(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Mélanges biologiques tirés du Bulletin de l'Académie impériale des sciences de St. Pétersbourg"



MÉLANGES BIOLOGIQUES 



TIRES DU 



BULLETIN 



DE 



L'ACADÉMIE IMPERIALE DES SCIENCES 



ÜB 



ST. - PETERSBOURG. 



Tome IV. 

(1861 — 1SG&.) 



lAvec 8 Planches.) 



St.-PETEKSBOURG, 1865. 

Commissionnaires de l'Académie Impériale des sciences: 
à SU-Pétershourg à Riga à Leipzig 

MM. Eggerset C ie , M. Samuel Schmidt, M. Leopold Voss. 

Prix: 2 R. 65 Kop. = 2 Thlr. 28 Ngr. 



Imprimé par ordre de l'Académie. 
Janvier 1865. C. Vessélof'ski, Secrétaire perpétue] 




Imprimerie de l'Académie Impériale des sciences 



CONTENU. 



Page. 

Prof. »r. Ed. Grube. Beschreibungen neuer, von den Her- 
ren L. v. Schrenck, Maack, C. v. Ditmar u. a. 
im Amurlande und in Ostsibirien gesammelter Ara- 
neïden 1—29. 

K. e. v. Biaor. Ein Wort über einen blinden Fisch — als 

Bildungs-Hemmung 30 — 36. 

c. JMaximowicz. Golowninia, eine neue Gattung der Gen- 

tianeen. (Mit 1 Tafel.) 37—44. 

Nachrichten vom Ssungari - Fluss, aus einer brieflichen 
Mittheilung des Hrn. Maximowicz an Hrn. Leop. 
v. S c h r e n c k 45 — 74. 

f. Brandt. Rapport sur un mémoire qui, en traitant 
l'ostéologie comparée de la Rhytine, constitue la se- 
conde partie de ses Symbolae Sirenologicae 75 — 77. 

.i f. weisse. Nachträgliche Bemerkungen in Betreff 
der Diatomaceen, welche sich im so genannten Mi- 
neralschlamme von Staraja-Russa befinden 78 — 79. 

— Vegetabilische Quellen von Infusorien 80 — 87. 

e. v. Schreuck. Vorläufige Diagnosen einiger neuer Mol- 

luskenarten aus der Meerenge der Tartarei und dem 
Nordjapanischen Meere 88—94. 

— Bemerkungen über die Säugethierfauna Süd-Sacha- 
lin's und der südlichen Kurilen; auf Veranlassung 
brieflicher Mittheilungen des Hrn. Fr. Schmidt... . 95 — 124. 

j. f. Brandt. Bemerkungen über die Zahl der Halswirbel 

der Sirénien 125—128. 

— Einige Worte über die verschiedenen Entwicklungs- 
stufen der Nasenbeine der Seekühe (Sirenia) 129 — 130. 

f. j. Ruprecht. Vorläufiger Bericht über meine Reise 

nach dem Caucasus 131—144. 



— IV 

Page 

Fr. Schmidt. Botanische Nachrichten über Sachalin. Aus- 
zug aus einem Schreiben an Hrn. Ruprecht 145 — 148. 

or. Wenzel Gruber. Über einige seltene durch Bildungs- 
fehler bedingte Lagerungsanomalien des Darmes bei 
erwachsenen Menschen. (Mit 2 Abbildungen.) 149 — 164. 

K. E. v. Baer. Nachträge zu dem Aufsatze : «Über ein 
neues Project Austern -Bänke an der russischen Ost- 
see -,Küste anzulegen und über den Salzgehalt der 
Ostsee » 165—172. 

— Bericht über die Bereicherung der craniologischen 
Sammlung der Akademie in den Jahren I860 u. 1861 173 — 179. 

Aug. niorawitz. Vorläufige Diagnosen neuer Coleopteren 

aus Südost-Sibirien 180—228. 

u. v. Baer. Dr. Weisse und Mag. boebel. Vorläufige 
Nachricht von den Sammlungen, die der Lieutenant 
Ulski im Kaspischen Meere gemacht hat 229 — 236. 

Aug. iMorawitz. Vorläufige Diagnosen neuer Carabiciden 

aus Hakodade 237 — 247 

j. f. Brandt. Bericht über eine Abhandlung : Untersu- 
chung der Gattung Hyrax in anatomischer und ver- 
wandtschaftlicher Beziehung 249 — 251. 

Dr. i>. v. Schrenck. Vorläufige Diagnosen einiger neuer 

Gastropoden- Arten aus dem Nordjapanischen Meere 252— 258. 

j. F. Brandt. Bemerkungen über die Verbreitung und 

Vertilgung der Bhytina 259-268. 

— Einige nachträgliche Worte über die Nasenbeine der 
Sirénien 269—274. 

f. J. Ruprecht. Bemerkungen über die Caucasischen 

Primeln 275-306. 

K. E. v. Baer. Bericht über eine von Prof. Wagner in 
Kasan an Dipteren beobachtete abweichende Propa- 
gationsform.. 307-310. 

M. Severtzof. Mikroskopische Untersuchungen über die 
Verfärbung der Federn zum Hochzeitskleide bei ei- 
nigen Vögeln, nebst Betrachtungen über das Ver- 
hältniss derselben zur Mauser 311 — 334, 

K. E. v. Baer. Über einen alten Schädel aus Mecklen- 
burg, der als von einem dortigen Wenden oder Obo- 
triten stammend betrachtet wird, und seine Ähnlich- 
keit mit Schädeln der nordischen Bronze -Periode. 
(Mit einer Tafel.) . . 335—360. 



V 

Dr. .%. Bange. Über die Gattung Echinops. Sendschrei- 
ben an den Hrn. Director des Kaiserl. botanischen 
Gartens zu St. Petersburg, Dr. E. Regel 361 — 392. 

Dr, .%. Strauch. Characteristic zweier neuer Eidechsen 

aus Persien 393—398. 

K. e. v. Bacr. Über das Aussterben der Thierarten in 
physiologischer und nicht physiologischer Hinsicht 
überhaupt u. s. w. Zweite Hälfte, erste Abtheilung. 
II. Untergegangene Thiere, deren Zusammensein mit 
dem Menschen historisch documentirt ist. ß. Alca im- 
pennis. Linn. (Mit 1 Tafel) 399—490. 

j. f. Brandt. Bericht über eine in den Sommermonaten 
des Jahres 1863 unternommene wissenschaftliche 
Reise 491-504 

Prof. w. Gruber. Über den Sinus communis und die Val- 
vulae der Venae cardiacae, und über die Duplicität 
der Vena cava superior bei dem Menschen und den 
Säugethieren. (Extrait.) 505—516 

Ph. Ofsiannikof. Über das Leuchten der Lampyris noc- 

tiluca 517—526 

— Über die Inauguraldissertation des Hrn. Dr. Ku- 
tschin, das Rückenmark der Neunaugen betreffend, 
nebst einigen eigenen Beobachtungen über das Rük- 
kenmark der Knochenfische und anderer Thiere .... 527—538. 

F. J. Buprecht. Ein Beitrag zur Frage über die Zeit- 
dauer, welche zur Sumpf- und Torfbildung uothwen- 
dig ist 539—550. 

ph. ofsiannikof. Über die feine Structur des Kleinhirns 

der Fische 551 — 562. 

Dp. c. e. v. Merck lin. Über Periderma und Kork, insbe- 
sondere die Reproduktion des Lederkorks unserer 
einheimischen Birke (Betida alba). (Mit einer litho- 
graphirten Tafel.) 563—586. 

J. f. Brandt. Bericht über die neuen Acquisitionen der 
zoologischen Sammlungen während des 1863sten Jah- 
res und die darin ausgeführten wissenschaftlichen 

Arbeiten 587—592. 

K. E. v. Bacr. Noch ein Wort über das Blasen der Ce- 

taceen. Mit bildlichen Darstellungen 593— 604. 

J. f. Brandt. Auffindung zweier Backenzähne des Elas- 

motherium im Gouvernement Saratow 605—606. 

u 



— vr — 

Page, 

F, j. Ruprecht. Über den Ursprung des Tschornosjom . . 607—618. 
— Über die wissenschaftliche Bedeutung des Tschor- 
nosjom 619—637. 

August iHorawitz. Verzeichniss der um St. Petersburg 

aufgefundenen Crabroninen 638—654. 

j. f. itraudt. Über die bisher aufgefundenen Reste des 

Elasmotherium. (Auszug.) 655—658. 

Dr. J. f. weisse. Diatomaceen des Ladoga - Sees. (Mit 

Abbildungen.) 659—664. 

o. Paulson. Die Epidermis von Protopterus annectens. 

(Mit einer Tafel.) 665—670. 

August Morawitz. Über eine neue, oder vielmehr ver- 
kannte Form von Männchen unter den Mutillen, nebst 
einer Übersicht der in Europa beobachteten Arten. 671 — 756. 



MELANGES BIOLOGIQUES 

TIRÉS DU 

BULLETIN 



DE 



L'ACADÉMIE IMPERIALE DES SCIENCES 



DE 



ST.- PETERSBURG 



Tome IV. 

Livraison 1 



(Avec 1 Planche.) 



-«^ — 



St..PETERSBOHRG, 1861. 

Commissionnaires de l'Académie Impériale des sciences: 
à St.-Pctersbour« à Riga à Leipzig 

MM.EggersetC ie , M. Samuel Schmidt, M. Leopold Vosi 

Prix: 40 Kop. == 13 Ngr. 



Imprimé par ordre de l'Académie. 
Décembre 1861. C. V essé lof ski, Secrétaire perpétuel. 



Imprimerie de l'Académie Impériale des sciences. 



CONTENU. 



Page. 

Prof. Dr. Ed. Grube. Beschreibungen neuer, von den Her- 
ren L. v. Schrenck, Maack, C. v. Ditmar u. a. 
im Amurlande und in Ostsibirien gesammelter Ara- 

ne'iden 1 — 29. 

K. f. v. Baer. Ein Wort über einen blinden Fisch — als 

Bildungs-Hemmung 30 — 36. 

c. uaxiinowicz. Golowninia, eine neue Gattung der Gen- 

tianeen. (Mit 1 Tafel.) 37—44. 

Nachrichten vom Ssungari - Fluss, aus einer brieflichen 
Mittheilung des Hrn. Maximowicz an Hrn. Leop. 

v. Schrenck 45 — 74. 

f. Brandt. Rapport sur un mémoire qui, en traitant 
l'ostéologie comparée de la Rhytine, constitue la se- 
conde partie de ses Symbolae Sirenologicae 75 — 77. 

J. f. weisse. Nachträgliche Bemerkungen in Betreff 
der Diatoraaceen, welche sich im so genannten Mi- 
neralschlamme von Staraja-Russa befinden 78 — 79. 

— Vegetabilische Quellen von Infusorien 80 — 87. 

Ei. v. Schrenck. Vorläufige Diagnosen einiger neuer Mol- 
luskenarten aus der Meerenge der Tartarei und dem 

Nordjapanischen Meere 88—94. 

— Bemerkungen über die Säugethierfauna Süd- Sacha- 
lins und der südlichen Kurilen; auf Veranlassung 
brieflicher Mittheilungen des Hrn. Fr. Schmidt.. . . 95—124. 



^ Juni 1861. 

Beschreibung en neuer* von den Herren L. 
v« Schrenck, )Iaack. C v. Ditmar u« a. 
im luiurlaiide und in Ostsibirien gesam- 
melter Araneideii. von Professor Dr. Ed. 

Grübet 

Die Zahl der bisher im Amurgebiet und in Ostsi- 
birien, namentlich am Stanowoigebirge gesammelten 
und von mir durchgesehenen Arane'iden belauft sich 
auf 135 Arten. Aus ihrer Untersuchung hat sich das 
interessante Resultat ergeben, dass fast 3 / 4 derselben 
europäisch sind, namentlich solche, die in den nörd- 
lich von den Alpen gelegenen Theilen leben. Ganze 
Gläser voll Spinnen von der Amurexpedition hätten 
mir eben so gut aus den Ostseeprovinzen zugestellt 
sein können. Dagegen vermisste ich einige ganz, die 
in Europa zu den verbreitetsten gehören, vor allen: 
Epeira diadema, Linyphia montana CL, Theridinm redi- 
mitum, Tegenaria civilis und domestica, Hahnia montana 
Blackw. (= süvicola Sund.), Segestria senoculata und 
Heliophanus cupreus. Von Gattungen , die man dem 
Obigen nach erwarten konnte, fehlten überhaupt in 
dieser Ausbeute: Mithras, Episinus, Hahnia, Anyphaena, 
Segestria, Sparassus, einiger anderer nicht zu geden- 
ken, welche manche nur als Untergattungen betrach- 

Mélanjes biologiques. IV. 1 



ten. Aber den meisten unserer Epeiren, unserer Dras- 
siden und Lycosiden begegnen wir auch noch im 
Amurlande, unsere Aryyroneta aquatica, Theridium lu- 
natum CL und Euophrys pubescens findet sich am mitt- 
leren Amur, Epeira marmorea, quadra ta, pyramidata, 
Miranda cucurbitina, Pardosa monticola, Dolomedes fim- 
briates , Thomisus calycinus , Philodromus (Thanatus) 
trilineatus, Attas falcatus u. a. gehen bis in die Gegend 
von Nikolajevsk. 36 Arten, deren Beschreibungen 
ich hier gebe, halte ich für neu. Unter ihnen nehmen 
die erste Stelle die Springspinnen ein mit 13 Arten, 
dann folgen die Therididen (9 Arten), während die 
andern Familien sich nur mit 1 bis 4 einstellen, und 
doch habe ich 22 Species Lycosiden, 17 Species 
Thomisiden und eben so viel Epeiriden unter Händen 
gehabt. Am Ussuri, bei Nikolajevsk und an der Bai 
de Castries sind fast die interessantesten und schön- 
sten Araneïden gefunden worden, aber fast alle diese 
neuen Arten nur in einzelnen Exemplaren. 

I. TETRAGNATHA Walck. 
1« T. conica Gr. 

2 Scutum dorsuale, ut pedes et Organa oris, corneo- 
brunneum, impressionibus 2 mediis longitudinalibus 
fuscis, lunatis, extus convexis. Ocuti arcus 2 postice 
concavos, anteriores minus concavum, paulo latiorem, 
m edii trapezium componentes, anteriores eorum inter 
se diametrum 1, a posterioribus d. 2, a lateralibus d. 
3 distantes; o. laterales utrinque inter se magis quam 
medii distantes, anteriores lateralium ceteris minores. 
Abdomen gracile, elongatum, apice longe acuminato, 



— 3 — 

insertionem textricum \/ u longitudinis abdominis exce- 
dente, nunc quidem argenteo-albidum, subtiliter reti- 
culatum, parte media dorsi paulo fusciore. Pedes paris 
4 11 longitudine corporis, 2 dI (brevissimi) paene dimi- 
dio breviores, l ml dupla corporis longitudine 1 / 8 Dre- 
viores. Maxillae oblongae , rectangulae , marginibus 
nigropilosis, externo paulo concavo, sutura nigra dia- 
gonal! ab angulo postico interno oreunte; palpi lon- 
gitudine scuti dorsualis, dimidia fere femoris l ml cras- 
situdine; labium transversum, dimidio brevius quam 
latum, antice leniter rotundatum; mandibulae diver- 
gentes, dupla maxillarum, dimidia fere scuti dorsualis 
longitudine, dentibus sulci unguicularis utrinque 6. 
Textrices brevissimae. 

Longitudo cephalothoracis 3 mill., abdominis 12 mill. 

Ad flumen Amur, inter ostia fluminum Gorin et 
Chungar, et supra ostium Ussuri (Ditmar, L. 
Schrenck); 2 $ . 

IL EPEIRA Walck. 

2. E. Scffirenckii Gr. 

S Scutum dorsaale, ut sternale, castaneo-brunneum, 
parte capitali antice satis attenuata, pilis raris albis ob- 
tecta. Oculimedii 1 fere diametrum inter se distantes, 
anteriores paulo majores; o. laterales sese tangentes, 
callo insidentes , anteriores eorum cum posterioribus 
mediorum eandem paene lineam tenentes, diametros 
fere 2 ab iis distantes. Abdomen ovatum, supra nigrum, 
vitta angusta pallide murina laciniis magnis utrinque 
5 triangulis, magnitudine decrescentibus pinnata, utris- 
que striam mediam nigram continentibus, subtus vitta 



— 4 — 

latissima fusca, utrinque pallide ochraceo limbata, late- 
ralis pallide umbrinis, oblique nigro lineatis. Pedes 
castaneo-brunnei, ochraceo fasciati, tibiis aculeis tene- 
ris longioribus armatis; p. paris l mi longissimi, dupla 
fere corporis lougitudine, 2 dl longiores quam 4 U , 3 11 bre- 
vissimi. Maxillae breves, trapezoideae, margin e ante- 
riore latiore truncato; labium brevius, latum, antice 
curvatum; mandibulae breves, ut ilia palpique casta- 
neo-brunneae. 

Long. 4,75 mill., cephalothoracis plus 2 mill., ab- 
dominis (antice incumbentis) 3 mill. 

Ad sinum de Castries (L. Schrenck); 1 S . 

3. E. oehracea Gr. 

$ Scutum dorsuale baud ita latum, ex ochraceo brun- 
neum, fusco latius marginatum; parte capitali satis 
distincta, striis 2 marginis posterions fuscis cum ma- 
cula media parva confluentibus, maculis sublanceola- 
tis 2 parallelis inter oculos medios et laterales inci- 
pientibus; sc. stemale fuscuni, rotundato triangulum, 
aequilaterum. Oculi anteriores minores, lineam leniter 
curvatam, posteriores magis curvatam, medii rectangu- 
lum componeutes, posteriores eorum inter se dianie- 
trum 1, a lateralibus d. l' 2 distantes. Abdomen ovale, 
supra ex ochraceo flavum, subtiliter reticulatum, vena 
media longitudinali , exiremitates baud attingente, 
punctis impressis 4, 2 ante 2 pone medium sitis, ar- 
cubus transversis linearibus fuscis 4, pone posterio- 
res incipientibus, deinceps positis, subtus area rectan- 
gula fusca, utrinque flavo limbata, lateribus ochraceis, 
oblique fuscius striolatis. Pedes fulvescentes, brunneo 



— 5 — 

fasciati, parts 4 11 corpore \/ 6 longiores, l mi fis paulo 
breviores, 3 1 brevissimi. Maxillae breves, orbiculato- 
quadratae; labium brevissiraum, trausversum , ut illae 
ochraceum, parte basilari fusca; mandibulae ut textri- 
ces brunneae. 

Long. 5'/ 3 mill. 

In montibus Stanowojanis; 1 $ . 

4. E. (Miranda) acronotus Gr. 

$ Scutum dorsuale pallide ochraceum, pilis albidis 
sparsis, sternale paulo fuscius. Oculi medii quadratum 
componentes, inter se fere diametrum 1, anteriores a 
margine frontis inferiore V 2 d. distantes; o. laterales 
mediis minores, sese tangentes, sessiles, anteriores eo- 
rum paulo ante lineam posteriorum mediorum siti, 3 
fere diametros ab iis distantes, posteriores paulo ex- 
teriores. Abdomen deorsum visum rotundato-triangu- 
lum, elongatum, parte posteriore dorsi acuminata tex- 
tricum insertionem longe excedente, a latere visum 
trapezoideum, margine dorsuali dupla ventralis longi- 
tudine, (animalis alcohole conservati) ex luteo albidum, 
subtiliter reticulatum, supra punctis impressis fuscis 
4 trapezium componentibus singulisque 2 anterioribus 
munitum, subtus area quadrata grisea, albo marginata, 
lateribusalüs, macula magna brunuea ornatis. Pedes pal- 
lide ochracei, paris 4 U longitudine corporis, 2 dl iis 
paulo, l mi y 4 longiores, 3" brevissimi. Maxillae paulo 
longiores quam latae, antice truncatae, basi valde at- 
tenuata; labium multo brevius, transversum, pentago- 
num, ut illae album, basi brunnea. Scapus epigynes 
brevis, subspathulatus, postice maxime dilatatus. Tex- 
trices paene in media longitudine abdominis sitae. 



Long. corp. paene 6 mill., cephalothoracis 2 mill., 
abdominis (antice incumbentis) 4 ] / B mill. 

Ad flumen Amur (Ditmar); 1 $ . 

III. THERIDIUM Walck. 
5. Th. (Steatoda) rhombiferuin Gr. 

£ Scutum dorsuale albidum , stria media bis incras- 
sata, inter oculos incipiente, vittaque juxta marginem 
lateralem decurrente angusta nigris , sternale paulo 
longius quam latum, triangulum, album, utrinque late 
nigro marginatum. Oculi anteriores lineam leniter cur- 
vatam, posteriores rectam componentes, posteriores me- 
diorum anterioribus majores, diametrum 1 inter se, a 
lateralibus paulo minus distantes, laterales sese tan- 
gentes. Abdomen late ovale, alte fornicatum, postice 
haud acuminatum, albidum, supra reticulatum, vena 
media grisea deinceps maculis trapezoideis 3 dilatata, 
série macularum utrinque 1 , maculis 3 anterioribus 
majoribus, rhomboideis, fuscis, angulo interno nigris, 
ramulo cum illis mediis conjunctis, posterioribus 3 
minoribus, nigris, ante textrices demum desinentibus, 
subtus area nigra triangula ad basin, striola transversa 
laterali ad medium marginem, posticaque 1 latiore 
ante textrices sita ornatum. Pedes albidi, annulo fe- 
moris tibiaeque mediae et extremi genu lineari nigro, 
paris 2 d ' et 4 U longitudine corporis, 3 11 7 3 breviores, 
(p. l mi deerant). Maxillae anguste triangulae, ut palpi, 
labium et mandibulae albidae; labium triangulum, paulo 
latius quam altum, iis multo brevius. Textrices brun- 
neae. 



Long, corporis 3 mill., cephalothoracis 1 mill., ab- 
dominis 2 mill. 

Ad flumen Wilui (Maack); 1 S • 

6. TIi. (Steatoda) ancora Gr. 

cJ Scutum dorsuale pallide brunneum, fusco margina- 
tum, vitta media fusca utrinque dilatata, antice ocu- 
los continente, sternale triangulum, paulo longius quam 
latum, utrinque fusco late marginatum. Oculi similiter 
atque in Th. rhombifero collocati, laterales callo minuto 
insidentes, medii posteriorum haud majores. Abdomen 
ovale, alte et aequaliter fornicatum, postice haud acu- 
minatum, vix longius quam altum, a latere compres- 
sum, sordide cretaceum, subreticulatum, hie illic um- 
brino nebulosum, vitta media brunnea ad margines 
fusciore, subarticulata, initio utrinque arcum latera- 
lem emittente, posteriora versus in vittas 2 angulatim 
flexuosas, sub textricibus confluentes discedente, strio- 
lis transversis brunneis arcuatis utrinque 2 juxta vit- 
tam mediam positis. Pedes flaveoli , auguste fusco 
fasciati, paris l ml longissimi, toto corpore dimidio lon- 
giores, 3 n brevissimi, eo paulo breviores. Maxillae 
oblique lanceolatae, ut mandibulae brunnescentes, in 
labium nigricans latius triangulum incumbentes; man- 
dibulae stria fusca dorsuali ornatae. 

Longitudo corporis 3 mill. 

In montibus Stanowojanis; 1 $ . 

IV. LINYPHIA Walck. 
7. Li. (Bolypliantes) sibirica Gr. 

$ Bolyphanti alpestri Koch similis. Scutum dorsuale 



— 8 — 

pallide ochraceum, anguste nigro marginatum, stria 
media latiore, stemale ex rotundato triangulum, lon- 
gius quam latum, postice longe acuminatum, latissime 
fusco limbatum. Oculi posteriores lineam rectam, ante- 
riores leniter curvatam efficientes; mediorum posteriores 
vix diametrum 1 , anteriores minores ab iis hand lon- 
gius, inter se minus distantes; laterales sese tangentes, 
a posterioribus mediis diametro 1 magis distantes. 
Abdomen ovale, animalis alcohole servati pallide gri- 
seum, supra seriebus 3 striolarum nigricantium nota- 
tum, striolis brevibus, modo rectis modo curvatis, so- 
ftes fuscius marmoratum, série macularum fuscarum cir- 
cumscriptum, lateribus seriebus striolarum obliquis dis- 
tinctum. Pedes pallide ochracei, subtus fuscius fasciati, 
paris 4 U longissimi, quadrupla cephalothoracis longi- 
tudine, l nn longiores quam 2 dl , 3 n brevissimi. Maxil- 
lae ut labium brunneae, obfuscatae, oblongae, ex tra- 
pezoideo pentagonae, parallelae; labium brevissimum, 
transversum, truncatum; mandibulae ochraceo -brun- 
neae. 

Ad flumen Wilui (Maack); 1 $ . 

8. Ii. sagittate Gr. 

2 Scutum dorsuale ex ochraceo brunneum, subfusco 
radiatum, parte capitali lucidiore, stemale fusco casta- 
neum, rotundato triangulum, postice breviter acumi- 
natum. Oculi medii posteriorum diametrum 1, a poste- 
rioribus lateralibus paene d. 2, ab anterioribus mediis 
paulo minus distantes. Abdomen cinereum, pilis longis te- 
nerrimis obsitum, supra série macularum nigrarum 4 
notatum, macula anteriore (paene media) et proxima 
(breviore) sagittatis, posterioribus transversis lineari- 



— 9 — 

bus, subtus striis longitudinalibus nigris 2 postice acu- 
minatis, antice divergentibus, opercula pulmonalia late 
ambeuntibus; operculis albis, nigro ciuctis; scapo epi- 
gynes longo, extremitate incrassata; lateribus taenia 
longitudinali nigra, hie illic dentata, postice tricuspide 
ornatis. Pedes fulvescentes, paris l mi longissimi, 4 pla 
cephalothoracis longitudine, 4 11 iis paulo breviores, 
3" brevissimi. Mandibnlae eodem colore , margine 
sulci uncum recipientis posteriore dentibus 3 validis 
armato ; maxillae labiumque eadem qua in L. albomacu- 
lala specie. 

Longitudo corporis 4V 3 mill. 

Prope Nikolajevsk (L. Schrenck); 1 $ . 

9. L. albomaculata Gr. 

$ Scutum dorsuale pallide ochraceum, haud nigro 
marginatum, sternale subcirculare , antice late trunca- 
tum, postice obtusangulum, castaneo-fuscum. Oculi 
medii posteriorum inter se diametrum 1 , a lateraiibus 
paulo magis, a mediis anterioribus minus distantes. 
Abdomen ex olivaceo griseo brunneum, supra fasciarum 
vel macularum transversarum albarum 5 notatum, 
fasciis anterioribus 3 medio plus minus interruptis, 
maculis sequentibus multo minus latis, striis trans- 
versis postremis 2 linearibus, subtus unicolor, lineis 
longitudinalibus albis 2. Pedes pallide ochracei, haud 
annulati, paris l rai longissimi, 4* 1 duplam corporis lon- 
gitudinem paulo excedentes, 2 dl iis longiores. Maxil- 
lae eodem colore, oblongae, trapezoideae, parallelae, 
margine antico obliquo; labium transversum, brevissi- 
mum, brunneum; mandibnlae paulo fusciores, unco 

Mélanges biologiques. IV. 2 



— 10 — 

briinneo, paulo divergentes, validae. Textrices sub- 
brunneae. 

Longit. corp. fere 3,5 mill. 

Ad sinum de Castries (L. Schrenck); 1 $ . 

lO. Ii. melaiiopl euros Gr. 

$ Senium dorsuale pallide ochraceum, subtiliter ni- 
gro marginatum, radiis fuscis adumbratis, sterna le 
fusco castaneum, rotundato-triangulum , haud longius 
quam latum. Oculi solito paulo magis congesti, ante- 
riores lineam curvatam, posteriores rectam componen- 
tes, medii eorum inter se */ 2 diametrum, a lateralibus 
vix magis, a mediis anticis d. 1 distantes. Abdomen 
oblonge ovatum, alte fornicatum, supra pallide gri- 
seum, linea media fusca interrupta adumbrata, punctis 
albis utrinque hie illic adspersum, ventre fusco, late- 
ribus instita latissima sinuosa fusca ornatis, antice de- 
flexa,in aream ventralem transeunte; scapo epigynes 
brevi, clavaeformi (postice excavato). Pedes pallide 
ochracei, unicolores, paris l mi longissimi, 6-pla fere 
cephalothoracis longitudine, 4 t! iis breviores, 2 dl inter- 
medii. Maxillae oblongae, rectangulae, basi angustiore, 
ut mandibulae pallidius brunneae; labium brevissimum, 
fuscum, transversum. 

Long, corporis Simili., cephalothoracis l 1 / 4 mill., 
abdominis 2 mill. 

Ad sinum de Castries (L. Schrenck); 1 $ . 

V. MICRYPHANTES Koch. 
11. ]?1. mï nia tu» Gr. 

$ Céphalothorax ex miniaceo pallide sanguineum; 
scutum dorsuale paulo longius quam latum, margine la- 



— 11 — 

terali satis sinuato, parte capitalj producta, dimidia 
partis posterions latitudine, lineolis rubris 5 a série 
oculorum posteriorum ortis per longitudinem decur- 
rentibus, pariete frontali humillimo, altitudine diame- 
trum oculorum mediorum anteriorum aequaute. Oculi 
minimi: anteriores lineam curvatam, posteriores rectam 
efficientes, laterales sese tangentes; medii trapezium 
componentes, anteriores eorum ceteris majores, vix 
V 2 diametrum, posteriores inter se lV 2 , ab his 1 d. 
distantes. Abdomen permagnum, ovale, alte fornica- 
tum, 3pla cephalothoracis longitudine, animalis alco- 
hole servati pallide roseum; textricibus ab extremi- 
tate remotis. Pedes colore cephalothoracis, tarsis et 
metatarsis pallide flavis, paris l mi longissimi, longitu- 
dine corporis, 4 U vix, 2 dl paulo breviores, 3 11 s / z bre- 
viores. Maxillae lanceolatae, in labium subtriangulum 
aequilaterum inclinatae, ut mandibulae labiumque co- 
lore pedum. 

Long. corp. (cum mandibulis) 2 3 4 mill., cephalo- 
thoracis B / 4 miD. s abdominis (antice incumbentis) 2 mill. 

Apud Nikolajevsk (L. Schrenck); 1 $ . 

13. JI. dentisetis Gr. 

$ Céphalothorax fuscius, ex brunneo ruber; scutum 
dorsuale antrorsum sensim attenuatum, marginibus la- 
teralibus vix sinuatis, pariete frontali alto, umbone 
oculigero haud ita seposito. Oculi posteriores diametrum 
1 distantes, lineam rectam, anteriores curvatam com- 
ponentes, medii eorum ut laterales sese tangentes, 
anteriores lateralium a mediis diametrum 1 distantes. 
Abdomen nigrum. Pedes colore scuti dorsualis, paris 
l mi corpore V 2 fere longiores, 2 d ' iis paulo breviores, 



— 12 — 

3 Ü longitudine fere corporis (4 11 ex parte tantum con- 
servati). Mandibiüae altitudinem frontis paulo supe- 
rantes ; labium brevissimum, transversum, rectangulum; 
maxillae ut ilia colore pedum, triangulae, apice ob- 
tuso, marginibus interioribus subparallelis. Palpi us- 
que ad genu pedum primorum pertinentes, clava ma- 
xime composita, articulo extremo trianguli angusti 
specie, subtus arcuati, apice setis pluribus fortibus 
vel spinis bidentibus vel tricuspidibus armato. 

Long. corp. 5 mill., cephalothoracis paene 2,5 
mill. (Abdomen exarescendo corrugatum). 

Apud Irkutsk (Maack); 1 $ . 

13. Hl. ferrum equiiium Gr. 

$ Céphalothorax ut pedes et Organa oris ex ochra- 
ceo rutilans; scutum dorsuale ovatum, gibbere quasi 
ferrum equinum imitante pone oculos posteriores in- 
cipiente, in medio scuto fere desinente ornatum. Oculi 
medii trapezium componentes, anteriores eorum (ut 
laterales) sese tangentes, posteriores obliqui, postice 
fere l 1 / 2 diametros inter se distantes, areae transverse 
ovali leniter fornicatae insidentes; oc. anteriores lineam 
lenius curvatam, posteriores magis curvatam efficien- 
tes. Abdomen ex isabellino griseum (nunc quidem 
exarescendo maxime corrugatum). Pedes paris l mi lon- 
gissimi, 4pla cephalothoracis longitudine, 4 tl proximi, 
3 11 brevissimi. Maxillae subpentagonae, oblongae, con- 
vergentes; labium brevissimum, transverse rectangu- 
lum. 

Longitudo cephalothoracis l 1 / 3 mill. 
S Similis, scuto dorsuali antice haud acuminato, 



— 13 — 

late rotundato, gibbere nullo, oculis mediorum poste- 
rioribus areae nulli insidentibus, haud obliquis. 

Longit. corporis 3 mill. 

Ad flumen Wilui (Maack); 1 S , 1 ? • 

VI. AGELENA Walck. 

14. 4. bistriata Gr. 

$ Scutum dorsuale corneo rufescens, margine ra- 
diisque 8 nigricantibus , vittis longitudinalibus nullis, 
sternale colore dorsuaiis. Oculi aeque magni, ut in A. 
labyrinthica collocati. Abdomen supra pallide griseo 
brunneum, vittis latis longitudinalibus 2, latitudine 
sua distantibus, antice confluentibus, intra eas ordi- 
nibus striolarum punctorumque helvorum 2 ornatuni. 
Striolae paris l mi longiores, per quadrantem abdomi- 
nis primum decurrentes, paris 2 dl breves, obliquae, 
posteriora versus diversae, paria punctorum 3 ut hae 
ad marginem vittarum interiorem sita. Abdomen sub- 
tus helvolum, striis longitudinalibus fuscis 2, latitu- 
dine sua minus distantibus, lateribus pallide cinereis, 
unicoloribus. Pedes pallide helvoli, genu, tibia, meta- 
tarso fuscius exeuntibus, paris 4 tl longissimi, l mi pro- 
ximi, 3" brevissimi, 3pla cephalothoracis longitudine. 
Mandibulae, labium, maxillae cum A. labyrinthica con- 
gruentes. 

Longitudo cephalothoracis 4 mill., abdominis 4 Va 
mill., textricum l 1 / 3 mill. 

Ad flumen Amur inter ostia fluminum Chungar et 
Ussuri (L. Schrenck); 1 $ . 



— 14 — 

VIL DRASSUS Walck. 
15. Dr. (Pytlioaiissa 14.) adspersus Gr 

Scutum dorsuale antice angustatum, fornicatum, ex 
ochraceo brunneum, pilis adjacentibus lurido-griseis, 
sulcis radiantibus plus minus obsoletis, parte capitali 
postice satis seposita. Oculorum series anterior paene 
recta, posterior y paene alterum tantum latior, postice 
paulo concava; anteriorum medii lateralibus minores, 
inter se et ab his diametrum 1 distantes, posteriorum 
medii obliqui, inter se diametrum 1, laterales ab his 
ut a lateralibus anterioribus plus diametros 2 distan- 
tes, o. medii paene quadratum componentes. Scutum 
sternale triangulum, marginibus lateralibus convexis, 
paene aeque latum ac longum, ex ochraceo brunneum, 
longe pilosum. Abdomen minus depressum, (punctis im- 
pressis 4), nigrum, saepius subolivaceum, colore murino 
punctatum, pilis brevioribus murinis adjacentibus, lon- 
gioribus nigris, sparsis, crassioribus curvatis, subtus 
lineis 2 longitudinalibus pallidis; epigyne ovali, brun- 
nea, splendente, excavata, antice medio repleta. Pedes 
colore cephalothoracis, unicolores, pilosi; p. paris 4 U 
longissimi, quadrupla fere longitudine ejus, paris l mi 
longitudine proximi, 3 11 brevissimi, paene 1 / 4 brevio- 
res. Mandibulae magnitudine coxae pedum anterio- 
rum, maxillae reniformes, oblique truncatae; palpi ar- 
ticulo extremo nigricante, labium anguste triangulum. 
Textrices supremae infimis multo magis prominentes, 
dimidio paene tenuiores, 2-articulae. 
Longitudo corporis 10 — 12 mill. 

$ 2 Ad flumen Amur inter Kidsi et Nikolajevsk, 
interque ostia fluminum Gorin et Chungar(L. Schrenck), 



— lo- 
ad montes Stanowojaiios, ad flumen Wilui (Maack). 
Specimina numerosa. 

Pythonissae lugubri Koch collocatione oculorum for- 
maque scuti dorsualis similis. 

VIII. DRASSINA Gr. 

Pedes longi, unguiculis 3 pectinatis armati. Oculi 
8 collecti , seriebus transversis 2 : anteriores parieti 
frontali affixi, posteriores ad marginem anticum super- 
ficiel dorsualis siti, medii eorum haud obliqui. Maxil- 
lae semiovales, margine externo convexo, interno 
recto; labium brevius, rotundato-quadratum. Scutum 
sternale triangulum, marginibus lateralibus curvatis. 

16. Dp. ocliracea Gr. 

S Scutum dorsuale ut sternale ochraceum, parte ca- 
pitali radiisque dorsi fuscius ferrugineis. Oculi paene 
aeque magni, anteriores sese paene tangentes, posterio- 
res diametrum 1 inter se distantes, seriem paulo la- 
tiorem , postice leniter convexam componentes; oc. 
medii îere quadrati instar collocati, posteriores (âeorsum 
visi) majores, oc. laterales sese tangentes, posteriores 
a margine laterali baud minus quam inter se distan- 
tes. Abdomen cepbalothorace haud longius, pallide 
flavum, pilis nigris longioribus, haud ita confertis ob- 
situm. Pedes ochracei, pilosi, coxa, trochantere, fe- 
more paulo fuscius ferrugineis, paris 3 U brevissimi, 
jam paene dupla corporis longitudine, p. 4 Ü longis- 
simi, illis x / k loiigiores, l mi longitudine proximi. Man- 
dibulae longitudine femoris palporum. Textrices supe- 
riores prominulae, distincte biarticulae. 



— 16 — 

Longitudo corporis (mamillis textoriis omissis) 8 
mill., pedum paris 4 U 20 mill. 
A pud Irkutsk (Maack); 1 $ . 

IX. CINIFLO Blackw. (AMAÜROBIUS Koch). 
17. C. lu nig era Gr. 

$ Scutum dorsuale ochraceo-brunneum, paulo ni- 
gricans, postice minus 4ilatatum, lateribus vix sinua- 
tis , sternale ex olivaceo ochraceum , nigfo pilosum. 
Ocuh medii trapezii instar collocati, anteriores eorum 
ut o. laterales sese paene tangentes, posteriores me- 
diorum his paulo majores- Abdomen supra pallide lu- 
tescens, vittis maculisque fusco griseis ornatum: vittae 
2 laterales, antice convergentes, in dorso medio de- 
sinentes, maculae transversae lunatae a medio inci- 
pientes, series longitudinales 2 componentes, utrinque 
5, subtus vitta latissima media grisea, punctis albis in- 
termixtis reticulata. Pedes lutei, paris l mi et 4 U aeque 
longi, corpore paulo longiores, 3 n brevissimi. Labium 
rotundatum, basi constrictum; maxillae tetragonae, 
oblongae, margine anteriore obliquo, in labium incli- 
natae, ut labium luteae; mandibulae fusciores. Textri- 
ces laterales aeque breves, superiores inferioribus dimi- 
dio tenuiores. 

Longitudo corporis fere 5 1 / 2 mill. 

Apud Nikolajevsk (L. Schrenck); 1 $ . 

18. C fla\ oi ittata Gr. 

$ Céphalothorax castaneo-brunneus, splendens. Scu- 
tum dorsuale truncato pyriforme, lateribus antice exca- 
vatis, parte capitali lucidiore, lineis longitudinalibus 



_ 17 — 

fuscioribus 4 obsoletis, sternale triangulum, margine 
antico late truncato, lateralibus convexis. Oculi paene 
aeque magni, medii fere quadratum componentes, la- 
terales sese paene tangentes, callo minimo nigro insi- 
dentes, oc. anteriores diametro minus, posteriores paulo 
longius distantes, illi arcum antice, hi arcum postice 
leniter convexum efficientes. Abdomen oblongo- ovale, 
castaneo-brunneum , pilosum , supra vittis 2 longitudi- 
nalibus flavis ornatum, latissimis, pone medium in- 
terrupte confluentibus, subtus angustis 2, latius inter 
se distantibus. Maxillae oblongae rectangulae, postice 
oblique truncatae; labium plus /g brevius, trapezoi- 
deum, antice angustius, utraque brunnea; mandibulae 
fusciores, perpendiculares, pilis brevibus nigris dense 
obsitae. Pedes palpique (longius pilosi) ochraceo-fulvi, 
p. paris 4 Ü longissimi, plus tripla cephalothoracis lon- 
gitudine, l mi 1 / 7 breviores, corpore vix longiores, 3" 
brevissimi. Textrices breves, brunneae. 

Longitudo corporis 5 1 / 2 mill. 

Ad medium fluminis Amur decursum (Maack); 1 $ . 

X. THOMISÜS Walck. 

19* Tli. fuscus Gr. 

$ Corpus brunneum, fusco variegatum quasi pulve- 
rulentum. Scutum dorsuale subcordiforme, vittis fuscis 
longitudinalibus 5, impari fusiformi inter oculos an- 
teriores incipiente, ceteris postice sensim dilatatis, 
in margine scuti postico deflexis, sternale fuscius lim- 
batum, maculis pallidis minutis 4, anterioribus 2 hi- 
naus. Oculi laterales majores, callis sese tangentibus 
inserti. Abdomen subglobosum, antice attenuatum trun- 

Mélanges biologiques. IV. 3 



— 18 — 

catum, microscopio adhibito pitis brevissimis clavae- 
formibus obsitum, lente simplici quasi granulosum, 
fuscum, animalis alcohole immersi supra brunneum, 
fasciis transversis 5 mednique longitudinali, postre- 
mam haud attingente, lineam pallidam continente, illis 
puncta pallida includentibus, intervallis fusco adsper- 
sis, subtus lineis vel seriebus punctorum pallidiorum 
concentricis distinctum. Pedes brunnei, pilis clavae- 
formibus obsiti, extremitatibus articulorum plus mi- 
nus fuscioribus, membrana articulari Candida, paris 
l mi et 2 dl longitudine fere corporis, ceteri 1 / 4 fere bre- 
viores. Maxillae oblongae, marginibus lateralibus pa- 
rallelis, antico obliquo; labium subtriangulmn, angu- 
stum, marginibus lateralibus curvatis, longius quam 
latum. Textrices paene in medio ventre sitae. 

Longitudo corporis fere 4,5 mill. 

Ex Sibiria orientali; 1 $ . 

30. Th. coronatus Gr. 

$ Corpus flavum, vittis brunneis ornatum. Scutum 
dorsuale suborbiculatum, antice et postice late trunca- 
tum, alutaceum, vittis brunneis latis 2 prope margi- 
nem lateralem decurrentibus , postice vitta transversa 
conjunctis , sternale alutaceum. Oculi albido cincti, 
medii 4 quadratum paulo latum exbibentes, laterales 
callis truncato conicis insidentes , posteriores eorum 
dupla, anteriores tripla fere mediorum diametro. ^46- 
domen late ovatum, postice acuminatum, flavum, supra 
utrinque vitta posteriore brunnea, marginem lateralem 
sequente, e maculis triangulis 3 constante et ad api- 
cem striis transversis imparibus 3 notatum, subtus ad 
latera arcubus concentricis 2 vel 3, et seriebus longi- 



— 19 — 

tudinalibus 2 punctorum brunneorum dis tine turn. Pe- 
des ut organa oris pallide alutacei, pilis nonnullis lon- 
gioribus instructi, anteriores paulo crassiores, dupla 
fere corporis longitudine, p. paris 3" brevissimi, cor- 
pore vix longiores. Labium angustum, subpentagonum; 
maxillae haud ita longiores, antice latiores, rotunda- 
tae, pone medium paulo coarctatae. 

Longitudo corporis 3 1 / 2 mill. 

Ad medium fluminis Amur decursum (Maack); 1 $ . 

31. Th. arciger Gr. 

$ Scutum dorsuale suborbiculatum ut sternale, alu- 
taceum, area oculari ex coeruleo albicante, postice in 
triangulum producta. Oculi aeque parvi, laterales cal- 
lis humilibus sese tangentibus inserti, medii trapezium 
postice latius componentes, posteriores inter se diame- 
tros fere 4, a lateralibus fere 3 distantes. Abdomen 
oblongo pentagonum, pone medium latissimum, nunc 
qui dem albidum, supra vitta postica arcuata, margines 
posteriores sequente, extremitatibus anticis introrsum 
flexis, subtus unicolor. Pedes alutacei, anteriores multo 
longiores, paene dupla corporis longitudine, p. paris 
3" brevissimi, longitudine corporis. Labium oblonge 
hexagonum, maxillae paene dupla longitudine, pone 
medium paulo coarctatae. 

Longitudo corporis 5 mill. 

$ Simili modo pictus, minor, pedibus anterioribus 
(ratione corporis habita) longioribus. 

Longitudo corporis 3 mill. 

Ad flumen Ussuri (L. Schrenck). 



— 20 — 

XL LYCOSAWalck. 
22. L.. (Tarantula) albostriata Gr. 

$ junior: Céphalothorax badius; scutum dorsuale ova- 
turn, antice productum, truncatum, vittis latis fuscio- 
ribus 2 , pone oculos posteriores incipientibus media- 
que lucidiore, antice latiore, pilis albis obsita. Oculi 
majores trapezium componentes, 2 -ni utrinque ma- 
cula oblonga inclusi, aeque magni, anteriores a poste- 
rioribus et inter se diametros 2 1 / 2 , posteriores inter 
se fere d. 4 distantes, série oculorum minorum trans- 
versa antico trapezii latere haud latiore. Abdomen ex 
olivaceo badium, supra stria media longitudinali di- 
stinctissima, dense albo pilosa, maculas 4 vel 5 nigras 
dividente, macula anteriore angusta, oblonge-triangula, 
ceteris transversis, vel paene vittis, aeque distantibus, 
subtus unicolor, lateribus albo pilosis. Pedes pallide 
ochracei, unicolores, paris 4 Ü quadrupla fere cepha- 
lothoracis longitudine, ceteri breviores, inter se haud 
ita différentes, 3" brevissimi. Mandibulae cephalotho- 
racis, maxillae labiumque pedum colore. 

Long. corp. 6,1 mill., cephalothoracis 3,1 mill. 

Color adultorum fuscior, femora distinctius fusco 
vittata, coxae et trochanteres fusci. 

Ad flumen Wilui (Maack); 1 $ . 

23. L. (Tarantula) sagittata Gr. 

S $ Céphalothorax colore castaneo; scutum dorsuale 
oblonge ovatum, antice productum, angustius trunca- 
tum, fuscius, vitta longitudinali pallidiore antice lata, 
oculos includente, medium versus sensim attenuata, 
inde angusta. Series oculorum minorum transversa 
latere trapezii a ceteris compositi anteriore paulo la- 



— 21 — 

tior, anteriores horum posterioribus haud majores. Ab- 
domen animalis alcohole servati supra ochraceo brun- 
neum, siccati fere olivaceum, macula anteriore angu- 
lum imitante vittaque longitudinali ante medium inci- 
piente, utrinque dentata, pallidioribus ornatum, subtus 
unicolor, lateribus pallidius subtiliter guttatis. Pedes 
rufo brunnei, femoribus fuscius vittatis, paris 4 tJ lon- 
gitudine 3 1 / 2 pla cephalothoracis, ceteri breviores, haud 
ita inter se différentes, 3" brevissimi, illis 1 / 4 fere bre- 
viores. Mandibulae , labium , maxillae colore scuti 
dorsualis. 

Longit. corp. 9 mill., cephalothoracis 4 mill. 

Ad flumen Wilui (Maack); 1 $ , 2 $ . 

XII. ATTUS Walck. 

24. A. quadrifasciatus Gr. 

$ Céphalothorax ex nigro fuscum,pilis albis intermix- 
tis; scutum dorsuale postice nigrum, latius rotundaturn, 
area oculari viridi-splendente, pilis longioribus nigris 
obsita. Abdomen supra fusco nigrum, fasciis transversis 
pilorum alborum 4,l ma initium abdominis tenente, 2 da 
ante medium, 3 ia pone medium sita, cum ilia et cum 
4 ta , extrema, arcu laterali conjuncta, areas 2 compo- 
nente, area anteriore maculam albam minutam 1, po- 
steriore maculas 2 (unam pone alteram positam) conti- 
nente; abdomen subtus album, textricibus fuscis. Pedes 
parts 2 di brevissimi, 4 U et 3 H paulo longiores quam l mi , 
longitudinem corporis paulo superantes: coxae et 
trochanteres albi, femora subtus alba, genua, tibiae, 
metatarsi fusca, supra striis longitudinalibus pallidio- 
ribus 2 ornata, tarsi ex brunneo albidi. Mandibulae 



— 22 — 

brunueae, maxillae labiumque albida, fusco cincta, palpi 
albidi. 

Longitudo corporis 3 mill., latitudo scuti dorsua- 
lis 1,5 mill. 

Ad flumen Wilui (Maack); 1 $ . 

35. \* lineolatus Gr. 

$ Atto terebrato similis, corpore nigro, pileolis aura- 
tis et argenteis variegato. Scutum dorsuale nigrum, 
striola postica longitudinali alba, area oculari pileolis 
auratis obtecta, splendore coerulescente. Abdomen ni- 
grum, supra ante medium pileolis auratis dense obsi- 
tum , pone medium striis pileolorum argenteorum 
transversis linearibus 5, latitudine decrescentibus, an- 
teriore crassiore, auteriora versus paulo excavata, ce- 
teris inversis , subtus ut scutum sternale pilis albis 
dense obsitum. Pedes nigricantes, coxa, trochantere, 
initio femoris subtus albo pilosis, tar sis corneo russu- 
lis, paris 4 li longissimi, corpore \/ u longiores, paris l mi 
Ulis paulo breviores, (2* haud conservati). 

Longitudo corporis 4 mill. 

Ad flumen Wilui (Maack); 1 g . 

26. A. fusconotatus Gr. 

$ Scutum dorsuale postice paulo dilatatum, rotun- 
da turn, nigricans, area oculari nigra, margine frontali 
stria transversa anteriore pilorum alborum, posteriore 
nigrorum ornata. Oculi paris 3 U ante medium areae 
positi, paris postremi lateralibus anteriorum paulo ma- 
gis distantes. Abdomen subovale, cephalothorace vix 
longius, ex brunneo ochraceum, supra fusco macula- 
turn, seriebus longitudinalibus macularum 3, maculis 



— 23 — 

mediis rotundatis 5, cum lateralibus alternantibus, la- 
teralibus utrinque 4 sigmoideis, antice attenuatis, obli- 
quis, subtus linea media fusciore notatum. Pedes fusco 
ochracei, pallidius annulati, paris l mi corpore ceteris- 
que longiores, femoribus incrassatis, 4 Ü paulo brevio- 
res, 2 di et 3 Ü aeque longi, longitudine fere corporis. 
Mandibulae, maxillae, labium nigro brunnea. 

Longitudo corporis 5,3 mill., scuti dorsualis ut ab- 
dominis (ei incumbentis) 3 mill. 

Ad medium fluminis Amur decursum (Maack) ; 1 $ . 

37. A. vulpes Gr. 

$ Scutum dorsuale nigrum, pilis griseis, inter ocu- 
los medios et laterales vulpino-rufis obsitum, sternale 
nigrum, griseo longe pilosum. Abdomen ovale, supra 
vulpino-rufum, pilis nigris longioribus intermixtis, 
margine antico ravo-ochraceo, lateribus striis obliquis 
pallide ochraceis utrinque 5 ornatis, a dorso ad mar- 
ginem descendentibus, subtus griseo -pilosum. Pedes 
ochracei, parte inferiore femoris, genu et tibiae paulo 
nigricante, paris 4 U longissimi, corpore longiores, 3 li 
et l mi iis paulo breviores, 2 dl longitudinem corporis 
adaequantes. Mandibulae, maxillae, labium fusco-brun- 
nea, palpi pilis longis griseis muniti. 

Longitudo corporis 6,25 mill. 

Apud Irkutsk (Maack) ; 1 $ . 

28. /%. ignifrons Gr. 

Ç Corpus nigrum. Scutum dorsuale oblongum, 
postice attenuatum, margine antico supra oculos albo- 
piloso, pariete frontali infra oculos cinnabarino, area 
oculari transversa, oculis postremis longe ante me- 



— 24 — 

dium scuti dorsualis sitis. Abdomen ovatum, illo lon- 
gius, supra stria media longitudinali striisque obliquis 
utrinque 3 albis, posteriora versus descendentibus, 
aeque inter se distantibus, mediam minime tangenti- 
bus, stria media a medio demum incipiente, articulata, 
subtus fuscum, seriebus striolarum punctorumve albo- 
rum longitudinalibus distinctum, 2 mediis, lateralibus 
utrinque fere 5. Pedes nigri, articulis ad extremita- 
tem lineari-albo annularis, tarsis et metatarsis pallide 
ochraceis, paris 4 U et 3 h longissimi, corpore vix lon- 
giores, 2 di brevissimi, eo paene 1 / 3 breviores. Mandi- 
bulae breves, maxillae ovales, labium nigrum, palporum 
articuli extremi pallide ochracei. 

Longitudo corporis 6,5 ad 8,3 mill. 

Ex Sibiria orientali, specimen majus ad fl. Wilui re- 
pertum (Maack); 2 Ç . 

29. lY. melanotarsus Gr. 

$ Scutum, dorsuale oblonge quadrangulum, postice 
paulo dilatatum, lateribus curvatis, ut sternale, nigrum, 
pilis albis, areae ocularis clialybeiis singulisque ni- 
gris longioribus munitum. Medii oculorum anteriorum 
maximi, in pariete frontali paulo humilius affixi, deor- 
sum spectanti haud conspicui. Abdomen haud longius 
quam latum, late ovatum, cephalotliorace brevius, su- 
pra nigrum, pilis albis obsitum, subtus pallide testa- 
ceum, pilis albis quasi tomentosis. Pedes corneo-brun- 
nescentes, fasciis annulisve fuscioribus nullis, subtus 
pilis albis densius obsiti, coxis et trochanteribus su- 
pra nigris, tarso paris 2 di tarsoque et metatarso paris 
l mi nigris; pedes paris 4 U longissimi, 3 n paulo brevio- 
res, l mi et 2 th brevissimi, Iongitudinem corporis paulo 
excedentes. Clava palporum nigra. 



— 25 — 

Longitudo corporis 6 1 / 2 mill., abdominis (antice in- 
cumbeutis) paene 3 mill. 
Ex Sibiria orientali; 1 $ . 

30. 1. striatipes Gr. 

$ Céphalothorax ruscus, dense albo pilosns; scu- 
tum dorsuale postice paulo attenuatnm, rotundatum, 
maculis 2 (utrinqne 1) subquadratis brunneis pone ocu- 
los posteriores sitis, vitta angusta alba separatis. Oculi 
postremi lateralibus anteriorum paulo minus distantes. 
Abdomen ovatum, cephalothoracis longitudine, nigri- 
cans, dense albo pilosum, supra vittis transversis ob- 
liquis , ex pilis nigris et ochraceis constantibus, 
posteriora versus descendentibus, maculaque media 
postica similis coloris notatum. Pedes corneo-brun- 
nei, paris l mi loiigissimi, stria femoris lata nigra di- 
stincti, longitudinem corporis paulo excedentes, 4 Ü earn 
aequantes, p. 2 dl brevissimi, abdomine paulo longiores. 
Organa oris fusca, albo pilosa. 

Longitudo corporis 7 mill., abdominis 3,5 mill. 

Apud Nikolajevsk (L. Schrenck); 1 $ . 

Animalis in alcohol immersi abdomen nigricans, 
ochraceo punctatum, ad angulos anticos macula ochra- 
cea obliqua notatum, vitta media longitudinali ejus- 
dem coloris, ramis brevibus obliquis pinnata. 

38. A. fuscostriatus Gr. 

$ Senium dorsuale corneo-ochraceum, antice et 
postice aeque latum, margine laterali vittaque media 
antice bifurca fuscis, hac in aream ocularem nigram 
transeuute. Abdomen ovale, longe pedunculatum, illo 
alterum tantum longius et latius , pallide griseum, 

Mélanges biologiques. IV. 4 



— 26 — 

striis dorsi longitudinalibus 3 zonaque marginali fu- 
scis, hac cum stria media antice et postice confluente, 
sublns striis longitudinalibus 2 obsoletis annuloque 
textrices ambeunte fuscis. Pedes graciles, ex brunne- 
scente albidi, anteriores annulis angustis nigris 4, po- 
steriores 5 ornati, Ulis longiores, corpore fere V 3 bre- 
viores. Palpi haud annulati , mandibulae breves , ut 
maxillae labiiimque brunneae. 

Longitudo corporis 3 mill. 

Ad flumen Amur supra ostium Ussuri (Schlippen- 
bach) ; 1 ? . 

32. A. arenicolor Gr. 

$ Scutum dorsuale ex ochraceo arenicolor, angulis 
posticis rotandatis, late nigricantibus, area oculari ni- 
gra, stria longitudinali flava bipartita, sternah areni- 
color, margine nigricante, paribus macularum nigri- 
cantium obsoletarum 3. Abdomen cephalothorace paulo 
longius, ovale, isabellinum, supra stria longitudinali 
anteriore utrinque acuminata et breviore postrema 
vittisque lateralibus 2 paulo siimosis, per totam lon- 
gitudinem patentibus nigris, punctato clathratis, po- 
stice ramos 2 extrorsum emittentibus, subtus stria me- 
dia longitudinali ornatum vel unicolor. Organa oris 
pedesque isabellina, paris 4 11 ceteris et corpore longio- 
res, 3" paene longitudine corporis, l mi paulo brevio- 
res, puncto femoris tibiaeque nigro distincti, 2 di bre- 
vissimi. 

Longitudo corporis 5,3 mill. 

cf Similis, pedibus paris l mi stria femoris nigra 
latiore et puncto genu tibiaeque nigro ornatis, area 
oculari vix nigricante, abdomine breviore. 
Longitudo corporis 3 mill. 



— 27 — 

Ad flumen Amur (Ditmar), inter ostia fluminum 
Ussuri et Chungar (L. Schrenck); 1 cf , 2 $ . 

33. %. castriesianus Gr. 

S Corpus, pedes, organa oris, textrices ex ochraceo 
isabellina. Scutum dorsuaîe postice leniter attenuatum, 
vittis latis nigricantibus 2 ad marginem decurrenti- 
bus quasi ex maculis rotundatis compositis, antice sese 
fere tangentibus, oculos continentibus, postice angu- 
stioribus, sternale unicolor. Oculi posteriores circulis 
nigris circumdati. Abdomen cephalothorace paulo lon- 
gius, haud latius, anguste ovatum, lateribus nigro strio- 
latis, tractibus striolarum obliquis utrinque 5, supra 
stria anteriore, postice acuminata, usque ad medium 
patente, in seriem macularum continuata, maculis ni- 
gris transversis 5 , subtus linea media hinc illinc flexa, 
ante medium incipiente, punctisque aliquot lateralibus 
distinctum. Pedes unicolor es, paris 4 li longissimi, cor- 
pore breviores, 3" iis haud ita breviores, l mi et 2 di bre- 
viores et crassiores. 

Longitudo corporis 3,5 mill. 

Ad sinum de Castries (L. Schrenck); 1 $ . 

34. A. flavo-ater Gr. 

$ Corpus atrum, nitore violaceo , scutum dorsuaîe 
rectangulum, angulis posticis rotundatis, area oculari 
polita splendidissima. Palpi, tarsi pedum anteriorum, 
pedes 'posteriores toti (trochantere coxaque exceptis) 
flavi, pedes paris 4 U longissimi, corpore dimidio lon- 
giores, 2 dl brevissimi, longitudine ejus, p. l rai paulo 
longiores, scopulis pilorum densis, margini genu, ti- 
biae et metatarsi anterior! affixis insignes, paris 3 11 illis 



— 28 — 

longiores. Mandibulae brunneae, maxillae paene orbi- 
culares labium que nigra, albo linibata. Abdomen sub- 
cylindratum , scuto dorsuali paulo longius. 

Longitudo corporis 4 mill. 

Apud Nikolajevsk (L. Schrenck); 1 $ . 

35. \. dimidiatus Gr. 

$ Corpus , maxime abdomen , elongatum. Scutum 
dorsuale ocbraceo-corneum, stria longitudinali inter 
oculos postremos incipiente vittaque marginali nigris, 
sternale flavo albidum. Abdomen illo angustius, dimi- 
dio longius, cinereum, supra nigro adspersum, linea 
longitudinali nigra omnino dimidiatum, vittis margi- 
nalibus 2 flavis, nigro punctatis, subtus linea fusca a 
medio incipiente ornatum. Pedes ut organa oris pal- 
pique flavi, paris l mi ceteris crassiores, pari 4 t0 vix 
longiores, corpore breviores, supra punctis nigris 3 
inter tibiam et unguiculos positis distincti, p. 3 11 bre- 
vissimi. Mandibulae perbreves, palpi ut pedes paris l mi 
punctis nigris 3 muniti. 

Longitudo corporis 4,3 mill., abdominis fere 3 mill. 

Ad flumen Amur supra ostium Ussuri (Schlippen- 
bach); 1 $ . 

36. A. nobilis Gr. 

c? Corpus, maxime abdomen, elongatum, nigrum, 
aureo-viridi pilosum, supra paribus macularum albarum 
paene aeque longe distantibus , 2 vel 3 scuti dorsualis, 4 
abdominis ornatum. Maculae parium priorum 2 ova- 
les, obliquae, ante et post oculos postremos positae, pa- 
ris 3" minores, interdum evanidae; maculae abdomi- 
nis vittaeformes , nigro limbatae, a margine laterali 



— 29 — 

paene "usque ad lineam mediam adscendeutes. Abdo- 
men cephalothorace angustius, alterum tantum lon- 
gius, postice sensim attenuatum, sub tus striis albis 
longitudinalibus 2 munitum. Pedum coxae, trochan- 
ters, femora nigra, ceteri articuli corneo ochracei, 
paris l mi ex rufo brunnei. Pedes paris l mi corporis 
longitudinem paulo excedentes, ceteris multo longio- 
res, crassiores, p. 2 dl et 3 U aeque longi, pari 4 t0 paulo 
breviores. Mandibulae haud productae, dimidia fere 
palporum longitudine, fuscae. Palpi fusci, femur pe- 
dum paris l mi haud excedentes; maxillae labiumque ob- 
longa, subrectangula, nigra, flavo marginata. 

Longitudo corporis 9 mill., abdominis 6 mill. 

Ad flumen Ussuri (L. Schrenck); 2 S . 



■ Ot S >g= » 



(Aus dem Bulletin, T. IV, pag. 161 — 180.) 



21 Juni -, o^! 

TjuTT 1861 - 



Ein Wort über einen blinden Fisch — als 
Bildung s-Heinmung> von 14. E. v. Baer. 

Vor einigen Tagen brachte mir ein hiesiger Kauf- 
mann, Herr James Dunsterville Barnes, einen 
blinden Fisch mit der Frage : ob er einiges physiologi- 
sche Interesse habe? Da ich noch nie einen blinden 
Fisch gesehen hatte, schien er mir doch einer Un- 
tersuchung werth. 

Es war ein hier gewöhnlicher Fisch, der häufig mit 
der Karausche verwechselt wird, Cyprinus Gibelio, 
noch ziemlich klein, 4 Zoll lang mit der Schwanz- 
flosse, sehr dunkel gefärbt. Der Kopf war ganz wohl- 
gebildet, aber Augen waren nicht zu sehen, obgleich 
eine seichte Vertiefung in der Gegend, in welcher 
die Augen sein sollten, nicht zu verkennen war. Eine 
stark mit Pigment gefärbte Haut überzog diese flache 
Grube. Nach Entfernung dieser Haut fand sich in 
der Augenhöhle dennoch ein rudimentärer Bulbus von 
der Grösse eines Mohnkorns, da aber in der Pig- 
mentlage keine Lücke sich gebildet hatte, so kann 
dieser Fisch kaum eine schwache Lichtempfindung 
gehabt haben, gewiss hat er nicht deutliche Bilder 
von der Aussen weit erhalten, also nicht sehen können. 



— 31 — 

Eine gänzliche Abwesenheit oder mangelhafte Ent- 
wickelung des Augapfels, bei übrigens normaler Bil- 
dung, ist schon an Neugebornen des Menschenge- 
schlechtes sehr selten beobachtet, obgleich für diese 
alle Abweichungen aufgezeichnet werden; bei Fi- 
schen, denen nicht der ganze Kopf verbildet ist, und 
deren Augen im Embryonen-Zustande so gross sind, 
ist sie vielleicht noch gar nicht beobachtet. Aber die- 
ser Umstand ist es nicht, der mich veranlasst, die 
Aufmerksamkeit der Klasse auf einige Augenblicke 
in Anspruch zu nehmen, sondern das genetische 
Verhältniss. 

Dieser Fisch kommt aus einem kleinen sehr schlamm- 
reichen und verhältnissmässig tiefen Teiche bei Kolo- 
mäga. Obgleich andere Individuen mit gut entwickel- 
ten Augen in demselben Teiche gefangen sind, die 
ich leider nicht gesehen habe, so kann man doch 
nicht umhin sich zu fragen, ob der Mangel an Licht 
nicht an der gehemmten Entwickelung der Augen 
Antheil habe? Das Auge ist eine so frühzeitige Bil- 
dung in der Entwickelung eines Wirbelthiers , dass 
ein vollständiges Fehlen desselben ohne ganz allge- 
meine Verbildung und Verkümmerung des Kopfes nicht 
gut gedacht werden kann. Auch war hier ein klei- 
ner Bulbus da. Ohne Zweifel war also das Hervortre- 
ten desselben aus den Seiten der Schädelhöhle er- 
folgt, und auch bei den menschlichen Embryonen und 
Neugebornen, die man bei übrigens regelrechter Bil- 
dung des Kopfes und der Augenhöhle blind fand, zeigte 
sich an Stelle des Bulbus ein runder Körper in ein 
unbestimmtes Bindegewebe umgewandelt — also wohl 
ein durch krankhafte Bildung verdorbener Augapfel. 



— 32 — 

Der Bulbus unsers Fisches ist aber nicht in ein 
Bindegewebe umgebildet, sondern gleicht dem ver- 
kümmerten Bulbus eines Maulwurfs. Man kann sich 
also die Frage stellen: Ist hier nicht später eine Bil- 
dungs-Hemmung in Bezug auf den Augapfel einge- 
treten — durch Mangel an Function desselben? Die 
Cyprinus-Arten dieser Abtheilung, C. Carassius und 
C. Gibelio, leben überhaupt viel im Schlamme, wo sie 
ihre Nahrung finden. Auch die Embiyonen können 
hier sich ernähren von Entomostraceen, die an abster- 
benden Pflanzentheilen sitzen. Würde nicht, möchte 
ich fragen, das was hier vorläufig nur einzelne Ab- 
weichung ist, zur Norm werden können, wenn dieser 
Teich einen Abzug in eine unterirdische Höhle hätte, 
welche Nahrung genug enthielte, um einige Fische 
dieser Art das ganze Leben hindurch zu ernähren, so 
dass sie sich hier fortpflanzen und Generationen hin- 
durch erhalten könnten, wie in manchen unterirdi- 
schen Höhlen wirklich geschieht. Dass Abweichun- 
gen, welche zuvörderst individuell sind, erblich wer- 
den können, wissen wir von den Gfingerigen Men- 
schen und den sogenannten Stachelsclrwein-Menschen. 
In Hinterindien ist in einigen Familien die starke Be- 
haarung selbst des Gesichtes erblich. Ist auch die 
Krustenbildung der porcupine - men eine wirkliche 
Krankheit zu nennen, die sich forterbt, so darf man 
die starke Behaarung und die überzähligen Finger 
doch nur als Abweichung von der gewöhnlichen Norm 
ansehen, da sie bei voller Gesundheit bestehen können. 
Die haarige Julia Pastrana, das Urbild menschlicher 
Hässlichkeit, war eine gesunde und derbgebaute Per- 
son. Von den Thieren wissen wir, dass vierhörnige 



— 33 — 

Schafe und andere Eigentümlichkeiten, besonders 
an Hausthieren sich fortpflanzen, und überhaupt ha- 
ben wir ja von der Entstehung der Varietäten keine 
andere Vorstellung. Eine weniger gekannte erblich 
gewordene Abnormität, die erst kürzlich sich ge- 
bildet zu haben scheint, wenigstens vor kurzer Zeit 
erst die Aufmerksamkeit der Naturforscher erregt 
hat, ist das Buccinum undatum, in gewissen Buch- 
ten Englands, das statt Eines vollständigen Deckels 
zwei unvollständige hat. Es war vor einigen Wochen 
ein Conchylien-Händler nach St. Petersburg gekom- 
men, der mehrere Exemplare dieser Abweichung be- 
sass und sie zu exorbitanten Preisen ausbot. 

Diese erblich gewordenen Abweichungen, deren 
Aufzählung uns viel zu weit abführen würde, verdie- 
nen jetzt eine grössere Berücksichtigung, damit man 
Darwin's Ansichten von der Umbildung der organi- 
schen Formen weder vorschnell ganz verwerfe, noch 
als vollständig begründet betrachte. Sie werden auf 
ihr gehöriges Maass zurückzuführen sein , was nicht 
die Aufgabe gelegentlicher Bemerkungen sein kann. 

Was mich veranlasst, diese Frage überhaupt in 
Anregung zu bringen, ist der Umstand, dass ich an 
dem von Herrn Barnes gefälligst präsentirten Fische 
ausser der Verkümmerung des Augapfels noch einige 
andere Abweichungen finde. 

Zuvörderst ist die Seitenlinie nicht vollständig aus- 
gebildet, sondern nur auf 2 / 5 der Körperlänge sich 
ausdehnend, die nachfolgenden Schuppen sind völ- 
lig undurchbohrt. Das erinnert mich an manche 
kleine Gewässer der Steppe, die nach der Schnee- 
schmelze zwar einen reichlichen Vorrath von Wasser 

Mélanges biologiques. 1Y. 5 



— 34 — 

haben, von dem Anfange des Sommers an aber fast 
nur einen Schlamm enthalten, der durch eine Pflanzen- 
decke schwebend erhalten wird, unter derselben aber 
noch einen Vorrath von Wasser behält, so dass ein 
Mensch, der sich rasch zu bewegen sucht, darüber 
wegkommen kann, Pferde aber tief einsinken und 
ebenso Wagen, mit denen man durchfahren muss. In 
diesen ganz kleinen Flüsschen, die doch nie ganz 
trocken werden, fand ich einzelne Fische verschiede- 
ner Art, deren Seitenlinie nicht ganz vollständig war. 
Umbra KrameriFitz. (Cyprinodon umbra Cuv.) in den Süm- 
pfen des Neusiedler-Sees und in unterirdischen Höhlen 
Österreichs lebend, ist ganz ohne ausgebildete Seiten- 
linie '). Auffallend ist an unserm Fische auch die sehr 
dunkle, ja völlig schwarze Farbe des Rückens. Sie er- 
innert mich an eine Karpfen-Varietät, die ich im Ma- 
nytsch-Thale erhielt. Der Manytsch ist bekanntlich eine 
tiefe Rinne, welche nur während der Schneeschmelze 
mit reichlichem Wasser gefüllt wird. Nachdem dieses 
W^asser sich verlaufen hat, bleiben einige Seeähnliche, 
zum Theil ganz ansehnliche Erweiterungen zurück. 
Eine solche hat sich am Einfluss des Kaiaus gebildet 
undheisst: Schara Chalussum. Als ich am Manytsch war 
— im Mai — war eine offene Wasserfläche nur noch 
im westlichen weitern Theile dieses Beckens, im öst- 
lichen schmalen aber längern Abschnitte sah man nur 
noch einen Sumpf mit ganz kleinen Wasserlöchern 
von 1 bis höchstens 2 Fuss Durchmesser. In diesen 
Wasserlöchern fand ich einige Personen mit der son- 
derbarsten Art von Fischerei beschäftigt, die ich je- 

1) Hecke] imdKner: Die Süsswasserfische der Oesterreichi- 
schen Monarchie, S. 291 — 295. 



— 35 — 

mais gesehen habe. Sie griffen die Fische mit Händen 
und brachten zum Theil ganz grosse Fische ans Licht 
— nämlich eine Art Karpfen. Ich ging nun selbst in 
den Sumpf, oder auf den Sumpf, denn ich überzeugte 
mich, dass eine dichte Pflanzendecke aus Rohr und 
andern Sumpfpflanzen gebildet, eine zwar nicht be- 
deutende aber doch zusammenhängende Schicht Was- 
ser bedeckte. In diesem überdeckten, also gewisser- 
massen unterirdischen Wasser schienen ziemlich viele 
Fische zu sein, die sich immer nach den Löchern 
drängten, um hier besser athmen zu können, oder 
weil die Bewegungen auf der schwebenden Wasser- 
decke sie zu sehr in ihrem geringen Wasservorrathe 
beunruhigten. Die Fischenden standen in den Löchern 
nur etwas über den halben Leib im Wasser — ein 
Beweis, dass dieses nicht tief war, und griffen die Fi- 
sche, die von allen Seiten herbeischwammen, ohne 
von der Oberfläche gesehen zu werden. — Die Kar- 
pfen, die man auf diese Weise herauszog, Hessen 
mich lange zweifelhaft, ob ich sie für eine besondere 
Art erklären sollte oder nicht. Sie hatten die Zahl 
der Flossen -Strahlen gewöhnlicher Karpfen, auch 
eine Abweichung in den Schuppenreihen habe ich 
nicht bemerkt, dagegen hatten sie eine viel mehr ge- 
streckte Form, erschienen daher mit gewöhnlichen 
Karpfen verglichen mehr rundlich, das Auge schien 
mir kleiner, doch war es noch lange nicht unterdrückt, 
und die Haut darüber völlig durchsichtig, vor allen 
Dingen war aber der Rücken völlig schwarz , was ge- 
gen die Goldfarbe der Karpfen im Kaspischen Meere 
sehr abstach. Ich konnte sie damals nur mit Cypr. 
reyina Ch. Bonap. vergleichen. Vielleicht stimmen sie 



— 36 — 

noch mehr mit Cyp. hungaricus Hechel, aus dem sum- 
pfigen Neusiedler-See. Ich zweifle aber nicht, dass 
sie aus dem Kaspischen Meere oder dem Don stam- 
men und nur eine durch die äussern Verhältnisse ent- 
standene Varietät sind. 

Ob die allgemeine Regel, dass bei Thieren, welche 
ohne Licht leben, das Pigment in der Haut schwindet, 
bei den Fischen nicht gilt 2 ), oder ob nur Cyprinus- 
Arten in sumpfigem Wasser dunkler werden, weiss 
ich nicht, noch weniger kann ich mir die Beziehung 
klar machen, welche die Seitenlinie des Fisches zu 
dem Licht-Einfluss haben mag. Aber dass für die vielen 
unter der Erdoberfläche lebenden Thiere, mit ver- 
kümmerten oder mit Fell überzogenen Augen (Spalax), 
die wir jetzt aus der Klasse der Säugethiere, der Am- 
phibien, Fische und in grosser Anzahl aus der In- 
sectenwelt kennen, die Verhältnisse allmählich erst 
durch ihren Aufenthaltsort hervorgebracht sind und 
nicht etwa die bildende Hand der Natur, weil diese 
Thiere die Augen doch nicht brauchen würden, sich 
die Mühe ersparte, sie zu formen — ; scheint mir ein- 
leuchtend. Zu der bezeichneten teleologischen An- 
sicht könnte ich mich wenigstens nicht bequemen. 



2) Pimelodes Cyclopum ist hell gefärbt. 



(Aus dem Bulletin, T, IV, p. 215-220.) 



jj August 1861. 

Golowiiiiiia. eine neue (Sattung* der f mvnt ia- 
neen 9 von C. Maximowiez. 

(Mit 1 Tafel.) 

1) Die Gattungen Crawfurdia, Tripterospermum, 
Pterygocalyx und Golowninia. 

Der Reisende des Kaiserlichen Botanischen Gar- 
tens, Hr. C. Maximo wicz, beobachtete, als er im 
Herbste 1860 nach Hakodate auf der Insel Jeso 
(Japan) kam, in den Wäldern an dem Fusse des Vul- 
kans Kamugotani , eine windende Pflanze aus der 
Familie der Gentianeen, welche eine nahe Verwandt- 
schaft mit der früher von Hrn. Maximo wicz fPrimi- 
tiae ßorae amurensis pag. 188) aufgestellten Gattung 
Pterygocalyx zeigte. Auch von den Charakteren der 
zunächst verwandten Gattungen Crawfurdia und Triple- 
rospermum, zeigte diese Gentianee wesentliche Abwei- 
chungen, so dass Hr. Maximowicz, dem leider seine 
Bücher grossentheils verloren gegangen waren , zu 
dem Schlüsse kam, die von ihm aufgefundene Pflanze 
sei eine noch unbeschriebene Art und neue Gattung. 
Da derselbe den Unterzeichneten jedoch ersucht hatte, 
die betreffende Literatur zu vergleichen und von dem 
eingesendeten Manuscripte nur das zu veröffentlichen, 



— 38 — 

was dazu nach vorgenommener Vergleichung zur Ver- 
öffentlichung geeignet erscheine, so geben wir zu- 
nächst das Resultat unserer Untersuchung und reihen 
daran die vom Hrn. Maximo wicz eingesandte Arbeit, 
soweit diese die Beschreibung der neuen Gattung und 
der diese bildenden Art betrifft. 

Die Gattungen Pterygocalyx, Crawfurdia und Triple- 
rospermum bilden eine natürliche Gruppe unter den 
Gattungen der Gentianeen, die sich durch windenden 
Stengel auszeichnen. Die vom Hrn. Maximowicz be- 
obachtete Pflanze ist vollkommen identisch mit Craw- 
furdia japonica Sieb, et Zucc, weicht aber in den 
Gattungs - Charakteren wesentlich ab , so dass die 
Aufstellung einer neuen Gattung die gleiche Berech- 
tigung hat, wie die Aufstellung der Gattungen Triple- 
rospermum und Pterygocalyx. 

Wir bilden zunächst aus den Gentianeen mit win- 
denden Stengeln eine kleine Untergruppe, die je 
nach der Auffassung des Begriffs einer Gattung als 
Section der Familie oder als Gattung mit Untergat- 
tungen betrachtet werden mag, und die wir Crawfur- 
dieae nennen. Die kurze Charakterisirung derselben, 
sowie der vier Gattungen lassen wir folgen, wobei wir 
jedoch bemerken, dass uns von den Gattungen Craw- 
furdia und Tripterospermum keine Exemplare zur Un- 
tersuchung vorlagen. 

Crawfurdieae. 

Flores 4 — 5 meri. Calyx tubulosus, 4 — 5 fidus. 
Corolla tubulosa, marcescens, intus nuda; limbo 4 — 5 
dentato vel 4 — 5 fido. Stamina tubo corollae in- 



— 39 — 

serta, antheris erectis vel medio affixis. Capsula 
stipitata, 1-locularis, bivalvis vel baccata. 

Herbae volubiles in Asia media et australi crescen- 
tes. 

A. Capsula bivalvis. 

1) Crawfurdia Wall. Flores pentameri. Calyx 5-fidus v. 
5-dentatus. Corollae limbus 5-partitus, plicis ex- 
sertis auctus. Antherae ereclae. Ovarium disco hy- 
pogyno 5-lobato basi cinctum. Stylus persistens, 
stigmatibus binis oblongis révoltais. Wall. tent. fl. nep. 
pag. 63. tab. 47. et 48. Griseb. in D. C. prodr. 
IX pag. 120. 

2) Pterygocalyx Maxim. Flores telrameri. Calyx 5-ala- 
tus. Corolla 4-fida. Anther ae medio dor so affixae, 
basi hastatae. Stylus persistens , stigmatibus binis 
orbiculalis, reflexis. 

Maxim, pr. fl. am. pag. 198 tab. 9. 

B. Capsula baccata. 

3) Tripterospermum Blume. Flores pentameri. Calyx 
tubitlosus a-fidus. Corolla limbo ô-fido. Antherae 
sagittatae. Ovarium basi urceolo brevi cinctum. Sty- 
lus filiformis, stigmate bifido, revoluto. Bacca pla- 
centis tribus parietalibus. Semina cristata. 

Blume Bijdrag. pag. 849. Grisb. 1. c. pag. 121. 

4) Golowninia Maxim. Flores pentameri. Calyx tubitlo- 
sus a-fidus, ö-alatus. Corolla limbo ö-dentato, plicis 
exsertis aucto. Antherae subsagittatae. Ovarium basi 
urceolo brevi cinctum. Stylus filiformis, stigmatibus 
binis filiformibus patentibus. Bacca placentis 4, sutura- 
libus. Semina compressa , marginata. 



— 40 — 

Siebold und Zuccarini Sahen höchst wahrschein- 
lich von ihrer hierher gehörigen Crawfurdta keine rei- 
fen Früchte. E. Regel. 

2) Beschreibung der Gattung Golowninia 
von C. Maximowicz. 

Golowninia Maxim. 

Calyx tubulosus 5-fidus, 5-nervius, nervis dorso in 
alam protractis in lacinias calycis lanceolato- lineares 
a latere piano compressas abeuntem. Corolla tubulosa, 
marcescens, intus nuda, limbo 5-dentato, plicis ex- 
sertis aucto, dentibus deltoideis acuminatis. Stamina 
5, inclusa, infra medium tubi inserta, filamentis pla- 
nis lineari-subulatis, antheris subsagittatis. Ovarium 
urceolo brevibasi cinctum, stipitatum, 1-loculare, bi- 
valve, placentis 4 per paria secus carpellorum mar- 
gines dispositis. Stylus filiformis cum stigmatibus bi- 
nis filiformibus patentibus persistens. Ovula placentis 
suturalibus inserta, numerosa, anatropa. Capsula bac- 
cata, stipitata, 1-locularis, placentis 4 suturalibus. Se- 
mina numerosa, compressa, margine carina prope hi- 
lum duplici circumcirca marginata. Embryo cylindri- 
cus , minutus , in cavitate albuminis carnosi prope 
hilum locatus. 

Herba boreali-japonica, volubilis, glabra, foliis op- 
positis leviter cordato-ovatis acuminatis trinerviis, pe- 
dunculis axillaribus brevissimis 1- (rarius 2-) floris, 
pluribracteatis, floribus pallide coeruleis (?). 

Dicta in memoriam navarchi rossici Golownin, qui, 
ex autopsia primus, de Jeso insula ejusque climate 
commentarios optimos concinnavit. 



— 41 — 

Genus proposition a Tripier ospermo , cui sane pro- 
ximum, differre videtur: calyce alato, corolla 5-den- 
tata plicis adaucta, placentis 4 juxta suturas carpel- 
lorum dispositis. 

Pterygocalyx, quocum calyce alato convenit, distinc- 
tus videtur calyce semiquadrifido , corolla 4-fida epli- 
cata, stigmate, atque fructu capsulari. 

Golowninia japonica Sieb, et Zucc; volubilis glabra, 
foliis oppositis breviter petiolatis ovatis basi distincte 
cordatis apice acuminatis trinerviis, pedunculis axil- 
laribus 1- (rarius 2-4) floris brevissimis pluribractea- 
tis. Crawfurdia japonica Sieb, et Zucc. fl. jap. in Abh. 
d. K. Ak. zu München 1846. pag. 160. 

Habitat in sylvaticis montosis circa oppidum Hako- 
date insulae Jeso sat frequens. Lecta cum fructu ma- 
turo initio Novembris I860*). 

Tota glabra, volubilis; subsimplex vel in parte in- 
feriore parce ramosa, ramis elongatis cauli conformi- 
bus. Caulis 2 — 3 pedes usque altus, lineis a petiolo- 
rum insertione decurrentibus notatus, ceterum teres, 
penna corvina tenuior. Folia omnia opposita, integer- 
rima, trinervia, glabra, ilia ad basin caulis vel ramo- 
rum sita ad squamas oblongas reducta, dein elliptica 
vel orbiculato - elliptica, acutiuscula, basi in petiolum 
lamina breviorem attenuata, parva (lamina 6 — 7 mil- 
lim. longa, 5 mill, lata); cetera caulina omnia ovata 
vel summa ovato-oblonga, basi leviter sed distincte 
cordata, in petiolum brevem attenuata, apice acumi- 
nata, inferiora internodia sua aequantia vel paullo su- 
perantia, basi latiora, apice brevius acuminata, peti- 



*) Uns liegen auch aus Fischer's und Ledebour's Sammlung 
Exemplare vor, jedoch ohne Angabe des Standortes. E. R. 

Mêla nge8 biologiques. IV. 6 



— 42 — 

oJrnii 4-plo superantia, petiolo 7 mill, circiter; lamina 
30 mill, longa; media internodio parum vel valde 
(usque duplo) breviora, petiolo multo longiora, e la- 
tiore basi sensim apicem versus attenuata apiceque 
longius acuminata, nervis tribus utrinque prominulis 
apicem usque atque marginalibus binis e nervo late- 
rali ortis percursa, petiolo 10 mill, usque, lamina us- 
que 70 mill, longa, 30 mill, lata; summa mediis con- 
formia vel angustiora ovato-oblonga. Pedunculi cau- 
lem ramosque terminantes brevissimi 2-bracteati, ce- 
teri ex axillis foliorum omnium praeter intima orti, 
brevissimi (3 — 4 mill.), 1-flori, bractearum paribus 3 
instructi, vel in speciminibus nonnullis 2-, rarius 3-, 
imo 4-flori, tunc bractearum pari uno alterove vel 
omnibus (si flores 4) pedicellum singulum brevissimum 
vel melius florem subsessilem, iterum bibracteolatum, 
proferentibus, ita ut inflorescentiam axillarem deter- 
minatam racemiformem , vulgo ad florem terminalem 
reductam, rarius floribus lateralibus alternatim abor- 
tientibus ideoque 2-bracteatis instructam habeamus, 
ubi vulgo florum lateralium unus alterve fructum non 
maturat. Bracteae a basi versus apicem pedunculi 
magnitudine accrescentes, infimae et mediae 2 — 3 mill, 
longae, oblougae, acutiusculae, superiores in petioli 
vestigium attenuatae acuminatae, florem involucran- 
tes; in pedunculis plus quam unifloris bracteae me- 
diae interdum foliiformes majores, ellipticae, acutae, 
distincte petiolatae, lucent, usque longae. Flos 25 
mill, longus, erectus, in fructu nutans. Calyx 14 mill, 
longus, tubulosus, apicem versus paullo latior, scari- 
osus, truncatus, 5-nervius, dorso secus nervös 5-ala- 
tus, ala foliacea basi angustiore, superne supra calv- 



— 43 — 

eis margiiiem protracta, parte libera tubum calyci- 
num aequante, interstitiis tubi scariosis fere aequi- 
lata, apicem versus subulata, a medio tubo 1-nervia 
(nervo tubi in illam abeunte). Corolla 25 mill, longa, 
ni fallor pallide coerulea, marcescens, plicata, tubu- 
losa, apicem versus paullo latior, 5-dentata, inter den- 
tés plicis 5 adaueta. Tubus 15-nervius, nervis 5 dis- 
tinetioribus, inter filamenta positis, in dentés corollae 
excurrentibus, ceteris a loco insertione staminum e 
bifurcatione ortis, versus dentium margines tenden- 
tibus ibique cum nervo principali et inter se anasto- 
mosantibus. Dentés deltoidei, subaequilati ac longi, 
subito acuminati, integri, aestivatione secus nervum 
medium plicati atque dextrorsum (sinistrorsum DC.) 
convoluti, plicas margine suberenulatas aestivatione 
complicatas atque sinistrorsum contortas tegentes. Sta- 
mina 5, infra medium tubi inserta, inclusa, stigmatum 
altitudinem attingentia. Filamenta plana lineari-subu- 
lata 1-nervia, secus nervum corollae in parte infe- 
riore adnata, ceterum libera. Antherae minutae, sub- 
sagittatae, connectivo distineto instruetae, rimis lon- 
gitudinalibus introrsum déhiscentes. Ovarium basi ur- 
ceolo minuto integerrimo cinetum, stipitatum. Stipes 
ovario aequilongus. Ovarium anguste oblongum, bi- 
valve, 1-loculare, placentis 4 filifovmibus juxta carpel- 
lorum suturas sitis instruetum, ovulis numerosis lio- 
rizontalibus anatropis. Stylus ovarium dimidium ae- 
quans ab illoque distinetus, bipartibilis, in stigmata 
duo stylo sublongiora patentia divisus. Capsula bac- 
cata polysperma, e corolla marcescente vix vel saepius 
tota vel usque ad stipitis partem superiorem exserta, 
cum stipite styloque persistente obscure sanguinea, 



— 44 — 

epicarpio tenui colorato facile soluto, endocarpio spon- 
gioso-carnoso candido gustu mucosa cum dulcedine. 
Stipes capsula ovato-elliptica apice obtusa l 1 / 2 , 2-plo 
vel imo 2 , / 2 -plo longior ab illaque distinctus. Semina 
numerosa , placentis 4 suturahbus a pariete subindis- 
tinctis inserta, horizontalia, suborbiculata, planocom- 
pressa, versus hilum crassiora, circumcirca crista an- 
gustissima acuta, secus funiculum duplici, marginata, 
obsolete punctulata, profunde castanea. Embryo mi- 
nutus cylindricus albus, in cavitate albuminis sordide 
albidi prope hilum locatus. 

Tab. expl. l)Pars superior pîantae fructiferae, a. fol. 
caulina infima. 2) Pedunculus biflorus cum bracteis, 
quarum 2 foliaceae. 3) Bracteae, a. infima, b. media, 
c. summa, magn. parum auct. ut rel. fig. 4) Calyx fis- 
sus, a. a facie externa, b. tubus a facie interna, ut cur- 
sus nervorum melius intelligatur. 5) Corolla fissa. 6)Ead. 
statu gemmaceo transversim secta atque paullum expli- 
cata, ut aestivatio melius in conspectum veniat. 7)Sta- 
minis pars superior, a. a ventre. 8) Ovarium cum ur- 
ceolo. 9) Id. ad suturam imam apertum, ut placenta- 
rum atque ovulorum distributionem videas, sutura al- 
tera apice basique etiam paullo rupta est. 10) Cap- 
sula baccata e normalibus et e brevissimis, m. n. uti seq. 
11) Ead. transversim secta. 12) Ead. demtis semini- 
bus , semina abortiva relicta placentarum situm indi- 
cant. 13) a. semen, b. id. magn. auct. ut seq. c. id. 
longitudinaliter secus lineam ff dissectum, d. id. a ven- 
tre visum, cum crista duplici, e. id. longitudinaliter 
compressioni parallele dissectum, apparet albumen et 
embryo. Fig. 10 — 12 ad vivum delineatae. 

Hakodate, den 1. (13.) Februar 1861. 



(Aus dem Bulletin, T. IV, p. 250 - 255.) 






■S 
-s* 




1 

i««5 



Fi 

OJ 

S 

ci 
o 

• -* 

Pi 

o 

p- 



o 

I— I 

o 



< 



3 



. IUI biologiques, T. W. 




Màam fie 



Golowninia japoiüca n.gen. 



Imp I.ilh A MnnMtr 



Yg Juni 1861. 

Nachrichten vom Ssungarî-FIuss, aus einer 
briefliclieii ]?littheiluii§ des Hrn. jflaxi- 
mowicz an Hrn. Leop. v. Schienck 1 ). 

Bei meiner Abreise aus St. Petersburg war es meine 
Absicht, im Sommer dieses Jahres (1859) einen der 
zwei südlichen Hauptzuflüsse des Amur, den Ssungari 
oder Ussuri, so weit als möglich hinaufzugehen und 
erst im Spätherbst den Amur abwärts nach Nikolajefsk 
zu reisen. Beide Ströme waren fast gleich unbekannt, 
und versprach der Ssungari auch ein interessanteres 
Feld der Beobachtung, nicht allein wegen seiner dich- 
teren, hauptsächlich mandshurisch-chinesischen länd- 
lichen und städtischen Bevölkerung, deren Treiben 
bisher noch von keinem Europäer ausführlicher be- 
schrieben worden, sondern auch hauptsächlich wegen 
seiner grösseren Erstreckung in südlichere Breiten 



1) Obgleich dieser Brief viel früher geschrieben worden und auch 
einen früheren Reiseabschnitt des Hrn. Maximowicz als der- 
jenige vom Ussuri (s. Bullet, de l'Acad. Imp. des Sc. de St. Pétersb. 
T. IL p. 545) abhandelt, so ist er uns doch in Folge mehrerer Um- 
stände, deren Erörterung wir übergehen, erst jetzt zugekommen, 
eine Verzögerung, die jedoch dem Interesse desselben keineswegs 
Abbruch thut, da die Gegenden über welche er handelt, der un- 
tere Lauf des Ssungari- Flusses, später von keinem Reisenden be- 
sucht worden sind. Sehr. 



— 46 — 

hinein und der Resultate, die in diesen Gegenden für 
naturwissenschaftliche Forschungen erwartet werden 
konnten; so war hier doch die Wahrscheinlichkeit des 
Erfolges, bei der bekannten Art, wie die chinesische 
Regierung ihre Tractate zu halten pflegt, eine viel 
geringere als bei dem zwar in beiden genannten Be- 
ziehungen unbedeutenderen Ussuri, der aber jetzt als 
russischer Fluss für jeden russischen Naturforscher 
Interesse haben muss, für mich speciell aber noch be- 
sonders so, da er sich der an eigenthümlichen Pflan- 
zenformen reicheren Litoralflora näher befindet als 
der continentale!* gelegene Ssungari. Gegen einen Be- 
such des Ussuri sprach aber andrerseits die Erwä- 
gung, dass sich bereits ein Naturforscher (Hr. Maack) 
an demselben befindet, und es, in einem immer noch 
so unbekannten Lande wie die Mandshurei, im In- 
teresse der Wissenschaft liegt, wenn jeder Reisende 
sich bestrebt, seine eigenen, von Vorgängern noch 
imbetretenen Wege zu gehen. Die Entscheidung zu 
Gunsten des einen oder andern Flusses musste ich 
natürlich so lange aufschieben, bis ich erfahren, wie 
die mandshurische Regierung den die freie Schifffahrt 
auf dem Ssungari betreffenden Artikel des Aigunschen 
Vertrages halten würde. Einstweilen musste ich es 
mir angelegen sein lassen, so früh an Ort und Stelle zu 
sein, als die Reisevorbereitungen nur zulassen wür- 
den, um, in welchen Fluss ich auch ginge, so wenig 
als möglich vom Sommer auf die Reise dahin und so 
viel als möglich davon auf das Studium des Flusses 
selbst verwenden zu können. Ich glaubte aus Peters- 
burg am 13. März früh genug abgereist und in Ir- 
kutsk am 5. April früh genug angekommen zu sein, 



— 47 — 

um in den ersten Tagen des Mai meine Amur- Fahrt 
beginnen zu können, jedoch hier traf mich schon die 
erste Enttäuschung. Die Schilka-Gegend, wo sich 
jetzt alles concentrirt, was auf den Bau und die Aus- 
rüstung der jährlich den Amur abwärts ziehenden 
Barken- Kara vanen der Krone Bezug hat, ist noch so 
dünn bevölkert und lag bis vor Kurzem noch so sehr 
im äussersten, von Industrie und Handel unberührten 
Winkel Sibiriens, dass die wenigen Jahre, seitdem der 
Amur von den Küssen befahren wird, noch lange 
nicht hingereicht haben, um im Volke selbst eine 
kräftigere Betheiligung an der Beschiffung des Amur 
hervorzurufen. Womit nicht die Kronsmagazine aus- 
helfen können, muss der Reisende sich aus Irkutsk 
und anderen Städten herbeiholen, und selbst die ein- 
fachsten, für ein Boot nöthigen Gegenstände^ die man 
sonst in jedem Dorfe Russlands haben kann (z. B. 
Theer und Leinwand) machen oft eine Reise noth- 
wendig, um sie herbeizuschaffen. So erlaubten denn 
auch mir meine Vorbereitungen, in so kleinem Maass- 
stabe sie auch waren, erst am 7. Juni aufzubrechen 
und am 13. Juni bei Ust-Strelka in den Amur ein- 
zutreten. 

Den Amur fand ich seit 1856 sehr zu seinem Vor- 
theil verändert. Damals fanden wir von Ust-Strelka 
bis zur Dseja-Mündung blos 2 interimistische Kosa- 
ken-Pikets, jetzt ist die ganze Strecke bis hierher 
und noch weiter bis zur Ussuri-Mündung in Zwischen- 
räumen von nicht über 40 Werst mit Dörfern (Sta- 
nizen von Infanterie- und Kavallerie -Kosaken) be- 
setzt, und wo an der Dseja-Mündung Seiskoi Piket 
stand, liegt jetzt die Stadt Blagowestschensk. Die 



— 48 — 

Dörfer lassen übrigens noch deutlich in ihrem Äus- 
seren das Jahr ihres Alters erkennen. Die ältesten, 
die von 1857, haben fertige Häuser, umzäunte Höfe 
und Küchengärten und besitzen Äcker, wo schon das 
Korn wogt; zwischen ihnen liegen die von 1858, noch 
ohne Kornfelder, meist auch wohl ohne Zäune, aber 
mit fertigen Häusern, und endlich sind die Zwischen- 
räume zwischen den beiden vorigen erst in diesem 
Sommer besiedelt worden , wo ich denn die Einwoh- 
ner noch in Rindenzelten wohnend antraf. Grössere 
Bevölkerungscentra sind am unteren Ende des Bureja- 
Gebirges (Jekaterino-Nikolsk), gegenüber der Ssun- 
gari-Mündung (Michailo-Ssemjonofsk) und 35 Werst 
unterhalb der Ussuri - Mündung (Chabarofka) ange- 
legt ; unterhalb Chabarofka und bis nach Mariiusk 
endlich giebt es nur erst Poststationen. Bei der Ju- 
gend aller dieser Niederlassungen versteht es sich 
von selbst, dass der Reisende nicht darauf rechnen 
darf, Lebensmittel und dergleichen in denselben zu 
erhalten, sondern alles Nöthige mit sich führen muss 
und sogar von den Einwohnern selbst um Manches 
angegangen wird. 

Auch in Blagowestschensk, dem Hauptorte der 
Amur-Provinz, zu der auch das dem Ssungari gegen- 
überliegende Gebiet gehört, konnte ich nichts Siche- 
res über die Ssungari- Schifffahrt erfahren. Man be- 
stätigte mir nur das bis nach Petersburg gelangte Ge- 
rücht von der Ssungari-Fahrt des Kaufmanns Tsche- 
botaref aus Nikolajefsk im vorigen Jahre, fügte aber 
hinzu, dass er sich den Zugang zum Strom beim chi- 
nesischen Wachtposten an der Mündung nur durch 
Drohen mit Waffen in der Hand erzwungen und in 



— 49 — 

diesem Frühjahre die Absicht gehabt habe, die Reise 
nach Ssan-ssin 2 ) zu wiederholen, wusste aber noch 
nicht, ob er dieselbe angetreten. Da sich aber zur 
Zeit meiner Anwesenheit in Blagowestschensk die 
neugegründete Amur- Compagnie entschlossen hatte, 
trotz mancher Anzeichen einer unfreundlichen Ge- 
sinnung der mandshurischen Regierung, versuchs- 
weise einen Commis mit einem Boote voll Waaren 
zur Ssungari-Mündung zu schicken, so erbat auch 
ich mir von unserer hiesigen Regierung einen rus- 
sisch und mandshurisch geschriebenen Geleitbrief in 
derselben Art, wie jener Commis ihn erhalten hatte, 
um mit ihm gleichzeitig den Versuch einer Ssungari- 
Fahrt zu machen, falls er aber fehlschlüge den Einlass 
nicht mit den Waffen in der Hand zu erzwingen, son- 
dern ohne Zeitverlust in den Ussuri zu gehen. 

Am 2. Juli reiste ich von Blagowestschensk ab 
und war, ohne mich unterwegs viel aufzuhalten, am 
13. Juli an der Ssungari-Mündung. Ich hielt mich, 
um nicht an ihr vorbeizugehen, hart am rechten Amur- 
Ufer; es ist hier niedrige Schwemmwiese, der ein- 
zelne Inseln und Sandbänke vorliegen. Hat man die 
letzte Sandbank passirt, so liegt vor Einem das andere 
Mündungsufer des Ssungari, ein hügeliges Waldland 
mit dem Dorfe und Wachtposten Dshang-dshu-gere, 
und das Boot tritt so plötzlich aus dem schwarzen 
Amur -Wasser in das weisslichbraune des Ssungari 
hinein, dass meine Leute besorgt die Tiefe massen, 
in der Meinung, wir seien einer Schlammbank zu nahe 



2) Genauer müsste es Ssjang-ssing geschrieben werden, indess 
kommt nahe derselbe Laut heraus, wenn man erstere Lesart fran- 
zösisch ausspricht. M. 

Mélanges biologiques. IV. ' 



— 50 — 

gekommen. Das Wasser ist in der That so trübe, dass 
selbst ein kleines Quantum auf dem Boden eines Gla- 
ses noch ganz neblig aussieht; an der Gränze spielt der 
Ssungari in kleinen Wölkchen in dem Amur-Wasser, 
und sie ist so scharf, dass man bei hineingehaltener 
Hand die Finger in dem einen und die Handfläche im 
andern Strome haben kann. Mit einem schmutzigen 
Keile schiebt sich der Ssungari in den Amur hinein, 
und bei der Entfernung des linken Amur-Ufers scheint 
es, als ob er den Amur vollkommen verdränge und 
verschlinge. Die überraschende Farbenverschieden- 
heit der Ströme wurde noch besonders hervorgeho- 
ben durch den Wind und den Schatten von einer 
schweren Gewitterwolke, die sich über dem andern 
Ssungari-Ufer entlud und feine Wellen auf dem Wasser 
schlug, während auf meiner Seite die helle Mittags- 
sonne in den Amur hineinbrannte; auch mag der 
Ssungari schmutziger als gewöhnlich gewesen sein, 
da er, wie ich bald erfuhr, jetzt eben seinen höchsten 
Wasserstand erreicht hatte. 

Am Dorfe und Wachtposten Dshangdshu-gere stand 
das lange vor mir angekommene russische Handels- 
boot, und ich eilte, sobald ich in der Nähe des Pos- 
tens gelandet war, zu meinem Schicksalsgefährten, 
um Erkundigungen einzuziehen. Kurz vor dem Dorfe 
kam er mir entgegen, umringt von mehreren Mandshu 
und von einem Boote begleitet, in dem ein Beamter 
sass. Der Kaufmann erzählte mir dasselbe was der 
Beamte, dass man uns nämlich unter keiner Bedin- 
gung durchlassen wolle, ohne indess für dieses Ver- 
bot irgend einen Grund anzugeben, und als ich den 
Mandshu -Beamten, der darauf zu meinem Boote ge- 



— 51 — 

eilt war, um es nach dem Dorfe zu bringen, ein- 
holte, ihm meinen Geleitbrief vorzeigte, mich auf den 
Tractat berief und erklärte, mich nicht von einem 
Beamten widergesetzlich abweisen lassen , sondern 
die Reise antreten zu wollen, lud er mich zurück 
in's Dorf ein , um den Geleitbrief einem höheren 
Beamten vorzulegen, der die Erlaubniss zur Reise 
ertheilen oder aber letztere auch ganz verbieten 
könne. Ich glaubte darauf nicht eingehen zu dürfen, 
da ich damit die Competenz dieses Beamten, mir den 
Durchlass zu verweigern, anerkannt hätte, sondern 
bat, demselben den Inhalt meines Geleitbriefs zur 
Kenntniss zu bringen, und bestieg mein Boot. Man 
drohte mir zwar, ich würde bei einem Kriegslager, 
das sich unweit von hier befinden sollte, mit Schüssen 
empfangen werden, und musste das Seil, mit dem das 
Boot am Ufer befestigt war, mit Gewalt unter den Füs- 
sen der Mandshu hervorgezogen werden , allein es 
wurden sonst durchaus keine Anstalten gemacht, Ge- 
walt gegen mich anzuwenden. Nach mir stiess auch 
das Handelsboot ab, dieses ohne die geringsten Hin- 
dernisse erfahren zu haben, und zwar deswegen, weil 
die Mandshu glaubten, ich sei derjenige, der ihm die 
Befehle zur Abreise überbracht habe. Da die ganze 
Verhandlung so friedlich abgelaufen war, so sah ich 
meine Ssungari-Reise als gesichert und das Gebahren 
der Mandshu nur als einen Versuch an , die freie 
Schififahrt auf dem Ssungari durch Drohung und Ver- 
weigerung des Durchlasses so viel als möglich zu 
verhindern, ohne dass ihre Instructionen ihnen Ge- 
walt anzuwenden erlaubten. Dass sie die diesjährige 
Ssuugari- Reise des Kaufmanns Tscheb otaref hart- 



— 52 — 

nackig läugneten, obgleich ich mich uiiterdess vom 
Gegentheil überzeugt hatte, schien mir diese Ansicht 
nur zu bestätigen. 

Bald nachdem man das Dorf Dshangdshu hinter 
sich hat, wird der Ssungari, der an der Mündung ein 
einziges Bette von etwa l/ 2 Werst Breite besitzt, 
inselreich und viel breiter. Sein linkes Ufer ist und 
bleibt, so weit ich es kenne, niedriges Wiesenland. 
Das rechte , das ich fast ausschliesslich verfolgte, 
wird Anfangs von den Ausläufern des Hügelzuges von 
Dshangdshu eingenommen, die zuletzt in nackten stei- 
len Thonabhängen zum Flusse abstürzen. Der bei 
Dshangdshu dichte W^idd wird bald lichter und ver- 
schwindet darauf ganz, um erst beim nächsten Dorfe, 
Nelbu (20 Werst weiter), auf einer kurzen Strecke 
wieder aufzutreten. Die ersten 40 Werst geht es 
in südwestlicher Richtung, danach aber gegen 150 
Werst in westsüdwestlicher, bis zum Dorfe Wale-ho- 
ton. Auf dieser ganzen bedeutenden Strecke herrscht 
die grösste Einförmigkeit. In wenigen flachen Schlin- 
gen windet sich der Strom durch zahlreiche niedrige 
Inseln durch und an niedrigen Ufern vorbei, die sich 
kaum von den Inseln in ihrem Äussern unterschei- 
den. So tief der Strom, zumal an seinem linken Ufer, 
ist, so setzt er doch zahlreiche Bänke an, die an aus- 
tretenden Flussknieen oft wohl eine Werst weit in den 
Strom sich hin ein erstrecken und bei niedrigem Was- 
serstande sich entblössen sollen. Wer den Amur in 
seiner ganzen Länge befahren hat, überzeugt sich am 
Ssungari sehr bald, dass es dieser letztere Strom ist, 
der dem unteren Amur einen so verschiedenen Cha- 
rakter von dem oberen verleiht: die Masse weichen, 



— 53 — 

lehmigen Niederschlags, die er ihm zuführt, übergiesst 
die Bänke, Inseln und Ufer im Amur und giebt ihnen 
mit der ähnlichen Beschaffenheit auch zugleich eine 
ähnliche Vegetation. Nur hat man am Amur nirgends 
eine so grossartige Einförmigkeit, wie sie hier dem 
Reisenden fort und fort vor Augen ist. Zwei hundert 
"Werst weit fährt man immer nur durch dieselbe 
niedrige Ebene, welche überall mit menschenhohem 
Grase (Calamagrostis) bedeckt ist, und auf welcher an 
trockneren Steilen kleine Espengehölze, auf den nasse- 
ren und zum Ufer hin Weidengebüsche sich ansiedeln 
oder 10 Fuss hohe Schilfwälder stehen, die sich vor 
dem Winde mit scharfem Geraschel schaukeln. Es zeigt 
sich wohl am Horizonte von Zeit zu Zeit Wald, ohne 
jedoch bis ans Ufer zu kommen, es tauchen in gros- 
sen Zwischenräumen einzelne Höhenzüge auf, z. B. 
am linken Ufer Vorberge des Bureja-Gebirges (Chadda- 
Gebirge der Golde und Mandshu) und mehrere nie- 
drige Hügelketten am rechten Ufer, jedoch tritt nur 
eine einzige der letzteren, und noch unweit (40 Werst) 
von der Ssungari-Mündung, in eine grössere Nähe, 
so dass man die Strauchvegetation auf den sanftge- 
rundeten Gipfeln und die Wiese am Fusse der Ab- 
hänge unterscheiden kann. Erst nach nahe 200 
Werst, bei Wale-hoton, sieht man den ersten Hügel- 
rücken bis an den Strom selbst vortreten und zu ihm 
stellenweise in Felsblöcken von poröser schwarzer 
Lava abfallen. Sein Laubwald ist in seiner Zusam- 
mensetzung schon recht bedeutend von dem zuletzt 
gesehenen an der Mündung verschieden. Kaum an- 
ders als durch den sie bedeckenden Wald kenntliche 
Ausläufer dieses Hügeizuges treten auch noch 20 



— 54 — 

Werst höher und bei Ssussu (40 W. oberhalb Waie- 
hoton) in die Nähe des Stromes. Dieser schlägt hier 
wieder eine südwestliche Richtung ein, beschreibt 
steilere Krümmen als vorher, besitzt weniger Inseln, 
und seine Ufer werden allmählich höher und trockner. 
In Süd erscheint eine entfernte Bergkette, die mit 
ihren theils abgerundeten, theils stumpfspitzigen 
Gipfeln bald fast den ganzen südwestlichen Horizont 
einnimmt, 90 Werst oberhalb W^ale-hoton in die Nähe 
des rechten Ufers tritt, mit ein paar steilen, glat- 
ten, felsigen Abhängen von röthlicher Farbe und por- 
phyrartigem Ansehen zu demselben abfällt und den 
Fluss zu einem steilen Knie nach Süden und Südsüd- 
osten zwingt, wonach sie sich von demselben entfernt 
und jener seine frühere südwestliche Richtung wieder 
einzuschlagen und bis zur Stadt Ssan-ssin beizubehal- 
ten scheint, zu welcher hin am Horizonte abermals 
ein , jedoch viel niedrigerer Höhenzug am rechten 
Ufer dahinstreicht, und auch am linken schwache ge- 
radrückige Höhen sichtbar werden , wahrscheinlich 
blos die Abfälle einer über die bisherige erhöhten 
Landfläche. 

In der Nähe der Berge angekommen, werden beide 
Stromufer zur hohen, trocknen Prairie, die in thoni- 
gen, unterwaschenen Abhängen von meistens gelb- 
brauner Farbe zum Flusse abfällt, und die Inseln ver- 
schwinden beinahe ganz. Da nach den Aussagen der 
Einwohner der Fluss oberhalb der Stadt immer 
bergigere Ufer bekommt, so scheint es beinahe, 
als ob man seinen unteren Lauf hiemit hinter sich 
hat und in den mittleren eintritt. Doch bleibt sich 
die Strömung von der Mündung an ziemlich gleich 



— 55 — 

und beträgt bei dem jetzigen höchsten Wasserstande 
an den raschesten Stellen nicht über vier Werst 
stündlich, sinkt aber in schmalen Flussarmen bis 
auf l'/ 5 Werst herab. 

Ich erwähnte schon oben, dass der Laubwald im 
Süden (bei W^ale-hoton) sich bedeutend von dem des 
südlichen Amur unterscheidet Das Land ist freilich 
so wesentlich Prairieland, dass man kaum Gelegenheit 
hat, den Wald zu studiren, indess mischen sich zu 
den Eichen- und Ulmenwäldchen, die man bisweilen 
antrifft, zahlreiche Apfelbäume (Pyrits ussuriensis) , 
zwei verschiedene Rhamnns- Arten , und bei W T ale-ho- 
ton ist ein Aprikosenbaum sehr häufig, der mit seinen 
mehr als fussdicken Stämmen, breiten Kronen und den 
zahlreichen gelbrothen Früchten viel zum Schmucke 
der Landschaft beiträgt; dagegen fehlen die meisten 
Baumarten der dichteren Amur- Wälder am Flussufer 
ganz und sollen sich erst auf den entfernteren Gebir- 
gen einfinden, wie z. B. die Wallnuss, Linde, Esche, 
von der Weissbirke und sämmtlichen Nadelhölzern 
gar nicht zu reden. Das Unterholz ist dasselbe, wie 
man es auch am Amur sieht, doch sind mir solche 
natürliche Weinlauben und solche Festons von Vins und 
Dioscorea, wie sie hier von Wipfel zu Wipfel sich aus- 
spannen, am Amur nirgends vorgekommen, und manche 
Sträucher {Panax und Evonymus alatus) erreichen 
hier eine Höhe von 20 Fuss. Auch auf die Kraut- 
vegetation äussert die mildere Breite, in der man 
sich befindet, ihren Einfluss. Das einförmige Grün 
der Schwemmwiese, das stellenweise von Artemisien 
grau, stellenweise von Wicken und Mnlgedmm blau 
angelaufen erscheint, bleibt zwar unverändert, allein 



— 56 — 

die nach Süden zunehmenden Schlingpflanzen senden 
auch in diese einige Repräsentanten hinein (z. B. 
eine Cuscuta und eine neue Leguminose). Solche Stel- 
len, die je weiter je häufiger werden, sehen sehr ein- 
ladend und eigenthümlich aus, allein schon nach we- 
nigen Schritten schlagen die verstrickten Grasmassen 
über dem Kopfe des Wanderers zusammen und lassen 
ihn weder vor- noch rückwärts. Auch die Artemma- 
Gestrüppe um die Dörfer werden hier durch Ariuolo- 
chia, Thladiantha , Metaplexis u. s. w. noch enger als 
am Amur durch den japanischen Hopfen umschlun- 
gen. Am wenigsten verändert erscheinen die trocknen 
Prairieen oder Steppen, denn hier herrschen noch die 
nämlichen Hauptpflanzen wie weiter im Norden und 
nur einzelne neue Kräuter werden beobachtet, die 
aber dafür bald eben so häufig sind wie die anderen ; 
ich nenne blos die reizende rosenrothe Barnardia scil- 
loides aus China und eine Scrophularia. 

Mit der grossen Einförmigkeit der Pflanzenwelt 
ganz übereinstimmend verhält sich auch die Thierwelt. 
Eigentlich die Insektenwelt, denn der Juli ist nicht 
der geeignete Zeitpunkt, um viel Säugethiere und 
Vögel zu sehen. Allein auch diese reducirt sich auf 
wenige Arten. An Tagen, wie ich sie hier so häufig 
hatte , wo die Sonne mit besonderer Gluth durch die 
dicken Regenwolken brennt, welche sich inmitten ei- 
ner drückenden Stille ansammeln, sind es am Tage 
Bremsen von verschiedenen Arten, von der Grösse 
eines Viertel- bis zu der eines Zolles, und mikrosko- 
pische Schnaken, die sich um jedes lebende Wesen, 
das sich in die Wiese hineinwagt, in erschreckender 
Menge ansammeln, und zahllose Heuschrecken und 



— 57 — 

Grashüpfer begleiten das Gesumme der erstem mit 
lautem Gezirpe. Gegen Abend verschwinden die Brem- 
sen allmählich, die Tags im Grase versteckten Mücken 
erheben sich in solchen Schaaren, dass die Luft wie 
von schwarzem Staube erfüllt erscheint, dass man sie 
beim Athmen in Mund und Nase bekommt und sie 
Einem in die Augen und Ohren hineingerathen, und 
noch lange nach Sonnenuntergang verschwimmt der 
feine Gesang der einzelnen Mücken zu einem leisen, 
ununterbrochenen und gleichmässigen Getöne, das 
stundenlang in der warmen Abendlnft gehört wird. 
Alle übrigen Insekten, da ich mit diesen begonnen, 
sind verhältnissmässig selten, und die wenigen Käfer 
und Schmetterlinge, die ich bemerkte, gehörten, wie 
es scheint, auch am Amur vorkommenden Arten an; 
ein feuchtes Jahr wie das heurige ist nicht geeignet, 
sie zahlreich hervorzurufen. Vögel waren nur wenige 
zu sehen. Ausser den Emberizen und Rohrsängern 
in Wiese und Weidengebüsch waren nur Elstern und 
Krähen häufige Erscheinungen; der kleine graue, 
grünschnäbelige Reiher, der auch am Amur in wei- 
denumsäumten Armen vorkommt 8 ), flog hier häufig vor 
dem Boote auf; dagegen waren der gemeine grosse Rei- 
her (Ardea cinerea), der Storch (Ciconia alba), der Kra- 
nich und die verschiedenen Strandläufer nur sehr sel- 
ten zu sehen, ohne Zweifel weil das Wasser alle Sand- 
bänke überdeckt hatte; Enten und Gänse sassen mit 
ihren Jungen in den überschwemmten Grasflächen 
versteckt, doch bemerkte ich unter ihnen einzelne mir 
unbekannte Formen, wie z. B. eine grosse, sehr bunte, 



3) Ardea virescens L. Var. scapularis Illig. s. meine Reisen und 
Forsch, im Amur-Lande. I. p. 437. Sehr. 

Mélanges biologiques. IV. 8 



— 58 — 

schöne Ente mit vorherrschendem Orange im Gefieder. 
Wenn ich noch anführe, dass das Reh fast jeden Abend 
sein trompetenähnliches Geschrei hören Hess, so habe 
ich dasVerzeichniss der unterwegs beobachteten Thiere 
nahezu erschöpft, denn für Reptilien war die Locali- 
tät ungünstig, und die Fische waren bei dem Hoch- 
wasser in die Wiesen gegangen und wurden sehr spar- 
sam erbeutet. Von jagdbaren Säugethieren nannten 
mir die Golde als häufig den Fuchs, doch nur in der 
rothen Varietät (der schwarze ist so selten, dass man 
ihn in manchen Dörfern ganz läugnete, im Revier von 
Ssussu ist blos ein Exemplar in den letzten 28 Jahren 
erlegt worden), Canis procyonoides, dessen Fell an die 
Städter zu Pelzen verkauft wird, den Bär, Mustela si- 
birica und den Wolf, der namentlich in den Steppen 
des Südens sich in grosser Menge umhertreibt, aber 
dem Vieh wenig Schaden thut und sich vor den Hun- 
den fürchtet; er wird viel gejagt. Der Zobel kommt, 
wie zu erwarten, erst in den entfernteren Gebirgen 
vor. Es sei beiläufig bemerkt, dass die Ssungari-Golde 
ihn nicht in Fallen und Selbstschüssen fangen, son- 
dern vor dem Hunde mit der Kugel schiessen oder 
räuchern. Zu den seltensten Thieren der entferntesten 
unwirthbaren Gebirge zum Meere hin werden der Ir- 
bis und der Bergwolf (Canis alpinus) gerechnet. Der 
Tiger aber zieht sich zwar im Sommer in die Gebirge 
zurück, bewohnt jedoch im Frühjahr zur Brunstzeit 
häufig die Inseln des Stromes und stellt im Winter den 
Pferden und Hunden um die Dörfer nach. 

Der Ssungari ist auf der von mir besuchten Strecke 
von 3 Völkerschaften bewohnt. Seinen unteren Theil 
bewohnen ausschliesslich Golde auf einer Strecke 



— 59 — 

von etwa 240 Werst, d. h. bis dahin ungefähr, wo 
er höhere Ufer bekommt und inselfrei zu werden be- 
ginnt, den übrigen Theil Chinesen und Mandshu. 
Jedoch ist zu bemerken, dass bis zur Stadt Ssan-ssin 
das linke Ufer, bis auf ein einziges, schon ganz in 
der Nähe der Stadt gelegenes Dorf (Wada), vollkom- 
men unbewohnt ist und, wenigstens von den Golde, 
auch nicht bewohnt werden darf. 

Das Golde -Gebiet ist nur wenig bevölkert: man 
zählt, Dshangdshu nicht eingerechnet, blos 1 3 Dörfer, 
und auch diese beleben die Flussufer nur sehr wenig, 
theils weil sie , fast alle auf niedrigem Lande und im 
Weidengebüsch gelegen, vom Flusse aus kaum be- 
merkt werden, theils weil sie sehr ungleich vertheilt 
sind, so dass man Tage lang reist ohne ein einziges 
zu erblicken, während wieder an anderen Stellen vier 
oder fünf ganz nahe beisammen liegen *). 

Obgleich viele der Ssungari-Golde vom Amur hier- 
hergewandert sind und noch gegenwärtig , durch 
Nahrungsmangel von ihren alten Sitzen getrieben und 
durch die Nähe der sie mit allem Notlügen versor- 
genden Stadt angelockt, von so weit als z. B. Ssoja 
hierherkommen, so finden sie doch hier in Vielem so 
abweichende Verhältnisse, dass sich ihr Leben und 
Treiben je mehr flussaufwärts , desto mehr von dem 
der Amur- Golde unterscheidet. Vor Allem macht 
sich der Mangel an Holz fühlbar. Häuser mit blossen 



4) Es sind folgende: Nelbu, ein sehr grosses Dorf, Züske (mit 8 
Häusern), darauf die Gruppe: Kjaure, Hotton-gerin (9 H.), Kaldau, 
D3 r ssjcha (4 H.) und Futtjche, darauf nach fast 100 Werst: Kalk- 
hama (13 H.), dann mit kürzeren Intervallen: Wale-hoton (7 H.), 
Ssussil(20 H.), Döucha (7 H.), und endlich dicht beisammen die 
kleinen Dörfer: Emmake (3 H.), Mongole (2 H.) und Indamo. M. 



— 60 — 

Eckbalken aus Espenholz und Wänden aus lehmbe- 
worfenem Weidenflechtwerk findet man wohl stellen- 
weise auch am südlichen Amur, allein neu war es 
mir, die Leute kleine Reisen zu Boot unternehmen 
zu sehen, um sich von irgend einer Weideninsel Holz 
zu fällen, das sie in der Umgebung ihres Dorfes schon 
längst zum Brennen verbraucht hatten. Das Fehlen 
der Weissbirke am Ssungari, deren Rinde sich die 
unterhalb Wohnenden noch zum Theil viele Tagerei- 
sen weit aus dem Gebirge holen, zwingt sie auf das 
leichte Rindencanot, das dem Amur-Anwohner beinahe 
das ist, was dein Steppenmenschen das Pferd, so wie 
auf die Anfertigung der mancherlei Geräthschaften 
daraus zu verzichten und sich letztere fertig in der 
Stadt zu kaufen. Noch fühlbarer ist der Mangel an 
jedem Nadelholz, wodurch der hiesige Golde gezwun- 
gen wird, seine Böte, ja sein hölzernes Hausgeräth 
sich fertig von den Ssan-ssin- Chinesen zu erstehen, 
die das Kiefern- und Zirbelholz dazu von weit ober- 
halb am Ssungari herholen. So wird er mehr und 
mehr von den Chinesen abhängig, die Mittel aber, 
um all die vermehrten Bedürfnisse zu befriedigen, 
fliessen ihm, je weiter er flussaufwärts wohnt, d. h., 
je abhängiger er wird, desto spärlicher. Der Golde 
am unteren Ssungari ernährt sich nämlich noch einen 
grossen Theil des Sommers am fischreichen Ssachali 
(Amur), zum Winter zieht er auf die Jagd in das 
Bureja- Gebirge oder in die am Ussuri, ja jenseits des- 
selben, am Meere gelegenen Bergketten und bringt 
von dort vortreffliches Pelzwerk, vor Allem viele und 
gute Zobel mit, die er in der Stadt vortheilhaft verkau- 
fen kann. In der neuesten Zeit eröffnet sich ihm auch 



— 61 — 

ein erwünschter Handel mit den russischen Ansiedlern 
am Amur, von denen er während seiner Winterzüge 
schon zahlreiche Gesprächsbrocken an den Ssungari 
mitgebracht hat. In Folge von all dem sind die un- 
teren Ssungari -Dörfer wohlhabend, und diese Wohl- 
habenheit macht ihre Einwohner unabhängiger, freier 
im Betragen. Für die oberhalb Wohnenden sind jene 
Jagdreisen in dasBureja- und andere nördliche Gebirge 
zu weit, der fischreichere Ssachali zu entfernt, ihre 
Jagdzüge zum Kengka-See und zu den umliegenden 
Bergen geben ihnen nur eine precärere und weniger 
w r erthvolle Ausbeute (nur noch wenige und schlech- 
tere Zobel), werden daher auch nicht mehr so regel- 
mässig unternommen, und der hiesige Golde eignet 
sich vielmehr von seinen Nachbarn, den Mandshu- 
Chinesen, mehr und mehr den Landbau an, zuerst 
indem er in seinem Küchengarten alle möglichen Ge- 
müse in grösseren Quantitäten baut, und dann indem 
er, in den letzten Dörfern, sein Feld regelrecht mit 
Hirse, Gerste, Sorghum, Soja und Tabak im Grossen 
bestellt und schon durch die Sorge um seine Äcker von 
dem fischenden und jagenden Nomadenleben zurück- 
gehalten wird. So ist es denn nur erst der zuoberst 
wohnende Golde, der sich dem Ackerbau vollkommen 
in die Arme geworfen hat, und sich in der That kaum 
durch w r as Anderes als durch die Sprache und den grös- 
seren Schmutz, in dem er lebt, von den Mandshu- Chi- 
nesen unterscheidet; das Volk zunächst unterhalb be- 
findet sich auf einer Übergangsstufe vom Urzustände 
zum Ackerbau und trägt alle die Übelstände, die eine 
solche wohl immer mit sich führt, Armuth, Gedrückt- 
heit und Abhängigkeit von den reicheren Nachbarn. — 



— 62 — 

Aus dem Vorigen ergiebt sich ein anderer Umstand, 
der den Ssungari-Golde von seinem Vetter am Amur 
unterscheidet, es ist die weit mannigfaltigere Nahrung 
desselben. Wenn man auch imFlusse noch häufige Weh- 
ren sieht und im Herbste Jukkola (getrockneter Fisch) 
bereitet werden soll, so lässt doch schon der Umstand, 
dass in den hiesigen Dörfern weit weniger Netze gese- 
hen werden und lange nicht von der gewohnten Man- 
nigfaltigkeit, auf eine weit grössere Armuth des Ssun- 
gari an Fischen schliessen, welcher nun der fast überall 
verbreitete Gartenbau und, wo noch kein Feld vorhan- 
den, der Einkauf von Nahrungsmitteln in der Stadt ab- 
helfen muss. Die Viehzucht dagegen ist noch sehr we- 
nig entwickelt. Ausser Hunden und Katzen sieht man 
in den Dörfern häufig nur noch Schweine und Hüh- 
ner. Die Pferde, welche sich jeder Ssungari-Golde 
hält und davon der Reichere bis 15 Stück besitzt, 
sind draussen in der Prairie, suchen sich am Tage, 
so gut es geht, vor den Bremsen zu verstecken und 
werden nur Nachts gesehen oder gehört. Die grös- 
sere Unabhängigkeit der Bewohner vom Flusse spie- 
gelt sich sogar in der Bauart der Dörfer. Am Amur 
baut sich Jeder so nahe als möglich zum Wasser an, 
und das Dorf bildet eine dem Ufer parallele Strasse, 
hier dagegen liegen die Häuser in der malerischesten 
Unordnung durcheinander, und ihre Lage scheint durch 
die Lage von Garten oder Feld bestimmt. 

Wenn es die bittere Noth ist, die den Golde zwingt, 
die Lebensweise seiner Väter mit der mandshurisch- 
chinesischen zu vertauschen, sich in Grund und Bo- 
den zu civilisiren — den Ackerbau nämlich als die 
Grundlage aller Civilisation angenommen — so ist es 



— 63 — 

dagegen freier Wille, Folge der Achtung eines jeden 
Urmenschen vor dem civilisirten, wenn er demselben 
sein Äusseres so viel als möglich anpasst, die Klei- 
dung und Gebräuche desselben annimmt, seine Sprache 
lernt u. s. w., und manche dieser Äusserlichkeiten 
sind ja bekanntlich längst in die entferntesten Gegen- 
den gedrungen, bis wohin sich chinesischer Einfluss 
und Handel erstreckte. Von der Amur-Mündung au 
stromaufwärts gehend, findet man ein Bestreben sich 
immer mehr und mehr dem chinesischen Ideal zu nä- 
hern, und am Ssungari ist diese Annäherung nahezu 
vollbracht. Die Männer sind im Äussern von den ge- 
meinen Mandshu oder Chinesen durchaus nicht zu un- 
terscheiden, die Weiber handhaben fleissig den Kamm, 
um sich den complicirten chinesischen Haarputz mit 
der langen Nadel und den Blumen herzustellen, Stock- 
rosen, Malven und Mohn säet man zu diesem Zwecke 
in den Gärten, die Kleider sind nicht allein dem 
Schnitte, sondern auch dem Stoffe nach die der chi- 
nesischen Frauen, es herrscht grössere Reinlichkeit, 
im Hause erscheinen der erhöhte chinesische Heerd, 
das chinesische Kohlenbecken, das Gitterwerk an 
Thür und Fenster, in der Nähe des Dorfes steht der 
buntbemalte chinesische Tempel mit den Halbgöttern 
in colorirtem Holzschnitte, Papier- und Räucher- 
opfern auf dem Altare und aufgereihten Schweins- 
schädeln vor der Thüre. All diese Eleganz, ja den 
für den Golde fast unnützen Luxus mandshurischen 
Lesens und Schreibens, mit dem vor mir zu prunken 
jeder gelehrte Golde mir meinen Geleitbrief zum 
Durchlesen abzwang, findet man da wo die grösste 
Wohlhabenheit herrscht, nämlich in den unteren Dör- 



— 64 — 

fern, Nelbu etc., die Ackerbauer oben haben dagegen 
ihre Noth, sich das Unumgängliche zu verschaffen, 
und müssen auf diese angenehmen Flitter der Civili- 
sation verzichten. 

Die Reihe der Besprechung käme jetzt an die chi- 
nesisch -mandshurische Bevölkerung. Bevor ich aber 
das Wenige mittheile, was ich darüber erfahren, muss 
ich einiger Umstände erwähnen, die meine Rückkehr 
bewirkten, ohne dass ich sogar die Stadt Ssan-ssin 
erreicht hatte. 

Bereits in Nelbu begegnete mir ein bekannter 
mandshurischer Kaufmann aus Aicho, der mich sehr 
vor der Fortsetzung meiner Reise warnte und mich 
dadurch zur Umkehr zu bewegen suchte, dass er mir 
erzählte, der Kaufmann Tscheb otaref sei in Ssan- 
ssin ermordet worden und mich könne vielleicht das- 
selbe Schicksal treffen, jedenfalls aber würde ich den 
(vorgeschützten) Zweck meiner Fahrt nicht erreichen, 
da es von seiner Regierung den Kaufleuten in Ssan- 
ssin bei Todesstrafe verboten sei , mit den Russen 
zu handeln. Von all dem glaubte ich ihm damals 
nicht ein Wort, weil er selbst ein Mandshu war, und 
ebenso dachte auch mein Reisegefährte, dessen Boot 
mich bald darauf überholte und den ich seitdem nicht 
wiedergesehen habe. Allmählich aber musste ich sei- 
nen Worten mehr und mehr Glauben schenken. So 
vorsichtig sich nämlich die Golde (auf Befehl der Man- 
dshu, wie sie selbst sagten) über alles die russischen 
Ssungari-Reisen Betreffende ausliessen, so sind sie doch 
ein zu einfältiges Völkchen, um sich nicht zuweilen zu 
verplaudern, wenn sie einmal Zutrauen gefasst haben. 
Und dies haben sie mehr oder weniger zu jedem Rus- 



— 65 — 

sen; baten sie doch, wir möchten bald an den Ssungari 
kommen und uns Dörfer bauen, damit sie weniger 
von den Mandshu heimgesucht würden ! So erfuhr ich 
denn nach und nach , dass der höhere Beamte im 
Wachtposten, zu dem zu gehen ich mich geweigert 
hatte, der Gouverneur von Ssan-ssin selbst war, der 
an den Amur gekommen sei, um den Grafen Mura- 
wjof bei seiner Durchreise zu sprechen; ferner ga- 
ben sie an, dass Tschebotaref gefangen sitze, und 
um ihre Tauschartikel an mich desto eher los zu wer- 
den, bestätigten sie das, was der Mandshu-Kaufmann 
über das Handelsverbot in Ssan-ssin gesagt hatte. 
Da ich endlich nun nach mehr als zwei Jahren wie- 
der zuerst am Ssungari goldisch sprach und es An- 
fangs damit nichts weniger als geläufig ging, so un- 
terredeten sich die Leute, in der Meinung ich würde 
das Gesagte nicht verstehen können, ohne sich viel 
vor mir zu geniren; dabei wurde ich denn mehrfach 
den Hinzukommenden als der russische Beamte be- 
zeichnet, der sich für einen Kaufmann ausgebe, und 
gegen den ein Verhaftsbefehl in allen Dörfern ver- 
lesen worden sei , selbst die Couriere wurden be- 
zeichnet, die denselben überbracht, und die Golde, die 
sie geführt, wurden namhaft gemacht. Endlich ge- 
stand einer dem Tungusen, der als Ruderer bei mir 
diente und den er als einen halben Landsmann be» 
trachtete, dass Tschebotaref Anfangs gefangen ge- 
halten, später aber, als er einen Fluchtversuch machte, 
von chinesischen Landleuten eingeholt und, als er 
sich zur Wehr setzte, niedergemacht worden sei, 
dass die Mandshu die Folgen dieser That fürchteten 
und deshalb alle nach Ssan-ssin kommenden Russen 

Mélanges biologiques. IV. 9 



— 66 — 

zurückzuhalten gedächten, damit der Mord nicht an- 
ders der russischen Regierung bekannt werde, als 
durch den Gouverneur von Ssan-ssin, der es Mu- 
rawjof selbst mittheilen wolle. In Folge dieser 
Nachrichten liess ich in den letzten Golde-Dörfern, in 
deren manchem ein Mandshu -Soldat in Garnison 
lag, der die Einwohner möglicher Weise gegen mich 
hätte aufbieten können, Nachts Wache stehen. Allein 
erst beim zweiten Chinesen -Dorf machten fünfzehn 
Mann den Versuch meine zwei , das Boot an der 
Leine ziehenden Kosaken zu binden, zogen sich aber 
rasch zurück, als sie eine Doppelflinte im Boote liegen 
sahen. Die folgende Nacht brachte ich am linken 
Ufer unter fortwährendem Lärmschlagen meiner Wache 
zu: die Ursache war bald eine Heerde Pferde, bald 
eine Heerde Ochsen, die Anfangs friedlich in einiger 
Entfernung grasten und alsdann plötzlich und von 
allen Seiten sich gegen uns in Galopp setzten und 
auseinander getrieben werden mussten. Am nächsten 
Tage, den 28. Juli, als ich bereits das achte oder 
neunte Chinesen-Dorf passirte, setzten mir vier Bewaff- 
nete nach und machten zweimal den Versuch, meine 
an der Leine gehenden Leute zu überfallen, so dass 
ich diese mehrere Werst weit am Ufer escortiren 
musste und zuletzt genöthigt war, meinen im Gürtel 
unter dem Rocke steckenden Revolver sehen zu las- 
sen. Allein auch dann riefen sie vorüberfahrende 
Golde -Böte um Hülfe an, schickten dieselben, ab- 
schlägig beschieden, mit der Bitte um Verstärkung 
in ihr Dorf und Hessen endlich nur ab, als sie sahen, 
dass sich das Volk am anderen Ufer, das sich An- 
fangs allerdings zu den Böten begab, zu einem Über- 



— 67 — 

falle auf bewaffnete Leute nicht entschliessen konnte. 
Dies Alles war geeignet, um meine letzten Zweifel an 
der Wahrheit des Gehörten niederzuschlagen , und 
wenn ich auch mit meinen vier Ruderern und bewaff- 
net, wie ich mit zwei Flinten und einer Pistole war, 
einem Überfalle am Tage, zumal bei der Feigheit die- 
ses Volkes, unterwegs vollkommen gewachsen zu sein 
glaubte, so konnte ich doch in der Stadt nichts Anderes 
als eine sichere Gefangennehmung erwarten, bis dahin 
aber weder Excursionen ins Land anstellen, w r o sich 
Dorf an Dorf reiht, noch, selbst wenn ich mich auf 
die Beobachtung der Ufer beschränken wollte, die Reise 
— vorausgesetzt ich passirte die Stadt — sehr weit 
fortsetzen, da meine geringe Mannschaft die unum- 
gänglichen Nachtwachen auf die Dauer nicht aushalten 
konnte. Daher gab ich denn mit dem grössten Leidwe- 
sen, gerade als sich ein interessanter Theil des Stromes 
vor mir zu eröffnen begonnen hatte, das weitere Vor- 
dringen auf und entschloss mich zur Rückreise, die 
ich denn auch, ohne etwas Anderes als blosse Anstalten 
zur Verfolgung zu bemerken, unangefochten ins Werk 
setzte. 

Wegen der feindlichen Stimmung der Einwohner 
kann ich nun über die Mandshu- Chinesen wenig mehr 
mittheilen, als was ich selbst bei flüchtiger Durchreise 
von ihnen sah. Ein anderes Hinderniss zur Erkennt- 
niss ihrer Lebensweise war auch meine Unkenntniss 
ihrer Sprache, obwohl mir letztere, glaube ich, nicht 
viel genützt hätte, da die wenigen Mandshu, welche 
goldisch verstanden, mir über die unwichtigsten Dinge 
die widersprechendsten Lügen auftischten. 

Das letzte Golde-Dorf, Indamo, und das erste Man- 



— 68 — 

dshu-Dorf, Dljamssa, liegen nur 1 — 2 Werst auseinan- 
der; nach einem Zwischenräume von etwa 7 Werst 
beginnt alsdann eine so dichte Bevölkerung, dass man 
immer von einem Dorfe ein anderes oder mehrere, vom 
linken Ufer aus aber bis acht Dörfer auf einmal se- 
hen kann, bis dann kurz vor der Stadt abermals etwas 
grössere Zwischenräume zwischen denselben einzutre- 
ten scheinen. Diese Dörfer heissen, soweit mir die 
Golde mittheilten, wie folgt: Dljamssa, Wo-pä, Heitun, 
Focholo, Gyddile, Auke, Dabko, Zing-ssa (das unlängst 
zu einer Stadt erhoben worden sein soll), Mussjtu, Dal- 
ga, Ssjan-wo-cha, Atscha Wada (klein Wada), Dai Wada 
(am linken Ufer) und Ssuljcha, wo man denn schon aus 
den Namen derselben auf ein Vorherrschen der man- 
dshurischen oder chinesischen Bevölkerung in einem 
jeden schliessen kann; in manchen scheint auch, wie 
bei Aicho , immer nur eine einzige Nationalität bei- 
sammen zu sein. Fast alle Dörfer sind sehr gross, 
ziehen sich gewöhnlich längs dem Ufer hin, oder sind 
auch (seltner) in einer schmalen Reihe vom Flusse aus 
landeinwärts gebaut, die einzelnen Häuser von hoch- 
umzäunten Höfen und Küchengärten umgeben und des- 
halb von unten, vom Flusse her, nicht viel sichtbar. 
Im Dorfe selbst oder in der nächsten Nähe desselben 
sieht man gewöhnlich eine Gruppe schöner alter Bäume 
oder auch ein ganzes Wäldchen von Espen, Ulmen 
und andern Bäumen stehen, die des Schattens wegen 
sorgfältig geschont werden, — ■ eine hübsche, das 
Dorf sehr zierende Sitte, die auch bei Aicho zu se- 
hen ist und die jetzt die Amur -Kosaken brummend 
nachahmen müssen. Die ausgedehnten Felder liegen 
nicht immer in der Nähe um das Dorf herum, sondern 



— 69 — 

zuweilen recht weit landeinwärts, wenn sich dort 
feuchtere Lagen befinden, und tragen, soviel ich davon 
sah, die schon oben aufgezählten Culturpflanzen. Das 
zahlreiche Vieh, hübsche grosse Ochsen und niedrige, 
starkknochige, den transbaikalischen ähnliche Pferde, 
werden meist um die Dörfer nicht gelitten, da die 
Felder uneingezäunt stehen, sondern auf den Inseln 
oder unter Aufsicht besonderer Hirten am linken Ufer 
gehalten. Ich habe nirgends Heu machen sehen, und 
es könnte, nach der verhältnissmässig geringen Schnee- 
menge in diesen Gegenden, leicht der Fall sein, dass 
das Vieh sich sein Futter das runde Jahr hindurch 
auf der Steppe suchen muss. Die Einwohner selbst sind 
ein kräftiger, wohlgenährter Schlag Menschen, und na- 
mentlich die Mandshu sind meist grossgewachsene, 
starkknochige und fleischige Gesellen. Fast alle ha- 
ben ein munteres, gesundes Aussehen, und dies, so 
wie auch das ganze Ansehen des Landes, scheint auf 
ein gesundes Klima zu deuten. Dagegen kann man 
vom Golde-Gebiete nicht dasselbe sagen. An einigen 
Stellen zeigt die Bevölkerung ganzer Dörfer ein krank- 
haftes Aussehen, und Fieber und Schwindsucht sind 
an manchen Orten sehr verbreitet (z. B. in Döucha) 
— wohl eine Folge der weiten, im Frühjahr über- 
schwemmten oder sumpfigen Niederungen, die hier so 
häufig sind. Eine andere Krankheit dagegen, die Krätze, 
die ich sonst bei den Golde wenig bemerkt habe , die 
hier aber, wie sie selbst sagen, fast Niemand ver- 
schont, allein nach Jahresdauer etwa von selbst ver- 
schwinden soll, ist wahrscheinlich ein chinesisches Ge- 
schenk, das unter den Golde einen fruchtbaren Boden 
gefunden hat. 



