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Full text of "mit vier kunst-beilagen"

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JAHRBUCH 



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ÖSTERREICHISCHEN 



ALPEN-VEREINES. 



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5. BAND. 

(SIEBENTER BAND DER JAHRESPUBLICATIONEN DES VEREINES.) 

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MIT VIER KUNST - BEILAGEN. 






• « 



WIEN, 1869. 

VERLAG VON CARL OEROLD'S SOHN. 
DRUCK VON ALEX. EURICH. 



VORWORT. 



Als sich das Redactions-Comitö für den vorliegenden Band unse- 
res Jahrbuches bildete, teilte es seine Geschäfte so unter sich, 
dass die Abhandlungen, die Notizen und die Eunstbeilagen die 
vorwiegende Aufgabe je eines der drei Mitglieder bilden soll- 
ten. Die Abhandlungen liefen, ungeachtet das Comitö es an 
eifrigen Bemühungen nicht fehlen Hess, nicht früher ein, als in 
anderen Jahren, und der Druck konnte sonach erst im März 
t>eglnnen. Noch war derselbe nicht über den zehnten Bogen 
vorgeschritten, als Herrn Oberlieutenant Jidius Payer, den spe- 
ciell mit diesem Zweige der Redactionsarbeiten Beauftragten, 
die Vorbereitung zur Nordpolfahrt aus dem Comitö zu schei- 
den zwang. Ungeachtet der Bereitwilligkeit des Dr. A. Ficker, 
welchen der Ausschuss an dessen Stelle wählte, und so gerne 
das Präsidium des Vereins bereit war, die entstandene Lücke 
auszufiillen, verging doch längere Zeit, ehe man den regel- 



IV Vorrede. 

massigen Gang der Drucklegung wieder aufzunehmen ver- 
mochte. Hierin allein liegt der Grund, dass unser Jahrbuch 
abermals etwas spät die Presse verlässt. Vielleicht bietet die 
Reichhaltigkeit seines Inhaltes und die künstlerische Vollendung 
seiner Ausstattung einen Ersatz für dieses unfreiwillige Ver- 
säumniss, welchem die grösste Anstrengung der Comitö-Mitglie- 
der nicht vorzubeugen vermochte. Zugleich aber sieht sich das 
Präsidium veranlasst, an sämmtliche Freunde des Jahrbuches 
die dringende Bitte zu richten, sie mögen darauf Einfluss neh- 
men, dass die dem nächsten Bande desselben zugedachten Mit- 
teilungen so frühzeitig als thunlich hierher gelangen, damit die 
Veröflfentlichung im Interesse aller Teilnehmer beschleunigt 
werden könne. 



Wien, im August 1869. 



INHALT. 



äeita 

Vorrede III 

Abhandlungen. 

I. Der Unnutz am Achonsee. Von Dr. Anton v. Euthner . . . 1 

n. Tour im Adamello-Brenta-Gebirge. Von Wächter 14 

m. Ein Ausflug auf den Monte maggiore im Küstcnlando. Von J. 

Trinker, k. k. Bergrat 33 

IV* Besteig^ung des Grossglockners von Kais aus mit Benützung der 
neuen Hütte auf der Vanitscharte (Stüdlhüttc) am 9. und 

10. August 1868. Von Johann Tsc hander a 49 

V. Die Stangalpe und der Königstuhl in Kärnten. Von F. Fr an eise i 68 
VI. Kleine Anregungen zur weiteren topographischen Erforschung 
einzelner Teile der deutschen Alpen. Von Th. Trautwein 

in München • • . 84 

VII. Ersteigung der Weisskugel. Von Joh. Stüdl 101 

Vni. Zur ästhetischen Würdigung der Alpen. Von Dr. Heinrich 

V. Wittek 118 

IX. Die Bocca di Brenta. Von Julius Pajer 133 

X. Die Mädelergabel in den Algäuer Alpen. Von A. v. Buthner 150 

XI. Die Hinterriss. Von Prof. Dr. Bernhard Jülg 176 

Xn. Naturwissenschaftliche Skizzen aus den Alpen von Bcrchtesgaden. 

Von Gustav v. Bezold 188 

XIII. Eine Tour durch Kärnten und Tirol. Von Alexander Schaden- 

berg 201 

XIV. lieber den* Ursprung der Alpenpflanzen. Von Dr. A. Pokorny 239 
XV. Die Elementar-Ereignisse in den Alpen im Herbste 1868. Von 

Friedrich v. Hellwald 250 

Notizen. 

Die Alpenreisen Sr. kaiserU Hoheit des durchlauchtigsten Herrn Erz- 
herzogs Hainer im Jahre 1868. Von Dr. A. v. Kuthner . . . 271 
lieber die Wandelbarkeit der Landschafts- Anschauung. Von Heinrich 

Wallmann 275 

l/ebergang von Krimi nach Pregaten über den Krimler (Prettauer-) 

und Maurergletscher. Von Th. Harpprecht ........ 278 

Besteigung des grossen Wiesbachhorns von Kaprun aus. Von Th. 

Harpprecht , 281 

Acht Tage in Tirol. Von Dr. W. Niedermayer 282 

Das UntersulzbachthörL Von Th, Harpprecht 285 

Das Guffertjoch, Von K. Hofmann 287 

Das vordere Sonnwendjoch. Von V. F. Kaltdorff 288 

Erste Ersteigung des Hochgall. Von K. Hofmann 290 

Ein Beitrag zur Ge8ohi<:hte der Glocknerfahrten. Von Prof. Alois Egger 298 

Sechs Tage in der Oetzthaler Gruppe. Von Heinrich Waitzenbauer 307 

Streifzüge im Stubai. Von Richard Gutberiet 311 

Das Büdstöckljoch. Von VaL Kaltdorff 316 

lieber Gebirgsfloren. Von Rudolf Hinterhuber 320 



«. 



VI Inhalt. 

Ersteigung des grossen Bärenkopfs. Von Dr. Demelius ; 

Uebergang von der Jagdhausalpe (oberstes Defereggen) nach dem 
Umbalthal. Von Dr. Demelius l 

Aus dem Zillerthale. Von Dr. Jos. Khueii l 

Zur Erinnerung an den Landschaftsmaler Ignaz Dorn, f 5. April 
1869. Von Conrad Grefe : 

Durch den Oedenwinkel auf die Pasterze. Von Anton Hetz, Führer l 

Die Filiale des österreichischen Alpenvereines zu Steyr. Von Georg 
Mayer, Beneficiat '% 

Erdsenkung an der krummen Steyrling. Von Jacob Schörgendorfer, 
Cooperator i 

Der Nanos in Krain. Von Carl Frhrn. v. Czörnig i 

Album der deutschen Alpen 

Villacher Alpen-Actien-Hotel 

Panorama der hintern Schöntauffspitze 

Kunstausstellung in Steyr. Von Dr. Krakowizer . , 

Aus Innerstoder. Von A. v. Ruthner ...... 

Ermässigung von Fahrpreisen auf Eisenbahnen und Dampfschiffen 
für die Mitglieder des österr. Alpenvereins. Von A. v. Ruthner i 

Die Kunstbeilagen im V. Bande des Jahrbuches des österr. Alpen- 
vereins. Von A: v. Ruthner i 

Ausstellung in Kremsmünster. Von O. S l 

Die Stüdlhütte auf der Vanitscharte. Von Dr. Adolf Ficker . . . i 

Führerwesen, Von A. v. Ruthner J 

Bibliographie der alpinen Literatur 1868—1869. 

Zusammengestellt von Ferdinand v, Hellwald i 

Verhandlungen des österr. Alpenvereines. 

7. Vereinsjahr. 

Zusammengestellt von Friedrich v. Hellwald, Schriftführer des Vereins 

Erste Versammlung, am 28. Mai 1868 

Zweite Versammlung, am 24. Juni 18G8 

Dritte Versammlung, am 18. November 1868 . . . 

Vierte Versammlung, am 16. December 1868 . . . 

Fünfte Versammlung, am 20. Jänner 1869 .... 

Sechste Versammlung, am 17. Februar 1869 .... 

Siebente Versammlung, am 17. März 1869 .... 

Achte (Jahres-) Versammlung am 21. April 1869 . . 

Bestand des Vereines c 

Verzeichniss der dem Vereine wärend des 7. Vereinsjahres zugegange- 
nen Geschenke , 4 

Verzeichniss derjenigen Vereine, Anstalten u. s. w., mit welchen der 

österreichische Alpenverein im Schriftentausche steht . . . . ^ 

Ausschuss des 7. Vereinsjahres 4 

Vereinsleitung im 8. Vereinsjahre 4 

Verzeichniss der Beilagen. 

Die Marmolata aus dem Fassathale, nach der Natur gezeichnet von 

Oberlieut. Menzinger, Chromolith, v. C. Grefe . . . (Titelbi 
Der Langkofel und die Sellagruppe von der Kodella gesehen, 

nach der Natur gez. v. Prof. Th. Ender. Chromolith. v. C. Grefe i 
Die Priel gruppe im Stoder nach der Natur gez. v. Prof. Th. Ender, 

Chromolith. v. C. Grefe c 

Panorama vom hohen Burg stall im Stubai, nach der Natur gez. v. 

Prof. Th. Ender. Federzeichnung von C. Grefe 4 



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..... c 



ABHANOLUNBEN 



Der Unnutz am Achensee. 

Von Pr. Anton v. RaÜiBer. 

Welcher Freund der Alpen hat nicht wenigstens einmal 
den Achensee besucht! Zaireich kommen die Fremden zu Fuss 
und zu Wagen herauf von Jenbach oder herein von Tegernsee 
und Kreuth, um den schönen blauen See zu bewundern und 
wo möglich an seinem Gestade in der Pertisau oder im Hause 
der Scholastika einige Tage des Stilllebens zuzubringen. Mehr 
oder weniger Richtiges über das Achenthai findet sich denn 
auch in allen Reisehandbüchern und Topographien von Tirol. 

Drängt es uns aber nichtsdestoweniger, manchen charak> 
teristischen Zug der Natur und der Menschen am Hoclisee zu 
besprechen, so hält uns ein Blick auf Adolf Pichler's „Aus den 
Tiroler Bergen" und auf Noe's „Baierisches Seebuch" davon 
ab; denn der Vorwurf, welchen der mit dem innigsten Ver- 
ständniss und der poetischesten Auffassung seiner Heimat imd 
ihrer Bewohner, so wie mit der Fähigkeit trefflicher Schilderung 
beider begabte Innsbrucker Professor und der geistreiche Münch- 
ner benutzt haben, lässt einem Dritten bloss eine dürftige Nach- 
lese übrig. 

Danmi mögen der See und seine Anwohner bei Seite blei- 
ben, in so weit nicht der Stoff aus diesem Gebiete, welchen zu 
dem unsem zu machen wir uns fiir berechtigt, ja für verpflich- 
tet halten, ihrer kurz zu erwähnen erheischt. Dieser Stoff aber 
ist der Unnutz — der vorzüglichste Aussichtspunkt am Achen- 
see, einer der dankbarsten in den gesammten Tiroler Alpen. 

Sogleich hier sei die Bemerkung gestattet, dass der Name 
des Berges von seiner Unfruchtbarkeit abgeleitet werden will, 
und darnach würde er im Hochdeutschen Unnütz lauten, wie 
diess auch häufig in Büchern und Landkarten der Fall ist. 
Dennoch glauben wir die in der Umgegend allein gebräuchliche, 
also lebende Benennung „Unnutz" um so mehr beibehalten zu 
sollen, als ihr Alter sogar die minder correcte Sprachform 
rechtfertigt. 

1 



2 Dr. Anton v. Ruthner. 

Unser Berg wird bisweilen bestiegen, doch viel zu selten 
für das wundervolle Panorama auf seiner Höhe, und der Zweck, 
zu seiner verdienten Würdigung das Unserige beizutragen, fällt 
entschieden mit dem allgemeinen dieser Schriften, den öster- 
reichischen Hochalpen überhaupt gerecht zu werden, zusammen. 

Allerdings hat Adolf Pichler ein Capitel seines erwähnten 
Buches „Auf dem Unnutz" betitelt; allein wir glauben, dass 
unsere Arbeit neben der seinigen dann noch einen Platz finden 
wird, wenn sie sich eben auf das rein alpine Element und 
daraus vornemlich auf das Panorama vom Unnutz beschränkt, 
welches Pichler nur in grossen Umrissen gegeben hat, dessen 
weitere Ausführung aber dem Besuch des Berges ebenso förder- 
lich als manchem Besucher nicht unerwünscht sein dürfte. 

Wollen wir nunmehr den Unnutz zuerst von Unten kennen 
lernen, so ist dazu vor allem eine kurze Charakteristik des Achen- 
sees selbst unvermeidlich. 

Der 2943 Fuss hoch liegende 8e3 hat seinen Ausfluss 
nach Norden, also seinen Anfang im Süden. Hier an seiner 
Wiege, in dem sich von seinem Beginn bis zur Höhe der Per- 
tisau nach Nordwest ausdehnenden ersten Viertel seiner im Gan- 
zen mit 2 Stunden, von Weidmann mit 4950°, angenommenen 
Länge erreiclit er auch seine grösste Breite von etwa Vj Stunde, 
nacli Weidmann von circa 100()*^. Die Ausläufer der Kalkalpen 
am Nordrande des Innthales, welche den Kamm zwischen die- 
sem Thale und dem Aclienthal bilden und über deren niedri- 
gen Sattel die Strasse nach Jenbach führt, stehen nämlich noch 
überall seinem Ufer ferne und senken sich zu demselben von 
der Höhe von Eben und Maurach, von Feld und Buchau in 
grünen Matten sauft herab, und auf der Westseite reiht sich 
an diess Gelände im Norden die breite, vom Uferrand weg west- 
wärts in das dortige Kalkgebirge tief einschneidende Wiesen- 
bucht der Pertisau. 

Doch unmittelbar im Nord der Pertisau beginnt ein hoher 
Bergzug seinen Lauf von Süden nach Norden und begleitet den 
See auf seiner Westseite bis an sein Ende, um erst dort nord- 
wärts abzubrechen. Ebenso tritt die Befgreihe auf der Ostseite 
nördlich von Buchau gegen Westen hervor und reicht dann in 
nördlichem Zuge noch weit über das Ende des Sees hinauf. 
Diese beiden parallelen Kämme schreiben dem See die s.-n. 
Richtung vor und engen ihn auch dermassen ein, dass er in 
dem weitaus grösseren Teile seiner Länge im Gegensatze sei- 
nes lachenden Anfanges zu einem ernsten Wannensee von einer 
Breite von circa y^ Stunde wird. Er füllt jetzt die Thalsohle 
des Achenthaies vollständig aus, und erst an seinem Ende bei 
den Seebauern treffen wir wieder Wiesen und Felder an, und 



Der Unnutz am Achemtec. 3 

hier verbreitert sich dadurch, dass der Bergzug der Westseite, 
wie bemerkt, nach Norden abbricht und das Thal Oberau von 
Westen mündet, der Thalgrund sogar einigermassen. 

Der Unterschied zwischen dem Ost- und Westufer des 
Sees wird vielfach hervorgehoben. Das Gebirge auf der West- 
seite steigt fast überall und zwar zumeist in kahlen Wänden 
unmittelbar aus den Fluten so steil hinauf bis auf die höchsten 
Känmie und Spitzen des Rabenspitzes, nach dem Kataster See- 
bergspitz 6587 F., und Seekarspitzes, 6485 F., dass nur dort, 
wo eine sanftere Neigung Platz greift und auf den in den See 
hinausreichenden Vorsprüngen das freundliche Wiesengrün das 
Auge erfreut. Die Berge der Ostseite dagegen stehen mit ihren 
Gipfeln vom Ufer mehr zurück, entsenden aber gegen dasselbe 
waldige Vorberge, welche gleichfalls steil zu ihm abfallen; doch 
ziejien sich in diese wiederholt grössere Schluchten vom See ge- 
gen den Höhenrand hinein. Auf dem ganzen Ostufer springt 
bloss an einer Stelle eine grüne Landzunge am sogenannten 
Einfang und zwar in seiner nördlichen Hälfte in den See vor. 
Von diesen Bergen der Ostseite nun hat der Unnutz die grösste 
Ausdehnung. 

Sein südlichster Teil erhebt sich so ziemlich im Osten 
des Endes des Sees, und von da an erstreckt sich sein süd- 
nördlich gestelltes Massiv weit über die nördliche Seespitze 
liinaus nach Norden. Von der Pertisau und auf einem grossen 
Teile des Sees erblicken wir den langen Sattelberg. Die 
Waldungen reichen auf ihm hoch hinauf, wärend höher oben 
im nördlichen Teile von Legföhren stellenweise unterbrochen 
scharf gegen Westen geneigte Felsen vorherrschen, im süd- 
lichen der Fels nur ausnahmsweise zwischen dem Knieholz zum 
Vorschein kommt, da und dort aber selbst zu höchst inatt- 
' grüner Weideboden nicht ganz fehlt. In der Nähe der Schola- 
stika und vom grössten Teile des Ostufers entziehen ims die 
nächsten Vorberge den Anblick des Berges. Er wird in den 
südlichen vordem und den nördlichen hintern Unnutz geteilt, 
wovon ersterer nach der Messung des Katasters die Höhe von 
6573 F., der letztere jene von 6336 F. hat. In der Mitte 
zwischen beiden liegt nach dem Kataster der Hochunnutz, 6557 
F. hoch. 

Der gewöhnlich besuchte Aussichtspunkt ist der vordere 
Unnutz; machen wir ims jetzt auf, ihn zu besteigen! 

Lena, die Verständige und Allbeliebte, das Factotum im 
Hause der hochgeachteten Scholastika, hat den Führer, oder 
wenn uns die Geheimnisse des Ganges auf den Unnutz nicht 
mehr fi-emd sind, den Träger besorgt, hat uns mit den nötigen 
Lebensmitteln ftir die Partie versehen und gibt uns nun ihre 

1* 



4 Dr. Anton y. Ruthner. 

besten Wünsche für das Gelingen mit auf den Weg, — unsert- 
willen, denn keiner ihrer Gäste, der sich nicht i&es Schutzes 
erfreute! doch vielleicht eben so sehr aus Liebe zum Unnutz. 
Niemanden mehr als Lena liegt ja die Ehre und der Ruf de» 
Achenthaies und alles dessen, was dazu gehört, also auch des 
Unnutz, am Herzen! 

Steigen wir rasch, so erreichen wir die Spitze in 2 Stun- 
den, bei bequemem Schritte in 27^ Stunden. Wir können, um 
den Weg abzuschneiden, vom Hause der Scholastika die bis 
hart an dasselbe herabreichenden untersten Waldabhänge gerade 
hinanklettem und kommen dadurch bereits in einiger Höhe . auf 
den Alpenweg nach der Köglalpe. Um uns nicht gleich anfangs 
zu sehr zu erhitzen, werden wir klüger thun, auf der Strasse 
zu der Kapelle bei den Seebauern und bis dorthin zu gehen, 
wo sich noch diesseits der Brücke, auf welcher die Strasse die 
Ache übersetzt, der eigentliche Beginn des Alpenweges befindet. 
Dieser Weg läuft lange im Walde aufwärts, gestattet jedoch 
an einzelnen Stellen den Hinabblick auf die Strasse gegen den 
Einfang und auf das Seehaus der Scholastika. 

Dort, wo der See durch den Wald erglänzt, wird es uns 
klar, dass er, wie für den Aufenthalt an seinem Ufer, ebenso 
auch für die Bergfahrt das entzückendste Motiv abgibt. Nichts 
zeichnet ihn so sehr aus als seine Farbe. So weit sich bei einem 
Alpensee eine einzige Farbe als seine regelmässige angeben 
lässt, ist es beim Achensee ein prachtvolles Dunkelblau, welches 
jedoch vielfach in Folge der Beleuchtimg und Bewegung in die 
wundervollsten lichtblauen Töne übergeht, an den seichten Rand- 
stellen ^ber in das Lichtgrüne. Wie wirkungsvoll schimmert das 
herrliche Blau zwischen den dunkeln Waldbäumen auf unserem 
Wege! 

Nach längerem Ansteigen sehen wir die tiefe Schlucht des 
Klausgrabens gegen den See eingeschnitten, ein hoher und stei- 
ler grüner Abhang, von welchem eine Hütte der Köglalpe 
herabblickt, schliesst sie nach Osten. Wir wandern noch eine 
Zeit lang am nördlichen Rand der Schlucht allmälig aufwärts, 
jetzt schreiten wir über ein unbedeutendes Bächlein und nun 
geht es steil zu den Hütten hinauf. Ueber der schon lange 
sichtbaren zeigen sich uns noch andere auf dem ansteigenden 
Anger, Wir haben bis herauf eine Stunde benötigt. 

Wir gehen von der Alpe in die kleine Schlucht links 
hinab und wenden uns jenseits nordöstlich, um die Schneide 
gegen das Steinbergerthal zu erreichen. Der Weg von der Kögl- 
alpe nach Steinberg ist ein vielbegangener, unbeschwerlicher, 
doch, wie es heisst, auch wenig lonender. Bald sind wir in 
lichtem Walde auf den Sattel gelangt. Vor uns im Norden ragt 



Der Unnütz am Achcn«ee. u 

jetzt der Südabfall des Unnutz in nächster Nähe auf. Er ist 
eigentümlich geformt, denn je in einiffer Entfernung über ein- 
ander heben sich darin lichte Felsköp^ aus den dunkeln Kien- 
föhren empor, womit die ganze FlaiJke des Berges bedeckt ist. 
Da hinauf wird uns unser Weg ftihren, um die drei Felsköpfe 
nach einander zu nehmen. Zunächst tritt uns die Schwierigkeit 
entgegen, im Einerlei des Knieholzes den unscheinbaren Beginn 
des Steiges zu finden; doch darüber hilft der Führer hinweg. 

Sind wir eiimial auf der rechten Fährte, so geht es nicht 
angenehm, doch rasch auf dem steinigen Steige, zum Teil auf 
ausgewaschenen und ausgebrochenen Kalkklippen, immer zwi- 
schen den Legföhren empor. 

Sobald wir über den Alpenzaun geklettert sind, bessert 
sich der Weg, wenn er auch noch immer steil zum Höhenrande 
des Berges hinaufklimmt. Dort oben auf dem Kamme eröffnet 
sich uns der Anblick des breiten Rückens des Unnutz. Der 
löchste Gipfel liegt in Nordost imd zu ihm lässt sich nach 
Durchquerung einer von dem obern Hochrande gegen Stein- 
berg nach Südwesten herablaufenden Schlucht in gerader Linie 
von dem Punkt, wo wir die Höhe gewannen, oder mit einer 
Ausbiegung nach rechts, den Abfall gegen Steinberg, der hier 
bereits in Felsen erfolgt, entlang, vordringen. 

Ein anderer niedrigerer Kopf ragt links auf und er fällt 
auch vom See aus besonders auf. Wir haben auf den höchsten 
Gipfel ly. Stunde von der Alpe gebraucht. Er ist überall mit 
kurzem Grase bewachsen und neigt sich langsam nach Westen 
und Süden zu den tiefern Teilen des Rückens, welche eben 
oder zu kleinen Mulden geformt, abwechselnd mit Knieföhren, 
mit Steinen oder spärlichem Graswuclis bedeckt sind. Nach 
Norden dagegen bricht er steil gegen den Hochunnutz imd 
noch steiler nach Osten gegen Steinberg in kleinern Wand- 
bildungen ab. 

Auf dem Heraufv\'ege hat sich uns ein immer weiterer Hori- 
zont aufgeschlossen. Dort, wo der Wald den Ausblick gestattete, 
sahen wir bald den Höhenberg und das Spieljoch, das Stanser- 
joch und uns gegenüber am westlichen Seeufer den Rabenspitz 
und Seekarspitz und die Berge um das Oberauthal. Dann folgte 
das Waldgeheimniss des Steinbergerthales mit den bleichen Kalk- 
riesen, welche in östlicher Feme darüber tlironen, und den nahen 
Schrofen, die als Nordwand des Innthales ihre südliche Seite 
demselben und umgekehrt als Südrand von Steinberg diesem 
ihre Nordseite zukehren. Uns zunächst tauchte später das ge- 
waltige Gufelsjoch und zuletzt der Hochunnutz auf Jetzt auf 
der Spitze entrollt sich uns die Gesammtrundschau imd sie ent- 
lockt uns einen Ausruf freudigen Staunens. 



6 Dr. Anton v. Rnthner. 

Unserem Vorhaben getreu wollen wir sie nun genauer 
in's Auge fassen. Als Ausgangspunkt diene uns dabei der Hoch- 
unnutz, dessen Triangulirungspyramide über einem Abhänge 
schief geneigter Platten uns nahe zu nördlich in ganz geringer 
Entfernung gegenüber liegt. Er scheint unsern Standpunkt ent- 
schieden zu überragen, und wenn diess nicht einer optischen 
Täuschung zuzuschreiben ist, müsste die Katastralmessung des 
letztern irrig sein, denn jene des Hochunnutz ist als eine auf 
trigonometrischem Wege gefundene jedenfalls die verlässlichere. 

Wir werden vom Hochunnutz nach rechts vorgehen und 
so fort die ganze Aussicht von Norden über Osten nach Süden 
und über Westen bis wieder nach Norden kennen lernen; nur 
sollen bei dieser Ordnung vorzüglich die Gruppen berücksich- 
tigt und nicht etwa bei der Aufzälung eine Gruppe darum 
getrennt werden, weil ein Teil davon weiter rechts sichtbar 
ist, als einem andern Zuge angehörige Höhen. 

Zunächst dem Unnütz jenseits der Schlucht, welche die 
Abhänge der beiden Berge mitsammen bilden, ragt in n.-n.-ö. 
Richtung von uns das Gufelsjoch oder Gafelsjoch, auch das 
Steinberger Hörn genannt, 6936 F. K. auf. Durch die Nähe 
wird der prächtig geformte zweispitzige Kegel, der in mauer- 
artigen Steilwänden und geraden Schichten in das Steinberger 
Thal abstürzt, zur interessantesten Berggostalt in den Nord- 
alpen. Von dem Abfalle des Gufels und unseres Unnutz erstreckt 
sich weit hinaus gegen Ost und Südost das Waldgebiet des 
Steinberger Thaies. Die Kirche und ein paar Höfe des Dorfes 
Steinberg blicken aus dem dunkeln Revier zu unserer Höhe 
herauf. Minder hohe Berge umstehen es im Osten, in der Süd- 
westecke dagegen baut sich die bereits besprochene nahe Scheide- 
mauer zwischen Innthal und Steinberg — Achenthai auf der 
Ostseite des von Jenbach nach dem Achensee herauffiihrenden 
Passes als ein wilder Kalkstock auf. Wir werden auf sie zurück- 
kommen, bemerken jedoch bereits hier, dass von ihr der Scheide- 
rücken zwischen Achenthai und Steinberg nordwärts auf den 
Unnutz herüberläuft, dadurch aber unser Panorama eine natür- 
liche Teilung in zwei unter sich wesentlich verschiedene Hälf- 
ten erfährt. 

Mustern wir jetzt die Berge über dem Steinberger Thal 
mit möglichster Einhaltung der Richtung von links nach rechts, 
90 finden wir, dass die Nordalpen am linken Ufer des Inn in 
deii Thälern Brandenberg und Thiersee durchgehends in wenig 
auffallender Form auftreten. Wald bedeckt häufig die Höhen 
auch dieser Thäler, und selbst die eminenteste Erhebung daraus, 
das hintere Sonnenwendjoch, erscheint bloss als ein langge- 
streckter Rücken. Imposant und prachtvoll stehen dagegen die 



Der Unnütz am Achenseo. 7 

lichten Massive des vordem und hintern Kaisergebirges am 
rechten Ufer des Inn bei Kufstein nahezu in NO. des Unnutz 
da. Im Räume rückwärts treffen wir viele alte Bekannte an. 
Mancher stattliche Berg auf baierischem Boden: der Breiten- 
stein, Kampen, Hochgern, Hochfellen leidet durch die Entfer- 
nung und dadurch, dass ihm nur verstohlen über die KSchultem 
näherer Höhen zu blicken gestattet ist. Das KSonntagshorn bei 
Lofer und der Stauffen bei Reichenhall haben die Rolle als 
Ausläufer in die baierische Ebene zugewiesen erhalten; über 
dem Kaiser und zwischen den beiden Stücken desselben erken- 
nen wir wieder ein Grenzgebirge, den Untersberg und die 
Reiteralpe. Rechts neben dem Kaiser starren zunächst der Watz- 
mann, dann die Massen des Loferer Gebirges, und in der Ferne 
entdecken wir durch ein gutes Fernrohr das Tänncngebirge und 
den ewigen Schneeberg bei Werfen mit dem Gletscher auf sei- 
nem Hochplateau. Doch noch eine lichte Gestalt flimmert im 
Rohr, und Karte, Compass und eine günstige Beleuchtung über- 
zeugen uns davon, dass sie der Dachstein ist. 

Im Mittelraume breitet sich vom rechten Innufer an weit 
nach Osten und Nordosten das durch seine Anmut dvm Auge 
stets wolthuende Kitzbühler Gebirge aus. Aus seinen zalreichen, 
meist grünen Hörnern und Kuppen nennen wir zuerst den Lieb- 
ling der Touristen, die hohe Salve und das Kitzbühler Hörn; 
die Kirche und das Gasthaus auf ihrer Höhe machen erstere, 
die Kapelle, welche es krönt, letzteres leicht kenntlich. Die be- 
rühmten Hochspitzen, den G aisstein und den schroffen Kalkfels 
des grosseyi Rettenstein sucht und findet der Bergsteiger mehr 
rechts imd bereits nahezu südöstlich vom Unnutz. 

Noch ober demselben Mittelgrunde beginnt im fernsten 
Südost die fesselndste Kette für den Unnutzbesteiger, die Kette 
der hohen Tauern, ihren ostvvestlichen Lauf, in welchem sie mehr 
und mehr unserem Standpunkt nahe rückt. Die Hochspitzen 
von Gastein und Rauris sind zu entlegen, imi die einzelnen aus 
ihnen mit Sicherheit zu bezeichnen. 

Die Glocknergruppe gestattet schon ein näheres Eingehen 
in's Detail. 

Du entdeckst den Grossglockner, doch hier nicht als den 
alles ringsum beherrschenden Despoten, als welchen er sich aus 
Osten gesehen, verrät, sondern als den Ersten unter Gleichen: 
der Glockerin, dem grossen Bärenkopf, dem Johannsberg. Her- 
vortretend gegen das Salzachthal hat sich das grosse Wiesbach- 
hom, eine breite Eispyramide, in welcher Form es stets von 
Westen gesehen auftritt, die Suprematie in weitem Umkreise 
errungen. Die Zwischenkämme der vom Hauptkamm der hohen *' 



8 Dr. Antou v. Buthner. 

Tauern nach Norden auf das Salzachthal herabsteigenden Seiten- 
thäler von Pinzgau unterscheiden wir alle genau. 

Was wir auch Grossartiges bis jetzt geschaut, Alles über- 
trifft an Formenschönheit der Grossvenediger, und wie auf so 
vielen andern Punkten gebührt ihm auch auf dem Unnutz die 
Krone als dem stolzesten Berge in der Tauernkette. Seine unbe- 
makelte Pyramide verbindet sich mit der nur wenig nach Osten 
sich neigenden des kleinen Venedigers zum malerischesten Sattel- 
berge. Mit der grössern Annäherung haben die westlichen Kämme 
der Tauern immer grössere Bestimmtheit in ihren Umrissen ge- 
wonnen: die Kette über dem, Krimmlerachenthale zeigt uns 
bereits alle ihre Einzelnheiten ; da wird der Blick auf die Cen- 
tralalpen dm'ch die Südmauer des Steinberger Thaies in unserer 
Nähe unterbrochen. 

Betrachten wir sie genauer, sie ist dessen würdig! Der 
wilde Kalkstock mit den Steilwänden steht isolirt zwischen 
Brandenberg, Steinberg, Achenthai und Innthal, und wir kön- 
nen unsern Unnutz als seinen nördlichen Ausläufer ansehen. 
Die Spitze des vielbekannten, 6938 Fuss hohen Sonnwendjochs 
ist uns verdeckt, dafür erhebt sich der Rofein 7141 Fuss und 
der Gamsspitz, welchen der Kataster Hochist nennt und mit 
7266 Fuss gemessen hat, das Spieljoch und von ihm gegen den 
Achensee vorgeschoben, der Höhenberg. Im Rücken, der zum 
Unnutz herüber läuft, haben wir das Kögljoch auf dem Wege 
zu unserer Spitze betreten, und wir haben schon früher bemerkt, 
dass durch diese Linie das Panorama auf dem Unnutz gewisser- 
massen in zwei Hemioramen geteilt wird. 

Nachdem wir mit der östlichen Hälfte der Aussicht zu 
Ende gekommen, gehen wir »nun zur westlichen über. Der erste 
Blick lässt uns in ihr eine noch grössere Mannigfaltigkeit der 
Gliederung und Gestaltung wahrnehmen. 

Die Rolle, welche im östlichen das Steinberger Thal spielt, 
fallt im westlichen Hemiorama nicht zum Nachteile der Wir- 
kung desselben dem Achensee zu, der den Vorder- und Tief- 
grund einen beträchtlichen Teil der Westaussicht entlang ein- 
nimmt. Welche Zierde des Bildes ist das wunderbare Blau der 
in der Sonnenbeleuchtung gleich Millionen Diamanten schim- 
mernden Fluten; wie reizend der Gegensatz mit ihnen der in 
sie hineinreichenden dunkelgrünen Landzungen der Westseite 
imd der blassgrünen Uferränder. Vollends die Triften der Per- 
tisau mit dem stattlichen weissen Fürstenhause und die Matten 
auf der Südwest- und Südseite des Sees vertreten auf das lieb- 
lichste die Idylle in dem vielgestaltigen Werke der schaffenden 
Natur, und gleitet noch ein Schiff mit geschwelltem weissen 



Der Unuatz aui Achcnscc. 9 

Segel auf der blauen Fläche dahin, so fehlt es darin auch nicht 
an der poetischen Staffage. 

Ehe wir wieder den Blick auf die Höhen zurücklenken, 
richten wir ihn zum Ende des Sees hin; dort sehen wir die 
Häuser der Seebauern und die westlichen Seitenthäler des 
Achenthaies, das Oberau- und Unterauthal, welche hier in die 
grüne Sohle des Achenthalcs münden. 

Aus den Bergen der westlichen Hälfte zuerst genannt zu 
werden hat der Rand des Achenthaies und vor allen jener des 
Sees das Recht. An das lange Stanserjoch und seine Ausläufer 
auf der Südseite der Pertisau, darunter den. schönen Tristkogel, 
schliessen sich im Norden der Pertisau als Seerand der Raben- 
spitz und Seekarspitz und an sie in nördlichem Zuge die Höhen- 
punkte im Norden des Pfonserjoches auf der Westseite der 
Thäler Ober- und Unterau und des Achenthaies bis zum Juifen 
an. Die bekanntesten daraus sind der Schafspitz und das Retteu- 
joch, von welchen Namen wir jedoch in der Katastralkarte den 
erstem nicht und dafür einen Schreckspitz und Zunderspitz an- 
treffen. Wirkliche Beachtung verdient erst der Juifen, nicht 
sowol durch seine Höhe von 6280 Fuss als durch seine Lage, 
die ihn zur ausgezeichneten Warte für den Ausblick, besonders 
auf das baierische Flachland macht. Seine schöne abgestumpfte 
Pyramide steht in NW., und rücken wir noch weiter nach 
rechts vor, so finden wir bis herüber zum Hochunnutz bloss 
minder bedeutende Berge an der G ranze des Achenthaies gegen 
Baiem. 

Wir wenden uns wieder zurück zum Rande des Innthales, 
um nunmehr den Mittel- und Hiritergrund unseres Hemiorama's 
in Augenschein zu nehmen. Beide sind bei der reichen G-lie- 
derung nicht leicht zu trennen. So fehlt schon über der Gruppe 
des Sonnenwendjochs der Mittelgrund, denn dort, wo ihre 
Schrofen dui'ch ihre Höhe nicht jedes Herüberblicken ferner 
Züge unmöglich machen, gelingt es erst hohen und fernen Zinnen 
aus der Reichenspitzgruppe und aus dem östlichen Zillerthale, 
dem Zillergrund, über den Einsattlungen des wilden Massivs 
emporzutauchen. Als Mittelgrimd kommen erst weiter rechts im 
Räume zwischen diesem Massiv und dem Stanserjoch und selbst 
noch westlicher über Sätteln anderer Berge auf der Nordseite 
des Innthales Spitzen zwischen dem rechten Innufer und dem 
inneren Zillerthale zur Geltung. 

Davon begrüssen wir einen anderen Aussichtspunkt Nord- 
tirols, das Kellerjoch, mit Freude ; es liegt, durch seine Kapelle 
sogleich kennbar, für uns gerade über dem Spieljoch. Weit 
grössere Anregung jedoch verdanken wir der Eiswelt des Ziller- 
thales und von Stubai. 



10 Dr. Anton v. Rnthner. 

' Rechts hinter dem Kellerjoch beginnt der Zillerthaler Eis- 
stock mit dem Zahn der Mörchenspitze und der Mörchenschneide 
und nun reihen sich die Matadore des westlichen Zillerthales an 
einander: der Schwarzenstein , der wilde Thumerkamp, der 
Hochferner Mösele mit dem Furtschlaglferner, der Weisszint 
und der scharf gegen Norden abgehackte Hochfeiler, der höchste 
aus ihnen allen. Wir können in's Einzelne der Gruppe ein- 
gehen, denn sie ist aus der Gletscherwelt die uns am nächsten 
liegende. 

Vollends ihre Abteilung , das Tuxergebirge , das sich 
unserem Standpunkte noch näher als das Zillerthaler Gebirge 
im engeren Sinne erhebt, bildet den dankbarsten Stoff der Be- 
schauung und Diagnose. Unschwer finden wir darin den breiten 
Rifal, die feine Doppelspitze der Rippenköpfe oder Gefrorenen 
Wandspitze, endlich den Beherrscher des Kammes, das impo- 
sante Eistrapez des Olperer. 

Doch auch die Entfernung des nördlichen Teiles der Stu- 
baier Ferner beträgt kaum, mehr als diejenige der eigentlichen 
Zillerthaler Ferner, und wir sind dadurch in den Stand gesetzt, 
die in's Gefecht geschickten, von uns im Südwesten aufsteigenden 
Kerntruppen aus dem Gebiet von Alpein und Lisens, den See- 
spitz, Wilden Thurm, den Lisenserfernerkogel nebst anderen 
zweifellos zu erkennen. 

Nochmal steigt jetzt die Mauer der Nordalpen über dem 
Innthale hoch hinan zum Firmament, nichts mehr vermag aus 
dem Hintergrund sie zu überragen. Damit jedoch beginnt west- 
wärts eine neue Welt. Die ruhige Majestät der Eismeere und 
Firnspitzen der Centralalpen ist der wilden Grösse der in tau- 
send Schluchten geborstenen Kalkschrofen gewichen. 

Von Südwesten bis Westen vom Unnutz treffen wir die 
Spitzen um Falzthurn und Gramai, jene in der Eng, in der 
Hinterriss, von Gleirsch, Hinterau und Karwendel an. Wer 
vermöchte sie alle zu nennen, diese riesigen Thürme und Zinnen! 
Indem wir als bekannte Berge das nahe Sonnjoch, das Gams- 
joch imd die Falken hervorheben, fügen wir bei, dass wir in 
der Wüste von Gleirsch, Hinterau und Karwendel nicht weniger 
als 30 selbstständige Hauptgipfel, alle dräuend in der Zerris- 
senheit ihrer Wände und Hochränder zälten! 

Weiter nach Norden nimmt die Rauhheit des Gebirges 
allmälig ab und hier sind zunächst die Soiernspitze am rechten 
Ufer der jungen Isar und der Scharfreiter auf der Nordseite 
der Riss bedeutend. Wieder nördlicher gewahren wir über dem 
Hochrand zwischen Achenthai und dem als n. -ö. Einschnitt 
zwischen den Bergen bemerkbaren Lauf der Isar die Berge am 
linken Ufer dieses Flusses zwischen ihm und dem Walchensee. 



Der Unnntz am Achensee. 11 

Allein überall in der westlichen und nordwestlichen Rich- 
tung taucht noch fernes baierisches Gebirge über und zwischen 
len nähern Kämmen auf. Vor allem ruft im Westen die lichte 
zloebgruppe des Wettersteingebirges unser Interesse wach: 
Baiems höchster Berg, die Zugspitze mit dem Schneeferner und 
mancher ihrer Vasallen liegen dort in unverkennbarer Gestalt. 
Sechts davon und herwärts gegen unsern Unimtz glauben wir 
Jen Kramer und Krottenkopf bei Partenkirchen und uns noch- 
"nal näher die Höhen am Kochel- und Walchensee, den Her- 
sogenstand, Heimgarten und andere Ausläufer in das baierische 
Flachland zu bemerken. 

Bevor wir aber das letztere einlässlieher betrachten, halten 
wir noch einmal Umschau, ob es denn nichts mehr zu entdecken 
gibt und, siehe da! im fernsten Westen heben sich von dem von 
<ier untergehenden Sonne vergokleten Horizont vielgestaltige 
Zacken und Zähne scharf ab. Wir halten sie im Fernrohr fest 
und gewinnen die Gewissheit, dass es Algäuer Alpen xmd ihr 
Führer das mächtige Hörn des Hochvogel ist. 

Gehen wir nun zum Blick auf d >is baierische Hügel- und 
Flachland über, so vermag Schreiber dieses darüber nur Un- 
vollständiges zu sagen. Bei seinem viermaligen Besuche des 
Unnutz hat er es nie ganz rein gefimden, viehnehr lag jedesmal 
mehr weniger Nebel oder wenigstens jener Duft darauf, welcher 
für die Aussicht nicht viel mehr wert ist als ausgesprochener 
Nebel. 

Die Sichtbarkeit Münchens wird so vielfach behauptet und 
die Thürme der Liebfrauenkirche bilden ein so eigentümliches 
Wahrzeichen, welches eine Verwechslung nicht leicht zulässt, 
dass kein Zweifel darüber bestehen kann, dass man München 
auf dem Unnutz sieht. 

Ebenso dürfte Adolf Pichler's Zeugniss genügen, von der 
Richtigkeit der Behauptung überzeugt zu sein, dass man bei 
reinem Wetter den bcihmischen und baierisehen Wald gut 
unterscheiden kann. 

Eine Frage nur mag noch bei Gelegenheit ihre Lösung 
erhalten. 

Hinter den Isarbergen und durch sie in zwei Becken ge- 
teilt, erglänzt der Spiegel eines grossen Sees. Ich habe ihn zu 
drei verschiedenen Malen auf dem Unnutz gesehen, mit gutem 
Femrohr betrachtet, habe die Karte und den Compass befragt 
und bin durch die Position, die Gestaltung des Gewässers und 
besonders durch seine geringe Entfernung vom Unnutz zur 
üeberzeugung gekommen, dass es der Walchensee ist; den 
Starnbergersee fcind ich dagegen nicht auf. Nun versichert alle 
Welt, dass man diesen See auf dem Unnutz und zwar recht 



12 Dr. Anton y. Buthuer. 

gut ausnimmt. Kami darnach auch nicht vorausgesetzt werden, 
dass eine Verwechslung des Stambergersees mit dem Walchensee 
stattfindet, so wäre dieser noch weitaus nicht der grösste Irr- 
tum hinsichtlich eines auf hohen Spitzen sichtbaren Punktes, 
und es wird mir daher zur Beruhigung gereichen, von compe- 
tenter Seite zu hören, dass man auf dem Unnutz den Walchensee 
und den Starnbergersee erblickt. 

Ein anderes Fragment eines Sees östlich über dem Ross- 
stein, das ich erst beim letzten Besuche des Berges auffand, 
hielt ich nicht ohne Bedenken wegen der Richtung in Ermang- 
lung eines anderen Sees in der Nähe ftir einen Teil des Tegeru- 
sees, und die grössere Ortschaft, welche sich an die n.-ö. Ecke 
des Seespiegels anlegt, für Gmünd. 

Wir erinnern noch, dass sich im Norden des Unnutz ein 
Stück des Ampelsbachthaies, welches sich mit seinen Aesten auf 
der Nordseitc des Unnutz und Gufelsjoches n.-ö. gegen die 
Gränze Baierns hineinzieht, vor uns ausbreitet und dass über 
diesem abgeschlossenen Revier noch einige Berge in Baiern, 
der Rossstein, Planbcrg, Schinder und andere minder ansehn- 
liche aufsteigen, und haben damit den ganzen Kreis des sicht- 
baren Rundgemäldes beschrieben. 

Der Gesammteindruck desselben ist ein geradezu bezau- 
bernder, hervorgebracht durch die eigentümliche Gruppirimg 
seiner Hauptbestandteile. Dort im östlichen, für den Alpen- 
forscher bedeutendem Hemiorama verbindet sich das weite 
dunkle Waldgebiet im Vordergrunde mit den in den mannig- 
fachsten Linien und Stufen über ihm aufsteigenden Bergreihen, 
in welchen allein die unter sich dem Charakter nach höchst 
verschiedenen Praclitgestalten, ein Gufelsjoch und Kaisergebirge 
und die Eisfirsten der Hohen Tauern, obenan der unvergleich- 
liche Grossvenediger, jedem Bilde Schmuck und Zierde wären, 
zu einem Landschaftsgemälde voll ernsten Reizes und fesselnder 
Abwechslung. Das wundervolle Blau des Achensees, das Grün 
der Matten an seinem Süd- und Nordufer, vor allem in der 
lieblichen Pertisau, die violetten Töne des Flachlandes, mit den 
schimmernden Spiegeln seiner Seen und Flüsse, dann wieder 
die bizarren Bergrücken in der westlichen Nähe und die an 
Zal wenigen, doch weil uns ihr geheimnissvoller Bau vollständig 
erschlossen ist, unsere Sinne mehr als ihre östlichen Rivalen 
gefangen nehmenden Eisriesen aus dem Zillerthale, aus Tux und 
Stubai, bilden die Hauptmotive der westlichen Hälfte der Aus- 
sicht, welche, wenngleich unruhiger als die östliche, diese an 
Reichtum und Glanz der Farben und an Kühnheit der Berg- 
formen noch übertrifft und den Laien sicher noch mehr als jene 
entzücken wird. Bedenkst du aber, dass erst beide Hälften 



Der UnnntB am Achensce. 13 

vereint das Panorama vom Unnutz geben, so willst du auch 
dessen gewiss sein, dass nicht viele ähnliche Rundbilder in den 
Alpen anzutreffen sind. 

Haben wir es endlich vermocht, uns vom Unnutz loszu* 
reissen, so bringen uns bei raschem Abwärtssteigen und wenn 
wir ztdetzt vom Alpenweg gerade hinab zu Scholastika's Ge- 
bäuden klettern, eine Stunde und wenig Minuten, doch selbst 
bei langsamerem Gehen leicht anderthalb Stunden in das gast- 
liche Haus am See zurück. 



Tour im Adamello-Brenta-Gebirge. 

Von A. Wachtier. 

W er im Hochgebirge wohnt und somit die kurze Saison 
und das variable Wetter kennt, der wird es begreiflich finden, 
dass man eine Hochgebirgstour oft über Nacht ohne Vorberei- 
tungen ausbrütet. 

So ging es mir, als ich am 27. Juli 1864 klaren Himmel 
sah, schnell einen Operationsplan combinirte und mit dem Nach- 
mittagstrain nach St. Michele fuhr. 

Obschon es bereits 5 Uhr war, als ich in St. Michele aus- 
stieg, beschloss ich doch noch am selben Tage über Mezzo Lom- 
barde Vai Andolo nach Molveno zu wandern, um wo möglich 
am folgenden Morgen die Bocca di Brenta zu ersteigen. 

Ich erreichte bald nach 10 Uhr mein Ziel, doch war ich 
eben nur in Molveno und nicht im Wirtshause; diess zu er- 
reichen, war keine kleine Aufgabe,, da um diese Zeit bereits 
Alles schlief und das Dunkel der Nacht weder durch Laternen 
noch anderes Licht unterbrochen A\"iirde. 

Man muss die Bauart dieser wälschen Gcbirgsdörfer kennen, 
imi das Schwierige meiner Lage zu bpgreifen. Ich stolperte, 
polterte und schrie aus voller Brust, doch Alles umsonst; diese 
Gebirgssöhne sind in ihrem gewöhnlichen Verkehre so lärmend, 
dass sie nichts derartiges überrascht; doch endlich kam mir ein 
guter Gedanke: ich löste Mörtel von der Mauer und warf ihn 
in's Weite, ohne zu wissen wohin. 

Bald merkte ich, dass mein schlauer Plan gelungen, denn 
als Echo des Geklirres einer eingeschlagenen Glasscheibe don- 
nerte mir die furchtbare Bassstimme des ergrimmten Insassen 
entgegen. 

Wenn mich auch diess Resultat befriedigte, so muss ich 
doch gestehen, dass sein im Tempo furiosp und fortissimo ge- 
haltenes Recitativ etwas unharmonisch in meinen Ohren klang, 
und dass ich in meiner isolirten Stellung das Gewagte meines 
Spieles einsah. 



A. Wachtier. Tour im Adaiuello-Brenta-üclnrgc. 15 

Schon sah ich im Scheine eines schwachen Lichtes den 
Ürgrimmten herannahen, ich drückte mich an die Mauer und 
derselbe ging unter Sclunähungen, ohne niicli zu bemerken, vor- 
über, die Gefahr war beseitigt und ich athmete freier wieder 
auf; doch fühlte ich doppelt die feuchtkalte Nachtluft und das 
Unbehagliche meiner Stellung. 

Ich verliess somit mein sicheres Versteck und indem ich 
dem Manne raöch entgegen ging, fuln* ich ihn barsch an. 

Nach lebhaftem Wortwechsel sah ich ein, dass seine Haupt- 
force in der Anwendung seines kräftigen Organes lag, und ich 
lemühte mich sofort, ihn wo möglich durcli Sclu*eien nocl\ zu 
übertönen. 

Wir solfeggirtcn mit allen Nuancirungen einer geschulten 
kräftigen Bruststiimne und als wir so längere Zeit ohne Tempo- 
wechsel fortissimo plaidirten, stellte sich gegenseitige Ermattung 
ein imd lebhafte Action mit den Händen ersetzte die ge- 
schwächten Stimmorgane. 

Er schien übrigens die Ruhe der Nacht diesem Debutireu 
auf offener Strasse vorzuziehen und lenkte langsam den Rück- 
zug ein. 

Schon freute ich mich meines Erfolges und sann, ihm 
nachschlendernd, nach einigen kräftigen Kunstausdrücken, um 
ihn vollends zahm zu machen und den Abschied zu erleichtern, 
als er sich plötzlich rasch umkehrte und mit furchtbarer Stimme 
mir zudonnerte: „Ecco l'osteria". 

Die plötzliche Wendung war so ülxMTaschend, seine vom 
matten Scheine der Laterne erleuchteten Züge so erbost, dass 
mir der kalte Schauer durch alle Glieder fuhr und ich etwas 
ganz anderes als diese günstige Lösung erwartete. 

Ich wollte dem Besiegten meinen Dank durch einige Geld- 
stücke bezeugen, doch im Dunkel der Nacht war er dahin und 
ich sah ihn nicht wieder. 

Wie konnte ich jetzt, ohne in ähnliche Rencontres ver- 
mckelt zu werden, mir Eingang verschaffen — doch, wenn mau 
seine Freunde hat, geht Alles — und dieser Freund war der 
Portier des Hotels, ein Hund, der gegen die Annäherung eines 
Gastes zu solcher Stunde feierlichst protestirte und knurrend 
und bellend mich umkreiste. 

Ihm verdankte ich die baldige Ansicht des Wirtes, mit 
dem freimütigen Geständniss, dass er weder Speisen, Getränke, 
noch ein Bett besitze. 

Wenn auch der Mensch, als „gcfrässiges Thicr", gastrono- 
mischen Gelüsten nicht entsagen kann, so kann er doch seine 
Prätensionen auf ein Minimmn reduciren, und im Hinblick auf 
meine mit Brot und Speck gefüllte Reisetasche verzichtete ich 



16 A. Wachtier. 

gerne auf jeden Imbiss und erklärte dem Wirte, dass ich voll- 
kommen zufiriedengestellt sei, wenn er mir ein Lager auf Heu 
bereite, dass er mir jedoch schnell noch einen Führer bezeichnen 
möge, der mich morgen vor Tagesanbruch auf die Bocca di 
Brenta begleite. Die Aufgabe schien mir zu so später Stunde 
nicht so leicht, doch sah ich dem gutmütigen Manne an, dass 
er diesen Wunsch mir nicht abschlagen woUe,^ und indem er 
mich in den Empfangssalon, in eine russige Küche fiihrte und 
mir einen brennenden Kienspan in die Hand gab, verliess er 
mich mit dem Versprechen, bald mit verlässlicher Antwort 
wiederzukehren. 

Es warte nicht lange und schwere Tritte verkündeten 
mir die Ankunft zweier Personen, an denen ich bald den Wirt 
und seinen Begleiter, einen ältlichen Mann erkannte. 

Der Mann versicherte mich, nicht ohne Selbstgefiihl, dass 
er der Einzige im Orte sei, der die Bocca öfters erstiegen und 
dass er gerne bereit wäre, mich dahin zu begleiten. 

Ich war herzlich froh. Alles noch in Ordnung gebracht 
zu haben, uim so den kommenden Tag noch zu nützen, und 
indem ich die Stunde unseres Aufbruches auf 2 Uhr früh fest- 
setzte, liess ich mich aufs Heulager fähren und wenige Minu- 
ten später ereilte mich fester Schlaf. 

Kurz war die Nacht und der erste Ruf des Führers weckte 
mich fast unangenehm vom köstlichen Schlummer, doch die 
Schwäche ward bald besiegt und in wenig Minuten war ich 
schlagfertig. 

Der Himmel war rein, doch lagen leichte Nebelschichten 
auf den umliegenden Höhen und über dem Wasserspiegel des- 
See's, dessen leichter Wellenschlag in mysteriöser Färbung miti 
dem Dunkel der Nacht harmonirte. 

Nach kurzer Wanderung am Ufer des See's lenkten wii* 
rechts in das Val delle Sege ein, das, anfangs eng, sich bald, 
zu einem gewaltigen, sanft ansteigenden Thalboden ausweitet und 
in seinen Verzweigungen bis in's Innerste der gewaltigen Ge- 
birgsmasse dringt. 

Umgeben von einer südlichen üppigen Vegetation bedeckt 
ein kräftiger Buchenwald den Thalboden, sanft ansteigende Höhen 
und Terrassen prangen im saftigsten Colorit aller Nadel- und 
Laubholzvarietäten, wärend den Hintergrund und die Thalseiten 
liimmelhohe senkrechte Kalkwände begränzen, die in ihrer 
furchtbaren Schroffheit bis in die in weissen Schneemantel ge- 
hüllten höchsten Regionen reichen. 

Das erste Margenroth vergoldete die höchsten Zinken 
und vollendete den Eindruck der grossartig erhabenen Land- 
schaft. 



Tour im Adamello-Brenta-Gebir^e. ]7 

Wir mussten den Thalboden verlassen, nm am linken Thal- 
hange über Felsen und Gerolle eine höhere Thalstufe zu erreichen. 
Nach längerer Anstrengung langten wir auf dem Plateau, 
einer kleinen Schafalpe an. 

Der kräftige Waldwuchs war verschwunden und ein furcht- 
bares Trümmermeer von Felsblöeken überdeckte den Boden 
des etwas verengten Seitenthälchens. 

An einer rieselnden Quelle wurde die erste Bekanntschaft 
mit dem mitgenommenen Mundvorrate gemacht und dann rasch 
an die etwas unbequeme Arbeit, durch das Labyrinth der scharf- 
kantigen Steine und Felsblöcke sich durchzuwinden, geschritten, 
f Bald hatten wir jede Spur von Vegetation verloren und 

nichts störte die Monotonie der furchtbaren Steinmassen. 

Wir hatten ein Schneefeld erreicht, das sich am Fusse 
eines Felsenthors sehr abschüssig in's Thal senkte. 

Dieser Pass, unterbrach plötzlich mein etwas altersschwa- 
cher wortkarger Führer das anhaltende Schweigen, sei die zu 
gewinnende Höhe und das Ziel unserer Reise. 

Mir klang diese mit stolzer Selbstbefriedigung gemachte 
-<4eusserung etwas unharmonisch, da der bezeichnete Punkt 
A^on 2 — 300' hohen senkrechten Felswänden begränzt war imd 
somit von einem höchsten Punkte keine Rede sein konnte, doch 
l$:enne ich bei solchen Gelegenheiten den stupiden Starrsinn 
cJieser Leute und wollte lieber selbst mich an Ort und Stelle 
c>rientiren, als eine zeitraubende und doch zwecklose Disputa- 
tion mit diesem beginnen. 

Meine schöne Hoffnung, den dominirenden Höhenpunkt 
^n erreichen, war durch hundert Zweifel getrübt, und je näher 
^ch, mit Anstrengung über die steile festgefrorene Schneerinne 
ansteigend, deren Ausgangspunkt zusteuerte, desto mehr befreun- 
dete ich mich mit der Situation und fand meine Ansicht ge- 
^'echtfertigt. Auf allen Vieren erreichte ich die Höhe, das ge- 
*iannte Felsenthor mit den beiden senkrechten Felsmauern, die 
oei der steilen jenseitigen Thalsenkung tief im Thale fassten. 
Ich wusste nun vollends, dass ich angeführt sei, und indem 
I ich mir die patriotischen Worte: bis hieher und nicht wei- 
l ter, recht zu Gemüte führte, begann ich auf dem sehr be- 
gränzten Standpunkte mich etwas zu orientiren. Gegen Osten 
^nd Süden verdeckten ziemlich hohe Vorberge jede Thalsicht 
Und nur der Monte Gaza, Monte Bondone und der gedehnte 
Bochrücken des Monte Baldo zeigten sich dem Blicke, nörd- 
lich über der Thalsohle des freundlichen und waldreichen Val 
Nambino die letzten Ausläufer der Presanella-Gruppe mit der 
Cima di Nambino. Aus weiter Feme starrten die eisigen Schnee- 
häupter der Viös- und Ortler-Gruppe. 



18 A. Wachtier. 

Mein Führer, der mittlerweile athemlos ankam, behauptete 
noch immer, dass dies die Cima Tosa sei, und erst nach langem 
Debattiren gewann ich ihm die Aeusserung ab, dass, um auf 
die genannte höchste Spitze zu kommen, wir vom Thale aus 
schon einen anderen Weg einschlagen mussten, den «r übrigens 
auch nicht genau kenne. 

Es blieb also nichts anderes übrig, als alle hochfahrenden 
Gelüste aufzugeben und an der Nordabdachung über den 
ziemlich steilen Thalgletscher zur Hochalpe in Val Brenta hinab- 
zusteigen. 

Flott ging's schleifend mit Hilfe des Bergstockes über den 
compacten mit Eis bedeckten Gletscher, und bald betraten wir, 
die letzten Schneefelder passirend, eine jener colossalen Stein- 
wüsten, die dem Kalkgebirge so eigentümlich sind. 

Mühsam mussten wir uns durchwinden und ich war herz- 
lich froh, als ich nach angestrengter Arbeit auf flacherem Boden 
in unmittelbarer Nähe die Alpenhütte erblickte. 

Eine kleine Ruhe war meinem altersschwachen Führer 
sehr notwendig, während mich ein Rückblick in diess colossale 
Felsthal äusserst anzog und befriedigte. 

Im saftigsten Grün prangte die zu einem hügeligen, ziem- 
lich breiten Thalboden sich ausdehnende Alpe, deren höhere Par- 
tien in die vorerwähnte Steinwüste ausliefen, an beiden Thalseiten 
schroffe, wohl 3 — 4000' hohe senkrecht abfallende Felswände, 
während den Thalschluss die kühn gebaute Felspyramide der 
Cima Tosa bildete, an die sich amphitheatralisch furchtbar wilde 
zerrissene Dolomite reihten, zwischen jedem Hochthale, jeder 
Felsenspalte Gletscherbildung zeigend. 

So sehr mich auch dieser Punkt anzog, so musste ich mich 
doch bald entschliessen aufzubrechen, da ich aus praktischer 
Erfahrung nur zu gut wusste, dasö man bei gutem Wetter im 
Hochgebirge mit der Zeit sehr Ökonomisiren muss, und somit 
fort nach Pinzolo. 

Ein Waldweg, den vielen Windungen des Thalbaches fol- 
gend, führte uns in das Val Nambino, dessen Zug in süd-nörd- 
licher Richtung fortläuft und bei Caresolo in das Val Rendena 
mündet. 

Vis-ä-vis glänzte im herrlichsten Strale einer glühenden 
Abendsonne die ganze Gletscherwelt des Val Genova und un- 
beschreibliche Sehnsucht verdoppelte meine Schritte, wärend 
hundert Zweifel über den ungewissen Erfolg meiner Expedition 
in jenes Revier meine Phantasie beschäftigten. 

Werde ich morgen schön Wetter haben und werde ich so 
glücklich sein, einen Führer auf den Adamello zu finden? 



Tonr im Adamello-BrenU-Gebirge. 19 

Unter solchen Rcflectionen erreichte ich Caresolo und end- 
lich Pinzolo, und froh betrat ich die Osteria, denn ich hoffte 
mit Hilfe des Wirtes oder einer anderen Ortsnotabilität die 
letztere Frage noch heute zu lösen. 

Nach einiger Ruhe und kräftigem Imbiss meldete ich dem 
Wirte mein Anliegen, und freudig bemerkte ich, dass derselbe 
sich eiligst anschickte, meinem Wunsche zu willfahren. 

Bald sah ich mich auch umringt von einer Banda, deren 
blosser Anblick mir schon Schrecken einflüsste. 

Jeder bot seine Dienste an, jeder kannte den Weg und 
überbot, um originell zu bleiben, der Eine den Andern und 
widersprachen sie sich über einen und denselben Gegenstand 
derart, dass ich endlich einsah und erklärte, dass keiner von 
ihnen das Terrain kenne, und dass ich somit gesonnen sei, auf 
gut Griück allein in's Val Genova zu wandern. 

Noch spät Abends kamen ein paar stämmige Bursche, mir 
ihre Fiihrerdienste anzutragen, doch die Beantwortung der an 
sie gestellten Fragen zeigte mir, dass selbe wol den Thalgrund 
bis Bedole, das ansteigende Gebirge Jedoch nur so weit kennen, 
als Holzwuchs vorkommt, da sie als Holzarbeiter häufig dort 
arbeiteten« 

Ich verabschiedete somit auch diese, blieb bei meinem 
Entschlüsse und begab mich zur Ruhe. 

29. Juli, früh 5 Uhr, machte ich mich auf den Weg nach 
Val Genova; ein herrlicher Morgen lachte mir entgegen und 
frohe Hoffnung stinmite in den Jubel der belebten mannigfal- 
t^n Natur. 

Man hatte mir in Pinzolo einen gewissen Berti, Besitzer 
einer Sagemühle, bezeichnet, der mir gewiss einen seiner Leute 
mitgeben oder mir jedenfalls im Thale einen geeigneten Mann 
als Führer namhaft machen würde. Diese Säge war jedoch 
2^/i Stunden von Pinzolo entfernt, die letzte im Thale, oie im 
Betriebe stand, und ich hatte somit bis dorthin die völlige 
Ungewissheit, auf gut Glück fortzuwandern. 

Die wolkige Wassermasse des gewaltigen, über colossale 
öranitblöoke tosenden Thalbaches verriet schon bei der zu 
einer Thalsperre sich verengenden Thalmündnng die Nähe eines 
mächtigen Gebirgsstockes, einer imposanten Eisformation und 
wird dieser Eindnick noch erhöht durch die furchtbare Steil* 
heit der beiden Thalseiten. 

Der vor Kurzem noch überaus grosse Holzreichtum des 
Thaies ist durch unvernünftigen Verbrauch in den letzten 
Ji^en sehr reducirt worden, doch gibt es immerhin noch Wald- 
wuchs, dunkle Fichtenhaine, an denen, vom hohen Eisstooke 
kommend, über senkrechte, furchtbar zerrissene Felswände was- 

2* 



20 A. Wachtier. 

serreiche prachtvolle Cascaden brausend zur Tiefe stürzen, die 
das Wilde dieser, Gebirgseinöde angenehm moderiren und dem 
Hochthale in einzelnen Partien eine imposant pittoreske Färbung 
geben. Die beständige Abwechslung und die schönen Con- 
traste im Thale erhielten mich bei guter Laune, und rascher 
als ich es dachte, befand ich mich bei der Häusergruppe alla 
Todesca und bei der mir bezeichneten Wohnung Berti's. 

Ein ältlicher, in lebhaftem Gespräch mit einem jüngeren, 
ärmlich und zerlumpt aussehenden Manne, kam mir auf meine 
Anfrage, ob hier Berti's Wohnung sei, entgegen und nannte sich 
als denjenigen, den ich suche. 

Sein treuherziges Aussehen und seine freundlichen Züge 
berechtigten mich zu den besten Hoffnungen und freudig trug 
ich ihm mein Anliegen vor. 

Inzwischen bemerkte ich, wie sein jüngerer Begleiter, an 
dessen Seite ein Gewehr und andere Jagdrequisiten lagen, die 
etwas zu freie Ansicht seiner hagern Beine durch die zwar 
wetterfesten, aber ftirchtbar zerrissenen Beinkleider mit kunst- 
fertiger Hand zu verdecken suchte. 

Derselbe war bei unserem Zwiegespräch nicht so ganz teil- 
namslos, wie ich bisher glaubte, denn als er über den Zweck 
meiner Reise im Reinen war und vernahm, dass Berti mir einen 
tüchtigen Gletscherführer bezeichnen solle, sprang er rasch auf 
und näherte sich mit all dem stolzen Selbstgefühl eines Fach- 
mannes, um mir mit sinneverwirrender Beredsamkeit seine Lei- 
stungstüchtigkeit auf diesem Gebiete anzurühmen. 

Der günstige Eindruck, den mir seine kräftige Gestalt^ 
seine sonnverbrannten Züge und sein entschiedenes Auftreten 
hervorriefen, wurde durch seine hochmütige, im sonoren Pre- 
digertone gehaltene Sprache derart abgeschwächt, dass ich ihn 
keiner weiteren Berücksichtigung wert fand. Doch wie erstaunte 
ich, als Berti, dessen treidierziges Benehmen mir Zutrauen ein- 
flösste, erklärte, dass er Alles bestätigen müsse, was mir Luigi 
Fantoma gesagt habe, indem derselbe wirklich der keckste 
Gemsjäger und terrainkundigste Bursche im Thale sei. 

Ich setzte mich daher mit Ersterem in directen Verkehr 
und fragte ihn, ob er mich auf den Adamello führen könne; 
er erklärte jedoch, gleich Anderen in Pinzolo, diesen Namen 
nie gehört zu haben, imd ich fand, dass dieser grosse Bergfiirst und 
Gletscher hier unter einem anderen Namen bekannt sein müsse. 

Der grosse Gletscher im hintersten Thalgrunde heisse Ve- 
dretta del Mandron oder Bedole, und die Spitze, die zwischen 
diesem und dem südlicher gelegenen Matterot- oder Lobbia- 
Gletscher herüberblicke, heisst Lobbia. Diese Spitze habe er öfter» 
erstiegen und dürfte dieselbe nach seiner Meinung die höchste sein. 



Tour im Adamello-Brenta-Gebirge. 21 

Er gestand mir ferner, dass wir von der Bedolealpe aus 
die Lobbia in unmittelbarster Nähe sehen würden, und dass ich 
mich somit dort selbst von der Richtigkeit seiner Angabe über- 
zeugen könne. 

Ich gab mich damit zufrieden und es wurde beschlossen, 
sofort zur Bedolealpe vorzurücken, um dort eine Operationsbasis 
zu combiniren. 

Da ich die gedehnten Eisfelder des Adamello von ver- 
schiedenen Punkten aus kannte, so schien mir ein Seil notwen- 
dig, doch diess zu finden, war eine neue, nicht geringe Schwie- 
rigkeit, indem Berti keines besass und Fantoma die Notwendig- 
keit eines solchen in Abrede stellte; doch Dank meiner Erfah- 
rung und Consequenz bestand ich auf der HerbeischaflFung des- 
selben, und endlich gelaug es mir, aus dem an Altertümern 
überaus reichen Museum von Hausrequisiten Bertj's durch Zu- 
sanmienbinden vieler kleinen Stücke die nötige Stricklänge von 
5 Klaftern zusammenzufinden. 

Wärend mir der freundliche Berti ein paar gesottene Eier 
credenzte, entfernte sich Fantoma, um alle notwendigen Vor- 
kehrungen zu trefien, und als dieser vollkommen adjustirt wie- 
der kam, verabschiedete ich mich von dem redlichen Alten, imd 
mit frohem Muthe und unter lebhaftem Gespräche wanderten 
wir der Bedolealpe zu. 

Wenn auch der Weg rauher und die Felsmassen mit je- 
dem Schritte vorwärts achrofier werden, so verraten doch nur 
einzelne kleine Schneeflecken an den jähen Bergabsätzen die 
unmittelbare Nähe der hinter einer kurzen und letzten Thal- 
wende sich plötzlich in voller Majestät zeigenden Gletscher. 

Mit einem Male erblickt das erstaunte Auge den in ewi- 
ges Eis gehüllten Thalschluss und festgebannt weilt es an dem 
vom hohen Fimplateau bis zur Thalsole reichenden kühnen Ab- 
stürze des mächtigen Mandron-Gletschers. 

„Ecco la Lobbia," bemerkte Fantoma, und zeigte auf einen 
schneefreien Felskegel, der zwischen dem Mandron- und Eobbia- 
absturz sich aufbaute und den Anfang eines rückwärts höher 
steigenden Gebirgskanmies bildete. Ueber dem prächtigen, im 
herrlichsten Eisschimmer prangenden Abhänge des Mandron-Glet- 
schers zeigte sich nun das. Niveau des vom Firmamente umran- 
deten Hochferners, und es war mir somit gewiss, dass das eigent- 
liche Gros des Gletschers dahinter sich ausdehnen müsse und 
dass der Adamello in dieser Richtung zu suchen sei. 

Wir beschlossen nun, unser bescheidenes Mittagsmal hier 
einzunehmen, auf die Schafalpe Mandrone vorzurücken, dort unser 
Nachtquartier aufzuschlagen, um den künftigen Tag vor Tages- 
anbruch in dieser Richtung vorzudringen. Wärend wir auf dem 



22 A. Wachtier. 

grünen Rasen der Alpe unter dem Schatten einer alten Lärche mit 
Appetit unsere trockene Polenta mit Käse verzehrten, zogen ein- 
zelne Nebelstreifen die Lobbia vorüber, die sich jedoch bald zu 
gewitterschwangeren Wolken gruppirten und den ganzen Vor- 
rat ihrer feuchten Dünste mit solcher Schnelligkeit ausschütte- 
ten, dass wir in grösster Eile und doch ganz durchnässt die 
kaum 30 Schritte entfernt gelegene Hütte erreichten.. 

Ein farditbares Gewitter entlud sich, während wir bei 
einem gutunterhaltenen Feuer uns behaglich zusammenkauerten, 
und der Donner rollte in hundertfachem Echo widerhallend» 
Dasselbe durchzog zwar, begleitet von einem orkanmässigen 
Sturme, rasch das Thal, aber der Himmel blieb umzogen und 
ein sanfter, aber anhaltender Regen nahm jede Hoffnung auf 
Erfolg für den künftigen Tag. 

Nachdem die Mandronhütte nur 2 starke Stunden von hier 
entfernt liegt und unser Asyl uns lediglich nur den Vorteil bot, 
mit dem Regen nicht direct in Berührung zu kommen, dagegen 
die gesammelte Wassermasse durch alle Dachlücken in förmlichen 
Güssen uns zusandte, so entschlossen wir uns, trotz allem Un- 
gemach des Wetters, jener zuzuwandern. 

Der Nebel war so dicht, dass ich ausser Fantoma, der vor 
mir ging, sehr wenig sah, und dabei wurde der Weg immer 
steiler, so dass wir auf dem nassen, schlüpfrigen Grunde stets 
die Hände als Unterstützung nehmen mussten. 

Fantome, der ganz leicht in Fustagno gekleidet und somit 
ganz durchnässt war, kroch unter jeden vorspringenden Felsen 
um dem nassen Elemente auszuweichen und wirkte diess nicht 
unbedeutend auf meine Lachmuskeln, wenn ich in einem solchen 
Fuchsloche den gleich einem nassen Pudel zusammengekauerten 
zitternden armen Teufel ansah. 

Zudem schien mir, dass sein in der Richtung des einzu- 
schlagenden Weges suchendes Auge, seine geftirchte Stirne 
manchen Zweifel ausdrückte, und da ich diess bei solchem 
Wetter trotz aller Ortskenntniss für sehr begreiflich fand, mein 
eigener Corpus trotz Joppe und Wettermantel in Folge einiger 
Havarien sich in dieser feuchtkalten Temperatur sehr unbehag- 
lich fiihlte und ich endlich fiirchten musste, dass wir von der 
Nacht auf offener Bergweide überrascht werden könnten, so 
drang ich entschieden in ihn, aufeubrechen und ohne weitern 
Aufenthalt dem Mandrone zuzuwandern. 

Diess geschah denn auch wirklich, und als wir endlich nach 
Ueberwindung mancher Schwierigkeit die höhere Thalstufe er- 
reichten und somit flacheren Boden gewannen, freute ich mich 
herzlich, bald in der Mandronhütte Schutz zu finden. 



Tour im Adamello-Brenta-Gebirgc. 23 

Eine über zwei Felsblöcke quer liegemle Steinplatte bil- 
dete das ganze Material der Hütte, deren innerer kellerartiger 
Raum 6' lang, 4' breit und 3' hoch ist. Ein Lager ftir zwei 
Hirten aus Laubholzreisig fiillt so ziemlich das ganze Innere 
aus und ist der restirende kleine Vordergrund neben dem Ein- 
gang dem Feuer angewiesen. 

Der Hirte, ein junger Italiener mit intelligenten Zügen, 
hiess uns willkommen, legte ein paar Holzspäne ans Feuer und 
pries den Zufall, dass er in der Lage sei, uns gut zu bewirten, 
da gerade heute ein Schaf sich zerfallen habe. I^ehaglich setzten 
wir uns an's Feuer, imd wärend die Polenta in der Ramina 
dampfte, brateten wir auf einem schnell improvisirten Holz- 
spiesse jeder ein abgeschnittenes Stück Schaffleisch in der glim- 
menden Kohle. 

Herrlich war der Imbiss, doch als Dessert noch ein Pfeif- 
chen schmauchen, gemütlicli zusammensitzen und plauschen. 

So verging der Abend schnell, doch endlich kam die 
Stunde, an's Schlafengehen zu denken, und dioss war für mich 
etwas Unbehagliches, denn ich sah nicht ein, wie wir auf dem 
kaum 3 Fuss breiten dürftigen Lager zu Dreien die Nacht zu- 
bringen können. Man nahm mich in die Mitte, cb'ängte und 
presste, und siehe da, es ging, doch empfahl mir mein linker 
Nachbar möglichste Ruhe, da er bei der kleinsten Bew(jgung 
herausfallen und die unliebsame Bekanntschaft des Feuers, das 
kaum eine Spanne von der Bettkante entfernt war, machen 
könnte. 

Ich konnte bei dieser Aeusserung ein Lächeln nicht unter- 
drücken, da ich die Triftigkeit des Gesagten vollkommen be- 
griff, anderseits aber auch einsah, dass mir eine Aenderung 
meiner Lage nur zu bald notwendig werden würde, da ich die 
Berührung spitzer scharfkantiger Zweige bereits äusserst unan- 
genehm fiihlte. Trotzdem gab ich alle möglichen Versichenmgen 
und wünschte gute Nacht. 

Die Natur forderte bald ihre Rechte und Alles schlief. 
Plötzlich glaubte ich im Traume Schmähworte zu hören, doch 
bald überzeugte ich mich, dass es nüchterne Klagetöne meines 
linken Nachbars waren, den ich im Schlafe wirklich hinaus- 
drängte. Ich zog es nun vor, um Aehnliches zu verhüten, den 
Rest der Nacht am Feuer sitzend zuzubringen, und freudig be- 
grüsste ich endlich die herangerückte Stunde unseres festgesetz- 
ten Aufbruchs. 

Ein frischer Trunk Wasser, eine kleine Erkenntlichkeit 
dem gefalligen Hirten und dann hinaus in's Freie. 

30. Juli. Es war noch sehr dunkel, als wir kurz vor 
3 Uhr die Mandronhütte verliessen, doch sternenheller, wölken- 



A. WacUtler. 

;r Himmel leuchtete uns entgegen. Ueber rauhen, hügeligen 
)engrund wanderten wir bis zu eintretender Dämmerung. 

Wir befanden uns vis-ä-vis der Lobbia, in unmittelbarer 
ihe des wild dahinziehenden zerrissenen Gletscherabsturzes, 
)ssen Betreten hier nicht sehr einladend war. 

Es galt nun auf dem colossalen Trümmermeer der schnee- 
reien Mandronkette vorzurücken, um an geeigneter Uferstelle 
len Gletscher zu betreten. 

Nach 2 Vi Stunden mühevollen Wandernd erreichten wir 
den südwestlichen Kamm desselben und zwar jenen Punkt, wo 
südlich von der Cima del Mandron der erste Zufluss von dieser 
Seite dem Mandron-Gletscher zuströmt. 

Da der Gletscher compact und nicht sehr breit war, machte 
es keine Schwierigkeit, denselben quer zu überschreiten; nun 
gings flott über den fest gefrornen Firn und bald befanden wir 
uns auf dem jenseitigen Schuttwalle der Seitenmoräne. Ein herr- 
licher Standpunkt zur Orientirung, da hier das erstaunte Auge 
mit einem Mal den fast überwältigenden Anblick des zu einem 
ungeheuren Eisplateau sich ausbreitenden Ferners erblickt. 

Den sanft gegen die Mitte geneigten Gletscher umgibt im 
weiten Bogen ein Kranz von Hochspitzen, deren höchste am 
südwestlichen Ende in einer ganz beeisten Pyramide, dem Corno 
bianco*), gipfelt. 

Diess musste unser Freund Adamello sein, und so steuerten 
wir denn gerade auf ihn los. 

Verdeckte Klüfte und offene Schrunde nötigten uns häufig 
von der eingeschlagenen Richtung abzulassen und empfahlen 
bei unserem mangelhaften Stricke Vorsicht. 

Wir waren nun bereits 3 Stunden über Eis gewandert, als 
wir auf der Höhe eines Eisrückens anlangten, der uns un ver- 
deckt jene Eispyramide übersehen Hess. 

Hinter derselben zeigte sich nun ein steil abfallender, 
teilweise felsiger Eiskegel, der durch einen ziemlich langen 
200 Fuss niedrigeren beeisten Kamm mit der bekannten Eis- 
pyramide zusammenhing. 

Ich sah iiun ein, dass nicht die Eispyramide, sondern dei 
noch etwas höhere Eiskegel der Adamello sein müsse, abe 
auch die Unmöglichkeit, diesen noch zu erreichen. 

Unser Standpunkt war wenigstens 1000' über dem Nive«' 
des Thalgletschers und schätzte ich die Distanz über denselb 
bis zum Pusse der Eispyramide 2 Stunden, weitere 2 Stund 
bis zur Spitze und die Passage über den Kamm zum AdameJ 
gipfel mit Terrainschwierigkeiten auf 1 bis 2 Stunden. 



*) Anmerkung der Hedaction; desgleichen die Nomeuclaturbereiche 



Tour im Adamello-Brenta-Geblrge. 25 

Dies Alles hätte mich nicht zurückgeschreckt, doch der- 
selbe Retourweg musste jedenfalls genommen werden und dazu 
war der bereits vorgeschrittene Tag zu kurz und die Nacht 
Aätte uns auf dem weiten Retourwege am Gletscher überrascht. 

Es galt nun eine neue Operationsbasis zu finden und ich 
beschloss somit, die höchste Spitze zwischen der Cima Mandron 
Tind der Adamello- Vorspitze (Como bianco) zu ersteigen. 

In einer Stunde über aie sanft geneigte Eisfläche anstei- 
gend, war die Kammhöhe und ein schneefreier Grat erreicht, 
der nun steil zum beeisten Gipfel fuhrt. 

Jetzt noch die letzte Anstrengung über einen stark ge- 
neigten Eisrücken und die Höhe ist gewonnen. Die Spitze 
xiberragte alle in der weiten Umfassung des Gletschers befind- 
lichen, mit alleiniger Ausnahme der Adamello-Vorspitze, der sie 
tibrigens ziemlich ebenbürtig schien. *) 

Mächtig fesselte der gewaltige Gletscher das Auge und 
ich konnte mich lange nicht entschliessen , entferntere Partien 
au&usuchen. 

Die Lobbia, die jetzt im äussersten Gebiete als letzter 
Aasläufer des jenseitigen Gränzgebirges erschien, überragten 
einige Hochgipfel des Lobbia- und Lares-Gletschers, in weiterer 
Feme über der Thalseukung des Val Genova die stolze Presa- 
nella und der wilde Brentastock. 

Süd-westlich vom Adamello, der ganz ausser dem Gebiete 
des Mandron-Gletschers liegt und tief in's Aviothal als schrofies, 
schneefreies Felshorn reicht, östlich der ganz in Eis gehüllte 
Dosson di Genova, als höchste Erhebung des jenseitigen Kam- 
mes. Eine grossartig erhabene Gebirgs-Scenerie entfaltete sich 
in weitern Kreisen. 

Tief zu unseren Füssen lag eine freundlich lachende Thal- 
gegend des Val Camonica, mit mehreren Ortschaften, dahinter 
die mattenreichen Alpen des weitverzweigten Veltlin- (Valtelina-) 
Gebietes, überthront von den zu schwindelnder Höhe anstei- 
genden Eishäuptern der Bernina-Kette. 

Ueber dem tiefen Einschnitte des Tonal und der schnee- 
freien Gavia prangte im herrlichsten Eisschimmer der gewaltige 
Eisstock der Viös-Ortler Gruppe mit der Punta S. Matteo, der 
Zufallspitze und dem Monte Zebrü. 

Weiter ostwärts reihten sich über der deutlich markirten 
Thalftirche des Etschthales in ununterbrochener Eislinie die 
Gletschergruppen der Centralkette bis zu den Tauern. 



*) Der erstiegene Berg ist nach Payer's Aufnahmen und Messungen 
1868 der Monte Venerocolo mit 3314 Met, Como bianco besitzt 3423 Met. 
und der Adamello 3547 Met. Anm. d. Kedaction. 



A. Wachtier. 

Südöstlich bogränzte der Dosson di Genova den Horizont, 
end südlich zwischen dem Adamello und dem Monte Fumo ein 
nstkreis die Fernsicht in das sich verflachende lombardische 
igelland benahm. 

Fantoma, der fest behauptete, dass diese ungetaufte Spitze 

)ch nie erstiegen worden sei, bestimmte mich förmlich, der- 

3lben seinen wolklingenden Namen zu geben ; als ich dies jedoch 

lUrückwies, schlug er mir vor, die Spitze Monte Falcone zu 

^aufen, da sie gleich dem in den Lüften kreisenden Falken Alles 

überrage. *) 

Dies schien mir nicht so ganz unpassend, und allsogleich 
wurde der feierliche Akt mit grossem Ceremoniell ausgeführt, 
eine steinerne Pyramide von 4 Fuss Höhe aufgestellt und in 
eine Papierrolle die wichtigsten Momente zum ewigen Gedächtniss 
niedergeschrieben und mit zwei Bleikugeln sorgfaltigst hinter- 
legt, **) 

Wir waren bereits über eine Stunde auf dßr Spitze und 
nun war es auch Zeit, an den Aufbruch zu denken. 

Anfangs vorsichtig, dann immer schneller gings hinunter 
über die geneigte Eisfläche bis wir den flacheren Thalgletscher 
erreichten, dessen verdeckte Klüfte uns noch in gutem Andenken 
waren und daher zu grösserer Vorsicht nötigten. 

Es war noch ein hartes Stück Arbeit über den von der 
Sonnenhitze stark erweichten Firn des stundenlang sich aus- 
breitenden Thalgletschers zu wandern, doch ging's ohne Unfall, 
und 3 Stunden nach unserem Abmarsch von der Spitze hatten 
wir wieder festen Boden auf dem Granitgestein der Mandronkette. 

Bereits 3 Uhr war es und mein Magen, den ich bisher 
ganz vernachlässigte, meldete sich mit Ungestüm. 

Wie erstaunte ich, als der in Allem praktische Fantoma 
aus seinem Tragsacke eine Casserole nebst Holzspänen nahm 
und frische Polenta kochte. Das äusserst nahrhafte Gericht mit 
Käse war auf solcher Höhe wol ein köstlicher Schmaus und 
mit frischer Kraft und freudigem Gemüte combinirten wir neu' 
Pläne. 

Die Mandron-Hütte (2479 Met. Payer) lag 2 Stunden en 
femt auf der untersten Stufe des ausgedehnten Alpenrevie 
Ich wollte dort mein Nachtquartier aufschlagen und den kü 
tigen Tag am Lago scuro vorüber zwischen Corno Lago sc 



*) Phantasie Fantoma's, — die Spitze ist in der Gruppe sehr u 
geordnet; ihre relative Höhe beträgt nach dem Schichtenskelett der 
führten Karte nur 230 Met. Anm. d. Redacf 

**) Von Payer gefunden worden, welcher sich jedoch veranlass 
"^*inen Monte Venerocolo, welcher existirt, beizubehalten. 

Anm. d. Redac 



Tour im Adamello-Brenta-Gebirge. 27 

und dem Croz del Val Zigola (Passo Presena) einen Uebergang 
ins Val Presena suchen. 

Fantoma schätzte die Entfernxmg von unserem Stand- 

f unkte bis zum Lage scuro auf 2 Stunden , vom See bis zum 
Febergang l'/. Stunde und erklärte, dass er von dort schon 
einmal in einer Stunde eine Schafhütte im Val Presena er- 
reicht hätte. 

Ein anständiger Schritt ohne Aufenthalt war jedenfalls 
notwendig, diess heute noch auszufuhren, doch gewann ich dabei 
einen Tag Vorsprung und ersparte mir alle möglichen Ren- 
contres durch Wiederholung eines unfreiwilligen Attentats auf 
meinen Schlafcameraden auf dem schmalen Lager in der Man- 
dronhütte, und wir schlugen sofort die Richtung gegen den 
Lago scuro (2661 Met. Payer) ein. 

Ungeheuere Steinhalden mit riesigen Granitblöcken füllten 
den ganzen weiten Raum und ich hatte Gelegenheit, die Vir- 
tuosität meines Führers zu bewundern, der hier ganz in seinem 
Elemente war und mit der Behendigkeit einer Gemse alle Ter- 
rainschwierigkeiten überwand. *) Ich machte es ihm so gut als 
möglich nach, doch brachten mich mehrmals grosse Felsblöcke 
in Verlegenheit, die bei der ersten Berührung zu balanciren 
anfingen und daher schnell einen zweiten Sprung notwendig 
machten, dem jede Berechnung fehlte. 

Nach einer Turnübung im Klettern, Schwingen und Springen 
von mehr als 2 Stunden erreichten wir den ziemlich grossen 
Gebirgssee und nach kurzer Rast setzten wir den mühsamen 
Weg in gerader Richtung gegen die Kammhöhe ansteigend fort. 

Fantoma, der mit geübtem Auge in ziemlicher Entfernung 
zwei Gemsen entdeckte, that einen gellenden Pfiff, um mir die 
flüchtige Eile der aufgeschreckten Thiere zu zeigen. In gewal- 
tigen Sätzen gings über das wilde Gestein der schroff abfallen- 
den Felswand und mit Vernichtung und Wehmut folgte der 
Blick eines Bergsteigers den sicher und mit Leichtigkeit dahin 
fliegenden Thieren. 

Die Steilheit des Terrains verdrängte grossenteils die Stein- 
halden und flache Felsen begünstigten das ziemlich anstren- 
gende Klettern. 

Endlich nach Verlauf einer Stunde befanden wir uns am 
Fusse einer Schneefläche, die bis zur Kammhöhe sich entwickelte. 



*) Bei Payer's Bergwanderungen 1868 im Adamello-Gebiete wurde 
er schon nach den ersten Touren abgeschafft, da er sich über die Felsen 
des Monte Menicigolo abznsteigeu scheute, weshalb ihn einer der zugeteil- 
ten KaiseijSger förmlich herabtrng. Fantoma^s Ortskenntniss bezieht sich 
nur auf die tiefsten Begionen des Gebirges. Anm. d. Bedaction. 



28 , A. Wachtier. 

an Steilheit aufwärts zunahm und gegen den Ausgangspunkt eine 
Neigung von 55 Grad erreichen dürfte. *) 

Der Schnee war dabei fest gefroren und das Ansteigen 
ohne Steigeisen oder Beil konnte gefährlich werden. 

Grosser Kriegsrat wurde gehalten und beschlossen, mit dem 
Bergstocke an den abschüssigsten Stellen Stufen zu markiren 
und selbe sodann mit dem eingesetzten Fusse durch Stampfen 
auszuweiten. 

So gings passabel die ganze Höhe herauf, doch die wenigen 
Schritte vor deren Ausgang zu der Kammliöhe hätten uns bald 
den ganzen Spass verdorben und zum Rückzug genötigt. 

Wallartig umgab ein 10 — 12 Fuss hoher, fast tiberhängender 
Schneerücken die zwischen senkrecht aufsteigenden Felsen zu- 
sanamengeengte Schneerinne. 

Fantoma machte mehrere gewagte Versuche, die Passage 
zu erzwingen, doch umsonst, erst mit Zuhilfenahme eines starken 
Jagdmessers als Unterstützung der Hände und nach ange- 
strengter Arbeit gelang es ihm endlich, sich hinaufzuschwingen; 
mir war das Nachrücken durch den entgegengehaltenen Berg- 
stock Fantoma's wesentlich erleichtert. 

Es war bei^eits 7 Uhr und daher jede Verzögerung in 
dieser Region gefahrbringend. 

Die Croz del Val Zigola, dessen wildes Gestein unsere 
Basis kaum 200 Fuss überragte, setzte einen beeisten Grat ab, 
der parallel mit einem vom Monte Piscano abfallenden Fels- 
kamme, dem Thalzuge folgend, sich entwickelte. 

Dazwischen lag die Vedretta Presena. 

Ein Felsenkopf teilt den compacten mit regelmässigen 
Querbändern gefurchten Gletscher nach einem halbstündigen 
sanftgeneigten Laufe in zwei Arme, wovon der linke, bei weitem 
kleinere Arm unmittelbar hinter dem genannten Felskopfe in 
einem kleinen Thälchen seine Gletscherzunge zeigt, während 
das Gros der Eismasse dem rechten Arme zuströmt, hinter dem 
Felskopfe noch 6 — 700 F. fortläuft und dann in eine tiefere 
Thalstufe des Val Presena sich senkt, deren weitere Entwicklung 
jedoch von unserem Standpunkte aus nicht sichtbar war. 

Fantoma wollte nun an der linken Seite des Gletschers 
über dessen Moräne dem Felskopfe zusteuern, ich dagegen über 
das Massiv des Gletschers der ganzen Längenentwicklung rechts 
folgen und nur im Falle sich zeigender Schwierigkeiten bei der 
geneigteren Thalsenkung links auf den Felskegel wieder ab- 
biegen. 



*) Also erstieg man einen Schneehang zwischen dem Corno Lago 
scuro und dem Passo Presena. Anm. d. Redaction. 



Tour im A(lamello-Brenta-Ge)»irge. 29 

Mein Führer, den eine gewisse Unruhe auch auf dem Man- 
dron-Gletscher begleitete, gab seine Zustimmung nur unter der 
Bedingung, dass ich als Erster vorantrete, und als ich diess ohne 
Einsprache zusagte, setzten wir uns in Bewegung. 

Wir hatten im Schnellschritt eine ziemliche Strecke des 
ganz harmlosen Gletschers schon durchschritten, als plötzlich 
kräftige, aber unverständliche Töne an unser Ohr drangen, 
unsere Aufmerksamkeit fesselten und uns in unserem Laufe auf- 
liielten. 

Fantoma's geübtes Auge entdeckte schnell an dem geradem 
^is-ä-vis liegenden Felskopfe zwei Hirten mit einem Hunde, 
die mir jedoch der ziemlichen Entfernung wegen erst mit be- 
>vaffnetem Auge sichtbar wurden. 

Der hörbare Lärm hatte für mich nichts Ungewöhnliches 
Tind wir setzten den Weg in der eingeschlagenen Richtung 
"wieder fort. 

Doch nun begann eine förmliche Höllenmusik; die beiden 
Hirten schrieen aus Leibeskräften und der Hund begleitete in 
hellen Lauten die beiden Solisten. 

Mit Hilfe meines Feldstechers sah ich, dass dieser Lärm 
von der lebhaftesten Action begleitet war. Wärend der eine 
Acteur furchtbar mit den Händen agirte, entlockte der Andere 
dem warscheinlich nicht musikalischen Hunde seine Töne durch 
eine Tracht Schläge. 

Es konnte kein Zweifel mehr obwalten, dass dieses ganze 
Manöver uns galt und die warscheinliche Bestimmung hatte, 
uns von der drohenden Gefahr des Weitergehens abzuhalten. 

Fantoma bestürmte mich, durch das Querproiil des Glet- 
schers jenem Felskopfe zuzuwandern, da die Notsignale der 
besorgten Hirten uns deutlich zeigten, dass das Vordringen auf 
dieser Seite mit der grössten Lebensgefahr verbunden sein müsse. 
Ich hätte äusseret gerne die paar hundert Schritte vorwärts 
gemacht, um die steilere Abdachung und den Zustand des 
Gletscherabsturzes zu sehen, doch der nun einmal beängstigte 
Fantoma kündete mir jeden Gehorsam auf, wenn ich nicht da- 
von abstehe und so entschloss ich mich denn, die Richtung gegen 
den Felskopf einzuschlagen. 

Gegen die Mitte des Ferners zeigten sich offene Schrunde 
und bald überzeugte ich mich von dem Vorhandensein vieler, 
meist verdeckter Klüfte. 

Ich muaste mit aller Vorsicht und mit Hilfe meiner durch 
viele Uebung mir gesammelten einigen Terrain-Kenntniss nach 
allen Seiten hin laviren, um dem Labyrinth dieser tückischen 
Eishöhlen und Schneebrücken auszuweichen. 



30 A. Wachtier. ' 

Endlich war auch diess überwunden und wir wanderten 
auf aperem Boden den nun der behaglichsten Ruhe sich hin- 
gebenden Hirten zu. 

Der Hund, dessen Unruhe sich bei unserer Annäherung 
steigerte, zeigte uns sein kräftiges Gebiss in der nicht freund- 
lichsten Weise und musste von den Hirten mit Gewalt zurück- 
gehalten werden; das Thier mochte wol ahnen, dass wir die 
Ursache der unverdienten barbarischen Behandlung seiner 
Herren waren. 

Die Hirten erzälten uns nun mit all dem Feuer wälschen 
Naturells, dass sie uns an der gefährlichen Seite des Ferners 
einer ganz falschen Richtung folgend, entdeckt, durch Zurufen 
vor der Gefahr warnen und in die rechte Bahn einlenken 
wollten. 

Nachdem wir jedoch nur kurz anhielten und dann in der- 
selben Richtung wieder fortschritten, gaben sie sich der Ueber- 
zeugung hin, dass wir sie nicht gehört hätten, und da die Gefahr — 
mit jedem Schritte vorwärts näher rückte, blieb ihnen nichts^ 
Anderes übrig, als den Lärm zu verdoppeln und den armenai 
Hund, der auf das gegebene Commando nicht freiwillig mit — 
heulte, durch eine ihm verständlichere Sprache als Chorver — 
Stärkung zu engagiren. 

Ich drückte ihnen zwar meinen wärmsten Dank für ihr^= 
Besorgniss aus, konnte mich aber mit ihrer Ansicht nicht be — 
freunden, dass wir wirklich in grosser Lebensgefahr geschwebt 
haben, da uns bei Verschlimmerung der Terrainverhältnisse de^K 
Rückzug instinctmässig vorgezeichnet gewesen wäre. 

Mit hastiger Eile führten sie uns nun über den steilei 
Abhang an der rechten Seite des Felskopfes hinunter bis 
einem kleinen vorspringenden Plateau, das uns die erste AnsicL^ 
des gefiirchteten Gletscherabsturzes zeigte. 

Plötzlich bricht der ruhige Thalgletscher ab und sendet in 
chaotischer Verwirrung seine nun vollends geborstenen Eismassec 
in jdie grauenvolle Tiefe des unwirtbaren wilden Thalgrundes. 

Die Presanella mit ihren zu schwindelnder Höhe anstei- 
genden furchtbar wilden Felsenmassen bildet einen würdigen 
Hintergrund dieses schauerlichen Bildes. Ich dankte den wackeren 
Männern nochmals und drängte zur Eile, da es bereits däm- 
merte imd unser Weg zur Alpe über eine steile Felswand mit 
dürftigem Graswuchse führte. 

Wenn es wärend dem Hinuntersteigen die Bodenverhält- 
nisse anders zuliessen, musste ich mir den wilden Absturz wieder 
besehen, der mir, im Zusanmienhange mit meinen früheren £r< 
lebnissen, denn doch einigen Eindruck machte. 



Tour im Adamello-Brenta-Gebirge. 31 

Endlich erreichten wir eine kleine grüne Fläche, an deren 
äusserstem Ende ungeheuere Felsblöcke in wilder Unordnung 
lagerten. 

Hier wurde angehalten und die beiden Hirten krochen in 
eine schmale Felsspalte, deren innerer Raum sich etwas ver- 
grossertö und ihre Wohnung bildete. Wenngleich ich mich nach 
behaglicher Ruhe sehnte, so hatte ich doch wenig Lust hinein- 
zukriechen, da der innere Raum derselben noch kleiner als joner 
von Mandron war und die Höhe des wohnlichen Teils vom 
Boden bis zur feuchten Steindecke kaum 3 Fuss erreichte. 

Zudem war mir der Zufall günstig, denn ich bemerkte, 
dass der Jüngere der beiden Hirten ein Maultier säumte, um 
nach Vermiglio zu wandern, dort Sonntagsfeier zu halten und 
sodann den Wochenbedarf an Salz und Victualien retour zu fuhren. 

Die Gelegenheit war sehr willkommen, und so entschloss 
ich mich denn trotz der bereits vorgeschrittenen Nacht mit 
diesen beiden Landjunkern nach dem drei Stunden entfernten 
Vermiglio zu wandern^ 

Ich nahm sofort einen herzlichen Abschied von Fantoma, 
der, wenn auch kein routinirter Gletscherfuhrer, doch immerhin 
ein kundiger Bergsteiger und unterhaltender Gesellschafter ist, 
und trabte dann auf dem abschüssigen Felsenpfade meinen 
neuen Kameraden nach. 

Eine herrliche Mondnacht beschien melancholisch die ge- 
dehnten, sanft ansteigenden Bergweiden des Monte Tonale und 
geisterhaft leuchtete das Eis an den hohen Absätzen der kühn 
ansteigenden Presanella, während dunkle Nacht die fiirchtbaren 
untiefen des wilden Thalgrundes deckte. 

Allmälig verflachte sich der Boden und die stattliche 
„Cantoniera" auf dem saftigen Wiesenplateau der Tonalhöhe 
mit der schönen Kunststrasse kam in Sicht. 

Eine sorglose schläfrige Schildwache vor dem Eingange 
und ein paar fröhliche Zecher im Gehöfte des Hauses beim 
spärlichen Scheine eines schwachen Lichtes — wer sollte glau- 
ben, dass hier der gefiirchtete Grenzübergang, der von der allar- 
mirenden wälschen Actionspartei häufig in Aussicht gestellte An- 
griffspunkt sei. 

Ohne Aufenthalt zogen wir die schöne Strasse entlang, 
und ich ergötzte mich an den gigantischen Formen der in magi- 
schem Lichte prangenden Gletschergruppe. 

Endlich war unser Ziel, Vermiglio, erreicht, und ich betrat 
ein Gebäude, das man mir als Wirtshaus bezeichnete. 

Mein Magen, an Discretion gewohnt, befreundete sich auch 
hier mit Folenta und Käse, und ich hatte nach den mühevollen 
Anstrengungen des Tages nur noch einen Wunsch: nach Ruhe. 



i A. Wachtier. Tour im Adamello-Brenta-Glebirge. 

Der Wirt begleitete mich somit in das einzige fiir Fremde 
bewohnbare Zimmer, doch fand ich zu meinem Erstaunen in 
demselben ausser dem notwendigen Bette die höchst unnot- 
wendige Anwesenheit einer vollkommen organisirten Blechhar- 
monie-Bande, aus einem Dutzend junger Bursche bestehend,, die 
trotz meiner energischen Einsprache erklärten, aus Ursache 
einer Gelegenheitsproduction und in Ermanglung eines andern 
Uebungslocales diese somit unaufechiebbare Probe hier abhal- 
ten zu müssen. 

Mit schlecht verhehltem Unmute begab ich mich zu Bette, 
hüllte mich in die Decke — und wollte schlaffen, doch die 
furchtbaren Janitscharenklänge machten jeden Versuch unmög- 
lich, bis endlich ein starker Verband um die Ohren mich aus 
dieser qualvollen Lage befreite. 

31. Juli. Die Sonne war schon hoch am Himmel, als ich_ 
erwachte, und misstrauisch durchspähte ich jeden Raum des nui 
leeren Zimmers, ehe ich es wagte, meinen Ohrenverband abzu 
nehmen. 

Ich hatte einige Mühe, mit dem Wirte meine Rechnung 



in's Reine zu bringen, da meine Ohren durch die harmonischer 
Klänge der Serenade sehr gelitten hatten, dankte ihm für dii^^e 
unverdiente Aufmerksamkeit und ging in's Freie, die Richl 
gegen Pellizano einschlagend. Es war ein herrlicher Marsch d£ 
schöne Kunststrasse entlang, mit der prächtigen Ansicht d( 
über einer üppigen waldreichen Thalsohle sich kühn erhebe mza i- 
den, von wilden zerrissenen Gletschern umgebenen PresanelUlBa 
zu wandern. 

In einer Stunde hatte ich Fosine am Zusammenflusse d fc =» s 
Vermiglio- imd Pejothales erreicht. Die hohen Eishäupter di 
Val Fomo überragten den freundlichen Thalgrund und i< 
freute mich herzlich, in wenig Tagen, begünstiget von so hei 
lichem Wetter, ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Ich setzi 
meinen Weg auch wirklich in dieser Richtung fort, besuch- 
Pejo, Rabbi und Martell, doch es wäre zu ausgedehnt, darüb« 
ausführlich zu sprechen, und behalte ich mir daher das g"* 
sammelte Material zur Bearbeitung für ein anderes Mal vor. 




Ein Ausflug auf den Monte maggiore 

im Küstenlande. 



Von J. Trinker, k. k. Bergrat. 



Die istrische Halbinsel besitzt so vieles Interessante, dass, 
enn die Wege besser, die Gasthauseomforts grösser und die 
imatischen Beschwerden geringer wären, es nur befremden 
üsste, dass Istrien nicht schon längst von Touristen zum Ziele 
rer Wanderungen auserwählt wurde. 

Schon die äussere Gestalt der Halbinsel mit ihren drei 
ächtigen Fiorden Quieto, Lerne, Arsa und jener Contrast der 
odenbeschaflfenheit, der leicht verwitternden, fruchtbaren, in 
;n untersten Schichten kohlenfuhrenden Tertiärsandsteine und 
ergel, gegenüber dem dürren, der Zersetzung wie der Vege- 
tion trotzenden schlottenreichen Kreidekalke fesselt die Auf- 
erksamkeit des Reisenden; um wie viel mehr bezaubert ihn 
'st der Reichtum an duftenden Blumen und zierlichen Ge- 
ächsen eines eminent südlichen Clima's, die Eigentümlichkeiten 
3r Thierwelt, und endlich jenes bunte Gemisch in Tracht imd 
tte, wie es der gegenwärtigen, durch einen langsamen Um- 
Idungsprocess aus den celtisch-griechischen Ureinwohnern her- 
>rgegangenen italienisch-slavischen Bevölkerung eigen ist. Istrien 
it aber keine so hohen, majestätischen Berge, wie sie die Cen- 
alalpen besitzen, wie sollte es auch eine Anziehungskraft auf 
e wanderlustigen Bewohner des nördlichen Flachlandes üben, 
mlich Tirol, Salzburg, Kärnten u. s. w.? Eine Frage,, die 
an nicht selten vernimmt, die aber nur teilweise Berechtigtmg 
at; denn wenn man von dem betriebsamen Städtchen Rovigno, 
elches mit seiner grossartigen Euphemiakirche (114*7 W. P, 
ber dem Meere) weithin land- und seewärts sich bemerkbar 
lacht, allmälig die Strasse gegen Villa di Rovigno (488-7') und 
reiter über Confanaro (861 -(yj nach Gimino (1225-8') verfolgt, 
erhebt sich gegen Osten ein breitschulteriger Berg, der au» 

3 



34 J. Trinker. 

der Tiefe der Arsathaleinbuchtung (83*4') steil aufsteigt und 
auch einem gewandten Touristen, dem es nach der Ersteigung 
der höchsten Spitze gelüstet, ein erkleckliches Stück Arbeit 
in Aussicht stellt. Es ist diess der Monte maggiore, welcher, 
alle anderen Höhenpunkte Istriens weit überragend, analog zur 
Nomenclatur anderer italienischen Berge, z. B. des Monte Bälde, 
vielmehr das Prädicat Taltissimo verdiente. Man fühlt sich un- 
willkürlich zu dieser Höhe hingezogen und gerne würde ich 
schon bei meiner ersten Bereisung Istriens im Jahre 1867 diesem 
Berg einen Besuch gemacht haben, hätten nicht dienstliche 
Verrichtungen mir damals eine andere Reiseroute- vorgezeichnet. 
So konnte ich nur von Galignano (1408'1'), dem höchsten Punkte 
der Strasse von Rovigno nach Albona, über die klaren Fluten 
des Cepichsee's hin mir den Fürsten der istrianischen Berge 
etwas näher betrachten, um dann meine Schritte südwärts nacb. 
Albona und Carpano zu lenken.*) 

Erst in dem darauffolgenden Jahre, wo ich von der ent- 
gegengesetzten Seite, im obern Reccathale, dem Monte maggior 
wieder in die Nähe gekommen war, konnte ich meinen lang 
genährten Wunsch endlich zur Ausführung bringen. Der Z 
fall wollte es auch, dass kurz vor dem Antritte meiner Rei 
die Presse (a. W. P.) in ihrem Feuilleton die Nachricht v(^- 
der Ersteigung dieses Berges brachte, welche von Fiume a 
in ganz kurzer Zeit und mit der grössten Bequemlichkeit b -«- 
werkstelligt wurde. Diess bewog mich nun denselben W < i g 
zu wählen, und am 27. August, Nachmittags 1 Uhr, befand i( ?h 
mich mit Hilfe des von der Eisenbahnstation St. Peter frC. 
Morgens abgehenden Eilwagens in Fiume, wo ich beim A 
steigen mich ohne Verzug um das mir unterwegs genani 
Gasthaus zum Tiroler erkundigte. Zu meiner angenehm« 
Ueberraschung gab sich der Erstangeredete, ein kleiner, dabi^ei 
starker, nicht mehr junger Mann, als Tiroler und Eigentum- ^f 
des gesuchten Gasthauses zu erkennen, und in kaum 5 Minut^3ii 
befand ich mich auch in meinem Hotel. 

Zur besseren Orientirung von Reisenden muss jedoch l:>ß- 
merkt werden, dass erwähntes Gasthaus zum Tiroler, oder rich- 
tiger zum Stern, ein Gasthaus zweiten Ranges ist, das aber 
ausser einem guten Keller und einer noch besseren Küche das 
Vorteilhafte besitzt, dass man nicht gleich beim Eintritt und 





*) Nach Kreil (s. A. Senoner's Zusammenstellung der Höhenmessungen 
von Istrien etc., Jahrb. d. geol. Beichsanstalt, Jahrg. 1852, B. III.) wäre 
Giniino zu 1829*84' der höchste Punkt der erwähnten Strasse. Ich habe aber 
einmal von Bovigno, das andere Mal von Pola kommend, am Platze von 
Gimino barometrische Beobachtungen vorgenommen, welche von einander 
Tfenig abwichen, und deren Mittel mir meine obige Ziffer gab. 



Ein Ai:.sflug auf den Monte maggioro im Eüstcnlande. 35 

auch eben so wenig beim Austritt aus demselben als Engländer 
betrachtet und behandelt wird. 

Da der Genuss einer ungestörten Aussicht für mich nicht 
der ausschliessliche Zweck der Ersteigung des Monta maggiore 
war, so trat ich nicht unmittelbar meine Gebirgsreise an, son- 
dern zog es vor, mir vorerst Stadt und Umgebung etwas zu 
besehen. Um diess mit mehr Erfolg thun zu können, hielt ich 
für gut, mich mit einem Situationsplan und einem sogenannten 
Führer zu versehen, aber seltsamerweise war meine Nachfrage 
in einer der ansehnlichsten Buchhandlungen vergeblich, was 
mich um so mehr befremdete, als Fiume sonst ein nahezu gross- 
städtisches Leben entwickelt, wozu der ausgedehnte Handel, 
die vielen Werften und eine nicht geringe Anzal bedeutender 
Fabriken viel beitragen und es noch mehr zu thun vermöchten, 
wenn an der Stelle der privilegirten Louisenstrasse, die wie ein 
mercantiler Anachronismus in die Gegenwart hereinragt, eine 
Eisenbahn Fiume mit Carlstadt verbände, oder wenn in Er- 
manglung dieser Bahnverbindung doch der bereits begonnene, 
aber wieder in's Stocken geratene Bau der Strecke St. Peter- 
Piunae vollendet wäre. 

Unterdessen fand ich auch ohne Führer den Weg durch 
die Stadt bis an die Mündung der Fiumara und von dort zum 
altehrwürdigen Castell von Tcrsato, an dessen südöstlichem 
Thore, fast in demselben Niveau mit der berühmten Kloster- 
kirche zur Madonna di Loretto, ich eine barometrische Höhen- 
messiing vornahm, die für diesen nach Süden eine recht loh- 
nende Aussicht gestattenden Punkt mir die Höhe von 387*7' 
gab. Ein Blumenstrauss, weniger schön als interessant, in wel- 
chem unter andern dem Süden angehörenden Kindern Flora's 
Campanula pyramidalis ^ Plumhago europaea^ Scolymua hispa- 
TiicuSj Centauria rupestria und Cephalaria leucantha sich aus- 
zeichneten, war eine mir sehr angenehme Aquisition, die ich 
an den überhängenden Felswänden des dortigen Kreidekalkes, 
mitunter nicht ohne Anstrengung machte, und nachdem ich im 
Verlaufe des Abends noch durch Vermittlung meines gefälligen 
Wirtes um den relativ nichts weniger als massigen Preis von 
7 fl. *) für den kommenden Tag einen Einspänner mir bestellt 
hatte, begab ich mich zur Ruhe, die auch weder durch Ge- 



*) Ich zalte für eine einspännige Fahrgelegenheit per Tag auch in 
Pisino und Rovigno (Istrien) 7 fl., in Carlstadt (Croatien) gar 10 fl. ; während 
in Belluno, Vicenza etc. (im Venetianischen) 10 bis 12 Zwanziger, somit 
durchschnittlich höchstens 4 fl. ö. W. von den Lohnkutschern dafür begehrt 
wurden. 

3* 



36 J. Trinker. 

Wissens- noch andere Bisse irgend eine Störung erlitt, bis etwa 
gegen halb 4 Uhr mich mein Kutscher weckte. 

Um 4 Uhr sass ich auch schon auf dem zur Gebirgspartie 
eigens vorgerichteten unbedachten kleinen Wagen. Mit nie 
gesehener Pracht leuchtete am östlichen Himmel Venus, da» 
Bild nie alternder Schönheit, wie meinen Vorgängern so auch 
mir, nur mit dem Unterschiede, dass die muntere Gheselkchaft, 
welche einen Monat vor mir den Monte maggiore bestieg und an 
dem Anblick des schönsten der Wandelsterne sich entzückte, 
auf einer Höhe von 4000' dem Ziele ihrer Wanderung ganz 
nahe war, während ich, 1000' nach alter Praxis auf eine Stunde 
Ansteigens gerechnet — noch vier Wegesstunden dahin hatte; 
doch rasch ging es nun vorwärts auf der ganz vortrefflichen, 
auch 'fiir das grösste Zweigespann hinlänglich geräumigen Strasse 
zwischen der über Castua nach Triest und St. Peter führenden^ 
Chaussee und dem Meeresrande, massig ansteigend bis an di^ 
Landesgränze. Allmälig lüftete die Dämmerung auch den Schleier^^ 

welchen die Nacht über den herrlichen Golf von Quarnero ge 

breitet hatte, und als die ersten Sonnenstralen nicht sengend^ — 
wie es in südlichen Gegenden auf kahlen Kalkwänden so of^^ 
der Fall war, sondern woltuend mir in den Nacken fielen, be — 
fanden wir uns bereits in Franzich, einem kleinen Ort, in einei^* 
Höhe von 708*3'. Hier wurde eine kurze Rast gemacht, dennr":: 
obgleich ich mich mit einigem Mundvorrat in Fiume versehei 
hatte, fehlte doch noch der Wein, imd da ich den gastfreund- 
lichen Pfarrer von Veprinaz in seiner Morgenruhe nicht störer 
wollte, so musste früher, und zwar hier an der äussersten Gränz< 
befiigter und unbefugter wirtsgewerblicher Thätigkeit für 
AUernotwendigste Sorge getragen werden. 

Bei der Abfahrt von Franzich hatte sich die vor Sonnen — 
aufgang kaum 11 Grad R. erreichende Temperatur bis au:f 
14*5 Grad erhöht und im hellen Sonnenscheine ging es auf der 
nun etwas steiler sich erhebenden, weniger guten, aber immer 
noch fiir Zweispänner befahrbaren Strasse nach Veprinaz weiter. 
Die mächtigen Felsblöcke, derselben Kalkformation angehörend, 
wie die in nächster Nähe von Fiume, waren buchstäblich be- 
deckt von Satureja montanUy welche im Vereine mit dem stark, 
verblühten Chelichrysum angustifolium und Salvia officinalis 
der Morgenluft jenen balsamischen Duft verliehen, wie er mich 
schon auf meinen früheren Wanderungen durch die steinigen 
Niederungen Istriens entzückte. 

Um 7V2 Uhr stand ich an dem Glockenthurm der alten 
Kirche von Veprinaz, nach meiner Messung 1642*9' über dem 
Meeresspiegel, gegenüber dem um 441*7' zwar niedrigeren, aber 
an Schönheit der Ortslage mit Veprinaz^rivalisirenden Castua. 



Ein Ausflug auf den Monte maggiore im Küstcnlande. 37 

Wem eine Excursion auf den Monte maggiore zu beschwerlich 
ist^ der sollte es doch nie versäumen, einen dieser beiden Punkte 
«zu besuchen, von denen Fiume mit seinem Golf wie ein kleines 
Neapel sich präsentirt *) 

Um 9 Uhr erreichte ich den höchsten Punkt der Strasse, 
nach Ejreil **) 3005*44'. Meine barometrische Messung ergab 
3068-4'. 

Nal^e 500' und respective SOO' unter diesem Gebirgskamm 
(auf der Ostseite zu 2530*68, auf der Westseite zu 2178-60) gibt 
Kreil die oberste Vegetationsgrenze der Hainbuche an. Weiter 
nach abwärts auf der Ostseite folgt nach demselben Gewährs- 
mann die oberste Grenze der edlen Kastanie (der Region der 

jyiannaesche Bartlings) mit 2110*56 

detto der Eichenregion mit 1802*72 

detto des Weinstockes mit 1573*44 

detto der Feige (der Kegion der Myrten nach Bart- 

ling) mit 1260*30 

detto der Olive 948*62 

Nach diesen Angaben würde die Rebe nicht über Ve- 
prinaz hinauf reichen. Die letzten Rebengelände befinden sich 
aber noch eine ziemliche Strecke über diesem Orte, was mich 
veranlasste, daselbst mein Barometer au&upflanzen. Ich erhielt 
für diesen Punkt in der That £äst um 200' mehr, nämlich eine 
Seehöhe von 1752', welche somit ganz mit der Mittelhöhe zu- 
sammenfilllt, bis zu welcher der Weinbau nach meinen vielseiti- 
gen Beobachtungen am südlichen Gehänge der Alpen im Yene- 
tianischen sich erhebt, abweichend von den Erfahrungen, die 
ich in dieser Beziehung in Südtirol, besonders im Etschthale 
zwischen Bozen und Meran zu machen Gelegenheit hatte, wo 
die Weingärten wol um 1000' höher reichen. Mit der Weinrebe 
und der edlen Kastanie verliert sich ober Yeprinaz auch mehr 
und mehr der Typus der südlichen Pflanzenwelt, es beginnt die 
von Bartling sogenannte Regio alj^esiris^ und auf der oben be« 
zeichneten Höhe von 3068*4' findet sich sogar nichts mehr von 
dem schönen Eryngium amethystinumy welches kaum ein paar 100' 
tiefer mit dem herrlichen Blau seiner stacheligen Blätter imd 
Stängel die Aufinerksamkeit jedes Pflanzenfreundes auf sich zieht. 
Dafiir erscheint auf der Höhe der Strasse, am westlichen Ge- 
hänge, eine Carlina (wahrscheinlich accmthifolia) in einer Menge 
und Schönheit, wie man sie wol selten anderswo in gleicher 
Weise zu sehen bekommen wird. 



*) S. Schanbach: Die deutschen Alpen. V. Das südliche Tirol . « . • 
und Küstenland. 

**) S. Jahrbuch der geolog« Beichsanstalt 1852. III. Jahrgang. 



38 J. Trinker. 

Uebrigens bietet dieser Höhenübergang, so lohnend das 
Ansteigen zu demselben auch ist, nur eine sehr beschränkte 
Aussicht, welche sich auch nicht besser gestaltet, wenn man 
die Strasse weiter westlich bis zu der um 276*5' tiefer befind- 
lichen erbärmlichen Wohnung des bekannten Monte niaggiore- 
Führers, Strassenräumer Johann Varitschevitz, verfolgt. 

Es war schon 10 Uhr geworden, als ich dort anlangte, 
und um so mehr drängte es mich, meinen Mann zu finden; 
allein der Zufall liess mich vorerst mit dessen Weibe Bekannt- 
schaft; machen, welche mich auf die von meinem Lohnkutscher 
interpretirte Frage alsogleich in ein abseits von der Strasse gele- 
genes, auch nicht besser construirtes Bauernhaus fiihrte, in dessen 
Thüre nach einigen kräftigen Rufen sich die ersehnte Gestalt 
zeigte, ein alter, immer noch verhältnissmässig rühriger Mann, 
aus welchem man bald den einstigen Soldaten herausfindet, und 
der ausser slavisch und italienisch auch deutsch spricht, wol in 
jener ziemlich mangelhaften Weise, wie österreichische Soldaten 
bei dem häufigen Garnisonswechsel in dem polyglotten Kaiser- 
staate sich Sprachen anzueignen pflegen. 

Obgleich die Stunde des Mittagmales nicht mehr fem und 
ein Ersatz dessen, nach meinem geringen Gepäck zu urteilen, 
in sehr unsicherer Aussicht stand, so acceptirte der alte Mann 
doch ohne alle Einsprache meine Einladung, mich bis zur Spitze 
des Monte maggiore zu begleiten, und ohne Aufenthalt ging es 
bergan über einige magere Wiesen und schlecht bestelltes Acker- 
land — wol das höchste dieser Gegend — bis in den nahen 
Buchenwald, welcher den Berggipfel auf der Westseite umsäumt. 
Eine mächtige Quelle entspringt am unteren Rande desselben, 
stark genug, um der kleinen Ansiedelung von Vela Uzka eine 
Mühle zu treiben. Es überrascht, in dieser Höhe so reich- 
liches und gutes Wasser zu treffen; untersucht man aber das 
Terrain näher, so zeigt es sich, dass man nicht mehr auf dem 
quellenarmen Kreidekalk, sondern auf Schichten eines Ejilk- 
mergels sich befindet, der unstreitig den tertiären Gebilden an- 
gehört, aber, sonderbar genug, das ältere Kalkgebirge, aus wel- 
chem die oberste Kuppe des Monte maggiore besteht, zu unter- 
teufen scheint. Ein massig ansteigender, auch für ein einspänni- 
ges Fuhrwerk practicabler Weg, der einst zur Holzliefemng 
gedient haben nmg, fuhrt bis an die Stelle, wo von der Spitze 
des Berges sich ein Teil des steilen Kalkfelsens loslöste und im 
Falle den Weg zerstörte. Von dieser Stelle fuhrt nur ein Fuss- 
steig, den man im Notfalle noch als Saumweg benützen könnte, 
bis zu einer kleinen Einsattelung, welche den nördlichen höheren 
und völlig kahlen Teil des Monte maggiore von der südlichen, 
meist noch mit Wald bekleideten Kuppe trennt, von wo aus 



Ein Ausflug auf den Monte m<?^giorc im Rüstonlande. 39 

man, ohne weiters auf einen Pfad zu achten, nur den steinigen, 
schwach mit Gras bewaclisenen Gebirgskamm zu verfolgen 
braucht, um in einer kleinen halben Stunde die höchste Spitze 
mit der daselbst aufgestellten hölzernen Pyramide vor sich zu 
haben. Es war IV /% Uhr, als ich dort anlangte. Kein Wölk- 
chen trübte der Himmel, kein Lüftchen beunruhigte mich und 
mein Barometer, das ich alsogleich an einem der drei höl- 
zernen Füsse der Pyramide befestigte, aber unter uns breitete 
sich wie ein dünner Schleier jener Höhenrauch aus, der fast 
den ganzen Sommer des Jahres 18G8 andauerte und selbst nach 
starken Gewitterregen die Fernsicht, beeinträchtigte. Demunge- 
achtet war die Kundschau im hohen Grad lohnend. 

Wie ein zierliches geopl astisches Kunstwerk liegt die istrische 
Halbinsel nun vor Augen, bis auf den nördlichen Teil umgränzt 
von den dunkelblauen, in manchen Partien helkchimmernden 
Wogen des Meeres. Ich konnte ganz bequem meine Reiseroute 
vom vorhergehenden Jahre mustern, und mit freien Augen sali 
ich die meisten Punkte, die ich barometrisch bestimmte; doch 
nicht bloss die einzelnen Ortschaften und ihre Strassenverbin- 
dungen waren auf diesem zu meinen Füssen ausgebreiteten riesi- 
gen Modell bemerkbar, ich konnte auch die zwei Hauptgebirgs- 
arten der Halbinsel, den Kreidekalk und die darauf folgenden 
tertiären Gebilde ganz gut unterscheiden. Abgesehen von der 
mehr dunklen Farbe der tertiären Mergelsandsteine (vom Italie- 
ner Tasello genannt) im Gegensatze zu dem weissen, mitunter 
rothgefärbten Kalkstein der Istria rossa, ist es noch die grössere 
Auflöslichkeit des Gebirges, die dadurch bedingte tiefere und 
regelmässigere Thalverzwcigung, die üppigere Vegetation in 
Begleitung einer grösseren Anzal von Ortschaften, welche das 
Gebiet des Mergelsandsteines vor jenem des Kreide- und Num- 
mulitenkalkes von weiter Ferne auszeichnet; besonders charak- 
teristisch zeigt sich in dieser Beziehung das tief gelegene Ter- 
rain vom Cepichsee über Pisino, Pinguente gegen Monton^ hin. 
Es fallen die zwei ansehnlichsten Thaleinschnitte, der von Arsa 
und jener von Quieto, an ihrem oberen Teil in dieses Gebiet. 
Dieses Terrainstudium bildet auch den Hauptreiz der west- 
lichen Ansicht; denn lässt man den Blick über die nicht ferne 
westliche Gränze der Halbinsel hinausschweifen, so findet das 
Auge keinen Ruhepunkt mehr in der imübersehbaren W^asser- 
fläclie; zwar hörte ich die Behauptung, und auch mein Führer 
beteuerte mir, dass man das jenseits des adriatischen Meeres 
gelegene Venedig bei guter Beleuchtung sehen könne. Bedenkt 
man jedoch, dass einer Höhe von 4500' nur ein Bogen von 
18.40 geographischen Meilen entspricht, so dürfte, da Ve- 
nedig von der Spitze des Monte maggiore bei 20 Meilen ent- 



40 J. Trinker. 

fernt ist, die Richtigkeit obiger Behauptung mehr ak zweifel- 
haft sein. Die Phantasie ist in derlei Dingen ungemein lebhaft, 
wofür die Grossvenediger Spitze in den Centralalpen als Beleg 
gelten mag, welche, wie lucus a non lucendo den Namen von 
der berühmten Dogenstadt erhalten hat, die man von dieser 
Spitze aus sehen will, aber nie sieht und nie sehen wird, so 
lange die venetianische Ebene nicht anstatt bei Serraralle, etwa 
bei Toblach und Niederndorf ihren Anfang nimmt. 

Wendet man sich der Nordseite zu, so ändert sich das 
Bild gänzlich, das Wasser verschwindet, und statt der linsen- 
förmigen Verflachung gegen den Inselrand erhebt sich ein Ge- 
birgsplateau nach dem anderen, bis das imposante Bild eine^ 
seits durch den Nanos, andererseits durch den Schneeberg sei- 
nen Abschluss findet. Was aber in dieser Richtung am meisten 
fesselt, das ist die weite Fläche der westlichen Tschitscherei, 
eine Steinwüste, in welcher wie baumlose Oasen einzelne Ort- 
schaften bemerkbar werden, bei deren jeder man sich fragen 
möchte, ob es menschliche Wesen sind, die sich in dieser trau- 
rigen Oede ansiedelten und heimisch fiihlen. Wol mag es da 
nicht immer so ausgesehen haben, denn der dunkle Wald von 
Castua und Lovrana, der sich auf dem fast blendend weissen 
nackten Kalkgebirge um so schöner abhebt, liefert den spre- 
chendsten Beweis, dass die angrenzende Wüste ein Werk von 
Menschenhand sei. Man treibe einen Kahlhieb auf was immer 
für einem Teil unseres Schlotten- und dollinenreichen Kreide- 
kalkes und versäume die Zeit der Cultur, bis heftige Gewitter- 
regen die dünne Schicht von Dammerde weggeschwemmt und 
den darunter befindlichen dürren Stein blossgelegt haben, und 
die Gegend ist und bleibt eine Wildniss. *) 

Ueberblickt man die Tschitscherei oaer die sogenannten 
Tschitschenböden nur oberflächlich, so erscheinen sie wie eine 
ausgedehnte einförmige Steinhalde. Erst bei genauerer Betrach- 
tung treten die Schichtenköpfe einer festeren Gesteinsart her- 
vor, welche in 4 bis 5 parallelen Zügen treppenartig von SO. 
in NW. meilenweit fortsetzen und ganz deutlich ein Verflachen 
gegen NO. erkennen lassen. Wer nur einigermassen den ähn- 
lichen Erscheinungen in der Gegend von lUirisch-Feistritz seine 
Aufmerksamkeit zugewendet hat, wird in diesen weitgedehnten 



*) Was übrigens rechtzeitige Pflanzungen selbst nach Kahlschlägen 
unter ganz analogen Bodenverhältnissen zu bewirken vermögen, zeigen die 
einer geregelten Forstwirtschaft allmälig erliegenden Urwälder wnd der an 
ihrer Stelle sich erhebende Jungwald in den fürstlich Auersperg^schen For- 
sten von Gottschee und Einöd, besonders bei Steinwand am Fuss des Hörn' 
bichls, deren Besuch ich jedem Forstfreund angelegentlich empfelen mSchte. 



Ein Ausflug auf den Monte maggiorc im Küstonlande. 41 

Elalkbänken jene Nummulitenschichten erkennen, welche in 
Wechsellagerung mit Mergeln in Krain und dem Küstenlande 
das unterste Glied der Tertiärgebilde repräsentiren. Sind aber 
diese Schichten auch in jeder der südlichen Tertiärmulden mehr 
oder weniger entwickelt, so treten sie doch nirgends gross arti- 
ger auf als hier, und wol nirgends wird man sich einen deut- 
licheren Begriff von der interessanten Schichtcnfältelung und 
dem antiklinischen Verhalten der jüngeren Gebirgsarten zu den 
älteren *) verschaffen können, als eben von der Höhe des 
Monte maggiore. 

Das dritte Bild in dem Panorama des Monte maggiore, 
jenes gegen Osten, ist zwar nur eine Wiederholung der pracht- 
vollen i^oisicht der Bucht von Quamero, wie man sie beim An- 
steigen am östlichen Gebirgsgehänge an verschiedenen Punkten, 
besonders bei Veprinaz, geniessen kann; aber im Verhältniss 
zum höhern Standpunkt vervollständigt sich dieses Bild. So 
erhält das herrliche Gebirgsamphitheater von Fiume erst durch 
das in seiner ganzen Ausdehnung sichtbare Velebit- und Ca- 
pellagebirge seine Vollendung in den oberen Etagen. Die leicht 
zu überblickende Wasserfläche, die, von Fiume selbst oder einem 
benachbarten, weniger hohen Standpunkte aus gesehen, mehr 
einem Binnensee gleicht, wird auf der Spitze des Monte maggiore 
erst zum ansehnlichen Meerbusen, denn dort löst sich die an* 
scheinend ungeteilte Masse der Inseln Cherso, Veglia, Plaunich, 
Unie, Lussin etc., welche gegen Süden die Aussicht sperren, 
durch das deutlichere Hervortreten der Canäle und Wasser- 
strassen in jenen Archipel auf, welcher gegen SO. bis an die dal- 
matinische Küste fortsetzt und, aus denselben Fclsarten wie 
der Tschitschenboden bestehend, einem schwimmenden Gerippe 
gleicht, dessen anatomische Beschaffenheit die Verwandtschaft mit 
den Nachbarbergen nicht verkennen lässt Jedenfalls wird die- 
ses Bild, welchem die Nähe des Meeres und die grosso Zal 
von Küstenortschaften noch einen besonderen Reiz verleiht, auf 
alle die, welche von der entgegengesetzten Seite den Monte 
maggiore ersteigen, den überwältigendsten Eindruck machen. 

Dehnt man die Rundschau nun auch auf den 4., das ist 
südlichen Quadranten aus, so ist der erste und nächste Gegen* 
stand der Cepichsee, der, umsäumt von saftigen Wiesen, wie ein 
mit Wasser gefülltes Becken auf grünem Teppich vor uns liegt. 
£s ist diese Thalniederung, in dem die Arsa entspringt, ein 
Seitenstück zu jener bei Montona durch den Quieto gebildeten 
Einbuchtung. Beide erheben sich nur wenig über das Niveau 



*) Siehe die Eocengebilde von tnnerkrain und Istrien von Dr. Guido 
Stäche. Jahrb. der geolog. Beichsanstalt 1864. XIV. Band. 



42 J. Trinker. 

des Meeres, jene zu 83*4, diese zu 67*1, und man könnte sie 
wegen ihres Wasserreichtums und der dadurch bedingten 
Ueppigkeit der Vegetation die Oasen Istriens nennen. Ueber 
dem See Cepich blickt das Städtchen Albona mit seinem bereits 
unter den Kömern berühmt gewordenen Castell, der Hauptort 
des istrischen Liburniens, herüber, und weiter hinaus erhebt sich 
der Höhenzug des Monte maggiore noch einmal, um vom Monte 
Goly (oder Golu, kahle Berg) zu 1692' rasch in das Meer hinab- 
zustürzen, welches in dieser Kichtung nun wieder einer unüber- 
sehbaren Spiegelfläche gleich sich ausdehnt. Obgleich um mehr 
als 1000 Fuss tiefer als die Tschitscherei, ist das grösstenteils 
aus Nununulitenkalken und Mergeln bestehende Terrain zwi- 
schen der Arsa und dem Meere nichts weniger als fruchtbar, 
* imd mit demselben Rechte, als man van einem Bujer Karste 
spricht, könnte man auch einen Klarst von Albona und Gimino 
unterscheiden. Zu letzterem würde sodann das ganze monotone 
Kreidekalkgebiet vom Arsathal bis zum Quieto gehören, üb^r 
welches hin in südwestlicher Kichtung die Punta di Promontore 
und die mächtigen Thürme des istrischen Sebastopol, des Ha- 
fens von Pola, wie weisse Punkte am Meeresrande erscheinen. 

Nach vollendeter Rundschau wendete ich mich wieder 
meinem Instrumente zu, dem mein wackerer Führer einstwei- 
len als Parasol diente; eines Paravento bedurfte es nicht, da 
sich noch inamer kein Lüftchen rührte. Ich hatte einen Baro- 
meterstand von 24" 1"' 4"" 5'"" P. M. bei einer Temperatur 
von 20*4® R., was mir mit Beziehung auf den gleichzeitigen 
Barometerstand an der Sternwarte zu Triest 4478*8' gab. Ve^ 
gleicht man dieses Resultat mit früheren Messungen u. z. 

nach Schmidt mit 4327*0 W. Fuss 

„ dem Generalstab mit . . . 4410*2 „ 
„ nach Biasoletto mit .... 4120*0 „ 
so nähert es sich am meisten der Messung des österr, General- 
stabes, welche auf trigonometrischem Wege ausgeführt, als die 
sicherste gelten kann. Hierauf wurde mein Geognosirhanuner 
hervorgeholt und von dem anstehenden Fels ein geeignete» 
Musterstück zurecht gerichtet, wobei ich mich vollends über- 
zeugte, dass die Spitze des Monte maggiore aus jener lichtge- 
farbten, mehr splitterig brechenden, etwas krystallinischen Kreide- 
kalkvarietät besteht, welche auf der Westseite der Pisino- (oder 
Cepich-) Mulde das Liegende der Tertiärschichten bildet. 

Es fehlte noch ein kleiner Strauss von Alpenblumen, die 
ich mir auf dem östlichen, weniger steil abfallenden und auch 
reichlicher bewachsenen Gehänge sammeln wollte. Meine Aus- 
beute war jedoch eine geringe; denn schon hatte die vorge- 
rückte Jahreszeit diese wegen ihren botanischen Schätzen be- 



Ein Ausflug auf dcu Monte maggiore im Küstcnlandc. 43 

rühmte Höhe ihres Blumenschmuckes entkleidet, und ich fand 
blühend nur JSatureJa iltyricaf Senecio nebrode nsiSj Veronica 
spieata, Galium lucidum^ dann Polygala und Euphrasia (wahr- 
scheinlich vulgarU und officinalis'jj aber Alles in so winzig klei- 
nen zwergartigen Formen, dass man versucht wird, sie als 
fremde Species anzusehen. Von einem Ghfiaphalium leontopo- 
dium (Edelweiss) imd Rhododendron^ mit denen beladen die 
Eingangs erwähnte Gesellschaft zurückkehrte, fand ich keine 
Spur. Wol aber pflückte ich mir einige bereits mit schönen 
reifen Früchten ausgestattete Zweige der Rosa alpina, welche 
in Begleitung einer anderen Rose, deren Species mir fremd 
war, fast bis zur Spitze vorkommt; aber auch nur zwergartig 
in kleinen Sträuchen von kaum 1 Fuss Höhe. Dieses Zurück- 
bleiben in der Entwicklung, diese Zwerghaftigkeit des Wuchses 
zeigt sich schon auf der Höhe von Vela Uzka an Kräutern 
und Sträuchen auffallend, z. B. am Weissdom (Crataegus oxy- 
acantha^y dessen Blätter und Früchte fast nicht bis zur Hälfte 
der Normalgrösse sich entwickeln. Oder sollte diess wirklich 
eine andere Species sein? Am deutlichsten tritt dieses Verhal- 
ten aber zu Tage an der Buche. Ich hatte kurz vor meinem 
Besuche des Monte maggiore Gelegenheit, die oberste Vegeta- 
tionsgrenze der Rothbuche in Oberkrain bei Assling auf der 
Eoöna zu beobachten. Ich fand sie dort in einer Höhe von 
4845 Fuss. 

Behufs eines Vergleiches wählte ich also am Monte mag- 
giore auf dem östlichen Gehänge wie an der Koöna, dort, wo 
der Wald sein Ende nahm, eine Rothbuche, an der ich mein 
Instrument befestigte. Es war eine vollkommen gesunde Pflanze, 
die aber bei einem Durchmesser von gut 1 Fuss ober dem 
Wurzelstocke nicht viel über 2 Klafter in die Höhe reichte. 
Die Blätter massen durchschnittlich kaum 1 % Zoll in der Länge. 
Ich erhielt ftlr diesen Punkt, den Standort des letzten, ober- 
sten Baumes Istriens, 4438' (Bergspitze zu 4478*8), somit um 
407' weniger als an der Kocna, die doch um mehr als einen 
Breitengrad nördlicher liegt. 

Dieses Missverhältniss des Pflanzenlebens zur günstigeren 
geographischen Lage kann grösstenteils auf Rechnung der frü- 
her berührten Waldde vastation gesetzt werden, welche den 
Triester Karst mit seinen traurigen Nachbarn in Süd und Ost 
geschaffen, dadurch dem Nord- und 'Nordostwind den Weg ge- 
bahnt, der Luft die entsprechende Feuchtigkeit entzogen und 
die Extreme der Temperatur immer weiter auseinander ge- 
rückt hat. 

Mittlerweile war es halb 2 Uhr und somit Zeit geworden,' 
aufzubrechen, auch konnte ich nicht mehr annehmen, dass auch 



44 J. Trinker. 

meinen Begleiter die Freude über dsts innerhalb zweier Stun- 
den gesehene Schöne und Mannigfaltige den Hunger vergessen 
gemacht hatte. Auf demselben Wege, auf dem wir gekommen, 
wurde auch der Bückzug und zwar im Dopplirschritt angetre- 
ten, so dass wir in weniger als einer halben Stunde zwar nicht 
bei einer gedeckten Tafel, aber doch bei einem kleinen hölzer- 
nen Tisch, der mit einem kalten Braten und einer Flasche 
Wein bestellt war, Platz nehmen konnten. Eine zweite Flasche 
fand ich zu meiner Ueberraschimg bereits leer, und ohne Um- 
schweife erklärte mir mein Kutscher, dass er sich in unserer 
langen Abwesenheit damit Zeit und Durst vertrieben habe. Ich 
war aber um so geneigter, dem übrigens verlässlichen und gut- 
mütigen Burschen dieses Pröbchen etwas extravaganter Unge- 
nirtheit zu verzeihen, als dadurch unsere Abreise verhältmse- 
mässig beschleunigt wurde, und wirklich befand ich mich um 
3 Uhr wieder auf der Strassenhöhe von Vela Uzka und eine 
Stunde später zu Franzich, wo nicht bloss die leeren Bouteillen 
ausgehändigt, sondern auch, da ihr Inhalt uns beiden gemun- 
det hatte, neuerlich im Gasthause angehalten wurde. Ich ver- 
brachte ungefähr eine Stimde dort, und würde vielleicht irüher 
aufgebrochen sein, wenn nicht die Weinlaube ausser einer 
schönen Aussicht gegen Fiume und die dahinter liegenden Ort- 
schaften auch bereits reife Trauben geboten hätte, welche ohne 
Dazwischenkunft fremder Hände doppelt schmeckten. Um in 
den Rückweg doch eine kleine Abwechslung zu bringen, fuhr 
ich von Franzich den etwas ansteigenden Weg bis zur Post- 
strasse unter Castua, Hess meine ländliche Equipage an der 
Strasse (932' über dem Meere, Telegraphenstange Nr. 848) hal- 
ten und eilte zu der nach Messung um 269*2 höheren alter- 
tümlichen Pfarrkirche hinauf, bei welcher Gelegenheit ich auch 
von der berühmten Aussicht vor dem Stadthause profitirte. Aber 
schon war es 6*/« Uhr, als ich wieder auf die Strasse zurück- 
gekommen war. Die Sonne hatte sich auch schon hinter der 
nordwestlichen Gebirgsfortsetzung des Monte maggiore versteckt 
und ich verspürte nach der stärkeren, den Tag über bei ange- 
strengter Körperthätigkeit unvermeidlichen Transpiration eine 
mir nichts weniger als angenehme Kühle; jedoch es dauerte 
kaum eine Stunde und ich lief nach vollbrachtem Tagewerk 
wieder in den Hafen der Ruhe ein^ and ohne Beschämung 
kann ich es sagen, dass ich der Ruhe bedurfte. Nicht, dass die 
körperliche Anstrengung allein mich erschöpft hätte, vielmehr 
war es die geistige Aufregung, die Mannigfaltigkeit der Ein- 
drücke, deren einer den anderen so zu sagen verdrängte, was 
mich allmälig abspannte. Unterdessen hatte ich den Beweis ge- 
liefert, dass man, um 4 Uhr Morgens von Fiume aufbrechend. 



Ein Ausflug auf den Monte maggiore im Küstenlande. 45 

ohne einen grösseren Teil der Nacht zu verwenden, die Spitze 
des Monte maggiore besteigen, dort sich ein paar Stunden auf- 
halten und um 8 Uhr wieder in Fiume soupiren könne, was 
mehrere Herren, mit welchen ich Tags zuvor mein Reiseproject 
besprach, stark bezweifelten. Um wie viel wäre aber diese Ex- 
cursion erleichtert, wenn auf der Höhe von Vela Uzka ein 
Wirtshaus nur mit einem ganz einfachen, zur Unterkunft von 
ein paar Reisenden eingerichteten Gastzimmer anzutreffen, oder 
wenn an der Spitze des Monte maggiore, auch wol in der etwas 
tieferen Einsattelung eine Hütte aus Holz oder Steinen errichtet 
wäre, wie man sie auf andern Alpenliöhen findet, wo Holz und 
Steine oft viel schwerer zu haben sind. Und verdiente diese 
unbeschreiblich schön gelegene Bergspitze etwa diese Auszeich- 
nung nicht? Ich will mich nicht in meinem Lobe bis zur Be- 
hauptung versteigen, dass wenige Punkte des Erdballs eine so 
grossartige umfassende Rundschau bieten als der Monte mag- 
giore *) ; wol aber nehme ich keinen Anstand, mich dahin aus- 
zusprechen, dass ich unter den hundert und mehr Ilohenpunk- 
ten, die ich in den Alpen von der Schweizergränze bis an die 
Donau imd das adriatische Meer kennen zu lernen die Gele- 
genheit hatte, keinen fand, welcher der unbeschreiblichen Man- 
nigfaltigkeit des Bildes und der Leichtigkeit des Zuganges we- 
gen mehr verdiente besucht zu werden, als der grosse Wächter 
der istrischen Halbinsel, wie Kohl in seinem vortrefflichen Reise- 
handbuche den Monte maggiore ganz passend nennt. **) 

Ich lasse hier nun einen Anhang folgen, in welchen ich 
jene Höhenbestimmungen aufnahm, die ich bei meinem zwei- 
maligen Besuch Istriens auf Grund eigener barometrischer Beob- 
achtungen mir sammelte und die von praktischem Wert sein 
dürften, da sie sich auf die Hauptstrassenzüge beziehen, deren 
Profil sie repräsentiren, wärend die trigonometrischen Messun- 
gen des Generalstabes, wie sie A. Senoner im Jahrbuch der 
geologischen Reichsanstalt vom Jahre 1852 veröffentlichte, mehr 
die Bergspitzen und Anhöhen, als die Einbuchtungen des Ter- 
rains zum Gegenstand haben, die barometrischen Beobachtun- 
gen von K. Kreil aber, welche in derselben Sammlung aufgeführt 
sind, wegen ihrer geringen Zal auch annähernd zur Beurtei- 
lung eines Strassenprofiles nicht geeignet sind. 

Was die zalreicheren, durch H.Wolf im Jahrbuch der geolog. 
Reichsanstalt von 1863 mitgeteilten barometrischen Beobach- 



*) S. Istrien, historische, geographische und statistische Darstellung der 
istrischen Halbinsel. Triest, lit. art. Abteilung des österr. Lloyd. 1863. 

**) Reise nach Istrien, Dalmatien und Montenegro von J. G. Kohl. 
Dresden 1856. 2. Ausgabe. 



46 J. Trinker. 

tungen des Dr. G. Stäche und Bergrat M. V. Lipoid anbe- 
langt, so haben auch diese einen anderen Zweck und fallen 
nur teilweise mit meiner Reiseroute zusammen. Dabei habe ich 
zu bemerken, dass ich zu meinen Messungen mich eines Grei- 
ner'schen Heberbarometers bediente *) und dass mir die gleich- 
zeitigen Standbeobachtungen durch die Güte des Herrn Dr. F. 
Schaub, Director der Handels- und nautischen Akademie in 
Triest zugingen, dem ich hiemit auch öffentlich meinen Dank 
erstatte. Und nun zum Schluss noch ein paar freundliche Winke 
für Touristen, welche Istrien besuchen wollen. 

Abgesehen von gut besohlten Schuhen oder Stiefeln, die 
auf Lehmboden wie auf KalkgeröUe ihre Schiddigkeit thun, 
empfehle ich als hauptsächliche Agenden einen nicht zu schwe- 
. ren Plaid und einen tüchtigen Stock. Ich lernte die Wolthat 
des ersteren bereits auf meiner vorletzten Reise im Monate Juli 
kennen. Die Hitze in den oft von allen Seiten geschlossenen 
Niederungen des inneren Teiles der Halbinsel ist erdrückend. 
Kommt man dann in Schweiss gebadet wieder auf die kahlen 
Plateaus und Bergspitzen, so wird man häufig von einem Winde 
begrüsst, der mit einmal die Transpiration hemmt und die be- 
denklichsten Krankheiten zur Folge haben kann. 

Was den Reisestock betrifft, so empfele ich -ihn hier nicht, 
um der bei Gebirgsreisen gewohnten Trias das Wort zu reden, 
sondern vielmehr um den Reisenden ein kräftiges Mittel an die 
Hand zu geben, sich vor den besonders im inneren, slavischen 
Teil der Halbinsel sehr lästigen und zur Nachtzeit sogar ge- 
föhrlichen Hunden zu erwehren. Es ist eine Hundera9e, welche 
eine täuschende Aehnlichkeit mit dem Wolfe hat, und diesem aa 
Farbe, Gestalt und Wildheit viel näher steht, als jene Wolfs- 
hunde, welche auf ungarischen Puszten den Fussreisenden in 
eine nichts weniger als idyllische Stimmung versetzen. 

Bezüglich der Sprache muss ich noch anfahren, dass ich 
mich mit dem Italienischen fast überall zurecht fand. Es ist 
die italienische Sprache die Sprache eines Jeden, der auf Bil- 
dung Anspruch macht, und in den Küstengegenden spricht auch 
der Bauer meist italienisch. Weniger darf man sich auf die 
deutsche Sprache verlassen, welche mit Ausnahme des Militärs, 
einiger Beamten und Handelsleute sonst seltener verstanden wird. 



*) S. Jahrbuch des österr. Alpenvereines von 1865. III. und BuUettino 
del Club Alpino Italiano. Torino 1868: Die gemessenen Höhen der Provinz 
Belluno und Umgebung. 



Ein Ausflug auf den Monte maggiore im Küstenlande. 



47 



Höfaenbestimmungen in Istrien 

iii den Jahren 1S67 und 1S68. 
Von J. Trinker, k. k. Bergrat. 



Höhe 

über dem 

Meeresspiegel 

in Wr. F. 



3 
4 
5 
G 

7 

8 

9 

10 

11 

12 

13 

U 
15 
16 
17 
18 
19 
20 



Kovigno, die Euphemiakirche, 3' über dem Kireben- 
pflaster 

Villa di Rovigno, höcbster Punkt der Strasse im 
Dorfe 

Confanaro, der Fuss des Glockenthurmes . . . . 

Gimino, der Hauptplatz am grossen ^irgelbaum*) 

Galignano, der Fuss des Glockenthurmes .... 

Pedena, am Fusse des unvollendeten Thurmes im 
Innern der Stadt 

Vair Arsa, tiefster Punkt der Strasse zwischen Pe- 
dena und Sumberg 

Set. Domenica, Mitte des Dorfes, 3' über der Strasse 

Albona, untere Stadt, der Hauptplatz am Kaffeehaus 

Albona, obere Stadt, am Glockenthurme, 3' über 
dem Boden 

Albona, Arbeiterspital der Steinkohlen-Gewerkschaft 
. zu ebener Erde 

Carpano, 1. Stock des Amtshauses der Istrianer 
Steinkohlen-Gewerkschaft**) ........ 

Stolie, das Kohlenmagazin der Gewerkschaft am 
Hafenplatze des Arsakanals 

Pontera, der Dorfplatz 

dto. die Kirche 

Barbana, das Haus des Hrn. Battel zu ebener Erde***) 

Saini, das Pfarrhaus zu ebener Erde 

I Dignano, der Stadtplatz gegenüber dem Bezirksamte 

Polaj Hotel nazionale, 2. Stock 

Set. Vincenti, die Kirche 



*) Misst nahe 20 Wr. Fuss im Umfange und hat im InndHi 
einen hohlen Raum, worin sich leicht 3 Männer bergen können. 
Ist vielleicht das älteste und bedeutendste Exemplar des von 
dem Italiener Adouio, von den Slaven Ligonja genannten 
Celtis ^australis, eines hauptsächlich nur den Küstenländern des 
Mittclmeeres eigenen, nahe zu 20ü0' Meereshöhe hinaufreichenden, 
sehr geschätzten Baumes. 

