt war, daß auch er wenige Jahre nachher an den 
Folgen von Malaria gestorben ist. Es gelang mir, einen kräftigen 
Schweißausbruch hervorzurufen, womit die Entwicklung des Fiebers 
unterbunden war. Ein hervorragender deutscher Arzt, der als 
Leiter eines längeren deutschen Forschungswerks im tropischen 
Afrika ein Jahrzehnt früher Gelegenheit gehabt hatte, sich gründ- 
lich mit Malaria vertraut zu machen, erklärte mir, ich habe nach 
seinen Erfahrungen das richtige Mittel gefunden, die Krankheit 
abzuschneiden. 



300 V> I. Das Klima der Mittelmeerländer und seine Folgewirkungen. 

Wie man in der Neuzeit in Italien eine Zunahme der Ma- 
laria festgestellt hat, so ist das auch und aus gleichen Gründen 
vielfach in Kleinasien geschehen. Auch die Mittelmeerinseln, vor 
allem Sardinien, sind von Malaria heimgesucht, und in Sizilien 
gab es Gegenden, wo in den siebziger Jahren darauf geachtet 
wurde, daß die Reisenden in dem Postwagen selbst am Tage 
nicht einschliefen, weil man annahm, daß man im Schlafe auch 
am Tage von Malaria befallen werde. Ebenso leidet Südfrank- 
reich, besonders Languedoc, schwer unter Malaria; aber auch in 
der Provence sind ihr diejenigen Täler ausgesetzt, die dem zwar 
lästigen, aber die Luft reinigenden und offenbar wegen seiner 
Stärke und niederen Temperatur der Entwicklung der Stech- 
mücken ungünstigen Mistralwinde nicht zugänglich sind. In 
Spanien ist es besonders der Süden und der Südosten, der unter 
Malaria leidet, doch lange nicht in dem Maße wie Italien. Da- 
gegen ist ein großer Teil von Algerien und Tunesien malaria- 
verseucht, und das französische Heer hat namentlich während der 
Eroberung furchtbare Verluste erlitten. Noch größere freilich die 
französischen Ansiedler in Algerien. Wenn es mit der fran- 
zösischen Besiedelung so langsam gegangen ist, und namentlich 
in der westlichen Provinz Oran die Spanier, die gegen die Ma- 
laria und überhaupt gegen ungünstige klimatische Einflüsse wider- 
standsfähiger sind, die Oberhand erlangt haben, auch kinder- 
reicher sind, so ist das zwar nicht lediglich, aber doch in erster 
Linie der Malaria zuzuschreiben. Namentlich die Besiedelung der 
fruchtbaren, aber feuchten und noch heute nicht völlig entsumpften 
Mitidj aebene landeinwärts von Algier hat die Opfer zu vielen 
Tausenden gefordert. Das heute ziemlich gesunde, blühende 
Städtchen Boufarik mit ioooo Einwohnern ist so ein wahres 
Grab für Generationen von Kolonisten gewesen. Dagegen gehört 
es zu den Vorzügen des in jeder Hinsicht von der Natur am 
reichsten unter den Atlasländern ausgestatteten Marokko, daß es 
bis auf wenige Punkte ganz malariafrei ist. Sogar die große Be- 
rieselungsoase von Marrakesch, der südlichen Hauptstadt, ist ma- 
lariafrei, während selbst in der Sahara die künstlich berieselten 
Oasen von Malaria heimgesucht sind, obwohl die Menschen sich 
meist außerhalb des Palmenhaines, womöglich auf einem felsigen, 
luftigen Hügel über demselben angesiedelt haben. 

Welche Landplage die Malaria sein kann, das lehrt besonders 



Verbreitung der Malaria. 



301 



Italien. Dort ist eigentlich nur Ligurien malariafrei, wenn auch 
Nord- und die inneren Berglandschaften Mittel-Italiens weniger 
darunter leiden. Wiewohl schon im Altertume Malaria in Italien 
vorkam und z. B. Syrakus wiederholt von seinen Belagerern be- 
freit worden ist, weil die Malaria sie dahinraffte, so war das 
Übel doch nicht entfernt so allgemein wie heute, wo ganze Land- 
schaften, wie die römische Campagna, das Küstengebiet von Tos- 
kana, die berüchtigten Maremmen, die Ebene von Apulien u. a. m. 
geradezu durch Malaria unbewohnbar geworden sind. Im süd- 
westlichen Sardinien muß man der Malaria wegen im Sommer 
den Bergbau einstellen. Ganze Eisenbahnlinien gibt es, wo be- 
sondere Züge die sämtlichen Beamten, trotzdem man sie besser 
bezahlt und nährt, abends abholen und nach gesunden Stationen 
bringen, um sie am Morgen wieder auf ihre Posten zu befördern. 
Es gibt Standorte der Truppen, wo selbst diese jungen, gesunden, 
kräftigen Menschen, trotzdem für bessere Unterkunft und Ver- 
pflegung gesorgt ist, alle von Malaria befallen werden. In Co- 
senza in Kalabrien z. B. zählt man auf 1000 Mann 1500 Malaria- 
erkrankungen im Jahre. Die Feldarbeiter, die zur Bestellung der 
Felder und zur Ernte aus den Gebirgen in die Küstenebenen 
herabsteigen, allein in die römische Campagna etwa 10 000 im 
Jahresdurchschnitt, nehmen nur zu häufig die Keime der Krank- 
heit in ihre gesunde Heimat mit. Wie außerordentlich wird die 
Arbeitskraft und die Lebensdauer wohl bei Millionen von Be- 
wohnern Italiens dadurch beeinträchtigt! Wie wird das Wirt- 
schaftsleben, der Unternehmungsgeist, das Wachstum des Wohl- 
stands usw. davon beeinflußt, wenn man auch die Zahl der un- 
mittelbar durch Malaria verursachten Todesfälle nur auf 15 bis 
16000 jährlich schätzt. Es mögen wohl Hunderte von Millionen 
Franken sein, um die Italien jährlich durch Malaria geschädigt 
wird. Und in Languedoc dürfte es kaum besser sein. Dort 
steigt die Kindersterblichkeit, die in Frankreich sonst nur 312 
auf 1000 beträgt, auf 400 und 500 und sinkt die mittlere Lebens- 
dauer von 35% Jahren auf 20, ja 15 Jahre! 

Die erfolgreichste Art der Bekämpfung der Krankheit in 
Italien bestand bis jetzt in der Regelung der Gewässer, in der 
Entsumpfung versumpfter Gebiete durch Entwässerung und künst- 
liche Aufschwemmung. Dadurch sind namentlich in Toskana, 
neben Piemont seit Jahrhunderten der bestverwaltete Kleinstaat 



X02 V, I. Das Klima der Mittelmeerländer und seine Folgewirkungen. 

früherer Zeit, außerordentliche Erfolge erzielt worden. Das Chiana- 
Tal, das Arno-Delta bei Pisa, selbst schon Teile der Maremmen 
sind so völlig gesund geworden. Und eben schickt man sich an, 
von deutschem Unternehmungsgeiste geführt, die verpesteten 
Pontinischen Sümpfe, die im Altertum noch gesund und dicht 
bevölkert waren, trocken zu legen und wieder gesund zu machen. 
In manchen Gegenden, namentlich in Süditalien, hat schon die 
Beseitigung des Reisbaues, der überreicher Bewässerung bedarf, 
auch von Malaria befreit. Die bessere Erkenntnis der Ursachen 
der Krankheit wird wohl auch bald einfachere Mittel zu ihrer 
Bekämpfung an die Hand geben. So schützt man die Eisen- 
bahnbeamten, indem man durch feine Vergitterung aller Öffnungen 
der Wärterhäuser den Mücken den Zugang unmöglich macht. 
Gesicht und Hände schützt man durch Schleier und Handschuhe. 
Man übergießt die Sumpfgewässer mit Petroleum, was die Ent- 
wicklung der Brut unmöglich macht, tötet diese wohl noch in 
anderer Weise. 

Diese klimatischen Einflüsse sind es also in erster Linie, 
welche geschichtliche Vorgänge so wirksam gemacht haben, daß 
sich daraus die verhältnismäßige Verödung eines großen Teils 
der Mittelmeerländer, die Kahlheit der Berge, die Versumpfung 
der Täler und Ebenen ergeben hat. Jedes dieser alten Kultur- 
länder hat eine Zeit höchster Blüte, dichtester Besiedelung ge- 
gehabt, wo das Waldkleid vernichtet wurde, das gewiß einmal 
den größten Teil der Mittelmeerländer bedeckt hat, um den 
Holzbedarf zu decken oder Raum für Anbau zu gewinnen. Kamen 
dann Kriegszeiten, brachen Barbaren ein, so konnte sich im 
Mediterranklima, wenn durch lange Vernachlässigung die in sehr 
langen Zeiträumen gebildete Verwitterungs- und Humusdecke 
durch Regen und Wind von den geneigten Hängen entführt war, 
die Terrassen, die Berieselungsanlagen, Schöpfungen der müh- 
samen Arbeit vieler Generationen zerfallen waren, nicht wie 
in Gebieten mit feuchtem Klima Wald und Vegetation das ver- 
ödete Kulturland rasch wieder überziehen oder der Mensch das- 
selbe bei Eintritt friedlicher Zeiten rasch zurückerobern. Hie 
und da hat in der Tat der Wald vom verödeten Kulturlande 
wieder Besitz genommen, aber nur unter besonders günstigen 
Verhältnissen, namentlich in Klein-Asien, wo man vielfach, am 
häufigsten in Lykien und Karien, zahlreiche Trümmerstätten mitten 



Verödung der Mittelmeerländer. 303 

im Urwalde findet, deren architektonischer Schmuck, Skulpturen 
u. dgl. davon zeugen, daß hier hochgesittete Menschen dicht 
beieinander wohnten. Aber im allgemeinen ist an Stelle des 
Waldes dürftiges Gestrüpp, ja kahle Felslandschaft oder öde 
Steppe getreten, die die Wirtschaftsmethoden der heutigen Be- 
wohner, namentlich die Viehzucht, immer intensiver gestalten. Die 
fast baumlose Steppenlandschaft Mittel-Tunesiens, die heute 
nur wenige tausend Halbnomaden zu ernähren vermag, ist dicht 
übersät mit Trümmern von Ansiedelungen aus spätrömischer Zeit, 
von denen wir annehmen müssen, daß sie durch einen un- 
geheuren Hain von Frucht-, namentlich Ölbäumen verstreut waren. 
Die verhältnismäßige Verödung eines großen Teils der Mittel- 
meerländer erklärt sich so aus der Geschichte und aus dem 
Klima, wie es heute ist. Es bedarf nicht der Annahme einer 
Klimaänderung d. h. Verminderung der Niederschläge. Aber mit 
den Hilfsmitteln der Neuzeit ist auch die Möglichkeit einer 
Wiederbelebung gegeben, die freilich auch ihrerseits lange Zeit- 
räume erfordern wird. 



2. Das Klima von Marokko. 1 ) 

Wie in jeder anderen Hinsicht Marokko heute zu den un- 
bekanntesten Teilen von Afrika gehört oder bis vor wenigen 
Jahren gehörte, so auch in bezug auf sein Klima. Bei dem 
Kulturzustand der Bewohner ist naturgemäß von dieser Seite nichts 
zu erwarten, und hat wohl kein marokkanischer Staatsmann an 
die Einrichtung meteorologischer Stationen auch nur gedacht, ob- 
wohl das Land durchaus auf seine Landwirtschaft angewiesen ist 
und namentlich von den Niederschlagsverhältnissen das Wohl und 
Wehe der Bewohner in einschneidendster Weise beeinflußt wird. 
Was wir über das Klima von Marokko wissen — noch immer herzlich 
wenig, — verdanken wir der Einsicht der im Lande wohnenden 
Europäer, der Opfenvilligkeit einzelner Privatleute, die an ihren 
Wohnorten meteorologische Beobachtungen eingerichtet haben. 
Da bis heute so gut wie keine Europäer im Innern wohnen, so 



1) Erschienen in Zeitschr. d. Ges. f. Erdk. Bd. XXXV. 1900. Siehe 
rückwärts das Regenkärtchen von Marokko. 



304 V, 2 - ^ as Klima von Marokko. 

bezieht sich das Wenige, was an klimatologischem Beobachtungs- 
stoff vorliegt, nur auf einzelne Küstenpunkte. Allerdings wäre 
jetzt die Möglichkeit gegeben, auch im Innern, wenigstens in den 
beiden Hauptstädten Fäs und Marrakesch meteorologische 
Stationen einzurichten, da dort je ein englisches und ein fran- 
zösisches Konsulat besteht, die beide nicht mit Amtsgeschäften 
überhäuft sein dürften. Auch wohnen an beiden Orten jetzt 
englische Missionare dauernd, deren Missionstätigkeit allem An- 
schein nach auch noch Zeit für eine solche nützliche Beschäfti- 
gung freilassen dürfte. Immerhin ist es mir gelungen, bei meiner 
letzten Reise, von deutscher Seite zwei neue Beobachtungsposten 
einzurichten, den einen in Marrakesch, den anderen in Casablanca. 

a) Der klimatologische Beobachtungsstoff. 

Der erste, welcher meteorologische Beobachtungen in Ma- 
rokko angestellt hat, ist der auch sonst um die Erforschung des 
Landes verdiente langjährige französische Konsul Beaumier in 
Mogador gewesen. Derselbe las auf der den inneren Hof seines 
Hauses umgebenden Galerie Thermometer und Barometer (Aneroid) 
ab, beobachtete die Windrichtungen, die Bewölkung und Nebel 
und zählte die Regentage. Die Beobachtungen umfassen die Zeit 
August 1866 bis August 1868, Januar 1869 bis Dezember 1874 1 ). 
Daß die Temperaturen durch die Art der Aufstellung des Ther- 
mometers beeinflußt worden sind, wie schon Hann annahm, unter- 
liegt keinem Zweifel. Nicht nur die Extreme sind sicher sehr 
abgeschwächt, auch die Mitteltemperaturen dürften zu hoch und 
die auf Grund dieser Beobachtungen allgemein verbreitete Vor- 
stellung von der ungewöhnlichen Gleichmäßigkeit des Klimas von 
Mogador doch vielleicht etwas übertrieben sein. Ich habe leider 
das französische Konsulat nicht gesehen, weiß auch nicht, ob es 
noch heute in demselben Hause untergebracht ist, wie vor 30 
Jahren. Ich vermute aber, daß Beaumiers Beobachtungen ziem- 
lich unter den gleichen Bedingungen gemacht wurden, wie eine 



I) Mitgeteilt im Bull. Soc. Geogr. Paris, Jahrg. 1868, 1872. Ver- 
wertet und besprochen ist dies Material von Hann in der Zeitschrift der 
Österr. Ges. für Meteorolog. VIII, 1873, S. 8 und von Ollive: Climat de 
Mogador et de son influence sur la phthisie. Bull. Soc. Geogr. Paris 1875, 
I S. 3 6 3 ff. 



Meteorologische Beobachtungen. 305 

neuere Beobachtungsreihe, welche wir dem deutschen Vizekonsul 
Herrn von Maur verdanken. Auch da sind die von der Deutschen 
Seewarte gelieferten, dem Dienst einer Station 2. Ordnung ent- 
sprechenden einwandsfreien Instrumente (Quecksilber- Barometer) 
etwa 8 m über Mittelwasser auf der inneren Galerie des Hauses 
aufgestellt. Dasselbe liegt etwa 100 m vom Strand. Diese 
Beobachtungen 1 ) beginnen mit dem 1. April 1894 und werden 
noch heute fortgesetzt. Seit Juli 1899 ist auch in Saffi von 
Seiten der Deutschen Seewarte eine meteorologische Station ein- 
gerichtet worden. 

Weiter liegen Beobachtungen von Casablanca vor, welche 
der damalige französische Vizekonsul Gilbert in der Zeit von 
März 1867 bis Februar 1868 angestellt hat 2 ). Dieselben er- 
strecken sich auf Barometer, Thermometer, Wind und Beschaffen- 
heit des Meeres. Da aber weder über die Instrumente und ihre 
Aufstellung etwas angegeben wird, auch die Beobachtungen zu 
ganz verschiedenen Stunden, bald einmal, bald zweimal, bald 
dreimal täglich vorgenommen wurden, so müssen dieselben als 
wissenschaftlich unverwertbar bezeichnet werden. Um so dankens- 
werter ist es, daß der jetzige schwedische Konsul Herr Fernau 
mir bei meiner Anwesenheit in Casablanca die Ergebnisse der 
Beobachtungen zur Verfügung gestellt hat, welche derselbe seit 
1896 angestellt hat. Dieselben umfassen Ablesungen an einem 
Maximum- und Minimum-Thermometer, das allerdings im Korridor 
des Hauses aufgestellt ist, von Oktober 1899 bis Mai 1900. Ebenso 
Ablesungen an einem Barometer, das Herr Fernau selbst als nicht 
zuverlässig bezeichnet. Wichtiger, ja von großem Wert, sind aber 
die Regenmessungen, welche die Jahre 1896 — 1900 umfassen. 
Der Regenmesser ist auf dem Dach des Hauses aufgestellt. Dazu 



1) Bis 31. Dezember 1896, also nicht ganz drei Jahrgänge sind ver- 
öffentlicht in: Deutsche überseeische meteorologische Beobachtungen, ges. u. 
herausg. von der Deutschen Seewarte, Heft VIII, Hamburg 1899. Durch 
die Güte des Direktors der Seewarte, Herrn Wirkl. Geheimen Admiralitäts- 
rat Dr. Neumayer, wurde mir auch das noch nicht veröffenüichte Material 
bis 1899 im Auszug zur Verfügung gestellt. Für die Niederschlagsverhält- 
nisse sind auch die Jahrgänge bis 1904, wie von allen anderen Stationen 
verwertet. 

2) Veröffentlicht im Bull. Soc. Geogr. Paris, V. Bd. 14, 1867 n, 
S. 698, 1868 I, S. 403 u. 1868, U. S. 88. 

Fischer, Mittelmecrbilder. Neue Folge. 20 



•3o6 V, 2. Das Klima von Marokko. 

sind nun seit 1 902 die Beobachtungen der von mir eingerichteten, 
1 907 von den Franzosen zerstörten deutschen Station gekommen. 

Von Rabat liegen Beobachtungen vor, welche der Leibarzt 
des Sultans, Dr. Linares, dort angestellt hat 1 ). Dieselben um- 
fassen die Zeit von Juli 188 1 bis Februar 1882 und Oktober 
bis Dezember 1882. Der Beobachtungsort lag 10 m über dem 
Meer. Über Instrumente und Beobachtungszeit wird nichts mit- 
geteilt. Beobachtet wurden Luftdruck, Wind, Temperatur und 
Regen. Ergänzt werden diese Beobachtungen durch die von 
dem früheren englischen und deutschen Konsul Herrn John Frost 
in den Jahren Oktober 1874 bis Juni 1897 angestellten. Das 
darüber geführte Tagebuch ist mir von Herrn Frost bei meinem 
zweiten Aufenthalt in Rabat freundlichst zur Verfügung gestellt 
worden. Die täglich um 9 Uhr vormittags gemachten Be- 
obachtungen wurden im Hause des Herrn Frost etwa 15 m über 
Meer angestellt und umfaßten neben dem Zustand der vom 
Fenster aus sichtbaren Barre des Bu Regreg 2 ) Ablesungen am 
Barometer (ein nicht sehr zuverlässiges Aneroid) und Thermo- 
meter, die Windrichtungen und die Zahl der Regentage. 

Der nächste Ort, von welchem meteorologischer Beobachtungs- 
stoff vorliegt, ist Tanger. Dort hat zunächst der deutsche Mi- 
nisterresident Weber vom 1. Oktober 1879 bis 30. September 1885 
Temperatur, Bewölkung, Niederschlag, Gewitter und Regen be- 
obachtet. Das Thermometer war in einer bedeckten, aber nach 
Norden offenen Halle des Gesandtschaftsgebäudes aufgehängt, 
das mitten in einem baumreichen Garten liegt. Nach meiner 
Kenntnis der Örtlichkeit und der Verhältnisse halte ich die Be- 
obachtungen für recht zuverlässig. Die Meereshöhe des Tores 
der deutschen Gesandtschaft bestimmte ich zu 43 m, die Be- 
obachtungsstelle mag daher etwa 45 m hoch liegen 3 ). Eine sehr 



1) Mitgeteilt in der Meteorologischen Zeitschrift 1886, S. 370. 

2) Die darauf bezüglichen Beobachtungen habe ich in meinem als 
Ergänzungsheft Nr. 133 zu Petermanns Mitteilungen erschienenen, die 
sonstigen wissenschaftlichen Ergebnisse enthaltenden Werk: „Reise im AÜas- 
Vorlande von Marokko" S. 42 im Auszug abgedruckt. 

3) Diese Beobachtungen sind von J. Hann in der Zeitschrift der Österr. 
Ges. f. Meteorlog. 1887, S. 26 bearbeitet worden. Ebenso in den Annalen der 
Hydrographie Jahrg. 1880 ff. Ich konnte durch freundliches Entgegenkommen 
der Direktion der Deutschen Seewarte die im Archiv derselben aufbewahrten 
Original-Tagebücher vom Mai 1883 bis September 1885 benutzen. 



Beobachtungsstationen am Kap Spartel und in Marrakesch. jqj 

willkommene Ergänzung bzw. Fortsetzung haben diese Be- 
obachtungen durch diejenigen des englischen Konsuls Herrn 
H. White erfahren. Die Instrumente sind im Landhause des- 
selben etwa 1 km vom Meer und in 68 m Höhe im Freien 
durchaus zweckentsprechend aufgestellt. Herr White hat mir 
die Monatsmittel der Ablesungen am trocknen und am feuchten 
Thermometer um 9 Uhr vormittags, sowie am Maximum- und 
am Minimum-Thermometer, ferner die monatlichen Maxima und 
Minima, sowie die Mittel der relativen Feuchtigkeit für die Jahre 
1897 und 1898 mitgeteilt. Diese sind von besonderem In- 
teresse zum Vergleich mit den gleichzeitigen Ablesungen am Kap 
Spartel. Dort ist nämlich in der seit 1893 etwas südlich vom 
Leuchtturm dicht am Meeresufer und in 60 m über demselben 
errichteten Lloyds Signalstation auch eine meteorologische Station 
eingerichtet worden, die seit Januar 1894 in Tätigkeit ist. Die 
Aufstellung aller Instrumente ist einwandsfrei. Es ist die beste, 
fast die einzige, allen wissenschaftlichen Ansprüchen genügende 
meteorologische Station in Marokko. Es werden um 9 Uhr 
morgens und abends Barometer, trockenes und feuchtes Thermo- 
meter, Maximum- und Minimum-Thermometer, Wind, Bewölkung 
und Niederschlag beobachtet, seit 1896 auch Sonnen-Thermo- 
meter abgelesen. Das Barometer ist 60 m, der Regenmesser 
58,5 m über Meer aufgestellt, die Auffangöffnung des letzteren 
0,3 m über dem Boden. Die Ergebnisse werden in einer 
jährlichen Übersichtstafel von Lloyds veröffentlicht, scheinen 
aber bisher, wie das Vorhandensein der Station überhaupt, 
in den Kreisen der Meteorologen völlig unbekannt zu sein. 
Auch ich sah erstaunt, als ich 1899 zum erstenmal wieder 
nach Kap Spartel hinausritt, das neue Bauwerk, erfuhr aber 
erst in Tanger von Herrn Konsul White, daß dasselbe auch 
eine meteorologische Station berge. Bei einem neuen Be- 
such konnte ich dieselbe besichtigen. Nicht ohne Mühe machte 
mir Herr Dr. L. Friederichsen in Hamburg die bisher vor- 
liegenden Beobachtungs- Jahrgänge, für die Niederschläge also 
1894 — 1904, durch den dortigen Vertreter von Lloyds zu- 
gänglich. 

Aus dem Innern von Marokko fehlen, wenn wir von ver- 
einzelten Angaben der Reisenden absehen, meteorologische Be- 
obachtungen noch ganz. Nur von Marrakesch liegen solche von 



tq8 V, 2. Das Klima von Marokko. 

Januar bis März 1886 und vom Winter 1886 — 1887 vor 1 ). Die- 
selben wurden im französischen Konsulat angestellt und beziehen 
sich auf Luftdruck, Temperatur und Niederschläge. Selbst diese 
Bruchstücke sind dankenswert. Ich hoffte, daß es mir möglich 
sein würde, bei meiner nächsten Reise, wenigstens in Marrakesch, 
eine meteorologische Station einzurichten. Das ist in der Tat 
1900 geschehen, indem die Geographische Gesellschaft in Leipzig 
die Mittel zur Verfügung stellte, um die Instrumente für eine 
Station 2. Ordnung von Fuess liefern zu lassen. Die Station ist, 
so gut es in marokkanischen Städten überhaupt möglich ist, in 
dem Kaufhofe des Herrn H. Marx eingerichtet. Die Beobachtungen 
haben am 1. Januar 1900 begonnen und sind mit einer kurzen 
Unterbrechung im April 1902, wo der Kaufhof auf Befehl 
der deutschen Gesandtschaft ganz unnötigerweise, wie man in 
Marrakesch selbst annahm , wegen Aufstandsbesorgnisse ge- 
schlossen werden mußte, durch die deutschen Angestellten des 
Herrn Marx sorgsam durchgeführt worden bis August 190 7, wo 
in der Tat infolge der Beschießung von Casablanca durch die 
Franzosen selbst für die Deutschen die Lage in Marrakesch ge- 
fährlich wurde. 

Ferner sollen die Beobachtungen verwertet werden, welche 
1884 und 1885 an der 1878 von der englischen Nordwest- 
afrikanischen Gesellschaft am Kap Juby 27 58' n. Br., 12 52' 
w. L. v. Gr. angestellt worden sind 2 ), so wenig zuverlässig die- 
selben erscheinen. Ebenso wird es nötig sein, die Beobach- 
tungen von San Fernando, Tarifa und Gibraltar zum Vergleich 
heranzuziehen 3 ). 

Ich selbst habe den klimatologischen Beobachtungen während 
meines Aufenthaltes in Marokko von Februar bis Juni 1899 und 
besonders während der Landreise durch das Atlas -Vorland be- 



1) Mitgeteilt in der Meteorologischen Zeitschrift 1895, S. in. 

2) Bearbeitet durch v. Danckelmann in der Meteorolog. Zeitschr. 1887, 
S. 25. Die Station liegt unmittelbar am Meer, ja, eigentlich auf einer Insel. 
Der Sultan von Marokko hat sie, um Waffeneinfuhr in die unsicheren süd- 
lichen Grenzlandschaften zu verhindern, der Gesellschaft für schweres Geld 
abgekauft. Der Afrika Pilot I, S. 93 gibt als geograph. Koordinaten 27 
56' 41" n. Br., 12° 56' 41" w. L. v. Gr. 

3) Meteorolog. Zeitschr. 1887 u. 1900, Annalen der Hydrographie 1881, 
S. 225. 



Reisebeobachtungen 1899. 30Q 

sondere Aufmerksamkeit geschenkt und habe auf der ganzen 
Reise täglich um 7 Uhr vorm. und 2 und 6 Uhr nachm. Baro- 
meter und Thermometer abgelesen, Tau, Bewölkung und Nieder- 
schläge beobachtet. Meine Ausrüstung, soweit hier davon zu 
sprechen ist, umfaßte zunächst die beiden Aßmannschen Aspi- 
rations-Psychrometer Nr. 238 und 250 in vollständiger Reise- 
ausrüstung, die mir vom Königl. Meteorologischen Institut in 
Berlin in überaus dankenswerter Weise geliehen und vor der Ab- 
reise von der Königl. Physikalisch-Technischen Reichsanstalt ge- 
prüft worden waren. Dieselben haben sich als außerordentlich 
brauchbar und leicht zu befördern bewährt. Da es mir besonders 
auf Erforschung der Luftfeuchtigkeit und deren Abnahme von 
der Küste ins Innere ankam, so ging meine Absicht dahin, das 
eine Instrument immer mit mir zu führen und das andere an 
der Küste zu vereinbarten Stunden ablesen zu lassen. So über- 
nahm Herr Konsul von Maur in Mogador, der, wie oben erwähnt, 
seit 1894 schon beobachtet hat, das Instrument Nr. 238 und 
hat dasselbe auch regelmäßig an sorgsam ausgewählter Stelle 
dreimal täglich vom 29. März bis zum 25. April abgelesen, während 
welcher Zeit ich durch das Tensift-Tal nach Marrakesch und 
Demnät und von dort durch das Gebiet der Um-er-Rbia wieder 
an den Ozean nach Casablanca und Rabat reiste. Es sollte Herr 
Konsul von Maur dies Instrument dann nach Rabat schicken, wo 
Herr Ingenieur Rottenburg seinerseits mit demselben beobachten 
wollte, während ich durch das Sebu-Gebiet nach Fäs und von 
da nach Tanger reiste. Leider wurde das von mir mitgeführte 
Instrument Nr. 250 durch einen Unfall kurz vor Marrakesch un- 
heilbar beschädigt. Es liegen somit nur für die Tage vom 
29. März bis zum 4. April korrespondierende Beobachtungen vor. 
In Rabat richtete ich dann mit Herrn Rottenburg mit Hilfe zweier 
mit meinem Normal-Thermometer verglichener Thermometer in 
geeigneter Aufstellung in dessen Hause etwa 30 m über dem 
Meer korrespondierende Beobachtungen ein, die natürlich kein 
voller Ersatz für das Aspirations-Psychrometer sein können. Das 
Instrument Nr. 238 führte ich dann mit mir und habe an dem- 
selben vom 11. bis 26. Mai um 7 Uhr vorm., 2 und 3 Uhr 
nachm. regelmäßig beobachtet. Es ist auch in tadellosem Zustand 
zurückgebracht worden. 

Außer den beiden Aspirations-Psychrometern führte ich das 



3 1 o V, 2. Das Klima von Marokko. 

mir gehörige, von der Kgl. Physikalisch-Technischen Reichsanstalt 
geprüfte Normal-Thermometer von Fuess Nr. 1338 und je ein 
Fuesssches Maximum- (Nr. 421) und Minimum- (Nr. 397) Ther- 
mometer mit mir, die wenigstens letzteres auf der ganzen Reise 
täglich abgelesen worden sind. Dieses legte ich auf einem 
niedrigen Gestell 1 cm über dem Boden allnächtlich vor meinem 
Zelt ganz frei, aber doch gegen zufällige oder absichtliche Be- 
schädigung so gut geschützt aus, daß es tatsächlich unversehrt 
zurückgekommen ist. Außerdem habe ich einige Male mit dem 
Schwarzkugel-Thermometer beobachtet und mit dem Quellen- 
Thermometer die Temperatur aller Quellen und aller Brunnen, 
bei denen es möglich war, gemessen. Diese beiden Instrumente 
waren mir von der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin geliehen 
worden, deren tatkräftige Unterstützung mir überhaupt erst die 
Reise ermöglichte. Ich möchte ihr daher auch an dieser Stelle 
den wärmsten Dank aussprechen. 

Es ist mir dann gelungen, wie schon erwähnt, die Geo- 
graphische Gesellschaft in Leipzig und die Deutsche Seewarte in 
Hamburg, die bereits zu der schon länger bestehenden Station 
in Mogador 1896 eine solche in Saffi eingerichtet hatte, von 
neuem für diese Frage zu erwärmen. Die Seewarte lieferte die 
Instrumente für eine Station in Casablanca, welche ich persönlich 
1901 eingerichtet habe, die Geographische Gesellschaft in Leipzig 
die für Marrakesch. Auch auf der Reise von 1901 habe ich ähnlich 
wie 1 899 beobachtet. Von anderer Seite ist dann noch eine fünfte 
deutsche Station in Mazagan eingerichtet worden. Die Ergeb- 
nisse dieser neuen Beobachtungen, abgesehen von Mazagan, die 
nicht zu erlangen waren, sind bis 1905, aber nur bezüglich der 
Niederschläge, von einem meiner früheren Zuhörer Herrn Dr. 
K. Knoch, Assistent vom Meteorologischen Institut in Berlin, ver- 
arbeitet worden in seiner Dissertation: Die Niederschlagsverhält- 
nisse der Atlasländer. Marburg 1906. Er verwertet hier diese Er- 
gebnisse. 

Der so zusammengebrachte Beobachtungsstoff ist im fol- 
genden zu einem ersten Versuch, das Klima von Marokko im 
Zusammenhang darzustellen, verarbeitet worden. Es lag nahe, 
die Beobachtungen von Kap Spartel und die neue Reihe von 
Mogador gründlich zu bearbeiten. Doch glaubte ich bei ein- 
gehender Erwägung gegenüber dem Umstand, daß von beiden 



Bodenplastische Skizze. ?n 

Punkten erst sechs Jahrgänge vorliegen, während kein Zweifel 
aufkommen kann, daß die Beobachtungen für zehn Jahre und 
länger werden fortgesetzt werden, dies mir für später vorbehalten 
zu sollen. Das jetzt erreichbare Ergebnis würde der aufzu- 
wendenden Zeit und Mühe nicht entsprochen haben. Selbst- 
verständlich sind die englischen Maße der Herren Frost, Fernau 
und White, wie der Station auf Kap Spartel umgerechnet. 



b) Bodenplastische Skizze. 

Wie in bezug auf andere geographische' Züge nimmt Marokko 
auch nach seinem Klima eine Sonderstellung innerhalb der Atlas- 
Länder ein. Wenn wir vom Muluja-Gebiet, das auch in dieser 
Hinsicht mehr zum Mittelland Algerien gehört, und von den trans- 
atlantischen Landschaften absehen, die völlig saharisches Klima 
haben, besteht Marokko aus dem Hochgebirgsgürtel des Atlas, 
welchem sich das wie in jeder Hinsicht so auch klimatologisch 
noch völlig unerforschte Gebirgsland des Rif anschließt. Diesem 
Gürtel von Faltengebirgslandschaften ist nun von der Meer- 
enge von Gibraltar im Norden bis zum Südwestende des Hohen 
Atlas am Kap Ghir das Atlas -Vorland vorgelagert, das im 
wesentlichen als ein Tafelland aufzufassen ist. Dieses Atlas- 
Vorland bildet den Kern des Staates Marokko, dessen Grenzen 
nur am Ozean und gegenüber Algerien feststehend sind. 
Aber selbst innerhalb dieser Grenzen erkennt nur ein Bruch- 
teil der Bewohner den Staat Marokko an. Die Länderkunde 
kann selbstverständlich unter Marokko nur jenen Hochgebirgs- 
gürtel des atlantischen Faltenlandes und das Atlas -Vorland 
verstehen. Da jener klimatologisch noch unerforscht ist, vor 
allem auch außerhalb des Bereichs meiner eigenen Forschungen 
liegt, so wird sich die Darstellung im wesentlichen auf das Atlas- 
Vorland beschränken. Dieses steigt als Tafelland in Stufen ziem- 
lich steil vom Meere auf, so daß in einer Meerferne von etwa 
60 bis 70 km bereits fast allenthalben eine mittlere Höhe von 
400 m vorhanden ist, die sich dann bis zu dem fast überall 
scharf ausgeprägten Fuß des Gebirges in unmerklichem Anstieg 
auf etwa 600 km steigert. Im Südwesten, in den Landschaften 
Mtuga und Haha ist die Meereshöhe des infolgedessen auch 
etwas reicher gegliederten Tafellandes bedeutender; es treten 



5j2 V, 2. Das Klima von Marokko. 

Höhen von 400 m schon etwa 40 km von der Küste auf, wäh- 
rend im Norden die vom Sebu durchflossene Tiefebene des Gharb, 
eine tertiäre und quartäre Meeresbucht, mit einer mittleren Höhe 
von etwa 50 m 90 m weit in das Tafelland eingreift, das sich 
seinerseits von dort bis zur Meerenge an der Außenseite des 
Faltenlandes auf etwa 10 bis 20 km verschmälert. 

Gemildert wird die bodenplastische Einförmigkeit des Tafel- 
landes, wenn auch nur örtlich, dadurch, daß in den höheren 
Teilen desselben wie im Südwesten, in Mtuga und Haha, so 
namentlich im Gebiet des Bu-Regreg die Erosionskraft der vom 
Atlas kommenden Gewässer wirksamer gewesen ist, während 
anderwärts, namentlich im Gebiet des mittleren Tensift und des 
Um-er-Rbia vorzugsweise äolische Denudation flache Wannen 
und Tafelberge gebildet hat. Die Abtragung ist örtlich so 
weit fortgeschritten, daß unter den jüngeren tafellagernden 
Schichten das alte gefaltete Grundgebirge , das wohl wesent- 
lich durch Abrasion zu einer Fastebene umgestaltet worden 
war, zutage tritt und Felsgebirge von geringer relativer Höhe 
und Erstreckung bildet. Der Einfluß , welchen diese wie 
die Wannen in klimatologischer Hinsicht auszuüben vermögen, 
dürfte jedoch außerordentlich gering sein. Die Meerferne ist von 
weit größerer Bedeutung als diese geringen Störungen des Tafel- 
landcharakters. Größeren Einfluß übt nur das steil über dem 
Vorland mit einer relativen Höhe von 2500 bis 3000 m auf- 
steigende Gebirge aus. Wie ein Wall schließt es jenes von der 
Wüste und zum Teil auch vom Mittelmeer ab und macht es 
gegen den Ozean schauen. 

c) Luftdruck und Luftströmungen. 

Für Luftdruck und Luftströmungen ist entscheidend die Lage 
zum subtropischen Hochdruckgürtel des östlichen Atlantischen 
Ozeans. Der hohe Gebirgswall gestattet den thermischen und 
barischen Verhältnissen der Sahara, namentlich der sommerlichen 
Depression, nur geringen Einfluß. Während des Winters liegt 
Marokko noch in diesem Hochdruckgürtel, wenn auch in der 
östlichen Hälfte desselben und mit nach Westsüdwesten zuneh- 
mendem Druck. Der mittlere Barometerstand des Januar ist (frei- 
lich nur in dem einen Jahr 1885) am Kap Juby 765,4 mm, in 



Luftdruckverhältnisse des Atlas -Vorlandes. 



