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Full text of "Mi Unkel : Milhüser Revue in finf Bilder"

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Charles Bahy 5^ 

MÜLHAUSEN l. E. 




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MÜLHAUSER REVUE 
:: in fünf Bildern von :: 
A. BRAUNSCHWEIG 
:: & W. PAPRZYCKI :: 



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„Mi Unkel" 

Milhüser Revue in finf Bilder 

von 

A. Braunschweig und W. Paprzycki 



Prolog der Milhusina 

1. Bild: An dr Gare 

2. Bild: 's Nachtlawe uff'm Neuquartierplatz 

3. Bild: E Zwischenakt im Theatr 

4. Bild: E Wahlerversammlung 

5. Bild: 's Wahlresultat 



Erschtuffiehrung dur's Elsasser Theater Milhüse 
am 30. Oktober 1908 



1908 

DRUCK «ON CH.BAHY, MÜLHAUSEN I.E. 



Prolog 



Bevor zum luschtge Spiel dr Vorhang sich wird hevve 

Mecht alle n'eich rächt herzlig ich willkumme heisse 

Ihr kenne mich, mr nennt mich d'Stadt Milhüse 

Verkerper unsre liewe Vaterstadt. 

Doch will mt arnschte Botschaft ich eich jetzt verkinde 

Nei, hitte bin i guet uffglegt hit isch's mr nur um's Lache 

Un wer vu unsrer heimatlige Kunscht erwartet 

E fine, künschtlerische Kost serviert z'bekumme 

Wird hinnecht schwarlig sine Rachnung finde. 

Mr' siehts jo gli, do bschäue nur mi Kappe 

S'isch d'Narrekappe wu n'i ufgstilpt ha 

Un do da Spiegel, dr Narrespiegel isch's 

E koschtbar Ding, verschafft eim viele luschtige Stunde 

Ein gschliffe isch'r doch gar schlimm isch oft si Wase 

Un was er uffangt thuet er schonungslos verzerre 

Bringt d'tollschte Bilder wu ma sich ka danke 

Da wu do dri luegt, isch er schlank o wie ne Tanne 

Wird umgformt drinn, wird schief un pucklig 

Un wer so dinn isch wie ne Kritzerhölzle 

Erschient ganz breitdruckt, dick , uffblose wie ne Frosch 

Dr Gegenstand wu me [do drinn losst spiegle 

Bliebt zwar dr namlig, nur thuet d'Form changiere 

Jed' Ordnung wird zersteert un alles muesst verzerrt sich presentiere. 

So folge denne hitte minre guete Luene 

Mr wann da Spiegel jetzt vor ganz Milhüse halte 

Sieht ein si Bild drinn, danke sisch e Narrespiegel 

S'liegt in sim Wase Fratze z'reflektiere 

Un wenn o s'scheenschste Gsichtle ineluegt 

Die wu n'eich jetzt da Spiegel anehalte 

Hann nur dr Zwack verfolgt eich harzlig z'amüsiere. 

Ihr kenne vu dr Mass har alle gwiss die Buede 

Lachcabinett thuet mr se nenne, gehn'r dert ine 

Un thien in dane Spiegel eich erblicke 

In eim ganz zammedatscht, im andre ferchterlig in d'Länge zöge 

So miehn'r salver lache, d'Häuptsach isch jo 

Ass wenn'r üsekumme, d'alte Form sich wieder istellt. — 

Grad so sells hinnecht si, mr wann nur heizlich lache 

Glingt das mim Spiegel, isch si Zwack ertillt 

So hoff i denn nur luschtge Gsichter z'sa do inne 

Un in dam Sinn kas Spiel beginne 



3 - 



I. AKT 

Personen -Verzeichnis 

Herr Pickel, Bauunternehmer 

Frau Pickel, seine Frau 

Germaine, beider Tochter 

Borax, ein Chemieschüler (im chambre garnie bei 

Pickel; heimlicher Liebhaber von Oermaine) 
Friedrich, ein sächsischer Maurerpolier 
Herr Friedrich Maurer, aus Sachsen, ein Verwandter 

von Pickel 
I. Streikposten 
H. Streikposten 

Delegierter der Ligue des Employes 
Delegierter des Reisebureaus 

I. Italiener 

II. Italiener 

Ein Bahnhofsportier 

Eine Bauersfrau 

I. Regierungsbeamter 

IL Regierungsbeamter 

Tissi ; zwei arbeitsscheue, zu allerlei Streiche bereite 

Peter > Personen 

L Jäger 

IL Jäger 

Stadtrat Negre 

Direktor Henri 

Eine Dame 

Ein Schutzmann 

Ein Oktroibeamter 

Französischer Reisender 

Zeitungsträger 

Scheller Charles iCostume: weisse Hose, Sammet- 

Veston) 
Ein Lyoner Employe 
Ein dicker Herr 
Eine Dame 

Ein Heilsarmee-Offizier 

Streikposten, Italiener, Reisende, Gepäckträger, Post- 
beamte, eine Dame, Jäger, Fischer, viele Passagiere 
etc. 



I. AKT 

Die Bühne stellt den Mülhauser Bahnhof getreu dar. im Hintergrund 
das Bahnhofgebäude mit dem Haupteingang. 

Der ganze Akt spielt sich im Vorhofe des Bahnhofes ab. Die Haupt- 
eingano-stür steht beständig offen und sieht man die Wartehalle. Der 
Hintergrund ist weit zurückgestellt. Ein Schutzmann patrouilliert auf und ab. 
Gepäckträger gehen aus und ein. Reisende Herren und Damen, kommen an 
und fahren fort. 

Sittenpolizei Seh. steht auch dort. 

I. Streikposten : Ich ha jetz boll genue mit dam do ane 
steh dr ganze Tag un z'warte, bis ass wider ein tcunnt! 

II. Streikposten: Ich ha grad o gnue; mr sin zwar 
bezahlt drfir, awer mr wird miader ass wenn me schaffe thuet. 

I. Streikposten : Sali schu, jetz mache mr schu vier Wuche 
Greve un mien do ane steh dr ganze Tag un warte, ebb a 
Mürer vu uswarts kunnt fir z'schaffe, un do seile mir se z'ruck- 
halte und wider furtschicke, fir ass unsere Meischter kei Arweiter 
sötte bikumme. Sitter ass mr jetz do ane kumme, han mr 
iwerhaüpt noch gar kei Mürer tröffe, un mr froge doch jede 
verdachtige Person, ich hatt jetz boll gnue! 

II. Streikposten: S' isch jo net, ass mr's ohne schaffe 
net mache kännt ! 

I. Streikposten: Ja, wenn mr am Zahltag doch kannte 
geh dr Lohn hole ! 

II. Streikposten: Jo, mr kännt dich jo noch in's Bad 
schicke im Summer un im Winter uf Nice. Ich bi ganz z'friede 
wenn ich mi Lohn bikumm, wu-n-i verdient ha . 

I. Streikposten : Die vier Wuche g'spire mr doch, un 
dr Hüsmeischter un Back wird wider schimpfe. Do heisst's als 
nur, mir sin Fülanzer un mr warde doch küm g'frogt, ebb mr 
schaffe wann oder nit ! 

II. Streikposten: Ja, mr sin nimmig Meischter iwer uns! 



5 — 



I. Streikposten (auf zwei Arbeiter deutent, die aus dem Bahnhofe 
kommen und hnks abgehen) : Lüeg do kumme zwei, das kannte 
Mürer si, se han d'Hand in de Hose, gang frog se! 

II. Streikposten (zu den Arbeitern): He! Kamerade! Sin ihr 
ebbe Mürer ? 

1. Arbeiter: Nai, Rentier! (Gehen ab). 

I. Streikposten: Üs'm Ditsciiland wann se schints Mürer 
kumme lo, un mi alter Meischter erwartet iiit e Polier üs Sachse, 
so hat me mr hite gsait. 

II. Streikposten: Di alter Meischter, dr Pickel? Üss 
Sachse? Dam that i o garn ein bringe! ich ha schu bi 'nem 
g'schafft, ar hat mr uffkinde, will i sallemol fir dr Büeb g'stimmt 
ha. (Auf und ab gehend.) Mr wann se schu empfange, wart du 
alter Schlaüfuchs! Mr wann dr dine Mürer schu rekommandiere! 

(Während dieser Scene sind fortwährend Reisende angekommen, weiche 
in den Bahnhof hereingehen; eine alte Bauersfrau erscheint und fragt einen 
Bahnbeamten, welcher unter der Tür steht). 

Bauersfrau : Wenn fahrt s' Pfirter Zügle fürt ? 

Beamter (Portier) : Welches ? 

Bauersfrau : s'Siewenerzügle ? 

Beamter: Um 1/2 8. 

Bauersfrau: Sage d' ihr, wu nimmt mr d'Billet? 

Beamter: Es gibt keine Billets mehr. 

Bauersfrau : Eh, was d' ihr nit sage ! Ja was git's denn jetz? 

Beamter : Fahrkarten ! 

Bauersfrau : Merci, merci ! (Geht weiter — kommt nach ein 

paar Schritten wieder zurück.) Sage Herr, WU nimmt me die Fahrkarte? 

Beamter: Dumme Frage, am Billetschalter natürlich! 

Bauersfrau: Ah, am Billetschalter! (Ab durch die Tür). 

(Zwei auf deu ersten Blick zu erkennende höhere Beamte sind in- 
zwischen von links in den Bahnhofvorplatz gekommen. Der eine trägt eine 
grosse Aktenmappe unter dem Arm. Beide bleiben vor dem Gebäude stehen). 

I. Beamter : Es wäre wirklich schade, den Bahnhof 
niederzureissen, und ich kann die Mülhauser Bevölkerung gar 
nicht verstehen, diesen Bahnhof, welcher doch sozusagen ein 
historisches Monument ist, absolut durch einen neuen Bahnhof 
ersetzt haben zu wollen. 

II. Beamter: Ganz meine Meinung, und ich glaube, dass 
die Regierung auf unsere Veranlassung den vernünftigen Weg 
eingeschlagen hat, indem sie so nach und nach — ich sage, so 
nach und nach — eigentlich stückweise, den alten Bahnhof durch 
einen neuen ersetzt. So hat sie z. B. jedes Jahr ein neues 
Stück angebaut, dann die Vorhalle vergrössert, dann wieder eine 



- 6 - 



neue Tür angeschafft, und erst kürzlich hat man den Namen 
„Bahnhof" hier oben wieder neu angestrichen und so wird 
Mülhausen eines schönen Tages einen ganz neuen Bahnhof 
haben, ohne, dass man etwas davon merkt (reden still weiter). 

(Verschiedene Jäger kommen zum Bahnhof heraus und bleiben bei- 
sammen stehen; Tissi und Peter streichen im Vorhofe herum). 

Tissi (zum I. Jäger); Han Ihr ebbes gschosse, Herr Pfaffer? 
I. Jäger (barsch); Naj, wurum? 

(Währendem hat Peter dem II. Jäger einen Hasen abgehängt und geht 
auf den 1. Jäger zu). 

Peter: Ich ha ein z'verkaüfe, fir a Thaler kenne ihr ne ha, 
ar isch frisch g'schosse. 

I. Jäger: Ar isch verkauft! (Gibt ihm einen Taler, nimmt den 
Hasen und lacht). 

Peter (zum II. Jäger): Un Eich kann 1 dr Leonhardt 
empfähle, wenn ihr a scheener Haas kaüfa wann. 

II. Jäger (zornig): Mach nit oder i schla dr min um dr 
Kopf ume ! (Will nach seinem Hasen greifen und merkt dass er ver- 
schwunden ist). Wu isch mi Haas ? 

Peter (ausreissend) : Do dr ander Herr hat ne, ich ha jo 
g'sajt, ich ha ne frisch g'schosse! (ab). 

(Stadtrat Negre erscheint im Frack und weisser Weste, ein grosses 
Bouquet in der Hand; ihn begleitet der Herr Direktor Henri im Gehrock 
und Zylinder — er hat eine grosse Platte — beide werden auf die noch 
immer sprechenden Beamten aufmerksam). 

I. Beamter : Überhaupt haben wir dem Mülhauser 
Publikum gar nicht so viel Rechnung zu tragen, sie nehmen 
eben den Bahnhof so, wie wir ihn herstellen. Ausserdem lassen, 
wir ihn vielleicht neu anstreichen und dann ist die Chose wieder 
so gut wie neu. 

(Während dem ist Stadtrat Negre näher getreten zu beiden 

Stadtrat Negre: Da hätten wir doch auch noch ein paar 
Worte mit zu sprechen. 

II. Beamter: Was fällt ihnen denn ein? Wer sind sie 
denn eigentlich? 

Stadtrat Negre (zu Direktor Henri): Was, die Herren kennen 
mich nicht? Wie ist das möglich? 

Direktor Henri: Verzeihen die Herren mein Name ist 
Henri, gestatten sie, dass ich Ihnen Herrn Negre vorstelle, einer 
unserer bedeutendsten Stadträte. 

Stadtrat Negre: Sie kennen mich vielleicht blos vom 
Koren sagen? 



II. Beamter: Aber meine Herren, das ist ja uns vollständicr 
schnuppe, Stadtrat hin oder Stadtrat her, sie werden einfach neu 
angestrichen — nicht sie natüHich — sondern die Bahnhofs- 
gebäulichkeiten und damit basta ! Mojn ! (Lässt beide stehen und 
geht mit seinem Kollegen ab in den Bahnhof). 

Stadtrat N^gre (zu Direktor Henry): S'geht doch nit iwer 
d'Hefiigkeit! (Während dem haben Tissi und Peter, die wieder erschienen, 
aus dem von Negre hinter dem Rücken gehaltenen Bouquet einige Rosen ab 
geschnitten und sich angesteckt. Stadtrat Negre und Direktor gehen beide 
zum Eingang, wo sie stehen bleiben.) Sage Herr Dirakter, s'isch eigentlig 
doch besser, wenn ihr da Bouquet gan un a kleine Ared haUe. 

Direktor Henry: Mein lieber Herr Stadtrat, sie sind von 
ihrer Vaterstadt ausersehen, die grosse Sarah Bernhardt, die zum 
ersten Mal seit 1870 wieder hier auftreten soll, würdig zu em- 
pfangen. Wie könnte mann der grossen Tragödin einen besseren 
Eindruck von Mülhausen verschaffen, als ihr zum Empfang in 
unserer Stadt einen unserer würdigsten Stadtväter zur Bahn zu 
senden ! 

Stadtrat Negre (gibt Direktor Henry die Hand): Liawer Herr 
Dirakter! Merci vielmol, fir die paar Worte! Ich bin schu 
mangmol verkennt worde, in minere Eigeschaft als Stadtrat, awer 
das was ihr do g'sait han, das macht eim wohl! Milhüser! 
Noch sin Manner do, wu eich nit fahre lehn! 

Tissi: (welcher mit Peter auf die Gruppe zukommt) Nai mr 
kenne z'fuess geh! 

Peter: Salut Genosse! (Streckt Negre die Hand hin; dieser gibt 
ihm seine Hand mit Wiederwillen). 

Tissi: Wit a ne Hochzit? 

Stadtrat Negre: Bonjour! 

Tissi: Müesch jetz nitt welle dr Dick spiele will de a Glesse 
un a Stellkragle a hasch! Weisch wu mr di g'wehlt han bisch 
nit so nowel g'si un s'hat mangmol a Humpe üseglüegt! 

Stadtrat Negre: s'kunnt nit druf a! (Gibt ihm ein Geldstück) 
trinke eis uff mi G'sundheit! (Dissi und Peter lachend ab) Wenn 
mich d'Sarah Bernhardt mit dane g'sah hat! (Während der letzten 

Scene ist ein Zug eingefahren, was man durch die offenstehende Eingangstür 
gesehen hat. Verschiedene Personen kommen heraus, auch zwei Dameli in 
grossem auffallendem Hut und Staubmantel, kleine Ledertaschen umhängend 
treten heraus. Stadtrat Negre stellt sich der ersten entgegen, zieht den Hut ab 
Direktor Henri ebenfalls, macht eine linkisehe Verbeugung und streckt ihr 

das Bouquet entgegen): Madame ... Ma . . . Ma . . . Madame! 
Au nom de la ville de Mulhouse ! (kleine Pause) Voilä . 



Direktor Henri (stösst Negre an): Aber das ist sie doch 
gar niciit. 

Stadtrat Negre (tritt nach hinten aus) 

I. Dame: Merci Monsieur, en voilä une reception. (Negre 
mid Henri treten zurück. — Zur zweiten): Was meinsch Cecile, wäre 
mir empfange siter dane sechs Wuche, wu mr fürt sin vu 
Milhüse uff Befort (Beim Abgehen zu Stadtrat Negre) Salut mon 
vieux, au revoir et merci ! (leiser) il en a un oeil. 

Stadtrat Negre (ganz verstört) Das isch se gläuwi gar nit! 

Le beatl Jules kommt zum Bahnhof heraus, zu Negre) Hein, 

meinsch han se si g'macht? 

Stadtrat Negre: Wer isch denn das? 

Le beau Jules: s'Cecile un s'Meianie, wu als im Kind'l 

g'serviert han, salut Negre (geht den beiden Damen nach und spricht 
sie vor Verlassen der Bühne an und gehen alle drei ab. Ihnen folgt auffällig 
auch der Geheimpolizist, bekannte Erscheinung) 

Direktor Henri: Aber Herr Negre, so n'e Blamage ohne 
Bouquet! Wenn nun die Sarah Bernhardt ankommt, haben sie 
gar kein Bouqi;et, was tun wir? 

Stadtrat Negre: Ich ha jo glich g'sait Ihr solle rede! 

I. Streikposten: (zum zweiten) Gang frog fir a O'spass, 

ebb die zwei dert Arwet sueche als Mürer. 

H. Streikposten: Erseht noch (geht auf N & H zu) Süeche 
ihr villicht Arwet als Mürer? 

Stadtrat Negre: Gehn zum Kükük 

H. Streikposten: Wart Brüader bis an dr nachschte Wahl! 
no sage mir o gang zum Kükük! — Ja wenn se Glesse a han 
ka mr nit mit ene rede! 

Borax: Bonjour lieb Kind, ich bi schu ganz unrüehig 
worde. Ich ha mr nit kenne erklare, wurum ass du mr pletzlig 
a Billet in d'Schüel g'schickt hasch, ich sott do ane kumme. 
Was isch passiert? 

Germaine: Passiert isch grad nit, awer du weisch, ass 
dr Pape schu lang soupgon hat uff dich, bsunders siter ass du 
di chambre garnie bi uns hasch. 

Borax: Ja . . . hat denn di Pape ebbes g'sait derwage? 

Germaine: (embarassiert) Eh jo . . . ar hat g'sait, ich sett 
mr die Dummheite üss'm Kopf schlage. Du heigsch noch kei 
Exame g'macht, tatsch noch nit verdiene . . . un üs was da 
lawe wotsch ? Awer du derfsch mr nit bös si. Theo! 

Borax: Bös si? O nei, mi Schatzele! Di Pape mag jo 
rächt ha, ich ha noch nit verdient, awer d'nachschste Wuche 



stieg i ins Exame, drno ka-n-i bi mim Unkel als Chimist itrate 
un bi dim Pape um di Hand ahalte. 

Germaine: Ja lüeg, liawerTheo, wage dam han-i dr eigentlig 
g'schriwa, denn s'isch d'höchschte Zit, ass mr uns riehre, sunscht 
kennt is jetz noch a Strich dur d'Raciinung gmacht warde. 

Borax: E Strich dur d'Rachnung? Jetz! So ganz pletzlig? 
Zeig Schatzela explizier di, s'muess doch ebbes passiert si, ass 
du plötzlig a so redtsch ! 

Germaine: Eh jo, du müesch's jo doch erfahre! — Also, 
dr Pape hat üssegfunde, ass si Schwester, wu im Ditschland 
mit em a Beamte verhirote isch, a Sühn hat, un hat hinter mim 
Ricke mit minere Tante abgmacht, ass mir zwei uns seile hirote, 
un jetz seil ar harkumme fir ass mir uns kenne lehre un fianciere 
solle. Mi Cousin soll allei do ane kumme un sine Eitere kumme 
drno, wenn mir einig sin. 

Theo: Eh dass isch jo grossartig, un das alles seisch 
du mir erseht hite? 