**) Kohlenbergbau in einer öden Thalschlucht an der Grenze 
des Kreide- und Nummulitenkalkes. Erzeugt alljährlich über 
400;000 Zentner der besten Braunkohle. Der in neuerer Zeit 
angelegte Franz Josef-Schacht reicht bereits 13 Klafter unter 
das Meeresniveau. 

***) Beachtenswert sind in diesem abgelegenen Marktflecken 
die öffentlich (an der Loggia des Gemeindehauses und am Tbore 
des Castells) angebrachten steinernen Hohl- und Längenmasse 
aus den Zeiten der venetianischen Republik, eine sehr prak- 
tische Cimentirungseinrichtung der Vorzeit. 



114-7 

488-7 

861-0 

1225-8 

1408-1 

1096-7 

83-4 
950-9 
951-6 

1036-9 

846-8 

160-7 

4-0 
772-4 
802-3 
745-5 
924-6 
409-8 
50-5 
988-8 



48 J. Trinker. Ein Ausflug auf den Monte maggiore im Küstenlande. 



o 



Standort 



Höhe 
über dem 
Meeresspiegel 
in Wr. F. 



21 

22 
23 
24 

25 

26 

27 
28 
29 

30 

31 
32 
33 

34 
35 
36 

37 

38 
39 

40 

41 

42 
43 

44 



Pisino, das Gasthaus zunächst ober der Pferdepost, 
1. Stock 

Pisino, höchster Punkt der Poststrasse gegen Caroiba 

Caroiba, Poststrasse in Mitte des Dorfes .... 
dto. Thalsohle, tiefster Punkt der Strasse zwi- 
schen Caroiba und Montona 

Montona, die Höhe der Strasse zwischen Caroiba 
und Montona 

Montona, die Strasse unmittelbar unter der Stadt 
beim Carlo Sadu'schen Hause 

Montona, obere Stadt, die Hauptkirche .... 

Quieto, Ufer desselben an der Brücke unter Montona 

Grotta di Set. Stefano bei Montona, im Felsenkeller 
des Badwirtshauses 

Sovignaco (Set. Pietro) die Alaunfabrik, an der 
Directors Wohnung zu ebener Erde 

Sovignaco, das Dorf auf der Höhe, die Kirche . . 

Visinada, die Kapelle in der Nähe der Pferdepost 

Buje, das Gasthaus zur eisernen Krone, zu ebener 
Erde 

Capodistria, das Postamt, zu ebener Erde . . . 

Fiume, das Gasthaus zum Stern, 1. Stock . . . 

Franzich, Dorf auf dem Wege nach Yeprinaz, das 
Wirtshaus, zu ebener Erde 

Veprinaz, der Glockenthurm der alten Pfarrkirche, 
höchster Punkt des Bergvorsprunges 

Veprinaz, die obersten Weingelände 

Vela Uzka, höchster Punkt der Strasse .von Fiume 
nach Pisino 

Vela Uzka, die Strassenräumersw-ohnung, zu ebener 
Erde 

Monte maggiore, die höchsten Buchen am östlichen 
Waldsaume, 

Monte maggiore, an der Triangulirungs-Pyramide 

Castua, die Poststrasse unter der Stadt, an der Te- 
legraphenstange Nr, 848 

Castua, die Kirche im obersten Teile der Stadt, an 
der grossen Linde 



861-2 

12130 

855-2 

690-4 

896-3 

537-6 

873-1 

67-1 

91-7 

92-8 
921-9 
831-9 

631-4 

47-8 
30-0 

708-3 

1642-9 
1752-1 

3068-4 

2791-9 

4438-0 

4478-8 

932-0 
1201-2 



Besteigung des Gross-Glockners 

n Kais ans mit Benützung der nenen Hütte anf der Vanit- 
scharte (Stndlhütte) am 9. und 10. Angnst 1868. 

Von Johann Tschandera. 



Am 8. August 1868 war ich Nachmittags 3 Uhr von Lienz 
r in W. Matrey angekommen , engagirte sofort einen Weg- 
)iser, welcher zugleich mein Gepäck über's Kalserthörl tragen 
Ute, und trat mit selbem den Weg dahin unverzüglich an. 

Um 6 Uhr 40 Minuten beim Kreuz am Thörl angelangt, 
rd ich von der Schönheit und Grossartigkeit der (im 3. Jah- 
ibuche des österr. Alpenvereines unter „Einige Aussichtspunkte 
den Alpen **, Post 34, vom k. k. Obersten Herrn C. von 
iklar erwähnten) Aussicht derart ^überrascht, dass ich in 
sem freudigen Augenblicke mich im Geiste wenigstens zu 
n Vorwurf hinreissen liess, es sei dieses exacten Aussichts- 
iktes mit viel zu wenig Emphase gedacht worden. Ich muss 
tehen, dass ich auf einem interessanteren Punkt dieser Art, 
man eine zwar nicht sehr grosse, aber desto gewähltere Ge- 
schäft von Bergen ersten Ranges bis in ihr kleinstes Detail 
chauen kann, noch nicht gestanden bin. 

Möglich, dass der im erwähnten Aufsatze (Post 35) so an» 
lend geschilderte Stanziwurthi bei Döllach — den ich noch 
lit bestiegen — das Matrey-Kalserthörl noch übertrifft, da. 
jer ebenfalls sehr nahe den höchsten Spitzen der Hochtauem- 
te liegt. 

Am Thörl wird der Blick des Beschauenden zunächst auf 
i in erdrückender Herrlichkeit gegen Nordost sich aufthür- 
nden Gross-Glockner mit seiner hier recht deutlich ausge- 
Igten Doppelspitze hingezogen. Von hier schon sieht man 
i berüchtigte Schartl. Ausser diesem weissen Streifchen prä- 
itirt sich . der Glockner als schwarzes Felsgebilde. Erst in 
deutender Tiefe, wo der Absturz der südwestlichen Glockner- 

4 



50 Joh. Tscliandera. 

wände weniger steil zu werden beginnt und sieh allmälig in 
Mulden verläuft, sind Keeslager eingebettet. 

Gegen Nordwest zu dehnt sich der Glocknerkamm zackig 
bis zu jener tiefen Depression aus, welche den Glocknerstock 
von der Romariswand und damit auch von dem Hauptrücken 
der Tauernkette loslöst. 

Weiterhin nach Nordost und West verläuft sich die eis- 
bepanzerte Fortsetzung der Tauern mit dem Kastenberg über 
den Kalsertauern am nahen Meldezkogel. Die weit mehr im 
Vordergrunde liegenden Gaminitz-Grauenkogel (Rolfferner, Son- 
klar) und Laimetkopf sind durch den vorliegenden Bergkamm 
selbst gedeckt. 

Auf der Matreyer Seite schauen .die grauen Zacken der 
Bretterwände schroff herüber. 

Dann folgen die hohen Satelliten des Gross- Venedigers 
und noch weiter nach links die riesigen Furchen des Virgen- 
und Teffereggenthales , wovon ersteres dem Blicke des Be- 
schauers in seiner ganzen Länge erschlossen daliegt, mit all' 
seinen Ortschaften und einzelnen Gehöften und mit seinem weiss 
bekrönten hohen Verschluss gegen das Zillerthal, in welchem na- 
mentlich die Dreiherren-, Simony- undRödlspitze mächtig aufragen. 

Prächtig nimmt sich der Scheiderücken zwischen dem Virgen- 
und Teffereggenthal aus, dessen höchster Gipfel der Lasörling ist. 

Dieser, sowie die weiter gegen Matrey vorgeschobenen 
Bergesgipfel tragen weisse Felder an ihren Nordabhängon. Die 
grosse Furche des Matreyerthale» ist ebenfalls bis an die Un- 
holde bei Lienz und teilweise bis zur Thalsohle sichtbar, obschon 
Lienz selbst durch vorliegende Berge dem Blicke entzogen ist. 

Noch weiter nach links beginnt das Gebirge aus dem 
Iselthale wieder energisch anzusteigen, um in dem weit hinab 
begletscherten Hochschober seine Culmination zu erreichen. 
Endlich schauen zwischen dieser Gruppe und dem eigentlichen 
Glocknerstock noch die Leiterbergköpfe herüber und dürften 
auch der hohe Narr imd andere hohe Häupter der Tauernkette 
in nord-östlicher und östlicher Richtung über das Berger- und 
Beischlag-Thörl herüber lugen. Doch hinderte damals eine vor- 
liegende Nebelschichte die Aussicht in dieser Richtung. 

Die Zeit war rasch verstrichen und es trat viel schneller, 
als mir lieb war, die Dämmerung ein, und da auch mein Weg- 
weiser wiederholt erinnerte, dass wir noch an 2 Stunden und 
mitimter steilen Weg hinab nach Kais hätten, verliessen wir 
diesen herrlichen Aussichtspunkt, ohne vorher noch auf den 
nächsten höheren Aussichtspunkt in dieser Kette gestiegen zu 
sein, von welchem jedenfalls das Panorama sich noch imposanter 
entfalten muss. 



Besteigung des Groes-Glockners von Kais aus. 51 

Wir stiegen also eilig nach:. Kais zu hinunter und hielten 
m untern Wirt Einkehr. Noch am selben Abend besprach 

mich mit dem Wirt wegen Engagement von Führern für 

Glocknerfahrt. Derselbe empfal mir seine beiden Brüder 
pert und Thomas Groder. Als ich diese zu sprechen wünschte, 
te mir der Wirt den einen, „Thomas", herbei, bei dessen An- 
3k ich die Frage nicht unterdrücken konnte, ob denn 

Kaiser Führer alle solche Riesen seien, worauf mir der 
rt erwiderte: „das ischt der Kloane". Sodann öffnete 
[i die Thüre und es erschien in der That ein Mann, noch 
e Faust höher als Thomas, von martialischem Aussehen, ge- 
1 welchen ich mich wie ein zwöliQähriger Knabe ausgenommen 
)en mochte; dieser Mann war Rupert. — Mein Vertrauen 
r festgestellt. 

Die Kostenfrage war bald erledigt und es wurde beschlossen, 
L folgenden Tag, Sonntag Nachmittag, bis zur neuen Hütte anzu- 
gen, den Vormittag aber mit Nichtsthun zuzubringen, was 
' um so rätlicher erschien,« als ich am Samstag den Weg von 
nklern über den Isel nach Lienz und von Matrey über's 
3rl zurückgelegt und die Glocknerpartie vor mir hatte. 

Bei dieser Gelegenheit muss ich mit Bezug auf die vom 
rrn Dr. v. Ruthner im letzten Vereins-Jahrbuche, Seite 395, 
lachte Bemerkung, dass die neue Glocknerhütte eigentlich 
dlhütte heissen soll, anfuhren, dass diese Hütte in der That 
on, wenigstens in Kais, unter dem Namen Studihütte gang 
L gebe ist. 

Am 9. machten wir uns Nachmittags V,3 Uhr reisefertig 
L von den^besten Wünschen der anwesenden Kaiser, worunter 

Herr Pfarrer, begleitet, stiegen wir erst sehr langsam, dann 
aer mehr und mehr in das richtige Tempo konmoiend, den 
initzgraben hinan. Unterwegs ein paar recht hübsche Was- 
^Ue in Sicht, wovon besonders der über eine riesige Stein- 
tte in drei breiten und vielen kleinen Stralen tmgefähr 15 
,fter abstürzende Ködnitzbach ein des Pinsels würdiges Bild 
fc, gelangten wir, meist massig bergan steigend, unterlegt mit 
zen Stücken ebenen Bodens, bald über die Baumregion hin- 
, an dem bisherigen Nachtquartier, der nun unbenutzten Jör- 
liütte vorüber, über einige schwindelige, bloss aus einem 
malen Pfosten hergestellte Stege über die wildbrausende 
initz. 

Dann ging es über zwei, von Lawinen stammende und 
a Bach stark unterwaschene Schneebrücken, eine steile Ge- 
ihalde hinan, welche dem ungeübten Bergsteiger schon etwas 

mgenehm werden dürfte. 

4* 



52 Joh. Tschandera. 

Die Uhr zeigte sieben, noch eine kurze Strecke steinigen 
Weges und wir standen auf der Vanitscharte im Anblicke der 
Studihütte, welche auf den ersten Blick das Aussehen eines in 
Mörtel gelegten Bruchsteinmauerwerkes hat, so fleissig und sau- 
ber sind die glatten Steine abgearbeitet und ineinandergefügt. 
Dieser ganze A^lx Stunden lange Weg wurde unter fröhlichem 
Geplauder unvermerkt zurückgelegt. 

Der Platz, auf welchem die Hütte steht, ist ein Schutt- 
plateau, welches mancherlei Unebenheiten, einige trichterförmige 
Vertiefungen darbietet und sich offenbar aus abgerutschtem 
Materiale des das Ködnitz- und Teischnitzkees trennenden Fels- 
kammes gebildet hat 

Das Aussehen dieses zur Errichtung einer Nachtstatioi 
für Glocknerbesteiger sehr glücklich gewählten Platzes ist sehr— 
rauh und ernst, von einer Vegetation nichts zu sehen , lunschlos — 
sen von verwitterten Felszacken. Der nächste eisige Nachbacr" 
dieses hochalpinen ßefugiums ist der Ködnitzgletscher, 

Bevor wir die Hütte betraten, stiegen wir noch einig^^ 
Minuten das Plateau entlang in eifrigen Meinungsaustausctn 
über die wahrscheinliche Entstehung desselben vertieft, da 



plötzlich fiihlte ich mich an beiden Rockschössen wie in eine 
Schraubstock eingeklemmt, so dass ich den schon zum Schritt 
aufgehobenen Fuss wieder niederzusetzen gezwrmgen war. 

Was ist das? Groder der Grosse hatte meine Rockextre- 
mitäten in seiner Faust und bemerkte in unnachahmlicher Komit, 
dass das Weitergehen hier verboten sei. Und in der That sah 
ich, dass ein — zwei Schritte weiter eine senkrecht abstürzende 
Felswand von einigen hundert Fuss Höhe vor mir lag, welche 
ich ohne Groder's Faust unfehlbar hinabgestürzt wäre. 

Ich wusste nun, warum sich dieGroder's ordentlich echauffirt 
hatten, mich in's Gespräch mit Augen und Ohren zu ver- 
wickeln. 

An anderer Stelle werde ich noch weitere Daten aus dem 
naturwüchsigen Humor der Groder's erwähnen. Hier sei nur 
bemerkt, dass sich meinen Augen ein ausserordentlich über- 
raschendes Bild darbot. 

Das Plateau ist in der Richtung gegen den Glockner, der 
Romariswand und der Zollspitze zu, auf einer bedeutenden 
Länge seiner Umrandung von ungefähr 500 bis 1000 Fußs 
senkrecht abfallenden Felswänden begränzt, welchen gegenüber 
der Gamsspitz (Sonklar) liegt, der einen Gletscher in die Tiefe 
entsendet. Dieser Gletscher ist grau. Ein anderer vom Glockner 
herabkommender Gletscherstrom (Grumidgletscher, Sonklar) 
ßtosst an denselben und ist weiss, mit all der blauen und grün- 
lichen FarbenschiUerung, welche anderen Gletschern, z. B. der 



\ 



Besteigung des Gross-Glockners von Kais aus. 53 

^asterze, eigen ist. Diese Gletscher, 1000 Fuss tief unter unse- 
em Standpunkte liegend und die Felswände reibend, auf wei- 
hen wir standen, geben ein Bild gräulicher Grösse der Hoch- 
ebirgswelt. 

Dieses grauen Gletschers ist in Schaubach's „deutsche 
Jpen," dann in Amthor's „Tiroler Führer" insoweit Erwähnung 
ethan, dass derselbe graues Kees genannt wird; dass aber das 
!is des Gletschers auch wirklich von grauer Farbe ist, wird 
icht gesagt. 

Warum der Gletscher grau ist? 

Meine erste Frage an die Führer war, warum der Gletscher 
3 schmutzig aussieht, als wenn ei* von grauem Granitsand be- 
eckt wäre. Diese belehrten mich aber, dass er auch dieselbe 
'arbe hat, wenn man mehrere Fuss tief in das Eis hineingräbt, 
nd in der That zeigen einige Spalten die gleich graue Farbe, 
j weit der Blick hinab zu dringen vermag. Wärend wir so 
astanden, um das überraschende Bild recht giündlich in uns 
ufzunehmen, ersah ich einen noch näher an der Felskante lie- 
;enden Standpimkt, trat auf denselben, und nachdem ich es ab- 
elehnt hatte, meine Rockschosse der Sicherheit wegen in Gro- 
er's Faust nehmen zu lassen, sondern von diesem neugewähl- 
en, jedenfalls ganz festen imd sicheren Standpunkte aus mit 
stwas vorgebeugtem Oberkörper die Tiefe fixirte und wieder 
lurücktrat, sprach Rupert zu Thomas: „Siegst, da Herr ischt 
löd a mol kopfschiech." 

Inzwischen trat die Dänmierung ein und wir schritten der 
iütte zu, vor welcher ein Tisch und zwei Bänke aus Stein- 
)latten practicabel hergerichtet sind, so dass man den da oben 
breimal nötigen Imbiss in voller Gemütlichkeit einnehmen kann, 
jeider war mir nicht so wol, wie ich es hätte haben können, 
vrenn ich nicht gegen den im 1. Jahresbuch des Vereines, Seite 
W3, gegebenen Wink gesündigt hätte, und ich führe diesen 
Jmstand vorzüglich als warnendes Beispiel hier an. Die Kaiser 
ind gewiß® recht liebe, gute Leute, welche flir ihre Sitten und 
xebräuche so wenig wie ftir ihre Lebensweise verantwortlich 
gemacht werden können, um so weniger, als sie sich beim Ge- 
lusse des Bockfleisches und sonstiger Delicatessen recht gesund 
md wol befinden. Ich meinte damals beim Lesen des vorcitir- 
:en Artikels annehmen zu dürfen, dass der Autor desselben, an 
lucullische Genüsse gewöhnt, bloss desshalb die Nahrung der 
Kaiser nicht anratet ; aber ich sollte eines Anderen belehrt wer- 
den. Am Abend des vorherigen Tages hatte ich mich nämlich 
in bester Hoffnung auf Befriedigung des schon sehr ungestüm 
gewordenen inneren Menschen an einen Kaiser Braten gewagt, 
uad, ohne Zuhilfenahme des Geruchsorganes, richtig einen Bissen 



bC 






Besteigung des Gross- Glockners von Knls aus. 55 

^waren die Groder's auch aufgestanden; der Eine machte ein 
Feuer mit vielen Hindernissen an und kochte eine grosse Menge 
unaussprechlichen CafFee, wärend der Andere das Rüstzeug, 
Seil, Hacke, Steigeisen, Laterne, dann die erforderliche Lebens- 
mittelration sammt Wein ordnete und in seine Kraxe verpackte. 
Nach dem wieder im Freien genossenen Caffee traten wir 
^/^ über 3 Uhr unsere Wanderung an, stiegen, zunächst jene 
Stelle des Plateaus, wo wir gestern den grauen Gletscher be- 
Tvnnderten, links lassend, den Ködnitzgletscher entlang auf dem 
steinigen Boden des rechten Gletscherufers aufwärts bei hellem 
Mondschein, daher ohne Laternenlicht, bis die Führer nach 
ungefähr V* Stunden die passende Stelle erkannten, an welcher 
der Ködnitzgletscher betreten werden sollte. 

Hier wurden die Fusseisen angeschnallt und fand das Zu- 
sammenhängen an das Seil auf übliche Weise statt. 

Inzwischen fing der Mond an, vor dem heranbrechenden 
Tageslicht zu verblassen und wir begannen unsere Wanderung 
auf den in einer grossen Mulde eingebetteten Gletscher, welcher 
hier sanft gegen die Tiefe der Mulde abfällt, um denselben in 
weiten Bogen zu überschreiten. Der Gletscher war teilweise 
ganz schneelos, teils aber mit Schnee von zweifelhaftem Alter 
überdeckt. Die Schneebrücken waren alle probehältig und wur- 
den wir nicht ein einziges Mal gezwungen, Spalten auszuwei- 
chen. Der Anstieg gegen die Adlersridie jedoch ist sehr steil und 
weist auch einige respectable Risse auf, deren Uebersetzung 
ohne feste Schnecüberbrückung um so fraglicher werden dürfte, 
als das Eis rechts und links des von uns betretenen Weges 
noch mehr zerklüftet und überdies an einer Stelle von Abstür- 
zen bedroht ist, welche von dem am Verlauf der kleinen Glock- 
nerspitze überhängenden Gletscher sehr häufig stattfinden. 

Der vorausgehende Führer machte auf den „Sticklen" (stei- 
len Stellen) in der primitivsten Art Fussstapfen, indem er den 
Firn mit den bewaffneten Füssen bearbeitete, so dass wir zwei 
Andern in der Kette dann leicht nachsteigen konnten. 

Um 6 Uhr waren wir auf .der bekannten Adlersruhe an- 
gelangt und lagerten uns um das letzte Gletscherwasser-Bächlein 
herum zu einer halbstündigen Rast, bei welcher meine guten 
Qroder dem mitgenommenen Proviant ordentlich zusetzten. Ein 
Glas mit Gletschermilch verdünnten Tiroler Rothweins löschte 
meinen Durst und erfrischte mich wieder zu der letzten und 
emstlichsten Arbeit, welche wir noch vor uns hatten. 

Hier mag es angezeigt sein. Jeden, der sich nicht einer 
absoluten Schwindelfreiheit bewusst ist, oder dem die nachfol- 
genden Strapazen zu schwer werden, zu erinnern, dass er sich 
mit dem grossartigen Bilde, welches sich schon hier seinen 



56 Joh. Tschandera. 

Augen darbietet, begnüge und entweder wieder nach Kais oder 
nach Heiligenblut zurückkehre; denn der Weg nach aufwärts 
nimmt noch viel Zeit und harte Arbeit in Anspruch und ist 
nicht ohne Gefahren. 

Nach mehr als halbstündiger Rast setzten wir, nachdem 
alles Entbehrliche hier zurückgelassen und wir wieder am Seile 
verbunden waren, unseren Weg gegen die kleine Glocknerspitze 
fort. Am Fusse derselben mussten wir zwei Hintersten Halt 
machen und warten, bis der Vordere (Thomas) auf die Länge 
seines Seilstückes Stufen in das harte Firneis in schräger Rich- 
tung hinauf zu eingehauen hatte, dann kam die Reihe zum. 
Nachsteigen an mich und zuletzt an Rupert. Nachdem wir* 
alle drei beisammen waren, ging Thomas stufenhauend nacli. 
entgegengesetzter Richtung auf die Länge des Seiles aufwärts 
und wir in gleicher Weise wieder nach, bis die sehr steile eisigö 
Bahn in einigem Zickzack überwunden war. 

Nun standen wir an der aperen (schneelosen) Felsrippe, 
welche einige Fuss breit sich steUer noch erhebt, als die Firn- 
ötrecke. Hier hörte nun das eigentliche bergrechte Steigen auf 
und es begann ein Klettern mit Händen und Füssen, an dem 
sehr stark zerrissenen und verwitterten Chloritschiefergrat aufwärts. 

Es kommen auf demselben senkrecht stehende Platten vor, 
von 6 — 8 Schuhe Höhe, welche das weitere Vordringen absolut 
zu verwehren scheinen, und sind die meisten neben diesen Plat- 
ten vorstehenden Zacken so locker, dass es nicht möglich ist, 
daran sicheren Halt zu finden. 

Die nicht wackeligen Anhaltspunkte für Hände und Füsse 
müssen hier für jede weitere Bewegung nach aufwärts mit aller 
Vorsicht gesucht werden, und hier kommt der Wert der Führer 
zur Geltung, welche dem ihnen anvertrauten Fremden jeden 
Felszacken als Handgriff und jede bisweilen kaum zollbreite 
Rippe an einer Steinplatte zeigen, auf welcher er sich mit den 
Fingern anklammern und mit den Spitzen der Steigeisen fest- 
stellen kann, um den Körper weiter und wo nötig, mit Hilfe 
des Seiles, aufwärts bringen zu können. 

Doch wozu eine weitere Ausführung dieser ermüdenden 
und gefährlichen Arbeit; Bergsteiger von Erfahrung kennen 
sie, und wer selbst noch nie über solche Felsleitern geklettert 
ist, kann sich aus der besten Erzälung nicht vollkommen die 
Lage versinnlichen. 

Genug, wir stiegen mit grossem Zeitaufwande sehr lang- 
sam, aber desto vorsichtiger jeden Fuss weiterer Höhe gewin- 
nend, und gelangten in IV2 Stunden von der Adlersruhe auf das 
Plateau der kleinen Glocknerspitze. Plateau? ja wol, aber ein 
sehr gefährlich aussehendes Plateau, bei dessen Ansehen es 



Besteigung des Gross- Glockners von Kais aus. 57 

scheint, dass die zwar aufeinanderliegenden zerbrochenen und 
verwitterten Platten, welche teilweise überhängend sind , um- 
kippen müssten, wenn sich ein paar Menschen darauf stellen 
würden. 

Von. hier sieht man erst die, wärend des Aufijteigens zur 
kleinen Spitze verdeckt gewesene grosse Spitze, noch beträcht- 
lich, man sagt über 100 Fuss, in die Lüfte ragend und so nahe, 
dass man glaubt mit dem Bergstock hinüber langen zu können* 
Aber das ist Täuschung. Ein Bhck in die Tiefe der zwischen 
der kleinen imd grossen Spitze liegenden, nur von angewehtem 
Firnschnee gebildeten Scharte belehrt uns sogleich eines An- 
deren. Es ist nicht sehr tief hinunter in dieses Schartl, etwa 
5 Klafter war es diessmal tief und die Länge desselben war 
vielleicht 20 Fuss; aber es ist entschieden der härteste Probir- 
stein hinsichtlich der Schwindelfreiheit. 

Thomas war schon, während Rupert und ich auf der kleinen 
Spitze verweilten, hinunter gestiegen imd hatte Fussstapfen in 
den ursprünghch vollkommen schneidigen Schneegrat, ungefähr 
2 Fuss tiefer als die Schneide und rechts derselben, eingehauen, 
so dass sich zur Linken eine sehr dünne Schneewand bildete. 
Jenseits derselben, sowie diesseits unmittelbar neben den Fuss- 
stapfen war die Steilheit der Schneewand enorm. 

Der ganze Schneekörper hatte nun nach dieser Herrich- 
"tixng oben- an den Fussstapfen kaum 12 Zoll Breite. 

Wir stiegen mit aller Vorsicht in das Schartl hinunter und 
"^xi dem Schneegrat angelangt, bemerkte ich zum erstenmal 
"Wärend der ganzen Wanderung den Ernst der Situation auch 
itx den Gesichtern meiner Führer ausgeprägt. Thomas war be- 
i'eits jenseits der Scharte und hatte dort Posto gefasst, mit beiden 
Iländen das Seil haltend. 

Nun kam die Beihe des Nachsteigens an mich. Ich muss 
gestehen, dass mir gerade dieses gefiirchtete Stückchen Weges 
gar keine Schwierigkeiten gemacht hat. Ich schritt sehr lang- 
sam, vor jedem Schritt den Bergstock in dasselbe Loch im 
Schnee fest eindrückend, welches Thomas vorher mit seinem 
Stock gemacht, und darnach erst jedesmal den freiwerdenden 
Pubs in die fertigen Stapfen setzend, vorwärts, und gelangte so 
ohne jede grausige Anwandelung hinüber zu Thomas, welcher 
bei jedem meiner Schritte das Seil gerade so viel an sich gezo- 
gen hatte, als Rupert von demselben nachliess und als nötig 
war, um dasselbe ohne Spannung immer kurz genug zu halten. 
Das Seil straflf anzuspannen, um es quasi als Geländer be- 
nützen zu können, halte ich für schlecht Den sichersten Halt 
wärend des Schreitens müssen der Stock und der Fuss geben, 
nut welchen man in der Stapfe stehen bleibt, und wärend des 



58 Joh. Tschandera. 

Uebersctzens des Stockes beide Füsse, mit fest in die Stapferu 
eingedrückten Steigeisen. Der Schnee gibt nicht nach, wemu 
man sich auch mit der ganzen Wucht des Körpers auf den* 
bewaffneten Schuhsohlen unsanft niederlässt. Einen Fuss zun* 
Ausschreiten erheben und gleichzeitig den Stock aus dem Schnee 
herausziehen, um ihn weiter zu setzen, ist gefährlich. 

Drüben angekommen, begannen wir unverzüglich dei^ 
letzten Anstieg auf die hohe Spitze. Diese letzte Arbeit i^ 
nicht mehr so arg, jedenfalls nicht ärger als die Erkletterun^ 
der kleinen Spitze, obschon die Steilheit nahezu die gleiche i&-% 
Um 9 Uhr standen wir auf der grossen Spitze, welche diessm^n 
ganz schneelos war, und zwar bei einer Temperatur von viöj 
leicht 10** Wärme. 

Das eiserne Triangulirungszeichen steht um circa 3 Fass 
tiefer in Stein eingelassen, und noch einige Fuss tiefer stet^ 
der eiserne Sockel, in welchem offenbar einst das in zwei Stücken 
zur Seite liegende eiserne Kreuz befestiget gewesen ist. Die 
Hülse in diesem Sockel, welche derzeit mit mehr weniger ver- 
westen Visitkarten ausgestopft ist, weist darauf hin, dass die zur 
Seite liegenden, mit Steintrümmern niedergeschwerten zwei kaum 
1 Zoll dicken Stangen, einst zu einem Kreuze aufgerichtet wa- 
ren, welches in besagter Hülse eingelassen gewesen sein mag. 

Die höchste Erhebung ist ein spitziger Stein, welcher über 
dem letzten Platz, worauf überhaupt nur ein Mensch be- 
quem stehen, nötigenfalls auch sitzen kann, noch 15 — 18 Zoll 
emporragt. Von den zu gleicher Zeit auf der aperen Glockner- 
spitze befindlichen Personen kann also nur eine auf der höch- 
sten practicablen Stelle stehen, wärend die anderen auf ein 
und einige Fuss tieferen Stufen stehen. Diess überraschte mich 
umsomehr, als mir aus allen bisherigen Mitteilungen bekannt 
war, dass sich da oben ein kleines Fimschneeplateau , nach 
Amthor sogar 20 Fuss lang, befinden soll, auf welchem mehrere 
Personen Platz finden. Es mag dies zu anderen Zeiten wol 
seine Richtigkeit gehabt haben, aber diessmal war es gründlich 
anders. 

Beim ersten Betreten des höchsten Punktes drehte ich 
mich • zunächst einigemal rasch um meine eigene Achse und 
glaubte das Bild der Rundschau, so wie der Durstige den la- 
benden Trunk, in einem grossen Zuge in mich aufnehmen zo 
müssen; aber, obgleich mir dasselbe wie ein alter Bekannter 
erscheinen sollte, dessen Physiognomie ich mir aus dem Pemhardt- 
schen Panorama tief eingeprägt hatte, so musste ich doch gleich 
fahlen, dass das von Menschenhand so meisterhaft ausgeführt® 
Bild ebensowenig als Schrift und Sprache das Mittel ist, nin 
den Eindruck auf einen Andern zu übertragen, welchen das vor • 



I. 



Besteigung des Gross-Glockners von Kais aus. 59 

nseren Augen offen daliegende Originalwerk der Schöpfung in 
ns hervorruft. 

Wer dieses freudige Gefiihl der Ueberraschung und des 
taunens kennen lernen will und wer aus den riesigen, vor sei- 
en Augen daliegenden unvergänglichen Paragraphen der Schö- 
fiingsgeschichte lesen will, der muss selbst da hinauf steigen, 
^Ibst sehen und selbst fiihlen, denn auf dem Wege menschlicher 
[itteilungen und Uebertragungen bleibt er ewig — ein Fremder. 

Der erste Rundblick belehrt, dass man auf einem Aus- 
chtspunkt ohne Begränzung sich befindet. Alle sichtbaren 
ergesgipfel befinden sich unter dem Horizont des eingenom- 
lenen Standpunktes und schauen in mehr und weniger devoter 
[altung zum Beherrscher Grossglockner empor. Die allerdings 
och höhere Ortlerspitze liegt in so grosser Entfernung, dass sie 
Is Hinderniss im Gesichtskreise nicht in Betracht kommen kann. 

Zunächst wird das Auge auf das in nördlicher Richtung 
D nahe liegende Vischbachhorn gelenkt, welches, weisser noch 
vie die begletscherte Fläche, auf welcher es sich erhebt, so 
chön als kühn in die Luft ragt. Sodann ist es aber die beeisto 
lasse des nordwestlich liegenden Gross- Venedigerstockes, die 
las Auge fesselt und welche sich entschieden als nächster Can- 
lidat für den Hochtauemthron prachtvoll präsentirt, wenn ein- 
ual der Grossglockner abdanken sollte. Zwischen diesen beiden 
löchsten Individuen liegt schon eine Unzal von Bergesspitzen, 
backen und Kuppen bis zum zahmen Gaisberg bei Salzburg 
linab; doch ich musste Ordnung in meine Revue bringen und 
asste zuerst das Nächstliegende in's Auge. Da ist es vor allem 
andern der Circus der Pasterze mit seiner riesigen Umwallung, 
velcher ein Bild der Gletscherwelt von unbeschreiblicher Schön- 
leit und Grossartigkeit gibt. Unmittelbar aus der ganzen Glet- 
jcherdecke des Glocknerstockes aufragend ist das schon erwähnte 
V'ischbachhorn, dann der grosse, mittlere und kleine Bärenkopf, 
las Sineweleck, die wild zerrissene Freiwand, die Romariswand, 
7on welcher der Körper des Grossglockners gewaltsam losge- 
rissen zu sein scheint; dann folgt der hohe Kasten, das Eis- 
kögele und der Johannisberg mit seiner breiten Schneehaube, 
endlich in etwas weiterer Entfernung noch das jedenfalls zum 
Hofstaat des Glockners gehörige Kitzsteinhorn als vorgescho- 
benster Posten gegen das Salzachthal. Denkt man sich nun 
zwischen allen diesen meilenweit von einander abstehenden und 
durchaus die Höhen von 9000 bis 11,500 Fuss erreichenden 
Spitzen, Kämmen und Kuppen den Pasterzengletscher in 3000 
bis 500O Fuss Tiefe unter der Glocknerspitze eingebettet, denkt 
man sich ferner diese ganze riesige Eisdecke nur durch Knirpse, 
"wie die Burgställe es sind, durchbrochen und seinen Hauptzug 



60 Joh. Tschandera. 

zwischen dem Fussgestelle des Glockners, dem Freiwandeck 
und den Leiterköpfen gegen das Heiligenbluterthal hinab zuneh- 
mend, so hat man ein beiläufiges Bild der sichtbaren Lage des 
begletscherten Glocknerstockes. Das Ende der Pasterzenzunge 
gegen Heiligenblut ist nicht sichtbar. Nicht weit von dem Puiikte, 
wo diese Eiszunge durch die Vorbauten des Glockners gedeckt 
wird, schaut das Kirchlein von Heiligenblut auf übergrünter Matte 
mit seinem fadendünnen Thürmchen herauf, und unmittelbar an 
der noch sichtbaren Gletscherzunge sieht man den grünen Pol- 
Bter der Franz Josephs-Höhe. 

Ausser dem Circus der Pasterze, jedoch noch in der Tauern- 
kette liegend, welche vom Puster- und Drauthale südlich, dem 
Salzachthale nördlich, dann vom Tauferer-, Ähren- und Krimler- 
achenthale westlich und der Radstädter Tauernstrasse östlich be- 
grenzt ist, fordert, wie schon erwähnt, die colossale Masse des 
Venedigers die Aufinerksamkeit des Beschauers heraus. Die 
Spitze desselben ist auch mit einem ihrem Range angemessenen 
Hofstaate umgeben. Rechts der kleine Venediger und links das 
Rainerhom bilden mit ihr die höchste Erhebung der ganzen 
Gruppe. Weiter nach links, aber immer noch zur Venediger 
Gruppe gehörig, reihen sich die Dreiherren- imd Simonyspitze — 
beide scheinbar ein Doppelhorn bildend, dann der Malham, der 
Eichham, Welitzkopf (Rothspitze) und der Dreberespitz an, 
weiter im Vordergrund die Krystallwand, Weissspitze, Wilden- 
kopf und Kesselkopf; Alles einer ununterbrochenen Gletscher- 
decke entsteigend. 

Noch weiter links präsentirt sich am Schlüsse des Teffer- 
eggenthales eingeschoben und auffallend von seiner Umgebung 
sich abhebend, der Hochgall in seiner eigentümlichen Rosskamm- 
form, neben welchem rechts das Ruthnerhorn (schneebige Nock) 
hervorlugt. Nun folgt, schon nahe im Vordergrunde, der von 
hier ziemlich zahm hersehende Lasörling mit seiner ganzen Kette 
zwischen dem Virgen- und TeflFereggenthal, dann die Kette «wi- 
schen letzterem und dem Pusterthal. Diese beiden parallel mit 
der Tauernkette laufenden Aeste werden durch die Furche des 
Iselthales von dem grossen, von der Tauernkette senkrecht in 
südlicher Richtung sich ablösenden Ast getrennt, in welchem 
der Hochschober sein weisses Haupt kühn erhebt. 

Daran reiht sich als ebenbürtig, und wie der Schober in 
Weiss gehüllt, der Petzeck. 

Zwischen diesen beiden sind bemerkenswerte Erhebun- 
gen: der Ganot,^ der schlanke Klödesspitz mit seiner schönen 
Obeliskenform, der Schleinitzkopf, das Tschidinhorn, böses Wei- 
bele, die Rothspitze, der Priak, der Gössnitzkogel, der Christia- 
ling, die Seeköpfe, der Friedrichskogel, der Langtol etc. Dann 



Besteigung des Gross-Glockners von Kais aus. 61 

cnmt die breite Furche des oberen Möllthales, aus welchem 
j Dörfchen Heiligenblut, eine grüne Oase, heraufblickt. Immer 
iter links folgt nun das Säiileck, Schareck und der Hoch- 
enspitz, dann der Ankogel, über dessen gegen Gastein hinab 
verlaufenden Kamm das spitzige Hafnereck hervorragt. Wei- 
s folgt der hohe Sonnblick, und ganz nahe liegt die breite 
isse des Hochnarr. Noch weiter links und schon in den in'& 
izgau ausgreifenden Tauernästen liegend, zeigt sich der Ritter- 
pf, der Gamskarkogel, der Kloben und der Brennkogel, vor 
sen beiden die Furche der Pfandelscharte hoch über der 
eiwand. Dann folgt der Scheiderücken zwischen dem Gross- 
d Kleinarlthal. Ziemlich energisch und in schöner Form hebt 
h der Edlenkopf zwischen dem Seiten- und Hüttwinkelthal 
a seiner Gruppe ab. Noch sind der Bärnkogel, der Hirsch- 
pf und Schwarzkopf aus den Aesten zwischen dem ßauriser- 
d Fuscherthal sichtbar, letztere nur mehr in den Meeres- 
hen von 700(> — 8000 Fuss, während alle vorher benannten 
rge durchgehends Höhen z^'ischen 9000 und 11,000 Fuss 
reichen. 

Im weiteren Verlauf der Tauernkette links, schon über 
5 Pasterzen-Begränzung hinaus, ist noch der Hochfilleck, der 
haperspitz, Granatkogel, hohe Herd, der Tauernkogel, dann 
r Fürlegg und endlich die so nahe liegende, sich vom Vene- 
jer herziehende Kette prächtiger Spitzen, vom Tauernkogel 
gefangen bis zum Kalserthörl und Rottenkogel hinab, nämlich 
r Tabererkogel, Landeckkopf, der Granitspitz, der Adlerkopf, 
r Rolfferner (Grauenkogel), der Laimetspitz, der Montanitz etc. 
inz nahe blickt noch der kurze Scheiderücken zwischen dem 
ischnitz- und Ködnitzthal mit der Freiwandspitze herauf. Am 
ide desselben sieht man den ziemlich breiten Thalgrund von 
Js im üppigsten Grün heraufschimmern. 

Nun wendete ich meine Aufinerksamkeit den ausserhalb 
r Hochtauern liegenden Gebirgszügen und Thälem bis an 
! äussersten Conturen des Sichtbaren zu, und fixirte gewisse 
nkte aus den bereits aufgezälten Objecten, um das äussere 
d ausschnittweise durchzusehen. 

Den ersten dieser Ausschnitte gibt das, was zwischen dem 
ächbachhorn und dem Venediger liegt. Dem Vischbachhorn 
lachst links ist es das steinerne Meer bei Salfelden mit der 
hiönfeldspitze, welches zwar noch sehr nahe liegend scheint, 
er schon jenseits der Salzacher Thalfurche im Pinzgau sich 
findet. Dann erhebt der nicht leicht zu verkennende Watz- 
ma sein Haupt weit über seine Nachbarn empor. Wei- 
rs folgen die Berge des Hirschbücheis, nämlich der Hunds- 
d, Hochstein (Kalter) ; daran reihen sich die Lofererberge zwi* 



62 Joli. Tschaudora. 

sehen Lofer, St. Johann und Salfelden liegend, mit dem Breit- 
horn, Flachhorn, Ochsenhorn, Biernliorn etc. Zwischen diesen 
guckt das Sonntagshorn bei Unken hervor, und in sanfteren 
Zügen verlaufen sich nun die Gebirgsausläufer gegen das baie- 
rische Flachland, aus welchem das baierische Meer, der Chiem- 
see, seinen Spiegel zeigt. Es folgt nun der lange Zug tirolisch- 
baierischer Gränzgebirge, wovon die Gruppe des Hochkaisers 
sich bemerkbar abhebt. Diese Bergkette zieht sich, scheinbar 
zusammenhängend und ununterbrochen, bis in's obere Innthal 
über die Zugspitze fort, wo endlich der gewaltige Stock des 
Venedigers die weitere Fortsetzung deckt. Vor dem Hochkaiser 
sieht man die ganze Gruppe des Kitzbichlerhorns und im Aligne- 
ment des Rihapperspitzes, etwas rechts, schaut die hohe Salve 
über den Kücken des Gebirges zwischen dem Brixen- und Salz- 
achthal hervor. Es documentiren sich damit diese zwei Berg- 
spitzen als Ausgangspunkte von hohem Range, 

Der weitere gut markirte Ausschnitt ergibt sich zwischen 
dem Venediger imd dem Hochgall. In diesem sind die Züge 
der Stubaier-, der Oetzthalerferner und zuletzt hoch erhaben 
der Ortler mit seiner grossen und prächtigen Suite sichtbar, 
dessen Basis von Südtirol und der Lombardie in die Schweiz 
hinübergreift. Alles mit Weiss überkleidet und in feinen und 
zarten Rändern, wie Brüsselerspitzcn, in den Aether verlaufend, 
gleichsam die Verbindung zwischen Himmel und Erde ver- 
mittelnd. 

Weiters zwischen dem Hochgall und dem Hochschober ist 
wieder ein passender Ausschnitt, in welchem nächst dem Hoch- 
gall die ebenfalls in das reinste Weiss gehüllte Adamellogruppe 
fiichtbar ist. An diese Leihen sich die Grödner und Fassaner 
Dolomitzüge, vor welchen der Scheiderücken des Drau- und 
Gailthales als Staffage liegt. Nun kommen aber wieder Pracht- 
stücke, nämlich die riesigen Gränzsteine zwischen Kärnten, 
Tirol und dem venetianischen Gebiet, und zwar die Marmolata, 
der Monte Civetta, vor demselben der massige Bürkenkofel; 
dann kommt der Monte Cristallo, der Pelmo, Sorapiss, vor dem- 
selben die kühn geformte Schusterspitze und andere Berge des 
Sextenthaies von Innichen gegen die venetianische Gränze. Dann 
zeigt sich der Anteiao von seiner schmalen Seite in seiner knol- 
ligen Form, hoch emporragend; weiters der ganze, wild zerklüf- 
tete Zug von Bergen, welcher das Tagliamentogebiet vom Drau- 
und Gailthale trennt. Die Staffage dazu bildet fortwärend die 
zwischen dem Drau- und Gailthale hinziehende Gebirgskette. 

Der weitere Ausschnitt zwischen dem Hochschober und 
der Petzeckspitze zeigt den Kreuzkofel, die Laserzwand und 
den Hochstadl in der letztgedachten Kette, dann teils ita 



Besteigung des Gross-Glocknors von Kais aus. 63 

Hintergründe, teils in weiterer Fortsetzung nach links, den 
Zug der karnischen Alpen und die über alle BeschreibuDg schroflF 
in die Lüfte ragende und wild zerborstene Kolinkofeigruppe, 
in deren Anblick man unwillkürlich geneigt wird, zu zweifeln, 
ob die in den Karten verzeichneten Höhen richtig sind. 

Der folgende Ausschnitt ergibt sich zwischen dem Petzeck 
und AnkogeL Derselbe beginnt mit der Fortsetzung der Kiirntner- 
alpen, im fernen Hintergrunde schon die venetianischen Gebirge. 
Dann folgt der Zug der Karawanken, über welchen der Terglou 
und der Stou und zwischen denselben die Viilacheralpe (Do- 
bratsch) sichtbar ist. Voi:, allen diesen zieht sich im Vorder- 
grunde wieder die Wasserscheide zwischen dem Drau- und 
Gailthale und dem Drau- und Möllthale als überaus reiche 
Staflfage fort. Es folgen nun die Steineralpen, der Obir und die 
untersteierischen Gränzgebirge. 

Der letzte Ausschnitt ist nun zwischen dem Ankogel und 
dem Vischbachhorn. Derselbe zeigt die Lungauer, die ober- 
steierischen und die oberösterreichischen Al])en, über welchen 
noch der HochgoUing und das Admonter Gebirge, letzteres nur 
mehr schwach sichtbar sind. Dann folgt die merkwürdig sich 
erhebende Kalkgruppe von Grimming bis Ende der Gossauer- 
steine, in deren Mitten der beglctscherte Dachstein in seiner 
sonderbaren Form eines ausgezogenen Stockzahnes mit mehreren 
Wurzeln. Nun beginnen die weiteren Berge des Salzkammer- 
5utes, die prallen Mauern des Tännengebirges und der über- 
gossenen Alm, als der letzte Schlussstein des Königsseeerbeckens. 
Damit langt man wieder am Vischbachhorn an. 

OflFenbar ist die bisherige Aufzälung von Berg und Thal 
den Lesern schon monoton, langweilig geworden, und doch muss 
ich wiederholen, dass ich nur das Wichtigste, das Greifbarste 
aus dem ganzen Panorama erwähnt habe, dass aber Meere von 
Bergesgipfeln, Kuppen und Zacken zwischen jedem Ausschnitte 
in der Fernsicht sowol als auch im engeren Gesichtskreise der 
hohen Tauern sichtbar sind; alles bekannte und benamsete 
Individuen, deren Entwirrung und graphische Darstellung kaum 
einem Menschen in unumstösslicher Richtigkeit und Genauigkeit 
gelingen dürfte. 

Nachdem wir ungefähr eine halbe Stunde die Rundschau 
genossen, fiel meinen Führern ein, die von unserem Standpunkt 
in südwestlicher Richtung sehr steil abfallende Rippe hinabzu- 
klettern, lun Untersuchungen anzustellen, ob wol der projectirte 
neue Weg von der Studihütte aus in der oberen Region auf 
keine allzugrossen Schwierigkeiten stossen werde, und sie fragten 
mich vorher, ob ich ihre Entfernung gestatten möchte. Ich hatte 
dagegen nichts einzuwenden. Sie verschwanden hierauf sofort 



64 Joh. Tschandera. 

gegen die meinen Augen entrückte Tiefe zu und hörte ich auch 
bald das eigentümliche Klappern ihrer Bergstöcke und Steig- 
eisen nicht mehr. Nun verging aber nahezu eine Stunde und 
ich muss gestehen, dass mich trotz der über alle Massen inter- 
essanten Beschäftigung mit der Rundschau doch ein wenig der 
Gedanke zu belästigen anfing, dass meinen Führern ein Unfall 
zugestossen seih könnte. 

Doch wärend ich eben ängstlich zu werden und die Be- 
schaffenheit des Weges zu fixiren begann, welchen die Groder 
nach abwärts verschwunden waren, tönten plötzlich wieder ihre 
Stimmen in einem Kirchenliede an mein Ohr, und schon nach 
wenigen Augenblicken sah ich ihre dicken Köpfe zwischen den 
Felsstacheln wie aus den Blättern einer riesigen Artischocke 
emportauchen ; einige Secunden noch und sie waren zu meinem 
Tröste so gesund und heiter wieder bei mir, wie sie gegangen 
waren. Sogleich erzälten sie mir, dass sie mit dem Resultate 
ihrer Entdeckungsreise vollkommen zufrieden seien, und dass 
der Ausfuhrung des Weges von ihrer Seite — wenn nicht die 
Kostenfrage — nichts hinderlich sei. 

Wärend ich so da oben allein sass, machte ich folgende 
Bemerkungen. 

In dem unbegränzten Räume vor mir waren schon bei 
unserer Ankunft auf der Spitze hie und da einzelne Wolken- 
bällchen, scheinbar wie eine Faust gross, nach allen Richtungen 
zwischen den Thalfurchen und auf den untersten Erhebungen 
herumgeschlichen. Diese Bällchen mehrten sich bald dort, bald 
hier so auffallend schnell, dass nach 20 — 25 Minuten nur mehr 
die höheren und höchsten Spitzen des ganzen Panorama's aus 
den zur Masse gewordenen, in ihrer Consistenz jedoch immer 
noch aus kleinen Bällchen bestehenden Haufen, hervorguckten. 
Aber es dauerte dieser Zustand nicht lange, es gewann 
in kaum einer weiteren Viertelstimde wieder die Sichtbarkeit 
der festen Berg- und Gletschermassen die Oberhand. Da kam 
aber vom Heiligenbluterthal herauf ein dichter weisser Nebel, 
wie ein riesiger Wurm längs der Pasterze herauf gekrochen und 
hielt an dem steilen Abfall derselben nächst der Franz Josephs- 
Höhe eine kleine Rast, wärend welcher er sich zu consolidi- 
ren schien. Aber nicht lange dauerte es, bis er anfing, seinen 
dehnbaren Leib zusammenzuziehen und wieder in die Länge und 
Weite zu dehnen, um dann mit aufsteigender Bewegung in 
grosser Eile die obere Pasterze zu gewinnen. Und wieder stellte 
sich ein Hindemiss seinem rapiden Lauf entgegen u. z. diess- 
mal das untere Postament des Glockners selbst. Auch hier machte 
dieser geisterhafte Nebelwurm eine eigentümliche krampfhafte 
Bewegung, um alsbald sich rechts von seiner bisherigen Route 



Besteigung des Grofis-Glockner» von Kai» aus. 65 

.bzuwenden und im forcirten Lauf auf der Eisbahn zwischen 
^ischbachhom, Kitzsteinhom in der langen Thalfurche des Pinz- 
^aues zu verschwinden, und ich wünschte ihm von ganzem Her- 
;en eine glückliche Reise. 

Als ich meinen Fülu'em diese pliantasmagorischen Erschei- 
lungen mitteilte, lachten sie herzlich. Inzwischen waren nahe 
in zwei Stunden vergangen und wir mussten nun auf den Rück- 
weg denken, welchen wir bis Kais zu machen gedachten. 

Nachdem der herkömmlichen Sitte Rechnung getragen und 
aeine Karte als jüngster Zuwachs in der besprochenen Hülse 
intergebracht war, begannen wir abzusteigen, und obschon mir 
labei wiederholt der Gedanke durch den Kopf ging, dassdas 
aufsteigen schon recht sei, wenn nur nicht das Absteigen wäre, 
gelangten wir doch, vom leidigen Muss angeeifert, viel rascher 
Js beim Aufstieg über die grosse Spitze, das Schart! und die 
deine Spitze hinab zur Adlersruhe. Dabei muss ich bemerken, 
lass die gemachten Stufen am Firn der kleinen Glocknerspitze 
nzwischen von der Sonne unpracticabel gemacht waren, und das» 
rir desshalb vorzogen, lieber auf dem steilen Felsgrat neben dem 
äis hinunter zu klettern, anstatt mit grossem Zeitaufwand neuer- 
linga Stufen zu machen; — was übrigens beim Abwärtssteigen 
luch noch seine besonderen Schwierigkeiten gehabt haben würde. 

Auf der Adlersruhe wurde wieder Rast gehalten und dem 
[ort deponirten Proviant wenigstens von Seite der Führer tüch- 
ig zugesprochen. Nach einer halben Stunde brachen wir wieder 
nf, um den steinigen Weg bis zum Ködnitzgletscher, dann über 
lese anfänglich steil abfallende Eisbahn hinab zur Studihütte 
inzuschlagen. 

Ich war erschöpft. Bis hieher hatte ich die ganze Tour so 
eidlich ertragen, aber nunmehr machte sich die Entbehrung 
ler Nalu-ung und die schlaflose Nacht in einer gewissen Schlotte- 
igkeit des ganzen Körpers, namentlich der Füsse und Hände, 
geltend. Es blieb mir nichts anderes übrig, als — was man 
agt — mich gehen zu lassen, was zum Glück jetzt um so eher 
tnging, als die eigentliche Gefahr hinter mir lag. 

Und so geschah es, dass ich einige Male ohne alles Hin- 
suthun den Ködnitzgletscher mit einem Sitzmöbel verwechselte. 
Das erste Mal bemerkte der hinter mir gehende und mich 
scharf am Seile und noch schärfer im Auge behaltende Rupert, 
nachdem er augenblicklich Posto gefasst hatte: „Oho, Herr, davon- 
laufen ischt noed der Brauch bei uns." 

Nachdem sich aber die Geschichte noch ein paar Mal 
wiederholte, fing der Vordermann Thomas an, in höchst komi- 
scher Weise selbst einige Mal niederzupurzeln, ofifenbar zu mei- 
ner Erheiterung. 



G4 Job. Tschaadtm. 

gegen die meinen Augen entrückte Tiefe zu und jt, w*' 

bald das eigentümliche Klappern ihrer Berge' l zum Ebs^"' 
eisen nicht mehr. Xun verging aber nahe?' ückchen y^ 

ich muäs gestehen, dass mich trotz der üb' Wein erweii^^i 

tssanten Iteschäftigung mit der Rnndsch« ienuss hatte zi"" 

Gedanke zu belästigen an£ng, dass me* on der Studlhiitt^ 

zugestoüseii sein künntc. m konnte. 

Doch trärend ich eben ängstl^ oder in der Groder- 

schaffenheit des Weges zu fixiren ' n den k. k. pensionir- 

nach abwärts verschwunden ■wäre Dleher eben nach eineiB 

Stimmen in einem Kirchenliede lucknerpartie oder die Be- 

wenigen Augenblicken sah icl .un sollte. Er entschied sich 
Felsstachehi wie aus den 1 .11 er die Geschichte meiner Freu- 
emportauchen ; einige Seen r angehört hatte. 
Tröste bo gesund und hf ,j,itkii erfahrt, zu oberst die Rundschau 
waren. Sogleich erzält- ^en, so lange oder so kurz ich nach 
ihrer Entdeckungsrei^ ■ ^ben haben werde, in unvergänglicher 
der Ausftihrung dep ^chtnisse bleiben, und mir will es jetzt 
Kostenii-age — mf'yjfh diesen Hochgenius trotz Jammer und 
Wärend id' ^/Abschürfungen, ohne welche es nicht leicht 
Bemerknngen. ^ ^b mit viel zu kleinen Opfern erkauft hätte. 

In dem yigj/ai'' 
imaerer Ank . V'^rir^ Winke, welche von Fachleuten in 
bällchen, s' ■;/'iV'erken für gewisse Touren niederge- 
zwiachen "j^'^^jeinals! Denn solche Sünden rächen sich nicht 
herumgr yJQjdi »ehr empfindlich, sondern sie können unter Um- 

*•■ ^^^jjngniasvoll werden. 

i'fggc vor meiner Abreise von Wien zum Zwecke der 

'jebößeu Bergtour war ich in der Kanzlei des österr. 

jnes und erhielt das Jahresbuch pro 1H67. Aus die- 

jT ich die Errichtung der Studihütte auf der Vanit- 

[iind boschlosa, dieselbe zu benützen. Ich war auch so 

der erste Gast iu dieser Hütte zu sein und deren 

ißt KU geniesson. 

gelbstverstiindlich gewährt dieselbe eine bedeutende Er- 
^terung bei Ersteigung dos Grossglockners ; einmal, weil 
^Jbe sclion auf der bedeutenden Höhe von nahezu 9000 Pusa 
pggt iiiid doch ohne grosse Anstrengung in 4 — 5 Stunden, also 
^ Nachmittage vor der Glocknerfahrt, von Kais erreicht werden 
juuin; dann, weil man von da bia zur Spitze in 4 Stunden 
ganz gut gelangen kann, und sonacli besser in der Verfassung 
bleibt, den ganzen Bückwog bis Kak, alternativ bis Hoiligen- 
blut leiditer bowältigon zu können, 

Dom grosamütigeu Spender dieser Hiitto, Herrn Stüdel in 
Prag, gebührt dcsahalb der wärmste Dank aller Aliienfrounde 




Besteigung des Gross-Glockncrs von Kais ans. 67 

1 zunächst den braven Kaisern für ihre thUtige und 

-> Mithilfe bei Errichtung derselben. 

"^eiters noch die Kaiser den oben gedachten 

ande bringen, so wird der Glockner bald das 

'urgstouristen sein, und es sind den Kaisem 

ien Vorteile von ganzem Herzen zu gön- 

^ieselben hiedurch angeregt werden dürf- 

^dürfnisse des Reisenden mehr als bis- 

des Herrn Egid Pegger, Ingenieur in 
i gedenken, welcher den Anstoss sowol zur 
.»; gegeben, als auch das Project für diese, so- 
.cUung des fraglichen neuen Weges auf die Glock- 
Q^eliefert hat. Schliesslich muss ich noch meiner beiden 
lit verdienter Achtung erwähnen. Dieselben sind, wie 
beschriebene Entdeckungsreise abwärts der Glockner- 
n Zwecke der Ermittlung des neuen Weges beweist, 
nternehmende und sehr ausdauernde Steiger, welche 
mit grösster Besonnenheit und unerschütterlicher Ruhe 
Tsionen ausführen, so dass sich ihnen Jedermann unbe- 
-ertrauen kann. Sie sind überdiess nicht ohne einen 
Grad von Intelligenz, angenehme Gesellschafter imd 
dabei ihre heitere Laune niemals, 
fiel mir auf, dass diese zwei Männer in den Jahrea- 
des üsterr. Alpenvereines nicht als Glocknerfiihrer be- 
find. 



5* 



Die Stangalpe und der Königsfuhl 

in Kärnten. 



Von F. Franzlsci. 



Anheimelnd klingen die Erinnerungen aus der seligea 
Jugendzeit herüber; schon damals beschäftigte die Freimanns- 
höhle in der Stangalpe meine Phantasie; später, da ich mitten 
heimischen Bergen schon ziemlich vertraut war, waren es die 
seltenen Pflanzenabdrücke, die dort im Thonschiefer vorkom- 
men, die den Wunsch, diese Alpe zu besuchen, in mir rege 
.machten; und sie ist wahrlich eines Besuches wert. 

Die Stangalpe liegt hinter einem Kranze von Vorbergea 
an Kärntens Nordgränze völlig verborgen, als mächtiger Gränz- 
stein dreier Länder, da in ihr die Gränzmarken von Salzburg, 
Kärnten und Steiermark zusammenlaufen. Den Knotenpunkt 
derselben bildet der Königstuhl (7375')*); von seinem schroffen 
Gipfel aus gewinnt man einen instructiven Ueberblick über die 
Gliederung dieser Alpengruppe; diese Dreiherrenspitze erhebt 
sich im Hauptkamme, der von Norden über den durch die 
Querspalte des Kremsthaies von der blutigen Alpe geschiede- 
nen Stubennock und Saurecknock herabkommend, hier eine Wen- 
dung gegen Südost macht und über den Stangnock (7227')^ 
Rothkofel und Rinsennock (7363') bei Turrach zum herrlichen 
Turracher Alpensee (5584') abfällt, hinter welch' letzterem der 
Eisenhut (7721'), wenn auch nicht der Bergformation, doch der 
Lage nach als gesonderte Alpengruppe emporragt. Ausser dem 
Hauptkamme, aber noch zu dieser Alpengruppe gehörig, dehnt 
sich zwischen dem Gebiete der Lyser, Krems und Gurk ein 
weites Alpentcrrain mit dem Peitlernock, Pressenberg (7480'); 






* Die Höhenangahcn nach J. Prettner's „Höhenhestimmungen in Kärt^' 
ten**, nach Sonklar, Peters und Schaubach, 



F. Franziaci. Die Stangalpe und der Königstuhl. 69 

lochalpen und Koflernock, Eosenock (7699'), Pfannnock (7107'), 
üomnock (7357'), Simolocknock (7360') und Gregorlenock aus. 
)estlich vom Hauptkamme, in paralleler Richtung mit demsel- 
)en^ zieht sich ein vom Thorriegel, den ein tief abfallender 
Jattel, „das Thörl", mit dem Königstuhl verbindet, gegen Norden 
ich abzweigender, nicht mehr zu dieser Alpengruppe gehöriger 
Bergrücken, mit der Müllbachör- und Schilcherhöhe (6803') hin, 
1er die Rosenigalpe und das Schönfeld vom Hinteralpeuthal — 
bereits salzburgischer Boden — scheidet. 

Der Königstuhl bildet die Hauptwasserscheide zwischen 
Steiermark und Kärnten; aber nicht auch von Salzburg, da 
ler vom Roseniksee durch das Schönfeld abfliessende Krems- 
>ach statt durch das Buntschuhthal in das Murgebiet, in das 
er Lyser abföllt. Von seinem Fusse laufen drei tiefe Thalspal- 
311 aus : der Krems-, Leoben- und Predlitzgraben, letzterer schon 
u Steiermark gehörig, durch welche ganz practicable Wege in 
iess ausgedehnte Alpengebiet heraufftihren; einfache, über die 
Jpenhöhen fuhrende Saumpfade gibt es mehrere, der bekann- 
ste und kürzeste geht vom Millstättersee über Radenthein, 
aning und von da über die Grundalpe, wo sich das k. k. 
ssiacher Gestüt (5096') befindet, in den Karlgraben. 

Wer aus dem Malthathal kommt und die Stangalpe, die 
om ersteren nur durch die von Salzburg nach Villach ftih- 
jnde Reichsstrasse geschieden ist, besuchen will, kann entwe- 
hr durch den Leoben- oder durch den Kremsgraben in dieselbe 
ndringen. Mehr Abwechslung bietet der Weg in die Krems- 
pe, wo man ein gutes Gasthaus und nötigenfalls auch einen* 
ührer findet. 

Am Eingange in den Kremsgraben liegt Kremsbrücken; 
i steht ein altertümliches grosses Gebäude, mit vielen Blu- 
entöpfen an den Fenstern, ein ehemaliges Zollamtshaus — 
m Gasthof. Der Anstrich der Jalousien zeigt noch von seiner 
lemaligen Bestimmung; die Zimmer im oberen Stockwerke 
nd noch getäfelt; eine Stube in der Vorderfront hat der ge- 
enwärtige Besitzer modernisirt und zu einem Gastzimmer für 
[onoratioren herrichten lassen. Es ist recht freundlich, und 
ie Sonne warf eben ihre letzten Stralen herein, als ich dort, 
ine Ruhepause auf meiner Wanderung machend, in den Zei- 
ungen, die da auflagen, blätterte. Der Abend jedoch sollte 
licht so monoton verlaufen ; bald kamen Gäste, der Wein mun- 
lete vortrefflich zu den gebackenen Forellen; die Conversation 
kam immer mehr in Fluss; der Wirt mit Frau und Tochter, 
die nebenbei als Kellnerin fungirte, setzten sich zu uns — und 
so bildeten wir zusammen einen freundlichen Familienkreis, in 
welchem gescherzt, gelacht und zuletzt auch gesungen wurde. 



70 F. Franzisci.^ 

Der Curat von der Kremsalpe, der zufällig dabei war, ver- 
sprach, mich am kommenden Morgen zu begleiten, imd wenn 
es Zeit und Umstände gestatten, mit mir den Königstuhl zu 
besteigen. 

Mit dem ersten Morgenstrale waren wir reisefertig. Der 
gut conservirte Weg in die Kremsalpe, nur allmälig ansteigend, 
streckenweise fast eben hinführend, hart am Ufer des Krems- 
baches, hat einige recht malerische Partien. An aufgeschicLte- 
ten Erzhalden vorüber, kommt man zu einzelnen, mit Auf- 
schriften und Sprüchen gezierten Häusergruppen, mit bebauten, 
den Felsen abgetrotzten Ackerparcellen. Nach einer . Weges- 
stunde hört der Feldbau ganz auf und man sieht nur mehr 
Alpen weiden; vor Zeiten jedoch standen hier die schönsten Fel- 
der. Die zerstreuten Bauerngehöfte, die man da trifft, sind, ihrer 
ursprünglichen Bestimmung entfremdet, nur mehr von Knappen 
bewohnt, oder dienen den Sommer über als Sennhütten. Die 
Luft weht zu rauh über die Höhen, die früher mit Wäldern 
gekrönt, nun kahlen Hauptes herniederschauen. Viele Baum- 
leichen von bedeutendem Durchmesser, von Schnee und Son- 
nenlicht gebleicht, liegen als Zeugen der mächtigen, der Mon- 
tanindustrie zum Opfer gefallenen Forste noch heutigen Tages 
auf der blutigen Alpe. 

Die reichen Eisenerzlager in der Stangalpe wurden schon 
in den frühesten Zeiten ausgebeutet. Der Stubennock heisst 
schon seit Jahrhunderten her: der alte Berg. Dafür sprechen 
auch die verfallenen Gebäude, denen man am Wege begegnet 
Da trifft man einen von allen Seiten aus den Fugen gehenden, 
thurmähnlichen Bau, das „Stöckl", den alten Getreidekasten des 
Grafen Aschauer, weiter hin Ruinen verfallener Schmelzwerke. 

Der Graben, der an manchen Stellen bloss der Strasse 
und dem Bache Raum gibt, weitet sich zu einer massigen 
Thalebene aus; da liegt melancholisch und einsam die Curatie 
Kremsalpe vor uns, bestehend aus der Kirche, dem Pferr-, 
Schul- und Wirtshause, mit einer Gruppe von Sennhütten 
und Knappenhäusern. Der einförmige, monotone Charakter dieser 
Alpenlandschaft ist nirgends durch hochaufragende Felsenhäupter, 
rauschende Cascaden und Wasserabstürze, wie im benachbarten 
MöU- und Malthathale unterbrochen. Sanft geformte oder lang 
hingezogene Alpenhöhen schliessen das Thal, alle Aussicht 
hemmend, von allen Seiten ein; nur der Stubennock, als isolirt 
aufstrebende Kuppe, sieht durch die Thalspalte von Osten herüber. 
Bergknappen in graugelber Gewandung, mit fahlen Gesichtern, 
die von der Grünleiten oder vom alten Berge nach Haus© 
wandern, begegnen einem zuweilen. 



Die Stangalpe und der Königstuhl. 71 

Auch dieses einsame Alpenthal hat seine historischen 
rkwürdigkeiten. So findet man in der recht niedlichen, gothi- 
sn Kirche ein grosses Wandgemälde vom Jahre. 1587, das 
. Grafen Aschauer, der hier seinen Wohnsitz hatte, in kniender 
Uung darstellt. Er soll früher Heide gewesen sein und nach 
ler Bekehrung zum Christentum den Heidentempel, der hier 
id, in eine christliche Kirche umgeschafFen haben. Noch 
le Sagen leben von ihm im Munde des Volkes. Gleich ober- 
b der Kirche liegt die Pfarreralm mit einem hügeligen 
esenplateau; da heisst es bei den „heidnischen Friedhöfen". 

Nicht weit vom neuen Knappenhause, wo man eine ge- 
riete Sammlung aller hier vorkommenden Gesteinsarten imd 
3 gute Bergkarte findet, steht ein altergraues, ganz Ver- 
enas einstöckiges Gebäude mit unregelmässigen, kleinen 
isteröfFnungen : die ehemalige „Residenz" des Grafen Aschauer, 
I die Leute sagen. 

Meine Absicht war es, noch an diesem Nachmittage den 
pfel des Königstuhls zu besteigen, im Verhinderungsfalle aber 
Karlbade, das an seinem Westfusse liegt, zu übernachten, 
mit Tagesanbruch die Tour zur Ausführung zu bringen; 
i so wanderten wir nach kurzem Aufenthalte in der Krems- 
►e, im Geleite des hier domicilirenden Hutmannes, der sich 
3 bereitwillig als Führer anschloss und uns bei dieser Gele- 
iheit auch in den alten Bergbau des Stubennocks einführen 
Ute, am Ufer des Baches thaleinwärts, an numerirten Knappen- 
:ten vorüber, im Anblicke des Stubennocks und der unter 
ler Kuppe in schwachen Umrissen sichtbaren Knappenstube. 

Ein Alpengärtchen, das letzte am Wege, hielt mich einige 
it auf; es stand noch in voller Blüte; mich interessirten die 
anzen, die da auf einsamer Alpenhöhe gepflegt werden. Da 
aden neben Fuchsschwanz, gelben Capuzinerrosen, Nelken, 
itschrosen und Astern — die kleine Hausapotheke bildend: 
Eingelrosen für die Ruhr, Weinkraut für die Auszehrung, 
p und der schwarzblätterige Lavendel u. s. w.; jedes Kraut 
tte seine officinelle Bestimmung. 

Vom „Einfahrer", dem letzten Hause im Thale, der Woh- 
ng des Gruben-Schlüsselbewahrers, fuhrt rechts ein schmaler 
3ig auf den Stubennock zum Knappenhause hinauf. Da» war 
r den Moment die uns vorgezeichnete Marschroute. 

Anfanglich geht es bis „zur Rast", einem Felsen vorsprunge, 
eU bergan, dann über die Stubenböden, ein beliebtes Revier 
» Schildhahns, hin, wo man Rückschau haltend hinübersieht 
if die (5695') Grünleiten, einen mächtigen, die Gränze zwischen 
er Kalk- und Steinkohlen -Formation bildenden Gneisskogel 
lit reichem Thoneisensteinlager. Da übersieht man das ganze 



72 F. Franzisci. 

Alpenthal der Elrems mit den zerstreuten Häusergruppen, Zur 
Rechten zeigt sich der Schilchernock (6803') und das Schönfeld, 
dann der lange Rücken der „blutigen Alpe" und im äussersten 
West die blendend weisse Hochalmspitze (10688')» 

Im Winter, wenn Eis und Schnee eine feste Bahn geschaffen, 
wird hier das Erz in Holzkästen, , von welchen je einer gegen 
18 Centner fasst, mit Ochsengespannen zu den Graf Lodron'schen 
Schmelzwerken ins Lyserthal hinabgeführt. Der Hutmann zeigte 
uns den berüchtigten Salztragerriegel, und erzälte uns von den 
blutigen Gefechten, die dort zwischen Gränzaufeehern 'und 
Schmugglern, die mit Salz Schleichhandel trieben, vorgefallen 
sein sollen; auch von der „blutigen Alpe" erzält man etwas 
Aehnliches, nur sollen sich dort „wilde Völker" eine Schlacht 
geliefert haben. 

Nach zwei Wegesstunden stand die vom Wind umbrauste 
Knappenstube vor uns an einer von Rhododendrongebüschen 
imd Aconit bedeckten Hochebene. Wir treten ein, um uns zur 
Grubenfahrt zu rüsten. In der Stube sieht es nichts weniger 
als wohnlich aus. Alles ist vom Rauch geschwärzt, selbst die 
kleinen Fensterscheiben; am hellsten Tage herrscht da ein 
mystisches Dunkel. Nur wenn Wetter und Sturm über die 
Höhen sausen, kann man sich hier heimisch fühlen. Der Hut- 
mann öffnete in einer Ecke der Stube einen Wandschrank, in 
welchem ein kleiner Hausaltar aufgestellt war, vor dem die 
Knappen vor der Grubenfahrt ihre Andacht^ verrichten. Daneben 
hingen einige ganz eigentümlich construirte Holzleuchter; einige 
davon wurden mit Unschlittkerzen versehen, die uns als Gruben- 
lampen dienten. 

Mit einem „Glück auf" fuhren wir in den gleich ober der 
Knappenstube befindlichen Stollen ein. Der Eingangstollen ist 
in Granit eingetrieben und so schmal und niedrig, dass man 
sich fast durchschieben muss; die Wände sind geschrammt und 
bezeugen das hohe Alter des Baues; weiter hinein er^t findet 
man Spuren von Schusslöchern, da wird der Stollen auch weiter, 
der bisher gekrümmte Rücken kann sich wieder frei aufrichten. 
Der Kern des Berges ist Kalkstein mit mächtigem Spatheisen* 
Steinlager. Wir durchstreiften die ganze Kuppe des Stubennockes 
in vielen Kreuz- und Quergängen; in einer gewölbartigen Höhl® 
lagen Steintrümmer im wirren Durcheinander; da wurde „aui 
Brand" gebaut, sagte der Hutmann; ein Verfahren der Vorzei*? 
um das Gestein mürbe zu machen. Durch die Mitte des Nock©^ 
geht die Gränze von Kärnten und Salzburg und der beid©^" 
seitigen Bergantheile, durch ein Eisenkreuz in der StoUendecfc® 
markirt. — Hoch ober dem Knappenhause, knapp unter i^^ 
kahlen verwitterten Kuppe, kommen wir wieder an's Tageslicl^^ 



Die Stangalpo und der Königstulil. 73 

Auf einem gut ausgetreteneu Pfade wanderten wir zum 
ghaus hinab, und von da weg über das östliche Gehänge 

Stubennocks auf die abgeplattete Kuppe des daneben auf- 
3nden Saureckes, von welcliem sich eine Schneide in südlicher 
htung zum Fressenhalsnock hinzieht, auf der man fast eben 
jchreitet. Rechts in der Tiefe liegt der Saureck-, links der 
enikssee ; es sind zwei kleine Lachen mit frischgrüner Ufer- 
•ahmung. Den Fressenhalsnock zur Rechten lassend, bogen 

gegen die Rosenikalpe ein und setzten unseren Marsch an 
i in dieselbe steil abfallenden Abhänge fort. 

Grosse Steine, die wir loslösten, kollerten mit lautem Ge- 
:er in die Tiefe. Plötzlich tauchte die schroffe Felswand dos 
ligstuhls auf Der Anblick ist imposant. Wir drangen bis 
i Fressenhalssee vor, der an dessen Westabhang in einer 
.wirtlichen Hochmulde liegt; er blickte uns mit seinem stahl- 
uen, leichte Wellen schlagenden Spiegel kalt und frostig an, 
: doch zog es uns hin an's Gestade, das mit seiner braunen 
lendecke den massig grossen Wasserkrystall mit weichen 
den umspannt. 

Es liegt eine hohe Poesie in den Märchen der Alpen, das 
It man auch hier in dieser unwirtlichen Einsamkeit, wenn 
tt hineinschaut in dieses bodenlose Wasserauge. Lautlose Stille 
jsum; nur ein leises Gelispel schlägt an unser Ohr; es kommt 
3m vor, als ob der See athme und lebe und uns in einer 

uns unverständlichen Sprache erzälen wollte von uralten 
ten. Und doch ist gerade dieser See alles Lebens bar ; keine 
isserpflanze belebt sein Ufer, kein Fisch wohnt in seiner 
fe. Man hat Versuche mit „Pfrillen" angestellt; aber ver- 
glich. Sein Wasser war (8° R.) um einen Grad wärmer als 

äussere Luft. In dem allerdings etwas tiefer gelegenen Saureck- 
1 Roseniksee kommen im Juni so massenhaft „Pfrillen" vor, 
;s man sie mit den Händen fassen kann.*) 

Weisse Hasen sind in diesem Alpenrevier keine Seltenheit, 
i Schneehühner trifft man in ganzen Rudeln beisammen, 
chade, dass ich meine Flinte zu Hause liess," sagte der Hut- 
tnn, als wir den Saurecknock hinanstiegen; sein scharfes 
Ige bemerkte ein ganzes Schöckchen Schneehühner ober uns 

Gerolle ; mit demselben fast von gleicher Farbe , waren sie 
ir durch ihre Bewegung bemerkbar; langsam hüpften sie vor 
18 hin, ohne sich um uns zu kümmern und stoben erst aus- 
länder, als wir rasch darauf losgingen. 



*) Wie man mir sagte, sind es kleine, nicht viel über einen Zoll lange 
Veissfische, vermutlich Salmo fario. 



74 F. Franzisci. 

Die Spitze des Konigstuhles hüllte sich in dichte Nebel ein; 
auch an den südlichen Bergconturen stiegen drohende Wolken 
auf; unter solchen Umständen, zumal auch der Tag sich zu 
neigen begann, da wir uns im alten Bergbau zu lange aufge- 
halten hatten, war an eine Besteigung der Spitze für heute 
nicht mehr zu denken. Ich nahm Abschied von meinen Be- 
gleitern, die nach Krems zurückgingen, während ich in den 
Karlgraben, wo das Karlbad, wol die höchstgelegene Badeanstalt 
in der Monarchie, sich ^befindet, niederstieg. Da hoflfte ich freund- 
liche Aufiiahme und ein gutes Lager zu finden. Nach einer 
starken halben Stunde, in schon weit vorgerückter Dämmerung 
erreichte ich das Badhaus. Es liegt am Ufer des Wildbachs, 
der vom Fressenhalssee abfliessend durch den Leobengraben in 
paralleler Richtung mit dem Kxemsbache in die Lyser abfällt 
Erst als ich über die über den Bach führende geländerlose 
schwanke Brücke hinüberkam, schimmerten mir zwei matt er- 
leuchtete Fensterchen entgegen. Nach langem Pochen öffnete 
sich endlich die Pforte. Um einen Tag später wäre mein Pochen 
vergeblich gewesen; die Badesaison war vorüber; die paar 
Leutchen, die vom Dienstpersonale noch im Hause wohnten^ 
waren zur Abfahrt gerüstet, um es den Winter über seinem 
Schicksale zu überlassen. Ich war gerade noch vor der Thor- 
sperre gekommen und war froh, ein schützendes Dach gefunden 
zu haben. 

Man führte mich in eine tüchtig geheizte Stube. Ein schon 
bejahrter Bursche lehnte in träger Ruhe, sein Pfeifchen schmau- 
chend, an der Tischecke und starrte mich, ohne sich nur zu 
rühren, mit grossen Augen an. Jedenfalls war meine Persön- 
lichkeit in diesem abgelegenen Alpenwinkel eine ungewöhnliche 
Erscheinung. Zwei Dinge waren es, die mir am Herzen lagen: 
ein Führer und ein Abendimbiss. Ersteren glaubte ich in der 
Person dieses robusten Burschen gefunden zu haben; aber dieser 
schüttelte sein müdes Haupt, als ich mit ihm unterhandeln 
wollte. Das sei ihm allzu beschwerlich, war seine Antwort, die 
ich von ihm ordentlich herauspressen musste; schliesslich ver- 
wies er mich auf den „Karlhalter" in der nächsten Hütte, der 
schon öfters am Königstuhl war. — Noch weniger befriedigend 
war die Antwort auf die Frage nach einem Imbiss. „Wir haben 
nichts mehr, hiess es, es ist schon alles ,abgepackt' worden, 
und so musste ich mich mit etwas Geismilch und schwarzem 
Brote begnügen; dafür war das Wasser wirklich köstUch ^ 
auch mit dem Lager war ich zufrieden. Man öffnete mir ^ 
Zubau ein Stübchen mit drei zwar harten, aber reinlichet^ 
Betten. Ich las noch eine Weile beim Tische am Fenster, vor 
dem der Wildbach vorüberrauschte. — Mittlerweile wurde ®* 



Die Stangalpc und der Königstulil. 75 

ussen helle, der Mond goss sein mildes Licht über die steilen 
,nde des Grabens ans; ich begrüsste es nicht umsonst als 
. Vorboten eines heiteren Morgens. 

Wärend der Frülistückbereitung wollen wir uns die primi- 
3 Badeanstalt und deren Umgebung etwas näher betrachten, 
liegt, wie schon erwähnt, hart am Ufer des Leoben- oder 
rlbaches an einem ebenen Plätzchen, dem einzigen in der 
Lzen von Dolomitwänden und kahlen Höhen begränzten 
Jucht, wo man ein Haus hinstellen konnte, schon nahe der 
Izgränze, denn einige Schritte weiter hinauf findet man nur 
ir vereinzelte Zirben und Knieholz. 

Die Zeit der Entstehung dieses nur von Landleuten be- 
bten Alpenbades ist unbekannt. Wie die Sage berichtet, wurde 
schon in grauer Vorzeit benützt ; schon Kaiser Karl soll hier 
»adet und weil ihm das Bad gut anschlug, gesagt haben: 
3n nun an soll das Bad Karl heissen.^ Mit der Zeit kam es 
Verfall und als man die versiegte Quelle wieder entdeckte 
1 zu einem Gebäude den Grund aushob, fand man noch 
Ige morsche Badewannen. 

In seiner jetzigen Gestalt besteht das Bad erst seit fünfzig 
iren. Es ist eine einfache Sennhütte mit einem untermauerten 
bau mit sechs Schlafkammem, in welchen über zwanzig 
iegäste Unterkunft finden. Der interessanteste Teil dieses 
inen Curortes ist jedoch das Badelocal selbst: ein feuchtes, 
iteres Gewölbe mit ganz eigentümlicher Möblirung. Am 
ien liegen nebeneinander gereiht, ausgehöhlte Baumstämme, 
als Badewannen dienen ; in diese wird das aus einem Felsen 
er dem Hause hervorquellende Wasser hineingeleitet und 
den um die Hütte herumliegenden Steinen, die auf offenem 
aer geröstet werden, gehitzt. Diese Steine sind ein quarziges 
aglomerat mit thonigem Bindemittel, welchen vorzüglich die 
ilwirkung zugeschrieben wird. 

Man weiss da viel von Wundercuren zu erzälen. Die 
iche Alpenluft und das köstliche Wasser thun wirklich Wun- 
\ — Eine im Jahre 1863 vorgenommene chemische Analyse 
r resultatlos.*) — Die Temperatur der Quelle ist fast con- 
nt 7^ E. 

Am jenseitigen Bergabhang steht eine kleine Holzkapelle, 
der gerade zwei Menschen Raum haben. Ein wunderbar von 
)v Gicht Geheilter liess sie errichten ; seine Krücken zieren 
ren Plafond. 



*) Siehe „Bäder in Kärnten'* von Prof. Dr. J. Mitteregger, im Jahr- 
uche des naturhist. Landesmuseums, Heft 6, J. 1863. 



76 F. Franzi sei. 

Doch es ist Zeit, dass wir uns auf den Weg machen. Der 
Karlhalter in der nahen Hütte war gleich erbötig, mich zu be- 
gleiten. Er steckte sich ein Büschel Speik auf den Hut und 
nötigte mich, dasselbe zu thun; es sei ein, besonderes Schutz- 
mittel gegen Unfälle. 

So ausgerüstet ging's eine Strecke grabeneinwärts , dann 
bergan; nach einer starken Stunde sehr steilen Anstiegs er- 
reichten wir eine Hochebene, von der man nur mehr wenige 
Schritte auf den Gipfel des Königstuhls (7375') hat. Ein eisig- 
kalter Wind empfing uns, als wir auf den Rand desselben hin- 
austraten. Ein furchtbarer Abgrund gähnt uns entgegen. In 
schroffen Steilwänden fUllt da die Nordseito des Königstuhls in 
die Rosenik- und die etwas höher gelegene Kothalpe ab. Zwei 
in das nur wenige Schritte umfassende Plateau des Gipfels 
eingeschlagene Holzpflöcke, die man bequem als Feldsessel be- 
nutzen kann, bezeichnen die dreifache Ländergränze. Wie die 
Sage erzält, sollen hier drei mächtige Potentaten mit Karten 
gespielt haben; sie spielten um einen hohen Preis: um ein 
Königreich — „der verliert, verliert sein Land", hiess es. 

Das erste, auf was mich der Führer aufmerksam machte, 
war die berüchtigte Freimannshöhle, die gerade zu unseren 
Füssen in der Tiefe, im „verborgenen Thal", im hintersten 
Winkel der Kothalpe liegt, in welch' letzterem der Stangnock 
(7227'), seine schwarze Wand uns zukehrend, in wilder Schroff- 
heit sich erhebt, der im Volke unter dem Namen: „die wälische 
Kraxen" bekannt ist. 

Wie die Sage geht, sollen die Wälischen hier reiche Aus — 
beute an edlen Metallen gemacht haben; noch jetzt sieht marm- 
im Felsgeschröffe Leitern hängen, die sie zur Behebung derselbenzÄ. 
benützt haben sollen; auch die „blaue Lasur" soll da vor* — 
kommen; die Einheimischen aber haben zu wenig Geschick um 
Mut, mn da hinaufzukommen. 

Herrlich ist die Rundschau von diesem Hochgipfel auis- 
man übersieht da einen grossen Teil der Centralalpenkette un_ 
zugleich einzelne Partien der nördlichen und südlichen 
alpen. Mein Führer kannte nur die Kuppen der nächsten üi 
gebung; doch zeigte er sich gelehrig, hatte auch Sinn für dz^e 
Schönheiten der Natur, und so benützte ich den Königstuhl a 1^ 
Katheder, um ihm über die wichtigsten Aussichtspunkte eirr^e 
kurze Vorlesung zu halten. 

Wir wenden uns zuerst gegen Osten, wo uns der Eisei 
hut (7721') mit seinen beiden Spitzen entgegen winkt, wärei 
hinter ihm die langgestreckten Höhenzüge der Kor- (6759') '" 
Sanalpe (6557') in blauer dämmernder Ferne sich zeigen. 




Die Stangaliio und der Königstulil. 77 

Gegen Norden blickt man über die wellenförmig geäch\\Tin- 
genen Höhen der nächsten Umgebung, in welcher die „blutige 
Alpe", die Müllbacher- und Schilcherhöhe (6803') hervorragen^ 
hinüber auf die lange Kette der salzburgisch^steierischen Alpen^ 
die in Gliedern aufgelöst, deutlich die Conturen der Spitzen 
und Kuppen erkennen lassen, durch deren dunklen Ton die 
hinter ihnen inselartig auftauchenden weissen Dolomitmassive 
der nördlichen Kalkalpen, unter diesen der begletscherte Dach- 
stein, beim Anbruch des Morgens um so groteaker hervortreten. 
Noch fesselnder ist das Bild, das in Westen sich aufrollt ; wärend 
bisher nur der Dachstein einige Gletscherfleckchen uns zukehrte, 
erschUesst sich uns hier die Gletscherwelt in ihrer vollen Pracht ; 
da' liegt vor uns ausgebreitet der grosse und kleine Elendglet- 
scher, überragt von der Hochalmspitze (10688') und Ankogel 
(10292'), an diese schliessen sich Sauleck (9746'), Reisseck 
(9m') Hafner (9685'), Gross-Sonnenblick (9572'), die Heroen 
d^ Maltha- und Pöltathales an, deren Windungen man, ohne 
auf die Thalsohle niederzusehen, bis in die hintersten Winkel 
verfolgen kann; auch vom nahen MöUthal blicken einzelne be- 
gletscherte Häupter herüber. Ob der Grossglockner von diesem 
Standpunkte aus sichtbar sei, lasse ich dahin gestellt, da die 
aus den Thälern aufsteigenden Nebelmassen meinen weiteren 
Forschungen in diesem Gebiete bald ein Ende machten. Auch 
der südhche Kalkalpenzug, der von hier aus sich besonders 
schön präsentirt, war bald in düsteres Grau gehüllt, und nur 
der Terglou (9036') leuchtete noch für einige Augenblicke aus 
dem Nebelmeer auf. 

Die geologischen Verhältnisse der Stangalpengruppe sind 
von besonderem Interesse. Das weite Gebiet der Steinkohlen- 
fonnation wurde in neuerer Zeit von den Herren Dr. KoUe, 
Stur und Dr. K. Peters durchforscht. Das unterste Glied der 
Fonnation, die im nördlichen, westlichen und östlichen Umfange 
^t muldenförmiger Schichtenlagerung auf dem älteren, grössten- 
teils krystallinisclien Gebirge ruht, ist ein mehrere Fuss mäch- 
t^er Complex von Kalk- und Dolomitschichten, welcher die 
Eisenerzlager von Turrach und des alten Berges enthält; nur 
stellenweise tritt zwischen demselben imd dem krystallinischen 
Gebirge ein Conglomeratgestein auf. Im Stangnock findet man 
Manzenabdrücke in Thonschieferplatten in grosser Menge imd 
^^gesprengte Anthracitlager, jedoch nur von geringer Mächtigkeit. 
Ein solches Anthracitlager wurde (heuer) von zwei Frei- 
schürfem an der Südseite des Stangnock aufgeschlossen. In 
der Hoffnung, einige Petrefacte zu gewinnen, wollen wir nun 
^^ch den „Kohlenknappen", wie sie mein Führer nannte, einen 
besuch machen. 



78 F. Franzisci. 

Wir verliessen den Gipfel des Königstuhls gegen 10 Uhr 
bei einer Lufttemperatur von 7** R., und statt wieder in den 
Karlgraben hinabzusteigen, gingen wir einige hundert Schritte 
am Rücken hin, der den Königstuhl mit dem Karleck ver- 
bindet, welch' letzterer eigentlich nur den niederen Gipfel des- 
selben bildet und fast dieselbe Aussicht bietet, — und stiegen 
dann an den vom Karleck zum Stangnock, zwischen dem „ver- 
borgenen Thal" und dem Stangfeld sich hinziehenden Sattel, in 
letzteres nieder. 

Das Stangfeld ist ein weiter, fast ebener Alpenboden am 
südlichen Abhang des Stangnocks. 

Da sieht man hinab auf die Hütten des k. k. Ossiacher 
Gestütes (5096') im Grund, das in neuerer Zeit aufgelassen 
wurde. Am östlichsten Ende des Feldes steht das Blockhaus 
der Knappen, die uns recht freundlich entgegenkamen und 
uns in die Stube fährten, die zugleich Schlafgemach, Küche, 
Keller, chemisches Laboratorium — kurz Alles in Allem war, und 
noch dazu ausser der Thüre keine OeflFnung hatte, durch welche 
Licht und Luft eindringen konnte. Einer derselben, dem sein 
schwarzer Bart ein echt bergmännisches Aussehen gab, setzte 
mir ein Glas Rothwein vor und sagte mit lächelnder Miene : „der 
wächst hier am Stangfelde" — es war Schwarzbeerwein — ein. 
Getränke, das nicht unangenehm mundet und das sie sich aus 
den hier häufig vorkommenden Heidelbeeren ( Vaccinium myrttL- 
lus L.) bereiten, wozu sie sich ausserhalb der Hütte eine Presse 
zwischen zwei Felsblöcken hergerichtet haben. 

Sie hatten von diesem Rothwein einige Mass in grossen Thon- 
geschirren in Verwahrung und behaupteten, dass er nach der 
gewöhnlichen Gährung geistig wie der beste -Wein schmecke. 

Der gefällige Bergmann führte uns nun zu dem bereits 
15 Klafter tief in den Stangnock eingetriebenen Kohlenschacht. 
Das Lager ist nach der Aussage des Bergmannes 7 Klafter 
mächtig, mit der Streichung von Süd nach Nord. Di« glänzend 
schwarze Kohle lässt sich zwischen den Fingern zerreiben; in 
der Tiefe des Schachtes ist sie compacter. ' 

In der Stangalpe sind dermalen zwei solche Kohlenbaue 
in Beti'ieb und liefern ein bedeutendes Quantum von Anthracit 
zu den Schmelzwerken nach Turrach, nur muss er mit gewöhn- 
licher Holzkohle vermischt werden, wenn man ihn zum Betrieb 
des Hochofens verwenden will. Wo er zu Tage tritt, löst er 
sich durch Verwitterung in schwarze Erde auf, die als „Drachen- 
blut'' vom Landvolke als Arzneimittel gebraucht wird. Grosse 
Mengen werden davon zu Thal geschleppt und das Pfond 
per 20 Kreuzer verhandelt. 



Die Staugalpc und der Königstuhl. 79 

Es gibt eigene Drachenblutsammler, die sich auf die- Hänge 
des Stanguocks nicht ohne Lebensgefahr, um diesen Handels- 
artikel zu gewinnen, hinauf wagen. 

Zum Abschied erhielt ich von den gefalligen Bergleuten 
noch einige Prachtexemplare von Pflanzenabdrticken. 

lieber das Stangfeld fuhrt ein von Aelplern häufig be- 
nutzter Saimipfad nach Leoben in westlicher und in östlicher 
Richtung nach Turrach. 

Wir liessen am Rückwege durch das Stangfeld den König- 
Btuhl rechts und waren um Mittag wieder in der Karlhütte. 

Eine Besteigung des Königstuhls ist vom Karlbad aus wenig 
beschwerlich und durchaus gefahrlos, wir könnten eine solche 
selbst schwindelfreien mutigen Damen empfehlen, wenn sie von 
Gmünd ans den Weg durch den Leobengraben einschlagen, 
durch den bis zum Bade eine fahrbare Strasse führt. Mehr Hin- 
dernisse imd Beschwerden bietet die Tour von der Kremsalpe 
aus, man mag nun durch das Heiligenbach- und Eisenthal oder 
durch die ßosenikalpe zum Fusse des Königstuhls vordringen. 

An der Aussenwand der Karlhütte zeigte das Thermome- 
ter um 11 Uhr: 10^ R. — um 2 Uhr: 12* R.*) 

Da ich die Stangalpe nach allen Richtungen kennen lernen 
wollte, nahm ich den Rückweg nach Krems durch das Eisen- 
thaL Man übersetzt die am jenseitigen Ufer des Karlbaches 
sich erhebende Zechnerhöhe, wo zwei kleine, kaum nennens- 
werte Seen hart neben einander liegen, und wandert dann an 
einem schmalen, etwas bedenklichen Gaisstieg, der stellenweise 
nur einen unsicheren Antritt gestattet, an den kahlen, weiss- 
grauen Dolomitwänden des Eisenthaies hin, die wie Mauern fast 
senkrecht zum Heiligenbach abfallen, der unserem Auge ver- 
Iwrgen in der Tiefe rauscht. 

Der Gang durch diess vegetationslose verwitterte Felsthal, 
wo man sich vergeblich nach einem grünen Fleckchen umsieht, 
^mxnt kaum 10 Minuten in Anspruch; sobald man die Höhen 
Am Ausgange der Schlucht, wo ein Paar verlassene Knappen- 
stuben neben gebleichten entwurzelten Fichten stehen, erreicht, 
»at man wieder weichen Rasen unter den Füssen; nach weni- 
gen Schritten schon erblickt man die Heiligenbachhütte in einem, 
njit dorn sterilen Eisenthaie auffallend contrastirenden freundli- 
^en Alpenthale mit frischgrünen Matten, durch welche der 
Heilijgenbach, dessen Wasser von solcher Reinheit und Durch- 
«chtigkeit ist, dass man die Steinchen in seinem Rinnsale zälen 
könnte, munter in die Krems hinabhüpfk. 

*) Die Messungen wurden vorgenommen am 27. September 1863 bei 
vorherrschendem Südwest. 



80 F. Franzisei. 

Wir verfolgen den Lauf dieses. Baclies, der uns durch 
einen von der Axt noch wenig berührten Bannwald fuhrt, und 
gelangen nach einem Marsche von drei Stunden in die innere 
Krems. 

Am Steintische vor dem Wirtshause in der Krems, wo ich 
übernachtete, wurde kommenden Tages das Frühstück aufgetra- 
gen, und der Führer „Trindl", ein Knappe, erwartet, der uns, 
den Curaten und mich, in die viel verrufene Freimannshöhle 
führen sollte. 

Wer um Maria Geburt hier verweilt, hat Gelegenheit, einem 
Alpenabtriebe beizuwohnen, der in Kärnten seines Gleichen 
sucht; da kann man sich einen beiläufigen Begriff von der 
Menge der Rinder machen, die diese Alpen bevölkern. Von 
fi'üh Morgens bis spät Abends, durch einige Tage hindurch, zie- 
hen die Heerden, geschmückt mit colossalen Speikkränzen, fast 
ununterbrochen zu Thal. Das Jauchzen der „Halter" und das 
in allen möglichen Tonarten variirende Geklingel der Halsschel- 
len will fast kein Ende nehmen. 

Mit dem Erscheinen „TrindFa", der in seiner braunen 
Knappenuniform voll Bescheidenheit sich uns zu Diensten 
stellte, verliessen wir das gastliche Haus und zogen auf dem bereits 
geschilderten Wege, die abgerundete Kuppe des Stubennocks 
vor uns, durch das enge Thal der Krems hinauf bis zum „Ein- 
fahrer", wo der Weg sich spaltet: rechts geht's zum alten Berg- 
bau, geradeaus in's Schönfeld hinauf. Es ist ein mehrere Stun- 
den langes, ziemlich breites, ebenes Alpenthal, das der Krems- 
bach iii mäandrischen Windungen durchschneidet und nicht 
umsonst diesen Namen führt. Gleich beim Eintritt in dasselbe 
ragt vor uns die Schilcherhöhe (6803') auf, ein gerühmter Aus- 
sichtspunkt der Lungaueralpen, die von hier aus mit geringer 
Mühe erstiegen werden kann ; doch wir lassen die Schilcherhöhe 
links und wandern in südlicher Richtung der Kosenikhütte zu, 
die mit dem Königstuhl im Hintergrund ein recht malerisches 
Bild gibt. Die weitere Fortsetzung des Thaies, die Rosenikalpe, 
bietet nicht mehr diesen freundlichen Anblick; je nä.her man dem 
Königstuhl kommt, desto wüster wird es rings um uns her; man 
wandert da an gewaltigen Grauwackeblöcken vorüber, die hier zu 
Hochöfengestellen für die Gewerkschaft Bundschuh verarbeitet 
werden; in einem verwitterten Wäldchen steht eine Steinmetz- 
hütte und wuchtige Hammerschläge beleben diese Alpenein- 
samkeit. Unseren Blicken verborgen, rechts oben liegt der Bo- 
seniksee, die Wiege des Kremsbaches; wir sehen nur den Ab- 
fluss desselben. Da haben wir das Thalende erreicht und der 
Anstieg beginnt. In wenigen Minuten stehen wir am Kamm^j 
der den Thorriegol mit dem Königstuhl verbindet, am „Thörl*; 



Dio Stangalpe und der Königstuhl« 81 

der Gränze zwischen Salzburg und Steiermark, nachdem wir 
; zuvor am „Thörlbrunnen", dessen Messung 4® R. ergab, 
Lörig er&ischt hatten, und schauten über die sumpfige Koth- 
e zur Felsmauer hin, welche unter den Steilwänden des 
ngnocks das „verborgene Thal" vollkommen verdeckt. Wir 
nen nun in ein noch viel wüsteres, mit Knieholz über- 
chertes und mit Steintrümmern bedecktes Thal ; aber aus den 
len Pfaden, die durch dasselbe sich in allen Richtungen hin- 
;en, konnte man schliessen, dass wir uns in einer viel besuch- 

Gegend befanden. Es kommen zu Zeiten, besonders zur 
it der Sonnenwende, ganze Schaaren von Leuten aus den be- 
jhbarten Provinzen hierher, um nach den hier verborgenen 
lätzen zu fahnden. Der Glaube an die Reichtümer der im 
borgenen Thal befindlichen Freimannshöhle*) ist im Volke 
ner noch lebendig. Wir verfolgten einen der Pfade, der uns 
jr die Felsmauer in's verborgene Thal, den hintersten Win- 

unter den Wänden des Stangnocks und Königstuhls hinab- 
rte. Unwillkürlich bleibt man da stehen, wenn man die in 
gotischer Verwirrung hier übereinander gelagerten Steintrüm- 
r, zwischen welchen nur hier und dort ein Rasenfieckchen 
sehen ist, überschaut — es ist fürwahr ein schauerlicher Ort — 
n Wunder, dass die Phantasie des Volkes denselben mit un- 
mlichen Gestalten aus der Mythenwelt belebte. 

Von den vielen im Volke verbreiteten Sagen wollen wir 
r nur ein Paar folgen lassen: 

„Wenn die Leute wüssten, welchen Reichtum sie hier 
;er ihren Füssen haben", sagte ein Wälischer zu einem Bauer, 

würden sie sich nicht gar so plagen." Das hatte den Bauer 
tzig gemacht; nach der Abreise des Wälischen untersuchte 
die Alpe und kam dabei auch zu einem sehr verborgenen 
fc. Auf dem Boden herum lagen da Steine zerstreut, welche 
bei naher Besichtigung als sehr wertvoll erkannte und zu 
li steckte. Beim Weitergehen kam er zur Grube, die heute 
J Freimannsloch heisst. Da schien Alles von Gold zu sein, 
sehr glänzte es. Er nahm nun zu sich, was er zu tragen 
rmochte, kehrte dann nach Hause zurück und bewahrte das 
iheimniss. Erst als sein Reichtum den Neid der Nachbarn 
'egte und die Augen des Gerichtes auf ihn lenkte, sollte er 
Jen, woher er die Schätze gewonnen habe. Weil er nicht 
tdecken wollte, wie es sich damit verhalte, so wurde er zum 
)de verurteilt. Bevor die Hinrichtung stattfand, kam der 
iarfrichter zu ihm und versprach ihm durchzuhelfen, wenn 



*) Schaubach verlegt die Freimannshöhle unrichtig in die Rosenik- 
Pe. «Die deutschen Alpen". V. 134. 



■82 J. Franzisci. 

er sich ihm entdecken wollte. Das wirkte; der Bauer gab nac 
und bezeichnete ihm die Höhle auf der Stangalpe. Der Schar 
richter aber, um seinen Nebenbuhler zu verdrängen, vergas 
sein Versprechen und vollzog die Execution an dem betrogene 
Bauer. Zur Strafe dafür muss er jetzt in der Höhle das Schwer 
über den Häuptern derjenigen schwingen, welche die Gier nacJ 
dem Golde des Loches hineinlockt. Seitdem heisst sie auch di< 
Freimannshöhle oder das Freimannsloch.*) 

Wir durchstreiften das wüste Thal nach allen Richtungen 
aber nirgends war vom „verdrehten Loche", wie die Höhle aucl 
beim Volke heisst, eine Spur zu entdecken. Es soll, wie di( 
Sage .geht, nur einige Tage im Jahre offen sein, zwei Stufei 
fiihren in dasselbe hinein und in der Tiefe lauert derFreimani 
mit seinem blinkenden Schwerte, die Schätze bewachend unc 
Jedem den Eintritt verwehrend. Diese Schätze sollen noch voi 
den Heiden herrühren, die sich, um der Verfolgung zu ent 
gehen, heraufgeflüchtet haben; Einige sagen, die Maultasch hab< 
ihre Reichtümer, die sie durch ungerechte Kriege gewonnen 
in einer Höhle des Stangnocks verborgen; einen Freimani 
stellte sie als Wache hinauf; und als einmal ein Hirtenknab 
das schimmernde Gold sah und seine Schürze davon füllte, fie 
der alte Freimann über ihn her und schlug ihm den Kopf at 
Als Strafe dafür steht er jetzt versteinert in der Höhle un* 
wird erst Erlösung finden, wenn alle Schätze behoben sind. 

Ein Holzhauer ging einstmals in der Dämmerung durc 
das „verborgene Thal**, da sah er eine Thüre im Steingemäue: 
Er schlug seine Hacke hinein, um kommenden Morgens nacl 
zusehen; als er wiederkam, Stack seine Haue in einer Felskla 
und die Pforte war spurlos verschwunden. 

Am untersten Rand des Thaies, wo es sich gegen di 
Kothalpe abdacht, stehen zwei abgerundete Sandsteinblöck< 
wie antike Säulen, und weiter hinab, wo das „Zottach" (j?iVit 
muglius Scojp.) eine fast undurchdringliche Hecke bildet un 
uns an das verzauberte Schloss im deutschen Märchen erinner 
kommt man zu einem halb verdorrten Zirbenbaume, von welchei 
die Leute sagen, dass er mit einem, wie eine Hand ausgestrecl 
tem'Aste den Schätzesuchern die genaue Richtung zur Höh 
angedeutet haben soll. 

Wärend unseren Kreuz- und Quergängen hatte sich d< 
Himmel mit düsteren Wolken bedeckt, bald fielen schwel 
Tropfen nieder und wir beeilten uns aus diesem Steinlabyriu 
hinauszukommen. Meine Begleiter gingen zurück in die Ro£ 



*) „Die Wälschen in der Sage** von Dr. V. Pogatschnigg, im JaU^ 
Bericht der Akademie für Handel und Industrie in Graz 1864. 



Die Stangalpo und der Königstiihl. 



83 



nikalpe und ich schritt, noch einen Blick in das sagenreiclie 




b^xg'schen Eisenwerke seit einigen Jahren her vorzüglicher 
Bessemerstahl erzeugt wird, braucht man fiinf Stunden. 

Im Gasthofe „zum Bergmann", dem schönen geschmack- 
v' ollen Verweshause gegenüber, findet man die beste Unterkunit 
ixxid gewöhnlich auch eine geistig anregende Abendgesellschaft, 
d.1^ jeden Touristen freundlich aufnimmt und ihm so den län- 
geren oder kürzeren Aufenthalt in dieser an Naturschönheiteii 
»o reichen Gegend doppelt angenehm macht. 



6* 



Kleine Anregungen 

zur weiteren topographischen Erforschung einzelner 

Teile der deutschen Alpen. 

Von Th. Traatweln in München. 



Nachdem nunmehr sechs Jahrgänge der Publicationen des 
österreichischen Alpenvereins vorliegen und die Alpenliteratur 
ausserdem im letzten Jahrzehnt zu einer ganz stattlichen Biblio- 
thek angewachsen ist, möchte der Versuch nicht ohne Interesse 
sein, auf die Lücken in unserer heutigen topographischen Kennt- 
niss einzelner Teile der deutschen Alpen hinzuweisen, deren 
Ausfüllung wünschenswert erscheinen muss. 

So verlockend aber und vielleicht verdienstvoll eine solche 
Arbeit auch sein mag, so muss ich dieselbe doch mit dem 6e* 
ßtändniss beginnen, dass sie in keiner Weise auf Vollständigkeit 
Anspruch machen kann ; es ist eben fiir den Einzelnen ein Ding 
der Unmöglichkeit, von alF den einschlägigen, in der heutzutage 
übermächtigen Flut der periodischen Literatur zerstreuten Ar- 
beiten Kenntniss zu erhalten; noch viel mehr gilt diess von 
Arbeiten, welche in den Feuilletons der politischen Zeitungen 
oder in Provincial- und Localblättern enthalten sind (von der 
Brauchbarkeit derselben hier abgesehen), dann von den in 
Fremdenbüchern zerstreuten Notizen, und endlich ist zu beden- 
ken, dass über manche neue Expedition gar nichts veröffentlich 
wird, ja, dass dieselbe sogar oft kaum zur Kenntniss der Thal* 
bewohner gelangt, welche bekanntermassen an vielen Orten nocn 
geneigt sind, solche anzuzweifeln, oder aus mancherlei Gründen 
auch wol todt zu schweigen. 

Aber nicht nur in dieser Hinsicht muss die gegenwärtig® 
Arbeit auf Vollständigkeit von vornherein verzichten, sie ka^^ 
und soll sich auch nur auf jene Teile der deutscheu Alpen ^^ 
strecken, welche ich in meinem „Wegweiser durch Südbaiei*^ 



Th. Trantwein. Kleine Anregungen etc. 85 

l^^ord- und Mitteltirol und die angränzenden Teile von Salzburg, 
?. Auflage, München 1868'' unter die knappe Form eines Reise- 
aschenbuches zu rubriciren versucht habe; sie wird also ledig- 
ich die Nordalpen vom Dachstein bis zum Bodensee, die Cen- 
ralalpen vom Ankogl bis zur Schweizer Gränze, und einzelne 
Teile der Südalpen umfassen. 

Auch hier kann es sich nicht sowol um eine bloss scha- 
)lonenmässige Zusammenstellung des bereits Bekannten handeln, 
vielmehr wird in negativem Sinn eine Aufzälung derjenigen 
rhäler, Pässe und Gipfel zweckdienlich sein, welche wenig oder 
jar nicht erforscht, bekannt oder geschildert sind (immer natür- 
ich nur in touristisch-topographischer Richtung), doch wird sich 
suweilen Gelegenheit geben, die bisherigen Leistungen zusammen- 
austeilen und auf noch streitige Details einzugehen, sowie neue, 
aicht allgemein bekannte Daten nachzutragen. 

Für den Zweck dieser Arbeit wird es auch weniger darauf 
ankommen, ob ein Pass eröflnet, ob ein Gipfel schon betreten 
ist, vielmehr darauf, ob sich in der Alpenliteratur eine die Lan- 
deskunde fördernde Schilderung desselben findet; ob und durch 
welche Expeditionen vermutlich Aufklärung über die noch dunkle 
Topographie dieser oder jener Gebirgsgruppe zu erwarten wäre. 
Höhenangaben unterlasse ich hier und verweise bezüglich 
solcher auf meinen Wegweiser, welcher dieselben, in Pariser 
Fuss reducirt, in ziemlicher Vollständigkeit gibt. — 

Ueber die Dachsteingruppe dürfte nach den Verdienst- 
quellen Arbeiten des Herrn Prolb-ssor Simony ') wenig Neues 
mehr zu sagen sein, es sei denn eine Ersteigung des Thorstein, 
welche überhaupt selten ausgeführt und auch nicht geschildert 
ist; ob die Ersteigung der übrigen noch unbezwungenen Gipfel 
der Gruppe (Hoher Gjaidstein, beide Diendln, Schneebergwand, 
Hoher Koppenkaarstein, Mitterspitz, Niederer Dachstein, Niederes 
Kreuz) von besonderem Werte für die Topographie wäre, lasse 
ich dahingestellt, und verweise nur der Vollständigkeit halber 
auf Tuckett's *) Abstieg auf den von ihm Hohes Gjaidsteinjoch 
genannten Sattel und nach Schladming. 

In der Berchtesgadener Gebirgsgruppe soll das 
eine der Teufelshörner Anspruch auf Jungfräulichkeit ma- 
chen, wenn man von einzelnen Gipfeln des Steinernen Mee- 
res und der Umrahmung der Uebergossenen Alpe absehen will, 
^ter denen es manche geben mag, die nie ein Hirt oder Jäger 
^trat; ein würdiges Object für eine Schilderung dürfte immer- 



*) Mitteilungen des österreichischen Alpenvereins II, 8. 319, nnd 
Oesterreichische Revue 18e;5, Band 8, S. 21 9. 
*) Alpine Journal Nr. 15, S. 352. 



86 Th, Trautwein. Kleine Anregungen zur weiteren topographischen 

hin der selten gemachte Uebergang vom Steinernen Meer auf 
die Uebergossene Alpe (über die Teufelsalpe) sein, mit anderen 
Worten die Wanderung vom Königssee und Funtensee in's 
Mühlbachthal. 

Nächst den allgemein bekannten sind als Aussichtspunkte 
zu empfelen der Hundstod im Wimbachthal und (angeblich) 
das Perseilhorn im Steinernen Meer. 

Ueber die Gruppe der Loferer Steinberge findet sich 
in der Alpenliteratur ausser einer Notiz bei Schaubach *) Nichts, 
und doch böte ihre Ersteigung sicherlich noch ganz andere 
Eeize, freilich auch ganz andere Schwierigkeiten, als die oft be- 
tretenen Gipfel im benachbarten weiten Gjebiet des Kitzbühler 
Uebergangsgebirges. 

Nicht viel besser geht es mit dem Kaisergebirge, dessen 
imposante Massen und zerfressene Grate überall von der baie- 
rischen Hochebene aus, von vielen Gipfeln des baierischen Hoch- 
lands und wol von den meisten der Centralalpen gesehen wer- 
den; es wartet gleichfalls noch des Mannes, der es der Mühe 
wert hielte, einige Sommertage und ein Paar Bergschuhe zu 
spendiren, um eine eingehende Schilderung dieser Felswüste zu 
liefern, denn noch nicht einmal die Nomenclatur der einzelnen 
Gipfel steht fest; *) als Ausgangspunkt sei das Kaiserthal em- 
pfolen, wo sich auch im ersten Hofe ein Führer in Person 
eines Knechtes findet, wärend sowol in Kufstein als in der 
Bärnstatt am Hintersteiner See kaum Jemand Bescheid weiss; 
von letzterer aus ist übrigens höchstens die Scheffauer Spitze 
gut zu erreichen, *) wärend der von hier aus sicherlich sehr 
schwierigen TreflFauer Spitze vom Kaiserthal aus, freilich mit eini- 
ger Umgehung, besser beizukommen sein soll. *) 

In der Unterbrechung, welche der Hauptkamm der nörd- 
lichen Kalkalpen zwischen Kaiser und Karwendel erleidet, und 
vermöge welcher viele nördlich gelegene, ja sogar niedrige 
Gipfel der Voralpen einen Blick auf die Centralalpen gestatten, 
möchte noch des Guffert und der beiden Sonnwendjoche zu ge- 
denken sein; ersterer ist die weisse Pyramide, welche bei Achen- 
kirchen plötzlich aus dem Ampelsthale hervorschaut; seine Er- 



*) Schaubacli, die deutschen Alpen, Bd. III, S. SSd. 

*) So nennt z. B. die Generalstabskarte die Treffauerspitze Scheffaaer- 
epitze, die letztere aber Moosberg 

') 1867 misslang mir diess durch ein einbrechendes Gewitter, welche* 
mich eine halbe Stunde unter dem Grat zur Umkehr zwang, bei dieser Gre-. 
legenheit wurden mir und zwei Gefährten die bei der (verlassenen) Hoclo-* 
kaiseralpe zurückgelassenen Bucksäcke gestohlen. 

*; Vergleiche die übrigens sehr dürftigen Notizen in „das InnthJ 
(Innsbruck, Wagner), S. 16 und 23. 



Erforschung einzelner Teile der deutschen Alpen. ' 87 

Igung ') ist zwar nur von einer Seite möglich, aber ohne 
londere Sphwierigkeit; von den beiden anderen steht das eine, 
} hintere, auch Pernpatjoch genannt, zwischen Thiersee und 
adl, sein Absturz gegen Norden erinnert mich in kleinerem 
,asse lebhaft an die Nordseite der Sorapiss, von Misurina aus 
eben, das andere, das vordere, *) kehrt seine Südfronte Brixl- 
; und der Oeffnung d^s Zillerthales zu; dasselbe dürfte eine 
leutende Fernsicht gewähren, ich glaube es wenigstens von 
i ziemlich auseinander gelegenen Punkten erkannt zu haben, 
nlich vom Schwarzkopf in der Fusch, von der Jaufenspitze 
1 vom Similauo; seine Besteigung ist gleichfalls gar nicht 
wierig. 

Ich gehe nun über zur Gruppe des Karwendelgebir- 
8 im weitesten Sinn — wenn es erlaubt ist, diesen Namen, 
Ermangelung eines besseren, für die Gebirge zwischen Achen- 
, Walchen, Isar, Seefelder Sattel und Inn anzuwenden, ein 
Ltverzweigtes , fast unbewohntes Gebiet, das sich in einer 
rfachen Reihe wilder Schrofen — die nördliche „Vorlage" 
; Scharfreiter, Soyernspitzen u. s. w. nicht gerechnet — um die 
erisch-tirolische Gränze gruppirt, zum grössten Teil zu Tirol 
lörig, in seinen Thälern, das Vomperthal vielleicht abge- 
hnet, gangbarer, als man glauben möchte, in seinen Wänden, 
mmen und Gipfeln aber von grossartiger Wildheit imd in 
nchen seiner Formen an die Dolomite Südtirols erinnernd. 
. V. Ruthner ') glaubt, dass von seinen Gipfeln manche fac- 
h unerstiegen sein mögen; dass diess bezüglich der Lamseh- 
tze zwischen Stallen-, Falzthurn- und Engthal der Fall, wird 
Stallenthal fest behauptet. 

Wir besitzen über dieses Gebiet, den Solstein imd die 
he Gleirsch ausgenommen, nächst Höhenmessungen nur ge-, 
entliche Andeutungen in den geognostischen Arbeiten von 
mbel, Lipoid, Pfaundler und A. imd jenen A. Pichlers ; da» 
lief des Gleirschthals, welches Herr Förster Rassl von Schar- 
z angefertigt, befindet sich, sowie der bergkundige Heraus- 
ber, zur Zeit in Ischl ; die einzige in imserem Sinn einigermassen 
llständige Beschreibung bei Schaubach leidet an dem Uebel- 
md, dass sie aus den verschiedenen Fussgebieten mühsam zu-* 
mmengesucht werden muss; — ein Fingerzeig, dass es vielleicht 
«ser gewesen wäre, die neue Auflage, wenn nicht nach Reise- 
uten, so doch nach Gebirgsgruppen zusanunenzustellen. Im 



*) Vergl. K. Hofmann unter den Notizen dieses Jahrbuchs. 
') Vergl. KaltdoriF unter den Notizen dieses Jahrbuchs. 
») Petermann, Mitteilungen 1865, S. 206. 



88 Th. Trautwein, Kleine Anregungen zur weiteren topographischen 

TJebrigen bleibt dahin gestellt, ob Ersteigungen — und seien 
es auch erste — zumal von Gipfeln der beiden mittleren Rei- 
hen dieser Gruppe von besonderem Wert wären. 

Die nächste Gruppe, welche die eben erwähnte wol an 
Höhe, nicht aber an Ausdehnung übertrifft, ist die des Wet- 
tersteingebirges, welche an einem Punkt mit der südlicher] 
des Hochmundi und Wanneck zusammenhängt; sie unterscheide 
sich ausserdem von der des Karwendel dadurch, dass sie einer 
dominirenden Punkt besitzt, welcher jener fehlt, nämlich die 
Zugspitze *); um so mehr concentrirt sich aber das Interesse 
der Hochgebirgswanderer auf diesen einzigen Punkt, ja mar 
kann sagen, dass von Touristen kaum ein anderer Gipfel dei 
Wettersteins erstiegen wird, höchstens die Alpspitze und dai 
Frauenalple unter der Dreithorspitze ausgenommen (welcher 
beiden freilich die Aussicht nach Süden fehlt) — und mit Recht 
denn es wird sich nicht bald ein zweiter Gipfel finden, desser 
Besteigung *) vom ersten Schritt an bis zur grossartigen Aus 
sieht so interessant und lohnend wäre, wie die der Zugspitze 
erstiegen sind übrigens sämmtliche Gipfel der Wettersteingruppe 
und zwar vor einigen 'Jahren angeblich zum Zweck einer Pri- 
vatvermessung, manche konnten nur mittelst Stricken und Steig- 
bäumen erreicht werden. Die erwähnte Hochmundigruppe da- 
gegen ist meines Wissens in der Literatur nicht vertreten, be- 
kannt sind ihre Hochseen, ferner zwei Uebergänge über dieselbe, 
von denen jener über den Marienberg — von Lermoos nach 
Obsteig bei Miemingen — sogar viel betreten ist, dann das 
Bleibergwerk an der Silberleiten. 

In der nun folgenden Gruppe der Lechthaler Gebirge 
verdient besonders der Zug zwischen Lechthal und Ober-Innthal 
Beachtung; hier findet sich sogar nach Sonklar der höchste 
Gipfel der nördlichen Kalkalpen in der Parseyerspitze bei 
Landeck (9598 W. F. = 9339 P. F. , also 100' höher als der 
Dachstein); obwol die Kette auf etwa einem halben Dutzend 
von Jochübergängen überschritten werden kann, so ist doch 
über ihre Gipfel im Ganzen wenig bekannt. *) 

Anders die Gruppe der Allgäuer Alpen, zu welcher die 
Züge am linken Leenufer schon gerechnet werden müssen; wir 
besitzen über sie, sowie über die anstossenden Gebiete ziemlich 
ausreichendes Material; immerhin verdienen die Gipfel de» 



*) Seit dem Prager Frieden der höchste Gipfel Deutschlands. 

•) Dr. A. V. Ruthner im Jahrbuch des österr. Alpenverelns III, S. I63i 
dort findet sich auch die Nachweisung der weiteren Literatur. 

') Hieher gehört die Schindlerspitze zwischen dem Arlbergrücken uo-^ 
dem Almajurthal, welche für unersteiglich gilt. 



Erforschung einzelner Teile der dentschen Alpen. o9 

Thanberges , die kahlen Schroffen, welche die obersten Gründe 

der Hier und Bregenzer Ache umsäumen, noch die Beachtung 

der Touristenwelt, und was die Bewohner betriflft, so gibt es 

wol wenige Gegenden in den Alpen, welche in dieser Hinsicht 

so viel des Interessanten und Anregenden böten. 

Die übrigen Teile von Vorarlberg, dem Gebiete der 111 
angehörend, sind, vielleicht die Verzweigungen des grossen 
Walserthals ausgenommen, ziemlich bekannt ; mehrere schätzens- 
werte Arbeiten darüber finden sich in unseren Jahrbüchern, 
sowie in jenen des freundnachbarlichen Schweizer Alpenclubs. 
Es sei mir gestattet, hier vorzugreifen und sogleich ein 
hier anstossendes Gebiet zu betrachten, welches zu Tirol und 
eigentlich zu den Centralalpen gehört, die Verwallgruppe 
Sonklar's, ') worunter die Erhebungen zwischen Montafon, Paz- 
[ naun, Kloster- und Stanserthal zu verstehen sind; nächst den 
' anregenden Arbeiten des Herrn Max Vermunt im Jahrbuch II 
' und des Herrn Weilenmanu im Schweizer Jahrbuch III und IV 
dürfen wir eine erschöpfende Behandlung dieses wenig bekannten 
öebiets erwarten im zweiten Band der Berg- und Gletscher- 
fahrten des Herrn Dr. A. v. Ruthner; nach einer mir gütigst 
mitgeteilten Notiz des genannten unermüdlichen Forschers wird 
derselbe ausser einer allgemeinen Schildening des rhätischen 
Gebietes die Ersteigung der Pezinerspitze, des Blankenhorn u. A., 
die üeberschreitung des Futschölpasses (aus Engadin nach Paz- 
naun) und Durchwanderung mehrerer noch wenig bekannter 
Teile der Gruppe behandeln. 

Nach Osten zurückkehrend gehe ich zur Gebirgsgruppe der 
Hohen Tauern über, fiir deren Erforschung sich gründliche 
^d vortreffliche Anhaltspunkte vor Allem in den Werken der 
Herren K. v. Sonklar und Dr. A. v. Ruthner finden. 

Es wird hier zunächst weder sowol über die Gruppe des 
Ankogl und Hochnarr, als auch über die übrigen Gebirge von 
Gastein und Rauris, sowie über den Rauriser-Futscherkamm kaum 
noch Neues beizubringen sein ; es sei denn über den Bärenkogl 
bei Dorfgastein und über den Ritterkopf im Rauriser Weissen- 
ba^hthal. Bevor ich aber die Tauemkette und ihre beiderseitigen 
Ausstralungen in ihrem Verlauf nach Westen verfolge, möchte 
68 am Platze sein, einen Blick auf die Schobergruppe zu 
werfen; es ist über diese Nichts bekannt geworden, ausge- 
nommen Keil's Hochschoberersteigung *) und die kurzen Notizen^ 



*) K. V. Sonklar , üher die plastischen und hypsometrischen Verhält- 
nisse der Ostalpen. Ausland 1869. Nr. 1—4. 

*) Mitteilungen des österr. Alpen Vereins II, S. 353. 



90 Th. Trautwein. Kleine Anregungen zur weiteren topographiBchen 

welche derselbe fleissige Forscher über einige die Gruppe durch- 
kreuzende Pästje bei Schaubach gibt; es ist eben so leicht er- 
klärlich als zu bedauern, dass die nahe Glocknergruppe, anderer- 
seits die nahen Dolomiten, das Interesse von der Gruppe ab- 
ziehen. 

Ich gehe zur Glocknergruppe über, in welcher frei- 
lich wieder der Glockner selbst das Interesse der Touristen in 
demMaasse in Anspruch nimmt, dass fast alles andere zurück- 
treten muss. 

Hier sei beiläufig erwähnt, dass die im Jahrbuch Bd. IV, 
S. 395 erwähnte Stüdlhütte Ende August 18G8 von Glockner- 
steigern erstmals als Nachtquartier benützt wurde; sie reducirt 
die Entfernung des Glocknergipfels vom Nachtlager aus auf 
dem alten Weg über den Kleinglockner auf 3—4 Stunden, 
vorausgesetzt, dass die Besteigung, wie dicss 1868 der Fall war, 
ohne Stufenhauen geschehen kann, allerdings ein seltener Fall 
(Ein Tourist will laut Fremdenbuch in Heiligenblut bis auf den 
Kleinglockner sogar ohne Steigeisen gelangt sein.) 

Für die 'Glocknerersteigung wird mit Juli 1869 eine neue 
Aera — die dritte — beginnen, in welcher Kais endgiltig und 
Verdientermassen Ausgangspunkt sein wird, indem bis dahin 
der Vanitschartenweg , dessen Herstellung Herr Stüdl unter 
Assistenz des Herrn Ingenieur Pegger zu Lienz mit ausser- 
gewöhnlichen Hilfsmitteln beabsichtigt, fertig sein wird, ein ver- 
dienstliches Werk, an dessen Gelingen neueren Nachrichten zu- 
folge nicht mehr zu zweifeln ist. 

Die Ersteigung direct von der Vanitscharte aus ist zwar 
1868 wiederholt Herrn A. Schoberlechner aus Wien gelungen, 
wird aber als gefährlich geschildert; der „Weg" reichte nur bi» 
zur Rothen Wand, und müssen die Angaben sowol Bädeker's ab 
Amthor's, mindestens fiir das Jahr 1868, als verfrüht bezeichnet 
werden. 

Im Glocknorkamm ist nächst jener des Glockner und der 
Gipfel, welche bei seiner Ersteigung berührt werden, nur die 
Ersteigung des Johannisberg *) durch Dr. v. Euthner bekannt; 
neu ist die Ersteigung des Eomariswandkopfs durch Herrn 
Stüdl (1868) mit Abstieg zum Frusnitzgletscher. 

Line gewiss eben so lohnende, als selten ausgeführte Auf- 
gabe ist die Ueberschreitung des oberen, respective obersten 
Pasterzenbodens in der Eichtung gegen die Thäler Fusch, 
Kaprun, Stubach, Teischnitz; bezüglich dieser Uebergänge ver- 
weise ich auf die Zusammenstellung, welche Dr. v. Ruthner in 



*) Dr. A. V. Ruthner, aus den Tauern, S. 193. 



r-t 



Erforschung einzelner Teile der deutschen Alpen. 91 

seinem Tauernbuch ') gibt; von den dort erwähnten Gletscher- 
päösen ist jener aus Kaprun über die Ritfelscharte seit seiner 
Eröffnung durch genannten Herrn öiter wieder, unter anderem 
auch 1868, gemacht worden, weniger wol jener aus der Fusch 
über die Bockkarscharte; dagegen überschritten Tuckett und 
Genossen, aus Stubach kommend, die von ihnen Johannisberg- 
joch *) genannte Scharte zwischen Johannisberg imd Todton- 
lochern (letztere blieben links), also wol den wahren Todteii- 
löcherpass (Nebel verhinderte die genaue Bestimmung), nicht 
jenen der Gebr. Schlagintweit, welcher nach Ruthner die Oeden- 
winkelscharte ist; die letztere, südlich vom Johannisberg ge- 
legen, scheint also noch immer problematisch, vielleicht aber 
unmöglich zu sein. 

Ein Heiligenbluter Führer, der ältere Tribusser, vulgo 
Angerer Sepp, versicherte mich zwar, nicht nur über die Kiffel- 
scharte nach Kaprun, sondern auch über die Oedenwinkelscharte 
nach Stubach zu wissen, doch kann ich bei der Kürze meines 
nur zufalligen Zusammentreffens mit ihm nicht dafür einstehen, 
ob er nicht den Todtenlöcherpass gemeint, möchte überhaupt 
auf eine so unbestimmte Aussage keinen Wert legen, muss da- 
gegen bemerken , dass die Bezeichnung Oedenwinkelscharte über- 
haupt auch in Kais jenem Uebergang nördlich vom Johannisberg 
beigelegt wird. ') 

Dagegen gehört eine Tour Tuckett's *) (1866) mit Christ. 
Almer und dem Fuscher Führer Hutter hieher; er stieg zuerst 
die Fuschkarscharte an und zwar über den Wasserfall- und 
Fuschkargletscher, *) gelangte dann am W^estabhang des Breit- 
kopf hin zur Bockkarscharte, stieg den Bockkargletscher ab 
bis nahe zu seiner Vereinigung mit dem Fuschkargletscher, 
worauf neuerdings die Fuschkarscharte angestiegen, also der 
Breitkopf vollständig umgangen wurde, und wandte sich dann 
der Pasterze und Heiligenblut zu. Herr Tuckett nennt sich 
^durch einen Führer aus der Gegend irregeführt", dieser aber, 
iiämUch Hutter, behauptet das Gegenteil und nannte mir auch^ 
wenn ich nicht ganz irre, Kaprun und nicht die Pasterze, als 



S. 156. 

*) Alpine Journal, Nr. 11, S. 139. 

*) Die mir vorliegende Mitteilung des Herrn Pfarrer Lerclier zu 
KaU, welcher diesen Namen gebraucht, handelt spcciell von der oben er- 
wähnten Tour Tuckett's. 

*) Ball, the easfern alpa, S. 247. 

•) Die Sonklar'sche Karte hat nur einen Wasserfallgletscher, wärend 
M (in der Karte zu Kuthner^s Tauernbuch), dessen nördlichen Zufluss 
^ckkargletscher, den südlichen aber Fuschkargletscher, und Tuckett, dieser 
-^anahmc folgend, die vereinigten Zuflüsse Wasscrfallgletscher nennt. 



92, Th. Trautwein. Kleine Anregungen zur weiteren topographischen 

Ziel der Expedition, weiche übrigens mit Nebel' und teilweise 
Schneesturm zu kämpfen hatte. Es geht daraus hervor, dass 
unternehmende Touristen statt des allbekannten Pfandelscharten- 
übergangs von Ferleiten zur Pasterze, jenen über die Fuschkar- 
scharte versuchen sollten, umsomehr, als der Pfandelschartenweg, 
auch wenn noch der Hohe Sattel besucht wird, wol einen Ueber- 
blick des oberen Pasterzenbodens gewährt, vom obersten aber 
nur einen schwachen Begriff gibt 

Einen Uebergang aus dem Teischnitz- oder Frusnitzthal 
auf die Pasterze versuchte Herr Stüdl 1868 von beiden Seiten 
vergeblich, durch Unwetter an der Durchfuhrung des Vorhabens 
verhindert. 

Im Glocknergebiet (im weiteren Sinn) erübrigt noch des 
Fusch-Kaprunerkammes und jenes Segments des Tauern- 
hauptkammes zu gedenken, welches zwischen der idealen Ver- 
längerung der Thäler Fusch und Kaprun liegt; was zunächst 
den genannten Kamm betrifft, so existirt nur ein nicht beglet- 
scherter Uebergang über denselben, jener am Imbachhorn vor- 
bei, doch wird auch dieser wenig betreten, weil er kaum näher 
ist, als der Thalweg. 

Ob ein Uebergang vom Bockkargletscher nach Kaprun 
möglich ist, ohne den obersten Pasterzenboden und die Eiffel- 
scharte zu berühren, muss wol noch dahin gestellt bleiben; 
noch ist aber der Hochgruberscharte, zwischen Glocknerin und 
Kleinem Bärenkopf (?) zu gedenken, welchen der auch von 
Ruthner') genannte Enzinger aus Vellern überschritt, und end- 
lich des Vieschbachthörl *) zwischen Ellein-Vieschbachhorn und 
Hohem Tenn. 

Was die Gipfel des fraglichen Grats und Kammstückes 
betrifft, so ist der Hohe Tenn, der erste, der hier in Betracht 
kommen muss, angeblich mit nicht allzu grosser Schwierigkeit 
und zwar von zwei Seiten zu erreichen, eine Schilderung ist 
mir indess nicht bekannt ; bezüglich des Vieschbachhorn ist zu 
sagen, dass es 1868 auch von einem Touristen, Herrn Harp- 
precht aus Stuttgart, von Kaprun aus erstiegen wurde, und 
zwar mit weniger Schwierigkeit, als die Besteigung von derFu- 
scher Seite nach den bisherigen Schilderungen bietet. 

Von den übrigen Gipfeln sind nur erstiegen, respective 
geschildert, der Mittlere Bärenkopf *), dann der Fuschereiskar- 



*) An» den Tauern, S. 158. 

*) K. V. ISonklar, die Gebirgsgruppe der hohen Tauem, S. 89. 

'} Franz Keil im Jahrbuch des österr. Alpenvereins^ II, Ö. 322. 



Erforschung einzelner Teile der deutschen Alpen. 93 

f *), der westliche beeisto jener beiden Gipfel *) im Westen 
Pfandclseharte ; eine Besteigung des (?) Grossen Bärenkop&i 
r welche Dr. Demehns ans Graz im Heiligenbluter Fremden- 
h berichtet, scheint mir zu aphoristisch gehalten, um hier in 
rächt kommen zu können ; es möchte also hier nebeneinander 
) Reihe unerstiegener, mindestens in ihrem Zusammenhang 
h nicht genügend erklärter *) Gipfel zu finden sein, nämlich 
1 Grossen Bärenkopf abgesehen: Hohe Dock, Breitkopf, 
iner und Vorderer Bärenkopf, Hohe Riffel, Glocknerin *), 
jhezkopf, Kleines Vieschbachhorn , wozu noch, wie bereits er- 
int, die Gipfel des Glocknerkamms, Hoher Kasten, Eiskögele 
. Schneewinkelkopf kommen; für die meisten derselben dürfte 
lieh die Zeit auch eines Hochsommertages zu kurz sein, so 
;e nicht für Unterkunft, sei es in der Johannshütte, sei es 
Kapruner Mooserboden, gesorgt ist. 

Im Kamm zwischen Kaprun und 8 t üb ach, resp. Mühl- 
h, finden sich das Kitzsteinhorn, das nicht sehr schwierig sein 
, dann der Schmiedinger, als Aussichtspunkt gerühmt und 
h sicherlich der Grossen Arche vorzuziehen, und der Gross- 
r, oder, wie die Thalleute sagen, Hocheiser, letzterer wol 
L Schützen, von Touristen aber kaum erstiegen; — Touren, 
Iche, wie ein Teil der vorgenannten, durch die in der Rainer- 
;te im Kapruner Wasserfallboden gebotene Unterkunft etwas 
Jichtert sind; ausserdem findet sich in Anton Hetz in Kaprun 
bereitwilliger Führer. 

Die Gipfel zwischen St üb ach, Dorfer Oed und Ammer- 
ler Oed einerseits, zwischen Dorferalpenthal, Landeck- 
1 Matreier Tauernthai andererseits gehören zur terra incog- 
a der Tauern. Die Gruppen des Glockner und Venediger zu 
den Seiten sind eben zu mächtige Magnete; immerhin steht 
ir eine Anzal Gipfel von über 9 — 10,000 Fuss, unter denen 
incher, vielleicht gerade der Nähe der genannten Gruppen 
Iber, einmal durch Aussicht auf beide, dann durch wün- 
lenswerte Aufschlüsse über die genannten, zum Teil unbe- 
-nnten Thäler belohnen würde; so bietet schon der Tauemkopf 



*) Graf Nimptsch im Jahrbuch des österr. Alpenvereins, III, S. 342. 

*) Der östliche ist der Fuschkarkopf und nicht das Öinewelleck, wie 
' angegeben; Sinewcllek, oder vielleicht besser und getreuer nach der 
«Sprache Sonnenballeck, heisst nur ein kleiner, durch eine Scharte vom 
ischkarkopf getrennter Felskopf, an deui der Schnee zuerst weggehen soll. 

^} Diese Gegend ist nach KciPs eigenem Ausspruch die einzige, deren 
•ichnung in seiner treffliehen Karte nicht auf eigener Anschauung in der 
ähe beruht. Vgl. übrigens BaXl^ the ecLstern alpsy S. 247. 

*) Für die Bezeichnung Glockerin spricht die Autorität Sonklar^s u A., 
'^ landläufige Name ist Glocknerin. 





94 Th. Trautwein. Kleine Anregungen zur weiteren topognipliiHchen 

im Westen des Kaiser Tauern den Anblick des Glockner, J~ 
hannisberg etc., andererseits der Venedigergruppe. 

An Uebergängen in genanntem Gebiet verzeichnet So 
klar ') ausser dem Kaiser Tauem : die Oedscharte zwiscL 
Dorfer Oed und Landeckthal, die Glanzgeschirrscliarte zwisch. 
Dorfer und Ammerthaler Oed, endlich die Oedenscharto z 
sehen Ammerthaler Oed und Matreier Tauernthai — sie dürf^i 
in unserem Sinn wol sämmtlich als unbekannt bezeichnet werd 
ein Uebergang aus dem Dorferalpenthal in's Landeckthal fincl_ 
sich überhaupt nirgends verzeichnet. 

In der nun folgenden Venedigergruppe sind als 
zu erwähnen die Ersteigung des Grossvenedigers aus d 
Frossnitzthal ; der nach einer Venedigerersteigung voUfiihi: 
Uebergang vom Dorfer- Obersulzbachthörl auf den Krimml 
gletscher; der Uebergang von Gschlöss über das Untersv^-i-z 
bachthörl in's Untersulzbachthal und jener aus dem Krimml ^^r 
thal über den Prettauer- (besser wol Krimmler-) Gletscher u-:«::i( 
das Maurerthörl auf den Maurergletscher und in's Maurer- ui.:adc 
Iselthal; über die beiden ersten Touren ist Näheres noch ni<:^i 
bekannt geworden, die beiden Uebergänge aber hat Herr Ha^x^ J- 
precht aus Stuttgart mit dem wackern Schnell aus Kais 18€z58 
vollführt; er fand das Untersulzbachthörl mit Ausnahme eix»-^r 
Partie an einer Felswand eben nicht gefUhrlich, schildert »t^^r 
den Uebergang über das Maurerthörl *) als eine fortlaufen- ^6 
Reihe von Mühseligkeiten und bedeutenden Gefahren. Noch, ist 
hier zu erwähnen, dass der Uebergang von Gschlöss ixarC3h 
Habach von PMterer (Nandl) schon früher ausgefiihrt worden 
sein soll. 

Ist so die Venedigergruppe jetzt nach allen ßichtung"^^ 
hin von Touinsten durchkreuzt, so möchten doch von ihr^^ 
Gipfeln als nnerstiegen gelten dürfen : Grosser Geiger oder Ob^s^^" 
sulzbacher Venediger, Schlieferspitze, Simonyspitze, Rosshi^*-^» 
die hohe Fürlegg soll von Herrn Grohmann erstiegen word^^^ 
sein, die Rödtspitze (Welitz) diente dem k. k. Geographencor^^?® 
als Triangulirungspunkt; *) leider gelangt über die verdien^^^^' 
liehen Leistungen dieser Herren, die Höhendaten ausgenomme ^^ 
nie etwas in die Oeffentlichkeit. 

An die Rödtspitze reiht sich wieder ein ganz unbekannt^ — ' 
Gebiet an mit LöfFelspi tze, Glockhaus, Panargenspitze iiu^^^ 
anderen zwischen Umbal-, Sulzbach-, Affen- und Deffereggentha^^'^^ 



^ 



») A. Ä. O., S. 77 und 8ß. 

*} äiebe Th. Harpprecht unter den Notizen dieses Jahrbuchs.' 

»; öonkLar, Tanern, S. 185. 



Erforschimg einzelner Teile der «Icutsglicn Alpen. 95- 

Hieher gehören noch die wenig bekannten Uebergänge 

aus TJmbal-, resp. Siilzbachthal im Todtenkar nach DefFereggen, 

aus dem Schwarzbachthal (zwischen LöfFelspitze und Grossem 

Glockhaus) in's Rödtthal una Prettau, aus dem AtFenthal über da» 

Merbjöchl in's Prettau. 

Auch in den nördlichen Thälem HoUersbach, Habach, 
Unter- und Obersulzbach dürfte immerhin noch eine ganz 
hübsche Nachlese zu halten sein; wobei zu bemerken, dass die 
Nomenclatur in den beiden letzteren und in der Venedigergnippe 
überhaupt mehr als anderswo schwankend ist. *) 

Noch erübrigt, ehe wir die Hohen Tauern verlassen, ein 
Wort über die Riesenferner gruppe oder „die Rieser", wie die 
vulgäre Benennung lautet; ich verweise hier auf die Schilderung 
einer Ersteigung des Hochgall (nach anderen die Hochgalle) durch 
die Herren Hofinann und Kaltdorff aus München (I068) im 
gegenwärtigen Jahrbuch; in Deffereggen und im Rainthal galt 
der höchste Pmikt des Kamms für unersteiglich, wärend dieses 
Prädicat jetzt und wol mit allem Recht nur mehr der schlanken 
Eisnadel der Wildgalle zukommt; doch dürfte u. a. die Er- 
steigung der Lengsteinspitze, dann ein Uebergang über die 
AnÜiolzer und die Schwarze Scharte von Interesse sehi und 
manche Zweifel lösen, welche auch in diesem wenig betretenen *) 
Gebiet noch zu herrschen scheinen. 

üeber die Zillerthalergruppe wird die zu erwartende 
Monographie des Herrn Oberst v. Sonklar manchen sehr er- 
wünschten Aufschluss geben; ich bechränke mich daher darauf, 
der nicht allgemein bekannten Touren Ruthner's (Schwarzenstein 
und Wildes Kreuz *j, sowie dessen versuchter Olperer - Erstei- 
gung *) zu gedenken und anzuftihren, dass, was noch nicht 
allgemein bekannt, der Thumerkamp (wegen Unwetters nicht 
ganz), dann wahrscheinlich auch die Schrammacherspitze 1868 
von Herrn Grohmann, der Rossruck vor einigen Jahren von 
emem Unbekannten erstiegen wurde, *) so dass 0.-4 nach den 
bereits bekannten Ersteigungen des Hochfeiler und Olperer •) 
durch den stets vom Glück begünstigten Herrn Grohmann und 



') Vergl. Jahrbuch des österr. Alpenverein, IV, S. .<?36, 337. 

') 1868 passirten nur drei Partien von Touristen Rain; beide Führer 
oei der Hochji^allorsteigung sind übrigens seitdem leider gestorben. 

') Mitteilungen der k. k. geograph. Gesellschaft, Bd. VIII, Heft 2, 
8. 113. 

*) Jahrbuch des österr. Alpenvereins, III, S. 99 ff. 
*j Biese Angaben gründen sich auf verschiedene, mir gewordene Privat- 
mitteilungen. 

*J Jahrbuch des österr. Alpenvereins, II, S. 337 und IV, S. 433. 



96 Th. Trautwein. Kloine Anregungen zur weiteren topographischen 

des niedrigeren Möselegipfels durch Herrn Tuckett ') wenigsteaaf 
für Firstclimbers wenig mehr zu thun geben wird. 

Ausser mehreren dieser Touren sind unbekannt, beziehungs- 
weise nicht geschildert : der Uebergang von der Wilden Gerlos in 
den Zillergrund (angeblich unausführbar), mehrere der Uebergänge 
in's Ahrnthal, endlich jene aus Schmirn und Vals in den Zemm- 
grund. Vielleicht ist hier noch die Bitte an das k. k. Bezirksamt 
Zell am Platz um Revision der Führertaxen für Hochgebirgs- 
touren im hinteren Zillerthale, welche bis jetzt an Höhe sogar 
die Pinzgauer Taxen noch übertreffen. 

Die kleineren um den Brenner gelegenen Thäler überge- 
hend, weise ich hier einzig auf den noch unerstiegenen Gipfel dea 
Tribulaun (Pflersch) hin, doch fehlt auch eine Schilderung der 
Ersteigung des anderen Gipfels, des „Gschnitzer" Tribulauii, 
wärend in dessen Nähe noch Manches aufzuklären wäre. 

Die nun folgende Stubaier Gebirgsgruppe ist in den 
letzten Jahren grösstenteils dem Dunkel entrissen worden, welches 
unverdienter Weise über ihren Eisregionen lagerte, und zwar 
durch die Arbeiten der Herren Dr. v. Barth und Pfaundler, ') 
Dr. A. V. Euthner *) u. A.; dagegen ist über die Ersteigung 
des Schrankogl durch Herrn Specht, über jene des Schaufler 1 
(vom Fernau-Joch aus) durch denselben, wie leider über all' 
die Touren dieses Herrn Nichts bekannt geworden; hieher ge- 
hörte ferner zwei Touren Herrn Tuckett's, *) die Besteigung 
des westlichen Pfaffengipfels von der Sulzenau aus mit Abstieg 
in's Windacher *) Thal (1865), dann seine Ueberschreitung 
des Schwarzebergjochs mit Besteigung des Schrankogl (1866). 

Hierüber ist nur zu bemerken, dass die Ersteigung des 
Pfaffenkamms nicht direct vom Sulzenauer Gletscher erfolgte 
(was überhaupt wol unmöglich ist), sondern dass Herr Tuckett 
zwischen Wildem und Aperem Pfaffen durch auf einen Sattel 
gelangte, ,nach seiner eigenen Annahme derselbe, welcher bei 
der Besteigung von der Mutterbergeralpe aus erreicht wird, 
und dann den bereits bekannten und mehrfach geschilderten *) 






*) Alpine Journal Nr. 11, S. 140. 

*} Die Stubaier Gebirgsgruppe. — Innsbruck 1865. Wagner. 

3) Jahrbuch des österr. Alpenvereins, II, S. 24 und IV, S. 207. 

♦) Alpine Journal Nr. 11, ft. 141, und Nr. 15, S. 353. 

*) Der Schreibweise in Büchern entgegen hörte ich vielfach st»-'* 
Winnacher Thal diese Bezeichnung, welche mir insofern Berechtigung ^ 
haben scheint, als sie sich von dem Namen des über der Ausmündung 3-^ 
Thals in's Oetzthal gelegenen Gehöfts „Windau" ableiten lässt. 

6) Barth und Pfaundler a. a. O., S. 83, Joh. Stiidl im Jahrbuch äÜ< 
österr. Alpenvereins , IV, S. 384, wobei nur fraglich bleibt, wer der er"Si 
Erstciger des Zucherhütl war. 



Erforücliung ciiizelncr Teile der deutschen Alpen. 97 

Weg verfolgte. Den Abstieg nahm Herr Tuckett vom erwähnten 

»Sattel, welchen er Pfaffenjoch nennt, in's Windacherthal, derselbe 

dürfte wol nur ein anderer Punkt in der breiten Depression 

zwischen Pfaffenkamm und Schaufler sein, als derjenige, welchen 

Herr Ball *) treffend Fernaujoch nennt, und welcnen die Herren 

Barth und Pfaundler ^) erwähnen, aber nicht benennen, der 

letztere liegt eben mehr westlich und fast unmittelbar am 

-südöstlichen Fusse des Schaufler. Herr Tuckett schildert den 

-Abstieg als sehr beschwerlich, die Herren Barth und Pfaundler 

bezeichnen ihn als dem vom Bildstöckljoch ähnlich. *) 

Die Schrankogl - Ersteigung geschah über den sich von 
•dessen Gipfel östlich auf den Schwarzeberggletscher herabsen- 
ienden Grat, nach Herrn Tuckett's Bericht „ohne Schwierig- 
teit", wärend Herr Specht die oberste Firnschneide (buchstäblich) 
haarsträubend gefunden haben soll. 

Die Aussicht rühmt Herr Tuckett als „süperb", leider 
ohne sich in Details einzulassen. 

(Hier ist vielleicht die Bemerkung am Platze, dass solche 
Touren, mit fremden Führern unternommen, so verdienstlich 
^md ehrenvoll für den Unternehmungsgeist unserer britischen 
Collegen sie sein mögen, doch in der Regel fär die Topographie 
von niur untergeordnetem Werte sind, weil eben auch die beste 
Karte Mitteilungen, an Ort und Stelle von Ortskundigen gemacht — 
^nd solche gibt es zwar nicht überall, aber doch in Stubai — 
lücht ersetzt, und weil im Interesse nachkonunender Touristen 
2U ^vünschen ist, dass die einheimischen Führer zu neuen Touren 
veranlasst werden, welche sie, von wenigen rühmlichen Aus- 
nahmen abgesehen, nun doch einmal aus eigenem Antrieb nicht 
^mternehmen.) 

Unter den Stubaier Hochgipfeln sei hier noch der Son- 
klarspitze (früher Stubaier Wildspitze) gedacht, welche als uner- 
stiegen gilt; sie scheint der Knotenpunkt zu sein zwischen den 
Thälern Windach, Hinter-Passeir und Rindnaun; es wird hier 



») The eastern alps, S. 184. 