3*3 



Mogador 764,3 1 ), in Rabat (wenig zuverlässig, zwei Jahre nach 
Linares) 764,4. Aus den Nachbargebieten beträgt der mittlere 
Luftdruck des Januar auf Tenerife, Madeira sowohl, wie andrer- 
seits in Lagos, San Fernando und Gibraltar 765 bis 766 mm. Vom 
Januar nimmt der Luftdruck gegen den Sommer hin, wenn auch 
nicht gleichmäßig, ab, so daß derselbe im Juli am Kap Juby 
764,4, in Mogador (nach von Maur 3 jähr.) 762,2 mm 2 ) beträgt; 
dagegen in Gibraltar 762,8, in San Fernando 761,3, in Lagos 
761,9, auf Madeira 763,8, in Ponta Delgada auf den Azoren 
767,1 mm, also zunehmend gegen Nordwesten. Es liegt Marokko 
danach im Sommer im allgemeinen südlich vom Hochdruckgürtel, 
während dann jenseits des Atlas sich über der großen Wüste 
eine ausgedehnte Depression entwickelt. Wie sich die Luftdruck- 
verhältnisse im Innern des Atlas -Vorlandes, namentlich auf der 
subatlantischen Hochebene gestalten, darüber lassen sich nur Ver- 
mutungen aussprechen ; Vermutungen, welche sich auf wenige Baro- 
meter-Ablesungen und auch nur während des Winters und Früh- 
lings, namentlich aber auf die beobachteten Luftströmungen wäh- 
rend des Frühlings und Sommers stützen, aber natürlich der 
Bestätigung durch längere Beobachtungen, in Marrakesch etwa, 
bedürfen. Danach wäre anzunehmen, daß im Winter über dem 
ganzen Atlas -Vorland und dem Atlas -Gebirge ähnlich wie an der 
Küste verhältnismäßig hoher Luftdruck herrscht, während sich im 
Sommer und schon von Ende März an hier ein örtlich be- 
schränktes Auflockerungsgebiet entwickelt. Es wäre also die 
subatlantische Hochebene dem Pendschab entfernt ähnlich. 

Die für den Winter 1886/87 vorliegenden Barometer- Ab- 
lesungen in Marrakesch 3 ) zeigten deutlich eine Druckzunahme 
vom September zum Dezember, wo der mittlere Stand 724 mm 
war, und eine ebenso regelmäßige Abnahme zum März, wo der 
mittlere Stand 721,1 mm, fast gleich dem vom September war. 



1) Das achtjährige Mittel (1867 — 1874) der Beobachtungen Beaumiers 
nach Ollive: Climat de Mogador im Bull. Soc. Geogr. Paris 1875, II, S. 387 
ist 765,2. Das von Hann (Zeitschrift der Österr. Ges. f. Meteorolog. 1873, 
S. 9) berechnete fünfjährige Mittel ist 764,3. Das sich aus den Beobachtun- 
gen des Herrn von Maur ergebende zweijährige Mittel(l895 — 1896) ist ebenfalls 
764,3. Ich halte diesen Wert für der Wahrheit näher kommend, da er auf 
drei täglichen Ablesungen eines Quecksilber-Barometers beruht. 

2) Nach Hanns fünfjährigem Mittel 760,5, nach Ollive 761,6 mm. 

3) Meteorolog. Zeitschrift 1895, S. III. 



314 V, 2. Das Klima von Marokko. 

Auf das Meeresniveau reduziert 1 ) und die Meereshöhe von Marra- 
kesch zu 500 m 2 ) angenommen, gäbe das 768,2 und 765,2 mm 
gegen (2 jähr. Mittel nach von Maur) 766,1 und 762,9 mm in 
Mogador. Also bedeutende Druckzunahme nach dem Innern. 
Leider liegen für den Sommer keine entsprechenden Vergleichs- 
beobachtungen vor. Ich selbst habe nach Vereinbarung mit Herrn 
von Maur meine zwei bzw. drei Aneroide während des 1 7 tägigen 
Aufenthalts in Marrakesch vom 5. — 21. April 1899 regelmäßig um 
7 Uhr vorm., 2 Uhr und 9 Uhr nachm. abgelesen. Ein Vergleich 
der beiderseitigen Ablesungen dieser kurzen Periode ergab eben- 
falls einen höheren Barometerstand in Marrakesch, wie in Moga- 
dor, nämlich 724,2, also auf das Meeresniveau reduziert 767,3 
in Marrakesch, 764,7 in Mogador. Trotzdem glaube ich im 
Sommer für das Innere des Atlas-Vorlandes und besonders für 
die subatlantische Hochebene entsprechend der raschen und be- 
deutenden Wännezunahme eine Abnahme des Luftdrucks gegen- 
über der Küste annehmen zu müssen. Dies würde auch erklären, 
daß ich im April und Mai fast täglich mit steigender Sonne 
westliche und nordwestliche Winde sich entwickeln und an Stärke 
zunehmen sah, die dann gegen Abend einlullten. Dieselben 
brachten kühle Luft vom Ozean und wurden als außerordentlich 
wohltuend empfunden. Auch die später zu besprechenden 
sommp.rlinrtp.n Staubtromben und heißen Winde mit ihren Be- 
gleiterscheinungen sind wohl aus der großen Wärmezunahme zu 
erklären. 

Dieser Luftdruckverteilung entsprechen die Luftströmungen: 
im Winter von Süden nach Norden immer häufiger werdendes 
Auftreten des West und Südwest bis zu völliger Vorherrschaft im 
Norden, im Sommer so gut wie Alleinherrschaft nordöstlicher 
Winde, des Passats. Je weiter nach Süden, um so länger und 
regelmäßiger weht derselbe. Am Kap Juby herrschen acht Monate 
hindurch kühle Nordnordost -Winde. Von November bis Februar 
sind die Winde veränderlich, aber der Nordost herrscht vor. In 



i) Nach Hann: Atlas der Meteorologie S. 6. 

2) Dies dürfte doch wohl etwas zu hoch sein. Vgl. Ergänzungsheft 
zu Peterm. Mitteilungen Nr. 133, S. 77. Daß das Innere von Marokko im 
Winter durch eine wesentliche Druckzunahme gekennzeichnet wird, nimmt 
auch Dr. Knoch auf Grund der neuen Beobachtungen in Marrakesch an. 
Ebenso die sommerliche Auflockerung. 



Windverhältnisse Nord -Marokkos. 



315 



Mogador sind ebenfalls Nordnordost und Nordost die vorherr- 
schenden Windrichtungen. Sie wehen besonders von Mai bis 
September unter Tags und im Juli sozusagen Tag für Tag mit 
großer Stärke, während nachts und morgens Windstille herrscht. 
Im Winter, von November bis März und April, sind südwestliche, 
westsüdwestliche, westliche und auch südliche Winde nicht gar 
selten. Von 5475 Windbeobachtungen Beaumiers von 1870 bis 
1874 kamen 305g auf Nordost. Nach von Maurs Beobachtungen 
(1894 — 1899) herrschen in allen Monaten des Jahres nordöst- 
liche und nordnordöstliche Winde vor, im Sommer naturge- 
mäß mehr als im Winter. Im Juli z. B. herrschen diese beiden 
Windrichtungen an 26,3 Tagen vor, aber auch im Januar noch 
an 20,5 Tagen. In den drei Jahren 1894^ — 1896 waren im Juli 
70 °/ im Jahr 1895 un d 1896 im Januar 44% aller beob- 
achteten Windrichtungen solche des ersten Quadranten. West-, 
Südwest- und Südsüdwestwinde, die Regenbringer , kennzeichnen 
die Zeit von Oktober bis April durch eine gewisse Häufigkeit 
ihres Auftretens, während sie im Sommer sehr selten sind. In den 
drei Jahren 1894 — 1896 kamen im Juli auf 279 Windbeobachtun- 
gen nur 2 1 mal Winde aus dem dritten Quadranten, während im 
Januar 1895 und 1896 auf 186 Windbeobachtungen 234-8 aus 
dem dritten Quadranten kamen. Leider liegen mir nur diese 
zwei Jahre vor, in denen der Januar 1896 durch große Regen- 
armut als nicht normal erscheint. Selbst der Januar 1895 bleibt 
mit nur 65,9 mm Regen hinter dem 6jährigen (1895 — 1900) 
Mittel von 97,3 mm beträchtlich zurück. Ich schließe daraus, 
daß auch diese 2^ mal unter 93 Beobachtungen festgestellten 
Winde des dritten Quadranten unter dem Mittel sind und min- 
destens ein Drittel aller im Januar beobachteten Windrichtungen 
solche aus dem dritten Quadranten sind. Wir können also an- 
nehmen, daß in Mogador die Winde dieses Quadranten im 
Juli nur 7,5, im Januar S3°/ der beobachteten Windrichtungen 
ausmachen. Süd- und Südostwinde sind sehr selten und treten 
nur in geringem Maß mit den Erscheinungen des Scirocco (Föhn) 
auf. Sie wehen etwa einen halben Tag zwei- bis dreimal im 
Jahr. Immerhin richtete ein am 23. Juni 1900 drei Stunden 
nachmittags wehender Ostsüdost-Sturm beträchtlichen Schaden an 
Mauern und (flachen!) Dächern an. Ablandige Winde, wozu 
in Mogador alle Winde etwa zwischen Nordosten und Süden zu 



3 I 6 V, 2. Das Klima von Marokko. 

rechnen sind, wehen im Juli zu 68°/ , im Januar zu 73%. Doch 
ist der letzte Prozentsatz wegen der nicht normalen Januare bei 
beiden Beobachtungsjahren zu hoch. Immerhin wird man auch 
im Januar wohl noch über die Hälfte aller Windrichtungen als 
ablandige ansehen können. Sehr deutlich laßt die 2 Uhr nach- 
mittags -Beobachtung, bei welcher 63% auflandige Winde sind, 
im Juli den Wechsel von See- und Landwind erkennen. Die 
Windstärke pflegt bei Nordwest und Nordnordwest, gelegent- 
lich auch bei Südwest und im Winter am größten zu sein, doch 
erreicht auch der Passat untertags nicht selten eine große Stärke. 
Windstille ist in Mogador, wie im übrigen ja meist an den Küsten 
des Ozeans, eine seltene Erscheinung. Im Januar kam 1895 
und 1896 Windstille überhaupt nicht zur Beobachtung, im Juli 
1894 — 1896 auf 279 Beobachtungen nur fünfmal. Das wäre 
von großer Wichtigkeit für die Aufstellungen von Windmotoren 
zur Bewässerung der Gärten in der Umgebung der Küstenstädte 
und im ganzen Küstengebiet an Stelle von Eseln und Maultieren, 
die heute allgemein zum Emporheben des Wassers in den Norias 
verwendet werden. 

Wie sich weiter nach Norden die Windverhältnisse gestalten, 
kann man sich ungefähr vorstellen, nämlich größere Häufigkeit 
des Südwest im Winter, geringere des Nordost im Sommer. 
Doch fehlt es an genügenden Beobachtungen. In Rabat kommen 
nach den nicht ausreichenden Beobachtungen des Dr. Linares 
im Winter auf Winde des dritten Quadranten 44%, des ersten 
S3°l , im Sommer 47% un< ^ 43 %• ^ m Sommer weht also der 
Passat hier weniger lange und regelmäßig, wenn auch nörd- 
liche und nordöstliche Windrichtungen im Sommer viel häufiger 
sind als im Winter. Man pflegt auch gewöhnlich am Kap Cantin, 
zwischen Mogador und Rabat die Polargrenze des ausgebildeten 
Passats anzusetzen. Nach den Beobachtungen des Herrn Frost 
weht in Rabat im Mittel im Januar an 10 Tagen Ost-, an 9 Tagen 
Westwind, im Juli an 27 bzw. 4 Tagen. Diese auffallende Er- 
scheinung ist nur aus der Lage des Standorts des Beobachters 
am Rand des Bu Begreg -Tales zu erklären. Es werden dort 
offenbar und nach meiner Kenntnis der Ortlichkeit begreiflicher- 
weise fast alle Winde durch das tief in das Tafelland annähernd 
in Westost-Richtung eingeschnittene Flußtal abgelenkt. Ich glaube 
demnach diesen Beobachtungen entnehmen zu können, daß im 



Windverhältnisse der Straße von Gibraltar. 



317 



Sommer dort die Winde des ersten Quadranten außerordentlich 
überwiegen und auch im Winter noch sehr häufig sind. Es würde 
sonach das Bild der Windverhältnisse von Rabat noch nicht allzu 
stark von Mogador abweichen. 

Sehr eigenartig sind die Windverhältnisse der Straße von 
Gibraltar. Für das Verständnis derselben gilt es natürlich neben 
den Beobachtungen auf Kap Spartel und in Tanger auch die 
von Tarifa, Gibraltar und San Fernando heranzuziehen. Stellen 
wir zunächst die beobachteten Tatsachen zusammen. An der 
Signalstation auf Kap Spartel zeigt sich sofort die Bedeutung der 
Meerenge für den Ausgleich, wie der Gegensätze von Ozean und 
Mittelmeer in bezug auf Salzgehalt, Schwere, Temperatur usw., 
so auch der Luftmassen über beiden Wasserflächen. Alle Luft- 
strömungen werden durch diesen engen Durchgang, der im Süden 
wie im Norden von hohem Lande und von Gebirgen mit Höhen 
von 2000 m und mehr begrenzt wird, abgelenkt und nehmen 
ähnlich wie in einer engen Gasse an Stärke zu. Die Gegensätze 
der Erwärmung und des Luftdrucks über beiden Meeren, nament- 
lich bei der Ausbildung von Depressionen über dem warmen 
Mittelmeer während des Winters werden auch ihrerseits zur Er- 
zeugung von Luftströmungen meist beträchtlicher Stärke beitragen. 
In der Tat ist die Straße von Gibraltar, wenigstens im Winter, 
eines der greulichsten Zuglöcher der Erde. Der Aufenthalt in 
Tanger erscheint jedenfalls durch den fast ununterbrochen, 
häufig sturmartig, bald von Ost, bald von West wehenden Wind 
im Winter, bis man sich daran gewöhnt hat, als wenig angenehm. 
Der Bosporus, das zweite große Zugloch des Mittelmeergebiets, 
ist, was die Luftbewegung anlangt, nicht so schlimm, freilich die 
Wirkung der dort hereinbrechenden nördlichen Winde wesentlich 
größer. Im Sommer ist die Windstärke an und für sich nicht 
geringer, wird aber bei der herrschenden Wärme eher angenehm 
empfunden. Nur im August und September herrscht hier etwas 
größere Ruhe. 

Es kommen im sechsjährigen Mittel an Kap Spartel bei 
den zweimal täglichen (9 Uhr vorm. und 9 Uhr nachm.) Beob- 
achtungen im Jahresmittel $2 % a ^ er beobachteten Windrich- 
tungen auf O, 29 % auf SW und w - Dabei ist bezeichnend, 
daß alle andern östlichen Richtungen verhältnismäßig selten 
sind, weil eben alle durch die Meerenge abgelenkt zur Beobach- 



•5j8 V, 2. Das Klima von Marokko. 

tung kommen, während Südwest etwas häufiger auftritt als West 
und nebenbei auch Süd und Nordwest eine gewisse Häufig- 
keit haben, die ihrerseits erst hier am westlichen Eingang in 
die Meerenge eine Ablenkung erfahren. In Tanger, wo die 
Lage des Beobachtungsortes keine sehr verschiedenen Bedin- 
gungen von dem 12 km entfernten Kap Spartel aufweist, kom- 
men im sechsjährigen Mittel auf O 20 °/ , auf SO io°/ , auf SW 
16 %, auf NW 13 %, auf W 28% während N, S und SO noch 
seltener auftreten als am Kap Spartel. In Gibraltar sind ebenfalls 
im sechsjährigen Mittel 1 ) Ost- und Nordwest- bzw. Südwest- und 
Westwinde am häufigsten. O weht an 89 Tagen, NW an 95, 
SW an 60, W an 43 Tagen. Auch hier sind N, S und SO ver- 
hältnismäßig selten. Der Ostwind, Levanter genannt, hält zu- 
weilen 4 bis 5 Wochen an. Während dieser Zeit hängt eine dicke, 
dunkle Wolke über dem Felsen. 

Was die jahreszeitliche Verteilung dieser vorherrschenden 
Windrichtungen anlangt, so kommen am Kap Spartel im Januar 
auf O 2 6°/ , auf W und SW 2i / der beobachteten Windrich- 
tungen, im Juli auf O 39%' am ° W und SW 32°/ . Wir sehen 
also, daß auch hier die Ostwinde, unter welchen vorwiegend 
Windrichtungen des ersten Quadranten zu verstehen sind, im 
Jahr und besonders im Sommer noch überwiegen, aber die Winde 
des dritten Quadranten stehen ihnen an Häufigkeit nicht mehr 
viel nach. In Tanger kommen im Januar auf O 2$°/ , auf W 
und SW 52%, im Juli auf O 26%, auf W und SW 35%. In 
Gibraltar weht im Winter der O an 19, im Sommer an 29 Tagen, 
der W, SW und NW im Winter an je 10, n und 29 Tagen, 
im Sommer an je 12, 15 und 15 Tagen. Es herrscht also im 
Sommer der Ost-, im Winter der Westwind vor. 

Die Windstärke ist nach den Beobachtungen am Kap Spartel 
im sechsjährigen Mittel im Januar nach der 12 teiligen Skala 3,2, 
im Juli 3,4, im März, der meist sehr stürmisch ist, 3,6, im Sep- 
tember, dem verhältnismäßig ruhigsten Monat, 3,0. Es sind be- 
sonders die Ostwinde, welche stürmisch auftreten und den Ver- 
kehr über die Meerenge erschweren, ja tagelang unmöglich machen. 
Das zeigen namentlich auch die Beobachtungen von Tanger. 
Auf ihnen beruht die ungewöhnliche Windstärke des Sommers. 



1) Zeitschrift der Österr. Ges. f. Meteorolog. 1874, S. 75. 



Kühle Auftriebküste. 310 

Im fünfjährigen Mittel kommen Oststürme (Stärke 7 — 10) an 
nicht weniger als 8g Tagen vor, in jedem der fünf Monate Mai 
bis September im Durchschnitt an 1 1 Tagen. Auch der Nordost 
tritt im Sommer ziemlich häufig und in großer Stärke auf, während 
Südwest- (an 41 Tagen jährlich) und Weststürme (an 39 Tagen) 
besonders die Zeit von Dezember bis April kennzeichnen. Die 
anemometrischen Aufzeichnungen am Marine - Observatorium zu 
San Fernando 1 ) ergeben ebenfalls für den Ostwind die bei weitem 
größte mittlere Geschwindigkeit, nämlich 19,2 km in der Stunde, 
gegen 15,2 für den Westwind. 

Wenn wir diese Betrachtungen über die Windverhältnisse 
von Marokko von einem bestimmten Gesichtspunkt aus kurz zu- 
sammenfassen, so sehen wir, daß an der Straße von Gibraltar 
noch 4 — 5 Monate Winde vorherrschen, welche als ablandige 
bezeichnet werden können, und daß dieselben mit größter Stärke 
auftreten. In Mogador herrschen dieselben schon das ganze 
Jahr vor und überwiegen auch noch im Winter, am Kap Juby 
ist beides in noch höherem Grade der Fall. Dieser Umstand 
beeinflußt das Klima des ganzen Küstengebiets in überaus auf- 
fälliger Weise und ruft einen grellen Gegensatz zwischen diesem 
und dem Innern des Atlas -Vorlandes hervor. Mit demselben 
hängt zusammen die niedrige Temperatur des Meeres an der 
Küste, große Luftfeuchtigkeit, Nebel, Tau, außerordentlich gleich- 
mäßige Wärme des Küstengebiets, Seltenheit von Gewittern, jahres- 
zeitliche Verteilung und Menge der Niederschläge. 

d) Kühle Auftriebsküste. 

Bei meinen Studien über das Klima der Mittelmeerländer 
stieß mir schon im Jahre 1877 die Tatsache auf, daß an der 
Küste von Portugal, Spanien und Marokko die Luft ganz auf- 
fällig kühl sei, besonders im Sommer, und das Meer hier einen 
großen Teil des Jahres (acht Monate) in einem allerdings nicht 
sehr breiten Gürtel des Küstenlandes in hohem Grade Temperatur 
erniedrigend wirke. Line genügende Erklärung für diese Er- 
scheinung glaubte ich in der die Küste begleitenden, aus hohen 
in niedrigere Breiten gehenden und darum kühl erscheinenden 
nordafrikanischen oder Kanarenströmung nicht erkennen zu können. 



1) Zeitschrift der Österr. Ges. f. Mcteorolog. 1874, S. 75. 



X20 V, 2. Das Klima von Marokko. 

Ich suchte die Erklärung der auffallend niedrigen Oberflächen- 
temperatur des Meeres an der Küste in „aus der Tiefe auf- 
tauchenden Schichten" 1 ). Wohl als einer der ersten hatte ich 
so die Erscheinung der kühlen Auftriebwasser erkannt, freilich 
ohne auch bereits in den ablandigen Winden die Kraft zu er- 
kennen, welche diese kühlen Wassermassen aus der Tiefe empor- 
zog. Ich wies damals auch schon auf die diesen Küstengürtel 
kennzeichnenden Nebel hin. Einer meiner Schüler, Dr. Puff 2 ), 
hat dann 1890 aus den Schiffstagebüchern der Deutschen See- 
warte diese Verhältnisse klargelegt. Es ergab sich, daß der 
Unterschied zwischen Luft- und Oberflächenwasserwärme im 
Sommer an der Küste von Norden nach Süden immer größer 
wird und ein verhältnismäßig schmaler Gürtel nahe unter Land 
auffallend kühl erscheint. Dr. Puff zeigte, daß an der Küste des 
äußersten Nordwest -Marokko das ganze Jahr Wasser aus der 
Tiefe emporgesogen wird, wenn sich dies naturgemäß auch nur 
im Sommer als thermisch wirksam erweist. Während dieses 
Oberflächenwasser vor der Meerenge vom Juli bis September 
etwa 19 C hat, dat es draußen auf dem Ozean in gleicher Breite 
20 — 22° C, im Mittelmeer 21 — 23 C. Und so an der Küste 
von Marokko südwärts. Bei seinen so bedeutungsvollen Unter- 
suchungen über die Strömungen in der Straße von Gibraltar 
"stellte Carpenter 3 ) im August 1872 fest, daß die Oberflächen- 
temperaturen von der spanischen nach der marokkanischen Küste 
stetig abnahmen. Im Profil der größten Verengung der Straße, 
von Pearl Rock, wo man 22,5° C fand, nahm die Oberflächen- 
temperatur gegen die Mitte mit 16,6° C und gegen Punta Cires, 
wo man nur 15,3° C feststellte, auffallend ab. Ähnlich von Tarifa 
bis zur Tangerbucht 19,3, 16,7, 16,5° C. Also Temperaturen, 
wie man sie an der Oberfläche im August erst an der Südküste 
von Irland findet. Bei Mogador fanden Buchanan und Nares 4 ) 
im August dicht am Lande 15,6° C, 20 Seemeilen von der 
Küste schon 21,1° C. 

Am Kap Juby, wo die Meerestemperatur bei eingetretenem 



1) Peterm. Mitt. Ergänzungsh. 58, S. 25. 

2) Das kalte Auftriebwasser an der Ostseite des Nordatlantischen Ozeans. 
Marburger Dissertation 1890, S. 12. 

3) Proc. Roy. Geogr. Soc. 1874, S. 333. 

4) S. ebenda 1886, S. 764. 



Kühle Auftriebküste. 



321 



Hochwasser beobachtet wurde, war dieselbe von April bis Oktober 
niedriger als im Winter; im Juni z. B. 16,3° C gegen 16,9° C 
im Januar, 17,7° C im November und Februar, I7,8°C im März. 
Das Jahresmittel ist 17,2° C, das absolute Maximum im August 
20, 8° C. Das sind also ungewöhnlich niedrige Temperaturen für 
die Breite von 27 28' N. Auch die die Gewässer des kühlen 
Auftriebs gewöhnlich kennzeichnende flaschengrüne Farbe findet 
sich an der atlantischen Küste. Meine Absicht, auch meinerseits 
zur weiteren Klärung dieser Verhältnisse durch Beobachtungen 
mit Aräometer , Thermometer und Farbenskala beizutragen, 
scheiterte daran, daß die Instrumente aus Versehen nach Mogador 
vorausgegangen waren, in Mogador selbst aber die bewegte See 
jede Beobachtung unmöglich machte. Sehr erwünscht kamen mir 
daher die Beobachtungen, welche Herr Stabsarzt Dr. Krämer auf 
Anregung von Professor O. Krümmel an Bord S. M. Schulschiff 
„Stosch", das damals an der marokkanischen Küste kreuzte, am 
24. und 25. August 1899 auf der Fahrt von Tanger nach den 
Kanarischen Inseln anstellte und die mir Herr Professor Krümmel, 
dessen Rat ich für meine eigenen Beobachtungen erbeten hatte, 
freundlichst zur Verfügung gestellt hat. Die herrschende Wind- 
richtung war Ost, d. h. die nach den Beobachtungen auf Kap 
Spartel im August bei weitem überwiegende Windrichtung, auf 
welche speziell im August 1899 fast die Hälfte aller beobachteten 
Windrichtungen kam. Ich lasse die Beobachtungstabelle auf 
S. 322 auszugsweise folgen. 

Es ergibt sich aus diesen Beobachtungen, daß die Küsten- 
gewässer um Kap Spartel nach Temperatur, Dichte und Salz- 
gehalt dem kühlen Auftrieb angehörten, aber nur in einem sehr 
schmalen Gürtel. In einem Abstand von 12 km steigt die Ober- 
flächentemperatur sehr rasch, allerdings Dichte und Salzgehalt 
weniger rasch. Auch die Lufttemperatur steigt entsprechend. 
Bei der letzten Beobachtung um 9 Uhr abends ist die Ober- 
flächentemperatur bereits auf 21,5° C gestiegen. Die Beobach- 
tungen am 25. August, die eine etwa 130, die andere etwa 
158 km westlich von Arsila, zeigen die normale Temperatur, 
Dichte und Salzgehalt des Ozeans in dieser Gegend und Jahreszeit. 

Wie es auch anderwärts vielfach der Fall ist, so wird auch 
das Gestade dieses Gürtels kühlen Auftriebs, der natürlich örtlich 
von der Boden- und der Küstengestalt beeinflußt ist, um ZU- 
Fischer, Mittelmeerbilder. Neue Folge. 2 1 



32: 



V, 2. Das Klima von Marokko. 



Zeit 


Ort 


Kurs 


d. See- H 
wassers g 

d.Luft ° 

Aräometer- 
gewicht 

Wasser- 
temperatur 


in ° 
«■CO 

•6* 


•3 

ja 


24.VIII.99 






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3 hp 


etw. östl.v.Kap Spartel 


WNWVjW 


16,4 1027,6 17,611027,5 


36,0 


3 h io'p 


1 y 4 Sm. w. v. K. Sp. 




16,4 


20,7! 1027,8 17,4t 1027,7 


36,3 


3 h 2o' p 


2 




1 1027,6 I7,6|i027,5 36,0 


3 h 30' p 


2,5 „ 




17,1 


1027,8 t 17,8; 1027,6136,1 


3 h 35' p 


3 j) 




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1027,6117,8 


1027,6136,1 


3 h 4o' p 


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17,3 










3 h 45' p 


4 




17.3 










3 h 55' p 
4 h io /p 


5 

6,5 „ ab K. Sp. 


wNwy s w 


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21,3 


1027,5 


18,6 


1027,6 


36,1 


4 h 2o'p 


7>5 » 




18,7 




1027,5 


18,8 


1027,7 


36.3 


25.Vm.99 


















8 h io' a 


35°25'N 
7°i5'W 




24,2 


24,2 


1026,4 


24,4 


1028,0 


36,7 


I2 hm 


35°26 1 ; , N 
7°3o'W 




24,6 


25,6 


1026,0 


25,6 


1027,5 


36,4 



nächst die augenfälligen Erscheinungen hervorzuheben, durch 
hohe relative Feuchtigkeit, häufige Nebel und reichliche Taufälle 
gekennzeichnet, also Erscheinungen, welche alle in den engsten 
Beziehungen zueinander stehen. Nebel sind allerdings am Kap 
Juby selten und nie von langer Dauer. Wohl aber wird diese 
Küste durch ungewöhnliche Taubildung gekennzeichnet. Dies 
bezeugen vom Rio de Oro die spanischen Forscher E. Bonelli x ) 
und Fr. Quiroga *). Ganz wie ich es am unteren Tensift beob- 
achtete, würde man dort, wenn man im Freien schlafen wollte, 
bis auf die Haut durchnäßt werden, während drei Tagereisen 
von der Küste Taufälle selten sind und große Lufttrockenheit 
herrscht. Weiter nach Süden sind die Taufälle noch reichlicher, 
und Schiffe, welche in der Nähe des Landes vor Anker liegen, 
gewähren nach einem solchen Taufalle den Anblick, als ob ihr 
Deck und Takelwerk abgespült sei 3 ). Von Choree und St. Louis 
berichtet Borius 4 ), daß dort während der Trockenzeit, besonders 



1) El Sahara. Madrid 1887. 

2) Observaciones geologicas hechas en el Sahara occidental. Anal. Soc 
Espafi. de Hist. Nat. T. XVIH 1889, S. 313. 

3) Puff a. a. O., S. 56. 

4) Ztschr. d. Österr. Ges. f. Met. 1875, S. 374. 



Tau und Nebel im Küstengebiet. ^21 

von März bis Mai, der Taufall so reichlich ist, daß in einigen 
Häusern das so niedergeschlagene Wasser in Zisternen geleitet 
wird und oft in einer Nacht die Niederschlagshöhe des Taus 
2 mm erreicht. Am Kap Juby ist die relative Feuchtigkeit das 
ganze Jahr sehr groß, namentlich aber vom Mai bis Oktober, 
wo sie im August 94% erreicht. Selbst im Januar, wo sie am 
geringsten ist, beträgt sie noch 8i,5°/ . Es ist somit kaum zu 
bezweifeln, daß auch hier sehr bedeutende Taubildung stattfindet. 
Dem entspricht auch die Bewölkung, die im Winter am geringsten 
ist, aber selbst im November, dem wolkenfreiesten Monat 2,2 
beträgt, dagegen auch ihrerseits im Sommer beträchtlich ist und 
im Mai auf 6,8, im Juli auf 6 steigt. Nach dem von der Deut- 
schen Seewarte herausgegebenen Segelhandbuch für den Atlanti- 
schen Ozean (i. Aufl., S. 113) herrschen an der marokkanischen 
Küste von Mai bis September häufig dichte Nebel, durch welche 
die Sonne viele Tage nur zur Mittagszeit matt scheint und bei 
welchen die Lufttemperatur um die wärmste Tageszeit selten 
über 2 5 C steigt. Von Agadir hebt Rohlfs l ) hervor, daß dort 
im August die Sonne den Nebel vor Mittag selten durchdrang. 
Die Eingeborenen versicherten ihm, daß sie selbst im hohen 
Sommer diese aus dem Meer aufsteigenden Nebel selten vor 
Mittag zu zerstreuen vermöge. 

Auch in Mogador sind Nebel recht häufig, besonders im 
Sommer, wie schon J. Hooker dies an der Küste von Süd- 
Marokko feststellte. Aus den neueren Beobachtungen des Herrn 
von Maur, deren darauf bezügliche Ergebnisse mir allerdings nur 
für die Zeit von April 1 894 bis Ende 1 896 zur Verfügung stehen, 
ergibt sich, daß der Winter, die eigentliche Regenzeit, fast frei 
von Nebeln ist, dagegen solche und dunstige Luft im Sommer 
recht oft auftreten. Während in der Beobachtungszeit sowohl im 
Dezember wie im Januar an keinem Tage Nebel oder dunstige 
Luft beobachtet wurde, begannen dieselben von Mai an häufiger 
zu werden, erreichten ihr Maximum im August, wo im Durch- 
schnitt 5,3 Tage mit Nebel und 15,3 Tage mit dunstiger Luft 
vorkommen, um dann bis November wieder abzunehmen und zu 
verschwinden. Immerhin waren auch für Juli die betreffenden 
Mittelwerte 5,3 und 13, für September 3,7 und 8,0. Im Jahres- 
mittel kommen in Mogador 21 Nebel- und 67 dunstige Tage vor. 

1) Mein erster Aufenthalt in Marokko, S. 420. 



?24 V, 2. Das Klima von Marokko. 

Bei den im ganzen 9 1 Beobachtungen, welche de Foucauld 
während seines 44tägigen Aufenthalts (29. Januar bis 13. März 
1884) in Mogador vornahm, war der Himmel 45 mal dunstig. 
Am 11. Februar verzeichnete er dichten Nebel, der bis 11 Uhr 
vormittags anhielt. 

Die Luftfeuchtigkeit ist dementsprechend in Mogador ähnlich 
wie am Kap Juby ziemlich groß. Die relative Feuchtigkeit be- 
trägt im sechsjährigen Jahresmittel 88 °/ . Ohne überhaupt großen 
Schwankungen unterworfen zu sein, ist sie doch im Sommer sehr 
groß, so groß, daß dann alles Lederwerk, Kleider u. dgl. rasch 
muffig und stockig werden, wenn man sie nicht möglichst oft 
und sorgsam lüftet. Doch ist diese übergroße Luftfeuchtigkeit 
in Mogador im Sommer zum Teil örtlich bedingt und beschränkt. 
Der stürmische Nordost-Passat nämlich ruft an den Felsen an 
der Nordseite der Stadt so heftige turmhohe Brandung hervor, 
daß ununterbrochen fein zerstäubtes Seewasser oft unter Regen- 
bogenbildung über die Stadt hingeweht wird. Daß aber noch 
sonst an der Küste und schon im Frühjahr die Luft nicht sehr 
weit von der Sättigung mit Wasserdampf entfernt ist, das be- 
weisen J. Hookers Klagen (im April), daß die große Luftfeuchtig- 
keit an der ganzen Küste das Trocknen der Pflanzen außer- 
ordentlich erschwere. Die Bewölkung, über welche auch nur 
Herrn von Maurs hier nicht ganz lückenlose Beobachtungen von 
x\pril 1894 bis Dezember 1896 zur Verfügung stehen, erscheint, 
soweit bereits ein Urteil möglich ist, im allgemeinen im Winter 
schon etwas größer als im Sommer. Im Mittel der sechs Monate 
Oktober bis März beträgt sie 3,9, vom April bis September 3,1. 
Nach Beaumiers Beobachtungen zählt man 29,3 mittlere und 
60,9 bedeckte, 1 1 , 1 Nebeltage, zu denen aber noch 50 dunstige 
Tage hinzukommen. 

Gehen wir weiter nach Norden, so ergibt sich aus den 
Beobachtungen des französischen Konsuls Gilbert in Casablanca, 
daß dort von März 1867 bis Februar 1868 nicht weniger als 
23 Tage mit Nebel vorkamen, davon 19 von Juli bis Oktober, 
6 allein im August, häufig sehr dicht und den ganzen Tag an- 
haltend. Die Beobachtungen, welche Herr Ingenieur Rottenburg 
nach Vereinbarung mit mir, in der Zeit vom n. bis 31. Mai 1899 
in Rabat anstellte, während der Zeit, wo ich auf der Reise von 
Rabat nach Meknäs und Fäs und von da nach Tanger begriffen 



Tau und Nebel in Nord -Marokko. 



325 



war, ergaben unter diesen 2 1 Tagen nicht weniger als 4 bei der 
Morgenbeobachtung (7 Uhr vormittags) ganz bewölkte und noch 
weitere 7, an welchen die Hälfte des Himmels und mehr wolken- 
bedeckt war. Bei der Abendbeobachtung (9 Uhr nachmittags) 
herrschte an 2 Tagen volle, an 3 weiteren mehr als halbe Be- 
wölkung, während bei der Mittagsbeobachtung (2 Uhr nachmittags) 
nur an 2 Tagen halbe Bewölkung, an 8 Tagen vollkommene 
Heiterkeit herrschte. Die relative Feuchtigkeit sank an zwei 
Tagen bis auf 82 °/ , während andererseits ebenfalls an zwei 
Tagen nahezu volle Sättigung erreicht wurde, es aber auch nur 
an zwei Tagen zu Regen kam. Nur 3 von den 2 1 Tagen waren 
taufrei! Es waren die Tage, an welchen Regen eintrat oder 
sehr starke Bewölkung herrschte. Es ist daraus zu schließen, 
daß auch in Rabat noch im Sommer denen von Mogador ziem- 
lich ähnliche Verhältnisse herrschen. 

Von Tanger liegen leider keine Beobachtungen über Nebel 
vor. Die Bewölkung läßt nach den sechsjährigen Beobachtungen 
des Ministerresidenten Weber ganz den mediterranen Typus er- 
kennen. Sie ist am größten im eigentlichen meteorologischen 
Winter, wo reichlich 38% ganz trübe Tage sind; aber selbst in 
der langen, sich von Oktober bis April ausdehnenden Regenzeit, 
sind noch 34 °/ ganz trübe. Die drei Sommermonate, in denen 
im Süden Marokkos so besonders häufig Nebelbildung auftritt, 
haben nur IO°/ trüber Tage. Ähnliche Verhältnisse zeigt auch 
die Bewölkung am Kap Spartel. Im Winter erreicht sie im 
Durchschnitt 4,4 (10 teilige Skala), im Sommer nur 2,1, es ist 
hier, wo der Ozean noch größeren Einfluß auszuüben vermag, 
also immerhin die Heiterkeit des Himmels nicht so groß wie in 
Tanger. Die relative Feuchtigkeit ist ebenfalls das ganze Jahr 
bedeutend, aber ebenfalls, im Gegensatz zu Süd -Marokko, im 
Sommer bereits geringer als im Winter. Sie beträgt im sechs- 
jährigen Mittel 82,2%, im Januar 86,3%, im Juli 77,6%. De la 
Martiniere 1 ), ein gründlicher Kenner, bezeichnet Tanger in der 
Regenzeit als sehr feucht, alles roste und rheumatische Leiden 
seien häufig. 

Es sei aber noch einmal betont, daß diese große Luft- 
feuchtigkeit nur dem unmittelbaren Küstengebiete eigen ist, und 



1) Marocco, London 1889, S. 38. 



■226 V, 2. Das Klima von Marokko. 

ebenso die Nebel- und Dunstbildung. Sie ist nur als eine in 
dieser Breite auffallende Erscheinung anzusehen. Es würde aber 
irrig sein, wenn man danach das marokkanische Küstenland als 
ein Nebelland ansehen wollte. Denn dazu ist die Zahl der 
Nebeltage und die Bewölkung viel zu gering. Im Gegenteil, 
auch hier kann man, wenn auch weniger als im Innern und in 
den gleichen Breiten der Mittelmeerländer, vom warmen, sonnigen 
Süden sprechen. 

e) Die thermischen Verhältnisse. 

Als Ergebnis der bisherigen Betrachtungen wird man bereits 
in der Lage sein, sich ganz bestimmte Vorstellungen über das 
x\usmaß und den Gang der Wärme im marokkanischen Küsten- 
lande zu machen. Man wird erwarten, daß, je weiter nach 
Süden sich um so mehr der Einfluß des Passats und des kühlen 
Auftriebs mit allen Begleiterscheinungen die Wärme mäßigend 
und Gegensätze , die jahreszeitlichen wie die täglichen , aus- 
gleichend wirken wird. Der vorliegende Beobachtungsstoff, der 
allerdings noch so mangelhaft ist, daß er nur näherungsweise die 
Wahrheit erkennen läßt, bestätigt diese Vorstellung. Die mittlere 
Jahrestemperatur ist an der ganzen Küste verhältnismäßig niedrig, 
die jährliche, wie die tägliche Temperaturschwankung ist gering, 
indem die Wärme im Sommer und am Tage durch Wind und 
Meer herabgedrückt wird. Erst an der Meerenge tritt dieser 
Zug maritimen Klimas etwas weniger hervor. Bei Kap Juby und 
IWogador ist dabei noch der Umstand in Betracht zu ziehen, 
daß beide sozusagen auf Inseln liegen. 