— 70 — 

Ebenso wie das Chinesen -Gebiet gesunder zu sein 
scheint, so ist es auch für den Ackerbau offenbar viel 
geeigneter. Der harte bräunliche Thonboden, den 
man hier auf der Steppe findet, scheint, wohl mit 
Hülfe des Düngers, den Kornfrüchten, nach dem Aus- 
sehen der Felder zu urtheilen, vortrefflich zu bekom- 
men, während man am unteren Ssungari nur auf die 
höheren, in der Nähe von Wäldchen gelegenen Stellen 
wird rechnen können, deren es, wie wir gesehen ha- 
ben, nur sehr wenige giebt. 

Die offenbare Wohlhabenheit, in der sich die hie- 
sige mandshurisch -chinesische Bevölkerung befindet, 
wird wohl einzig und allein durch den vorteilhaften 
Absatz ihrer Produkte bewirkt. Ssan-ssin, eine so 
unbedeutende Stadt sie auch sein soll, kaum grösser 
als Aicho, eine Lehmstadt, wie sie ein weitgereister 
Golde verächtlich nannte, ist doch das Centrum eines 
ausgebreiteten Handels. Denn sämmtliche Eingebore- 
nen des unteren Amur-Landes, selbst die hoch am 
Ussuri eingerechnet, strömen hierher, als nach dem 
einzigen ihnen gesetzlich gestatteten Handelsorte, 
um sowohl ihren Tribut abzuliefern, als auch für ihr 
Pelzwerk, ihre Felle u. a. Produkte sich vegetabili- 
sche Nahrungsmittel verschiedener Art, Branntwein, 
Tabak, Zeuge, Thon- und Glasgeschirre, ja, wie schon 
oben erwähnt, Meubeln und Böte, d. h. lauter Pro- 
dukte der Stadt und ihrer nächsten Umgebung, ein- 
zutauschen. Und zwar scheint es, als ob dies kein 
blosser Tauschhandel mehr, sondern ein wahrer, durch 
Geld vermittelter Handel ist, indem der Eingeborene 
(wenigstens der Ssungari- Golde) von dem Kaufmanne 
baares Geld oder Assignaten erhält und erst für diese 



— 71 — 

bei einem anderen Handeismanne sich seine Bedürf- 
nisse einkauft. Daher bei den Ssungari-Golde, ja selbst 
noch bedeutend Amur-abwärts, die bei ihren sonsti- 
gen Lebensverhältnissen überraschende Kenntniss der 
Curse von Silber- und Messinggeld und für erster es 
sogar eine Waage, auf der der Golde das erhaltene 
Silberstück aufs peinlichste zu wägen nie unterlässt. 
Der Zeitpunkt für diesen Handel ist hauptsächlich 
der Frühsommer, und, mit Ausnahme der Golde vom 
oberen Ussuri, die hierher den Noor-Fluss aufwärts 
in Boten schiffen und dann zu Pferde kommen, dient 
für alle Übrigen der Ssungari als Handelsstrasse. Mir 
begegneten häufig bereits auf der Rückreise begriffene 
Flottillen von Böten, die, 15 — 20 Stück beisammen 
und oft mit Gesang langsam rudernd, abwärts trie- 
ben und ausnehmend zur Belebung des sonst so 
einförmigen Strombildes beitrugen. Am stattlichsten 
machten sich unter ihnen die Giljaken, deren Natio- 
nalität sich mir bereits durch den Birkenrindenhut 
und noch mehr durch verschiedene, halb giljakische, 
halb russische Anrufe , die zu mir herüberschallten, 
ausser Zweifel stellte. Nagelneu in zwei verschieden- 
farbige , ungleichlange , oft dunkelblaue und rothe 
Röcke gekleidet , steht der Steuermann am Ruder ; 
bescheidener macht sich der malerisch durcheinander 
gelagerte Haufen der faulen Ruderer; hochgethürmt 
liegen die Graupensäcke , stehen die Branntweinge- 
fässe, und weithin in die Ferne leuchtet von den 
Böten der Reichsten ein scharlachr other, goldverzier- 
ter Kasten, der zu Hause den Neid der Nachbarn 
erregen soll. 

Da meinen Gewährsleuten, den Golde, jenseit Ssan- 



— 72 — 

ssin der Ssungari verschlossen ist, so konnte ich über 
das Land oberhalb auch keine Nachrichten einziehen. 
Das Einzige, was sie von den Chinesen wussten, war, 
dass der Strom oberhalb der Stadt bergige Ufer be- 
kommt. Auch wussten sie durchaus nichts von ihren 
Landsleuten am Churga (Chulcha)-Flusse, von denen 
Ritter erzählt, obgleich sie ihren chinesischen Namen 
Ju-pi-tä-dse sehr wohl kannten, — vielleicht weil jene 
erst am Oberlauf des Churga zu treffen sind. Dagegen 
mag hier eine kurze Nachricht Platz finden, die ich über 
den Nonni (Naun)-Fluss von einem Golde aus Sser- 
guza am Ussuri erfuhr. Bevor sich noch die Russen 
am Ussuri niedergelassen, erzählte er, kamen zuwei- 
len Ssoionen dahin, und mit einer Partie derselben 
machte er sich noch als ganz junger Mann auf, indem 
er mit ihnen Anfangs den Ussuri bis zum Erna hinauf- 
ging, von dort zum Ssungari hinüberkreuzte, den er 
unterhalb Ssan-ssin erreichte, und alsdann quer über 
Land, der Hirschjagd obliegend, am Naun-Mangu 
(Naun-Strom) oberhalb Tsitsikar ankam. Tsitsikar, wo- 
hin er einen Abstecher machte, um seine Beute an 
Hirschgeweihen zu verkaufen (bekanntlich spielen diese 
eine grosse Rolle in dem chinesischen Arzneischatze, 
wahrscheinlich als Aphrodisiacum) , schilderte er als 
eine sehr grosse Stadt, strich sie als eine von Holz 
aufgebaute vor der Lehmstadt Ilan-hala (Ssan-ssin) 
besonders heraus und rühmte ihre Büchsenmacher, 
deren Flinten bei den Mongolen und Tungusen eifrige 
Käufer finden und sogar, bei vorheriger schriftlicher 
Abmachung, nach Jahresfrist vom Meister zurückge- 
nommen werden müssen, wenn der Käufer an densel- 
ben irgend einen Fehler entdeckt. Von Tsitsikar ging 



— 73 — 

er einen Monat lang den oberen Nairn hinauf, dann 
quer über die Steppe zum Ärgone (Argunj), von dessen 
Bergen er am andern Ufer deutlich die Dörfer der 
Russen, sie selbst und ihr Vieh unterscheiden konnte, 
und kehrte endlich ziemlich auf demselben Wege nach 
Hause zurück. Das Land am Naun-Mangu, meinte er, 
sei ebenes, kurzbegrastes und mit zahlreichen Salzefflo- 
rescenzen bedecktes Steppenland, ohne Berge, und an 
Bäumen sollen dort Weiss- und Schwarzbirken, Ulmen, 
Kiefern, Linden wachsen, aber keine Eschen. Das rechte 
Naun-Ufer sei Mongolenland; eine Strecke oberhalb 
Tsitsikar liegen Dörfer ackerbauender Dauren, und 
oberhalb am Naun streifen überall Orotschonen (Tun- 
gusen) umher. — Es ist der einzige weitgereiste 
Golde, den ich unter den vielen Hunderten derselben, 
mit denen ich verkehrte, angetroffen habe; auch war 
er nicht wenig stolz auf seine abenteuerlichen weiten 
Fahrten, über die des Breiteren auszufragen er mir 
aber leider keine Zeit Hess. 

Am 31. Juli traf ich wieder an der Ssungari-Mün- 
dung ein. Mein Erscheinen im Wachtposten, da man 
mich wahrscheinlich in Ilan-hala wohl aufgehoben 
wähnte, rief einen komischen Schrecken unter den 
hiesigen Mandshu - Soldaten hervor : sie bestiegen, 
was sie sonst tief unter ihrer Würde halten, Rinden- 
canots, eilten mir nach, indem sie sich für Golde aus- 
gaben, und suchten auf alle Weise über das, was ich 
am Ssungari erfahren, in's Klare zu kommen, und als 
ich gar am Posten zur Nacht anhielt, hatte ich 
die Ehre, von vier Soldaten in ehrfurchtsvoller Ent- 
fernung bewacht zu werden. Ich füge hinzu, dass 
kurze Zeit darauf der Körper des unglücklichen Kauf- 

Mélanges biologiques. IV. 10 



— 74 — 

manns, seine beiden Ruderer, so wie eine gut ausge- 
dachte Lesart über seinen Tod den russischen Be- 
hörden überliefert wurden. — Von Dshangdshu ging 
ich nach Michailo-Ssemjonofskoje, und als ich darauf 
vom linken Amur-Ufer wiederum zu dem Bergrücken 
von Öttu hinüberruderte, bemerkte ich, dass hier, 
etwa 70 Werst unterhalb der Ssungari-Mündung, in 
der Nähe des linken Ufers ein dunklerer Wasserstrei- 
fen zu sehen ist, der sich noch recht scharf von dem 
hellen Ssungari- Wasser, das etwa % der ganzen 
Strombreite einnehmen mag, unterscheidet, und wahr- 
scheinlich fliessen Ssachali und Ssungari, Dank sei es 
hauptsächlich dem starken Arme des ersteren, der sich 
vor der Ssungari-Mündung von dem Hauptstrome ab- 
theilt, noch eine bedeutende Strecke weiter erkennbar 
neben einander fort. 



*3®Q 



(Aus dorn Bulletin, T. IY, pag. 225 — 245.) 



Yg Septembre 1861, 

Rapport sur un mémoire qui« en traitant 
l'ostéologie comparée de la Khy tine, con- 
stitue la seconde partie de mes Symbolae 
Sirenologîcae, par F. Brandt. 

Dans mon mémoire sur l'histoire naturelle de la 
Rhytine, publié sous le titre de Symbolae Sirenologi- 
cae dans les mémoires de notre Académie (Se. nat. 
T. V, p. 1 sqq.) je n'ai pu donner que la description 
d'un crâne incomplet, auquel manquaient plusieurs 
os et même la mâchoire inférieure. Peu de temps 
après la publication de mon mémoire le Musée de 
l'Académie reçut, par son zélé voyageur M. Vos- 
nessenski, un crâne complet d'une grandeur con- 
sidérable , ainsi que deux fragments de l'occiput et 
plusieurs côtes, dont l'une a été trouvée près de 
l'île d'Attu, appartenante au groupe des îles Andria- 
nof. Outre cela nous avons obtenu par l'intermédiaire 
de la Compagnie Russe -Américaine une quantité de 
côtes, trois os de l'occiput, une mandibule, une ver- 
tèbre pectorale et deux omoplates incomplètes. Quel- 
ques années après la réception des os mentionnés 
l'Académie, par suite des prix proposés, également 
par l'intermédiaire de la compagnie Américaine , a 
fait l'acquisition d'un squelette, auquel manquent 



— 76 — 

seulement quelques vertèbres de la queue, les os du 
carpe, du métacarpe et des doigts, aiusi que le bassin 
et plusieurs processus spinosi inferiores de la queue. 
Ces riches et importantes acquisitions m'ont mis en 
état de compléter considérablement mes recherches 
antérieures sur l'ostéologie de la Rhytine, d'autant 
plus que j'ai eu occasion de comparer, grâce à la 
bienveillance de la Compagnie Russe -Américaine, un 
autre squelette, en général moins complet que le 
nôtre, ainsi que plusieurs os de Rhytine appartenant 
à M. Simachko. 

Encore les squelettes d'un Lamantin et d'un Du- 
gong qui manquaient au Musée de l'Académie à l'é- 
poque où je publiais mon premier mémoire sur la 
vache marine de Steiler, m'ont fourni des matériaux 
précieux pour l'anatomie comparée de tous les genres 
de Cétacés herbivores. De cette manière j'ai pu com- 
poser, comme complément de mes recherches anté- 
rieures, un mémoire qui donne non seulement des 
suppléments considérables sur la structure du crâne 
de la Rhytine, mais qui contient en même temps une 
description très détaillée de l'épine, des côtes, du 
sternum et des extrémités de cet animal intéressant. 

La comparaison, pas encore faite jusqu'ici, des 
squelettes et des crânes complets de tous les trois 
genres de Cétacés Herbivores, devait naturellement 
offrir plusieurs faits nouveaux sur les affinités réci- 
proques des différents genres de l'ordre des mammi- 
fères en question, quoique en général mes vues expo- 
sées antérieurement à ce sujet, s'en trouvent très peu 
changées. 

Selon mon opinion la Rhytine , sous le rapport 



— 77 — 

ostéologïque, forme un genre qui se distingue autant 
par ses caractères particuliers qu'il en offre de com- 
muns avec les Manatis et les Dugongs. C'est surtout 
par la forme de la partie cérébrale, mais aussi de la 
partie faciale du crâne, ainsi que par la forme du 
sternum et des côtes que la Rhytine ressemble aux 
Lamantins, tandis que l'organisation des arques zygo- 
matiques, celle de l'orbite et des vertèbres, surtout 
des vertèbres caudales, et des os des extrémités rap- 
pelle au contraire les Dugongs. Un assez grand nombre 
de caractères propres à la Rhytine semble lui indi- 
quer une place intermédiaire entre les Dugongs et les 
Lamantins. 

Outre cela la Rhytine se rapproche sous quelques 
rapports plutôt des vrais Cétacés que les autres genres 
des Cétacés herbivores. 



(Tiré du Bulletin, T. IV, pag. 304 u. 305.) 



— August 1861. 

Nachträgliche Bemerkungen in Betreff' der 
Diatomaceen, welche »ich im sogenann- 
ten mine raise li lamme von Staraja Russa 
befinden« von Dr. «I. F. Weisse. 

(Vergl. Bulletin, 1860. Tom. I. pag. 550.) 

Bei einem Ausfluge nach dem in unserer Nähe ge- 
legenen Soolebad Staraja Russa hatte ich in diesem 
Sommer Gelegenheit, den dortigen Badeschlamm in 
frischem Zustande mikroskopisch zu untersuchen. Ich 
fand dieselben kieselschaaligen Organismen, welche 
ich früher in dem eingetrockneten Schlamme beobach- 
tet hatte, nur mit dem Unterschiede, dass ich die mei- 
sten derselben jetzt noch in lebendem Zustande, d. h. 
im Innern mit der den Diatomaceen eigenthümlichen 
gelben Masse erfüllt antraf. Mehrere unter ihnen führ- 
ten auch ziemlich rasche Bewegungen aus. Besonders 
häufig stiess ich auf Fragilaria rhabdosoma in kürze- 
ren und längeren Bändern, was bei dem eingetrock- 
neten Schlamme nicht der Fall gewesen. Im reinen 
Soolwasser, der Quelle unmittelbar entnommen, war 
ausser einigen wenigen" vegetabilischen Fragmenten 
nichts zu entdecken. 

In meinem früheren Aufsatze habe ich der hüb- 
schen Amphiprora alata als einer rein maritimen Form 



— 79 — 

erwähnt, weil ich sie im Seebadeschlamm, nicht aber 
in dem Badeschlamme von Staraja Russa gefunden 
hatte, und weil Kützing als Fundorte Wangerooge, 
Triest uud die Eibmündung bei Cuxhaven angibt, Ra- 
benhorst ihrer aber gar nicht in seinem Werke über 
die Süsswasser-Diatomaceen gedenkt. Jetzt habe ich 
sie jedoch sehr häufig auch in Staraja Russa angetrof- 
fen, aber nicht in dem dortigen Badeschlamme, son- 
dern in salzigem Wasser, welches ich am Fusse der Gra- 
dierhäuser schöpfte, und welches auch die meisten in 
jenem Schlamme vorkommenden Organismen enthielt. 
Sie war im Innern mit einer goldgelben Masse erfüllt, 
welche aber die beiderseitigen Flügel nicht berührte. 
Dieser Beobachtung zu Folge kann sie nicht aus- 
schliesslich als Bewohnerin des Meeres, sondern muss 
als in salzigem Wasser überhaupt vorkommend be- 
trachtet werden. 

Als ich vorliegende Notiz bereits beendigt hatte, 
fand ich zufällig in der botanischen Zeitung von 
Mohl und Schlechtendal. 16ter Jahrg. 1858. 
N° 2. pag. 20 die Anzeige eines in der schlesischen 
Zeitung von 1857 befindlichen Aufsatzes von Colin: 
«Über Meeresorganismen im Binnenlande ». Unter 
mehreren marinen kieselschaaligen Organismen, wel- 
che er in der Salzlache bei Sonderhausen beobachtet 
hat, nennt er auch die Amphiprora alata. 



(Aus dem Bulletin, T. IV, pag. 305 u. 306.) 



Yg September 1861. 

Vegetabilische Quellen von Infusorien, von 
Dp. J. F. Weisse. 

Erste Quelle. 

Fig. 1 und 2. 

Bei meinen mikroskopischen Untersuchungen in 
diesem Sommer, welche besonders auf die Eier der 
Räderthiere gerichtet waren, kam mir in den letzten 
Tagen des Juli das unter Fig. 1 dargestellte Gebilde 
unter das Mikroskop 1 ). Nachdem ich dasselbe eine 
halbe Stunde lang betrachtet hatte, sah ich an beiden 
Enden von unten her einen sich zu einer Kugel grup- 
pirenden Haufen monadenartiger Körperchen hervor- 
quellen. Diese begannen sich alsbald zu bewegen und 
rissen sich nach wenigen Secunden von einander los, 
um nach verschiedenen Richtungen hastig davon zu 
eilen, keine Spur ihres Dagewesenseins hinterlassend. 
Bald darauf Öffneten sich auch schnell nacheinander 
drei von den in der Abbildung angegebenen zapfen- 
artigen Ausstülpungen und entliessen stossweise eben 
solche Körperchen, welche sich ohne zusammenhal- 
tende Membran in kugeligen Haufen vor den Öffnun- 



1) Die beiden kugeligen Haufen waren nicht im Anfange da; 
ich habe sie nur hier gleich mit dargestellt, um die Zahl der Ab- 
bildungen zu verringern. 



— 81 



gen jener Ausstülpungen lagerten, so wie es in Fig. 2 
dargestellt ist. Auch diese zerstreuten sich bald eben 
so wie die vorigen nach allen Richtungen hin. 









\w 




: ^,N 







Oc?P> 



Nach Verlauf von wenigen Minuten quollen abermals 
zwei solcher Haufen an beiden Seiten von unten hervor 
und gleichzeitig entleerte sich auch die vierte sicht- 
bare zapfenförmige Ausstülpung. Diese in der That 
höchst überraschende Erscheinung erinnerte mich 
sogleich an Stein's Cysten der Vorticella microstoma 2 ). 
Ob das Gebilde aber, welches ich beobachtete, eine 
solche Cyste gewesen, kann ich nicht behaupten, weil 
ich ihren Ursprung nicht kenne. Jedenfalls habe ich 
dasselbe Phänomen wie Stein beobachtet. Auch Cien- 
kowsky 3 ) hat dasselbe gesehen, aber mit der Nassida 

2) Die Infusionsthiere auf ihre Entwickelungsgeschichte unter- 
sucht. Taf. IV. fig. 50—55. 

3) In seiner Dissertation: HH3mnxT> BOAopocjmx-B h HH<t>y30- 
piaxt. 1856, pag. 47; er giebt auch auf tab. VIII in fig. 5 eine Ab- 
bildung dieses Vorganges, und erinnert in dem Texte an die gleiche 
Erscheinung bei der Achlya proliféra. Auch in seinen Bemerkun- 
gen über Stein's Acineten -Lehre (Mélanges biologiques. Tom. II. 
pag. 268. Anm. 4) erwähnt Cienkowsky dieser Erscheinung. 

Mélanges biologiques. IV. 11 



— 82 — 

ambigua St. in Verbindung gebracht. Da jedoch Stein 
selbst, ein so umsichtiger Beobachter, dieser Erschei- 
nung bei der von ihm entdeckten neuen Nassuta- Art 
nicht erwähnt, so glaube ich, dass Cienkowsky sich 
geirrt habe, wenn er dieselbe von dem genannten In- 
fusorum herleitet. Aber auch gegen Stein's Annah- 
me kann ich einen leisen Zweifel nicht unterdrücken, 
da er selbst S. 203 seines angezogenen Werkes sagt: 
a Stammen die Cysten mit Tochterblasen wirklich von 
der Vorl. microstoma ab , wie mir kaum zweifelhaft 
erscheint u. s. w.» Ich habe in dem Wasser, welches 
mit Ceratophyllum erfüllt war, weder die Vort. mi- 
crostoma noch die genannte Nassula gefunden und bin 
deshalb der Meinung, dass wir alle drei eine Erschei- 
nung aus dem Kreise der Saprolegnien vor uns ge- 
habt haben. 

Da in meinem Falle jede der blindsackartigen Bla- 
sen der Muttercyste 30 bis 40 monadenartige Wesen 
entleerte, wobei sie selbst als eine zusammenschrum- 
pfende Membran zurückblieb, so betrug die Gesammt- 
zahl der in kurzer Zeit geborenen Individuen wohl 
an 300. Auch ich konnte wegen ihrer Kleinheit und 
ihres so raschen Dahineilens eben so wenig wie Stein 
wahrnehmen, ob sie mit einer Cilie versehen waren. 

Die Abbildungen, welche Stein geliefert, weichen 
in mancher Hinsicht von dem was ich gesehen ab. 
Das mir entgegen getretene Gebilde war nämlich nicht 
so rund, sondern etwas eiförmig und höckerig, und 
die Ausstülpungen, welche die kleinen Wesen ent- 
leerten, waren nicht so lang gedehnt, sondern bilde- 
ten nur kleine zapfenförmige Erhöhungen. Endlich 
will ich nicht unerwähnt lassen, dass sich in dem Mut- 
terkörper ausser den blasenförmigen Blindsäcken noch 
ein kugelrunder Körper befand , welcher grosse Ähn- 
lichkeit mit dem bei Stein in Fig. 49 als Kern der 



— 83 — 

Vort. microstoma gedeuteten hatte. Er erhielt sich noch 
viele Stunden lang unverändert, während das Übrige 
immer mehr und mehr einschrumpfte. Man findet ihn 
in meinen Abbildungen mit x bezeichnet. 

Zweite Quelle. 
Fig. 3 bis 9. 

Als ich am 9. August abermals nach Räderthier- 
Eieru suchte, traf ich auf einen sehr dunkeln eiförmi- 
gen Körper, welchen ich aber wegen der an seiner 
Peripherie sich zeigenden Ausbuchtungen und auch 
wegen der ganzen inneren Beschaffenheit nicht für 
ein solches Ei halten konnte. Die so deutlich sich 
darstellende äussere Contour (Fig. 3) be wog mich in- 
dessen, denselben eine Zeitlang zu beobachten. Nach- 
dem solches bis spät Abends geschehen war und ich 
keine wesentliche Veränderung bemerken konnte, 
war ich schon Willens ihn zu beseitigen. Da ich in- 
dessen nichts weiter unter dem Mikroskope hatte, 
entschloss ich mich, ihn bis zum anderen Tage unter 
einem Deckglase aufzuheben. Diesem Umstände ver- 
danke ich nachstehende interessante Beobachtung. 
Am Morgen des folgenden Tages fand ich nämlich, 
dass mit demselben eine grosse Veränderung vorge- 
gangen war. Nicht nur dass er in allen seinen Theilen 
bedeutend aufgehellt war, es zeigten sich im Innern 
auch mehrere deutlich umschriebene und von einander 
abgesonderte blindsackartige Taschen (flg. 4). Nach 
Verlauf von etwa zwei Stunden bildete die äussere 
Contour hie und da buckelige Ausbuchtungen, so dass 
ich das Zerplatzen des Ganzen erwartete. Statt dessen 
jedoch zeigten sich plötzlich linkerseits unten zwei 
helle Fortsätze (Fig. 4. a und 6), welche die grösste 
Ähnlichkeit mit den bekannten veränderlichen Fort- 
sätzen der Aredia hatten, so dass ich mich im ersten 



— 84 — 

Augenblicke auch nach einer solchen'!' umsah. Bald 
wurde ich indessen enttäuscht, indem noch an anderen 
Stellen dergleichen Fortsätze hervorsprossten, während 
die beiden zuerst erschienenen sich augenscheinlich, 
mannichfach gebogen, verlängerten. In Zeit von einer 
Stunde waren ihrer zehn — neun auf der linken und nur 
einer auf der rechten Seite — unter meinen Augen 
entstanden. Ich habe ihre Reihenfolge in Fig. 5, deren 
Inneres nur skizirt ist, durch die beigesetzten Buch- 
staben angegeben. 



Fig. 3. 



Fig. 4. 





Fig. 5. 




— 85 — 

Unterdessen hatte der mit a bezeichnete schon eine an- 
sehnliche Länge gewonnen, ward an seinem freien Ende 
kolbig und bildete sich sofort an der Spitze in eine 
kleine Kugel in Gestalt eines Stecknadelkopfes aus 
(Fig. 6), welche sich trübte — unmittelbar darauf ent- 
stand eine rasche Körner-Strömung von dem Mutter- 
körper aus durch den Schlauch nach der gekugelten 
Spitze hin, welche sich dabei immer mehr und mehr 
zu einer runden Blase ausdehnte, bis nichts mehr aus 
dem vollkommen aufgehellten Schlauche zufloss(Fig.7). 
Fast augenblicklich sonderte sich die in die kugelige 
Blase eingeströmte Masse in mehrere einzelne Zellen 
ab, von der Peripherie beginnend und nachdem Cen- 
trum fortschreitend, wodurch das Innere seine glatte 
Rundung einbüsste, aber immer noch von einer überaus 
zarten Membran wie von einem Ringe umspannt blieb 
(Fig. 8). Schon nach wenigen Minuten fingen die 
immer deutlicher von einander abgesonderten Zell- 
chen an, sich in der schwankenden Kugel hin und 
her zu schieben und hatten sich endlich — es moch- 
ten kaum zehn Minuten verflossen gewesen sein — 
nach einigen kräftigen Bewegungen und Zerreissung 
jener Membran von einander losgemacht und schwam- 
men behende davon. Bei ihrem Abziehen war jede 
Spur der erwähnten Membran verschwunden und man 
sah deutlich das geöffnete Ende des Schlauches. 

In Zeit von einer Stunde konnte ich diesen inter- 
essanten Vorgang an fünf Schläuchen, einmal sogar 
an zweien zu gleicher Zeit, verfolgen. In jeder Kugel 
zählte ich 12 bis 14 Individuen, welche bald nieren- 
förmig, bald länglich und etwas zugespizt erschienen. 
Wären mir diese Wesen, welche in Fig. 9 bei 340- 



— 86 — 

fâcher Vergrösserung gezeichnet worden, vorgekom- 
men, ohne dass ich ihre Geburtsstätte gekannt hätte, 
ich würde mich bemüht haben, sie in das System der 
Infusorien einzureihen. 

Fig. 6. Fig. 7. Fig. 3. 






Fig. 9. 

; J r •; 




Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, dass ich 
Pringsheim's Pythiiim entophytum vor mir gehabt. 
In seiner Beschreibung dieser von ihm neu aufgestell- 
ten Gattung der Saprolegnieen (im ersten Bande der 
Jahrbücher für wissenschaftliche Botanik. Berlin 1858) 
bleibt es aber ungewiss, ob die die Kugel umhüllende 
zarte Membran von der undurchrissenen innersten La- 
melle der Sporangium - Membran herrühre, welche 
wachsend über die Öffnung des Sporangium hinaus 
sich ausgedehnt hat, oder ob sie in Folge einer Neu- 
bildung im Augenblick des Hervortretens der Proto- 
plasmamasse an deren Umfange entstand. Mir hat sich 
Ersteres auf's Deutlichste ergeben, indem ich von 



— 87 — 

Anfange an, als die Spitze kolbig ward, sah, wie sich 
eine nadelkopiförmige Blase bildete, welche sich beim 
Andringen der Protoplasmamasse immer mehr und 
mehr kugelförmig ausdehnte, bis sie platzte. 

Die Aufschrift meines vorliegenden Aufsatzes könnte 
vielleicht zu der Meinung Veranlassung geben, als ob 
ich mit Kützing und Anderen anzunehmen geneigt 
sei, dass Pflanzen in Thiere überzugehen vermögen. 
Dagegen muss ich mich ausdrücklich verwahren. Ich 
will mit den hier mitgetheilten Beobachtungen nur 
daraufhinweisen, dass unter den kleineren Infusorien, 
namentlich unter den Monaden, so manche vegetabi- 
lische Elemente versteckt sein mögen, welche bisher 
für Thiere gehalten worden sind. 



(Aus dem Bulletin, T. IV, p. 306 — 311.) 



4 October 1861. 

lb 

Vorläufige Diagnosen einiger neuer Mol- 
luskenarten aus der Meerenge der Tar- 
tarei und dem Nordjapaiiisclien Meere, 
von Dr. Leop. v. Sclirenck. 

Bei Bearbeitung der malakozoologischen Ausbeute 
meiner Reisen im Amur -Lande sind mir unter vielen 
bekannten auch einige bisher noch unbekannte Mollus- 
kenarten begegnet, die ich an diesem Orte durch die 
nachstehenden Diagnosen vorläufig anzeigen will und 
deren ausführlichere Beschreibungen und Abbildungen 
im 2ten Bande meines Reisewerks in kurzer Zeit nach- 
folgen werden. Und zwar sollen hier zunächst nur 
die neuen Meeresmollusken zur Sprache kommen, die 
in der Meerenge (dem ehemaligen Golf) der Tartarei 
gesammelt worden sind und denen ich auch einige von 
etwas südlicherem Fundorte, nämlich von der Küste 
Jesso's und aus der Sangar-Strasse , hinzufügen will. 
Zwar dürften diese letzteren, obschon aus demselben 
Meeresbecken herrührend, doch nicht unmittelbar zur 
Litoralfauna des Amur -Landes gerechnet werden, 
allein da sie ohne Zweifel auch an der gegenüberlie- 
genden Küste der Mandshurei sich finden werden, so 
habe ich sie hier mit in Betracht ziehen zu müssen 
geglaubt. Für die Ordnung, in welcher die nachste- 
henden Diagnosen auf einander folgen, muss ich auf 
Midden d or ff 's Beiträge zu einer Malacozoologia Ros- 



— 89 — 

sica in den Mémoires de V Académie Imp. des Sciences de 
Si.-Pétersb., T. VI. verweisen. 

I. GASTROPODA. 
1« Chiton jfliddendorffii m. 

Testa externa, elevata , circ. 115°; tegmentum 
areis lateralibus distinctis, radiatim scrobiculatum, 
albidum, fusco-rubro fasciatum; valva prima subsemi- 
orbicularis; valvae quintae ratio ad C Hvfi'a?. iy 3 '•> angulus 
linearum lateralium 130°; apophyses terminales 5 / ; 
limbus setosus, mediocris, ^llul. \) ■ Longitudo totius 
animalis 14 millim. 

Patria: Sinus de Castries. 

2. Patella Lamaiioiiii m. 

Testa subovata, alta, suberecto-conica, solida, 
extus etintus ex albido flavescente, concentrice sulcis 
et striis confertis exarata, radiatim inaequaliter costata, 
costis obsolete plicato-tuberculatis, majoribus, ab ipso 
vertice excurrentibus 20, minoribus, irregulariter in- 
termixes circ. 60; vertice recto, subcentrali vel ad 2 / 5 
long, sito; aperturae margine leviterundato. Long. 40, 
lat. 33, alt. 24 millim., clivi antici angulus 60° clivi 
postici ang. 45°. 

Patria: Litus occidentale insulae Sachalin prope 
Tyk. _ 

3. Truncatella tatarica m. 

Testa subrimata, adulta truncata, subcylindrica, 
sursum paulo attenuata, tenui, nitidula, laevigata, e 
fulvo viridescente , pellucida; spira plus minus erosa; 
sutura mediocri, recta; anfractibus superstit. 3 ] / 2 — 4, 
convexiusculis, ultimo magno, basi rotundato; aper- 
tura subverticali, magna, ovata, basi subeffusa; peri- 
stomate continuo, fusco-nigro, recto, labio subreflexo; 
operculo immerso, piano, tenui, pellucido, subspi- 

Melanges biologiques. IV. 12 



— 90 — 

rato. Long, specim. maximi 7, lat. 2 3 / /<? apert. alt. 
2 3 / /< , apert. lat. 2 millim., angulus apicalis 15 ü . 
Patria: Sinus de Castries. 

4. Litoriiia maiidshurica m. 

Testa brevi, depresso-conica, apice acuta, tenui, 
incrementi striis obliquis carinisque longitudinalibus 
in anfractu ultimo tribus , in anfractibus superiori- 
bus una sculpta, griseo vel violaceo-fusca, conco- 
lore, basi interdum fusco et albido fasciata; aper- 
tura suborbiculari, basi subeffusa; columella basi di- 
latata, planata, subconcava, ex albido violacea; fauci- 
bus fuscis, zona basali albida; operculo suborbiculari, 
corneo, fusco, tri-ad quadrispiro, nucleo subcentrali. 
Long, adulti 13, lat. 12, apert. alt. 9V 2 , apert. lat. 7 
millim., angulus apicalis 90°. 

Patria: Sinus de Castries. 

5. Turbo saiigarensis m. 

Testa parva, conoidea, apice acuta, imperforata, 
fusca seu rubra, costulis spiralibus 7 — 8 striisque 
incrementi obliquis confertis sculpta; anfractibus con- 
vexis, sutura profunda distinctis, ultimo angulato; 
basi convexo-plana, concentrice striata ;apertura subor- 
biculari, margaritacea, alba, fusco seu rubro margi- 
nata; operculo calcareo, paucispiro, piano, subcon- 
cavo, albido, fusco marginato. Long, specim. maximi 
6 1 / 2 , lat. 6, apert. alt. 4, apert.lat. 3 1 / 4 millim., angul. 
apic, 85°. 

Patria: Fretum Sangaricum prope litus insulae 
Jesso (Maximowicz). 

6. Turbo pumilo m. 

Testa minima, conoidea, perforata, apice acuta, te- 
nui, lineis elevatis longitudinalibus cincta, rufescente- 



— 91 — 

cinerea seu schisticolore, periomphalo lutescente; an- 
fractibus convexis, sutura profunda imo canaliculata 
distinctis, ultimo magno, subangulato, basi convexius- 
culo; apertura suborbiculari, margaritacea, alba; 
peristomatesubcontinuo; columella basi subproducta; 
umbilico lamellula columellari semiclauso; operculo 
calcareo, orbiculari, paucispiro, subconcavo, albido. 
Long. 2 1 / 2 , lat. 2%, apert. alt. 1%, apert. lat. V/ t 
millim., angul. apic. 95°. 

Patria: Fretum Sangaricum prope litus insulae 
Jesso (Maximowicz). 

7. Liotia semiclathratula m. 

Testa parva, orbiculato-conoidea, apice obtusa, 
umbilicata, albida, longitudinaliter costata, costis in 
anfractibus superioribus 3 , in anfractu ultimo 6 , 
supra leviter tuberculatis, infra laevigatis, transversim 
praeter basim laevigatam costulis plus minus obsole- 
tis clathrata; anfractibus convexiusculis, sutura cana- 
liculata distinctis; apertura orbiculari, margaritacea, 
alba; peristomate continuo, subreflexo; labro ex tus 
marginato, tuberculato, basi umbilicum versus pro- 
ducto; umbilico amplo, pervio, intus bicarinato, trans- 
versim costulato, margine crenulato; operculo orbi- 
culari, extus concavo, calcareo, concentrice tesselato- 
striato, intus convexo, corneo, nitido, concentrice 
multoties annulato, margine fimbriato. Long. 5' 2 , 
lat. 6V 4 , apert. alt. et lat. 3 1 /j millim., angul. apic. 
125°. 

Patria: Fretum Sangaricum prope litus insulae 
Jesso (Maximowicz). 

8. Pleurotoma (Oavatula) erosa m. 

Testa fusiformi-turrita, apice acuta, dilute corneo- 
fusca, basi plerumque fusco-rubescente, intus ex albido 



— 92 — 

violacea, prope suturam et ad basin rufo-fusco obso- 
lete zonata; anfractibus convexiusculis, longitudinaliter 
striatis,transversim plicato-costulatis,superioribus plus 
minus erosis, ultimo basi lineis elevatiusculis cincto; 
sutura linea plicato-costulata instructa; apertura ob- 
longa, labro simplici, tenui, acuto, infra lineam sutura- 
lem inciso-sinuato, columella laevi; canali perbrevi. 
Long. spec, adulti et maximi 16, lat. 6, apert. alt 7, 
apert. lat. 3 millim., angul. apic. 35° 
Patria: Sinus de Castries. 

O. TritoBfilitBiB (Fnsus) siitmiurâcatum m. 

Testa parva, fusiformi,rufo-fusca, apiceretusa,trans- 
versim plicato-costulata, longitudinaliter in anfracti- 
bus superioribus bi- et tri-, in anfractu ultimo decem- 
carinata; anfractibus sutura canaliculata distinctis, ul- 
timo superne angulato, ventricoso, transversim de- 
cemcostato, costis basim versus evanescentibus; aper- 
tura (excluso canali) ovata, labio simplici, labro intus 
subcrenulato; canali brevi, angusto. Long. 10, lat. 5, 
apert. alt. 6, apert lat. 3 millim., angul. apic 55°. 
Canalis longitudo aperturae latitudine paulo minor, 
ejusque latitudo aperturae latitudinis dimidiam partem 
aequat. 

Patria : Fretum Sangaricum prope litus insulae 
Jesso (Maximowicz). 

IL CONCHIFERA. 

lO. 0§trea Laperoiisii m. 

Testa alta, brevi, solida, ex albido virescente, la- 
mellosa, radiatim plus minus distincte costata, mar- 
gine undato- plicata; valva sinistra (inferiore, affixa) 
convexiore, apice elongata, refiexa; valva dextra pla- 
nulata vel convexiuscula ; pagina interna alba, im- 
pressione musculari violacea, excentrica, postica, re- 



— 93 — 

niformi. Alt. spec. max. 152, long. 78, lat. (seu cras- 
sities) 38, ligamenti long. 32 millim. 
Patria: Sinus de Castries, sinus Taba. 

11. Pecten Brandtii m. 

Testa suborbiculari, inaequivalvi, aequilaterali, ae- 
quiauriculata, solida, incrementi vestigiis concentrice 
striata, radiis 21 — 23 costata, costis rotundatis, lae- 
vigatis; valva sinistra subplanulata, umbones versus 
elevata, convexiuscula, violaceo-fusca, costis angustis, 
interstitiis latis , striato - scrobiculatis ; valva dextra 
convexiore, alba, costis latis, interstitiis angustis, ob- 
solete concentrice striatis; auriculis parvis, rectangu- 
lis vel obtusangulis, obsolete quadricostatis; auricula 
antica valvae dextrae inferne leviter sinuata, sinu 
edentulo; pagina interna ut impressione musculari 
albis. Alt. 112, long. 107, lat. 28, long, lineae car- 
dinalis 40 millim., angul. apic. 110°. 

Patria : Litus occidentale insulae Sachalin prope 
Wjaclitu (Weyrich). 

13. Telliua venulosa m. 

Testa oblongo-ovata , solida, compressiuscula, sub- 
aequivalvi, inaequilaterali, calcarea, albida vel pal- 
lide rosea, basim versus lutescente venulisque radia- 
libus rubris picta; margine ventrali convexo, postice 
sursum acclivi, dorsali antice subconvexiusculo pau- 
lum que declivi, postice subrecto,decliviore; extremitate 
antica longiore, rotundata, postica attenuata; obtuse 
angulata; area postica distincta; natibus parvis, re- 
trorsum inclinatis; dente laterali (in valva dextra) an- 
tico distincto, postico nullo; ligamento magno, pro- 
minente ; sinu palliari mediocri, congruo. Alt. 34, long. 
55, lat. 12, ligam. long. 14 millim.; vertice a parte 
antica ad circiter 3 / (31 mill.) longitudinis sito. 



— 94 — 

Patria: Litus occidentale insulae Sachalin inter 
Wjachtu et Choji. 

13. JUactra sachalineusls m. 

Testa magna, solida, ovato-rotundata, tumida, sub- 
aequilaterali, concentrice striata, e fulvo albida, epi- 
dermide juventute albido-straininea, adulta aetate cor- 
neo-fnsca vestita; natibus prominulis,approximatis, in- 
curvis, antrorsum inclinatis; extremitatibus rotundatis, 
antica breviore, postica altiore; areapostica lanceolata, 
labiis elevatis circumdata ; lunula minus distincta, sub- 
cordiformi; dente complicato cardinali mediocri, late- 
ralibus magnis, elevatis, transversim sulcatis; impres- 
sionibus muscularibus profundis; sinu palliari brevi, 
impressioni musculari posticae subaequali. Alt. adulti 
71, long. 86, lat. 44millim.; vertice a parte antica ad 
circ. 2 / 5 (36 mill.) longitudinis sito. 

Patria: Litus occidentale insulae Sachalin inter 
Wjachtu et Choji. 

If. Corbula amurensis m. 

Testa ovata, tumidiuscula, inaequilaterali , antice 
rotundata, postice subangulata, subtruncata; valvis 
inaequalibus, dextra altiore, margine ventrali convexo, 
producto, sinistra margine subrecto; dentibus cardi- 
nalibus magnis, dente valvae sinistrae apice bifido; 
area postica carina umbonali in valva sinistra distincta, 
in valva dextra obsoleta circumdata; lunula subnulla; 
pagina externa incrementi vestigiis concentrice stri- 
ata , epidermide rufescente seu fuscescente-cornea ve- 
stita, natibus plus minus erosis; pagina interna alba; 
sinu palliari perparvo. Alt. 10, long. 14, lat. 6 millim.; 
vertice a parte antica ad circ. V 2 (6 mill.) long. sito. 

Patria: Litus insulae Uïsut, ad ostium fluminis Amur. 

(Aus dem Bulletin, T. IV, pag. 408 u. 413.) 



^October 1861. 

lb 

Bemerkungen über die Säugethierfauna 
Süd-Sachalin's und der südliehen Kuri- 
len; auf Veranlassung brieflicher Itlit- 
theilung en des Hrn. Fr. Schmidt, von J>r. 
Ijeop. v. Schrenck. 

Hr. Fr. Schmidt, der gegenwärtig im Auftrage der 
Russischen Geographischen Gesellschaft das Amur- 
Land und die Insel Sachalin bereist, theilt mir in einem 
vom 20. April dieses Jahres aus Nikolajevsk datirten 
Schreiben einige zoologische Nachrichten mit, die er 
mit Bezugnahme auf den ersten, im Jahre 1858 er- 
schienenen, die Säugethiere des Amur-Landes und der 
Insel Sachalin abhandelnden Theil meines Reisewerks 
als «Nachträge zur Säugethierkunde Sachalin's, ins- 
besondere des südlichen» bezeichnet, und die mich 
beim zoologisch-geographischen Interesse, das sie dar- 
bieten dürften, zu den nachstehenden Mittheilungen 
veranlassen. 

Was wir bisher über die Säugethierfauna der Insel 
Sachalin wissen, ist nicht nur bei Weitem nicht erschöp- 
fend, sondern bezieht sich auch fast nur auf den nörd- 
lichen, von Giljaken bewohnten Theil dieser Insel, wo 
es mir auf zwei in den Jahren 1855 und 56 ausge- 
führten Winterreisen einige Nachrichten und Erfah- 



— 96 — 

rungen zu sammeln vergönnt war. Nur in wenigen Fäl- 
len erstrecken sich diese Nachrichten auch über den 
südlichen, von Aino und stellenweise auch von Japane- 
sen bewohnten Theil der Insel, und alsdann sind es auch 
nur Nachrichten, die ich theils den Angaben der Sa- 
chalin -Giljaken und theils den Mittheilungen einiger 
zu der Zeit im Dienste der russisch - amerikanischen 
Compagnie gewesener See- und Handelsleute verdanke, 
die den Winter 1853 auf 54 in dem damals begrün- 
deten, später (im Mai 1854) wieder aufgehobenen Mu- 
rawjovschen Posten in der Bai Aniwa am Südende Sa- 
chalins zugebracht hatten. Ähnlicher Art sind auch 
alle früheren, immer nur sehr spärlichen Nachrichten, 
die man über die Säugethiere des südlichen Sachalin's 
hatte: so das Wenige was Langsdorff, der Begleiter 
Krusenstern's, während eines kurzen Besuches in der 
Bai Aniwa aus den Angaben der Aino entnehmen, oder 
was Siebold bei längerem Aufenthalte in Japan durch 
Vermittelung der Japanesen gelegentlich auch über ihre 
nördlichen Neben- und Schutzländer, Jesso, Sachalin 
(Krafto) und die anstossenden südlichen Kurilen, in 
Erfahrung bringen konnte. Den erwähnten, äusserst 
kurzen Besuch Langs do rff's in Aniwa abgerechnet, 
sind also diese Nachrichten meist auch nicht von den 
Eingeborenen Süd-Sachalin's selbst, den Aino, sondern 
nur von ihren nördlichen oder südlichen Gränznach- 
barn geschöpft worden. Es geht ihnen daher auch der 
meiste Werth, den sonst die auf Angaben der mit den 
Produkten ihres eignen Landes in der Regel nahe 
vertrauten Naturvölker begründeten Nachrichten ha- 
ben können — vorausgesetzt natürlich, das diese An- 
gaben mit der erforderlichen Vorsicht und namentlich 



— 97 — 

mit genügender Sprachkeimtniss und richtiger Deutung 
der localen Thiernamen benutzt werden — mehr oder 
weniger ab. Zudem erstrecken sich Nachrichten sol- 
cher Art meist nicht über die nutzbaren oder doch 
grösseren und auffallenderen Thierformen des Landes 
hinaus, die auch die Aufmerksamkeit des Naturmen- 
schen auf sich ziehen, während die kleineren, unschein- 
baren und für seine Haushaltung werthlosen Formen 
von ihm in der Regel nicht weiter bemerkt, oder doch 
wenigstens nicht scharf und bestimmt genug unter- 
schieden werden. Endlich bedürfen die solcherweise 
geschöpften Nachrichten auch im günstigsten Falle, 
um einen definitiven Bestandteil unsrer Kenntniss von 
der Thierverbreitung zu bilden, immer noch einer 
durch compétente Reisende an Ort und Stelle ausge- 
führten Verificirung und Bestätigung. Das Gesagte wird 
genügen, um den Werth der durch Hrn. Schmidt 
über die Säugethierfauna des südlichen Sachalin's uns 
zugegangenen Nachrichten, so kurz und wenig erschöp- 
fend sie auch sein mögen, in das rechte Licht zu stel- 
len. Hr. Schmidt, der seit dem Jahre 1859 mit Be- 
reisung des Amur -Landes, vorzüglich in geognosti- 
schen Zwecken beschäftigt ist, brachte auf der Insel 
Sachalin beinahe ein volles Jahr, vom Mai 1860 bis 
Februar 6 1 , zu und hatte während dieser Zeit Gelegen- 
heit, im Sommer eine Küstenfahrt längs dem Westufer 
der Insel bis zur Südspitze derselben und im Winter 
eine Reise auf Hunden vonKussjunai an der Westküste 
quer über die Insel nach dem Golf der Geduld und dem 
Ty- Flusse, so wie an diesem letzteren hinauf zu den 
Tymy- Quellen und von dort nach Nikolajevsk auszu- 
führen. Mit Ausnahme dieses letzteren Theiles, beweg- 

Mélanges biologiques. 1Y. 13 



— 98 — 

ten sich also seine Reisen auf Sachalin hauptsächlich 
in dem von Aino bevölkerten, südlichen Theile der 
Insel, der uns zur Zeit meines Aufenthaltes im Amur- 
Lande, einen nur mehrstündigen Besuch in der Bai 
Anivva im Jahre 1854 abgerechnet, noch so gut wie 
ganz verschlossen war. Die auf diesen Reisen gesam- 
melten Nachrichten schliessen sich somit unmittelbar 
an das im nördlichen Theile der Insel von mir Ermit- 
telte an, und es gereicht mir zu nicht geringer Befrie- 
digung, durch meine Arbeit über die Säugethierfauna 
des Amur -Landes und der Insel Sachalin, die Hrn. 
Schmidt auf seinen Reisen begleitete und die auf die 
Lücken in unsrer thiergeographischen Kenntniss dieser 
Insel wiederholentlich hinwies, die Aufmerksamkeit 
des Reisenden diesem Gegenstande specieller, als sonst 
vielleicht geschehen wäre, zugewendet zu haben. Um 
so mehr aber halte ich mich auch zu unverzüglicher 
Bekanntmachung der erhaltenen Nachrichten ver- 
pflichtet. 

Um nun gleich mit einer Bemerkung über den Ge- 
sammtcharakter der Säugethierfauna Sachalin 's zu be- 
ginnen, hebe ich hervor, dass es Hrn. Schmidt nicht 
gelungen ist, im Süden der Insel irgend eine Form 
nachzuweisen, die nicht auch im Norden derselben vor- 
handen wäre, während der umgekehrte Fall, dass 
nämlich im nördlichen Theile vorkommende Thierarten 
nicht bis an das Südende der Insel sich verbreiten, al- 
lerdings und mehr als einmal statt hat. Freilich lässt 
sich bei der Vorsicht, mit welcher solche negative Re- 
sultate aufzunehmen sind, immer noch der Vermuthung 
Raum geben, dass bei anhaltenderer und genauerer Un- 
tersuchung im Süden Sachalin's vielleicht dennoch eine 



— 99 — 

oder die andere südlichere, japanische Form, namentlich 
unter den weniger auffallenden Mieromammalien, den 
Nagern und Fledermäusen, sich auffinden dürfte, die 
nach Norden bald ihre Polargränze erreichte. Allein 
wenn dies auch statt fände, so wären es doch nur unbe- 
deutende Züge im Faunencharakter, während es im 
Grossen und Ganzen unverkennbar bleibt, dass der Sü- 
den der Insel dieselbe, nur durch grössere Verarmung 
ausgezeichnete Säugethierfauna wie der Norden be- 
sitzt. Erwägt man nun, dass Nord-Sachalin, einige ihm 
fehlende Formen abgerechnet , dieselbe Säugethier- 
fauna wie die Gegenden der Amur-Mündung oder das 
nördliche Amur-Land überhaupt hat, d. h. eine Fauna, 
die man schlechtweg die sibirische nennen kann, da 
ihr noch sowohl die südlicheren, durch das ganze ge- 
mässigte Europa und Asien verbreiteten Formen, wie 
Reh, Edelhirsch, Wildschwein u. dgl. m., als auch die 
für das übrige Amur- Land so charakteristischen süd- 
ostasiatischen Züge, wie Musiela flavigula, Canis procyo- 
noides, Felis minuta, Talpa Wogura u. s. w. abgehen; so 
folgt daraus, dass auch der Süden Sachalin's, trotz sei- 
ner Erstreckung bis zum 46. Breitengrade und seiner 
Nähe zum japanischen Archipel, doch keine japani- 
sche, sondern nur eine verarmte sibirische Säuge- 
thierfauna hat. Und dies ist um so auffallender und 
praegnanter, als es nicht von derselben Erscheinung in 
der Pflanzenwelt begleitet wird, da in dieser vielmehr, 
nach Hrn. Schmidt's Zeugniss, auf Süd-Sachalin dem 
Norden gegenüber eine entschiedeneBereicherung statt 
findet, indem dort, entsprechend dem im Vergleich mit 
dem mittleren und nördlichen Theile der Insel bedeutend 
milderen Klima, auch viele südlichere, mit Japan ge- 



— 100 — 

meinsame Baum- und Straucharten sich einstellen. In 
der Säugethierfauna Sachalhvs sind diese Erscheinun- 
gen, die nach Süden statthabende Verarmung und die 
Erstreckung mancher hochnordischer Formen bis in 
verhältnissmässig sehr südliche Breiten, so auffallend, 
dass ich sie schon aus den von mir gesammelten Nach- 
richten , die sich doch nur sehr theilweise auch über den 
Süden der Insel erstreckten, folgern durfte und zum 
Theil auch zu erklären versucht habe 1 ). Gegenwärtig 
daher, wo uns durch Hrn. Schmidt's Erfahrungen 
noch manche Thatsachen mehr bekannt werden, be- 
gnüge ich mich, auf jene Erklärungen verweisend, nur 
anzuführen, dass wir den Grund dieser Erscheinungen 
ohne Zweifel in der grossen Nähe des nördlichen Thei- 
les von Sachalin zum Continente zu suchen haben, zu- 
mal sich dort all winterlich durch das Gefrieren des 
Amur-Limanes eine feste und ununterbrochene Ver- 
bindung zwischen der Insel und dem Festlande herstellt, 
eine Verbindung, wie sie südlich vom Amur^Limane 
nicht mehr statt hat. Wir dürfen also die Insel Sachalin 
hinsichtlich der Zusammensetzung und des Charakters 
ihrer Säugethierfauna nicht sowohl als das letzte End- 
glied der in Meridianrichtung südlich von ihr gelegenen 
japanischen Inselkette, sondern vielmehr als eine vom 
nördlichen Amur-Lande, von der Amur-Mündung süd- 
wärts auslaufende Halbinsel betrachten, die je näher 
zum Heerde ihrer Säugethierbelebung, dem sibirischen 
Festlande, um so reicher an ihr überkommenen Thier- 
arten ist, je weiter aber von demselben ab, um so är- 
mer wird, indem sie alsdann manche von den nordli- 



l) Reisen und Forsch, im Ajxiur-Lande. I. p. 194 — 202. 



— 101 — 

eben Arten einbüsst, ohne dass neue, südlichere For- 
men hinzukämen. 

Gehen wir nun an die Besprechung der einzelnen 
aus dem südlichen Sachalin durch Hrn. Schmidt uns 
zugegangenen Nachrichten, indem wir uns dabei an 
die bei Abhandlung der Säugethiere des Amur-Landes 
von mir beobachtete Reihenfolge halten wollen. 

Sehr häufig ist im Süden Sachalin's der Bär, Ursus 
arctos L., bei den Aino issô genannt 2 ), und überall, 
sowohl an der nackten Meeresküste, wie im hohen Grase 
und Gebüsche sind seine Spuren zu finden. Wir möch- 
ten dafür halten, dass er dort sogar häufiger als auf 
dem Continente in der Gegend der Amur -Mündung 
und im unteren Amur-Lande überhaupt sei, da schon 
Kr us en s tern 3 ) und Langsdorff 4 ) ausdrücklich be- 
merken, dass in allen Aino-Häusern der Bai Aniwa. die 
sie oder die Officiere ihres Schiffes besuchten, stets 
ein junger Bär anzutreffen war, der von den Hausbe- 
wohnern auferzogen wurde, um dereinst getödtet und 
verspeist zu werden, während ich im Amur-Lande bei 
den Giljaken und Mangunen, bei denen dieselbe Sitte 
herrscht und die ausserordentlich lecker nach Bären- 
tieisch sind, so wie andererseits auch eine grosse Ge- 
schicklichkeit im Einfangen dieses Raubthieres be- 



2) Nach Klaproth (s. Langsdorff. Bemerk, auf einer Reise 
uni die Welt. Frankf. a. M. 1812. I. p. 301.) heisst der Bär bei den 
Aino der Südseite von Tschoka (Sachalin) chitgnjukf und ziramandi. 
Er führt auch eine Bezeichnung der Aino der Kurilen und Kam- 
tschatka^ für dieses Thier an, und zwar kamui, welches jedoch 
nur der allgemeine Aino-Ausdruck für die Gottheit ist. Nach Pallas 
(Zoogr. Rosso-Asiat. I. p 65.) kommt der Bär auf deu Kurilen nicht 
vor. 

3) Reise um die Welt. St. Petersburg 1811. II. p. 79. 

4) l; c. I. p. 285. 



— 102 — 

sitzen, doch lange nicht so viel Bären sah, und ein 
gefangener Bär bei ihnen immer für einen Gegenstand 
von sehr hohem Preise gilt. Die Ursache dieser grös- 
seren Häufigkeit der Bären im südlichen Sachalin 
dürfte aber vielleicht in dem grösseren Überflusse 
an Nahrung als auf dem Continente liegen ; denn 
vermuthlich nimmt der Bär auf Sachalin ebenso wie 
in Kamtschatka seine meiste Nahrung aus dem Fisch- 
reiche und namentlich von den verschiedenen Lachs- 
arten, au denen die Meeresküste wie die Gebirgs- 
flüsse und Bäche des südlichen Sachalin's überaus 
reich sind. Bekanntlich ist es der Fischreich thum, 
der die Japanesen jährlich in grosser Zahl nach der 
Bai Aniwa und der angränzenden Westküste Sachalin's 
lockt und der sie hauptsächlich auch zur Besitznahme 
dieser Gegenden veranlasst hat. Nach Krusenstern 
ist die Bai Aniwa so fischreich, dass die im Dienste 
der Japanesen befindlichen, sehr zahlreichen Aino zur 
Zeit der Ebbe die Fische nicht mehr mit Netzen zu 
fangen, sondern mit Eimern zu schöpfen pflegen 5 ). Ähn- 
liche Mengen von Lachsen fand La Pérouse allent- 
halben, wo er an der Westküste Sachalin's landete, so 
in den Baien de Langle, d'Estaing, de la Joncquière, 
am Lachsflusse (Torrent des Saumons) u. s. w. 6 ). Hier 
ist also auch für die ichthyophagen Bären jederzeit 
eine^reichliche Tafel gedeckt, 

Ganz anders verhält es sich mit dem Vielfrass, 



5) Krusenstern, 1. c. p. 71. Bekanntlich erhielt auch die Bucht 
im Grunde des Aniwa-Golfes von dem Holländer Vries, der sie im 
Jahre 1643 entdeckte, ihres Lachsreichthums wegen den Namen 
Za^m - Bay. 

6) La Pérouse, Voyage autour du monde, rédigé par Mil le t- 
Mureau. Paris 1797. III. p. 32, 35, 49 u. a. 



— 103 — 

Gnlo borealis Nil s s. Zwar bestätigt sich meine Ver- 
muthung, dass er, dem Rennthiere nachgehend, bis in 
den Süden der Insel sich verbreite, allein er ist dort 
nur sehr selten. Die Aino nennen ihn kûtzi. Für die 
kurilischen Inseln stellt ihn Pallas 7 ) bekanntlich in 
Abrede. 

Ein sehr häufiges Thier auch im südlichen Sacha- 
lin ist der Zobel, Mustela zibellina L., bei den Aino choinu 
genannt 8 ). Ausführlicheres über sein Verhalten auf die- 
ser Insel, sein local verändertes Aussehen und die Be- 
deutung der Zobelfelle im Handel der Japanesen fin- 
det man in meinem Reisewerke. 

Nicht minder häufig ist die Fischotter, Luira vul- 
garis Erxl., bei den Aino jèssamân\ deren Fell nächst 
demjenigen des Zobels von den Japanesen am meisten 
gesucht und geschätzt wird. Auch ihr kommt natür- 
lich der oben erwähnte Fischreichthum der Insel sehr 
zu gute, wie sie denn dort ajich entschieden häufiger 
als auf dem Continente und von besonderer Güte des 
Felles ist. 

Dagegen soll die See otter, Enhydris marina Schreb., 
den Aino von Sachalin nur dem Namen nach bekannt 
sein. Wir erinnern, dass S teil er sie nicht über die 
3te Kurilische Insel südwärts gehen Hess 10 ); schon 



7) Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 74. 

8) Nach des Japanesen M ami a Rinso Angaben (s. Sie bold, 
Nippon. VII, p. 174 u. 182.): foinu und hoinu; in meinen Reisen 
und Forsch, im Amur-Lande. I. p. 27: goinu, jedoch nur fraglich, 
weil nach Angabe der Sachalin-Giljaken. 

9) Nach M ami a Rinso (s. Sie bold, 1. c. p. 184) isjamani; bei 
den Bewohnern der Kurilen nach Pallas (Zoogr. I. p. 77) isaman. 

10) Novi Comment. Acad. Scient. Petrop. II. 1751. p. 386. Des- 
selben Ausführl. Beschr. von sonderbaren Meerthieren. Halle 1753. 
p. 191. 



— 104 — 

Pallas konnte sie jedoch nach den Berichten russi- 
scher Seefahrer fast von jeder der Kurilen bis nach 
den nördlich von Urup in der Strasse der Boussole 
gelegenen kleinen Tschirpoi-Inseln nennen"), und Sie- 
bold erzählt sogar von einzelnen Fällen ihres Erschei- 
nens an der Nordküste von Jesso und Nippon, wo sie 
jedoch, wenn jemals regelmässig verbreitet, den Nach- 
stellungen der Jäger hat weichen müssen i2 ). Dennoch 
kommt sie auch gegenwärtig noch südlicher als Pal- 
las angab vor, da Hr. Schmidt von ihrem Vorkom- 
men bei Iturup erfuhr. Dass sie ehemals auch an den 
Küsten von Sachalin nicht unbekannt, wenn auch nur 
sehr selten war, dafür spricht die vom Japanesen 
Mamia Rinso uns überlieferte Bemerkung, dass die 
Bewohner von Sachalin ihre Tributsgeschenke an die 
Mandshu- Beamten in Deren am Amur vorzüglich in 
schwarzen Seeotterfellen (rakko) zu entrichten hatten, 
statt deren aber freilich auch gewöhnliche Flussotter- 
und Fuchsfelle genommen wurden 13 ). Gegenwärtig je- 
doch geben sich , wie ich schon an einem anderen 
Orte angeführt habe 14 ), weder die Giljaken noch die 
Aino von Sachalin mit der Jagd auf Seeottern ab, 
was wohl den besten Beweis dafür liefern dürfte, dass 
wenn sich noch Seeottern an den Küsten Sachalin's 
sehen lassen sollten, dies nur als seltner Ausnahme- 
fall betrachtet werden müsse, womit sich denn auch 
die oben angeführte Nachricht unseres Reisenden in 
Übereinstimmung bringen lässt. — Die Bezeichnung 

11) Neue Beschreibung der Kurilischen Inseln (nach einem 
russ. Original.), s. Neue nord. Beitr. IV. p. 119 — 130. 

12) Fauna Japon. Mammalia. Dec. 2. p. 36. 

13) Siebold, Nippon. VII. p. 180 u. 187. 

14) Reisen und Forsch", im Amur-Lande. I. p. 44. 



— 105 — 

der Seeotter bei den Aino von Sachalin lautet nach 
Hrn. Schmidt trdchko, was sowohl mit den von Pal- 
las 15 ), Klaproth IG ) und Siebold 17 ) angeführten Na- 
men (raku und rakko), als auch mit demjenigen, den 
ich bei den mit der Seeotter nur durch die Aino be- 
kannten Mangunen des Amurlandes hörte (takko), ziem- 
lich nahe übereinstimmt, ja zum Theil eine Vermitte- 
lung zwischen beiden ist. 

Vom Canis- Geschlechte nennt uns Hr. Schmidt 
für das südliche Sachalin — den Haushund abgerech- 
net — seine beiden am weitesten verbreiteten Reprä- 
sentanten, den Wolf, C. luptis L., und den Fuchs, C. 
vnlpes L., von denen der erster e, bei den Aino horokéo 
genannt 18 ), nur selten, der letztere dagegen, bei den 
Aino ssümari™), sehr häufig sein soll. Dass ausser die- 
sen beiden noch eine dritte Canis- Art im südlichen 
Sachalin und auf den japanischen Kurilen vorkommt, 
werde ich weiter unten nachzuweisen versuchen. 

Unzweifelhaft auch für das südliche Sachalin ist 
das Vorkommen des Luchses, Felis Lynx L., obschon 
er dort nur sehr selten sein soll; ja, ob er die Süd- 
spitze der Insel erreiche, muss noch dahingestellt 

15) Zoogr. I. p. 100. Pallas giebt übrigens «Me Bezeichnimg 
rakko und eine andre, kâikii, als kurilisch u. japanisch zugleich an. 

16) S. Langsdorff, 1. c. I. p. 301. Für die Seeotter auf den 
Kurilischen Inseln ist hier die Bezeichnung kjakko angeführt, wel- 
che mit der zweiten Pallas'schen nahe übereinkommt. 

17) Nippon. VII. p. 182; nach Mamia Rinso. 

18) Bei den Aino der Kurilen und des südlichen Kamtschatka^ 
nach Pallas (Zoogr. I. p. 36.) u. Klaproth (s. Langsdorff 1. c. 
p. 302.): orgiü. 

19) Nach Klaproth (1. c): schumari u. schiumari ; nach Ma- 
mia Rinso (Siebold 1. c): tsironop, wofür sich auch unter den 
kurilischen Bezeichnungen bei Pallas und Langsdorff nichts 
Ähnliches findet. Sollte es vielleicht eine der zahlreichen Farben- 
varietäten von C. vulpes bezeichnen? 

Mélanges biologiques. IV. 14 



— 106 — 

bleiben. Hr. Schmidt erfuhr seinen Arno-Namen, 
mnokoi, im Äino-Dorfe Porokotan (Pilja-wo, d. i. 
«grosses Dorf» der Giljaken), das an der Westküste 
von Sachalin in etwa 50° n. Br., nahe der nördlichen 
Gränze der Aino-Bevölkerung liegt. 

Sehr interessant ist es uns eine fernere Nachricht 
über das Vorkommen des Tigers, Felis Tigris L., auf 
Sachalin zu erhalten. Sie bestätigt das von mir dar- 
über in Erfahrung Gebrachte vollständig. Sowohl die 
Sachalin-Giljaken, wie die Oroken fand Hr. Schmidt 
mit dem Tiger bekannt: die ersteren bezeichneten ihn 
mit dem auch am Amur bisweilen gebräuchlichen Na- 
men khmtsch, die letzteren mit demselben Namen wie 
ihre Stammverwandten, die Mangunen am Amur, näm- 
lich dussä, und beide bekräftigten, dass er zuweilen, 
wenn auch selten, an den Quellen der Flüsse Ty und 
Tyniy sich sehen lasse. Im südlichen Theile der Insel 
fehlt er dagegen ganz, und den Aino ist er auch dem 
Namen nach nicht bekannt. Es unterliegt also kei- 
nem Zweifel, dass er, wie ich es darzuthun versucht 
habe 20 ), nur als seltner Gast vom Festlande nach 
der Insel hinüber schweift, und zwar indem er dazu 
die natürliche Brücke benutzt, die sich im Winter 
durch das Gefrieren des Amur-Limanes bis zum Gap 
Lasarev herstellt. Gewiss aber beweist diese Erschei- 
nung in der prägnantesten Weise die oben erörterte 
Abhängigkeit der Säugethierbelebung der Insel von 
dem ihr im Norden nahe gelegenen Continente, da 
wir hier sogar eine ihrem Gepräge nach südliche 
Thierart nur im nördlichen, ausserordentlich rauhen 



20) Reisen und Forsch, im Amur-Lande. I. p. yö. 



— 107 — 

und nicht mehr im milderen südlichen Theile der In- 
sel antreffen. 

Hinsichtlich der kleinen, immer schwer zu erlangen- 
den Chiropteren lassen sich natürlich nicht viel Nach- 
richten erwarten. Indessen ist es Hrn. Schmidt doch 
gelungen, zwei Arten Fledermäuse im südlichen Sa- 
chalin zu erbeuten, von denen er die eine als Pleco- 
tus auritus L. bezeichnet, bei den Aino kippuchténka 
— ein Name, der aber vermuthlich, wie es mit sol- 
chen kleinen, den Eingeborenen nutzlosen Thieren 
meistens zu gehen pflegt, nur genereller Natur ist und 
auch für andere Fledermausarten gilt. 

Dass es der Insel Sachalin an walrlbewohnenden 
Nagern aus der Gruppe der Eichhörnchen nicht fehle, 
habe ich besonders im Gegensatze zur Fauna der 
Halbinsel Kamtschatka hervorgehoben, auf welcher 
in Folge der waldlosen Strecken, die sie im Norden 
von der sibirischen Waldung trennen, diese Thierarten 
sämmtlich ausbleiben 2I ). Auffallenderweise gedenkt 
Hr. Schmidt des gemeinen Eichhörnchens, Schirm 
vulgaris L., für das südliche Sachalin gar nicht, da es 
doch im mittleren und nördlichen Theile der Insel 
recht häufig ist und, so viel ich erfahren konnte, auch 
bis an das Südende derselben geht. Dagegen führt er 
wohl seine beiden Geschlechtsverwandten, und zwar 
das fliegende Eichhörnchen, Pteromys volansh., bei 
den Aino tsiügo, als stellenweise häufig und Tamias 
strialus L., bei den Aino atdchniki, als selten an. 

Von Mäusen wurden drei Arten erbeutet, doch 
erfahren wir weder welche Arten, noch ob es über- 



21) Reisen und Forsch, im Àmur-Lande. I. p. 118 u. 200. 



• —108 — 

îiaupt Mus- oder Ârvicola- Arten seien. Den für die- 
selben bei den Aino von Sachalin (offenbar nur generell) 
gebräuchlichen Namen éremu 22 ) findet man bei Pal- 
las 23 ) fast unverändert (aerrrni) als Bezeichnung der 
Kurilenbewohner fur Mus musculus L, wieder, was 
jedoch keineswegs gegen die Möglichkeit seiner etwai- 
gen Geltung auch für die Feld-, ja sogar für die in 
den Augen des gemeinen Mannes nicht wesentlich 
verschiedenen Spitzmäuse spricht. Dass übrigens Mus 
musculus h. und M. decumanus Pali, im Süden Sacha- 
lins vorkommen, lässt sich bei dem langjährigen und 
häufigen Verkehre dieser Insel mit Japan, wo diese 
Thiere allgemein verbreitet sind 24 ), kaum bezweifeln. 
Der Hase, bei den Aino ôssuki, ist auf Süd-Sachalin 
häufig. Es ist ohne Zweifel der auch im nördlichen 
Theil der Insel verbreitete Lepus variabilis Pall. Er- 
wägt man jedoch, dass er am Südende Sachalin's in- 
mitten eines milderen Küstenklima's und jedenfalls 
nahe der Äquatorialgränze seiner Verbreitung steht, 
so liegt die Vermuthung nahe, dass sich dort dieselbe 
Erscheinung wie in gleichen Breitengraden auf dem 
anstossenden Festlande , wir meinen am mittleren 
Ussuri, wiederholen dürfte, wo wir neben dem ganz 
typischen L. variabilis auch die bisher nur aus den balti- 
schen Küstenländern bekannte Form, den L. canescens 
Nil ss., auftreten sahen 25 ). Bei der unzweifelhaften 



22) Nach Klaproth (s. Langsdorff, 1. c ), bei den Aino von 
Süd-Sachalin und Jesso: irimo, bei denjenigen von Süd-Kamtschat- 
ka: ermit. 

23) Zoogr. I. p. 166. 

24) Fauna Japon. Mammal. Dec. 1. p. 6. Desgl. Wiegmann's 
Arch, für Naturgeschichte. Jahrg. V. 1839. II. p. 409. 

25) Zool. Nachrichten vom Ussuri und von der Südküste der 



— 109 — 

Abhängigkeit, welche die Säugethierfauna Sakhalin's 
vom nördlichen Amur-Lande verräth, wo L. canescens 
fehlt, wäre die Entscheidung dieser Frage von ganz 
besonderem Interesse, da das Vorkommen dieses Ha- 
sen im südlichen Sachalin einen sprechenden Beweis 
mehr dafür abgäbe, dass man ihn nur als südliche, li- 
torale Varietät von L. variabilis zu betrachten habe. 

Über die Verbreitung des Moschusthieres, Moschus 
moschiferush,, bis nach dem südlichen Sachalin konnte 
ich schon in den Jahren 1855 und 56 zuverläs- 
sige Nachrichten einziehen 26 ). Nach Hrn. Schmidt 
kommt es dort aber nur sehr vereinzelt — offenbar in 
den gebirgigsten Partieen des Innern — vor und trägt 
bei den Aino den Namen ôppokai 2 '). 

Ähnlich verhält es sich auch mit dem Rennthier, 
Cervus Tarandus L., bei den Aino tünnakai 28 ). Zwar 
geht es bis nach der Bai Aniwa hinunter, allein im 
südlichen Theile der Insel sind es doch nur einzelne 
Strecken, auf denen es angetroffen wird; so z. B. am 
Traiziska - See ~ 9 ), am Cap Notoro nördlich (?) von 
Notosama, an der Tentoga (?) in der Aniwa -Bai, so 



Mandshurei, s. Bullet, de l'Acad. Imp. des Sc. de St.-Pétersb. T. IV. 
p. 183. Mél. biolog. T. III. p. 692. 

26) Reisen und Forsch, im Amur-Laude. I. p. 163. 

27) Nach M ami a Rinso (Siebold, Nippon. VII. p. 182 und 
185.): likunkamoi. 

28) Nach M ami a Rinso (1. c): tonakai. Auf seinen Reisen im 
östlichen Sachalin lernte M. R. auch den Gebrauch des Rennthiers 
bei den Oroken kennen. 

29) Auf den japanischen Karten der Insel Krafto von Mogami 
Tokunai und Mamia Rinso (s. Siebold, Atlas von Land- und 
Seekarten vom Japan. Reich. N 9 3.): Raitsiska, welches auch der 
Aino- (u. japanische) Name für den Pic Lamanon von Lapérouse 
ist, den angeblich höchsten Berg von Süd-Sachalin, in etwa 49° n. Br. 



— HO- 
wie an dem zum Naibu mündenden Flüsseben Takoi 30 ) 
u. s. w. Dagegen fehlt es der Ostküste des Aino- 
Landes, ist auch im Golfe der Geduld nicht zahlreich 
und wird erst weiter nördlich von demselben häufiger. 
Dort sollen die Rennthiere namentlich im Winter aus 
dem Norden nach den mit krüppeliger Lärchenwal- 
dung bewachsenen Niederungen an der Westküste bei 
Tyk und Poghobi ziehen, wo man sie alsdann in grösster 
Zahl findet und wo ich in der That während meiner 
beiden Reisen fast täglich auf grössere oder kleinere 
Rudel derselben gestossen bin, und im Sommer dage- 
gen wiederum höher im Norden häufiger sein. Jedenfalls 
also steigt das hochnordische Rennthier — und in sei- 
nem Gefolge auch der Vielfrass — auf der Insel Sa- 
chalin bis zu dem Südende, d. i. also bis zu der Breite 
von Astrachan, der Krym, Triest, Mailand oder Lyon 
herab. Bezeichnendere Züge für die klimatischen Ver- 
hältnisse dieser Insel und zugleich auch des nörd- 
lichen litoralen Ostasiens überhaupt lassen sich wohl 
kaum finden. 

Hinsichtlich der Meeressäugethiere, der Pinnipe- 
dien und Cetaceen, in den Gewässern Süd-Sachalin's 
sind die Nachrichten unseres Reisenden spärlicher 
und unbestimmter. Da er die meiste Zeit seiner Rei- 
sen an der Westküste von Sachalin zugebracht hat und 
auch längs dieser letzteren zur Südspitze der Insel 
hinabgegangen ist, so beziehen sich seine Erfahrungen 
in dieser Hinsicht speciell auf den südlichen Theil der 
Meerenge der Tartarei. 



HO) Diese letztere Angabe verdanke ich einer Mittheilung des 
Hrn. Lient. Rudanofski, der den Winter 1853 — 54 in der Bai 
Aniwa zugebracht und in dieser Zeit auch mehrere Reisen im süd- 
lichen Sachalin ausgeführt hat. 



— Ill — 

Zunächst erhalten wir von zwei Robben Kunde, 
denen die Aino die Namen pakni und ônne beilegen. 
In der ersteren, deren Fell mit kleinen schwarzen 
Flecken auf gelbbraunem Grunde gezeichnet ist, lässt 
sich mit grosser Wahrscheinlichkeit die nach S i eb o 1 d's 
Erfahrungen 31 ) an den Küsten Japan's und nach den 
meinigen 32 ) in der Meerenge der Tartarei wie im Amur- 
Limane häufig verbreitete , ja auch im Amur Strome 
noch weit hinaufgehende Phoca nummularis Schi eg. 
erwarten. Dafür scheint mir ausser der erwähnten 
Zeichnung des Felles auch der Umstand zu sprechen, 
dass das erwachsene Thier dieser Art, welches sich 
ausschliesslicher an der Meeresküste aufhält, das süsse 
Wasser des Amur-Limanes und Stromes aber nur 
wenig berührt und jedenfalls an den Aino-Küsten Sa- 
chalins häufiger und heimischer als an denjenigen 
der Giljaken ist, bei letzteren eine dem Aino-Namen 
sehr ähnliche, ja vielleicht sogar demselben entlehnte 
Bezeichnung trägt. Die erwachsene Robbe dieser Art 
heisst nämlich bei den Continental - Giljaken pygki, 
was in dem meistens das y in a umsetzenden Dialekte 
der Sachalin -Giljaken paghi und also dem pakui der 
Aino sehr ähnlich lauten dürfte. 

Was den andern Aino-Xamen (ônne) betrifft, so bin 
ich geneigt, denselben nicht sowohl auf eine Phoca im 
engeren Sinn, als vielmehr auf den S teller'schen See- 
bären, die Otaria nrsina L. zu beziehen, da sich für die- 
se bei Pall as 33 ) die kurilische Bezeichnung onnep findet. 
Und zwar dürfte dies die Bezeichnung für das erwach- 



31) Fauna Jap. Mammal. Dec. 3. p. 3. 

32) Reisen und Foräch. im Amur-Lande. I. p. 180. 

33) Zoogr. I. p. 103. 



— 112 — 

sene Tliier sein, da uns das jüngere (kötik der Russen) 
von Hrn. Schmidt ausdrücklich unter dem Aino- 
Namen tdrga angegeben wird. Dies ist auch die Be- 
zeichnung, die mir die Mangunen so häufig für das- 
selbe Thier anführten, das sie aber freilich ebenso oft 
auch mit der Seeotter (takko) verwechselten. Offenbar 
haben sie also jenen Namen von den Aino entlehnt, 
durch deren Vermittelung sie dieses Thier hauptsäch- 
lich kennen, während sie es in ihrer eigenen Sprache 
nur durch Umschreibung, als mu-nyghty, d.i. Wasser- 
wildschwein, zu bezeichnen wissen. 

Häufiger jedoch als die Otaria ursina scheint in den 
Gewässern Sachalin's, und namentlich im südlichen 
Theile der Meerenge der Tartarei eine 2te Ohrrobbe, 
der Steller'sche Seelöwe, Otaria Steiler i Less. (Phoca 
leonina Pali., ssiwûtsch der Russen) zu sein, der die Aino 
den Namen iteispi geben 34 ). Schon Steller kannte die 
Verbreitung derselben längs denKurilen bis nach Jesso, 
ja er hielt sogar ihre Zahl dort für eine besonders 
grosse, indem er eine der Ursachen, warum die See- 
ottern nach Süden nicht über die 3te Kurilische Insel 
hinaus gingen, in dem Umstände suchte, dass die süd- 
licher gelegenen Inseln überaus reich an Seelöwen und 
Seebären seien, die den Ottern nachzustellen und sie 
zu verzehren pflegten 3a ). Auch die späteren Reisenden, 
wie Krusen stern und Langsdorff, erwähnen der 
Seelöwen in den Gewässern Süd-Sachalin's wiederho- 
lentlich 36 ), und Letzterer erzählt namentlich von einem 

34) Bei den Bewohnern der Kurilen nach Pallas (Zoogr. I. p. 
104): etaspe. 

35) Novi Comment. Acad. Sc. Petrop. IL p. 388. Ausführt. Be- 
schreibung von sonderbar. Meerthiereu. p. 193. 

36) Krusenstern, Reise um die Welt. II. p. S9. 



— 113 — 

fürchterlichen Gebrüll und Getöse, das sie in der Nähe 
der Felsklippe la Dangereuse, südlich vom Cap Crillon, 
hörten und das von einer unbeschreiblichen Menge 
theils auf dem Felsen lagernder und theils um densel- 
ben schwimmender Seelöwen und Seehunde herrühr- 
te 37 ). Dass wir es aber hinsichtlich dieser Seelöwen 
in der That mit der 0. Stellen zu thun haben, beweist 
Schlegel's sehr genaue und ausführliche Untersu- 
chung der aus Japan erhaltenen Individuen, der wir 
auch vorzügliche Abbildungen des ganzen Thieres wie 
seines Skeletes verdanken 38 ). Die grosse Zahl der See- 
löwen am südlichen Sachalin wird uns nun auch durch 
Hrn. Schmidt bestätigt: «bei stillem Wetter, schreibt 
er, umgaben uns die Seelöwen in Schaaren». Auch Hr. 
Rudanofski erzählte mir, dass er auf seinen Winter- 
reisen im südlichen Sachalin an beiden Küsten und 
vorzüglich an der westlichen sehr oft auf Reste von 
der See ausgeworfener Seelöwen und Seehunde ge- 
stossen sei, deren Fleisch bisweilen noch so frisch und 
wohlerhalten war, dass die ihn begleitenden Aino nicht 
umhin konnten, Halt zu machen und sich zugleich 
mit ihren Hunden an demselben zu laben. 

An Cetaceen endlich sah Hr. Schmidt in der Meer- 
enge der Tartarei recht zahlreiche Walfische, die die 
Aino hümpe nannten; doch Hess sich die Art, der sie 
angehörten, nicht ermitteln, und wagen wir es auch 
nicht, bei den mehrfachen Arten, die uns theils aus 
denselben und theils aus den angränzenden Gewässern, 



37) Langsdorff, Bemerk, auf einer Reise um die Welt. I. p. 
289. 

38) Fauna Japon. Mammal. Dec. 3. p. 10—12. Tab. XXI— XXIII. 

Mélanges biologiques IV. 15 



— 114 — 

dem Japanischen und Ochotskischen Meere bekannt 
sind, eine Vermuthung darüber auszusprechen. 

Zum Schlüsse theilt uns der Reisende noch eine 
kurze, unbestimmte, den Angaben eines Japanesen auf 
Sachalin entnommene Nachricht mit, die uns aber nach 
der Deutung, die wir ihr geben zu müssen glauben, 
eine für die Fauna der Kurilischen Inseln jedenfalls 
neue Säugethierart aufdeckt und daher ausführlicher 
besprochen zu werden verdient. Ein Japanese erzählte 
ihm nämlich, «dass es im nördlichen Theile von Jesso, 
so wie auf den Inseln Kunaschir und Iturup einen 
wilden Waldhund gebe, der kleiner aber stärker als 
der Wolf und von gelblichweisser Farbe sei; die Ja- 
panesen nennen ihn oe'm«, die Aino ûkamU. Offenbar 
ist es dasselbe Thier, von welchem sich auch in der 
Fauna Japonica eine Nachricht findet. Dort heisst 
es" 9 ): «Les Japonais font encore mention dans leurs 
écrits d'un chien sauvage qu'ils nomment Ookame (chien 
de montagne) 40 ); c'est disent ils une espèce intermé- 
diaire entre le chien de chasse et le loup ou Jamainu. 
Cet Ookame, selon le naturaliste japonais no 1 an s an, 
est un animal d'un gris brun, pourvu d'une longue queue 
grise àfloconblanc, et dont les joues sont également blan- 
ches. Les pieds ont des doigts pourvus de membranes, 
aussi nage -t- il parfaitement et on le voit poursuivre t 



39) Mammal. Dec. 2. p. 38. 

40) Im Wörterverzeichniss der Komischen, Japanischen u. a. 
Sprachen in Siebold's Nippon VI. p. 31. findet sich oho kamt auch 
als die japanische Bezeichnung für den Wolf schlechtweg genannt, 
allein die Fauna Japonica belehrt uns in diesem Punkte spe- 
rieller, indem sie für den Wolf {Can. hodophilax Teinni. , der nach 
unsrem Dafürhalten mit dem gemeinen Wolf, C. lupus L.. identisch 
ist) den Xamen jamainu angiebt, den oho kami oder ookame aber 
'in erklärt lässt. 



— 115 — 

sa proie sur les eaux comme à terre. h'Ookame aban- 
donne rarement les contrées élevées; lorsque les fri- 
mats régnent sur ces chaînes montagneuses, il descend 
dans les vallées, et devient alors dangereux pour les 
habitants des hameaux.» Demnach scheinen nun, was 
zunächst den Namen betrifft, die Japanesen dieses Thier 
ebenso wie die Aino zu nennen, was wir um so eher 
glauben möchten, als die von Hrn. Schmidt ange- 
führte japanische Bezeichnung oenu nur eine gene- 
relle zu sein scheint, indem inn nach Pallas 41 ) und 
Siebold 42 ) der japanische Name für den Haushund 
oder den Hund schlechtweg ist und sich auch in den 
zusammengesetzten Bezeichnungen der verschiedenen 
Haushundracen findet 43 ). Woher aber diese gleiche Be- 
zeichnung bei Aino und Japanesen herrühren mag, ob 
vielleicht, wie es den Anschein hat, daher, dass es für 
Japan eben nur ein nordisches, ausschliesslich im Ge- 
biete der Aino, nämlich im nördlichen Jesso und auf 
den südlichen Kurilen vorkommendes Thier ist, das 
den Japanesen zuerst durch Yermittelung der Aino be- 
kannt geworden sein mag, oder aber aus andern Grün- 
den, vermögen wir nicht zu entscheiden. 

Es fragt sich nun, was unter dieser Bezeichnung für 
ein Thier gemeint sein könne? Die oberflächlichste Er- 
wägung der angeführten Nachrichten genügt, um den 
Gedanken fern zu halten, dass es der Eis- oder Polar- 
fuchs, Cants Ingopush. sei. Audi erwähnen wir des- 
sen nur aus dem Grunde, weil die Ansicht, dass die 

41) Zoogr. I. p. 58. 

42) Nippon. III. p. 108., VI. p. 31. 

43) So kari-imi auch no-inu (Feldhund), bawa-inu auch muku- 
inu (rother Hund), kai-inu (Küstenhund); s. Fauna Japon. Mamm, 
Dec. 2. p. 37. 



— 116 — 

Kurilischen Inseln vom Eisfuchse bewohnt seien, zu 
wiederholten Malen und neuerdings noch durch Sie- 
bold 44 ) ausgesprochen worden ist. Dass gleichwohl 
Pallas nicht als Gewährsmann für diese Ansicht ge- 
nanntwerden dürfe, hat Hr. Akad. v. Baer 45 ) ausführ- 
lich dargethan, indem die in Pallas' Neuen Nordischen 
Beiträgen 46 ) mitgetheilte Beschreibung der Kurilischen 
Inseln zwar für mehrere derselben, und namentlich für 
die löte (Ketoi) und die 18te (Urup), ausser den rothen 
Füchsen auch «weisser undweisslicher» erwähnt, allein 
ohne darunter mehr als blosse Varietäten von Canis 
vulpes zu verstehen. Das geht sowohl aus Pallas' 
Zoographia Rosso-Asiatica, in der man wohl eine ku- 
rilische Bezeichnung für C. vulpes, nicht aber für C. la- 
gopus findet, als auch aus einer russischen, in Sche- 
lechov's Reisebeschreibung befindlichen und mit je- 
nem Aufsatze in Pallas' Nordischen Beiträgen fast 
wörtlich übereinstimmenden Schilderung der Kurilen 
hervor, in welcher die weissen Füchse dieser Inseln 
unter dem russischen Namen lissiza (C. vulpes), nicht 
aber pesséz (C. lagopus) angeführt werden 47 ). Da aber die 

44) Fauna Japon. Mamm. Dec. 2. p. 40. 

45) Bulletin Scientif. publ. par l'Acad. Imp. des Sc. de St. -Pé- 
tersbourg. T. IX. p. 94. 

46) Bd. IV. p. 112 — 141. 

47) Tp ht. IlIe-iexoBa nepßoe CTpaHCTBOBaHie ct> 1783 no 1787 
roui* h3t> OxoTCKa no Boctomhomy OneaHy kt> AaiepnK. ôeperaiwb 
h np. Bo rpaA'fe Cb. üeTpa. 1793. p. 111 u. 119. Bei der erwähnten, 
fast wörtlichen Übereinstimmung des auf die Kurilen bezüglichen 
Capitels in Schelechov's Reise mit der Beschreibung dieser In- 
seln in Pallas' Nordischen Beiträgen glaubte Hr. v. Baer in dem- 
selben die Quelle gefunden zu haben, aus welcher der letztere 
Aufsatz vorzüglich geschöpft worden sei. Allein da der bezügliche 
Band der Pallas'schen Beiträge in demselben Jahre erschien, in 
welchem Schelechov seine Reise von Ochotsk aus antrat (1783), 
so sind wir vielmehr der Ansicht, dass Letzterer selbst seine Be- 



\ 



— 117 — 

erwähnte Beschreibung der Kurilen in Pallas' Beiträ- 
gen nach Originalberichten russischer Seefahrer ent- 
worfen ist, die selbst alle jene Inseln bis nach Jesso be- 
sucht hatten, so müssen wir ihren Angaben mehr Glau- 
ben schenken, als der nur beiläufig in der Fauna Ja- 
ponica gemachten Bemerkuug, dass es auf den Kuri- 
lischen Inseln auch Eisfüchse gebe, und die Richtigkeit 
dieser letzteren Angabe daher entschieden in Zweifel 
ziehen. Übrigens stellt auch die Fauna Jap onica den 
vermeintlichen Eisfuchs der Kurilen nicht in Bezie- 
hung zum ookame der Japanesen. Diesen handelt sie 
vielmehr nicht unter den Füchsen, sondern, wie die ja- 
panische Nachricht an die Hand giebt, zwischen Hund 
und Wolf ab. Und darin stimmen wir ihr vollkommen 
bei, da nach unserer Ansicht der ukami oder ookame 
nichts Anderes als der Alpenwolf, Canis alpinus Pali., 
sein dürfte. 

Dafür sprechen zunächst die Angaben über die Grös- 
se und Gestalt dieses Thieres, dass es nämlich kleiner 
als der Wolf, die Mitte zwischen diesem und dem ja- 
panischen Jagdhunde haltend, und mit langem buschi- 
gem Schwänze versehen sei. Ferner lassen sich auch 
die Angaben über die Färbung, welche übrigens aus 
den Aussagen der Eingeborenen immer nur annä- 
hernd entnommen werden dürfen, recht wohl auf C. 



Schreibung der Kurilen aus jenem russischen Originalaufsatze ge- 
nommen habe, den Pallas für seine Beiträge übersetzt und mit 
Anmerkungen versehen hat. Auch ist Seh elech ov's Beschreibung 
der Kurilen, trotz ihrer Übereinstimmung mit der von Pallas über- 
setzten, doch in manchen Stücken kürzer und gewissermassen nur 
ein sehr ausführlicher Auszug aus letzterer. Übrigens hat Sehe - 
lechov selbst die Kurilen nicht besucht, mit Ausnahme der nörd- 
lichsten, an denen seine Reise von Ochotsk nach Amerika und zu- 
rück vorüberführte. 



— 118 — 

alpinus deuten. Zwar wäre «gelblichweiss», wie es in 
Hrn. Schmidt's Nachricht heisst , für die Gesammt- 
farbe des Alpenw r olfes, mit dem von mir beschriebe- 
nen und abgebildeten Amur-Exemplare 48 ) verglichen, 
zu hell; es dürfte nur auf die Unterseite des Thieres 
passen. Allein das Amur-Exemplar ist vielleicht auch 
von ausnahmsweise dunkler Färbung; wenigstens steht 
ihm in unserem Museum ein altaisches zur Seite, das 
sehr viel heller und zwar im Allgemeinen oben nur fahl- 
gelb, unten weiss ist. Dabei ist das Wollhaar bei bei- 
den hellgelblichgrau oder schmutzig gelblich und der 
Basaltheil der Contourhaare immer nur weisslich (was 
mitunter auch für das ganze Haar gilt), so dass ein 
nur einigermassen verwühltes Fell ein sehr viel hei- 
leres Ansehen hat. Das muss aber natürlich um so 
mehr der Fall sein, je länger die Behaarung ist, am 
meisten daher am Schwänze, woraus sich denn auch 
die in der Fauna Japonica befindliche Angabe eines 
grauen, weisszipfligen Schw r anzes hinlänglich erklären 
lässt. Übrigens giebt diese letztere Nachricht dem ooka- 
me auch insgesammt eine dunklere Färbung als die er- 
stere, indem sie die Hauptfarbe als braungrau bezeich- 
net, das Weiss aber nur an den Wangen hervorhebt. 
Endlich mag hinsichtlich der Färbung des C. alpinus 
noch bemerkt werden, dass sie gegenüber den mit 
vielem Schwarz versehenen Wolfsfellen, wie sie im öst- 
lichen Sibirien und dem Amur-Lande nicht selten sind 
und wie sich welche ohne Zweifel auch in Japan (vor- 
ausgesetzt, dass C. hodophüax, wie wir es darzuthun 
versucht haben* 9 ), identisch mit C. lupus sei), so wie 



48) Reisen und Forsch, im Amur-Lande. I. p. 48. Taf. II. 

49) Reisen und Forsch, im Amur-Lande. I. p. 46. 



— 119 — 

auf Sachalin und den Kurilen finden mögen, immer 
nur als eine viel hellere, sei es röthlich-, sei es gelb- 
lich-weisse erscheinen müsse. 

Mehr aber noch als die Färbung spricht für unsere 
Deutung des ukami der in beiden Nachrichten ange- 
gebene Aufenthalt dieses Thieres. Die erstere Nach- 
richt nennt ihn einen Waldhund, die letztere noch 
bezeichnender einen Alpenhund , der die Gebirgs- 
gegenden nur selten verlasse; nur wenn die Nebel 
im Gebirge herrschend werden , steigt, er in die Tha- 
ler hinab und wird dann den Dorfbewohnern gefähr- 
lich. Dies stimmt so vortrefflich mit Allem, was ich 
im Amur- Lande über das Vorkommen des C. alpinus 
erfahren habe, überein und hebt die wesentlichen Be- 
dürfnisse für den Aufenthalt des Alpenwolfes, Wald 
und Gebirge, gegenüber dem gemeinen Wolfe, dem 
grade umgekehrt am meisten ebene, niedrige, offene 
oder doch nur th eilweise bewaldete Gegenden zusa- 
gen, so prägnant hervor, class es uns auf den ersten 
Blick, und ehe wir noch die Angaben über Gestalt und 
Färbung des ukami genauer erwägen konnten, auf C. 
alpinus hinwies. Freilich führt der japanische Natur- 
forscher, dem die Nachricht in der Fauna Japonic a 
entnommen ist, zugleich an, dass man den ookame seine 
Beute ebensogut im Wasser wie auf dem Lande habe 
verfolgen sehen, da er ein vortrefflicher Schwimmer sei 
und zu dem Zwecke auch Schwimmhäute an den Zehen 
habe; allein hier wird man der Phantasie des japani- 
schen Berichterstatters jedenfalls einige Rechnung tra- 
gen und vielleicht nur so viel gelten lassen müssen, 
dass der ookame zuweilen seine Beute auch aus dem 
Wasser hole, wozu ihm namentlich die in den Gebirgs- 



— 120 — 

bächen Jesso's und der südlichen Kurilen sehr häufigen 
Lachsarten Gelegenheit bieten dürften. Sehen wir doch 
auch seinen nächsten Verwandten, den gemeinen Wolf, 
so wie den Fuchs, den Bären, ja sogar den Zobel, der 
doch im Übrigen ein baumkletterndes Waldthier ist, ihre 
Nahrung unter Umständen mehr oder weniger auch aus 
dem Fischreiche nehmen. Warum sollte es daher C. 
alpinus, zumal in der Zeit, wo es in den Gebirgsbächen 
seiner Heimath von verschiedenartigen, aus dem Meere 
aufsteigenden Lachsen wimmeln mag, nicht ebenfalls 
thun? Übrigens darf man gefasst sein, in den Erzäh- 
lungen der Eingeborenen über den Alpenwolf auch in 
diesem Theile seines Verbreitungsgebietes manches 
Übertriebene und Fabelhafte zu hören, gleich wie es 
uns unter den Giljaken, Mangunen und Golde im Amur- 
Lande zu wiederholten Malen begegnet ist, wozu na- 
türlich der Aufenthalt dieses Thieres in den entlege- 
neren, wildesten Gebirgsgegenden und sein seltnes, 
wohl nur durch stärkeren Hunger veranlasstes und dar- 
um auch besonders gefährliches Erscheinen in der 
Nähe bewohnter Orte das Meiste beitragen mögen. 
Daher denn auch hier, genau wie bei den Eingebore- 
nen des Amur-Landes, eine besondere Furcht vor die- 
sem Thiere und die gangbare Vorstellung, dass es ein 
dem Wolfe an Grösse zwar nachstehendes, an Stärke 
aber überlegenes Thier sei. 

So sehr jedoch alles Angeführte auf C. alpimts 
hinweisen mag, so hätten wir uns doch nicht so be- 
stimmt dahin auszusprechen gewagt, wenn uns nicht 
auch von Seiten der geographischen Verbreitung die- 
ses Thieres bestimmende Gründe vorlägen. Denn wie 



— 121 — 

bereits bekannt 50 ), ist C. alpimts über das gesammte 
Amur-Land, vom Stanowoi-Gebirge herab bis zu dem 
oberen Ussuri und seinen Zuflüssen, so weit es an den 
erforderlichen Bedingungen zu seinem Vorkommen, 
wir meinen an Wald und Gebirge, nicht fehlt, über- 
all verbreitet; ja er geht auch auf die wald- und ge- 
birgsreiche Insel Sachalin hinüber, wo er den Gilja- 
ken unter dem von der Bezeichnung ihrer Vettern 
am Amur nur wenig abweichenden Namen ischchö- 
damlatsch allgemein bekannt ist und , ihren Aussa- 
gen gemäss, bis nach dem Südende der Insel sich 
verbreitet. Auf ihn möchten wir daher auch den von 
Klaproth 51 ) vom südlichen Sachalin für den Wolf 
(schlechtweg) angeführten Aino - Namen Uschi kamoi 
beziehen, da dieser Name von der Bezeichnung des 
C. lupus, sowohl wie sie Hr. Schmidt im südlichen 
Sachalin hörte 52 ), als auch wie sie Pallas für die Ku- 
rilen angiebt, ganz verschieden ist und dagegen mit 
dem ukami nahe übereinstimmt. Und so ist uns denn 
C. alpimis bereits bis zur unmittelbaren Gränze des- 
jenigen Gebietes bekannt, für welches die Erzählun- 
gen der Japanesen den ukami nennen, nämlich das nörd- 
liche Jesso und die anstossenden Kurilen, Kunaschir 
und Iturup. Fügt man noch hinzu, dass C. alpimts wahr- 
scheinlich nur ein Bewohner des Nordens von Japan ist 
und südlich von Jesso wohl nicht mehr vorkommen 



50) Middendorff, Reise in den äuss. Norden u. Osten Sibir. 
II. 2. p. 71. Schrenck, Reisen u. Forsch, im Amur-Laude. I. p. 50. 
Maximowicz, Nachrichten vom Ussuri-Fluss, s. Bullet, de l'Acad. 
des Sc. de St.-Pétersb. II. p. 500. Desselben Nachrichten vom Ssun- 
gari-Fluss, Bullet. IV. p. 234. 

51) S. Lang s dor ff, 1. c. p. 302. 

52) Siehe oben. 

Mélanges biologiques. T. IV. 16 



— 122 — . 

dürfte, so bleibt die Insel Sachalin auch als die Brücke 
zu betrachten, die ihn vom Festlande Asien's bis nach 
den bereits mit halb oceanischem Charakter versehe- 
nen Kurilischen Inseln hinübergeleitet hat. 

Ist nun unsere Deutung des ukami richtig und dür- 
fen wir ihr zufolge C. alpinus als Bewohner der Ku- 
rilen betrachten, so lernen wir damit in der an Land- 
säugethieren nur sehr armen Fauna dieser Inseln 
einen wesentlichen Zug mehr kennen. Soweit man 
nämlich diese Fauna bisher kennt, ist sie nur aus mehr 
oder minder kosmopolitischen Formen zusammenge- 
setzt, Formen, die entweder über die nördlichen und 
gemässigten Breiten beider Welten verbreitet sind, 
wie namentlich der Wolf, der Fuchs und in viel ge- 
ringerem Grade auch der Zobel 53 ), oder aber wenig- 
stens in der alten Welt eine vom Atlantischen bis 
zum Stillen Ocean ausgedehnte Heimath haben, wie 
Flussotter, Wiesel 54 ), Hermelin u. s. w. Diesen kos- 
mopolitischen Formen steht nun C. alpinus in der Ku- 
rilenfauna als eine eingeschränktere, specifisch mittel- 
asiatische gegenüber. Wir dürfen ihn daher als die 
prägnanteste, continentalste Form dieser Inselfauna 
bezeichnen, als dasjenige Glied derselben, durch wel- 
ches sie mit der Fauna des asiatischen Festlandes in 
mittleren Breiten specifisch verbunden wird. 

Allein dieser continentalere Zug in der Säugethier- 



53) Über die Identität des asiatischen und amerikanischen Zo- 
bels s. Brandt, Beiträge zur näheren Kenntniss der Säugethiere 
Russlands. St. Petersb. 1855. p. 16, in den Mém. de l'Acad. Imp. des 
Sc. de St.-Pétersb. T. VII. Desgl. meine Reisen und Forsch, im 
Amur-Lande. I. p. 31. 

54) Wenn das amerikanische gemeine Wiesel, Ahistela pusilla De 
Kay, in der That eine selbständige Art und nicht viel mehr, wie 
Richardson (Fauna boreali americ. I. p. 45.) u. a. annehmen und 
wie gewiss viel wahrscheinlicher ist, mit M. vulgaris Briss. iden- 
tisch sein sollte. 



— 123 — 

fauna der Kurilen kommt lange nicht allen Gliedern 
dieser Inselkette zu. Die japanische Nachricht, auf 
welche wir fussen , nennt ihn vielmehr bloss für die 
südlichsten derselben, für Kunaschir und Iturup. Dies 
sind aber freilich auch die einzigen noch zum japani- 
schen Reiche gehörigen Kurilen, und es liesse sich 
daher die Vermuthung aussprechen, dass der Grund, 
weshalb uns die Japanesen den C. alpinus nicht auch 
über Iturup hinaus angeben , vielleicht nur in der auf 
die Gränzen ihres Reiches beschränkten Kenntniss 
derselben liege. Gleichwohl dürfte uns diese Ver- 
muthung nicht weit führen. Denn auf den beiden 
von den genannten japanischen Kurilen zunächst nach 
Nord gelegenen Inseln, Urup und Ssimuschir, hat die 
russisch - amerikanische Compagnie zeitweise kleine 
Factoreien gehabt und hat sie zum Theil noch, und 
dennoch findet sich in den Listen der ihr zugegange- 
nen Felle C. alpinus niemals genannt 05 ). Die nörd- 
lichsten Kurilen bis nach der 12ten (Matua) dürften 
aber schon aus dem Grunde von der Verbreitung des 
C. alpinus ausgeschlossen bleiben, weil es auf densel- 
ben, nach den Berichten der Seefahrer, keine gute, 
hohe Waldung, sondern nur Laubgestrüppe oder nie- 
driges Krummholz giebt. So scheint also C. alpinus in 
der That nicht über Iturup hinaus zu gehen, und je- 
denfalls ist er nur eine Form der südlichen, nicht auch 
der nördlichen Kurilen. Dasselbe dürfte aber in Folge 
der erwähnten Differenz in der Bewaldung der nörd- 
lichen und südlichen Kurilen auch mit mancher an- 
deren Thierart, wie z. B. mit dem Zobel der Fall 
sein. Gewiss wird man daher schon jetzt den Schluss 



55) Wrang eil, Nachrichten über die russischen Besitzungen 
in Amerika, s. Baer u. Hei m er sen, Beitr. zur Kenntn. des Buss. 
Reichs. 1. p. 23. OTnexb Pocc. Aaiep. Komd. sa 1856 r. crp. 28. 

npHJIOtfv. 2 h 3. 



— 124 — 

ziehen dürfen, dass die Säugethierfauna der südlichen 
Kurilen reicher als diejenige der nördlichen sei. Und 
dies Resultat wird uns, nach den erwähnten vegetativen 
Verhältnissen und den, wenn auch nicht grossen, doch 
jedenfalls statthabenden klimatischen Differenzen auf 
diesen Inseln, nicht weiter befremden, wenn wir nicht 
zugleich erwägen wollen, dass die nördlichen Ku- 
rilen unmittelbar an das hinsichtlich der Säugethier- 
fauna in der Regel reichere Festland, die südlichen 
dagegen nur wiederum an eine in dieser Beziehung 
immer schon mehr oder weniger verarmte Inselwelt 
sich anschliessen. Hier aber bleibt uns nur zu be- 
merken übrig, dass derjenige Theil des Festlandes, 
an den sich das Nordeude der Kurilenkette anschliesst, 
die Halbinsel Kamtschatka, aus Gründen die wir be- 
reits oben angegeben haben 56 ), selbst eine ärmere, den 
gleichen Breitengraden Sibirien's gegenüber gewisser- 
maassen nur insulare Säugethierfauna besitzt, wäh- 
rend die Insel Sachalin, die über Jesso hinüber die Ver- 
mittelung nach den südlichen Kurilen abgiebt, hin- 
sichtlich ihrer Säugethierfauna viel reicher ist und ge- 
wissermaassen wie eine mit dem Festlande in den Brei- 
ten der Amur -Mündung verbundene Halbinsel sich 
verhält. Dadurch dürfte also die auf der Inselkette 
der Kurilen nach Norden statthabende Verarmung in 
der Säugethierfauna, auch insofern sie nicht bloss 
eine Äusserung des allgemeinen Gesetzes organischer 
Verarmung in der Richtung nach den Polen wäre, 
eine hinlängliche Erklärung finden. 



56) Vergl. auch meine Reisen und Forsch, im Amur -Lande. I. 
p. 118 u. 200. 



(Aus dem Bulletin, T. IV, pag. 413 — 433.) 





TIRES DU 



BULLETIN 



DE 



I/ ACADÉMIE IMPERIALE DES SCIENCES 



DE 



ST.-PETERSBOURG. 



Tome IV. 

Livraison 2 



(Avec 2 Planches.). 



St.-PETERSBOIRG, 1862. 

Commissionnaires de l'Académie Impériale des sciences: 
à Su-Petersl>ours à Riga à Leipzig 

MM.EggersetC ie , M. Samuel Schmidt, M. Leopold Voss. 

Prix : 50 Kop. = 17 Ngr. 



Imprimé par ordre de l'Académie. 
Août 1862. C. Tes se lof ski, Secrétaire perpétuel. 



Imprimerie de TAcadémie impériale des sciences. 



CONTENU. 

Page 

j. f. Brandt. Bemerkungen über die Zahl der Halswirbel 

der Sirénien 125—128. 

— Einige Worte über die verschiedenen Entwickelungs- 

stufen der Nasenbeine der Seekühe (Sirenia) 129 — 130. 

Fr. Ruprecht. Vorläufiger Bericht über meine Reise nach 

dem Caucasus 131 — 144. 

Fr. Schmidt. Botanische Nachrichten über Sachalin. Aus- 
zug aus einem Schreiben an Hrn. Rup recht 145 — 148. 

Dr. Wenzel «ruber. Über einige seltene durch Bildungs- 
fehler bedingte Lagerungsanomalien des Darmes bei 
erwachsenen Menschen. (Mit 2 Abbildungen.) 149 — 164. 

K. f. v. Baer. Nachträge zu dem Aufsatz e : «Über ein 
neues Project Austern -Bänke an der russischen Ost- 
see - Küste anzulegen und über den Salzgehalt der 
Ostsee » 165—172. 

— Bericht über die Bereicherung der craniologischen 
Sammlung der Akademie in den Jahren 1860 und 

1861 173—179. 

.%ug. Morawitz. Vorläufige Diagnosen neuer Coleopteren 

aus Südost-Sibirien 180—228. 

K. v. Baer. Or. Weisse und Hag. Goebel. Vorläufige 

Nachricht von den Sammlungen, die der Lieutenant 

Ulski im Kaspischen Meere gemacht hat 229 — 236. 

Aug. Morawi«/,. Vorläufige Diagnosen neuer Carabiciden 

aus Hakodade 237—247. 



20 December 1861. 
1 Januar 1862. 

Bemerkungen über die Zahl der Halswir- 
bel der Sirénien, von J. F. Brandt. 

Wie bekannt werden der Gattung Ma na ms und von 
S tel 1er auch der Rhytina ausnahmsweise nur sechs 
Halswirbel zugesprochen , nicht 7, in welcher Zahl 
sie bei den andern Säugethieren gewöhnlich auftreten. 
Blain ville (Ostéogr. Manatus, p. 49) erklärt sich gegen 
eine solche Ansicht. Er meint, dass einer der Wirbel 
(der sechste) bei Manatus verloren gehe , weil sein 
Körper verkümmere , sein Bogen zwar im Fleische 
bliebe, aber mit demselben wegpräparirt würde. Auch 
legt er im Betreff" seiner Annahme von 7 Halswirbeln 
bei Manatus besonders darauf ein Gewicht, dass beim 
Dugong ganz entschieden deren 7 vorkämen, welche 
Zahl er auch an einem Skelete des Manatus australis 
gesehen habe. Weitere umfassende Nachweise für seine 
Ansicht liefert er dagegen keineswegs, wiewohl sie zur 
Widerlegung der Annahme von nur sechs Halswirbeln, 
wie wir sie bei Daubenton, Cuvier, A. Wagner, 
Schlegel (siehe meine Symbol. Sirenolog. Parsl,p. 96 
Stannius und andern ausgezeichneten Forschern fin- 
den, sehr wünschenswerth erscheinen müssen. Ebenso 
vermissen wir bei ihm die Mittheilung, dass bereits 

Mélanges biologiques. T. IV. 16* 



— 126 — 

Al. v. Humboldt, E. Home und Robin den Laman- 
tin's sieben Halswirbel zuerkennen. 

Da Steller bei der Rhytina ebenfalls nur sechs 
Halswirbel annimmt und meine darauf bezüglichen 
osteologischen Studien eine vergleichende Osteologie 
aller noch lebend gesehenen Gattungen bezwecken, 
so musste ich mich darin, wenn auch nur kurz, über 
die Zahl der Halswirbel bei der Gattung Manatus aus- 
sprechen (siehe Symbol. Sirenol. P. II, p. 4.5). Es stand 
mir allerdings nur ein, freilich sehr wohl erhaltenes, 
Skelet des Manatus latirostris zu Gebote, das ich aber 
als ausreichend ansehen zu können glaube, um einen 
Beitrag zur Entscheidung der Halswirbel -Frage lie- 
fern zu können. 

Was die Rhytina anlangt, so müssen ihr ganz ent- 
schieden, wie schon Giebel (Die Säugethiere , Leipzig 
I8ö5. 8. p. 116) vermuthete, sieben Halswirbel zuge- 
sprochen werden. Das Köpfchen der ersten Rippe ar- 
tikulirt zwar mit seiner vordem Hälfte mit einer Ge- 
lenkgrube des Körpers des siebenten Halswirbels und 
der Höcker (tuberculiim costae) der genannten Rippe 
legt sich so innig an den starken Querfortsatz des 
fraglichen Wirbels, dass man ihn, freilich nur bei ober- 
flächlicher Betrachtung, mit Steller für einenRücken- 
wirbel halten, der nordischen Seekuh also nur sechs 
Halswirbel zuschreiben könnte. Bedenkt man indessen, 
dass nicht blos bei Halicore, sondern auch bei den 
Pachydermen und den meisten Wiederkäuern sich die 
erste Rippe mit dem vordem Theil ihres Köpfchens 
in eine Gelenk Vertiefung des siebenten Halswirbels 
legt, so bietet das ähnliche Verhalten derselben bei 
Rhytina nichts Auffallendes. Dagegen möchte ich die 



— 127 — 

innige Verbindung der vordem Fläche des Höckers 
der ersten Rippe mit dem Querfortsatze des siebenten 
Halswirbels als eine Hinneigung zu Manatus ansehen, 
Rhytina also auch in dieser Beziehung als eine, wenn 
auch nicht vollkommene, Art Mittelstufe zwischen 
Halicore und Manatus (siehe meinen Aufsatz im Bulletin 
sc. T. IV, 1861. p. 304. n. 305. Mélang. biol. T. IV, 
p. 75 — 77 und Spicileg. Sirenol. P. II, p. 46 et 48) 
betrachten. 

Bei Manatus weicht nämlich im Vergleich zu Rhytina 
die Einlenkung der ersten Rippe um eine noch weiter 
fortgeschrittene Entwickelungsstufe ab. Das Köpfchen 
derselben verbindet sich nämlich gar nicht mit dem 
achten der hinter dem Schädel befindlichen, den er- 
sten Rückenwirbel anderer Säuge thiere darstellenden, 
Wirbel, sondern seine vordere Hälfte artikulirt mit 
einer Gelenkhöhle des Körpers des sechsten Hals- 
wirbels, der also in dieser Hinsicht die functionelle 
Bedeutung des siebenten Halswirbels der Halicore 
und Rhytina, so wie der Pachydermen und Wiederkäuer 
übernimmt. Die hintere Hälfte des Köpfchens der 
ersten Rippe artikulirt dagegen mit einer Gelenkgrube 
des Körpers des siebenten der unmittelbar hinter 
dem Schädel liegenden Wirbel, während das Höcker- 
chen derselben mit einer Gelenkiläche des Querfort- 
satzes des fraglichen Wirbels eine bewegliche Verbin- 
dung eingeht. 

In functioneller Hinsicht entspricht also der frag- 
liche Wirbel einem, und zwar dem ersten, Rücken- 
wirbel. Seinem Baue nach erscheint er aber, nament- 
lich durch die Gestalt seines schmalen Körpers und 
Bogens, als einer der Halswirbel, denen er auch in 



— 128 — 

Bezug auf sein numerisches Verhalten nach Maass- 
gabe der andern Säugethierskelete zugezählt werden 
kann. 

Legen wir also ein grösseres Gewicht auf seine 
functionnelle Seite , so lässt sich der siebente der 
unmittelbar auf den Schädel folgenden Wirbel der Ma- 
natïs als erster Rückenwirbel ansehen und zwar um 
so mehr, da die sich mit ihm verbindende Rippe, die 
vorderste der beiden mit dem Brustbein verbundenen 
Rippen, also eine wahre Rippe ist. Die ManatPs be- 
säßen demnach nur sechs Halswirbel, bildeten daher 
allerdings unter den Säugethieren eine seit Dauben- 
ton's Zeit statuirte , wohl begründete, neuerdings 
auch von Stannius angeführte Ausnahme. 

Eine solche Ausnahme contrastirt indessen mit 
dem Skeletbau der andern Säugethiere, so wie mit 
der Gestalt, der geringen Grösse, der Zahl und der 
Lage des fraglichen Wirbels. Auch liesse sich be- 
merken, dass auch bei den Vögeln und bei Bradypus 
rippentragende Halswirbel vorkommen , die Hals- 
wirbel also die Function von Rückenwirbeln über- 
nehmen. Das fragliche Verhalten des siebenten Wir- 
bels könnte also auch als eine blosse Anomalie be- 
trachtet werden, so dass er sich dennoch als Hals- 
wirbel ansehen Hesse. Eine solche Ansicht hätte den 
Vortheil, eine grössere (ja allgemeine) Übereinstim- 
mung in die Zahl der Halswirbel der Säugethiere zu 
bringen, während freilich die erstere Ansicht einer 
mehr physiologischen Auffassung entspricht und über- 
dies auch das nulla régula sine exceptione für sich in 
Anspruch nehmen kann. 

(Aus dem Bulletin, T. V, p. 7 — 10.) 



20 December 1861. 
1 Januar 1862. 

Einige Worte über die verschiedenen Ent- 
wiekelungsstufen der Nasenbeine der 
Seekühe (Sire nia), von J. F. Brandt. 

Bei Gelegenheit meiner ausführlichen Untersu- 
chungen über den Skeletbau der Rhytina und der 
beiden ihr verwandten noch lebenden Gattungen (Ha- 
licore und Manatus) fand sich Veranlassung, nähere 
Untersuchungen über die fraglichen Knochen anzu- 
stellen. Dabei spielte gerade die Form eine Haupt- 
rolle, deren Bau zwar zuerst bekannt wurde, deren 
letzte Reste jedoch bald nach ihrer Entdeckung, wie 
unser College Hr. v. Baer nachwies, durch Menschen- 
hand vertilgt wurden, so dass nur noch ihre Gaumen- 
platte nebst ihrem Knochengerüst von mir näher ver- 
gleichend untersucht werden konnten; ich meine die 
Rhytina. Ohne Untersuchung mehrerer Rhytina- Schä- 
del hätten sich aber, trotz der trefflichen Bemerkungen 
von Stannius, keine so schlagenden Beweise gegen 
Blainville's Cuvier wiederlegende Ansicht bei- 
bringen lassen, wie ich sie in dem unter der Presse 
befindlichen zweiten Theile meiner Symbolae Sirenolo- 
gicae schriftlich (p. 19) und bildlich (Tab. I Fig. 3 — 6) 
zu liefern vermochte. Die gegenwärtigen Zeilen haben 
nur zum Zweck, diejenigen Naturforscher auf meine 

Mélanges biologiques. IV. 17 



— 130 — 

eingehenden Untersuchungen aufmerksam zu machen, 
welche sich einerseits für die Entscheidung der Frage 
interessiren, ob Cuvier die wahren Nasenbeine richtig 
erkannte, oder ob man B lain vi lie beistimmen müsse, 
dass derselbe Knochen, die den Muscheln zuzuzählen 
wären, irrigerweise die Bedeutung von Nasenbeinen 
beigelegt habe; während ihnen andererseits eine nähere 
Kenntnissdes Verhaltens der Nasenbeine der Sirénien 
wünschenswerth erscheint. Ich erlaube mirdahergegen- 
wärtig nur folgende Hauptresultate meiner Beobach- 
tungen mitzntheilen. 

1) Die Knöchelchen, welche Cuvier bei Manatus 
als Nasenbeine deutete , können auf keine anderen 
Schädelknochen bezogen werden. 

2) Die Nasenbeine der Sirénien bieten aber, wie 
meine an llalicore, der fossilen Gattung Halitherium, 
namentlich aber an der vertilgten Gattung Rhytina 
angestellten Untersuchungen nachweisen, sehr merk- 
würdige, so viel ich weiss, noch unbekannte, sogar 
individuelle Abweichungen, die sich bis zur Verküm- 
merung (in früher Zeit!) so wie umgekehrt später zur 
völligen Verschmelzung mit den Stirnbeinen steigern 
können. 

3) Sie erscheinen bald nur als fast kegelförmige 
(zwei Schädelfragmente der Rhytina) oder mandel- 
ähnliche (Manatus, manche Individuen von llalicore) 
in einer vom Stirn- und Siebbein gebildeten Höhle ge- 
lagerte Knochen, deren vorderes (äusseres) Ende ganz 
und gar nicht oder nur wenig (in manchen Schädeln 
von Rhytina und Halicore) als schwächerer oder stär- 



— 131 — 

kerer, kürzerer oder längerer, säumender Streifen am 
äussern Seitentheile des vordem Stirnbeinrandes her- 
vortritt. 

4) An einem andern (ganzen) Schädel der Rhytina 
sah ich dagegen, wie auch bei einem unserer Schädel 
von Halicore , den genannten Saum sich gegen die 
Mitte oder fast bis zur Mitte des vordem Stirnbein- 
randes als schmalen Streifen hinziehen. 

5) Ein zweiter ganzer Schädel, der unserem Skelet 
angehört, zeigt den genannten Saum auf einer so 
ansehnlichen Stufe der Entwickelung, dass er jeder- 
seits nicht nur die Mitte des vordem Randes der 
Stirnbeine erreicht und mit dem des Nasenbeines der 
entgegengesetzten Seite zusammenstösst, sondern eine 
solche Breite und Länge gewonnen hat, um ein wah- 
res, freilich ziemlich kurzes, viereckiges Nasenbein zu 
bilden, wie es, nur in anderer (abgerundet-pyramida- 
ler oder ovaler) Form, an den Schädelresten der fos- 
silen Gattung Halüherium erscheint. 

6) Bei einem dritten, offenbar einem alten Thier 
zuzuschreibenden Schädel scheinen die genannten Na- 
senbeine mit dem Stirnbein verschmolzen zu sein. 

7) Die von Cuvier bei Manalus schlechthin als 
Nasenbeine angesehenen Knöchelchen werden daher, 
nach Maassgabe der oben angedeuteten verschiede- 
nen Entwickelungsstufen der Nasenbeine bei Rhytina, 
als eine niedere, in der Entwickelung stehen geblie- 
bene Stufe von Nasenbeinen anzusehen sein. Sie kön- 
nen namentlich nur als Basaltheile derselben betrach- 
tet werden, bei denen aus Entwickelungs-Mangel die 



— 132 — 

an den vordem Stirnrand sich legenden plattenartigen 
Theile, welche man als eigentliche Nasenbeine zu be- 
trachten gewohnt ist, nicht zum Auftritt gelangten. 



(Aus dem Bulletin, T. V, pag. 10 — 12.) 



6 , 20 December 1861, 

rs et 



18 1 Januar 1862. 

Vorläufiger Bericht über meine Reise nach 
dein Caucasus« von Fr. Ruprecht. 

Vor Kurzem aus dem Caucasus zurückgekehrt von 
meiner offiziellen l 1 . jährigen Sendung, erstatte ich 
der Académie einen gedrängten Bericht über die 
wichtigsten Resultate dieser Reise. 

Der Hauptzweck dieser Sendung war eine bota- 
nische Untersuchung des östlichen Caucasus , haupt- 
sächlich jener Theile Daghestans , welche bisher nur 
militairischen Expeditionen offen standen. Zwei Som- 
mer brachte ich in verschiedenen, besonders gebir- 
gigen Gegenden des südlichen, nördlichen, mittleren 
und oberen Daghestan zu, in Gegenden, die zu 2 gros- 
sen Flussgebieten gehören , dem Samur und Sulak 
(welcher letztere aus der Vereinigung der 4 Koissu 
gebildet wird). Im Spätsommer und Herbste bereiste 
ich Tuschetien, Chewsurien, Pschawien und Ossetien, 
durchgängig Partieen, die bisher ebenfalls botanisch 
sehr wenig oder meist gar nicht untersucht waren. 
Selbst die so oft betretene grosse Strasse über den 
Caucasus (von Wladikawkas nach Tiflis) bot im Monat 
Mai eine unerwartete Menge neuer botanischen Be- 
obachtungen. So erstreckten sich meine Reisen im 

Mélanges biologiques. IV. 17* 



— 134 — 

östlichen Caucasus vom Caspischen Meere bei Pe- 
trofsk und von dem oberen Flussgebiete des Samur, 
westlich bis zur Gränze von Digorien und bis zur 
oberen Radscha. Die übrige Zeit, vom October bis 
April, die zu Reisen im Hauptgebirge nicht mit Vor- 
theil verwendet werden konnte , diente zur Beobach- 
tung der Frühlingsflora in Grusien und zur Berei- 
sung der Niederungen und Küstengegenden im west- 
lichen Caucasus, zum Studium der Wälder und der 
Cultur-Versuche daselbst. 

Es ist nicht auffallend, dass bei dem Zwecke mei- 
ner Sendung , in Folge welcher zuweilen Gegenden 
betreten werden mussten , die entweder gar nicht 
oder nur von wenigen Eingeborenen, gelegentlich Räu- 
bern, besucht werden, — ohne Absicht selbst einige 
geographische Entdeckungen gemacht wurden. Als 
solche müssen erwähnt werden: 1) Der höchste Punkt 
desBogos-Gebirges, ein steiler schwer zu ersteigender 
Gipfel, der jetzt bei den Einwohnern des mittleren Da- 
ghestans unter dem Namen «Barjätinski» bekannt ist 
und als bleibendes Denkmal an einen Maecenas wissen- 
schaftlicher Unternehmungen erinnern wird; die Basis 
dieser Pyramide oder Kuppe ist nach meiner barome- 
trischen Messung von dem Director des Tifliser Obser- 
vatoriums Hrn. Moritz auf 2053 Toisen oder 13,127 
Fuss engl, berechnet. 2) Der Alpen -See Tâne in 
Chewsurien, in dessen Mitte periodisch eine Wasser- 
säule mehr oder weniger hoch sich erheben soll; der 
See liegt 1160 Tois. =7417' engl, über dem Meeres- 
niveau und hat keinen oberirdischen Abfluss. Er nimmt 
einen Bach auf, während ein zweiter 380' über dem 
Niveau des See's plötzlich verschwindet. Nach den 



— 135 — 

Aussagen von Jägern soll im Winter die Mitte des 
See's nicht ganz zufrieren oder die Wassersäule von 
einer wulstigen Eisröhre umgeben sein. 3) Das 
Gränzgebirge zwischen Tuschetien und dem Lande 
der Kisten, welches die Wasserscheide zwischen den 
Zuflüssen des Perekitl'schen Alasan und des Scharo- 
Argun bildet und nur sehr selten von den Gränz- 
bewohnern überschritten wird, erhebt sich zu Höhen 
von 13 bis 14,000'. Meine Aufgabe war es, in diese 
Querthäler und. Schluchten von Tuschetien aus ein- 
zudringen. Hier giebt es Correctionen für die besten 
Karten und imposante Berggipfel , die selbst dem 
Namen nach bis jetzt unbekannt sind. So heisst z. B. 
der (Berg) Diklos-mtha der Karten , an Ort und 
Stelle bei den Tuscheten Chuschetis-mtha, bei den 
Lesghinern «Hakol-mejer» und ist das Ende einer 
schwer zugänglichen Schlucht, die die Gränze zwischen 
Unkratl und Tuschetien bildet. Der wahre Diklos- 
mtha, liegt eine Schlucht weiter nach Westen und 
ist durch den Felsengiat Tscherolm-mtha davon ge- 
trennt , der sich zu einer sehr steilen malerischen 
Kuppe «Zumberech» erhebt. Die höchste Spitze des 
Diklo - Gletscher heisst Sulhum - tschulibak (Vogel 
Greif), westlich davon liegt der Gipfel Pizzaro (d. h. 
unzugängliche Stelle). Das von Diklo nach Westen 
folgende erste Thal mit dem Bache Zizchwal endigt 
sich mit 5 Hauptgipfeln, die der Ordnung nach sind: 
der schon erwähnte Pizzaro, Sadischis-tawi, Kawtaris, 
Kalowanais-zweri (der höchste), Modtschechis — aber 
keineswegs mit dem Danos-mtha. Dieser Berg Dano 
befindet sich in der Schlucht nördlich vom Dorfe 
Dano und hat 2 Gipfel. Über den westlichen Grat 



— 136 — 

des Dane- kam ich in das Thal von Tschéscho, welches 
durch die Gipiel Kömmitos - zweri (der höchste), 
Tschéschos-mtha und die 4 Spitzen des Nogiro oder 
Abdulas-gsa geschlossen wird. Der Katschu liegt 
viel weiter westlich beim Dorfe Parsma und ausser 
ihm giebt es keinen zweiten Katschu , d. h. der 
grosse Katschu existirt nicht. 4) Unter dem Namen 
Djultidagh bezeichnet man verschiedene Gipfel in der 
Nähe des oberen Laufes des Djulti -Tschai. Als der 
eigentliche Djultidagh kann jedoch kein anderer 
gelten, als jener Gletscher, der das Thal des Djulti- 
Flusses schliesst, unter welchem der Djulti- Tschai 
plötzlich als ein ansehnlicher Fluss heraustritt. Der 
Djulti-Tschai Gletscher ist der bedeutendste Gletscher, 
welchen ich im östlichen Caucasus antraf; er zeigt 
alle wesentlichen Erscheinungen der Alpen-Gletscher, 
steht aber den meisten derselben an Schönheit nach. 
Das Thal des Djulti Tschai erreicht die ausseror- 
dentliche Höhe von 1400 Tois. == 9000' engl. Der 
in der letzteren Zeit für den Djulti Dagh angenom- 
mene Berg liegt gänzlich ausserhalb des Djulti Tschai- 
Gebietes und heisst bei den nächsten Bewohnern 
Artschi-dagh oder Kurti-dagh; die früheren Karten 
z.B. von Koch, zeigen ganz richtig den Djulti-dagh 
und Kurti-dagh (als «Turpi -dagh» bezeichnet); aber 
weder dort, noch auf dem Sari-dagh fand ich eine Spur 
vulkanischer Formationen; dieser Gebirgsknoten wird 
durch den so allgemein vorherrschenden Thonschiefer 
gebildet. Der Artschi-dagh oder Kurti - dagh ist je- 
denfalls einer der höchsten Berge dieser Kette; ich 
sah ihn Mitte Juli aus einer schneefreien Höhe von 
beinahe 12,000,' durch eine Schlucht getrennt, als ei- 



— 137 — 

nen imposanten Gipfel, dessen ganze mächtige Schnee- 
kuppe über der angegebenen Höhe sich befand. 

Barometrische Höhenbestimmungen sind in grosser 
Anzahl ausgeführt worden, um die Gesetze der Ab- 
hängigkeit verschiedener Gebirgspflanzen von der 
Höhe näher zu bestimmen und mit den Ergebnissen 
der einzigen , 30 Jahre früher ausgeführten zahl- 
reichen barometrischen Angaben unseres verstorbenen 
Collegen Meyer aus anderen Gegenden des grossen 
Caucasus zu vergleichen. 

Für die Gränze der Waldregion waren bisher An- 
gaben von 6250 — 8310 engl. F. Man kann im 
Allgemeinen annehmen, dass die Wälder auf den N.- 
und NO. -Abhängen höher hinaufsteigen, als auf der 
Südseite. Längs der Lesghinischen Cordon-Linie ist 
ausgezeichnet schöner Wald, der sich 7100 — 7400' 
erhebt und dann der alpinen Region Platz macht. In 
einigen geschützten Gegenden des Gebirges erreicht 
aber die Baumregion eine Höhe von circa 9000'. 
Die frühere Angabe , dass im östlichen Caucasus 
keine Fichte (Pinus sylvestris) vorkomme, ist unrichtig ; 
man kann dies nur von der Tanne (Picea orientalis) 
behaupten. Aber in vielen Gegenden Daghestans ist 
überhaupt gar kein Wald und nicht selten ersetzt 
Rhododendron caucasicum nothdürftig das Brennholz. 
Einer der werthvollsten, nur dem Caucasus eigenthüm- 
lichen Bäume ist die Dshlkwn (Planer a Richardi oder 
Zelkowa crenata), die sich hochstämmig nur mehr an 
2 Orten vorfindet. Von der im Auslande so sehr ge- 
schätzten Tschichry (Abies Nor dm anniana), eine Art Edel- 
tanne, traf ich einen grossen Wald von 1 3 Werst Breite, 
an den Quellen des Rion. Ich muss noch einen neuen 

M él auges biologiques. IV. 18 



— 138 — 

Baum für den Caucasus erwähnen , die italienische 
Pinie fPinus Pinea), welche wenigstens seit 200 Jahren 
in Gurien wächst; diese Baumart liefert treffliches Bau- 
holz und essbare grosse Cedernüsse. 

Die alpine Region beginnt oft mit der oberen 
Gränze der Waldregion, in anderen Fällen aber viel 
höher, selten etwas niedriger; sie ist durch eigen- 
tümliche bestimmte Arten characterisirt. Aus dieser 
Region sind bisher nur gegen 600 Phanerogamen 
bekannt, eine Zahl, die um ein sehr Bedeutendes gestei- 
gert werden wird, da gegenwärtig dafür ein Material 
einzig in seiner Art vorliegt, dessen genauere Unter- 
suchung allerdings viel Zeit in Anspruch nehmen 
wird. So viel lässt sich schon jetzt sagen , dass alle 
Seltenheiten , die vor 50 Jahren oder noch früher 
von Stevenund Marschall vonBieberstein ent- 
deckt und seitdem nicht wieder gesehen wurden, 
wieder aufgefunden sind , w r ie z. B. Taphrospermum, 
Sobolewskia, Cynoglossum holosericeum i, Betonica nivea, 
Symphandra osseiiea , Viola minuta. Die w r ohlerhalten 
zurückgebrachten Sammlungen enthalten aus der 
alpinen Region Arten , und oft meliere Arten , aus 
den Gattungen Campanula^Primida^Pediciilaris, Valeriana, 
Centaurea, Jurinea, Draba, Bidbocapnos, G alanüms, Silène, 
Tripleurospermum , Herniaria, Valerianella etc., die 
man noch nicht in der Hauptkette des Caucasus be- 
obachtete und meistens auch völlig neue , bisher 
noch unbeschriebene Arten sind. Neue Gattungen 
für den Caucasus sind: Woodria, Attosurus, Pleuroplitis 
und Paederota, letztere ist eine neue Acquisition für die 
Flora Rossica. Die Caucasische Hauptkette (der grosse 
Caucasus) hat im Ganzen eine gleiche Vegetation, 



— 139 — 

doch machen sich locale Färbungen geltend, die je- 
doch nicht hinreichen zur Aufstellung verschiedener 
Floreiigebiete. Eher könnte man eine «regio riipestris» 
im Niveau der Waldregion unterscheiden, die durch 
viele eigentümliche Pflanzen charakterisirt ist, unter 
welchen die interessantesten sind Gypsophila aretioides 
und eine neue Omphalodes. Ziemlich deutlich schei- 
det sich auch die Waldregion und die Niederungen 
im östlichen und westlichen Caucasus , so dass der 
westliche Caucasus, wenigstens bis zum Suram-Gebirge 
durch Rhododendron ponticum, Laurns, Laurocerasus, 
wohlriechende Hedera, Daphne pontica, Abies Mordman- 
niana, Picea orienlalis, Taxus, Buxtis und Hex, auf die 
Bezeichnung einer immergrünen Region Anspruch 
macht. Diesem entsprechend scheidet sich auch durch 
andere Pflanzen das Rion-Gebiet deutlich von dem 
Kura-Gebiete, in welchem nach Osten immer mehr und 
mehr eine Steppen - Flora sich entwickelt. Jetzt ist 
es auch hinreichend festgestellt, dass im östlichen 
Caucasus alle Repräsentanten der Flora des Talysch- 
gebirges fehlen , von denen der nahen Lage wegen 
doch einige im Daghestan a priori zu erwarten waren. 
Die obere Gränze der alpinen Region lässt sich 
an vielen Orten durch das Ende der zusammenhän- 
genden Rasen - Vegetation bestimmen , die oft von 
Weitem als grüne Streifen sich bemerkbar macht und 
vorherrschend aus Alopecurus Pallasii und Festuca varia 
gebildet wird. Über diese Region kommen aber noch 
sehr viele einzeln wachsende , obgleich gewöhnlich 
vielstänglige Pflanzen vor, die man hochalpine oder 
arctische oder nivale nennt. Im südlichen Daghe- 
stan endigt die Rasen -Vegetation bei 10 — 11,000' 



— 140 — 

und am Sari-dagh noch etwas höher, nämlich bei 1737 
Tois. Im westlichen Caucasus , namentlich auf dem 
Elbrus und Kasbek scheint diese Linie bis 1600 Tois. 
== 10,23 T engl herabzusinken; über dieser Höhe be- 
obachtete Meyer nur 6 Phanerogamen. Bei einer 
solchen Höhe von 1600 Tois. wirdim östlichen Caucasus 
die Vegetation erst recht interessant. Erst in dieser 
Höhe erscheint z. B. eine kleine Valerianella, eine neue 
Jnrinea vom Aussehen der J. subacaulw, eine weissblü- 
hende Draba wie Kresse schmeckend, ein neues aromati- 
sches Tripleiirospermum; letztere Pflanze trat am Djulti- 
dagh erst auf in einer Höhe von 1 2 ,300'. Diese angege- 
benen Beispiele erlauben eine Entscheidung der Frage, 
bei welcher Höhe noch neue vegetabilische Formen 
im Caucasus aufzutreten beginnen und bis zu welcher 
Höhe Untersuchungen ausgedehnt werden müssen, 
um als abgeschlossen zu gelten. In einer Höhe von 
12 — 13,000' traf ich auf verschiedenen Punkten im 
östlichen Caucasus, und sogar in Blüthe, eine Anzahl 
alpiner und nivaler Pflanzen, die eine grössere Vertical- 
Verbreitung haben und daher für gemeiner gelten; so 
z. B. am Djulti-dagh bis 1945 Tois. = 12435' noch 10 
Species Phanerogamen nebst einigen Moosen und Flech- 
ten; fast ebenso viel am Felsengrat des westlichen Dano 
bei 1910 Tois. = 12213'. Auf einer Höhe von 2053 
Tois. = 13127' wachsen auf dem Bogos-Gebirge noch 
Saxifraga sibirica und Lecidea geographica. Hr. v. Cho dz- 
ko brachte im vorigen Jahre Cerastium Kasbek vom 
Gipfel des Alachun-dagh, 1997 Tois. = 12,655,' was 
um etwa 250 Tois. oder 1500' höher ist als der ur- 
sprüngliche Fundort am Kasbek; das bisher einzige 
und extreme Beispiel für den grossen Caucasus, wel- 



— 141 — 

dies durch Parrot im J. 1811 entdeckt, deshalb so viel 
Aufsehen machte, weil man bis dahin annahm, dass 
über der Schneegränze keine Phanerogamen -Vege- 
tation mehr vorkomme. An der Schneegränze des 
Ararat sammelte Moritz ein kleines Herbarium von 
36 Arten in einer Höhe von 12,500— 12,800,' was 
man auf Rechnung der isolirten und viel südlicheren 
Lage setzen könnte. Nach den jetzt gewonnenen Er- 
fahrungen im östlichen Caucasus darf man scbliessen, 
dass wenigstens die gewöhnlicheren hochalpinen Pha- 
nerogamen, so wie auch Moose undLichenen noch viel 
höher als am Ararat wachsen können, wenn nur keine 
mechanischen Hindernisse ihrem Gedeihen entgegen- 
stehen. Solche Hindernisse sind namentlich: bestän- 
diger Schnee oder Eis, bewegliches Trümmergestein 
(Steinlawinen) an steilen Abhängen und heftige Winde, 
die jede Bildung von Dammerde oder wenigstens die 
zufällige Aussaat in den Felsenspalten hindern, — 
aber niemals geringer Luftdruck und niemals Kälte. 
Die Lufttemperatur betrug auf den höchsten Stellen 
immer mehrere Grade über dem Gefrierpunkte, in ei- 
nem Falle bei 2053 Tois. sogar -+- 1 4°R. im Schatten; 
es ist aber bekannt, wie geringe Temperaturen hin- 
reichend sind zur vollständigen Entwicklung gewisser 
alpinen Formen, wie solche selbst periodischen Frösten 
im Sommer erfolgreich zu widerstehen im Stande sind. 
Ich bin daher der Meinung, dass es im Caucasus durch- 
aus keine absolute obere Gränze für gewisse Pflanzen 
gibt und dass diese Pflanzen nur deshalb noch nicht 
in einer Höhe von 14 — 18,000' und darüber nach- 
gewiesen sind, weil solche Höhen entweder noch nicht 
überall auf diese Frage untersucht sind, oder weil bei 



— 142 — 

den wenigen Besteigungen des Elbrus und Kasbek 
überhaupt keine geeigneten Stellen für Pflanzen vor- 
kamen. Solche pflanzenleere, oft ausgedehnte Strecken 
kommen im östlichen Caucasus viel tiefer vor und gar 
nicht selten bis 10,000' herab, sie wechseln aber mit 
bewachsenen Stellen ab. Die Bestimmung der Schnee- 
linie im östlichen Caucasus ist besonderen Schwierig- 
keiten unterworfen , wenn überhaupt möglich. Die 
Schneelinie auf dem Elbrus und Kasbek wurde früher 
auf 1700 und 1670 Tois. bestimmt, was noch keine 
1 1,000' ausmacht. Das Bogos-Gebirge und derDanos- 
mtha sind über 12,000' hoch, der Thebulo hat bei- 
nahe 15,000' und doch haben alle diese Giganten auf 
der Südseite im Spätsommer nur selten oder wenig 
Schnee, während auf der N.- und NO. -Seite Schnee- 
und Gletschermassen sich tief herabsenken. Man sieht 
also, dass selbst die neuere Annahme einer Schnee- 
gränze zwischen 11 — 12,000' auf den östlichen Cau- 
casus nicht passt, da viel zu viele Orte in und über 
dieser Zone ohne Schnee sind und erwiesenermaassen 
sogar Pflanzen beherbergen. 