*) A. a. O., S. 83. 

^) Das letztere, auch Windacher Jöchl genannt, im Westen des 
^thaufler gelegen, bietet gar keine erheblichen Schwierigkeiten, wenn man 
^^r den in meinem Wegweiser (2. Aufl., S. 133), erwähnten Abstieg nimmt, 
^eil d^er Absturz des Windachergletschers dann links bleibt ; wärend er auf 
^tm alten Bildstöcklweg zum Teil überschritten werden muss. (Dies ist auch 
^«r Ort, wo 1860 Dr. Watson in eine Kluft stürzte und todt herausgezogen 
!^J^de; ein anderer englischer Tourist brach 12 Jahre früher, von demselben 
■^Ülurer „geführt", aber an der Stubaier Seite des Jochs, ein, wurde aber gerettet 
J^ verliess Hals über Kopf Stubai.) Man hat auf jenem Wege, sofern nicht 
"^^^fte zu Umgehungen nötigen, an der Oetzthaler Seite nur 20 Minuten» 
^öerhaupt aber nur 2V* Stunden über Eis zu gehen. 

7 



98 Th. Trautwein. Kleine Anregungen zur weiteren topographischen 

die Hinweisung auf das von Herrn Dr. A. v. Ruthner *) Gesagte 
genügen, um ihre Besteigung eben so schwierig als dankbar und 
wünschenswert erscheinen zu lassen; zunächst wäre dieselbe 
noch von jenem Uebergang zwischen Windach und Timblsalpen- 
thal zu versuchen, welcher nach Barth und Pfaundler**) über 
eine Scharte der Schwarzen Wand, des südlichen Ausläufers der 
Sonklarspitze, möglich ist. 

In der Südabdachung der Stubaier Gruppe darf noch 
vieles terra incognita genannt werden; zwar verbreiten die 
Begehung des Ueblethalgletschers durch die Herren Barth und 
Pfaundler, welche bei dieser Gelegenheit das Königshoferjocfe 
(Uebergang von Ridnaun in's Timblsalpenthal) und die im 
Süden desselben gelegene Königshofei'spitze erreichten, dann 
Herrn Dr. v. Ruthner's Schilderung des Ueberganges nach Pas- 
seir ^) sowie jene des Ridnaunerjochs durch Herrn Gutberiet *) 
einiges Licht über dieselbe, doch sind die Uebergänge aus dem 
Stubaier Längenthal nach Gschnitz *) sowohl als jener nach 
Pflersch •) (angeblich nicht schwierig) , dann der bereits er- 
wähnte aus dem Windacher- in's Timblsalpenthal nicht oder 
doch nicht genügend geschildert, und was die Gipfel in diesem 
Gebiet betrifft, so findet sich nur bei Schaubach über jene m 
Hintergrund von Ridnaun, welche schon aus dem Sterzinger 
Boden zu sehen sind, eine kurze Notiz; über den mythischen 
Bozer und die „Morer Weissen" Ruthner's, über die Königs- 
hoferspitze fehlen genauere Nachrichten und doch dürfte gerade 
hier noch eine reiche Ernte an topographischen Details zu e^ 
warten sein; um so erwünschter ist vielleicht die Notiz, das» 
ein Nachtrag zum Barth- und Pfaundler'schen Werke in Aus- 
sicht stellt. 

Auch in der Oetzthaler Gebirgsgruppe bleibt noch 
Vieles zu erforschen, trotzdem wir über sie Sonklar's Mono- 
graphie ') und viele andere Mitteilungen •) besitzen, trotzdem 
2br Hauptthal, das Oetzthal selbst. Dank den Bemühungen und 



*) Jahrbuch des österr. Alpenvereins, IV, S. 227 ff. 

2) S. a. a. O., S. 142. 

ä) Jahrbuch des österr. Alpenvereins, IV, S. 207 ff. 

*) S. unter den Notizen dieses Jahrbuchs. 

•) Vgl. Dr. A. V. Ruthner, im Jahrbuch des ' österr. Alpenvereittft 
n, S. 49—50 und A. Pichler, aus den Tiroler Bergen, S. 303 ff. 

®) Vgl. Ball, the eastern alps, S. 186. 

^) Die Oetzthaler Gebirgsgruppe, Gotha 1860. 

') Dr. A. V. Ruthner, Wildspitzersteigung, und Uebergang von Rofen 
nach Mittelberg über den Sechseggertengletscher, beide in den Mitteilung«» 
der k. k. geograph. Gesellschaft; dann Tuckett's Touren {Alpine Jaurn» 
2Jr. 11) u, a. m. 



• Erforschung einzelner Teile der deatHchnn Alpen. 99 

VeghaMten des Herrn Curat Senn, wol das am meisten besuchte 
[ochthal der Centralalpen ist. 

Es kann behauptet werden , dass es in den gesammteti 
Jpen wenige Gebiete mehr gibt, welche nahe beisammen noch 
3ute eine solche Zal von unerstiegenen Gipfeln, von iiner- 
rschten Gebieten, aufzuweisen hätten; so sind der Weisskamm 
>nklar's, zimi Teil auch der Venter Grat, dann die Ausstra- 
ngen des ersteren in die nördlich und westlich streichenden 
'ochthäler der Gruppe noch lange nicht genug erforscht, ab- 
esehen davon, dass auch die Höhenmessungen, nicht nur von 
ipfeln, sondern auch von Thalpunkten, noch vielfach unvoll- 
;ändig *) sind. 

Als unerstiegen dürfen angenommen werden: *) 1. Schwarze 
►chneide zwischen Heiligkreuz und Mittelberg (es werden zwar 
mi Oetzthal sehr viele Touristen zu Besteigung derselben ver- 
kiilasst, doch handelt es sich in diesem Fall wol nur um eine 
Vorstufe des Berges); 2. Mitmalspitze im Niederthal, zwischen 
fchaif- und Marzellgletscher; *) 3. Firmisanspitze im Gurgler- 
S^enterkamme ; 4. Freibrunnerspitze, west-nordwestlich der Weiss- 
iugel, zwischen Matsch und Langtaufers; 5. Glockthurm, zwi- 
idien Langtaufers, Radurschel und Kauns, genauer, zwischen 
den beiden Uebergängen aus Langtaufers nach Kauns, welche 
sich im hintersten Mallagthal trennen, imterhalb des Weiss-See- 
jocks aber wieder vereinigen; 6. Weiss-Seespitze, nordwestlich 
des Gepaatschjochs , südöstlich vom Weiss-Seejochtibergang; *) 
7. Verpailspitzen *) im Kamm zwischen Kauns und Pitz, beide 
nicht gemessen; 8. Fluchtkogel, der französische Dachstuhl des 
Nikodem Klotz, •) von Cyprian Granbichler einmal, jedoch 
(ledighch aus Mangel an Zeit) nicht ganz erstiegen; er stürzt 
Bttit einer Neigung von beiläufig 60 Grad gegen das Gepaatsch- 
joch ab, soll aber von Süd zugänglicher sein. 

Sicherlich sind ausserdem noch manche der Gipfel im 
Kamm zwischen Kauns- und Pitz-, dann Pitz- und Oetzthal, in 
jenem zwischen Gurgl und Passeir, dann zwischen Pfossen- und 



1) Sonklar a. a. O., S. 230. 

*) Privatmitteilung des Herrn Curat Senn, mir von Herrn Waitzen- 
^ÄUer gütigst überlassen. 

') Marzell- oder Maria-Zeil-, nicht aber Mnrzollgletscher ist die rich- 
te Bezeichnung. 

' *) V&^- ^^' ^' ^' Ruthner, das Gepaatschjoch (Jahrbuch I, S. 82), und 
'^' Weilenmann, über dasselbe (ebenda Ö. 59). 

5) Schaubach (Alpen II, S. 59) nennt sie unersteiglich, 

*) Vgl. Dr. A. V. Ruthner, im Jahrbuch I, S. 91. — Der französische 
P^chstuhl ist nach einer Privatinltteilung , welche ich Herrn Oberst v. Son- 
^ verdanke, und welcher Ruthner beistimmt, nicht identisch mit Weilen- 
*»4nn'8 Hochnagelwand: letztere steht etwas südlicher. 

7* 



lÜO Th. Trautwein. Kleine Anregungen zur weiteren topographischen 

Zielthal (Hochweissspitze ?) wenigstens von Touristen nicht bei 
ten und nicht geschildert; über die Gurgler Hochwildspitze ; 
dasselbe, was oben über die ßödtspitze gesagt wurde. 

An neuen Ersteigungen in der Oetzthaler Gruppe s 
ausser jener der Hinteren Schwärze durch Herrn Pfeiffer ( 
den Führern. Scheiber und Bened. Klotz) zu verzeichnen: V 
derholung dieser Tour durch Herrn Curat Senn (auf neu 
Wege mit Cyper, 1868); Ersteigung der Hochvemagtspi 
(schwierig) durch Herrn Curat Senn, 1867 ; jene des Scn 
kogl (im Venter Grat) durch denselben (1868, beide Touren 
Cyper); letztere Tour, von Herrn Curat Senn als „eine -w 
dcrschöne Partie" bezeichnet, wurde kurz darauf von eii 
Touristen aus Holland auch von Gurgl aus gemacht; end 
die Ersteigimg des Hinteren Prochkogl durch Herrn H. Wait: 
bauer. *) 

Der Weisskogl, der östliche Nachbar der Wildspitze, sc 
die Innere Quellspitze, s. ö. der Weisskugel, welche öfter 
unerstiegen genannt werden, wurden bei der Militär-Triang 
rung erstiegen, ersterer vom Führer Gstrein aus Sölden. 

Was die Jochübergänge betrifft, so beschränke ich n 
darauf, einige der selten betretenen oder meines Wissens ni 
geschilderten zn nennen: 

1. Langtauferer Joch, von Vent nach Hinterkirch, j( 
angeblich ungangbar wegen schlimmer Beschaffenheit des La: 
tauferer Gletschers. 

2. Matscherjoch; diesen Namen tragen nicht weniger 
drei Gletscherpässe, nämlich: der Uebergang von Langtaul 
nach Matsch, *j an der Freibrunnerspitze; ferner wird in V 
der Uebergang vom Hintereisgletscher über einen von der We 
kugel nördlich streichenden Grat auf die Gletscher des Matscl: 
thals so genannt (vielleicht besser Hintereisjoch?); und endl 
nennt Tuckett eine Depression des Grats zwischen Weisskn 
und Innere Quellspitze, von welchem er bei seiner Ersteigt 
der erstoren ') den Abstieg gegen Matsch begann, Matscherjo 

3. Die Uebergänge aus dem Matscherthal in's SchnaL 
thal einerseits, in's SchJandernaunthal andererseits. 

4. Der Uebergang aus dem Pfossen- in's Zielthal. 

5. Das Säberjoch zwischen dem Gurgler Königsthal i 
dem Passeirer Säberthal. 



*) Vergleiche H. Waitzenbauer unter den Notizen dieses Jahrbu^ 
«) Sonklar a. a. O. 8. 219. 

^) Alpine Journal Nr. 11, S. 143, vergleiche auch Jahrbuch des ö« 
Alpenvereins, II, S, 330. 



Erforschung einzelner Teile der dentschm Alpen, 101 

Manche dieser Unternehmungen wären sicherh'ch geeignet, 
zu Aufklärung der in der Topographie der Oetzthaler Gebirgs- 
gruppe noch zweifelhaften oder ganz dunkeln Partien beizu- 
tragen — leider fehlt eben zur Zeit ein Führer, welcher, wie 
der verunglückte Cyprian Granbichler, nicht allein die mecha- 
nischen Fähigkeiten, sondern auch die detaillirtesten Ortskennt- 
nisse, das rege Streben und Interesse an der Sache und die In- 
telligenz besässe, welche dem braven, noch lange nicht genug 
gewürdigten Cyper *) innewohnten. 

Freilich verlangen viele dieser Touren auch eine unge- 
wöhnliche Ausdauer, so lange sich nicht an geeigneten Punkten 
ünterkunftshütten befinden, welche, wie z. B. die Hintereishtitte, 
wenn sie in Stand gesetzt würde, die Aufgabe des Tages um 
einige Stunden zu kürzen erlauben würden. 

Noch reihe ich die Notiz an, dass unter dem Gipfel der 
{[reuzspitze eine solche Schutzhütte seit dem Herbst 1868 be- 
steht, welche Herr Maler Brizzi bei Aufnahme seines „Panorama 
der Kreuzspitzrundsicht" bewohnte ; sie ermöglicht es, den Gipfel, 
der sich seit seinem Bekanntwerden so viele Freunde erworben- 
noch vor Sonnenaufgang zu erreichen; eine ähnliche Hütte be- 
absichtigt Bened. Klotz nahe dem Ende des Iloclijochgletschers 
zu errichten; letztere wird nicht nur Hochjoch-Passanten Unter- 
stand gewähren, sondern sie wird auch u. A. die Ersteigung der 
Weisskugel bedeutend abkürzen, indem es möglich sein soll, den 
Hintereisgletscher auch vom Hochjoch aus zu erreichen. 

Des noch übrigen Teils der Centralalpen, der Gebirgszüge 
zwischen Inn- und Staazerthal, wurde bereits oben gedacht, ich 
gehe desshalb zu dem Teil der Südalpen über, dessen hier 
allein gedacht werden kann. 

Ueber die Ortlergruppe dürfte wenig Neues mehr zu 
sagen sein, nach .den Vorarbeiten eines ßuthner, *) Tuckett, ') 
Mojsisovics *) und Anderer, vor Allem aber nach den erschi)- 
pfenden Publicationen Payers *), dessen Arbeiten so hei los 



*) Näheres über Cjper's Ausbildung zum Führer ersten Ranges, sowie 
über seine letzte verhängnissvolle Wanderung mit Herrn Curat Senn fintlot 
sich in der vom Schreiber dieser Zeilen redigirten Broschüre; „Aus dem Le- 
ben eines Gletscherführers; Blätter der Erinnerung an Cjprian Granbichler 
Biit dessen Bildniss; zum Besten einer für Cyper zu errichtenden Gedenk, 
tafel; München 1869, Lindauer. Preis 24 kr. s. W. 

*) Peterraann, Mitteilungen 18t>4. S. 207—209. 

*) Alpine Journal 1864. December, im Auszug in Petermann's Mit- 
^üungen 1864, S. 6 und ff., dann Alpine Journal Nr. 14, S. 301, und Nr. If), 
"• 354. 

*) Jahrbuch des Oesterr. Alpenvereins I, S. 213, ff. und II, S. 239 
tod370ff. 

^) Petermann, Mitteilungen, Ergänzungshefte Nr, 18 und 23. 



102 Th. Trautweiu.* Kleine Anregungen zur weiteren topographischen 

Licht über diesen Gebirgsstock verbreiten, welcher die beide; 
höchsten Gipfelbauten der deutschen Alpen umfasst; es dai 
tiiglich behauptet werden, dass durch Payer, wenn rollend 
seine Forschungen über den östlichen und südlichen Teil de 
Gruppe veröffentlicht sein werden, die Forschungen in und übe 
denselben in einer Weise zum Abschluss gebracht sind, das 
auch die Ersteigung der wenigen noch unbetretenen Gipfel de 
Gruppe kaum mehr neue Resultate beibringen kann. *) 

Neu ist dagegen, dass die Gesellschaft, welcher die neufe 
Bäder von Bormio gehören, den bekannten Franz Pöll ax 
Paznaun als Führer fiir die Sommerzeit engagirt hat, zugleic 
in der .Absicht, durch ihn unter den Einheimischen tüchtig 
Führer heranbilden zu lassen. Dieselbe hat auch einen We/ 
auf die Umbrailspitze bahnen lassen, welcher diesen angeblicl 
vorzüglichen Aussichtspunkt für Jedermann zugänglich macht. 
ein Panorama derselben soll erscheinen. 

Was endlich die Dolomit alpen im Südosten Tirols betrifft 
so muss ich mir versagen, näher auf dieselben einzugehen, weil mii 
nächst der geringen eigenen Erfahrung keine oder doch nui 
wenige *) neuere Daten vorliegen, als die Arbeiten des Herrn 
Grohmann in unseren Mitteilungen Band I, II, und Jahrbü- 
chern Bd. 1, II, dessen Mitwirkung die neueren Bände leidei 
vermissen lassen; wie man vernimmt, beabsichtigt Herr Groh- 
mann, seine Wanderungen in diesem und auch wol in anderer 
Teilen der Alpen 1870 in einem besonderen Buche erscheinei 
zu lassen und ebenso dürfen wir aus der Feder des Herrn De 
A. V. Ruthner noch eine dritte Folge seiner Berg- und Gletschet 
Reisen erwarten, welche sich auch mit den Südalpen befassei 
wird; ich behalte mir also vor, zu geeigneter Zeit auf diese 
hochinteressanten Teil der Alpen zurückzukommen. — 

Ich kann diese Arbeit, welche trotz ihrer Unvollständig 
keit zur Genüge erweisen mag, wie weit wir» noch von der Mög 



*) Um Missdeutimgen zu begegnen, sei hier darauf hingewiesen 
dass die Arbeiten des Herrn Oberlieutenant Payer neben hypsometrischen 
Daten besonders auf die touristisch-topographische Beschreibung eingelieni 
und diese eben ist ja für den Laien vom grössten Wert, und auf sie allein 
ist, wie Eingangs bemerkt, bei dem gegenwärtigen Versuch Rücksicht genom- 
men; es liegt mir hier nichts ferner, als dem Wert anderer, weit umfassen 
derer Arbeiten nahe zu treten, welche eben, wie beispielsweise jene de 
Herrn Obersten von Sonklar, der Herren D. D. von Barth und Pfaundle 
in erster Linie orographisch-hypsometrische Zwecke verfolgen, also natiirlic 
das touristische Interesse nur nebenbei und nicht in einem besondern Tt 
berücksichtigen können. 

•) Jahrbuch des österr. Alpenvereins, IV, S. 433 und 379 und e 
neueres Heft des Alpine Journal» sowie Ball, the easteim olpsy S. 526, und 



Erfomliung einzelner Teile der deutschen Alpen. 



103 



lioMeit einer erschöpfenden Schilderung der deutschen Alpen 

entfernt sind, nicht abschliessend ohne allen jenen, welche mich 

bei deren Zusammenstellung durch mündliche oder schriftliche 

'Mitteilungen imterstützt, meinen Dank abzustatten;* damit sei 

zugleich verbunden die Bitte an Touristen, welche in der Lage 

sind, die Lücken und Irrtümer derselben zu ergänzen und zu 

berichtigen, um fi'eundliche Mitteilung ihrer Erfahnmgen, welche 

in einem späteren Nachtrag berücksichtigt werden sollen. 



)- 



■•> 



1 

i 



Ersteigung der Weisskugel (ii,84r). 



Von Joh. Stüdl. 



Als ich im Jahre 1867 das Oetzthal verliess, hegte ich 
keinen sehnlicheren Wunsch, als recht bald wieder dahin zu- 
inickkehren zu können, um jene Touren auszuftihren, die eia 
plötzlich eingetretener, lang anhaltender Regen buchstäblich zu 
Wasser machte. 

So fand mich denn auch der 8. August des folgenden 
Jahres in Begleitung meines jüngeren Bruders Carl unter einer 
Karavane von nicht weniger als 16 Personen, worunter sogar 
eine junge schöne Frau, auf dem Wege nach Vent über das 
Ramoljoch, das wol noch nie vorher von einer so zalreichen 
Touristenschaar überschritten ward. In Vent trafen wir Herrn 
J. J. Weilemann aus St. Gallen, diesen berühmten Bergsteiger 
und vorzügHchen Kenner der Schweizer Alpen. Wir befreun- 
deten uns recht bald und fassten den Beschluss, alle Touren 
im Oetzthaler Gebiete gemeinschaftlich zu unternehmen. Leider 
stand der vorzügliche Führer Cyper nicht zur Verfugung, in- 
dem er erst in zwei Tagen zurück en^'artet wurde, was uns 
nötigte, vor Allem die stolze Wildspitze zu ersteigen, da hiefiir 
taugliche Führer zur Hand waren. Binnen 5 Stunden war der 
Gipfel am 10. erklommen, auf welchem wir. Dank der herr- 
lichen Witterung eine prachtvolle Aussicht genossen. Nicht so 
gut erging es uns am folgenden Tage auf der Kreuzspitze.*) 
Dort begrüsste uns Hagel und Regen, letzterer begleitete uns 
bis nach Vent und verdarb sogar zwei volle Tage. Trotz- 
dem verfloss die Zeit auf das Angenehmste in der Gesellschaft 
des überaus liebenswürdigen Herrn Curat Senn und der vielen 
Gäste, die das Widum beherbergte. 

Von air den Plänen, die wärend dieser Zeit ausgeheckt 
wm'den, blieb die Ersteigung der Weisskugel, des zweithöchsten 



*) Diese beiden Spitzen hatte ich bereits im Vorjahre erstiegen. 



Joh, Stüdl. Ersteigung der Weisskngel. IOd 

Lpfels in der Oetzthaler Gebirgsgnippe, als erster Gegenstand 
rf der Tagesordnung, mit welcher Tour Herr Weilemann seine 
eise nach Meran zu verbinden gedachte, wärend mein Bruder 
nd ich beabsichtigten, möglichst direct dem Ortler zuzuwandern. 

Endlich gab das rasche Steigen des Barometers einiger- 

aassen Hoffnung auf besseres Wetter, was uns veranlasste, noch 

im Abende des 13. August die nötigen Vorkehrungen zu treffen. 

Ms Führer wurden vor Allen der tüchtigste derselben : Cyprian 

Granpichler, femer Scheiber und schliesslich Raffeiner acquirirt, 

von denen der Letztere mit Herrn Weilemann von der Weisskugel 

aus einen Uebergang über den Steinschlagfemer nach Kurzras 

aufzufinden hatte, wärend erstere Zwei die Aufgabe übernahmen, 

mit uns Brüdern von der Weisskugel jenen Hinabweg über den 

steilen und wild zerklüfteten Matschergletscher in das Thal 

gleichen Namens zu versuchen, der bisher nur ein einziges Mal 

und zwar von den Engländern F. F. Tuckett, D. W. Fresh- 

field, G. H. Fox mit den Führern Fran9ois Devoissoud aus 

Chamouni und Peter Michel aus Grindel wald im Jahre ISO;") 

ausgeführt wurde *) — Wege, die keinem der Oetzthaler Führer 

bekannt waren. 

Wie gewöhnlich auf der Höhe der Saison, so auch an 
diesem letzten Abende fanden sich viele Touristen in dem ge- 
iniltlichen Gaststübchen versammelt und rasch verflog die Zeit 
in der angenehmsten Unterhaltung, so dass es bereits 11 Uhr 
Nachts geworden, ehe wir unser Zimmer aufsuchten, um für ein 
Stündchen, wenn auch vollständig angekleidet, der Rulie zu 
pflegen. Herr Curat, der das lebhafteste Interesse an unserem 
Vorhaben nahm, blieb uns zu Liebe wach, damit wir ja zur 
rechten Zeit geweckt werden und stand auch Schlag 12 Uhr 
leise pocjhend an unserer Thüre. 

Nicht lange darauf waren wir, so wie unsere drei Führer, 
zu unserem schweren Tagewerk vollständig gerüstet und reich- 
lich verproviantirt. Mit schwerem Herzen nahmen wir von 
^serem lieben Wirte Abschied, dessen Gastfi*eundschaft uns 
^d so manchem Besucher des Oetzthales unvergesslich bleibt. 

Es war gerade 1 Uhr, als wir bei dem spärlichen Lichte 
zweier Laternen in die pechfinstere Nacht hinaustraten. Hie und 
da schimmerten die Sterne durch das dichte Gewölk, welches 
tiusere Hofinung auf einen klaren Morgen sehr herabdiückte. 
Wir betraten den Saumweg und schritten durch das Rofenthal 
jei den Rofenhöfen vorbei, übersetzten mit Mühe mehrere 
i^ildbäche und verliessen um 3 Uhr den Weg, um über den 
"iesigen Schuttwall der Endmoräne des Vernagt-Femers zu klet- 

*) Siehe Alpine Journal, Septemberheft, Vol. II, pag. 1^3. 



106 Joh. Stüdl 

tern. Das unstete Lieht der Laternen und deren kleiner Lieh 
kreis^ ausser welchem kein Gegenstand zu erkennen war, machl 
das Auf- und Absteigen über diese colossalen Trümmer aussen 
unangenehm. 

Es fing bereits an, über den Stubaiern ein fahler Schimme 
des erwachenden Tages sich zu verbreiten, als wir um 3 Ul 
45 Min. die Hintereishütte (7372') erreichten, wo die Laterne 
ausgelöscht und zurückgelassen wurden. Noch eine kurze Streci 
und das Ende des vereinigten Kesselwand- imd Hintereisgle 
schers lag zu unseren Füssen ausgebreitet. Wir überblicktej 
einen Teil des letzteren, der als riesiger Eisstrom in sanfte] 
Neigung sich bogenförmig anfangs gegen Westen, weiteriiii 
gegen Südwest ausbreitet und nach Sonklar's Berechnung einen 
riächenraum von 4 Mill. Quadratklafter umfasst. Seiner Länge 
(29,000') nach ist er einer der ausgedehntesten Gletscher der öste^ 
reichischen Alpen, indem er unter ihnen den vierten Rang ein- 
nimmt und sogar dem Mortratschgletscher in der Berninagruppe 
nur um Weniges nachsteht. 

Auch jener besitzt — wie alle Gletscher des Oetzthales — 
die merkwürdige Eigenschaft, dass sein Firnfeld 4 Mal so gro« 
ist, als der eigentliche Gletscher selbst. Vor uns thürmte sid 
der Neussberg auf, zu dessen Linken der Hochjoch-Ferner her 
vorlugte. Gespensterhaft und düster blickten die steilen Abhängi 
des Kreuzkammes hernieder und gaben dem ganzen Bild jenei 
wilden und öden Charakter, den man so häufig in Hochgebirgs 
thälern antrifft. 

Durch das Zusammenfliessen des Hintereis- und Guslai 
Ferners bildet sich ein riesiger Schuttwall, über welchen wi 
vor Allem klettern mussten, um den ersteren der beiden Glei 
scher zu betreten, welchen die Regen der vorhergehenden Tag 
derart glatt und schlüpfrig gemacht hatten, dass wir gezwungeJ 
waren, alsbald unsere Steigeisen anzuschnallen , um rascher vor 
wärts zu kommen. Da übrigens der Gletscher sanft ansteigt unc 
keine Klüfte besitzt, so suchte sich Jeder seinen Weg zwischen 
den wellenförmigen Erhebungen so gut es eben ging. 

Je weiter wir vordrangen, desto mehr erweiterte sich der 
Gletscher und liess, als wir mehr gegen Südwesten einbogen, 
aus seiner Firnregion die Langtaufererspitze und hinter derselben 
die Weisskugel erkennen, welche letztere mit ihrem wandartigen 
Aussehen und dem dachfirstenähnlichen Eisgrat sich scharf 
gegen den Horizont abhob. Die erstere baut sich nicht minder 
stolz und imposant aus dem Eismeere des Gletschers empör? 
und ich kann es Herrn Tuckett nicht verargen, dass er, in d^ 
Meinung, es sei die Weisskugel — selbe (Langtaufererspitzoj 



l. 



Ersteigung der VVeisHkugel. 107 

erstieg und erst auf dem Gipfel angekommen , seinen Irrtum 
gewahrte. 

Gegen Süden ist der Gletscher durch unbedeutende Schnee- 
häupter begränzt, welche sich in ähnlicher Form, wie dessen 
westliche Umwallung bis zum Noussberg fortsetzen, zwischen 
wichen letzteren ohne viele Mühe ein Uebergang zum Hoch- 
jochfemer bewerkstelligt werden könnte. 

Deutlich erkennt man das 9965' hohe Langtaufererjöchl, 
das sich in Form eines scharfen Einschnittes zwischen der Lang- 
taufererspitze und den Ausläufern der Hochvemagtwand kenn- 
zeichnet und den Uebergang in das Langtaufererthal ermöglicht. 

Wärend wir so fortwanderten, hatte sich die Sonne mühsam 
zwischen den Wolken Bahn gebrochen und erfreute uns dann 
und wann mit einem freundlichen Blicke, der aber nicht 
viel Trost bringen konnte, da über dem Kreuzkamme sich ein 
dichter Regen niederliess. Hie und da streiften die Wolken tief 
herab und nur der Umstand, dass die beiden Spitzen im Hin- 
tergrunde des Gletschers frei blieben, konnte uns einzig und 
allein bewegen, unserem Ziele unverdrossen zuzusteuern. Um 
5 Uhr 50 Min. en'eichten wir eine Mittelmoräne , die sich vom 
Langtaufererjoch herabzieht. Hinter einem Riesenfelsblocke vor 
dem eisigen Winde geschützt, wurde die erste Rast gemacht und 
der Proviant hervorgeholt. Herr Weilemann machte , wie auf 
Allen Touren, mit gewohnter Liebenswürdigkeit den Mundschenk 
^d credenzte Allen den guten Rothwein, welchen uns Herr 
Curat Senn mitgegeben hatte. 

Dieses gemütliche Plätzchen, welches einen prachtvollen 
Ueberblick über den bereits zurückgelegten Weg und weit in 
die Ferne zu den Stubaiem gestattete, war so verführerisch, 
dass wir unsere Rast wider Willen bis ö'/a Uhr ausdehnten. 

Doppelt gestärkt schritten wir desto rascher vorwärts und 
^mentlich war die beginnende Schneedecke am Gletscher hiezu 
wesentlich forderlich. AUmälig fingen aber auch die Klüfte an, 
^ich heimtückisch unter dem zunehmenden Schnee zu verstecken, 
was uns nötigte, das Seil zu benützen und in einem grossen 
Bogen nach links der Weisskugel zuzusteuern. Dieselbe erhebt 
^ich unmittelbar aus dem Firne in fast senkrechten Eis- und 
Schneewänden in der westlichsten Ecke des Hintereisgletschers, 
^hnhch einem steilen Dache und zeigt in der Form ihres obersten 
Kammes eine gerade Linie , die sich gegen Süden neigt und so- 
^aim steil zum Matscherjoche — so nennt Tuckett die Einsat- 
telung zwischen dem genannten Gipfel und der inneren Quell- 
spitze — abfällt. Zwischen der Langtaufererspitze und der 
Weisskugel befindet sich ebenfalls eine Einsattelung, von wel- 
<?'ier die Führer erzälten, dass in früheren Zeiten dieselbe beim 



108 Joh. Stüdl. 

Schaftrieb als Uebergang aus dem Langtaufererthale über c 
obere Fimplateau des Hintereisgletschers, ferner über den Ste 
Schlaggletscher nach Kurzras benützt wurde, was ich jedoch s€ 
bezweifeln muss. 

Je mehr wir uns in stetig westlicher Richtung der Wei 
kugel näherten, desto mehr nahm das Firnfeld an Steilheit i 
Herr Weilemann liess schliesslich sein Gepäck zurück, da er 
wie bereits erwähnt — den Rückweg von der Weisskugel 
das Schnalser Thal über einen der vielen Einschnitte beabsic 
tigte, welche die Firnregion des Hintereisgletschers gegen Süd 
begränzen und daher zu dieser Stelle wieder zurückzukomnK 
genötigt war. 

Es mochte etwa 9 Uhr gewesen sein, als wir zum Fuä 
der Weisskugel und zwar zu jenem steilen Sclmeehange käme 
der sich vom Matscherjoche zum Gletscher hinabzieht. Hier er 
begann ein steiles mühsames Emporklimmen, welches schliesslk 
durch Zuhilfenahme der Eisaxt ermöglicht wurde. 

Nach V4stündigem forcirten Steigen, wobei uns das Sti 
fenhauen im Eise sehr lange aufhielt, erreichten wir das Ma 
scherjoch (9 Uhr 45 Min.) und waren für die langwierige Wa] 
derung schon hier reichlich' belohnt durch die prachtvolle Feri 
sieht, die sich unseren Blicken nach drei Seiten hin dark 
Hier zeigt sich die Ortlergruppe in ihrer ganzen überwät 
genden Majestät in einer Klarheit und Schärfe, dass man ve 
meint, selbe leicht zu erreichen. Die Madatscligletscher , d 
massige Bau der Ortlerspitze, die stolze Königswand, die beid« 
Cevedalspitzen erkennt man sogleich. 

Nicht minder interessant ist der Blick über die Oetzthal 
Schneehäupter. In nächster Nähe macht die Langtaufererspit 
einen imposanten Eindruck, der aber durch die stolz in d 
Lüfte ragende, einem riesigen Zeltdache ähnliche Wildspit 
bedeutend abgeschwächt wird. Aus dem mächtigen Firnmee 
des Gepaatscherferners , das man zum grossen Teil übersiel 
baut sich eine sanftgewölbte Eiskuppe empor, welche ich f 
die- Weiss-Seespitze hielt 

Die übrigen Kämme waren von Zeit zu Zeit in Wölk 
gehüllt und vereitelten den Gesammtanblick, obwol das stelle 
weise Herausragen aus dem Wolkenschleier selbe noch im] 
santer machte. 

Hier im Angesichte eines so herrlichen Panorama's wui 
die zweite grössere Rast gehalten und abermals dem Proviai 
zugesprochen. 

Nach kaum y4stündigem Aufenthalte zwang uns die Kä 
den eingenonmienen Sitz zu verlassen und unserem Ziele näl 
zu rücken. 



Ersteigung der Weißskugel. 109 

Vom Joche aus zieht sich in nordwestlicher Richtung ein 
arxfangs massig geneigtes Fimfeld empor ,' welches, je höher, 
desto mehr an Steilheit zunimmt und schliesslich sich in einem 
scliarfen steilen Felsgrat fortsetzt. 

Wir betraten um 10 Uhr jenen Schneehang, nachdem wir 
vorher unser Gepäck am Joche zurückgelassen hatten, wurden 
aber bald durch zunehmende Steilheit gezwungen, Stufen in 
das Eis zu hauen und schliesslich dem Felsen zuzusteuern. Der- 
selbe ist aber so steil und zudem von so morscher Beschaffen- 
heit, dass die grösste Vorsicht gebraucht werden muss. Auch 
fehlt es nicht an scharf geneigten Platten, auf welchen die 
Steigeisen schwer einen sicheren Tritt vermitteln können. 

Etwa eine halbe Stunde so fortkletternd, erreichten wir 
den obersten Kamm der Weisskügel, der sich als ein scharfer, 
sehr schmaler Eis- und Felsgrat dachfirstenartig bis zur höchsten 
Spitze fortsetzt und diesem Gipfel jenes originelle wandartige 
Aussehen gibt. Vor Allem betraten wir einen ganz schmalen^ 
etwa 50 Schritte langen Eiskamm, welcher die Vermittelung 
zwischen dem nächsten Felskopfe bildet, der abermals über- 
klettert werden musste. Sodann setzt sich diese Schneide noch 
«chmäler — kaum einen halben Fuss breit — fort, über welche 
wir mit grosser Vorsicht hinbalancirten. 

Die uns dicht umhüllenden Nebel machten den Anblick 
der nach rechts und links in flirchterlicher Steilheit abfallenden 
Schnefe wände minder grausenerregend, auch ist zum Glück die 
•Strecke kaum 15 Schritte lang, demi abermals tritt ein Fels- 
kopf hervor, der hinlänglichen Platz zimi Sitzen bietet und auf 
'Welchem wir eine grüne Flasche fanden. Noch hatten wir nicht 
den höchsten Punkt erreicht. Wenige Schritte von diesem Felsen 
erhebt sich ein gegen den Hintereisgletscher überhängendes, 
durch einen kurzen Eiskamm mit ersterem in Verbindung ste- 
hendes Schneehom, ähnlich dem höchsten Gipfel dos Gross- 
Venedigers (jedoch leichter zugänglich), welches wir um 11 Vi 
Uhr, somit nach ly, stündigem Steigen vom Sattel aus und nach 
einer 10y2stündigen Wanderung glücklich erreichten. 

Hier standen wir nun, eingehüllt in dichten Nebel, einem 
scharfen eisigen Winde ausgesetzt, trostlos über unser Miss- 
geschick. 

Da dieser Ort kaum Platz für drei Personen bietet, so 
kehrten wir zum Felsen zurück und untersuchten vor Allem 
den Inhalt der Flasche. Derselbe bestand aus einem mit Blei- 
stift beschriebenen Zettel von Herrn Ernest Pfeiffer aus Wien, 
Welcher am 13. August 1867 diesen Gipfel erreichte. Herr Weile- 
^ann nahm dieses Document zu sich und wir ersetzten dasselbe 
^^rch unsere Karten mit den betreffenden Notizen. 



110 Joh. Stiidl. 

Jeder machte es sich nun so bequem, als es eben da 
Terrain zuliess, und geduldig harrten wir einer besseren Wil 
terung entgegen. Schon waren y^ Stunden vergangen und noc! 
immer war unsere Situation nicht besser geworden. Statt mi 
trunkenen Bhcken die so gerühmte Aussicht zu geniessen 
starrten wir mit trüben Gesichtern in den dichten Nebel, de 
uns umwogte. Zu all' dem wurde die Kälte unerträglich um 
als es schliesslich anfing zu schneien, da riss unsere Gedu)< 
und wir begannen ungesäumt den Rückzug. In derselben Ord 
nung, wie wir hinangestiegen, wurde der Hinabstieg bewert 
stelligt. Doppelte Vorsicht erforderte die Passage über den 
steilen Felsabhang, der uns bereits beim Hinaufklettern einige 
Schwierigkeiten verursachte. Trotz air dem erreichten wir binnen 
einer Stunde das Matscherjoch. 

Kaum waren wir aber daselbst angelangt und besahen 
uns den so eben zurückgelegten Weg, als sich — wie zum 
bitteren Hohne — die Weisskugel ihrer Wolkenhülle entledigte 
und klar in den tiefblauen Himmel emporragte. 

Welch' Schicksals Tücke! Dass uns gerade in jener Zeit, 
wo wir auf der Spitze standen, dichter Nebel umhüllen musste^ 
wärend vor wie nachher dieselbe frei von jeglicher Wolke blieb! 

Allein wir gaben uns nicht erst langen trüben Re- 
flexionen hin, sondern genossen die sich uns darbietende, ini 
höchsten Grade entzückende Fernsicht mit vollen Zügen. Von 
keinem Standpunkte bildet der Ortler mit seinen Trabanten, 
und den herrlichen Gletschern, die Berninakette, sowie die 
Graubündener Berge ein so grossartiges Bild, wie eben von 
da. Jedenfalls kann die Aussicht von der Weisskugel jener der 
Wildspitze kühn an die Seite gestellt werden, ja übertrifft selbe 
in so mancher Hinsicht. 

Ihre Lage, die ein Knotenpunkt des Weisskammes, mit 
dem Schnalser- und Matscherkamme, ja gewissermassen auch 
mit dem Salurnkamme ist, macht den Eindruck, was die un- 
mittelbare Umgebung anbelangt, zu einem grossartigen. Hat sich 
aber das Auge an dem Gletschermeere des Hintereis-, Gepaat- 
scher-, Langtauferer- imd Matscherferners, sowie an den unzäligen 
Eis- und Felsgipfeln gesättigt, so bietet der teilweise Einblick in 
die Thäler, wie z. B. in das Vintschgau, Matscher-, Langtauferer> 
Kauner-, Oetz- und Schnalserthal, wo hie und da aus dem sanften 
Grün der Matten die zerstreuten Häuser der Dörfer hervorschim- 
mern, eine reizende Abwechslung, die man auf der Wildspitze gänz- 
lich vermissen muss. Die Weisskugel vereinigt die Grossartigkeit 
der Umgebimg der Kreuzspitze mit der unermesslichen Fem- 
sicht der Wildspitze zu einem solch' prachtvollen Panorama, 
dass ihr, nach den Aussagen des Engländers Mrs. Tuckett sowol, 



Ersteigung der Weisskugel. 111 

als nach jenen des Herrn Curat Senn der erste Rang in den 
Oetzthaler, ja vielleicht in den österreichischen Alpen gebührt *) 

So fesselnd auch das Bild war, das sich unserem Auge 
darhot, mahnte uns dennoch die vorgerückte Stunde — es war 
27« Uhr Nachmittags — um so mehr an unseren Rückweg zu 
denken, als keiner der Führer weder den Weg, welchen Herr 
Weilemann in das Schnalser Thal, noch jenen, den ich mit 
meinem Bruder in das Matscher-Thal einzuschlagen beabsich- 
tigte , kannte, daher es rathsam erschien, bei Zeiten aufzu- 
brechen. 

Mit schwerem Herzen trennten wir uns von Herrn Weile- 
mann, unserem liebenswürdigen Reisegenossen, mit dem Ver- 
sprechen, uns in St Gertrud im Suldenthale wiederzusehen. 
Bald entschwand er sammt seinem braven Führer RafFeiner 
unseren Blicken. 

Nicht lange darauf rüsteten auch wir uns zum Hinabwege 
über den zerklüfteten und äusserst steil abfallenden Matscher- 
gletscher, welcher Herrn Tuckett bereits nicht unbedeutende 
Schwierigkeiten verursachte — wie er selbst in einem Schreiben 
an Herrn Curat Senn erwähnt. Zu all' dem lag die Vermutung 
nahe, dass die Zerklüftimg des Gletschers heuer eine noch be- 
deutendere sein werde, als im Jahre 1865. 

Das Fimgebiet dieses Ferners steigt anfangs in sanfter Nei- 
gung hinab und wird durch einen aus der Mitte hervorragenden, 
^nächtigen, arg zerklüfteten Felskamm in zwei Arme geteilt, 
davon der östliche weniger steil sich niedersenkt, als der west- 
liche Arm, daher wir uns auch entschlossen, den ersteren zu 
betreten. 

Anfangs stiegen wir ohne Hindernisse in südlicher Richtung, 
in dem aufgeweichten Firnschnee tief einsinkend, hinab, bis die 
zunehmende Steilheit des Firnes uns zwang nach rechts dem 
'verwitterten Felskamme zuzusteuern. Cyper war, wie inuner, 
der Pfadfinder und eifrig bemüht, diö zugänglichste Passage 
aufensuchen. 

Als wir den Felsabhang betraten, begann ein mühseliges 
Klettern von Fels zu Fels, endlich brach derselbe in jähen Wänden 
*b und wir mussten durch eine sehr steile , ganz schmale Fels- 
schlucht hinabkriechen, wobei wir eine ganze Masse Trümmer- 
gestein, welche sich in dieser Rinne befand, in Bewegung brachten. 



*) Tuckett schrieb nach seiner Weisskugelersteigiing von Trafoi aus 

Ju Herrn Curat Senn über den Erfolg derselben und fällt auch das Urteil 

^ber die Femsicht, indem er sagt: „dass er nie etwas Schöneres gesehen 

^'tte* — gewiss ein gewichtiges Wort von einem so berühmten Ikrgstciger, 

£^r bereits eine Unzal von Hochspitzen in der gesammten Alpenwelt er- 

^ommen hat. 



112 Joh. Stüdl. 

Wir gelangten auf diesem Wege zu einer Einbuchtung des 
Felskamms, welche durch ein Schneefeld ausgefüllt ist, das wir 
nun übersetzten und von demselben auf den Gletscher kamen. 
Leider wurde unsere Absicht, auf diesem fortzuwandern, bald 
vereitelt, denn die Zerklüftung wurde so arg, dass wir abermals 
Äum Feken unsere Zuflucht nehmen mussten, um wo möglich 
die am meisten zerklüfteten Stollen zu umgehen. Nachdem wir 
ein Stück weit in entsetzlicher Steilheit hinabgeklettert waren, 
gelangten wir auf einen Felsvorsprung, wo ein Weiterklimmen 
nicht denkbar war. 

Zudem wurde die Zerklüftung des Gletscher eine noch 
grässlichere. Rechts himmelhoher Felsabhang, links colossale, 
uns überragende Eiswändo mit weit klaffenden Spalten, in denen 
ganze Häuserreihen Platz gefunden hätten. Da war guter Rat 
theuer. 

Den braven Cyper brachte diess Alles keinen Augenblick 
aus seiner Ruhe. Ohne sich lange zu besinnen, übergab er das 
Seil und Gepäck dem Scheiber imd stieg mit seiner Eisaxt in 
die zu unseren Füssen gähnende Schlucht hinab, wo sich die 
Gletscherwand an den Felsen anfügt. Bald war er unseren Blicken 
entschwunden und es verging eine lange bange Zeit, ehe wir ein 
Lebenszeichen von ihm vernahmen. Endlich hörten wir das 
regelmässige Hacken im Eise, das uns hoffen liess, Cyper habe 
einen Ausweg gefunden, der uns aus dieser unerquicklichen 
Situation befreien sollte. 

Und richtig — nach etwa halbstündigem Warten rief Cyper 
uns zu, ihm nachzufolgen. Wir kletterten behutsam zur Eiswand 
hinab und sahen zu unseren Füssen eine fast senkrechte, etwa 
200' tiefe Eisrinne, in deren Mitte Cyper stand und ruhig das 
Eis mit seinem Pikl bearbeitete, wärend von der Oberfläche 
des Gletschers beständig Steine und Eisstücke hinabkollerten 
und ihren Weg durch dieses Couloir nahmen, wodurch fflck 
aber Cyper keinen Augenblick stören liess. Nachdem er einen 
Haltepunkt in Form eines Eissattels in einer Gletscherspalte 
gefunden hatte, bedeutete er uns, zu ihm hinabzuklettem. Ich 
liess mich von Scheiber an das Seil binden und stieg behutsam 
hinab, die gehauenen Stufen benützend, während Scheiber am 
Eingange zu dieser unheimlichen Schlucht stand und das Seil 
weiter hinabgleiten liess. Noch hatte ich Cyper nicht erreicht, 
als mir Scheiber herabrief, dass das Seil zu Ende sei und ich 
mich losknüpfen müsse. So sehr ich mich beeilte, diess zu thun, 
um aus dem Bereiche der Stein- und Eislavinen zu kominö«^ 
die an mir vorbeisausten, so war es. mir nicht möglich, seih 
als mir Cyper zu Hilfe kam , den gordischen Knoten zu iSsß". 
Endlich nach langem Hin- und Herzerren wurde ich vom Seife 



Ersteigung der Welsskiigcl. 113 

Lefreit und mit Hilfe Cyper's trat ich aus der gefährlichen Bahn. 
Nun folgte mein Bruder, in derselben Weise von Scheiber 
am Seile geführt. Kaimi hatte aber mein Bruder uns erreicht 
f und der Führer von oben das Seil hinabgleiten lassen, um uns 
auf demselben Wege zu folgen, als ein Ruf von ihm ertönte, 
«nd in demselben Augenblicke ein riesiger Felsblock ganz knapp 
an Scheiber vorbei über die steile Bahn hinabschoss. Wenige 
Augenblicke früher oder später und einer von uns wäre zer- 
schmettert hinabgeschleudert worden. 

Diess benahm dem Schoiber alle Courage, ims auf einem 
solchen lebensgefährlichen Woge zu folgen. Nach kui*zem Be- 
sinnen rief er uns zu: er werde sich einen anderen Hinabweg 
suchen; jenen betrete er nimmermehr. — Wir sahen ihn alsbald 
die Felsen hinanklettern und bald war er unseren Blicken 
öixtschwunden. 

Vom Herzen froh, einer solchen Gefahr entronnen zu sein, 
^erliessen wir unseren Standpunkt und betraten nochmals die 
^erhängnissvoUe £isrinne, diessmal aber bloss um selbe der 
Quere zu überklettern und längs der etwas zurückweichenden 

* eiswand hinabzusteigen. Bald erreichten wir einen grossen, am 
Ausgange des Couloirs befindlichen mächtigen Wall von Steinen 
^^nd Eisblocken, die alle ihre Bahn durch diesen so eben herab- 
gekommenen Weg genommen hatten. Damit standen wir auch 
■"^-- es war 4 Uhr 20 Minuten — am Ende des Felskammes, 
der den Matschergletscher in die .zwei Arme getrennt, die nun 
"Vereint eine riesige Mittelmoräne zum Thale führten. Aufwärts 
olickend, erschrack ich fast über die immense Steilheit des 
eingeschlagenen Weges. Nun ging es am Gletscher, der massig 
zerklüftet war, rasch vorwärts. Doch nicht lange sollten wir 
^Uis dessen erfreuen, denn als wir uns mehr in der Mitte des 
Clletschers, links von der eben erwähnten Moräne hielten, be- 
reiteten uns Klüfte und Abstürze des Gletschers neue Schwierig- 
keiten. Unterdessen war Scheiber, nachdem er sich durch das 
Labyrinth nies so eben verlassenen Eisfalles einen Weg gebahnt 
katte, wieder zu uns gestossen und wir begannen unsere Irrfahrt 
zachen den Eisspalten und Eiswänden von Neuem, bis wir 
endhch nach zwei Richtungen hin durch einen grbssartigen Glet- 
*eherbruch von weiterem Vordringen abgehalten wurden. Der- 
selbe ist in Form eines rechten Winkels, wodurch ein tiefes 
-Eisbecken eingeschlossen wird, das nach dieser Richtung den 
einzig möglichen Uebergang zur Thalsohle bildet. Da hinab zu 
gelangen war nun unsere Aufgabe. Dem zu Folge gingen beide 

* ührer auf Recognoscirung aus. Wärend Cyper sich nach recht» 
"Sandte, um einen Ausweg zu finden und alsbald auch zwischea 
deu Eisschluchten verschwand, erklomm Scheiber den äusserstea 

8 



t 



114 Job. Stüdl, 

Eand des Eisfalles, welchem entlang er hin- und herstieg. Seine 
Gesten waren nicht sehr ermutigend. 

Endlich winkte er uns, heranzukommen und rief auch 
Cyper zu sich. Diess war leichter gedacht, als gethan, denn 
uns trennte ein grosses Stück Weges und eine zallose Menge 
der verschiedenartigsten Eisspalten und Wälle, die nur durch 
kühnen Sprung und schlaue Combination überwunden werden 
konnten. Endlich standen wir Alle beim Scheiber am Kande 
einer tief hinabgehenden Eiswand, über welche der Abstieg 
erzwungen werden musste. Durch festes Einsetzen der Steig- 
eisen gelang es nach vieler Mühe zu dem niederen Teil des 
Gletschers hinabzuklettern , der, obwol ebenfalls zerklüftet — 
wenigstens eben bis zu einer colossalen ßandmoräne sich fort- 
setzt. Es war 5 Uhr 15 Minuten, als wir letztere überkletterten 
und uns zur rechten Thalwand hielten. Noch einmal mussten 
wir die unterste, mit Schutt und Schlamm bedeckte Zunge des 
Gletschers überschreiten, bis wir endlich den Grasboden des 
Thaies erreichten. Eine schwere Last war uns vom Herzen 
gefallen, als wir den wilden -Gesellen im Rücken und die feste 
Thalsohle unter den Füssen hatten und nun lustig einem Steige 
entlang fortwandern konnten. 

Der oberste Teil des Matscher Thaies bietet wenig Interes- 
santes. Rechts und links kahle, hoch aufstrebende Abhänge^ 
deren Spitzen und Kämme tief in den Wolken Stacken. Zuerst 
ging ,es am rechten Ufer dem Bache entlang über üppigen 
Grasboden, später über eine breite feste Brücke zur linken 
Thalwand, bis wir um 6 Uhr 45 Minuten Abends die erste 
menschliche Wohnung erreichten. 

Es war diess eine grosse Sennhütte, neben welcher inner- 
halb einer Umzäunung gegen 60 Stück Kühe so eben von 
vier Knechten gemolken wurden. Natürlich konnten wir hier 
nicht vorbeigehen, ohne uns an einem tüchtigen Trünke frischer 
Milch zu laben. Auf unsere Bitten brachte ein alter mürrischer 
Senner aus der Vorratskammer eine grosse Schüssel Milch^ 
die bald geleert wurde. Als die Führer um etwas Käse und 
Brod ersuchten, erklärte der Senner ganz unwirsch: die Ahn 
gehöre nicht ihm, sondern sei Eigenthum der Gemeinde Matsch^ 
von welcher er gezalt werde. Er dürfe hier nichts verkaufen 
und somit auch fiir die Milch kein Geld annehmen. Er sei aber 
auch nicht gewillt, uns noch Mehres zu schenken. 

Diese Erklärung versetzte uns in grosse Verlegenheit, um 
so mehr, als trotz allen Zuredens der Senner darauf beharrte, 
von uns weder Geld noch Geldeswert annehmen - zu wollen. 
Es blieb uns daher nichts anderes übrig als aufzubrechen un4 
unseren Durst und Hunger später zu stillen. Da der Abend 



Ersteigung der Weisskiigcl. 115 

lerangebrochen und der Weg nach dem Dorfo Matsch ftir den 
leutigen Tag zu weit war, so erkundigten wir uns, wo wir 
m Notfalle übernachten könnten. Man nannte uns das nächste, 
Jine gute Stunde entfernte Bauernhaus, in welchem wir Unter- 
:unft finden würden. Ehe wir aufbrachen, Hessen wir uns den 
Lahin einzuschlagenden Weg näher lieschreiben und nahmen 
mter Dankesbezeugungen von dem originellen Senner Abschied. 
Mittlerweile war es 7 Ulir geworden und wir mussten 
ins sputen, um vor Einbruch der Nacht an unserem heutigen 
jiele zu sein. Der Weg ging ziemlich breit und bequem gleich 
on der Sennhütte weg über eine Brücke an das rechte Ufer, 
,nfang3 sanft bergan über Wiesen, später — wo sich das Tlial 
erengt, den Bergabhang entlang durch Wald, hoch über dem 
$ache, den wir in der Tiefe rauschen hörten. 

Die Thalsohle erweitert sich wieder zu schönen Wiesen- 
aatten , auf welchen wif tief unter uns einen stattlichen Bauern- 
lof mit vielen Nebengebäuden, alles sorgfältig umzäunt — 
erblickten, den wir bei tiefer Dämmerung um 8 Ulir, somit 
lach 19stündiger Wanderung erreichten, darunter 13 Stunden 
iber Eis und Schnee, wärend welcher Zeit die Steigeisen nicht 
^on den Füssen kamen. 

Die freundliche Aufnahme, die wir daselbst fanden, Hess 
uns bald alle Strapazen vergessen. 

Obwol ich mich schon bei früheren Excursionen von der 
Vorzüglichkeit des braven Cvper als Führer überzeugte, so 
kann ich nicht umhin, zu erwähnen, dass gerade dieser Hinab- 
weg sein eminentes Führertalent zur noch grösseren Geltung 
brachte und wir es ihm zum grossen Teile verdanken, so glück* 
lieh über den Matschergletscher hinabgestiegen zu sein. Eben so 
anerkennenswerth ist die Umsicht und Ausdauer unseres zweiten 
Führers Scheiber, und ich kann es ihm nicht verübeln, dass 
der Gedanke an sein Weib und Kind die Ursache sein mochte, 
warum er es vorzog, an der berüchtigten Stelle lieber umzu- 
kehren und einen anderen Weg zu suchen, als Gefahr zu laufen, 
von den herabfallenden Steinen und Eisstücken erschlagen zu 
werden. 

Nicht minder war ich mit der Haltung meines Bruders 
Carl zufrieden, der — zum erstenmale im Gebirge — diese 
strapaziöse Tour mit einer solchen Ausdauer, Ruhe und Beson- 
nenheit mitmachte — die wol bei Neulingen im Bergsteigen nur 
selten anzutreffen ist, dass sie sogar Herrn Weilemann in 
Erstaunen setzte. 

Ich will gerade nicht behaupten, dass dieser Hinabweg 
Ober den Matschergletscher der einzig mögliche sei, ja ich 
glaube sogar, dass, wenn wir — wie Tuckett — gleich vom 

8* 



116 Joh. Stüdl. 

Matscherjoche aus uns mehr links gegen die Innere Quellspits 
gehalten hätten, keine so grossen Schwierigkeiten uns entgogei 
getreten wären, aber jedenfalls war die Zerklüftung desselbe 
im heurigen Jahre durch die beständigen heissen Südwinde ein 
viel grössere, als im Juni 1865, wo ihn Tuckett passirte, auc 
mangelte es uns an Zeit, hiezu langwierige Recognoscirungen z 
veranstalten. Zudem ist es äusserst schwer, von oben hera 
sich über die Beschaffenheit eines so steil abfallenden Gletschei 
Kenntniss zu verschaflfen. 

Wärend das Nachtessen für uns zubereitet wurde, schrie 
ich meinem Versprechen gemäss, einige Zeilen über den Erfolg 
unserer Excursion an Herrn Curat Senn, tauschte mit Cype 
die Photographien und zalte jedem der Führer den bedungenen 
Lohn von 15 fl. Als ich einige Worte der Anerkennung k 
Cyper's Führerbuch einschrieb, hatte ich damals wol keine 
Ahnung, dass ich einer der Letzten sein sollte, welche diesei 
bravo Mann so aufopfernd geftihrt, um wenige Monate spätei 
(8. November) das Opfer seines schweren Berufes zu werden 

Auch der Führer des Herrn J. J. Weilemann, Josef ßa£ 
feiner (vulgo Schmiedle), ist — wie ich nachträglich erfahre — 
in demselben Monate an Typhus in Vent gestorben. Beide sin« 
ein schwerer Verlust fUr zukünftige grössere Excursionen ii 
den Oetzthalern. 

An und für sich ist die Weisskugelersteigung weder ei: 
schwieriges noch sehr waghalsiges Unternehmen, wenn di 
nötige Vorsicht gebraucht wird, wol aber eine sehr langwierig 
Excursion, im Falle Vent den Ausgangspunkt bildet. Dei 
dürfte insoferne abgeholfen werden, als die Brüder Klotz m' 
der Idee umgehen, im Rofenthale am Ausgange des Hochjocl 
fernors eine Unterkunftshütte zu bauen, von welcher aus di 
Ersteigungsdauer um ein Bedeutendes abgekürzt würde. Ai 
geratensten ist es, die Weisskugel von Kurzras (im Schnalsei 
thalo) über den Steinschlagferner zu ersteigen, was leicht binneJ 
5 — 6 Stunden ausgeführt werden könnte, wärend von Veni 
aus der Anstieg immerhin 10 — 11 Stunden in Anspruch nimmt 
Herr Weilemann erreichte damals Kurzras vom Matscherjochö 
aus über den Steinschlagferner binnen 2 Stunden. 

Es sollen auch nicht lange nach unserer Ersteigung mehrere 
Engländer von Kurzras die Weisskugel erklommen haben uni 
wieder dahin zurückgekehrt sein. 

Auch bezüglich der Weisskugel enthält die zweite Aufl^ 
von Schaubach's „Deutsche Alpen" *) unrichtige Angaben, d* 
in diesem sonst ganz vorzüglichen Werke behauptet wird, das» 



*) Siehe Band II, Seite 121. 



Erstcigiiiigr <lcr WeiMskiip:«']. 117 

bis zum Jahre 1866 noch keine Ersteigung; dieses stolzen Gipfels 
stattgefiindon habe, indem dieser unnahbar sei. Was das erster(» 
anbelangt, so wurde die allererate Ersteigung bereits im. .Fahre 
1861 durch den berühmten österr. Bergsteiger Herrn Specht aus 
Wien unternommen. Im Jahre 1805 erstiegen — wie sehon er- 
wähnt, Herr Tuckett & Consorten diese Spitze und nalimeii ihren 
Hinabweg nach Matsch. Im Jahre 1H0() betrat Herr Curat Semi 
aus Vent unter Führung des braven Cyper's die Weisskugel. 
Urnen folgte, das Jahr darauf Herr p]ruest Pfeifler aus Wien 
mit demselben Führer mid mit Benedict Kh)tz, dessen Zettel 
wir, wie bereits ei'wähnt, am Gipfel auch richtig vorfanden. 

Hoffentlich werden in Zukunft die äuss(»rst g(»nussvollen 
Ersteigungen der Weisskugel nicht so vereinzelt dasteh<;n, wie 
bisher, sondern von den Touristen sieh jener Würdigung er- 
freuen, welche diese Perle der Oetzthaler Kic^<*n im vollsjteni 
Masse verdient. 



».*— 



Zur ästhetischen Würdigung der Alpen 



Von Dr. Heinrich von Wittek. 



Wenn es aucli wahr wäre, dass es nichts Neues unter der 
Sonne gibt, so müsste dennoch zugegeben werden, dass die Wege 
unerschöpflicher Mannigfaltigkeit fähig sind, auf denen der 
menschliche Geist den Zusammenhang zwischen der Welt der 
Erscheinungen und den Ursachen derselben aufzufinden und zu 
verstehen sucht. 

Mögen diese Wege auch häufig Irrwege sein, das Streben 
nach der Erkenntniss der tieferen und letzten Gründe der That- 
sachcn liegt so sehr in der menschlichen Natur, dass es uner- 
müdlich neue Resultate, neue Hypothesen zu Tage fördert. 

Von diesem Streben beseelt, hat unsere Zeit namentlich 
in den empirischen AVissenschaften staunenswerthe Erfolge er- 
rungen. Die kritische und forschende Tendenz ist ebenso, wie 
der riesige Fortschritt in den Gebieten der Technik und Natur- 
lehre ein charakteristischer Zug des Jahrhunderts. Kaum minder 
wichtig aber für die Culturgeschichte der Zukunft sind die 
gleichfalls der neuesten Epoche angehörigen Bestrebungen, welche 
die Thatsachen des persönlichen Lebens durch Zurückfuhrung 
auf ihnen zu Grunde liegende natürliche und geistige Gewalten 
organisch zu erklären suchen. 

Mögen die nachstehenden Erörterungen in diesem Sinne 
als ein bescheidener Versuch, den Zusammenhang einer be- 
stimmten Reihe von Erscheinungen mit allgemeinen geistigen 
Gesetzen und Kategorien anzudeuten, eine nächsichtige Beur- 
teilung finden. 

Ein eigentümliches Merkmal unserer Zeit ist das unter den 
civilisirten Völkern Europa's allgemein verbreitete Streben 
nach grossartigen Naturanschauungen. Wärend nun 
jährlich ein Teil der Natur durstigen sich dem Meere zuwendet, um 
dort Erquickung und Heilung von den Uebeln der Civilisation 



Dr. Heinrich v. Wittck. Zur ästhetischen Würdignug der Alpen. 119 

finden, bewegt sich die andere Hälfte in centripetaler Rich- 
ig gegen den orographisclien Kern Europa's, gegen die Alpen, 
aem mächtigen Strome gleich ergiesscn sich aus allen Län- 
m des Weltteils und auch aus einigen Gebieten ausser dem- 
ben bunt zusammengewürfelte Schaaren in die kühlen frischen 
läler, imd stürzen kopfiibor in die hie und da schon für 
:en Empfang bestens vorbereiteten Naturgenüsse hinein. 

Diese bewegliche Bevölkerung, die schon im Acussern 
irch phantastische, das Gewöhnliche ignorirendc Trachten 
3 eine besondere Secte kenntlich ist, bezeichnet der gegen- 
ärtige Sprachgebrauch im Allgemeinen mit dem Namen „Tou- 
äten", und unterscheidet diese bloss der Natur und dem Reise- 
mdbuch huldigende Classe genau von den einen specielleren 
weck verfolgenden „Reisenden". Die Touristen bilden die 
ehrzal der Alpenbesucher und gehören zu den eigentlichen 
Ipenwanderern, indem sie mit Vorliebe ihre bewegende Kraft 
L sich selbst tragen. Ohne Unterschied des Alters und Stande» 
ad sie meist ein lautes, fröliliches Völklein; für wenige Wochen 
3s Lebens Misere so viel als möglich vergessend, füllen sie 
isenbahntrains, Dampfschiffe, Hotels und Sennhütten, und ver- 
engen sich wärend des ganzen Sommers durch neue Nachzügler- 
haaren, bis endlich die ersten Fröste und Schneestünne des 
pätherbstes sie aus den Alpen in die dumpfen Zellen ihrer 
^wohnlichen grossstädtischen Lebensweise zurücktreiben. Meist 
hon früher sind jene Contingente der Alpenbesucher ver- 
hwunden, welche Modesucht oder Spleen bewogen hat, ihre 
angeweile in den Bergen zur Schau zu tragen. 

Wieder thronen die Alpen in einsamer Majestät; nur 
ichte schwankende Furchen zieht der Verkehr der bleibenden 
ewohner durch die Schneemassen, die Thäler und Pässe be- 
icken; die einheimische Bevölkerung allein ist, oft im Kampfe 
n die eigene Existenz, Zeuge der furchtbaren Schlachten^ 
eiche die Winterstürme und später die Lawinen gegen Wälder 
id Felsen ausfechten. 

Noch sind nicht viel mehr als hundert Jahre verflossen, 
•it Einsamkeit und Oede der stetige Zustand der höheren 
ebirgsregionen war, wenn wir von den auch damals, und zum 
eil mehr als jetzt belebten grossen Handelsstrassen der Alpen- 
che und Passübergänge absehen. Eine Welt des Grauens und 
-r Schrecken, waren, die Alpen gefiirchtet und gemieden, und 
e abenteuerlichsten Schilderungen, welche der Leichtgläubigkeit 
id Phantasie selbst berühmter Gelehrter und Naturforscher 
'asein und Verbreitung verdankten, steigerten den Abscheu der 
vilisirten Welt vor Gegenden, in denen das Reisen damals 
3i den wenig gebahnten Pfaden und der liäufigcn Verödung 



120 Dr. Heinrich v. Wittek. 

und Unsicherheit eine ununterbrochene Kette von Lebensge- 
fahren in sich schloss. 

Es begreift sich, dass die früheren Jahrhunderte seit den 
Zeiten der Römer diese Welt nicht verstehen, ihre Schönheit 
und Eigentümlichkeit nicht würdigen konnten. 

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts bereitete sich ein 
Umschwung in den Ansichten der Gebildeten über die Alpen- 
welt vor. 

Sein tieferer Grund liegt in der damals allgemeinen, fast 
krankhaften Sehnsucht nach der Rückkehr aus den überfeinerten, 
verkünstelten Staats- und Gesellschaftszuständen zu einfachen, 
ursprünglichen Lebensformen an der Hand der Natur. Die^e 
Sehnsucht gibt sich in der sentimentalen Naturschwärmerei und 
idyllischen Richtung eines grossen Teiles der deutschen Lite- 
ratur in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kund, wärend 
sie in Rousseau's pädagogischen Werken zum schärfsten theo- 
retischen Ausdruck gelangte. 

Gleichzeitig und innig mit ihr verbunden strebten die 
schweizerischen Kritiker nach Rückkehr zum Einfachen und 
Natürlichen in der Poesie. Und fast zu derselben Zeit lenkten 
die grossartigen wissenschaftliclien und dichterischen Leistungen 
Albrecht v. Haller's, Saussure's, Salomon Gessner's und Anderer 
die Aufmerksamkeit Deutschlands auf die Schweiz, das Land, 
dessen Schönheit in dem vom edelsten Patriotismus durchglühten 
Lehrgedicht: „Die Alpen" verewigt ist. Die Einfachheit, Bieder- 
keit und sprichwörtliche Treue seiner Bewohner, die den dama- 
ligen Idealen entsprechende republikanische Verfassungsfonn 
erweckten mächtige Sympathien. In den Siebzigerjahren des 
vorigen Jahrhunderts wendet sich, wie wir diess aus Goethe'» 
Reiseschilderungen ersehen, schon der Zug der Naturfreunde 
der Schweiz zu: die Alpennatur findet in dem jugendlichere 
Heros einen mächtigen Verkünder. 

Aber nicht ihm, sondern dem andern Doppelsteme an^ 
Himmel der deutschen Dichtkunst war es vorbehalten, dureb 
eines seiner herrlichsten Dramen, durch „Wilhelm Teil", dn3 
Naturleben der Alpen in unerreichter poetischer Gestaltung 
zum geistigen Gemeingut jedes Deutschen zu machen. 

Die Alpenwelt und ihr Leben ist ja der Hintergrund, au» 
dem die handelnden Personen hervortreten, mit dem sie auf 
das Innigste zusammenhängen, ja, dessen Einflüsse in der Bil' 
düng ihrer Charaktere so mächtig sind, dass sie uns als da^ 
persönliche Abbild ihrer Heimat erscheinen. Zudem greift das 
Naturleben an mehreren Stellen selbstthätig in die Entwicklung 
der Handlung ein und wird damit gewissermassen zur mithan- 
delnden Person. 



Zur ästhtitiechcn Würdigung dor Alpen. 121 

Berücksichtigen wir nun ausser der poetisclien Schönheit 
den freiheitlichen und in seiner politischen jbeite bereits vorhan- 
denen Sympathien begegnenden Grundgedanken der Dichtung, 
80 -werden wir den zündenden Erfolg begreifen, welcher dio^jo:* 
letzte ahnungsvolle Vennächtniss des Dichters in einer Zeit des 
aationalen und politischen Jammers krönen musste. Und diese 
Grrundidee ist es, welche das erwähnte Drama stets dem Herzen 
les Volkes näher stellen wird, als andere von höherer fonneller 
Vollendung. 

Wärend nun die durch diese Dichtimg erregten Sympa- 
thien ftir den mythischen Helden der schweizerischen Unabhän- 
pgkeitskämpfe zahlreiche Besucher zu den durch Schillers 
Grenie verherrlichten Schauplätzen der Thaten Wilhelm TelFs 
[lerbeizogen und noch jetzt hinziehen, wurde der Besuch und 
die Kenntniss, und damit die Würdigung zunächst der schwei- 
zerischen, dann auch der übrigen Alpenwelt durch die Her- 
stellung schnellerer und billiger Communicationsmittel, wie be- 
sonders in neuester Zeit der Eisenbahnen, immer weiteren 
Kreisen geöffnet. Und so sehen wir jährlich Tausende und aber 
Tausende den Alpen zueilen, um in ihnen und durch sie Herz 
und Gemüt zu erquicken. 

Ich habe in dem Vorstehenden versucht, auf histori- 
schem Wege den Umschwung der allgemeinen Ansichten über 
die Hochgebirgsnatur an der Hand der Literatur zu verfolgen. 
Es wird nun meine Aufgabe sein, jene Ursachen der all- 
gemeinen Vorliebe für die Alpen hervorzuheben, welche heut- 
zutage die grosse Masse der Alpenbesucher und Alpenfi-eunde 
zu solchen gemacht haben. 

Die erste Gruppe dieser Gründe möchte ich die patholo- 
gische nennen, denn sie wurzelt fast ganz in den krankhaften 
Uissgestaltungen unseres modernen Culturlebens. 

Der gezwungene Aufenthalt eines grossen und zumeist 
des mit den anstrengendsten geistigen Arbeiten beschäftigten 
Teiles ' der gebildeten Bevölkerung in der staubigen, qualm- 
erflillten Atmosphäre unserer grossstädtischen Stein wüsten fordert 
gebieterisch eine Erholung in besserer, reinerer Luft. Die abge- 
spannten Nerven lechzen nach Beruhigung und Erquickung, die 
innen die frischen grünen Matten und Wälder am ergiebigsten 
g^ähren- Selbst das rein mechanische Moment ausreichender, 
gesmider Körperbewegung verlangt bei der so häufigen sitzenden 
Lebensweise der geistigen Arbeiter Berücksichtigung. Diese 
Kräfte veranlassen im Hochsommer eine förmliche Auswanderung 
eines bedeutenden Teiles der städtischen Population. Aber sie 
''eichen m'cht hin, um das Streben der Meisten, die nicht durch 
Berufsgeschäfte in der engen Sphäre der näheren Landaufcnt- 



122 Dr. Hüinricli v. Wittek. 

halte festgehalten sind, nach den Alpen hin zu erklären, da die 
rein hygienischen Vortheile besserer physischer Existenzbedin- 
gungen, wie Luft, Wasser und Vegetation, sich in hie und da. 
vielleicht sogar überwiegendem Masse ausserhalb der Alpen 
vorfinden. Es sind eben noch andere Ursachen thätig, diö 
jenen magischen Zug nach den Bergen und Gletschern be- 
gründen, welcher fast jeden Menschen, der sich einmal in ihrem 
Zauberkreise bewegt hat, mit unwiderstelJicher Sehnsucht diese 
Wimderwelt immer wieder aufsuchen lässt. 

Die Ursachen dieser Art liegen nach dem Zeugnisse des 
allgemeinen Bewusstseins in den ästhetischen Vorzügen, in 
dem unerschöpflichen Reich tume an eigentümlicher land- 
schaftlicher Schönheit, welcher die Alpen vor allen andern 
Gebirgen unsers Erdteiles auszeichnet. Dieser ästhetische Grund 
der Vorliebe für die Alpen ist so mächtig, dass er den früher 
berührten gesundheitsfiirderlichen Tendenzen mitunter Eintrag 
tliut, indem der Enthusiasmus des Schönlieitsgefuhles nicht selten 
zu direct scliädlichen körperlichen Ueberanstrengungen , ja zu 
tollkühnen und oft mit schrecklichen Katastrophen schliessen- 
den Unternehmungen verleitet. 

Diese fast dämonische Macht, die jährlich ihre Opfer for- 
dert und den Menschen treibt, Leben und Gesundheit vielleicht 
hundertmal im Laufe eines Tages aufs Spiel zu setzen und mit 
tagelangen Mühseligkeiten und Gefahren den flüchtigen Genuas 
einer Viertelstunde freiwillig zu erkaufen, wollen wir nun näher 
betrachten und analysireu. Diess dürfte in einer Zeit, der man 
die unverhältnissmässige Hochschätzung des materiellen Wohl- 
seins nicht ohne Grund zum Vorwm'fe macht, von einigem 
Interesse sein. 

Wenn man anerkennen muss, dass das Naturschöne in 
der Alpenwelt der mächtige Magnet ist, der uns zu ilir hinzieht, 
so wird es mir gestattet sein, einige kurze Bemerkungen über 
das Naturschöne überhaupt vorauszuschicken. 

Es ist eine alte Streitfrage, ob das Schöne in der Natur 
dem Gebiete der formellen Schönheit angehört und mithin den 
Gesetzen der Aesthetik unterliegt. Hegel hat bekanntlich die 
Existenz des Schönen in der Natur geleugnet. 

Andere Aesthetiker, wie insbesondere Zeising, dem ich 
mich in dem Folgenden grossenteils anschliesse, und das allge- 
meine Bewusstsein haben mit richtigem unmittelbarem Gefühl 
die Frage im bejahenden Sinne entschieden und sich den Ge- 
nuss des Schönen in der Natur nicht durch dialektische Be- 
denken verkümmern lassen. Ist ja doch die Menschenseele nur 
ein Abglanz des göttlichen Geistes, der uns aus der Natur als 
der erhabenen Totalität seiner Werke entgegenweht. 



Zur üöthetLiclicn Würdijjung der Alpen. 123 

Wenn wir dahei* das Schöne als die E r s c li e i n u n g der 
Ukommonheit deiiriiren, die Natur aber in der wunder- 
en Weisheit ihrer Einrichtung die objective Vollkommenheit 
so werden sich auf die Erscheinungen der Natur oder das 
mrschöno die allgemeinen Kategorien des Schönen überhaupt 
senden lassen. Diese sind das Keinschöne, das Komische 

I das Tragische, wenn wir nach dem Vorgange neuerer 
•scher das Erhabene nicht als eine selbstständige, dem 
löuen coordinirte Erscheinungsform, sondern als eine Ueber- 
igsstufo vom Eeinschönen zum Tragischen auffassen. 

Wir nennen eine Erscheinung reinschön, wenn sie uns als 
she die Idee der objectiven Vollkommenheit zum Bewusst- 
a bringt; komisch, wenn sie durch ihre innere Nichtigkeit 
ä Gefühl der subjectiven Vollkommenheit erregt ; endlich t r a- 
sch jene, welche die Idee der absoluten Vollkommenheit 
Qcn lässt. 

Das Komische ist in der Natur meist nur durch einzelne 
Dradische Formen vertreten; sein eigentliches Gebiet als das 
s rein subjectiv Schönen ist das menschliche Leben, der Mikro- 
ismus. Aber mit ihm erscheint es auch in der Alpenwelt, und 
i erhöht sich die komische Wirkung der Erscheinungen und 
mdkmgen gewisser Alpenbesucher durch den Contrast mit 
m grossartigen Schauplatz ihrer Verkehrtheiten, dessen ästhe- 
chen Charakter vorwiegend das Keinschöne, das Erhabene 
d das Tragische bilden. Diese Moditicationen dos Schönen 
issen wir daher einer näheren Betrachtung vorbehalten. 

I. Das Merkmal der vollendeten Schönheit kommt streng 
aommen nur der Welt in ihrer Totalität zu. Zum Glück für 
8 beschränkte Geschöpfe, die dieses Genusses nie teilhaftig 
rden könnten, erscheint die Welt und insbesondere die Natur 
er auch in ihren einzelnen Fonnen und Ansichten als par- 

II scliön, sofern sich in ihnen die Vollkommenheit des Gan- 
1 in verschiedenen Modificationen kundgibt. Zunächst also 
cheinen uns gewisse Naturansichten als rein schön, weil 
s in ihnen die objective Vollkommenheit formell entgegentritt. 

W^enn nun für die Beurteilung jeder schönen Erscheinung 
1 drei Momente der Form, des Reizes und der Quantität 
ssgebend sind, so wird für das Reinschöne als die formell 
löne Erscheinung das Moment der Form überwiegen, und 
rden dagegen die beiden andern Momente des Reizes und 
' Quantität zurücktreten müssen. 

Nach diesem leitenden Gesichtspunkte glaube ich die Ge- 
ge im Allgemeinen und insbesondere jene Zone der Alpen, 
unter dem Namen der Bergregion bekannt ist, vorwiegend 
das Gebiet des R e i n s c h ö n e n in landschaftlicher Beziehung 



124 Dr. Heinrich v. Wittck. 

bezeichnen zu können. Denn in dieser Region tritt das Mo- 
ment der Form besonders charakteristisch hervor. Zunächst 
zeigt sich die Form einer Landschaft in ihren C o n t o u r e n. Die 
Contouren aber sind es, welche der Berglandschaft durch die 
Schönheit und Abwechslung ihrer Linien nicht nur einen eigen- 
tümlichen ßeiz, sondern auch einen, zunächst durch die geolo- 
gische Structur und die Vegetationsverhältnisse bedingten ein- 
heitlichen besondern Ausdruck verleihen. In der Bergregiou 
findet sich in dieser Beziehung eine solche Fülle einzelner linea- 
rer Elemente, dass die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit ihrer 
Landschaften begreiflich wird. 

Von der reinen Horizontale, die uns der ruhige Spiegel 
des Sees darstellt, bewegt sich die Scala gerader, geschweifter 
und nach dem Charakter der Bewaldung gezackter Linien unter 
allen möglichen Winkeln aufwärts bis zu den Gipfeln der 
Berge, welche ihrerseits wieder vom flachen Bogen bis zur 
spitzen Felsnadel die verschiedensten Formen zeigen. Das Vor- 
herrschen gewisser Linien, Winkel und Figuren gibt dann dem 
ganzen Bilde den charakteristischen Ausdruck, dessen Verschie- 
denheit wir nicht nur in ganzen Gebirgszügen, wie z. B. in 
den Kalkalpen gegenüber den .Centralalpen, sondern auch in 
einzelnen Gruppen desselben Systems wahrnehmen. 

Die ästhetische Wirkung der Contouren wird aber in der 
Bergregion noch durch ein zweites Moment erhöht, nämlich 
durch die reiche Gliederung der Landschaft. Diese Gliederung 
gewährt in dem coulissenartigen Vor- und Zurücktreten der 
Bodenerhebungen gegen die meist tief eingeschnittenen Tbäler 
nicht nur der Entwicklung der Contouren den ergiebigsten Spiel- 
raum, sondern sie ist auch für die Perspective und Luftwirfcung 
sowie für die Teilung des Landschaftsbildes in den Vorder-, 
Mittel- und Hintergrund von wesentlichster Bedeutung. 

In der dem Gesetze der Proportionalität entsprechenden 
Gruppirung der landschaftlichen Elemente liegt aber eine eben 
so wesentliche Bedingung der Schönheit als in dem bei Berg- 
scenerien fast nie fehlenden Abschlüsse des Bildes durch einea 
grossartigen Hintergrund. 

Ich habe oben erwähnt, dass die Momente der Quantität 
und des Reizes im Reinschönen nur untergeordnet wirken. 

Hinsichtlich der Quantität, die uns räumlich als Grosse 
erscheint, können bei einer makrokosmischen Manifestation der 
Natur zunächst wol nur die relativen Grössenunterachied^ i^ 
Hauptelemente der Landschaft in Betracht kommen. Diese zei- 
gen sich aber, obwol an sich sehr beträchtlich, doch in der 
Bergregion meist nur in massigen, gegen die Form zurücktreten- 
den Verhältnissen dem Auge des Beschauers. Die niedrigeren 



Zur «stlietisclicn Würdigfung der Alpen. 125 

^orbcrgc sind es nämlich, welche den successiven Uebergang 
iTon der Thalsohle zu den der Alpen- und Schneeregion ange- 
lörigen Hochbergen vermitteln und diese selbst häufig dem 
Blicke entziehen. Wo diess nicht der Fall ist. und die Berg- 
riesen unmittelbar vor dem Beschauer vom Thale emporsteigen, 
wo also der GrÖssenunterschied die Form zurückdrängt, dort 
geht der Charakter des Reinschönen in den des Erhabenen über. 
Der ßeiz, welcher in sichtbaren Erscheinungen durch die 
Farbe dargestellt wird, ordnet sich in der Bergregion durch 
das Vorherrschen einfacher, gemässigter oder doch nicht greller 
und häufig complementärer Farben der Form unter. Nament- 
lich bewirken die Gegensätze von Licht und Schatten bei Son- 
nenbcleuchtung ein so entschiedenes Hervortreten der formellen 
und plastischen Elemente, dass ihnen gegenüber die Farbe viel 
von ihrer Wirkung verliert. Wo diess aber nicht der Fall ist, 
und wie z. B. beim Alpenglühen, gerade die Farbe den domi- 
nirenden Bestandtheil der Wahrnehmung bildet, da gehört die 
Erscheinung nicht mehr in das Gebiet des Reinschönen, son- 
dern in das des Reizenden, als des Ueberganges zum subjectiv 
Schönen. 

Ich muss mich hier ferner mit der Andeutung begnügen, 
dass diesen beiden und insbesondere dem letzteren Gebiete jene 
Aeussorungen des menschlichen Lebens in einer Landschaft an- 
gehören, die der technische Ausdruck im engeren Sinne mit 
„Staffage" bezeichnet, die man aber in ihrer Totalität mit In- 
begriff der menschlichen Zwecken dienenden Vorrichtimgen und 
insbesondere der Gebäude als die persönlichen Elemente 
des Landschaftsbildes bezeichnen könnte. Von der Praxis 
der bildenden Kunst als ein beliebter, vordem sogar als ein 
wesentlicher Bestandteil ihrer Darstellungen verwendet, können 
sie zwar jeder Modification des Schönen mit Vorteil dienen ; aber 
vorzüglich wird ihr Wirkungskreis, den natürlichen und facti- 
schen Verhältnissen entsprechend, in die Bergregion als die 
dem menschlichen Leben günstigste Alpenzone fallen, und durch 
ihren meist mehr subjectiv schönen Charakter worden sie oft 
den Uebergang des Bildes vom Reinschönen zum Reizenden 
vermitteln. 

n. Es wurde bereits bemerkt, dass die Vollkommenheit 
^iid damit die vollendete Schönheit nur der Natur als Ganzem 
zukonunt. Daraus folgt, dass sich die partielle Schönheit eines 
Naturbildes der vollendeten Schönheit in dem Masse nähern muss, 
Jö welchem die einzelne Naturansicht uns die Vollkommenheit 
^68 Ganzen ahnen lässt. Hiedurch erklärt sich das Streben, die 
Jfatur als Erscheinung möglichst in ihrer Totalität zu gemessen. 
Dieses Streben aber gibt sich zunächst in optischer Beziehung 



126 Dr. Hcim-ich v. Wittek. 

in dem Aiiföiiclien höherer Standpunkte kund, weil sicli der 
Horizont und mit ihm der sichtbare Teil der Natur im geraden 
Verhältnisse zur relativen Höhe des Beschauers zu erweitern 
pflegt. Dieses Streben zur Höhe empor, um auch dem leibhchen 
Auge die Welt in möglichstem Umfange zu erschliessen, ist also 
tief in der ästhetischen Natur des Menschen begründet. Die 
schaflfende Phantasie, durch die Wahrnehmung des Unabseh- 
baren angeregt, durchbricht dann die Schranken des Gesichtes 
und trägt den Geist in das Gebiet des Unbegränzten und Uner- 
messlichen. Die Sehnsucht nach solchen ästhetischen Genüssen 
führt die Freunde und Bewunderer der Natur in die nächst 
höhere Zone der Gebirge, in die Alpenregion, denn ihr gehören 
die schönsten und berühmtesten Aussichtspuncte an. Der Grund 
aber, dass gerade die Alpenregion uns eine Fülle der herrlichsten, 
unvergleichlichen Aussichten bietet, liegt einerseits in der rela- 
tiven Häufigkeit leicht zugänglicher, selbstständiger und ihre 
Umgebung dominirender Erhebungen, die, wie z. B. der Schaf- 
berg, gleich versteinerten letzten Wogen des Gebirgsmeeres an 
dessen G ranzen emporsteigen. Anderseits folgt die Pracht der 
Alpenpanoramen aus dem Umstände, dass die Lage dieser Aus- 
sichtspunkte in geringerer Höhe und Entfernung von der Berg- 
region und zugleich am Fusse der über die Vörberge in die 
Schneeregion ansteigenden Hochgebirge gestattet, mit einem Blicke 
die Wunder beider Welten zu umfassen und in einem Gesammtbüde 
zu vereinigen; ein Vorzug, welcher den Aussichten der beiden andern 
Begionen, die sich naturgemäss nur auf das eigene und das zunächst 
liegende Gebiet zu beschränken pflegen, in der Regel fehlt 
Dabei erlaubt die geringere Luftentfernung des Standpunctes, 
die einzelnen Objecte der unteren Gegenden in viel höherem 
Masse deutlich zu unterscheiden und sie mit gesundem unbe- 
wafiheten Auge wenigstens als charakteristische Momente wahr- 
zunehmen, als diess von den Hochgipfeln der Schneeregion aus 
der Fall sein könnte. Es ist daher wol begründet, wenn die 
allgemeine Ansicht den Alpenaussichten vorzugsweise das Prädicat 
der Schönheit und Erhabenheit, dagegen denen der Hochgebirge 
das der überwältigenden Grossartigkeit beilegt. Diese Bück- j 
sichten sind es, welche dem sonst principiell unbegränzten Streben 
nach der Einnahme des höchsten zugänglichen Standpunctes 
mässigend entgegentreten und den Naturfreund so mächtig an 
die Alpenregion fesseln. 

Dieser Gebirgszone kommt nun vorzugsweise der Charak- 
ter des Erhabenen zu. Im Allgemeinen nennen wir jene 
Erscheinung erhaben, welche durch objective Vollkommenheit, 
namentUch durch ihre Grösse, die Idee der absoluten VoUkom- 
menheit erweckt. Denn das Gemüt des Beschauers wird durch 



Zar ästhetischen Würdigung drr Alpen, 12 i 

[as Hinausgehen einer quantitativ ausserordentlichen Erschei- 
lung über die gewohnten Gränzen in die Idee der allumfassen- 
!en kosmischen Unendliclikeit hinübergezogen. Das vorzüglichste 
loment des Erhabenen ist daher die Quantität oder Grösse, 
irärend die Form nur untergeordnet und der Reiz in mehr 
legativer Weise wirkt. 

Das Moment der Grösse kann bei unserer Betrachtung 
äumlicher Erscheinungen nur als Ausdehnung im Räume oder 
Extensivität in Betracht kommen. 

Den unmittelbarsten Eindruck macht die Extensivität in 
der Form der Höhe. Darauf deutet schon der Begriffliche und 
etymologische Zusammenliang zwischen den Wörtern „Höhe", 
„heben ** und „erhaben" hin, welch' letzteres ja zunächst wirklich 
die Eigenschaft räumlichen Hervorragens und erst in übertra- 
gener Bedeutung ein analoges geistiges und ästhetisches Attribut 
enthält. Durch diese Beziehung erklärt sich die Vorliebe, mit 
der der allgemeine Sprachgebrauch dem Hohen das Prädicat des 
Erhabenen beilegt. Ist doch an sich die Emporbewegung des 
BKckes, als der optische Process der Wahrnehmung des Hohen, 
der ästhetischen Wirkung des Erhabenen, nämlich dem Hinauf- 
streben vom Sinnlichen zum Uebersinnlichen, ganz angemessen. 
Wie nun die Alpen überhaupt, bietet uns die Alpenrcgion ins- 
besondere Gelegenheit, die wirksamsten und imponirendsten 
Effecte der Höhe in den gewaltigen Fels- und Schneeriesen, 
welche aus den oft wannenartig und flach auslaufenden Thälern 
emporragen, zu beobachten. 

Wenn wir aber aus den Thälern auf die Gipfel hinauf- 
steigen, so vermindert die Perspective die Wirkung der höheren 
Berge, und das Erhabene des Gesammtanblicks liegt mehr in 
einer andern Form der Extension, in der Weite oder Umfassung 
des Gesichtskreises, über welchen der Blick oft ohne andere 
Gränzen als die Schwäche des menschlichen Auges, wie über 
die sichtbar gewordene Unendlichkeit hinschweift. 

Es wurde bemerkt, dass die formelle Beschaffenheit des^ 
Erhabenen, also die Contour oder der Umriss, sich zu den Be- 
dingungen der formellen Schönheit gleichgiltig verhält. Die 
Eorm der erhabenen Erscheinung kann daher auch eine regel- 
lose, unsymmetrische und unverhältnissmässige sein. Ja eben 
dieses Zurücktreten der Form bei der überwiegenden Grösse 
erhöht die Wirkung dieses Moments, da es durch das Fehlen 
einer stärkeren ästhetisch-formellen Empfindung noch mehr her- 
%gehoben wird. 

Diese Emancipation der Formen des Erhabenen von den 
Schönheitsgesetzen finden wir in der Alpenregion speciell bei 
den das Landschaftsbild beherrschenden Bildungen der Gipfel^ 



128 Dr. Heinrich v. Wittck. 

Abhänge und Grate mit ihren meist harten, zackigen imd schein- 
bar willkürlichen Linien wieder. 

Der Reiz, die Farbe dagegen hat im Erhabenen einen 
mehr negativen Charakter: das Erhabene wirkt durch seine 
lleizlosigkeit. Und eben die reizloseste Farbe, das Grau der 
Felsen in seinen verschiedenen Nuancen und Uebergängen, be- 
herrscht die oberen Regionen der Alpenwelt, in denen der 
Mangel höherer Pflanzenformen die starren Linien der geolo- 
gischen Structur noch härter und schroffer hervortreten lässt, und 
in denen das helle, leuchtende Grün des niederen Pflanzenwuchses 
an vielen Stellen durch das zu Tage liegende Gestein unter- 
brochen wird. Dadurch verschwimmt es zum grossen Vorteil 
der charakteristischen Form, in der Perspective mit dem Grau 
und Braun der Felsen zu jenen unbestimmten Mittel tönen, welche, 
für die Darstellung sehr schwierig, der ganzen Bergformation 
einen einheitlichen Ausdruck verleihen, und durch die Aufnahme 
bläulicher Tinten mit der Entfernung an der erhabenen Wir- 
kung des Himmelsgewölbes participiren. Nur die höchsten Gipfel 
treten durch die weisse Farbe des Schnees auch hinsichtlich 
des Reizes ausgezeichnet auf. 

Der Eindruck der Alpenwelt im engeren Sinne auf das 
menschliche Gemüt ist, wie diess jedem Beschauer die 
eigene Erfahrung bestätigt, durch das Wesen des Erhabenen 
bedingt, dessen Wirkung Schiller mit folgenden treffenden Wor- 
ten bezeichnet: 

,,Das Gefühl des Erhabenen besteht einerseits aus dem 
Gefühl unserer Ohnmacht und Begränzung, einen Gegenstand 
zu umfassen, andererseits aber aus dem Gefühl unserer Uebw- 
macht, welche vor keinen Gränzen erschrickt und dasjenige 
sich geistig unterwirft, dem unsere sinnlichen Kräfte unterliegen.*' 

Die Wirkung des Erhabenen ist also eine gemischte. 

Einerseits geht sie von der rein optischen Erscheinung 
aus, dass mit der grösseren Höhe unseres Standpunktes der 
Gesichtskreis um uns sich fortwärend erweitert und über uns 
zu erheben scheint, dass der Blick sich immer weiter in unab- 
sehbare Fernen verliert. Durch diese Wahrnehmung des Un- 
endlichen wird nach dem Gesetze des Contrastes notwendig 
in uns die Vorstellung unserer eigenen Ohnmacht und Beschränkt- 
heit erweckt; wir fithlen uns der gewaltigen Manifestation der 
Gottheit gegenüber als verschwindend kleine, unvollkomm^e 
Geschöpfe. Mit diesem beengenden Gefühle kann sich jedoch 
die Empfindung der Freude an der objectiven Schönheit dw 
uns umgebenden grossartigen Natur um so leichter synthetisA . 
verbinden, als der Chfirakter der Erhabenheit in der Landschaft 
durch das Element des Reinschönen beschränkt und gemildert 



Zur ästhetischen Würdigung der Alpen. 129 

nrd. Aber auch dann, wenn das Geftllil der Erliabonlieit rein 
Luftritt, fiihlen wir uns schliesslich doch zunächst wieder durch 
lie Thatsache, dass wir als Beschauer den Mittelpunkt im Kreise 
les Horizonts bilden, durch die physische Höhe unseres Stand- 
)unctes und durch das Bewusstsein der geistigen Höhe und 
jrottähnlichkeit, die uns über die Natur und damit über alle 
relativ kleinen Mühen und Sorgen des irdischen und geschäft- 
lichen Lebens hmausträgt, in die reinere Luft einer andern Welt 
versetzt und durch den Gedanken au den Schöpfer in einer Art 
von religiöser Erhebung geläutert und gekräftigt. Unsere Erin- 
nerung bewahrt diese Gefiihle eben so lebhaft als einen unver- 
gänglichen Schatz, wie die Vorstellung des gesehenen Schönen» 

Ist dagegen der Eindruck des Erhabenen zugleich ein 
solcher, der. durch seine überwältigende Macht die Vorstellung 
unserer subjectiven Höhe und damit überhaupt jeder Subjecti- 
vität aufhebt, so fuhrt uns die Versenkung in das Absolute zum 
Gefiihle des Tragischen liinüber, und wir müssen die ästhe- 
tische Wirkung des Objects als eine tragische bezeichnen. 

HI. Das Tragische, als das Schöne, welches die Idee des 
Absoluten erweckt, findet sich zumeist in der höchsten Region der 
Alpen, der Schneeregion, vertreten. Aber überall, wo uns 
die Naturkräfte in ihren gewaltigen Kämpfen und unvermittelten 
Contrasten gleich selbstständigen belebten Wesen handelnd und 
ringend erscheinen, dürfen wir auch für das Naturleben das 
Prädicat des Tragischen mindestens mittelbar in Anspruch 
nehmen. Ja, die natürhche Erscheinung selbst kann auch im Zu- 
stande der Ruhe einen tragischen Eindruck machen, insofern 
sich in ihr die wilde Naturgewalt mit ihren mächtigen Bewe- 
gungen verkörpert. Zerklüftete Felsmassen, zersplitterte Baum- 
stämme, dunkle, tiefeingeschnittene Schluchten, besonders aber 
die öden Stein- und Gletscherwüsten der Schneeregion wirken 
tragisch, indem sie das unerbittliche Walten riesiger, jedem 
höheren organischen Leben feindlicher Naturkräfte zur An- 
schauung bringen. 

Unmittelbar tragisch dagegen erscheinen uns diese 
Gewalten im E^mpfe gegen den Menschen, da die colossale Ueber- 
macht der Naturkräfte gegenüber dem winzigen Erdenbürger, 
dessen einzige Waffe die Leuchte der Vernunft bildet, in der 
Erscheinung so grell hervortritt, dass uns die ersteren als Re- 
präsentanten einer höheren, unerbittlichen 'AmyuLYi und damit des 
Absoluten vorkommen. Damit ist aber angedeutet, dass auch 
4'e tragische Erscheinung wie die erhabene von dem quantita- 
Sven Moment der Grösse oder Kraft ausgeht, und dieses 

lur wesentlichen Voraussetzung hat. 

9 



130 Dr. Heinricli v. Wittek. 

Die tragische Schuld, die yßpiq eines solchen Kampfes, 
liegt eben in dem anmassenden Widerstände des sch\\;achen 
Menschen gegen die allgewaltige Uebermacht der Natur, als 
der Trägerin des Absoluten. Jedes Ringen der Menschenkraft 
gegen eine tibermächtige Gewalt kann daher in seiner Erschei- 
nung auf den Beschauer direct tragisch wirken. Ich erinnere 
hier nur an die das unmittelbarste tragische Mitleid erregenden 
Kämpfe der Menschenhand mit den ihre Gebilde hassenden 
Elementen des Feuers und Wassers. 

Die Hochalpenwelt gewährt uns nun reichliche Gelegen- 
heit, mittelbar und unmittelbar tragische Erscheinimgen zu 
beobachten und mitzufühlen. 

In letzterer Beziehung ist ja bekanntlich das Leben eines 
grossen Teiles der Alpenbewohner im Grossen und Ganzen ein 
fortwärender, oft geradezu tragischer Conflict mit den Schreck- 
nissen einer ungebändigtcn Natur, welche den rauhen Gestalten 
ihre Spuren mit harten Linien aufgeprägt hat. Eben dadurch 
aber und durch die Vorzüge einer mit dem Aufenthalte in einer 
grossartigen Umgebung eng zusammenhängenden Charakterent- 
wicklung werden unsere Sympathien fiir die Alpenbewohner 
besonders erregt. 

Andererseits sind die gewaltigen Naturscenen der Hoch- 
alpenwelt, besonders im Widerstreit der sich befehdenden Ele- 
mente, schon an sich in ihrer furchtbaren Majestät fiir den Be- 
schauer eine reiche Quelle mittelbar tragischer Empfindungen. 
Fast ausnahmslos imponiren sie durch das, wie bereits erwähnt, 
dem Tragischen wesentlich angehörige Moment der räumlichen 
Ausdehnung, wobei die Form als dynamische die Wirkung 
erhöht, indem sie entweder negativ als imheimliche, ewige Knhe 
des Todes, oder positiv plastisch als erstarrte Bewegung, wie 
in den Eiswogen der GletscTier und in analogen Felsenbildungen, 
oder endlich als ein Streben zalreicher Zacken, Spitzen und 
Gipfel nach einer gemeinsamen aufsteigenden Eichtung hin sich 
darstellt. Der Farbenreiz der Schneeregion aberwirkt durch 
die Kraft der Gegensätze, in denen besonders das Weiss des 
Schnees sich von der dunklen Färbung des Gesteins und Erd- 
reichs mit einer oft geradezu schmerzlichen Intensivität abhebt 

Die Hochalpen weit gibt aber dem Alpenfreunde nicht nur 
Anlass, tragische Conflicte zu beobachten, sondern sie sogar selbst 
mit dem Einsätze seiner eigenen Person mitzuleben und 
durchzukämpfen. Und das ist der unwiderstehliche, magische 
Reiz jener geföhrlichen Hochgebirgs- und Gletscherpartien, jener 
waghalsigen Ersteigungen, die durch ihre blosse Erzälung den 
Zuhörer mit Grauen erfüllen. Das letzte Motiv dieser modernen 
Passion muss als ein eminent tragisches, als ein titanenhaftes be- 



Zur ästhetischen Würdigung der Alpen. IUI 

zeichnet werden: es ist das Bewusstsein der dem Mejn- 
sehen angebornen Herrscherwürde über die Weitl 
Dieses Gefühl gibt es nicht zu, vor Hindernissen und Schwierigi- 
keiten zurückzuweichen, die sich menschlichen Absichten in den 
Weg stellen, es ermuntert den Menschen vielmehr, den feind- 
lichen Naturkräften selbst dort, wo sie ihm in ihrer grossartigsteü. 
und furchtbarsten Gestalt hindernd entgegentreten, als ebenhtir-r 
tiger Gegner gegenüberzustehen. Schon die persönliche TapfisTr 
keit, welche bei den heutigen übercivilisirten Verhältnissen im 
Frieden ohnehin kaum einen andern erlaubten Gegner als die 
Natur findet, sucht diesen Kampf mit Vorliebe auf, um\,im 
heissen Ringen die Palme des Erfolges oder einen ehrenvoUoü 
Untergang im Interesse der Wissenschaft und damit der Menach^ 
heit zu finden. Denn mit dem Bewusstsein, dass der Meiisch 
die Schranken, welche die Natur ihm gesetzt zu haben scheint^ 
durch Erfahrung, Klugheit und körperliche Ausbildung zu über- 
winden vermag, verbindet sich der Gedanke, dass es sßiae 
geistige Bestimmung ist, weiter und weiter vorzudringen in Her 
Kenntniss und Erforschung der zwischen den Culturländom 
Europa's liegenden Einöden der Hochalpenwelt, unerstiegen© 
Gipfel und kaum bekannte Fels- und Gletscherwüsten zu be- 
treten, um neue Beobachtungen und Aufschlüsse über die widbb-. 
tigsten Naturgesetze zu sammeln. Eben dieses Streben und 
die Sehnsucht nach den höchsten und seltensten ästhetischen 
Genüssen veranlassen den Alpenforscher, sich allen Beschwer<Ieit 
und Gefahren der Gletscherwelt mit Ausdauer und Hingebung» 
auszusetzen: gewähren ihm doch die Anschauungen seines leib- 
lichen wie seines geistigen Auges den reichsten Ersatz. ) '■ 

So sprossen aus der verborgenen Wurzel eines unklaren 
philosophisch-ästhetischen Gefühles oft kühne, mannes würdige 
Thaten des Körpers imd Geistes. Es lässt sich aber ebensowenig 
in Abrede stellen, dass praktisch häufig andere, minder edle 
Motive an die Stelle der erwähnten treten, dass Eitelkeit, Nach- 
ahmungssucht und Excentricität manche Alpenbesucher zu zweck- 
loser und damit unsittlicher Waghalsigkeit verleiten. Wol nus 
mit Rücksicht auf den meist obwaltenden Milderungsgrund der 
Leichtsinns gibt ein gnädiges Geschick dem tollkühnen Unter- 
nehmen oft glücklichen Ausgang. Aber dem tragischen Eindruck 
der That thun die an sich verwerflichen Motive keinen Eintrag, 
wofern sie nur aus einer unsere Sympathien erweckenden Grund- 
eigenschaft des Helden entspringen. 

So zeigt uns die höchste Region der Alpen eine Fülle 
Tagischer Momente, bedingt durch die erschütternde Grossar- 
igkeit ihrer Natur; und sie vollendet damit den Kreis der 
Isthetischen Erscheinungsformen, als welche wir in der Alpen- 

9* 



132 Dr. Heinrich v, Wittek/ Zur ästhetischen Würdigung der Alpen, 

region vorwiegend das Erhabene und in der Bergregion das 
Reinschöne festzustellen versucht haben. Selbstverständlich kann 
diese Analysirung des landschaftlichen Charakters nur im All- 
gemeinen gelten; es, zeigt ja die Erfahrung, dass namentlich 
in den unteren Zonen der Alpen neben dem Erhabenen und 
Reinschönen die Uebergangsformen des Anmuthigen und Lieb- 
lichen sowie jene des Grrossartigen und Imposanten in der schön- 
sten und reichsten Mannigfaltigkeit vertreten sind. Diese stau- 
nenswerte Abwechslung, die dem Wanderer bei jeder Biegung 
des Weges ein neues Landschaftsbild zeigt, verleiht den Ge- 
birgsreisen eine unerschöpfliche Anziehungskraft, und bildet in. 
ästhetischer Beziehung den absoluten Vorzug d^ Alpen vor 
den andern Gebirgen Europa's, in welchen entweder nicht alb 
drei Erhebungszonen in solchem Umfange vorhanden oder doch. 
nicht alle in diesem Masse zugänglich sind. 

Weil aber der sinnliche Reiz in diesen Naturgenüsseix 
stets nur eine untergeordnete, oft eine negative Stelle einnimml; 
und die höheren, edleren Gefühle in ihnen eine mächtige An- 
regung finden, gestaltet sich die Einwirkung der Alpennatur 
ebenso zu einer geistigen und moralischen wie leiblichen Kräf- 
tigung und Läuterung der modernen Menschheit, zu einem wol- 
thätigen Heilmittel gegen die entnervenden Krankheiten des 
Egoismus und Materialismus. 

Und darum rufe ich den Freunden der Alpenwelt aus 
vollem Herzen ein Glückauf! zu den bevorstehenden Ausflügen 
des kommenden Sommers zu. 

Möge reicher Genuss und erneute Frische des Körpers 
und Geistes der Lohn ihrer Mühen und Anstrengungen sein! 



-«^aoc9^e> 



Die Bocca di Brenta 



Von Julius Payer. 



Weitab von dem Centralgebirge Tirols, im Flussgebiete 

oberen Sarca, strebt eine Alpenwelt auf, welche, durch eine 
b Einsenkung in zwei Teile geschieden, auf der einen Seite 

Träger stundenlanger Eis- und Schnee wüsten erscheint und 
L auf der andern Seite durch Kühnheit der Gestalten, Koman- 

und Wildheit in den einzelnen Partien zu überbieten sucht. 
iT ist es das Urgebirge des um ein Centralplateau reich ge- 
äderten Bergsystems des Adamello,*) dessen Aufbau massiv 
L terrassenförmig, — dort das vielgestaltige Felsrevier des 
Dergangskalkes : die Brenta-Ketto — mit kühnragenden Do- 
ithörnern, Klippen, Pfeilern, Zacken, jähen Wänden, Schar* 

und engen Thalrissen, in deren oberstem Anfange secun- 
e Eislager steil niedersteigen. 

Der landschaftliche Eindruck dieser Felsenwildniss ist nach 
1 Weltgegenden eben so wechselvoll als grossartig, die Re- 
mässigkeit, teilweise Symmetrie des Baues, die häufige Schich- 
ig der Massen und die höchst seltsamen Formen könnten uns 
dem Glauben veranlassen, als seien dieselben statt Producte 
Jogischer Vergangenheit, zalreiche an einander gereihte ba- 
lonische Thürme. Reiche Wald- und Wiesen Vegetation färbt die 
nge und Thäler tiefer unten, wobei hellgrüne Matten mit dem 
akeln Grün der Nadelhölzer wechseln^ und geht auf der West- 
te im Thalgrunde selbst in Scenerien solcher Lieblichkeit über, 
Js die starren Höhen mit ihrem röthlichen und braunen Co- 
ite unserer Einbildungskraft mehr als eine fabelhafte Dcco- 
ion denn als Wirklichkeit erscheinen. 



*).Das Gebiet des Adamello und der Presanella wurde 18G4 und 1868 
^ mir durchwandert, 26 Hauptspitzen desselben bestie^^eUf und das Kesul- 
• in Dr. Petermann'a geographischen Mitteilungen veröffentlicht. 



134 Julius Payer. 

Die Brenta-Kette, sowie deren überaus grossartiger und 
verhältnissmässig selten benutzter Gebirgsübergang : die Bocca 
di Brenta (von Molveno nach Pinzolo und Campiglio) sind noch 
wenig bekannt; die Schönheit dieser Doloraitalpen steht, wenn 
sie die vielbesuchten, vielberühmten Fassaner und Ampezzaner 
Berglandschaften, welche zum Teil aus dem gleichen Gesteine 
aufgebaut sind, nicht übertrifft, denselben jedenfalls nicht nach. 
Ich glaube daher den Freunden der Alpenwelt einen Dienst zu 
erweisen, wenn ich sie durch die folgende Schilderung auf die 
wirklich seltene Pracht und Eomantik der Brenta-Kette auf- 
merksam mache. 

Die Brenta-Kette begreift ein weites Revier; westlich um- 
fliessen sie die Selva, die Narbine und Sarca, die letztere auch 
im* Süden, wo steile Felsen in die klausenreiche Landschaft Giu- 
dicaria abstürzen, nördlich zieht die Nos im Bogen um den 
Fuss auslaufender Waldberge, östlich rauscht der klare Wild- 
bach Bior in die blauen Fluten des Molveno-See's — pralle 
Wände der Brenta-Kette tauchen in dieses klare Wasserbecken, 
dessen Abfluss unterirdisch bis Moline fliesst und in die Sarca 
mündet. 

Fächerartig lösen sich zalreiche Zweigthäler von der 
Hauptmasse dieser Berggruppe ab und münden in die eben ge- 
nannten grösseren Wasserläufe, so das Val Agola, das Val Brenta, 
das Val As und das Val Spinal im Westen, das Val Tereseng» 
im Norden, das Val Spor, das Val delle Sege und Val Ceda im 
Osten, und das Val Baesa (diesen Namen hörte ich in Molveno 
fiir das bei Tavodo mündende Thal — für die Richtigkeit dieser 
Bezeichnung kann ich nicht bürgen), das Val Dalcone und da» 
Val di Manetsch im Süden. 

Die orographische Gliederung der Brenta-Kette ist ziem- 
lich complicirt, und eben so wie der durch dieselbe bedeckte 
Flächenraum weit ausgedehnt, ist auch die Elevation des Ge- 
birges eminent. Drei parallele, von Süd nach Nord streichende 
Gebirgsäste vereinigen sich in der höchsten Erhebung der mitt- 
leren Kette, welcher Culminationspunkt zugleich jener der gan- 
zen Gruppe ist ; der Hauptrücken biegt dann nach Ost und am Ueber- 
gange der Bocca di Brenta nach Nord um, welche Direction er 
bis zu den Abfällen in's Nosthal nahezu beibehält. Die seit- 
lichen Abzweigungen der nördlichen Hälfte des Gebirges smd 
nur im östlichen Teile von Mächtigkeit und erreichen in meh- 
reren Punkten, wie in dem Croz (Croz heisst hier im Dialekt 
Fels) alto, dem Monte Gallin und dem Monte Fublan die Höhe 
von 8000 Fuss und darüber. In dem gesammten Felssystem 
lassen sich ausserdem sehr gut drei Abteilungen wahrnehmen. 
Die nördlichste, welche den Sass rosso (8230 Fuss), den Sas» 



Die Bocca di Brciita. 135 

ilto und den Monte Mondifra trägt, riiicht bis zum Passe west- 
ich von Flavona, woselbst ein unbeschwerlicher Uebergang (der 
lieh, wie mir Herr Suda, der ehemalige Förnter in Pinzolo, mit- 
icilte, durch die gleichsam wie durch vulkanische Kräfte er- 
zeugte Zerrissenheit des Felsbodens auszeichnet) einerseits nach 
lern Lago di Tovel, andererseits nach neuem Ansteigen nach 
Spormaggior führt. Die zweite Abteilung des Gebirges culmi- 
airt in der massigen Cima Tosa (9956 Fuss), senkt sich mit 
klingenähnlichem Felsgrate zum tief eingeschnittenen Thore der 
Bocca di Brenta (nahezu 8(KX) Fuss) herab und tritt jenseits 
derselben mit den Massenerhebungen zalreicher Ilochspitzen 
in Verbindung. Hier befindet sich auch der höchste Punkt der 
gesammten Gruppe, die Cima di Brenta mit 10,27^ Fuss (auch 
10,077 Fuss gemessen). Andere Berge, welche die Bocca di 
Brenta amphitheatralisch umstehen, hörte ich abweichend be- 
nennen ; so die Namen Monte Cantino und Monte Cavradoa für 
einen und denselben Gipfel, wie ich mich denn überhaupt zu über- 
zeugen Gelegenheit hatte, dass es hier mit der Fixiruug der 
Nomenclatui- noch sehr im Argen liegt. Sowol von der Ada- 
mello -Spitze (11,250 Fuss), wie von jener der Presanella 
(11,270 Fuss) aus, wo die Brenta-Kette mit überwältigender 
Grossartigkeit vor das Auge tritt, habe ich die Wahrnehmung 
gemacht, dass ungefähr eben so weit südlich des P.asses, als die 
Cima Tosa nördlich desselben liegt, sich ein Gipfel betindet, 
welcher mit dieser ungefähr gleiche Höhe besitzen dürfte. Auch 
den Monte Cresole möchte ich nicht unter 9000 Fuss, die Cima 
Pra dei Camuzzi und auch das Cingio di Movlina (nicht 
Moslina, wie auf der Tiroler Generalstabskarte geschrieben steht), 
welches von Pinzolo aus sichtbar ist, nicht unter 8000 Fuss 
schätzen. Ausser den angeführten Pässen gibt es noch mehrere 
andere von geringerer Wichtigkeit; so einen Uebergang aus 
dem Val delle Sege über die Hänge des Monte Cresole in das 
Val Ceda, welcher aber nur mit einem Führer unternommen 
Werden darf. 

Der grösste Teil der Brenta-Berge ist mindestens schwer 
ersteigbar, wie dies den Kalk überhaupt und namentlich den 
Dolomit charakterisirt. Besteigungen der Hochgipfel sind bisher 
iiur durch Engländer ausgeführt worden. Jedenfalls ist die Fern- 
sicht von einer dieser Felszinnen äusserst dankbar und 
dies namentlich in Bezug auf die Adamello-Presanella-Gruppe. 
Die Vegetation ist besonders am West- und Nordabhange 
der Brenta-Kette von üppiger Entfaltung; ausgedehnte Forste 
tUQschliessen, zu bedeutender Höhe hinanreichend, das gesammte 
5ergrevier. Leider aber unterliegt die Waldökonomie dem Egois- 
aus des Augenblicks; zudem haben sich mehrere Glasfabriken 



136 Julius Payer. 

in gefährlicher Nähe etablirt, darunter eine bei Pinzolo, eine in 
Tione und eine im Val Dalcone. Mag der Industrielle seine 
Lanze brechen für den Aufschwung der Gewerbthätigkeit, dem 
Naturfreunde thut es weh, wenn er um ein paar elender Fen- 
sterscheiben willen die schönsten Wälder ausroden und eine 
waldreiche Gegend nach und nach zur Einöde verwandeln sieht. 
So erzälte mir Förster Fidler in Pinzolo traurige Beispiele 
dieser Art, welche sich nicht nur im nachbarlichen Val di 
Genova — wo der prächtige Venezia-Wald mit seinen hoch- 
stämmigen Riesenlärchen fast verschwunden ist, — sondern auch 
hier ereignet haben. Vor ungefähr 40 Jahren schloss eine Ge- 
meinde der Gegend, welcher der prächtige Wald im Val Agola 
gehört, mit einem Bauer einen Contract ab, demzufolge derselbe 
die Verpflichtung hatte, gegen ein Entgelt von 200 fl, den ge- 
sammten Forst mit Axt und Feuer binnen Jahresfrist auszuro- 
den. Man wollte Holz und W^iesenland gewinnen. Der Bauer 
arbeitete ununterbrochen, die Aufgabe war zu gross und nach 
Verlauf der Zeit nicht bewältigt. Er wurde von der Commune 
verklagt und verlor im Processe sein Vermögen, der Agola- 
Wald aber wurde dadurch vor dem Untergange gerettet. Na- 
mentlich im Val di Genova nimmt die Holzausrodung über- 
hand, und selbst jene Stämme, welche sich, hoch oben am 
Fclsgomäucr in fast unzugänglichen Ritzen eingewurzelt, gebor- 
gen glauben, erliegen der Axt verhasster Sendlinge der Glas- 
fabriken. Trauernd fallen die schönen Bäume, dröhnend schiessen 
die entästeten Massen über Felswände hinunter. Die Gewinn- 
sucht des Menschen dringt eben überall hin, sie wühlt die Erde 
auf, taucht in unermessliche Tiefen des Oceans, dringt zu den 
Polen, kurz, kennt kein Hinderniss in Besiegung der schwierig- 
sten Unteritelmiungen. 

Der Viehzucht ist im Bereiche der Brenta-Alpen ein weites 
Geländ geöffnet ; eben so ergiebig ist die Jagd. Gemsen, Hasen, 
wilde Hühner finden sich in grosser ZaI, auch Bären trifft 
man nicht selten und Murmelthiere im nahen Val Nambrone 
der Presanella-Kette. 

Die Eismassen der Brenta-Kette nehmen den Flächenraom 
von vielleicht 0.2 Quadratmeilen ein, teilen sich in kleinere 
Lager, — vielmehr steil niederziehende Ströme, — und gehören 
vorzugsweise dem westlichen und südlichen Abhänge an. ha 
Val Brenta allein zälte ich sieben kleinere und fiinf grössere 
Ferner, darunter zwei verhältnissmässig gross genannt werden 
dürfen. Jener Gletscher zunächst dem Passe besitzt nach mei- 
ner beiläufigen Schätzung an 600 Schritt Länge und bis 400 
Schritt Breite; ungefähr in der Hälfte durchbricht ihn nacktes 
Gestein der Thalsohle, gewiss beträgt auch der Tiefgang, i ^ 



Die Docca di Brcntn. 137 

ie Dicke dieses durch den weiten Felskranz geschützten Ferners 
aum einige Klaflfcer. Die Oberfläche zeigte sich fast spaltenlos und 
dreiche unbedeutende Steinreihen, welche den Namen Mittel- 
loränen kaum verdienen, befanden sich auf derselben. Ausge- 
)rochener ist die vier bis fünf Fuss den Gletscherrand über- 
5hende Endmoräne, welche, nach den ausgedehnten, tiefer hin- 
breichenden Trümmerhalden zu schliessen, einst ein weit tiefe- 
äs Niveau innegehabt haben mochte. Auch die Farbe dieser 
atuhporösen Eismasse ist weniger effectvoU und besitzt ein trü- 
es Indigoblau in den Klüften. Die Gletsclierwelt leidet über- 
laupt an der - Abzehrung, winzig erscheinen die spärhchen 
Jeberreste der Jetztzeit gegen die gewaltigen Ferner der Vor- 
veit; aus den Strömen, welche einst über die Abstürze tosten, 
lind magere Bäche geworden, die nur zur Zeit der Schnee- 
schmelze sich der ehemaligen Herrlichkeit nähern. Die einstige 
Existenz colossaler Eismassen ist nach den hierüber mit immer 
grösserer Gründlichkeit angestellten Forschungen*) kaum mehr 
in Zweifel zu ziehen. Belehrende Anhaltspunkte fiir die Auf- 
stellung dieser Hypothese sind bekanntlich vorzüglich erratische 
Blöcke, Gletscherschliffe und Moränenlager. Die zalreichen 
erratischen Blöcke, welche von dem Granitmassiv der Adamello- 
Gruppe durch den Transport des Eises auf den Brenta-Bergen 
abgelagert worden sein mochten, sprechen nicht weniger fiir 
diese Thatsache, wie die Gletscherschliffe im obersten Teile 
des Val delle Sege, nahe der Bocca di Brenta. Hier fand ich 
ausgedehnte Schliffflächen, wie sie wol nicht durch Wasserkräfte 
erzeugt worden konnten; moränenartige Trümmerhalden (wie 
am Westabhange des Passes) deckten bis zu einer gewissen 
Öränze die Hänge ; daher ich mich zu der Annahme entschloss, 
dass auch diese Passseite einst eisbedeckt gewesen sein dürfte. 
In geognostischcr Beziehung tritt vor allem der rasche 
Wechsel des Urgebirges der Adamello-Presanella-Alpen mit dem 
Üebergangskalke der Brenta-Berge in's Auge. Doch finden 
sich am Westabhange im Val Narbine auch südöstlich fallende 
Schiefergesteine, wenngleich von geringerer Mächtigkeit. Eine 
gute Stunde vor Madonna di Campiglio ti'itt der Kalk in das 
Thal selbst herab, auch auf dessen westliche Seite über und 
Ueibt nun bis in das Val di Sole das anstehende Gestein. Ein 
grosser Teil der Brenta-Berge besteht aus dolomitischem Kalk. 
Bei Molveno findet sich Mergelschiefer, im Val delle Sege ist 
grauweisser feinkörniger Dolomit vorherrschend. 



*) S. den Aufsatz des Dr. Mojsisjovic über die alten Gletaclier der 
Südalpen, in den Mitteilungen des österreichischen Alpenrereins. 



138 Julius Payer. 

Wie dem waghalsigen Bergsteiger, so ist die Brenta-Kette 
auch dem minder geübten Touristen ein dankbares Gebiet. 
Namentlich Malern wäre der Besuch dieser pittoresken Fels- 
gruppen anzurathen. Jedenfalls erheischt unser Alpendistrict 
mehrtägigen Aufenthalt ; auch dürfen die Wanderungen wo^ mög- 
lich nur bei ganz reinem Wetter und in^ Begleitung emes Füh- 
rers unternommen werden, da die Zerrissenheit und Mannigfal- 
tigkeit der Formationen und der Thalabsätze den sich selbst 
genügenden Reisenden, zumal bei Nebel, leicht in fatale Lagen 
führen könntön. In Pinzolo wie in Molvcno finden sich Leute 
genug, welche gegen 2 fl. bis zur Passhöhe mitgehen, gegen 
4 fl. den ganzen Uebergang ausführen. In Molveno nenne ich 
vorzüglich die Brüder Nicoluzzi, eifrige, mit der Gegend wol- 
bekannte Jäger und muntere Gesellen, deren greiser Vater sich 
in den Brenta-Bergen als Gemsjäger ungefiilir denselben Ruf 
erworben hat, wie Colani in Graubündten. 

Aber auch jene Touristen, welche ihre Kräfte für anstren- 
gendere Unternehmungen unzureichend erachten, werden reich 
l)elohnt werden, wenn sie von Molveno wenigstens so weit in 
dem Val delle Sege vordringen, bis dieses gegen West umbiegt, 
besonders ^ber durch die ganz mühelose Wanderung von Pin- 
zolo in das Val Brenta bis zur gleichnamigen Malga (Sennerei); 
denn hier ist der Anblick der im Halbkreise gereihten Felsen 
an den Passseiten, die Rochette di Brenta genannt, zumal beim 
Alpenglühen, von nicht zu beschreibender Grossartigkeit Auch 
der Besuch des Monte Spinale (6384 Fuss) — welchen Berg 
ich vor zwei Jahren in Begleitung meines Freundes, des Herrn 
Padilla, zur Winterszeit mit Schneereifen bestieg — bei Cam: 
piglio (4778 Fuss) ist beschwerdelos und die Aussicht auf die 
eigene Gebirgsmasse, die Adamello-Presanella-Alpen, auf die 
Eiswelt des Ortlers und der Oetzthaler ungemein dankbar. 
Doch sind die weitaus grösseren Eismassen des Adamello, der 
Lobbia- und Mandron Ferner von hier aus gedeckt, denn jene 
Kette, welche vom Monte Gare über den Monte Foletto, das 
Corno di Cavento (Levade, wie in den Karten geschrieben 
steht, kennt man nicht), den Crozzon di Lares, den Crozzon di 
Fargorida, den Stablel und Stableliu zum Monte Menieigolo 
führt, ist so mächtig, dass sie den Einblick in das rückwärts 
Liegende und den Anblick des Adamello selbst verhindert. Die 
Unterkunft in Madonna di Campiglio (ein altes Kloster nebst 
Wirtshaus) ist gut genug. Wer aber die Kraft in sich fühlt, 
den neunstündigen, beschwerlichen, doch ganz gefahrlosen Ueber- 
gang über die Bocca di Brenta von Molveno bis Pinzolo aus- 
zuführen, der wird Eindrücke in sich aufnehmen, welche durch 
ihre Erhabenheit der Erinnerung unvergesslich bleiben. Da aber 



Die Bocca di Drcnt^u 139 

as Val Brenta noch reicher an Naturschönheiten ist, als das 
al delle Sege, und Mol veno höher liegt als Pinzolo, so halte 
:h es fiir ratsamer, den Uebergang von Molveno aus zu 
lachen, weil sich die landschaftlichen Genüsse beim Abstei- 
en besser als beim Aufsteigen würdigen lassen, und weil man nur 
) in die Lage kömmt, in der Malga di Brenta angelangt, das 
Jpenglühen zu betrachten, welches durch seine grossartigen 
Iffecte wirklich Staunen erregt. 

Also treten wir in Begleitung unseres freundlichen Lesers 
lie Wanderung durch die beiden auf der Bocca di Brenta cul- 
ninirenden Thäler an, und gönnen wir uns vorher noch einige 
Augenblicke, die Reize und Merkwürdigkeiten Molveno's zu be- 
dachten, und zwar von dem Joche südwestlich des Monte Gaze 
(6400 Fuss), Val di S. Giacomo genannt, welches ich auf einer 
grösseren Bergfahrt, von Trient kommend, am 2. Septem- 
ber 1864 passirte. Es fällt schwer, Worte zu finden, welche die 
Starrheit und zugleich Lieblichkeit des fesselnden Anblickes 
auszudiücken vermöchten, den wir von hier aus geniessen. Ich 
selbst war höchlichst überrascht, als ich bei eintretender Dämme- 
rung über das breite Joch schreitend, an die jähen Grashänge 
herantrat und an 2000 Fuss unter mir ein weites Wasserbecken 
erblickte, welches durch die unvergleichliche ultramarinblaue 
Farbe, durch die namenlos starren Kalkwände der in den See 
abstürzenden Brenta-Kette , durch die Mächtigkeit und Höhe 
dieser aus einem einzigen, zersägten, ausgeklippten Steinwalle 
aufgebauten Masse mit ihren mächtigen Hörnern etwas Gigan- 
tisches von fast unheimlicher Gewaltigkeit und Feierlichkeit an 
5ich trägt. Hier fehlte das farbenreiche Gewand der Westseite ; 
ter Abgang belebender LichtefFecte machte die Erscheinung 
noch düsterer. Das schreckhaft erregte Auge haftet mit einer 
^wissen Beruhigung an dem Kirchlein und dem kleinen Häu- 
iercomplexe des am nördlichen Seestrande auf einer Anhöhe er- 
>auten Molveno. Herzlich froh war ich, als ich nach langen 
irfahrten ohne Steg, durch dichtes Buscliwerk und über mass- 
ig steile Wiesen, durch Felswände zu neuen Umwegen gezwun- 
en, zuletzt in einer grossen Torrente abschreitend, bei vorge- 
äckter finsterer Nacht in dem Wirtshause daselbst anlangte, 
tolveno ist klein, ärmlich und abgeschieden von der Welt, die 
[äuser sind grosse, schwarze, düstere, unförmliche Gebäude, ein 
rosser Teil ihrer inneren Räume dient zur Aufbewahrung des 
fehfutters. Selbst das Wirtshaus, welches nur den beschei- 
nsten Ansprüchen genügt, ist mit Raumverschwendung aus- 
stattet, und dennoch führt eine Art Tunnel zu den Wohnun- 
n des ersten Stockes. 



140 Julius Payer. 

Der eilfertige Tourist, welchem es nicht selten beliebt, 
durch gute oder schlechte Küche, durch Sonnenschein oder Re- 
gen, oder durch den erlangten Verdauungsgrad bestimmt über 
den Charakter der Bewohner abzuurteilen, darf sich eigentlich 
kein Urteil darüber erlauben. Mir schien das Völklein Mol- 
veno's, — das durch seine Abgeschlossenheit, seine luftigen, über 
3600 Fuss hohen Wohnsitze und durch den kärglichen Ertrag 
des Bodens, welcher sogar die einfachsten Obstgattungen a£ 
tropische Gewächse betrachtet, gewiss nicht zu beneiden ist — 
harmlos und brav. Komischerweise wurde mir sogar die er- 
habene Auszeichnung zu Teil, von einem der Bauern für eine 
Persönlichkeit vom höchsten Range gehalten zu werden; doch 
gelang es mir nach einiger Mühe, meine bescheidene Stellung 
ausser Zweifel zu setzen, welcher sonst sehr nachteilige Einflüsse 
auf die Rechnung meiner vortrefflichen Wirtsleute gehabt hätte. 
Der Bauer aber war ein ehrlicher, schlichter Mann aus Lava- 
rone und rühmte sich seiner deutschen Abkunft gegen alle An- 
wesende. Er erbot sich sogar, mich, obgleich alt und krank, 
„seiiza dire grazie" (ohne JDank zu sagen) auf die Bocca di 
Brenta zu führen, und nahm es sehr übel, als ich nachher einen 
Führer annahm. Der Curat von Molveno, ein einfacher gebil- 
deter Mann, erzälte mir, dass vor zwei Jahren eine Militär- 
commission hier war, welche den projectirten Bau einer Strasse 
von Mezzo-Lombardo nach Stenico untersuchte, und belehrte 
mich über Kartenfehler der Generalstabsaufhahme, demnach es 
anstatt Andolo Andalo, statt Orsino Dorsino, statt Tavo Tavodo, 
statt Comano Cumano und statt Faurio Favrio heissen soll. 

Das schönste uiid wichtigste Kleinod Molveno's ist der 
tief ultramarinblaue See — an den Ufern und am westlichen 
Vorsprunge scheinbar grüngelb*) — von ausserordentlicher Klar- 
heit, Durchsichtigkeit und Tiefe, wie sich diess bei den jähen 
seitlichen Hängen auch nicht anders erwarten lässt. Ich hörte 
in Molveno, der See — welcher dem ConteSaracini in Trient 
gehört — sei an 240 Fuss tief, sein Abfluss erfolgt fast zwei 
Miglien unterirdisch und kömmt in der Landschaft Banale (von 
Andalo bis Stenico so genannt), sogleich fünf Mühlen treibend, 
zu Tage. Der Lago di Molveno ist reich an schmackhaften, bis 
5 Wiener Pfund schweren Salmarinen und an Tenca's. Die 
ersteren Fische bleiben im Sommer tief unten im See, können 
dann nicht gefangen werden und kommen erst im November 
an die Oberfläche. Forellen gibt es nicht. Noch reizender und 
schöner gefärbt als der Molveno-See soll der kleine Lago di 



*) Des weniger tiefen felsigen Seegrundes wegen. 



Die Kocca <li lircnta. 141 

Nemba — etwas südlicher — sein. Der Name dieses kleinen 
Wasserbeckens findet sich auf keiner Karte. 

Gewiss, Molveno ist ein sehr reizender, idyllischer Auf- 
enthalt und für Gemütskranke wie geschaffen. Poetisch ange- 
regt schweift der Blick vom Hügel herab über die klaren Flu- 
ten, links hinauf zu den hellen Matten, Wäldern und Büschen, 
rechts zu den starren Felsbauten und Wänden, geradeaus zwi- 
schen diesen Coulissen hindurch^ auf die lachenden Bergland- 
scBaften des Val Marzo in blauer Ferne. Selbst der Winter 
Übt ein yerhältnissmässig mildes Regiment; Molveno ist gegen 
rauhe Nordstürme geschützt; nur die Brenta-Berge halten es 
mit ihrer Würde unvereinbar, keine Lawinen herabzusenden. 

Die Naturschönheiten Molveno's heben uns auch über die 
Daateriellen Entbehrungen hinaus ; denn dem ohnehin harmlosen 
^Vein ist Aquavita beigemengt, fast nur die Fische werden ge- 
iiiessbar zubereitet, und verlangt man der Abwechslung wegen 
^inen Hahn, so kann es Einem wie mir ergehen, dass der Wirt 
^eim Serviren des ^^Igsso" selbst ausruft: „Le duro quel fiol 
d'iin can." Am 3. September hatte mich unaufhörlich nieder- 
strömender Regen vom Weitermarsche abgehalten; der Morgen 
des 4. September war klar und rein, daher ich mit Bartolomeo 
■Nicolijzzi, einem munteren Burschen, tun 8^/4 Uhr die Reise 
antrat. 

Ein schmaler Wiesenpfad führte uns an den Hängen des 

^^iter aufwärts mit riesigen Steinhalden überdeckten Monte 

:^i'atel vorbei, dann lenkten wir in das klausenartig verengte 

/^al dello Sege ein, schritten an der linken Thalseite auf schma- 

f^m, ziemlich steilem Wege weiter und gewannen bald darauf 

^^n Thalgrund selbst. Bis jetzt war der landschaftliche Reiz 

^^s Val delle Sege gering; öde, grasdurchfurchte Wände steigen 

^^ den Seiten herab. Jetzt, da wir durch reiche Vegetation, 

^^Tch Wald mit gelichteten Beständen, über Alpenrosen, üppi- 

6^8 Strauchwerk, Dickicht und Kräuter hinanschritten und auf 

^iXier Holzbrücke den lärmenden Wildbach passirten, erweiterte 

^^oli das Thal einigermassen, und staunend betrachtete ich die 

^^^sslos starren und hohen Kalkwände des Croz alto (westlich 

^Om Monte Gallin). Aber auch die anderen Partien waren nicht 

^^^nder imposant, und als wir in der Morgenfrische, die folgende 

^06ne Matte massig ansteigend, zur Biegung des Thaies nach 

W"e8t gelangten, sahen wir uns auf drei Seiten von halbkreis- 

^•^^g geschlossenen weissgrauen Wänden — in ungeheuerer Höhe 

^^ pittoreske Formen ausgeklippt — eingeschlossen, der Croz 

^to aber hatte die Gestalt eines massigen Thurmes angenommen, 

Bei jedem Schritte gewann die Landschaft neuen Reiz, aber 

i ^^ch an Wildheit, und erst als wir auf dem steil in kurzen 



142 Julius Payer. 

Serpentinen hinanfiihrenden, doch kaum erkennbaren Pfade, der 
Thalbiegung folgend, einen hohen Terrassienabsatz des Val delle 
Sege erreichten, minderte sich das Schreckhafte. Dem ohne 
Führer Wandernden könnte es schon hier leicht passiren, dass 
er, in der Meinung, die Wendung finde erst später statt, dem 
ausgesprochenen Bergkessel in gerader Richtung zusteuernd 
und ohne auf den unmerklichen Pfad zu achten, sich in den 
Felswildnissen kleiner Thaläste und Risse verirrt. 

Oben auf der grünen freundlichen Terrasse des ersten Ab- 
satzes erreicht der Baum wuchs seine Gränze; einzelne Bestände 
dringen wol noch weiter vor, aber sie sind durch den Monte 
Mazzodo (rechts des Wassers), die prächtigen Felsgerüste des 
Monte Castelet (links) und durch die folgende Sterilheit des 
Thalbodens selbst auf den Wiesenraum der Sohle beschränkt 
Ueber sanft ansteigende Matten schlängelt sich der Weg nun 
angenehm weiter, doch kann derselbe bei ungünstigem Wetter 
beim Herabsteigen derart verfehlt werden, dass das Weiterkom- 
men überall durch Wände verhindert wird. Gleich darauf, um 
10*72 Uhr, also nach zwei Stunden, langten wir im Baito selvata 
del mes, einer elenden, bereits verlassenen Schafhütte an. Der 
Regen hatte sich unverhofft wieder eingestellt und zwang um, 
in dem beengten Räume Schutz zu suchen. Da wir eine Stunde 
laug bis zum Aufliören des Regens zu warten hatten und in 
Ermangelung von Zündhölzchen kein wärmendes Feuer zu 
Stande bringen konnten, so verzehrten wir schon jetzt die fänf 
Pfund schwere gebratene Tenca aus dem Molveno-See mit Brod 
und Wein. Nicoluzzi erzälte dabei in einem fort von Bären 
und Gemsen und berichtete manchmal ganz schauderhafte Dinge. 
Nebenbei hörte ich, dass die Leute im Val di Non weniger brav 
und piü serata (mehr verschlossen) wie in Rendena und Banale 
seien. Nicoluzzi zeigte mir ferner schartige Pässe westlich des 
Croz alto, der die Thurmform mit jener einer ungeheueren 
Wand vertauscht hatte, — welche zu Uebergängen benutzt 
werden. Seine Berichte wurden einmal durch ein furchtbares 
Krachen — Felsablösungen — unterbrochen. Endlich sah wie- 
der die sonnige Welt herein zu den Dachfiigen unseres Baitos, 
auf die t hauigen Gräser wie auf die Dolomitzacken des gegen- 
über liegenden Monte Castelet ; um 12 Uhr brachen wir wieder auf. 
Bald gelangten wir an das hintere Ende der ziemlich langen 
Terrassenebene, die Wiesen hörten auf, Karrenfelder folgten, 
welche auf der rechten Thalseite, am Fusse der zerrissenen 
Wände des Monte Mazzodi niederziehen. Darüber ging's nun 
quer hin oder in kurzem Zickzack gerade aufwärts, bis sicH 
die Felsen endlich auch auf der Thalsohle selbst breit machten, <liö 
Neigung derselben steigerten, somit den Abfall eines hohen Ter* 



Die Hocca <li Brciitn. 143 

rasscuabs^atzeä iiildcten. ßasch stiegen wir aufwärts, der zer- 
rissene Fels gestattete ein eben so leiclites Fortkommen wie 
auf Stufen, liier und da ward die Passage durch Felsmassen zu- 
sammengepresst, endlich nach mancher pittoresken Felsscenerie, 
welche als würdige Staffage für Gemsenbihler dienen kcinnte 
und die ich mit den Pyrenäen zu vergleichen suchte, nach 
manchem prächtigen Einblicke in die Tiefe langten wir oben 
auf der zweiten Terrasse an. Die Seitenwände treten hier mehr 
auseinander, und da wir der Thalwindung folgten, waren die 
weissgrauen Glattwände des Croz alto fiir uns verschwunden. 
Die zweite Terrasse besteht aus wellenförmig gebrochenem Wie- 
senboden, Blöcke liegen darauf umher, Krummholz und Alpen- 
rosen sind die einzigen Repräsentanten liolziger Sträucher, doch 
enthält die Trift die besten, würzigsten Kräuter ; die Schafe des 
über alle Vorstellung primitiven liaitos Jlazzodi wissen dies zu 
schätzen. Das launige Wetter hatte boshafter Weise ungeachtet 
Sonnenscheins abermals Regen herabgesendet. Wir traten daher 
um 1 Uhr in die verlassene Hütte ein, zündeten das fast er- 
loschene Feuer an und leerten die Milchvorräthe ; den Schaf- 
hirten erblickten wir hoch oben und winzig klein auf einem 
Felsen; er glich dem Fra Diavolo ohne Zweifel. Erst als dieser 
unrasirte Wilde zu uns hereintrat, wurden wir aus unserer be- 
schaulichen Ruhe gestört. Der Mann verehrte mir einen seiner 
kunstvollen Holzlöffel, welcher mit einer Spitzhacke gearbeitet 
zu sein schien und eben so gut von Iraker aus der Gegend der 
Nilquellen mitgebracht sein konnte. Den Löffel — für welchen 
ich dem Hirten ein kleines Geschenk gab — sandte ich von 
Piuzolo aus, der Rarität wegen, meinen Freunden nach Venedig ; 
iu der Hütte fanden sich noch einige, welche bei Soireen in 
Gebrauch kommen. 

Endlich hatte der Regen aufgehört. Ueber steilere Gras- 
hänge, kleine Vorsprünge und wellenförmige Absätze mit ver- 
mehrtem Gerolle stiegen wir aufwärts und gelangten auf den 
dritten Absatz des Val delle Sege, woselbst der Schnee erst 
Ende Juli fortgeht. Das Thal gewinnt an Breite, die einschhes- 
senden Kalkfelsen an Wildheit, namentlich zeigen die Gruppen 
^er linken Wand die kühnsten Bergibrmen, welche man sich 
vorstellen kann. Hier drängen sich die Massen zu dickleibigen 
Hörnern empor, dort ragen wahre Felsklingen auf, in schattigen 
Klüften kleine Schneelager bergend. Nicoluzzi wies mir eine 
Scharte der rechten Thalseite, über welche der Weg in s Val 
Ceda fuhrt. Es war aber notwendig, dass er diess beifügte, 
denn von Selbst Hess sich diess nicht erkennen ; jeder Abstecher 
^itlich scheint vielmehr nur den Gemsen vorbehalten. 



144 Julius Payer. 

Weiter kamen steile Böschungen, reich besäet mit grossen 
Blöcken und ärmlichen Kräutercolonien, und dann ein kleiner 
wie ein Tisch ebener Plan, mit Moosen tiberzogen. Der Thal- 
grund liegt hier beckenartig vertieft und gibt bei Hochwasser 
zur Zeit der Schneeschmelze Veranlassung zur Bildung eines 
kleinen See's. Hier, also erst im vierten Bergkessel, nimmt 
man endlich die bis jetzt verdeckte Bocca di Brenta wahr; sie 
ist ein thorähnlicher tiefer Felseinschnitt; das Val delle Sege 
verengt sich wieder und riesige Schutthalden mit zum Teil 
haushohen Blöcken, die einst mit furchtbarem Getöse von den 
verwitterten Wänden herabgestürzt seiti mussten, ziehen unter 
einem Winkel von mehr als 30 Graden vom Passe herab. 
Seitlich schliessen sich ungemein schroffe, zerrissene Wände, 
deren Colorit statt weissgrau, gelb, roth, braun und schwarz- 
gefleckt geworden, dem Hauptkamme der Jochhöhe an. Der 
Weg, welcher schon im letzten Teile fast unkenntlich geworden, 
der überhaupt beliebig gewählt werden konnte, hört nun gänz- 
lich auf. Mühsam ist der Aufstieg über die Karrenfelder, denn 
bei jedem Tritte weicht das Gerolle unter dem Fusse, doch 
dauert diess nur noch eine halbe Stunde. Wie bereits erwähnt, 
überzeugte ich mich, in dieser Region und auch schon etwas 
tiefer unterhalb, von Gletscherschliffen, im Thalgrunde sellwt 
wie an den Hängen; jetzt ist kein Eis mehr vorhanden, nur 
drei an 50 Schritt lange und eben so breite steile Schneelager 
mit harter Decke, über welche ich mit den (entbehrlichen) 
Steigeisen bequem aufstieg, fand ich. 

Endlich um 4 Uhr 10 Minuten langten wir auf der Bocca 
di Brenta an. Ohne die vielen Aufenthalte — verursacht durch 
mehrere landschaftliche Aufnahmen und durch das periodisck 
üble Wetter — hätten wir uns schon um 12yj Uhr auf der 
Passhöhe befinden können. Die Bocca di Brenta ist der aus- 
gesprochenste Pass, den es geben kann; sie ist nur 10 Schritte 
breit, jähe Wände steigen rechts wie links zu bedeutender Höhe 
empor, und ohne jede Unterbrechung, ohne allmäligen Ueber- 
gang senken sich die beiderseitig abfallenden Thäler steil von 
dem schmalen Sattel nieder. Es ist mir keine genaue Messung 
dieser Jochelevation bekannt, jedenfalls darf dieselbe nicht vi» 
unter 8000 Fuss geschätzt werden. Die Fernsicht ist ohne Be- 
lang, da die Thalwände hindernd in den Weg treten, insbe- 
sondere gegen Ost; nach West hin erblickt man die dunklen 
zerrissenen Felsmassen aus der Gegend des Monte Comicello. 
Nicht das geringste Schnee- oder Eisfeld konnte ich in diesen 
monotonen Steinwüsten wahrnehmen. Dafür ist der Anblick 
des Nahen wirklich grossartig, namentlich sind die Farben 
kräftig; denn während unten am rechten Thalgehänge der Nar- 



Die Bocca dl Brenta. 145 

e unterhalb Campiglio (Cainpmo im Dialekt) brennend grüne 
pige Matten, von düsteren Waldmasscn oberhalb bekränzt, 
warmen Sonnenlichte prangend, dem Auge einen erquicken-* 
L Ruhopunkt gewähren, öffnet sich eine gigantische braun- 
he Felswelt über und unter dem Niveau des Passes, steile 
Zungen zwängen sich durch die Felsrisse, vom Joche selbst 
Igt ein schon vorher beschriebener Gletscher herab. 

Da erhob sich plötzlich ein scharfer West, Wolkenballen 
ten das Val Brenta herauf und im Nu waren Fels, Eis und 
al verzauberte Dinge. Wir befanden uns inmitten dichten 
3els, welcher mich den grossen Verlust begreifen Hess, falls 
ein Tourist diese herrliche Gebirgspartie bei ungünstigem 
jtter machen würde, 

Ich legte mich nun auf das kaum einen Zoll hoch einge- 
neite Eisfeld hin und fuhr unter einem plötzlich niederpras- 
iden dichten Hagel die steile Neigung hinab, während Ni- 
iizzi, besorgt um seine Sonnta^shosen, behutsam niederstieg. 
3 zalreichen, stralenformig ablaufenden, kaum einen halben 
luh tiefen Eisfurchen, in welchen Quellen mit Gletschermilch 
tig thalwärts rieseln, bewirkten, dass ich beim Abgleiten 
indlich durchnässt^ wurde, eingefrorne kleine Steine (Mittel- 
Dränen) zenrissen meine Hosen, so dass sie nicht weniger 
Pect aussahen als das Felsgewand der Rochette di Brenta, 
d dass ich nachher ausser Stande gewesen wäre, in Damen- 
seilschaft zu erscheinen. Nun im Val Brenta nimmt man es 
mit auch nicht so genau. Auf der Endmoräne geschah die 
isbezalung des Fü&ers. Nicoluzzi, dessen zweites Wort bis- 
r stets gewesen: il orso oder i camuzzi, rief, als ich ihm zwei 
jpiergulden übergab, freudig aus: „O che tante soldi!" Wir 
amen herzlichen Abschied, Nicoluzzi meinte noch, ich möge 
^mpre dritta" gehen, was jedenfalls eine vortreffliche Art des 
sgweisens genannt werden darf, und kehrte dann nach Mol- 
10 zurück. 

Ich schnallte mir meinen Ranzen selbst um, stieg und 
ang den sehr steilen, mit grossen Blöcken chaotisch über- 
ikten Hang zum ersten Thalkessel hinab. Bei solchen Gän- 
1 ist Vorsicht nötig, wenn man sich zum mindesten arge 
etschungen ersparen will. Kalktrümmer sind überhaupt weit 
ichwerlicher^zu passiren als Granitgerölle; die Vielseitigkeit 
Bruche und die scharfen Kanten sind den Schuhen wie den 
ssen feindlich gesinnt, die grössere Verwitterung des Gesteins 
jr macht das Klettern geföhrlicher. 

Mittlerweile hatte der heftige Wind die Nebelballen über 

Joch getrieben, die Sonne blickte wieder herein in's einsame 

mta-Thal, auf die starren Dolomitriesen und auf das lautlose 

10 



146 Julius Payer. 

Trümmerreich; der Tag blieb rein und stralend bis zum Ende. 
Ist das Val delle Sege ernst, sind seine Partien gewaltig, da» 
Yal Brenta ist bezaubernd schön und noch gewaltiger in den 
Einzelheiten; hier herrscht wirklich Symmetrie, sowol in der 
Anordnung und kranzförmigen Aufstellung der Dolomitcolosse 
zu beiden Seiten des oberen Thalanfanges, wie in der Decora- 
tion mit dem eitlen Eiskleide, wie in der Aufeinanderfolge fast 
ebener Terrassenabsätze der Sohle. Diese Eismassen, welche 
nur da imd dort hinter den Felscoulissen hervorgucken, oft mit 
der möglichsten Steilheit zerklüftet niederhängen, sind hier ganz 
im Gegensatze zum Reiche des nachbarlichen Adamello eben 
nur auf das Decoriren und auf das EfFectmachen angewiesen. 
Namentlich jene pittoreske Eiszunge, welche einen schroff nieder- 
steigenden Riss zwischen der Cima di Brenta und dem östlich 
folgenden ebenfalls sehr hohen Felsgipfel ausfüllt, erregte meine 
Bewunderung ; ihr Fuss ist der Tatze eines Bären ähnlich und 
klauenartig in blaue Randklüfte aufgerissen. 

Gehen wir nun aus dem ersten Thalkessel des Val Brenta 
abwärts, so haben wir noch ein ziemliches Stück auf der wenig 
geneigten trümmererfiillten Thalsohle zurückzulegen, und steigen 
wir einen unbedeutenden Absatz — eine kleinere Unterbrechung 
der ersten Terrasse bildend — herab, so treffen wir auch schon 
auf winterliche Kräuter und Flechten. Der Weg ist noch immer 
so gut wie unkenntlich ; dieser oder vielmehr die beste Richtung 
fiihrt abwechselnd auf der Thalsohle oder auf dem rechten 
Hange, nahe dem Wasser; jedenfalls hüte man sich, die linke 
Thalwand zu betreten, da bald darauf Wände jeden weiteren 
Schritt unmöglich machen. Nun steigen wir sehr steil herab, 
zuerst durch einen Felspass, welcher von unten angesehen der 
Bocca di Brenta selbst sehr ähnelt, und jene, welche den Ueher- 
gang von dieser Seite zum ersten Male machen, leicht zu der 
Annahme verleiten könnte, als sei dieser Einschnitt schon die 
Jochhöhe; denn sind wir den nun erkennbaren, in steilen Ser- 
pentinen abfiihrenden Pfad auf der seitlich durch Wände ver- 
engten Thalsohle hinabgestiegen und blicken wir zurück, so 
sehen wir von den Partien des Passes nichts mehr. Nachdem 
wir also den steilen Absatz überwimden, befinden wir uns im 
zweiten grossen Bergkessel, respective auf der zweiten Terrasse, 
welche lang, ziemlich breit und von Wänden eingeschlossen ist; 
prächtig und vielleicht einzig in ihrer Art ragt die Cima di 
Brenta in die Luft. Sie erscheint jetzt fast isolirt, ein tiefes 
Joch verbindet sie mit dem westlich folgenden Felshome, — 
welches man von dem gegenüber liegenden Hange des Val 
Narbine aus leicht für die höchste Spitze halten könnte, — und 
steigt mit einer relativen Höhe von mindestens 4000 Fuss als 



Die Bocca di Brciita. 147 

wahrer Felsthurm von nie gesehener Grossartigkeit auf. Den schlan- 
ken Bau ziert ein Fimscheitel^ welcher von der braunrothen 
Felsfarbe vorteilhaft abstichti Diese Partie halte ich in Bezug 
auf Kühnheit der Conturen für den Glanzpunkt des ganzen 
Ueberganges. 