Die mittlere Jahrestemperatur am Kap Juby dürfte nahe an 
19 C betragen. Für 1885 wird sie (wohl nach den Index- 
thermometern) zu 19,2° C, für 1884 zu 18,9° angegeben. Die 
sicher zu niedrigen Mittel aus der Morgen- und Abendbeobach- 
tung waren 18,0 und 18,3° C. Die mittlere monatliche Schwan- 
kung der Temperatur wird zu 1 2 C, die mittlere tägliche zu 
3,9° C angegeben. Die höchste bei Landwind beobachtete Tem- 
peratur betrug 39,8° C, die niedrigste 9,3° C. Erstere würde 
sich bei längerer Beobachtung sicher bedeutend erhöhen, minde- 
stens auf 45 C, letztere dagegen sich wohl nur wenig ändern. 

Sind die Beobachtungen am Kap Juby zu kurz, um sich ein 



Thermische Verhältnisse von Mogador. 



32; 



ganz richtiges Bild machen zu können, so kommt in Mogador, 
wie schon angedeutet, zu der auch noch nicht hinreichenden 
Länge der Beobachtungsreihen noch die nicht ganz einwandfreie 
Aufstellung der Instrumente hinzu. Diese läßt das Klima von 
Mogador als noch gleichmäßiger erscheinen, als es ohnehin unter 
dem Einfluß seiner fast insularen Lage und dem starken Über- 
wiegen einer einzigen Windrichtung in allen Jahreszeiten tatsäch- 
lich ist. Die mittlere Jahrestemperatur, die sich aus den 7 bis 
8 jährigen dreimaligen (8 Uhr vorm., 2 und 10 Uhr nachm.) Ab- 
lesungen Beaumiers 1 ) ergibt, ist 19,3° C, die des Januar 16,2° C, 
des (Juli 2i,4°C) August 21,7. Die entsprechenden Werte in 
J. Hanns Bearbeitung 2 ) der damals erst fünfjährigen Beobachtungs- 
reihe Beaumier's sind 19,7° C, 16,4° C und (Juli) 22,4° C. Die 
neuen Beobachtungen des Herrn von Maur (6 jähr.) geben als 
aus den Angaben des Maximum- und Minimum -Thermometers 
abgeleitetes Jahresmittel 17,7° C, während ich aus den drei täg- 
lichen Ablesungen für die Zeit von April 1894 bis Dezember 1896 
17,9° C ermittelte. Für Januar ergibt sich I4,4°C, für September 
20,4. Ist somit auch die mittlere Jahrestemperatur von Mogador 
noch ziemlich unsicher, so unterliegt es doch keinem Zweifel, 
daß die Jahresschwankung hier eine sehr geringe ist und sicher 
6° nicht wesentlich übersteigen dürfte. Dem entspricht auch die 
geringe Veränderlichkeit der Temperatur im allgemeinen und die 
äußerste Seltenheit sogenannter Temperatursprünge. Dieses sechs- 
jährige Mittel der Jahrestemperatur am Maximum -Thermometer 
ist 2i,8° C, am Minimum -Thermometer 13,6° C. Am geringsten 
sind die Gegensätze im Sommer, im Juli nur 6° C. Im drei- 
jährigen Mittel betrug der Unterschied zwischen der 7 Uhr Vorm.- 
und 2 Uhr Nachm. -Beobachtung im Juli i,6° C, zwischen der 
2 Uhr Nachm.- und 9 Uhr Nachm.- Beobachtung 1,5° C. Im 
Januar waren die entsprechenden Werte 3,2° C und i,6° C. 
Auch darin zeigt sich die große Gleichmäßigkeit, daß im Juli die 
Abweichungen von diesem Mittel selten und gering, im Januar 
zwar beträchtlicher, aber doch auch noch mäßig sind. Aber 
diese Erscheinung der großen Gleichmäßigkeit der Wärmevertei- 
lung, die Mogador neben Madeira stellt, ist in diesem ungewöhn- 



1) Bei Ollive S. 376. 

2) Zeitschrift der Österr. Ges. f. Met. 1873, S. 7. 



^2 8 V, 2. Das Klima von Marokko. 

liehen Betrag eine örtlich bedingte und örtlich beschränkte. Das 
wenig nördlich von Mogador gelegene Saffi z. B. , das in einer 
von ziemlich hohen Bergen umschlossenen Bucht dem Einfluß 
des Passats nicht ausgesetzt ist, hat einen sehr heißen und weit 
trockneren Sommer und somit keineswegs das durchaus maritime 
Klima von Mogador. In den drei Jahren 1894 — 1896 war in 
Mogador das absolute Maximum 26,2° C, am 24. September 1896 
bei Ostwind, also Scirocco, das absolute Minimum 7,7° C am 
6. Januar 1894 trat ebenfalls bei Ostwind ein. Die Annahme 
liegt nahe, daß die Landwinde im Sommer bzw. Herbst die Wärme 
ungewöhnlich erhöhen, im Winter herabdrücken. Beaumier be- 
obachtete 1873 ein Maximum von 3 1 ° C. Es kann aber keinem 
Zweifel unterliegen , daß auch hier beträchtlich höhere Tempera- 
turen mit Ost und Südost vorkommen. Nach Herrn von Maurs 
Beobachtungen wehte der Scirocco aber nur 2 bis 3 mal im Jahre 
und nie länger als etwa einen halben Tag. Damit stimmen 
Beaumiers Beobachtungen durchaus überein. Es dürfte kaum 
noch einen derartig selten von heißen, trockenen Winden heim- 
gesuchten Ort in Marokko geben. Es muß jedoch diese Selten- 
heit des Scirocco und damit das seltene Eintreten hoher Tem- 
peraturen (und großer Lufttrockenheit) als eine örtlich beschränkte 
und nur bodenplastisch zu erklärende Erscheinung angesehen 
werden. VonAgadir, weiter südwärts, erwähnt Jackson *) , daß ein- 
mal, was allerdings für ungewöhnlich galt, heiße Winde 28 Tage 
lang wehten. Auch er beobachtete solche in Mogador nur an 
drei oder sieben Tagen. 

Die Thermometer -Beobachtungen des Konsul Fernau in 
Casablanca umfassen nur die Monate November 1899 bis Mai 
1900 und nur Maximum und Minimum im Korridor seines Hauses. 
Die Mittelwerte der Monate sind danach: Nov. 19,5, Dez. 16,5, 
Jan. 16,0, Febr. 17,2, März 17,6, April 18,6, Mai 19,5° C. Die 
tägliche Temperaturschwankung erscheint als sehr gering. Am 
1. November wurde ein Maximum von 23,6° C, ein Minimum von 
13,9° C im Dez., Jan. Febr. mehrmals erreicht. 

Die Beobachtungen des Dr. Linares in Rabat lassen er- 
kennen, daß dort die Jahresschwankung (Januar 12,6° C, August 
23,9° C) schon bedeutender ist, wie 1880 auch ein absolutes 



i) An aecount of the Empire of Marocco. London 1809. S. 17. 



Thermische Verhältnisse von Nord-Marokko. 



329 



Minimum von 0,9° C beobachtet wurde. Dem entspricht es, 
daß aus den kurzen Beobachtungen des Herrn Rottenburg im Mai 
1899 sich die tägliche Schwankung als sehr viel größer erwies, 
als in Mogador. Es war nämlich im Durchschnitt der 20 Beob- 
achtungstage der Unterschied der 7 Uhr Vorm.- und der 2 Uhr 
Nachm. -Ablesung 2,5° C, der der 2 Uhr Nachm.- und 9 Uhr 
Nachm. -Ablesung 4,8° C. Die Mitteltemperatur des Januar und 
Juli nach Herrn Frosts allerdings nur zwei- bzw. dreijährigen 
Ablesungen um 9 Uhr vorm. stimmt mit obigen des Dr. Linares 
auffallend überein, nämlich 12,6° C und 23,7° C. Jedenfalls er- 
gibt sich so viel, daß die thermischen Verhältnisse von Rabat schon 
nicht mehr so ausgeprägt maritim beeinflußt sind. 

Dem Kap Spartel eignet nach den sechsjährigen Beob- 
achtungen (roh ohne Korrektur aus 9 Uhr vorm., 9 Uhr nachm., 
Maximum und Minimum berechnet) eine mittlere Jahrestemperatur 
von 17,7° C, was sehr gut mit dem sechsjährigen Mittel von 
Tanger nach Hanns Berechnung übereinstimmt, nämlich I7,8°C. 
Die Mitteltemperatur des Januar ist 12,4° C, des August 23,3 
(Juli 23,2), die Jahresschwankung demnach 10,9° C. In Tanger 
sind die gleichen Werte 13,9° C, 24,2° C und 11,2° C. Diese 
Unterschiede entsprechen ganz genau dem, was jeder, welcher 
die Lage der beiden Stationen kennt, der einen unter dem vollen 
Einflüsse des Meeres, der anderen schon demselben entzogen, 
erwarten muß. Sehr lehrreich ist in dieser Hinsicht ein Ver- 
gleich, welchen mir das freundliche Entgegenkommen des engli- 
schen Konsuls in Tanger, Herrn White, ermöglichte. Derselbe hat 
mir für die Jahre 1897 unf i 1898 die Ergebnisse seiner zur 
gleichen Zeit wie an Kap Spartel vorgenommenen Thermometer- 
Ablesungen zur Verfügung gestellt. Da erwies sich der Ozean 
als temperaturerniedrigend von April bis Oktober. Nur in den 
Monaten November bis März ist der Stand des Thermometers 
am Kap Spartel gleich oder höher, aber nur wenig höher, wäh- 
rend die Sommermonate in Tanger wesentlich wärmer sind. Das 
Mittel der Maxima des Januar ist am Kap Spartel 1 8,9, der Mi- 
nima 4,8° C, des Juli 35,6 und 16,2° C, die Unterschiede also 
14,7 und 19,4° C. 

Das in den sechs Jahren am Kap Spartel zur Beobachtung 
gekommene absolute Maximum ist 39,1 ° C im Juli 1898, während 
das Maximum in Tanger nur 35,6° C war. Dieser Unterschied 



330 V. 2. Das Klima von Marokko. 

ließe sich nur erklären, wenn es sich um einen Föhn gehandelt 
hätte. Das absolute Minimum am Kap Spartel war — i,i° C im 
Januar 1894. Die absoluten Minima der beiden Vergleichsjahre 
lagen selbstverständlich tiefer in Tanger als am Kap Spartel, 
nämlich +0,2 zu +3»5°C im Januar 1897. Es kann sonach 
keinem Zweifel unterliegen, daß Temperaturen unter Null nicht 
gar selten in Tanger vorkommen, aber nur als Augenblickstempe- 
raturen. Wenn in der sechsjährigen Beobachtungszeit des Minister- 
residenten Weber nur ein Maximum von 33,5° C am 14. Aug. 
1881 und ein Minimum von +5 C am 23. Dez. 1884 festge- 
stellt wurde, so war J. Hanns Annahme, daß die absolute Wärme- 
schwankung im Freien erheblich größer sei, voll begründet. Es 
kommen also in Nord-Marokko selbst an der Küste Temperaturen 
unter Null vor. Dagegen dürfte schon südlich von Rabat an der 
Küste ein Sinken der Temperatur unter Null wohl nicht mehr 
vorkommen. Aber selbst im Küstengebiet von Nord-Marokko ist 
dasselbe für die Vegetation belanglos. Aus dem Innern bezeugt 
de la Martiniere für Uesan (Meereshöhe 402 m, Meerferne 
70 km) ausdrücklich, daß die schönen Agrumenhaine nie unter 
Frost leiden. Immerhin beobachtete derselbe dort noch am 27. Mai 
2 Uhr nachm. nur 2,2° C (?). Das mittlere nächtliche Minimum 
im Mai war 3,4° C, das mittlere Maximum um 2 Uhr nachm. 
19,4° C, das höchste am 30. Mai und 6. Juli 28,3° C. Am Kap 
Spartel wird auch seit 1896 ein Sonnen-Thermometer abgelesen, 
das im Juli 1806 ein Maximum von 63,9° C angab. Selbst im 
Januar sind noch 51,5° C beobachtet worden, gegenüber einer 
höchsten Schattentemperatur dieses Monats von 20 ° C. 

f) Die Niederschlagsverhältnisse. 

Die oben gekennzeichneten Luftdrucks- und Windverhältnisse 
bedingen die jahreszeitliche Verteilung der Niederschläge, der 
kühle Auftrieb beeinflußt die Niederschlagsmenge, die hohe Wärme 
schließt Niederschläge in fester Form, wenigstens Schnee, im 
Küstengebiet so gut wie völlig aus. In der Tat finden wir in 
den meteorologischen Beobachtungen und in Reiseberichten von 
Tanger und Kap Spartel Schneefälle nicht erwähnt. Nur in 
längeren Zeiträumen und als ganz vereinzelte und vorüber- 
gehende Erscheinung wird man hier einmal Schneeflocken sehen. 



Regenzeit in Marokko. ijj 

Nach de la Martiniere 1 ) soll 1871 in Tanger Schnee gelegen 
haben. 

Die Niederschläge sind durchaus periodisch, an die Zeit 
des niedrigsten Sonnenstandes und die dann herrschenden Winde 
südwestlicher und westlicher Richtung gebunden, also Winde, die 
in vorüberziehenden Depressionen vom Meer auf das Land, von 
niederen in höhere Breiten wehen , während der Passat , zumal 
derselbe fast durchaus als ablandiger Wind auftritt, keine Nieder- 
schläge bringen kann. Die Regenzeit wird daher, je weiter nach 
Süden, um so kürzer und um so weniger ergiebig werden. Am 
Kap Juby waren in den zwei Beobachtungsjahren die Monate 
Mai bis August regenlos, in Mogador, in der sechsjährigen 
Periode, Juni, Juli, August, doch lassen die neueren Beobach- 
tungen von Mogador erkennen, daß der Mai und namentlich der 
September schon so oft regenlos sind, daß man beide Monate 
noch zur Trockenzeit zu rechnen hat. Nicht selten verkürzt 
sich die Regenzeit aber noch mehr. Im Jahr 1894 z. B. fiel 
kein Regen vom 9. April bis zum 26. September, ja bis zum 
17. Oktober, der den ersten wirklich ausgiebigen und für die 
Vegetation wirkungsvollen Regen brachte. Im Jahre 1895 war 
die Regenzeit Mitte April zu Ende und begann erst wieder mit 
dem 25. Oktober, 1896 fiel der letzte ausgiebige Regen am 
7. April und dann erst wieder am 8. September. Doch folgte 
dem gewaltigen Regenguß dieses Tages (46,7 mm) eine weitere 
regenlose Zeit bis zum 17. Oktober. Ganz so genau sind Beau- 
miers ältere Aufzeichnungen nicht. Immerhin fiel 1867 kein 
Regen vom 6. Mai bis 1. September, 1869 vom 5. Mai bis 24. Ok- 
tober, 1870 vom 29. April bis 31. August, 1871 vom 17. Mai 
bis 19. Oktober. Man kann also nur geradezu von einer Halbie- 
rung des Jahres sprechen. Und dies wird mindestens auch vom 
Kap Juby gelten. Wir hätten also im Küstengebiet von Süd- 
Marokko eine von Mitte Oktober bis Mitte April dauernde Regen- 
zeit anzunehmen. Es war daher sicher ein Fehlschluß, wenn 
Hooker 2 ) daraus, daß er in Mtuga in etwa 800 m Meereshöhe 
und 50 km Meerferne Maisbau ohne künstliche Berieselung fand, 



1) Marocco. London 1889, S. 38. 

2) Journal of a tour in Marocco and the Great Atlas. London 1878, 
S. 308. 



tt 2 V, 2. Das Klima von Marokko. 

schloß, daß es dort im April, Mai und Juni nicht selten regne. 
Wenn auch einzelne Schauer noch fallen werden, so dürfte der 
Maisbau doch wohl ähnlich wie in Schauia auf die reichlichen 
Taufälle begründet sein. Er fand ihn auch nur auf besonders 
fruchtbarem Boden. 

In Mittel - Marokko ist die Regenzeit nach den Beob- 
achtungen des Herrn Konsul Fernau in Casablanca schon um 
etwa einen Monat verlängert und umfaßt von Ende September 
bis Mai volle sieben Monate. In Nord-Marokko tritt zwar auch 
noch der Gegensatz von Regen- und Trockenzeit deutlich hervor, 
aber während im Süden die meteorologischen Sommermonate auch 
in einer längeren Beobachtungszeit absolut regenlos bleiben, sind 
sie dies im Norden nur selten. In der sechsjährigen Beobach- 
tungsreihe (1894 — 1899) am Kap Spartel war kein Monat regen- 
los, der Juli und August je fünfmal, der Juni zweimal. In der 
fünfjährigen Beobachtungsreihe (1880 — 1 885) des Minister-Resi- 
denten Weber in Tanger war der Juli viermal, der August zwei- 
mal regenlos. Gelegentlich sind aber auch Mai und September 
in Tanger regenlos, nicht aber am Kap Spartel. Immerhin aber 
sind Juni und September so niederschlagsarm, daß sie noch zur 
Trockenzeit gerechnet werden müssen und diese etwa die Zeit 
von Mitte Mai bis anfangs Oktober, also nicht ganz fünf Monate 
umfaßt. 

Die Niederschläge verteilen sich in Mogador in der Weise 
auf die kühlere Jahreshälfte, daß dieselben nach vereinzelten 
Güssen im September im Oktober kräftig einsetzen, im November 
ein Maximum erreichen, sich im Dezember mindern, um im Januar 
das Hauptmaximum zu erreichen. Februar und März sind gleich 
regenreich, schon im April tritt eine bedeutende Minderung ein. 
Der Mai bringt schon weniger Regen als der September. De 
Foucauld verzeichnete während seines Aufenthaltes in Mogador 
vom 29. Januar bis 13. März 1884 zehn Regentage. Davon 
regnete es sehr stark am 5. und 6. Februar, am 5. März den 
ganzen Tag in Strömen. Am Kap Spartel tritt das Maximum 
auch im November ein, doch sind Oktober, Dezember und Januar 
fast so regnerisch, und man muß eine längere Beobachtungszeit 
abwarten, ob sich dies Maximum nicht etwa auf den Dezember 
verschiebt. Der Februar zeigt eine entschiedene Minderung der 
Niederschläge; während der März wieder so niederschlagsreich 



Regenmengen. ■> 2 ■> 

ist wie Oktober, November und Dezember. In Tanger fällt, 
ebenfalls in einer zu kurzen Beobachtungsreihe, das Maximum auf 
den März, während Dezember, Januar und April fast ebenso 
niederschlagsreich sind. Eine geringe Minderung im Februar tritt 
auch da hervor. Immerhin ist am Kap Spartel wie in Tanger 
der meteorologische Winter die regenreichste Jahreszeit. Ich 
glaube daher annehmen zu sollen, daß wir im Küstenland von 
Marokko ganz wie anderwärts in den Küstenländern des süd- 
lichen Mittelmeergebiets vorzugsweise Winterregen vor uns haben. 
Allerdings sind der Herbst und der Frühling auch bereits ziem- 
lich regenreich, da in Tanger und am Kap Spartel auf ersteren 
2$ bzw. 3i,6°/ , auf letzteren 38 bzw. 25,6 °/ der Jahres- 
menge kommen. Daß der März in Nord -Marokko noch sehr 
regenreich sein kann, konnte ich selbst erproben. In der Um- 
gebung von Tanger waren infolgedessen die Naturpfade in dem 
vorherrschenden Tonboden unergründlich geworden und alle 
Wege, auf denen sich der Verkehr mit dem Süden, nach El Ksar- 
el Kebir und Fäs vollzieht, teils deshalb, teils wegen der ange- 
schwollenen Flüsse ungangbar. Bei einer kleinen Reise, die ich 
nach Arsila unternahm, mußte ich aus diesem Grund den innern 
Weg verlassen und wie alle Handelskarawanen in dieser Zeit 
den Weg am Strand entlang mit dem großen Umwege über Kap 
Spartel einschlagen. Der von den Wellen festgeschlagene Sand 
am Strand ermöglicht dann allein die Landverbindung von Tanger 
mit dem Süden, da die kleinen Flüsse mit Hilfe der Barren an 
ihren Mündungen überschritten werden können und der Tahad- 
dart dort ein Fährboot besitzt. Noch im April i8go regnete es 
in Nord-Marokko so andauernd, daß die deutsche Gesandtschaft 
unter Graf Tattenbach auf dem Weg nach Fäs in der Gegend 
von Arsila sechs Tage lang zwischen den geschwollenen Flüssen, 
die ich Ende Mai 1899 fast trocken liegend fand, gefangen ge- 
halten wurde. Das Lager verwandelte sich in einen Sumpf, und 
die Vorräte begannen knapp zu werden, als endlich der Regen 
aufhörte und die Flüsse überschritten werden konnten. Ich hatte 
im Mai 1899 im Küstengebiet noch an drei Tagen Regen, von 
denen der eine in der Umgebung von Meknäs eine bedeutende 
Niederschlagsmenge lieferte. Ähnlich bemerkt de la Martiniere 1 ) 
von Uesan, daß es dort im Mai noch sehr häufig regnete. 

I) Marocco, London 1 889, S. 125. 



??A V, 2. Das Klima von Marokko. 

Für das ganze Küstengebiet und speziell die Trockenzeit 
möge aber noch einmal auf die schon erwähnten und ihrer Be- 
deutung nach noch näher zu würdigenden Taufälle hingewiesen 
werden. 

Die Regenmengen werden sich mit der Verkürzung der 
Regenzeit nach Süden hin mindern. Wie groß dieselben sind, 
das wußten wir bisher nur annähernd von Tanger. Von Moga- 
dor lagen Regenmessungen nur für das eine Jahr 1874 vor 1 ), 
das ein besonders niederschlagsarmes gewesen sein muß. Doch 
wissen wir über Aufstellung und Beschaffenheit des Regenmessers 
nichts. Es wurden nur 267 mm gemessen. Ebenso am Kap 
Juby 1884 138,5 mm, 1885 225 mm. Danach war man bisher 
geneigt, Süd-Marokko eine sehr geringe Niederschlagsmenge zu- 
zuschreiben. Freilich würde jeder, welcher die Vegetations- 
und Anbauverhältnisse des Küstengebietes aufmerksam geprüft 
hätte, unbedingt zu der Anschauung kommen müssen, namentlich 
seit wir die Niederschlagsmengen -der entsprechenden Breiten 
Süd-Tunesiens kennen, daß, von Ausnahmejahren abgesehen, die 
dann auch durch Mißernten gekennzeichnet werden, die Nieder- 
schlagsmenge nördlich vom Kap Ghir beträchtlich größer sein 
müsse, als man bisher annahm. Das haben nun die Beobach- 
tungen des Herrn von Maur voll bestätigt. Danach fielen näm- 
lich in der Regenzeit, je September bis Mai: 1894/95 525,2 mm 

1895/96 275,6 „ 
1896/97 450,6 „ 
1897/98 495,8 „ 
1898/99 330,8 „ 
1 899/1900 363,0 „ 
also im sechsjährigen Mittel 407 mm. Im zehnjährigen Mittel 
(1894 — 1904) waren es 402 mm. Nach den allerdings lücken- 
haften Beobachtungen in Saffi (1896 — 1904) beträgt die Nieder- 
schlagshöhe dort 351 mm. Wie die Tabelle zeigt, sind die Ab- 
weichungen vom Jahresmittel nicht auffallend groß, freilich groß 
genug, um, da die Grenze, bei welcher Mißernten eintreten, dem 
Jahresmittel sehr nahe und wahrscheinlich nicht weit unter 400 mm 
liegt, Mißernten zu verursachen. 

Die folgende Tabelle gibt die zehnjährigen Monatsmittel 
von Mogador wieder: 

1) Bei Ollive a. a. O., S. 383. 



Regenmengen. ?ir 

Dez. 50 mm März 68 mm Juni 3 mm Sept. 8 mm 

Jan. 86 „ April 18 „ Juli o „ Okt. 38 „ 

Febr. 60,1 „ Mai 8 „ Aug. o „ Nov. 6 „ 



Winter 198 mm Frühling 94 mm Sommer 3 mm Herbst 109 mm 
Prozente 50,0 22,0 28 

Die Beobachtungen des Herrn Konsul Fernau in Casa- 
blanca umfassen die vier Regenperioden von September 1896 
bis Mai 1900. Dazu kommen die neuen Beobachtungen des 
Herrn Ficke 1902 — 1904. Das Mittel der jährlichen Nieder- 
schlagsmenge ist nach der ersten Reihe 457, nach der letzten 
300 mm. Die größte Regenmenge brachte 1897/98, nämlich 
482,3 mm (Mogador 495,8), die geringste 1896/97, nämlich 
358,1 mm (Mogador 450,6). Die Schwankungen der Jahresmenge 
sind also mäßig. Die ersten Regen pflegen im September, die 
letzten im Mai, ausnahmsweise auch im Juni zu fallen, so daß 
nur Juli und August regenlos sind. Monatsmittel stehen mir nur 
für die drei Regenperioden 1897/98, 1898/99 und 1899/1900 
zur Verfügung. Danach kamen im Mittel der ersten Beobach- 
tungsreihe auf 

Juni 3,4 mm 



Sept. 


7,5 mm 


Dez. 


45,9 mm 


März 


118,5 mm 


Okt. 


35> 2 » 


Jan. 


56,1 „ 


April 


18,9 ,, 


Nov. 


94,9 „ 


Febr. 


51,9 ,, 


Mai 


24, 2 „ 



Herbst 137,6 mm Winter 153,4 mm Frühling 162,0 mm Sommer 3,4 mm 

Danach wäre hier der Frühling die Hauptregenzeit. Doch 
ist eine längere Beobachtungsperiode abzuwarten. In der Tat 
ergab die zweite Beobachtungsreihe die folgenden Mittel der 
Jahreszeiten: Herbst 99 mm, Winter 162 mm, Frühling 111 mm, 
Sommer 8 mm. 

Die Jahresmenge vom Kap Spartel beträgt im zehnjährigen 
Mittel (1894 — 1904) 819 mm. Auch da sind die Abweichungen 
vom Jahresmittel nicht so bedeutend, wie sonst vielfach an der 
Äquatorialgrenze der Winterregen. Einem Maximum von 1143 mm 
im Jahre 1895 steht ein Minimum von 573 mm im Jahr 1896 
gegenüber, 

Es ergaben sich folgende Monatsmittel: 

Dez. 109 mm März 117 mm Juni 14 mm Sept. 33 mm 

Jan. 119 „ April 54 „ Juli 2 „ Okt. 85 „ 

Febr. 115 „ Mai 43 „ Aug. 3 „ Nov. 125 „ 

Winter 343 mm Frühling 214 mm Sommer 19 mm Herbst 243 mm 

Prozente 41,9 26,1 2,3 29,7 



336 V, 2. Das Klima von Marokko. 

Die Jahresmenge von Tanger ist nach Hanns Berechnung 
815 mm. Die jahreszeitliche Verteilung ist folgende: 

Dez. 110 mm März 128 mm Juni 7 mm Sept. 10 mm 

Jan. 118 „ April 119 „ Juli 3 „ Okt. 85 „ 

Febr. 90 „ ■ Mai 63 „ Aug. 9 „ Nov. 75 „ 

Winter 318 mm Frühling 310 mm Sommer 19 mm Herbst 168 mm 
Prozente 39 38 0,2 23,0 

Knoch hat für die Periode 187g — 1885 für die Jahres- 
zeiten Winter 318, Frühling 310, Sommer 73, Herbst 104 und 
für das Jahr 815 mm berechnet, in Prozenten 39, 38, 2,3, 20,6. 

Die Zahl der Regentage nimmt selbstverständlich nach 
Süden ebenfalls ab. In Mogador kommen nach Beaumiers Be- 
obachtungen (8 jährig.) im Durchschnitt 42 Regentage vor 1 ) ; es 
schwankt die Zahl derselben zwischen einem Minimum von 26 
und einem Maximum von 51. Im Jahr 1805 gab es 67, 1896 
44 Regentage, d. h. Tage mit meßbarem Niederschlag. Es will 
danach scheinen, als sei Beaumiers Zählung, die nicht zugleich 
mit Messung der Niederschlagsmenge verbunden war, nicht hin- 
reichend sorgfältig gewesen, wie leicht begreiflich ist, und daher 
das Mittel von 42 Tagen zu niedrig. Dafür spricht namentlich 
auch der Umstand , daß in Mogador in den zwei mir zur Ver- 
fügung stehenden Beobachtungsjahren von Maurs sehr viele Tage 
mit sehr geringen Niederschlagsmengen vorkommen, wie man es 
in diesen Breiten der Mittelmeerländer anderwärts nicht erwarten 
darf. Die Regenmenge von 525,3 mm des Jahres 1895 auf die 
67 Regentage verteilt, gibt nur 7,8 mm auf einen Regentag, 1896 
kamen auf die 44 Regentage 392,4 mm, also für einen Regentag 
8,9 mm. Die Regenwahrscheinlichkeit ist also nicht so gering, 
die Regendichtigkeit nicht so groß, wie man auf diese Breiten 
von vornherein anzunehmen geneigt ist. In dem regnerischen 
Jahr 1895 zählte man im Februar 14, im März 15, im April 13 
Regentage, welche letzteren zusammen sogar nur 22,8 mm Regen 
lieferten. Über die Dauer des Regens an jedem Regentage lie- 
gen keine Beobachtungen vor; aber es unterliegt keinem Zweifel, 
daß immer nur ein kleiner Bruchteil eines solchen wirklich mit 
Regen ausgefüllt ist. Und kurze gewaltige Regengüsse sind nicht 
gar selten, namentlich setzt im Herbst die Regenzeit gern mit 

1) Bei Ollive a. a. O. S. 412. 



Regentage. ^ 

solchen ein. So am 8. September 1896 mit einem solchen von 
49,7 mm, am 25. Oktober 1895 mit einem Guß von 74 mm. 
Regen von mehr als 25 mm finde ich in den zwei Beobachtungs- 
jahren elfmal verzeichnet, bei zusammen 110 Regentagen. Die 
größte einheitliche Regenmenge fiel am 2. November 1896, näm- 
lich 8 1 mm, d. h. 1 8°/ der ganzen Regenperiode. Zum Vergleich 
möchte ich anführen, daß in Marburg bei um ein Drittel größerer 
Jahresmenge in den beiden Jahren 1899 und 1900 Tagesmengen 
von mehr als 25 mm, die hier doch nicht wie dort so ausschließ- 
lich in kurzen heftigen Güssen herabstürzen, nur dreimal vor- 
kamen. Im zehnjährigen Mittel zählt man nach von Maurs Be- 
obachtungen 51 Regentage, nämlich 22 im Winter, 16 im Früh- 
ling, 1 im Sommer und 12 im Herbst. Nur Juli und August 
waren stets niederschlagslos. 

Dabei sind Gewitter an dieser ganzen Auftriebsküste sehr 
seltene Erscheinungen. Leider liegen darüber von Mogador nur 
die Beobachtungen Beaumiers vor, nach denen 1 ) im fünfjährigen 
Durchschnitt deren nur 3,4 vorkamen, und zwar, wie selbstver- 
ständlich, nur in der Regenzeit. Daß es im Norden ähnlich ist, 
obwohl weder von Kap Spartel noch von Tanger darüber Beob- 
achtungen vorliegen, müssen wir daraus schließen, daß in Tarifa 
(fünfjährig) nur 2,2, ja in S. Fernando (sechsjährig) nur 0,5 Gewitter- 
tage gezählt wurden. Dagegen kamen in Tanger im Durchschnitt 
deren 14,6 vor, die meisten (7,3) im Frühling. Aber auch 2,7 
im Sommer, bei allerdings nur 5 Regentagen. 

In Casablanca betrug die Zahl der Regentage in den drei 
Regenperioden 1897 — 1900 im Mittel 54,3. Sie schwankte zwi- 
schen 63 und 49. Aber gerade die ergiebigste Regenzeit von 
1897/98 hatte die kleinste Zahl von Regentagen. Der März und 
der November 1898 hatten je 16 Regentage, von denen jeder 
im März 11,3 mm, im November 9,8 mm lieferte. Das waren 
also außerordentlich günstige Monate. Der für den Ausfall der 
Ernte in diesem getreidereichen Gebiet sehr wichtige Monat März 
hat im Mittel 9 Regentage, deren jeder 13,2 mm gibt. Der 
April hat noch 3,4 Regentage, jeden mit im Mittel 4,4 mm, der 
Mai 3 mit je 8,1 mm. Nach K. Fickes Beobachtungen hatte 
Casablanca im dreijährigen Mittel 70 Regentage, nämlich 24 im 



I) Bei Ollive S. 369. 
Fi 8 ch er, Mittelmeerbilder. Neue Folge. 



7 3 8 V, 2. Das Klima von Marokko. 

Winter, 25 im Frühling, 7 im Sommer und 14 im Herbst. Kein 
Monat war völlig regenlos. Ziehen wir dazu den in Mittel- 
Marokko weit verbreiteten Tirsboden in Betracht, der bei großer 
Fruchtbarkeit die Feuchtigkeit lange festzuhalten und durch die 
reichlichen Taufälle immer wieder bis zu einem gewissen Grade 
zu ergänzen vermag, so sehen wir, daß hier im allgemeinen die 
Verhältnisse für den Ackerbau sehr günstig liegen. 

Am Kap Spartel hat man im Durchschnitt 88 Regentage zu 
erwarten, in Tanger 95. Dort würden also auf einen Regentag 
9,3 mm kommen, 6,8 hier, also noch größere Mengen wie in 
Mogador. Auch die Regenwahrscheinlichkeit ist im Norden 
wesentlich größer, namentlich in Tanger. Am Kap Spartel be- 
trägt nach Knoch die mittlere Regenwahrscheinlichkeit im Winter 
0,37, im Frühling 0,30, im Sommer 0,05, im Herbst 0,24. Sie 
ist am größten im Februar mit 0,43 und März mit 0,42. In 
Tanger sind die entsprechenden Werte 0,38, 0,39, 0,07, 0,21, 
im März 0,48, im April 0,43. Dort bringt im März und April 
jeder zweite Tag Regen, im Oktober, Dezember, Januar, Februar 
jeder dritte Tag. Selbst im Juni darf man noch alle zwölf Tage 
einmal Regen erwarten. Bezeichnend ist jedoch für die Trocken- 
zeit, daß von Juni bis September auf den einen alle 17 Tage 
zu erwartenden Regentag im Durchschnitt nur 4 mm Regen 
kommen, d. h., daß diese Zeit, zu der noch die zweite Hälfte 
des Mai und das erste Drittel des Oktober hinzuzunehmen ist, 
für die Pflanzenwelt namentlich bei der herrschenden hohen Wärme 
als regenlos zu gelten hat. Die Regenzeit erscheint aber in der 
Tat bei der noch dann herrschenden hohen Wärme als für die 
Pflanzenwelt außerordentlich günstig. Diese sich so häufig wieder- 
holenden Regen erklären aber auch die dann überall da, wo 
nicht geradezu Felsboden herrscht, eintretende Ungangbarkeit der 
hier noch durch keine Kunststraßen ersetzten Naturwege. Auch 
in Nord- Marokko sind große Regengüsse nicht selten; es ist, 
wenn auch nicht in gleichem Maße wie im Süden, immer nur ein 
Bruchteil eines Regentages wirklich von Regen ausgefüllt. Die 
größten an einem Tage gefallenen Mengen waren in Tanger 
80 mm am 21. November 1884, 79 mm im Dezember 1879. 
Merkwürdig ist, daß bei diesem reichlichen und heftigen Regen 
in ganz Marokko das flache Dach vorherrscht. Nur in den zwei 
Städten El Ksar-el-Kebir und Scheschauen findet man hohe 



Trockenzeit. 



339 



Ziegeldächer. Bezeichnend für den verhältnismäßigen Wasser- 
reichtum des Küstengebiets, wie andererseits des Gürtels der sub- 
atlantischen Berieselungsoasen, ist die ungeheure Zahl, in welcher 
der Storch auftritt. Ich möchte ihn geradezu den Charakter- 
vogel von Marokko nennen. Selbst im vorderen Klein-Asien ist 
er nicht so häufig. Nur den Steppengürtel, das Paradies der 
Schnecken, meidet er. 

Fassen wir diese Betrachtungen zusammen, so sehen wir, 
daß das Küstengebiet von Marokko als klimatisch in hohem Grade 
begünstigt bezeichnet werden muß. Es vereinigt mit hoher, aber 
ungewöhnlich gleichmäßiger Wärme periodische Niederschläge, 
welche im Norden als reichlich, in Mittel- und Süd-Marokko als 
für die Pflanzenwelt und den Anbau des Bodens als in der 
Regel genügend erscheinen; um so mehr als die Luft aus ört- 
lichen Gründen stets einen hohen Feuchtigkeitsgehalt hat, Nebel- 
und Dunstbildung eine häufige, Bewölkung keine seltene Er- 
scheinung ist und Taufälle die Regen um so wirksamer ergänzen, 
als, wie wir sehen werden, im Küstengebiet in der Tirserde eine 
Bodenart vorhanden ist, welche ganz besonders geeignet ist, die 
Feuchtigkeit aufzunehmen und festzuhalten. Im Küstengebiet von 
Marokko sind daher, soweit das Klima in Frage kommt, die Be- 
dingungen zum Anbau aller Gewächse, einjähriger wie Holzge- 
wächse, gegeben, welche in den südlichen Mittelmeerländern ohne 
künstliche Bewässerung gedeihen, ja selbst für einige, denen dort die 
in der Regenzeit herrschende Wärme nicht genügt. Hier ge- 
deihen nur mit Hilfe der Winterregen und des Taus, der Minsla, 
wie die einheimische Bezeichnung bei den Schauia ist und deren 
Bedeutung den Bauern wohlbekannt ist, beispielsweise Mais, wenn 
auch nur eine Spielart von kurzer (dreimonatlicher, April bis Juni) 
Vegetationszeit, Durrah, Kichererbsen, Koriander, Kürbisse, alles 
Gewächse, deren Anbau in den südlichen Mittelmeerländern nur 
unter künstlicher Berieselung möglich ist. 

Die Niederschläge genügen im Küstengebiet sogar, um Wald 
hervorzubringen, nicht bloß in Nord-Marokko, das nördlich vom 
Sebu in seiner ganzen Ausdehnung als natürliches Waldland bezeich- 
net werden muß, sondern auch im Süden, soweit die dem Baum- 
wuchs ungünstige Schwarzerde nicht vorherrscht. In Schedma, 
Haha, Mtuga, den südlichsten Landschaften des Atlasvorlandes, 
finden sich ausgedehnte lichte Haine, in welchen der Südwest- 

22* 



340 V, 2. Das Klima von Marokko. 

Marokko eigentümliche Arganbaum der Charakterbaum ist, neben 
dem aber auch Callitris quadrivalvis, diese das ganze Atlasgebiet 
bis nach Tunis kennzeichnende Konifere, mehrere Juniperusarten 
u. a. m. vorkommen. Freilich deutet der geringe Höhenwuchs, 
der Dornenreichtum und andere Erscheinungen bei diesen Holz- 
gewächsen auf die relative Trockenheit des Klimas hin. 