Nicht bloss das Gebirge bietet Neues und Interes- 
santes; von Wichtigkeit sind auch die Versuche, schöne 
und nützliche Gewächse in gesegnete Gegenden ein- 
zuführen. Trans - Caucasien hat mehrere eigentüm- 
liche Fruchtbäume, die in Russland unbekannt sind; 
so kommen z. B. Unabi (die Früchte von Zizyphus vul- 
garis) und die so geschätzte Ali-Buchara (ein Mittel- 
ding zwischen Pflaume und Aprikose) nicht in den 
Handel zu uns, obgleich sie nicht schwer zu versen- 
den sind. In Cachetien, Bjelokani, Tiflis und Alagir 
gedeihen so vortreffliche in- und ausländische Obst- 



— 143 — 

sortcn. class ihre allgemeinere Verbreitung im Cau- 
casus nur zu wünschen wäre. Die Natur in Trans- 
caucasien erscheint dem gewöhnlichen Beobachter auf 
grossen Strecken monoton, die meisten Wälder sind 
von geringem Werthe als Bauholz; aber wie Grosses 
der Caucasus zu leisten im Stande ist, kann man erst 
aus den bisherigen gelungenen Acclimatisations- Ver- 
suchungen erkennen. Die Natur entwickelt in Gärten 
eine wahre Pracht, besonders im westlichen Caucasus. 
Immerblühende Rosenhecken , schattige Alleen aus 
Pawlownia, Catalpa, Stercidia, Liriodendron — immer- 
grüne Sträucher und Bäume, z. B. Myrten, Crypiomeria 
japonica, Cypressen, Kamelien, Magnolia grandiflora — 
alles im Freien und ohne Schutz im Winter. Ausser- 
ordentlich üppig ist der kaum 20 Jahre alte Krons- 
Garten von Suchum-Kalé; Acacia Julibrimn erreicht 
dort eine Dicke von 3 Fuss im Diameter. In Tiflis 
wächst die Ceder des Himalaya (Cedms DeodaraJ und 
Xanthoceras sorbi folia aus China blüht und trägt Früchte 
im Freien. Alte Ölbäume und ungeheure Lorbeerbäume 
sind bei und in Kutais. Die Korkeiche aus Portugal 
steht am besten in Kutais; dort wuchert Passiflora 
alala und Fragmin indica wie Unkraut. Hohe aber 
dünne Stämme von Layerströmia indica blühen reich 
bis in den Herbst; Chimonanthits blüht im W r inter, die 
Luft mit Wohlgeruch erfüllend. Dass der November 
kein Vorbote des Winters, sondern des Frühlings ist, 
kann man im westlichen Caucasus sehen. Doch treten 
manchmal auch hier harte Winter ein. Der Hesperi- 
den- Garten in Poti war einzig in seiner Art im Cau- 
casus; er enthielt bittere Pomeranzen, süsse Limo- 
nien, auch Citronen und süsse Apfelsinen; leider sind 



— 144 — 

alle 300 Stämme, mit Ausnahme eines einzigen, im 
verflossenen Winter bis zum Erdboden erfroren. In 
Osurgeti steht ein 25 Fuss hoher Baum von Cunning- 
hamia lanceolata, einer Araucaria ähnlich, und eine 
40 Fuss hohe schöne Sequoia oder Taxodium semper- 
virens mit Fruchtzapfen; diese Bäume sind in 15 
Jahren zu dieser Höhe aufgewachsen. Ohne einer 
praktischen Folgerung vorläufig Raum zu geben, muss 
ich noch aus Autopsie die Thatsache feststellen, dass 
der ächte chinesische Theestrauch (Thea sinensis BoheaJ 
wirklich in Gurien acclimatisirt ist, blüht und reife 
Samen ausbildet. Eine andere vielleicht wichtigere 
Entdeckung ist, dass der Campherbaum im westlichen 
Caucasus an vielen Orten im Grossen zur Gewinnung 
von Campher angebaut werden kann; der Beweis ist 
ein in Kutais acclimatisirter 20 Fuss hoher junger 
Baum. Beide , der Campherbaum und Theestrauch, 
haben dem letzten ungewöhnlich strengen Winter sieg- 
reich widerstanden. Fast alle diese nicht gehörig be- 
kannten öder nicht gehörig gewürdigten Acclimatisa- 
tions- Versuche verdankt man der Gründung des Gar- 
tens von Nikita am Südufer der Krimm durch den 
Herzog von Richelieu, so wie den Bemühungen des 
früheren Statthalters Fürst Woronzow, Versuche, 
die schon jetzt so herrliche Früchte getragen haben 
und eine unermessliche Perspektive für Acclimatisa- 
tion so vieler nützlicher Gewächse eröffnen, die von 
grösster Bedeutung für die Zukunft und das Wohl des 
Landes, die volle Aufmerksamkeit des Staates ver- 
dienen. 



(Aus dem Bulletin, T. V, p. 25 — 33.) 



17 

— Januar 1862. 

Botanische Nachrichten über Sachalin. Aus- 
zag aus einem Schreiben des Hrn. Fr. 
Schmidt an Hrn. Akadem. Ruprecht. 

Nicolajewsk 4 März 1861. 

So eben bin ich von Sachalin zurückgekehrt, um 
baldigst nochmals dahin aufzubrechen, da noch be- 
deutende Lücken geblieben sind. Diesmal ist vor- 
zugsweise die Westküste untersucht worden, bis fast 
zur Südspitze und nach N. bis zur Meerenge bei Cap 
Lazarew; ausserdem ist ein Theil der Ostküste und 
das Innere vom Golf der Geduld den Ty oder Tin 
aufwärts bis zum Tymy im Winter bereist worden. 
Ich beeile mich, Ihnen einige vorläufige Nachrichten 
über die Flora dieser Gegenden mitzutheilen. Wir 
haben zwei Hauptabtheilungen zu machen im Gebiet 
unserer Insel: die eine geht an der Westküste bis 
etwa Choi (50 Werst nördlich von Dui) und im Osten 
bis zum Golf der Geduld 49° Br. und ist durch Vor- 
herrschen von Larix dahurica ausgezeichnet, zu der 
sich oft Pinus fCembraJ pumila und ausgedehnte Tun- 
dren gesellen. Der übrige Theil der Insel ist vorherr- 
schend von immergrünem Nadelwald (Picea Ajanensis 
und einer Edeltanne, verschieden von Abies PichtaJ 
eingenommen, zu dem sich an Abhängen und Fluss- 

Mélanges biologiques IV. 19 



— 146 — 

thälern Laubholz gesellt, das nach Süden immer 
mannichfaltiger wird, doch nirgends vorherrscht; nur 
die Höhen der westlichen Berge sind vorwiegend von 
Betula Ermannt eingenommen. An Bäumen und Sträu- 
chern kann ich einstweilen ausser den bereits er- 
wähnten Coniferen nennen: Taxus (sehr häufig) und 
2 Arten Juniperus. Die hochstämmige Pinus Cembra 
kommt nirgends vor, die Zirbelkiefer ist selbst im 
Süden und in geschützten Lagen immer strauchartig. 
Myrica Gale, Betida Ermannt, alba, Middendorffii, nana, 
Alnus hirsuta, Alnobeiida fruticosa, Ulmus sp., Salix 8 
spec. , Populus suaveolens und tremxda , Quer cris sp. , 
Fraxinus mandshurica, Phellodendron mit sehr geringer 
Korkentwicklung und nur an alten Stämmen, sonst PA. 
amurense gleich, Juglans sp. bisher nur erfragt, Dimor- 
phanthus mandshuricus und eine zweite species herbacea, 
Eleutherococcus senticosus; eine baumartige Araliacea mit 
Trugdolden, zweifächrigen Früchten und Ahornblät- 
tern, Xylosteum chrysanthum, Gmelini und noch 2 spec, 
Sambucus racemosa, Calyptrosligma Middendorffii sehr häu- 
fig an Bergen, Viburnum Opulus und dahuricum, Vitis sp. 
Trochostigma sp. mit gelblichen sehr wohlschmeckenden 
Früchten bis 30 Fuss an Bäumen hinaufkletternd, 
am unteren Ende bis 1 '/ 2 Zoll dick , ein kletternder 
Celaslrus , Acer Mono und Dedyle , Evonymus macro- 
pterus und noch 2 Arten, Spiraea 5 holzige Arten, Ri- 
bes rubrum und eine niederliegende Johannisbeere 
mit traubigen behaarten Beeren, Rubus Idaeus, Cha- 
maemorus? , areticus, Vaccinium Vitis Idaea, idiginosum, 
praestans und wie es scheint 3 — 4 neue Arten, Are- 
tostaphylos alpina, Ledum palustre, Chamaedaphne caly- 
culata, Andromeda poli folia , Loisleuria procumbens , Rho- 



— 147 — 

dodendron chrysanthum , Kamtschaticum und noch eine 
kleinstrauchige kleinblüthige Art, Daphne 2 spec. 
Rosa rugosa, cinnamomea und sp. nova?, Primas Padus, 
Maackii und eine kirschenartige Spec, Pyrus baccata, 
Cralaegtis sp., Maximotciczia sp., Sorbus sambucifolia und 
eine kleine wohlschmeckende Art, endlich zwei sehr 
interessante Hydrangeae, die eine sparrig- strauchig, 
die andere kletternd; leider erhielt ich keine reifen 
Früchte, die hier überhaupt erst sehr spät zu haben 
sind und oft ganz fehlen möchten , wenigstens von 
manchen Pflanzen. Arundinaria, wahrscheinlich Kuri- 
lensis Rupr. bedeckt alle Berge und hindert das Er- 
steigen derselben sehr. 

Im Ganzen habe ich mit Hrn. Glehn etwa 500 
Species zusammengebracht, die ganz interessante sta- 
tistische Verhältnisse zeigen, so z. B. Composilae 50 
sp. , Gramineae und Cyperaceae jede etwa 30, Ranun- 
culaceae 25, Rosaceae 18, UmbeHiferae 18, Cruciferae und 
Orchideae 16, Polygoneae 13, Leguminosae 10, Lüiaceae 10, 
Caprifoliaceae 10 , Vaccinieae 9. Die Corolliflorae sind 
schwach vertreten, im Ganzen 30 Arten. 

Unter den Umbelliferen spielt die Hauptrolle Ihr 
Angelophyllum ursintim mit noch einer Art, charakte- 
risirt durch kleinere Früchte und dickere ungetheilte 
Yülae, während die Commissural- Vittae von A. ursinum 
immer beiderseits in doppelter Zahl vorhanden sind; 
dann eine ächte Angelica affinis sylveslri, Gomphopetalum 
Maximowiczii, Heracleum sp., Peucedanum terebinthaceum , 
Rupleurum breviradiatum und eine alpine Art, Tilingia 
Ajanensis? , Physolophium saxatile, Haloscias scoticum, 
Sphallerocarpus Cyminum , Chaerophyllum nemorosnm , 
Osmorhiza amurensis , Pleurospermum Kamtschaticnm, 



— 148 — 

Aegopodiiim alpestre, Ciciita virosa, Shim ciculaefolium 
und eine mir unbekannte Gattung mit fleischigen 
Blättern. 

Die Wald-Orchideen sind sehr zahlreich, ausserdem 
erscheinen Vaccinieae (9) und Araliaceae (4) besonders 
reich, dagegen die Leguminosen (10) und sämmtliche 
Corolliflorae sehr arm. Die meisten Gattungen sind 
Arten-arm, nur Carex hat 25 Arten, dann folgen 
Polygonum mit 8 — 9, Salix mit 8, Artemisia und Vac- 
cinium mit 7, Spiraea, Viola, Galium, Ranunculus mit 6 
Arten. Alle übrigen Gattungen haben einstweilen 
weniger Arten. 



(Aus dem Bulletin, T. V, p. 33 — 35.) 



31 Januar , oa 
12 t ebruar 

Über einige seltene durch Bildungsfehler 
bedingte Lageriiiigsaiiomalien des Dar- 
mes bei erwachsenen 9Ien§cheii* von Pro- 
fessor Dr. Wenzel CW ruber. 

(Mit 2 Abbildungen.) 

I. Fall. 

Linkseitige Lage des ganzen Dickdarmes. Mangel 
des Mesenterium im gewöhnlichen Sinne. Mesenterium 
commune für den Dünndarm und den Dickdarm vom 
Coecum bis zur Flexura lienalis. Beobachtet an der Leiche 
eines 18jährigen Jünglings. (Fig. L, 2.) 

Die Leber, der ungewöhnlich kleine Magen und 
die Milz haben ihre gewöhnliche Lage, nur ist der 
Magen weniger wagerecht gestellt. Das abnorm ge- 
staltete Duodenum liegt nicht versteckt, sondern un- 
ter dem Pylorustheile des Magens und rechts davon 
frei zu Tage (Fig. 1 . a.). Der übrige Dünndarm nimmt 
allein die rechte und mittlere, theilweise die linke 
Seite der Bauchhöhle ein. Der ganze Dickdarm liegt 
links in der Bauchhöhle, hier und da noch von Dünn- 
darmschlingen von vorn bedeckt, und in der Becken- 
höhle, mit Ausnahme jener der Flexura coli hepatic a 
normaler Fälle identischen Flexur, welche links vom 

Mélanges biologiques. IV. 19* 



— 150 — 

Duodenum im mittleren Theile der Bauchhöhle vor 
der Wirbelsäule kurz angeheftet erscheint (Fig. 1. B.). 

Das Omentum minus verhält sich normal; das Omen- 
tum majus aber ist nach links gezogen. Letzteres hef- 
tet sich an das Colon ascendens, vom Coecum angefan- 
gen, und an das Colon transversum zwischen dem Lig. 
coli omentale und intestinale; aber auch an die der Pars 
transversa inferior normaler Fälle entsprechende Por- 
tion des Duodenum , und an das Mesenterium commune 
längs einer bis 2 1 / 2 Zoll vom Dünndarme entfernt ver- 
laufenden Bogenlinie (Fig. 1.*). Es bedeckt die Pars 
descendens duodeni, das Colon ascendens und transversum, 
nicht aber das Jejunum, und Ileum. Nach seinem Durch- 
schnitte findet man das Pancreas am gehörigen Orte 
und zwischen diesem und dem Magen das Lig. gastro- 
pancreaticum. Dieses ist durch das Foramen omenti 
majoris durchbrochen, wodurch die Bursa omentalis 
major mit der B. o. minor communicirt. Das Foramen 
Winslowii ist verschlossen. Durch diesen Verschluss 
ist die Communication der Bursa omentalis minor mit 
dem grossen Bauchfellsacke aufgehoben. 

Ein Mesenterium im gewöhnlichen Sinne, d. i. ein 
solches, welches von der hinteren Wand des grossen 
Bauchfellsackes längs einer schiefen Linie, die sich 
von der linken Seite des 2. Lumbaiwirbels zur rech- 
ten Symphysis sacro-iliaca erstreckt, ausgehen und die 
Bauchhöhle unterhalb des Pancreas in zwei Hälften 
theilen würde, existirt nicht; dafür aber hängen der 
Dünndarm mit dem Colon ascendens und transversum 
an einem Mesenterium commune. Das Mesocolon descen- 
dens fehlt; das Mesocolon der Flexura iliaca und das 
Mcsorectum aber sind vorhanden. 



— 151 — 

Das Mesenterium commune geht von der hinteren 
Wand des Bauchfellsackes im Bereiche der Wirbel- 
säule unterhalb des Pancreas zwischen beiden Nieren, 
von der rechten durch das Duodenum, von der linken 
durch das Colon descendens geschieden, mit einer nur 
1 V 2 — 2 Zoll breiten Wurzel aus , welche eine ähnli- 
che quere Richtung hat wie das Mesocolon transversum 
normaler Fälle (Fig. 2.C.). Dasselbe verbreitert sich 
schnell und hängt als eine 7 — 9 Zoll lange, bisj 8 
Zoll breite Bauchfellduplicatur herab, welche in ih- 
rem rechten und unteren Rande den Dünndarm, im 
oberen Theile des linken Randes das Colon transver- 
sum, im unteren Theile desselben das Colon ascendens 
eingeschlossen enthält (Fig. I.C.). Das vordere Blatt 
des Mesenterium commune entspricht dem linken des 
gewöhnlichen Mesenterium^ normaler Fälle. Das Me- 
senterium commune mit dem an ihm hängenden Darm 
kann nach allen Richtungen aus der Bauchhöhle her- 
ausgeschlagen werden. Vollführt man dieses nach un- 
ten, so kommt nebst dem Coecum ein Theil des Colon 
ascendens unter dem Arcus cruralis zu liegen. Unter- 
halb des Pancreas und der Wurzel des Mesenterium com- 
mune ist die hintere Wand des grossen Bauchfellsackes 
von der rechten Niere und im Bereiche der Wirbel- 
säule vor der Vena cava inferior und Aorta abdominalis 
ausgespannt (Fig. 2.). 

Das Colon descendens (Fig. 2. d.) hat an seinem hin- 
teren Umfange keinen Bauchfellüberzug und sitzt un- 
mittelbar auf dem M. psoas auf. Die Flexura coli iliaca 
(Fig. 2.e.) besitzt ein 4 Zoll hohes, an der Basis 3'/ 2 
Zoll und am Scheitel 6 1 / 2 Zoll breites Mesocolon. Die- 
ses beginnt in der Höhe der Theilung der Aorta ab- 



— 152 — 

dominalis, links knapp neben ihr. Es steigt von dem 
linken Theile des Promontorium vertikal abwärts, um 
sich in das Mesorecium fortzusetzen (Fig. 2. D.). 

Würde das Colon descendent ein Mesocolon besessen 
haben, so würde der ganze Darmkanal, das Endstück 
des Rectum ausgenommen, an einem mit einer winklig 
geknickten Wurzel entspringenden Mesenterium com- 
mune gehangen haben. Die Wurzel wäre unter dem 
Pancreas zuerst quer nach links vor der Wirbelsäule 
hinübergezogen , hätte medianwärts von der linken 
Niere umgebogen und wäre dann vor dem linken 
Theile der Wirbelsäule, oben zwischen der Aorta ab- 
dominalis und der Niere befestigt , vertikal in die 
Beckenhöhle herabgestiegen (Fig. 2.). 

Das Duodenum ist mit seiner Pars transversa (supe- 
rior) , mit der obern Hälfte der Pars descendens und 
der Flexura duodeno-jejunalis im Bereiche der rechten 
Seite der Wirbelsäule vor der Vena cava inferior und 
vor den Vasa renalia dextra und im Bereiche des obe- 
ren Theiles der rechten Niere befestigt; mit seiner 
unteren Hälfte ist es auch an seiner hinteren Fläche 
frei und zwischen die Blätter des obersten, rechten 
Theiles des Mesenterium commune eingeschoben und in 
diesem auf und vor den Vasa mesenterica superiora ge- 
lagert. Es bildet nicht eine hufeisenähnlich gekrümmte, 
mit ihren Schenkeln auseinander stehende und mit 
ihrer Concavität nach oben und links sehende, son- 
dern eine in Gestalt eines Achters verlaufende, mit ih- 
ren Schenkeln sich berührende Darmschlinge (Fig. 
La.). Der obere, l 1 / 2 Zoll lange Schenkel, Pars trans- 
versa, verläuft nach rechts auf- und rückwärts (a). Er 
gleicht der Pars transversa superior normaler Fälle und 



— 153 — 

geht durch eine spitzwinklige Biegung, Flexura duo- 
déni prima, in den mittleren Schenkel über. Der mitt- 
lere, 3 1 // — 4 Zoll lange Schenkel, Pars descendens, 
steigt unter dem oberen Schenkel und unter dem Py- 
lorustheile des Magens schief nach links und abwärts, 
bildet einen nach vorn und links schwach gekrümm- 
ten Bogen (ß). Er verbindet sich an der oberen Hälfte 
seiner hinteren Seite mit dem Kopfe des Pancreas, 
entspricht der Pars descendens normaler Fälle und geht 
mit einer noch spitzwinkligeren Biegung , Flexura 
duodeni secunda, in den unteren Schenkel über. Der 
untere, 3 Zoll lange Schenkel, Pars ascendens, steigt 
knapp neben dem mittleren Schenkel, rechts von ihm, 
schief nach rechts, auf- und rückwärts (7). Er ent- 
spricht der Pars transversa inferior normaler Fälle und 
biegt durch die Flexura duodeno-jejunalis vor dem obe- 
ren Theile der rechten Niere, rückwärts und rechts 
von der Pars descendens und unter ihrem oberen 1 / 5 — 
V 4 , in das Jejunum um. Der obere Theil der Pars 
descendens und ascendens hängen durch ein breites Pe- 
ritonealligament mit der Gallenblase, und die Flexura 
duodeno-jejunalis durch ein weniger breites Peritoneal- 
ligament mit dem oberen Theile der rechten Niere 
und der Leber zusammen. 

Das oberste Jejunum steigt parallel der Pars ascen- 
dens duodeni, daneben nach rechts, abwärts. Der übrige 
Dünndarm schlängelt sich von rechts und oben nach 
links und unten. 

Von dem in der linken Hälfte der Bauch- und Bek- 
kenhöhle gelagerten Dickdarme befindet sich am mei- 
sten nach vorn das Coecum und Colon ascendens, wel- 
che frei herabhängen; am meisten nach hinten das 

Mélanges biologiques. IV, 20 



— 154 — 

Colon descendais und die Flexura coli iliaca, welche be- 
festigt sind; am meisten lateralwärts und links das 
Colon transversum , welches frei herabhängt. Das Coe- 
cwm (Fig. I.e.) liegt theils im Bereiche der Fossa iliaca 
sinistra , median wärt s vom Grimmdarmschenkel der 
Flexura iliaca, theils in der Beckenhöhle links von 
einer Ileumportion vor dem Mastdarmschenkel jener 
Flexur. Das Colon ascendens (Fig. 1. d.) steigt neben 
der Medianlinie links, zwischen den dasselbe theil- 
weise bedeckenden Dünndarmschlingen und dem Co- 
lon transversum aufwärts. Mit seinem Ende rückt es 
gerade in die Mitte und biegt durch die Flexura coli 
prima = F. c. hepatica normaler Fälle, in das Colon 
transversum um, daselbst an die Wirbelsäule durch ei- 
nen nur 2 Zoll breiten Theil des Mesenterium commune 
angeheftet. Das Coecum und Colon ascendens sind so 
gedreht, dass ihre sonst hintere Seite vordere, ihre 
sonst rechte Seite linke wurde, und der Processus ver- 
micularis nicht links, sondern rechts von ihnen lag, 
nicht von hinten, sondern von vorn das Ileum, vor 
seiner Einmündung in das Colon, kreuzte. Der Processus 
vermicularis ist 4 Zoll lang, hat ein breites bis zu sei- 
ner Spitze reichendes Mesenteriolum und ist mit seiner 
Spitze aufwärts gerichtet. Das Colon transversum (Fig. 
1. e.) bildet eine grosse, neben dem Colon ascendens 
und descendais auf der linken Niere, auf dem M. psoas 
und M. quadratus lumborum liegende bis zur Crista os- 
sis ilei mit ihrem Scheitel abwärts steigende Schlinge. 
Ihr aufsteigender (e") und hinter dem absteigenden 
(e') gelagerter Schenkel liegt an gewöhnlicher Stelle 
durch die Flexura coli seeunda s. lienalis, welche durch 
das Lig . phrenico - colicum an gewöhnlicher Stelle gela- 



— 155 — 

gert erhalten wird, in das Colon descendens um. Das 
Colon descendens (Fig. 2. d.) erstreckt sich vom Pan- 
creas bis au niveau der Theilung der Aorta und ist 4 1 / 2 
Zoll lang : Es steigt zwischen der Aorta abdominalis 
und der linken Niere gerade abwärts hinter dem 60- 
lon ascendens und rechts neben dem Colon transversum, 
um neben der Theilung der Aorta links durch die 
Flexura coli tertia in die Flexura iliaca nach rechts um- 
zubiegen. Es ist somit kürzer als gewöhnlich, liegt 
abnorm median wärts und biegt viel früher in die 
Flexura iliaca um. Hinter und unter der Flexura coli 
tertia sitzt neben der Aorta und der Arteria iliaca com- 
munis sinistra zwischen dem Mesocolon der Flexura iliaca 
und einer dreieckigen, 1 Zoll langen, und an der Ba- 
sis iVg Zoll breiten Bauchfellduplicatur eine bis zur 
Theilung der Arteria iliaca communis sinistra reichende 
Retroeversio peritonei. Dieselbe ist nach unten und vorn 
offen, elliptisch, 2 Zoll lang, 1 Zoll breit und l 1 / 2 Zoll 
tief. Die Flexura iliaca liegt mit ihrem Grimmdarm- 
schenkel auf der Fossa iliaca sinistra, mit ihrem Mast- 
darmschenkel in der Beckenhöhle hinter dem Coecum 
neben einer Ileumportion. 

Der Dünndarm ohne Duodenum ist 19 Fuss 2*/ 2 Zoll 
lang; der Dickdarm ist 5 Fuss 5 Zoll lang, wovon 
2V 2 — 3 Zoll auf das Coecum, 8 Zoll auf das Colon 
ascendens, 1 3 ! / 2 Zoll auf das Colon transversum, 4 1 / 2 Zoll 
auf das Colon descendens, 29 Zoll auf die Flexura iliaca 
und 6 — 7 Zoll auf das Rectum kommen. 

Die Harn- und Geschlechtsorgane sind normal ge- 
lagert. Mit Ausnahme der Milz, welche zu einem Tu- 
mor entartet ist, sind sämmtliche Organe der Bauch- 



— 156 — 

und Beckenhöhle im gesunden Zustande. Das Indi- 
viduum starb an einem Lungenleiden. 

Das Präparat habe ich in meiner Sammlung aufbe- 
wahrt. 

II. Fall. 

Colon transversum inferius. Beobachtet an der Leiche eines 

Mannes. 

Das Colon descendens bildet auf der Fossa iliaca si- 
nistra allerdings die gewöhnliche Krümmung, Flexura 
coli sinistra inferior s. tertia; aber es biegt damit nicht 
in die freie Flexura coli iliaca um, sondern in ein über- 
zähliges, 10' 2 Zoll langes Colon-Stück. Dieses springt 
in Gestalt eines quer liegenden, nach oben convexen 
Bogens aus der linken Fossa iliaca vor und über dem 
Promontorium in die rechte Fossa iliaca hinter das Coe- 
cum hinüber und bildet ein Colon transversum inferius. 
Das Colon transversum inferius schliesst den vom Colon 
gebildeten Kranz nach unten. An seiner hinteren Pe- 
ripherie und etwa an V 3 seines Umfanges ist es vom 
Peritoneum unbedeckt und durch Bindegewebe mit dem 
Promontorium und jederseits mit einer schon von Hes- 
selbach gekannten Grube der Fascia iliaca am hin- 
teren und oberen Theile der Fossa iliaca vereinigt; 
an seinem übrigen Umfange erhält es von dem linken 
Blatte des Mesenterium, so wie von dem die Fossae ilia- 
cae deckenden Peritoneum einen Überzug; der Perito- 
nealüberzng an seinem rechten Ende ist zugleich die 
hintere Wand der Retroeversio peritonei hypogaslrica 
dextra, welche sonach zwischen den Basaltheil des 
Coecum und das rechte Ende des Colon transversum in- 



— 157 — 

ferius eingeschoben ist. Hinter dem Coecum macht das 
Colon transversum inferius eine Biegung nach vorn und 
links, Flexura coli dextra inferior supemumeraria s. quar- 
ta, und geht damit in die vor ihm liegende Flexura coli 
iliaca über, welche eine verkehrte Lage ihrer Schen- 
kel aufweiset. Letztere steigt nämlich mit dem sonst 
nach links gelagerten Grimmdarmschenkel rechts nach 
vor- und aufwärts, biegt dann mit der Flexura coli 
quinta (= F. c. quarta normaler Fälle) nach abwärts 
um und steigt mit dem sonst nach rechts gelagerten 
Mastdarmschenkel links abwärts, um an gewöhnlicher 
Stelle in das Rectum sich fortzusetzen. Bei einer Kör- 
perlänge von 5 Fuss 5 Zoll P. M. hat der Dünndarm 
eine Länge von 28 Fuss und der Dickdarm eine Länge 
von 6 Fuss 6 Zoll 9 Linien. 



HI. Fall. 

Lagerung des Endstückes des Ileum auf der Fossa 
iliaca dextra, eingehüllt in dem diese deckenden Pe- 
ritoneum. Beobachtet an der Leiche eines 17jährigen 

Jünglings. 

Das Mesenterium endiget mit seinem unteren Ende 
nicht im Bereiche der Symphysis sacro - iliaca , sondern 
ist damit bis gegen die Spina ilei anterior superior her- 
abgerückt. Es zieht nämlich sein unterster Theil 
als ein schmaler Streifen auf dem M. psoas major und 
vor dem M. iliacus internus, bevor dieser die Lacuna 
muscularis hinter dem Arcus cruralis passirt, zum äus- 
seren Theile des letzteren herab. Das äussere Blatt 
dieses Mesenteriumstreifens geht in das die Fossa iliaca 
dextra deckende Peritoneum, das innere in den Becken- 



— 158 — 

tlieil des letzteren über. An diesem so lang gedehnten 
Mesenterium hängt aber dennoch nicht der ganze Dünn- 
darm. Sein 5 Zoll langes Ileum- Endstück hat sich über 
der genannten Spina ilei unter das Peritoneum begeben, 
welches die Fossa iliaca dextra austapeziret, und davon 
an Vg seines Umfanges seinen serösen Überzug erhal- 
ten. Es läuft auf dem M. psoas major, parallel jenem 
untersten Mesenterialstreifen und daneben lateralwärts 
nach oben und hinten, um an gewöhnlicher Stelle in 
das Colon sich einzusenken. Das Coecum hatte es ne- 
ben sich nach aussen, frei in der Fossa iliaca dextra 
liegen. 



Im Falle N 2 I. ist der Darmkanal, das Duodenum 
abgerechnet, welches eine abnorme Krümmung erhal- 
ten oder vielleicht seine embryonale Krümmung bei- 
behalten hat, völlig und fast ganz normal ausgebildet. 
Der Dünndarm hat sich durch ein vor der Wirbel- 
säule herabsteigendes Mesenterium nicht angeheftet 
und der Dickdarm hat sich über und vor dem Dünn- 
darme nicht aufgestellt und zur rechten Seite des 
letzteren nicht herabgesenkt. Es blieb das Duodenum 
unbedeckt und der Dickdarm links gelagert. Bei die- 
sem Falle haben, um mit den Embryologen zu sprechen, 
die Schenkel der Schlinge des embryonalen Mitteldar- 
mes die angenommene angebliche halbe Drehung um 
einander nicht gemacht, der obere Schenkel konnte 
daher bei seiner Entwickelung zu den Schlingen des 
Dünndarmes nicht unter und hinter dem unteren Schen- 
kel zu liegen kommen, der sich allerdings zu den ge- 
wöhnlichen Abtheilungen des Colon ausbildete, aber 



— 159 — 

nur mit der dem Colon descendent entsprechenden Por- 
tion sich aufstellte. Das vor der Wirbelsäule vertikal 
absteigende Darmgekröse des Embryo wurde, mit Aus- 
nahme seines obersten Theiles, als Mesocolon für das 
aufgestellte Colon descendem (sens, ht.) verwendet, aber 
von der Medianlinie nur bis zur linken Seite der Aorta 
gezogen, weshalb jener oberste Theil des Darmgekrö- 
ses, obgleich derselbe mit den Windungen des noch 
übrigen Mitteldarmes in die Länge und Breite wuchs, 
mit seiner Wurzel nicht an der Wirbelsäule vertikal 
herab, sondern nur oben unter dem Pancreas befestigt 
sein konnte. Dadurch aber mussten der ausgebil- 
dete Dünndarm und das ausgebildete Colon, vom Coe- 
cum bis zur Flexura Renalis, ein der oberen Partie des 
allgemeinen Gekröses des embryonalen Mitteldarmes 
entsprechendes Mesenterium commune, welches aber 
auf abnorme Weise frei vor der Wirbelsäule 
her ab hing, erhalten. Auch konnte das Mesogastrium 
oder Omentum majus, da es zur Aufstellung eines ei- 
gentlichen Mesocolon transversum nicht gekommen war, 
nur mit jenem zunächst unter ihm liegenden Mesen- 
terium commune, mit dem Duodenum und dem Colon bis 
zu dessen Flexura lienalis eine Verwachsung eingehen. 
Es weist somit dieser Fall ein durch abnorme Ver- 
wendung des allgemeinen Gekröses des Mitteldarmes 
des Embryo zur Aufstellung des Colon descendem be- 
dingtes Mesenterium commune für den Dünndarm und 
das Colon bis zur Flexura lienalis und als Folge davon 
Linkslage des Dickdarmes beim Erwachsenen auf, wie 
letztere beim Embryo in der Periode vor der an- 
geblichen Drehung der Schenkel des Mitteldarmes um 
einander und nach bereits aufgestelltem Colon descen- 



— 160 — 

dens angetroffen wird. J. Cruveilhier 1 ) hat in der 
Société anatomique zu Paris einen Fall von einem Er- 
wachsenen demonstrirt und a. a. 0. in Kürze erwähnt, 
bei welchem die Gekröse des Peritoneum' 's auf ein ein- 
ziges Mesenterium reducirt waren. Dieses begann un- 
mittelbar unter der Einsenkung des Ductus choledochus 
in das Duodenum und l 1 / 2 Zoll unter dem Pylorus und 
erstreckte sich von da dis zum Rectum. Der Dickdarm 
bildete einen gewundenen Bogen, welcher die Gren- 
zen der Scheidung der Regio umbilicalis von der R. hy- 
pogastrica einnahm. W. Treitz 2 ) hat unter vier Fäl- 
len mit Linkslage des Dickdarmes, welche einem 27, 
32 und 58 Jahre altem Weibe und einem 3 Monate 
alten weiblichen Kinde angehörten, in dem Falle von 
dem 27jährigen, an Lungentuberculose verstorbenen 
Weibe ein gemeinschaftliches Mesenterium für den Dünn- 
darm und das Colon ascendens gefunden. Das Duode- 
num, nachdem es die gewöhnliche hufeisenförmige 
Krümmung gemacht hatte, bildete noch ein kurzes 
absteigendes und noch ein queres nach rechts durch 
die Wurzel des Dünndarmgekröses gehendes Stück, 
bevor es vor der rechten Niere in das Jejunum über- 
ging. Das Jejunum und Ileum füllten die rechte Hälfte 
der Bauchhöhle aus. Das Coecum lag im Becken. 
Das Colon ascendens, welches in sich auch das Colon 
transversum begriff, stieg längs der Wirbelsäule und 
links vom Dünndarme in das linke Hypochondrium 
hinauf, bildete dort die Milzflexur und ging in das 
Colon descendens über. Dieses und die Flexura iliaca 



1) Diet, de Med. et Chir. prat. Tom. I. Paris 1829. Art, «Abdo- 
men» p. 67. 

2) Hernia retroperitonealis. Prag 1857, p. 127. 



— 161 — 

setzten auf gewöhnliche Weise ihren Verlauf zum 
Rectum fort. Die hintere Wand der rechten Bauch - 
hälfte war von einem glatten, zarten Peritoneum be- 
kleidet, welches straff über die Niere gespannt war. 
Vom Omenteum majus wurde nichts gesagt, aber ange- 
geben, dass in dem Winkel zwischen dem auf- nnd 
absteigenden Dickdarme das Peritoneum straff gespannt 
von einem Darme auf den anderen strich, sehnig ver- 
dichtet war und die Schlinge fixirte. (Wohl ein Stück 
Omentum? Ref.) Diesen beiden Fällen kann unser Fall 
zur Seite gestellt werden, aber er unterscheidet sich 
von denselben. Während in unserem Falle nur für 
das • Jejunum , Ileum und das Colon bis zur Flexura li- 
enalis ein Mesenterium commune vorhanden und es bei 
demselben zur Linkslage des Dickdarmes bedingenden 
Aufstellung des Colon descendens etc. gekommen ist, 
war in Cruveilhier's Falle für den ganzen Darm ein 
Mesenterium commune wie beim Embryo für den Mit- 
teldarm zugegen und die Aufstellung des Colon nicht 
eingeleitet (Bildungshemmung); während in unserem 
Falle das Duodenum in Gestalt eines Achters sich 
krümmt, das Colon in die gewöhnlichen Abtheilungen 
sich scheidet, das Colon descendens noch medianwärts 
von der Niere liegt etc., war in Treitz's Falle das 
Duodenum fünfschenklig, das Colon nur in zwei Ab- 
theilungen geschieden, wovon das durch sein Aufge- 
stelltsein Linkslage des ganzen Dickdarmes bedingende 
C. descendens auf gewöhnliehe Weise abwärts stieg, 
und für das Jejunum, Ileum und Colon ascendens ein 
Mesenterium commune zugegen, das, nach der Angabe 
darüber zu schliessen, kaum so beschaffen sein mochte, 
wie in unserem Falle. Unser Fall spricht auch gegen 

Melanies biologiques. IV. 21 



— 162 — 

die Vermuthuiig des Prärogatives des weiblichen Ge- 
schlechtes zu den völlige Linkslage des Colon bedin- 
genden Bildungshemmungen oder Bildungsfehlern. Wie 
in Cruveilhier's Falle, nach Alfr. Velpeau's 3 ) Be- 
merkung, der Dickdarm fast eben so leicht in allen 
Arten von Hernien hätte vorkommen können, wie der 
Dünndarm; eben so hätten auch in unserem Falle das 
Coecum und Colon ascendens den Inhalt der Mehrzahl 
nicht nur rechtseitiger, sondern auch linkseitiger Her- 
nien bilden können. 

In den Fällen N° IL und III. liegen wohl nur Zu- 
fälligkeiten zu Grunde, die sich nicht gut erklären 
lassen, und auch nicht wichtig genug erscheinen, um 
sie zu erklären. 



3) Traité comp], d'anat. chir. 3 e édit. Bruxelles 1834, p. 237. 



163 



Erklärung der Abbildungen. 
Fig. 1. 

Ansicht der Lage des Darmes, wie sie bei der Eröff- 
nung der Bauchhöhle angetroffen wurde, mit Aus- 
nahme der des Jejunum und Ileum, welche zur Seite 
gezogen werden mussten. 

1. Leber mit der Gallenblase. 

2. Magen. 

3. Milz. 

A. Ganzer Dünndarm. 

B. Dickdarm. 

C. Mesenterium commune für den Dünndarm vom Duo- 
denum abwärts und das Colon bis zur Flexura lie- 
nalis. 

a. Duodenum. 

b. Jejunum und Ileum. 

c. Coecum. 

d. Colon ascendens. 

e. Colon transversum. 

e. Absteigender Schenkel desselben. 
e". Aufsteigender » » 

f. Flexura coli iliaca. 

a. Oberer Schenkel des Duodenum. 

ß. Absteigender Schenkel des Duodenum. 

•y. Aufsteigender Schenkel des Duodenum. 

§. Processus vermicularis mit seinem Mesenteriolum. 

* Ursprungs- und Insertionsstellen des Omentum ma- 

jus. 
** Ligamentum phrenico-coUcum. 



— 164 — 

Fig 2. 

Ansicht bei uach aufwärts und links zurückgeschla- 
genem Darme. 

1. Rechte Niere. 

2. Harnblase. 

A. Jejunum und Ileum. 

B. Dickdarm. 

C. Mesenterium commune für den Dünndarm vom Duo- 
denum abwärts und das Colon bis zur Flexura lie- 
nalis. 

D. Mesocolon der Flexura iliaca. 

a. Coecum. 

b. Colon ascendens. 

c. Colon transversum. 

c. Absteigender Schenkel desselben. 

c . Aufsteigender » » 

d. Colon descendais. 

e. Flexura iliaca. 

f. Anfang des Rectum. 



(Aus dem Bulletin, T. V, pag. 4U — 60.) 






"-CJO 

= 



2 



^ ^ 



S3 



/ 







1 



i . ; . ■„,.,- Moil fjqnes T U 



Gruber. LagenmgsaTKfmalien des Danurs 




H.,, et Ht iiftiur airmail. 



Imp .1 Hun.il,, 



31 Januar -, Qcc . 
12 Februar 

Nachträge zu dem Auf «atze : „Über ein neues 
Project Austern-BänKe an der russischen 
Ostsee - Küste anzulegen und über den 
Salzgehalt der Ostsee'** von 14. E.v.Baor. 

(S. Bulletin de l'Académie de St. Pétersbourg , Vol. IV, p. 17 — 47 et 

p. 119—149). 

Die Reise, welche ich im vorigen Jahre (1861) ins 
Ausland unternommen habe, war vorzüglich anthro- 
pologischen Interessen gewidmet. Allein, da ich mit 
Kopenhagen begann, so habe ich sie zugleich benutzt, 
um die Frage über die Möglichkeit der Austern-Zucht 
in der Ostsee noch näher zu erörtern, und die soge- 
nannten Flensburger Austern in loco natali, das heisst 
in den Watten an der Westküste von Schleswig ken- 
nen zu lernen. 

Ich machte also von Kopenhagen einen Abstecher 
nach Flensburg, von da über Land nach Husum und 
von Husum nach der Insel Sylt. Auf der Fahrt nach 
Flensburg sammelte ich Wasserproben aus dem west- 
lichen Theile der Ostsee. Hoffentlich wird bald Herr 
H. Struve auch diese Proben analysiren und so un- 
sere Kenntniss von dem Salzgehalte des Ostsee-Beckens 
in seinen verschiedenen Abschnitten vervollständigen. 
Als ich über den grossen Belt fuhr, blies ein sehr 
scharfer Wind aus NW. und wälzte die Wogen aus 
dem Kattegat in die Ostsee. Ich konnte mich nicht 
entschliessen unter diesen Umständen Wasser zu 

Mêlant 'ü biologiques. IV. 21'' 



— 166 — 

schöpfen , da dessen Salzgehalt ohne Zweifel das 
mittlere Maass sehr überstiegen haben würde. Auf 
der weitern Fahrt zwischen den Inseln nahm ich ei- 
nige Proben, sowie zuletzt eine aus der Flensburger 
Bucht, doch nicht nahe bei der Stadt, sondern da wo 
die Bucht sich erweitert um in einen offenen Busen 
überzugehen. Diese Wasserproben sind auch durch 
gefällige Besorgung des Russischen Consuls , Herrn 
Christiansen, glücklich hier angekommen, vermehrt 
mit einer Flasche, die bei Sonderburg, in der Aus- 
mündung des kleinen Beltes geschöpft ist. Ich hatte 
auch im kleinen Belt nicht schöpfen wollen, da das 
Einströmen aus dem Kattegat , obgleich gemindert, 
doch noch fortbestand als unser Dampfschiff hier 
anlegte. 

In Flensburg machte ich die Bekanntschaft der 
Pächter der Schleswigschen Austern -Bänke. Diese 
Pächter bilden eine kleine Compagnie , welche in 
Flensburg ihr Comptoir hat, da von hier die Austern 
grösstentheils verschifft werden; nur ein Mitglied die- 
ser Gesellschaft residirt auf der Insel Sylt , in der 
Nähe der Bänke. Diese Herren erzählten mir, dass 
sie im Jahre vorher, also im Jahre 1860, den Ver- 
such gemacht hätten , Austern in den Flensburger 
Busen , und zwar in gehöriger Entfernung von der 
Stadt zu verpflanzen , dass diese aber nach einigen 
Wochen sämmtlich abgestorben und mit geschwärzten 
Kiemen gefunden wurden. Zwei oder drei Jahre frü- 
her soll, nach ihrer Erzählung, der Herzog von Hol- 
stein-Sonderburg , bei dieser Stadt , also fast in der 
Einmündung des kleinen Beltes, auch eine Austern- 
Zucht versucht haben, die ebenfalls keinen Erfolg ge- 
habt hat. — Mir scheinen diese Nachrichten sehr wich- 
tig, da sie beweisen, dass in keinem Theile der Ost- 
see, auch an den günstigsten Stellen nicht, Austern 
gedeihen können. Die Pächter waren gewiss am mei- 



— 167 — 

sten befähigt einen günstigen Punkt aufzusuchen, und 
sie hatten das grösste Interesse an dem Gelingen des 
Versuches, da sie den Vortheil gehabt hätten, im 
Frühlinge und Herbste jeden Westwind sogleich zur 
Versendung von Austern nach Kopenhagen, St. Pe- 
tersburg und Riga benutzen zu können, ohne sie vor- 
her von der Westküste holen zu lassen, und da über- 
dies ein Engländer ihnen Concurrenz machte, der an 
der Westküste von Schleswig, in der Nähe von Hu- 
sum, einen Austern-Park für englische Austern an- 
gelegt hatte. 

Die Pächter hatten auch die Gefälligkeit mir eine 
Erlaubniss Austern fischen zu lassen auszufertigen. 
Ich war nämlich zur Zeit des Verbotes des Austern- 
Fanges angekommen — indessen für naturhistorische 
Zwecke macht man Ausnahmen. Auch hatten die 
Pächter selbst das Interesse , zu zeigen , dass eine 
Bank, der nördlichen Hälfte von Sylt gegenüber, die 
vor einigen Jahren für ganz ruinirt galt, jetzt reich 
besetzt war, nachdem man ihr einige Jahre Rune ge- 
währt hatte. Überhaupt schien mir die Besorgniss, 
welche Kröyer vor 25 Jahren ausgesprochen hat, 
dass der Fang an der Küste von Schleswig in stetem 
Abnehmen begriffen, bald ganz aufhören müsse, ganz 
unbegründet , wenn mau einige Schonung einführt 
und auf einer geschwächten Bank nicht ohne Unter- 
lass fängt. Der Boden ist hier so eben, dass das ei- 
serne Schleppnetz fast jede grössere Auster auffangen 
kann, wenn es anhaltend ausgeworfen wird. Man warf 
bei meiner Anwesenheit nur vier Mal zwei solche 
Netze oder Schraper aus, doch wurde das ganze Ver- 
deck des ziemlich ansehnlichen Seegelbootes mit ihrer 
Ausbeute ganz überschüttet. Das in Sylt lebende Mit- 
glied der Gesellschaft, das den Fang leitete und das 
Boot hergab, hatte von den Badegästen Sylts einige 
eifrige Austern- Esser seinef Bekanntschaft zu dem 



— 168 — 

Fange wie zu einem Feste eingeladen , allein unser 
gemeinschaftlicher Eifer konnte nur einen kleinen 
Theil dieser Austern bezwingen, obgleich ausser den 
verzehrten noch eine grosse Anzahl geöffnet wurde, 
um zu sehen , ob einige noch im Laichen begriffen 
waren. Die ganze Bade-Gesellschaft auf Sylt und Föhr 
erhielt später Antheile am Fange. 

Die jetzige Pacht-Gesellschaft, an deren Spitze der 
Senator Petersen in Flensburg steht, zahlt jährlich 
30,000 Thaler (ob Dänische?) und hat die Bänke auf 
20 Jahre gepachtet. Die Bewirtschaftung soll noch 
mehr kosten. Jetzt fängt die Gesellschaft an 3000 
Tonnen jährlich, jede zu 800 Austern. Vor einigen 
Jahren hat man nur 1900 Tonnen jährlich gefangen. 
Die Pächter glauben zuversichtlich , noch mehr fan- 
gen zu können, wenn der Absatz grösser wäre. Sie 
versicherten auch, dass sie jährlich neue Bänke anle- 
gen. Nach Hamburg gehen jährlich 1200 — 1500 
Tonnen; nach St. Petersburg sollen unmittelbar von 
Flensburg nur 300 Tonnen gehen, doch kommen an- 
dere Schiffe mit dortigen Austern aus Lübeck nach 
St. Petersburg, weshalb die Gesellschaft die Quantität 
Austern, die jährlich zu uns von der Westküste Schles- 
wigs kommt, nicht genau angeben kann; doch meinte 
sie, dass 7i)0 — 750 Tonnen die höchste Quantität 
sei, die man annehmen könne. Dass sie ihre Austern 
für die besten von allen erklärten, Hess sich erwarten. 
In der That hat auch ein Engländer, welcher bei Hu- 
sum einen Austern-Park angelegt und ihn mit engli- 
schen Austern besetzt hatte, die versuchte Concurrenz 
bald aufgegeben. Indessen versicherten Andere, dass 
die englischen Austern im Jahre 1860 aus ganz un- 
bekannten Gründen schlechter als gewöhnlich gewe- 
sen seien. 

Das Wohngebiet dieser sogenannten Flensburgi- 
schen oder Holsteinischen, eigentlich West-Schles- 



— 169 — 

wigschen Austern, ist ganz eigentümlich. Es ist 
ein von Inseln und der Küste umschlossenes, sehr 
flaches Binnen-Meer, von dessen Boden zur Zeit der 
Ebbe ein grosser Theil unbedeckt ist, so dass nur 
breite Kanäle übrig bleiben , das aber zur Zeit der 
Fluth wieder gefüllt wird und eine ansehnliche Was- 
serfläche bildet, aus der nur einzelne Inseln vorragen. 
Man nennt dieses Gebiet die Watten. Auf eine nähere 
Beschreibung hier einzugehen wäre sehr überflüssig, 
da man sie in Special-Schriften, von Karten begleitet, 
finden kann, und ich ohnehin bei meinem kurzen Auf- 
enthalte in Sylt nur einen kleinen Theil desselben 
habe in Augenschein nehmen können. Indessen hat 
diese Autopsie mir doch den Vortlieil gewährt , zu 
erkennen , wie sehr die Ernährung der Austern in 
dieser Gegend begünstigt ist, indem der immer wech- 
selnde Zu- und Abfluss des Wassers , bei geringer 
Tiefe desselben, den in den Rinnen liegenden Austern 
immer neue Nahrung vorbeiführt. Keine Beschreibung 
hätte diese Verhältnisse mir so anschaulich machen 
können. 

Auch habe ich nur in dieser Beziehung meine in 
der frühern Abhandlung ausgesprochenen Überzeugun- 
gen modilicirt. Ich sprach damals mit einiger Zuver- 
sicht aus, dass es mit ansehnlichen Geldopfern wohl 
gelingen könne , auf Ösel etwa , eine Austern-Zucht 
zu erzwingen, wenn auch wohl kaum eine lucrative. 
Jetzt habe ich die Überzeugung, dass man in Erman- 
gelung der Fluth doch nur sehr magere Austern er- 
zielen würde. 

In allem Übrigen haben sich meine Ansichten nur 
bestätigt und befestigt. Kein Theil der Ostsee ist für 
eine natürliche, also wenig kostspielige Austern-Zucht 
geeignet. Selbst meine Ansicht, dass auch in den äl- 
testen Zeiten des Menschengeschlechtes, in der soge- 
nannten Stein-Periode, die Austern nur bis an den 

Mélanges biologiques. IV. 22 



— 170 — 

Südrand des Kattegats gingen und nicht bis in die 
Ostsee , wurde von den Kopenhagenschen Naturfor- 
schern bestätigt, denn auf Möen hat man in den so- 
genannten Küchen -Resten zwar Muscheln verschie- 
dener Art, aber keine Austern gefunden. 

In Kopenhagen, wo ich zu meinem grossen Bedauern 
den Correspondenten unsrer Akademie, den berühm- 
ten Etatsrath Prof. Eschricht nicht vorfand, lernte 
ich eine Schrift desselben über die künstliche Aus- 
tern-Zucht in Frankreich und über die Anlage von 
Austern -Bänken im Liimfjord*) kennen. Die zweite 
Hälfte dieser Schrift , welche mein sprachkundiger 
Freund und College Schiefner die Gefälligkeit hatte, 
mir mündlich zu verdeutschen, enthält über den Liim- 
fjord und die dort erschienenen Austern, von denen 
ich schon in Sylt gehört hatte, vielfache Nachrichten, 
die für mich von dem grössten Interesse waren. 

Der Liimfjord ist bekanntlich das lang gewundene, 
in seiner westlichen Hälfte vielfach getheilte und in 
Buchten auslaufende Gewässer, das den nördlichen 
Theil von Jutland in seiner ganzen Breite durchzieht, 
und im Westen nur durch einen schmalen Uferwall 
von der Nordsee getrennt ist, oder vielmehr getrennt 
war. Im Jahre 1825 wurde nämlich der erwähnte 
Uferwall durchbrochen und dieser Durchbruch hat 
sich erhalten. Er ist auf den neuern Karten unter 
dem Namen des Agger-Canales sichtbar. Schon frü- 
her, z. B. in den Jahren 1720 und 1760, hatten sich 
Durchbrüche gebildet, aber bald wieder geschlossen. 
Vor dem neuen und bleibenden Durchbruche hat das 
Wasser im Liimfjord, wenigstens im westlichen Ab- 
schnitte desselben für süsses Wasser gegolten; über 
den östlichsten Theil sagt der Etatsrath Eschricht 
nichts, doch lässt sich vermuthen, dass bei der offe- 

*) Om den konstige Oestersavl i Frankrig og om Anlag af kons tige 
Oesterbanher i Liimfjorden. Kjöbenhavn 4860. H. 



— 171 — 

neu Verbindung mit dein Kattegat hier schon früher 
brakisches Wasser war. Durch die neue Communica- 
tion mit der Nordsee und den Wechsel von Fluth und 
Ebbe in derselben , die zwei Mal täglich Seewasser 
eintreiben und eben so oft das im Fjord diluirte See- 
wasser wieder abfliessen lässt, ist der Liimfjord jetzt 
ein Salzwasser -Becken geworden. Es sind Seetische 
und Austern eingewandert. Austern hat man zuerst 
im Jahre 1851 bemerkt, und zwar im Saling-Sund 
(im westlichen Drittheil des Liimfjord) in grosser 
Menge und schon völlig ausgewachsen. Ihre Einwan- 
derung als schwimmende Brut muss also schon viel 
früher erfolgt sein. Prof. E seh rieht vermuthet, dass 
sie zuerst im westlichsten Abschnitte, Nissum-Bred- 
ning , sich angesiedelt hatten , und dass von diesem 
aus , nachdem sie ausgewachsen waren , neue Brut 
sich weiter verbreitet hat. Jetzt finden sie sich in 
vielen Seitenbuchten und Canälen der westlichen Hälfte, 
fast überall wo der Boden für das Gedeihen der Aus- 
tern passend ist. Auch im östlichen Abschnitte des 
Liimfjord, bei Aalborg, bat man Austern bemerkt, je- 
doch nur ganz junge. Man sieht also ganz deutlich, 
dass sie allmählich sich mehr nach Osten verbreiten. 
In der westlichen Hälfte des Liimfjord sind sie schon 
in solcher Menge, dass sie zu Hunderttausenden ge- 
fangen werden. Wann sie zuerst einwanderten, lässt 
sich jetzt nicht bestimmt angeben, da man sie längere 
Zeit nicht bemerkt hatte. Indessen, da die im Salin- 
ger-Sund zuerst bemerkten wenigstens 5 Jahre alt wa- 
ren und diese nicht die ersten Einwanderer sein konn- 
ten, sondern wenigstens die zweite, vielleicht die dritte 
Generation der Eingewanderten waren, so sieht man, 
dass bald nach der Eröffnung des Agger- Canal s und 
nachdem das Wasser den nöthigen Salzgehalt gewon- 
nen hatte , auch Austern hierher sich verbreiteten. 
Dass nun die Austern- Brut durch einen so engen 



— 172 — 

neuen Canal so bald schon sich verbreitete , lehrt 
deutlich, dass die Ostsee zur Erhaltung der Austern 
unfähig sein muss, da sie durch drei weite Meerengen 
mit dem Kattegat in Verbindung steht, und doch keine 
Colonien von Austern erhalten hat. 

Die Austern im Liimfjord sind von geringer Qua- 
lität. Etatsrath E schriebt schlägt vor, hier eine ge- 
regelte Bewirtschaftung einzuführen , wodurch sie 
sich vielleicht verbessern. Wir können nicht näher 
darauf eingehen, bedauern aber, dass dieser berühmte 
Gelehrte nichts über den Salzgehalt in den verschie- 
denen Abschnitten des Liimfjord sagt, auch nicht wie 
weit in den Fjord hinein die Fluth sich kenntlich 
macht. Eine Erweiterung des Agger- Canals oder die 
künstliche Herstellung einer neuen Verbindung mit 
dem Meere, könnte vielleicht der Austern-Zucht sehr 
gedeihlich sein, indem sie den Salzgehalt des Was- 
sers und den Einfluss von Fluth und Ebbe mehren 
würde. 

Vor dem Abdrucke erhalte ich drei neue Analysen 
des mitgebrachten Wassers durch die Güte des Herrn 
H. Struve. 

pro mille 

1) Aus der Ausmündung des Flensburger Bu- 
sens, zwei Meilen von der Stadt 17,5 

2) Von der Mitte der Südküste von Schonen, 
der Nordspitze von Rügen gegenüber, doch 

viel näher nach Schonen 7,8 

3) Östlich von der Südspitze von Gothland . 7,0 



(Aus dem Bulletin, T. V, p. 61 — 67.) 



20 December 1861. 
1 Januar 1862~ 

Bericht über die Bereicherungen der cra- 
niologischeii Sammlung der Akademie 
in den Jahren 1&60 und 1861, von dem 
Akademiker v. Baer. 

Indem ich ein neues vollständiges, nach der Auf- 
stellung geordnetes, Yerzeichniss unserer craniologi- 
schen Sammlung vorbereite, das mit einigen Bemer- 
kungen ausgestattet sein soll, glaube ich vorher noch 
Bericht über die Acquisitionen dieser Sammlung wäh- 
rend der beiden letzten Jahre abstatten zu müssen. 

Vor allen Dingen ist dankbar anzuerkennen, dass 
wir in Folge der nachdrücklichen Anordnungen des 
frühern General-Gouverneurs von West-Sibirien, des 
Generals der Infanterie Hasfort, noch ein Paar höchst 
interessante Lieferungen erhalten haben, nämlich 3 
Schädel der Kalmücken von den Tomskischen Alpen, 
von den Kirgisen aus der Umgegend des Saisan-Nor, 
1 männlichen und l weiblichen Schädel, und von den 
Kirgisen des Karkalinskischen Kreises 4 Schädel. 

Der Consul Katschkow in Tschugutschak hat ei- 
nen Schädel aus dortiger Gegend eingesendet, über 
dessen Nationalität eine ausführliche Erörterung bei- 
gegeben ist. 

Mélanges biologiques. T. I\ 22* 



— 174 — 

Der Gouverneur von Jakutsk, der Wirkl. Staats- 
rate Stuben dor ff, hat ausser den im Bericht vom 
25. November 1859 genannten noch 3 schöne Jaku- 
ten-Schädel einzusenden die Güte gehabt. 

Aus der Amur-Gegend war eine Sendung von Schä- 
deln als schon abgegangen von Hrn. Belzow ange- 
kündigt; sie ist aber leider hier nicht angelangt. Sie 
wäre um so willkommner gewesen, als wir von Hrn. 
v. Schrenck aus dieser Gegend einige unica besitzen 
und einige der von Hrn. Maack acquirirten von ihm 
selbst als zweifelhaft bezeichnet sind. Aus beiden 
Bücksichten sind neue Acquisitionen aus dieser Ge- 
gend für die Vergleichung sehr zu wünschen. 

Hr. Sewerzow hat von seiner Beise in die Aral- 
steppe 2 Schädel uns gebracht , deren Nationalität 
leider nicht sicher bestimmt werden kann. 

Hr. Bode jun. hat der Sammlung 1 Kalmücken- 
Schädel aus der Umgegend von Sarepta verehrt: ei- 
nen andern von den Ufern der Knma hat der Obrist 
Zetowitsch aus Stawropol eingesendet, und die zur 
Untersuchung des Manytsch - Thaies im Jahre 1860 
abgesendete Expedition 3 in dortiger Gegend acqui- 
rirte Schädel, von denen wenigstens 2 auch von Kal- 
mücken stammen müssen. 

Von der Expedition unsers Collegen Brandt in 
die Krym hat uns Hr. Harder aus der Höhle Bim- 
basch-Koba im Tscliatyr - dagh 4 Schädel mitgebracht, 
von denen wenigstens ein Paar den Nogaischen Ty- 
pus sehr bestimmt auszudrücken scheinen. Früher 
hatten wir eben daher einen Schädel durch unsern 
Collegen von Koppen erhalten. Drei andere aus der 



— 175 — 

Umgegeud von Odessa ausgegrabene hat Hr. Dr. 
Wagner zu Odessa dieser Expedition mitgegeben. 

Aus den Kaukasischen Provinzen haben wir auf Ver- 
fügung des General Lieutenant Mi ljutin, damals Chef 
des dortigen Generalstabes, in der Zusendung von 12 
Schädeln von Lesghiern durch den Obrist Aissenow 
(?) einen sehr werthvollen Beitrag erhalten. Aus der 
Gegend von Akstafa , an einem nördlichen Zuflüsse 
der Kura, ging 1 ausgegrabener Schädel ein, den man 
für den eines alten Persers erklärte. 2 Schädel von 
Armeniern, die ersten, die unsre Sammlung von die- 
sem Volke erhalten hat, verdanken wir der Güte des 
General -Lieutenant von Roth in Tiflis. Von andern 
nach meiner letzten Reise angekommenen Acquisitio- 
nen aus den Kaukasischen Provinzen später. 

Aber auch für die Bestimmung der Unterschiede 
in der Kopfbildung der Haupstämme des Russischen 
Volkes ist jetzt ein reichlicheres Material eingegan- 
gen, indem wir der Güte des Dr. Kopernicki in Kiew 
14 theils natürliche, theils in Gyps nachgebildete Schä- 
del aus verschiedenen benannten Gouvernements, und 
Hrn. Prof. Ni kitin in Moskau 4 dergleichen ver- 
danken. 

Über den Gyps-Abguss eines Schädels aus der Dä- 
nischen Bronze -Zeit, den der Conferenzrath Thom- 
sen aus Kopenhagen uns zu schicken die Güte hatte, 
ist von mir am 24. Mai d. J. besonders berichtet 
worden. 

So weit waren die Zusendungen vor meiner letzten 
Reise gediehen. 

Auf der Reise, die ich im laufenden Jahre (1861) 



— 176 — 

ins Ausland unternahm, habe ich folgende Acquisition 
für dieses Cabinet gemacht: 

Hr. Dr. Spring zu Lüttich hatte die Güte mir nach 
Göttingen den Gyps- Abguss eines sehr antiken Kopfes, 
der in Belgien gefunden war, zu senden. Es ist der 
Abguss des Kopfes, den Schmerling unter N s 2 aus 
der Höhle von Engis beschrieben hat. 

Von Hrn.Hofrath R.Wagner erhielt ich einen Gyps- 
Ausguss der Schädelhöhle des berühmten Gauss und 
als Gegensatz einen andern von einem Mikrocephalen. 
Diese Gyps -Ausgüsse drücken annähernd die Form 
des Hirns aus, indem sie die Raum- Verhältnisse des- 
selben mit Inbegriff der Hirnhäute darstellen. Leider 
ist der erste dieser Ausgüsse auf dem Transporte hier- 
her beschädigt. 

Von Hrn. Professor Blasius erhielt ich den Schä- 
del eines Eskimo aus Labrador von ausgezeichneter 
Längen -Dimension. Die Schneide -Zähne sind voll- 
kommen flach abgerieben, was bei diesem Volke zwar 
nicht immer, aber doch sehr häufig vorkommt. 

Von Hrn. Professor Ernst H. Weber in Leipzig 
erhielt ich aus einem alten anatomischen Vorrath 3 
Schädel aus der Umgegend von Leipzig. Dieser Vor- 
rath von Schädeln aus altern Zeiten der Universität 
schien mir sehr merkwürdig, weil diese Köpfe den 
Slavischen Typus, besonders den Süd-Slavischen eben- 
so bestimmt ausdrückten, als sie vom Sächsischen Ty- 
pus abweichen. Deshalb bat ich mir einige Repräsen- 
tanten aus, besonders da meine Versuche aus der Ge- 
gend der Lausitz, in welcher noch Wendisch (oder 
Sorabisch) gesprochen wird, Schädel zu erhalten ohne 
Erfolg geblieben waren. Die Gegend von Leipzig war 



— 177 — 

bekanntlich lange Zeit auch Slavisch und der Name 
der Stadt selbst bedeutet: Lindenstadt. 

Nach der Rückkehr von dieser Heise fand ich hier 
eine Sendung des Gouverneurs von Jakutsk, Hrn. v. 
Stub en dor ff, vor, 2 Schädel enthaltend, die beiBurà 
am rechten Ufer der Lena, l 1 / 2 Faden tief ausgegra- 
ben sind. Bei einem fand sich ein abgebrochener 
Pfeil mit eiserner Spitze. Sie stammen «wahrschein- 
lich von dem Tungusischen Stamme dortiger Gegend». 

Die Kaukasische Abtheilung der Kaiserlich Russi- 
schen Geographischen Gesellschaft hatte 1 Schädel 
von dem Volke der Uden aus dem Kreise Nucha ein- 
gesendet. 

Dieselbe Abtheilung der K. R. Geographischen Ge- 
sellschaft hatte noch eine zweite sehr werthvolle Sen- 
dung der Akademie zukommen lassen, in welcher sich 
1) der Schädel eines Armeniers; 2) eines Awaren; 3) 
eines Lesghiers und 4) eines Hebräers befanden. Diese 
beiden Sendungen sind uns sehr wichtig, da die Ab- 
stammung des Volkes der Uden noch sehr zweifelhaft 
ist, auch von Hebräern bisher sich noch gar kein 
Schädel hatte acquiriren lassen. Von Awaren hatten 
wir vorher zwar schon einen Schädel erhalten, aber 
da er am Hinterhaupte von ganz ungewöhnlicher Form 
ist, kam es darauf an, durch einen zweiten bestimmen 
zu können, ob diese ungewöhnliche Form eine nor- 
male war oder eine individuelle Abweichung. Der 
neue Schädel hat nicht das sehr abgeflachte Hinter- 
haupt des frühern. 

Wir sind also den Vermittlern sehr zu Danke ver- 
pflichtet. Unterzeichnet ist die Zusendung durch den 
General Bartholomaei, dem die Akademie schon 

Mélanges biologiques. IV. 23 



— 178 — 

häufig als eifrigen Beförderer vielfacher wissenschaft- 
licher Bestrebungen sich verpflichtet gesehen hat. Aus 
der Zuschrift scheint es sich aber auch zu ergeben, 
dass Se. Erlaucht der Statthalter diesen Bestrebungen 
seine Protection zugewendet hat. Übrigens waren aber 
die ersten Schritte von dem General Miljutin gethan. 

Vor einigen Tagen überbrachte ferner der General 
H of mann 7 Schädel, die er in der Sammlung der 
mineralogischen Gesellschaft vorgefunden hatte, und 
die ihm nicht dahin zu gehören und auf jeden Fall 
aber mehr in die craniologische Sammlung zu passen 
schienen. 

Von diesen Schädeln sind drei aus Kurganen (alten 
Grabhügeln) des Gouvernements Ticer. Sie sind aus- 
gegraben von Uschakow und mit den Nummern 1, 
2 und 3, wenn ich nicht irre von der Hand unsers 
Collegen v. Koppen, bezeichnet. Jedenfalls gehören 
sie zu derselben Reihe, von der wir die übrigen Num- 
mern bereits besitzen. Ein vierter Schädel soll, nach 
der Inschrift, aus einem alten Schwedischen Grabhü- 
gel vom rechten Ufer der Luga stammen. Der fünfte 
kommt von der Insel Sitcha und ist ohne Zweifel der 
eines Koloschen. Der sechste und siebente tragen die 
Inschrift: bei Bobruisk im Gouvernement Minsk aus- 
gegraben. Sie sind ziemlich defect. Offenbar sind sie 
dieselben, welche in einer der frühern Schriften dieser 
Gesellschaft durch Professor Kutorga beschrieben 
sind. Sie haben ein wissenschaftliches Interesse er- 
regt, indem man in den damals gegebenen Zeichnun- 
gen eine Ähnlichkeit mit dem höchst auffallenden, lang 
gezogenen Schädel aus dem Neander-Thale bei Düs- 
seldorf, den Dr. Fuhlroth und Prof. Schaafhau- 



— 179 — 

sen (Müller's Archiv für Ant. und Phys. 1858) aus- 
führlich beschrieben haben, zu erkennen glaubte. In- 
dessen zeigen diese Schädel aus dem Minskischen 
durchaus nicht die colossalen Dimensionen wie der 
aus dem Neander-Thale. Sie sind allerdings auch in 
die Länge gezogen, doch keinesweges in so auffallen- 
der Weise wie jener, und weder ist die Stirn ganz so 
flach , noch sind die Augenbrauenbogen besonders 
stark entwickelt. Ihre ungewöhnliche Form scheint 
mir, zum Theil wenigstens, vom schnellen Trocknen 
abzuhängen, nachdem sie feucht aus der Erde gekom- 
men waren. Es würde aber zu weit führen, darüber 
hier ausführlich zu sprechen, wozu sich wohl eine an- 
dere Gelegenheit finden wird. 

Zuletzt hat Hr. Prof. Wenzel Grub er der Samm- 
lung einen schönen Tataren - Kopf aus dem Rjäsan- 
schen Gouvernement verehrt, der durch seine elegante 
Form sich auszeichnet. 

Die Akademie ist allen diesen Förderern ihrer cra- 
niologischen Sammlung, durch deren Bemühung sich 
allmählich das Material zur Beurtheilung der physi- 
schen Bildung und Verwandtschaft der Bewohner des 
Reiches sammelt, zum wärmsten Danke verpflichtet. 

Es wird nun aber auch nothwendig ein systema- 
tisches Verzeichniss zu entwerfen, weil nur dadurch 
die Lücken sich kenntlich machen lassen. 



(Aus dem Bulletin, T. V, pag. 67 — 72.) 



i| April 1862. 

Torläufige Diagnosen neuer Coleoptereii 
aus Südost-Sihiren, von Cand. August 
Horawitz. 

Cicindelidae, Carabiddae. 

Die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften hat 
in neuester Zeit namhafte Zusendungen an Coleopte- 
ren aus Südost- Sibirien und insbesondere aus dem 
Amur-Lande durch die Herren Maack, Radde, Ro- 
tschew und Dr. P. Wulffius erhalten, so dass eine 
nähere Durchsicht der neu hinzugekommenen Käfer 
nicht nur an und für sich lohnend, sondern auch un- 
umgänglich nöthig war. 

Hierzu kamen noch die im Amur-Gebiete von Ar- 
thur Nordmann gesammelten Coleopteren. Diese — 
ein Eigenthum der Universität zu Helsingfors — sind 
mir von dem Herrn Prof. Alexander v. Nordmann 
zur Ansicht eingesandt worden, für welchen Beweis 
des Interesses an meiner Arbeit ich hier meinen Dank 
öffentlich auszusprechen mich verpflichtet fühle. 

Zu den folgenden kurzen Mittheilungen bin ich 
hauptsächlich dadurch veranlasst worden , dass der 
Druck der Arbeit und die nöthigen Abbildungen noch 
längere Zeit in Anspruch nehmen dürften , und es 



— 181 — 

nur von Nutzen sein kann, auf die bereits abgeschlos- 
sene Bearbeitung eines Theils der Coleopteren des 
Amur-Landes aufmerksam zu machen. Diese vollen- 
dete Arbeit erstreckt sich einstweilen erst über die 
Familien der Cicindelidae und Carabicidae , und zwar 
sind diese in folgender Weise vertreten. 

Von den zehn aufgeführten Cincindelen ergaben 
sich die drei nachstehend charakterisirten als neu. 

Unter den zahlreich vertretenen Carabiciden sind 
die Elaphriden durch 2 Noiiophilus, 3 Elaphras und 1 
Blelhisa vertreten , von welchen 1 Notiophilus und 1 
Elaphrus als neue Arten beschrieben werden mussten. 

Von den Loriceriden ist nur die gewöhnliche Lori- 
cera pilicornis zu nennen. 

Was die Carabiden anbetrifft , so sind unter diesen 
die Gattung Eupachys durch E. glyptopterus und die 
Gattung Carabus durch 21 Arten vertreten, unter 
welchen sich 6 noch nicht beschriebene befanden. 
Von den bereits bekannten Arten habe ich C. Falder- 
manni Dej., C.vincidatus Gebl., C.kamschaticus* Motsch., 
C. viridilimbatus Motsch. und C. dahuricus Gebl. mit 
C. conciliator Fisch. Dej. vereinigt und eben so C. Bil- 
bergii Mannerh. mit C. cumanus Fisch, und C. Midden- 
dorffii* Mén. und C. ochoticus* Mannerh. mit C. Hummeli 
Fisch. C. aerens Dej. habe ich gegen Mannerheim, 
Gebier und Motschulsky als selbstständige Art auf- 
recht erhalten, dagegen den C. aeruginosas Fisch. Dej. 
als wahrscheinlich zu C. regalis Fisch, gehörig bezeich- 
net. Und zwar unterscheidet sich C. aereus von den 
zuletzt genannten Caraben im männlichen Geschlecht 
durch die Fühler, deren sechstes, siebentes, achtes 
und neuntes Glied an der unteren Seite stark ausge- 



— 182 — 

buchtet und gegen die Spitze plötzlich angeschwollen 
sind. Zu C. aereus gehören ferner C. gryphus* Motsch. 
und C. putus* Motsch. Ausserdem ist eine rauhe, auf 
den Flügeldecken überall mit gleichmässigen Höckern 
bedeckte Varietät des C. Kruberi Fisch, mit dem Na- 
men tnberatus belegt worden. — Von den aufgeführ- 
ten Calosomen sind beide weit verbreitet und bei 
C. investigator Illig. C. sibiricum* Motsch. und C. dauri- 
cum* Motsch. als weitere Synonyme aufgeführt wor- 
den. Von den sieben Nebrien sind die drei nachste- 
hend charakterisirten neu; von der Gattung Leistus 
ist eine grosse, neue Art für das Amur-Gebiet zu 
nennen. 

Unter den Brachiniden ist Br. longicomis schon 
von Motschulsky bekannt gemacht worden. 

Unter den Lebiaden ist die Gattung Dromius durch 
zwei, worunter eine neue, Metabletus und Apristus durch 
je eine und Lebia durch drei Arten vertreten , von 
welchen zwei als neue Arten beschrieben worden sind. 
Bei der neuen Lebia cribricollis, welche in der Bildung 
des ersten Fühlergliedes und in der groben Punkti- 
rung mit den Arten der Gattung Rhopalostyla Chaud, 
übereinstimmt, an den Tastern aber keine bemer- 
kenswerthe Verschiedenheit von den übrigen Lebien 
zeigt, ist der Zweifel gegen die Berechtigung der 
Gattung Rhopalostyla, wie sie Chaudoir charakteri- 
sirt, ausgesprochen worden; bei L. bifeneslrata musste 
bemerkt werden, dass bei dieser, wie auch bei eini- 
gen europäischen Arten, z. B. L. turcica, haemorrhoi- 
dalis, das vierte Fussglied deutlich zweilappig ist, wie 
bei der Gattung Lia Eschsch., weshalb denn die Gat- 
tung Lebia einstweilen in der Umgrenzung, wie sie 



— 183 — 

Schmidt- Goebel (Coleopt. Birra. 43) angenommen, 
beibehalten worden ist. Die Gattung Corsyra ist durch 
eine Art vertreten, Cymindis durch sieben. Unter die- 
sen ergab sich keine als neu, dagegen sind C. intricata* 
Motsch. gegen Chaudoir mit C. vapor ariorum, C. mo- 
nochroa Chaud., C. vittata Fisch, u. Motsch., so wie 
Ç. figurata Motsch. mit C. binotata Fisch, vereinigt 
worden und noch einige, bisher unbekannte Varietä- 
ten der letzteren näher besprochen. Die C. semwiltata 
Chaud, habe ich als selbstständige Art aufrecht er- 
halten und für diese als wesentliches Merkmal das 
im männlichen Geschlecht stark beilförmige Endglied 
der Lippentaster bezeichnet. Letzteres ist auch beim 
^ der C. rividaris beilförmig. 

Die Panagaeiden sind durch den weit verbreiteten 
Panagaeus crux major, die Chlaeniiden durch sieben 
Arten der Gattung Chlaenius repräsentirt, von welchen 
die beiden nachstehend angeführten beschrieben wer- 
den mussten. Unter diesen ist Ch. hospes von beson- 
derem Interesse , da diese Art w r ohl mit Recht als 
eine der sibirischen Fauna fremdartige Carabiciden- 
Form -bezeichnet werden darf. 

Unter den Brosciden ist nur die Miscodera arctica 
Payk. zu nennen, von welcher M. eryihropus* Motsch. 
nicht hinreichend verschieden ist. Dagegen sind die 
Pterostichiden zahlreich vertreten : Pogonus und Ca- 
lathus mit je drei, Patrobus, Sphodrus und Taphria mit 
je zwei, Dolichas mit einer, Ancfwmenus mit neun, Pte- 
rostichus mit drei und dreissig und Am ara mit neun- 
zehn Arten, unter welchen eine beträchtliche Anzahl 
neuer, bisher noch unbeschriebener Species. Auch 
mussten einzelne unter diesen unter neuen Namen 



— 184 — 

beschrieben werden, da die ihnen früher beigelegten 
bereits für andere Arten Eingang gefunden hatten. 

Was die schon früher bekannten Arten der Ptero- 
stichiden- Gattungen betrifft, so ist Sphodrus Tilesii 
Fisch, mit Sph. dauricus Fisch, vereinigt und bei den 
hier characterisirten Taphria- Arten die Bemerkung 
gemacht worden, dass die An- oder Abwesenheit der 
Furche an der Aussenseite der Hinterfüsse als Gat- 
tungsmerkmal keine Geltung haben könne , da die 
letzteren bei den nachstehend angeführten Arten und 
insbesondere bei Taphria congrua, welche der T. ni- 
valis überaus nahe steht, aussen mit einer deutlichen 
Furche versehen sind. Unter den Pterostichus- Arten 
ist zu erwähnen, dass Feronia Gebleri Dej., Poecilus 
instabilis* Motsch. und fulgidus* Motsch, nicht "speci- 
fisch von Pt. lepidus Fabr. verschieden sind; desglei- 
chen sind Pt. rapax Motsch. nicht von Pt. niger L. 
und Pt. picipennis* Motsch. nicht von Pt. Eschscholtzii 
Dej. zu trennen. Unter den Arten der Gattung Amara 
sind Bradytus majuscidus Chaud., minutas Motsch. und 
helopioides Motsch. als identisch mit A. apricaria, Br. 
parvicollis Gebier, aeneomicans Chaud, (latus Motsch.) 
und Br. cordicollis Chaud, (angusticollis* Motsch.) als 
zu ein und derselben Art gehörig bezeichnet wor- 
den, da die der Form entlehnten Unterschiede kei- 
neswegs stichhaltig sind. Leirus altaicus Motsch. ist 
auf unreife Stücke der A. fodinae Mannerh., Leirus 
intermedins* Motsch. auf einzelne Exemplare der A. 
conveociuscula Marsh., Amara (!) borealis* Motsch. auf 
grüne, Amara (!) bipartita* Motsch. auf kupferglän- 
zende Stücke der A. fCeliaJ interstitial is Dej. und Celia 
laevigata Motsch. endlich auf die mit glatter Hals- 



— 185 — 

schildbasis versehenen Stücke der A. rufocincta Män- 
nern, von Mots chul sky aufgestellt worden. 

Die Gruppe der Harpaliden ist durch einen Dichi- 
rotrichuSj zwei Anisodaetylus, ein und zwanzig Harpa- 
lus , einen Stenolophus , einen Bradycelhts und einen 
Tachycellus vertreten, welche letztere Gattung für Ste- 
nolophus curtulus* Motsch. eingeführt werden musste, 
da sich diese von Bradycelhts durch die an der Unter- 
seite mit federförmigen Schüppchen besetzten Mittel- 
füsse des Männchens, von Stenolophus durch die An- 
wesenheit eines scharfen Kinnzahns wesentlich unter- 
scheidet. Die neuen Arten unter diesen Gattungen 
sind nachstellend verzeichnet. Unter den bereits be- 
kannten ist anzuführen, dass H. foveicollis* Motsch. 
= H. latus L. und //. torrtdus* Motsch. auf schwarz- 
beinige Stücke derselben Art basirt worden ist. Auch 
sind H. petreus* Motsch.. subsulcatus* Motsch. und H. 
glaberrimus Motsch. gewiss nicht von H. obtusus Geb- 
ier verschieden, und H. pusillus* Motsch. ist zu H. 
picipennis Duftschin. gestellt worden, da bei ersterem 
die Anwesenheit von einem oder zwei kleinen Grüb- 
chen auf dem dritten Zwischenräume bei gänzlichem 
Maugel anderweitiger Unterscheidungsmerkmale un- 
möglich von specifischer Bedeutung sein kann. 

Die Gruppe der Trechidae ist durch zwei Arten der 
Gattung Trechus, die der Bembidiadae durch zwei Ta- 
chypus, einen Tachys und neunzehn Bcmbidium reprä- 
sentirt. Unter der letzterwähnten Gattung sind, aus- 
ser den nachstehend angeführten, als neu beschriebenen 
Arten, auch einige namhaft gemacht worden, welche 
an bereits bekannte äusserst nahe herantreten, ohne 
dass übrigens, aus Mangel an hinreichend gut erhal- 

Mélanges hiolo?iques T. IV. 24 



— 186 — 
• 
tenen Exemplaren, die vorhandenen Verschiedenhei- 
ten als specifische in Anspruch genommen werden 
konnten. Peryphus latus* Motsch. ist = Anchomenus 
altaicus* Gebier = Bembidium planum Sahlb.; Nota- 
phus tenebrosus* Motsch. = B. flammulatum Clairv.; 
Notaphus fasciatus* Motsch. = B. obliquum Sturm; 
Bembidium foveum* Motsch. = B. impressum Panz. 
und B. infuscatum Dej. aller Wahrscheinlichkeit nach 
nur eine Varietät des B. lunatum Duftschm. 

Im Allgemeinen liesse sich über die bisher ver- 
zeichneten Familien kurz Folgendes mittheilen : Un- 
ter den zehn angeführten Cicindelen gehören drei der 
europäischen Fauna an, und nur die C. tricolor Adams 
ist bisher auch noch westlich vom Baikal -See beob- 
achtet worden. Die hundert und neunzig verzeichne- 
ten Carabiciden vertheilen sich auf neun und dreissig 
Gattungen, von welchen nur Eup achy s Chaud, und die 
nachstehend characterisirte Gattung Tachycellus in Eu- 
ropa keine Repräsentanten haben. Corsyra fusula Fisch., 
welche bisher als eine Sibirien eigenthümliche Gattung 
und Art galt, ist kürzlich auch um Sarepta aufgefun- 
den worden. Sechs und sechzig von diesen Carabici- 
den -Arten kommen auch in Europa vor; die Zahl 
der in Europa fehlenden Arten ist also eine verhält- 
nissmässig weit grössere als für West-Sibirien, wo die 
europäischen Formen nach Gebier die Sibirien ei- 
genthümlichen an Menge ungleich übertreffen. Ein 
genauer Vergleich der einzelnen Gebiete Sibiriens 
unter einander ist leider zur Zeit kaum möglich, da 
sich die früheren Autoren bei Beschreibung neuer 
Arten fast immer mit der Angabe: «Patria Sibiria» 
zufriedengestellt hatten, und namentlich ist Falder- 



— 187 — 

mann als grelles Beispiel einer solchen Oberfläch- 
lichkeit zu nennen, da er selbst in zusammenhängen- 
den, grösseren Arbeiten, wie z. B. in der Fauna Trans- 
caucasica, sich nie die Mühe gegeben, den Fundort 
auch nur annähernd genauer anzugeben. 

Da Motschulsky in Schrencks Amur-Reise, II. 
Band, 2te Lieferung, bei den daselbst verzeichneten 
Arten entweder gleichfalls nur die Angabe: «Commun 
dans toute la Sibérie», oder auch gar nichts über den 
Fundort anführen zu müssen für nöthig hielt, was 
doch bei den Ergebnissen einer speciellen Reise vor 
Allem zu verlangen ist, so darf es nicht befremden, 
dass in die Bearbeitung der Käfer Südost -Sibiriens 
alle von Dr. L. v. S ehr en ck im Amur-Lande ange- 
troffenen Coleopteren mit aufgenommen worden sind, 
wobei noch erwähnt werden kann, dass durch die 
nochmalige Aufführung dieser der Überblick über die 
Käfer-Fauna Südost-Sibiriens ein vollständigerer wird, 
und Berichtigungen, welche bei allen von Motschul- 
sky bisher gelieferten Aufsätzen leider nur zu oft zu 
geben sind, sich eher in einer zusammenhängenden 
Arbeit als anderweitig anbringen Hessen. 

Die neuen Arten sind in systematischer Folge fol- 
gende : 

Cicindelidae. 

1. Cicindela sachalinensis: Supra subeuprea, 
labro albido, prothorace sub transverso, postice paullo 
angustiore ; ely tris punetatis granulatisque, lunula hu- 
merali interrupta, fascia media sinuata abbreviata 
punetoque marginali ante apicem flavis (albidis). <£ 
17 millim. 



— 188 — 

Diese Art stimmt in hohem Grade mit C. chlons 
Dej. überein und weicht wesentlich nur durch die 
bronzefarbene Oberfläche ab, durch die längere Ober- 
lippe , den stärker gestrichelten abschüssigen Theil 
der Stirn, das etwas weniger kurze, gewölbtere Hals- 
schild, die deutlich vertieft punktirten, mit spärliche- 
ren, dazwischen gestreuten Körnern versehenen Flü- 
geldecken, deren Zeichnungen gleichfalls Unterschiede 
darbieten. Die Anlage dieser ist im Allgemeinen über- 
einstimmend mit der von C. chloris, nur fehlt der Fleck 
an der Spitze vollständig und die Mittelbinde ist 
mehr quer gerichtet; der äussere breitere Theil ist 
gebogen, mit der Concavität nach vorn, der innere 
schmälere, unter einem deutlichen Winkel sich an 
den äusseren Theil anschliessende Haken zieht etwas 
schräg nach innen und hinten, ist mit seiner ange- 
schwollenen Spitze zur Naht gerichtet und reicht 
kaum etwas über den äusseren Theil der Querbinde 
nach hinten hinaus. Diese Zeichnungen sind, viel- 
leicht in Folge des langen Liegens in Spiritus, gelb. 

Von C. sylvicola Dej. ist C. sachalinensis sehr leicht 
an dem kleineren Kopf, der längeren Oberlippe, dem 
etwas kürzeren, nach hinten weit weniger verengten 
Halsschilde, dem über den Fühlern weit flacheren Theil 
der Stirn, so wie endlich an den bronzegrünen Lip- 
pentastern und den Zeichnungen der Flügeldecken 
zu unterscheiden. 

Insel Sachalin (Arthur Nordmann!). 

2. Cicindela Raddei: Supra aeneo-nigra, labro 
medio valde protracto, albido, prothorace transverso, 
postice angustato, rugoso; elytris tenuissime granula- 
tis, puncto humerali et posthumerali , fascia media 



— 189 — 

abbreviata subrecta punctoque marginali ante apicem 
albis. $ 1 6 1 / 2 millim. 

Zunächst mit C. sylvicola und chloris verwandt und 
verschieden von beiden durch den grösseren und stär- 
ker vertieften Kopf, die beträchtlich längere Ober- 
lippe, das unregelmässig gerunzelte Schildchen, so 
wie die überaus regelmässig und viel feiner gekörn- 
ten, längeren Flügeldecken, welche auch anders ge- 
zeichnet sind. Die Episternen der Vorderbrust sind 
nicht punktirt. Von C. sylvicola ist diese Art ausser- 
dem noch sehr leicht an den bläulich bronzegrünen 
Lippentastern und dem kürzeren, am Hinterrande je- 
derseits nur äusserst schwach gebuchteten Halsschilde 
zu unterscheiden. 

Amur, an der Mündung des Sungari (Radde!). 

3. Cicindela amurensis: Viridi-aenea, subtus 
lateribus albo-villosa, capite inter antennas profun- 
dus striolato, prothorace longiusculo, teretiusculo, 
lateribus hirsuto; elytris punctatis, lunula humerali 
apicalique dentatis fasciaque ante medium bilunata 
tenuibus, albis. 8V 2 — 9V 2 millim. 

cT elytris oblique truncatis, angulo suturali pro- 
minulo. 

$ elytris oblique truncatis apiceque rotundatis. 

Eine zierliche, fein gezeichnete Art aus der Gruppe 
der C. lüerata Sulz. Schaum, C. trisignata Dej. u. s. w. 

Von C. lüerata unterscheidet sich diese Art durch 
die entschieden metallische Oberfläche, die tieferen 
Längsstriche am Innenrande der weit stärker vorge- 
quollenen, grösseren Augen, die kürzere Oberlippe, 
das längere, mehr walzenförmige und nur an den Sei- 
ten behaarte Halsschild und die beim $ schräg abge- 



— 190 — 

stutzten, beim $ ausserdem einzeln abgerundeten Flü- 
geldecken. Die Stirn ist im Vergleich zu den Augen 
beträchtlich schmäler als bei C. literata. 

Durch die Form der Flügeldecken und die verhält- 
nissmässig geringere Breite der Stirn ist die C. amu- 
rensis auch von C. trisignata leicht zu unterscheiden, 
von welcher sie gleichfalls durch die grösseren Au- 
gen, die kürzere Oberlippe, das längere Halsschild 
und überhaupt den schlankeren Bau abweicht. Die 
Zeichnungen der Flügeldecken sind stets viel feiner, 
linienförmig. 

Ussuri (Maack!). Amur, an der Mündung des Sun- 
gari (Rad de!). 

Carabici. 

Elaphridae. 

4. Notiophilus impressifrons: Aeneus, labro 
apice emarginato, fronte medio impressa, tarsis plus 
minusve infuscatis, tibiis, antennarum palporumque 
basi testaceis; striis elytrorum punctatis, postice ob- 
soletis, interstitiis planis. 5 — 5 1 / 2 millim. 

Kaum etwas grösser als N. palustris und von die- 
sem, ausser der vorn ausgerandeten Oberlippe und 
der in der Mitte der Länge nach vertieften Stirn, so- 
wie der Färbung der Beine, auch noch an der Form 
des Halsschildes mit Leichtigkeit zu unterscheiden. 
Das Letztere ist nämlich an den Seiten weniger ge- 
rundet und hinten weniger zusammengezogen, indes- 
sen doch noch merklich stärker als bei N. aqualicus. 
Der Hinterkopf ist jederseits deutlich und etwas runz- 
lig punktirt, die fünf Stirnfurchen convergiren nach 



— 191 — 

hinten; die drei mittleren sind kürzer als die beiden 
äusseren und enden in der Längsvertiefung der Stirn. 
Bureja-Gebirge (Rad de!). 

5. Elaphrus dauricus: Obscuro-aeneus, protho- 
race capite latiore, elytris crebre punctulatis, ocellis 
violaceis quadruplici série, palpis tibiisque testaceis, 
his apice, tarsis femoribusque viridi-aeneis. $ 8 — 8V 2 
millim. Elaphrus dauricus Mannerh. in litt. 

Diese Art steht dem E. uliginosus sehr nahe und 
weicht von diesem, ausser der Färbung der Taster, 
Schienen und Tarsen, durch längeren Bau ab, das 
breitere Halsschild, dessen Ausbucht vor den Hinter- 
ecken weit tiefer ist und dessen Mittellinie vorn in 
einen gabeligen , gegen die Seiten allmählich ver- 
schwindenden Eindruck übergeht. Die Flügeldecken 
erscheinen im Vergleich zum Halsschilde, besonders 
an den Schultern, weniger breit und sind am Seiten- 
rande hinter den Schultern mit einer deutlichen Aus- 
bucht versehen, hinter welcher eine zweite, kaum an- 
gedeutete wahrzunehmen ist. 

Nord-Baikal (Radde!). 

Carabldae. 

6. Carabus Maacki: Niger, prothorace trans- 
verso , antice angustato , ante angulos posticos vix 
productos subrotundatosque valde sinuato; coleopte- 
ris ellipticis, planiusculis , obscure viridibus, singulo, 
ante apicem emarginato, costis tribus, suturali abbre- 
viata, tuberculorumque oblongorum seriebus alternis; 
interstitiis rugulosis granulatisque. $ 28 — 29 millim. 

Unter den Arten, welche zur Gruppe des C. gra- 
nulatus gehören, durch die rein schwarze Farbe des 



— 192 — 

Körpers und die bronze-grünen Flügeldecken leicht 
kenntlich. Das Halsschild nach vorn allmählich, doch 
beträchtlich verengt, sanft gerundet, hinter der Mitte 
sehr stark einwärts geschwungen. Die abgerundeten 
Hinterecken, welche kleiner als rechte Winkel sind 
und nach aussen etwas vortreten, gehen in einem fla- 
chen Bogen in den zum Schildchen in flacher Run- 
dung vortretenden Hinterrand über. Der Basalein- 
druck ist tief. 

Kenka-See (Maack!). 

7. Carabus Wulffiusi: Niger, prothorace qua- 
drato, coeruleo-nitente, rugoso-punctato, lateribus pa- 
rum rotunclato, angulis posticis productis; coleopteris 
oblongo-ovatis, subcupreis, ruguloso-granulatis, opacis, 
margine antice subcoeruleis, singulo costis tribus in- 
tegris costisque tribus altérais foveolis cupreis inter- 
terruptis. $ 20V 2 millim. 

Mir liegt leider nur ein einzelnes weibliches Exem- 
plar vor, das in der Sculptur der Flügeldecken sich an 
die Arten der Gruppe des C. granulatus anschliesst, 
indessen sind die Köraerreihen durch sehr schmale 
und lange Erhabenheiten ersetzt, welche in der Breite 
mit den Längsrippen übereinkommen und deshalb als 
aus unterbrochenen Rippen entstanden betrachtet 
werden können. Das Halsschild ist ziemlich gestreckt, 
.etwa l'/g mal breiter als lang, vorn fast gerade, an 
den Seiten sehr wenig gerundet, mit grösster Breite 
kurz vor der Mitte, nach hinten etwas mehr als nach 
vorn verengt; die Hinterecken treten nach hinten be- 
trächtlich vor und gehen in einem stumpfen, etwas 
gerundeten Winkel in den fast geraden Hinterrand 



— 193 — 

über. Der Basaleindruck vor den Hinterecken ist £ 
völlig verwischt. 

Bai Possiet (Dr. P. Wulf fins! 

S. Carabus venustus: Niger, prothorace rab- 
cordato, fortiter rugoso-punetato, lateribna coerule- 
scente; coleopteris ellipticis, oonvexis, laete cupre 

margine violaceo-coerulescente. singulo ante apicem 
vix emarginato , costis sedecim, prima (ut suturalis) 
intégra, ceteris impressionibns transversa interruptis. 
7 IG 1 \ millim. 

3 antennarum articulis septimo , octavo et oono 
subtus leviter emarginatis. 

Kleiner und schlanker als C. HummeH. Das Hals- 
schild ist breiter, herzförmig, hinten schmäler als 
vorn und hier stärker ausgerandet. Die aufgeworfene 
Wulst am Vorderrande ist kaum angedeutet dagegen 
sind die Seiten weit stärker aufgebogen. Die Rippen 
der Flügeldecken, mit Ausnahme der Nathrippe und 
der ihr zunächststehenden, sind durch eigentümliche, 
quere, nicht scharf begrenzte, wie eingerissene Ver- 
tiefungen unterbrochen. Die Spitze der Flügeldecken 
ist etwas schärfer, einzeln kaum abgerundet, die A 
bucht vor der Spitze kaum angedeutet. Beim S 
C. Hummel î sind die vier vorletzten Glieder der Füh- 
ler unten mit einer grubenartigen Vertiefung verse 
hen, das sechste Glied zeigt kaum eine Spur davon. 
Von der Seite betrachtet , sind die vier vorletzten 
Glieder vor der unten dickeren Spitze deutlich aus- 
gebuchtet. 

Bei der vorliegenden Art ist das achte Fühlerglied 
etwas stärker, das siebente und neunte an der unteren 
Seite schwächer vertieft und daselbst glatt: von der 

Mélanges biologiques IV 25 



— 194 — 

Seite betrachtet, sind diese Glieder nur schwach ausge- 
buchtet. Das zehnte Fühlerglied ist vollkommen cylin 
drisch, kaum merklich dicker und etwas kürzer als 
das Endglied. Ausserdem ist auch noch das Endglied 
der Taster breiter beilförmig und die Beine schlanker 
als bei C. Hummeli Fisch. 

Bureja- Gebirge (Radde!). 

9. Carabus Schaumi: Elongatus, niger, protho- 
race subquadrato, parce foveolato-punctato, disco sub- 
viridi, lateribus aurato, ante angulos posticos deflexos 
subsinuato; coleopteris ellipticis, smaragdinis,niargine 
aureo, costis 13 vel 14, saepe et regulariter inter- 
ruptis, nigris. *g 28 — 29 millim. 

Eine farbenprächtige, im Habitus noch am meisten 
mit C. violaceus übereinstimmende Art. Sie besitzt ein 
verhältnissmässig grösseres, an den Seiten entweder 
nur vor den Hinterecken oder doch nur sehr schwach 
aufgebogenes Halsschild, dessen Hinterecken an der 
Spitze abgerundet und schräg nach unten umgebogen 
sind. Der Basaleindruck ist flach. 

Der Körper ist schwarz, das Halsschild oben leb- 
haft kupferglänzend, in der Mitte trüber und mit grün- 
lichem Schimmer, die groben grübchenartigen Punkte 
hier erz - oder smaragdgrün , gegen die Seiten zu 
kupfrig. Die Flügeldecken sind lang elliptisch, sma- 
ragdgrün, mit goldgrünem Seitenrande und 13 — 14 
starken, gleichmässig erhöhten, oft und regelmässig 
unterbrochenen , die Grundfarbe nicht beeinträchti- 
genden Längsrippen. Die Seiten sind grobrunzlig. Der 
umgeschlagene Rand des Halsschildes und der Flügel- 
decken mehr oder weniger schmutzig grünglänzend. 



— 195 — 

2 Männchen aus Port May und Port Bruce (Dr. P. 
Wulffius!). 

10. Carabus lineolatus: Aeneo-niger. protho- 
race transversim-quadrato, ruguloso-punctato, lateri- 
bus vix sinuato, angulis posticis parum prominulis; 
elytris cupreo nitentibus, tenuiter multilineatis, mar- 
gin e foveolisque triplici série impressis laete cupreis. 

$ 20'; millim. 

Aus der Gruppe des C. Iwrtensis, sylvestris, u s. \v. 

Das Halsschild ist beinahe l 1 / 2 mal so breit wie 
lang, an den Seiten wenig gerundet, nach hinten etwas 
mehr als nach vorn verengt. Die Seiten sind der gan- 
zen Länge nach gerandet, doch nur hinten etwas auf- 
gebogen ; die Hinterecken sind stumpf und abgerun- 
det, ragen nach hinten sehr wenig vor und gehen in 
einem flachen Bogen in den beinahe ganz geraden 
Hinterrand über; hinten befindet sich jederseits ein 
rundliches Grübchen. Die Flügeldecken sind fast 
eiförmig, mit deutlichem Kupferschein, jede mit 20 
— 21 feinen, nicht ganz regelmässigen Streifen und 
drei Reihen lebhaft kupferglänzender Grübchen. 

Nord-Baikal (Radde!). 

11. Carabus Raddei: Elongatus, subdepressus, 
obscuro-aeneus, elytris cupreis margine laete viridi, 
prothorace rugoso-punctato, piano, subquadrato, la- 
teribus subrectis, angulis posticis vix prominulis, ely- 
tris tenuiter striatis, interstitiis elevatis, foveolis tri- 
plici série impressis. £17 — 1 7 1 ^ millim, 

Var. b. Totus niger. 

S antennarum articulis quinto, sexto, septimo oc- 
tavoque subtus distincte, nono vix emarginatis. 
Eine ganz eigenthümliche, flache Art, welche mit 



— 196 — 

keiner der mir bekannten Arten zu vergleichen ist. 
Das Halsschild ist nur wenig breiter als der Kopf, 
l 1 / 4 mal breiter als lang, vorn fast gerade und ohne 
wulstigen Rand, an den Seiten sehr wenig gerundet, 
nach hinten ganz allmählich verengt und vor den Hin- 
terecken mit kaum angedeuteter Ausbucht. Die Sei- 
ten sind der ganzen Länge nach gerandet, aber nur 
hinten etwas aufgebogen. Die Hinterecken sind abge- 
rundet, nach unten ziemlich stark herabgebogen, so 
dass sie nach hinten kaum vorragen; sie gehen in ei- 
nem sehr flachen Bogen in den Hinterrand über. 
Oben ist das Halsschild flach, kaum gewölbt, an der 
Basis jederseits ein querer, unbestimmt begrenzter, 
nach aussen tieferer Eindruck. 

Oberer Amur (Maack!). Sohondoh (Radde!). 

12. Nebria ussuriensis: Alata, nigra, prothorace 
cordato, postice non coarctato, lateribus late reflexis, 
linea media vix impressa ; coleopteris subovalibus, 
striatis, interstitio tertio punctis quinque impressis. 
l0 1 / 2 millim. 

Eine ziemlich schlank gebaute Art. Das Halsschild 
ist verhältnissmässig länger als bei N. Gyllenhali, nach 
hinten stärker verengt, vor den Hinterecken aber nur 
sanft geschwungen , mit breit abgesetzten , aufge- 
bogenen Seiten. Der Vorderrand ist durch eine sehr 
seicht eingegrabene quere Linie ziemlich breit, doch 
sehr schwach wulstartig abgesetzt. Die Flügeldecken 
sind an den Seiten leicht gerundet, mit stumpfen, ab- 
gerundeten Schultern. Die undeutlich punktirten Strei- 
fen nach aussen und zur Spitze hin seichter, der achte 
Zwischenraum viel breiter als der vorhergehende. 
• Ussuri (Maack!). 



— 197 — 

13. Nebria antliraciiia: Nigra, supra nitida, 
vertice medio foveola rotunda impresso, prothorace 
breviter cordato, postice non coarctato, lateribus late 
reflexis, linea media profunde impressa; elytris stria- 
tis, striis subpunctatis, interstitiis convexis, tertio fo- 
veolis tribus vel quinque impressis. 9^ — 1 1 / 2 millim. 

Diese Art unterscheidet sich von N. ussuriensis durch 
das deutliche Grübchen des Scheitels, das beträchtlich 
kürzere, an den Seiten stärker gerundete Halsschild, 
die schärferen , nach vorn weit mehr vortretenden 
Vorderecken, den tiefen vorderen Gabeleindruck, so 
wie die tiefe deutlich eingedrückte Mittellinie des 
Halsschildes. Auch stimmt die Contour der Flügel- 
decken mehr mit N. Gyllenhali überein, die Zwischen- 
räume sind gewölbter als bei A T . ussuriensis, die einge- 
drückten Punkte auf dem dritten Zwischenräume grös- 
ser, die Streifen endlich zur Spitze und gegen den 
Seitenrand zu nicht verwischt. 

Bai De Castries (Arthur Nordmann!). 

14. Nebria baicalensis: Aptera, nigra, nitida, 
subtus' nigropicea, ore, antennis pedibusque piceis, 
prothorace breviter cordato, postice coarctato; co- 
leopteris elongato-ovatis, planiusculis, subtiliter pun- 
ctato-striatis, interstitio tertio vel etiam quinto punctis 
nonnullis impressis. l0 1 / 2 — 12 millim. 

Var. Paullo minor, prothorace parvo. 

Von etwas gestrecktem Bau, und durch die lang 
eiförmigen, an den Seiten ziemlich gleichbreiten Flü- 
geldecken, bei Mangel entwickelter Flügel, sehr leicht 
kenntlich. 

Nord-Baikal (Radde!). 

15. Leistus latic ollis : Piceus, ore, antennis pe- 



— 198 — 

dibusque rufis, prothorace lato, transversim subellip- 
tico, lateribus latius marginato; coleopteris ellipticis, 
striatis , striis obsolete punctatis ; prosterno ubique 
punctato. 9'/ 2 — 10'/ 2 milliin. 

Die grösste mir bekannte Art. In der Gestalt am 
meisten mit L. piceus Fröhl. übereinstimmend , durch 
das verhältnissmässig breitere, an den Seiten stärker 
vortretende, nach hinten weniger verengte Halsschild, 
dessen Seiten viel breiter abgesetzt und stärker auf- 
bogen sind, und durch elliptische Contour der breit 
gerandeten Flügeldecken und die überall grob punk- 
tirte Vorderbrust unterschieden. 

Oben dunkelbraun, unten etwas lichter, Mund, Füh- 
ler, mit Ausnahme des pechbraunen Wurzelgliedes, 
Schienen und Füsse etwas röthlich, die Schenkel nur 
wenig dunkler als die Schienen. 

Ussuri (Maack !). 

Lebiadac. 

16. Demetrias sibiricus: Alatus, capite nigro, 
prothorace rufo, coleopteris sutura infuscatis, obsolete 
striatis, interstitiis tertio, quarto, quinto et septimo 
plerumque punctis nonnullis impressis. 4 — 4/ 2 millim. 

Durch die Anwesenheit der völlig entwickelten Flü- 
gel mit D. atricapülus, in der Bildung der Klauen aber 
mit D. unipunctatus übereinstimmend. An den letzteren 
bemerkt man nämlich nur einen grossen Zahn, wel- 
chem zur Basis hin noch zwei stumpfe zahnartige Er- 
weiterungen folgen. 

Der Kopf ist schlanker als bei D. unipunctatus, mit 
weniger gewölbten Augen, das Halsschild schlanker, 
an den Seiten weniger gerundet und hinten schwächer 



— 199 — 

einwärts geschwungen: die Oberfläche ist mit dicht 
gedrängten Querrissen bedeckt. 
Bureja- Gebirge (Radde!). 

17. Dromius quadraticollis: Fuscus, prothora- 
cis fere quadrati margine laterali, airtennarum basi 
pedibusque ferrugineis, elytris striatis, antrorsum an- 
gustioribus. ö'/ 2 millim. 

Durch das nach hinten gar nicht verengte Hals- 
schild, dessen Seitenrand vor den rechtwinkligen Hin- 
terecken kaum geschweift und dessen Hinterrand bei- 
nahe gerade ist , leicht kenntlich. In der Färbung 
sonst dem Dr. agilis am nächsten stehend, von diesem 
aber durch die bereits angeführten Merkmale und die 
dunklere Farbe des Kopfes und Halsschildes, die tie- 
fer gestreiften Flügeldecken, welche vorn, namentlich 
im Vergleich zum Halsschilde , schmäler sind , mit 
Leichtigkeit zu unterscheiden. Auch ist die Ausran- 
dung an der Spitze der Flügeldecken weit tiefer. 

Ussurimündung (Maack!). 

18. Lebia cribricollis: Rufa, fortiter punctata, 
capite eiytrisque cyaneis; elytris punctato-striatis, in- 
terstitiis série subregulari punctorum major um. 6 — 7 
millim. 

Von den verwandten Arten leicht durch Färbung 
und grobe Punktirung zu unterscheiden. An den Füh- 
lern erreicht das Basalglied reichlich die Länge des 
dritten Gliedes, ist an der Basis nicht so plötzlich ein- 
geschnürt und wird gegen die Spitze ganz allmählich 
dicker. Das Endglied der Taster ist lang eiförmig, 
zugespitzt und an der Spitze kaum etwas abgestutzt. 
(Vergl. die Gattung Rhopalostyla Chaud.) 

Bureja-Gebirge (Radde!). 



— 200 — 

19. Lebia bifenestrata: Nigro- picea, subtus 
testacea, ore, antennis, prothoracis margine laterali, 
macula media margineque laterali elytrorum pedibus- 
que testaceis ; elytris sulcatis , interstitiis convexis. 
4 1 / 2 — 5 millim. 

In der Färbung durch die runden Makeln sehr 
leicht kenntlich und dadurch an Dromius feneslratus 
etwas erinnernd. Das Halsschild ist fast doppelt so 
breit wie lang. 

Bureja-Gebirge (Radde!). Ussuri (Maack!) 

Chlaeniidae. 

20. Chlaenius hospes: Capite prothoraceque ae- 
neis, nitidis; prothorace elongato, lateribus rotundato, 
ruguloso inaequaliterque punctato ; elytris nigro-pi- 
ceis, striatis, interstitiis confertissime punctatis, te- 
nuiter pubescentibus, macula postica, antennarum ar- 
ticulis tribus primis, palpis pedibusque testaceis. 13 
— 14 millim. 

Von den schlanken, auf dem hintern Theil der Flü- 
geldecken mit einer gelben Makel versehenen Arten 
der hiesigen Sammlung dem Ch. lynx fDohmJ Chaud. 
(B. de Mose. 18Ö6.J, von dem mir ein von Dohrn stam- 
mendes Exemplar zum Vergleich vorliegt, am näch- 
sten verwandt, und durch das breitere, an den Seiten 
kaum aufgebogene, stärker gerundete Halsschild, und 
überhaupt durch die breitere Gestalt verschieden. Das 
Halsschild ist oben viel gröber punktirt und zwischen 
dieser groben Punktirung mit feinen Pünktchen ver- 
sehen. Auch ist die Unterseite grob punktirt und na- 
mentlich ist in dieser Hinsicht auf die grob punktir- 
ten Episternen der Vorderbrust zu achten. 



— 201 — 

Bureja- Gebirge (Radde!) 

21. Chlaenius circumductus: Laete viridis, 
prothorace subquadrato, pubescent! , margine laterali 
late flavo, elevato; elytris pubescentibus, subtilissime 
granulatis, striatis, latius ilavo marginatis. 12 millim. 

In der Gestalt von den am Halsschilde und den 
Flügeldecken gelb gerandeten Arten zunächst noch 
dem CK. agrorum Oliv, stehend, aber grösser und viel 
breiter, das Halsschild an den Seiten stärker gerun- 
det und mit einem breiten, besonders hinten aufgebo- 
genen Seitenrande ; die Hinterecken sind stumpfer 
und an der Spitze abgerundet. Der gelbe Seitenrand 
des Halsschildes und der Flügeldecken sehr breit, der 
Hinterleib dagegen ohne gelben Saum. 

Ussuri (Maack! Arthur Nordmann!). 

Pterostichidac. 

22. Pogonus fasciato-punctatus: Obscure-ae- 
neus, pedibus rufo-aeneis, prothorace lato, lateribus 
ante angulos posticos sinuato, elytrorum striis exter- 
nis distinctis interstitiisque tertio, quin to et septimo 
punctis nonullis impressis. S 6 1 / 2 millim. 

In der Form zunächst mit P. orientalis Dej. über- 
einstimmend, nur etwas breiter, das Halsschild kür- 
zer, vor den Hinterecken stärker einwärts geschwun- 
gen, die Flügeldecken an den Seiten weniger parallel, 
der sechste uud siebente Streifen derselben nur we- 
nig schwächer als die andern und es sind der dritte, 
fünfte und siebente Zwischenraum mit einigen einge- 
stochenen Punkten versehen. In der Sculpt ur der 
Flügeldecken kommt also vorliegende Art mit P. me- 
ridtonalis Dej. überein, sie ist aber von letzterem an 

Mélanges biologiques. IV. 26 



— 202 — 

dem weit plumperen Bau und insbesondere an dem 
weit breiteren, queren Halssehilde mit Leichtigkeit zu 
unterscheiden. 

Kurtuss (Radde !). 

23. Sphodrus gracilipes: Piceo-niger, subcoe- 
ruleo-micans, prothorace subquadrato, piano, lateri- 
bus valde reflexis, coleopteris oblongis, prothoracis 
basi multo latioribus, profunde punctato-striatis. $ 
18V 2 millim. 

In der Gestalt den grösseren blauen Pristonychen 
sich nähernd, viel schwächlicher und schlanker als 
Sph. Tüesii Germ, gebaut, von den mir bekannten, mit 
glatten Klauen versehenen Sphodrus- Arten dem letz- 
teren indessen noch am nächsten stehend. Der Kopf 
ist hinter den Augen fast ohne Spur einer Einschnü- 
rung, die Augen merklich flacher als bei Sph. Tilesii, 
das flache Halsschild länger , an den Seiten mehr 
gleichbreit und der ganzen Länge nach stark aufge- 
bogen. Die Flügeldecken sind länger, flacher, an den 
Schultern im Vergleich zum Halsschilde viel breiter, 
und tiefer gestreift. Die Beine sind viel schlanker als 
bei Sph. Tilesii, das Basalglied der Mittel- und Hin- 
terfüsse und an letzteren auch das zweite Fussglied 
aussen mit einer deutlichen Furche. 

Selenga (Radde !). 

24. Calathus nitidulus: Niger, nitidus, antennis, 
palpis pedibusque piceis, prothorace subquadrato, la- 
teribus subreflexo, postice utrinque punctulato, basi 
media emarginata, elytris profunde striatis, striis sub- 
tiliter crenulatis, iüterstitio tertio punctis nonullis im- 
pressis. 12 millim. 

Von den mir vorliegenden Arten dem C. cisteloides 



— 203 — 

Panz. zuiiächststehend und von diesem durch das län- 
gere, an den Seiten nur sehr wenig gerundete, nach 
hinten etwas verengte Halsschild, dessen abgeflachte 
Seiten etwas aufgebogen sind, leicht zu unterscheiden 
Die glänzenden Flügeldecken sind tief gestreift, die 
Streifen breit, fast furchenartig und im Grunde fein 
gekerbt, auf dem dritten Zwischenräume einzelne ein- 
gestochene Punkte. Die Unterseite ist glatt. 

Calathus reflexicollis Mén., dessen Halsschild an den 
Seiten gleichfalls etwas aufgebogen ist, unterscheidet 
sich von der hier characterisirten Art ausser Anderem 
durch die gerade Basis des Halsschildes. 

Bureja - Gebirge (Radde! Arthur Nordmann!), 
Ussuri (Maack !). 

25. C. proximus: Niger, nitidus, antennis, palpis, 
tibiis tarsisque rufo-brunneis,prothorace subquadrato, 
lateribus subreflexo, basi media emarginata, angulis 
posticis subrotundatis, elytris striatis, striis obsolete 
punctatis, interstitio tertio punctis duobus vel tribus 
impressis. 10 — 12 millim. 

Dem Vorigen überaus nahe stehend. Die Fühler, 
Taster, Schienen und Füsse sind lichter. Das Halsschild 
ähnlich gebildet, die Hinterecken aber stumpfer und 
abgerundet und die Basis jederseits entweder völlig 
glatt oder nur mit einzelnen flachen Punkten verse- 
hen; die schwächere Mittellinie ist vor dem Hinter- 
rande mehr als vorn abgekürzt. Der Basalsaum der 
Flügeldecken ohne vortretendes Zähnchen an den 
Schultern, die Streifen flacher und viel undeutlicher 
gekerbt, und die Zwischenräume, besonders an der 
Spitze, weit weniger gewölbt. 
Port May (Dr, P. Wulffius!). 



— 204 — 

26. C. orbicollis: Nigro-piceus, antennis, palpis 
pedibusque rufo-piceis, prothorace lateribus rotun- 
dato, angulis posticis obtusis, rotundatis, elytris pro- 
funde striatis, interstitio tertio punctis duobus impres- 
sis. 10 — 11 millim. 

In der Form an Taphria nivalis erinnernd, durch 
das Endglied der Taster und die aussen gefurchten 
Hinterfüsse mit den Calathus- Arten übereinstimmend 
und wahrscheinlich dem mir unbekannten C. picens 
Marsh, nahe verwandt. Das Halsschild ist 1 '/ 3 mal 
breiter als lang, vorn leicht ausgerandet, nach hinten 
sehr wenig, nach vorn von der Mitte ab beträchtlich 
verengt, der Hinterrand in der Mitte sehr leicht aus- 
gerandet. Die Oberfläche ist ziemlich stark gewölbt, 
die Seiten hinten etwas abgeflacht, der hintere Längs- 
eindruck tief und scharf. Die eiförmigen Flügeldecken 
sind an den Schultern kaum breiter als die Basis des 
Halsschildes und vor der Spitze nicht gebuchtet. 

Ussuri (Maack!). 

27. Taphria Nordmanni: Nigra, palpis, antennis 
pedibusque rufo-piceis, prothorace postice angustato, 
angulis posticis rotundatis, basi depressa, opaca; ely- 
tris profunde striatis, interstitio tertio punctis duobus 
impressis. 9 millim. 

Grösser und breiter als T. nivalis, das Halsschild 
l 1 / 3 mal breiter als lang, die niedergedrückte Basis 
durch überaus feine Chagrinirung matt und mit zer- 
streuten, flachen und groben Punkten hin und wieder 
besetzt; der Eindruck vor den Hinterecken nicht sehr 
tief. Das Schildchen, wie die Basis des Halsschildes, 
matt. Die Flügeldecken sind länglich-eiförmig, an der 
Basis breiter als der Hinterrand des Halsschildes, mit 



— 205 — 

frei vorstellenden Schultern, vor der Spitze ohne Aus- 
bucht. Die Hinterfüsse aussen fein gefurcht. 
Bureja-Gebirge (Arthur Nordmann!). 

28. T. congrua: Nigro-picea, subtus, ore, anten- 
nispedibusque rufis, prothorace quadrato, elytris stria- 
tis, humeris acutiusculis. 7'/ 2 — 8 millim. 

Der T. nivalis täuschend ähnlich, nur wenig grösser, 
das Halsschild etwas länger, an den Seiten weniger ge- 
rundet, vorn etwas tiefer ausgerandet; an den Flügel- 
decken sind die Schultern weit schärfer und nach vorn 
vorgezogen, der hintere Rand des Basalsaums ist stär- 
ker gekrümmt. Die Hinterfüsse sind aussen deutlich 
gefurcht. 

Bureja-Gebirge (Radde! Arthur Nordmann!). 

29. Anchomenus (Agonum) fallax: Capite pro- 
thoraceque viridi-aeneis, ore, antennis, pedibus lirn- 
boque laterali prothoracis pallidis; prothorace lateri- 
bus rotundato, postice vix angustato, angulis posticis 
rotundatis; elytris fuscis , aeneo -micantibus , apice 
paullo productis , tenuiter striatis , interstitio tertio 
punctis quinque impressis. $ 8'/ 2 millim. 

Unter den von Motschulsky in Schrenck's Amur- 
Reise IL 97. 81. als Tanystola bicolor aufgeführten 
Exemplaren befand sich auch diese Art, welche dem 
Anchomenus bicolor Dej. zwar sehr ähnlich gefärbt ist, 
aber doch sehr wesentlich abweicht. Sie unterschei- 
det sich von der genannten Art durch etwas bedeu- 
tendere Grösse. Das Halsschild ist etwas grösser, an 
den Seiten gerundet, mit völlig abgerundeten Hinter- 
ecken, vor welchen auch nicht die geringste Spur ei- 
ner Ausbuchtung wahrzunehmen ist; der Seitenrand 
ist breiter abgesetzt. Der hintere Rand des Basal- 



— 206 — 

saums der Flügeldecken ist stärker gerundet , die 
Schultern nach vorn vorgezogen, die Flügeldecken an 
denselben mehr abgerundet und kaum etwas breiter als 
die Basis des Halsschildes. 

Am Amur zwischen Dawunda und Chads-Mare (Dr. 
L. v. Schrenck). 

30. Pterostichus (Poecilus) sumptuosus: Ap- 
terus, nigro-piceus, subtus, elytris plerumque, anten- 
nis, palpis pedibusque dilutioribus, prothorace cor- 
dato, postice coarctato, utrinque unistriato punctato- 
que, elytris subparalielis, subtiliter punctato striatis, 
striis externis evanescentibus. 10 — 11 millim. 

Argutorpolitus*Motsch. Ins. delaSibér. 170.306. 

Von den mir bekannten Arten dem Pt. crenatus Dej. 
und namentlich dem Pl. lugiibris Dej. am nächsten ste- 
hend, stärker gewölbt, das Halsschild an den Seiten 
mehr gerundet, vor den Hinterecken weit tiefer ein- 
wärts geschwungen, die Hinterecken wenig kleiner als 
rechte Winkel und etwas nach aussen vortretend. Die 
Flügeldecken sind weit feiner gestreift, die äusseren 
Streifen beträchtlich feiner als die inneren, etwas ver- 
wischt. Die Punktirung der Unterseite ist nicht so 
ausgebreitet und der Hinterleib ist beträchtlich feiner 
punktirt. An den Fühlern sind die Basalglieder cylin- 
drisch. Der Vorderrand der Vorderbrust ohne Kante. 

Zagan-olui und Kulussutai (Radde!). 

31. Pt. (Lagarus) sulcitarsis: Niger, antennarum 
basi, palpis pedibusque rufo-piceis, prothorace basi 
utrinque unistriato, lateribus rotundato, angulis posti- 
cis obtusis, subrotundatis; elytris profunde striatis, 
stria septima antrorsum abbreviata, interstitiis con- 
vexis, tertio punctis tribus inipressis. <$ 8 millim. 



— 207 — 

Diese Art, von welcher mir nur ein einziges Stück 
zur Beschreibung vorliegt, gehört ohne Zweifel zur 
Gruppe Lagarm Chaud. Der Vorderrand des Proster- 
num ist fein und etwas undeutlich gekantet und die 
Flügeldecken sind vor der Spitze mit einer deutlichen 
Ausbucht versehen. 

Das Halsschild ist etwas breiter als lang, nach hin- 
ten etwas mehr als nach vorn verengt, ziemlich stark 
gewölbt. Die Flügeldecken sind an der Basis deutlich 
breiter als der Hinterrand des Kaisschildes, mit ab- 
gerundeten Schulterecken und beinahe parallelen Sei- 
ten, und an Stelle des abgekürzten Scutellarstreifens 
mit einem kleinen, länglichen Grübchen. Die Flügel 
sind entwickelt. Die Fussglieder sind wie bei Pt. ver- 
nalis in der Mitte längsgerinnt. 

Hafen Possiet (Dr. P. Wulffius!). 

32. Pt. (PLagarus) crassicollis: Niger, anten- 
narum basi, palpis pedibusque rufo-piceis prothorace 
subquadrato, convexo, postice subdepresso, lateribus 
rotundato, basi utrinque punctato bistriatoque, elytris 
striatis, striis punctatis, interstitiis planis, tertio ante 
apicem puncto unico impresso. 7 — 7V 2 millim. 

Argutor orientalis* Motsch. Käf. Russl. pag. 49. 

Obgleich diese Art mit einem Scutellarstreifen ver- 
sehen und der Prosternalfortsatz nicht umkantet ist, 
stelle ich sie doch zur Gruppe Lagarus , da sie in 
den wesentlichsten Merkmalen mit letzterer überein- 
stimmt. Sie ist etw r as grösser und verhältnissmässig 
auch breiter als Pt. vernalis und unterscheidet sich 
namentlich durch das vorn abgestutzte, weit stärker 
gewölbte, breitere, an den Seiten mehr gerundete und 
nach hinten stärker verengte Halsschild. Die Seiten 



— 208 — 

sind der ganzen Länge nach scharf und vorn nicht 
schwächer als hinten aufgebogen. Auf den Tarsen 
fehlt die mittlere Längsfurche. 

Kulussutai (Radde!). 

33. Pt. aberrans: Niger, supra subaeneus, anten- 
nis, palpis lateribnsque prothoracis rufo-ferrugineis; 
prothorace subquadrato, lateribus subrotundato, an- 
tice angustato, basi utrinque punctato bistriatoque; 
elytris striatis, striis punctatis, interstitiis planis, ter- 
tio punctis duobus ad striam tertiam impressis. 9 — 
10 millim. 

Diese Art, welche ich in keine der angenommenen 
Gruppen unterbringen kann, dürfte noch am ehesten 
in die Nähe von Lagarus gestellt werden, da die hin- 
ten spitz gerundeten Flügeldecken nach aussen von 
dem achten Streifen nur noch einen Streifen führen 
und am Seitenrande vor der Spitze eine sehr undeut- 
liche Ausbucht besitzen. Die Basalglieder der Fühler 
sind cylindrisch, das letzte Tasterglied länglich eiför- 
mig und an der Spitze undeutlich abgestutzt. Der Scu- 
tellarstreif ist vorhanden. Das Prosternum ist nur bei 
einzelnen Stücken vorn deutlich gekantet und besitzt 
bei andern dicht am Vorderrande eine flache und etwas 
undeutliche, tiefere Linie, wodurch eine Umrandung 
zwar angedeutet, aber nicht scharf genug ausgeprägt 
erscheint. Der Prosternalfortsatz ist nicht umkantet. 

Einem Pt. cupreus in der Gestalt nicht ganz unähn- 
lich. An den Fühlern das 3te bis 5te Glied gewöhn- 
lich gebräunt. Das Halsschild breiter als lang, von 
der Mitte ab nach vorn stark, nach hinten sehr un- 
bedeutend verengt, die Hinterecken als kleines Zähn- 
chen nach aussen vorspringend. Oben ist es leicht 



— 209 — 

gewölbt, die Seiten hinten etwas abgeflacht, der Sei- 
tenrand scharf und etwas aufgebogen. Die Flügeldecken 
sind an der Basis etwas breiter als der Hinterrand des 
Halsschildes, und an den Fühlern sind gewöhnlich das 
3te — 5te Glied etwas gebräunt. 

Bureja - Gebirge ( R a d d e ! A rth ur N o r d m a n n ! ) ; 
am Amur, von der Bureja- bis zur Ussuri- Mündung 
(Maack!). 

34. Pt. (Lyperus) prolongatus: Ater, protho- 
race lateribus rotundato, postice angustato, angulis 
posticis rotundatis, basi utrinque vix foveato; elytris 
elongatis , subparallelis , striatis, striis obsoletissime 
punctatis, interstitiis planis, tertio punctis tribus ob- 
soletis impressis. 14 — 15 millim. 

Am nächsten noch dem Pt. (Lyperus) elongaias 
Duftschm. stehend, grösser, und das Halsschild an 
den Seiten weit stärker bogig gerundet und nach hin- 
ten weniger verengt. Die Hinterecken sind völlig ab- 
gerundet, die Basis jederseits nur sehr schwach ver- 
tieft, fein punktirt und fein gerunzelt. Auch sind die 
Flügeldecken gewölbter, die Zwischenräume flach, 
der dritte mit drei sehr undeutlichen Punkten be- 
setzt. Die Fühler sind etwas länger als Kopf und 
Halsschikl zusammen, namentlich ist das zweite und 
dritte Fühlerglied weit länger und gestreckter als bei 
Pt. elongatus. Das Männchen ist durch die Anwesen- 
heit eines grossen unregelmässigen Höckers in der 
Mitte der Basis des letzten Bauchsegments ausge- 
zeichnet. 

Bureja-Gebirge (Rad de!); Amur, von der Bureja- 
bis zur Ussuri Mündung (Maack!). 

35. Pt. (Omaseus) rotundangulus : Ater, pro- 

Mélanges biologiques. IV. 27 



— 210 — 

thorace subquadrato, lateribus rotuudato, postice sub- 
angustato, angulis posticis rotundatis, foveis basalibus 
punctatis bistriatisque, elytris striatis, interstitiis pla- 
nis, tertio punctis tribus impressis. Ç 1 1 '/ 2 raillim. 

An Pt. anthracinus erinnernd, das Halsschild aber 
an den Seiten gerundet, die Hinterecken völlig abge- 
rundet. Die Flügeldecken sind an der Spitze einzeln 
abgerundet. 

Ussuri (Maack !). 

36. Pt. (Omaseus) fortis: Alatus, piceo-niger, 
nitidus, prothorace lateribus rotundato, ante angulos 
posticos acutos coarctato, postice utrinque bistriato; 
elytris subelongatis, parallelis, ante apicem non emar- 
ginatis, profunde striatis, interstitiis convexis, tertio 
punctis tribus impressis. J 1 7 millim. 

Diese Art stellt dem Pt. Eschschoüzn Dej. sehr nahe 
und das Männchen stimmt mit dem letzteren in dem 
flach gewölbten, sonst nicht ausgezeichneten, letzten 
Abdominalsegmente überein, ist aber an dem kräftige- 
ren, hinter den grösseren Augen mit einer deutlichen, 
flachen ringförmigen Einschnürung versehenen Kopfe, 
dem etwas gestreckteren, vor den Hinterecken stär- 
ker und plötzlich zusammengezogenen Halsschilde, 
den an den Seiten parallelen Flügeldecken, welche 
vor der Spitze fast ohne Spur einer Ausbuchtung 
sind und deren stärker gewölbte Zwischenräume viel 
feiner scülpirt und deshalb glänzender erscheinen, 
von ersterem zu unterscheiden. 

Hafen Possiet (Dr. P. Wulffius!). 

37. Pt. discrepans: Niger, nitidus, prothorace 
subquadrato, lateribus paullo rotundato, angulis pos- 
ticis rotundatis , basi utrinque foveato obsoleteque 



— 211 — 

punctulato; elytris elongato-ovatis, striatis, interstitio 
tertio punctis tribus vel quatuor impressis. £ 107 2 mm. 

Die Aufstellung einer besonderen Gruppe liesse 
sich bei dieser Art rechtfertigen. Im Habitus ist sie 
einem kleinen Steropus nicht unähnlich, kann aber in 
die Steropns-Gr\i])j)e, da die Episternen der Hinterbrust 
länger als breit sind, nicht gestellt werden. Da das 
Endglied der Taster ausserdem an der Spitze nicht 
abgestutzt, sondern etwas gerundet und mitten brei- 
ter ist, als an der Basis und Spitze, so kann sie auch 
nicht in der Zornes- Gruppe untergebracht werden, 
welcher sie sich im Übrigen durch die ungestrichelte 
Grube vor den abgerundeten Hinterecken noch am 
meisten anschliesst. Der Scutellarstreif ist vorhanden, 
die Flügel völlig entwickelt. 

Am Amur bei Gorin (Arthur Nordmann!). 

38. Pt. (Argutor) neglectus: Nigro-piceus, an- 
tennarum basi, palpis pedibusque rufescentibus, pro- 
thorace antice emarginato, lateribus rotundato,angulis 
posticis obtusiusculis, basi utrinque bistriato puncta- 
toque , elytris striatis , striis punctatis ; prothorace 
subtus laevi. 5 — 6 millim. 

In der Grösse und Gestalt mit Pt. strenuns Panz. 
Schaum, übereinstimmend, der Kopf kleiner, das Hals- 
schild vor der Mitte am breitesten, nach hinten etwas 
mehr als nach vorn verengt und vor den nicht nach 
aussen vorspringenden Hinterecken ohne Einbucht; 
die Flügeldecken sind ziemlich gleichmässig punktirt- 
gestreift, die Vorder-, Mittel- und Hinterbrust glatt. 

Weit mehr stimmt diese Art übrigens mit Pl. dili- 
gens überein und ist von diesem wesentlich nur durch 
die bedeutendere Grösse und das grössere, an den 



— 212 — 

Seiten einfach gerundete, vorn deutlich ausgebildete 
Halsschild verschieden. Der abgekürzte Scutellan- 
streif fehlt bei einem Exemplare, und ist bei den an- 
dern nur als kurzes, schräges Strichelchen dicht am 
zweiten Streifen vorhanden. 

Bureja- Gebirge (Raclde!); Amurmündung (Dr. L. 
v. Sehr en ck!), welche Exemplare von Mot schul sky 
irriger Weise als Pt. strenuus aufgeführt worden sind. 

39. Pt. (Argutor) subfuscus: Nigro-piceus, ore, 
antennis totis vel earum basi pedibusque rufescenti- 
bus; capite majore, prothorace antice non emarginato, 
angulis deüexis, lateribus postice sinuato, basi utrin- 
que ruguloso-punetato striatoque; elytris striatis, 
striis punetatis, externis subtilioribus, prothorace sub- 
tus laevi. 6\ 2 — 7 millim. 

Grösser als Pt. slrenutts und mit Pt. diligens sehr 
nahe verwandt. Er unterscheidet sich von letzterem 
ausser der bedeutenderen Grösse, durch längeren und 
grösseren Kopf, die schwächer gewölbten Augen, das 
am Vorderrande eher etwas gerundete, als gerade 
Halsschild, welches ausserdem länger ist und dessen 
Vorderecken nach unten herabgezogen sind. Die Un- 
terseite ist glatt und nur die Episternen der Mittel- 
brust vorn ziemlich grob p unk tir t. 

Agdiki am Ussuri; Amurmündung (Dr. L. v. 
S ehr en ck!). 

40. Pt. (Platysma) fugax: Obscure -aeneus, pro- 
thorace postice angustato, ante angulos posticos ob- 
tusiusculos non sinuato, basi laevi et utrinque pro- 
funde striato; elytris striatis, quinque foveolatis. S 

1 1 millim. 

Dein Pt. oblongopunctatus recht nahe stehend, der 



— 213 — 

Kopf sehr zerstreut und äusserst fein, kaum wahr- 
nehmbar punktirt, das Halsschild ziemlich gestreckt, 
nur etwas breiter als lang, vor der Mitte sehr schwach 
gerundet, die Hinterecken beinahe rechtwinklig und 
nicht nach aussen vorspringend. 
Port May (Dr. P. Wulff ius!). 

41. Pt. (Steropus) alacer: Minor, niger, sub- 
aeneo-micans, antennarum articulis ad apicem incras- 
satis, prothorace lateribus paullo rotundato, postice 
angustato, angulis posticis rotundatis, basi utrinque 
foveato; coleopteris oblongo-ovatis, convexis, profunde 
striatis, interstitio tertio punctis tribus impressis. $ 
9%— 10 millim. 

Steroderus sublilis* Motsch. Schrenck's Amur-Reise 
II, 95. 58. 

Dem Pt. (Steropus) orientalis Motsch. sehr nahe ver- 
wandt, kleiner, fast doppelt so klein, der Kopf ver- 
hältnissmässig etwas kürzer und breiter, die Augen 
grösser und stärker gewölbt. Die Fühler sind dicker, 
die einzelnen Glieder gegen die Spitze viel stärker 
angeschwollen. 

Agdiki am Ussuri (Dr. L. v. Schrenck!). 

42. Pt. (Steropus) eximius: Niger, prothorace 
subquadrato, lateribus vix rotundato, angulis posticis 
obtusis, rotundatis, basi utrinque oblique impresso; 
coleopteris subovatis, profunde striatis, striis punctu- 
latis, interstitiis tertio punctis quatuor vel septem 
impressis. 11 — 13 millim. 

Von gedrungenem Bau und durch die Form des 
Halsschildes sehr ausgezeichnet Dieses ist nämlich 
nicht voll 1 V 3 mal breiter als lang, an den Seiten sehr 
wenig gerundet, nach vorn und nach hinten ziemlich 



— 214 — 

gleichmässig, doch nur sehr schwach verengt; vor 
den Hinterecken befindet sich ein ziemlich scharf be- 
grenzter, schräger, von hinten und innen nach vom 
und aussen gehender Kindruck , dessen Ci rund nur 
sehr schwach runzlig punktirt ist; der schmale Kaum 
wischen diesem Eindrucke und dem Seitenrande ist 
starker gewölbt. Die Kpistornen der Yonlerbrust mit 
schrägen, unregelmässigen, vertieften Strichen. Die 
Fühler sind kurz und dick, vom fünften Gliede ab 
seitlich zusammengedrückt, und diese Glieder, von 
der flachen Seite betrachtet, kaum länger als breit. 
Pas Männchen ist schlanker als das Weiheheu. das 
llalsschild an den Seiten noch weniger gerundet, die 
Abdominalsegmente ohne Auszeichnung. 

Zagan-olui und Tschindansk am Onon (Eadde!) 

t;>. Pt (Steropus) nigellus: Niger, nitidus, pro- 
tlierace lateribus paullo rotundato, angulis posticis 
retundatis, basi utrinque profunde foveato lateque bi- 
striato; elytris striatis, striis punetatis, interstitio ter- 
tio punetis quatuor vel quinque impressis. c i _ >:: 
mil lim. 

Dem Pf. iHsignis Sah Ib. sehr nahe stehend, etwas 
breiter, das kürzere llalsschild an den Seiten weni- 
ger gerundet und ausserdem an den nicht metalli- 
schen Flügeldecken mit Leichtigkeit zu unterscheiden. 

Bai De Castries (Arthur Nordmann!). 

il. Pt (Steropus) crassieeps: Niger, vix niti- 
dus, prothorace subquadrato, antice vix emarginato, 
lateribus paullo rotundato. postice subangustato. an- 
gulis posticis rotundatis, basi utrinque profunde \'o- 
veato obsoleteque late bistriato; coleopteris ellipticis, 



— 215 — 

convexis, striatis, interstitio tertio punctis quinque 
irapressis. $ 11% millim. 

Von allen mir bekannten Steropus- Arten in der Form 
wesentlich verschieden, so class ein Vergleich nicht 
wohl anzustellen ist. Der Kopf ist gross und dick, 
die Augen verhältnissmässig klein, die Fühler dick 
und etwas kürzer als Kopf- und Halsschild zusammen. 
Die Mandibeln kurz und kräftig. Das Halsschild quer- 
viereckig, mit grösster Breite kurz vor der Mitte. Die 
Flügeldecken ziemlich stark gewölbt und durch äus- 
serst feine Chagrinirung mattglänzend. Der Scutel- 
larstreif lang. 

Bai De Castries (Dr. L. v. Schrenck!). 

45. Pt. (Steropus) procax: Niger, nitidus, pro- 
thorace lateribus rotundato, postice paullo angustato, 
angulis posticis rotundatis, basi utrinque profunde 
impresso bistriatoque; elytris striatis, interstitiis con- 
vexiusculis, tertio punctis tribus impressis. 13 — 14 
millim. 

cf abdominis segmento ultimo inermi. 

Steroderus convexicolln * Motsch. Etud. entom. IX, 
40. verisimile. 

Das Halsschild ist etwas breiter als lang, vorn tief 
ausgerandet, der äussere der Längsstriche vor den 
Hinterecken durch ein breites Längsfältchen nach 
aussen begrenzt. Die Flügeldecken sind etwas ge- 
streckt, an der Spitze deutlich gebuchtet, in den Strei- 
fen undeutlich punktirt. Die Seiten der Brust ziem- 
lich fein, doch deutlich punktirt. 

Bureja Gebirge (Radde! Arthur Nordmann!); 
Amur, an der Mündung des Sungari (Radde!); Ussuri 
(Dr. L. v. Schrenck!). 



— 216 — 

46. Pt. (Steropus) 1 ) Schrenckii: Niger, niti- 
dus, prothorace transverso, lateribus rotundato, po- 
stice angustato, margine reflexo postice latiore, an- 
gulis posticis obtusis, subrotimdatis, basi utrinque 
foveato bistriatoque: elytris striis profundis, undula- 
tis, interstitiis altérais latioribus interruptis et fovea- 
tis. S \2% millim. 

Lijperophems cancellatus * Motsch . S c hr e n c k's Amur- 
Reise II, 93. 39. 

Yar. : S Lyperopherus rufipes* Motsch. Bull, de St. 
Pétersb. XVII. 1859. 539. 15. verisimile. 

Durch die Sculptur der Flügeldecken muss diese 
Art dem mir unbekannten Pt. punctalissimus Randall 
nahe stehen, von welchem sie sich, der Beschreibung 
zufolge, durch die etwas abgerundeten Hinterecken 
und die beiden Längsstriche vor denselben unter- 
scheidet. 

Amur bei Dshaï (Dr. L. v. Schrenck!). 

47. Amara (Bradytus) pallidula 2 ): Ferruginea, 
aeneo-micans, prothorace antice emarginato, in me- 
dio latiore, lateribus parum rotundato et ante angu- 
los posticos vix sinuato , basi utrinque biimpresso 
punctatoque, coleopteris breviter ovatis, punctato- 
striatis, interstitiis planiusculis. 7%- — 8 1 / millim. 



1) Diese Art gehört in die Gruppe i. Le Conte's Synopsis of 
the Pterostich. etc. pag. 247, sed thorax basi utrinque foveatus bi- 
striatusque. 