Wir befinden uns also im zweiten Thalkessel; den Grund 
bildet ein weicher grüner Teppich, mit Moosen, Gräsern, Strauch- 
werk und Blümlein gestickt, auch winterliche knorrige Leg- 
föhren gibt es und endlich schlanke Lärchenbäimie. Anfangs 
vereinzelt, dann zu geschlossenen Ständen vereint, zieren sie 
die massig geneigte Terrasse. Der Boden ist wellenförmig, das 
Dickicht der Vegetation überzieht kleine Hügel imd Vertiefun- 
gen, welche Oberflächenformation dem aiifmerksamen Beobach- 
ter gewiss auffallend und des Nachforschens wert erscheint und 
gewiss nicht ohne interessante Begründung ist Wer beim Ab- 
steigen die linke oder rechte Thalwand gewählt hat, kann nun 
nicht mehr herab auf unsere Terrasse, denn ausser dem Fels- 
passe und dem von dort abreichenden Felscanal gibt es keinen 
Weg. Dieser läuft nun dicht an der linken Seite des Berg- 
kessels am linken Bachufer hin, ist ziemlich unkenntlich; man 
hüte sich aufs Geradewol fortzugehen oder gar die entgegen- 
gesetzte Seite zu betreten, denn nur links ist das Weiterkommen 
möglich. Auf der Generalstabskarte Tirols befindet sich aber und 
zwar ganz allein auf der rechten Seite ein Weg eingezeichnet — 
das ist ein arger Irrtum, der noch manchem unheilvoll werden 
kann ; — hier gibt es nur Wände und furchtbar steile grasbewach- 
sene Abstürze, der vermeintliche Weg kann mithin nur für Gem- 
sen bestimmt sein. Ginge Jemand im Thalgrunde über die zal- 
reichen Wellen auf- und absteigend, an der dortigen Sennhütte 
vorbei, gerade vor, so käme er zu einem Felsabsturze von un- 
ge&hr 700 Fuss Höhe, mit welchem die zweite Terrasse in das 
untere Val Brenta absetzt. Aber auch wenn derselbe nun gegen 
die linke Thalwand hingehen wollte, imi den dort sichtbaren, 
sorglos verlassenen Weg zu erreichen und dann die zalreichen 
Serpentinen in das tiefere Val di Brenta abzusteigen, auch 
dann käme er in die fatale Lage, mehrere grosse parallele Risse, 
welche den Thalboden in der Richtung des Wasserlaufes durch- 
schneiden, zum Teil magere Bäche enthalten und unpassirbar 
sind, in weitem Bogen zurückkehrend umgehen zu müssen. Fast 
eine Stunde Weges kann dadurch und zwar unter anstrengen- 
dem Marsche und Klettern verloren werden, bis man endlich 
wieder den wahren Pfad betritt. 

Indem ich bemüht war, die Orte aufzusuchen, wo sich 
iwei meiner Freimde einst an den Steilhängen verirrt hatten, 
dabei aber zu zeitig den Weg verliess, geriet ich in alle die 

10* 



148 Jnlius Payer. 

erwähnten Unannehmlichkeiten, und da es (zufolge oftmaligen 
Aufenthaltes, um Zeichnenskizzen zu machen) bereits 67* Uhr 
geworden, war ich gezwungen, lange in grosser Eile über 
das hohe Gestrüpp zurückzuwandern, die steilen Risse im oberen 
Teile quer zu durchklettern oder weit zu umgehen, bis ich 
endlich den Weg betrat. Dieser teilt sich bald darauf; eiii 
Pfad fahrt am Hange weiter, der andere steigt in Serpentinen 
rasch hinab. Diese Richtung muss eingeschlagen werden. Bald 
langen wir unten an und blicken verwundert zurück auf die 
seltsame Terrassenbildung des Thaies, und nicht weniger gefes- 
selt wird das Auge durch die prallen Wände des Absturzes, 
welchen sogar die Brenta scheu ausweicht, indem sie an der 
rechten Thalseite in einem ausgewaschenen Steilrisse tosend in 
die Tiefe fährt. Nur die parallelen Risse senden ihre Wasser 
im Sprunge thalwärts. 

Nun sind alle Schwierigkeiten vorüber, die Felsregion liegt 
über uns, sie beirrt und quält den Fuss nicht mehr, sie ent- 
zückt nur noch das' Auge; gemächlich schreiten wir einher, 
passiren die Brenta, laben uns an einem frischen Trünke oder 
an einer Schüssel Milch in der nahen Ziegenhütte. Drei neu- 
gierig hersehende Ziegen flüchten bei unserem Anlangen, wie 
von panischem Schreck ergriffen, eilig zurück. Die Frau bietet 
sich gastlich an, uns Polenta zu machen; wir danken, geben 
einem der Kinder ein Kupferstück, woftir sich dieses die innere 
Handfläche küsst, und brechen gleich wieder auf, die eine Vier- 
telstunde entfernte Malga Brenta zu erreichen. Nachdem wir 
auf ziemlich gutem Wege ein Stück Wald passirt, dessen Grün uns 
erquickt, erreicht man einen ebenen Wiesenplan, darauf Alp- 
hütten und Heerden. Hier (7 Uhr) ist die Malga, hinter uns stra- 
len die Felsen im Alpenglühen, im Thale ist es bereits düster 
geworden. Wer hier übernachten will, findet flöhereiches Heu 
zum Lager, Alpenkost zur Zehrung — ich selbst widerstand der 
freundlichen Einladung des Senners, denn ich wollte noch bis 
Pinzolo wandern, um Tags darauf in das Val Genova zu gehen. 
Leider aber war ich an die groben Borgschuhe lange nicht mehr 
gewöhnt, das continuirliche Zimmersitzen und die häufigen Mee^ 
bäder hatten meine Fersen statt mit der zum Bergsteigen er- 
forderlichen Elenshaut — deren ich mich nachher erfreuen konnte 
— mit einem zu zarten Stoffe überzogen. Unter den Kalk- 
trümmern der Bocca di Brenta war ich rasch hinabgeeilt; ab 
ich unten ankam, zeigte es sich, dass meine Fersen wie bei 
weiland Achilles der verwundbarste Teil seien; sie waren zer- 
rissen. Desshalb verzichtete ich, gleich nachdem ich die Malga 
verlassen, auf die Reize von Bozetto's Wirtshaus in Pinzolo und 
trat, nachdem ich das Val Brenta durch Wald und Wiesen 



Die Bocca di Brenta. 149 

geschritten und im Val Narbine angelangt war, in eine 
ier befindlichen Sagemühlen ein. PVau und Kinder ver- 
teil eben kniend laut ihr Abendgebet, der Mann, welcher 
lem Holzverschlage auf dem Heu bereits sein ärmliches 
' aufgesucht hatte, wurde geweckt; ich erhielt notdürftig 
gastfrei Trank und Speise, und nalim statt der Frau den 

neben dem Eheherrn auf dem Heulager ein. Flöhe riesig- 
jrattung, gegen welche der Hausherr durch eine Art Gems- 
gepaiizert zu sein sdiien, trieben midi "wieder an's Feuer. 
jute Frau erzälte die ganze Nacht hindurch, dass sie aus Pre- 

sei, dass sie immer zu den Leuten sage, dort gebe es 
hohe Berge, obgleich es Niemand glauben wolle, und war 
ich erfreut, als ich ihr der fernen Heimat geltendes Lob 
igener Erfahrung bestätigte. Um 4 Uhr trat ich, nach- 
ich meine kleine Rechnung beglichen hatte, mit dem Mai\ne 
aternenschein in der sternenhellen Nacht den Weg nach 
lo an, woselbst wir um 0'/% Uhr eintrafen. 



-«'<aoo-»>»- 



Die Mädelerg abel 

in den Algäuer Alpen. 



Von A. V. nuthner. 



Wenn wir joner Einteilung des österreichisch - deutschen 
Alpensystems folgen, welche Oberst von Sonklar im dritten 
Band der österreichischen Revue aufgestellt hat, so gehören die 
Algäuer Alpen in die westlichste Gruppe der Nordalpen. Son- 
klar nennt diese Gruppe die Vorarlberger und AUgauer *) Alpen 
und ihre Gränzo bildet im Westen der Bodensee und der Rhein 
bis Feldkirch, südlich das Klosterthal bis zum Dbrfe Stuben 
am Westftisse des Arlberges, und östlich das Querthal der Zur- 
seralpe und der Lech, wärend sie im Norden in das Hügel- 
und Flachland von Württemberg und Bayern ausläuft. 

So begründet das Zusammenlegen der Algäuer und der 
nördlichen Vorarlberger Alpen zu einer einzigen Section durch 
die vorzügliche allseitige Abgränzung der auf diese Weise ge- 
wonnenen Gruppe ist, so verlangt doch die Thatsache, dass wir 
uns in der vorliegenden Abhandlung mit den Algäuer Alpen 
allein beschäftigen, die Ausscheidung derselben aus der Verbin- 
dung mit den Vorarlberger Nordalpen. Wir gehen hierbei am 
zweckmässigsten vor, wenn wir, wie der bekannte Bryologe 
Ludwig Molendo in München in der ausgezeichneten, „Relief 
der Algäuer Alpen" benannten Abteilung seiner „Moos-Studien 
aus den Algäuer Alpen" **)die bayerische Landesgränze im obern 
Algäu auch als die Begränzung der Algäuer Alpen annehmen. 
Die Orographie würde allerdings noch über die Gränze Bayerns 



) Die in Bayern gebräuchliche Bezeichnung ist Algau, nicht Allgan. 
**) Moos-Studien aus den Algäuer Alpen, Beiträge zur Phytogeographie 
von Ludwig Molendo, Leipzig l?i65. In Commission bei Wilhelm Engel- 



mann. 



A. y. Buthner. Die Mädolergabel in den Algliiier Alpen. 151 

inaus östlich die Ausläufer gegen den Lech, würde manchen 
►ergzug südlich und westlich gegen die Bregenzer Ache und 
ire Ziäüsse, insbesondere die Bergumwallung des Mittelberger 
'hales zu den Algäuer Alpen rechnen; um aber eine hie und 
a schwierige Gränzeziehung zu vermeiden, möge die politische 
rränze für imsern Begriff massgebend bleiben, zumal da uns 
icht verwehrt ist, vorkommenoen Falles die dadurch aus un- 
3rem Gebiete ausgeschiedenen Bergreihen ebenso in Betrach- 
mg zu ziehen, als gehörten sie zu demselben« 

Darnach sind uns die Algäuer Alpen die Berge im oberen 
Jgäu, das heisst in den bayerischen Gebieten des oberen Bier- 
hales, also der Quell- und Seitenbäche des lUerlaufes, einiger 
iuflüsse der Bregenzer Ache und teilweise auch der Wertach. 

Die Geographen, vornemlich jene Bayerns, pflegen die 
)ayerischen Alpen in den nördlichen Vorder-, einen Mittel- und 
len höchsten und südlichen Hauptzug zu teilen, und auch 
ilolendo hat diese Einteilung, Jedoch mit dem Beisatze beibe- 
lalten, dass er es der Praxis halber und um das Vor- und Hin- 
;ereinanderliegen gewisser Gebirgsgliedor kurz andeuten zu kön- 
len, thue, niciit aber weil eine zwingende Logik dafUr existirt, 
and zu dieser Verwahrung scheint ihn besonders die Betrach- 
tung bewogen zu haben, dass die Gliederung unter der Vor- 
aussetzung des Bestehens von drei parallelen westöstlichen 
Sauptketten gemacht wird, dass jedoch eine solche westöstliche 
Richtung und ein solcher Parallelismus melu*erer Züge in dem 
Algäuer Bergsysteme mit seinen *nach allen Richtungen der 
Windrose auseinanderfahrenden Kämmen gar nicht vorhanden 
ist. Aus Molendo's Gründen und unter seiner Verwahrung brin- 
gen wir dieselbe Einteilung in Anwendung, unterlassen jedoch 
fiir's Erste eine, gerade der aussergewöhnlichon Verästelung der 
Gruppe halber, ermüdende Aufzälung der drei Züge und ihrer 
vielen Zweige und werden die einzelnen derselben später am 
passenden Orte namhaft machen. 

Auf zalreichen Spitzen unserer Alpen hatte das ausge- 
dehnte Hochrevier der Algäuer Alpen, hatten namentlich seine 
Matadore, der hier als keckes Hörn, dort als correcte Pyramide 
auftretende Hochvogel und die dreifach gegliederte Riesenwand 
der Maedelergabel in mir das regste Interesse und den Wunsch 
wachgerufen, die Gruppe genauer kennen zu lernen ; ich konnte 
jedoch erst im Jahre 18(57 diesen Wunsch ohne Beeinträch- 
tigung anderer Aufgaben zur Erfüllung bringen. Um mich leich- 
;er im Berggewirre des Algäu's zu orientiren, hatte ich noch 
im 4. September auf dem 10009 Fuss hohen Blankenhorn, dem 
julminirenden Gipfel des nördlichen Teiles der Rhätischcn Alpen, 
len Algäuer Gronzzug gegen Vorarlberg und das Lechthal 



152 A.v. Ruthner. 

scharf in's Auge gefasst und langte nun am 10. September mit 
dem Bahnzuge von Lindau in Immenstadt an. 

Das fi^Bundlich gebaute Städtchen von 1500 Einwohnern 
liegt am Eingange des oberen lUerthales, das sich von ihm 
breit nach Süden gegen den Hochrand der Gruppe hineinzieht^ 
und rasch sinken gegen Norden die Berge, welche Östlich und 
westlich von ihm die Thalwand bilden. Als die Perle darunter 
nennen wir den Algäuer Rigi, den Grünten 5507 Fuss,*J wel- 
cher von hier aus besucht werden kann. Gekrönt mit menreren 
Spitzen, springt der vielgratige und reichgeschluchtete Berg^ 
dessen Flanken von Wiese una Wald in der glücklichsten Ab- 
wechslung bedeckt sind, fast losgelöst von den Nachbarbergen 
in die Ebene vor und wird dadurch zur bevorzugten Aussichts- 
warte. Auch den Mann der Wissenschaft zieht die Kreidefor- 
mation des Grünten auf seine Höhen, imd so wird er häufig 
bestiegen, besonders seit man in einem circa 700 Fuss unter 
der Spitze erbauten Gasthause ein anständiges Nachtquartier 
findet. 

Trat auch die Lockung an mich heran, mich einmal einer 
schönen Aussicht fast ohne topographische Absichten erfreuen 
zu können, so hielt ich mir wieder den Zweck meines Besuches 
des Algäu, die Structur seiner ganzen Gruppe und ihren Zu- 
sammenhang mit den österreichischen Nordalpen kennen zu ler- 
nen, gegenwärtig. Dieser Zweck konnte auf dem zu niedrigen 
und zu weit nordwärts gelegenen Grünten nicht, er konnte viel- 
mehr nur auf einer der Hochwarten des Hauptzuges seine Er- 
füllung Anden und speciell hatte ich zur Ersteigung die höchste 
Zinne der Gruppe, die Mädelergabel ausersehen. 

In meinem Kampfe zwischen Neigung und Pflicht aller- 
dings durch das rasch sich verschlimmernde Wetter unterstützt, 
Hess ich daher den Grünten bei Seite liegen und fuhr mit dem 
Postomnibus thaleinwärts nach Oberstdorf, dem letzten grossen 
Orte des oberen lUerthales und dem Ausgangspunkte zur Er- 
steigung der Mädelergabel. 

Bald waren wir in Sonthofen. Obgleich nur ein Markt- 
flecken, ist es bevölkerter als die Stadt Immenstadt und von 
circa 2800 Seelen bewohnt. Es zält unter die besuchten Som- 
meraufenthalte in dem bayerischen Gebirge und verdankt diess 
teils seinen guten Gasthäusern, teils dem Umstände, dass sich 
von ihm aus zalreiche Ausflüge auf die umliegenden Berge nn- 



*) Die Höhen werden in Wiener Fuss angegeben und sind, soweit 
nicht eine andere Quelle beigesetzt ist, Sendtner's Werke über die Vege- 
.iationsveriialtnisse Südbayems entnommen. 



Die Mädelergabel in den Algäuer Alpen. 153 

emehmen lassen. Vor allem ist diess in östlicher Richtung der 
?^alL Dort bietet das Thal der Ostrach, des ersten bedeutenden 
Zuflusses des noch nicht lange durch Vereinigung seiner drei 
^uellbäche zur Hier gewordenen Bergstromes, sowie das Seiten- 
tal der Ostrach und Thal der B'sondem-Ache, Rettenschwang, 
lem Naturfreunde des Schönen viel, und daran, dass es sich 
licht einzig um gemütliche Spaziergänge handelt, lässt der 
Dharakter der Höhenkämme über diesen Thälem nicht zwei- 
feln. Selbst der dritthöchste Gipfel der Algäuer Alpen, der viel- 
jekannte Hochvogel, wird aus dem Hintergrund des Ostrach- 
thales erklommen. 

Durch das Thal der Ostrach läuft ausserdem von Sont- 
hofen weg die einzige fahrbare Strasse aus dem oberen Iller- 
thal über den Gränzkämm gegen Vorarlberg und Tirol; sie 
fährt nach dem Tiroler Vilsthale, Thannheim, und von da hinab 
an den Lech bei Weissenbach und nach Reutte. 

Nach kurzem Aufenthalt nahm uns ein anderer Postomni- 
bus auf, um uns nach Oberstdorf zu bringen. Meine Betrach- 
tung des Thaies und seiner Berge beschränkten j^tzt der Re- 
gen, der inzwischen begonnen, und tief herabgesunkene Nebel 
auf die nächsten Gegenstände. Ich bemerkte, dass im Illerthale, 
wie in ganz Bayern, in welchem Lande die Regierung schou 
seit langer Zeit darüber wacht, dass auch auf dem ilachen 
Lande möglichst ein dem guten Geschmack und der Gesundheit 
zusagender Baustyl zur Anwendung kommt, die Häuser weit 
besser gebaut sind als in Tirol. Ueberall, und nicht etwa bloss 
in den grösseren Ortschaften, erfreut der Anblick hübscher und 
reinlicher Häuser von zwei und drei Stockwerken unter dem 
spitzigen Giebeldache. Ein paar grossartige Fabriksgebäude die- 
nen nebstdem als Beweis dafär, dass in dieser Gegend das 
Fabrikswesen als Ergänzung des Feldbaues und der Viehzucht 
gewürdigt und nicht, wie leider in einem Nachbarlande, von 
mancher Seite eher scheel angesehen, als gefördert wird. 

Das Thal selbst dagegen erinnerte mich unwillkürlich an 
das vordere Zillerthal. Dieselbe grüne Sohle, worauf bloss sel- 
ten Wald sich ausbreitet, und dieselben grünen, gleichfalls stel- 
lenweise mit Forst bedeckten Thalwände. Nur treten im Iller- 
thale die Vorsprünge der höheren Berge entschiedener in den 
Thalgrund hinein und sind dadurch die Buchten des Gebirges 
schärfer markirt und ragen auch häufiger ansehnliche Hügel 
im Thale selbst auf, als im Zillerthale. Der Regen nahm tiefer 
innen zu und so kam ich durch das grosse Fischen und über 
die Brücken in der Nähe der Vereinigung der Quellbäche der 
Iller, dann eines derselben, der Stillach, unter ziemlich trost- 
losen Verhältnissen in der Sonne zu Oberstdorf an. 



154 A. V. Kutlmer. 

Am folgenden Morgen hatte sich das Wetter unverhofft 
gut gestaltet und ich suchte zuerst aus den Häusern zu kom- 
men, um mich in der Gegend zu orientiren. Das ist denn auf 
diesem complicirten Terrain an der Hand der Natur selbst keine 
leichte Aufgabe und es steht zu befürchten, dass es schwer ge- 
lingen wird, dem Leser bloss durch die Feder die wünschens- 
werte Orientirung zu verschaffen. 

Vor Allem muss hervorgehoben werden, dass Oberstdorf 
auf einem grünen Boden liegt, wie wir einen solchen, so flach 
und dabei so ausgedehnt, im Hochgebirge, das heisst von nahen 
hohen Bergen umstanden, also als Becken, in den Alpen kaum 
wieder finden. 

Gegen Norden schliesst ihn der Markt von Nordwest 
nach Südost ab, indem er besonders auf der Ostseite bis an den 
nächsten Höhenzug über ihm reicht. Doch bleibt nördlich von 
seinen Häusern das Thal noch so breit, dass wir hier eine Fort- 
isetzung des Kessels des obersten Ulerthales anzunehmen haben. 

Gegen unseren Kessel südlich von Oberstdorf sehen wir 
drei Thalfurchen aus Süden hei^-anziehen. Sie gehören den drei 
Bächen an, deren Zusammeniluss eine kleine Stunde nördlich 
vom Markte die Hier bildet. Indem wir jetzt diese Thäler in 
den Kreis unserer Betrachtung ziehen, ist es notwendig, vor- 
erst die Structur der Algäuer Alpen eingehender zu besprechen, 
wodurch uns zugleich der Leitfaden für die Kenntniss der 
Oberstdorfer Gegend an die Hand gegeben wird. 

Wir müssen mit dem Hauptzuge beginnen. Sein Stamm 
erstreckt sich vom Haldenwangerkopf und Sclirofenpass, welch' 
letzterer aus dem Algäu nach den Vorarlberger Dörfern Warth 
und Krummbach führt, im SSW. von Oberstdorf bis zum nord- 
westlich vom Schrofenpass und von Oberstdorf nahezu östlich ge- 
legenen Schänzlepass im Norden des Hochvogel im Wesent- 
lichen in nordöstlichem Zuge und als die Grenze des Algäu 
gegen das Tiroler Lechgebiet. Am Haldenwangerpass nun ent- 
springt der mittlere der drei Quellbäche, die Stillach, und das 
Thal, welches sie durchfliesst, heisst im oberen nordöstlich ver- 
laufenden Teile bis zum Weiler Einödsbach das Rappenalpen- 
thal, im unteren nördlich eingeschnittenen die Birgsau. Es wird 
im Osten von einem vom Hauptzuge nordöstlich vom Schrofen- 
pass an der Mädelergabel sich loslösendem Kamme mit nörd- 
lichem Verlaufe begränzt, welcher in das Oberstdorfer Becken 
mit dem 5931 Fuss hohen Himmelsschrofen endigt. Auch west- 
lich begränzt es ein Seitenast des Hauptzuges. Dieser beginnt 
am Haldenwangerkopf, erstreckt sich anfangs nprdöiJUichy 
schwingt sich dann nordwestlich um den Hintergrund 4es west- 
lichen Seitenthaies der Birgsau, Warmatsgund, schiebt jedoch 



Die Mädelergabel in den Algäucr Alpen. 155 

seiner ursprünglichen Richtung bis zur Mündung von War- 
atsgund einen Ausläufer als Gränze zwischen Birgsau und 
^armatsgund vor. Von der Mündung dieses Seitenthaies an gegen 
iswärt« findet die Birgsau ihre Westbegränzung durch einen 
amm des Mittelzuges, dessen letzte bedeutende Erhebung ge- 
3n den Oberstdorfer Kessel und aus ihm überall sichtbar der 
chlappolt, 6192 Fuss, bildet. Ihm liegt noch im Nordosten der 
i Wiesen und Baumgrün prangende, bis zu 600 — 1000 Fuss 
IIS dem Oberstdorfer Boaen aufragende Höhenzug des Frei- 
erges, ein wahrer Schmuck des so reich geschmückten Thaies, 
or und nicht minder schiebt er nach Norden, als westlichen 
Lbschluss des Beckens, einen erst im Nordwesten von Oberstdorf 
indigenden niederigen Rücken hinauB. Die Birgsau mündet am 
mmittelbarsten und fast eben in den Thalgrund südlich von 
L)1)erstdorf und ihr Wasser, die Stillach, durchfliesst diesen allein 
aus den drei Quellbächen, indem sie von dem Austritte aus 
der Birgsau an ihren Weg zuerst auf der Südseite durch Auen 
unter dem Freiberg , dann nach allmäliger Wendung nach 
Norden an dem westlichen Rücken hin nimmt. Fügen wir bei, 
im auch der Griesgund, 6844 Fuss, das Nord-Cap des War- 
matsgunder-Rappenalpenthaler-Rückens, fast überall im Thale 
m Oberstdorf erblickt wird, und wir kennen das erste der drei 
Quellthäler der Hier. 

Gehen wir zum zweiten über! Ein Joch verbindet die Mädeler- 
gabel mit dem Kratzer, 7625 Fuss, dem nächsten hohen Berge 
im flauptkamme östlich von ihr. Auf bedeutender Höhe dieses 
Joches, auf der Hohen Trettach, linden wir die Geburtsstätte 
äes östlichen der drei liierstränge, der Trettach. Das Thal, 
lürch welches sie dem Illerthale zueilt, die Spielraannsau, hält 
'ine süd-nördliche Richtung ein und biegt sich erst gegen sein 
Sude in der Oberstdorfer Gegend ein wenig westlich. Seine 
tegränzung im Westen gibt ihm der uns bereits bekannte Ast 
es Hauptkammes, welcher die Ost wand der Birgsau fonnt. 
.uf seiner Ostseite diigegon ragen die Ausläufer jener vier 
este des Hauptzuges auf, welche nach nordwestlichem Ver- 
uf als Scheiderücken seiner östlichen Seitenthäler in ihm en- 
gen, und zwar letztere von Süden nach Norden genannt, 
» Sperrbachtobels, Traufbacli-, Dietersbach- und Oythales. 
och mu0s auch noch das nahe bei Oberstdorf mündende Fal- 
nbaeherthal als Seitenthal der Trettach bezeichnet werden, 
eil^ wenn es auch nicht in der Spielmannsau, sondern im Becken 
m Oberstdorf seiii Ende findet , doch sein Bach in die noch 
Ibstständige Trettach fällt und es selbst in einer Gabelung 
3 nördlichsten der eben berührten Aeste des Hauptzuges ge- 
ttet iöt. Die in den Oberstdorfer Kessel reichenden und dessen 



156 A. V. Ruthner, 

Ostseite und das nächste höhere Gebirge im Osten und Nord- 
osten des Marktes selbst formenden Kuppen im Osten des 
Trettachlaufes stehen an Bedeutung den Ausläufern des Stillach- 
thales nach und mögen unerwähnt bleiben; von den tiefer 
innen im Thale liegenden dürfen wir aber den FürschüBser, 
7200 Fuss, den Eckberg zwischen Sperrbach uud Traufbach, 
und besonders den Kratzer nicht unbeachtet la£»en, welcher, 
obgleich dem Hauptkamm angehürig, doch mit seinen Zähnen 
und Zinnen fast allerorts auf dem Thalgninde auffallt. Die Thal- 
sohle von Spielmannsau entzieht ihr eigener Westrand und wei- 
ter gegen Oberstdorf zu eine reizende niedrige Terrasse dem 
Auge, welche sich von der Brücke an den Mühlen und letzten 
Häusern des Marktes ostwärts das Oberstdorfer Becken entlang hin- 
zieht und sich im Südsüdost mit den Abhängen des Himmels- 
schrofen verbindet. Nur der Einschnitt in den Bergen kenn- 
zeichnet den Lauf unseres Thaies und ebenso ist eines oder da» 
andere der inneren Seitenthäler, vomemlich das Oythal, htm 
leicht als Furche zwischen den Bergen gezeichnet. Jene Oat- 
terrasse hinderte auch den Eintritt der Trettach in das grosse 
Oberstdorfer Becken, indem sie derselben den Weg zwischen 
ihr und den Ostbergen anwies und erst am eigenen nördlichen 
Abbruche an den Oberstdorfer Mühlen in die Fläche zu tre- 
ten vergönnte. 

Bei der orographischen Darstellung des österreichischen 
Mittelberger Thaies, als des Thaies des dritten und westlichen 
Illerstranges, der Breitach, können wir uns auf das zu Bayern 
gehörige Gebirge um so leichter beschränken, als wir zum Ve^ 
ständnis3 des Oberstdorfer Gebietes nur dieses zu kennen 
brauchen. 

Wir haben unfreiwillig bereits die Kenntniss der ganzen 
Ostbegränzung des Thaies erlangt, denn dieselbe ist zugleich 
der westliche Rand des Bappenalpenthales und der Birgsao. 
Wir erinnern nun, dass die Breitach im Süden des Thal« 
am Widderstein, dem Beherrscher des Thaies entspringt und 
in nordöstlicher Richtung in das Illerthal läuft. Beim Schände 
ist sie in das bayerische Gebiet übergetreten, und von.dÄ 
an wird sie fortan östlich von dem uns schon bekannten, von 
Schlapolt- Rücken vorgeschobenen Höhenzuge auf der Wesfr 
Seite des grossen Oberstdorfer Beckens begleitet. Auch ^ ihre 
westliche Ueberragung vom Schänzle an fallt in das Obenl- 
dorfer Bild und Gebiet und sie gehört einer Gruppe des Mittel- 
zuges an, welche im Hohen Ifen, 6848 Fuss, culminirt Der 
Berg, überall kenntlich durch die bizarre Form seiner Spitsei 
die von Süden sanft ansteigend gegen Norden in einer concavea 
Wand tief abbricht und dadurch einem Geierschnabel gleichtj 



^ 



Die Mä.'lelcrgabel iu den Algäiier Alpen. 157 

wird gedeckt durch vordere Züge, allein eine ähnliche Berg- 

festalt treflfen wir im Beseler, 5162 »Fuss, an, und auch die 
[akenköpfe, 4846 Fuss, heben sich vorteilhaft aus dem übrigen 
Westgebirge hervor. Im Allgemeinen bleibt diess nicht bloss an 
Höhe, sondern auch an Schönheit der Linien weit hinter dem 
Ostrande des Oberstdorfer Beckeps zurück. Die Hauptrichtung 
seiner Kämme aber geht von Westen nach Osten und ihr folgt 
ein oder der andere Zufluss der Breitach. 

Werfen wir dann einen Blick thalauswärts im Norden 
des Marktes, so ragen auf beiden Ufern der Hier Eckberge 
aus den nördlichen Gruppen des Mittelzuges und aus jenen 
des Vorderzuges auf. Die grossen Formen fehlen, besonders 
der Vorderzug besteht zumeist aus westöstlich geitellten sanften 
Nagelfluhrücken. Nur die Prachtgestalt des Grünten bildet eine 
Ausnahme und zugleich den würdigsten Abschluss des Hier- 
thales naoh Norden. 

Wir erwähnen noch der am östlichen Rande des weiten 

günen Planes und am Fusse des denselben begränzenden 
ügelzuges erbauten Kapelle von Loretto, der freundlichen 
Alleen und stattlichen Einzelnhöfe auf dem Wege dahin, imd 
des Marktes Oberstdorf selbst mit seiner die übrigen Gebäude 
weit überragenden grossen Kirche, und haben nun keinen 
charakteristischen Zug in diesem färben- und formenreichen 
Landschaftsgemälde unberücksichtigt gelassen. Nur scheint uns 
zum Schlüsse eine Verwahrung nötig zu sein. Bei der Nennung 
der sichtbaren Hochspitzen wurde der Standpunkt zunächst 
dem Markte genommen, an anderen Orten im Kessel und be- 
sonders auf höheren Punkten tauchen wieder andere von uns 
nicht genannte kühne Berggestalten: die Mädeler Spitzen, die 
Krotenköpfe, die Höfats etc. im Hintergrunde als neue gross- 
artige Scenerien in dem wechselvollen Bilde empor. 

Eine Wanderung durch Oberstdorf selbst befriedigte mich 
in geringerem Masse als seine Umgebung. Der Markt ist 1865 
zur Hälfte, 150 Häuser von 300, abgebrannt und zwar der 
mittlere und wolhabendere Teil, nur die Häuser an den beiden 
Enden, im Osten zunächst der Trettach, im Westen gegen die 
Siillach blieben unversehrt. Heute haben sich die meisten Ge- 
bäude wieder aus dem Schutt erhoben, alle aus Stein oder, 
wenn von Holz, mit Schiefer oder Ziegeln gedeckt und fast 
«durchgehends mehrstöckig und auch die Kirche ist im Aeussern 
in imposanter Grösse und mit einem hohen Spitzthurm vollendet. 
Allein man vermisst sogleich eine regelmässige Einteilung in 
Gassen. Jedes Haus steht getrennt vom Nachbarhause, abgeson- 
derty und diese Bauart lässt einen harmonischen Eindruck des 



158 A. V, Ruthner. 

Ganzen trotz der Sauberkeit der einzelnen Bauten nicht auf- 
kommen. 

Immerhin aber muss Oberstdorf mit seinen^ wie erwähnt^ 
300 Häusern und circa 2000 Einwohnern für einen 2569 Fu» 
hoch und im Hintergrund eines Thaies^ aus welchem nach drei 
Seiten nur Steige die Verbindung mit der übrigen Welt ver- 
mitteln, gelegenen Ort sehr bedeutend genannt werden. 

Als ich von meinen Streifereien in und um Oberstdorf in 
mein Gasthaus zurückkehrte , traf ich dort bereits den vom 
Wirte zu mir beschiedenen Führer für die Mädelergabel-Partie^ 
N. Hipp. Er ist derart der vorzugsweise Führer auf diese Spitze^ 
dass bloss ein geringer Bruchteil ihrer Ersteigungen ohne seine 
Begleitung stattgeftinden hat. Er aber sagte mir, dass er 78mal 
oben gewesen, und diese Mitteilung würde selbstverständlich 
das letzte Bedenken beseitigt haben, wenn die Erzälung eines 
gestern aus dem Lechthale über den Mädelerpass gekommenen 
Touristen von den Schrecknissen des Sperrbachtobels, der auf 
dem Wege auf den Berg durchschritten wird, ein solches und 
nicht vielmehr bloss Zweifel an dem Berufe des Erzälers zu 
Bergwanderungen in mir erregt hätte. 

Zwei Wege fuhren auf die Mädelergabel. Der eine durch 
die Birgsau nach dem in ihr gelegenen Weiler Einödsbach und 
von hier auf der Westseite des Mädelermassivs über das Schaf- 
bürg empor auf die Eammhöhe des Hauptzuges. Im Südwesten 
von der zu ersteigenden höchsten mittleren Spitze betritt man 
im Süden des südlichen Mädelerkopfes und zwischen ihm und 
der nächsten Erhebung des Hochkammes, dem Wilden Mann, 
den Gletscher, schreitet über ihn gegen den mittlem Gipfel und 
um diesen herum bis auf die Nordostseite desselben, von welcher 
aus der letzte Aufsteig erfolgen muss. Gewöhnlich wird der andere 
Weg durch die Spielmannsau auf die obere Mädeleralpe als 
der minder beschwerliche vorgezogen. Auch wir entschieden 
uns für ihn und ich beschloss trotz des nicht verlässlichen 
Wetters, grosser Hitze und Nebel auf den Hochspitzen, heute 
auf der Alpe zu übernachten und dort die weitere Entwicklung 
der Dinge abzuwarten. Wir brachen daher in früher Nachmit- 
tagsstunde von Oberstdorf auf, zu vieren, weil sich ein Ingenieur 
und ein Maler, welche sich des Kirchenbaues halber in Oberst- 
dorf aufhielten, an der Partie beteiligten. 

Um in die Spielmannsau zu kommen, gingen wir zuerst 
eine halbe Stunde in südlicher Richtung im Oberstdorfer Kessel 
bis dorthin, wo die uns bekannte niedrige Ostterrasse über ihm 
sich mit den untersten Abhängen des Himmelsschrofen vereinigt 
Der Gang auf der Prachtfläche lohnt sich immer des Reizes 
willen, welchen sie mit ihrer herrlichen Bergumrandung ge- 



Die Mädelergabel in den Algäucr Alpen. 159 

währt. Das hübsche Jagdhaus des Prinzen Luitpold von Bayern 
zunächst dem Markte und später das freundlich gelegene Loretto 
heissen wir willkommen, weil sie uns Abwechslung in das Bild, 
den schattigen Baumgang, in welchem wir eine Zeit hindurch 
wandeln, weil er uns Kühlung bringt. 

Sobald wir die geringe Steigung aus der Thaltiefe an 
der Burgstallsteige überwunden und das Gebiet der Spiel- 
mannsau betreten haben, erschliesst sich uns rasch das ernste 
Thal bis in seinen grossartigen Hintergrund. Beicher Baumwuchs, 
üppiges Wiesengrün findet sich überall auf der engen Thalsohle 
und hoch hinauf an den Bergen, welche sich fein gegliedert 
und besonders am südlichen Schlüsse in grotesker Form steil 
aus ihr erheben'. 

Die Einschnitte von Faltenbach und dem Oythale und zu- 
letzt von Gerstruben oder Dietersbach, nach rückwärts über- 
ragt vom düstern Wilden, 7467 Fuss, und der schwer zu er- 
steigenden Höfats, 7149 Fuss, haben unsere Aufmerksamkeit 
gefesselt, jetzt nimmt sie hart am Wege der kleine Christlessee 
in Anspruch. Durchsichtig bis auf den Grund spiegelt seine 
blaugrüne Fläche auf entzückende Weise den scnönen Wald 
an ihrem Rande und die Berge und das Himmelszelt darüber. 
Bis zum See haben wir eine Stunde von Oberstdorf zuge- 
bracht. 

Bald nachdem wir an der Mündung von Traufbach vor- 
bei gekommen sind, erreichen wir den grünen Boden an den 
Häusern der Spielmannsau, 2980 Fuss. Wald und Wiese wechseln 
im engen Thale und auf den Bergen wie aussen, nur der Schluss 
hat hier in der Nähe an wilder Grösse gewonnen, indem die 
Thalsohle als breite Mulde steil hinan zu den südlichen Höhen 
steigt^ über welchen der Wildengundkopf, 7122 Fuss, lagert 
und noch entfernter die bleichen Dolomitmassen des Kratzer, 
7625 Fuss, und der Trettachspitze, 8329 Fuss, des nördlichen 
Kopfes der Mädelergabel, starren. 

Unser Weg lief bald auf der Ostseite im Wald an den 
untern Abhängen der dortigen Berge allmälich aufwärts. Daraus 
bringt der vielspitzige Fürschüsser, 7200 Fuss, mit seinen ungemein 
steilen, vielfach durch Runsen geschluchteten und dennoch bis 
zu höchst grünen Flanken den eigentümlichen Charakter der 
Algäuer Berge am meisten zum Ausdruck. Ausblicke im Walde 
hatten wiederkolt die Trettach ziemlich tief unter uns gezeigt, 
als wir den wilden Felsschlund zu unserer Rechten gewahrten, 
durch welchen der Bergbach aus dem Schnee- und Felsrevier unter 
der Trettachspitze und dem Kratzerjoche, der Hohen Trettach 
md den Wilden Gräben, hinausstürmt nach der Spielmannsau, 
im in Mitte des ihm bisher unbekannten Mattengrüns ruhig 



160 A. V. Riithncr. 

dahinzufliessen. Doch auch links klafft eine Felsschlucht, 
auch ihr enteilt ein Bach, das Auge vermag jedoch den ge- 
wundenen Schlund nicht weit zu verfolgen. Wir werden diese 
Schlucht noch hinlänglich kennen lernen, denn wir haben in 
ihr das Ende des Sperrtobeis vor uns; wir befinden uns am 
Untern Knie, nachdem wir zwei Stunden von Oberstdorf bis 
hieher benötigt haben. 

. Von hier an beginnt die Wanderung, bisher ein Spazier- 
gang für Damen und Stutzer, mindestens die gewöhnlichen An- 
forderungen einer Hochgebii'gspartie an den Fremden zu stellen. 
Man überschreitet das Brücklein über den Sperrbach und hat 
nun wahrhaft im Knie, d. h. anfangs bis an die Spitze eines 
Dreieckes, dessen Grundlinie die Sperrbachschlucht bildet, in 
südöstlicher Richtung, dann in jener des anderen Schenkels des 
Dreieckes zurück zu dieser Schlucht immer steil auf Wiesen 
aufw^ärts zu steigen. Dadurch umgehen wir den untersten Teil 
der Klamm des Sperrbachs, durch welche er das letzte Stück 
seines Weges von Osten und von der Ober-Mädeleralpe in die 
Trettach zurücklegt. Sind wir wieder am Kand der Schlucht 
angelangt, in welcher unser Sperrbach, jetzt in geringer Tiefe 
unter uns, lärmt, so fuhrt uns der Steig in sie und an das Bett, 
des Baches hinab; denn sie dienen auch uns als Weg nach 
der Ober-Mädeleralpe. Wir stehen am Obern Knie und so ori- 
ginell die Scenerie um uns, so eigentümlich muBs die Aufgabe 
genannt werden, welche uns entgegentritt 

Aus dem Bett des Sperrbacns bauen sich auf der Südseite 
die wildesten Felswände, welche nach der Angabe des Führen 
zum Hasnerkopf gehören, zu colossaler Höhe auf^ doch auch 
nordwärts fällt das südliche Untergestelle des Fürschüsser ifi 
ungangbaren Felsen in dasselbe herab; die Breite der anstei- 

f enden Schlucht selbst aber füllt, soweit wir blicken können, 
lawinenschnee aus. Ist diese Brücke überall fest genug, ins 
uns zu tragen, so ftihrt sie uns nicht unangenehm hinan. Doäi 
wie auf sie gelangen? 

Nach vorne bricht sie über einer dunkeln Höhle von 
mindestens 20 Fuss Höhe über dem Bache ab, der daraus, wie 
ein Gletscherbach aus einem Gletscherthore fliesst, und es sdieint 
immöglich, irgendwo an den Wänden auf die hohle Decke hin- 
aufzukommen. Tritte zur rechten Hand, wo noch Erde haftet, 
belehren uns zuletzt, dass es dort bewerkstelligt werden müsse« 
Wir klettern wirklich gefährlich einige Klafler an der Felswand, 
deren Risse stellenweise dem Fusse kaum Raum bieten, hinan 
und zuletzt bringt uns ein Sprung ohne Gefahr, weil wir näm- l 
lieh höher als die Schneefläche stehen, über die Kluft zwischen | 
ihr und den Felsen auf sie hinüber. 



Die Mädelergabel in den Algäuer Alpen. IGl 

Diese Stelle wechselt nach der Beschaffenheit der Lawine 
d diese wieder nach dem Schneefalle des letzten Winters 
d der Temperatur des Sonmiers, kann aber nie ganz vermieden 
jrden, da die Ausfüllung des Schlundes durch Lawinen all- 
irlich stattfindet. Begreiflich ist nach einem schneereichen 
inter und kühlen Sommer der Uebergang leichter zu bewir- 
n, als nach einem schneearmen Winter und heisseren oder 
zu regnerischen Sommer, denn im letzteren Falle steht der 
tnd der Lawine noch weiter von den Felsen ab und ist 
3 Schneefläche über dem Gewölbe, das sich der Bach durch 
5 Berührung des Schnees mit seinem Wasser und durch 
ne Dämpfe auswäscht, dünner. Dieselben Verhältnisse ent- 
Leiden auch über die Gefährlichkeit des weitern Marsches 
f der Lawine, welcher über eine halbe Stunde dauert. Voll- 
mmener Sicherheit möge man sich jedoch dabei nie überlassen, 
U immerhin an einzelnen Stellen die Schneedecke dünn und 
mit die Gefahr vorhanden ist, einzubrechen und auf den 
und des Tobeis hinabzustürzen. 

Wärend des Ganges auf dem Schnee fand einer der Be- 
iter einen ganz frischen Stamm Edelweiss, welchen oflenbar 
j Lawine von seinem hohen Standorte herabgeführt hatte und 
r vor Kurzem durch das Abschmelzen des Schnees auf die 
)erfläche gekommen war, — bei der Seltenheit der beliebten 
tune im Algäuer Gebirge gewiss ein glücklicher Zufall! 

Als wir endlich die Schneebrücke und die Schlucht ver- 
sen hatten, weil aus der Tiefe der letztem weiter oben nicht 
ihr herauszukommen gewesen wäre, leitete uns der Steig auf 
n Nordabhang an den unscheinbaren Hütten der Sperrbachalpe 
rbei und zuletzt schon unter den Krotenköpfcn hinan. Wir 
ren so ziendich am Schlüsse des Sperrbachtobels, als wir der 
gie des Nebels ein höchst effectreiches Bild verdankten. 

Nachdem er bisher auf dem Gebirge vor uns bis zu viel- 
jht 7000 Fuss gelegen, zerteilte er sich in der Höhe und 
a erhob sich plötzlich die Dolomitkuppe des Muttier, der 
]5 Fuss hohen südlichen Spitze der Krotenköpfe, von der 
etlichen Sonne in Purpur getaucht und durch den das tiefere 
rüste des Berges fortan einhüllenden Nebelschleier zu schein- 
riesiger Höhe emporgehoben, gerade vor uns in Mitte der 
Jken. 

Förmlich wolthuend wirkt es, wenn man endlich, die Wild- 

des Sperrbachs hinter sich, das lichte Gebiet der Ober- 

leleralpe betritt. Doch trägt es vollständig den hochalpinen 

rakter und hält in diesem Punkte einen Vergleich mit an- 

in freundlichen Alpen nicht aus. 

11 



162 A. V, Ruthner. 

Nur in der Richtung des Sperrbaeh tobeis ist es geöffnet, 
auf drei Seiten wird es in nächster Nähe von den abenteuer- 
lichsten Gestalten des Hauptkammes umstanden, und bildet 
derart ein grossartiges Kar. Im Norden und Nordosten starren 
die Zähne und Zacken der Krotenköpfe, 7620 Fuss, darunter 
der uns bekannte Muttier, an welche sich westlich der Fürschüsser 
anreiht. Ihre Mauern sinken in die Sperrbachschlucht hinab, 
die sich an ihrem Fusse gegen Osten und Südosten hinanzieht. 
Südlich dieser Furche baut sich Terrasse über Terrasse und 
zwar gegen Südcnbis an die Kare und die Wand des Kratzers 
auf, deren Höhe in nicht minder barocke Zinnen ausläuft, als 
jene der Krotenköpfe sind, und gegen Osten und Südosten bis 
hinan zu dem den Kratzer und die Krotenköpfe verbindenden 
Kamme, der Umrandung der Alpe nach dieser Seite, unter 
welchem auch die Sperrbachschlucht entspringt, treffen wir eine 
ähnliche Terrassenbildung an. Hier ist in der Entfernung von 
einer halben Stunde von den Hütten der Ober-Mädeleralpe, 
welche auf einer der untern grünen Terrassen im Süden der 
Sperrbachfurche gelegen sind, der Ober-Mädelerpass, 6193 Fuss, 
eingekerbt. Er wird häufig zum Uebergang zwischen Algäu 
und Lechthal benützt und fiihrt auf der Tiroler Seite über die 
Alpe Rossgumpen und den G-esprengten Weg, nach der ge- 
wöhnlichen Angabe in zwei Stunden, nach Holzgau am Lech. 

Ebenen Boden gibt es da oben wenig, dafür sollen die 
Futterkräuter vortrefflich sein, und wirklich hat, was ich als 
einen originellen aber sichern Beweis dafür anführe, mein Plaid 
noch nach keinem Nachtlager auf Alpenheu so lange einen 
höchst aromatischen Geruch behalten, als nach jenem auf der 
Ober-Mädeleralpe. 

Die Alpe, bis zu welcher wir S'/* Stunden starken Stei- 
gens von Oberstdorf gebraucht hatten, gehört Holzgauern und 
so waren es Lech thaler, die hier als Senner hausten. Sie nahmen 
nns um so lieber auf, als sie sich aus Anlass des häufigen Be- 
suches der Alpe von Fremden, welche über das Joch gehen ; 
oder auf die Mädelerspitzen steigen, mit Wein, KaflFee und an- ; 
dern Lebensmitteln versorgt haben, um sie dem Keisebden nm 
einen eben nicht billigen Preis abzulassen. Die Lage der Hütte 
mit 5808 Fuss ist übrigens für das Algäu eine hohe, und den- 
noch wird hier so wie in ganz Algäu die Erzeugung feiner 
Käse betrieben, wozu 60 Kühe den Hauptstoff liefern, welche 
nebst 600 Schafen auf dem anscheinend wenig dankbaren 
Terrain reichliche Nahrung finden. 

Als Nachtquartier diente uns ein Stadel, der etwas höher 
als die Hütte auf der Ecke eines gegen die Sperrbachschlucht 
hinaustretenden Kückens erbaut ist. Diese exponirte Stellung i 



Die Mädelcrgabel in den Algäucr Alpen. 163 

nachte, dass ein heftiger Wind, der sich wärend der Nacht 
jrhob, liier wie ein rasender Orkan pfiflf und heulte, so dass 
ch keinen Augenblick zweifelte, dass er einen Wettersturz mit 
ich bringen werde und die Mädelergabel -Ersteigung schon filr 
'^erloren gab. Ich war daher angenehm überrascht, als mich 
fegen Morgen Hipp aus dem Schlafe, in den ich endlich trotz 
les Sturmes gesunken war, mit der Versicherung weckte, es 
ei ganz gutes Wetter. Und Hipp hatte wahr gesprochen; das 
Firmament zeigte sich zwar wolkenbedeckt , doch waren alle 
ierge unseres, allerdings nicht weiten, Horizontes frei vom Nebel. 
Bei solchen Wetteranzeichen schien rascher Aufbruch vollends 
ingedeutet. Jetzt wurde schnell gefrühstückt und dann sogleich 
1er Marsch auf die Mädelergabel angetreten. 

Zuerst schritten wir im Umfange der Ober-Mädeleralpe 
impor zu dem schon besprochenen Ober-Mädelerpass; auf ihm 
wandten wir uns rechts, um in südlicher und später süd- 
westlicher Richtung um die Ostseite des Kratzer herum dessen 
Südseite zu gewinnen. Wir hatten vom Mädolerpass an 
l)68tändig über kleinere, sich an und übereinander reihende 
Pekkhppen zu klettern, welche, der Südabdachung des Gränz- 
kammes angehörig, das oberste Gebiet der Tiroler Alpe Ross- 
gnmpen bilden. Für kurze Zeit war uns der Blick hinab auf 
den Grund des Lechthales und auf einen Teil des Dorfes Holz- 
gau gestattet. In der Nähe imponirte das hohe Gebirge, das 
sich ostwärts an die Krotenköpfe anschliesst. In ihm bezeichnet 
der österreichische Generalstab und Kataster eine Oefherwand 
auf oder mindestens hart an der Gränze, und letzterer hat ihre 
Höhe mit 8142 Fuss gefunden. Unsern rauhen Pfad selbst aber ver- 
schönerte ein botanischer Schmuck, welchen ich auf allen meinen 
Wanderungen in den österreichischen Alpen noch niemals und 
^ der Schweiz bloss einmal und in wenig Exemplaren angetroflfen 
4abe. Rings auf den Kalkklippen blühte nämlich iü hundert 
iiüd wieder hundert der prachtvollsten Exemplare die Viola 
cakaratüy und das intensiv dunkelblaue Sammtkleid des reizen- 
den Alpenkindes ruft in dieser Region eine ungleich wärmere ' 
Bewimderung wach, als sie dem in der Erscheinung nahe ver- 
wandten Stiefmütterchen in unseren Gärten zu Theil wird. 

Nach einer Stunde vom Aufbruch von der Alpe erblick- 
en wir zuerst die Mädelergabel, und warlich, der aus wildge- 
Jorstenen Dolomitstöcken bestehende Culminationspunkt des 
Ugäu nimmt sich hier mit dem Vordergrunde der Schlucht, 
irelche tief unter uns vom Hochrande des Algäuer Hauptzuges 
stwärts eingerissen ist und in den Umfang der Lechthaler Schachen- 
Ipe gehört, mit dem darüber sich ausbreitenden Gerüste breiter 
'elskare voll Schneefelder, und dem wieder über diesem denFus* 

11* 



164 A, y, Ruthner. 

der letzten höchsten Felswand umgürtenden Gletscher dräuend 
genug aus! Wir wissen bereits, dass von den drei Spitzen die 
mittlere die höchste ist, und sie wollen wir ersteigen. Ebenso 
kennen wir die Trettachspitze als die nördliche Zinne. Nach 
den bayerischen Messungen wäre die Mädelergabel 8136 Pariser 
Fuss oder 8360 Wiener Fuss, die Trettachspitze 8105 Pariser 
Fuss = 8329 Wiener Fuss hoch. Das relative Verhältniss ist 
nach dem Augenmasse ein richtiges: die Trettachspitze bleibt 
an Höhe nur wenig hinter der Mädelergabel zurück. 

Irrtümer könnten dagegen durch die ältere österreichische 
Kartographie hervorgerufen werden. Sie kennt den Namen 
Mädelergabel nicht. Peter Anich nennt in der Lage des Massivs 
der Mädelergabelspitzen eine Hochfrottspitze, und bei der Gränz- 
regulirung wurde nach Trinker's Höhenbestimmungen von Tirol 
und Vorarlberg eine Hochfrottspitze 8359'4 Fuss hoch gemessen. 
Nach der Ziffer der Höhe, verglichen mit den oben erwähnten 
bayerischen Höhenangaben, können wir unter der Hochfrott- 
spitze nur den höchsten Gipfel der Mädelergabel verstehen. 
Schwieriger scheint noch, dass der Kataster die Trettachspitze 
mit 8364 Fuss beschrieben hat, und dass darnach die Mädeler- 
gabel noch eine grössere Höhenziffer beanspruchen könnte, als 
ihr bisher zugesprochen wurde. Allein es dürfte kaum ein 
Zweifel darüber bestehen, dass der Kataster unter der Trettach- 
spitze eben die höchste Spitze der Mädelergabel gemessen und 
beschrieben hat; diess geht aus der Position gegenüber andern 
Punkten und ebenso daraus hervor, dass die wahre Trettach- 
spitze nicht, wie jene des Katasters, im Hauptkamme gelegen ist. 

\Vir haben nun die Mädelcrgabel lange genug betrachtet 
und wollen ihr näher an den Leib rücken. Zuerst gehen wir 
dazu von unserer Höhe auf der Südseite des Kjratzer etwas ab- 
wärts, um dann über die südwärts geneigten Abhänge im Hin- 
tergrund der Schlucht der Schachenalpe auf den obersten Schaf- 
triften dieser Alpe in westlicher Richtung wieder emporzusteigen. 

Bald arbeiten wir uns an ganz ungewöhnlich steil gegen 
unsere mehrerwähnte Schlucht geneigten Lehnen, welche häufig 
tiefe Runsen durchschneiden, hinan. Bestände der Grund, aiu 
welchem wir emporklettern , nicht in zerfallenem, ja teilweise 
vollkommen sulzigem Schiefer, in welchem der Fuss hinreichen- 
den Halt findet, wir würden Anstand nehmen, diese schwii;idelnd 
steilen Halden zu überschreiten. Zuletzt erstirbt alle Vegeta- 
tion auf unserem Wege, und über fast schwarzen lohartigen 
Schiefer langen wir auf der Höhe des Verbindungsjoches zwi- 
sehen dem Kratzer und den Mädelerspitzen an. Der Beschaf- 
fenheit des Baustoffes, besonders auf der Südseite, doch auch auf 
der Höhe halber heisst die Gegend die Schwarze Milz und da» 



Die Mädclorgabel in den Algäucr Alpen. 165 

Joch wird als das Kratzerjoch bezeichnet; seine Höhe reicht 
auf 7003 Fuss. Ein kleiner See, der diesen Namen wol kaum 
verdient, verdankt seine Existenz dem Abflüsse von den Schnee- 
feldern um die Mädelerspitzen ; an ihm kamen wir in 1 '/, Stun- 
den, nachdem wir die Hütte verlassen, an. 

Hier triflft; der vom Professor Sendtner im Jahre 1852 bei 
der ersten bekannten Ersteigung der Mädelerspitze und nach 
ihm noch einigemal genommene Weg von der Ober-Mädeleralp 
auf der Nordseite des Kratzer, dann über die Wilden Gräben 
auf die Höhe des Kratzerjoches mit dem gegenwärtig in der 
Regel eingeschlagenen, der auch der unsrige ist, zusammen. 

Wir betreten jetzt das gegen Osten und Nordosten ab- 
dachende Gerüste der Mädelerspitzen selbst im untern Teile, 
und vermeiden, indem wir uns mehr links gegen Südwesten 
halten, den steilen (init mit dem Abstürze gegen die Hohe 
Trettach, welcher, wenigstens nach den Daten über die frühe- 
ren Ersteigungen, bei denselben minder geübten Berggehem 
einige Schwierigkeit bereitete. 

Unser Weg führt uns zwischen den einzelnen Felserhe- 
bungen zuerst in ihren Karen, dann über die zwischen ihnen 
«ich ausdehnenden Schncicfelder in mittelmässiger Steigung auf- 
wärts. Wir sind mehr und mehr in ehie Richtung gegen 
Westen und gegen cVui breite Ostseite unserer Spitze überge- 
gangen und kommen nun auf den Gletscher. 

Er nimmt den Kaum im Osten und Süden am Fusse der 
<>beröten Erhebung d(T ilädelergabel zur liöchstcn Spitze, dann 
ihi'er südlichen Nachbarn ein. Sein Hauptkörper neigt sich ent- 
schieden gegen Südosten, und jener Teil von ihm, den wir auf 
unserem Wege kennen lernen, ist bloss von geringer Bedeutung. 
Dennoch fehlt die Klüftebildung nicht und im Jahre 1854 soll 
sogar ein Gehilfe eines österreichischen Jngenieurs in einer die- 
ser Spalten seinen Tod gefunden haben. Im Ganzen gibt es je- 
<ioch hier wenige Klüfte und die bestehenden sind leicht zu er- 
kennen. Wir schreiten daher mit einiger Vorsicht auf dem 
Ferner auf- und nordwärts, um die höchste Felsenkrone von 
<ler Nordostseite, als der gangbarsten, zu erklimmen. 

Dieser letzte Teil der Mädelerpartie erheischt Schwindel- 
freiheit und einen sichern Tritt. Nicht als ob er an sich ge- 
fiihrlich wäre. Hipp war heute zum 79. Mal oben und bloss 
einmal hat einen der, gewiss nicht durchgehends ausgezeichneten, 
Berggänger ein Unfall durch einen Sturz betroflfen. Ueberall ist 
der Standpunkt, wenn er nur richtig gewählt wird, ein fester. 
Es fehlt jedoch nicht an Caminen und schmalen Gesimsen, wo in 
oft unbedeutenden Rissen der Fuss haften soll und wo sich plötz- 
lich ein wahrhaft schwindelerregender Absturz in die Tiefe vor 



166 A. V. Buthner. 

uns aufthut — Alles Dinge, welche, an sich ungefährlich, doch 
zur Achtsamkeit auflfordern, um nicht durch einen Fehltritt zum 
Sturz zu kommen. Mit Ruhe und guter Wahl des Trittes da- 
gegen kommen wir wie auf einer Leiter von Felsstufe zu Fels- 
stufe. Schon sinkt die Trettachspitze, deren furchtbare Schro« 
fen im Norden auflagen, allmälig tiefer und tiefer, jetzt ist sie 
auf unser Niveau herabgedrückt, da erheischt nochmal ein 
schmaler Grat mit gräulichem Abfall zu beiden Seiten unsere 
Aufinerksamkeit, wir schenken sie ihm und, siehe da, noch wejiige 
Schritte aufwärts und wir blicken bereits über die Felsen vor 
uns hinüber und Signal und Stange verkünden uns, dass wir 
unser Ziel erreicht, die höchste Spitze der Mädelergabel erklom- 
men haben. Unsere Uhr zeigte uns, dass wir allerdings bei 
günstiger Beschaffenheit des Schnees uud raschem Steigen von 
der Schwarzen Milz auf die Spitze l'^ Stunde nötig ge- 
habt haben. 

Da lag wieder vor mir eine grossartige und besonders 
abwechslungsvolle Rundschau und ich bedauerte bloss, dass die 
Beleuchtung keine günstigere sei; ein düsterer bläulicher Ton 
ruhte auf der Landschaft und auf einem Teile der ferneren Vor- 
arlberger und Schweizer Höhen sogar Nebel. Wenigstens ge- 
hört die Mädelergabel zu jenen Spitzen, auf welchen keine 
räumlichen Hindeniisse die Besichtigung und Beurteilung der 
Aussicht mit Zuhilfenahme von Karten erschweren, denn sosteil 
sie nach allen Seiten in zerrissenen Steinklippen abstürzt, so 
ist doch der eigentliche Grat ziemlich breit und nicht bloss mit 
grösseren Felsstücken, sondern stellenweise nur mit kleinem 
Schutt bedeckt. 

Wir wollen auf unserer Hochwarte zuerst das Algäuer 
Gebirge als jene Gruppe, wegen welcher die Ersteigung zimäcist 
erfolgte, betrachten. Dasselbe bietet uns das grösste Interesse. 

Wir glauben hier Molendo's Charakteristik der Algäuer 
Alpen anführen zu sollen. Nachdem der Gelehrte an anderem 
Orte bemerkt, dass den Algäuer Alpen die gemeinsamen Züge 
im Habitus aller Kalkalpen nicht fehlen, äussert er sich S. 16 
der „Moosstudien" : Die Algäuer Gruppe zeichnet sich bei der 
scharfen Zerrissenheit ihrer grauen bröckligen Dolomitwände' 
imd öden Gipfel, besonders durch den Contrast aus, den die- 
selben zu den seltsamen grünen Giebeln und Kegeln mit den 
steilen Flanken und scharfkantigen Ecken bilden; letztere Berg- 
form, die zu den seltenern der Alpen gehört, bauen die hier 
besonders imposant abgelagerten Liasschiefer auf! Dazu kommen 
eine Beihe von grossartigen Hochgebirgskesseln mit einer Mosaik 
aus Gebirgstrümmern und Schneelagern, aus Vegetation und | 
Wasserspiegeln, und von grünen Wannen, welche in diesen 



Die Mädelergabel in den Algäucr Alpen. 167 

chem Gesteinszonen die Kare der hartem Felsart ersetzen, 
ner die so zaireiehen als wilden „Tobel" — steile Waa- 
innen, welche die schieferigen Flanken der Hochkämme 
srall zerschneiden und endlich eine gewisse Abgeschlossenheit 

Ganzen, welche teils schon aus der mehr südnördlicheu 

htung der Gebirgsaxen hervorgeht, teils aus der seltenen 

itinuität des Hauptkammes, die nichts besser kennzeichnet, 

der Mangel an fahrbaren Pässen in's oberste Krummbach- 

l Lechthal. 

Wir haben diese Charakteristik wörtlich mitgetheilt, weil 

eine bessere zu geben nicht vermöchten. Wie zutreffend 
►en wir sie bereits auf dem Heraufwege gefunden am Bau 

Höfats, des Fürschüsscr, dann wieder am gegensätzlichen 

Krotenköpfe und des Kratzer, an der Sperr bachschlucht 
. etc.; wie erkennen wir jedoch erst vollständig hier oben, 
;s sie die Algäuer Alpen zum Sprechen ähnlich wieder- 
t! Fassen wir zuerst den Hauptzug in das Auge! 

Der grössere Teil desselben liegt nordöstlich von unserem 
mdpunkte, der kleinere südwestlich. Es wurde schon hervor- 
hoben, dass der Algäuer Hauptzug im Südwesten mit dem 
ildenwangerkopf und dem Schrofenpass beginnt. Ostwärts 
•n ihnen bemerken wir den zweithöchsten Berg in den Algäuer 
Ipen, den Hunds- oder Biberkopf, auf der östeiTcicIiischen Ge- 
ralstabskarte auch Walser Kerle genannt, 8236 W. F. — nach 
m österreichischen Kataster 8218 F. — eine dunkle, nach 
en abgerundete und aus dieser Abrundung in kleinere 
litzen endigende Pyramide. Mehr heimwärts drängen an- 
re Massen des Hauptzuges, darunter der Wilde Mann gegen 
sere Hochwarte. Die südliche Mädelerspitze im Südwesten 
d die nördliche, die Trettachspitze, im Norden stehen mit ihr 
unmittelbarer Verbindung. Auf dem höchsten Punkte der 
ettachspitze ist u»s schon im Heraufklettern vom Gletscher 
le Stange aufgefallen. Sie stammt aus der neuesten Zeit und 
a der, so viel bekannt, ersten Besteigung der Spitze her. 

Zwei Hirtenknaben beschlossen auf dem Berge ein Zeichen 
•zupflanzen und erstiegen ihn, begleitet von ihrer zwölf- 
rigen Schwester von Westen her, von wo er allein er- 
igbar sein soll, unter allerlei Gefahren, darunter einer Be- 
pung mit Gemsen, welche, jedes andern Ausweges beraubt, 
' schmalem Gesimse an ihnen vorbeistürmten. 

Den Gürtel von Eis, der sich um die Mädclerspitzen 
3gt, kennen wir gleichfalls schon; der Ferner reicht noch in 

von Südwesten nach Nordosten eingeschnittene Hauptthal 

Schachenbaches hinüber. 



• 168 A. V. Ruthner. 

Als die uns nächsten bedeutenden Kuppen im Hauptzuge 
nordöstlich treffen wir den Kratzer und die Krotenköpfe mit 
der Ofhen;\'and an. Hinter dieser Spitze erhebt sich südöstlich 
ganz nahe, doch schon auf Tiroler Boden, ein Berg, der nach 
der österreichischen Generalstabskarte die Hermanns-Karlspitze 
— von Kar, nicht Carl, Carolus — ist, so beträchtlich, dass ich 
sogleich aussprach, er müsse höher als die Mädelerspitze sein, 
was natürlich Hipp nicht zugab. Die Einsicht der Katastral- 
karte belehrte mich später, dass di^e Kuppe vom Kataster 
8394 Fuss, also um 5 Klafter höher als unsere Mädelerspitze ge- 
messen worden ist. Alle bisher genannten Spitzen gehören Gümbel's 
Hauptdolomit an und verrathen diess auf den ersten Blick. 
Doch als der stolzeste dieser Sippe tritt entschieden die dunkle, 
gestriemte Pyramide des Hochvogel auf. Er ist der dritthöchste 
Berg des Algäuer Systems und seine Höhe beläuft sich naci 
dem österreichischen Kataster auf 8194 Fuss. Links von ihm 
und uns näher fällt uns noch ein ansehnlicher Dolomitberg, 
der Wilde, 7467 Fuss, auf. 

Mit den rauhen Gesellen aus Dolomit stehen andere hohe 
Kuppen aus dem Hauptzuge und besonders aus den nordwestlich 
davon abzweigenden Seitenästen im schroffsten Gegensatze der 
Erscheinung. Sie sind in's Ungewöhnliche steil oder nach dem 
Algäuer Ausdruck „aufrecht", grösstenteils auch sehr spitzig, 
und dennoch trotz Höhe und Steilheit bis zu oberst übergrünt. 
Als Muster solcher Art können die uns schon bekannte, meh^ 
spitzige Höfats und die Schnee-Ecken, 7239 Fuss, dienen. Auch 
sie finden wir links vom Hochvogel. 

Von anderen bekannten und beachtenswerten Spitzen auf 
der Ostscite des lUerthales nennen wir noch das aussichtsreiche 
Nebelhorn, 6766 F., den Daumen, 7189 F., dessen breiter höch- 
ster Rücken am Schlüsse der östlichen Algäuer Berge des Mit- 
telzuges aufsteigt, und das eben dort liegende Gaishorn von 
Hindelang, 7122 Fuss. 

Wenden wir den Blick südlicher und uns zur Linken, so 
fesselt ihn der nördliche Teil des Gebirges zwischen Stillach 
und Breitach. Das lieblichste Grün bekleidet die schöngeform- 
ten Kuppen des Schlappolt und seines südlichen Nachbarn, des 
Fellhorn, 6428 Fuss. Erst in der innern Birgsau verrathen der 
Griesgund und das Gaishorn, 7477 F. österreichischer Kataster, 
durch ihre kahlen Schrofen und Kare die Verwandtschaft mit 
den Dolomiten des Hauptzuges und der, dem letzteren Berge 
nahe gelegene, wenn auch nicht politisch zum Algäu, doch 
orographisch zum Algäuer Gebirge gehörige Widderstein impo- 
nirt bei gleichem Baustoff durch sein vielgestaltiges Massiv^ 
seine zalreiehon Kämme und Schluchten. 



Die Mä(lelerg:abel in den Algäucr Alpen. 169 

Nordwestlicher verstricken sich die Ketten des Mittelzuges 
wischen Breitach und Vorarlberg; auch ihrer ist schon erwähnt 
^orden. Der Hohe Ifen tritt ausgezeichnet darin hervor, doch 
uch die von ihm beherrschten seltsamen Steinwüsten der Got- 
3salp am Ross- und Thorkopf und der Gottesackerwände ver- 
ienen eingehendere Betrachtung. Vor dem Mittelzuge endlich 
n Norden zieht der Vorderzug in nordnordüstlicher Richtung 
on Vorarlbergs Gränze bis in die Gegend von Immenstadt 
lie langgestreckten sanften Wellenlinien seines Baues aus Ter- 
iär-Nagelfluhe, und aus seinen grünen Kuppen würde die 
Suprematie unstreitig dem Rindalpenhorn, 5854 Fuss, zuerkannt 
kverden müssen, wenn nicht noch der jenseits der Hier frei in 
las Thal hinaustretende Grünten zum Vorderzug zu rechnen 
wäre, so wenig diess auch sein ungleich reicher gegliederter 
Bau verrät. 

Und diess in Gestaltung und Farbe so abwechslungsvolle 
Gebirge umsteht das herrliche Illerthal, welches sich von den 
krt zu unseren Füssen eingeschnittenen Furchen von Einöds- 
bach und der Birgsau in ansehnlicher Breite mit seinen Ort- 
schafton und seinem Silberflusse weit hinausdehnt nach Norden, 
bis es sich in die unabsehbare Ebene verliert. Doch auch dort 
noch, weit über Kempten hinab und bis gegen Ulm, blinkt an 
mancher Stelle das Silber des Flusses zu uns herauf als ein 
letzter Abschiedsgruss des Bergkindes an die Berge, welche 
seine Wiege schützend umstehen. 

Wir beschränken nun unser Aug(i nicht mehr auf das 
diesseits der Gränze des Algäu Sichtbare. An den Mittelzug 
gegen den Bregenzerwald schliessen sich die Gebirge des Hin- 
tern Waldes an: der Didamskopf, die lange flauer der Canis- 
fluhe und die Mittagsspitze bei Damüls spielen darin die erste 
fiolle; nordwestlich reihen sich die Höhen des Vordem Waldes 
«n, darunter ihr Cap gegen den Bodensee und das bayerische 
Hügelland, der Pfönder bei Bregenz; rechts nördlich breitet 
8ich über den letzten Höhen das Flachland aus. Das Femrohr 
Hess mich in nordwestlicher Richtung auch ein Stück Bodensee, 
nach meiner Meinung zwischen Lindau und Laugenargen, auf- 
finden. 

Das rechtsseitige Lechthalergebirge beginnt im Nordnordost 
der Säuling; wir haben ihn beiläufig in der Linie des Hoch- 
vogel, doch in bedeutender Entfernung von ihm zurückstehend 
zu suchen; sein Bau in ausgesprochenen Absätzen macht ihn 
kenntlich. Die Sohle des untern Lechthales, das er bewacht, 
ist nicht sichtbar, vom obern nur ein Stück aus der Nähe der 
Ortschaft Bach. Einschnitte zwischen den Bergen im Süden 
des Hauptthaies lassen die Seitenthäler aus Süden leicht er- 



1 70 ' A. V. Ruthner. 



kennen; teilweise sind sie selbst bis auf den Grund aufge- 
schlossen. Vollkommen zeigt sich uns die südliche Umrandung 
des innem Haupt- und seiner südlichen Nebenthäler. Auf den 
Thaneller folgen im südwestlichen Zuge die Berge um den 
Fempass und bei Imst: die Lorea, das Wanneck, die Heiter- 
wand, der Muttekopf; die gewaltigen Kalkriesen im Parseyer- 
und Alpenschonerthal, der nordwärts überhängende Zahn der 
Wetterspitze bei Kaiser, der Schindlerferner und Kogglaspitz 
an der Tiroler- Vorarlberger Gränze; die Berge im obersten Lech-- 
gebiet: der Schafberg und die Rothe Wand, der Hirschenspitz 
die Mohnenfluh, das Aar- und Warthhorn. Rückwärts von 'die^^,' 
sen Zügen thürmen sich im Ostnordosten und Osten die Grupjfc::^e 
der Zugspitze und die anderen Matadore der Nordalpen in der Rie^ ~ Ji- 
tung des Innlaufes gegen Innsbruck, leuchten in dämmernde ^r 
Feme in Ostsüdost die nordwärts vorgeschobenen Kämme 
Alpen des Zillerthales als die entlegensten Punkte der Ra 
schau, in Südost und Südsüdost die Stubaier und Oetzthalerfer 
in nahezu südlicher Richtung aber die Ortleralpen. 

Ehe wir von dort uns unserer Hochwarte wieder näk^^*^*^? 
um uns mit der Südwest- und Westseite unserer Aussicht -^r^^^' 
traut zu machen, wenden wir uns für einen Augenblick zur"ü^|^ 
zum Laufe des Lech. An seinem linken Ufer bemerken ^v^ir 
dann mehr auswärts die vom Algäuer Zuge ostwärts hin^*-''*\^" 
tretenden Berge des Vilsthales und in unserer Nähe jeneä \ri-*-^® 
Gebirge, welches sich im Osten an die Krotenköpfe, die Oüc^^^' 
wand und Hermanns-Karlspitze anlegt. Es nimmt in west: ^^^^^ ^!' 
lieber Richtung den Raum zwischen dem Lech und dem m^^^ 




lieh von ihm und mit ihm parallel eingeschnittenen Tir^::»^^? 
Hornthale oder Hornbachthale ein, und seine Bedeutung gf^^^ 
daraus hervor, dass der österreichische Kataster im Kamm, <^ 
von der Hermanns-Karlspitze ostnordostwärts bis an die Mündui -^ ^ 
des Hornbachs zieht, die Markspitze 8248 Fuss, die Urbeleska— ^. 
spitze 8199 Fuss, die Bretterspitze 8240 Fuss, endlich die Da-^^^ 
serspitze 8342 Fuss hoch gemessen hat. ^.^sel 

Von der Orteisspitze herwärts gegen unsere Mädelergabe^^^ 
im Süden und Südwesten wogt das Meer der Graubündne 
Berge. Schon an sich schwer in allen seinen Wogen enträtsel— 
bar, lag es heute in einem düstern Grau oder gar im Nebel, so 
dass selbst die überall leicht erkennbare Berninakette nur schwer 
unterschieden werden konnte. 

In der Silvrettagruppe mit dem Rhaeticon und in den 
übrigen Aesten der Rhätischen Alpen Oesterreichs liessen sich 
je nach ilirer Entfernung ihre einzelnen Gipfelbauten, insoweit 
nicht auch sie in Wolken gehüllt waren, leichter auffinden. 



Die MÄdelergnbel in den Algäuer Alpen. 171 

Die Scesaplana und Sulzfluh und Drusenfluh wurden durch 
re auffallenden Formen sogleich verraten. Die nördlichen 
ontavoner und Paznauner Gebirge, die Lobspitze und der Kalte 
erg, die Kuchenspitze und der Plateriol, und vor allem das 
ankenhom konnte man selbst in ihren Einzelnheiten gut er- 
innen. Sie trennt aber auch nur ein geringer Zwischenraum 
n dem Hauptzug der Algäuer Alpen, und nur der Arlberg 
d das Vorarlberger Kloster- und Tiroler Stanzerthal von den 
«hbarn unserer Hochwarte, den Zinnen im obem und' obcr- 
n Lechthal. 

Besonderes Interesse gewährte es mir, das von mir erst vor 
nig Tagen erstiegene Blankenhorn, allerdings den aus den 
lannten Hauptgipfeln der Rhaetischen Alpen uns am nächsten 
jenden, mir gegenüber so rückhaltslos sich entwickeln zu 
Leu, dass ich die eigentümliche Bildung dieser Spitze 
rtrefflich gewahrte, insbesonders den gewiss mehrere hundert 
L88 tiefen und dabei engen senkrechten Spalt mitten auf dem 
Iminirenden Grat, in Folge dessen eine Verbindung zwischen 
n am östlichen und am westlichen Ende befindlichen höchsten 
3llen des Letzteren ganz unmöglich ist. 

Der Kreis unserer Rundschau ist geschlossen, wir haben 

'SS noch in der westsüdwestlichen und westlichen Richtung 

die Feme zu blicken. Da steigen über den Bergen um das 

3rste Lechgebiet die Gebirge auf dem linken Ufer des Rheins 

Chur, aus dem Kalfeuser und Weistannenthal e in die Höhe: 

Calanda und die Grauen Homer, und an sie gereiht die stolzen 

•ne des Tödi, und baut sich über den Höhen des Bregenzer- 

Ides die Säntisgruppe in ihren hervorragenden Gipfeln auf; 

kündigt aber durch das rasche Sinken der von ihr nord- 

rts gesandten Höhenzüge an, dass auch das Schweizergebirge 

r sein Ende gegen die Ebene geftmden hat. 

Die Aussicht auf der Mädelergabel umfast alle erdenklichen 
ätandteile eines schönen Panorama's: das Flachland, einen 
)8sen See und Fluss, üppige Thalgründe, übergrüntes und 
bles Gebirge , sanfte Höhen und himmelragende Schrofen, 
i selbst der Reiz der Gletscher fehlt ihr nicht; alle diese 
Ctoren sind in ihr aufs Wirkungsvollste in Verbindung ge- 
lebt und wir werden sie mit Recht eine ausgezeichnete nennen, 
'ein sie besitzt für Denjenigen, welchem es um die Kenntniss 
j Gebirgsbaues zu thun ist, noch den Vorzug, dass sie ihm 
a einer der höchsten Kuppen, nahe dem Ausgange der deut- 
len Alpen gegen Westen, diesen in ungleich ausgedehnterer 
eise enthüllt, als diess niedrige Höhen vermögen. 

. 'Alles in Allem fand ich auf der Spitze der Mädelergabel 
ilfache Anregung und den reichsten Genuss. Ich dachte da- 



1 72 A. V. Kuthner. 

her, da auch die Temperatur + 8® im Schatten und + Oy,® an 
der Sonne und der Wind unmerklich und daher nicht belästi- 
gend war, erst an den Aufbruch, als schon zwei Stunden seit 
unserer Ankunft verflossen waren. 

Kasch und glücklich langten wir am Ferner und auf der 
Schwarzen Milz an. Hier verzr)gerte sich die Fortsetzung des 
Rückweges dadurch, dass wir Alle, besonders unsere Freiwilligen, 
ßergkrystalle suchten. Ich hatte beim Heraufsteigen bemerkt, 
dass einzelne Punkte im dunkeln Schiefer der Schwarzen Milz 
wi(^ Glassplitter flimmerten, sie aber bloss für wertlose Steinchen 
gehalten. Doch jetzt klärte mich Hipp auf, dass der Glanz von 
kh^inen Bergkrystallen herstammt. Üurch den Zerfall des ver- 
witterton Schiefers frei geworden, linden sie sich in seinen Be- 
st^'U, die eben hier ringsum Alles bedecken, in ziemlicher An- 
zal. kleine Mühe wurde durch einige, allerdings winzig kleine, 
a]>er sehr reine Krystallstückchen belohnt. 

In zwei Stunden nach dem Aufbruche von der Spitze 
sassen wir wieder in der Ober-Mädeleralpe. Meine Gefährten 
erfüllten meinen Wunsch, bald nach Oberstdorf aufzubrechen, 
wo denn doch eine gründlichere liestaurirung möglich war, als 
hier auf der Alpe, und so verliessen wir etwa um die Mittags- 
stimde die Hütte. Hinab in den Sperrbachtobel und über die 
Lawine lief alles glatt und gut ab. Erst der Uebergang von 
ihrem Kande auf die Felsen schien bedenklich werden zu wol* 
leii, weil über die Kluft auf den unsicheren, etwas höheren 
Standpunkt auf der Wand diessmal aufwärts zu springen war. 

Allein Hipp manipulirte hier sehr praktisch. Er ging und 
kroch an den Eand der Lawine hinaus, um zu prüfen, wie weit 
si(^ fest genug sei, um von dort den Sprung zu machen. Sie 
trug bis an ihre äusserste Kante, und nun setzte er glückh'ch 
zuerst hinüber und hielt mir die Hand entgegen, als ich nach- 
folgte. Diess einzige Hinderniss besiegt, kamen wir bald in die 
Spielmannsau und gingen von da ohne Aufenthalt sogleich nach 
Oberstdorf, wo wir in 8 y* Stunden, nachdem wir die Alpe ver- 
lassen hatten, eintrafen. 

Hipp hatte sich als trefflicher Führer bewährt und doch 
wäre es wünschenswert, dass sich in Oberstdorf noch ein tüch- 
tiger Führer auf Hochspitzen neben ihm heranbildet; denn die 
ausser ihm schon bestehenden werden wenig gelobt und ihn 
hat das Unglück getroffen, dass ihm ein Arm dergestalt ge- 
lähmt wurde, dass er ihn absolut nicht bewegen kann. Was 
diess bei einer gefahrlichen Expedition, und selbst die Mädele^ 
gabel-Erstcigung kann unter Umständen gefährlich werden, be- 
deutet, versteht der Bergsteiger. Eine ausgiebige Hilfe wäre 
dann von dem Manne nicht zu erwarten, und ich habe wirk- 



Die Mädeler^abel in den AlgäiuT Alpen. 173 

lieh nicht ohne pehilichen Eindruck beobachtet, wie er im 
Hinabklettem über die Felswand von der Spitze auf den Glet- 
scher ohne Bergstock, den er, weil er ihn niclit zu handhaben 
vermag, am Fuss der Wand zurückgelassen hatte, und daher 
nur auf die Sicherheit seiner Füsse angewiesen, jeden Tritt erst 
nach der vorsichtigsten Prüfung der Stelle, auf die er treten 
wollte, machte. Was die Kenntniss seines Gebietes, selbst eile 
Fernsicht von der Spitze der Mädelergabel, und seinen Charak- 
ter betrifft, verdient er das vollste Lob, und seine Forderung 
von drei Gulden als Führerlohn ist eine durchaus bescheidenr. 
Am Tage nach der Besteigung der Mädelergabel besuchte 
ich die Birgsau, um jenen Weg zu sehen, den man von Einöds- 
bach auf diesen Berg nimmt, und so schwierig es ist, aus der 
Tiefe über die Fährlichkeiten eines Weges ein Urteil abzu- 
geben, soviel bleibt gewiss, dass man auf dieser Westseite steil 
genug an den schroffen Wänden hinanklimmen muss. Die ßirgsau 
hat eine grössere landschaftliche Entwickelung als die Spi(il- 
^nannsau, eine breitere Tlialsohle und eine weit bedeutendere 
ZaI Von ausgezeichneten Hochspitzen rings über ihr. Besonders 
oei Einödsbach erschliesst sich luis ein Prachtbild. Wir blicken 
Von Westen nach Osten; im Ausschnitt zwischen den Abhängen 
d^r dem Thale nächsten Höhen am rechten Stillachufer, welche 
sich wie zum künstlich geformten Rahmen gruppiren, steht stolz 
^ind kalt die Mädelergabel mit der Trettachspitze links. Von 
^ni sichtbaren Signale auf dem höchsten Punkte stürzt sie in 
■Hochwänden senkrecht in die Tiefe auf ihr, aus wilden schuee- 
göftirchten Felskaren gebildetes Untergerüste, von diesem aber 
*iöigt sich steil gegen die Stillach jene im tiefen Teile üppig 
S^ne Schlucht, an deren breitem Ausgange der Weiler Einöds- 
^^ch am rechten Ufer des in die StUlach mündenden Einöds- 
"^ches auf erhöhtem Wiesenvorsprung erglänzt. 

^ Auch das Thal der Breitach, das grüne Alpeuthal von 
^ittelberg mit der hochinteressanten Breitachklamm, über welche 
^ der Höhe von circa 200 Fuss über dem Wasser der neun 
^cluitt breite Zwingsteg geworfen ist, und dem Bade Tiefen- 
^^ch, und der poetische Freyberger See belohnten die wenige 
•^^it reichlich, welche ich auf ihren Besuch verwandte. 

^ Doch der Zufall begünstigte mich noch darin, dass die 
^iehscheide gerade in die Zeit meines Aufenthaltes in Oberst- 
^^rf fiel. Bekanntlich stammt der Wolstand des Algäu zum 
Si'össten Teile von der Viehzucht und der Käseerzeugung her, 
^ welch' letzterer die Algäuer solche Fortschritte gemacht haben, 
^^*s die Algäuer Käse den Vergleich selbst mit den feinsten 
^psländer Käsen nicht zu scheuen brauchen. Das Algäuer 
-**ind erfreut sich daher sorgsamer Züchtung. Am Tage der 



174 A. y. Eutliner. 

Viehscheide werden nun über 1000 Stück von den Alpen 
Umgebung in den Oberstdorfer Kessel herabgetrieben, un 
schieden, das heisst den Eigentümern übergeben zu wei 
Der Verlauf ist ein sehr bewegter und die Viehscheide g( 
tet sich zum Volksfest. 

Auf dem riesigen Wiesenplan wird ausserhalb Lo 
gegen die Stillach zu, am sogenannten Halter, ein Raum 
geplankt, in welchen die Hirten das Alpvieh zur Verte: 
treiben. Die Teilung nimmt jede einzelne Alpe vor, sc 
die Sennen mit dem Vieh an Ort und Stelle angekon 
äind, und zwischen der Ankunft der ersten und der le 
Heerde vergehen bei der verschiedenen Entfernung der A 
von Oberstdorf mehrere Stunden. Gespannte Erwartung hen 
sobald Staub auf den äussersten Punkten der weiten Ebene 
Herannahen einer neuen Heerde ankündigt. Sind Pferde 
unter, so galoppiren sie im Uebermute wie toll auf der gr 
Fläche herum, und ihr Einfangen erheischt immer einige 1 
doch selbst das phlegmatische Hornvieh lässt sich durch 
schlechte Beispiel und den ihm ungewohnten ebenen Boden 
Trab verleiten. Endlich ist Alles im Einfang zusammengedr 
und der Senne holt auf Grund eines Verzeichnisses der ^ 
besitzer das jedem gehörige Vieh aus dem Gewühle heraus, 
es an dem engen Eingang der Umzäunung dem Eigner z 
weisen. Mit der Verteilung des Viehes beginnt dann der \ 
handel. Die geringere Zal der Eigentümer treibt das zur; 
erhaltene Vieh nach Hause, die meisten binden es an 
ringsum befindlichen Zäune, um es zu verkaufen ; fremde Hi 
1er fehlen niemals und bald sind die Kaufgeschäfte im Gai 
Unter Zelten werden Getränke und Lebensmittel feilgeb( 
und das Volk wogt hin und her — eine reiche Staffage 
wundervollsten Landschaft. 

Ich hatte gehoflft, aus diesem Anlasse Originelles 
Volkstrachten zu sehen, ich schied jedoch vom Schauplatze 
der Ueberzeugung, dass die Bewohner auch dieser Gegen 
jeder eigentümlichen Tracht entsagt haben. Jacke und E 
jourl, lange Pantalons und runde Hüte in allen überall auf c 
Lande gangbaren Formen bei den Männern, das gewöhnli 
Kleid der Bäuerinnen bei den Weibern herrschten ausschhess 
selbst auf diesem ethnographischen Gränzpunkte, wo Wall 
aus den Walserthälern, die Bojer aus dem Lechthale und 
Sueven — Allemanen des Illerthales sich nahe wohnen und he 
sich bunt durcheinander bewegten. Höchstens ein oder 
andere Walserin konnte sich in ihrem langen und gefalte 
schwarzen Rocke, mit der Taille unter den Achsenhöhlen, ei: 
zwar nicht schönen, doch absonderlichen Tracht rühmen. 



Die Mädelergabel in den Algauer Alpen. 1 75 

Schon am zweitnächsten Tage hätte ich an dem Sonthofiier 

Vi^lmarkte Teil nehmen können, doch genügte mir vollkom- 

xaen. der Lärm und das Treiben der Viehscheide; und wenn 

auot in Oberstdorf bei meinem Aufenthalte im Jahre 1867, wo 

daus vor dem Brande renommirteste Gasthaus, der Mohr, nocli 

gar nicht wieder aufgebaut und schon in gewöhnlicher Reisezeit 

wenig Raum in den Gasthäusern war, ein ausserordentlicher 

Besuch, wie jener bei der Viehscheide, sich gewiss fühlbarer 

machte, als in Sonthofen mit seinen guten Gasthäusern, so war 

. doch die Ueberfiillung beim Markte auch in letzterem Orte 

nickt zu vermeiden, weil dort an dem Tage, an welchem mehrere 

tausend Stück Vieh feilgeboten werden, eine noch ungleich 

grossartigere Menschenmenge zusammenkommt. 

Als ich daher am 14. Oberstdorf verliess, hielt ich mich 
in Sonthofen nicht auf, und je mehr mich das Gedränge in sei- 
nen Gassen, die grosse Zal vollgefüllter Stellwagen und die zal- 
reichen Privatfahrgelegenheiten, denen ich auf dem Wege nach 
Immenstadt begegnete, davon überzeugt hatten, dass es sich 
tun einen ganz ungewöhnlichen Zusammenfluss von Menschen 
lumdelt, desto mehr freute ich mich, ihm entkommen zu sein, 
als ich in Immenstadt in den Schnellzug von Lindau stieg, um 
nach München zu fahren. 



-«-«.OO^o- 



Die Hinterriss. 



Von Prof. Dr. Bernhard Jttl$. 



liine der schönsten und lohnendsten Partien, die von Imw- 
brück aus ohne besonders grosse Anstrengung — über Jenbach, 
die Pertisau und das Blumesjoch nötigenfalls in einem Tag — 
gemacht werden kann, ist ein Ausflug in die Hinterriss. Das 
Thal der Riss gehört zum Isargebiet und wird seiner ganzöi 
Länge nach von der reissenden „Riss" durchströmt, die bei 
Vorderriss, etwa 6 Stunden unterhalb Mittenwald, in die Isar 
mündet. Dieses Seitenthal der Isar steigt tief, bei 6 — 8 Stunden, 
in das südliche Kalkgebirge hinan. Der äussere oder vordere 
Teil von der Mündung der Riss in die Isar bis zur Oswald- 
hütte, wo vom Karwändelgebirge herab der Farmesbach sich 
in die Riss ergiesst, gehört zu Baiern und heisst die „äussere" 
oder „vordere" Riss, Vorderriss; im Gegensatze dazu wird 
der auf tirolischem Gebiete liegende, südwärts tief in die inuern 
Kalkwände sich erstreckende obere Teil die „innere" oder 
„hintere" Riss, Hinterriss genannt. Dieses ganze weite 
Thalgebiet ist sozusagen unbewohnt. In Vorderriss befindet sich 
bloss das Jagdschloss des Königs von Baiern, das Forsthaus, 
zugleich Wirtshaus, eine neu erbaute Kapelle und einige hiezu 
gehörige Baulichkeiten. In der Hinterriss steht nur das Fran- 
ziskaner-Hospiz sammt Kirche mit dem dazu gehörigen Wirts- 
haus, das Jagdßchloss des Herzogs von Coburg mit Nebenge- 
bäuden zur Aufnahme des Jägerpersonales, und etwas weiter 
thaleinwärts das sogenannte Neunerhaus, die Wohnung des ära- 
rischen Forstwartes Neuner, zugleich fiir die Finanzwache be- • 
stimmt und auch als Wirtshaus dienend. Ausser diesen Gebäudea 
findet man in der ganzen Riss nichts als. Alpenhütten; sie sind' 
nur im Sommer bewohnt, teils von den Sennern, teils von den. 
in den grossen Forsten beschäftigten Holzarbeitern. Man kann 
Tage lang in der Riss sich ergehen, ohne auch nur einem; 
menschlichen Wesen zu begegnen. Wenn man im Sommer das 



Prof. Dl". IJcrnlianl Jülfr. UI« HhitcrrisK. 177 

^\\a\ iiocli verliältnissmässig belebt noimeii knnii, so beschränkt 
ich dagegen im Winter die ständige Bevölkerung auf das Mi- 
limum von ein paar Personen. Diese auf den ersten Anblick 
erschreckende Einsamkeit ist es gerade, die auf den vom all- 
täglichen Getümmel ermüdeten und gelangweilten Wanderer 
einen bo wolthuemlen Eindruck macht. Die ganze Riss ist ein 
ungeheurer Forst, nichts als Waldung und Waldung, so weit 
das Auge reicht in der Thalsohle und in der Baumregion , im 
bunten Farbenschmelz der Abwechslung zwischen Laub- und 
Nadelholz, Lärchen, Fichten, Föhren, Buchen, vor Allem aber 
die prachtvollen Ahorne; allenthalben, wo man den Fuss nur 
hinsetzt, glaubt man in einem kunstvoll angelegten Lusthain zu 
wandeln, wenn man nicht wieder durch die schönste Unordnung, 
mit der alle Grui)pen in einander verschlungen sind, durch die 
kreuz und quer über einander liegenden, vermodernden, riesen- 
laften Stännne sich in den Urwald versetzt fände! 

Die jVIitte des Thaies wird von dem rauschenden Ilissbacho 
durchströmt, bald erweitert sich dasselbe, bald ist es so enge, 
im es kaum dem Flussbette und dem Wege Raum gönnt. Die 
bekommt diesen ihren Namen bei der ini hintersten Grunde 
Thaies liegenden einsamen Ilagelhütte, wo sie gebildet wird 
«^on dem aus einem linken Seitenthal, der Enge, hervortretenden 
Blaubach und dem von dem Blumesjoch herabfallenden I^lumes- 
ind dem der Schaufelspitze entströmenden Sulzbach; unauf- 
AltsanQ eilt sie raschen Laufes tosend dahin, so dass man oft 
äin eigenes Wort nicht hört, genährt und vergrössert durch 
ie von beiden Thalwänden zalreich einstürzenden grösseren 
nd kleineren Seitenbäche. An der rechten, überall sich ziemlich 
«il erhebenden Thalwand bilden sich allenthalben muntere 
l^asserfälle, die bei grösserem Wasserreichtum in langgezogenen 
trömen niederrauschen. Die linken Seitenthäler, die sich tief 
i's Gebirge hineinziehen, wälzen gewaltige Fluten heran, so 
3r Laliderer-, der Johannesthal-, der Thor-, der Ronnbach, an 
)T baier ischen Gränze der Farmes- und weiter hinaus der 
ischbach. Diese allenthalben rauschenden Wassermassen tragen 
igemein zur Belebung der Einsamkeit bei. Wo das Thal sich 
was ei'weitert, liegen üppige, frische Wiesengründe ; als solche 
tzückende grüne Oasen, die sich aus dem Waldesdunkel ab- 
ben, erfreuen das Auge der Fugger-Anger und die lachende 
1 des Neunerhauses und in der Vorderriss die Oswaldhütte, 
if einem solchen grünen Wiesenplan in der Thal Weiterung 
gt auch das Franziskanor-Hospiz , zwischen den Mündungen 
i Thor- und Ronnbaches in die Riss, sozusagen auf einer llalb- 
el, mit dem herzoglichen Jagdschloss im Hintergrunde. Die 
alsohle selbst liegt schon über .3000 Fuss hoch (Hagelhütte 

12 



178 Prof, Dr. Bernhard Jülgf. 

3220'), durch das ganze Thal hindurch wuchert schon überall 
dfts Knieholz und es gewährt ein eigentümliches Vergnügen, zu 
Wagen auf bequemem Fahrwege, der von der Vordcrriss bis 
zur Hagelhütte im innersten Grunde reicht, beständig zwischen 
den üppigsten Gruppen hochaufgeschossenen Knieholzes dahin- 
zuroUen, während man sich erinnert, durch dasselbe sonst nur 
höchst mühsam auf fast unnahbaren Höhen sich oft hindurch- 
gearbeitet zu haben. Weiter bergaufwärts leuchten übersQl saf- 
tige Bergmatten mit ihren Sennhütten hernieder. Erhebt man 
aber den Blick in die höheren Regionen, so wird das Auge 
überall von den Sccnen der Hochgebirgswelt überrascht, überall 
starren einem majestätische Bergesriesen von 7000 — 8000 Fuss 
und dai'über mit ihren kalden Kalkschrofen und Schneelagem 
entgegen. 

Dass eine solche Gegend, so trostlos einsam, von Menschen 
nur höchst selten betreten, weithin ringsum bis zur Holzgränze 
überall bewaldet, vorzüglich geeignet ist zur Beherbergung de* 
Wildes jeglicher Art, lässt sich zum voraus annehmen. Die Ei« 
ist denn auch in der That nur ein einziger grosser viele Meilen 
umfassender Wildpark, in dem viele Hunderte und Tausende 
von Hirschen, Gemsen, Rehen und anderes Wild, so wie edlea 
Federwild gedeiht, sorgsam gehegt und gepflegt wird. Diesen 
Ruf hat die Riss schon seit den ältesten Zeiten. Wer nur einen 
Blick in Seb. Rufs Chronik von Achenthai wirft, wird überall 
Notizen finden, wie von den Zeiten Kaiser Maximilians an d« 
edle Waidwerk in der Riss geübt wurde; damals schon er- 
schollen auch dieselben Klagen über den Schaden , den i» 
Wild anrichtet, wie noch heutzutage. Einen ungeahnten Auf 
schwung aber bekam die Riss als Jagdgebiet, seit der Forst 
Karl von Leiningen das Jagdschloss in der Vorderriss 1841 ^" 
bauen liess, das jetzt in dem Besitz des Königs von Baiernsich 
befindet, und besonders als er 1839 von der österreichischen 
Regierung die Jagd in der Hinterriss pachtete und sich in Folge 
dessen auch hier in unmittelbarer Nähe des Franziskaner-Hospj* 
tiums ein Jagdschloss anlegte, das 1844 vollendet wurde. Ä 
macht einen wahrhaft überraschenden Eindruck, wenn man voaj 
der öden Vorderriss her kommt, auf einmal bei der Biq 
um eine Waldecke auf der breiten grünen Thalfläche das eä^ 
same Gotteshaus mit seinen Baulichkeiten und dahinter 
einem Felsenvorsprung das Schloss mit seinen spitzen Er] 
thürmchen und den Nebengebäuden an die waldige Berghi 
gelehnt auftauchen zu sehen. Seit 1859 ist das Schloss in i 
Besitz des Herzogs von Coburg-Gotha übergegangen, der ei 
falls die Pacht der ausgedehnten Jagdgründe von der EegieroJ 
übernahm. Das Innere des Schlosses ist höchst einfach, <H| 



-" / 



Die Hiiiterriss. 179 

in den Zimmern und Gängen überall mit den Emblemen 
en Waidwerks, mit Geweihen, Krikeln und ausgestopften 
zu Hunderten verziert, die gewöhnlich mit Datum, Ort 
imen des Erlegers versehen sind; imposant ist besonders 
sse Speisesaal und die Terrasse. Von der Altane geniesst 
ac entzückende Aussicht auf die tief in der Schlucht den 
auf dem das Scliloss steht, bespülende, mächtig brausende 
if die zu den Füssen liegende Kircha, über die weitaus- 
;en dunklen Forste und die gegenüber liegenden weissen 
scn, namentlich auf die amphitheatralisch himmelanstre- 
rhorwand mit dem Stuhlkopf und weiter links auf die 
Falkonkare. AVärend das Schloss lediglich zur Auf- 
für die Jap;dgäste bestimmt ist, befindet sich unweit 
3ine kleine holzgetäfolte einstöckige Eremitage mit zwei 
i comfortabcl eingerichteten Wohnzimmern des Herzogs 
r Herzogin nebst den darüber angebrachten Gelassen 
Dienerschaft. Der October ist gewöhnlich fiir die Ab- 
(ler grossen Jagden bestimmt. Da ist dann die sonst 
ime Riss von zalreich(ui fürstlichen Gälten besucht, da 
Jlen die sonst so öden Wälder und Thäler von den 
1 des Hifthorns, dem Gebelle der Meute, dem Dröhnen 
üsse und den Freuderufen der glücklichen Jäger. Um 
llen Waidwerk mit aller Bequemlichkeit obliegen zu 
sind überall und allenthalben bis auf die höchsten 
die bequemsten Reitsteige in den mannigfachsten Win- 
angelögt; von allen Höhen herab schimmern einem nette 
läuscr entgegen. Schon der Fürst Leiningen hat in dieser 
ng vieles gethan, noch mehr aber geschieht gegenwärtig 
r Richtung vom Herzog; jedes Jahr werden neue Wege 
ge angelegt. So wurde erst dieses Jahr wieder der sonst 
beschwerliche vielbetretene Pfad vom Lamsenjoch herab 
ilnge in einen bequemen Reitsteig verwandelt. Es braucht 
wähnt zu werden, wie ungemein hiedurch dem Wanderer 
n Bergsteiger das Besuchen der schönsten und gross- 
1 Partien in der Riss erleichtert, ja fast mühelos gemacht 
Ind an solchen Partien ist die Riss unerschöpflich. Der 
3 Spaziergänger kann sich wochenlang auf den anmu- 
alle denkbare Abwechslung bietenden Waldwegen er- 
md stets neue grossartige Bilder in sich aufnehmen ; der 
Bergsteiger hat Gelegenheit zu leichteren und kühneren 
3n in reicherer Auswahl. 

ic lohnendste Partie ist jedenfalls die Besteigung des 

Freiters. Er hat zwar nur eine Höhe von 6603 Fuss, 

.ber wegen seiner freien Lage eine Rund- und Fernsicht, 

der von der Salve oder dem Kitzbühler Hom oder 

12* 



180 Prof. Dr. Bernhar.l Jül^. 

andern in dieser Hinsieht berühmten Bergen wahrlich wenig 
nachsteht; am bequemsten ist er auf dem ziemlicli weit hinan- 
fiihrenden Reitwege zu ersteigen, der eine halbe Stunde west- 
lich vom Kloster behn Leckbach sich emporwindet ; in 3 Stunden 
ist der Gipfel ohne sonderliche Anstrengung erreicht. Wer ver- 
möchte die hohen Häupter alle zu zälen, die sich hier präsen- 
tiren? Am überraschendsten ist der Blick nach Südosten auf 
die in voller Pracht stralende Tauernkette vom Ankogl an 
über Grossglockner , Venediger, Dreiherren- und Reiehenspitze 
bis zu den Zillerthaler und Duxer Fernern;. Uainutz, hoher 
Guffert, Salve, Kitzbühler Hörn, grosser Rettenstein und hundert 
andere gekannte und unbenannte Berge bilden die Vorstufen 
dazu. Im Osten unterscheidet man neben dem Kaiser hinweg^ 
den Watzmann, die Loferer Steinberge, die Salzburger Gruppen^. 
den Dachstein ; zu Füssen liegen zunächst die begrünten Hügel 
des Telpser-, Baumgarter-, Demelsjoches, der Juifen, die weiden- 
und almenreiche Dürrach oder das sogenannte Bächeuthal. Man 
verfolgt den Lauf der Isar vom Einfluss der Riss über Fall 
und Länggries mit der herüberleuchtenden Hohenburg bis Tölz. 
Geradezu im Norden blickt zuerst der schwarze Spiegel des 
Walchensees herauf, die vereinsamte Jachenau, über den Kessel- 
berg der vom Herzogstand und Heimgarten umgürtete Kochel- 
see, weiterhin Staffel-, Starnberger und Ammersee, und ' darüber 
hinaus die weite baierische Ebene* mit Städten und Dörfern 
übersäet. Ueber einen östlichen Ausläufer der Benediktenwand 
zeigt das Fernrohr einen hellen, waldumkränzten Streifen, zwei 
braungelbe Säulen, rechts davon einen Ziegelhaufen und einen 
Spitzthumi — das ist München. Nach Nordwesten erhebt sick 
greifbar nahe, nur durch die Riss getrennt, der wie eine Tisch- 
platte oben ebene, nicht viel niedrigere Vorderkopf mit einem 
neuen weitschimmernden Bürschhause ; dahinter die schöngeformte 
Soiernspitze (7042') und die Krapfenkarspitze (6703') ; in wei- 
terer Entfernung dominirt die Zugspitze mit den beiden Fer- 
nern, die Wettersteingruppe, links der hohe Mundi, neben sieh 
einen Einblick gestattend in das Oberinnthal; darüber hinans 
die Gruppe der Lechthaler Gebirge mit dem Hochvogel bi« 
nach Vorarlberg hinüber. Geradezu nach Süden starren uns die 
der Riss zugekehrten Rückwände des Hinterau- und Vomper- 
thales entgegen ; rechts zu zieht sich von der Scharnitz her die 
Riesenmauer des Karwändelstockes mit der majestätischen Kar- 
wändelspitze als Eckpfeiler. Dieser ganze colossale Felswall mit 
seinen Zinnen und Spitzen, unter denen das Ed-, Birk-, Külie-, 
Sonnen-, Ross- und Grubenkar, der Hochglück und die Kirche 
die bekanntesten sind, von denen die meisten 8000 Fuss be- 
deutend übersteigen und von denen viele noch keines Menschen 



Die Hiiitcrris». 181 

uss betreten, veixleekt die weitere Aussicht nacli Süden; aber 
e gewähren dafür in ihrer starren Zerrissenheit ein furchtbar 
♦hönes Bild schauerlicher Wildheit; jede der Spitzen sendet 
nen Steinstrom herab, so dass der ganze Boden mit Trümmern 
berschüttet ist und die Geröllhalden hoch, imter die Wände 
Inaufreichen , hie und da mit grossen, nimmer versiegenden 
L-hneefeldern durchfurcht. Zur äussersten Linken schliesst die 
amsenspitze und links vom Lamsenjoch das Sonnenjoch (7758') 
ad die Schaufelspitze ab. In dieses unermesslicho Felsen-Amphi- 
leater, das sich von der Soiernspitze und dem Vorderkopf 
echts bis zur Schaufelspitze links in einem Halbkreis dem 
$licke gegenüber darstellt und das vom Blumesjoch her über 
ie Fleischbank (6385'), den Schönalpenkopf und das Telpser- 
)ch sich von der andern Seite an den Scharfreiter wieder an- 
chliesst, ist die Hinterriss gleichsam eingerahmt. Vom Scharf- 
eiter aus liegt das unvergleichliche Thal mit den unermesslicheu 
vVäldern, mit den überall niederströmenden Sturz- und Giess- 
bächen ausgebreitet zu Füssen. Diese im Süden liegenden Hin- 
terwände senden wiederum ihre nicht minder hohen Ausläufer 
bis an den Kissbach hernieder, wodurch stundenlange Seiten- 
thäler gebildet werden, in die der schweifende Blick von hier 
aus eindringt. Zuerst rechts das Ronnthal mit seiner unter der 
Karwändcispitze und dem Ronnkopf auf grüner Matte liegenden 
Alpenhütte; dann links davon das Thorthal, abgeschlossen im 
Hintergrund durch die Thorwand und- links durch den Stuhl- 
kopf, welche einen Teil der der Riss zugekehrten Rückseite des 
Karwändelthales bilden. Das dritte ist das Johannesthal mit der 
hoch oben auf üppig lachender Flur gelegenen Alpe Ladiz (4612'), 
«eine linke Thalwand bildet der 7674 Fuss hohe grosse Falk. 
Zwischen der Falkengruppe einerseits, dem Todtenkar und der 
Gamsspitze (7608') andererseits erstreckt sich weit hinan das 
Lalidercr Thal mit der Alpe Laliders. Als letztes Thal erscheint 
öas Blaubachthal oder die Enge, welche sich zwischen der 
Gamsspitze, der Bärwand und dem Sonnenjoch bis an den Fuss 
fles Hochglück, der Kirche und der Lamsenspitze am tiefsten 
hineinzieht mit vielen Alpenhütten im Hintergrund. Doch sind 
äie beiden letzten Thäler vom Scharfreiter nicht zu erblicken 
*^eil sie durch die vortretenden Falken verdeckt werden. Un- 
Qiittelbar zu Füssen, von der Spitze des Scharfreiters eine Stunde, 
auf der baierischen Seite liegen die Alpenhütten „Mosen" , wo 
J^ir schon wiederholt die treflflichste Labung und Erfrischung 
'anden. Von hier fuhrt dann, wenn man nicht den gleichen Weg 
^k beim Aufsteigen zurückmachen will, ein Alpensteig nieder 
5Ur Oswaldhütte, von der man in 1'/, Stunde wieder beim 
Zoster ist. Auf diesem Rückwege kommt man an einer etwa 



182 Prof. Dr. Bernhard Jülg. 

y^ Stunde langen Klamm vorbei, die zwar hicht mit manclien 
andern bekannten Klammen zu vergleichen ist, aber immerhin 
grossartig genug ist, um jeden, der noch nichts Aehnliches ge- 
sehen, mit schauerlichem Entzücken zu erfüllen, namentlich 
wenn er gerade Gelegenheit hat, dem Triften der mächtigen 
Stämme zuzuschauen. 

Wem die Besteigung des Scharfreiters zu beschwerlich er- 
scheinen sollte, der hat mit leichter Mühe auf bequemem Reit- 
steig von der Schönalpe und noch besser von dem Schön- 
alpenkopf eine ebenfalls grossartige Rundsicht. Der Berg liegt 
gerade dem Johannesthal gegenüber und eröffnet daher in dieses 
und seinen Hintergrund den schönsten Blick, und ebenso über 
das ganze Rissgebiet; namentlich grüssen Schloss und Kirche 
freundlich herauf, die man auf dem Scharfreiter ungern rer- 
misst. Da indess der Standpunkt um 1600 Fuss niedriger istj. 
als vom Scliarfreiter, so ist begreiflicher Weise die Aussicht viel 
beschränkter, namentlich wird sie nach Nordwesten durch dea 
Scharfreiter selbst und den Vorderkopf gehemmt und ebenso 
beschränken die höhern Berge im Südosten die Aussicht auf die 
Tauem und deren westliche Fortsetzung. 

In ihrer Art ebenso lohnende Partien, wie die Besteigung 
des Scharfreiters, bieten die Ausflüge in die einzelnen Seiten- 
thäler, wodurch sich erst recht die innersten Geheimnisse der 
wundervollen Riss erschliessen. Bei allen diesen Ausflügen glaubt 
man in den unvergleichlichen Waldpartien stets wie in einem 
Park zu lustwandeln. Der Besuch des Ronn- und Thorthalö^ 
die beide grosse Schönheiten bieten, ist für einen jeden öä 
leichter Spaziergang von wenigen Stunden. Weiter ist schon das 
Johannesthal, voll erhabener Naturschönheiten; im Vorder- 
grund liegt die Johannesthalcralpe, zu Füssen und im Angesicht 
des hier in seiner ganzen imposanten Masse sich zeigenden 
grossen Falken; im Hintergrunde unmittelbar unter den colos- 
salen senkrecht abstürzenden Wänden des Birk- und Kühekars 
liegt auf einer ausgedehnten grasreichen Alpenflur die lachende 
Alm Ladiz (Lac^^Y^a?); es ist nichts Seltenes, hier in dei 
Morgenstunden die Hirsche ihren Spaziergang machen zu sehen. 
Von der Ladiz nach Westen schauend erblickt man im obersten 
Ausläufer des Karwändelthales die „Hochalpe", von wo man in 
etwa vier Stunden nach der Scharnitz gelangt. Steigt man läng» 
den Felswänden weiter östlich über ein niedriges Joch, so e^ 
reicht man bald den Hintergrund des Lalidererthales, wo 
mehrere Sennhütten stehen, die Alpe Laliders, häufig von den 
Muränen bedroht; unweit davon steht auch ein niedlich 
Bürschhaus. Längs diesen himmelhohen Kalkwänden finden sÜ 
zwei- bis dreifache Echos von der schärfsten Deutlichkeit. Üebe^ 



Die HintcrriMs. 183 

iigt man das letzte unbedeutende Joch üstlieh, so senkt sicli 
x^ Weg in den innersten Grund der Enge hinab. Hier konnten 
!• bei unsenn letzten Besuch am Fusse des Hochglück auf 
7k er von einem Bächlein bespülten Schneefläche gegen 5() 
emsen auf einem Rudel zälen, die in der Mittagshitze ihren 
txrst am Bache und am Schnee stillten und, ohne sich durch 
iser Betrachten aus nächster Nähe stören zu lassen, lustig und 
liäkernd ihre heiteren Spiele ausführten. In einer kleinen 
txinde von da ist man bei den Alpenhütten im Blaubachthalo 
ier in der Enge. Dieses Thal mündet bei der Ilagelhütte in 
ie Riss und ist das östlichste Seitenthal. Ihm gebührt jeden- 
lUs der Preis vor allen; wenn irgendwo, so gilt hier das Wort 
es Dichters: ille terrarum mihi praeter omnes angulua ridet / 
^on drei Seiten von starren steilen Felswänden des Hochgebirges 
imsehlossen , zeigt es nur einen Ausgang nach der Riss zu; die 
rhalfläche aber ist üppiger W^iesengrund , auf dem num wie 
auf einem sammetgleichen Teppich dahinwandelt ; mitten durch 
BcMängelt sich still und geräuschlos unter Blumen ein Bächlein, 
dem man es jetzt kaum ansieht, dass es auch zum wilden Sturz- 
kach werden kann, wenn es nicht stellenweise die aufgehäuften 
Stein- und Geröllmassen bezeugten; überall stehen dichtbelaubte 
AWne in einzelnen Gruppen und ganzen Wäldern, die man 
aus der Ferne fiir Obstbäiune zu halten geneigt ist. Sähe man 
Dicht rechts und links die himmelanstrebenden Felsenwände, man 
wäre versucht, sich in eine lachende, fruchtbare Ebene versetzt 
zw wähnen. Da von Schwaz aus der nächste Steig über das 
Lamsenjoch durch die Enge in die Riöä führt, so findet sich 
iier, wo man von der Binsalpe herabsteigt, in der Thalsohle 
im Schatten hoher Ahorne an eine Berghalde gelehnt eine Art 
Wirtshaus, nur im Sommer bewohnt, so lange der Jochsteig 

fingbar ist, mit einem jovialen Wirte, wo man hinreichende 
rfrischung, ein gutes Glas Wein und noch vortrefflicheren 
Enziangeist findet. Jeder, der einmal die Enge gesehen, wird 
mit unwiderstehlicher Sehnsucht an sie zurückdenken und sie 
wieder 'besuchen. Das Laliderer Thal und die Enge kJhmen 
natürlich auch beide von der Riss aus fiir sich abgesondert be- 
sucht werden, und bieten der Schönheiten so viele, dass jedes 
fiir sich reichlich einen Tag in Anspruch nimmt. 

Im Mittelpunkte der Riss unweit des herzoglichen Jagd- 
schlosses steht das Wallfahrtskirchlein zu Maria Schmelz nebst 
der Priesterwohnung. Um die jMitte des 16. Jahrhunderts ward 
hier ein Eisenbergwerk betrieben, daher der Name „bei der 
Schmolz", der noch auf der Anich'schen Karte sich findet. An 
4*e von den Schmelzarbeitern errichtete kleine Kapelle schloss 
sich im Verlaufe der Zeit ein Seelsorgeposten, der nach Läng- 



18-1 Prof. Dr. Bernhard Jülj;:. 

gries in Baiern gehörte und nur in den Sommermonaten ver- 
sehen wurde. Ln Jahre 1759 wurde ein ständiger Seelsorge- 
posten errichtet und von dem Pfarrer Mathias PoIz aus mild- 
thätigen Spenden und aus eigenem Vermögen die Kirche, wie 
sie jetzt ist, sammt dem Widdum und Oekonomic-Gebäude er- 
erbaut; Polz starb 1794. Im Jahre 1819 wurde die bis dahin 
unter dem Bisthum Freising stehende Kirche mit der Diöce^ic 
Brixen vereinigt und der Pfarre Achenthai untergeordnet; der 
Religionsfond übernahm, da das Stiftungsvermögen von Baiern 
eingezogen wurde, 1826 die Dotirung, und seit 1831 versehen 
zwei Priester aus dem Franziskanerkloster zu Schwaz ständig 
die Seelsorge. Der gegenwärtige liebenswürdige Superior P. Ben- 
venut Leitgeb ist unermüdlich thätig zur Hebung und Ver- 
schönerung der Kirche, sowie zur Vergrösserung des an dem 
Hospiz aufgeführten Nebenbaues, der als Gasthaus bestimmt ist 
für die fremden Besucher der Riss, deren Zal von Jahr zu 
Jahr zunimmt. Auf Anregung des Superiors ist auch in 
Vorderriss neben dem Jagdschloss durch die Muniiicenz des 
Königs die neue schöne Kapelle errichtet worden. 

Von der gränzenlosen Einsamkeit und Abgeschiedenheit 
der Riss mag man sich einen Begriff machen, wenn man be- 
denkt, dass viele, viele Stunden im Umkreis keine Ortschaft in 
der Nähe ist. Die Entfernung bis Länggries beträgt 8, bis Ja- 
chenau 5, Wallgau 6, Mittenwald 7 , Scharnitz über die Hoch- 
alpe 7, Achcnthal 9, Pertisau und Eben 6 — 7, Vomp 8, Schwaz 
ü Stun^len. 

Der Communicationswege , auf denen Hinterriss von Inns- 
l)ruck aus zu erreichen ist , sind 5 ; auf den zwei ersten, die 
freilich weit sind, sogar ganz zu Wagen. 1. Ueber Seefeld, 
Mittenwald, Krünn, Wallgau und Vorderriss, oder 2. von Jen- 
bach über Achenthai, die Walchen, Fall nach Vorderriss löum 
man ganz bequem fahren. Die drei andern Zugänge fuhren 
zwar über Joche, es sind aber überall wegen der herzoglichen 
Jagdgründe die bequemsten Reitsteige angelegt. Bezüglich der 
Grossartigkeit der Natur thut einem die Wahl weh, welchen 
Uebergang man wählen soll. Der bequemste ist 3. von Jenbach 
und Pertisau durch das Gernthal über das Blumesjoch zur 
Hagel hütte. 4. Ueber Seefeld nach Scharnitz und von da durch 
das wild-romantische Karwändelthal und die Hochalpe, die 
colossalen Rückwände des Hinterauthales zur Rechten, in das 
liebliche Johannesthal, aus dem man mit einem unvergleichlichen 
Niederblick auf die grüne Au des Neunerhauses hervortritt und 
unmittelbar zu Schloss und Kirche geführt wird. 5. Endlich der 
nächste von Schwaz aus über das Lamsenjoch. Er steht keinem 
der andern an- Grossartigkeit nach; wir würden ihm fast dön 



Die Hhitenis3. 1S5 

Vorzug geben, weil er gleich zur Perle der lliss, in die Enge, 
fuhrt. Der Weg geht über Fiecht nach (leorgcnberg zu (wer 
CS nicht vorzieht, steil aufwärts über die Kanzel zu gehen) bis 
zum Hofe Weng, bei welchem man links aufwärts am Bauhof 
vorüber zur Stallenalpe unter dem gewaltigen Ilochnisscl ge- 
langty mit reizenden Blicken in das Stallenthal und auf Georgen- 
berg. Von der Alpe steigt der Pfad durch die wilde Schutthalde 
der Marzan auf das Lamscnjoch an der I^amsenspitzc vorüber, 
von wo das Falzthurnerthal , mit der Grameialpe zu Füssen, 
einen schönen Einblick in's Achcnthal gestattet; dann über die 
Binsalpe abwärts zur Branntwoinhütte in der wunderlieb- 
Jichen Enge. 

Wir haben auf die so wenig gekannte und genannte Riss 
ausführlicher aufinerksam gemacht, und glauben des Dankos 
eines Jeden, der sie in Folge dessen besuchen sollte, zum voraus 
uns versichert halten zu dürfen. Alles, was Körper und Geist 
zu erfrischen, zu stärken, zu erheitern vermag, das l)ietet sie in 
reichlichem, ungeahntem Maassc. Waldi)artien, an denen die 
Biss fast unerschöpflich ist, dürften wol nirgends anderswo in 
solch' wundervoller Pracht und Schweigsamkeit, in solch' mei- 
lenweiter Ausdehnung zu iinden sein. Die gesundeste, reinste, 
vom Waldesduft und den würzigsten Alj)enkräutern durch- 
tränkte Luft lässt das Athmen kaum liilihMi; überall das kr>.st- 
lichstc Wasser; an erhabenen Naturscenon vom Lieblichen bis 
2um Grossartigen, Majestätischen und Schauerlichen der Hoch- 
gebirgswelt eine endlose Abwechshuig. Nur die (Uetscher fehlen. 
Das trunkene Auge kann sich an alF den Reizen nicht satt 
sehen. Dazu die fast erdrückende Einsamkeit, die doch anderer- 
seits wieder so wolthut. Und sollte Jemand eine trauliche An- 
sprache suchen, der wird sie in reicher Fülle bei den beiden 
liebenswürdigen P. P. Franziskanern finden. Er kann in ange- 
nehmer Unterhaltung manche Stunde da verplaudern. Der tretf- 
Wehe heitere Superior mag ihm von seinen Wanderungen, 
seinen Erlebnissen erzälen, namentlich von dem neuesten Be- 
suche bei seinem ftirstlichen Gönner in Coburg, wo er, der 
schlichte Franziskaner, dem der Herzog die höchste Auszeich- 
nung zu Teil werden und jegliche Aufmerksamkeit überall er- 
weisen Hess, als er stets in der ftirstlichen Equipage dahinfuhr 
Und von hohen Würdenträgern begleitet war, beim protestan- 
tischen Volke die Meinung erregte, er müsse wol gar der Papst 
selber sein. An dem zuvorkommenden, herzgewinnenden, freund- 
lichen P. Thomas, der alle Wege und Stege in der ganzen 
Riss und weit ringsum bis in's Einzelnste kennt und in die ver- 
■^orgensten Schönheiten der Riss eingedrungen ist, dürfte der 



186 



Prof. Dr. Bernhard Jülg. Die Hinterriss. 



Wanderer und Bergsteiger einen durch nichts zu ersetzenden 
Führer und zutraulichen Begleiter finden. 

Auch fiir die Unterkunft ist in dieser menschenleeren Ein- 
öde bestens gesorgt. Das Wirtshaus des Forstwarts Neuner be- 
steht schon lange. Seit zwei Jahren ist aber auch das Wirtshaus 
beim Hospitium auf Anregung des hochverdienten Superiors 
durch Zubauten so erweitert und in Stand gesetzt worden, dass 
es eine bedeutende Anzal von Reisenden ganz bequem beher- 
bergen und verpflegen kann. Der gegenwärtige Pächter des- 
selben, Herr Josef Mayer, thut alles Mögliche, um seine Gäste 
zufrieden zu stellen. Wir können aus eigener Erfahrung durch 
längeren Aufenthalt jedem Besucher der Riss dieses Absteige- 
quartier beim Kloster, zugleich in unmittelbarster Nähe des 
Schlosses und im Mittelpunkt des ganzen Thaies, wo zugleici 
Ronn-, Thor- und nicht zu weit Johannesthal einmünden, mt 
das Vorteilhafteste emp feien. Und sollten je die Räume des 
Wirtshauses überfüllt sein, so kann der Wanderer der gast- 
lichsten Aufnahme im Franziskaner-Hospitium sicher sein. 



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iturwissenschaftliche Skizzen aus den 
Alpen von Berchtesgaden. 



Von Gustav von Bexold. 



Das Hochgebirge von Berchtesgaden nimmt in den nord- 
en Kalkalpen, welche die bayerische Hochebene im Süden 
;ränzen, durch gewisse Eigentümlichkeiten, die ihm vor den 
•igen Teilen der Gebirgskette den Charakter des Massenhaften 
l Erhabenen verleihen, eine hervorragende Stelle ein. 

An den inneren centralen Kern des Alpengebirges, an die 
genannten Central-Alpen, welche aus Granit, Gneis, Chlorit- 
iefer, Thonschiefcr und verwandten Gesteinsarten (Urgebirgs- 
Isarten) bestehen, lehnen sich bekanntlich nach Börden wie 
jh Süden (auf der nördlichen wie auf der südlichen Seite) 
chtige Gesteinsmassen in Nebenketten an, welche aus wesent- 
1 verschiedenem, nämlich aus kalkigem Gestein aufgebaut 
i und desshalb die nördlichen und südlichen Kalk-Alpen 
lannt werden. 

Die sandigen und leichter zerstörbaren Gebilde oder Sedi- 
ate in der flacheren Keupergegend Frankens sind in den 
)en durch die mit diesen gleichzeitig abgelagerten mächtigen 
Ikfelsmassen ersetzt. 

Wegen dieser abweichenden Gesteinsbeschaffenheit be- 
Anen die Fachmänner die Schichtencomplexe in den Alpen, 
vol sie mit ausseralpinen Bildungen von gleichem Alter und 
'gnostisch von gleicher Bedeutung sind, mit besonderen 
tnen. 

Anstatt von „Bundsandstein" spricht man in den Alpen 
i „Werfener Schichten", statt „Muschelkalk" gebraucht man 
Bezeichnung „Guttensteiner Kalk" u. s. w. 

Die Werfener Schichten (der alpine Bundsandstein) sind 
Träger jener merkwürdigen Steinablagerung des Berchtes- 
Iner Landes. 



188 Gustav V. IjczoM. 

Dieselben haben wegen ihrer leichteren Zerstörbarkeit 
hauptsächlich zu der tiefen Durchfurcliung und zu gewaltigen 
Zusammenbrüchen, welche sich in der Berchtesgadner Gruppe 
besonders bemerkbar machen, beigetragen. 

Ueber diese sandig-mergeligen Schichten thürmt sich ein 
ununterbrochenes Kalkmassiv auf, welches in einer Mäch- 
tigkeit von mehreren tausend Fuss in unendlich vielen einzelnen 
Ijagen oder Schichten bis zu den Spitzen aufsteigt. Man erblickt 
diese hohe Kalkwand am besten von Saalfelden oder vom Leo- 
gang-Thal aus, da sie hier aus dem Thalgrunde bis zu dem 
höchsten G ebirgsplateau des steinernen Meeres oder der Stein- 
berge sich erhebt. 

Diesem harten Kalksteine sind nur in beschränkten Par- 
tien sogenannte Liasische Kalke, welche sich durch rothe Fär- 
bimg auszeichnen, und leicht verwitternde Liasmergel aufgela- 
gert, welche im Contraste mit den zackigen Kalkbergen zwi- ■ 
schon denselben die grasreichen fetten AVeiden und die sanften 
geneigten Flächen bilden. 

Im Ganzen und Grossen sind diese ungemein mächtigen 
Kalkfelsmassen, (der plattenfiinnige Dachsteinkalk) die Veran- 
lassung, wesshalb das Hochgebirge zwischen Saalach und Salzach 
zu geschlossenen Massen von würfelähnlichen Umrissen sich aus- 
bildete, wärend die übrigen Hochgebirgstcile Bayerns langge- 
zogene Rücken und Ketten darstellen. 

Abgesehen von der materiellen Beschaffenheit des Gesteins 
kömmt noch ein anderes Moment in Betracht, welches bei der 
äusseren Gestaltung der Berge, wie wir sie jetzt vor uns sehen, 
von wesentlichstem Einflüsse war. 

Die in dem Gesteine eingeschlossenen zalreichcn Ueber- 
re-ste von Meerthieren, welche bald als Corallen, bald als Ammons- 
hörner, Schnecken und Muscheln in mannigfachen Arten ver- 
steinert aufbewahrt liegen, und welche auf den höchsten Punk- 
ten des Gebirges (Spitze des Watzmann, Hochkalter, Hoher 
Göhl etc.) vorkommen, beweisen, dass in früheren Zeiten über 
dieser Gegend ein Meer ausgebreitet war, in w^elchem sich in — 
nach und nach am Boden übereinander abgesetzten — Abla- 
gerungen luizälige Gesteinsbänke erzeugt hatten. 

Es ist nicht anzunehmen, dass in irgend einer früheren 
Zeitj)eriode der Erdbildung die Fluten des Meeres so hoch 
emporgeragt hätten, dass sie die höchsten Gipfel der Kalkalpen 
bedeckten. 

Auch widerspräche eine solche Annahme der allgemeinen 
Erfahrung, dass Massen, welche sich aus einer Flüssigkeit nie- 
derschlagen, abgesehen von der Unebenheit des Bodens^ sich 
bestreben, eine nahezu horizontale Ausbreitung zu gewinnen, 






Natiirwisscuseliaftliche Skizzen ans lien Alpen von Bcrelitcsgaden. 189 

vie denn auch alle Gesteinsbilduiigcu eine nahezu horizontah* 
Schichtung besitzen. 

Wo daher an der St(;lle solcher Ilorizontalität eine steile* 
Aufrichtung der Sedimentgebilde wahrzunelinien ist, da muss in 
üiner Zeitperiode nach ihren ursprünglichen Al)lagerungen eine 
■Störung eingewirkt haben. 

Die unterirdischen Kräfte, welche wir noch heut zu Tage, 
venn auch in minder augenfälliger AVeise, bei der Erliebung 
/on Landesstrecken oder Conti nenten wirksam finden und welche 
äo häufig mit vulcanischen Erscheinungen verknüpft sind, haben 
jene ursprünglich auf dem Meeresgrund in liorizontaler Lage 
ausgebreiteten Schichten und Niederschlüge nach und nach bis zu 
den höchsten Höhen unserer Uerge emporgeschoben und gehoben. 

Nach der ganzen Configuration der Alpen begann diese 
Emporhebung mit dem Kerne des Gebirges, der sogenannten 
Oentralkette, wobei die nördlich und südlich angelehnten mäch- 
tigen Kalkmassen zum Teil mit emporgerissen, grcisstenteils 
aber zur Seite gedrängt oder geschoben wurden, um dem sich 
emporhebenden Hauptteile des Gebirges Raum zur Ausbreitung 
zu geben. Bei dieser Erliebung wurden die anscheinend unbe 
weglichen und unbiegsamen Kalkmassen zusammengeschoben, in 
ungeheuere Falten zusammengepresst und in jene riesigen Ge- 
wölbe gespannt, in deren durch spätere Zerstörung modificirteu 
Üeberresten wir jetzt die Spitzen der höchsten Bergcolosse vor 
lins sehen. 

Dass bei dieser Bewegung Zerreissungen, ]ierstungen und 
Zerspaltungen bis in das Innerste und in die Tiefen des Ge- 
birges erfolgen mussten, geht aus der Natur der Sache hervor. 

Zieht man hiebei die späteren Zerstörungen, die Auswa- 
schungen und die Wirkungen der Gletscher in Betracht, welche 
Jahrtausende hindurch an der Erweiterung der Klüfte zu Was- 
serriunen und Thälern ununterbrochen arbeiteten, um mit dem 
abgelösten Trümmerwerke die vor den Alpen ausgebreiteten 
Untiefen auszufüllen und einzuebnen, so treten die Formen 
^mer deutlicher und bestimmter hervor, welche die Kalkbergc* 
dermalen angenommen haben. 

Nach diesen Andeutungen über die allmälige Gestaltung 
"^nd Entwicklung unseres Hochgebirges wollen wir an einigen 
Beispielen die mannigfachen Gruppirungen der Berge und ihre 
Wechselnden Formen noch näher zu erläutern versuchen. 

Unter den vielen Punkten, welche eine vortreffliche Aus- 
geht in die Berge bieten, gestattet keiner einen klareren und 
oJIständigeren Ueberblick über die Structur und den Aufbau 
er grossartigen Berchtesgadner Gcbirgsgruppen, als der soge- 
mnte todte Mannsborg bei Illsank. 



190 Gustav V. Bezold. 

Südwärts erheben sich vor uns aus riesenhaften Unterla- 
gen die schneidigen Spitzen des grossen und kleinen Watzmanu 
zu majestätischen Felspyramiden, die wir schon aus weiter Ferne 
als die Wahrzeichen des Berchtesgadner Landes zu begrüssen 
gewohnt sind. Deutlich erkennen wir an den Streifen und 
Parallellinien, welche eine über der anderen, gleich den Fugen 
an einem Mauerwerke hervortreten, dass der gewaltige Berg- 
coloss aus unendlich vielen Gesteinsbänken aufgebaut ist, und 
dass alle diese Bänke nach einer Richtung hin dem gegen links 
in der Tiefe liegenden Königssee sich zuneigen. 

Auf der anderen Seite, zur Rechten, ragen die wildzacki- 
gen Spitzen des Steinbergs und Hochkai ters empor, aufgethürmt 
aus ähnlich geschichtetem Gesteine, dessen Lagen jedoch in ent- 
gegengesetzter Richtimg zum Thale der Ramsau neigen. 

Mitten zwischen diesen Bergriesen klafft die enge und 
tiefe Spalte des Wimbach^s, von zerrissenen Rändern eingefasst 
und erst an dem entfernteren Hundsödgebirgc in einem weite- 
ren Kessel sich ausdehnend und abschliessend. 

Hier ist deutlich zu erkennen, dass das Watzmann- und 
Hochkaltergebirge ein grosses zusammenhängendes Schichtenge- 
wölbe darstellte, welches bei der Erhebung auf seinem Scheitel, 
wo die Spannung am grössten war, in der Mitte bis tief in 
seinen Unterbau zerbarst. Durch die Zerstörung von Jahrtau- 
senden, welche die Spalte nach und nach erweiterte, entstand 
endlich jener tiefe Einriss, welcher in seiner jetzigen Erosions- 
form das Wimbachthal darstellt. 

Es zieht uns an, das wilde, zerklüftete Gebirge im Hin- 
tergrunde des Wimbachthaies, da, w^o es sein Wasser aus zal- 
reichen Stein-Reissen (oder Rissen) zu sammeln beginnt, in der 
Nähe zu betrachten. 

Die sogenannte Hirsch wiese, oberhalb der Alpe DriscluK 
gestattet einen freien Blick über diesen Gebirgsteil, der sieb 
zwischen Hundsöd und der Hocheisspitze ausdehnt. Der schützen- 
den Decke des den Hauptdolomit überlagernden Dachsteinkalkö 
beraubt, ist dieses Gebirge in Folge der unaufhaltsam fortschrei- 
tenden Ausnagung in unendliche Nadeln, Spitzen, Hörner und 
Schneiden zertheilt, und von Schluchten, Spalten und Gruben 
nach allen Richtungen derart durchzogen, dass man kaum weiss, 
wo man den Tritt hinlenken soll, um sicheren Fuss zu fassen. 
Die von diesem zerrissenen Gebirge herabziehenden, dem Wim- 
bachthale zugewendeten Erosionsspalten, unter welchen der soge- 
nannte Seilergraben die grossartigste Spalte ist, sind haushoch 
mit Schutt und Trümmerwerk erfüllt und liefern den augen- 
scheinlichen Beweis der grossartigen Zerbröckelung des GebirgeiJr.j 
welche heutzutage fortdauert. 



Nciturwissenscliaftlichc Skizzen ans den Alpen von Herclitesgaden. 191 

Am Fusse des iDrcitkuppigen grossen Ilundsöd sind die 
mehr ebenen, kesselformig vertieften Hundsödgruben mit Dolomit- 
sand fast ausgefüllt. 

Blicken wir von der Hirschwiesc rückwärts nach Nord 
und Nordost, so erhebt sich unmittelbar vor uns die südliche 
Spitze des Watzmanngebirges (Schönfeldspitze genannt), aus 
mächtigem Dachsteinkalk und Plattenkalk, Schicht auf Schichte 
aufgebaut, welche Schicliten in unendlicher Wiederliolung nach 
beiden Seiten hin scharf abgebrochen in einem scharfen Grat 
zusammenlaufen. 

Dieser Abbruch senkt sich bis zu der dem Wimbaclithale 
entsprechenden tiefen Spalte nieder, welche die dunklen Ge- 
wässer des Königssee's in sich schliesst. Jenseits des Königs- 
see's steigen aufs Neue die Kalkfelsen in fast gleich senkrech- 
ter Wand auf als unzweideutige Fortsetzung des Schichtengc- 
wölbes, welches vom Watzmann hinüber zur liegen- Alpe reicht, 
und nur durch den tiefen Spalt des Königssee's durchschnitten wird. 
Deutlich erkennt man in der Watzmannscharte zwischen 
dem grossen und kleinen Watzmann und an dem letztern selbst 
die abgesprengten Ecken des auseinander geborstenen Stein- 
gewölbes; dieselben stehen in vielen mächtigen Hörnern, 
welche das Volk scherzweise die Watzmannkinder nennt, scharf 
hervor, fallen mit allmäliger Schichtensenkung der Thalfurche 
der Königssee-Achen zu, und reichen über diese hinüber dem 
Jenner und den Felsmassen an der Gotzen-Alpe die Hand. 

Oestlich schliesst sich ein zweites Gewölbe an, das vom 
hohen Göhl südwärts fast bis zu dem steinernen Meer sich 
ausdehnt. 

Auch über die Gesammtheit dieses weit verzweigten Ge- 
hirgsstockes gewährt der Standpunkt auf dem Todten Mann 
einen höchst belehrenden Ueberblick. Man erkennt hier den 
scharfen Gegensatz zwischen den sanftgewölbten Bergen, welche 
nordwärts vom Göhl und Göhlstein die weichen, leicht zersetz- 
baren Mergel- und Schiefergebilde der Neocom- und Juraschich- 
ten des Bossfeldes in Folge der Verwitterung erzeugten, und 
zwischen den schroffen, zackigen Kalkfelsen, in welchen das 
Göhlgebirge plötzlich emporsteigt. 

Der hohe Göhl bildet das blasenartig aufgetriebene Ende 
eines Langgewölbes, welches an dieser Stelle plötzlich sich ein- 
biegt und durch eine bis zur Scharitzkehl ausgetiefte weite 
Spalte zersprengt ist. 

Die Bogen dieses Langgewölbes spannen sich sodann in 
- <ler dem Ende entgegengesetzten Richtung über das Hochbrett, 
^en Schneibstein, den Fagstein und Kallersberg in mannigfachen 
Windungen aus. Querspalten und Brüche, welche das Gewölbe 






192 Gustav V. BezoM. 

zertheileii, erzeugten an den Aufbruchswäuden und vorragenden 
Ecken zalreiche Einzeln-Spitzen, Kuppen, Gräte und Schneiden, 
an welchen dieser Teil des Gebirges so reich ist. 

Alle diese Gebilde tragen oben einen weiten Mantel von 
oft blendend weissem üachsteinkalk, mit schön roth gefärbtem 
Liaskalk verbrämt, der mit den zierlichsten Thier- Versteinerun- 
gen (Gipfel des hohen Gohl, Fagstein, Kailersberg etc.) be- 
deckt ist. 

Gegen unten ist dieses Kleid von jenen grauen Lias-Fleeken- 
kalken eingefasst, durch deren leicht erfolgende Verwitterung 
ausgeebnete Flächen oder sanfte Gehänge sich bildeten. 

Diese Flächen oder Flecken mitten in dem schrofl&ten 
Kalkgebirge, sind es nun, welche mit dem saftigsten Grün und 
den kräftigsten Alpenkräutern sich bedecken und auf solche 
Weise die ergiebigijten Alpenweiden bilden. 

Ihnen allein verdankt das Berchtesgadner Ländchen den 
Alpensegen einer Götzen-, Regen-, Priesberg-, Herrnrain-, Küh- 
rain-Alpe u. a. m. Wo inmier selbst nur die kleinsten Flecke 
dieses Gesteins ausgebreitet sind, da zeigt sich — iu den fiu'cht- 
barsten Steinwüsten — ein gininer Platz, welcher in dem ent- 
legensten Hochgebirge wenigstens einer Schafalpe eine Stelle 
anweiset, wie diess z. B. bei der Wild-Alpe am Blassen Hund 
oder der Schönbüchler Alpe im steinernen Meere der Fall ist 

Treten wir mitten in diesen den Ostrand des Berchte«- 
gadner Kessels umschliessenden Hochgebirgskranz, so kann kein 
Punkt gefunden werden, welcher leichter zugänglich und geeig- 
neter wäre, als der Jenner, um uns die Wunder jener Gebirg»- 
weit aus der nächsten Nähe beschauen zu lassen. 

Weithin schweift unser Blick über die (istlichen Fels- 
colosse, welche in einer langen Kette sich aneinander reihen. 

Diese Kette wird in auffallender Weise durch einen tiefen 
Einschnitt — eine Scharte — unterbrochen, über welche ein 
Steig in das Gollinger Gebirge führt. Eingerahmt von dem 
Hochbrett und dem Schneibstein gestattet die Schai'te einen 
Ausblick auf die fernen Ischler und Hallstädter Alpen und ge* 
"Währt auf solche Weise ein schönes Gebirgsbild. In der Tiefe 
des Sattels verrät das schwarz gefärbte Gestein, das hier auf- -^ 
ragt, die Eigentümlichkeit dieses Einbruches, in dem durch eine 
grossartige Spalte die tiefsten Lagen der Gebirgsschichten, der 
sogenannte Guttensteiner Kalk (alpiner Muschelkalk) hoch empor- 
geschoben und selbst Gyps führende Schichten zn Tag geför- 
d(n't wurden. 

Diese Scharte wird das Torrener Joch genannt. 

Wendet man auf dem Jenner den Blick nach Süden und 
Südosten, so tritt die ganze Reihe der Bergriesen vom Kallers- 



Naturwissenschaftliche Skizzen ans den Alpen von Berclitcsgadcn. 193 

jerg über die Teufelshörncr, den Funtcnseetauern und das stei- 
leme Meer bis zum Watzmann (Südwest) so unmittelbar vor 
\ugen, als könnte man alle diese auf Tagereise weit entfernten 
Spitzen und Kuppen mit der Hand greifen. Von den verschie- 
lenen Einschnitten und Thalengen, welche in grosser Zal in 
iieses Kalkmassiv einschneiden, bietet sich von diesem Stand- 
punkte dem Blicke zunächst nur die tiefe Spalte, welche der 
^önigssee im Grunde ausfüllt, in herrlicher Weise dar. 

Will man über die sehr verwickelten Structurverhältnisse 
äer in der äussersten Ecke gegen Südosten sich zusammen- 
drängenden Bergspitzen in's Reine kommen, so scheue man den 
allerdings beschwerlichen Weg auf den Kailersberg nicht, wel- 
cher eine der interessantesten Gebirgsfernsichten darbietet. Im 
Süden glänzt in majestätischer Ruhe das grosse Schneefeld der 
ül) ergossenen Alpe in dem wunderbaren Blau des Gletscher- 
eises, welches an den plötzlich steil abfallenden Rändern wie 
ein Band hinzieht und nach oben allmälig mit dem blendenden 
Weiss des ewigen Schnees verschmilzt. Dieses bedeutende 
Schneefeld, dessen Begehung die Mühe eines Tages erfordert, ist 
ein Gletscher im eigentlichen Sinne des Wortes; aber ring» 
eingefasst von hohen Felsrändern und über eine fast ebene 
Fläche ausgebreitet, zeigt es weniger die Beweglichkeit, und 
das rasche Abnehmen und Wachsen, welches den Gletschern 
auf steiler Unterlage einen so eigentümlichen Charakter ver- 
leiht. Die übergossene Alpe ist ein eingespannter, eingerahmter 
Gletscher fast ohne Bewegung und auf seiner nur schwach ge- 
wölbten Oberfläche hoch mit Schnee und Firn bedeckt, in- 
dessen nicht ohne Spalten und Zerklüftungen, welche sein Be- 
gehen einigermassen beschwerlich, ja selbst gefahrlich machen. 
In der Tiefe der Spalten, wie an den steil abgebrochenen hohen 
Rändern tritt das Gletschereis mit Macht und deutlich hervor. 

Westwärts lehnt sich dieser Gletscher an jene unstreitig 
^ossartigste Gebirgsbildung unserer Hochalpen an, welche man 
üu Ganzen als das „steinerne Meer" bezeichnet. Vom Kallers- 
berg überblickt man nur kleinere Teile dieses Plateaus, weil 
ier hohe scharfschneidige Rücken des mit rothem Liaskalk bunt 
Jefarbten Fundenseetauem, quer davor gelagert, den Blick ver- 
irrt. Von den verschiedenen Standpunkten aber, welche einen 
ueberblick über das Ganze gewähren, wie Watzmann, Hundsöd, 
^xmdenseetauem und Anderen ^eigt sich immer der nämliche 
Charakter: ein chaotisches Felsenmeer mit unzäligen Spitzen, 
Sacken, Gräten, Schneiden, welche einer vergleichsweise fast 
'benen hohen Gebirgsplatte von grossem Umfange aufgesetzt 
'iüd. Die zalreichen, zwischen den Einzelnspitzen und vertieften 
dulden ausgebreiteten grossen und kleinen Schneeflecken ver- 

13 



194 Gustav V. Bezold. 

einigen sieh im Bilde mit der eigentümlichen Natur der Pflanzen- 
welt, um den Charakter einer hochnordischen Landschaft bis in das 
Einzelnste abzuspiegeln. Nur wer in Mitte dieses Felsengewirres, 
etwa von der Spitze des am nördlichen Rande kuppenförmig erhöh- 
ten Viehkogels auf das Unermessliche dieser Wildniss geschaut oder 
Tage lang durch dieselbe, nicht auf den gewöhnlichen Steigen, 
sondern quer durchzudringen versucht hat, kann sich eine rich- 
tige Vorstellung von dem überwältigenden Eindrucke machen, 
welchen eine solche gigantische Entfaltung der Natur selbst auf 
den nüchternsten Menschen auszuüben im Stande ist. Es sind 
zallose , in wilde Karrenfelder zerrissene Steinflächen, zwischen 
welchen einzelne Spitzen und Hörner aufragen, von ferne wie 
ein hochwogendes Meer anzuschauen, mit jedem Schritte vor- 
wärts von tiefen Spalten durchzogen und von zerbröckelten 
Felsblöcken überschüttet. Hier öffnet sich eine enge Kluft und 
zwingt uns, in dieselbe niederzusteigen, um einen Durchgang 
zu suchen; dort stossen wir auf trichterförmige Vertiefungen, 
über deren in spitze Schneiden abgebrochene Wände man müh- 
sam hinab und auf der andern Seite wieder hinaufklettern muss. 
Wenige Schritte weiter schneiden Spalten den Weg ab, welche 
zu weit, um mit einem Sprunge über sie hinwegzukommen, zu 
tief, um in sie hinabzusteigen, uns oft zu einem halbstündigen 
Umweg nötigen. Oder es thürmen sich wallartige Felsen auf, 
welche, von der Ferne gesehen, wie Steinhaufen erscheinen, in 
der Nähe aber zu hohen steilen Bergrücken anschwellen und, 
wenn sie überstiegen, nur zu neuen, nicht übersehbaren Stein- 
flächen den Zugang öffnen. Die fast jede krautartige Pflanze 
entbehrende, wasserleere Oede wird selbst von der Gemse ge- 
mieden. Nur wo das Vorkommen liasischen Fleckenmergels die 
Anhäufung lettenartigen Bodens in den Vertiefungen möglich 
macht und das Ansammeln von Feuchtigkeit begünstigt, breiten 
sich grüne Weideflecken aus, die, inmitten der Felsenwüste 
eine Oase, nicht unbenutzt bleiben. Hier begegnen wir den 
letzten höchstgelegenen, nur von Schafen oder wärend weniger 
Wochen im Hochsommer von Jungvieh beweideten Hoch- oder 
Wildalpen, deren Hütten, Steinhaufen mit wenigen Brettern 
überlegt, der ermüdete Wanderer trotz der Dürftigkeit xmd de« 
Schmutzes freudig begrüsst. Selbst die genügsame Latsche ist 
hier verschwunden und nur hie und da begegnen wir der geiste^ 
haften Gestalt einer halb abgestorbenen Zirbe, welche dem dr^^ 
vierteljährigen Winter dieser Höhe Trotz geboten hat. 

Wir empfelen den leicht zugänglichen Felskegel des Vieli- 
kogels Demjenigen, welcher das grosse Steingebilde der Berchto- 
gadner Alpen in einem Zuge vereinigt überblicken möchte, 
Jenseits des um den Beschauer ausgebreiteten steinernen Meere» 



Naturwissenschaftliche Skizzen aus den Alpen von Berchtcspraden. 19S 

steigt in südwestlicher Richtung die dpmförmige Kuppe de» 
grossen Hundsöd empor, an dem der leicht zerbröckelte Haupt- 
dolomit in endlosen Zacken hoch emporzieht. Rechts schliessen 
sich als Fortsetzung des steinernen Meeres die Dachsteinplatten 
der Gjaidköpfe an, an welchen die tiefe Einbruchsspalte ihre 
letzte Kraft vergebens versuchte, während die dolomitischeit 
Hachelköpfe, des schimmernden Kalkdaches beraubt, w^ider- 
standslos der Zerstörung verfallen sind. Der Einschnitt bahnt 
sich hier einen Weg in das Innerste des Felsenmassivs bis zu 
der tiefen Kluft der sogenannten Saugasse und noch weiter bis 
zu dem Kessel des Königssee's. In dieser Richtung schweift der 
Blick bis in die Hochebene und an die schwachgewellten Hügel 
des Alpen- Vorlandes und gewährt, eingerahmt zwischen Watz- 
mann und Untersberg einer- und dem hohen Göhl andererseits, 
die stärksten Contraste. 