Weizen und Gerste sehen hier ihre klimatischen Bedingungen 
in vollstem Maße erfüllt. Und man kann das Küstengebiet von 
Marokko, namentlich da der Tirsboden dem Baumwuchs nicht 
günstig ist, ein Getreideland schlechthin, eines der besten der Welt, 
nennen. Je nach dem Eintritt der Winterregen gesäet, unter Um- 
ständen erst im Dezember, entwickeln die Getreidearten sich ohne 
Unterbrechung bis zur Reife. Die Gerstenernte findet in Schedma, 
südlich vom Tensift, um Mitte April statt, bei den Schauia anfangs 
Mai, nördlich vom Sebu gegen Ende Mai, um Tanger um den 
i. Juni statt. Die Weizenernte fällt in Mittel-Marokko um Mitte 
Mai, im Norden um Mitte Juni, die Maisernte in Mittel-Marokko 
um den I. Juni. Man erntet also hier die wichtigsten Brotfrüchte 
in einer Zeit, wo man in Mitteleuropa noch Monate darauf zu 
warten hat. Bei künstlicher Berieselung, für welche in dem 
breiten Alluvialtal des Lukkos zwischen El Ksar-el-Kebir und 
Larasch, in der Tiefebene des Gharb mit Hilfe des Sebu und 
seiner Nebenflüsse, Wed Rdem, Wed Beht u. a. , dann an der 
Küste zwischen Rabat, Casablanca und Azemur die reichlichsten 
Wasservorräte und geeigneter Boden auf viele Tausende von 
Quadratkilometern vorhanden sind, ließen sich hier unter weit 
günstigeren Bedingungen als in den südlichen Mittelmeerländern 
Zuckerrohr, Baumwolle, Reis, Mais, Apfelsinen und andere Au- 
rantiaceen , Bananen u. dergl. ziehen und Huertas anlegen, 
welche die von Valencia oder Malaga tief in Schatten stellen 
würden. 

Durch künstliche Berieselung, die im ganzen Küstengebiet 
heute eine untergeordnete Rolle spielt, zwar nirgends unbekannt, 
aber immer nur auf kleine Gärten in der Umgebung der Ort- 
schaften ausgedehnt ist, ließe sich vor allem auch den zeitweilig 
infolge ungenügender Winterregen eintretenden Mißernten und 
Hungersnöten vorbeugen. Zwar ist Marokko groß genug, so daß 
selten im ganzen Lande Mißernte eintritt, auch sucht der Bauer 
durch Aufspeicherung der Vorräte in unterirdischen Behältern, 



Bedingungen des Anbaus. ?ai 

den sogenannten Matamoren, wo sich das Getreide in dem 
trocknen Klima jahrelang hält, der Not vorzubeugen; aber das 
Verkehrswesen hegt derartig im argen, daß die Beförderung von 
Brotstoffen aus einer Landschaft in eine entfernte Notstandsgegend 
sozusagen unmöglich ist. Trotz den bestehenden Ausfuhrver- 
boten für Brotstoffe kann in der einen Gegend Überfluß, in der 
andern Hungersnot herrschen. Im Jahr 1899 war im Küsten- 
gebiet vom Tensift nach Norden die Ernte ausgezeichnet ; man 
sagte mir aber in Rabat, daß der Bauer zwei Tagereisen ins 
Innere die Gerste gar nicht ernte, weil sie wertlos sei. 

Mit den zuweilen infolge ungenügender Winterregen ein- 
tretenden Mißernten hängt die auch hier heimische Sitte der 
Regenprozession zusammen, eine Erscheinung, die ähnlich in allen 
Gegenden mit periodischen Regen wiederkehrt. O. Lenz *•) be- 
obachtete solche im Januar 1880 in der Tiefebene des Gharb, 
einer der Kornkammern von Marokko, nachdem noch 1878 eine 
Hungersnot als Folge einer Mißernte viele Tausende hingerafft 
hatte. Frauen und Kinder zogen in langen Prozessionen tanzend 
und singend umher, die Männer besuchten die Zauijas oder ihre 
Gebetplätze, um den Segen des Himmels, nämlich Regen, zu er- 
flehen. „Gegen Abend brach ein heftiges Gewitter los, und die 
Freude und der Jubel war allgemein. Die ganze Nacht dauerten 
die Tänze und Gesänge, Gewehrsalven krachten zur Feier des 
freudigen Ereignisses und überall sah man freudige Gesichter." 
Weiter nach Südwesten hatte es nur wenig geregnet, und Lenz 
traf am nächsten Tage die Bevölkerung wiederum bei Regen- 
prozessionen. 

g) Ausdehnung des Küstengebietes. 

Wenn wir sahen, daß das Klima des Küstengebietes durch 
den jahreszeitlichen Windwechsel und den kühlen Auftrieb und 
seine Folgeerscheinungen in hohem Maß beeinflußt wird, so wird 
man fragen, wie weit nach dem Innern diese Einflüsse reichen, 
ob und in welchem Maß die Niederschlagsmengen mit der Ent- 
fernung vom Ozean abnehmen. Ich habe diese Fragen auf 
meiner Reise möglichst im Auge behalten und glaube sie beant- 



I) Timbuktu I, S. 187. 



242 V, 2. Das Klima von Marokko. 

worten zu können. Der der Küste parallele Landgürtel, welcher, 
wenn auch mit gelegentlichen Mißernten lediglich mit Hilfe der 
Winterregen und des Taues anbaufähig ist, ist verhältnismäßig 
schmal und geht nach innen, wenigstens in Mittel- und Süd- 
Marokko, durch einen sehr schmalen Übergangsgürtel in das 
Steppenland über. Ich beobachtete dies im Tale des Tensift 
bei der ersten Durchquerung des Atlasvorlandes zwischen dem 
Ozean und Marrakesch und dann wiederum im Tale der Um- 
er-Rbia, bei der zweiten Durchquerung zwischen Demnat und 
Casablanca. Für das Gebiet südlich vom Tensift, wo ich nur 
den Kulturlandgürtel kenne, wurden meine Beobachtungen von 
den Schilderungen wissenschaftlicher Reisender bestätigt. Im 
Norden, im Gebiet des Sebu und nordwärts davon, verschmälert 
sich das Atlasvorland und tritt die Form der Hochfläche neben 
reich gegliedertem Berg- und Hügelland derartig in den Hinter- 
grund, daß unter Mitwirkung der nördlicheren Lage die Regen- 
menge größer ist, die Regenzeit länger andauert und daher bis 
auf örtlich beschränkte und mehr im Boden begründete Aus- 
nahmen das ganze Land zum Kulturlandgürtel zu rechnen ist. 

Südlich vom Tensift haben wir nach J. Hookers x ) nament- 
lich pflanzengeographisch gut begründeter Darstellung bei A'in 
Umest, etwa 70 km von der Küste, die innere Grenze des Kultur- 
landgürtels anzusetzen, wo das vorzugsweise wegen der größeren 
Höhe bewegtere Gelände von Schedma in die einförmige Ebene 
der Uled-bu-Sbah übergeht und an Stelle des angebauten Landes, 
der Arganhaine und Gestrüppdickichte einförmige Artemisia- und 
Gypsophilasteppe tritt. Ähnlich beobachtete ich im Tensifttal, 
wie von etwa 50 km vom Ozean an in einem Gürtel von nur 
etwa 10 — 15 km Breite der anbaufähige Gürtel in die Steppe 
überging. Auf der welligen, steinigen Hochebene verschwanden 
östlich vor dem kleinen Berberdorf Sidi - el - Arosi die letzten 
Spuren von Anbau, die lichten Arganhaine, welche das Hügel- 
land des Kulturgürtels südlich vom Tensift ganz besonders kenn- 
zeichnen, werden immer lichter, niedriger, die Bäume krüppel- 
hafter; an ihre Stelle treten, vereinzelt über die Fläche verstreut, 
Gummi-Akazien und Zizyphus-Lotus, die kennzeichnenden Holz- 



ig Journal of a tour in Marocco and the Great Atlas. London 1878, 
S. 109. 



Breite des Kulturlandgürtels. 24? 

gewächse der Steppe. Erstere niedrige, nur 2 — z 11 ^ m hohe, 
dornige Bäume mit dürftigen Fiederblättern, aber einer Fülle von 
Schoten, letztere meist niedriges Gestrüpp, überaus reich an 
scharfen Dornen an den wie abgestorben aussehenden großen 
Ästen und Zweigen, an denen eben Ende März die zartgrünen 
Fiederblättchen auszutreiben begannen. Bald aber werden beide 
immer seltener , die reine Artemisiasteppe örtlich mit Getaf 
(Atriplex Halimus) oder einer Stipaart (wohl Stipa tortilis) 
wechselnd, beginnt. Im Gebiet der Um-er-Rbia sah ich etwa 
80 km vom Ozean die Steppe der Beni Meskin, die zu den 
ödesten Teilen des Atlasvorlandes gehört und weithin als steinige 
Hammada auftritt, die nur im Frühling Herden zu nähren vermag, 
ziemlich rasch durch immer reicher werdendes Weideland mit 
eingestreuten immer größer werdenden Gerstenfeldern mit Opuntien- 
gärten in die üppigen Weizen- und Gerstengefilde der Schauia 
übergehen. Dazu trug allerdings das Auftreten des Tirsbodens 1 ) 
bei. So tritt hier erst anfangs Juli der Sommerschlaf der Vege- 
tation ein. Dann freilich, wenn auch die Spätfrüchte, Mais u. dgl., 
abgeerntet sind, gleicht das baumlose Schwarzerdeland ebenfalls 
sonnenverbrannter, öder Steppe. 

Auch die Verbreitung reichlicher Taufälle und größerer Luft- 
feuchtigkeit dürfte für die Breite des Kulturlandgürtels mit be- 
stimmend sein. Was meine eigenen Beobachtungen anlangt, so 
stellte ich, solange ich mich innerhalb eines Abstandes von 
60 km vom Meer im unteren Tensiftgebiet befand, in der Zeit 
vom 26. März bis 1. April 1891 jeden Morgen starken, meist 
sehr starken Taufall fest, ja bei Sidi-A'issa-Bu-Chabia am Tensift, 
etwa 18 km vom Ozean, war derselbe so stark, daß die Zelte 
derartig durchnäßt waren, daß sie erst an der Sonne getrocknet 
werden mußten, ehe sie zusammengepackt werden konnten. Dazu 
hatte allerdings die vom Strom, an dessen Ufer ich mein Lager 
aufgeschlagen hatte, aufsteigende Feuchtigkeit beigetragen; denn 
selbst die Wäsche im Zelt war etwas feucht geworden. Von 
Sidi-el-Arosi an auf dem Marsche weiter ins Innere und nach 
Marrakesch am 1., 2., 3., 4. April, war jedoch keine Spur von 
Taufall zu beobachten, übrigens entsprechend den Angaben des 



1) Über Entstehung, Verbreitung, Eigenart dieser Humuserde s. Peterm. 
Mitt, Erg.-Heft No. 133, S. 117—124. 



■iaa V, 2. Das Klima von Marokko. 

Aspirations-Psychrometers, und zwar bei völlig wolkenlosem Himmel 
und völliger Windstille am Morgen, obwohl über Tag und als alltäg- 
liche Erscheinung ein wohltuend empfundener kühlender Wind vom 
Ozean her wehte. Während der ganzen Zeit, die ich tiefer im 
Innern verbrachte, also vom i. April bis i. Mai, wo ich im Ge- 
biet der Schauia wieder in den Küstengürtel eintrat, beobachtete 
ich nur dreimal Taufall, aber nur wenn ich in einer der Be- 
rieselungsoasen der subatlantischen Hochebene lagerte, trotzdem 
sich jede Nacht ein wolkenloser Himmel über uns ausspannte 
und Windstille herrschte. Die 17 Tage meines Aufenthalts in 
Marrakesch sind allerdings abzurechnen, da dort derartige Beob- 
achtungen ausgeschlossen waren. Leider war das auch an einem 
Tage auf dem Marsche durch das Gebiet der Schauia an den 
Ozean der Fall; an den anderen aber beobachtete ich wieder 
reichlichen Taufall, ja bei Dar Ber Reschid entwickelte sich etwa 
40 km vom Ozean am 3. Mai ein nordwest- europäischer feiner 
Nebelregen, der eine halbe Stunde anhielt, der einzige dieser Art, 
den ich in Marokko beobachtet habe. 

Am Morgen des 7. Mai trat zwischen Casablanca und Rabat 
bei Ben Schakschak am Ozean bei völlig bewölktem Himmel ein 
kurze Zeit andauernder Platzregen ein. Auf dem Wege von 
Rabat nach Meknäs und Fäs zwischen dem 11. und 16. Mai 
konnte ich bei heiterem Wetter jeden Morgen Taufall feststellen. 
Am 14. Mai, auf dem Wege von Sidi Käsern über den Bab Tis'at 
Djoruf, den Paß der neun Klippen, in das Hochland von El Gharb 
durch das Rdemtal nach Meknäs regnete es bei leichten Ge- 
wittern wiederholt, ja am Abend des 14. Mai ging in Meknäs 
ein schwerer Gewitterregen nieder, dem kleinere Schauer in der 
Nacht und am Morgen des 15. Mai folgten. Auf dem Marsche 
von Fäs nach Tanger, vom 20. bis zum 26. Mai, fiel am 21. 
und 22., auf dem Hochlande bzw. unmittelbar am Fuß desselben 
reichlich Tau; am 23., wo ich an der Furt des Sebu Bab-el- 
Ksiri gelagert hatte, herrschte, wie schon am Abend vorher, am 
Morgen mittlere, am Morgen des 24. Mai auf der Wasserscheide 
zum Wed Lukkos volle Bewölkung. Am 25. Mai 10 km nördlich 
von El Ksar - el - Kebir und etwa ebensoweit vom Ozean ver- 
zeichnete ich starken Taufall und ebenso am 26. Mai auf der 
Hochfläche von Gharbia etwa 1 5 km vom Ozean. In der Literatur 
ist leider von derartigen Beobachtungen nur wenig enthalten. 



Taufälle und Luftfeuchtigkeit. -j^c 

Nur bei H. de la Martiniere l ), der Nord-Marokko von zahlreichen 
und langen Reisen gut kennt, finde ich die Bemerkung, daß am 
Morgen des 8. Mai 1884 etwa 7 km südlich von El Ksar so 
starker Tau gefallen war, daß die Zelte ganz naß waren und 
starke Taubildung infolge der großen Gegensätze der Nacht- und 
der Tagestemperatur die Regel sei. Der bis gegen 1 1 Uhr klare 
Himmel verliere allmählich an Klarheit, feuchte Kälte mache sich 
in Verbindung mit einem immer dichter werdenden Nebel geltend, 
der eine Schicht Wasser niederschlage. Gegen Morgen hebt sich 
der Nebel und verschwindet bald ganz. Auch für den 8. Juni 
1884 verzeichnet de la Martiniere 2 ) weiter im Innern, in etwa 
160 m Meereshöhe, am Wed Uergha südsüdöstlich von Uessan, 
so starken Tau, daß die Zelte wie von Regen durchnäßt waren 
und erst getrocknet werden mußten. Auch Lenz verzeichnet 
unter dem 28. Januar 1880 nördlich von Rabat ungewöhnlichen 
Taufall. 

Was meine Psychrometerbeobachtungen anlangt, so ergeben 
dieselben leider infolge des früher erwähnten Unfalls nur die 
drei Profile Mogador — Marrakesch mit den gleichzeitigen Beob- 
achtungen Herrn von Maurs in Mogador, Rabat — Fäs und Fäs — 
Tanger. Das erste umfaßt die Strecke von Mogador bis 50 km 
westlich von Marrakesch und die Tage vom 26. März bis zum 
3. April, von denen leider aber nur am 29., 30., 31. März gleich- 
zeitig in Mogador beobachtet wurde 3 ). Der Witterungscharakter 
war der gleiche während dieser Tage. Da zeigte sich denn, 
daß, solange ich mich im Küstengebiet aufhielt, die relative 
Feuchtigkeit überhaupt eine sehr große und auch bei der 2 Uhr- 
Beobachtung noch beträchtlich war, also mäßige Schwankung, 
während mit der Entfernung von der Küste die relative Feuchtig- 
keit im allgemeinen sank, während der nächtlichen Abkühlung 
aber morgens und abends immerhin noch beträchtlich war, 
während mittags fast wüstenhafte Trockenheit herrschte. Schon 
am 31. März in 34 km Abstand vom Meere (Luftlinie) stellte 
sich eine relative Feuchtigkeit von 2o°/ , am 3. April in 127 km 
Abstand von 24 °/ und zwar schon um 1 2 Uhr mittags ein. Da- 

1) Revue de Geogr., Bd. XVII, S. 415. 

2) Ebenda Bd. XVIII, S. 214. 

3) Die Berechnung ist mit Hilfe der Wild-Jelinekschen Psychrometer- 
tafeln vorgenommen. 



-ia() V, 2. Das Klima von Marokko. 

gegen waren in Mogador die Schwankungen sehr gering, immer- 
hin aber sank am 31. März, wo ich am Morgen, allerdings un- 
mittelbar am Ufer des Tensift, eine relative Feuchtigkeit von 
92%, Herr von Maur in Mogador nur 78% festgestellt hatte, 
bei der 2 Uhr-Beobachtung, die im Innern 2Ö°/ ergab, dieselbe 
auch in Mogador auf 61 °/ . Ich fasse die Ergebnisse in folgen- 
der Tabelle zusammen: 













Relative 




Tag 


Stunde 


Ort 


Meerferne 
km 


Feuchtigkeit 
/o 


26 


März 


2P 


Kap Mulay Bu Serchtun 


2 


74 


26 


„ 


9 P 


Am el Hadjar 108 m 


8 


82 


27 


s> 


7 a 


» 


8 


92 


27 


„ 


2 p 


>> 


8 


71 


27 


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9 p 


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8 


64 


29 


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Mogador 





80 


29 


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9 P 


Ain el Hadjar 


8 


94 


29 


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9 P 


Mogador 





89 


30 


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Ain el Hadjar 


8 


96 


30 


„ 


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Mogador 





81 


3 c 1 


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2 P 


Ebene von Akermut 198 m 


1 1 


66 


30 


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9 P 


Sidi Aissa Bu Chabia 45 m 


18 


86 


30 


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9 P 


Mogador 





89 


31 


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Sidi A'issa Bu Chabia 


18 


92 


31 


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Mogador 





79 


3] 


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2 P 


Meschra-en-Nejum 113 m 


34 


26 


31 


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2 P 


Mogador 





61 


31 


,, 


9 P 


Sidi el-Arosi 140 m 


40 


59 


I 


April 


? a 


„ 


40 


70 


I 


3) 


2 P 


Ain Derola 164 m 


60 


37 


I 


)» 


9 P 


Mehdi 191 m 


75 


87 


2 


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„ 


75 


86 


2 


>> 


9 P 


Dachr Kaid El Amri 246 m 


112 


52 


3 


»J 


7 a 


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112 


70 


3 


» 


12% * 


Wed Bulachres 275 m 


127 


24 



Ergänzend füge ich hinzu, daß nach den Beobachtungen 
im französischen Konsulat in Marrakesch im Winter 1886/87 die 
relative Feuchtigkeit betrug: Dezember 41%, Januar 48 °/ , 
Februar 45 °/ , März 39 °/ . Man kann aus diesen wie aus meinen 
Beobachtungen schließen, daß im Innern des Atlasvorlandes die 
Lufttrockenheit das ganze Jahr, aber namentlich im Sommer eine 
sehr große ist, wohl kaum geringer als in wirklichen Wüsten- 



Luftfeuchtigkeit. 



347 



gebieten. Das macht begreiflich, daß in Marrakesch trotz der 
Meereshöhe von nahezu 500 m die Datteln noch reifen. 

Während der Reise von Rabat nach Fäs und von dort nach 
Tanger, vom 11. bis 26. Mai, stellte, wie oben erwähnt, Herr 
Ingenieur Rottenburg korrespondierende Beobachtungen, allerdings 
mit ungenügenden Instrumenten an. Es ergab sich als selbst- 
verständlich, daß diese nahe dem Ozean angestellten Beobach- 
tungen stets eine wesentlich höhere relative Feuchtigkeit nach- 
wiesen, als gleichzeitig im Innern herrschte. Dieselbe war nicht 
wesentlich geringer als in Mogador und schwankte zwischen 80 
und 100 °/ - Nur einmal sank sie auf 6g°/ , während ich gleich- 
zeitig zwischen den Dünen von Aamor, nur 6 km vom Ozean, 
47 °/ beobachtete. 

Im allgemeinen nahm auch hier im Norden mit der Ent- 
fernung vom Ozean die Luftfeuchtigkeit ab; nur wenn ich am 
Ufer eines Flusses lagerte, steigerte sich die relative Feuchtig- 
keit sofort bedeutend. In dem Sumpfgebiet der Beni Ahsen z. B. 
stieg sie selbst in der Mittagsbeobachtung auf q6%> an der Furt 
des Sebu betrug sie am Abend des 22. Mai 88°/ , am Morgen 
80 °/ . Um so größere Trockenheit herrschte aber auf dem Hoch- 
lande in der Umgebung des Djebel Zerhun, nachdem die zwei 
Regentage bei Meknäs vorüber waren. Während ich an diesen 
zwischen 80 und go°/ feststellte, sank die relative Feuchtigkeit 
in Fäs einmal mittags auf 2g°/ ; es war das Mittel der drei 
Tage, die ich mich dort aufhielt, obwohl ich in einem mit 
Bäumen besetzten Garten mit einem Springbrunnen beobachtete 
(12 Beobachtungen): 54%. An den ersten drei heißen Tagen 
des Marsches von Fäs nach Tanger, am 20., 21. und 22. Mai, 
war die Lufttrockenheit ungeheuer. Ich konnte das schon daran 
feststellen, daß das von Wasser durchtränkte Tuch, welches ich 
mir, um die Schleimhäute etwas anzufeuchten, vor den Mund 
band, da ich nur filtriertes und abgekochtes Wasser, auf dem 
Marsch überhaupt nichts trank, nach einer halben Stunde völlig 
trocken war. An zwei Tagen sank bei der zweiten Beobachtung 
die relative Feuchtigkeit auf 13 bzw. 14%, am dritten Tage 
(dem Pfingstmontage) war ich, da ich mich von der Karawane 
hatte trennen müssen, zehn Stunden im Sattel fast ohne zu essen 
und zu trinken und konnte keine Mittagsbeobachtung anstellen. 
Sicher ist an diesem Tage die relative Feuchtigkeit auf io°/ 



•2/1.8 V> 2. Das Klima von Marokko. 

gesunken. Selbst bei der 9 Uhr -Nachmittagsbeobachtung ergab 
sich am 20. nur 39 °/ , bei der Morgenbeobachtung (diesmal 
6 Uhr vormittags) nur 30%. Auch im Innern von Nord-Marokko 
herrscht also im Sommer große Lufttrockenheit. Als ich nach 
Überschreitung des Sebu mich in geringer Entfernung vom Ozean 
nordwärts bewegte, stieg auch die relative Feuchtigkeit sofort auf 
im Mittel etwa 85 °/ . Die Mittagsbeobachtung ergab allerdings 
einmal, in El Ksar-el-Kebir, nur 42 °/ . 



h) Das Innere. Niederschlagsverhältnisse. 

Es ergibt sich aus diesen Betrachtungen, daß das Küsten- 
gebiet nur eine Breite von 60 — 80 km hat. Dann ist bereits 
die Luftfeuchtigkeit und die Menge der winterlichen Nieder- 
schläge so weit gesunken, daß das ganze Atlasvorland bis an den 
Fuß des Gebirges den Charakter der Steppe annimmt, die nur 
im Winter und Frühling noch ergrünt, aber nur ausnahmsweise 
örtlich und zeitlich etwas Anbau, jedoch auch nur von Gerste, 
ohne künstliche Berieselung gestattet. Es ist somit in begreif- 
licher Weise nur der zu 400 — 500 m Höhe in Stufen ansteigende 
Rand des Tafellandes, an dem sich die Wasserdampfmengen 
vom Ozean her verdichten und als Regen und Tau nieder- 
schlagen. Was weiter landeinwärts liegt, ist um so niederschlags- 
ärmer, als sich dort mehrfach flache Wannen finden oder Ge- 
biete, die im Regenschatten der Aufragungen des Grundgebirges, 
wie z. B. das Djebilet, liegen. Zur Meerferne kommt also die 
Bodenplastik als ungünstiger Faktor hinzu. Wir werden daher 
im Innern des Atlasvorlandes neben großer Lufttrockenheit und 
geringen Niederschlägen auch einen bereits mehr kontinentalen 
Wärmegang zu erwarten haben; dazu wirkt natürlich auch die 
Höhe mit. Am meisten kontinentalen Anstrich wird das Klima 
auf der subatlantischen Hochebene haben. Auch die jahreszeit- 
liche Verteilung der Niederschläge dürfte eine andere sein. Das 
Maximum derselben fällt wahrscheinlich nicht auf die Zeit des 
niedrigsten Sonnenstandes, sondern auf die Äquinoktien, nament- 
lich die des Frühlings. Dadurch scheint sich auch die Zeit, in 
welcher Regen zu erwarten sind, gegenüber der Küste zu ver- 
längern, da ausgiebige Regengüsse noch anfangs Juni und wieder 



Kontinentalklima des Innern. 



349 



anfangs September bezeugt sind. Der August ist nach den neuen 
Beobachtungen regenlos. 

Thomson beobachtete in Marrakesch 1888 die ersten Regen, 
welche die beginnende Regenzeit ankündigten, in den ersten Tagen 
des September, wie ich andererseits den ersten Regen, seit ich 
am 26. März die Küste verlassen hatte, am 3. April 30 km west- 
lich von Marrakesch beobachtete. Derselbe hielt i 3 / 4 Stunden 
an, war sehr heftig und Begleiterscheinung eines Gewitters. Der 
tonige Boden wurde in kürzester Zeit für die Lasttiere fast un- 
gangbar. Schon am 2. April hatte ich gegen Abend Wetter- 
leuchten im Osten beobachtet. Auch der 4. April brachte in 
Marrakesch ein Gewitter, der 5. ein solches mit sintflutartigem 
Regen, der eine Stunde anhielt und mindestens 20 mm, wie am 
3. April *) gegeben hat: also vier Tage hintereinander stets gegen 
Abend Gewitter, zwei mit starkem Regen. In der Nacht vom 
16. zum 17. April fiel wieder Regen. Dann aber herrschte 
völlige Regenlosigkeit bis zu dem bereits erwähnten feinen Nebel- 
regen am 3. Mai schon nahe der Küste. O. Lenz 2 ) fand am 
10. Februar die Um-er-Rbia, wo er sie unterhalb der Einmündung 
des Tasaut überschritt, infolge starken Regens geschwollen und 
wurde gründlich durchnäßt. Am 26. Februar verzeichnete Lenz 
ein Gewitter in Marrakesch gegen den Atlas hin, aber ohne daß 
Regen in der sonnendurchglühten Ebene eintrat. Erst am 
29. Februar regnete es in Marrakesch, nachdem es in der Um- 
gebung schon an den Tagen vorher reichlich geregnet hatte. 
Lenz verzeichnet dann noch Regen am Abend des 8. März süd- 
lich von Marrakesch, ein starkes Gewitter am Abend des 9. 
Von Fritsch 3 ) erwähnt noch einen kurzen Regenschauer und 
Regenbogen am Nachmittag des 1. Juni und ebenso ein ge- 
waltiges Gewitter und furchtbaren Regenguß am 2. Juni (1872). 

Es ergibt sich aus diesen wenigen Beobachtungen die eine 
wichtige Tatsache, daß im Innern, im Gegensatz zur Küste, Ge- 
witter eine sehr häufige Erscheinung sind und daß die Regen 
vorzugsweise bei Gewittern fallen. Die Nähe des Gebirges dürfte 
wesentlich zur Gewitterbildung beitragen. 

1) Ich glaube ziemlich gut schätzen zu können, da ich seit vielen 
Jahren in Marburg Regenmessungen vornehme. 

2) Timbuktu I, S. 225. 

3) Mitt. d. Ver. f. Erdk. Halle 1878, S. 54. 



•j-q V, 2. Das Klima von Marokko. 

Regenmessungen aus dem Innern gibt es, abgesehen von 
wenigen Monaten in Marrakesch, noch nicht. Ich glaube aber 
Schlüsse ziehen zu können, indem ich den Landschaftscharakter 
des inneren Atlasvorlandes, soweit er von der Pflanzenwelt be- 
stimmt wird, mit dem mir ebenso aus eigener Anschauung be- 
kannten von Süd-Tunesien in annähernd der gleichen Breite ver- 
gleiche. Dort nämlich, wie in ganz Tunesien, haben die Franzosen, 
die überhaupt in bezug auf wissenschaftliche Erforschung und 
Aufschließung dieses Landes Mustergültiges geleistet haben, meteo- 
rologische Stationen in geeigneter Zahl und an geeigneten Punkten 
errichtet, so daß heute bereits das Klima als gut erforscht gelten 
kann. Wo in Süd -Tunesien — und man pflegt dies auch für 
Algerien anzunehmen — die Niederschlagsmenge unter 400 mm 
sinkt, kann nach Augustin Bernard kein regelmäßiger Ackerbau 
mehr getrieben werden, das Land trägt Steppencharakter. Wo 
die Niederschlagsmenge 200 mm nicht mehr erreicht, beginnt die 
Wüste. 

Von Wüste, um dies vorweg zu nehmen, kann man, soweit 
meine Kenntnis reicht, im Atlasvorland von Marokko nirgends 
sprechen. Ich habe dort nirgends so wirklich wüstenhafte Land- 
striche gesehen, wie etwa im südtunesischen Schottgebiet oder 
selbst schon in der Umgebung von Biskra. Dabei hat Gabes 
eine Regenhöhe von 215 mm, die in der Zeit von Ende Oktober 
bis Anfang April fallen, Tozer 15g mm, die von November bis 
April fallen. Ich möchte daher schließen, daß im Atlasvorland 
von Marokko die Niederschlagsmenge im Mittel, von Dürrejahren 
abgesehen, nirgends unter 200 mm sinkt, wenn sie auch in dem 
eigentlichen Steppengürtel, weiter ab vom Meer als vom Ge- 
birge, nicht viel darüber liegen mag. Die vorliegenden Regen- 
messungen von Marrakesch *), so dankenswert sie sind, umfassen 
leider nicht einmal eine ganze Regenperiode, nämlich nur die 
Zeit von Januar bis März 1886 und von September 1886 bis 
März 1887. Danach erscheint die Regenperiode 1885/86 als 
sehr ergiebig, die von 1886/87 als regenarm. Es wurden folgende 
Monatsmittel festgestellt: 

1886: Jan. Febr. März Sept. Okt. Nov. Dez. 

mm 54,2 42,9 48,0 .... 0,0 16,0 37,4 0,0 

1887: 7,4 19,4 18,0 



1) Meteorol. Zeitschrift 1895, s - in - 



Niederschläge des inneren Atlasvorlandes. ?;j 

An einer vollständigen Regenperiode fehlen noch die Monate 
April, Mai und Juni, von denen, wie ich erproben konnte, der 
April noch ausgiebig Regengüsse bringt, vermutlich auch der 
Mai und vereinzelt selbst noch der Juni, andererseits der September. 
Das Jahr 1886 hätte, wenn wir nach meinen Beobachtungen im 
April 1899, wo zwei Güsse gegen 40 mm gaben, dem April, 
Mai und Juni noch etwa 50 mm zuschreiben, rund 250 mm ge- 
geben. Daraus, daß der Januar bis März 1887 noch nicht 
Y 3 der Regenmenge vom Januar bis März 1886 gegeben haben, 
muß man aber schließen, daß jenes Jahr ein besonders günstiges 
war. Überdies kann es keinem Zweifel unterliegen, daß Marra- 
kesch bei nur 40 km Entfernung vom Gebirge schon eine be- 
deutende Steigerung der Regen hat. Und so erscheint auch die 
Verlängerung der Regenzeit als eine weniger günstige Erschei- 
nung, namentlich da die Regen in weit höherem Maß als an 
der Küste in vereinzelten heftigen Güssen zu fallen scheinen. 
Das muß man aus den oben angeführten Fällen, wie namentlich 
daraus schließen, daß die obigen sieben Monate der Periode 
1886/87 nebst Januar bis März 1886 nur 27,5 Regentage hatten. 
Ich habe an anderer Stelle gezeigt, daß die Bildung traver un- 
artiger Kalkplatten, die im Atlasvorland vielfach die Oberfläche 
des Bodens bilden, aufs engste mit der klimatischen Eigenart 
zusammenhängt. 

Ich nehme daher für das innere Atlasvorland eine Nieder- 
schlagshöhe von 200 — 400 mm an, wohl meist näher an 200 
als an 400. Die Richtigkeit dieser Schätzung haben die von 
Dr. Knoch berechneten Beobachtungen von 1886/87 und die 
neuen an der von mir gegründeten Station von 1900 — 1905 
ergeben. Das Jahresmittel von Marrakesch ist danach 237 mm, 
wovon 87 auf den Winter =36,7%» 82 auf den Frühling 
= 34,6°/ , 12 auf den Sommer = 5,1 °/ , 56 auf den Herbst 
= 2 3>7% kommen. Sehr bezeichnend ist, daß die sommerliche 
Niederschlagsarmut im Innern nicht so groß ist, wie an der Küste. 
Es ist dasselbe aber durchaus als Steppe zu bezeichnen, bald 
von größerem, bald von geringerem Wert als Weideland, im 
Sommer sonnenverbrannt und wüstenhaft, so daß dann die Be- 
wohner teilweise mit ihren Herden ins Gebirge ausweichen. Da 
die großen Flüsse, welche dasselbe queren, wenn auch meist in 
engen, tiefen, streckenweise unzugänglichen Tälern, und Brunnen, 



ic2 V, 2. Das Klima von Marokko. 

die in großer Zahl vorhanden sind, ja auch vereinzelt auf dem 
undurchlässigen Grundgebirge zutage tretende Quellen hinreichend 
Wasser bieten, so ist dies Steppenland überall dauernd bewohnbar 
und reich an großen Herden von Rindern und Schafen, zum Teil 
auch an Kamelen, Ziegen, Pferden. Selbst Ackerbau wird im 
kleinen getrieben, wenn auch nur auf Gerste, die eine sehr kurze 
Vegetationszeit hat, und unter häufigen Mißernten. Vereinzelte 
kleine Gerstenfelder auf unbewässertem Boden sah ich mehrmals 
in dem Steppengürtel. Freilich waren dieselben auch meist ver- 
dorrt oder in Notreife. Weizen habe ich nirgends gesehen. Zum 
Vergleich möge bemerkt werden, daß in Mittel-Tunesien bei 
Kairuan, das im Durchschnitt in der Zeit von Ende September 
bis Anfang Mai an 53 Regentagen eine Regenhöhe von 353 mm 
erhält, man drei Jahre auf eine Weizenernte rechnet, bei Sfax, 
wo an 45 Tagen von Ende September bis Anfang April 274 mm 
fallen, alle fünf Jahre. 

Anbau des Bodens ist daher im Innern des Atlasvorlandes 
auf künstliche Berieselung angewiesen. Während diese im Küsten- 
gebiet nur zu höchster Steigerung der Erträge beiträgt, wie in 
Spanien, ermöglicht sie im Innern überhaupt erst Anbau. Man 
kann also dort geradezu von Oasen sprechen. Da solche Oasen 
in großer Zahl und großer Ausdehnung mit den Wassermengen 
hervorgerufen sind, welche die zahlreich aus dem Gebirge her- 
vorbrechenden Flüsse und das Grundwasser liefert, das im Unter- 
grund des ungeheuren Schotterfeldes, welches dieselben vorwiegend 
in der Diluvialzeit geschaffen haben, vorhanden ist, so bezeichne 
ich die Hochebene am Fuß des Hohen Atlas als den Gürtel 
der subatlantischen Berieselungsoasen. Das Grundwasser wird 
in kunstvollen unterirdischen Leitungen, den sogenannten Chattaras, 
dem zu bewässernden Land zugeführt, das, mit südlichen Frucht- 
bäumen, Oliven, Granaten, Apfelsinen, Feigen, Datteln usw. be- 
pflanzt, die reichsten Erträge liefert. Außerhalb der Oasen herrscht 
aber völlige Steppe. Da ein mittlerer Landgürtel, den alle Ge- 
wässer, die das Hochgebirge herabsendet, in den zwei großen, 
tief eingesenkten Rinnen Tensift und Um-er-Rbia vereinigt, durch- 
fließen, auch an Quellen arm, somit der künstlichen Berieselung 
nur in geringer Ausdehnung zugänglich, zugleich sicher auch 
niederschlagsärmer ist, als die Hochebene am Fuß des Gebirges, 
so bezeichne ich ihn schlechthin als Steppengürtel. Es sind also 



Klima des Gebirgslandes. 323 

im Atlasvorland drei Landgürtel vorzugsweise klimatisch bedingt, 
die ich kulturgeographisch kurz als Getreideland, Weideland und 
Fruchtbaumland bezeichne. 



i) Das Gebirgsland. 