Germaine: Eh wenn hat i dir 's seile sage? Ich weiss die 
ganze Oschichte erseht a halb Stund, un wisst's viliicht jetz 
noch nit, wenn mr dr Pape nit gsait hett: Leg di a, mr wann 
geh di Hochzitter abhole! Kasch dr danka, was i fir a Schracka 
biku ha ! Uff das ana hat ar mir drno g'sait, ass da betraffende 
Herr Maurer, oder besser, da betraffende Herr Cousin in ere 
halb Stund do an dr Gare akumme soll. 

Theo: Wie heisst da Cousin? 

Germaine: Maurer Friedrich. 

Theo: Un wia sieht ar denn üs ? 

Germaine: Ja, do hasch mi z'viel g'frogt ! Mr han ne 
noch nie g'sah, un d'einzige Photographie wu mr vu n'em han 
isch wu n'er sechs Monet alt g'si isch. Ar wird si wohrschinlig 
a bitzi verändert ha! 

Borax: Wohrschinlig! Awer los Germaine, wie soll das 
alles nur o wäre? 

Germaine: Oh Theo! Du wirsch doch nit zwifle an 
mir ? Ich halt zue dir, mag's ku wia's will ! Du hasch im Pape 
eso viel Service g'leischte wahrend dane Wähle ass ar di jetz 
nit ka üssestelle, un fir dr Rascht, wird ich da Cousin schu so 
behandle, ass ihm d'Luscht, fir mich z'hirote, ganz allei vergeht! 
Gang jetz du scheen in d' Ecole de Chimie un wart ab, was 
kumme wird. Dr Pape un d'Mamme kumme jede Moment un 
se derfe uns doch jetz nit binenander sah : 

Borax: Nai Germainc, fürt gang j net! Denn ich will ne 
o sah, da Concurant, wu mir mi Schatzela nah will ! Do blieb 
ich jetz, un viellicht kasch mi glich brüche. 



10 



I. Streikposten (zu Germaine): Bonjour Madenioiselle Pickel! 

Germaine: Bonjour Monsieur! Awer ich kenn sie nit ! 

I. Streikposten: Oh hat sie awer a schlaciit Gedächtnis! 
Sie wird sich doch wohl noch b'sinne vu mir, ich bi als Mürer- 
polier bi eirem Vater g'si, un ihr wisse doch o ganz gnaü ass 
mr momentan Greve mache un meh Lohn wann! Awer ich 
weiss o, ass eier Vater Mürer un sogar noch e Polier hite üss 
Sachse erwartet. Viellicht isch Sie do fir se z'empfange, fir ass 
mr nix merke soll. Awer gann acht, mir han d'Aüge uff! 

Germaine : Nai, nai ! Do trumpiere ihr eich, mit dam 
han ich nix z'thüe, s'Gschaft vu mim Pape geht mich nix a! 
(Zum Theo) II faut que je me sauve! Au revoir Theo! Bon 
courao"e! (g'bt ihm die Hand dann ab). 

I. Streikposten : Adie einewag ! 

Borax (zum I.Streikposten): Ihr sin schint's nit güet 
z'sprache uff dr Herr Pickel ? 

I.Streikposten: Nai! Krütverdatschmi nit! Da han'i 
uff'm Mage, un wenn ichs ihm emol heimzahle ka, so soll's 
an mir nit fahle! 

Borax: Eh bien liawer Frind, ich bi o nit güet z'sprache 
uff dr Herr Pickel! Ihr han vorig g'sait, es soll a Polier üss 
Ditschland fir ne ku ! . . . . 

I. Streikposten : Ja, das han mr erfahre ! . . . 

Borax (fir sich) : Das isch a grossartige Idee ! (zum Streik- 
posten) Eh bien, ich will Eich behilflig si ! Ich weiss, s' isch 
wohr, ar soll sogar glich akumme. Dr Herr Pickel hat ihm 
g'schriewa, ar seil sage, ar wott zue sim Unkel, wenn ihn 
d'Streikposchte ahalte thate, fir ass die nit merke. Glaüwe's ihm 
awer nit ! Lehn nur mich mache, ich zeig eich da Polier, un 
drno kenne ihr drfir sorge, ass ar nit zuem Herr Pickel geht 
geh schaffe! Ich bi allewill uf dr Site vu de Arweiter, wu fir 
a Hungerlohn schinde un schaffe mien un die Meischter thien 
sich drbi dicke Bich pflanze! (Borax hat das letztere laut gesprochen. 
— Darauf stellen sich H. Streikposten, Tissi und Peter dazu). 

n. Streikposten: Bravo Kamerad! Das isch gredt! 

Borax : S' Harz im üb thüet sich in mir umeüraije, 
wenn ich sieh, wie me de arme Arweiter s' Blüet unter de 
Fingernägel fire holt ! . . . 

Tissi : Bravo ! Dass heiss i gredt ! 

Borax : Dr Arweiter müess schaffe un ar will schaffe ! 

Tissi: Oho Kamerad! Nit eso 

Schutzmann (langer Mann mit Bart — bekannte Erscheinung) : 
Nicht stehen bleiben hier, ich hab sie jetzt schon zweimal 
gewarnt ! (Die Gruppe geht auseinander). 



(Es fährt wieder ein Zug ein. Oktroibeamte stellen sich bei jedem Zug 
an der Ausgangstüre auf, Tissi und Peter auch. Die andern bilden Spalier. 
Es kommen viele Leute heraus. Ein typisch französischer Reisender erscheint 
und hat eine rot-weiss-blaue Dekoration im Knopfloch — er wird vom 
Schutzmann angehalten i. 

Schutzmann : Runter mit dem Zeug ! 

Französischer Reisender: Qu'est-ce qu'il veut celui-lä? 

Schutzmann: Hier wird deutsch gesprochen! 

Zeitungsträger (ruft): Le Journal, journaux frangais! 
(zum Schutzmann) Wissen sie das rot-weiss-blaue Bändchen ist 
eine Medaille de Sauvetage — eine Rettungsmedaille (zum Franzose) 
Vous savez, il est defendu ä Mulhouse de porter le rouge- 
blanc-bleu. 

Franz. Reisender: Mais, tas de sauvages . . . 

Zeitungsträger (zum Schutzmann): Ach lassen Sie ihn doch 
gehen ! 

Schutzmann (zum Zeitungsträger): Scherren sie sich zum 
Teufel, sie verdammter Franzosenkopf ! 

Zeitungsträger (zum franz. Reisenden): Ah, VOUS savez, il 
faut faire attention — vous n'etes pas en France ici. 

Franz. Reisender : Fichez moi la paix, espece de tete 
carree (geht wieder zurück). 

Zeitungträger (verblüfft stehen bleibend) : Do hamer's mir 
Elsasser, bi de Schwowe sin mr „Franzosenköpfe" un bi de 
Franzose heisse mr „Tete carree". I weiss boll nimmig was i 
danke soll — mais quand meme, je prefere .... 

Scheller Charles (kommt von links — unterbrechend) : Mach 
verdammi, ass de wittersch kunsch mit dine Gimp, zahl ich dl 
fir ass du Sprich klopf'sch, oder fir ass du Zitunge verkaüfsch 
(beide ab rechts). 

(Verschiedene Passagiere kommen noch aus dem Bahnhof). Einer 
Dame, die den Matin in der Hand hält, nimmt der Schutzmann die Zeitung 
ohne ein Wort zu sagen aus der Hand). 

Dame : Ah, par exemple, c'est trop fort ! 

Oktroibeamter (zu sehr dickem Herrn mit Valise) : Han se 
ebbis z'declariere fir dr Octroi — Schnaps, Kaffee, Wi oder 
sunscht ebbis ? 

Dicker Herr (angeheitert) : Ich ha fimf Liter Wi bi mr, 
Wurum ? 

Oktroibeamter : Ja do mien ihr Octroi bezahle ! 

Dicker Herr : Fallt mr jo gar nit i . . . 

Oktroibeamter : Ja das schlackt eich kei Geis ewag, 
ihr mien eifach zahle. 

Dicker Herr : Un ich zahl eifach nit, voila ! 



Oktroibeamter : Das wa mr sah ! Wu han ihr denn 
la Wi ? 

Dicker Herr: Im Buch han i na — fimf Liter rot-wiss- 

)lauer Wi, wu kei Zoll un kei Octroi zahlt! (Geht lachend ab). 

(Ein Reisender, welchem man auf der Bahn ein Plakat , Dames seules" 
■n Coupe angehängt hat, kommt vorüber — alles lacht. — Zwei Heilsarmee- 
oldaten kommen vorüber) 

Peter (zum ersten Heilsarmee) : Was bisch den dü fir a 
Boldat ? 

Heilsarmeesoldat : Wir sind Soldaten des Himmels ! 
Tissi : Gottverklemmi, do hasch awer noch witt fir in 
d'Kasarne ! 

(Heilsarmee ab). 

(Milchmann mit Handwagen und zwei Kannen aufladend. Polizei- 
vachtmeister kommt mit Tasche un kontrolliert die Milch — stumme Scene. 
3orax kommt zum Bahnhof raus und spaziert auf und ab. Tissi und Peter 
nachen sich auch zu schaffen. Von rechts kommen Herr und Frau Pickel 
ind Tochter, bleiben ziemlich weit von der Eingangsture stehen). 

Pickel (sieht auf die Uhr) : Ar seil doch scho do si, gang 
3ermaine, frog dert ebb dr Zug vu Mihle schu do isch. 

Frau Pickel : Ja kunnt er denn iwer Mihle ? 

Pickel : Eh, nai, üs Sachse, kunnt er vvohrschinlig iwer 
iBefert ! 

Frau Pickel : Kennt'sch mr o ne astandige Antwort ga, 
ich bi net garn fir a Dottel gnu ! 

Pickel : Germaine : mach was i di ghaisse ha 1 

Germaine: Ja Pape, ich gang jo schu (geht ab nach dem 

Bahnhofeingang und Borax gleich hintenher). 

Pickel (zu seiner Frau) : Lüeg dert steht mi alter Polier. 
Das hat mr grad noch g'fahlt, a Greve wahrend de Wähle, ass 
mich d' Greviste kenne rächt im Drack ummeschleile, — Kumm 
Karlin, ich möcht mi doch net garn sah lo vu ihm ; se sin 
sicher wider do, fir d'Arvveiter abz'fange, draih di um. 

Frau Pickel : Ja, erwartsch Arweiter ? 

Pickel : Eh jo, s'selie üs Ditschland kumme hit oder 
morne, awer da kasch net druf zähle, se thien eim jo alle 
awagschnappa. 

Frau Pickel : S'g'schieht dr o ganz rächt, dü Wasch- 
lumpe, dü witt se nur allewill mit Handschick ariehre anstatt 
ass dü ne ne zeigsch wer Herr im Hüs isch, — Qie wann kä 
Arweiter dure lo, die paar ? ! Ich ha d'beschte Luscht (macht 
Miene als ob sie auf die Streikposten los wollte — Pickel hält sie zurück 
— sprechen erregt weiter) 

(Es treten auf von links : I. Vertreter vom Reisebureau Mülhausen 
I. Vertreter der Ligue des Employes de Commerce). 



— 13 — 



Vertreter der Ligue : Ah, les voila! (aus dem Bahnhof 

heraus kommen circa 20 itah'enische Arbeiter mit Handkoffer, Stöcken, Bündeln 
etc., rotes Band Schlapphut etc. Die zwei Vertreter machen tiefe Verbeugung). 

Delegierter der Ligue (des Employes de Commerce) j 
Messieurs, chers confreres I C'est au nom du Commerce et de 
l'lndustrie de Mulhouse, que nous venons vous souhaiter la 
blenvenue dans notre ancienne cite. Vous, les employes du 
commerce de la belle ville de Lyon, vous etiez enfin ä Berlin, ä 
Berlin. Nous, vos freres perdus, nous sommes heureux etfiersä la 
fois, de voir votre voyage triomphant, couronne par votre entree 
en Alsace, chez vos anciens compatriotes. On vous a fetes, on 
vous a crie „Vive la France", partout en Allemagne, on vous a 
joue la A^arseillaise, nous ne pouvons pas en faire autant , . . 

I. Italiener (auf italienisch) : Non capisco, parla francese 
parla te . . . 

II. Italiener (italienischer Accent) ; Merci Messieurs, auriez 
vous la honte de nous recomrnander oun'albergo? 

Delegue der Ligue (des Employes de Commerce) : Mais» 
Messieurs, il n'y a rien qui presse. Vous nous permettrez de 
vous offrir le vin d'honneur? (Die Italiener haben die Koffer hingestellt 
und wollen sie wieder aufnehmen.) 

Delegue des Reisevereins (schweizerischer Accent) : Mais 
Messieurs, laissez nous soigner vos bagages ! 

Peter u. Tissi (stehen dabei) : Ka mr ebbis verdiene, ihr 
Herre ? : 

Delegue der Ligue (zu beiden) : Schaffe ne mol das 
Gepäck in d'Bourse ! 

Peter (erstaunt): In d' Bourse ? (Beide mit Gepäck ab). 

(Inzwischen sind die wirklichen erwarteten Gäste, aus Lyon, heraus- 
gekommen, circa zehn Herren und einige Damen. Die Streikposten halten 
dieselben an, werden von denselben als Maurer angesehen). 

\. Streikposten (zu l. Lyoner) : Sin ihr Mürer, fir hie ku 
schaffa ? No sag ich eich, ass ihr besser mache, wenn ihr glich 
wider furtfahre ! 

\. Lyoner (welcher nicht versteht zum Delegue der Ligue): Pardon, 
Monsieur ! Parlez-vous franqais ? 

Delegierter : Parfaitement, Monsieur! 

I. Lyoner : Voyez, ce Monsieur me cause et je ne puis 
pas le comprendre. Nous venons d'arriver de Strasbourg; nous 
sommes les Employes de Commerce de Lyon et probablement, 
ce Monsieur doit nous recevoir, mais je regrette ne . . . 

Delegierter der Ligue: Mais .... comment donc?! 
C'est vous les employes de Commerce de Lyon? (zum 1. Italiener) 
Mais alors vous netes pas de Lyon? 



I. Italiener: Non Monsieur! Moi de Napoli, lui de 
Milano, Italic. 

Delegierter der Ligue : Alors, allez-vous-en! . . . 

I. Italiener : Et mes bagages ! 

Vertreter des Reisevereins : Oh, Sapristi ! Jetz sin dane 
ihre Bagages in dr Bourse ! 

Delegierter : Attendez, je les ferai chercher ! (zum bei- 
stehenden Dienstmann) Geiin in d' Bourse un hole dane Macaroni 
ihre Kifferla wider, wu die zwei Manner vorig ane trait han. 

(Dienstmann ab). 

(Die zwei Delegierten begrüssen die Lyoner und ziehen mit denselben 
ab. — Die ItaHener werden von den Streikposten in Empfang genommen;. 

I. Streikposten (zu Italiener nach vielen Gesten) : Nai, nai, 
Kamerade, do wird nit gschafft, mr han Greve hia un s'kunnt is 
kei Mürer ine! 

II. Italiener: Perque, Perque ? . . . 

I. Streikposten : Do git's nit Herberge, ihr bekumme 
höchstens eier Billet bezahlt bis uf Basel un kenne eich dert 
Herberge süeche ! 

IL Italiener: Nous, que vuole. . . 

I. Streikposten : Nix geh hole — nous greve — vous 
pas travailler, allez 

(Die Italiener ziehen sich mit den Streikposten vom Eingang zurück, 
wo sie sich zusammen noch unterhalten. — Inzwischen ist wieder ein Zug 
eingefahren und Passagiere, meistens in Lodenanzügen, kommen aus dem 
Bahnhof). 

Pickel (welcher wieder erscheint zu seiner Frau) : Das kennt 
dr Zug si. 

Germaine (kommt aus dem Bahnhof gesprungen) : Papa, das 
isch dr Zug ! 

Pickel : Mr g'sieht's an de Toilette, ass da Zug net vu 
Befert kunnt. 

Frau Pickel : Ja wenn de rte jetz numme kenne that'sch. 
Das glicht dr wider, ebber abz'hole an dr Gare wu me net kennt! 

Borax (kommt langsam vom Bahnhof auf die Gruppe zu): Bonjour, 

Messieurs et Dames ! Wann ihr verreise ? 

Pickel (verlegen) • Eh jo ! — eh nai ! (für sich) — Da hat 
mr jetz grad noch g'fahlt do — (laut) Mr warte uff ebber ! 

Germaln s Uff dr Cousin üs Sachse ! 

Pickel (zu Germaine) : Dü hasch s'Mül z'halte ! 

Frau Pickel (zu Borax) : ja, un s'beschste isch, mr kenne 
ne ear nit, mr Wisse rtur ass ar Maurer heisst ! 



15 — 



Borax : Ja do wäre ihr ne schwär finde, gehn doch an 
d'Thüre, wu d' Lit üsekumme! 

Frau Pickel : Ja mi Mann will nit. Si alter Polier steht 
dert als Streikposchte un wage dam traut ar net ane. 

Pickel : Traut ar net — ar traut frilig awer ar will net ! 

Borax : Eh warte ich will lüege, viellicht find ich ne üse, 
no bring ich ne do ane. 

Pickel: Ja finde ihr ne besser als ich? 

Borax: Sie sage ar heisst Mürer. Eh bien ich stell mich 
eifach an d'Thüre und rief si Name. 

Pickel: Na, prowiere's emol. 

Frau Pickel (während Borax zur Eingangsthür geht) : S'isch 

doch e ordliger Karle da Borax. 

Germaine: ich ha's jo allewil g'sait gall Mamela, seil i 
villicht hälfe luege dert? 

Pickel: Du blibsch mr do, schla dr nur dine Idee üs'm 
Kopf ich kenn se ganz güet ! 

Germaine: Awer Pape, Du brüch'sch ihn gar nit eso wit 

ewag z'keie. Ar leischtet Dir doch jetz eso viel Dienschte fir dia 
Wahl. Wer hatt denn die Artikel g'schriewa, wenn nit dr Herr 
Borax. 

Borax (an der Tür fragt verschiedene Personen, ruft laut): Herr 
Maurer . , . Maurer. 

Maurer (äusserst linkisch, Londenanzug Handtasche, geht auf Borax 
zu, sehr schüchtern, sächsich): Ej verzeihen sie, ich glaube sie haben 
mir gerufen. Sind Sie vielleicht ein Herr Pickel? 

Borax: Sind Sie nicht Herr Maurer aus Sachsen? 

Maurer: Nu äben, un ich möcht sie nämlich zu meinem 
Onkel gehen. 

Borax: Ja, ja, mr wisse's scho (ruft dem Streikposten). Do 
isch da Maurer, wu Ihr uf'ne warte, wu zum Herr Pickel will 
(leise) ar sait s'seig si Onkel, was han i g'sait (zu Herr Maurer) 
Ja, ja die Herre, warde scho fir eich sorge (die Streikposten nehmen 
den Herrn Maurer in die Mitte). 

Maurer: Zu Herrn Pickel, zu meinem Onkel 

I. Streikposten: Ja, ja, Brueder Nusskueche, mr wann dr 
di Onkel istriche. 

II. Streikposten: Mir schicke ne gli widder fürt das wird 
s'Beschte si. 

Borax: B'sorge mr da Mann guet un gan Achtung uf ne 
(leise) lehn ne net ÜS de Auge (geht nach dem Eingang) 



— 16 



I. Streikposten (zum ll. Streikposten): Mr wann z' erseht 
dam Streikbrecher a bizi Milhüse kenne lehre, fir ass ar nimme 
kummt. 

Friedrich (Stiefel Lodenjoppe, Handtasche, kommt zum Bahnhof 
raus, wendet sich an Borax): Sie haben vorhin Maurer gerufen, ich 
bin Sie nämlich Maurer und soll zu meinem neuen Mester 
gehen. Sie können mir vielleicht helfen (nimmt ein Zettel aus der 

Tasche und zeigt ihn Borax) 

Borax (liest für sich): Tiens das läuft jo wie uff Redla. (Zu Frie- 
drich) Ja frielig, das trifft sich jo güet dert steht d'ganze Familie. Awer 
uff eis will ich i ufmerksam mache. Dr Herr Pickel isch e Ori- 
ginal un s'isch ganz meglig ass ar i fir e Verwandter vu ihm 
nimmt. Ihr derfe ihm in dam Fall nit widerspräche. Wenn 
ar sait, ihr seige si Brueder, drno sage jo, sait'r ihr seige si 
Neveu, drno sage widder jo. D'Hauptsach isch ass ihr ihm nit 
widerspräche, ihr warde sah, ass ihr drno in d' Familie uff- 
gnumme warde wie ne eigener. 