Vom Göhl und der anschliessenden Kette bis zum Kallers- 
berg erinnert nochmal das saftige Grün der zalreichen Alpen, 
die wir in buntem Kranze den schroffen Felsen angelehnt er- 
blicken, an den Segen, welchen die grauen Liasgesteine über 
dieses Gebirge ausgestreut. Deutlich erkennt man die Kluft, 
welche den Obersee und die Fischunkel in sich schliesst. In 
senkrechter Wand erhebt sich der Kalk zum Sagereck und 
Simetsberg, um dann in massig ansteigender Wölbung bis 
zum Funtensee tauern und dem steinernen Meer mit dem Haupt- 
gewölbe sich zu verbinden. 

An dem Funtenseetauern glänzt uns der rothe Marmor 
des Lias entgegen. Auf seinem Südgehänge fallen die mächtigen 
Dachsteinplatten in fast gleicher Neigung mit dem Gehänge 
terrassenförmig bis zu dem Stuhlgraben und Hahnenkamm ab, 
in dessen schwarzem Gesteine die letzte höchste Hebung des 
lilpinen Muschelkalkes, ja ^selbst noch Spuren des Salzgebirges 
zum Vorschein kommen. 

Nachdem der Anblick des Hochgebirges uns unaufhaltsam 
tiefer und tiefer in dieses hineingelockt, kehren wir zu dem 
Standpunct des Todtenmannsberges zurück, um die begonnene 
Bundschau 'zu vollenden. 

Die Gesämmtgliederung und Ordnung der Gesteinsschichten, 
irie wir sie in dem südlichen Hauptstock erkannt, wiederholen 
«ich in den durch mehrere Zerspaltungen fast isolirten kleineren 
Stocken des Untersberges und des Reuteralp-Gebirges. 

Das Achenthai gegen Osten und der spaltenartige Ein- 
schnitt von Berchtesgaden über Bischofswies und Hallthurm 
nach Süden und Westen lösen den Untersberg von dem übrigen 
Oebirge völlig ab. Er erhebt sich gegen Norden ohne vermit- 
telnde Vorberge plötzlich aus einer fast ebenen Fläche, ist aber 

13* 



196 Gustav V, Bezold. 

in seinem Gebirgsbau mit den übrigen Gruppen identisch. Das 
Gewölbe 9 aus dem er aufgebaut, neigt sich gleichmässig nach 
Westen und Norden; gegen Osten ist dasselbe abgebrochen und 
grösstenteils zerstört. 

Die äussersten höchsten Zacken der zerbrochenen Gewölb- 
kuppel bilden die Spitzen des Hochthrones, von welchem 
aus längs der Abbruchslinie die scharfe Schneide bis zum soge- 
pannten Geschirrkopf verläuft, während ostwärts in fast senk- 
rechter Wand der Abbruch bis, in die Tiefe des Achenthaie» 
(Königsseer Ache) niedersetzt. 

Hier ist es der leicht zerstörbare Hauptdolomit, welcher 
als Gebirgsfundament, in endlosen Zacken zugespitzt, zu ein- 
zelnen Vorbergen sich zusammenhält; oben darüber breitet sich 
eine mächtige Dachsteinkalkplatte aus, welche, fleckweise von 
rothem Liaskalk überlagert, ein steinernes Meer im kleineren 
Maasse darstellt. 

Jenseits des Hallthurmes steht dem Untersberg das Latten- 
gebirg zur Seite. 

Das Reitalpgebirge ist endlich der äusserste Vor- 
posten, welcher die Eigenartigkeit der Berchtesgadner Alpen 
einzuleiten beginnt. Denn jenseits desselben erhebt sich sofort, 
statt in geschlossenen breiten Bergplatten (Plateau) das Kalk- 
gebirge in schmalgrätigen Ketten, die in paralleler Anordnung 
von da an westwärts die ganze Gebirgsform beherrschen. 

Das Reitalpgebirge selbst, in welchem der die plattenför- 
mige Umgestaltung der Kalkalpen bedingende Dachsteinkalk 
zuerst in grosser Mächtigkeit sich entwickelt zeigt, ist, wie der 
Untersberg, von allen Seiten durch Spalten und Einschnitte iso- 
lirt und von einem nur schwach gewölbten Kalkdache ' bedeckt, 
ohne dominirende Einzelnerhebung. Obwol rings an dem Rande 
von einem £a*anz von Spitzen und Zacken umsäumt , fehlt ein 
Hauptgipfel. Dabei tritt die Eigentümlichkeit hervor, dass die 
Platte gegen Innen stellenweise muldenförmig eingebogen ist 
und jüngere Procänablagerungen, wie im t«attengebirge, in sich 
aufgenommen hat. Als Fundament des Dachsteinkalkes tritt 
ringsum der Hauptdolomit zu Tage. Seiner starken Zerstörung 
ist es zuzuschreiben, dass, mehr als in irgend einem anderen 
Gebirgsteile, das Reitalpgebirge in den steilsten, höchst schwierig 
zu ersteigenden Gehängen sich erhebt. Es gleicht daher, BXß 
der Ferne betrachtet, einem Würfel, und könnte ganz besonder» 
als Typus der Gebirgsgestaltung der Berchtesgadner Alpen 
gelten. 



Natnrwissenschaftllclie Skizzen aus den Alpen von Berchtcsgaden. 197 

Nach diesen Erläuterungen, welche wir den gefälligen 
;teilungen des in der gelehrten Welt und als Fachmann be- 
inten k. Bergrates und Professors Dn Gtimbel verdanken, 
üben wir noch einige weitere Notizen in Bezug auf die 
hen Verhältnisse , dann die Vegetation in diesem Teile des 
rerischen Gebietes beifugen zu sollen. 

Die Angaben der Höhenpunkte sind dem Werke des ver- 
:benen Professors der Botanik in München, Dr. Otto Sendtner, 
jr die Vegetationsverhältnisse Südbayerns entlehnt. 

Die mit einem Elreuz (f) bezeichneten Höhenangaben 
i trigonometrisch, die übrigen barometrisch gemessen. Das 
ass ist der Pariser Fuss. 

Berchtcsgaden 1765 

Blau-Eis am Steinberg, unterer Rand . . . 5734 

Blienfeachthälerl-Sattel 6223 

Eiskapelle bei St. Bartholomä 2586 

Fagstein, Gipfel f 6668 

Falzalpe, am Watzmann . f 5166 

Fundensee, obere Alpe 5675 

Fundenseetauern, Gipfel 7888 

Ojaidköpfe 7353 

Götzen Kreuz-Eck f 5345 

Guglalpe am Watzmann, mittlere Hütte . . 4823 

Halsalpe 4840 

Hanauer Laubalpe 5735 

Hintersee Wirtshaus 2443 

Hirschbühel, Mooswacht 3537 

„ grosser, Strassenhöhe .... 3656 

Hochbrett, Gipfel t 7216 

Hoch-Eisspitzo f 7750 

Hochkalter, Gipfel 8065 

Hochlahfeld, Gipfel f 6347 

Hundstod, Gipfel f 8003 

Jenner, Gipfel 5806 

„ t 5782 - 

Kallersberg, Gipfel f 7233 

n 7262 

nach Anderen 7432 

Kammerlinghorn, Gipfel ...;... 7644 

Königsbergalpe 4924 

Königssee 1856 

Mühlsturzhörner, Scharte zwischen Stadlhom 

und Spitzhörnl 6290 

Mühlsturzhörner (Spitzhörnl) Wagenristelhorn, 

Gipfel 6958 



198 Gustav V, Bezold. 

Mühlsturzhömer (Stadlhorn) ...... f 6990 

Oberlahner ELaser 4322 

Priesberg-Alpe f 4503 

Ramsau (Wirtshaus) 2030 

Reitalm (Priegelkopf) 6400 

„ obere Schwegelalpe 4472 

Röthwand (in Fischunkel, dritte Rast auf der 
Leiter), Höhe, von welcher der Wasserfall bis 
zum Fuss in derFischunkel (l 625' hoch) stürzt 3837 

Rothwand, vierte Rast 4231 

Sagereck-Alpe 4124 

Saugasse, unteres Ende 3167 

„ oberes Ende an der Mauer . . . 4004 

Scharizkehl-Alpc . . . 3162 

Schneibstein 6966 

Schneiber, Sattel v. Schönbühel nach Trischibel 6700 
Schönbühel-Alpe am steinernen Meer . . . 5737 
Schwarzbachwacht, Brunnhaus . . . . • 2728 
Steinernes Meer, Sattel vom Fundensee nach 

der Schönbühel-Alpe 5968 

Teufelshom, kleines f 6920 

„ grosses f 7253 

Torrener-Joch • . . 5293 

Trischibel-Alpe im Wimbachthal .... 5394 
Untersberg, bayerischer Hochthron . . . 6069 

nach Anderen 6276 

Viehkogl, am steinernen Meer f 6595 

Watzmann, vorderer Gipfel 8181 

„ mittlerer „ f 8434 

„ Schönfeldspitze f 8398 

Wimbach, Jagdschloss 2894 

„ Griesalpe 4127 

„ Rast am Ende des Thaies . . . 4542 

Ferner ausserhalb der bayerischen Grenze liegende Hi 
henpunkte : 

Am steinernen Meer: 

Brandhorn 7748 

HoUermannshom 7118 

Hohenscharte 7195 

Hundstod, kleiner 7001, 7722 

Hirschkopf 6131 

Perseilhorn 7172 

Praghom am Diesbach 6618 

Buchauer Scharte 7O30 

Schindelkopf . 7324 



Katurwissenschaftliche Skizzen aus den Alpen von Berchtesgadcn. 199 

Schönfeldspitzo (Hoch-Zink) 7915 

• nach Anderen 8385 

Schottmalhorn 7603 

Seehorn 7147 

nach Anderen 7151 

Selbhorn 7910 

Weissbachscharte 6965 

Ewiger Schnee 9070 

Ueber die Vegetations-Verhältnisse Südbayems gibt das 
führliche Werk Otto Sendtnor's, München 1854, die detail- 
ästen Aufschlüsse. Indem wir hierauf verweisen, können wir 
in dem vorliegenden Falle auf einige allgemeine Bemer- 
igen und die Angabe von Standorten der eigentlichen Alpen- 
unzen von Interesse beschränken. 

In den bayerischen Alpen verschwindet in der obern Berg- 
ion bei einer Höhe von 4300' die Buche. Hior zeigt sich 
li die Birke, der Ahorn, die Eberesche und darüber die 
hte, Tanne, Spitzfeichte , das Gebiet der Alpenrose und des 
gian. 

Die Höhe von 5300' bezeichnet die Gränze des Waldes 
l Baumw^uchses. Lärche, Zirbelkiefer, dann die Legführe 
.tschej, letztere bis (3248'. 

Die obere Alpenregion mit Matte und Fels bewegt sich 
:8ehen 6100— 71(j0'. 

Die obere Gränze der oberen Alpenregion in der Höhe 
1 7100' fällt in den bayerischen Alpen mit der Schneegränze 
ammen. 120 Gefässpflanzen- Arten (Weidenarten) steigen noch 
3r 7000'. 

Die Schneeregion geht bis 8550', mit welcher Höhe das 
ich der Phanerogamen in Südbayern seine Gränze findet. 

Darüber hinaus beginnt die Region der Cryptogamen, 
ächten und Moose. 

Wir lassen für Freunde der Botanik aus einem Aufsatze 
dem Jahrbuche des Österreichischen Alpenvereines pro 18t>8 
er die Salzburger Gebirgsgruppe die Angabe einiger Stand- 
te folgen. 

Der Untersberg ist eine Fundgrube für Botaniker und seit 
)ppe unablässig durchforscht. Inzwischen ist hier auch der 
he Göll und das Brett zu erwähnen, welche insbesondere fei- 
nde Specialitäten bieten: 

Pttrocallis pyrenaica Ü. Brown. Chamaeorgis alpina R. 
yera hyoseridifolia K. Crepis Jacquini Taitsch, Hieracium 
milum J<icq, Aronicum Clusii Koch. Alchemüla fissa Schml.y 
'bescens M, B, Draha tomentosa [Vldb, Primnla minima L» 



200 Gustav V. Bezold. 

Ahine arcioides M. B. Doronicum austriacum W.j dann Oro- 
banche Scabiosae Koch. 

Im Pflugthal eine Anzal Madreporeuj im Göllsand fiis- 
llctiten. 

Vom Göhl bis zum Kallersberg eine wahre Heimat des 
Gnaphalium Leontopodium, 

Viel weniger Ausbeute bietet dagegen der Watzmann; 
sparsame Exemplare der Draba Sauteri etc. 

Das Thal vom Hintersee bis zum Hirsehbühel wurde von 
dem Botaniker Dr. Einsele gründlich erforscht und enthält dessen 
bei Apotheker Birngruber in Berchtesgaden hinterlegtes Manu- 
Script detaillirte Angaben. 

Auf dem Kammerlingshom wurde durch den k. Forst- 
Adjuncten v. Spitzel eine neue Species von Draba entdeckt 
(Draba Spiizelü Hoppe^ eine stark behaarte, vielblütige Draha 
Sauteri Peduncula pilosello differt,) 

Eine reiche Alpenflora bietet die Reitalpe, welche von 
Dr. Sieber aus Prag, Professor Friedrich Braun aus Bayreuth, 
Anton V. Braun, v. Spitzel aus München, Forstmeister FerckI 
aus Lofer und Apotheker J. B. Schönger aus München durch- 
forscht und beschrieben wurde. 

Am Hundstod kann man Sessleria microcephala^ Veratrm 
Lobellianumj Gnaphalium Leontopodtum^ Aronicum Clusiij Linaria 
alpinaj Horminum (melissd) pt/renaicum, Epilobium origanifolium^ 
Bellidiastrum Michelii, Draba Sauteri, Papaver burseri Crantz 
und Rhododendron ferrugineum sammeln. 

Detaillirte Angaben über die Gränze der Buche, des 
Trauben-Ahorn, der Fichte, der Lärche, der Zirbelkiefer, der 
Legföhre enthält das Werk von Sendtnei; S. 242 — 267; ferner 
über die verschiedenen Pflanzengränzen in den bayerischen Alpen 
eben da S. 372 — 402. 

Hinsichtlich der climatischen Verhältnisse des südbayerischen 
Plateaus können wir auf den ausführlichen Aufsatz verweisen, 
welcher sich in dem Werke „Bavaria", Bd. I, Buch I, Ziff. H, 
von W. C. Wittwer, S. 78—102, befindet, und welcher nach 
seinen allgemeinen Grundsätzen und Darlegungen auch für die 
Berchtesgadner Gruppe Anwendung findet. 

Vorstehenden Mitteilungen liegt nicht die Absicht zum 
Grunde, als Wegweiser für Touristen in der Berchtesgadner 
Gegend zu dienen. 

Hiefiir sind genaue und zweckmässige Anhaltspunkte in spe- 
ciellen Werken, insbesondere aber in dem neuerlich zu München 
1868 in der Lindauer'schen Buchhandlung in zweiter Auflage 
erschienenen sehr verlässlichen Buche von Th. Trautwein ent- 
halten. 



NatorwiBsenschaftliche Skizzen aus den Alpen von Berchtesgaden. 201 

Inzwischen möchten wir doch zum Schlüsse fiir Freunde 
r Natur einige Andeutungen darüber geben, wo und wie am 
Tolgreichsten ein Ueberblick über die interessanten Terrain- 
srhältnisse Berchtesgadens gewonnen werden könne. 

Hier bietet nun für Reisende, welche von Reichenhall den 
bönen Weg über Jettenberg, Schwarzbachwacht und Ramsau 
,ch Berchtesgaden einschlagen, der Gang auf der Soolenleitung 
massiger Höhe über dem Thalgrunde, die lohnendste Ansicht 
id die mannigfaltigsten Bilder dar. Bei dem Brunnenwerk 
sang kann der Besuch des Todten Mann mit der Tour ver' 
mden werden, der auch von Berchtesgaden leicht und bequem 
. erreichen ist und unter allen niedrigeren Stundpunctcn den 
jsten Ueberblick aller Hauptgruppen gewährt. 

Wer ausser den gewöhnlichen Partien nach dem Königssee 
id durch die Ramsau die eigentümliche und grossartige Natur 
5r Berchtesgadner Gegend kennen lernen will, versäume nicht 
Jn Besuch des Wimbachthaies, welches an Grossartigkeit mit 
m interessantesten Partien in Tirol und der Schweiz sich 
essen kann. 

Man kann von der Alpe Trischübcl, am Ende des Thaies, 
)er die sogenannte Hundstodgrube durch einen Teil des stei- 
amen Meeres die Funtcnsce- oder Feld- Alpe erreichen, welche 
n passendes Standquartier fiir den Besuch und die nähere 
enntniss der wildesten Region jenes Gebirges darbietet und 
obei die Besteigung des Viehkogels und, ftir gewandte Tou- 
Jten, des Funtenseetaucrn sich emi)fielt. 

Der Rückweg kann sodann entweder über die Ober- und 
aterlahner-, dann Schreinbach-Alpc oder über den Grünsee 
id die Halsalpe an der Sagereckwand herab nach dem 
5higssee genommen werden. 

In der Fortsetzung des Gebirgsstockcs vom Funtensee- 
uem bis zum hohen Göhl kann der etwas beschwerliche Kal- 
•sberg nächst der Rcgenalpe, sodann der bequem in einem 
Iben Tage zu erreichende Jenner empfolen werden. 

Beim Abschiede von diesem schönen Berglande kann man 
n Berchtesgaden durch die sogenannte Gern den Untersberg 
•erchtesgadner Hohe Thron, eine Tagestour) mit dem Rückweg 
rch die Bischofswies oder, als leichtere Partie, die sogenannte 
leufelspitze (Metzenloiten) besuchen. 

Den bedeutendsten Ueberblick des Ganzen aus der Höhe 
jd immer die bekannte Besteigung ^er vorderen Watzmann- 
itze gewähren, welche in keiner Weise mit Gefahr ver- 
mden ist. 



Eine Tour durch Kärnten und Tirol 



Von Alexander Scliadenberg. 



Im Anfang August 1867 folgte ich von Marburg aus der 
nach Kärnten führenden Flügelbahn, um diessmal die zwischen 
Kärnten und Krain sich aufthürmenden südlichen Kalkalpen 
wenigstens etwas näher kennen zu lernen, als diess früher auf 
der Rückkehr von meiner Herbstreise im Jahre 1864 hatte ge- 
schehen können. Ich war damals — aus Italien kommend — 
den Isonzo heraufgegangen, hatte sonach diese Kette nur in 
ihrer kurzen Achse am Prisenig vorbei mittelst der Trenta und 
des Kronauer Passes von Süden nach Norden gekreuzt und 
wurde durch die wilde Grösse ihrer Formationen so überrascht, 
dass ich es tief bedauerte, wegen Ablauf meines Urlaubes an 
so viel Schönem nur im Fluge vorübereilen zu müssen, und 
mich freute, das damals Versäumte jetzt zum Teil nachholen zn 
können. 

In der Station Künsdorf verliess ich den Bahnzug und 
gelangte von dort aus mittelst der Post auf der nach Süden 
führenden Landstrasse, welche hinter der Ortschaft Settersdorf 
zu einem wilden, im verjüngten Massstabe an die Via mala und 
die Lueg- und Ellammpässe erinnernden Schluchtenweg sich ge- 
staltet, nach dem belebten Hüttenorte Eisen-Kappel , von wo 
aus ich mit meinem 16jährigen Sohne mehrfache Ausflüge machte^ 
unter denen der Besuch des grossen Obir und der beiden 
Kotschna's zu meinen liebsten Erinnerungen gehört. 

Namentlich bot der Obir — oder: „die Obir", wie dij 
Bewohner in Kappel auch zu sagen pflegen, — dessen obeiei^i? 
Gipfel wir von Kappel aus gerechnet erst nach fiinfetünt 
allerdings sehr langsamem Steigen mit dem . ganz tüchtijg*! 
Führer Anton Pissinetz aus Kappel Vormittags 11 Uhr e^| 



f 



A. Schadenberg. Eine Tonr durch Kärnten und Tirol. 203 

reichten, nach Aufklärung des Anfangs nebelverliüUten Nord- 
iorizontes einen wunderpräcbtigen Ueberblick des gesegneten 
Kärntnerlandes. 

Obwol im Aufstieg das an dem Gewerkscliaftshause Fla- 
dem frei hängende Thermometer Früh nach 8 Uhr nur 137^® R. 
und die weiter hinauf unter dem Gipfel (Osterz) befindliche 
letzte Quelle — die kalte Quelle genannt — nur 6® It. zeigte, 
so brannte doch, als wir auf dem mit kurzem Grase und Kalk- 
blöcken bedeckten schrägen Gipfelplateau dicht an dem nach 
Osten halbmondförmig sich öffnenden Abgrunde uns lagerten, 
bei ausnahmsweiser Windruhc die wolkenlose Sonne mit süd- 
licher Glut auf uns hernieder und beleuchtete das ganze Drau- 
thal , in der Ferne " links die Thünne des deutlich erkennbaren 
Klj^enfurt und den schönen Wörther See, dessen nördliche» 
Waidbergufer im Fernglase sich in der Wasserfläche spiegelte 
und an dessen Südufer die Wallfahrtskirche Loretto mit ilu'er 
Waldumgebung ebenso deutlich zu unterscheiden war, wärend 
auf der entgegengesetzten Seite nach Südwesten die wilden Ko- 
schuttaketten und der über Alles hinwegragende Grintouz den 
Horizont begränzten. 

Fast drei Stunden verweilten wir auf dem eine ärm- 
liche Flora bietenden Gipfel, der in letzter Zeit sehr spär- 
hch besucht zu werden scheint; wenigstens enthielt das höchst 
verwahrloste, zerrissene Fremdenbuch des unter dem Gipfel be- 
findlichen Knappenhauses seit 1860 keinen Namen, und der 
Bieinige, den ich diessmal gegen meine sonstige Gewohnheit 
einschrieb, machte für 1867 wieder den Anfang. Auf dem 
Rückwege, den wir auf anderem Pfade über Zell und Ebriach 
nahmen, erfreute uns in der Waldregion vielfach der Duft der 
zallos wildwachsenden rosa- bis violetfarbenen Cyclamen-Arten^ 
Welche einen versöhnenden Gegensatz gegen die hie und da 
auch wuchernde unheimliche schwarze Belladonna darboten. 

Einen grossartigen Anblick gewährte mir Tags darauf der 
Besuch der beiden Kotschna's, der Vellacher wie der Seelander^ 
und beide Thalkessel — rings umgeben von einem in den Aether 
aufsteigenden Amphitheater wilder, in den Schluchten zum Teil 
Schneestreifen tragender Kalkzacken und Felsthürme — würden 
deines Erachtens einen dankbaren Stoff für die Hand des. 
Zeichners und Malers gewähren, namentlich die von rosafarbe- 
nen duftenden Cyclamen- Arten erfüllte und von weissen ApoUo's 
Sporitis Apollo) durchschwärmte Vellacher Kotschna, welche 
^Drigens durch ihre vielen ehemals belebten, jetzt aber nach 
^ufgeben des Abbaues verlassenen und verfallenden Berg- und 
Schmelzhäuser ein eigentümliches Gepräg© grösserer Verödung 
^^liält, als diess bei der Seelander Kotschna der Fall ist. 



204 A. Schadenberg. 

In dem höchst gelegenen, ebenfalls verfallenden, schon mit 
Gestrüpp umwachsenen, thür- und fensterlosen Berghause •— 
* an welchem vorbei wir mühsam den die beiden Kotschna's 
trennenden Bergzug zur „Sänger- Alp" hinaufkletterten — fan- 
den wir eine zerschlagene Bettstatt und ein Paar alte Berg- 
schuhe als die letzten Erinnerungen an das einstige, jetzt ver- 
stummte mühselige Knappenleben, dessen ernster Charakter mir 
recht lebendig vor die Seele trat, als ich Tags vorher die ver- 
witterte Gestalt des Steigers im Gewerkhause des Obir be- 
trachtete und im Herabsteigen den eintönig traurigen Gesang der 
erzwaschenden Frauen von den Halden herüber klingen hörte. 

Interessant war es mir, am folgenden Vormittage die sla- 
vischen Kirchgänger zu sehen, welche von dem geistlichen Con- 
curstage (einem grossen Frauentage) in Sulzbach nach Gallizien 
über das Gebirge heim Avanderten und in ihrer recht kleid- 
samen charakteristischen Tracht mit einem freundlichen „dobre 
jutro" oder „dobr dan" (guten Morgen — guten Tag) an uns 
vorüberzogen. Unter den weiblichen Wanderern waren mitunter 
frische, blühende Gestalten, und als ich ihnen durch meinen 
Führer sagen liess, dass sie „Leppa detschoa" (hübsche Mäd- 
chen) wären, da zeigten sie — tout comme chez nous — la- 
chende freundliche Gesichter, 

Nach mündlicher Mitteilung unseres Gastwirtes Oblasser 
in Kappel — welcher überhaupt sehr gefällig war und mir auch 
mehrere bei ihm vergessene und schon verloren gegebene Reise^ 
effecten später nach Gastein nachschickte — sollte an der Lehne 
des auf der Krainer Gränze in der Nähe von St. Leonhard 
liegenden Ushova-Bergzuges sich eine Stalaktitenhöhle befinden, 
von welcher übrigens andere Personen, auch Bergbeamte, die ich 
befragte, und ebenso auch unser bisheriger Führer nichts zu 
sagen wussten. 

Um sie aufzusuchen, wanderten wir durch das prächtige 
Felsendefil^ der „Leonhardsbrücke" bei -den einsam liegen- 
den Kirchlein „St. Leonhard" und (die Wasserscheide übe^ 
schreitend) „zum heiligen Geist" — deren Pfarrer und 
Messner, die vielleicht Auskunft hätten geben können, wegen 
des Concurstages auswärts waren — vorbei und wendeten ras, 
schon auf Krainer Boden, nach Sulzbach, wo uns der 
Pfarrer Janz, der sich übrigens sehr gastfrei und liebeoa- 
würdig benahm, zwar über die genannte Höhle auch keine 
Auskunft geben konnte, dagegen mich auf das nahe, schon 
früher gerühmte Logarthai mit seinem Rinka- Wasserfall auf- 
merksam machte, wofür ich dem wackeren Geistlichen sebr 
dankbar bin. Denn dieser prächtige ßinkafall — welcher im letsten 
Kessel des Logarthals hoch oben aus der röthlich gelben Kalk- 



Eine Tour durch Kärnten nnd Tirol, 205 

^w-and hervorbricht und nicht wie andere Fälle bloss an den 
Felsen herabstänbt, sondern gleich einer aus einem Dampfschlot 
liervorbrechenden, durch schwere Luft niedergedrückten Rauch- 
masse zuerst in der Luft einen obersten freien Bogen bildet 
uxid nach dem Auffallen auf einen ersten Absatz seine in eine 
Staubsäule verwandelten Wasser dann in noch zwei mächtigen 
^l)sätzen in den tief unten liegenden Kessel herabwirft — ist eine 
gajiz eigentümliche sehenswerte Erscheinung. Ich muss ge- 
stehen, dass mich die Grösse der Scenerie inmitten der riesigen 
Kalkschroffen tief ergriff; es überkam mich hier im Herzen 
des wilden Gebirges dasselbe Geftihl, welches ich vor Jahren in 
dem Erdwinkel der „tr es fönt es" bei Trafoi am Ortler empfand 
— - eine gleich grosse Natur, nur dass hier die Gletscher fehlen 
xtnd die absolute Seehöhe geringer ist. Alles ist einsam und die 
Ciiltur nur durch ein Paar Bretter vertreten, welche eine Bank 
xxnd einen Tisch als Ruhesitz vorstellen sollen. Der Rinkafall 
Erschien mir auch wegen des längeren unterirdischen Laufes 
seiner Wasser, welche aus dem Kessel des Falles gleich im 
Geröll des Flussbettes verschwinden und erst zwei Stunden 
stromabwärts als Bach wieder zum Vorschein kommen, als 
^in Unicum gegenüber den Tauernföllen, und würde sich, glaube 
icl, zur bildlichen Darstellung eignen, scheint aber weniger 
bekannt zu sein, als er es verdient, weil er etwas abseits liegt 
^nd dahin keine Heerstrasse fährt. Wie uns gesagt wurde, 
sollte übrigens ftir das Jahr 1868 die Anlegung einer eigent- 
lichen Strasse durch das sehr unwegsame oberste Logarthai 
px-ojectirt sein. Die Gesammthöhe des dreifachen Rinkafalles 
"^Turde uns auf etwa 1000 Fuss angegeben. 

Ein allerdings höchst bescheidenes Unterkommen bietet 
das hoch oben im Logarthai, jedoch noch zwei Stunden abwärts 
^cm Falle gelegene sehr einfache Häuschen des freilich nur 
^Xovenisch oder krainerisch redenden Holzmeisters Andre Er- 
J^utz, wo auch wir übernachteten und zum Abendessen mit 
^ockfleisch regalirt wurden. Der Sohn unseres Wirtes, welcher 
^118 nach dem Rinkafall geführt hatte, machte übrigens im Hin- 
sehen durch den Mund unseres alten Führers und gleichzeitigen 
-Dolmetschers auf eine jenseits von uns an der linken Wandung 
d^ Logarthaies (den Rücken nach der Quelle, also das Gesicht 
"Öialabwärts gewendet) mündende, angeblich sehr umfangreiche, 
^W wegen Wassers schwer zugängliche Höhle aufmerksam, 
^jlche wir indess, da wir bei dem nahenden Abend noch den 
/Wasserfall besuchen wollten und meine Zeit mir überhaupt sehr 
kiiapp zugemessen war, zu meinem Bedauern nicht in Augen- 
■^kein nehmen konnten. Vielleicht hat ein späterer Wanderer, 



206 A. Schadenberg. 

wenn er sich an den Holzmeister Erjautz oder an dessen Sohn 
wendet, mehr Zeit und Glück. 

Von der noch gesuchten Höhle am Ushova wiisste der 
junge Mensch nichts. Endlich am folgenden Tage gelang es mir, 
im Hause des Messners Striutz in Heiligengeist eine trotz 
ihres deutschen Namens Lena Stifter nur slovenisch sprechende 
Bauerswitwe als Ftihrerin aufzutreiben, welche die Höhle kennen 
wollte, aber doch mit dem Terrain sich so wenig vertraut zeigte, 
dass sie den allerdings ziemlich undeutlichen Weg wieder verlor 
und wir genötigt waren, an den sehr steilen Kalkwänden zum 
Teil auf Händen und Füssen auf gut Glück herauf und herab 
zu klettern, da wir die vom Fuss des Bergrückens aus in hal- 
ber Höhe der Lehne schon gesehene MundöfFnung der Höhle 
völlig aus dem Gesicht verloren hatten, bis es der Führerin, 
die wir voranschickten, endlich gelang, weiter in der Höhe den 
Eingang wieder aufzufinden. 

Vormittags nach 10 Uhr langten wir, durch Felsen und 
Buschwerk uns mühselig durcharbeitend, selbst bei der Höhle an, 
deren ein Kreissegment bildender Eingang etwa 12 — 13 Längen 
meines 4Va Fuss messenden Alpenstockes (also einige 50 — 60') 
breit, und deren Höhe etwa Ys ihrer Broitendimension beträgt 
Vor dem Eingang lagen Stücke der von den Anwohnern hier 
geholten Magnesia oder „Kalkmilch", wie der Führer sich . 
ausdrückte. 

Die Höhle, welche an der südlichen (Krainer) Seite des j 
Ushova-Berges (zunächst des kleinen Weilers Heiligengeist) sich j 
öflfnet, streicht nach dem Compass zuvörderst bergeinwärts von 
Süden nach Norden, wendet sich dann steigend in einem Halb- 1 
kreis nach Osten, und zwar um ein in ihrem Innern etwa ÖO* 
vom Eingang entfernt stehendes Massiv einer noch in ziem- j 
lieh weichem Zustande befindlichen Kalkmasse und kehrt im 
Kreise um dieses Massiv wieder zum Eingang zurück. Nach 
der von dem Führer Pissinetz uns verdeutschten Angabe der 
neuen Führerin soll der ganze, einen Kreis bildende, ziemlich 
feuchte und unebene Höhlengang eine Länge von 200 Klafteni 
haben, was mir aber etwas zu viel scheint, da wir die Grotte, 
welche zuweilen eine Wölbung von 30 — 40 Fuss hat, bis an 
ihre letzte Tiefe, wenigstens bis dahin verfolgten, wo der Gang 
zu einem etwa 3 — 4 Fuss weiten in den Berg tiefer hineinfSh- 
renden, aber wegen Morastes ohne weitere Hilfsmittel nicht mehr 
practicablen Mundloch zusammenschrumpft, und zum Hinein- und 
Zurückgehen, obwol langsam gehend und unsere brennenden 
Kienspäne vorsichtig vor dem immer herabtropfenden Sinte^ 
Wasser schützend, im Ganzen kaum eine halbe Stunde ve^ 
wendeten. Ueberall im Inneren haftete die „Kalkmilch" oder 



Eine Tour durch Kärnten und Tirol. 207 

Magnesia in Form kleiner Tropfsteinbildungen, aber in noch 
feuchtem weichem Zustande an Wänden und Decken. Feste 
Stalaktiten fanden wir verhältnissmässig sehr wenige, von denen 
wir die am besten scheinenden abschlugen und als Reliquien 
mitnahmen. Vormittag um halb 11 Uhr, nachdem wir am Ein- 
gang etwas geruht, begannen wir die Durchwanderung der Grotte 
und traten gegen 1 1 Uhr wieder heraus. Nach der von Pissinetz 
übersetzten . Erzälung unserer slavischen Führerin sollen vor 
mehreren Jahren einmal Laibacher Herren in dieser Höhle form- 
liche Beschwörungen mit einem Zauberbuch vorgenommen, aber, 
wie zu vermuten, den erwarteten Schatz nicht gehoben haben. 
Im Herabsteigen fanden wir zufällig den richtigen, übrigens 
auch sehr unkenntlichen Pfad, erreichten bergab in jagendem Lauf, 
so dass unser Führer nicht mehr folgen konnte, mit unseren 
Alpenstöcken in Sätzen herabspringend, nach 12 Uhr Mittag 
die Kirche St. Leonhard und waren vor 3 Uhr Nachmittag 
wieder in Kappel. Der Führer Pissinetz, mit welchem wir ganz 
zufrieden waren, erhielt fiir 2^/^ Tage, nebst der Kost, die ge- 
forderten 5 fl., und 50 kr. Trinkgeld. 

In Klagenfiirt, wo wir am folgenden Tage (17. August) 
Nachmittag anlangten, nahm ich auf Recommandation eines Mit- 
reiiüenden in dem Gasthause „zum goldenen Bären" an dei» 
Stemallee Quartier und fand diese Empfelung durch die gute 
und dabei billige Aufnahme vollkommen gerechtfertigt. 

Der Glanzpunkt von Klagenfurts näherer Umgebung ist 
meines Erachtens unbedingt der lieblich schöne Wörther See, 
welcher mit der Stadt durch einen Canal verbunden ist und 
von uns auf einem MiniaturdampfschifF bis zu dem am Südufer 
(inmitten der Seelänge) belegenen Maria Wörth befahren wurde 
(Fahrbillet hin und zurück fiir die Person 60 kr^. Wärend der 
Fahrt auf der prächtigen, etwas windbewegten Flut schwamm 
ein leichtes Boot an ims vorbei, auf welchem sich drei Damen, 
eine ältere und zwei in Gelb gekleidete erwachsene Mädchen 
mit Strohhüten befanden, von denen die eine, im Nachen auf- 
recht stehend, das lange Schaufelruder des Bootes sehr gewandt 
und ohne andere Hilfe handhabte. Es war ein hübsches Bild 
von poetischem Hauche, welches mich lebhaft an eine ähnliche 
fesselnde Scene erinnerte, als ich vor mehreren Jahren (im 
Jahre 1862) an einem schönen Sonntagnachmittag aus einem 
Garten in Lindau am Bodensee die kleinen Boote auch von 
Frauen und Mädchen in ihrem Sonntagsstaat rudern sah, wärend 
die eigentlichen Bootführer ruhten. Auch die idyllisch freund- 
lichen Seeufer, von niederen buschigen Hügeln umsäumt, erinner- 
ten, wenn auch in kleinerem Massstabe, an das Nordufer des 
schönen, nur freilich grösseren „schwäbischen Meeres". 



208 A. Schadenberg. 

Bei Maria Wörth, einer lieblich grünen Halbinsel, landeten 
wir und nahmen in dem Grasgarten eines einfachen, dicht am 
Wasserspiegel gelegenen, mit einer kleinen Badeanstalt verbun- 
denen ländlichen Wirtshauses auf schlichten Holzbänken Platz, 
unmittelbar vor uns die prächtige, leicht bewegte, grüngraue 
Seefläche und am jenseitigen Seeufer ein wechselndes Bild grü- 
nender Hügel mit Waldpartien, kleine Dorfschaften durch das 
Buschwerk blickend. Bäume und Häuschen bis zum Seespiegel 
herabreichend und auf der Flut streichen leichte Kähne vor- 
über. Links drüben hinter einer vorspringenden waldigen Land- 
zunge, welche vorher unser weiter nach Westen steuernder 
Dampfer doublirt hatte, blickt die Ortschaft Pörtschach und 
von rechts (Osten) her aus einer Waldüflnung mit silberhell 
glänzendem Dach der Pfarrthurm von Klagenfurt herüber. Alles 
eine längere Weile vom Sonnenschein beleuchtet. 

Mittlerweile hatten wir das offene, stille, etwas dunkle, mit 
einem Spitzthurm versehene Kirchlein, in welchem ausser zwei 
auf dem Orgelchor beschäftigten Knaben und uns sich keine 
Menschenseele weiter befand, in Augenschein genommen und 
waren auch in die Kiypte hinabgestiegen. Reizend ist die Lage 
des kleinen Gotteshauses auf einem Halbinselhügel, welcher mit 
Ausnahme einer schmalen Verbindungs-Landenge sonst rings von 
dem grünlichen See umschlossen ist und ausser dem Wallfahrts- 
kirchlein nur einige wenige Gebäude trägt. 

Nachdem wir nach der Heimkehr noch am Abend — es 
war der 17. August und der Vorabend des Geburtstages des 
Landesherrn — aus den Fenstern unseres Gasthofes ein von 
brennenden Ballons begleitetes Militär-Musikcorps vorüberziehen 
gesehen und am folgenden Tage, welcher gleichzeitig ein Sonntag, 
mithin ein zweifacher Festtag war, den Kreuzberg mit seiner 
doppelthürmigen weissen Kreuzkirche und seinen hübschen, von 
einem Schweizerhaus gekrönten Anlagen in Augenschein ge- 
nommen und den herrlichen Rundblick von dem Egidienthurm 
der Stadt genossen, sagten wir den 19. Nachmittag dem freund- 
lichen Klagenfurt Lebewol, indem wir mit dem Bahnzug nadi 
Villach gingen und von dort mittelst Stellwagen über Arnold- 
stein bei sinkendem Abend in dem Nachtquartier Tarvis ein- 
trafen. 

Am folgenden Tage (20. August), nach einem sehr theueren 
und gleichzeitig unzureichenden Mittagessen in Fercher's Gast- 
hause zu Raibl, besuchten wir den südlich von diesem Ort ge- 
legenen, mit Recht gerühmten wald- und bergumschlossenen 
Raibler See, dessen am seichteren Ufer hellgrüne Färbiuig nach 
der Mitte und Tiefe zu in dunkles Blau- und Stahlgrün und 
endlich in das tiefste Schwarzgrün übergeht und so eine wun- 



Eine Tour durch Kärnten nnd Tirol. 209 

lerbar schöne Farbennuancirung darbot; und fanden im Herab- 
teigen bald den Punkt, von welchem aus — das Fischerhaus 
m Vordergrund auf einer Art Halbinsel — das in Klagenfurt 
gekaufte photographische Bild des See's aufgenommen ist. Nach- 
oittag nach 2 Uhr passirten wir die Gränze des österreichisch- 
talienischen Küstenlandes, rechts am Wege die runde Gränz- 
äule mit den Meilenzalen 10 '/j von Klagenfort, lO'/j von Triest, 
md weiterhin Dorf und Fortification Predil, wo die Steinpyra- 
riide mit dem sterbenden Löwen an den Heldentod des hier 
gefallenen Hauptmanns von Herrmannsdorf erinnert. Darüber 
iinaus ragt der nebelumschleierte riesige Mangart und scldiesst 
las öde, aber grossartige Bild des Predilpasses ab, dessen 
ileereshöhe schon eine bedeutende sein muss, da meines Er- 
nnems schon in dem nahen Raibler Thal sich Knieholz- Vege- 
ation findet und der Pass sich noch hoch über das Thal erhebt, 
^on dem Predilpass zurückkehrend, folgten wir der längs des 
Jee's hinlaufenden, stellenweise mit Schneegalerien versehenen 
ieferen Winterstrasse und gewannen einen schönen Einblick in 
las der italienischen Gränze wieder zuführende „Seebachthal" 
mit seinen prächtigen 6 — 7 Thalstufen, welche gleich Theater- 
ßoulissen in wechselnder Färbung nach der w^achsenden Ent- 
fernung vom Hell- zum Dunkel- und Blaugrün und mit immer 
duftiger werdendem Colorit hintereinander aufsteigen. Weiter- 
hin blieb uns noch immer der See zur Linken, wärend zur 
Rechten hoch oben die fünf Bergpyramiden des mit Reclit so- 
genannten Fünfspitz emporragen, welche wegen ihrer wild- 
grotesken Formen — eine Gruppe von fünf Felsenbergthünnen 
in Zuckerhutform (drei vordere und zwei hintere) — allein eines 
Besuches und einer bildlichen Aufnahme wert sind. 

Am Spätnachmittage wurde wieder von Tarvis aus, wohin 
wir zurückgekehrt waren, über das Dorf Kaltwasser die Wan- 
derung nach dem Wallfahrtsorte dreier Nationalitäten, dem hei- 
%en Luschariberg, imternommen, dessen kirchengekröntes Gipfel- 
plateaii wir nach 2 '^stündigem, ziemlich beschwerlichem Steigen 
abgemüdet Abends gegen 7 Uhr erreichten, als eben die Sonne 
hinter den fernen Gebirgen niedersank. Um die rasch schwin- 
lende Abendbeleuchtung noch zu benutzen, erstiegen wir als- 
bald eine die Kirche und Nebengebäude beherrschende Höhe, 
Welche den Blitzableiter trägt, und kamen eben noch zurecht, 
im das wilde Panorama der uns umgebenden zerrissenen und 
orklüfteten Bergwelt mit dem schneetragenden Mangart im 
Abendscheine zu erkennen, wärend aus dem Gotteshause ber- 
uf die Orgeltöne des Abendsegens erklangen. Dann betraten 
'ir die ziemlich dunkle und in architektonischer Beziehung 
ichts bietende, angeblieh 500 Jahre alte Walliahrtskirche selbst, 

14 



210 A. Schadenberg. 

in welcher eben einer lediglich aus Slaven bestehenden Pilger- 
schaar der Segen ertheilt worden war, und zogen uns endlich 
bei Einbrechen der Dunkelheit in unser Gasthaus zurück, wel- 
ches schon im Aeussern wie Innern in seiner Kreuzgang ähn- 
lichen Bauart, in den mehrfachen Gängen, Treppchen und 
Stiegen sein hohes Alter bekundet. In dem in Band I, S. 202 
des Vereinsjahrbuches befindlichen Tonbilde des Luschari- 
berges , welches die gesammte Gegend mit grosser Treue 
wiedergibt, ist dieses nicht kleine Gebäude mit seiner Aussen- 
treppe und seinen Eckstrobepfeilem als das dritte Gebäude 
im Vordergrunde sehr genau gezeichnet. Die in den Ver- 
kaufsstätten käufliche Photographie des Luschariberges (Firma 
F. T. Heiserer, ohne Ortsangabe) ist nicht nach der Natur 
aufgenommen, sondern lediglich eine Copie der obigen Litho- 
graphie. 

Der Wirt der Herberge, der uns nicht für eigentUche 
Wallfahrer halten mochte und sich in kriechender unterwürfiger 
Höflichkeit überbot, entschädigte sich für diese Hochschätzung 
durch ziemlich theuere Rechnung, so dass wir beispielsweise ffir 
das blosse, natürlich sehr einfache Nachtquartier in einer Art 
von Zelle Tziemlich ähnlich dem späteren Logis auf dem Do- 
bratsch) allein einen Gulden zalen mussten und dabei eine 
schlaflose Nacht hatten, indem wir von den dem Menschen ausser- 
ordentlich treuen und anhänglichen Hausthieren entsetzlich be- 
lästiget wurden, welche durch Goethe's Abhandlung de pulicibns 
imsterblich geworden sind. 

Nachdem wir am folgenden Morgen, nach nochmaligen 
Besuch der Kirche und der Aussichtshöhe, die sehr treue Litho- 
graphie des Jahrbuches — welche die NW.-Seite der unter dem 
Gipfelhügel liegenden Kirche nebst Häusercomplex darstellt — 
mit der Wirklichkeit verglichen hatten, traten wir noch vor 
9 Uhr mit unserem Führer den Rückweg an, ohne indess die 
Homschlitten zu benutzen, da ich eine wenigstens ähnliche 
Schlittenpartie schon früher einmal an dem inzwischen einge- 
gangenen „Aufzug" des Radhausberges bei Gastein zurück- 
gelegt hatte. 

An der Almhütte , die wir Tags vorher im Aufstieg, jetzt 
im Heruntei^steigen passirten, gab uns der Hirt mit dem dort 
aufgestellten, ein Krippel repräsentirenden Klingeluhrwerk das 
übliche Geleit. Noch weiter herab trafen wir einen heraufetei- 
genden „Büsser", welcher als Sündenbusse auf seinem Rücken 
ein grosses schweres Kirchenmodell von Holz mühselig den 
steilen Weg bergan schleppte , und kamen, zum Teil auf d» 
Strasse des vorigen Tages über Kaltwasser, jedoch ohne RaiU 
mehr zu berühren, Nachmittag ziemlich ermüdet in unserem 



Eine Tour durch Kärnten und Tirol. 211 

en Gasthause ^zum Lamm^ in Tarvis wieder an, von wo 

wir am anderen Morgen mit dem Stellwagen nach Villach 
ückkehrten, um unsere Tour nach dem Dobratsch und den 
len Tauern fortzusetzen. 

In dem freundlichen Villach, welches wir am 22. August 
;en Mittag erreichten, verweilten wir ein paar Stunden und 
gten von dort aus — an der auf halbem Wege gele gen en 
inen einsamen Waldschenke, welche mit Recht Mitt im Wald 
annt wird, vorbei — bei glühender Nachmittagssonne in 
II Hüttenorte Bleiberg am Fusse des Dobratsch an. 

Bei meiner diessmaligen Ersteigung dieses Kammes wurde 

mehr von der Witterung begünstigt, als diess i. J. 1864 der 
11 war, wo mir, schon auf halber Höhe angelangt, der er- 
nrte Geist des Bergriesen in einem von strömendem Begen 
gleiteten Gewitter seine Blitze entgegenschleuderte, so das» 

Führer sich weigerte, weiter zu steigen, und ich imverrich- 
5r Sache umkehren musste, nachdem mein damaliger Reise- 
ährte wegen des Unwetters schon eine Viertelstunde vorher 
iter unten Kehrt gemacht hatte. 

Nachmittag halb 5 Uhr begannen wir diessmal, mit der 
igen Fourage versehen, unsere Expedition auf den Dobratsch, 
jsen Höhe wir auf dem kürzesten, aber auch steilsten Wege 
roh die von Bleiberg aus direct hinauflFührende Schlucht in 
', Stunden erstiegen, so dass wir Abends 7 Uhr bei der in 
ler Bodensenkung, zwischen den auf Höhenpunkten stehenden 
iden kleinen Kirchen, in verhältnissmässig geschützter Lage 
legenen Herberge anlangten. 

Etwa eine Viertelstunde vor dem Erreichen des Plateaus 
tte ich noch Gelegenheit, eine mir völlig unbekannte Species 
auer taubeti- oder perlhuhnartiger Vögel zu sehen, welche 

der Zal von vielleicht einem Dutzend an den Abhängen 
'rumliefen (nicht flogen) und von unserem Führer, welcher 
sitere Auskunft nicht geben konnte: „Sternhändel" ge- 
nnt und als selten bezeichnet wurden. 

Die Tauern, deren schneeige Gipfel ich von diesem Punkte 

sehen gehofft hatte, waren gänzlich wolkenverhüllt, wogegen 
3 zackigen Ketten der südlichen Kalkalpen und das von ihnen 
m Teil umsäumte Gailthal deutlich erkennbar waren. 

Nachdem wir in der Dämmerung npch die vom Gipfel süd- 
rts k la Obir fast senkrecht, anscheinend 3 — 4000 Fuss tief, 
ti stürzenden Abgründe, sowie von Aussen die sturmumwehte 
idische und deutsche Kirche in Augenschein genommen, zogen 
• uns in die Herberge zurück, um nach dem Abendimbiss, 
in Ziegenmilch zu dem mitgebrachten Brot und Fleisch 
tand; in unserem braunen Holzstübchen auf einfachen 

14* 



212 A. Schadenber^. 

Strohsäcken mit Stroh-Kopfkissen, welchen der Luxus eines 
Betttuches oder einer Decke abging, einige Nachtruhe zu finden, 
wärend eine wilde Windsbraut das steinerne Häuschen umtoote 
und uns ihr Schlummerlied sang. 

Auch der andere Frühmorgen brachte uns kein ganz um- 
fassendes, aber doch ein prächtiges Landschaftsbild. Im Süden ragten 
klar die grotesken Mauern der Kalkalpen mit dem mächtigen 
Colosse des Mangart in die Luft, dazwischen dicht unter uns 
das Gailthal mit seinem Flusse, der gleich einem aufgerollten 
Silberbande in langen, vor- und rückwärts gehenden Serpentinen 
sich hindurchzieht, nordwärts, ebenfalls dicht unter uns, das in 
der Tiefe liegende Bleiberg mit seinen grauen Häusern und 
Halden — und östlich öffnet sich der Blick auf die blauen 
Flächen der Seen von Klagenfurt und Ossiach und des Faker- 
See's. Die Tauernkette blieb aber auch jetzt verhüllt, und selbst 
später, von dem höchsten hinter der windischen Kirche sich 
erhebenden Aussichtspunkte, war dieselbe im Nebel nicht zu 
erkennen. Eine Anzal dort nistender schwarzer Dohlen umkreis- 
ten fortdauernd die dort sich aufthürmenden ruinenähnlichen 
Felstrümmer, um einen Raubvogel (Stösser), der wahrscheinJici 
ein Junges zum Frühstück erkiesen wollte, zu verscheuchen. 

Die sehr scharfe, eisige Luft nötigte uns bald, in unser 
Berghaus wieder einzutreten, wo wir wärend des Frühstücks 
uns mit dem Durchblättern des von 1854 datirenden Fremden- 
buches beschäftigten. Es beginnt mit einem auf eine grosse 
Seite gedruckten sinnigen Widmungsgedicht von Max Waldaa 
(von Hauenschild), welches ich (da ich nicht weiss, ob dasselbe, 
obwol gedruckt, allgemein bekannt ist) nach meiner daraah'gen 
Abschrift hier hersetze; 

„Dil Kärntnerland, wie bist du so reich, 

Du hast den Lenz und Winter zugleich; 

Wer in dein Netz von Keizen blickt, 

Der ist von seinen Maschen bestrickt; 

Und muss er fort, so senkt er das Haupt 

Als war' ihm die beste Freude geraubt ; 

Er denket an deine wilde Pracht 

Schlaflos in mancher schwülen Nacht 

Und meint zuletzt, wenn ihm die Zeit 

Die alten Bilder überschneit, 

Dass so viel Schönes auf engstem Raniu 

Ihm nur erdichtet ein Jugendtrauui." Max WalJau. 

Das zweite Blatt hinter diesem Widmungsgedicht fällt eii«| 
Federzeichnung, eine sitzende Frauengestalt darstellend^ mit' 
Wappenschild in der Linken und Streitaxt in der Hechten;' 
links von ihr kniet ein Gnome mit Erzmassen auf seinen Schal- 



«cr 



Eine Tour durch Kärnten und Tirol. 213 

jrn — V das Ganze wahrscheinlich eine tersonification der Ca- 
nthia. 

Die erste, übrigens ziemlich einfache Inschrift des Fremden- 
iichps hinter dem Bilde datirt vom 17/18. August 1854. Unter 
3n späteren Eintragungen fand ich zwei Vermerke, welche ich, 
enn sie auch nicht dem Gebiet der Aesthetik entnommen wa- 
;n, doch ihrer Curiosität wegen mir notirte und hier wie- 
3rgebe: 

1% Aus dem Jahre 1858 findet sich folgende Notiz: 

^Hoch ist die Alpe, herrlich ist die Aussicht in mein schönes 
Kämtnerland.*' 4. November 1855. Paul Terrain. 

id dicht darunter folgt von fremder Hand der corrigirende 
ermerk : 

^Ist um 3 Jahre zurück, wie seine Uhren, die er reparirt.*^ 

2. Unter dem 21. August 1861 die Parodie: 

„Das Schlafen ist der Güter höchstes nicht, 
der Uebcl grösstes aber ist ein Floh." 

Paul Vitorelli, Stud. phil. aus Triest. 

Ich meinerseits kann in die Klage dieser letzteren Inschrift 
cht einstimmen, da ich von dem darin gerügten üebelstande 
if unserem allerdings harten Lager nicht belästigt worden bin 
ad darin der Alphütte des Dobratsch unbedingt den Vorrang 
or der im Punkte der Reinlichkeit weniger excellirenden Her- 
erge des Luschari einräume. Auch fand ich die Forderung 
es Wirtes für unsere Aufnahme ziemlich massig, denn ich 
alte, um diess als ein Stück Statistik hier beiläufig zu er- 
»^ähnen: 

ir 3 reichliche Portionen Ziegenmilch (zu den 

mitgebrachten Victualien) 30 Neukreuzer 

. Mass Wasser (welches sehr weit heraufgeholt 

werden muss) 10 „ 

> grosse Tassen Caffee ä 15 kr 45 „ 

Nachtquartier für 2 Personen ä 35 .... 70 „ 

- Seidel Steiererwcin (Zusatz zu dem unserigen) 20 „ 

Summa: 1 fl. 70 Kreuzer, 

'in Betrag, welcher in Betracht der örtlichen Lage und der 
Schwierigkeit der Heraufschaffung aller Bedürfnisse keineswegs 
'^ hoch erscheint. 

Der Wirt des Dobratsch heisst, wie wir erfuhren, Gauk- 
^r, und bezieht sein luftiges Asyl schon seit sechs Jahren in der 
^eit von Johannis bis Michaelis. 

Früh 8 Uhr besichtigten wir noch das einfach schlichte 
-Jinere der am Rande der südlichen Abgründe belegenen deut- 



214 A. Schadeuberg. 

sehen Kirche, wogegen die windische Kirche, deren Schlüssel 
sich in Bleiberg befand, nicht zugänglich war. Nach Angabe 
des Wirtes sollte die deutsche Kirche im Jahre 1810 neu her- 
gestellt sein, was indess mit den officiellen Daten nicht 
stimmt. 

Die Hohen Tauern und der Glockner wurden nicht mehr 
sichtbar, sondern nur einige steierische Schneeberge tauchten 
aus dem Nebel. Da wir nicht warten konnten, so mussten wir 
uns hiemit, sowie mit der übrigen herrlichen Rundsicht nach Osten 
auf die Kärntner Seen und auf die Kalkberge des Südens, 
unter denen auch der kleinere Luschari mit Kirche und 
Gebäuden deutlich zu erkennen war, begnügen und verliessen 
Morgens halb 9 Uhr bei Sonnenschein, aber scharfem Windes- 
wehen die auf der Plateausenkung zwischen der deutschen Kirche 
im Süden und der windischen im Norden mitten inne gelegene 
Alphütte, um auf dem zweiten, weiteren aber leichteren Wege nach 
Bleiberg herabzusteigen. Auf dem mit kurzem Grase bewach- 
senen Hochplateau, welches sehr häufig windgeschützte mulden- 
förmige Boden- und Thalsenkungen bildet, führt der Pfad 
sehr bequem von West nach Ost vorwärts und neigt sich nach 
einiger Zeit auf ein zweites, aber schon bedeutend niedrigeres 
Bergplateau, welches im Gegensatz zu dem kahlen baumleeren 
Hochgipfel schon mit stattlichen Fichten bestanden ist. Lnmer 
mehr senkt sich der Weg an dem niedriger werdenden Berg- 
rücken ostwärts herab, bis er sich endlich an einer Stelle, welche 
der gewöhnliche Kuhepunkt der Dobratsch- Wanderer ist und 
einen schönen Blick auf das Villacher Thal und die Wörther 
und Ossiacher Seegegend bietet, nach Westen zurückwendet 
und endlich nach Bleiberg herabführt, wo wir Mittags vor 
12 Uhr wieder eintrafen. 

Des Oertchens Spital, welches wir mittelst Post am Abend 
dieses Tages erreichten, will ich hier nur gedenken, um die 
Freundlichkeit des dortigen, mir schon von 1864 her bekannten 
Postverwalters und Gastwirtes Heitz zu erwähnen, welcher mit 
derselben Bereitwilligkeit und Gefälligkeit wie damals sich der 
Adjustirung und Beförderung unseres nach Gastein vorausge- 
schickten Gepäckes persönlich unterzog und auch durch äussert 
billige Kechnung — Abendessen, Nachtquartier und Frühstück 
(alles gut) für 2 Personen nur 1 fl. 50 kr. — seine Uneigen- 
nützigkeit bewies, welche mit der theueren Wirtsrechnung 
des folgenden Mittags in Malnitz vorteilhaft contrastirte. 

An der Wirtstafel in Spital traf ich des Abends noch 
mit dem Pfarrer Kohlmeier aus Maltein zusammen, welcher 
im Jahre 1864 mir zu meiner Wanderung durch das 
schöne Maltathal ixnd zu dem allerdings nicht vollständig ge- 



Eine Tour durch Kärnten und Tirol. 215 

genen üebergang über den Elendgletscher*) einen Führer 
schafft hatte und sich jetzt meiner noch freundlich erinnerte, 
i anderen Tage, nach sechsstündiger Fahrt — wärend deren 
jz der die Femsicht beschränkenden trüben Nebelatmosphäre, 

dem zum Teil längs der rei^senden Moll hinfiihrenden Wege 
rliche Landschaftsbilder zur Bechten und Linken der immer 
genden Strasse die sich öffnenden Propyläen der echten Hoch- 
•irgswelt verkündeten — langten wir Vormittag nach 11 Uhr 
ilalnitz an, wo wir für vieles Geld sehr bescheidene Mittags- 
t erhielten und uns für die bevorstehende Bergtour verpro- 
Qtirten. 

Nachdem wir wegen des eingetretenen Regens noch eine 
>ile im Wirtshause gewartet hatten, brachen wir, da die Wit- 
mg keine bessere zu werden versprach, unsere Zeit aber 
nlich karg zugemessen war, Nachmittags gegen 2 Uhr mit dem 
ungenen, etwas widerwilligen Führer auf, um den Üebergang 
utreten. Die vor uns liegenden Tauern waren ganz in Ge- 
k und Nebel gehüllt und bald entlud sich über uns di'ei 
nderern bei Unwetter verkündendem Südwinde ein immer 
ker werdender, zuletzt in Strömen giessender Gewitter- 
3n, in welchem wir, trotz der Schirme und Plaids, gründlich 
chnässt, immer bergansteigend etwa 1% Stunde fortgingen, 
entlieh über Stock und Stein aufwärts kletterten, bis wir 
lieh vor dem von rollendem Donner und Blitzen accompag- 
;en Gewitter in der sehr rauchigen Mannhardtshütte (erste 
tion am Wege) eine zeitweilige Zuflucht fanden. 

Nach halbstündigem Verweilen und nachdem das Unwetter 
as nachgelassen, stiegen wir steil weiter auf dem schlüpf- 
gewordjenen Pfade, rechts und links zalreiche Schnee- 
ken in den Bodenmulden der sonst noch begrünten Ab- 
ige und an den Seitenlehnen in Folge des Regens überall 
»mende Wasserläufe. Nachmittag 4 Uhr passirten wir die 
lem-Kapelle, deren zwei Fensteröffnungen mit Brettern ver- 
[ossen und deren bergwärts gekehii;e Rückwand wegen der 
vinen ebenfalls mit Brettern umkleidet war, und traten 
3 halbe Stunde darauf in das Tauernhaus, ein düsteres Stein- 
•äude mit zwei nur Holzbänke enthaltenden Kammern und 

einem diesem Charakter entsprechenden ziemlich verschmitzt 
sehenden Wirte. Nach kurzem Aufenthalt gelangten wir wei- 
iteigend bei wieder beginnendem Regen an die Stelle, wo ein 
5UZ steht, neben einem Glockengestelle mit der Tauernglocke, 



*) Wegen der Nebel und des Gletscherabfalles konnte ich damals nicht, 
ich gewollt, in das Kötschachthal herabsteigen, sondern musste zurück 
den Umweg durch die Arischarte machen. 



^2liy A. Schadenberg. 

welche bei Nebel und Unwetter von dem Tauernwirt geläutet 
werden soll, um etwsi verirrten Reisenden die Richtung anzu- 
geben. Hier ist die Gränze zwischen Kärnten und Salzburg. 
Nach ihrer Ueberschreitung erreichten wir im fortdauernden 
Regen und scharfen Winde (jedoch jetzt ohne Gewitter) bald 
darauf die angeblich 7600' betragende Passhöhe. Eine Aussicht 
konnten wir bei dem ungünstigen Nebel-Regenwetter, welches 
nicht verstattete, 50 Schritt vor uns zu sehen, natürlich nicht 
haben, durften aber diess hier weniger bedauern, da der 
Malnitzer Tauern überhaupt keine bedeutenden Fernsichten 
bieten soll. 

Auf der Salzburgcr Seite stiegen wir nunmehr ziemlich 
steil abwärts, passirtcn in kunstgerechter Position abrutschend 
rasch das einzige im Wege liegende kleine Schneefeld und ge- 
langten im wieder stärker werdenden Regen, ziemlich mühsam 
an den schlüpferigen Lehnen herabkletternd, endlich in den 
höchsten Kessel des Nassfeldes. Aus diesem immer weiter her- 
absteigend passirtcn wir mehrmals die in Curven sich hinzie- 
hende, ziemlich angewachsene Ache, später vorbei an der Schwm- 
zer- und Moserhütte, durchwanderten dann das rasch fallende 
Achenthai, uns an den wilden Strudeln des Jungfernsprungs 
und des Bärenfalls und den zierlichen Cascaden des dem MöUnig- 
fall im Maltathal gleichenden Schleierfalls erfreuend, passirten 
dann rechts am Weg die Stelle, wo die seit ein Paar Jahren ein- 
gegangene Aufzugbahn von den Radhausbergwerken an dem 
jetzt verlassenen Berghause herabfuhrte, und traten endlich 
Abends halb 8 Uhr in das Wirtshaus zu Böckstein ein, wo wir 
unser Nachtquartier nahmen. 

Auf dem ganzen, allerdings nur sechsstündigen Tauernüber- 
gang von Malnitz nach Böckstein begegneten wir, und zwar auf der 
Kärntner Seite, nur einem einzigen Wanderer, einem unserem 
Führer bekannten Tischler aus Gastein, der auf einem dringen- 
den Geschäftsgang nach Malnitz den Pass überschritt. 

Wenn ich von Böckstein den auf einem grünen Hügel 
stehenden Rotundenbau seines allen Gasteiner Badegästen be- 
kannten freundlichen Kirchleins, welches wir am nächsten Mor- 
gen in Augenschein nahmen, hier beiläufig erwähne, so geschiekt 
es, um an eine hier, wie in Süddeutschland überhaupt 'mehr ab 
im Norden, übliche schöne Volkssitte zu erinnern: Kranke der 
Fürbitte fremder Christen zu empfehlen. Namentlich von In- 
teresse war mir die mit Votivtafeln und Gemälden in kunstloser 
Einfachheit geschmückte Vorhalle des Gotteshauses; rührender 
aber noch als diese gemalten Votivbilder erschienen mir die fol- 
genden, nur mit Bleistift oder Wasserblei an die rechte Seiten- 
wand ziemlich unleserlich geschriebenen Sätze: „Joseph Ober- 



Eine Tour durch Kärnton und Tirol. 217 

reicher aus Stirzen bittet um eine Vaterunser wegen seiner 
Krankheit. Gelobt sei Jesus Christ auch Maria. 1863 ttberii 
26. August" und darunter: „Zwei gewisse Personen bitten um 
einen Vaterunser zu Maria vom guten Kath wegen Krankheit." 

In der Mauerocke der Vorhalle links vom Eingang stan- 
den mehrere Holzkrücken früher gelähmter und später (war- 
scheinlich durch die Gasteiner Quelle) geheilter Personen, die 
zum Dank ihre Krücken der Schützerin der Kirche „Maria vom 
guten Rath" geweiht hatten. Eine der Krücken trug die Inschrift: 
„A. M. XXVn genesen ex voto", ebenso las ich an mehreren 
bunten Heiligenbildern die Inschrift „ex voto" mit den Jahros- 
zalen 1769 als älteste und 1777 als jüngste Zal. 

In Bad-Gastein — wo ich auf der Area des cassirten Mit- 
terwirtshauses (meines früheren Logis) einen leider unvollendet 
liegen gebliebenen Kirchenbau, welcher die alte unzureichende 
Nicolaiiskirchc ersetzen sollte, wiederfand — machte ich für 
einige Tage Station und benutzte einen regnigen Morgen zum 
Studium der Brunnenlistc, welche unter anderem übrigens ergibt, 
dass Gastein, welches wegen seiner Heilkraft und ßekanntheit 
den Charakter eines Weltbades beanspruchen darf, doch noch 
keineswegs die Frequenz eines solchen besitzt. 

In der Periode von 1804 bis inclusive 1845 (jedocli mit Aus- 
aahme des Decenniums 1831 — 1841, für welches alle Daten fehl- 
ten, und nach Abzug einiger ungünstigen Jahre) schwankte 
die Zal der die Quelle gebrauchenden Personen (nicht Par- 
teien) jährlich zwischen ICXX) imd 1400, betrug im Jahre 1845 
1214, stieg in den Jahren 1846 und 1847 auf 1855 und 
1729, um im Jahre 1848 auf 1007 zu fallen, welche Minderzal 
m folgenden Jahre 1849 sich allerdings wieder auf 1405 hob. 
Seit dem Jahre 1852 steigt die Zal der Besucher permanent 
aber 2000. 

Die reichsten Jahre sind: 1856 mit 3008 

1860 mit 30te 

1862 mit 3206 und 

1863 mit 3174 Curgästen; da- 
gegen waren: die ungünstigsten Jahre: 1809 mit 593 

1817 mit 788 und 
1842 mit 857 Gästen. 
Für 1867 wies die Liste in ihrer wärend meiner Anwe- 
senheit neuesten, aber durch die Entfernung des Druckortes ver- 
späteten Nummer bis zum 16. August als angekommen 8-91 Par- 
teien mit 2090 Personen (jedoch meines Erkennens inclus. Pas- 
santen) nach. 

Wildbad -Gastein und seine grossartig schönen Umge- 
bungen sind so oft geschildert imd so allgemein bekannt, dass 



218 A, Schadenberg. 

sich eigentlich nichts Neues mehr darüber sagen iässt und ich 
mir nur erlauben will, auf ein Paar weniger besuchte, aber 
lohnenswerte Punkte hinzudeuten. 

In der unmittelbarsten Nähe des Bades habe ich immer 
die Aussicht von der Altane des Etablissements Windisch- 
grätzhöhe fiir die schönste gehalten. Zur Linken thalaufwärts 
blickt das Auge auf die Hochstufe des Böcksteiner Thaies mit 
seinem von der grauen Ache in Windungen durchschlängelten 
grünen Thalboden, auf seine verstreuten Häuser und sein auf 
dem Hügel gelegenes Kirchlein mit grauem ßunddach, darüber 
links der ßadhausberg mit Schneestreifen auf meinen Höhen und 
im Hintergrunde das mächtige Massiv des Schareck, ddr weit 
ausgedehnte Schneefeldor auf seinem Rücken trägt. Vor uns liegt 
an der Berglehne gegenüber das freundliche Belle- vue-CaffeehauÄ 
mit seiner Veranda, rechts davon die Villa PröU und weiter 
von ihr, längs der Bergseite, teilweise durch das Buschwerk der 
Schwarzenberg'schen Anlagen verdeckt, zieht sich die Chaussee 
nach Hof-Gastein hin, an welcher noch weiter rechts das graue 
Dach des den poetischen Namen „Vergissmeinnicht" tragenden 
Caffeehauses durch die Bäume schaut. Abwärts im Thale, dessen 
rechte Seite die grüne Lehne des Gamskarkogel flankirt, liegen 
im Hintergrunde die weisse Kirche und die Häuser von Hof- 
Gastein und darüber hinaus blickt über die Thalöflftiung die grau- 
zackige Kalkmauer des Tänuen-Gebirges bei Werfen. Das 
Ganze ist wahrhaft ein schönes Naturbild, am schönsten, wenn 
es von der Sommermorgensonne klar beleuchtet wird. 

Eine ebenso fesselnde Scenerie, wenn auch von ganz an- 
derem Charakter, bot mir der Besuch des gleichfalls in der 
Umgegend Gasteins gelegenen, dessenungeachtet aber anscheinend 
weniger bekannten Red-See's (oder Reet-See, wie der Name 
auf der Souvent'schen Karte des Gasteiner Thaies von 1845 
geschrieben ist). Um zu ihn! zu gelangen, geht man das Köt- 
schach-Thal aufwärts, vorbei an der links sich aufthürmenden 
sogenannten „Himmelswand", und folgt dann einem, in etwa 
halber Entfernung von dort bis zu der höher hinaufliegenden 
Prossau-Alpe auf der rechten Seite des Kötschachbachs (das 
Gesicht stromaufwärts gekehrt) abgehenden, unter Waldgestrüpp 
völlig versteckten und schwer zu findenden Kletterweg, welcher 
als ein steiler und steiniger Zickzackpfad in etwa ^/^ Stunden 
ziemlich mühseligen Steigens zu der unteren Redhütte und von 
dort in etwa gleicher Zeitdauer zu der unbewohnten oberen Red- 
alpe imd dem Redsee heraufführt. Für die Unbequemlichkeit des 
Ansteigens wurde ich reichlich entschädigt durch den Anblick des 
wunderschönen Seo's, den ich in dieser Erhebung von 5700 F««^ 



Eine Tonr durch Kärnten und Tirol. 219 

iht vermutet hätte: eine dunkle braungrüne Wasserrotunde 
t einer am Ufer vollständig durchsichtigen, fast glatten und an 
igen Stellen nur leicht gekräuselten Fläche — am jenseitigen 
er die menschenleere Alphütte, in deren Nähe ein kleiner 
ch hineinströmt, ohne sichtbaren Abfluss — das Ganze rings 
ikränzt von ziemlich niedem zum Teil vegetationslosen Höhen^ 
er deren Einsattelung aber der langgestreckte Femer des 
issbeschneiten und an seinen schroffen Zinken wildgezackten 
Jchlerkar-Keeses in stolzer ruhiger Majestät weit in die Lüfte 
porragt und mit der schweigenden dunkeln Wasserfläche 
:entümlich contrastirt — ein grossartiges Bild, welches aber 
3h keinen Maler oder Zeichner gefimden hat, weil eben 
3mand es kennt. Wenn man den stillen Hochseo erblickt, 
Ite man meinen, dass dieses Reservoir fast in der Ebene, in 
3hter Hügelgegend gelegen sei, wenn nicht die alpine oder 
ih subalpine Flora der Umgebung die hohe Lage bekundete. 
9 Ufer, soweit nicht Sumpf, Moor und Felsen vorhanden, 
d mit wenigen schon verkrüppeHen Nadelhölzern, kriechen- 
n Knieholz und den niedrigen Gebüschen der Blau- und 
idelbeere eingefasst. 

Als einen anderen prächtigen, aber auch nur wenig be- 
Jhten Punkt sei es mir erlaubt, hier noch die im SO. von dem 
>chkessel der beiden Pockhartseen aufsteigende Pockhart- 
barte hervorzuheben, indem sich hier und namentlich von 
• rechts neben der Schartensenkung gelegenen, steilen, pyra- 
Jenförmigen Erhebung aus eine schwer zu schildernde und 
Mühe des Steigens reichlich aufwiegende Aussicht auf die 
gsum lagernde Gletscherwelt eröffnet. Zunächst fällt der Blick 
.ab in den tief unten sich erschliessenden letzten Kessel der 
uris, dann darüber hinaus auf die denselben rings umkrän- 
ide, in Gletscher und Schneemäntel gehüllte Kette von Hoch- 
>feln : des Rauriser Goldberges, des Hohen Kolm und anderer, 
pfel an Gipfel und Schneefeld an Schneefeld gereiht — wäh- 
id auf der entgegengesetzten — der Gasteiner — Seite im 
ckblick der obere, sowie theilweise auch der untere Pockhart- 
» in verschiedenen Terrassen sichtbar sind. Hinsichtlich des 
teren grösseren Pockhartsee's machte ich übrigens diessmal die 
merkung, dass derselbe nicht zu den insellosen Seen gehört, 
dmehr eine allerdings sehr kleine Steininsel enthält, welche 
h unweit seines Ostufers im scheinbaren Umfange von einigen 
ladratruthen nur wenig über die dunkle Wasserflut erhebt 
d die ich, wie wol mancher andere Wanderer, fiüher noch 
J^ nicht bemerkt hatte. Vielleicht verdankt dieselbe einem 
ilsensturz von der Lehne ihr Entstehen. 



220 A. Schadenberg. 

Hinsichtlich Hof-Gasteins, welches ich als Durchg^ 
Station nach dem Gamskarkogel besuchte, will ich hier nui 
legentlich erwähnen, dass das Stammhaus der alten Famihe 
Weitmoser, deren Bilder auf ihi-en Denkmälern an der S 
kirche eingcmeisselt sind, noch besteht, die Hausnummei 
trägt und jetzt einem Bäcker Embacher gehört. 

In dem mit einem Altan versehenen kleinen Hofe 
einfachen Hauses belinden sich noch zwei alte grausch^ 
runde Steinsäulen mit Wappenschildern im Karnies, mit gCY 
zügen-ähnlichen Hautrelief - Zeichnungen im Mittelstück 
schachbrettartigen Zeichnungen im Sockel. Diese Säulen, w( 
früher an der Hausfronte standen, dienen jetzt zur Stütze ( 
alten Holzgalerie des Hofes. Das eigentliche Weitmoser 
Schloss, wo die alten Gewerken im Sommer residirten, 
sentirt sich als hellfarbiger Quarreebau mit runden Eckthüi 
an der Lehne der Rauris-Gasteiner Scheidekettc. 

Von Gastein wendeten wir uns über Lend durch die g 
Fusch nach dem Mekka allor Tauern wanderer : nach Heili 
blut. Den Besuch des in einem linken Seitenthal der Fusel 
genden St. Wolfgangbades mussten wir wegen Beschränk 
der Zeit, welche noch für eine umfassende Tour ausrei 
sollte, aufgeben und langten Abends 6 Uhr in dem Bau 
Weiler Ferleiten an, wo wir in dem alten Tauernhause 
Müller bei unfreundlichen Wirtsleuten in einer Dachkan 
mit rohen imgehobelten Holzwänden ein höchst bescheid 
und gar nicht billiges Quartier fanden. 

Am 2. September brachen wir mit einem Kaliban 
liehen, ziendich unbrauchbaren imd dabei sehr theueren Fü 
(dem Sohne des Wirtes), den wir als einzig noch disponi 
annehmen mussten. Früh 5 Uhr auf, nachdem schon 2 Stui 
vorher, noch bei völliger Dunkelheit, zwei andere Reisende 
dem besseren der beiden Führer mit brennenden Laternen, 
durch das Fensterchen unseres Logis heraufleuchteten, uns 
angegangen waren. 

Die den Hochkessel der Fusch umschliessenden schnce 
Gipfel sind von links nach rechts folgende: zunächst zur Lii 
der Brennkogel, neben ihm der Kloben und Spiclmann, de 
Wände in die Pfandelscharte abfallen, die rechte Wand 
Scharte bildet der Rauchkopf, an welchen sich das Fus 
Eiskar mit dem Karkopf anschliesst, wärend der graue, g 
deckelfbrmige Hohe Dock und das grosse Wiesbachhom 
zwischen welchen die Schneepyramide des Bärenkopfs hei 
blickt — auf der rechten Flanke ihre Gletscher und Seh 
wände zu Thale senden. Besonders schön war der Anblick; 
die weissen Firnen des Fuscher Eiskars im ersten Morgen 



Eine Tour diircli Käniteu uml Tirol. 221 

rosig erglühten, worauf auch bald alle übrigen Hochgipfel von 
einem leichten Rosenhauch angeweht wurden — eine herrliche 
Beleuchtung, welche freilich nur einige Minuten währte, bis der 
röthliche Morgen dem helleren Tageslicht weichen musste. 

Unser Weg führte rechts vorbei an einem mit einem Kreuz 
und der Jahreszal 1864 versehenen mächtigen Felsblock, der 
damals in Folge der regnerischen Witterung vom Gebirge los- 
gelöst und herabgestürzt war. An der Thalwand erscheinen 
nackeinander die Vögele- und die Judenalpe. Später beginnt 
starkes Ansteigen an der Lehne des Spielmann, rechts davon die 
Schartenschlucht. Um '/»T befinden wir uns über den ersten 
Sclineelagem, am Wege blühen zalreiche Alpenrosen-Bosquetts 
in ihrer rothen Pracht. Hier hielten wir die erste und eine 
Stpde später weiter hinauf die zweite Rast und weideten uns 
an dem herrlichen Rückblick auf die gi'ünen Matten der Fusch, 
übet deren Thalöffnung aus weiter Ferne das „Steinerne Meer" 
(übergossene Alm), die obeliskenförmige Schönfeldspitze, wie der 
Wafcnnann und andere Ilocligipfel der bayerisch-österreichischen 
öränzgebirge zu erkennen sind. Unten durchzieht die Fuseher 
Acke in vielfachen Curvon den Thalbodcn, in welchem auch 
schon ziemlich fem das Slüller'sche Tauernhaus (unser schlechtes 
Nachtquartier) und unweit davon dessen Rival, das neue und 
wahracheinlicn bessere zweite Wirtshaus des Lucas Hansel 
(Wirt in Brück) zum Vorscliein kommt. Um '^Q langten wir 
am Schartenkees-Abfall an und machten , da der mit wenig 
Schnee bedeckte, wenngleich kleine Gletscher ziemlich steil an- 
steigt, von unseren Fusseisen Gebrauch. 

Gegen y, 10 wurde — zwischen den nackt aufragenden, in 
den Schluchten mit Schnee gefüllten Bergcolossen des Spiel- 
Biann und Rauchkopf — die Höhe des Schartengletschers 
(8400') eiTcicht, auf welcher mein Sohn einen dorthin ver- 
irrten Schmetterling (Molkendieb) fand , und nun ging es 
rasch auf dem AlpstocK abfahrend, die ziemlich jähe südliche 
Schneewand hinab, bis wir gegen 10 Uhr das imtere Ende des 
Gletschers erreichten. Auf dem allmälig wieder hervortretenden 
Vegetationsboden blühten uns dankelblaue Sterncnblumen, Ver- 
gissmeinnicht imd rothe Moosblumen entgegen, welche einige 
Erinnerungsreliquien liefern mussten. 

Nachdem wir gegen liy, Uhr am „Schafler Loch" bei 
der Steinhütte des Heiligenbluter Gemeindehirten unser beschei- 
<lenes Mittag^smahl gehalten, besuchten wir die nahe Pasterze, 
^velche ich übrigens — von den Trümmern der Johanneshütte 
*U8 — in ihrer mittleren Stufe nicht mehr so gangbar fand, 
^e im Jahre 18G4, wo ich dieselbe ohne Hilfsmittel eine grös- 
sere Strecke sehr bequem begehen konnte; vielmehr war diess- 



222 A. Schadenberg. 

mal auch dieser mittlere Boden vielfach zersprungen und vod 
unzäligen Rissen und Klüften durchzogen, wie sie selbst die 
uiiiterste Gletscherstufe nicht viel schlimmer bietet. Das Ge- 
sammtbild war, wie immer, das unendlicher Grösse: vor \m 
drüben die riesige Glocknerkette mit ihren Häuptern, von linb 
nach rechts die Leiterköpfe, Hohewarte, Adlersruhe, aufsteigend 
zu den beiden Glockner-Gipfeln, dann abfallend: das Teufels- 
hörn und die Glocknerwand bis zum Schneewinkelkopf; den Hin- 
tergrund schliesst endlich, vom Gipfel bis zumFuss in weissen 
Schnee gehüllt, in ruhiger Grösse der mächtige Johannesberg, 
sein blendendes Bild silhouetteuartig von der dunkeln FoUe 
blauen Firmaments abhebend und vor ihm die Terrasse 
letzten und höchsten Gletscherabsturzes amphitheatralisch ausge- 
breitet. Ich muss übrigens bekennen, dass ich dem Bilde dieses 
breitmassigen Schneeberges unbedingt vor dem Anblick der 
etwas schmalen Glockner-Pyramide selbst den Vorzug gebe. 

Nachmittag SVj Uhr ruhten wir an der alten, thür- und 
fensterlosen Bricciuskapelle , welche in ihrem Innern völhg ge- 
borsten undjetzt durch Holzstützen notdürftig vor dem Zusammen- 
fallen gesichert wird. Sogar ein das schlechte hölzerne Notl- 
dach tragender Mauerpfeiler hat sich in sehr bedenklicher Weise 
aus der früheren senkrechten Stellung geneigt, so dass das 
wegen seines Alters doch immerhin denkwürdige Bauwerk dem 
vollständigen Ruin rasch entgegengeht, wenn nicht bald etwa« 
zu seiner Conservirung geschieht. Gegenüber der Kapelle schäumi 
der prächtige Leiterfall herab, dessen Wasserstaubwolken ebec 
von der Nachmittagsonne beschienen wurden. 

Aufbruch Nachmittag 3 Uhr und weiter hinab das obere 
MöUthal, zur Seite in der Tiefe der tobende Wildbach. Nodi 
mals leuchtet rückwärts durch die Bäume blau und weiss der 
unterste Absturz der Pasterze und um 5 Uhr erhalten wir den 
ersten Blick auf das unten thalabwärts sich zeigende Heiligen- 
blut mit seinem Kirchthurm. Bald darauf kommen wir auf dem 
sich immer mehr senkenden Wege an der Stelle vorbei, vo 
nach der Inschrift des Martyribildes am 28. November 1828 
ein Bauer „Rupellik" mit einem Heufuder in die Tiefe gestürzt 
war, und langen um 572 Uhr in Heiligenblut an, wo wir in 
dem zweiten Hause der nach dem letzten Brande neuerbauten 
Gastwirtschaft ein recht gutes Unterkommen finden. 

Bald nach unserer Ankunft entwickelte sich nach dem 
ziemlich heissen Tage ein von Regen begleitetes Hochgewitter, 
welches das aus unseren Stubenfenstern sichtbare silberweisse 
Glocknerbild zeitweise verhüllte, wärend das hier noch übliche 
und fiir nützlich gehaltene „Wetterläuten" vom Kirchthurme 
hallte. 



Eiuc Tour durch Kärnten und Tirol. 



iAs 



Am nächsten, wieder klar gewordenen Morgen nahmen 
wir die dem Wirtshaus gegenüber gelegene, anscheinend baufällig 
werdende Ortskirche in Augenschein. Obwol dieselbe von den 
Tausenden der Heiligenbluter Touristen immer besucht wird, so 
hal>e ich doch noch keine Schilderung des Innern dieses 
kleinen Gotteshauses gefunden und erlaube mir daher hierüber 
bei dieser Gelegenheit einige Notizen zu geben. 

Ihr Alter zält nach Jahrhunderten; wenigstens stehen in 
der Corve des Mittelbogcns der Deckenwölbung in lateinischen 
Lettern die Worte : „Franz Hueber, Werkmeister zu Siegmunds- 
knm 1483, renovirt 1788." Auf der darunter links befindlichen 
Kanzel von Holz (blaugrau mit Goldornamenten) ist an der 
Briistimg eine hölzerne und gemalte Menschenhand befestigt, 
welche ein Crucifix dem Besucher entgegenhält. Der Kirchen- 
ranm hat eine Länge von etwa 52 Schritten und enthält zwei 
Reihen von je 29 Bänken. Unter einem in der Mitte der Kirche 
befindlichen Ueberbau fuhrt eine 18 Stufen zälende Treppe in 
die unter der obem Kirche belegene Krypte ' hinab , welche 
lefestere von zwei starken Bogenpfeilern überwölbt ist, drei Al- 
tire, sowie in zwei Reihen rechts und links je 15 Bänke ent- 
hält und 22 Schritt lang ist. Hinter dem Hauptaltar steht der 
Beichtstuhl und auf dem Altar selbst, an dessen linker Seite, ist 
— als Parallele zu der Menschenhand an der Kanzel der Ober- 
kirche — eine Schüssel mit dem Haupte Johannes des Täufers 
aufgestellt. 

In einem ebenfalls unter der Oberkirche bcfindlicheii, aber 
der Krypte entgegengesetzt gelegenen , nur vom Kirchhofe aus 
zugänglichen unterirdischen Gewölbe (der Beinkammer) sind an 
der einen Wand, wie Bücherhaufen bei dem Antiquar, eine 
Hasse von Todtenschädeln, mit Menschengebeinen untermischt, 
ober einander gereiht, eine sonst vielfach übliche Sitte, welche 
ich unter andern auch einen Monat später auf meiner Rückreise 
iD der Kirche des Städtchens Fürth im bayerischen Walde wie- 
der fand, nur mit der schauerlichen Modification, dass dort auf 
die nackten Stirnen der Todtenschädel in schwarzen Schrift- 
zügen Namen und Todesdatum der einstigen Besitzer geschrie- 
ben war. 

In der Vorhalle der Heiligenbluter Oberkirche steht ein 
grosser, alter, offener Schrank, der 7 kleine Eisenmörser enthält, 
'Welche zum „Wetterschiessen" (behufs Beschwichtigung der 
^ewitter) dienen sollen, und ausserdem befindet sich dort in 
^iner Art von Gehänge die jedenfalls wol noch wirksamere 
Feuerspritze. 

Nachdem ich auf dem das Kirchlein umgebenden Fried- 
We nach meiner alten Gewohnheit mir noch einige der am 



224 A. Scliadenberp'. 

meisten charakteris tischen Grabinschriften notirt hatte, brachen 
wir Vormittag VjlO Uhr von Heiligenblut auf, um an dem- 
selben Tage noch Kais zu erreichen, was aber leider nicht ge- 
lang, weil ich, noch im Aerger über den ganz unbrauchbaren 
und dabei kostspieligen Ferleitener Führer vom vorigen Tage 
diessmal ohne Fülirer durchzukommen versuchte, indem ich auf 
die KeiFsche Karte, meinen Compass und meinen Ortssinn ver- 
traute. In der That schien auch anfangs die Sache sich ganz 
günstig gestalten zu wollen. Wir betraten und verfolgten 
eine Zeitlang das in das Möllthal einmündende ziemlich enge 
Gössnitzthal, stiegen hierauf an den parallel mit der Moll sich 
ziehenden Lehnen entlang, wobei uns gegenüber, jenseits des 
Möllthals, sich ein grauer, nackter, mächtiger Felskopf prä- 
sentirte, der nach der Karte der Kaserokkopf sein musste. 

An der Trogen- Alphütte vorbei gelangten wir endlieh 
über einen letzten Bergsattel hinweg in das Leiterthal, passirten 
die einzige Brücke desselben und betraten nunmehr die sehr 
unbequeme Passage des eigentlic)ien ^ Katzensteiges". An dieser, 
in KeiFs sonst so vorzüglicher Glocknerkarte durch starke rothc j 
Linien unrichtig als „Karren weg" markirten echten „Katzenleiter^ 
kletterten wir beide ziemlich mühsam und langsam immer wei- 
ter thalaufwärts, hoch über dem unten in der Tiefe über die 
Klippen schäumenden Leiterbach. Die Passage war um so un- 
angenehmer, als an vielen Stellen der sehr schroffen Schieferfeb- 
wand der sogenannte Pfad nur durch die in den Schiefer oder 
Gneis hineingehauenen Stufen bezeichnet war, in welche man, 
mit den Händen am oberen Gestein sich anklammernd und an 
die Wand sich drückend , die Füsse abwechselnd nachein- 
ander setzen musste, was schwindelfi-eies Festhalten und auch 
viele Zeit erforderte, so dass wir bei der Püchlerhütte (einer . 
der beiden Leiterhütten) erst Nachmittag gegen 2 Uhr an- 
langten. 

Nach Angabe des Sennliirten der Hütte, Namens Andreas 
Wallner, sollte der nach Kais zu verfolgende Pfad weiter ober- 
halb im Thale bei der höchsten und letzten in der Ecke zwi- 
schen dem Leiter- und dem in ihn einströmenden Glockuerbacl 
belegenen Hütte rechts vorbei führen. Demzufolge suchten wir, 
an dieser Stromgabelung angekommen, den Uebergang über den 
schon bedeutenden Glocknerbach, jedoch vergeblich, und gingen, 
da derselbe wegen seiner Stromschnellen, Klippen und Tiere 
nicht zu durchwaten war, wieder rückwärts, passirten den 
Leiterbach weiter unten stromabwärts auf einer darüber ruhen- 
den alten Lawinen decke, gingen dann am andern (rechten) Ufer 
aufwärts, wateten oberhalb des Zusammenflusses beider Bäche 



Eine Tour durch Kärnten nnd Tirol, 225 

irch den hier seichteren Leiterbaeh und suchten nun auf 
issen linker Seite den uns bezeichneten Pfad^ konnten solchen 
)er nirgends finden, obwol wir noch mehrere sich übereinander 
ifthürmende Felsrücken überkletterten. 

Da nun alle Versuche, einen Durchweg zu entdecken, 
iichtlos blieben und es schon 5 Uhr Abends geworden war, so 
g ich, um nicht im Freien zu übernachten, es vor, nach noch- 
Eiligem Passiren des Leiterbachs an ihm stromabwärts zu gehen 
id in der schon besuchten Püchlerhütte ein Unterkommen 
suchen. Auf diesem Rückwege bemerkten wir eine halbe 
onde später an der linken, nach dem Thal sich senkenden 
andung der Leiterköpfe, und zwar zwischen dem mittleren 
d dritten Leiterberge zwei Touristen (Herr und Dame), welche 
t einem Führer gegen uns zu langsam thalabwärts stiegen. 

Ich war überrascht, eine Dame in einer solchen immerhin 
^njich schwierigen Terrain-Situation zu erblicken und wurde 
.durch unwillkürlich an ein ähnliches früheres Erlebniss in 
raubündten erinnert, wo ich vor mehreren Jahren einmal im 
erabsteigen von dem Piz Languard bei Pontresina einer jun- 
jn Dame aus Brunn begegnete, welche mit ihrem Begleiter 
icht und mutig an uns vorbei den steilen, über 10,000' hohen 
ergkegel hinankletterte. 

Diessmal waren die Reisenden der Professor Langoth aus 
egensburg (auch Mitglied des Alpenvereins) und dessen Gattin, 
ine tüchtige Bergsteigerin, welche beide, ebenfalls von Heili- 
enblut herkonmiend, um die unangenehme Passage der Katzen- 
ater zu vermeiden, über die Pasterze gegangen und zwischen 
en Leiterbergen auf der Stocker Scharte herabgekommen 
^aren. 

Dieselben wollten auch in den Leiterhütten übernachten, 
im Tags darauf nach Kais und Windisch-Matrey zu gehen, und 
;estatteten uns mit grosser Freundlickeit den Anschluss an ihre 
l^our. Demnächst fanden auch ich mit meinem Sohn in unserer 
^üchlerhütte, dagegen Professor Langoth nebst Gattin in der 
•nstossenden Ropitschhütte, im duftenden Heu ein ganz beque- 
mes und dabei billiges Nachtquartier, indem der Sennhirte 
Saliner für das reichliche Abendessen (kunstgerechten Schmarren 
oit guter Milch), Quartier und Frünstück (Kaffee mit gutem 
Jretzelbackwerk) fiir uns zwei Personen nur 90 Kreuzer ver- 
argte und sich wunderte, als ich ihm einen vollen Gulden gab. 

Am aridem Tage, den 4. September Früh nach 9 Uhr, wan- 
derten wir in Gemeinschaft mit unseren neuen Reisegefährten 
rieder thalaufwärts, überschritten das Glockner Wasser an einer 
«Stern ohne Führer von uns nicht gefundenen Uebergangsstelle 
H erreichten, fortdauernd ansteigend, Morgens gegen 8 Uhr 

15 



226 A, Schadenberg. 

die Passhöhe des „Berger Thöxl," welche bei dem klaren Him- 
mel eine belohnende Umsicht gewährte. Zunächst zur Rechten 
die Rückseite des Glockner mit seinen Dioskurengipfeln, graueu 
abstürzenden Seitenmauern und langen, sich rechts hinziehenden 
Schneerücken, noch weiter rechts davon die scharfabfallende 
dunkelgraue Pyramide der Adlersruhe und daneben der zackige 
halbkreisförmige Kamm der Hohenwarte. Vor diese Centralhöhen 
rechter Hand tritt näher die Vorkette des Kellerberges, aus drei 
zusammenhängenden Gipfeln bestehend, grau in grau, mit Schnee- 
massen in den dazwischen liegenden beiden mächtigen Schluch- 
ten gefüllt. 

Die Glockner- und Kellerbergkette bildet die Nordseite, 
wogegen rückwärts nach Ost schon femer der Gipfel des Hohen 
Narren mit seinem Gletscher und der Kleine Fleiss-Gletscher 
in Sicht kommt. Vor uns nach West liegt das Bergkettengewirr 
des Deffereggen-Thales und darüber hinaus Eisgipfel an Eisgipfel 
gereiht. Auf der Seite dicht vor uns der Hochpunkt des Thörl, 
zum Teil mit Schnceflecken in den Schluchten weiss gezeichnet; 
Alles um uns öde und schweigend, nur dass der scharfe Wind 
uns Fünfe umheult, die wir einsam auf dem noch grünen Sattel 
der Scharte gelagert sind und kein anderes Wesen um uns, 
nur dass ein Mann in blossen Hemdärmeln schweissbedeckt mit 
dem Alpenstock an uns vorüberoilt, um, wie er auf unsere Frage 
erwiederte, fiir seine kranke Frau sich Hilfe bei dem Arzte in 
Kais oder gar in Windisch-Matrey zu holen und noch vor Nacht 
zurück zu sein. Auf seinen Stock gestützt eilte er in raschen 
Sätzen den Abhang hinab und entschwand bald unseren Blicken. 

Auf der linken Seite der Scharte steht eine ehemalige 
Heiligenbildsäule, aus einem Holzstamm und Bildkasten be- 
stehend, jedoch ohne Bild und statt dessen auf dem leeren Bild- 
raum mit vielen Namen Vorüberziehender überschrieben, welche 
diese Stätte als Fremdenbuch benutzt hatten. 

Gegen 9 Uhr verliessen wir die Scharte und betraten, 
langsam abwärts steigend, endlich kurz vor 12 Uhr den grünen 
Thalboden, aus welchem uns der schon vorher zeitweise sicht- 
bar gewesene weisse Kirchthurm von Kais mit seinem Mittag- ' 
geläute gastlich begrüsste. 

Ueber der Thür des Dorfhauses Nr. 20 zu Kais las id 
folgende, in ähnlicher Form allerdings oft wiederkehrende lieber 
Schrift, welche ich mir damals notirte und hier wiedergebe: 

„Diess Haus ist mein und doch nicht mein, 
Dem Zweiten wird es auch nicht sein, 
Dem Dritten geht es auch wie mir, 
Der Tod kommt ihm vor seine Thür; 
Den Vierten trägt man auch heraus; 
Dann sagt mir; wem gehört das Haus?** 



Eiuc Tour durch Kärnten und Tirol. 227 

Von Kais aus, von wo wir Nachmittag 2 Uhr aufbrachen, 
ge und ununterbrochen und zum Teil auf steilen glatten 
stslehnen ansteigend, erreichten wir endlich Abends '^ö Uhr 
I Sattel des Kals-Matreyer Thörl und fanden in vollem 
ifang bestätigt, was uns von diesem mit Recht gerühmten 
ssichtspunkt vielseitig gesagt worden war« 

Der Rückblick fällt auf die jetzt schon fernere, anfangs 
)elverschleierte Glockner-Gruppe. Vor und tief unter uns 
^ das Virgenthal, von der Isel durchströmt, rings um den hal- 
i Horizont Ketten wild geformter Berge, zum Teil weiss be- 
tschert, unter welchen in der Mitte der Lasörling hervortritt, 
hr nach Rechts die fiinfgipfelige Eisgruppe des Venedigers, 
» ein Herrscher über allen anderen thronend. Die schon zum 
»dergaug sich neigende Abendsonne stralte noch blendend 
1 beleuchtete den Iselbach, welcher in ihrem Licht wie ein 
derfaden erglänzte. 

Alle die höheren Stufen des Virgenthals rechts und links 
fassenden Seitenberge lagen schon in halbem Abendnebel 
l waren — coulissenartig und in immer blässer werdenden 
iten hinter einander aufsteigend — nur noch duftig er- 
mbar. 

Den Hintergrund des Thaies schlicssen die im Abendson- 
ischein völlig verschwommenen, zum Teil überschneiten Anthol- 
Berge. Aber Alles überragt, wie schon bemerkt, die weisse 
aediger-Gruppe, mit ihren Schneespitzen scharf und körper- 
't am klaren Abendhimmel abgezeichnet und umhüllt von 
em weit herabwallenden Gletschermantel. 

Das war das Bild, welches wir Vier mit dem Führer, am 
euze auf der Höhe des Passes gelagert, staunend bewunderten. 
1 Alles zu vollenden, hatte zuletzt auch der Glockner höflich 
1 Haupt von den ihn bisher umlagernden Nebeln entschleiert 
i schien nach seinem westlichen schneegekrönten Rivalen 
•über zu schauen. 

Doch inzwischen war die Sonne gesunken und der er- 
gehende Abendschein hüllte die Höhen in duftiges Helldunkel, 
her die Bergspitzen des West- und Nord-Horizontes hat- 
i, von den letzten Straten noch beleuchtet, sich dunkle 
olken gelagert, welche eine Aenderung der Witterung ver- 
ndeten. Ein stiller Friede ruhte aber noch auf den schon in 
hatten sinkenden Waldlehnen der Vorberge. 

Immer dunkler wurde es und das Herabsteigen beschwer- 
her, und es folgte bald die Nacht, von dem im ersten Viertel 
henden Monde nur sehr zweifelhaft erhellt. Ziemlich ermüdet 
d bei vollständiger Finstcrniss — in der nur hie und da am 
nde des Waldweges im Grase Johanniswürmchen als glän- 

15* 



228 A. Schadenberg. 

zende Punkte erglühten — noch lange über Stock und Stein 
wegstolpernd, erblickten wir endlich unten im Thal die Lichter 
aus den Häusern von Windisch-Matrey, wo wir Abends gegen 
9 Uhr in HamerTs Gasthause zum „Rautter" ein sehr gutes 
und dabei nicht theueres Unterkommen fanden — für die Per- 
son: Nachtquartier 40 kr.; Abendessen (Suppe, Mehl- 
speise, 1 Seidel Wein) 44 kr.; Frühstück (Caffee mit Imbiss) 
14 kr.; Mittagessen (Suppe, Fleisch, Mehlspeise und Wein) 
66 kr., was mir bei der guten Qualität und reichlichen Quanti- 
tät billig erschien. 

Wenn ich übrigens gelegentlich hier wie auch zuweilen 
an anderen Stellen dieser Skizze mir erlaubt habe, in vielleicht 
etwas zu minutiöser Weise die bezalten Preise für Quartier 
imd Beköstigung zu detailliren, so geschieht diess lediglich 
in der Absicht, auch für andere Reisende einen praktischen 
Massstab zur Vergleichung der Preisverhältnisse verschiedener 
Localitäten zu geben. 

Der Führer, welcher uns von der Leiterhütte bis Win- 
disch-Matrey begleitet hatte, heisst Petrus Gor gasser, ist in 
Kais wie in Heiligenblut zu finden und kann wegen seiner 
Kcnntniss, Umsicht und Bescheidenheit aus voller Ueberzeugung 
empfolen werden. 

Am folgenden Morgen besuchten wir bei völlig umwölktem 
Himmel die in der Nähe von Windisch-Matrey belegene Burg- 
ruine Weissenstein, in welcher noch die Wappenbilder 
der Wolkensteiner vom Jahre 1586 zu erkennen waren, und er- 
stiegen am nächstfolgenden Tage von Welzelach im Virgenthale 
aus — welches wir auf einem nur mit hiesigen Bergpferden pas- 
sirbaren Wege in vier Stunden erreichten — die an der süd- 
lichen Thalwand 1500' über dem Thalboden sich erhebende 
„Berger Alp", von deren Höhe wir eine prächtige Aussicht 
nach Norden auf einen Teil der Venediger-Gruppe genossen. 
Der „Dreiherrnspitz", das „Simonykees" und aer.„g rosse 
Geiger" sind dort in Sicht und geben ein von grauen Stein- 
wänden durchfurchtes mächtiges Gtetscherbild. Tief unten im 
Thal erscheint die Ortschaft Pregratten und darüber hoch 
in der Alpenregion ein in die öden Steinwüsten eindringendes 
Hochthal, welches den Aufgang zur Johanneshütte bilden soB. 

Wieder auf dem Wagen bemerkte ich im Vorbeifahren 
an einem Christuskreuz am Wege den ungekünstelten gläubig 
frommen Spruch: 

^Wohin, mein lieber Wandersmann ? 

Steh' still und halt ein wenig an, 

Betracht' zuvor den blut'gen Schweiss, 1. ^ 

Alsdann geh' hin und mach' die Reis*. i or 



Eine Tour durch Kärnten und Tirol. 229 

gegen dajs Gambrinus - Porträt in der Wirtsstube zu Virgen 
wo wir einkehrten — folgende weit profanere Unterschrift 

«Gambrinus im Leben ward^ ich genannt, 

König von Flandern und Brabant. 

Aus Gersten hab* ich Malz gemacht, 

Das Bierbrauen zuerst erdacht. 

Darum können die Brauer mit Wahrheit sagen, 

Dass sie einen König zum Meister Iiaben.** 

Der Gambrinus-Cultus scheint übrigens seit einigen Jahren 
ih in Tirol seine Herrschaft zu erweitem und den früher 
3in herrschenden Bacchus allmälig mcdiatisiren zu wollen, 
i es auch in dem Rebenlande Steiermark geschieht, wo bei- 
elsweise in Gratz selbst die feurigen Steiercrwoine dem aller- 
igs billigeren Malzproducte der grossartigen Brauerei von 
ininghaus bei Gratz zu weichen beginnen. 

Meinen Plan, über den Umbalgletscher nach dem Ähren- 
J und von dort über Krimi oder durch die Zillerthalergruppe 
jh Innsbruck zu gehen J musste ich wegen der seit Tagen 
en Umschlag verkündenden Witterung aufgeben und zog es 
ler vor, in Gemeinschaft mit unseren bisherigen sehr liebens- 
rdigen Reisegefährten mich südwärts nach der Pusterthalgegend 
wenden. 

In dem freundlichen Lienz, wo wir am 7. September 
langten und in dem guten Gasthause des Hermann Meyer 
irten, fand ich auch die in Wien, Linz imd anderen Städten 
j Kaiserstaates mehrfach bemerkte, in Norddeutschland aber 
iht übliche, eigentümliche Art der Strassen - Nummerinmg 
jder, nach welcher die Hausnummern nicht auf einer Strassen- 
nte fortlaufen, sondern die geraden Nummern auf der einen, 
entsprechenden ungeraden Nummern aber auf der gegen- 
3rliegenden Strassenseite sich befinden. 

In dem Lienzer Thale tritt die Dolomitenbildung massig 
•vor und namentlich in der Richtung des y. Stunde von dem 
idtchen belegenen Gartenetablissements „Am Loch", in 
isen unmittelbarer Nähe die zerrissenen Mauern der Dolomite 
xoff, fast senkrecht abfallen, wärend die anderen offenen 
ten dos schönen Thaies mit ihren Waldlehnen, grünen Feldern, 
tschaften imd weissen Kapellen — Alles von der Abendsonne 
ig angestralt — ein echt idyllisches Naturgemälde darboten, 
Iches später einen eigentümlichen Charakter annahm, als 
ih Eintritt der Dämmerung auf der Seitenlehne des Wald- 
jkens Kreuzeneck plötzlich ein blendender Feuerglanz 
leuchtete, wahrscheinlich von einem Freudenfeuer zur 
rfeier des auf den nächstfolgenden Tag (8. September) fal- 



230 A. Schadenberg. 

lenden Festtages Maria Geburt in ähnlicher Weise, wie in den 
Grenzgebirgen meiner Heimat das Volk trotz aller Landrats- 
verbote und Gensdarmen-Bemühungen es sieh noch immer nicht 
nehmen lässt, die Johannis - Sommernacht durch flanimende 
weithin leuchtende Holzstösse auf den Waldhöhen festlich zu 
begehen. 

Nachdem wir am folgenden Frühmorgen Lienz mit dem 
Stellwagen verlassen und über Mittenwalde und Innichen bei 
Toblach die durch ein Kreuz bezeichnete Wasserscheide der 
Donau und Adria (Drau und Eienz) passirt hatten, langten wir 
gegen Mittag in Niedemdorf an, wo wir in dem zum Stand- 
quartier für Touristen ganz geeigneten Gasthause der „Schwarz- 
adlerwirthin" Emma Höllensteiner einkehrten, um von dort aus 
unsere Ausflüge nach dem Pragser See und nach der Ampezzo- 
Strasse zu unternehmen. Um zu dem ersteren zu gelangen, geht 
man das ^j^ Meile westlich von Niederndorf in das Pusterthal 
mündende, weiter im Innern von den mächtigen Kolossen der 
gleichnamigen Berge eingefasste Prags-Thal aufwärts imd passirt 
zuletzt das den schönen Namen Gotteshaus führende höchste 
Thaldörfchen, wo die junge und alte Männerwelt in ihrem 
Sonntagsstaat, mit Juppe, mit Hut und Blumenstrauss geschmückt, 
auf dem blossen Erdooden einträchtiglich sich mit Kegelspiel 
vergnügte. Der über seinen Gartenzaun blickende Pfarrer des 
Ortes, auch Curatus zu St. Veit, Namens Sebastian Desacher, 
erteilte mir auf meine Frage nach dem See freundliche Aus- 
kunft und gab uns den Sagschneider und Schidgehilfen Josef 
Apenpüchler aus Gotteshaus, einen gleich seinem Pfarrer eine 
Brille tragenden, schon älteren treuherzigen Mann als Füh- 
rer mit. 

Abends nach 5 Uhr standen wir am Ufer des See's. 
Derselbe ist scheinbar kreisrund mit Anfangs flachem Gestade, 
dann weiter hinaus bei zunehmender Tiefe mit dunkelgrünem 
Gewässer, er liegt in einem Kessel, rings umschlossen von hohen 
grauweissen Kalkschroffeh, welche von den fast senkrecht auf- 
steigenden Kalkmauern des Hermstein und Seekofel weit über- 
ragt werden. Er ist tief im Herzen des wilden Gebirges ein- 
gesenkt, mit gemsenreicher Umgebung und ebenso fischreichem 
Gewässer, in welchem die von der Abendsonne beleuchteten 
Kalkwände, der blaue Himmel, Wolken, Fels und Wald sich 
fast plastisch reflectirten. Den Rückweg nahmen wir über das 
Bad Neuprags, eine der kleinen, bescheidenen, aber auch sehr 
billigen Tiroler Badeanstalten. 

Am anderen Morgen traten wir zu Wagen die Tour durch 
die mit Recht gerühmte prächtige Ampezzo-Strasse an (Wagen- 
geld für einen Tag 12 Gulden und 60 Kreuzer Trinkgeld). 



E£ne Tonr durch Kärnten nnd Tirol. 231 

Von grosser Wirkung ist schon vor der Einfahrt der Blick in 
die Strasse hinein durch ein mächtiges Felsthor^ dessen Wände 
sich wie die Coulissen einer Bühne hinter einander anreihen. 
Weiter hinein sind links, unmittelbar von der Strasse aufsteigend, 
riesige Felsschichten in einem Halbkreise auf einander gelagert 
und bilden ein in der Tiefe mit (anscheinend) Knieholz geftUltes 
Amphitheater, in dessen Hintergrunde zwei, den Schneegruben 
des Biesengebirges gleichende Concaven eindringen. Ueber 
die das Thal schliessenden Grate blicken die gletscherdurch- 
furchten Thurmfelsen des Monte Cristallb. In Zickzackwin- 
dungen zieht sich die schöne, ausgezeichnet gebaute Strasse, 
durch die Schluchten an dem Toblach- und weiter oben an einem 
zweiten kleinen See und bei dem mitten in der Wildniss einsam 
liegenden Wirthshause Schluderbach (Anhaltspunkt der 
Reisenden) *) vorbei bis zu ihrem Hochpunkt und dann wieder 
fallend, durch die Dolomitenwelt, welche so reich an herrlichen 
Gesichtspunkten ist, dass es ein sehr glücklicher Gedanke 
war, welcher einen der schönsten dieser Punkte: „Schloss Peu- 
telstein" zum Gegenstand bildlicher Darstellung für das Grefe- 
Reiffenstein'sche Alpenalbum wählte. 

In Ampezzo (oder Cortina), wohin sich unser Tagesaus- 
flug nur erstreckte, genossen wir von der Höhe des schon be- 
deutenden, ganz im italienischen Styl erbauten Kirchthunmes (ein 
Marcusthurm im verjüngten Massstab) eine belohnende, weithin 
reichende Aussicht auf die umgebenden Dolomitencolosse, unter 
denen der Monte Töfana mit seiner auf dem mächtigen 
Massiv thronenden Pyramide, einem oberen und den davon 
ausgehenden beiden unteren Gletschern und der fernere An- 
telao die Hauptpunkte sind. 

Ampezzo ist eine nicht unfreundliche Ortschaft, von so 
entschieden italienischem Gepräge, dass selbst der Wirt des 
Gasthofes, in dem wir abstiegen, des deutschen Idioms nicht 
mehr mächtig war. Ampezzo ist ziemlich gut und neu gebaut 
und soll eine sehr wolhabende Gemeinde sein, welche so viele 
Mittel besitzt, dass sie, wie uns versichert wurde, allein 200,000 
Gulden auf ihren Kirchthurmbau verwenden konnte. 

Aus der Umgegend des alten aber freundlichen Städtchens 
Brunecken, welches wir zwei Tage später erreichten, möchte 
ich auf einen nicht allgemein bekannten, aber ausserordentlich 



*) Das einfache Wirtshaus Schluderbach würde, sowie Niederndorf, 
meines Erachtens eine gute Station für Touristen sein, zumal der Wirt 
die Gebirg^umgebung genau kennt. 



232 A. Schadenberg. 

lohnenden Aussichtspunkt aufmerksam machen, indem ich da» 
südlich etwa 1 — V/t Meile davon gelegene „Spitzhörnle", 
eine Elevation von etwa 7000 Fuss Meereshöhe, hier erwähne. 
Den Weg dahin nahmen wir über das sogenannte Schachtel- 
bad, welches ähnlich den vielen anderen kleinen Bauernbädern, 
an denen das südliche Tirol so reich ist, aus zwei alterschwachen 
Holzhäusern mit unsauberen Schlafkammern besteht und eine 
Meile von Brunecken entfernt ist. Von dieser schon ziemlich 
hoch gelegenen, mehr als schlichten Badeanstalt, in welcher wir 
wegen eingetretenen Regenwetters übernachten mussten, er- 
reichten wir am anderen Morgen nach zweistündigem starkem 
und meist ziemlich steilem Ansteigen früh 9 Uhr das durch ein 
Holzkreuz bezeichnete Plateau des Spitzhörnlo, in dessen 
Nähe auch die bisher mir unbekannte Species der „weissen 
Alpenrose" vorkommen soll, wie uns wenigstens von einem 
Gaste im Schachtelbadc als Factum mitgeteilt wurde. 

Die Aussicht von dieser Höhe ist eine umfassende, der 
vom Dobratsch aus vielleicht ebenbürtige. Nach Norden in der 
Thaltiefe liegen die Häuser und Thürme des freundlichen 
Brunecken mit dem dort einmündenden Taufers-Thal, in dessen 
Hintergrunde die Ortschaft Taufers auf einer grünen Thal- 
weitung mit der dainiber auf einem Waldberge stehenden Burg 
Taufers sichtbar wird ; weiter rechts hiervon die dritte Thal- 
furche ist das Antholtzthal und darüber der ganze Horizont 
rings durch eine Reihe weisser Gletscherspitzen bezeichnet, 
darunter zur äussersten Linken die O r 1 1 e r gruppe, rechts davon 
die Oetzt haier ferner, weiter rechts gerade über Brunecken 
der breite Möseleferner mit den übrigen Gletschern der 
Zillerthalerkette, in welcher sich acht teils nackte schwarze, 
teik aber auch übergletscherte Hochspitzen mit Schnee- und 
Eismassen in den dazwischen liegenden Mulden erkennen Hessen. 
Unter ihnen ragt, über dem Taufers-Thal hervorblickend, am 
deutlichsten die Löflfelspitze empor. 

Nach Ya Stunde Aufenthalt brachen wir 'wieder auf und 
betraten nach weiterem, nur y4stündigem Ansteigen die noch 
einige hundert Fuss über dem Spitzhörnle gelegene, durch ein 
Paar Steine mit einem darauf eingravirten lateinischen G 
markirte Höhe des „Kronenplatzes". 

Nach Norden zu ist hier die Aussicht die gleiche, wie 
auf dem niederem Spitzhörnle, nach Süden dagegen öflftiet sich 
ein neuer Blick auf die das Grödener und Enneberger Thal um- 
gebenden Berggruppen, unter denen namentlich die schroff 
abfallenden Massen des Campo longo oder Langkofel, welche zum 
Teil mit Schneestreifen bedeckt sind, und weiter rechts die 
Seiser-Alpe bemerkbar werden. 



Kinc Tour darcli Kärntcu und Tirol. 233 

Der Bergvorsprung, auf dem wir, in das Anschauen des 
jrrlichen Panorama versunken, ausruhen, ist mit Schiefergeröll 
.ifaUori Glimmerschiefer), dazwischen Moos und kümmerlichem 
irzem Grase bedeckt, da andere Vegetation hier herauf nicht 
ehr reicht, und erst weiter unten am Absturz mit wenigem 
jreinzeltem Alpenrosengesträuch besetzt. 

Nach Brunecken zurückgekehrt besuchten wir die neue, 
•st im Jahre 1860 erbaute z^veithürmigc Kirche, welche in 
>hr edlem Styl, ähnlich der Münchener Ludwigskirche, mit 
jhönen Frescogemälden an der Kmiddecke des Presbyteriums 
ad des gewölbten einzigen Schiffes geschmückt ist und deren 
eitenwände wunderhübsch in Grau mit Gold tapetenartig 
ecorirt sind. An das sehr geschmackvoll gebaute Gottes- 
aus schliesst sich ein den Botzener und Münchener lürchhöfen 
achgebildeter Campo Santo, rings von drei Arcadengängen 
mgeben, an deren Wänden viele alte und neue Epitaphien 
nd Grabkreuze aufgestellt sind. Der Friedhof hat eine wahr- 
haft schöne Lage, da überall hohe grüne Waldberge und die 
iber dieselben hinwegragenden Gletscher auf die Grabstätten 
iineinschauon. 

Auch der die Stadt beherrschende Schlossberg, auf welchem 
nnc kleine Garnison haust, bietet von seinem mit Baumgängen 
versehenen Vorplatz einen weiten Rundblick auf Stadt und 
L^mgegend. 

Ueber die tirolische Handelsmetropole, das reiche Botzen, 
-^'0 ich in meinem alten Logis zum „Mondschein" wieder 
ibstieg, über sein von der Eisack durchflossenes, herrliches, 
lus Weingärten bestehendes Thal mit seinen von Rebengeländen 
lud den weissen Sommerfrischhäuschen bedeckten Berglehnen, 
larf ich längst Bekanntos hier nicht mehr wiederholen und 
i^iU aus seiner Umgebung — wo die schon wild wachsenden 
tattlichen Feigenbäimie und edlen Kastanien, sowie die mit 
liren Früchten im Freiland stehenden und nur im Winter 
lurch Dächer geschützten Citronenbäume und die im Sonnen- 
tral an den Weinbergsmauem herumschlüpfenden munteren 
Eidechsen schon den süolichen Charakter verkünden — nur des 
Iten Schlosses Runkelstein erwähnen und zwar hauptsächlich 
^egen der an den Wänden der noch erhaltenen drei Schloss- 
immer befindlichen alten Fresken, welche teils Bildnisse der 
^it der Geschichte der Burg in Beziehung stehenden Persön- 
ichkeiten, teils die Historie von Tristan und Isolde behandelnde 
Vandbilder (unter letzteren übrigens ein höchst obscönes) 
Qthalten. Sehr anziehend ist der Herabblick von dem einen 
chlosssöller in die Schlucht des tief unten liegenden einsamen 
arnthals, dessen Bach durch seinen schmalen Engpass rauschend 



234 A, Scbadenberg. 

der Eisack entgegenströmt. Im Fremdenbuche des Schlosses 
fand ich unter anderen folgenden kurzen, hübschen, patriotischen 
Kernspruch : 

„Die Schützen von Tirol . 
Die — schützen noch Tirol/ 

«Vr 18G6. „Perzager ans Tirol.« 

Im Burghofe wuchert neben alten Steintrümmern wildes 
Feigengebüsch mit grossen über 9" breiten Fingerblättem — 
ein dem Norddeutschen ungewohnter fesselnder Anblick, welcher 
allerdings durch die ebenso ungewohnte schon ziemlich hohe Tem- 
peratur der geogr. Breite von 46** allerdings einigermassen paralysirt 
wird. Noch mehr machte sich diese glühende" Hitze, verbunden 
mit dem unvermeidlichen Kalkstaub, auf der von Botzen süd- 
wärts fiihrendon Bahnlinie geltend, konnte aber doch die Beize 
der herrlichen Gegend nicht verdunkeln. Dichte traubenreiche 
Rebengelände, spalier- wie dachförmig gezogen und mit ebenso 
reichen Maisfeldern wie mit fruchtbeladenen Obstbaumgärten 
wechselnd, und rechts und links an den Berglehnen bis zu deren 
Waldgürtel hinauf zerstreute weissleuchtende Häuschen, Kapellen 
und Kirchthürme, bleiben uns immer zur Seite, wärend die Bahn 
dem Lauf der reissenden Etsch folgt. Ganz besonders gewann 
das Colorit, als vor Tricnt bei dem Sinken der Sonne einzelne 
Zinnen und Lehnen der begleitenden Dolomite zauberhaft röth- 
lieh beleuchtet wurden. 

Von der Station Mori aus, wo wir den Bahnzug verliessen, 
wurden wir mit einer Fähre über die dort zur Zeit brücken- 
lose Etsch befördert, passirten mittelst Stellwagen am Spätabend 
am schönen Loppio vorüber bei Mondbeleuchtung die schon von 
Dante in seiner divina comoedia besungene Bergsturz^üste und 
langten Abends 9 Uhr in Riva in Trafellini's ausgezeichnetem 
Hotel zur Sonne (il Sole) an, aus dessen am Seeufer gelegenem 
kleinen Hotelgarten wir eine herrliche Aussicht auf die vom 
vollen Mondenlicht zauberhaft überstralte weite Wasserfläche 
des lange nicht gesehenen prächtigen Garda genossen. 

Gleich schön, wenn nicht schöner, war die Scene am fol- 
genden klaren, aber glühenden Morgen, als auf der windbeweg- 
ten, von leichten Wellen gekräuselten Seeflut die Sonnenstra- 
len tanzten und spielten und die azurblaue Fläche, welche nacb 
Süden zu meerbusenähnlich nur oflFenen Wasserhorizont zeigt, 
mit dem glitzernden Diamantenstaub blendender Lichter flbe^ 
streuten. 

Von den sehenswerten näheren, leicht erreichbaren Punk- 
ten der Umgegend will ich hier nur die kühngebaute, „am West- 
ufer des See's durch die Felsen gesprengte Hochstrasse (an- 
geblich schon der Weg der römischen Legionen) mit ihrer 



Eine Tour dnrch Kärnten nnd Tirol. 235 

asartigem Aussiebt auf das jenseitige Ufergebirge des Monte 
do und auf die vorliegende, in den See isolirt ninausgescbo- 
le Höbe des Monte Brione, sowie den auf staubigem zwei- 
idigem Wege dureb die Huerta des Sareathals zu erreicben- 

Flecken Arco erwäbnen, dessen Gebäude sieb um einen 
nlicb grossen, im Innern renovirten, einsebiffigen KÜrcbendom 
ppiren. An den Aussenwänden des sebr gut aussebenden, 

lutem Tburme versebenen Kircbgebäudes sind an seebs ver- 
ledenen Stellen in grossen, fiisslangen, sebwarzen Buebstaben 

an sieb selbst verständlicben Worte angemalt: „Non lor- 
e. Rispetto k la Casa di Dio^ -^ eine Mabnung, die icb an 
itscben Kireben noeb niebt geftmden babe, die aber der 
vetät des Italieners gegenüber ibre vollste Bereebtigung ba- 
L mag und dessbalb aueb meines Erinnerns sogar an den 
Fgängen des Marcustburmes in Venedig sebr lesbar iigurirt, 
t aber, wie icb zu bemerken Gelegenbeit batte, nicbt immer 
olgt wird. 

In der Nabe des Fleckens, auf einer unmittelbar binter 
i letzten Häusern aufsteigenden Bodenelevation erbeben sich 

weitläufigen, aucb in ibrem Verfall nocb grossartigen Trum- 
p der vormaligen Stammburg der Grafen von Arco, neben 
leben sieb wie zum Zeicben der Trauer düstere, über 60' bobe 
pressenbäume mit ibrer eigentümlicben coniscben Laubge^ 
Itung angesiedelt baben, wärend an der unteren Hügellebne 

echte Oelbaum — welcher meines Wissens hier seine nörd- 
le Gränze eri'eicbt — in zalreicben, mitunter einen Fuss 
rken Stämmen fast schon waldförmig auftritt, was aus der 
' den Nordwinden geschützten günstigen Lage sich erklärt. 
Von der Höbe des Burgberges — welcher mit einem ge- 
lüber sich erhebenden zweiten Hügel und einer dazwischen 
jenden und beide verbindenden niederen Einsattelung eine 
ich in's Auge fallende eigentümliche Formation bildet — blickt 
n nach Norden in das anscheinend sebr freundliche Arcotbal, 
\ welchem eben die Abendglocken der einzelnen Weiler zu 
i heraufklangen, und auf der Südseite ebenfalls abwärts auf 
1 Thal der Sarca imd den Nordbusen des Gardasee's mit dem 
rgebirge des Monte Brione. 

In den Pflanzungen des wasserdurcbrieselten unteren 
*catbals bemerkten wir übrigens — wie ich hier nur bei- 
fig erwähne — eine nicbt massig, sondern mehr vereinzelt 
'kommende, mächtige, gegen 8 — 10 Fuss hohe Schilfstaude 
dn Mais) mit Rohrknoten und röthlichen Blütenbüscheln, 
lebe uns, als Nichtbotanikem, wie auch meinen Reisegefährten, 
bekannt war und über welche wir bei unserer unzureichen- 
1 Kenntniss des Dialectes aucb keine Auskunft erhalten konn- 



236 A. Schadenberg. Eine Tour durch Kärnten und Tirol, 

ten. Dem Zuckerrohr sah diese Staude täuschend ähnlich^ kann 
aber mit diesem wol nicht identisch gewesen sein. 

Von Riva's schöner Umgebung möchte hier schliesshch 
noch zu nennen sein: der als Halbinsel in den See hinausge- 
schobene, als Aussichtspunkt mehrfach gerühmte, aber von uns 
nicht erstiegene Monte Brione und der früher von mir besuchte, 
an der Westküste des See's herabstürzende Ponal-Fall, 'welcher 
zwei hohe mächtige Cascaden bildet, von denen die untere in 
einen tiefen, mit wirbelndem Wasserstaub gefüllten- Felskessel 
stürzt und durch eine Art von Felsenbrückenbogeu in den See 
ihren Ausgang nimmt. 

Nach dreitägigem Aufenthalte verliessen wir am 16. Sep- 
tember unser durchaus comfortables und verhältnissmässig nicht 
theueres Logis in Riva*), gingen mit dem Dampfboot über den 
See nach Desenzano, besuchten von dort aus zunächst aufSer- 
mione die classische Stätte, wo der vielleicht grösste, aber auch 
ungezogenste römische Dichter gelebt und geliebt hatte, muss- 
ten in den einzelnen Ortschaften auf italienischem Boden wegen 
der herrschenden Cholera uns mehrfache Durchräucherungen 
und Contumaz-Unbequemlichkeiten gefallen lassen und nahmen 
schliesslich unseren Rückweg über Verona und Botzen nach 
Innsbruck mittelst der damals neu eröffneten Brennerbahn, deren 
kühner Colossalbau in seinen sichtbaren wie unsichtbaren Con- 
structionen (ich meine beispielsweise die riesigen Flechtwerke 
zur Berasung und Befestigung der steilen und sehr beweghchwi 
Porphyrlehnen, sowie die Canaltunnels der Eisack imd Sill, 
deren altes Flussbett auf langen Strecken jetzt das Terrain für 
die Bahnlinie liefern muss) ein glänzendes Zeugniss flir das 
Genie ihrer Ingenieure bietet. 



*) Der Besitzer des Gasthofes „il solo" zu Biva, Trafellini, liquidirte 
für 3 Tage schönes Logis und ausgezeichnete Kost (Frühstück, Diner von 
sechs Gängen und Souper) für zwei Personen etwa 21 fl. Ost. W., wa« mir 
im Verhältniss zu der vorzüglichen Qualität des dafür Gebotenen gar niebt 
viel erschien und anderen Hotels, z. B. dem grossen gleichnamigen Gasthofe 
„zur goldenen Sonne" (Hotel du Soleil d'or) in Innsbruck — wo ich ffir 
schlechtes Logis enorm theuer bezalen musste — als nachahmenswertes Bei- 
spiel dienen kann. 



Ueber den Ursprung der Alpenpflanzen. 



Von Dr. A. Pokorny. 



Eine Kritik der sogenannten Transportmittel der Pflanzen 
lehrt, dass in einzelnen Fällen die Strömungen der Luft und 
des Wassers, sowie die Bewegungen der Thiere im Stande sind, 
Pflanzensamen auf Entfernungen von mehreren hunderten, ja 
tausenden von Meilen zu tragen. 

Dessenimgeachtet überzeugt man sich bei einer nähern 
Betrachtung, dass bei der in geometrischer Progression fort- 
schreitenden Vermehrung der Pflanzen bald ein Zustand der 
Vegetation eines Landes eintritt, in welchem es neuen Ankömm- 
lingen des Pflanzenreiches ausserordentlich schwer, ja man kann 
sagen geradezu unmöglich wird, sich anzusiedeln. Ein von 
Pflanzen bedecktes und vonThieren und Menschen wolbevölkertes 
Land erreicht nämlich bald einen Zustand des beweglichen Gleich- 
gewichtes seiner Vegetation, der so lange unverändert bleibt, 
als nicht durch bedeutende geologische, klimatische oder cultur- 
historische Einflüsse Raum imd Boden fiir neue Pflanzenarten 
geschafifen wird. Die Myriaden der jährlich erzeugten Pflanzen- 
keime dienen nur zur Ausfüllung der Lücken innerhalb des 
Verbreitungsbezirkes einer Art; die Artgränze selbst bleibt 
constant und ändert sich nur bei einer Aenderung der erwähnten 
Einflüsse. 

Bei erreichtem Gleichgewichtszustand der Vegetation ist 
nun die Wirkung der natürlichen Transportmittel ausserhalb der 
Artgränze so gering, dass selbst unbedeutende geographische 
Hindemisse nicht mehr von ihnen überwunden werden können. 
So bieten selbst schmale Meerengen, wie die von Calais oder 
von Messina, unübersteigliche Gränzen fiir die Einwanderung 
neuer Pflanzen vom Festland auf die durch diese Meerengen 
getrennten Inseln. Noch weniger ist es aber denkbar, dass 
heutzutage in solchen Fällen ein wirksamer Pflaiizentransport 



238 Dr. A. Pokoruy. 

zwischen einzelnen, weit entfernten, durch ausgedehnte Länder- 
strecken und Meere getrennten Erdstrichen stattfindet. Bemerken 
wir nun in dergleichen geographisch getrennten Bezirken eine 
identische oder verwandte Vegetation, so stehen wir vor einer 
Thatsache, die sich nicht durch die in der gegenwärtigen Erd- 

Eeriode vorhandenen Mittel der Verbreitung der Pflanzen er- 
lären lässt. Wir schliessen daher nicht mit Unrecht auf Zu- 
stände, welche vor derselben Platz gegriffen haben müssen^ um 
uns den ursächlichen Zusammenhang solcher Erscheinungen auf 
eine natürliche Weise klar zu machen. 

Zu diesen nur aus frühern Zuständen der Erdoberfläche 
erklärlichen (geologischen) Thatsachen gehört die gegenwärtige 
Verbreitung der Alpenpflanzen. 

Es ist eine Allen geläufige Vorstellung, dass die Vegetation 
eines Berges mit seiner Höhe sich ändert. Dieser Wechsel ist 
an etwas höheren Bergen so auffallend, dass er von jedem Be- 
sucher bemerkt werden muss, namentlich an den höheren Bergen 
der heisscn Zone, an welchen nach H um boldt's schönem Aus- 
spruch „alle Klimate und deren Erzeugnisse schichtweise über- 
einander liegen und in wenigen Stunden durchschritten werden 
können". 

In den obersten Höhenregionen nun hört bekanntlich der 
Baumwuchs gänzlich auf und es breitet sich ein Gürtel niederer 
Sträucher und Kräuter aus, welche bald eine zusammenhängende, 
häufig aber auch nur mehr eine zerrissene, aus getrenntem Rasen 
bestehende Vegetationsdecke bilden. 

Nach einem ziemlich allgemein angenommenen Sprach- 
gebrauch heisst diese oberhalb des Baumwuchses liegende 
Region „die Alpenrcgion" und die in derselben vorkom- 
menden Pflanzen sind es, die man unter dem Namen „Alpen- 
pflanzen" begreift. 

Der Begriff „Alpenpflanzen" ist jedoch keineswegs 
.so scharf geschieden, als es den Anschein hat. Hier, wie überafi, 
wo man CoUectivbegriffon nachgrübelt, zeigen sich zalloae 
Schwierigkeiten und Uebergänge. 

Die Alpenpflanzen bilden weder eine geographisch, 
noch systematisch, noch habituell scharf begränzte 
Gruppe. 

Wenn hier nach Humboldt undMeyen die Baumgränze 
als untere Gränze der Alpenregion angenommen wurde, so ist 
diess im grossen Ganzen sehr anschaulich, im Einzelnen aber 
äusserst unbestimmt. Die hochstämmigen Bäume verkrüppeln all- 
mälig auf Bergeshöhon und gehen unmerklich in niedere Sträucher 
über. Sehr viele Berge sind von Wäldern und Bäumen entblöwt 
und ermangeln dieser Vegetationsmarke gänzlich. Die Sache 



Ucber deu Ursprung der Alpenpflanzen. 239 

vird nicht besser, wenn man statt der Baumgränzc absolute 
Slevationszalen (wie manche Schweizer und einheimische 
Floristen) oder mittlere Höhenisothermen (wie Schlagintweit) 
>der das Auftreten, Verschwinden oder vorherrschen gewisser 
illharakterpflanzen (nach Wahlenberg 's Vorgang) als Kenn- 
seichen der Alpenregion annimmt. Immer wird die untere 
aränze der Alpenregion eine ziemlich verwischte und unsichere 
3leiben, vor Allem, weil sich ja die Vegetation nicht mit einem 
Schlage ändert, sondern stets ein Uebergreifen der Alpenpflanzen 
lach abwärts und umgekehrt ein Uebergreifen der tiefer gelegenen 
Vegetation nach aufwärts stattfindet. 

Ebenso schlecht ist es mit der oberen Gränze der Alpeu- 
'egion bestellt. Nach dem bekannten Schema der Pflanzen- 
jeographen entsprechen die Höhenregionen der Berge, welche 
n ihrer Vegetation einen so bestimmten Ausdruck erhalten, 
len klimatischen Zonen, imd die Alpenregion, welche man ge- 
neiniglich noch in eine Region der Alpenkräuter und Alpen- 
träucher trennt, wird hier der arktischen und Polarzone zwischen 
lern 66. und 82. Breitegrad parallelisirt. Hiemit ist aber keines- 
v'Cgs die Gränze des vegetabilischen Lebens erreicht, und es haben 
[aber manche Pflanzengeographen oberhalb der Alpenregion 
lOch eine oder mehrere Regionen unter dem Namen der oberen 
md unteren Schneeregion, der Region der Kryptogamen u. dgl. 
mterschieden. 

Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die Vegetation auf 
msern Hochgipfeln nur aus Mangel geeigneter Standörtlichkeiten 
,ufhört. Wo unter günstigen Umständen ein von Schnee und Eis 
intblösstcs Erdreich oder selbst nur nackter Fels hervortritt, 
iedeln sich, wenn gleich spärlich und verkümmert, einzelne 
i*flanzen an. So fand ich beim Uebergang über das 10,160' 
lohe Ramoljoch zwischen dem Gurgler und Venter Thal in Tirol, 
inmittelbar auf der westlichen Abdachung imter dem Joche, 
len bekannten Gletscherranunkel, die Glctscheraretie, den bayri- 
ichen Enzian und andere hochalpine Pflanzen; so wurden auf 
len Felsabstürzen der Grossglocknerspitzen, der Jungfrau, des 
Montblanc u. s. f. noch Flechten beobachtet. 

Es ist bekannt, dass auch die Polarreisen ein ähnliches 
Resultat gebracht haben. So weit Menschen in den nördlichsten 
Ländern der Erde, im Smith-Sund, auf Spitzbergen, Nowaja 
Semlja und im Tamyr lande vorgedrungen sind, fanden sie auf 
günstig gelegenem, von Schnee entblösstem Terrain Pflanzen, 
und zwar nicht bloss Moose und Flechten, sondern sogar Blüten ! 

Eine absolute obere Gränze der Vegetation scheint es daher 
gar nicht zu geben, und ebenso wenig ist eine scharfe Gliederung 
der über der Baumregion vorkommenden Vegetation nach Regionen 



240 Dr. A. Tokorny. 

zulässig. Für unsere Zwecke genügt übrigens auch ein Zusam- 
menfassen der obersten Vegetation unserer Hochgebirge im 
Allgemeinen als Alpenflora vollkommen, da diese geographisclie 
Begriffsbestimmung trotz ihrer Unsicherheit noch immer bessere 
Anhaltspunkte bietet, als die Erörterung, ob die Alpenpflanzen 
vielleicht eine systematische oder wenigstens habituelle 
Pflanzengruppe bilden. 

Was das Erstere anlangt, so herrschen allerdings unter den 
Alpenpflanzen gewisse Formen vor, und es gibt einzelne Pflanzen- 
gattimgen, die ganz oder zum grössten Teil alpin sind. Dennoch 
ist der Verbreitungsbezirk der meisten Gattungen ein so grosser, 
dass man sie nicht als ausschliesslich den Alpen angehörend 
bezeichnen kann. Ich erinnere hier nur beispielsweise an die 
Gletscherweiden und Alpenrosen, an die zierlichen Alpcnprimeln, 
Gentianen, Saxifragen, Draben, an die weissblühenden ßanunkeln, 
welche sämmtlich Pflanzengattungen angehören, deren Arten zum 
Teil auch in den Tiefländern vorkommen. 

Noch auftauender ist es, wenn man die Alpenflora der 
neuen Welt mit der unserer Alpen vergleicht. Hier finden wir 
zum gi'ossen Teil fi'emde Gattungen, ja selbst neue Familien. 
Unsere Alpenrosen sind dort durch Befarien und Escallonien 
vertreten; unter den Kräutern gedeihen daselbst Calceolarien, 
Mimulus- Arten, Loasen, sehr eigentümliche buschige Compositen 
und Doldenpflanzen und selbst Cacteen neben europäischen Gat- 
tungen als Alpenpflanzen. 

Es lässt sich also durchaus nicht behaupten, dass die Alpen- 
flora eine systematisch begränzte Abteilung des Pflaneenreichös 
bildet. Aber ebenso wenig ist sie physiognomisch oder 
habituell von den übrigen Pflanzen geschieden. 

Zwar haben die meisten Alpenpflanzen Eigentümlichem 
genug, um als solche beim ersten Blick erkannt zu werden, und 
diese Eigentümlichkeiten geben, wie die Vegetationsdecke tibe^ 
haupt, den Gegenden, in denen sie vorkommen, ein charakteri- 
stisches Gepräge, eine eigene Physiognomie. Sie zeichnen sich 
nämhch im Allgemeinen durch ihren niedrigen, rasenartigen 
Wuchs, durch die gedrängten kleinen Blätter, durch die stärkere 
Behaaining aller Teile, durch die gesättigten Farben der ve^ 
hältnissmässig grossen Blüten aus. • 

Allein abgesehen davon, dass es viele Alpenpflanzen gibt, 
denen diese Merkmale nicht zukommen, so gibt es ähnliche 
Pflanzenformen in allen Gegenden, besonders unter Verhältnissen^ 
wo man es am wenigsten vermuten sollte. Ein magerer, sonniger 
Standort, besonders zäher Thon- oder Salzboden, verändert den 
Habitus der Pflanzen in ähnlicher Weise, wie wir es an den 
Alpenpflanzen sehen. Die vegetativen Organe verkümmern, die ^^ 






üeber den Ursprung der Alpenpflanzen. 241 

Blüten vergrössem sich. Wir begegnen denselben intensiven 
Slumenfarben, ja selbst das dichte Haarkleid der Alpenpflanzen 
st vielen Pflanzen des Salzbodens, de^ Meeresstrandes und der 
iiVüÄte eigen. Wie sich so häufig Gegensätze berühren, so sah 
eh im ungarischen Tiefland mitten in der unermosslichen Ebene 
ITegetationsformen von ganz alpinem Habitus, Puszten, deren 
serrissene, rasenartige Vegetation in zollhohen Zwergformen mit 
pressen gesättigten Blüten auftrat und zum grossen Teil den- 
lelben Gattungen angehörte, die auch unter den Alpenpflanzen 
rorhelTschen, als da sind Astern, Ranunkeln, Potentillen, Scor- 
soneren u. dgl. 

Wenn nun auch die Alpenpflanzen sich weder geographisch 
loch systematisch oder habituell scharf begränzen lassen, so bilden 
ie doch eine der auflallendsten Pflanzenformationen , deren 
solirtes inselartiges Vorkommen auf den höchsten Erhebungen 
les Festlandes in der Nähe der Schneegränze allein schon hin- 
reicht, die Aufmerksamkeit des Forschers zu erregen und der 
Serkunft dieser in unserer Flora so fremdartig dastehenden 
(Vegetation nachzuforschen. 

Als die Aufmerksamkeit der Pflanzengeographen sich diesem 
Gegenstände zuwendete, begnügte man sich anfiinglich mit der 
iVanmehmung, dass die Alpenflora unter ähnlichen klimatischen 
iTerhältnissen vegetire, wie die Flora der Polargegenden, um 
lierin nicht nur eine Erklärung der Uebereinstimmung beider 
i^loren, insoweit sie identische Arten enthalten, sondern aucli 
nsoweit sie systematisch verschieden, aber habituell ähnlich sind, 
n finden. Das Klima wurde nicht nur als ein Hauptfactor in 
ler Verbreitung der Gewächse, sondern geradezu als das eigent- 
ich Pflanzenformen erzeugende Princip betrachtet. Auch noch 
leutzutage gilt das Klima ziemlich allgemein als alleiniger 
Srklärungsgrund der Verschiedenheit der Vegetation nach Zonen 
md Höhenregionen, und nur mit Mühe und nicht unbestritten 
gelang es den Forschungen eines Unger, Thurmann, 
tendtner, dem Boden einen ähnlichen Einfluss zu vindiciren. 

Und doch sind Klima und Boden, so wichtige Lebens- 
bedingungen für die Pflanzen sie auch sein mögen, sehr wenig 
geeignet, die Verschiedenheit oder die Herkunft einer Flora zu 
erklären. Aus klimatischen und Bodenverhältnissen wird es 
löchstens erklärlich, warum eine Pflanze in einer bestimmten 
3hegend nicht vorkommt, keineswegs aber, wamm sie 
laselbst vorkommt. 

Klima und Boden haben auch nur einen untergeordneten 
BSöfluss auf die Abänderung von Pflanzenformen ; bedeutendere 
md constante Abänderungen entstehen aus inneren Ursachen 
^ der Pflanze selbst, namentlich in ihrer Geschlechtssphäre. 

16 



^A2 Dr. A. Pokornr. 

Der Einfliiää des Kl'm\ii6 und des liodcns bescliräiikt äich dem- 
nach grossenteild auf die Auswahl, welche durch diese Lebens- 
bedingungen zwischen den von den Pflani^en selbstständig erzeugten 
Fennen getroflfen wird. Offenbar wird nämlich unter mehroron 
solchen Formen sich jene an einem Standort am besten behaupteu, 
welcher Klima und Boden daselbst am besten zusagt. Ob alao 
die Pflanze einjähi'ig od(»r ausdauernd, oh sie hochstämmig oder 
niedrig ist , ob sie laicht oder Schatten , Wärme oder Kälte, 
Feuchtigkeit oder Trockenheit, Kalk- oder Schieferboden vor- 
'.aeht, diese und ähnliche biologische Momente sind es, auf welche 
oino bestimmte Standörtlichkeit einen entschiedenen Einflius 
iiusiibt. Die Form Verschiedenheiten hingegen, welche eben die 
Pflanzenarten charakterisiren, die verschiedenen Blatt-, Blumen- 
nnd Fruchtformen sind fast durchaus ftir Klima und Boden 
Iiöchst gleichgiltig, so z. B ob das Blatt einer Pflanze ganz- 
randig oder gesägt, gelappt oder gefiedert, die Blume mehir- 
blättrig oder einblättrig ist, oder ob die Staubgefässe in der Zul 
von 4 oder 5 vorhanden sind u. dgl. mehr. 

AAVnn nun Klima und Boden uns höchstens nach der 
biolo5j^isclion Seite hin die Vegetation einer Gegend erklären, 
durchaus aber nicht ilure Form Verschiedenheit , in welcher ja 
eben das A\\Men der organischen Arten beruht, so entsteht dk 
weitere Frage, woher die Verschiedenheit der Pflai^zen kommt, 
oder woher eir.e bestimmte Flora, z. B. die Alpenflora, stammt. 

Es gibt in dieser Beziehung nur zwei Möglichkeiten: ent- 
weder es ist dieselbe ursprünglich (endemisch), d. h. an Ort 
und Stelle entstanden, oder sie ist fremd, d, h. eingewandert 

Gibt es nun ein Kriterium zur Entscheidung dieser Frage? 
AUerdini^s, und zwar liegt dasselbe in der näheren Betrachtung 
des Vorbreitnngsbezirkes dnr Pflanzenformen. 

Alle Theorien und Thatsachcn sprechen dafür , dass jede 
Pflanzenart ursprünglich nur von oinem Puncto der Erdoberfläche 
ausgegangen sei. Hiefiir spricht schon die Einfachheit; hiefär 
spricht die Thatsache der factischen Verbreitung aller lebeadep 
Wesen durch Zeugung mit nachfolgender Wanderung, so weit 
die Beobachtung reicht und von Wundem abstrahirt wird; hi^ 
für spricht die Art der Verbreitung, der zu Folge in derBeffol 
die nächst verwandten Formen dasselbe oder ein angränzendtf 
Areal bewohnen; es spricht endlich dafür der Umstand, dm 
die Entstehung einer und derselben Art weder nach dar 
Schöpfimgstheorie, noch nach der Umänderungstheorie sich loicM 
wiederholen kann. 

Wir werden daher bei ungestörten Verhältnissen ofc* 
grossen Fehler den Entstehungsort einer Art am besten in de» 
Atittelpunkte ihres gegenwärtigen Verbreitungsbezirkes und* 



Uebcr den Ursprung; der Alpenpflanzen. 24S 

annehmen müssen, wo das Maximum ihrer Dichte vorhanden 
ist. Nach Griscbacli pflegt mau ziemh'ch allgemein diesen 
Funkt als S chöpfungscentrum, auch Vegetationscen- 
trum oder Verbreitungscentrum einer Art zu bezeichnen. 
Aehnlich lässt sich auch von dem Verbreitungscentrum einer 
Gattung, einer Familie u. s. f. sprechen. Wo mehrere solche 
Oentra zusammenfallen, nimmt man einen Schöpfungsherd an. 

Wenden wir nun diese Grundsätze auf die Alpenflora und 
zwar zunächst auf die Pflanzen der mitteleuropäischen Alpen 
an, so finden wir teils solche, welche diesem Gebirgszuge aus- 
schliesslich eigen sind, deren Verbreitungscentrum daher inner- 
halb der Alpen fallt, teils aber auch Pflanzen, die ausserhalb 
der Alpen auch noch auf andern Hochgebirgen oder in den 
Polar ländern vorkommen. 

Von ersteren will ich beispielsweise nur unsere herrliche 
IVulfenia carinthiaca nennen, welche allein auf* der Kühweger 
Alpe des Gailthales in Oberkärntcn vorkommt, also einen äus- 
serst eingeschränkten Verbreitungsbezirk hat. Es ist geradezu 
undenkbar, dass eine so schöne und auffallende Pflanze der 
Aufmerksamkeit der Botaniker entgangen sein könnte, wenn sie 
mich noch anderwärts zu finden wäre. Bei andern unscheinbaren 
oder kritischen Pflanzen ist die Möglichkeit, dass sie auch an 
andern Orten vorkommen, immerhin vorhanden. 

Viele Alpenpflanzen haben jedoch mehrere getrennte Ver- 
breitungsbezirke. Insbesondere finden wir sie in der Polarzone 
wieder und dieser Umstand ist es, der einer besonderen Erklä- 
rung bedarf, da, wie bereits Eingangs erwähnt wurde, die gegen- 
wärtigen Transportmittel der Pflanzen (Winde, Wasserströ- 
mungen, Zug der Vögel) nicht ausreichen, die dazwischen lie- 
genden geographischen Hindernisse (Meere und Tiefländer) zu 
überwinden. 

Man hat wiederholt die äussersten Tlochgipfel der Alpen, 
einzelne von Gletschern umringte Oasen bezüglich ihrer Vege- 
tation imtersucht und mit der Flora der nördlichsten Länder 
verglichen, und stets eine auffallende Uebereinstimmung, obgleich 
nie völlige Identität gefunden. So ist der oberste Faulhorn- 
l^ipfel (2G83 Meter) ein nackter, 65 Meter hoher Kalkkegel, der 
132 Phanerogamen bclicrbergt, von denen 40 in Lappland^ 
8 auf Spitzbergen vorkommen. Mitten in dem Mer de glace 
des Montblanc liegt das berühmte Gletschergärtchen Saussure» 
(2756 Meter) mit 87 Phanerogamen, von denen 24 in I^app- 
land, 5 auf Spitzbergen vorkommen. Wir haben in der Gams- 
grube des Pasterzengletschers bei Heiligenblut eine nicht minder 
interessante, ähnliche Resultate ergebende Localität. Selbst auf 

dem Pic du Midi der Pyrenäen (2860 Meter) gibt es unter 

Iß* 



244 Dr. A. Pokorny. 

72 Phanerogamen der äussersten Spitze noch 7 Species, welche auf 
Spitzbergen vorkommen. Nach He e r besitzt die »Schweiz 360 alpine 
Species, von denen nicht weniger als 158' in Nordeuropa wieder 
gefunden werden. Umgekehrt kommen von den 93 Phanero- 
gamen Spitzbergen's 69 in Scandinavien und 28 Arten noch in 
Frankreich vor. Ueberdiess ist wol zu beachten, dass die nicht 
identischen Arten der Hochalpen und des hohen Nordens mei- 
stens einander nahe verwandt sind und oft vicariirend auftreten^ 
wodurch, sowie durch die habituelle und biologische Gleichheit 
die Aehnlichkeit beider Floren um so grösser wird. 