Daß mit der Annäherung an das Gebirge und im Gebirge 
selbst die Niederschläge zunehmen, ist selbstverständlich. In der 
Tat stellte ich fest, daß in einem schmalen Gürtel am Fuß des 
Gebirges, aber erst etwa von der Höhenlinie von 700 m an, 
südwestlich von Demnat, nicht nur Gerste, sondern streckenweise 
selbst Weizen auf unberieseltem Boden gebaut wurde und auch 
in diesem Jahr, wo ich kurz vorher im Steppengürtel die ver- 
einzelten kleinen Gerstenfelder verdorrt gesehen hatte, ganz gut 
geraten war. Hier trat auch die Zwergpalme, welche den Steppen- 
gürtel meidet, wieder auf. Und ihr gesellen sich bald auch die 
meisten Holzgewächse des Küstengebietes bei: Callitris, Juniperus 
u. a. m. Hier müßte also die Niederschlagsmenge wieder auf 
etwa 400 mm gestiegen sein. Höher hinauf und tiefer ins Ge- 
birge nimmt dieselbe sicher noch mehr zu, aber doch innerhalb 
enger Grenzen. Denn darin stimmen alle Beobachter, nament- 
lich soweit sie botanisch geschult waren, überein, — ich selbst 
bin nicht tiefer in das Gebirge eingedrungen — daß der Charakter 
der Vegetation, das Fehlen einer eigentlichen alpinen Flora, die 
Zusammensetzung und Dürftigkeit des Pflanzenkleides, die kahlen 
Hänge, die Geröllhalden, die großartige Öde auch im Gebirge 
von einer gewissen Trockenheit zeugen. Alpenweiden fehlen so 
gut wie ganz, Senn Wirtschaft, wie in den Alpen, ist ausgeschlossen. 
wenn auch die berberischen Stämme der Beni Mtir, der Zaian, 
der Beni Mgild südlich und südöstlich von Fäs und Meknäs im 
Sommer mit ihren Herden ins Gebirge und in die dort noch er- 
haltenen Urwälder von Zedern, Callitris usw. wandern. Doch 
handelt es sich da bereits um die niedersehlagsreicheren nörd- 
lichen Gebirgslandschaften. Die Bewohnbarkeit des Hohen Atlas 
ist jedenfalls gering. Und in den Gebirgstälern ist, da dort der 
niederschlagsreiche Winter zu kalt ist, für den sommerlichen 
Anbau von Mais (bis 1 700 m), Weizen, Gerste, Roggen, während 
mehrmonatlicher Niederschlagslosigkeit künstliche Berieselung nötig. 
Der größere Teil der Niederschläge fällt im Gebirge auch in 

Fischer, Mittelmeerbilder. Neue Folge. 23 



2e.A V, 2. Das Klima von Marokko. 

fester Form; daher ist dasselbe regelmäßig jeden Winter und 
einen großen Teil des Jahres von Schnee bedeckt, der schmelzend 
im Frühling und Frühsommer die Flüsse schwellt und reichlich 
Wasser zu Berieselungszwecken liefert, in der Zeit, wo der Be- 
darf am größten ist. Nach de Foucauld begann im Hohen Atlas 
die Regenzeit Mitte Oktober. Gegen Ende Oktober bis Anfang 
November regnete es fast täglich bis Tazenacht (1500 m hoch 
im Quellbecken des Draa, also jenseits der Hauptkette). Von 
da an aber, während der Zeit, wo er also auf der saharischen 
Seite des Gebirges reiste, selten. Ergänzt werden diese An- 
gaben durch diejenigen des Marquis de Segonzac *) im Hohen 
und Mittleren Atlas. Im Juni und Juli regnete es auf der ozea- 
nischen Seite des Gebirges bei fast täglichen heftigen Nach- 
mittagsgewittern sehr häufig und heftig. An 57 Tagen, vom 
2. Juni bis 28. Juli 1901, wurden an 34 Tagen Gewitter beob- 
achtet, an 18 Tagen mit Regen oder Hagel. Nach den An- 
gaben der Eingeborenen scheint das die Regel in dieser Jahres- 
zeit zu sein. Im Rifgebirge müssen nach den Beobachtungen 
de Segonzacs, trotz der Nähe des freilich dort schmalen Mittel- 
meeres, die Niederschläge gering sein, wohl unter 600 mm im 
Jahresmittel, während er in Fez im Februar und März 1901 fast 
täglich heftige Regen, oft sintflutartig, hatte, meist bei West-, ge- 
legentlich auch Südwestwinden. Nach dem heutigen Stande 
unserer Kenntnis und nach den Beobachtungen in Marrakesch 
müssen wir anneinnen, daß im Innern und im Gebirge, wenn 
auch das Maximum an der ozeanischen Seite noch auf den 
Winter fällt, sich doch die Niederschläge über den Frühling und 
bis in den Sommer hinein ausdehnen und an Gewitter geknüpft 
in allen Monaten des Jahres vorkommen können. De Segonzac 
hatte 1901 im Mittel- Atlas zwar im August nur selten Regen, 
aber Ende August steigerten sich dieselben wieder bedeutend, 
so daß vom 22. bis 31. August, abgesehen vom 27., es täglich 
regnete. 

Es ist anzunehmen, daß von etwa 1000 m Höhe an jeden 
Winter von November bis April Schneefälle vorkommen, ja 
Hooker 2 ) hatte noch Mitte Mai 187 1 südöstlich von Marrakesch 
in etwa 2500 m Höhe Schneefall, der das Gebirge bis etwa 

1) Voyages en Maroc. Paris 1903, bes. S. 131. 

2) Journal of a tour in Marokko, S. 222, 224. 



Schneedecke des Hohen Atlas. 



355 



2100 m herab bedeckte. Es bildet der Atlas, wie bekannt, eine 
scharf ausgeprägte Klimascheide, und es kann, wie schon Hooker 
annahm, keinem Zweifel unterliegen, daß wie bei den großen 
Gegensätzen des Luftdruckes über der Wüste und dem Ozean 
vom Atlasvorland gegen die Azoren heftige Unwetter, die im 
Hochgebirge von Schneefällen begleitet sind, besonders im Sommer 
vorkommen. Je höher hinauf, um so länger hält die Schneedecke 
aus. Ich konnte im April, wo ich das Gebirge täglich bald in 
größerer, bald in geringerer Entfernung vom Vorland aus vor mir 
sah, deutlich beobachten, wie die Schneegrenze ziemlich rasch 
nach oben rückte und die Flüsse im Vorlande wasserreicher 
wurden. Von Fritsch *) und Rein trafen im oberen Rherhayatal 
am ii. Juni den ersten Schneefleck in 2400 m an. Thomson 2 ) 
fand Mitte Juli am Ogdimt noch Schneestreifen und Massen von 
Schnee in einer Schlucht bis unter 2700 m herab und am 
Likumpt noch Anfang September. Und de Foucauld sah den 
Hauptkamm während seiner, von Juni 1883 bis Mai 1884 aus- 
gedehnten Reise, wo er ihn zu Gesicht bekam, in großer Aus- 
dehnung mit Schnee bedeckt 3 ). Er sowohl, wie Thomson, also 
die beiden besten Kenner des Hohen Atlas, glauben das Vor- 
kommen ewigen Schnees annehmen zu müssen. Auch G. Rohlfs 
spricht von solchem. De Segonzac traf bei seiner Besteigung des 
Ari Aiach am 7. Juli 1901, dessen Höhe er zu 4250 m be- 
stimmte, bei 3000 m auf die ersten Schneeflecken, die sich an 
schattigen und geschützten Stellen erhalten hatten. Der Schnee 
hatte ein rötliches Aussehen, da er mit feinem Verwitterungsstaub 
bedeckt war. Auch die übrigen Gipfel trugen Schneerlecken. 
Nach den Eindrücken, welche ich empfangen habe, und nach 
diesen Zeugnissen scheint es mir keinem Zweifel zu unterliegen, 
daß im Süden und Südosten von Marrakesch größere Schnee- 
anhäufungen an geschützten Stellen das ganze Jahr ausdauern. 
Dieser höchste Teil des Gebirges ist auch der Wassersammler 
und Wasserbehälter für eine weite Umgebung. Dort sammeln 
die Quellflüsse des Tensift, der Um-er-Rbia, des Draa und des 
Sus ihre Gewässer, mit denen sie auch im Hochsommer nicht 
versiegend so zahlreichen Oasen Leben spenden. 

1) Mitt. d. Ver. f. Erdk. Halle 1879. S. 27. 

2) Travels in the Atlas and Southern Marokko. London 1889. S. 315. 

3) Reconnaissance au .vlaroc. Paris 1888. S. 315. 

23* 



356 V, 2. Das Klima von Marokko. 

k) Die thermischen Verhältnisse des Innern. 

Über die Wärmeverhältnisse des innern Marokko können 
wir uns auch nur Vorstellungen machen, die der Wahrheit mehr 
oder weniger nahe kommen. Darüber kann kein Zweifel sein, 
daß der Wärmegang ein durchaus kontinentaler, der Gegensatz 
von Sommer und Winter, von Tag und Nacht ein sehr großer 
ist. In bezug auf die thermischen Verhältnisse ist also das 
Innere durchaus und in noch höherem Maß als bezüglich der 
Niederschläge verschieden vom Küstenland. Die Beobachtungen 
im französischen Konsulat in Marrakesch lassen dies deutlich 
erkennen. Die Monatsmittel der Temperatur waren danach: 

Sept. Okt. Nov. Dez. Jan. Febr. März 

26,9° C 21,4° C 14,4° C 12,3° C 10,9° C 12,5° C 17,9° C 

Abs. Max. 39,0 34,2 26,3 23,3 21,8 23,2 32,8 

„ Min. 16,2 11,4 5,5 3,8 — 0,7 — 1,1 5,2 

Wir sehen daraus, daß die Wärme mit der Entfernung vom Ozean 
im Sommer sehr rasch steigt, im Winter sinkt, namentlich in der 
Nacht; denn am Tage herrscht, trotz der Meereshöhe von etwas 
unter 500 m, bei der Reinheit und Trockenheit der Luft ganz an- 
genehme Wärme. Die Temperaturen unter Null, die im Januar und 
Februar in Marrakesch wohl jeden Winter vorkommen können, 
sind doch immer nur Augenblickstemperaturen, die dem vorzüg- 
lichen Gedeihen der Apfelsinen, auch noch in größerer Meeres- 
höhe als Marrakesch, in Tameslocht 600 m z. B. , und dem 
Reifen der Datteln keinen Eintrag tun. Zum Vergleich mögen 
auch die mittleren Maxima und Minima der Beobachtungsmonate 
von Marrakesch und Mogador (sechsjährig) nebeneinandergestellt 
werden : 

Mittlere Max. 
Mittlere Min. 

Das absolute Maximum vom September 1896 ist mit 39 C natür- 
lich bei weitem nicht die höchste hier vorkommende Schatten- 
temperatur. Diese mag nahe an 50 C betragen. Ich selbst las 
schon am 5. April 1899 in Marrakesch am Maximum -Thermo- 
meter 35 C ab, am 21. Mai zwischen Volubilis und Sidi Käsern 





Sept. 


Okt. 


Nov. 


Dez. 


Jan. 


Febr. 


März 


Marrakesch : 


34,2 


26,6 


18,8 


18,1 


16,0 


17,6 


23,3 


Mogador : 


25,0 


23,5 


22,0 


20,0 


18,0 


20,5 


20,5 


Marrakesch : 


21,6 


16,2 


10,1 


6,6 


5.8 


7,4 


11,8 


Mogador : 


17,5 


15.5 


13,0 


10,0 


9,5 


11,0 


10,5 



Thermische Verhältnisse des inneren Atlas Vorlandes. 



357 



in 400 m Höhe 38,2° C und am Sonnenthermometer am 2$. April 
an der Furt von Uled Adat am Tasaut Tahtia in 712m Meeres- 
höhe 47 C, an der Furt von Ben Challu an der Um-er-Rbia in 
349 m Meereshöhe am 27. April 59,3° C. Bei dieser Temperatur 
war das eiserne Futteral des Instruments, das während der Beob- 
achtung am Boden gelegen hatte, so heiß geworden, daß ich es 
nur mit dem Taschentuch anfassen konnte. Den fast angenehm 
kühl zu nennenden Sommern unmittelbar an der Küste stehen 
also sehr heiße Sommer im Innern gegenüber. 

In Ergänzung der Beobachtungen von Marrakesch möchte 
ich anführen, daß meine eigenen, die Zeit vom 5. — 21. April 
umfassenden Beobachtungen dort, weil mir kein anderer Ort als 
die bedeckte Galerie meines Hauses mitten in der Stadt zur 
Verfügung stand, namentlich bezüglich der täglichen Minima nur 
beschränkten Wert haben. Die niedrigste Temperatur dieser 
Periode war am 2 1 . April -f- 11,5° C, während sonst das Minimum- 
Thermometer meist 13 — 15 C zeigte. Dagegen hatte ich draußen 
in der freien Steppe auf dem Weg vom unteren Tensift gegen 
Marrakesch am 31. März in Sidi A'issa Bu Chabia -j- 6° C, am 
1. April in Sidi El Arosi -f- 6,5° C, am 2. in Mehdi 1 1° C, am 
3. in Dachr Kaid El Amri 8,3° C abgelesen. Und ähnlich auf 
dem Weg von Marrakesch nach Demnät in La Hamria 604 m 
am 22. April wiederum nur 8,o° C, in El Fekarin 680 m am 
2^. April 7,8° C, in Demnät selbst 951 m am 25. April ii,o°C. 
Also durchaus niedrigere Werte als in Marrakesch. Auf dem 
Weg von Demnät nach Casablanca vom 25. April bis 3. Mai 
lagen die Minima entsprechend der vorgeschrittenen Jahreszeit 
zwischen 10, 8° C in Uled Terraf 371 m nahe der Mündung des 
Tasaut am 27. April und 19,5° C in Schescha 310 m am 1. Mai. 
Solange ich mich dann im Küstengürtel aufhielt, lagen die 
Minima wiederum um mehrere Grad tiefer; ja am 12. Mai im 
Lager bei El Kantara am unteren Sebu in nur 39 m Meereshöhe 
las ich nur 8° C ab. Während der Zeit, wo ich mich auf dem 
Hochland in der Umgebung des Dj. Zerhun aufhielt, waren im 
allgemeinen die Nächte nach heißen Tagen kühl, ja in Djedida 
las ich am 16. Mai in 529 m Meereshöhe noch einmal 6° C ab. 
Recht bezeichnend war aber die niedrigste Temperatur an dem 
Regentage an der Westseite des Dj. Zerhun + 16 C. Das 
Maximum-Thermometer abzulesen war nur ausnahmsweise Gelegen- 



358 V, 2. Das Klima von Marokko. 

heit, da ich zur Zeit der höchsten Tageswärme fast stets unter- 
wegs war. Dagegen habe ich sehr regelmäßig um 2 Uhr das 
Aspirations-Psychrometer abgelesen. Daraus ergab sich auf dem 
Weg von der Küste nach Marrakesch alle 24 Stunden, also mit 
im Mittel um 38 km gewachsener Entfernung vom Ozean, trotz 
wachsender Meereshöhe bei gleichem Witterungscharakter ein sehr 
regelmäßiges Steigen der Temperatur um 2° C. Die gleiche Er- 
scheinung, nur gemäßigt, nämlich eine regelmäßige Zunahme von 
i° C mit um 42 km im Durchschnitt wachsender Meeresferne, 
ergab sich aus der 2 Uhr-Beobachtung auf dem Weg von Rabat 
nach Meknäs, also in einem mehr als zwei Breitengrade weiter 
nordwärts gelegenen Profile. Auch während des siebentägigen 
Marsches von Fäs nach Tanger (20. — 26. Mai) war die 2 Uhr- 
Beobachtung sehr lehrreich. An den ersten drei Tagen ergab 
sich 34,5, 38,2, 34,4° C, an den letzten drei Tagen (den 7. war 
ich um 2 Uhr schon in Tanger), wo ich mich in einer Meeres- 
ferne, die sich von anfangs 30 km bis auf 10 km verminderte, 
ziemlich genau von Süden nach Norden bewegte, 30,4, 24,6, 
2i,8° C. Die tägliche Temperaturschwankung wuchs, sobald ich 
auf dem Weg von Mogador nach Marrakesch das Küstengebiet 
hinter mir hatte. Sie betrug mit der Entfernung von der Küste 
wachsend, am 31. März 18,2° C, am 1. April 19,9° C, am 3. April 
20,9° C. Wenn sie in Marrakesch im allgemeinen nur 15 bis 
16 C betrug, so lag das an der schlechten Aufstellung der 
Instrumente. Wir sehen somit, daß auch die tägliche Temperatur- 
schwankung im Innern sehr groß ist. 

Von Fritsch x ) beobachtete in Marrakesch anfangs Juni gegen 
Sonnenaufgang 17 — 19 C, schon um 9 Uhr 26 — 27 C, gegen 
3 Uhr am 3. und 4. Juni 32 C, sonst gewöhnlich 30,5 — 31,5° C. 

Es dürfte sich Mogador und Marrakesch, aber überhaupt 
die Küste und das Innere ungefähr verhalten wie die schon 
länger bekannten Stationen der französischen Senegal-Kolonie an 
der Küste und im Innern, etwa St. Louis und Bakel. Während 
der Januar an der Küste eine Temperatur von etwa 16 C, der 
Juli oder August von etwa 2 2° C hat, mögen dieselben Monate 
auf der subatlantischen Hochebene etwa ii° C und 34 C haben. 
Die Bauart der Häuser, die überdachten Straßen zu Marrakesch 
deuten schon auf große Sommerhitze hin. 

I) Mitt. d. Ver. f. Erdk. Halle 1878, S. 62. 



Staubstiirme im Innern. 



1) Staubwinde. 



359 



Eine Folgeerscheinung der großen sommerlichen Erhitzung 
des inneren Atlasvorlandes sind sich örtlich entwickelnde Staub- 
tromben, eine Erscheinung, auf die ich ganz besonders die Auf- 
merksamkeit künftiger Forscher lenken möchte. Ich selbst habe 
solche Staubtromben schon im April in der Umgebung von Marra- 
kesch über die Steppe dahin wirbeln sehen; im Mai beobachtete 
ich eine solche noch im Norden auf der Hochebene nördlich 
vom Djebel Zerhun. Sie sind im Land selbst so bekannt, daß 
mein Dolmetscher mit Rücksicht darauf auf besonders sorgfältige 
Herrichtung und Verankerung meiner Zelte drang. Ähnlich wie 
ich, beobachtete der englische Reisende W. B. Harris 1 ) Mitte 
April 1888 nordwestlich von Marrakesch bei großer Hitze zahl- 
reiche Staubtromben, die den Staub der Steppe säulenförmig 
aufhoben und über die Ebene trugen. Eine derselben riß das 
Zelt von den Pflöcken. Namentlich in Tedla, das ich das 
marokkanische Ferghana nennen möchte, bilden sich im Sommer 
sehr häufig nachmittags Wirbelwinde, welche Zelte aufheben und 
ungeheure Staubmassen davonführen. Sie endigen oft mit Regen 
und Hagel. Badia *) erwähnt Verdunklung der Luft durch Staub 
in Marrakesch im Juli. Hooker 3 ) sah im Mai mächtige Staub- 
hosen, zuweilen drei zu gleicher Zeit, über die Hochebene von 
Marrakesch dahineilen. Zuweilen dürfte es sich um Samumstürme 
handeln. So schildert Badia einen solchen, den er in Marra- 
kesch am 31. Juli 1804 beobachtete und der den ganzen Tag 
andauerte. Bei heftigem Südostwind verdunkelte sich die Luft, 
der Horizont war wie in Flammen, die Sonne schien matt und 
glich einer Scheibe weißen Papiers, die Hitze war erstickend, 
das Thermometer stieg auf 45 C. Den folgenden Tag minderten 
sich diese Erscheinungen, zwei Tage später trat aber wieder ein 
heftiger Sturm mit Gewitter und Regen auf, eine in dieser Jahres- 
zeit sehr seltene Erscheinung. Man wird an Schilderungen des 
Einsetzens der Regenzeit in den Tropen erinnert. Ähnlich er- 
wähnt J. Thomson 4 ) , der kein sehr aufmerksamer Beobachter 



S. 2i 



1) The Land of an afrikan Sultan. London 1889, S. 182. 

2) Ali Bey el Abbasi, Voyages en Afrique et en Asie. Paris 18 14, I, 
8. 

3) A. a. O., S. 122. 4) Travels, S. 315. 



^60 V, 2. Das Klima von Marokko. 

war, in Marrakesch am 28. Juli 1888 einen wie aus einem 
glühenden Ofen wehenden Südwind, bei welchem feiner Staub 
die Luft verdunkelte. Und nochmals am 5. und am 6. August, 
wo ein heißer Südwest unter Donner und Blitz erstickende Staub- 
wolken dahertrug. Am 5. August stieg das Thermometer auf 
37,8° C, am 6., nachdem es morgens auf 29,4° C gefallen war, 
sogar auf 44,4° C. Selbst in den sorgsam geschützten inneren 
Räumen sank es nicht unter 35,6° C. Auch in den folgenden 
Tagen machten heiße Südwestwinde es noch wiederholt auf 
3 8° C und mehr steigen. Um einen echten Föhn, nicht um 
einen Wüstenwind, wie Thomson meinte x ), handelte es sich aber 
in einem der Atlastäler bei Demnät in der Nacht vom 4. zum 
5. Juni 1888. Ein heißer, trockener Wind stürzte sich mit un- 
widerstehlicher Gewalt von den schneebedeckten Bergen herab. 
Er hielt den ganzen Tag an und versetzte den Reisenden in 
einen fieberhaften Zustand. Jackson 2 ), der lange Zeit in Marokko 
lebte, bezeichnet namentlich den September als den Monat, in 
welchem heiße Winde am häufigsten auftreten. 

Diese Winde sind es, welche im inneren Atlasvorland überall 
da, wo nicht Berieselung oder vorübergehend die Winterregen 
sie festhalten, die feinen Verwitterungsstoffe davonführen und 
bald steinige Hammaden, bald reingefegte Felsflächen schaffen. 
Sie spielen so, wie ich an anderer Stelle gezeigt habe, im Steppen- 
gürtel eine hervorragende Rolle als Bildner der Erdoberfläche. 
Die dauernde Ablagerung dieser so davongeführten Massen findet 
vorzugsweise im Küstengebiet statt, wo dieselben von dem durch 
ergiebigere Winterregen und Tau durchfeuchteten und mit Vege- 
tation bedeckten Boden festgehalten werden und namentlich zur 
Bildung des Tirsbodens beitragen. 

Heiße Winde kennzeichnen somit das innere Atlasvorland 
ganz besonders. 

m) Quellen- und Brunnentemperaturen. 

Anhangsweise mögen hier auch die Ergebnisse meiner 
Messungen der Temperatur von Quellen und Brunnen folgen. 
Die Gelegenheit solche vorzunehmen bot sich selten, da eben 



1) Ebenda, S. 191. 

2) An account of the Empire of Marocco. London 1809, S. 17. 



Malaria. Gesundheitszustand. 



36l 



Quellen nicht zahlreich sind und Brunnen zu messen bei der 
beschränkten Zeit nur an den Rastorten möglich war. Ich füge 
auch hier den Abstand vom Meer in Luftlinie bei. 



Quellen -Temperaturen, 
„^"rwt Meereshöhe Meeresferne M * Temperatur Bemerkungen 



bzw. Ort 

A'in el Hadjar 

Hauptquelle 



108 m 



8 km 27. HL 99 21,7° C 



Nebenquelle ca. 130 „ 
Tmasin 
Ben 
Schakschak 



401 „ 
10 „ 



9 
100 



o,5 



27. in. 99 20,7° „ 
29. rv. 99 2i,5° „ 

7. V. 99 20,0° „ 



Mitteltemperatur 
des 25 km ent- 
fernten Mogador 
i9>3° c 



Name 

bzw. Ort 

Schescha 

in Uled Bu Ziri 

Kasbat-es- 
SkiuinSchauia 



Brunnen-Temperaturen. 

Ta£ der 
Meereshöhe Tiefe Meeresferne ,, s 

Messung 



310 m 
304 „ 



10,75 m 
9 



90 km 
40 „ 



30. IV. 99 
2. V. 99 



Temperatur 
21,2° C 
18,0° „ 



n) Malaria. 

Einen großen Vorzug besitzt Marokko neben Spanien allein 
unter allen Mittelmeerländern, die fast völlige Freiheit von Malaria. 
Während die übrigen Atlasländer furchtbar unter Malaria leiden 
und die europäische Besiedelung von Algerien, wie bekannt, da- 
durch außerordentlich erschwert worden ist, sind nur wenige 
Punkte in Marokko, soweit unsere Kenntnis heute reicht, von 
Malaria heimgesucht. Es sind das besonders El Ksar el Kebir 
und Larasch, die unter der Versumpfung des unteren Lukkos- 
tales leiden, und Rabat, welchem das breite, von versumpftem 
Schwemmland gefüllte Tal des Bu Regreg gefährlich ist, das die 
Flut nicht völlig überspült. Auch Saffi, dessen Luft der Passat 
des Bergschutzes wegen nicht reinigen kann, gilt im Sommer als 
ungesund. Ich habe weder in Marrakesch, noch in Fäs, obwohl 
beide Städte von Berieselungswasser umgeben und unsäglich 
schmutzig sind, über Malaria klagen hören. 

Man wird das Klima von Marokko, da die häufigen Augen- 
leiden der Eingeborenen doch wesentlich von diesen selbst ver- 
schuldet sind, als ein gesundes, eine gesunde, kräftige Bevölke- 
rung hervorzubringen geeignetes zu bezeichnen haben. In der 



? 6 2 V, 2. Das Klima von Marokko. 

Tat muß man auch die Bevölkerung von Marokko, vielleicht ab- 
gesehen von einem Bruchteil der Bevölkerung der großen Städte, 
als eine gesunde und kräftige Rasse ansehen. Zum Teil beruht 
das allerdings auch mit darauf, daß nur kräftige Individuen auf- 
kommen. Man wird kaum irgendwo, außer etwa unter den 
Osmanli, beispielsweise ein besseres Soldatenmaterial finden als 
hier. Nur im marokkanischen Heer darf man es nicht suchen. 
Was meine Leute zu leisten vermochten, war erstaunlich. Wenn 
sie bei glühendem Sonnenbrande mit kahl rasiertem Kopf und 
ohne Kopfbedeckung 40 — 50 km marschiert waren, merkte man 
ihnen keine Ermüdung an. Ich selbst kann nur eine außer- 
ordentliche wohltätige Wirkung des Klimas von Marokko an mir 
feststellen. Ich bin, allerdings bei großer Vorsicht, namentlich 
beim Genuß des vielfach sehr schlechten Brunnen- und Fluß- 
wassers, auch nicht eine Stunde krank gewesen und entwickelte 
eine körperliche und geistige Leistungsfähigkeit, die mich selbst 
in Staunen versetzt hat. Allerdings hatte ich 13 Jahre früher 
dieselbe Beobachtung in dem ähnlichen Klima von Süd-Tunesien 
machen können. 

Wir kommen also zu dem Ergebnis, daß Marokko nicht nur 
im Küstengebiet als ganz hervorragend klimatisch begünstigt er- 
scheint, sondern auch im Innern teils durch die Niederschläge, 
teils durch die vom Schnee des Atlas gespeisten Flüsse hin- 
reichende Wasservorräte besitzt, um großen Flächen bei der 
herrschenden Wärme durch künstliche Berieselung eine Fülle der 
mannigfaltigsten Erzeugnisse abzugewinnen. Und selbst die Steppe 
vermag noch ungeheure Herden zu nähren. Ich muß mich da- 
her dem Urteil, welches der englische Botaniker J. Hooker schon 
1871 fällte, man könne sich über die Hilfsquellen von Marokko 
kaum eine zu große Vorstellung machen, nur durchaus an- 
schließen. 

o) Tanger und Mogador als klimatische Kurorte. 

Tanger und Mogador sind schon seit längerer Zeit vielfach, 
auch von ärztlicher Seite, als klimatische Kurorte, namentlich für 
Lungenleidende empfohlen worden und werden in der Tat auch 
als solche schon benutzt. Da sich meine Beobachtungen auch 
in dieser Richtung: erstreckt haben und ich nicht nur fast samt- 



Tanger als klimatischer Kurort. 



363 



liehe klimatische Kurorte der Mittelmeerl ander mehr oder weniger 
genau kenne, sondern auch selbst Erfahrungen in ihrer Benutzung 
gesammelt habe, so möchte ich einige darauf bezügliche Be- 
merkungen über beide Orte noch anführen. 

Daß das Klima von Tanger ein sehr gesundes, abgesehen 
etwa von rheumatischen Leiden, kräftiges und kräftigendes ist, 
unterliegt keinem Zweifel. In der größeren Hälfte des Jahres, 
im Sommer, muß es mit seiner beständig, wenn auch dann nicht 
übermäßig stark bewegten staubarmen Luft, seinem mäßigen 
Feuchtigkeitsgehalt unter Ausschluß von Regen und nur io°/ 
trüber Tage, bei der angenehmen Temperatur von 23 C (Mittel- 
temperatur des Sommers) und der Seltenheit großer Hitze — 
absolutes Maximum am Kap Spartel im Laufe von sechs Jahren 
39,1° C — sogar ein außerordentlich angenehmes sein. Ganz 
besonders angenehm wird das empfinden, wer dann von dem 
heißen Gibraltar oder Malaga herüberkommt. Dazu kommt der 
schöne Badestrand an der Bucht östlich von der Stadt, die an- 
ziehende Landschaft, die Welt des Islam und mit ihr der Orient 
im fernen Westen, im Angesicht von Europa, die bedeutungsvolle 
Lage an der größten Welthandelsstraße der Welt! Dies macht 
begreiflich, daß schon jetzt der Zuzug im Sommer von Spanien 
her, aber auch aus der englischen Welt über Gibraltar ein be- 
deutender ist, zumal auch der Prozentsatz der dauernd in Tanger 
niedergelassenen Spanier ein sehr hoher ist. Gehören diese auch 
fast durchaus den niederen und niedrigsten Schichten an, so 
bilden doch die hier wohnenden Gesandtschaften der meisten 
Staaten Europas den Kern einer sonstigen recht ansehnlichen 
europäischen Kolonie, und manche von ihnen, wie die englische, 
französische, deutsche die Kristallisationspunkte für andere nationale 
Elemente. So sind bereits außerhalb der Mauern der doch noch 
immer, trotz mancher Durchbrechungen, wesentlich orientalisch- 
mohammedanischen Charakter tragenden Stadt um die Hochfläche 
des Marschan gegen Westen zahlreiche europäische Villen ent- 
standen und noch weiter nach Westen entwickelt sich auf dem 
Ostende des Djebel - — daher diese Villensiedelung gewöhnlich 
Monte genannt wird — , der kleinen Bergscholle, auf deren West- 
ende der Leuchtturm des Kap Spartel steht, eine ganze Ortschaft 
von parkumgebenen Villen, die alle inmitten einer reichen Pflanzen- 
welt unablässig vom kühlen Anhauch des Ozeans gefächelt werden 



•3 6a V, 2 - Das Klima von Marokko. 

und über Ausblicke verfügen, die zu dem Schönsten gehören, 
was die Welt in dieser Hinsicht zu bieten vermag. 

Als Seebad und Sommerfrische besitzt Tanger somit hervor- 
ragende Eigenschaften, und man darf ihm eine große Zukunft 
voraussagen, abgesehen von seiner Eigenschaft als Haupttor von 
Marokko und Emporium der Meerenge. Zu einem winterlichen 
Kurorte für Lungenleidende, wenigstens für solche, deren Leiden 
schon ernste Formen angenommen hat, eignet es sich aber durch- 
aus nicht. Die gleichmäßige Wärme, 13 C Mitteltemperatur des 
Winters, 8° C Mittel der Minima, der Mangel oder die Selten- 
heit jäher Temperaturwechsel, die an Salzteilen reiche, ziemlich 
feuchte Luft mögen ja günstige Faktoren sein. Aber dieselben 
werden aufgehoben durch die im Winter, wie wir gesehen haben, 
mit seltenen und immer nur kurzen Unterbrechungen oft sturm- 
artig wehenden Winde, gegen die es keinen Schutz gibt und 
welche den Regen — im März ist jeder zweite Tag ein Regen- 
tag — ins Gesicht peitschen. Auch an lästigem Staub fehlt es 
gelegentlich nicht, während man für gewöhnlich in stinkendem 
Schmutz watet und die große Feuchtigkeit unangenehm empfindet. 
Es gibt bis heute wenigstens keine Möglichkeit, sich in leicht 
zugänglichen, windgeschützten Gärten den Tag über im Freien 
aufzuhalten. Alle Spaziergänge sind durch Schmutz und Mangel 
an Wegen erschwert, man muß fast immer reiten. Und selbst 
das ist in dem tiefgründigen Boden der Umgebung vielfach nicht 
möglich. Denn gebahnte Wege gibt es in ganz Marokko nicht, 
nur Naturpfade. Selbst der einzige von dem internationalen Aus- 
schuß zur Unterhaltung des Leuchtturms auf Kap Spartel dorthin 
gebaute Reitweg ist in kläglicher Verfassung. Freilich ein Fort- 
schritt ist 1899 gemacht: die Europäer haben vom Stadttor bis 
zur Villenkolonie auf dem Marschan fast 1 km weit eine ge- 
pflasterte Straße angelegt, die einzige und erste, die seit den 
Römern in diesem Lande gebaut worden ist, auf der sogar eine 
Droschke verkehrt! 

Wesentlich anders liegen die Verhältnisse in Mogador. Bei 
diesem kann es sich nur um eine Winterstation für Lungenkranke 
handeln. Als solche besitzt es in der Tat große Vorzüge. Die 
Milde und Gleichmäßigkeit der Temperatur ist außerordentlich 
groß, so daß es in dieser Hinsicht kaum von einem Ort außer- 
halb des Äquatorialklimas übertroffen werden kann. Die Luft 



Mogador als Winterstation. 3Ö5 

ist zwar ziemlich feucht, aber sehr salzreich und staubarm, im 
Winter, wo windstille Tage gar nicht selten sind, nicht allzu 
bewegt und sonnig. Regen sind nicht häufig und nicht von 
langer Dauer. Es ist hier die Möglichkeit geboten, sich den 
ganzen Tag im Freien aufzuhalten. Es wird behauptet, daß 
Lungenleiden dort sehr selten seien. Die Eingeborenen schreiben 
auch ihrerseits dem NO den guten Gesundheitszustand zu. 

Namentlich französische Ärzte sind wiederholt für Mogador 
als Gesundheitsstation eingetreten. Auch ich möchte nach den 
empfangenen Eindrücken Mogador als Winterstation für Lungen- 
kranke in klimatischer Hinsicht eine ganz hervorragende Stellung 
einräumen. Es ist in dieser Hinsicht der günstigste Ort, den ich 
überhaupt kennen gelernt habe. 

Leider stehen dem große Schattenseiten gegenüber. Die 
Stadt ist eine Anhäufung weiß getünchter Pisebauten, von hohen 
Mauern umschlossen, mit Gassen, die man, marokkanischen Ver- 
hältnissen Rechnung tragend, gerade und breit nennen kann, ja 
mit Plätzen, die auch in Europa groß und luftig genannt würden. 
Aber dieser weiße Stein- bzw. Lehmhaufen liegt auf einer flachen, 
felsigen Insel zwischen dem blauen Meer auf der einen, einem 
breiten Gürtel hoher, gelber Dünen auf der anderen Seite. Keine 
Baumpflanzung, kein Grün irgendwelcher Art verschönt den Stein- 
haufen, selbst eine vereinzelte Dattelpalme, die sonst überall über 
die Mauern der marokkanischen Küstenstädte emporragt und 
einen wohltuenden Anblick für das Auge bildet, sucht man hier 
vergebens. Einige kleine, armselige Gemüsegärten, die man an 
der Nordseite der Stadt angelegt hat, sieht man hinter den hohen 
Umzäunungen nicht. Noch heute gibt es kein europäisches Gast- 
haus *). Schatten bieten nur weiße Mauern. Auch die heftigen 
Winde sind keineswegs angenehm. Man wird also Bedenken 
tragen, heute einen Lungenkranken nach Mogador zu schicken. 
Die Stadt selbst wird sich auch in absehbarer Zeit nicht soweit 
verändern, um wirklich als Winterstation empfohlen zu werden. 
Ein unternehmender Engländer, der ein kleines Landhaus etwa 
10 km nach Südosten auf der Höhe landeinwärts besaß, hat das- 
selbe zu einer Krankenstation, Palmenhaus genannt, eingerichtet, 
die aber keinen rechten Aufschwung nehmen will. Dagegen liegt 

i) Gilt nicht mehr für 1907. 



2 66 V, 2. Das Klima von Marokko. 

25 km nach Nordosten von Mogador, 8 km vom Meer, eine Ört- 
lichkeit, die alle Bedingungen zu einer ausgezeichneten Winter- 
station in sich vereinigt: A'in el Hadjar. In lieblicher, waldreicher 
Umgebung, in einer an Palmen und Fruchthainen reichen Land- 
schaft, welche zahlreiche kleine Berberndörfer beleben, entspringt 
dort unter einer Felswand die danach ,, Steinquelle" genannte 
starke Quelle. Ihr Wasser könnte das ganze Tal in ein Paradies 
verwandeln und, da sie eine Temperatur von 21,7° C hat, ein 
auch im Winter zu benutzendes Badebecken speisen. Eine male- 
risch von hohen Dattelpalmen beschattete Kubba auf einem 
Felsen am Talrande ist heute das einzige Bauwerk im Tal, aber 
Trümmer und verkommene Gärten zeugen von vergangenen 
besseren Tagen. Schlackenhalden weisen auf uralten Eisenberg- 
bau hin, den hier wohl die Phönizier betrieben haben, ein eigen- 
artiges schmales Gebirge, das im Nordwesten aufsteigt, heißt 
geradezu das Eisengebirge, Djebel Hadid. Die Örtlichkeit ist 
so neben den klimatischen Vorzügen, die etwas abgestumpft die 
gleichen wie in Mogador sind, vielseitig anziehend. Ich habe 
mich dort in der Gesellschaft unsers liebenswürdigen Konsuls 
von Maur, der dort mit seiner Familie Frühlingsaufenthalt zu 
nehmen pflegt, im Zeltlager selbstverständlich, vier Tage auf- 
gehalten und hoffe in kurzem wieder dort zu weiteren Forschungen 
mein Zelt aufzuschlagen. Möge es deutschem Unternehmungs- 
geist beschieden sein, an dieser Stätte einer uralten Kultur eine 
Heilstätte für die leidende Menschheit ins Leben zu rufen! 



VI. Anthropogeographische Studien. 



i. Marokko als Kriegsschauplatz. 1 ) 

Oskar Peschel hat einmal geäußert, daß es sein Wunsch sei, 
durch seine Vorlesungen auch zum Verständnis der Zeitgeschichte 
beizutragen, indem er betonte, daß eine gute geographische Vor- 
bildung vor allem auch dem Staatsmann, dem Volksvertreter und 
dem Journalisten vonnöten sei. Derartige Vorstellungen waren es 
wohl, welche den Herausgeber der Geographischen Zeitschrift ver- 
anlaßten, mich zu ersuchen, mich über obige Frage zu äußern. 
Indem ich das tue, muß ich allerdings vorausschicken, daß nach 
der augenblicklichen Lage (14. September 1907) es sehr unwahr- 
scheinlich ist, daß die Franzosen den tatsächlichen Kriegszustand, 
in welchem sie sich zu ganz Marokko befinden, sich in einen er- 
klärten werden weiterentwickeln lassen. Sie werden, wenn es 
irgend geht, ihre Truppen ganz aus Casablanca zurückziehen 
oder wenigstens keinen Vorstoß ins Innere vornehmen. Freilich 
ist dann nicht zu verstehen, warum man ohne Not die Einge- 
borenen zu dem Aufstande in Casablanca herausgefordert, warum 
man ohne Not zu der Besetzung und Sühneforderung, die ohne 
Blutvergießen hätten erfolgen können, die Beschießung mit allen 
sich daran anschließenden Greueln hinzugefügt hat. 

Obwohl Marokko doch immer erst, trotz der bewunderns- 
werten Forscherleistungen der Franzosen, in den großen Zügen 
bekannt und namentlich die Aufnahmen französischer Offiziere, 
allen voran des Kapitän Larras, und die Ergebnisse der Küsten- 
aufnahme noch unzugänglich sind, so kann man doch sagen, daß 



I) Erschienen in der Geograph. Zeitschrift, Oktober 1907. — Bis 
25. Januar 1908 haben die Franzosen den tatsächlichen Kriegszustand nicht 
in den erklärten übergehen lassen und keine nennenswerten Vorstöße ins 
Innere vorgenommen. 