Friedrich : Ah, das kann mir schon recht sein, wenn ich 
gleich Familienanschluss finde. 

Borax : Also nur nit froge un nit widerspräche ! Wenn'r 
ebbis z'froge han so froge mich. 

Friedrich : Schon recht, machen wir 

Borax : Kumme, ich will i jetz anefiehre. (Beide gehen auf 
Gruppe Pickel zu) Voilä, Monsieur Pickel ! Do isch da Herr 
Maurer üs Sachse, wu se uff ne warte. 

Pickel : Eh guten Tag mein Lieber ! Mir haben schon 
gemeint, du kommst nit! Wie geht's? 

Frau Pickel (zu ihrem Mann) : Loss ihn doch mir o 
Bonjour sage. 

Pickel (stellt vor) : Mi Frau, mi Tochter Germaine, das 
isch se, was saisch drzüe ? (stösst ihn in die Seite). 

Frau Pickel (gibt ihm die Hand und küsst ihn) : BonjOUr, 
bonjour! Du bisch a strammer Burscht! 

(Borax lacht und hält sich den Bauch). 

Germaine (zu Borax leise) : Dü lachsch noch, ich möcht 
liewer grine. 

Borax (leise) : S' isch jo dr latz, loss mich jetz nur mache! 
Mach ass wenn dü nix wisst'sch ! 

Pickel (Borax vorstellend) : Un das isch dr Herr Borax, a 

güeter Frind vu uns. 

(Friedrich hat sich bei der ganzen Scene sehr linkisch und erstaunt 
benommen). 

Pickel : Dü redsch jo gar nix ! ? 



17 — 



Friedrich : Ei, das ist ja so scheene und ihr empfängt 
mich ja so scheene, dass ich gar net wess wo mir der Kopf 
steht. So empfangen bin ich noch nie geworden. 

Pickel: Ar isch noch a bitzele schich, awer s' wird 
schu kumme. 

Friedrich (zu Borax) : Das sind aber reizende Leute. Ich 
glaube die nehmen mich wirklich für einen Verwandten. 

Pickel : Allez Kinder, kumme jetz heim geh z Nacht asse. 

(Tissi und Peter kommen mit dem Gepäck und die Italiener stürzen 
sich auf dasselbe. 

Tissi: Eh, langsam Brieder! Wer vu eich zahlt das Dings? 

Maurer (zum Streikposten) : ich will ZU meinem Onkel ! 

I. Streikposten: Ja, ja, mr wisse's! S'isch di Onkel! 

(Alle machen sich bereit die Bühne zu verlassen. Gruppe Pickel nach 
rechts, die andern nach links. 

Borax (im Abgehen) : B'sorge mr ne güet (ab). 
I. Streikposten : Ar isch scho versorgt ! (ab). 
Peter : Jetz ha mr schu wider nit verdient, ich sag jo, 
Milhüse, wu bisch du aneku ? ! 

Couplet vom Peter 

Ich bi dr Peter vu Milhüse 

Un sing eich jetzt ebbes vor 

S'stackt mr do un s'muess jetzt üse 

Achtung, spitze eier Ohr 

Asphaltiert isch alles jetze 

Geht mr heim am elfe z'Nacht 

Losst eim d'Stadt noch d'Fiess abspreize 

Ass me 's Bett nit drackig macht 

Un u^enn me d'Schuele bschäut 

Wie warde die hit baut 

Mr sieht kei Fanschter un kei Türe 

D'Saal sin dunkel zum bedüre 

Derfir isch wolbedacht 

's Dach drei mol grösser gmacht 

Doch d' Hauptsach isch für diese Herrn 

Der Bau ist stilvoll und modern 

(Refrain) Ihr liewe Lit 

Wenn bi dar schlachte Zit 

E jeder rächt vil Stire zahlt 

Fir d' liev.'e Vaterstadt 

Ich weiss wenns niene langt 

E Mittel in dr Not 

Ich nimm d' Gleislose Bahn 

Un suech eso mi Tot. 

Fir nit wittersch Zit z' verliere 
Un a rachter Kunstgnuss z' ha 
Thuen ich vor d' Mairie spaziere 
Mr meint mr kunnt in Versailles a 
Will halt in Italie leider 



18 — 



Sich kei Keifer g' funde hat 

Hann jetzt mir als Grundarvveiter 

Kauft als Zierde unsrer Stadt 

Uff me verheite Stei 

Do steht mit gspreiztem Bei 

E blutter Itah'anerbue 

Uli hebt vor Scham sich d'Aüge zue 

Er hebt rächt elegant 

E städtischer Pickel in dr Hand 

Jetzt fahle nur noch sisch e Olick 

699 Stick 

(R e f r a i n \v i e oben.) 

Will ich grad dra bi am vezehle 

Mues ich alles sage gli 

Was eim weh macht in dr Seele 

isch unsre Tramwaycompagnie 

Fahrt ein im e so ne Wage 

Nur vu Pfascht bis zruck in d' Stadt 

Derf er misel vu Glick sage 

Wenn er d' Seekrankhet nit hat 

Un wird erseht repariert 

Vielicht a G'leis g' changiert 

Wie dado grad am Jungator 

Dr liewe Gott b' biet is drvor 

's thuet fascht dr Aschin ha 

Sie heige laweslangiig dra 

Arwet un Tram s'isch einerlei 

Langsam gehn vorwärts alle zwei. 

(Refrain) Ihr liewe Lit 
Doch das macht alles nit 
Wenn alles zunderscht z' öwerscht geht 
So han ich noch e Trost 
Denn d' Freid nur z'ha 
Ass ich Milhüser bi 
E jeder wu das sage ka 
Derf stolz druf si. 



(Vo rhang fällt) 



— 19 — 



II. AKT 
Personen -Verzeichnis 

Herr Pickel 

Frau Pickel 

Friedrich 

Borax 

Maurer 

Peter 

Tissi 

Herr Dertele 

Kellner bei Moll 

Kellner im Bristol 

I. Wackes 

II. Mackes 
Hochziter 
Hochzitre 

I. Hochzitsgascht 

II. Hochzitsgascht 
Dessen Frau 
Eine Kellnerin 
Eine Dame 
Sporn 

Scheller 

Zeitungsträger 

Fischer 

Pfälzer 

Streikposten 

Stadtrat Fuchs 

Stadtrat Negre 

Stadtrat Dr. Gabriel 

Stadtrat Ruri 

Pompier 

I. Sreikposten 

II. Streikposten 

I. Schutzmann 

II. Schutzmann 
Strassenkehrerinnen 
Fischer 

Wächter der Wach- und 

Schliesgesellschaft 
Heilsarmeesoldaten 
Gäste die in's Bristol gehen 



— 21 — 



II. AKT 

Die Bühne stellt den Neuquartierplatz dar. Man sieht rechts das 
Cafe Moll und links Cafe Bristol ; in der Mitte zieht sich die Riedisheimer 
Strasse durch. Es ist 2 Uhr nachts. Beim Aufgehen des Vorhanges ist bei 
Moll ein Kellner beschäftigt, Stühle auf die Tische zu stellen und abzuräumen. 
Nur ein einzelner Gast sitzt noch da eingeschlafen. Ein anderer Kellner 
lehnt an einen Pfosten und gähnt und wartet bis der letzte Gast weggeht. 

Gast (murmelt unverständliche Worte vor sich hin, plötzlich fällt 
er mit grossem Gepolter vom Stuhl und reisst den Tisch mit sich — am 
Boden liegend) : Jesses Maria, mine Frau un mine Kinder ! Rette 
mi ! Rette mi ! . . . . 

Kellner (fahrt auf, springt hinzu) : Jesses ! Was isch denn 
passiert, Herr Dertele ? 

Gast (erstaunt) : Ja, ja, wu bin i — wu bin i denn ? 

Kellner : Eh bi uns, Herr Dertele, in's Moll's ! 

Gast (fällt dem Kellner um den Hals) : Gott sei Dank, Joseph! 
Jetz kumm i wider züe mr. 

Kellner : Awer Herr Dertele, was han ihr denn ? 

Gast : Eh dank dr, Joseph, ebbis Schreckligs hat mir 
traimt. S'hat mr traimt, ich seig mit dr Gleislose Bahn, dr 
Rabbarg aweg'fahre ! 

Kellner (lacht aus vollem Hals) : Eh was danke ihr, Herr 
Dertele, die derf jo am Tag net fahre, verschwiege noch z'Nacht! 

Gast : Uff da Schracke he, ga mir noch a Humpe ! 

Kellner : Nai, s'isch Firowe, s'thüet mr Leid ! 

Gast : Was han i z'zahle ? 

Kellner: S' sin 13 Humpe, Herr Dertele. 

Gast : Ja drno müess i noch ein trinke, sunscht passiert 
mr e Unglick. Durch die Zahl 13 isch's mr vorig fascht schlacht 
gange. Nai, mit 13 Humpe gang i net heim. 

Kellner: S'isch züe, s'git nit meh ! 

Gast: No gang i eifach in's Bristol. Guet Nacht, Joseph! 
ich zahl i morn ! 

Kellner: S'isch scho güet, Herr Dertele. 

(Dertele geht langsam hinüber zum Bristol. Aus der Tür kommen 
eben zwei Wackes heraus). 



- 22 



I. Wackes (schreit in's Kaffee Bristel hinein) : Will mr kei 
Stellkragle a han, wann ihr uns nit serviere ! 

II. Wackes: Will mr kei Capsule a han, ah das Cafe 
isch nur fir d' Fitzer I Isch unser Gald net so rund wie in andre 
Ihr's ?! Warte eich wa mr scho ein inedrucke (beide links ab, 

weiterschinipfend). 

(Zwei Kellnerinnen kommen von rechts, zwei Herren folj<en ihnen a. 
distance. Einige Fischer ziehen über den Platz. Die Kellnerinnen gehen 
jn's Bristoll. 

Kellnerin (zu den Fischern): Wann ihr geh fische? 

Fischer : Jo, ihr o? 

Kellnerin : Zahlsch nit, Dolfi ? ! 

Fischer : Allez, kumme Kinder, mr gehn in's Bristol. 

Zeitungsträger (geht gleichfalls in's Bristol) : Pickt's! Pickt's! 

Fischer : Mach ass d' abkunnsch ! (Alle ab in's Bristol. 

Inzwischen geht Dr. Gabriel — von kleiner Gestalt, Schnurr- und Spitzbart, 
pince-nez und Hut schief — mit Fuchs über die Scene). 

Dr. Gabriel (im Vorübergehen) : Ja, un wurum han se ne 
grad nit'm Rücke gege's Omeinhüs uffg'stellt ? 

Fuchs: Ja, das isch fir später, we'mr emol nimmig uff'm 
Omeinhüs sin ! 

(Eine Arbeiterhochzeit, ziemlich angeheitert, kommt, den „Böhmerwald" 
singend, angezogen. Die Hochzeit — alle schwarz angezogen, Männer mit 
Cylinder — besteht aus: Hochzitter mit einem Freund am Arm, I. Gast 
mit einer Frau am Arm, H. Gast mit zwei Frauen, Tissi und Peter, welche 
in der Mitte die Hochzitere im schwarzen Kleid und weissen Schleier führen, 
kommen etwas später als die ersteren). 

I. Gast : (zum Hochziter) : Sag Edi, wu hasch di Frau ? 

II. Frau: Hasch se versetzt? 

Hochziter : Wu isch jetz die ? Ja so — ich ha jo ganz 
vergasse, ass mr g'hirote sin ! 

I. Gast : Du g'fallsch mr jetz ! Verliersch du scho am 
Hochzittsowe die Frau! 

Hochziter : Die weiss dr Wag allei ! 

(Inzwischen sind Tissi und Peter mit dr Hochzitere in dr Mitte eben- 
falls angelangt und singen: „So leben wir, so leben wir" etc.) 

Hochziter : Wo blibsch denn. Philippine ? ich ha scho 
g'meint, du bisch verlöre ! 

Hochzittere : Du machsch jetz a Spektakel ! ich war 
scho wider ku, wenn's net hite gsi war, so war's morn gsi. 
(Alle lachen). 

I. Gast : Allez, a bitzi astandig ! Mr gehn in a Herrekaffee 
(Alle hinein). 



- 23 - 



I 



(Während der letzten Scene sind Dr. Gabriel und Negre über die Bühne 
gegangen und haben mit einander aufgeregt gesprochen. Dieselben erscheinen 
alle fünf Minuten und machen denselben Spaziergang. Tissi und Peter 
werden vom Kellner kurz nach Eintreten wieder hinausgewiesen). 

Peter (vor der Tür zum Kellner): Kappe! Wage dare Kappe! 

Tissi : Das isch doch grossartig, in dr G'nieinrot derf mr 
mit re Kappe awer in's Kaffee Bristol net. (Kellner geht wieder hinein). 

Peter : Mir han allewii a so Chance. Mr han derfe Zige 
si an dare Hochzit, mr han nit biku ; bim Asse hat's net g'langt 
fir uns, un jetz, wu mr ebbis z'trinke bikame, derfe mr net emol 
ine. S'dumme isch, ass se d'Hochzitere innegio han, sunscht wäre 
mr in's Monopol, dert darf mr mangmol inne in ere Kappe. 

Hochziter (ruft vom Balkon herunter). Peter ! Tissi ! Wurum 
käme-n'ihr net ufe ? 

Tissi ? Wurum ! Eh mir derfe nit in das Herrekaffee 
will mr Kappe a han. 

Hochziter : Wage de Kappe ? Wart i wirf dr mi Gibüs 

awe — sä fang ne. (Er wirft zwei Zylinderhüte hinunter. Tissi und 
Peter ziehen sie an, nehmen die Mütze ni die Tasche und spazieren stolz 
in's Kaffee, man sieht wie der Kellner Knixe macht an der Türe). 

Kellner : Guten Abend die Herren ! (zu). 

(Die beiden Herren spazieren wieder über die Bühne). 

Dr. Gabriel: Nai, ich bi absolut drgege gsi, fir II/2 Millione. 
Han mir s' Rächt g'ha ? Un drno, wie isch abgstimmt worde ? 
S'isch güet ass is als nieme züeglüegt hat. Ich bi drüss, ich 
ha gnüe g'ha (verschwinden). 

(Man hört singen hinter der Bühne und es erscheinen circa 15 — 20 
Chemiker. Sie laufen im Gänsemarsch um den Laternenpfosten in der Mitte 
nachstehender Refrain singend) : 

Refrain aus dem Weibermarsch „Lustige Wittwe" 

In Milhüse do labt sich's famos, 

Denn do isch aliwil ebbis los. 

Mir sin luschtig, fidel, s'isch uns eins. 

Ob mir Gald han oder keins ; 

Fir d'Plaisier sin mr allewiil z'ha, 

Un wenn's Krach git, sin mir vornedra; 

Anstatt fir Chemie z'studiere, 

Thien mir uns hie amüsiere. 

Denn fir uns isch Milhüse a Paradies. 

Borax (commandiert) : Bataillon, halt ! (Alle halten). Setzt 
euch ! (Alle sitzen an den Boden im Halbmond). Wer zahlt jetz 
snachschte Tournee ? Mr gehn in's Bristol ! (Niemand antwortet) 

— Rede nit alle mit anander ! — Pickel erscheint mit Friedrich am 

Arm — Borax geht auf sie zu) Eh ! gse . . . ni racht ? Dr Pape 
Pickel mit sim Neveu ! Ja wie kumme denn ihr do ane ? (gibt 
Pickel die Hand — zu Friedrich) Guten Abend Herr . . . Herr . . , 



Pickel: Sage n'ihm numme Friedrich! S' isch jo kei 
Schand, Friedrich z'heisse. Se han a Frederic le Grand g'ha, 
wie mir dr Napoleon le Grand g'ha hann. 

Borax : Ganz rächt, un wenn ihr nix drgege han, mir 
sin a luschtige Bande, so mache mit uns un ihr wäre eich güet 
amüsiere. 

Pickel: Mir han namlig a Asse bi uns g'ha, so ne — 
wie seil i sage — so ne genre fian^ailles. 

Borax : Fiancailles ! Vu wem ? 

Pickel: Hä, do Riege n'ihr! Vum Friedrich, awer mit 
wem sag i net ! S* isch no net ganz so wit. 

Friedrich : Von meiner Seite schon, nur die Braut will 
eben noch nicht. 

Pickel : Nur kei Angscht, se wird scho noch wella 
(zu Borax) Ihr warde lüege, wenn ihr's erfahre. 

Borax : ihr am And O ! Also (zu seinen Kameraden) do 
isch mi Hüsmeischter un si neveu. Se mache o mit ! 

Pickel : ja, un vergasse net, ass ich Candidat bi fir in dr 
G'meinrot, ass es die Herre net vergasse, wenn se gehn geh 
wähle, rauche die Herre villicht ? (offeriert Cigarren. Jeder nimmt so 
lang Vorrat reicht). 

Borax : Rauche thien se alle, awer wähle derf kein. Die 
wu vu hie sin, sin noch z'jung, un d'andere sin Russe, Italianer, 
Negre, Spanier, Chinese, un die derfe nit wähle ! 

Friedrich : Sind das auch Maurer ? 

Borax : Nai, no net. ich ha hite in eim a güet Stickla 
g'spielt, wage dam si mr eso luschtig, un wenn's grotet, ihr 
Herre, no lad ich eich i züe ne re güete Flasche. 

Friedrich: Ei, da bin ich aber sehr gespannt, ich wünsch 
ihne, dass es gelingt ! 

Pickel : Ich wünsch's eich o! Gsahn'r, ich wünsch eich 
doch nix Böses ! 

(Vom Bahnhof her sieht man den Streikposten mit Pfälzer und einer 
Reihe von Genossen kommen, die Pfälzer am Bahnhof abgeholt haben. 

Pickel (den Streikposten erblickend) : Do kunnt bigüt ein VU 
mine Arweiter, wu Greve mache. S'isch nit, ass i Angscht ha, 
awer s' isch besser, me geht de Handel üs Wag. ich gang nur 
in's Cafe (geht allein in's Kaffee). 

Borax (zu Pickel) : Mir kumme gli ! Gehn numme ! 

Streikposten (geht auf BoraK zu und streckt ihm die Hand hin): 
Salut Kamerad ! Kenne ihr mich nimmig ? 



25 



Borax : Ah jetz b'sinn ich mich. Ihr sinn da Mürer, wu 
an dr Gare g'stande isch hit z'Owe ! Was han'r mit dam Mürer 
g'macht, wu zu sim Onkel hat wella ? Han'r ne versorgt? 

Streikposten : Sinn nur rüehig, ar kunnt is net üs de 
Klaue ! Mi Kolleg isch rnit'm geh ne Nachtquartier süeche. 

Borax : Wu kumme n'r har, noch eso spot ? 

Streikposten : Eh do — ich ha miesse vu dr Partei üs, 
geh ne Wanderredner abhole an dr Gare. S'isch namlig a grosse 
Wählerversammlung morn z' Nacht im Thalia. Kumme-n'ihr o? 

Pfälzer : Auch ein Genosse ? 

Borax: Natirlig ! Mr sin alles Genosse! 

Pfälzer: Freut mich, meine Herren! Pfälzer ist mein 
Name, Pfälzer aus Nürnberg. (Begrüssen sich — die andern Chemiker 
gesellen sich dazu). 

Borax: Ah, do kumme-n'r ku rede morn z' Nacht! 

Plälzer : Ja, junger Mann. Wir wollen mal den Mülhauser 
Dunkelmännern ordentlich auf die Hosen klopfen. Hoffentlich 
kommen sie auch in die Versammlung ! 

Borax : Eh natirlig kumm i, un do sin mine Kamerade, 
die mien alle o kumme ! 

Pfälzer : So ! Na, das freut mich, dass ich gleich bei 
meiner Ankunft, die Mülhauser Jugend, die ja die Hoffnung des 
Landes in sich trägt, begrüssen darf. 

Borax : Ja kenne-n'ihr eigentlig d' Milhüser Verhältnisse ? 