2) Motschulsky, Ins. d. 1. Sibér. 182. 327. Bradytus pallidu- 
ms, mihi. Tab. YUr, fig. 9. — Dilatatus, pallido-fulvus; antennis pe- 
dibusque dilutioribus. Long 3V 4 lign., larg l 2 3 lign. Il ressemble 
beaucoup au precedent (Br. fulvus), mais il est d'une taille un peu 
plus grande et surtout plus courte et plus large, et d'une couleur 
beaucoup plus pâle. Bei solchen vortrefflichen und viel sagenden 
Beschreibungen vergleiche man sein bescheidenes Ansinnen im 
Bull. d. Mose. 1845. I. 25. «2. 



— 217 — 

Der A. fulva überaus nahe stehend, bei gleicher 
Breite deutlich kürzer, das Halsschild in der Mitte 
am breitesten, an den Seiten weniger gerundet und 
vor den Hinterecken weit weniger einwärts geschwun- 
gen. Vorn ist es tiefer ausgerandet, die Vorderecken 
sind spitzer und treten nach vorn weit stärker vor. 
Die Flügeldecken sind verhältnissmässig kürzer, lV 3 
mal so lang als zusammen breit, die Zwischenräume 
der Streifen etwas gewölbt. Die Vorderschienen 
sind gegen die Spitze stärker erweitert, ihr äusserer 
Winkel ist spitzer und ragt nach unten ziemlich be- 
trächtlich vor. 

48. A. (Bradytus) sinuaticollis: Lata^ depres- 
siuscula, nigro-picea, nitida, antennis pedibusque ru- 
n's, prothorace transverso, antice angustiore, basi 
punctato et utrinque biimpresso,margine postico juxta 
angulos sinuato; coleopteris breviter ovatis, punctato- 
striatis. 7 — 8 millim. 

Der A. consularis etwas ähnlich, bei gleicher Länge 
aber breiter, etwa so breit wie A. fulva und fast eben 
so flach. Das breite Halsschild ist vorn gerade abge- 
stutzt, nach hinten beinahe gar nicht verengt, der Hin- 
terrand beiderseits stark gebuchtet. Unten sind die 
Episternen der Vorderbrust und die Seiten des Pro- 
sternum, so wie die Seiten der Mittel- und Hinter- 
brust und des Abdomens grob punktirt. Die Flügel- 
decken an den Schultern so breit als der Hinterrand 
des Halsschildes, die Zwischenräume flach, der Basi- 
larsaum hinten, correspondirend dem Hinterrande des 
Halsschildes, etwas geschwungen. , 

Das Analsegment des Männchens hat jederseits 
einen, d as des Weibchens zwei borstentragende Punkte 

Mélanges biologiques. IV. 28 



— 218 — 

Ussuri (Maack!). 

49. A. (Bradytus) distinguenda: Nigro-picea, 
nitida, antennis pedibusque rufis, prothorace subqua- 
drato, lateribus parum rotundato, ante angulos posti- 
cus parum sinuato, basi depresso, punctato et utrin- 
que biimpresso; coleopteris subovatis, punctato-stria- 
tis; prosterno ubique punctato. $ 9 millim. 

Etwas grösser und gewölbter als A. consularis, das 
Halsschild deutlich länger, an den Seiten etwas stär- 
ker gerundet und vor den Hinterecken schwach ein- 
wärts geschwungen. Oben ist es viel stärker gewölbt, 
hinten niedergedrückt und am Hinterrande überall 
punktirt. Unten ist das Halsschild auf den Epister- 
nen glatt, auf dem Prosternum hingegen grob und 
dicht punktirt. Die Flügeldecken sind gleichfalls län- 
ger, stärker gewölbt und an den Seiten etwas mehr 
gerundet. Die Streifen sind viel gröber punktirt, die 
Zwischenräume etwas gewölbt. 

Vielleicht gehört hierher Bradytus consularis Motsch. 
Ins. d. 1. Sibér. 181. 325., da Acrodon uralensis Motsch. 
ibid. 191. 354. nach einer brieflichen Mittheilung des 
Grafen Mannerheim an Herrn Ménétriès mit Bra- 
dytus consularis Duftschm. identisch ist. 

Kurtuss (Radde!). 

50. A. (Leirus) tumida: Picea, prothorace late- 
ribus valde rotundato, postice coarctato, angulis po- 
sticis acutis, basi utriuque bistriata apiceque fortiter 
punctato; coleopteris ovatis, subgibbis, punctato-stria- 
tis. 9 — 11 millim. 

Kleiner und viel gewölbter als A. aidica. Der Kopf 
ist bedeutend kleiner, das Halsschild vorn beinahe 
abgestutzt , an den Seiten weit stärker gerundet und 



— 219 — 

hinten in grösserer Ausdehnung einwärts geschwun- 
gen, die ziemlich spitzen Hinterecken treten nach 
aussen nur wenig vor, das Längsfältchen ist vom schar- 
fen Seitenrande geschieden. Auch ist das Halsschild 
vorn und hinten grob punktirt, vorn übrigens biswei- 
len undeutlicher. Die Flügeldecken sind eiförmig und 
bedeutend stärker gewölbt. 

Zagan-olui (Radde!); Bureja- Gebirge (Arthur 
Nordmann!). 

51. A. (Leirus) peregrina: Nigro-picea, subae- 
nea, prothorace lateribus rotundato, ante angulos ob- 
tusos posticos non sinuato, basi punctato et utrinque 
profunde bisiriato; coleopteris subovatis, profunde 
punctato- striatis. ll 1 / 2 — 12 millim. 

Durch das an den Seiten gerundete, vor den stum- 
pfen Hinterecken gar nicht einwärts geschwungene 
Halsschild leicht kenntlich. Dieses ist l 1 / 3 mal so 
breit wie lang, nach vorn etwas mehr als nach hinten 
verengt und am Vorderrande beinahe abgestutzt. Der 
äussere Längseindruck ist vom Aussenrande nur durch 
ein sehr flaches, aber breites Fältchen geschieden. 
Die Episternen der Vorderbrust sind mit sehr zer- 
streuten, flachen und grossen Punkten versehen, die 
Seiten der Mittel- und Hinterbrust und des Abdo- 
mens dichter punktirt.^ 

Kulussutai und Zagan-olui (Radde!). 

52. A. (Triaena) tridens: Aenea, antennarum 
articulis tribus primis tibiisque rufo-testaceis, pro- 
thorace antice truncato, basi utrinque punctulato bi- 
striatoque, elytris subtiliter striatis, striis obsolete 
punctatis. £ 7 millim. 

In der Form mit A. cnrta noch am meisten über- 



— 220 — 

einstimmend, etwas stärker gewölbt, mit nach vorn 
mehr verengtem Halsschilde. Die Streifen der Flü- 
geldecken sind sehr undeutlich punktirt und sind hin- 
ten kaum etwas tiefer; die äusseren Streifen sind viel 
feiner als die inneren. 
Kurtuss (Radde!). 

53. A. (Celia) marginicollis: Lata, depressa, 
picea, aeneo-micans, antennis pedibusque ferrugineis, 
prothorace antice emarginato, antrorsum valde an- 
gustato, lateribus ferrugineis deplanato, basi utrinque 
punctato et bifoveolato, coleopteris breviter ovatis, 
punctato-striatis. 7 1 / 2 — 8 ] / 2 millim. 

Der A. silvicola recht nahe verwandt, und durch 
kleineren Kopf, vorn etwas weniger ausgerandetes, 
nach vorn schwächer verengtes Halsschild, dessen 
Punktirung an der Basis, ausgebreiteter ist, wohl ver- 
schieden. Das Prosternum ist bei beiden Geschlech- 
tern nicht punktirt, und zeigt beim Männchen keine 
Spur eines mittleren Eindrucks. Die Mittelschienen 
sind bei diesem etwas gekrümmt, die Hinterschienen 
innen mit einzelnen feinen Härchen gef ranzt. 

Nord-Baical, Kurtuss, Kulussutai und Tareinor 
(Radde!). 

Harpalidae. 

54. Harpalus capito: Nigro-piceus, antennis pe- 
dibusque rufis, capite ingenti prothoracis latitudine, 
prothorace brevi, subcordato, rugoso-punctulato, ely- 
tris punctatissimis, fulvo puhescentibus. 17 millim. 

Durch den überaus grossen Kopf von allen bis jetzt 
bekannten Harpalen verschieden, und dadurch an Aci- 
nopns, überhaupt an die dickköptigen Gattungen er- 
innernd. In der Grösse, der Punktirung und Behaa- 



— 221 — 

rung der Flügeldecken zunächst mit //. ruficornis über- 
einstimmend, von letzterem aber, ausser dem bereits 
erwähnten dicken Kopfe, noch durch das an den Sei- 
ten stärker gerundete, hinten mehr einwärts geschwun- 
gene Halsschild, die an den Seiten paralleleren, vor 
der Spitze nur schwach gebuchteten Flügeldecken, 
deren abwechselnde Zwischenräume mit einzelnen 
grösseren Punkten besetzt sind, u. a. m. verschieden. 
Ussuri (Maack!). 

55. H. pallidipennis: Pallidus, capite protho- 
raceque piceis, hoc lateribus rotundato, basi confer- 
tissime punctato, angulis posticis subrectis, apice ro- 
tundatis; coleopteris prothoracis latitudine, tenuiter 
striatis, interstitio tertio punctis tribus vel quatuor 
impressis. 8 — 10 millim. 

Das Halsschild ist 1 ] / 3 mal so breit als lang, in der 
Mitte am breitesten, nach vorn nur etwas mehr als 
nach hinten verengt, an den Seiten etwas abgeflacht, 
und mit nur schwach angedeutetem hinterem Längs- 
eindruck. Die Flügeldecken sind an den Schultern 
etwas breiter als die Basis des Halsschildes, vor der 
zugeschärften Spitze mit einem ziemlich starken Aus- 
schnitte versehen, die Zwischenräume flach. 

An der Selenga (Radde!). 

56. H. nigrans: Niger, antennis, palpis tarsisque 
ferrugineis , prothorace basi confertissime punctato, 
angulis rectis, elytris profunde striatis, interstitio ter- 
tio puncto unico impresso. $ 8 millim. 

Etwas grösser als H. anxhis, und durch das an der 
Basis überall dicht punktirte Halsschild leicht kennt- 
lich. Dieses nach vorn deutlich, nach hinten etwas 
und allmählich verengt, und vor den rechtwinkligen, 



— 222 — 

an der Spitze kaum abgerundeten Hinterecken sehr 
leicht einwärts geschwungen. Die Flügeldecken vor 
der Spitze schräg ausgerandet, die Zwischenräume 
gewölbt. 

Hafen Possiet (Dr. P. Wulffius!). 

57. H. obesus: Niger, antennis, palpis tarsisque 
ferrugineis, capite magno, prothorace valido, lateri- 
bus rotundato, basi emarginato, angulis posticis ob- 
tusis apice rotundatis, coleopterorum basi latitudine 
prothoracis basis. 12 millim. 

Im Allgemeinen an die schwarzen Harpalen aus der 
Gruppe des //. tardus erinnernd, der Kopf ist sehr 
gross, das kräftige Halsschild an den Seiten stark ge- 
rundet und nach vorn kaum mehr als nach hinten 
verengt, in der Mitte deutlich breiter als die Flügel- 
decken, vorn beinahe gerade abgeschnitten, mit ziem- 
lich grossem und tiefem Eindrucke zu jeder Seite der 
Basis. Die Flügeldecken vor der Spitze nur schwach 
ausgerandet, der dritte Zwischenraum mit einem ein- 
gestochenen Punkt. 

Zagan-olui (Rad de!). 

58. Stenolophus propinquus: Ater, antenna- 
rum basi pedibusque testaceis, prothorace elytrisque 
rufo-testaceis, illo subquadrato, apice subtruncato, 
lateribus paullo rotundato, basi utrinque foveolato, 
angulis posticis rotundatis; elytris postice indetermi- 
nate cyanescenti-fuscis, sutura rufo-testacea, apice 
levissime siuuatis , striola scutellari brevissima. 5 — 
5 1 / 2 millim. 

Kleiner als Stenolophus teutonus und den kleineren 
Stücken des St. skrimshiranus an Grösse gleich, von 
ersterem, ausser Anderem, durch die Färbung, von 



— 223 — 

letzterem durch das vorn beinahe gerade abgeschnit- 
tene Halsschild, die etwas weniger gerundeten Seiten 
desselben, die hinten viel schwächer ausgeschweiften, 
an den Schultern kaum etwas breiteren Flügeldecken 
mit Leichtigkeit zu unterscheiden. Der rudimentäre 
Scutellarstreif sehr kurz, viel kürzer noch als bei St. 
teutonus. Die Vorderbrust ist roth, mit Ausnahme des 
geschwärzten Prosternum. 
Bureja-Gebirge (Rad de!). 

Tachycellus. nov. son. 

Mentum dente medio acuto. 

Ligula apice subrotundata, paraglossis membra- 

naceis, apice rotundatis, ligulam superantibus. 
Palpi articulo ultimo fusiformi, apice acuminato. 
Labrum emarginatum. 
Tarsi antici maris articulis quatuor valde, inter- 

medii vix dilatatis, subtus squamuloso-lamel- 

latis, supra hirsutis. 

Im Habitus steht die hierher gehörige Art zwi- 
schen den Stenolophus- Arten und den Bradycellen , und 
schliesst sich unter letzteren dem von Mannerheim 
irriger Weise als Acupalpus beschriebenen Bradycellus 
axillaris von der Insel Kadjak recht nahe an, welcher 
unter Anderem durch die Abwesenheit des abgekürz- 
ten Scutellarstreifens von der nachfolgenden Art we- 
sentlich abweicht. Zur Gattung Tachycelhis gehört: 

59. T. curtulus: Nigro-piceus, antennarum scapo, 
pedibus prothoracisque margine laterali angustissime 
ferrugineis; hoc subtransverso, lateribus paullo ro- 
tundato, postice angustato, angulis posticis rotunda- 
tis, basi utrinque foveolato; elytris brunneis, tenuiter 



— 224 — 

striatis, apice leviter sinuatis, striola scutellari brevi. 
4V 2 — 5 millim. 

Etwas gestreckter als der erwähnte BradyceUus 
axillaris, der Kopf kleiner, das Halsschild etwas län- 
ger und nach hinten mehr verengt, die Flügeldecken 
sind braun, gegen den Seitenrand zu unbestimmt lich- 
ter, auf dem dritten Zwischenräume am zweiten Strei- 
fen ein eingestochener Punkt hinter der Mitte. 

Amur, an der Mündung des Sungari (Radde!). 

Trcchidae. 

60. Trechus dorsistriatus: Rufo-testaceus, pro- 
thorace transverso, lateribus rotundato, angulis posti- 
cis minutis, obtusiusculis, coleopteris breviter ovatis, 

dorso profunde striatis, striis fortiter punctatis. 3 
millim. 

Eine kleine, ausgezeichnete, in der Sculptur der 
Flügeldecken zunächst mit Tr. rivularis Gyll. überein- 
stimmende Art. Sie ist weit kleiner, verhältnissmäs- 
sig etwas kürzer, das Halsschild an den Seiten gerun- 
d et, nach vorn etwas stärker, nach hinten verhält- 
nissmässig etwas weniger verengt, die Hinterecken 
springen nicht nach aussen vor, und sind etwas grös- 
ser als rechte Winkel. Die Flügeldecken sind be- 
trächtlich kürzer, und ausser den vier regelmässigen, 
grob punktirten, tiefen Streifen auf dem Rücken der- 
selben, bemerkt man auf der vorderen Hälfte nur noch 
die Spur eines fünften Streifens. 

Amur, Gegend von Kinneli (Maack!). 

IBembidiadae. 

61. B. (Peryphus) deplanatum: Obscure viridi- 



— 225 — 

aeneum, depressiusculum , antennarum scapo femori- 
busque piceis, prothorace transverso, ante angulos 
posticos acutiusculos sinuato, coleopteris profunde 
striatis, striis integris, punctatis. 5 — 5'/ 2 millim. 

Dem B. prasinum Dnftschm. überaus nahe stehend, 
etwas grösser, das Halsschild nur wenig gestreckter, 
an den Seiten vorn stärker gerundet, vor den spitzen 
Hinterecken tiefer einwärts geschwungen , so dass 
letztere etwas nach aussen vorspringen; der quere 
Eindruck vor den Hinterecken ist sehr tief und scharf, 
und verbindet die ziemlich grossen und tiefen Ein- 
drücke der Basis unter einander; von einem Längs- 
fältchen an den Hinterecken ist nicht die Spur vor- 
handen. Die Streifen der Flügeldecken sind tiefer 
und deutlich punktirt. 

Bureja-Gebirge (Rad de!). 

62. B. (Bembidium) persimile: Dilute-aeneum, 
nitidum, antennarum articulis basalibus subtus, palpis 
pedibusque dilute testaceis, femoribus supra, tibiis 
apice tarsisque viridi-aeneis; prothorace subtransver- 
so, basi eadem latitudine ut in medio, coleopteris bre- 
viter ovatis, striato-punctatis, interstitiis tertio punctis 
duobus impressis. 6 millim. 

Bei gleicher Länge deutlich breiter als B. striatum 
Fabr. Das Halsschild ist an den Seiten weniger ge- 
rundet, vor den spitzeren nnd mehr nach aussen vor- 
tretenden Hinterecken weniger einwärts geschwun- 
gen, an der Basis beträchtlich breiter, eben so breit 
als in der Mitte, so dass das Halsschild im Ganzen 
genommen von hinten nach vorn verengt erscheint. 
Die Streifen der Flügeldecken sind etwas tiefer und 
deutlich gröber punktirt. Die Beine sind blasser. 

Mélanges biologiques. IV. 29 



— 226 — 

Ussuri (Maack!). Dr. L. v. Schrenck hat diese 
Art am mittleren Amur gesammelt und die von ihm 
mitgebrachten Exemplare sind von Motschulsky ir- 
riger Weise als B. striatum aufgeführt worden. 

63. Tachypus angulicollis: Obscure -aeneum, 
oculis valde prominulis, prothorace subcordato, ante 
medium non rotundato, sed angulato; coleopteris ob- 
longo-ovalibus, subtilissime transversim strigulosis, 
subviridi-nebulosis, singulo foveis duabus profundis 
impressis; palpis pedibusque viridi-aeneis, tibiis an- 
tennarumque articulis secundo, tertio quartoque basi 
testaceis. 5 millim. 

Eine ganz ausgezeichnete, in der Form und durch 
die stark vorgequollenen Augen noch am meisten mit 
T. flavipes übereinstimmende Art. Das Halsschild ist 
aber an den Seiten nicht gerundet, sondern tritt vor 
der Mitte als ziemlich scharfer Winkel seitlich vor, 
die Flügeldecken sind fein wellig-quergestrichelt und 
durch die Anwesenheit zweier tiefer und scharf mar- 
kirter Grübchen ausgezeichnet. Die Beine und Füh- 
ler sind schwärzlich, mit schwachem bronzegrünem 
Schimmer, die Basis des 2ten, 3ten und 4ten Gliedes 
der letzteren, so wie die Schienen röthlich gelb. Die 
Taster sind bräunlich gelb, das vorletzte Glied der 
Kiefertaster schwärzlich und gleichfalls mit grünli- 
chem Metallschimmer. 

Bureja-Gebirge (Radde!). 

Nachträglich ist noch anzuführen, dass der unter 
N° 54 beschriebene Harpalus capito ohne Zweifel mit 
Psendooplwmts cephalotes Motsch. Etnd. entom. X.3. iden- 
tisch ist. Der Name Cephalotes ist aber von F ai rm aire 



— 227 — 

und Laboulbène für eine angeblich von H. ruficornis 
verschiedene Art in Anspruch genommen. 

Bei der unter N 9 47 beschriebenen Amara pallidula 
ist hinzuzufügen: Bureja-Gebirge (Rad de); Ussuri und 
Amur beiGorin (Arthur Nordmann); Amur bei Chun- 
gare und Turme (Dr. L. v. Schrenck). 

Was die Bemerkungen über die Gattungen Lebia 
und Lia anbetrifft, so geht schon daraus deutlich her- 
vor, wie wenig die Gattung Lia Eschsch. (Lacord. Gen. 
I. 130.) als Gattung berechtigt ist, dass das vierte 
Fussglied, wie oben erwähnt, bei L. turcica zweilappig 
ist, einfach ausgerandet dagegen, namentlich an den 
Hinterfüssen, bei der allgemein, indessen mit Unrecht 
als Varietät der letzteren betrachteten L. qnadrima- 
culata Dej. In ähnlicher Weise sind auch L. trimacu- 
lata Gebl. und L. trisignaia Mén. von der sehr ähnli- 
chen L. cyathigera Rossi leicht zu unterscheiden, bei 
welcher letzteren das vierte Fussglied deutlich zwei- 
lappig ist (vergl. Jacq. du Val. Genera I. pl. 24. fig. 
116.). 

Für die Gruppirung der überaus zahlreichen Fero- 
nien ist der bei vielen Arten deutlich gekantete Vor- 
derrand der Vorderbrust wichtig, besonders zur Schei- 
dung der Platysma-Arten von den eigentlichen Ptero- 
stichen, wobei übrigens bemerkt werden muss, dass 
die Episternen der Hinterbrust bei den ersteren in 
der Länge keineswegs constant sind und namentlich 
bei Pt. angiislalus Daftschm. kaum weniger gestreckt 
erscheinen als bei den Omaseen. Ausserdem ist der 
Vorderrand der Vorderbrust gekantet bei den meisten 
Poecilus (bei Sogines nicht), bei Lagarns, Argntor und 
vielen Haptodems- Arten. 



— 228 — 

Die Umkantung des Prosternalfortsatzes ist keines- 
wegs zur sicheren Umgrenzung der Gruppen genü- 
gend, da diese Kante bei manchen Arten oft ganz 
verwischt ist, z. B. bei Pt. picimanus Duflschm. und 
dem hier beschriebenen Pt. sumptuosus, bei anderen 
Arten aber hin und wieder erscheint, welchen ein 
nicht umkanteter Prosternalfortsatz zugeschrieben 
wird, so z. B. bei einzelnen Stücken des Pt. Eschschol- 
tzii Dej. und Pt. globosus Fabr. Ich glaubte daher auf 
die An- oder Abwesenheit der Kante des Vorderran- 
des der Vorderbrust grösseres Gewicht legen zu müs- 
sen, habe mich aber nachträglich überzeugt, dass auch 
dieses Merkmal, ausser bei dem hier beschriebenen 
Pt. aberrans, auch noch bei anderen Arten oft nicht 
deutlich ausgeprägt erscheint, so dass also auch diese 
Kante eben so wenig oder noch weniger zur Umgren- 
zung der Gruppen geeignet ist, wie die des Proster- 
nalfortsatzes. Eine ausführlichere Auseinandersetzung 
würde hier zu weit führen und wird zugleich mit ei- 
ner synoptischen Übersicht der sibirischen Arten in 
der Arbeit über die Coleopteren Südost-Sibiriens ge- 
geben werden. 



(Aus dem Bulletin, T. V, pag. 231 — 265.) 



28 März .. a 

Vorläufige !\ aeli rieht von den Sammlungen, 
die der Lieutenant Ulski im Kaspisehen 
Meere gemacht hat; von dem Akademi- 
ker v. ISaer. Dr. Weisse und Mag. Groe- 
bel. 

Am 17. Januar dieses Jahres wurden der Confe- 
renz auf Veranlassung des Directors des Hydrogra- 
phischen Departements naturwissenschaftliche Samm- 
lungen aus dem Kaspischen Meere und von dessen 
Ufern mitgetheilt, um dadurch zu veranlassen, dass 
dem Lieutenant Ulski, der diese Sammlungen ge- 
macht hatte, Anleitungen gegeben würden, diese Art 
von Sammlungen möglichst erfolgreich für die Wis- 
senschaft einzurichten. Die Conferenz übergab diese 
Sendung Herrn v. H elm er s en und mir. Wir haben 
nach Durchsicht derselben sie so vertheilt, dass Hr. 
Mag. Goebel die aus verschiedenen Gegenden gesam- 
melten Wasserproben und geognostischen Stücke, 
Hr. Dr. Weisse die gesammelten Grundproben und 
der Unterzeichnete die Krebse und Conchylien zur 
näheren Untersuchung erhielten. 

Indem wir es uns vorbehalten, Hrn. Lieutenant 
Ulski, der eben so viel Interesse als Willfährigkeit 
bezeugt, unmittelbar unsere Rathschläge mitzuthei- 

Mélanges biologiques. IV. 29* 



— 230 — 

len, können wir nicht umhin der Akademie schon jetzt 
einige Mitteilungen über die angestellten Untersu- 
chungen zu machen. Sie sollen zeigen, wie erfreulich 
es ist, dass die hydrographische Expedition zur Auf- 
nahme des Kaspischen Meeres unter dem Obrist 
Iwaschinzow, zu welcher Hr. Lieutenant Ulski 
gehört, auch die naturhist<rischen Interessen nicht 
vernachlässigt, und dass, wenn sie darin fortfährt, 
höchst wichtige Resultate gewonnen werden können, 
da die Expedition Gelegenheit hat alle Gegenden zu 
besuchen. 

Unter den grössern Conchylien fand ich zwar keine 
Art, welche mir nicht vorgekommen wäre, allein da 
sich darunter auch Schaalen von Pholadomyen oder 
vielmehr Adacnen finden, von denen die eine Art nur 
durch Stürme ausgeworfen wird und das Thier schnell 
verdirbt, so wird der Lieutenant Ulski, darauf auf- 
merksam gemacht, hoffentlich Gelegenheit haben un- 
versehrte Thiere zu verschaffen. Yon den kleinen aus 
den Grundproben gesammelten werden einige neu sein. 
Unter den Krebsen ist aber eine Art, die mir nicht vor- 
gekommmen ist, und an welche sich ein allgemeineres 
naturhistorisches Interesse knüpft. Es ist Idotea Enlo- 
mon, der grösste unter den Crustaceen des Kaspischen 
Meeres nach dem gemeinen Krebse mit schmalen Schee- 
ren (Astacus fluviatüis leptodactylus). Idotea Entomon war 
lange nur aus der Ostsee und dem Weissen Meere 
bekannt, und da man diesen Isopoden kürzlich auch 
im Wener See gefunden hat, so hatten skandinavische 
Naturforscher aus dieser Verbreitung den Schluss ge- 
zogen, dass einst die Ostsee mit dem Weissen Meere 
in Verbindung gestanden haben müsse. Da dasselbe 



— 231 — 

Thier jetzt auch im Kaspischen Meere gefunden ist, 
und, wie ich von den Herren Brandt und Schrenck 
erfahre , auch bei Kamtschatka , im Ochotskischen 
und im Eismeere, so ist daraus erkenntlich, dass es 
gar nicht zu den Thieren von begränzter Verbreitung 
gehört, sondern, wenn es wirklich weiter nach Westen 
nicht vorkommen sollte, zu denjenigen, welche aus 
irgend einem Grunde in ihrem Verbreitungsgürtel 
nicht weit nach Westen vorgeschritten sind. Solcher 
Thiere giebt es in jeder Klasse viele, namentlich un- 
ter den Wasserthie'ren. Im Kaspischen Meere lebt 
aber auch eine Art Mysis und einige Arten Gammarus, 
von denen ein Paar von den hochnordischen kaum 
verschieden scheinen. 

Hr. Dr. Weisse hat die Resultate seiner Unter- 
suchungen schon vollständig niedergeschrieben, und 
ich trage darauf an, den ersten Abschnitt durch Auf- 
nahme in das Bulletin jetzt zu publiciren. Zu einem 
andern werden noch die Abbildungen angefertigt. Er 
kann also erst später gedruckt werden. Baer. 



Vor einem Monate wurden mir durch den Herrn 
Akademiker v. Baer 35 solcher Schlammproben zur 
mikroskopischen Untersuchung auf Dialomaceen und 
andere kieselschalige Organismen übergeben, und ich 
habe jetzt die Ehre mit Nachstehendem der Kaiser- 
lichen Akademie der Wissenschaften das Resultat einer 
sorgfältigen Analyse derselben vorzulegen. 

Von diesen Proben, welche aus verschiedenen Tie- 
fen — von 70 bis nahe an 2500 Fuss — hervorge- 
holt worden, befanden sich ihrer 25 in 120 Federspuh- 
len und 6 in kleinen Flaschen wohl verwahrt, drei 



— 232 — 

stellten grosse einzelne harte Stücke dar und eine bil- 
dete grössere und kleinere Körner. Mit Ausnahme 
der letzteren, welche auf der Rhede von Baku aus 
einer Tiefe von nur 30 Fuss dem Meeresboden ent- 
nommen worden, stammen alle übrigen aus der süd- 
lichen Hälfte des Kaspischen Meeres, in der Strecke 
zwischen Derbent und Lenkoran*). Die meisten Pro- 
ben sind grau gefärbt, nur drei von ihnen fast ganz 
weiss und zwei mit etwas gelblicher Beimischung. Sie 
enthalten sämmtlich mehr oder weniger grobe Quarz- 
körner und brausen stark mit Salzsäure auf, am stärk- 
sten die von weisser Farbe. Letztere zerfallen auch 
sofort, wenn sie mit Wasser benetzt werden, während 
die andern zerdrückt werden müssen und oft eine 
schmierige Consistenz zeigen. Die in Flaschen auf- 
bewahrten Proben endlich sind so sehr mit kleinen 
Schnecken und Muscheln durchsetzt, dass sie der mi- 
kroskopischen Untersuchung erst zugänglich werden, 
wenn man diese durch Abschlämmen entfernt hat. 

Als ich beim Beginne meiner Untersuchungen so- 
gleich in der ersten Probe auf eine grosse Menge 
wohlerhaltener Exemplare von Coscinodiscus radiants 
stiess, erwartete ich eine bedeutende mikrokopische 
Ausbeute. Diese Erwartung ging jedoch nicht in Er- 
füllung. Obgleich ich von den ersten 12 Proben zu 
je zehn und im Ganzen mehr als 200 Analysen ge- 
macht, traf ich immer nur wieder diesen Coscinodiscus 
vorherrschend an, hier in Trümmern, dort in voll- 
kommen erhaltenen Exemplaren, am meisten in den 



*) Der Theil des Meeres, wo man die Proben heraufgebracht, 
erstreckt sich von 38 bis 42° nördlicher Breite und 49 bis 52° öst- 
licher Lauge von Greenwich. 



— 233 — 

Proben aus grösseren Tiefen, am wenigsten in den 
drei massiven Stücken, welche am weitesten gen Sü- 
den aus Tiefen von 84, 132 und 360 Fuss herstam- 
men. Nur in einigen wenigen Proben kamen auch an- 
dere Coscinodiscus -Arten, wie C. minor, radiolatus und 
subtilis, Gallionella varians, Spongolithis amphioxys, api- 
cnlata und acicularis zur Beobachtung. Die so überaus 
grosse Menge wohlerhaltener Exemplare von Coscino- 
disciis lässt vermuthen, dass diese kieselschaligen Or- 
ganismen im Kaspischen Meere lebend vorkommen. 

Der Schlamm von der Rhede bei Baku gewährt 
aber ein besonderes Interesse. In dreissig Analysen 
stiess ich neben grösseren und kleineren Coscinodiscus- 
Trümmern auf deutlich zu erkennende Exemplare von 
Navicula bifrons und N. amphisbaena, Campylodiscus Cly- 
peus, Coccone'is striata und C. lineata, Pyxidicitla opér- 
ât lata , Acknanthes ventricosa und Spongolithis acicularis. 
Auch wurden nur in dieser Probe Polythalamien (Ro- 
talien) sehr oft wahrgenommen. Besonders jedoch ist 
das überaus häufige Vorkommen der kleinen zierli- 
chen Grammatophora oceanica hervorzuheben. Ehren- 
berg hat von diesem Kiesel -Gebilde zuerst im Jahre 
1839 in den Abhandlungen der Königlichen Akade- 
mie der Wissenschaften zu Berlin gesprochen. Seine 
dort (pag. 153) aufgestellte Diagnose passt genau auf 
die im Schlamme von Baku vorkommenden, und lau- 
tet: ((Bacillis a dor so quadr anglais , a latere naviculari- 
bus aul linearibus apieibus paullatim decrescentibus obtusis, 
plicis inlernis in quovis dimidio latere mediis rectis prope 
apicem demum uncinatis». Er beobachtete diese netten 
Kieselorganismen lebend im Categat, bei Wismar in 
der Ostsee und im Mittelmeere, und ich bin über- 

Mélangos biologiques. IV. 30 



— 234 — 

zeugt, dass man sie auch bei Baku in lebendem Zu- 
stande antreffen wird. Eine Abbildung von ihnen hier 
anzuschliessen hielt ich für überflüssig, da man solche 
mehrfach in Ehrenb erg's Mikrogeologie findet, na- 
mentlich: 

Tab. XVIII. fig. 87 a. (grauer Polierschiefer von Rich- 
mond, Virginien). 

Tab. XIX. fig. 36 a. b. (plastischer Thon von Aegina). 

Tab. XXXIII. XIV. fig. 15. (schwarzer brakischer 
Moorgrund bei Norwich, Connecticut, Nord- 
Amerika). 

Tab. XXXV A. XVI. fig. 5. (Guano von Africa, Peru, 
Süd-Amerika). 

Tab, XXXIX. III. fig. 72. (organische Atmosphärilien- 
Tintenregen in Irland 1849). 

Somit werden die Grundproben aus dem Kaspi- 
schen Meere überhaupt, abgesehen von den vielen in 
ihnen enthaltenen kalkschaligen Organismen, durch 
Coscinodiscas radiatus, der Grundschlamm der Rhede 
von Baku aber durch Grammatophora oceanica cha- 
racterise. Weisse. 

Die von Hrn. Ulski mitgebrachten Wasserproben 
eignen sich theils wegen der Geringfügigkeit der 
Quantitäten, wie auch der (mangelhaften) Art ihrer 
Aufbewahrung, nicht dazu, einer ausführlicheren che- 
mischen Analyse unterzogen zu werden. Es sind aber 
für die bevorstehende Expedition Hrn. Ulski Anwei- 
sungen gegeben worden, in Bezug auf das Sammeln 
von Wasserproben u. dergl. mehr, nach welchen, bei 
dem regen Interesse, das er für die Sache zeigt, es 
zu hoffen steht, dass wir bald über das Gesetzmässige 



— 235 — 

in der so wechselvollen und noch so ungewissen Be- 
schaffenheit des Salzgehaltes im Kaspischen Meere 
werden aufgeklärt werden. Hr. Ulski hat aber in dem 
grossen Becken einige spec. Gewichtsbestimmungen 
gemacht, aus denen sich ergiebt, dass der Salzgehalt 
der Hauptmasse des Kaspischen Seewassers ein ge- 
ringerer ist als der des Schwarzen Meeres. Seine 
Angaben schwanken zwischen 1,0085 und 1,0114 
(bezogen auf Wasser von 0°), was einem Salzgehalte 
von 1,2 bis l,5°/ entspricht. Solches ist übereinstim- 
mend mit einer Reihe von Dichtigkeitsmessungen, 
welche ich im J. 1858 auf der Überfahrt von Baku 
nach Aschur-Ade mittelst eines feinen Areometers 
von constantem Gewicht von Greiner jun. in Berlin 
auf dem Schiffe anstellte, die aber bisher nicht publi- 
cirt worden sind, da sie durch die Analyse der von 
mir bei jener Gelegenheit gesammelten Wasserproben 
controllirt werden sollten. Die letzteren, nebst dem 
ihnen beigepackten Areometerbesteck , welche von 
Aschur-Ade aus nach Tiflis gesendet wurden, sind in- 
dess bis zur Stunde noch nicht in meine Hände ge- 
langt, und wahrscheinlich verloren. Ich werde daher 
jene 1858 gemachten Aufzeichnungen, wie über die 
des Hrn. Ulski bald ausführlicher berichten. 

Für eine von Hrn. Ulski mitgebrachte Wasser- 
probe des Karabogasbusens , leider ohne genauere 
Angabe der Örtlichkeit und des Datums, an welchen 
sie genommen war, fand ich ein spec. Gewicht von 
1,01095 (bei 15° C. im Vacuo, bezogen auf Wasser 
von 0°), also nicht sehr wesentlich von der des Was- 
sers im Hauptbecken abweichend. Da nach den frü- 
heren Auseinandersetzungen des Hrn. Akad. v. Baer 



— 236 — 

(s. dessen Kasp. Studien) im Karabogas durch die im 
Sommer vor sich gehende Verdunstung ein starkes 
Einströmen von Wasser aus dem Hauptbecken und 
damit eine Steigerung des Salzgehaltes bedingt wird, 
so dürfte jene von Hrn. Ulski gebrachte Probe im 
Frühlinge und in der Nähe des engen Ausganges des 
Karabogasbusens geschöpft worden sein. 

Interessant ist schliesslich die Beobachtung des 
Hrn. Ulski, dass sämmtliches, aus grösserer Tiefe 
geholtes Meerwasser, an der Luft alsbald seine Klar- 
heit verliert, sich trübt, und einen Absatz fallen lässt, 
dessen Menge um so bedeutender ist, je grösser die 
Tiefe war, aus der das Wasser stammte. Die Erklä- 
rung hierfür ist in dem Vermögen des Wassers zu 
suchen, bei zunehmendem Drucke der grösser wer- 
denden Wassersäule auch ein grösseres Gewicht von 
Kohlensäuregas zu absorbiren, durch welches wieder- 
um eine entsprechende Quantität von Erdcarbonaten 
in Auflösung gebracht und erhalten wird. Da mit Ab- 
nahme der Temperatur des Wassers auch der Absorb- 
tionscoefficient für die Kohlensäure grösser wird, so 
trägt auch die mit zunehmender Tiefe niedriger wer- 
dende Temperatur das Ihrige dazu bei, die, sei es 
durch Zersetzung und Verwesung von Meeresorga- 
nismen, sei es, wie im Golf von Baku, vulkanischen 
Emanationen ihren Ursprung verdankende Kohlen- 
säure, in reichlicherer Menge zu binden. Hört nun 
dieser Druck nach dem Heraufbringen des Wassers 
zu wirken auf, so entweicht ein Theil des kohlensau- 
ren Gases, und die von ihm in Auflösung erhalten ge- 
wesenen kohlensauren Erd- und Metallsalze schlagen 
sich, die Flüssigkeit trübend, nieder. A. Goebel. 



(Aus dem Bulletin, T. V, pag. 265 — 270.) 



SÄ? 1862. 

2 Juli 

Vorläufige Diagnosen neuer Carabiciden 
au\ Hakodade, von Cand. August Mora« 
witz. 

Eine Anzahl Coleopteren, welche die Herren Dr. 
N. Albrecht und Dr. P. Wulffius um Hakodade ge- 
sammelt und dem zoologischen Museum der Kaiserl. 
Akademie der Wissenschaften zum Geschenk gemacht, 
ist wegen vielfacher Übereinstimmung mit den aus Süd- 
ost-Sibirien erhaltenen Käfern von besonderem Inter- 
esse. Bei der Durchsicht der letzteren konnte ich 
diese aus Hakodade stammenden Coleopteren nicht 
unberücksichtigt lassen und die angestellten Verglei- 
che und Untersuchungen gaben zu einem kleinen Auf- 
satz Veranlassung, welcher in dem zweiten Bande der 
Horae soc. entom. Rossicae vielleicht noch in diesem 
Jahre erscheinen wird. Nachfolgend theile ich die 
Diagnosen der neuen Arten mit, und bemerke nur 
noch, dass ich den Omaseus magnus Moisch. als Pte- 
roslichus (Omaseus) ingens beschrieben habe, da der 
dieser Art zuerst ertheilte Name, weil bereits ver- 
geben, abgeändert werden musste. 

Die neuen Arten sind folgende: 

1. Carabus Albrechti: Supra subcupreus, pro- 
thorace lateribus rotundato, ante angulos posticos si- 

Mélanges biologiques. IV. 30* 



— 238 — 

miato, basi arcuatim emarginato, elytris profunde et 
regulariter striatis , interstitiis angustis , convexis, 
quarto, octavo et duodecimo catenatis. $ 22 mil lim. 

Im Habitus stimmt diese Art mit C. De Haanii Chaud. 
(Kaempferi De Haan i. I.) , von welchem C. Tien - Tei 
Thomson der Beschreibung zufolge nicht verschieden 
ist, recht gut überein. Die Flügeldecken sind eben so 
regelmässig wie bei diesem sculpirt, das Halsschild 
ist schmäler, an den Seiten weniger gerundet, vor 
den Hinterecken indessen stärker ausgeschweift, der 
Hinterrand der ganzen Breite nach ziemlich tief bo- 
gig ausgerandet, ohne dass die Hinterecken, wie beim 
C. De Haanii, vom mittleren Theil des Hinterrandes 
unter einem Winkel abgesetzt wären. Die Flügel- 
decken sind gewölbter, an der Spitze einzeln stumpfer 
und mehr abgerundet. Der Kopf ist nicht punktirt, 
die Fühler sind dicker, ihre einzelnen Glieder, so wie 
die der Taster, beträchtlich kürzer, die Füsse weni- 
ger schlank und kürzer, die der Hinterbeine nur so 
lang als die Schienen. 

2. Pheropsophus jessoensis: Testaceus, abdo- 
mine nigro, macula cordata apice postice prolongata 
verticis, prothoracis vitta media marginibusque postico 
et antico elytrisque nigris, his macula hunierali, mar- 
giue laterali, fascia lata submedia abbreviata subsi- 
nuata apiceque testaceis. 17 millim. 

Der Hinterrand der Hinterbrust, die Seiten der 
Mittelbrust, der ganze Hinterrand und der Vorderrand 
der Vorderbrust bis zum umgeschlagenen Rande an 
der sonst gelben Brust sind schwarz. Der Kopf ist 
hinter den Augen grob und flach runzlig, die Stirn 
am Innenrande der Augen mit unregelmässigen, deut- 



— 239 — 

liehen Längsstrichen. Das Halsschild ist kaum etwas 
breiter als laug, am Vorderrande groll längsrunzlig, 
mit dazwischen gestreuten grübchenartigen Punkten; 
ähnliche befinden sich auf der Scheibe und auch am 
Hinterrande, wo sie jederseits feiner sind und ge- 
drängter stehen. Die Schenkel sind am Kniegelenk 
etwas dunkler. Die Episternen der Vorderbrust vorn, 
wie die etwas dichter punktirten Episternen der Mit- 
telbrust, grob punktirt; die Seiten der Hinterbrust 
und des Hinterleibes sehr fein und gedrängt punktirt. 

Lebidia. 

Fam. Carabicidae. Tribus Lebiadae. 

Mentum profunde emarginatum, dente medio di- 

stineto nullo. 
Ligula apice subrotundata, duabus setis instrueta; 

paraglossis membranaeeis, earn longe superanti- 

tibus, apice singulatim rotundatis. 
Maxillarum mala interna ante- apicem extus fasci- 

culo pilorum tenuissimorum instrueta. 
Palpi articulo ultimo subovato, apice truncato. 
Prothorax transversus, basi fere recta (conf. de- 

script.). 
Tarsi articulo quarto bilobo, unguiculis pectinatis. 

3. L. octoguttata: Rufo-testacea, elytris guttis 
quatuor albis. 10 millim. 

Der Körper ist breit und ziemlich flach. Der Kopf 
hinten halsförmig verengt, äusserst fein und zerstreut 
punktirt. Das Halsschild ist etwa lV 2 mal so breit 
als lang, vorn leicht ausgerandet, mit abgerundeten 
Vorderecken, an den Seiten gerundet, in der Mitte 



— 240 — 

am breitesten, nach vorn mehr als nach hinten ver- 
engt, an den Seiten schräg aufgebogen, vor den etwas 
mehr als rechte Winkel betragenden, an der Spitze 
etwas gerundeten Hinterecken mit kaum angedeuteter 
Einbucht; der Hinterrand ist fast gerade, zu bei- 
ben Seiten des Schildchens sehr flach ausgerandet. 
Die Oberfläche ist in der Mitte leicht gewölbt, über- 
all fein, gegen die Seiten erloschen punktirt, mit fei- 
ner Mittellinie. Die Flügeldecken sind 3 1 / 2 mal so 
lang als das Halsschild, ziemlich breit, an der Spitze 
zusammen stumpf gerundet und nur mit der Andeu- 
tung einer flachen Ausbucht. Sie sind sehr fein und 
verworren punktirt, hinter der Mitte, in der Nähe 
der Naht, mit einem grösseren eingestochenen Punkt. 

4. Panagaeus robustus: Ater, prothorace sub- 
transverso, supra densissime foveolato-punctato, an- 
tice posticeque angustato, lateribus subangulato, ante 
angulos posticos undulato, margine postico utrinque 
emarginatura parva instructo; elytris striato-puncta- 
tis, fascia antica suturam non attingente maculaque 
subtransversa postica rubris. $ 12 millim. 

Weit grösser als P. crux major, das Halsschild we- 
niger quer, l 1 /^ mal breiter als lang, nach vorn stär- 
ker verengt, gleich hinter der Mitte winklig gerundet, 
u. s. w. Die schwarzen Zeichnungen sind im Allge- 
meinen breiter. 

5. P. rubripes: Ater, prothorace transverso, la- 
teribus rotundato, ante angulos posticos undulato, 
supra inaequaliter punctato, elytris profunde striatis, 
striis crenulatis , interstitiis transversim rugulosis, 
fascia antica medio interrupta maculaque rotunda ante 



— 241 — 

apicem, antennarum scapo, palporum basi pedibusque 
rubris. $ $ 1 3 — 1 3 1 / 2 millim. 

Noch etwas grösser als der vorige. Der Kopf ist 
glatter, die Augen kleiner, weit weniger kuglig, die 
Stirn zwischen denselben zwar auch grob, doch nicht 
runzlig punktirt , die Längseindrücke zwischen den 
Fühlern tiefer und beinahe glatt. Das Halsschild ist 
lV 3 mal breiter als lang, an den Seiten gerundet, die 
Oberfläche weit weniger dicht mit grübchenartigen 
Punkten bedeckt, die sie scheidenden Zwischenräume 
grösstenteils eben so breit wie die Durchmesser der- 
selben und sind mit sehr schwach vertieften, viel fei- 
neren Punkten versehen. 

6. Chlaenius naeviger: Niger, capite prothora- 
ceque viridi - aeneis , prothorace elongato, lateribus 
subreflexis rotundato, flavo pubescenti et ubique den- 
sissime punctato, elytris viridi nitentibus, striatis, in- 
terstitiis tenuissime sparsim punctatis, flavo-pubescen- 
tibus, macula postica subrotunda, antennarum articu- 
lis tribus primis, ore pedibusque rufo - testaceis. 16 
millirn. 

Dem Ch. hospes (Bull, de VAcad. d. sc. de St.-Pelersb. 
1862) sehr nahe verwandt, nur wenig grösser und ge- 
streckter und durch das etwas längere, oben mit gleich- 
massigen, sehr dicht gedrängten Punkten bedeckte, 
fein behaarte Halsschild specifisch verschieden. Die 
Streifen der Flügeldecken sind tiefer, die Zwischen- 
räume eben so fein, doch weniger dicht punktirt. 

7. Dyscolus splendens*): Rufo-ferrugineus, ge- 



*) Die hier beschriebenen Arten gehören in die elfte der von 
Chaudoir ( Ann. de la Soc. de France. 48S9. pag. 287 ) angenom- 
menen Gruppen. Das letzte Fussglied ist unten nackt und die vier 

Mélanges biologiques. IV. 31 



— 242 — 

niculis capiteque supra infuscatis, prothorace obscure 
viridi-aeneo, lateribus rufo-ferrugineo,rotundato, ante 
augulos posticos sinuato; elytris laete viridi-aeneis, 
tenuissime rufo-marginatis, ante apicem productum et 
truncatum oblique sinuatis, supra tenuiter striatis, in- 
terstitiis planis, tertio punctis tribus impressis. S 12 
millim. 

Der Kopf ist ziemlich gestreckt, die Augen verhält- 
nissmässig gross und vortretend. Das Halsschild etwa 
V/ s mal breiter als lang, die Hinterecken stumpfwink- 
lig, indessen deutlich, die Seiten der ganzen Länge 
nach breit aufgebogen. Die Spitze der Flügeldecken 
mit abgerundeter Aussenecke und zahnförmig nach 
hinten vorspringendem Nahtwinkel, die Streifen fast 
glatt. 

8. Dyscolus japonicus: Rufo-ferrugineus, capite 
prothoraceque supra piceis, hoc lateribus rufo-ferru- 
gineo, rotundato, postice subangustato , ante angu- 
los posticos obtusos subrotundatosque vix vel non si- 
nuato; elytris convexiusculis, obscure viridi-aeneis, 
rufo-marginatis, tenuiter striatis, ante apicem subro- 
tundatum obsolete sinuatis, interstitio tertio punctis 
tribus impressis. $ $ 9 — l0 1 / 2 millim. 

Beträchtlich kleiner als der vorige , der Kopf klei- 
ner, die Augen weniger vorstehend. Das Halsschild 
mit stumpferen, an der Spitze etwas abgerundeten 
Hinterecken und vor denselben nicht oder nur sehr 
seicht einwärts geschwungen. Die Flügeldecken sind 
an der Spitze kaum vorgezogen, etwas gerundet, mit 
undeutlich zahnartig vorspringender Nahtecke, in den 

ersten Glieder der hinteren Fusse jederseits mit einer feinen Fur- 
che am Seitenrande. 



— 243 — 

Streifen sehr fein punktirt, die Zwischenräume etwas 
gewölbt. 

9. Pterostichus (Lagarus) nimbatus: Ater, 
prothorace angulis anticis acutis, lateribus rotundato, 
angulis posticis obtusis, foveis basalibus parum pro- 
fundis, ruguloso-punctatis bistriatisque; elytris pun- 
ctato-striatis, interstitiis planis, tertio punctis duobus 
impressis, stria scutellari abbreviata nulla. Ç l0 1 / 2 
millim. 

In den Gruppencharacteren stimmt diese Art mit 
Lagams überein (vgl. Schaum Ins. Deutschi. I. 441.), 
die Flügeldecken haben aber vor der Spitze eine deut- 
liche Ausbucht. Der Kopf ist im Verhältniss zum 
Halsschilde klein, die Augen flach und von geringer 
Grösse. An den Fühlern ist das dritte Glied verhält- 
nissmässig gestreckt und deutlich länger als das erste. 
Das Halsschild ist breiter als lang, vorn, in der ge- 
meinschaftlichen tiefen Ausrandung, jederseits leicht 
gebuchtet. Der Yorderrand der Vorderbrust ist nicht 
gekantet, die drei ersten Fussglieder der Mittel- und 
Hinterbeine aussen mit feiner und deutlicher Furche. 

10. Pt. (Lyperus) fuligineus: Ater, prothorace 
lateribus rotundato, postice angustato, angulis posti- 
cis rotundatis, basi utrinque vix impresso, ruguloso- 
punctulato, coleopteris apice obtusiusculis, profunde 
striatis, interstitiis convexis, tertio punctis tribus im- 
pressis. $ l5 1 / 2 millim. 

Diese Art steht dem Südost- sibirischen Pt. (Lype- 
rusj prolongatus (Bull, de PAcad. d. sc. de. St.-Pétersb. 
1862.) sehr nahe und ist von diesem wesentlich nur 
durch die tieferen Streifen der Flügeldecken ver- 
schieden, deren Zwischenräume deutlich gewölbt sind. 



— 244 — 

Auch sind die Flügeldecken nach hinten stärker er- 
weitert und an der Spitze zusammen stumpfer gerun- 
det. Das Männchen ist mir leider unbekannt. 

11. Pt. (Pterostichus) Thunbergi: Niger, ni- 
tidus, prothorace latitudine subbreviore, postice an- 
gustato , angulis posticis subobtusis , basi utrinque 
profunde unistriato, elytris striatis, interstitiis cou- 
ve xiusculis, tertio punctis duobus vel quatuor impres- 
sis. 13*/ 2 — 15 millim. 

Von der Gestalt des nordamerikanischen Pt. la- 
clirymosiis Newman (Le Conte Synopsis of Pterosticlws etc. 
pag. 240.J und verschieden durch die glänzende 
Oberfläche, den völlig verwischten vorderen Gabel- 
eindruck des Halsschildes und die schwächer gewölb- 
ten Zwischenräume und weniger tiefen Streifen der 
Flügeldecken. Am Aussenrande der letzteren, vor 
der Ausbucht, ist nicht die Spur eines kurzen Strei- 
fens zu erkennen, welcher bei Pt. lachrymosns vorhan- 
den ist und eine kurze Längswulst zu Stande bringt. 
Die Furche an der Aussenseite der hinteren Füsse 
ist fast ganz verwischt. 

12. Amara (Amara) congrua: Obscure vel vi- 
ridi- aenea, antennarum articulis tribus primis tibiis- 
que rufis, prothorace postice obsolete impresso, ely- 
trorum striis postice profundioribus. 

S tibiis intermediis intus pubescentibus, ano utrin- 
que puncto unico setigero. 

Amara japonica De Haan in Mus. Petrop. 

Der A. ovata äusserst nahe stehend, durch Färbung 
der Beine und Fühler und das beim Männchen jeder- 
seits nur mit einem borstentragenden Punkt verse- 
hene Abdominalsegment vorherrschend verschieden. 



— 245 — 

13. Anisodactylus punctatipennis: Niger, an- 
tennarum basi ferruginea, prothorace lateribus rotun- 
dato, postice angustato, elytris ante apicem sinuatis, 
profunde striatis, interstitiis pnnctulatis. 9'/ 2 — 12 mill. 

In der Gestalt dem A. binotatus am nächsten ste- 
hend, etwas breiter, mit nach hinten weit stärker ver- 
engtem Halsschild, und an den deutlich punktirten 
Zwischenräumen der Flügeldecken mit Leichtigkeit 
zu unterscheiden. 

14. Harpalus tridens: Nigro -piceus, antennis 
pedibusque rufis, prothorace subcordato, postice ru- 
goso-punctulato, angulis posticis rectis, elytris pro- 
funde striatis, basi, lateribus apiceque punctulatis et 
fulvo-pubescentibus. 10 — 13 millim. 

Einem kleinen H. ruficornis in der Gestalt nicht un- 
ähnlich, durch den mehr weniger deutlich dreispitzi- 
gen Enddorn der Vorderschienen ausgezeichnet. Der 
erste Zwischenraum der Flügeldecken auch an der 
Basis glatt. Die Füsse sind oben behaart. 

15. H.japonicus: Niger vel nigro-piceus, nitidus, 
palpis, antennis pedibusque rufis, prothorace postice 
punctato, angulis rectis, elytris profunde striatis. in- 
terstitiis convexis ll 1 / 2 — 12 millim. 

Harpalus japonicus De Haan in Mus. Petrop. 
In der Gestalt stimmt diese Art am meisten mit 
H. rubripes Duftschm. überein, von welchem er unter 
Anderem durch die etwas gestreckteren, tiefer gestreif- 
ten Flügeldecken , deren gewölbte Zwischenräume 
keine eingestochenen Punkte führen, abweicht. Das 
Halsschild ist 1 '/ 2 mal so breit wie lang, an den Sei- 
ten vorn flach gerundet, nach hinten kaum etwas ver- 
engt, die Hinterecken rechtwinklig und an der Spitze 



— 246 — 

etwas abgerundet. Der Enddorn der Vorderschienen 
jederseits mit einem zahnartigen Vorsprung, die Füsse 
oben behaart. 

16. H. discrepans: Niger, nitidus, antennis fuscis, 
eärum basi palpisque ferrugineis , prothorace trans- 
versim quadrato postice rugosopunctato, ad margines 
punctulato, angulis posticis rectis, apice subrotunda- 
tis, elytris profunde striatis,- interstitiis punctulatis. 

S l0 1 / 2 millirn. 

Etwas kürzer als H. caspius Stev., durch die über- 
all punktirten Zwischenräume der Flügeldecken leicht 
kenntlich. 

17. Tachypus nubifer: Aeneus, prothorace cor- 
dato, fortiter punctato, coleopteris subellipticis, for- 
titer punctatis , viridi - nebulosis , palpis labialibus 
palporumque maxillarium basi, femoribus tibiisque 
testaceis , tarsis antennisque nigris , harum articulis 
secundo tertio et quarto plus minus fuscis. 4 millim. 

Dem T. (lavipes zunächst verwandt, durch weni 
ger vorgequollene Augen, verhältnissmässig breiteres, 
hinten weniger stark eingezogenes , etwas stärker 
punktirtes Halsschild und vorn breitere, an den Schul- 
tern weniger abgerundete gröber punktirte Flügel- 
decken, deren eingestochene Grübchen beträchtlich 
kleiner sind , und endlich auch durch die Färbung 
der Taster, Fühler und Beine verschieden. 

18. Bembidium (Peryphus) cognatum: Viricli- 
aeneum , antennarum basi pedibusque rufo- testaceis, 
femoribus infuscatis, prothorace angulis anticis de- 
flexis, lateribus paullo rotundato , basi punctulato, 
elytris fortiter punctato -striatis, striis postice ob so- 



— 247 — 

letis, rufo-bimaculatis, macula posteriore obliqua. 4V 2 
millim. 

Auf den ersten Blick dem B. bruœellense TVesm. 
sehr ähnlich, von fast gleicher Grösse und Wölbung 
und auf den Flügeldecken fast in gleicher Weise ge- 
zeichnet. Das Halsschild ist viel länger, mit herab- 
gezogenen Vorderecken, an den Seiten viel weniger 
gerundet und vor den Hinterecken nur schwach ein- 
wärts geschwungen. Die Flügeldecken sind nur wenig 
länger, fast in derselben Weise punktirt-gestreift, der 
siebente Punktstreifen beinahe eben so deutlich als 
der sechste. 



(Aus dem Bulletin, T. V, p. 321 — 328.) 





I 




TIRES DU 



BULLETIN 



DE 



L'ACADÉMIE IMPÉEIALE DES SCIENCES 



DE 



ST. - PÉTERSBOURG. 



Tone IV. 

Livraison 3. 



(Avec 1 Planche. 



St.- PETERSBOURG, 1863. 

Commissionnaires de l'Académie Impériale des sciences: 
à St«-Pétersbourg à Riga à Leipzig 

MM, Eggerset C ie . M. Samuel Schmidt, M. Leopold Voss. 

Prix: 45 Kop. = 15 Ngr. 



Imprimé par ordre de l'Académie. 
Novembre 1863. C. Vessélofski, Secrétaire perpétuel. 



CONTENU. 



Page. 

j. f. Brandt. Bericht über eine Abhandlung : Untersu- 
chung der Gattung Hyrax in anatomischer und ver- 
wandtschaftlicher Beziehung 249 — 251. 

Dr. i>. v. schienet*.. Vorläufige Diagnosen einiger neuer 

Gastropoden- Arten aus dem Nordjapanischen Meere 252— 258. 

j. f. Brandt. Bemerkungen über die Verbreitung und 

Vertilgung der Rhytina 259 — 268. 

— Einige nachträgliche Worte über die Nasenbeine der 

Sirénien. , 269—274. 

F». J. Ruprecht. Bemerkungen über die Caucasischen 

Primeln '. 275—306. 

K. e. \. Baer. Bericht über eine von Prof. Wagner in 
Kasan an Dipteren beobachtete abweichende Propa- 
gationsform 307 — 310. 

w. Severtzof. Mikroskopische Untersuchungen über die 
Verfärbung der Federn zum Hochzeitskleide bei ei- 
nigen Vögeln, nebst Betrachtungen über das Ver-- 
hältniss derselben zur Mauser 311 — 334. 

k. e. v. Baer. Über einen alten Schädel aus Mecklen- 
burg, der als von einem dortigen Wenden oder Obo- 
triten stammend betrachtet wird, und seine Ähnlich- 
keit mit Schädeln der nordischen Bronze -Periode. 
(Mit einer Tafel.) 335—360. 

Dr. A. Bange. Über die Gattung Echinops. Sendschrei- 
ben an den Hrn. Director des Kaiserl. botanischen 
Gartens zu St. Petersburg, Dr. E. Re g e 1 361—392. 



^ November 1862. 

2b 

Bericht über eine Abhandlung: Untersu- 
chung der Grattung Hypax in anatomi- 
scher und verwandtschaftlicher Bezie- 
hung; von J. F. Brandt. 

Bei Abfassung meiner vergleichenden Osteologie 
der Seekühe (Sirenia), wozu die ausgezeichneten, der 
von Steller beobachteten Gattung (Rhytina) angehö- 
rigen, Materialien unserer Sammlung Anlass gaben, 
konnte die genaue Erörterung der Frage nicht uner- 
läutert gelassen werden: in welchen osteologischen 
Beziehungen die Seekühe zu den fleischfressenden Ce- 
taceen einerseits, zu den andern Pflanzenfressern, na- 
mentlich den Pachydermen, andererseits ständen, eine 
Frage, wovon die Fixirung der Stelle abhängt, welche 
sie unter den verschiedenen Entwicklungsstufen der 
Säugethiere einzunehmen haben. Bei Gelegenheit 
meiner eingehenden, vergleichenden Untersuchungen 
über den Skeletbau der Tapire, Nashörner, Nilpferde, 
Elephanten, Mastodonten, Dinotherien u. s. w. konnte 
also auch der so merkwürdige Hyrax nicht weg- 
bleiben. 

Da unser Museum von letzterem noch kein Skelet, 
sondern nur ein Exemplar in Weingeist, nebst meh- 
reren Schädeln besass, so musste dasselbe für meine 

Mélanges biologiques. IV. 32 



— 250 — 

Zwecke eigens präparirt werden. Bei dieser Gele- 
genheit verglich ich die früheren Arbeiten mit den 
bei der von mir unternommenen Zergliederung ge- 
wonnenen Resultaten und fand, dass sich theils noch 
so Manches vervollständigen und erweitern, theils 
mehreres Neue hinzufügen lasse. So entstand eine Ar- 
beit, welche sich auf alle anatomischen Systeme, nicht 
blos auf den Knochenbau bezieht, ja auch einen Ab- 
schnitt enthält, der mehrere äussere Organe umständ- 
licher als bisher erörtert. Die Erläuterung der vege- 
tativen und äusseren Organe ist so weit vollendet, 
dass ich mir die Freiheit nehmen kann, dieselbe der 
Classe heute als ersten Theil meiner Arbeit vorlegen 
zu können. Jedoch sind dazu noch einige darauf be- 
zügliche Zeichnungen zu vollenden und die Figuren, 
welche sie darstellen, im Texte zu bemerken. 

Als neu enthalten sie den Nachweis von Mandeln, 
dann der Jacobsonschen Organe, ferner die genaue 
Beschreibung des merkwürdig gebauten Zungenbeins 
und Kehlkopfes und der weiblichen Geschlechts- 
theile. — Übrigens habe ich mich bemüht auch den 
Nahrungskanal mit seinen drüsigen Anhängen (die 
Leber und Bauchspeicheldrüse), die Gefässsysteme 
(worüber nur zerstreute Bemerkungen vorhanden w£- 
ren) mit ihren Anhängen (namentlich die Schilddrüse 
und Milz) nebst den Harnorganen genauer zu charak- 
terisiren. Den zweiten Theil meiner Arbeit, dem noch 
die Beschreibung einiger Theile fehlt, hoffe ich für 
die nächste Sitzung liefern zu können. Er wird eine 
vollständige Osteologie , eine fast vollständige Be- 
schreibung der Muskeln, nebst Bemerkungen über die 
Bänder, das Nervensystem und die Sinnesorgane ent- 



— 251 — 

halten. In Bezug auf das Gehörorgan war ich so 
glücklich, eine der der Pferde ähnliche häutige, sack- 
artige Erweiterung der tuba Eustachii zu entdecken. 

Die eingehenden Untersuchungen über Hyrax ha- 
ben allerdings den Druck meiner vergleichenden Osteo- 
logie der Sirénien etwas verzögert. Die Verzögerung 
erfolgte aber zum Nutzen der grösseren Vollständig- 
keit. 

Als getrenntes Glied der durch Aussterben und 
Vertilgung mannichfach verkümmerten Säugethier- 
schöpfung unseres Planeten, das wie Cuvier meinte 
keineswegs als Nashorn im Kleinen angesehen wer- 
den kann , sondern offenbar sich zu einer andern 
Ordnung, der der Nager, in Bezug auf den äusseren 
Eindruck, die Lebensweise und mehrere Structur- 
verhältnisse hinneigt, wenn auch streng genommen 
noch keine vollständige Übergangsstufe darstellt, muss 
Hyrax die Aufmersamkeit der Naturforscher lebhaft 
in Anspruch nehmen. Den Schluss meiner Arbeit 
wird daher ein besonderer Abschnitt bilden , worin 
seine Verwandtschaft mit den noch lebenden, oder 
bekannteren, ausgestorbenen Säugethierformen be- 
sprochen wird. 



(Aus dem Bulletin, T. V, pag. 508—510.) 



5 

— December 1862. 

Vorläufige Diagnosen einiger neuer f*ra- 
stropoden-Arten aus dem Hordjauani- 
sehen Meere; von Dr. L« v. SelirencR. 

Im vergangenen Jahre machte ich eine Anzahl 
neuer Mollusken- Arten aus der Meerenge der Tarta- 
rei und dem Nordjapanischen Meere bekannt. Seit- 
dem sind uns noch wiederholte Sendungen aus jenen 
Meeren zugegangen. Namentlich verdanke ich einen 
ansehnlichen Zuwachs von Materialien zu einer Über- 
sicht der malakozoologischen Fauna des Nordjapani- 
schen Meeres, wie sie mich gegenwärtig beschäftigt, 
den Herren Dr. Albrecht in Hakodate und Prof. 
Nordmann in Helsingfors. Ersterer schickte unserem 
Museum die von ihm selbst in der Bai von Hakodate, 
an der Südküste der Insel Jesso, gesammelten Ge- 
genstände zu. Letzterer hatte die Freundlichkeit, mir 
die theils von seinem, für die Wissenschaft leider zu 
früh verstorbenen Sohne, Arthur v. Nordmann, und 
theils von dem Capitän Lindholm sowohl in der Bai 
von Hakodate, als auch in der Meerenge der Tarta- 
rei gesammelten Conchylien zur Mitberücksichtigung 
bei meiner Arbeit über die Molluskenfauna jenes Mee- 
res zuzusenden. Indem ich nun diese Sammlungen ge- 
nauer durchmustere , stosse ich wiederum auf eine 



— 253 — 

Anzahl bisher unbekannter Arten. Die bereits ent- 
worfenen ausführlichen Beschreibungen und Abbil- 
dungen derselben werden in dem schon erwähnten 
malakozoologischen Theile meiner Reisen und For- 
schungen im Amur-Lande zu finden sein. Hier nur die 
vorläufigen Diagnosen der unter ihnen befindlichen 
neuen Gastropoden-Arten. 

1. Chiton Albrechtii in. 

Testa externa, ovalis, 1 a ' 2 , subelevata, circ. 120°; 

tegmentum scabrum , fuscescente - rufum , albido et 
fusco-nigro variegatuin; areae laterales sculptura di- 
stinetae, tumidae, ut valvae terminales radiatim gra- 
nuloso-costulatae; areae centrales longitudinaliter mi- 

nutissime granuloso-liratae ; valvae V ae ratio , ° Qg .\ , ; 

clu. CllVllclt. — 

angulus linearum lateralium 130°; valvarum interme- 
diarum incisurae laterales et articuli postici utrinque 
2; apophyses laterales 3, terminales (exclusis utrin- 

, ., ^9, 10, 12 ,. ', clivilat. 1 

que tribus) 7>8>11(?) ; hmbus aDgnstus,. ^^ lat ^ , gra- 
nosus, albido et fusco-rufo tesselatus. Long, (totius 
anim.) speeiminis maximi 44, minimi 25 millim. 
Patria: Sinus Hakodate insulae Jesso. 

2. Chiton Lindholmii m. 

Testa externa, ovalis, . a ' , depressa, circ. 130°; 

' ' long. 2 r ' 

tegmentum scabrum, viridi-olivaceum, mucronibus ro- 
saceo-albidis; areae laterales sculptura distinetae, tu- 
midae, ut valvae terminales radiatim costulatae, sul- 
cis incrementi concentricis decussatae, costulis squa- 
moso-granosis; areae centrales secundum lineas late- 



— 254 — 

rales excavatae, longitudinaliter rugosae; lineae late- 
rales valde prominentes; valvae V ae ratio , ^fi, 117 ; 

âCl Cil VI lût. I/a 

angulus linearum lateralium 115°; val varum interme- 
diarum incisurae laterales et articuli postici utrinque 
4; apophyses laterales 5, terminales (exclusis utrin- 
que 5) J; limbus mediocris, .. l-^i » minutissime 
granulosus, nigro-viridescens, albo maculatus. Long, 
totius animalis 44 rnillim. 

Patria: Sinus Hakodate insulae Jesso. 

3. Trochus Nordmaiiiiii m. 

Testa conica, umbilicata, nigrofusca, laevi; anfrac- 
tibus 6, planulatis, medio late sed non profunde cana- 
liculars, ultimo acutangulo; basi piano -concava, ni- 
gro fusca, regione umbilicali alba; umbilico mediocri, 
obsolete intus carinato; apertura perobliqua, rhombea, 
albo-margaritacea, labro nigrolimbato, margine colu- 
mellari denticulo et infra denticulum foveola marga- 
ritacea terminato, superne in lobum umbilici partem 
cingentem producto. Long. 33, lat. 38, aperturae 
long. 35, apert. lat. 21 millim., angulus apicalis 75°. 

Patria: Sinus Hakodate insulae Jesso. 

4. Troclius subfuscescens m. 

Testa parva, depresso-conoidea, anguste umbili- 
cata, fusco- nigra, unicolore vel sordide albido-mar- 
morata, longitudinaliter lineis elevatiusculis cincta, 
transversim incrementi striis obliquis confertis de- 
cussata; anfractibus 4, planulatis, supremis prope 
suturam subangulatis , ultimo ad peripheriam bicari- 
nato, superne transversim costulato-plicato; basi pla- 
niuscula, minutissime confertim striata; apertura rhom- 



— 255 — 

bea; columella arcuata, inferne dentibus duobus par- 
vulis, foveola sejunctis terminata, superne in lolium 
umbilici partem cingentem producta; labro acuto, 
fusco-marginato; faucibus albis, margaritaceis. Long, 
specim. max. 7, lat. 10, aperturae long. 5V 2 , apert. 
lat. 5 millim., ang. apic. 105°. 

Patria: Sinus Hakodate insulae Jesso. 

5. Troelms jtȤsoensis m. 

Testa parva, solidula, conica, rimata, nitida, ru- 
fescente-fusco et albido radiatim variegata, lineis spi- 
ralibus, lutescentibus vel fusco et albido articulatis, 
interdum leviter impressis cincta; anfractibus 5 — 6, 
planulatis vel subconvexiusculis, sutura mediocri di- 
stinctis, ultimo obtusangulo; basi convexiuscula, liris 
rufo -fusco et albido artic.ulatis cincta; apertura ro- 
tundato-quadrata, labro simplici, columella rectius- 
cula, vix truncata, faucibus albis, margaritaceis; oper- 
culo tenui, corneo, multispiro. Long, specim. max. 
10, lat. 9, aperturae long. 6, apert. lat. 5 millim., 
angulus apicalis 75°. 

Patria: Sinus Hakodate insulae Jesso. 

6. Trochus iridescens m. 

Testa parva, globoso-eonica, obtecte perforata vel 
rimata, fusco lirata, interstitiis iridescentibus; apice 
acuto; anfractibus 5, convexiusculis, sutura profunda 
distinctis, superioribus bicarinatis, ultimo tricarinato, 
liris minoribus interjectis; basi convexiuscula, 7 — 8 
lirata; apertura suborbiculari, labro intus late albo- 
marginato, faucibus vivide margaritaceis; operculo 
tenui, corneo, multispiro. Long, specim. max. 7 1 /,, lat. 



— 256 — 

7, aperturae long. 4'/ 2 , apert. lat. 3 3 / 4 millim., angu- 
lus apicalis 85 J . 

Patria: Sinus Hakodate iusulae Jesso. 

7. Trochus g lobulars us m. 

Testa depresso-conica, imperforata vel obsolete ri- 
mata, olivaceo-fusca, fulvo sph aliter lirata, albido 
radiatim nine inde undata; anfractibus 5, planulatis, 
sutura profunda distinctis, ultimo convexiusculo, sub- 
angulato; basi piano -convexa, fusca, spiraliter fulvo 
striata, regione umbilicali callosa, rosacea; apertura 
rotundato-quadrangula, margine columellari minutis- 
sime bidenticulato, foveola parvula denticulis inter- 
jecta, labro intus nigro - marginato , faucibus albis, 
margaritaceis. Long. 7, lat. 9, aperturae long. 6, 
apert. lat. 4 1 / 2 millim., angulus apicalis 100°. 

Patria: Sinus Hakodate insulae Jesso. 

§• Haiiea bieincta m. 

Testa subglobosa, parva, solida, imperforata, lae- 
vigata, albida, maculis fuscis linearibus, vermiculatis, 
subquadratis vel lituratis in anfractu ultimo bi-, in su- 
perioribus uniserialibus cincta; anfractibus 4, sutura 
mediocri distinctis, ultimo ventricoso; umbilico callo 
semiorbiculari complanato obtecto; apertura paene se- 
micirculari, spadicea, margine nee non zona basali 
albis. Long, specim. max. l0 1 / 2 , lat. 9 3 / /4 , aperturae 
long. 8, apert. lat. 4 1 / 2 millim., angulus apicalis 105°. 

Patria: Sinus Hakodate insulae Jesso. 

Oe Tritouium (Fmsiis) jessoeuse m. 

Testa fusiformi-turrita, sordide fusco-viridescente; 
anfractibus 6 — 7, convexis, transversim (13 — 14) 



— 257 — 

plicatis, longitudinaliter liratis, liris plerumque alter- 
nis rnajoribus; apertura ovato-elongata, cum partibus 
adjacentibus violaceo-fusca, columella leviter sinuata, 
labro tenui, intus minute crenulato, faucibus liratis, 
liris ad circ. 2 millim. ante labrum evanescentibus; 
canali brevi, leviter recurvo. Long. spec. max. 21, 
lat. 9'/ 2 , aperturae long. 9V 2 , apert. lat. 4 1 / 2 millim., 
angulus apicalis 40°. 

Patria: Sinus Hakodate insula e Jesso. 

IO. Tritonium (Buccinum) pericochlion m. 

Testa elongata, turrita, alba sub epidermide lute- 
scente-seu rufescente-castanea; anfractibus 8 — 9, 
piano -convexis, ad suturam late et profunde canali- 
culars, longitudinaliter lineis parcis elevatiusculis ob- 
solete cinctis; basi spiraliter striata; apertura ovali, 
superne angulata, labro simplici, obtuso, labio inter- 
dum obsolete striato, superne callo munito, columella 
leviter arcuata, canali perbrevi, faucibus lutescenti- 
bus. Long, specim. max. 104, lat. 47, aperturae 
long. 46, apert. lat. 28 millim., angulus apicalis 40°. 

Patria: Sinus Hakodate insulae Jesso. 

11. \ of uta pusilla m. 

Testa parva, fusiformi, lutescente-castanea, prope 
suturam linea albo et rufo articulata cincta, caeterum 
rufo minute maculata, maculis in series radiales in- 
terruptas dispositis; spira exserta, apice obtusiusculo; 
anfractibus 6, planulatis, longitudinaliter sulcatis; 
apertura elongata, lutescente-castanea, labro simplici, 
recto, columella recta, biplicata, plicis albis, superiore 

Mélanges biologiques. IV. 33 



— 258 — 

parva, subobsoleta. Long. 9 1 / 2 , lat. 4%, aperturae 
long. 5 f / 4 , apert. lat. 2 millim., angulus apicalis 40°. 
Patria: Sinus Hakodate insulae Jesso. 



(Aus dem Bulletin, T. V, pag. 510 — 514.) 



i? December 1862. 

Bemerkungen über die Verbreitung und 
Vertilgung der Rhytina, von J. F.Brandt. 

Obgleich mein hochverehrter College v. Baer die 
schliesslich durch Menschenhand erfolgte Vertilgung 
der Steller'schen Seekuh umfassend fMém. de VAcad. 
de St.-Pétersb. VI sér. Sc. nat. T. III p. b8) nachgewie- 
sen hat und es mir gelang, im ersten Fascikel meiner 
Symbolae Sirenologicae p. 1 1 2 einige neue Beweisgründe 
für seine Behauptung beizubringen, so hat dieselbe 
doch keine ganz allgemeine Annahme gefunden. Na- 
mentlich sind von Englands grösstem Paläontologen 
(Palaentology p. 400J andere Ansichten vorgetragen 
worden. Hr. v. Baer sah sich deshalb (Bullet, sc. T. 
III. 1861. p. 369, Mél. biol. III. p. 519; veranlasst 
gegen die Auffassung desselben, Rhytina sei schliess- 
lich nicht von Menschenhand vertilgt, in seinem schö- 
nen Aufsatze: «Über das Aussterben der Thierarten» 
Einsprache zu erheben, der auch ich als Vertheidiger 
des Nachweises meines hochverehrten Collegen (s. 
Symb. Sirenol. S. 112) mich anzuschliessen veranlasst 
sehe, so sehr ich auch andererseits die ebenso bedeu- 
tenden als zahlreichen Verdienste meines Londoner 
Freundes Owen zu würdigen weiss. Es ist jedoch 
gegenwärtig keineswegs meine Absicht, die durch Men- 
schenhand erfolgte Vertilgung der letzten Reste der 



— 260 — 

Steller'schen Seekuh nochmals umfassender zu er- 
örtern, da dies bereits Hr. v. Baer zu wiederholten 
Malen gethan hat. Ich will vielmehr nur in gedräng- 
ter Kürze, die vielleicht ihre Vortheile hat, nachste- 
hende Gründe hervorheben, welche die ohne Frage 
mindestens schliesslich durch Menschenhand bewerk- 
stelligte Vertilgung der letzten Überreste der von kei- 
nem andern Naturforscher als S teller, und zwar nur 
an den Küsten der Behrings -Insel (1741 — 42), be- 
obachteten nordischen Seekuh ausser allen Zweifel 
setzen. Dagegen soll auf die physischen Verhältnisse, 
welche auf die Beschränkung ihrer Verbreitung ein- 
wirken konnten, so wie auf ihr früheres muthmaass- 
liches Wohngebiet etwas näher eingegangen werden. 
Die fraglichen Gründe für den Nachweis, dass die 
Reste der Seekuh von Menschen-Hand vertilgt seien, 
sind folgende: 

1) Die nordische Seekuh war nachweislich ein über- 
aus plumpes, schwerfälliges und dummes Thier, 
welches sich den Nachstellungen nicht mit Ge- 
wandtheit entzog und daher leicht , und um so 
öfter, erlegt wurde als sein Fleisch, weil es von. 
einem Pflanzenfresser stammte, im Vergleich mit 
dem anderer Seethiere eine sehr angenehme Speise 
lieferte. 

2) Die Behrings - Insel wurde bald nach ihrer Ent- 
deckung das Ziel zahlreicher Expeditionen von 
Pelzjägern, die dort selbst nicht selten überwin- 
terten, die schmackhaften Seekühe also als vor- 
züglichen, noch dazu ohne grosse Schwierigkeit 
zu erlangenden, Proviant andern weniger mun- 
denden Seethieren vorzogen. 



— 261 — 

3) Sauer, der Secretär des Capitäns Billing, wies 
nach, dass im Jahre 1768, also nur 27 Jahre 
nach ihrer Entdeckung durch Steller, das letzte 
exemplar der nordischen Seekuh erlegt worden 
sei. 

4) Die nach 1768 erschienenen Verzeichnisse von 
Thieren des nördlichen stillen Oceans mit Ein- 
schluss derer, welche die Amerikanische Com- 
pagnie von den Jagd- und Pelzthieren ihres Ge- 
bietes besitzt, führen die Seekuh nicht auf. 

5) Keiner der Seefahrer, welche nach Steller bis 
in die neusten Zeiten den nördlichen stillen Ocean, 
ebenso wie das Ochotskische Meer besuchten, 
sah die Rhylina. 

6) Keiner der gebildeten Gouverneure der Russisch- 
Amerikanischen Colonien (v. Wränge 11, Etholin 
u. s. w.) oder- der vielen Beamten der Russisch- 
Amerikanischen Compagnie, die wiederholt dar- 
um schriftlich oder mündlich befragt wurden, 
wusste etwas von ihrem Vorhandensein; ja ein- 
zelne unterrichtete Beamte, welche die als Pelz- 
werk oder Nahrungsstoff wichtigen Produkte der 
Colonien aus vieljähriger Beobachtung sehr ge- 
nau kannten, waren sogar geneigt ihr früheres 
Vorhandensein zu leugnen. Lebte die Rhytina 
übrigens noch jetzt im nördlichen stillen Ocean, 
so hätten sie die alle Winkel durchstöbernden 
Walfisch- und Pelzjäger sicher aufgefunden. Lebte 
sie südlicher an den Amerikanischen Küsten, so 
würde ohne Frage einer der zahllosen Califor- 
nienfahrer darüber berichtet haben. 

7) Der in der Zoologie bewanderte jetzige Conser- 



— 262 — 

vator am zoologischen Museum unserer Akade- 
mie, Hr. Wosnessenski , welcher acht Jahre 
hindurch theils am Ochotskischen Meere, theils 
in Kamtschatka, so wie auf den Kurilen und Aleu- 
ten verweilte und die Küsten Amerika's von Ca- 
lifornien bis zum Kotzebue-Sund besuchte, sah 
weder die Rhylina, noch erfuhr er überhaupt et- 
was über ihre noch gegenwärtige Existenz, ob- 
gleich die Aufsuchung lebender Individuen oder 
ihrer Reste, wovon er zwei Schädel und einige 
andere Skelettheile einsandte, eines der Haupt- 
ziele seiner Reise war. Auch seit seiner bereits 
vor mehrern Jahren erfolgten Rückkehr hat kei- 
ner vom Vorkommen der Rhytina in den Russisch- 
Amerikanischen Colonien gesprochen. 

8) Die von unserer Akademie der Wissenschaften 
zu verschiedenen Zeiten ausgesetzten Preise ver- 
schafften ihrem Museum nur ein auf derBehrings- 
Insel aus der Erde gegrabenes Skelet, zwei Schä- 
del, einzelne Wirbel, ein Schulterblatt und zahl- 
reiche Rippen. Später sind, ebenfalls von dort, 
noch zwei Skelete nach Europa gelangt, wovon 
eins Nordmann, das andere das Moskauer Museum 
erhielt. Alle diese Theile wurden mehr oder we- 
niger mit Erde bedeckt gefunden. 

9) Auch andere Arten von Seekühen, die ebenfalls 
zu den plumpen und dummen Thieren gehören, 
sind bereits wegen häufiger Nachstellungen an 
ihren frühern Fundorten verschwunden oder sel- 
ten geworden. 

1 0) Thiere anderer Abtheilungen wurden ebenfalls von 



— 263 — 

Menschenhand vertilgt (die drontenartigen Vögel, 
die Wölfe, Bären, Luchse, Elene, Auerochsen, 
Biber in vielen Culturländern , und neuerdings 
auch Alca impennis). 
Wiewohl gegen die eben zu Gunsten der Annahme 
der durch Menschenhand erfolgten Vertilgung der nur 
an der Behrings-Insel, und zwar nur von Steller, be- 
obachteten (wahrscheinlich letzten Reste) der Seekühe 
angeführten schlagenden Gründe keine stichhaltigen 
Einwände erhoben werden können, so Hessen sich al- 
lerdings doch auch andere Ursachen denken, welche 
ihre Vertilgung theilweis herbeiführten, auf dieselbe 
hinwirkten oder sie vorbereiteten. Dahin gehören die 
schon früher von mir (Symbol, p. 11 8) lange vor Owen 
angedeuteten physischen Einflüsse, namentlich die in 
jenen Gegenden früher stattgefundenen vulkanischen 
Erscheinungen, welche die zur Ernährung der Seekühe 
erforderliche Meeresvegetation auf grossen Strecken 
vernichteten. Die Vertilgung der von S tel 1er an der 
Behrings-Insel entdeckten nordischen Seekühe, wel- 
che offenbar die letzten, vielleicht dahin geflüchteten, 
Reste ihrer Gattung waren, da später Niemand sie 
anderswo auffand, lässt sich indessen keineswegs von 
tief eingreifenden, die Meeresvegetation zerstörenden, 
Einflüssen ableiten, da während der 27 Jahre, in de- 
ren Verlaufe sie untergingen, an ihrem Wohnorte, 
wie Hr. v. Baer (Mél. S. 537) mit vollem Rechte 
bemerkt, durchaus keine solche Verwüstungen statt- 
fanden. Auch sieht man noch gegenwärtig in der Nähe 
der Behrings-Insel, wie mir Hr. Wosnessenski sagt, 
grosse Tange in Menge, so dass noch jetzt Seekühe 
dort ihre Nahrung reichlich finden könnten. Die frü- 



— 264 — 

her die Ufer der Behrings -Insel zur Zeit Steller's 
belebenden, zahlreichen Exemplare derselben wurden 
also sicher nicht durch physische Einflüsse oder» Nah- 
rungsmangel vertilgt, wie dies Owen anzunehmen ge- 
neigt ist. Der Einfluss des Menschen einzig und allein 
erklärt ihr schnelles dortiges Verschwinden. Dass in 
den Zeitepochen, welche der Gegenwart, aber mehr 
oder weniger lange, vorausgingen, gewaltige physi- 
sche (vulkanische) Einflüsse manche, vielleicht meh- 
rere oder selbst viele der frühern muthmaasslichen 
Wohnorte der Seekühe möglicherweise so veränder- 
ten, dass sie für ihre Existenz sich nicht mehr eigne- 
ten, wobei eine Menge von Individuen, jedoch sicher 
nicht alle, da viele, ja wohl die meisten, sich durch 
Schwimmen retten konnten, ihren Untergang fanden, 
lässt sich allerdings nicht leugnen, bis jetzt aber auch 
nicht durch wirkliche Thatsachen historisch nachwei- 
sen. Es können ja, wie an der Behrings-Insel, auch 
anderwärts die plumpen, dummen, schmackhaften See- 
kühe zum grossen Theil ebenfalls den Nachstellungen 
der Menschen oder Raubthiere erlegen sein. Jeden- 
falls möchten sicherlich die Umgebungen der Behrings- 
und Kupfer-Insel, obgleich sie die einzigen Orte sind, 
wo man die nordischen Seekühe mit Sicherheit be- 
obachtete, in den frühsten Zeiten nicht ihre einzigen 
Wohuplätze gewesen sein, wie dies Hr. v. Baer, wie 
auch ich, bereits ausdrücklich sagten. Wie weit sich 
indessen in vergangenen Zeiten ihre Verbreitungs- 
grenzen ausdehnten, lässt sich für jetzt wenigstens 
nicht mit irgend einer Bestimmtheit angeben, sondern 
allenfalls nur aus der Verbreitung ihrer Nährpflanzen 
leise vermuthen. Vielleicht werden künftige Knochen- 



— 265 — 

funcle darüber Auskunft ertheilen. Mit einiger Wahr- 
scheinlichkeit dürfen wir vielleicht ihr früheres Wohn- 
gebiet auch schon jetzt auf die westlichen Aleuten 
ausdehnen. W'osnessenski fand wenigstens auf der In- 
sel Attu eine /?%ftna-R,ippe. Höher nach Norden als bis 
zum 5 6° können indessen die Seekühe seit der Epoche, 
die dem nördlichen Theil des stillen Oceans seine 
jetzige Beschaffenheit verlieh, nicht wohl gegangen 
sein, da nördlich vom 56? wie mir Wosnessenski 
sagt, nur noch kleinere Algen vorkommen, während 
sie sich, wie Steller ausdrücklich bemerkt, nur von 
sehr grossen nährten , die er sogar namhaft macht 
und deren neuere, exactere, botanische Bestimmung 
ich bereits (Symbol. Sir. I p. 107) lieferte. Aus glei- 
chem Grunde (Mangel einer üppigen Algenvegetation), 
der sie in der Jetztzeit vom hohen Norden fern hielt, 
wurden sie auch wohl vom Ochotskischen Meere aus- 
geschlossen, da nach Middendorff und Wosnessen- 
ski gleichfalls dort nur kleinere Algen, keine riesen- 
haften, vorkommen. Geeignete Wohnorte vermochten 
ihnen dagegen ausser der Behrings-Insel und Kupfer- 
Insel, die nach Wosnessenski ebenfalls an riesigen 
Algen reichen Meeresgründe der Küsten von Kam- 
tschatka bis Nischnaja -Kamtschatka, ferner die Um- 
gebungen der Aleuten und der Kurilen zu bieten. 
An den Küsten von Kamtschatka lebten sie übrigens 
zu Stell er's Zeit nicht mehr, wohl aber strandeten 
dort einzelne todte Exemplare, die offenbar von der 
Behrings-Insel stammten. Ob sie früher auch südli- 
cher, so an den Küsten Japan's und China's, sich hiel- 
ten (was nicht unwahrscheinlich sein möchte) ist noch 
nicht nachgewiesen, wie ich bereits früher (Symb. I p. 

Mélanges biologiques. IV. 34 



— 266 — 

118) bemerkte. Die bis jetzt bekannten Japanischen 
Werke schweigen darüber. Künftige Knochenfunde 
werden indessen doch vielleicht ihr dortiges früheres 
Vorkommen nachweisen. Dass die Rhytina nach Owen 
an den Küsten und den Mündungen der grossen Flüsse 
Sibiriens noch in der gegenwärtigen Erdepoche sich 
aufhielt, darf nach Maassgabe der obigen Mittheilungen 
nicht wohl angenommen werden. Auch hat sie kein 
Reisender an den genannten eisreichen, so unwirth- 
baren und von Wenigen besuchten Orten beobachtet 
oder Reste derselben von dort zurückgebracht. Eben- 
so wenig darf man sie zu Bewohnern des Eismeers 
stempeln, wohin der mit ihrer geographischen Ver- 
breitung und nähern Geschichte wenig bekannte Blain- 
ville (Ostéogr. Manatns p> 128) irrthümlich ihr Vater- 
land versetzt. In der Gegend der Behrings - Strasse, 
wohin Strauss -Dürkheim (Cosmos 1861. Vol. XIX 
p. 514) Steller's Entdeckung der Rhytina verlegt (er 
verwechselte als guter französischer Geograph offen- 
bar die Behrings-Insel mit der Behrings- Strasse), sah 
sie ebenfalls nachweislich Niemand. Strauss hatte 
daher auch durchaus kein Recht das in der Hudsons- 
bai erlegte, im Cosmos besprochene, sehr problemati- 
sche, Seethier für eine Rhytina zu erklären. Bemer- 
kenswerth ist übrigens, dass die von W^osn essen ski 
befragten, mit ihrer Thierfauna vertrauten, Tschuk- 
tschen und Koräken keine Idee von einem pflanzen- 
fressenden, grossen Seethier haben, wiewohl sie sich 
mit Walfischjagd beschäftigen und die schmackhafte 
Rhytina sicher kennen und ihr nachstellen würden, 
wenn sie im Bereiche ihres Jagdgebietes lebte. 
In einer frühern Erdepoche, als Sibirien wärmer war 



— 267 — 

und der Norden nochMamonte und Nashörner ernähr- 
te, mögen vielleicht die Rhytinen die Küsten des vom 
Eise freieren oder freien Eismeeres und die Nachbar- 
schaft der Mündungen der sich in dasselbe ergiessen- 
den, weit eisfreiem, Ströme bewohnt haben, wenn ihnen 
dasselbe eine bessere und reichlichere Nahrung als jetzt 
bieten konnte. So lange aber (wie es bis jetzt der Fall ist) 
an den Küsten des Eismeeres und an den Ufern der in 
dasselbe mündenden grossen Ströme keine Überreste 
der Rhytina gefunden werden, bleibt diese Ansicht nur 
eine ganz hypothetische. Im höhern Norden jenseits 
des 56. Grades ist gegenwärtig kaum eine Rhylina zu 
erwarten, weil sie dort keine hinreichende Nahrung 
fände und die Tschuktschen sie kennen würden. Sehr 
wahrscheinlich beobachtete sogar, wie bereits bemerkt, 
Steller die Seekühe an ihrem für unsere Erdepoche 
nördlichsten Wohnorte und zugleich Zufluchtsorte, 
wo ihre sehr zusammengeschmolzene, und vielleicht 
theilweis verkümmerte Gattung den völligen (vermuth- 
lich allerdings theilweis durch frühere anderwärts an 
allen von Menschen bewohnten Küsten ihres Wohn- 
gebiets erfolgte Vernichtungen vorbereiteten) Unter- 
gang fand. Die Verbreitungsgrenzen der grossen Al- 
gen im nördlichen stillen Ocean, so wie die von mir 
im zfweiten Theile meiner Symbolae Sir. p. 117 u. 118 
aufgestellte Vermuthung, dass Stell er die Seekuh in 
ihrer vollendeten Grösse gar nicht mehr gesehen zu 
haben scheint, wenigstens nicht angiebt, dass er nur 
die Maasse eines Individuums mitgetheilt habe, das 
höchstens von mittlerer Grösse war, während mir Ex- 
tremitätenknochen eines Thiers vorliegen, welches das 
seinige weit an Grösse übertraf, möchten für diese 



— 268 — 

Ansicht zwei vielleicht nicht zu verachtende Stütz- 
punkte liefern. 

Zum Schluss unserer Mittheilung müssen wir noch- 
mals betonen , dass Rhytina (mindestens in Bezug 
auf ihre letzten Reste) sicher zu den von den Men- 
schen völlig vertilgten Thieren gehört und dass die 
ganz neuerdings von Van Beneden (Institut 1862 p. 
188) gethane Äusserung: «On croyait la Rhytine égale- 
ment perdue, mais nous venons de voir que le Musée de 
Pétersbourg en a reçu un squelette complet (Nor dm. 
Palaeont. Süd-Russl. p. 328)» keineswegs so gedeutet 
werden darf, als habe man lebende Exemplare ent- 
deckt, von denen das im Museum der Akademie auf- 
gestellte, in der Erde gefundene/] Skelet herrührt, des- 
sen nähere vergleichende Beschreibung hauptsächlich 
Veranlassung zur Abfassung einer zweiten Abtheilung 
meiner Symbolae Sirenologicae , ebenso wie der vorste- 
henden Mittheilungen gab. 



(Aus dem Bulletin, T. V, pag. 558 — 564.) 



^ December 1862. 

Einige nachträgliche Worte über die Na- 
senbeine der Sirénien, von J. F. Brandt. 

Zu Ende des vorigen Jahres (am 20. December) 
hatte ich zwar bereits die Ehre der Akademie einen 
kleinen Aufsatz über die Entwicklungsstufen der Na- 
senbeine bei den Seekühen vorzulegen, der im Bul- 
letin (T. V.p. 10 — 12) und in den Mélanges biologiques 
erschien. Meine fortgesetzten, namentlich auch auf 
die Halitherien ausgedehnten Studien ergaben indes- 
sen einige Resultate, welche den fraglichen Gegenstand 
vervollständigen. Ich halte es daher nicht für überflüs- 
sig einige Ergänzungen zu meiner früheren Arbeit hin- 
zuzufügen. 

Die Ansicht, dass die Knochen, welche Cu vier bei 
Manatus als Nasenbeine deutete, wirklich Nasenbeine 
sind, wird gegen Blainville und Vrolik festgehalten 
und zwar um so mehr, da die ganz neuerdings (Archiv 
f. Anat.u.Phys. v. Reichert und Du Bois-Reymond 
1862 p. 415) über die Osteologie des Manatus von 
Krau ss erschienenen Beiträge die Nasenbeine des Ma- 
natus latirostris, im Einklänge mit C u vi er, nicht nur als 
ausserhalb, d. h. mit ihrer mandelähnlichen äussern 



— 270 — 

Hälfte, freie mit ihrer hintern Hälfte in einer Grube 
des Stirnbeins liegende Knochen beschreibt und (Fig. 
1 n und Fig. 2 , 3) abbildet. Die Nasenbeine der Ma- 
nati's, welche übrigens in ähnlicher Form bereitsBlain- 
ville (Ostéogr. PI. III) auch an einem Schädel des Ma- 
natus senegalensis abgebildet hat, würden sich daher ei- 
nerseits durch geringe Grösse, andererseits im Ein- 
klänge mit denen mancher Halitherien, dadurch unter- 
scheiden , dass (wenigstens so viel man bis jetzt weiss) 
ihr äusserer Theil nicht vor dem ganzen Nasenrande 
des Stirnbeins, sondern nur in einer seitlichen Aus- 
randung desselben liegt, so dass die beiden Nasenbeine 
in der Mittellinie nicht zusammenstossen, wie dies eben- 
falls bei manchen (nicht allen) Individuen der Rliyüna 
stattfindet (siehe meine Synib. Siren. Pars IL Taf. 1. 
Fig.3,4cc). 

Bei einem unserer Schädel von Halicore finde ich 
sie in ähnlicher Gestalt und Lage, wie sie Krau s s 
bei Manatiis abbildet , nur sind sie schmäler und 
wenden sich schräg von aussen nach innen. Unse- 
rem andern Schädel der Halicore fehlen sie, ohne dass 
selbst nur die geringste Spur einer Grube an ihm be- 
merklich wäre, worin sie gesessen haben könnten, 
so dass man an eine frühe Verschmelzung derselben 
mit den Stirnbeinen um so mehr zu denken haben 
dürfte als eine solche von mir an einem alten Schädel 
der Bhytina beobachtet wurde. Übrigens hat bis jetzt 
meines Wissens keiner die Nasenbeine der Halicore 
beschrieben. Ich habe sie daher in der unter der Presse 
befindlichen zweiten Abtheilung meiner Symbolae als 
sehr variabele, vielleicht nur selten als gesonderte, 



— 271 — 

Tlieile vorkommende Knochen angedeutet und auf Taf. 
I. Fig. 6 cc darstellen lassen. 

Was die Nasenbeine der Bhytina anlangt, so sind 
ihre verschiedenen Entwicklungsstufen dort ebenfalls 
bereits umständlich geschildert und auf Taf. 1 Fig. 3, 
4, 5, dargestellt, ebenso wie in meinem frühern kleinen 
Aufsatze über die Nasenbeine der Sirénien hervorgeho- 
ben worden. Beiläufig möge daher hier nur noch bemerkt 
sein, dass die Nasenbeine an dem vonNordmann(7?e^r. 
z. Kenntn. d. Bhytina) untersuchten Skelet eines Jün- 
gern Exemplares der Bhytina, die er auf Taf. IL Fig. 2 
cc darstellt, nach aussen nur wenig vortreten, so dass 
ihre äussern Hälften durch den mittlem Theil des Nasen- 
saumes des Stirnbeins (aa) von einander geschieden wer- 
den. Sie stellen also eine unvollkommen entwickelte 
Form der Nasenbeine der Bhytina dar , indem sie in 
der Mittellinie de Schädels sich nicht berühren, wäh- 
rend dies mit den Nasenbeinen unseres Skelets der Bhy- 
tina (Symh. Siren. Taf. I. Fig. 1 und 5) der Fall ist. Sie 
ähneln dadurch denen des jetzt in Moskau befindlichen 
von mir ebenfalls untersuchten Skelets der Bhytina 
(Symb. Siren. Taf. 1. Fig. 4 cc). Das Verhalten der Na- 
senbeine der Halitherien habe ich ausführlicher in der 
zweiten Abtheilung meiner Symbolae Sirenologicae , p. 
149 besprochen. Es wurde darin gezeigt, dass sie 
bald nur, ähnlich wie bei dem Kraus s'schen Schä- 
del von Manatus und einem unserer Schädel der Ha- 
licore, mit ihrer äussern (aber grössern) Platte in einer 
Ausrandung des Stirnbeins liegen (Halitherium Broc- 
chii), so dass sie in der Mittellinie des Schädels sich 
nicht berühren, sondern durch einen centralen Nasen- 



— 272 — 

fortsatz des Stirnbeins getrennt werden, bald aber, wie 
am Schädel unseres Skeletes der Bhytina, in der Mit- 
tellinie sich berühren und als wahrhafte, vollständiger 
entwickelte Nasenbeine bekunden, wie dies namentlich 
beim Halitherium Bronni Krauss (a. a. O.Taf. XX Fig. 
1 und 3 e) so wie beim Hol. Schinzii (TJronn Leth. Taf. 
XLVIII, Fig. 9, wo die fraglichen Knochen ganz rich- 
tig als Nasenbeine bezeichnet werden) der Fall ist. Ich 
spreche sogar p. 150 in einer Note, nach Maassgabe 
der Entwickelungsstufen der Nasenbeine der Bhytina, 
die Ansicht aus, dass zwischen den beiden eben erwähn- 
ten Formen von Nasenbeinen der Halitlierien sich nach 
Analogie der Bhytina Übergänge finden würden; eine 
Ansicht worin mich namentlich auch der von Gervais 
Paléont. PI. 6 flg. 3 dargestellte Schädel des Hali- 
therium Serresii bestärkt, an welchem die Nasenbeine 
durch einen nur sehr kleinen, spitzen Fortsatz des 
Stirnbeins getrennt werden. 

Unter solchen Umständen scheint es mir um so 
weniger zulässig nach dem Vorgange von Krauss die 
Nasenbeine als Kennzeichen zur Trennung von Grup- 
pen zu benutzen, da die Entwicklung derselben so- 
gar individuelle Abweichungen zeigt, wie ich dies an 
Bhytina nachwies. Aber noch weniger kann ich mit 
Krauss (Neues Jahrb. f. Miner alog. 1858 8. 525) die 
Nasenbeine seines Halitherium Bronni für vortretende, 
verlängerte Siebbeine erklären. 

Was die mit 7 bezeichnete Angabe meines fraglichen 
Aufsatzes betrifft, so wäre der Schlusssatz derselben: 
«Sie (d. h. die Nasenbeine der Manatus und mancher 
Bhytina- Schädel) könnten nur (nach Maassgabe von an- 



— 273 — 

dern Schädeln der Bhytina) als Basaltheile der Nasen- 
beine betrachtet werden, bei denen aus Entwickelungs- 
Mangel die an den vordem Stirnrand sich legenden, 
plattenartigen Theile, welche man als eigentliche Nasen- 
beine zu betrachten gewohnt ist, nicht zum Auftritt 
gelangten» etwas zu modifiziren sein. 

Nachdem Krauss die Nasenbeine der Manaten, 
die fast bei allen bisher in den Sammlungen aufbewahr- 
ten Schädeln durch Maceration verloren gegangen zu 
sein scheinen , an einem Schädel als wirklich mit einer 
äussern, vor dem Stirnbein liegenden, Hälfte versehene 
Knochen nachgewiesen hat, kann wenigstens für jetzt 
schon der fragliche Satz nicht mehr in seinem ganzen 
Umfange gelten. Ganz möchte ich ihn aber nicht fallen 
lassen, da er auf Bhytina theilweis seine Anwendung be- 
hält und an manchen Schädeln von Manahts^ie bei die- 
ser, die aussen vor dem Stirnbein, als eigentliche, 
wenn auch kleine, Nasenbeine vorkommenden platten- 
artigen Theile, vielleicht (ähnlich wie bei manchen In- 
dividuen der Bhytina) nicht immer in solcher Weise 
entwickelt sind wie sie Krau s s beschreibt und abbildet. 
Die Untersuchung zahlreicher Schädel von Manatus 
wird diese Frage künftig zur Entscheidung bringen. 
Überdies scheint auch das bis jetzt an Halicore be- 
obachtete Verhalten der Nasenbeine darauf hinzudeu- 
ten, dass auch bei manchen ihrer Individuen zuweilen 
nur die Basaltheile der Nasenknochen sich entwickeln, 
also eine Mittelstufe zwischen den fehlenden und mehr 
entwickelten äussern Theilen der Nasenbeine darstel- 
len. Die von mir bei Bhytina nachgewiesenen, je nach 
den einzelnen Individuen variirenden Entwickelungs- 

Mélanges biologiques. IV. 35 



— 274 — 

stufen der Nasenbeine dürften wenigstens wohl kaum als 
eine nur dieser Gattung zukommende Eigenthümlich- 
keit anzusehen sein, sondern auch (vielleicht nur mehr 
oder weniger häufig) auch bei andern Gattungen der 
Sirénien wahrgenommen werden können. 



(Aus dem Bulletin, T. VI, p. 111 — 115.) 



£^5 1863 . 

6 Mai 

Bemerkungen über die Caucasischen Pri- 
meln, von F. J. Ruprecht« 

Bei der Zusammenstellung und Musterung meines 
botanischen Materials aus dem Caucasus war es noth- 
wendig, die Primeln einer genaueren Untersuchung 
zu unterwerfen. 

In manchen Gattungen ist die Begränzung der Ar- 
ten noch nicht sicher, daher die schwankende Grund- 
lage, die sich besonders sehr nachtheilig in der Pflan- 
zengeographie abspiegelt. Hieran trägt nicht die Na- 
tur dieser Pflanzen Schuld , sondern vielmehr die 
nicht hinreichende Genauigkeit der Beobachtung, oder 
öfterer noch Schlüsse aus einem zufälligen lückenhaf- 
ten Materiale. Linné's Worte «species temporis filia» 
enthalten eine tiefe Wahrheit. 

Die Gattung Primula kann als Beleg zu dem Ge- 
sagten dienen. Man hat behauptet, ausgesprochen, 
vermuthet, dass P. officinalis, P. elatior und P. acau- 
lis nur eine Art bilden, dass P. farinosa in P. scotica, 
P. stricta, P. altaica und P. auriculata übergehe, dass 
P. algida nur eine Varietät der P. nivalis sei, dass 
letztere zuweilen schwierig von P. pycnorhiza zu un- 
terscheiden sei u. d. m. Ich hoffe, dass die folgenden 



— 276 — 

Untersuchungen darüber andere Ansichten verbreiten 
werden. 

Die Gruppen der Primeln lassen sich am besten 
nach dem Baue der Samen erkennen und abgränzen, 
und zwar in folgender Weise: 

I. Primulas trum Duby p. p. Schott. Folia verna- 
tione revolutiva. Capsula (excl. § 3) elongata. 

§ 1. Verbasculum C. ßauh. = Euprimula 
Schott. Typus: P. veris. Semina angulata, subro- 
tunda, fere lineam magna, crassa, ponderosa; epider- 
mis in sicco scrobiculato- punctata: cellulae rotundae 
(globosae) humefactae hemisphaericae , nee longe pa- 
pillosae. — Calyx argute angulatus. Folia tenuia, 
rugosa, numquam farinosa. 

§ 2. Aleuritia Duby p. p. Typus: P. farinosa. Se- 
mina minuta, 1 / 4 — V 5 lin. subglobosa angulata; epi- 
dermis in sicco tenuissime granulata, cellulae hemis- 
phaericae. 

§ 3. Oreophlomis m, Typus: P. auriculata. Se- 
mina V 2 — V i lin. longa, utrinque acuminata, saepe 
diaphana; epidermis valde laxa, plicato-angulata, scro- 
biculato-punctata; cellulae etiam madefaetae vix con- 
vexae. — Capsula subglobosa calycem subaequans. 
Involucri foliola basi deorsum auriculato-incrassata. 

§ 4. Crystallophlomis m. Typus: P. nivalis. Se- 
mina ovalia, angulata, 1 lin. longa; epidermidis cellu- 
lae quam in § 1 majores, etiam in sicco longe pa- 
pillosae. — Corollae lobi integri, nee emarginati. 
Sequentia subgenera in imperio Rossico desunt: 

IL Auriculastrum Schott. = Auricula Tournef. et 
patr. Genus restituendum? Folia vernatione invo- 



— 277 — 

lutiva, adulta plana, subcarnosa, non rugosa. Ca- 
lyx et capsula brevis subglobosa (Tourn. Haller). 

§ 5. Saniculina Schott. = Sanicula Patrum. Ty- 
pus: P. Auricula. Semina subquadrata argute angu- 
lata, % — '/ 2 lin., scrobiculato-furfuracea, liumefacta 
cellulas epiclermidis hemiovoideas exserentia. — Flo- 
res longepedunculati. 

§ 6. Arthritica Gesner p. p. Duby = Nothobri- 
tannica Schott. Typus: P. minima. Semina argute an- 
gulata, 2 — 3-plo minora quam § 5; cellulae epider- 
midis humidae haud prominentes. 

III. Sphondylia Duby. Typus: P. verticillata. Flo- 
res verticillati. Involucrum foliiforme. 

Aus dem grossen Caucasus, mit Einschluss des 
Vorgebirges Soguram, sind folgende Arten bisher be- 
kannt gewesen: 

§ 1. P. acaulis iberica Hoffm. 1808. Gesammelt von 

Güldenstädt 1772 und Adam. 

P. amoena M. Bieb. 1808. Von Adam 1800 — 
1802. 

P. amoenaß flava (P.elatiorM.B.?) Meyer 1830. 

P. macrocalyx Bunge 1829, als P. veris Güld. 
und M. Bieb. , aber kaum aus dem Hauptge- 
birge. 

§ 2. P. algida Adam 1805, obgleich abgebildet, den- 
noch bisher nicht richtig gedeutet, und in ihrer 
häufigsten Abart als P. farinosa angesehen. 

§ 3. P. auriculata Lam. 1791. Von Adam unrichtig 
für P. nivalis bestimmt und erst von M. Bieber- 
stein sicher aus dem Hauptgebirge angezeigt. 



— 278 — 

P. glacialis Adam, in Sammlungen seit 60 Jah- 
ren, unerkannt geblieben. 
§ 4. P. nivalis Pall. 1776, von Parrot 1811 gesam- 
melt, aber erst von Ledebour 1847 erkannt und 
ohne Fundort undeutlich erwähnt, gewiss nicht 
die typische Form. 

Die Primeln des Caucasus gehören zu den seltene- 
ren Pflanzen, denn mit Ausnahme der P. amoena ß. 
und P. algida ß. hat jede Art bisher nur wenige Stand- 
orte. P. glacialis, obgleich eine schöne Pflanze mit 
lila-violetten grossen Blumen, wäre dennoch nicht so 
früh entdeckt worden, wenn ihr Hauptstandort nicht 
an der grossen Strasse über den Caucasus läge. P. 
nivalis var., eine Prachtpflanze, schwer zu übersehen, 
hat bis jetzt nur 3 Standorte. Selbst die typische P. 
acaulis ist noch nicht vollständig gesichert. 

Eine der zierlichsten und kaum geahnten Arten ist 
P. farinifolia, kleinblüthig, oft kreide weiss auf der 
Unterseite der Blätter, auf den ersten Blick von P. 
farinosa zu erkennen; sie ist ziemlich häufig, aber 
nur im östlichen Caucasus auf Felsen der oberen 
Waldregion. In der Schlucht bei Darial vertritt gleich- 
sam ihre Stelle die neue ihr ähnliche aber unbepu- 
derte P. darialica; ein zweiter Fundort ist nicht be- 
kannt. Eine dritte neue Art ist vorzugsweise durch 
gelbe Blumen von P. auriculata abweichend; das Cen- 
trum ihres Vorkommens ist Toschetien in der unteren 
alpinen Region bis in die obere Waldregion. Die 4te 
Art, P. cordifolia, unterschied ich erst bei der ge- 
naueren Vergleichung mit P. elatior; ich sah sie von 
4 — 5 Orten, sie wird aber allgemeiner verbreitet und 
nur übersehen sein. Eine 5te Art, ähnlich der pur- 



— 279 — 

purblimiigen P. amoena, aber noch zierlicher, erkannte 
ich schon vor meiner Reise als neue Art, suchte sie 
aber vergeblich an den möglichen Stellen. Sie wächst 
vielleicht nur im westlichen Caucasus, und liegt schon 
seit mehr als 30 Jahren in Sammlungen, aus dem 
Vorgebirge des Elbrus zurückgebracht von Meyer. 

Ausser diesen erwähnten ist P. glacialis so gut wie 
neu, und P. nivalis var. könnte mit der Zeit sich auch 
als verschiedene Art herausstellen. Dass P. farinosa 
nicht im Caucasus wächst, um so viel weniger am 
Cap Horn, ist jetzt eine ausgemachte Sache, ja ihr 
Verbreitungsbezirk ist jetzt noch mehr beschränkt 
durch die Ausscheidung der Balkan-Pflanze. Dage- 
gen hat, wider mein ursprüngliches Vermuthen, die 
Verwandtschaft der Caucasischen Flora mit der Al- 
taischen und ihren westlichen Ausläufern durch Über- 
einstimmung der P. macrocalyx, P. Pallasii, P. algida 
und P. nivalis gewonnen. 

Als Synonyme haben sich herausgestellt: P. longi- 
folia Curt. M. Bieb. und P. pycnorhiza Ledeb., als 
nicht verschieden von P. auriculata Lam.; P. auricu- 
lata Fl. Alt. und P. caucasica C. Koch zu P. algida 
gehörend, P. macrophylla C. Koch vielleicht zu P. 
glacialis. Als besondere Arten oder Subspecies wie- 
der unterschieden und durch neue Charaktere gestützt, 
sind folgende mit anderen Arten ohne Kritik ver- 
mischte oder verwechselte: P. amoena, P. Pallasii, 
P. macrocalyx, P. glacialis, P. algida, P. acaulis ibe- 
rica Hoffm. 

Gewiss sind im grossen Caucasus noch neue Arten 
unentdeckt zurück geblieben, beinahe wäre dies mit 
P. darialica und P. nivalis geschehen. Die guten Ar- 



— 280 — 

ten sind sehr begränzt auf einzelne Standorte, ihre 
Blüthezeit fällt ins Frühjahr; sie sind also zu dieser 
Zeit oft schwer zugänglich in Folge des Austretens 
der Flüsse und Absperrung durch hohe Schneege- 
birge, deren Pässe nicht immer vor dem Juli über- 
stiegen werden können. Der Transport lebender 
Exemplare und das Sammeln von Samen bleiben un- 
ter diesen Umständen ein vorzügliches Hilfsmittel. 

Hybride wilde Formen, welche Schott in der Gat- 
tung Auricula annimmt, sind mir bei den ächten Pri- 
meln nicht vorgekommen. Gartner's sorgfältige Be- 
fruchtungsversuche zwischen P. officinalis, P. elatior 
und P. acaulis sind ohne Erfolg geblieben, nur die 
Monstrosität calycantha der P. elatior soll mit P. 
acaulis eine wirkliche Mittelform gegeben haben. 



Primula acaulis (Linné). Ob die typische Form 
mit blassgelber Blume, die getrocknet schmutzig grün 
wird, irgend wo in Transcaucasien wächst, dafür hat 
man bisher keine sicheren Angaben, doch scheint es 
so nach einer Mittheilung von Herrn D. Landt für 
den Standort zwischen Mzchet und Duschet (250 — 
450 Toisen absol. Höhe). Gewiss kommt die ächte 
P. acaulis in Volhynien bei Shitomir vor, von woher 
mir Exemplare von Hrn. D. Lagowski mitgetheilt 
wurden, und (nach Steven) in der Krimm am Südufer, 
z. B. um Sympheropol, in grösster Menge. 

Seit lange hat man aber in Transcaucasien eine 
röthlich blühende Form der P. acaulis beobachtet. 
M. Bieberstein erwähnt ihrer schon 1808 als P. 
amoena ß. acaulis; obgleich er im III. Bande n. 347 



— 281 — 

seiner Flora in Zweifel bleibt, ob sie nicht vielmehr 
zu P. acaulis gehöre, so erklärt er sie bestimmt für 
P. acaulis iberica Hoffmann Hort. Mosq. 1808. Das 
noch jetzt vorhandene Exemplar im Herb. M. Bieber- 
stein's «e Caucaso iberico» von Adam erhalten, be- 
weist, dass es auch die von Sibthorp und Smith 1806 
als P. vulgaris ß. und 1813 als P. vulgaris ß. rubra 
Fl. Graeca t. 184 abgebildete Form aus Konstanti- 
nopel sei, oder P. veris constantinopolitana (floribus 
dilute purpureis Tournef. Instit. 125) sive Carchichec 
Turcarum: Cornuti 1635 fig. 84; es liegen Exemplare 
vor aus den Bergen von Therapia bei Bujukdere. Kei- 
chenbach(Fl. Germ. exe. 1832 p. 402) hält sie für eine 
eigene Art: P. Sibthorpii Hortul., aber ausser der Blu- 
menfarbe gelang es nicht, andere gute Unterschiede 
festzustellen. Fruchttragende Exemplare haben manch- 
mal die Unterseite der Blätter graufilzig, und Steven 
bemerkt, dass der Kelch zuweilen bis zur Basis ge- 
theilt sei. Man müsste beide Arten lebend in grösse- 
rer Menge vergleichen, um vielleicht dann gute Un- 
terschiede zu entdecken. 

Ob die gelb- und rothblühende Form unter einan- 
der gemischt irgendwo vorkommen, ist nicht bekannt, 
wohl aber das Gegentheil. Steven bemerkt (Fl. Taur. n. 
933), dass um Belbek bei Sevastopol die Blumen blass- 
rosa oder auch intensiv purpurroth sind, und dass um 
Sympheropol ausser der gelben auch eine weissblü- 
thige, aber seltener, wachse. Diese letztere konnte 
eine Farbenabart der P. acaulis rubra gewesen sein. 
Daraus ist aber noch kein Schluss auf die Unselbst- 
ständigkeit beider Unterarten oder Arten zulässig. 

Mélanges biologiques. IV- 36 



— 282 — 

Ähnliche aber gut verschiedene Arten von Primula 
kommen nicht selten auf demselben Standorte zusam- 
men vor, z. B. P. macrocalyx und P. cordifolia bei 
Kobi und Kasbek, und zwar in gleichen Entwick- 
lungsstadien, diese Arten sind die Stellvertreter der 
Europäischen P. officinalis und P. elatior, die jetzt 
wohl Niemand mehr in eine Art vereinigen wird. 

Ich hatte Mitte April 1861 Gelegenheit, die P. 
acaulis rubra in grösster Menge zu sehen, namentlich 
in Wäldern 20 Werst nördlich von Tiflis beim Klo- 
ster Martkobi, in 600 Toisen absol. Höhe und we- 
nigstens 100 Toisen tiefer von Bergen herabsteigend, 
und nie war eine gelbblühende daselbst zu bemerken. 
Unter den mitgebrachten Exemplaren hatten 90 pur- 
pur- oder karmoisinrothe Blumen, 40 weisse, 5 blass- 
rosa; die ausgewachsenen Blätter hatten einen deut- 
lichen Geruch nach Veilchen. Es haben sich noch 
Exemplare von Güldenstädt vom J. 1772 erhalten, 
mit der eigenhändigen Etiquette «in campis ad ripam 
fluvii Cyri circa Tiflis 8 Martii»; an diesem Tage war 
Güldenstädt (I, 235) zwischen Matschani und Signa- 
chi, also nicht an der Kura, wohl aber verzeichnete 
er (I, 230, 419) P. acaulis unter den Pflanzen vom 
21. — 23. Februar, gesammelt zwischen Tiflis und 
Sagaredscho; vielleicht stammen sie vom Studenten 
Zriakowski, der in Tiflis zurückblieb (I, 227). Die 
Pflanzen von Lenkoran, Schuscha und Ghilan hatten 
rothe Blumen, die im März erscheinen, namentlich 
um Schuscha (wo sie nach Hohenacker armenisch 
«Wart» heissen). Nach Hrn. Dr. Buhse ist der äus- 
serste SO-Fundort Astrabad. 

Ledebour (Fl. Ross. Ill, 10) hat noch einige an- 



— 283 — 

dere Standorte, da er aber die rothblumige Form 
nicht einmal als Abart von der gelbblumigen unter- 
scheidet, so weiss man uicht, welche von beiden ge- 
meint sei; z. ß. im nördlichen Abchasien von Nord- 
mann. Zweifelhaft bleiben die Standorte vom Don 
(Henning, Georgi, Suppl. 260), Steppen am Terek 
(Güldenst. I, 189 als P. uniflora), Duschet (Buhse 
Transe. 144). Nur Imeretien ist für die rothblühende 
gesichert durch Koch in Linnaea XVII, 307 als P. 
amoena ß. Sibthorpii. 

Im Ganzen ist in der Verbreitung beider Formen 
eine Verschiedenheit zu erkennen. Die typische P. 
acaulis ist mehr im N, NW und W bis Norwegen und 
Spanien; die rothblühende mehr im 0, SO und S. 
Die Verbreitungsbezirke berühren sich in Griechen- 
land, in der Krimm und vielleicht in Grusien. Aber 
es scheint keine Exclusivität innerhalb dieser Grän- 
zen zu herrschen, denn unter den Pflanzen vonThirke 
aus Kleinasien (von Brussa bis Trebisond) befindet 
sich zwar die rothblühende Form, aber Hr. Prof. C. 
Koch erwähnt (Linnaea XIX, 18; XXIII, 618) auch 
der gelben von dort her. Hawkin (Fl. Graeca I, 27) 
sah die gelbblühende in Arcadien und in Elis an den 
Ufern des Alphaeus bei Olympia. Die vorhandenen 
Pflanzen aus Kreta und Cilicien waren bereits abge- 
blühte. Bei P. acaulis wurde besonders hervorgeho- 
ben, dass sie keine beträchtliche verticale Verbrei- 
tungszone besitze; von der Var. rubra sind dagegen 
Höhen bis zu 600 Toisen in den Bergwäldern von 
Talysch bestimmt nachgewiesen (Meyer Enum. n. 1001), 
von Buhse sogar die obere Baumgränze von Talysch. 
Kotschy fand P. acaulis (rubra?) im Cilicischen Tau- 



— 284 — 

rus im Cedernwald bei 6000 Fuss. Jedenfalls ist sie 
nirgends eine alpine Art. 

Primula amoena M. Bieb. 1808, 1819, n. 346 
excl. ß; Lehmann Monogr. Prim. 1817 tab. 3. Ob- 
gleich diese Abbildung hinreichend charakteristisch 
ist, hat man doch diese Art später wieder mit P. ela- 
tior vermischt. Erst Steven (Fl. Taur. 1857 sub n. 
93.2) bemerkt sehr richtig, dass die Kelche bedeutend 
schmächtiger und die Zähne desselben kürzer sind, 
als bei der ächten P. elatior (L.). Ausserdem hat die 
typische Pflanze M. Bieberstein's rothe Blumen, und 
die Blätter sind auf der Unterseite mit einem grauen 
Haarfilz überzogen. Es soll zwar auch P. elatior eine 
wilde var. purpurea aufzuweisen haben (Duby in Dec. 
Prodr. VIII, p. 36), die aber nicht in Alpen, sondern 
auf Waldwiesen wächst. In den Alpen des grossen 
Caucasus ist viel häufiger eine blassgelbe Abart, die 
selten mit der typischen zusammen steht. Die Var. ß. 
flava reicht bis 1550 Toisen hinauf und steigt stel- 
lenweise bis 900 oder 1000, selten bis 780 Toisen 
herab; nur auf den höchsten Orten findet man noch 
Ende Juli Blüthen, die anderswo bereits Ende Mai 
hervortreten. Die typische rothblühende fand ich 
Mitte Mai bei Kasbek 920 Tois., M. Bieberstein am 
Beschtau, also tiefer als 718 Toisen, Hr. Bayern am 
Pik über dem Forellensee im Andischen Hochgebirge, 
zusammen mit der gelbblumigen. 

Primula Meyeri, eine neue und seltene Art, 
könnte mit der typischen P. amoena verwechselt wer- 
den, wenn man nicht die kurz-eiförmigen, an der Ba- 
sis etwas herzförmigen, in einen ziemlich langen Stiel 
plötzlich verschmälerten, fast an die P. cortusioides er- 



— 285 — 

innernden Blätter berücksichtigt, die am Rande tiefer 
und ungleicher gezähnt sind, und auf der Unterseite 
nur an den Nerven kurze Härchen haben, aber kein 
graues Filzgewebe. P. amoena hat immer umgekehrt 
eiförmige oder spathelförmige Blätter, die allmählich 
in den Blattstiel sich verengern , und gewöhnlich 
mehr als 2 oder 3 Blumen. Ich sah nur 3 , aber 
gleichförmige Exemplare von den hohen Vorbergen 
des Elbrus, am 7. Juli mit Blumen gesammelt und 
mitgebracht von C. A. Meyer. Die Farbe der Blu- 
men ist im Herbarium fast dieselbe, wie die der P. 
amoena, dunkellila, beinahe violett. 

Primula Pallasii Lehm. 181 7 tab. 3 ist vielleicht 
nur eine kahlere Abart der P. amoena ß. flava. Im 
Hauptgebirge des Caucasus ist sie bisher noch nicht 
gefunden, wohl aber am Ararat und im Adshara- Ge- 
birge am Gor Somlia von Nordmann. Es fehlen die 
langen Haare, die bei P. amoena wie ein Filzgewebe 
die untere Blattfläche überziehen; diese ist bei P. 
Pallasii blos kurz behaart. Man hat in Sammlungen 
von Aucher Eloy n. 5235 aus Erzerum eine gelbblu- 
mige Pflanze, die fast ganz kahl ist, aber durch sehr 
schmale Blätter stärker abweicht. Es ist schwer, 
einen Unterschied zwischen der Caucasischen Pflanze 
und jener aus dem Ural und Tomsk aufzustellen; oft 
sind die letzteren völlig ohne Behaarung, besonders 
die cultivirte P. Pallasii. Die typische aus den Al- 
tai'schen Alpen von Pallas mitgebrachte und von Lin- 
denthal 1787 weiter vertheilte ist schon deutlicher 
verschieden: durch ihre am Rande stärker ausgezack- 
ten Blätter, und durch den Kelch, der noch schmäch- 
tiger als in der Abbildung bei Lehmann ist, weshalb 



— 286 — 

nach dieser Figur eine Vereinigung mit P. elatior 
leichter möglich war; um so mehr als manche wilde 
Exemplare der letzteren in diesem Merkmale sich 
nicht von der Ural'schen (R. Fl. Ural. n. 167) unter- 
scheiden. Untersucht man aber die anderen Organe, 
z. B. den mit dichten und langen Haaren bis herab 
besetzten Schaft, so wird die Annahme von wahren 
Übergängen sehr problematisch. P. Pallasii ist durch 
einen grossen geographischen Raum von P. elatior 
geschieden, und das in Nyman's Syll. Fl. Europ. p. 
136 erwähnte Vorkommen noch zweifelhaft. 

Die ächte Primula elatior (L.) fand Hohenacker 
um Schuscha oder Helenendorf, ganz übereinstim- 
mend mit der Tiroler Pflanze (Waldwiesen von Kitz- 
bühel). In der Krimm ist sie nach Steven (Taur. n. 
932) nur am Südüfer bei Bijuk Lambat. P. elatior 
M. Bieb. aus dem grossen Caucasus von Steven an- 
gezeigt, fehlt in Bieberstein's Herbarium, welches 
dafür nur P. officinalis aus der Krimm enthält. Der 
Stellvertreter der P. elatior in den Alpen des Cauca- 
sus ist, ausser P. amoena ß., eine neue Art: P. cor- 
difolia. 

Primula cordifolia hat die Blumenkrone der P. 
elatior, aber den engen Kelch der P. amoena. Von 
beiden Arten ist sie auf den ersten Blick verschieden 
durch kurze herzförmige Blätter, die plötzlich in den 
kurzen Blattstiel übergehen, und durch anscheinende 
Kahlheit aller Theile. Von der gelbblumigen Abart 
der P. amoena unterscheidet sie sich noch durch den 
Mangel der grauen langen Filzhaare auf der unteren 
Blattfläche , durch kahle Kelche und Schafte. Bei 
Kasbek und Kobi, 920 — 1030 Toisen, zusammen 



— 287 — 

mit P. amoena (purpurea) und P. macrocalyx, Mitte 
Mai blühend. C. Koch fand sie schon 1837 in Som- 
chetien und Bambaki auf dem Besobdal, wahrschein- 
lich über der Waldregion. 

Primula macrocalyx Bunge (in Ledeb. Fl. Al- 
taica 1829) vertritt sowohl im Caucasus als überall 
in Asien die Stelle der gemeinen P. officinalis, die 
daselbst fehlt. Bei der Europäischen Pflanze ist der 
Kelch zuweilen breiter und fast aufgeblasen; dies ist 
noch kein Grund, P. macrocalyx damit zu vereinigen. 
Der Kelch dieser letzteren erweitert sich von der 
schmalen Basis allmählich gegen die Spitze immer 
mehr und mehr, so dass er an seiner Öffnung fast 
eben so weit als lang ist, und auf diese Weise in der 
Projection fast ein Dreieck bildet, während die Kelche 
bei den erwähnten scheinbaren Übergängen der P. 
officinalis an der Öffnung nicht so weit klaffen und 
sich mehr der Cylinderform nähern. Mitte April blüht 
diese Pflanze auf den höheren Bergen um Tiflis, z. B. 
im Gebüsche bei Kodshori 720 — 767 Toisen, im 
Walde von Martkobi 600 Toisen. Im Hauptgebirge 
geht sie in die subalpine Region bis 1000 Toisen, 
fast einen Monat später blühend, auf der Hauptstrasse 
bei Kaischaur und Kobi; von Kasbek bis 500 Toisen 
nach Lars und weiter herabsteigend ; in Ossetien zwi- 
schen Sadon und Sgit; in anderen Gebirgsgegenden 
nicht bemerkt. 

P. uralensis Fischer ex Rchb. pl. crit. VII, flg. 
861 scheint allerdings ein gleichzeitiges Synonym zu 
sein, drückt aber den von Bunge so gut erkannten 
Charakter nicht aus; die Blumenröhre ist ungewöhn- 
lich lang dargestellt. 



— 288 — 

P. inflata Lehm. 1817 tab. 2 aus Ungarn, unter- 
scheidet sich von P. macrocalyx durch «lobis corol- 
lae crenato-dentatis», was durch die Abbildung ver- 
anschaulicht und im Texte als keine Zufälligkeit er- 
klärt wird. Dennoch hat man sie als Synonym verei- 
nigt, womit aber auch Bunge und G. Reichenbach 
nicht einverstanden sind. 



Primula auriculata ist eine vielfach missverstan- 
dene Pflanze, und es wird deshalb nothwendig sein, 
die Quellen genauer zu prüfen. Lamarck beschrieb 
sie 1791 nach einem cultivirten Exemplare aus dem 
Garten von Lemonnier, wie aus Poiret (1804) ersicht- 
lich ist. Ventenat gab 1800 im Hort, Cels. tab. 42 
eine Abbildung der schon seit mehreren Jahren cul- 
tivirten Pflanze, deren Samenpflanze Michaux 1784 
am Berge Elwend bei Hamadan fand und mitbrachte. 
Diese hat noch Duby gesehen und in Decandolle's 
Prodr. VIII (1844) 39 erwähnt. Nach Ventenat ge- 
hört hierher, laut Belegen im Herbarium von Vaillant: 
Primula veris orientalis Lactucaefolia, flore umbel- 
lato purpureo, Tournefort Coroll. (1719) p. 5. Dies 
wird auch von M. Bieberstein, der die Pflanze Tour- 
nefort's sah, bestätigt, so wie später auch von C. 
Koch, aus der Pflanze Gundelsheimer's. 

P. longifolia Curtis Bot. Mag. (1797) tab. 392 ist 
ein Synonym von P. auriculata Lam., von deren Exi- 
stenz Curtis gar keine Kenntniss hatte. Beide Auto- 
ren heben die Ähnlichkeit mit P. farinosa hervor, die 
Beschreibungen und Abbildungen stimmen im We- 
sentlichen überein; Curtis erhielt überdies seine 
Pflanze schon vor 3 Jahren aus Pariser Gärten. Nach 



— 289 — 

dem Abblühen werden nicht, wie Curtis meint, die 
Blätter sehr lang, sondern es entwickeln sich die 
Blattknospen der Nebenaxen zu neuen Blättern, die 
die älteren an Grösse weit übertreffen (daher der Name 
P. longifolia) und nicht mehr so fein und regelmässig 
gezähnt sind, sondern grössere und weiter entfern- 
tere Zacken bilden, was zwar ein verschiedenes Aus- 
sehen bedingt, aber von gar keinem taxonomischen 
Werthe ist; die Farbe der Blumen ist weniger brillant 
als bei P. farinosa, in der Abbildung sogar nur blass- 
rosenroth. Hiermit stimmt nun anscheinend nicht, dass 
Poiret die Blumen schön blau angiebt, dass nach Yen- 
tenat dieselben «lila» sein sollen, und die Blätter so- 
gar auf beiden Flächen schwach bepudert, wahr- 
scheinlich durch Abstreifen des mehligen Dolden- 
schaftes beim Hervortreten aus der Knospe. 

P. .longifolia M. Bieb. Fl. Taur. Cauc. 1808 hat 
nur den Werth des Fundortes; die Beschreibung ist 
mehr von der Sibirischen Pflanze entlehnt, die zu 
einer andern Art und sogar Gruppe gehört, und wi- 
derspricht den noch vorhandenen Bruchstücken der 
von Steven 1806 mitgetheilten Pflanze (von Baidara?), 
die mit Mühe für P. auric ulata zu erkennen sind. 

P. auriculata a. caucasica Ledeb. Fl. Ross, ist die- 
selbe Pflanze, aus dem Adshara - Gebirge von Nord- 
mann in Blüthe mitgebracht; namentlich von den Ber- 
gen Gor Somlia und Sahornia an den Quellen des 
Natanebi und früher von Szovits vom Gipfel des Saz- 
vero, angeblich 722 6' in der Nähe von Schneeflächen, 
30. Juni 1830 blühend. Damit stimmen Exemplare 
vom Ararat, und andere von Thirke, wahrscheinlich 
vom Bithynischen Olymp (Linnaea XXIII, 614), aber 

Mélanges biologiques. IV. 37 



— 290 — 

keine aus Persien. Diese Art heisst Armenisch «Gnar- 
puk», aus dem Gebirge von Wan nachTiflis gebracht, 
blühte sie im Frühjahre im Garten des Hrn. General 
Arzruni. 

P. auriculata C. A. Meyer Beitr. Pflanz. VI. (1849) 
p. 20, ist in Folge der Ausscheidung der Sibirischen 
Pflanze eine ziemlich reine Art. In Meyer's Herba- 
rium befinden sich viele Exemplare aus dem Cauca- 
sus (von Baidara?) von Adam. Adam hat eigenhändig 
diese Art für «F. nivalis Pali.» bestimmt, das bewei- 
sen seine Exemplare hier und im Herb. Willdenow, 
und ferner auch seine Abhandlung in Weber u. Mohr 
Beiträge I, 47, wo er selbe (als P. nivalis) von seiner 
P. algida ziemlich gut unterscheidet: durch länglich 
lanzettförmige gezähnte Blätter, tiefer getheilte Kelche, 
die doppelt kürzer als die Blumenkrone sind, stär- 
keren Wuchs , grössere und zahlreichere Blumen, 
nicht so tief getheilte Blumenlappen von dunklerer 
Färbung. Adam konnte diese Art unmöglich übersehen 
haben, da sie mit P. algida die gewöhnlichste Pri- 
mula neben der Strasse auf dem Passe über den Kau- 
kasus ist. 

P. pycnorhiza Led. Fl. Ross. 1847, als neue Art 
aufgestellt nach Caucasischen Exemplaren von Adam, 
bezeichnet als «P. nivalis» im Herb. Willd. und zahl- 
reichen von Wilhelms als P. longifolia bestimmten 
Exemplaren (aus Baidara?), welche letztere im Herb. 
Ledebour vorhanden sind, unterscheidet sich nicht 
von P. auriculata a. caucasica Ledeb., ausser etwa 
durch den jugendlichen Zustand, in Folge dessen der 
Blumenschaft noch kurz, die Blätter noch wenig eut- 



— 291 — 

wickelt, ziemlich breit aufsitzend und dicht mit klei- 
nen Zähnen berändert sind. Ledebour sucht Unter- 
schiede aufzustellen, vermischt aber die Sibirische 
Pflanze; besonders legt er Gewicht auf die purpur- 
rothen Blumen, die bei der Adshara- Pflanze rosen- 
roth oder lila sein sollen; aber was lässt sich bei ge- 
trockneten und noch dazu alten Exemplaren sicher 
ermitteln? Leider fand ich im Caucasus P. auriculata 
immer schon gänzlich oder fast verblüht; indessen 
wurde aus Samen, die ich überschickte, eine im Juli 
1862 blühende Pflanze erzogen, welche in Kegel's 
Gartenflora 1863 als P. pycnorhiza auf Taf. 391 ab- 
gebildet ist. Ein lebendes Exemplar der ßaidara- 
Pflanze aus Samen vom J. 1861 gezogen und Ende 
März 1. J. blühend, überzeugte mich, dass die Farbe 
einer und derselben Blume sehr veränderlich ist; im 
ungeöffneten Zustande ist sie purpur- violett, halb- 
geöffnet lila, später heller, purpur- oder karmoisin- 
roth, zuletzt blasslila oder sogar blau mit einem dunk- 
leren Saume gegen den Schlund, dessen Farbe an- 
fangs gelblich-grün ist, mit weissem, sich später ver- 
lierenden Ringe; die Blumenröhre ist nur wenig län- 
ger als der Kelch* und verlängert sich später nicht, 
die Kelchzähne sind spitziger als bei P. algida; die 
Lappen der Blumenkrone (3 Linien) von der Länge 
des Kelches, anfangs concav, später flach (präsentir- 
tellerförmige Blume), und dann schlaff herabhängend. 
Eine alpine Art, auf quelligen Torfwiesen bei Bai- 
dara 1220 — 1180 Toisen, und eben so auf dem 
Hauptpasse Mammisson von 1440 Toisen an tiefer 
herabsteigend. Im östlichen Caucasus an den Quellen 
des Ilanchewi am Südabhang des Bogos-Gebirges von 



— 292 — 

1350 Toisen an bis 1150 herab, an steil abfallenden 
Bächen, vom Wasser beständig bespritzt und geba- 
det; manchmal sehr üppig, bis 2 Fuss lang, schmal- 
und spitzig -blättrig, ohne Blumenreste, daher noch 
etwas zweifelhaft und ferner zu beobachten. Ich un- 
terlasse es, noch viele andere Standorte namhaft zu 
machen , weil die vollständig verblühten Pflanzen 
auch P. glacialis oder P. luteola gewesen sein konnten. 
Die Blätter sind ohne deutliche nackte Blattstiele, 
obgleich nach unten verschmälert , doch fast auf- 
sitzend; die Form derselben ändert sehr, manchmal 
schmal und zugespitzt, dann breit und abgerundet; 
ihre Grösse beträgt kaum '/ 2 Fuss, während der Schaft 
1 — l 1 / 2 ' lang und zur Fruchtzeit sehr gerade wird, 
so wie die Fruchtstielchen, die die Länge der Kapsel 
(3 Lin.) erreichen. «Tubus corollae limbo suo et calyce 
sesquilongior» ist ein gültiges Merkmal, ich fand 
diesen Tubus 4 — 5 Linien lang. Der Fruchtkelch 
ist dunkelgefärbt und bis 2 / 3 seiner Länge geschlitzt; 
Meyer schreibt einen so tiefzähnigen Kelch bloss der 
P. pycnorhiza zu, indem er P. auriculata durch den 
kaum über die Mitte gespaltenen Kelch unterschei- 
det, aber selbst die Exemplare, an welchen Meyer die 
Bestimmung gemacht hat, zeigen nur schwach und 
zufällig diesen Unterschied. Dieses Kennzeichen ist 
aber sehr deutlich zwischen P. auriculata und P. al- 
gida, wird von Adam hervorgehoben, und beweist 
mit anderen, dass alle ehemalige P. farinosa cauca- 
sica zu P. algida gehört, denn ihr Kelch ist immer 
nur kaum bis zur Hälfte getheilt. Die Charakteristik 
der P. auriculata ist schwierig; es ist möglich, dass 
selbst nach Abscheid ung mehrerer bisher damit ver- 



— 293 — 

wechselter Arten nocli keine rein begränzte Art zu- 
rückgeblieben ist. 

P. rosea Royle Himalaya tab. 75 wird von C. Koch 
1850 zu P. auriculata als synonym gebracht, aber 
die Abbildung weicht zu sehr durch die Blätter und 
den Blumensaum ab. 

Für verschieden von P. auriculata Lam. halte ich 
einen Theil der in Decandolle's Prodrom, citirten und 
auch von Hrn. Boissier dafür angesehenen gleichna- 
migen Form aus Ghilan von Gmelin(Hablitzl),aus Ar- 
menien von Aucher-Eloy, ferner von Kotschy aus 
Persien und vom Taurus: durch langgestielte schmale 
dünne Blätter und durch die in einen Knopf gedräng- 
ten, fast immer sehr kurz gestielten Blumen. Es ist 
dies wohl: Primula veris orientalis caule altissimo fo- 
lio angustissimo ! flore umbellato purpureo: Tournef. 
Coroli. 1719 p. 5, dessen Exemplar im Herb. Vail- 
lant von Ventenat für eine Varietät der P. auriculata 
Lam. gehalten wurde, Man könnte sie P. Tourne- 
fortii nennen. 