^68 VI, i. Marokko als Kriegsschauplatz. 

es für ein europäisches Heer einen der schwierigsten Kriegs- 
schauplätze bildet, die man sich denken kann. Ich selbst habe 
auf meinen Reisen dieser Frage stets besondere Aufmerksamkeit 
geschenkt, da ich die Erforschung der Landesnatur auch von 
diesem Gesichtspunkte aus als eine der wichtigsten Aufgaben des 
wissenschaftlichen Geographen ansehe. Und von Marokko kann 
man ja geradezu sagen, daß dies Land in erster Linie seine nie 
verlorene Unabhängigkeit dem Umstände verdankt, daß es für 
einen fremden Eroberer ein außerordentlich schwieriger Kriegs- 
schauplatz ist. Seine ganze politische Geographie wird, wenn ich 
mich so ausdrücken darf, von seiner physischen beherrscht. Es 
soll sich hier natürlich nur um eine kurze, die wichtigsten Seiten 
der Frage andeutende Skizze handeln. 

Zunächst ist auf die Abgelegenheit des Landes hinzuweisen, 
die ihm in der Welt des Islam den Namen des äußersten Westens 
und auch in religiösen Dingen große Selbständigkeit verschafft 
hat. Doch hat sich dieser Zug seiner Lage und Weltstellung in 
der Neuzeit wesentlich anders gestaltet, ja er ist in das Gegen- 
teil verwandelt, denn heute liegt Marokko an der wichtigsten 
Straße des Welthandels, es nimmt an der Beherrschung derselben 
teil, und seine Küstenplätze am Ozean können wichtige Stütz- 
punkte für friedliche und kriegerische Unternehmungen an der 
Westküste Afrikas wie nach Mittel- und Südamerika werden. 
Das hat also die Bedeutung des Landes gegenüber dem Mittel- 
alter und Altertum außerordentlich erhöht. 

Voll aufrecht erhalten, ja noch vergrößert hat sich aber der 
zweite Charakterzug, seine Abgeschlossenheit und Unzugänglichkeit. 
Diese gilt vor allem von der Küste. Diese erscheint gegenüber 
den Anforderungen der Schiffahrt der Neuzeit als wesentlich un- 
günstiger als früher. So buchtenreich dieselbe am Mittelmeere 
auch ist, ein so nahes Gegengestade sie hat, so nahe sie der Pforte 
ins Mittelmeer liegt, so entbehrt sie doch der natürlichen Häfen 
in dem Maße, daß dort weder im Altertume noch im Mittelalter, 
auch nicht zur Blütezeit von Fes, das in Luftlinie doch keine 
120 km von der Mittelmeerküste entfernt ist, sich dort ein See- 
platz zu größerer Bedeutung zu entwickeln vermocht hat. Ceuta, 
dessen Handel sich vor der Besetzung durch die Portugiesen 
(141 5) namentlich durch die Italiener sehr gehoben hatte, und 
auch Tanger waren immer mehr Meerengenstädte als Häfen von 



Abgeschlossenheit und Unzugänglichkeit. xÖQ 

Marokko. Noch größer ist die Unzugänglichkeit der Ozeanküste. 
Diese ist als ungegliederte Schollenküste zu bezeichnen. Selbst 
auf der kurzen Strecke, wo man sie doch wohl als Querbruchküste 
wird auffassen müssen, im Sus, ist nirgends Schutz für Schiffe, 
denn Agadir, das man bisher als den verhältnismäßig günstigsten 
Küstenplatz am Ozean glaubte bezeichnen zu müssen, ist, seit 
man es genauer kennen gelernt hat, dieses Vorzugs entkleidet 
worden. Die Küste ist eine überwiegend steile. Meist steigt sie 
ioo m zur untersten Stufe des Atlasvorlandes empor und erscheint 
sie auf lange Strecken wie mit einer felsigen Abrasionsterrasse ge- 
panzert. Kleinere Buchten und Inseln fehlen so gut wie ganz, 
selbst der z. T. in eine Insel verwandelte Haken von Mogador 
schafft keinen sicheren Hafen. Daß zu allen Zeiten an der Stelle 
von Casablanca ein wohl schon von den Phönikern zu einer ge- 
wissen Bedeutung gebrachter Küstenplatz (Anfa) gelegen hat, ist. 
abgesehen von der besonderen Fruchtbarkeit des Schwarzerde- 
gebiets der Schauia, darauf zurückzuführen, daß dort den eine 
breite Abrasionsterrasse bildenden steil aufgerichteten Devon- 
schichten des Grundgebirges des Atlasvorlandes zwischen dünnen 
Lagen von festen Schiefern und mächtigen Bänken von Sandstein 
ein Schichtenkomplex weichen tonigen Gesteins eingelagert ist, 
welchen die Brandung bei fast ununterbrochener starker Dünung an 
der ganzen Küste ausgewaschen und somit eine Bucht, einen Zugang 
zum Lande durch die Abrasionsterrasse geschaffen hat, die auch 
bei Ebbe von den Leichtern benutzt werden kann, die die weit 
draußen auf offener Reede Hegenden Dampfer mit dem Lande 
verbinden. Aber auch Casablanca ist im Winter zuweilen wochen- 
lang unzugänglich, und auch im Sommer müssen alle Dampfer 
beständig unter Dampf liegen, um jeden Augenblick bei los- 
brechendem Sturme das hohe Meer gewinnen zu können. Daß 
die französischen Kriegsschiffe, die seit den ersten Tagen des 
August die Küste bewachen, so gutes Wetter gehabt haben, ist 
ein besonderer Glücksumstand. Die französischen Landungstruppen 
hätten von vornherein damit rechnen müssen, daß sie zeitweilig 
oder längere Zeit ohne Unterstützung seitens der Schiffskanonen, 
ohne Zufuhr von Lebensmitteln, Schießbedarf, Verstärkungen hätten 
aushalten müssen. Es war daher sehr verständig, daß Frankreich 
die Durchführung seiner Eroberungspläne mit der Aufnahme der 
Küste und einem Hafenbau in Casablanca begann. Daß es dieses 

Fischer, Mittelmeerbildcr Neue Folge. 24 



■2-jQ VI, i. Marokko als Kriegsschauplatz. 

nur unter bewaffnetem Schutze werde durchführen können, das 
hätte man wohl wissen müssen und hat man wohl auch gewußt. 

Diese Unzugänglichkeit gilt aber weiter erst recht vom Innern 
des Landes. Das Innere von Marokko ist, abgesehen vom Atlas- 
vorlande und einem Teile des Mulujagebiets, durchaus gebirgig, 
ja hochgebirgig, wenig wegsam und reich an natürlich festen 
Stellungen. Selbst im Atlasvorlande, das man als eine in zwei 
Stufen aufsteigende Ebene, die untere zwischen ioo bis 250 m, 
die andere zwischen 400 und etwa 700 m Höhe ansehen kann, 
fehlen solche nicht ganz. Zunächst ist der Aufstieg von der 
unteren zur oberen meist ein so steiler, daß von den Karawanen 
nur einzelne Talrinnen dazu benutzt werden. So die Wege von 
Mogador, von Saffi, von Mazagan und Casablanca nach Marra- 
kesch 1 ). Das gilt auch von den Wegen nach Fes, von der Sebu- 
Ebene aus, wo die steilen Aufstiege von Bab Tsiuka und Bab 
Tisra-Djorf über Sidi Kassem, das am Ausgange der ungangbaren 
Schlucht liegt, durch welche der Wed Rdem von der oberen 
Stufe herabsteigt, für eine europäische Truppe kaum zu umgehen 
sein dürften. Das sind also leicht zu verteidigende Stellungen. 

Ja, das wilddurchschluchtete Hochland, in welchem der bei 
Rabat mündende Bu Regreg und der Sebu-Nebenfluß Wed Beht 
ihre Gewässer sammeln, ist so schwer zugänglich, daß es von 
jeher im Besitze unabhängiger Berbernstämme gewesen ist und 
stets die Grenze zwischen Nord- und Süd-Marokko gebildet, den 
kürzesten Verkehrsweg zwischen Marrakesch und Fes unterbunden 
hat. Diese beiden natürlichen Hauptstädte müssen selbstverständlich 
die nächsten Ziele eines fremden Eroberers sein, nicht nur in ihrer 
Eigenschaft als Hauptstädte, sondern wegen der Fülle ihrer eigenen 
Hilfsmittel und derjenigen ihrer Umgebung, vor allem aber, weil 
sie natürliche Knotenpunkte von Verkehrswegen sind, namentlich 
beide die Ein- und Übergänge des Atlas beherrschen. Marrakesch 
kr.nn mit Mailand verglichen werden. 

1) An diesem hier noch reichlich 150 m hohen Aufstieg, der aber auch 
hier durch das Erosionstal eines von der oberen Stufe herabkommenden 
Flüßchens, des Wed Mussa, erleichtert wird, fanden denn auch die verhältnis- 
mäßig blutigen Kämpfe um Mitte Januar statt. Settat, der wichtigste Ort 
der Schauiastämme , das die Franzosen nach Ei zwingung des Aufstiegs an- 
griffen , aber nicht erobern konnten , liegt 9 km hinter dem Aufstieg in 
einer kleinen Talweitung des Wed Mussa, zu beiden Seiten von Höhen be- 
herrscht. 



Wegsamkeit des Atlasvorlandes. -in \ 

Sonst bietet das Atlasvorland dem Verkehr meist so geringe 
Schwierigkeiten, daß Reiterei und Geschütze und selbst Kraftwagen 
ohne wesentliche Wegbahnung in vollstem Maße in Verwendung 
kommen könnten. Aber um so größer ist ein anderes Hindernis: 
der Mangel an Wasser und teilweise selbst an Vorräten. Diese 
letzteren, auf der unteren Stufe infolge der Bedeckung mit frucht- 
barster Schwarzerde in ungeheuren Mengen vorhanden, v/erden in 
unterirdischen Behältern, Matamoren, aufbewahrt, wo sich das Ge- 
treide jahrelang trocken erhält. Aber diese Matamoren sind meist 
mit Rücksicht auf die ewigen Fehden der Stämme untereinander 
und die Plünderungszüge der Sultane selbst so versteckt angelegt, 
daß ein europäisches Heer, das über den reichsten Vorräten 
lagert, verhungern kann. Aber weit schwieriger ist die Wasser- 
frage, der ich daher neben Boden und Anbau auf meinen Reisen 
stets sorgsamste Beachtung geschenkt habe. Wie schon der Auf- 
stand von Casablanca in letzter Stelle durch Wassermangel hervor- 
gerufen worden ist, so sind im ganzen Atlasvorlande wegen seines 
geologischen Aufbaus und der Geringfügigkeit der Niederschläge, 
deren Höhe zwischen 400 und 200 mm liegt, Quellen sehr selten, 
Brunnen ebenso, Flüsse fast an den Fingern zu zählen. Dazu 
liefern viele Quellen und Brunnen untrinkbares Wasser. Der 
Wassermangel ist gerade in den fruchtbarsten Gebieten der un- 
teren Stufe so groß, daß diese überhaupt erst dauernd bewohn- 
bar geworden sind durch Brunnengrabungen, oft bis 60, ja 100 m 
tief, und Schaffung künstlicher Wasserbecken, die aber im Spät- 
sommer auch meist trocken liegen. Die Wasserarmut ist so groß, 
daß ein europäisches Heer, außer vielleicht während zwei bis 
drei Monaten mitten in einem regenreichen Winter, sich nur längs 
der großen Flüsse vorwärts bewegen könnte, die ihre Gewässer 
im Gebirge sammeln und das ganze Vorland queren: Sebu, Um- 
er-Rbia, Tensift. Diese sind infolge der Schneeschmelze im Hoch- 
gebirge auch bis weit in den Sommer hinein wasserreich. Freilich 
sind sie mit ihren tief und steil eingeschnittenen Tälern schwer 
zugänglich und außerordentliche Verkehrshindernisse. Am meisten 
die Um-er-Rbia, z. T. aber auch der Tensift, der allein und auch 
nur einmal, nahe bei Marrakesch, überbrückt ist. Bei dem den 
Kulturzustand Marokkos kennzeichnenden Fehlen aller gebahnten 
Straßen und fast aller Brücken bilden im Winter selbst kleine 
Flüsse so schwere Verkehrshindernisse, daß gelegentlich ein 

24* 



•r i y VI, I . Marokko als Kriegsschauplatz. 

Heeresteil zwischen zwei geschwollenen Flüssen tagelang gefangen 
gehalten werden könnte. 

Die Eingänge in das Gebirge, den hohen wie den mittleren 
Atlas, sind meist von engen Schluchten gebildet, durch welche 
reißende Gebirgsflüsse in das Vorland eintreten. Das mag mit 
der herrschenden Trockenheit zusammenhängen, infolge deren die 
Tiefenerosion, die noch besonders durch die Steilheit, mit welcher 
das Gebirge über dem Vorlande aufsteigt, meist steiler als die 
Alpen über der Po-Ebene, erhöht wird, weit größer ist als die 
allgemeine Abtragung. 

Diese Schwierigkeiten werden aber noch erhöht durch die 
Eigenart der Berbern, wenn irgend das Gelände es gestattet, auf 
steilen Höhen in kreisförmigen Siedelungen zu wohnen, die da- 
durch zu wahren Festungen werden, daß die Rückmauern der 
kleinen steinernen Häuser aneinander anschließend die Ringmauer 
bilden und nur ein Eingang in diese Festung führt. Oder aber 
die Siedelungen liegen um ein gemeinsames, festes Vorratshaus 
herum, in Marokko Tirremt genannt, das eine oft nur auf Treppen 
und Leitern erreichbare Höhe krönt. Diese Tirremt erinnern an 
Burgruinen Deutschlands und säumen in Marokko vielfach den 
Rand des Gebirges und sperren die Eingänge in die Täler. 
Auf diesen Geländeschwierigkeiten beruht es, neben der Freiheits- 
liebe, Tapferkeit, Todesverachtung und Kriegstüchtigkeit dieser 
Gebirgsberbern, daß dieselben niemals einem fremden Eroberer 
unterworfen gewesen sind, ihre ethnische Eigenart und Sprache 
bewahrt haben. Sie bilden auch heute den Hauptbestandteil der 
Bled-es-Ssiba, des unabhängigen Gebiets. 

Bei einer Eroberung Marokkos durch die Franzosen, an die 
allein zu denken ist, würden allerdings noch andere Angriffslinien 
in Frage kommen. Zunächst die gegen das Stammland der 
Dynastie der Filali, die Oasengruppe von Tafilelt, die aber 
jenseits des Atlas gelegen, mit schwieriger Verbindung mit dem 
Atlasvorlande, von untergeordneter Bedeutung ist. Ihr rücken 
die Franzosen durch ihre Eisenbahnlinie ohnehin täglich näher, 
so daß schon heute der Handel von Tafilelt von Oran be- 
herrscht wird. 

Weit wichtiger, ja geradezu für die Franzosen die wichtigste 
Angriffslinie ist aber die geologisch als Grenzlinie zwischen dem 
Atlas- und dem Rifgebirge gekennzeichnete Tiefenlinie, welcher 



Die Angriffslinie Tlemcen- -Udschda — Taza — Fes. 273 

von einer Talwasserscheide westwärts zum Sebu der Tnnauen, 
ostwärts zur Muluja der Msun folgt, die Linie Tlemcen — Udsch- 
da — Taza — Fes. Sie erscheint gewissermaßen für die künftige 
Verlängerung der heute schon das ganze Atlasgebiet von Tunis 
über Algier bis Tlemcen durchziehenden Längsbahn von Fes bis 
zum Ozean bei Mehedyia an der Mündung des Sebu von der 
Natur geschaffen zu sein. Geländeschwierigkeiten sind von der 
Grenze Algeriens bis Fes kaum vorhanden. Die Wasserscheide 
wird in wenig über 600 m Höhe kaum merkbar überschritten. 
Die Länge der ganzen Strecke beträgt etwa 350 km. Höchstens 
die Wasserversorgung kann auch hier streckenweise schwierig 
sein. Beherrscht wird diese Linie, wie uns zuerst ein Offizier 
völlig klargelegt hat, der Marquis de Segonzac, durch die natür- 
liche Festung Taza, die daher auch in der Kriegsgeschichte eine 
Rolle gespielt hat und von den Eingeborenen geradezu als Fum 
el Gharb (Tor des Westens) bezeichnet wird. Taza liegt auf 
einem steilen, nur von einer Seite zugänglichen Bergrücken, der 
gegen diese Tiefenlinie weit vorspringt. Aber der Besitz von 
Taza würde zur Beherrschung dieser Linie nicht genügen. Es 
gehört dazu auch die Beherrschung der anliegenden Gebirgs- 
landschaften des mittleren Atlas und des Rif. Und diese sind von 
besonders unbändigen, freiheitsliebenden Berberstämmen, den 
Riata und den Tsul bewohnt. Diese müßten also erst gründlich 
unterworfen werden und noch einmal und noch öfter. Das mag 
die Franzosen bestimmt haben, von dieser Operationslinie ganz 
abzusehen, so viel eine Zeitlang von ihr die Rede war, und so 
sehr auch der Aufstand des Bu Hamara, der sich wesentlich auf 
derselben bewegte, die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt hat. 

Diese mehr ethnographisch bedingten Schwierigkeiten haben 
diese Tiefenlinie auch in römischer Zeit keine Rolle spielen lassen. 
Das römische Mauritania Tingitana war von Andalusien aus er- 
obert und römisch kolonisiert worden. Es stand mit Mauritania 
Caesareensis nicht etwa durch eine an diese Tiefenlinie gebundene 
Römerstraße in Verbindung, sondern durch eine Wasserstraße längs 
der Rifküste. Das Vorhandensein dieser erst in arabischer Zeit 
als Verkehrslinie wichtig gewordenen Tiefenlinie erklärt aber die 
in arabischer Zeit engen auch die Staatenbildung beeinflussenden 
Beziehungen zwischen dem Atlasvorlande und dem, was wir heute 
Algerien nennen, erklärt die heutige Zugehörigkeit des Muluja- 



■yjA VI, 2. Die Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

gebiets zum Staate des Atlasvorlands. Sie kann in Zukunft die 
eiserne Klammer bilden, welche wenigstens das nördliche Atlas- 
vorland, El Gharb, ähnlich mit Algerien verbindet wie die Arl- 
berglinie das schwäbische Vorarlberg mit dem bayrischen Tirol. 

Schließlich wäre noch eine dritte Operationslinie mit Fes 
als Ziel denkbar, nämlich von der Rifküste aus, von deren näch- 
stem Punkte Fes ja, wie schon erwähnt, nur etwa 120 km ent- 
fernt ist, etwa die spanischen Presidios Penon de Velez oder 
Alhucemas als Stützpunkte. Hier ist im Mittelalter ein für Fes 
wichtiger Verkehrsweg nach dem Küstenorte Badis vorhanden ge- 
wesen, dessen Verhältnisse wir aber bis heute, auch durch Marquis 
de Segonzac, nur ungenügend kennen gelernt haben. Tanger 
wie Ceuta können als Stütz- und Ausgangspunkte von Kriegs- 
unternehmungen niemals größere Bedeutung erlangen, genau wie 
für den Handel. Sie haben kein Hinterland und liegen abseits. 
Sie sind im wesentlichen Meerengenstädte. Größere Bedeutung, 
aber auch nur für das Mulujagebiet, könnte Melilla erlangen. 

jedenfalls ergibt sich aus dieser Skizze, daß Marokko ein 
recht schwieriger Kriegsschauplatz ist, der ein großes europäisches 
Heer viele Jahre lang fesseln und mancherlei nicht vorherzusehende 
Zwischenfälle bieten könnte. 



2. Die Völker des Mittelmeergebiets und ihre 
weltpolitische Bedeutung. 1 ) 

Das Mittelmeergebiet steht seit Jahren im Vordergrunde der 
Weltpolitik. Marokko, das doch auch zu den Mittelmeerländern 
gehört, lenkt die Blicke der ganzen Welt auf sich, im Augenblick 
zwar am meisten durch die Vorgänge an der Ozeanküste, aber 
diese haben bereits zur Besetzung der östlichen Grenzstadt Udschda 
durch die Franzosen geführt, in deren Nähe auch noch Bu 
Hamara sein Wesen treibt, und welchen Widerhall die Vorgänge 
in und um Casablanca in ganz Marokko, in den übrigen Atlas- 
ländern und in der ganzen Welt des Islam finden werden, ist 



1) Erschienen in der Internationalen Wochenschrift, September 1907. 
Erscheint jetzt auch auf Wunsch des Smithonian Institution im Report to 
Congress for the year IQ07. 



Weltpolitische Bedeutung der Mittelmeerländer. ?j s 

abzuwarten. Jedenfalls erwachsen England in Ägypten täglich 
neue Schwierigkeiten. Kreta und Mazedonien bezeichnen tiefe 
Kummerfalten im Antlitze der europäischen Diplomatie. Italien 
als Mittelmeermacht glaubt sich, obwohl Glied des Dreibundes, 
gedrängt, möglichst gute Beziehungen zu den Mittelmeermächten 
England und Frankreich zu unterhalten, obwohl es die Lehren 
einer dreitausendjährigen Geschichte, nach welchen Tunesien im 
Besitz einer starken Macht eine unerträgliche Bedrohung Siziliens 
und Sardiniens ist, durch das Festhalten am Dreibunde zu be- 
herzigen scheint. England, Frankreich, Spanien schließen ein 
Übereinkommen zur Wahrung ihres Besitzstandes im Bereich des 
westlichen Mittelmeerbeckens und des benachbarten Ozeangebiets. 
Wer bedroht dieselben? Das Deutsche Reich ist keine Mittelmeer- 
macht, hat bisher auch in keiner Weise angedeutet, daß es eine 
solche zu werden beabsichtige; aber es scheint zu genügen, daß 
seine wirtschaftliche Entwicklung , lediglich aus seiner Macht- 
stellung und den Kräften des Volkes heraus, auch im Mittelmeer- 
gebiet sich geltend macht. In der Tat sieht man in allen Mittel- 
meerhäfen die deutsche Flagge immer häufiger und auf immer 
stattlicheren Schiffen wehen, die, sei es lediglich dem Waren- 
verkehr, sei es vorwiegend der Beförderung von Reisenden dienen. 
Immer größer und einflußreicher werden in allen Mittelmeerhäfen 
die deutschen Kolonien, wie ich durch meine 35jährige Be- 
schäftigung mit und Reisen in diesem Gebiet feststellen kann. 
Die reichsdeutschen, neben denen die deutsch-österreichischen 
weit zurückstehen, obwohl die Deutschen in Österreich dem 
Mittelmeergebiet ja räumlich viel näher stehen und fast allein 
die Interessen der habsburgischen Monarchie dort vertreten. 
Innere Schwierigkeiten hindern sie, den zukunftsreichen Ländern 
am östlichen Mittelmeer die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. 
Österreich - Ungarn erschöpft sich schon seit langem auf der 
benachbarten südosteuropäischen Halbinsel. Das große russische 
Reich, dessen Politik in den letzten zwei Jahrhunderten unent- 
wegt auf die Gewinnung eines offenen Tores ans Mittelmeer 
gerichtet war, scheidet vorläufig aus denselben Gründen aus. 
Gegenüber dem lebhaften Interesse, welches anscheinend alle 
Völker Europas dem Mittelmeergebiet entgegenbringen, scheinen 
die Bewohner desselben, soweit es sich nicht um ganz örtliche 
Fragen handelt, völlig in den Hintergrund zu treten. Daß mau 



2^5 VI, 2. Die "Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

sie zu wenig kennt, daß man sie wenig beachten zu brauchen 
glaubt, hat schon wiederholt der europäischen Diplomatie und 
den Völkern Europas recht unangenehme Überraschungen bereitet. 
Die folgenden Ausführungen bezwecken daher ein in den großen 
Zügen umrissenes Bild des bunten Völkergemisches an den Ufern 
und in den Gestadeländern des Mittelmeeres, ihrer Verteilung 
und Zahl zu entwerfen. Die Zahlen, die zusammenzustellen nicht 
umgangen werden kann, sind nur abgerundete, wie es für diesen 
Zweck auch genügt. Oder könnten andere genau angeben, wie 
viele Berbern und Albanesen, ja selbst Griechen und Türken 
es gibt? 

Das wichtigste Ergebnis dieser Untersuchung, um dies vor- 
wegzunehmen, wird ein dreifaches sein, nämlich: 

1. Die Mittelmeerländer weisen ein ungewöhnlich buntes 
ethnographisches Bild, eine große ethnische Zersplitterung auf. 

2. Die Mittelmeerländer sind im allgemeinen sehr dünn 
bevölkert, und die Menschen drängen sich allenthalben an die 
Küsten. 

3. Ein Drittel aller Bewohner der Gestadeländer des Mittel- 
meeres gehört einem einzigen Volke an, dem italienischen. 

Die Eigenschaft des Mittelmeergebiets, ein großer Kultur- 
herd zu sein, der die menschliche Kulturentwicklung bis auf die 
Gegenwart so nachhaltig beeinflußt hat, ist mit dem Mittelalter 
immer mehr in den Hintergrund getreten. Die Römer hatten das 
ganze Mittelmeergebiet staatlich geeinigt und zu einer großen 
Lebensgemeinschaft ausgestaltet. In römischer Zeit waren alle 
ethnischen Unterschiede von einer mehr oder weniger oberfläch- 
lichen römischen bzw. im Osten hellenistischen Tünche verhüllt. 
Die sogenannte Völkerwanderung, die sich aber hier bis zum Ende 
des Mittelalters mehrfach wiederholt hat, hat an Stelle dieser in 
langen geschichtlichen Vorgängen gewordenen verhältnismäßigen Ein- 
förmigkeit die bunte Mannigfaltigkeit der Völkerkarte von heute 
gesetzt. Die Einbrüche der Germanen haben, wenn sie auch 
von der höheren römischen Gesittung aufgesogen wurden, auf 
die romanischen Völker an der Nordwestecke des Mittelmeer- 
gebiets, Italiener, Franzosen, Spanier, Portugiesen, tiefgreifenden 
Einfluß ausgeübt. Die ganze Völkerkarte der Mittelmeerländer 
ist dadurch eine andere geworden, aber z. T. nur scheinbar, 
denn vielfach ist die Urbevölkerung nur unter einer neuen Sprache 



Die Albanesen. 



377 



und Religion, die sie angenommen hat, verborgen. Man wolle 
sich beispielsweise erinnern , daß die ganze bunt zusammen- 
gesetzte Bevölkerung Kleinasiens, die keltischen Galater ein- 
geschlossen, allmählich griechische Sprache angenommen hatte, 
während heute dieselben Menschen alle vorzugsweise türkisch 
sprechen. Aus den Zeiten vor der Völkerwanderung haben sich 
so beides, ihre nationale Sprache und Eigenart, nur vier Mittel- 
meervölker zu bewahren vermocht, die also als die ältesten an- 
zusehen sind, dank dem gebirgigen, schwer zugänglichen, aber 
auch wenig anlockenden Charakter ihres Wohngebiets, zwei da- 
von aber auf geringe Reste zusammengeschrumpft und zum Ver- 
schwinden in nicht ferner Zukunft bestimmt: Basken und Alba- 
nesen. Trotzdem haben beide noch in der neuesten Geschichte 
eine große Rolle gespielt. Die Basken waren die Träger der 
karlistischen Aufstände in Spanien, die Albanesen spielen in der 
orientalischen Frage eine große Rolle. Jene sind die Nach- 
kommen der alten Iberer, die sich in den Tälern der westlichen 
Pyrenäen und dem nach ihnen benannten benachbarten baskischen 
Gebirge teils auf französischem, teils auf spanischem Boden, etwa 
zwischen Bilbao und Bayonne, erhalten haben und durch Aus- 
wanderung, besonders im ig. Jahrhundert in die La Plata-Staaten, 
und Aufsaugung auf etwa x j % Million Köpfe zusammengeschrumpft 
sind. Die Albanesen sind die Nachkommen der alten Illyrier, 
die sich auch nur in einem Teile ihres früheren Wohngebiets, 
den unzugänglichsten mittleren Strichen des großen gefalteten 
Erdgürtels, welcher die ganze Westseite der südosteuropäischen 
Halbinsel kennzeichnet, zu erhalten vermocht haben. Die langen 
Kämpfe erst mit der slawischen Überflutung, dann mit den Türken, 
vor deren Bedrückungen sie in Menge im 15. Jahrhundert nach 
Italien und Griechenland auswanderten, haben sie nicht zum Ver- 
schwinden gebracht. In Süd -Italien bis nach Sizilien zählt man 
ihrer noch etwa 80 000, doch sind sie schon als ganz vom 
Italienertum aufgesogen anzusehen oder im Begriff, es zu werden. 
Noch mehr Albanesen dürften im Griechentum aufgegangen sein. 
In Griechenland haben sich die albanesischen Viehzüchter und 
Ackerbauer rasch zu Seefahrern entwickelt, so daß die Seehelden 
des griechischen Freiheitskampfes z. T. Albanesen waren. Auch 
in Süd -Albanien und Epirus gehen sie, soweit sie dem griechi- 
schen Christentume gewonnen sind, willig im Griechentume auf. 



2j8 VI, 2. Die Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

Verhängnisvoll ist nämlich für sie, noch mehr wie die inneren 
Kulturzustände, ihre ethnische Eigenart und diejenige ihrem Wohn- 
gebiet entsprechende Zersplitterung in viele kleine, untereinander 
vielfach in der Volksvermehrung nachteiliger Blutrache liegender 
Clane und die religiöse Dreigeteiltheit : von Süden her zog sie 
die griechisch - orientalische Kirche an , von Italien her die 
römische, und die Türken gewannen sie z. T. dem Islam. Da- 
durch wurden viele von ihnen als Soldaten und Beamte, oft in 
hohen Stellungen, über das weite türkische Reich zerstreut. Diese 
Zersplitterung läßt ihre Zahl von etwa i 1 /^ Millionen, trotz aus- 
gezeichneter kriegerischer Eigenschaften, die sie im türkischen 
Heere und als Helfer bei den türkischen Eroberungen eine große 
Rolle hat spielen lassen — Albanesen bilden noch heute die 
Leibwache des Türkensultans — noch weniger ins Gewicht fallen. 
Jedenfalls sind sie, obwohl wenig botmäßig, als eine Hauptstütze 
der türkischen Herrschaft im Westen der Halbinsel anzusehen, 
während Italien die katholischen Albanesen, deren Priester meist 
in Rom ausgebildet werden, für sich zu gewinnen und damit 
festen Fuß auf der Halbinsel zu fassen bemüht ist: einer der 
Gegensätze gegen die Monarchie der Habsburger. 

Ethnisch als Reste der vorrömischen Urbevölkerung sind 
auch die über die südosteuropäische Halbinsel, namentlich als 
Wanderhirten verstreuten und namentlich auch in etwas zu- 
sammenhängenderem Wohngebiete im Pindus und in den Ge- 
birgen nördlich davon erhaltenen noch Romanisch sprechen- 
den Reste anzusehen, die Aromunen, Zinzaren oder Wlachen. 
Im 12. Jahrhundert hatten sie noch einen großen Teil von 
Thessalien inne, das damals die große Walachei genannt wurde. 
Sie entbehren des romanisch nationalen Bewußtseins meist, sind 
griechische Christen und neigen zum Griechentum. Viele sind 
dreisprachig (neben Romanisch, Türkisch und Griechisch). Doch 
treten auch sie, wenn sie auch kaum 200 000 Köpfe zählen dürften, 
neuerdings politisch hervor, indem Sendboten aus Rumänien, 
namentlich die mazedonischen Wlachen dem griechischen Einfluß 
zu entziehen bemüht sind. 

Auch in Klein -Asien gibt es noch bedeutende Reste der 
Urbevölkerung , welche sich heute , weil sie ihr griechisches 
Christentum bewahrt haben, für Griechen halten und selbst durch 
Gründung griechischer Schulen und Berufung griechischer Lehrer 



Die Berbern. Ihre kulturelle Glanzzeit. 



379 



hellenisieren. Ebenso sind viele, ja nach dem Urteil der besten 
Kenner die Mehrzahl der sogenannten Türken Klein-Asiens oder 
Angehörige mohammedanischer Sekten ethnisch als Reste der 
Urbevölkerung anzusehen. Und die im 3. Jahrhundert v. Chr. 
eingewanderten Kelten (Galater) in der Nordhälfte des inneren 
Hochlands sind, wenn auch Mohammedaner und Türkisch sprechend, 
in ihrem physischen Typus, an ihren lichtbraunen Haaren, blauen 
oder grauen Augen noch deutlich erkennbar und leicht zu unter- 
scheiden von den Kappadokiern, auch „Türken", mit tiefschwarzem 
Haar, schmalem Gesicht und eigentümlicher Nase. 

Ganz anders stehen diesen im Verschwinden begriffenen 
Völkern zwei andere zur Urbevölkerung zu rechnende gegenüber: 
Berbern und Griechen. 

Die Berbern, welche zur hamitischen Völkergruppe gehören, 
sind ein außerordentlich anziehendes, aber in seiner Sprache und 
Eigenart noch zu wenig erforschtes Volk, weil sie selbst bis heute 
mit rücksichtsloser Tatkraft alles Fremde von sich fern halten. 
Ihr Hauptwohngebiet, die Atlasländer oder Klein - Afrika, nannte 
man früher meist nach ihnen die Berberei, eine Bezeichnung, 
die ganz unberechtigterweise in neuerer Zeit außer Gebrauch zu 
kommen scheint. Meist braucht man an Stelle des Namens 
Berbern die von den Franzosen in Algerien verbreitete Bezeich- 
nung Kabylen. Dies Wort bedeutet eigentlich nichts weiter als 
Stamm. Man bezeichnet in erster Linie als Kabylen die ziem- 
lich rein erhaltenen Berbern der hohen Küstengebirge Algeriens 
östlich von Algier und benennt danach das Gebirgsland des 
Dj. Djurdjura große, das Gebirgsland östlich von Bougie kleine 
Kabylei. 

Die Berbern haben schon einmal, im arabischen Mittelalter, 
eine große politische und kulturelle Rolle gespielt, sie werden 
auch in Zukunft wieder eine solche spielen, wie in diesem Augen- 
blick ja sich die Aufmerksamkeit der ganzen Welt ihnen zu- 
wendet. 

Überwiegend aus Berbern zusammengesetzte Heere waren 
es, welche Sizilien und Spanien eroberten. Berbern spielten 
unter den „arabischen" Gelehrten, Künstlern usw. jener Zeit eine 
große Rolle. Die Aghlabiten in dem von den Arabern unter 
Sidi Okba 669 n. Chr. gegründeten Kaiman, unter denen im 
9. Jahrhundert wissenschaftliches Leben anhebt, sind Berbern. 



280 VI, 2. Die Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

Auch von den Fatimiden, die seit Beginn des 10. Jahrhunderts 
in Mahedia herrschten, gilt dies. Ebenso von den Ziriden, 
welche an Stelle der Fatimiden Tunesien verwalteten , als diese 
ihren Herrschersitz nach Ägypten verlegten. 

Die Sekte der Almoraviden, zum Islam bekehrte Wüsten- 
berbern, eroberte 1060 n. Chr. unter Abu Beker Marokko. Dessen 
Nachfolger Yussuf Ben Taschfin gründete Marrakesch und bildete 
aus dem heutigen Marokko mit dem westlichen Algerien ein 
großes Reich, dem er auch Spanien angliederte. Noch weiter, 
von Tanger bis Barka, reicht die Herrschaft der Almohaden (seit 
1145), einer andern wesentlich berberischen Sekte und Dynastie. 
Diese Glanzzeit der berberischen Dynastien dauert bis 1 26g. 
Zum Teil in ihren Diensten breiten sich in dieser Zeit die ein- 
gewanderten arabischen Stämme immer weiter aus und drängen 
den Berbern als Träger des Islam ihre Sprache und zum Teil 
ihre Sitten auf. Auch die Reiche und Dynastien der Meriniden 
in Fez, der Zianiten in Tlemcen, des Hafsiden in Tunis (seit 
1228) sind wesentlich berberisch. In den unaufhörlichen Kämpfen 
derselben untereinander beginnt der Verfall, der im 15. Jahr- 
hundert so rasch fortschreitet, daß bald allgemeine Anarchie 
herrscht, die im 16. Jahrhundert den Türken die Unterwerfung 
Algeriens und Tunesiens erleichtert, während Marokko sich seit- 
dem immer mehr als selbständiger und unabhängiger Staat ab- 
sondert. Die ewigen Fehden der Stämme untereinander, das 
Halbnomadentum vieler haben noch vielfach in den letzten Jahr- 
hunderten Verschiebungen der Stämme oft auf große Entfernungen 
hin hervorgerufen. 

Auch vergesse man die hohe Blüte des heutigen Tunesien 
und eines großen Teils von Algerien in römischer Zeit nicht, 
denn die Römer waren in verhältnismäßig geringer Zahl als 
Soldaten und Beamte nur die Träger römischer Kultur. Massen- 
ansiedelung fand nicht statt. Die Mehrzahl der Bevölkerung 
trägt punische und berberische Namen, wenn auch etwas latini- 
siert. Was an Kulturleistungen aus jener Zeit noch erkennbar 
ist, ist den Berbern zuzuschreiben. Auch leisteten dieselben, 
ganz abgesehen von den früheren Kämpfen, den Römern außer- 
ordentlich zähen Widerstand. Den Aufstand des Tacfarinas z. B., 
der freilich in römischem Kriegsdienste geschult war, von 
17 — 24 n. Chr. niederzuwerfen kostete den Römern große An- 



Wohngebiet und Herkunft der Berbern. 7$ j 

strengungen. Und ähnlich war es beim Einbruch der Araber, 
die zuerst 647 in Tunesien erschienen, das sie bis 669 unter 
dem Namen Ifrikia völlig unterwarfen und als Provinz organisierten. 
Aber schon 685 wird Okba von dem Berbernfürsten Koce'ila ge- 
schlagen und getötet — jeder Besucher von Biskra besucht auch 
sein Grab in der kleinen Nachbaroase Sidi-Okba — die Araber 
wieder völlig aus Ifrikia verdrängt, wo Koce'ila seinen Herrscher- 
sitz in dem von Okba begründeten Kairuan aufschlägt und das 
ganze östliche Atlasgebiet in einem Reiche einigt. Er erliegt 
690 einem neuen Einfalle der Araber, aber die Fürstin Dina der 
Zenata im östlichen Auresgebirge, gewöhnlich Kahena (Priesterin) 
genannt — daß eine Frau eine solche Rolle spielen kann, ist 
auch echt berberisch, auch andere Berbernstämme hatten Frauen 
als Königinnen — organisierte den Widerstand, vertrieb die 
Araber von neuem, erlag aber 703, von den immer wieder in 
sich zerfallenden Berbern verlassen, einem neuen Anstürme der 
Araber. Jetzt wurden 1 2 000 gewaltsam zum Islam bekehrte 
Berbernkrieger dem arabischen Heere einverleibt. Die zu machende 
Beute und die Klugheit, mit welcher die Araber die Interessen 
der Berbern mit ihren eigenen zu verknüpfen verstanden, brachten 
von nun an viele Berbern zu freiwilligem Anschlüsse. Auch Tarik, 
der Sieger über die Westgoten, war ein Berber. 