Alle diese Thatsachen deuten auf einen gemeinschaftlichen 
Ursprung der polaren und alpinen Flora hin. Insbesondere sind 
es die identischen Arten, die darauf unwiderleglich hinweisen, 
da ein mehrfaches Schöpfungscentrum fiir jede einzelne Art 
nicht angenommen werden kann. Da gleichzeitig die Verbrei- 
tung dieser Arten durch die Naturkräfte unter der gegenwär- 
tigen Gestaltung der Erdoberfläche unmöglich ist, so müssen in 
einer vorhergehenden Periode der Erdbildung Verhältnisse ob- 
gewaltet haben, welche diese Verbreitung ermöglichten. 

Durch die zwingende Beweiskraft dieser Betrachtung 
müsste vom pflanzen-geographischen Standpunkt allein schon 
auf eine der jetzigen Erdperiode vorangegangene Zeit geschlossen 
werden, in welcher die Verbreitung von Pflanzen zwischen den 
Alpen und Polarländem möglich war. Bekanntlich ist eine 
solche Zeitperiode längst von den Geologen und Paläontologen 
durch anderweitige Thatsachen ermittelt worden. Es ist diess die 
sogenannte Eiszeit oder Diluvialzeit, wie sie sich aus den 
Spuren der damals im grossartigsten Massstabe entwickelten 
Grietscher, aus dem Vorkommen der erratischen Blöcke, der 
Ablagerungen mächtiger Schutt- und Lehmlager und den an 
günstigen Stellen erhaltenen Resten von Thieren und Menschen 
ergibt. 

In dieser Zeit war, wie die Untersuchungen eines Agassiz, 
Forbes, Heer u. A. gezeigt, die Verteilung von Wasser und 
Land in Mitteleuropa und in Folge dessen das Clima ganz ver- 
schieden von dem gegenwärtigen. Zu einer Zeit, wo Scandi- 
navien, Teile der brittischen Inseln, Süd-Deutschland, Teile von 
Frankreich abgesondert als Inseln hervorragten, die norddeutsche 
und polnische Niederung aber Meeresboden war, konnte nicht 
nur ein ungehemmter Pflanzen-Transport, namentlich durch 
schwimmende Eismassen, zwischen diesen einzelnen Landstreckett 
stattfinden, sondern es waren auch die climatischen Verhältnisse 
wesentlich andere, da über diesem ganzen Erdstrich eine 
sehr niedere Temperatur herrschte, welche die Ansammlung 
colossaler Gletscher, das Gedeihen einer polaren Flora in den 



Ueber den Ursprung der Alpenpflanzen. 245 

ieferen Eegionen des damaligen Festlandes und das 
gleichzeitige Vorkommen hochnordischer Thiere ermöglichte. 

Die Verbreitung der Alpenpflanzen gehört zu den wich- 
igsten Beweisen fiir die Existenz einer solchen Eiszeit, und so 
vie sich bei näherer Betrachtung zalreiche geologische und pa- 
äontologische Thatsachen auch ausserhalb des eigentlichen AI- 
)engebietes fiir dieselbe aufzälen lassen, so fehlt es nicht au 
>otanischen Vorkommnissen, welche zur Bekräftigung der ehe- 
aaligen grösseren Verbreitung der Alpenflora dienen. 

Wir finden die Alpenflora nicht nur auf den höchsten 
^^ipfelh unserer Hochgebirge, sondern häufig an günstig gele- 
;enen Localitäten in bedeutender Tiefe. Um nur ein paar bc- 
:annte Oertlichkeiten zu nennen, erwähne ich hier der Eiscapelle 
►ei Berchtesgaden, der tiefen Schlucht am Lassingfall bei Ma- 
iazell, der Schneegruben am Riesengebirge und im Gesenke, 
a, Spuren einer alpinen Vegetation finden sich an Orten, wo 
lan sie kaimi vermuten würde und wo durch die gegenwär- 
:gen Transportmittel eine Verbreitung nicht leicht denkbar ist. 
lieher gehört das Vorkommen des Krummholzes in Hochmooren, 
eren Alter häufig in die Diluvialzeit heraufreicht; das Auftre- 
3n mancher Alpinen unseres Schneeberges in den Moorsümpfen 
on Moosbrunn (merkwürdig vergesellschaftet hier mit dem Vor- 
ommen der bei uns ebenfalls alpinen Viper), oder, um ein an- 
eres Beispiel aus der Wiener Gegend zu erwähnen, das von 
lir schon vor Jahren hervorgehobene Vorkommen einiger al- 
inen Blütenpflanzen und Moose im sogenannten Wassergespreng 
m Giesshübel bei Wien. Selbst mitten im wildesten Hansäg- 
umpfe in Ungarn fand ich in einer Seehöho von nur 416 Fuss 
inen Basen des hochnordischen und hochalpinen Alpen- WoU- 
rases (^Eriophorum alpinum), dessen nächster Standort am Hoch- 
'echsel an der steierischen Gränze ist. Zaireich sind noch die 
teispiele aus der norddeutschen Ebene, wie das Vorkommen 
er schwedischen Cornelkirsche {Cornus sitecica^ in Oldenburg 
nd Meklenburg oder das frappante Auftreten hochnordischer 
[oose auf den erratischen Blöcken des norddeutschen Tieflandes. 

Es sind diess Vorkommnisse, welche fiir den Pflanzen- 
eographen dieselbe Bedeutung haben, wie die Findlinge, der 
)iluvialschotter, der Löss oder die GletscherrifFe für die Geo- 
)gen, es sind Denkmale der Diluvialzeit! 

Wir erkennen also in den Alpenpflanzen nach dem jetzi- 
;en Standpunkt der Wissenschaft die Diluvialflora, welche sich 
A günstigen Standorten bis auf den heutigen Tag erhalten hat. 
n dem Grade nämlich, in welchem die Eiszeit einem mildem 
^lima wich, mussten sich diese Pflanzen teils gegen Norden, 
teils gegen den Gipfel des Hochgebirges zurückziehen. Da an 



246 Dr. A. Pokoruy. 

bliesen Orten die Vegetationsbedingungen noch gegenwärtig mit 
jenen der Eiszeit übereinstimmen, so darf es uns nicht Wunder 
nehmen, wenn wir auch die Vegetation bei sich gleichbleiben- 
den äusseren Lebensverhältnissen unverändert oder nur wenig 
geändert finden. 

Die richtige Erkenntniss der gemeinschaftlichen Herkunft 
der polaren und Alpenflora ist in pflanzengeographischer und 
geologischer Beziehung von ausserordentlicher Wichtigkeit. 

Sie lehrt uns in dem nördlichen Angelpunkt der Erde ^in 
pflanzengeographisches Centnun ersten Kanges kennen, wie es 
ähnlich an keinem andern Punkt der Erdoberfläche so regel- 
mässig auftritt. Es liegt daher der Gedanke nahe, die Ver- 
breitung der Pflanzen von diesem natürlichen Vegetationscentrnro 
aus zu verfolgen. Das allgemeine geographische Grundgesetz^ 
welches sich fiir die Pflanzen- und l'hierwelt übereinstimmend 
ergibt, ist längst schon erkannt. Aber jetzt erst fiigen sich die 
bisher nur räumlich festgestellten Thatsachen einer höheren zeit- 
lichen Betrachtungsweise durch Erforschung des Entwicklung*- 
ganges und Ursprunges der organischen Wesen. 

Bekanntlich lehrt die Pflanzen- und Thiergeographie, da» 
die innerhalb des Polarkreises lebenden Pflanzen und Thiere 
ziemlich gleichmässig an geeigneten Oertlichkoiten verbreitet 
aind; sie bilden ako eine eigene circumpolare Flora und Fauna, 
deren Centrum eben der Noi'dpol ist. 

Südlich vom Polarkreis tritt eine Spaltung der Formen 
ein, so zwar, dass wir häufig unter demselben Breitengrad zwei 
oder mehrere nahe verwandte und vicariirende Arten finden. 

Diese Spaltung und Differenzirung wächst mit abnehmen- 
der Breite bis zum Aequator, so dass hier schon eine gänriiehe 
Verschiedenheit der Flora und Fauna in der östlichen und west- 
lichen Halbkugel angetroffen wird. Häufig finden wir nicht 
nur abweichende Gattungen (Genera), sondern selbst vicariirende 
Familien unter derselben Breite in verschiedenen Weltteilen. 
Aber auch jenseits des Aequators setzt sich diese Diflferenzinmg 
fort, so dass es nicht leicht unähnlichere Faunen und Floren 
gibt, als die von Südafrika, der Westküste von Südamerika und 
Neuhollands. 

Es würde zu weit ftihren, wollte ich liiezu die zallosen 
Belege aus beiden organischen Reichen der Reihe nach an- 
führen. Es genügt, beispielsweise zu erinnern, däss inne^ 
halb des Polarkeises es nur eine Art von Fuchs, Bär u. dgl 
gibt; dass etwas südlicher zwei nah verwandte Arten derselben 
Oattung leben, wie das Rennthier, Elenthier, der Bison, der 
liandbär der neuen und alten Welt; dass noch sQdlieher die 
Diflerenzirung schon Subgenera, wie bei den Hirschen, Zieseln, 



lieber dcu rivprunjr «It-r llpenpdnuzeii. 247 

and noch weiter südlich gilt uutersi-liietleni.* Genera, wie bei den 
fkrauftsen, Schweinen, Caineelen, Krokodilen n. dgl. umfasst. 
Aehnlieh finden wir in der Circiunpolar-Flnra nur Kine Art 
Birke, Eine Art Heidelbeere, Eine Art ^[olin; etwas südlicher 
aber, wie wir die BaumgrUnze erreichen, ist die Diifereiizirung 
bereits ausgesprochen. Fichte, Tanne, Weissbirke, Rothbuehe, 
&Ie sind in der alten und neuen AVeit durch nah verwandte 
Arten vertreten. Noch weiter südlich konnuon bereits Sub- 
genera vor, wie bei den Berberizen, Brombeersträuchen, Eichen, 
Ahornarten; oder verwandte Genera, wie Anipelopsis, Taxodiuni 
n. dgl. mehr. 

Sucht man nun das Centrum solcher systcinatiscli getrenn- 
ter, aber verwandter und vicariirender Formen auf, von dem 
ne mutmasslich ausgegangen sein können, so kommt man stets 
auf den Nordpol als den gemeinschaftlichen ^littelpunkt dieser 
Verbreitungsbezirke zurück, wie es eine Weltkarte in Nord- 
polar-Sternprojection nach der Idee des Dr. G.Jaeger am äugen 
icheinlichsten darlegt. 

Nehmen wir nun an, dass nicht nur getrennte Verbrei- 
tnngsbezirke derselben Art, sondern auch getrennte \^.'rbrei- 
tungsbezirke nahe vem'andter Arten auf einen gemeinschaftli- 
chen Ursprung hindeuten, so werden wir denselben dort zu 
suchen haben, wo ein Zusammenhang unter andern als den ge- 
genwärtigen Verhältnissen miSglich war, und diess war nach der 
höchst wahrscheinlich uralten Configuration des Festlandes in 
seinen grössten Umrissen nur im hohen Norden der (\ill. In den 
circumpolaren Landmassen haben wir die Brücke zu suchen, 
jene wahre Atlantis, auf welcher nicht nur die Alpeuptianzen, 
sondern auch Pflanzen eines gemUssigteren Olima's ungehindert 
von Continent zu Continent gelangen konnten. 

Darwin weist hier sclnagend nach, dass bei einer von 
der jetzigen Configuration des Festlandes und Wassers nur wenig 
abweichenden Gestaltung der Erdoberfläche in einer noch frü- 
heren Erdperiode vor der Diluvialzeit, also etwa in der Plio- 
cänzeit, bei den damals allgemein günstigeren elimatischen 
Verhältnissen in der jetzigen arctischen Zone die Pflanzen der 
gemässigten Zone ganz gut gedeihen und auf der lirücke des 
Circnmpolarlandes in den neuen Continent gelangen konnten. 
Als nun später eine Verschlimmening des Clima's eintrat, war 
der Zusammenhang zwischen den einem temperirten Clima an- 
gehörenden Pflanzen der alten und neuen AVeit im Norden un- 
terbrochen. Die isolirten Pflanzen der neuen Welt mussten sich 
weitei* nach Süden zurückziehen und gerieten hier unter ver- 
ftnderton Lebensbedingungen noch überdies« in Mitbewerbung 
mit der ursprünglichen Flora des Landes. Es ist daher nicht 



248 l>r. A. Pokorny. 

wunderbar^ dass äic liiebei selbst sich verändcrtca und zwar 
die^s um so mehr, je weiter sie nach Süden vordrangen und 
je älter der Zeitpunkt ihrer Einwanderung ist. Es drängt sich 
hiebei durch ähnliche Schlussfolgerungen unwillkilrlieh der Ge- 
danke auf, dai^s auf diesem ^\'^ege in noch entlegeneren geolo- 
gischen Zeiträumen selbst die tropische Vegetation in den neuen 
Contincnt gelangen und in ähnlicher Weise, aber um so durch- 
greifender in der ungezälten Reihe von Jahrtausenden sich ver- 
ändern und von der Vegetation der alten Welt differenziren 
konnte. 

'Was Darwin zur Annahme solcher durch Temperatur- 
difFerenzcn des Clinia's hervorgebrachter grossartiger Pflanzen- 
wandcrungcn vorzugsweise bestimm te^ war die pflanzengeogra- 
phische Tliatsac);e, dass europäische Pflanzengattungen nicht 
nur auf allen llochgipfeln des amerikanischen Continents, son- 
dern ebenso in den äussersten antarctischen Gegenden und zwar 
merkwürdiger Weise in identischen Arten vorkommen. Der 
jüngere Ilooker liat das Verdienst, diesen merkwürdigen Um- 
stand gchfirig gewürdigt und eine Aufzälung der im Feuerland, 
in Neuseeland und Neu-Holland ursprünglich vorhandenen euro- 
päischen Pflanzenarten geliefert zu haben. Dieses Vorkommen 
lässt sicli nur dadurch erklären, dass die europäischen Formen 
des geniässigteren Clinia's in der späteren Pliocänzeit, die pola- 
ren oder alpinen Fonnen hingegen in der Diluvialzeit längs 
der in lleridiam'ichtung den amerikanischen Continent durch- 
ziehendeu Cord illeren bis in hohe südliche Breiten gelang- 
ten und hier auf der südlichen Halbkugel sich weiter ver- 
breiteten. 

Aber nicht nur der neue Continent, auch die alte Welt 
bietet in den Alpenpflanzen Beweise' grossartiger Pflanzenwan- 
derungen, welche nimmermehr durch die gegenwärtigen Ver- 
hältnisse der Erdoberfläche sich erklären lassen. Die Alpen- 
flora des Himalaya, des Kücn-lün und Schian-than, , ist oflfenbar 
ebenso nordisclicn Ursprungs, wie die Vegetation unserer Hoch- 
gebirge. Wenn wir aber selbst auf den isolirten Hochgipfeln 
Java's, in den Hochgebirgen Abissyniens und in den erst kürz- 
lich entdeckten ostafrikanischen Schneegebirgen, dem Eilima- 
Ndscharo und Kilimca, europäische Formen aufti'oten sehen, so 
scheint diess auf eine Einwanderung in früheren Zeiten hinzu- 
deuten, wie sie nur durch eine gewaltige allgemeine Depression 
der Temperatur, wenigstens in gewissen mcridionalen Richtun- 
gen hin, möghch ist. 

Ueberblicken wir nun rasch die Ergebnisse und Folgerun- 
gen einer vorurteilsfreien Betrachtung der Alpenpflanzen, so 
sind es in Kürze folirendc: 



Ucber den Ursprung der Alpenpflanzen. 249 

* 

1. Die Alpenpflanzen bilden weder eine geographisch, noch 
rstematisch, noch habituell scharf getrennte Gruppe des Pflan- 
5nreiches. 

2. Die Alpenpflanzen sind ihrem Ursprung nach Pflanzen 
er Diluvialzeit, die sich mindestens soweit sie noch in getrenn- 
m Verbreitungsbezirken leben, unverändert bis in unsere Zei- 
m erhalten haben. 

3. Die Alpenpflanzen sind hiedurch in doppelter Beziehung 
lerkwürdig; einerseits, weil sich ihr geologisches Alter und da- 
3r überhaupt das Alter recenter Pflanzen mit ziemlicher Sicher- 
3it feststellen lässt, andererseits, weil sie Beweise des hohen 
xistenzalters der Species überhaupt sind. 

4. Die Alpenpflanzen weisen auf ein gemeinschaftliches 
lanzengeographisches Centi'um am Nordpol und auf grossartige 
flanzenwanderungen in meridionaler Richtung hin. 

5. Durch die Alpenpflanzen wird ein neuer Beweis einer 
iszeit, die sich über bedeutende Teile der Erdoberfläche er- 
reckt haben muss, hergestellt: sie setzen eigentümliche clima- 
iche Verhältnisse und eine besondere Gestaltung der Erdober- 
Iche im Einzelnen bei übrigens mit der gegenwärtigen nahezu 
eichen Configuration und Trennung der Continente im Grossen 
^raus. 

6. Die aus den Alpenpflanzen erschlossenen climatischen 
eränderungen und die damit zusammenhängenden Wanderun- 
>n ganzer Floren gestatten uns auf ähnliche Vorgänge in noch 
iihem Erdperioden berechtigte Schlüsse zu bauen. 

Und so mögen uns diese stuuunen und doch so beredten 
Inder Florens, die Zeugen einer rauhen Vorzeit, doppelt heb 
id werth sein durch die vielen Aufschlüsse, die sie uns geben, 
id die sie in späterer Zeit kundigeren Jüngern der Wissen- 
haft noch geben werden. Stand doch an ihrer Wiege die 
Tiege unseres eigenen Geschlechtes! Vergleichen wir aber 
it jenen fernen Tagen die Gegenwart, in welch' hellem Lichte 
scheint uns dann diese! In jener frostigen traurigen 2^it 
bte in unseren Gegenden unter den trostlosen Verhältnissen 
38 hohen Nordens ein Mensch auf der niedersten Stufe körper- 
cher und geistiger Bildung, bar aller Künste, auf die roheste 
V^eise sein armseliges Loben fristend. Jetzt leben wir unter 
reundlicherem Himmel an derselben Stätte in dem Genüsse 
laterieller und geistiger Güter, von denen unsere damaligen 
Vorfahren wohl keine Ahnung hatten. 

Im Angesichte eines solchen Aufschwungs können wir ge- 
rost in die Zukunft blicken. Es ist Naturgesetz: Es gibt 
sinen Fortschritt zum Höheren und Bessern! 



Die Elementar-Ereignisse in den Alpen 

im Herbste 1868. 



Von Friedrich vn Hellwald. 



l/as Jahr 1868 war reich an mannigfaltigen N^tureriicliei- 
nungoui wie lange kein anderes. Wärend sein Sommer i$» 
ganae nördliche Loropa mit aussergewöhnlicher, nahezu tropisdi 
zu nennender Hitze und anhaltender Dürre, und iu Folge desien 
mit dem in selten erlebter Ausdehnung aufh*etenden Phänomen 
der Moor- und Waldbrände heimsuchte^ wärend in demselben 
Sommer von der südlichen Hälfte des neuen Continentes go- 
waltige, yerheerungsschwangere ErdstOsse ausgingen ^ die lich 
alsbald auf Californien, Japan und Neuseeland, wie nicht min- 
der, wenn auch mit geringerer Heftigkeit, — gleichsam »k 
die letzten Zuckungen des sich regenden Erdengeistes, — 
nach England, Deutschland, Ungarn und Rumänien fortpflanz- 
ten, und colossale yulcanische Flutwellen den pacifischen Ocetn 
durchbrausten, brachten die verflossenen Ucrbstäquinoctien den 
Alpenländern und umliegenden Gebieten Verwüstungen anderer, 
jedoch nicht weniger empfindlicher Art in Gestalt von mäch- 
tigen Wasserüberflutungen, welche einzelne Landstriche den 
bittersten Elende und dem Verderben preisgaben. Nachden 
ich alle über die traurigen Ereignisse des Herbe tes 1868 in den 
Alpen mir zugänglichen Nachrichten gesammelt, will ich ver 
suchen, im Nachstehenden daraus eine annähernde, jedoch auf 
Vollständigkeit keinen Anspruch erhebende Skizze zusammen- 
zustellen« 

Das nördliche Italien ward zuerst der Schauplatz ange* 
wohnlicher Erscheinungen. Schon in der Nacht des 16/17. Augiut 
und am darauffolgenden Morgen richtete ein in der Proruu 
Turin, und zwar im Gebiete von Bolengo und Ivrea, wütender 
Orcan entsetzliches Unheil an. Unter unaufliörliehem Donner 



Die Elementar-Erei^isse in den Alpen im Herbste 1868. 2ol 

rollen stürzte ein Wolkenbruch herab, welcher dieOegend weithin 
überschwemmte; die von den Alpen (besonders dem Aosta-Thale) 
kommenden Fluten entwurzelten grosse Bäume, machten die 
Strasse unwegsam, nahmen Brücken mit sich fort und verur- 
sachten den Einsturz vieler Häuser. Gleichzeitig beobachtete 
man eine ganz eigentümliche Erscheinung, die von den italieni- 
schen Blättern mit dem allgemeinen Ausdruck „Meteor" be- 
zeichnet wurde. Ein kegelförmiger, schwarzgrauer Körper, des- 
sen Basis zu brennen schien und aus dessen Spitze eine etwa 
10 Meter breite Rauchwolke drang, bewegte sich in Spiral^i 
mit donnerähnlichem Getöse, 3—4 Meter über deni Boden, 
mit grosser Schnelligkeit vorwärts. Alles im Wege Stehende 
vernichtend ; der Schaden, welchen die Ortschaften durch dieses 
Meteor und die Ueberschweramungen erlitten, beläuft sich auf 
mehrere hunderttausend Lire, wärend obendrein noch der Ver- 
lust von mehreren Menschenleben zu beklagen war. 

Nui' etwa einen Monat später, am 13. September, kurz 
vor Mittag, entlud sich über der Stadt Genua ein Gewitter mit 
einer Wasserflut, wie sie seit dem denkwürdigen 28. August 
1841, dessen diluvio agostiniano heute noch im Gedächtnisse, 
dort nicht mehr erlebt wurde. Alle Strassen waren in Flüsse 
nnd Bäche verwandelt, deren Wassermassen von der oberen 
in die untere Stadt hinabstürzten, in Häuser und Kaufläden 
eindrangen. Alles fortreissend und zerstörend. In der Nacht 
des21./22. September tobte neuerdings über einem grossen Teil 
von Mittel- und Oberitalien ein grosser Oi'can mit Wolkenbruch, 
der namentlich für Parma verhängnissvoU ward. Die Parma 
durchbrach ihre Ufer und ergoss sich in die Strassen der Stadt* 
Die Eisenbahnen erlittea vielfache Beachädigungen und die 
Apenninbahn, besonders auf der Strecke Porretta-Pistoja, ward 
an mehreren Stellen durchbrochen. Der Reno*) und verschie- 
dene Gebirgsbäche zerstörten die Eisenbahndämme auf Hun- 
derte von Metern, rissen eine Brücke bei Nievole ein und Hessen 
von einem langen Viaduct nur ein paar Bogen stehen. 

Auch in Südtirol ward die Eisenbahn-Streoke zwischen 
Calliano und Matarello durch den Austritt der Gewässer an 
zwei Stellen unfahrbar gemacht. Seit 451 Jahren, nämlich 
seit dem 22. September 1414, weiss man in jenen Gegen- 
den von keinem Orcan, dessen Verheerungen jenen vom 
22. September 1868 gleichgekommen wären. In Südtirol, be- 
aonddrs im Trentino, dauerten in der Nacht de« 22./23. Sep- 



*) Der Ueno entspringt in den Apenninen, hat einen nahezu südndrd- 
liehen Lauf und ergiesst sich npweit Ferrara in den Po. 



252 Friedrieli v. Hellwald. 

tember die wolkenbrucbäbnlicben Regengüsse, Blitze, Donner 
und Sturm fort, die früher äusserst heiteren Aussichten auf 
«ine gute Weinernte sehr trübend. In Italien *) war die Wein- 
lese schon vorüber; als die Herbstregen eintraten. 

Aber nicht nur der Südabhang der Alpen hatte unter dem 
Easen der Aequinoctialstürme und den Ueberäutungen der Herbst- 
regen zu leiden, nahezu gleichzeitig waren auch die nördlichen 
Alpengebiete von nicht geringeren Drangsalen heimgesucht 

Schon am 10. August war am Mont Cenis ein Orcan los- 
gebrochen, welcher zwischen den Stationen S. Martino und Bord 
sowol die nach dem Systeme des Engländers Fell gebaute Eisen- 
bahn, als auch die Fahrstrassc zerstörte. Ti*otzdem, dass eine 
Unzal von Arbeitern aufgeboten wurde, um die Erneuerung de» 
Verkehrä baldigst zu ermöglichen, erstreckte sich am 13. nocli 
der Schaden auf eine Distanz von drei Kilometern. Dieser ge- 
waltige Orcan bezeichnet einen Umschwung in der bis dahin 
anhaltend schönen, trockenen und heissen Witterung, die von 
nun an in der ganzen Schweiz den August hindurch kühl und 
regnerisch blieb. 

Erst gegen Ende September, um die Zeit der Aequinoctien, 
sollte indess die Katastrophe zum Ausbruche gelangen. Ein 
zweitägiger, wolkenbruchartiger Gewitterregenguss, der beson- 
ders reichlich um die Gebirgsstöcke des Lukmanier, des Badus 
(oder Six Madun, der Alpenspitze des St. Gotthard) und um 
die Rheinwaldglctscher herum, also über die Quellgegend^ 
des Vaters Khein, niederging, verbunden mit starkem, ganze 
Strecken weiss färbendem Hagel, der dann, vom glühenden Föbn 
angehaucht, rasch schmolz, verwandelte den am 25. und 26. 
September stark gefallenen und liegen gebliebenen Schnee der 
Berge in Wasser und schwellte die Gebirgsbäche zu reissenden 
Strömen an, die sich zerstörend in die Thäler stürzten. Die 
Nacht vom 27. auf den 28. September war flir die Thäler des 
hinteren und vorderen Rheins, im Canton Graubündten, so wie 
für das St. Gallen'sche Rheinthal eine wahre Schreckensnacht; 
Besondei*s gilt diess fiir das Dorf Vals im Oberrheinthale, über 
welches Sonntag am 27. September, Abends 9 Uhr, die Gefiilir 



*) Auf der Insel Sardinien wurden schon aid 16. September der Ort 
Selargiu in der Provinz Cagliari und viele umliegende Dörfer dureh eineB 
schrecklichen Orcan und darauffolgende Ueberschwemmung heimgesncht 
Das Wildwasser dieser Gegend wuchs durch unerhörte Wolkenbrüche iß 
weniger als einer Viertelstunde um mehr als 3 Meter Höhe und riss gegen 200 
Häuser mit sich fort, wobei 10 Personen ihren Tod fanden. Auch sa Qotf' 
tuccio, Qnartu und Sestu fanden ähnliche Ueberschwemmnngen statt 



Die Elementar- Ereignisse in den Alpen im Herbste 1868. 253 

treinbrach. Sowol der vom l^ahlen Zafreilahorn (2899 M.) 
»mmende; bei Ilanz in den Vorderrhein mündende Glenner^ 
3 der vom Bärenhom herabfliessende Peilerfloss waren in 
Dlge oberwähnter Regengüsse ausserordentlich angeschwollen, 
och wäre grosses Unheil nicht erfolgt, hätten sie ungestört 
ren Abfluss gefunden; aber Bäche und Rufe fielen ihnen in 
e Flanken und stauten sie zu Seen auf, die dann losbrachen 
id die ganze Gegend unter Wasser setzten, verwüsteten und 
it Steinen und Sand bedeckten. Die Nacht war finster, aber 
jr Blitz diente von Zeit zu Zeit den armen Einwohnern als 
juchte, um die ganze überflutete Gegend und ihren Ruin zu 
)erblicken. Am Montag den 28. währte der hohe Wasserstand 
rt und am 29. erreichte der Rhein sein höchstes Niveau. Die 
mze cultivirte Gegend vom Hofe Zafreila heraus bis unterhalb 
atz nach Campo hin, war in ihrer Länge von drei Stunden 
id in ihrer ganzen Breite überflutet und grossenteils zerstört 
)rden. Alle Brücken waren fortgeschwemmt, die Verbindung 
t dem breit auseinander gelegten Lugnetz-Thale abgebrochen^ 
mmtliche drei Sauerquellen des herrlichen Bades Peiden (am 
isgange des Duviner Tobeis) versunken, der Fuss der Bad- 
ücke lag im Glenner-Strome. Erst am 2. October floss Letz- 
ter etwas ruhiger und schien die Hauptgefahr vorüber. 

Da kam am 3. Octöber, 10 Uhr Vormittag, aus Banz 
öm. Glion, an der Mündung des Valser-Rheines in den Vor- 
irrhein, 2152' hoch) die telegraphische Nachricht vom er- 
juerten starken Wachsen des Vorderrheines nach Chur; zu- 
Irderst trug der Strom die grosse, gedeckte Holzbrücke von 
inkenberg fort und beschädigte die Tardisbrücke durch Weg- 
issen eines Pfeilers so, dass nur mehr Fussgänger dieselbe 
issiren konnten; zugleich schwamm eine beträchtliche Anzal 
loch entwurzelter Tannen den Rhein hinab. Am 2. October 
ittags sank der Strom wieder, doch fiir wie lange? Der 
immel wechselte mit jeder Viertelstunde. Aus Disentis *) 
eldete man unterm 2. October, 10 Uhr Vormittags : alle höl- 
jrnen Brücken seien fort und Sedrun, der Hauptort im Ta- 
ötsch **) bedroht, die Brücke bei Madonna im Jacobsthal, jene 
3n Waltensburg im Vorderrheinthale weggerissen. Zwischen 
rons (2647') und Ilanz war Alles verwüstet. 

Wie das Vorderrheingebiet — mit Ausnahme von Di- 
jntis — fiel auch das Hinterrheinthal in den vorjährigen 



*) Disertinum, Disiert, d. i, Einöde, rom. Muster (von Monasteriam). 
**) Das Tavetsch beginnt gleich hinter Disentis und ist von einem 
ranze gewaltiger Bergliäupter umschlossen, deren Firnen und Gletschern die 
uellenadern des Vorderrheins entströmen. 



254 Friodrich v. Hcllwald. 

Hochwasscrätricil. Zwisclien dem Dorfe Hinterrheiu und Splü- 
gen (4480'), dem Hauptorte im engen, aber wildromantiBcnea 
wieseugrünen Rheinwald-TLaley waren 1500 Meter Strasse was- 
serbeschädigt und ansehnliche Strecken durch verschiedene 
Rufen überschüttet, so wie durch Zerstörung mehrerer klei- 
nerer Brücken über die Bäche unpracticabel gemacht. Die 
Kheinbrücke bei Splügen ward gleichfalls stark beschädigt, und 
obwol sie am 30. September so weit wieder hergestellt war, 
dass man hoffen durfte, sie bald wieder passiren zu konnex^ 
musste man dennocli, nachdem in der Nadit des 1/2. October 
die Gewässer in Oraubündten eher gestiegen als gefallen waren, 
die Arbeiten an derselben einstellen. Endlich gelang es, eine 
Notbrücke einzurichten ; den wesentlichsten Schaden auf der 
Spliigcner lioute bildeten aus8ei*dem die weggerissenen Stücke 
der Strasse beim Pignieuer Bade*) in dem durch seine gross- 
artigen Gebirgsformen so herrlichen Schamserthale, und zunächst 
jene ausserhalb Splügen, zwischen diesem Orte undAndeer (3004); 
doch auch ausserdem kam noch eine Menge kleinerer Beschä- 
digungen und Verschüttungen vor. Wie es in der berühmten 
Via mala und der nicht minder grausigen Rofia-Schlucht ans- 
gesehen, darüber ist mir nichts bekannt geworden; es wird 
aber gestattet sein, zu vermuten, dass in ersterer die Rhein- 
höhe diessmal nicht viel hinter jener des Jahres 1834 zu- 
rückblieb, wo dieselbe bis auf wenige Fuss den bekannten 
kühnen Bogen der zweiten Brücke erreichte. Jedenfalls war 
hier ein grossartiger, überwältigender Anblick geboten und die 
einzige Stelle, wo die Wut des durch den engen Schlund in schäu- 
mender Gischt herabtosenden Rheines gefahrlos an den glatt- 
polirtcn Felswänden abprallte. In Thusis {^ruscidy rom. To^ 
sanOj 2370'), im Hintergrunde des sonnigen, burgenreichen Dom- 
letschgthales, ward die Kheinbrücke teilweise zerstört, und dort, 
wo der aus schaurig finsterer Thalschlucht hervorbrechi-nde NoUa- 
fluss seine schwarzen Wogen dem weissschäumenden Rheine 
zuführt, um weithin den Glanz des jungen Stromes zu trüben, 
lag ein von der Flut heruntergespülter Felsblock im Gewichte 
von etwa 6000 Centnern, — ein Beweis der gewaltigen Kraft des 
empörten Elementes. 

Noch grösser als im Vorder- oder Hinterrheinthale waren 
die Wassorverwüstungen im Unterrheinthale zwischen Chur und 
dem Bodensee. Auch für diese Gegenden war die verbäng- 
nissvolle Nacht die des 27./28. September. Dem tobenden 



*) Dieses alkaliscli-oisenhaltigc Bad ward zum grossen Teil dnreli 
di« Hochwasser von 1834 zerstört. 



Die Elcmontar-Ereignisse in den Alpen im Herbste 1868. 255 

ßheia^ der hier fichon in breiter Thalmulde fliesst, fielen zuerst 
<lie Ottschafken Haldenstein und Untervatz^ — beide nur eine 
kleine Strecke unterhalb Chur gelegen — zum Opfer. Zwar 
kpnnte der Strom die Brücke von Haldenstein nicht fort- 
reiaseui denn der alte Bau widerstand mit Zähigkeit seinem An- 
]>railf dafilr aber srub er sein I^tt durch die dortigen reichen 
(Jbdtgärten, das schönste Culturlaud zerstörend. Fruchtbeladen 
lagen die Bäume über einander, die Wurzeln in die Lüfte ra- 
gendy so dass der Schaden Haidonsteins auf etwa 200.000 Francs 
bereehnet wurde. In Untervatz ward die Rheinbrücke Iiingegen 
gänzlich zertrümmert. 

Am schwersten aber ward das St. Gallen'sche Rheinthal 
betroffen; die Nacht des 27./28. September brachte die 
^tromausbrüche auf der Gränze von St Gallen bei Fläsch und 
Mayenfeld^), gegenüber von Ragaz, die gar bald allei Land 
zwischen letztgenannten Orten und Sargaus einerseits, Buchs und 
Oberriet andererseits . überschwemmten. Die Bahnhöfe von Sar- 
gans und Ragaz standen tief unter Wasser und war der Ver- 
kehr nach beiden Seiten und mit dem Dorfe Ragaz **)j so wie 
natürlich jener der Eisenbahn zwischen Chur und Rorschach 
unterbrochen. Die grosso Ebene bis hinunter nach Mols bildete 
einen See, und auch weiter unten, von Trübbach bis gegen 
Kheineck, also auf einer Länge von etwa 12 Wegstunden, 
glich die Thalsohle einem See. Keine menschlichen Anstren- 
gungen vermochten dem Unheile zu wehren; die Einwohner 
mussten die unter Wasser gesetzten Dörfer eilends verlassen; 
manche, von der nächtlichen Ueberflutung überrascht, flüchteten 
von Stockwerk zu Stockwerk und bis zum Dach ihrer Häuser 
hinan, von wo sie endlich mit knapper Not auf Kähnen und 
Flössen gerettet werden konnten. Viele fanden in den Wellen 
ihren Tod; besonders zwischen Sargans und Oberriet ereigneten 
»ich zaireiche Unfälle durch Ertrinken von Menschen und Vieh. 
Schaurig wütete das losgelassene Element in den der Mündung, 
in den See nahe gelegenen Gegendon, und wie bedeutend 
die Ueberschwemmung des 27./28i September gewesen, lässt 
sich daraus ermessen, dass der Stand des Bodensee's in Zeit 
von 48 Stunden um V 3" zunahm, wonach sich bei O'/s Qua- 
dratmeilen Flächeninhalt der imgeheuere Wasserzufluss berechnen 
lässt. Das unterseeische Kabel, das an der Rheinmündung — 



*) Fläsch und Mcayenfeld gehören beide zu Graubündten. 
**) Dorf Ragaz kam bei dieser ersten Ueberflutung ohne grösseren 
>^chadon davon, nur der Badeweg nach Pfaffers und die Wasserleitung er- 
Ütten Beschädigungen. 



25C Frie^lrieh t. HtrllwaM. 

wenngleich in neuerer Zeit von derselben weit weggelegt — 
Torüberfuhrt, versagte, wahrscheinlich durch GeröUe beschädigt^ 
seinen Dienst, woraus zu schliessen ist, dass die Flnssstroninng 
sich weiter geltend machte, als jemals vorher gesehen wurde. 

Zu alledem kam, dass der unaufhörlich stromende R^n 
nicht enden zu wollen schien; zw«3lf Tage und Nächte dauerte 
er in vielen Gegenden an und die Gefahr wuchs von Stunde 
zu iStunde. Zwar begann am 30. »September das Wasser zu 
fallen und man hoffte allgemein auf die Beendigung der Kata- 
strophe, allein in der Xacht des l.?. October, von wo an 
wieder anhaltender Regen fiel, ätieg der Rhein bei Ragaz 
nochmals um 4 Fuss, fiel sodann etwas wSrend des Tages, 
um Nachts neuerdings zu steigen. In der Nacht des 3. er- 
tönten, diessmal in dem von der hochgeschwollenen TaminÄ 
arg bedrohten Dorfe Ragaz, die .Sturmglocken und flutete der 
Rhein mit neuer Gewalt einher, die zum Strome gewordene 
Tamina in sich aufnehmend. Zwar gingen sogar von Wallen- 
Stadt am 4. (Jetober Hilfsmannschaften nach dt-m hartbedrSng- 
ten Ragaz ab, doch leider erfüllte sich die Hoffnung nicht, 
die Dammbrtiche rechtzeitig schliessen zu können , denn bei 
dem Starkreissenden AVasser und dem erhöhten Stande dessel- 
ben fruchteten alle in diesem Sinne unternommenen Anstren- 
gungen beinahe gar nichts. Die Notarbeiten an den Einbrüchen 
wurden sofort wieder zerstört und gewärten den mit verstärk- 
ter Gewalt heranwälzenden Wogen neuen Einlass. Gleiche Not 
rheinabwärts. In Au, dessen ganze Einwohnerschaft flüchten 
musste, daher das Dorf völlig menschenleer war, stand am 4. Octo- 
ber der Rhein nur 3 Zoll niedriger als am 29. September. Die 
Häuser befanden sich fortwärend im Wasser. Die Communi- 
cation zwischen denselben konnte nur durch Flösse geschehen, 
und diess war bei dem an manchen Stellen reissenden Wasser 
oft mit Gefahr verbunden. Der Postcurs von Au aufwärts musste 
neuerdings aufgegeben werden und von St. Gallen über Gries 
gehen; denn das Wasser war so hoch, dass es selbst Häuser 
der am Berge gelegenen Ortschaft Berneck erreichte. Von Se- 
velen bis Au waren die Eisenbahndämme in grossen Strecken 
von 1500 — 2000 Fuss, zusammen in einer Länge von mindestens 
15 — 16.000', eingebrochen und der Schaden an den „Vereinigten 
Schweizerbahnen" belief sich auf viele Hunderttausende von 
Franken; waren ja doch bis 2. October auf Schweizer Boden 
von Au bis Ragaz 20, auf der anderen Seite des Rheines 9 
Wuhr- und Dammbrüche constatirt. In Ragaz musste man auf 
Herstellung einer provisorischen Bahnunterlage auf Pfeilern 
nach amerikanischem Systeme denken, wozu 8ü0 Baumstämme 
erforderlich waren ; aus Altstädten berichtete man unterm 



Die Elemcntar-Ereignisse in den Alpen im Herbste 1868. 257 

4. October: „Heute steht der Rhein am höchsten; seit ge- 
stern (3. October) Abends ist er um IV, Fuss gewachsen; Keb- 
stein und Balgacn läuteten Vormittags Sturm; die Eisenbahn- 
station Heerbrugg schaut trostlos aus dem Wasser. Dorf Au 
und Widnau flüchtet auf Anhöhen; ebenso das arg heimge- 
suchte Montlingen und Kriesem ; Leute und Vieh verlassen ihre 
Wohnungen. Die Zuwuhrung in Montlingen musste schon am 
3. aufgegeben werden." Auch zwischen Sevelen und Salez stand 
Alles unter Wasser; das arme fürstlich Liechtensteinische Dorf 
Balzers am rechten Rheinufer ward beinahe gänzlich vertilgt, 
in der Burgerau gingen zalreiche Gebäude zu Grunde und noch 
•am 3. October liefen die Wellen des Rheines durch das Dorf. 
Oleichzeitig schwollen im Prätigau die Seitenbäche höher an 
und trat die Landquart aus. 

Der ungeheure Schaden dieser kurz auf einander folgen- 
den Ueberschwemmungen entzog sich anfanglich jeder Berech- 
nung; sie lehrten aber auch, dass die gerühmte Rheincorrection 
sich nicht in allen Stücken bewährte, dass die Eisenbahn im 
Rheinthale durchgängig zu tief angelegt sei, und dass der Rhein 
eine merkliche Tendenz zeige, einen Durchbruch gegen den 
Wallensee herzustellen, d. h., in sein ursprüngliches altes 
Bett einzulenken; denn es kann für Niemanden, der jene Ge- 
genden besucht, auch ohne jedwede geologische Kenntnisse, ein 
Zweifel sein, dass einstens der Rhein den Wallen- und Zürch-See 
eben so gut durchflössen, als heutzutage die Rhone den Genfer- 
see durchzieht. Alle Nachrichten stimmen ferner darin überein, 
dass die am 3. und 4. October stattgefundenen Rheinüber- 
schwemmungen viel bedeutender waren, als (Jie der vorherge- 
gangenen Woche (27./28. September); unzweifelhaft sind aber 
die Gesammtverwüstungen des Herbstes 1868 noch weit gross- 
artiger als jene im Jahre 1834 *), zu deren Verwischung es 
manchen Ortes der Anstrengungen und des Fleisses eines hal- 
ben Menschenalters bedurfte. Auch diessmal hat eine zahlreiche 
Bevölkerung eine äusserst traurige Zukunft vor sich. Abgese- 
hen von den vielen eingestürzten und fortgeschwemmten Häu- 
sern, Ställen und Scheunen, den weggespülten Brücken und 
eingebrochenen Flussdämmen, den vielfach und sehr erheblich 
beschädigten Verkehrsstrassen aller Art, ward ein Teil des 
Herbstsegens auf den Feldern vernichtet, der andere, bereits 
geerntet, ging in Haus und Scheuern entweder ganz zu Grunde, 
oder litt von dem eingedrungenen Wasser zum mindesten grossen 



*) Der Schaden belief sich damals für die ganze Schweiz auf 6,730.000 
Francs alter Währung. 

17 



258 Friedrich v. Hellwald. 

Schaden; weite Strecken des besten Culturlandes sind fiir lange 
Jahre ruinirt, des ausserordentlichen Schadens an den neuen 
Rheinuferbauten, die mit Hilfe der Eidgenossenschaft bereits 
hergestellt worden sind, nicht zu gedenken. 

War auch das Rheinthal von den Wasserverheerung^n am 
meisten betroffen, so traten doch ähnliche Erscheinungen auch 
in den übrigen Teilen der Schweiz und des Alpengebietes auf. 
Am 3. October trat die Reuss aus ihren Ufern und unterbrach 
die Poststrasse zwischen Andermatt und Amstäg, wo die Holz- 
brücke über den Kerstelenbach *), dann zwei Häuser nebst 
Stallungen fortgerissen wurden; zalreiche Trümmer von Woh- 
nungen, Ställen u. dgl. schwammen daher am 5. im Vierwald- 
städtersee umher; auch am St. Gotthard ward der Verkehr 
imterbrochen und ^vurden Passagiere und Briefe über Maloja 
und Splügen bcfiJrdert. Am 4. October gewaltiger Schnee- 
sturm, in Folge dessen bei Amstäg vollständige Winterland- 
schaft. 

Gleichzeitig, nämlich schon unterm 2. October, meldete 
man grosse Verwüstungen der Hochwasser aus dem Val Leven- 
tina (oberen Ticinothale, auch Livinerthal genannt); ja der 
ganze Canton Tessin hatte durch die Regengüsse vom 28. und 
29. September noch weit mehr als Graubündten und St. Gallen 
von der Wassemot gelitten. Namentlich wurden das Livine^, 
das Blegno- (oder Polenzerthal) und das Maggiathal, eines der 
prächtigsten in den Südalpen, von dem Unheil schwer betrof- 
fen. Giornico, Bodio, Chiggiogna und Rossm'a im Ticinothale 
^vurden gänzlich unter Wasser gesetzt, und das Thal von Cor- 
zanese durch einen Erdschlipf vollständig verschüttet. Dem offi- 
ciellen Berichte zufolge wurden daselbst bis zum 30. September 
23 Todte aufgefunden, in Bodio 17, in Malvaglia ^im Val 
Blegno) und Semione 10 Personen. Menschenleben gab es 
ausserdem noch in Chiuciasco, Cumiasca, Castro, sonstige Ver- 
heerungen in Lodrino, Olivone (2724', im Val Cassaccia), Pas- 
quei, Semione (dessen ganze Ebene am 29. September Ein See 
war), Aquarossa, Osogna und Fondo zu beklagen. Von Ponte- 
biasca bis Poleggio (Ticinothal) wurden alle Weinberge zer- 
stört, mehr als 10' hohe Felsstücke lagen auf der Strasse, und 
im Livinerthale war am 1. October der Verkehr selbst ftir Fuss- 
gänger unterbrochen. Zwischen Biasca und Bellinzona nahm der 
Ticino die ganze Breite des Thaies ein. Viele Häuser, sogar 
kleine Ortschaften waren gänzlich verschwunden. Bei Molinazzo 



*) Es ist diess das aus dem Maderanerthale und von deu Claridenalpen 
herabkommende Gewässer, 



Die Elementar-Ereignisse in den Alpen im Herbste 1868. 259 

durchbrach der Ticino die Cantonalstrasse, überschwemmte die 
Felder und riss das Vieh mit sich fort. Die Strassenstrecke von 
Bia«5o bis Faido (Pfaid) war an 24 Punkten unterbrochen. 
Bellinzona selbst stand unter Wasser; in Lugano regnete es am 
2. October noch in Strömen, so dass man ein neues Steigen der 
Gewiteser gewärtigen musste. Der Spiegel des Lago maggiore 
Tfar um 4' höher denn sonst, ja er stieg endlich bis zur Eisen- 
bahnstation Arona, deren Bahnhof 5 Meter über der gewöhn- 
lichen Wasserhöhe steht; war diess schon bis jetzt noch niemals 
erlebt worden, so übertraf er noch alle Befiirchtungen, indem 
^J* sogar das Erdgeschoss des Bahnhofes unter Wasser setzte. 
Y^ Baveno, Pallanza, Intra und anderen Ortschaften am See 
^hr man mit Schiffen auf den Plätzen und in die Strassen 
hinein. Die ganze Strassenlänge den See hinauf, von Arona bis 
^aveno, stand gleichfalls unter Wasser und war unpracticabel ; 
i« Post musste über die Berge gehen. An Todten zälte man 
^ jener Gegend etwa 50 — 60. Auch in Como war am 1 . October 
^ Wasser so hoch gestiegen, dass man in den Strassen der Stadt 
^t Kähnen umherfuhr, und bei Magenta setzte der Ticino, 
"fcend er zugleich die Granitbrücke bei Buffalora arg be- 
-hädigte, die Gegend mit so unglaublicher Schnelligkeit unter 
Vasser, dass die auf dem Felde oder im Walde befindlichen 
•«Ute sich nicht mehr rechtzeitig flüchten konnten und auf den 
Räumen ihr Heil suchen mussten, von wo man sie später mit 
*-ähnen abholte. Die Annalen der von Ueberschwemmungen so 
ft heimgesuchten oberitalienischen Ebenen wissen von keiner 
J^ grossen Flut zu berichten als jene des Jahres 1868. Im Ti- 
^uo zeigte der Hydrometer Carossa am 4. October 6""',83, also 
***^,64 mehr als bei der bisher grössten Ueberschwemmung von 
705, oder 5"a-,75 über dem gewöhnlichen Niveau, somit 1^^,15 
»er der Wasserhöhe von 1840, der höchsten des Jahrhunderts, 
tan ' sah das Wasser unter beständigem Regen zusehends wach- 
^U; der Po war an Einem Tage um l«i-,08 gestiegen und hatte 
i« Höhe von 6"i',36 erreicht ; bei der furchtbaren Ueberflutung 
^8 Jahres 1857 war indess das Maximum 7n^-,30. Indess erwie- 
^U sich die Po-Eindämmungen als vorzüglich, wesshalb der 
"t^rom keine grossen Verheerungen anrichtete. Nur bei Codogno 
Eisenbahn Codogno-Piacenza) ward der riesige Damm am 
' October durchbrochen. Wüster sah es indess in anderen 
^ilen Italiens aus; die Sesia war ausgetreten, in der Lunigiana 
atte die vom Monte Orsajo kommende Magra grossen Scha- 
ria angerichtet, und bis hinab nach Sicilien erschollen durch 
'aiiz Italien Klagen über den Austritt aller Gewässer. Ende 
^<itober überflutete der Canal Bianco bei Rovigo seine Ufer 
^d unterbrach die Eisenbahn Polesella- Arquä, und seit 21. Octo- 

17* 



^_« 



260 * Friedrich v. Ilellwald. 

ber fiel in Rom so ungeheuer viel Regen, dass öffentliche Ge- 
bete dagegen angeordnet wurden. 

Leider begann es im Cantone Tessin am 7. Oetober 
Morgens neuerdings anhaltend zu regnen, in Folge dessen ein 
Erdrutsch das Dorf Polmengo verschüttete und das Dorf Freggio 
auf der Höhe im Liviner Thale in die Tiefe zu stürzen drohte. 
Auch in Ascona *) war der Wasserstand wieder enorm hoch 
und die Erdrutsche dauerten selbst dann noch fort, als die 
grosse Wassernot schon vorüber war. Das wilde, schlundartige 
Onsernonethal wurde nicht so arg heimgesucht, wie die nörd- 
licher gelegenen Thäler, was dem von steilen Felswänden einge- 
schlossenen Bette seines Hauptflusses, des Isorgno, zu verdan- 
ken ist; doch fanden viele Abrutschungen und Verwüstun- 
gen statt, namentlich in Vergoletto und in Mezzo (im benach- 
barten einsamen MaggiathaleJ, welch' letzteren Ort eine Spal- 
tung des Hügels, auf dem sie liegt, mit völligem Untergange 
bedrohte. Von den fruchtbaren Feldern Cavergno's (im oberen 
Maggiathale, wo das Val Lavizara sich mit dem unbewohnten 
Val Bavena vereinigt) Hess die reissende Bavena keine Spur 
zurück. Ebenso deckte in der einförmigen Riviera **) die Thal- 
sohle nur noch Kies und Schlamm. 

Im Engadin trat am 3. Oetober Nachts und am 4. zu 
St. Moriz eine furchtbare Ueberschwemmung ein, die sich bis 
nach Poschiavo erstreckte und dort alle Brücken wegriss. Ln 
Unter-Engadin riss der Inn die Brücken von Rasvella, St. Ni- 
colaus, Sklaraisott, Nairs, Clemgia, Elina und Erusch weg. Ln 
Bergcll war seit Anfang Oetober anhaltender Regen eingetreten. 

Zu den Hiobsposten aus den Cantoncn Tessin, Graubünd- 
ten und St. Gallen gesellten sich alsbald auch solche aus im 
Cantone Wallis. Laut officiellem Berichte an den Bundesrat 
schwoll dort, gleichfalls in Folge anhaltender Regengüsse, seit 
2. Oetober die Rhone so stark an, dass sie bei Brieg den Damm 
durchbrach und das Thal auf weite Strecken unter Wasser 
setzte ; das Dorf Visp (Viegc), bekannt als Herd zalreicher und 
heftiger Erdbeben, überflutete sie gänzlich. Ausserdem trat die 
Rhone im Obcrwallis bei Fischöl, Laldern, Baltschieder, Raron, 
Gampcl, Steg und Turtman, wo der Verkehr auf der Haupt- 
strasse für kurze Zeit unterbrochen blieb, über ihre Ufer, so 
dass die ganze Thalcbene von Gamsen abwärts auf eine Länge 
von 20 Kilometer unter AVasscr stand. Auch die Ebenen von 



*) Ortschaft am Lago maggiore, mifcrne und südwestlich von Locarno. 
**) So heisst das verflachte, breite und teilweise versandete Ticinothftl zwi- | J 
sehen Tcssino, Blogno und Moesa. 



Die £lcuieiitar-Ereigni8äc iu den Alpcu im Herbste 18G8. 261 

Leuk (Loeche) und Oranges wurden überschwemmt. Im Unter- 
wallis sah sieh die Gemeinde Fully bei Martigny bis an den 
Fuss des Gebirges total unter Wasser gesetzt und die Ernte 
vollständig vernichtet; älmlich erging es den tiefer liegenden 
Gebirgsteilen der beiden hart am Fusse der Gebirge liegenden 
Gemeinden Ardon und Chamoson; oberhalb Morell war die 
Strasse von der Rhone weggerissen und im Val de Conches 
tobten die hoch angeschwollenen Bergwasser. Die Ithone- Ver- 
heerungen in Wallis erwiesen sich im Ganzen noch viel bedeu- 
tender als jene der früheren Jahre, was nicht sehr für die 
Zweckmässigkeit der an diesem Strome vorgenommenen Cor- 
rection spricht. 

Die Regenzone erstreckte sich auch über den Canton 
Genf und die benachbarten Gebirgsteile Frankreielis ; doch 
haben wir weder über den Genfersee selbst, noch über die 
Rhone in jener Gegend klagen gehört. Am S. October entlud 
sich in Genf nach einem Tage ausgiebigen Regens Abends ein 
starkes Gewitter. Nach dem 4. October, an welchem Tage fast 
alle Hauptströme der Schweiz, Rhein, Inn, Ticino, Linth, Reuss 
und Rlioue gleichzeitig tobten, nahm auch der Regen ab; die 
Witterung war empfindlich kalt geworden und betrug die Tem- 
peratur am 5. October zu Churwalden (was freilich südlich von 
Chur im Gebirge 1213 Meter hoch über dem Meeresspic^gel liegt) 
lun 5 Uhr Morgens nur 4® Celsius, während in Waliis sich das 
Wetter zum Schneien neigte. Am 6. endlicli war das Wasser 
überall im Sinken begTiffen, und kann man diesen Tag als das 
Ende der vorjährigen Schreckensperiode für die Schweiz be- 
zeichnen, wärend in Italien der Regen nocli anlialtend fort- 
dauerte. Seit 20. October begann es endlich auf dem Jura und 
anderen Gebirgen um Genf in einer Seeliöhe von oOOO' stark 
zu schneien. 

Wenden wir uns dem östlichen Teile des Alpengebietes 
nunmeln* zu, welches, wie sclion früher erwälmt, durch die 
Verheerungen des 22. und 23. Septembers gelitten liatte, so 
sehen wir, dass auch ftir diese Landschaften die ersten Tage 
Octobers verhängnissvoll waren. Einzelne Gegenden Tirols lit- 
ten besonders stark ; diess gilt vorzüglich von Südtirol ; in Nord- 
tirol beschränkten sich die Ueberflutungen auf das Wippthal, 
welches die Brennerbahn durchzieht, und einige wenige andere 
Punkte. Letztere sind Telfs im Innthalej Schmirn, wo in der 
Nacht vom 3. auf den 4. October der Wildlahnerbach, der 
schon Ende Juli grosse Verwüstungen angerichtet hatte, wieder 
aus seinen Ufern trat und fast alle Einwohner zwang, mit ihren 
Habseligkeiten und ihrem sämmtlichen Vieh in die benach- 
barten Weiler iri)chmarkt und Tendern zu flüchten. Auch in 



262 Friedrich v. Hellwald. 

den im Gsclinitzthalc gelegenen Orten Trins und Gschnitz rich- 
tete das Hochwasser Schaden an Feldern an. Die meisten Be- 
schädigungen hatte jedenfalls die Brennerbahn aufzuweisen; der 
am 4. Octobcr Abends von Innsbruck abgegangene Postzug 
konnte wegen Abrutschung des Einschnittes bei der Einfahrt 
in den Aster Tunnel nur bis Schelleberg gelangen, und um 
1 1 Uhr Nachts desselben Tages war der Wasserstand der Eisack 
bei Sprechenstein 3' unter Schienenhöhe, um Mittemacht ging 
das Wasser in einer Breite von 200 Klafter über die Bahn. 
Der aus dem riitsclierthale hervorbrechende Pfitscherbach 
trat in der Naclit vom 4. unterhalb Wiesen am Sterzingermoos 
mit verstärkter (3 ewalt aus; weiter unten riss der Fluss die zur 
Station Grossötein fiihrende Brücke weg. Auch die Strassen- 
brückc über don Breitbach war in Gefahr einzustürzen ; der bei 
Albeins in di(^ Eisack mündende AfFererbach (zwischen Brixen 
und Khiuöcn) verlegte die Bahn auf 300' Länge und 4' Höhe 
gänzlich. Die Slahrwicsen vom Kofler- bis zum Bierenbach- 
Aquäduct und v(an Wächterhause Nr. 147 bis zur Albeinser- 
brücke bildeten Wasserfläche. Die Strecke Klausen -Waid- 
bruck war total überschwemmt. Bei Zargenbach-Correction 
oberhalb Waidbruck ward der Bahndamm auf 600, oberhalb 
Nerwang auf 1(K)' Länge aufgerissen; bei Steg erlitt der Stein- 
satz starke Beschädigungen. Indessen konnte doch seit 5. Octo- 
bcr Abends die Bahn zwischen Innsbruck und Brixen wieder 
vollkommen regelmässig verkehren. Von hier an blieb die Ver- 
bindung mit Bfjzcn unterbrochen; -von Klausen bis Atzwang 
war die I'oststrasso mit Omnibus zu passiren, zwischen Atzwang 
und Bozen hingegen an mehreren Stellen gänzlich wegge- 
schwemmt; die Briefpost wurde von Klausen über das Gebii^ 
nach Bozen getragen. 

Nicht geringer waren die Bahnbeschädigungen auf der süd- 
lichen Strecke gegen Verona hin. Am 5. October stand die 
Station Auer ganz unter Wasser, bei S. Michele war die Bahn 
überschwcnnnt, bei Trient der Bahndamm durchrissen, die Sta- 
tion von AVasser inngebeu. Ueberhaupt wurde die Gegend 
zwischen l^ozen und Trient, wo sich die Etsch ein neues 
Bett gegraben, am härtesten mitgenommen. Die aus dem Sam- 
thaie hervorkommende, bei Bozen in die Eisack mündende 
Talfer hatte schon am 3. October das Ansehen eines mächtigen 
Stromes, da sie ihr breites Bett ganz ausftillte. Durch den wol- 
kenbruchartigeu Regen am 4. schwoll sie so hoch an, dass aie 
schon, wie aus Gries berichtet ward, die Wassermauer übe^ 
flutete imd das Terrain in der Nähe der Ziegelei fortriss. Die 
Etsch überschwemmte die ganze Gegend in der Breite von 
Sigmundskron bis Moritzing; die Verbindung mit Ueberetsch — 



JDie Elemontar-Ereignisse in den Alpen im Herbste 1868. 263 

eben damals wegen der Hunderte und Hunderte von Praschlet- 
fiihren unentbehrlich — war unmöglich geworden. Der letzte 
Stellwagen, welcher die Fahrt noch zu vollenden hoffte, blieb im 
Schlamme stecken und die Passagiere mussten auf Flössen wie- 
der in's Trockene gesetzt werden. Die dritte im Bunde war 
die Eisack, die bei der sogenannten „Erzherzogschwelle" den 
Damm durchbrach, die erzherzoglichen Besitzungen durch- 
Btrömte und an Gütern und Gebäuden grossen Schaden an- 
richtete, dann in die Besitzungen der Herren von Malfer und 
Biegeleben eindrang und dort den Eisenbahndamm durchbrach. 
Dieser Einbruch, der arge Beschädigungen verursachte, erfolgte 
am 4. October um halb 5 Uhr Nachmittags, und erst um 3 Uhr 
Nachmittags am 5. konnten die armen Bewohner jener Niede- 
rungen, die sich auf die Dächer der Meierhöfe gerettet, mit 
Flössen aus ihrer Isolirung abgeholt werden. Wo der Mais noch 
nicht geerntet war, wurde er streckenweise mit der Erde fort- 
gespült. Eben so grässlich sah es in den Seitenthälern aus ; die 
Tafier wenigstens brachte Vieh — Pferde sammt der Krippe — y 
Einrichtungsstücke, kurz allerhand Trophäen aus dem Sarn- 
thale. Unterhalb Leifers, wo die Brücke über den Bach ein- 
stürzte, war der Anblick noch trostloser; doch war grösstenteils 
in der Gegend zwischen Leifers, Terlan und Bozen die Wein- 
lese vorüber, wärend weiter südlich die Trauben noch überall 
am Stocke hingen. Aus dem oberen Etschthal (Vintschgau) liefen 
ähnliche Klagen ein; etwa 800 Schritte unterhalb des Städtchens 
Glurns brach die Etsch auf dem rechten Ufer aus und richtete 
in den abwärts liegenden Feldern grosse Verwüstungen an; im 
Bezirke Schlanders fand an mehreren Orten durch die Etsch 
und die ihr .zuströmenden Wildbächc Aehnliches statt. Das 
Passeyrthal blieb vom Dörflein Salthaus einwärts nur über 
die Berge müh- und gefahrvoll zugänglich, alle übrigen Wege 
waren zerstört Zwischen Bozen und Meran konnte in jenen 
Octobertagen die Verbindung nur zur Not hergestellt wer- 
den, doch hielt sich das Wasser auf der Strasse ausser Sie- 
beneich etwa 4 — 5' hoch, daher für Fuhrwerke nicht ohne 
Gefahr. Betrübende Nachrichten kamen gleichzeitig von Trient, 
Calliano, Matarello, Lavis, Mezzotedesco und dem Nonsthale, in 
welchen Gegenden auch der Verlust an Menschenleben zu be- 
klagen ist. Das anhaltende Regenwetter des 3. und 4. um Trient 
hatte die Gebirgsbäche geschwellt, die sich wütend zu Thal 
stürzten; namentlich verbreitete der aus dem Fleimserthale kom- 
mende Avisio Schrecken und Verderben; in der Nacht vom 4. 
auf den 5. October goss der Regen bis gegen Morgen hin in 
Strömen, und in der Frühe war die Fläche des Thaies um 
T?rient durch die angeschwollene und ausgetretene Etsch in 



264 Friedrich v. Hellwald. 

«inen flutenden See verwandelt. Mehrere Strassen der Stadt 
hatte teils der Wildbach Sahiga, teils die Etsch überschwemmt, 
welch' letztere bei den am tiefsten gelegenen Häusern das erste 
Stockwerk erreichte. Am 5. indess begannen die Wasser wieder 
zu sinken. 

Calliano, welches schon am 23. September viel gelitten 
hatte, sah sich durch den durchströmenden Rossbach sehr gefök- 
det, wie das Nonsthal durch den Noce (Nosbach). Die Eisen- 
bahn zwischen Trient und Roveredo w^ara selbstverständlich an 
mehreren Punkten bedroht und auch unterbrochen, besonders 
zu Matarello, Calliano und Roveredo selbst; auch weiter hinab 
bei Ala, Avio und Peri waren erhebliche Beschädigungen ein- 
getreten, deren Herstellung durch den anhaltenden Regen in 
der Nacht vom 4. auf den 5. und das hiedurch veranlasste 
Steigen der Etsch wesentlich verzögert wurde. Erst am 1 2. Octo- 
ber Morgens war die Bahn Tricnt-Ala wieder hergestellt, dem- 
nach die ganze Strecke Trieut- Verona fahrbar. An demselben 
Tage konnte auch wieder der Eilgutverkehr zwischen Bozen 
und Brixen eröffnet werden. Aber noch am 31. October war 
auf der Bahnstrecke Bozen-Trient die Strecke Auer-Salum nur 
mit Omnibussen zu passiren. Der durch diese Wasserverhee- 
rungen der Südbahngesellschaft erwachsende Schaden ward 
auf 000.000 fl., jener des Bezirkes Roveredo allein anf 
919.736 fl. ö. W. bewerthet. 

Zwischen 18. und 21. October stieg die Etsch neuerdings 
um 2' diu'ch abermalige Regengüsse, so dass man eine Wiede^ 
holung der Ueberschwemmung befürchtete. Glücklicherweise 
trat aber, wie zur selben Zeit in der Schweiz, helles, wenn 
auch kaltes Wetter ein, welches die Berge bis zu den cultivi^ 
teren Gegenden herab mit Schnee bedeckte. Die Regen wie- 
derholten sich trotzdem später nochmals; wenigstens meldet die 
„Bozener Zeitung" vom 9. November: „In Folge des in den 
letzten Tagen mit aller Heftigkeit niederströmenden Regei» 
sind die Flüsse wieder gestiegen und hat die Etsch neue Damm- 
durchbrüche im Gebiete von Moritzing und BranzoU veranlasst 
Seit gestern Früh sind jedoch die Gebirge bis nahe au die 
Thalsohle mit Schnee bedeckt." 

Soweit mir Nachrichten aus den übrigen Teilen Europa'» 
bekannt geworden sind, scheint der Monat October und ancfc 
ein Teil des November sich überhaupt noch nicht vollständig 
ruhigt zu haben. Ja erst Mitte October, also zu einer Zeit, wo 
in den Alpen das Aergste schon überstanden war, fanden im 
Loire-Becken in Frankreich grosso Ueberschwemmungen statt; fc. 
auch die Thäler des Lot und des Aveyron standen vollständij ' 
unter Wasser, die Verluste der Landwirtschaft waren ungeheuer. 



Die Elementar-Ereignisse in den Alpen im Herbste 1868. 265 

In dem letzten Drittel Octobers rasten entsetzliche Stürme über 
den grössten Teil Nordwesteuropa's, am 18. October Vormittags 
brach unerwartet schnell ein heftiger Föhnsturm am Bodensee 
aus, welcher mit kurzen Unterbrechungen bis zum Abend an- 
hielt. Die Wellen erreichten die Dächer der am See stehenden 
Wohnhäuser von Friedrichshafen und schlugen bis zur Nebel- 
glocke am Leuchtthui*m ; die Fahrten der Abendboote mussten 
eingestellt werden. In der Nacht vom 24. auf den 25. October 
wuchs in Hamburg ein Sturm zum Orcan heran, welcher die 
Sturmflut bis auf 16' Höhe hob und einen Teil der Stadt 
überschwemmte. Schwere Weststürme tobten in der letzten Woche 
Octobers und in den ersten Tagen Novembers an der schles- 
wig'schen Küste, namentlich bei Sylt, Föhr, Carolinensiel; hier, 
sowie in England, wo sie mehrere Tage lang mit mehr als ge- 
wohnter Heftigkeit über die Insel dahinbrausten, verursachten 
sie eine grosse Menge von Schiffbrüchen. Sogar in America 
hauste der Sturm zu Ende October ; so melden wenigstens Berichte 
ÄU8 New-Foundland und San Blas an der mexicanischen Ost- 
küste, Für Centraleuropa war es besonders der Anfang Decem- 
bers, welcher ausserordentliche Stürme brachte, die an den 
meisten Orten ihren Gipfelpunkt am 7. December erreichten. *) 
Am 12. November endlich verspürte man zu Bignasca in Val 
Maggia und Locarno um 12 Uhr 35 Minuten ein starkes, 3 — i 
^ecunden anhaltendes Erdbeben, dessen wellenförmige Bewegun- 
gen von W. nach NW. gerichtet waren. **) 

Ueber die Ursachen der vorjährigen Hochwasser, deren 
Wassermasse bei der grossen Ueberschwemmung des 28. Septem- 
l>er der Ingenieur Fraisse auf 75,000 — 100,000 Cubikfuss in der 
Secunde berechnete, wurden in der Schweiz sogleich verschiedene 
Vermutungen angestellt. Hier hatte man auch die Gelegenheit 
'Wahrgenommen, wärend der Periode des Drangsales wissen- 
^haftliche Beobachtungen zu machen. Letztere sprechen sich 
gänzlich gegen die Annahme aus, dass die Gletscher die Haupt- 
^sache der Inundation gewesen seien. Zwar bedecken in der 



*) Ueber den Decemberstnnu vom 7. December, der wol auch bei 
ftllen Wienern in lebhaftem Andenken steht, liegen mir Berichte vor aus 
^Igenden Orten; Altgersdort (Sachsen), Antwerpen, Amsterdam, Arnheim, 
ßergiscli-Gladbach, Berlin, Birmingham, Brüssel, Chemnitz (Sachsen), Cro- 
^1<1, Dortrecht, Dresden, Düren, Düsseldorf, Fritzlar (wo der Thurm der 
'vathedrale einstürzte), Gent, Herford, Leipzig, Loebau, London, Melle (Han- 
nover), Münster, Olmütz, Paderborn, Porta- Westfalica, Prag, Rochlitz, Kotter- 
J^*n, Schwelm, Stettin, Troppau, Vliessingen, Wicks (England), Zittau, 
^^gen Ende December, zwischen 27. und 29., wütete abermals der Sturm in 
^-Jigland, Frankreich (namentlich Paris) und in Königsberg. 

**) Es ward am gleichen Tage auch in Bukarest beobachtet. 



266 Friedrich v. Hellwald. 

Schweiz die Gletächer ein Zwanzigstel des ganzen Landes und 
muss unzweifelhaft die Erwärmung und Flüssigmachung dersel- 
ben die Wassermasse ungemein vermehren. Und dass die Glet- 
scher mitgewirkt, beweisen die Eis- und Lawinenstücke in den 
Geschieben von Somvix, selbst Churwalden, und die colossalen 
Eisblöcko, welche der Zapportgletscher in das Thal herabgesandt 
hat. Trotzdem ist es klar, dass der Hauptgrund des Hochwassen 
nicht in den Gletschern allein liegen kann; in der That, ve^ 
gleicht man die mit Gletschereis bedeckte Fläche mit dem je- 
weiligen Regengebiete, so ersieht man, dass in den beiden am 
ärgsten betroffenen Bassins des Rheines und des Ticino die 
Gletscher nur 1*7 und l"9Vo dös gesammten Beckens einnehmen, 
wärcnd im Rhöne-Becken das Percentualverhältniss sich anf 
13% stellt. Es hätte also folgerichtig dieses am meisten leiden 
müssen, was durchaus nicht der Fall war. Dem Verschwinden 
der Gletscher will auch eine Autorität in alpinen Dingen, 
Cantons-Forstinspector Coaz *) in Chur, der als Regierungs- 
Commissär in dieser Angelegenheit fungirte und in der natur 
wissenschaftlichen Gesellschaft des Cantons Graubündten einen 
Vortrag über dieses Thema hielt, keinen sehr grossen Ein- 
fluss zugestehen. Er besuchte unmittelbar nach dem grossen 
Regenfall mehrere Gletscher, die er im selben Sommer gesehen, 
und erklärte, dass die Ausdehnung der von ihm beobachteten 
Gletscher in keineswegs merklicher Weise abgenonmien habe 
und besonders die aus denselben hervorbrechenden Quellen 
nicht stark angeschwollen seien. **) 

Die Hauptursachen der Hochwasser sind vielmehr in dem / 
starken Regen und in der immer mehr überhandnehmenden 
Entwaldung der Gebirge zu suchen. Der dicke, warme, üppige 
Föhnregen hatte sich, wie der „freie Rhätier" bemerkt, mit m- 
zen Unterbrechungen im Tessin und am Vogelberge seit eine» 
vollen Monat auf den Boden ergossen. Ein solcher Regen bringt 
regelmässig Hochwasser, wenn er nicht durch Schneefalle in dÄ 
Bergen durchkreuzt wird; er thut diess um so mehr, wönn die 
Höhen so warm sind, dass statt kalten Schneefalls Hagelschlig 
und flüssiger Schnee zum Regen tritt. Es ist merkwürdig, w» 
der Regen aus Hagel, schmelzendem Schnee und, folgerichtigi 
aus schmelzendem Gletschereis für ungeheure Wassennasseo 



*) Seine Schrift: ^Die Hochwasser im bündnerischen Bheingehiet im 
September und October 1868. Vom naturwissenschaftlichen hydro-techniflek- 
forstlichen Standpunkt betrachtet. Leipzig, Engelmann'', ist uns leider niclt 
zu Gesichte gekommen. 

**) Gösset. The inundations in Switzerland in 1868. (The Alpiae Jö■^ 
nal. February 1869.) 



Die Elementar-Ereignisse in den Alpen im Herbste 1868. 267 

ugt, welche den Erdboden, die Bergwände durchweiclien 
mit colossalem Geschiebe und Geröll zur Tiefe fahren. Da- 
in hilft am besten Rüfenverbauung und Eindämmung der 
hrlichen Bergströme, wie z. B. der NoUa, gute Wuhren u. s. w. 
Regenmassen, welche in der Periode der Ueberflutung zur 
3 fielen und in den meteorologischen Stationen Uri's, Tessin's 
Graubündten's verzeichnet wurden, betrugen bis zu 255 
imeter in 24 Stunden (am 27. September) und 1790 Milli- 
ir in den darauffolgenden 28 Tagen; mit anderen Worten, 
Segenfall des 27. Septelnber war gleich dem Regenfall von 
i Monaten an denselben Orten und in derselben Jahres- 
und die Regenmasse der nächsten 28 Tage erreichte an 
e die Grösse eines erwachsenen Mannes. Herr Prof. Dr. 
f, Director der meteorologischen Central-Commission der 
v^eiz, hat aus den ihm eingesendeten meteorologischen Tabel- 
fiir September und October eine Uebersicht der im Haupt- 
ngebiet wärend der Ueberschwemmungsperiode gefallenen 
Bnmenge zusammengestellt, welcher ich nachfolgende Zahlen 
ehme: 







Begcnfall 


in Mi 


1 1 i m e t e r 




September 


October 


Vom 17. September 
bis 6. October 1868 




Mittel 
1864/67 


1868 


Mittel 
1864/67 


1868 


;ano . . . 


171-7 


419-4 


206-1 


? 




tasegna . 


211-4 


398-ß 


233-9 


441-8 


693-4 


[igen . . 


182.1 


382-1 


162-2 


450-0 


685-6 


nhardin 


274-1 


991-6 


245-1 


842-4 


1619-9 


thardt . 


209-1 


517-0 




? 


(801-5 bis inti. 3. Ott) 


msel . . 


104-0 


142-1 


170-0 


316-3 


292-6 


ers . . . 


101-9 


180-0 


96-6 


200'5 


281-4 


iLa ... 


144-4 


292-1 


145-1 


589-4 


756-4 


irwalden 


135-4 


179-2 


96-4 


169-9 


270-5 


in ... . 


93-5 


143-5 




444-4 


376-5 


siedeln . 


101-7 


74-6 


116-8 


199-1 


140-3 


^ans . . 


93-9 


106-4 


74-6 


155.7 


200-1 



Auf der Südseite der Alpen und auf ihren Kämmen strömte 
Jegen wärend 20 Tagen fast unausgesetzt nieder: die Menge 
^Niederschlags war auf dem Gebirgskamm (abnehmend wie es 
nt nach Westen) am grössten und wahrhaft sündflutartig. 
der Nordseite sind die Hauptregentage der 23. und 28. Sep- 



268 Friedrich v. Hcllwald. 

tember, dann der 2., 3. und 4. October. Hier zeichnet si 
durch enormen Regenreichtum die Gegend am Hinterrh« 
(Platta) aus. *) Immerhin aber ist es auffallend, dass die 
schrecklichen Regengüsse auf einem vergleichsweise ziemli 
beschränkten Räume stattfanden und daher ein grosser T« 
der überschwemmten Ortschaften keine Ahnung von dem bero 
stehenden Unglück hatte. Im Tessin blieb nach einer Correspo 
denz der „Neuen Zürcher Zeitung" der jenseits des Moa 
Ceneri liegende Cantonsteil von diesen Verheerungen fast u: 
berührt, in Graubündten blieben die Flussgebiete der Landqua 
(Prätigau und Daves), der Plessur (Schaufigg) und der Moea 
(Misox) verschont, in St Gallen ward nur das Rheinthal, die» 
aber in seiner ganzen Länge heimgesucht. Wärend der Lag 
Maggiore, Vierwaldstädtersee, Bodensee einen bedenklich hohe 
Wasserstand erreichten, war diess bei den andern Schweizersee 
nicht der Fall. Mein Freund Jacques Messikomer, Antiquar z 
Wetzikon (Canton Zürch), versichert ausdrücklich, dass de 
PfäfFikersee, dessen Ufer er bewohnt, innerhalb der ganze 
Periode, wärend vergleichsweise so nahe diese Verheerunge 
stattfanden, nur um einige Zoll gestiegen ist, wie denn übei 
haupt im Canton Zürch von diesen schrecklichen Regengüsse 
nichts verspürt wurde. **) Diese gewaltigen Regenmassen gj 
langten indess nicht ohne Verlust in die Wasserrinnen. Ei 
guter Teil davon verdampfte, ein anderer grösserer ward voi 
Boden aufgesogen; was auf Gletscher fiel, ward teilweise in E 
umgewandelt, denn der Regen fiel auch -zum Teil auf Sehne» 
zum Teil auf halb eisgewordenen Schnee; noch ein andere 
Teil der Regenmenge drang in den Gletscher selbst ein tm 
verblieb darin; was aber erübrigte, genügte, um Flüsse, ßäch 
und Seen zu nie dagewesener Höhe zu schwellen. 

Die zweite Hauptursache der Hochwasser und zwar jen< 
welche Herr Coaz am meisten betont, ist die Entholzung de 
Wälder. Die Nadel Waldungen saugen nämlich jeden auf sie fe 
lenden Wassertropfen auf; nur ein ganz geringer Teil geht a 
den Nadeln selbst verloren; der Rest dringt in den Bodei 
welchen das in solchen Waldungen stets vorkommende Moos por( 
erhält. Das Moos und nicht der Nadelwald verursacht di 
Permeabilität des Bodens; aber das Moos tritt mit dem Nade 
bäume auf und seine Wurzeln halten den Boden zusammen 
Man hat aber besonders in einzelnen Teilen der Schweiz i» 
den Nadelwaldungen grässlich gewirtschaftet. Jeder Alpenre 



*) Zeitschrift der österreichischen Gesellschaft für Meteorologie. Bd. *' 
Nr. 23. (1. Deceraber 1868.) S. 577. 

**) Ausland. 1868. Nr. 46, S. 1103. 



DIo Elcmcntnr-Efoignisso in den Alpen im Herbste 1868. 269 

e kann Baumstumpfe hoch über der gegenwärtigen Wald- 
m beobachten, und Manche haben daraus den falschen 
uss gezogen, das Klima der Alpen sei kälter geworden,' 
md es sich weit eher erwärmt. Warum sind aber jetzt keine 
düngen mehr auf den selbst für Weideland zu steilen Ge- 
;en? Weil diese Waldungen von den Gemeinden und Di- 
ten verkauft, massenhaft abgeholzt, in das nächste Gewässer 
ürzt und weggeschwemmt, nie mehr aber angebaut wurden, 
j heute an Unterholz dort zu finden, wird von Ziegen und 
ifen benagt und kann es zu keinem Gedeihen mehr brin- 
Im Canton Graubündten wäre wohl, nach dem „freien 
tier" die Entwaldung nicht als ein Hauptmoment des 
hwasscrs anzusehen, weil dieses eben aus den bestbe* 
leten Gebirgstheilen kam, wärend das ziemlich stark ab- 
}lzte Ober-Engadin wenig gelitten hat, noch weniger das 
3x, welches bekanntlich ungefähr in gleicher Weise wie das 
ichbartc Tessin abgeholzt war und erst seit der cantonalen 
ätordnung wieder einen schönen Waldwuchs bekömmt. Ganz 
er aber ist die Entwaldung der Hauptgrund der Verheerun- 

im Tessin, wo die Ver^vüstung der Wälder den höchsten 
d erreicht. Sogar die Tessiner Section der Schätzungs-Com- 
iion hat sich in ihrem Berichte zu der Bemerkung veran- 
t gesehen, dass grössere zusammenhängende Waldungen bei- 
e nirgends mehr zu sehen und das unvorsichtige Abholzen 
r Tannenwälder, sowie auch das unbehinderte Weiden der 
(reichen Ziegen auf allen Bergen, welche für die Wieder- 
aldung geeignet wären, in trauriger Weise den Mangel eines 
stgesetzes beleuchte, welches die Behörden nur lässig aus- 
ihrt und schliesslich sogar ganz abgeschaft't haben. In Tessin 
len die von den Hohen stürzenden Wasserfluten gar keinen 
lerstand, und halbe Bergabhänge rutschten widerstandslos 
inter, wodurch ganze Dörfer verschüttet und zerstört wur- 

und noch lange Zeit später, nach den Befürchtungen der 
imission, mehreren Dörfern der Untergang droht, weil jeder 
jsere atmosphärische Niederschlag einen gefährlichen Berg- 
ipf ablösen kann. 

Wie sich dann später aus den Untersuchungen der dazu 
^endeten Commission ergab, war es auch der Canton Tessin, 
iher am meisten Schaden genommen hatte. Freilich wurden 
Inglich die Verluste stark übertrieben ; sprach doch ein Blatt 

einem Schaden von beiläufig 100 Millionen Francs, also von 
T Summe, mit der etwa die Gotthardtsbahn gebaut werden 
nte. Die aus den amtlichen Erhebungen hervorgehenden 
sru weisen für die einzelnen Cantone indess folgende Ver- 
e aus: 






270 Fr. T. Hellwald. Elemenfar-EreignisKe i. d. Alpen im Herbste 1868. 

St. Gallen .... 2,438.165 Francs 

Graubündten . . . 2,933.403 „ 

Wallis 1,692.542 „ 

Tessin 6,905.182 „ 

Uri 513.957 „ 



Summa . . . 14,483.249 Francs. 

Schon in den ersten Tagen Octobers organisirten sich 
Comit^s, um rasche Hilfe zu bringen, die not tiiat; allein es 
bedurfte der grüssten Aufopferung und Anstrengung des gan* 
zen Landes, um das Unglück auch noch bis zur ErträglicUkeit 
zu mildem. Wärend der Bundesrat in die verwüsteten Gebiete 
Sappeurcompagnien entsendete, um die Wuhren, Dämme, Brücken 
und Strassen herzustellen, fanden in Württemberg, in Dresdoi 
und Berlin, endlich im ganzen übrigen Europa und sogar in 
America Sammlungen zu Gunsten der Verunglückten statt* In 
Tirol imtemahm sogleich nach der Ueberschwenunung der kii- 
serliche Statthalter eine Rundreise durch das Land, um sich 
persönlich von den Bedürfhissen der Bevölkerung zu übersea*. 
gen. Allein das ärgste Elend stand den schwer Heimgesnditen 
noch bevor. Aus vielen Häusern hatte man den Schlamm der 
letzten Ueberschwemmung nicht genügend entfernen können^ 
und wahrscheinlich in Folge dessen zeigten sich bald an mek- 
reren Orten der Schweiz Krankheiten von entschieden IrphOaem 
Charakter. Eine ganz ähnliche Klage brachte die „Allgemeine 
Zeitung" *) von der Tiefebene der Etsch. Glücklicherweise 
setzte die bald darauf in den Alpen eingetretene starke Efilte 
der verheerenden Krankheit ein Ziel. 



*) Ausserordentliche Beilage, 1. Dccember 1863. 



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Notizen. 



I^ie Alpenreisen Sr. kaiseriiehen Moheii des durehiauch' 
Ugsien Herrn Eirzherzogs Rainer im Jahre l&ß&n Se. kaiser- 

Kche Hoheit, Herr Erzherzog Kainer, der durchlauchtipfste Protector unseres 
Vereines, hahen, begleitet vom Dienstkämmerer, dem k. k. Oberstlieutcnant 
Herrn Grafen Heinrich Wnrmbrand, zuerst im Juni 1868 von Wien aus 
einen Ausflug in die Alpen unternommen. Die Keise ging zunächst in das 
Gailthal in Kärnten. In ihm wurde am 19. Juni von Hermagor nach Mauthen 
und von diesem Orte in dem den Namen Lessachthal führenden obern Teile 
des Thaies nach St. Jacob gefahren, von da aber noch in vier Stunden 
über Liesing nach dem bekannten Wallfahrtsorte Luckau gegangen. Am 20. 
. wurde die Fusstour durch den Tiroler Teil des Gailthales nach Tilliach, 
2 Stunden, und zuletzt durch das Kartitschthal hinaus nach dem an der 
Hauptstrasse durch das Pusterthal gelegenen Tasenbach, drei Stunden, fort- 
gesetzt, von hier nach Innichen und im reizenden Sextenthale mit seiner 
grünen Thalsohle, auf welcher sich an der Westseite die prachtvollsten 
Dolomitgebirge, darunter obenan die hohe Schusterspitze, 9996 Fuss, erheben, 
bis in das Sextner Bad gefahren. 

Am 21. wanderten Se. kaiserliche Hoheit durch das südlich, dann süd- 
westlich ziehende Seitenthal von Sexten, Fischlein, in 3Vt Stunden auf den 
Toblacher Riegel, die Wasserscheide gegen die Eienz, dann nach dem an 
der Ampezzaner Strasse liegenden Höhlenstein, 2V* Stunden, auf einem Wege, 
über welchem diess- und jenseits des Toblacher Kiegcls die grossartigsten 
Dolomitgestalten, darunter ausser der hohen Schusterspitze der Patemkogel, 
die drei Zinnen, der Cristallin und Cristallo, aufragen. Hierauf wurde noch 
Ampezzo zu Wagen erreicht. 

Am 22, folgte der Gang durch Val Costeana und über das Joch Fal- 
zargo, 3 Stunden, in das liebliche Thal Buchenstein (Livinalongo) und in 
ihm nach Andraz und Pieve, 2 Stunden, dann in südwestlicher Richtung auf 
die Forcella di Fedaja, welche der circa 10.700 Fuss hohen Vedretta Mar- 
toiolata im Norden gegenüberliegt und bei der Ausdehnung des Massivs dieser 
Bauptspitze der Süd-Tiroler Dolomite von Westen nach Osten und bei 
ider Senkung ihrer Gletscher gegen Norden den vorzüglichsten Ueberblick 
iderselben bietet. Vom Joche aber wurde in einer halben Stunde zur Alpen- 
hütte am Fedaja-See hinabgestiegen. 

Die am 23. versuchte Ersteigung der Vedretta Marmolata war nicht 
von einem vollständigen Erfolge begleitet. Se. kais. Hoheit gelangten unter 
Führung des Fulgenzio Dimaj in ly^ Stunden auf den Gletscher, stiegen auf 
"emselben durch 1% Stunden empor, doch veranlasste dann der auf der 
pitze lagernde Nebel zur Umkehr und nun wurden eine halbe Stunde zur 
ückkehr hinab auf den Thalgrund, dann 2^^ Stunden zum Marsche nach 



272 Dr. A. V. Eathner. 

Campidcllo im Fassa-Thale benötigt, von wo thalausv.'ärts nach Moena { 
fahren wurde. 

Am 24. begaben sich Se. k. Hoheit in drei Stunden nach S, Pel 
grino. 8. Pellegrino ist eines der Seitenthaler, welche von dem im Gross 
und Ganzen von Norden nach Süden ziehenden Gränzkamme gegen Itali( 
und zwar zunächst zwischen dem Cordevole-Thale und dem Fassa-Thale, t 
Osten nach Westen herabsteigen. 

Dieser Gränzzug hat sich im Laufe südlich der Marmolata zue 
einigerniassen gesenkt, erhebt sich jedoch besonders dort, wo aus Travigno 
dem nächsten südlichen Parallelthale von S. Pellegrino, ein Joch nach d» 
Ursprünge des südlich laufenden Cismone-Thales von S. Martino hinüberfüh 
im Cimon della Palla zu 10.262 Fuss und sofort in südlicher Aufeinand« 
folge in einer Reihe der kecksten und bizarrsten Dolomitzähne, Thürme ui 
Zacken von 9- bis 10.000 Fuss Höhe bis hinab zum Canale-Thale , dur 
welches man von Primör nach Agordo im Cordevole-Thale hinübersteigt. 

Eine der Spitzen in diesem Gränzzuge nun ist, und zwar zwiscb( 
dem obersten S. Pellegrino- und dem Travignolo-Thale , also nördlich vo 
Cimon della Palla, der Guiribrutt; im Westen desselben führt ein Joch i 
südlicher Richtung von S. Pellegrino nach Travignolo und diess erstiege 
Se. kais. Hoheit in zwei Stunden von S. Pellegrino, kamen in fünf Vierte 
stunden zur unteren Alpe und in weiteren drei Viertelstunden nach dei 
Alpenhauso Paneveggio, welches das Aerar für die forestalen Zwecke in 
mitten seines dortigen ausgedehnten Waldbesitzes vor Kiirzem gründlic: 
restauriren Hess. 

Am 25. wurde in drei Viertelstunden zur Alpe Guiribell hinauf — 
von dort in 1*/, Stunde zum Colbricon-See , der westlich des schon er 
wähnten, gewöhnlich benützten Joches zwischen Paneveggio und S. Martin» 
eingetieft ist, hierauf nach S. Martino in einer halben Stunde, nach PrimÖ 
in 2V4 Stunden, doch auch von da noch über den Sattel la Gobbera ii 
2% Stunden in den Hauptort Canal di sotto des zweiten Thalastes des Cis 
mone-Thales, aus welchem dem Cismone der Vanoi-Bach zufliesst, des Cana 
S. Bovo, gegangen. 

Am 26. erreichten Se. k. Hoheit in ly. Stunden Caoria. Auf diesen 
Wege kommt man an einem der jüngsten Alpenseen vorbei, welcher, ers 
seit etwa 40 Jahren entstanden, dennoch eine Länge von drei Viertelstnndei 
hat. Von Caoria folgte der durchlauchtigste Pi'otector unseres Vereines eii 
Stück weit der sich im südwärts geöffneten Bogen um die Cima d'AstJ 
windenden Thalsohle des Canal S. Bovo, um dann in nördlicher Richtung 
durch Val Laghetti das 6531 Fuss hohe, zwischen dem Cauriol und der Cop 
pola im Sclieiderücken zwischen Canal S. Bovo und dem Fleimser-Thale ein 
geschnittene Sadolejoch zu erklimmen. In 4*/* Stunden war es erstiegen, ii 
2Vt Stunden Ziano in Fleims erreicht und nun fuhren Se. k. Hoheit nad 
Cavalese und am nächsten Tage auf der ausgezeichneten Thalstrasse hinal 
in das Etsch-Thal an die Eisenbahn und nach Bozen. 

Am 30. Juni traten Se. k. Hoheit die Reise auf die Oetzthale 
Gletscher an und verfügten sich von Meran zu Wagen nach Stäben am Ein 
gange des Schnalser Thaies. Von hier wurde in 3*/^ Stunden „Unser Frau* 
in Schnals erreicht. Am 1. Juli wurde das Niederjoch in SVj Stunden uu( 
in weiteren zwei Stunden die 11.424 Fuss hohe Similaun-Spitze erstiegen 
Leider zälte die Aussicht dieses Tages nicht unter die günstigen, weil si 
vielfach durch Nebel beeinträchtigt war. Der Herabweg führte in eine 
Stunde auf das Niederjoch und in weiteren drei Stunden nach Vent in 
Oetzthale, 

Am 2. gingen Se. k. Hoheit in 3'/^ Stunden nach Sölden, um übe 
den Winacher Ferner nach Stubai hinüberzusteigen. Diese mühsame Tou 
wurde auch ausgeführt, obgleich der Aufbruch von Sölden der Nebelbil 



Alpenreisen Sr. kais. Höh. des Herrn Erzh. Rainer im Jahre 1868. 273 

•düngen auf den Höhen halber erst um Mittag erfolgen konnte. Se. k. Hoheit 
Ijenötigten im Winacher Thale 1*/^ Stunden, auf den Femer 1*/^ Stunden 
lind stiegen auf ihm auf das 9904 Fuss hohe Joch am Bildstöckl in zwei 
Stunden hinan. Der Weg hinab nach Stubai wurde, noch auf dem Gletscher, 
im Nebel verfehlt, doch unter der tüchtigen Leitung des (seitdem auf dem 
•Gange über das Hochjoch verunglückten) Führers Cyprian Granbichler zuletzt 
in drei Stunden vom Joch glücklich in der am Schlüsse des Stubaier Haapt< 
iihales, des Unterberges, liegenden Mutterberger Alpe angelangt. 

Am 3. gingen Se. k. Hoheit in 3Vt Stunden nach Neustift, fuhren 
"von da nach Schönberg und an die Brenner - Bahn und auf ihr nach 
Jnnsbruck. 

Ein längerer Aufenthalt in Meran im October wurde von Sr. k. Hoheit 
SU zwei anderen Alpenausflügen benützt. 

Am 6. October bestiegen Se. k. Hoheit von Meran aus durch das 
iSpronser-Thal das wegen seiner Seeumgebung interessante, 8559 Fuss hohe 
-Spronser-Joch, den Uebergangspunkt nach dem aus Südwesten in das Pas- 
4seier-Thal mündenden Thale Pfelders und kamen in weiteren zwei Stunden 
Liiiab nach Latzins, dem grossen Alpenhause von Pfelders, von welchem der 
Hauptort des Thaies, Plan, bloss eine halbe Stande weiter thalauswarts ge- 
legen ist. 

Am 7. wurde das in dem Kamme zwischen dem Pfelderser und Gurgler 
Thale befindliche 9585 Fuss hohe Langthaler Joch in 5 Stunden gewonnen, 
in tiefem Schnee durch 1*/^ Stunden über den Langthaler Ferner zum Gurgler 
£issee, an der Mündung des Langthaies in das eigentliche Gurgler Thal, und 
von da in zwei Stunden nach Gurgl gegangen. Am 8. reisten Se. k. Hoheit 
jLuf den Thalwegen durch das Gurgler Thal hinaus nach Zwieselstein und im 
V enter Thale aufwärts nach Vent. 

Am 9. erfolgte die Besteigung der circa 11.000 Fuss hohen Kreuz- 
spitze. Sie gehört dem Zwischenrücken zwischen den beiden Aesten des 
Venter Thaies, dem Eofner- und Nieder- oder Spiegier Thale, und jenem 
Kamme an, welcher sich vom Hauptwasserscheidekamm der Centralalpen 
zwischen dem Hochjoch und dem Niederjoch zu nordöstlichem Laufe loslöst, 
und wird ihrer vortrefflichen Aussicht wegen häufig von Vent aus erstiegen. 
Se. k. Hoheit kamen bei frischem Schnee in 2Vs Stunden zur St. Moar-Hütte 
im Niederthale, in 1 % weiteren Stunden zur Hütte am Kreuzberge und wieder 
in ly. Stunden bei 1 — 2 Fuss tiefem Schnee auf die Spitze. Eine vollkommen 
klare Femsicht lohnte die verhältnissmässig nicht beschwerliche Ersteigung. 
Herabwärts verflossen drei Viertelstunden bis zur Ankunft bei der Hütte 
und hierauf 2Vs Stunden bis zu jener in Yent. 

Am 10. October unternahmen Se. k, Hoheit die Ersteigung der hohen 
Wildspitze, des 11.943 Fuss hohen Culminationspunktes der Oetzthaler 
Gebirgsgruppe. Bei Nacht wurde der Bofenkar-Ferner in drei Stunden erreicht, 
über ihn im tiefen Schnee zum Urkund in 2'/« Stunden und auf die höchste 
iSpitze in ly. Stunden geklommen. Der damit eingehaltene Weg ist vom 
Führer Cyprian Granbichler in Aufnahme gebracht worden und hat sich als 
<ler kürzeste und relativ beste bewährt, weil nur das letzte Stück vom Ur- 
kund auf den Gipfel steil ist und Vorsicht erheischt. Die Expedition Sr. k. 
Hoheit war vom Glücke begünstigt, die Aussicht die denkbar reinste, es war 
windstill und die Temperatur betrug auf der Spitze im Schatten -\- 7® R. 
Hinab wurden 40 Minuten bis zum Urkund, eine Stunde auf dem Femer 
und V/2 Stunden bis Vent zugebracht. 

Am 12« gingen Se. k. Hoheit auf das Hochjoch in 5V4 Stunden, nach 
. Kurzras im Schnalser Thale in einer Stunde , nach „Unser Frau" in 1'/^^ 
Stunden und von da noch hinaus nach Stäben in 3^^^ Stunden und fuhren, 
dann nach Meran. 

18 



274 Dr. A. y. Butkner. Alpenreisen Sr. k. H. d. Herrn Erzh. Rainer etc. 

Als Führer waren im Oeizthale Cyprian Granbichler und Benedict 
Klotz in Verwendnng nnd beide, besonders jedoch der Erstere, ernteten die 
Tolle Zufriedenheit Sr. k« Hoheit. 

Den zweiten Ansflng von Heran ans traten Se. k. Hoheit am 25. Oct. 
an. Se. k. Hoheit fahren an diesem Tage nach Lana nnd gingen dann 
nach dem Mitterbade im Thale Ulten in drei Stunden. Am 26. Oct. wurde 
die Lauchenspitze in S'/^ Stunden bei Torzilglicher Aussicht erstiegen. Der 
Berg, dessen Höhe 7686 Fuss beträgt, g^lt mit Recht als eine ausgezeichnete 
Aussichtswarte, weil er in Folge seiner günstigen Lage im Hergänge zwi- 
schen Ulten und dem Thale der Nonsberger Noyella Thalg^nde von Yal 
di Kon und Val di Sole, von Ulten und vom Etschland überblickt, weit 
hinein nach Passeier bis gegen seinen Hintergrund späht und die prächtigen 
Gebirgszüge von Süd-Tirol diess- und jenseits der Etsch, dann die Stubaier 
und Oetzthaler Gletscher, vor Allem aber die nahe Ortlergmppe dem Besucher 
in der vorteilhaftesten Weise zeigt. Von der Spitze schlugen Se. k. Hoheit 
die Richtung nach dem Nonsberge ein, kamen in ly^ Stunden nach „Unser 
Frau", in 2V4 Stunden nach Fondo und fuhren von da nach Clea, dem Haupt- 
orte des Thaies. 

Am 27. folgte die Fahrt durch das Thal nach Mal^, dem Hauptorte 
des Val di Sole, und nach Fucine. Dieses liegt an der Trennung des nörd- 
lich laufenden Peithales, des Thaies des Noce cattivo, von dem in der bis- 
herigen Richtung des Hauptthaies zum Tonale fortsetzenden Thale des Noce 
buono. In letzterem Thale stieg der Herr Erzherzog hinauf auf das Joch 
des Tonale und kehrte von da nach Fucine zurück. 

Am 28. fuhr unser durchlauchtigster Protector im Peithale bis Cogolo, 
besuchte den in einer westlichen Ausästung über dem Thale befindlichen 
Sauerbrunnen von Pejo und ging nach Cogolo zurück. Der' kleine Ausflug 
nach Pejo nahm hin und zurück ly. Stunde in Anspruch. Dann wurde das 
im Scheidekamme zwischen dem Val Pei. und dem Rabbithaie eingetiefte 
Levijoch von Cogolo in Sy^ Stunden (wovon eine volle Stunde in tiefem 
Schnee) erstiegen und nach dem anderen berühmten Sauerbrunnen, nach 
jenem von Rabbi, in 27^ Stunden hinübergegangen« 

Am 29. erreichten Se. k. Hoheit in H'^/^ Stunden das Joch am Corvo- 
See, welcher die Eigentümlichkeit besitzt, dass er auf der Ultner Seite liegt, 
sein Wasser aber nichtsdestoweniger in Folge eines Spaltes in den Beigen 
nach der entgegengesetzten Seite nach Süden und in das Rabbithal abfliesst. 
Se. k. Hoheit trafen auf dem Wege viel Schnee an, stiegen vom See nach 
S. Nicolaus in Ulten in 3V2 Stunden hinab, gingen dann in ly^ Stunden 
nach St. Walburg und in 2 Stunden nach St. Pangraz, am 30. dagegen in 
ly^ Stunden nach Lana, um von dort nach Meran zu fahren. 

Die Bergreisen, wie sie hier kurz skizzirt erscheinen, zeigen von der 
seltenen Ausdauer des Herrn Erzherzogs. 8- bis 9stündige Tagesmärsche 
bilden die Kegel, doch auch solche von 11 bis 12 Stunden konunen vor; so 
der gewaltige Marsch von Vent nach der Mutterberger Alpe, dann derG^ang 
von circa 9 Stunden auf die Kreuzspitze, am nächsten Tage die Expedition 
von circa 10 IStunden auf die hohe Wildspitze und am zweitfolgenden die 
Wanderung von 11 y. Stunden von Vent nach Stäben. 

Ein grosses luteresse gewähren diese Alpentouren, selbst abgesehen 
von der Persönlichkeit des durchlauchtigsten Touristen, nicht minder dadurch, 
dass das Itincrariuni darüber so genau geführt ist, dass künftige Wanderer 
in diesen Gegenden es unbedingt als Richtschnur auf ihren Bergfahrten 
werden benutzen können. Auch sind sie vollkommen geeignet, zu lehren, wie 
man die grossartigsten Gegenden von öüd-Tirol und der Oetzthaler Gruppe 
in der kürzesten Zeit bereisen kann. Denn die Routen Sr. k. Hoheit um- 
fassen, wenige, Höchstdemselbtu schon von früher her bekannte, Oertlich- 



Ueber die Wandelbarkeit der Landschafts- Anschauung, 275 

Iceiten ausgenommen, die ausgezeichnetsten Punkte in der Dolomit- und Oetz- 
thaler Gebirgswelt und alle sind von Sr. k. Hoheit auf den kurzen, im 
Vorhergehenden mitgetheilten Ausflügen durchwandert worden. 

Ueber die Wandeibarkeii der Mjandeehmfle^AneehmuHnff. 

Die wissenschaftliche Erforschung der Gebirgswelt, der ästhetische Sinn und 
die Schwärmerei für die Alpen wurde erst in diesem Jahrhunderte durch die 
erweiterten Natur- und Weltanschauungen gefordert. Der Cultus der Alpen- 
welt ist somit eine moderne Erscheinung. Eine Landschaft, die vor hundert 
«Jahren imposant und anziehend galt, erscheint uns heute tagtäglich und 
selbst langweilig. Gegenden , welche in der Zopfzeit als „gar fein und lustig^ 
geschildert wurden , werden heute öde und einförmig genannt. Woher rührt 
denn diese fast contrastirende Beurteilung bestimmter Objecte zu verschie- 
denen Zeiten? Wechselt die Gegend ihre Contouren, oder sieht das Menschen- 
auge in verschiedenen Jahrhunderten anders? Man möchte fast meinen, dass 
Sonne, Wolken, Luft, Berge, Felsen, Wasser und Ebenen im Laufe der 
Jahrhunderte andere geworden sind, oder gar, dass die Natur wie nach einem 
Modejoumal ihre Tracht ändere. O nein! diese Wandelbarkeit der Natur- 
anschauung hat einen tieferen Grund. 

Die Landschaft mit ihren Eisbergen, Felscolossen , Hügeln, Ebenen, 
Seen, Wasserfällen und Flüssen, kurz das landschaftliche Eelief ändert sich 
im Laufe einiger Jahrtausende kaum bemerkbar. Die Aussichtspunkte, welche 
heute als herrlich und imposant gerühmt werden, gewährten vor einem oder 
zwei oder mehren hundert Jahren dieselbe Ansicht der Gebirgszüge, Hügel- 
reihen, Seen und Flüsse u. dgl. wie heute. Die Landschaft in ihren Umrissen 
ist dieselbe geblieben, aber unser urteilendes Auge, — die Geschmacksrich- 
tung in Kunst und Wissenschaft — ist fast mit jedem Jahrhunderte anders 
geartet. Mit jedem grossen Umschwünge der Zeit und Gesittung ändert sich 
auch der landschaftliche Blick. Es hat somit jede Generation, jeder epoche- 
machende Zeitabschnitt seine eigene Weltanschauung und sein eigenes land- 
schaftliches Auge. Beispiele werden das Gesagte erläutern. 

Im classischen Altertume galten Alpengegenden wie die Schweiz für 
nnschön, wild und menschenfeindlich. Die römischen Autoren klagen in ihren 
Schriften bitter- über die Unschönheit, Wildheit und Unwegsamkeit der Alpen. 
Julius Cäsar benützte die Mussestunden einer Alpenreise zur Anfertigung 
einer grammatischen Arbeit de andLogia. 

Der Palast des Kaisers Karl des Grossen zu Ingelheim war als wahres 
Lustschloss auf einem für damalige Zeit äusserst malerischen Punkte gele- 
gen. Mit dem heutigen landschaftlichen Auge betrachtet, erscheint uns diese 
Gegend am linken Bheinufer mit ihren Sandböden und kümmerlichen Tannen- 
wäldchen recht langweilig. Am jenseitigen Ufer oder ein paar Stunden strom- 
abwärts wäre Karls des Grossen Palast in einer wirklich wunderschönen 
Gegend gestanden. Der Schönheitssinn der damaligen Zeit entschied anders. 
AIb in Deutschland die Waldung noch vorherrschte, galten die freien rasen- 
ähnlichen Eodungen für das landschaftlich Schönste. Heute suchen wir wieder 
die Waldungen auf, weil diese immer seltener werden. 

Das phantastisch romantische Mittelalter hielt die schroffen, wilden 
nnd engen Gegenden und die kahle Gebirgsnatur für ein Urbild landschaft- 
licher Schönheit, und dichtete sich dort, wo diese kahle Wildniss fehlte, 
wenigstens einen alpenhaften abenteuerlichen Hintergrund. Wie die gothische 
Baukunst des Mittelalters istufenweise himmelwärts strebte, so liebte man 
damals auch in der Natur die kahlen Dombauten des Hochgebirges, die hohen 
nach Oben strebenden Formen und lichten Bergzacken, welche schon halb 
dem Himmel angehören. 

Die biblische Poesie der Hebräer hat dem jungen Christentume eine 
Begeisterung für das Naturschöne eingeflösst, welche die antike Kunstrichtung 

18* 



276 Dr. Heinrick Wallmann. 

dem classischen Altertumo nicht gewahren konnte. Auf Bildern des Mittel- 
alters finden wir das Paradies als eine hochanstrebende Wüstenei dargestellt, 
wärend doch Moses das Paradies als prächtigen Garten schilderte. 

Die dem classischen Altertume nacheifernde Benaissance- und Bococo- 
Poriode hatte, wie jenes, für die Alpen und die Natorschönheit kein ausge- 
bildetes Auge. Sie verktinstelte und Terschnörkelte die Natur, wo es in 
ihrer Gewalt lag; die einfach schönen und erhabenen, aber sclmörkellosen 
Gübirgsbilder konnten der Kococozeit eben so wenig gefallen, als die prach- 
ti<;cn Nadelhölzer und Laubwälder, weil diese mit der französischen Scheere nicht 
2Uf:c8tutzt waren. Das Paradies , das Urbild jungfräulicher Naturherrlichkeit, 
wurde in dieser Zeit als ein langweiliger hügelloser Garten mit französisch 
«ufreschnittonen Baumgruppen und geradlinigen Alleen dargestellt. In der 
Zopfzeit galten Städte und Gegenden wie Augsburg, Berlin, Darmstadt, 
Leipzig, München u. dgl. als gar „fein und lustig**, hingegen Schweizer, 
Tiroler und überhaupt gebirgige Gegendon als „betrübt, langweilig, einförmig**. 
Vi'.'le Lustschlösser, selbst Sommerresidenzen, und Parkanlagen, baute man 
damals und noch vor kaum hundert Jahren auf öde Moor- und Waldflächen 
1111(1 kahle Ebenen, z. B. die fürstlichen Lustschlösser Nymphenburg mid 
^el.lcisshcim bei München, den Schwetzinger Park. Der obere Rheingau galt 
damals als ein reizendes Paradies, in das man zalreiche Land- und Lust- 
här.ser baute; die untere Kheiugegend bis Koblenz, ein Muster landschaft- 
licher Pracht, wurde nur flüchtig beachtet. In jener Zeit -wollte man in 
lieblichen, reich angebauten und bevölkerten Ebenen sich gerne das Paradies 
vcr8innlichen. Im 17. Jahrhunderte wurden die in engen steilen Ber^ründen 
irelcgenen Badeorte am häufigsten aufgesucht; im 18. Jahrhunderte waren 
die gegen die Ebene hin gelegenen Curorte die beliebtesten. 

Erst seit kaum hundert Jahren, namentlich nach der sogenannten 
Sturm- und Drang-Periode, als die wissenschaftliche und ästhetische Natur- 
i>etrachtung Auge und Sinn den einfach erhabenen Naturschönheiten erschloss, 
und Landeskunde , Malerei und Dichtung die Liebe zur Natur und besonders 
zur Alpenwelt förderten, wurde das landschaftliche Auge für alpine Gegenden 
ausgebildet und der Alpennatur-Schwärmerei ein weiter Spielraum geöffnet 
Der Cultus der Hochgebirgswelt kam in die Mode und zäHe bald viele 
Priester und Anhänger. Der Impuls ging von der Schweiz aus; dort, wo die 
Alponnatur ihre schönsten Altäre hat, fanden sich auch die ersten Apostel, 
welche von der Herrlichkeit der Alpenwelt begeistert predigten. Der Schweizer 
Arzt Albrecht von Haller hat durch seine epochemachende Dichtung ^die 
Alpen** dem Studium der Hochgebirgskunde den Weg gezeigt; ihm stand sein 
Landsmann, der Botaniker Gessner, thätig zur Seite. Schon im Jahre 1779 
«agtc man Goethe in Genf: „es würde immer mehr Mode, die savoy'schen Eis- 
gebirge zu besuchen, welche durch Bruit's malerische Schilderungen bekannt ge- 
macht wurden.^ Saussure wandte sich damals unverdrossen und mit Erfolg der 
praktischen Alpenkunde zu. Sein Beispiel fand Nachahmer. Schon im Jahre 1799 
finden wir die ersten Grossglockner-Ersteiger. Den Buhm des Österreichischen 
Hochgebirges verkündeten in der ersten Hälfte unseres Jahrhundertes Schnltes, 
Alexander von Humboldt, Vierthaler, Thurwieser, Schaubach u. v. A. Erzher- 
zog Johann, die Kardinäle Graf Salm-Reifferscheid und Fürst Schwarzenberg, 
Thurwieser u. A. haben durch kühne Bergbesteigungen in unserem Yaterlande ^e 
Vorliebe zur Alpenwelt erweckt und gefördert und zur Nachahmung angeeifert 
Aber alle diese Förderer der Alpenkunde und alpinen Schwärmerei hätten 
wenig Anhänger und Nachahmer gefunden, wenn nicht durch die Nator- 
philosophen und die beginnende realistische Kichtung die grosse Menge für Natnr- 
anschauung, besonders der Alpen, geistig vorbereitet gewesen wäre. Diesem 
Streben, die Naturschönheiten in den Alpcnwildnissen aufzusuchen, hat sich 
auch die Kunst angeschlossen. Als in München unter J. J. Domer und Ge- 
nossen die romantische Schule sich Bahn gebrochen hatte, fing man an, das 



Uefcer die W«indelbarkcit der LandsclKiftß-Anschannrig. 277 

Hochgebirge wieder zu Ehren zu bringen und machte die ersten Studien der 
liandschaftsmalerei im bajerischen Hochgebirge, wo dem ästhetischen Auge eine 
neue Welt — die der Alpen — entdeckt wurde. Und je mehr die realistische 
die romantische Kichtung in den Hintergrund drängte , desto eifriger wurden 
die Staffeleien und Zeichnenmappen in die Hochgebirge getragen. Besonders 
die Gebirgsseen waren beliebte Künstler-Eendez-vous-Plätze. Tegemeee, Chiem- 
8ee, Berchtesgaden mit dem Königssee und Hintersee, Achensee u. dgl. sind 
noch jetzt beliebte Losungsworte der Maler. Mit den Malern haben sich die 
Touristen-Schriftsteller verbunden, welche in skizzenhaften malerischen und 
anziehenden Beschreibungen von den Wundem der Alpenwelt erzälten, Städter 
und Binnenbewohner für die Alpenwelt begeisterten und zum Besuche dersel- 
ben einluden. 

Die künstlerische Auffassung und Behandlung des alpinen Stoffes w<';r 
nicht zu allen Zeiten dieselbe. In den landschaftlichen Kunstwerken der 
Meister verschiedener Jahrhunderte können wir die Geschichte des wech- 
selnden landschaftlichen Auges am gründlichsten studiren. Die Hochgebirgs- 
bilder des Mittelalters wurden phantastisch übertrieben, und selbst dorthin 
Alpen und' Felsenschroffen gesetzt, wo factisch gar keine existirten. Spätei* 
umstaltete man die wilden, zackigen und steilen Hochgebirgslandschaften 
in die milderen Formen des Mittelgebirges. Die Zopfzeit beliebte Städte- 
ansichten und Landschaften aus der Vogelperspective und die echte Zopfzeit 
hat die Alpen noch mehr abgerundet und geebnet, so dass sie oft fast hügel- 
artig erscheinen. Erst unsere realistische Zeitrichtung hat wieder Wahrheit 
und Wirklichkeit in die Alpenbilder gebracht. Und welche Form der Land- 
schaft wird bei den kommenden Generationen beliebt sein? Diese Frage lässt 
sich jetzt schwer beantworten, wahrscheinlich dürften die cultivirten Mittel- 
gebirge und industriösen Vorlande den Vorzug erhalten. 

Wer eine grosse Bildergalerie mit Landschaftsbildern von Meistern 
verschiedener Schulen und Jahrhunderte aufmerksam durchmustert, wird bald 
die Wahrnehmung machen, dass das landschaftliche Auge von dem Wechsel- 
spiele der Weltanschauung abhängig ist. Naturschönheit ist ein relativer Be- 
griff. „Die Natur wird schön durch einen Selbstbetrug des Beschauers.** (Riehl.) 
Nicht die Natur , sondern der Mensch schafft künstlerisch. Das vorherrschende 
ästhetisch-landschaftliche Urteil hängt von der jedesmaligen Kunstrichtung^ 
und der Bildungsstufe der Menschen ab. Das culturgeschichtliche Urteil der 
Zeit entscheidet über den Wert landschaftlicher Schönheit. Die Erkennt- 
niss des Naturschönen ist also nur eine relative Wahrheit. Jede Generation 
stellt für die Lehre des Naturschönen andere Dogmen auf. Der Begriff de» 
Naturschönen unterliegt viel bedeutenderen Schwankungen als das Urteil 
des Kunstschönen; denn das Natiirschöne ist das subjectiveste Kunstwerk, das 
sich mit jedem Wechsel des Zeitgeistes ändert. 

Diese Wandelbarkeit des landschaftlichen Schönheitsinnes ist für Land- 
schaftsmaler nicht gar tröstlich, wenn sie wissen, dass ihre von der Jetztwelt 
hochgepriesenen Landschaftsbilder von den Nachkommen vielleicht mitleidig 
belächelt werden. Aber ist nicht ein ähnlicher Fall fast täglich zu beobachten? 
Ss ist nämlich nichts undankbarer und schwieriger, als Andere von der Schön- 
heit einer Landschaft überzeugen zu wollen. Was ein Naturschwärmer in 
eine gewisse Landschaft hineinzaubem oder eigentlich aus ihr heraussehen 
will, will einem Zweiten durchaus nicht klar werden. Mancher schwärmt 
für eine Landschaft, die einen Andern gänzlich gleichgiltig lässt. Der Aelpler 
nnd die Sennerin lächeln nicht selten über den Städter oder Naturfreund,. 
der von dem Anblicke einer Gebirgsgegend förmlich entzückt wird, und können 
die sonderbaren Naturschwärmer nicht begreifen. Ja, ändern wir nicht unser 
landschaftliches Auge selbst mit den Leben^ahren? Eine Landschaft, die wir 
als Jünglinge und junge Männer mit Begeisterung stundenlang betrachtet, 
besungen, gepriesen und nicht satt sehen konnten, würdigen wir, wenn wir 



278 Th. Harpprecht. 

selbe nach Jahrzehnten wieder einmal sehen, manchmal nur eines flüchtigen 
Blickes. Und doch ist diese Gegend in ihrer Gesammtheit nnd in ihren De* 
tails dieselbe geblieben. 

In unseren Tagen wird die Liebe für die Hochgebirgswelt durch Natur- 
forscher, naturwissenschaftliche und specielle Vereine, sowie durch Kunstwerke 
immer mehr erweckt und gefördert und die Gebirgskunde durch Forschungen, 
bildliche* (auch photographische) Darstellungen von Gebirgspartien , durch Für- 
sorge für Bequemlichkeit der Gebirgstouristen u. dgl. erweitert. Die Pjrenäen, die 
Alpen Savoyens und der Schweiz, das bayerische Hochland und Berchtesgaden, 
bei uns das Salzkammergut, Salzburg (besonders Pinzgau), Tirol, St^er- 
mark, Kärnten und Krain werden Ton Touristen und Naturfreunden immer 
häufiger, die hohe Tatra (Centralkarpathen) derzeit noch seltener aufgesucht 
und durchwandert. So wird das Lob der Alpenländer und ihrer Schönheiten 
immer weiter verbreitet. Heutzutage gehört es in Oesterreich zum guten 
Ton, wenigstens das Salzkammerg^t , Salzburg oder ein paar andere Alpen- 
länder zu besuchen. Wer bei uns Ischl, Salzburg und Berchtesgaden nicht 
gesehen hat, wird mit Kopfschütteln betrachtet und fast bemitleidet. Und 
beim Lichte betrachtet — ist die heutige Schwärmerei für Gletscher , Alpen, 
Gebirgsseen und Wasserfälle, so zu sagen, Modesache oder Laune der jetzigen 
Cultur- und Kunstrichtung , aber eigentlich die Frucht des zu Ende des vori- 
gen Jahrhunderts ausgestreuten naturwissenschaftlichen Samens. Der herr- 
schende Zeitgeist bestimmt die ästhetische Bildung der Generationen , und mit 
dieser wechselt auch der Blick für das Naturschöne. Was wir heute in der 
Natur schön nennen, wird vielleicht ein kommendes Geschlecht ironisch he- 
lächeln und als geschmacklos verdammen. Das landschaftliche Auge 
»ieht durch die Brille der herrschenden Culturrichtung und 
urteilt mit dem Massstabe des Zeitgeistes. 

Heinrich Wallmann. 

Uehergang ron Krimi nach Pregraieti über den Krimler- 
{Pretiauer») und MuurergleiMCher. Als ich nach gelungener Toar 
über das Untersulzbachthörl am 21. August 1868 meinem Führer Josepii 
Schnell von Kais den Vorschlag machte, den Uebergang von Krimi .nach 
Pregraten über den Krimler- und Maurer-Gletscher zu versuchen , war dieser 
sQgleich dazu bereit, obgleich ihm die Gegend ebenso unbekannt war wie 
mir. Ich machte ihn auf die Schwierigkeiten und Gefahren dieses Passes 
aufmerksam und sagte ihm, dass meines Wissens noch Niemand dort hin- 
übergegangen sei. „Dann gehen wir hinüber'*, erwiederte Schnell, und so 
brachen wir denn am 22. August nach Krimi auf. Das Wetter war fort- 
während unbeständig; als aber am Mittag des 23. August der Himmel sich 
etwas aufhellte, verliessen wir Krimi, um für alle Fälle unser Nachtquartier 
im Tauemhause zu nehmen. Dort kamen wir nach dreistündigem Marsche an. 

Am folgenden Morgen weckte mich Schnell um 4 Uhr. Der Himmel 
war trüb und der Nordwind jagte feuchte Nebel in's Thal herein. Ich gab 
alle Hoffnung des Gelingens unserer Unternehmung auf und wollte nun 
nach vorherigem Besuche des Krimlergletschers über die Bimlücke in's 
Prettau hinübergehen. Wir gingen um 5 Uhr vom Tauemhause (5048' Son- 
klar) ab und kamen um 6Vs Uhr am Schlüsse des Achenthals an. Vergebens 
sah ich mich nach dem Gletscher um, bis ich entdeckte, dass eine dunlde 
Wand vor uns die mit Schutt bedeckte Gletscherzunge sei (Gletscherende 
nach Keil 5831 ')• I^^e höheren Teile des Gletschers waren bisher noch 
vom Nebel verhüllt gewesen. Unterdessen hatte sich der Himmel gegen 
Norden aufgeheitert, der Tauemwind war eingefallen und trieb die Ne- 
bel zurück, nnd rasch entschlossen wir uns, die Gunst des Himmels sü 
benützen und unser Unternehmen durchzuführen. Ueber die rechtsseitige 
Kandmoräne stiegen wir zum Gletscher hinauf und betraten denselben um 



Uebergang von Krimi nach Pregraten. 277 

Ihr. Da verzog sich plötzlich der Nebel vor uns und himmelhoch ragte 

Simonyspitze mit ihren schroffen, frisch angeschneiten Felswänden im 
itergmnde des Gletschers über einer Nebelschichte auf, ein Anblick, 
Icher uns beide begeisterte. Ursprünglich hatte ich im Sinne gehabt, mit 
Q Uebergange nach Pregraten die Besteigung der Simonjspitze zu ver> 
den, ich überzeugte mich aber jetzt, dass der Simonyspitze von hier aus 
ht beizukommen und überhaupt ein Aufsteigen an der westlichen Hälfte 
, Kamms nicht möglich sei. Wir schlugen also die Richtung gegen den 
;tlerenMaurerkeeskopf ein, da nachKeirs Ansicht zwischen diesem und dem 
teren Maurerkeeskopfe (Sonklar^s Heiligengeistkeeskogl) der Uebergang zu 
"suchen sein sollte. Auf dem Gletscher kamen wir rasch vorwärts, auch 

derselbe schon steiler anzusteigen begann, da seine Oberfläche durch 
1 langen Begen mürbe und rauh geworden war. Allmälig wurde aber die 
sigung immer grösser, die Klüfte mehrten sich und wir gerieten in eines 
er Eislabyrinthe, wie sie bei steilen Gletscherabstürzen vorkommen. Bald 
der Tiefe zwischen den Eiswänden und Nadeln hin, bald auf den Kämmen 
- Eismauern gehend oder reitend, dann wieder zwischen zwei Eiswänden 
por, die Schulter an die eine Wand stemmend, die Steigeisen in 
I andere einschlagend, arbeiteten wir uns mit grosser Anstrengung und 
fahr durch diesen Absturz hin, wobei wir häufig, nachdem mit Mühe 
le günstig scheinende Stelle erreicht war, wieder umkehren und einen 
leren Ausweg suchen mussten, weil in der bisherigen Bichtung nicht 
iter zu kommen war. So gelangten wir nach vierstündiger Anstrengung 

die rechte untere Ecke eines vom Hauptkamme in den Gletscher vor- 
*ingenden Felsens, welchen Schnell als Zielpunkt ausersehen hatte, indem 
hoffte, dass, wenn dieser erreicht sei, alle Schwierigkeiten überwunden 
n würden. Hierin täuschte er sich zwar, doch wird der von ihm einge- 
lagene Weg, wenn nicht der einzig mögliche, jedenfalls der verhältniss- 
ssig beste sein. Wir stiegen nun auf dem aus Chlorit- und anderem 
liefer bestehenden Felsen, welcher auch auf KeiFs Venedigerkarte ange- 
)en ist, in östlicher Kichtung aufwärts, bis die Felswände ein weiteres 
fsteigen unmöglich machten. Nun mussten wir an der östlichen Wand 
ses Felsgipfels in dem schmalen Zwischenräume zwischen dem Felsen 
d dem Bande eines Eishangs, welcher mit einer Neigung von 45 — 60 
aden östlich von der Felswand in die Tiefe schiesst, empordringen. Diess 
.r die gefährlichste Strecke. Wo der erwähnte Zwischenraum für den Fuss 

schmal wurde, waren wir genötigt, auf der Eiswand selbst zu gehen, 
3 Eis war aber so hart, dass die Steigeisen kaum eingriffen, und mit einer 
ihaue waren wir nicht versehen. Den Bergstock links in^s Eis einstossend, 
t der rechten Hand an vorspringenden Felskanten uns festhaltend, stiegen 
r vorsichtig aufwärts. Nun kamen wir aber an eine Stelle, wo die Felsen 
Lnen Anhaltspunkt boten und überhängend waren. Schnell erklärte, dass 

mich hier nicht weiter zu bringen vermöge, und wir versuchten nun 
eder an den Felsen aufwärts zu dringen. Allein kaum waren wir einige 
after hoch mit grosser Gefahr aufgestiegen, so mussten wir auch hier um- 
hren. Nun stiess Schnell, wärend ich unter einem überhängenden Fels- 
>cke zusammengekauert wartete, mit dem Bergstocke einige Stufen in den 
shang ein. In diese tretend und mit der Bechten an dem vom Felsen 
vas abstehenden Bande der Eiswand mich haltend, überwand ich unter 
hneirs Beistand, welcher mich zugleich am Seile aufwärts zog, diese 
*chtbare Stelle. Sobald es möglich war, betraten wir wieder die Felsen 
d kletterten mit Mühe und Gefahr, ausser den Händen oft auch die Knie 

Hilfe nehmend, auf ihnen weiter bis auf das Plateau des Felsgipfels, 
er um 12 Uhr angelangt, gönnten wir uns die erste Bast seit unserem 
»gange vom Tauernhause und brachen dann um 12 V4 Uhr wieder auf. 
sr Weg bot von hier an zwar keine bedeutenden Schwierigkeiten mehr» 



280 Th. Harpprecht, Uebergang von Krimi nach Pregraten. 

doch bedurfte es eines iy,stündigen, rastlosen und angestrengten Steigen» 
in mehrere Zoll tiefem Meuschneo, bis wir anf dem vom Felsgipfel gegea 
Osten sich erhebenden, bald mehr bald weniger steilen, von Klüften unter- 
brochenen breiten Schneekamme die Scharte zwischen dem mittleren und 
hinteren Maurerkeeskopfe erreichten. Es ist diess ein mit Schrunden durch- 
zogener Schneesattel, dessen Höhe etwa 9800' betragen mag, und der lieber- 
gangspunkt ist an einem vom Maurergletscher aus sichtbaren riesigen Felsklotza 
kenntlich. Hier machten wir uns über den mitgebrachten Proviant her, dena 
eine Stärkung war dringend notwendig und so hatte ich leider keine Zeit, 
die schöne Aussicht gegen Norden und Nordwesten genau zu stndiren. Der 
Glanzpunkt derselben ist die Keichenspitze, deren scharfe Eisnadel die übrigen. 
Schneegipfel zwischen dem Krimler Thale, der Oerlos, und dem Zillergrande 
überragt. Vom Zillerthaler Hauptkamme ist der östliche Teil sichtbar. Im 
Krimlerkamme dominirt die Schlieferspitze. Ueber dem Thonschiefergebirge 
erblickt man im Hintergrunde die nördlichen Kalkalpen. Den Grossvenediger 
hatten wir wärend des Aufsteigens eine Zeit lang gesehen, hier oben ist 
er durch den hinteren Maurerkeeskopf verdeckt. Die Aussicht gegen Süden 
war durch Nebelmassen, welche bis zu uns herauf drangen, verhüllt, nur 
auf Augenblicke sahen wir die Riesenfemergruppe. 

Nachdem wir noch neben jenem Felsklotze ein Steinmandl errichtet 
hatten, traten wir um 2'/% U^i* den Weg über den Maurergletscher hinab 
an. Wir hielten uns zuerst rechts, dann links, hierauf wieder rechts nnd 
gelangten über steile, tief mit Neuschnee bedeckte und von ungeheuren 
Schrunden durchzogene Fimwände rasch abwärts. Als wir aber auf den links 
in der Tiefe sich zeigenden Gletscher hinabsteigen wollten, fanden wir diess 
unmöglich. Nach verschiedenen Ii^fahrten wandten wir uns rechts und er- 
reichten eine Partie des westlichen Gletscherzuflusses, von welcher aus wir 
zu dem Dellacher Keesfleck hinab gelangen konnten. An der östlichen Wand 
dieses Felskammes abwärts steigend kamen wir um 4V% Uhr auf den fast 
ebenen Maurergletschcr, wanderten auf diesem fort, dann über die ihm qner 
vorgelagerte, sich dicht an ihn anschliessende Zunge des Simonygletschers 
und hatten um ^y^^ Uhr alles Eis hinter uns. Nach kurzer Bast ging es 
weiter, anfangs auf dem rechten, dann auf dem linken Ufer des in enger 
Felsschlucht dahinstürzenden Gletscherbachs das Maurerthal hinab. Um 
6V4 Uhr erreichten wir das Virgenthal und zogen um V/^ Uhr in Pre- 
graten ein. 

Leider hat dieser grossartige Uebergang, welchen man etwa „Kriml- 
Maurerthörl** nennen könnte, keinen praktischen Wert, dazu ist er viel zu 
schwierig und gefährlich. Als ich unsere Namen in einem Fläschchen im 
Steinmandl zurücklassen wollte, sagte Schnell, das sei unnötig, da herauf 
komme Niemand mehr. Weit leichter scheint der in neuerer Zeit zuweilen 
ausgeführte Uebergang von Pregraten nach Krimi über den Dorfergletscher, 
das Obersulzbachthörl , den Obersulzbachgletscher und eine Scharte im 
Krimlerkamme, zu sein. Ohne Zweifel führt der Weg von jener Scharte nber 
den auf KeiPs Yenedigerkarte angegebenen Zufluss des Krimlergletschers 
vom Sonntagskopfe her. Dieser Gletscher erreicht jedoch den Krimlergletscher 
nicht, sondern hat seinen selbstständigen Ausgang und ist vom oberen Teile 
des Krimlergletschers durch einen Felskamm getrennt. 

Zum Schlüsse noch ein Wort über Schnell. Derselbe hat sich auf 
dieser Tour als Führer ersten Banges bewährt, und dieser Führer wurde 
von der amtlichen Führerliste in Kais gestrichen! Wer mit den 
Verhältnissen in Kais bekannt ist, wird sich den Grund erklären können. 
I^ach vorstehender Schilderung ihn noch besonders empfelen zu sollen, 
halte ich nicht für nötig und will nur so viel sagen, dass ich mich ihm« 
auch allein, überall unbedingt anvertraue. 

Th. Harpprecht. 



Th. Harpprecht. Besteigung des grossen Wiesbachhoms. 281 

BeMMgung des grossen Wiesbachhoms von ÄTaprun aas. 

Mit^den Führern Anton and Peter Hets aus Kaprun, den Entdeckern des 
nenen Wegs, verliess ich am 3. September 1868, Morgens 4^/^ Uhr, die Bauem- 
alpe (5044' Sonklar), in welcher ich, da die Yereinshütte besetzt war, ein 
nnd zwar recht gutes Unterkommen gefunden hatte. Bis zum Abflüsse des 
Wielinger- oder, wie er hier allgemein genannt wird, Fochezgletschers 
folgten wir einem Fasspfade über Wiesen, übersetzten dann den Gletscher- 
bach and begannen an der linken Thalwand anzusteigen. Anfangs ging es 
etwas beschwerlich über Geröll, dann auf der Kandmoräne des Gletschers, 
hierauf rechts ausbiegend über abschüssige Schieferplatten, welche nament- 
lich beim Herabsteigen Vorsicht erheischen, dann wieder auf der Moräne, 
bis wir endlich die Bratschen (mürbe Schieferwände) betraten, auf welchen 
es angenehm zu -gehen ist. Gefahr ist hier nirgends vorhanden, denn die 
Eiswand rechts hoch oben ist doch wol zu weit entfernt, als dass man 
von den hier und da von ihr abstürzenden Blöcken getroffen werden könnte. 
Gegen 1^/2 Uhr waren wir da angelangt, wo der Foche^letschur sich gegen 
Süden wendet oder richtiger gesagt, wo er seine ursprüngliche Kichtung von 
Süden nach Norden in die gegen Nordwesten verändert, und hatten damit 
eine etwa dem „Schartl** zwischen dem hohen Tenn und dem kleinen Wies- 
bachhom (9598' Sonklar) gleichkommende Höhe erreicht. Der obere Theil 
des Fochezgletschers ist weniger steil geneigt als der untere, vom Wasser- 
fallboden aus sichtbare und liegt tief eingebettet zwischen dem grossen 
Wiesbachhom, einem den südlichen Fuss des Homs mit dem Fochezkopfe 
verbindenden Schneekamme und dem vom Fochezkopfe nordwärts streichenden, 
den Gletscher auf der Westseite begränzenden Grate. Ueberall stürzt die 
Umfassung des Gletschers - in steilen Eiswänden auf ihn ab , namentlich am 
Wiesbachhom, welches von hier aus einen grossartigen Anblick gewährt. 

Wir legten nun die Steigeisen an und schritten auf dem zum Fochez- 
kopfe ansteigenden Grate, der sich bald in eine Eisschneide verwandelt, 
aufwärts. Noch waren wir nicht lange auf dieser Schneide, welche im Jahre 
vorher die gefährlichste Strecke gewesen sein soll, heuer aber mit einer dicken 
Lage harten Neuschnee^s bedeckt war, vorgedrungen, als eine quer durch die 
Schneide ziehende breite und tiefe Kluft unserer Besteigung ein Ziel setzen 
zu wollen schien. Auf der Seite gegen den Fochezgletscher war dieselbe 
wegen der Steilheit der dortigen Schneewand nicht zu umgehen, wesshalb 
wir an^s Seil geknüpft auf der rechten, weniger abschüssigen Seite längs 
der Kluft hinabgingen, um nach einem Uebergango zu suchen. Bald zeigten 
sich auch einige Schneebrücken und ich schlug vor, auf einer derselben 
überzusetzen. Da weigerte sich Peter Hetz weiter zu gehen, indem er meinte, 
Nachmittags, wenn der Schnee weich sei, kämen wir nicht mehr herüber. 
Anton Hetz fragte mich, ob ich mich nicht fürchte, mit ihm allein weiter 
zn gehen. Ich erwiederte, er möge nur zu gehen, wohin er wolle, ich werde 
ihm überallhin nachfolgen und Nachmittags werde sich schon ein anderer 
Answeg finden. Nun knüpfte Peter, welchen unsere Entschlossenheit nicht 
ermutigte, sich vom Stricke los und ging zurück, wir beide aber gelangen 
auf einer zwar schmalen, jedoch festgefrorenen Schneebrücke auf den jen- 
seitigen höheren Rand der Kluft und stiegen, nachdem wir noch wenige 
Schritte auf Schnee fortgegangen waren, über grobes Geröll auf ein Schnee- 
feld hinab, welches sich zwischen einem vom Fochezkopfe der eben über- 
schrittenen Kluft entlang gegen Westen auslaufenden kurzen Schneekamnio 
und der Glockerin ziemlich steil gegen den Moos erbo den hinab senkt. Hier 
war am Fusse des Kammes der Bergschrund zu übersetzen, worauf wir in 
schräger, südöstlicher Richtung, den Focbezkopf links lassend, über das 
Schneefeld hin auf die Glockerin zu marschirten. Um 8V4 Uhr betraten wir 
links von der Glockerin das zwischen dem Fochezkopf, dem Wiesbachhom 
and der Glockecin sich ausbreitende, sanft gegen Westen geneigte Schnee- 



282 Dr. W. Niedermayer. 

plateau und waren tun 9 Uhr am Fasse der südlichen Schneide des Wi»- 
bachhoms, da wo die Wege Ton Fnsch nnd Kapmn sich yereinigen. Nach 
kurzem Verweilen auf einer aus der Schneide herrorragenden Felspartie maehtoa 
wir uns an die Ersteigung des Homs. Links Ton der Schneide im Zicksack 
aufsteigend und nur ron Zeit zu Zeit einige Augenblicke ausschnaufend, er- 
reichten wir um 9 Uhr 50 Minuten den Gipfel, einen gegen Osten über- 
hängenden Schneegrat, an welchem wir uns in den Schnee setzten. Auf der 
Ostseite des Homs jagte der Wind bestandig Nebel herauf, wodurch uns 
der Blick in die Fusch und die Femsicht in dieser Richtung benonmien 
wurde. Sonst war die Aussicht nach allen Seiten rein. Von den aus dem 
ungeheuren Eismeere im Süden aufragenden Gipfeln fällt rechts von der 
hohen Dock ein langgestreckter Schneeberg auf« der kleine Bärenkopf. Der- 
selbe erscheint höher als' der grosse Bärenkopf, eine Ansicht, welche schon 
von Herrn Professor Demelius von Graz, der im Jahre 1865 den letxteren 
erstiegen hat, im Heiligenbluter Fremdenbuche ausgesprochen wurde. 

Des schneidend kalten Nordwindes halber konnten wir es oben nur 
10 Minuten aushalten. Das Absteigen ging leicht und rasch vor sich, 
der Neuschnee, welcher überhaupt die Besteigung erleichterte, war noch 
überall hart, und so kamen wir glücklich über die verdeckten wie über die 
zwei offenen Klüfte und waren um 11 Uhr 10 Minuten wieder bei Peter, 
welcher uns an der Stelle erwartete, wo wir auf der Schneide zum Fochei- 
kopfe zuerst das Eis betreten hatten. Um 1% Uhr befanden wir uns bereits 
wieder in der Bauernalpe. 

Ich glaube, dass man bei günstigen Verhältnissen vom Wasserfall- 
boden aus leicht in 4% Stunden die Spitze erreichen kann. Unsere Bestei- 
gung ging etwas langsamer von statten, einmal weil Anton Hetz unmittel- 
bar vorher in der Nacht den anstrengenden Marsch vom Dorfe Kaprun znr 
Bauemalpe gemacht hatte und dann auch wegen eines Bheumatismus, mit 
welchem ich in Folge einer Erkältung behaftet war, und der mir das Athmen 
erschwerte und schmerzhaft machte. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich allen Besuchern des Kaprunerthalfl 
die Besteigung des Birkseelgrats , eines östlichen Ausläufers des Grieskogbi 
südlich vom Nasswandkopfe, empfelen, welcher vom Mooserboden aus auf 
bequemen Wege meistens über Matten in einer kleinen Stunde zu erreichen 
ist und eine unbeschreiblich schöne Uebersicht über den ganzen Karlinger- 
gletscher und sämmtliche Gipfel des Thalschlusses vom hohen Tenn an bü 
zum grossen Eiser bietet. Th. Harpprechi 

AcAi Tage in Tirol, Da schon vielseitig der Wunsch geSussert 
worden, der Alpenverein möge Schilderungen kleinerer Ausflüge auch für 
solche Naturfreunde bringen, denen es an Zeit und Kraft gebricht, als him- 
melstürmende Titanen aufzutreten und die doch eine oder zwei Wochen, ferne 
von ihrem angestammten Sitze am Schreibtische, in den Bergen zubringen 
möchten, will ich meinen heurigen Ausflug nach Tirol kurz skizziren, der 
mich mit einem Sprunge medias in re», d. h. mitten in die wilde Dolonuten- 
welt des Fassatbales versetzte; 

Wir fuhren mit dem Morgenzuge von Innsbruck über den Brenner 
und kamen gegen 8 Uhr nach Azwang, von wo wir den schweisstreibenden 
Stieg auf die steile, dem Wirtshaus gegenüberstehende Porphjrwand antra- 
ten. Nach a]:\derthalb Stunden ist die kleine Hochebene erreicht , aus deren 
grünen Matten unmittelbar die grauen , für uns von der Abendsonne vergol- 
deten Zacken des Schiern gegen Himmel starren, und wir wandern immer im 
Anblick derselben an der Consta ntinskirche und dem schmucken, links anf 
dem Berge ausgebreiteten Dörfchen Seis vorüber in den Hauensteinenrald 
mit den Kuinen der Schlösser Saleck und Hauenstein, und erreichen in drei 
Stunden von Azwang aus Bad Bhazes (3885')) vielbesucht und in gutem Bofe 



Acht Tage in Tirol. 283 

stehend, das uns aber des unseligen Freitags wegen nur Eier bot und dessen 
Betten ans gemuteten, als legten wir uns in Wolken und deckten uns mit 
Nebeln zu. Es lieg^ dicht in Wald gehüllt, ohne Wege, ohne Aussicht, nur 
ein paar Spitzen des Schiern leuchten über die dunkeln Tannen herein. 

Früh morgens stiegen wir den glattgepflasterten Weg auf die Seiser- 
■alm hinan und genossen noch einen schönen Rückblick auf die weissen 
Häuser von Klobenstein, das Bittnerhom und die Meraner Berge, bis die 
Höhe erreicht war, ein welliges Wiesenplateau von 10 Stunden im Umfang, 
von zallosen Mähern aus Castelrut belebt. Nach 3V2 Stunden Gehens von 
Bhazes aus erreichten wir die Mahlknechthütte (6449*) mit der prachtvollen 
Aussicht auf den Blatt- und Lang-Kofel, die wilden Zacken der Rosszähne 
und die wuchtigen Dolomitwände des Kosengarten. Nun wanderten wir all- 
xnälig ansteigend über eine grüne Bergschneide, das Mahlknechtjoch, Moli- 
^non (70620« um in*s Duronthal zu gelangen, das in sanften Abhängen in 
^1% Stunden nach Campidello im hintersten Fassathale führt , immer angesichts 
-des Gross-Yemale und der Yedretta marmolata. Beizend war der Bückblick 
vom Rande der letzten steileren Thalstufe über die grünen sonnigen Matten 
des Plan del Duron, in deren Hintergrunde zwischen Bosengarten und Boss- 
zähnen das kahle Haupt der Tierseralp purpurn im Abendrot glühte. Im 
Oasthause aXC agno d*oro sind mittelmassige Betten, guter Wein, Beis in 
Wasser oder Milch gekocht, wiederum Eier und leider auch Cichorien zu 
haben, ein Menü, das auch der freundliche Wirt nicht zu heben vermag, 
der unsere Verbesserung des Beiswassers mit Fleischextract kopfschüttelnd 
betrachtete. Und am nächsten Tage war Sonntag, und es regnete vom Morgen 
bis zum Abend, und Beis, Eier und Cichorien füllen solchen Begentag nicht 
aus. Unsere ängstlichen Fragen nach Fleisch hatten uns wahrscheinlich in 
den Verdacht ultramontaner Fresserei gebracht; des Abends setzte Herr 
Valentin!, in dessen Kramladen mein sehnsüchtiges Auge Speck entdeckt, 
uns 'Zwei Wanderern 12 Knödel auf, vor denen selbst ein Tiroler zurück- 
gebebt wäre. Nachmittags machten wir die Bekanntschaft des Herrn Gio- 
vanni Battista Bernard, Mineralist und Bilderhauer aus Campidello im Fassa- 
thale (so lautet seine vollständige Adresse), der sich erbot, uns auf die Cima 
dei Bossi, den schönsten Aussichtspunkt des Fassathales, zu führen, und wir 
hatten einen Treffer gemacht mit dieser Bekanntschaft. Bei ganz reinem 
Himmel brachen wir Montags früh auf, gingen noch eine halbe Stunde im Avisio- 
thale über Gries nach Canazei, wo wir anstiegen und etwa eine halbe Stunde dem 
Almwege auf das Sellajoch (auf der Maier^schen Karte ganz verzeichnet und 
Sojajoch genannt) folgten. Dann bogen wir östlich ab und erreichten in zwei 
weiteren Stunden über die Casaje Pordoi und Pecol die Cima, eine üppige 
Almenterrasse, so dicht mit Arnica besäet, dass die wunden Füsse aller Arnica- 
Oläubigen hier Heilung fänden. Drei dicht neben einander aufragende 
Dolomitkuppen, die in rothen Wänden gegen den Avisio steil abfallen, geben 
der Cima den Namen dei Bossi und auf der höchsten breitet sich eine 
wunderbare Bundsicht aus, so fremdartig, wie ich sie noch nie gesehen, denn 
da wimmelt es von Schroffen und Zinken, Kämmen und Nadeln, Hörnern 
und Kogeln, die wie Masten und Planken aus einem Erdenschiffbruche empor- 
ragen und „alle gan ik sie aufzeiknen", sagte Giovanni Battista Bernard, 
und er konnte es auch in der That. 

Im schmalen Thale des Avisio, dessen Windungen man bis zu seinem 
Ursprung im hellgrünen Fedajasee verfolgt, liegt am Fusse der Cima der 
letzte Ort, Penia, und nur durch dieses Thal getrennt überblickt man von 
ihrem Fusse bis zum glänzenden Gipfel die prachtvolle Vedretta marmolata, 
in den schimmernden Eismantel ihres Gletschers gehüllt. Wir setzen uns, 
den Stift in der Hand, ihr gegenüber und Giovanni soufflirt uns die Bund- 
sicht. Bechts (westlich) schliesst sich an sie der Gross- Vernale , welcher 
(und nicht die Vedretta, wie Schaubach und Bädeker sagen) eine Viertel- 



284 Dr. W. Niedermayer. 

stunde von Campidello gegen Gries zu sichtbar ist. Hinter ihm ist das Yal 
contrin (die Contrinerhalde, wie Giovanni sagte) mit dem ö&sso di val fredda, 
dnrch welches ein Stieg nach Rocoa im Venetianischen führt. Daran schlieset 
sich die Schneide des Colatsch, die Monzoniberge und das prächtige Oompatsch- 
horn; von diesem durch das Fassathal getrennt, die zackige Wand des 
Lattemar, hinter welchem ein Steig nach Welschnofen, zwischen welchem 
und dem nun folgenden Kamme des Rosengarten ein Thal nach Tiers führt; 
vor dem poetischen Kosengarten liegt der prosaische Lauser und das Anter- 
moja-Joch mit einem Stieg aus dem Duronthal nach Mazin im Fassathal; int 
Hintergrunde des Pian del Duron zeigen sich die Bosszähne, die Tierser- 
alp und einzelne Zacken des Schiern, über ihnen in weiter Feme die Berge 
des Nonsthales, von Ulten und weiter rechts die prachtvollen Gletscher ücr 
Ortlergruppe. Diese schliesst der Blattkogel ab, vor welchem ein grünes 
Hörn, KodüUa, sich durch seine graciöse Form auszeichnet, und die Zacken 
des Langkofels (Sasso lungo), Zähnen eines Biesenhaies vergleichbar. Zwischen 
Langkofel und der zunächst kommenden Wand der Sella liegt das Sellajocb, 
über welches die Grödner und hinter ihnen die Brenner-Passoirer Berge und 
die Stubaier Femer hereinblinken, und über welches zwei Steige westlich nach 
Gröden, nördlich in's Abteithal führen; an die Sella schliesst sich die Wand 
des Pordoi und des Bue, welch* letzterer durch einen grünen Bücken, das 
Pordoijoch, mit der Cima dei Bossi verbunden ist, über welches die Beige 
von St. Cassian, der Berg Fannis und die Ampezzanerberge in wilden Formen 
emporragen. Die Fortsetzung der Cima gegen Osten bildet eine höhere hübsch 
geformte Kuppe, il Capello, neben welcher die Berge von Laste und ober Ca- 
prile sichtbar werden, an die sich über dem Fedjigasee mit dem Hesolajoch 
der Monte Civeta anschliesst, der nächste an der linken, östlichen Seite der 
Yedretta. Mit Entzücken schwelgten wir in der prächtigen Gebirgsrundsicht, 
in welcher das Avisiothal mit den hellleuchtenden Kirchen von Penia, Gries 
und Canazei die einzige kleine Ebene bildet und schweren Herzens wanderten 
wir dem Pordoijoch zu und den sanften Abhang hinunter nach dem reizend 
gelegenen Aräba, von dem ein höherer Uebergang nach Colfosco im Abtei- 
thale führt, während wir thalab nach Buchenstein gingen. Dieses, im Bo- 
maunsch Livina longa genannt, ist eine enge Gebirgsspalte, in deren Tiefe der 
Cordevole braust, wärend der Weg an dessen Ufer auf halber Gebirgshöhe 
sich windet, welchen die einzelnen Bauernhäuser in Gruppen von 3 — 4 a"^ 
Abhängen, nur in Ornella zu einem Dorfe vereint, beleben, bis endlidi 
Buchenstein, Pieve d' Andraz, mit dem massiven Gebirgsstocke der Civeta im 
Hintergrunde erreicht ist. Im trefflichen Gasthause Finazzer^s alV woa sollten 
wir endlich erfahren, wie Kalbfleisch schmeckt und wie das Ladinische klingt 
Hier trennten wir uns von dem wackern Bernard , der an Kenntniss der Berge 
und Aufmerksamkeit einen woltuenden Contrast gegen die Tiroler und 
Pinzgauer Führer bildet und in Mineralogie und Botanik erfahren ist. Möge 
er Jedem , der Campidello besucht , bestens empfohlen sein , er und sein Bath^ 
den kleinen Umweg nicht zu scheuen und die Cima dei Bossi zu besteigen! 
Früh morgens brachen wir von Pieve auf nach Andraz, bewunderten 
auf dem Wege von neuem die Vedrotta, deren Gipfel allmälig sichtbar wird, 
den reizenden See Alleghe, und wandten uns hinter . dem Dorfe gegen Norden, 
um den Uebergang über die Valparola zu gewinnen. Nach einer Stunde 
Steigens zeigt sich auf einem isolirten Felsblock das Castell Andraz, nut dem 
prachtvollen Hintergrund der Valparola das Thal abschliessend, eine wol- 
erhaltene Buine , erst seit einem Menschenalter verlassen. Nun geht es steil 
bergan nach Osten, um, nach wieder einer Stunde Steigens, die Passhöhe zn 
erreichen, die an Wildheit mit den höchsten Pässen der Alpenwelt wetteifern 
kann. Hier beginnt das Val Costeana und der Bau der von der Gemeinde 
Ampezzo neu angelegten Strasse ; links ragen die wilden Zinken des Monte 
Tofana, rechts des Monte Gusella empor und bald überraschen uns die 



Acht Tage in Tirol. 285 

«chönen Formen des Sorapis und Anteiao und bei der letzten Thalstufe das 
reizende- Amphitheater Cortina^s mit den schönen, sanft ansteigenden frucht- 
baren Thalgeländen, über welche die wildzerrissenen Dolomite ragen. Ein 
schönerer Buhepunkt als Cortina di Ampezzo und Ghedina^s treffliches Gasthaus 
lä^sit sich nicht denken. Des andern Tages wandern wir über die Höhe tre Croci 
nach dem wundervollen Mesurinasee , gemessen seinen und der Monti Cristalli 
j>rächtigen Anblick mit voller Müsse und gehen noch Nachmittags nach 
'Schluderbach tmd Landro, wo wir übernachten, um Morgens mit dem Eil- 
wagen nach Niederndorf im Pusterthale und nach Lienz zu fahren. Früh 
morgens fahren wir nach Windischmatrei bis Hüben, steigen dann über 
Peischlag nach Kais, aufs Kalserthörl und zurück nach Kais, wobei wir 
<lie warnende Bemerkung nicht unterdrücken können, dass die Morgenbeleuch- 
tung für die Aussicht vom Thörl viel vorteilhafter ist. Wir übernachten 
l)ei dem mit Becht wegen seiner Freundlichkeit berühmten Niederwirt und stei- 
gen um 5 Uhr auTs Bergerthörl (4 Stunden) , folgen dann abwärts eine Strecke 
dem Katzensteige, wenden uns dann links und erklettern die furchtbar steile 
Btockerscharte mit ihrer herrlichen Aussicht über die ganze Eiswelt des 
Olockners und der Pasterze ; nun gehf s hinunter, qner über die Pasterze hinüber 
und wieder hinan zur Pfandlscharte, den Gletscher hinunter nachFerleiten, wo 
vfrir um 9 Uhr ankamen. Die Kaiser Angabe von 10 Stunden ist also nur für 
JBingebome berechnet, denn wir hatten den ganzen Tag nur anderthalb 
Stunden gerastet. Wer den Messner von Kais zum Führer wält, mache ja 
im Vorhinein seine Bechnung mit ihm, denn er begehrte für das Herüberholen 
des Gepäckes von Windischmatrei durch einen Buben und für die Tour nach 
Ferleiten 15 fl. und wir mussten in der Traunerhütte einen Träger nehmen, 
weil er nicht mehr weiter konnte. *) 

Und so hatten wir die prachtvolle Gebirgstour von Innsbruck nach 
Perleiten, mit Ausschluss des Begentages in Campidello, in 8 Tagen ohne 
.besondere Anstrengungen, die letzte Strecke ausgenommen, gemacht, und 
können sie Jedem empfehlen, bis Ampezzo selbst solchen , die gar nicht steigen 
können, da sowol in Campidello als in Andraz Maulthiere zu haben sind; 
nur würden wir raten, die Tour umgekehrt zu machen, da wir ohne Ausname 
4sehr steile Anstiege und sehr sanftes Absteigen hatten. 