Schwerer fällt es, die oben schon erwähnte Pflanze 
aus Adshara, welche die P. auriculata var. caucasica 
Ledeb. bildet, abzutrennen, indessen es wäre mög- 
lich, dass in ihr eine eigene Art verborgen liegt, die 
durch die sehr gedrängten Blumen, vielleicht auch 
durch ihre hellere Farbe ausgezeichnet wäre; in- 
dessen müsste dies genauer nach lebenden Exempla- 
ren festgestellt werden. Exemplare von Adam, an- 
scheinend von demselben Orte, haben theils sitzende, 
theils gestielte Blumen, zuweilen auf demselben Exem- 
plare. In der Abbildung bei Ventenat sind die Blu- 
menstiele sehr kurz, und Duby gebraucht den Aus- 



— 294 — 

druck: «pedicelli per fructiticationem non elongatur»; 
es ist aber nicht deutlich, ob dieses auf die so eben 
abgetrennte P. Tournefortii zu beziehen ist, oder auf 
die Pflanze von Michaux. Für einen solchen Fall 
hätte P. pycnorhiza allerdings Aussicht auf Restitu- 
tion. Alle Exemplare aus dem grossen Caucasus ha- 
ben deutlich gestielte Früchte. 



Primula glacialis Adam, ist vielleicht nur eine 
Modification der P. auriculata, bedingt durch den 
eigenthümlichen Standort. Es ist aber richtiger, vor- 
läufig strenger zu unterscheiden, als Verschiedenes 
ohne Kritik zusammen zu werfen. Die Unterschiede 
sind folgende: Die Pflanze blüht später; die Blätter 
sind grösser, breiter, umgekehrt eiförmig, nur bis 7 2 
Fuss lang, aber lV 2 Zoll breit, gewöhnlich deutlicher 
und länger gestielt; der Blumenschaft ist bogenförmig 
gekrümmt, am Ende, so wie auch an den Kelchen, 
weiss gepudert; der Kelch ist grün, nicht dunkel ge- 
färbt, die Ausschnitte der Zähne sind am Grunde 
nicht scharf spitzig, sondern etwas gerundet; die Blu- 
menröhre ist Anfangs etwas kürzer als der Kelch, 
später aber doppelt länger; der Saum ist 3 } / 2 — 4 Li- 
nien gross und erreicht die Länge der Röhre oder 
des Kelches; die Farbe der Blumen ist weder im Le- 
ben noch im trockenen Zustande rosa, sondern dun- 
kellila, und ihre bedeutende Grösse fällt von Weitem 
auf. 

Schon Adam bemerkt auf dem Zettel zur Pflanze 
«hueusque pro varietate P. nivalis (P. auriculatae) 
habita». Ich beobachtete wahrscheinlich an dem Orte 
Adam's, und die Frage über die Selbstständigkeit der 



— 295 — 

P. glacialis als Art beruht auf der Summe folgender 
Umstände: 1) Nicht weit von demselben Orte wächst 
P. auriculata (pycnorhiza) ; 2) P. glacialis wuchs hart 
an einer eisartigen Lawine, die sich an dieser Stelle 
oft erneuert, Jahre lang nicht vollständig aufthaut, 
daher eine niedrige Temperatur unterhält, in Folge 
dessen die späte Blüthezeit; den 13. (25.) Oktober 
konnte ich keine reife, gut ausgebildete Samen finden. 
Eismassen , von welchen Adam den Namen wahr- 
scheinlich herleitet, kommen anderswo in der Nähe 
nicht vor. 3) Es ist keine seltene Erscheinung, dass 
dieselbe Art an kälteren Orten grössere und intensi- 
ver gefärbte Blumen ausbildet. 4) der lockere Schutt- 
boden (statt Torfrasen) konnte eine zweite Ursache 
der üppigen Blatt- und Blumen -Entwicklung sein; 
unterstützt wird dies durch die Wahrnehmung, dass 
P. algida (denudata) auf derselben Stelle einen viel 
kräftigeren Wuchs und grössere dunklere Blumen als 
anderswo zeigte , so dass ich Anfangs vermuthete, 
Übergänge in P. glacialis oder wenigstens hybride 
Formen vor mir zu sehen. Spätblühende Exemplare 
der P. glacialis haben schwache Schäfte und Kelche, 
in welchen nicht einmal das Ovarium anschwillt, und 
die sich in Form und Grösse wenig von jenen der 
P. algida unterscheiden; hier geben nicht die abor- 
tiven Samen und Kapsel, sondern die Blätter, die 
starken Wurzelfasern und die geschwollenen Höcker 
am Grunde der Hüllblättchen den Ausschlag. Leider 
ist P. glacialis noch selten, ein zweiter Fundort ist 
kaum erst bekannt geworden; es werden daher erst 
künftige Beobachtungen entscheiden. 

P. glacialis fand Adam «in monte Kaischaur ad 



— 296 — 

fontes aquarum frigidarum», sein Zettel bezieht sich 
aber auch auf P. auriculata. Hr. Owerin und ich 
beobachteten sie unter Baidara 1180 Toisen an der 
oben näher beschriebenen Örtlichkeit in Gesellschaft 
mit P. algida, Bulbocapnos alpestris, Dentaria micro- 
phylia etc. den 14. und 21. August in voller Blüthe 
und halbreifen Früchten, die sich bis zum 13. Okto- 
ber nicht mehr vollkommen entwickelten, wohl aber 
Nachzügler von Blumen, die von Frost zeitweilig ge- 
litten hatten. Hr. Bayern fand dieselbe Art am 28. 
Juli 1861 in vollster Blüthe in der oberen alpinen 
Region Chewsurien's, nämlich auf dem Südabhange 
des Archotis-mtha in der Nähe des Passes, in schwar- 
zer Erde (nicht Rasenboden) unweit Schneefelder, 
also an den Quellen der Aragua auf dem Wege von 
Roschkioni nach Quiris Zminda. 

Ledebour (Fl. Ross.) und Meyer (Beitr. Pfl. 1849) 
hielten P. glacialis für P. algida Adam.; allerdings 
stimmt auch dazu die Angabe Adam's: «calycibus 
tubo corollae longitudine fere aequalibus», aber der 
ganze Text bei Weber und Mohr widerspricht, eben 
so die Abbildung bei Lehmann. Von den erwähnten 
Standorten gehört nach dem Herbarium Meyer's 
Somchetien nur möglicherweise zu P. glacialis, aber 
Schuragel zur wahren P. algida (einer grossen dick- 
schaftigen Form), daher auch die Vergleichung mit 
P. auriculata ß. sibirica Led. Ledebour's P. algida 
ist combinirt aus der Pflanze Lehmann's «folia serrata, 
umbella pauciflora» und P. glacialis «calyx corollae 
tubo subduplo brevior», was Meyer bezweifelt, aber 
neuere Exemplare bestätigen. Die oben beschriebene 
P. glacialis ist jedenfalls auch die gleichnamige Adam's, 



— 297 — 

das beweisen seine eigenhändig geschriebenen Eti- 
quetten zu den Exemplaren des Herbarium's der hie- 
sigen Akademie und des Willdenow'schen in Berlin, 
ferner die Wahl des Namens «glacialis», der nur auf 
diese Art passt. Es ist daher auch kein triftiger 
Grund vorhanden, warum nicht hierher gehören sollte: 
P. glacialis Reliq. Willd. mss. ex R. S. Syst. Veget. 
IV (1819) p. 785 aus dem Caucasus von Adam, ob- 
gleich man zugeben muss, dass die Worte «folia lan- 
ceolata, argute serrata» nicht sehr passend sind. 

P. macrophylla C. Koch in Linnaea XXIII (1850) 
p. 615, non Don Nepal 1825, ist mir unbekannt. Be- 
schrieben ist sie nach einem einzigen fast verblühten 
Exemplare aus Grusien, gesammelt von Wilhelms. 
Charakteristisch wären die «laciniae corollinae tubum 
suum paene duplo! superantes»; ein solches Verhält- 
niss sah ich noch bei keinem Exemplare der P. gla- 
cialis; sollte es vielleicht heissen «duplo breviores»? 
Damit würde dann die darauf gegebene Vergleichung 
mit P. auriculata und P. longifolia (algida) stimmen, 
von welchen P. macrophylla sich nur! unterscheiden 
soll durch die 1 Fuss oder längeren, 3/ 4 bis 1 Zoll 
breiten Blätter und den deutlichen langen Blattstiel 
ohne Flügelsaum. Da es nicht für nöthig befunden 
wurde, die Caucasische P. glacialis Adam im Herb. 
Willdenow oder P. algida Ledeb. Fl. Ross, zu ver- 
gleichen, so muss wohl P. macrophylla etwas anderes 
sein. Wilhelms hat aber die Wasserscheide des Ge- 
birges kaum anderswo als bei Baidara überschritten. 



Mélanges biologiques. T. if. 38 



— 298 — 

Primula luteola. Die blassgelbe oder schwefel- 
gelbe Farbe der Blumen, verziert mit einem goldgel- 
ben Scheine am Schlünde unterscheidet diese neue Art 
sogleich von grossen Exemplaren der P. auriculata 
und allen ihr ähnlichen. Bei genauerer Prüfung fin- 
det man noch andere Unterschiede. Die Blumenröhre 
ist oft y / 2 Zoll lang, die Lappen des Saumes doppelt 
kürzer, und der Kelch ist im Vergleich zur Blumen- 
röhre anderer Arten am kleinsten, bloss lV 2 — 2 Li- 
nien, und im Fruchtzustande niemals gefärbt. Der 
weisse Puder auf dem Ende des Schaftes und den 
Kelchausschnitten hält sich lange. Die Stielchen der 
Blumen und Früchte sind zuweilen bis 1 Zoll lang, 
also bis viermal länger als bei P. auriculata. Die 
Blätter messen über 1 Fuss, sind schmal und nach 
unten in einen sehr deutlichen und langen Stiel ver- 
schmälert, was ich nur bei der cultivirten P. auricu- 
lata sah. Ich entdeckte diese Art zuerst in Tusche- 
tien, woselbst sie häutig wächst, an nassen, quelligen 
Orten oder kleinen Sümpfen, in der alpinen Region 
von 1300 Toisen bis 1000 Toisen in die obere Wald- 
region herab. Ferner in der Gemeinde Dido, auf der 
Südseite des Passes zwischen Kidero und Kituri 
1250 — 1270 Toisen. Blüht bis Anfang August. 

Durch Cultur aus Samen erhielt ich eine Ende Mai 
1. J. blühende Abart (macro calyx), deren Mutterpflanze 
ebenfalls in Tuschetien, aber an einem anderen Orte 
wuchs, als die oben nach zahlreichen Exemplaren be- 
schriebene typische Form, von welcher sie (in Folge 
der Cultur?) hauptsächlich abweicht durch 4 Linien 
grosse Kelche, die bis 3 / ihrer Länge eingeschnitten 
sind; die Blumenröhren messen 4 — 5 Linien, die 



— 299 — 

Saumlappen 3V 2 — 4 Linien und sind zur Hälfte ci- 
tronengelb. In derselben Dolde bemerkt man kurz- 
und langgrifflige Blüthen. 



Primula algida Adam ist eine kritische Art, die 
hier eine ganz neue Deutung erhalten hat. Ich halte 
mich an die Original -Beschreibung in Weber und 
Mohr Beitr. I (1805) p. 46, an die dort gegebene 
Vergleichung mit P. auriculata, an die Beschreibung 
und Abbildung in Lehmann's Monographie tab. 7, 
die nach einem Original -Exemplare entworfen ist, 
daher eine bestimmte Pflanze ausdrückt, eine aner- 
kannte und leicht zugängliche Quelle der Belehrung 
ist. Diese Art wäre schon früher richtig erkannt wor- 
den, wenn Adam und Lehmann die Affinität mit P. 
farinosa angegeben und Original -Exemplare vertheilt 
hätten. Damals galt die Anwesenheit der «farina» für 
etwas Entscheidendes, und da eine P. farinosa denu- 
data nicht bekannt war, bestimmten alle Caucasischen 
Floristen die viel kräftigere bepuderte Form der P. 
algida für P. farinosa. Indessen hatte schon Fischer, 
als Zeitgenosse von Adam, Lehmann und M. Bieber- 
stein in seiner Sammlung die Caucasische P. farinosa 
als «P. algida»? oder als «spec, inter P. farinosam et 
algidam» richtig aufgefasst, und später C. Koch sie 
zum Theil als P. longifolia (non Curtis) und P. eau- 
casica Koch abgetrennt, aber einen Theil von P. fari- 
nosa noch nicht zu unterscheiden vermocht. 

P. algida Adam ist die bei weitem seltenere Form 
einer vielgestaltigen Art, aber, wie dies manchmal 
geschieht, früher beschrieben, als die gewöhnliche 
Form, die Adam wahrscheinlich auch für P. farinosa 



— 300 — 

ansah und nicht weiter beachtete. Adam legt Gewicht 
auf die Abwesenheit des Puders (eine geringe Menge 
konnte er gleichwohl übersehen haben), auf den scharf 
gesägten Rand der Blätter («argute dentata» bei Adam, 
im Gegensatze zu «dentata» der P. auriculata), auf 
die gleiche Länge des Kelches und der Blumenrohre 
(ein sehr gutes Kennzeichen) , auf den tiefer geseil- 
ten Blumensaum, kleinere und hellere Blätter, bloss 
bis zur Mitte! und nicht bis 2/ 3 gespaltenen Kelch (ca- 
lyx fissus, nee partitus!) wie bei P. auriculata, also 
alles Merkmale welche keiner anderen Art zukom- 
men. Bekräftigt wird diese Erklärung noch durch 
das von Lehmann abgebildete Original (ein zufällig 
nur dreiblüthiges Ex. mit oval -elliptischen Blättern), 
durch den scharf gezähnten Blattrand, die Länge und 
Theilung des Kelches und die stumpfen gefärbten 
Zähne desselben, endlich das Grössenverhältniss aller 
Theile. Unter einem grossen Materiale für diese Art, 
das ich mitbrachte, fand ich nur wenige Exemplare, 
die der Abbildung entsprachen, meistens sind mehr 
als 3 Blumen vorhanden, und die Blattform ist etwas 
abweichend. 

Am häufigsten ist im Hauptgebirge von 900 — 
1670 Toisen die Var. ß. lu teo- far in osa. Bereits 
vor meiner Reise war ich halb überzeugt, dass die 
Caucasische P. farinosa eine eigene Art sei, der viel 
schärfer gezähnten oder fast gesägten Blätter und ge- 
färbten ungepuderten Kelche wegen. Später bemerkte 
ich erst an der lebenden Pflanze, dass der mehlige 
Überzug gar nicht weiss ist, sondern immer ± stark ins 
Gelbe spielt, was auch noch an alten Herbarien-Exem- 
plaren zu erkennen ist, während solche von P. fari- 



— 301 — 

nosa immer weiss sich erhalten. Ich versendete des- 
halb aus dem Caucasus Samen dieser Pflanze als P. 
luteo-farinosa, und unterschied eine Var. denudata, zu 
welcher ich erst jetzt die ächte P. algida als Syno- 
nym finde. Weitere Vergleichungen zeigten noch zum 
Überflusse, dass die reife Kapsel nur um etwas län- 
ger als der Kelch ist, und nicht doppelt so lang und 
so schmal wie bei P. farinosa; ferner sind die Samen 
oft blässer, die Blumen entschieden kürzer gestielt 
als bei P. farinosa des nördlichen Europa's, während 
wieder die Europäische Alpenform sich der Caucasi- 
sc-hen in diesem Punkte nähert. Die Form der Blät- 
ter ändert sehr, von der oval-länglichen zur abgerun- 
det -spateiförmigen; die Grösse der Blumen ist eben- 
falls unbeständig, eben so die Farbe, im trockenen 
Zustande sind sie gewöhnlich dunkellila. manche ro- 
senroth. 

Die Var. 7. albo- farinosa (P. caucasica C. Koch 
1850) sieht der P. farinosa noch ähnlicher, aber die 
übrigen oben erwähnten Merkmale bleiben unverän- 
dert. Ich sah diese Form aus Schuragel, Armenien 
und vom Kaepesdagh in Karabagh, aber nicht aus 
dem grossen Caucasus. 

P. capitellata Boiss. aus den Alpen des südlichen 
Persiens ist eine andere nahestehende Art; so stark 
gedrängte und kleine Blumen sind mir unter der Cau- 
casischen P. algida nicht vorgekommen. 

Dagegen bin ich zu dem Resultate gelangt, dass 
P. auriculata Fl. Alt. (P. Bungeana Meyer 1849), 
welche Duby (in Dec. Prodr.) mit P. altaica Lehm, 
unrichtig vereinigt, sich nicht unterscheide von gros- 
sen dickschaftigen Formen der P. algida Adam (de- 



— 302 — 

nudata). Die Pflanze aus Digorien ist ganz überein- 
stimmend mit jener vom Altai und Tarbagatai; die 
Hüllblättchen sind bei letzterer zwar oft, aber nicht 
immer breit und lang, dasselbe Grössenverhältniss 
kommt auch zuweilen bei der Digorischen vor; man 
kann so ähnliche Exemplare aufweisen, dass beim 
Zurücklegen Zweifel über den Ursprung entstehen 
können. Auf diese Weise erklärt sich die von Lede- 
bour ausgesprochene Möglichkeit der Vereinigung 
von P. auriculata mit P. farinosa. 



Primula darialica, eine neue Art, nur an einem 
einzigen Orte gefunden: 14. Mai 186"1 blühend, auf 
nassen schattigen Felsen unweit Darial , auf dem 
Wege nach Lars, 600 Toisen absolute Höhe. Ihre 
Merkmale halten die Mitte zwischen P. algida (denu- 
data) und P. farinifolia. Von ersterer unterscheidet 
sie sich durch 2 — 8 Linien lange sehr dünne und 
schlaffe Blumenstiele, durch die breitere und kürzere, 
halb kugelige Röhre des Kelches, welcher in Folge 
dessen den Anschein einer tieferen Theilung hat, ob- 
gleich diese kaum bis 2 / 3 geht, durch die Kelchzähne, 
welche weder stumpf, noch Anfangs dunkel gefärbt 
sind, durch die längere Röhre der Blumenkrone, die 
den Kelch um's Doppelte übertrifft, durch dünnere 
deutlicher gestielte Blätter, deren Zähne länger, dich- 
ter und schärfer sind, und sich in ein Köpfchen endi- 
gen. Die Blumen sind wenig zahlreich, nicht selten 
nur 2 oder gar einzeln, karmoisinroth, am Schlünde 
weiss-gelb. Anfangs hielt ich die P. darialica für eine 
unbepuderte Form der P. farinifolia, eine genauere 
Untersuchung zeigte aber, dass die Blätter schmäler 



— 303 — 

und nicht so lang gestielt sind, die Blumenschäfte 
1 — 4 Zoll, fast immer länger als die Blätter, die 
Hüllblättchen eben so lang oder zwei mal kürzer, als 
die Blumenstielchen, die Blumenröhre 2 — 3 Linien 
lang, der Saum fast eben so lang oder zweimal kür- 
zer, aber doch relativ grösser als bei P. farinifolia. 
Noch mehr ist P. darialica von einer unbepuderten 
Form der P. farinosa verschieden; der Blattrand, die 
Kelchzähne u. a. m. sind ganz anders. Frivaldski hat 
aus Rumelien vom Balkan eine Var. turcica der P. 
farinosa unterschieden , die durch spitzige gefärbte 
Kelchzähne abweicht, und wahrscheinlich eine eigene 
Art ist, besonders wenn die Bemerkung Griesebach's 
(Fl. Rumel.) über die gleiche Länge der Fruchtkap- 
sel und des Kelches sich hierauf bezieht. 

Primula farinifolia, eine neue, sehr zierliche, 
2 — 6 Zoll grosse Pflanze, an halbdunklen nassen Fel- 
senhöhlen und Quellen mit kohlensaurem Kalke, aber 
nur in der oberen Waldregion des östlichen Cauca- 
sus an vielen Orten, deren absolute Höhe 1100 bis 
600 Toisen, oder zuweilen noch niedriger ist. Sie 
blüht blos bis Ende Juni. Die Blätter sind meistens 
sehr stark auf ihrer Unterseite weiss bepudert, um- 
gekehrt eiförmig oder spateiförmig, in einen ziem* 
lieh langen Stiel verschmälert, am Rande scharf ge- 
zähnt. Die Fruchtschafte sind meist kürzer als die 
Blätter; die Hüllblättchen zahlreich und dicht, 2 bis 
ömal kürzer als die 1 — 2 Zoll langen Fruchtstiele. 
Die Kelche sind über die Hälfte bis 2 / 3 eingeschnit- 
ten , die Zähne schmal und scharf zugespitzt. Die 
Röhre der jungen Blume misst 3 — 2 1 / 2 Linien, der 
Saum doppelt kürzer, rosenrot!) , am Schlünde gelb, 



— 304 — 

an der vertrockneten Blume bläulich. Im Fruchtzu- 
stande wird der Kelch 2 — 3 Linien, von der Länge 
der Kapsel, aber doppelt kürzer als die vertrocknet 
oft stehenbleibende Blumenröhre. Nach Tiflis mitge- 
brachte Exemplare blühten im März. 



Primula nivalis var. Auf der Nordseite des Pas- 
ses über das Archotisgebirge, in der oberen alpinen 
Region Chewsurien's, unweit vom Standorte der P. 
glacialis, am 28. Juli 1861 von Hrn. Bayern gefun- 
den und mir mitgetheilt in mehreren Exemplaren, die 
sämmtlich weissblüthig und nur 3 — 4 Zoll hoch wa- 
ren. Hierauf fand ich den 5. Sept. fusslange Exem- 
plare mit überreifen Früchten und vertrockneten aus- 
gebleichten Blüthen, in Ossetien, am Rande des Glet- 
schers von Zei, in mit Wasser gefüllten Moraine-Gru- 
ben, 1066 Toisen abs, Höhe. Leider sind alle leben- 
den Exemplare, die ich für weitere Beobachtungen 
mitnahm, zu Grunde gegangen, so wie auch weitere 
Aufträge und Aussaat bisher ohne Erfolg geblieben. 

Ledebour (FL Ross. Ill, 10) ist der Einzige, der 
P. nivalis oder ihre Var. farinosa aus den «Caucasi- 
schen Provinzen» anzeigt, und zwar nach Frucht- 
exemplaren, die er von Parrot erhielt, und die auch 
vom Ararat abstammen konnten (vergl. Ledeb. Fl. 
Ross. I, p. XIII). Ich finde eine von Ledebour über- 
sehene Stelle in Parrot's Reise vom J. 1811, S. 124, 
wo bei der Besteigung des Kasbek, 1. — 7. Sept., 
unter den wenigen Pflanzen von beiläufig 1500 Toi- 
sen (corrigirter) Meereshöhe, also höchstens 200 Toi- 
sen über der steinernen Schäferhütte erwähnt wird: 
«Primula longifolia, samentragend, die Blätter schon 



— 305 — 

grösstentheils mit dem weissen Saume versehen, den 
die Blätter der meisten Primeln bei eintretender Win- 
terkälte bekommen». Dieser weisse Saum ist Puder- 
mehl und sehr charakteristisch für die Exemplare 
vom Zeigletscher und Archotis-Pass; er findet sich 
auch bei der P. nivalis ß. farinosa vom Alatau- Ge- 
birge, fehlt aber an allen Blättern der Gruppe von 
P. auriculata (longifolia). Ich vermuthe daher mit 
Grund, dass Parrot nicht P. longifolia, sondern P. 
nivaHs vor Augen hatte, und nur durch den Namen 
«longifolia» der Fl. Taur. Cauc. getäuscht war, der 
in der That auch besser auf seine Pflanze passte , als 
auf jene von Curtis oder M. Bieberstein. Sonderbar, 
dass weder Meyer noch Kolenati während ihrer Be- 
steigung des Kasbek diese grosse Pflanze bemerkt 
haben. In Ledebour's Herbarium fehlt die Parrot- 
sche Pflanze, daher auch einige zweifelhafte Aus- 
drücke in der Flora Rossica nicht aufgeklärt werden 
konnten. 

Der Blattrand der Caucasischen Pflanze ist immer 
gekerbt und weissmehlig, ausserdem haben bloss die 
äussersten (jüngsten) Blattscheiden einen dichten Pu- 
der, der bei den dicken Herbstknospen der Zei-Pflanze 
sehr deutlich gelb ist. Diese Merkmale kommen nicht 
an der t}^pischen P. nivalis aus dem Altai vor; wohl 
aber bei der Var. farinosa (Schrenckiana) des Alatau- 
Gebirges, deren Blumensaum deutlich durch breitere 
und stumpfe Lappen von der typischen P. nivalis ab- 
weicht. Dasselbe Merkmal widerholt sich nun, aus- 
ser dem mehligen Überzüge und Blattrande bei der 
Caucasischen Pflanze, von der aber bisher nur weisse 
Blumen bekannt sind. Es ist daher leicht möglich, 

Mélanges biologiques. IV. 39 



— 306 — 

dass hier noch andere Kennzeichen verborgen sind, 
die sich aus dem lückenhaften Materiale jetzt noch 
nicht erkennen lassen, und die die Aufstellung einer 
besonderen Art (P. Bayerni), wie ich auch bei der 
ersten Mittheilung gegen Hrn. Bayern aussprach, er- 
lauben werden. C. Koch fand P. nivalis ß. farinosa 
und y« pumila auf dem Pontischen Hochgebirge, 5 — 
8000 Fuss, erwähnt aber keiner weissen Blumen. 

P. crassifolia Lehm. 1817, tab. 9, angeblich aus 
dem Oriente, mit fleischrothen Blumen, ist nicht wie- 
der gefunden oder erklärt; die schmalen spitzigen 
Lappen des Blumensaumes passen auf die P. nivalis 
der Behringstrasse, aber nicht auf jene des Archotis- 
mtha. Im Himalaya tritt statt dieser Arten P. purpu- 
rea Royle tab. 77 und P. Stuartii Wall. auf. 



(Aus dem Bulletin, T. VI, p. 217 — 238.) 






^Pli 1 1863. 

6 Mai 

Bericht über eine neue von Prof. Wagner 
in Kasan an Dipteren beobachtete ab- 
weichende Propagationsfbrm, von dem 

Ikad. 15 a er. 

Herr Professor Wagner in Kasan hat unter dem 
Titel: CaMonpon3ßo.ibHoe pacMHOiKeme rycemjirt y Ha- 
CEKOMbixt sowohl in den YqeHbia 3anacKn Ka3aHCbaro 
ynuBepcDTeTa für 1862 als auch in besonderer Aus- 
gabe in Folio - Format Beobachtungen bekannt ge- 
macht, welche für die allgemeine Zoologie oder Phy- 
siologie und speciel für die Kenntniss der Entwicke- 
lungs- Formen der Thiere sehr wichtig zu werden 
versprechen. Bekanntlich hat man ausser der für die 
höhern Thiere ausnahmslos gültigen Entwicklung des 
Embryo aus einem befruchteten Ei seit langer Zeit 
schon verschiedene Formen des Aussprossens und der 
Selbsttheilung als Arten der Vermehrung gekannt. Das 
Aussprossen, sehr allgemein im Pflanzenreiche vor- 
herrschend, kommt im Thierreiche nur bei niederer 
Stufe der Organisation vor, bei Polypen mit und ohne 
Gehäuse, überhaupt bei solchen Organismen, denen 
wahre Centraltheile fehlen. Die Selbsttheilung ist den 
niedersten Organisationen eigentümlich , und reicht 
in gewissen Modifikationen bis in die Anneliden. Ausser 
diesen Formen hat man in neuer Zeit zwei andere Ar- 



— 308 — 

ten der Fortpflanzung erkannt, dieParthenogenesis, und 
früher eine Form, welche S te en s tr up Generations- 
wechsel genannt hat. Die Parthenogenesis, an manchen 
Insecten beobachtet, unterscheidet sich von der Fort- 
pflanzungsweise der höchsten Thiere nur dadurch, dass 
wahre in den Eierstöcken gebildete Eier auch ohne 
Befruchtung sich entwickeln können. Der sogenannte 
Generationswechsel, besser vielleicht Formenwechsel 
in der Fortpflanzung zu nennen, besteht wesentlich 
darin, dass nach einer geschlechtlichen Vermischung 
eine Nachkommenschaft erzeugt wird, die von der 
elterlichen verschieden und gar nicht fähig ist, sich 
geschlechtlich fortzupflanzen, sondern ohne Befruch- 
tung in sich Keime entwickelt, aus denen geschlecht- 
liche Organismen von der ursprünglichen Form ent- 
weder unmittelbar oder nach mehreren Zwischenstu- 
fen ungeschlechtlicher Formen erzeugt werden. Es 
sind also die geschlechtlichen Organismen durch eine 
oder mehrere ungeschlechtlich sich fortpflanzende 
Organisationen von einander getrennt. Die Propagation 
ist gleichsam in Stufen getheilt, von denen die eine 
geschlechtlich ist und, soviel man weiss, nur durch 
Befruchtung sich fortpflanzt , die andere aber ge- 
schlechtlos und durch eine Art inneren Sprossens un- 
mittelbar oder nach wiederholten ungeschlechtlichen 
Generationen geschlechtliche Organismen erzeugt. 
Man hat die Zwischenstufen Ammen genannt. 

Herr Professor Wagner hat nun beobachtet, dass 
im faulenden Baste der Espe, Vogelbeere (Sorbus), 
Ulme und Linde bei Kasan die Larve eines Zweiflüg- 
lers (Dipteron) lebt, welche sich nicht zu einem voll- 
kommenen Insecte entwickelt, sondern in der neue 



— 309 — 

Larven zwar von geringerer Grösse, aber nach Pro- 
fessor Wagner doch von demselben Bau sich bilden, 
und zwar aus dem Fettkörper heraus. Diese Tochter- 
larven wachsen schnell heran und entwickeln aus sich 
wieder neue Larven, wobei die Mutterlarve zu Grunde 
geht. Diese Generationen ohne Befruchtung, zu wel- 
cher eine Larve gar nicht fähig ist, beginnen im Herbst 
und gehen im Winter und Frühling fort, bis im Juni 
aus den letzten Larven die ausgebildeten geschlecht- 
lichen Zweiflügler, — Cecidomyen nach Dr. Morawitz 
— auskriechen. Diese paaren sich und legen sehr 
grosse, aber wenige Eier, aus denen die erste Gene- 
ration von Larven auskriecht. 

Wie man sieht, nähert sich dieser Entwickelungs- 
gang den Formen, die man Generationswechsel ge- 
nannt hat, indessen die mehrfachen Ammen haben die 
Form gewöhnlicher Larven. Die Entwicklung der 
neuen Brut aus dem Fettkörper wäre aber ganz neu 
und man kann die Frage nicht unterdrücken, ob es 
nicht unbestimmte Keimstöcke sind, aus denen die 
Larven sich bilden. Bei den Blattläusen werden be- 
kanntlich mehrere ungeschlechtliche Generationen 
nach einander und aus einander erzeugt, bis im Spät- 
herbst wieder geschlechtliche Thiere da sind. Aber 
hier entwickeln sich die neuen ungeschlechtlichen 
Organismen doch in wahren Eierstöcken. 



Drei Wochen nach dieser Mittheilung hatte ich Ge- 
legenheit durch Gefälligkeit der Herren Prof. Wag- 
ner und Owsiannikow das Auskriechen dieser Lar- 
ven selbst zu beobachten. Auch mir schienen die Toch- 



— 310 — 

terlarven der Mutterlarve ganz ähnlich, und alle et- 
was ausgewachsenen Larven enthielten wieder jüngere 
in sich in verschiedenen Entwickelungs - Zuständen. 
Die Massen, welche sich zu den Tochterlarven ent- 
wickeln, möchte ich doch lieber Dottermassen nennen. 
Sie gleichen sehr den Dottermassen anderer Dipte- 
ren, namentlich denen von Chironomus nach Dr. Weis- 
mann (Siebold und Kölliker's Zeitschr. für Wissen- 
schaft!. Zoologie. Bd. XIII. H. 1). Allerdings kann 
der gewöhnliche Fettkörper der Insecten in seiner 
weitesten Bedeutung auch ein Ernährungs-Dotter ge- 
nannt werden. 

Vollständig wird sich das Verhältniss dieser Ent- 
wickelungsform zu den andern bekannten erst nach 
vielseitiger Untersuchung feststellen. Schon jetzt aber 
erregt es das grösste Interesse, dass hier die einst 
berühmte, dann verrufene Einschachtelungs-Hypothese 
gleichsam verkörpert scheint. 

25. Mai 1863. 



(Aus dem Bulletin, T. VI, pag. 239 — 241.) 



^ Mai 1863. 

Mikroskopische Untersuchungen über die 
Verfärbung der Federn zum Hochzeits- 
kleide bei einigen Vögeln* nebst Betrach- 
tungen über das Verhältnis* derselben 
zur Mauser 9 von V« Severtzof. 

Vor einigen Jahren, 1855, wurde von Schlegel 
die Verfärbung der Vogelfedern im Frühjahr entdeckt 
und der deutschen Ornithologen- Gesellschaft ange- 
zeigt, aber vielfach bestritten. Zum Theil geschah 
dies, weil Schlegel zu weit in seinen Behauptungen 
ging, indem er die doppelte Mauser ganz verwarf, we- 
nigstens stark bezweifelte; auch keine Mauser im er- 
sten Herbst bei den Vögeln annahm, sondern nur eine 
Verfärbung, und endlich die Hypothese aufstellte, es 
wüchsen bei der Verfärbung die schon abgestorbenen 
trockenen Federn etwas nach (Naumannia, 1855). 

In demselben Journal sind Fälle von Farbenverän- 
derungen in den Federn notirt, wie sie bei doppelter 
Mauser vorkommen, wobei sich bei dem Abbalgen 
der betreffenden Exemplare keine Blutkiele zeigten. 
Hr. Martin, Conservator des Berliner Museums, be- 
merkte dies an Tauchenten (Fuligula). Sehr bestimmt 
war auch die Beobachtung über die Verfärbung der 
Kehle bei dem Blaukehlchen (Lusciola suecica) im 



— 312 — 

Frühjahr, welche Dr. Altum an lebenden Vögeln im 
Käfig bemerkte, ohne ausfallende Federn zu sehen. 

Dennoch wurde die Verfärbung des Gefieders von 
den meisten Ornithologen, Brehm an der Spitze, aufs 
Entschiedenste für Täuschung erklärt. In mehreren 
Fällen, z. B. bei Mot acilla flava, fand er an afrikanischen 
Winterexemplaren bei Untersuchung des Balges Blut- 
kiele; andere Fälle wurden theoretisch weggeleugnet, 
da doch in einer trockenen abgestorbenen Feder kein 
Lebensprocess sein könne und kein Umlauf der Säfte 
stattfände. Das Mikroskop hätte in der Sache ent- 
scheiden können, aber, so viel ich über Verfärbung 
des Gefieders gelesen habe, nirgends sind mir mikro- 
skopische Untersuchungen begegnet. Ich habe nun 
selbst welche angestellt. 

Dazu wurde ich im Winter 1860 durch den Um- 
stand angeregt, dass ich bei der Revision der reichen 
süduralischen Sammlungen des Herrn Karelin meh- 
rere Exemplare des Vanellas gregarius mit schwar- 
zen, andere mit grauen und noch andere endlich 
theils mit schwarzen und theils mit grauen Bauch fe- 
dern fand. Das Grau war vom verschiedensten Ton, 
vom hellsten bis zum dunkelsten; die Köpfe waren 
oft scheckig, mit graubräunlichen Herbst- und schwar- 
zen Frühlingsfedern. Dies deutete auf Verfärbung. 

Im April 1861 erlegte ich am Uralflusse unter an- 
dern ein sehr buntes Exemplar, das mir Federn in 
allen Verfärbungsstufen zeigte. Ich untersuchte die- 
selben unter dem Mikroskop: es ergab sich, dass die 
Verfärbung wirklich stattfindet, dass aber in der 
Feder selbst kein Lebens-, sondern ein rein physi- 
kalisch er Process vor sich geht, der also auch an der 



— 313 — 

abgestorbenen Feder möglich ist, so lange sie an der 
Haut haftet (was jedoch nicht unbedingt nöthig ist). 
Eine solche Verfärbung einzelner Federn kommt so- 
gar an ausgestopften Bälgen vor — nicht mit den- 
selben Farben, wie im Leben der Vögel, aber in einer 
sehr belehrenden Weise für die Erklärung des Ver- 
färbungsprocesses bei lebenden Vögeln. Doch hievon 
später; zuerst darüber, was ich vermittelst des Mikro- 
skopes sah. Ich gebrauchte eine Linearvergrösserung 
von 50 mal zur Übersicht grösserer Theile der Feder, 
und von 300 mal, um den Process in ihren Zellen 
genau zu verfolgen; das eben angeführte Resultat er- 
gab sich gleich bei Vanellus gregarius, wurde aber 
ausserdem auch an anderen Arten bestätigt. 

Meine Beobachtungen umfassen drei Arten von Ver- 
färbung, denen derselbe physische Process, die En- 
dosmose, zu Grunde liegt: 1) normale Frühlings- 
verfärbung der lebenden Vögel; 2) anomale 
Sommerverfärbung derselben; 3) Verfärbung 
der todten Bälge. Diese drei Arten der Verfärbung 
erklären sich gegenseitig. Blaue Farben werden aus- 
serdem meist durch Einwirkung des Sonnenlichts in- 
tensiver; das ist eine Verfärbung ohne Endosmose, 
eine chemische Lichtwirkung. 

Die normaleFrühlingsverfärbung ist in Europa 
nicht eben leicht zu beobachten, weil die Vögel, die 
diese Verfärbung zeigen, Zugvögel sind und schon im 
Hochzeitskleide ankommen. Nur ausnahmsweise fin- 
den sich in Verfärbung begriffene, und am häufigsten 
bei dem in Westeuropa nicht vorkommenden Vanel- 
lus gregarius. An diesem sah ich und notirte gleich 
nach der Beobachtung Folgendes: 

Mélanges biologiques. IV. 40 



— 314 — 

1) Am Kopfe verbreitet sich die schwarze Farbe 
von der Achse der Feder (dem Schaft) zu den Rän- 
dern und zeigt sich zuerst an der Federspitze; mit 
blossem Auge sieht man einige graubräunliche Herbst- 
federn mit schwarzen, tropfenförmigen Spitzenflecken, 
andere mit ganz schwarzen Spitzen und noch andere, 
die ganz schwarz sind. Bei 50-maliger Vergrösserung 
zeigt sich deutlicher, dass bei den Schaftflecken die ein- 
zelnen Federbärte bloss bis zur Hälfte schwarz ge- 
färbt sind, und zwar sind die schwarzen Federtheile, 
bei durchfallendem Lichte braun , die unverfärbten 
graubräunlich-gelblich. Bei 300-maliger Vergrösse- 
rung sind die Zellen in den Federbärten und ihren 
Barbillen sichtbar; in den Zellen sind Körnchen gleich 
dunklen Punkten und vollkommen gleich in den ver- 
färbten und unverfärbten Theilen der Feder vorhan- 
den. In den verfärbten, braunen Theilen der Feder 
sind Luftbläschen zu sehen, helle, scharf und dunkel 
umrandete Pünktchen. Diese sah ich bei frisch ge- 
rupften Federn, aber der Vogel, von dem sie genom- 
men waren , war seit zweien Tagen todt und sein 
Leib schon mürbe. Am folgenden Tage waren in die- 
sen vor 24 Stunden ausgerupften Federn keine Luft- 
bläschen mehr zu sehen. Sie zeigten mir, dass die 
Verfärbung durch eine amorphe Flüssigkeit geschieht, 
ohne Neubildung des körnigen Zelleninhalts. Das Be- 
harren der Luftbläschen 2 Tage nach dem Tode und 
ihr weit schnelleres Verschwinden in der gerupften 
Feder zeigen, dass diese Flüssigkeit auch nach dem 
Tode des Vogels in die Feder dringt, wohl aber schon 
farblos, denn am Vogel überhaupt bemerkte ich nach 
seinem Tode keine Verdunkelung. 



— 315 — 

Über die Art und Weise, wie die färbende Flüs- 
sigkeit in die schon trockene und abgestorbene Fe- 
der dringt, bemerkte ich Folgendes. Der Kiel der sich 
verfärbenden Feder, und zwar sein unterer, röhriger 
Theil, erscheint bei durchfallendem Lichte trüber und 
weniger durchsichtig als bei einer unveränderten Fe- 
der; seine Medulla verschrumpft; also findet kein Auf- 
leben der Gefässe statt, welche diese Feder während 
ihres Wachsthums nährten. Die färbende Flüssigkeit 
dringt endosmotisch durch die Federbasis und steigt, 
nach den Gesetzen der Capillarität , zwischen den 
Wänden der Federröhre und der Medulla auf. Es er- 
klärt dies die Erscheinung, dass nur kleine Federn 
mit dünnem Schaft verfärbungsfähig sind; die grossen 
Schwung- und Steuerfedern aber nie. Im undurch- 
sichtigen, markigen Theile des Federschaftes ist die 
verfärbende Flüssigkeit nicht zu sehen, nämlich bei 
durchfallendem Lichte. Unter dem Mikroskop be- 
trachtet, bemerkt man jedoch ein Gleiches auch hier, 
denn auch dieser Theil der Feder schwärzt sich im 
Frühjahr. 

Der Verfärbungsprocess der Federbärte auf dem 
Kopfe des Van. gregarms ist schon beschrieben; er- 
läutert wird er durch die gleichartige Erscheinung 
an den Brust- und Bauchfedern. Jedoch tritt an den 
Federn des Kopfes die Farbe des Hochzeitskleides 
gleich in ihrer vollen Intensität auf, aber als kleiner 
Fleck, der sich allmählich erweitert; auf der Brust 
und am Unterleibe ist dem nicht so. 

2) An der Brust und dem Unterleibe sind die Federn 
im Herbstkleide bekanntlich weiss; im Frühjahr die 
Brust (bis zum hinteren Ende des Sternums) schwarz, 



— 316 — 

der Bauch rostroth. Die Verfärbung ist aber eine sehr 
allmähliche Verdunkelung der ganzen Feder; auf der 
Brust vom hellsten Grau bis in's Dunkelschwarze, auf 
dem Bauche vom Weissgelblichen bis in's brennend 
Rostrothe, das sich zum Kastanienbraun neigt, und 
schon beim Anfange des Processes sind alle Barbillen 
der noch hellgrauen oder schwach gelblichen Federn 
schwach, aber gleichmässig gefärbt. Dabei ist die vor- 
dere, unbedeckte Hälfte der Feder immer intensiver 
gefärbt als die bedeckte, die sowohl im Herbst, wie 
auch im Frühjahre unscheinbar graulich bleibt. Jedoch 
habe ich einzelne Federn gefunden, aufweichen sich die 
anfangs kaum sichtbare Frühlingsfarbe, vom Schafte 
(und zwar von der Schaftspitze) ausgehend, noch lange 
nicht ganz verbreitet hatte, sondern Spitzenflecken 
bildete, wie auf den Kopffedern; nur dass diese an- 
fangs helle Farbe sich erst dann zu verdunkeln an- 
fing, als sie sich auf der Feder schon vollständig verbrei- 
tet hatte. Das zeigt jedoch, dass auch hier die fär- 
bende Flüssigkeit endosmotisch von Zelle zu Zelle 
übergeht. Auch hier sind in den Zellen sehr kleine 
Luftbläschen zu sehen, welche die Gegenwart einer 
Flüssigkeit zeigen. Auch hier ist keine Neubildung 
von Zellenkörnchen zu bemerken, diese Körnchen sind 
ganz gleich nach Form und Häufigkeit in verfärb- 
ten und weissen Federn. Jedoch erhalten auch diese 
Körnchen eine Farbenschicht, wie die Zellenwände; 
denn bei reflectirtem Lichte erscheinen sie in den ver- 
färbten Federn farbig, braun (bei schwarzen Brustfe- 
dern) oder rothbraun (bei rostrothen Bauchfedern). 

Zur Erklärung des Unterschiedes in der Verfär- 
bung der Federn des Kopfes und Unterleibes bemerke 



317 — 



ich: 1) dass das Gewebe der letzteren weit lockerer 
ist und aus grösseren Zellen mit dünneren Wänden 
bestellt, und 2) dass die Brust- und Bauchfedern auf 
weit saftigeren Körpertheilen wachsen als die des 
Kopfes (weshalb auch das lockerere Gewebe), und 
diese wohl darum im Frühjahr eine weit mehr ver- 
dünnte färbende Flüssigkeit erhalten. 

Diese Flüssigkeit trocknet im Gefieder des Leibes 
nach und nach schichtweise auf der inneren Seite der 
Zellenwände; aber es sind viele Schichten nöthig, um 
jede Zelle, also auch die ganze Feder, vollständig zu 
färben. Auf dem Kopfe dagegen wird gleich in jeder 
Zelle die volle Pigmentmasse abgesetzt, so z. B. in 
der Zelle a, a ) & ) c , aber ehe sie trocknet, dringt 
der fortwährende Saftzufluss in die Zelle &, dann in 
c und so fort, wobei in den früher gefärbten Zellen 
ein Theil des an den Zellenwänden abgesetzten Pig- 
ments aufgelöst wird. Hierdurch wird erklärt, das an 
der vollständig verfärbten Feder gerade die Endzellen 
am dunkelsten sind. Auch ist das schichtweise Trock- 
nen der färbenden Flüssigkeit in den Zellen der Un- 
terleibsfedern nicht als vollständiges Trocknen zu ver- 
stehen, sondern als Concentration durch Verdampfen 
etwa bis zur Consistenz einer gesättigten Gummilö- 
sung. Vollständig trocknet die Feder im Frühjahr 
erst nach geschlossenem Verfärbungsprocesse. 

Unter dem Mikroskop ist noch etwas zu sehen, was 
die Richtigkeit meiner Erklärung beweist: Pigment- 
ausschwitzungen an den Spitzen der abgeriebenen 
Barbillen und verstossenen Federbärte. Eben diese 
Ausschwitzungen verursachen die Erscheinung, dass 
die verfärbte Feder dem blossen Auge wieder 



— 318 — 

eben so frisch erscheint, wie eine neugewachsene. 
Die Barbillen sind einzellig, und hier concentrirt sich 
am meisten das verfärbende Pigment. Jedoch ist der 
Unterschied im Verfärbungsprocess der Kopf- und 
Unterleibsfedern des Van. gregarius, wie schon er- 
wähnt, kein wesentlicher. Dass es bloss ein Dich- 
tigkeitsunterschied der verfärbenden Flüssigkeit ist, 
wird noch dadurch bestätigt , dass anfänglich sich 
auch die Brustfedern eben so wie die Kopffedern fär- 
ben, nämlich durch eine allmähliche Verbreitung des 
Pigments. Dies sieht man deutlich bei dem anfängli- 
chen Erscheinen des hellgrauen Tons; dann erscheint 
das Pigment erst nahe an der Federachse, neben der 
Spitze. Ehe diese anfängliche Verfärbungsstelle sich 
verdunkelt, ist schon die ganze Feder hellgrau ver- 
färbt, eben weil die verfärbende Flüssigkeit eine dün- 
nere Pigmentlösung ist als die in den Kopfifedern 
enthaltene. Die weitere Verdunkelung habe ich gleich- 
massig auf der ganzen Feder beobachtet. 

Noch ist zu bemerken , dass auf den schwärzesten 
Federn die Barte, namentlich aber die Barbillen, bei 
durchfallendem Lichte unter dem Mikroskop durch- 
sichtig braun erscheinen und hellbraun beim An- 
fange der Verfärbung, wenn sie sich dem blossen 
Auge grau und zwar bräunlich-grau , aber mit bläuli- 
chem Anfluge zeigen. Deshalb scheinen mir die 
rostrothe Farbe des Bauches und die schwarze der 
Brust nur unbedeutende Modificationen desselben Pig- 
ments zu sein. Ausserdem sind an der Gränze der 
schwarzen und rostrothen Farbe einzelne Federn 
schwarz mit rostrother Spitze, was man durch eine 
förmliche Verdrängung des rostrothen Pigments durch 



— 319 — 

das schwarze schwerlich erklären kann, da die rost- 
rothen Bauchfedern sich eben so allmählich und 
gleichmässig verdunkeln wie die schwarzen Brust- 
federn, nämlich vom Weissgelblichen bis ins Kasta- 
nienbraunrothe , und nicht so, dass sich die Spitze 
zuerst färbe und also erst rostrothes und dann 
schwarzes Pigment in die Feder dringe. 

Bei reflectirtem Lichte, auf einer undurchsichtigen 
Objecttafel, erscheint der Unterschied der schwarzen 
und rostrothen Farbe eben so grell unter dem Mi- 
kroskop, wie er sichtbar ist, wenn man mit blossem 
Auge die Feder betrachtet, während bei durchfallen- 
dem Lichte dieser Unterschied kaum merklich ist 
und nur einer schwächeren Färbung der rostrothen 
Federn gleichkommt. Also hängt dieser Farbenun- 
terschied wohl von einem Structurunterschiede der 
Federzellen ab, die dasselbe Pigment aus dem Kör- 
per erhalten, aber das Licht verschiedenartig zurück- 
strahlen. Worin jedoch dieser Structurunterschied be- 
steht, habe ich nicht ermitteln können. 

Der Gang der Verfärbung ist den mannigfaltig- 
sten individuellen Verschiedenheiten unterworfen, die 
jedoch eine sehr allmähliche Stufenleiter zwischen 
zwei Extremen bilden — zwei Verfärbungstypen des 
Vanell. gregarius. Entweder färben sich nämlich die 
Federn gleichzeitig gleichförmig. Dann wird der Kopf 
erst gleichmässig fein schwarz gefleckt, wegen der 
schwarzen Federspitzen; die Flecken werden allmäh- 
lich grösser, endlich ist der Kopf ganz schwarz. Der 
weisse Unterleib färbt sich dann gleichförmig grau 
und hell braunroth , welche beide Farben sich ins 
Schwarze und Kastanienrostrothe verdunkeln. Die 



— 320 — 

Verdunkelung der Brust- und Bauchfedern ist in die- 
sem Falle meistens nicht gleichmässig. Oder es fär- 
ben sich die Federn ungleichzeitig; dabei wird der 
Vogel scheckig, sein Kleid zeigt ein buntes Gemisch 
unverfärbter, halb verfärb ter und vollständig verfärb- 
ter Federn. Alle möglichen Verfärbungsstufen fand 
ich in den Federn eines einzigen, am See Techalkar 
unweit des Urals am 13. (25.) April 1861 geschos- 
senen Vogels vereinigt, dessen Federn ich unter dem 
Mikroskop untersuchte. Aber auch die am gleich- 
massigsten sich verfärbenden Exemplare von Vanel- 
las gregarnis zeigen, so lange der Process nicht ge- 
schlossen ist, einzelne abweichend gefärbte Federn 
auf der Brust, sowohl weisse als schwarze. 

Am Ural findet man im April (bei Uralsk) von un- 
serem Kiebitz sowohl ausgefärbte im vollen Hoch- 
zeitskleide, als in Verfärbung begriffene Exemplare; 
letztere seltener bei Guriev, an der Uralmündung. In 
der letzten Hälfte des März sind die in Verfärbung 
begriffenen vorherrschend. In der Sandwüste Kara- 
kum, an der NO -Spitze des Aralsee's, und an der 
Syr-Darja bei'm Fort Perovsky, 500 Werst von der 
Mündung, in nahe gleicher Breite mit Guriev (Fort Pe- 
rovsky 44° 52', Karakum 48°, Guriev 47° 6') wurden 
im Frühjahr 1858 nur ausgefärbte Vögel geschossen. 
Dorthin kamen sie also schon im vollen Hochzeits- 
kleide, während sie am Ural, sow T ohl nach den von 
Hrn. Karelin in den Jahren 1852 — 55 gesammelten 
Exemplaren, w r ie nach meinen Beobachtungen (1861), 
noch in der Verfärbung begriffen anlangen. Dasselbe 
ergiebt sich auch nach Exemplaren aus den Wüsten 
an der Sarpa. Die betreffenden Vögel sah ich bei den 



— 321 — 

Herren Glitsch und Rickbeil in Sarepta (49 , / 2 ° N); 
demnach tritt die Verfärbung im Aralgebiete früher 
ein als im Kaspischen und ist vom Breitengrade un- 
abhängig; dies ist um so bemerkenswerther aus dem 
Grunde, weil V. gregarius bei Sarepta brütet, selte- 
ner schon bei Gurjev, wo er meist auf dem Zuge 
erscheint, und am Fort Perovsky gar nicht, sondern 
bloss durchzieht. Also erlangen viele Vögel dieser 
Art, die an der unteren Wolga nisten, ihr Braut- 
kleid erst am Brutplatz; ähnlich am Ural; östlicher 
dagegen, im Aralgebiete, verfärben sie sich schon an 
den Orten, wo sie überwintern. Übrigens kommen 
auch am Ural manche schon verfärbt an. Überhaupt 
habe ich von den sich verfärbenden Vögeln am Aral- 
see und an der Syr-Darja im Frühjahr nur vollstän- 
dig ausgefärbte gesehen, am Ural aber eben so wohl 
ausgefärbte, als auch in der Verfärbung begriffene. 
Die letzteren sah ich nicht nur im März und April, 
sondern bis zur Hälfte des Mai (alten Stils, also ei- 
gentlich von Ende März bis Ende Mai), da sich die 
verschiedenen Arten nicht gleichzeitig verfärben, 
gleich wie wir es auch von den verschiedenen Indi- 
viduen des Vanellus gregarius erwähnt haben. So wur- 
den z. B. an demselben Tage, am 13. (25.) April 
1861, ein ausgefärbtes und ein in Verfärbung begrif- 
fenes Exemplar geschossen. 

Zuverlässige Beobachtungen über die Verfärbung 
machte ich noch an Limosa melanura, Limosa rufa, 
Tringa subarquata, Tringa variabilis und Numenius ar- 
quata. Der Analogie gemäss, möchte ich sie allen Cha- 
radriaden und Scolopaciden zuerkennen. Unter den 
Wasser vögeln erkannte ich sie bei Fuligula rufina; un- 

Mélançes biologiques. T. IY. 41 



— 322 — 

ter den Sperlingsvögeln erinnere ich mich aus älterer 
Zeit die Verfärbung durch Saftzufluss bei Miisckapa 
luctuosa bemerkt zu haben. Die Charadriaden und Sco- 
lopaciden, bei denen ich die Verfärbung bloss nach Ana- 
logie vermuthe, kommen zum Uralfluss im Frühjahr 
schon in voller Hochzeitstracht, gleich wie auch viele, 
ja die meisten Exemplare derjenigen Arten, bei denen 
ich den Verfärbungsprocess noch beobachten konnte. 
Diese Beobachtungen brauchen aber nur kurz ange- 
führt zu werden, da der Process bei allen von mir 
beobachteten Vögeln genau derselbe ist wie bei Va- 
nellus gregarius. Dies gilt sogar von den Farben, wie 
schon aus dem Namensverzeichnisse der Arten zu se- 
hen ist, nämlich: schwarz, bei auffallendem Lichte 
unter dem Mikroskop gesättigt braun und rostroth, 
bei durchfallendem Lichte heller braun. Auch sah 
ich bei diesen Vögeln nicht so mannigfaltige Verfär- 
bungsstadien wie bei Vanellus gregarius. Die von 
mir erbeuteten Exemplare zeigten nur einzelne un- 
verfärbte oder unvollständig verfärbte Federn, da der 
Verfärbungsprocess bei ihnen zu Ende ging, und dies 
auch nur bei der kleineren Anzahl der Vögel ; bei der 
Mehrzahl derselben war er bereits geschlossen. Des- 
halb kann ich hier auch nur die Kennzeichen anfüh- 
ren, an welchen ich die Verfärbung erkannte. 

Limosa rufa: Brust und Bauch (Männchen). Ein- 
zelne Federn noch in allen Abstufungen des Hoch- 
zeitskleides, vom Weissgelblichen bis in's tief Rostrothe; 
auch weisse, unverfärbte Federn darunter. Die sich 
färbenden Federn sind theilweise abgestossen; keine 
Blutkiele. Unter dem Mikroskop ist an den hellfar- 
bigen Federn der verfärbende Saft an Luftbläschen 



— 323 — 

zu erkennen. Überhaupt Alles wie an den Unterleibs- 
federn des Vanellus gregarius. Vom 19.April(l Mai) bis 
11.(23.) Mai ist die vollständige Verfärbung, wenigstens 
am Ural, nur bei den Männchen sichtbar; die Weib- 
chen verfärben sich nur am Oberleibe, unten bleiben 
viele Federn weiss, die verfärbten sind ganz hell 
rostroth in verschiedenen Abstufungen. Die Verfär- 
bung des Oberkörpers von einem einförmigen Bräun- 
lichgrau zu einem in Dunkelbraun und Rostgelb ge- 
zeichneten Gefieder habe ich nicht beobachtet, auch 
keine Bkitkiele gefunden, die auf Mauser hinwiesen; 
aber fertig gefärbte Federn waren vorhanden. Hier- 
aus ergiebt sich, dass die Erklärung der Verfär- 
bung der im Herbstgewande einfarbigen, in der 
Frühlingstracht aber fleckigen Federn eine 
noch zu lösende Aufgabe ist. Ebenso unklar ist 
es, wie überhaupt die ungleichmässige, verschiedene 
Zeichnungen bildende Vertheilung des Pigments in 
den Federn stattfindet. Ein Wink zur Lösung dieser 
Fragen ist jedoch durch das Verbleichen und Ab- 
reiben der gezeichneten Federn gegeben. Das Ver- 
bleichen bei'm Austrocknen ist nicht gleichmässig, so 
dass die Zeichnung, durch schwaches Bleichen der 
dunkleren und weit beträchtlicheres der helleren 
Stellen, immer deutlicher wird. Ferner nutzen sich 
die helleren Federtheile viel eher ab, so dass ihre 
Zellen ein mehr lockeres Gewebe haben müssen. Die 
Zeichnung wird daher wohl hauptsächlich durch 
Structurunterschiede in den verschiedenen Theilen 
der Feder bedingt, die bei'm Austrocknen derselben 
deutlicher werden. 

Der Gedanke scheint erlaubt, dass das Erscheinen 



— 324 — 

einer Zeichnung auf einer Feder, die im Herbst bei'm 
Wachsen einfarbig war, durch solche Structurunter- 
schiede der Federtheile bedingt ist, welche im fri- 
schen Zustande bloss in der Anlage vorhanden sind 
und erst bei der Austrocknung sich ausbilden, und 
dann auf die nachfolgende Verfärbung wirken; aber 
worin sie bestehen, darüber wage ich ohne directe 
Beobachtung keine Vermuthung auszusprechen '). 

Limosa melanura: Hals, Kropf und Brust. Die 
Hals- und Kropffedern theils ganz rostgelblichroth (im 
Hochzeitskleide), theils licht staubgrau (im Herbst- 
kleide) mit rostgelblichrothen Spitzen, also in unvol- 
lendeter Verfärbung , die von der Federspitze be- 
ginnt. Auf der Brust sind wenige ganz weisse Federn 
(Herbstkleid), die meisten besitzen schwärzliche, rost- 
gelb, und in verschiedenen Färbungsstufen, schat- 
tete Streifen. Die Structurverhältnisse , welche diese 
ungleiche Pigmentvertheilung bedingen , gelang es 
mir nicht bei mikroskopischer Beobachtung zu ermit- 
teln, wohl aber sah ich, neben der Verfärbung, 
auch eine Frühlingsmauser — jedoch eine sehr un- 
vollständige, die lange nicht bei allen erlegten Exem- 
plaren stattfand. Während des ganzen Frühjahrs 
und Sommers, vom April bis Juli, fallen nämlich 
einzelne Federn aus und w r erden durch neue er- 
setzt. Bis Ende Mai, bei anderen Exemplaren bis 
zur Hälfte des Juni, zeigen diese nachwachsenden Fe- 
dern die Farbe des Hochzeitskleides, später aber die- 
jenige des Herbstkleides , und Letzteres noch lange 
vor der eigentlichen Herbstmauser, die in der letzten 

1) Bei Limosa ruf a lässt sich die Verfärbung auch an Exempla- 
ren aus der Umgegend von St. Petersburg beobachten. 



— 325 — 

Hälfte des Juli beginnt. Exemplare mit solchen nach- 
wachsenden, blutigen Federn, am 16. (28.) Mai er- 
beutet, hatten dabei auch vorjährige, deutlich in Ver- 
färbung begriffene Federn, und zwar halbverfärbte, 
am Kropf lichtgrau mit roströthlicher Spitze. 

Tringa sitbarquata. Unter den rostrothen Federn 
des Unterleibes sind einzelne weisse , unverfärbte 
und wenige hellröthliche, in Verfärbung begriffene; 
11. (23.) Mai 1861. Zu dieser Zeit scheint der Ver- 
färbungsprocess auch unvollendet aufzuhören, da sol- 
che Exemplare von T. subarquata mit weissscheckigem 
Unterleibe, ohne Blutkiele, auch später im Mai er- 
beutet wurden. Desgleichen zeigten einige Individuen 
der Limosa mdanura im Anfang des Juni neben den 
neu gewachsenen, herbstlich gefärbten Federn auch 
abgetragene, unverfärbt gebliebene. Die äusseren Ver- 
hältnisse, welche auf den Verfärbungsprocess und 
dessen Dauer und Vollständigkeit Einfluss haben, wer- 
den wir in der Folge dieses Aufsatzes untersuchen. 

Tringa variabilis verhielt sich ebenso ; an der 
Brust waren einzelne unverfärbte weisse und in Ver- 
färbung begriffene, graue Federn zu sehen. 

Numenius arquata. Meist ganz ohne Farbenverän- 
derung; bloss einzelne Rückenfedern verfärben sich 
roströthlich, im April. 

Fidlgula nifina. Die schwarze Farbe des Hoch- 
zeitskleides am Unterleibe bei dem Männchen scheint 
durch Verfärbung zu entstehen; ein von Hrn. Rick- 
beil in Sarepta erbeutetes Exemplar (Mai 1862), 
dessen Balg ich jetzt besitze, hat, anstatt eines rein 
schwarzen, einen dunkelgrauen Unterleib, dabei ein- 
zelne Federn (so weit ich mich erinnere, das Exem- 



— 326 — 

plar ist mir nicht zur Hand) hell umrandet — ähnlich 
den sich gleichmässig verfärbenden Exemplaren des 
Van. gregarius. 

Von Muscicapa luctuosa erinnere ich mich ein 
in Verfärbung begriffenes Exemplar auf dem Mos- 
kauer Vogelmarkte im Anfang Mai 1846 gesehen zu 
haben: am Rücken waren viele Federn noch herbst- 
lich graubraun, aber mit schwarzen Schaftflecken, wie 
am Kopfe des Van. gregarius. Auch bei diesem Vogel, 
der sowohl am Don als am Ural bloss verirrt erscheint, 
liesse sich die Verfärbung vielleicht in Petersburg 
beobachten, wie bei Limosa rufa. 



Eine andere Art von Verfärbung abgestorbener Fe- 
dern habe ich an der unteren Wolga, am Ural und in der 
Kirgisensteppe an Wasservögeln beobachtet, und zwar 
im Sommer, wie es scheint, ganz unabhängig von der 
Anlegung eines Hochzeitskleides, da sie nur bei einzel- 
nen Exemplaren vorkommt. Es ist eine rothgelbliche 
Färbung weisser oder grauer Federn; weisser Federn 
am Kopfe und Halse von erwachsenen Individuen 
von Cygnus olor und C. musicus und am Unterleibe 
von Anas crecca und Mergus albellus; grauer Federn 
am Halse und Kopfe von Anser cinereus und von jun- 
gen Exemplaren von C. olor und C. musicus. Von al- 
len diesen Arten werden bloss die im Sommer in den 
genannten Gegenden bleibenden Exemplare, nicht die 
durchziehenden, so verfärbt. Bei den Enten entsteht 
diese Verfärbung meist im Sommerkleide und über- 
haupt bei mageren Exemplaren, die wenig Fett, aber 



— 327 — 

von gelbröthlicher Farbe unter der Haut haben. Be- 
schmutzung durch rothe Erde oder eisenhaltiges Was- 
ser ist es nicht, wohl aber Einsaugen des farbigen Fettes 
aus der Haut in die Feder, durch Capillarität im dün- 
nen Schaft, und Endosmose im weiteren Zellgewebe 
der Fahne. 

Eine eben solche Verfärbung wie die eben er- 
wähnte habe ich aber auch an schon abgezogenen 
Vogelbälgen bemerkt, besonders an den Hinterhals- 
und Oberrückenfedern der Möven, wo an den Feder- 
wurzeln ein gelbrothes Fett in geringer Menge haftete. 
Dieses Fett dringt zuweilen in die Feder und sammelt 
sich in den Zellen der Federspitze, die davon gefärbt 
werden; während die übrigen, der Wurzel näher ge- 
legenen Theile, trotz dem dass der Farbstoff durch 
dieselben ging, farblos bleiben. Dies findet ganz so 
wie am Kopfe des Van. gregarius statt, wo der far- 
bige Saft durch die Federwurzel eindrang und dann 
sich in den Endzellen sammelte, dabei aber nahe am 
Schafte sich verdickte und sein Pigment absetzte. Die 
Farbstoffe sind verschieden, aber der Mechanismus ist 
in beiden Fällen genau derselbe und, in der abgestor- 
benen Feder selbst, sowohl am lebenden Vogel als 
auch am todten Balge, sicher kein Lebensprocess, kein 
Saftumlauf in Capillargefässen sondern ein rein phy- 
sikalischer Process der Capillarität und der Endos- 
mose. Dadurch wird also Brehm's theoretischer Ein- 
wand, dass in der trockenen Feder kein Saftumlauf, 
also auch keine Verfärbung sein könne, gänzlich be- 
seitigt. Wenn am Balge Farbstoff aus der Haut in die 
Feder dringt, was sich in jeder Sammlung bestätigen 



— 328 — 

lässt, so ist auch eine Beobachtung desselben Pro- 
cesses bei dem lebenden Vogel aus theoretischen 
Gründen und bloss scheinbarer Unmöglichkeit wegen 
nicht wegzuläugnen. 

Aber auch der erste Entdecker der Verfärbung, 
Schlegel, ist zu weit gegangen, wenn er die doppelte 
Mauser bei allen Vögeln unbedingt leugnete und bei 
der Verfärbung ein Nachwachsen der abgeriebenen 
Federn behauptete. Dass letzteres blos scheinbar ist, 
bedingt durch Ausschwitzen des Farbstoffs aus ver- 
letzten Zellen der Federbärte, ist schon oben erklärt; 
eine doppelte Mauser aber habe ich bei mehreren 
Vögeln eben so bestimmt beobachtet wie die Gegner 
Schlegel's, obgleich sie andererseits bei manchen 
Vögeln, denen man sie zuschreibt, geleugnet werden 
muss. Aus meinen Beobachtungen ist zu schliessen, 
dass das Hochzeitskleid bei den Vögeln auf sehr ver- 
schiedene Weisen entsteht: 

1) Durch Verfärbung, wie oben beschrieben. 

2) Durch Mauser, d. h. Ausfallen der vorhande- 
nen Federn und Ersetzen derselben durch neue. 
Diese Mauser ist: 

a) Total, wenn das ganze kleine Gefieder zwei- 
mal jährlich gewechselt wird, wobei das 
Hochzeitskleid entweder im Herbst, wie bei 
Anas boschas, oder im Frühjahr angelegt 
wird; oder es fängt die Hochzeitsmauser im 
Herbst an , wird im Winter unterbrochen 
und endigt im Frühjahr, so bei Anas stre- 
pera. Sicher habe ich die vollständige Hoch- 



— 329 — 

zeitsraauser bei den eigentlichen Enten beob- 
achtet; wahrscheinlich mausern auch die Sä- 
ger (Mergusy die Fuligula- Arten wohl nicht 
alle, da einige, wie F. rufina, wahrschein- 
lich sich verfärben. 

b) Partiell, namentlich für Kopf- und Halsfe- 
dern geltend. Ich beobachtete diese Art von 
Mauser bei den Möven; namentlich kommt 
Larus ridibundus im Frühjahr unvermausert 
zum Ural und mausert dort ganz bestimmt. 

3) Durch Nachwachsen neuer Schmuckfedern, na- 
mentlich am Kopfe und Halse, wobei die alten 
Federn nicht ausfallen, sondern die neuen zwi- 
schen denselben wachsen. Dies geschieht: 

a) Mit Farbenveränderung am übrigen Gefie- 
der, wahrscheinlich (nach der Analogie mit 
den Geschlechtsverwandten zu urtheilen) 
durch Verfärbung, z. B. bei Machetes pugnax. 
Dieser kommt zum Ural schon im Hochzeits- 
kleide, aber mit blutigen, noch nicht ausge- 
wachsenen Schmuckfedern; an der Mündung 
des Flusses erscheint er in der Hälfte des 
März und ohne Schmuckfedern, aber solche 
Exemplare habe ich nicht frisch zur Unter- 
suchung erhalten. 

b) Ohne Farbenveränderung: hierher Otis Hu- 
bara, 0. Tarda, die Podiceps- Arten. Otis te- 
trax verbindet diese Mauserform, 36, mit 2b, 
indem bei ihr im Frühjahr die verlängerten 

Mélanges biologiques. IV. 42 



— 330 — 

Schmuckfedern am Halse ausfallende Herbst- 
federn ersetzen. 

4) Durch Abfallen unscheinbar gefärbter Feder- 
spitzen: hierher die meisten Sperlingsvögel, 
dann ganz bestimmt die Saxicola- Arten , denen 
viele deutsche Ornithologen eine doppelte Mau- 
ser zuschreiben, bei denen man aber im Herbst 
bloss die Federn aufzuheben braucht, um die 
durch graubräunliche Federspitzen verdeckte 
Frühlingsfarbe zu sehen. Bei ihnen sind auch 
die Frühlingsfedern gerade um die Länge die- 
ser Spitzen kürzer, als die Herbstfedern; auch 
habe ich sie in verschiedenen Stadien des 
Abreibens beobachtet. Sie nutzen sich wohl 
ab, lassen aber schmale Federsäume von der 
Spitzenfarbe zurück, die abgerieben werden. 

Besonders wurde die doppelte Mauser bei den Mo- 
tacilla- Arten von Brehm entschieden behauptet. Mir 
kommt sie indessen bei ihnen zweifelhaft vor; denn 
bei Motac. flava var. melanocephala war im Herbst 
(Ende August), an der Syr-Darja, die schwarze Früh- 
lingsfarbe des Kopfes schon vorhanden und bloss 
durch unscheinbare Federspitzen verdeckt. Auch war 
bei dieser Art schon im frühesten Frühjahr das Ge- 
fieder sehr schön gelb gefärbt, dabei aber auch Ver- 
stössen, wie bei Saxicola (Syr-Darja, Ende März 
1858). Brehm stützt sich darauf, dass er an Win- 
terexemplaren aus dem Sudan Blutkiele fand; aber 
wir haben schon bei Limosa melanura gesehen, dass 
dies kein Beweis für Normalmauser ist; auch bei der 



— 331 — 

Verfärbung fallen einzelne Federn aus und werden 
durch neue ersetzt. Das Schwärzen des Kopfes und 
der Kehle der Mot. alba lässt sich ebenso durch Ver- 
färbung als durch Mauser erklären, ersteres aber mehr 
übereinstimmend mit dem Frühjahrszustande ihres 
Gefieders. 

Ob aber die Frühlingsverschönerung der Mot. flava 
und ihrer zahlreichen Abänderungen durch eine eben 
solche Verfärbung bedingt wird, wie schon beschrie- 
ben, d. h. durch Pigmentzufluss, darf ich nicht be- 
stimmt sagen, ohne es im Mikroskop gesehen zu ha- 
ben; in den von mir besuchten Ländern kommen die 
gelben Bachstelzen im Frühjahr schon ausgefärbt an. 
Auch ist ihr Gelb eine Spectralfarbe, und solche Far- 
ben werden durch das blosse Austrocknen der Fe- 
der bei chemischer Wirkung des Lichts erhöht. Viel- 
leicht influirt auf dieselben, wie wir gleich erläutern 
werden, auch das atmosphärische Ozon. Bei Coracias 
garrula, Merops apiaster , M. persicus habe ich diese 
Farbenerhöhung aufs Bestimmteste beobachtet. Sehr 
bedeutend ist sie bei Coracias garrula am Kopf, Hals 
und Kropf, die frisch vermausert schmutzig grau- 
grünlich aussehen (und das bei Alten, mit verknö- 
cherten Sehnen), während die daneben gebliebenen ab- 
genutzten Federn schön türkisblau sind. Bei Merops 
persicus sind die frischen Federn grasgrün, in's Oli- 
venfarbige, die abgetragenen schön in's Bläulichgrüne 
übergehend, dunkler als spangrün, heller und bläuli- 
cher als die Malachitfarbe. Diese Federfarben sind 
auch von einer besonderen Zellenstructur begleitet: 
durchscheinende, gleichmässig gefärbte Zellen, durch 



— 332 — 

einfache Linien von einander getrennt, ohne kör- 
nigen Inhalt und ohne doppelte Contoure. Wären sie 
ächte bläschenförmige Zellen, so wären doppelte Con- 
toure sichtbar, dagegen sind sie ohne innere Höh- 
lung, dicht und schwammig, denn die Feder wird 
leicht durchnässt und ist dann von der unscheinbaren 
Farbe der frischgewachsenen, wie wir sie oben er- 
wähnt haben. 

Kehren wir nun zur Verfärbung durch Saftzufluss 
zurück. Diese Verfärbung der Feder ist, wie gesagt, 
eine rein physikalische , keine Lebenserscheinung. 
Aber in der Haut, die nicht abstirbt, ist dieser Saft- 
zufluss eine Lebenserscheinung, dieselbe Erscheinung, 
welche, nur in stärkerem Grade, auch bei der eigent- 
lichen Mauser vorkommt. Bei einem schwächeren 
Saftzuflusse findet Abscheidung von Pigment statt, 
welches wohl im Blutplasma aufgelöst war und in der 
beschriebenen Weise in die schon vorhandenen Federn 
dringt. Bei einem stärkeren Saftzuflusse ist Neubil- 
dung von Federn bedingt, welche die alten verdrän- 
gen (normal), oder zwischen ihnen wachsen (Halskrau- 
sen des Kampfhahns und des Kragentrappen). Den 
Übergang beider Processe in einander habe ich, wie 
gesagt, bei Limosa melanura beobachtet, so dass ihre 
wesentliche Einheit nicht bloss eine theoretische und 
abstracte, sondern eine concrete, thatsächliche ist. 

Wie schon angedeutet, mag wohl das Ozon der 
Luft unter den Ursachen, welche die Verfärbung be- 
dingen, eine wesentliche Rolle spielen; doch will ich 
durch diese Hypothese den (mir übrigens dunkelen) 
Einfluss auch der Sexualerregung nicht leugnen. Das 



— 333 — 

Ozon ist indessen elektrisirter Sauerstoff, der kräfti- 
gere chemische Wirkung hat als Sauerstoff im ge- 
wöhnlichen Zustande: nichts Unwahrscheinliches liegt 
darin, dass eben seine chemische Wirkung, und nicht 
das blosse Trocknen des Saftes, die Farbenintensität 
des eindringenden Pigments in den Federzellen er- 
höht. Nach den Beobachtungen der Physiker (z. B. 
von Camille St. Pierre in Montpellier) ist am mei- 
sten Ozon in der Luft im Frühjahr, zur Verfärbungs- 
zeit, enthalten, mehr bei SO, S und SW Winden, als bei 
den entgegengesetzten ; und wirklich stockte eine noch 
unvollendete Verfärbung vieler Limosen und Strand- 
läufer in der Hälfte des Mai 1861 bei Nordwinden, die 
nach Camille St. Pierre eine Ozonverminderung in 
der Luft bedingen. Nach klinischen Beobachtungen 
endlich verstärkt das Ozon, wie ich von Dr. Delau- 
nay in Moskau erfuhr und wie auch C. St. Pierre 
anführt, Katarrhalkrankheiten , namentlich in der 
Kehle und am Halse. Eben an diesen Stellen wird im 
Frühjahr Neuwachsen der Federn beobachtet, auch 
Hautgeschwülste, wie bei den Trappen und Kampf- 
hähnen. Die Mauser selbst ist ein normaler Hautka- 
tarrh der Vögel, die bekanntlich dabei kränkeln. 
Hautkatarrhe hat Dr. Delaunay bei Menschen beob- 
achtet: Entzündung und Schwellen des Corium, Ab- 
schälen der Epidermis, Schmerz in den Haarwurzeln, 
Haarwechsel charakterisiren dieselben — Alles den pa- 
thologischen Erscheinungen der Mauser höchst ähn- 
lich. Und so wäre das Ozon (was zu seinen chemi- 
schen Eigenschaften trefflich passt) der atmosphäri- 
sche Agent der Verfärbung und Mauser, wenigstens 



— 334 — 

ein Agent, der diese Processe steigert, wenn er sie 
auch bloss in Verbindung mit anderen Ursachen be- 
wirkt. Natürlich aber sind zur Entscheidung darüber 
fleissige Beobachtungen der Mauser und Verfärbung 
nöthig, und zwar mit ozonometrischen verbunden. 



(Aus dem Bulletin, T. VI, pag. 330 — 346.) 



^ Juni 1863. 

Über einen alten Schädel aus Mecklenburg, 
der als von einem dortigen Wenden 
oder ©botriten stammend betrachtet 
wird, und seine Ähnlichkeit mit Schä- 
deln der nordischen Bronze -Periode; 
von 14. JE, v« Baer« 

(Mit einer Tafel.) 

Vorwort. 

Retzius hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, 
dass die Schädel der Slavischen Völker sich durch 
Kürze und entsprechende Breite , gewöhnlich auch 
durch Höhe auszeichnen. Retzius hatte mehrere Sla- 
ven-Stämnie vereinigt. Van derHoeven hat diese 
Verhältnisse im Allgemeinen bestätigt. Meine Mes- 
sungen an Köpfen von Russen aus verschiedenen Ge- 
genden 1 ) haben zwar ein viel geringeres Vorherr- 
schen der Breiten -Dimension in diesem Volke nach- 
gewiesen als Retzius fand, und spätere Beobachtun- 
gen haben es mir bestätigt, was ich schon damals 
geäussert hatte, dass in den Klein -Russen die Bra- 
chycephalie entschiedener und allgemeiner ist als bei 



1) Bulletin de la classe physico- mathématique, T. XVII, N. 12 — 
14, 1858. Späther (1861) in einem Anhange zu Pauly's Peuples de 
la Russie. 



— 336 — 

den Gross-Russen, deren Schädelbau überhaupt mehr 
wechselt; während bei jenen das Hinterhaupt in der 
Regel sehr abgeflacht ist, steht es bei diesen gewöhn- 
lich mehr hervor. Prof. Köper nicki in Kiew hat 
dasselbe Verhältniss aus noch grösserem Material 
nachgewiesen, und mehrere Slavenstämme unter ein- 
ander verglichen 2 ), um für sie Mittelzahlen zu finden. 
Bei den meisten Völkern, deren Sprachen zu dem 
Indogermanischen Sprachstamme gehören, ist die Do- 
lichocephalie entschieden, und wo sie zurücktritt und 
einer mehr breiten Kopiform Platz macht, lässt sich 
die starke Beimischung anderen Blutes theils nach- 
weisen, theils vermuthen. Die Schädel-Form der Ger- 
manischen Völker des Nordens ist an den Schweden 
so vollständig von Retzius beschrieben, dass sie als 
Vergleichungspunkt dienen kann. Sie ist dolichoce- 
phal mit stark vortretender Schuppe des Hinterhaupt- 
beines. Die nördlichen Deutschen schliessen sich die- 
sen an, obgleich die Breiten -Dimension schon etwas 
mehr entwickelt zu sein pflegt. Bei den südwestlichen 
Deutschen nimmt aber die Breiten- Dimension auffal- 
lend zu, und in der Schweiz sind viele Köpfe geradezu 
brachycephal zu nennen. Als Grund dieser Umfor- 
mung kann man die stärkere Mischung mit dem Ur- 
stamme vermuthen, der vor der Einwanderung Ari- 
scher Völker Mittel-Europa bewohnte, und im Berg- 
lande ohne Zweifel am wenigsten zurückwich und 
am längsten sich erhielt, wovon die sogenannten Ro- 
manen noch jetzt die Reste sein werden 3 ). In Frank- 



2) yHHBepCHTeTCKifl HSB-feCTifl N. 1 (1861). 

3) Baer: Über den Schädelbau der Rhätischen Romanen. Bul- 
letin de V Académie de St. -Péter sbourg I. 



— 337 — 

reich scheint die Kopfform nach dem Material, das 
ich gesehen habe , noch mehr zu variiren als in 
Deutschland. Unter den Köpfen, die in der Blumen- 
bachschen Sammlung vorkommen , glaubte ich drei 
verschiedene Typen unterscheiden zu müssen , wie 
sie aber vertheilt sind, ob etwa nach den alten Bevöl- 
kerungen, darüber konnte ich in Göttingen nicht ein- 
mal zu einer vorläufigen Meinung kommen, da alle 
specielleren Nachrichten über die Gegenden, aus de- 
nen die Personen gebürtig waren, deren Köpfe sich 
hier finden, fehlten. Sie waren meist von der gros- 
sen Armee Napoleons I in den Hospitälern Deutsch- 
lands zurückgeblieben. In Paris glaubte ich mich 
im J. 1859 darüber leicht belehren zu können, allein 
so reichhaltig auch die dortige anthropologische 
Sammlung mit Material aus manchen fernen Gegen- 
den, namentlich dem höchsten Norden und der Süd- 
see, auch aus Algerien versehen ist, so fragte ich da- 
mals doch vergeblich nach Köpfen aus verschiedenen 
Gegenden Frankreichs. Nicht einmal Basken-Schädel 
konnte ich zur Ansicht erhalten. Ich muss es also 
ganz unentschieden lassen , ob der brachycephale 
Charakter des letzteren Volkes in der jetzigen Be- 
völkerung des südlichen Frankreichs, die aus mannig- 
facher Mischung entstanden ist, kenntlich geblieben 
ist, wie ich vermuthe 4 ). 

Dass ich diesen Excurs meiner kleinen Mittheilung 
über einen Kopf, den man für den eines alten Wen- 
den aus Mecklenburg hält, voranschicke, geschieht 



4) Damals (1859) bestand die so thätige Société d'anthropologie 
noch nicht. Jetzt wird diese wohl ein reicheres Material zusammen 
gebracht haben. 

Mélanges biologiques. IV. 43 



— 338 — 

nicht etwa, weil ich von der festen Überzeugung 
ausgehe, dass aus ursprünglich völlig verschiedenen 
Typen durch geschlechtliche Mischung die mannigfa- 
chen Modificationen, die sich jetzt unter den nicht 
isolirten Völkern und ihren weiteren Gliederungen 
erkennen lassen, entstanden sind, sondern weil ich 
kein anderes Mittel sehe, positive Begründungen der 
verschiedenen allgemeinen Ansichten , w r elche über 
diese Verhältnisse ausgesprochen werden, zu erhal- 
ten, als sie vorläufig anzunehmen, und zu versuchen, 
in wie weit sie sich durchführen lassen, und gewis- 
senhaft zu notiren, wo sie nicht ausreichen. Mir 
scheint es überhaupt jetzt viel weniger Bedürfniss 
Classificationen des ganzen Menschengeschlechtes zu 
entwerfen, weil das Material dazu viel zu dürftig ist, 
als für die leitenden Grundansichten Begründung zu 
gewinnen. 

Von der einen Seite glaubt man, Clima, Nahrung, 
Lebensweise und überhaupt äussere physische Ein- 
wirkungen aller Art haben in dem ursprünglich ein- 
heitlichen Character des Menschengeschlechtes die 
verschiedenen Variationen erzeugt. Fast wie die Cre- 
tin-Bildung ohne Zweifel eine krankhafte Umbildung 
ist, welche durch äussere Verhältnisse erzeugt wird, 
sollen auch die gesunden Stamm- Verschiedenheiten 
sich erzeugt haben , allerdings nur in sehr langen 
Zeiträumen und durch viele Generationen hindurch. 
Als Repräsentanten dieser Ansicht kann man Blu- 
men bach und überhaupt die älteren Anthropologen 
bis P richard betrachten. Dieser Ansicht entgegen 
steht eine andere, jetzt besonders in Amerika ver- 
fochtene, welche ursprünglich verschiedene Formen 



— 339 — - 

annimmt, die sich unverändert erhalten sollen, wenn 
sie nicht gemischt werden. Eine dritte Ansicht nimmt 
vorzüglich im Schädelbau eine Ausbildung mit der 
Zeit an, die besonders von der geistigen Ausbildung 
abhängig wäre. Diese Ansicht ist vorzüglich durch 
den Abbé Frère 5 ) verfochten, der den zahlreich von 
ihm in Frankreich ausgegrabenen Schädeln ansehen 
zu können glaubte, aus welcher Zeit sie stammen. 
Ganz abgesehen von den phantasiereichen Suppositio- 
nen, an denen sein Buch leidet, und die ihm geringe 
Beachtung von Seiten der Anthropologen zugezogen 
haben, stimmt doch die Grund -Ansicht mit der weit 
verbreiteten Überzeugung überein, dass bei höherer 
geistiger Entwicklung das Hirn sich vergrössert, und 
umgekehrt eine höhere Entwicklung des Hirns auch 
mehr geistige Befähigung bedingt. Wir dürfen aller- 
dings nicht mehr behaupten, dass die grössere Räum- 
lichkeit des Schädels, abhängig von dem grösseren 
Volumen des Hirns, das volle Maass für die geistige 
Ausbildung oder auch nur die geistige Anlage ist, 
seitdem Tiedemann durch Messungen das grösste 
Volumen an einem Botokuden nachgewiesen hat, auch, 
wie Retzius sagt, die Schwedischen Bäuerinnen grös- 
sere Schädelhöhlen haben als Schwedische Frauen 
höherer Stände, und Rudolph Wagner nachgewiesen 
hat, wie unsicher begründet die Lehre von dem gros- 
sen Volumen des Gesammthirns bei geistiger Bega- 
bung noch ist. Neuerlich hat Herr Broca gezeigt, 
dass unter altfranzösischen Schädeln die Mittelform, 
die wahrscheinlich durch die Vermischung zweier he- 



5) Principes de la philosophie de Vhistoire, par Vabbé Frère. 



— 340 — 

terogener entstanden ist, weniger geräumig ist als 
diese beiden. Solche und ähnliche Erfahrungen schei- 
nen nur nachzuweisen, dass diejenigen Theile, von 
welchen die Bewegungen bedingt werden, eben so 
wohl Ansprüche auf Räumlichkeit im Hirn haben, 
als die Apparate für geistige Functionen. Eine stär- 
kere Übung der Muskulatur des Leibes wird wahr- 
scheinlich auch eine stärkere Entwickelung der mo- 
torischen Organe zur Folge haben, die ihrerseits wie- 
der bei besserer Entwickelung die Muskeln kräftiger 
anregen werden. Es werden also wohl nur einzelne 
Theile des Hirns, und namentlich die Hemisphären 
oder einzelne Abschnitte derselben sein, deren Ent- 
wickelung mit der geistigen Begabung adäquat sein 
wird. Eine gewisse Fülle des Hirns, namentlich in 
der Stirn- und Scheitelgegend, wodurch diese bes- 
ser gewölbt werden, dürften doch der geistigen Be- 
fähigung entsprechen. Wenigstens wird man den di- 
klinischen, nach beiden Seiten stark abfallenden Schei- 
tel der Esquimaux, Neuholländef , Tungusen und an- 
derer Völker bei geistig vorgeschrittenen kaum fin- 
den. In dieser Beziehung scheinen die Indogermani- 
schen Völker mir wirklich einen Fortschritt mit der 
Zeit nachzuweisen, was hier aber nicht weiter durch- 
geführt werden kann. Überhaupt soll hier keine die- 
ser Ansichten verfochten werden. Alle drei berufen 
sich auf Erfahrungen, aber meistens auf sehr verein- 
zelte. Vielleicht sind auch alle drei wahr, so dass 
wir mit sehr complicirten Verhältnissen zu thun ha- 
ben. Ich gestehe, dass ich vorläufig dieser Überzeu- 
gung mich nicht entziehen kann. Aber je complicir- 
ter die bedingenden Verhältnisse sein mögen, um so 



— 341 — 

mehr müssen wir ungefähr so verfahren wie mit al- 
gebraischen Aufgaben, in denen mehrere unbekannte 
Grössen vorkommen. Wie man dort, um die unbe- 
kannten Grössen bestimmen zu können, für jede eine 
besondere Gleichung suchen muss, so gehört für un- 
sere Aufgabe für jede der einzelnen Meinungen oder 
Etypothesen eine besondere Vergleichung, aber frei- 
lich nicht mit geringem Material, nämlich nicht mit 
Einzelheiten, sondern mit Summen und Mittelzahlen. 
Nur wenn wir jede Hypothese einzeln prüfen, werden 
wir die Wahrheit jeder einzelnen beurtheilen können, 
aber auch noch die mehrseitige Einwirkung nachwei- 
sen können, wenn sie besteht. 

So habe ich hier des früher schon ausgeführten 
Versuches erwähnt, die Variationen des nordgerma- 
nischen, Allemannischen und Schweizerisch-Alleman- 
nischen Kopfbaues von Vermischung mit früheren 
Bewohnern des Landes abzuleiten. Ähnliches wird 
sogleich in Bezug auf die Slaven berührt werden. Da 
auch im Norden Schottlands die brachycephale Kopf- 
bildung nicht selten vorkommen soll, so vermuthet 
man auch hier einen Vor -Keltischen Stamm. Es 
könnte aber auch sein, dass der Grund ein anderer 
wäre. Es scheint fast als ob das Leben auf den Ber- 
gen in der Folge der Generationen eine Erhöhung 
und damit verbundene Verkürzung des Schädels ver- 
anlasste. Es ist auffallend, dass in Neu -Guinea die 
Bewohner der Küsten einen viel flacheren Schädel zu 
haben scheinen als die Bewohner des Innern. Lappen 
und Esquimaux haben sehr typische Schädel, die 
aber ganz verschieden von einander sind, bei den Es- 
quimaux ist er lang, bei den Lappen kürzer, aber im 



— 342 — 

Verhältniss zur Länge höher und breiter; die f^squi- 
maux sind ein Ufervolk, die Lappen vorherrschend 
ein Bergvolk. Die Kaukasischen Bergvölker haben 
auffallend hohe und kurze Schädel , besonders die 
Lesghier, die Tscherkessen sind etwas mehr dolicho- 
cephal. Wie viel mag daran der ursprüngliche Typus 
Antheil haben? Ich weiss es nicht. Auch unter den 
Slavischen Völkern, deren Köpfe ich gesehen habe, 
haben die Bergbewohnenden Slowaken die kürzesten 
und höchsten Köpfe. Dennoch darf man nicht glau- 
ben, dass die Höhe des Wohngebietes immer im Ver- 
hältniss zur Höhe des Schädels steht, denn die Kir- 
gisen haben kurze hohe Köpfe. Aber mir ist von kei- 
nem Bergvolke ein so langer und sackförmig nieder- 
gedrückter Schädel vorgekommen, wie Blu m e nb ac h's 
alter Bataver, oder zwei andere Schädel, die in sei- 
ner Sammlung sind und von der Insel Marken stam- 
men. Verkürzt nun das Leben auf Bergen die Schä- 
del, so könnten die Schweizerischen nicht nur, son- 
dern auch die Romanischen durch diesen Einfluss 
ihre Form erhalten haben, die sie lange Zeit in den 
Ebenen forterben werden. Ich darf mich auf die bra- 
chycephalen Schotten nicht berufen , da ich nicht 
weiss, ob sie mehr den Bergen oder den Küsten an- 
gehören. Es w 7 äre wünschenswerth , dass man die 
Sache untersuchte. Diejenigen Schottischen Schädel, 
die ich gesehen habe, waren alle dolicocephal, wie 
überhaupt alle , welche entschieden Keltischen Ur- 
sprungs sind. 

Deswegen könnte man den auffallend grossen und 
langen Schädel aus alter Zeit, den Herr Prof. Schaaf- 
hausen in Müller's Archiv 1858, S. 153 beschrie- 



— 343 — 

ben und abgebildet hat, so lange noch für einen Kel- 
tischen oder Kimrischen halten , — allerdings mit 
ganz ungewöhnlich starker Entwickelung der Augen- 
braunen -Bogen und Flachheit der Stirn — bis noch 
mehr Nachweise von einem Europäischen Urvolke 
mit langgezogenen und zugleich grossen Schädeln vor- 
liegen. Wenn der bei Moulin-Quignon in der Picardie 
von Herrn Boucher de Perthes neulich gefundene 
Unterkiefer sich als acht erweist, könnte er dazu 
Veranlassung geben, denn dieser Unterkiefer kann 
offenbar nur zu einem langgezogenen Schädel mit vor- 
tretendem Oberkiefer gehören. Bis aber dieser Be- 
weis durchgeführt ist, scheint mir von ganz alten Euro- 
päischen Kopfformen nur die brachycephale, welche 
man in den Basken, Romanen und Lappen erhalten 
findet, vollständig nachgewiesen. 

Diese Bemerkungen habe ich dem nachfolgenden 
kleinen Aufsatze vorsetzen wollen, der schon vor 3 
Jahren abgefasst war, und zu dem die Lithographien 
auch schon vor 2 Jahren angefertigt wurden. Es hat- 
ten damals die Arbeiten der société d'anthropologie zu 
Paris begonnen, welche manche verwickelte allgemeine 
Fragen der Anthropologie durch vielseitige Bespre- 
chung ihrer Lösung näher zu bringen versuchten. Ich 
legte nun den nachfolgenden Aufsatz in der Hoffnung 
zurück, dass die sehr widersprechenden vorgefassten 
Meinungen über die Variabilität der Schädelform ent- 
weder mehr begründet oder widerlegt werden würden. 
Indessen erlitt ich aus mir unbekannten Gründen eine 
Unterbrechung im Empfange der Bulletins der ge- 
nannten Gesellschaft. Auch jetzt habe ich sie erst bis 
zum Schlüsse des zweiten Jahrganges (1861) erhal- 



— 344 — 

ten, nicht aber den dritten (1862), der ganz vergrif- 
fen sein soll. 

Indessen glaube ich doch den nachfolgenden Auf- 
satz, so wie er vor 2 Jahren abgeschlossen wurde, ver- 
öffentlichen zu müssen. Giebt er Veranlassung, dass 
man grössere Bruchstücke von verbrannten Wenden- 
köpfen mit dem beschriebenen vergleicht, so wird sich 
wohl zeigen, ob sie zu derselben Form gehören. Sollte 
sich erweisen, dass die abgebildete Kopf-Form wirk- 
lich die gewöhnliche in den sogenannten Wenden-Grä- 
bern ist, so darf man an die Archäologen wohl die 
Frage richten, ob denn das sicher die Gräber der al- 
ten Slaven sind. Der Volksname ist oft sehr trügerisch. 



Auf einer Reise, die ich im Jahre 1859 durch 
einen Theil Deutschlands machte, besuchte ich auch 
die Sammlung von Alterthümern in Schwerin. Es lag 
mir daran, eine Ansicht von den Resten der früher 
dort einheimischen Slavischen Bevölkerung zu erhal- 
ten, besonders aber ihre Schädelform, wo möglich, 
kennen zu lernen, da ich wünschte der Slavischen 
Grundform des Kopfbaues näher zu kommen, weil (wie 
gesagt) die Kleinrussen in der Regel ein sehr abgeflach- 
tes Hinterhaupt haben, und der Schädel dem ent- 
sprechend breit und hoch ist, bei den Grossrussen 
dieselben Verhältnisse viel weniger ausgeprägt sind, 
und überdies die Schädelform mehr wechselt. Da 
nun im südlichen Russland sehr lange Türkische 
Völker gelebt haben, und zum Theil noch leben, die 
Schädel dieser Völker nicht nur überhaupt sich durch 
Kürze, Breite und Höhe bemerklich machen, sondern 



— 345 — 

insbesondere die aus den Kurganen (Grabhügeln) der 
südlichen Steppen ausgegrabenen Schädel, von denen 
eine bedeutende Anzahl in unserer Sammlung sich 
findet, durch diese Verhältnisse sich auszeichnen, 
viel mehr als die jetzigen Tataren von Kasan, so liegt 
die Vermuthung sehr nahe, dass in den Klein-Russen 
eine starke Vermischung des Slavischen Blutes mit 
dem Türkischen sich fortgeerbt und einen eigenen Ty- 
pus gebildet habe. Jetzt ist die Vermischung des Rus- 
sischen und Tatarischen Blutes wohl nur gering, al- 
lein der Grund liegt in der Verschiedenheit der Re- 
ligionen und in der Abgeschiedenheit des weiblichen 
Geschlechtes bei den Muhammedanischen Völkern. 
Vor der Verbreitung des Muhammedanismus und vor 
Einführung der Christlichen Religion in Russland, 
wird die Scheidung der Slavischen und Türkischen 
Völker ohne Zweifel viel geringer gewesen sein. Den 
historisch bekannten Türkischen Völkern gingen im 
südlichen Russland die Skythen Hero dot's vorher. 
Die Schädelform dieses Volkes muss ich nach Aus- 
grabungen, die vor einigen Jahren gemacht wurden, 
für noeh breiter als die Türkischen halten. In wie 
weit bei den Gross -Russen eine Mischung mit Finni- 
schen Völkern kenntlich sei, und in welchem Maasse 
sie stattgefunden habe, darüber eine bestimmte Mei- 
nung mir zu bilden, schien mir das zu Gebote ste- 
hende Material noch nicht hinreichend. Ich gedenke 
bei anderer Gelegenheit die Schädel -Formen in den 
Finnischen Völkern zu behandeln. Bemerken will ich 
nur im Vorbeigehen , dass keinesweges alle Finni- 
schen Völker brachycephal zu nennen sind, wie Ret- 
zius die eigentlichen Finnen fand. Die Wogulen sind 

Mélanges biologiques. T. IV. 44 



— 346 — 

entschieden dolichocephal. Hier berühre ich diese 
Frage nur, um darauf hin zu weisen, wie viel mir 
daran liegen musste , den Slavischen Grund-Typus 
aufzufinden, oder wenigstens ein Slavisches Volk, bei 
welchem keine wesentliche Beimischung mit Finni- 
schem Blute stattgefunden hatte. Das letztere Hess 
sich von den Resten der Obotriten, der Slavischen 
Bevölkerung Meklenburgs vor Einwanderung der 
Germanen, erwarten. Daher mein Interesse für die 
Gräberfunde in Meklenburg. Ich fand in der Samm- 
lung zu Schwerin nur Einen Kopf, den man als den 
eines Wenden dortiger Gegend aufgehoben hatte. 

In den Grabstätten, welche im Meklenburgischen 
von dem Volke Wenden- Kirchhöfe genannt werden, 
und welche auch von den Historikern als solche, d.h. 
als Slavische, angesehen werden, findet man in der 
Regel die Leichen verbrannt, und die nach dem Ver- 
brennen übrig bleibenden Reste in grosse Urnen ge- 
sammelt. Nur als seltene Ausnahme hatte man den 
aufgehobenen Kopf in einem sogenannten Wenden- 
Kirchhofe zu Börzow bei Grevismülüen gefunden, ohne 
Zeichen, dass er dem Feuer ausgesetzt gewesen wäre. 
Bei diesem Kopfe hatte man aber auch die anderen 
zu dem Skelete gehörigen Knochen gefunden , und 
ausserdem noch ein zweites Skelet, auch ohne An- 
zeichen von Verbrennung, das zwischen den Urnen 
lag. Gerade dieses sehr kenntliche Skelet, auf das 
man beim Tieferlegen einer Landstrasse stiess, gab 
Veranlassung, die Umgegend näher zu untersuchen 
und den Wenden-Kirchhof zu entdecken, der im Übri- 
gen eine Menge Urnen enthielt, in denen verbrannte 
Knochen-Reste sich fanden. 



— 347 — 

Die Wenden -Kirchhöfe, oder Slaven- Gräber, wie 
Herr Lisch sie auch nennt, sind nämlich wahre Grab- 
höfe, oder Sammelplätze für zahlreiche Bestattungen. 
Man beschreibt sie als «langgestreckte, oft unschein- 
«bare Erhebungen auf Ebenen oder natürlichen Ab- 
gängen, ohne bestimmte Form. In diesen unbestimmt 
«geformten Erhebungen stehen die Urnen in unglaub- 
«licher Menge, am Rande umher zwischen kleinen 
«Steinen verpackt, im Innern dicht gedrängt in der 
«Erde, oft auch zwischen kleinen Steinen, nicht tief 
«unter der Erdoberfläche. In den Urnen findet man 
«(zwar) Geräth aller Art . . . , aber sie enthalten immer 
«Knochen und Asche; von Bestattung der Leichen ist 
«keine Spur» (so schrieb Herr Lisch noch im Jahre 
1837), «eben so wenig von Brandstätten, da der Bei- 
«setzungs-Platz für die Urnen nicht zugleich die 
«Brandstätte gewesen zu sein scheint. Die Urnen 
«sind zwar denen in den Kegelgräbern in einiger Hin- 
«sicht ähnlich, aber die meisten unterscheiden sich 
«charakteristisch von denselben, so dass es in der Zu- 
«kunft gelingen kann, die Gräber selbst nach Urnen- 
« Scherben zu erkennen, wenn auch andere Kennzei- 
chen fehlen. Die Urnen in den Wenden-Kirchhöfen 
«sind von feinerer Masse und regelmässiger geformt, 
«so dass der Gebrauch der Töpferscheibe bei ihnen 
«wahrscheinlicher ist. Häufiger sind sie mit einem 
«platten einpassenden Deckel bedeckt, welcher frei- 
«lich gewöhnlich zerbrochen ist, während die Urnen 
«in den Kegelgräbern gewöhnlich mit platten Steinen 
«zugedeckt sind, was jedoch auch in den Kirchhöfen 
«beobachtet ist. Der Hauptcharakter in den Slavi- 
« sehen Urnen liegt aber in ihrer Form und Verzie- 



— 348 — 

«rung. Während die Grabgefässe in den Kegelgräbern 
«mehr gleichmässig in ihrer Weite von oben nach 
«unten und mehr edel und kräftig in ihren Umrissen, 
«oder auch mit engem Halse und gehenkelt gebildet 
«sind, ist die Form der Slavischen Urnen, wenn auch 
«mehr ausgearbeitet, doch gewissermassen etwas über- 
« trieben: sie sind oben weit geöffnet und laufen 
«nach dem Boden hin sehr spitz zu, so dass man 
«sie oft kaum berühren kann, ohne sie umzustossen. 
«Die Verzierungen sind aber vorzüglich eigenthüm- 
«lich: sie bestehen nämlich nicht selten aus paralle- 
«len, in spitzen oder rechten Winkeln gebrochenen 
«Linien, den Mäanderformen ähnlich, und sind offen- 
«bar mit einem viereckig gezahnten, wahrschein- 
«lich radförmig gearbeiteten Instrumente eingedrückt. 
«....Oft sind die verzierten Urnen mit Asphalt von 
«tief schwarzer Farbe überzogen, die übrigen sind 
«bräunlich gefleckt gebrannt, jedoch selten so hell 
«wie die Germanischen Urnen.... Auffallend ist die 
«sehr grosse Zahl der Urnen, welche in der Regel 
«sehr gut erhalten sind, wenn Unverstand sie nicht 
«zerstört hat. Alle diese Eigentümlichkeiten, ja die- 
« selben Formen finden sich in den verschiedensten 
«Gegenden Meklenburgs wieder; stimmen auch auf- 
« fallend mit den in der Mark Brandenburg zahlreich 
«gefundenen Urnen überein, während in den Kegel- 
«gräbern gewöhnlich jedes Stück des Alterthums 
«zwar dieselbe allgemeine Grundform, aber doch im- 
«mer seine besondere Gestaltung hat. Die in den 
«Wenden-Kirchhöfen gefundenen Geräthschaften las- 
«sen mit den in den Kegelgräbern gefundenen durch- 
«aus keine Vergleichung zu. Hier in den Wenden- 



— 349 — 

«Kirchhöfen ist Alles mehr neu und bekannt, an die 
«moderne Zeit gränzend, ja mit ihr übereinstimmend. 
«Alles Fremdartige ist geschwunden: es fehlen die 
«frameae, die Handbergen, die antiken Hefteln mit 
«den Spiralwindungen und Spiralverzierungen, die 
«Spiralcy linder, die kurzen ehernen Schwerter u. s. 
«w. Das Material, aus dem die meisten Sachen ge- 
wfertigt sind, ist Eisen; aus Eisen sind die Schwer- 
ter, Lanzen, Pfeile, Schilde, selbst Streitäxte, Messer, 
«Ringe u. s. w, Eigenthümlich sind den Wenden- 
« Kirchhöfen lange, gerade, wahrscheinlich einschnei- 
«dige Schwerter, in mehrere Enden (an mehreren 
«Stellen?) zusammen gebogen, um sie in die Urnen 
«legen zu können, eine Erscheinung, welche dem 
«skandinavischen Norden völlig fremd ist, welche da- 
«gegen bei Ruppin neben einem mit christlichen Sym- 
«bolen verzierten ehernen Gefässe beobachtet ward; 
«eigenthümlich sind ihnen die grossen, hutförmigen 
«eisernen Schildbuckel; eben so modern sind die ge- 
«raden, spitzen Messer, die Lanzenspitzen, — Ge- 
«räthe, welche vorzüglich viel in der Altmark gefun- 
«den sind. Bronze (Erz) tritt in den Hintergrund; 
«nur einzelne Gegenstände sind aus Erz gefertigt, 
«z. B. kleine Ringe, Knöpfe, Schnallen, Nadeln, mo- 
«derne Stopfnadeln, Verzierungen auf Eisen, nament- 
«lich Eichelverzierungen, welche man wohl für Glok- 
«ken gehalten hat, und die immer in derselben Ge- 
«stalt wiederkehrenden Brusthefteln mit gebogenem 
«Bügel und einer kleinen dünnen Nadel, während alle 
«diese Gegenstände auch aus Eisen neben andern der- 
« selben Art aus Erz vorkommen. An diesen Geräthen 
«aus Erz ist der edle Rost noch nicht bemerkt; ge- 



— 350 — 

«wohnlich sind sie mit einem mehlartigen Anfluge 
«von matt grünem Oxyd bedeckt. Gold ist nie De- 
cern erkt; dagegen findet sich häufig Silber bei allen 
«Gegenständen, die aus Erz vorkommen; im skandi- 
«navischen Norden fällt Silber in die letzte Periode 
«des Heidenthums und in den Anfang des Christen- 
«thums. . . . Als Verzierungen kommen blaue und 
«buntfarbig eingelegte Glasflüsse häufig vor, so 
«auch Bernstein; sauber gearbeitete Gegenstände aus 
«Knochen, wie z. B. Kämme, werden öfters gefunden; 
«Darstellungen roher menschlicher Figuren und ring- 
« förmige Schnallen mit christlichen Inschriften in den 
«lateinischen Schriftzügen des 12ten und 13ten Jahr- 
«hunderts werden in Urnen gefunden, welche eine 
«Vergleichung mit denen aus den Wenden -KirchhÖ- 
«fen aushalten» 6 ). 

Der letzte Satz ist nicht bestimmt genug ausge- 
drückt, um ein sicheres Verständniss zu geben. Es 
scheint aber, dass der Herr Verfasser damit hat sagen 
wollen, dass Spuren einer christlichen Cultur vor- 
kommen, wie er sich später ausdrückt. Indessen sind 
die Andeutungen von Berührung mit christlicher Cul- 
tur weder häufig, noch entscheidend. Wohl aber lässt 
der gewöhnliche Gebrauch des Eisens für die schnei- 
denden Werkzeuge eine späte Periode erkennen. Da 
überdies diese Art von Gräbern so weit verbreitet 
vorkommen soll, als nach historischen Nachrichten 
Slaven gegen Westen und Norden vorgedrungen wa- 
ren, und die Formen der Gegenstände andere sind, 



6) Andeutungen über die altgermanischen und slavischen Grab- 
alterthümer in Meklenburg, v. S. C. Lisch, Archivar u. s. w. 1837. S. 
19 — 23. 



— 351 — 

als bei solchen Völkern, die mit Rom in näherer Be- 
rührung standen, so kann man auch wohl der Über- 
zeugung sich kaum entziehen, dass diese Kirchhöfe 
den Slavischen Einwohnern angehörten, welche das 
einwandernde Christenthum hier vorfand. 

Aber die Form des Schädels, den wir hier zu be- 
sprechen haben, einer von den sehr wenigen, die 
in diesen Urnen -Ansammlungen unversehrt aufgefun- 
den sind, und der einzige, welcher aufgehoben ist, 
unterscheidet sich so auffallend von der typischen 
Kopfform der in dieser Beziehung bekannten Slavi- 
schen Völker, dass man bezweifeln darf, ob er einem 
Slavischen Volke angehört habe. Sollte erwiesen wer- 
den können , dass diese kleine , aber langgezogene 
Form mit vortretendem Gesichte und mit einem Schei- 
tel, der in der Mittellinie dachförmig erhoben und 
nach den Seiten abfallend ist, die gewöhnliche Form 
der Meklenburgischen Slaven war, so wäre zwar der 
auffallende Umstand beseitigt, dass ein Volksstamm 
mit Indoeuropäischer Sprache, wie der Slavische, 
in der Kopfbildung von andern Indoeuropäern, und 
namentlich von den Hindus so auffallend abweicht, 
denn der Kopf, den man hier von allen Seiten abge- 
bildet finden wird, ist von den Köpfen, die man als 
typische Hindu -Köpfe in den Sammlungen findet, 
nicht sehr verschieden. Allein wenn dieser Kopf ty- 
pisch für die Obotriten und mit diesen für den Slavi- 
schen Stamm überhaupt gelten darf, so wären die 
Gründe aufzusuchen, wodurch die Kopfform so vieler 
jetzigen Slavischen Völker, namentlich der Russen, 
Polen, Czechen, wie es scheint auch der Slowenen in 
Ungarn, von denen ich jedoch nur einen Kopf ge- 



— 352 — 

sehen habe, so sehr abweicht. Ich äusserte schon in 
Schwerin mein Bedauern gegen Herrn Lisch und 
bemerkte, dass dieser Kopf sehr mit der Form über- 
einstimmte, die ich für die wahre Keltische halte, 
nach Formen aus alten Gräbern im mittleren Frank- 
reich, nach einem Kopfe von den Hebridischen In- 
seln in Blumenbach's Sammlung u. s. w. Herr Lisch 
erklärte , dass die Grabhöfe Slavischen Ursprungs 
seien, lasse sich wohl kaum bezweifeln, dass die Paar 
unverbrannten Leichen die man darin gefunden, ganz 
anderen Ursprungs seien, wäre aber sehr möglich. — 
Nachdem ich den Bericht über die Ausgrabung des 
Gottesackers, in welchem die beiden unverbrannten 
Leichen gefunden sind, gelesen habe 7 ), zweifle ich 
nicht mehr, dass diese nicht zu dem Volke gehörten, 
dessen Reste in den Urnen liegen. Die Urnen dieses 
Begräbnissplatzes hatten die gewöhnliche Form der 
Urnen in Wenden-Gräbern, waren mit ähnlichen Ver- 
zierungen versehen , und enthielten ausser einigen 
Schmucksachen aus Bronze (Hefteln), Werkzeuge aus 
Eisen, und namentlich waren die schneidenden Werk- 
zeuge, eine Axt, zwei Messer und zwei Sicheln aus 
Eisen. Die beiden Skelete aber lagen zwischen den 
Urnen am Abhänge des Begräbnissplatzes; ob auf 
zerbrochenen Urnen, ist leider nicht gesagt. Es wird 
nur bemerkt, dass viele zerbrochene Urnen zu Tage 
gekommen sind. Die beiden Gerippe scheint man 
ziemlich vollständig gefunden und keine Einwirkung 
des Feuers auf sie bemerkt zu haben. Unter diesen 
Umständen wird man es wahrscheinlich finden, dass 



7) Erster Bericht über das gr. Mek. Antiquarium zu Schwerin, 
von Lisch, IS44. S. 17. 



— 353 — 

die beiden hier verscharrten Personen nicht zu dem 
Volke gehörten, dessen Leichen bei der Bestattung 
verbrannt wurden. Es wäre möglich, dass später zwei 
Zigeuner auf dem schon längst verlassenen Begräb- 
nissplatze verscharrt wurden, möglich aber auch, dass 
von den Obotriten selbst zwei Individuen eines frühe- 
ren, vielleicht unterjochten Stammes, die man des 
Verbrennens nicht würdig hielt, zwischen ihre Urnen 
begraben wurden 8 ). Im ersten Falle hätte man Urnen 
zerschlagen müssen, um den Leichen Platz zu schaf- 
fen, denn die Slaven stellten jene dicht an einander. 
Leider ist, wie gesagt, nicht berichtet worden, ob un- 
ter den Skeleten Scherben lagen. Noch jetzt hat der 
Schädel der Zigeuner Ähnlichkeit mit dem der Hin- 
dus, obgleich er geräumiger ist, nach den Exempla- 
ren in der Blumenbach'schen Sammlung und in an- 
deren zu schliessen. Dass der zu Börzow unversehrt 
ausgegrabene Kopf aber auch mit einem viel älteren 
— aus der Bronze-Periode nämlich — sehr viele Ähn- 
lichkeit hat, werden wir sogleich hören. 

Ich liess diesen Kopf photographiren , und zwar 
von der Seite (Fig. 1), von vorn (Fig. 2), von hinten 
(Fig. 3), von unten (Fig. 4), und von oben (Fig. 5), 
und zwar so, dass die Ebene, welche durch beide 
Ohröffnungen und den Boden der Nase geht, entwe- 
der ganz horizontal liegen sollte (bei den Fig. 1 — 3), 
oder ganz senkrecht (bei den Fig. 4 und 5), und nahm 
die hauptsächlichsten Maasse. Meine Absicht war, 



8) Dass dieser Begräbnissplatz der frühesten Zeit der Slaven- 
Periode angehört, scheint der Umstand anzudeuten, dass man Hef- 
teln aus Bronze mit Spiralwindungen fand, die in einer früheren Pe- 
riode sehr allgemein waren, aber in Wenden - Kirchhöfen gewöhn- 
lich fehlen (siehe oben). 

Mélanges biologiques. IV. 45 



— 354 — 

für künftige Vergleichungen alter Gräberfunde in 
Russland Material zu gewinnen, aber auch die Anti- 
quare Meklenburg's darauf aufmerksam zu machen, 
dass unter den verbrannten Knochen der Slaven-Grä- 
ber zuweilen ein vollständiges Stirnbein oder ein 
grösseres Stück vom Hinterkopf sich finden mögen, 
die beurtheilen lassen werden, ob auch in den ver- 
brannten Leichen der Scheitel so dachförmig war 
d. h. in der Mitte erhoben und zur Seite stark abfal- 
lend, wie hier Fig. 2 u. 3 anschaulich machen. 

So hatte ich mir durch die genommenen Maasse 
und durch Anfertigung der Photographien Material 
für eine künftige Yergleichung vorbereitet. Ein An- 
regung mich derselben wieder zuzuwenden, erhielt 
ich von Aussen. 

Durch die zuvorkommende Güte des Conferenz- 
rathes Thomsen zu Kopenhagen, des ehrwürdigen 
Begründers und unermüdlichen Mehrers der dortigen 
Sammlung nordischer Alterthümer, erhielt ich in der 
zweiten Hälfte des Mai 1861 den Gyps-Abguss von 
einem fast vollständigen Schädel aus der dortigen 
Bronze -Periode. Herr Thomsen bemerkt ausdrück- 
lich, da er aus langer Erfahrung wisse, wie höchst 
selten ganze Köpfe aus der nordischen Bronze -Pe- 
riode gefunden werden, weil mit sehr wenigen Aus- 
nahmen die Todten damals verbrannt wurden, so 
glaube er, dass der Abguss willkommen sein werde. 
Das ist er in hohem Grade , und ich hoffe , dass er in 
der Akademischen Sammlung, der ich ihn einverleibt 
habe, ein wichtiges Object der Vergleichiing mit künf- 
tigen Russischen Gräber-Funden abgeben wird, für 
deren umsichtigere und deshalb erfolgreichere Aus- 



— 355 — 

beutung alle Vorbereitungen getroffen sind, so weit 
sie von der Akademie abhängen. 

Herr Thomsen fügt noch einige Nachrichten hinzu, 
welche ich nicht unterlassen will, hier mit aufzuneh- 
men. «Der Schädel stammt aus einem Grabhügel bei 
«Sjerdrup auf Seeland und scheint zu einer Übergangs- 
« Periode zu gehören, indem man mitten im Hügel 
«eine 4 Ellen lange und verhältnissmässig breite, aus 
«Feldsteinen zusammengesetzte Kiste fand, worin 6 
«Leichen in Sand niedergelegt waren, freilich sehr 
«aufgelöst, doch unverbrannt. Bei diesen fanden sich 
«einige Bronze- Alterthümer, und auf einem Armkno- 
«chen und Schlüsselbeine spürte man Kupfer- Oxyd. 
«Dass dieses Grab zu einer Übergangs -Periode ge- 
whört, wird noch deutlicher dadurch, dass man an 
«der südwestlichen Seite ein später zugefügtes Grab 
«fand, mit einer Grab-Urne mit verbrannten Knochen, 
«und unter diesen einen bronzenen Ring, ganz so wie 
«wir ihn oft in den gewöhnlichen Gräbern vom Bronze- 
« Alter finden. Ich gebe im Allgemeinen nicht viel 
«auf vereinzelt stehende Funde, indem es eben die 
«Menge von gleichartigen ist, die uns Licht und Si- 
ft cherheit geben. Ich hoffe auch, dass es uns gelingen 
«wird, diesen Erstling mit andern Funden zu stützen; 
«bis dahin müssen Sie mit dem guten Willen vorlieb 
«nehmen«. 

Es scheint also der erste vollständige Schädel aus 
der Bronze-Periode zu sein, den man in Kopenhagen 
besitzt. Gewiss kann man aus einem Kopfe nicht viel 
und nicht sicher schliessen. Allein diese Form steht 
doch nicht ganz isolirt da. 

Der ganze Kopf ist klein, entschieden dolichoce- 



— 356 — 

pliai, ein wenig prognath, mit schmaler und niedriger 
Stirn, der Scheitel ist stark diklinisch, d. h. in der 
Mittellinie (Firste) bedeutend erhöht, und zu beiden 
Seiten stark abfallend, wodurch die Scheitelhöcker 
(tubera parietalia) etwas tief im Verhältniss zur Schei- 
telfirste zu stehen kommen. Nur hinten, wo der Schei- 
tel gewölbt absteigt um das Hinterhauptsbein zu er- 
reichen, wird das Gewölbe der Scheitelbeine flacher, 
und die Firste der Mittellinie geht sogar in eine läng- 
liche Vertiefung über. Von dem Hinterhauptsbein 
steht die obere Hälfte bis zur Hinterhauptsleiste (Lin. 
semicirc. superior.) stark vor, und die stärkste Vorra- 
gung ist auf V 3 dieser Höhe. Die untere Hälfte des 
Hinterhauptsbeines, unterhalb jener Leiste, nähert 
sich dagegen der horizontalen Ebene. 

Eine Querlinie aus einer Ohröffnung in die andere 
gezogen, verläuft ganz vor dem Foramen magnum und 
berührt kaum die Processus condyl. 

Dieser Schädel ist im Allgemeinen dem für einen 
Obotriten gehaltenen sehr ähnlich. Doch ist die Stirn 
schmaler, niedriger, mehr zurückliegend, überhaupt 
dürftiger, und die Augenbraunenbogen treten stärker 
hervor, als in meiner Photographie des genannten 
Kopfes. Meinem Gedächtniss hat sich das zuletzt be- 
rührte Verhältniss nicht hinlänglich eingeprägt. 

Es steht in diesen, und überhaupt den meisten Be- 
ziehungen der Kopf aus dem nordischen Bronze-Alter 
in der Mitte zwischen dem vermeintlichen Wenden- 
kopfe und einem sehr alten Kopfe, aus einem Grä- 
berfunde des Moskau'schen Gouvernements, von dem 
ich in Fig. 6 die Scheitelansicht gegeben habe. Die 
Stirn ist noch etwas niedriger, schmäler und zurück- 



— 357 — 

liegender, die Augenbraunen- Bogen wenigstens eben 
so stark ausgebildet, das Gesicht noch prognather. 

Leider kann ich von den Umständen dieses Fundes 
nur wenig sagen, indem man aus dem Boden Russ- 
lands Köpfe aus alter Zeit, entweder ganz ohne Be- 
richt über das Vorkommen derselben, oder mit Be- 
richten erhält, die von Personen abgefasst sind, wel- 
che die ausländische Literatur über diese Gegenstände 
nicht kennen , und also keine Vergleichungspunkte 
haben. 

Sehr ähnlich dem vermeintlichen Wendenkopfe 
fand ich den Kopf eines Skeletes aus der Bronze-Pe- 
riode, das man in der archäologischen Sammlung zu 
Wiesbaden in einem Glaskasten aufhebt, und das da- 
durch sehr interessant ist, dass es mit 5 bronzenen 
Hingen an jedem Vorderarme, mit einem breiteren 
br. Ringe an jedem Unterschenkel und einem grossen 
Halsringe, überhaupt also mit 13 Ringen gefunden 
worden ist, und so aufgehoben wird, dass man diese 
Ringe an ihrer Stelle gelassen hat. Den Kopf dieses 
Skeletes fand ich leider so befestigt, dass ich ihn 
nicht ausmessen konnte. Doch schien er mir sehr 
ähnlich, nur bedeutend grösser, obgleich er einem 
W T eibe angehört hat. Der Director der Sammlung, 
der leider abwesend war, hat die Güte gehabt, auf 
meine Bitte mir das Maass vom Umfange dieses Ko- 
pfes zu senden. Es betrug 520 mm. Der Schwerin- 
sche hatte nur 490 mm. 

Vergleicht man dagegen den letzteren mit Slavi- 
schen Köpfen, so zeigt er die entschiedensten Diffe- 
renzen, insbesondere aber mit den Resten von Wen- 
den, die sich noch in Deutschland finden. Diese sind 



— 358 — 

gerade sehr breitköpfig. Herr Prof. Kopernicki 
bestimmte nach zwei Wenden-Köpfen, die er aus 
Dresden erhielt, das Vei hältniss der Breite zur Länge 
wie 840 : 1000. Ob sie aus der Lausitz waren? An 
einem Wenden-Kopfe in der Blumenbach'schen Samm- 
lung, wahrscheinlich von den Wenden-Resten im Han- 
noverschen , fand ich dieses Verhältniss noch viel 
grösser, doch muss ich bemerken, dass ich das Län- 
genmaass nicht vom Stirnrande zwischen beiden Super- 
ciliarbogen, sondern von der eigentlichen Glabella 
nach dem Hinterhaupte nehme. Bis man sich voll- 
ständig über eine gleiche Art zu messen geeinigt hat, 
kann man nicht mit Sicherheit die Messungen zweier 
Personen vergleichen. Überhaupt fand Herr Koper- 
nicki folgende Verhältnisse der Länge, Breite und 
Höhe: 

Länge Breite Höhe 

bei den Wenden 1000 zu 840 zu 745 

Polen 1000 » 808 » 774 

Kleinrussen .. .1000 » 807 » 762 

Grossrussen. .. 1000 » 781 » 755 

Bei dem Kopfe in Schwerin ist dagegen die Breite 
nur 767, und die Höhe 778°). Die an dem Schwe- 
rin'schen Kopfe genommenen Maasse habe ich mir in 
Engl. Zollen so notirt: 

Länge der Schädelhöhle 6,8 

Breite » » 5,22 

Höhe » » 5,28 



9) Der Kopf derSlovaken ist noch viel kürzer, als bei den oben 
genannten Slaven Ich fand die Breite 880 und die Höhe 817 Tau- 
sendtheil der Länge. 



— 359 — 

Breite der Stirn zwischen beiden Sin. semic. ... 3,o 

» am hinteren Rande des Stirnbeins 4,2 

Abstand der Parietalhöcker 5,o 

» der Jochbogen 4,8 

Umfang des Schädels 19,3 

Bogen von der sutura yiasalis bis zum For. mag- 

num 1 4,3 

Von der sut. nasalis bis zum vorderen Rande 

des For. magnum 3,7 

Grösste Breite des Hinterhauptes 4, s 

Der Englische Zoll ist mit 25,399 oder 25,4 in 
Millimeter zu verwandeln. 

In der Gyps-Form des Kopfes aus der Dänischen 
Bronze-Periode sind die Dimensionen der Länge und 
Breite nur um etwas grösser, aber alle Ansichten 
von den verschiedenen Seiten stimmen fast genau mit 
den hier abgebildeten. 



Erklärung der Tafel. 

Fig. 1. 2. 3. 4. 5. Ansichten des in Wendengräbern 
Meklenburgs gefundenen und in Schwerin auf- 
bewahrten Kopfes, der im Texte ausführlich be- 
sprochen ist. Nach Photographien gezeichnet. 

Fig. 6. Scheitelansicht eines im Moskauschen Gou- 
vernement gefundenen Kopfes der Vorzeit, ohne 
vorherige Photographie gezeichnet, wobei die 
Stirn etwas zu schmal gerathen ist. 

Fig. 7. Seiten-Ansicht eines ausgezeichneten Kurz- 
kopfes, dessen Körper in Meklenburg in hocken- 
der Stellung, wahrscheinlich in sehr alter Zeit, 



— 360 — 

begraben ist. Er ist von Prof. Schaafhausen 
in Müller's Archiv, 1858, ausführlich beschrie- 
ben, und hier nur abgebildet um die Form der 
andern Köpfe desto anschaulicher zu machen. 



(Aus dem Bulletin, T, VI, pag. 34G — 3C3.) 



Baer: JUerSchMôl aus . UikUtiburcj . 











BA 




*95s^^i^S^" 



JtäangeJ bidogiquzé TfJf. 



Baer: AlterSchàiU! aus M-tkLiikirq 








i'ith v.Uunjt/r 



^ Mai 1863. 

Über die Gattung Echinops. Sendschreiben 
an den Hrn. Director des Kaiserlichen 
botanischen (Wartens zu St. Petersburg, 
Dr. £• Regel: von Dr. A. Bunge. 

Hochgeschätzter Freund und College. 

Sie haben mir bei meinen botanischen Arbeiten mit 
gewohnter Liberalität so oft und so freundliche Hülfe 
geleistet, dass ich mich wiederholt zu wärmstem 
Danke gegen Sie verpflichtet fühlte. Entschuldigen 
Sie, wenn ich diesem Danke diesmal in so unvollkom- 
mener Weise einen Ausdruck gebe, indem ich Ihnen 
die nachstehende höchst mangelhafte Skizze, zu de- 
ren Abfassung ich Ihre Hülfe leider nicht in Anspruch 
genommen habe, zueigne und mit der Bitte zusende, 
sie der Öffentlichkeit zu übergeben. Das lückenhafte 
Material, das mir zur Benutzung vorlag, mag einen 
Theil der Schuld davon tragen , dass Irrthümer in 
nicht geringer Zahl in diese Übersicht der Gattung 
Echinops eingeschlichen sind; wenn ich sie trotz dem 
veröffentlicht zu sehen wünsche, so geschieht es nur 
in der Hoffnung, durch freundliche Mittheilungen*) von 



*) Schon die Mittheilung einzelner, freilich vollständig ent- 
wickelter Köpfchen mir unbekannt gebliebener Arten, die sich ja 
leicht in einem Briefe versenden Hessen, würde mich zum grössten 
Danke verpflichten. 

Mélanges biologiques. IV. 46 



— 362 — 

den Lesern dieser kleinen Arbeit darüber Aufschlüsse 
zu erhalten, worin und in wie weit ich geirrt, und 
dadurch in den Stand gesetzt zu werden, in einer 
ausführlicheren Arbeit über denselben Gegenstand die 
begangenen Irrthümer zu vermeiden. 

Dorpat, den 24. April 1863. 



Die verhältnissmässig grosse Anzahl neuer Arten 
der Gattung Echinops, die ich von meiner Reise in 
Persien zurück brachte, gab mir Veranlassung, die 
ganze Gattung, so weit es meine eben nicht reiche 
Sammlung gestattet, einer genaueren Untersuchung 
zu unterwerfen, und da stellte es sich denn heraus, 
dass der Ausspruch meines geehrten Freundes und 
Collegen v. Trautvetter (de Echinope gen. Cap. II, 
p. 5): «genus adhuc fere prorsus neglectum, indeque 
«partim perturbatum, partim tenebris adhuc maxime 
«offusum», den er vor 30 Jahren in seiner werthvol- 
len monographischen Bearbeitung dieser Gattung that, 
auch noch heutigen Tages nicht ganz ohne Geltung 
ist. Denn, wenn es ihm auch gelang, in die damals 
ihm bekannt geworden 12 Arten Licht zu bringen, 
so ist dieses doch durch die zahlreichen Entdeckun- 
gen neuer Formen, wodurch die Artenzahl auf mehr 
als das Sechsfache erhöht wird, so ziemlich wieder 
verlöscht, und die von ihm zur Unterscheidung jener 
12 Arten mit grosser Schärfe hervorgehobenen Cha- 
ractere sind theils von den nachfolgenden Schriftstel- 
lern nicht mit gleicher Schärfe aufgefasst, theils er- 
weisen sie sich als unzureichend. 

Schon in der auf die Trautvetter'sche Monographie 



— 363 — 

unmittelbar folgenden, auf reicheres Material begrün- 
deten — sie zählt 1 8 Arten — aber nicht veröffent- 
lichten, sondern zur Benutzung für den Prodromus 
mitgetheilten Bearbeitung von C. A. Meyer, welcher 
De Candolle, obgleich schon 23 Arten aufführend, 
«fere pedetentim secutus» (D. C. Prodr. VI, p. 522) 
finden wir, theils in Folge unrichtiger Auffassung des 
Characters der dritten Abtheilung Trautvetter's, 
der später von Endlicher (gen. pl. n. 2847 c.) der 
Name Psectra beigelegt wurde, eine nicht gerechtfer- 
tigte Abweichung, indem E. humilis M. B., in naher 
Verwandtschaft zu E. Gmelini Turcz. stehend, von 
diesem getrennt, und anderen Arten, mit denen er 
nichts gemein hat, beigesellt wird; theils die Einfüh- 
rung eines neuen , von der Verwachsung der inneren 
Involucral- Schuppen entnommenen Characters, ohne 
durchgreifende Beachtung desselben in allen Arten. 

Spätere Schriftsteller — Boissier stellte allein 23 
neue orientalische Arten auf; Fresenius, Hoch- 
stetter und Richard lehrten uns 6 neue Arten aus 
Abyssinien kennen; durch Lehmann, Schrenck, 
Karelin und Kirilow wurden weitere 6 neue Arten 
aus Centralasien bekannt, die C. A. Meyer, Kiri- 
low und ich beschrieben; Visiani führte eine neue 
Art aus Dalmatien auf, und Griesebach zog eine 
zweite aus dem Banate stammende aus der Verges- 
senheit hervor, so dass sich die Gesammtzahl auf 60 
erhob, zu denen Spach, indem er die Lessing'sche 
Gattung Acantholepis einzog, noch zwei Arten fügte, 
endlich in der gegenwärtigen Übersicht noch 13 Ar- 
ten hinzukommen — beschränkten sich auf die Be- 
nutzung der bis dahin gebräuchlichen Charactere, 



— 364 — 

ohne jedoch bei Aufstellung ihrer Diagnosen immer 
vergleichend die ganze Reihe der bekannten Arten 
zu berücksichtigen, zuweilen minder Wesentliches, 
oft gar Zufälliges besonders betonend, oder auch bei 
nicht hinreichend sorgfältiger Untersuchung den neuen 
Arten Kennzeichen zuschreibend, die ihnen nicht zu- 
kommen. Alle neuen Arten wurden in die drei von 
Traut vetter aufgestellten Unterabtheilungen unter- 
gebracht , dabei aber nach dem Vorgange C. A. 
Meyer's der wesentliche Character der dritten Ab- 
theilung nicht richtig aufgefasst; wesentliche Abwei- 
chungen, die sehr wohl zur Begründung neuer Ab- 
theilungen hätten dienen können, blieben entweder 
ganz unbeachtet, oder wurden höchstens zur Arten- 
diagnose verwendet; daher auch häufig weit von ein- 
ander abstehende Arten neben einander gestellt und 
mit einander verglichen. So kommt es, dass, wenn 
man nicht typische Exemplare zum Vergleichen erhal- 
ten kann, es oft nicht nur unmöglich wird, sich über 
die der Beobachtung vorliegende Art Gewissheit zu 
verschaffen, sondern aus der Diagnose selbst auch 
nur darüber Sicherheit zu erhalten, in welche der be- 
reits bestehenden Abtheilungen die eine oder die an- 
dere Art gehöre. Glücklicher Weise ist bei Weitem 
die Mehrzahl der neuen Arten von einer und dersel- 
ben geschickten Hand nach einem überaus reichen 
Material mit gewohnter Sorgfalt diagnosticirt, und 
dadurch die specifische Verschiedenheit derselben 
hinreichend gewährleistet; dies gilt aber nicht immer 
für die übrigen Arten, und einzelne Diagnosen sind 
so kurz und so wenig sagend, dass sie auf eine grosse 
Anzahl von Arten passen, und von der gemeinten Art 



— 365 — 

gar keinen deutlichen Begriff gewähren, wie z. ß. E. 
albicaulis Kar. u. Kir. ; auch kommt eine und dieselbe 
Art unter verschiedenen* Namen vor, wie E. serrati- 
folius C. H. Schultz = E. longifolius Eich.; oder 
Verwendung des gleichen Namens für ganz verschie- 
dene Arten, wie E. macrochaetus Fres. und Boiss. 

Vollends wird die Bestimmung der Echinops-Arten 
dadurch erschwert, dass die Beschreibungen der 
neuen Arten aus vielen "Werken zusammengesucht 
werden müssen, so dass dadurch allein die Zusam- 
menstellung des gesammten Materials in übersichtli- 
cher Weise wünschenswerth wird. Zum Behuf der 
Bestimmung der persischen Arten wurde ich zu einer 
solchen Zusammenstellung veranlasst, und indem ich 
zugleich das ganze in meiner Sammlung vorhandene 
Material aufs Genaueste untersuchte, glaube ich auf 
Verhältnisse gestossen zu sein, die bisher vernach- 
lässigt, doch von grosser Wichtigkeit für die Orien- 
tirung in dieser schönen Gattung sind, namentlich 
aber zu einer durchaus natürlicheren Gruppirung der 
bekannten Arten, als die bisher angewendete, leiten. 
Indem ich in Nachstehendem den Gattungscharacter 
einer ausführlichen Revision unterwerfe , hoffe ich 
deutlich genug die Kennzeichen hervorheben zu kön- 
nen, die durch ihre Mannichfaltigkeit und zugleich 
ihre Beständigkeit hinreichen, eine grössere Zahl na- 
türlicher, auch geographisch wohl begränzter Grup- 
pen festzustellen. 

Da die Gattung Acantholepis Less., die mit Echi- 
nops L. zusammen bei De Candolle (1. c.) die sub- 
tribus der Echinopsideae bildet, nach dem Vorgange 



— 366 — 

Spach's (Illustr. pi. or. III. p. 99) mit Echinops zu 
vereinigen ist, indem kein einziger wesentlicher Cha- 
racter zur Trennung derselben berechtigt, sie selbst 
im Habitus genau mit einigen Echinops, namentlich 
mit E. nanus m., übereinstimmt, so fällt auch der 
Character der subtribus mit dem der Gattung zusam- 
men, und ich könnte jenen ganz übergehen, wenn 
nicht am angeführten Orte von De C and olle Kenn- 
zeichen aufgeführt wären, die in den Gattungscharac- 
teren von Echinops und Acantholepis fehlen. Das eine 
ist so auszeichnend, dass, wenn es wirklich vorhan- 
den wäre, es wohl zu generischer Trennung berechti- 
gen würde; nämlich «invol. propr. squamis. .. intimis 
«saepe inter se aut cum ovario concretis». Endlicher 
(1. c.) wiederholt diese Angabe. Sie ist durchaus ir- 
rig; keine einzige Art zeigt eine solche Verwachsung, 
wie auch schon daraus hervorgeht, dass bei keiner 
der im Prodromus aufgeführten Arten einer so auf- 
fallenden Abweichung Erwähnung geschieht; nach 
der Bemerkung am Schlüsse des Gattun-gscharacters 
von Echinops (Prodi*. 1. c.) scheint sie von Cassini 
herzurühren, und wird hier auch von De Can d olle 
als auf unvollkommener Beobachtung begründet, für 
irrig erklärt, durfte daher auch nicht bei der Subtri- 
bus stehen bleiben. 

Das zweite ist: «flores omnes hermaphroditi fer- 
tiles», was keineswegs allgemein gültig ist. Leider 
reicht das mir zur Untersuchung vorliegende Mate- 
rial nicht aus, um alle in dieser Hinsicht vorkommen- 
den Verschiedenheiten für sämmtliche Abtheilungen 
der Gattung festzustellen , und ich muss mich auf 
einige Andeutungen beschränken, die vielleicht durch 



— 367 — 

sorgfältigere Untersuchung eine Berichtigung erlei- 
den werden. Bei den meisten europäischen Arten, 
die mit E. Ritro und E. sphaerocephalus verwandt, 
scheinen allerdings alle Köpfchen vollkommen frucht- 
tragende Zwitterblumen zu entwickeln, dagegen sind 
bei E. strigosus offenbar nur die oberen zuerst sich 
entwickelnden Köpfchen fruchtbar, die unteren spä- 
teren schlagen fehl. Bei E. Chamaecephalus glaube 
ich beobachtet zu haben, dass einige der untersten 
Köpfchen, wenn gleich vollständig ausgebildet, taube 
Achenien haben. Umgekehrt scheinen die meisten, doch 
nicht alle Arten der Abtheilung, die ich Oligolepis 
nenne, durch Fehlschlagen männliche, oder doch un- 
fruchtbare obere Köpfchen zu haben, während die 
mittleren und untersten stets vollkommene Samen 
ausbilden; dabei sind auch die Köpfchen einer und 
derselben Kugel in anderen wesentlichen Theilen un- 
ter einander verschieden: «capitula in glomerulo he- 
«teromorpha». 

Nehmen wir nun die einzelnen Punkte des Gat- 
tungscharacters durch, wie ihn De Candolle (1. c.) 
gegeben, und sehen wir zu, in wie weit sie, haupt- 
sächlich in Folge der Beobachtung an neuentdeckten 
Arten, einer Änderung bedürfen: 

1) «Capitula uniflora, plurima super receptaculum 
globosum, nudum aggregata, summa praecociora». Wird 
Acantholepis hinzugezogen, so darf das Wort globo- 
sum entweder nicht stehen bleiben, oder es muss der 
Zusatz «vel hemisphaericum» eingeschaltet werden. 
Dann aber führt Bois si er eine Art auf: E. lasiocli- 
nius, bei der das Receptaculum durch das Stehenblei- 
ben des Penicillus, d. h. der äussersten Reihen des 



— 368 — 

Involucrum partiale, behaart und nicht nackt ist, und 
dieselbe Eigenthümlichkeit zeigen zwei andere Ar- 
ten, die ich aus Persien zurück gebracht babe. Die 
Köpfchen sind hier auf dem Receptaculum nicht 
articulirt, sondern mit der Basis angewachsen, und 
brechen nach dem Verblühen oberhalb des Penicillus, 
ja sogar der untersten ungeteilten Schuppen, die 
gleichfalls zum Theil stehen bleiben, aus. Es möchte 
dieser Umstand kaum zur Trennung jener drei Arten 
als besonderer Gattungen berechtigen, wohl aber zur 
Begründung einer besonderen Abtheilung, die ich La- 
sioclinium zu nennen vorschlage. 

2) «Involucrum generale squamis paucis parvis re- 
flexis». Die Zahl dieser Deckblätter ist zuweilen be- 
trächtlich, sie sind nicht selten untermischt mit Bor- 
sten, die mit denen des Penicillus des Involucrum 
partiale vollkommen übereinstimmen, ja zuweilen sind 
sie sämmtlich in solche Borsten getheilt. Dann aber 
w T äre wegen Hinzuziehung von Acantholepis das Wort 
«reflexum» entweder zu streichen, oder hinzu zu fü- 
gen: «vel patens», worin fast der einzige Unterschied 
zwischen den ächten Echinops und Acantholepis be- 
steht. 