Die Berbern bewohnten bis weit in vorgeschichtliche Zeit 
hinein ihr heutiges Wohngebiet, das mediterrane Nord -Afrika 
vom Roten Meere bis an den Ozean und auf die Kanarischen 
Inseln, wenn sie auch aus Teilen desselben verdrängt bzw. unter 
dem Einfluß des Islam ihrer Sprache zugunsten des Arabischen 
beraubt und auch sonst bald mehr, bald weniger arabisiert worden 
sind. Am reinsten haben sie sich überhaupt in den Gebirgen, 
ganz besonders aber denen des abgelegenen, abgeschlossenen 
Marokko erhalten, dessen Bevölkerung nicht, wie man früher 
wohl annahm und oberflächliche Beurteiler noch heute annehmen, 
aus Arabern, sondern fast ausschließlich aus Berbern besteht. 

Die Frage , ob die Berbern aus Vorder - Asien oder aus 
Europa in ihr Wohngebiet in vorgeschichtlicher Zeit eingewandert 
sind, ist viel erörtert worden, dürfte sich aber der Entscheidung 
für letzteres nähern. Wenn sich neuerdings der französische 
Arzt und Anthropologe Bertholon auf Grund der Erforschung 
der vorgeschichtlichen Altertümer Nord -Afrikas der Ansicht zu- 



,82 VI, 2. Die Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

neigt, daß die Erbauer der rnegalithischen Denkmäler (Dolmen, 
Menhir) Tunesiens und Ost-Algeriens derselben Rasse angehören, 
welche in Europa ähnliche Denkmäler hinterlassen hat, so spräche 
dies für eine Einwanderung aus Europa. Auch hat man jetzt 
aus der auffälligen Übereinstimmung gewisser Geräte auf Ver- 
wandtschaft der Berbern mit den Basken geschlossen und diese 
Verwandtschaft auch aus sprachlichen Gründen gefolgert. Der 
hervorragende französische Nord-Afrikaforscher Ch. Tissot spricht 
sich namentlich für Einwanderung aus Europa aus, weil der 
blonde Typus der Berbern südlich der Straße von Gibraltar am 
häufigsten sei, von da nach Osten seltener werde. Die Zeit der 
Einwanderung müsse man vor 1 500 v. Chr. setzen, da schon die 
Denkmäler der 19. Dynastie in Ägypten die Libu als ein blondes 
und blauäugiges Volk darstellen. 

Die Berberstämme der Djuala und der Uled Hannech in 
Algerien, die Krumir Nord -Tunesiens, die Schaamba der alge- 
rischen Sahara errichten noch heute Grabstätten, welche den 
megalithischen ähneln. Das von Algier aus so viel besuchte sog. 
Grab der Christin, tatsächlich das Grab berberischer Fürsten, 
und der sog. Medracen, ein etwas älteres Grab berberischer 
Fürsten (Massinissa?) jetzt in völliger Einöde zwischen Constantine 
und dem Auresgebirge, sind nichts als die vollendeten Formen 
dieser megalithischen Grabstätten. Auch bedienen sich die Zelt- 
bewohner Tunesiens noch heute derselben Typen von Ton- 
gefäßen, wie sie in den megalithischen Grabkammern gefunden 
werden. Auch sonst lassen sich noch vielfach uralte europäische 
Einflüsse erkennen. Gewisse Unterschiede auch im physischen 
Typus der Berbern lassen sich weit zurückverfolgen, nach welchen 
man auch die Namen der Alten, die eigentlichen Berbern von den 
Libyern, von den Afri, deren Name noch von Tunesien aus dem 
Erdteile anhaftet, von den Maxyes, deren Name noch in der natio- 
nalen Bezeichnung der Tuareg (Imoschagh) erhalten ist, und von 
den Gätuleren des südwestlichen Atlasgebietes zu unterscheiden 
habe. Diese Stammeszersplitterung hat sich bis in die Gegen- 
wart erhalten und schon oft als verhängnisvoll erwiesen. Viele 
schon von Ptolemaios im heutigen Marokko genannte Stämme 
sind noch heute dort nachweisbar. In den Mazikes erkennen 
wir die Masig (Sing. Amasig, Plur. Amasigen), den Volksnamen, 
welchen sich die Berbern des Nordwestens von Marokko selbst 



Das Wohngebiet der Berbern. 2 g 2 

beilegen. Seine Autololes sind die Ait Hiläla, seine Macenites 
die Miknärza, die Baenatae die Berguäta, und den Namen Mauren, 
nach welchem im Altertum Marokko Mauritania hieß, leiten Tissot 
und Quedenfeldt von dem semitischen Maurim her, was wörtlich 
übersetzt der Bezeichnung entspricht, welche sich die Marokkaner 
jetzt vielfach selbst beilegen: el-garbaua, die Leute des Westens. 
Der Name Berber war schon vor Ankunft der Griechen und der 
Römer in Nord-Afrika vorhanden und haftet heute noch speziell 
als zusammenfassender Name Bräber oder Beräber an den 
Stämmen im mittleren und hohen Atlas Mittel -Marokkos. Von 
ihnen unterscheidet man die des Südwestens als Schlu oder 
Schlöh, die des Nordens als Amasigen oder Amazirghen. Wie 
im Altertum gibt es noch heute in Nubien Berabra. Das Somal- 
land hieß Barbaria und ein anderes Berbernland lag in Tro- 
glodytien zwischen dem Nil und dem Roten Meere südlich des 
Hafens Berenike. Diese Namen deuten auf die ehemalige Ver- 
breitung der Berbern hin. Auch Schädelmessungen der alten 
Ägypter zeigen Übereinstimmung mit den Berbern. Daß die 
Guanchen der Kanarischen Inseln Berbern waren , wird wohl 
heute von niemand mehr bezweifelt. Berberische Inschriften sind 
von Cyrenaika, das heute von Arabern bewohnt ist, bis zu den 
Kanarischen Inseln und tief in die Sahara hinein gefunden worden. 
Das heutige Wohngebiet der Berbern reicht von den Oasen 
der Libyschen Wüste bis an den Ozean und umfaßt die ganze 
westliche Sahara bis zur Gebirgsoase von Air und zum Nigerknie 
bei Timbuktu und bis zum Senegal, der seinen Namen ja dem 
noch heute eine berberische Mundart sprechenden Berberstamm 
des Zenaga verdankt, die erst seit dem 16. Jahrhundert aus den 
südlichen Atlastälern dorthin ausgewandert bzw. verdrängt worden 
sind. Alle die sog. maurischen Stämme, mit welchen die Fran- 
zosen in den letzten Jahren vom Senegal aus zusammengestoßen 
sind, sind mehr oder weniger reine Berbern. Die Tuareg der 
westlichen Sahara, die jetzt auch als den Franzosen unterworfen 
gelten können, sind wohl erst im Mittelalter in die Wüste ge- 
drängte Berbern, die zu den am wenigsten vermischten gerechnet 
werden müssen. Unablässig in ihrem an Hilfsmitteln so armen 
Wohnräume mit dem Hunger kämpfend, der sie zu Wüsten- 
räubern gemacht hat, ist ihre Zahl auch erstaunlich gering. Nach 
neuesten französischen Schätzungen sollen ihre beiden größten 



384 ^Ij 2- ^ e Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

Stämme, die Hogar nur 1200, die Asdscher nur 300 Krieger 
stellen können. Ihre Sprache ist rein von arabischen Worten. 
Sie besitzen auch eine eigene Schrift, die aber nur zu Inschriften 
auf ihren Schilden, auf Felsen und zu Versen bei gelegentlichen 
Festen dient. Auch die Schaamba in der algerischen Sahara, 
die bisher kaum bessere Wüstenräuber waren, jetzt aber völlig 
unterworfen sind, sind Berbern. Ebenso die Bewohner der vor 
kurzem von den Franzosen unterworfenen Oasengruppen von 
Tuat, Gurara und Tidikelt. Sie gehören dem alten Berbern- 
stamme der Zenata an. Auch ihre Zahl ist, als ein Ausdruck 
der Armut auch dieses Gebiets, nicht, wie man annahm, 400 000, 
sondern nur 60 000. Auch die Bewohner der Oasen des Wed 
Rir sind berberisch sprechende Berbern, ebenso die der tune- 
sischen Sahara und des ganzen mit kleinen Oasen besetzten, im 
Bogen von der Kleinen Syrte bei Gabes bis zum westlichen Ein- 
gange in die Große Syrte bei Misrata verlaufenden gebirgsartig 
gegliederten Steilabsturzes der großen Wüstentafeln sind reine 
Berbern. Ebenso die halbnomadischen Stämme in dem den 
Ozean begleitenden Hügellande südlich vom Atlas bis zum Kap 
Juby, heute zu Marokko gerechnete Landschaften. Das wichtigste 
Wohngebiet der Berbern sind aber die Atlasländer, obwohl man 
bis vor kurzem nach dem Vorherrschen der arabischen Sprache, 
und weil namentlich die Franzosen, die lange Zeit den ver- 
hängnisvollen Irrtum begangen haben, Araber und Berbern nicht 
unterscheiden zu können, allgemein nur von Arabern sprachen, 
dort kaum etwas anderes sah, als Araber. Und doch sind beide 
Völker im physischen Typus und geistiger Eigenart so grund- 
verschieden ! 

Die Zahl der wirklichen Araber ist in ganz Nordwest-Afrika 
eine sehr kleine. Schon die Eroberer und Einwanderer waren 
sowohl an und für sich wie gegenüber der berberischen Bevölke- 
rung, die sie vorfanden, gering an Zahl. Wo hätten auch große 
Menschenmengen, wirklich wandernde Völker, aus dem menschen- 
armen Arabien herkommen sollen? Jahrhundertelang handelte es 
sich nur um Kriegsheere, die sowohl an und für sich wie nach 
unsern heutigen Begriffen klein waren und ihre Erfolge lediglich 
den Ideen, deren Träger sie waren, der fanatischen Begeiste- 
rung, die sie durchdrang, aber auch der ohnmächtigen Zersplitte- 
rung und Verkommenheit verdankten, die sie vorfanden. Erst 



Die Berbern Tunesiens. ?8<% 

um 1050 n. Chr. fand eine Einwanderung in großem Maßstabe 
statt, die der mittelarabischen Wanderstämme der Uled Hilal und 
Uled Sole'im, die aber allerhöchstens 250000 Köpfe betragen hat. 
Mit diesen Wanderhirten beginnt erst die Verwüstung des Landes. 
Sie verteilte sich z, T. auch über die Sahara. Die Araber be- 
setzten als Herdenzüchter vorzugsweise die Ebenen und offenen 
Landschaften und drängten die Berbern in die Gebirge. Sie 
rückten allmählich bis in den äußersten Westen, in die Ebenen 
des Atlasvorlandes von Marokko, vor, wo noch heute arabische 
Stämme, wie die Amar etwas südlich von Tanger, die Khlot und 
Tliq zwischen El Ksar und Larasch, die Howara im Sus, die 
Uled Delim südlich vom Tensift, sich so weit rein erhalten haben, 
daß man sie an ihrem physischen Typus erkennt, wenn sie auch 
vieles Berberische aufgenommen haben. Sie sind auch bis heute 
Nomaden geblieben oder haben sich höchstens unter dem Ein- 
flüsse der günstigeren Landesnatur zu Halbnomaden aufge- 
schwungen. Wie groß heute die Zahl der wirklichen Araber in 
den Atlasländern ist, ist sehr schwer zu sagen. In Tunesien hat 
sie neuerdings Hamy unter etwa i 1 /^ Millionen Einwohnern auf 
60000 geschätzt. Die Stämme der Hamema in Süd-Tunesien, 
in der Umgebung von Gafsa, die Riah zwischen Ed Djem und 
Medjez el Bab sind Araber. Gerade in Tunesien, das vorwiegend 
offenes, leicht zugängliches Land ist, konnte die Vermischung 
beider Rassen und die Arabisierung der Berbern am raschesten 
fortschreiten, wenn auch das berberische Element ethnisch heute 
bei weitem überwiegt, obwohl tatsächlich, neben den Bewohnern 
der Insel Djerba und der Berge des südtunesischen Arad, nur 
noch einige Dörfer Nord-Tunesiens auf dem Gebiet des bei der 
Besetzung durch die Franzosen so viel genannten Großgrund- 
besitzes der Enfida nordwestlich von Susa an der Ostküste 
(Tacrüna, Djerada, Zriba) die berberische Sprache bewahrt 
haben. Ihre Mundart ist der der Schauia des Auresgebirges 
ähnlich. Aber der physische Typus der Mehrzahl der Be- 
wohner, die Sitten sind noch dieselben, wie sie uns Sallust 
und Pomponius Mela beschreiben. Die Gurbi (Reisighütten) sind 
Sallusts Mapalia. In Algerien, wo die Franzosen es unter- 
lassen haben, das Zahlenverhältnis zwischen Arabern und Berbern 
klarzustellen, auch nachdem sie beide zu unterscheiden gelernt 
hatten, hat ein Kenner behauptet, daß ihre, der Araber, Zahl 

Fischer, Mittelmecrbilder. Neue Folge. 25 



386 VI, 2. Die Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

so gering sei, daß sie in nicht ferner Zeit ganz verschwinden 
würden. Ähnliches gilt von Marokko. Nur wird diese Tatsache 
weniger hervortreten, weil viele Berberstämme so weit arabisiert 
sind, daß sie nicht nur ihre Sprache aufgegeben und vielfach 
arabische Sitten angenommen haben , sondern sich selbst für 
Araber halten und ausgeben. Das beobachtete ich bei dem 
mitteltunesischen halbnomadischen Stamme der Freschisch, der 
Nachkommen der Frexes, die seit zweitausend Jahren die gleichen 
Wohnsitze haben, und in deren Zeltlagern ich 1886 gastfreund- 
liche Aufnahme fand. Auch ihre Nachbarn, die Madjer, die 
Matmata und die Urghemma, eigentlich ein Bund von Stämmen, 
weiter nach der Sahara hin sind Berbern. Sehr rein scheinen 
sich die Bewohner der Kerkenah- Inseln und von Djerba er- 
halten zu haben. Letztere sprechen unter sich nur Berberisch. 
Auch die vielgenannten Krumir und die Mogod im Gebirge 
am Nordrande Tunesiens sind Berbern. Jene zählen freilich 
nur 6500, diese 5900 Köpfe. Selbst die wegen ihrer wilden 
Freiheitsliebe bekannten Rhiata, die Wächter des wichtigen 
Verkehrswegs , welcher auf der geologischen und orographi- 
schen Grenze zwischen dem Rifgebirge und dem marokka- 
nischen Atlas von Fez nach Osten das Stromgebiet der Muluja 
mit dem Atlasvorlande von Marokko verbindet, sehen sich für 
Araber an, obwohl sie reine, typische Berbern sind und z. T. 
noch Tamazirt sprechen. Wie sich diese Arabisierung vollzieht, 
kann man in der Umgebung von Tanger recht gut beobachten. 
Die ganze Umgebung von Tanger, alle Dörfer im Angesicht der 
Stadt, ist von der Regierung in den letzten 100 — 200 Jahren 
mit Militärkolonien besiedelt worden, die aus dem Rifgebiet 
stammen und fast alle noch ihre dortige Zugehörigkeit kennen. 
Sie bilden jetzt einen neuen Stamm, die Fah^ya. Dadurch, daß 
sie wirtschaftlich ganz von Tanger abhängig sind, zu dessen 
Schutze sie angesiedelt sind, nehmen sie mehr und mehr arabische 
Sprache an, nur die Dörfer am Südhange des kleinen Tafel- 
rückengebirges westlich von Tanger, auf dessen Westende der 
Leuchtturm des Kap Spartel steht, des Djebel el Kebir, in Tanger 
meist spanisch Monte genannt, sprechen noch Berberisch, da sie 
etwas abseits liegen. Aber die Bauart der Dörfer, die Sitten 
und Einrichtungen, der physische Typus der Leute, unter welchen 
sich viele mit braunen oder blonden Haaren und blauen Augen 



Die Arabisierung der Berbern. ^87 

finden, ist ganz berberisch. Die Marktleute, welche die Be- 
sucher von Tanger sehen und für „Araber" halten, sind ganz 
reine Berbern. Wenn man einen dieser Bauern wie einen deut- 
schen Bauern kleidete, niemand würde zweifeln, einen solchen 
vor sich zu haben. Naturgemäß sind so auch der Bevölkerung 
von Tanger viele berberische Elemente beigemischt. Auch die 
Stämme , welche das Hinterland der jetzt so viel genannten 
Küstenstädte Marokkos am Ozean bewohnen, sind alle mehr oder 
weniger reine Berbern und z. T. Halbnomaden. So die Schauia 
um Casablanca, die Dukkala um Masagan, die Schedma um 
Mogador, die Semmur und Zair um Rabat, die Beni Ahsen am 
unteren Sebu; weiter ins Gebirge hinein die Zaian, Geruan, Beni 
Mgild, Beni Mtir, Beni Uarain, welche de Segonzac die häß- 
lichsten unter allen Berbern nennt, die Ait Yussi u. a. Einzelne 
dieser Stämme steigen im Sommer mit ihren Herden höher und 
tiefer ins Gebirge hinein, sind so sehr beweglich und schwer zu 
fassen. Sie vermögen jedem überlegenen Feinde, wie die Sultans- 
heere so oft erfahren haben, auszuweichen und ihm an geeigneten 
Stellen ungeheure Verluste beizubringen. Ait (Söhne) ist die echt 
berberische in Mittel- und Südwest - Marokko noch herrschende 
Stammesbezeichnung, während im Norden das arabische Beni, im 
Osten Uled vorherrscht. 

In Algerien haben die Franzosen ganz außerordentlich zur 
sprachlichen Arabisierung der Berbern beigetragen, indem sie alle 
Eingeborenen jahrzehntelang für Araber hielten und ihnen durch 
die Verwaltung, Gericht, Pflege des Islam usw. geradezu die 
arabische Sprache aufdrängten. Noch 1859 schätzte der gründ- 
liche Kenner der Berbern, Hanoteau, die Zahl der Berbern in 
Algerien auf 850000, also die damalige Mehrzahl der eingeborenen 
Bevölkerung, während er nur 1 / 6 den wirklichen Arabern zu- 
rechnete. Dagegen ist heute die berberische Sprache fast auf 
die Gebirge, den Dj. Djurdjura und den Dj. Aures beschränkt, 
aber von einer Französisierung der Berbern noch keine Spur 
vorhanden. Von Marokko sagt ein Kenner wie der Marquis de 
Segonzac, daß es wirkliche Araber dort nicht mehr gebe. Man 
darf aber nicht annehmen, daß sich die Anähnlichung beider 
grundverschiedener Völker stets friedlich vollzogen habe. Im 
Gegenteil, wir haben wohl die ewigen Fehden und Bürgerkriege 
beispielsweise selbst unter den „Arabern" in Sizilien vielfach auf 

25* 



388 VI, 2. Die Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

Rassenhaß zurückzuführen. Selbst in Marokko hat sich die 
Herrschaft der heute dort herrschenden arabischen Schürfa von 
Tafilalet stets nur auf die arabischen und arabisierten Stämme 
erstreckt. Es wird behauptet, daß die Arabisierung bei den 
sonst sittenstrengen Berbern auch stets einen Verfall der Sitten 
hervorrufe. Namentlich wird die ganz auffällige Sittenlosigkeit 
der Djebala, der Gebirgsstämme des westlichen Rifgebietes, also 
südöstlich von Tanger, deren Wohngebiet heute allein in ganz 
Marokko fast noch unerforscht ist, auf die Arabisierung zurück- 
geführt. 

Die Berbern sind eine körperlich außerordentlich kräftige 
und leistungsfähige Rasse, schlank, von etwas über Mittelgröße, 
muskulös, aber ohne Neigung zur Fettbildung, die nur bei den 
jungen Mädchen einzelner Stämme künstlich gefördert wird. Im 
Ertragen von körperlichen Anstrengungen und Entbehrungen, in 
Witterungsunbilden in Hitze und Kälte leisten sie Erstaunliches, 
ganz besonders sind sie hervorragende Fußgänger. Die berbe- 
rischen Eilboten, welche die deutsche Post in Marokko befördern, 
legen unglaubliche Strecken zurück, bis zu 120 km in 24 Stunden. 
Wenn meine mich zu Fuß begleitenden Leute 40 — 45 km mar- 
schiert waren, barhäuptig und mit glatt geschorenem Schädel bei 
gelegentlich bis 7 2° C in der Sonne, zeigten sie keine Spur von 
Ermüdung. In welchem Maße sie, im grellsten Gegensatz zu 
dem trägen Araber, Körperübungen lieben, sieht man daraus, daß 
Ballspiele bei ihnen sehr beliebt sind, ja allenthalben wie bei 
uns Sportgesellschaften bestehen, für Schießen, Fechten u. dgl. 

Der kriegerische Sinn der Berbern äußert sich auch in den 
ewigen Räubereien und den Stammesfehden der Stämme unter- 
einander. Diese Räubereien haben zuweilen einen ritterlichen 
Anstrich. Der schon länger bestehende stetig wachsende Haß, 
dessen sich die Franzosen erfreuen, bestimmte vor einigen Jahren 
eine Gruppe von Angehörigen des Stammes der Za'ir, einem von 
Casablanca nach Rabat reisenden Franzosen die Pferde zu stehlen. 
Um dies zu können, mußten sie, da derselbe in einer von hohen 
Mauern umschlossenen Kasba übernachtete, ein Loch in die 
Mauer brechen, die Pferde fesseln und durch das Loch ziehen. 
Als sie am andern Tage entdeckten, daß die Pferde einem 
Deutschen gehörten, gaben sie sie zurück. Bei denselben Za'ir 
gilt es als höchster Sport dem Sultan, wenn er in der Nähe 



Physischer Typus der Berbern. 28g 

ihres Gebietes inmitten seines Heeres lagert, Wertgegenstände 
aus seinem Harem zu stehlen. Zu diesem Zweck gleiten sie wie 
Schlangen völlig nackt unter den Zeltdecken durch. 

Die ewigen Stammesfehden werden in Marokko geflissentlich 
von der väterlichen Regierung unterhalten, um alle zu schwächen 
und zu beherrschen. Man übergibt einen Stamm, dem man nicht 
wohlwill, einem oder mehreren andern zum „Aufessen". Da 
diese dies Geschäft so gründlich wie möglich unter Verübung 
der größten Scheußlichkeiten ausführen, so ist auf lange Zeit für 
unversöhnlichen Haß gesorgt. Der Gegensatz zwischen den durch- 
aus landbewohnenden bäurischen, kriegerischen Berbern und den 
verweichlichten maurischen Städtebewohnern ist zugleich ein 
ethnischer und vielleicht noch größer als zwischen einem biederen 
deutschen Bauern und einem sozialdemokratisch verseuchten 
Großstadtarbeiter. Das erklärt, mit welchem Behagen bei sich 
bietenden Gelegenheiten die Küstenstädte ausgeplündert werden. 

Die Berbern besitzen alle körperlichen und Charaktereigen- 
schaften, um ausgezeichnete Soldaten zu werden: hochgradige 
persönliche Tapferkeit und Todesverachtung, Nüchternheit; und 
die Franzosen würden sie schon lange im großen ins Heer ein- 
gereiht haben, wenn sie nicht guten Grund zu der Annahme 
hätten, daß sie sich damit nur ein feindliches Heer großzögen, 
sie begnügen sich daher mit einigen tausend Mann. Namentlich 
bilden Berbern den Grundstock der Tirailleur-Regimenter. Doch 
ist zu beachten, daß diese körperlichen Eigenschaften, wie die 
erstaunliche Langlebigkeit, die schon von den römisch-berberischen 
Inschriften im östlichen Atlasgebiete bezeugt wird, gewiß z. T. 
darauf zurückzuführen sind, daß nur ganz kräftige Individuen bei 
der geringen Pflege der Kinder erhalten bleiben. Die rasche 
Heilung von Wunden hängt auch damit, wie mit der genügsamen 
Lebensweise zusammen. Die Hautfarbe der Berbern ist eine 
leichte Bräunung, wie bei Südeuropäern, das Haar ist vorwiegend 
braun, aber auch häufig blond und die Augen blau, das Gesicht 
offen und frei, intelligent, das Auge lebhaft. Die Beni Mgild 
des mittleren Atlas von Marokko bezeichnet de Segonzac als 
rötlich blond, auch die benachbarten A'it Aiach, die noch Tama- 
zirt sprechen, aber auch meist Arabisch verstehen, bezeichnet er 
als vorwiegend blond und blauäugig, wie wir auch die Fahcya 
um Tanger schon als meist braun oder blond mit blauen Augen 



3QO VI, 2. Die Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

kennen lernten. Ch. Tissot stellt fest, daß das blonde Element 
unter den Berbern des marokkanischen Atlas, wo diese sich 
überhaupt am reinsten erhalten haben, am häufigsten sei. Min- 
destens Y 3 aller Individuen sei dort blond. So sei es auch bei 
den Berbern des Djurdjura und des Auresgebirges in Algerien. 
Von den Schauia, den Bewohnern dieses letzteren Gebirges sagt 
Oberst Lartique, der gründliche Erforscher derselben, daß sie 
weiß von Hautfarbe seien, weißer als die Araber, wenn auch 
von der Sonne gebräunt und außerordentlich abgehärtet. Ihr 
physischer Typus sei ganz der der Kabylen des Djurdjura, sie 
seien ganz europäerähnlich, meist schwarzhaarig, aber auch 
viele blond. Sie seien sehnig und mager, die mittlere Körper- 
höhe beträgt 1,75 m. Auf der südtunesischen Insel Djerba 
wurde diese zu nur 1,64 m festgestellt, bei den Krumir zu 
1,67 m. Der deutsche Arzt und Naturforscher Kobelt stellte 
fest, daß bei Miliana westlich von Algier die Hälfte der 
Kinder blondes Haar und blaue Augen hatten und auch 
unter den Erwachsenen auffallend viele Blonde oder ganz 
Hellbraune waren. Auch die Berbern von Djerba sind blond 
oder kastanienbraun. Das wird schon in der ältesten uns 
erhaltenen Segelanweisung für das Mittelmeer, dem Stadias- 
mos aus der zweiten Hälfte des dritten nachchristlichen Jahr- 
hunderts, hervorgehoben, wo diese Berbern als blond und sehr 
schön bezeichnet werden. Doch fand Dr. Collignon nur 15% 
lichte Typen auf Djerba, bei den Krumir 19%- Ein Grieche 
aus Kyrene, der berühmte Dichter Kallimachos im dritten vor- 
christlichen Jahrhundert, hebt das auch von den Eingeborenen 
von Kyrene hervor, wie auch auf den ägyptischen Denkmälern 
die Libu und Tamahu mit europäischen Zügen und blondem 
Haar dargestellt sind. Auf den Kanarischen Inseln fanden die 
Spanier einen blonden und einen braunen Typus. 

Rasche Fassungskraft, namentlich für praktische Dinge, und 
große Arbeitsamkeit kennzeichnet, recht im Gegensatz zu den 
Arabern, die Berbern. Berberische Taschenspieler, oft von un- 
glaublicher Gewandtheit, durchziehen die Welt, und man kennt 
sie auch in Deutschland, wo einzelne dieser intelligenten Leute 
mit großem wissenschaftlichen Erfolge zum Studium ihrer Sprache, 
besonders der Schilha- Mundart, der Sprache der im Südwesten 
abgelegen wohnenden Schluh verwendet worden sind. Der Berber 



Landwirtschaftliche Betriebsamkeit der Berbern. 



391 



ist leidenschaftlich und beweglich, dabei aber ernst, ja traurig. 
Er besitzt, wie ich vielfach selbst habe feststellen können, per- 
sönlichen Stolz und erträgt schlechte, verächtliche Behandlung 
nicht, was viele Europäer nicht beachten. Der Berber hält sein 
Wort! Hoch entwickelt ist der Erwerbsinn, und ebenso einfach 
ist seine Nahrung und Hauswirtschaft bei großer Bedürfnislosig- 
keit. Auch der Reiche trägt denselben schmutzigen und zer- 
fetzten Burnus wie der Arme. Der Berber kennt und schätzt 
persönliches Eigentum. Viele Berbern Süd -Tunesiens wandern 
nach Tunis, viele Gebirgs- und Oasenbewohner Algeriens nach 
Algier und in andere Küstenstädte, um eine kleine Summe zu 
ersparen, mit welcher sie dann in die Heimat, an der sie un- 
verbrüchlich hängen, ein Stück Land und ein Häuschen, die 
Sehnsucht jedes Berbern, erwerben. Aus Marokko wandern oder 
wanderten alljährlich Tausende von Berbern — ich bin selbst 
gelegentlich längere Zeit im Innern des Atlasvorlandes von 
Marokko mit solchen Gruppen gereist, um ihre Anschauungen 
und Erfahrungen kennen zu lernen — nach Algerien, um als 
Eisenbahnarbeiter, auch bei der Ernte, bei Hafenbauten, in Berg- 
werken u. dgl. Geld zu verdienen. Ob das, was sie da sehen, 
wirklich der Verbreitung der französischen Herrschaft günstig ist, 
wie die Franzosen annehmen, ist mir sehr zweifelhaft. Die 
Berbern sind eifrige Ackerbauer und Baumzüchter. In den Ge- 
birgen haben sie überall, um dem kostbaren Boden bei relativer 
örtlich vorkommender Übervölkerung — in Djurdjura wohnen 
fast 100 Menschen auf 1 qkm — möglichst auszunutzen, die 
Hänge terrassiert und künstlich bewässert und gedüngt. Jedes 
Fleckchen Erde wird ausgenutzt. Sie haben so manche Gebirge 
in wahre Gartenlandschaften verwandelt, wie die Hänge und 
Täler des Serhun, des heiligen Gebirges bei Fez, die Hänge des 
Atlas bei Dernnat und ähnlich im Djurdjura und Aures Algeriens. 
In ersterem Gebirge spielt neben dem Ölbaum der Feigenbaum, 
welche wesentlich zur Ernährung beitragen und durch Verkauf 
der Erzeugnisse Bargeld liefern, in letzteren der Aprikosenbaum 
die Hauptrolle. Wie kostbar dies den Felsen abgerungene be- 
wässerte Gartenland in dem verhältnismäßig dicht bevölkerten 
Gebirge werden kann , zeigt , daß man im Auresgebirge bis 
16000 Franken für den Hektar zahlt. Die Insel Djerba ist ein 
einziger großer Garten und Fruchthain. 



39 2 ^*> 2 ' ^ ie Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

Staunenswert ist auch, wie die Berbern die trocknen, felsigen, 
aber natürliche Sicherheit bietenden Gebirge Süd -Tunesiens, 
namentlich der Landschaft Arad südlich von Gabes, und in 
Tripolitanien dem Anbau zu gewinnen verstanden haben. Die 
Bienenzucht wird namentlich auch eifrig von ihnen betrieben und 
Wachs gehört daher zu den Ausfuhrgegenständen Süd-Marokkos. 

Neigung zur Seßhaftigkeit und Landbau scheint allen Berbern 
derartig eigen zu sein, daß man annehmen möchte, daß die- 
jenigen Stämme, welche Halbnomaden oder Nomaden sind, dies 
erst aus Not geworden sind. Auch geschickte Handwerker sind 
die Berbern, Maurer, Schreiner, Weber, Töpfer u. dgl. Noch 
heute blüht Töpferei und Wollenweberei auf Djerba, und die 
Leute von Djerba haben in Tunis fast allein den Handel mit 
Wollstoffen in der Hand. Anderwärts wird Gerberei, Färberei, 
Seifensiederei, Lederverarbeitung u. dgl. betrieben. Die Mozabiten 
sind äußerst geschickte Kaufleute. 

In sittlicher Hinsicht scheinen die Berbern große Gegen- 
sätze aufzuweisen. Ein Kenner faßt sein Urteil scharf in dem 
Satze zusammen: reine Berbern haben reine Sitten. Namentlich 
wird den Gebirgsberbern des Rif und den Bräber, den unberührte- 
sten unter allen, Sittenstrenge nachgerühmt. Leider werden uns 
aber von vielen Stämmen lose Sitten bezeugt, und dies reicht, 
wenigstens bei den Oasenbewohnern der großen Wüste, weit 
zurück. Es mag die Sitte, die eigenen Frauen und Töchter den 
Karawanen darzubieten, mit den furchtbaren Entbehrungen der 
Wüstenreisen, ähnlich wie bei großen Seereisen und Seeleuten 
zusammenhängen, wie ja vielfach, namentlich früher, die großen 
Karawanen in den Oasen festlich empfangen wurden. Haben 
die Berbern auch meist nur eine Frau, so wechseln sie dieselben, 
bei der Leichtigkeit der Scheidung im Islam, häufig. Den Be- 
suchern von Biskra sind die Töchter des benachbarten Berbern- 
stammes der Uled Nayl bekannt, die sich dort als Tänzerinnen 
und öffentliche Dirnen Geld erwerben und dann daheim um so 
mehr zu Frauen begehrt werden. Auch von den Frauen der 
Schauia im Auresgebirge sagt Oberst Lartique, daß es dort kaum 
Frauen gibt, die sich nicht gegen Geld hingeben. Das Dorf 
Menaä des Abdi-Tales, das reichste im ganzen Gebirge, ist durch 
die allgemeine Prostitution seiner Frauen bekannt, die viele 
Männer ringsum anzieht, obwohl diese Gebirgsberbern in dieser 



Kalender der Berbern. 



393 



Hinsicht alle nicht streng sind. Noch weit übler scheint es mit 
den arabisierten Djebala zu stehen, bei denen zwar Ehebrechern 
die Augen mit glühenden Eisen ausgestochen, die Ehebreche- 
rinnen mit Knütteln totgeschlagen werden, daneben aber öffent- 
liche Dirnen in Menge vorkommen und auch das Laster der 
Sodomie im Schwünge ist. Die Frauen werden gekauft. Doch 
ist bei vielen Stämmen die Stellung derselben eine viel freiere 
als bei den Arabern, was sich schon daraus ergibt, daß sie un- 
verschleiert gehen. 

Dem Islam sind die Berbern sämtlich gewonnen, doch ist 
derselbe erst im 16. Jahrhundert allgemein durchgedrungen und 
wird meist nur äußerlich befolgt. Selten tragen sie religiösen 
Fanatismus zur Schau, am wenigsten die tunesischen; die oben- 
genannten Djebala trinken Wein, den sie sowohl selbst keltern, 
wie von Juden und Christen kaufen, so daß Trunkenheit bei 
ihnen nicht selten ist. Auch rauchen sie unmäßig Kif und essen 
Wildschwein. Heilige und ihre Grabstätten, bald kleine würfel- 
förmige Kuppelbauten, Marabut oder Kubba genannt, bald auch 
moscheeähnliche Bauwerke, stets sorgsam in weißem Kalkanstrich 
gehalten und darum weithin sichtbar, genießen namentlich in 
Marokko besondere Verehrung und sind außerordentlich häufig, 
während Moscheen selten sind. Sherifen-Familien, die als Nach- 
kommen des Propheten und als solche als heilig gelten und be- 
sondere Vorrechte genießen, oft ganze Dörfer, sind häufig. Sie 
mußten als solche natürlich Araber sein. Zuweilen gelingt es 
besonders angesehenen Sherifen, unter den durch Blutrache, die 
bei den Gebirgsberbern noch häufig vorkommt, verfeindeten 
Stämmen Frieden zu stiften und als schützende Geleiter über- 
haupt das Reisen in feindlichen Gebieten zu ermöglichen. Nur 
von solchen Sherifendörfern habe ich Unfreundlichkeiten erfahren. 
So schmutzig und verkommen diese Heiligen zu sein pflegen, 
der Christ durfte nicht einmal in ihrer Nähe lagern, weil er sie 
beschmutzte. Religiöse Orden und Sekten spielen auch politisch 
eine große Rolle, wie in der Gegenwart die des Ma-el-Ainin in 
Süd-Marokko. Vom Islam haben die Berbern die arabische 
Jahreseinteilung angenommen, aber nur bei allen politischen, 
bürgerlichen, religiösen Akten, während für die Abschnitte des 
landwirtschaftlichen Jahres die römisch-christliche noch in Geltung 
ist. So fällt, da der Unterschied jetzt auf 13 Tage angewachsen 



3Q4 VI» 2. Die Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

ist, das große landwirtschaftliche Fest Ansera um die Sommer- 
sonnenwende 13 Tage nach Johanni. Der landwirtschaftliche 
Kalender der marokkanischen Berbern und so selbst der Fah^ya 
vor den Toren von Tanger, hat folgende Monate: Jenair, Febra'ir, 
Mars, Ebril, Maio, Junio, Juliuz, Aghocht oder Ghocht, Chutembir, 
Octuber, Nuambir, Dudjambir. Selbst die Tuareg der Wüste 
haben diese Zeitrechnung noch. Die Schauia des Auresgebirges, 
die noch manche altertümliche, ursprünglich christliche Sitten er- 
halten haben, feiern noch das Weihnachtsfest unter dem Namen 
Bu Ini. Der erste Tag des Jahres wird allgemein Junär (Januar) 
genannt, alle Kleider werden gewaschen, alle im Gebrauch be- 
findlichen Gegenstände geändert und die Neujahrsnacht durch 
ein Mahl gefeiert, bei welchem Fleisch und Eier gegessen werden. 
Sechs Wochen später, wo dort der Frühling beginnt, feiern die 
Leute von Menaä ein ländliches Fest, wo man sich unter Flöten- 
klang ins Gebirge begibt und mit grünen Zweigen und Kräutern 
zurückkehrt. Unter den bei den Berbern verbreiteten mohammeda- 
nischen Sekten verdient die der Uabhiten (nicht Wahabiten) Er- 
wähnung, die Nachkommen der mittelalterlichen Karedjiten, welcher 
die Mozabiten im südlichen Algerien, die erst im Mittelalter aus 
der Gegend der Kleinen Syrte dorthin verdrängt wurden, und die 
Bewohner von Djerba angehören, die sich ihre Sprache und 
Eigenart wesentlich dadurch bewahrt haben, daß sie sich als Sekte 
stets sorgsam gegen andere Mohammedaner abschlössen. 

Die Berbern sind ein durch und durch demokratisches Volk, 
namentlich die Gebirgsberbern, und auch dadurch von den Arabern 
grundverschieden. Die Djemaä, die Gemeindeversammlung der 
älteren angesehenen Männer des Dorfes oder des Stammes, der 
Ausdruck ihrer altüberlieferten Selbstverwaltung, leitet die An- 
gelegenheiten. Jedes Dorf hat ein Gemeindehaus, Be'it-es-Corfa, 
das auch vielfach, wie bei den Djebala, zur Aufbewahrung der 
Waffen und des Schießpulvers dient. Im Djurdjura ist das Ge- 
meindehaus meist ein einfacher Steinbau mit Steinbänken im 
Innern, am Eingange des Dorfes. Das Bewußtsein der Zusammen- 
gehörigkeit geht selten über den Stamm hinaus. Doch gibt es 
zahlreiche Konföderationen, die in etwas den ewigen Fehden 
der Stämme untereinander steuerten. Soweit die französische 
Herrschaft reicht, sind diese jetzt beseitigt. Das hat aber neben 
dem erleichterten Verkehr und den weit verbreiteten religiösen 



Die Siedelungen der Berbern. ige 

Orden, die über weite Räume verstreuten Stämme miteinander 
bekannt gemacht und mehr und mehr das Verständnis für 
nationale Zusammengehörigkeit geweckt und vertieft. Das wird 
bei künftigen Aufständen schwer ins Gewicht fallen. 