Pfälzer (mit grossem Pathos) : Mein lieber Freund ! Hier 
handelt es sich nicht um Verhältnisse, hier handelt es sich um 
das Prinzip, die geknechtete Menschheit von dem Joch ihrer 
Unterdrücker zu befreien. Ich bin glücklich, gerade hier, wenn 
ich so sagen darf, auf altem historischem Boden zu stehen, in 
einem Lande, wo die Väter noch mitgeholfen haben, an dem 
grossen weltumstürzenden Werke der Befreiung. Auch ihre 
Väter haben die grosse französische Revolution noch mitgemacht 
und haben ihr Blut vergossen, um uns aus der Knechtschaft 
und Unterdrückung dem Lichte und der Befreiung zuzuführen. 
(Immer leidenschafthcher) Auch eure Väter haben mitgeholfen, die 
Bastille zu stürmen und ihr eigenes Leben eingesetzt, für die 
herrlichen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ! ! ! 
Hat es je ein Volk gegeben, das, wie die Elsässer, mit be- 
wunderungswürdiger Tapferkeit, wahre Heldentaten vollbracht 
hat, wenn mutige, tatkräftige und besonnene Männer sie angeführt 
haben. Folgt auch heute wieder euren Führern, die euch 
glücklich an's Ziel führen werden. Und welches ist unser Ziel ? 
Wohin wollen wir euch führen ? ! 



26 — 



Peter U. Tissi (die vom Balcon aus den Schluss der Rede angehört, 

schreien) : In's Wirtshüs ! ! ! 

(Alles fällt in den Ruf ein : „In's Wirtshüs!" und zieht zusammen in's 
Kaffee. Borax nimmt Friedrich am Arm und bleibt mit ihm zurück. 

Friederich : Ach, entschuldigen sie Herr . . . Herr Borax' 
Herr Borax, ich möchte sie doch etwas fragen. Ich weiss ja gar 
nicht wo mir der Kopf steht. E so a netter Mester, hab ich 
meim Lebtag noch nicht gehabt — dutzen muss ich ihn auch 
schon. Ich wollte blos mal wegen der Arbeit fragen für morgen, 
da hat er mir gesagt, ich wäre verrückt. — Furchtbar nette 
Leute ! Die ganze Familie dutzt mich schon. Ich kann's ja 
schon machen ohne zu arbeiten. Aber so freindliche nette Leite, 
so freindlich. Übrigens es ist so wie sie mir gesagt haben, er 
hält mich für einen Verwandten, aber ich habe keine Spur 
widersprochen. Na ja, er muss es ja wissen. Er sagt, er wäre 
der Bruder von meiner Mutter — ha ha ! ! Dabei habe ich gar 
keine Mutter gehabt, blos ne Tante, ja ! 

Borax : Ihr han meh Glück ass Verstand. 

Friedrich : Ja, da haben sie recht. E so a Glück, e so 
a Glück I ! Na, wissen sie, unter uns gesagt, der Mann scheint 
mir nicht ganz klar zu sein, im Oberstübchen. Nu aber, erst 
die Tochter — ha — was ne scheenes Mädchen, wie — wie 
heest se doch nur, ich kann den Namen gar nicht behalten. 

Barox : Germaine ! 

Friedrich : Ja, ja Germäne ! Ja denken sie sich, der Alte 
will immer, dass ich mich neben sie setze und heute Abend 
wollte er, dass ich ihr einen Kuss gebe. Aber da bin ich 
scheene angekommen, sie ist vom Tisch weg und hat geweint. 
Na ja, das Mädel hat sich äben gegeniert, aber das kommt noch, 
hat der Papa gesagt. Un uf'm Weg, da hat er mir erzählt, dass 
er mir die Tochter zur Frau geben will und dann dass er mir 
dann später sein Geschäft übergeben will. Ach denken sie blos, 
so'n Glück, so'n Glück ! ! Der Papa hat mir auch im Vertrauen 
erzählt, dass die Germäne einen andern im Kopf hätte, aber den 
werde ich schon aus dem Felde schlagen — so'n Schafskop ? 

(Während dem Dialogs zwischen Friedrich und Borax, gehen Wächter 
der Wach- und Schliessgesellschaft über die Bühne. Tirolergehen in's Bristol. 
Heilsarmeeleute mit Kriegsruf). 

Borax: Natirlig ! Lüege do isch mi Hand, Friedrich 
(Friedrich schlägt ein). Wenn ihr ebber brüche, fir da Schafskopf 
üs'm Fald z'schlage, ich hilf Eich, un mir zwei warde scho 
Meischter warde ! 

(Zwei gleichgekleidete Zwillingsbrüder gehen vorüber von links nach 
rechts. Die beiden Spaziergänger kommen wieder zurück und grüssen die 
Zwillingsbrüder). 



— 27 — 



Dr. Gabriel : Isch das a-n'Art, a Dokter, wu doch a 
gebildeter Mann isch, a so z' empfange. Ar ka jo nix drfir. 
Hätte se ne in Hamburg glo ! 

Friedrich : Hären se, mein Guedester, mein Schwieger- 
vater — ich darf ihn doch so nennen ? 

Borax : Natirlig ! 

Friedrich : Er hat g'sagt, er möcht mir a goldene Uhr 
kaufen, glauben sie nicht, dass ich mich da revengieren soll. Ich 
bin natürlich nur en Arbeiter und habe keine Mittel um teure 
Geschenke zu machen, aber ne paar Mark kann ich schon 
ausgeben. 

Borax : Ä bäh ! Kaufe ne Automobile ! 

Friedrich : So, glauben Sie ! Aber so'n Ding wird am 
End doch zu teuer sein. Ich möcht halt doch nicht mehr wie 
zwei bis drei Mark ausgeben. 

Borox : Oh ! Um da Pris bekumme ihr scho ne natts ! 

Friedrich : Ja, wo kauft man denn die ? 

Borax : Eh, gehn nur zum Wronker ! 

Friedrich : Also nix für ungut, Herr Borax. Aber das 
bleibt doch unter uns, und wenn ich einen guten Rat brauche, 
dann darf ich doch zu ihnen kommen ? 

Borax : Awer natirlig ! Ich wir eich scho helfe, ass ihr 
d' Germaine bekumme ! 

(Die beiden Zwillingsbriider gehen wieder vorüber). 

Friedrich (schaut ihnen nach und reibt sich die Augen) : Ich 
weiss nicht bin ich besoffen, oder sehe ich doppelt. Das ist 
doch nur einer der da geht ! ? 

Borax: S'sin zwei, awer s'isch doch nur ein! Allez, 
d'andra warte uff uns, warte, kumme jetze ! 

Zeitungsträger (kommt heraus) : Le Journal ! Journaux 
francais, Messieurs ! 

Friedrich : Was quatscht der Kerl da ? 

Borax : Das isch a Zitungsverkaifer ! 

Friedrich (zu letzterem) : Sie, gäben sie mir den Leipziger 
Arbeiterfreund. 

Zeitungsträger : Mir han kä so Drackblättle ! 

Friedrich : Was sagt der Kerl ? Der Leipziger Arbeiter- 
freund ist en Dreckblatt ! Nun mach aber, dass du weiter 
kommst ! Ich geb dir Dreckblatt ! 

Zeitungsträger (abgehend) : Oh, qu'ils sont grossiers, ces 
Allemands ! (ab.) 



- 28 — 



(Dr. Gabriel und Stadtrat Negre kommen wieder und von der ent- 
gegengesetzten Seite kommen noch drei Stadtratsmitglieder. Alle fünf 
begriissen sich). 

Stadtrat Fuchs : Was mache denn Ihr noch do, um die 
Zit ? Ihr sötte scho lang im Bett si ! 

Ruri (dicker) : Ich wett, se han vum G'meinrot g'redt ! 

Stadtrat N^gre I Vu was seil mr denn verzähle ? 

Dr. Gabriel : Siter ass i nimmig drin be, han i mi gar 
nimmig amüsiert ! 

Fuchs : Das glaub i. Fir was meine ihr, ass mr drin sin? 
Mir wann is amüsiere, un — wer weiss ebb mr drin bliewe ! 
Die kurze Zit, wu mr noch drin sin, wa mr da andre d' Höll 
scho heiss mache ! 

Dr. Gabriel : A propos, wie isch's gange, mit dr Gleis- 
lose Bahn? 

Negre : Eh, wie wird's geh ! Wenn se net lauft, so verkaufe 
mr se im Fripie-haas: 

(Dr 100-Kilos-Verein kommt vom Bahnhof. Scheller von der entgegen- 
gesetzten Seite). 

Scheller: Salut Ihr Herre ! Wu kumme-n'ihr har? 

Sporn : Mr sin z' Neieburg gsi, geh d'Spargle versüeche! 

Scheller : Han'r güet g'asse ? Was hat's alles gah ? 

Sporn : Nix b'sunders. Mr han ebbene drei Zantner 
Spargle un 30 Kilos Friture g'ha. Se han jo kä G'flügel do 
ane. S'sin küm zwei Hiehnle uff dr Mann kumme. Wenn 
nit jeder e Schiefele mitg'numme hat, hätte mr kenne verhungera ! 

Scheller : Wu geht's jetz ane ? 

Sporn : Allez, kumme mit in's Bristol ! Mr wann geh 
ne Schinkebrödle asse. (Alle in's Bristol, Sporn ist zu dick und 
kommt nicht zur Thüre hinein) : Was isch, mache n'r SCho ZÜe ? 
(Kellner kommt und reisst den andern Türflügel auf). 

(Pompier-Sergeant kommt von links gegen Kaffee Bristol). 

Dertele (der eben herauskommt zum Pompier) : Wu brennt's? 

Pompier : Wu wird's brenne ! Niene — ich bi nur an 
ere Licht gsi ! 

Dertele : Jetze, an ere Licht ! ? 

Pompier : Nai, hite morge am zehne. Awer mr müess 
si doch zeige un morn isch wider a Licht, drno isch's doch 
net drwart, ass mr si Pompierplünderla üszieht ! 

Dertele : Hite morge han'r ein vergrawe, un jetz thien'r 
ne ne noch versüffe ! 



29 



(Es kommen von verschiedenen Seiten, Gassen- und Strassenkehrerinnen 
mit Besen). 

Frau Pickel (die eilig gelaufen kommt und über den Besen einer 
Kehrerin fällt, erbost) : Kenne ihr net Achtung gah ! Brüche ihr 
dr ganzs Platz do fir Eich, ass d'Lit net dure kenne, un fir mit 
enander z'ratsche ! Kä Wunder, ass's niene süfer isch in dr 
Stadt, wenn mr eso Lit hat fir d'Strosse z' wische, Do ka mr 
sage: v/ie dr Herr, so dr Diener! S' Pack hat afange alle Rächte 
un d'ehrlige Lit mien si ducke. Wenn ich z' kommandiere hat, 
ich wott scho uffrühme, ihr miesste mr anderscht tanze ! ! 

(Alle Kelnerinnen erheben drohend den Besen und umkreisen Frau Pickel). 

I. Kehrerin : Awer jetz isch's genüe ! Jetz isch's Zit 
ass de fürt kunnsch, du alte Hax ! Ah, du findsch o, ass 
d'städtische Arweiter Fülanzer sin ! Was bisch denn du fir 
eine, ass du z'morge am eins noch uff dr Stross umelaüfsch ? 
Mach ass de Üsrisch ! Frau Pickel will sich in's Bristol flüchten. Im 
selben Augenblick kommer die Chemiker wieder heraus und sehen die 
Kehrerinnen mit erhobenem Besen vor dem Cafe stehen). 

Borax: Oho! Was isch denn do los? Wann ihr s'Cafe 
belagera ? (bemerkt Frau Pickel) Un sie do, Madame Pickel ? Ja 
wie kunnt sie do ane ? ! 

Frau Pickel : Wu isch mi Mann ? Da Lump ? ! 

Borax : Ich glaub, ar isch dine (Frau Pickel geht hinein — 
zu den Kehrerinnen) Allez, mache kei Dummheite ! (Zu den Chemikern) 
Ailez Kamerade ! En place, pour quadrille ! Engagier jeder 
si Dame ! (Jeder nimmt eine Kehrerin am Arm und sie führen zusammen 
einen Tanz auf). 

Tanz 

Peter (vom Balcon) : Tissi ! Do unte wird tanzt ! Ailez 
Tissi, kumm awe, do mien mr drbi si ! (Beide kommen schnell 
herunter, stellen sich dazu und wenn der Tanz beendigt, so stellen sie sich 
in die Mitte und tanzen mit komischen Bemerkungen). 

Tanz von Tissi und Peter 

(Bei Scliluss des Tanzes erscheinen die drei Streikposten und führen den 
Herrn Maurer am Arm). 

Maurer : Aber lassen sie mich doch gehen, ich muss 
doch zu m.einem Onkel ! 

I. Streikposten : Ja, scho güet I Mr kenne jetz efange 
das Liedla vu dam Onkel ! Du bisch do fir z'schaffc bim Herr 
Pickel, un jetz wit du uns vorschwatze, s'seig die Onkel ! 

Maurer : Aber, er ist doch mein Onkel ! 

II. Streikposten:. Los Kamerad! Dii geh'sch jetz do in 
d'Hoffnung geh schlofe un morn v/a mr drno lüege, was mr 
mit dr mache ! 



30 - 



Borax (zu sich, die Gruppe bemerkend) : Jetz klinilt da O 
noch ! Da hat jetz noch g'fahlt. Wenn'r nur"^ nit mit'm Pickel 
z'sammekunnt, sunscht han i mi Spiel verlöre. 

(Im selben Augenblick gibt es ein grosses Gepolter hinter der Bühne. 
Es fliegt eine Stange, ein l^olster und eine grosse Tafel mit „Uebungswagen" 
von links auf die Bühne und gleichzeitig ein Mann in Uniform der 
Tramwayschaffner. — Alles stürzt hinzu. Aus dem Cafe kommen alle Leute). 

Frau Pickel: Jeses Maria! S'isch a Ardbewe ! 

Friedrich : Ach, Herr Jemersch ! Ich glaube die Welt 
geht unter! 

Tissi : Nai, nai ! S'isch je nur d' Gleislose, wu lewungs- 
fahrte macht ! 

Peter : S' isch noch güet gange ! 

Stadtrat Fuchs (welcher mit den andern herbeigelaufen kommt): 
S' macht nit ! Mr sin's jetz hol g' wohnt! 

Frau Pickel : Ja, un im Conducteur, hat's nix g'maclit ? 

Fuchs : Nai, Nai ! Da ha mr lo üswatiere, s' kat ihm 
nix mache! 

Pickel : S'jisch bigüt a Schand fir Milhüse, a so ne 
Tramway a z'schaffe. Mr müess si jo schäme ! 

Stadtrat Negre : Ja, s' hat am nöthige Droht g'fahlt, 
wage dam ha mr kä G'leis g'macht. 

Pickel : Schäme sötte ihr i ! Fir so ebbis wird g'spart, 
do han ihr natirlig kei Oald ! Awer wenn's fir d'Arweiter isch, 
do isch nix güet genüe, do wird's numme so üsekeit ! 

II. Streikposten : Ihr han's notwandig, ebbis iwer 
d'Arweiter z'sage ! Ihr Litüssüger ! 

Peter: Ganz rächt! Nur nit g'falle lo ! (und hetzt) gss, gssü 

Pickel : Ihr Fülanzer, ass'r sin ! Das sin alles die arme 
Arweiter, wu z'morge am zwei noch in de Wirtshiser umefahre! 

Hochziter : Schia-n'm doch eins uff's Dach. 

Friedrich : Aber nur die Ruhe, gan's machen immer 
gemietüch. 

I. Hochzeitsgast : Putz doch dam Schwed eine ! 

Borax : Allez, handle doch nit ! S' isch jo nit bös 
g'meint gsi ! 

Frau Pickel (geht mit erhobenem Schirm los) : So Lunipepack ! 
Ihr thate liawer dr Hüszins zahle ! (will schlagen — Pickel reisst 
sie zurück). 

Hochzittere: Was?! Lumpepack?! Wart i gib dr Lumpe- 
pack, du alte Hax ! (will auf sie los, ihr Mann hält sie zurüch). 

Peter (schreit): Achtung! D' Schucker ! (Zwei Schutzleute 
erscheinen, mit Mantel umgehängt, langsamen Schrittes und der eine ergreift 
den Hochziter und der andere Pickel am Kragen). 



— 31 



Hochziter : Lehn mi geh! Se han mit uns ag' fange! 

Frau Pickel : Alte Hax, hat se g'sait : 

I. Schutzmann (zum Hochziter) : Wollt ihr wohl ruhig | 
sein ! Was fällt euch denn ein, mitten in der Nacht so ein * 
Skandal zu verführen! 

Hochziter : Ihr han mir gar nix z'sage ! Verstände ! 

I. Schutzmann : Ruhig sage isch, sonst bringen wir sie 
zur Wache ! 

Hochziter : Sal isch bigüscht nit wohr ! (wehrt sich). 

I. Schutzmann : Los ! Mit zur Wache ! (führt den sich 
"Wehrenden ab — zu seinem Kollegen) : Sie, Kollege, stellen sie mal 
die Personalien der andern fest ! 

Hochziter (im Abgehen) : Das isch mr a natta Hochzitts- 
nacht. Adie Philippine I (zu Tissi) Tissi, gib mr acht uff mi Frau! 

Tissi : S'wird b' sorgt ! 

H. Schutzmann (zu Pickel) : Ich muss ihren Namen fest- 
stellen. Wie heissen Sie ? 

Borax : Aber Herr Schutzmann ! Lassen sie doch den 
Herrn 

Schutzmann : Halten sie s' Maul ! (zu Pickel) : Wie 
heissen sie ? 

Pickel : Oh ! Ich brüch mich nit z' schäme. Ich bi dr 
Bauunternehmer Pickel, mich kennt jeder. Ich bi Candidat fir in 
dr G'meinrot. 

Maurer : Ach du guter Himmel, das ist der Herr Pickel, 
das ist ja mein Onkel, den ich überall suche ! (in dem Augenblick 
wirft Peter dem Schutzmann das Plakat „Übungswagen" an den Kopf. 
Maurer will eben auf Pickel zu stürzen und befindet sich hinter dem 
Schutzmann). 

H. Schutzmann: Zum Donnerwetter! Wer war das?! 
Borax (auf Maurer zeigend) : Do, da do isch's gsi ! 



Schutzmann (stürzt auf Maurer) : Sie unverschämter Lümmel! 
Das sollen sie mir Süssen ! Sie sind verhaftet ! 

Maurer (stammelt) : Aber verzeihen sie, ich . . . 

Schutzmann : Maul halten ! (führt in ab). 

Borax : Ouf ! 

n. Streikposten : So jetz brüche mr dr ewe kei Logie 
süeche ! 

(Vorhang fällt) 



— 32 — 



III. AKT 

Personen -Verzeichnis 

Herr Pickel, 

Frau Pickel 

Germaine 

Friedrich 

Direktor Henri 

Stadtrat Fuchs 

Stadtrat Negre 

Stadtrat Ruri 

Stadtrat Kolb 

Stadtrat Baumeister 

Commissionsmitghed Schrumm 

1. Schauspieler 

2. Schauspieler 

3. Schauspieler 
Heldentenor 

1. Kapellmeister 
1. Theaterarbeiter 
Feuerwehrsergant 
Regisseur 
Sängerin 
Theaterdiener 

Schauspieler, Schauspielerinnen, Balleteusen, Theater- 
arbeiter 
Polizeikommissar 



33 - 



in. AKT 

Die Bühne stellt die Theaterbühne von rückwärts gesehen dar. Den 
Hintergrund bildet der Vorhang mit Guckloch. Die Dekoration stellt einen 
Garten von rückwärts gesehen vor. Beim Hochziehen des Vorhanges, geht 
hinten der Vorhang (Hintergrund) herunter. Man sieht in den Zwischenraum 
eines Theaters hinein. Kapellmeister Hess am Dirigentenpult wird gesehen. 
Auf der Bühne ist ein Schauspieler (Heldentenor), der sich beim Sengen des 
Vorhangs (Hintergrund) verbeugt. Sobald der Vorhang drunten ist, gestikuliert 
er heftig. Ein Garderobier wirft ihm einen bereitgehaltenen Mantel über. 
Man hört starkes Beifallklatschen. Aus den Coulissen hört man den 
Regisseur rufen. 

Regisseur (hinter den Coulissen) : Vorhang hoch ! Vorhang 
hoch ! 