Dr. W. Niedermayer. 

BaM Untersulzbachthört, 9344'. Am 20. August 1868 hatte ich 
mich mit dem bekannten Kaiser Führer Josef Schnell in's Gschlöss begeben, 
um von dort aus den Grossvenediger zu besteigen. Da es in der Nacht 
Tegnete und am anderen Morgen keine Hoffnung auf eine reine Aussicht 
-war, so gab ich diesen Plan auf und beschloss, über das Untersulzbach- 
thörl nach Neukirchen zu gehen, um dann den Venediger vom Obersulz- 
l>achthale aus in Angriff zu nehmen. 

Wir brachen bei bewölktem Himmel um 5 Uhr Morgens von der 
IBimbaumer Hütte auf, waren in einer halben Stunde am Schlattengletscher, 
bald darauf am Viltragengletscher und stiegen dann, den Absturz des letz- 
teren umgehend, Anfangs auf der nördlichen Thalwand über grobe Fels- 
trümmer, dann auf der riesigen linken Bandmoräne des Gletschers hin, bis 
wir um Q^y^ Uhr das obere Ende des Absturzes erreicht hatten. Hier betraten 
-wir den Gletscher, der an dieser Stelle fast eben, aber von zahlreichen 
Querspalten durchrissen ist. Wir hielten uns Aflfangs in der Mitte des 
Gletschers, später, der Klüfte wegen, mehr rechts, dann "Wieder in der Mitte, 
und gelangten nach einer Stnnde an den zweiten, sanft geneigten und nicht 



*) jQsof Schnell in Kais, einer der ttichtigsten Führer Tirols. 

Anmerkung der Bedaction. 



286 Th. Harpprecht. Das UnteraalzbaehthörL 

zerklüfteten Absturz. Nachdem dieser überstiegen war, kamen wir rasch 
an den Fuss des dritten Absturzes und steuerten auf einen hohen Felskamm. 
zu, welcher ohne Zweifel der auf KeiFs Karte der Yenedigergruppe zwischen 
dem Kleinvenediger und der hohen Fürlegg nördlich vom UntersuhEbach- 
thörl bezeichnete ist. Letztere Spitzen, wie überhaupt die ganze Umgehnng- 
des Gletschers, waren übrigens des Nebels wegen nicht sichtbar. Die durch- 
schnittliche Neigung des dritten Absturzes ist entschieden grösser als S() 
Grade, wie sie von Sonklar, Hohe Tauem g. 246, angegeben ist; Schnell 
meinte, es gehe fast so steil hinauf wie zum kleinen Glockner. Ohne SeU 
und Steigeisen, welch* letztere der Neuschnee entbehrlich machte, stiegen 
wir zwischen breiten Schrunden durch den Abhang hinan und standen nm 
8Vt Uhr auf dem 9344' hohen Thörl, einem flachgewölbten breiten Schnee- 
sattel. Hier rasteten wir eine halbe Stunde am Fusse jenes Felskammes. Unter- 
dessen hatte es angefangen zu schneien und von dem unter nns liegenden 
Untersulzbachthale sahen wir nichts als den obersten Teil des Gletschers. Mit 
dem Compasse suchte ich die einzuschlagende Richtung und um 9 Uhr brachen 
wir auf, um den Abstieg anzutreten. Das war nun aber ein sehr schwieriges 
und gefahrliches Unternehmen. Von dem obenerwähnten Felskamme rechts 
Yom Thörl ziehen quer über den Gletscher senkrecht abfallende hohe Firn- 
wände hin, über welche hinab zu gelangen keine Möglichkeit war. Unter nns 
erblickten wir in der Tiefe von einigen hundert Fuss ein Chaos von Fimhöhlen 
und Abbruchen dieser Wände. Es blieb uns nichts übrig, als an dem Felskamm 
hinabzusteigen. Derselbe stürzt aber gegen den Untersulzbachgletscher mit 
etwa 70 Grad geneigten Wänden ab und die Schichten dieser ans Gneis 
bestehenden Wände fallen steil gegen die Tiefe zu ein wie die Ziegel eines 
Daches. Wir legten die Steigeisen an, Schnell stieg mit grosser Kühnheit 
und Sicherheit voran und ich folgte vorsichtig nach. Die kleinsten Vor- 
sprünge benützend, mit den Händen uns in den Kitzen und an den Kanten 
der Felsen haltend, stiegen wir unter beständiger Todesgefahr abwärts, an 
den steilsten Stellen das Gesicht gegen die Wand gekehrt. Die Gefahr 
wurde dadurch vermehrt, dass die ohnedies glatten Felswände nass und unsere 
Hände vor Kälte fast erstarrt waren. Ich war hier ganz auf mich allein an- 
gewiesen; Schnell hatte für sich selbst zu sorgen und Stellen, wo er festen 
Stand fassen konnte, um mir beizustehen, fanden sich fast nirgends. Knr 
zweimal, als ich am Weiterkommen verzweifelte, rief ich ihn um Beistand 
an, worauf er mir denn auch mit eigener Gefahr zu Hilfe kam. Als wir 
bis über die Hälfte der Wand herabgestiegen waren, konnten wir den Fnss 
derselben noch nicht erblicken, so dass wir fürchteten, die Wand könnte 
überhängend und alle unsere Mühe vergeblich sein, was sich zum Glfick 
nicht bestätigte. Am Ende dieser Wanderung hatten wir noch auf hdolist 
gefahrvolle Weise unter einem Felsblocke durchzukriechen, von welchem 
ein Wasserstrahl herabschoss, und schutzlos mussten wir das Wasser über 
unsere Rücken sich ergiessen lassen. Nach einer Stunde endlich kamen 
wir am Fusse der Felswand an. Mit Entsetzen blickten wir hinauf und 
betrachteten den von uns zurückgelegten Weg, nahmen hierauf unsere 
Bergstöcke, welche wir auf dem unteren gefährlichsten Teile der Wand 
als uns hindernd hinabgeworfen hatten, wieder auf, knüpften uns an^s Seil 
und stiegen dann auf einer dünnen hochgewölbten Schneebrücke ans der 
Schlucht, in der wir uns befanden, auf das Fimfeld hinauf. Die Wan- 
derung über dieses hin bis zum eigentlichen Gletscher war der vielen 
mit Neuschnee bedeckten Klüfte wegen auch nicht ohne Gefahr. Um 11 Uhr 
erreichten wir die sanft geneigte Fläche des Gletschers, gegen welchen das 
Fimfeld in treppenförmigen Absätzen abbricht. Der Gletscher hat das Eigen- 
tümliche, dass er, nachdem er eine Strecke lang schwach geneigt verlaufen 
ist, wieder ansteigt, dann ziemlich steil abfällt, um noch einmal anzusteigen, 
worauf er sich in einer ununterbrochenen Fläche gleichmässig steil in's 



K. Hofmann. Das Gaffer^och. 287 

Thal hinabsenkt nnd mit dünner and schmaler Zunge endet. Wir hielten 
uns auf dem Gletscher immer rechts und wichen nur den steilsten Abhängen 
ans, auf die Moräne hinausschreitend. Um 12 Uhr verliessen wir den Gletscher 
oberhalb seiner letzten Senkung und stiegen dann mit grosser Beschwerde 
über die mit grobem Geröll bedeckte rechtsseitige Thalwand hinab. Von der 
Umgebung auch des Untersulzbachgletschers hatten wir leider keine Spur 
gesehen, nur der Gletscher selbst war von Nebel frei. In der obersten Alphütte 
(Aschamalpe), welche wir um 1% Uhr erreichten, trockneten wir unsere 
▼ollständig durchnässten Kleider und eilten hierauf nach einstündiger Bast 
dem Ausgange des Thaies zu. Um 5 Uhr kamen wir in Neukirchen an. 

Ob dieser Uebergang je von einem Touristen gemacht worden ist, 
darüber konnte ich nichts erfahren. Die Bezeichnung Untersulzbach thörl 
lässt darauf schliessen, dass hier ein wirklicher, wenn auch selten besuchter 
Uebergang existirt. Dann kann aber der Weg nicht über jene Felswand 
fuhren, denn das Passiren derselben ist ein Wagestück, welches ebenso 
leicht missglücken als gelingen kann. Schnell sagte, dass ihm noch nie eine 
so gefährliche Strecke Yorgekommen sei. Möglich wäre es, dass doch links 
▼o|i dem Felskamme über die Fimwände hinabzukommen ist und wir nur 
des Nebels wegen die Stelle nicht sahen, vielleicht haben sich aber auch 
die Fimwände hier mit der Zeit anders gestaltet, so dass der früher mög- 
liche Weg jetzt ungangbar geworden ist. Oder sollten wir, anstatt aufs 
Thörl, zu weit nördlich, an den Fuss der hohen Fürlegg gekommen sein? 
Ich bezweifle diess, weil wir uns auf dem oberen Teile des Yiltragenglet- 
schers immer in der Mitte hielten, und auch aus anderen Gründen. Mit Aus- 
nahme der Felswand bot übrigens die Tour keine aussergewöhnlichen 
Gefahren, und bei heiterem Wetter muss sie auch sehr lohnend sein , denn 
ausser der ohne Zweifel prächtigen Ansicht der nächsten Umgebung der 
beiden Gletscher muss man vom Thörl aus auch eine Fernsicht gegen den 
Grossglockner haben, da von letzterem aus der obere Theil des Yiltragen- 
gletschers in seiner ganzen Breite sichtbar ist. Th. Harpprecht. 

I^OM Oufferffoeht 6714 Wiener Fuss. In dem langgestreckten Zuge 
der nördlichen Kalkalpen , so weit dieselben Yon der oberbajerischen Ebene 
ans überblickt werden können, nimmt das zwischen dem Steinberger- und 
dem Weisenthal, zwei Seitenthälem des Brandenberger Thaies, gelegene Guffert- 
joch, auch Gufelsjoch und Gäfelsjoch oder Steinbergerspitz genannt, sowol durch 
seine Höhe, als auch durch seinen kühnen Bau eine hervorragende Stelle ein. 
Imposant erhebt es sich über die vorliegenden Tegemseer Berge, allenthalben 
kenntlich durch seinen hochgewölbten, in der Mitte durch einen gewaltigen 
fiiss gespaltenen Rücken. Ganz verschieden hievon zeigt sich uns jedoch das 
Gu£fertjoch sowol im Achenthai als im Brandenberger Thal : hier kehrt es dem 
Beschauer nicht mehr seine Breitseite, sondern seine Profilansicht zu, und er- 
scheint als schneidig sich zuspitzende Pyramide. Trotzdem aber, dass der weit- 
hin sichtbare, schöngeformte Gipfel mit geringem Zeitaufwande und ohne die 
mindeste Beschwerde zu erreichen ist, und trotzdem, dass er in der Nähe der 
vielbesuchten Punkte Tegemsee und Achensee liegt, wird er doch nur höchst selten 
erstiegen. Und doch gehört das von seiner Spitze sich entfaltende Panorama 
zn den lohnendsten in dem zwischen Inn und Isar gelegenen Teile der Kalk- 
alpen und übertrifft viele benachbarte, häufig besuchte Punkte an Schönheit 
und Grossartigkeit. Weder in Schaubach^s deutschen Alpen, noch in einem der 
vielen Beisehandbücher über Nordtirol und Südbajem finden sich genauere An- 
gaben über den Berg, daher möge es hier gestattet sein, einige Worte über den- 
selben JEU sagen. Ich gelangte am 12. October 1868 von Steinberg aus in 
nicht ganz 3 Stunden auf den besprochenen Gipfel. Der Weg ist, wie schon 
erwähnt, ganz unbeschwerlich und bei genauer Beschreibung sogar ohne 
Führer zu finden. Fast 2 Stunden oberhalb Steinberg liegen die beiden halb- 



288 V. F. Kaltdorff. 

verfallenen Hütten der Alpe Luxeck, welche aber der späten Jahresz^t 
wegen nicht mehr bezogen waren. Der letzte Teil des Gaffertjoches erhebt 
sich in einer schönen, gegen Norden, Westen and Osten gleich schroff ablal- 
lenden Spitze ; von Osten ans ist jedoch dieselbe auf einem sanft ansteigenden, 
überall gefahrlosen Grate beqnem in einer Stande za erreichen. Die Aossielit 
ist ausserordentlich umfassend, auch die Tauemkette ist ihrer ganzen Aus- 
dehnung nach zu überblicken. Gerade südlich erhebt sich das nur wenig 
höhere Vordere Sonnwendjoch in steilen zackigen Spitzen, ohne jedoch die 
Aussicht auf die Zillerthaler Berge bedeutend zu beeinträchtigen. Was aber 
der Bundschau von unserem Gipfel einen besonderen Beiz verleiht, das ist 
ringsumher der Blick auf freundliche grüne Thäler: das Steinberger Thal mit 
dem gerade unter uns sich ausdehnenden Steinberg, dessen Häuser sich traa- 
lich an die schlanke Kirche schmiegen, das Achenthai, das Brandenbeiger- 
thal. Im Norden fallt unsere Spitze steil ab zum Weisenthaie, dessen Wiesen- 
gründe von einer Menge Alphütten bedeckt sind. Leider verdeckt uns der 
im Südwesten stehende Unnutz die Aussicht auf den Achenseo. Dagegen über- 
blicken wir die nördliche Hälfte des Tegemseo^s, den Stamberger- und Ammor- 
sec, sowie einen grossen Teil der bayerischen Ebene bis zu den Donauhöhen. 
Gorade in der Verlängerung einer von unserem Standpunkte ans zumTegen- 
see gezogenen Linie entdecken wir München. Der nächste Nachbar des 
Guffcrtjochos ist der Unnütz. Er wird in letzter Zeit von Fremden ziemlieh 
oft erstiegen, doch wird das von diesem Berge sich entfaltende Panorama, 
obwol es fast den ganzen Achensee umfasst, nach meiner Ansicht doch von 
dem des Guffertjoches übertroffen. Es sei hiomit diese lohnende Partie, welche 
sowol vom Tegemsee, als auch vom Achensee aus in ein bis zwei Tagen be- 
quem zurückgelegt werden kann, allen Touristen bestens empfolen ! 

K. Hofmann. 

Das vordere Sonnwendjoch. (7136' Schaubach.) Eine fast noeh 
unbekanntere Partie als die Besteigung des Guffertjoches ist die Tour snf 
das 300' höhere Sonnwendjoch, welches sich auf der Südseite des Steinberger 
Thaies erhebt. Auch dessen Gipfel kann, wenn allerdings bedeutend mühsamer, 
von Steinberg aus erreicht werden. 

In Begleitung des Herrn Prof. Dr. Bach aus München verliess ich 
dieses reizend gelegene Dörfchen den 14. Sept. 1866, gegen 6 Uhr Morgens. Wir 
hielten uns gerade südlich und steuerten direct auf den von unten sichtbtrea 
Kamm des Sonnwendjoches los. Zunächst ging es etwas abwärts an du 
Ufer der Ache, welche überschritten werden musste, um in das Thal des 
Schmalzklausenbaches zu gelangen. In diesem stiegen wir an dem rechten 
Ufer aufwärts, kamen nach ungefähr zwei Stunden an einer dem Verfdle 
nahen Holzkause vorüber, verliessen bald darauf den Bach, welcher sieh 
in vielen, teilweise sehr malerischen Fällen in dio Tiefe stürzt, und er- 
reichten, uns etwas links haltend, eine Hochalpe (Ungerer A. ?), wo wir eine 
Bommerfrischelnde Bauemfamilie aus Steinberg antrafen, welche uns jedoch 
in keiner Beziehung nur den geringsten Aufschluss erteilen konnte; der 
Senner selbst war mit seinem Vieh, der vorgerückten Jahreszeit halber, 
bereits abgefahren. Nachdem wir von hier noch etwas höher gestiegen waren, 
veränderte sich der ganze Charakter der Gegend ; wärend wir nemlich bisher 
in einem dichtbewaldeten Thale aufwärts gelangt waren , sahen wir jetzt in 
einen weiten, ganz mit Geröll bedeckten, wasserlosen Graben hinab, jenseits 
desselben steil ansteigende Schutthalden und darüber fast senkrechte Feben. 
Was nun? Sollten wir uns links wenden und in dieser Mulde fortwandern, 
bis wir einen günstigeren Punkt zum Anstieg erreichten, oder, den Stier bei 
den Hörnern packend, über das Geröll hinansteigen und an den Wänden 
hinaufzuklimmcn versuchen. Keine Freunde von grossen Umwegen entschlossen 
wir uns zu Letztcrem. Nach viertelstündiger, durch das kollernde Gestein 



Das vordere Sonnwendjoch. 289 

etwas mühsamer Wanderung hatten wir die Felsen erreicht. Gerade vor 
nns und in langer Flucht fort zu unserer Linken erhoben sie sich, Mauern gleich, 
in so kahlen, steilen Wänden, dass an ein Hinaufsteigen nicht zu denken 
war. Wir wandten uns also nach rechts und drängten uns an ihnen entlang: 
bald war eine steile, eben nicht übermäsnig einladende Kunse erreicht, in 
welcher wir den Anstieg versuchen wollten. Da das Gestein sehr bröcklich 
war, so kletterten wir ganz dicht hinter einander, um möglichst sicher vor 
abstürzenden Steinen zu sein. £s zeigte sich auch, dass unsere Vorsicht 
nicht unnöthig war; denn als wir etwa die Hälfte der Höhe erreicht und gegen 
300 Fuss in diesem Kamine gestiegen waren, löste sich unter meinen Füssen 
— glücklicher Weise war ich der zweite — ein schwerer Block los und 
stürzte donnernd in die Tiefe; ein weiter unten befindlicher Dritter wäre 
wahrscheinlich mit fortgerissen und erschlagen worden. Ich selbst war, als 
meine Stütze unter mir wich, 10 oder 12 Fuss tief abwärts geruscht, konnte 
mich hier wieder halten und kam mit einem kleinen Schrecken und etwas 
zerkratzten Händen davon. Als wir die Kunse verliessen, betraten wir 
einen mit Grashalden und Gestein bedeckten Vorsprung, über welchen 
wir, steil aufwärts steigend, nach wenigen Minuten den langen Grat des 
Sonnwendjoches erreichten. Welch^ ein ContrastI Auf der einen Seite 
steile, kahle Wände, auf der andern sanft sich neigende Grashalden, bedeckt 
mit herrlichem Edelweiss. Nachdem wir mit den schönsten dieser flaumigen 
Sterne unsere Hüte geschmückt, gingen wir auf dem schmalen Rücken fort 
und entdeckten jetzt, dass wir weit besser gethan hätten, in jenem schntt- 
erfüllten Graben uns links zu wenden; wir wären alsdann, an dem kleinen 
fischreichen Irdeiner See vorüber, auf die Südseite und damit auf die Gras- 
halden gekommen und hätten ohne jegliche Gefahr den Gipfel erreichen 
können. Doch jedenfalls kürzer und wol auch interessanter -wag unser Weg. 
Vor unseren Augen breitete sich ein prachtvolles Panorama aus, welches 
der Aassicht vom Guffertjoche noch vorzuziehen ist. Wärend auf diesem 
gegen Norden der Blick allerdings bis weit hinaus über die bayrische Ebene 
mit dem Ammer- und Würmsee schweifen kann, ist die Femsicht gegen 
Süden durch höhere oder mindestens ebenso hohe, in nächster Nähe sich 
erhebende Berge etwas beschränkt. Auf dem Sonnwendjoche entbehrt man 
hingegen der Aussicht in die Ebene fast gänzlich, ist aber mehr als ent- 
schädigt durch die grossartige, im Süden sich erschliessende Eiswelt des Stubai- 
thales, dessen im Sonnenlichte schimmernde Schneehäupter einen merkwür- 
di^n Gegensatz bilden zu den bewaldeten Bergen des Innthales, welche» 
sich tief unter uns hinzieht. Auf der Nordseite erblicken wir von unserer 
hohen Warte aus verschwindend klein das Steinberger Thal, dahinter die 
Tegemseer- und Schlierseer Berge ; mehr rechts die zerrissenen Schroffen des 
Kaisergebirges. Westlich ragen die nackten Kalkfelsen des Karwendeis und 
Wettersteingebirges gegen Himmel. Der Glanzpunkt ist jedoch, wie bemerkt, 
die Aussicht gegen Süden auf die Alpeiner- und Stubaifemer; von diesen 
östlich liegen vor uns ausgehreitet die ehrwürdigen Dome der Zillerthaler- 
gmppe und die lange Kette der Tauern. 

Nachdem wir nahezu zwei Stunden diese henliche Rundschau genossen, 
stiegen wir gegen 1 Uhr auf der Südwestseite abwärts. Unmittelbar vom 
Joeh an ging es rasch über Grashalden fort, bis wir eine in etwas mosigem 
, Grande liegende Alphütte erreichten, wo wir einen Schafler trafen, der 
nnsem Durst mit einem Weidling Schafmilch stillte. Von hier abwärts war 
es anfangs noch sehr bequem; doch bald wurde der Weg etwas lästiger, 
indem wir nun über Gestein einem fast wasserlosen Bache folgen mussten, 
bis wir im Walde auf einen guten Steig trafen, der uns in Bälde zur Thal- 
sohle hinabführte, die wir zwischen Maurach und Buchau erreichten. Nach 
5 Uhr waren wir in der Pertisau, von wo wir noch am selben Abende, 
nachdem wir uns durch ein kaltes Bad erquickt, Jenbach erreichten. 

1ft 



233 K. Hoffinann. 

Von der Achcnseer Seite ist claa Sonnwendjoch ohne jopfliche Gefahr 
lind Beschwerde in 4 Stunden zn bestoigisn« Da die Aussicht eine der 
schönsten in den nördlichen Kalkalpen nnd merkwürdiger Weise nur wenig 
bekannt ist, so möchten wir Naturfreunde besonders darauf aufmerksim 
machen. 

München. V. F. Kaltdorfi 

Krsie KraMgung des Moehgaii *). Zwischen dem südlichen und 
dem nördiichen Abhanj^o der hohen Tauem zeigt sich Jedem, dor einmal auf- 
merksam die Karte betrachtet hat, ein grosser Unterschied im Bau desOebirges. 
Während hier eine Reihe von Oletscherbächen ohne bedeutendere Krümmungen 
der zur Centralkctte parallelen Salzach zueilen und dadurch die Nor£ib- 
dachung in gleichinässig von Süden nach Norden streichende Thaler eihteUen, 
fehlt dort jene systematische Gliederung. Mächtige, gleich der Hauptkette 
von West nach Ost ziehende Nebengruppen legen sich wie riesige Querriegel 
vor die dem Pustcrthalo zufliessendon Bäche, zwingen sie zu grossen Um- 
wcj^en und bewirken ein ungeordnetes, regelloses Netz von Thalspalten. Die 
vier bedeutendsten jener südlichen Vorlagen sind die Antholzer-, die Defereg- 
oror-, die Schober- und die Kreuzeck-Gruppe. Unter diesen nimmt die erstere, 
welche auch den Namen Kieserfomer oder Kiesergruppe führt — Bezeich- 
nung iiu Defercggen-Thale — zwar nicht an Ausdehnung, wol aber in Bezog 
auf Höhe den ersten Platz ein; ihr culminirender Punkt ist der von Son- 
klar auf 10880 Wiener Fuss bestimmte Hochgall, dessen Ersteigung in 
den folgenden Zeilen geschildert werden soll. 

Es war am ersten August 1SG8, als ich mit einem Frenndo, Kaltdorff 
aus München, das Defereggcn-Thal durchwanderte, da zog eine herrliche Spitze, 
welche als kühnes, scharfes Hörn im Hintergrunde das Thaies sich erhebt 
und alle Gipfel rings umher an Höhe und Formenschönheit weit übertrifft, 
beständig den bewundernden Blick auf sich. Nach der Karte war es der 
Hoc hg all; die Thalbowohnor nannten den Berg „Biese r^ oder auch „die 
Galle'*, welches Wort eine ebene Stelle bezeichnet, die von Schnee und 
Kis bedeckt ist. Auf die eingezogenen Erkundigungen über unsere Spitie 
wurde uns im ganzen Thale die gleiche Antwort zu Teil: der Berg sei uner- 
steigbar. Schon zu wiederholten Malen hätten die kühnsten Bergsteiger and 
die verwegensten Geniscujäger den Versuch gemacht, bis auf den höchften 
Punkt vorzudringen; aber die besonders im obern Teile sich erhebenden 
Felswände seien so steil .und unzugänglich, dass noch alle Expeditionen rar 
Umkehr gezwungen worden seien. Dennoch beschlossen wir, an die Angabe 
uns zu wagen. Den Huf der Unersteiglichkeit hatte bis zu seiner wirklichen 
Ersteigung fast joder Hochgipfel. Warum sollte nicht auch hier ein Zuging 
gefunden werden können, wo doch kühner Männer Fuss auf viel wildere, 
unzugänglichere Punkte aufgestiegen ist ! Doch bevor es noch zu einem 
Versuche kam, scheiterten unsere Bemühungen an einer der Hauptbedin- 
gungen, an der Auffindung eines tüchtigen Führers. 

Als wir gegen Abend in Erlsbach, der obersten Häuserrotte des Defer- 
eggen-Thales ankamen, war eine unserer ersten Fragen an den mit tiefisten 
Bücklingen uns entgegenkommenden Wirt, ob er uns nähere Au£schlnfse 
über die von uns projectirte Partie geben könne und ob wol hiezu einver- 
lässiger Führer im Orte zu linden sei. Da warf sich der Mann stolz in die 
Brust und sprach im Majestätsplural mit grossem Pathos: „Wir kennen um 
überall aus in unsern Gebirgen , denn wir sind den Winter über immer in 
Wien und reisen im ganzen Deutschland umher." Und weiter ging der 



*) Durch ein Versehen kam diese Abhandlung unter die Notizen anstatt nntor die Aufuts«. 



Erste Ersteigung dos Hochgall. 291 

Strom seiner Bede, wie er uns in der ganzen Umgegend umlierfübren wolle 
und was da für schöne Alpen zu sehen wären. Und stets bekräftigte er einen 
Abschnitt seiner Bede durch den Befrain: „Wir wissen Alles, denn wir sind den 
ganzen Winter über in Wien und kennen das ganze Deutschland.^ Mühsam 
machten wir ihm endlich begreiflich, dass es sich weder um Wien noch um 
das übrige Deutschland handle, sondern lediglich um einen Führer auf den 
Hochgall oder Bieser. Da erhob er fast drohend seine Hand gegen uns und 
«prach in prophetischem Tone: „Da hinauf werden Sie nicht kommen, das 
ist unmöglich.** Und es folgte eine furchtbare Schilderung air der Ge- 
fahren und Beschwerden, die wir zu überwinden hätten« Als er uns jedoch 
fest entschlossen sah, trotz seinem Widerspruche unsern Plan auszuführen, 
da empfal er uns schliesslich seinen Bruder als ausgezeichneten Bergsteiger 
und kühnen Gemsenjäger. Auf unsere Bitten erschien der junge Mann, eine 
nichts weniger als Vertrauen erweckende Gestalt, der im Gegensätze zu seinem . 
redseligen Bruder sich jedes Wort herauswinden Hess, jedoch eine so colos- 
fiale Unwissenheit selbst in Bezug auf die nächste Umgegend verriet, dass 
wir schleunigst jede Unterhandlung mit ihm abbrachen. In gleicher Weise 
misslangen unsere Bemühungen um Entdeckung eines tüchtigen Führers in 
den benachbarten Häusern von Erlsbach und nach ein paar Stunden frucht- 
losen Umherfragens mussten wir uns traurigen Herzens entschiiessen , unser 
Project vorläufig aufzugeben. Jedoch fasstcn wir den Plan, am folgenden 
Morgen nach St. Wolfgang, dem obersten Orte des Bain-Thales, eines Seiten- 
astes des Xaufers-Thales, zu wandern und dort, d. h. von der Nordsoite aus, 
vielleicht mit mehr Glück, eine Fahrt zu unternehmen. 

Aus dem obemDefereggen-Thal führt in's Eain-Thal über den sogenann- 
ten Klamml-Pass, durch den die Autholzer Gebirgsgruppe mit der Ccntralkette 
der Hohen Tauern zusammenhängt, ein bequemer und an Naturschönheiten 
reicher Weg; Dr. Anton von Buthner beschreibt denselben in seinen Berg- 
und Gletscherfahrten. 

Kurz bevor wir St. Wolfgang erreichen, entfaltet sich vor unsern Augen 
ein grossartiges Bild. Der Ort liegt gerade der Mündung des Bachem-Thales 
gegenüber, durch dessen Spalte der Blick bis tief in das innerste Heiligtum 
des Gebirgsstockes dringt. In weitem Bogen umstehen uns im Südosten die 
durch herrliche Gipfelbauten ausgezeichneten Berge der Antholzer Gruppe, 
mächtige Gletscher bis zu einer Tiefe von 7:186 W. Fuss in's Bachern-Thal 
herabsendend. Vor Allem zieht der Hochgall den Blick auf sich. Ganz 
entgegengesetzt der dem Defereggen-Tliale zugekehrten Seite erscheint er hier 
als weitgedehnter, wundervoller Schnee dorn in regelmässiger Trapezform. Mit 
seinem langen, fast ebenen Silberscheitel, auf beiden Seiten von schmalen, jäh 
abfallenden Felsengräben begränzt, gleicht er einem riesigen, steilen Kirchen- 
dache. Und neben ihm zur Bechten steht ein kaum minder schöner Berg, 
der 1045(y hohe Wild ga 11*), der, im schneidendsten Gegensatze zu ersterem, 
auf allen Seiten gleich schroff abfallend , als unnahbar scheinende Felsspitze 
sich kühn in den Aether emporbaut. Links vom Hochgall setzt sich der 
Hauptkamm der Antholzer Gruppe zur eisbelasteten Lengspitz fort. Gerade 
südlich von unserm Standpunkte erhebt sich als glitzernder Eisobelisk das 
Uuthnerhorn, 1866 zum erstenmale vom Herrn Erzherzog Baincr erstiegen. 
Der Berg, der vordem der Schneebige Nock oder auch der Schneebige 
hiess, wurde 1861 von Oberst Sonklar zu Ehren des um die Alpenkunde hoch- 
verdienten Dr. A. V. Kuthner in Buthnerhorn umgetauft und darüber ein im 
Widum deponirter feierlicher Taufschein ausgestellt; doch scheint sich der 



*) Aach im Reinthalo werden diese beiden Berge die hohe Galle, die wilde Galle 
genannt. Sonklar dagegen schreibt der Hochgall, dessglelchcn findet sich auf der 
Anich'schen Karte von Tirol die Beaeichnnng Hochgall, nicht Höh« Galle. 

19* 



292 K. Hoffinann. 

Name in den Köpfen der St. Wolfganger ziemlieh hart einbürgern su wollei» 
oder vollständig gegen ihre conservativen Ansichten zu Verstössen, denn die- 
Bezeichnung ^fRuthnerhom** ist im Thale fast ganz unbekannt, und nach wie 
vor erhebt sich die herrliche Spitze als der „Schneebige Nock** stolz in die 
Lüfte. 

Als wir im Dorfe ankamen, wurden wir allenthalben mit verwunderten 
Blicken empfangen, denn einerseits sind dort überhaupt Fremde noch eine 
grosse Seltenheit — 1867 kamen im Ganzen vier dahin — anderseits aber 
erschienen ihnen Touristen, die ein starkes, dickes Gletscherseil *) und 
wuchtige, 7 Fuss lange Bergstöcke bei sich trugen, erst recht als Wtmder- 
thiere ; nach ihrer Ansicht konnten diess höchstens Engländer sein , und der 
Curat des Dorfes, dem wir bald nach unserer Ankunft einen Besncb 
abstatteten, war sehr erstaunt, als er uns so geläufig deutsch reden hörte; 
denn auch zu ihm war bereits das Gerücht einer Invasion von transmarinen 
Wesen gedrungen. 

Zu unserer grossen Freude fanden wir bald zwei tüchtige Führer, ein 
Paar Bauemknechtc, die auch bei der oben erwähnten ersten Ersteigung de& 
Buthnerhorns beteiligt gewesen waren, Georg Weis und Hansl Ober- 
arzbacher. Beide bewährten sich in der Folge als tüchtige, ausdaa- 
emde Steiger und zeigten sich in ihren Forderungen ausserordentlich 
bescheiden. Sie seien hiemit nicht bloss für Partien in der Antholzer Gebirgs- 
gruppe, sondern auch für Excursionen in die obersten Gründe des Defereggen- 
Thales, in das Schwarzbach- und Affenthal, für die meines Wissens noch nn- 
erstiegenen oder wenigstens noch nicht beschriebenen Gipfel der Löffelspitze, 
des grossen und kleinen Glockhauses, der Panargenspitze n. s. f. empfolen. 

Als wir ihnen unsere Absicht mitteilten, behaupteten sie zwar anfangs, 
der Ilochgall sei in gleicher Weise, wie sein Nachbar, derWildgall, uner- 
steigbar; doch entschlossen sie sich bald auf unser Zureden, einen Versuch 
machen zu wollen, um so mehr, da durch die grosse Hitze des Jahres 1868 
der rechtsseitige westliche Absturz des Hochgall, auf dem, wie der erste Blick 
uns belehrte, wo! die einzige Möglichkeit eines Erklimmens des höchsten 
Punktes beruht, fast ganz schneefrei war, während er sonst nach Aussage der 
Dorfbewohner in manchen Jahren nur teilweise sein dunkles Felsengerüste 
aus der weissen Decke erhebt. Durch diesen günstigen Umstand wurde dns 
Gelingen unseres Planes bedeutend befördert. 

Nun einmal die Hauptbedingung, das Auffinden tüchtiger Führer, in 
befriedigender Weise erfüllt war, ging es schnell an die Ausführung all* jener 
übrigen Vorbereitungen, welche zu einer grösseren Fahrt notwendig sind. Vor 
Allem handelte es sich für mich um ein paar gute Steigeisen, da die meinigen, 
die alten treuen Genossen, die schon so manche Expedition mit mir voll- 
bracht hatten, gestern auf dem Wege von Windisch-Matrei in*s Defereggen-Thal 
mich plötzlich spurlos verlassen hatten. Sie sind. wohl, ohne dass ich es 
merkte, von dem ihnen angewiesenen Platze, hinten am Rücksack, herab- 
gerutscht und befinden sich jetzt in den unwürdigen Händen irgend eines 
der teppichberühmten Deferegger. Auf meine Bitte gestattete, obwol es 
Sonntag war, der freundliche Curat dem Dorfschmied eine Entweihung 
des Tages des Herrn, jedoch nur ausnamsweise, wie er mit strenge 
erhobenem Finger hinzufügte. Schon vorher aber war der russige Ge- 
nosse durch ein Paar blinkende Guldenstücke in Versuchung geführt wor- 
den, und jetzt ging es an ein gewaltiges Hämmern und Klopfen, und 
als es Abend war, erschien der wackere Mann und hielt mir triumphirend 
das Gewünschte entgegen. Ebenso wurden unsere Bergstöcke neu gespitzt, 



*) Wir führten seit unserer Abreise von München ein solches mit uns, das eine Lange tob 
64 Fuss bcsass und auf S5 Zentner geprobt war. 



Erste Ersteigung des Hocligall. 293 

«die Schuhe frisch genagelt und grosse Vorräte für den folgenden Tag im 
Wirtshause aufgehäuft — kurz im ganzen Dorfe entstand eine Revolution und 
neugierig beobachteten die in grossen Gruppen beisammenstehenden Bewoh- 
ner von St. Wolfgang, die so unerwartet aus ihrer Alltäglichkeit aufgerüttelt 
worden waren, das energische Treiben der Fremdlinge. Gegen Abend wurde 
nochmals eine genaue Untersuchung des morgen einzuschlagenden Weges 
Torgenonmien und jede kleinste Strecke desselben mit unsern Fernrohren 
recognoscirt. Um 2 Uhr wurde für den nächsten Morgen der Aufbruch fest- 
gesetzt. 

Dank einigen kneiplustigen Sennern ans den benachbarten Thälern, 
welche nur äusserst selten ins Dorf hinabkommen, dann aber den Tag durch ausser- 
•ordentliche Leistungen feiern — als wir gestern um 11 Uhr Vormittag im Gast- 
h&use des ehrsamen Georg Auer ankamen, war das Gelage bereits im besten 
Gang und als wir am Morgen kurz nach 2 Uhr abmarschirten, bestellte sich noch 
der Eine und der Andere ein frisches Seidl Wein — war noch Alles lebendig, als 
wir um 1 Uhr unser Lager verliessen. Unsere beiden Führer waren ebenfalls 
«chon bereit. Rasch wurde nun eine grosse Menge Thee gekocht, die eine 
Hälfte davon sogleich als Frühstück eingenommen, die andere in die Feld- 
Jflaschen gefüllt. Dieses Getränke habe ich als das weitaus beste Mittel gegen 
den Durst erprobt und führe dasselbe beständig bei allen grösseren Touren mit 
• mir. Den mitzunehmenden Wein und Proviant bekam der eine Führer zu tragen, 
dem zweiten fielen das Seil, die Steigeisen und die für mögliche Fälle mit- 
^efuhrte Eisaxt zu. Um die festgesetzte Stunde verliessen wir, begleitet von 
den besten Wünschen der Wirtsleute und der uns beim Abschied noch ein 
donnerndes Hoch auf glückliches Gelingen der Fahrt ausbringenden Zech- 
^enossen, die gastfreundliche Stube und wanderten hinaus in die klare wolken- 
lose Nacht. Zauberhaft schimmert uns im fahlen Mondenscheine unsere Zinne 
entgegen. Höher schlägt das Herz. Frohe Hoffnungen durchziehen es, jedoch 
auch ein gewisses Bangen schleicht sich ein, ob diese wirklich erfüllt 
würden. 

Unser Weg führte uns Anfangs auf der rechton Seite des Bachern- 
Thaies aufwärts. Nach y^ Stunden überschritten wir den Bach und stiegen 
dann, wegen der zunehmenden Morgenkühle (-f- 8° R.), ziemlich schnell einen 
Waldweg hinan. Nach weiteren % Stunden hatten wir die Stelle erreicht, 
wo das Thal sich ästet. Der linksseitige Zufluss zieht vom grossen Lengstein- 
ond Rothsteingletscher herab, während der rechtsseitige, mehr südwestlich 
gelegen, durch die drei Riesergletscher, den östlichen, mittleren und west- 
lichen, gespeist wird. Von diesen ist der letztere der grösste, der mittlere 
ist jedoch zunächst unser Ziel. Der Weg zu diesem führte anfangs durch 
wild verwachsenes Gesträuch ; später jedoch, nachdem wir die riesigen Trüm- 
mer eines Felssturzes überklettert hatten, schritten wir über sanftgeneigte 
Wiesen einer weiten, grasbedeckten, in früherer ^eit ohne Zweifel gletscher- 
erfüllten Mulde. Die glattpolirten Felsen — Rundhöcker — , die gleichsam in den 
Boden eingemauert in grosser Menge umherlagen, und riesige Moränenreste 
deuteten darauf hin. Der Riesergletscher ist in den letzten Jahren bedeutend 
zurückgewichen, wiejadiess überhaupt in unserer Periode bei den meisten 
Gletschern der Fall ist. Unsere beiden Führer versicherten uns , dass der- 
selbe vor etwa 20 oder 25 Jahren gewiss 80 — 100 Schritte tiefer in's Thal 
herabgereicht habe. Die bedeutende Stirnmoräne, die wir um 4 Uhr 25 Min. 
erreichten, und von welcher das Gletscherende eine verhältnissmässig sehr 
grosse Strecke «ntfemt ist, war der deutlichste Beweis, dass ihre Aussage 
richtig sei. — Hier, beinahe dritthalb tausend Fuss (»ber St. Wolfgang, wurde 
die erste Rast gemacht und ein Teil des mitgenommenen Proviants ver- 
sehrt. Temperatur -f 2" R. Die vor uns sich ausbreitende Aussicht auf den 
westlichen Teil der Centralkette der Hohen Tauern, sowie auf einzelne Gipfel 
der Zillerthaler Eiswelt, über welche noch die Schatten der Dämine- 



294 K. Hoffmann. 

• 

mng ausgebreitet lagen, bot die beste Würze des einfachen Mahles. Eis 
schneidend kalter Wind bewog uns jedoch nach kurzer Zeit wieder auf- 
zubrechen. Wir hatten jetzt zunächst jene vorhin besprochene Endmoräne, 
einen furchtbaren Schuttwall, zu überklettern, was auch mit einiger Anstren- 
gung geschah, und um 4 Uhr 40 Min. waren wir am Ende des mittleren 
Biesergletschers angelangt, der in weiter, sanft gewölbter Flache vor uns sich 
ausdehnte. Trotz der nun geringen Steigung Ton anfangs 8, später 10 Grad 
waren wir gezwungen, sclion jetzt die Steigeisen anzulegen, da uns allent- 
halben ohne die geringste Lage Schnee^s das blanke Eis entgegenschimmerte 
und ein Ausgleiten unter diesen Umständen sehr nahe gelegt war. Wir 
hielten uns beständig auf der linken Seite des Gletschers, da wir ihn im 
untern Teile hier am wenigsten zerklüftet gefunden hatten. Rasch ging 
es im Anfange aufwärts, später jedoch, als das Eis immer mehr zcrschrün- 
det wurde und klafterweite, nur auf schmalen Bändern zu überschreitende 
Spalten uns oft zu grossen Umwegen zwangen und ein vorsichtigeres Vor- 
dringen notwendig machten, rückten wir nur langsam unserem Rtesen näher. 
Im obern Teile wurde auch die Neigung bedeutender, 16 und 18 Grad. Um 
5 Uhr 50 Min., als bereits alle Spitzen ringsumher vom glühenden Roth der 
Morgensonne Übergossen waren, langten wir an dem Absturz des Hocbgall 
zum mittleren Riesergletschcr an. Hier bargen wir einen Teil unseres Wei- 
nes und Provinntes unter einem Fcisblocke, da wir jedenfalls denselben Wep 
auch beim Herabsteigen wieder einzuschlagen hatten. — Da standen wir 
nun am Fusse der riesigen Mauern, die sich vor uns zu gewaltiger Höhe 
emportürmten, aber vergebens spähten wir nach einer Stelle, wo es möglich 
wäre, die steilen, unnahbar scheinenden Wände hinanzusteigen. Endlich ent- 
deckten wir eine Art Kamin, zu dem ein steiles Schneefeld sich emporzog. 
und glaubten hier noch am leichtesten hinaufkommen zu können. Bei der 
Ueberschreitung dieses letzteren passirte meinem Reisegefährten Kaltdorff 
das Missgeschick, dass er, schon fast oben angekommen, ausglitt — , eine 
bedeutende Strecke, wol 150 — 200 Fuss tief wieder hinabrutschte und ent 
auf einer ebeneren Stelle sich unversehrt zu halten vermochte. Da wir jedoch 
auch in diesem Kamine wegen der übergrossen Steilheit der Wände uns 
am weiteren Emporkommen gehemmt sahen, so kehrten ^ir eine kleine 
Strecke zurück und gingen noch weiter gegen Süden vor, bis nahe der 
Scharte zwischen Hochgall und Wildgall; unsere Führer nannten sie die 
schwarze Scharte, lieber sie führt in gleicherweise, wie über die mehr 
westlich gelegene AntholzerSc harte zwischen Flachkogl und Magerstein, 
ein Uebergang vom Rain-Thal in's Antholzer Thal ; doch scheinen beide Wege 
wegen ihrer Beschwerden von den Eingebornen sehr selten benützt w 
werden. Eben so wenig ist mir eine Schilderung dieser Partie von Seiten 
eines Touristen bekannt. 

Hier endlich fanden wir die AVände etwas weniger steil und unzu- 
gänglich. Um 6 Uhr 40 Min. verliessen wir den Gletscher und betraten die 
Felsen. Unsere Absicht war, zunächst über den besprochenen westlichen 
Absturz des Hochgall bis zum Grate vorzudringen, und dann über letzteren 
die höchste Spitze zu erreichen. 

Unerwartet gut gelang uns dieses. Die Felswände gestatteten, obwol mit- 
unter ausserordentlich schroff, doch überall für Fuss oder Hand einen sichern 
Halt, und da das Gestein im Allgemeinen nicht locker und bröckelig war, 
so bot bei vorsichtigem Auftreten das weitere Emporkommen keine über- 
mässigen Schwierigkeiten und Gefahren. Zudem leisteten unsere beiden Föh- 
rer Lobenswertes in Auffindung der gangbarsten Stellen. Kurze Zeit 
jedoch, bevor wir den Grat erreichten, liatten wir zweimal so bedeutende, 
fast senkrechte Absätze zu erklimmen, dass das Seil in Anwendung gebracht 
werden musste. Der eine Führer stieg mit unserer Unterstützung zucrft 
empor, dann folgten mit Hilfe des herabgelassenen Seiles die Uebrigen. Nach 



Erste Ersteigung des Hochgall. 295 

fast zweistündigem angestrengtem Steigen, um 8 Uhr 20 Min., erreichten 
wir den Grat; yor unseren Augen entfaltete sich ein überraschendes Bild. 
Nicht mehr weit ober uns lag der ersehnte Gipfel und uns zur Linken 
breitete sichln blendendem Glänze jener gewaltige Schneedom aus, der schon 
in St. Wolfgang in so hohem Grade unsere Bewunderung erregt hatte. Von 
hier aus gesehen zeigten sich die Firnfelder im untern Teile furchtbar zer- 
klüftet und an manchen Stellen entdeckten wir Hisse Ton der Weite meh- 
rerer Klafter. Auf der Schneide brauste uns ein sturmähnlicher, eiskalter 
Ostwind entgegen und wir waren froh, als wir nach kurzer Zeit, um 8 Uhr 
25 Min., eine gedeckte Stelle erreichten, wo wir eine kleine Bast machen konnten. 
Nach wenigen Minuten, nachdem wir uns durch einige Schluck Wein neu 
gestärkt hatten, machten wir uns an den letzten, schwierigsten Teil unserer 
Aufgabe, an das Ueberschreiten des Grates. 

Wild türmen sich vor uns riesige Felstrümmer in furchtbarem Chaos über- 
einander; das Ueberschreiten derselben ist nicht bloss mit grosser Mühe und 
Anstrengung, sondern teilweise auch mit Gefahr verbunden, denn bei jedem 
nnbedachtsamen Schritte kommt der eine oder der andere Stein aus dem 
Gleichgewichte und bedroht nicht bloss den, der sich auf ihn gestützt, son- 
dern auch die Nachfolgenden mit einem Sturz in die Tiefe. Bald jedoch, 
um 8 Uhr 50 Min., ist unserem weiteren Vordringen auf der Schneide selbst 
ein Ziel gesetzt, da sie auf eine Strecke von etwa 200 Schritt von lockeren, 
überhängenden Schneewehen bedeckt ist. Diese können ohne die grösstc 
Gefahr nicht betreten werden ; zur rechten Seite fällt der Kamm fast senk- 
recht ab, und so bleibt uns denn als einziger Ausweg übrig, in das zur Linken 
befindliche Schneekar, das hier eine Neigung bis zu 48^ hat, abzubiegen, 
bis weiter oben der Grat wieder gangbar wird. Hier nun verbanden wir 
uns in Zwischenräumen von 12 Fuss durch unser Seil. Zuerst kam Führer 
Weiss, dann mein Freund Kaltdorff, dann ich, den Schluss bildete, als der 
Sicherste und Stärkste, Oberarzbacher. Von nun an war jeder Schritt mit 
der grössten Vorsicht zu machen, denn nicht nur war die Neigung eine sehr 
bedeutende, sondern wir trafen auch an manchen Stellen blankes Eis, und 
das Ausgleiten eines Einzigen hätte leicht die ganze Gesellschaft in die unter 
ans sich öffnenden, klafterweit zu uns emporgähnenden Spalten befördert. 
Jet2t fand auch die Eisaxt zum ersten Male ihre Anwendung ; ohne diese wären 
wir vielleicht kurz vor Erreichung unseres Zieles zur Umkehr gezwungen 
worden. Hier erprobten wir zugleich eine neue Einrichtung an unseren 
Bergstöcken. Am oberen Teile derselben hatten wir eine doppelzackige, 6 Zoll 
lange Eißengabel, welche leicht ein- und abgeschraubt werden konnte, ange- 
bracht und die tief in den Firn eingreifenden Zinken dienten wesentlich zur 
Erlangung eines festen Haltes. 

Um 9 Uhr lü Min. war auch diese Strecke überwunden. Der nun fol- 
gende, wieder schneefreie Teil des Grates bot keine Schwierigkeiten mehr; 
er wurde in weiteren 40 Minuten ohne Anstrengung überschritten. Kurz 
unterhalb der höchsten Spitze, die sich von hier aus noch etwa 15 — 20 Fuss 
hoch als eine schmale, etwa 1*/, Fuss breite und gegen Süden überhängende 
Schneewechte erhob, lagerten wir uns auf einem bequemen Platze, bis dieser 
letzte Teil durch die Führer etwas gangbar gemacht worden war. Dann, 
neuerdings durch das Seil verknüpft, erreichten wir den höchsten Punkt um 
10 Uhr 30 Min., volle 8Vt Stunden nach unserem Aufbruche von St. Wolfgang. 

Nirgends mehr als bei dem Wunsche, herrliche Bilder der Natur mit 
Worten zu beschreiben , zeigt sich die Dürftigkeit und Unzulänglichkeit der 
menschlichen Sprache. Eine überwältigende Fülle von Pracht und Qross- 
artigkeit lässt sich wol fühlen und in der Erinnerung der Seele wieder vor- 
zaubem, nie aber durch eine schwache i'eder beschreiben. Auch die begei- 
stertste Schilderung bliebe weit hinter der Wirklichkeit zurück! 



296 K. Hoffmann. 

DIo Lage des Ilochgall, welcher nicht bloss als bedeutendste Erhebung 
seiner Gruppe, »ondern auch durch seine Stellung in der Mitte weitgedehnter 
Eisgefilde, der Tauern, der Zillerthaler und der Oetzthaler Berge einen hen- 
lichen Uebcrblick über diese Gebirgsstöcke gewährt, ist eine ausserordent- 
lich günstige, und das von seiner Spitze sich entfaltende Panorama gehört 
gewiss zu den schönsten und grossartig^ten der deutschen Alpen. Vom fer- 
nen Ankogl und ifochalpspitz in Kärnten, den Schlusspfeilem der Hohen 
Tauern im Osten , bis zom Adamello-Stock an der tirolisch italienischen 
Gränze und bis zur Berninakette in Graubündten umspannt uns ein riesiger, 
im Glänze des Morgensonnonscheines funkelnder Silberbogen. Besonders 
schön ist der Blick auf den uns gerade gegenüberliegenden Südabhang der 
Zillorthaler Berge, aus deren Chaos ich jedoch nur wenige Spitzen mit Be- 
stimmtheit erkennen konnte. Besser ging es in dem benachbarten Zuge der 
Hohen Tauern, aus dem mir so manches bekannte Haupt freundlich entgegen 
winkte. Vor Allem zieht die durch ihre schlanke, schöne Gestalt ausge- 
zeichnete Uödtspitzo den Blick auf sich; ebenso das näher an uns gelegene 
grosso und kleine Glockhaus, kaum minder durch kühne Gipfelbauten her- 
vorragend. An die weitgedehnte Venedigergruppe , die besonders auf der 
uns zugekehrten Sudseite eine starke Gletscherentwicklung zeigt , und in 
welcher wir alle bedeutenderen Punkte, Dreiherrnspitz, Grossvenediger, Bai- 
nerhorn u. s. f. deutlich erkannten, reiht sich der mächtige Glocknerstock. 
Hoch erhebt, wie eine spitze, scharfe Eisnadel, der Grossglockner, der unbe- 
strittene König der Ostalpen, sein gewaltiges Haupt in die blaue Luft, um- 
geben von einer Reihe eisbelasteter Trabanten. Zwischen diesem und dem 
weiter östlich im Rauriser Thale liegenden Hochnarr entdecken wir die Dach- 
steingruppe. Den nord-westlichen Teil der Bundschau begränzen die weit- 
gedehnten Eisgciildc des Stubai- und des Oetzthales. Rein streben die 
ehrwürdigen Zinnen himmelau, kein neidisches Wölkchen verhüllt uns ihre 
Pracht. Weiter westlich beherrscht der Blick einen Teil der Bernina- 
ketto und die Ortlergruppe mit der' hoch über ihre breiten Schultern 
sich emporschwingenden Ortlerspitze, dem höchsten Punkte Deutschlands. 
Den mnjcstätlschcn Kranz der Eisgebirge schliesst im Südwesten der Adi- 
mello-Presanella-Stock an der Grenze von Tirol und Italien. Kaum minder 
erhaben sind die im Süden jenseits des Pusterthaies wie jähe, abenteuerlich 
geformte Tiiürmo aufsteigenden Dolomite, unter denen besonders die schnee- 
bedeckte Vcdrotta Marmolata durch ihre Höhe sich auszeichnet. Einen 
lieblichen Contrast zu diesen wilden, unwirtlichen Schnee- und Eis- 
wüsten bietet der Blick auf das tief unten im Thale friedlich und einsam 
sich ausdehnende St. Wolfgang, das mit seiner schlanken Kirche und den 
zerstreuten, glänzenden Häuschen gar freundlich zu uns heraufwinkt, wärend 
auf der andern Seite, im Süden, der Spiegel des Antholzer und Ober-See's 
uns entgegenschimmert. Gegen Osten übersehen wir das ganze Defereggen- 
thal bis zu der gleichsam als Thalschluss sich erhebenden Schobergruppe. 
Auch in dem von unserm Standpunkte direct südlich gelegenen Thal von 
Ampezzo ist auf eine ziemlich grosse Strecke die Thalsohle zu übersehen. 
In Bezug auf unsere nähere Umgebung ist bereits früher der schönsten 
Spitzen, des Wildgall und des Ruthnerhorn, gedacht worden. — Es ist nur noch 
Einiges über den von uns erreichten Berg selbst zu sagen. Wie bereits er- 
wähnt, gleicht er einem riesigen Trapeze, dessen Breitseite gegen Nordwest 
gerichtet ist. Gegen Süden zum Antholzer Thale, dessgleichen gegen Osten 
zum Defereggen-Thale fällt er in furchtbar steilen , fast senkrechten Wänden 
ab, 80 dass sich hier nirgends, trotz der bedeutenden Höhe, Gletscher bilden 
konnten. Eine Ersteigung von diesen beiden Seiten, zumal vom Osten, ist 
sicher mit viel grösseren Beschwerden und Gefahren verbunden, als auf dem 
von uns eingeschlagenen Wege, und es kam mir jetzt sehr erklärlich vor, 
dass uns im ganzen Defereggen-Thale versichert worden war, der Hochgall 



Er3te Ersteigung des Hocbgall. 297 

»ei unersteiglich. Was den höchsten Punkt selbst betrifft, so ist zu erwähnen, 
dass derselbe keineswegs eine hervorragende Spitze, sondern nur die bedeu- 
tendste Erhebung in jenem fast ebenen, weitgedehnten Schneegrate ist, der 
von St, Wolfgang aus seiner ganzen Breite nach zu überblicken ist. 

Auf diesem höchsten Punkte vermochten wir uns jedoch wegen des 
gewaltigen Windes nur kurze Zeit aufzuhalten. Bald waren wir genötigt, 
unsere erhabene Warte wieder zu verlassen, um an einer schneefreien, 
gegen den heftigen Sturm gedeckten Stelle am Südabhange uns zu lagern. 
Bevor wir uns dahin zurückzogen, gruben wir einen Bergstock, an dem 
wir zwei grosse, aneinandergebundene Sacktücher als Fahne befestigt hatten, 
in den Schnee, um den Bewohnern St. Wolfgang*» eine Kunde unseres 
Sieges mitzutheilen. Diese Fahne wurde, wie wir später erfuhren, auch wirk- 
lich bemerkt und unten im Thale mit Jubel begrüsst. Ja der freundliche 
Curat, der ausserordentlich besorgt um uns und um das glückliche Gelingen 
der Partie gewesen war, hatte uns von unserer Ankunft auf der Schneide 
bis zum Betreten des höchsten Gipfels mit dem Fernrohre verfolgt und, als 
er uns auf der Spitze angekommen sah, dioss sogleich im ganzen Dorfe 
verbreitet. '^ 

Noch errichteten wir auf dem Punkte, auf dem wir gelagert waren, 
aus den vielen umherliegenden Gneisblöcken einen grossen Steiumann und 
verbargen unter der obersten Platte ein mit den Daten unserer Ersteigung 
beschriebenes Blatt Papier. Ungern rissen wir uns endlich los von dem 
herrlichen Bilde; aber durch jede Viertelstunde, die wir länger zugewartet 
hätten, wäre unser Hinabkommen beschwerlicher geworden, denn die be- 
deutender werdende Mittagshitze (4. 15^ K.) erweichte mehr und mehr den 
Schnee. Führer Weiss holte von der Spitze seinen Bergstock herab und um 
11 Uhr 50 Minuten begann die Heimreise. Kasch ging es den obersten Teil 
des Grates hinunter, dann aber bogen wir, wieder durch das Seil verbunden, 
zur.Bechteu ab in jenes weite Fimkar. Durch die kräftigen Sonnenstralen 
waren die beim Heraufsteigen gehauenen Stufen verwischt und da wir unter 
der jetzt ausserordentlich weichen Lage Schnee's oft glattes Eis trafen, so 
gebrauchten wir die Vorsicht, dass nur immer Einer nach dem Andern, nie 
mehrere zu gleicher Zeit, eine kleine Strecke hinabstiegen. Um 1 Uhr 5 M. 
verliessen wir die Schneide und kletterten an der gleichen Stelle wie beim 
Heraufweg, den steilen Absturz zum mittleren Kiesergletscher hinab. Ohne 
den mindesten Unfall erreichten wir um 2 Uhr 20 Minuten, 2*/, Stunden 
nach unserm Abgang von der Spitze, wieder die obersten Firnfelder und 
machten bei jenem Felsblocke, unter welchem wir am Morgen einen Teil 
unseres Weines und Proviantes verborgen hatten, zum erstenmale Bast, mit 
dem frohen Gefühle, dass nun jede eigentliche Gefahr glücklich über- 
standen und die ganze Partie als eine vollkommen gelungene zu betrach- 
ten sei. 

Bei der nun folgenden Ueberschreitung des Gletschers hielten wir 
ans nicht, wie am Morgen, ganz auf der linken Seite, sondern mehr in der 
Mitte, in der Hoffnung, hier weniger Klüfte zu treffen als am Bande. Jedoch 
hatten wir uns hierin sehr getäuscht und bald befanden wir uns in einem 
Chaos von weiten, oft nur auf äusserst schmalen Bändern zu passirenden 
Spalten. Gleich Anfangs brach Führer Weiss, der sich an der Spitze des 
Zuges befand, mit einem Fusso durch eine Schneebrücke durch, und diess 
bewirkte, dass wir uns wieder in Zwischenräumen von etwa 15 — 18 Fuss 
durch unser Seil verbanden, um nicht durch übergrosse Nachlässigkeit noch 
am Schlüsse unserer Fahrt ein Unglück hervorzurufen. Um 3 Uhr 50 Minuten 
hatten wir das Gletscherendo erreicht und mit Wolbehagen entledigten wir 
uns jetzt der Steigeisen, die wir über 10 Stunden nicht von den Füssen ge- 
bracht hatten. Das vor uns sich ausbreitende Grün wurde mit Jubel begrüsst. 
Der Keflex der Sonnenstralen auf der blendenden Schneedecke wirkt immer 



298 Prof. AloiB Egger. 

belästigend anf die Augen, auch wenn sie durch Schneebrillen geschützt 
sind; unsere Führer jedoch, welche weder im Besitze von solchen noch 
eines in gleicher Weise zum Schutze dienenden dunkeln Schleiers gewesen 
waren, hatten beide etwas entzflndete Augen und klagten über die dadurch 
hervorgerufenen Schmerzen. 

Der letzte Teil des Weges nach St. Wolfgang hinab wurde schnell 
zurückgelegt. Als wir an der oben beschriebenen Wand angelangt waren, 
über welche in der Früh der Abfluss des Kiesergletschers als unscheinbares 
Wässerlein herabgerieselt war, erblickten wir zu unserem Erstaunen einen 
schäumenden, mächtigen Wasserfall. Die Hitze des Tages hatte grosse Schnee- 
und Eismassen zum Schmelzen gebracht und das winzige Bächlein znm 
gewaltigen Flusse anschwellen lassen, der jetzt seine milchigen , brausenden 
Wogen in herrlichen Katarakten zur Tiefe beförderte. Diess brachte ans 
zur Beendigung unserer Fahrt noch ein kleines Abenteuer. Als wir bei der 
Vereinigung der beiden Abflüsse des Kieser- und des Lengsteingletscbers 
angelangt waren, entdeckten wir zu unserm Missvergnügen, dass die hoch- 
gehende Flut alle Stege weggerissen hatte. Da half kein langes Besinnen: 
das eiskalte, tobende Wasser musste durchwatet werden. Zum letztenmiüe 
entrollten wir unser Seil, um mit seiner Hilfe den Uebergang zu erleichtern. 
Zuerst überschritt Führer Weiss an einer etwa 12 — lü Fuss breiten Stelle 
den Bach, das Seil fest um den Leib gebunden, um von uns bei einem 
eventuellen Ausgleiten gehalten werden zu können. Dann folgten wir beide, 
den jetzt zwischen beiden Ufern festgespannten Strick als Geländer benützend, 
zuletzt kam Führer Obenarzbacher. Glücklich war auch dieses letzte Hin- 
dernins besiegt und um 5 Uhr 50 Minuten, nach fast l(>stündiger Abwesen- 
heit, trafen wir wieder in St. Wolfgang ein, begrüsst von einer Menge 
freundlich uns entgcgenkoiumendcr Dorfbewohner. Mit welcher Freude und 
welchem Wolbchagcu wir bald nach unserer Ankunft im Angesichte dei 
schimmernden Kiesen, den wir heute um den Kuf der Unersteiglichkeit ge- 
bracht hatten, unser frugales Abendmal einnahmen, das wird wol Jeder 
fühlen, dem einmal der Satz: „Nach gethaner Arbeit ist gut ruh'n* recht 
in^s Herz gedrungen ist. 

Mögen diese Zeilen den einen oder andern Touristen veranlassen, 
seine Schritte einmal in das zwar abgelegene und fast unbekannte, aber 
durch grossartige Keizc ausgezeichnete Kain-Thal zu lenken und möge dadurch 
St. Wolfgang, das liebliche Dörfchen, das in Bezug auf Naturschönheit sieh 
den gefeiertsten Punkten der Tauern würdig zur Seite stellen kann, aus 
dem unverdienten Dunkel der Vergessenheit gerissen und auf die Stelle 
erhoben werden, welche es gemäss seiner herrlichen Lage einzunehmen 
berechtigt wäre. 

München. K. Hofmann. *) 

JEin Beitrng zur Gesehiehte der Glockner fahrten^ Mit- 
geteilt von Prof. Alois Egger. Durch die freundliche Vermittlung de« 
Herrn Trautwein in München erhielt ich Kenntniss von einer Glockne^ 
besteigung im Jahre 1819, die mir bei meinen Studien zur „Geschichte der 
Glocknerfahrten** (Jahrb. des Alpeuvereins, 1865) entgangen war. Es ist die 
„Keiso auf den Grossglockner** von Joseph Hoser, welche er selbst in 
„Hesperus**, der encyklopädischen Zeitschrift für gebildete Leser von Kari 
Andr^e (27. Band, Prag 1820), beschrieben. Enthält sie auch keine wissen- 



*) Wie ich dnrch Mitteilang de^ Herrn Guratea in St Wolfgang erfahren habo, siod ou 
beide Führer, die ich bei diener Expedition hatte, gestorben, liansl Obcrarzbaclier im 
Ant^UBt 1868, Oeorg Weiss im Februar ISCU. Ihr Verlust UX für alle zukünftigen Toorea 
in der Antholzer Gruppe sehr zu bedauern. 



Ein Beitrag zur Geschichte der Glockncrfahrten. 299 

schaftlichen Forschungen, so ist sie in touristischer Beziehung interessant 
genug, um hier mitgeteilt zu werden. Die Beschreibung lautet: 

„Immer werde ich die Tage, die ich im Herbste vorigen Jahres (1819) 
auf. den majestätischen Höhen, in den anmutigen Thälern und schauerlichen 
Bergschlünden, und unter den natürlich gutmütigen biederen Bewohnern 
Salzburgs verlebte, unter die fröhlichsten, schönsten und glücklichsten 
meines Lebens zälen; allein der 18. September wird besonders mir ewig 
denkwürdig, meinem Gedächtnisse unauslöschlicli bleiben. Ich habe seit wenigen 
Jahren auf meinen Fussreisen in den verschiedenen Provinzen der öster- 
reichischen Monarchie manchen Alpengipfel von bedeutender Höhe erstiegen ; 
aber noch immer blieb mir der Wunsch übrig, meinen Mut und meine 
Kräfte an einer der höchsten Bergspitzen unseres Weltteils zu versuchen, 
und auf einer solchen Himmelszinne meine Neugierde — auch Wissbegierde — 
zu befriedigen. Dieser Wunsch ist bereits in Erfüllung gegangen; ich bin an 
gedachtem Tage so glücklich gewesen, den Glockner, diese Zierde der 
n o r i 6 c he n Alpen, zu ersteigen. 

Zwar hatte ich miir vor zwei Jahren schon vorgenommen, nach diesem, 
seiner gewaltigen Höhe sowol, als auch seiner seltenen Form wegen be- 
rühmten Berge eine Wanderung anzutreten; allein die Jahreszeit war mir 
damals zu ungünstig, und ich musste mich mit der Hoffnung trösten, viel- 
leicht im künftigen Jahre im Stande zu sein, meinen Vorsatz auszuführen. 
Da die Witterung in den Monaten Juli und August vorigen Jahres zu un- 
beständig war, als dass ich nicht einen trockenen und heiteren Herbst hätte 
hoffen können, so verliess ich mit dieser Hoffnung und mit dem Mute, allen 
Beschwerden und Gefahren einer Reise auf den Glockner zu trotzen, Ende 
Augusts die Kaiserstadt, und langte nach einem zwanzigtägigen, ungemein 
lohnenden Marsche über. Maria Zell, Admont, Kadstadt, Bad- 
Gastein und Bauris in Heiligenblut an. Da ich von Rauris ganz 
allein nach Heiligenblut reiste, und da ich desshalb nichts anders 
erwarten konnte, als allein , nur von den nötigen Führern begleitet , mich 
auf den Glockner zu wagen, so lässt sich leicht die Freude denken, die 
ich empfand, als ich die Herren Gottfried Bouvier, Anton und Johann 
Freiherren v. Egg er (alle drei Hörer der Rechte am Grätzer Lyceo) in Hei- 
ligenblut traf, die gleich stark von dem Eifer beseelt waren, koste es, was 
es wolle, deii Glockner zu besteigen. Sie waren, als ich ankam, eben von 
einer Excur^ion auf die Pasterze zurückgekommen und freuten sich gleich- 
falls, an mir einen vierten Reisegefährten zu ündon. Da sie einen Tag 
früher in Heiligenblut angekommen waren, so hatten sie bereits einige 
Anstalten zur Reise nach dem Berge getroffen. 

Allein das Wetter war eben so, wie es wol am wenigsten zu 
wünschen war und wie es nur die ungünstigste Aussicht versprach. Nicht 
lange vorher, als ich in Heiligenblut eintraf, fingen an verschiedenen Stellen 
kleine Wolken sich zu bilden an, die sich bald nachher mit so unglaub- 
licher Geschwindigkeit ausbreiteten, dass es gar nicht lange dauerte, bis 
alle Berge umher in dichte Nebel und Wolken eingehüllt waren. Diess 
erregte in uns freilich eine unangenehme Empfindung; wir fürchteten schon, 
vergebens hie her gekommen zu sein. Indess Hessen wir doch bei allem dem 
den Mut nicht ganz sinken, zumal, da die Bauern aus dem von der Seite 
des Tauern kommenden Winde ein heiteres Wetter für den künftigen Tag 
prophezeiten. Wir fingen an ruhiger zu werden, trösteten uns gegenseitig, 
und brachten in dieser vertraulichen Stimmung den Rest des Abends zu, 
worauf wir uns zur Ruhe begaben. 

Ich konnte indess kein Auge schliessen. Der blosse Gedanke, dass so 
nahe am Ziele meine Hoffnung gar so leicht scheitern könnte, machte allen 
Schlaf von mir weichen. Es trieb mich alle Augenblicke ans Fenster, um 
nach den Gipfeln der Berge zu sehen und gute Anzeichen zu entdecken. 



300 Prof. AloU Egger. 

Allein noch immer hingen die trüben düsteren Wolken an den Wänden der 
Berge. So brachte ich den grössten Teil der Nacht in, bis endlich Ermfi- 
dang einen aiemlich erquickenden Schlaf über mich ansgoss. 

Aber welch' eine Freude, als wir am andern Morgen alle Yorbeden- 
tungen cincä heitern Wetten zn bemerken- glaubten. Leichtere Wolken 
bedeckten die nahen Bergspitzen, und azurblau blickte zuweilen der Himmel 
durch den dünnen Nebelschleier. Nun fingen wir an, alles Gute zu hoffen 
und ernstliche Anstalten zu treffen zur Keise, die gegen den Abend vor sich 
gehen sollte. £s wurden Führer und Träger gedungen, und bei dem Wirte 
ward Proviant aller Art bestellt. 

Nach dem Mittagsessen statteten wir bei dem Herrn Pfarrer, einem 
lieben jungen Manne, einen Besuch ab. Obgleich er sich selbst Mühe gab, 
unser Unternehmen aus allen Kräften zu befördern, so hatten wir doch in 
seiner angenehmen Gesellschaft unsem Glockner vergessen, als nach 4 ühr 
der älteste der Führer*) mit einem «Auf ! Zeit ist'sl'' uns zum Aufbruch mahnte. 

Wärenil dem, dass wir uns beim Herrn Pfarrer befanden, wurde 
das ganze Thal, alle übrigen, selbst beschneiten Berge und auch der Glockner 
bis auf sein Haupt vom Gewölke und Nebel frei. Allein um dieses ehr- 
würdige Haupt zogen sich noch undurchsichtige Wolken in mancherlei 
Gestalten und Wälzungen , bedeckten und entblössten 'bald diese, bald jene 
Teile und zeigten uns auf diese Art ein Schauspiel so prächtig, dass wir 
beim Anschauen desselben gar nicht die Langsamkeit merkten, mit welcher 
die Bauern sich zur Reise rüsteten. Bis alle Keiserequisiten , als Steigeisen, 
Alpenstöcke, Hauen, Stricke, Decken u. s. w. herbeigebracht, bis die nötigen, 
Führer und Träger alle versammelt , bis letztere mit Proviant , wobei aof 
Wein und Kaffee nicht vergessen ward, beladen waren, verging wol eine 
gute Stunde. 

Es war halb 6 Uhr, als die Karavane, die aus vier Personen als 
Keiscgcscllschaft, aus vier Führern und zwei Trägem bestand, unter den 
Segenswünschen der Heiligenbluter Bauern, im freudigen Vorgefühle der 
Scenen, die da kommen würden, die Anhöhe, auf welcher Heiligenblnt 
gelegen ist, hinab in das herrliche Thal dem Glockner entgegen zog. Froher 
Mut herrschte durchaus; doch meine Gedanken und meine Blicke hingen 
mehr an dem Glockner, dessen höchste Spitze die Nebel zu verlassen anfingen« 
Es ist ein herrliches Bild, in welchem dieser Bergriese sich zeigt. Obgleich 
das Heiligenbluter Thal kaum eine Viertelstunde breit und ringsum von 
Bergen uniächlossen ist, die so nahe in's Thal hereinstehen, dass sie keines 
jener Gebirge, die unmittelbar hinter ihnen stehen, zu sehen gestatten, so 
blickt doch überall der silbcrweisse Glockner über die nahen Hochgebirge 
herüber. Die Sonne stand noch hoch am Firmament und der reinste Aether 
schien über seine ewigen Eisfelder ausgegossen: es war der schönste Vor- 
genuss, der mir vor seiner Ersteigung zu Teil werden konnte. 

Etwa eine gute halbe Stunde von Heiligenblut nahm der Herr Pfarrer, 
welcher den Zug durch seine gute Laune belebte, von uns Abschied. Gern, sehr 
gern hätte er die Heise mit auf den Glockner gemacht ; allein Berufsgeschäfte 
hielten ihn ab, und so verliess er die Gesellschaft, sie dem Schutze aller 
Heiligen empfelend. 

Durch Auen und Wiesen wanderten wir der MöU entgegen, die in 
tausendfachen Krümmungen das schöne Thal, welches von ihr seinen Namen 
führt, durchstreift, bis wir an einen ziemlich hohen Waldberg kamen, anf 
dessen Höhe sich ein Wasserfall durch sein Geräusch ankündigte, aber 
durch Waldung verdeckt nicht eher sichtbar ward, als bis wir unmittelbar 



*) Sein Name ist Martin Klotz, insgemein Glockner weil er im Jahre 1799 der 
erste den Glockuor erstieg. 



Ein Beitrag zur Geschichte der Gloekncrfahrten. 301 

am Falle selbst von dessen hoher Schönheit übernascht wurden. Es ist 
der Fall der Gössnitz, die sich hier in zwei Hauptsätzen wildschäumend 
in die tiefe, senkrecht gespaltene Kluft hinabstürzt. Wegen des furchtbaren 
Getöses, mit dem das Wasser sich hinabwirft, und der himmelan wirbelnden 
Wolken, welche die auf dem Felsenbecken zerstäubenden Massen bilden, wo- 
darch dias Ganze das Ansehen erhält, als ob fortwährender Bauch aus der 
Erde emporstiege, mag der bekannte Naturforscher von Hohenwart *) diesem 
Katarakt den Namen Wasservulcan gegeben haben. 

Nicht fem von dem Falle der Gössnitz ruhten wir eine Weile im 
Genüsse der hohen schönen Natur, noch schöner durch die Einsamkeit und 
hehre Stille, die uns umgab. Mit Lust sahen wir auf den zurückgelegten 
Weg, auf Heiligenblut, das schon in beträchtlicher Tiefe lag, und auf die 
nahen, ewig beschneiten Alpen, die Goldzeche, den Rauriser Tauem und 
den Bothkopf. Von dieser Stelle an ward der Pfad, den wir hinanstiegen, 
immer steiler, und der Abhang, den wir hinauf mussten, war völlig mit 
Gries und Steingerölle angefüllt. Indess hörte diess bald auf, der Fussteig 
ward sanfter und wir erreichten eine einsame Alpenhütte, in deren Nähe 
einige Kühe weideten. Sie liessen sich die Alpenwcide sehr wol schmecken, 
und ihr rundes und gleissendes Aussehen bewies, dass sie ihnen auch sehr 
gut bekomme. 

Nach einer guten Stunde von dieser Hütte, nachdem wir immer höher 
gestiegen, und an einer zweiten Hütte vorüber gekommen waren, langten wir 
mit sinkendem Tage bei unserem Nachtquartiere an. Diess war die Sennhütte 
am Trog, die wol bei 1000 Klafter, also fast so hoch als der 1074 Klafter 
hohe Schneeberg in Unterösterreich über dem Meere liegen dürfte und 
von den Führern, da die Salnishütte ^*) in ihrem gegenwärtigen Zustande 
wenig Bequemlichkeit gewähren kann, zum Uebemachten bestimmt wurde. Als 
wir hier ankamen, war der Führer erstes Geschäft, Feuer zu machen, um 
ein Abendmal zu bereiten. So frugal es auch war, so hat es dennoch herrlich 
geschmeckt. Schön war es, in der engen Hütte eine Gruppe von eilf Menschen, 
diesen am Hefde sitzend, jenen auf einer harten Bank hingelagert, jeden 
nach seiner Weise an Braten, Brod, Wein und Milch, welche die Sennerin 
mit freundlichen Mienen vorsetzte, sich laben zu sehen. 

Doch der Hauch, der uns Ströme von Thränen aus den Augen presste, 
zwang uns oft die Hütte zu verlassen, und da machten die feierliche Stille, 
die kein Laut unterbrach, die kalten schaurigen Lüftchen, die da weheten, 
und die Nebelgestalten, die still und majestätisch an den Gipfeln der Berge 
hinzogen, dann der Anblick der Gestirne, die mit besonderem Glänze schim- 
merten, sowie der Anblick des Eises und des Schnees auf den nahen Alpen, 
einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf mich. 

Es war nahe an 10 Uhr, und wir begaben uns insgesammt, unter 
dem Scheine brennender Späne in eine nahe gelegene Heubaude zur Buhe. 
Die mitgebrachten Decken wurden auf dem Heu ausgebreitet und von uns 
in Besitz genommen. Obschon wir Alle sehr ermüdet waren, so wurde den- 
noch bis in die Mitternacht geplaudert und gescherzt, bis endlich der 
Schlummer uns auf unserem Alpenbette sanft die Augen schloss. Doch die 
sÜBse Buhe war uns nicht lange gegönnt. Ein heftiger Wind, der um unsere 
Hütte so laut und schrecklich heulte, dass er, verbunden mit der schneidenden 
Kälte, die Binder zu brüllen zwang, welche um die Hütte herlagen, weckte 
uns alle Augenblicke aus dem uns so nötigen Schlafe. 



*) Früher Secretär des Cardinais Salm, damals Bischof zu Linz. 
**) Bekanntlich hat der Herr Fürstbischof Salm za Gurk, der den Glockner im Jahre 
1799 ersteigbar machte, von Heiligenblut an in zweckmässig gewählten Zwischenräumen 
auf der Salmshöhe, Hohenwart nnd Adlersrahe auf seine Kosten mit einem wahrhaft fürst- 
lichen Aufwände für den Schatz und die Bequemlichkeit der Reisenden wol eingerichtete 
Zoflttchtsörter und Ruhestätten gebaut. 



302 Prof. Alois E^r^er. 

Kaum hatte der Tlimmcl zu grauen angfefangcn, so raffte sich die 
Gesellschaft auf und rüstete sieh mit einem guten Frühstück zur woiteni 
Beise. Es war ein heiterer Morgen, der nächtliche Thau dnrchnäaste die 
Füsse, kühle Morgenlüftchen fächelten sanft um Nacken and Kinn ; untSUge 
Thautropfen schimmerten an den zarten Alpenpflanzen, als wir im Entzücken 
über die ScliÖnheit des jungen Tages in freundschaftlichen Gesprächen ver- 
sunken über einen Bergabhang dem Leiterbach entgegenzogen. Aus einem engen 
schauerlichen ßcrgthal stürzt der Wildbach hervor. Je mehr wir in das Thal 
oder vielmehr in die Bergschlucht «indrangen, desto näher rückten von 
beiden Seiten die Ungeheuern Felsmassen, zwischen welchen der Leiterbach 
tobend und schäumend über sein rauhes FeLsenbett herabstürzt, desto wilder 
und wihler ward der Bergschlund, und wohin sich das Auge wendete, er- 
blickte es die unverkennbaren Spuren fürchterlicher Naturrevolutionen , die 
liier einst vorgegangen sein mussten. Man sieht es, dass vor Jahrtausenden 
die schnell hinrauschenden Wogen der Leiter sich hier mit Gewalt eine 
Bahn eröffneten. 

Wir waren noch nicht eine Stunde dem Leiterbach auf einem änssent 
schmalen Pfade, der sich am linken Ufer steil hinanwindet, entgegen geso- 
gen, als wir an eine entsetzlich beschwerliche und gefahrvolle Stelle ge- 
langten. Die Bauern nennen sie den Katzensteig. 

Es ist ein Felsenpfad, gleichsam schwebend über schrecklichen Ab- 
gründen, in deren Tiefe die Leiter mit Donnergeräusch gegen unbezwing- 
bare Klippen kämpft, wo das Schreckbild unvermeidlicher Todesgefahr 
bei jedem Fehltritte selbst den Beherztosten mit unwillkürlichem Entsetzen 
bei den Haaren packt. 

Ich wundere mich gar nicht, wenn es in Prof. Schultes* vortrefSicher 
Beise auf den Glockner heisst : die Hunde des Fürst-Bischofs wären an dieser 
Stelle stehen geblieben und hätten nicht weiter gewollt. — Doch bin ich 
der Meinung, dass es hier nicht eben ratsam sei, sich, an den Stöcken der 
Führer zu halten ; ein falscher Tritt würde sie selbst in den Abgrund stürzen. 
Nur dcis Krummholz, das hier freilich etwas sparsam wächst, gewährt dem 
weniger geübten Bergsteiger noch die meiste Sicherheit auf diesem Pfade, 
auf dem keine Schuhbreite Platz hat. 

Nachdem wir uns durch die fürchterlichsten Felsenpartien gewnn- 
den hatten, kamen wir an einer einsamen Ochsenhütte vorüber, hinter 
welcher eine gute Strecke Weges die Bergschlucht sich in ein nicht gar 
weites, aber äusserst ödes Bergthal öffnet, gebildet von schroffen Felsen, 
an welchen mächtige Schnee- und Eisfelder hera][)hingen. Ernst und düster 
und schweigend, wie die Natur, die uns umgab, schritten wir hinter unseren 
Führern, als plötzlich ein freudiger Aufruf erscholl. Er kam von dem Baner 
Klotz, der immer voraus war. Hasch blickten wir auf, und der Glockner, 
perlenweiss von frisch gefallenem Schnee, ausgeschnitten im reinsten Blan 
des Himmels, stand vor uns. Wir waren bereits zu einer Höhe von 1400 
Klafter gestiegen, und noch wirkte mächtig seine unerwartete Höhe anf 
uns. Mit inniger Rührung stand ich da, unbeweglich, wie hingezaubert, mieh 
selbst vergessend, und staunte das feierliche Bild — den Glockner an. 

Hurtig stiegen wir nun das Thal hinan: mit jedem Schritte, den wir 
vorwärts thaten, hob der Gipfel des Glockners sich höher empor. Es dauerte 
wenig Minuten und wir entdeckten einen mehrere Stunden weiten Gletscher, 
und an diesem die 1431 Klafter hoch über dem Meere gelegene Salms hatte. 
Schade, dass diese mit so vieler Mühe und so vielen Kosten aufgebante 
Hütte, in welcher eine Gesellschaft von 30 Personen bei überfallenden Un- 
gewitteni Schutz und Zuflucht finden konnte, gegenwärtig ihrem Verfalle 
so nahe ist. Ehedem stand sie fest und war überall gut geschlossen, jetzt 
findet man weder Thür noch Fensterschieber mehr. Wind und Stürme haben 
fast alle Bretter aus den Fugen gerissen. In der Hütte erfrischten wir 



Ein Beitrag zur Geschichte der Glockncrfahrten. 303 

uns mit etwas Wein und Braten, worauf wir ans wieder auf den Weg 
machten. 

Es war 8 Uhr, als wir nach einem halbstündigen Marsche über einen 
Haufen von Steinplatten, die hier den Gletscher umfassen, am Gletscher 
selbst anlangten, den wir nun hinansteigen sollten. Hier wurde Halt gemacht, 
nm Fussciseu, deren man sich auf dem Eise bedienen mnss, anzulegen. Als 
diess geschehen war, ruckte der Zug langsam und bedächtlich vor ; einer der 
Führer mit einer langen Stange ging voran, um die Haltbarkeit des Grundes 
zu untersuchen, der uns tragen sollte. 

Es ist unmöglich, die Umwege alle anzugeben, die wir auf allen Seiten, 
wegen der vielen Eisklüfte und Eisspalten, welche in allen Richtungen den 
Gletscher durchziehen, machen mussten, um den Durchgang zu bewerk- 
stelligen, und ebenso unmöglich, alle die verschiedenen Gefahren zu beschreiben', 
denen wir ausgesetzt waren. Die Führer, die Jeden am Arme hielten, hatten 
Mühe, uns, die wir der Steigeisen ungewohnt waren, auf dem glatten Eise 
aufrecht zu erh<alten, und beim Uebersetzen über mehrere Klafter tiefe Eis- 
spalten (wir mussten uns auf dem Alpenstocke hinüberschwingen) Muth 
zuzureden. Der blosse Gedanke an die Möglichkeit, in eine der Klüfte zu 
stürzen, und 'das häutige, starkem Donnerknalle ähnliche Krachen unter dem 
Eise, erfüllte uns mit Öch.auder. Die von frisch gefallenem Schnee verwehten 
Schlünde, die wir öfters überschritten, müssen auch den Kühnsten in einige 
Furcht setzen, zumal, da es oft weite Schlünde gibt, die nur unter dünner 
Schneekrusto verborgen liegen, man daher nicht weiss, dass man sich darauf 
befindet, und bei jedem Tritte, den man macht, zweifeln und fürchten 
muss, ob er nicht der letzte in seinem Leben sein werde. Indess so gefähr- 
lich auch immer der Gang über den Gletscher ist, so hat man dennoch wenig 
zu fürchten, wenn man sich nur ganz der Leitung der Führer überlässt. 
Mich hat die Sorgfalt, die sie bei gefahrlichen Stellen beobachteten, in 
Bewunderung versetzt. Sie opfern ihre eigene Sicherheit jener der Bei- 
senden auf. 

Als wir wol eine gute Stunde den Gletscher hinangestiegen waren, 
Hessen wir den Glockner links und wandten uns nach einem kahlen schroffen 
Bergrücken, den man zu übersteigen hat, um den Glockner, dem gerade 
aus dem Salmsthale nicht beizukommen ist, in die Seite zu nehmen. Die 
Bauern nennen den obersten Teil des Kückens die Scharte. Sie gehört zu 
den beschwerlichsten und gefährlichsten Stellen, die man am Glockner 
findet. Es ist eine steile, mit Schnee- und Eis- und Felstrümmern ausgefüllte 
Schlucht, die wir hinanklimmen mussten. So lange wir uns auf dem Eise befanden 
ging das Steigen noch an; die Bauern hatten Stufen in's Eis gehauen und 
wussten uns das Emporklettem dadurch noch zu erleichtem, dass sie vor- 
ausstiegen, und uns auf den gefährlichsten Stellen die Hände reichten ; allein 
als wir das Steingerölle erreichten, hatten wir nichts geringeres zu fürchten. 
als insgesammt erschlagen zu werden. Da lag das Gerolle nur locker auf 
dem glatten Eise; trat nun einer auf gewisse Stellen, so gleitete es unter 
seinen Füssen hinweg, rollte rasselnd herab und drohte die Untersten zu 
zerschmettern oder sie zum wenigsten ihrer gesunden Gliedmassen zu 
berauben. Ich war herzlich froh, als wir die Scharte, an der wir zum Teil 
auf allen Vieren hinanzukriechen uns genötigt sahen, glücklich erstiegen 
hatten; aber Staunen ergriff mich, als ich nach allen Gegenden mich umsah! 
Eine so unermessliche Aussicht hatte ich nicht erwartet. Da erhoben sich 
Gebirge über Gebirge, wie Wogen über Wogen, und zogen in langen Reihen 
fort, durch Tirol, Kärnten, Salzburg, Steiermark und Oesterreich. Berge, 
die noch vor wenigen Stunden die mächtigsten Nebenbuhler des Glockners 
zu sein schienen, waren nun weit zurück hinabgesunken in die Tiefe; nur 
das Yischbachhorn schien noch trotzen zu wollen. Wir staunten über die 
Höhe, die wir bereits errungen hatten, und übersahen nun die ganze meilen- 



304 Prof. Alois Egger. 

weite Schneefläche, die man his zum Gipfel hinanznsteigen hat. Sowie "^ 
immer höher durch die Regionen des ewigen Schnees und Eises den Rö-cT^^ 
hinanstiegen, welcher die Pasterze von dem Salmsthale trennt, so fingen- ""^ 
immer deutlicher an, die Verdünnung der Luft zu empfinden, welche unJ* ^*? 
Athemholen erschwerte und ehenso die dunkelblaue Farbe zu beme-^r^^^v 
welche der Himmel bekam. *) 

Nach einem halbstündigen Steigen befanden wir uns an der Ho^^^^* 
warte, einer Stelle, an welcher ehemals eine Hütte stand, welche der If ^'ÖTBtr 
Bischof nach seinem Genera Ivicar v. Hohenwart so nannte, von w^^cher 
aber jetzt keine Spur mehr zu sehen ist. Sie war solid aufgebaute ^nd 
konnte 14 — 16 Menschen in Schutz nehmen, wenn sie Sturm und Scl::»nee- 
gestöber in dieser Höhe ergriff. Kein Reisender dankt ihr mehr, sie ^iegt 
bereits acht Jahre unter mehrere Klafter tiefem Schnee begraben. Ihre 

Höhe ist 1779 Klafter über dem Meere. 

Wenn man von der Hohenwarte über die Schneegefilde nach deai 
Gipfel des Glockners sieht, so erscheint er so nieder und so nahe, dass man 
ihn in einer Viertelstunde zu erreichen glaubt , und doch hat man eine ßnte 
halbe Stunde zu steigen, bis man die Adlersruhe, die dritte Hütte, erreiclit 
Diese Hütte, auf einer ziemlich hervorragenden Felsenspitze erbaut, ist das 
letzte Asyl der Glocknerbesteiger, wenn hier in den Regionen des Poles si«- 
ein Sturm überfallen sollte. **) Hier ruheten wir ein wenig, um neue Kräf*^ 
zu dem letzten, aber beschwerlichsten Angriffe zu sammeln. Als wir uO-* 
hinlänglich gestärkt zu haben glaubten, rafften wir uns von dem Schne^^ 
lager auf, in welchem wir ausgeruht hatten, und. setzten die Reise i* 
immer steiler werdenden Glockner hinan fort. 

Von der Adlersrahe an ward das Gehen, der verdünnten Luft wegei 
äusserst mühsam, mit jedem Schritte, den wir vorwärts machten, ward dj 
Athemholen beschwerlicher und die Brust beklommener. Es war uns nicht möf 
lieh, 8 — Ki Schritte nacheinander zu thun, ohne uns jedesmal so zu erschopfei 
dass ruhiges Stillstehen und Erholung nötig wurde, um nicht vor Schwäche 
Entkräftung, selbst Ohnmacht, die uns oft zu überfallen drohte, niedei 
sinken zu müssen. Doch so erschöpfend jeder achte Schritt war, so reichte 
doch die Ruhe von einer Minute hin, neue Kräfte zu sammeln, um einigt 
Schritte höher — sich neuerdings eine Ohnmacht zu ersteigen. 

Nach einer halben Stunde von der Adlersruhe standen wir an de:: 
letzten ungemein steilen Anhöhe, die wegen ihrer Neigung (sie ist 60 Grad 
nur mittelst eines Seiles erstiegen werden kann. Wärend wir am Fusse de 
furchtbaren Felsens ausrubeten, stieg der älteste Führer die Höhe hinai 
und grub Schritt vor Schritt in dem Schnee haltbare Fusstritte und in eine 
gewissen Höhe einen geräumigen Sitz aus. Ihm folgte ein anderer Führei 
der bis zu dem Sitze hinaufstieg, den Sitz einnahm und . ein Seil, desser^^^f* 
eines Ende er sich um den Leib befestigte, zu uns herabliess. ***) Dieses SeC-^^^^ 
das sich mit einer Schlinge endigte, sollte nicht sowol zur Erleichtemn 
des Steigens dienen, als vielmehr zur Vermeidung der Gefahr des Hinabü 
rollens zurück in die Tiefe, indem wir eine fast senkrechte, nur sehr wenf^^ 
sich neigende Schneewand einer bei 90 Klafter hohen Pyramide zu erklettei 
hatten. Johann v. Egger, die Schlinge um die Brust, wagte sich zuer» 
hinan. In dem Masse, als er mit etwas zurückgebeugtem Leibe die eisif^ 
Treppe emporstieg, zog der Führer das Seil an sich, welches er, sobald di 
Herr v. Egger die Höhe erstiegen hatte, wieder zu uns hinabliess. Nac^^^ 






) Dies« dunkle Farbe bemerkten wir schon au der SalmshÖhe, nur nicht so Kvf- _ 

fallend, als auf der Hohenwarte oder auf dem Gipfel des Glookners. #4^ 

**) Auch diese Hüfte ist abgedeckt und mit Schnee angefüllt. 1 ^ 

***) Der ^ame dieses kühnen und geschickten Führers ist: Huissen Sepp. I | 



Ein Beitrag zur Geschichte der Glocknerfahrten. 305 

^em Herrn v. Egger kam die Reihe an mich. Auf gleiche Art kletterte ich 
«mpor oder vielmehr ward ich hinaufgezogen, und nahm sowie mein Vorgänger 
neben dem Bauer den Sitz ein. Hierauf ward das Seil wieder einem 
I>ritten umgethan. Nachdem wir alle auf gleiche Weise die Anhöhe erstiegen, 
blieben wir so lange in unserem Schneelager sitzen, bis wieder neue Stufen 
aasgehauen,, bis der Bauer mit dem Seile höher gestiegen, seinen Sitz ein- 
.^«nommen, und bis wieder die Reihe an jeden von uns gekommen war. 
Diese gefährliche Seilpassage wurde im Ganzen fünfmal vorgenommen. ^) 

Dass das Erklettern dieser letzten Spitze sehr langsam ging, kann 
man sich denken, zumal da man bei jedem vierten bis fünften Schritt aus- 
ruhen musste und das Rollen des Schnees unter den Füssen am unsichern 
Rande des Abgrundes überdiess die bangen Gefühle des Schwindels mächtig 
«rhöhte. Mit Entsetzen kehrte ich das Auge von den grausenvollen Abgründen, 
über welchen mehr als lÖOO Klafter ich am Seile schwebte ; mit beiden Hän- 
<len klammerte ich mich fester an das Seil, und kraftlos keuchend und an 
^llen Gliedern zitternd hatte ich endlich den Gipfel erstiegen. 

Ich werde keineswegs die ganze Aussicht so beschreiben, wie Pro- 
fessor Schult es es gethan; ich bemerke bloss, dass wir alle in Ausrufun- 
gen von Bewunderung ausbrachen, und dass es uns war, als wenn unsere 
Kniee gelahmt oder gebeugt würden, um niederzufallen und anzubeten. Wir 
■sahen einen halben Weltteil zu unsern Füssen! — Schnell gleitete der 
Blick über die Pasterze an das schlanke Vischbachhom und denFuscher-Kar, 
über welchem und über den Alpen, die Pinzgau durchziehen, das Auge den 
Watzmann in Bcrchtesgaden und seine Nachbarn entdeckte. Mehr östlich 
nber den Radstätter Tauem sahen aus dem Gebirgsmeero die Schladminger 
Alpen und der Grimming, und über diese und andere herauf; aus den öster- 
reichischen Gefilden hob der Dachstein sein majestätisches Haupt empor, 
fernere Gebirge schlössen sich an ihn an, unter denen das Auge den Oetscher 
und den Schneeberg zu ahnen glaubte ; weiter hin über diese Gebirge winkte 
aus der blauesten Ferne dem wonnetrunkenen Auge der vaterländische 
Böhmerwald entgegen. Die zwischen Steiermark und Kärnten sich hinziehen- 
den Gebirge, sowie die Krainer Gebirgsrcihcn türmton sich himmelan, doch 
unter diesen hob der höhere Terglou stolz sein weisses Haupt empor, lieber 
den hundert \ind hundert Alpenspitzen im Süden ahncte das Auge den 
Spiegel des Meeres. **) Tief hinab nach Tirol drang der Blick zwischen 
die hinabziehenden Gebirge, unter welchen er den Ortler erspähte und 
hinter welchem die zackigen Gipfel der durch Helvetien hinziehenden Hoch- 
gebirge das Auge anstarrte, bis es sich mehr herauf in den weiten Ebenen 
Bayerns verlor. Es ist eine Aussicht, wie man sie selbst auf dem Mont 
Blanc nicht findet, indem diesem Hochgebirge im Südost vorstehen. 

Doch mnss ich bemerken, dass wir uns noch nicht ganz am Ziele 
befanden; wir hatten erst den kleinen Glockner erstiegen, der um 5 — 6 
Klafter niedriger als die zweite ihm links gegenüberstehende Spitze (der soge- 
nannte grosse Glockner) sein dürfte, und welche letztere wir zu ersteigen im 
Sinne hatten. Um vom ersten Gipfel zu dem andern zu gelangen, muss 
man am Seile in die Schlucht, welche die beiden Gipfel trennt, sich hinab- 
lassen, über eine äusserst schmale Schneide hinschreiten, und auf den zweiten 
Gipfel sich wieder hinaufziehen lassen. Allein die Führer stellten uns ein- 
stimmig vor, dass es heuer nicht möglich sei, sich in die fatale Schlucht hin 



*) In frühorcn Jahren pflegton die Bauern an eingetriebenen Pflöcken Seüe zu bc- 
testfgtn, an welchen man hinauf klettern musste. 

**) Bei «ehr heiterem Wetter soll man von der Spitze des Glockners das adriatische 
Meer sehen können. 

20 



306 Alois Egger, 

zum Gros»^lockiit'i' zu wagten. Sie meiuteu, e» gebe in diesem Jahre zu wenig: 
^»chnee, leicht könnten wir auf dem liellen Eise stürzen und Terunglücken. 
Der feste Ton, mit dem sie darüber sich äusserten, machte, dass wir unser 
Vorhaben, die andere äpitze noch zu ersteigen, aufgaben, aber mit allen 
Zeichen des Verdrusses. So viele «Gefahren, dachte Jeder, hatten wir glücktich 
besiegt, so vieles Ungemach ertragen, und dennoch sollten wir unser Ziel 
nicht ganz erreichen. Diese Betrachtung machte uns traurig. 

Doch muss ich den Führern das ehrenvolle Zeugniss geben, dass, ai» 
sie unsere Unzufriedenheit sahen, sie sich alle, selbst jene, welche die-Keise 
auf den Glockner früher noch nicht gemacht, weiter zu gehen erboten ; allein 
nachdem wir alles überlegt hatten, glaubten wir weder unser Leben, noch 
das yon sechs andern Individuen bloss einer Grille aufopfern zu müssen. 
Wir begnügten uns demnach, die erste Spitze erstiegen zu haben, die uns 
die nämlichen Vorteile, wie die andere, etwas Höhere, verschaffte, und mit 
der Ueberzeugung , dass bei einer Höhe von 2000 Klaftern sevh» ein zu 
unbedeutender Gegenstand wären, um sich einer augenscheinlichen Gefahr 
auszusetzen, beschlossen wir, unserer Keise hier ein Ziel zu setzen. Wir 
sagten also dem Glockner ein herzliches Lebewol und traten um 1 Uhr 
Mittags die Kückreise an. 

Diese war, wie Alle einstimmig bekannten, weit beschwerlicher und 
gefahrvoller als <las Hiiuinsteigen. Wir mussten wieder- am Seile hinab- 
steigen und zwar hielten wir neun uns an dasselbe, was noch mehr die 
Sorge vor der Gefahr, Kiner den Andern niederzureissen, erhöhte. Da die 
Mittagssonne den Schnee erweicht hatte, so sanken wir mit jedem Tritte 
über das Knie ein. Dieser Umstand nöti«;te uns, uns nicderzmietzeu , und 
die Schneewand (wol GO Klafter tief; hinabzufahren. In einer halben Stunde 
befanden wir uns wieder an <ler Adlersruhe. Von hier aus gianbtcn wir bis 
zur Scharte ohne alle Furcht hinabsteigen zu können und liefen hinab, ohne 
irgend eine Vorsicht zu gebrauchen, was indess bald unglücklich ausgefallen 
wäre. Einer der Führer, der zu kühn vorausgeeilt war, stürzte in eine 
Eiskluft, aus welcher er sich nur durch Muth und Stärke wieder herausriss. 
Ein flüchtiger Ue)>erblick überzeugte uns , dass er in eine Spalte von unge- 
fähr zwei Fuss Breite gefallen war, welche durch eine Eisdecke versteckt war. 
Mit Schaudern sahen wir in die Tiefe hinab. Behutsamer setzten wir über 
die Scharte und den Gletscher hin zur Salmshütte, die wir um 3 Uhr er- 
reichten, daselb.st etwas ausruhten uud dann unter Scherz und Jubel nach 
Heiligeublut zogen, wo wir mit Anbruch der Nacht ankamen. Freudig kam 
der Herr l*farrer dem Zuge entgegen, ihm zur vollbrachten Expedition 
Glück wünschend. *) Er hatte uns von 10 Uhr Vormittags bis 3 Uhr Nach- 
mittags mit dem Fernrohre beobachtet ; er versicherte uns, unzähligemal zum 
Fenster geeilt zu sein, uui mit dem Fernrohre nach dem Glockner zu sehen 
und uns zu entdecken; er erblickte uns auch imd nahm deutlich wahr, 
wie wir von 10 Uhr an bis 11 Uhr immer aufwärts stiegen, wie wir an 
der Adlersruhe ausruhten und dann wieder voraarückten — : wie Einer aus 
uns die Andern weit zurückliess, um den Weg zu bahnen — wie wir den 
Gipfel mittelst des Seiles erstiegen, den Gipfel wieder verliessen, zur Tiefe 
zurück einlenkten und endlich ganz verschwanden. 

Auf dem ganzen, für jeden von uns unvergesslichen Marsche von der 
Salmshütte bis auf den Gii»fel war ausser dem Geheule des Windes und 
dem Knallen des Eises nicht der mindeste Laut zu hören. Auch sahen 



*) Obgleich der Gluckucr jeden Sommer von zahlreichen Gesellschaften besarht 
wird, so gelang es doch vom Jahre 1812 an bis zum Jahre 1818 Niemand, den Glöckner bi» 
auf zwei Drittel seiner Höhe zu ersteigen. 



Ein Beitrag zur Gescbichtti der Glockuerfalirtcn. 3()7 

wir niud um uns her kein lebende» Wesen, ausser uns selbst. Als wir in 
Heiligenblat ankamen, fühlten wir ein Missbehagen iui Gesiebte; es war 
aufgedunsen, brennend roth, die Augen aufgeschwollen und entzündet, *) die 
JJppen aufgeritzt. An jeder unbedeckten Stelle des Körpers faltete sich die 
Uant, die nach einigen Tagen allenthalben sit:h trennte und stückweise abfiel. 
Unsere Führer und Träger wurden Abends von uns gut bewirtet, 
worauf sie von uns Abschied nahmen. Wir selbst verliessen nach einer 
woldurchschlafenen Nacht am frühesten Morgen unser Alpendörfchen, über- 
stiegen den Heiligenbiuter Tauern und langten nach einem zehnstündigen 
Marsche in Rauris au , wo ich mich von den Herren Juristen trennte. Sie 
begaben sich nach Gastein, ich nahm den Weg nach Salzburg, wo meine 
Freunde mich erwarteten." 

Prof. Alois Egger. 

Sechs Tage in der Oeizihaier Gruppe* Am 21. Juni 1868, 
Abends 8 Uhr, traf ich mit meinem Freunde Kud. Silkrodt, begleitet vom 
Führer Cypriau Granbichler, vulgo Cyper, welcher auf briefliche Bestellung 
hin unser bereits in Öölden harrte, in Veut eiji, herzlich bewillkommt vom 
hochw,. Herrn Curat Senn. 

1. Tag. 22. Juni. Kreuzspitze, ca. 11,(X)0 W. F. 

Morgens 3 Uhr 20 Min. brachen wir — Freund Silkrodt, ich und Führer 
Cyper — auf und erreichten, nachdem wir unterwegs in der Klotzhütte vorgespro- 
chen und neben den Ueberresten der Sautuioarhütte gefrühstückt hatten, 7 Uhr 
40 Min. die Höhe des Niederjochs, 8'/* Stunden lagerten wir zwischen den Fels- 
trümmem in der Erwartung, dass die ununterbrochen aus demSchnalserthale auf- 
steigenden Nebelmassen, welche den Similaun von Zeit zu Zeit unseren Blicken 
ganz verschwinden machten, endlich ihr Ende nehmen würden. Doch alles 
Hoffen war umsonst. Ich entschied mich dcsshalb dahin, von einer Similaun- 
Ersteigung abzustehen und auf die Kreuzspitzc zu gehen ; denn letzterer 
Gipfel hat gegenüber dem ersteren das voraus , dass er einen nahezu voll- 
ständigen Ueberblick über die Oetzthaler Glctscherwelt gewährt, wärend der 
.Similaun mehr auf bedeutende Fernsicht Anspruch macht. Wir verliessen 
11 Uhr 10 Min. das Niederjoch, hielten % Stunden Mittagsstation an dem 
kleinen, halbwegs zwischen der Santmoarhütte und Kreuzspitze gelegenen, 
mindestens 10 Zoll tiefen See und gelangten 8 Uhr Nachmittags auf den 
<lipfel der Kreuzspitze. 

Die ganze Oetzthaler Gruppe lag im klarsten Sonnenschein vor unseren 
Augen, nur der Similaun und das Niederjoch wetteiferten um die dichtesten 
Xebelgebilde. Dunstiger Horizont verliinderte eine Fernsicht, doch schon das 
Nächste bot des Erhabensten genug. Die Hochgipfel von der Weisskugel 
bis. zum Stubaier Pfaflenkamm, von der Hochwildspitze bis zur Hohen Geige 
Itildeten einen imposanten Circus um unsere hohe Warte. In den deutschen 
Alpen ist sicherlich kein zweiter, verhaltnissmässig so bequeuL erreichbarer 
l*unkt, von welchem aus man so viele und zum Teil grossartige Gletscher 
von ihrem Fimfeld bis zu ihrer Zunge übersehen kann. Die sich für eine 
nähere Detaillirung der Aussicht Interessirenden erlaube ich mir auf das 
«Icmhächst erscheinende Panorama der Kreuzspitzo, gezeichnet vom Maler.. 



*) An der Adlersrube fiugeu wir au aus dein Zabniieisi he zu bluten. Die Gesichts- 
farbe war dort eben so auffallend , als die des Himiuols. Erstere war brauugelb , letztere 
besonders am Gipfel, so gesättigt blau , dass mein dunkelt'ranzblauer Kock im Vergleiche 
damit hell aussah. Auch hatte die Sonne eine gänzlich weisse Farbe und. einen ganz eigen- 
tümlichen Glanz, Es kam uns vor, als ob wir alle Gegenstände umher dun-h einen schwarzen . 
Schleier gesehen hätten. Sterne sahen wir nicht, vielleicht darum , weil unsere Augen vom 
SchnecglaDzo zu geschwächt waren da wir uns keines Flors bedienten. 

20* 



308 Heinrich Waitzenbauer. 

Ch. Brizzi, herausgegeben vom Curat Senn, aufmerksam zu machen. 4 Uhr 
15 Min. traten wir den Rückmarsch an und nach län^rem Aufenthalte vi 
der Klotzhütte kamen wir 7 Uhr 35 Min. Abends nach Vent zurück. 

Die Witterung schien für den nächsten Tag Gutes sn versprechen, 
so dass ich den Entschluss fasste, dem Gripfel des bisher unerstiegenen 
Hinteren Prochkogel (ortsüblicher Ausdruck Brechkogl) einen Besuch ahza- 
statten. *) Dieses Project fasste Curat Senn, ein vorzüglicher Bergstei- 
ger, mit Begeisterung auf und ersuchte mich, an dieser Clxpedition TeU 
nehmen zu dürfen, was ich freudig acceptirte. Zufällig hielt sich in den 
Bofener Höfen der Führer Peter Paul Gstrein von Gurgl auf, welcher von 
meiner Anwesenheit Kenutniss bokonmien hatte und mich ersuchen liess, 
sich meinen Touren ohne irgend einen Anspruch auf Lohn anschllessen 
zu dürfen, nur um das Vonter Gletschergebiet kennen zu lernen. Für die 
morgige Tour schien mir dieses Angebot ganz practicabel ; denn wenn wir 
uns auch auf die Bravour des Cyper vollkommen verlassen konnten, so be- 
trachtete ich doch die Dienste eines zweiten Führers bei Besteigung einer 
jungfräulichen Spitze nicht als überflüssig, da sich uns vielleicht ungeahnte 
Schwierigkeiten in den Weg legen konnten. 

2. Tag. 23. Juni. Erste Ersteigung des Hinteren Prochkogel, 
11,502 W. F. Dritthöchster Gipfel der Oezthaler Gruppe. **) 

Morgens 3 Uhr 25 Min. verliess ich in Begleitung des Cnraten 
Senn mit dem Führer Cyper das Venter Widum. In Bofen .angelangt ver- 
schaffte sich Cyper Schneereifo und weckte den Führer P. P. Gstrein, wärend 
Curat Senn und ich langsam zum Motzen hin&nstiegen, an dessen Fasse 
wir ein kleines Frühstück einnahmen und uns an dem schönen Anblick des 
Venter-Gurgler und Kreuz-Kammes bis westlich zum Hochjoch, dessen Gletscher 
sich herrlich praseutirte, erfreuten. Ueber ^ ein kleines Chaos von Felstrüm- 
mern betraten wir 7 Uhr 10 Min. den Mitterkar-Gletscher und hielten was 
Anfangs an dessen östlicher Seite, da die vom Oetzthaler Urkund abgegan- 
genen Lawinen eine sicherere Passage boten, als die verdeckten Klüfte. 
Mittlerweile wurde die Frage ventilirt, von welcher Seite wir den Hinteren 
Prochkogel angreifen sollten. Ich und die beiden Führer waren der 
Ansicht, den Kamm zwischen dem Vorderen und Hinteren Prochkogel 
in der nordwestlichen Ecke des Mitterkar-Gletschers zu erklinunen, 
wogegen jedoch Curat Senn wegen der enormen Steilheit lebhaft remon- 
strirto und sich für denjenigen Anstieg auf den Weisskamm aussprachf 
welchen Dr. v. Kuthner bei seiner Ersteigung der Wildspitze in nicht 
oben einladender Weise schilderte. Wol schien auf letztgenanntem Wege 
der Kanun unschwierig zu ersteigen, allein ob der Grat gegen Westen zu 
gangbar sei, dafür waren, von unten gesehen, die Aussichten sehr geringe. 
Schliesslich behielt das Project Senn*s die Oberhand, dagut bei einem 
allenfalls missglückten Versuche nicht mir die Schuld beigemessen wer- 
den konnte. Bei weiterem Vordringen auf dem Gletscher hatten wir meh- 
rere notdürftige Schneebrücken zu überschreiten, wesshalb wir uns an's 
Seil banden. Um 8 Uhr 45 Min. standen wir am Fusse des Joches, welches 
einerseits zur Wildspitze ansteigt, andererseits auf schmalem Kamme zum 
Prochkogel sich hinzieht. Rüstig stiegen wir zur Höhe des Weisskammes 
hinan, bogen aber des tiefen Schnees wegen mehr nach links aus, um neben 



♦> Au Sonklar'8 Karte sind Vorderer and Hinterer Prochkogel yerwechselt; die 
GeneraUtabskarte nennt den Vorderen Prochkogel „Prochkogel", den Hinteren einfach 
Prochkogel. 

**> WildspitBo 11,947', Weieakugel 11,841', Hinterer Prochkogel ll^OT, Hintere 
Schwarze 11,478' öimilaun 11.401' ^^r^w» 



Sechs Tage in der Oetzthaler Gruppe. 309 

Felsen, wenn auch hie und da über blankes Eis rasch das Joch zu gewinnen, * 
welches wir auch 9 Uhr 5 Min. erreichten. 

Aber hier war's fürchterlich 1 Vom Taschachgletscher peitschte der 
Wind Nebelmassen zu uns herauf, welche uns jede Aussicht bis auf 20 
Schritte nahmen, hiezu eine Temperatur, die mit dem Gefrierpunkt Bekannt- 
schaft machte. Wir Terweilten daher keine Minute, sondern über ein gegen 
Nordoxi steil abfallendes Schneefeld gingen wir, streckenweise von Kletterei arg 
aufgehalten, in westlicher Richtung den Grat entlang. Der Sturm hatte 
mittlerweile an Stärke so zugenommen, dass wir Gefahr laufen mussten, 
einesteils auf dem mitunter sehr schmalen Pfade in die Tiefe geschleudert 
zu werden, andemteils bei dem dichten Nebel den Weg, auf welchem dem 
Hinteren Prochkogel beizukommen wäre, nicht zu finden. In Folge dessen 
lagerten wir uns 10 Uhr 5 Min. hinter einer Felswand mit der Hoffnung 
auf besseres Wetter, nicht aber mit dem Gedanken, schlimmsten Falles 
resultatlos zurückzukehren. Die beiden Führer unternahmen eine kleine 
Recognoscirungsfahrt, welche aber wenig Erfolg hatte; Cyper meinte jedoch, 
,es könnte gehen*. 

Wenn auch die Witterung womöglich noch miserabler sich zeigte, so 
konnten wir hier doch nicht länger warten; denn über und über bereift, 
zitterten wir am ganzen Körper Tor Kälte, und so setzten wir uns 11 Uhr 
55 Min. wieder in Marsch. 10 Minuten gings noch über Felsen ; dann zwang 
nns eine senkrechte Erhebung, den Grat zu verlassen. Weil nun überhängende 
Schneelager zu passiren waren, banden wir uns an*s Soll und waren froh, 
mittelst Eisstufen den Grat, welcher nun in nördlicher Richtung zum Gipfel 
führt, wieder zu gewinnen. Diese letzte Strecke erinnert mich sehr an den 
höchsten Ortlergrat. *) Auf nicht fnssbreiter Schneide von blankem Eise, 
rechts und links schroff abfallend, balancirten wir zum höchsten Punkt, 
den wir 12 Uhr 27 Min. erreichten. 

Der Ruf der Jungfräulichkeit war hiemit dem Hinteren Prochkogel 
genommen, allein der Lohn der Ersteiger war ein sehr notdürftiger« Von 
Aussicht keine Spur ; nur wenn der Sturm die Nebelmassen auf einige Augen- 
blicke wegjagte, konnten wir senkrecht unter uns ins Bodenlose schauen. Der 
Gipfel läuft so kantig zu, dass ich rittlings sitzen musste, um die Urkunde 
über die erste Ersteigung niederzuschreiben; die Flasche, worin das Doku- 
ment deponirt wurde, fand erst ihren Platz in einem kleinen Steinmandl 
ca. lOOFuss unter dem Gipfel, da selbe, auf letzterem in's Eis vergraben, wol bald 
ihren Weg zum TaschacLgletscher hinab gefunden hätte. Halb erstarrt ver- 
Hessen wir 12 Uhr 48 Min. den Gipfel. Bei der trostlosen Witterung schien 
es nicht geraten, auf neuem Wegfe den Abstieg zu versuchen, wesshalb wir 
unseren Fussstapfen von Vormittags folgten. 3 Uhr 20 Min. hielten wir 
Rast am Motzboden, kamen um 4 Uhr 50 Min. zu den Rofener Höfen, wo 
ich mir den berüchtigten Yemagtgletscher - Bohrer zeigen Hess, und 5 Uhr 
30 Min. betraten wir. das Yenter Widum. 

3. Tag. 24. Juni. Pitzthalerjöchl, 9456 W. F. 

Wegen ungünstiger Witterung konnte ich eine Bergbesteigung nicht 
ausführen, sondern ging in Begleitung meines Freundes Silkrodt mit den 
Führern Cyper und P. P. Gstrein über Heiligkreuz, Geislach, Rettenbach- 
gletscher, Pitzthalerjöchl, Mittelberg nach Planggeros im Fitzthale. 



•) Am 19. Jnli 1867 wrstieg ich mit dem Ftthrer Job. Plnggera den Ortler, was iek 
mir, den Bericbt d«-8 llerm Regiernngsratbea Dr. A. Ficker im Jahrbach IV, Seite 495 er* 
ginzend, zu bemerken erlaube. 4 Engländer mit S Ffibrem, welche sich mir anschloisen , 
•rreiehten nicht den Gipfel. 



310 Heinrich Wiitzeubaucr. 

4. Tajr. 25. Juni. Taschacher lloclijoch, ca. 10^00 W. F. 

Als ioh 4 Uhr 15 Min. Morgens aus dem Widum in Planggeros trat, 
zeigten mir die ringsum liegenden Nebel, dass mein Vorhabon, über die 
Wildspitze nach Vent zurückzukehren, zu gewagt sei, und ich mnsste mich 
daher mit einer Jochpartie, wenngleich einer grossartigon, zufrieden stellen. 
Erst 6 Uhr 45 Min. verlienKen wir Planggeros, passirten 7 Uhr 35 Min. 
Mittelberg und standen 9 Uhr 3() Min. am Fusse des 1 aschach-Gletschen. 
Wir hielten uns thunlichst in der Mitte des furchtbar zerklüfteten Gletschers, 
wurden aber nach 1 Stunde Marsch von riesigen Eiscataracten gezwungen, 
auf den Pitzthaler Urkund loszusteuern. 10 Minuten mussten wir an dessen 
steilen Wänden dahinklettem, bis wieder eine günstige Stelle gefunden 
wurde, das Eis zu betreten. Von 11 Uhr 35 Min. bis 12 Uhr 35 Min. 
nahmen wir das Diner am Gletscher ein. Wegen der vielen verdeckten 
Klüfte das Seil zu Hilfe nehmend, stiegen wir den westlichen Arm des Tascli- 
ach-Gletschers hinan in der Ahsicht, die Vemagtspitze im Norden umgehend, 
zwischen dieser und der schwarzen Wand den Hochvernagt-Gletschcr zu pe- 

winneu. 

Vom Firnfeld des Tascliach-( fletschers auf das des Sechsegerten-Gletscher!« 
übergehend, hatten wir jetzt eine abschüssige Bahn von mindestens 40® Neignnj 
zu passiren, welche ca. 10 Schritte unter uns vertical zum Sechsegerten- 
Gletscher abstürzte. In früher Morgenstunde wäre es uns wol gelungen, anf 
dieser Strecke unser Ziel zu erreichen, aber jetzt nach Mittag gingen fort- 
wärend Lawinen über unseren einzuschlagenden Pfad weg, welche die ganze 
Schneehülle in die Tiefe nahmen, so dass wir mit dem blanken Eis %n 
kämpfen gehabt hätten. Zu einer Stufenhauerei von längerer Daner war aber 
der Tag schon zu weit vorgerückt, umsomehr als unsere Lage durch die vom 
Pitzthale heraufsteigenden Nebel zu einer sehr bedenklichen wurde; auch linp 
es an zu schneiou. Wir änderten daher unsere streng westliche Richtun;: 
und stiegen nach einer kleinen Ausbiegung gegen Südost direct südlich die 
Hochvernagt-Wand an. Nach forcirtem Marsche standen wir 2 Uhr 55 Bün. 
auf der Kammhöhe. 

Der Hochvernagt-(iletscher lag in seiner vollen Ausdehnung klar zu 
unseren Füssen: prachtvoll von der Sonne beleuchtet zeigte «ich der Kreuz- 
kamm« sowie ein Teil des Venter-Crurgler Kammes, wärend gegen Norden die 
ganze Landschaft unter Nebelmassen begraben lag. Die beiden Führer er- 
richteten ein Steinmandl, welchem Bei:*piele mein Freund Silkrodt und ich 
bald folgten. In letzterem Signale wurde auch die Flasche mit der Notiz 
über unsere Passüberschreitung deponirt. In alter Zeit bestand nach der 
Anich^schen Karte wol eine Wegverbindung zwischen Kofen und Pitzth«!. 
allein durch die Veränderungen der Gletscher scheint dieser Uebergang, dessen 
Lage sich jetzt kaum mehr feststellen lässt, ausser Benützung gekojnmen zu 
sein. Im Jahre 1838 ging der bekannte Gletscherführer Nikodem Klotz mit 
seinem Vater über den Veruagt- und Xaschach-Glctscher nach Mittelberg und 
20 Jahre später folgte Dr. v. Ruthner, welcher jedoch wegen zu grosser 
Eiszerschrundung genötigt war, über den Pitzthaler Urkund weg auf den Seclis- 
egerten-Gletscher abzusteigen. 1865 wurde die Partie in umgekehrter Richtnu;: 
von zwei Touristen mit dem Jäger von Mittelberg als Führer ausgeführt. 
Soweit bekannt, wurde bei letzteren Partien die östliche Scharte an der 
Hochvernagt-Wand überschritten und ich erlaube mir daher meinen west- 
licher gelegenen höheren Uebergangspunkt ca. 10,300 W. F. Tasch- 
aeher Hochjoch zu taufen. 4 Uhr 15 Min, kletterten wir an sehr steiler 
Felswand auf den Hochvernagt-Gletscher hinab, überschritten denselben in 
aüdSstlicher Richtung gegen das Schwarze Kögele zu, gingen links an letzterem 
vorbei und waren 6 Uhr 40 Min. auf dem Plattei, wo bis 7 Uhr 5 Min. 
Halt gemacht wurde, 8 Uhr 30 Min. trafen wir im Widum in Vent ein. 



Sechs Tage in der Oetzthaler Gruppe, 311 

5. Tag. 26. Juni. Vorderer Ramolkogel, 11,115 W. F. 

Bedeckter Himmel, daher keine grössere Tour angezeigt. Mit dem 
Führer Cyper erstieg ich (einigen Aufenthalt eingerechnet) in 4 Stunden 5 Min. 
•dcÄ Gipfel des Vorderen Ramolkogel. Die Oetzthaler Gruppe war hin und 
-wieder in voller Ausdehnung sichtbar; Wolken verhinderten eine Fernsicht. 
Der Abstieg wurde in 2 Stunden ausgeführt. 

Für den nächsten Tag stand die Weisskugel auf dem Programm und 
Tsollte Nachts 12 Ulir aufgebrochen werden. In fröhlicher Unterhaltung ver- 
strich der Abend nur zu rasch und als ich mich um V4I2 Uhr nach den 
Sternen umsah, konnte ich von diesen Nichts entdecken, wol aber bis auf die 
"Thalsohle herabziehende Nebel. Mein Weisskugel -Project ad acta legend 
beschloss ich, sofort nach Moran zu gehen. 

S. Tag. 27. Juni, Ramolj och, 10,160 AV. F. Langthalerjoch, 9972 W. F. 

Spronserjoch, 7920 AV. F. 

Morgens 2 Uhr 20 Min. brach ich mit dem Führer Cyper von Vent 
auf. Ueber das Ramoljocli weg 5 Uhr 40 Min. waren wir 6 Uhr 45 Min* am 
Ourgler Gletscher, passirten den Langthaler See, der noch eine ganz ansehn- 
liche Wassermasse fasste, an dessen westlicher Seite und hatten 10 Uhr 
o Min. nach einem wegen der bedeutenden Schneelager und Klüfte sehr 
gefährlichen Anstieg das Langthaler Joch erreicht, wo wir uns bis 11 Uhr 
15 Min. Rast gönnten. Den Thalschluss von Pfelders in grossem Bogen 
nach Südwest ausgehend oder, richtiger gesagt, in haarsträubender Weise 
hinabgeklettert, kamen wir 1 Uhr 5 Min. auf die oberste Pfelderthaler Alpe 
^m Eingang des Lanzinser Tliales. (Diese Sennhütte scheint nicht vom grossen 
Touristenschwarm besucht zu werden, denn für drei Mass Milch wurden 
mir zwei Neukreuzer abverlangt.) Bei einer drückenden Hitze stiegen wir 
das Spronser Joch an und waren froh, ca. 100 Schritte unter der Passhöhe 
noch Schnee zu treffen, um unseren Wein auffrischen zu können, 3 Uhr 
36 Min. 4 Uhr 30^Min, verliessen wir das Joch und durch das Spronser Thal 
hinaus erreichten wir 8 Uhr 5 Min. Meran. Da mir an diesem Tage das 
seltene Glück zu Teil wurde, schönes Wetter zu treffen, so war der Genuss 
der Drei-Jöcherpartie ein äusserst lohnender. Ich verweise in dieser Bezie- 
hung auf den Aufsatz im II. Jahrbucli, Seite 329t worin Curat Senn air die 
Natnrschönheiten, welche diese Tour bietet, geschildert hat. Den im Jahr- 
buch m, Seite 157, ausgesprochenen Zweifel des Professor Libor Bahr, 
ob es wol möglich sei, in 8 Stunden von der grossen Gurgler Alpe 
nach Schloss Tirol zu gelangen, kann ich nicht teilen. Der betreffende 
Hirte verfolgte kaum irgend ein touristisches Interesse und passirte daher 
die vielen prächtigen Aussichtspunkte ganz teilnamslos. In früher Morgen- 
stunde und ohne Aufenthalt unterwegs ist meiner Ansicht nach die erwähnte 
Strecke von einem tüchtigen Bergsteiger in 8 Stunden zurückzulegen. 

Schliesslich kann ich nicht umhin, den Führern Cyprian Granbichler, 
vnlgo Cyper von Sölden, resp. Vent, und Peter Paul Gstrein von Qurgl meine 
Anerkennung über ihren Mut, ihre Umsicht und Bescheidenheit auszusprechen. 

Heinrich Waitzenbauer. 

Sireifzüge im Sinbai. 

1. Ersteigung des Zuckerhütls (11,100*). 

Ich erwähne derselben nur insoweit, als sie jene des Herrn Joh. Stüdl 
(siehe' vorjähr. Jahrbuch, Seite 384) etwa zu ergänzen vermag. 

Am 3. August 1868 verliess ich mit Urbas Loisl 4 Uhr 40 Min. die 
Mntterberger Alpe. Wir betraten 6 Uhr 55 Min. den Schaufelferner, waren 
8 Uhr 10 Min. auf dem Femaujoehe (25 Min. Rast), legten 9 Uhr 45» Min. 
am- Pfaffenferner Seil und Steigeisen an, standen 10 Uhr 20 Min.' auf der 



312 Richard Gntberlet. 

Wilden-Pfaffen-Sclineide (11,0630> 11 Uhr 45 Min. in der Einsattelung zwischeir 
dieser und dem Zuckerhütl, und endlich Punkt 12 Uhr auf letzterem, der 
höchsten Spitze des Stubai. 

Wärend meines Yerweilens auf dem Zuckerhtitl war es ToUstandig^ 
klar und mit zauberischem Scheine übergoss die Sonne kühne Gestalten 
unzäliger Eisfiirsten, die sich — Ideale irdischer Majestät — mit ihrea 
reinen, funkelnden Schneekronen aus hohen glänzenden Gletscherthälero 
erhoben. Indess, eine treffliche allgemeine Skizze dieses wundervollen Pano- 
ramas verdanken wir bereits Herrn Stüdl, und ich darf daher nur ver- 
suchen, denselben in wenigen Einzelheiten zu ergänzen. 

Als gewaltige Erhebungen, ausgezeichnet durch ihre grossartige Form 
und eine ununterbrochene Eisbelastung, stellen sich gegen Aufgang in grosser 
Nähe die östliche Wilde-Pfaffen-Spitze, der dachfirstartige, kurzspitzige Wilde 
Freiger, der doppelgipfelige Feuerstein und die Fortsetzung des Ridnanner 
Kammes dar. Fast erscheinen diese Berge, von hier aus gesehen, wie Glieder 
einer einzigen Kette, die nur der Wilde Freiger zufolge seiner exponirteren 
Lage merklich unterbricht. Er steht etwas ausserhalb jener, freilich mir 
scheinbaren Linie, isolirt, aber doch nahe genug dabei, um als das vollen- 
detste, effectreichste Bild derselben zu dominiren. 

Nicht minder imponirt der südöstliche Ast mit seinem Cnhninations- 
punkte, der breiten, eisschimmemden Sonklarspitze. Dieselbe setzt einerseits 
zwei scharfe Grate auf die Stubai-Kidnauner Gränze ab, und erreicht ander- 
seits mit dem sehr langen, zügigen Hauptgrat (Schwarze Wand) in nicht m 
starker Neigung den Einschnitt, welcher den Uebergang vom Winnacher 
Thal in^s Timmel vermittelt. Ihre Ersteigung wäre also augenscheinlich von 
der Südseite zu versuchen, und dabei die Timmler, wol noch besser die 
Winnacher Alpe als Ausgangspunkt zu nehmen. Ich glaube bestimmt, dass die 
Sonklarspitze den Knotenpunkt des Stubai-Kidnaun-Passeirer Kammes voll- 
ständig beherrscht und einen höchst belehrenden Ueberblick über diese» 
bis jetzt weniger bekannte, aber höchst interessante Gebiet gewärt. 

Senkt man, auf dem Zuckerhütl stehend, den Blick zur Tiefe, so ver- 
mag derselbe nur nordöstlich im Stubai, südöstlich im Kidnaun den grünen 
Thalgrund zu erreichen. Dagegen wurde mir die ungeahnte und höchst 
freudige Ueberraschung, von meinem erhabenen Belvedere herab mit Hilf^ 
des Femrohres ein Stücklein modemer Cultur zu erschauen, indem ich, durch 
das Ridnaun hinaus lugend, ganz deutlich eine kleine Strecke der Eisenbahn- 
linie bei Sterzing nebst den äussersten Häusern des letztern erkannte. 

In die beiden Hauptäste des Oetzthales, das Venter und Gurgler Thal» 
Hess sich nirgends hineinblicken, doch markiren sie sich durch eine so 
starke Furche, dass mir ihr Lauf nicht den geringsten Zweifel einflösste. 
feinen prächtigen Anblick gewärte mir in dieser Richtung der zerklüftete 
Abbruch des Gurgler Femers gegen das Langthaler Eck ; auch seine oberen 
Fimfelder leuchteten zu mir empor und nur der mittlere Teil war durch 
das Massiv der Schwärzenspitze gedeckt. 

Unmittelbar nach der Ankunft auf dem Zuckerhütl hatte ich in den 
höchsten Punkt seines eisigen Hauptes den Bergstock eingerannt und das 
Barometer daran gehängt. Ich las es 1 Uhr, 1 Uhr 15 Min. und 1 Uhr 
30 Min. ab, und zwar jedesmal genau mit demselben Resultate. Luftdruck 
und Temperatur waren also völlig constant, auch regte sich nicht das leiseste 
Lüftchen. Ich beobachtete Barometer 217.60 Par. Lin., Temperatur des 
Quecksilbers + 5.76 B., der Luft -f 4*0 R. Hieraus Seehöhe 11,116*, tlw 
nur 16' mehr wie die trigonometrische Messung. Trotz dieser grossen 
Annäherung bin ich noch voll Misstrauen gegen meine Methode , 'iviU also 
die wenigen ferneren Angaben, die sich hierauf beziehen, nur unter diesen 
Vorbehalte gemacht haben. Einstens, wenn mir mehr Erfahrung cur Seite 



Streifzüge im Stubai. 313 

steht, gedenke ich mich über diesen wichtigen Zweig alpiner Forschung ein- 
gehend und positiv auszusprechen. 

Wir Terliessen 1 Uhr 50 Min, das Zuckerhütl, waren 2 Uhr 10 Min, 
auf dem Sattel unmittelbar darunter, standen 2 Uhr 35 Min. abermals auf 
der Schneide des (westl.) Wilden Pfaffen, hatten 2 Uhr 55 Min. seine erste^ 
3 Uhr 15 Min, eine zweite Stufe abgestiegen, legten, nach Ueberschreitung 
des Pfaffenfemers, 3 Uhr 30 Min. Steigeisen und Seil ab (10 Min. Aufent- 
halt), befanden uns 4 Uhr 15 Min. wieder auf dem Fernaujoche (15 Min, 
Bast), hielten auf dem Schauflerferner (5 Uhr 25 Min. -- bis 5 Uhr 55 Min.) 
ein kleines Mahl, verliessen 6 Uhr 15 Min. den Gletscher und trafen 7 Uhr 
45 Min, wieder in Mutterberg ein. 

Beim Abstiege vom Schauflerferner hatte Loisl fleissig zu sondiren, 
und oft fuhr sein Stock tief in die trügerische, nun durch die Tageshitze 
erweichte £isdecke hinein. Solche Terdächtige, hohle Stellen, die unser Ge- 
wicht nicht mehr zu tragen Termochten, nötigten wiederholt zu zeitraubenden 
Umwegen, So sehr aber auch hiedurch das Vorhandensein zalreicher, nur 
schwach überdeckter Spalten constatirt war, verweigerte Loisl doch ziemlich 
eigensinnig das Wiederanlegen des (auf seinen Wunsch) viel zu früh einge- 
rollten SeUes, Ich konnte ihn hiezu überhaupt erst dann bewegen, als ich 
auf das entschiedenste darauf bestand, nachdem mein linker Fuss zweimal in 
Klüfte eingebrochen war und nur die zufallige Gewinnung festen Grundes 
durch einen raschen Salto seines rechtseitigen Kameraden mich vor Unheil 
bewahrt hatte. 

Ehe ich von der Mutterberger Alpe und ihren gutmütigen, sehr mit 
Unrecht als ungastlich verschrieenen Bewohnern AbscMed nehme, muss ich 
Xiocb erwähnen, dass sie nach Schaubach 5340^ hoch liegt. Diess ist meines 
Wissens bis jetzt die einzige Angabe, die darüber ^xistirt. Am 2. August 1868 
7 Uhr Abend beobachtete ich dort: Barometer 277,2 Par. Lin,, Temperatur 
des Quecksilbers + 9.3 K, der Luft + 9.0 R. Hieraus Seehöhe 5261', also 
um 79' weniger, wie nach dem seitherigen Gewährsmanne. 

2. Durch das Längenthal auf die Grübleralpe. 

Am 4. August, 6 Uhr Morgens, verliessen wir Mutterberg und waren 
7 Uhr 30 Min. in Kanalt. Loisl, in vergangener Nacht von stark entzün- 
deten Augen geplagt, auch jetzt noch heftige Schmerzen ausstehend, bat hier 
um einige Stunden Buhe. Da für heute gar nichts zu versäumen war, und 
das liebenswürdige Thalkind Anna Pfurtscheller, die junge hübsche Tochter 
des alten Jäger-Sepp, ihre Gäste auf das beste und freundlichste zu bewirten 
weiss, willigte ich herzlich gerne ein. Damit nicht die Mehrzal der Touristen 
an diesem echten Alpenhotel ahnungslos vorbeirenne, hatte der Münchener 
Künstler W. wärend meines vorgestrigen Hierseins ein recht auffälliges Schild 
gemalt. Wir nagelten es dann gleich an die -zweckmässigste Aussenseite 
des Hauses, und es wird dort, hoffe ich, seine Dienste thun. 

Erst 3 Uhr Nachmittags brachen wir von Banalt auf und befanden 
ans nach 20 Min., die wir wieder zurück schreiten mussten, am Eingang 
des Längenthals. Hier prächtiger Bückblick auf den dreizackigen Hohen 
Bargstall, die domartige Kuppel des Seespitz (am Seejöchl), auf den Gams- 
kogel und die doppelgipfeligen Bingspitzen. Der Steig folgt dem rechten 
Ufer des Längenthaler Baches, den man tief unter sich in enger Klamm tosen 
hört. Einen Wasserfall, den er hier bilden soll, bemerkte ich nicht. Es 
scheint da überhaupt kein solcher in des Wortes eigentlichster Bedeutung 
zu existiren, wol aber eine Beihe kürzerer Abstürze, über welche die Gewässer 
des Thalastes in das Hauptthal hinabstürmen. 

Nach einem kleinen, massigen Anstiege war die Klamm umgangen und 
wir betraten den ebenen, lieblich grünen Boden des Längenthaies. Sein 



314 Richard Gutberiet. 

Charakter ist der eines stillen Hirtenthaies, dessen Besuch Niemaud ver- 
säumen sollte. Der kräftige Bach floss nun in gleichem Niveau mit den 
frischen Wiesen, die ihn beiderseits begränzten, Gruppen von Wildheueni 
belebten die herrliche Landschaft und bcgriissten den ihnen wolbekannten 
Loisl schon von weitem mit freudigen Jauchzern. Auf das linke Bachufer 
übersetzend, passirten wir 4 Uhr 15 Min. mehrere Hütten, die im Hinter- 
gründe liegen. Sofort hinter denselben steigt das Thal scharf an und erhebt 
sich zu seiner zweiten, verhältnissmässig beträchtlichen Stufe, deren Höhe wir 
erst 6 Uhr 25 Min. erreichten. Wir gingen hierauf ein klein wenig abwärts, 
überschritten den durch eine grossartige Klamm hinabstürzenden Bach und 
langten 6 Uhr 30 Min. in der Grüblcralpe an. 

Alsbald war mein Instrument aufgehängt und ich beobachtete 7 Chr 
Abends: Barometer 267.60 Par. Lin., Temperatur des Quecksilbers -h 9J0 R., 
der Luft + 8.70 II. Hieraus Scehöhe 6030'. Der Ort gehörte bis jetzt zu 
den ungemessenen. 

Die Grübleralpe, oder, wie Loisl landläufig sich ausdrückte, die „Hütt'n 
im Grübl" besteht nur aus einer einzigen, an die östliche Felswand gelehnten 
engen Sennhütte. Etwa 50 Schritte südlich davon steht noch ein dazn ge- 
höriger Stadel. Diese letzte und höchste Behausung am Nordhang des Stn- 
baier Gebirgsstockes war mit frischem, duftenden Heu gefüllt und diente uns 
als recht bequemer, angenehmer Schlafsalon. Die beiden Senner waren tren- 
herzige Menschen, die sich in Aufmerksamkeiten gegen mich erschöpften. 
Ihre Artigkeit ging so weit, wärend des ganzen Abends unsern beabsichtigten 
Uebergang nach Ridnaun bei derzeitiger totaler Ausaperung aller Gletscher 
für ein unerhörtes Wagniss zu halten. Leider begann Loisl ihre Meinung xn 
teilen. Dieser hatte nämlich ungefähr ein Monat vorher einen Touristen 
und eine alpine Amazone insofeme nicht ganz glücklich hinübergebracht, 
als sie, von der Nacht überfallen, ein sehr kaltes Bivonak an den un^virt- 
lichen Abhängen der Ridnauner Thal wände auszustehen hatten. Jenes Aben- 
teuer lag Loisl noch ganz gewaltig im Magen. Er war voller Bedenken und 
befürchtete jetzt einen viel schwierigeren Uebergang wie damals, wo das 
Eis des Jochos noch durchweg mit Schnee bedeckt war, welcher dem Tritte festen 
Halt gab. Namentlich drückte ihn der Gedanke, auf dem Rückweg solo zu 
sein, und er hielt gs nun für besser, wenn ich auch noch den Gratzer mit- 
genommen hätte. Zu seiner Beruhigung versprach ich, ihn jenseits so bald 
als möglich zu entlassen, damit er noch bei guter Tageszeit zurücksteigen 
könne. 

3. Uebergang über das Ridnauner Joch. 

Als wir am 5. August Morgens 4 Uhr 30 Min. die Grübler Alpe ver- 
liessen, funkelten die blendend weissen Spitzen des Feuersteins bereits im 
magischen Lichte der Morgenröthe. Es war ein entzückender Anblick, doch 
von übler Vorbedeutung für die heutige Witterung. Ohne die geringste Mühe 
erreichten wir 6 Uhr den Rand des Grübler Ferners (nach Barth und Pfaundler 
7433'). Bald nachdem wir ihn betreten, zwang uns das harte, glatte Eis und 
dessen grössere Steilheit zum Anlegen der Steigeisen. Uns anfanglich etwas 
rechts (südwestlich) haltend, kamen wir auf ein geneigtes Plateau, änderten 
dann den Curs gegen Süd, und überquerten (von rechts nach links) den 
ganzen Gletscher, wobei die vielen, nicht allzu breiten Spalten Instige Sprünge 
veranlassten. Nur die Breite der durchweg offenen Bergkluft verhiess dem 
Sprunge keine Aussicht auf Erfolg. Nach einigem Suchen fand sich eine 
schmale, teils kaum handbreite Eisader, die sich im Zickzack von dem eintn 
Rande zum andern erstreckt. Mit quer gehaltenem Stocke balancirten wir 
glücklich hinüber. 

Nun standen wir vor einer stark geneigten Eishalde, welche Loisl 
aum Aifttieg auf die darüber bereits sichtbare Einsattelung des Ridnauner 



Streifzüge im Stubai. 315 

oder Grübler Joches wählen wollte. Dieser nach Loisrs Versicherung früher 
stets eingeschlagene Weg war aber allem Anscheine nach für meinen Baro- 
meter ein verhängnissvoller, nnd überhaupt musste ein zufälliges Ausgleiten das 
rapideste Hinabschiessen in die darunter gähnende Bergkluft zur Folge haben. 
In dieser Erwägung begann ich das umliegende Terrain mit dem Fernrohr 
zu recognosciren. Hiebei fand ich einen zwar scharfen, aber eisfreien 
Felsgrat, der sich in unserer nächsten Nähe (rechts) vom Ridnauner Kamme 
auf den Grübler Ferner absetzte, viel practicabler, und forderte Loisl auf, 
diese Richtung einzuschlagen. Erst nach stürmischer Discussion , wärend 
welchef Loisl zu offenbarer Meuterei sich hinreissen Hess, vermochte ich 
meinen Willen durchzusetzen, und wir begannen, nach Ueberwindung des 
«teilen Firnhanges an den Felsen empor zu klettern. Auch diese verursachten 
anfänglich einige Mühsal, doch weiter hinauf entsprachen sie völlig meiner 
Erwartung; um 7 Uhr 50 Min. standen wir bereits auf der Passhöhe (zwischen 
Feuerstein und Wildem Freiger). 

Kurz nach unserer Ankunft beobachtete ich : Baroraetef 237.0 Par. 
Lin., Temperatur des Quecksilbers + 12.0® R., der Luft + 10.0*^ R.; letztere 
sank zufolge plötzlicher Windsstösse rasch auf + 5.50*^ R. herab. Hieraus 
8eehöhe 9293'. Der Ort gehörte bisher ebenfalls noch zu den ungemessenen. 
Desto lebhafter bedauere ich, unter ungünstigen, wenig Zutrauen gewärenden 
Umständen beobachtet zu haben. 

Die Atmosphäre war dunstig, der Fernsicht ungünstig, die Wolken- 
hildnng geradezu drohend. Unter diesen leidigen Verhältnissen war mein 
Standpunkt nicht besonders geeignet, mir über den Zusammenhang der ihn 
umgebenden Berge und Kämme deutliche Begriffe zu sammeln. So weit ich 
siher zu erkennen vermochte, präsentiren sich letztere hier eben nicht von 
ihrer interessantesten Seite. Weil nun meiner Aussicht alle jene Elemente 
fehlten, welche das Ganze zu einem effectreichen Bilde gestalten, will ich 
sie bei richtiger Beleuchtung immerhin noch für wirkungsreich genug 
halten. 

Der schneidende Wind und die Zeichen am Himmel kürzten unsern 
Aufenthalt wesentlich ab. Also brachen wir 8 Uhr 20 Min. auf, stiegen eine 
««teile, brüchige Felswand ab und betraten nach wenigen Minuten das hier 
-stark geneigte oberste Firnfeld dos Hangenden Ferners. Jetzt war es not- 
^wendig, die Steigeisen kräftig einzustossen, um vollends in die Gletscher- 
mulde hinabzukoramen. Dna Gehen auf dem Gletscher selbst war dagegen 
•'1er reinste Spaziergang. Wir verfolgten ihn südöstlich (schräg links), er- 
reichten 9 Uhr 5 Min. dessen Rand, legten die Steigeisen ab und betraten 
wieder festen Felsboden. 

Den zunächst folgenden Teil des Gewändes, welches sich in kleinen 
Terrassen absetzt, legten wir mit grösster lieichtigkeit zurück. Als wir daher 
10 Uhr 10 Min. zu einem kleinen Gabelfrühstück uns niederliessen , meinte 
Loisl, ich würde jetzt schon allein ganz hinab finden. Er that dann noch 
Reu und Leid wegen seines heutigen raschen AVcsens, wogegen ich ihn 
bezüglich seiner sonstigen ausgezeichneten, mit eminenter Ortskenntniss 
verbundenen Führereigenschaften meiner vollsten Zufriedenheit versicherte. 
Ein herzliches Lebewol auf Wiedersehen und wir gingen 10 Uhr 30 Min. 
-auseinander. 

Zu meiner Rechten wälzte sich der furchtbar zerklüftete und steile 
Ridnauner Thalfemer in die enge Thalspalte hinab; ich hatte mich also 
links XU. halten. Anfänglich ging es ganz passabel, bis mir ein Vorsprung 
da« weitere Vordringen an der linken Thalwand verwehrte, mich zum Ab- 
klettern des rauhes Geschröffes zwang. Oft stand ich nun rathlos und be- 
dauerte mich. Ich gelangte von einer verzweifelten Situation in die andere, 
«s war wirklich höchst erbaulich. Schliesslich gelang es mir, mit nochmaliger 



316 V. Kaltdorflf. 

Benützung der Steigeisen, über heillos steile, von Felsbändem unterbrochene 
Grashalden die Thalsohle zu gewinnen (1 Uhr Mittags). 

Und dess war ich von ganzem Herzen froh! Das schöne, weite, Yom 
Bidnauner Bache durchströmte Becken, in dem ich mich jetzt befand, wir 
ein angenehmer Gegensatz zu den eben überwundenen Schnee-, Eis- und 
Felsparticn. Mit unendlichem Behagen Hess ich mich am Bande des Bach« 
nieder, labte den lechzenden Gaumen mit dem eiskalten Gletscherwasser und 
gab die spärlichen Beste meines Proviantes dem gierigen Magen Preis. 

Ohne mir Zeit zu lassen, die rückwärts liegende Hütte (Agelsalpe) 
zu besuchen, setzte ich 1 Uhr 45 Min. meine Wanderung thalauswärts fort, 
und erreichte 3 Uhr 50 M. das schützende Dach des Bidnauner Wirtshaiues 
in demselben Augenblicke, als die Schleussen des Himmels zu wolkenbraeh- 
artigen Güssen sich öffneten. 

Bichard Gutberiet. 