Eigenartig, dem kriegerischen Charakter des Berbernvolkes, 
der herrschenden Unsicherheit, aber auch den topographischen 
Verhältnissen angepaßt sind die Siedelungen der Berbern. Sie 
sind alle klein, Dorfsiedelungen Dchar, plur-Dchur, Ksar, plur- 
Ksur, auch Dechera genannt, wie es einer im wesentlichen acker- 
bauenden Bevölkerung entspricht. Nur in den Oasen und ein- 
zelnen weiteren, wasserreichen Tälern findet man größere stadt- 
ähnliche Siedelungen. Aber alle Siedelungen sind geschlossene, 
fest ungs artig, an Hängen oder auf Höhen gelegen, beherrschend, 
weithin sichtbar. Meist sind die kleinen, niederen Steinhäuser 
derartig im Kreise gebaut, daß ihre aneinanderstoßenden Rück- 
wände zugleich die Umfassungsmauer der kleinen Festung bilden, 
in welche ein einziges Tor hineinführt. Selbst die verhältnis- 
mäßig neuen Dörfer der Fahcya um Tanger weisen diese Lage 
und Bauart auf. Sie bestehen aus lauter kleinen, hochgelegenen 
Siedelungen, aus kleinen strohgedeckten Häusern oder Hütten 
(Gurbi), deren meist drei einen umzäunten Hof bilden, das ganze 
Dorf rund oder viereckig von den Rückseiten der Häuser oder 
von dichten, undurchdringlichen Opuntienhecken umschlossen. 
Ähnlich ist es bei den berberischen Bergnestern Mittel-Tunesiens, 
von Bargu und Kessera. Auf dem Platze im Innern steht bei 
dem Fahcya meist das einstöckige, weiß getünchte Haus des 
Moqaddem, des Dorfschulzen, meist des wohlhabendsten Mannes. 
Vor demselben, im Schatten eines Baumes, wird die Djemaä, die 
Ratsversammlung, abgehalten. Auch die Moschee, meist nur 
eine Hütte, in welcher Schule gehalten wird, liegt, wenn vor- 
handen, hier. Sie dient nur als Nachtquartier für rechtgläubige 
Gäste. Auch in Süd-Marokko fand ich in der Ebene die Berbern- 
dörfer im Kreise gebaut und von einem undurchdringlichen Wall 
von Dornen (Zizyphus Lotus L.) verschanzt, welcher nur einen, 
des Nachts auch mit Dornen verschlossenen Eingang hat. Diese 
Festungen zu erobern ist nicht leicht. Zuweilen gestattet das 
Gelände nicht diese Bauart anzuwenden, dann steigen die kleinen 
Häuser und Höfe amphitheatralisch die Hänge hinauf und krönen 
möglichst steile Höhen. So ist es allenthalben in Marokko , im 



3QÖ "VI, 2. Die Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

Djurdjura-, Aures- und andern Gebirgen Algeriens und Tunesiens. 
Dies hat sie ganz besonders in die Lage versetzt, ihre Eigenart 
und Sprache in diesen großen natürlichen, aus lauter kleinen 
Häusern bestehenden Festungen zu erhalten. Den Djurdjura, 
die große Kabylei, haben die Römer, darum von ihnen Mons 
ferratus genannt, niemals, die Franzosen erst nach 27 jährigen 
harten Kämpfen unterworfen. Er war noch 1871 der Hauptherd 
des Aufstandes. Das marokkanische Atlas- und das Rifgebirge 
bilden eine einzige derartige Festung. Dabei ist zu beachten, 
daß diese Gebirgsberbern meist auf steilen Höhen über ihren 
Dörfern feste Burgen aus Stein- oder Lehmmauern zu errichten 
pflegen, in welchen sie alle ihre "Vorräte und Kostbarkeiten unter- 
bringen, jede Familie in besonderen Räumen. Sie dienen auch 
als Zufluchtsstätten im Kriege. So sind alle Höhen am Rande 
des Hohen Atlas von Marokko südlich und östlich von Marra- 
kesch, besonders bei Demnat und Entifa, mit solchen mittelalter- 
lichen Burgruinen Deutschlands ähnelnden Vesten, hier Tirremt 
genannt, gekrönt. Ähnlich im oberen Mulujagebiet. Sie er- 
innerten mich sofort an die Kirchenburgen der Siebenbürger 
Sachsen, die ähnlich und aus ähnlichen Gründen entstanden sind. 
Im ganzen Wohngebiet der Berbern kehren solche Burgen wieder. 
Im Auresgebirge bezeichnet man diese gemeinsamen festen Vor- 
ratshäuser als Gelaä oder Thaqelet (Schloß). Meist liegt die 
Dechera, das Dorf, das aus niederen würfelförmigen Häusern 
aus Steinen oder Luftziegeln besteht, am Hange um die Gelaä. 
Manche Gelaä ist nur mit Hilfe von Seilen zugänglich. Ähnlich 
ist es im inneren Mittel-Tunesien, wo zahlreiche Tafelberge solche 
natürliche Festungen bilden und zur Besiedelung einladen. Diese 
haben dort denselben Namen Kelaä. Die bekannteste derselben 
ist Kalaat-es-Senam, das schon in römischer Zeit besiedelt war 
und in der neueren Geschichte Tunesiens als Herd des Wider- 
standes gegen den Bey, jetzt als Mittelpunkt einer an Kalk- 
phosphaten reichen Landschaft viel genannt worden ist. Es ist 
nur durch eine in Felsen gehauene Treppe ersteigbar. In größtem 
Maßstab kehren diese festen Vorratshäuser in der südtunesischen 
Landschaft Arad, dem von der Kleinen Syrte meridional verlaufen- 
den gebirgsartig gegliederten Steilrande der großen Wüstentafel 
wieder. Sie sind dort förmliche feste Städte , wie El Mudenin 
und Metamer, die Vorratshäuser ganzer Stämme, ja Konföderationen, 



Siedehmgsweise und Sprache der Berbern. ?Q7 

die im wesentlichen Nomaden sind. El Mudenin, die Vorrats- 
kammer von 20 000 Nomaden rein berberischen Stammes der 
Urghemma, ist im Winter, wo diese tiefer in die Wüste hinein 
ihre Herden weiden, nur von den Wächtern, einigen Händlern 
und Kaffeewirten bewohnt. Von innen gleichen die 6 — 7 Stock- 
werke hohen Häuser geöffneten Bienenwaben. Es sind lauter 
kleine gewölbte Räume, einer über dem andern, durch vor- 
springende Steine zugänglich. Womöglich liegen diese großen 
Vorratshäuser auch noch auf steilen Höhen und haben nur ein 
Tor an der steilsten Stelle. In dieser Gegend bewohnen die 
Berbern, namentlich des Stammes der Matmata, neben den cha- 
rakteristischen Bergnestern auch Höhlenwohnungen , welche sie 
künstlich an den Gehängen der Täler in lehmigen, hinreichend 
festen Mergeln ausgearbeitet haben. Ganz ansehnliche Dörfer, 
wie Hadege, bestehen so nur aus Höhlenwohnungen, so daß man 
hier von einem Troglodytengebirge spricht. Auch im Aures- 
gebirge kommen Höhlendörfer vor. Ein Tunnel führt in einen 
großen, meist viereckigen Hof, der oben offen ist und auf welchen 
Wohn-, Vorratsräume nebst Ställen ausmünden. Sie enthalten auch 
Zisternen. Diese Gebiete waren daher so gut wie unabhängig 
von Tunis und sind erst 1882 von den Franzosen unterworfen 
worden. Das selbst mit Kanonen versehene tunesische Heer, 
das dies 1876 versuchte, mußte vor einer dieser Bergfesten Ksar- 
Beni-Knezer unverrichteter Sache abziehen. Auch die weiterhin 
im tripolitanischen Teile dieses Steilabsturzes wohnenden Berbern 
bereiten den Türken beständig Schwierigkeiten, da auch sie in natür- 
liche Festungen bildenden Felsennestern oder in Höhlen wohnen. 
Hochbedeutungsvoll ist aber die Feststellung, welche wir 
den Franzosen verdanken, daß nämlich in Tunesien von 138000 
Wohnungen, die man 1890 zählte, 57 000 Häuser und 81000 
Zelte waren. Doch glaube ich nicht, daß in Algerien und noch 
viel weniger in Marokko das Verhältnis der Zeltbewohner so 
groß sein wird, wie in dem offenen überwiegend ebenen Tunesien. 
Auch brauchen die Zeltbewohner durchaus nicht Nomaden zu 
sein, sie können recht gut höchstens Halbnomaden sein. Be- 
weglich, in der Lage, Angriffen auszuweichen, sind sie auf jeden 
Fall. Auch die Zeltdörfer der halbnomadischen Berbern sind 
ringförmig, daher Duar genannt, was eigentlich rund sein, die 
Kreisform geben bedeutet. In den Kreisring wird dann allnächt- 



3Q8 VI, 2. Die Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

lieh das Vieh getrieben und bei den Beni Ahsen der Sebu-Ebene 
Marokkos standen meine Zelte, die ich aus Furcht vor den 
räuberischen Zemmur dringend im Zeltringe aufzuschlagen ge- 
beten wurde, mitten unter den Rinderherden. 

Was schließlich die Sprache der Berbern, das Tamazirt, auf 
deren Erhaltung und Verbreitung wir schon eingingen, anlangt, 
so ist dieselbe noch nicht genügend erforscht und zerfällt, wie 
es bei der weiten Verbreitung dieses Volkes begreiflich ist, in 
zahlreiche Mundarten. Sie macht den Sinn der wenigen Bruch- 
stücke des alten Libyschen verständlich, die auf uns gekommen sind. 

Auf libyschen Denkmälern der punischen Zeit finden sich 
die Schriftcharaktere, welche noch heute angewendet werden, 
namentlich im Alphabet der Tuareg Hogar. Erst seit man das 
Targi - Alphabet (Tifinagh) kennt, konnte man ernstlich an das 
Wiederherstellungswerk gehen, zu welchem die zweisprachige In- 
schrift von Thugga in Tunesien den ersten Anhalt geboten hat. 
Es unterliegt keinem Zweifel, daß die heutigen Berbern die 
Sprache ihrer Vorfahren sprechen, wenn auch etwas verändert. 
In römischer Zeit bediente man sich noch beständig des libyschen 
Alphabets, erst durch den Islam kam es zugunsten des arabi- 
schen außer Gebrauch. Doch soll es bei den Rifberbern alte 
Korane in berberischen Schriftzügen geben. 

Die Zahl aller Berbern kann nur ungefähr geschätzt werden. 
Es mögen 12 — 13 Millionen sein. 

Von den Berbern sind in den Atlasländern nicht nur die 
Araber, sondern auch die sogenannten Mauren zu unterscheiden. 
Mit diesem Namen faßt man jetzt gewöhnlich alle Arabisch 
sprechenden Städtebewohner der Atlasländer zusammen. Diese 
sind ein hochgradig gemischtes Volkselement. Der Grundstock 
wird sicher berberisch sein, wie auch jetzt noch unablässig ber- 
berisches Blut diesen Stadt- Arabern, wie man wohl auch sagt, 
beigemischt wird. Dazu sind nun aber die mannigfaltigsten 
sonstigen Bestandteile hinzugekommen: im Altertum schon Phö- 
niker, dann römische Ansiedler, Araber und vor allem seit dem 
15. Jahrhundert sogenannte Andalusier, mohammedanische Aus- 
wanderer aus Spanien, die zum Teil noch lange Spanisch sprachen, 
vorzugsweise die Träger des Piratenwesens waren. Und durch 
dieses in großer Zahl Christen aus allen Mittelmeerländern, deren 
viele als Renegaten in der mohammedanischen Bevölkerung auf- 



Juden und Griechen. tqq 

gingen, bzw. christliche Frauen und Mädchen den Harems ein- 
verleibt wurden. 

Wohl auch schon in römische Zeit reicht die Einwande- 
rung von Juden in das Wohngebiet der Berbern zurück. In 
Cyrenaika waren sie ja im Anfang des 2. Jahrh. n. Chr. nahe 
daran, einen eigenen Staat zu bilden. Noch mehr dürften sie 
sich im Gefolge der Araber und dann auch als Rückwanderer 
aus Spanien über die Atlasländer verbreitet haben. Sie sind auch 
hier vorzugsweise Städtebewohner und beschäftigen sich mit Handel 
und Geldgeschäften, aber auch vielfach mit Handwerk. In Marokko 
sind sie noch meist auf eigene Stadtteile (Mellah) bzw. einzelne Dörfer 
beschränkt. Doch findet man einzelne jüdische Familien und 
kleine Gruppen solcher überall in den Atlasländern bis in die 
innersten Täler des marokkanischen Atlas. Die meisten marokka- 
nischen Kaids halten sich für ihre Geldgeschäfte „Hofjuden". 
Ja, Marquis de Segonzac fand im oberen Mulujagebiet ganze 
befestigte Dörfer mit jüdischer Bevölkerung, die sich wie ihre 
arabischen und berberischen Nachbarn mit den Waffen in der 
Hand ihrer Haut wehrten. Ihre Zahl dürfte im ganzen Atlas- 
gebiete aber 200000 Köpfe nicht überschreiten, obwohl sie im 
Verkehr eine große Rolle spielen. Politisch treten sie jetzt be- 
deutungsvoll hervor, indem sie nach ihrer Emanzipierung in 
Algerien überall die Träger und Verbreiter französischen Ein- 
flusses und französischer Sprache sind, was ihnen freilich den 
doppelten Haß der Eingeborenen zugezogen hat. Jedenfalls 
haben wir die Juden zu den ältesten Völkern des Mittelmeer- 
gebietes zu rechnen, wenn auch ihre Zahl in demselben heute 
nicht groß ist, da sie ja in früheren Zeiten aus Spanien, Italien 
und Griechenland vertrieben worden sind und auch auf der Süd- 
ost -europäischen Halbinsel nur in Saloniki und Konstantinopel 
sich größere Kolonien dieser Spaniolen finden, in Kleinasien in 
Smyrna. Die Zahl aller Juden im Mittelmeergebiet dürfte trotz 
der bedeutenden Rückwanderung nach Palästina eine halbe 
Million nicht erreichen. 

Die Griechen, eines der vor allem auch politisch wichtigen 
Völker des Mittelmeergebiets, gehören zu den ältesten Völkern 
Europas, die mit bewundernswerter Zähigkeit sich in ihrem alten 
Wohnräume und in den wichtigsten Zügen ihrer ethnischen Eigen- 
art behauptet und alle fremden Eindringlinge aufgesogen haben. 



400 VI, 2. Die Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

Denn was immer man an den jetzigen Griechen an guten und 
schlechten Eigenschaften beobachtet, das findet man schon bei 
den alten Griechen, wenn man sich nur von der künstlich von 
den Philologen uns angequälten Veridealisierung der alten Griechen 
frei zu machen vermag. Namentlich muß man an den Neugriechen 
ihre Vaterlandsliebe, ihren Nationalstolz, ihren Bildungstrieb, ihre 
Opferfähigkeit für diese Ideale bewundern. Das ist Rüstzeug 
und Waffen im Kampfe ums nationale Dasein, die man nicht 
hoch genug schätzen, um die wir Deutschen, die wir uns sonst 
wohl besserer Charaktereigenschaften rühmen können, sie beneiden 
müssen. Diese Eigenschaften sind es, welche trotz der kläglichen 
innerpolitischen Zustände des Königreichs, trotz ihrer Parteisucht, 
Unzuverlässigkeit, Aberglauben usw. dasselbe doch unentwegt wirt- 
schaftlich, dank ihrer Intelligenz, ihrer Tatkraft, ihrem Erwerbsinn 
und ihrer Genügsamkeit aufblühen machen, welche Athen wieder 
zur Hauptstadt des ganzen Griechentums, zum Brennpunkte des 
wirtschaftlichen und geistigen Lebens, zum Ausgangspunkte euro- 
päischer Gesittung in griechischem Gewände für den ganzen, 
nicht nur den griechischen Orient gemacht haben, welche das 
kleine Volk nicht allein keinen Verlust an Volksgenossen, wo 
immer es sei, erleiden, sondern es unablässig Angehörige weniger 
widerstandsfähiger Völker sich einverleiben lassen. Das Griechen- 
tum ist überall im Fortschreiten begriffen, spielt schon heute und 
wird in Zukunft eine noch größere Rolle bei den politischen 
Wandlungen im Orient spielen. Wie wir die Griechen heute in 
Griechenland die Albanesen aufsaugen sehen, die selbst Griechen 
sein wollen, so haben sie im Mittelalter die slawische Flut, nach 
welcher der Peloponnes lange Zeit Sclavinia genannt wurde, wieder 
aufgesogen. Dazu sind italienische und andere fränkische Bei- 
mischungen gekommen, so daß wir die Neugriechen als ein Misch- 
volk bezeichnen müssen. Nur in einigen abgelegenen Gebirgs- 
gegenden, wie in der Maina und Tsakonien des Peloponnes und 
auf einigen Inseln dürften wir weniger gemischte Nachkommen 
der alten Griechen zu suchen haben, wie sich das auch im phy- 
sischen Typus, namentlich der Frauen, ausprägt. Es liegen in den 
Griechen Kulturkräfte weit über ihre Zahl hinaus. Schulzwang ist 
bei einem Volke unnötig, bei welchem unfieißige Kinder nach 
15 maliger Schulversäumnis der Schande verfallen, vom Schul- 
besuch ausgeschlossen zu werden. 



Charakter und Bedeutung der Griechen. 40 1 

Um zu würdigen, was die Griechen in dem letzten halben 
oder dreiviertel Jahrhundert geleistet haben, muß man sich nur 
gegenwärtig halten, wie lange das Volk unter türkischer Knecht- 
schaft geseufzt hatte, und daß der Freiheitskampf das Land in 
eine Wüste, die Bevölkerung in, man möchte fast sagen, eine Räuber- 
bande verwandelt hatte. Selbst die Sprache hat man wieder ge- 
reinigt. Daß die Griechen nie so tief in der Kultur herabgedrückt 
worden sind wie z. B. die Bulgaren, erklärt sich allerdings aus der 
Natur ihres Landes, das man am besten als maritimes Gebirgs- 
land bezeichnet, und das daher die Türken niemals völlig und 
auf die Dauer zu unterjochen vermochten. Die Griechen unter- 
hielten zur See immer Beziehungen zum christlichen Abendlande 
und seiner Bildung. 

Das Meer prägt der griechischen Landschaft und dem grie- 
chischen Volke seinen Charakter auf. Sein Wohnraum ist das 
meerdurchsetzte Griechenland und die Gestade des griechischen 
Inselmeeres, ein Teil der Erdoberfläche, fast so groß wie das 
Deutsche Reich, freilich zu kaum ein Viertel Land! Überall 
haften die Griechen an den Küsten, wie Kleinasiens, von Kilikien 
und Cypern ringsum bis an die Ostgrenze Kleinasiens am Pontus, 
so auch auf der südosteuropäischen Halbinsel in Thrakien, Make- 
donien, Albanien. Griechen sind die Frachtfahrer des ganzen 
östlichen Mittelmeergebietes von Odessa bis Alexandria, westwärts 
bis Triest, Malta und Marseille. Bulgaren und Türken sind sie 
so unentbehrlich. Griechen sind die Fischer des östlichen Mittel- 
meeres von der syrischen bis zur tunesischen Küste. Aber freilich 
der Sitz des Welthandels wie in der engeren Welt des Altertums 
ist Griechenland nicht mehr und wird es nie wieder werden! Und 
die griechische Kriegsflotte wird noch lange eine untergeordnete 
Rolle spielen, so ausgezeichnete Seeleute die Griechen sind und 
sich im Freiheitskriege, freilich nur gegen die völlig festländischen 
Türken, bewährt haben. 

Namentlich auf türkischem Gebiet im vorderen Kleinasien 
sind die Griechen in unaufhaltsamem Fortschreiten begriffen. 
Die Türken hatten ihnen allenthalben den fruchtbaren Boden 
abgenommen und sie zu Zinsbauern türkischer Großgrundbesitzer 
gemacht. Sie haben dafür den schlechten Boden und die Berge 
in dicht besiedelte Gartenlandschaften verwandelt und schließlich 
auch die Türken ausgekauft. Bei dem hochentwickelten Familien- 
Fischer, Mittelmeerbilder. Neue Folge. 26 



A02 VI, 2. Die Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

sinn und dem fleckenlosen Familienleben ist die Kinderzahl über- 
all eine ansehnliche, so daß auch darin ein Anstoß zum Erwerb 
und zur Ausdehnung liegt. Namentlich von den Inseln, welche 
die ungeheuren Menschenverluste im Freiheitskriege wieder aus- 
geglichen haben und wieder dicht bevölkert, zum Teil übervölkert 
sind, wie Samos, drängt der junge Nachwuchs aufs Festland und 
in den fruchtbaren Tälern immer weiter ins Innere. Viele suchen 
nach Erwerb in den großen Städten, wie Konstantinopel, Odessa, 
Smyrna, Alexandria, und kehren, wohlhabend geworden, wieder 
heim, um Grundbesitz zu erwerben. 

Die Kopfzahl des griechischen Volks kann man auf 5 Millio- 
nen schätzen, gewiß eine kleine Zahl, aber man muß sich gegen- 
wärtig halten, daß im Königreich zu Ende des Freiheitskrieges 
nur noch 600000 Menschen übrig waren, während es heute aller- 
dings in etwas erweiterten Grenzen von 2% Millionen Menschen 
bewohnt ist. Aber 5 Millionen durch nationale Gesinnung und 
Vaterlandsliebe geeinigte Menschen bedeuten im menschenarmen 
Orient mehr als in Westeuropa. Das griechische Volk ist ein 
ernster Faktor, mit welchem die Politik rechnen muß, wie der 
Anschluß von Thessalien und von Kreta, der nur noch der Form 
nach zu vollziehen ist, zeigt. 



Zu diesen uralten Bestandteilen der mediterranen Völker- 
familie fügte nun die Völkerwanderung neue hinzu, indem teils 
unter Aufsaugung der Einwanderer und Eroberer seitens der 
schon ihrerseits vielseitig gemischten und romanisierten, dadurch 
auf eine höhere Kulturstufe gestiegene Urbevölkereng neue Völker 
sich bildeten, teils unter Vernichtung oder Aufsaugung der 
vorgefundenen Bevölkerung die von außen hereingebrochenen 
Völker weite Gebiete besetzten. So bildeten sich um das Nord- 
westbecken die romanischen Völker alle mit bedeutendem ger- 
manischen Einschlag: Italiener, Franzosen, Spanier, Portugiesen. 
War der Einbruch der Germanen in das Mittelmeergebiet, der 
ja vorübergehend auch die südosteuropäische Halbinsel und die 
Atlasländer in Mitleidenschaft gezogen hatte, zunächst von Norden 
her und vorzugsweise von Mittel -Europa aus erfolgt, so ging 
doch der Anstoß zu diesem Völkersturme, der die alte medi- 
terrane Kultur zunächst gewaltig schädigte, weiterhin sie aber 



Völkerwanderungen. 40 ? 

neue Blüten treiben ließ, auf Zentral - Asien zurück. Hinter den 
Germanen rückten die Slawen und Bulgaren, hinter diesen die 
Mongolen und Türken nach, auch sie aus Zentral -Asien, und 
zuletzt sandten die Steppen Arabiens den arabischen Völkersturm 
über ganz Vorder-Asien und über das südliche Mittelgebiet aus, 
von wo er nach Europa übersetzend seinen Weg als ein wahrer 
Wirbelsturm am Nordrande des Mittelmeeres wieder von Westen 
nach Osten zurücknahm, bis ihm germanische, fränkische Volks- 
kraft nahe der Westgrenze Mittel -Europas Halt gebot, wie ein 
halbes Jahrtausend später dem Mongolensturme an der Ostgrenze 
Mittel-Europas. 

Die romanischen Völker sind, soweit sie zum Mittelmeer- 
gebiet gehören, mit rund 34 Millionen Italiener, selbstverständlich 
Korsen, Malteser, Nizzarden, Tessiner usw. eingerechnet, 2 x / 2 Millio- 
nen Franzosen, hinter denen die übrigen Franzosen stehen, 
und noch etwa 300000 in Algerien und Tunesien kommen, 
18 Millionen Spanier und 4,7 Millionen Portugiesen. Zu er- 
wähnen sind dann noch, abgesehen von den etwa 200000 Zin- 
zaren, etwa 300000 Rumänen in Serbien, Bulgarien und der 
Dobrudscha. 

Von den Slawen kamen die Serben von Norden, die erst 
auf der Halbinsel selbst slawisierten Bulgaren von Nordosten. 
Nachdem beide kaum das türkische Joch abgeschüttelt haben, be- 
kämpfen sie einander auf das heftigste. Der Zankapfel sind die 
in ihrer ethnischen Stellung noch unklaren makedonischen Slawen. 
Die Zahl aller Slawen der südosteuropäischen Halbinsel kann 
man auf 10 Millionen angeben, je 5 Millionen Serben und 
Bulgaren. Die Kroaten an der Nordwestgrenze können hier außer 
Betracht bleiben, aber für die Serben ist fast ebenso verhängnis- 
voll wie für die Albanesen, daß auch sie z. T. römische, z. T. 
griechische Christen, z. T. Mohammedaner sind, daß sie politisch 
zersplittert sind in zwei nationale Staaten , Montenegro und 
Serbien , in Dalmatien , Bosnien und Herzegowina , während in 
Alt -Serbien noch ein beträchtlicher Bruchteil unter türkischer 
Herrschaft steht. Von den Bulgaren ist doch der bei weitem 
größte Teil im nationalen Staate geeinigt und nur ein ver- 
schwindender Bruchteil unter der Bezeichnung Pomaken zum 
Islam übergetreten. Allerdings bildet im Orient die Religion 
eine unübersteigbare Scheidewand. 

26* 



aqa VI, 2. Die Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

Der Zeit nach folgt auf die slawische die arabische Völker- 
welle, welche das zum großen Teil hellenisierte Syrien, dessen 
Bevölkerung aber noch überwiegend aus dem alten aramäischen 
Grundstock besteht, arabisiert, ebenso Ägypten und das ganz 
mediterrane Nord-Afrika. Der Islam richtet eine bis heute zwar 
erniedrigte und vielfach durchbrochene, aber nicht beseitigte 
Schranke quer durch das Mittelmeergebiet auf, das bis dahin 
eine große Lebensgemeinschaft gebildet hatte und nun viele Jahr- 
hunderte hindurch zur heißesten Reibungsfläche zwischen dem 
abendländischen Christentum und der morgenländischen Welt des 
Islams wurde. Und diese Reibungsfläche wurde noch vergrößert, 
der Raum der christlichen Kulturwelt noch verkleinert dadurch, 
daß die Steppen Asiens noch einmal eine unwiderstehliche Völker- 
woge durch Vorder-Asien gegen das Mittelmeergebiet und Europa 
aussandten, die Türken, denen rasch, aber ebenso rasch, wenig- 
stens aus dem Mittelmeergebiet, zurückebbend die Mongolen 
folgen. Die Türken dagegen setzen sich dauernd in Kleinasien 
fest, machen dem letzten Rest des oströmischen Reiches ein Ende 
und erobern fast die ganze südosteuropäische Halbinsel. Auch 
ihnen gebietet erst deutsche Tatkraft Halt, während sie sich im 
16. Jahrhundert noch zu Herren fast der ganzen bis dahin ara- 
bischen Welt des Islam machen: Syrien, Ägypten und ganz Nord- 
Afrika bis an die Grenzen von Marokko. Unter türkischer Herr- 
schaft waren diese Teile des Mittelmeergebiets noch mehr gegen 
christliche Einflüsse abgeschlossen, wie unter arabischer. Was 
vom 16. bis ins ig. Jahrhundert die politische durch die Mittel- 
meerländer gehende, die Völker trennende Grenze bedeutete, 
davon kann sich selbst derjenige nur eine schwache Vorstellung 
machen, der etwa aus dem Herzen Deutschlands kommend die 
russische Grenze im polnischen Gebiet überschreitet. Diesseits 
reichen deutsche Einflüsse, deutsche Kultur, deutsche Verwaltung 
von Westen her bis an die Grenze, jenseits tritt ihnen so weit 
aus Großrußland, aus Halbasien vorgeschoben russisches Wesen, 
russische Verwaltung mit allen Erscheinungen ihrer Eigenart, echt 
polnische Dörfer, polnische Art, das Land zu bestellen usw. ent- 
gegen. Hinter den türkischen Grenzen verkommen Bulgaren und 
Serben in Unkultur, bildet Albanien heute den unbekanntesten 
Teil von Europa, bleiben Kleinasien, Syrien und ganz Nord-Afrika 
völlig verschlossen und unbekannt. Tunesien ist erst seit 1881 



Die türkische Überflutung. aqc 

erforscht worden, Marokko erst seit 1900 und auch nur in den 
großen Zügen, von Tripolitanien und Barka gilt dies in gleichem 
Maße. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, ja schon seit dem 
18. hat nun diese türkische Flut zurück zu ebben begonnen: 
Griechenland, Serbien, Bulgarien, sind der christlichen Welt wieder 
einverleibt, Algerien ist völlig, Tunesien beträchtlich französisch, 
Ägypten englisch geworden, freilich ohne daß dadurch der Gegen- 
satz zwischen Christentum und Islam geringer geworden wäre. 
Im Gegenteil, es liegt wie elektrische Spannung über dem ganzen 
Mittelmeergebiet und wird sich bei jeder kriegerischen Verwick- 
lung im Bereich desselben, namentlich in den Atlasländern und 
Ägypten, in einer Weise geltend machen, die den Unkundigen 
überraschen wird. 

Was die arabische und die türkische Überflutung von se- 
mitischem und mongolenähnlichem Volkstum in das Mittelmeer- 
gebiet geführt haben, war gering an Zahl, denn beide Völker 
waren selbst nicht zahlreich. Aber sie haben, sei es durch ihre 
Gewaltherrschaft, sei es durch die Macht des Islam, wie wir schon 
bei den Berbern sahen, fremdes Volkstum in großem Maßstaue 
sich einverleibt. Wir können daher nicht nur die Bewohner von 
Barka und Marmarika, freilich nur etwa 300000 Köpfe, die 
wirkliche Araber sind, sondern auch die Bewohner Unter- Ägyptens 
und Syriens als „Araber" ansehen. Aber während die Veränderung 
der politischen Karte im arabischen Bereich des Islam keine irgend- 
wie ins Gewicht fallenden ethnischen Verschiebungen hervorgerufen 
hat, ist dies im türkischen Bereich in hohem Grade der Fall ge- 
wesen. Allerdings weil die Türken im größten Teile ihres 
Reiches nur durch Beamte und Soldaten, höchstens durch Militär- 
kolonien vertreten waren und diese mit der türkischen Herrschaft 
auch wieder verschwunden sind. So gibt es in Algerien und 
Tunesien, in Ägypten keine Türken mehr. In Algerien sind selbst 
die Kuluglis, die Nachkommen türkischer Väter, verschwunden. 
Die türkischen Militärkolonien in Griechenland, in Serbien und 
Bulgarien, die dort namentlich alle wichtigen Punkte an den 
großen Heerstraßen sicherten, die von Konstantinopel und Saloniki 
quer durch die Halbinsel nach Belgrad führten, vor allem die 
in Belgrad selbst, sind verschwunden. Nicht nur die Türken 
selbst, sondern auch die Tataren und Tscherkessen, die sich 
in ihrem Schutze in Bulgarien niedergelassen hatten , sind in 



a 06 VI, 2. Die Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

das noch türkische Gebiet, namentlich nach Kleinasien aus- 
gewandert, wo sie als sogenannte Muhadschir die Reihen der 
Türken wesentlich verstärken , namentlich wirtschaftlich , da sie 
kulturell auf einer etwas höheren Stufe stehen. Durch solche 
Rückwanderungen hat sich die Zahl der Türken im noch 
türkischen Teile der südosteuropäischen Halbinsel , ganz be- 
besonders in Konstantinopel wesentlich vermehrt. Freilich ist 
festzuhalten, daß, wenn wir die Zahl der Bekenner des Islam 
auf der südosteuropäischen Halbinsel zu etwa ^/ 2 Millionen an- 
geben und diese sich meist selbst als Türken ansehen, davon 
kaum iY 2 Millionen Osmanli sind und auch diese, wie das ganze 
türkische Volk, etwa von den später nachgerückten Turkmenen in 
Kleinasien und an der Nordgrenze Syriens abgesehen, ethnisch 
durch Aufnahme arischen Blutes, durch Einverleibung von Rene- 
gaten — - man denke nur an die Janitscharen, die ja vorzugsweise 
aus gefangenen kräftigen christlichen Knaben sich ergänzten — 
durch persische, slawische, griechische, cirkassische Sklavinnen usw. 
so gemischt sind, daß in ihrem physischen Typus meist jede 
Mongolenähnlichkeit geschwunden ist, wenn sie in Sitten und 
Sprache auch ihre Eigenart gewahrt haben. An Zahl vermindern 
sich die Türken auch in ihrem Stammlande Kleinasien beständig, 
da sie allein in den unaufhörlichen Kriegen die Blutsteuer tragen, 
die junge Mannschaft viele Jahre hindurch der Heimat entzogen 
ist — in einzelnen Vilajets übersteigt die Zahl der Frauen die 
der Männer um 1 2 °/ — viele gar nicht oder körperlich und 
sittlich geschädigt zurückkehren, auch die herrschende Rasse 
wirtschaftlich mehr unter der schlechten türkischen Verwaltung 
leidet, als die schlauen Griechen, Armenier und andere. Wie 
im vorderen Kleinasien das türkische Volkstum von dem grie- 
chischen zurückgedrängt wird, ist mit Händen zu greifen und 
ziffernmäßig zu belegen. Auch das wird in naher Zukunft po- 
litisch bedeutungsvoll werden. Wie groß die Zahl der osmanischen 
Türken und derer ist, die sich für solche halten, ist sehr schwer 
anzugeben. Wenn wir sie zu 10 Millionen annehmen, so ist das 
hoch gegriffen. Neben „Türken" und Griechen sind in Klein- 
asien nur noch einige Hunderttausend Armenier zu erwähnen, 
welche durch die Türken gewaltsam über die Halbinsel und 
bis nach Konstantinopel verbreitet worden sind. Die Arabisch 
sprechende Bevölkerung von Syrien, von der aber ein bedeutender 



Völkerstatistik des Mittelmeergebiets. Überwiegen der Christen. iq7 

Bruchteil Christen sind, können wir auf 2 Millionen, die von Unter- 
Ägypten auf 5% Millionen einsehätzen. 

Wir würden also unter Weglassung kleiner für unsere Gesichts- 
punkte belangloser Bruchteile, wie z. B. einiger Tausend Deutsche 
in Konstantinopel, Palästina, Italien usw., in runden Zahlen folgende 
Tafel der Völker des Mittelmeergebiets aufstellen können. 

1. Romanische, katholische Völker um das Nordwestbecken 60 Millionen 

a) Italiener 34 Millionen 

b) Spanier 18 „ 

c) Portugiesen 4,7 „ 

d) Franzosen 2,8 „ 

e) Dazu die Aromunen und Rumänen 

(griech. Christen) 0,5 „ 

2. Slawen der südosteuropäischen Halbinsel (griech. Christen; 10 „ 

a) Serben 5 Millionen 

b) Bulgaren 5 „ 

3. Albanesen (Mohammedaner, griech. u. katholische Christen) 1,5 ,, 

4. Griechen 5 ,, 

5. „Türken" 10 ,, 

6. Berbern 13 „ 

7. „Araber" 8*/ 4 „ 

Gesamtsumme der Mohammedaner 31 Millionen 

„ „ Christen 75 „ 

„ „ Bewohner der Mittelmeerländer 106 „ 

Es ergibt sich also daraus die außerordentliche Überlegen- 
heit der christlichen Bewohner der Mittelmeerländer schon der 
Zahl nach. Aber auch in der geistigen Kultur, im Wirtschafts- 
leben usw. Es ergibt sich ferner, daß die von Mohammedanern 
bewohnten Mittelmeerländer außerordentlich dünn bevölkert sind. 
Darin prägt sich nicht so sehr ihre geographische Benachteiligung 
aus, denn Syrien, Barka, Tripolitanien, Tunesien usw. waren in 
römischer Zeit sehr dicht bevölkert, als die Wirkung der schiechten 
Verwaltung, welche heute alle mohammedanischen Länder kenn- 
zeichnet. Ägypten, Tunesien, Algerien zeigen, daß dieselben 
Länder, unter europäisch - christliche Verwaltung gestellt, sich 
wirtschaftlich rasch heben und ihre Bevölkerung vermehren. Diese 
Gegensätze zwischen dem christlichen und dem mohammedanischen 
Mittelmeergebiet waren nicht immer so, ja es gab eine Zeit, wo 
das mohammedanische dem christlichen gleich stand, ja teilweise 
überlegen war. Die heutigen Zustände finden politisch ihren 
Ausdruck darin , daß das mohammedanische Mittelmeergebiet 



408 VI, 2. Die Völker des Mittelmeergebiets u. ihre weltpolitische Bedeutung. 

völlig unter christlich-europäischem Einflüsse steht und der Rest 
von Selbständigkeit, welchen sich Marokko und das türkische 
Reich bewahrt haben, in raschem Schwinden begriffen ist. 

Die Überlegenheit der christlichen Völker über die mo- 
hammedanischen im Mittelmeergebiet wird aber noch erhöht 
dadurch, daß die letzteren als ursprüngliche Steppen- und Hirten- 
völker bis heute die trockensten Gegenden des Mittelmeergebietes 
bewohnen, völlig festländisch und meerscheu sind, Türken wie 
Araber. Griechen, Italiener und andere Christen besorgen für 
sie den Seeverkehr. Die Türken haben vom Seewesen nie etwas 
verstanden und verstehen heute nichts davon. In den Zeiten, wo 
es eine mächtige türkische Flotte gab, war dieselbe von Rene- 
gaten geführt und von Christen bemannt. Und die Piraten der 
Berberei waren eben aus Spanien vertriebene „Andalusier" und 
Berbern, im 16. Jahrhundert auch vorzugsweise Renegaten. Das 
Meer spielt also im Leben und in der Kulturentwick- 
lung der Bekenner des Islam im Mittelmeergebiet keine 
Rolle! 

Die letzte wichtigste Schlußfolgerung, welche sich aus diesem 
Zahlenbilde ergibt, ist wohl die, daß von den 106 Millionen 
Bewohnern der Mittelmeerländer 34 Millionen d. h. 32% Italiener 
sind. Das ist eine politische, fü