Heldentenor (aufgeregt) : Auf keinen Fall ! Der Vorhang 
muss drunten bleiben ! Ich geh nicht mehr raus ! 

Direktor (schmeichelnd): Aber, ich bitte, Herr Heldentenor 
das Publikum will sie sehen, hören sie doch den Applaus 
Vorhang hoch ! 

Heldentenor : Zum Teufel noch mal, — lassen sie den 
Vorhang drunten, sonst verlasse ich die Bühne ! Die Bauern 
können mir gestohlen werden ! Was wissen denn die Leute 
von Kunst ? 

Direktor : Was ist denn schon wieder los ? 

Heldentenor : Das sind meine Sachen, Herr Direktor, 
und damit basta! 

Direktor : Also Schluss ! Bühnenwechel ! Etwas fix ! 

Regisseur : Schnell, schnell ! Wir haben keine Zeit — 
nicht so bummeln ! (Von sämtlichen Theaterarbeitern arbeitet wirklich 
nur einer, die andern stehen herum). 

(Es kommen von links herein, zwei Stadträte, Mitglieder der Theater- 
kommission, bekannte Gesichter. Beide gehen direkt an das Guckloch im 
Hintergrund und tuscheln zusammen. 

Direktor (geht auf beide zu) : Guten Abend, meine Herren ! 
Welch' hohe Ehre sie uns erweisen ! (gibt beiden die Hand). 

Stadtrat Fuchs (grosser Lockenkopf, schwarzer Schnurrbart, 
circa 36 Jahre alt, grosser schwarzer Schlapphut, immer Hände in den 
Taschen — blinzelt dem Direktor zu) : Ar iscll do ! (beide gehen wieder 
an's Gucklocli und sehen nach der Bürgermeisterloge). 

Stadtrat Negre : Isch'r do ? 



34 — 



Fuchs : Ar isch do, — do kasch ne g'sah ! 

Schauspieler und Schauspielerinnen, Tänzerinnen und Statisten sind 
herausgekommen und treiben allerlei Unsinn). 

Fuchs (zum Direktor) : A propos, Herr Diracter, d' Fräulein 
Lieblich hat sich bi mir entschuldigt, se ka net ku hite. 

Direktor : Aber das ist doch sehr unangenehm, jetzt im 
letzen Augenblick ! 

Fuchs : Se hat mr's geschtert scho g'sait, awer ich ha's 
vergas se ! 

Direktor : Eigentlich sollen sich die Schauspieler an 
mich wenden ! 

Fuchs: Das isch grad so güet, wenn se's mir sage, fir 
was bin i in dr Theaterkommission? 

Direktor: Allerdings, Herr Stadtrat! Es war ja nicht so 
gemeint ! 

Regisseur (zu den Theaterarbeitern) : Schnell, schnell ! Was 
fällt Euch denn ein ? Ihr seid doch nicht hier zum Faulenzen ! 

Negre (zum Regisseur) : Herr Regisseur, ihr mien die 
Arweiter net so aschreie, se sin so guet vu dr Stadt ag'stellt 
ass ihr, un a Arweiter isch o ne Mensch ! (Regisseur rauft sich 
die Haare). 

Negre (zum I. Stadtarbeiter — gibt ihm die Hand): Ihr brüche-n-i 
nit g'falle lo, sage nur mir's (zum II. Theaterarbeiter, ihm ebenfalls die 
Hand gebend) Salü Schaki ! Was hat's geschtert z' Nacht neis ga 
in dr Fraction ! 

II. Theaterarbeiter : Net viel, awer de derftigsch o wieder 
emol ane ku, bsunders jetz, vor dr Wahl ! 

Regisseur (aufgeregt zum Direktor) : Wir werden nicht fertig! 

(Direktor zuckt die Achseln und geht weg). 

Regisseur: Nun, mir soll's recht sein! 

(Drei Schauspieler stehen beisammen). 

I. Schauspieler : Nee, mein Lieber ! Da bin ich nun gar 
nicht verlegen. Ich krieg mit jeder Post Kontrakte zugeschickt. 
Momentan stehe ich in Unterhandlung mit München. Die wollen 
nich um jeden Preis dort haben. Was ich nach Mülhausen 
rage — ich will ja gar nicht hier bleiben. Ich kriege Engagement 
n jeder Grosstadt ! 

II. Schauspieler: Es ist auch ein trauriges Nest, das 
Vlülhausen, und ich bin froh, wenn ich mir wieder den Staub 
/on den Sohlen schütteln kann ! 

III. Schauspieler: Na wissen si, hier, und so was von 
inem Publikum, nicht ein Vota von Kunstverständnis. Zum 
jrossen Glück haben wir eine Theaterkommission ! 



35 - 



I. Schauspieler: Ah pardon! Da sehe ich gerade, dass 
mich der Herr DireI<lor wünscht ! (geht auf den Direktor zu, während 
die andern zwei weitersprechen — zum Direktor) : Acil Verzeihung, 
Herr Direktor ! Dürfte ich mir gestatten, mich wegen dem 
Reengagement zu erl<undigen. Ich wäre ihnen wirklich von 
ganzem Herzen dankbar, wenn sie mich für die nächste Saison 
prolongieren wollten, ich hab mich in Mülhausen jetzt schon 
so eingelebt, dass mir Mülhausen zur zweiten Heimat geworden 
ist und es wäre ein schwerer Schlag für mich, wenn ich jetzt 
wieder von Mülhausen fortmüsste. 

Direktor : Meine Unterstützung haben sie, mein Lieber, 
aber sie wissen, dass es nicht allein von mir abhängt. Ich kann 
ihnen leider keine zu grossen Hoffnungen machen. (I- Schauspieler 
verbeugt sich und geht zurück zu den zwei anderen Schauspielern. — Direktor 
zu den beiden Stadträten sich wendend) Nun, meine Herren ! Wie hat 
ihnen der zweite Akt gefallen ? 

Fuchs : S'isch nit b'sunders gsi, das Lied i weiss 

nimmig wie ihrs heisse, wu ar un sie mitanandersinge ! 

Direktor : Ah, sie meinen wohl das Liebesduett ? 

Fuchs : Natürlich, das Liebesduett ! Eh bien, sie hat viel 
stärker und viel höcher g'sunge wie ar ! 

Direktor : Ja, das weiss ich. Sie hat eben die Melodie 
zu singen und er hat die Begleitung ! 

Fuchs : Ja, das weiss ich. Ar müess awer doch stärker 
singe — wenn mr so güet bezahlt isch wie ar, so derf mr O' 
stark singe ! 

Negre : Un dare dicke Tanzere isch a Wade aweg'rutscht. 
Ich will in dr nachschte Commissionssitzung proposiere, ass die 
Wade vum a Gmeinrotsmitglied no-g'lüegt warde, vor ebb 
d' Vorstellung afangt, ass a so Sache nimmig vorkumme ! 

Fuchs : Un dr Bariton isch gar net uff d' grosse Zeh 
kumme ! 

Direktor ; Sie meinen doch das hohe C. 

Fuchs : Ja, natirlig das höh C ! 

Direktor : Das war nicht der Bariton, sondern der Tenor. 

Fuchs : Das blibt sich doch egal — Bariton oder Tenor! 

Direktor : Sie sind ein schlauer ! (geht weg). 

I. Schauspieler (zu den Kollegen) : Nee. fällt mir ja gar 
nicht ein ! Der Direktor meint, er muss es durchsetzen — er 
will mich mit aller Gewalt für die nächste Saison wieder haben. 
Er hat mir eben eine höhere Gage angeboten, aber ich habe 
ihm gesagt, dass ich unter keinen Umständen mehr bleibe ! 



- 36 



Sängerin (kommt erregt herausgestürzt auf den Direktor zu) : Die 
Rolle der Amelia will ich unter allen Umständen spielen, ich 
bestehe darauf, das ist mein Fach, dafür bin ich doch engagiert, 
ich habe es doch kontrakth'ch ! Wie kommt man dazu, mir die 
Rolle einer andern zu geben ? 

Direktor : Na ja, sind sie doch blos ruhig ! 

Fuchs : Eh bien, Herr Dirakter, gan doch dam Maidle 
die Rolle, was ka das eich mache, s' isch jo egal wer die 
Rolle spielt ! 

Direktor : Na ja, sie sollen die Rolle haben ! 

Sängerin : Besten Dank, Herr Stadtrat, für ihre geistige 
' Fürsprache. 

Fuchs : S'isch garn g'schah ! (spricht weiter mit ihr). 

I. Kapellmeister (kommt sehr aufgeregt hereingestürzt, mit Takt- 
stock in den Händen, bayrischen Dialekt sprechend) : Des holt i net 

aus ! 1 loss ma net von jed'm Schusta in d'Musik einired'n ! 

(erblickt die beiden Stadträte und den Direkter j Grüess Goot, die Herr'n 

Kommissionsmitglieda ! Gut'n Abend, Herr Direkta ! 

Negre : Ihr schreie jo, ass wenn ihr im Hofbraühüs in 
Münche wäre ! 

I. Kapelmeister : Na ja, s' isch doch a woar, i hob 
g'mant da Schlag trifft mi ! 

Negre: Was fir ein, dr Wertenschlag? 

I. Kapellmeister: Na, so hab i mi g'ärgert. Kimmt da 
so'n Metzgameista un will ma was verzähl' n üba den 
Kontrapunkt ! 

Negre : Da seil Groschewirschtle verkaufe ! 

I. Kapellmeister : Kaum is der fürt, so kumm'n zwa 
so junge Fratz'n und woll'n m'r vormach'n wia ma den Wagna 
dirigiert? Jetz frag i sie, meine Herr'n von der Theatakommission, 
sie, die sie doch Kunstverständige san, die sie doch ganz 
speziell in die Theatakommission g'wählt word'n san, weil sie 
Musik-kenna san — ich frag nun sie, ob ma da eina was vor- 
mach'n kann ? 

Fuchs : Nai, eich ka keiner nix vormache, se könne eich 
höchschtens nomache ! 

I. Kapellmeister (immer feuriger werdend) : So'n Wagna, 
seh'n sie, der v/i',1 nit nur diriigert, sondern der will auch ver- 
stände und empfund'n werd'n. (Fängt an zu gestiguHeren.) 1 sag, i 
lass mei Leb'n für so'ne Musik, was ma da alTs heraushol'n 
kann. Da sprudelt's blos so voll stürmischa Leid'nschaft. 
Denk'n sie blos, di schöni Passage aus Siegfried (fängt an das 
Lied zu singen und auf seine bekannte Art in der Luft herumzufuchteln). 



37 — 



Negre : Was inr hitigstags net fir a Wase macht mit dam 
Wagner. Was hat ar denn so b'sunders g'macht — — — da 
Wagner? Wage dam „Mignon" wu ar g'macht hat, was isch 
denn do b'sunders dra ? 

I. Kapellmeister : Owa, Mignon hat doch Wagna gar 
nit g'macht, das is ja vom Thomas und gar nit vom Wagna ! 

Negre : Eh jo, do ha mr's jo, net emol Mignon hat ar 
mache könne ! 

I. Kapellmeister ! Heiliga Bimbam ! (läuft wejj, bleibt bei 

einer Sängerin stehen. — Während der ganzen Scene war viel Kommen und 
Gehen von Schauspielern. Tänzerinnen stehen an den Coulissen. Die beiden 
Stadträte sehen den Balleteusen zu, wie dieselben die Beine schwingen. 

Feuerwehrsergeant (zu den zwei Stadträten) : Gehn net so 
noch, ihr Herre, wie g'schnall könnte ihr Für fange ! 
Negre : Sin ihr wieder jaloux ? 

(Kommissionsrat Schrumm kommt von links herein. Alle machen Knixe, 
auch der Direktor. 

Fuchs : Ah, lüeg do ! Salut Schrumm ! 

Schrumm: Salut! Hocke-n-ihr denn scho wieder d'owe ? 

N^gre : S'isch fascht so luschtig, ass im G'meinrot ! 

I. Schauspieler (geht auf Schrumm zu) : Ich habe die Ehre, 
Herr Kommissionsrat, ich muss ihnen noch meinen verbindlichsten 
Dank abstatten, für das .... 

Schrumm (unterbrechend) : S' isch scho güet, mache nur 
kei so Manöver ! 

II. Schauspieler (zu Schrumm) : Das war ausserordentlich 
liebenswürdig von ihnen .... 

Schrumm : Jo, rede net drvu, s'isch jo net drwart! (geht 
auf Negre und Fuchs zu) : A propos, Genosse, was meine Ihr zu 
dam Vorschlag, ich will in dr nachschte Commissionssitzung 
vorschlage, ass mr dr Benefice wu vum Theater abfallt das Johr 
im Pfrundhüs un sunscht in a paar güete Warke losst züekumme. 

N^gre : Meinsch do wird's Stücker ga ! (Schrumm, Negre 

und Fuciis und Balleteuse bilden eine Gruppe und lachen miteinander. 
Direktor, Kapellmeister und Schauspieler bilden eine separate Gruppe). 

11. Schauspieler (zum Direktor): Herr Direktor, das kann 
ich mir auf keinen Fall gefallen lassen, wie kommt man denn 
dazu, mir so ohne weiteres 50 Pfennig .von meiner Gage 
abzuziehen ? 

Direktor : Ja, ich weiss absolut nicht um was es sich 
handelt, ich weiss nur, dass sie gemeldet worden sind. 

II. Schauspieler : Ja natürlich, kann mir ja denken, 
woher das kommt, aber ich kann sie versichern, dass es dies 



- 38 



mal nicht so glatt durchgehen wird, ich weiss schon, an wen 

ich mich zu wenden habe ! (Geht auf die andere Gruppe zu) 

Schrumm (kurzsichtig) : Ah, sahit Genosse ! (sieht ihn 

genauer an) Ah, was git's neis ? 

II. Schauspieler: Ach, verzeihen die Herren, wenn icii 
sie störe ! Kann ich einen Augenblici< Herrn Stadtrat Fuchs 

sprechen ? (Stadtrat Fuchs geht mit ihm zur Seite.) 

Schrumm (zu den andern) : Was will jetz da Dissi ? 
A propos, s'kunnt noch a Visite, dr Ruri un d'andre wann o a 
mol ku lüege do hinte, se warde gli kumme. 

Fuchs (zum II. Schauspieler): Fufzig Pfennig? S'isch doch 
nix drvu g'redt worde in dr Commissionssitzung. Enfin s'wird 
rangiert warde. Wenn'r wieder ebbis han, so wände- n-i nur 
an mich ! 

II. Schauspieler: Besten Dank, Herr Stadtrat! (geht zwei 

Schritte weg und kommt wieder) Was ich noch sagen wollte (spricht 
Iei:e zu Fuchs indem er verschiedene Alale auf seine Schuhe zeigt. Dann 
geht er wieder zu seiner Gruppe und Fuchs zu Negre und Schrumm. — Es 
kommen von links verschiedene Gememderatsmitglieder.) 

Schrumm : Was han-i g'sait, do sin se scho ! 
Stadtrat Ruri (zu zwei mit ihm gekommenen Stadträten): Lüege 
a mol s' Theater jetz a, un wie's friejer g'si isch ! 

Stadtrat Kolb (älterer Herr mit weissem Haar und starkem weissen 

Schnurrbart) : Danke awer o ne mol, was das alles koschte hat ! 
Ruri: Ach was, mr ka nie genüe mache fir's Volk 
z' bilde! S' Theater isch e Bildungsinstitut. Ich verlang absolut, 
ass unsere Arweiter o ihre geischtige Nahrung bikumme ! 

Kolb : Vu eirem Standpunkt, als Wirt, han ihr ganz 
rächt, v/enn ihr sage, d'Arweiter seile geischtige Nahrung züe si 
namme. ich find, ass se scho z' viel geischtige Nahrung 
bekumme, wenn ihr d' Statistik vum Absinthe, Schnaps usw. 
alüege, so warde-n'r finde, ass 's de Arweiter an geischtiger 
Nahrung net fahle thüet. 

Stadtrat Baumeister (Klerikal) : Viellicht hat dr Herr 
Ruri geischtlige Nahrung welle sage, 

Ruri : Nai, nai, ich mein eifach, ass d'Arweiter meh in's 
Theater geh sötte. 

Kolb : Arweiter, un allewi! nur d'Arweiter — s' isch jetz 
genüe fir d'Arweiter g'macht worde, jetz seil o nemol d'Bourgeoisie 
dra kumme ! 

Ruri : Voilä, do ha-mr's wieder, nix fir d'Arweiter, das 
glicht i ! 

Kolb: Do keit mr a Vermöge in's Theater inne — d'Lit 
han friejer o kei Theater g'ha un sin grad so glicklig gsi ! 



- 39 — 



Ruri : S' Theater isch a Kulturfactor. Was verstehn denn 
ihr iwerhaup, vu de höchere Volksbedürfnisse ? (geht murmelnd 
zu seinen Kollegen Schrumm, Fuchs und Negre und spricht mit ihnen) Eh do, 
d' Fawrikante, d' Sparer, was wisse denn die vom Volk bilde? 

Schrumm : Reg' dl net uf, Ruri, steck mr's mit dim Volk 
bilde a mol uff, vum lüder bilde wird's nur ibilde ! 

Direktor (auf Kolb und Baumeister zukommend) : Diese Ehre, 
meine Herren, es freut mich ungemein, sie hier begrüssen zu 
können, und wird es mir ein Vergnügen sein, ihnen jedes 
wünschenswerte zu zeigen und die nötige Aufklärung zu geben. 

(Eben bringen zwei Arbeiter eine fungierte Marmorbank auf die Bühne.) 

Kolb : Wie kommt's, dass sie so taire Bank hier hawe ? 
A billigere hätt's auch getan. 

Direktor (lacht): Aber Herr Stadtrat, es ist ja eine hölzerne 
Bank und der Marmor ist blos gemalt. 

Kolb : Immer spare. (Zwei Balleteusen gehen vorüber) Sehen 

sie, die Mädels könnte sich auch lange Kleider mache, aber die 
spare. (Alle lachen.) 

Direktor : Nun ja, die verdienen auch nicht viel. 

I. Balleteuse (zur Kollegin) : Du, das war sein Papa ! 

(Die Theaterarbeiter haben eben eine Statue aufgestellt, die Kolb von 
vorne sieht.) 

Kolb (erschrickt) : Was, schon wieder ein Monument ? 

Baumeister : S' isch jo nur vu Holz I 

Kolb: ich wott das uff'm Rothüs war o nur vu Holz! 
(auf den Schnürboden zeigend) Und was ist das da droben, WO 
dort hängt ? 

Direktor : Das sind die Dekorationen, die Hintergründe, 
Coulissen usw. 

Kolb : So viel Zeig, di haiwi wäre mir auch genug 
gewese, da wird Geld hinausgeworfen. Sie müsse mehr spare, 
mehr spare, Herr Direktor ! (Inzwischen ist der Heldentenor wieder 
auf die Bühne gekommen und spaziert allein umher) Wer ist das ? 

Direktor : Das ist der Heldentenor. 

Kolb : Sehr schön angezogen. Was verdient er ! 

Direktor: 12 000 Mark. 

Kolb: 12 000 Mark! Ich kenne Leit, die thäte's um's 

halwe mache, was der macht ! (Inzwischen kommt Ruri auf die Ver- 
senkung zu stehen) Herr Direktor, sie müssen mehr sparen, das ist 
alles viel zu hoch ! Sie müssen mehr herunter, mehr herunter ! 
(Die Versenkung geht mit Ruri herunter) 

Ruri (schreit) : Z' hilf ! 



- 40 — 



Direktor (springt herzu und ruft nach dem Keller) : Halt ! Was 

macht ihr denn da unten ? 

Stimme von unten : Sie haben ja gerufen, herunter ! 

Direktor : Wieder rauf . . . ! (Versenkung kommt mit Ruri 
wieder herauf.) 

Ruri : Hasch g'sali, wie mr awekumme ka ! 

Schrumm : Du bisch halt nit uff dr Höche ! 

Kolb : Sehen sie, Herr Direktor, das gefällt mir ! 

Regisseur (schreit) : Seid ihr denn noch nicht fertig ? ! 
Das dauert ja ne Ewigkeit, so ne Lodderei ! (zu den Umstehenden) 
Bitte die Herrschaften etwas zurücktreten zu wollen. (Alles tritt 
etwas zurück.) 