3) «partiale polyphyllum persistens, triplex, foliolis 
exterioribus brevioribus piliformibus , scariosis, peni- 
cillum constituentibus, mediis prioribus vix longiori- 
bus subspathulatis brève acuminatis, intimis elongatis 
lineari-aciwiinatis carinatis». Das Wort persistans ist 
offenbar durch einen Druckfehler an den unrechten 
Ort gekommen; denn es bezieht sich auf das Involu- 
crum generale, wie schon Endlicher a. a. 0. berich- 
tigt; die weiteren Charactere des Involucrum par- 



— 369 — 

tiale erfordern aber in vieler Beziehung eine Ände- 
rung. In der Bildung desselben zeigt sich eine ausser- 
ordentliche Mannichfaltigkeit , und in dieser finden 
sich die trefflichsten Merkmale zur Unterscheidung na- 
türlicher Gruppen. Die Zahl der Deckschuppen ist 
bei den verschiedenen Arten sehr verschieden. Die 
äusseren, bald in einfacher, bald in mehrfacher Reihe, 
sind mehr oder weniger vollkommen in Borsten ge- 
theilt, die daher bald einfach, d. h. vollkommen ge- 
trennt, bald zu federartigen Gebilden vereinigt, meist 
gezähnet, oder fest gebärtelt; bald fein oder an der 
Spitze erweitert, dabei meist seidenartig, weiss, fest 
oder brüchig; bald zusammengedrückt und flach, fast 
spreublattartig, dann wohl bräunlich gefärbt; bald 
kürzer als die äussersten Schuppen, bald länger sind, 
ja zuweilen das ganze Involucrum überragen. Sie sol- 
len in Ech. parviflorus gänzlich fehlen, doch ist diese 
Art nach jungen Exemplaren beschrieben, an denen 
wahrscheinlich nur die obersten Köpfchen untersucht 
wurden, die häufig von dem Normalbau abweichen. 
In der Abtheilung Oligolepis nämlich kommt es sehr 
häufig vor, dass der penicillus der oberen Köpfchen 
wenig borstig und kurz ist, während er an den unte- 
ren vielreihig, vielborstig und sehr lang ist. Die Zahl 
der ungeteilten Schuppen steigt am höchsten bei 
E. squarrossus L. bis auf 40 — 45, ist etwa 30 bei 
einigen abyssinischen Arten (E. chamaecephalus); 
20 — 25 bei den mit E. Ritro verwandten; nie 20, 
doch stets mehr als 15 in den Gruppen, zu denen 
E. sphaerocephalus, E. humilis, E. Gmelini und E. 
lasioclinius gehören; nur 15 bei den orientalischen 
Arten mit harten verwachsenden inneren Involucral- 

Mélançes biologiques. T. IV. 47 



— 370 — 

Schuppen, und sinkt bis auf 12 in den indisch -tibe- 
tanischen Arten hinab. Dabei sind die Schuppen ent- 
weder deutlich Öreihig, oder abwechselnd geschindelt, 
im ersten Falle meist scharf gekielt, im letzteren auf 
dem Rücken abgerundet; sie gehen bald der Form 
nach allmählich in einander über, bald sind die äusse- 
ren von den inneren scharf der Gestalt und Länge 
nach geschieden. Gewöhnlich sind die mittleren die 
längsten, nur selten werden sie von den innersten 
überragt; diese letzteren 5 sind wohl nie gekielt, und 
sehr häufig 2 oder 3 von ihnen nicht in eine Spitze 
vorgezogen, sondern stumpf und zerschlitzt, gefranzt. 
Nur in einer kleinen aus abyssinischen Arten beste- 
henden Abtheilung sind die mittleren Schuppen an 
der lang vorgezogenen Spitze mit einem aus büschlig 
gehäuften Dornen bestehenden Anhängsel versehen 
(Abth. Cenchrolepis), in allen übrigen sind sie einfach 
zugespitzt, und zuweilen eine davon in einen starken 
langen Dorn auswachsend. Die fünf innersten Schup- 
pen, gewöhnlich an der Innenseite bis zu zwei Drit- 
teln von unten schwarz oder olivengrün und glän- 
zend, sind sehr oft unter einander in verschiedenen 
Graden verwachsen, wie schon oben bemerkt, öfters 
als dies angegeben wird, aber nur in einer Abtheilung 
der wenig schuppigen orientalischen Arten erhärten 
sie in den zwei unteren Dritteln zu einer oberhalb 
eingeschnürten knorpligen Röhre um die Achenien. In 
dieser Abtheilung allein kommt es auch nur vor, 
(äusserst selten bei anderen Arten, die ich aber nicht 
gesehen, wie E. macrochaetus Boiss. und E. polyce- 
ras B.), dass eine der mittleren Schuppen, selten 2 
oder mehr, sich bedeutend verlängern, verdicken und 



— 371 — 

verhärten und hornfömig das ganze Häufchen über- 
ragen. 

4) «Corolla tubulosa 5fîda, tubo brevissimo». Bei 
einigen Arten wird die Röhre 5 — 6" lang, wohl 
aber ist stets der erweiterte Theil der Blumenkrone, 
der Schlund, der bei einigen Cynareen eine beträcht- 
liche Länge hat, bei E. sehr kurz, indem der Saum 
meist bis zur Basis fünftheilig ist. 

5) «Staminum filamenta glabra, usque ad origi- 
nem laciniarum corollae concreta». Es ist dies nicht 
so zu verstehen, als seien die Staubfäden monadel- 
phisch, sondern sie sind einzeln der Kronenröhre bis 
oben angewachsen, also wohl richtiger accreta oder 
adnata, was eben seinen Grund in der tiefen Theilung 
des Saumes der Blumenkrone hat, an sich aber in 
nichts von der gewöhnlichen Bildung bei den Compo- 
siten abweicht. 

6) «Antherae ecaudatae aut basi subbarbatae». An 
der Basis der Antheren finde ich bei allen Arten, die 
ich untersuchte, ohne Ausnahme, Anhängsel; sie sind 
verschieden gestaltet, obgleich die Unterschiede meist 
nicht sehr schneidend, und daher für die Characte- 
ristik der Gruppen minder wesentlich sind. Die ab- 
weichendste Bildung zeigen sie bei E. humilis und 
integrifolius, die dadurch von allen übrigen Arten ab- 
geschieden werden, indem sie hier ungetheilt, lanzett- 
förmig, gerade abwärts gerichtet sind. In den mit E. 
Ritro verwandten Arten sind die Caudae kurz zuge- 
spitzt und gehen nach oben in nicht sehr lange pfrie- 
menförmige, zuweilen geschlängelte Borsten aus; man 
könnte sie sursum barbatae nennen; dies ist die am 
häufigsten vorkommende Form. Bei einer kleineren 



— 372 — 

Anzahl ist die nach unten gerichtete Spitze länger 
vorgezogen, und die haarförmigen nach oben gerich- 
teten Borsten sind etwas länger, sparrig, so dass sie 
an der Basis der geöffneten Blumenkrone deutlich als 
Bärtchen sichtbar werden; so bei E. Gmelini, nanus, 
horridus, tibeticus etc.; am längsten zugespitzt ist 
das Schwänzchen bei E. strigosus. Wieder bei an- 
deren, namentlich bei den orientalischen Arten mit 
dornigen Köpfchen, so wie bei den abyssinischen mit 
büscheldornigen Schuppen ist der abwärts gerichtete 
Theil der Cauda in wenige kurze Borsten getheilt, 
und zahlreichere längere Borsten sind aufwärts ge- 
richtet; fast gleich ist die Bildung bei der Abtheilung 
Lasioclinium. Bei den östlichsten Arten, E. echinatus, 
cornigerus, ein Paar ostpersischen, sind die abwärts 
gerichteten Borsten länger, die aufwärts gerichteten 
sehr kurz und in geringerer Zahl; endlich bei Acan- 
tholepis zeigen die Schwänzchen zwar nicht die zier- 
lich regelmässige Bildung, wie sie Spach (1. c.) dar- 
stellt, wohl aber sind deren Borsten sowohl auf- als 
abwärts gerichtet, und von nahebei gleicher Länge. 

7) «Stigmata libera arcuato-divergentia» und in 
dem Character der Subtribus Echinopsideae «laevia 
nuda». Die Griffeläste sind zuweilen sehr kurz, fast 
eiförmig, doch wage ich nicht mit Bestimmtheit zu 
behaupten, ob dies nicht vielleicht nur bei durch 
Fehlschlagen unfruchtbaren Blumen der Fall ist. Im- 
mer sind die Griffeläste gegen die Spitze hin von kur- 
zen Härchen bekleidet, die an der breitesten Stelle 
des Griffels, nicht weit von der Spitze abwärts, sich 
zu einem kleinen Haarkranz verlängern. Es scheint 
als gehe bei den unfruchtbaren Blumen die Theilung 



— 373 — 

der Griffeläste nur bis zu diesem Haarkranz, dagegen 
bei den fruchtbaren weit tiefer. 

8) «Achaenia cylindracea sericeo-villosa». Boissier 
giebt bei zwei Arten, die ich nicht gesehen habe, E. 
parviflorus und E. Gaillardoti, kahle Achenien an. 
Ich habe bei keiner Art kahle vollkommene Achenien 
gesehen, wohl aber sind bei einigen Arten der Ab- 
theilung, die ich Oligolepis nenne, die fehlschlagen- 
den Achenien der oberen zuerst sich enwickelnden 
Köpfchen entweder ganz kahl, oder mit wenigen Drü- 
senhaaren besetzt, oder endlich schwach oder nur 
unter der Federkrone borstig. Dasselbe zeigt sich in 
einigen unteren Köpfchen bei E. Chamaecephalus, 
und wahrscheinlich auch bei E. squarrosus. Es ist 
möglich, dass die beiden oben genannten Arten sich 
dem ähnlich verhalten. Vollständig gereift sind die 
Achenien wohl selten walzlich, gewöhnlich nach un- 
ten zu verjüngt, zuweilen deutlich fünf kantig. Was 
C. H. Schultz (Linneae XIX, p. 322) mit den Wor- 
ten achaenia pedicellata meint, ist mir nicht verständ- 
lich, ich habe die Achenien stets sitzend über den 
innersten Involucralschuppen gesehen. 

9) «Pappo brevissimo pilis subfimbriatis coronae- 
formi superata». Auf die Verschiedenheiten, welche 
der Pappus darbietet, hat Trautvetter zuerst auf- 
merksam gemacht; doch ist ein von ihm deutlich aus- 
gedrückter Character nicht gehörig berücksichtigt 
worden. Bei den meisten Arten besteht die Feder- 
krone aus dicht an einander stehenden, zu einem fest 
geschlossenen Kranze zusammen gedrängten, flachen, 
linienförmigen , meist oben stumpfen oder abgestutz- 



— 374 — 

ten, gleichraässig dicht gebärtelten, meist gelblich ge- 
färbten Schüppchen. Diese sind bald mehr bald we- 
niger hoch vom Grunde, wo sie innen schwärzlich 
gefärbt erscheinen, verwachsen. In wenigen Arten 
ist die Verwachsung fast vollständig, und der sehr 
kurze Pappus ist fast ganzrandig oder gezähnelt; 
diese bilden bei Trautvetter die erste Abtheilung 
der Gattung, der Endlicher den Namen Terma bei- 
legt; doch ist diese Abtheilung kaum streng zu schei- 
den , indem z. B. E. dauricus, dem E. platylepis 
äusserst nahe stehend, geradezu einen Übergang zu 
dieser Bidung des Pappus zeigt. Ähnlich ist auch der 
Pappus bei E. Chamaecephalus, nur treten hier aus 
dem Rande des Pappus cupuliformis , an den Ecken 
die er bildet, Wimperhärchen von ungleicher Länge 
hervor. Bei E. strigosus aber, und etwas weniger 
deutlich bei E. humilis, integrifolius, Gmelini, nanus, 
sind die Schüppchen des Pappus nicht so gedrängt, 
wenigstens an den Spitzen von einander abstehend, 
dabei pfriemenförmig zugespitzt, und nicht gebärtelt, 
sondern gezähnelt, mit auseinander stehenden Zähn- 
chen. Hierin beruht der wesentliche Character der 
dritten Abtheilung Trautvetter's, Psectra nach 
Endlicher, nicht aber wie Mever und andere mein- 

» Kl 

ten, in der Trennung der Schüppchen bis zur Basis; 
daher war die Versetzung von E. humilis in die Ab- 
theilung Ritro unrichtig, eben so wie die Versetzung 
von mehreren nicht hingehörigen Arten in die Ab- 
theilung Psectra, wie z. B. E. ceratophorus, candi- 
dus u. s. w. Gewöhnlich ist der Pappus von der Be- 
haarung des Achenium überdeckt, bei mehreren Ar- 
ten der Abtheilung Oligolepis dagegen ragt er fast 



— 375 — 

ganz über diese hinaus, und erreicht zuweilen die 
Länge einer Linie und mehr. 



Nach den im Vorstehenden auseinander gesetzten 
Characteren lassen sich leicht mehrere durchaus na- 
türliche Abtheilungen in der Gattung Echinops auf- 
stellen, und nach folgender Clavis sicher unterschei- 
den: 

1. Capitula numerosa in glomerulum 
globosum conferta, intima reflexa, 
involucro communi reflexo pedun- 
culo adpresso. 2. 

Capitula pauciora in glomerulum 
hemisphaerkum congesta, omnia 
erecta involucro communi patulo- 
erecto cincta Acantholepis. 

2. Capitula in receptaculo nudo arti- 
culata, cum penicillo decidua. 3. 

Capitula a receptaculo penicil- 
lis persistentibus villoso abrupta . Lasioclinium, 

3. Involucri partialis squamae mediae 
simpliciter acuminatae vel cuspida- 
tae. 4. 

Involucri partialis squamae apice 
fasciculato-spinosae Cenchrolepis. 

4. Involucri partialis squamae öfariam 
8 — 9 seriales (40 — 45), capit. 
infima abortiva pappi setae subu- 

latae liberae Psectra. 

Involucri partialis squamae 1 6 — 



— 376 — 

25 (4 — 5 seriales) capitula omnia 
fertilia homomorpha. 5. 

Involucri partialis squamae 12 — 
15,3 seriales, capitula summa sae- 
pius sterilia (squamae 5. intimae 
connatae) Oligolepis. 

5. Pappi setae omnino in cupulam 
connatae . Terma. 

Pappi setae omnino vel saltern 
apice liberae. 6. 

6. Setae pappi contiguae lineares ob- 
tusiusculae dense barbellatae. 7. 

Setae pappi subulatae apice dis- 
tantes denticulatae nee barbella- 
tae. 10. 

7. Penicilli setae complanatae subin- * 
tegerrimae fuscae Fhaeochaete. 

Penicilli setae filiformes scabrae 
1. barbellatae albae. 8. 

8. Squamae involucri intimae inter se 
liberae. 9. 

Squamae involucri intimae 5 in- 
ter se connatae Bytrodes. 

9. Squamae involucri 20 — 25. 5fa- 

riam imbricatae Bitro. 

Squamae involucri 16 — 18 al- 

ternatim imbricatae Sphaerocephalus. 

lO.Antherarum caudae indivisae lan- 

ceolato-oblongae Chamaechinops. 

Antherarum caudae deorsum su- 
bulatae, sursum barbatae Nanechinops. 



— 377 — 

In Nachstehendem habe ich den Versuch gewagt, 
die einzelnen Gruppen genauer zu characterisiren, 
und die zu denselben gehörigen Arten in analytischen 
Tafeln zusammen zu stellen, wô*bei ich die von mir 
nicht gesehenen Arten, so weit ich über sie aus den 
vorliegenden Diagnosen Aufschluss erhalten konnte, 
einschaltete. Einige, für die ich nicht hinreichend 
unterscheidende Merkmale herauslesen konnte, habe 
ich am Schluss der Abtheilung, zu der sie muthmaass- 
lich gehören , nur dem Namen nach hinzugefügt. 
Leicht möglich, dass ich bei vielen derselben irrte, 
jede Zurechtweisung werde ich mit Dank annehmen. 
Wenige Arten endlich führe ich ganz am Schlüsse an, 
da mir ihre Stellung in den Abtheilungen ganz zwei- 
felhaft ist. Vielleicht bilden einige von diesen beson- 
dere Abtheilungen für sich. 

Sectio I, Psectra. En dl. 1. c. ex. p. 

Capitula superiora in glomerulo fertilia, ima ste- 
rilia. Involucri squamae Ôfariam 8 — 9 seriates re- 
curvae inter se liberae. Antherarum caudae subula- 
tae sursum barbatae. Pappi setae liberae subulatae 
distantes denticulatae. Herba annua in Lusitania, 
Hispania et Mauritania indigena, foliis pinnatisectis 
supra strigosis; squamis involucri longe ciliatis ab in- 
fimis ad summas sensim longioribus. 

Species unica. 1. E. strigosus L. 

Sectio 11. Cenchrolepis. Höchst, in pi. abyss. S chimp. 
Sect. II, n. 914. 

Glomeruli maximi capitula ima nonnulla sterilia. 
Involucri squamae sub 30, alterne imbricatae, mediae 

Mélanges biologiques. IV. 48 



— 378 — 

acuminatae, apice fasciculato spinosae, 5 intimae mu- 
ticae connatae. Antherarum caudae deorsum brevi- 
ter, sursum longius barbatae. Pappus brevissime cu- 
pulatus angulatus ef dentatus, dentés setulis inaequa- 
libus ciliati. Herbae perennes abyssinicae, vel suba- 
caules, vel giganteae, foliis bipinnatisectis vel pinna- 
tifidis , supra strigosis vel glabriusculis. Glomeruli 
maxirai; squamae intus lucidae fuscescentes integrae 
NB. Character ab E. Chamaecephalo desumtus. 

1) Folia supra glabra, squamae 
dorso hirtae, penicillus invo- 

lucrum subaequans 2. E. longisetus Rich. 

non. v. 
Folia supra strigosa, squa- 
mae glabrae, penicill. invol. 
dimidio brevior. 2. 

2) Folia pinnatifida, caulis ela- 

tus ramosus 3. E. giganteus A. Rich. 

non. v. 

Folia bi - tripinnatisecta , 

caulis brevissimus A. E. ChamaecepJialus. 

Höchst. 
Sectio 111. Phaeochaete. 

Capitula homomorpha? PeniciUi setae complanatae 
subintegerrimae fuscae, squamae sub 25, alternatim 
imbricatae acuminatae, rarissime una alterave e me- 
diis longior apice fasciculato -pilosula, intimae conna- 
tae. Pappi paleae inaequales fere a basi liberae bre- 
ves obtusae barbellatae. Antherae ? Herba pé- 
rennisa?) caule apice fastigiato ramoso, foliis lato- 
linearibus elongatis duplicato grosse-serratis; in Abys- 
sinia crescens. 



— 379 — 

Species unica: 5. E. longifolius A. Rich. Syn. E. 
serratifolius C. H. Sch. Bip. 

Sectio IV. Lashclinmm. 

Capitula in glomerulo globoso (heterogamo?) haud 
articulata, penicillo persistente supra basin seceden- 
tia a receptaculo villoso, summa saepe cornuta sterilia. 
Involucri squamae 15 — 18 alternatim imbricatae, 
extimae spathulatae, mediae acuminatae spinescentes 
multo longiores, 5 intimae connatae. Antherarum cau- 
dae deorsum brevius, sursum longius barbatae. Pappi 
setae vel ima basi tantum in cupulam connatae, vel 
altius concretae, apice liberae contiguae obtusae bar- 
bellatae. Herbae perennes in Coelesyria et Persia 
australi indigenae, foliis rigidis coriaceis spinosis, 
glomerulis mediocribus, floribus albidis. 

1) Folia oblonga sinuata, squa- 
mae spinescentes corolla bre- 
viores. 2. 

Folia bipinnati - partita , 
squamae spinescentes glome- 

rulum superantes 6. E. lasioclinius Boiss. 

non. v. 
2. Praeter caulem et nervös fo- 
liorum crispo setulosos gla- 
berrimus; invol. squamae gla- 

berrima I.E. ilicifolius m. 

Caulis foliaque utrinque 
arachnoidea esetosa, inv. sq. 
arachn. canae S. E. lasiolepis m. 

Sectio V. Oligolepis. 

Capitula in glomerulo plerumque heterogamo he- 



— 380 — 

teromorpha, summa sterilia, nonimlla vel omnia cor- 
rigera (rarissime omnia fertilia?) Involucri squamae 
3seriales 15. vel pauciores intimae connatae in fructu 
maturescente induratae. Antherarum caudae sursum 
et deorsum barbatae* Pappi setae lineares, obtusius- 
culae , contiguae , barbellatae , basi subliberae vel 
connatae. Herbae biennes vel perennes, vel suffruti- 
culosae? foliis sinuatis, pinnatifidis vel bipinnatisectis, 
glomeruli médiocres, raro maximi albidi vel variegati, 
in regionibus calidioribus, Aegypto, Arabia, Syria, 
Persia media, Afganistano, Sogdiana usque ad Indiam 
orientalem et Tibetum crescentes. 

1. Folia supra pube araneosa 
destituta. 2. 

Folia supra arachnoidea vel 
cana. 8. 

2. Folia eglandulosa. 3. 

Folia varie glandulosa. 5. 

3. Squamae corniformes glo- 
merulum superantes, exterio- 

res pubescentes 9. E. ecMnopliorus Boiss . 

Squamae corniformes flo- 
rem aequantes vel brevio- 
res. 4. 

4. Folia subintegra sinuato-den- 
tata, breviter spinosa, penicil- 

lus paucisetus 10. E.HussoniBoiss.w.v. 

Folia bipinnatifida, spinis 
elongatis validis, squamae 1 1 . E. tibeticus m. 

5. Glandulae subsessiles in pa- 
gina foliorum superiore spar- 
sae. 6. 



— 381— • 

Glandulae in setis elonga- 
tis. 7. 

6 . Caulis inferne glaberrimus a- 
pice canus eglandulosus ese- 

tosus 12. E. maracandicus m. 

Caulis dense gladuloso-se- 
tosus ruber 13. JS7. adenocaidis Boiss. 

non. v. 

7. Pappi setae fere ad apicem 

concretae, foliorum lobi elon- 

gati, caulis ramosus 14. E. jesdianus Boiss. 

non. v. 
Pappi setae ad medium 

concretae; folia sinuata lo- 
bis breviss. latis, caul, simpl. 
squamae corniformes capitu- 

lum superantes 15. E. echinatus Boxb. 

Pappi setae fere ad basin 
liberae, folia bipinnatif. caul, 
ramosiss. hispidissimus, squa- 
mae corniformes paucae bre- 
ves 16. E.macrocJiaetusFres. 

8) Folia supra eglandulosa. 2. 

Folia supra glandulosa. 12. 

9) Involucri squamae glaberri- 
mae. 10. 

Involucri squamae saltern 
exteriores apice arachnoideo- 
lanatae U.E. candidus Boiss. 

10) Penicillus capitulorum infi- 
morum longissimus squamas 
praeter corniformem supe- 

rans 18. E. comigerus D. C. 



— 382 — 

Penicillus capitulorum in- 
fimurum involucro multobre- 
vior. 11. 

1 1) Penicillus capitulorum infi- 
morum involucro dimidio Ion- 
gior, setis plumosis, squamis 
mediis medio palmatofim- 

briatis; caul, setoso-gland. 19. E. GriffitJiii Boiss. 

non vidi. 
Penicillus capitulorum in- 
fimorum squamas extimas vix 
superans setisfragilibus,squa- 
mis mediis integris , caulis 
esetosus eglandulosus. . .20. E. rohustus m. 

1 2) Pubes arachnoidea in pagina 
superiore foliorum aequabi- 
lis, glandulae in setis elonga- 
tis, squamae involucri gla- 
brae. 13. 

Pubes arachnoidea in ner- 
vis paginae superioris folio- 
rum densa, caeterum parca 
vel nulla, squamae invol. 
exteriores pubescentes. 14. 

13) Annus, caulis simpl. vix 
arachnoideus, folia sinuata 
tenuiter breve spinosa, squa- 
mae intimae mediis longio- 

res 21. E. polygamus m. 

Perennis(?) caulis corym- 
boso-ramosus canus , folia 
pinnatifida, lobis latis abbre- 



— 383 — 

viatis valide spinosis, squa- 
mae intimae mediis brevio- 
res 22. E. chorassanicas m. 

14) Glandulae in pagina fol. su- 
periore breves subsessiles, 
caulis eano-lanuginosus ese- 
tos. egland. 15. 

Glandulae in pagina fol. 
superiore longe stipitatae , 
caulis cano-lanuginosus se- 
toso-glandulosus. 16. 

15) Squamae involucri mediae 
oblongo lanceol., nee medio 
subito dilatatae, superne sub- 
integerrimae, penicillus ca- 
pitulorum inferiorum involu- 
crum dimidium subaequans 

23. E. heteromorphus. m. 
Squamae involucri mediae 
arachnoideo-lanatae, medio 
dilatatae , superne ciliato- 
serrul., penicillus capitulo- 
rum inferiorum involucro to- 
to longior 24. E. villosissimus m. 

16) Foliorum segmenta late ova- 
to-triangul. plana, rachislata, 
capitula homomorpha,homo- 
gama omnia fertilia cornigera, 
penicill. cap. inf. involucro 

brevior 25. E. leucographis m. 

Foliorum segmenta lan- 
ceol. margine revoluta, ra- 



— 384 — 

chis angusta, capitula sum- 
ma tantum cornigera steri- 
lia, achenia abortiva glabra, 
penicill. cap. inf. invol. sub- 
aequans 26. E. ceratophorus Boiss. 

Adnot. Hue insuper spectare videtur 27 '. E. cephalo- 
tes D. C. quern non vidi, et quidem E. candido 
proximus, ita ut e diagnosi nulla potuerim eruere 
signa, quibus has duas species discernerem. 

Sectio VI. Bytrodes. 

Capitula in glomerulo homogamo homomorpha. In- 
volucri squamae (raro 16) plerumque 20 — 25. 5 fa- 
riam 4 — 5 seriates , pungentes , raro spi Descentes, 
quinque intimae scarioso-membranaceae connatae. An- 
therarum caudae acutae breves sursum , rarissime 
etiam deorsum barbatae. Pappi setae lineares obtu- 
siusculae contiguae barbellatae, basi in cupulam con- 
cretae. Herbae biennes vel perennes, foliis sinuatis 
pinnatifidis bipinnatipartitis, vel sectis. Glomeruli ple- 
rumque laete cyanei. Patriam habent in Dalmatia, 
Graecia, Africa boreali, Syria, Asia minore, Arme- 
nia, prov. Transcauc, Persia boreali, desertis austra- 
lioribus Asiae? usque ad Indiam orientalem. 

1) Penicillus vix ullus, folia pin- 
natisecta, laciniis subulatis, 
margine revolutis , squamae 

16 — 18 28. & graecus Mill. 

Penicillus distinctus, folio- 
rum laciniae lanceolatae vel 
ovatae, squamae 20 — 25. 2. 



— 385 — 

2) Penicillus paucisetus brevis- 
simus, i. e. squamas extimas 
vix aequans. 3. 

Penicillus multisetus, squa- 
mas extimas aequans 1. supe- 
rans ad summum involuCrum 
dimidium aequans. 7. 

Penicillus multisetus lon- 
gissimus , involucro dimidio 
longior., squamae 20 quadri- 
seriales 29. E, elatus m. 

3) Squamae 4seriales, 20. bre- 
viter adpresse serrulatae. 4. 

Squamae 5 seriales, 2 5. lon- 
ge ciliatae. 5. 

4) Caulis simplex, folia longis- 

sime spinosa 30. E. Bovei Boiss. 

Caulis a basi ramosus, fo- 
lia breviter spinosa. . . .? 31 . E. creticus Boiss. n. v. 

5) Folia utrinque viridia subtus 

caulisque glanduloso-scabra 32. E. subglaber CA. M. 

Folia subtus caulisque ni- 
veo-tomentosa eglandulosaß. 

6) Caulis ramosus , folia supra 
dense canescenti-arachnoidea, 
laciniae abbreviatae, costae 
sinus inter lacinias subinte- 

gerrimi 33. E. jaxarticus m. 

Caulis simplex, folia supra 
viridia tenuissime arachnoi- 
dea, laciniae lanceol. acumi- 

Mélanges biologiques. IV. 49 



— 386 — 

natae , sinus inter lacinias 

dense spinuloso-ciliati. . . 34. E. rytrodes m. 

7) Penicillus squamas extimas 
vix superans 1 / 3 involucri ae- 
quans. 8. 

Penicillus squamas extimas 
multo superans, 1/ 2 involucrum 
aequans 35. E. horridus Desf. 

8) Caulis araneoso-cauus folia- 

que supra papillis sparsis 

scabra 36. E. bithynicus Boiss. 

non vidi. 
Caulis pube araneosa nulla, 

dense glanduloso-hispidulus, 

folia supra dense glandul. 37. E. kurdicus m. 
Adnotatio: Huic sectioni adnumerandi videntur: 38. 
E. niveus Wall, ex verbis Candollei E. graeco 
proximus, nee ab illo nisi squamis integerrimis 
distinguendus; porro 39. E. syriacus Boiss. et 
40. E. Neumayeri Vis. uterque E. horrido pro- 
ximi, ita ut e diagnosibus pfolatis nulla sint eru- 
enda discrimina; denique hue etiam collocandus 
videtur 41. E. Chardini B. et BitJise. 

Sectio VII. Ritro. Endl. ex. p. 

Omnia ut in sectione praecedente, sed squamae in- 
timae inter se liberae. Herbae plerumque perennes, 
foliis rigidulis. Glomeruli plerumque laete cyanei; in 
locis apricis siccis Europae australioris, Asia minore, 
provinciis transcaucasicis, Persia et Arabia crescunt. 

1) Penicillus brevissimus, i. e. 
squamis extimis brevior. 2. 



— 387 — 

Penicillus mediocris, i. e. 
squamasextimas subsuperans, 
ad summum involucri 1 / 2 ae- 
quans. 8. 

Penicillus longissimus, i. e. 
involucro dimidio longior. 1 1 . 

2) Squamae omnesglaberrimae. 3. 

Squamae glandulosae vel 
pubescentes. 6. 

3) Folia supra glabra vel esetosa 
eglandulosa. 4. 

Folia supra scabra vel glan- 
dulosa. 5. 

4) Tenuiter spinosus , capitula 
prismatica 42. E. Büro L. 

Valide spinosus , capitula 
infra medium ampliata. . .43. E. persicus Stev. 

5) Folia bipinnatifida valide spi- 

noso-horrida 44. E. Szovitsii F. et M. 

Folia sinuato - dentata te- 
nuiter spinulosa ? Ab.E.BochelianusGriesb. 

non vidi. 

6) Folia eglandulosa epilosa. 7. 

Folia caulisque valde glan- 
dulosa 46. E. taygeteus Boiss. 

non vidi. 

7) Folia pinnatifida sinubus inter 

lobos spinoso-ciliatis, supra 

glabrescentia 47. E. microcephalus 

Smith. 
Folia sinuata, sinubus inter 

lobos integerrimis , utrinque 

dense cana 48. E. Aucheri Boiss. 



— 388 — 

8) Squamae glaberrimae. 9. 

Squamae subscabrae . .49. E.bannaticusRocJid. 

9) Caulis viscoso-hirtellus . .50. E. viscosus I). C. 

Caulis eglandulosus. 10. 

10) Setae involucri triente bre- 

viores ? 51. E. spinosus L. n. v. 

Setae involucri dimidium 

aequantes ? 52. E. HeldreicJiii Boiss. 

non v. 

1 1) Folia utrinque glabra, squa- 
mae glabrae ? 53. E. glaberrimus D. C. 

non v. 
Folia supra scabrida sub- 
tus lanuginosa, squamae dor- 
so cano-tomentosae. . . ? 54. E, hebelepis D. C. n. v. 

Sectio VIII. Sphaerocephalus. 

Capitula in glomerulo globoso homogamo homo- 
morplia. Involucri squamae 16 — 18 alternatim im- 
bricatae subinermes longe ciliatae, omnes inter se li- 
berae. Antherarum caudae acutae breves sursum bar- 
batae. Pappi setae lineares obtusiusculae, dense con- 
tiguae barbellatae, basi in cupulam concretae. Herbae 
biennes vel perennes elatae in herbidis Europae me- 
diae, Sibiriae usque ad Dauriam, rarius in regionibus 
transcaucasicis, Graecia et Persia crescentes, foliis 
pinnatifidis, vel partitis, vel bi-tripinnatipartitis plerum- 
que mollibus minute spinosis. 

1) Squamae saltern exteriores 

glanduloso hispidae . . . .55. E. sphaerocephalus L. 
Squamae eglandulosae , in- 



— 389 — 

teriores superne scabrido-pu- 
bescentes. 2. 

Squamae glaberrimae .56. E. dauricas Fisch. 

2) Folia infra parce arachnoidea 

utrinque viridia 57. E.tricholepis CA. 31. 

Folia subtus niveo-toinen- 
tosa. 3. 

3. Folia esetosa, eglandulosa. 58. E. Kotscliyi Boiss. 

* Folia supra glandulosa vel 
setoso-hispida. 4. 

4. Caulis eglandulosus esetosus, 

folia sinuato-pinnatitida 59. E.albidus Boiss. n. v. 

Caulis setoso-hispidus, fo- 
lia bi-tripinnatisecta . . . .60. E. Toumefortii Led. 

Adnot. Hue spectare videtur: 61. E. albicaulis K. 
et KiriL insuflicienter descriptus. 

Sectio IX. Terma. Encll. 1. c. 

Capitula in glomerulo globoso homogamo horao- 
morpha. Involucri squamae subquadriseriales 16 — 18 
alternatim imbricatae subinermes vel pungentes haud 
spinescentes longe ciliatae vel subintegerrimae, inte- 
riores liberae vel coliaerentes vel connatae. Anthe- 
rarum caudae acutae breves breviter sursum barba- 
tulae. Papj)i setae in coronam membranaceam integram 
vel brevissime denticulatam vel irregulariter ciliola- 
tam connatae. Herbae in Sibiria oriental!, et Europa 
media et australiore? nee non in Abyssinia obviae, 
habitu E. sphaerocepliali. Sectio minus naturalis for- 
san delenda, cujus species duae mihi notae aptius in 
sectione praecedente collocandae, cum E. dauricus, 



— 390 — 

E. platylepidi nimis affinis, quoad pappi structuram 
inter utramque sectionem ambigit. 

1) Folia margine plana mollia 
minute spinosa pinnatifida lo- 
bis brevibus latis. 2. 

Folia margine revoluta ri~ 
gida, bipinnatipartita, lobis li- 
neari-lanceolatis. 3. 

2) Squamae involucri longe cili- 

atae, intimae liberae. . . .62. E. platylepis Trautv. 

Squamae involucri breviter 
serrulato-ciliatae, intimae co- 
haerentes 63. E. exaltatus Schrad. 

3) Squamae intimae liberae, folia 

supra glabrescentia nitida. 6 4. E. Sartorianus Boiss. 

n. v. 
Squamae intimae connatae, 

folia supra strigoso-scabra.6 5. E. Mspidus Fresen. 

n. v. 

Observ. E. Sartorianum et hispidum hue ob pap- 
pum coroniformem retuli, tarnen dubito an jure hie lo- 
cum teneant, squamarum numéro ignoto; forsan E. 
Sartorianus aptius in sectionem Ritro referendus, E. 
hispidus vero ad Oligolepides. 

Sectio Xi Chamaechinops. 

Capitula in glomerulo globoso homogamo homo- 
morpha. Involucri squamae 16 — 20 lineares vel lie 
neari oblongae exteriores aristatae , intimae apic- 
fimbriatae, omnes longe ciliatae liberae. Ântherarum 
caudae integrae! lanceolatae imberbes. Pappi paleae 
basi concretae siibulato-acuminatae distantes, denticu- 
latae nee barbellatae. Herbae humiles biennes in apri- 
cis raontium australiorum jugi altaici crescentes, fo- 
ins lyratis subintegrisve mollibus minute spinulosis 



— 391 — 

supra arachnoideis simulque glandulosis, subtus ni- 
veo-tomentosis, floribus albidis. 

1) Involucri squamae glabrae, fo- 
lia radicalia lyrata , caulina 

sinuato-spinulosa 66. E. humilis M, B. 

Involucri squamae sericeo- 
puberulae, folia radicalia inte- 
gerrima, caulina summa basi 
spinuloso-paucidentata. . .67. E. integrifolius K. et 

Kir. 
Sectio XI. Nanechinops. 

Capitula in glomerulo globoso homogamo homo- 
morpha. Involucri squamae 16 — 20 quinquefariam 
imbricatae lineares et lineari-oblongae extimae ari- 
stato-acuminatae, intimae apice fimbriatae omnes plu- 
muloso-ciliatae dorso pubescentes , interiores pube 
arachnoidea subconnexae. Antherarum cauclae deor- 
sum subulatae siirsam barbatae. Pappi paleae ima basi 
concretae subidato-acuminatae distantes, i. e. apice baud 
contiguae, denticidatae nee barbellatae. Herbae bumi- 
les annuae in arenosis desertorum Asiae mediae eres- 
centes, foliis linearibus integris spinelloso-dentatis, 
hispidulis caeterumque glabratis, vel laevibus utriiique 
araneosotomentosis. Glomeruli parvi caerulei, invo- 
lucro generali e squamis linearibus longe ciliatis se- 
tisque numerosis barbellato-plumosis pedunculo ad- 
pressis fulti. 

1) Folia saltern superiora tomen- 

to destituta viridia hispidula. 68. E. GmeliniTurcz. 

Folia omnia utrinque arach- 
noideo-lanata, setulis nullis. 69. E. nanus m. 

Sectio XII. Acantliolepis. (Less.) Spach. 1. c. 

Capitula in glomerulo hemisphaerico homogamo ho- 
momorpha(?) 10 — 20 receptaculo glabro hemisphae- 



— 392 — 

rico articulatim inserta. omnia erecta, foliis et invo- 
lucro communi breviore patulo erecto e squcmis ciliatis 
oblongis panels fulta. Squamae imbricatae longe plu- 
moso-ciliatae aristatae, araneoso-lanuginosae. Anthe- 
rarum caudae sursura deorsumque aequaliter barba- 
tae. Pappi paleae lanceolatae acutae denticulatae ima 
basi connatae. Herba iu Persiae, Armeniae et Meso- 
potamiae aridis non rara, annua, foliis linearibus mar- 
gine et ante marginem plerumque duplici série spi- 
nulosis utrinque arachnoideo lanatis. Flores minuti 
purpurascentes. 

Spec, unica. 70. E, AcanthoJepis Spacli. 1. c. 

Observ. E. Olivieri Spacli. 1. c. distinctum non 
credo, signa enim ad discernendas formas a cl. autore 
prolata variabilia. Nomen specificum hoc accepi, 
quia E. orientalis Trautv. jam aderat. 

Species 4 ad sectiones non relatae, a me non ob- 
servatae, sequentibus discernendae: 

1) Acbeniis glabris. 2. 

Acheniis pubescentibus , 
capitulis cornigeris, squamis 
intimis liberis. 3. 

2) Acbeniis penicillo subnullo 

pappi paleis basi connatis 71. E. parviflorus Boiss. 

n. v. 

Acbeniis penicillo brevi , 

pappi paleis a basi liberis 72. E. GaiUardoti Boiss. 

n. v. 

3) Glandulosus, penicillus sq-ua- 

mas intimas superans. . .73. E. Boissieri m. n. v. 
(E. macrochaetus Boiss. non Fres.) 
Eglandulosus , penicillus 
paucisetus involucro multo 
brevior 74. E. polyceras Boiss. 

( Aus dem Bulletin, T. VI, p. 390 — 412.) 



MÉLMES BIOLOGIQUES 



TIRES DU 



BULLETIN 



DE 



L'ACADÉMIE IMPÉRIALE DES SCIENCES 



DE 



ST. - PETERSBOURG. 



Tome IV. 

Livraison 4. 



(Avec 1 Planche.) 



ST.-PETERSBOliRG, 1864. 

Commissionnaires de l'Académie Impériale des sciences: 
à St*-PéterBt>ourg à Riga à Leipzis 

MM. Egg ers et C ie , M. Samuel Schmidt, M. Leopold Voss. 

Prix: 40 Kop. = 14 Ngr. 



Imprimé par ordre de l'Académie. 
Janvier 1864. C. Vessel of ski, Secrétaire perpétuel, 



Imprimerie de l'Académie Impériale des sciences. 



CONTENU. 

Page. 

Dr. .%. Strauch. Characteristik zweier neuer Eidechsen 

aus Persien. .. 393—398. 

K. E. v. ilaer. Über das Aussterben der Thierarten in 
physiologischer und nicht physiologischer Hinsicht 
überhaupt u. s. w. Zweite Hälfte, erste Abtheilung. 
II. Untergegangene Thiere , deren Zusammensein mit 
dem Menschen historisch documentirt ist. ß. Alca im- 
pennis. Linn. (Mit 1 Tafel) 399—490 

j. f. Brandt. Bericht über eine in den Sommermonaten 
des Jahres 1863 unternommene wissenschaftliche 
Reise 491—504. 

Prof. w. Gruber. Über den Sinus communis und die Val- 
vulae der Venae cardiacae, und über die Duplicität 
der Vena cava superior bei dem Menschen und den 
Säugethieren. (Extrait.) 505—516. 



i? September 1863. 

Characterise k zweier neuen Eidechsen aus 
Persien« von Dr. t. Strauch. 

Eine kleine Suite von persischen Reptilien, welche 
Graf Eugen von Keyserling in den Jahren 1858 — 59 
während seiner Reise in Chorassan gesammelt und mir 
freundlichst zur Bearbeitung und Veröffentlichung 
übergeben hatte, veranlasste mich zur Abfassung einer 
Abhandlung über die herpetologische Fauna Persiens, 
in welcher ich alle, bisher in diesem noch so wenig be- 
kannten Lande beobachteten, Reptilien und Amphibien 
aufführe und kurz characterisire. Da jedoch die Vollen- 
dung und der Druck dieser Arbeit, die als Basis für eine 
spätere eingehendere Bearbeitung desselben Gegen- 
standes dienen soll, sich möglicherweise noch längere 
Zeit verzögern könnte, so will ich, um der Verpflich- 
tung, die ich meinem Freunde gegenüber übernommen 
habe , einigermaassen nachzukommen , die beiden 
neuen Arten seiner Ausbeute hier kurz diagnosticiren. 

Beide gehören der Ordnung der Saurier an und 
lassen sich in keine der bisher bekannten Gattungen 
dieser Ordnung einreihen. 

Die eine Eidechse steht zwar der Iguaniden- Gat- 
tung Uromastix sowohl durch den Gesammthabitus, 

Mélanges biologiques. IV. 50 



— 394 — 

als auch namentlich durch die Bildung des Schwanzes 
nahe, unterscheidet sich jedoch von derselben durch 
die ungleichartige Beschuppung des Rückens und durch 
die Anwesenheit von Dornen auf Hinterhaupt, Na- 
cken und Halsseiten so sehr, dass ich mich genöthigt 
sehe, sie zum Typus einer neuen Gattung Ccntrotra- 
clielus (von xsVrpcv, Stachel, Dorn und Tpa/ï^cc, Nak- 
ken) zu erheben , die im Systeme zwischen den Gat- 
tungen StelUo und Uromastix ihren Platz erhalten muss. 
Die andere Eidechse gehört unstreitig zu ,den son- 
derbarsten Formen der ganzen Ordnung und könnte 
wohl den Typus einer besondern Familie abgeben. 
Sie besitzt nämlich einen kurzen, dicken, granulirten 
Kopf, der dem Kopfe eines Gecko in jeder Beziehung 
täuschend ähnlich sieht, dabei ist aber der Rumpf, so 
wie auch die Extremitäten, mit Ausnahme der fein 
granulirten Flexorenseite des Vorderarms und Ober- 
schenkels, mit gleichartigen Schindelschuppen bedeckt, 
wie solche in der Familie der Scinke Regel sind, und 
die Zehen erscheinen an den Rändern sehr stark ge- 
kämmt, etwa wie bei Megaloclülus auritus. Die Be- 
deckung des Schwanzes dagegen ist so eigenthümlich 
gebildet, dass ich keine Analogie dafür auffinden kann: 
derselbe ist zwar wie der Körper mit Schindelschuppen 
gedeckt, zeigt aber auf der Oberseite der zwei letzten 
Drittel seiner Länge dachziegelförmig über einander 
gelagerte breite, von rechts nach links convexe Schil- 
der, die nach der Schwanzspitze zu allmählich an 
Grösse abnehmen und deren jedes etwa die Form 
einer breiten, mit der Convexität nach hinten gerich- 
teten, Sichel oder besser noch eines menschlichen 
Nagels besitzt. Abgesehen nun von der Schwanz- 



— 395 — 

und Zehenbildung, von denen die erstere ganz isolirt 
dasteht*), während die letztere sich in mehreren 
Eidechsenfamilien, wenngleich nur vereinzelt, wie- 
derfindet, bietet das in Rede stehende Reptil eine 
unverkennbare Verwandschaft zu zwei sehr ver- 
schiedenen Familien, den Geckonen und den Sein- 
coiden dar, doch scheint mir die Verwandschaft zu 
letztern entschieden grösser zu sein, da nicht allein 
die oben und unten durchaus gleichartige, aus Schin- 
delschuppen bestehende Körperbedeckung, die ein 
Hauptmerkmal der Scincoiden bildet, sondern auch 
die kurze, freie, an der Spitze gespaltene und mit 
flachen, kleinen, nur unter der Loupe deutlichen 
Schüppchen besetzte Zunge dafür spricht. Ich stelle 
daher das Thier zu den Scincoiden und zwar an die 
Spitze derjenigen Gruppe dieser Familie, die wegen 
Mangel der Augenlider als Opino- oder Gymnophthal- 
mia bezeichnet wird, doch bleibt es immer eine sehr 
paradoxe Form, für welche mir der Name Terato- 
seinem (von zioaç Wunder, Monstrum, und gm^cç 
Name einer Eidechse) ganz passend scheint. 

Die Diagnosen dieser beiden Reptilien lauten wie 
folgt. 

1) Centrotrachelus nov. gen. 

Caput subtriangulare , breve, crassum, convexum, 
rostro rotundato, squamis tuberculosis, irregularibus, 
in fronte majoribus et convexioribus, contectum. Regio 
gularis subtiliter granulata. Orbitae simplices; nares 



*) Die centrale Reihe breiterer Schuppeu, die auf der Oberseite 
des Schwanzes bei einigen Arten der Scincoiden-Gattung Euprepes 
vorkommt, lässt sich schwerlich mit der ebenbesprocheneu Bildung 
vergleichen. 



— 396 — 

parvae, sub cantho rostrali positae, retrorsum di- 
rectae. Aures magnae, verticales, oblongae, partim 
plicis collaribus occultae; membrana tympani altius 
detrusa. Occiput, nucha, regio postauricularis et Col- 
lum scutis magnis, multangularibus, in spina valida ele- 
vatis, series transversas fingentibus, ornantur. Truncus 
elongatus, depressus; squamae dorsi laeves, imbrica- 
tae, inaequales; aliae parvae, aliae quadruplo majores, 
subtectiformes per series transversas dispositae; squa- 
mae pectorales abdominalesque laeves , imbricatae. 
Ante pectus plicae transversae. Membra valida, squa- 
mata, supra nonnullis spinis dispersis; pedes penta- 
dactyli, digitis inaequalibus, unguiculatis. Pori anales 
nulli, femorales utrinque undecim. Cauda longa, lata, 
verticillata, crassa, subtus plana et inermis, supra 
tectiformis et spinosa; verticilli singuli supra squamis 
plerumque octo magnis, multangulis, in spina conica, 
plus minusve acuminata elevatis, apicem versus dimi- 
nuentibus instructi. 

Ceiitrotrachelus Asimissii nov. sp. 

Capite ex olivaceo griseo, obscuro, dorso sordide 
viridescenti-flavo, cauda membrisque olivaceis; pec- 
tore fusco; abdomine, palmis plantisque flavis, primo 
sparsim nigromaculato. Longitudo totius animalis 43,6 
ctm.; capitis 4,6 ctm.; caudae 19,9 ctm. 

Habitat. Seri-Tschah. 

Diese Eidechse brachte Graf Keyserling lebend 
aus Persien mit und schenkte sie unserem gemein- 
schaftlichen, leider zu früh verstorbenen Freund und 
Lehrer Dr. Herrmanu Asmuss, weiland Professor der 
Zoologie an der Kais. Universität zu Dorpat, dessen 



— 397 — 

Andenken ich sie auch geweiht habe Das einzige 
Exemplar gehört dem Dorpater zoologischen Museum 
und ich bin Hrn. Professor Dr. G. Flor für die Freund- 
lichkeit, mit welcher er es mir zur Ansicht hierher 
schickte, zu grossem Dank verpflichtet. 

2) Teratoscincus nov. gen. 

Caput tetragono-pyramidale, breve, crassum, cute 
granulosa obtectum, capiti Geckonis simillimum. Oculi 
magni, pupilla circulari; palpebra inferior nulla, supe- 
rior brevissima, formam lobi crenulati praebens. Mea- 
tus auditorius magnus, sed angustus et oblique positus; 
membrana tympani profunde detrusa. Nares parvae 
inter scutella quinque positae. Lingua brevis, carnosa, 
apice fissa, squamulis planis minutissimis tecta. Trun- 
cus medio dilatatus, subdepressus, ubique squamis 
magnis imbricatis obtectus; squamae laeves, margine 
libero subrotundatae vel paulum angulatae. Pedes 
quatuor pentadactyli, squamati, excepta facie poste- 
riori femorum et antibrachiorum granulata. Digiti in- 
aequales, marginibus valde pectinati. Hypodactylia 
squamulis subspinosis. Pori nulli. Cauda longa, teres, 
squamata, supra in duabus tertiis partibus posteriori- 
bus scutis 12 — 14 magnis latis, subfalciformibus 
loricata. 

Teratoscincus Keyserlingii nov. sp. 

Supra sordide griseo-albus, subtus albicans; capite 
nonnuliis maculis irregularibus nigrescentibus, dorso 
utrinque vittis duabus nigris indistinctis et saepe in- 
terruptis. Pullus differt dorso caudaque transverse 
nigrofasciatis. Longitudo totius animalis 15,8 ctm.; 



— 398 — 

capitis 2,9 ctm.; caudae, a margine posteriori cloa- 
cae usque ad apicem 5,6 ctm. 

Habitat. Seri-Tschah. 

Diese Art, die ich meinem Freunde, dem Entdecker 
derselben, gewidmet habe, liegt mir in 4 Exemplaren 
vor, die Graf Keyserling sammt den übrigen von 
ihm gesammelten Reptilien, mit Ausnahme des Cen- 
trotrachdus , dem zoologischen Museum der Kaiser- 
lichen Akademie der Wissenschaften zu St. Peters- 
burg zum Geschenk dargebracht hat. 



(Aus dem Bulletin, T. VI, pag. 477 — 480.) 



£ October 1863, 

14 

Über das Aussterben der Thierarten in phy- 
siologischer und nicht physiologischer 
Hinsicht überhaupt u. s. w., von li. E. 

v. Baer. 

(Mit 1 Tafel.) 

Zweite Hälfte, erste Abtheilung. 

(Vergl. Bulletin de VAcad. des sciences Tome III, p. 369—396.) 

II. Untergegangene Thiere, deren Zusammensein 
mit dem Menschen historisch documentirt ist. 

ß. Alca impennis, Linn. 

Die Vertilgung des grossen Alks, den Linné Alca 
impennis genannt hat , ist ein merkwürdiges Seiten- 
stück zu dem Untergange der nordischen Seekuh 
(Rhytina). Beide sind ohne allen Zweifel durch Men- 
schen vertilgt worden, und da sie zur Nahrung scho- 
nungslos erlegt wurden, so kann man sagen, beide 
sind von den Menschen verzehrt. Bei der Rhytina ist 
die kurze Zeit des Vertilgungs-Krieges besonders auf- 
fallend und merkwürdig; ihr Vaterland war aber 
auch ungemein beschränkt, als die historischen Nach- 
richten über sie begannen. Die Alca impennis dage- 
gen hat einen weiten Verbreitungs-Bezirk gehabt; sie 
ist auf manchen Inseln um Newfoundland ungemein 



— 400 — 

häufig gewesen. Der Vertilgungs - Krieg hat daher 
auch länger angehalten, und nur eine kleine Kolonie 
im hohen Norden, an der äussersten Gränze des ur- 
sprünglichen Verbreitungsbezirks hat sich längere 
Zeit erhalten und mit dieser ist jetzt die ganze Art 
fast ausgestorben oder dem Aussterben ganz nahe. 

Die Geschichte der Alca impermis ist von dem Pro- 
fessor Japetus Steenstrup in Kopenhagen mit eben 
so viel Ausdauer als Scharfsinn aus einer Menge alter 
Reisebeschreibungen nachgewiesen, nachdem er schon 
früher Knochen dieses Vogels in den alten sogenann- 
ten Küchenresten Dänemarks erkannt hatte. Von 
diesen eben so interessanten als wichtigen Untersu- 
chungen, sind zwar die allgemeinsten Resultate schon 
längst in ganz Europa bekannt, aber in den am mei- 
sten gelesenen Sprachen, sind die Berichte, welche 
mir vorgekommen sind, ungemein summarisch. Steen- 
strup hat seine Untersuchungen am Vollständigsten 
dem naturhistorischen Verein in Kopenhagen in den 
Jahren 1856 und 1857 mitgetheilt. Sie sind gedruckt 
in der Zeitschrift dieser Gesellschaft : Videnskabelige 
Meddelelser for den naturhistorishe Forening i Kjoben- 
havn, for Aaret 1855, Kjöbenhavn 1856 — 1857. Ob- 
gleich auf dem Titel dieses Heftes gesagt wird, dass 
es für das Jahr 1855 bestimmt ist, so wird im Inhalts- 
Verzeichnisse doch ausdrücklich erklärt, dass die Ab- 
handlung vom Prof. Steenstrup in den Jahren 1856 
und 1857 und noch eine andere i. J. 1856 mitge- 
theilt sind. 

Der Dänischen Sprache unkundig habe ich für eine 
Übersetzung dieser Abhandlung gesorgt, in der Ab- 
sicht einen reichhaltigen Auszug zu geben. Da sich 



— 401 — 

aber viele Abschnitte nicht ihrem ganzen Werth und 
Inhalt nach geben Hessen, ohne in die Argumentation 
des Verfassers ganz einzugehen, z. B. wenn er gegen 
die hergebrachte Meinung den besprochenen Vogel 
nicht für einen Bewohner der Grönländischen Inseln, 
auch nicht zur Zeit von Otto Fabricius erklärt — 
so habe ich es für passender gehalten, die Übersetzung 
vollständig zu geben, da die Zoologen und Palaeonto- 
logen, welche der Dänischen Sprache nicht mächtig 
sind, doch am liebsten den ganzen Reichthum dieser 
Untersuchungen werden kennen lernen wollen. Einige 
Härten im Deutschen Ausdruck habe ich zu mildern 
gesucht, ich durfte aber nicht viel ändern ohne Ge- 
fahr zu laufen den Sinn zu entstellen. Der Über- 
setzer wird mehr gewohnt sein sich in Dänischer 
Sprache auszudrücken als in Deutscher. 

EinBeitragzur Naturgeschichte des Geirfug/, Alca 
impennis, und besonders zur Kenntniss seines 
früheren Verbreitungskreises von Prof. Jap. 
Steenstrup. 

In den beiden letzten Berichten über das Resultat 
der Untersuchungen der Küchen-Abfälle des Däni- 
schen Urvolkes (Oversigt over Videnskab. Selskabs. For- 
handlinger 1855, S. 13— 20 und 385—88) habe ich 
den merkwürdigen Umstand erwähnt, dass unter den 
Überresten von Thieren, welche die Ureinwohner 
gegessen hatten, auch Spuren von zwei grösseren 
Vögeln gefunden wurden , welche nicht mehr hier im 
Lande existiren, nämlich des Auerhahns (Tetrao uro- 
gallus) und eines grossen, zum Fliegen ganz unfähigen 
Vogels vom Geschlechte der Alken, welcher als der so 

Mélanges biologiques. IV. 51 



— 402 — 

gut wie ausgerottete Ocirfuxfl (Alca impcnnh L.) an- 
gesehen werden muss. Da der so eben genannte Vo- 
gel nicht in den letzten Jahrzehnten, überhaupt nicht 
in diesem Jahrhunderte an einer südlicheren Stelle als 
auf den nur wenige Meilen von der Südküste Islands 
gelegenen Geirfugleskjaer (Alca-Felsen) brütend gefun- 
den worden ist, und das sogar nur in wenigen und 
vereinzelten Individuen, da weiter das Vorkommen 
einzelner gegen die nördlichen und westlichen Küsten 
von Europa hingetriebener Individuen zu den sehr 
grossen Seltenheiten gehört, musste natürlich die 
Nachweisung mehrerer Individuen dieses Vogels in 
jenen Haufen von Küchen- Abfällen sehr überraschend 
sein, weil sie unwiderleglich andeuten mussten, dass 
dieser Vogel vor ca. 3000 — 4000 Jahren im Katte- 
gat lebend vorgekommen ist. 

Je unerwarteter dieser Fund war, desto wichtiger 
musste es für mich sein, die Deutung der gefundenen 
Knochen ausser allen Zweifel setzen zu können. Die- 
ses war nun in so fern nicht leicht, als es weder in 
unserem, noch, so viel bekannt, in anderen Museen 
ein Skelet dieses seltenen Vogels gab. Aber da ich 
einerseits durchgängige Uebereinstimmung der gefun- 
denen Knochen und der entsprechenden Knochen aller 
europäischen kleineren Alken, und andererseits ge- 
wisse eigenthümliche Unterschiede zwischen jenen und 
diesen fand, konnte ich mich kaum darin täuschen, 
den Vogel, von welchem die Knochen herstammten, 
erstens für eine Alca zu erklären, demnächst für eine 
Alca von der Grösse einer Gans und endlich für eine 
zum Schwimmen und Untertauchen im höchsten Grade 
geeignete, aber zum Fliegen ganz unfähige Alca, Eigen- 



— 403 — 

Schäften, welche unter allen bekannten Arten dieser 
Familie nur der Alca impcnnis zukommen. 

Diese zunächst durch die Analogie gewonnene 
Überzeugung wurde durch ein besonderes Zusammen- 
treffen von Umständen vollständig bestätigt. In einem 
kleinen Kreise nordischer Naturforscher war es näm- 
lich bekannt, dass der Norwegische Zoolog P. Stu- 
vitz, der der Fischerei wegen, von seiner Regierung 
nach Newfound land und dem zunächstliegenden Theil 
von Nordamerika gesandt worden war, von einer klei- 
nen Insel, entweder bei der Küste Labradors oder 
Newfoundlands einige Vogelknochen nach Hause ge- 
schickt hatte, welche in grossen Haufen an der Küste 
gefunden waren, und nach ihrer Heimsendung als Geir- 
fwjl- (A. impennis) Knochen gedeutet wurden. 

Dies konnte man um so viel sicherer erklären, als 
ausser allen wesentlichen Knochen des Körperske- 
letes eine nicht geringe Anzahl Crânien gefunden 
waren, welche mit denen übereinstimmten, die man 
von einzelnen ausgestopften Vögeln hatte. 

Von diesen Knochen hatte das zootomische Museum 
der Universität zum Glück einige erhalten, und darun- 
ter auch einige gerade von denselben Theilen des 
Skelets, zu denen meine in den Küchen-Abfällen des 
Urvolkes gefundenen Knochen gehörten. Bei unmittel- 
barer Vergleichung konnte man nicht daran zweifeln, 
dass es Vögel von einer und derselben Art waren, 
welche man an beiden Orten verzehrt hatte, und so- 
mit fanden also die Knochen unserer Küchen-Abfälle 
das zu ihrer vollkommen sicheren Deutung nöthige 
Material in Knochen ähnlicher Haufen an der Ameri- 
kanischen Ostküste, welchen man auch nicht früher 



— 404 — 

als jetzt die ihnen gebührende Aufmerksamkeit ge- 
schenkt hatte. 

Da der Stuvitz'sche Fund nicht veröffentlicht war, 
und, wie oben bemerkt, nur einem engeren Kreise 
von Naturforschern bekannt wurde, kamen also von 
zwei entgegengesetzten Seiten Thatsachen ans Licht, 
welche wohl dazu aufmuntern konnten, das Schick- 
sal dieses merkwürdigen Vogels, so weit möglich, zu 
verfolgen und dadurch dasselbe klarer zu machen; 
denn es wird sich bald zeigen, dass seine Geschichte 
nicht wenig anders sich ausweist, als man sich die- 
selbe gewöhnlich vorgestellt hat. 

So weit die Ornithologen sich nämlich auf eine 
Auffassung der Geschichte und Verbreitung dieses 
Vogels eingelassen haben, haben sie sich beinahe im- 
mer das Verhältniss so gedacht, als wären die Punkte, 
an denen der Vogel in dem letzten Jahrhunderte höchst 
selten und vereinzelt gesehen worden (z. B. bei den 
Küsten der Slietlands- und Orkney s-Inse\n), oder wo 
derselbe noch brütete aber nur in sehr kleinen Ge- 
sellschaften (die Geirfugl-F eisen an der Südküste Is- 
lands) die südlichsten seines Ausbreitungskreises, und 
als hätte der Vogel eine grössere Heimath und grös- 
sere Verbreitung gegen Norden in den arktischen 
Meeren und Meerbusen 1 ), namentlich an der Ost- 



1) Man vergleiche z.B. Temminck's Ausdrücke im Manuel d' Orni- 
thologie (2- de partie p. 940 — 1820): «i7 habite les plus hautes lati- 
tudes du globe, toujours dons les régions couvertes de glaces; vit et se 
trouve habituellement sur les glaces flottantes du pôle arctique, dont il 
ne s^éloigne qu'accidentellement -commun au Groenland, uiid beinahe 
dieselben Äusserungen wiederholt Ch. Dum ont, Verfasser der orni- 
thologischen Artikel im Dictionnaire des sciences naturelles XLI, 
p. 57. 1826. C. L. Bonaparte lässt ihn bewohnen: «the arctic seas 



— 405 — 

küste Grönlands und Spitzbergens u. s. w., indem man 
meinte, dass er in diese Gegenden zum Theil aus seinen 
südlicheren Standorten verjagt worden sei, weil er in 
diesen immer seltener geworden war. Eine bestimmte 
Meinung, dass die Alca impennis früher an mehreren 
der Stellen gebrütet habe, wo sie in späteren Jahr- 
hunderten nur ganz sporadisch gefunden wurde, schei- 
nen die neueren Ornithologen nicht gehabt zu haben 
und noch weniger eine Ahnung davon, dass dieselbe 
sogar weit südlicher gelebt haben muss, oder mit an- 
deren Worten: viel weiter nach den Europäischen 
Küsten verbreitet war, und dass jene obengenannten, 
südlichsten Grenzen ihrer Ausbreitung, gerade die 
nördlichsten derselben waren. Auch in Betreif der 
Ausbreitung nach Osten und Westen hat man sich den 
Vogel nicht als solchen vorgestellt, dessen Haupt- 
heimath, wenigstens in späteren Jahrhunderten, an 
den östlichen Küsten Nord- Amerika gewesen ist und 
dessen wenigste Individuen in den östlichen Gegenden 
des Atlantischen Oceans gewesen sind, von wo man 
ihn wirklich kannte und welcher früher den einzigen 
uns sicher bekannten Theil seiner Heimath ausmachte. 
Und doch scheinen die Verhältnisse sich offenbar so 
zu gestalten, wenn man die Data, welche schon vor- 



of both continents ivliere it is almost constantly resident» (Synopsis 
of tlie Species etc. in Annals of the Lyceum of nat. hist, of New -York 
Vol. II. 1828 p. 432) und Keyserling und Blasius (Wirbelth. 
Europas XCI) suchen gleichfalls seine Heimath «im arktischen 
Meere». Thienemann, welcher selbst zwei Jahr unter dem Polar- 
Ereise lebte, lässt ihn jetzt nur an der uns unbekannten Ostküste 
Grönlands brüten, von wo die einzelnen Individuen auf Island ab- 
stammen sollen (Fortpflanzung der Vögel Europas, V. Abth. S. 57. 
1838) u. s. w. 



— 406 — 

handeii waren , oder die ich habe auftreiben können, 
genau untersucht. 

Als ich in den obenerwähnten Berichten an die 
Akademie der Wissenschaften meinen Fund von Alca- 
Knochen in den Küchen-Abfällen anführte, berührte 
ich auch im Vorbeigehen die Veränderungen, welche 
in der früheren Verbreitung dieses Vogels Statt ge- 
funden haben, indem ich sie, unter steter Hinweisung 
auf die Quellen, in kurzen Zügen darstellte, vor- 
nehmlich zur näheren Anleitung für Andere, welche 
dem Faden zu folgen oder denselben weiter fortzu- 
setzen wünschten. Hinsichtlich der ausführlichen Dar- 
stellung meiner Auffassung der Verhältnisse bezog 
ich mich auf die wissenschaftlichen Mittheilungen 
unseres Vereins, in welchem ich diesen Gegenstand 
ausführlicher zu behandeln gedachte, in der Aus- 
dehnung nämlich, worin ich denselben in den Sitzun- 
gen des 17. Nov. 1854 und des 14. Dec. 1855 dar- 
gestellt hatte. 

Es ist die Erfüllung dieses Versprechens, welche 
ich hier versuche, aber es versteht sich von selbst, 
dass ich mit diesem Versuche ganz und gar nicht be- 
absichtige, eine vollständige Darstellung der Ge- 
schichte der Alca impennis zu geben, sondern nur eine 
Reihe von Daten dazu zu liefern, welche bisher un- 
bekannt oder ganz übersehen worden waren, und 
diese in einen solchen Zusammenhang zu bringen, 
dass die Geschichte des Vogels uns dadurch in ihren 
wesentlicheren Zügen bestimmter vorgeführt wird, 
so dassjn der Zukunft neu gewonnene oder aus der 
Literatur hervorgezogene Thatsachen besser ihren 
rechten Platz werden finden können. 



— 407 — 

Ich habe schon erwähnt, dass die A. impcnnis im 
vorigen Jahrhundert ihre Hauptheimath an der west- 
lichen Seite des Atlantischen Oceans, namentlich an 
der Ostküste des nördlichen Amerikas hatte, und da 
dies die hauptsächlichste Veränderung in der bisheri- 
gen Ausicht von der Ausbreitung des Vogels ist, will 
ich mit den Thatsachen, welche diese Anschauung 
rechtfertigen, anfangen. 

A. Der Aufenthalt der Ale a imp en ni s an der westlichen Seite des 
Atlantischen Oceans oder an den nördlichen Theilen der Ostküste 
Nordamerikas. 

So viel ich weiss, hat keiner der Amerikanischen 
Ornithologen in der Alca impcnnis einen Vogel erkannt, 
welcher den eigentlichen Amerikanischen Küsten an- 
gehört oder angehört hat. Die nordamerikanischen 
Faunen, in welchen ich seiner erwähnt finde, sind: 
Richardson's Fauna boreali-antericana , 1831 und 
Wilson's American Ornithology tvitJi a contin. by C. 
L. Bonaparte and notes by W. Jardine, 8 vol. 1832, 
aber während die Hauptausgaben in - 4° der zwei 
hier aufgeführten Werke von Wilson 1808 — 14 
und Bonaparte 1825 — 32 dessen gar nicht erwäh- 
nen, und Jardine hier, III, S. 225 ihn nur nach 
Bonaparte's schon citirter Synopsis nennt, und zwar 
mit jener bekannten und unbestimmten Angabe: in- 
habits the arctic seas of both continents u. s. w., welche 
verräth. dass sie schwerlich auf Exemplaren von ir- 
gend einem authentisch Amerikanischen Fundorte 
beruht, ist im zuerstgenannten Werk von Richard- 
son nur in der Einleitung P. II. p. XXXVIII dieses 
Vogels erwähnt nach Sabine's Abhandlung über die 
Vögel Grönlands. Sabine hat indessen eben &o we- 



— 408 — 

nig selbst den Vogel bei Grönland gefunden, als Ri- 
chardson in Nordamerika. In seinem «memoir on the 
birds of Greenland (Linhean Transactions f. 1818 S. 
559) hat Sabine den Vogel nur nach 0. Fabricius 
Autorität angeführt, und somit scheint das nord- 
amerikanische Bürgerrecht der Alca impennis bisher 
nur auf ihr Vorkommen an den grönländischen Kü- 
sten gestützt gewesen zu sein. 

1) Alca impennis an den Küsten Grönlands. 

Die Nachrichten, welche wir darüber haben, dass 
dieser Vogel an den Küsten Grönlands wirklich eine Hei- 
math gehabt hat, sind indessen nur äusserst spärlich, 
und man wird gewiss bei genauerer Betrachtung nicht 
das Resultat daraus finden, welches man bisher ge- 
neigt war aus ihnen finden zu wollen. 

Sie schweigen fast ganz für das ganze gegenwär- 
tige Jahrhundert und da sie kaum ein Jahrhundert 
in der Zeit zurück gehen, betreffen sie also nur einen 
sehr beschränkten Zeitraum, nämlich die Jahre von 
1761 — 1774, und dabei sind die Nachrichten oft 
aus zweiter Hand. Man kann somit auf der einen Seite 
wohl nicht daran zweifeln, dass es die Alca impennis 
ist, die der Missionär David Crantz in seiner His- 
torie von Grönland 1765, S. 111, mit seinem See- 
Emmer, grönländisch Esarohitsok (d. i. kleingeflügelt) 
meint, wenn er sagt, dass derselbe trotz seiner Grösse 
Flügel von kaum einer Spanne Länge hat und gar nicht 
zu fliegen vermag und da seine grönländische Benen- 
nung nur durch eine unbedeutend andere Auffassung 
der Selbstlaute von der verschieden ist, welche H. 
Chr. Glahn in seinen Bemerkungen über die drei 



— 409 — 

ersten Bücher von Herrn David Crantz Historie 
von Grönland, 1771 S. 99 — 100 der Alca impermis 
beilegt, nämlich Iserokitsok (von Iseroh, ein Flügel, und 
Jdpokj klein,) welcher Name auch bei Otto Fabri- 
cius (Fauna groenlandica, S. 82) dafür gefunden wird. 
Aber auf der anderen Seite ist es zugleich aus den 
Ausdrücken unzweifelhaft, dass Crantz während sei- 
nes Aufenthaltes in Grönland (1761 — 62) ihn nicht 
selbst gesehen hat, da alles darauf hindeutet, dass er 
bloss durch seine von Neu Herrnhut aus in den näch- 
sten Kolonien Godthaab und Sukkertoppen abgeleg- 
ten Besuche bei «den Normännern» etwas von ihm ge- 
hört haben muss, und durch Missverständniss der 
wenigen und sonderbaren Dinge, die er von ihm an- 
führt, dahin gekommen ist, die Benennung der Nor- 
männer für Colymbus glackdis Lin. und ein Paar ihrer 
bekannten Fabeln von diesem Vogel und die Aus- 
brütung seiner Eier unter den Flügeln für die Alca 
impennis aufzunehmen. Glahn dagegen äussert sich 
über den Schnabel und die Form des Körpers der 
Alca impennis im Verhältniss zum Colymbus glackdis 
auf eine solche Weise, dass man annehmen muss, er 
habe den Vogel gesehen oder eine leidlich gute Be- 
schreibung desselben vor sich gehabt. Wäre Ersteres 
der Fall gewesen, so würden sicherlich seine Bemer- 
kungen gegen Crantz ihrer ganzen Beschaffenheit zu 
Folge, viel mehr und andere Berichtigungen enthalten 
haben, ich bezweifle daher nicht, dass er nur aus 
letztgenannter Quelle seine Aufkläruug hat. Dass eine 
solche ihm zur Seite lag, sieht man aus der S. 108 — 
111 mitgetheilten Liste über Grönländische Vögel, 
verfasst von einem Pastor bei Holsteinborg, denn auf 

Mélanges biologiques. IV. 52 



— 410 — 

dieser Liste steht ein NB. vor Iscrokitsok oder Älca 
impcnnis, und dieses NB. bezeichnet, sagt Gl ahn: «die 
Vögel, welche er (der Pastor) etwas umständlicher 
beschrieben, und wovon die Manuscripte zum Theil 
beim hochlöblichen Missionscollegium liegen (S. 107) 
Aus diesen beiden Quellen kann man kaum mehr her- 
ausbringen, als dass der Vogel an den Küsten gesehen 
worden sein muss, aber ob derselbe dort regelmässig, 
selten oder häufig vorkam, und ob er dort brütete, 
wird mit keinem Worte erwähnt. 

Über diese Verhältnisse äussert sich indessen un- 
sere dritte Quelle seiner Zeit, der Pastor Otto 
Fabricius so umständlich, dass er kaum missver- 
standen werden kann; er hat nämlich nie andere als 
jüngere Vögel gesehen {rostrum nigrum, sulcis 4 tan- 
tum notatum in exemplarïbus visis) und sie finden sich 
nur draussen auf den äussersten Felsen, am offenen 
Meere, und gleichwohl nur selten und bloss in später 
Herbstzeit (habitat in alto mari, raro ad insulas extre- 
mas visa, et quidem tempore brumali); die alten sind 
äusserst selten (veteres rarissimi). Brütete er an den 
Küsten Grönlands, so müsste es auf den entferntesten 
und ganz unbesuchten Aussenklippen sein, denn die 
Grönländer haben nie ein Nest gesehen (nidificat in 
scopulis maris extremis ab hominibus remotissimis ; quod 
inde concludo, guod nidus ejus nunquam a Groenlandis 
conspectus est). Der Vollständigkeit wegen will ich zu 
diesen Ausdrücken seiner Fauna groenlandica (1780) 
p. 82 hinzufügen, was er über dieselben Verhältnisse 
in seinem bedeutenden Manuscripte « Zoologiske sam- 
linger» lstes Heft S. 267 sagt: «Dieser Vogel wird 
nur in Grönland im Vorwinter von September bis 



— 411 — 

Januar zu rechnen, gesehen, zuweilen in ziemlicher 
Menge, aber die meisten Winter nur wenige, einen 
alten sieht man sehr selten. Immer weit in der See, 
sehr selten zwischen den Inseln und niemals am Lan- 
de, (es sei denn dass man bei den nördlichen Kolonien 
andere Erfahrungen gemacht haben sollte als bei den 
südlichen , wo ich war). Im Sommer wird er nicht 
gesehen, da er sich bei seinen Brüteplätzen aufhält.» 
Grönland kann also eigentlich nicht die Heimath des 
Vogels genannt werden , da er in der Wirklichkeit 
nicht am Lande brütet , sondern nur für eine kurze 
Zeit unter Land kommt und dann weit in der See. 
«Wo er brütet, ist unbekannt, denn die Grönländer 
haben niemals sein Nest gesehen.» 

Gewissermaassen im Gegensatze hierzu, ja im Wi- 
derspruche hiermit, steht jetzt die einzelne Beobach- 
tung, welche F abri ci us gemacht haben will und die 
er in seiner Fn. groenl. in unmittelbarer Fortsetzung 
obengenannter Worte anführt, dass er doch einmal im 
August Monat ein mit Daunen bedecktes Junges ge- 
sehen habe, nur wenig Tage alt, welches sich kürzlich 
von seinem Neste entfernt haben musste , das daher 
nicht weit entfernt sein konnte («sed pullum vidi, 
mense Augusto captim, lanuginem griseam tantum ha- 
bentem, Mnc aliquot tantum dierum; inque illo inveni 
rhodiolam roseam et alia vegetabilia, quae littoribus 
praeruptis crescere soient, non autem pisces: liinc nu- 
per de nido suo nee proeul venisse necesse est»). Bei 
dieser Beobachtung und dem daraus gezogenen Schluss 
verweilt er auch S. 267 in seine zoologischen Samm- 
lungen , von welchen ich dochhier, da kein neuer 
Stoff zugekommen ist, nur die Worte aufnehmen will, 



— 412 — 

mit denen er näher erklärt, was er, wenigstens 1809, 
als er dieses Heft niederschrieb , mit «nicht weit 
entfernt» gemeint hat. 

«Da die Grönländer in der Gegend, wo ich war 
(Frederikshaabs District) , alle Inseln zu befahren 
pflegten , sogar die ziemlich entfernt liegenden , und 
niemals diese Vögel im Sommer gesehen oder ihre 
Nester haben finden können — nur eine grosse Insel, 
Umenak genannt, deren westliche Seite dem Meere 
zugewandt, und was westlich davon noch weiter in's 
Meer hinein liegen mag, erreicht man nicht — so 
vermuthe ich, dass sie da herum, weit von Menschen, 
und an mehreren anderen Stellen westlich hinaus ihre 
Brüteplätze haben müssen, ungefähr wie Uriagrylle auf 
steilen Felsen am Ufer, ohne besondere Zubereitung. 

Was bei der Fabricius'schen Beobachtung sogleich 
einem Jeden auffällt , der den regen Sinn der Grön- 
länder für die Natur und das dadurch geschärfte Auge 
kennt, nämlich dass das Junge eines so ansehnlichen 
Vogels, welcher in vieler Hinsicht die Aufmerksam- 
keit der Eingeborenen in Anspruch nehmen sollte, 
unmöglich aus einem Neste, welches innerhalb des 
von ihnen befahrenen Territoriums lag, kommen konn- 
te, hat natürlich auch den Verfasser frappirt, und man 
sieht, dass er deshalb dahin gebracht ist, den vermu- 
theten Brüteplatz nach so entlegenen Orten zu ver- 
setzen, dass das Herkommen eines so jungen flaumi- 
gen Thierchens von da ebenso unerklärlich bleibt. 
Der einzige natürliche Ausweg scheint mir hier, einen, 
besonders damals leicht zu entschuldigenden Irrthum 
anzunehmen, indem das von Fabricius gesehene 
Junge (zu dessen Erkennung er weder in der Fauna 



— 413 — 

grocnlandica noch in jenem früher besprochenen Ma- 
nuscript das Geringste mittheilt), nicht ein Junges der 
Alca impennis, sondern irgend eines andern Vogels, 
dessen Junges Fabricius unbekannt war, gewe- 
sen ist. 

Zu dieser Annahme wird der Naturforscher ausser 
den schon angeführten Unerklärlichkeiten noch mehr 
gezwungen durch folgende sonst* aufbewahrte Züge 
der Vermehrungsgeschichte der Alca impennis: 1) dass 
sie nämlich früh genug brütet, um schon in der Mitte 
Juni mit dem schwimm- und tauchfähigen Jungen in 
See gehen zu können, 2) dass sie niemals zum zwei- 
ten Male Eier legt, selbst wenn das erste Ei geraubt 
w r ird, so dass also ein so spät ausgehecktes Junges 
nicht auf diesen Vogel passt , endlich muss ja wohl 
auch die im Jungen gefundene ausschliessliche Pflan- 
zennahrung einigen Verdacht gegen seine Alca-Natur 
erwecken. 

Seit Fabricius' Aufenthalt in Grönland (1768 — 
73) haben wir keine Beobachtungen und Berichte 
über das Vorkommen der Alca impennis in der Nähe 
der Küsten das ganze vorige Jahrhundert hindurch, 
und im gegenwärtigen Jahrhundert beschränkt sich 
die Zahl der beobachteten Individuen auf ein einziges, 
wie es scheint. In seiner Mittheilung über das Vor- 
kommen der Alca impennis auf Island (Kröyers Zeit- 
schrift II, S. 535) fügt der verstorbene Staatsrath 
Reinhardt bestimmt bei, dass kein bei Grönland ge- 
fundenes Exemplar ihm jemals bekannt geworden 
ist. Ein Exemplar, welches ihm später durch zuver- 
lässige Zeugnisse als von Grönland kommend, aufge- 
geben wurde , bemühte er sich für das Universitäts- 



— 414 — 

museum zu erhalten, wo es jetzt aufbewahrt wird. 
Da es von einem damals lebenden Dänischen Ornitho- 
logen E. Hage, welcher früher mit Herrn Justizrath 
Boic in Kiel in Verbindung stand, erworben wurde, 
ist es vielleicht dasselbe Individuum, welches dieser 
iu der Isis für 1822 (S. 872) an einen seiner Freunde 
als eine grosse Seltenheit gesandt zu haben meldete, 
und wahrscheinlich ist es denn auch dasselbe Exem- 
plar, welches, wie Holböll berichtet, 1815 bei Fis- 
kenässet gefangen wurde, und seit welchem nichts von 
der Alca impennis in Grönland gehört oder gesehen wor- 
den ist(C. Holböll: Omithologiske Bidrag til dengrön- 
landske Fauna in Kröyers Nahirhistoriske Tidskrift 
IV, S. 361—457; siehe S. 457. Desselben ornitho- 
log. Beitr. zur Fauna Grönlands, übersetzt von J. H. 
Paulsen. Leipzig 1846. S. 84). Mit mehr als diesem 
einen Individuum scheint also das sogar nur zufällige 
Vorkommen des Vogels an den Küsten Grönlands 
nicht für die letzten 50 Jahre, ja nicht einmal für die 
letzten 80 — 90 Jahre, bestätigt werden zu können, 
und das sogar trotz aller Mühe, die man sich, wenig- 
stens seit dem Schlüsse des Krieges 1814, gegeben 
hat, um denselben zu bekommen, und der verhältniss- 
mässig bedeutenden Summen, die man dafür geboten 
hat (cfr. ausser den genannten zwei Abhandlungen 
in Kröyers Zeitschrift, auch Reinhardt: Grönlands 
Vögel nach den neuesten Erfahrungen , in der Tid- 
skrift for Nattirvidenskaberne 1824, III, S. 59). Es 
scheint mir daher, dass man aus guten Gründen mit 
Holböll: «fürchten kann, dass man diesen Vogel 
nicht mehr an den Küsten dieses Landes finden wird.» 
Um so viel möglich zu verhüten, dass minder rieh- 



— 415 — 

tige Anschauungen fortfahren sich auszubreiten, muss 
ich noch hinzufügen, dass, wenn Holböll an dersel- 
ben Stelle wegen des Aufenthalts der Alca impennis 
bei Grönland äussert, dass sie daselbst vor 80 Jahren 
nicht selten war, und in dieser Hinsicht nur die Worte 
des Fabric ius in der Fauna groenlandica vor Augen 
hat, damit offenbar zuviel gesagt ist, denn selbst mit 
den ein wenig ausführlicheren Aufklärungen, welche 
wir durch die oben von mir abgedruckten Worte 
erhalten , würde dieser Vogel doch dort nur ein 
seltener zu nennen sein , aber wenn er (Krüyers 
Zeitschrift S. 383; Ornithol. Beitr. S. 16) bei der 
Andeutung der Veränderung, welche die grönländi- 
sche Vogelfauna in letzterer # Zeit, seiner Meinung 
nach, erlitten hat, als Resultat der Beobachtungen 
über einzelne gesehene Geirfugle anführt: «So weiss 
man mit vollkommener Gewissheit, dass Alca impennis 
an mehreren Stellen gebrütet hat» — so ist dies voll- 
kommen unrichtig. 

Meine Meinung ist demnach ganz kurz diese: Nach 
den bisher bekannten Beobachtungen sind wir ganz 
unberechtigt anzunehmen , dass Alca impennis die 
Sommer- oder Brütezeit an den Küsten Grönlands 
zugebracht hat; sie ist nur ein Wintergast gewesen, 
gewöhnlich sogar als junger Vogel , und niemals in 
grösserer Anzahl. Die Stellen , wo sie in früheren 
Zeiten gesehen worden ist , sind die Aussen-Inseln 
im südlichen Theile Grönlands gewesen, und sie ist 
ebensowenig von unseren Colonisten und Seefahrern 
wie von den Grönländern in Nordgrönland gesehen 
worden, als an irgend einer andern Stelle oben in der 
Davisstrasse unter den zahlreichen Besuchen, die von 



— 416 — 

Ross und Parry 's Reisen an bis zur letzten der zahlrei- 
chen Franklinsuchcr-Expeditionen in jenen Gegenden, 

2) Alca impennis in der St. Lawrencebucht bei 
Newfoundland u. s. w. 

Zum Ersatz für den bis dahin angenommenen Brü- 
teplatz der Alca impennis, welchen ich habe bezweifeln 
und in Abrede stellen müssen, will ich jetzt suchen, 
dem Vogel einen grossen und ausgebreiteten Brüte- 
gürtel etwas weiter nach Süden und Osten (Westen?) 
zu sichern, worauf man früher nicht aufmerksam ge- 
wesen zu sein scheint, nämlich etwas Ost und Süd 
von Newfoundland, westlich davon (in der St. Law- 
rencebucht), sowie etjyas die Küste von Neuschott- 
land hinunter; da ich mich aber hierbei hauptsächlich 
auf Berichte der ältesten Seefahrer beziehen muss, 
welche nach diesen Küsten fuhren und die natürlich 
andere Benennungen als die nordischen für die vor- 
kommenden Gegenstände gebrauchten , da sie in der 
Regel von England oder der Normandie ausgingen, 
so muss ich erst vorausschicken, welche Benennungen 
für die Alca impennis bei den verschiedenen Europäi- 
schen Völkern uns bekannt sind, die Gelegenheit ge- 
habt haben mit ihr in Berührung zu kommen. 

Der Isländische Name Gcirfugl, welcher ohne Zwei- 
fel zunächst Bezug hat auf den langen und eigenthüm- 
lich zugespitzten Schnabel des Vogels, findet sich mit 
einer sehr kleinen Veränderung in der Aussprache, 
als Garfugl sowohl auf den Faeröern wie auf den In- 
seln westlich und nördlich von Schottland wieder. 
Auf diesen letzten Inseln ist der Vogel indessen schon 
unter dem Namen Pengtvin bekannt, und an den übrigen 



— 417 — 

Küsten Britanniens bleibt dieser der allein geltende 
Name, jedoch natürlich neben der mehr umschreiben- 
den Benennung: «the great auk» oder der grosse Alk. 
Ganz entsprechende Benennungen finden wir bei den 
Französischen Seefahrer, und nach ihnen bei den 
Französischen Naturforschern in den Ausdrücken: le 
pingouin und le grand guillemot. Ich verm u the, dass 
die Biscayer, deren Seefahrten sie so früh mit dem 
hohen Norden bekannt machten, auch einen Namen 
für diesen Yogel gehabt haben, ich habe ihn aber bis- 
her nicht finden können. 

Da es eine bekannte Sache ist , dass die frühesten 
Seefahrer, wie es auch jetzt noch sehr oft bei neueren 
Reisenden der Fall ist, häufig die Inseln und Landes- 
theile , Fiorde^und Buchten, welche sie entdeckten 
oder besnchten, nach den weniger gewöhnlichen Na- 
turverhältnissen, welche sich an ihnen oder in ihrer 
Nähe darboten , benannten , und dass deshalb auch 
häufig ungewöhnliche oder auffallende Thierformen, ja 
selbst bekannte Gegenstände des Thier- und Pflanzen- 
reiches , wenn sie nur in aussergewöhnlicher Anzahl 
vorkamen , zu solchen Benennungen Anlass gaben, 
wollen wir, mit dieser Thatsache vor Augen, die Na- 
men auf älteren Karten für die Küstenstrecken des 
nördlichsten Amerikas durchblicken, um zu sehen, in 
wiefern in den, auf diese Weise gebrauchten Benen- 
nungen, eine Spur hinterlassen sein dürfte, dass man 
eine solche Vogelform getroffen hatte, oder dass eine 
solche längs denselben vorgekommen ist. Durch einen 
Blick auf die Karten entdeckt man nun bald, dass es 
auf diesen Küstenstrecken wirklich zahlreiche Inseln 
giebt, welche den Namen von der Menge der Thiere 

Mélanges biologiques. T. IV. 53 



— 418 — 

und Pflanzen, welche man auf ihnen gefunden, erhal- 
ten haben, und namentlich nicht wenige von Vögeln, 
theils im Allgemeinen (als Isles of birds, I. aux oi- 
seaux, I. das Aves oder einfach aves), theils nach ein- 
zelnen Arten (als: isles of swanns oder I. aux cygnes, 
I. of storcks, pigeon L, goose I. u.s. w.) Unter diesen 
letzteren sind auch einzelne, welche den Namen Peng- 
vin-Inseln (Isles of Pengvins oder Isles aux pingouins) 
tragen und in hohem Grade unsere Aufmerksamkeit 
fesseln müssen, da sie nach jeder Wahrscheinlichkeit 
nach dem Vogel, welchen die Engländer und Franzo- 
sen mit jenem Namen bezeichneten , so genannt wor- 
den sein müssen. 

Solche, gleich den bekannten Geirfugl-F eisen an 
der südlichen Küste Islands, benannten Pengvin In- 
seln finden wir z. B. auf Charlevoix's, vom Inge- 
nieuren N. Bel lin entworfenen Karte von Terre 
neuve und Canada 

a) an der südlichen Küste der Insel (Terre neuve): 
Isle du Pingouin, unter 477 2 N. B. und etwas 
über 58° W. L. von Paris. 

b) an der Ostseite der Insel: 

Isles aux Pingouins, unter 50° N. B. und unge- 
fähr 53° W. L. von Paris, in der Nähe der auf 
neueren Karten mit Fogo benannten Insel und mit 
drei sehr kleinen Inseln südlich, benannt I. de 
Fougue; 
und gleichfalls auf Jefferys's und Anspach's weit 
später ausgegebenen Karte, und namentlich am Süd- 
rande der Insel: 

Penguins Isle unter 47° 30" N. B. und ungefähr 
57° W. L., welche bei Beiden offenbar jener er- 



— 419 — 

sten auf der Karte Charlevoix's entspricht, 
während es keine entsprechende Benennung der 
Fogo-Jnse\ oder in deren Nähe giebt. 
Von Inseln, welche durch ihr ausserordentliches 
Vogelleben die Aufmerksamkeit der Seefahrenden er- 
weckt und danach den Namen bekommen haben, will 
ich des Folgenden wegen, hier noch die Vogelinseln 
dieser Karten erwähnen: 

a) in der St. Lawrencebucht, etwas innerhalb des 
südlichen Einganges in dieselbe: 

Isles aux oiseaux bei Charlevoix, unter 48° N. B. 
und gegen 61° W. Länge. 

Birds Island bei Anspach etwas S. von 48" N. B. 
und nicht ganz so westlich wie 6 I e W.L., Birds- 
rocks bei Jefferys, dieselbe Gruppe von sehr 
kleinen Inseln, welche auf den sehr alten Karten 
z. B. bei Laët S. 30 — 31 Isles aux Tangeux 
(irrthümlich für Lde Margaux) genannt werden. 

b) an der Ostseite von Newfoundland: 

I de birds bei Charlevoix, ungefähr 1 / b> ° S. von 
Cap bonavista, Bird I. bei Jefferys N. 12, wo- 
mit nicht die Vogelinsel gemeint sein kann, wel- 
che auf der eben erwähnten Karte bei Laët 
I das Aves heisst, und bei Anspach nach dem 
spanischen Geographen Ortelio 1587 gegebene 
«Aves», d. i. Fogo. 
Wir folgen jetzt dem Fingerzeige der Karten und 
nehmen unsere Zuflucht zu den Berichten über die 
ältesten Reisen in diesen Gegenden, um nähere Auf- 
klärung zu suchen, welche die sich gleich beim An- 
blick der Namen aufdrängende Vermuthung, dass die 



— 420 — 

Inseln grade nach diesen Vögeln ihre Benennung er- 
halten haben, bestätigen könnten. So kurz auch die 
Aufzeichnungen über die ersten Schifffahrten nach 
diesen Küsten der neuen Welt sind, so enthalten sie 
doch hinreichende Angaben, welche mit einander ver- 
glichen uns schliesslich ein bestimmtes und sicheres 
Resultat geben. 

Doch, bevor wir diesem nachgehen, muss ich da- 
ran erinnern , dass weiter in der Zeit zurück als die 
ersten Jahrzehnte nach 1500 es sich nicht zu suchen 
lohnt. Gewisse Theile der Labradorküste, Hudsons- 
bay und Newfoundland waren freilich von Johan 
und Sebastian Cabot während ihrer Sommerreisen in 
den Jahren 1497 und 1498 entdeckt und besucht 
worden, aber weder in den Berichten über diese Rei- 
sen noch in denen über die Reisen der Gebrüder 
C ortereal nach denselben Gegenden in den Jahren 
1500 — 1502 habe ich Angaben der Art, wie wir sie 
brauchen, gefunden. Dagegen kommen solche vor in 
den Aufzeichnungen über die Reisen , welche kurz 
nach 1530, ein Jahrhundert hindurch stattfanden, 
theils und vornehmlich von den Küsten Englands, 
theils vom nördlichen Frankreich, welche besonders 
des reichen Fisch- und Robbenfanges wegen unter- 
nommen wurden. Was wir von diesen frühen Unter- 
nehmungen wissen, verdanken wir zum grossen Theil 
dem bekannten Richard Hakluyt, welcher es sich zu 
seiner Lebensaufgabe machte, das was zu seiner Zeit 
von den Tlieilnehmern selbst zu erfahren war, oder 
was dieselben darüber schon niedergeschrieben haben 
mochten zu sammeln und zu retten. Beim Durchge- 
hen der ersten Englischen Reisen nach Nordamerika 



— 421 — 

bei ihm 2 ) habe ich folgende Stellen gefunden, welche 
uns Aufklärungen geben, dass diese Inseln nicht al- 
lein die Namen nach einem Vogel, welcher Pengoin 
genannt wurde, hatten, sondern dass dieser Vogel 
sehr ansehnlich und gross, seiner kurzen Flügel we- 
gen zum Fliegen untauglich war, und welcher über- 
haupt das Bild der Alca impennis ins Gedächtniss zu- 
rückruft. Ich will sie der Zeitfolge nach anführen: 

163G. Im Bericht über Hores Heise in diesem 
Jahre nach Cap Breton und Newfoundland 3 ) heisst es: 
«From the time of their settingout from Gravesend, they 
iveve very long at sea, to ivitte, above two moneths, and 
never touched any land untill they came te part of the 
West Indies about Cape Briton, shaping their course 
thence Northeast wardes, untill they came to the Island 
of Penguin, which is very full of rockes and stones, 
whereon they ivent and found it full of great foules 
tvhite and gray, as big as geese, and they saw in- 
finite numbers of their egges. They draw a great 
number of the foules into their boats upon their 
sayles and tooke up many of their egges, the foules they 
flead and their skinnes were very like hony combes full 



2) Richard Hakluyt: The voyages, navigations , traffiques and dis- 
coveries of the English nation, and in some feiv places , where they 
have not been, oj Strangers, performed within and before the time of 
these hundred yeeres etc. etc. Ill vol. London 1600. Diese seltene, 
alte Ausgabe ist in der grossen königl. Bibliothek. Ein neuer Nach- 
druck, welcher leichter zugänglich ist, und deshalb immer hier ci- 
tirt wird, hat den Titel: Hakluyts Collection of the early voyages, 
Travels and Discoveries of the English nation. A new edition, with 
additions, vol. III. London 1810. 

3) The voyage of M. Hore and divers other gentlemen, to Newfound- 
land and Cape Briton , in the yeer 1536 and in the 2S yeere of king 
Heury VIII. Hakluyt HI S. 168—170. 



— 422 — 

of holes being flead off: they dressed and eate them and 
found them to be very good and nourishing meat. They 
saiu also store of bear es both blacke and white, of ivhome 
they killed some, and took them for no bad foode.» p. 168. 
Dass die Insel die PenguininseL an der östlichen Seite 
des Landes ist, ist wohl klar genug sowohl durch die 
Richtung der Fahrt als durch die von Hakluyt am 
Rande gemachte Bemerkung : «the island of Penguin 
standi ih about the latitude of 50 degrees», eine Angabe, 
welche Hakluyt vollkommen im Stande war zu ge- 
ben, da er selbst den Bericht nach der Aassage zweier 
Theilnehmenden aufs Papier gebracht hat 4 ). 

So wird es auch in dem historischen Bericht über 
die Englischen Entdeckungen in diesen Gegenden, 
welcher in Harris's Collection of voyages II (Ausg. v. 
1764, S. 192; davon in Pinkerton: A general collec- 
tion of the best and most interesting voyages and travels. 
vol. XII, p. 162) enthalten ist, aufgefasst, und es wird 
hinzugefügt, dass die Inseln gerade von den Vögeln 
den Namen haben: «from whence (Cap Breton) they 
sailed round a great part of Newfoundland to Pen- 
guin Island, in the latitude of about fifty degrees, as 
they computed; but which lies, truly, in fifty degrees forty 



4) Es heisst nämlich bei Aufzählung der vielen ansehnlichen und 
vornehmen Männer, welche an der Expedition Theil nahmen: 
«M. Thomas Buts, the sonne of Sir William Buts, knight, of Norfolke, 
which was lately living, and from whose mouth I wrote most of this rel- 
ation» und später (S. 169 ganz unten): «as he (M. Buts) told me 
Bichard Hakluyt of Oxford himself e, to whom I rode 200 mues only 
to learne the whole truth of this voyage from his own mouth, as being 
the only man noio alive, that was in this discoveries. Der zweite 
Treunehmer, aus dessen Munde Hakluyt den Bericht hatte, war 
Mr. Oliver Dawbeuy. 



— 423 — 

minutes, where they found great plenty of those 
fowls, from whence the island takes its name. 

Die Jahreszeit, in der sie dort ankamen, muss un- 
gefähr Ende Juni gewesen sein, weil zwei Monate 
seit ihrer Ausfahrt von Gravesend, Ende April, ver- 
gangen waren. Trutz des reichlichen Vorhandenseins 
von Vogelfleisch , sieht man doch aus der traurigen, 
aber zugleich abenteuerlichen Geschichte der Expe- 
dition , dass es nur wenige Monate dauerte , bis die 
Hungersnot!) auf den beiden Schiffen, woraus die Ex- 
pedition bestand, so gross wurde, dass die Mannschaft, 
wenn sie ans Land geschickt wurde, um Nahrung, 
die zumeist aus Wurzeln bestand , zu schaffen , sich 
gegenseitig umbrachte. 

15 78. In einem Briefe von Anthony Parck- 
hurst 5 ), welcher damals, vier Jahre nach einander, 
der Fischerei wegen Newfoundland befahren hatte, 
heisst es über die Producte dieses Landes: «TJiere 
are Sea- Guis, Murr es, Duchés, wild Geese, and many 
other kind of birdes store, too long to write, especielly at 
one Island named Penguin, ivhere wee may drive 
them on a planke into our ship as many as shall 
lade her. These birds are also called Penguins and 
cannot flie, there is more meate in one of these 
then in a goose: the Frenchmen that fish neere the 
grand baie, doe bring small store of flesh with 
them, but victuall themselves always ivith these 
birdes» 1. c. 172 — 73. 



5) A letter written to Mr. Richard HaJcluyt of the middle Temple, 
containing a report of the true state and commodities of Newfound- 
land by Mr. Anthonie Parkhurst, Gentleman 1578 (dat. 13 Nov.) 
Hakluyt III S. 170—74. 



— 424 — 

158 3. In der Schilderung, welche Edward Haies 
von der von Sir Humphrey Gilbert geleiteten 
grossen Expedition nach Newfoundland, um feste Co- 
lonien mit christlicher Bevölkerung anzulegen, giebt, 
berichtet dieser Theilnehmer des Unternehmens, Eig- 
ner und Führer eines der fünf Schiffe , woraus die 
Expedition bestand, und zugleich der einzige aller 
Theilnehmer, der mit seinem Schiffe gerettet zurück 
kam 6 ): « We had sight of an Band named Penguin, 
of a foule there breeding in abundance , almost incre- 
dible, which cannot flie, their wing not able to 
carry their body, being very large (not much 
lesse then a goose) and exceeding fat: which the 
Frenchmen use to take without difficulty upon 
that Hand, and to barrell them up with salt. But 
for lingering of time ive had made us there the like 
prouision 1. c. 191. 

Der Zeitpunkt war entweder der letzte Juli oder 
einer der allerersten Tage im August. Es wird nicht 
ausdrücklich gesagt, dass die Vögel bei der Insel ge- 
sehen wurden. 

Begleiter desselben Seezuges, aber an Bord eines 
andern Schiffes, nämlich des verunglückten Admiral- 
schiffes «Delight» war auch ein gelehrter ungarischer 



6) A report of the voyage and ' successe thereof ', attempted in the yeere 
of our Lord 15S3 by sir Humfrey Gilbert knight, with other gentle- 
men assisting him in that action, intended to discouer and to plant 
Christian inhabitants in place convenient, upon those large and ample 
contreys extended Northward from the cape of Florida , lying under 
very temperate climes, esteemed fertile and rich in Minerals yet not in 
the actual! possession of any Christian prince , written by Mr. JEd- 
ward Haies gentleman and principal! act our in the same voyage, who 
alone continued unto the end, and by Gods spteciall assistance returned 
home with his retinue safe and entire. Hakluyt, III S. 184—203. 



— 425 — 

Dichter aus Pesth , Step h an us Parmenius «Bu- 
däus», wie er sich schrieb, welcher sich von England 
aus miteingeschifft hatte , um auf Latein die Thaten 
der Expedition und die neuen Scenen, welche sich ihm 
darbieten würden, zu besingen. In einem Briefe dieses 
Gelehrten an Richard Hakluyt, datirt St. Johns 
Hafen auf Newfoundland, d. 6. August 1583, ist diese 
Insel und der Vogel gleichfalls genannt i 1 ) «nobis seor- 
sim (denn die Schiffe waren getrennt worden) prima 
terra apparuit ad Calendas Augusti , ad gradum circi- 
ter 5ê — Insula est ea, quam vestri Penguin vocant, 
ab auium eiusdem nominis multitudine. Nos tarnen nee 
aues vidimus, nee insulam accessimus, ventis alio vo- 
cantibus)) 1. c. 204. 

Diese beiden Angaben gelten noch von der Pen- 
guininsel an der östlichen Seite Newfoundlands; die 
jetzt folgenden Beobachtungen des Penguin vogels be- 
treffen dagegen Punkte, welche südlich oder westlich 
von Newfoundland liegen. 

15 9 3 wurden auf dieselbe Weise unter Cap Breton, 
als die Besatzung des Schiffes Marigold 8 ), welches 
unter dem Befehl Richard Strong's auf Wallross- 
fang war, auf dieses Cap ans Land ging, Pengvine 
gesehen. 

»Here (Cape Breton) diverse of our men went on land, 
upon the very Cape, where, at their arrivait they found 
the spittes of Oke of the Savages which had roasted 



7) Eingerückt bei Hakluyt III S. 203—5 und eine Englische Ueber- 
setzung des Briefes folgt S. 205—6. 

8) The voyage of the ship called tho Marigold of Mr. HiU of Bed- 
rife unto Cape Briton and beyond to the latitude of 44 degrees and a 
half 1593. Written by Richard Fisher Mastev HUles man of Bedriffe. 
Hakluyt III p. 238—40. 

Mélanges biologiques. IV. 54 



— 426 — 

meate a little before. And as they viewed the countrey 
they sawe divers beastes and foules, as Mache Foxes, 
Deere, Otters, great Foides with red de legges, Peng- 
wyns, and certain others.» 1. c. p. 239. Dies scheint, 
dem Berichte nach, im letzten Drittel des Juli ge- 
wesen zu sein. 

1594. Die letzte Aufklärung, die ich, dies Jahr- 
hundert betreffend, in diesen alten Berichten über die 
Englischen Reisen nach jenen Gegenden über den 
«Penguinvogel» habe finden können, ist, dass er auch 
einigen kleinen Inseln westlich von Newfoundland 
und in der St. Lawrencebucht, nördlich von Cap Bre- 
ton den Namen gegeben hat. Denn in der Reise Sil- 
uester Wyets 9 ) heisst es in der Schilderung seiner 
fruchtlosen Bestrebungen die angeschossenen Wall- 
fische an den Küsten der Insel Anticoste oder Natis- 
cotec zu finden nve returned backe to the Southwarde, 
and were within one league of the island of Penguin, 
which lyeth South from the Eeastermost part of Natis- 
cotec some twelue leagues. From the isle of Penguin 
wee shaped our course for Cape de Bey and had sight of 
the Island of Cape Briton» etc. p. 242. 

Laut diesen Richtungen und Entfernungen der 
Fahrt ist die Lage dieser Penguin-Insel so nahe bei 
den Vogelinseln in der St. Lawrencebucht, deren ich 
oben erwähnte, dass man vermuthen muss, sie bezeich- 
nen ein und dasselbe 1U ). Diese sämmtlichen Äusse- 



9) The voyage of the Grace of Bristol! of Mr. Bice Jones, up into 
the Bay of Saint Laurence to the Northwest of Newfoundland, as 
farre as the Isle of Assumption or Natiscotec, for the bar es or f y ti- 
nes of Whales and traine Oyle, made by SUuester Wyet , Shipmaster 
of Bristoll. Hakluyt III S. 241—242. 

10) Den Vogelreichthum dieser Inseln bespricht Charles Leigh 



— 427 — 

ruugen Englischer Seefahrer zeigen also hinlänglich 
die Richtigkeit der Vermuthung, welche die Namen 
der Karten hervorrufen mussten. Die Penguin-Inseln 
haben zweifelsohne den Namen nach Vögeln, und 
diese Vögel waren wenigstens darin dem Vogel, wel- 
chen die Engländer zu Hause Pengwin nannten, und 
wir Alca impennis benennen, ähnlich, dass sie weiss 
und schwarz von Farbe, so gross im Körper wie Gänse 
und ihrer kurzen und kleinen Flügel wegen nicht 
fliegen konnten. 

Wo sie waren, scheinen diese Vögel demnächst, 
wenigstens in diesem Zeitraum, in ausserordentlich 
grosser Menge vorhanden gewesen zu sein. Es geht 
weiter hervor, dass auch die Franzosen, welche in 
weit grösserer Menge als die Engländer der Fischerei 
wegen, nach diesen Gegenden fuhren, so wohl die 
Vögel als die Leichtigkeit, mit der sie erlegt werden 
können, genau gekannt haben, ja mehrere der Engli- 
schen Reisebeschreibungen geben uns unzweideutig 
zu verstehen, dass sie von ihnen mehr als gehörig zu 
fangen pflegten. Wir werden also jetzt ganz natürlich 
auf die Berichte Französischer in diesem Jahrhunderte 
gemachter Seereisen hingewiesen, um wo möglich 
eine bessere Aufklärung über den Vogel selbst und 
zugleich vielleicht Bestätigung der Beschuldigung ar- 
gen Verfahrens gegen ihn, zu finden. 

Ich gehe daher zur Mittheilung dessen , was ich 
in diesen Hinsichten bisher gefunden habe, über. 

Die ältesten Französischen Expeditionen in dieser 



in starken Ausdrücken; siehe: The voyage of Mr. Charles Leigh 
and diners others to Cape Briton and the isle of Jtiamea. 1597. Hak- 
luyt III S. 242 (unten) und 249 (oben). 



— 428 — 

• 

nördlichen Richtung sind, wie bekannt, Jacques Car- 
thier's (oder Quar tier's) drei Reisen in den Jahren 
1534, 35 — 36 und 1540. Die Berichte über diese 
drei Reisen habe ich im ursprünglichen Französischen 
Text benutzen können, da sie in Lescarbot's «histoire 
de la Nouvelle -France» (4 me Ed. Paris 1624 11) ) 
aufgenommen sind. Bereits im Anfange des Berichts 
über die erste Reise heisst es hier, nachdem Carthier 
vorher erzählt hat, wie er mit seinen beiden Schiffen 
den 20. April von St. Malo gegangen war und den 
20. May Terre neuve bei Cap Bonavista erreicht habe 
(welches er unter 48'/ 2 ° N. B. verlegt), in dessen Nähe 
er mittelst schweren Eisganges 1 Tage in Hafen lag : 
«Le vingt-unième de May fîmes voile ayant vent d'Ouest, 
et tirâmes vers le Nort depuis le Cap de Bonne veue 
jusques à File des Oyseaux, laquelle estoit entièrement 
environnée de glace, qui toutefois estoit rompue et di- 
visée en pieces, mais non obstant cette glace noz barques 
ne laissèrent d'y aller pour avoir des oy seaux , desquels 
y a si grand nombre que c'est chose incroyable à qui ne 
le void, par ce que combien que cette ile (laquelle peut 
avoir une lieue de circuit) en soit si pleine qu'il semble qu'ilz 
y soient expressément apportez et presque comme semez: 
Neantmoint il y a cent fois plus à Ventour d'icelle, et 
en l'air que dedans, desquels les uns sont grands, co- 
rne Pies noirs et blancs, ayans le bec de Cor- 
beau: Hz sont tousiours en mer, et ne peuvent vo- 
ler haut, d'autant que leurs ailes sont petites, 



11) Leichter zugänglich werden sie ohne Zweifel in der Ueber- 
setzung bei Ilakluyt: The first relation of Jaques Carthier of S. Malo, 
of the new land called New France , newly discouered in the y ere of 
our Lord 1534. Ill S. 250—262; der zweiten Reise p. 262—285; 
der dritten p. 286—89. 



— 429 — 

point plus grandes que la moitié de la main, avec 
lesquelles toutefois ils volent de telle vitesse à 
fleur d'eau, que les autres Oyseaux en Vair. Hz 
sont excessivement gras, et estoient appeliez par c* eux du 
pais Apponath, desquels noz deux barques se chargè- 
rent en moins de demi heure, comme Von auroitpeu faire 
de cailloux, de sorte qu'en chaque navire nous en 
fîmes saler quatre ou cinq tonneaux, sans ceux que 
nous mangeâmes frais.» (Lescarbotl.c. p. 241. Ha k- 
luyt III p. 250). 

Der Reisebericht, welcher unmittelbar zu erzählen 
fortfährt, dass es auf dieser Insel, ausser den ge- 
nannten kleinflügeligen Apponaths, noch andere Vö- 
gel gab, welche wie diese an der Wasseroberfläche 
hinflatterten, aber zugleich sehr gut in der Luft flie- 
gen konnten und kleiner waren, welche sie Godets 
nannten, und wieder andere, welche viel grösser, 
ganz weiss waren und wie Hunde beissen wollten, 
welche sie Margaux nannten, fügt darauf hinzu, dass 
die weissen Seebären hinausschwammen, um von al- 
len diesen Vögeln zu fressen, »bien que cette Ile soit 
distante quatorze lieues de la grande terre». Beim Ver- 
gleich der kleinen Grösse der Insel, der hier angege- 
benen Entfernung vom Hauptlande, des Ausgangs- 
punktes und der Segelrichtung mit älteren Karten 
vom 16-ten Jahrhundert ,2 ) kann man nicht daran 
zweifeln, dass «Carthier's Vogelinsel » Funks-Island 
sein muss , und nicht die auf solchen Karten angege- 



12) Z. B. der Karte des Spanischen Geographen Ortelio von 1587, 
auch aufgenommen auf Auspach's früher genannte Karte über New- 
foundland. 



— 430 — 

bene Vogelinsel oder «Aves», welche die Insel Fogo 
zu sein scheint. 

Auf derselben Reise traf Cart hi er noch diese zum 
Fliegen unfähigen Apponaths auf einigen anderen klei- 
nen Inseln, die er lies de Margaux nannte, und in 
welchen man, wenn man seiner Fahrt nach den Kü- 
sten des Landes und zurück folgt, die unten beim 
südlichen Einlauf in der Lawrencebucht ungefähr un- 
ter 48° liegenden Vogelinseln (Leigh s und Anspach's 
Isles of birds, îles aux oiseaux auf der Karte Char- 
levoix's) erkennen muss. Es heisst nämlich im Reise- 
bericht für den 25 Juni: 

« .... et approchâmes de trois iles, desquelles y a avoit 
deux petites droites comme un mur, en sorte qu'il estoit 
impossible d\j monter dessus, et entre icelles y a un 
petit escueil. Ces Iles estoient plus remplies d'oiseaux 
que ne seroit un pré dlierbes , lesquels faisoient là leur 
nids, et en la plus grande de ces iles y en avoit un 
monde de ceux que nous appellions Margaux qui sont 
blancs et plus grands quIOijsons, et estoient séparez en 
un canton et en Vautre part y avoit des Godets, mais 
sur le rivage y avoit de ces Godets et grands Apponats 
semblables à ceux de cette ile dont nous avons fait men- 
tion. Nous descendimes au plus bas de la plus petite, et 
tuâmes plus de mille Godets et Apponats, en mi- 
mes tant que voulûmes en noz barques, et en eus- 
sions peu en moins dhme heure remplir trente semblables 
barques. Ces iles furent appellees du nom de Margaux. 
(Lescarbot 1. c. p. 250—51. Hakluyt III p. 262.) 

Eines bedeutenden Vogelrcichthums auf den be- 
suchten kleineren Inseln oder Partien der Küsten des 
Hauptlandes findet man zwar an mehreren Stellen bei 



— 431 — 

Carthicr erwähnt, allein jene nicht fliegenden Appo- 
nats finde ich in seinen Reisen nicht öfter berührt. 
Aus dem Berichte über die zweite Reise, welche das 
folgende Jahr unternommen wurde, und auf der er 
ebenfalls Newfoundland in der Nähe seiner Vogel- 
inseln, aber in Folge von Gewitter erst am 7. Juli, 
erreichte, verdienen doch zum Vergleiche noch fol- 
gende Zeilen angeführt zu werden: 

«.... jusques au septième jour de Juillet que nous 
arrivâmes à la dite Terre-neuve, et primmes terre à 
Vile des oyseaux, laquelle est à quatorze lieues de la 
grande terre; et si très pleine d'oiseaux, que tous les 
navires de France y pourroient facilement charger sans 
qu'on s'apperceut qu'on en eut tiré; et là en primmes 
deux b arquées pour parties de nos victuailles. 
Icdle Ile est en l'élévation du pole en quarante-neuf 
degrez quarante minutes.-» (Lescarbot 1. c. p. 281. 
Hakï. III p. 262). 

Dieser Zusatz macht es wohl noch deutlicher, dass 
Carthier's «Vogelinsel» hier dieselbe ist, welcher die 
Engländer gleich den Namen Penguininsel gaben. Dass 
seine Apponats die Englischen Pengwins sind liegt klar 
am Tage, und durch die in etwas bestimmteren Aus- 
drücken gegebene Farben vertheilung, die Form des 
Schnabels, die wirkliche Grösse des Flügels, das Plät- 
schern mit den Flügeln längs der Oberfläche des 
Wassers und die Zusammenstellung mit den Godets, 
tritt das Bild der Alca impennis doch auch etwas 
deutlicher hervor. 

Dass die Niederlage bei diesem ersten Zusammen- 
treffen der Franzosen mit diesen Vögeln schon nicht 
gering war, kann man wohl sagen, und dass es auch 



— 432 — 

in dieser Hinsicht fortgehend etwas hart über sie her- 
gegangen ist durch die späteren und jetzt mit jedem 
Jahre zunehmenden Besuche Französischer Schiffe in 
diesen Gegenden, dürfte man so viel geneigter sein 
anzunehmen, wenn man die Ausdrücke sieht, die ein 
anderer Franzose, André Thevet 13 ), in dem Berichte 
über seine Amerikanische Reise im J. 1555, worin er 
eines grossen Theiles der Amerikanischen Ostküste 
erwähnt, gebraucht. Nachdem er nämlich die ausser 
ordentliche Menge Vögel, die er auf der Ueberfahrt 
bei der auf 8° südlicher Breite gelegenen Ascensions- 
Insel gesehen und deren unbegreifliche Zahmheit be- 
rührt hat, bemerkt er, dass es auch grosse Vögel mit 
so kleinen Flügeln, dass sie nicht fliegen konnten, 
unter ihnen gebe, so wie dass er sie hat Aponars nen- 
nen hören und fügt dann in Folge dessen zugleich 
hinzu, was er von den Apponaren bei Newfoundland 
gehört hat: 

((Davantage en ceste isle (J. de F Ascension) sagt er, 
s'en trouve une espèce de grands , que fay ouy nommer 
Aponars. Ils ont petites ailes, pourquoy ne peuvent 
voler. Ils sont grands et gros comme nos herons, le 
ventre blanc, et le dos noir, comme charbon, le bec sem- 
blable à celuy dhin cormaran, ou autre corbeau. Quand 
on les tuë ils crient ainsi que porceaux. Tay voulu d'es- 
crire cest oyseau entre les autre, pour ce qu'il s'en trouve 
quantité en une isle tirant droit au cap de Bonne viste, 
du costé de la terre neufue, laquelle a esté appellee is- 
le des Aponars. Aussi y en a telle abondance, que quel- 



13) André Thevet. Les Singularitez de la France antarctique, 
autrement nommée Amérique, et de plusieurs Terres et Isles décou- 
vertes de nostre temps. Anvers 1558. 



— 433 — 

ques fois trois grands nauires de France allans en Ca- 
nada, chargèrent chacun deux fois leurs basteaux de ces 
oy seaux, sur le riuage de ceste isle, et n'est oit ques- 
tion que d'entrer en terre, et les toucher deuant 
soy aux basteaux, ainsi que moutons à la bouche- 
rie, pour les faire entrer. Voylaqui m'a donné occa- 
sion- cV en parler si aiiant. y> (p. 39 et 46). 

Als The vet ein Jahr später, von Südamerika zu- 
rückkam, wurde er durch Gegenwind nach Newfound- 
land hinaufgetrieben, scheint aber dort selbst nichts 
von den Vögeln gesehen zu haben; er hat indessen 
um so leichter sich gute Nachrichten über die dorti- 
gen Verhältnisse verschaffen können, als er zu den 
Cosmographen damaliger Zeit gehörte, mit den See- 
fahrenden, welche jene Gegenden besuchten, in Ver- 
bindung stand, und namentlich aus Jacques Quar- 
tiers eigenem Munde (p. 145 und 146) vom Resul- 
tate der beiden ersten Reisen dieses Mannes unter- 
richtet worden w r ar. Es ist daher wohl möglich, ob- 
gleich nicht sehr wahrscheinlich, dass die obener- 
wähnten Schifte der zweiten oder dritten Expedition 
Quartier angehörten, mit denen Thevet doch ganz 
unbekannt zu sein scheint; wahrscheinlicher ist es 
aber, dass die Züge, deren er erwähnt, einer Zeit an- 
gehören, welche seiner eigenen Reise näher lag. Auf 
jeden Fall bestätigen seine Ausdrücke die Worte der 
Engländer Höre und Parc hurst, dass die armen 
Vögel zusammengetrieben, und gerade in die Böte 
hineingejagt wurden. 

Aus der Mittheilung Thevet's verdient noch her- 
vorgehoben zu werden, dass ebenso wie die Namen 
Godets und Margaux den ältesten Seefahrenden in 

Mélanges biologiques. IV- 55 



— 434 — 

den Amerikanischen Gewässern wohlbekannte Vogel- 
namen gewesen zu sein scheinen, wobei denn die letzt- 
genannten in der Regel eine Sida bezeichnet haben, 
während die zuerstgenannten meistens einen Schwarz- 
vogel oder im Allgemeinen eine Alca bezeichneten; 
so scheint es auch, dass der Name Aponars oder Ap- 
ponats eine gewöhnlichere Benennung der Vögel, wel- 
chen die Gabe zum Fliegen abging, bei den damaligen 
Seefahrenden zu werden anfing und also wie das 
Wort Penguin später und jetzt benutzt wurde. Dass 
der Aponar der Ascensions-Insei keine Gcirfugl-Form 
gewesen ist, kann man ziemlich sicher aus der geo- 
graphischen Ausbreitung der Familie schliessen, man 
muss- am ehesten darunter einen Splieniscus vermu- 
then, aber dabei ist jedoch zu erinnern, dass die In- 
sel ziemlich weit über die nördlichste Gränze der 
jetzigen Ausbreitung dieser südlichen Vogel-Gattung 
im Atlantischen Ocean hinausliegt. 

So stellt sich also das Verhältniss dieses grossen 
Vogels durch das ganze sechzehnte Jahrhundert her- 
aus. Es scheint auf den kleinen Inseln, wo sie ihren 
Aufenthalt hatten, ihrer sowohl genug gegeben zu 
haben, als auch jährlich reichlich von ihnen gefangen 
zu sein, und zwar nicht allein von den Schiffen einer 
Station. Die Berichte deuten, wie es mir scheint, von 
allen Seiten darauf hin, dass alle Schiffe sich mehr 
oder weniger mit diesen Vögeln verproviantirt haben, 
wenn nur Wind und W T etter es erlaubten, wenn auch 
einige in einem weit höheren Grade diesen Vogelfang 
haben treiben müssen, weil sie von Hause aus nur so 
unvollständig versehen waren, ja oft nur für ein Paar 
Monate oder für die wenigen Wochen der Überfahrt 



— 435 — 

verproviantirt waren (Hakluyt III, S. 171). Um sich 
eine deutlichere Vorstellung der Menge der jährlich 
erschlagenen Vögel zu bilden , muss man in Er- 
wägung ziehen , dass während der ganzen letzten 
Hälfte des genannten Jahrhunderts die Fischereien, 
der Rohben- und Wallrossfang in der St. Lawrence- 
bucht und um Newfoundland herum von mehreren 
hundert Schiffen jährlich betrieben wurde. Es dürfte 
in dieser Hinsicht an seinem Ort sein, daran zu erin- 
nern, dass obengenannter John Parckhurst in sei- 
nem Briefe an R. Hakluyt 1578, auf dessen be- 
stimmte Frage wegen der Ausdehnung der Fahrten 
nach Newfoundland angiebt, dass während der vier 
Jahre, in denen er diese Reisen gemacht hatte, die 
Schiffe, welche auf diese Fischereien von England 
ausgingen, von 30 auf 50 stiegen; von Frankreich 
gingen ungefähr 150, von Spanien ungefähr 100, 
ausser 20 — 30 Biscayischen Wallfischfängern, und 
von Portugal gegen 50, natürlich nicht gleich viel 
von jeder Nation jedes Jahr, ein Jahr weniger, ein 
anderes einige mehr. Von allen diesen werden nur 
die Spanier als wohlausgerüstet genannt , und in 
dieser Hinsicht gleich nach den Engländern kom- 
mend, welche, obwohl die am wenigsten zahlreichen, 
doch als Beschützer und Aufrechthalter der Ordnung 
an den Stellen, wo sie fischten, auftraten, weshalb 
auch die Schiffe der anderen Länder nach freiwilliger 
Übereinkunft ihnen einen kleinen Tribut in der einen 
oder anderen Form zollten. In Folge des Verhält- 
nisses, worin sie auf diese Weise zu den anderen Na- 
tionen standen, meine ich, dass wir, im Ganzen ge- 
nommen, ihre Nachrichten über die Fahrt in diesen 



— 436 — 

Gegenden zu jener Zeit für ziemlich begründet ansehen 
können. 

Was die Folge dieses Einfangens des Vogels sein 
musste, war nicht schwer vorauszusehen, und welche 
sie in der Wirklichkeit gewesen, darf man aus dem 
Stillschweigen der Berichte für die späteren Jahr- 
hunderte schliessen. Es hat mir nämlich nicht ge- 
lingen wollen, sonderliche neue Aufklärungen über 
den Vogel in den folgenden Jahrhunderten zu finden, 
als einige wenige Winke, dass er theils sporadisch 
noch vorkam, theils als eine Art vorgeschichtlichen 
Wesens, welches halb der Sage angehörte, bekannt 
war. Zu einem solchen Zustande kann es indessen 
erst nach und nach gekommen sein, und in der ersten 
Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts zeugt wenigstens 
der Franzose Sagard Theodat 14 ) noch von ihm. 
Als er im Jahre 1624 als Franziscanermönch mit 
einem Schiffe von Frankreich nach Canada reiste, 
kam er nämlich in die Nähe der « Vogelinseln » in der 
St. Lawrencebucht, aber der starke Wind machte es 
den Böten unmöglich zu landen. Wenn daher auch 
etwas von dem was er mittheilt den Berichten frühe- 
rer Besucher entnommen sein muss, kann ich es hier 
doch nicht übergehen, was unsere Frage betrifft: 

«Estans entrez dans le Golfe ou Grande Bay S. 
Laurens, par où on va à Gaspé et Isle percée etc. nous 
trouvasses dés le lendemain F Isle aux oiseaux, tant re- 
nommée pour le nombre infiny aVoy seaux qui Vhabitent. 

Quand il y faict vent, les oy seaux s'eleuent 

facilement de terre, autrement il y en a de certaines 

14) Gabr. Gagard Theodat. Legrand voyage du Pays des Hu- 
rons. Paris 1632. 



— 437 — 

espèces qui ne peuuent presque voler, et qu'on peut aisé- 
ment assommer à coups de basions, comme avoient faict 
les Mattelots d'un autre nauire , quts auant nous en 
avaient emply leur clialouppe, et plusieurs tonneaux des 
oeufs, qu'ils trouvèrent aux nids; mais ils y pensèrent 
tomber de foiblesse , pour le puanteur extreme des or- 
dures des diets oyseaux» und nachdem er er- 
wähnt hat, wie die grossen und kleinen Vögel auf 
der Insel geordnet sind, fügt er ferner hinzu: '«et 
tous en si grande quantité, qu'à peine le pourroit on 
jamais persuader à qui ne Vauroit veu. J'en mangeay 
d'un, que les mattelots appellent Guillaume (vermuth- 
lich haben die Matrosen Guillemot gesagt, welches 
der Französische Name für Alca ist) et ceux du pays 
Apponatli, de plumage blanc et noir, et gros comme une 
potde, avec une courte queue, et de petites aisles, qui 
ne cedoit en bonté à aucun gibier, que nous ayons». 
Dass Theo da t hier unter seinen kurzgeflügelten 
Apponaths, trotz der gegebenen kleinen Grösse 15 ), die- 
selben nichtfliegenden Vögel, deren er vorhin er- 
wähnte, meint, bin ich um so viel geneigter anzuneh- 
men, als man aus dem, was er später hinzufügt, dass 
es auch viel kleinere Vögel giebt, die man Godets 
nennt, und andere wieder grössere, welche Margaux 
genannt werden, erkennt, dass er alle diese Vögel in 
ganz dasselbe Verhältniss zu einander stellt wie Car- 



15) Hierbei ist doch zu bemerken, class die Französischen Matro- 
sen, damals wenigstens, auch den Namen poules oder Hühner eini- 
gen grossen Seevögeln beilegten, welche man zugleich: «Pcdourdes, 
peutétre parce qu'elles sont fort pesantes au vol» nanute; Diereville: 
Relation flu voyage du Port Royal de l'Acadie. Amsterdam 1710 p. 
45: auch in Whites Reise 1700 erwähnt (übersetzt in ((Recueil de 
voyages au Nord» (nouv.) edit, Amsterdam 1732, III p. 375). 



— 438 — 

thier, von dem er einfach die Ausdrücke für die 
beiden letzteren geborgt zu haben scheint. 

Über dieselben «Vogelinseln» berichtet Charle- 
voix in seiner Reise nach Nordamerika ein Jahr- 
hundert später, 1720: 

« On les à visitées plusieurs fois , on y ci chargé des 
Chaloupes entières oVoufs de tontes les sortes, et on as- 
sure que Vinfection y est insupportable. On ajoute qu'a- 
vecles Goëlans et les Tan/jueux (soll heissen Margaux) 
qui y viennent de toutes les Terres voisines, on y trouve 
quantité d'autres Oiseaux, qui ne sçanr oient voler». 

Ungeachtet diese letzten der angeführten Worte 
offenbar die Apponats seines älteren Landsmannes be- 
treuen, habe ich doch nicht in der Heise oder in der 
Beschreibung eine weitere Hindeutung hierauf finden 
können, obgleich wir gesehen haben, dass die sehr 
speciellen Karten, wovon sein Werk begleitet ist, und 
die man dem Ingenieur N. Bel lin verdankt, an zwei 
verschiedenen Stellen des Landes Penguin- Inseln 
anheben. Die Vermuthung liegt daher nahe, dass 
Charlevoix nicht gewusst hat, dass seine nichtflie- 
genden Vögel dieselben waren mit den Penguins, 
wonach die Inseln auf seinen Karten benannt sind, 
und ebenfalls die, dass der Verfasser hier eine Über- 
lieferung aus älteren Quellen hat, und dass er viel- 
leicht richtiger aus vergangener Zeit hätte anführen 
sollen, was er im Präsens ausspricht. 

Vom Vogel war vielleicht schon damals kaum viel 
mehr als der Name nach. 

So scheint wenigstens das Verhältniss in Wirklich- 
keit nach den Äusserungen, die wir in der speciellen 
Beschreibung Newfoundlands von Anspach finden, 



— 439 — 

gewesen zu sein, welche sich auf Erfahrungen grün 
det, die während eines Aufenthaltes auf der Insel und 
auf Reisen um dieselbe vom Schlüsse desselben Jahr- 
hunderts (1799) an bis zum ersten Jahrzehnt des ge- 
genwärtigen, nämlich bis 1812 gesammelt sind. Beim 
Aufzählen der Inselchen am Südrande der Insel, führt er 
an: «die Pingvininseln, von Vögeln so benannt, die vor 
Zeiten hier in Menge nisteten« S. 122, und gleich 
wie dieses etwas weit in die Zeit zurückweist, so thut 
es auch seine Bemerkung über die an der Ostküste 
liegende Pihgvin-Insel, da der Name selbst sich schon 
in der Mitte des Jahrhunderts verloren haben soll, 
und also aller Wahrscheinlichkeit nach, der Gegen- 
stand schon früher verschwunden war: «Die Fogo- 
insel, die auf alten Charten Aves oder Vogel-Eiland 
und bis um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts 
Penguininsel hiess. Vormals ward sie häufig von den 
eingebornen Indianern besucht,« S. 1 26. Endlich heisst 
es im mehr naturgeschichtlichen Abschnitte über die 
Vögel bei der Insel, S. 189: «Vormals gab es an 
dieser Küste eine Vogelgattung, die einige Aehnlich- 
keit mit den Tauchern hat, und wegen ihrer Unfähig- 
keit zu fliegen immer nur zwischen dem Lande und 
der Grossen Bank angetroffen wurde, allein dort in 
so zahlloser Menge, dass mehrere Inseln davon den 
Namen führen. Sie scheinen jetzt nicht nur in New- 
foundland, sondern auf der ganzen Nordhälfte des 
Erdballs verschwunden. An den Küsten des Südmeers 
sind sie aber noch ungemein häufig, und unter dem 
Namen Fettgänse (Penguins, Aptenodytes) bekannt. 
Ihr Name in den neuern Sprachen, Pinguin oder Pen- 
gvin, stammt augenscheinlich von dem lateinischen 



— 440 — 

Worte pingvis, fett, weil sie sich durch einen schwe- 
ren, fetten Körper und plattes glänzendes Gefieder, 
bei einer grossen Plumpheit des Baues, auszeichnen, 
u. s. w.» Ich habe hier zugleich diese letzte unrichtige 
Ansicht über die Entstehung des Namens «Penguin» 
angeführt, weil sie von beinahe allen Naturforschern 
getheilt wird. 

Gegenüber diesen dunkeln Angaben der letzten 
Jahrhunderte, welche ja ohne Zweifel die Penguine 
oder Apponats der ältesten Reisen angehen , aber gar 
nichts enthalten, was unsere Yermuthung, dass unter 
diesen Namen unsere nordische Alca impennis, oder 
der grosse Alk verstanden werden muss, einen Schritt 
weiter führen könnte, sind nun die mit Stuvitz's 
Sammlungen nach Norwegen gekommenen Knochen 
sehr wichtig. 

Wie ich schon im Anfange äusserte, rühren diese 
Knochen von allen Theilen des Skeletes her, und 
namentlich sind mehrere vollständige Schädel unter 
ihnen; dies gilt sogar von der Abtheilung von ihnen, 
welche 1844 bereitwillig dem zootomischen Museum 
unsrer Universität überlassen worden war, und es 
war daher leicht, sich von der Richtigkeit der Erklä- 
rung, welche die Naturforscher in Christiania nach 
einer angestellten Vergleichung gegeben hatten, zu 
überzeugen, dass die Knochen keinem Pinguin in dem 
Begriffe, wie das Wort damals (und noch) gewöhnlich 
genommen wird, nämlich einem Aptenodytcs oder 
einer ähnlichsten Form angehören könnten, sondern 
von einem grossen Alk und wahrscheinlich von Alca 
impennis sein müssten. Dieses Resultat erregte nicht 
die Aufmerksamkeit, die es verdiente, weil die Furcht, 



— 441 — 

dass der Vogel sich seiner völligen Vernichtung 
nahte, damals kaum recht lebendig geworden war. 

Diese Geirfugle- Knochen waren von dem allzufrüh 
verlorenen P. Stuvitz in einer Art niedrigen Haufen 
auf Funks-Island 16 ), einer Insel, die man, aller Wahr- 
scheinlichkeit nach, als die Vogel- oder Pengvininsel 
ansehen kann, wohin die allerältesten der oben genann- 
ten Französischen und Englischen Expeditionen auf 
ihrer Überfahrt zuerst kamen, in Menge vorgefunden 
worden. Die Art, wie sie hier vorkamen, wird aus 
der Beschreibung, die das Tagebuch des genannten 
Naturforschers enthält, und die ich durch das Wohl- 
wollen meiner Norwegischen Collegen, namentlich Hr. 
Professor H. Rasch's mich im Stande sehe ausführ- 
lich mitzutheilen, klar hervorgehen. Aus dem Briefe, 
womit Prof. Rasch die Abschrift begleitete, will ich 
bloss vorausschicken: dass Stuvitz am 30 Juni 1841 
von St. Johns gereist war und den 31. Mittags nach 
Funks-Island kam, welche kleine Insel er als einen 
Vogelberg bezeichnet, bewohnt vom Uria grylle, und 
Sterna hirundo et arctica, deren Menge so gross war, 
dass Stuvitz, der doch gewohnt war Vogelberge zu 
sehen, darüber erstaunte. Ausser diesen Vögeln nennt 
er nur, Mormon arctictis als einzeln gesehen. Es giebt 
nur zwei Stellen auf der Insel, wo man unter gün- 
stigen Umständen ans Land kommen kann, doch nur 
durch einen gewagten Sprung. Stuvitz kam auf der 
Nordseite ans Land , wo die Vögel sich nicht auf- 

16) Dass sie in meiner allerersten Mittheilung, in den Vidensk. 
SelsTc. Oversigt 1855. S. 14 und 18 von «Fogo stammend» angegeben 
werden, rührte von den Etiquetten auf einzelnen Knochen, die die- 
sen Namen tragen, über dessen Unrichtigkeit ich durch spätere 
Mittheilungen aus Christiauia belehrt wurde. 

Mélanges biologiques. IV. 56 



— 442 — 

hielten. Die Urien hielten sich an der Ost- und Süd- 
ostseite, die aus ganz nackten Felsen bestand, auf, 
die Sterna- Arten dagegen am West- und Südwestrande, 
wo einige , obgleich arme Vegetation vorgefunden 
wurde. Die Worte des Tagebuches sind darauf fol- 
gende : 

«Nachdem ich der lebenden Vogel - Bevölkerung 
auf der Insel erwähnt habe, ist noch eine jetzt aus 
diesen Gegenden vertriebene Gattung, anzuführen, 
welche früher in zahlreicher Menge diese Insel be- 
suchte, und auf derselben brütete, aber von welchem 
man jetzt nur Reste des Skeletes findet, es ist der 
sogenannte Pinguin. Ich hatte auf mehreren Karten 
über Newfoundland an der Küste Inseln gefunden, 
welche Pinguin -Islands genannt wurden, und man 
hatte mir in St. Johns erzählt, dass der Pinguin sich 
wirklich hier an den Küsten aufgehalten hatte, sowie 
dass Funks -Island eine der Inseln war, wo er in 
grösster Menge vorgekommen sei, und wo man ihm 
einst seiner Federn und Daunen wegen jährlich nach- 
gestellt hatte. Man hatte mir auch gesagt, dass ich 
grosse Haufen seiner Knochen oder Skeletfragmente 
auf den Inseln antreffen würde, aber ich traute der 
Ornithologie dieser Karten oder Berichte nicht viel. 
Ich meinte, dass man auch einem ganz anderen Vogel 
als den welchen man in der Naturgeschichte unter 
diesem Namen kennt , den Namen Pinguin geben 
könnte. Indessen fand ich die Nachrichten insofern 
bestätigt, als ich in der westlichen Gegend der Insel 
Skeletüberreste fand, die sowohl der Form als der 
Grösse nach zu urtheilen wohl den Pinguinen gehört 
haben mögen. Wie gesagt, sieht man nur an der Süd- 



— 443 — 

Westseite Vegetation und so viel Erde, dass eine 
sparsame Flora hat entstehen können , gerade in die- 
sem Striche ist es, wo jene Skeletüberreste in ziem- 
licher Menge gefunden werden, und es ist sehr wahr- 
scheinlich, dass gerade die Destruction dieser Vögel, 
welche die Vogelfänger vor Zeiten mit so schonungs- 
loser Raubgier verursachten, die Grundlage für die 
Vegetation hier auf der Insel gebildet habe. In den 
Erdhügeln lagen die erwähnten Skeletüberreste in 
dichten Massen, aber man kann aus der Lage dieser 
Massen schliessen, wie langsam die Erddecke hier 
gebildet wird, selbst da nämlich wo Erde schon vor- 
handen war, und wo die Knochen von derselben um- 
schlossen lagen, lagen sie dicht unter der Oberfläche 
und an mehreren Stellen sogar lose in Haufen, ohne 
dass der geringste Erdansatz sich gebildet oder sich 
um dieselben gelegt hatte. 

In 40 — 50 Jahren 17 ) hat sich also nicht eine tie- 
fere Erdlage auf der Insel gebildet, so lange ist es 
nämlich her, seit das Gemetzel so frisch vor sich 
ging, dass man solche Haufen von Knochen aufhäufen 
konnte. 

Auf dieser Seite der Insel werden die Stein- Ein- 
zäumungen (Pounds), in die die Vögelfänger die Vögel 
hineinjagten und hielten , bis sie getödtet werden 
sollten, noch angetroffen. 

Die Felsfläche hat hier an einigen Stellen eine 
Senkung gegen die Wasserfläche, die Oertlichkeit war 



17) Es ist nach dem Vorhergehenden eine allzu nahe liegende Zeit, 
die man dem Stuvitz angegeben hat; ich würde es übrigens merk- 
würdiger gefunden haben, falls sich in einem so kurzen Zeiträume 
eine Erdlage über die Knochenhaufen gebildet hätte. 



— 444 — 

daher eine solche, dass die Pinguine, die nicht fliegen 
können, sich die Klippen hinaufziehen konnten. Die 
Vogelfänger haben sie wohl also hier in grösster 
Menge gefunden, und deshalb hier Station genommen. 

Die Einzäumungen sind unter Gras und Pflanzen, 
welche besonders in und um denselben gefunden 
werden, versteckt. Man erzählt, dass, da die Insel 
waldlos ist , und man keinen grossen Vorrath von 
Brennholz mit sich nehmen wollte, man die Körper 
der Pinguine zu verbrennen pflegte, um die Kessel 
zu kochen , denn der Vogel fand sich in solcher 
Menge , dass man dessen ungeachtet hinreichende 
Provision von ihm hatte». 

Obgleich der Umstand, dass eine der ältesten Zeich 
niingen (1748), welche die Wissenschaft von A. imp. 
besitzt, und wovon später die Rede sein wird, nämlich 
die bei Edwards (Birds Tab. 147) gerade von einem 
Exemplar dieses Vogels, welches Newfoundlands Fi- 
scher auf einer der Fischbänke ungefähr 100 Leagues 
vom Lande gefangen hatten, der Vermuthung der 
Identität des newfoundländischen Pengvins mit der 
Alca impennis eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit 
geben könnte, um so viel mehr, als ein alter Bericht, 
den ich ebenfalls gegen den Schluss der Abhandlung 
berühren w T erde, andeutet, dass der Newfoundlands- 
Pengvin einen grossen weissen Flecken am Kopfe hatte, 
gleich wie der, welcher unserm Alca impennis den 
Namen Brillenvogel gegeben hat , so ist es doch 
erst dieser Stuvitz'sche Fund von den zahlreichen 
Alca impennis — Überresten gerade auf der Insel, 
welche die ältesten Berichte als einen der vornehm- 



— 445 — 

sten Aufenthaltsorte des Pengvins, hervorhoben, wel- 
cher diese Sache zur vollkommenen Gewissheit bringt. 
Von dem Augenblicke, wo die Übereinstimmung 
zwischen beiden Vögeln sich vollkommen begründet 
gezeigt hat, sehen wir also, dass die Alca impennis 
hier bei Amerikas Küsten eine Heimath gehabt hat, 
wo sie in solcher Menge vorhanden gewesen ist, dass 
wir nichts Ähnliches von irgend einem der Punkte, 
von denen es uns früher bekannt war, dass der Vogel 
lebte, erfahren haben, und die dargelegten Thatsachen 
nöthigen uns anzuerkennen, dass in der geschicht- 
lichen Zeit die Hauptheimath der Alca impen- 
nis an der Ostküste Nordamerikas gewesen ist. 