Dum JBiMsiöeklJoekt Uebergang aus dem Stubai- in's Oetzthal. 
Anfang August 1867 begab ich mich mit zwei Freunden in^s Stubaitkal, 
um in dieser Gebirgsgruppe ein paar grössere Bergtouren zu naachen. Da 
wir die Zeit unserer Abreise von München nicht genau bestimmen komiten, 
war es nicht möglich, einen Führer brieflich zu bestellen. Wir rechneten aaf 
unser Glück , wurden aber leider getäuscht, denn die beiden einzigen, in 
grösseren Partien brauchbaren Führer des Stubaithales, Marxer und Urbas 
Loisl, waren beide auf mehrere Tage abwesend. Da wir keinesfalls Loit 
hatten, beim schönsten Wetter einige Tage zu vergeuden, so einigten wir 
uns, gleich am nächsten Morgen über die Femer in^s Oetzthal zu gehen. 
Der eine Knecht des Wirtes, Namens Bartelmä, hatte diesen Weg schon 
früher einmal gemacht und bot sich uns als Führer an, wenn er noch einen 
zweiten Burschen mitnehmen dürfe; allein sei es ihm aber zu gefahrlidL 
Diess ward zugestanden, und wir einigten uns, ihnen zusammen 10 fl. Fahrer- 
lohn zu geben. Da beide bereits am übernächsten Morgen wieder in Nenstift 
zurück sein mussten, so baten sie uns, noch in der Nacht mit ihnen auf- 
zubrechen. Obwol wir nun an diesem Tage schon von Zirl über die SaUe- 
spitze gegangen und erst um halb 7 Uhr Abends in Neustift angekommoi 
waren, so entschlossen wir uns doch, auf Schlaf verzichtend, um 11 Uhr 
Nachts wieder aufzubrechen. Nachdem wir in Gesellschaft des Cnraten ein 
paar angenehme Stunden verbracht, wurde etwas nach 11 Uhr zum Anf- 
bruche geblasen und abmarschirt. 

Anfangs war es ziemlich dunkel; doch bald erschien der Mond, 
welcher schon nahezu voll war, am Firmamente und beleuchtete magisch 
die riesigen Schneekuppen und Firnfelder des Hintergrundes. Von einer 
Schilderung des Weges bis auf die Mutterberg^r Alpe glaube ich um lo 
mehr Umgang nehmen zu müssen, als selber bereits^ durch eine der meiniD 
weit überlegene Feder, nämlich durch Dr. v. Buthner, im IL Jahrbsch 
des österr. Alpenvereins meisterhaft und in ausführlicher Weise beschrieben 
wurde. Ich möchte nur die Bemerkung anknüpfen, dass bei einiger Acht- 
samkeit und mittelmässiger Orientiruugsgabe der Weg von Neustift bis 
Mutterberg sicher nicht zu verfehlen ist. 

Gegen 4 Uhr Morgens erreichten wir diese Alpe, wo die Senner eb« 
das Vieh auf die Weide Hessen. Auf die Frage, ob wir uns etwas alismhen 
und dann ein Frühstück kochen könnten, erwiederte der Eine: „Machts, waa 
möchts.** Von dieser ErLaubniss machten wir Gebrauch, legten uns auf den 
Heuboden, wo wir eine Stunde schliefen, und brachen, nachdem wir soi 
Frühstücke Chocolade, welche ich als nachhaltiges und leicht transportablaa 
Nahrungsmittel sehr empfelen möchte, bereitet hatten, nach 6 Uhr wieder 
auf. Obwol die Alpe bereits sehr hoch gelegen und von drei Seiten ra 



Das Bildstöckljoch. 317 

mächtigen Fernern und bedeutenden Bergspitzen umgeben ist, sieht mau 
davon doch nur den massigen Kegel der Schaufelspitze, welche allerdings 
mit ihrem sich in das Thal herabsenkenden Ferner und ihren mit Schnee- 
gehängen und Eisbändem durchzogenen Felspartien den grossartigen Hinter- 
grund der Hochgebirgsscene bildet. 

Der Weg führt Anfangs an dem rechten Ufer der Ache an noch gut 
bestockten' Gehängen hin, überschreitet dann bald nach der Einmündung des 
^ebenthales, welches sich von der rechten Seite vom Mutterberger Joche 
herabsenkt, den hier schon sehr unbedeutend gewordenen Hutzbach und führt, 
von hier an etwas steiler ansteigend, an dessen linkem Ufer entlang. Wir 
befinden uns nun in der engen Wildgrube, erreichen, indem wir über eine 
Thalstufe hinansteigen, die Untere Fernau, durchschreiten diese in kurzer 
Zeit und gelangen, bald nachdem wir den Bach abermals passirt, dessen 
unmittelbare Nähe verlassen und an dej rechten Seite des sogenannten 
„Steimnandl** steil über vom Gletscher abgeschHffene Felsen angestiegen 
sind, auf eine zweite Stufe und durch sie in die Obere Fernau ; auch diese 
mit Qrestein und Felsblöcken übersäeten Grashalden sind rasch durchwandert. 
Nun klimmen wir über Felsen und Hochgeröll weiter und erreichen die 
Moräne des Schaufelfemers. Gegen 8 Uhr machten wir eine halbstündige 
Bast, stiegen sodann auf den zu unserer linken Seite befindlichen Femer 
hinab und seilten uns hier an; erst Bartelmä, dann ich, hierauf meine beiden 
Freunde und zuletzt Andrä. Anfangs war der Schnee noch sehr hart, so 
dass wir rasch vorwärts dringen konnten. Nach einer Stunde, als wir mehr 
in die Mitte des Fimfeldes gelangt waren und nun auch die Stralen der 
Sonne — es war nun bereits gegen 10 Uhr — bedeutend an Kraft gewonnen 
hatten, wurde uns das Marschiren schon schwieriger, indem wir fast bei 
jedem Schritte bis über die Kniee in den an der Oberfläche schon sehr weich 
gewordenen Schnee einsanken und dadurch auch zu etwas langsamerem Gehen 
genötigt wurden. Wir wanderten bisher fast gerade gegen die Schaufelspitze 
zu, welche in dieser Nähe als mächtige Fclszinne, wie von Silberbänderu 
durchzogen, mit ihrem schneeigen Grate und ihrer auf der rechten Seite 
«ich erhebenden Eiskuppe aus den weitausgedehnten Fimfeldern gegen 
Himmel ansteigt und einen imposanten Anblick gewärt. Die Steigung ist 
hier und auch noch wärend der nächsten halben Stunde eine ganz unbe- 
deutende, und auch von den verrufenen Klüften merkten wir, trotz des immer 
mehr schmelzenden Schnees nichts; nur einmal sank ich mit dem rechten 
Fnsse bis ungefähr an*s Knie in eine kleine Spalte ein. Wol aber war der 
Schnee streckenweise so durchweicht, dass bei jedem Schritte das Wasser 
unter unseren Füssen in die Höhe spritzte. Nach einiger Zeit wandten wir 
juas bedeutend zur Rechten, so dass wir nun in der Richtung der Wildkor- 
Bpitze oder des Grieskogls vordrangen. Von jetzt an wurde auch die Nei- 
gung des Ferners bedeutender. Nach Barth und Pfaundler S. 140 wäre hier 
nicht mehr der Schaufel-, sondern der südöstliche Rand des Daunkogl- 
femers. 

Nun wollen wir aber auch die Aussicht etwas geuiessen. Unmittelbar 
vor uns erblicken wir die Windacherspitze , etwas zur Linken in nächster 
Nähe die Scbaufelspitzc, mehr zurück den Grat des Apern Pfaffen, rechts 
'snnächst die Hochspitze und den Daunkogl, unmittelbar unter uns das 
Mutterberger Thal mit dem azurblauen Mutterberger See, dahinter fast gerade 
gegen Norden, den Schrankogel, die Seespitze, den Schwarzenberg und die 
3EEnderhof8pit£e. Wenn wir uns umwenden, sehen wir dicht unter uns die 
lange Schneide des Eggessengrates, in der Tiefe einen Teil des Rutzthales, 
eingeschlossen von bewaldeten Höhen; im Hintergründe in nebliger Feme 
ein Chaos von Schnee- und Eisspitzen, welche zu der Zillerthaler Gruppe 
4md den Tauern gehören. Einzelne Berge mit Bestimmtheit zu erkennen, 



318 V. Kaltdorff. 

war uns nicht möglich, und auch unsere Führer vennochteu uns leider uickt 
genügenden Aufschluss zu erteilen; wenigstens widersprachen sie sich m 
ihren eigenen Angaben derart, dass deren Genauigkeit mehr als zu be- 
zweifeln war. 

Doch eilen wir weiter I Wir müssen uns jetzt gerade in der Richtung 
der Einsattelung zwischen Schnufel- und Windaeher-äpitze halten; denn sie 
hnben wir zu überschreiten, um in*s Windacherthal zu gelangen. Nachdem 
wir noch eine gute halbe Stunde, etwas st&rker ansteigend,, auf dem Ferner 
zurückgelegt, erreichten wir gegen 11 Uhr dessen Knde; wir waren also auf 
dieser Seite des Joches ungefähr 2Vt Stunden über Firn gegangen. Wenn 
der Schnee ganz hart ist und man, ohne die Aussicht zu betrachten, rasch 
Yom^-ärts eilt, so ist diese Strecke wol iu zwei Stunden zurückzulegen. Da> 
Joch selbst ist nicht übereist, sondern ein gegen 50 Fuss aus dem Femer 
ansteigender Steinwall, aus zerbröckelten Sclirofteu bestehend. 

Sobald man die Jochhöhe, 9904', nach einem darauf aufgepflauzten. 
roth angestrichenen Baumstämme, in dem sich ein geschnitztes Muttergotte»- 
bild (Bildst<)ckl) beündet, Bildstöckljoch genannt, erreicht hat, gew/iren die 
Oetzthaler Berge und Ferner einen überraschenden Anblick. Gegen Sfideu 
sieht man tief unter sich das Win<lacherthal : auf halber Höhe diessseits dem- 
selben betindet sich unter uns der kleine grüne Falkeusee, jenseits ragt der 
Timbljochberg in die Höhe, mehr rechts gegen Westen die verschiedenen 
Spitzen, welche aus dem das Venter und Gurgler Thal trennenden Kamm 
aufsteigen. Im Westen erhebt sich majestätisch der hohe Sattel der Wild- 
spitze, der höchste Gipfel des Oetzthnles; zu deren Kochten und Linken zieht 
sich ein Heer von aufeinandergethürmten Schneekuppen hin. Gegen Südwesten 
fesselt unser Auge gleichsam als letztes herrschendes Haupt dieser Gruppe 
die schlanke Spitze der Weisskugel, in Form eines riesigen silbernen Finger- 
hutes, rings im Kreise von mächtigen Gletscherpyramiden, wie von Satelli- 
ten, umgeben. 

Kaum 40 bis 50 Fuss unterhalb des .Joches befindet sich auf dessen 
Westseite ein kleine Eislacke, zu welcher wir hinabstiegen, um hier luiser 
frugales Mittagsmahl zu verzehren. Obwol es aus nichts als Speck, Brot und etwa.*>- 
Kothwein bestand, mundete es uns doch besser, als Manchem zu Hause dju< 
reichlichste Diner. Nachdem wir noch einmal die Höhe des Steinwalles hin- 
angestiegen, um noch einen Rundblick auf die ganze Umgebung zu werfen, 
betraten wir um */jl Uhr den Windacherferner und begannen den Abstieg. 
Der Neigungswinkel dieses Ferners ist bedeutender als der des jenseitigen 
Fimfeldes; auch scheint derselbe mehr zerklüftet, wenigstens kaaien wir ein. 
paar Mal an Stellen vorüber, die offenbar nur leicht überdeckte Gletscher^ 
spalten waren und wo man, den Stock in den Schnee einstosseud, kein^ 
Grund mehr fand. Bartelmä sondirte desshalb auch fast bei jedem neue& 
Tritte und wir traten in seine Fusstapfeu ein. Die Kichtung, in der wir 
hinabschritten, war eine ziemlich südliche. Schon nach einer guten halben 
Stunde hatten wir angeblich das Knde des Ferners erreicht und brauchten 
nicht mehr über Eis; das Seil wurde also losgeknüpft und aufgerollt mid 
wir stiegen an der westlichen Moräne weiter. Obige Angabe erwies sich tibrigeni»' 
als falsch, denn schon sehr bald mussten wir wieder auf den Ferner hinab, 
und schritten noch drei- bis viermal theils quer, tlieils der Länge nach, 
über schmale Ausläufer desselben. Als wir über den letzten, den wir paB- 
sirten und der sich etwas steil senkte, abfuhren, bemerkten wir zu unserer. 
Linken mehrere offene Klüfte, und Bartelmä rief uns zu, hier in der Nähe 
sei vor mehreren Jahren ein Engländer verunglückt, welcher in eine Spalte 
gestürzt, nicht mehr lebend daraus heraufgebracht werden konnte. Er meinte 
damit den Kev. Mr. Watson, der beim Uebergang über diesen Ferner im Jahre. 
1860 den Tod fand. Zwischen seinem überlebenden Gefährten und den 



Das BiId8töekljoch. 319 

Führern wurde viel darüber gestritten, wen die Schuld träfe; jener behaup- 
tete, die Unachtnaiukeit der Führer habe seinem Freunde das Leben ge- 
kostet, wärend diese hinwiederum sagten, die Engländer hätten sich nicht 
anseilen lassen wollen. Was Wahres an diesen sich widersprechenden An- 
gaben ist, ist nicht unsere Aufgabe zu untersuchen. Ueberdiess möchte ich 
mit Bestimmtheit behaupten, dass der Uebergang über das Bildstöckljoch 
bei der nötigen Vorsicht und Achtsamkeit, wenn auch niejiit gänzlich gefahr- 
los, doch auch keinesfalls gefährlicher ist, als jeder andere Uebergang über 
Ferner von dieser Ausdehnung. 

Nach dieser kleinen Abschweifung kehren wir eu unserer Schilde- 
rung zurück. Au der letzterwähnten Stelle ist das Seil noch sehr empfe- 
lenswert, wenngleich auch wir ohne Unfall die Felsen erreichten, um Ton 
hier an den festen Boden nicht mehr zu verlassen. Wir stiegen an ihnen 
entlang, bis wir an eine kaminähnliche, steil abfallende Schlucht kamen, 
durch die wir hinabkletternd die unter uns befindlichen Grashalden erreichten. 
Wir eilten über dieselben hinab, kamen jedoch mehrmals an Wände, welche sie 
unterbrechen und uns auf Uuiwegeu zu deren Umgehung nötigten. Da wir 
von nnn an beständig die Thalsohle unter uns erblicken konnten und an 
ein Verirren nicht mehr zu denken war, so baten uns die Fülirer, sie um- 
kehren zu lassen, damit sie noch vor Anbruch der Nacht die Mutterberger 
Alpe erreichen könnten. Wir entliessen sie also um ^^2 Uhr und setzten 
von nun an allein unsern Weg fort, der sich in derselben Art, wie bisher, 
über Grashalden und FeLsengeliänge hinabzog. Nach kurzer Zeit sahen wir 
links den schon oben erwähnten Falkensee ganz in unserer Nähe, gelangten 
rasch tiefer und erreichten kurz nach 3 Uhr dicht vor der Schafalpe die 
Thalsohle, von wo die scharfe Spitze des Zuckerhütls sichtbar ist. Nach 
einer halben Stunde kamen wir zu der vorderen Alpe, wo wir im Schatten 
eines Stadels bis 4 Uhr rasteten und uns durch den Best unseres Weines 
zum Weitermarsche stärkten. Von hier an gelangt man auf gutem Saum- 
pfade, stets au dem rechten Ufer des Baches, in 2 Stunden nach Sölden im 
Oetztliale, das wir gegen 6 Uhr erreichten. 

Unseren 4VsStündigen Aufenthalt in Neustift nicht gerechnet, waren 
wir gegen 33 Stunden unterwegs. Dass wir nach einem solchen, nur ein 
paar Mal auf kurze Zeit unterbrocheneu Marsche nicht bös waren, als wir 
an Ort und Stelle angekommen, bedarf wol keiner besonderen Erwähnung. 

Am Schlüsse sei es mir gestattet, noch zwei Punkte in Kürze zu be- 
sprechen. Der erste betrifft die Ortographie von Windacherthal (Ferner u.s.w.). 
Die Herren v. Ruthner, Pfaundler und v. Barth schreiben beständig, ebenso 
schon früher Anich, AVinachthal, Herr v. Sonklar schreibt auf seiner Karte des 
Oetzthales ebenfalls Winachthal, hingegen in seinem Werke Windachbach. 
Ueherhaupt ßndet mau, so oft man ein anderes Buch ergreift, bald die erstere 
(hie und da auch Winnach), bald die letztere Schreibart. Welche Gründe die 
ohgenannten Herren, deren tieferer Fachkeuntniss ich nicht im Geringsten 
zu nahe treten möchte, bewogen haben, sich für Winach zu entscheiden, 
weiss ich nicht und will desshalb kurz auseinandersetzen, was mich veran- 
laast, abweichend von diesen Autoritäten, Windach zu schreiben. Vor Allem 
bestimmte mich der an der Mündung des Thaies befindliche Weiler Windau, 
welcher sich auf keiner Karte als Winau verzeichnet findet. Dass die Namen 
Windau und Windach enge zusammenhängen, scheint meiner Meinung nach 
kein Zweifel, und glaube ich Au und Thal (Spitze, Ferner etc.), welche 
offenbar denselben Stammnamen führen, auch gleich schreiben zu müssen,.. 
Zweitens bewog mich die Aussprache der Leute, welche alle ein d einschal- 
ten. Herr Curat Senn in Vcnt, mit welchem ich über die verschiedene Schreib-, 
art sprach, erklärte auch, Windach sei das Richtige. Ich wollte diese Frage 
mit dem Angeführten nur in Anregung zu bringen und bin gerne bereit, mich 



320 Rudolph Hinterhaber. 

eines Besseren belehren und durch Geg^engründe überführen zu lassen. Nor 
wäre Einheit erwünscht, da sonst, wie ich es selbst schon hörte, das Windach* 
thal für ein anderes als das Winachthal und dieses häufig für identisch mit 
dem des Winnebach bei Gries gehalten wird. 

Femer möchte ich noch ein paar Bemerkungen über den Weg machen. 

Die Herren Trantwein und Gutberiet, welche im selben Jahre, nm 14 Tage 

später, unter Führung des „Schaflers*' Friedrich Jenewein denselbon Uebor- 

gang machten, schlugen eine wesentlich abweichende Richtung ein. Wärend 

wir in der Untern Femau, wo wir uns auf dem linken Ufer des Rutzbaches 

befanden, diesen noch einmal überschreitend uns links hielten, am Steinmandl 

Torüber in die Obere Femau vordrangen und schon hier unten den Ferner 

betraten, blieben jene auf dem linken Ufer des Baches, stiegen, sich noch 

mehr rechts haltend, in der Richtung dos Eggessengrates aufwärts, umgingen 

somit auf der rechten Seite die Obere Femau, betraten den Femer erst in 

der Mitte und wanderten nur IV« Stunde auf demselben, wogegen wir 

2Vt Stunden über Schnee mussten. Von der Mutterberger Alpe erreichten 

jene in 4Vt» ^^^ ^^^ ^^ ^V« Stunden das Joch. Abwärts hielten sich jene 

ebenfalls ganz rechts, verliessen den Windacherferner schon nach 15 BiDniiten 

und stiegen rechts durch eine Runse auf Felsen ; sie sahen noch mehrmals 

jenseits einer Schlucht den Femer unter sich, auch weiter hielten de 

sich noch immer rechts oben an den Hängen und gelangten erst bei den 

vorderen Hütten hinab iu's Thal. AVir hingegen brauchten, uns mehr linb 

haltend, zum Uobergang über das Firnfeld selbst eine halbe Stnnde, mnssten 

noch öfters Ausläufer desselben passiren und stiegen in die erwähnte Schlucht 

hinab. Das Thal selbst erreichten wir bedeutend weiter zurück. Vom Joch 

bis Söldeu benötigten wir jedoch trotzdem ebenso wie jene nur etwas über 

5 Stunden. Den minder beschwerlichen und etwas kürzeren, desshalb anch 

richtigeren AVcg scheinen jene gewählt zu haben. 

Val. Kaltdorff. 

Ueber Gebirgsfloren, Die zarten Alpenkindcr Flora's dürften 
sich in drei Sichten teilen lassen: in solche, die ursprünglich nur deu 
Höhen angehören, in Pflanzen, die von der Höhe nach den Niederungen 
wandern, und in Pflanzen, die von den Thälem nach den Höhen zie^n, 
letztere jedenfalls die mindest zalreiche Sichte. 

Jene der ersten Kategorie, die ihr Terrain in einer Höhe von 5000* 
bis über 8000' haben, trotzen naturgemäss am meisten einer künstlichen 
Uebersiodlung, und noch mehr jene der Granit* als der Kalkgebirge. Son- 
derbar bleibt aber immerhin, dass die meisten dieser Arten ihre üppigeren 
Repräsentanten in grossblumigen, unbehaarten, minder intensiv ge^iibten, 
höheren und blätterreicheren Exemplaren in der Ebene haben, die, mögen sie 
auch anders getauft sein, dennoch die Mutterpflanze nicht verleugnen können. 
Sollte daher die wahre Wissenschaft gewinnen, wenn wir die vielen EinflfisK 
der Temperatur, des Bodens, der Lage, negiren und eine Pflanze allenfsUs 
ob ihrer tiefer eingeschnittenen Blätter, grösseren Fetalen, leichten Behaamng, 
üppigeren AVuchses etc. zu einer neuen Art stempeln oder Synonyme schaffen 
und nur den Fundus und den Wirrwar zu vermehren trachten, uneingedenk 
der für angehende Jünger der Wissenschaft unnötigen Ueberbürdung des 
Materiales? Dürften, um nur einige von den hunderten anzuführen, Oadi€i^ 
nivalis und G, utriculosa, OerUiana exciaa und O, acatUia, OenHana oUuä' 
fclia und (r. amareüa^ Soldanella alpina und S, montana, Myo9oU8 tUpedti», 
auaveolens und M. sylvatica, Primula acaulis und P. eloHor, Ph^euma hei»- 
»phaericum und Phi^euma orbictdare — dürfte eine grosse Anzahl ans der Familie 
der dchoreaceen, namentlich vom Genus Hieraciumj mehr als Varietäten sein? 
Dass der Standort die Pflanzen ändert, dass der Same, auf andere Erde ge* 



Ueber Gebirgsfloren. 321 

fallen, eine Varietät gebiert, wer wird daran zweifeln? Lehren uns nicht 
die Gärtner täglich, wie man Varietäten an Grösse, Ueppigkeit und Farbe 
erzengt? Welch' ein Unterschied eines PeUrgoniums vom Tafelberge, einer 
Dahlia von Süd-Carolina und jener unserer Glashäuser oder Gartengründe! 
TVoUen wir die Gärtner nachahmen und jede künstlich oder natürlich er- 
zeugte Abart mit einem besonderen Namen taufen? 

Hei den Gärtnern bedingt diess die Industrie; bedingt diess bei uns 
die Wissenschaft? Kaum; namentlich darf man bei den so genauen Forschun- 
gen der Neuzeit erwarten, dass man nicht mehr über Abänderungen staunt, 
die sich nahezu voraussehen lassen. 

Ich habe seit mehreren Decennien einige Alpenpflanzen- Anlagen errichtet, 
anchr eine meiner Wohnung zunächst, und tägliche Beobachtungen lehrten 
mich die Veränderungen, welche ein veränderter Boden, veränderte Lage und 
Temperatur bedingen. Viele bekommen üppigeren Wuchs, verlieren £e Be- 
iiaamng, bekommen grössere Blüten und blassere Farben. Thut die Natur, 
wo sie frei waltet — und sie waltet oft recht frei — nicht dasselbe ? Ich sprach 
Fon Pflanzen, die nach der Höhe steigen, und von solchen, die nach dem 
Thale pilgern; muss hier nicht dasselbe stattfinden? SoMte ein TroUitu hunUli» 
jiicht von unserem wandernden T, europaeus abstammen, also nur eine Varie- 
tät, TrolUu9 europaeus var, moniana sein? Sollte Iris pumüa keine Abart 
Bein? Ich machte diese Erfahrung. Sollte die Primula integrifolia der Hoch- 
^birge und Fvimula spectabilis der Alpenthäler nicht dieselbe Pflanze sein? 
Gibt es hier ein anderes Charakteristicum, als der letzteren Grösse und 
Ueppigkeit?*) 

Eine botanische Celebrität (Trattinik) sagt in seinen Schriften. „Ich 
glaube, dass die Plusmacherei der Arten für die Botanik keinen Vorteil bringt, 
icU glaube, dass die Natur daran reich genug ist und unserer Gevatterschaft 
nicht bedarf, um mit einem schwulstigen Namenextract bereichert zu werden»*^ 
Und so ist es auch: Die Zal unserer Synonyme mahnt uns jetzt schon an 
die Sprachverwirrung bei dem Thurm zu Babel. Wahres Naturstudiam führt 
uns aber sicher einen besseren Weg, als ein unübersehbarer Wust von 
Büchern, um darin die mehr als ägyptisch verdunkelten Mysterien zu 
Studiren. Man denke hier z. B. an die zallosen Anomalien von PotenUlla 
vema, von Veroniea venia, zu der wol auch die Arten F. triphyüoa, digitcUa, 
aeirUfolia und praecox gczält werden müssen. Wärend man in manchem 
Jahr auf demselben Platze lauter V. vema findet, wächst ein anderes Mal 
lauter F. triphyllos^ und wieder ein anderes Mal lauter F. adnifoUa, Ent- 
wickelt sich die Pflanze später bei zunehmender Wärme, ist die Winter- 
feuchtigkeit bereits vertrocknet, bildet sich die F. digitata, die vielleicht um 
Tierzehn Tage früher nichts anderes geworden wäre, als eine F. triphyllos. 

Zu den Arten, welche die Berge bis zur ziemlichen Höhe (5000' — ÖÖOO') 
erklimmen, gehört auch namentlich Primula elalioVy bei der man schon so 
weit differirte, dass man eine Primula elaiior inflata und non inflata unter* 
achied, die nur zu häufig durcheinander gemengt vorkommen. 

Die Beise in^s Thal machen in unserer Flora insbesondere Arabis al" 
pinOf Saxifraga rotundi/olia, Cacalia alpina und C\ Mifrons, Olobtdaria 
eardifolia, Ghmiiana acaulis, Roaa alpina, Rhododendron hirautum, Ranu7iculus 
mofU€mu9, Ihre natürliche Gränze ist 1300', doch lassen sie sich recht gut 



*) Waram ist man dann so nnconsequent, auü anserom Ifex aqui/olium nicht auch 
swei Speclefl za machen, da die einen ^Foliit ooatU oblonyis integri* inermibus'*, andere 
^FoliU laciniatU »pinosU, »ubtu* »atiirate viridibu**' zur (renüge gefunden werden, and nur 
• rstere Art oder Abart Beeren trägt V Aucii icli erltenne sie nur als eine und dieselbe Spe- 
ciee in verschiedenen Altersperioden, aber ähnliche Täuschungen haben für Artenvermehrer 
dnuelben Wert. 

21 



322 Rudolf Hinterhaber. 

in jed« Niederung verpflanzen, so auch die auf 1500' reichenden Aconiten. 
Auf selbe Höhe granzen auch Rhodothamntu chamaeeistus, Rtsnunculuä alpeäritt 
Soldanella eUpinaj Fyrola alpina, Kemera »axiUilhy JSrigeron aZpinum, Atr§r 
ftne alpina, 

Lysiniachia punctata, Äquüegia alrata^ Lüium bvlbiferum, JPolemonitm 
eaertUeum, Dianthus-Arten und mehrere den Alpen entsprossene haben wir 
längst in den Gärten, doch üppiger und in Farbenwahl. Sie acdimatisirten 
sich, und jetzt, dieselben Exemplare auf die Alpen zurückversetzt, würden sie 
wahrscheinlich zu Grunde gehen. Dass man leichter Alpenpflanzen mit £^ 
folg nach den Niederungen versetzt, als Thalpflanzen nach der Höhe, ist 
sicher, indem erstere mehr gegen Temperaturwechsel abgehärtet sind. Anders 
verhält es sich mit den Gletscherpflanzen, die eine fortwärend kalte Tempe- 
ratur für ihr Gedeihen bedingen. 

Man war unsicher, ob Alpenpflanzen besser in Töpfe, als auf Anlagen 
von Tuffsteinen zu verpflanzen seien. Viele glauben das erstere, ja unser» 
ersten Gärten huldigen dieser Methode. Und dennoch ist sie die verfehlte. 
Man reinige die Tuffstein-Anlagen nur fleissig von wucherndem Unkr&nte 
(und vorkommenden Schnecken), welches die zarteren Alpenbürger so gerne 
verdrängt, man sei wählerisch in der zu verwendenden Erde, gebe der gegen 
Osten errichteten Anlage nur die Morgensonne, verwahre sie vor jedem Baini* 
schatten, bedecke sie im Winter fleissig mit Schnee, den man, wo er hinweg- 
schmilzt, so lange als thunlich erneuert, und man wird die schönsten Kesultate 
gewinnen. Sie werden sich leichter und zalreicher als in den Töpfen ▼e^ 
mehren, aber auch ein viel anmutigeres Bild geben. Vor dauentdem 
Regen zu schützen (denn dieser schadet am meisten), ist ja doch nicht in 
schwer und eine passende Vorrichtung dafür leicht gefunden. Mir ist es 
noch bei gar wenigen Alpen- und Hochalpenpflanzen misslnngen, sie dauernd 
auf der Anlage fortzubringen, wo alle blühen und die meisten sogar wuchern. 
Ausnahmen machen zu gerne jene, die im Glimmerschiefer ihre Heimat haben, 
z. B. Primula gltUhioga, oder Gletscherpflanzen, z. B. Saxi/raga biflorOf oder 
endlich die in ihrer Heimat wuchernde Valeriana ceUica; ich glaube aber, 
dass ich selbst einen Teil der Schuld an dieser Ungunst des Fortkommens 
trage, da ich einerseits der betreffenden Erde ermangle, andererseits deren 
Mengungen zu wenig studirt habe; nur fortgesetzte anhaltende Beobach- 
tungen können uns, dann aber auch sicher, zu günstigen Erfolgen führen. 
Hätte ich über Subventionen wie so manche Gärtner zu verfügen, ich würde 
mich verbindlich machen, alle Phanerogamen der Alpen und Hochalpen anf 
meiner Anlage ausnahmslos dauernd fortzubringen. Die Erde liesse sich leieht 
schaffen, und was mir an Gartenkenntniss mangeln dürfte, müsste ein taug- 
licher Gehilfe ersetzen. 

Jetzt, wo ich schreibe (15. Februar), blühen auf meiner Anlage bereits 
Baxifraga hurseriana und opposiUfolia, PotenHUa brauneantij Draba arffoirfii 
und Sauteri, HeUeborus niger und EranthiB ht/emalis. Bald werden mehrere 
Arten von Gebirgsprimeln ihren Schmuck entfalten. HeUeborus mger blülii 
aber auch schon auf unserem Griesberge, so wie ich bereits an sonnigen 
Orten Hepatica triloba, Levccjum vemum und Ghüanthua nivalis pflückte. 

Die Phanerogamenflora der Alpen Oberösterreichs ist unendlich reieb- 
haltig. Nach dem schätzbaren Werke Dr. Sauter^s zält die Gesanuntflora bei 
einem Flächenraume von 2I8V2 D'^^il^Ji ^^^ 1750 Phanerogamen, jene des 
Landes Salzburg bei einem Flächenraume von 130 Q-Meilen bei 1400 öe- 
fässpflanzen. Davon ist nun bei beiden Ländern ein sehr grosser Teil der 
Alpenflora beizuzälen und der nördliche Kalkalpenzug verbindet beide Floren. 
Ein milderes Clima bietet bei ersterem Lande vielen Pflanzen eine Heimat, 
wärend auf den Hochgebirgen Pongau's, Pinzgau's und Lungau*s die Alpenflora 
Salzburgs melir mit der Flora Kärntens und Nordtirols harmonirt. Leider 



Ueber Gebirgsfloren. - 323 

hat das reiche Land Oberösterreicb nocli kein derartig gediegenes Werk, wie 
jenes des Dr. Santer über die Flora Salzburgs aufzuweisen. Dr, Duftschmid, 
der das Manoscript bereits beendet haben sollte, starb; Strebungen Anderer 
wurden bisher mit Eifersüchtelei hintangehalten, erbetene Beiträge todtge- 
Bchwiegen; mehrere wollten leisten, keiner brachte etwas; es fehlte verein- 
tes Streben, welches allein nur Gediegenes bringt. 

Vor allem sollte das Land Dr, Duftschmid's hinterlassenes Manuscript, 
eine tüchtige Arbeit vieler Jahre, grosser Combinationen und gewiegter Er- 
fahmng, von dessen Erben ankaufen; von einem Einzelnen ist ein solches 
Opfer nur schwer zu erschwingen. Der Wille allein kann hier nichts. 

Dass namentlich die Verzeichnisse unserer Alpenfloren noch gar viele 
Lücken haben, ist sicher. Wie selten wird auf den Hochgebirgen die Früh- 
lingsflora durchsucht} Alles besucht in den Monaten Juli und August oder 
auch noch im September die Gebirge; wie viele sonnige Stellen sind aber 
schon im Mai vom Schnee entblösst und bieten der Vegetation Baum. So 
dürfte z. B. das Verzeichniss der Draben hie und da eine Bereicherung ge- 
ben. Auch besteigt man fast immer dieselben Gebirge und erst der kräf- 
tigen Anregung des Alpenvereines ist es zu danken, dass in neuester Zeit 
bisher nie oder selten betretene Gebirgspfade von Forschem besucht werden. 
Möge dieses Streben andaueru, möge der Alpenverein jährlich an Teilneh- 
mern zunehmen I Der Gewin£ für die Wissenschaft wird in so vielen Bezie- 
hungen unendlich werden und die naturwissenschaftliche Durchforschung 
des Landes endlich eine Vervollkommnung erlangen, die uns in dieser Weise 
einigen vorausgeschritten^n Ländern bald gleichstellen wird. Unser so schönes 
Oesierreich ist so gottg^segnet, so reich, dass für Gebildete jetzt das rothe 
Bach des Badeker ni^t mehr genügen sollte, und unsere Alpen bieten 
etwas mehr als grossartige Fernsichten und Alpenforellen. 

Vereinen wir uns Alle unter der Fahne des Wissensdranges: „Coneor- 
dia res parvae crtacwnt!* Und hier sind die Dinge wahrhaftig nicht so klein, 
hier ist von keinem Embryo des Wissens mehr die Bede, hier ist schon so 
vieles vorgearbeitet worden, dass es nur noch eines fortgesetzten und noch 
mehr erstarkenden Eifers bedarf, um das grosse Werk der Naturkenntniss 
des Landes zu fördern. 

Budolf Hinterhuber. 



ErMieigung des groMMcn BärenkopfM. Am 30. August 1865 
brach ich mit beginnendem Tage von der Wallnerhütte im Pfandelthale auf, 
um dem obersten Boden des Pasterzengletschers einen einigermassen gründ- 
lichen Besuch abzustatten. Zunächst hatte ich den Johannesberg im Auge, 
mir aber vorgenommen, je nach Umständen auch ein anderes Ziel zu er- 
w&hlen, um ' so mehr, als schon beim Aufbruche über der Pfandelscharte eine 
dunkle Wolkenwand aufstieg. Der rechte Mann als Führer für die heutige 
Expedition wäre seinen Antecedentien nach zweifellos der alte Plattl gewesen. 
Allein obwol mich derselbe noch vor zwei Jahren in voller Büstigkeit über 
den hohen Aar nach dem Goldberg geführt, so waren doch seit der Zeit 
einige Bedenken erwachsen. Deshalb begleiteten mich die von mir selbst er- 
probten Glocknerführer Tribuser und Georg Wallner (Tausch Jörg), bekannt- 
lich im Winter 1867—68 beim Heuziehen im Gössnitzthale durch eine Lawine 
getddtet. Zwar war keiner von beiden nach ihrer eigenen Aussage über die 
beiden unteren Burgställe hinausgekommen, allein ich verliess mich auf die 
meinerseits aus Buthner's bekanntem Buche, wie von der Glocknerspitze ge- 
wonnenen Einsichten, ferner auf die Keirsche Karte. 

Da Tribuser die Passage unterhalb der Glocknerwand, westlich vom 
kleinen Burgstall, nach seinen diessjahrigen Erfahrungen für äusserst schwierig 

21* 



324 I^r- Demelius. 

erklärte, so bcschloss ich die Höhe do» obersten Pasterzenbodens über den 
hohen Biirgstali hinauf zn gewinnen, znmal diese Linie mir am längsten die 
freie Wahl in der Richtung meiner Unternehmung liess, mithin insoferae 
die strategisch richtige war. 

Erste Station war demnach die Johanneshütte. Von hier ans wurde über 
die untersten Abhänge der Gemsgrube bald die mächtige Seitenmoräne des 
Wasserfallzuflusscs (Sonklar, gegen diese Bezeichnung mit gnten Gründen 
Buthner) erreicht. Den jetzt beginnenden Gletschermarsch wollten die Führer 
auf die Mitte zwisclien dem hohen und grossen Burgstall richten, indem 
namentlich Tribuser der Meinung war, dort sei auf den obersten Keesboden 
hinaufzukommen. Ich selbst erinnerte mich dagegen an Ruthner*s Herabsteigen 
(Berg- und Gletscherreison, S. 135 ff.) und wollte dem hohen Burgstalle von 
Nordosten her zu Leibe gelicn. Das Resultat war ein Compromiss, nach welchem 
wir zunächst den Gletscher in gerader Richtung auf den hohen Burgstall n 
zwei Drittel überschritten, nicht ohne schon jetzt in ein Wirrsal von klafter- 
breiten Klüften zu geraten. Dessenungeachtet ging Tribuser nach Unks 
zur RecognoHcirung vor, kam aber bald über die Unansführbarkeit seinef 
Planes belehrt zurück. *) Jetzt also hiess es den hohen Burgstall mit mög- 
lichst geringer Abweichung nach rechts zu gewinnen. Ich erreichte die Wind 
und zugleich die Höhe desselben unmittelbar am nördlichen Ende, wo der 
Fels untertaucht in dem nach dem Eiswandbühl hinstreichenden Eisrücken. 
Hierbei allerlei Vorsicht erheischende Kluftstudien. Dafür hatten wir jedes 
Ausbiegen nach der Bockkarscharte zu erspart, wie dasselbe, wenn anek 
in geringem Maasse, von Ruthner geschah, wärend Keil (dieses Jahrbuch 
1865, S. 322), um auf den bezeichneten Eisrücken zu gelangen, nord5ttlieIi 
am Breitkopfe vorüber bis nahe zur Bockkarscharte gegangen ist. 

¥!,» war halb 9 Uhr, als ich das kleine schneefreie Plateau des 
hohen Bnrgstall (9371 K.) betrat. Wärend Ruthner dasselbe nur 6 Fou 
breit schneefrei fand, war jetzt der Schnee wol 6 Klafter breit wegg^eschmolses. 
freilich offenbar erst seit wenigen Tagen. Nur ganz winzige blassgelbe Ansitu 
von Vegetation waren in der spärlichen schwarzen , überall von kleinen 
SchmelzwaHserrinnen durchzogenen Schiefererde zu erkennen. Also kein 
Jardiriy wol aber ein auch ohnediess interessanter Frühstücksplatz. Zwischeo 
dem vor 10 Jahren von Kuthner hier oben verzehrten und dem von mir der- 
selben Bestimmung zugefiihrtcn „kalten Huhn** dürfte schwerlich ein drittes 
in der Mitte liegen, überhaupt wol der hohe Bnrgstall nichts Annäherndes 
gesehen haben. 

Wärend der Rast hielten wir Kriegsrath. Schon war die östliche Wolken- 
wand hinter dem Fuscherkarkopf immer höher und dunkler emporgestiegen, ein 
bedenklicher Wind blies ans dem Möllthale allerlei Gewölk auf die nnteie 
Pasterze herauf. Unter diesen Umständen erschien mir die Johannesberg- 
Unternehmung irrationell, obwol der Wog von unserem Standpunkte itim 
Fnsse des Berges, namentlich mit einer Ausbiegung nach Norden, sich leidlich 
günstig erwies. Ein weiteres Vordringen in die Eiswüste war, da das Ein- 
treten eines heftigen Hochgewitters sich auf wenige Stunden mit Sicherheit 
vorhersehen liess, nur mit möglichst gesicherter Rückzugslinie vernünftig. 
Ich beschloss auf dem nach Norden führenden Eiskamme so weit als möglich 
liinanzusteigen. Dieser Kamm erhebt sich, nach Westen in ziemlich sanfter 
AVölbnng ziim inneren Becken des obersten Pasterzenboden abfallend, nach 
Osten hingegen etwas schärfer geneigt, in massiger Steigung zum Eiswind- 
bühl. Ueber letzteren hinaus sah ich den Kamm mit etwas sunehmender 



*) Im Jahre 1867 zeigte mir beim Aufenthalte in der Johanneshütte Tribuer eina 
Ton ihm gefandonen, wie er behauptete, gani practicablen Weg direct aaf den gtf»t» 
BargHtall hinaat 



Ersteigung des grossen Bärenkopfes, 325 

Steigiing zu einer Spitze emporzielien , welche nur der mittlere Bärenkopf 
sein konnte. 

In drei Viertelstunden war der Eiswandbübl (10.023 K.) erreicht; die 
höchste Stelle des kleinen Plateau^s, welches er bildet, etwas rechts liegen 
lassend, gelangte ich nach abermals drei Viertelstunden auf den mittleren 
Bärenkopf (10.583 K,) Der AVeg vom hohen Burgstall bis hierher ist, da 
sich -die Steigung von 12 — 13(X) Fuss ziemlich gleichmässig verteilt, wenig 
anstrengend; von Klüften war auf der Höhe des Kückens nicht das Mindeste 
wahrzunehmen. Das bequeme Steigen gestattet, den vollsten Einblick in alle 
Teile der obersten Pasterze ungestört zu gemessen. Vom Eiswandbühl an blickt 
man zugleich rechts hinab auf den Bockkargletscher (Wasserfallgletscher), 
zu welchem sich schwarze Schieferwände beinahe senkrecht hinabsenken, 
damals von Schaaren krächzender Schneekrähen belebt. Die Schilderung 
dieses merkwürdigen Gletschers, aus welchem sich der Zug der hohen Dock 
in einzig pittoresker Weise erhebt, unterlasse ich in Hinweisung auf die 
Darstellung bei Buthner. 

Wer auf der Höhe des mittleren Bäreukopfs steht, kann über den so 
lange bestrittenen Lauf der Pasterzengränze keinen Augenblick im Zweifel 
bleiben, und in der That, einen bessern Orientirungspunkt für seine karto> 
graphischen Zwecke hätte sich Keil unmöglich erwählen können. Vom Glock- 
ner an rings bis zum Fuscherkarkopf liegt die Umrandung der Pasterze 
offen, und nur die mächtigen in den obersten Keesboden hineinragenden 
Vorlagen des Johannesberges hindern in Etwas den Einblick in die Gegend 
des Schneewinkel kopfs und der Oedenwinkelscharte. Besonders interessirten 
mich die Uebergangspunkte nach Kaprun und Stubach. Letzterer befindet 
sich, wie Kuthner (S. 214) ganz richtig erkannt hat, an der tiefsten Stelle 
des Kammes zwischen Johannesberg und hoher Riffel. Als ich 1867 im Oeden- 
winkel war, zeigte mir der Schmied Gräfler aus Kais den Aufsteig, auf 
-welchem er Jahrs zuvor mit der Expedition Tuketfs zu einer winzigen 
Schartenspalte gestiegen ist; vom Ocdenwiukel ziehen sich erst steile Ge- 
röUhalden,. zuoberst aber steigt ein Schneefeld hinan, welches an Steilheit 
dem von der Adlersruhe auf die erste Glocknerspitze führenden nicht viel 
nachzugeben scheint. Auf der Pasterzenseite hingegen dürfte der Zugang zur 
Scharte etwa über den hohen Burgstall, um die grosse Zerklüftung am Fusse 
des Johannesbergs zu vermeiden, keine grossen Schwierigkeiten bieten. 

Bald lenkte sich meine sämmtliche Aufmerksamkeit auf die vor mir 
nach Norden in greifbarer Nähe liegende Kuppe des grossen Bärenkopfs. Ich 
gestehe, so nahe hatte ich mich diesem für mich wenigstens bisher mit einem 
gewissen Geheimnisse umkleideten Haupte nicht gedacht. Und doch konnte 
ein Zweifel an der Identität meines Vis-ä-vis keinen Moment aufkommen. 
Links unter mir der Karlingerkees, von der Pasterze durch einen von meinem 
Standpunkte hinabziehenden Kücken (mit dem vorderen Bärenkopfe) getrennt 
— rechts unter mir der Bockkarkees schon zum bei weitem grössten Teile 
im Bücken* liegend — unverkennbar führte mich jeder Schritt vorwärts auf 
den Kaprun-Fuscher Scheiderücken hinaus. Die erste massige Gipfelbildung 
dieses Kückens, einerseits eine mächtige, in senkrechten Wänden abfallende 
Vorlage nach Kaprun vorschiebend, andererseits durch eine Kammeinsenkung 
in Verbindung tretend mit dem von der hohen Dock zum Scheiderücken 
heraufziehenden Zuge — was konnte das anderes sein, als der grosse 
Bärenkopf? 

Von meinem Standpunkte hinüber führte eine Art von Zugang, welche 
freilich zu einigen Erwägungen veranlasste. Schon war der Glockner mit 
der ganzen unteren Pasterze in den Wolken, ebenso der Fuscherkarkopf 
mit Umgebung. Sowol von Fusch als von Kaprun wogten die Nebel bis zu 
den Gletschern herauf. Nur die oberste Pasterze war noch rein. Eine Stunde 



326 Dr. Demeliufl. 

höchstens blieb noch zum Vordringen, dann galt es schleunigen Bückzng. 
Der Verbindungsgrat, welcher vom mittleren zum grossen Bärenkopfe führt, 
fällt auf beiden Seiten in Abgründe auf den Karlinger, bezüglich Bockkar- 
gletscher hinab« In schneereichen oder auch nur normalen Jahren, wenn 
eine Schneeschneido auf dem Grate aufsitzt, dürfte der letztere kaum 
passirbar sein. Im Jahre 1865 war bekanntlich der Schnee des Hochgebirges 
zusammengeschmolzen, wie seit lange nicht, nnd in Folge davon lag du 
Gestein unseres Grates an vielen Stellen bloss, oder es -war wenigstens der 
Schnceanfsatz so rcducirt, dass er eine sanftgewölbte Fläche von nie unter 
einer Klafter Breite bot. Unter diesen Umständen war der Uebergang m 
wagen, falls nur der Rückzug vor Einbruch des Unwetters noch zu gewin- 
nen war. 

Erst senkt sich der Grat massig hinab, immer schmaler werdend, dsnn 
hebt er sicli wieder, zuletzt etwas steiler, zugleich an Breite zunehmend. In 
einer kleinen halben Stunde, etwas nach 11 Uhr, stand ich auf dem mnd- 
gewölbtcn Gipfel des grossen Bärenkopfs. Wenn Sonklar die Höhe desselben 
mit 11,066 W. F. angibt, so wird, wer auf unserm Gipfel steht, bei Verglei- 
chuug der 1)enaclibarten Höhen schwerlich viel einzuwenden haben. Eines 
aber möchte ich mit Bestimmtheit behaupten, nämlich, dass die nach SonklViB 
Messungen sieh ergebende Differenz zwischen den Höhen des mittleren und 
des grossen Bärenkopfs von 463 Fuss in Wirklichkeit nicht vorhanden ist 
Ob man auf eine so kurze Entfernung, auf einem Grate, der noch dam 
Anfangs sich etwas senkt, 463 Fuss in die Höhe steigt, oder wie sich nach 
Keil's Messungen ergibt (grosser Bärenkopf 10,696', mittlerer 10,5830 anr 
113 Fuss, darüber wird wol, wer selbst hinaufgegangen, auch ohne lostm- 
mcntc ein Urteil haben. Meines Erachtens entspricht die KeiPsche Differenz 
der Wirklichkeit weit mehr. Dabei bleibt immer die Möglichkeit, dass Son- 
klar's Messung des höheren Punktes richtig, nur wäre dann jedenfalls die 
Höhe des niedereren Punktes zu gering bemessen. 

Der Fernsicht wegen hatte ich die heutige Besteigung nicht unter 
nommen; deshalb betrübte mich in dieser Beziehung der Zustand der Atmo- 
sphäre nur wenig. Ein Fernblick ausgiebiger Art wäre nur mög'lich gewesen 
nach Westen zwischen Biffel und Eiser hindurch und über beide hinweg 
nach der westlichen Hohentaucrnkettc. Dass dieser Blick nicht ohne Inter- 
esse gewesen sein würde, schlicsse ich daraus, dass, vom Venediger g^ehen, 
ausser dem eigentlichen Stocke des Glockner, eben der nördliche Zug seiner 
Gruppe : Bärenkopf, Glockerin, Wiesbachhorn, in eminenter Weise das Ange 
auf sich zieht. 

Weniger liess auch unter den damaligen Verhältnissen die nächste 
Bergumgebung wünschen. Hell glänzte durch wogendes Gewölk die scharfe 
Südschneide des grossen Wiesbachhoms aus grosser Nähe herüber, zwischen 
den noch näheren Häuptern der Glockerin und des kleinen Bärenkopfs hin- 
durch. Letzterer nimmt sich höchst stattlich aus und schien mir an Hohe 
dem eigenen Standpunkte kaum viel nachzugeben. Doch mag die Art, wie 
er sich steil erst mit einer dachartigen Wand, dann einer ziemlich massigen 
Schneekuppe aus der Tiefe des Bockkarkeeses erhebt, ihm bei der Schät- 
zung nach blossem Augenmasse sehr zu statten kommen. Hinüber zu ge- 
langen, wäre nicht allzu schwierig gewesen, obwol man hätte au einer ziem- 
lich tiefen Scharte hinab und dann recht steil hinaufsteigen müssen. Auch 
vom kleinen Bärenkopfe zur Glockerin und von ihr zum Wiesbachhorn ist 
gewiss zu gelangen; allein ebenso gewiss würde eine Besteigung des letz- 
terem auf diesem Wege, möge man nun aus der Fusch über das Bockktr 
oder von der Johanneshütte heraufsteigen, zu viel Zeit erfordern, um an- 
empfolen werden zu können. 



Ersteigung des grossen Bärenkopfes. 327 

Herrlich liegt, wenn man sich nach Westen wendet, der ganze Zug 
vom Johannesberg bis zum Kitzsteinhorn vor und (mit Ausnahme des ersten 
Punktes) unter unserem Standpunkte. Frappant ist die Tiefe, in welche 
jener Zug zwischen Biffel und kleinem Eiser uns . gegenüber zu den Ka- 
pi^nner Thörln hinabsinkt. Da die Tiefe des Einschnittes mit Wolken bedeckt 
war, so blieb der Fantasie noch einiger Spielraum. Bei klarem Wetter muss 
der Blick tief hinab auf den Moserboden und den Boden der Wasserfallalpe 
unvergleichlich sein. 

Den Gedanken, der mir wärend des Ausschaueus gekommen, nach 
Kaprun hinab zu steigen, gab ich bald auf, obwol Tribuser schon allerlei 
vemlich sanguinische Speculationen darüber anstellte. Als ich zwei Jahre 
später vom Kapruner Thörl aus den Weg in^s Auge fassto, welchen ich da- 
inals im dicksten Nebel und zuletzt im vollen Unwetter hätte finden und 
gehen müssen, pries ich meinen seinerzeitigen Ablassungsbeschluss. 

Also zurück nach Heiligenblut. In 1% Stunden war ich dem hohen 
Burgstalle schon wieder ganz nahe und eben im Begriffe rechts abbiegend 
noch dem grossen Burgstalle in der Eile einen Besuch abzustatten, als es 
anfing zu regnen, bald auch zu hageln, und zwar in einem ganz respectablen 
Kalil^. Bis wir den hohen Burgstall hinab und durch das Kluftlabyrinth 
hindurch gelangt waren, natürlich nicht ohne einige Mal den horaufwärts. 
genommenen Weg zu verlieren, hatten sich auch Blitz und Donner eingestellt, 
ersterer von ganz violettrother Farbe. Eben als wir nach 2 Uhr in die 
Johanneshütte eintraten, prasselte nach erschütterndem Schlage eine Stein- 
lawine die Freiwand herab. 

Da that denn die alte Hütte, so gut sie konnte, ihre Schuldigkeit. *) 
Bis Abends 7 Uhr sass ich mit Tausch Jörg am Feuer, der, wie gewöhnlich, 
allerlei Fragen über Telegraphen, Luftschiffe, gezogene Kanonen u. s. w. auf 
dem Herzen hatte. Tribuser hatte es vorgezogen, sich in ein Felsenloch der 
Freiwand bärenartig zu verkriechen, um zu schlafen. Das Gewitter tobte 
stundenlang in immer gleicher Stärke, und schon brach die Abenddämmerung 
herein, als ich über den Gletscher der Franz Josephshöhe zusteuerte. Um 
9 Uhr verliess ich die Wallnerhüttc mit Tribuser, während Tausch zurück- 
hlieb, um nächsten Morgens nach einem von mir verlorenen Ringe zu su- 
chen. Der Hinabweg nach Heiligenblut in tiefster Nacht — kein Stern war 
zn aehen — ^ hatte auch seine Eigentümlichkeiten, namentlich über die Platte 
hinab, deren Wasserkünste in festlichster Thätigkeit waren. Damals hat sich 
Tribuser meinen Dank verdient. Zehn Mal verlöschte die Fackel, die er trug, 
und immer zündete er den Kest wieder an; nächsten Morgen sah ich, wie 
seine Hände zugerichtet waren. Nach Mitternacht unerwartete Ankunft in 
Heiligenblut. 

Als Aussichtspunkt lasst sich der grosse Bärenkopf natürlich nicht 
mit dem Glockner, nicht einmal mit dem hohen Aar (Hochnarr) und seines 
Gleichen zusammenstellen. Als Gletscherwanderung aber der ausgiebigsten 
und interessantesten Art ist die von mir gemachte Tour gewiss zu empfehlen. 
Alle Gletschererscheinungen boten sich dem Auge , von den unzäh'gen Erd- 
pyramiden mit Eiskem am Fusse des Fuscherkarkopfs bis zu einem Lager 
rothtti Schnees dicht an der Hohe des mittleren Bärenkopfs. Charakteristi- 
sehere Gletscherindividualitäton, als Pasterze, Bockkarkees, Karlingorkees, 



*) Sollte ni«ht der Alpeuvereln vor Allem diese Hütte sa erhalten bestrebt sein ? 
Theoretisch w&re firellich diese Erhaltung Sache der Heiligenbluter. Allein was ntitat hier 
die Theorie? Das Erste wäre, einem zuverlässigen Manne die Aufsieht über die Htttte anzn> 
vertnuieft mit der Verpfliebtong , immer Brennhola in ihr bereit zu halten. Bei Mangel an 
letzterem wird immer wieder von Gemse^Jägern und in der Noth auch von Andern das HoIk 
des Daches zu Hilfe genommen werden. 



328 Dr. Demelins. 

jeden mit seiner vollständigen Umrandung, wird man selten von einem Punkte 
ans so bis in's Detail hinein zu überschauen vermögen. Dasn hoch die im- 
mittelbare Nähe 80 vieler herrlichen Häupter, zwischen denen man so recht 
mitten inne steht. Ernstere Schwierigkeiten kann unter Umständen nur der 
Yerbindungsgrat zwischen dem mittleren und grossen Bärenkopf machen, und 
vielleicht der Anstieg zum hohen Burgstall. Tribuser, jetzt, von Plattl abge- 
sehen, der Pasterzen-kundigste Heiligenbluter, ist ein tüchtiger Gletseber 
mann, der immer für Vorwärts stimmt. 

Dr. DemeliuB. 

Vehergmng roit der Jmgdhmu9mlpe (obersies nefereggm) 
nmeh dem Umbmiihal. Auf dem Wege von Pregratten nach Käsern in 
Prettau war mir durch seine wilde Kauhheit das ganze nahe am Ausgange 
des Umbalgletschers links (von Süden) in^s Umbalthal einmündende Snh- 
bach- oder Daberthal aufgefallen und hatte meine touristische Neugierde 
erregt. Dass ein Uebergang durch dasselbe in*s oberste Defereggen fahre, 
war aus Büchern und Karten zu ersehen. Näheres über denselben aber 
nirgends zu entnehmen. Als ich im Jahre 1868 von Bruneck herauf dnrch's 
Rainthal nach der Jagdhausalpo gelangt war, beschloss ich mit meineii 
Keisegefährten, den Herren Feill, Dr. Leidenfrost, Lubensky:. ans Graz, Ton 
hier ans den genannten Uebergang zu benutzen , um auf diesem Wege in 
Einem Tage nach Pregratten zu gelangen. Dass es sich dabei nm Ueber- 
steigung eines sehr hohen und sehr schwach geschalteten Kammes handle, 
war uns bekannt und vom Klammeljoch ersichtlich gewesen. 

In der für's oberste Defereggen überraschend gute Unterkunft bie- 
tenden Alphütte des Sternwirtes von Bruneck gelang es, in der Person eine» 
Melkers einen Führer für den Uebergang anzutreiben. Freilich erklärte 
derselbe, wegen Dranges der Geschäfte uns nur bis in die Sohle des Daber- 
thals geleiten zu können. Durch dies Thal zum Umbalthal hinaus hofften 
wir im Vertrauen auf einen sowol bei Sonklar als Keil eingezeichneten Fosi- 
steig ohne Führer zu gelangen, zumal wir als Träger einen tüchtigen Mann 
aus Taufers bei uns hatten. Der Melker redete zwar nicht ohne Anflug von 
Zweifelhaftigkeit von einer „Daberklamm** — allein damals schien uns dM 
Hinüberkommen über die Höhe das bei weitem Wichtigste zu sein. 

Von der Jagdhausalm zogen wir, nachdem der Morgennebel sich 
einigermassen gelichtet, die Thalsohle sogleich verlassend an der untersten 
nördlichen Thalwand nur kurze Zeit hin, und nahmen dann im vollen rechten 
Winkel nach links abbiegend, unsern Weg etwa eine kleine halbe Stunde 
lang das von Norden kommende Schwarzthal hinauf. Jetzt ging es nach 
Ueberschreitung des Schwarzbachs halbrechts nach NO. an der östlichen Thsl- 
wand empor, teilweise recht steil, aber bequem über Matten, bis wir nach 
zweistündigem Steigen am untern Ende des Felsgerölles anlangten. In wach- 
sender Steilheit zieht sich dasselbe zum Kamme empor, ohne dass man des 
Uebergangspunktes irgend einmal ansichtig würde. Da aber das GSeroll ans 
ziemlich gleich -grossen und dicken Schieferplatten ganz massigen Kalibers be- 
steht, so bedurften wir kaum mehr als einer weiteren Stunde, nm die jeden- 
falls mehrere hundert über 900<) F. hohe Scharte zu gewinnen. Nur gaai 
oben waren noch Ueberreste eines kleinen Gletschers zu sehen, welcher ent 
in den letzten Jahren in dieser Weise zusammengeschmolzen zu sein scheint 
Rechts von der Scharte (südlich) erhebt sich wandartig eine Spitze etwa 
noch 500 F. hoch, wärend nach Norden der Gebirgskanun in mehreren Ab- 
sätzen nicht viel weniger hoch hinansteigt. 

So viel war schon beim Heraufsteigen klar geworden, dass wir den bei 
Sonklar und Reimann eingezeichneten Uebergangsweg nicht gingen. Beim 
ersten Blick hinüber in's Sulzbachthal stellte es sich heraus, dass wir unfl 



Uebergang aus Defereggen in das Umbaltbal. 329 

ziemlich weit nördlich von dem in jenen Karten angegebenen Uebergangs- 
punkte befanden. Zunächst unter uns lag das obere Sulzbachthal, dessen Bach 
-von Norden aus den Gletschern der Daberspitze (Keil) herabkommt, dann 
etwa den dritten Teil einer Kreislinie bis zu dem Punkte beschreibt, wo er, 
mit einigen von Süden kommenden Wasseradern vereinigt, sich wiederum nach 
Norden wendet und nun durch die finstere Daberklamm in ziemlich recht- 
winkeliger Richtung dem Umbalthale zufliesst. Der Punkt, wo das Wasser 
sich nach Norden wendet und das Thal zur Klamm wird, lag von unserem 
Schartenstandpunkte ganz östlich, so dass wir über ihn hinaus den Lasörling 
sahen« Die Linie unseres Hinabsteigens traf beinahe rechtwinkelig auf die 
Richtung der Klamm. Vom Uebergangspunkte der Karten hingegen hätten 
wir den bezeichneten Wendepunkt des Thaies nordöstlich gehabt, die Linie 
uiuieres Hinabsteigens hätte beinahe in der Verlängerung der Klammrichtung 
gelegen. 

Die Aussicht von der Scharte muss bei hellem Wetter sehr interessant 
sein. In nächster Nähe südlich die Riesenfemergruppe, für uns leider in den 
Wolken. Nur hier und da schimmerte ein weisses Haupt hervor. In Norden 
drückt die nahe Böthspitze die noch nähere Daberspitze und das kleine 
Glockhaus unter sich hinab. In Nordosten über der Daberklamm bot uns der 
Malchamstock der Venedigergruppe ein wirres Gewoge von Wolken und Eis- 
zinnen. Der Versuch, über ihm, etwas nach rechts, den Grossvenediger zu ent* 
decken, hatte nur sehr zweifelhaften Erfolg; auch zwei Tage später vom 
Venediger herab bei ganz klarer Aussicht habe ich nicht mit voller Bestimmt- 
heit unsern Uebergangspunkt unterschieden. 

Zur Orientirung für die unmittelbare Umgebung bewährte sich KeiVs 
Karte des Venedigergebiets. Wärend bei Sonklar, dem wirklichen Sachverhalte 
nicht entsprechend, der ganze Kamm vom Kleinglockhaus bis zum Todten- 
karspitz auf beiden Seiten vergletschert erscheint, ist bei Keil ganz richtig 
die Gletscherbedeckung eine sehr beschränkte, auf wenige Punkte verteilte. 
Wenn man von dem Vereinigungspunkte der Thalwässer thalaufwärts blickt, 
so sieht man südlich eine Gruppe von Gletschern um die Todtenkarspitze herum 
und weiter nach links (Südost) gelagert. Weit nach rechts, ganz in westlicher 
Bichtung, hängt ein Gletscher sehr massigen Umfanges über ein steiles 
Trümmerfeld herab. Diess ist derjenige, über welchem wir an unserm Ueber- 
gangspunkt' standen. Es ist diess demnach nach der Sonklar^schen Zalenbe- 
seichnung der Hochthörlgletscher , nicht der Kothemanngletscher, über wel- 
chen letzteren der eingezeichnete Uebergang führt. Bei Keil ist der Gletscher 
unter unserm Uebergang ganz richtig gezeichnet. Dass übrigens dieser Ueber- 
. gangspunkt ein wenigstens früher benutzter war, geht aus den Namen „Thörl- 
spits" und „Hochthörlgletscher** zur Genüge hervor. Unser Hochthörl befindet 
sich nach allem diesem zwischen Thörlspitz und Kleinglockhaus, unmittelbar 
nördlich des ersteren. 

So leicht, als wir aus dem Schwarzthale heraufgekommen, ging es 
keineswegs hinab in's Sulzbachthal. Vor uns hing der Gletscher, in starker 
Neigung und sichtlich zerklüftet hinab, ohne dass sein unterer Teil zu 
sehen war. Da zudem Neuschnee lag, so musste der Gletscher nach links 
umgangen werden. Das war aber nicht möglich, ohne eine sehr steil sich 
zum Kamme hinaufziehende, mit ganz dünnem Eise, darüber mit eben so 
dünnem Schnee bedeckte Geröllwand zu überschreiten. In Ermangelung eines 
Seiles (der führende Melker hatte ein solches für ganz überflüssig erklärt) 
wurde aus den Plaids ein Surrogat hergestellt, und da zwei von uns der 
löblichen Sitte huldigten, für jeden Fall Fusscisen bei sich zu führen, so 
kamen wir, allerdings mit „Ach und Krach "*, über die Wand hinüber. Unter- 
halb derselben befand sich, wie wir nun erst nachträglich bemerkten, eine 
klafterbreite, gastlich geöffnete Kluft im Gletscher. Nun ging es am west- 



330 Dr. Demelius. Uebergang aus Defereggeu in das Umbalthal. 

liehen Gletscherrande hinab, um das Südende herum auf den Ausgangspunkt 
der Daberklamm zu. Leidlich vergnügt stiegen wir eine Sorte ^Maurach*^ 
hinabf welches sich von dem des Schwarzthaies sehr zu seinem Nachteile unter- 
schied. Das ganze Trümmerfeld neigt sich unangenehm nach, der Thalsohle 
hinunter, zu welcher es plötzlich in schroffen Felswänden hinabstürzt ; einige 
Mal mussto sehr energisch gegen unvorsichtige Annäherung an den untern 
Rand des Gerölles gemahnt . werden. 

Am Ausgange der Klamm angelaugt, hielten wir einen Moment Alles 
für gewonnen. Der Defereggcr Melker genoss bei seiner Verabschiedung trots 
seiner etwas zweifelhaften Vordienste der vorhandenen günstigen Stimmung. 
Sobald wir aber Gelegenheit gewannen, etwas gründlicher in die Daberklamm 
hineinzuschauen, verlor sich die Siegesfreudigkeit einigermassen. Ungefähr 
eine kleine Stunde lang erstreckte sich vor uns ein Felsschlund, die Sohle 
ununterbrochen mit Lawinenschnee angefüllt, die eng zusanimenstehenden 
Wände viele hundert Fuss hoch so gut wie vegetationslos und in schöner 
Abwechslung aus kahlen Platten und tiefen Wasserrissen bestehend, immer 
in einer Steilheit von nie unter 50°, oft aber weit darüber. Unser Trost w« 
der Fusssteig, der nach den Karten , auch nach der sonst so trefflich be- 
währten Keirschen, in geringer Höhe über der Sohle rechts durch die Klamm 
hinausführen sollte. Auch waren wir auf einen Schafler angewiesen, der sieh 
in der Klamm befinden sollte. Keine Spur von diesem. Bald hatte indessen 
unser Mann von Taufers, der sich bei dieser Gelegenheit in unerwarteter 
Weise hervorthat, die Spuren eines „Steigele" entdeckt. Oder vielmehr nnr 
Reste eines solchen; denn überall hatten Lawinen iind Gewässer das ohnehin 
spärliche Erdreich hinabgerissen, so dass das „Steigele^ nur hier und dort 
zwischen Hunderte von Fuss breiten, wirklich sehr „bösen Platten^ und glatt 
ausgewaschenen Rissen, immer 2 — 300 Fuss hoch über der Sohle, zu sehen 
und zu geniessen war. Ich muss annehmen, dass der in den Karten gezeich- 
nete Fusssteig sich entweder auf ziemlich vergangene Zeiten bezieht, oder 
dass die letzten Jahre besonders verwüstend gewirkt haben. So viel ist sicher, 
dass der Steig am nördlichen Gehänge des Umbalthales zum Gletscherende 
hin, welchen Viele schon als „unangenehm** bezeichnen, gegen das Steigele 
der Daberklamm ein wahrer Parkweg ist. Wir waren mehrere Bial stark in 
Versuchung, nach rechts mehr in die Höhe zu steigen, in der Hoffnung, dort 
oben das Gehänge weniger steil, die Wasserläufe weniger tief eingerissen sn 
finden. Darin bestärkte uns auch, dass der Schafler, den wir jetzt mit den 
Seinigen wenigstens tausend Fuss über uns an der westlichen Wand wie 
angeklebt erblickten, allerlei nach oben deutende Gesticulationen machte. 
Allein schon neigte sich der Tag zum Abend, das Umbalthal lag so nahe tot 
uns mit seinem sicher nach Pregratten führenden Steige, dass wir doch nad, 
wie mir scheint, vernünftiger Weise, lieber noch weiter, oft mit Händen nnd 
Füssen kletternd, unser angebliches Steigele verfolgten. Bald winkte deiui 
auch Erlösung, indem wir das Umbalthal plötzlich links unter uns sahen nid 
zugleich ein für Umbal erträglicher Steig sich vorfand. Drei volle Stundet 
hatten wir gebraucht, die Klamm zu passiren. Glücklicher Weise war der 
Nebel, der immer nicht allzuweit über uns hing, nicht bis zu uns.herante^ 
gekommen, obwol es von Zeit zu Zeit fein regnete. 

Zur Schonung des braven Mannes von Taufers . wurde noch ein in der 
obersten Steinhütte von Umbal wohnhafter Hüne engag^rt, -und so langten 
wir denn gegen 10 Uhr in Pregratten an, im strömenden Regen und ia 
der rechten Stimmung, uns von einer entsetzlichen Begebenheit enilei 
zu lassen, die vor kurzer Zeit in der Daberklamm passirt ist. Diese Ge- 
schichte, welche entschieden mit der Localität in schönem Einklänge stehlt 
kann sich Jeder, der Interesse hat, in Pregratten verkünden lassen. Hir 
so viel sei verraten, dass bei der Begebenheit der Kampf eines Hundes mit 



Dr. Josef Khuen. Aus dem Zillerthale. 331 

einem „ Geiste" eine Rolle spielt, und dass der Hund, obwol als Sieg^er her- 
vorgegangen, doch nicht wieder dazu zu bringen sein soll, seine Existenz der 
Daberklamm anzuvertrauen. 

Ob der gemachte Uebergang anzuraten ist? Meine Reisegefährten 
▼errieten eine bedenkliche Neigung, mir, der ich diese Expedition in Vor- 
schlag gebracht, ein Misstrauensvotum zu überreichen! 

Dr. Demelius. 

Aus dem XiUerihaie, Es liegt mir ferne, eine Beschreibung dieses 
herrlichen Thaies, das ich im Herbste des vorigen Jahres durchstreifte, geben 
zu wollen. Die Besucher finden in den Werken von Schaubach, Amthor, 
Trautwein, Trentinaglia, dasselbe auf das Eingehendste und bis in^s kleinste 
Detail behandelt. Ich möchte mit diesen wenigen Zeilen nur jene Touri- 
sten, welche sich den Anblick der etwas schwer zugänglichen Gletscher- 
pracht dieses, durch seine stralenförmig auseinanderlaufenden Seitenthäler 
(Gründe genannt) einzigen, Alpenthales versagen müssen, auf eine kleine, aber 
recht lohnende Tour aufmerksam machon, die meines Wissens in den oben 
citirten Werken nicht erwähnt ist. Man geht von Mayrhofen aus, über- 
schreitet auf gedeckter Brücke den wild aus dem Zemgrunde hervorbrau- 
senden Zembach und gelangt nach Finkenberg, der ersten, mit seinen 
zwischen Bäumen und Wiesen zerstreuten Häusern hübsch gelegenen Ort- 
schaft des Duxer Grundes, in deren Nähe der bekannte Teufelssteg in schwin- 
delnder Höhe den Duxer Bach überspannt. Von Finkenberg gegen Norden 
führt ein sehr steiler, durch in den Boden eingelegte plattenförmige Steine 
oft treppenartig gestalteter Pfad in einer Stunde nach dem sogenannten 
Fix st ein. Es ist diess eine mit Wiesen, Feldern und Häusern bedeckte, gar 
lieblich gelegene Hochebene von ziemlich bedeutender Ausdehnung, wie man 
solche vom Thalgrunde aus gar nicht vermuten sollte. 

Es bietet sich auf derselben dem Auge ein wunderschönes Bild: zu 

Füssen das herrliche Thal mit seinen Ortschaften Mayrhofen, Hippach u. s. w. 

hjs hinaus gegen Zell ; gerade gegenüber im Süden dringt der Blick wenigstens 

teilweise in die verschiedenen Gründe : Zillergrund , Stillup , Zemgrund, 

überragt von den prachtvollen Gestalten des Tristen- und Ahornspitzes 

und des grossen Ingent mit seinem Gletscher — rechts gegen Westen 

schliesst der schön geformte Grünberg das Bild ab. Man durchwandert diese 

Hochebene ihrer ganzen Länge nach von West nach Ost, und an einem 

Punkte ragt plötzlich das eisige Haupt des Löffler in die Lüfte, um nach 

wenigen Schritten schon wieder zu verschwinden. Vom Ende der Hochebene 

führt wieder ein sehr steiler Pfad durch Wald in^s Thal und über Astegg 

nach Mayrhofen zurück. Die ganze Tour nimmt vier leichte Stunden in 

Ansprach und kann Jedermann als sehr lohnend empfolen werden. 

Ich kann bei dieser Gelegenheit nicht umhin, auch des in seiner Eigen- 

tfbnlichkeit einzigen Erdenwinkels Hinter-Dux zu erwähnen, wenn auch 

nnr in einer Frage sehr materiellen Interesses, die aber für miide Wanderer 

«Qch ihre Berechtigung hat, nämlich der Frage des Unterkommens. Fort- 

-wSirend strömender Regen hielt mich, meine Frau, einen Freund und dessen 

T^chterchen durch volle vier Tage und Nächte im Gasthanse des Josef 

Kirchler festgebannt. Es war schon in vorgerückter Jahreszeit, Mitte Sep- 

-tember, das Haus daher für längere Bewirtung von Gästen nicht mehr recht 

Torgesehen, Dessenungeachtet hatten wir alle Ursache, zufHeden zu sein, 

JCÜche und Bedienung war gut, der Wein vorzüglich, die ^mmer und Betten 

ivraren ganz leidlich, die Preise (circa 3 fl. per Tag für zwei Personen) 

xnässig; kurz, billigen Ansprüchen — und andere kann man in dieser rauhen, 

Abgelegenen Gegend, bei 4700 Fuss über dem Meere wol kaum erheben — 

'wird vollkommen Genüge geleistet. Im Sommer und Frühherbst wird wöchent- 



332 Conrad Grefe. 

lieh zweimal frisches Rind- und Kalbfleisch von Steinach an der Brenner- 
Strasse über das Daxer (Schmirner) Joch herübergesäumt. Zam Uebergange 
über dieses Joch (7300 Fuss), ein sehr lohnender und durchaus nipht be- 
schwerlicher Weg, stehen in Hinterdux sichere Maulthiere zu Gebote. Ich 
führe diess alles an, weil ich mehrseitig dem Vorurteile begegnete, als könne 
man in Hinter-Dux gar nicht existircn, und weil ich es den braTen Wirte- 
leuten schuldig zu sein glaube, dieses Vorurteil zu zerstreuen. £& möge sich 
daher Niemand abhalten lassen, dieses einsame Hochthal mit seinem erhabenen 
Hintergrunde, dem Duxerferner mit der gefromen Wand und seiner höchsten 
Spitze, dem Olperer (über 10.000 Fuss) zu besuchen. 

Dr. Joa. Khuen. 

* Zur Krinnerung nn den LanÜMehmßMtnaler Ignmz IHrn, 
•}• 6, April MSß9. Ignaz Dom wurde am 23. Jänner 1823 in Wien ge- 
boren und zwar unter Verhältnissen, wie sie nicht ungünstiger sein konnten; 
die Familie eines kinderlosen Zimmermalers nahm das die elterliche Pflege 
entbehrende Kind zu sich und erzog es so gut, als es die sehr geringen 
Mittel und die sehr primitive Bildungsstufe erlaubten« Der Besuch der Haupt- 
schule, Patronenausschneiden und Farbentragen erfüllten die erste Jugend 
des schnell und hoch aufschiessenden Knaben. 

So erreichte er das 14. Jahr. Zwar definitiv zum Zimmermaler bestinunt, 
sollte er doch durch den Besuch der Akademie der Künste eine etwas höhere 
Ausbildung in diesem Fache erlangen, als sein Ziehvater besass. Am 13. 
Juni 1837 wurde er von dem (längst verstorbenen) Professor Job.. Mössmer in 
die „Landschaftsschule** als „Akademiker'* aufgenommen und trat bald darauf 
auch in die Figurenschule des ebenso trefflichen als gefürchteten Professor 
Gsellhofcr. 

Es waren schwere Jahre, die nun folgten; oft und besonders im Som- 
mer musste Stift und Kreide zur Seite gelegt und beim Liniren und Patro- 
uiren geholfen werden, im Winter sollte dann das Versäumte eingebracht 
werden; allein bald hiess es, sich nach Colorirarbeiten, ja nach Lectionen 
umsehen, damit etwas verdient würde und so mussten auch da viele kost- 
bare Stunden versäumt und dem Studium entzogen werden. 

Es war ein peinliches Dilemma, über welches Dorn oft und schmerz- 
lich klagte. Die Professoren waren unzufrieden mit den langsamen Fort- 
schritten, die Fitem mit dem spärlichen Verdienst, er aber arbeitete sich 
früh und spät hinab und konnte es doch Niemand recht machen, und wie 
sollte unter diesen Verhältnissen erst der immer mächtiger werdende 
Wunsch, sich zum Künstler auszubilden, zur Ausführung kommen? 

Dieser Fortschritt in seinem Wünschen und Streben war im Laufe der 
drei ersten Jahre seiner akademischen Laufbahn ganz naturgemiiss einge- 
treten ; trotz der vielen Entbehrungen und schmerzlichen Kampfe, welche er 
durchzumachen gehabt hatte, war diese Epoche doch für ihn in vielen Be- 
ziehungen fördernd und fruchtbringend gewesen. E'r war in einen Kreis von 
gebildeten, jungen Leuten gekommen, die akademische Bibliothek, welche er 
Abends fleissig benützte, hatte manche Lücke seiner Bildung anagefüllt n&d 
seinen Gesiditskreis erweitert. Die vielfache Betrachtung von NachbUdns- 
gen erhabener Kunstwerke, wie er sie in der Antikensanmilung vor sich s4 
hatte Auge und Empfindung veredelt, wie nicht minder das Zeichnen nich 
der Natur, zu der er sich schon damals unwiderstehlich hingezogen fShlte. 
War es da zu verwundern, dass bich mit der höheren Ausbildung seistt 



*) Gesprochen in der VereinsTersammlang am 16. Jon! 1869, bei Gelegenheit der Am* 
ßteUong einer grosaen Zal von Oel-, Aquarell- und bleiatiftstücken D o r n'a. 



Zur Erinnerung an den Landschaftsmaler Ignaz Dom. 333 

Geistes auch die Üeberzeugung entwickelte :' mit ernstem Wollen sei auch 
«in ferneres und schöneres Ziel zu erreichen, als ihm von Hause aus ge- 
steckt war? 

Dorn hatte zwar ein ungemein weiches Gemüt, aber einen zähen, 
ausdauernden Charakter, und wenn es ihm auch noch manche schlaflose Nacht 
kostete, ehe er den Entschlnss fasste, seinen Willen, sich ganz zum Künstler 
auszubilden, entschieden auszusprechen, so hielt er doch, als dieser Schritt 
endlich geschehen war, unerschütterlich daran fest ; mit Hilfe einiger Lectio- 
nen und anderer Nebenarbeiten deckte er seine Bedürfnisse so gut als mög- 
lich und widmete seine ganze übrige Zeit dem Studium in der Akademie 
und nach der Natur. 

Seine Professoren, die lange Zeit den jungen anspruchslosen Menschen 
sich selbst überlassen oder höchstens seine langsamen, Fortschritte und das 
ofte Wegbleiben getadelt hatten, bemerkten endlich sein ernstes Streben 
xtnd widmeten ihm eine erhöhte Aufmerksamkeit und einige Unterstützung; 
insbesondere gilt diess von unserem verehrten Mitgliede, Professor Tho- 
mas Ender, welcher damals die Landschaftsmalschule an der Akademie leitete 
■and jährlich mit mehreren Schülern auf vier bis sechs Wochen einen weiteren 
Ausflug auf Kosten der Akademie unternahm. 

Zwei Mal ^vurde Dorn diesen Ausflügen beigezogen und lernte auf 
diese Weise das ganze Salzkammergut kennen ; — oft versicherte er mich, 
diess erste Betreten der Alpenwelt habe einen unauslöschbaren Eindruck auf 
ihn gemacht und jene tiefe Sehnsucht begründet, die ihn seither durch so 
viele Jahre immer wieder von Neuem dem geliebten Hochgebirge zuführte. 

Es folgten nun einige Jahre rascherer Entwicklung. Der Verkauf 
einiger Bilder, verschiedene kleine Aufträge und bessere Lectionen brachten 
Ermutigung und Mittel zu weiteren Studien. 

Im Jahre 1846 trat Dorn aus dem Verbände der Akademie und suchte 
sich eine Existenz durch die Errichtung einer Privatzeichnenschule zu sichern ; 
doch es warte bis ld49i ehe er die Concession dazu erlangen konnte. Etwas 
früher hatte er sich verheiratet, und so mit 26 Jahren eine unabhängige 
Stellung und einen eigenen Herd begründet. 

Das Jahr zuvor hatte ihn eine ernste Gefahr bedroht ; ein heftiges 
Blutbrechen, von dem er plötzlich befallen wurde, erfüllte ihn und seine 
Freunde mit den ernstesten Besorgnissen. Dom war sehr schnell und hoch 
aufgeschossen, dabei aber ungemein schmal um Brust und Schultern geblie- 
"ben, und hatte durch die Anstrengungen und Entbehrungen, welche er durch- 
zumachen gehabt hatte, seine Gesundheit stark erschüttert. Dennoch ging 
die Gefahr vorüber, er erholte sich und ein längerer Aufenthalt im Mittel- 
gebirge beförderte seine Genesung. 

Seine Privatschule, welche die ersteren Jahre sehr besucht und ziem- 
lich einträglich war, teilte allgemach das Schicksal aller P]:^ivat-Zeichnenschu- 
len, sie verkümmerte unter der Concurrenz der vielen neuerrichteten Real- 
schulen. Dorn sah sich in seinen Aussichten auf eine gesicherte Zukunft be- 
droht und wendete sich dem öffentlichen Unterrichte zu, — schon 1851 
hatte er die Stelle eines Assistenten beim Freihandzeichnen an der Ober- 
realschule auf der Landstrasse erhalten, sie aber aus Gesundheitsrücksichten 
ein Jahr später wieder aufgeben müssen — nun trat er neuerdings — 1857 — als 
Assistent in die Communal-Oberrealschule auf der Wie den und verblieb in 
dieser Stellung durch volle sieben Jahre, sich seinem Lehrberufe mit solchem 
^ifer, solcher Hingebung und Liebe widmend, dass auch die Aufmerksamkeit 
der Comraunal Vertretung auf ihn gelenkt und seine grossen unbestreitbaren 
Verdienste im Jahre 18-4 durch die Berufung als wirklicher Professor an 
das neubegründete Communal-Realgymnasium in Mariahilf geehrt und aner- 
kannt wurden. 



334 Conrad Grefe. Zur Erinnerung an den Landschaftsmaler Ignaz Dom. 

Das Ziel eines langen Ringens war somit erreicht, eine ehrenvolle, zv 
fruchtbringender Thätigkeit berufene Stellung errungen, für das Alter ein 
fester Stützpunkt gesichert. Dorn löste seine Privatschule nunmehr schleu- 
nigst auf und eilte froh und schaifensfreudig in die erfrischende Alpenwelt — - 
nach Lofer — wo er einige Monate mit eisernem Fleisse arbeitete und eine 
grosse Zal Tortrefiflicher Studien zu Stande brachte. 1865 und 1866 wiederholte 
er diesen Ausflug mit demselben Erfolge; 1867 besuchte er zuerst die grosse 
Pariser Ausstellung und ging dann durch die Schweiz und Tirol nach Vor- 
arlberg; 1868 besuchte er abermals und zwar zum letzten Male sein ge- 
liebtes Lofer, von dem er sich diessmal so spät als nur irgeud möglidi 
trennte ; im verflossenen Winter sprach er dann 'oft und mit Vorliebe davon, 
dass er jetzt endlich in der glücklichen Lage sei, seine vielen und grnnd- 
licheu Natnrstudien zu grösseren künstlerischen Schöpfungen zu verwenden, 
und untermalte auch wirklich einige grössere gut angelegfte Bilder. Da ergriff 
ihn im Frühjahr plötzlich eine heftige Lungenentzündung, welcher er nach 
wenigen Tagen am 5. April erlag. 

Durch seinen Tod hat der Alpenverein eines seiner treuesten und 
eifrigsten Mitglieder, die Kunst einen talentvollem, mit ernstem Eifer vor- 
wärts strebenden Genossen — die Schule einen geliebten, hingebenden Lehrer 
verloren. 

Was zunächst unseren Verein betrifft, so sehen wir Dorn^s gesanunte 
künstlerische Thätigkeit mit dessen Zwecken und Tendenzen anFs innigste 
verknüpft. Wir sehen ihn in den Vierziger Jahren Ober- und Niederoste^ 
reich, dann das Salzkammergut unablässig durchziehen, 1854 folgte ein Aus- 
flug in die Karpathen, hierauf bis 1863 jährliche Keisen nach Tirol und 
Kärnten, von 1864 tritt, wie schon erwähnt, Lofer und dessen Umgebung 
in den Vordergrund; zallose Studien in Oel, Aquarell und Bleistift sammelten 
sich in den Mappen des allzu bescheidenen Künstlers, der nur selten etwas- 
ausstellte und jedes Hervortreten mit ängstlicher Scheu vermied. 

Das allbekannte Buch unseres jetzigen Präsidenten ^Aus den 
Tau cm", wie dessen eben unter der Presse befindliches Buch über 
Tirol, endlich fast alle unsere Jahrbücher enthalten jedoch treffliche, genaue 
Aufnahmen von seiner Hand. 

Dorn hatte einen scharfen, fein beobachtenden Blick, verbunden mit 
einem sehr richtigen Proportionsgefühl ; die Form und Eigentümlichkeit jedes 
Gegenstandes vermochte er mit grosser Leichtigkeit und vielem Geschmacke 
wiederzugeben, damit verband er, als Product seines unablässigen Arbeiteos 
eine wahre Virtuosität im Bleistiftzeichnen, — seine Studien, von denen 
wir nur einen kleinen Teil hier ausstellen konnten, werden auch verdienter- 
massen einen dauernden Platz in den Mappen der Kunst- und Naturfreunde 
behaupten. 

Dieselbe anspruchslose Bescheidenheit, welche Dorn als Künstler charak- 
terisirte, erfüllte ihn auch im gewöhnlichen Leben, und vielleicht hat sich 
in Folge dessen so Mancher ein ganz unrichtiges Bild seines Könnens und 
Wissens gemacht; er hatte durch vieles Sehen, Lesen und Beobachten seine 
Bildung auf praktische Weise zu vervollständigen gewusst und speciell die 
Aufgabe des Zeichnenunterrichtes an den Mittelschulen, sowie die dabei an- 
zuwendende Methode mit Ernst und Gründlichkeit beobachtet und durchdacht 
Als seinerzeit die definitive Organisirung dieses wichtigen Unterrichti- 
zwciges bezüglich der Realgymnasien zur Entscheidung kam, ^taunte man fiber 
die grosse Detailkenntniss und die ungemein kläre Auffassung, welche Dom 
dabei an den Tag legte, noch viel mehr aber über die Festigkeit und Enei^ 
womit der sonst so schlichte einfache Mann seine Grundsätze vertrat und 
zur Geltung brachte. 



Anton Hetz. Durch den Oedenwinkel auf die Pasterze. 335 

Sein heiterer lebensfroher Sinn, die aufmerksame Teilname, welche er 
mdem Leide und fremder Freude widmete und sein dankbares, anhäng- 
168 Gemüt hat ihm die Teilname seiner Jugendgenossen unverändert er- 
ten und einen weiten Kreis von Freunden verschaflFt; nicht allein 
Wien, sondern überall, wo er einmal gewesen, kannten und liebten ihn 
Leute, kamen ihm vertrauensvoll entgegen und freuten sich auf sein 
ederkommen. 

Und als sich zum letzten Male Alles, was ihn liebte und schätzte^ 
ihn versammelte, da wurde der Kaum zu klein, sie alle zu fassen, nnd 
Sarg wurde zu schwer von der Last der Blumen und Kränze, die ihn 
leckten. Conrad Grefe. 

Durch den Oedenwinkel auf die Pa^ierze. Meinem Yer- 
Bchen gemäss will ich Nachricht geben über die Gebirgsreise durch den 
ienwinkel auf die Pasterze. 

Nachdem der erste Versuch am 28. September wegen verschlechterten 
tters sich als unausführbar zeigte, machte ich mich am 30. September in 
^leitung meines Bruder Peter und des verständigen und für Gebirgsreisen 
iressirten Josef Brandtner, Lohninghänsler in Kaprun, auf den Weg. Die 
se ging von der Bauemhütte aus den geraden Weg nach Moosen, über 

Karlingerkees, dann die Wintergasse zum Kapruner Thörl, ein für den 
[, dass das Kees nicht verschneit ist, gefahrloser Weg von 3 Stunden. 

Vom Kapruner Thörl bis zum Tauemmoos in Stubach am Fusse dea 
enwinkel braucht man V/^ Stunden. Nach einer halben Stunde Käst vor dem 
^ange in den Oedenwinkel wurde nun diese Tour angetreten. Der Weg 
luf, der bis zur Höhe vier Stunden erfordert, über loses Gestein und 
8 abwechselnd mit Kees/ ist sehr ermüdend, jedoch mit kundigen Führern 
ihrlos. Man lässt auf diesem Marsche die Todtenlöcher links, das EiskÖgerl 

den hohen Kasten rechts. Die Gränzhöhe erreicht, steht die hohe Riffl 
s, der Johannesberg rechts. Von der Höhe bis zur Bockkarscharte über 
Pasterze hatten wir wegen brüchigen Schnee^s zwei Stunden zu gehen. 

Wetter war der Art, dass uns der Wind öfter Nebel daher jagte, 
uns manchmal die Fernsicht benahmen. Ueberdiess erlaubte sich der 
:d den tollen Streich zu spielen, mir den Hut vom Kopfe weg in eine 
skluft zu jagen, so dass ich die weitere Reise unbedeckten Hauptes 
dem musste. Es wäre wol auch sonst nicht ungeschickt, dass der Wan- 
r auf den Zinnen dieses hohen Schöpfungsdomes in Ehrfurcht den Hut 

Haupte nähme; aber dass ihn mir die Naturkraft des Windes selber 

Kopfe nahm und dann einer andern Naturkraft zur weiteren Aufbewah- 
: übergab, war mir doch eben nicht lieb. 

Von der Bockkarscharte über den hohen Gang (schon in der Fer- 
n) unter der hohen Docke .hindurch ist der Marsch schwindelerregend, 
dauett 2*/« Stunden bis zur Altjudenhütte. Man könnte von der Bock- 
charte herab wol auch durch das Bockkar gehen, wo man dann durch 
Käferthal heraus zur Altjudenhütte käme. Diesen Weg rechne ich auf 
Stunden. 

Auch kann man, wer strengere Touren vermeiden will, von der Pa- 
e zur Wallnerhütte gehen, dort übernachtend am anderen Tage den Weg 

die Pfandlscharte einschlagen. 
Will man von der Oedenwinkelhöhe zum Eifflthor gehen, so kann 

das RifFlthor in y^ Stunden erreichen, und vom Rifflthor bis zu den 
serfallhütten kann man in S'/j Stunden gehen. 

Ein am 12. October angestellter Versuch, den Gross-Bärenkopf zu be- 
;en, scheiterte wegen schlechten Wetters, das mich nötigte, bei der Lim- 
:hütte wieder umzukehren. 



336 Georg Mayer. 

Sollte CS gewüuKclit werden, noch andere Wege zu neuen Gebirgston- 
ren ausfindig zu machen so bin ich gerne bereit, hierin Weiteres auf meine 
Kosten zu erzielen; nur glaube ich, dass ich mit Recht darauf dringen kann, 
das« der vom Wirt in Kaprun gohandhabte Missbrauch für künftig abkomme, 
dass, wenn Fremde zum Wirte kommen, dieser seine Knechte zu Führern 
antrug und auch öfters wirklich anwendete, mich aber nebst meinen Ge- 
hilfen sitzen Hess. Solcher A'organg müsste natürlich entmutigend auf meis 
Fnhrergeschäft wirken. 

Kaprun. Anton üetz, Führer. 

Die Filiale des ösierreichischen Aipenvereines zu Siefr 

ist nicht die unbedeutendste unter allen, welche, begeistert für die öster- 
reichische Alpenwolt, mit unverbrüchlicher Treue an der Centrale in 
Wien hängen. 

„Mit vereinten Kräften" — dieser schöne Grundsatz unseres geliebten 
Monarchen — muss ganz besonders auch für den österreichischen Alpenverein 
seine Geltung finden, wenn überhaupt aus unsem prachtvollen Alpenlandem 
etwas werden soll, und dass die Filiale Stejr eben in dieser Bichtung «Den 
anderen Filialen und selbst der Mutter des Vereius gewiss nicht zur Unehre 
ihre Thätigkeit entfalte, beweist der Umstand, dass keine Lockung nr 
Kraftteilung, kein Particularismus im Stande ist — zu unserem Stolze sei es 
ausgesprochen — auch nur Einen Alpenbrudor in ein anderes Lager hinfiber- 
zulocken. 

Wir Stcyrer stehen treu zusammen, wir wirken mit vereinter Krafi, 
und folgen alle anderen österreichischen Alpenfreunde unserem Beispiele, 
so muss der ganze österreichische Alpenverein zu einer Macht werden, an d« 
nicht bloss jedes Sonderinteresse seheitert, sondern die auch im Interesse der 
Wissenschaft und des Touristenlebens den alpinen Bestrebungen anderer 
Länder ebenbürtig zur Seite steht. 

Diesen Anschauungen im Jahrbuche Worte zu leihen, wird gewiH 
Jedem ebenso zweckdienlich erscheinen, als die Mitteilungen gemachter 
Touren und gesammelter Kenntnisse. 

Ohne Einheit und gern einsames Zusammenwirken ist jadie 
Ausgabe des allbcliebten Jahrbuches unmöglich, ist es unmöglich, die Erfiüi- 
rungen Anderer wie in einer Bildergalerie gemeinnützig zu verwerten and 
den Touristen Wege zu bahnen und Obdach zu bieten. 

Uns hat die Liebe zu den vaterländischen Bergen begeistert und in 
den Verein getrieben, dem wir mit Leib und Seele angehören. Diese Be^- 
sterung trägt aber auch würdige Früchte. Als ich vor zwei Jahren meine 
bescheidene Notiz „Steyr und seine Umgebung" an die Redaction des Jakr- 
buches einsandte, da zälte unser verehrter Bevollmächtigter nur wenige 
Häupter seiner Lieben. Heute ist es anders. Die Begeisterung fSr Ä 
Zwecke des Vereins, die leichte und bildende Kcnntniss der Alpeawelt 
mittelst dos Jahrbuchs trieb die damals kleine Schaar der Mitglieder, sack 
in Andern jenen Funken niederzulegen, der, von der reinen Alpenluft ange- 
facht, sicher zur glühenden Begeisterung führt. Es sei ferne von mir, ii 
Uebertreibungen mich zu bewegen; die Thatsache, dass wir, fast in eiaei 
Winkel der Welt, heute 130 Mitglieder des Vereines zälen, spricht stirkff 
und kräftiger als jedes Bild, das gewöhnlich in Vergleichung mit der Wiit 
lichkeit hinkt. Die Begeisterung ist gross, sie ist kein Strohfeuer; and iA 
wette darauf, binnen Eines Jahres beträgt die Zal der Mitglieder wea^ 
stens 150. 

Eine weitere Frucht unserer Begeisterung für die Zwecke des Vereiijij 
bilden die Monatsversammlungen in einer geschmückten Bestauration, ^\ 



Die Filiale des österreichischen Alpenvereins zu Steyr. 337 

denen die Mitglieder und Angehörigen derselben in wahrhaft brüderlicher 
Weise ohne Unterschied des Standes zwischen Alpenlandschaften sich za- 
sammenfinden, teils um sich stets in Fühlung zu bleiben und das Alpenband 
noch mehr zu befestigen, teils um nach Art einer Akademie in Sang und 
Spiel und Declamation Abende zu geniessen, die für Geist und Körper in 
gleichem Masse ein Bedürfniss sind. 

Von dem Geiste, der solche Unterhaltungen durchweht, ist unser freund- 
licher Vorstand Herr Dr. Anton y. Buthner am 1. und 2. Juni d. J. Zeuge 
geworden und ich glaube nicht unbescheiden zu handeln, wenn ich behaupte, 
unter Vorstand war mit uns zufrieden. 

Da ich schon im Lobe unseres Vereines — ich wollte schreiben, im 
Schildern unseres gemeinsamen Strebens — gemäss der AuflOorderung unseres 
gemeinsamen Vorstandes begriffen bin, so will ich den Lesern noch einen 
andern praktischen £rfolg unserer Einigkeit und Begeisterung mitteilen, einen 
Erfolg, der mit nicht geringen Opfern verbunden ist. 

Vor zwei Jahren habe ich im Jahrbuche die Versicherung ausgesprochen, 
dass die Mitglieder des Alpenvcreines zu Steyr auf jede mögliche Weise be- 
strebt sein werden, für lohnende Aussichtspunkte Sorge zu tragen, und ich 
selbst gab mich der zuversichtlichen Hoffnung hin, dass ich bald von einer 
künstlichen Erhöhung auf dem nahen Damberge (2368') hinausschaue in die 
grossartig gruppirte Landschaft und Alpenwelt« 

Was ich damals versicherte, was ich sehnlichst wünschte und schon 
im Geiste ausgeführt sah, das wird im August dieses Jahres zur Wahrheit. 
£in Golossaler Holzbau von 11^ Höhe mit drei Stockwerken wird 
unseren Damberg krönen. 

Den PLin zu diesem Kunstwerk lieferte Herr Eduard Zinkl, Inge- 
nieur der Kudolfbahn; den Bau selbst vollführt unser tüchtiger Zinmier- 
meister Herr Josef Huber, der als Mitglied des Vereines das Möglichste 
ZQ leisten versprach, um den Thurm geschmackvoll und billig aufzuführen, 
Tind dennoch kostet der Bau 1100 fl.; wahrhaft eine hohe Summe! Dazu 
kommen noch die Kosten für Transport und Aufstellung. 

Wir zweifeln aber keinen Augenblick, dass bis zur Vollendung des 
Baues der Kostenbetrag ausbczalt werden könne. 

Seit anderthalb Jahren haben wir zu diesem Zwecke freiwillige Gaben 

susammengelegt, die in der Sparcassa fruchtbringend gemacht wurden, und 

bei den Monatsversammlungen macht ein Sparkrug die Bunde, um Silber 

imd Banknoten für den Pyramidenbau aufzunehmen. Wir beschlossen, um 

eher an^s ersehnte Ziel zu gelangen, die Ausgabe von Actien a 5 fl., welche 

durch die eingegangenen Monatsbeiträge wieder eingelöst werden sollen, und 

10 stehen nns heute, am 9. Juni, wo kaum die Actiencolportage begonnen, 

Vi 700 fl. zur Verfügung, die nach Beschluss mit 1. Juli dem Zimmermeister 

'Bbergeben werden. Der noch fehlende Betrag muss nun durch weitere 

«Aetiencolportage, durch die regelmässigen Monatsversammlungen, durch Ge- 

- 'Vinnnng anderer Genossenschaften, sowie durch Damberg-Ausflüge erzielt 

^ wiuiden. 

Jedermann wird einsehen, welche Anstrengungen die noch fehlende 
:«:Aixnme erheischt, wie viele Mühe nicht gescheut werden darf, um mit dem 
'.XftQabechlusse die Kostenfrage reell lösen zu können. 

Im Vertrauen auf die Liebe der Stadtbewohner zu ihrem malerischen 
im Vertrauen auf die Opferwilligkeit der Alpenbrüder, welche die 
durch eigene Kraftanstrengung und durch die Theilname der 
zu errichten beschlossen, wagten wir dennoch den Bau. 

Es trieb uns dazu noch der weitere Umstand, dass die Freunde der 

'amide, die an Sommerabenden so gerne aus dem Wust und Lärm der 

rlifihen Geschäfte auf einige Stunden auf die nahe Bergkante sich hinaus- 

ilten, voll Ungeduld die Zeit nicht mehr erwarten können, wo der Holz- 

22 




338 Georg Mayr. Dio Filiale des öaterr. Alpenvercines zu Steyr. 

colosH in die Lüfte ragt, und das» die F eindo derselben — wer hatte a^t- io- 
nicht ? — ausposaunten , die ^anze Pyramiden -Angelegenheit sei zu Wass- er 
geworden. Ueberdicss miissto die Begeisterung für den Bau an ^hwungkr^H^nft 
▼erlicren, wollte man dio Aufstellung der Pyramide so lange hinausschieb^^-^^n, 
bis der Betrag der Kosten vollkommen zu Stande gekommen wäre. 

Der alte Spruch: ^Man müsse das Eisen schmieden, so lange es w at ^^ m 

ist", war gewiss auch, wie es die Zukunft lehren dürfte, richtig angewendc 
denn gerade jetzt zält unsere Filiale Männer, die rührig und thätig sind, 
schöne Idee zu verwirklichen ; wer weiss, was die Zukunft bringen wuri 

Die Zeit selbst ist günstig — und die Wahrheit : „Benützet die Zei 
steigert unsere Verschönenmgslust. 

Eben jetzt beginnen die Wandeningcn jener Herrschaften, welc 
entweder Ueberfluss an Zeit oder Mangel an Gesundheit beklagen und dahizzzner 
entweder dorthin ziehen , wo frischer Odem weht , um Herz und Sinn ^u 

stärken und den angegriffenen Organismus zu kräftigen, oder durch Ausfli^^^>g 
in die Voralpen und ihre anziehenden Thäler ihren Sommcranfenthalt v ^f. 
schönem. 

Die bis ■ Steyr führende Rudolfbahn erleichtert ~ den Zugang zum Ei^h^ 3^. 
und Steyrgcbiete, und würden die „climatischen Verhältnisse OberÖsterreL ^cbs 
mit besonderer Rücksicht auf den Sommeraufenthalt'' von meinem lie^oen 
Freuudo Dr. Ignaz Mcyr, k. k. Kreisarzt zu Steyr, im Jahrbuche des ös.'ter- 
reichischen Alpenvercines , Band IV, allgemein verbreitet und gewürd:£.^^ 
werden, was vielleicht durch eine Broschüre- Ausgabe leichter zu errei<^l3ei2 
wäre, so zweifle ich durchaus nicht, dass mit dem gewaltigen Fortschr&xteu 
der Rudolfbahn durch das pittoreske Ennsthal die Verlockung nach diesen 
Landschaftsreizen sich steigern müsste. 

Schon jetzt, wo die Schienenstrasse erst aus den Bergen herauswacW, 
ist der Fremdonzug mit jedem Jahre ein steigender; wie erst dann, wenn der 
Süden mit dem Norden in gerader Linie verbunden sein wird! 

Von diesem Gesichtspunkte ist es vollkommen angezeigt, schon jetzt 
mit dem Baue der Pyramide hervorzutreten, weil ja eben auch diese Fremden 
manches Schärflein beitragen, um den Zwecken unseres Vereines zu dienen, 
wenn wir ihnen frühzeitig die Naturschönheiten zugänglich machen. 

Von besonderem Belange für die Geldbeischaffung zu unserer Pyra- 
mide ist Wolters der lobenswerte Beschluss der Centrale in Wien, Wander- 
Ausstellungen von Alpen-Landschaften in den Hauptorten der Filialen ^^ 
veranstalten, um auch den Mitgliedern ausser Wien Gelegenheit zu bieteni 
die im Mittelpunkte aufgehäuften Kunstsachen mit Müsse betrachten zu können. 

Diesem Beschlüsse gemäss erhielten wir 40 prachtvolle Kunstwerke» 
vom Herrn Prof. Ender, dem Altmeister der Landschaft- Aquarell-Mtlereii 
lauter Original-Aufnahmen aus dem Gebiete des Steyrerthalos und dewe*^ 
Nebenthäler und dem malerischen Salzkammergute. |<fer« 

Durch das freundliche Aner])ieten unseres Herrn Bürgermeisters findet 
dermalen die Ausstellung im Rathause statt lind wir erwarten, das» dej 
gebotene Genuss reichliche Früchte bringe für das gemeinsame Bindfimittel 
unserer opferwilligen Filiale. 

Auf diese angeführte Weise arbeiten wir mit vereinter Kraft an der 
Realisirung dieser Idee und mittelbar am Zwecke unseres österreichischen 
Alpenverein es, der noch so viel zu schaffen und zu wirken hat, bis äeo^ 
Touristen die österreichischen Naturschönheiten im lobenswerthen Wetteiw^ 
mit dem klugen Schweizervolke auf bequeme Weise zugänglich geiniC"* 
werden. Giorg Mty'» 

Krdsenkung an der krummen Sieyriing. Meinem Versprecb^ 
gemäss übersende ich hiemit einen kurzen Bericht über das hier vor *i^ ■ m^ 



Jakob Scliürgcndörfer. Erdsenkung an der krummen Steyrling, 339 

gegangene Naturereigniss, nämlicli über die Erdeinsenkung, welche Mitte 
Juni au der krummen äteyrling, eine gute Viertelstunde oberhalb des Ein- 
trittes derselben in die Öteyr, vor sich gegangen. Die Senkung geschah 
plötzlich und schnell. Nach Aussage der ersten Augenzeugen vernäh man 
zwischen 9 und 10 Uhr früh ein schwaches Dröhnen und im selben Moment 
«ank eine Erdfläche von etwa 15 Q Klafter in die Tiefe, aus welcher eine 
«ehr starke Quelle emporsprudelte. 

Früher war dort eine kleine muldenartige Vertiefung, wie solche hier 
mehrfach zu sehen sind. Dass die Tiefe der Einsenkung im ersten Augen- 
blicke eine sehr grosse war, entnehme ich sowol den Aussagen der ersten 
Zeugen, als auch dem Umstände, dass trotz der grossen Erdmassen, welche 
bis jetzt weiters nachrollten, auch die jetzige Tiefe des Teiches eine sehr 
bedeutende genannt werden muss. 

Die Vorgrösserung der Grube ging in rapider Schnelligkeit vor 
■sich, 80 zwar, dass bis etwa 3 Uhr Abends desselben Tages, wo ich an 
Ort und Stelle mich befand, schon y^ Joch verschwunden sein mochte. 
Auch das Wasser stieg rasch und man konnte aus dem Aufwallen desselben 
49chlic88en, dass die Kraft der Quelle eine sehr bedeutende sein müsse. Dieses Auf- 
'nrallen zeigte sich besonders au 3 — 4 Stellen in der Mitte des Teiches, eben 
4ort, wo nach den ersten und späteren Messungen die Tiefe am grössten ist. 

Seitdem ist die Erscheinung so ziemlich gleich geblieben, die Ver- 
^össomng abgerechnet, welche durch ferneres Nachrollen des Erdbodens 
noch eingetreten ist und in mehr oder minderem Masse noch immerfort vor 
«ich geht, bis die Wände des Teiches völlig schiefe Ebenen bilden. 

Was die Dimensionen der Einsenkung anbelangt, so sind dieselben 
nach meiner Bemessung etwa folgende: 

Flächeninhalt: 620 QKlafter. 

Tiefe des Wassers in der Mitte: 3 — S'/i Klafter. 

Tiefe oberhalb des Wasserspiegels 2% Klafter, 

G^sanmittiefe somit etwa 6 Klafter. 

Die Frage, woher diese Wasserquelle komme, ob etwa von den nahe- 
liegenden Bergen oder von der vorbeifliessenden Steyrling, vermag ich mit 
Ctewissheit nicht zu beantworten. Ich für meine Person bin mit den meisten 
Personen hier der Ansicht, dass der Teich durch die Steyrling gespeist werde, 
ao wie, dass das Wasser auch wieder in die Steyrling abfliesse, und zwar dess- 
halb, weil der Boden, in welchem die Naturerscheinung vor sich ging, als lockerer 
und steiniger Alluvialboden ein Durchdringen des Wassers sehr leicht zu- 
Uisst, und weil ferner das Niveau des Teiches mit dem Niveau der Steyrling 
loaammenfällt. Manche wollen dieser Ansicht allerdings die dunkelgrüne 
Farbe des Teicliwasscrs entgegenhalten, allein jeder aufmerksame Beobachter 
innss auch zugeben, dass die Farbe der Steyrling sowol wie der Steyr an 
tieferen Stellen gleichfalls eine sehr dunkelgrüne sei. 

Und sowie nach den letzten llegengüssen die Steyrling höher stieg 
und ihr schönes Grün in schmutziges Grau sich verwandelte, so schien mir 
loch das Wasser des Teiches zu steigen, und als grau erschien es mir nicht 
bloM, es wurde in der That auch schmutzig grau! Zudem liesscn wir auch 
solches Wasser in ein Glas schöpfen und von mehreren Personen verkosten, 
welche alle sonst nichts finden konnten, als eben gewöhnliches Wasser, nur 
etwas matter, was bei einem stehenden Gewässer leicht erklärlich. 

Dieses ist in Kürze der Thatbestand in Bezug auf dieses zwar nicht 
{^roiiartige, jedenfalls aber seltene und merkwürdige Naturereigniss, welches 
bez^ts so manchen Fremden zum Besuche des schönen Mollner-Thales er- 
läuterte. Jakob Schörgcndorfer, 



Der NanOM in Krain, Wie viele Alpenfreunde befahren wol die 
"^V^ien-Triester Bahn und ahnen nicht, mit wie geringem Zeitvxjrluste und. 

22* 



340 Carl Frhr. y. Czoemig jun. Der Nanos in Krain. 

mit wie kleiner Mühe sie einen Aussichtspunkt ersten Banges in den SndalpeB, 
den Nanos, erreichen können ! Dieser Berg, in Krain, nahe an dessen süd- 
westlicher Gränze gelegen, ist f8r die von Norden Kommenden am Beslea 
Ton der Bahnstation Adelsberg, fSr jene aber, die sich ihm von Süden nahem, 
von Sessana zu erreichen. Von ersterem Orte gelangt man in ly,, von letzterem 
in zwei guten Stunden zu Wagen nach Prewald, dem einzigen geeigneten 
Standorte zur Nanosbesteigung. Der Gasthof des Kanciö in Prewald entspriclit 
bescheidenen Anforderungen ; als Führer ist Janes Premru, JKger and Wagner 
im genannten Orte, zu empfelen. Er ist Einer der Wenigen, welche im 
ganze Nanosplateau kennen, weiss einigen Bescheid über die wtchtigerai 
Punkte der Aussicht und spricht auch deutsch, eine Kenntniss, welche bei 
anderen sogenannten „Führern'' auf den Nanos nicht zu finden ist. 

Unser Berg bildet ein Hochplateau von dreieckiger Gestalt, wddies 
nach Westen, Süden und Osten in einem Steilabfalle von dnrchschBittlich 
12 — 1400' sich absenkt, und auf seinem Kücken dichte Buchenbestande trigt 
Gegen Norden setzt sich das Nanosplateau in den Bimbanmer Wald fort 

Der passendste Weg auf den Berg führt von Prewald durch die sfid- 
westlichen Abfälle desselben, anfänglich sanft, dann aber jäh ansteigend, 
über Geröllstreifen, stellenweise durch Gebüsch und Gestrüpp , in etwa Vi^ 
Stunde zur Kapelle des h. Hieronymus, einem Wallfahrtskirchlein, in welchem 
an einigen Sonntagen im Jahre Gottesdienst abgehalten wird und welches 
den Schiifern im Golfe von Triest als weithin sichtbare Landmarke dient 

Männer von dem Schlage unserer Orteier- und Marmolata-Bestdger 
würden den Gipfel wol von jeder Seite, durch die Wände klimmend, erreichen. 
Anderen aber iist dieses Unternehmen nicht anzuraten, hanptsächlich wegen 
der mächtigen Halden losen Gerölles , welche in diesem Falle passirt weiden 
müssen. 

Von der Kapelle erreicht man leicht in '/^ Stunden mühelosen Wan- 
derns die unbewaldete Kuppe des mächtig nach Süden vorspringenden Pfeilen, 
welcher den Anwohnern zugleich als höchster Gipfel des ganzen Plateaus 
gilt. Der um etwa 150' höhere wirkliche Nanosgipfel liegt aber eine halte 
Stunde nördlich von der erwähnten Kuppe, ist mit Wald bedeckt und • 
bietet weder eine Aussicht noch sonst irgend etwas Bemerkenswertes. 

Die Rundschau von dem nun erreichten Standpunkte ist eine der in- 
structivsten, welche der Mittciler der gegenwärtigen Notiz kennt. 

Vor allem wird das Auge durch den Anblick der beiden Einschnitte 
der Adria, de« Meerbusens von Triest und des Quamero bei Finme, ange- 
zogen. Die Landspitze von Pirano und die ihr gegenüber liegende Pnnta di 
Salvore markiren die Westspitze Istriens, wärend über dieselbe hinaus der 
Spiegel der Adria den Horizont begranzt. Zalreiche Segel lassen sich troti 
ihrer in der Luftlinie 5 — 6 Meilen betragenden Entfernung deutlich mit 
freiem Auge erkennen. Triest selbst ist nicht sichtbar. 

Gegen Süden übersieht man sodann den fials der Halbinsel Istrien 
mit ihren steinigen und der Bewaldung entbehrenden Hochflächen, bemerkt 
den Monte maggiore, und wird alsbald durch den Anblick des Quamero 
gefesselt, aus welchem die Berge der Inseln Chcrso und Veglia deutlich 
erkennbar hervorragen. In gleicher Richtung zeigt sich im Binnenlande der 
Krainer Schnceberg bei Feistritz. 

Nach Südosten und Osten erstrecken sich die grünen Bergreihen de» 
Gottscheer Ländchens, Unter- und Mittelkrains bis zur kroatischen Granze 
hin. Das Castell Laibachs, nicht aber diese Stadt selbst", wird vom Nanos 
aus gesehen. 

Nach Nordosten zu sind in erster Keihe die Berge um Krainbni|f, 
hinter diesen zalreiche Gipfel der Karawanken sichtbar. 

Die Formation des Nanosplateau^s hindert für unseren Standpunkt die 
Femsicht nach Norden und Nordnordwesten, 



Album der deutschen Alpen. 341 

Weiterhin, in nordwestlicher Richtung, fallen die mächtigen Kalkalpen 

cler Grafschaft Görz, unter welchen besonders Km und Matajur hervorragen, 

in*8 Auge; endlich Gipfel an Gipfel die Berge Friauls bis zu ihrem Abfalle 

in die friaulische Ebene ; diese selbst ist durch vorliegende Höhen des Küsten- 

' landes gedeckt. 

Das Isonzo-Delta leitet uns wieder zu dem Ausgange der Rundschau, 
dem Golfe von Triest, zurück. 

Ein Abstieg von drei guten Stunden führt uns vom Nanosplateau nach 
dem bekannten Felsenschlosse Luegg, dessen Besuch daher leicht mit der 
Besteigung verbuilden werden kann, und von welchem aus man in weiteren 
drei Stunden Adelsberg erreichen kann. 

Trotz der geringen Seehöhe des Nanos (3988 Wiener Fuss /\) ist, wie 
man aus Obigem entnimmt, die Rundschau von demselben eine überraschende, 
und der Gefertigte glaubt im Interesse der Alpenfreunde ^u handeln, wenn 
er sie auf diesen so wenig bekannten und doch so leicht zu erreichenden 
und zu besteigenden Gipfel aufmerksam macht. 

Carl Frhr. v. Czoernig jun. 

Album der deuUchen Alpen, von Konrad Grefe chromolithographirt 
nach Originalaufnahmon von Professor Thomas Ender, Druck und Verlag 
von Reiffenstein und Resch. Das herrliche Naturgemälde unserer gewaltigen 
Alpenwelt soll in diesem Album durch eine Reihenfolge charakteristischer 
Bilder entrollt und allmälig zu einem harmonischen, alle Zweige und Ver- 
üstungen der deutschen Alpen umfassenden Ganzen abgerundet werden. 

In diesem Sinne sprachen sich bei Beginn des Werkes die Unter- 
nehmer desselben aus und verbanden damit die Zusage, dass dieser Bilder- 
cjclus den Alpenfreund vor allem mit den noch selten betreteneu Regionen 
iies Gebirges bekannt machen solle. 

Acht Blätter liegen nunmehr vor uns, und man muss gestehen, dass 
bei ihrer Wahl die obenerwähnte Grundidee imverrückt im Auge behalten 
und bei ihrer Ausführung sowol in künstlerischer als technischer Hinsicht 
das ausgezeichnetste geleistet wurde, was der so hoch entwickelte Farben- 
druck in diesem Momente zu leisten vermag; die ebenso anmutigen als 
haarscharf der Wahrheit entsprechenden Originalaufnahmen unseres Altmeisters 
Th. Ender sind in wahrhaften Facsimiles wiedergegeben. Der mit dem 
sechsten Blatte, dem Langbathsee, ausgegebene Text aus der sachkundigen 
Feder Dr. Anton v. Ruthner's erläutert in ebenso klarer als gediegener 
Weise folgende Blätter: den Grossglockner mit der obem und untern 
Pasterze, den Stui benfall bei Umhausen in Nordtirol, Pcutelstein an 
der Ampezzanerstrasse in Südtirol, den hohen Goldberg in Rauris, den 
Mesurinasee und den Langbathsee, und dürfte speciell für jene Alpen- 
freunde, denen bisher der Besuch dieser Objecto versagt war, eine ebenso 
nützliche als willkommene Beigabe sein. 

Unter den drei zuletzt vollendeten Blättern führt uns das erste an die 
stillen reizenden Ufer des Langbathsee^s. Ueber seinen tief blaugrünen, 
von üppigen Waldesschatton umgränzten Spiegel erheben sich die senkrechten 
Kalkschroffen des Braunkogls, der Rothengrabenspitze , dos grossen und 
kleinen Grünalmkogels, der Schafalmschneide und des Spielberggupfs, ihn 
scheinbar von der Aussenwelt vollkommen abschliessend; es ist ein Bild 
wahrhaft idyllischer heiterer Ruhe. 

Dagegen führt uns das nächste Blatt „die beiden Trafoiferner 
mit dem Ortler, " den grandiosen Ernst dieses eisumgürteten Riesenhauptes 
entgegen; zwischen dem Ortler und dem Madatsch erblicken wir die 
Thurwieserspitze, die Trafoier Eiswand, die Schneeglocke nebst den Trafoier 
Fernem, zu ihren Füssen „die heiligen drei Brunnen** ; es ist das erste Werk 



342 Yillacher Alpen-Actien-Hotel. 

der vervielfältigenden Künste, das uns ein ebenso treues als imposante» 
Bild dieser grossartigen Natnrscenerie gewährt. 

Das achte, eben im Probedruck vollendete Blatt vertritt wieder eine 
andere Seite unserer Bergwelt; es ist ein herrlicher BHck über das Schlow 
Tirol in die reizenden Gefilde des Yintschgaues und Etschlandes, ein 
lebenswarmes Bild voll Schönheit, Kraft und Harmonie in Farben und Licht 
Weitere Blätter, wahre Glanzpunkte verschiedener Verzweigungen unserer 
Alpen vertretend, sahen wir teils in Arbeit, teils in Vorbereitung und hoffen 
die Herausgeber insbesondere von diesem Sommer, da mehrere der ersten 
Künstler eigene, im Geiste dieses Werkes gemachte Aufnahmen verspraeben, 
ein weiteres reiches Material zur Fortsetzung desselben. 

Nach dieser gedrängten Charakterisirung der Entwicklang und Darch- 
führung dieses Albums können wir nur den Wunsch beifügen, dass alle 
Natur- und Alpenfreunde die Unterstützung und Förderung desselben aL< 
eine Ehrensache betrachten möchten. 

Die Idee, alle Teile der deutschen Alpen, vom Bodensee bis 
zur Einsenkung von Wien, also die Gebirge von Vorarlberg, Bayern. 
Tirol, Salzburg, Kärnten, Krain, Steiermark und Ober- und 
Niederösterrcich durch eine sich allmälig ergänzende Folge von charak- 
teristischen Gemälden als ein gewaltiges fest geschlossenes Ganzes darzu- 
stellen, ist zu schön und bedeutungsvoll, als dass man nicht mit Be- 
stimmtheit hoffen dürfte, sie durch kräftige Teilnahme der täglich zal- 
reicher werdenden Alpenfreunde in ihrem ganzen Umfange realisirt zu sehen; 
von dem den Alpeninteressen so lebhaft ergebenen Herausgeber dürfen wir 
wol mit Bestimmtheit voraussetzen, dass er Alles aufbieten wird, um dieses 
Ziel zu erreichen. Schliesslich erwähnen wir noch eines vielfach geaosser- 
ten Wunsches nach etwas rascherem und regelmässigerem Erscheinen der 
Blätter; wir stimmen demselben lebhaft bei und möchten ihn hiemit den 
Herausgebern wärmstens empfehlen. H. 

Viilacher Aipen-Aciien-Hoiel *) Es wurde vor allem die Not- 
wendigkeit der Anlage eines neuen Weges auf die Alpe als unerlässlich 
erkannt und die Herstellung desselben unverzüglich in Angriff genommen. 
Derselbe ist nun vollständig fertig und derart augelegt, dass er auch mit 
Wagen befahren werden kann, für Fussgeher und Reitende aber jene Bequem- 
lichkeit bietet, die man nur immer von einem Alpenweg verlangen kann. 
Anlangend das Hotel aufder Höhe der Alpe selbst, wurde festgesetzt, dasselbe vor- 
erst in bescheidenen Dimensionen, jedoch so zu erbauen , dass dasselbe ohne 
Aenderung in der Fundamentalanlage jederzeit beliebig erweitert werden 
kann. Bei der Anlage ist auf bequeme Unterbringung von 80—100 Personen 
in Schlafsälen und Einzelcabinen und auf alle übrigen, für ein Unterknnfts- 
haus im grösseren Massstabe erforderlichen Localitäten Bedacht zu nehmen. 
Der Bau wird nur zum Teile gemauert, zum anderen Teile ist eine solide 
Holzconstruction in Aussicht genommen, wofür gut ausgetrocknetes Werkhok 
auf der Viilacher Alpe selbst im behauenen Zustand bereit liegt. Das Hotel 
wird vollständig eingerichtet und einem geeigneten Pächter überlassen. Zur Be- 
quemlichkeit der Touristen wäre eine Anzal Maulthiere beizustellen, welche 
miethweise an den Hotelpächter oder an eine andere geeignete Persönlichkeit 
zur Beförderung von Alpenbesuchern, abgelassen werden können. 

Die Rentabilität des Unternehmens stellt sich aus Nachfolgendem al^ 
unzweifelhaft dar. Die Viilacher Alpe, 6700 Fuss über Meer, ist, wie bekannt, 
in den österreichischen Alpen derjenige Punkt, der vermöge der äusserst 



*) Ueb«r dieses ebendo praktische als empfelens werte Unternehmen, das bei yentia* 
diger — die Interessen und Bedürfnisse der Touristen scharf in's Auge fiwsender — Dnreh- 
führong gewiss auch sehr rentabel sein wird, teilen wir aus dem Subscriptions-Prognaine 
nachfolgend die interessantesten Details mit. j) R. 



Panorama der lüntern SchÖBtauffspitze. 343 

interessanten und grossartigen Bundscban, welche er von seiner Höhe ans 
gewährt, und durch den Umstand, dass ihre Besteigung ohne jegliche 
Beschwerlichkeit zu bewerkstelligen ist, allen übrigen Aussichtspunkten den 
Bang streitig macht. Schon jetzt ist das Zuströmen von Fremden, welche diesen 
herrlichen Alpengipfel besteigen, wiewol für Unterkunft so viel wie gar nicht 
gesorgt ist, ein bedeutendes. So z. B. waren verflossenes Jahr an einem 
einzigen Tage über 60 Touristen auf der Alpe und hat eben dieser zalreiche 
Frömdenbesuch auch den Anstoss zur gegenwärtigen Actien-Unternehmung 
gegeben. Wenn aber einmal das österreichische Schienennetz ausgebaut sein 
wird, was schon in den näclisten Jahren mit Sicherheit zu erwarten steht 
und Kärnten die Bahn Villach-Franzcnsfeste-Innsbruck-Bodensee mit der 
Schweiz, dem europäischen Sammelplatze der Touristen, auf kürzestem Wege 
in Verbindung setzt, wenn die Budolfsbahn nach ihrem Anschluss an die 
Franz Josefs- und die Budweis-Prager Bahn dem ganzen Norden die kürzeste 
Strasse in die steierischen und Kärntner - Alpen öffnet, so muss der 
Zufluss von Beisenden nach Kärnten, welches an landschaftlichen Beizen 
mit der Schweiz wetteifert, ein massenhafter werden, und ist nur erst einmal 
für bequeme Unterkunft und genügenden Comfort auf der Villacher Alpe 
gesorgt, so werden Wenige unterlassen, dieses reizende Alpenbelvedere zu 
besuchen. Das Besteigen der Villacher Alpe wird alsdann auch nicht mehr, 
wie bislang, von Wind und Wetter abhängen, denn man wird im Hotel, wo 
man gegen jede Unbill der Witterung geschützt ist, in aller Bequemlichkeit 
das Vorüberziehen eines Ungewitters abwarten können ; auch ist schwächeren, 
ungeübten Bergsteigern und dem zarten Geschlechte durch den bequemen 
Weg und die vorhandenen Beit- und Fahrgelegenheiten ihr Besuch ermöglicht. 
— Die Geldbeschaffung für den Bau wird durch Ausgabe von 300 Stück 
Actien alOO fl., teilbar in Partialcn ä 20 fl., erzielt. — Subscriptionslisten 
liegen auf: In Klagenfurt bei den Herren: A, v. Ehrfeld, Johann Suppan, 
Mich. Batschnigg. — In Villacli bei Herrn A. L. Moritsch. 

Panorama der hinteren SchöniaufftpHze^ nach der Natur 
gezeichnet von H, H. Sattler, Chromolithographie von C. Grefe, Druck von F, 
Koke. Ein vollendeter Probedruck dieses Panorama^s, der uns vorliegt, über- 
rascht durch die unermessliche Eiswelt, welche wir nach allen Bichtungen 
hin überblicken — die gewaltige Ortlergruppe, links die riesig aufstei- 
gende Eiswand der Königsspitze mit dem ihr zu Füssen ruhenden Sul- 
denferner, in der Mitte der scharfe Grat des M. Zebrü und rechts unser 
Alpenkönig, der O x.t 1 e r selbst — fesselt zunächst das Auge des Beschauers, 
vom Königsjoch bis zur Zufried- und Gramsenferner-Spitze ent- 
wickelt sich ein Meer von vielverschlungenen Fernern, denen von der Ort- 
lerwand bis Stilfs zallose Bergspitzen gegenübertreten. 

Der Eindruck des Ganzen ist ein ernst erhabener: Eis iind Fels, so 
weit das Auge reicht, nur tief unten im Suldenthale begegnet es einiger 
Banmvegetation und auf dem Felsenrücken des Vorgrundes spärlicher 
Moosdecke. 

Die Chromolithographie hat diese Gegensätze vortrefflich wiedergegeben. 
Die Gletscher sind in air ihrer Entwicklung mit sicherm Verständniss und 
grosser Klarheit dargestellt, nicht minder die starren Dolomitpartien der Ort- ' 
lergruppe und die verwitterten Schrunde des Vorgrundes. Die Farbentöne sind 
derart angeordnet und verwendet, dass jedes Hauptobject klar für sich 
heraustritt und ein ruhiger Gesammtüberblick augenblicklich möglich ist. 
lieber dem Panorama läuft parallel eine sehr sorgfältig gezeichnete Contour 
desselben mit fast 100 namentlichen Bezeichnungen. 

Einer Mitteilung des Herausgebers zufolge war die Teilnahme für 
das Zustandekommen dieses Panoramas so lebhaft, das mehr als 350 Be- 
stellimgen allein aus den Beihen des Alpenvereins erfolgten. Es werden vor 



344 Dr. Krakowizer. 

dem Abschleifen der Steine noch weitere 150 Exemplare gedruckt werdeiif 
von denen die eine Hälfte für Nachbestellungen von Vereinsmitgliedem zam 
ursprünglichen Subscriptionspreise reservirt bleibt, die andere aber zu be- 
deutendhöhcrem Ladenpreise in den Buch- und Kunsthandel kommt. H. 

Kunstam99ieliung in Sieier, Es war ein vom tiefen Bemfi- 
verständniss Zeugniss gebender Gedanke des Ausschusses des östenreichisch6& 
Alpenvereincs, als er den Entschluss fasste : in den Hauptorten seiner Zw^- 
vereine behufs Belebung der Anteilnahme der Alpenvereins-Mitglieder sowol, 
als der übrigen für Naturschöohcit Sinn und Empfindung fühlenden Bevöl- 
kerung, Ausstellungen von Gebirgslandschaften nach Uraufnahmen kunttbe- 
währter Meister zu veranstalten. 

Der österreichische Alpenvereinszweig von Steier rechnet es sich zum 
besonderen Vorzüge an, zuerst mit einer Anzal von 40 von der Hand des 
unerreichten Altmeisters in Aquarellmalerei Prof. Thomas Ender an Ort tud 
Stelle nach der Natur aufgenommenen Landschaften aus dem Flussgebiete 
der Steier und des an Naturschönhelten wie wenige Teile unseres Vaterlan- 
des reich bedachten Salzkammergutes zur Veranstaltung einer derlei Wander- 
ausstellung bedacht worden zu sein. 

Der gegenwärtig an der Spitze dos Österreichischen Alpenvereines 
stehende Vorstand Herr Dr. Anton v. Ruthner hatte die besondere Aufmerk- 
samkeit, gelegcnheitlich eines dem Zweigverein Steier zugedachten freund- 
lichen Besuches, uns selbe persönlich zu überbringen. 

Stcier^s Bürgermeister Herr Josef Pöltl säumte keinen Augenblick, 
als Alpenvcreins-Mitglied und (Gemeinde - Vorstand in richtiger Erwägoog 
des Belanges und der Bedeutung dieses Entschlusses des österreichischen 
Alpönvercins - Ausschusses im Kathause Steier^s selbst einen zu seiner 
Verfügung stehenden geräumigen, lichtreichen Saal unaufgefordert der Bilder- 
ausstellung zur Verfügung zu stellen. 

Nach gepflogenem Ucbcreinkommen des Mitglieder- Ausschusses des 
Zweigvercines über die Art und Weise dieser Ausstellung wurde bestimmt, 
sofort eigene, rings um die Wände des Saales laufende, Musikalien-Notenpult 
ähnliche, steilgenoigte Gestelle anfertigen zu lassen, auf deren rahmenartig 
eingefalzten Horizontal-Leisten die mit dünnen Pappendeckeln unterlegten 
Bilder unter in die oben und unten laufenden Falze angebrachten Glastafeln 
hart neben einander in ihrer geographischen Aufeinanderfolge in einer Hohe 
von 5Vt Fuss vom Fussboden gerechnet den Blicken der Beschauer sich 
höchst vorteilhaft darboten. 

Täglich zwischen 2 und 7 Uhr Nachmittags (an Donnerstagen nnd 
Sonntagen noch überdiess zwischen 10 und 12 Uhr Vormittags) war der SääI 
zur Augeuweide der Besucher geöffnet; die Alpenvereins - Mitglieder selbst 
wechselten von je 2 zu 2 Stunden zur Ueberwachung, Auskunftgebung und 
Entgegennahme eines geringen Eintrittsgeldes unter sich ab. Allabendlich 
wurden die Jalousien der Fenster geschlossen, um die Bilder vor der Ein- 
wirkung des vormittägigen Sonnenlichtes sorgfältig zu schützen. Nachmittags 
war der Sonnenstand ein solcher, dass er ausser Bereich der Bilder kam. 

Die Entgegennahme eines geringen Eintrittsgeldos begründete sich 
durch die Deckung der Ausstellungskosten ; der Ueberschuss (mehr als 100 fl») 
wurde dem Fondo der auf dem höchsten Punkte des Damberges zu errich- 
tenden 11 Klafter hohen Aussichts warte (von welcher auch ein vom Herrn 
Alpenvercins-Mitglied Alois Moser im verjüngten Masse äusserst genau nnd 
sauber gefertigtes Modell auf einem Tischchen, mit nebenan befindlichem^ zur 
gefälligen Gabcnspendung einladenden Töpfer-Sparkruge stand) zugewendet 

Ueber Vermuten zalreich war der Besuch der . Ausstellung. Aus allen 
Ständen und Altersclassen bis zur Schuljugend, angeführt von deren für 
dies Bildungs- und Gedanken - Anregungsmittel lobenswertes Verständniss 



Kunfitausstellung in Steier. 345 

zeigenden Lehrern — kamen Beschauer sowol aus der Stadt als auch aus der 
Umgebung auf stundenweit herbei, um van diesem, Steier noch niemals ge- 
botenen Genüsse Einsicht, Befriedigung, Erstaunen und Bewunderung mit 
sich nach Hause zu nehmen und in ihren Kreisen zur Besichtigung derselben 
aufzumuntern. Den Eindruck, den diese Zimmer- Alpenwanderung auf Kenner 
machte, zu schildern, ist, als etwas sich von selbst Verstehendes, überflüssig. 
Sprechender und naturwahrer in ihrer Art waren die Aeusserungexi der 
Kunst unbewusster, schlichter Beschauer, welche diess oder jenes aus eigener 
Anschauung in der Wirklichkeit wieder erkannten und in ihrer Natürlich- 
keit der Wahrheit das Zeug^iss gaben: „Ja, wahrhaftig, so ist^s, so schaut's 
aus, wie schön und richtig!** Wie Manchem war dieser Bilderkreis eine 
überraschend angenehme Wiederauffrischung der Eindrücke, welche der Eine 
oder der Andere von Vcrgnügungswanderungen in früheren Jahren noch in 
der Erinnenmg trug! Wie Manchem war diese Schau ein Sporn, früher oder 
später irgend einen Teil unserer erhabenen Alpenwelt durch eigene An- 
schauung kennen zu lernen ! 

Wahrhaftig, durch derlei gebotene Kunstgenüsse wird unendlich viel 
guter, früher oder spater, aber sicher reifender Same ausgestreut! Was 
gibt es wol Yeredelndoros — besonders für die Jugend — als häufig gebotene 
Gelegenheit, sich Natureindrücke zu verschafifen? Lange liegen oft die Keime 
unverwertet im Menschen. Einst mit voranschreitender Reife gehen sie auf 
und werden zu Blüten und Früchten in späteren Jahren, In den verschie- 
densten Sichtungen können derlei Anregungen in allen Altersabstufungen 
dereinst fruchtbringend werden. Für die Jugend anregend, erweckend, 
keimaussäend; — für das Mannesalter Früchte bringend der Forschung und 
Erkenntniss , dem Wole des Allgemeinen und Besondern — dem v o r g e-. 
rückten Lebensalter — der Erinnerungszeit zur Labung an der Ver- 
gangenheit — zur Festigung für den Lebensrest, — zur Samensäung für's 
nachwachsende Geschlecht. Möge der österreichische Alpenverein nimmer 
ermüden, diess sprechende Zeuguiss seiner Lebenskraft und richtigen 
Erfassung seines Berufes in selbem passend erscheinenden Zwischen- 
räumen aufzufrischen und zu erneuern. Die liückwirkung wird folgen ; 
die Anteilnahme der Bevölkerung an seinem Streben, an seiner Bedeutung, 
an seinem Endziele wird durch Vermittelung der bereits vorhandenen 
Vereinsmitglieder sich weiter ausbreiten ^ und in's Verständniss der Alpen- 
bewohnerschaft dringen, und „Vorwärts^ wird's gehen mit mächtigeren 
Schritten, als es seit dem kurzen Bestehen unseres Vereines seither ging. 
Bedenken wir, dass selber erst noch in der Wiege liege und in seinem acht- 
jährigen Leben schon die Anerkennung der weiteren Welt sich erwarb. 

Der gefeierte Altmeister der Landschafts-Aquarellmale- 
rei Prof« Th. Ender verschmähe auch nicht von Steier's Bewohnerschaft 
und insbesondere von dessen Alpenvereins-Mitgliedern den wärmsten Dank 
zu nehmen, sie werden den Tag zu den schönsten zäleu, wo Selber ihnen 
— je eher je lieber — die Ehre eines freundlichen Besuches zuwcndea wird, 
um auf unserer Damberg- Warte die herrliche Bundschau über das halbe 
ICrzherzogtum Oesterreich zu geniessen, zu deren Zustandekommen er so 
uneigennützig und thatkräftig mitwirken half,. Dr. Krakowizer. 

Aus Innersiotler, im obersten Steyrthale, geht uns die Nachricht 
zu, dass die Aufrichtung des Kreuzes auf der Spitze des Hohen Priel im 
September dieses Jahres stattfinden solU Aus diesem Anlasse soll auch der 
Weg auf den Priel, zu dessen Verbesserung der österreichische Alpenverein 
einen Beitrag gewidmet hat, thunlichst teils bereits ausgebessert worden 
sein, teils noch ausgebessert werden. Hoffen wir, dass damit dieser herr- 
liche Aussichtspunkt, auf den man zudem aus einem der reizendsten Kalk- 
alpenthäler, dem Stoder, hinaufsteigt, endlich zur schon zu lange vorenthal- 



346 A. Y. R. Ans Innerstoder. 

tenen vollen Würdigung gelangt! Den Besuch des nie genug zu lobenden 
8toder-Thale8 selbst dagegen wird sicher der Umstand wesentlich fördern, 
dass der Salzsteig, über welchen man aus dem Stoderer Thalschlusse anf 
die Lietzner-Aussee^er Poststrasse und zwar zunächst nach dem zwischen 
8teinach und Mittemdorf gelegenen Orte Tauplitz hinübersteigt, nunmehr 
neuerlich hergestellt und jede Oefahr seiner Ueberschreitung radical besei- 
tigt worden ist. Schon im 1. Bande des Jahrbuches des österreichischen 
Alpenvereins wurde in der Notiz: «Der Stoder und der Grosse Priel** dieser 
Weg, anf dem man in 7 Stunden aus dem Stoder nach Mittemdorf, bekannt- 
lich der ersten Poststation von Aussee in der Richtung gegen Lietzen, 
kommt, ausführlich besprochen. Bereits durch die dort erwähnte Wegherstel- 
lung war die Gefahr des Salzsteigs für den Bergsteiger entfernt, doch min- 
der geübte Bergwanderer fanden noch immerhin manche Stelle, besonders 
wenn das Unwetter den Steig wieder da und dort zerstört hatte, nicht unbe- 
denklich. Die Ausbesserungen waren damals eben nur in kleinerem Ifkss- 
stabe gemacht worden; durch die Grossmut eines Cavaliers aber, welcher, 
wie es heisst, 50 Gulden für diesen Zweck spendete, ist die neueste radicale 
Wegverbesserung möglich geworden und auch vorgenommen worden. Wir 
wünschen, dass dieser kürzeste Verbindungsweg zwischen dem obersten Ge- 
biete der Steyr und dem Salzkammergute über den Salzsteig fortan Ton 
Alpenfreunden, die er sicher ohne Ausnahme durch die Grossartigkeit der 
durchwanderten Gebirgslandschaften im höchsten Grade zufrieden stellen 
wird, recht häufig benützt werden möge! A. v. B. 

ErtnäMMigung von JFahrpreisen auf Eisenbahnen und 
DmmpfMcMffen fkr die Miigiimer des öeierreichischen Alpen' 
vereine. Um den Mitgliedern des österreichischen Alpenvereins Begünsti- 
gungen, besonders hinsichtlich der Fahrpreise, bei der Benützung der Eisen- 
bahnen und der Donau-Dampfschiffe, zu erwirken, hat die Geschäftsleitnng 
des Vereines in Folge eines Beschlusses des Ausschusses bei den Directio- 
nen jener Bahnen, welche durch die Alpen oder am nächsten zu den Alpen 
führen, als: der k. k. priv. Kaiserin Elisabeth-Bahn, der k. k. priv. Kron- 
prinz Rudolph-Bahn und der k. k. priv. Südbahn-Gesellschaft, das schrift- 
liche Ansuchen gestellt, dass für Alpenvereins-Mitglieder über ihr Ersuchen 
und gegen Nachweisung ihrer Eigenschaft als solche 1. die Dauer der Oil- 
tigkeit der Retourkarten, dann der Karten der Vergnügungszüge bezüglich der 
Rückfahrt ausgedehnt; 2« überhaupt wenigstens für längere Fahrten die 
Fahrpreise ermässigt; 3. auf Verwendung der Vereinsleitung, wenn es sich 
um Reisen handelt, welche Vereinsmitglieder im Interesse des Vereines als 
solchen und zum Behufe von Forschungen für Arbeiten für denselben machen^ 
eine bedeutende Preisermässigung, eventuell in besonders beachtenswerten 
Fällen Freikarten bewilligt, endlich 4. für grössere Excursionen, welche d^ 
Verein als Vereinsfahrt oder eine grössere Anzal seiner Mitglieder gemdm- 
schaftlich unternimmt, gleichfalls niedrigere Fahrpreise gegen vorlaute An- 
meldung zugestanden werden ; bei der Direction der ersten k. k. priv. Donan- 
Dampfschifffahrts - Gesellschaft dagegen wurden die Begünstigungen oben 
2 bis 4, natürlich in der betreffenden Eingabe mit der Bezeiclänng ak 
Punkt 1 bis 3, angesucht. 

Auf ihre Eingaben hat die Geschäftsleitung des Vereines die nachste- 
henden Zuschriften erhalten: 

a) Von der k. k. priv. Kaiserin Elisabeth-Bahn ddto. 9. Juni 1869* 
An das löbl. Präsidium des österr. Alpenvereines, hier. In höflicher Bean^ 
wortung Ihrer geschätzten Zuschrift vom 27. Mai L J. beehren wir nn*! 
Ihnen mitzuteilen, dass wir pro 1869 allen wie immer genannten Vereinen 
principielle Fahrpreisermässigungen zugestanden haben, d^en Ihre Mitglieder 
unter den gegebenen Bedingungen stets teilhaftig werden können. Dies* 



ErmässigUBg von Fahrpreisen auf Eisenbahnen u. Dampfschiffen etc. .347 

allgemeinen Begünstigungen sind folgende: a) Bei gewöhnlichen Ausflügen 
«ines Vereines gewähren wir eine 40procentige Ermässigung der Fahrpreise 
n. und III. Wagenclasse, jedoch nur unter der Bedingung, dass mindestens 
40 Yereinsmitglieder von einer und derselben Station den Ausflug unterneh- 
men, und dass die Tour- und die Retourfahrt in geschlossener Qesell- 
schaft erfolgt. In diesen Fällen müssen die Yereinsmitglieder mit zwei Legi- 
timationen versehen sein, deren eine für die Hin-, die andere aber für die 
Bückfahrt bestimmt ist, und deren jede die Namen der an der Lustfahrt 
teilnehmenden Yereinsmitglieder, dann die Ausgangs- und die Endstation 
'des Ausfluges, ferner den Tag der Fahrt und endlich die Nummer des zu 
benützenden Zuges enthalten muss. b) Aus Anlass besonderer Feste bewilli- 
gen wir den Yereinsmitgliedem ohne Bestimmung einer erforderlichen Per- 
sonenzal die Fahrt zum und vom Festorte mit halben Karten der II. oder 
m. Olasse, d. i. gegen jeweiligen Erlag der halben Gebühren für die ge- 
wählte Olasse und zwar gegen Vorweisung der, mit dem Stempel des zu 
benützenden Zuges zu versehenden Mitgliedskarte, welche als Beglaubigung 
dient. Diese Begünstigung, deren Grenzen wir jedoch nicht überschreiten 
dürfen, gilt für sämmtliche Strecken unserer Bahn (mit Ausnahme der Linz- 
Budweiser Pferdebahn) und für alle fahrplanmässigen Züge (Courier- und 
Schnellzüge ausgenommen), — Auf die Familienangehörigen der Yereins- 
mitglieder werden vorbezeichnete sub a) und b) subsumirte Begünstigungen 
niemaLs ausgedehnt. 

b) Yon der k. k. priv. Kronprinz Rudolphs-Bahn dto. 15. Juni 1869. 
Geehrte Geschäftsleitung des österr. Alpenvereins, hier. In Erwiederung auf 
Ihre geschätzte Zuschrift o. D. beehren wir uns, Ihnen bekannt zu geben, 
dass wir bereit sind, die pachstehende Fahrermässiguug für die Mitglieder 
Ihres Vereines zu gewähren, wenn Sie darum von Fall zu Fall schriftlich 
ansuchen. Wir werden sonach die Mitglieder Ihres Vereines, wenn die- 
selben in corpore reisen, d. i. wenn mindestens 25 Personen auf einmal den- 
selben Zug benützen und sich mit einer, vom Ausschuss des Vereins ausge- 
stellten und unterfertigten Legitimationskarte, welche auf Namen zu lauten 
haben wird, ausweisen, die Fahrt Tour und Retour in der II. und III. Wa- 
genclasse mit halben Fahrkarten bewilligen. Drei Stück solcher Legitima- 
tionskarten wollen Sie uns als Muster zukommen lassen. — In Ihrem diess- 
bezüglichen Ansuchen, welches jedesmal wenigstens 14 Tage vor Antritt der 
Fahrt einzubringen ist, wollen Sie gefälligst die Anzal der an dieser Fahrt teil- 
nehmenden 1 ouristen, so wie auch die Zeitdauer der Excursion genau angeben. 

c) t^on der k. k. priv. Südbahn-Gesellschaft ddto. 8. Juni 1869. An 
die Geschäftsleitung des österr. Alpenvereins, Wien. Mit Bezug auf Ihr 
schätzbares Schreiben de praes. 29. v. M. erklären wir uns bereit, den Mit- 
gliedern des österr. Alpenvereins, wenn dieselben in Vercinsangelegenheiten 
in grösserer Anzal und auf weitere Entfernungen unsere Bahn benützen, von 
Fall zu Fall Fahrpreisermässigungen zuzugestehen. — Andere Begünstigun- 
gen zu gewähren, sind wir jedoch zu unserem Bedauern nicht in der Lage. 

d) Yon der ersten k. k, priv. Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft 
ddto. 16* Juni 1869. Löbl. Geschäftsleitung des österr. Alpenvereins in Wien. 
In höflicher Erwiederung der sehr geehrten Zuschrift o. D. beehrt sich die 
ergebenst gefertigte Direction vor Allem ihre Bereitwilligkeit auszusprechen, 
dem verehrten Verein von ihrem Standpunkte aus als Verkehrsanstalt die 
möglichste Unterstützung zu gewähren, doch gestatten die bestehenden Nor- 
men nicht, in Bezug auf Fahrpreisermässigung in Vorhinein und bindende 
Zugeständnisse in der Art zu machen, wie selbe von der verehrten Geschäfts- 
leitnng angesucht werden. Die gefertigte Direction sieht sich daher (mL 1 
ausser Stande, den einzelnen Mitgliedern einfach gegen Nachweisung dieser 
Eigenschaft eine Freisermässigung zuzugestehen, — <id 2 behält sie sich 
vor, von Fall zu Fall, wie überhaupt üblich, auf Verwendung der löbl, Ge- 



348 Die Konstbeilagen im V. Bande des Jahrbuches d. ö. Alpenvereines. 

fichäftslcitung den namhaft gemachten P. T. Yereinsgliedem entsprechende 
Fahrbegüustig^ngen zu erteilen. Ad S* Aehnlich verhält es sich mit Cor*, 
porationsfahrten, wo über Binschreiten des Vereins von Fall zu. Fall die 
Höhe des Fahrpreises gegenseitig vereinbart wird, u. z. je nach Zal der 
Teilnehmer und je nachdem die Fahrt mit Separatschiff oder mit einem 
Tarifdampfer gemacht wird. Ueberzeugt, dass die löbl. Geschäftsleitung die 
Billigkeit dieser, übrigens allgemein üblichen Grundsätze anerkennen wird, 
beehren wir uns, AVpldieselbc einzuladen, sich in den einzelnen ReisefSUen 
unter kurzer Angabe der nötigen Daten an die gefertigte Direction zu wen- 
den und zeichnen achtungsvoll. 

{Selbstverständlich wird die Geschäftsleitung des österreichischen Alpen- 
vereins, wenn in einzelnen Fällen Vcreinsmitglieder von ihr auf Grundlsge 
der obigen Erlässe ihre Einflussnahme in Anspruch nehmen und ein günsti- 
ger Erfolg derselben »ich nicht als ganz unwahrscheinlich herausstellt, tax 
Verwirklichung der ausgesprochenen Begünstigungen das ihrige nach Kräf- 
ten beizutragen nicht crmangeln. 

11/0 KunMibeiiagen im V. Bande de* Juhrbuekee des 
öeierreickisehen Aipeneer eines. Der Hedaction des vorliegenden Jahr- 
buches ist keine bildliche Darstellung zur Verfügung gestanden, welche inr 
Vervielfältigung als Kunstbeilage vollkommen tauglich, auf eine im Jakr- 
buchc vorkomiueudc Abhandlung oder Notiz unmittelbaren Bezug nehmen 
würde. Dagegen i