Tiieaterdiener (kommt herein auf den Direktor zu) : Herr 

Dirakter, do sin Lit, wu absolut inne wann. S' isch a Herr drbi, 

ar hat ebbis g'redt vu O'meinrotsmitglied oder Candidat un 
so Dings. 

Direktor : Die haben hier gar nichts zu schaffen ! Wo 
sind denn diese Leute ? 

(Pickel, Frau Pickel, Germaine und Friedrich kommen hereingelaufen.) 

Theaterdiener : Do sin se scho ! 

Frau Pickel (zu Stadtrat Fuchs) : Sin ihr dr Herr Diracter, 
oder sin ihr Meischter do inna ? 

Fuchs : Dr Dirakter bin i net, awer . . . 

Theaterdiener : Dr Herr Diracter isch dert ! (zeigt mit 
dem Finger auf den Direktor. Frau Pickel stürzt auf den Direktor zu.) 

Direktor : Was v/ünschen sie ? 

Frau Pickel : Eh do ha mr vier Kartle g'numme fir in's 
Theater. Ich ha noch exprass dam g'sait, in sin're Kischte an 
dr Thire, ar seil is güete Platz ga. Ar hat g'sait, sseige 
d'beschte wu se iian, un jetzt sitze mr dert owe im II. Stock 
am e Ecke un wisse-n'r was mr sahn, fir unser schöne Gald 
— a Drack sah mr. Mr lüege alle viere an d'Müre. Mr han 
unser Gald o nit g'stohle. Un grad noch hit, wu mr d' Visite 
han, vu unserem züekünftige Tochtermann . . . . ! 

Direktor (unterbricht): Aber meine Herrschaften, wie können 
sie nur ohne Weiteres auf die Bühne kommen ? Das ist sehr 
streng verboten ! 

Frau Pickel : Bah, Bah ! Oan is bessere Platz, oder 
s' Gald üse ! 

Direktor : Sie müssen an der Kasse reklamieren. 

Pickel (sich in die Brust werfend) : Herr Direktor, ich mache 
sie druf ufmerksam, ass ich Candidat bi fir in dr nachschte 
G'meinrot un jedefall in kurzer Zit Stadtrat wird si — Conseiller 



municipal — un do dank i, Herr Diracter, ass se ihrem züe- 
kinftige Chef mit ebbis meh Rucksicht entgegekumme könnte. 
Denn als züekinftig G'meinrotsmitglied bin ich doch so — 
quasi — ihr Chef ! 

Friedrich : Na ja, es ist doch auch wahr, mir hab'n ja 
gar nichts gesäh'n ! 

Frau Pickel : Briale ne numme ne bitzi a ! 

Direktor : Es is mir ja äusserst peinlich, sie müssen 
schon entschuldigen I 

Pickel : ich ka natirlig jetz net im Augeblick verlange, 
SS ihr da Ecke awag mache seile, awer das ka-n-ich eich sage, 
wenn ich emol im O'meinrot bi, do mien die viele Ecke un 
Kante wu im Theater sin awag (langsam) un s' wird noch a 
mangs do verändert warde! (Während dem hat Friedrich versucht 
Gerniaine den Hof zu machen und ist auf heftigen Widerstand gestossen, 
indem sie nichts von ihm wissen will.) 

Friedrich : Aber Germaine ! Ihr Papa wiil's ja haben. 
Warum sind sie denn so spröde?- Wir könnten doch ganz 
glücklich werden zusammen ! 

Germaine : Für sie bin ich erstens noch immer Fräulein 
Pickel und dann tun sie m.ir den einzigen Gefallen und lassen 
sie mir meine Ruhe, wenn mein Vater sie absolut haben will, so 
soll er sie heiraten, ich will sie nicht ! 

Friedrich : Nun ja, Fräulein Pickel, das wird sich schon 
noch machen. 

Germaine : Nun ja, wenn sie es nicht eilig haben. 

Friedrich : Na, eilig hab ich's nicht, ich kann schon 
warten. (Geht zu den Balleteusen und fasst sie an.) 

(Poiizeii<ommissar kommt herein, wird vom Direktor begriisst und 
spricht leise mit ihm. Plötzlich bemerkt er den Feuerwehrposten, stürzt auf 
diesen zu, welcher stramm steht, betrachtet die Knöpfe an dessen Rock, zieht 
ein Messer aus der Tasche und schneidet, ohne ein Wort zu sprechen, 
sämtliche Knöpfe ab und geht wieder zum Direktor. Pickel und Frau und 
Tochter gehen auf der Bühne spazieren und benehmen sich auffallend.) 

II. Schauspieler (geht auf Pickel zu und verbeugt sich sehr tief) : 
Habe die Ehre, sehr geschmeichelt sie hier begrüssen zu dürfen 
und möchte ich mich ergebenst ihrem Wohlwollen empfehlen. 

Pickel: Ja, sicher. Rauche ihr Cigarre ? (gibt ihm eine 

Zigarre.) 

IL Schauspieler: Besten Dank! Ich selbst rauche zwar 
nicht, aber, ich weiss die Ehre zu schätzen. Darf ich mich viel- 
leicht erkundigen, ob sie der vorgestrigen Vorstellung beigewohnt 
haben ? Haben sie mich gesehen als Rinaldini ? War das eine 
Prachtleistuno- oder nicht ? 



— 42 — 



Pickel : Ich ha s nie scheener g'sah ! (für sich) Ich bi 
mim Labtag net im Theater g'si (geht weiter). 

11. Schauspieler (zum F. Theaterarbeiter) : Wer ist denn 
das eigentlich ? 

I. Theaterarbeiter : Das isch a Mürermeischter ! 

II. Schauspieler (enttäuscht) .- Ach so, ich dachte das 
wäre ein Theaterkritiker. 

Pickel (zu den Theaterarbeitern): Flissig ! FlissJg!? 

I. Theaterarbeiter: Ja, ja, a wenig! 

Pickel : Was isch, sin ihr z' friede sunscht, verdiene 
ihr genüe? 

I. Theaterarbeiter: Mr könnt allewil noch meh verdiene. 

Pickel ; Eh bien, warte nur bis ich im G'meinrot bin 
berschte was ich mach isch, fir eich Theaterarweiter i-z'tratte 
un z sorge, ass ihr meh Lohn bikumme. Drumm vergasse net 
mich z'wähle, s'isch in eirem Intrasse. — Ihr kenne mich jo ! 

Theaterarweiter : Ja, ja ! 

Pickel: Pickel isch mi Name! Raüche-n'r a güete Cigarre' 
(offeriert Zigarren) Namme numme ! 

Frau Pickel : Eine war o genüe ! 

Friedrich (zur Balleteuse) : Aber bestimmt um 1/2 6 Uhr ! 
Balleteuse: Ja natüHich ! Wenn ich bis um 10 Uhr 
nicht dort bin, dann können sie ruhig nach Hause gehen ! 

(f^riedrich will sich auf eine gemalte Bank setzen und fällt auf 
den Boden.) 

I. Theaterarbeiter: Ich ha dam Lappi scho lano- 
zueg lüegt! ^ 

Friedrich : Ich hab sie nämlich gement des ist a Stuhl ! 

(Gelächter bei allen Anwesenden) 

Regisseur (gibt das erste Klingelzeichen) : Meine Herrschaften 
wir fangen gleich an, bitte die Bühne zu räumen ! 

(Stadtrat Fuchs und Negre kommen wieder herein.) 

Fuchs (zum Direktor) : Ihr könne afange ! 

Direktor : Anfangen ! 

Regisseur (klingelt): Bühne frei ! (Alle stürzen hinter die Coulissen 
Der Vorhang - Hintergrund - geht in die Höhe. Man sieht den I. Kapell- 
meister und hört Musik. Heldentenor kommt majestätisch auf die Bühne 
den Rucken gegen das Publikum gewendet.) 

Vorhang fällt 



43 — 



IV. A K T 
Personen -Verzeichnis 

Pickel 

Frau Pickel 

Friedrich 

Maurer 

Vorsitzender 

Polizeikomissar 

Genosse Pfälzer 

Genosse Roth 

Genosse Schrumm 

A alter Arweiter 

Herr Wurm 

Tissi 

Peter 

Genosse Ruri 

Borax 

I. Sreikposten 

I. Schutzmann 

Kellnerin 

Zwei Beisitzende des Bureaux 

Ein Schutzmann 



45 



IV. AKT 

Die Bühne stellt genau das Innere des Thaliatheaters vor und zwar 
folgendermassen : 

Es stellt eine Wahlversammlung dar, vom Podium der Bühne aus nach 
dem Saal gesehen. Im Vordergrund links, den Rücken halb gegen das 
Publikum, nach dem Hintergrund schauend, sitzt an einem Tisch ein Polizei- 
kommissar, auf dem Tisch liegt sein Helm. Ihm gegenüber, an einem 
andern Tische befindet sich das Bureau aus drei Herren bestehend. Es 
spricht nur der Vorsitzende. Im Hintergrunde sitzen dicht gedrängt die der 
Versammlung beiwohnenden Wähler und auch einige Frauen. In der Höhe 
befindet sich, wie im Thalia, eine Gallerie, die ebenfalls dicht gedrängt besetzt 
ist und zwar ausschliesslish mit Arbeitern. Unten, in der ersten Reihe, sitzen 
bekannte Personen. Darunter, zusammen an einem Tische, einige sozial- 
demokratische Mitglieder des Oemeinderats. An einem anderen Tisciie, 
Mitglieder der Gegenpartei. An einem besonderen Tische sitzen Herr und 
Frau Pickel, Germaine und Friedrich. Oben auf der Gallerie machen sich 
Tissi und Peter bemerkbar. Beim Aufgehen des Vorhanges steht Genosse 
Schrumm auf der Bühne, den Rücken halb dem Publikum zugekehrt und 
spricht zu den Wählern. Das Publikum sitzt tiefer als der Sprecher und 
das Wahlbureau. 

Schrumm : Genosse ! (Alles klatscht) Also ihr Arweiter un 
Genosse, ich ha n'eich jetz in minre Red bewiese, was ihr eigentlig 
vu dare Kuttelmuttelpartei z'erwarte han. Wenn die Herre üse- 
kumrne, drno kenne n'r i uf dr Buch schlage, drno kenne n'r 
d'ceinture feschter aziege un s' Mül züemache, ass dr Mage 
meint, s'seig Nacht ! ! Wenn dr schwarz Fahne wieder seil 
uff m G'meinhüs weihe, so kenne ihr o dr schwarz Fahne uff m 
Kochhafe uffpflanze ! ! ! Fimf Sitz wann se n' is ga ! Ich 
seh . . . ank e ne die fimf Platz ! Also, ihr Wähler, ihr wisse 
jetz fir wer ass ihr z'wähle han ! 

Peter : Nai, fir wer ? 

Schrumm : Stimme n'alle fir d'Arweiterkandidate, keiner 
seil an dr Urne fahle ! Zeige ass ihr rächte Milhüser sin, wu 
s'Milhüserredle uff dr Bruscht un net hinte han wie d'Milhüser 
Spretzwage ! Ich will jetz halte, fir wenn viellicht ein vu de 
n'andre do war, wu dr Courage hätt, do uffe z'kumme? Viel- 
licht isch dr Bonaparte salwer do ? Ich glaübs zwar nit, denn 
die Herre traue nur im Central z rede, wu se nieme stört ! ! ! 
(Langdauernder starker Beifall.) 

Vorsitzender : Ich glaub, ass ich im Sinn vu dr ganze 
Versammlung redt, wenn ich jetz im Referant dr Dank vu uns 



46 — 



alle ussprich fir sine üsfiehrlige Üsenandersetzung vu unserem 
Programm un d' Vorteil, wu ne jeder hat fir uffs G'meinhüs 
z schicke, un erteil jetz s'Wort im Genosse Pfälzer üs Nürnberg. 
Pfälzer : Arbeiter und Genossen ! Gestatten sie mir 
zunächt, dass ich mich vorstelle! Mein Name ist Pfälzer aus 
Nürnberg. — Es wird euch wohl wundern, dass ich nicht von 
Mülhausen bin ! 

Peter (von oben) : Net im G"ringschte ! 

Pfälzer (fortfahrend) : Ich meine, dass ich nicht von 
Mulhausen bin und doch dieser Versammlung beiwohne Das 
kommt daher, weil ich von der Partei dazu erwählt wurde der 
Morgen hier stattfindenden Gemeinderatswahl, durch meine 
Beredtsamkeit, sowie durch meine, in dieser Beziehung reichen 
Erfahrungen und Kenntnisse, den Kandidaten unserer Partei zum 
Siege zu verhelfen. Es ist wahr, ich bin nicht von Mülhausen, 
aber .... 

Tissi (unterbrechend, zum Vortitzenden): Excuce, awer ich wott 

nur froge, ebb mr bi dam o klatsche müess, wenn ar ferlio- 
isch . . . . ? ^ 

Vorsitzender: Rüehig, un net unterbroche ! 

Pfälzer (fährt fort) : Aber, ich bin nicht abgeneigt, meinen 
standigen Wohnsitz, zum Wohle der hiesigen Arbeitsbevölkerung, 
hierher zu verlegen .... 

Peter : S'kunnt uff ein meh oder wenig o net a ! 

Pfälzer (fortfahrend) : Zu der uns bevorstehenden Wahl, 

Tissi : Ar sait scho: Uns. 

Pfälzer (fortfahrend) : haben wir eine Reihe von hiesigen 
Männern, die das Vertrauen unserer Partei geniessen, als Kan- 
didaten aufgestellt. Wir müssen Männer haben, deren wir sicher 
sind, und die auch einigermassen die Interessen der Stadt 
Mulhausen vertreten können. Diese Männer haben wir gefunden 
und stehen dieselben auf unserer Liste. Das Programm haben 
wir bereits klar und deutlich dargelegt und haben unsere 
Kandidaten dasselbe unterschrieben, das heisst, sie werden stets 
für die Interessen der Partei, die ja selbstverständlich die Interessen 
der Arbeiter sind, eintreten ! Ich werde mir später im Schluss- 
wort noch erlauben, ihnen genaue Verhaltungsmassregeln zur 
morgigen Wahl zu geben und einstweilen unseren Gegnern 
Gelegenheit bieten, das Wort zu ergreifen. Also Arbeiter und 
Genossen ! Lasst Euch in letzter Stunde nicht durch irgend ein 
Wahlmanöver irre führen und tretet alle, wie ein Mann, an die 
Urne, mit der ganzen Liste unserer Partei! (Es folgt Bravo, Bravo, 
Händeklatschen, Bravo.) 



Peter : Da müess üse ! 

Tissi : Wu üse ? 

Peter : Üs Milliüse ! 

Tissi : Mi Frind Peter hat's Wort verlangt ! 

Peter : Ich ? Ich glaub du bisch verruckt, ich ka doch 
net reda ! 

Vorsitzender : Wer isch das ? 

Tissi : Dr Peter ! Ar frogt eb ar awe ku sott ? 

Vorsitzender : S' wird vu dert o geh, ar sott nur vu 
dert owe rede ! 

Peter : Du bisch jo g'schittelt ! 

Vorsitzender ! Allez, geht's los ? 

Peter : Ich weiss nix z'rede ! 

Tissi : Ich blos dr's i — stand uf — allez fang a ! (blässt 
ihm ein) Genosse ! 

Peter (wiederholt): Genosse! 

Tissi : Wie ihr leider sahn, 

Peter (nachsagend) : Wenn ihr heiter sahn, 

Tissi : S'sin nit alle G'nosse erschiene, 

Peter: S'sin net alle g'schosse do inne! 

Tissi : S'isch zwar z'bedüre, 

Peter : S'sin zwar kä Bure, 

Tissi : Doch soll mr bedanke, 

Peter : Doch soll mr se hanke, 

Tissi : Ass d'meischte schaffe, 

Peter : S'sin meischtens Affe, 

Tissi : So ka mr versteh 

Peter : So solle se geh, 

Tissi : Ass se mied gsi sin- 

Peter : Ass se vu Riedese sin. (zum Mathis) Git's noch viel? 

Tissi : Awer mien nit verschrecke, 

Peter : Awer die dert im Ecke, 

Tissi : Mit me frohe Müet, 

Peter : Mit me hoche Hüet, 

Tissi : Un neier Kraft, 

Peter : Wu niene schafft, 

Tissi: So ha mr bol s'richtige tröffe. 

Peter : So sin mr bol richtig b'soffe. 



48 — 



Tissi : Mr wann-is alle wehre. 

Peter : Mr wann alle z'sammelege. 

Tissi : No mache mr se vor dr Entscheidung noch 
z' gumpe. 

Peter : No trinke mr, vor eb mr scheide, noch a Humpe 
(zum Tissi) Ich steck's uff, s' lache mi jo alle üs ! 

Vorsitzender : S' isch jetz genüe vu dam Unsinn ! Wer 
hats Wort verlangt ? 

Alter Arbeiter : Ihr Herre ! 

Mehrere Stimmen : Do git's kei Herre, do git's nur 
Genosse ! 

Alter Arbeiter: Genosse! Ich möcht garn ebbis rede . . . 
Ich ha zwar net viel verstände, vu dam wu mr bis jetz g'redt 
hat, awer ich bi net so dumm, ich ha glich üseg'funde, ass's 
wage dr Wahl isch. Mr hat mr namlig g'sait, s' that hite a 
Socialdemokrat a Red halte un will ich noch nie kei SociaU 
demokrat g'sah ha, so hat mr mi Frau erlaubt do ane z'kumme. 
Ja, ich müess sage, ich be jetz 66 Johr alt un 42 Johr uff 's 
Baredracks, un ha noch nie kei Socialdemokrat g'sah. Ich sitz 
jetz bol zwei Stund do un weiss allewill no net, well's ass ne 
isch, jetz möcht i froge, ebb's da Ditsch isch wu vorig g'redt 
hat ? Ich ha mr namlig a so ne Socialdemokrat ganz anderscht 
vozg'stellt — da isch jo wie mir o ! 

Verschiedene Stimmen : Üse ! ! 

Vorsitzender : Han ihr sunscht noch ebbis z'rede ? 

Alter Arbeiter : Ja, will mr grad dra sin — lüege, ich be 
jetz 66 Johr alt un 42 Johr uff's Baredracks, un verdien mi 
Thaler alle Tag. Isch das net schön ? Die Herre sin noch 
allewil ordlig mit mr gsi, un s'letschte Johr ha-n-ich vum Herr 
salwer 50 Franke biku. Friejer hat mr nie nit g'hört vu Socialischt, 
awer siter ass die Fijlenzia regiert hat, die Sucht, siter sin d'Lit 
nimmig z' friede, lüege ich be jetz .... 

Peter (unterbricht) : 66 Johr alt ! 

I Alter Arbeiter : Ja un . . . 

Tissi (unterbricht) : 42 Johr uff's Baredracks ! 

Alter Arbeiter : Ja, wu har wisse ihr das . . . ? Awer 
ich be noch allewil z' friede gsi, ja un drno, das teile, ein wu 
viel hat, da will net mit mr teile, un ein wu wenig hat, mit dam 
will ich net teile. Ich be jetz 66 Johr .... 

Vorsitzender (unterbricht): S'isch jetz genüe! Dr Herr 
Wurm hat s'Wort. Wann se do uffe ku ? 



49 — 



Wurm (geht auf's Podium, stottert sehr stark und wirkt hierdurch 

komisch): S'isch zwar a g'wogte Sach vu mir, fir allei do wella 
klimme geh Opposition mache un ich weiss im Vorüs, ass ich 
do drmit wenig Succes ha wird ! 

Mehrere Stimmen : Bravo ! 

Wurm : Awer, wenn ich so ne aUer Arweiter rede hör, 
wu sich awer net üsdriici<e ka, so bring ich's net iwer's Harz, 
fir's Mül z'halte. Ich ka zwar o net güet rede, awer ich ka 
mich doch besser üsdrucke ! 

Peter : Ja, ja, du druck'sch güet dra ume ! 

Vorsitzender (klingelt): Lehn da Mann drucke — eh — 
rede ha-n-i welle sage ! 

Viele Stimmen : Bravo ! Bravo ! 

Wurm : Unser nachseht G'meinrot, hat vor allem d'Ufgab 
jetz energisch z' bramse. Mr hat scho viel zViel Gald zuem 
Fanster üse g" worfe, un wenn se 's net ufstecke, so mache 
mr z'Milhüse noch Fallit. Ar müess lüege, ass ar züe Gald 
kunnt, fir ass d' Stire wider awe gehn. — Se seile dr bl . 

l-)[ bl . . . (blute Mann will ihm nicht über die Zunge). 