Wie weit längs dieser der genannte Vogel ver- 
breitet gewesen ist, bleibt noch ungewiss, aber bis zu 
den häufigeren Besuchen der Europäer im 16. Jahr- 
hundert sehen wir aus seiner Menge auf den im Vor- 
stehenden genannten kleinen Inseln, Ost und Süd von 
Newfoundland, und westlich davon in der St. Law- 
rencebucht, sowie aus seinem Vorhandensein auf Cap 
Breton, dass er damals wenigstens von 50 bis unter- 
halb des 47. Breitegrades verbreitet gewesen ist. 
Innerhalb dieser Ausdehnung ist er indessen kaum 
auf die genannten Punkte allein beschränkt gewesen, 
sondern war sicher ursprünglich überall an den 
Küsten des Landes wo die Gelegenheit günstig war, 
vorhanden, wie es mir auch nach der Beschaffenheit 
des Landes wahrscheinlich däucht, dass er auch 
etwas höher gegen Norden und etwas weiter nach 
Süden gegangen ist. 

Als eine Andeutung darauf, dass die Alca impennis 
als Nestvogel sich bei den Canadischen Küsten auf- 



— 446 — 

gehalten hat, darf ich nicht unterlassen hier auf 
einige Äusserungen von einem in L ah on tan s Me- 
moirs 'of North America™) erwähnten kurzhalsigen 
Schwimmvogels, so gross wie eine Gans, aber dessen 
Eier trotzdem grösser wie Schwaneneier und ausser- 
ordentlich grossdottrig waren, aufmerksam zn machen, 
welche Beschreibung auf keinen anderen Vogel der 
nördlichen Halbkugel als denÄlca impennis passt. 

« The moyacks are a sort of fowl , as big as a goose, 
having a short neck, and a broat foot; and ivhich is 
very strange, their eggs are half as big again as a swan's, 
and yet they are all yolk, and that so thick, that they 
must be diluted with water before they can be used in 
pancakes-». 

Nördlichere Brütestellen für den Vogel habe ich 
wohl bisher in den Beschreibungen der Labrador- 
küsten, die ich durchgegangen bin, nicht bestimmt 
erwähnt finden können, ich bin aber geneigt anzu- 
nehmen , dass die bei Grönland im vorigen Jahr- 
hundert hier und da gesehenen Individuen von solchen 
herrührten. 

Audubon, welcher in seiner Synopsis of the birds 
of Northamerica 1839 die Alca impennis von der 
eigentlichen Amerikanischen Küste gar nicht kennt, 
und auch nicht wusste, dass sie früher so zahlreich 
gewesen war, führt sie nach einem einzigen Individuum 



18) Pink er ton 1. c. vol. XIII p. 336—373; the birds of the nor- 
thern countries of Canada p. 355. Obgleich Baron Lahontan Canada 
von 39° bis 65° N. B. rechnet und also darin Labrador einschliesst, 
müssen seine Moyack doch südlich von der Lawrencebucht gefun- 
den sein, da der Zusammenhang zunächst gebietet, in ihnen den 
Vogel zu suchen, welchen er selbst auf seinen Reisen 1683 — 91, 
für welche diese Bucht die Nordgränze bildete, gefunden hat. 



— 447 — 

als einen seltenen und ganz zufälligen Gast auf 
den Newfoundlands-Bänken auf. Man sieht, dass er 
auf seinen Reisen vergebens nach den Brütestellen 
dieses Vogels gefragt hat, und namentlich in Labra- 
dor, aber dass die Fischer dort ihn auf eine Insel 
südöstlich von Newfoundland hinwiesen. Um so auf- 
fallender würde daher die Versicherung in Goulds: 
The Birds of Europe 1837 lautend: It is found in 
abundance along the rugged coast of Labrador», wenn 
man nicht annehmen müsste, diese Worte hätten ihren 
Grund in der gewöhnlichen Versetzung des Vogels 
nach uns unbekannten Gegenden, eine Annahme, die 
sich nach späteren Aeusserungen des Verfassers auch 
als richtig erwiesen hat 19 ). 

Südlicher als die schon genannten Punkte, kam 
der Vogel allerdings vor, wenigstens hin und wieder, 



19) John. Gould: «The birds of Europe. Vol. V. London 1837», 
Textblatt zu Tab. 400: «The seas of the Polar regions, agitated with 
storms and covered icith immense icebergs, form the conge) dal habitat 
of the Great Auk: here it may be said to pass the whole of its exis- 
tence, braving the severest winters with the utmost impunity , so that 
it is only occasionally seen, and that at distant intervals, even so far 
south as the seas adjacent to the northernmost parts of the British 
Islands. It is found in abundance along the rugged coasts of Labra- 
dor; and from the circumstance of its having been seen at Spitzber- 
gen, we may reasonably conclude, that its range is extended through- 
out the whole of the arctic circle, where it may often be seen tranquilly 
reposing on masses of floating ice, to the neighbourhood of which in 
the open ocean it seems to give a decided preference». Über die An- 
gabe des Vorkommens des Vogels bei Spitzbergen wird später die 
Rede sein; hier will ich nur hinzufügen, dass Herr Gould, mit dem 
ich diesen Sommer das Vergnügen hatte zusammen zu sein, die Auf- 
klärung gab, dass er seine Aeusserungen über die zahlreiche Men- 
ge von Alca impennis an der Labradorküste, nicht aus. mir unbe- 
kannten Quellen geschöpft hatte, sondern dass dieselben sich nur 
auf die allgemeine Annahme der Ostküste Labradors und Grön- 
lands als seine Heimath, stützten. 



— 448 — 

z. B. auf den grossen Fischbänken. Es scheint mir 
jedenfalls nicht gut möglich, dass der früher genannte 
Edward'sche Vogel in einer so bedeutenden Entfer- 
nung vom Lande auf einer Fischbank, wenn dies nicht 
eine der südlichem war, könnte gefangen worden 
sein. Aber daraus lässt sich kein sicherer Schluss 
auf die Heimath dieses Individuums ziehen. 

Die Zeugnisse, die man darüber hat, dass Älca im- 
pennis auf den Fischbänken erschlagen oder gefangen 
worden ist, sind nämlich im Ganzen genommen so 
äusserst einzeln, dass man, wie ich schon oben 
äusserte, in ihnen nur eine schwache Wahrschein- 
lichkeit haben kann, dass die beobachteten Vögel von 
den Brütestellen der Gattung bei Newfoundland oder 
in der Nähe dieser Insel gekommen waren, da es 
durch Beispiele von den Küsten Europas hinreichend 
bekannt ist, in welche grosse Entfernungen von den 
nächsten Brütestellen diese Vögel in ganz einzelnen 
Individuen angetroffen wurden. 

Bei der Frage über die wahre Verbreitung dieses 
Vogels muss man die Beobachtungen , welche die 
zerstreuten, zufälligen oder von der Brütestelle weit 
entfernten Individuen angehen, und die, welche auf 
den Vogel an oder in der Nähe desselben Bezug 
haben, wohl unterschieden. 

Eine Sage, dass die Älca impennis, und sogar etwas 
über die Mitte des vorhergehenden Jahrhunderts, un- 
ten in der Bucht von Boston, und also ungefähr bei 
Cap Cod, dem Punkte, wo alle Beobachtungen zeigen, 
dass die kältere Meerfauna Nordamerikas beginnt, 
vorhanden gewesen, muss ich ganz so wie Audubon 
sie gegeben hat, auf sich beruhen lassen. Indem ich 



— 449 — 

in untenstehender Bemerkung nicht nur diese Sage 
selbst, sondern der grösseren Vollständigkeit wegen, 
alles was dieser Beobachter in seiner berühmten 
Ornithological Biography 1838 mittheilt, über das 
Vorkommen der Alca impennis in Amerika, wieder- 
gebe 20 ), will ich hier nur hinzufügen, dass die Sage 
auf jeden Fall Aufmerksamkeit und nähere Untersu- 
chung verdient, da Bartholomäus Gasnol auf sei- 
ner Reise nach Virginien 1602 nicht nur im Meere 
südlich von der südlichsten Fischbank den 7. Mai 
Penguine traf, sondern sogar unter 41° 40' N. B. in 
der Nähe von Gilberts Punt, gerade bei Cap Cod, 
mehrere Penguine neben dem Schiffe am 20. Mai 
tödtete, welcher Zeitpunkt andeutet, dass es brütende 
Vögel waren, die er antraf 21 ). 

Die Frage, welche nach der vorhergehenden Dar- 
stellung jetzt so natürlich aufgeworfen wird, weshalb 
unser Vogel nicht mehr in diesen Gegenden, w r o er 
früher in so vielen Tausenden sich aufhielt und Nah- 



20) « The only authentic account of the occurrence of this bird on our 
coast that I possess , ivas obtained from Mr. Henry HaveU , brother 
of my engraver , who , when on his passage from New York to Eng- 
land, hooked a gread Auk on the banks of Newfoundland, in extre- 
mely boisterous weather. When I was in Labrador, many of the Fi- 
shermen assured me, that the Penguin, as they name this bird, breeds 
on a loiu rocky island to the south, east of Neiofoundland, where they 
des'roy great numbers of tho young for bait, but as this intelligence 
came to me when the season was too far advanced , I had no opportu- 
nity of ascertaining its accuracy. In Neiofoundland, however, I recei- 
ved similar information from several individuals. An old gunner resi- 
ding on Chelsea beach, near Boston, told me, that he well remembered 
the time , when the Penguins were plentiful about Nahant and some 
other Islands in the Bay.» 

21) Bartholomaes Gosnol: Voyage to Virginia, in Ueber- 
setzung in Pi et er von der Aa's Naaukeurige Versameling der Zee- 
en Land-Beysen u. s. w. te Leyden, 22 Bd. S. 1 und S. 5. 

Mélanges biologiques. IV. 57 



— 450 — 

rungsmittel auf kürzere oder längere Zeit für so 
viel Menschen abgab, angetroffen wird, findet ohne 
Schwierigkeit ihre Erledigung in dem schon Ange- 
führten. Man ist fortgefahren ihn so lange zu fangen, 
bis keine Individuen mehr übrig waren. Wie leicht 
er in den ersten Jahrhunderten nach der Ankunft der 
Europäer sich fangen liess, dafür sind ja viele Be- 
weise mitgetheilt. Man trieb ihn , wie man Schafe 
zum Schlachter treibt, an Bord der Schiffe auf die 
ausgespannten Segel, auf Bretter u. s. w. Man fing 
nicht allein den Vogel, sondern nahm auch die Eier, 
die in Massen gesammelt wurden, weg. 

Ein sehr ungünstiger Umstand für das fortgesetzte 
Bestehen des Vogels wurde es daher, dass die jähr- 
liche Ankunftszeit der Europäer gerade auf ihre 
Brütezeit traf, wo alle Individuen auf den kleinen 
Inseln beisammen waren, und dass so viele Schilfe 
zugleich, den Berichten zufolge, Mangel an Proviant 
hatten, denn diesen musste man, um nicht die gün- 
stigste Zeit für die Fischerei vorübergehen zu lassen, 
so schnell wie möglich einsammeln, wobei es denn 
doppelt hart über die Thierarten herging, die sich am 
leichtesten fangen Hessen, unter denen der Penguin 
den ersten Platz einnahm. Nebenbei hat man sicher- 
lich oft rücksichtslos und ohne Schonung gewirfh- 
schaftet, denn wo so viele sich verproviantiren , fällt 
auch leicht, die äussere Aufforderung zu sparen und 
zu schonen, von selbst weg, denn was der Eine heute 
verschont , kann er nicht zugleich erwarten , am 
anderen Morgen geschont zn sehen. Die Vorstellung 
der wahrscheinlichen Ausrottung eines Mitgeschöpfs, 
total oder von einer grossen Strecke der Erdfläche, 



— 451 — 

allein durch die Gewinnsucht und Gier des Menschen, 
ist immer schmerzlich, aber doppelt empörend für 
das Gemüth ist der Gedanke, dass die letzten Reste 
dieser Art möglicherweise dadurch verschwunden 
sind, dass man schonungslos das eine Individuum als 
Brennholz bei der Zubereitung des anderen benutzt hat. 
Die Frage, welche von den Nationen, die an den 
Newfoundlandsbänken Fischerei trieben, am meisten 
zu einem Resultat, welches für diese Seite des Atlan- 
tischen Oceans ziemlich unzweifelhaft erscheint, am 
meisten beigetragen haben mag, lässt sich schwer 
beantworten, hat aber auch weit weniger Interesse 
als die Thatsache selbst. Ohne die Schuld dem einen 
oder dem anderen beimessen zu wollen, muss man 
sich wahrscheinlich das Verhältniss so denken, dass 
der Vogel schon vor der Ankunft der Europäer durch 
die Verfolgungen der Eingeborenen bedeutend an 
Anzahl abgenommen hat, und vielleicht nur auf den 
weiter entfernt liegenden Inseln nach denen die Ein- 
gebornen sehr schwer kommen konnten, in grösserer 
Menge gefunden wurde 22 ). 

B. Das Vorkommen der Alca impennis bei den Inseln im öst- 
lichen Theile des Atlantischen Oceans. 

Nachdem ich jetzt, so viel wie möglich gesucht 
habe, die vormalige Verbreitung der Alca impennis 
an der westlichen Seite des Atlantischen Oceans in 
richtigeren Zügen darzustellen, will ich in aller Kürze 



22) In seinem Briefe hat Prof. Hasch auch angedeutet, dass es 
ihm vorkäme, Stuvitz habe in irgend einem Hefte seiner Tagebü- 
cher geäussert, dass die Mikmak- Indianer dem Vogel, den er für 
den südlichen Penguin ansah, den letzten Stoss gegeben hätten, aber 
R. hatte die Stelle nicht wieder finden können. 



— 452 — 

ihre Ausbreitung früher und jetzt an der entgegen- 
gesetzten Seite dieses Meeres berühren, da zur Auf- 
fassung dieses Verhältnisses auch, wie mich däucht, 
eine Zusammenstellung fehlt, ebenso wie Manches in 
dem bisher Angenommenen der Berichtigung bedarf. 
Dem Gange in den vorhergehenden nach, wird es 
auch hier am natürlichsten sein, von Norden nach 
Süden zu gehen, und von den bekannten Brüteplätzen 
bieten sich dann zuerst diejenigen bei Island dar. 

1) Alca impennis an den Küsten Islands. 

Es ist nicht bekannt, dass der Vogel anderswo als 
auf einigen kleinen Inseln oder Schären, die alle von 
ihm den Namen haben und alle mehrere Meilen vom 
südlichen Rande der Insel liegen, genistet hat. Der 
wichtigste dieser Geirfugleskjäer ist der westlichste, 
welcher ungefähr 3 Meilen in Südwest von der Süd- 
westspitze Islands Reikenäs, in der Nähe der von der 
Geschichte der vulkanischen Ausbrüche her bekannten 
Vogelschären liegt, der zweite, der südlichste, ist 
kleiner und liegt beinahe 2 Meilen von Vestmannöe 
und ungefähr 3V 2 Meilen von der Südküste der Insel, 
der dritte, welcher der östliche genannt wird, soll 
weiter nach der Ostseite des Landes zu, etwas östlich 
von Ingolfshöfde , einige Meilen in die See hinein, 
liegen. 

Wie man weiss, war es erst gegen die Mitte des 
vorigen Jahrhunderts, dass das Dasein dieses merk- 
würdigen Vogels in Island allgemeiner bekannt wurde, 
indem der Hamburger Bürgermeister Andersson 23 ) 

23) Johann Anderssons Nachrichten von Island, Grönland und der 
Strasse Davis. Frankf. und Leipzig 1747. S. 54. 



— 453 — 

durch seine von Schiffern und andern Islandsfah- 
rern erhaltenen Nachrichten über Island 1747 die 
Alca impennis als einen Vogel, der nur bei den 
westlichen Geirfugl- Schären und zwar sehr selten ge- 
sehen wurde, aufführte. Er fügte sogar hinzu, dass es 
als Unglücksvorbedeutung angesehen wurde, wenn er 
in grösserer Anzahl sich zeigte, so z. B. im Jahr 
vor dem Tode des Königs Friedrich des IV. , da man 
viele Jahre vorher keine Spur von ihm gesehen hatte. 
Diese grosse Seltenheit wurde gleich von Horrebow 
in Abrede gestellt, welcher in seinen «Zuverlässigen 
Nachrichten von Island» 1752 Andersson ungefähr 
auf dieselbe Weise entgegentritt, wie Gl ahn später, 
nach dem was wir gesehen haben, dem Berichte des 
Crantz über Grönland entgegentrat. Über das aus- 
schliessliche Vorkommen auf den Geirfugl-Schären bei 
Reikenäs sagt er S. 174: «Auf diesen Klippen halten 
sich wohl viele Alca impennis auf, aber sie werden 
doch auch anderweitig im Lande gefunden», wobei er 
es auf die anderen Geirfugl-Schären abgesehen hat, 
und über seine Seltenheit fügt er hinzu: «Obgleich der 
Vogel nicht in so grosser Menge vorhanden ist, wie 
andere Seevögel, so ist er doch nicht so rar oder so 
selten vorkommend , dass die Einwohner ihn nicht 
Öfters zu sehen bekommen, wenigstens wird er immer 
von denen, welche hinausfahren, um seine Eier zu 
nehmen, die beinahe so gross wie Strausseier sind, 
gesehen. Hiermit wäre indessen über die Anzahl der 
Individuen nicht viel gesagt, wenn es nicht ausserdem 
von den Einwohnern in der Nähe dieser Schären 
S. 175, hiesse, dass sie zu ihnen hinausfahren «in 
einer gewissen Jahreszeit, und mit ziemlicher Gefahr, 



— 454 — 

die Eier dieses grossen Vogels suchen und eine grosse 
Ladung in einem Boote, welches 8 Mann rudern, mit 
sich nach Hause bringen. Die Gefahr und Schwierig- 
keit besteht darin nach den Schären zu kommen» u. s. 
w., und wie kurz nachher gesagt wird, hat dieses 
Letztere wieder seinen Grund in der weiten Entfer- 
nung von mehreren Meilen und dem starken Seegang. 
Aus diesen Ausdrücken könnte man vielleicht auf 
der anderen Seite versucht werden anzunehmen, dass 
es eine ziemlich bedeutende Anzahl auf diesen Schären 
gab, besonders wenn man übersieht, dass die Grösse 
des Bootes schwerlich aus einem anderen Grunde 
genannt wird, als die Gefahr uud Beschwerde hinaus- 
zukommen zu zeigen, und dass die «grosse Ladung» 
nicht aus Geirfugl - Eiern allein, sondern natürlich 
zugleich aus all dem andern Vogel- und Eierfang be- 
standen hat, welcher auf den reichen Vogelbergen 
in der Nähe betrieben wurde. Anders aufgefasst wür- 
den seine Worte auch mit dem in Streit gerathen, 
was er am Schlüsse Andersson einräumt, dass man 
freilich im Jahre vor dem Tode des Königs Friedrich 
des IV. manche dieser Vögel, gleichwie in allen an- 
deren Jahren sah, wodurch also die Anzahl, welche 
überhaupt bei den Schären gesehen wurde, auf man- 
che beschränkt wird. 

Zur noch bestimmteren Auffassung der Verhält- 
nisse, unter denen die Alca impennis damals bei den 
GeirfuglSchären vorkam, und worunter der Vogel und 
die Eier eingesammelt wurden, wird es zweckmässig, 
ja beinahe nothwendig sein, aufzunehmen was Eggert 
Olafsen in seiner und Bjarne PovelsensReise nach 
Island über beide Gegenstände mittheilt, und ich 



— 455 — 

kann um so weniger unterlassen, dies ausführlich zu 
thun, als die Schilderung dieses Reisenden die zuver- 
lässigste von allen, die wir darüber haben, ist 24 ). 

«Eldey oder Ildöe (Feuerinsel) liegt eine Meile von 
der Spitze, und nahe ausserhalb davon Eldeyiar-Dran- 
gur, ein hoher Felsen. An diesen Orten halten sich 
Alken und andere See- und Landvögel auf, aber die 
Klippen sind so steil, dass jetzt Niemand hinaufkom- 
men kann. Früher aber hat man auf der Feuerinsel 
Strickleitern gehabt, und es sitzen noch grosse Nägel 
in den Felsen, woran deren Taue befestigt wurden. Die 
Geirfugl-Schären liegen weiter in die See hinein, eine 
ziemlich grosse Insel, niedrig, und daher vom west- 
lichen Ende besteigbar. Etwas innerhalb ist ein mit- 
telmässig hoher Felsen, und ausserhalb ein anderer, 
sehr hoher, welcher das Ansehen eines weit entfern- 
ten Seglers hat. Er ist auch weiss von Farbe, ver- 
mittelst des Kothes der grossen Menge Vögel, die 
sich hier aufhalten. Diese Inseln erstrecken sich 5 
Meilen von Reikenäs hinaus, gerade nach Westen, 
und zwei Meilen ausserhalb in derselben Linie ist 
ein blinder Felsen, welcher für Seefahrende sehr ge- 
fährlich ist, doch sieht man oft die Brandung darü- 
ber. Fremde Seeleute nennen diese Inseln zusammen 
die Vogelfelsen, und diesen äussersten, den blinden 
Vogelfelsen. Falls Schiffe von hier zum Lande kommen, 
sind sie übel daran, denn hier geht ein Malstrom, 
wo das Wasser mit starker Schnelligkeit bald ein- 
bald hinausgezogen wird, und immer nach und um 



24)Eggert Olafsens og Bjarne Povelsen's Meise igjennem 
Island. Soröe 1772. (E. Olafs en u. B. Povelsen's Reise durch Is- 
land, übers. Kop. 1774 u. 1775.) 



— 456 — 

diese Felsen herum, besonders wenn das Wetter stille 
ist. Auf den Geirfugle- Felsen halten sich Pinguine 
(Alca alls minimis) in grösster Menge auf, denn sie 
können hinauf kriechen, und sie werden bisweilen von 
den Einwohnern des Südlandes, die sich hier hinaus- 
wagen, wenn das Meer am wenigsten braust, gefangen; 
sie können doch nicht landen , sondern einer der 
Mannschaft muss es wagen mit einem Tau auf die 
Klippe zu springen, und wenn sie wieder weg sollen, 
müssen sie ihn oft durchs Wasser zum Boote ziehen». 
S. 855 — 56. (Übers. Bd. II, S. 130). 

Über den zweiten Aufenthaltsort des Vogels bei 
Vestmannöe heisst es S. 858: Geirfugla-F 'eisen, eine 
kleine flache Klippe, wo die Geirfuglen Eier legen, 
wie auf jener ausserhalb Reikenäs. Über den dritten, 
östlichen, sind die Ausdrücke sehr unsicher, indem 
es über die Strecke zwischen Ingolfshöfde und Hrol- 
laugsöerne , die als vor dem Auslaufe der Breida- 
marksandenes Jökelsau gelegen , angegeben werden, 
heisst: 

«Eine Klippe, Geirfugla-Feteen, soll auch hier 
draussen im Meere liegen, einige Meilen vom Ufer. 
Alca rostri sulcis octo dis minimis soll sich hier auf- 
halten», S. 750; aber diese unbestimmte Aussage ist 
niemals später bestätigt worden, und hat wahrschein- 
lich auf eine weit frühere Zeit Bezug; es ist auch 
nicht bekannt, dass die Alca impennis jemals in den 
späteren Jahrhunderten weder in der Nähe von In- 
golfshöfde, noch auf der ganzen östlichen Seite Is- 
lands gesehen worden ist. 

Indem Eg. Olafsen später, S. 983, des Vogels 
selbst erwähnt, wiederholt er: «Er ist rar in Island, 



— 457 — 

und brütet nirgends ausser auf zwei niedrigen Fel- 
sen im Meere ausserhalb des Südlandes», und fügt 
die , für die so wenig bekannte Fortpflanzungsge- 
schichte des Vogels nicht unwichtige Erläuterung 
bei: «Manche Geirvögel haben Nest und Eier zusam- 
men; eigentlich bauen sie kein Nest, sondern die 
Eier liegen in ihrem Koth dicht zusammen auf den 
Felsen». Da am selben Ort vom Geirfugl- Felsen bei 
Reikenäs gesagt wird: «wovon wir auch sowohl den 
Vogel selbst als auch seine Eier zu sehen bekamen, 
dadurch, dass einige Böte von der Südlandspitze sich 
hinauswagten, in den Jahren als wir auf Vidöe wa- 
ren», so kann man durch Zusammenstellung dieser 
Worte mit den vorhin hervorgehobenen Ausdrücken, 
dass sie «bisweilen» gefangen wurden, nicht daran 
zweifeln, dass damals schon bei weitem nicht jedes 
Jahr diese Einsammlung von Vögeln und Eiern be- 
trieben wurde. Eggert Olafsen und Bjarne Po- 
velsen reisten in den Jahren 1752 — 57 auf Island, 
die oben erwähnten Aussagen betreffen also densel- 
ben Zeitabschnitt, für den diejenigen Andersson's 
und Horrebow's gelten sollten, welches wohl fest- 
gehalten werden muss. 

Horrebow und besonders Olafsen sind also un- 
sere einzigen Quellen zur Beurtheilung der Ausbrei- 
tung und Individuen -Zahl der Alca impennis bei Is- 
land vor einem Jahrhundert. Wir können mit Sicher- 
heit sagen, dass sie damals noch auf zwei Stellen bei 
der Küste nistete, dass sie aber, gerade weil sie auf 
diese beiden Stellen allein beschränkt war, «selten» 
genannt wurde, und wenn auch die Anzahl auf die- 
ser einen Stelle als «grosse Menge» bezeichnet wurde, 

Mélanges biologiques. IV- 58 



— 458 — 

so ist diese doch niemals so bedeutend gewesen, dass 
Individuen davon häufig nach den naheliegenden 
Küsten der Insel gekommen wären. Nach dem Ein- 
drucke aller Angaben meine ich, dass man die Alca- 
Colonie sehr hoch geschätzt hat, wenn man annimmt, 
dass sie damals aus etwa hundert Vögeln bestanden 
hat. 

Mohr, welcher bestimmt sagt, dass man im Nord- 
lande, wo er reiste, den Geirfugl nur dem Namen 
nach kannte, ist daher meiner Meinung nach in gros- 
sem Irrthume, wenn er, ohne andere Quelle als die 
angeführte, sich in seinem: «Forsög til en islandsk 
Naturhistorie)) 1786 S. 29 so ausdrückt: «In früheren 
Zeiten haben die Isländer, den Berichten nach, ihre 
Böte mit seinen Eiern an den Geirfugl-Y eisen gefüllt», 
— und hat dadurch zugleich Andere irre geführt. 

Indessen dauerte es nicht lange, ehe eine Verän- 
derung in dieser Verbreitung der Alca impennis ein- 
trat, da sie kurz nachher vom Geirfugl -Felsen bei 
Vestmannöe verschwenden sein muss. F ab er, wel- 
cher die A. impennis dort, so wie bei den Vogelfel- 
sen vergebens suchte, theilt in seiner «Prodomus der 
isländischen Ornithologie » S. 49 mit, dass während 
seines Aufenthaltes auf Vestmannöe 1821, der Isländer, 
welcher mit dem dortigen Vogelberg am meisten zu 
thun hatte, ihm erzählte, dass er vor 20 Jahren eine 
A. impennis vom Ei genommen, und dass dieses Indivi- 
duum das einzige gewesen sei, das er jemals gese- 
hen habe. Vor dem Schlüsse des Jahrhunderts war 
sie also von da, nicht nur als nistender Vogel, son- 
dern auch als besuchender Gast, verschwunden 25 ). 

25) Da sowohl der Vo^el als das Ei lange Zeit als eine Merkwür- 



— 459 — 

Dass dieses kein zeitweiliges Davongehen war, lässt 
sich daraus entnehmen, dass es in den neuen, spe- 
ciellen Beschreibungen, die nach Aufforderung der 
Isländischen literarischen Gesellschaft durch die Pfar- 
rer und Schulzen über jedes Kirchspiel und District 
ausgeführt werden, von diesem Geirfiigl-F eisen in der 
vor etwas über 10 Jahren eingegebenen Beschreibung 
der Vestmannöe durch den Ortspfarrer, heisst: «Der 
Name zeigt , dass der Geirfugl vor Zeiten hier zu 
Hause gewesen ist, jetzt wird er aber niemals beim 
Felsen gesehen». 

Was dagegen die Reikenäs-Vogelschäre betrifft,, so 
war es zuverlässig zu erwarten, dass der Vogel sich 
dort besser als irgend wo anders würde halten kön- 
nen, beschützt durch die grossen Schwierigkeiten und 
Gefahren unter denen allein Annäherung und Lan- 
dung geschehen kann. Es ist auch sicher, dass die 
Colonie 1813 noch da war, denn das wissen wir 
aus einem, vom Amtmann Löbner auf den Färöern 
an Staatsrath Reinhardt geschickten Bericht, dass 
die Besatzung eines färöischen Bootes, welches nach 
Reikevig bestimmt war, und sich gerade vor dem 
Geirfagl-F eisen unter einer ganz ungewöhnlichen Wind- 
stille mit vollkommen spiegelglatter Wasserfläche be- 
fand, diese unerwartete Gelegenheit benutzte, eine 
Jagd auf A. impennis, die sie auf den Klippen ge- 
wahrte, anzustellen. Sie ging an's Land und tödtete 
einige und zwanzig, während die übrigen verscheucht 
wurden. 26 ) «Dieses befürchte ich», sagt Faber ein 



digkeit im Handelsgebäude auf der Insel aufgehängt waren, kann 
man sich denken, dass er schon damals, um 1800, eine grosse Sel- 
tenheit gewesen ist. 
26) Prof. J. Reinhardt, Von dem Vorkommen des Geirfugle bei 



— 460 — 

Jahrzehnt später, 1822, «hat den Vogel ganz von 
der Klippe verscheucht; denn in der Hoffnung, die- 
sen interessanten Vogel näher kennen zu lernen, mie- 
thete ich mit zwei anderen Reisenden eine Fischer- 
jacht, und segelte den 25. Junius 1821, welche Jah- 
reszeit ich für die beste ansah (doch laut Berichten 
von St. Kilda, siehe unten, zu spät), weil alle Ver- 
wandte des Vogels in dieser Zeit Eier haben, nach 
der Klippe. Wir kreuzten zwei Tage unter der Schäre, 
deren Oberfläche mit brütenden Sida alba und TJria 
trolle bedeckt war; wir konnten jeden Vogel überse- 
hen , entdeckten aber keine A. imp.» S. 49. Dass 
diese Befürchtung Faber's jedoch diesmal ungegrün- 
det war, zeigte Staatsrath Reinhardt später in der 
kleinen Notiz, die ich oben anführte, indem er er- 
klärte, dass in den Jahren 1830 und 1831 27 Indi- 
viduen herüber gesandt und feil geboten worden, also 
reichlich so viel als die Färöerbewohner 1813 ver- 
nichtet hatten , und diese stammten entweder vom 
Geirfugl- Felsen oder einer anderen Klippe in der 
Nähe her. Eine Mittheilung, welche mit dem ersten 
1830 erhaltenen Exemplare folgte, erwähnte näm- 
lich, dass in diesem Jahre ein vulkanischer Ausbruch 
im Meere den Geirfugl -Felsen zerstört und den Vo- 
gel gezwungen haben sollte, Brütestellen auf einer 
dem Lande näher gelegenen Schäre, wo sowohl die- 
ses Exemplar als noch eins geschossen worden wa- 
ren, zu suchen. «Über diese Begebenheit», sagt in- 
dessen der Verfasser der Note, «hat man vergebens 
gesucht nähere Aufklärung zu bekommen. Die Ant- 

Island. (Dänisch) in Dr. II. Kr oyer's Naturgeschichtl. Zeitschrift, 
Bd. II, S. 533 — 35. 



— 461 — 

worten waren unbefriedigend und zum Theil wider- 
sprechend». Er befürchtet, und nicht ohne guten 
Grund, dass im Jahre 1831, von welchem allein die 
zwanzig Individuen herrührten, «die ganze Colonie 
an der Brütestelle überfallen sei, wobei der grösste 
Theil wahrscheinlich getödtet und die übrigen ver- 
jagt worden sind». 

Während meines Aufenthaltes auf Island in den 
Jahren 1839 und 1840 suchte ich sorgfältig nach 
Aufklärung über diesen Vogel, und ich gewann auch 
die Überzeugung, dass noch welche übrig waren, 
denn in den Jahren, welche seit jener grösseren Ver- 
nichtung von 1830 und 31 2/ ) verflossen waren, hatte 
man ungefähr zehn 28 ) Individuen geschossen und ihre 
Häute zum grössten Theil in den Naturalienhandel 
gebracht. Die letzten Individuen, die so viel mir be- 
kannt, gesehen worden sind, sind zwei, ein Männchen 
und ein Weibchen, die im Jahre 1844, als sie sich 
eine kleine Klippe in der Nähe des Landes zum Brü- 
teplatz gewählt hatten, geschossen wurden, sie wur- 
den ausgeweidet und die Körper in Spiritus aufbe- 
wahrt. Staatsrath Esch rieht erwarb beide für das 
zootomische Museum der Universität, wo eine schöne 
Reihe der inneren Theile beider Vögel aufgestellt ist; 
aber ihretwegen wurde freilich das Skelet preisgege- 
ben, weil man sich den Vogel nicht seiner Ausrot- 



27) Zu demselben Fange meine ich, gehören die 10 Individuen, 
welche Michahelles in der Isis 1833 S. 647 — 651 anführt. 

28) Was mich hindert die Zahl genauer anzugeben, ist der Um- 
stand, dass einige der Häute beim Durchgehen durch mehrere Hände, 
ohne dass es möglich war den Gang einer jeden einzelnen Haut 
weiter zu verfolgen, offenbar mehrere Mal angegeben worden sind. 



— 462 — 

tung so nahe dachte, als er es aller Wahrscheinlich- 
keit nach ist. 

Da die A. impennis so spät bei Island beobachtet 
worden ist, ist man also nicht berechtigt die Hoffnung 
aufzugeben, dass noch welche dort sich finden, man wird 
um so mehr versucht, darauf zu bauen, dass eine Co- 
lonie, wenn auch vielleicht nur eine kleine, sich fort- 
während auf den eigentlichen Geirfugl Felsen erhält, 
da dieser von der Natur so unzugänglich gemacht ist, 
und, wie es aus der Beschreibung des Pastors S. B. 
Si vert sen über-Utskäla Kirchspiel, unter welchem 
die ganze Gruppe der Vogelklippen gehört, hervor 
zu gehen scheint, dass die Isländer diese Schäre so 
lange in Ruhe gelassen haben, dass nach seinen Äus- 
serungen kein Isländer mehr lebt, welcher etwas Si- 
cheres über die Lage, Beschaffenheit, die Landung 
darauf u. s. w. weiss. Vor einigen Jahren, fügt er 
hinzu, wurden wohl Versuche gemacht, mit einem 
Deckboot hinaus zu gehen, doch ohne Erfolg. Man 
darf aber andererseits nicht vergessen, dass der Fel- 
sen mit seinen Umgebungen in Folge vulkanischer 
Umwälzungen für die A. impennis unbewohnbar ge- 
worden sein könnte, und dieses veranlasst mich, ein 
Paar historische Bemerkungen 29 ) an das Gesagte zu 
knüpfen. 

Geirfuglskjäret , zusammen mit den übrigen nahe- 
liegenden Schären, die, wie wir gehört haben, unter 
dem gemeinschaftlichen Namen Vogelklippen gehen, 



29) Diese sind kurz ans der Zusammenstellung meines verstorbe- 
nen Reisegefährten John Halgrinsou's, der Geschichte der vul- 
kanischen Ausbrüche und der Erdbeben auf Island, bestimmt einen 
eigenen Abschnitt unserer angefangenen Arbeit über Island auszu- 
machen, gezogen. 



— 463 — 

sind nämlich seit den ältesten Zeiten von vulkani- 
schen Zerstörungen sehr heimgesucht worden, ja ha- 
ben sogar, wie in älteren Quellen angedeutet wird, 
solchen Zerstörungen ihr Dasein als Schären im Meere 
zu verdanken, denn als solche sollen sie nicht über 
4 — 5 Jahrhunderte alt sein. Den Annalen zu Folge 
ist Reikenäs, welches jetzt unter 63° 48 j / 3 ' S. B., 
35° 23' W. von Kopenhagen liegt, seit Anfang des 
13. Jahrhunderts der Schauplatz gewaltsamer vul- 
kanischer Bewegungen , begleitet von Feuerausbrü- 
chen, theils auf dem festen Lande, theils ausserhalb 
im Meere, gewesen. Im 13. und 14. Jahrhundert 
war letzteres der Fall 1211, 1226, 1231 und 1390, 
in welchem Jahre Espolin's Annalen sogar berich- 
ten , dass Feuerausbruch über das ganze Reikenäs 
war, und dass die Hälfte des Vorgebirges ins Meer 
sank, und da steht jetzt draussen im Meere Bijptar- 
steinn und der Fugleskjär-F eisen. Der Felsen, welcher 
jetzt Eldey genannt wird und lV 2 Meilen ausserhalb 
der äussersten Spitze von Reikenäs liegt, sagt man, 
sei damals ein Berg , welcher auf der Landzunge 
stand, gewesen, ehe diese während des Ausbruchs 
versank. Im J. 1422 (nach anderen Annalen 1418) 
wurde ein Land südwestlich von Reikenäs über den 
Wasserspiegel gehoben und war lange nachher zu 
sehen gewesen, ein Vorspiel also zu der Begebenheit, 
welche 1783 eintraf, als auf derselben Stelle unter 
Feuerausbruch, ungefähr da, wo jetzt die blinde Vo- 
gelklippe auf die Karte gesetzt wird, eine Insel aus 
dem Meere gehoben ward; die Insel, welche zuletzt 
eine Meile Umkreis hatte, wurde Nyöe genannt und 
als Eigenthum des Königs in Besitz genommen, ver- 



— 464 — 

schwand aber das folgende Jahr (d. h. die Brandung 
riss die aus Schlacke und Bimsstein lose gebaute In- 
sel wieder herunter, und spülte sie in's Meer hinaus), 
und sie wurde später nicht gesehen. Endlich war der 
letzte Ausbruch im Meere ausserhalb Reikenäs An- 
fangs 1830, in der Nähe desselben Felsens; eine 
mächtige Dampf- oder Rauchsäule war viele "Tage 
sichtbar und hob sich hoch in die Luft, während eine 
grosse Menge sogenannten Bimssteins auf dem Meere 
umhertrieb und an die Küsten von Reikenäs gewor- 
fen wurde. 

Dieses letzte Phänomen wird sicherlich in Bezug 
auf die Geschichte der A. impemiis nicht ohne Be- 
deutung sein; bei allen unterseeischen Ausbrüchen 
kommt eine ungeheure Masse Bimsstein hervor, wel- 
cher grosse Strecken der Meeresfläche bedeckt, die- 
ses findet man auch in Betreff der Isländischen auf- 
gezeichnet, und vom Ausbruche 1783 heisst es, dass 
die Kauffarteischiffe, welche auf dem Wege von oder 
nach Dänemark Reikenäs passirten , Schwierigkeit 
fanden sich durch den Bimssteinteppich den Weg zu 
finden 30 ). Die Zerstörungen denen der Brüteplatz 
der A. imp. ausgesetzt gewesen ist, sind also mannig- 
fach; durch Erdbeben kann er ganz verändert oder 
ganz hinunter gesunken sein, und durch Aufspülung 
von Bimsstein oder Aschenregen kann er für längere 
oder kürzere Zeit unbrauchbar gemacht worden sein, 
der Alk kann genöthigt gewesen sein denselben zu 



30) Magnus Stephenson «Kort Beskrivelse over den nye Vul- 
cans Ildsprudning 1783» Kopenhagen 1785, S. 146: « Die See rings- 
herum war voller Bimssteine auf circa 20 bis 30 Meilen Entfer- 
nung, welches die Schiffe in ihrer Fahrt nicht wenig hinderte». 



— 465 — 

verlassen , weil nahe Ausbrüche das Wasser zum 
Schwimmen untauglich oder für seine Nahrung, 
Fische, unbrauchbar machten 31 ). Es ist somit viel 
Grund zu vermuthen, dass die Ursache, weshalb gerade 
1830 und 1831 so viele A. imp. getödtet wurden, 
die war, dass sie beim Ausbruche nach anderen, vom 
verderblichen Vulkane wohl entfernter, aber dem 
Lande näher liegenden Skären, übergesiedelt waren, 
wodurch sie gerade in die Nähe eines anderen und 
sicherlich schlimmeren Feindes kamen. 

Sollte nun dieser Vogel wider Erwarten nicht mehr 
bei dieser Geirfugl -Kli^e zu finden sein, so muss 
sein Verschwinden da gewisslich nicht den Isländern 
allein zur Last gelegt werden. Die Natur selbst 
scheint ihn in eben so hohem Grade verfolgt zu ha- 
ben. Unter so grossen Zerstörungen, wie die mehr 
oder weniger vollständig gedachten, müssen die Brü- 
teplätze des Vogels ausserordentlich gelitten haben, 
vielleicht sind sie sogar ganz zerstört worden. Ob- 
gleich der Vogel wahrscheinlich , hauptsächlich in 
Folge der Verfolgungen des Menschen, vom Geirfugl- 
Felsen bei Vestmannöe verschwunden ist, so würde 
es doch unpassend sein, hier nicht zu bemerken, dass 
die vulkanische Unruhe auch auf dieser Klippe zum 
Verschwinden des Vogels beigetragen haben kann, 
namentlich muss es gerade hinsichtlich der Zeit, als 
diese stattfand, im letzten Drittel des vorigen Jahr- 
hunderts, besonders hervorgehoben werden, dass es 



31) J. C. Schythe: «Hekia og dens sidste UdbruTc d. 2. Septbr. 
1845» Kopeiih. 1847 führt auf diese Weise die Wirkung der Aus- 
führung des Aschenregens und Bimssteins in's Meer beim Südlande 
auf die Fischerei an. 

Melanges biologiques. T. IV. 59 



— 466 — 

im Berichte über das grosse Erdbeben v. 1784 aus- 
drücklich erwähnt wird, dass der Vogelberg auf Vest- 
maunöe grossen Schaden erlitt 32 ), und gerade unter 
diesem Vogelberge war es ja, wo der Vogelaufseher 
den einzigen Vogel, den er jemals gesehen, vom Ei 
genommen hatte. 

Man kann wohl nicht gut daran zweifeln, dass der 
A. impennis-FdLUg in entfernteren Jahrhunderten grös- 
ser als in den letzten hundert Jahren gewesen ist; 
aber man muss, wie schon vorhin bemerkt wurde, 
wohl erinnern, dass die Isländer bei ihren Fahrten 
nach den Vogelklippen bei weitem nicht das Einsam- 
meln dieses Vogels und seiner Eier allein beabsich- 
tigten; der übrige Vogelreichthum derselben Schären 
war zugleich Gegenstand der Reisen, und ohne Zwei- 
fel war er zu allen Zeiten der wichtigste. Egger t 
Olafs en und F ab er berühren den Vogelreichthum. 
Ersterer giebt zugleich durch den Bericht von den 
Eisennägeln im Felsen einen schlagenden Beweis, dass 
der Fang früher anders betrieben wurde als damals, 
und die vom Pfarrer in der Beschreibung des Kirch- 
spiels berührte Sage auf Reikenäs hat ja auch die 



32) Bei Magnus Stephensen, 1. c. S. 142, heisst es: Laut Be- 
richt des Schulzen Sivertsen an die königl. Rentkammer sind 
beim ersten Stoss (dieses Erdbebens) d. 14. August grosse Fels- 
stücke ausgesprengt und auf Vestmannöe herunter gefallen von den 
Bergen, welche von unten an bis oben hinauf beinahe in einem 
Bauche standen, und da dasselbe sich aus verschiedenen Gegen- 
den auf einmal sehen liess, so musste man dort eine allgemeinere 
Zerstörung und Gefahr von den herabfallenden Felsen und grossen 
Steinen mit Recht befürchten; doch soll dadurch kein anderer be- 
sonderer Schaden verursacht worden sein, als dass der beste und 
grösste Theil des für die Einwohner so nützlichen Vogelberges an 
vielen Stellen zusammengestürzt, und insofern in Zukunft für den 
Seevogel zum Nisten untauglich gemacht ist. 



— 467 — 

Fahrten, welche nach dem Geirfugl -Felsen gemacht 
wurden, auf zwei bestimmt, eine vor, und eine nach 
der Heuernte. Dass jährlich mehrere Böte von der 
Landzunge auf diesen Vogelfang ausgingen, scheinen 
die Annalen in einem Berichte für das Jahr 1639 
aufbewahrt zu haben, worin erzählt wird, dass von- 
vier Böten, die im Vorsommer nach dem Geirfugl- 
Felsen auf den Fang auszogen, zwei untergingen, 
und die Mannschaft der beiden anderen sich erst ret- 
tete, nachdem sie die See in 11 Tagen gehalten hatte, 
wodurch das Gefährliche des ganzen Unternehmens 
anschaulich wird. 

Wie vortheilhaft der Vogelfang scheinen musste, 
sieht man ferner aus derselben Sage , welche den 
Ertrag für jeden Theilnehmer mit dem vollen Som- 
merlohn für einen Mann, welcher nach dem Nordlande 
geht, um bei der Fischerei zu helfen, gleichstellt. 

Weiter zurück habe ich die Geschichte des Vogels 
oder der Schären nicht verfolgen können. Landnama- 
bok erwähnt beider nicht, und auch Elucidarius nicht, 
obgleich ich in beiden den Vogel als einen merkwür- 
digen benannt erwartet hatte. 

Bevor ich Island verlasse, muss ich noch bemerken, 
dass die Alca impennis sich natürlich hin und wieder 
bei den Geirfugle-Felsen zunächst liegenden Theilen 
der Küste, aber doch nur sehr selten und wahr- 
scheinlich in der Regel zu seinem eigenen Verderb, 
hat sehen lassen. Die entfernteste Stelle von diesen 
seinen Brüteplätzen, wo er bemerkt worden, ist La- 
travik an der Nordwestspitze Islands, nach dem von 
einem Bauern Faber gegebenen Berichte, dass 
er 1814 von diesen Vögeln sieben Individuen auf 



— 468 — 

einer Klippe, von der sie nicht schnell genug herab 
kommen konnten, erschlagen habe 33 ). 

2) Alca impennis bei den Färöern, 

Das älteste Zeugniss vom Vorkommen des Vogels 
bei den Färöern giebt der Arzt Henrik H oyer in 
Bergen in dem Verzeichniss der vornehmsten Vögel 
der Färöer, welches er 1604 in einem Briefe an 
Clusius mittheilt und welches dieser in seinem 1605 
herausgekommenen grossen Werke «Exoticorum libri 
decern»; Auctarium pag. 367 — 368 abdruckt. Nach 
den Lunden, den Alken und Urien, welche vor allen 
andern für die Färöer Bedeutung haben sollen, werden 
hier der Himbrimen und Goirfiigel als zwei Vögel be 
zeichnet, welche niemals aufs trockene Land kommen, 
und der letztgenannte wird nach seiner Ähnlichkeit 
mit Alken, nach der Farbenzeichnung und den unan- 
sehnlichen Flügeln bestimmt als Alca impennis, aber 
zugleich als ein äusserst seltener Vogel bezeichnet, 
welcher nur in gewissen, besonderen Jahren dort ge- 
sehen wurde «rarissime autem haec, et non nisi pecu- 
Uaribus Si ) quibusdam annis visitur» und deren Brüte- 
plätze kein Mensch kannte «nee ubi faeturae operant 
det, ulli hominum exploratum». 

Von den Färöern hatte Ole Worm das erwachsene 
und ausgefärbte Exemplar erhalten, welches er meh- 



33) Prodr. der Island. Ornithologie S. 49. 

34) Was hier mit «besonderen Jahren» gemeint ist, kann aus der 
Angabe Anderssons und der Anführung Höyers etwas weiter im 
Briefe über den Aberglauben der Färöerbewohner bei Ankunft der 
Helsing- und Brandgänse ersehen werden, «superstitio autem ex 
longa experimentia nota est, hae ubi apparuerint, mutationem ma- 
gistrates imminere ». 



— 469 — 

rere Monate lebend bei sich hatte, und wovon er in 
seinem Museum eine ganz gute Zeichnung gegeben 
hat 35 ). 

Die Figur hat freilich einen sehr scharfgezeich- 
neten, schmalen weissen Ring um den Hals wozu die 
von Clusius aufgenommenen Worte: «Collum quod 
crassum et brève , albis pennis tanquam torgue pictum» 
wahrscheinlich Anlass gegeben haben; aber da das- 
selbe Exemplar später in die königl. Kunstkammer 
überging und zu den Werken über diese zu wieder- 
holten Malen abgezeichnet und in Kupfer gestochen 
worden und gleichwohl den weissen Ring ebenso 
scharf, auf Lauerentsens Figur sogar die übrige 
Federbedeckung überdeckend, behalten hat, so kann 
ich nicht annehmen, dass derselbe etwas anderes als 
ein dem Vogel zur Zierde gegebener Metallring ist. 
(Siehe sein Museum regium, aves T. 1, N 9 1.) Es ist die 
einzige Figur, so viel ich weiss, welche nach einem 
lebenden Exemplar gezeichnet ist; — ja volle zwei 
Jahrhunderte nachher scheint nur ein Naturforscher 
den Vogel lebend gesehen zu haben 36 ). Aber eine 
Nachricht, inwiefern er selten war oder ob er dort 
brütete, theilt Worm nicht mit. Wäre es ein jüngerer 
Vogel gewesen, wie er aus falschen Gründen vermu- 



35) Museum Wormianum, seu historia verum rariorum. Amste- 
lodami 1655, p. 300: «Ex Feroensibus Insults delata ad me erat 
avis, quam vivant domo per aliquot menses alui, junior erat, quia ad 
earn non pervenit magnitudinem , ut anserem communem mole supe- 
raret». Er forderte die Grösse vom erwachsenen Vogel, weil er an- 
nahm, dass es Clusii Anser mageüanicus (Exotic. lib.V, cap. 5, p. 101) 
oder der Pinguin der Magellaustrasse war und- von diesem sagt 
Clusius: «praegrandis anseris magnitudinem. 

36) Fleming Hist, of British anim. p. 136. sah ein Exemplar, das 
lebend aus St. Kilda gebracht war i. J. 1822. 



— 470 — 

tliete, dem aber die Tracht widerspricht, so wäre einige 
Wahrscheinlichkeit für das Letztere gewesen , und 
wenn sämmtliche drei Häute, in deren Besitz er war, 
alle von den Färöern gewesen wären, dürfte man wohl 
annehmen , dass er damals ziemlich oft bei diesen 
Inseln vorkam. Dieses scheint mir auch aus den Aus- 
drücken Debes's hervorzugehen, denn obgleich er 
sagt: «Ausserdem giebt es hier auch einen seltenen 
Wasservogel, Garfugel genannt, welcher doch selten 
auf den Klippen unter den Vorgebirgen gefunden 
wird» u. s. w., so fügt er doch später hinzu: «Ich 
habe ihn einige Mal gehabt und er ist sehr leicht 
zu zähmen, aber er will nicht lange auf dem Lande 
leben 37 )», und man kann ihn daher nicht gut als einen 
zufälligen Gast annehmen. Als solcher würde er auch 
kaum «auf die Felsen«, hinaufgehen, welches er 
wahrscheinlich nur ausnahmsweise ausser der Brüte- 
zeit thut. Der Färöerbewohner Mohr sagt in seiner 
Isländischen Naturgeschichte S. 28, ein Jahrhundert 
später, 1780: «In Färöe, wo doch in den meisten 
Sommern auf dem Lande zwischen den Schwarz- 
vögeln (svartfuglene) einzelne Exemplare gefangen 
werden», und mehrt dadurch die Wahrscheinlichkeit, 
dass er hier brütete; diese Ansicht muss eher bestätigt 
als entkräftigt werden durch Lan dt, welcher in seiner 
Beschreibung der Färöer 1800, wohl äussert, dass 



37) Luc. Jac. Debes: Faeroae & Faeroa reserata, d. i. Beschrei- 
bung der Färöer und deren Bewohner, Kopenhagen 1673, S. 130. 
Den Ausländern ist Debes's Bericht über Älca impennis am meisten 
nach Bartholius Mittheilung in den Acta medica et phüosophica 
Hafniensia, 1671 — 72 p. 91 im Stück: «Rara Naturae in Insulis 
Faeröensibus » p. 86 — 102 bekannt, das aus Debes's Manuscript 
ausgezogen ist. 



— 471 — 

«die Alca impennis jetzt anfängt selten zu werden», 
aber zugleich angiebt, dass er Individuen mit weniger 
oder mehr Furchen am Schnabel, und somit jüngere 
und ältere Vögel gehabt habe 38 ). 

Man muss somit wohl einräumen, dass es früher 
eine Kolonie dieser Vögel auf den Färöern gegeben 
hat, wenn sie auch sehr klein war, und obgleich 
man nicht angeben kann auf welcher Insel sie ge- 
wesen ist 39 ). Aber kurz nach Anfang dieses Jahr- 
hunderts muss der letzte Ueberrest ganz verschwun- 
den sein, denn seit der Zeit hat man keine Nachricht 
ausser von einem ganz einzelnen Vogel als Gast 7 ' ). 



38) Lan dt, Forsög tu en Beskrivelse af Faeröerne. Kopenhag. 
1800, S. 254. 

39) Indessen scheint die Alca impennis sich vornehmlich zur 
Vogelinsel gehalten zu haben. Ein Manuscript von Jens Christian 
Svabo: «Rapporte, eingeholt auf einer allergnädigst befohlenen 
Reise in Färöe in den Jahren 1781 und 1782», aufbewahrt in der 
grossen, königl. Bibliothek (neue königl. Manuscriptsammlung 4-to 
W 1950) führt nämlich im 1 Heft, S. 32 — 33 an: «Man weiss nicht, 
düss Alca impennis hier brütet, obgleich Studiosus Mohr von der 
Vogelinsel eines seiner Eier, welches man in einem Individuum fand, 
das man gefangen hatte, bekommen haben soll; dieser Vogel ist 
früher, wie man sagt, nicht so selten gewesen wie jetzt. Man fängt 
doch noch einzelne unter Hellefugl, besonders auf der Vogelinsel ». 
Die Vogelinsel ist die nordöstlichste der Färöer. 

Falls Graba, welcher übrigens annahm, dass der Vogel zu 
seiner Zeit (1830) ganz ausgestorben war, nicht den jetzt verstor- 
benen Landesvogt Hammershaimb missverstanden hat, soll die- 
ser einen Geirfugl auf dem Ei in der Nähe von Westmannahavn er- 
schlagen haben, und da sagt Grabe, behaupteten einige sehr alte 
Eingeborene, den Vogel gesehen zu haben (C. F. Grabe, Tagebuch 
geführt auf einer Reise nach Färöe im Jahre 1828. Hamburg 1830 
S. 198 — 99). 

40) In seiner obenerwähnten Abhandlung äussert Staatsrath 
Reinhardt, dass aus uralter Zeit das Universitätsmuseum ein 
Exemplar aus Färöe hatte (welches später vertauscht ist), und ich 
weiss von meinem Besuche auf Färöe, dass der Kopf eines einzelnen 
Vogels aufbewahrt wurde, so viel ich mich erinnere auf Sandöe. 



— 472 — 

3) Alca impennis bei den westlichsten Schotti- 
schen Eilanden. 

Weit bestimmter tritt die Alca impennis in den 
älteren Berichten von Schottland als ein dort auf den 
äussersten Ausseninseln brütender Vogel auf. Die 
ganz sicheren Nachrichten von ihm gehen ziemlich 
weit zurück. 

In einem a Account of Hirta and Bona given to Sir 
Robert Sïbbald by the Lord Register Sir Georg M. Ken- 
zie of Tarbot i] ) heisst es von der ersten dieser Inseln 
(das jetzige St. Kilda), deren Vogelmenge den Himmel 
wie Wolken bedecken soll: There bee many sorts of 
these Sea fowls; some of them of strange shapes, among 
which there is one, they call the garefoivl which is bigger 
than a goose, and hath eggs as big almost as those of 
the Ostrich». 

Diese Nachricht setzte ich voran, weil sie es ver- 
muthlich ist, welche die Anfrage Rob. Sib bald s in 
der Scotia illustrata, die 1684 herauskam, hervorge- 
rufen hat, in welchem Werke die Alca imptnnis in 
dem Capitel der ihm weniger bekannten Vögel, wo- 
rüber er genauere Beschreibungen wünscht, in erste 
Reihe gestellt ist (Cap. VII. De avibus quibusdam 
apud nos, quae incertae classis sint, quarum proinde 
descriptiones accuratas desidero) S. 22. 

«Avis Gare dicta, corvo marino similis, ovo ma- 
ximo». 

In einigen Jahren wurde diese, nicht weniger durch 
das Vogel- als das Volksleben, merkwürdige Insel 
Gegenstand einer ausführlichen Beschreibung und 



41) Pinkerton, libr. c. V. Ill, S. 730. 



— 473 — 

dabei auch seiner- Alca imptnnis näher erwähnt. In 
Martin's voyage to St. Kilda 1698, heisst es: «The 
sea fowl are , first , gaerfowl , being the stateliest , as well 
as the largest sort, and above the size of a Solan Goose, 
(Sula alba L.) of a black colour, red about the eyes, a 
large white spot under each, a long broad bill; it stands 
stately, its whole body erected, its wings short, flies not 
at all; lays its egg upon the bare rock, which, if taken 
away, she lays no more for that year; she is wholefoo- 
ted, and has the hatching spot upon her breast, i. e. 
a bare spot, from which the feathers have fallen off with 
the heat in hatching; its egg is twice as big as that of a 
Solan goose, and is variously spotted, black, green and 
dark; it comes without regard to any ivind, appears 
the first of May, and goes away about the middle of 
June * 2 ). 

So kurz diese Worte sind, enthalten sie doch in 
den von mir hervorgehobenen Zeilen solche Aufklä- 
rungen über die Alca impennis, wie wir sie anders- 
woher nicht erhalten haben, und welche für uns von 
Wichtigkeit sind. Ich habe schon oben auf diese be- 
stimmten Aeusserungen über die frühe Brütezeit des 
Vogels und seine Ungeneigtheit zum zweiten Male 
Eier zu legen, wenn ihm das erste Ei genommen war, 
hingedeutet 43 ). Ich will hier, ohne mich bei der be- 



42) Aufgenommen nach der vierten Ausgabe in Pink er ton's 
libr. c. vol. III, p. 688 — 730. 

43) Ich muss hervorheben, dass die St. Kildabewohner als zuver- 
lässige Beobachter dieses Zuges im Vogelleben, welcher so grosse 
Bedeutung für ihre eigene Lebenserhaltung auf dieser fernen Insel 
hat, anzusehen sind. Vögel, Vogeljungen und Eier gaben, so zu 
sagen, drei Viertel des Jahres hindurch die tägliche Nahrung ab, 
und damit dieselbe erbalten und planmässig erbalten werden konnte, 
waren die Vogel fei sen auf der Insel und deren zugehörende Schären 

Mélanges biologiques. IV. 60 



— 474 — 

stimmten Wahrnehmung des Brüteplatzes aufzuhalten, 
nur darauf aufmerksam machen, dass das frühe Fort- 
gehen des Vogels vom Nistplatze uns zeigt, dass die 
Alca impennis sehr gut noch auf den Geir fugle -Felsen 
nisten konnte, in dem Jahre als F ab er daselbst am 
25. Juli seinen Besuch ablegte, ohne eines einzigen 
Individuums dieser Art ansichtig werden zu können, 
obgleich er jeden einzelnen der zahlreichen Vögel auf 
dem Felsen übersehen konnte , er würde nämlich 
schon spätestens am Anfange desselben Monats mit 
seinen Jungen in See gegangen sein. Mit dem Pastor 
John Campbell von Harries , einer der nächsten 
Inseln, reiste Martin nach St. Kilda den 29. Mai 
1697 und war also während der rechten Zeit auf der 
kleinen Insel; seine Aeusserungen tragen auch das 
Gepräge der Autopsie. 

In einer ungefähr gleichzeitigen Beschreibung der 
sämmtlichen , westlichen Schottischen Inseln von 
demselben Martin 44 ), wird die Alca impennis gar 
nicht genannt, obgleich dem Vogelfange und den 
Vögeln viele Aufmerksamkeit geschenkt wird, man 
sieht darin einen Beweis, dass der Vogel nicht nur 
auf die genannte kleine Insel beschränkt, sondern 

und Holme in Partien und Districte getheilt worden, wovon z. B. 
gewisse in den ersten Wochen die Eier abgaben, während auf den 
anderen die Vögel Ruhe zur Entwickelung der Jungen bekamen ; 
diese wurden jetzt eingesammelt, während die Vögel auf den ersten 
Felsen zum zweiten Male Eier legten u.s.w nach einem bestimmten 
Plane den ganzen Sommer hindurch, da die verschiedenen Vögel 
eine ungleich lange Zeit für die Jungen zum Erreichen der für den 
Fang am besten passenden Grösse erfordern. Die Anzahl alter 
Vögel, welche jeder Felsen abgeben konnte, wurde natürlich nach 
dem stattgefundenen Abgange an Jungvögeln und Eiern bestimmt. 

44) Martin Description of the Western Islands, London 1716. 
Auch in Pinkerton, V. III, p. 572. 



— 475 — 

auch damals, neben dem übrigen Vogelreichthum, für 
die Insel von untergeordneter Bedeutung gewesen ist. 
Selbst als Seltenheit, hat er sich indessen hier nicht 
viele Jahrzehnte nahher gehalten, d. h. als regel- 
mässig nistender Vogel. Einige und sechzig Jahre 
später haben wir nämlich eine andere ziemlich aus- 
führliche Beschreibung St. Kilda's und seiner Ge- 
schichte von Mac au lay, welcher auf einer benach- 
barten Insel Kastos war. und 1758 in Folge einer 
Aufforderung der «Society for propagating CJiristian 
Knowledge» die Insel zur Mittsommerzeit besuchte. 
Trotzdem, dass er den ganzen Juni -Monat da war, 
musste er doch beklagen, nicht Gelegenheit gehabt 
zu haben mit dem sonderbaren Vogel, welcher sich 
zuweilen an der Küste zeigte und Garefotvl genannt 
wurde «an absolut Stranger, I am apt to believe, in 
every other part of Scotland» Bekanntschaft zu machen. 
In seine Beschreibung haben sich mehrere Unrich- 
tigkeiten eingeschlichen, entweder von einer falschen 
Auffassung der Aussagen der St. Kildaer, oder viel- 
leicht davon, dass diese sein Aussehen halb und halb 
vergessen hatten, da er jetzt nur zufällig, wie es 
scheint, sich bei ihnen sehen liess. Es heisst nämlich 45 ): 
«The St. Kildians do not receive an annual visit from 
this strange bird, as from all the rest». «It keeps at a 
distance from them, they know not where, for a course of 
years. From what land or ocean it makes its uncertain 
voyages to their isle, is perhaps a mystery in nature. 
A Gentleman, ivho had been in tho Westindies, infor- 
med me, that according to the description given of Mm, 



45) K. Mac au lay. The history of St. Küda. 8 v. London 1764, 
p. 156 — 57. 



— 476 — 

he must be the Pengvin of that clime, a fowl that 
points out the proper soundings to seafaring People». 
S. 156 — 57 46 ). 

In der Zwischenzeit zwischen den Besuchen Mar- 
tin's und Mac au lay's muss dieser Alk also wegge- 
fangen oder verjagt worden sein. Ich nehme das er- 
stere an; zu einem solchen Resultate konnte es sehr 
leicht kommen, wenn man der Noth gedenkt, worin 
die Insel, ihrer eigenthümlichen Stellung zufolge, be- 
weislich in dem genannten Zwischenräume gebracht 
wurde, und in die eine Felseninsel so geringer Grösse, 
so weit von allem Verkehr mit der helfenden Neben- 
welt entfernt, und dabei sowohl zu diesem Zwecke, 
wie für ihren eigenen bedeutenden Vogelfang nur mit 
einem einzigen Boote versehen, oft gerathen musste. 

In der genannten Zwischenzeit zwischen beiden 
Reisen, also ungefähr in zwei Generationen, war die 
Bevölkerung auf weniger als die Hälfte zusammenge- 
schmolzen, von 180 auf 80, und dadurch schon die 
Kraft zu planmässigem Vogelfang sehr geschwächt. 
Von 21 Familienvätern hatten die Pocken 1724 (oder 
1730) nur 4 am Leben gelassen, drei der Familien- 
väter waren auf Vogelfang nach einer anderen Fel- 
seninsel geschickt worden und des Fanges wegen 
einige Tage dort gelassen; mittlerweile brach aber 
die Krankheit aus, so dass sie von August bis zum 
nächsten Mai nicht nach Hause geholt werden konn- 
ten , und während dieser ganzen Zeit mussten sie 



46) Von hier stammend oder wenigstens hiermit übereinstim- 
mend, sind die Äusserungen mehrerer Ornithologen über sein Vor- 
kommen auf nur solchen Stellen im Meere, wo der Boden erreicht 
werden kann, z.B. Bewicks II, 8. 398: «the never wanders beyond 
soundings ». 



— 477 — 

sich allein von eingefangenen und getrockneten Vö- 
geln ernähren. Während solcher Absperrungen auf 
den Vogelinseln , wovon die Reisen Martin's und 
Macaulay's mehrere Beispiele enthalten, und die so 
leicht eintreffen konnten, wenu das einzige Boot, 
wulches die Insel besass, zu Schaden kam oder zer- 
stört wurde, musste der Vogelfang eifriger als sonst 
betrieben werden, und zwar sowohl auf der Haupt- 
insel, wo die Frauenzimmer inzwischen selbst täglich 
Vögel zum Lebensunterhalt fangen muss ten, als auf 
den Vogelbergen, wo die Männer abgesperrt waren. 
Es däucht mir nicht unwahrscheinlich, dass solche 
(Imstande auf das Schicksal des Vogels Einfluss ge- 
habt haben. 

Mit dieser Nachricht Macaulay's fängt die gerade 
nicht lange Reihe von Beobachtungen über zerstreute 
oder zufällig gesehene Geirvögel, die wir die engli- 
schen Ornithologien hindurch verfolgen können, an; 
in einem ganzen Jahrhunderte hat man wohl hin und 
wieder an den Küsten der Schottländischen Insel- 
gruppen und bei Schottland, sogar auf beiden Seiten, 
ja bisweilen etwas weiter gegen Süden ganz einzelne 
Vögel gefangen, aber die ganze Anzahl in diesem 
Zeiträume von Macau lay 1764 bis 1852 beträgt 
doch kaum ein Dutzend. Macgilliwray, welcher in 
seiner history of british birds indigenous and migra- 
tory, Vol. V, 1852, die vollständigste Liste von ihnen 
hat, kann die an den Küsten Biitanniens gesehenen 
oder getödteten Individuen auf überhaupt nur zehn 
hinaufbringen, und er scheint doch kein Beispiel, 
welches bei anderen Ornitho logen, z. B. Montague, 
Bewik, Yarrel oder bei Fleming in der oben 



— 478 — 

angeführten history of british animals genannt, aus- 
gelassen zu haben. Von diesen zehn sind nur zwei 
(1822, 1829) von St. Kilda, und die ältesten Ein- 
wohner der Insel erzählten laut Yarrel (brit. birds), 
dass sie während ihrer ganzen Lebenszeit sich nur 
erinnerten 3 — 4 gesehen zu haben. Zwei oder drei 
sind von den Orkney -Inseln, und die Sage lautet, 
dass unter diesen ein Paar noch gegen Anfang dieses 
Jahrhunderts auf Papa-vestra Eier gelegt haben, einer 
soll in Buckinghamshire in einem Teiche, zwei engli- 
sche Meilen von den Ufern der Themse , getodtet 
worden sein"), einer ist von der Küste Norfolks oder 
Southfolks, einer wurde bei Lundy- Island, nördlich 
von Devonshire (1829) todt gefunden, und einer an 
der Küste von Waterfordshire auf der Ostseite von 
Irland. Diesem will ich noch beifügen, dass ich zu- 
fällig in Dilwyn's materials for a Fauna and Flora 
of Swansea 1848, gesehen habe, dass der Vogel ein- 
mal in Scilly Island gesehen sein soll, und dass es 
mir aus anderen Quellen bekannt ist, dass zwei bis 
drei Individuen in diesem Jahrhunderte bis in den 
Kanal und an die Französische Westküste gekommen 
sind. (Okens Isis 1833, S. 648 und Naumannia, Jahr- 
gang 1855, S. 423). 

Bei der Bekanntschaft, die wir jetzt von der Ver- 
breitung des Vogels bei den Färöern und Island haben, 



47) Die in einem Süsswasserteiche erschlagene A. impennis ist 
mehr als zweifelhaft, und obgleich sie in mehreren Ornithologien 
angeführt wird, kann ich doch nicht finden, duss sie anders als 
einer Sage nach aufgenommen ist. Sie ist sicher mit einem Colym- 
bits verwechselt; ferner muss man etwas von der angegebenen An- 
zahl abziehen, in Folge des Umstandes, dass die zwei in 1822 und 
1829 bei St. Kilda wohl gefangen wurden , aber lebend, und kurz 
nachher wieder entkamen; vergl. Maegilliwray lib. cit. p. 361. 



— 479 — 

liegt der Gedanke nahe, die Heimath jener zerstreu- 
ten Vögel auf einer dieser zwei Stellen zu suchen, 
aber es giebt auch nichts dawider, anzunehmen, dass 
einzelne, und namentlich im ersten Theile des Zeit- 
raumes Newfoundländische Individuen gewesen sein 
könnten. 

4) Das Vorkommen der Alca impennis an den 
Küsten Norwegens. 

Da die A. impennis so bestimmt als nistender Vo- 
gel bei den Färöern und St. Kilda das ganze 17. Jahr- 
hundert und zum Theil bis in's 18. hinein verfolgt 
werden konnte, würde es nicht unwahrscheinlich sein, 
wenn man ihn zu diesen Zeiten auch an den Küsten 
Norwegens etwas regelmässig gesehen hätte , aber 
dies ist nicht der Fall. Er hat, in den letzten Jahr- 
hunderten wenigstens, weder in der Nordsee noch im 
Skandinavischen Theile des Atlantischen Oceans, wel- 
cher nördlich davon liegt, noch in dem daran stos- 
senden Theile des Eismeers genistet, und sofern man 
es angegeben, beruht solches gewiss auf einem Miss- 
verständniss. 

Den Bericht des Bergensers Henrik Höyers an 
Clusius im J. 1604 kennen wir jetzt. Sollte er je- 
mals unseren Vogel aus Norwegen gesehen oder von 
ihm dort gehört haben, würde er es sicherlich nicht 
verhehlt haben, oder sich, wie er es thut, ausge- 
drückt haben. Dies muss schon bei uns gegen die 
auffallende Angabe Stroem's, dass er bei Söndmör 48 ), 

48) H. Ström: Plvysisk og öconomisk Bescrivelse over Fogderiet 
Söndermör, gelegen in Bergens Bezirk in Norwegen, Soröe 1762, I, 
S. 221. Anglemager' wird hier ein schwarzer und weisser Meeres- 
vogel, welcher in Gestalt einem Alk ähnelt, genannt; er ist aber 



— 480 — 

also nicht weit von Bergen, und in Fiorden, welche 
immer mit dieser Stadt in lebendigem Verkehr 
gestanden haben, noch in vollen 150 Jahren nach- 
her sehr gewöhnlich war und Anglemager genannt 
wurde, Verdacht erregen. Unsere Zweifel über die 
Richtigkeit dieser Angabe werden noch dadurch ver- 
mehrt, dass er obendrein im Frühling und Vorsom- 
mer dort sein sollte, und also angenommen werden 
muss, dass er dort brütete. Ström bemerkt selbst, 
dass er Niemand gefunden, der ihn aus Norwegen 
früher genannt hätte, und man kann dazu fügen, dass 
auch Keiner nach ihm denselben als norwegisch ge- 
nannt hat. Obgleich man nun nicht wohl bezweifeln 
darf, dass Ström, wie aus der bei ihm gefundenen 
Bezeichnung hervorgeht, wenigstens einen oder ein- 
zelne solcher Vögel vor sich gehabt hat, so ist es 
doch keinem Zweifel unterworfen, dass ein wesentli- 
ches Missverständniss oder eine Verwechselung zweier 
verschiedener Vögel bei Angabe seiner Häufigkeit 
stattgefunden hat, ob man sich nun dies als von 
Ström oder demjenigen, welcher ihm die Nachricht 



beinahe doppelt so gross und hat einen längeren Schnabel. Beson- 
ders ist er kennbar an einem weissen Flecke bei jedem Auge und 
seinen kleinen Flügeln; folglich wird es wohl der sogenannte Pen- 
guin oder Anser Mageüanicus Authorum sein. Bei Norwegischen 
Schriftstellern erinnere ich mich nicht etwas über diesen Vogel ge- 
lesen zu haben, ausser bei Lucas Debes, welcher ihn unter dem 
Namen Penguin oder Goifugl nennt, dabei aber sagt, dass er bei 
den Färöern ziemlich selten ist. Bei uns dagegen ist er allgemein 
genug und lässt sich theils auf den Fiorden während der Zeit der 
Frühlingsfischerei, theils, und vornehmlich auf dem Meere sehen, 
wo er sich in grossen Schaaren sammelt, fortwährend Aangla schrei- 
end, als wollte er die Fischer daran mahnen, ihre Angeln zum Fi- 
schen zurecht zu machen, wo er dann etwas abzukriegen pflegt, und 
aus diesem Grunde haben unsere Fischer ihn Anglemager genannt. 



— 481 — 

gab, herrührend betrachten will. Anglemager ist viel- 
leicht einer der noch gebräuchlichen Namen des Hav- 
etlentf), welcher dort in grosser Menge vorkommt, und 
das Wahrscheinlichste ist dann, mit Prof. Nil s son 
anzunehmen, dass dieser Vogel in jenen Bericht mit 
aufgenommen ist, aber in welchem Verhältnisse die 
Anzahl der A. impennis von diesem abgesondert wer- 
den soll, wird man nicht leicht herausfinden können 49 ). 



49) Indessen lässt sich vielleicht einige Aufkärung in den Auf- 
zeichnungen Ström's, die in Folge Brünnich's Äusserungen auf 
der Universitätsbibliothek in Christiania aufbewahrt werden, finden. 
«Dr. und Prof. Hans Ström's eigenhändige Zeichnungen von eini- 
gen seltenen und mehreren unbekannten Thierarten und Seegewür- 
men, zu seinen herausgegebenen Beschreibungen gehörend», ist der 
(ins Deutsche übersetzte) Titel, den M. T. Brünnich einem Bande 
Zeichnungen in Querfolio beigelegt hat, die er 1816 unserer Uni- 
versitätsbibliothek mit folgenden Erinnerungsworten auf der Rück- 
seite des Titels geschenkt hat: 

«Ein früherer Briefwechsel mit dem damals lebenden Verfasser 
der Beschreibung Söndmörs, später Pfarrer für die Gemeinde Eger, 
Dr. und Prof. H. Ström, brachte das wissenschaftliche Vertrauen 
hervor, welches ich bei ihm während meines Aufenthaltes in Nor- 
wegen genoss, bis zu seinen letzten Tagen, als eine zunehmende 
Magenschwäche seinem wirksamen Leben am 1. Febr. 1797 ein 
Ende machte. Seine originalen Handschriften und eigenhändigen 
Zeichnungen zu seinen gedruckten Schriften wurden mir von seiner 
edlen Frau, dem Wunsche meines verstorbenen Freundes zu Folge, 
als eine freundschaftliche Erinnerung überreicht. Die Handschrif- 
ten mit mehreren historischen Aufzeichnungen und Auszügen durch- 
gelesener Werke sandte ich vor meiner Abreise der Universitäts- 
bibliothek in Christiania zu. 

Die Zeichnungen, die in diesem Bande geordnet sind, zeigen eine 
seltene Vollkommenheit, die dieser Naturkundige besass, die Natur 
mit einer meisterhaften Feder abzucopiren, und da diese Zeichnun- 
gen an Genauigkeit die in Kupfer gestochenen Figuren übertreffen, 
'so habe ich, zum Nutzen der Wissenschaft und zur Erinnerung an 
diesen Gelehrten, denselben einen Platz in der Büchersammlung 
der Kopenhagener Universität gewünscht, und habe somit die Ehre 
sie derselben zu übergeben. 

Kopenhagen, d. 1. Febr. 1816. M. T. Brünnich. 

Da es unter den Figuren einzelne gab, die nicht publicirt sind, 

Mélanges biologiques. IV. 61 



— 482 — 

Obgleich bei unserer Frage über die Verbreitung 
der A. hnpennis eigentlich nur von den Punkten, wo 
sie nistet oder genistet hat, die Rede war, und somit 
die an einer Küste zufällig vorkommenden Vögel we- 
niger Interesse für uns haben, so stellt sich doch das 
Verhältniss in letztgenannter Hinsicht etwas anders, 
sobald wir die Nordsee erreicht haben, in deren Ver- 
zweigungen, dem Kattegatt und dessen Fiorden, die 
Individuen, welche die Ureinwohner vor 3000 — 4000 
Jahren an unseren Küsten gegessen haben, gefangen 
sein müssen. 

Es wird nämlich zur Beantwortung der Frage, ob 
man für den Vogel eine nähere Nest-Heimath als 
eine von denen, die der Vogel in den letzten Jahr- 
hunderten gehabt hat, voraussetzen soll, nicht gleich- 
gültig sein, wie oft man erfahren hat, dass solche zu- 
fällige Gäste in diesem Zeiträume zu uns herunter 
gekommen sind. Aus diesem Grunde will ich nicht 
unterlassen zu bemerken, dass ausser jenen S tr ein- 
sehen Bericht, die A. impennis, so viel ich habe auf- 
spüren können, in dem ganzen letzten Jahrhunderte 
nur dreimal, als in der Nordsee, an der Norwegischen 
Küste, oder in den südlicheren Buchten derselben, 
im Skagerack, Kattegatt oder in der Ostsee als gese- 
hen angegeben worden ist 50 ). 

hoffte ich unter ihnen eine Figur des Anglemagers oder seines 
Kopfes finden zu können, aber es gab keine Figur, welche diesem 
gehörte, obgleich Ström, wie es scheint, alles was er für selten 
ansah, abzeichnete. 

50) Prof. Rasch giebt in seinem Verzeichniss über die Vögel 
Norwegens von diesen an (Nyt Magasin for Naturvidensk. 1888, 
S. 386): «Er ist in langer Zeit nicht an den Küsten Norwegens ge- 
sehen worden. Durch Stud. med. Schub 1er bin ich benachrichtigt 
worden, dass er diesen Winter in der Nähe von Frederiksstad er- 



— 483 — 

Es ist mir gar kein geschichtliches Zeugniss be- 
kannt, dass die A. impennis sich auf der nördlichen 
Hälfte der Norwegischen Küste oder bei Spitzbergen 
gezeigt hat 51 ). 

In einem vorhergehenden Citate ist Spitzbergen 
zwar unter den Gegenden, wo sie vorkommen sollte, 

legt worden ist. Aus dänischen Zeitungen sieht man, dass er in ge- 
genwärtigem Winter in Jutland gefangen wurde». Ich weiss nicht, 
ob Herrn Schübler's Mittheilung sich auf Autopsie oder mündli- 
che Überlieferung gründet, aber der Vogel der jütländischen Zei- 
tungen, welcher mittelbar zum mehrmals angeführten Aufsatze des 
Staatsraths Reinhardt Anlass gab, wurde damals für einen Colym- 
bus erkaunt ; aus welchen Büchern der Name Geirfugl an der 
Westküste von Jutland bekannt geworden ist, weiss ich nicht, aber 
während ich mich in den Jahren 1833 — 34 in Thy aufhielt, wurde 
mir von verschiedenen Seiten Nachricht von A. imp. gebracht, die 
unmittelbar am Strande in den Dünen erschlagen waren, die sich 
aber alle beide bei näherer Untersuchung als Colymbus auswiesen. 
In älteren Schriften wird angegeben, dass die A. imp. 1814 im Kat- 
tegatt beiMarstrind geschossen wurde. Nil s s ou sagt in einer Note 
seiner Ornithologia suecica (II) p. 138 : »ante aliquot annos specimen 
hujus speciei juxta Marstrand occisum fuit», aber ich kenne nicht 
die erste Quelle, der diese Angabe entnommen ist. Endlich ist ein 
Individuum ungefähr 1790 nach den Schleswig-Holsteinischen Pro- 
vinzialblättern in Kielerhafen geschossen worden (siehe Jahrg. 1798, 
Bd. I, S. 103). 

51) Ich muss indessen bemerken, dass, als Antwort auf meine 
deshalb gemachte Vorfrage, Herr Nordoi in einem Briefe in die- 
sem Jahre (1856) mir mitgetheilt hat, dass ein grosser unbekannter 
Seevogel, den Herr L. Brodtkorb 1848 bei Vardöe geschossen 
hatte, wahrscheinlich dieser sein musste, nach der gegebenen Be- 
schreibung, aber trotz zahlreicher Nachfragen hatte er ihn sonst 
niemals in diesen nördlichen Gegenden nenuen gehört f). 

•f) Sollte nicht in die Nachricht des Herrn Nordoi ein Missverständniss sich ein- 
geschlichen haben? Auf einer Felsen-Insel dicht bei Wardöe hält sich nämlich noch 
eine kleine Kolonie von einem Seevoifel auf, der wahrscheinlich ALca arctica L. 
(Mormon Rec.) ist. Als ich im Jahre 1840 mit Herrn v. Midd endorff Wardöe 
besuchte, gab der letztere, ein sehr gewandter Schütze, sich viele Mühe diesen Vogel 
zu erlegen, er konnle aber nur ein Individuum zu Gesicht bekommen, das von einer 
unersteiglichen Felswand sich erhob und ausser Schussweite davon flog. An Alca 
impennis war also nicht zu denken. Der hiesige Vogel wird aber den Reisenden im- 
mer als eine grosse Merkwürdigkeit genannt, da er in der Umgegend unbekannt ist. 
Sollte nicht Herr Brod tkorb diesen Vogel erlegt haben? Die Angabe, dass er gross 
war, kann sich leicht eingeschlichen haben, da die Mittheilung durch den zweiten 
Mund ging. Die Unfähigkeit zum Fluge wäre ein mehr gesichertes Zeichen gewesen. 

Baer. 



— 484 — 

genannt, aber ich kenne keine andere Quelle für das 
Vorkommen daselbst, als de la Martinière, welcher 
Pengouins unter den Vögeln nennt, die er in der Wai- 
gatstrasse traf. Aber selbst wenn seine Reisebeschrei- 
bung nicht eine nach anderen Reisen, und zwar so- 
gar nach Reisen in anderen Gegenden, unter häufigen 
Missverständnissen zusammengeflickte Arbeit wäre, 
die also nicht als eine originelle Quelle benutzt wer- 
den kann, so zeigt doch die Figur und die Beschrei- 
bung seiner Penguine deutlich genug, dass er Peli- 
kane 52 ) meint, und seine Angabe wird hier somit un- 
ter keinen Umständen in Betracht kommen können. 
(Voyages des pals septentrionaux. Paris 1671 , p. 145 
— 148). 

C. Ergebnisse der einzelnen Untersuchungen über die Verbreitung 

der Alca impennis. 

Versuchen wir nun, was die vorhergehenden Dar- 



52) Als Pelikane deutet sie auch Buff on ganz richtig, indem er 
Martinière in der Vhist. natur. des oisseaux, Tora IX, p. 396 (Ori- 
ginalausgabe) citirtf). 

f) Dass die einst sehr berühmte Reise des wohl Pseudonymen Hrn. de la Marti- 
nière nur "eine nach früheren Reisen und Karlen sehr flüchtig zusammengeschriebene 
ist, kann nicht bezweifelt werden. Nachrichten, die man von Grönland hatte, sind von 
ihm nach Nowaja Semlja versetzt, z. B. die Lederböte , aber auch manche Thiere. Er 
will die Bewohner von Nowaja Semlja eingefangen haben, bildet sie mit Schürzen aus 
Federn ab und beschreibt ihren Gottesdienst. Diese Inselgruppe war aber immer un- 
bewohnt und wurde im I7ten Jahrh. nur von Russen und im Süden von Samojeden 
für den Fang von Seethieren besucht. Er will den ganzen Hochnorden, Island, Grönland, 
Spitzbergen, Nowaja Semlja u. s. w. in Einem Sommer besucht haben, was noch keinem 
Nordfahrer gelungen ist. Er will in Nowaja Semlja Bäume und sogar einen Fichtenwald 
gesehen haben, womit er beweist, dass er nicht einmal eine Vorstellung vom Hochnorden 
hat. Aber mit der Behauptung, dass er von Petzora (soll sein Pustosersk) nach Sibirien in 
einem Tage gefahren sein will, giebt er den vollgültigen Beweis, dass er nur auf der 
damaligen Karte gereist ist. Nach Sibirien musste er aber kommen , um mehrere Ca- 
pitel über Zobelfang, Sibirien, Russland, Polen, die Tatarei, die Kalmücken und Cir- 
cassien zu schreiben, kurz über Alles was bei einem Franzosen damaliger Zeit zum 
fond du nord gehörte. Dieses Buch ist nichts anderes als eine ohne Kenntniss and 
Kritik abgefasste Zusammentragung von Nachrichten aus dem Norden in Form einer 
Reisebeschreibung, wie wir deren jetzt manche haben. Es gehört zu den Merkwür- 
digkeiten der Literaturgeschichte, dass dieses Buch einige Zeit viel gegolten hat, 
nachgedruckt und übersetzt ist. Am ergötzlichsten ist der Ernst, mit dem der gelehrte 
Beckmann das Buch und den Verfasser in seiner Literatur der Reisen behandelt. 

Baer. 



— 485 — 

Stellungen des Vorkommens des Geirvogels (A. impen- 
nis) an den einzelnen Punkten uns gelehrt haben, in 
kurze Sätze zusammen zu fassen, deren Inhalt auf der 
beigefügten Karte versinnlicht ist. 

1) Der Geirvogel ist nie ein eigentlich arktischer 
Vogel gewesen, das heisst ein solcher, welcher vor- 
nehmlich seinen Aufenthaltsort innerhalb des arkti- 
schen Kreises gehabt, dort genistet und gewohnt hat; 
es giebt vielleicht nicht einmal ein Zeugniss 
dafür, dass er jemals innerhalb dieses Kreises 
gesehen worden ist, nicht einmal in zufälligen 
Individuen. 

Die Geirvogel, welche am höchsten oben im Nor- 
den beobachtet wurden, sind jene 7, welche der Is- 
ländische Bauer auf der Klippe unter dem Lautruin- 
Vogelberg erschlug, uach seinem Berichte an F ab er, 
und welche, obgleich zufällig, nicht einmal den arkti- 
schen Kreis erreicht hatten. 

Die nördlichsten bekannten Nesterplätze sind die 
bei den Geirvogelschären Islands zwischen dem 63° 
und 64° nördlicher Breite. Selbst wenn man einen 
Brüteplatz bei Frederikshaab in Grönland annehmen 
wollte, gestützt auf das eine problematische Junge 
beiFabricius, käme dieser doch nicht so hoch in den 
Norden zu liegen. Sein wirklich bekannter, nördlich- 
ster Brüteplatz reicht also nicht einmal hinauf bis zur 
Südgränze des Breitengürtels, welchen man als die 
eigentliche Heimath des Vogels hat bezeichnen wollen. 

2) Der Geirvogel ist auch nicht in den späteren 
Zeiten zu einem arktischen Vogel geworden, so dass 
er von südlichen Punkten in jene Gegenden hinauf- 



— 486 — 

getrieben wurden wäre; wenigstens fehlt es uns hier 
an jeder Beobachtung. 

3) Die Heimath des Geirvogels, bestimmt durch 
seine geschichtlich bekannten Brüteplätze, fiel längs 
des Randes der oberen Hälfte des nördlichen Atlan- 
tischen Meeres, zwischen dem nördlichen Nordame- 
rika und den Britischen Inseln. In diesem Angelsäch- 
sischen Theile des Atlantischen Meeres bildeten die 
Brüteplätze gleichsam einen Halbbogen in ziemlicher 
Entfernung von den Küstenstrecken des Festlandes, 
oder der grösseren Inseln. Beginnt man mit den west- 
lichen Geirvogelschären bei Island, als den nördlich- 
sten, so zog sich der Halbbogen gegen Westen herab 
(sehr zweifelhaft ob über Labrador) , über Funks-Is- 
land, die Pinguininsel, bei dem Südrande Newfound- 
lands, die Vogelinseln in der St. Lawrence -Bucht, 
Cap Breton und, nicht unwahrscheinlich, gerade herab 
bis zum Cap Cod. Auf der anderen, der östlichen 
Seite ging der Bogen über die südlichen Geirvogel- 
schären bei Westmannö und die östliche bei Ingolfs- 
höfde, die Faröer und St. Kilda, im Westen von den 
Hebriden. 

4) In dieser ganzen Ausdehnung kennt man den 
Geirvogel nicht brütend , ausser auf Schären oder 
Ausseninseln ,2 — 15 Meilen von grösseren Inseln 
oder zusammenhängenden Küstenstrecken entfernt. 

Dieses kann nun ein ursprüngliches Verhältniss 
gewesen sein; man kann es aber sich auch sehr gut 
als ein durch spätere Verfolgungen hervorgerufenes 
denken, so dass nur an ähnlichen, fernen, schwer zu- 
gänglichen Orten einige zurückgeblieben sind. Folgt 
man dem Gange im Verschwinden dieses Vogels, so 



— 487 — 

kann man nicht anders als zu der Annahme geführt 
werden, dass diese Ausseninseln nur Überreste einer 
früheren allgemeineren Ausbreitung auch auf solchen 
Inseln, die etwas näher bei der Küste lagen, oder 
vielleicht auf der Küste selbst, sind. Ein natürlicher 
Gedankengang gebietet uns nämlich das geschichtliche 
Abnehmen dieses Vogels in den letzten 200 Jahren 
als eine Fortsetzung von etwas aufzufassen, was auch 
in Jahrhunderten vorher Statt gefunden hat, wenn es 
auch nicht nach demselben Maassstab geschehen ist. 
Einen so vertheidigungslosen Vogel als den Geirvo- 
gel können wir uns nicht als brütend an der Küste 
oder den zunächst belegenen Inseln denken , ohne 
nicht im hohen Grade eine Beute der Raubtliiere, 
Raubvögel, und besonders der Menschen zu werden. 

5) Alle die genannten Ausseninseln liegen so im 
Meere und dessen Strömungen, dass nur ganz einzelne 
von ihnen, z. B. Funks-Island, regelmässiger vom Eis- 
gang können berührt werden. Man hat also keinen 
Grund eine Neigung des Vogels sich in der Nähe von 
Eisklippen aufzuhalten, anzunehmen. 

6) An keiner von allen den Stellen, wo der Geir- 
vogel in der geschichtlichen Zeit beobachtet worden 
ist, ist er in einer so grossen Menge gesehen worden, 
als auf den Inseln bei Newfoundland. Im Ganzen ge- 
nommen ist die westliche Seite des Atlantischen Mee 
res als die hauptsächliche Heimath des Geirvogels in 
der geschichtlichen Zeit zu betrachten, während schon 
die frühesten Nachrichten, welche wir vom Geirvogel 
auf den Inseln an der östlichen Seite des Atlantischen 
Meeres haben, von ihm als selten und nur in weni- 
gen Individuen vorkommend, berichten. 



— 488 — 

• 

7) An allen genannten Punkten ist er inzwischen 
entweder ganz verschwunden oder seiner Ausrottung 
so nahe, dass man, wie unsere Kenntnisse für den 
Augenblick beschaffen sind, nicht sonderlich Aussicht 
dazu hat, dass eine grössere Kolonie desselben zu- 
rückgeblieben ist. Auf der westlichen Geirvogelschäre 
bei Island lebt er und brütet er noch, nach aller Wahr- 
scheinlichkeit, obgleich diese Kolonie ziemlich klein 
sein muss. 

8) Das Verschwinden dieses Geirvogels, welches 
nicht als ein Umzug aufgefasst werden darf, nicht ein- 
mal als ein Aussterben, sondern als eine Ausrottung, 
hat seine Hauptursache in den Verheerungen der 
Menschen, indem man zum Unterhalte des täglichen 
Lebens zu gewissen Zeiten ihn, in allzugrosser An- 
zahl im Verhältnisse zu den Bedingungen, unter de- 
nen die Fortdauer der Art allein möglich war, ein- 
gefangen hat. Der Vogel hat doch, je nachdem er 
verschwand, insofern zur Erreichung eines höheren 
Zieles gedient, als er offenbar in einem längeren Zeit- 
räume eines der Mittel gewesen ist, welche wesent- 
lich die Ausübung der Fischerei an den Bänken New- 
foundlands erleichtert haben. 

Da gewisse Nesterplätze der Geirvögel öfters ge- 
waltsamen Naturverheerungen ausgesetzt gewesen 
sind, so haben wir auch in ihnen wenigstens eine Ne- 
benursache zu seinem Abnehmen und Verschwinden 
an einzelnen Orten, z. B. an den Geirvogelschären 
bei Island, zu suchen. 

9) Wie weit gegen Süden der Geirvögel in frühe- 
ren aber ferne liegenden Zeiten den Küsten Europas 
oder Nordamerikas gefolgt ist, kann wahrscheinlich 



— 489 — 

nur durch ähnliche Untersuchungen und solchen Fund, 
wie der, welcher die ursprüngliche Veranlassung zu 
gegenwärtiger Abhandlung gewesen ist , abgemacht 
werden. Sollten inzwischen Knochen des Vogels un- 
ter viel südlicheren Breitegraden vorkommen, was ich 
nicht für unwahrscheinlich ansehe, so darf man wohl 
annehmen, dass nun so viel von seiner Geschichte be- 
kannt ist, dass man sein Verschwinden nicht mit an- 
deren Veränderungen in der Natur in Verbindung 
setzen wird, als mit der, welche wesentlich durch 
Menschenhand hervorgebracht worden ist. 



Erklärung der Tafel. 

Dem Originale ist ein kleines Kärtchen beigegeben, 
welches die Verbreitung der Alca impennis in histo- 
rischer Zeit darstellt. Dieses Kärtchen ist in der 
obern Hälfte unserer Tafel wiederholt. In diesem 
Kärtchen bedeuten: 

die rothen Punkte die Brüteplätze, von denen die- 
ser Vogel, nach unserer jetzigen Kenntniss, als ver- 
schwunden angenommen werden muss; 

der grüne die Schären, auf denen man ihn noch 
als vorhanden annehmen darf, obgleich in äusserst 
wenigen Individuen; 

die schwarzen die zwei Stellen in Dänemark (Hu- 
velse in Seeland und Meilgaard in Jutland), wo unter 
den Thieren, welche die Urbevölkerung zur Nahrung 
gebrauchte, Überreste vom Geirvogel gefunden sind. 

Unter der Karte findet man auf derselben Tafel: 

a. den Oberarm des Geirvogels von der äusseren 
Seite gesehen, aus den Küchenresten von Meilgaard; 

b. denselben Knochen von dor inneren Seite; 

Mélanges biologiques. IV» 62 



— 490 — 

c. das rechte Oberarmbein des Geirvogels , von 

Meilgaard. 

Zusatz des Herausgebers. 

Den letzten Abschnitt — die Ergebnisse — hat 
schon der jetzt verstorbene Prof. And. Wagner in 
München in den «Gelehrten Anzeigen der K. Baye- 
rischen Akademie d. W.» in N 2 24 des Jahrg. 1860 
in Deutscher Sprache publicirt. 

Er fügt die Nachricht hinzu, dass Herr Professor 
Steenstrup ihm mitgetheilt habe, der Engländer 
Wo Hey habe im Sommer 1858 Island eigens bereist, 
um Nachforschungen nach dem Geirvogel anzustellen, 
dass er aber nicht die geringste Spur von einem noch 
lebenden Individuum dieser Art habe auffinden können. 

Als ich im Jahre 1861 in Kopenhagen war, hatte 
man daselbst keine neue Nachricht von diesem Vo- 
gel. Jetzt höre ich jedoch von einem Naturforscher, 
dass es einem Engländer (ob dem oben genannten?) 
gelungen sein soll, auf einer der Isländischen Schä- 
ren eine Kolonie noch vorzufinden und auch Eier, 
oder ein Ei heim zu bringen. Näheres weiss ich je- 
doch nicht anzugeben. Dagegen erhalteich durch Hrn. 
Prof. Reinhardt in Kopenhagen, noch während des 
Abdrucks dieser Seite, die gefällige Mittheilung, dass 
man dort von keinem neuen Auffinden des Geirvogels 
weiss und dass man an der Richtigkeit dieser Angabe 
sehr zweifelt ; ferner dass kürzlich in England ein 
Buch über Island von einem Hrn. Sabine Baring- 
Gould erschienen ist: Iceland: Us Scenes and Sagas, 
Lond. 1863, worin ausdrücklich gesagt wird, dass 
man seit 5 Jahren vergebens darauf gewartet hat, das 
Meer ruhig genug zu treffen , um den Geirvogel- 
Felsen zu besteigen. Baer. 

15. (27l) November. 

(Aus dem Bulletin, T. VI, pag. 513 — 576.) 



s*. 












2 

-Ä 



£ 





^ October 1863. 

Bericht über eine in den Sommermonaten des 
Jahres 1863 unternommene wissenschaftliche 
Reise, von Akad. J. F. Brandt. 

Im Mai dieses Jahres ersuchte ich die Conferenz 
mir eine wissenschaftliche Mission ins Ausland zu 
ertheilen, um meine auf die vergleichende Osteologie 
der Sirénien, so wie der Pachydermen bezüglichen 
Materialien durch eigene Anschauung der uns fehlen- 
den zahlreichen fossilen Formen zu vervollständigen. 
Die Conferenz ertheilte diesem Vorschlage ihre Zu- 
stimmung und in Folge der Vorstellung Sr. Erlaucht 
unseres Herrn Präsidenten an Sr. Excellenz den 
Herrn Minister der Volksaufklärung erfolgte die 
hohe Kaiserliche Bestätigung. 

Die Reise wurde am 18. Juni zu Schiffe nach 
Stettin angetreten. Von da begab ich mich über 
Neustadt- Eberswalde, wo ich meinen alten Freund 
und frühern Mitarbeiter, den durch seine zahlreichen 
Werke über Forst -Insekten berühmten Professor 
Ratzeburg besuchte und über mehrere entomolo- 
gische Gegenstände mich mit ihm besprach, nach 
Berlin. 

In Berlin sah ich die unter Reichert, Peters, 
G. Rose und Beyrich stehenden anatomischen, zoo- 



— 492 — 

logischen und mineralogischen, sowie paläontologi- 
schen, sehr reichen Sammlungen der Universität und 
die unter Gurlt stehenden, von ihm geschaffenen 
anatomischen Sammlungen der Thierarzneischule , 
nebst dem zoologischen Garten und dem physiologi- 
schen Institute Dubois's. Im anatomischen Museum 
fesselten, ausser einigen Resten fossiler Pachydermen, 
die bedeutenden Überreste der Zeuglodonten (der Pro- 
totypen der Robben) meine besondere Aufmerksam- 
keit. Die paläontologische Sammlung bot für meine 
Studien ein fast vollständiges Skelet einer fossilen 
Sirenie aus der Gattung Halitherium und zahlreiche 
Knochen von Mastodonten. Bei Dubois zog ein 
lebender, electrischer Wels (Malapterurus electricus) 
mich besonders an. Da nach den Statuten der Berliner 
Akademie ihre auswärtigen Mitglieder und Corre- 
spondenten aufgefordert sind bei ihrer Anwesenheit in 
den Sitzungen derselben zu erscheinen , so benutzte 
ich diese Gelegenheit dazu der Akademie Mitthei- 
lungen über meine neuesten, wissenschaftlichen Be- 
schäftigungen zu geben und hielt einen kleinen Vor- 
trag über die Sirénien und den Zahnbau der Ela- 
smotherien. 

In Halle besichtigte ich, von Professor Giebel ge- 
führt, die zoologische Sammlung sowohl als die ana- 
tomische, deren Hauptbestandtheil, namentlich in Be- 
zug auf vergleichende Anatomie, die berühmte Meckel - 
sehe ausmacht, während ich durch Professor Yolck- 
mann's Güte das unter seiner Leitung stehende phy- 
siologische Institut in Augenschein nahm. 

In Göttingen, wo ich die Bekanntschaft mit He nie 
erneuerte und den trefflichen Kef erst ein kennen 



— 493 — 

lernte (Rud. Wagner war leider schon verreist), zog 
die berühmte craniologische Sammlung nebst dem 
anatomischen und physiologischen Institute meine Auf- 
merksamkeit auf sich. 

Ein sehr kurzer Aufenthalt in Marburg verschaffte 
mir die Bekanntschaft des Prof. Claudius, der mir 
die von ihm gefertigten, ausgezeichneten Abgüsse der 
innern Gehörorgane vieler Säugethiere zeigte. 

In Giessen verkehrte ich , ausser mit meinem 
durch mehrere ausgezeichnete, medizinische Schriften 
berühmten, alten Studiengenossen und Freund, Prof. 
Phoebus, sehr viel mit Prof. Leuckart und nahm 
die dortigen Sammlungen und anatomisch-physiologi- 
schen Institute wiederholt in Augenschein. Im ver- 
gleichend-anatomischen, unter Leuckart stehenden 
Institute, fesselte ein lebender Protopterus meine Auf- 
merksamkeit. Herr Prof. Ecker theilte gütigst seine 
neuen, merkwürdigen Untersuchungen über erectile 
Gewebe mit. 

Das unter Prof. K a up stehende zoologische Museum 
zu Darmstadt bot als für mich besonders wichtige 
Gegenstände zahlreiche und bedeutende fossile Reste, 
wovon mich, ausser dem, dasBerliner noch übertreffen- 
den, Skelet vom Halitherium, denen von Mastodon, Bhi- 
noceros, Dorcatherium, Hyothermm, Coenotherium etc., 
die des Dinotherium und ein von Kaup dem Elasmo- 
therium vindizirtes Schulterblatt, so wie die mit ihm 
gepflogenen Discussionen noch spezieller interessiren 
mussten. 

Im ganz artigen Museum zu Wiesbaden konnte ich, 
ausser vielen andern Gegenständen , die Reste vom 
vorweltlichen Sus Meisneri betrachten. 



— 494 — 

Die reiche Frankfurter zoologische und osteolo- 
gische Sammlung verschaffte mir Gelegenheit den- 
jenigen Schädel des Dugong zu sehen, worauf Rüp- 
pel's Angabe, dass derselbe vollständige Nasenbeine 
besitze, gestützt ist. Leider konnte ich aber dem 
ausgezeichneten Reisenden hierin nicht beistimmen. 
Auch streiten die zahlreichen Schädel, die in Berlin, 
Giessen, Paris, Königsberg etc. von mir untersucht 
wurden, gegen das constante Vorkommen von Nasen- 
beinen bei den erwachsenen, ja selbst bei den Jün- 
gern Thieren. Nach dem Besuche der Sammlungen 
begaben wir uns in den dortigen, schönen zoologischen 
Garten. 

In Mainz fand ich eine an Säugethieren und Vö- 
geln reiche Sammlung, welche auch manche inte- 
ressante Reste fossiler Thiere enthielt. 

Das von Troschel neu aufgestellte zoologische 
Museum der Universität Bonn gehört zu den reichsten 
Deutschlands. Die durch Troschel's Vorgänger, den 
durch seine paläontologischen Arbeiten berühmten 
Goldfuss, begründete reiche paläontologische Samm- 
lung der genannten Universität bot eine Menge höchst 
interessanter, zum Theil einzig vorhandener Reste 
fossiler Thiere, selbst aus der Abtheilung derWirbel- 
thiere. 

Während eines, freilich nur neuntägigen, Aufent- 
haltes in Paris wurden die Menagerie und die Samm- 
lungen des in der Nälue der von mir genommenen 
Wohnung befindlichen Jardin des Plantes täglich 
besucht. In der Menagerie zog, ausser mehreren von 
mir noch nicht lebend gesehenen Säugethieren und 
Vögeln, die von Valéet (ihrem Gardien) trefflich ver- 



— 495 — 

pflegte, reiche Sammlung von Reptilien und Amphibien 
meine Aufmerksamkeit auf sich. Die zoologischen, 
vergleichend-anatomischen, botanischen und anthro- 
pologischen Sammlungen fesselten zwar gleichfalls 
meine Aufmerksamkeit , indessen mussten meinen 
wissenschaftlichen Zielen gemäss die paläontologi- 
schen, jetzt unter d'Archiac stehenden, für diesmal am 
meisten in Betracht kommen, da es galt die von mir 
gesammelten Materialien für mehrere Abhandlungen 
zu vervollständigen. Es wurden daher darin die fos- 
silen Reste der PaläotJierien , LopModonten , Anthra- 
kotherien, Bhinoceroten, Toxodonten, Anisodonten und 
Anoplotlierien speziell vorgenommen um meine Kennt- 
nisse über dieEntwickelungsstufen derHufthiere ver- 
schiedener Epochen des Erdlebens zu erweitern. Mit 
besonderem Interesse studirte ich unter andern den hin- 
tern Schädeltheil (Hirnkapsel) eines rhinocerosartigen 
Thieres, welches Duvernoy als Stereoceros beschrie- 
ben hat, Kaup aber, dem ich beistimmen möchte, dem 
Elasmotherium vindizirt. Die nähere Untersuchung 
dieses Fragmentes veranlasste mich der Pariser Aka- 
demie in der während meines Aufenthalts fallenden 
Sitzung (Compt. rend. N° 10. 7 sept. 1863, p. 489) 
eine kurze Mittheilung über Elasmotherium zu machen 
und in einer zweiten über meine vergleichende Oste- 
ologie der Sirénien, Pacli3 T dermen und Cetaceen, die 
Behufs der genauem Feststellung der Verwandtschaf- 
ten der Sirénien, bei Gelegenheit der speziellen Be- 
schreibung des Knochengerüstes der Steller'schen 
Seekuh, angestellt wurden, einen kurzen Bericht ab- 
zustatten; bei welcher Gelegenheit die das genannte 
Knochengerüst darstellenden Zeichnungen von den 



. — 496 — 

Sachkennern (Milne-Edwards, Blanchard, Ser- 
res) mit gespannten Interesse betrachtet wurden. 
Der treffliche Jardin tf Acclimatation im Bois de 
Boidogne und Hrn. Guérin's beachteuswerthe Pflanz- 
schule der Ailanten- und Eichenseidenspinner in Join- 
ville bei Vincennes empfingen zweimalige Besuche. 
Im Museum Orfila bewunderte ich eine treffliche 
Sammlung anatomischer Präparate. Auch konnte ich 
es nicht unterlassen aus dem reichen Naturalien- 
Magazin des Hrn. Ver r aux eine Anzahl Säugethiere 
und Vögel für unsere Sammlungen zu acquiriren. 
Gern hätte ich auch den nur in London und Paris 
vorhandenen, eine Mittelbildung zwischen Makis und 
Nagethieren darstellenden, berühmten, neuerdings von 
Owen ausführlich beschriebenen madagaskarischen 
Chiromys angekauft. Seine Acquisition würde eine 
wahre Bereicherung und Zierde unserer Säugethier- 
sammlung sein. Sie würde auch aus einem andern 
Grunde wünschenswert]! erscheinen. Ich habe näm- 
lich nach gedruckten Materialien und den Objecten 
des Pariser Museums über das fragliche Thier zwei 
Abhandlungen geschrieben, wovon eine sogar in un- 
serem Bulletin abgedruckt ist, so dass die Gelehrten 
dasselbe in unsern Sammlungen suchen werden. 

Zu Strasburg, wohin ich mich von Paris aus begab, 
hatte ich das Vergnügen die namhaften zoologischen 
und schönen anatomischen Cabinette in Augenschein 
zu nehmen. 

In Basel zogen die von Rütimeyer gezeigten 
Thierreste der Pfahlbauten meine Aufmerksamkeit auf 
sich. 

Während meines Aufenthaltes in Marseille be- 



— 497 — 

suchte ich den dortigen, ganz interessanten, mit Ge- 
wächsen wärmerer Himmelsstriche reichlich ausge- 
statteten, durch seine geographische Lage die erfolg- 
reiche Anzucht von Thieren wärmerer Gegenden, 
z. B. von Straussen , begünstigenden zoologischen 
Garten. 

Das unter dem bekannten Naturforscher Ver any 
stehende Museum der Stadt Nizza, wo ich mich fast 
zwei Wochen aufhielt, enthält bis jetzt als besonders 
beachtenswerthe Gegenstände nur einige sehr seltene 
Fische und eine Zahl Evertebraten des Mittelmeeres 
nebst den Originalien zu Verany's schöner Arbeit 
über Cephalopoden. Ein grosser Saal desselben ist von 
einer Sammlung trefflich in Gyps bossirter Pilze 
eingenommen, die in botanischer Hinsicht ein grosses 
Interesse gewähren. Herr Ver any nahm mich sehr 
freundlich auf, zeigte seine schönen Zeichnungen zu 
einer Monographie der Doriden des Mittelmeeres, 
theilte mir mehrere interessante Thiere mit, und unter- 
stützte mich mit seinem Rathe bei den zoologischen 
Forschungen und Sammlungen. Von Interesse für mich 
war es ausser vielen andern Seethieren lebende Exem- 
plare von Pelagia und Cassiopea zu beobachten. Der 
Fischmarkt wurde natürlich täglich besucht und viele 
Seethiere gesammelt. 

Das reizende Genua , wohin ich zu Schiffe von 
Nizza aus fuhr, besitzt ein ganz hübsches Museum, 
worin vorzüglich eine namhafte Zahl von seltenen 
Fischen und niedern Thieren des Mittelmeeres Auf- 
merksamkeit erregten. Leider war der mir von früher 
her bekannte Director desselben (Prof. Lessona) 
gerade am Tage meines Aufenthaltes mit Prüfungen 

Mélanges biologiques. IV. 63 



— 498 — 

so beschäftigt, dass er nicht selbst alle Merkwür- 
digkeiten zeigen konnte. 

Das schöne, moderne Turin erfreut sich bei weitem 
noch reicherer zoologischer, vergleichend - anatomi- 
scher und paläontologischer Sammlungen als Genua, 
wovon die erstgenannten unter dem ausgezeichneten, 
mir durch seinen vorjährigen Aufenthalt in Peters- 
burg bereits bekannten Professor Filippo de Filippi 
stehen, der so gütig war mir als Führer zu dienen. 
Die ausgestopften Gegenstände zeichnen sich durch 
gelungene Präparation aus. Ausser vielen seltenen 
Bewohnern des Mittelmeeres betrachtete ich die ana- 
tomischen Präparate der Weichtheile mit Interesse. 
In der paläontologischen Abtheilung zogen die Ske- 
lete des Megatherium und fossilen Riesengürtelthieres, 
ganz besonders aber noch, nach Maassgabe meiner 
jetzigen Beschäftigungen, die eines von Brocchi 
beschriebenen fossilen Sirenen artigen Thieres die Auf- 
merksamkeit auf sich. Das fragliche Thier dürfte näm- 
lich nach meiner Ansicht, wenn auch gerade keine be- 
sondere Gattung, wie Brocchi meint, doch wenigstens 
eine Untergattung der fossilen Gattung Halitherium 
bilden. (Siehe meine Symbolae). Es verdient dasselbe 
aber, nach meiner Meinung, von Seiten der Paläonto- 
logen Russlands eine um so grössere Beachtung, da die 
schmalen, dicken Rippen desselben eine täuschende 
Ähnlichkeit mit den im südlichen Russland gefun- 
denen sogenannten Manati-Rippen bieten. — In den 
Sammlungen des neu errichteten dortigen techno- 
logischen Institutes, wohin Hr Prof. Filippi mich 
führte, zeigte mir Prof. Gastaldi die von ihm kürz- 
lich beschriebenen Reste des Anthracotherium ma- 



— 499 — 

gnum, worunter ein ganzer Unterkiefer sich befand. 
Der letztere bestätigte meine, auch von Gastaldi 
getheilte Ansicht, dass die Anthracotherien keine be- 
sondere Familie bilden können, sondern als Abtheilung 
der Schweine zu betrachten sind. Die Reste von 
Schweinen wären also als diejenigen Pachydermen- 
reste anzusehen, welche in altern Schichten als die 
anderer Pachydernien bis jetzt in West- Europa ge- 
funden wurden. Ausser den Anthracotherien-Resten 
sah ich dort auch viele Gegenstände aus den im 
Modenesischen aufgefundenen Pfahlbauten. Unter 
denselben befanden sich zwei menschliche Schädel 
und eine Schädeldecke. Der eine Schädel gehört der 
kurzköpfigen Form an und bietet keinen oben stark 
vorragenden Oberkiefer, der beim andern, ebenfalls 
kurzköpfigen, sehr bedeutend vortritt. Die Schädel- 
decke weist entschieden auf einen langköpfigen Schä- 
del hin. Endlich zog ein schöner, fossiler Walfisch- 
schädel der genannten Sammlung meine Aufmerksam- 
keit auf sich. Er zeigt eine täuschende Aehnlichkeit mit 
dem von Balaenoptera (Pterobalaena) minor und ge- 
hört dem von Cuvier beschriebenen Cor tesi^ sehen 
Thiere an, wovon das Mailänder Museum zwei Skelete 
besitzt. Das Cortesi'sche Thier ist also, wie ich früher 
glaubte, kein Cet other iuni ; ja könnte der, ehedem viel- 
leicht auch im Mittelmeer vorgekommenen, Balaeno- 
ptera minor, oder einer ihr sehr nahen Art, angehört 
haben. 

Im naturhistorischen Museum der Stadt Mailand, 
das sich in einem, im herrlichen Giardino pubblico be- 
findlichen, schöuen, eigenen, durch Anbau in Vergrös- 
serung begriffenen Gebäude befindet, führte mich der 



— 500 — 

Director desselben, Hr. Prof. Jan, herum. Die zoolo- 
gische Sammlung, welche zu den reichern Europa's 
gehört, enthält zahlreiche Repräsentanten aus allen 
Thierklassen. Die Amphibien sind ganz besonders 
stark vertreten , was namentlich von den Schlangen 
gilt, deren Artenzahl die jeder andern Sammlung über- 
steigt. Es erklärt sich dies daraus, dass Jan die Am- 
phibien, namentlich die Schlangen, wovon er gegen 
tausend Arten kennt, zum Gegenstande seiner beson- 
dern Studien gemacht hat. Bereits sind von ihm meh- 
rere darauf bezügliche Arbeiten erschienen, zu andern 
sind zahlreiche Beschreibungen und Zeichnungen, wo- 
von ich einen Theil sah, bereits vorhanden. — Die 
paläontologische Abtheilung bot mir, ausser anderen 
Gegenständen, die bereits oben erwähnten Skelete der 
Cortesi'schen Balaenoptera , die ich in Bezug auf Ba- 
laenoptera minor näher betrachtete, wobei sich her- 
ausstellte, dass mein CetotJierium Batlikii ein ganz ver- 
schiedenes Thier gewesen ist. 

Venedig, wo ich den durch viele naturhistorische 
Schriften bekannten Doctor Dominico Nardo kennen 
lernte, besitzt bis jetzt eine erst im Werden begrif- 
fene Sammlung seines Landesgebietes, die aber doch, 
besonders unter den Fischen, manche beachtens- 
werthe Stücke enthält. Ich sah dort namentlich die 
im adriatischen Meere vorkommenden Störe durch 
grössere, die Artkennzeichen deutlich aussprechende 
Exemplare vertreten. Ich bin dadurch zweifelhaft 
geworden, ob der dortige Huso und Sturio wirklich 
zu diesen Arten gehören. Die dritte mir gezeigte Art 
{Acipenser Nakarii) ist entschieden eine eigentüm- 
liche. 



— 501 — 

Wien, wohin ich direkt von Venedig aus reiste, 
konnte, da die Zeit drängte, nur ein einziger Tag ge- 
widmet werden, so dass es sogar nicht einmal mög- 
lich wurde das von mir früher schon wiederholentlich 
besuchte Hofnaturalien - Cabinet in Augenschein zu 
nehmen. Den Vormittag und Abend verbrachte ich 
in der geistreichen und lehrreichen Gesellschaft un- 
seres dortigen Correspondenten Prof. Hyrtl, der die 
Güte hatte, ausser der von ihm begründeten verglei- 
chend-anatomischen Sammlung der Universität, auch 
seine zum Verkauf ausstehende , viele Seltenheiten 
bergende Privatsammlung zu zeigen. Der Nachmittag 
wurde dem Besuche des unter Dr. Jäger's Leitung 
stehenden zoologischen Gartens gewidmet. 

In Prag sah ich das anatomische Cabinet der 
Universität, welches manche schöne, interessante Prä- 
parate enthält, sowie das Böhmische National- Mu- 
seum. In letzterem konnte ich durch die Güte des 
Herrn Conservator F ritsch die vor zehn Jahren 
ausgegrabenen, aber noch immer nicht beschriebenen 
Skeletreste eines Dinotherium näher betrachten, jenes 
merkwürdigen, riesenhaften Thieres, über dessen ver- 
wandtschaftliche Stellung die Naturforscher noch jetzt 
sehr getheilter Meinung sind. Die Reste bestehen 
aus dem charakteristischen Unterkiefer, dem Atlas, 
vielen Fussknochen , dann vielen Fragmenten von 
Wirbeln und Bruchstücken der Schulterblätter, sowie 
der Schenkelknochen, so dass ein kundiger Osteolog 
bald dazu gelangt die Stelle des Thieres im System 
zu bestimmen. Sie bestätigten die von mir bereits 
aus dem Studium des Schädels nach einem Gypsabgusse 
des hiesigen Bergcorps und dem ebendaselbst befind- 



— 502 — 

liehen Modell des Oberschenkels gewonnene, in einer 
der Akademie im vorigen Jahre vorgelegten Abhand- 
lung von mir vorgetragene, Ansicht: dass das Dino- 
tlierium ein elephantenartiges, den Mastodonten zu- 
nächst stehendes, aber zu den Tapiren neigendes Thier 
gewesen sei. Die bis jetzt noch nicht gedruckte, er- 
wähnte Abhandlung wird also wesentliche Zusätze er- 
halten und dürfte wohl den Abschluss des Streites 
über die Stellung des Dlnotherium herbeiführen. Ob- 
gleich mich die Dinotherienfrage in Prag ernstlich 
beschäftigte, so verabsäumte ich doch nicht dem aus- 
gezeichneten Physiologen Purkinje, den ich seit 
mehr als dreissig Jahren nicht gesehen hatte, einen 
Besuch abzustatten. Der freundliche Nestor der Phy- 
siologen zeigte mir sein trefflich eingerichtetes phy- 
siologisches Institut. 

Die zoologischen Sammlungen Dresdens, wo ich 
leider aus Zeitmangel nur Car us und Reichen bach 
sehen konnte, zeichnen sich vor allen anderen durch 
die reichste Sammlung von Nestern und Eiern der 
Vögel aus, die hauptsächlich durch den Ankauf der 
ungemein reichen Sammlung des bekannten verstor- 
benen Oologen Thienemann gewonnen wurde. Be- 
merkenswerth erscheint mir noch, dass in der zoolo- 
gischen Sammlung Dresdens Aquarien eigener Art 
aufgestellt sind. Es sind 16 mit Wasser gefüllte, glä- 
serne Schüsseln, worin sich aus Glas von Herrn Leop. 
Blaschka, unter Reichenbach's Leitung, angefer- 
tigte, die Natur täuschend nachahmende Seeanemo- 
nen (Actinien) befinden, die durch ihre blumenähn- 
liehe Gestalt und oft herrlichen Farben die Augen 
der Beschauer wahrhaft zu fesseln und auf den ersten 



— 503 — 

Blick zu täuschen vermögen. Ich habe einige Pro- 
ben davon acquirirt. 

Mit Königsberg, wo mich Prof. Zaddach im zoo- 
logischen und Prof. Müller im anatomischen Museum 
herumführten, enden die anatomisch-zoologischen und 
paläontologischen Studien und Wahrnehmungen, da 
die Zeit zur Rückkehr ernstlich mahnte. 

Auf meinen Reisen beschränkte ich mich indessen 
nicht auf die Beobachtungen von lebenden Thieren 
oder Theilen derselben, um meine Kenntnisse zu er- 
weitern , sondern ich war auch bestrebt drei andere 
Aufträge zu erfüllen, deren Ziel ein praktisches, zum 
Theil allgemein nützliches war. 

Die medizinische Akademie wünschte , d'ass ich 
Seethiere zur Anfertigung von Präparaten oder zur 
Aufstellung für ihr Museum sammeln möchte. Der 
Aufenthalt in Nizza und Villafranca begünstigte die 
Erfüllung dieses Wunsches, wobei auch manche für 
das Museum unserer Akademie geeignete Stücke er- 
worben wurden. 

Ebenso musste der medizinischen Akademie , wo 
jetzt unter meiner Leitung praktische, zootomische 
Übungen angestellt werden sollen, daran liegen, dass 
ich von den dahin einschlagenden Instituten Kennt- 
niss nähme. Durch den Besuch von Halle, Göttingen, 
Giessen, Bonn und Prag wurde auch dieser zweite 
Wunsch befriedigt. 

Endlich fand auch eine praktisch -zoologische und 
allgemein industrielle Angelegenheit die bestmöglichste 
Erledigung. Der Herr Minister der Reichsdomänen 
hatte mich nämlich beauftragt einen ausführlichen 
Bericht über den Standpunkt des Seidenbaues, na- 



— 504 — 

mentlich über die Ergebnisse und Vortheile der Zucht 
des von den Blättern der Ailantus glandiüosa sich 
nährenden Seidenwurmes Bombyx Cynthia abzustatten. 
Die in und bei Berlin, dann in Paris und Joinville 
desfalls angestellten Nachforschungen verschafften 
mir hinreichende Materialien zur Lösung dieser Auf- 
gabe. In Joinville wurde ich namentlich durch Gué- 
rin -Méneville's Freundlichkeit wesentlich unter- 
stützt. — Überdies habe ich, obgleich dies nicht zu 
meiner eigentlichen Aufgabe gehörte, in Deutschland 
mehrfache Notizen über die erspriessliche, weite, in 
der neueren Zeit erfolgte Ausbreitung der Cultur der 
Maulbeerseidenraupe gewonnen, da die Mittheilung 
derselben anregend für Russland wirken könnte. 



(Aus dem Bulletin, T. VII, pag. 1 — 10.) 



^October 1863. 

Über den Sinus communis und die Valvulae der 
Venae cardiacae, und über die Duplicität der 
Vena cava superior bei dem Menschen und 
den Säugethieren, von Prof. W. Grub er. (Ex- 
trait.) 

Die Abhandlung zerfällt in vier Abtheilungen. 
In der 1 . habe ich den Sinus communis venarum car- 
diacarum, in der 2. die Valvulae venarum cardiaca- 
rum, in der 3. die Entwicklung und Bedeutung des 
Sinus communis mit der Pericardialfaite zur Auf- 
nahme des Restes der mittleren Portion der Vena 
cava superior sinistra primitiva, in der 4. endlich die 
Duplicität der Vena cava superior bei dem Menschen 
und den Säugethieren abgehandelt. 

Die Abhandlung stützt sich auf eine enorme An- 
zahl Untersuchungen, welche ich an 130 Herzen oder 
Leichen des Menschen vom viermonatlichen Em- 
bryo aufwärts und an mehr als 80 Herzen oder Lei- 
chen von 31 Säugethier-Genera, die entweder 
Duplicität der Vena cava superior aufweisen oder 
nur eine einfache Vena cava superior besitzen, vor- 
genommen habe. In der Unterabtheilung — Dupli- 
cität der Vena cava superior beim Menschen — 
habe ich der Geschichte aller mir in der Literatur 

Mélanges biologiques. IV. 64 



— 506 — 

zugänglichen und seit 1 654 von Anderen und mir 
veröffentlichten Fälle die ausführliche Beschrei- 
bung 3 neuer merkwürdiger Beobachtungen fol- 
gen lassen. 

John Reid — The Cyclopaedia of anatomy and 
physiology. Vol. II. London 1839. — Heart — p. 597 
— hat nachgewiesen, dass im hinteren linken Theile 
des Sulcus atrioventricularis des Herzens ein verschie- 
den grosser venöser Kanal mit musculösen Wän- 
den existire, welcher am Ostium der Vena coronaria 
magna auct. in das Atrium dextrum münde. John 
Marshall — On the development of the great an- 
terior veins in Man and Mammalia etc. Philos. Trans- 
act, of the Royal Society. London 1850. Part 1. 4° 
p. 133 — entdeckte 11 Jahre später, dass dieser Ka- 
nal der offene Rest der Vena cava superior sinistra 
primitiva sei, welcher im Sulcus atrioventricularis des 
Herzens liegt. 

Reid und Marshall behaupten, der Kanal be- 
ginne beim Menschen immer, oder doch in der Re- 
gel, plötzlich dilatirt. Diese Behauptung ist nach mei- 
nen Untersuchungen unrichtig. Ich fand den Sinus 
communis beim Menschen überhaupt nur in 3 / 4 d. F. 
wirklich abgegränzt. Davon habe ich die Abgränzung 
von der Vena coronaria magna an f / d. F. durch eine 
plötzlich auftretende Dilatation geringeren Grades, 
an % d. F. durch eine furchenartige Einschnürung 
herbeigeführt gefunden. Bei den Säugethieren fand 
ich die Abgränzung des Sinus communis von der Vena 
coronaria magna durch eine Einschnürung allein nur 
selten, durch eine plötzlich auftretende Dilatation ge- 
ringeren Grades, oder sogar auffallenden Grades, 



— 507 — 

welche letztere Art beim Menschen nur ausnahms- 
weise vorkommt, häufig. Wegen der Dilatation nen- 
nen Reid und Marshall den Kanal Sinus und zwar 
Sinus venae coronariae magnae. Ich halte diese Be- 
nennung für unpassend und schlage dafür: Sinus com- 
munis venarum cardiacarum vor, weil dieser der Vena 
coronaria magna nicht allein, sondern allen Venae 
cardiacae angehört, die sich nicht unmittelbar in das 
Atrium dextrum ergiessen, dann nicht als Dilatation 
einer der Venae posteriores ventriculorum cordis, 
also auch nicht als eine solche der Vena coronaria 
magna zu nehmen ist. 

Der Sinus communis ist beim Menschen nicht 
genug allseitig und vollständig, bei den Säugethie- 
ren, bei welchen er sich in so mancher Hinsicht von 
dem des Menschen verschieden verhält, bis jetzt 
eigentlich gar nicht näher beschrieben worden. Dies 
gilt auch von manchen Venae cardiacae, namentlich 
von jenen der Säugethiere, welche sich in diesen 
Sinus münden. Ich fand es deshalb für nöthig den 
Sinus bei dem Menschen und den Säugethieren ge- 
nauer abzuhandeln und über die Mündungen der Ve- 
nae cardiacae in denselben etc. bestimmtere Angaben 
zu liefern. Ausnahmsweise fand ich beim Menschen, 
Simia sp.?, Equus caballus, namentlich aber bei Phoca 
vitulina einen wirklichen Sinus proprius venae me- 
diae, ferner beim Menschen und Sus scropha eine Art 
Sinus proprius venae coronariae magnae sens, strict.; 
und endlich beim Menschen noch eine Art Sinus pro- 
prius venae posterions et marginalis ventriculi sinis- 
tri. Der merkwürdige Sinus proprius venae mediae, 
den ich in einem Falle bei Phoca vitulina gesehen 



— 508 — 

habe, mündete durch 8 spaltförmige Ostia in den Si- 
nus communis venarum cardiacarum. 

Beim Menschen nimmt der Sinus communis un- 
mittelbar auf: constant die Vena coronaxia magna; 
constant die Vena posterior atrii sinistri, wenn sie 
vorhanden ist; fast constant die Vena media; in der 
Regel die Vena posterior ventriculi sinistri, biswei- 
len die Vena marginalis ventriculi sinistri; in der 
Mehrzahl der Fälle mit Vorkommen der anomalen Vena 
coronaria parva s. dextra diese Vene; endlich eine un- 
beständige Anzahl Venae accessoriae und Venae aus 
der Tiefe der Herzenssubstanz. Bei. den Säugethie- 
ren nimmt der Sinus communis oder der ihm ent- 
sprechende venöse Kanal unmittelbar auf: bei allen 
die Vena coronaria magna, bei allen die Vena poste- 
rior atrii sinistri, wenn sie zugegen ist; bei den mei- 
sten die Vena media; bei einigen die Vena posterior 
ventriculi sinistri; bei einigen die Vena marginalis 
ventriculi sinistri ; bei einem die Vena coronaria 
parva s. dextra; bei einigen die Vena heiniazyga; 
endlich kleine nicht constante Venen. 

Beim Menschen ist die Valvula Thebesii am 
Ostium des Sinus communis in das Atrium dextrum, 
so wie die Valvula am Ostium der Vena media in 
denselben allerdings längst bekannt. Auch hat Vieus- 
sens — Traité nouveau de la structure et des causes 
du mouvement naturel du coeur. Toulouse 1715, 4° 
p. 56 — schon vor 148 Jahren eine Valvula be- 
schrieben, welche J. Reid — Loc. cit. — vor 24 Jah- 
ren wieder entdeckte und an das Ostium der Vena 
coronaria magna in seinen Sinus venae coronariae = 
unserem Sinus communis venarum cardiacarum ver- 



— 509 — 

legte. Eben so hat J. B. Morgagni — Epist. anat. 
Bassani 1764. Fol., XV, No. 22, p. 292 — vor 99 
Jahren der Valvulae an den Ostia noch anderer Ve- 
nae cardiacae, welche Marshall — Op. cit. p. 134. 
147. — vor ]3 Jahren der Vergessenheit entriss, er- 
wähnt. Allein die Angaben älterer Zergliederer über 
die Valvula Thebesii und die Valvula an der Vena 
media sind nicht immer richtig; die Angaben neue- 
rer Zergliederer über die Valvula Vieussenii am Os- 
tium der Vena coronaria magna in den Sinus com- 
munis sind nicht genug allseitig und auch nicht un- 
zweifelhaft richtig, weil sie ja mit einander gerade- 
zu im Widerspruche stehen. Die Valvulae an den 
Ostia der Venae posteriores ventriculi sinistri sind 
fast nur obenhin erwähnt. Bei dem Menschen habe 
ich die Valvula Thebesii in 22 / 25 d. F. und nur ein- 
fach; die Valvula der Vena media in 7 / 1f d. F. und 
viel häufiger einfach als paarig und mehrfach; die 
Valvula der Vena coronaria parva s. dextra in 1 / 8 d. 
F. einfach; die Valvula Vieussenii in V 5 der Fälle und 
nicht viel häufiger einfach als paarig; die Valvula der 
Vena posterior ventriculi sinistri, bei deren Vorkom- 
men als grösseres Gefäss und bei ihrer Einmündung 
in den Sinus communis, in -+- 3 / d. F. und meistens ein- 
fach; die Valvula der Vena marginalis ventriculi si- 
nistri , bei deren Vorkommen als grösseres Gefäss 
und ihrer Einmündung in den Sinus communis oder 
in die Vena coronaria magna, in — V* d. F. meistens 
einfach; und niemals eine Valvula am Ostium der 
Vena posterior atrii sinistri gesehen. In den Fällen 
des Vorkommens eines Sinus proprius der Vena me- 
dia sah ich an ihrer Einmündung in ersteren immer 



— 510 — 

eine einfache oder paarige oder aus 3 Segmenten be- 
stehende Valvula. Im Verlaufe des Sinus communis 
und in den Stämmen der Venae cardiacae vermisste 
ich wie Andere Valvulae. Bei den Säugethieren 
ist über die Valvulae der Venae cardiacae (abgesehen 
von der Valvula Thebesii) nur sehr wenig bekannt. 
Ich habe ausser den Valvulae, welche an den Ostia 
der Venae cardiacae posteriores in das Atrium dex- 
trum, oder in den Sinus communis, oder in die Vena 
coronaria magna sens, strict., so weit diese im hinte- 
ren Theile des Sulcus atrioventricularis liegt, ähnlich 
wie beim Menschen vorkommen, auch Valvulae an 
den Ostia mancher Äste der noch übrigen Portion 
der Vena coronaria magna, der Vena media und so- 
gar der Vena posterior atrii sinistri bei Sus scropha, 
Equus caballus, Camelus dromedarius, Bos und Phoca 
vitulina entdeckt, die beim Menschen fehlen. Aus- 
ser den Valvulae terminales giebt es bei den Säuge- 
thieren auch Valvulae in den Stämmen der Venae 
cardiacae selbst, welche beim Menschen vermisst 
werden. Nur Reid — Loc. cit. Note — hat der Exi- 
stenz von Valvulae im Stamme der Vena coronaria 
magna bei Equus caballus et asinus erwähnt. Ich 
habe dieselben nicht nur bei Equus caballus, sondern 
auch bei 5 anderen Genera aus den Ordnungen der 
Carnivora, Bisulca und Pinnipediad i.beiUrsusarctos, 
Hyaena striata et crocuta, Camelus dromedarius, Au- 
chenia Lama und Phoca vitulina und unter den Säu- 
gethieren mit einer doppelten Vena cava superior 
bei einem Genus aus den Pachydermata d. i. bei Ele- 
phas wie Vulpian et Philipeaux vorgefunden. Ich 
habe sie nicht nur im Stamme der Vena coronaria 



— 511 — 

magna, sondern auch im Stamme der Vena media, ja 
sogar in den Stämmen der Vena posterior ventriculi 
sinistri und in dem Stamme der Vena marginalis ven- 
triculi sinistri angetroffen. Ich fand es somit für not- 
wendig, die Anatomie der Valvulae venarum cardia- 
carum ebenfalls zu liefern. 

Ich habe nach den von Marshall entdeckten offe- 
nen und verschlossenen Resten der Vena cava supe- 
rior sinistra primitiva bei dem Menschen und den 
Säugethieren geforscht. Bei dem Menschen habe 
ich sie ungefähr so gefunden, wie sie Marshall be- 
schrieben hat, abgesehen von dem offenen Endreste, 
d. i. von der Vena posterior atrii sinistri und dem 
Sinus communis venarum cardiacarum. Aber ich habe 
bei einem 50jährigen Manne die mittlere Portion der 
obliterirten Vene sogar als ein wirkliches platt rund- 
liches Ligament vorkommen sehen, was bis jetzt 
noch nicht beobachtet worden war. Bei den Säuge- 
thieren fand ich besonders Cavia durch die Mannig- 
faltigkeit der regressiven Metamorphose ihrer Vena 
cava superior sinistra primitiva ausgezeichnet. Unter 
9 Exemplaren von diesem Thiere existirte an einem 
diese Vene rudimentär; an einem anderen hatte sich 
der Abschnitt der Vene, welcher der Vena jugularis 
primitiva angehört, zu einem Faden, und der Ab- 
schnitt, welcher dem Ductus Cuvieri sinister entspricht, 
zum Endstücke der Vena hemiazyga oder Vena inter- 
costalis superior und zum Sinus communis venarum 
cardiacarum metamorphosirt; an einem dritten war 
die Vene an jenem ersten Abschnitte völlig vergangen, 
am anderen Abschnitte wie am zweiten Exemplare be- 
schaffen; an anderen vier hatte sich die Vene an ih- 



— 512 — 

rer der Vena jugularis primitiva zukommenden Portion 
in das Endstück der Vena intercostalis superior si- 
nistra oder Vena hemiazyga bei deren Einmündung in 
die Vena anonyma sinistra, die im Sulcus atrioven- 
tricularis liegende Portion in den Sinus communis 
venarum cardiacarum , und die mittlere Portion in 
einen Faden umgebildet; an noch zwei anderen 
hatte sich die obere Portion der Vene so wie bei den 
früheren vier Exemplaren metamorphosirt , die am 
Herzen liegende Portion aber in die Vena posterior 
atrii sinistri und in den Sinus communis venarum car- 
diacarum, die noch übrige mittlere Portion in einen 
Faden verwandelt. 

Die Pericardialfalte, welche den Rest der mitt- 
leren Portion der Vena cava superior sinistra primi- 
tiva nach Marshall's Entdeckung enthält, durch diese 
Beziehung eine Bedeutung erhält und zu jenem Ueste 
so sich verhält, wie das Ligamentum Suspensorium 
hepatis zur obliterirten Vena umbilicalis, hat Mar- 
shall nicht entdeckt Sie war schon 9 Jahre vor ihm 
von Fr. W. T h eile erwähnt worden. Beim Men- 
schen kommt die Falte keineswegs ganz so constant 
vor, wie Marshall meint. Ich habe sie auch auf eine 
Leiste reducirt vorgefunden , oder sogar ganz ver- 
misst. Unter den Säugethieren fand ich sie nur bei 
Simia ähnlich beschaffen wie beim Menschen und wie 
bei diesem zwischen der Theilungsstelle der Arteria 
pulmonalis communis und dem Atrium sinistrum aus- 
gespannt gelagert. Bei anderen Thieren fand ich sie 
bald vor, bald vermisste ich sie. Wo sie vorkam stieg 
sie als eine schmale Falte vor der Arteria pulmona- 
lis sinistra herab, war aber nicht zwischen die Arte- 



— 513 — 

ria pulmonalis und das Atrium sinistrum eingescho- 
ben. Wo sie mangelte, war sie bald ganz verwischt, 
bald an einer Leiste noch erkennbar. 

Ich habe von den Fällen der Duplicität der Vena 
cava superior beim Menschen 32 sichere und 4 
zweifelhafte in der Literatur auffinden und zusammen- 
stellen können, abgesehen von jenen, welche bei Dop- 
pelmissbildungen vorkamen. Zu diesen bereits ver- 
öffentlichten Fällen, wovon zwei mir angehören, ge- 
sellte ich noch 3 neue merkwürdige Fälle. Den 
einen Fall: «rlygromata cystica congenita occipitis, 
cervicis, thoracis; Duplicität der Vena cava superior 
und transversaler Communicationsast zwischen den 
Venae cavae superiores — » fand ich bei einem weib- 
lichen Embryo im 5. Monate vor; den anderen Fall: 
— «Vena cava superior dextra und ihre Äste die Vena 
anonyma dextra und sinistra wie die Vena cava su- 
perior und die Venae anonymae normaler Fälle ent- 
wickelt; schwache Vena cava superior sinistra» — 
traf ich bei einem männlichen neugeborenen Kinde 
an; den dritten Fall endlich: — «Duplicität der Vena 
cava superior; linkseitige Vena azyga und rechtsei- 
tige Vena hemiazyga media» — beobachtete ich bei 
einem 25 — 30jährigen Manne. Das Individuum des 
ersten Falles ist das jüngste aller bis jetzt bekann- 
ten Fälle; der zweite Fall ist ein Unicum, in welchem 
trotz der Metamorphose des transversalen Astes der 
Venae jugulares primitivae zur völlig ausgebildeten 
Vena anonyma sinistra, die Vena cava superior si- 
nistra in Folge der Hemmung ihrer regressiven Me- 
tamorphose in schwachem Zustande persistirte; der 

Mélanges biologique!. IV. 65 



— 514 — 

dritte Fall endlich ist durch das Verhalten der Ve- 
nae azygae bemerkbar. 

Aus den bis jetzt bekannten Fällen der Duplicität 
der Vena cava superior beim Menschen konnte ich 
ausser anderen Schlüssen auch folgende ziehen. 

1 . Die Duplicität der Vena cava superior ist höchst 
wahrscheinlich seit mehr als 200 Jahren bekannt. 
Trotzdem und selbst bei Mitrechnung der zweifelhaf- 
ten Fälle und bei Zuschlag einer Summe für die in 
der Literatur vielleicht noch verzeichneten, mir aber 
unzugänglichen Fälle, dürfte die Zahl der bis jetzt 
vorgekommenen und veröffentlichten doch kaum ein 
halbes Hundert überschreiten. 

2. Dieselbe kommt häufiger bei wohlgebildeten 
als bei monströsen Körpern, wohl auch häufiger bei 
dem männlichen als bei dem weiblichen Geschlechte 
vor. 

3. Dieselbe tritt öfters mit sehr seltenen oder doch 
ungewöhnlichen Bildungen auf. 

4. Bei derselben persistirt bisweilen der transver- 
sale Ast der Venae jugulares primitivae als transver- 
saler Communicationsast zwischen den Venae cavae 
superiores. 