Tissi (ruft) : Sag Schweissdissi I 

Wurm : Dr Schweisstissi verkaufe, wu's Bronze eso tir 
isch. Anstatt a Saalbaü z' errichte, seile se d' Concerts un das 
Dings in dr Markthalle lo abhalte. Anstatt de städtische Arweiter 
vu hie, wu nur allewil meh Lohn wann, seile se Polacke losse 
kumme, wu fir 50 Pfennig dr Tag schaffe! (Das Publikum fängt 
an zu murren.) 

Stimme von oben: Keije ne üse! (Schliesslich fliegen dem 
Redner etliche Sachen von der Gallerie an den Kopf worauf er das Podium 
verlässt. Der Polizeikomissar steht auf und ergreift den Helm.) 

Vorsitzender (läutet und sofort ist es ruhig) : Das derf net 
vorku, bi uns derf jeder rede un wenn ihr net wann, ass 
d' Versammlung ufg'löst wird, so mien ihr eich rüehig verhalte ! 

Viele Stimmen : Bravo ! Bravo ! 

Vorsitzender : Candidat, Genosse Ruri hat s' Wort ! 

Tissi : Noch a Aügeblick, Herr Genosse, Präsidant, vor 
eb mi Colleg afangt, noch a Wort ! 

Vorsitzender : Awer schnall ! 

Tissi (schreit): Kattala, lang mr noch a Humpe ! (Gelächter.) 

Genosse Ruri : Arweiter und Genosse ! Wenn ich 
noch a mol s' Wort verlangt ha, so isch's nur, inn noch ver- 
schiedene Punkte vu unserem Programm, wu bis jetz no net 
veröffentligt gsi sin. Eich mitz'teile. S'isch im letschte G'meinrot 



- 50 



scho sehr viel <^'macht worde iin mir warde im iiachschte 
G'meinrot noch viel meh verspräche — ah — mache, will i 
sage. Mir v^ann drfir sorge, ass d' Electricität net nur z' Nacht 
brennt, fir ass die Fitzer uff dr Stross umeziege könne. Nai, 
d'Arweiter mien o amol heiter sah z'Milhüse, un wage dam 
solle die Bogelampe z'Morge am sechse brenne, wenn d'Arweiter 
uff d'Arwet gehn. Drno wa-mr fir giiete Schüele sorge — güete 
Schüele isch ein vu de erschte Punkte wu mr im Aüg han. Mr 
mien güete Schüele ha, fir ass mir g'scheitere Kinder bikumme, 
ass unsere Eltera g'ha han. Mir wann o d'Öffentligkeit vu de 
G'meinrotsitzunge. S' derf jeder höre was mir z'sage han, un 
s'sell o jeder rede könne was ar will. Mr soll in keim s' Mül 
wella stopfe, wenn ar ebbis sage will, un wenn's o net in alle 
g'fallt. Mir sin fir d' Meinungsfreiheit, fir d' Pressfreiheit un das 
was mir fir uns beanspruche, das wa-mr o in andere züekumme 
lo. Un drno im Thiergarte dert owe müess o noch a mang's 
g'changiert warde. S'sin jo gar kei wilde Thierer dert owe, kei 
Lob, kei Tiger, kei Elephant un nur ei Kameel un ich hoff, ass 
mit'm neie G'meinrot noch meh vu dane Thierer dert uffe 
kumme warde. (Allgemeiner Beifall.) 

Stimme von oben : Bravo ! Bravo ! 

Friedrich (steht auf) : Weite Anwesende ! 

Vorsizender (unterbricht ihn) : Ich ha ihne s' Wort net 
erteilt ! 

Friedrich : Aber sähen sie, mein Gutester Herr, ich hab 
sie nämlich schon drei mal den Finger in die Höhe gestreckt, 
aber sie haben mich nicht gesäh'n .... 

Vorsitzender : Aha, sie han s' Wort ! 

Friedrich : Meine Herren Genossen ! Bei uns in Sachsen, 
da sagt man nur immer : Nur immer gemitlich, denn nur die 
Ruhe gann's machen. Ich bin sie nämlich aus Sachsen, und bin 
erst gestern hier angegommen. Ich gann sie nämlich gar nicht 
verstehen, dass die Arbeiter so unzufrieden sind mit den Herrn 
Meistern. Sähen sie, meine Herren Genossen, als ich gestern 
Abend hier angegommen bin, da ist mein neier Herr Chef mit 
der ganzen Familie am Bahnhof gewesen und haben mich 
empfangen. Sähen sie, das macht doch einem Vergnügen. 
Arbeiten darf ich schon gar nicht, denn mein neier Chef hat 
schon rausgefunden, dass er eigentlich mein Onkel ist und da 
war doch natürlich eine grosse Fraide. Aber was das beste ist, 
er hat sie nämlich eine Tochter, ein feines, hibsches Mädchen, 
und die will . . . (Borax wirft ihm in demselben Augenblick einen 
faulen Apfel an den Kopf^ so dass er umfällt. — Beim Aufstehen) Immer 
gemütlich, ich hör ja schon auf! 



Vorzitzender : Was ihr do verzähle, das wird wenig vu 
uns interessiere un g'hört net züe dr Wahl. Han ihr sunscht 
noch ebbis z'sage ? 

Friedrich : Ei, ich hab's ja nicht so eilig, ich gann ja 
nachher noch einmal sprechen. (Zu Pickel) Du willst doch auch 
mal etwas sagen (sitzt ab). 

Vorsitzender: Güet, drno ertheil ich s" Wort im Herr 
Pickel, Candidat vu dr Gegnerlischte. Ich möcht d'Awasende 
bitte, sich ewe so rüehig wie vorhar z'verhalte, denn s'isch doch 
o interessant, z'liöre, was unsere Gegner zVerzähle han. 

Pickel (geht auf's Podium): Warte Anwasende ! ich ha 
g'meint, wu ich do ane kumme bi, ass ich wirklig ebbis lehre 
könnt, awer bis jetz ha ich noch nix anders g'hört, ass a grosse 
Schimpferei iwer unsere Partei un iwer d'Fawrikante ! Wenn mr 
dane Herre do züelosst, so meint mr, se heige allei s' Monopol 
fir iwer d'Arweiterversorgung z'rede ! 

Maurer (von der Gallerie) : Ach, jetzt erkenn ich ja meinen 
Onkel! (Spektakel auf der Gallerie) S'ist mein Onkel! (Unruhe im 
Publikum.) 

Vorsitzender (klingelt) : Rüehig, dert owe, un net unter- 
brache ! 

Pickel (fortfahrend) : Mr han o vu unserer Partei Manner 
im letschte G'meinrot g'ha, wu fir d'Arweiter g'sorgt han. Das 
Spöttle, wu ihr do triwe, isch scho vu grössere Geischter triwa 
worde, ass do sin. Dr grand Voltaire isch o ne grosser Spöttler 
gsi. Ar hat gsait : „Ni Dieu, ni Maitre !" un ar hat doch miesse 
starwe. Dr grand Napoleon, hat vor eich scho G'setzer iwer 
d'Arweiterversorgung g'macht, un ar isch doch o kei Social- 
demokrat gsi, un dr Thiers un dr Gambetta o net, un sin doch 
o grosse Lit gsi. Folglich derfe ihr o net giaüwe, warte An- 
wasende, ass eier ganze Glück, vu dane Herre Genosse abhangt. 
Un wenn eire Partei da blutte Mann uff dr Rothüsplatz hat 
stelle lo, so sin mir's gsi, wu dr Ablaüfkanal iwerdeckt han. 
Mir sin's o gsi, wu d' Gleislose han errichte lo, un wenn die 
jetz no net lauft, so isch's nur, will ihr uns Bangel in d' Räder 
g'steckt han. Mir hätte o noch Kleider, un im Winter e 
Pardessus, fir da blutte Mann g' votiert, un do traue ihr noch 
z'sage, mir sötte spare! Wer hat die Kleider abg'schlage ? Wer? 
Nur ihr ! Ja, ihr Herre .... ich be o Candidat fir dr 
nachschte G'meinrot, un ihr wisse alle, wer ich be. Ihr kenne 
mich alle ! 

Maurer (von der Gallerie): Ja, ich kenn ihn auch; es ist 
mein Onkel ! Du, Onkel, ich such dich schon so lange ! (Grosser 
Spektakel von der Gallerie. Verschiedene Fäuste fallen auf iWaurer.) 



— 52 



Vorsitzender : Ich mahn sie jetz ziieiii zweite mol, dr 
Redner net z'störe ! 

Pickel (fortfahrend) : Wage dam möcht ich eich bitte, alle 
dane, wii s' Wohl vu unserem liawa Milhüse am Harze liegt, 
alle dane, wu g' vvillt sin, z' rette was noch z' rette isch, ass se 
d'Aüge uffmache, un rächt lüege, wer se wähle. Mir isch mi 
Vaterstadt wie ne Kind an 's Harz g' wachse. Danke dra, s'git 
noch ebbis Höchers iwer uns, un das derf mr nie vergassc, mir 
sin aile Brieder, un mr wann zsammehalte, ass wenn a mol da 
Tag kunnt, wu mir Rachenschaft ablege mien, iwer unser Handle 
uft dare Walt, so danke an mich ! 

(Peter und Tissi heulen laut und ringen die Taschentücher aus.) 

Vorsitzender : Was isch denn do los, do owe ? 
Peter : S' isch awer o so trürig ! 

Pickel : Un wenn ihr eire Stimme abgan, so vergasse 
nit, ass ich o Candidat be, un nur s' Wohl vu Milhüse im 
Aüg ha ! 

Tissi : Da güete Mann ! 

Maurer (kommt herunter, gefolgt von den Streikposten, welche ihn 
zurück zu halten suchen) : Es wird mir aber doch zu dumm, ich 
will einfach zu meinem Onkel ! 

Vorsitzender (klingt) : Das isch jo allewil dr namlig, wu 
da Spektakel macht ! 

Viele Stimmen : Keije ne üse ! Üse ! Üse ! 

''Polizeikommissar winkt den Schutzleuten, welche den Maurer mit 
Gewalt aus dem Saal hinaus bringen.) 

Publikum : Bravo ! Bravo ! 

Pickel : So isch's rächt ! 

I. Streikposten (zu Pickel): Ihr han's noch notwendig, 
eier Mül z' verrisse, ihr Halsabschnider, ihr Litüssüger ! 

Frau Pickel (zu ihrem Mann, heftig gestikulierend) : Ihr seile 

ni schäme ! Un du bisch o ne Waschlumpe, losch di do 
aschaüze wie ne Schüelerbüe ! 

I. Streikposten : Ich verlang s' Wort, Herr Vorsitzender. 

Vorsitzender : Dr Genosse Greber hat 's Wort ! 

I. Streikposten : Ich will nur dam süfre Herr un sinre 
Madame, wu grad g'redt han, a Antwort ga. Da Mann, wu 
grad üsekeit worde isch, hat dr Candidat Pickel, vu dr andere 
Lischte, vor zwei Tag salwer kumme lo, üs Sachse. S' isch a 
Mürer, wu hat seile geh schaffe bi-n-em. Ihr wisse alle, ass 
d'Mürer hie Greve mache, wil se bis jetz Hungerlöhn verdient 
han. Fir eich a Idee z'ga, was fir a Fino da Herr isch, ar hat 



sim Arweiter g'schriewa, ar soll nur sage, ar wott züe sim 
Onkel, fir ass mr ne net empechiera geh z' schaffe. Avver mir 
sin so schlau ass ar, un mr han da Vogel g'fanga ! 

Pickel : Das isch nit wohr, ich protestier do drgege ! 

Friedrich : Aber, lieber Onkel, da muss ich denn doch 
dir Widerreden. Da hat doch der Mann recht, wenn er sagt, 
dass du die Arbeiter an der Bahn abgeholt hast. Du hast ja 
mich auch abgeholt! (Publikum lacht.) 

Pickel (zu Friedrich) : Dich han-i jetz grad noch brücht, 
fir mir das z' verzähle ! 

Friedrich : Na ja, aber die Wahrheit darf man ja sagen, 
lieber Onkel ! 

Pickel : Ah, was ! Du kasch mr o g'stohle warde ! 

(Grosser Radau im Saal. Von der Gallerie flie.sTen Gegenstände auf 
Friedrich und Pickel. Alle Anwesenden sind aufgestanden und machen Lärm. 
Der Vorsitzende klingelt vergebens. Unbeschreiblicher Lärm.) 

Polizeikommissar (steht auf, setzt seinen Helm auf und ruft 
in den Saal) : Im Namen des Gesetzes, erkläre ich die Ver- 
sammlung für aufgelöst, und ersuche die Anwesenden, den Saal 
ruhio" zu verlassen. (Das Publikum veriässt unter Protest den Saal.) 

Tissi : Das heisst mr üsekeit : 

Alter Arweiter : ich be jetz 66 Johr alt un 42 Johr uff's 
Baredracks, awer ich be noch niene üsekeit worde, wenn das 
mine Frau erfahrt. 

Vo r h a n g fällt 



— 54 — 



V. AKT 



Personen -Verzeichnis 



Pickel 


Betrunkener 


Frau Pickel 


Rothaariger 


Gennaine 


Blinder 


Friedrich 


Tourist 


Maurer 


Touristin 


Borax 


Vereiusbruder 


Peter 


Schutzmann 


Tissi 


Chemiker 


I. Chemiker 


2 Wahlschlepper 


11. 


2 Kellnerinnen 


111. 


Vereinsbruder 


Alter Arbeiter 




Volk, Herren die Wah 


h-esultate überbringen. 



Die Bühne stellt den Rathausplatz nach der Wahl vor. Hintergrund 
Rathaus. Auf dem Platze das Monument. Wenn der Vorhang hochgeht ist 
ein Haufen Volk auf der Bühne, welches das Wahlresultat erwartet. Am 
Eingang zum Rathaus, an der oberen Türe ist ein Schild angebracht, auf 
welchem „Wahllokal" steht. Pickel ist oben auf der Treppe. Tissi und Peter, 
sowie der alte Arbeiter aus vorhergehendem Akt, stehen unten bei den 
Wartenden. Herren, die Wahlresultate überbringen, gehen auf's Rathaus. 

Pickel (ruft) : Mr han scho 3 800 Stimme! 

Volk : Bravo ! Bravo ! 

Betrunkener (kommt ausf 's Rathaus zu) : D' Sieger seile 
lawa ! (zu Peter) Ein vu de Rote hat mr namlig a Thaler ver- 
spreche, wenn se üsekumme, jetz ha-n-i ne scho versöffe ! 

Peter : Ja, wenn se awer net üsekumme ? 

Betrunkener : S'macht nit, ein vu de Schwarze hat mr o 
ein verspreche. E Thaler verdien-i uff alle Fall, un da ha-n-i 

scho versöffe ! (Alles lacht. Betrunkener ab.) 

Alter Arbeiter : Eh awer nei, jetz bin-i schu 66 Johr alt 
un 42 Johr uff 's Baredracks, awer eso ebbis isch mr doch noch 
nie vorkumme ! 

(Man hört die Chemiker kommen. Dieselben erscheinen im Gänsemarsch, 
ein Lied pfeifend. Borax an der Spitze. Pickel kommt die Treppe herunter. 
Die Chemiker formieren einen Kreis um Pickel herum.) 



Chemiker: Bravo! Dr Herr Pickel soll lawe ! 
Pickel : Langsam, ihr Herre, s' isch no net so wit I 

Borax : Ja frilig, [s'geht alles güet. In dr Bourse sinr 
sicher g" wählt ! 

I. Chemiker : In dr Lang Gass han 'r am meischte 
Stimme ! 

II. Chemiker: In dr Mittelschüel seige-n'r dr erseht! 

III. Chemiker: Im Straügassle isch ein kumme un hat 
g'sait, ar möcht d' Lischte, wu dr Herr Pickel druff isch, das 
han-i g'hört ! 

II. Chemiker: Un ein hat alle Name dureg'striche ass 
eirer net, das han-i g'sah. S' isch so güet, ass wenn'r scho uff 
dr Mairie thate sitze ! 

I. Chemiker : Adjoint mien'r wäre ! Adjoint ! 

Pickel : Wurum net glich Maire ? 

I. Chemiker : Me ka net wisse ! 

Pickel : Enfin, ich halt mi Wort. Wenn i üsekum, bezahl 
i a Souper. (Alles ruft Bravo.) Nur net a so hitzig ihr Herre, nur 
Geduld! (mit Pose) Ich weiss jo, ass ich g' wählt wir, awer 
nur kalt Blüet un warme Unterhose ! (Alles lacht — zu Borax, ihn 
bei Seite nehmend) A propos, Herr Borax, das letschte Flugblettla 
wu-n'r gmacht han, hat zünde. Ihr han i iwerhaüpt viel Mieh 
ga, un ich müess i noch vielmol merci sage. Ihr han e grosser 
Verdienscht dra, wenn ich üsekumm. Ich wir i das net vergasse. 
Ihr han eich als a Frind zeigt in dare Wahl. 

Borax : Ja, Herr Pickel, ich bin e Frind vu ihrer Familie, 
un s' isch mi sahnligschter Wunsch gsi, fir noch mehr z'ware 
in ihrer Famile, ass nur a Frind, awer, leider isch da neveu 
üs Sachse .... 

Pickel (unterbricht ihn) : Sin mr nur still, mit dam neveu. 
Da hätt i jetz grad satt. Rede mr net vu dam Schlingel ! Ihr 
sin jo drbi gsi gescht in dr Versammlung. Haltet da Mensch 
züe mine Gegner. Thate ihr in so me Mensch eire Tochter ga? 

Borax : Ich will halt net hetze, awer garn hätt i's halt 
o nit ! 

Pickel : Ich ka da Karla efange nimme sah. Am liebschte 
war's mr, wennV zum Hüs dusse war ! 

Borax : Nix lichter ass das. Wenn'r wann, chargier ich 
mi druinm ? 

Pickel : Nur fürt, nur fürt ! Ihr mache mr e grosse 
Plaisier mit. Ar hat jo nix meh z' schaffe do. Ich ha-n'm 
gescht z' Nacht schu g'sait, ass ar sich s' Germaine ka üs'm 
Kopf schlage ! 



56 



Borax : Herr I^ickel, ich ka iline züe ihrem Entschluss 
nur gratuh'ere. S' hätt mir im Harze weh do, wenn sie ihre 
Tochter dam Mann ga hätte. Sie kenne jo mine Empfindunge 
züe ihrer Tochter un ich glaub, ass ich noch dam allem 
d' Hoffnung nit uffga brüch ! 

Pickel : Hoffe derfe-n'r allewil ! 

Borax (bittend) : Herr Pickel, sie wisse wie n'ich's mein, 
gan se mr doch a Antwort ! 

Pickel : Lehn mich doch in Rüehj, ich ha ebbis anders 
im Kopf ass eire Hiroterei ! (geht ab auf das Rathaus — im Aboehen 
zu Borax) Ich will liewer geh liiege, wie mine Aktia stehn. Wenn 
mine Frau kunnt — ich be do owe, kumm awer gli wider! 

(Während der vorigen Scene haben sich zwei Kelhierinnen zu den 
Chemikern gestellt. — Stummes Spiel.) 

Tissi (fragt einen kommenden Arbeiter, der eine knallrote Perrücke 

trcägt) : Hasch o g' wählt ? 

Rothaariger : Ja sali scho : 

Tissi : Wer? (Rothaariger zeigt, ohne ein Wort zu sprechen, be- 
deutungsvoll auf sein rotes Haar.) Aha, rot ! (Alles lacht. — Im selben 
Moment wird ein Blinder von zwei Wahlschleppern vorgeführt.) 

Blinder (streckt die Hand aus): Alles schwarz, alles schwarz! 

(Frau Pickel, Germaine und Friedrich erscheinen. Borax geht auf die 
Gruppe zu.) 

Borax : Bonjour, Mesdames ! Dr Herr Pickel isch uffa. 
Ar hat gsait, se sötte do uff ne warte ! 

Frau Pickel : Ah, merci. A propos, wie steht's, sin mr 
g' wählt ? 

Borax: S' lauft alles wie uff Rädle, d' Üssichte sin 
ganz famos ! 

Friedrich : Na, da sahn sie jetzt, und dabei machen sie 
mir seit gestern Abend Vorwürfe und behaupten, ich hätte ihnen 
die Wahl verkorkt ! 

Frau Pickel : Bisch numme Du still ! Wenn's uff dich 
a-kamm, thate mr is nur blamiere ! 

Borax: Ja was isch denn los? (winkt Germaine unauffällig zu.) 

Friedrich : Na, sie waren ja dabei, gestern Abend in der 
Versammlung. Was hab ich denn gesagt ? 

Germaine (ärgerlich): Mais viens donc, Maman ! II va 
nous compremettre ici devant tout ce public. On nous regarde 
dejä de tOUS CÖtes ! (geht mit Frau Pickel zur Seite.) 

Friedrich : Da haben wir den Salat. Auf einmal reden 
sie französisch und da steh ich da wie der Ochs am Berg ! 



Borax : Ja, was han'r denn ag'stellt ? 

Friedrich : Weiss der Teufel, was in die Leute gefahren 
ist. Vorher waren sie immer so nett und h"ebenswürdig, aber 
seit gestern Abend ist alles wie umgewandelt. Herr Borax, tun 
sie mir den einzigen Gefallen und legen sie doch ein gutes Wort 
ein für mich. Die Germaine hält doch so grosse Dinger von 
ihnen, sie werden die Karre schon wieder aus dem Dreck 
herauskriegen. 

Borax ; Ich will's prowiere, awer ich ka halt net garantiere. 
Ich g'sieh, se sin halt schrecklig bös uff-i ! 

Friedrich : Nu ja, sie müssen mir wieder aus der Patsche 
helfen. Ich hab doch auch in allem ihren Rat befolgt und zu 
allem, ja gesagt. Mir ist die Sache ja selbst so komisch vor- 
gekommen, aber nun wäre halt die Gelegenheit mal gerade so 
günstig gewesen. Und das können sie mir glauben, ich war 
immer ein tüchtiger Arbeiter, ich sag', ich schaff für Zehne und 
der Herr Pickel hätt sicher einen tüchtigen Schwiegersohn an 
mir gehabt. 

Borax: Enfin, mache-n-i jetz kei Grille, do gehn mit mine 
Frind, ich will siter mit dr Mamsell Germaine reda un lüega 
was z'mache isch. 

Friedrich : Na ja, ich zähle auf sie ! 

Borax: Ihr derfa uff mich zähla ! (Zu Chemikern) Ditts 
donc ! Occupez-vous un peu de cet animal lä. Allez boire un 
bock avec lui ! 

Friedrich : Das ist doch französisch, nicht wahr ? Ja 
sehen sie, das hatf ich gleich rausgehabt ! Wissen sie, ich kann 
nämlich auch schon ein bissei : Bongschur, Mussie, oui, oui, 
o revar usw. 

II. Chemiker: Allez kumm, Brüeder Essig, mr gehn ein 

geh packe! (Die Chemiker nehmen Friedrich in die Mitte und ziehen 
singend ab.) 

Pickel (ist wieder oben auf der Treppenbrüstung erschienen und ruft): 

Karlin, schu 5 400 Stimme! 

(Der Betrunkene von vorhin wird von einem Schutzmann zur Wache 
geführt). 

Borax (zu Pickel): Kumme-nr üse ? 

Betrunkener (auf das Wachtlokal deutend): Nei, ich kumm ine! 

Alter Arbeiter : Awer nei, wie ka mr numme eso süffe. 
Ich be doch jetz schu 66 Johr alt un 42 Johr uff 's Baredracks, 
un ha noch nie kä Kischte g'ha ! 

Frau Pickel (zu Oermaine): Wart do unte, ich will schnall 
geh lüege, wie mr stehn ! Herr Borax, bliewe doch a Aügeblick 
bim Germaine, ich kumm glich wieder! (Ab auf die Mairie.) 



58 - 



Ein Herr und eine Dame, Deutsclie in Loden-Anzügen erscheinen, 
betrachten das Rathaus, steilen sich vor das Monument und blättern suchend 
im Baedecker nach.) 

Touristin: Was geht denn hier vor ? Was machen denn 
die vielen Leute da ? 

Tourist (zu Peter und Tissi) : Ach, entschuldigen sie, bitte, 
was hat denn dieser Volksauflauf zu bedeuten ? 

Tissi : Mr warte uff d' Franzose ! 

Touristin: Was sie nicht sagen? 

Tissi : Ja, siter anno 70 ! 

Tourist (lacht): Und was stellt denn dieses Monument vor? 

Peter: Das isch dr Schweisstissi! 

Touristin : Was ist das Schweisstissi? 

Peter : Dr blutte Mann ! 

Tourist: Ja was stellt er denn vor? 

Peter : Ar stellt nix vor ! 

Tourist : Ja, er muss doch was vorstellen ? 

Peter : Ja, ja, ar stellt schu ebbis vor ! 

Tourist : Ja, was denn nun ? 

Peter: Eh, ihr sahn's jo! S'rachte Bei! (Alles lacht.) 

Tissi : Heisch'm jetz di Trinkgald ! 

Tourist : ich danke schön ! (ab.) 

Duett 

(Auf verschiedene bekannte Melodien i 

Wer hat Dich du blutter Mann aufgestellt so hoch da droben 

Deine Meister will ich loben. 

Denn so wie du so lieblich und so schön 

Hat man noch selten ein Standbild gesehen, 

Ich weiss nicht was soll es bedeuten 

Dass er so traurig ist 

Du, du liegst mir im Magen 

Du, du liegst mir im Sinn. 

Er steht in finsterer Miternacht 

Vor'm Rathaus hier und haltet Wach 

Wenn er ein Vöglein war und auch zwei Flügel hält 

Flog er davon. 

Und zwar nach Lindenau 

Dort ist der Himmel blau. 

Sei nicht böse es kann ja nicht sein 

Und schicke dich drein. 

Verlassen, verlassen, verlassen ist er 

Weit weg von der Heimat das schmerzt ihn so sehr. 

Oh du lieber Augustin, s'Geld ist hin, alles ist hin 

Oh du lieber Augustin, alles ist hin. 

Oh schöne Zeit, oh selige Zeit, 

Glücklich ist wer vergisst, 

Was nicht mehr zu ändern ist. 

Gustav, Gustav ärgere dich nicht und mach kein Gesicht 

Det schickt sich nicht 



— 59 



Denn es ist mal bei uns so Sitte 

Chaciin ä son gout. 

S'ist mal bei euch so Sitte 

Chacun ä son gout. 

Oh jerum, jerum, jerum 

Schweissdissi mach doch kehrum. 

(Während der letzten Scene ist Borax mit Germaine etwas seitwärts 
gegangen und hält sie um die Taille ) 

Frau Pickel (erscheint auf der Treppenbrüstung und ruft) : Mr 
han schu 6 000 Stimme! (Volk unten ruft Bravo! — Frau Pickel geht 
wieder hinein.) 

Borax : Ja, was hat'r drno gescht z' Nacht noch g'sait ? 
Ar hat vorig net üse welle mit dr Sproch ! 

Germaine : Eh, weisch, ich ha dr Papa plogt im ha 
ag'halte bi-n'm, drno han-i ihm gsait, ass ich nie a anderer wird 
namme, ass dich. Ich ha ihn o dra erinnert, was du fir a Mieh 
g'ha hasch mit sinre Wahl, die g'fizte Artikele, wu du g'schriewa 
hasch, un d' Mama isch o uff min're Site g'stande. Un drno 
z'letscht hat'r g'sait, ass, wenn ar morn g'wähit wird, indam 
doch nit isch mit'm Friedrich, ar is drno sine Iwilligung ga wird. 

Borax : Oh Oermaine ! Du mi harzig Schatzela ! Du 
bisch jo so güet ! 

Germaine : Oh Theo ! Ich kennt jo alles^thüe, fir dich 
z'bekumma, un wenn's noch hundert mol schwarer gsi war, ich 
hätt's doch durekampft. 

Borax : Wie bin ich so glücklig, eso ne tapfer Wiweia 
zbekumme. Gal, Germaine, du hasch mich garn ? 

Germaine : Ob ich dich garn ha ? Du Liawer du ! Oh 
wie will ich dich glücklig mache ! 

Borax : Oh, Germaine ! Wie bisch du so liab zu mir ! 
(drückt sie ganz eng an sich, (m selben Augenblick erscheint oben Pickel.) 

Pickel : He ! He ! Seil ich i hälfe do unte ? ! 
Germaine : Jeses, dr Papa ! (fahren auseinander.) 
Peter (zu den beiden Überbringern der letzten Wahlresultate) : 
Aha, do sin d'letschte Resultate I (zu Pickel) Wia steht's do owe? 

Pickel: S'sin schu 6 800 Stimme! 

Tissi : Fir wer ? 

Pickel : Fir uns : 

Tissi : Ja, un unsera, sin se boll dusse ? 

Pickel : Ja, ja, dusse sin se boll ! (Alles lacht. — Pickel ab.) 

Borax (zu Germaine): Hasch g' hert, Germaine? 6 800 
Stimme hat di Papa scho. Jetz isch kei Zwifel meh, ar isch 
g'wähit. Unserem Glück steht nix meh im Wag! 



60 



Germaine : Oh Theo, ich ka's jo gar net glaüwe ! Ich 
be so olückhg, ass ich dich ha . . . Wenn jetz blos dr Friedrich 
zum Hüs dusse war. Ar isch mangmol eso uffdringlig, ass ich 
scho paar mol in d' Versijechung ku be, fir im Papa z'sage, ass 
ar gar net dr rächte Cousin isch. 

Borax : Um's Gotteswille, Germaine ! Loss mi in dare 
Affare nur ganz allei mache. Ich wird schu alles wieder in's 
rächte Gleis bringe. 

(Einige Herren, Vereinsbrüder, in Cylinder und Gehrock, ziehen aut.) 

Peter (zum Vereinsbruder) : Kumme-n'r vu ne re Licht ! 

Vereinsbruder: Nei, nei, mr wann de Neie ku gratuliere! 

Peter : Ja wisse-n'r schu, wer üsekunnt ? 

Vereinsbruder: S'isch egal, mir Vereinsbrieder halte-n-is 
jetz an de Neie ! 

Alter Arweiter: Wie ka mr numme! Ich be jetz 66 Johr 
alt un 42 johr uff's Baredracks, awer ass 's eso Lit git, ha-n-i 
net g' wisst. 

(Jetzt drängen von allen Seiten Leute auf die Bühne. Oben auf der 
Treppe erscheint Pickel und Frau.) 

Pickel (ruft) : Mr sin g'wählt ! Karlin, mr sin g'wählt ! 
(Fallen sich in die Arme. Unten grosser Applaus. Bravo ! Es formieren 
sich zwei Gruppen, auf der einen Seite die Genossen, erkenntlich durch rote 
Kravatten etc., die natürlich nicht am Applaus teilnehmen. Pickel und Frau 
kommen gegen die Wache herunter. Pickel wird von allen Seiten beglück- 
wünscht. Desgleichen einige seiner Kollegen. Germaine und Borax auf 
Pickel zu. Germaine fällt ihren Eltern um den Hals, dann nimmt sie Borax 
an der Hand.) 

Germaine (zu Pickel) : Qh, Papa, wie sin mir eso glücklig? 
Jetz isch dr Wunsch vu uns alle erfüllt. Du bisch g'wählt, un 
ich derf mi Theo ha, gall Papala ! 

Borax: Oh, Herr Pickel! Sie mache mich zum glückligschte 
Mensch vu dr Walt ! 

Pickel : Haltela ! S' isch no net eso wit ! 

Frau Pickel : Du müesch di Wort halte, un jetz isch 
ferig. Mit dam Andre isch doch nit ! 

Germaine: Oh, Merci Mamela (umarmt sie stürmisch). 

Pickel (zu Borax): Eh, wenn s'Karlin ha will. Mi Saga 
hann'r . . . (Germaine und Borax umarmen sich. Inzwischen kommen 
die Chemiker mit Friedrich zurück. Die Chemiker gratulieren Herrn Pickel zu 
seiner Wahl, Friedrich desgleichen. — Dann werden Germaine und Borax von 
den Chemikern umringt, die ihnen zur Verlobung gratulieren). 

Friedrich: (zu Pickel) Na, Onkel, nu gratulier ich dir aber 
recht herzlich. Siehst du nun, ist doch alles ganz famos gegangen 
und hoffentlich wirst du mir nicht mehr böse sein! 



61 — 



Pickel: Jo, s'iscli scho güet, ich bi jo net bös, awer 
weisch üs dara .... 

Frau Pickel (einfallend zu Friedrich): Verderb niimme du 
n is d'güete Lüne nit. 

Friedrich: Ja, un die Germaine? 

Pickel : Die derf jetzt hirote. 

Friedrich (Will auf Pickel zu und ihn umarmen): Ach Onkel, 
SO vvär's denn . . . 

Pickel (abwehrend) : Ja awer nit mit Dir. 

Borax (hinzukommend) : Nei, mit mir. 

Friedrich (erstaunt) : Nu, aber hören sie mal, da hab ich 
mich bei ihnen gerade an die richtige Adresse gewandt! Na, die 
Hauptsache ist, dass ich bei dir bleiben darf, lieber Onkel. 

II, Chemiker: Kamerade, wie mer soewe erfahre han, 

hat sich unser Frind Borax mit d'r Mamsell Germaine f^ickel 

verlobt. Das neie Brütpaar seil lawe, hoch I hoch .... hoch 
(alles ruft mit.) 

Vereinsbruder: Silance ihr Herre, mir sin kumme fir 
dane neie Herre, un vor allem im Pickel harzligscht zu sinre Wahl 
z'gratuliere (Bravo)! Ihr Herre, mir Vereinsbrieder, sin alle fescht 
iwerzigt, ass dr Herr Pickel si Meeglischt's macha wird, fir unsere 
Milhüser Societäte z'fördere un z'unterstütze. 

Pickel : Ich bi tief geriehrt, durch die harzige Worte, wu 
sie an mich, an ein vu eire neie Stadträt, g'richte han. Warte 
Mitbirger, ja ihr derfe iwerzigt si, ich wir nit nur a Saalbau er- 
richte lo, nei, e jede Societät müss ihr eige Lokal ha. Ich be jetz 
Conseiller-Municipal, s" isch a schön Wort, awer schöner noch 
d'Pflichte, wu ich mit dam neie hohe Beruef z'er-ille ha. Milhüse, 
ich weiss, was ich dir schuldig bi. 

Tissi : Gan mr mi Teil gli. 

Pickel : Ich will gar nit rede vum pas, vu dr Elektrizität 
un Tramway. Nei höcher lenkt mich mi Blick. Mir Elsaesser wann 
jetzt andlig emol d'namlige Rächte ha, zum Beispiel wie d'ane im 
Badische. Gehn emol uf Neieburg. Dert derfe se dr Matin läse, 
dert derfe se d'Marsaillaise singe un sogar „Vive la France" briele! 
Birger, ihr derfe n'eich druff verlo, ich mach .... 

Tissi (einfallend): Was ihr kenne. 

Pickel: Ja, was ich ka, so wohr, ass ich Pickel heiss (Die 
Umstehenden klatschen unter Bravo und o;ratulieren Pickel zu seiner F\ede. 

Alter Arweiter (zu Pickel): Ich bi jetzt 66 Johr alt un 
42 Johr uff's Baredraks, awer eso ne Red han-i noch nie g'heert. 



62 



Maurer (der mit einem Schutzmann heftig gestikuh'erend aus der 
Wache kommt): Aber wenn ich ihnen sage, ich hab doch einen 
Onkel hier, den ich besuchen wollte. Solch ein Pech ist ja noch 
keinem Menschen vorgekommen. 

Schutzmann: Na, ich warne sie blos, machen sie nicht, 
dass sie noch ein drittes Mal hierherkommen. 

Vereinsbruder: Mir mien im Herr Pickel harzligscht danke, 
hr sine Worte. Dr Herr Pickel seil lawe ! 

Alles (fällt ein in den Ruf): Dr Herr Pickel seil lawe! 

Maurer (plötzlich stehen bleibend): Dr Herr Pickel! Na, das 
ist doch mein Onkel I 

Borax (der mit Germaine abseits steht): Jeses, jetzt miiess 
da o noch kumme, an da han-i gar nimmi dankt. 

Maurer (geht auf die Gruppe Pickel zu, gefolgt von Qermaine^ 
Borax und Friedrich; drängt sich durch die Leute durch) Na, jetzt lass 
ich mich nicht mehr zurijckhalten. Ich werd' doch noch mit 
meinem Onkel zusammenkommen (zu Pickel) Ach, entschuldigen 
sie, sind sie nicht Herr Pickel? 

Pickel : Natierlig, Herr Stadtrat Picke!, das bin ich, was 
hatte-n'r wella? 

Maurer: Na, endlich, ach, ach, das freut mich aber, wissen 
sie, ich bin. nämlich ihr Neffe Friedrich aus Dresden. 

Friedrich (für sich): Aha, auch so'n Verwandter. 

Pickel : Nai, das packt nit, güeter Frind. (auf Friedrich deu- 
tend) lüege do, das isch dr Neffe Friedrich. 

Friedrich: Jawohl, das sind wir! 

Maurer: Aber entschuldigen sie, lieber Onkel, sie sind 
im Irrtum (nimmt einen Brief heraus) Da bitte, Überzeugen sie sich 
selbst, sie haben mir doch geschrieben, dass ich sie besuchen soll, 
und dann wegen ihrer Fräulein Tochter. 

Frau Pickel: Do git's nit meh Fräulein Tochter (zu Picke!) 
awer lüeg emol, was's das fir a Brief isch. 

Pickel (betrachtet den Brief): Thatsachlig, icii ha-n'n gschriwa 
(das Couvert betrachtend, liest) Herrn Friedrich Maurer, Lehramtkan- 
didat, Dresden. Stimmt, das isch d'Adresse wu-n'ich salwer 
g'schriwa ha. (zu Friedrich) Ja, wie heisch denn du ? 

Friedrich : Ich heisse Friedrich Bemm'chen. 

Pickel (höchst verwundert) : Bemm'chen? Ich ha g meint du 
seigsch da Maurer ? 

Friedrich : Ja, ich bin auch Maurer, ich bin sogar Maurer- 
polier. 

Pickel : Awer, wie kunsch denn du drno züe-n'is ? 



63 — 



Friedrich (nimmt ebenfalls einen Brief heraus): Da bitte, 
Überzeuge dich lieber Onkel, du hast mir doch auch geschrieben ! 

Pickel (betrachtet den Brief) : Ja halt, do bisch dÜ . . . . 
eh do sin ihr da Mürerpolier wu-n'ich erwarte ha! Ja wurum 
han'r denn nit g'sait ? 

Friedrich: Na, sie haben doch mich auch gar nicht gefragt! 

Schlusscouplet 

Pickel: D'Gmeinrotswahl isch unime, un ich bi jetzt g'wählt 

T i s s i ; Aha 
Ich ha viel versproche un noch meh veizählt 

Peter: Aha 
Was koscht doch das Amtla fir Mieh un fir Plog 
Doch was ich jetzt halt, isch e nandere Frog 

Refrain: Z'Milhüse, z'Milhiise, z'Milhüse 

z'Milhüse kunnt's net so druf a, juche 
z'Milhüse, z'Milhüse, z'Milhüse 
z'Milhüse kunnt's net so druf a. 

Borax: Was frog ich no Wähle, was no Politik 

Ti ssi: Aha 
Ich ha jetzt mi Schatzle un das isch mi Glick 

Peter: Aha 
Oh, wäre ihr numme so einig wie mir 
No gings in Milhüse als nit hinterver. 

Refrain: z'Milhüse 

Peter: Oh arm Milhüse, wu bisch du ane ku 

Tissi: Aha 
Was nutzt jetzt das Handle, was han mr dr'vu 

Peter: Aha 
Mir fuchse jetzt eifach dr neie G'meinrot 
S'isch namlig wie vorhar, nur schwarz anstatt rot. 

Refrain: z'Milhüse 



Keen Onkel, keen Meester und Mangel an Geld 

Tissi: Aha 
Und fort möcht' ich ooch nicht, weil's mir hier gut gefällt 

Peter: Aha 
Friedrich: Wenn se wüssten in Sachsen, wie schön es hier war' 
S'blieb keiner mehr drüben, s'käm alles hierher. 

Refrain: z'Milhüse 



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