5. Dieselbe tritt mit Duplicität der Vena azyga; 
oder mit einer Vena azyga dextra und einer Vena 
hemiazjrga sinistra; oder mit einer Vena azyga sinis- 
tra und Vena hemiazyga dextra; oder mit einer Vena 
azyga sinistra und Vena hemiazyga dextra media auf. 

6. Die im Sulcus atrioventricularis des Herzens 
gelagerte Portion der Vena cava superior sinistra 
entspricht dem Sinus communis venarum cardiacarum 
der Fälle mit einfacher Vena cava superior. Erstere 



— 515 — 

nimmt dieselben Venae cardiacae auf wie letzterer. 
Die in die Vena cava superior sinistra mündenden 
Venae cardiacae sind an ihren Ostia mit ähnlichen 
Valvulae versehen , wie dieselben Venen bei ihrer 
Einmündung in den Sinus communis venarum cardia- 
carum. 

VondenSäugethieren, welche eine doppelte Vena 
cava superior besitzen, habe ich von 30 Exemplaren 
aus 1 1 Genera die bis jetzt fehlende nähere Beschrei- 
bung der in die Vena cava superior sinistra mündenden 
Venae cardiacae geliefert. Beim Elephanten habe 
ich die Venae cardiacae nicht direct in die Vena cava 
superior sinistra, sondern zuvor in zwei Sinus pro- 
prii münden gesehen. Ebenso habe ich die bis jetzt 
unberücksichtigt gebliebenen Valvulae, welche an den 
Ostia der Venae cardiacae in die Vena cava superior 
sinistra vorkommen, beschrieben. Über den Apparat 
der Valvulae an den Ostia der 3 Venae cavae habe 
ich das Bekannte zusammengestellt und Neues mit- 
getheilt. Unter anderen Valvulae habe ich bei Eri- 
naceus eine merkwürdige spiralförmige Val- 
vula entdeckt, die zu den Ostia aller 3 Venae cavae 
in Beziehung steht. Dieselbe Valvula habe ich auch 
beim Elephanten ausgezeichnet entwickelt vorge- 
funden, aber auf eine andere Weise angeordnet ge- 
sehen als sie G. Cuvier, Vulpian et Philipeaux 
beschrieben haben. Bei dem von mir untersuchten 
25 Jahre alten männlichen Thiere war die Valvula 
14 Zoll lang. 

Von den Säugethieren, welche eine einfache 
Vena cava superior besitzen, kennt man bis jetzt nur 
drei, bei welchen ebenso wie beim Menschen ano- 



— 516 — 

maier Weise Duplicität dieser Vene vorkommen kann, 
d. i. Cams familiaris nach einer Beobachtung von 
Bardeleben, Cavia nach einer eigenen Beobach-. 
tung und vielleicht auch nach Beobachtungen von 
Meckel, und Felis domestica nach einer eigenen 
Beobachtung. 

Die Wände der Vena cava superior sinistra bei 
dem Menschen und den Säugethieren fand ich in 
allen jenen Fällen, in welchen ich ihren Bau unter- 
suchte, bald an dem ganzen intrapericardialen Ab- 
schnitte der Vene, bald nur an der im Sulcus atrio- 
ventricularis des Herzens gelagerten Portion dersel- 
ben deutlich musculös. Die Muskelhaut dieser 
Vene an der letzteren Portion bestand bei Elephas 
sogar aus drei Schichten, d. i. aus einer äusseren 
longitudinalen, aus einer mittleren ringförmi- 
gen und aus einer inneren longitudinalen Schicht. 
Die äussere longitudinale Schicht beschränkte sich 
nur auf die hintere Wand des Venenrohres und kam 
der Vena cava superior sinistra und beiden Atria des 
Herzens gemeinschaftlich zu; die beiden anderen 
Schichten aber umgaben den ganzen Umfang des Ve- 
nenrohres und waren der Vena cava superior sinistra 
eigentümlich. 



(Aus dem Bulletin, T. VII, j>ag. 10— 18.) 



30 October 10/^0 

Tn^ \ — löbö. 

11 November 

Über das Leuchten der Larven der Lampyris 
noctiluca, von Ph. Ofsiannikof. 

Das Leuchten der Thiere hat von jeher die grösste 
Aufmerksamkeit der Physiologen auf sich gezogen. 
Die Ursachen einer so interessanten Erscheinung zu 
ermitteln, ist aber höchst schwierig; daher besitzen 
wir bis jetzt nur sehr vereinzelte Untersuchungen über 
diesen Gegenstand. Man findet selbst Widersprüche 
in Beziehung darauf, wie sich das Leuchten zu den 
verschiedenen Stoffen und Gasen verhält. So sagen 
Einige, dass das Johanniswürmchen in Öl nicht leuchte, 
Andere behaupten das Gegentheil. Manche Forscher 
meinen, die Kohlensäure habe einen nachtheiligen Ein- 
fluss auf das Leuchten, was wieder Andere vernei- 
nen. Um auf den Grund dieser Widersprüche zu kom- 
men, stellte ich einige Untersuchungen an den Larven 
der Lampyris noctiluca an. Ich fand dieselben in gros- 
ser Anzahl in der Nähe von Kasan in den Monaten 
August und September. Den ganzen Winter über be- 
wahrte ich sie in grossen anatomischen Gläsern auf, 
die bis zu einem Fünftel mit trocknen Blättern ge- 
füllt waren. Auf die Gläser legte ich einen Deckel, um 
das Trockenwerden der Blätter zu verhüten; von Zeit 
zu Zeit nahm ich ihn jedoch ab, um den Zutritt der 

Mélanges biologiques. IV. 65* 



— 518 — 

freien Luft zu gestatten. Waren die Blätter zu trocken, 
so besprengte ich sie mit Wasser. Zu grosse Nässe 
bringt Schimmel hervor und ist den Thieren nach- 
theilig. Bei einer solchen Behandlung lebten die Lar- 
ven den ganzen Winter über, ohne dass auch nur 
eine umgekommen wäre. Einigen schnitt ich den Theil 
des Hinterleibes, in welchem sich die Leuchtorgane 
befinden, ab; die Schnittwunde heilte, und die Lar- 
ven blieben ebenfalls den ganzen Winter hindurch am 
Leben. 

Die Beobachtungen, die ich hier mitzntheilen beab- 
sichtige, habe ich im August des Jahres 1859 ange- 
fangen, und seit der Zeit ist es mir nicht gelungen, 
dieselben wieder aufzunehmen. So sehe ich mich denn 
genöthigt, die Resultate so w r eit zu veröffentlichen, 
als die Untersuchungen damals gediehen sind. Der 
Gegenstand ist von allgemeinem und hohem Interesse 
und könnte vielleicht von Anderen wieder aufgenom- 
men werden. 

Alle Larven, welche ich damals bekam, so klein 
sie auch waren, besassen das Vermögen des Leuch- 
tens. Die kleinsten, die ich fand, waren 5 mm., die 
grössten 10 — 15 mm. lang. 

Die grösseren Larven gaben ein intensiveres Licht 
von sich als die kleinen. Das rührt davon her, dass 
mit dem Wachsen der Larven auch die einzelnen 
Theile derselben, ebenso wie die Leuchtorgane, sich 
mehr entwickeln. Das Leuchten ist nicht fortdauernd. 
Man sieht dasselbe bald im vollen Glänze, bald schwä- 
cher werden, bald ganz verschwinden; auch ist es 
von der Stellung des Körpers abhängig. Wenn die 
Larve sich bewegt und ihren Körper möglichst aus- 



— 519 — 

streckt, so ist das Leuchten hell und schön ; zieht sie 
sich zusammen, so erlischt das Licht. 

Ferner ist zu bemerken, dass bei der Larve nicht 
der ganze Unterleib leuchtet, wie bei dem vollkom- 
men ausgebildeten Insect, sondern das Licht nur am 
3ten Gliede des Abdomens, von hinten gerechnet, 
erscheint. Und zwar tritt es an der unteren seitlichen 
Fläche des Hinterleibes in Form von zwei gesonder- 
ten hellleuchtenden Punkten hervor. Die Farbe des 
Lichtes ist eine bläuliche. 

Forschen wir nach der Ursache des Intermittirens 
des Lichtes, warum das Insect zuweilen leuchtet und 
zuweilen nicht, so ergiebt sich Folgendes. 

Das Leuchten rührt von zwei kleinen Säckchen 
her, welche im Innern des Thieres S3 ; mmetrisch auf 
beiden Seiten des Körpers liegen. Diese Säckchen 
nähern sich der äusseren, unteren Fläche, wenn das 
Thier seinen Körper ausstreckt, und wir sehen sie als- 
dann leuchten. Zieht sich aber das Insect zusammen, 
so werden auch die Säckchen in das Innere des Thie- 
res zurückgezogen und durch die Eingeweide und 
andere Theile bedeckt, wodurch das Leuchten natür- 
licher Weise unseren Augen sich entziehen muss. 
Dieses erklärt auch, warum Peters 1 ) bei der Lam- 
pyris italica das Leuchten nach Enthauptung des Thie- 
res sogleich hat verschwinden sehen. Der Umstand, 
dass die Thiere die Leuchtsäcke bald der unteren 
Fläche nähern und bald nach innen zurückziehen, ver- 
dient die grösste Beachtung. Fast alle Versuche, welche 



1) Archiv für Anatomie und Physiologie, herausgeg. von Johan- 
nes Müller. Jahrgang 1841, p. 229. 



— 520 — 

mit der Lampyris nocturna gemacht worden sind, um 
z. B. ihr Leuchtvermögen in verschiedenen Gasen und 
zu verschiedenen Flüssigkeiten festzustellen, wurden 
an ausgebildeten , unversehrten Thieren angestellt. 
Zu meinen Versuchen haben, wie ich schon oben er- 
wähnte, ausschliesslich Larven gedient, weil ich in 
Kasan zu selten Gelegenheit hatte , vollkommene 
Thiere zu bekommen. Dennoch habe ich auch an die- 
sen Thieren das Verschwinden des Leuchtens auf eine 
Zeit lang gesehen, was mich veranlasst zu glauben, 
dass die an Larven gewonnenen Resultate auch auf 
das entwickelte Insect anzuwenden sind. Bringen wir 
eine Larve von der Lampyris nocturna oder ein aus- 
gebildetes Insect in irgend ein Gas oder eine Flüssig- 
keit und das Insect verbirgt seine Leuchtorgane, so 
könnten wir, wie es mit manchen Beobachtern ge- 
schehen ist, zu dem irrigen Schlüsse kommen, das 
Insect leuchte nicht, weil die Stoffe, in die wir es 
gethan haben, dem Leuchten nachtheilig seien. 

Um von dieser Seite jedem Fehler auszuweichen, 
zergliederte ich das Insect mit feinen Nadeln, nahm 
die leuchtenden Säckchen heraus, um mit denselben 
die Versuche anzustellen. Es war höchst interessant 
zu sehen, dass die Säckchen, aus dem lebenden Orga- 
nismus entfernt, längere Zeit sehr intensiv zu leuch- 
ten fortfuhren. Ihr Leuchtvermögen hing hauptsäch- 
lich von dem Grade der Feuchtigkeit ab. Da sie sehr 
klein sind, so trocknen sie an der freien Luft ziem- 
lich schnell ein, und dann verschwindet das Leuch- 
ten. Wurden sie aber etwas mit Wasser angefeuch- 
tet , so dauerte das Licht 2 , 3 , ja zuweilen auch 
4 Stunden und mehr fort. 



— 521 — 

Alle Versuche wurden natürlich in einem vollkom- 
men dunklen Zimmer angestellt. 

Ein solches Säckchen legte ich auf ein Objectiv- 
glas, zerriss es mit feinen Nadeln in kleine Theile 
und bedeckte es mit einem Glasplättchen. Darauf un- 
tersuchte ich es mit dem Microscop in einem dun- 
klen Zimmer. Die einzelnen Stückchen gaben noch 
so viel Licht, dass sie mit dem Instrumente deutlich 
gesehen werden konnten. Bei dieser Untersuchung 
bemerkte ich, dass die Säckchen aus einer Haut und 
einer in derselben sich befindenden Flüssigkeit be- 
standen. Die Flüssigkeit presste ich zuweilen aus 
dem Säckchen heraus: das Licht haftete nicht an ihr, 
sondern an der Haut des Säckchens. Einige leuch- 
tende Säckchen legte ich in Oel, andere in Wasser: 
beide Flüssigkeiten hatten keine nachtheilige Wir- 
kung auf das Leuchten. 

Bei Behandlung der oben beschriebenen Leuchtor- 
gane mit starken Säuren oder Alealien hörte das Leuch- 
ten augenblicklich auf. 

Merkwürdig war es, dass durch die Einwirkung 
eines Tropfens Glycerins das Leuchten aufhörte. Allein 
bei Behandlung desselben Organes mit Wasser, wo- 
durch das Glycerin entfernt wurde, begann das Leuch- 
ten von neuem. Blieb aber das Säckchen einige Mi- 
nuten lang in Glycerin, so konnte das Leuchten nicht 
mehr hervorgerufen werden. 

Nun unternahm ich eine Reihe von Versuchen, 
um die Einwirkung der Gase auf die Leuchtorgane 
zu prüfen. Um zu zeigen, wie vorsichtig man bei 
solchen Versuchen sein und wie sehr man dabei auf 
alle Nebenverhältnisse achten muss, führe ich hier an, 

Mélanges biologiques. T. IV. 66 



— 522 — 

dass auch meine ersten Versuche die grössten Wider- 
sprüche lieferten. Bald zeigte sich, dass die Leucht- 
organe in Kohlensäure eben so hell leuchteten wie in 
Sauerstoff, bald leuchteten sie in Wasserstoff recht 
hell, bald hörte das Leuchten auf u. s. w. Bei strenger 
Durchmusterung der Methoden, deren ich mich bei 
meinen Experimenten bediente, stieg mir die Vermu- 
thung auf, erstens dass die bereiteten Gase nicht voll- 
kommen chemisch rein seien, und zweitens dass ich, 
indem ich die Bauchsäckchen in die Gase brachte, zu- 
gleich auch den Zutritt der atmosphärischen Luft ge- 
stattete. Diese Vermuthung hat sich bestätigt. 

Die folgenden Versuche stellte ich gemeinschaft- 
lich mit Hrn. Prof. Bolzani in seinem physikalischen 
Cabinet an, wo er mir zugleich seine Instrumente mit 
der grössten Bereitwilligkeit zur Verfügung stellte. 
Auch suchten wir jeden Fehler möglichst zu vermeiden. 

Zunächst war es von höchstem Interesse, zu beob- 
achten, wie sich das Leuchten der genannten Säck- 
chen in einem luftleeren Räume verhalten dürfte. Ein 
paar Bauchsäckchen wurden herauspräparirt , mit 
einem Tropfen Wasser angefeuchtet, um ihr Eintrock- 
nen zu verhüten, und unter die Glasglocke einer sehr 
guten Luftpumpe gebracht. Alle Vorsichtsmaassre- 
geln wurden getroffen, um das Eindringen der atmo- 
sphärischen Luft unter die Glasglocke zu verhüten. 
Die Luft wurde alsdann aus der Glasglocke allmäh- 
lich ausgepumpt. Anfangs blieb das Leuchten eben so 
hell wie an der Luft. Allmählich aber, je mehr man 
die Luft auspumpte, verschwand das Licht, bis es 
endlich nach einiger Zeit so matt wurde, dass es bei- 
nahe ganz verlosch. Wenn aber der Hahn geöffnet 



— 523 — 

wurde und eine auch nur sehr geringe Quantität at- 
mosphärischer Luft hineindrang, so glühte das Bläs- 
chen augenblicklich wieder mit sehr hellem Lichte 
auf. Diesen Versuch wiederholten wir einige mal und 
er ergab immer dieselben Resultate. 

Aus dem Angeführten können wir zwei Schlüsse 
ziehen: erstens, dass das Leuchten ohne atmosphäri- 
sche Luft durchaus nicht bestehen kann; und zwei- 
tens, dass die Intensität des Lichtes in einem gewis- 
sen Verhältnisse zur Dichtigkeit der Luft steht. Je 
dünner die atmosphärische Luft, desto matter das 
Licht. 

Alsdann prüften wir den Einfluss der Kohlensäure 
auf die Leuchtorgane. Diesen Versuch führten wir 
mit möglichster Sorgfalt aus. Die Kohlensäure be- 
reiteten wir, indem wir in einem Glasgefässe Kreide 
mit Schwefelsäure übergössen. Anfangs wurde die 
Luft verdrängt, dann endlich, als reine Kohlensäure 
ausgeschieden war, wurde sie durch eine Kautschuk- 
röhre in ein ziemlich grosses Gasometer geleitet. Das 
Gasometer setzten wir mit der Glasglocke einer Luft- 
pumpe in Verbindung. Aus dieser pumpten wir die 
Luft langsam, aber anhaltend aus. Während ein Theil 
der Kohlensäure durch Pumpen aus der Glocke ent- 
fernt wurde, wurde dieselbe sogleich durch neue aus 
dem Gasometer ersetzt. Auf diese Weise befanden 
sich die Leuchtorgane fortwährend in reiner Kohlen- 
säure. 

Es zeigte sich bei diesen Versuchen , dass das 
Leuchten der Bläschen in reiner Kohlensäure sehr 
matt wurde, jedoch niemals bis zu dem Grade wie 
beim vorigen j£ ersuche, als wir die Luft aus der Glocke 



— 524 — 

entfernten. Wurde aber zu der Kohlensäure auch nur 
eine sehr unbeträchtliche Quantität atmosphärischer 
Luft zugelassen, so leuchteten die Bläschen augen- 
blicklich wieder hell und normal auf. 

Diesen Versuch wiederholten wir einige mal und 
immer mit denselben Resultaten. Versuche mit an- 
deren Gasen anzustellen, verhinderte uns leider der 
Mangel an Material. Aus demselben Grunde war es 
uns ferner unmöglich, die Ursache des Leuchtens ge- 
nauer zu studiren. Einige Forscher schreiben die Ur- 
sache des Leuchtens dem Phosphor zu, andere gal- 
vano-electrischen Processen. Beide Ansichten sind nur 
Vermuthungen, welche keineswegs auf streng wissen- 
schaftlichen Experimenten beruhen. Diese letztere 
Ansicht ist aus Versuchen hervorgegangen, die man 
mit einem empfindlichen Multiplicator an den Johan- 
niswürmchen anstellte; eine oberflächliche Betrach- 
tung dieser Versuche zeigt jedoch hinlänglich, dass 
dieselben nicht exact genug ausgeführt worden sind. 
Wer sich mit Versuchen am Multiplicator beschäftigt 
hat, wird gewiss unsere Ansicht theilen. 

Es ist möglich , dass bei verschiedenen Thieren 
auch verschiedene Ursachen dem Leuchten zu Grunde 
liegen. Ich habe in Kasan Gelegenheit gehabt, das 
Leuchten der kleinen Annelide Encliytraeas albidus 2 ) 



2) Dieses Thierchen hat Henle als eine neue Anneliden -Gat- 
tungen Müller's Archiv, 1837, p. 74, recht genau beschrieben, 
ohne 'jedoch des Leuchtens zu erwähnen. Bei anderen Forschern, 
die diesem Thiere einen andern Namen geben, finden wir ebenfalls 
einige Notizen über dasselbe; so bei Eversmann, in den Gelehrten 
Nachrichten der Kasan'schen Universität vom J. 1838, unter dem 
Namen Lumbricus noctüucus; ferner in Lichtenberg's Magazin 
vom J. 1781. 



— 525 — 

zu untersuchen. Ihr Licht ist sehr schwach. Es ist 
nicht an bestimmte Organe gebunden, sondern flackert 
hin und her. Bald leuchtet der ganze Wurm, bald 
nur der Kopf, bald nur der Schwanz. An den Fin- 
gern, mit denen man den Wurm hält, bleibt zuweilen 
ein schwaches, blaues Licht zurück. Noch ganz an- 
ders nimmt sich das Licht bei der Miliaria noctihwa 
aus, die ich auf der Insel Föhr untersucht habe. Die- 
ses Thierchen ist bekanntlich sehr klein, durchsich- 
tig und besitzt die Form eines Bläschens, an dem ein 
fadenförmiger, quergestreifter Fortsatz sich befindet. 
Ich habe dort oft Seewasser genommen, in welchem 
in der Dunkelheit leuchtende Punkte wahrgenommen 
werden konnten. Jedesmal wenn ich die Punkte iso- 
lirte, war die Ursache des Leuchtens die Miliaria no- 
ctihwa. Ich will übrigens damit nicht gesagt haben, dass 
dort nicht auch andere leuchtende Thiere vorkom- 
men, sondern nur darauf aufmerksam machen, dass 
die Zahl der leuchtenden Infusorien geringer ist, als 
man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist. Die Unter- 
suchung mit dem Microscope wies Öfters eine Ver- 
schiedenheit der inneren Structur in den einzelnen 
Exemplaren der Miliaria noctihwa nach. Es konnte 
aber in keinem ein besonderes Leuchtorgan entdeckt 
werden, trotz dem dass alle Thiere ohne Ausnahme 
leuchteten. Es leuchtete das ganze Thier. Merkwür- 
dig ist aber die Erscheinung, dass die Miliaria no- 
ctihwa, nachdem sie geleuchtet hat, für eine Zeit lang 
ihr Licht verliert. Man kann sich davon auf folgende 
Weise überzeugen. Man thut 10 — 20 Exemplare der 
Miliaria noctihwa in eine Schale mit Wasser, bringt 
sie in ein dunkles Zimmer und setzt das Wasser, nach- 



— 526 — 

dem es etwas gestanden hat, auf irgend eine Weise 
in Bewegung. Augenblicklich sieht man so viel leuch- 
tende Punkte, als da Thiere waren. Nachdem diese 
aber einmal geleuchtet haben, kann man das Wasser 
umrühren, so viel man will, und wird keine Licht- 
erscheinung mehr sehen. Hat es aber wieder eine 
Zeit lang, etwa 10 — 20 Minuten, gestanden und 
setzt man es dann wieder in Bewegung, so sieht man 
die früheren Lichtpunkte von neuem. Es ist jeden- 
falls ein höchst interessantes Phänomen, welches von 
dem bei den Larven der Johanniswürmchen sehr ab- 
weicht. 

Fragen wir schliesslich nach dem Zwecke des 
Leuchtens bei den Johanniswürmchen, so müssen wir 
gestehen, dass diese Frage in der letzten Zeit keines- 
wegs ihrer Lösung näher gerückt ist. Früher hat 
man vermuthet, dass das Leuchten die Annäherung 
der Geschlechter zur Zeit der Begattung begünstige. 
Jetzt glaube ich, nachdem ich die Leuchtorgane auch 
bei sehr kleinen Larven gesehen habe, dass eine sol- 
che Vermuthung nicht mehr stichhaltig ist. 



(Aus dem Bulletin, T. VII, pag. 55 — 61). 



ü November 1863. 

Über die Inauguraldissertation des Herrn Dr. 
Kutschin das Rückenmark der Neunaugen 
betreffend, nebst einigen eigenen Beobach- 
tungen über das Rückenmark der Knochen- 
fische und anderer Thiere, von Ph. Ofsian- 
nikof. 

Vor Kurzem erschien in den «Gelehrten Nachrich- 
ten der Universität von Kasan« eine Abhandlung von 
Dr. Kutschin über die microscopische Structur des 
Rückenmarks unserer Flussneunaugen. Diese Arbeit ist 
mit grosser Sorgfalt und Sachkenntniss ausgeführt, und 
sind namentlich die Zeichnungen sehr naturgetreu. 
Überhaupt gehören die Präparate des Hrn. Dr. Kut- 
schin zu den besten, die ich bis jetzt gesehen. 

Dieses Alles veranlasst mich, die Hauptresultate, 
welche Hr. Dr. Kutschin gewonnen, hier mitzutheilen: 

In der grauen Substanz des Rückenmarks der Fluss- 
neunauge findet man drei Arten Nervenzellen: 

1) Grosse Nervenzellen, welche in der Nähe des 
Centralcanals liegen und die Dr. Kutsch in zu der in- 
nern Zellengruppe rechnet. 

2) Grosse Nervenzellen, die mehr nach aussen lie- 
gen, und 3) kleine Nervenzellen. 



— 528 — 

Auch fand Dr. Kutschin Nervenzellen in der weissen 
Substanz, was bei andern Thieren ihm nie gelungen ist. 

Das Bindegewebe findet sich reichlich im Rücken- 
marke. 

Es existirt bei der Neunauge sowohl die untere als 
auch die obere Commissur. Die Axencylinder, durch 
welche diese Commissuren gebildet werden, kann man 
von der einen Hälfte des Rückenmarks bis zu den 
Wurzeln der Spiralnerven der anderen Hälfte verfol- 
gen. Es ist möglich, dass sie selbst zum grossen Gehirn 
emporsteigen und so zur Bildung der weissen Masse 
beitragen. 

Die Nervenzellen aus der centralen Gruppe geben 
Fortsätze von sich, die zu den Wurzeln der oberen 
Spinalnerven derselben Seite hinlaufen. 

Die Fortsätze der äussern Nervenzellen tragen zur 
Bildung der Seitenstränge der weissen Masse bei, in- 
dem sie bald nach unten, bald aber auch nach oben 
ihren Verlauf nehmen. Die Fortsätze der grossen Ner- 
venzellen der centralen Gruppe gehen nach unten und 
oben; in ihrem Verlaufe theilen sie sich und tragen 
zur Bildung der unteren und oberen Seitenstränge bei. 
Die Müller'schen Fasern stehen in keiner Verbindung 
mit den Zellen der centralen Gruppe. 

Die Fortsätze der kleinen Nervenzellen gehen in 
die Wurzeln der oberen Spinalnerven über. An den 
Wurzeln der vordem und hintern Spinalnerven finden 
sich in der Nervenscheide Kerne, welche an den Ner- 
venfasern im Innern des Rückenmarks nicht vorkom- 
men. 

Im Centralcanal fand Kutschin den Strang, welchen 



— 529 — 

Reissner entdeckt hat; dieser Strang hat keine Aehn- 
lickeit mit einem Axencylinder. 

Ueber (hinter) dem Centralcanal, wo wir die obere 
(hintere) Fissur finden, liegen Bindegewebskörperchen; 
ihre Fortsätze gehen nach oben und senken sich in die 
pia mater ein, wodurch sie eine Art Scheidewand bil- 
den, welche die beiden obern (hintern) Stränge von 
einander abgrenzt. Unter dem Centralcanal liegen in 
der grauen Substanz ebenfalls Bindegewebskörperchen, 
deren Fortsätze die untere Fläche des Rückenmarks 
erreichen, wo sie fächerförmig auseinander gehen. 

In allem Uebrigen muss ich auf die Arbeit selbst 
verweisen. 

Was den von Reissner gefundenen Strang im Rük- 
kenmarkscanale anbetrifft, so halte ich ihn für ein 
Kunstprodukt. 

Dr. Kutschin bestätigt die Existenz der von 
Reissner gefundenen Nervenzellen. Diese kleinen 
Nervenzellen sind bei der jetzigen Untersuchungsme- 
thode, namentlich seitdem man die Präparate färbt, 
sehr leicht sichtbar, während sie früher, als man mit 
schwacher Vergrösserung und meistens mit einem 
Schiek'schen Microscope untersuchte, sehr leicht der 
Beobachtung entgehen konnten. 

Die Zellen der innern Gruppe würde ich besser als 
grosse Zellen bezeichnen, und die der äussern als 
mittelgrosse, da die ersteren gewöhnlich grösser sind 
als die letzt erwähnten. 

Der Ursprung der Müller'schen Fasern bleibt 
noch immer räthselhaft. Ueber dieselben habe ich 
mich schon früher in meiner ersten Abhandlung aus- 
gesprochen, doch wurde meine Ansicht von keinem 

Mélanges biologiques. IV. 67 



— 530 — 

Forscher durch directe Beobachtungen bestätigt. 
Kutschin ist davon vollkommen überzeugt, dass diese 
Fasern in der medulla oblongata mit den grossen, sich 
dort befindenden Nervenzellen zusammenhängen. Ich 
habe über diese Fasern neue Untersuchungen ange- 
stellt und habe noch mehr die Ueberzeugung gewon- 
nen, dass diese Fasern im Rückenmarke entspringen 
und in der medulla oblongata enden. 

Ueber das Rückenmark der Knochenfische und der 
andern höhern Wirbelthiere kann ich von meinen 
neueren Untersuchungen Folgendes mittheilen : 

Zu meinen Arbeiten bediente ich mich des Rücken- 
marks des Hechts, des Brachsen, des Sanders, des 
Barsches, der Katze, des Hundes und des Menschen. 

Vergleichen wir die graue Substanz des Rücken- 
marks der Säugethiere, wie sie sich auf einem Quer- 
schnitt zeigt, mit derjenigen der Fische, so finden wir 
trotz grosser Aehnlichkeit doch manchen wesentlichen 
Unterschied. Die graue Substanz der Säugethiere bil- 
det die vordem und hintern Hörner, welche vorzüg- 
lich die Nervenzellen beherbergen. In der weissen 
Substanz habe ich bei diesen Thieren die Nervenzel- 
len nie mit Sicherheit sehen können, während Stil- 
ling angiebt, sie dort gefunden zu haben. Die weisse 
Substanz umgiebt bei den Säugethieren die graue Sub- 
stanz mit Einschluss der vordem und hintern Hörner 
von allen Seiten. Anders ist es bei den Knochen- 
fischen. Betrachtet man hier einen Querschnitt des 
Rückenmarks, so sieht man oft nach vorn (unten) zu 
eine Zellengruppe, an die sich die vordere Commissur 
anschliesst. Diese kleine inselförmige Gruppe liegt in 
einer Bindegewebslage und wird von der weissen 



— 531 — 

Masse von allen Seiten umgeben. Untersuchen wir 
einen etwas weiter nach hinten befindlichen Theil 
eines solchen Querschnittes, so sehen wir, wie die 
graue Substanz den Centralcanal umgiebt und sich 
nach vorn (unten) und hinten (oben) erstreckt. Nach 
vorn (unten) bildet sie häufig gerundete oder flügei- 
förmige Vorsprünge, nach oben (hinten) werden die 
Vorsprünge schmal und lang und haben wirklich eine 
gewisse Aehnlichkeit mit den hintern Hörnern der 
grauen Substanz der Säugethiere. Diese hintern Hör- 
ner sind nicht selten von der, den Centralcanal um- 
gebenden, grauen Masse durch weisse Masse getrennt. 
Die Nervenzellen liegen zuweilen ganz in der grauen 
Masse oder am Rande derselben. Die letzt erwähnte 
Lage wurde von einigen Forschern in Zweifel gezo- 
gen, doch glaube ich nach wiederholten Untersuchun- 
gen, mich von einer solchen .überzeugt zu haben. 

Die graue Substanz besteht bei den Knochenfischen 
aus Bindegewebe, in welches Blutgefässe, Nervenzellen 
und Nervenfasern eingebettet sind. Der Umriss der- 
selben ist nicht auf allen Querschnitten derselbe, son- 
dern wechselt je nach dem Theile des Rückenmarks, 
aus dem wir die Schnitte machen. Vergleichen wir 
die graue Substanz der Fische mit der grauen Sub- 
stanz der Säugethiere, so finden wir, dass erstere be- 
deutend ärmer an Nervenelementen ist. 

Man kann die Nervenzellen, welche in der grauen 
Substanz des Rückenmarks der Säugethiere vorkom- 
men, in drei Gruppen theilen: 

Die erste Gruppe umfasst diejenigen Nervenzellen, 
welche in den vordem Hörnern liegen. Diese Zellen 



— 532 — 

sind gross, sternförmig und mit einer grossen Anzahl 
Fortsätze versehen, welche sich theilen. 

Die zweite Gruppe enthält die am Centralcanal 
vorkommenden Nervenzellen, welche denen der ersten 
Gruppe ähnlich sind, häufig aber kleiner und rund- 
licher erscheinen. Der Unterschied dieser Zellen von 
denen der vordem Hörner muss durch fernere Unter- 
suchungen sicherer festgestellt werden. 

Zur dritten Gruppe gehören die in den hintern 
Hörnern vorhandenen kleinen Zellen , welche eine 
spindelförmige, drei- oder viereckige Form besitzen, 
und sich sehr auffällig von den Zellen der ersten 
Gruppe unterscheiden. Nur ausnahmsweise kommen 
solche Zellen in der Gegend des Centralcanals oder 
in den vordem Hörnern vor. 

Bei den Neunaugen kann man, wie mir scheint, die 
im Rückenmark sich vorfindenden Nervenzellen je 
nach ihrer Grösse und ihrer Lage auch in drei Grup- 
pen theilen. 

Wenn wir es versuchen diese Eintheilung auf die 
Knochenfische zu übertragen, so stossen wir auf einige 
schwer zu überwindende Schwierigkeiten. Man findet 
nämlich bei den Knochenfischen keinen grossen Un- 
terschied in der Grösse der Nervenzellen, und eben 
so wenig in ihrer Form und in der Zahl ihrer Fort- 
sätze. Gewöhnlich sind Nervenzellen im Rückenmarke 
der Knochenfische nur an 2 Stellen vorhanden: 

1) in dem inselförmigen Räume der grauen Sub- 
stanz, die vor den vordem Hörnern liegt, und 

2) an der vordem Seite der vordem oder untern 
Hörner. Die Lage der Zellen dieser zweiten Gruppe 
ist weniger constant. Zuweilen rücken nämlich diese 



— 533 — 

Zellen dem Centralcanal näher oder es befinden sich 
einzelne von ihnen sogar hinter demselben, während 
andre dagegen mehr nach aussen gerückt sind und 
an der Grenze der weissen Masse liegen. 

Stieda hat kleine spindelförmige Zellen in den 
hintern Hörnern gesehen. Betrachten wir aber seine 
Abbildung, so finden wir nur zwei spindelförmige Zel- 
len, die nur etwas hinter dem Centralcanal liegen, 
also nicht eigentlich an der Stelle, die den hintern 
Hörnern der Säugethiere analog ist. Ich habe auch 
kleine spindelförmige und viereckige kleine Zellen noch 
viel mehr nach hinten vom Centralcanal beobachtet, 
jedoch ist die Zahl derselben so gering, dass ich bei 
den Knochenfischen den Zusammenhang aller sensiblen 
Fasern mit solchen kleinen Zellen für sehr unwahr- 
scheinlich halten muss. 

Im obern Theile des Rückenmarks und in der me- 
dulla oblongata tritt bei Fischen, wie Mauthner rich- 
tig bemerkt, dicht am Centralcanal eine besondere 
Gruppe Nervenzellen auf. Das äussere Ansehen, die 
Zahl und die Richtung ihrer Fortsätze lassen vermu- 
then, dass diese Zellen eine besondere physiologische 
Bedeutung haben. 

Schon in meiner ersten Arbeit habe ich erwähnt, 
dass bei den Fischen die meisten Nervenzellen des 
Rückenmarks eine dreieckige Form haben. Dieser 
Ausspruch wurde von einigen Forschern nur zum 
Theil bestätigt, von andern dagegen für unrichtig er- 
klärt. Runde Zellen, kolbenförmige, spindelförmige, 
viereckige u. s. w. habe ich zwar auch gesehen, allein 
bei guten mitteldicken Schnitten war doch die Form 
der Zellen vorherrschend eine dreieckige. Sind die 



— 534 — 

Schnitte aber zu dünn, so haben die Zellen eine runde 
oder kolbenförmige Contour, während bei zu dicken 
Schnitten diese Zellen viereckig oder sternförmig er- 
scheinen. An solchen mitteldicken Querschnitten des 
Fischrückenmarks habe ich drei Fortsätze von den 
Zellen abgehen sehen: der eine ging in die vor- 
dere Commissur, der zweite nach hinten, der dritte 
endlich in die Wurzel des vordem Spinalnerven. 
Ausser diesen drei Fortsätzen sah ich zuweilen noch 
einen vierten, der die Richtung nach aussen zu den 
Seitensträngen nahm; auch nahm ich zuweilen einen 
fünften wahr, der zu den vordem Wurzeln der Spinal- 
nerven ging. Bei Säugethieren und beim Menschen 
habe ich von einer Zelle der vordem Hörner sehr oft 
Fasern der vordem Spinalnerven ihren Ursprung neh- 
men sehen. Mauthner 1 ) giebt an, er habe beim 
Hecht sehr oft in einer Ebene 7 Fortsätze von den 
Zellen abgehen sehen. Eine solche Zahl ist mir in- 
dessen nie vorgekommen. S tie da 2 ) hat selten 3 oder 
4 bis 5 Fortsätze gesehen. 

Alle Zellen ohne Ausnahme hatten einen Kern, ein 
Kernkörperchen und eine Membran. Die Membran 
geht von der Zelle auf den Fortsatz über, so dass der- 
selbe schon an seinem Ursprung als ein mit der Ner- 
venscheide ausgerüsteter Nerv zu betrachten ist. 

Eine Verbindung zwischen einzelnen Zellen einer 
Rückenmarkshälfte habe ich weder bei Knochenfischen 
noch bei andern Thieren gefunden. Präparate von 



1) Mauthner, Beiträge zur nähern Kenntniss der morphologi- 
schen Elemente des Nervensystems p. 19. Denkschriften der Wie- 
ner Akademie der Wissenschaften. Band XXI. Jahr 1863. 

2) Ludwig S tie da, Ueber das Rückenmark und einzelne Theile 
des Gehirns von Esox Lucius. Dorpat 1861. p. 14. 



— 535 — 

Lenhossek habe ich nicht Gelegenheit gehabt zu 
sehen, und andere Präparate, an denen man diese 
Verhältnisse zu sehen glaubte, waren nicht geeignet, 
solches mit Evidenz darzuthun. 

Mauthner beschreibt bei den Fischen drei Com- 
missuren: eine obere, eine untere und eine accessoria. 
S tie da hat sich von der Existenz der obern Commis- 
sur nicht mit Sicherheit überzeugen können, obgleich 
er die Möglichkeit des Vorhandenseins einer solchen 
nicht in Abrede stellen will. Bei Säugethieren und 
beim Menschen habe ich eine Commissur vor dem 
Centralcanal und eine hinter demselben, aus doppelt 
contourirten Fasern bestehend, oft beobachtet. 

Wenn man viele Querschnitte aus verschiedenen 
Theilen des Rückenmarks macht, so erkennt man 
leicht die Ursache der erwähnten Meinungsverschie- 
denheiten. In zu dünnen Schnitten sieht man nämlich 
oft keine einzige Commissur. In denjenigen Schnitten 
dagegen, welche mittlere Dicke haben und auf wel- 
chen eine besondere Zellengruppe vor den untern Hör- 
nern vorkommt, sehen wir eine deutliche Commissur 
aus doppelt contourirten Fasern; diese Commissur 
verbindet die erwähnte Zellengruppe der einen Seite 
mit der Zellengruppe der andern Seite. Ich nannte 
diese Commissur die « untere », Mauthner nennt sie 
«accessoria». Finden wir aber auf einem Querschnitte 
diese Zellengruppen nicht, sondern nur die Gruppe 
in den vordem Hörnern und liegt diese mehr nach 
hinten zum Centrum des Rückenmarks, so verlaufen in 
diesem Falle die Verbindungsfasern zwischen den Zei- 
len der rechten und der linken Gruppe unterhalb des 
Centralcanals in der grauen Substanz, während die 



— 536 — 

früher beschriebene Commissur in der weissen Sub- 
stanz lag. Auch diese Fasern haben doppelte Con- 
touren. Die doppelten Contouren sieht man aber nur 
auf guten Schnitten mit starker Vergrösserung und 
einem guten Microscope. Stellt man aber seine Un- 
tersuchungen mit einem mittelmässigen Instrumente 
an und mittelstarker Vergrösserung, so kann man 
leicht die doppelten Contouren übersehen und zu dem 
falschen Schlüsse veranlasst werden, dass die Com- 
missur nur aus Axencylindern bestehe. Auch die 
Fortsätze dieser Zellen habe ich nach vorn und innen 
weit verfolgen können und in die vordere Wurzel der 
Spinalnerven übergehen sehen. 

Liegt bei einzelnen Querschnitten die zuletzt be- 
schriebene Gruppe nicht in der Mitte der vordem 
Hörner, sondern mehr in der innern Spitze derselben, 
dann sieht man von vielen Zellen die Fasern in die 
zuerst beschriebene Commissur eintreten und also 
durch die weisse Substanz auf die andere Seite des 
Rückenmarks hinübergehen. 

Bilden die Zellen endlich auf einem Querschnitte 
nur eine dicht am Centralcanal liegende Gruppe oder 
befinden sich einige von den Zellen sogar hinter dem- 
selben, so schicken diese Zellen ihre Fasern zur an- 
dern Hälfte des Rückenmarks theils vor dem Cen- 
tralcanal, theils hinter demselben. Auf diese Weise 
haben wir noch eine dritte hintere oder obere Com- 
missur, die auch aus doppelt contourirten Fasern be- 
steht. Es war mir möglich, auch die so weit nach 
hinten gelegenen Zellen im Zusammenhange mit den 
vordem Wurzeln der Spinalnerven zu sehen. Die Fa- 
sern liegen in den Commissural theils parallel, theils 



— 537 — 

scheinen sie sich zu kreuzen. Ob es eine wirkliche 
Kreuzung ist oder nur eine scheinbare, ist schwer zu 
entscheiden, weil die Fasern hier in verschiedenen 
Ebenen verlaufen. Endlich muss ich noch hinzufügen, 
dass diese letzte Commissur, die hintere nämlich, in 
wenigen Fällen nur beobachtet werden kann. Wenn 
auch einige Forscher die drei Commissuren als be- 
sondere beschreiben, so finde ich keine Veranlassung, 
irgend eine specielle Bedeutung jeder von ihnen zu- 
zuschreiben; vielmehr hängt ihr Vorkommen eng von 
der Oertlichkeit ab, welche die Nervenzellen in den 
vordem Hörnern oder vor denselben einnehmen. 

Mauthner macht uns auf zwei colossale Fasern 
aufmerksam, die er in der weissen Substanz des Hecht- 
rückenmarks beobachtet hat. Solche Fasern kommen 
auch bei andern Fischen vor. Betrachtet man auf- 
merksam einen Querschnitt aus dem oberen Theile 
des Fischrückenmarks bei starker Vergrösserung, so 
wird man überrascht von der colossalen Dicke vieler 
an dem untern (vordem) Theil der weissen Substanz 
sich befindenden Fasern. Untersucht man nun die 
Fasern der Wurzeln der vordem Spinalnerven, so 
findet man, dass sie bedeutend dünner sind als diese. 
Bei einer solchen Untersuchung drängt sich unwill- 
kürlich die Vermuthung auf, dass diese Fasern der 
weissen Substanz eine gleiche physiologische Bedeu- 
tung haben mit den colossalen Fasern, welche imCen- 
tralnervensystem der Neunaugen und anderer niederer 
Thiere, z.B. der Krebse, beobachtet werden. Es sind 
Fasern, die im Rückenmarke selbst ihren Ursprung 
haben und zur Verbindung der Zellen des Rückenmar- 
kes mit den Zellen der medulla oblongata, oder wo 

Mélanges biologiques. IV. 68 



— 538 — 

diese nicht existirt, mit den Zellen des Gehirns dienen. 
Meine Untersuchungen an den Hummern lassen mich 
vermuthen, dass diese Fasern aus der Vereinigung 
mehrerer entstanden sind. Diese Vermuthung durch 
directe Beobachtung an den Wirbelthieren zu bestäti- 
gen ist mir trotz vieler Mühe nicht gelungen. Nicht 
allein bei Fischen, sondern auch beim Frosche und 
bei Säugethieren kommen solche breite Fasern vor. 

Fassen wir nun die Hauptresultate zusammen, die 
sich aus den Untersuchungen des Rückenmarks erge- 
ben, welche in den letzten 7 bis 8 Jahren in verschie- 
denen Ländern nach vervollkommneteren Methoden 
und mit besseren Instrumenten angestellt worden, so 
lässt sich nicht läugnen, dass manche wichtige neue 
Thatsache aufgedeckt worden, dass aber das Haupt- 
schema der Rückenmarksstructur dasselbe geblieben, 
wie es zuerst von Bidder und der Dorpater Schule 
angegeben worden: 

Die Nervenzellen des Rückenmarks hängen nämlich 
mit den Fasern der Wurzeln der Spinalnerven zusam- 
men. Die Nervenzellen haben mehrere Fortsätze: der 
eine geht als Commissurfaden zu der andern Seite, 
der zweite geht in die vordere Wurzel der Spinalner- 
ven, der dritte geht in die weisse Substanz über, um 
dort nach oben emporzusteigen und der vierte hat die 
Richtung zu den Wurzeln der hintern Spinalnerven. 
Dass aber in die vordem Wurzeln nicht ein Fortsatz, 
sondern mehrere gehen , und dass zwischen den Zel- 
len der vordem Hörner und den Wurzeln der hintern 
Spinalnerven bei einigen Thieren noch Nervenele- 
mente vorkommen, stürzt das von der Dorpater Schule 
Ausgesprochene nicht um , sondern modifient es nur 
in nicht erheblicher Weise 

(Aus dem Bulletin, T. VII, pag. 137— 145.) 



i November 1863. 

Ein Beitrag zur Frage über die Zeitdauer, wel- 
che zur Sumpf- und Torfbildung nothwendig 
ist Von F. Ruprecht. 

Ein blosser Blick auf die speziellen Karten des Pe- 
tersburger Gouvernements zeigt, da ss die hier so zahl- 
reichen und ausgedehnten Moossümpfe in einer noch 
unbestimmten früheren Zeit Seen gewesen sind, die 
zum Theil noch jetzt nicht vollständig zugewachsen 
sind. Andererseits sind unsere grösseren Torfmoore aus 
Moossümpfen entstanden, an deren Bildung ursprüng- 
lich und hauptsächlich Sphagnum gearbeitet hat. Um 
sich hiervon zu überzeugen, wähle man die Mitte der 
zuweilen schon gangbaren Moossümpfe, in Sicht der 
noch offenen Stellen (hier Fensterchen genannt). Hier 
kann man in dem einförmigen Filz yon Sphagnum nur 
äusserst wenige Pflanzenarten anderer Ordnungen zäh- 
len. Mit dem Maasse der Entfernung gegen den Rand 
des Sumpfes vervielfältigen sich die Arten und Indi- 
viduen ; der Rasen wird immer mannigfaltiger und 
dichter durch Cyperaceen, Oxycoccos, Vaccinium uli- 
ginosum, Andromeda, Chamaedaphne, Ledum, Cha- 
maemorus, kleine Salices und Betula nana; während 
aus dem Waldrande Birken und Kiefern ihre Vorposten 
in den Sumpf hineinschicken, in welchem sie weiter 



— 540 — 

vordringend immer weniger und weniger Bedingun- 
gen zu ihrer Entwicklung finden. Die Kiefer wird 
immer kleiner, krüppliger, mit Bartmoos bedeckt, sie 
hat auffallend kleine Zapfen und kurze Nadeln und 
heisst bei Pallas Pinus sylvestris nana 1 ), bei den Forst- 
beamten humoristisch «Pomeranzenbaum.» Auf diese 
Weise wird der Moossumpf sogar in Wald umgewan- 
delt. Alle diese Umbildungen geschehen so zu sagen 
unter unseren Augen, und dennoch haben wir dafür 
kein, wenn auch nur annäherndes Zeitmaass. 

Im westlichen Europa hat man Beobachtungen über 
das Wachsthum gewisser Torfmoore gemacht, welche 
aber sehr abweichende Resultate gaben. H off mann 
fand für 50 Jahre 8 Fuss, De Luc für 30 Jahre 6 
Fuss 2 ), Lesquereux 3 ) für 70 Jahre 6 Fuss, in an- 
deren Fällen als Minimum 2 Fuss in 100 Jahren. 
Bewiesen ist, dass abgebranntes Knieholz in 40 Jah- 
ren so überwachsen wurde, dass keine Spur vom Brande 
mehr zu sehen war. Bei Kempten fand man eine alte 
beschotterte Strasse lV 2 Fuss tief unter Torf 4 ), im 
Bourtanger Moor bei Groningen liegt 2 — 3 Fuss tief 
ein Holzdamm von 2 Wegestunden Länge; beide Fälle 
wurden auf die Römerzeit bezogen 5 ). Ein solcher 
Maassstab, der aber anderen Beobachtungen wider- 
spricht, würde dem Menschengeschlechte ein ausser- 
ordentliches Alter vindiciren, denn man fand am Grunde 
solcher Moore Werkzeuge der Steinperiode: Aexte, 



1) Rupr. Symb. 1846 p. 224. 

2) De Luc Briefe 134. Lesq. p. 43. Lasius Kritik in Lesq. 134. 

3) In den Mooren von Ponts. Lesq. Unters. Torfm. 1847, S. 78. 

4) Sendtner Vegetations-Verh. Bayerns S. 648. 

5) Grisebach, Bildg. Torf. 1846. S. 69. 



— 541 — 

behauene und angebrannte Pfähle. Andrerseits würde 
man für das mächtigste Torfmoor von 40 6 ) oder 50 
Fuss 7 ) nur 200 — 250 Jahre Alter berechnen müssen. 
Augenscheinlich hängt hier alles ab von localen und 
nicht immer constanten Bedingungen , von Unregelmäs- 
sigkeiten im Wachsthume, von Verhältnissen, die erst 
noch genauer zu erforschen sind. 

Diese Beispiele sind aber für unsere Moossümpfe, 
welche es an vielen Orten noch zu gar keiner wahren 
Torfbildung gebracht haben, nicht recht anwendbar. 
Unsere Ingrischen Sümpfe sind jünger. Sie bildeten 
sich erst dann, als durch die geologische Hebung des 
Bodens das Wasser bis auf eine gewisse Tiefe abgeflos- 
sen war. Die seichtesten unserer Sphagnum-Moore, die 
bereits in Torf umgewandelt sind, haben nur 1 Fuss 
und weniger Mächtigkeit und lagern auf einer thonigen 
Schicht. Torfe von 10' Dicke sind hier keine Selten- 
heit. Sondirungen der grösseren Sümpfe sind nicht ge- 
macht worden ; man weiss nur beiläufig, dass man mit 
(dangen» Stangen keinen Grund erreichen konnte. Den- 
noch scheint es nicht, dass die Tiefe derselben be- 
deutend sei. 

So viel mir bekannt ist, hat noch Niemand das fol- 
gende Beispiel besprochen, welches, vollständig ge- 
sichert, von grosser Wichtigkeit wäre für die Bestim- 
mung des Zeitmaasses, innerhalb welchem grössere 
Seen bei uns vollständig verwachsen. Im SO Theile 



6) In Litthauen: Lesquer. Recherch. s. 1. marais tourbeux 1844 
p. 18. 113. In den Emsmooren nur bis 30 Fuss, nach Griseb. 1. c. 

7) Unger Gesch. Pflanz. 1852. S. 130. Bezieht sich vielleicht auf 
die Torfschicht bei Amsterdam, die aber mit Sandschichten ge- 
mischt ist. 



— 542 — 

des Petersburger Gouvernements, bei Tossna, nördlich 
von dem praktischen Forst Institute Lissino und SW 
von Staroe Lissino befinden sich 2 grosse Moossümpfe, 
von welchen der SO schon seit vielen Jahren durch 
eine unmittelbar aufliegende Brücke aus Querbalken 
passirbar gemacht ist. Diese 2 Sümpfe sind nun auf 
alten schwedischen Karten als 2 Seen dargestellt, und 
als solche eingetragen in die Karte Ingermannlands, 
herausgegeben 1827 von Schubert und Bergen- 
heim, nach den in schwedischen Archiven aufbewahr- 
ten Materialien von 1676. Ist diess nicht durch ein 
Missverstäudniss geschehen oder ist die ursprüngliche 
Aufnahme wahr? — das ist wohl die erste und na- 
türlichste Frage. Ich habe desshalb mit Bewilligung 
des H. General L. Blaremberg im Archive des To- 
pographischen Depot Nachforschungen angestellt, die 
zu folgenden Resultaten geführt haben: 1) Das Brou- 
illon der unmittelbaren Aufnahme dieser Gegend im 
17-ten Jahrhunderte scheint nicht mehr vorhanden 
zu sein, ist aber in allgemeinere Karten dieser Zeit 
eingetragen. 2) Eine Karte vom Jahre 1676 mit deut- 
scher Schrift zeigt diese zwei Seen. 3) Eine alte Karte 
in kleinem Maassstabe ohne Jahreszahl, mit lateini- 
scher Schrift, hat zwar diese Seen nicht, aber auch 
die sonstige hydrographische Ausführung steht im 
Allgemeinen gegen die übrigen Karten dieser Zeit zu- 
rück. 4) Eine Generalkarte zusammengestellt im Jahre 
1682, mit lateinischer Schrift, zeigt die 2 Seen. 5) Eine 
alte noch nicht benützte Generalkarte, im Ganzen über- 
einstimmend mit jener vom Jahre 1682, aber in man- 
chen Einzelnheiten correcter als alle vorigen, ohne 
Jahreszahl, mit deutscher Schrift, illuminirt, zeigt 



— 543 — 

ebenfalls die fraglichen 2 Seen in scharfen Conturen, 
grün gefärbt, wie die Newa und die jetzt bestehen- 
den Seen. Die Sümpfe haben auf dieser Karte keine Con- 
turen und sind nur grün bespritzt, wie z. B. der nahe 
Moossumpf zwischen dem Dorfe Kauschta (welches 
auf allen älteren Karten fehlt) und dem Ursprung der 
Lustowka, dessen grosse Ausdehnung von N nach S die 
Aufschrift führt „9llt Stiav fflovaä". Grosse Räume 
sind gleichförmig mit einer Figur bedeckt die entweder 
Wald oder wahrscheinlicher Sumpf bezeichnen sollte 
und dieses Zeichen ist auch wiederholt in die fragli- 
chen 2 Seen hineingezeichnet. Dass diess nicht durch 
Unachtsamkeit geschah, beweist der Umstand, dass 
alle übrigen Seen dieses Sumpfzeichen nicht haben. 
Nur ein einziger See ist ähnlich jenen von Lissino 
dargestellt, und da er auf den übrigen schwedischen 
Karten nicht angegeben ist , so fehlt er auch auf der 
1827 copirten Karte. Dieser Sumpfsee lag unweit 
der jetzigen Narwa'schen Chaussee, östlich von der 
Poststation Tschirkowitzy, reichte von Negoditzy über 
Briskowa, erreichte fastOlchowa; nach Süd erstreckte 
er sich fast bis Wärnitzy und Koskowitzy. Die neue- 
sten Aufnahmen geben ihn fast eben so, aber als Sumpf. 
Es ist als wenn diese Karte einen Mittelzustand oder 
eine Übergangsstufe 8 ) besagter 3 Seen in Sümpfe , 
also Sumpfseen ausdrücken wollte; denn gesetzt, die 
frühere Aufnahme wäre als Irrthum erkannt worden, 

8) Eine weit vorgeschrittene Umwandlung mehrerer Seen in Torf- 
Morast, Waldmoor, schwimmende Insel, mit trügerischer Decke, 15 
Werst südlich von Tula, beschrieb Abich 1854 im Bulletin XIII, 
346. Ludwig (Reise Russ. 1862) fand an der Okka bei N. Nowgorod 
die Moosdecke eines Tiefmoores nur l l / 2 Fuss dick, darunter Wasser 
und im schwarzen Moder bei 10 Fuss noch keinen festen Grund. 



— 544 — 

so war gar keine Veranlassung da, ausser der neuer- 
dings erkannten sumpfartigen Beschaffenheit, noch 
die Zeichnung als See beizubehalten. Nicht zu über- 
sehen ist, dass zur Herstellung dieser Karte Verhält- 
nisse aus den Jahren 1634 bis 1654, also unter der 
Königin Christine, Tochter Gustav Adolph's, benützt 
wurden, wie eine Notiz an der Ecke der Karte be- 
sagt. Ich erwähnte oben, dass diese Karte correcter 
als die übrigen sei; diess zeigt sich durch die zum 
ersten Mal erfolgte Angabe des Dorfes Peri (SßeriS) 
und zwar in der richtigen Lage; ferner durch das 
Weglassen des Dorfes «Lentaka», statt dessen „3?eni- 
fala ft*?" näher zur Lustowka gezeichnet ist, auf dem- 
selben Fleck wie das elende finnische Dorf gegenüber 
dem Forstinstitute Lissino, welches mir noch vor 10 
Jahren als Nenikolowa genannt wurde (Hunune der 
Russ. Karte 1834). Und dennoch ist diese colorirte 
Karte früher als 1685 gezeichnet, wie sich diess wei- 
ter unten erweisen wird. Bei diesen treffenden Ein- 
zelnheiten wäre es daher sehr gewagt, zu vermuthen, 
dass die damalige Aufnahme nach blossen Hörensagen 
gemacht sei. Diese Gegend spielte im 17 Jahrhun- 
dert eine gewisse Rolle, denn Lissino Pogost war ein 
bekannter Theil des Koporie Län und die Umgebung 
dieser 2 Seen hatte damals mehr Dörfer als jetzt. 
Ein schwedischer Landmesser, wenn er auch der fin- 
nischen Sprache nicht mächtig war, konnte wohl die 
Namen der Dörfer nach seiner Art geben, aber dass 
er einen Moossumpf von der heutigen Beschaffenheit 
für einen reinen See ansah, dazu gehört die Annahme, 
dass der Topograph seine Aufnahmen nach falschen 
Angaben im Lissina Hof oder Pastorate machte und 



— 545 — 

nie eines dieser vielen am See gelegenen Dörfer auch 
nur gesehen habe und dass auch der Gutsherr, Pastor 
und andere daselbst lebenden Personen nie ihre näch- 
sten Dörfer (auch nur auf 5 Werst Entfernung, in einer 
vorzüglichen Jagdgegend) jemals besucht hätten oder 
dass die Aufnahme im Winter gemacht sei, ohne Je- 
manden zu befragen. Alles möglich, aber nicht wahr- 
scheinlich. Es konnte aber auch, gegen die herge- 
brachte Ordnung, die Gränze des Sumpfes mit schar- 
fen Conturen gezeichnet sein und bei der Zusammen- 
stellung in die Generalkarte die ursprüngliche ord- 
nungswidrige Darstellung Veranlassung zur Zeich- 
nung 2 Seen gegeben haben. Aber der 3te See? 

Nach weiteren Nachforschungen im Archive fand 
sich eine ebenfalls noch unbenutzte sehr genaue 
und spezielle schwedische Karte vom Jahre 1685. 
Leider war sie aber für die vorliegende Frage un- 
brauchbar, denn sie zeigte nirgends Flüsse, Seen, Süm- 
pfe oder Wälder, sondern nur nutzbares trockenes 
Land, Ansiedlungen und juridische Gränzen ganzer 
Bezirke, so wie einzelner Dörfer, besonders an die- 
sen fraglichen Seen. Es war diese Karte augenschein- 
lich für den Kataster unter König Karl XI aufgenommen. 

Über die älteren russischen Karten wäre besser zu 
schweigen. Die Karten von 1764 und 1772 haben 
nicht einmal Lissino und stellen diese Gegend so un- 
richtig dar, dass man sich kaum orientiren kann. Von 
den wenigen Ortschaften sind bloss zu erklären un>ue- 
cojiona (Nenekolowa), PaMÖyjiono westlich von Trbpu 
(Peri?); auf der Karte von 1772 ist deutlich zu lesen 
Ilepu und Kaiôojioea; Seen sind nicht da. Man sieht, 
dass den Verfertigern die schwedischen Karten Inger- 

M élances biologiques. IV. 69 



— 546 — 

mannlands, die sich damals in Stockholm befanden, 
vollkommen unbekannt waren. 

Vielleicht gibt es noch andere schwedische Karten, 
Revisionen, Berichte u. d., welche ein weiteres Licht 
auf diesen Gegenstand werfen könnten. 

Ein Bedenken könnte noch sein, warum der angrän- 
zende Moossumpf von Kauschta zu derselben Zeit 
nicht auch ein See gewesen und doch als Sumpf dar- 
gestellt sei? Es ist völlig unwahrscheinlich, dass ein 
Landmesser vor 180 Jahren von Peri, Nenikala oder 
Gorki aus, weit auf einem unbewohnten Sumpfe ein- 
gedrungen sei, der nicht das geringste Interesse für 
ihn darbot und der auch jetzt noch zum grössten Theile 
unzugänglich ist, ausser etwa im Winter. Warum 
konnte damals nicht die Mitte stellenweise offene 
Seen gehabt haben? Offene Stellen sah ich selbst noch 
im Jahre 1846 bis 1851, und Reste davon sind in 
die neuste Aufnahme von 1853 übergegangen. Übri- 
gens hat der Sumpf von Kauschta seinen Abfluss nach 
Süd, jener von Staroje Lissino nach Nord; letzterer 
ist fast ringförmig geschlossen durch trockenes ge- 
hobenes Land; es sind also hier verschiedene Bedin- 
gungen. 

Aus Allen ergiebt sich als Resultat, dass es ivohl 
wahrscheinlich, aber nickt streng zu beweisen ist, dass die 
fraglichen 2 Moossümpfe noch vor 300 Jahren Seen 
waren 9 ). Aber mi t Sicherheit kann man annehmen, dass 



9) Diesem Falle kommt vielleicht unter den historisch verzeich- 
neten am nächsten: die Ausfüllung des Kanals von Oldenburg mit 
einem Torfdepot von 6 — 16 Fuss Mächtigkeit (Lesquereux Recherch. 
p. 39). Dank ver th schrieb im J. 1652, dass das Oldenburgische 
Gebiet noch im J. 1320 von dem übrigen Holstein durch einen schiff- 
baren Meeresarm (die Brockau) getrennt und eine Insel war, jetzt 
aber (1652) Oldenburg keine Seestadt mehr sei, weil die West- 
mündung gänzlich geschlossen und die Ostmüudung nur schwer zu 
Schiffe passirt werden könne. 



— 547 — 

zu dieser Umbildung mehr als 180 Jahre noth wendig 
waren. Die colorirte Karte, welche ein Alter von 
180 — 200 Jahren hat, gibt schon die erste Andeutung 
des Sumpfes. Möglich dass auch die Tradition der 
dort angesiedelten Finnen auf die Zeichnung als See 
von Einfluss gewesen ist. Dass aber diese Tradition 
weit hinauf reichte, ist sehr zweifelhaft, aus folgen- 
dem Umstände. 

Die jetzt in dieser Gegend wohnenden Finnen sind 
allem Anscheine nach vor 178 bis 188 Jahren ein- 
gewandert. Diess beweist die erwähnte Karte von 
1685. Es traten fast plötzlich andere Ortsnamen auf, 
von welchen ein Theil mit den heutigen Namen über- 
einstimmen, wie Jtuntgala (KynbroJioBo), Üatbata (Kaü- 
bojobo), $ßäräft?(e (üepeKiojio), <Smn£ä (IIIyMÖa), die 
sämmtlich auf den älteren schwedischen Karten feh- 
len (etwa mit Ausnahme von Kaipala, dass eine an- 
dere Lage hatte). Es war aber noch nicht aller Zu- 
sammenhang mit den alten Dorfnamen von 1676 ver- 
loren gegangen, denn Osmola, Golsina, Krinila, Wa- 
namoiso , Sillanpä und Sosari sind noch da als 
Ofümola, ®ii£ma, fêrtntla, ^Öamjamotfto, <8eltanpä und 
©oofart, lauter Dorfnamen, die jetzt nicht mehr exi- 
stiren, so wie eine Menge anderer in diesen Karten 
aufgezeichneter. Es ist, als wären in dem Zeiträume 
von 1676 und 1685 (welche Jahre der 1 und 2 Revision 
entsprachen, wie ich auf einem aufgeklebten Stück 
Papier auf der Rückseite dieser alten Karten las), die 
alten Bewohner grösstenteils weggezogen oder aus- 
gestorben an Blattern oder anderen Epidemien, wie 
bekanntlich auch später eine bösartige Epidemie um 
das Jahr 1710 unter der finnischen Bevölkerung Inger- 
mannlands starke Verheerungen anrichtete. Die Fin- 
nen liebten auch, bis ins vorige Jahrhundert nachweis- 
lich, sich überzusiedeln, so dass z. B. das Dorf Soanpä, 



— 548 — 

welches 1676 am östlichen Ende des 2-ten Sees lag, 
auf die Stelle kommen konnte, wo ©ont^ä 1685 an 
gezeigt ist. Aber im Ganzen hat es den Anschein, 
als ob ein anderer finnischer Stamm, oder wenigstens 
Familie die verlassenen Gegenden , in zahlreicher 
Menge in Besitz nahm, da nicht einmal der Name der 
früheren Ortschaften durch Tradition sich erhalten 
hatte und die Veränderungen der Ortsnamen in dieser 
kurzen Zeit zu gross ist. Und wie die früheren Orts- 
namen bis 1685 untergingen, ebenso wiederholt sich diese 
Erscheinung seit dieser Zeit, denn von 30 Dörfern ist 
jetzt kaum mehr die Hälfte übrig, und von dieser 
Hälfte nur noch 5 unter den früheren alten Namen. 
Nach Kopp en's ethnographischer Karte wohnen jetzt 
dort nur Finnen des Stammes Äürämöiset und nicht 
Woten (Tschuden). Der Moossumpf bei Lissino, um 
welchen sie rings herum wohnen, heisstWalassu, rus- 
sisch BommmcKoe 6oAomo, Namen die erst durch die 
neueste Aufnahme von 1853 bekannt geworden sind. 
Von Woten (Bodb oder Bomz) ist das nicht abzuleiten, 
denn es müsste Bomcnoe heissen; Bomuuua ein erbli- 
ches unbewegliches Eigenthum, macht eonmuuuoe ; viel- 
leicht von eoniua (Wotscha) finnisch-syrjänischen Ur- 
sprunges (Sjögren, Gesamm. Schrift. I, Verzeichniss 
geographischer Namen, S. 677). Es kann nicht in 
meinem Plane liegen, der Geschichte dieser Bevölke- 
rung weiter nachzuforschen, als es für die vorliegende 
Frage unumgänglich nothwendig ist. Die Naturge- 
schichte der Erdoberfläche wird aber zuweilen durch 
Archaeologie, Ethnographie und Linguistik erläutert. 
Vielleicht werden Kenner der finnischen Sprache aus 
dem hier mittgetheilten Materiale weitere Schlüsse 
machen. (Siehe die Tabelle.) 



00 

-«* 
db 

c5 



^ 

^ 



CO 



ce 



\&i 



a 
Js 

<~ es 

Is - 

|83 



o^ 






c 
W 

* s 

S 

H 



et 
CO 



BÖ 



O 



- 

o 

— 

.03 



c5 

> 

•I— « 

O 
CO 

o 
a: 



00 



CM 



o 

CO 

03 



o m >> 
:oâ -p B 

S- «5 

t, 3 tf 
03 N © 

S : B s 

° fi h 

-.03 

I- 1 — 

5 03 'S 

03 o •— ■ 

.O .£ 

co >- 

p 03 ^ 
3±^ R 

= ^£ 

.03 



Q oo' 

03 

CO Kjj 

oo 'S 

- I 

i-s S 



o a 

> ^ 

03 ce 

C3 <—, 

S-i / — > 

A ° 
^© CN 

16 

, <-j Ct 

"co ^ 
O 

G co 

03 p 

5^ 

© Ö 

S C5 

03 r-H 

fcO . 

© a 

CO '- 

03 5 

^^ 

e /-T 
O l> 

> r-l 

■p ci 
•p -*j 

CO 

co 

M 



'"S 

99 

i- 
03 

co 

ä 

c 
> 

£3 



03 



CO 

rP ^3 ^*— 

s S 

B c£-£ 
B fo ö 

•+^ a 5 
'S ' go 

Sh 03 © 
©äO 

•S o .2 

CO 

sog 

-B S CO 

.S § CO 

p P A 

a S. 






c cjû 

p 03 
Si ^ 

° s^ 

03 ^ 9 fe 
s~ co O 

S m 03 ri 



'S 8)^0 

^ 's ^ ë 

Ö* o o 






03 



C3 SO 



r/5 ~ 



i2 b ^ .22 co t- > 



s^ g G S 

'O °3 p ^ 

<W S > Ä 
° Ç o 

^ CO 



Sh 22 
^^ 
*& 

C3 ^ 5 

S . 
p5 

^ i5 

^-^ o 

c i 

• — co 

03 Q 

o^ C 

.> 

c . 
"^ — ' et 

.S ."2 

CO S 

•© aj 
S s- 

cä 03 
O _k> 

ëO 

03 .„ 
^2 Ü 

P *° 
c^C , 

60 cl 

WW 

03 g 

o o 
^ ci 

03 S 

C3 " 

03 
O *C 

'O S 

03 P 
CJD 

TS M 

c .22 

co ^ 
È> 

00 CO 



cT.S 

^^ 

co C 

p ?3 

i-J 03 

" ig 

d et 

■S« 

03 c3 

^ co 

^^ 
et p 
"g cS 

1-3 ^3 

03 pii 
:p ^ 

. . 5-> 

03 

CO ^ 5 

o° 

1— I --p 



03 

C c3 

O ce 

co s 

o 

î> S3 



c3 

co 
O 



CM 

CN 



03 



£.2 

£ .22 

^ 03 

'S c 

• P 03 
. f CO 



CO' >• 

03 . - 
> Cv- 

3 

r- 
U 



O co 

> es 

|i 

^ co 
^ c* 

03 is 

< ce 
M 

03 



et .S 

£ 03 

o co 



03 P 

P Ct O 

ct^Zi 

p^ s 

co r^ 



03 S 



te 

03 



g£ 



co 5 

I Ö) 



Melanges biologiques. T. IT. 



Zu pag. 548. 



Historische Vergleichung der Wohnorte um den Sumpf Walassu (Wotschinskoje boloto), ehemals 
See im Caporie Län, Lissina Pogost (Ingermannland). 



Bttss. Aufnahme Schubert's 
1834. 



1. IorJie3n (Joglesi) 

2. IIonoBKa (Popowka)... 

3. CïapoeJlHCHHO,27j,yiii.! 
Alt-Lissino, 27 m. Seel. j 

4. KyHfcrojioBo (Kungolowo) 

5. XajhiKOBo (Chalikowo). 





6. KaßBOJiOBO (Kaiwolowo) 
7 Ilorn, 22 nymi, (Pogi).. 
8. JIopBiijioBO (Lorwilowo) 
9.PbiHftbiJieBO (Ryndyl ewo) 







Schwedische Original-Karte 
1685. 



Schv.-cd. Karte 
copirt 1682. 

1. £>iJmola Osmola 

2. (Süjttta Gelsinoa 

3. Son (Spcri?) Perola 

4. Sgoln Ligala 

5. ^ertigotua 

6. i'Dlma SSfabipa ) T , -, 

7.«fofe»*tf(fa ..[ S'mà"'. [. V. 

8. îlgaufhiffa Pastorat.) 

9. Äunigalo 



Ofkona.. 
a. 



10. Simofea Iwana. 

11. SiUa Äatöfu 



12. .ftaibala 

13 spolnos bt) 

14. SBaiignmoifio 

15. (Sttnila 

16. Kifala bi) 

17. Wo (bei 9lifa(a).. . 







lO.nepn(PeriamSW.-Eude) 18. «Perotvo bi). 



Wanamoisio 

Krinila 



Pistola (zwischen Of- 
kona und Kaipala. 





11. rjepeKKMio (Perekülo). . 



12. IHyaiöa (Schumba) 







13. Pan6oJiOBo(Rambolowo) 









19. spciräftjle 

.... 

20. (Sompä 

21. SSkinfmta . . . 

22. Äaprenm 

23. Seltanpä 

.... 
... 

24. Äimiparfala. 

.... 



Koripandola. 

0.. 

.. 

.. 
Sillanpe 

0... 
Usadissa 

.. 

.. 



25. ©ölfiö bt) Selgova 

14. Mbi3a PaAOi>HHHKHHa (Landgut des Hrn. Radofinikin) liegt nördl. von ycaj,Hiu,a 

Kopara 

26. Soofart Sosarj 

15. KwpnojiOBO (Kirpolowo) 27. Ssorfowa 



Schwed. Karten Schived. Original-Karten 

1676, copirt 1827. 1676 und ohne Jahreszahl 

1. Osmola Öfmola, ßfmaln. 

2. Golsina ©elfuioa, ©oljina. 

3. Perola perola, *Pou()ila. 

4. Ligala fiigala. 



5. Lisina Sipla. 

6. LisilaHoff fiiftllc £of- 

kaum « Kaugila » (welches 

hart bei Lissino). 

7. Iwano Iwanna (2 mal deutlich). 



8. Ofkina £>ff Olta, Ofkana 2 mal. 

9. Kaipala Änipnlo. 



10. Ranamoisio Sffianampifio, Wanamoisn. 

11. Krinila Ärinilfl. 



Çpiftdaj, Pistola (zwischen 

Ofkaua und Krinila). 

9)eriö (bloss auf der colo 

rirten Karte). 



12. Koripandila Äoripcmbila, Äoripanbola. 







13. Sillanpä Sillattpc. 



14. Usadissa. .. , SBfobifm. 



15. Gorenits ©orenife, ©oroittj, Vöronitz 

(auf der illum. Karte). 

16. Sellgowa ©elgonxi. 

lüsadissa). 

17. Kopara Äopara. 

18. Soseri eofari, Sofarn. 





Auf der Ost- Seite des 2ten Sees von S. nach N. lagen folgende Orte: 



o 

(3 Ct. JIhchho). 



1685. 

28. @t)Dtô<5 bl) 

29. spärörobo bt) 

30. ©oirifarj 

31. .fttjrforoo, 

32. ©efenabi' 

0.... 

o ... 

(fiufma) 



1676 (1827 edirt). 



19. SoSnpä Soanpeh. 

Sarosilka 20. Saresilka ©nrefilfa. 

(Lisila) (Lisina) (fiiflla.) 



Sudlich von dieser Gegend befinden sich auf der Karte vom J. 1834 die Dörfer Gorki (n. 16) am Fl. Suida, 
Kawschta (n. 17), Ninike (n. 19) und Lustowka (n. 20) am Bache Lustowka (n. 18, 18). 

Ausserdem bestehen jetzt nicht mehr mehrere Orte östlich von Saresilka, wie z. B. Tersowa (n. 21), Seseiva 
(n. 22). Einige Namen der Karte vom Jahre 1685 waren nicht mit Sicherheit zu entziffern und bedürfen einer paläo- 
graphischen Revision, auch waren, einige Punktirungen und Ortszeichen in Folge des Alters oder Benützung der 
Karte verwischt; zwischen Lissino und Sesenabi liegt (n. 33, 33) die Gegend «Stmofa öbe», vielleicht THiuo*es ny- 
CTonii.?; «by» = schwedisches Wort für Dorf. 

Auf der Karte von 1827 sind folgende alte Wege angegeben: Von Ranamoisio (n. 10) ein (Winter?) Weg über 
den Kauschta-Sumpf nach SW bis zum Dorfe Kunanowa hart bei Gorka an der Suida. Von Osmola (n. 1) nach N bis 
zum Dorfe Uskina an der Tosna. Von Soânpe (n. 19) 3 Wege: SSW über Lentaka nach Neinkala an der Lustowka; 
— SO zum Dorfe Martinowa an der Tossna — und zum Dorfe Alakilla by an der Tossna, von da führte auch ein 
gerader Weg zum Dorfe Seseiva (n. 22). 



— 549 — 
Nach der russischen Aufnahme im J. 1834. 




Nach der schwedischen Originalkarte vom J. 1685. 















d 














j äOOO 














a 












/ %*9 "■•• 


£ 


a , ° 








'• . . i £3oo } 






• ----r-V'tfa-'"; 




\ 




v -..-< 




-;;; „jry<s?.^ 




\f«*° 








J 5 \ : ik° \ 


> 


' . *. 


'^33 


— -V.l.V-^ 








i?rf \r 




«5n r''^°\> 


i 


52° /""'•-. 




—>.(. f'i--''' 








! > '" 




49 - 


■-. 


.' 




1 #* \ *% 








; a G 




* 




"•' 1ù 


' 


--2/---\^ 




/'"'■'" 


**—' 




, 


49 r, 




°&3°° D °/ 




'-••''' : 






.'"— 










', 


"\ 




ta ; 




22 






*•■ i 


V, 




'. o ' 
















•"/Vf...' 










■ : 


25 





— 550 — 

Nach schwed. Karten vom J. 1676, copirt 1827 




■ i i r~r '" 



(Aus .lern Bulletin, T. VII, p. 148 — 158. 



23 December 1863. 

Über die feine Structur des Kleinhirns der Fi- 
sche, von Ph. Ofsjannikof. 

Es wäre überflüssig bei der Beschreibung der Me- 
thode mich aufzuhalten, derer ich mich bei Anferti- 
gung der Präparate bediente. Es ist die bekannte 
Methode, die in der letzten Zeit bei hystologischen 
Untersuchungen des centralen Nervensystems fast 
allgemein angewendet wurde. Härtung der Präpa- 
rate in Chromsäure , Färbung der feinen Schnitte 
mit carminsaurem Ammoniak. Nur füge ich noch 
Folgendes hinzu. Nachdem die Schnitte sich gut ge- 
färbt haben, spüle ich sie ein paar Mal mit Spiritus 
aus, trockne denselben ab und benetze dann die Prä- 
parate mit Creosot. Sie werden dann in einigen Mi- 
nuten durchsichtiger. Das Creosot ist besonders von 
Kutschin, Prosector des Physiologischen Instituts in 
Kasan, mit grossem Erfolge angewendet worden. Ich 
muss gestehen . dass das Creosot viele Vorzüge vor 
andern zu diesem Zwecke angewendeten Mitteln be- 
sitzt. Sind die Präparate durchsichtig, so legt man 
auf dieselben einen Tropfen Damarlack oder Canada- 
balsam und bedeckt sie mit einem Deckgläschen. Zur 
Erforschung einiger besonderer Verhältnisse des Cen- 



— 552 — 

tralnervensystems leistet die verdünnte Schwefelsäure 
sehr gute Dienste. 

Schon an dem Querschnitte des frischen kleinen 
Gehirns kann man mit blossem Auge die wesentlichen 
Theile desselben erkennen. In der Mitte sehen wir ei- 
nen grauen Punkt, den Centralcanal, von beiden Seiten 
desselben röthliche Streifen, Gefässe; dann die weiss- 
liche Masse, Nervenfasern nebst Kernen; sie wird be- 
grenzt durch einen Ring von schwachgrauer Farbe, 
die Rindenschicht. Zwischen der Rindenschicht und 
der weisslichen Masse bemerkt man einen mehr tief- 
grau gefärbten Strich, es ist die Grenzschicht, wo sich 
zuweilen eine einfache , zuweilen aber auch eine 
mehrfache Lage von Nervenzellen befindet. Um aber 
eine tiefere Kenntniss in die Struckturverhältnisse 
zu erlangen, muss man schon zu Chromsäurepräpa- 
raten seine Zuflucht nehmen. An einem solchen fei- 
nen gut zubereiteten Querdurchschnitte sieht man Fol- 
gendes. In der Mitte oder etwas mehr nach unten 
d. h. zur untern Fläche, bemerkt man den Centralcanal 
oder die Centralhöhle. Das Epithel hat zuweilen Flim- 
merhaare und zuvveilen keine Es ist mir selbst nicht 
selten begegnet, dass im kleinen Gehirn , besonders 
bei grossen Fischen, die Centralhöhle gar nicht exis- 
tirte. In der Nähe der Centralhöhle finden wir Binde- 
gewebe, grössere Stämme von Blutgefässen, Nerven- 
fasern theils in grösseren, theils in kleineren Bündeln 
zusammenliegend. Diese Bündel haben ihre Richtung 
von innen nach aussen. Je mehr sie sich der Peri- 
pherie nähern, zerfallen sie in kleinere Bündel nnd 
schliesslich in einzelne Fasern. Diese Nervenfasern 
sind sehr dünn, gehören zu den feinsten, die wir über- 



— 553 — 

liaupt im thierischeu Organismus vorfinden. Frisch 
untersucht bemerkt man an ihnen perlschnurartige 
Anschwellungen, die auch an allen andern feinen Ner- 
venfasern leicht zu sehen sind. Hier haben die Fasern 
deutlich ihre drei Bestandteile Cvlinderaxis, Nerven- 
mark und die Nervenhülle. Die Cylinderaxis ist nur 
an Chromsäurepräparaten gut zu sehen, jedoch selten 
so schön wie im Kleinhirn der Säugethiere. Die Ner- 
venfasern färben sich mit carminsaurem Ammoniak 
roth, aber viel langsamer als das übrige Gewebe des 
kleinen Gehirns. Legen wir einen Querschnitt nur 
auf kurze Zeit in Wasser, zu dem einige Tropfen car- 
minsauren Ammoniaks beigefügt sind, so färbt sich al- 
les roth, während die Bündel gelblich erscheinen. 
Auf diese Weise kann man ihre Lage genauer Studie 
ren. Sie erscheinen als rundliche oder längliche In- 
seln von verschiedener Grösse, umgeben von röthlich 
gefärbten Elementen der sogenannten Körnerschicht. 
An der Grenze der Körnerschicht und der Rinden- 
schicht, im Räume, wo die Nervenzellen liegen, findet 
man auch Nervenbündel, die sich durch ihre gelbe 
Farbe leicht unterscheiden lassen. Diese Bündel ha- 
ben eine der Oberfläche parallele Richtung, also eine 
andere wie die übrigen, und ihre Dicke ist nie sehr 
beträchtlich. 

Verfolgen wir die Fasern der früher beschriebenen 
Bündel, wo sie schon einzeln zu 2, 3, 4 oder 5 lie- 
gen, so wird es uns bei sorgfältiger Untersuchung und 
starker Yergrösserung möglich werden, den Zusam- 
menhang der Fasern mit den sogenannten Kernen zu 
sehen. Die Nervenfaser giebt feine, kaum messbare 
Seitenzweige, die mit den Kernen zusammenhängen. 

Mélanges biologiques. IV • 70 



— 554 — 

Auf diese Weise geschieht es, dass jede Nervenfa- 
ser, bevor sie zu der Nervenzellenschicht gelangt ist, 
eine vielfache Verbindung mit den Kernen eingehen 
muss. Mit wie vielen Kernen eine Nervenfaser sich 
verbindet, ist schwer zu sagen, jedoch muss ihre Zahl 
recht gross sein, wenn man berücksichtigt dass zu- 
weilen ein kleiner Theil der Faser mit 15 — 20 Kernen 
zusammenhängt. Natürlich gelingt es fast nie, eine 
Faser in ihrem ganzen Verlaufe zu untersuchen. 

Die Verbindung der Nervenfasern mit den Kernen 
ist längere Zeit bezweifelt worden. Dieses hat seinen 
Grund in der Schwierigkeit des zu untersuchenden 
Objectes. Gerlach, welcher das Kleinhirn des Men- 
schen untersuchte, will die Verbindung der Kerne mit 
doppelt contourirten Nerven beobachtet haben. Seiner 
Ansicht ist auch Hess, welcher seine Untersuchungen 
am Cerebellum des Menschen, der Säugethiere und der 
Fische angestellt hat; dagegen spricht sich aber Köl- 
liker, einer der tüchtigsten und vorsichtigsten For- 
scher, sehr zurückhaltend aus. Eines Theils hält er die 
Kerne für indifferentes Stroma der Bindesubstanz zur 
Stütze des zarten Nervenplexus, anderen Theils hält 
er für wahrscheinlich, dass alle Nervenfasern mit den 
Kernen verbunden sind. Diese letzteren ist er nicht 
abgeneigt als Zellen zu bezeichnen. 

Stieda 1 ) endlich, der uns eine sehr schöne und 
werthvolle Abhandlung über das Centralnervensystem 
der Fische gegeben hat, erklärt sich gegen Hess und 
G er lach und glaubt, dass unsre gegenwärtigen Hülfs- 



1) Über das Rückenmark und einzelne Theil e des Gehirns von 
Esox Lucius. Inaugural - Abhandlung von Ludwig Stieda p. 23. 
Dorpat 1861. 



— 555 — 

mittel zur gültigen Entscheidung dieser Frage nicht 
hinreichend sind. Stieda hat keinen Zusammenhang 
der dunkelrandigen Nervenfasern mit Kernen gesehen, 
obgleich er sich, wie er selbst sagt, anhaltend mit der 
Frage beschäftigt hat. Er sah zuweilen kurze Fädchen 
an den Kernen, jedoch konnte er sich nicht überzeu- 
gen, ob sie nervöser Natur seien oder etwa ein durch 
Chromsäure hervovgerufenes Gerinselproduct. 

Meine Untersuchungen schliessen sich an die von 
Hess und Gerlach. 

Ausserdem dass ich direct den Zusammenhang der 
doppelt contourirten Fasern mit den Kernen vermit- 
telst feiner Zweige gesehen habe, so habe ich auch an 
den gesonderten Kernen sehr oft ziemlich lange Fort- 
sätze beobachtet. Sie waren zwar sehr fein und blass, 
es konnte aber doch an ihnen, bei 700 — 1000 Ver- 
größerung, eine Varicosität entdeckt werden. Dort wo 
die Fortsätze von den Kernen abgingen, waren sie et- 
was dicker als in ihren übrigen Theilen. Es muss nun 
die Frage beantwortet werden, ob diese Elemente als 
Kerne oder Zellen zu bezeichnen sind, und ob diesel- 
ben zu Bindegewebe zu rechnen sind, oder ob sie nervö- 
ser Natur sind. Schon der Zusammenhang dieser Ele- 
mente mit den Nervenfasern ist ein hinlänglicher Grund 
sie für Nervenelemente zu erklären. Diese Ansicht 
wird noch unterstützt durch Behandlung dieserElemen- 
te mit Reagentien, welche das Bindegewebe zerstören. 
Es lässt sich überhaupt kein besonderer Grund anfüh- 
ren, zu welchem Zweck ein solches Bindegewebestroma 
im thierischen Organismus sich an einer solchen 
Stelle befinden sollte. Vielmehr muss das häufige Vor- 
kommen solcher Kerne an Nerven , im Centralsystem 



— 556 — 

und in den Sinnesorganen in uns die Vermuthung er- 
wecken, dass diese Gebilde eine wichtige Rolle in der 
Function des Nervensystems zu spielen bestimmt sind. 

Warum S tied a den Zusammenhang der Fasern 
mit den Zellen nicht gesehen hat, erkläre ich mir durch 
die Methode, die er bei seinen Untersuchungen ange- 
wendet hat. Er hat die Marksubstanz mit Nadeln zer- 
rupft, um die Kerne zuisoliren. Die Nadeln sind aber 
gar zu grobe Instrumente, um nicht mit ihnen eine 
grosse Zerrüttung in dem zu untersuchenden Präpa- 
rate anzurichten und die Kerne wirklich isoliren zu 
können. Besser ist es, wenn man ganz dünne Schnitte 
aus dem in Chromsäure oder Spiritus halberhärteten 
Gehirne macht, den Schnitt auf eine Glasplatte legt, mit 
einem Deckgläschen bedeckt und auf dasselbe einenklei- 
nen Druck ausübt. Das zu untersuchende Object wird 
comprimirt, das ganze Gewebe rückt auseinander, und 
nun kann man das Verhältniss genauer studieren. Um 
übrigens in diesem Punkte ins Klare zu kommen, kann 
man auch vollkommen erhärtetes Gehirn und auch 
ganz frisches benutzen. 

Untersucht man die genannten Gebilde bei starker 
Vergrösserung 700—1000 (ocul. 3 und 4. Obj. 9 u. 
10 à immersion Hartnack), so findet man in ihrem 
innern Bau, in der fein granulirten Masse, die ihren 
Inhalt bildet, und ihrer mattgrauen Farbe viel Aehn- 
lichkeit mit dem Inhalte der Nervenzellen. Noch ein 
Grund mehr, sie für Gebilde nervöser Natur zu halten. 

Die Zahl der Fortsätze , welche man an ihnen fin- 
det, ist verschieden, selten über 4. Diese Fortsätze 
sind so zart, dass sie oft abreissen, und dann findet 
man die Kerne, namentlich in frischen Präparaten, 



oo / — 

häufig umherschwiininend. Chromsäure färbt die Kerne 
gelb, Carmiu-roth. 

In den Kernen habe ich nicht selten an frischen 
Präparaten centrale, rundliche, hellere Körperchen 
gesehen. An andern Präparaten (z.B. beim Adler) sah 
ich einen schwachen Ring um den Kern, der aus grau- 
er fein granulirter Masse bestand. 

Einige von den Kernen waren deshalb den kleinen 
Nervenzellen in höchstem Grade ähnlich. Beide Bil- 
der sprachen dafür, dass wir es hier mit kleinen Nerven- 
zellen zu thun haben. Weil wir aber häufig Elemente 
antreffen, in denen der Kern nicht zu sehen ist, so 
würde ich diese Gebilde als Kerne bezeichnen. 

Die Grenzschicht. Zwischen den Kernen und 
der Rindensubstanz ist eine feine Schicht, welche dem 
blossen Auge als Linie erscheint, wie ich schon oben 
erwähnt habe. Diese Schicht ist bei Fischen breiter, 
als bei Säugethieren, da man hier ausser den Nerven- 
zellen auch ganze Bündel von Nervenfasern antrifft, 
deren Verlauf der Gehirnoberfläche parallel ist. Die 
Nervenzellen liegen auch weniger regelmässig, als bei 
höhern Thieren und weichen auch in der äusseren 
Form etwas von diesen ab. 

Die Form der Zellen auf den Präparaten ist ver- 
schieden, bald sind sie rund, bald dreieckig, bald spin- 
delförmig. Die runde Form ist eine zufällige und ent- 
steht, wenn die Zelle quer durchschnitten wird. Die 
häufigste Form, der man auf guten Schnitten begeg- 
net, ist eine spindelförmige. Die dreieckige Form, 
wo die Zelle auch 3 Fortsätze ausschickt, kommt 
gar nicht sehr selten vor. Auch habe ich Zellen mit 4 
Fortsätzen gefunden. 



— 558 — 

Jede Zelle besitzt einen Kern und ein Kernkörper- 
chen. In denen mit Carmin gefärbten Präparaten färbt 
sich das Kernkörperchen nicht selten roth, der Kern 
bleibt weiss; der Zelleninhalt färbt sich immer roth. 

Man hat, wie ich glaube, bis jetzt demUmstande we- 
nig Aufmerksamkeit geschenkt, ob die Zellen eine 
Membran besitzen. Die Untersuchung, die ich früher an 
den Zellen des Rückenmarks beim Petromyzon und an 
den Ganglien der Krebse angestellt habe, zeigten mir, 
dass alle Nervenzellen eine Membran besitzen, ob- 
gleich dieselbe so fein ist und so eng an den Zellenin- 
halt sich anlegt, dass man mit grösster Schwierigkeit 
ihre Existenz nachweisen kann. Hier ist die Sache 
nicht leichter. Um sich darüber eine Gewissheit zu 
verschaffen, ist man genöthigt, Tausende von Zellen 
und zwar in verschiedenem Zustande, frisch, aus Chrom- 
säure, mit Carmin gefärbt u. s. w. durchzusehen. 

Nach meinen Untersuchungen denke ich die Ueber- 
zeugung gewonnen zu haben, dass die genannten Ner- 
venzellen alle eine Membran besitzen, die sich auch in 
die Rindenschicht erstreckt, und den Zellenfortsatz 
überzieht. 

Indem ich hier auf die Zellenmembran aufmerksam 
mache, bin ich keienswegs der Meinung, dass eine 
Nervenzelle durchaus eine Membran haben müsse, wie 
man früher von jeder Zelle es angenommen hat, son- 
dern ich glaube, dass eine specielle Untersuchuug 
nichts aus den Augen lassen darf, und es wäre wün- 
schenswerth, dass die späteren Forschersich über die- 
sen Gegenstand genauer aussprächen. 

Die Grundform der Zelle ist eine spindelförmige; 
der eine Fortsatz, der auch immer am deutlichsten 



— 559 — 

und häufigsten zu sehen ist, geht fast immer in gera- 
der Richtung in die Rindenschicht, während der an- 
dere, diesem entgegengesetzte, der nur an einigen we- 
nigen Zellen verfolgt werden kann, in die Kernschicht 
hinläuft und dort eine vielfache Verbindung mit den 
Kernen eingeht. 

Häufig sieht man die Zellen in ihrem Längsdurchmes- 
ser der Oberfläche parallel gelagert. Dann kann man 
auch die Fortsätze ziemlich weit verfolgen. Nachdem sie 
eine Zeitlang in gerader Richtung verlaufen, sieht man 
den einen doch in die Rindensubstanz eingehen, wäh- 
rend der andere sich unsern Blicken entzieht. 

In den Fällen wo man eine Zelle mit 3 Fortsätzen 
sieht, geht der eine in die Rindenschicht, der andere 
geht eine Zeitlang zur Grenzschicht, verschwindet 
dann, während der dritte sich in die Kernschicht be- 
giebt. Die Frage, ob der zweite Fortsatz noch in die 
Rindenschicht eintritt, oder dazu bestimmt ist, aus dem 
Kleinhirn auszutreten, mag ich nicht entscheiden. 

Die Rindensubstanz besteht aus den dicht an 
einander, meist parallelgelegenen Fortsätzen der Grenz- 
zellenschicht, die in bindegewebiger Grundmasse ein- 
gebettet sind. Diese Substanz hat auf Längs- und 
Querschnitten ein radieres Ansehn. Ihre ganze Masse 
besteht fast nur aus Zellenfortsätzen , und ein sehr 
geringer Theil kommt dem Bindegewebe zu. Aus die- 
sem Grunde haben wir ein volles Recht, dieselben mit 
den Platten der electrischen Organe zu vergleichen, 
wie schon einige Forscher es gethan haben. Bekannt- 
lich ist in den Blättcheu jener Organe der Fische die 
Verbreitung der Nerven eine sehr reiche; die Blätt- 
chen bestehen fast aus Nerven allein. Die Rindensub- 



— 560 — 

stanz bildet eine so fest zusammenhängende Masse, 
dass es nur mit der grössten Mühe und zwar mit Be- 
nutzung einiger Reagentien und besonderer Manipu- 
lationen gelingt, kleine Stücke der Zellenfortsätze ab- 
zusondern. Die Zellenfortsätze haben an ihrem Ur- 
sprünge eine ziemlich bedeutende Dicke, ja sie sind 
selbst dicker als die Nervenfasern der weissen Sub- 
stanz des Kleinhirns. Verfolgt man sie zur Peripherie, 
so sieht man sie an Dicke zwar abnehmen, aber sehr 
allmählich. 

Während man die Theilungen der Fortsätze in der 
Rindenschicht bei höhern Thieren in jedem Präparate 
leicht sehen und ebenso an den getheilten Ästen 
noch immer feinere und feinere Theilungen beob- 
achten kann , findet man solche Verhältnisse bei 
den Fischen nicht. Hier kann man die Fortsätze von 
ihrem Ursprünge, von der Zelle bis zu der Peripherie 
verfolgen. Nur ausnahmsweise selten gelingt es, die 
Theilung des Fortsatzes zu sehen, und dann nur an 
seinem peripherischen Ende. 

Gelingt es uns zuweilen, einen Fortsatz von den 
übrigen zu trennen, was nur in Bruchstücken gesche- 
hen kann, so erscheinen die Contouren desselben nie 
eben und gerade, sondern man bemerkt an den Fort- 
sätzen feine kurze kleine Härchen, mit welchen der- 
selbe dicht von allen Seiten in seinem ganzen Verlaufe 
besetzt ist. 

An dem peripherischen Ende des Fortsatzes, wo 
derselbe dünner wird, werden die Härchen etwas län- 
ger. Eine genauere Untersuchung derselben führt mich 
zu der Annahme, dass dieseHärchen feineÄste derFort- 
sätze sind. Es ist höchst wahrscheinlich, dass die ein- 



— 561 — 

zelnen Fortsätze durch diese feinen Äste mit einander 
zusammenhängen, denn sonst Hesse es sich schwer er- 
klären, warum es so selten gelingt, die Fortsätze von 
einander zu trennen. Es bleibt noch eine Frage zu 
beantworten, ob diese Fortsätze nackte Axencylinder 
sind, oderobsie eine sieumkleidende Membranbesitzen. 
Es gelang mir in den feinen Schnitten der halb erhär- 
teten Rindensubstanz aus dem Kleinhirn der Fische, 
durch Druck auf das Deckgläschen, Risse hervorzu- 
bringen, in denen ich bei starker Vergrösserung meh- 
rere feine Spinngeweben ähnliche Faden bemerkte, wel- 
che das Aussehn feiner Nerven hatten. In einigen 
vereinzelten Fällen glaubte ich an ihnen eine Yarico- 
sität zu bemerken. 

Übrigens wenn wir an den Zellen der Grenzschicht 
die Existenz einer Membran zulassen, so hat es für 
uns nichts Befremdendes, wenn dieselbe sich auch auf 
den Zellenfortsatz erstreckt. 

Ausser der radieren Streifung in der Rindensub- 
stanz bemerkte ich sehr oft, besonders an der Basis 
des Kleinhirns, eine Längsstreifung. Stieda 2 ) hält 
diese Streifung für eine Eigenthümlichkeit der Grund- 
substanz. Ich will nicht in Abrede stellen, dass die 
Grundsubstanz zuweilen die Ursache einer solchen 
Querstreifung ist , finde aber dass eine solche auch 
häufig einerseits von den, an den Fortsätzen sich be- 
findenden, feinen Härchen bedingt wird, andererseits 
habe ich mich überzengt, dass zuweilen dieselbe durch 
wirkliche Nerven hervorgebracht wird. 

Die Rindensubstanz umgiebt das Kleinhirn der Fi- 



2) Stieda p. 25. 

Mélanges biologiques. IV. 71 



— 562 — 

sehe nicht vollkommen regelmässig von allen Seiten, 
sondern fehlt in der Mittellinie desselben, an der obern 
und untern Fläche, und anstatt der radieren finden 
wir dort eine Längsstreifung. 

Ausser dem Kleinhirne der Fische (Brachsen, San- 
der, Hecht, Barsch u. s. w.) untersuchte ich dasselbe 
beim Frosch, Adler, Huhn, Ochsen und beim Men- 
schen; überall sah ich einestheils den Zusammenhang 
der Fasern der weissen Substanz mit den Kernen der 
Kernschicht, anderntheils den Zusammenhang der 
Grenzschicht mit denselben Kernen, die ich zu den 
Nervenelementen und nicht zu Bindegewebe zähle. 
Das Verhalten der Zellenfortsätze in der Rindensub- 
stanz scheint aber bei verschiedenen Thierclassen ver- 
schieden zu sein. 



(Aus dem Bulletin, T. VII, p. 157—166.) 



26 Februar , ~ n* 
9 März 

Über Periderma und Kork, insbesondere die Re- 
produktion des Lederkorks unserer einheimi- 
schen Birke (Betula alba), von Dr. C. E. v. 
Mercklin. 

(Hierzu eine lithographische Tafel.) 

Die gewissen Parenchym-Zellen und ganzen Lagen 
dünnwandigen lebenskräftigen Parenchyms zukom- 
mende Eigenschaft, in sich neue Zellen zu erzeugen 
und gleichsam eine Reproduktion regelmässig abster- 
bender oder zufällig zu Grunde gerichteter Zellen- 
schichten zu Stande zu bringen, hat die Aufmerksam- 
keit der Botaniker schon wiederholt auf sich gezogen. 
Sowohl in Axen- als Blattorganen, und durch fast alle 
Abtheilungen des Pflanzenreichs, die niedrigen nicht 
ausgenommen, sind bestimmte Parenchymzellen vor- 
handen, die eine lange Zeit hindurch das Vermögen 
besitzen, sich aus sich selbst wiederzuerzeugen, gleich- 
viel, ob sie durch Verwundungen, klimatische Einflüsse 
oder andere Eingriffe, der sie schützenden Oberschicht 
beraubt wurden. Ich erinnere nur an die verschiede- 
nen Arten der Vernarbungen, welche an krautigen 
Theilen vorkommen , und wo sich unter der abster- 
benden Wnndfläche eine Lage eigentümlichen, meist 
korkartigen Gewebes aus dem darunter liegenden Pa- 



— 564 — 

renchym hervorbildet, das sich zum natürlichen Ver- 
bande für die Wunde gestaltet. Hierdurch schon wird 
das Parenchym zu einem nicht minder wichtigen Ge- 
webe für die Pflanze, als das Cambium, dem eigent- 
lich nur ein periodisches Wachsthum in bestimmten 
vorgeschriebenen Richtungen zukömmt. Nirgends je- 
doch im Pflanzenreiche wird diese reproducirende 
Thätigkeit des Parenchyms in so grossem Maassstabe 
zur Erscheinung gebracht, als in dem Rindensysteme 
unserer dicotylen Holzgewächse. 

Ich beabsichtige hier zu den vielen in dieser Be- 
ziehung nachgewiesenen Eigentümlichkeiten noch ei- 
nige, unserer einheimischen Birke (Betula alba) zu- 
kommende, hervorzuheben, die auch in technischer 
Hinsicht der Beachtung nicht unwerth erscheinen 
dürften. 

Nach den für alle Zeit musterhaften Untersuchun- 
gen Hugo von Mohl's über die Rinde der baumarti- 
gen Dicotylen 1 ), denen die Arbeiten Schacht's, Han- 
stein's u. A. 2 ), sowie meine eignen 3 ), an Holzgewäch- 
sen unserer Flora gefolgt sind, lässt sich im Allgemei- 
nen die Rinde derselben im entwickelteren Alter als aus 
dreien histiologisch verschiedenen Schichten bestehend 
betrachten, wenn wir dem allgemeinen Sprachgebrauch 
folgend, zur Rinde alle diejenigen Schichten und Fa- 



1) Untersuchungen über die Entwicklung des Korks und der 
Borke auf der Rinde der baumartigen Dicotylen. 1836. Vermischte 
Schriften. 1845, XIV - XVII. 

2) Die Untersuchungen von Sanio über den Bau und die Ent- 
wicklung des Korkes (in Pringsheim's Jahrbücher der wiss. Bo- 
tanik) sind mir noch nicht bekannt. 

3) Palaeodendrologikon rossicum. St. Petersburg 1855. — Ana- 
TOMÎH Kopu h ApeBecHHfci cTeöjifl pa3Htixi. ji-fecHHX-b AepeB-B H KV- 
cTapHHKOB-b PocciH. C. IIeTep6ypr~h 1857. 



— 565 — 

serbündel rechnen, welche ausserhalb des Gesammt- 
Cambiums liegen und sich so leicht vom Holzkörper 
abtrennen lassen. Es sind also mit einbegriffen die 
Bastbündel mit ihrem Parenchyme und die sie durch- 
setzenden Markstrahlen, wie wohl, ihrer Entstehung 
nach, diese Bildungen einen Bestandteil des Gefäss- 
bündels mit ausmachen, und die Rinde in strengerer 
Begrenzung, nur Gebilde umfasst, welche aus dem ur- 
sprünglichen Rindenparenchyme hervorgegangen sind 
und stets parenchymatischer Natur bleiben. Diese drei 
Rindenschichten in ihrer Reihenfolge von Aussen nach 
Innen sind : die Rindenhaut (periderma) , das daran 
grenzende häufig grüne , lebenskräftige Parenchym 
(integumentum parenchymatosum, 3a3ejem> der Russen) 
und die Bastlagen (strata libri), oder statt ihrer nur 
Knorpelzellen, untermischt mit Parenchym- und Git- 
terzellen (cellulae clatliratae) , welche von Markstrahl- 
Theilen durchsetzt werden. 

Bei der Birke erhalten sich diese drei Schichten, 
wenn auch modifient und in ihrer regelmässigen Grup- 
pirung stellweise gestört, bis in das höchste Alter, 
welches dieser Baum erreicht, das jedoch in unseren 
Wäldern selten das 150ste Lebensjahr übersteigt. 
Ausser jenen drei Schichten finden sich noch zuwei- 
len bis in das 6te Lebensjahr hinein auf dem Peri- 
derma Spuren der abschülfernden Epidermis , und 
nicht selten schon vom lOten Jahre an beginnt eine 
in den untern Parenchymschichten überhandnehmende 
Wucherung, welche Veranlassung zur Borkenbildung 
wird, und in Verbindung mit den sich nach Verlauf 
der ersten Lebensjahre an Stelle der Bastzellen bil- 
denden Knorpelzellen zur Folge hat, dass das Peri- 



— 566 — 

derma sich in Längsrissen auseinandergiebt, und der 
Stamm seine so weisse , glatte Oberfläche verliert. 
Dennoch tritt dieser Zustand, je nach dem Standorte 
verschieden, gewöhnlich nicht vor dem 60sten Le- 
bensjahre ein, und auch selbst später kömmt es nicht 
zum Abwerfen der sehr festen, durch dünne Periderma- 
Schichten isolirten Borkentheile, wie solches andern 
Baumarten eigenthümlich ist. 

Noch einer Bildung in der Rinde der Birke ist zu 
erwähnen, die an ihr so sehr in die Augen fällt, schon 
früh beginnt, im spätem Alter aber allmälich unter- 
drückt wird — die Lenticellen. Schon an dem einjäh- 
rigen Zweige machen sich hellere Pünktchen, unre- 
gelmässig und spärlich auf seiner bräunlichen glatten 
Oberfläche vertheilt , bemerkbar , welche aus einer 
Gruppe kugliger oder stellweise polyedrischer Paren- 
chym-Zellen bestehen, welche die Epidermis in Form 
eines elliptischen Höckers , der mit seinen beiden 
spitzen Enden in der Längsrichtung des Zweiges liegt, 
durchbrochen haben. Später geht die elliptische Form, 
sich vergrössernd, in eine ovale über, und noch spä- 
ter wird daraus die für die Birke so charakteristische, 
horizontal gestellte, strichförmige braune Lenticelle, 
welche das ganze Periderma vom darunterliegenden 
Parenchym aus durchwachsen hat. Über die Ursache 
der lokalen Entstehung dieser korkartigen Bildungen 
habe ich nichts ermitteln können, jedenfalls stehen 
sie nicht mit Spaltöffnungen (stomata) der Epidermis 
in Beziehung, indem solche dieser Oberhaut der Birke 
ganz zu fehlen scheinen, auch lassen sie sich nicht 
als Spuren abortirter Blattansätze deuten. Am zahl- 
reichsten sah ich die ersten Anfänge der Lenticellen- 



— 567 — 

bildung in der Nähe der durch Verkümmern der ei- 
gentlichen Terminalknospe ihre Stelle einnehmenden 
obersten Blattknospe des einjährigen Zweiges auf- 
treten. 

Von den genannten drei Rindenschichten ist die 
ausser ste , die Rindenhaut (periderma) , die für die 
Birke am meisen bezeichnende und wird selbst vom 
Volke mit einem ihr allein zukommenden Namen — 
öepecra — belegt. Abgesehen davon, dass diese Schicht, 
gewöhnlich schlechtweg Birkenrinde genannt, in der 
Wissenschaft unter dem Namen Lederkork (periderma 
coriaceo-suberosum) bekannt, dem Stamme der Birke 
und den dickeren Ästen das schneeweisse Aussehen 
etwa vom 15ten Lebensjahre an ertheilt, ausschliess- 
lich die zur Bereitung des Birkentheers (AëroTb) be- 
nutzten harzigen Bestandteile enthält, und vom Volke 
zu sehr vielfältigen Zwecken benutzt wird, zeichnet 
sich dieses Periderma der Birke durch einen eigen- 
thümlichen Bau aus und ist der bisher an der Birken- 
rinde genauer untersuchte Theil. Ich habe daher, auf 
die Untersuchungen von Mohl's verweisend, nichts 
über dasselbe im Allgemeinen hinzuzufügen. 

Im Einzelnen wäre zu bemerken, dass dieses Peri- 
derma die Bezeichnung Lederkork (periderma coriaceo- 
suberosum) nicht von Anfang an, d. h. nicht schon im 
ersten Jahre seiner Entstehung verdient, indem es an 
2 — 6jährigen Stämmen oder Zweigen ausschliesslich 
nur aus dickwandigen, schmalen, mit einem braunen 
oder kirschrothen, harzigen Stoffe erfüllten Zellen be- 
steht, weshalb auch die junge Rinde der weissen Fär- 
bung noch entbehrt, und dass ihre Zusammensetzung 
aus zweierlei Zellenschichten, von denen die eine die 



— 568 — 

eben beschriebene Beschaffenheit , die andere aber 
Zellen besitzt, welche dünnwandig, breiter und oft 
ganz frei von harziger Substanz sind, oft erst später 
zu Stande kömmt, sich jedoch schwerlich genau für 
ein bestimmtes Lebensjahr vorausbestimmen lässt. So 
z. B. fand ich an einem Zweige, dass sich das peri- 
derma coriaceo-suberosum schon im dritten Lebensjahre 
zu bilden bogonnen hatte, während es an anderen, 
älteren, noch nicht vorhanden war. Es kömmt vor, 
dass das Periderma der Birke, allerdings einer ande- 
ren ausgezeichneten Species, der Betula Ermani, die- 
ser dünnwandigen, breiteren, harzarmen Zellen ganz 
entbehrt, oder mindestens in vielen auf einander fol- 
genden Jahren, dieselben gar nicht zur Bildung kom- 
men, und dessen ungeachtet eine weissliche Färbung 
besitzt, und, wenn auch nicht so leicht und fein wie 
Betula alba, in dünnen Lamellen abblättert. Es ist 
daher die weisse Färbung der Birkenrinde und ihre 
so grosse und zarte Schichtung nicht allein auf Kosten 
der dünnwandigen, echten Periderma -Zellen, welche 
mit dickwandigen, harzerfüllten regelmässig abwech- 
seln, zu setzen, sondern hat auch seinen Grund in ei- 
der chemischen Veränderung der harzigen Substanz 
in den der äussern Luft zunächst ausgesetzten Schich- 
tungen, sowie in dem periodischen Zuwachs derselben. 
Keine Bestätigung boten mir meine Beobachtungen 
für die Angabe H ar tig's 4 ), dass je eine dünnwandige 
und eine dickwandige Zellenschicht des Lederkorks 
von Betula alba zusammen als eine Jahresproduktion 
zu betrachten seien , und somit in dem Periderma die 



4) Vollständige Naturgeschichte der forstlichen Culturpflanzen 
Deutschlands. Berlin 1840. 



— 569 — 

Zahl der Schichten, eine jede aus zwei Zonen beste- 
hend, den Jahresschichten im Holzkörper entsprechen. 
Hiermit fällt auch eine andere Angabe H ar tig's bei 
Seite (a. a. 0. pag. 326), dass sogar eine jede Zone 
der als Jahresproduktion von ihm betrachteten Peri- 
derma- Schichten analog sei einer jeden Zone (der des 
sogenannten Frühlings- und der des Herbstholzes) in 
den Jahresschichten des Holzes, und H artig wider- 
spricht sich selbst, indem er die relative Stellung die- 
ser beiden Periderma-Zonen, in ihrer Aufeinanderfol- 
ge, in der Richtung vom Centrum des Stammes zur 
Peripherie, auf pag. 326 in gerade umgekehrter Ord- 
nung angiebt, als wie es auf pag. 306 von ihm be- 
schrieben worden ist. 

So leicht es auch ist, namentlich an Jüngern Stäm- 
men der Birke, wo man sicherer sein kann, dass keine 
der Periderma - Schichten sich schon abgelöst hat, 
nachzuweisen, dass die Schichten des Lederkorks in 
keine directe Analogie zu stellen sind mit den Jah- 
resschichten im Holze desselben Baumes, indem jene 
an Zahl diese meist sehr bedeutend übertreffen, in 
welchem Falle sie sich auch nicht als Multiplum die- 
ser letzteren herausstellen , und so sehr das ganze 
Rindensystem mit seinen heterogenen Schichten man- 
nichfaltigeren Variationen unterworfen ist als das 
Wachsthum des mehr homogenen Holzkörpers, na- 
mentlich in Folge äusserer Einflüsse und allinälicher 
Erschöpfung seiner Reproduktionskraft, so lässt sich 
doch die Annahme, dass die Schichten des Periderma 
überhaupt einem periodischen Wachsthum mit be- 
stimmten Rhythmos ihre Entstehung verdanken, noch 
nicht von der Hand weisen und muss noch ferneren 

MéUiiges biologique«. IV. 72 



— 570 — 

Untersuchungen zugewiesen werden. In höhern Le- 
bensjahren erfährt die Bildung des Periderma der 
Birke manche Unregelmässigkeiten , erstreckt sich 
meistens auf gewisse Partieen des Stammes und ge- 
räth zuletzt ganz in Stocken, während die Holzbil- 
dung ihren normalen Gang bis zum Absterben des 
Baumes beibehält. 

Einige, wenn zwar auch nur sehr geringe, Andeu- 
tungen, welche zu Gunsten obiger Annahme sprechen 
und sogar auch auf eine Übereinstimmung in den 
Zonen des Periderma mit denen in jeder Jahresschicht 
des Holzkörpers vorkommenden hinweisen, scheinen 
sich in dem echten Kork -Periderma des Korkbaumes 
aus dem Amurlande (Phellodendron amurense Bupr.J 
anzutreffen. In dem mir vorliegenden von Herrn R. 
Maack gefälligst mitgetheilten Astabschnitte dieser 
neuen Baumgattung 5 ) beträgt die Dicke der Kork- 
schicht auf einem 17jährigen Holzkörper von 5 Cen- 
timètre Durchmesser etwa 4 — 4 1 / 2 Millimètre, doch 
sah ich unter den von Herrn Maximowicz eingesam- 
melten Exemplaren höhern Alters die Korkschicht bis 
2 Centimètre Dicke erreichen , und es soll dieselbe 
noch um ein Bedeutendes zunehmen können. Von den 
Eingebornen wird dieser Kork vorzüglich zu Schwim- 
mern für Fischernetze gebraucht. Ein regelrechtes 
Entrinden dieses Korkbaumes dürfte vielleicht, eben- 
so wie bei der Korkeiche , bessere Produkte lie- 
fern 6 ). Der Kork von Phellodendron amurense hat im 



5) Ruprecht: die ersten botanischen Nachrichten über das 
Amurland. Zweite Abtheilung, 16. (28.) Januar 1857. — Maximo- 
wicz: primitiae florae amurensis. 1859. 

6) Ruprecht: Bericht über Maximowicz Primit. Fl. Amur. S. 52. 



— 571 — 

Allgemeinen, nach den jetzt vorliegenden Stücken 
zu urtheilen, weniger Risse als der Eichenkork, ein 
helleres Aussehen, ist jedoch weniger compakt. Er 
besteht aus echten, ein wenig comprimirten, radial 
gruppirten, 4 — 6eckigen (auf dem Horizontalschnitt), 
buchtigen Korkzellen, die, Schichtungen, parallel der 
Peripherie des Holzkörpers, nicht verkennen lassen, 
welche sich durch ihre stellweise dunklere Färbung 
schon dem unbewaffnetem Auge sichtbar machen. Die 
Anzahl dieser Schichtungen entspricht aber auch bei 
diesem Korke nicht der Anzahl der unter ihm befind- 
lichen Jahresschichten des Holzkörpers, doch lässt 
sich in einigen Schichtungen schärfer, in andern, wie 
mir schien, kaum nachweisbar, eine graduelle Abnahme 
in der Grösse der radial auf einander folgenden Zel- 
len wahrnehmen, und zwar befinden sich an der zur 
Peripherie gekehrten Grenze der Schicht die gröss- 
ten Zellen, an der dem Centrum näher liegenden, be- 
deutend kleinere und mehr ausgebuchte Zellen, wel- 
che einen meist gelblich braun gefärbten Inhalt ha- 
ben, während die geräumigem Zellen derselben Schicht 
fast farblos und inhaltsleer erscheinen. Aus dieser 
Anordnung der Zellen in radialer Richtung und ihrer 
Grössenuuterschiede in jedweder für sich betrachte- 
ten Korkschicht ergiebt sich, dass sich hier wirklich, 
wenn auch viel weniger scharf, und zuweilen gar nicht 
erkennbar, zwei Zonen gebildet haben, analog denen 
in der Jahresschicht des Holzes, nur mit dem Unter- 
schiede, dass sie aufeinander in umgekehrter Rich- 
tung, in Bezug zu Peripherie und Centrum des Stam- 
mes, folgen, als die des Holzes. Es ist nämlich in die- 
sem Korke die breitzellige Zone die ältere, aber mehr 



— 572 — 

nach Aussen liegende, die engzellige, zwar auch wie 
beim Holze die jüngere, doch die dem Centrum mehr 
genäherte. Diese den Zonen in der Holzschicht direct 
entgegengesetzte Anordnung der Zonen in der Kork- 
schicht steht jedoch im Einklang mit allen Bildungen, 
welche ausserhalb des Gesammt-Cambiums zu Stande 
kommen, indem bei ihnen gewöhnlich die jüngsten Zu- 
wüchse am weitesten von der Peripherie des Stammes 
entfernt liegen, so namentlich die jüngsten Periderma- 
und Bastschichten. Die letzteren sind bei dem Kork- 
baume aus dem Amurlande ziemlich regelmässig con- 
centrisch gruppirt, bestehen aus vielen einzelnen klei- 
nen Bündeln, deren gelbliche, stark verdickte, lang- 
gestreckte Zellen mit zugespitzten Enden den Typus 
wahrer Bastzellen nicht verkennen lassen. Zunächst 
um diese Bündel findet sich lockeres Parenchym, in 
welchem in Längsreihen angeordnete krystallführende 
Zellen und die von M ohl in ihrer Structur und Function 
so bedeutungsvoll erkannten Gitterzellen vorkommen. 
Hin und wieder im Kork zerstreut, namentlich in sei- 
nen tiefern Schichten, kommen ähnliche, viel kleinere 
Bündel vor, welche seine Güte in technischer Bezie- 
hung verringern 7 ). 

7) Das Holz von PheUodendron ist im Splint fast farblos, im 
Kern hellbraun oder bräunlich gelb, gehört zu den harten, hat sehr 
deutliche Jahresschichten , besonders genauer bezeichnet durch 
grosse, zu 2 — 3 bei einander liegende Gefässe im Beginne jeder 
Schicht, deren Wandungen mit rundlichen Tüpfeln besetzt und 
spiralig gestreift, deren Queerscheide wände von einem grossen 
Loche durchbrochen sind , und enthalten gewöhnlich einen braun- 
gelben, durchscheinenden, festen Stoff (im alten trocknen Holze). 
Derselbe findet sich auch in den Markstrahlen, welche 1-lagerig, 
3 — Östöckig, häufiger jedoch 2 — ölagerig, 10 — 15stöckig gebaut 
Bind, desgleichen auch im Holzparenchyme, das in der Nähe der 
Gefässe spärlich vorkömmt. Markfleckehen machen sich hin und 



— 573 — 

In Bezug auf Schichtungen im Kork und seine Zu- 
sammensetzung aus, in irgend welcher Beziehung, 
verschiedenartigen Zellen ist nach Vergleichung des 
Korks von verschiedenen Baumgattungen zu bemerken, 
dass bei der Korkeiche (Quercus Suber) zwar ähnliche 
bräunliche Streifungen wie bei Phellodendron vorkom- 
men, doch sich eine Abnahme in der Grösse der Zel- 
len in derselben Schicht nicht wahrnehmen lässt. Im 
Allgemeinen sind die Zellen des Eichenkorks kleiner 
und mehr comprimirt, ihre schmalen Seiten mehr 
buchtig oder ganz eingeknickt. Bastzellen fehlen ihm 
gänzlich; an ihrer Stelle kommen vereinzelte Gruppen 
von Knorpelzellen vor. Der an Ulmus suberosa nur 
zu geringer Dicke anwachsende Kork besteht aus nicht 
regelmässig diametral angeordneten Zellen von un- 
gleicher Grösse, nicht sehr gleichförmiger Gestalt, mit 
bräunlichem Inhalte versehen. Schichtungen sind nicht 
deutlich, Bast und Knorpelzellen kommen im Kork- 
gewebe nicht vor. An jungen Zweigen erscheinen 
die Korkzellen zu pyramidalen Gruppen vereinigt, 
deren Spitze nach aussen zur Peripherie hin gerich- 
tet ist. — An Acer campestre, bei welchem nicht auf 
allen Standorten eine Korkschicht zur Ausbildung 
kömmt, ist der Kork dem von Ulmus suberosa sehr 
ähnlich, nur dass seine Zellen mehr in die Queere ge- 
streckt sind und auf dem Horizontalschnitt fast recht- 
eckig erscheinen. — Das Korkgewebe von Berberis, 
heteropoda Schrenk (kaum 3 Millimètre im Durchmesser) 



wieder bemerkbar. Das Mark besteht aus weiträumigen Parenchym- 
zellen mit uuregelmässig punktirten Wandungen. Im Allgemeinen 
zeigt dieses Holz viel mehr Ähnlichkeit mit dem von Aüanthus, als 
mit Zanthoxylon, zu deren Familie Ph&odendron gezählt wird. 



— 574 — 

besteht aus unregelmässig geformten Zellen, die grös- 
ser als bei allen früher genannten und nicht deutlich 
diametral sich gruppirt haben. Es wird von dunklern 
Streifen durchzogen, welche aus sehr kleinen gelbli- 
chen Bastzellen und Parenchym mit braunem Inhalte 
zusammengesetzt sind. — Der Kork von Viburnum 
Lantana besteht aus sehr unregelmässigen, ungleich 
grossen, nicht diametral gruppirten Zellen, die einer 
Zone von dichten an einander gedrängten, daher 
schmäleren Zellen von gelblicher Färbung aufgelagert 
sind. 

Nach Berücksichtigung dieser mit einem echten 
periderma suberosum versehenen Gewächse der russi- 
scher Flora, kehren wir wieder zur Birke zurück, 
deren Fähigkeit, das ihr eigenthümliche Periderma 
zu reproduciren, der Hauptgegenstand unserer Mit- 
theilung ist. 

Nur in den ersten Lebensjahren besitzen die hol- 
zigen Axentheile der Birke [Betula alba) ein homoge- 
nes, aus dünnwandigen, diametral gruppirten Paren- 
chymzellen bestehendes Periderma, d. h. echtes Kork- 
gewebe. Dasselbe wird nach Absterben der Epidermis 
an die Oberfläche gesetzt, seine Zellen füllen sich, 
wie die der entwickelten Epidermis, mit einem brau- 
nen oder kirschrothen harzigen Stoffe, erscheinen in 
der Radialrichtung stärker comprimirt und schülfern 
später, etwa vom 5 — lOten Lebensjahre, ebenfalls ab 
wie die Oberhaut. Alsdann bestehen bereits unter 
diesem Korkgewebe abwechselnde Lagen von dick- 
wandigen, in der Radialrichtung sehr engen, allmählich 
sich mit demselben bräunlichen Stoffe anfüllenden, 
diametral gruppirten Zellen und von dünnwandigen, 



— 575 — 

geräumigen, fast farblosen echten Korkzellen, doch 
treten die ersteren gewöhnlich in viel bedeutenderer 
Mächtigkeit auf und bilden daher die Hauptmasse des 
nun als periderma coriaceo-suberosum zu bezeichnen- 
den Gewebes. Allmählich werden die obern Lagen 
dieses Periderma zusammengedrängt, indem die unter 
ihnen, der Innenfläche der Rinde mehr genäherten, 
neu entstandenen, analogen Schichten sich auszudeh- 
nen beginnen. Es verdickt sich daher das Periderma 
bis zu einem gewissen Alter fortwährend durch Zu- 
wachs an der Innenseite und verliert nur sehr feine 
Lamellen an seiner Oberfläche, welche sich spärlich 
ablösen. Sein grösster Durchmesser steigt selten über 
4 Millimètre in Folge regelmässigen concentrischen 
Zuwachses. Dagegen entstehen fortwährend zwischen 
seinen Schichtungen korkartige Wucherungen von 
dunkler Färbung und verdicken dasselbe stellenweise 
knotenartig, oder es bilden sich im tiefer liegenden 
Rindenparenchyme einzelne, nicht concentrische Pe- 
riderma-Schichten aus, die zur Borkenbildung bei- 
tragen. Das regelmässige continuirliche Anwachsen 
des Periderma hat um diese Zeit schon sehr nachge- 
lassen oder ist schon ganz erloschen. Das Lebensjahr, 
in welchem der regelmässige concentrische Zuwachs 
des Periderma gänzlich aufhört , lässt sich nicht für 
alle Individuen desselben Standorts und noch weniger 
für verschiedene Standörter gleich giltig bestimmen. 
An den Birken des Petersburger Gouvernements fällt 
diese Zeit etwa in das 60 — 80ste Lebensjahr des 
Baumes. 

Aus dem Obigen ergiebt sich, dass der Lederkork 
unserer Birke nur an seiner Innenseite regelmässigen 



— 576 — 

Zuwachs erhält, also dort, wo er an das grünliche, 
lebenskräftige (bis zu einer gewissen Zeit) Rinden- 
parenchyin (integumentum parenchymatosum, 3a3ejieHi>) 
grenzt, welches, wie vielfache Beobachtungen bereits 
nachgewiesen haben, auch bei andern Pflanzen die 
Erzeugerin des Periderma überhaupt ist, da in den 
Zellen des Korkes wohl nur ausnahmsweise und nur 
auf einzelne Punkte beschränkt, ein Zellenbildungs- 
process zu Stande kömmt. 

Wie nun aber, wenn diese rastlose Erzeugerin selbst 
an die Oberfläche gesetzt wird , und allen Einwir- 
kungen der Aussenwelt preisgegeben, allmählich ver- 
trocknet und zuletzt abstirbt? — was doch jedes Mal 
zu geschehen pflegt, wenn die Birke ihres Lederkorks 
zu technischen Zwecken oder anderweitig beraubt 
wird. Diese Entrindung (oder richtiger Entkorkung 8 ) 
der Birke wird in den nördlichen Gouvernements in 
sehr bedeutendem Umfange ausgeführt, indem man 
dabei auf ähnliche Weise wie bei Abnahme des Korks 
von der Korkeiche, nur noch mit weniger Kraftauf- 
wand zu Werke geht. Dem jungen, etwa V 2 — 1 Fuss 
im Durchmesser dicken Birkenstamme wird nach zwei, 
in Entfernung von 6 — 10 Füssen ausgeführten, Rin- 
gelschnitten, welche durch die ganze Dicke des Leder- 
korks hindurchgehen, und nach 2 — 3 senkrechten 
Schnitten, welche jene miteinander verbinden, der 
Lederkork in seiner ganzen Mächtigkeit entnommen, 
wodurch das darunter befindliche Rindenparenchym 
(3a3ejieHb) ganz frei gelegt wird, eine braunrothe Farbe 



8) Der in grossen Stücken abgetrennte Lederkork der Birke, 
hauptsächlich zur Bereitung des Birkentheers im Gebrauch, wird 
öepesoßaa cKajia genannt. Circa 40 Bäume liefern 1 Pud cna.ia. 



— 577 — 

annimmt, und einige Tage nach der Operation wie 
ein rostfarbiger Eisencylinder den Stamm umkleidet 9 ). 
In diesem Zustande wird der Baum, wenn er nicht 
etwa auch gleichzeitig zur Fällung bestimmt war, 
seinem Schicksale überlassen, über welches in den 
Schriften über Waldbau und technische Benutzung 
der verschiedenen Baumarten, auch selbst aus dem 
Munde unserer Förster, keine sichere Kunde zu er- 
halten ist. Ja, es scheint die Frage, die doch uns so 
nahe liegt, ob die entrindete Birke sich wieder mit 
neuem Lederkork bekleidet, noch gar nicht einmal 
aufgeworfen zu sein a und selbst Hartig, welcher der 
Birke a. a. 0. ein grosses Capitel widmet, giebt keine 
Andeutung, dass er darauf bezügliche Erfahrungen 
gemacht hätte. Dass bei uns, im Lande der Birken, 
dieser Gegenstand unter dem Volke und bei den Forst- 
männern noch nicht zur Sprache gekommen, hat zum 
Theil seinen Grund darin, dass bei uns der Mangel 
an Wald überhaupt noch nicht fühlbar genug gewor- 
den, namentlich in den Gouvernements, wo die Birke 
zu Hause, und dass diejenigen Personen, welche einen 
Birkenbestand entrindet haben, falls er auch nicht 
bald darauf zur Fällung gekommen, nicht genöthigt 
sind, sich wieder zu ähnlichem Zwecke nach demselben 
zu begeben. Sollten uns jedoch Angaben über die 
Folgen dieser Entrindung der Birke entgangen sein, 
so dürften immerhin darauf bezügliche anatomisch- 
physiologische Erörterungen nicht am unrechten Orte 
erscheinen. 



9) Die entkorkten Eichen sollen nach Willkomm wie mit rothen 
Strümpfen angethan erscheinen. 

Mélanges biologiques. IV. »3 



\ 



— 578 — 

Den Vorgang, welcher bei der Korkeiche {Quercus 
Suber) i0 ) y nach stattgefundener Entrindung, regel- 
mässig sich einstellt, und die Wiedererzeugung des 
Korks zur Folge hat, beschreibt H. von Mohl nach 
eignen Beobachtungen im Korkeichen -Walde des so- 
genannten Val Inferno in der Nähe von Rom (Bot. 
Zeitung 1848). Wir haben somit einen Anhaltspunkt 
zum Vergleich analoger Vorgänge bei der Birke. 

Nachdem die ihres Lederkorks beraubte Birke zu 
vegetiren nicht aufgehört hat, erscheint ihre entrin- 
dete Oberfläche, etwa nach Ablauf von 2 — 3 Jahren, 
wie mit einem dunkelaschgrauen, borkenartigen Schup- 
penpanzer bekleidet, dessen einzelne, meist quadra- 
tische Schuppen sich als Theile der völlig eingetrock- 
neten, abgestorbenen Rindenparenchymschicht (3a3e- 
jieHb) noch deutlich zu erkennen geben. Zwischen 
den Schuppen verlaufen tiefe Risse und Furchen, aus 
deren Tiefe, namentlich zur Sommerzeit, ein grünli- 
cher Schimmer noch Spuren von Leben in der schein- 
bar todten Unterhälfte des Baumes verräth, während 
derselbe aufwärts, vom obersten Ringelschnitte an, 
in seinem weissen Rindenkleide prangt und auf das 
Freudigste grünt. 

Allmählich fallen die ganz eingetrockneten, abgestor- 
benen Schuppen des Rindenpanzers ab und unter ihnen 
tritt eine grauweissliche oder hellbräunliche Ober- 
fläche deutlicher zum Vorschein, welche einer conti - 



10) Ausser dieser in technischer Beziehung so hochwichtigen Art 
wird nach Casimir Decandolle noch eine zweite, Quercus occi- 
dentalism zu gleichen Zwecken vorzüglich im südwestlichen Frank- 
reich und Portugal cultivirt. 



— 579 — 

nuirlichen, unter jenem Panzer allmählich entstande- 
nen, neuen Rindenhaut angehört, die sich ganz ohne 
Unterbrechung an diejenigen Schichten der Rindenhaut 
anschliesst, welche sich unter der Rindenhaut der 
nicht entrindeten Oberhälfte des Birkenstammes wie 
gewöhnlich zu bilden nicht aufgehört haben. Es ent- 
steht also bei der Birke, ebenso wie bei der Kork- 
eiche, nach der Entrindung eine ganz neue Rinden- 
haut, bei dieser aus Korkparenchym zusammengesetzt, 
bei jener aus Lederkork. Die Analogie zwischen den 
genannten beiden Baumgattungen ist aber noch be- 
deutender. Wie bei der Korkeiche, nach der Entrin- 
dung und während des Absterbens der auf der ent- 
rindeten Stelle stehengebliebenen Parenchym - und 
Bastschichten H ), auch diese Schichten wiedererzeugt 
werden, ebenso ist die ihres Lederkorks gänzlich be- 
raubte Portion des Birkenstammes, nach Verlauf ei- 
niger Jahre , wieder vollständig mit ebenso vielen 
Schichten neuen Lederkurks versehen, als sich auf der 
nicht entrindeten Portion, nach stattgefundener Ent- 
rindung zu bilden fortfuhren, desgl. mit neuem Rinden- 
parenchym und die Bastbündel vertretenden Knorpel- 
zellgruppen, an Stelle der, als Riudenpanzer von uns 
bezeichneten, zu Grunde gegangenen. Die Reproduk- 



11) Diese stehengebliebenen Schichten der entrindeten Korkeiche 
werden, wie Casimir Decandolle angiebt, von den Korkcultiva- 
toren aMutter» genannt, und es soll die gehörige Austrocknung der- 
selben für die neue Korkbildung von "Wichtigkeit sein, weshalb um 
jene zu befördern, Feuer um die entrindeten Eichen angelegt wird. 
Ferner wird angegeben, dass der in der Jugend des Baumes zum 
ersten Male gebildete Kork, ein wenig geschätzter, als männlicher, 
der später, nach der Entfernung | démasclage) dieses aus der «Mut- 
ter» entstandene als weiblicher Kork bezeichnet wird. 



— 580 — 

tion des Lederkorks und der genannten Schichten 
beginnt, wie aus dem Folgenden zu ersehen ist, gleich 
nach der Entrindung, wenn nicht etwa die Entrindung 
während der Vegetationsruhe ausgeführt worden ist. 
In den nördlichen Gouvernements wird dieselbe, wenn 
sie forstlich betrieben wird, in den Monaten Mai und 
Juni vollzogen. 

Indem somit eine regelmässig nach der Entrindung 
der Birke vor sich gehende Reproduktion ihres Leder- 
korks, was zunächst von Wichtigkeit ist, sich nach- 
weisen lässt, verdient noch in Betracht gezogen zu 
werden, wie dieselbe zu Stande kömmt, und von wel- 
cher Beschaffenheit das neue Produkt ist. 

Da bei der Korkeiche und unserer Birke das unter 
der entrindeten Oberfläche stehengebliebene Rinden- 
parenchym so wie die Bast- und Knorpelzellgruppen 
vollständig zu Grunde gehen 12 ), was namentlich an 
der Birke bei Vergleichung der neu berindeten Por- 
tion mit der unentrindeten in die Augen springend 
ist, so steht wohl der Annahme nichts entgegen, dass 
die erste Anlage zu der neuen Rinde vom Cambium 
herrührt, welches unter der allmählich absterbenden 
Rinde seine Produktionskraft beibehalten hat und 
sogar zu erhöhter Lebensthätigkeit, wie ich nach den 
mir vorliegenden Exemplaren anzunehmen veranlasst 
bin, erwacht ist. Damit ist aber auch zugleich die 



12) In eitrigen Fällen, was von der Jahreszeit, iu welcher die 
Entrindung vorgenommen wird, abzuhängen scheint, erhalten sich 
die untersten Schichten des Rindenparenchyms lebenskräftig, und 
dann bildet sich der reproducirte Lederkork zwischen der abge- 
storbenen Portion und der ihn erzeugenden Schicht des Rinden- 
parenchyms. 



— 581 — 

normale Erzeugerin der Rindenhaut (des Korks der 
Eiche und des Lederkorks der Birke), das Rinden - 
parenchym, dem entrindeten Theile des Baumes wie- 
dergegeben, und dieses beginnt nun wieder den ihr 
eigenthümlichen Process der Lederkorkbildung. Es 
entsteht daher der Lederkork der Birke auch in die- 
sen abnormen Fällen immer wieder zunächst, wie bei 
nicht stattgehabter Entrindung, aus dem Rinden- 
parenchyme. 

Verfolgt man die Grenzlinien zwischen dem unter 
der nicht entrindeten und dem, der ihr dicht an- 
grenzenden entrindeten Oberfläche, erzeugten Leder- 
korke, und diese Linie ist, wenigstens in den ersten 
Jahren nach der Entrindung, noch sehr deutlich zu 
erkennen, so zeigt sich längs derselben ein auf der 
Innenseite des reproducirten Lederkorks vorsprin- 
gender Wulst oder ringsumlaufender callus, welcher 
auf dem drunterliegenden Parenchyme eine tiefe 
Furche bildet. Auch ist die ganze Innenfläche der 
reproducirten Lederkorkschicht mit vielen Knötchen, 
Protuberanzen und Zäpfchen bedeckt, welche in ent- 
sprechende Vertiefungen des ebenfalls neu reprodu- 
cirten Rinden parenchyms eingreifen und dadurch die 
Ablösung der Schicht in ihrer ganzen Mächtigkeit 
etwas erschweren. Es ist auch häufig die reprodu- 
cirte Lederkorkschichte um ein geringes mächtiger 
als der mit ihr gleichzeitig unter der nicht entrinde- 
ten Oberfläche entstandene Zuwachs an Lederkork. 
Dies Alles deutet darauf hiu, dass unter der entrin- 
deten Oberfläche ein regerer Wachsthumsprocess 
stattgefunden hat. Und ein Gleiches wird auch an 



— 582 — 

den entrindeten Korkeichen wahrgenommen, in Folge 
dessen der durch Beihülfe von Menschenhand zur 
Reproduktion gekommene Kork, an technischer Güte 
und namentlich an Mächtigkeit, den ursprünglichen, 
normalen übertrifft. 

Verfolgt man dagegen die Innenfläche der nach der 
Entrindung reproducirten Rindenparenchymschicht 
so lässt sich an ihr auch nicht eine Spur einer Grenz- 
linie wahrnehmen, welche andeutete, wo ausserhalb 
an der Oberfläche die entrindete Portion an die nicht 
entrindete angrenzt. Es ist somit das Cambium in 
Folge der Entrindung nicht in seiner Thätigkeit ge- 
stört worden und hat in seiner ganzen Erstreckung 
um den Stamm gleiche Produkte hervorgebracht. 

Bei genauerer Vergleichung dieser Produkte erge- 
ben sich jedoch einige Differenzen, die weniger in 
physiologischer, als in anatomischer, und namentlich 
technischer Beziehung erwähnt zu werden verdienen. 
Während bei der Korkeiche der reproducirte Kork, 
der sogenannte weibliche, sich von dem urspünglichen 
durch grössere Mächtigkeit, Elasticität und Gleichför- 
migkeit unterscheidet, hat der an der entrindeten 
Birke entstandene Lederkork, einen gewissen Grad 
seiner lederartigen Beschaffenheit verloren, und ist 
dadurch dem Eichenkork einigermaassen ähnlicher 
geworden. Er erscheint elastischer, tiefer nach innen 
hellbräunlich, blättert nicht so fein und dünn ausein- 
ander und besitzt weniger Lenticellen. Dies beruht, 
mit Ausnahme der Lenticellenbildung, auf der Be- 
schaffenheit der ihn zusammensetzenden Zellen. Es 
herrschen nämlich in ihm die Schichten echten Kork- 



— 583 — 

peridermas durch ihre Mächtigkeit vor, dessen Zellen 
an und für sich breiter oder weiträumiger sind, wo- 
durch sie mehr Ähnlichkeit bekommen mit den in 
senkrechter Richtung durchschnittenen, entsprechen- 
den Zellen des ursprünglichen Lederkorks. Mit ihnen 
wechseln zwar regelmässig ab Schichten aus dick- 
wandigen, schmälern, mit rothbraunem, harzartigem 
Stoffe erfüllten Zellen, die in der Radialrichtung nur 
aus 3 — 4 Zellenlagen bestehen, während in dem ur- 
sprünglichen Lederkorke deren 7 — 8 und mehr hin- 
ter einander liegen und ihm namentlich die lederartige, 
mehr zähe, als elastische Beschaffenheit verleihen. 

Es erscheint somit der reproducirte Lederkork der 
Birke in seiner Färbung und physikalischen Beschaf- 
fenheit von dem sich normal bildenden verschieden, 
wodurch er jedoch zu seiner Hauptverwendung und 
anderen Zwecken keineswegs an Werth verloren hat. 
Jedenfalls würde sich eine zweite Entrindung der 
Birke noch verlohnen, wodurch nicht nur von dem- 
selben Baume ein doppelter Gewinn aus seiner Rinde 
gezogen werden könnte, sondern auch, indem er nicht 
mehr, wie gewöhnlich nach der ersten Entrindung, 
zum Fällen bestimmt, einen grösseren Ertrag an Holz- 
substanz liefern würde. Leider fehlt es uns auch noch 
ganz an Erfahrungen, ob nicht auch bei der Birke, so 
wie bei der Korkeiche, durch frühzeitiger begonnene 
und regelmässig wiederholte Entrindungen, für die 
technische Benutzung vortheilhaftere Produkte erzielt 
werden können. 

Auf diese Verhältnisse hingewiesen zu haben und 



— 584 — 

zu ihrer weiteren Verfolgung aufzufordern, war der 
Zweck dieser Mittheilung. 

Zur Veranschaulichung der an der Birke beschrie- 
benen Bildungen mögen die beiliegenden, der Natur 
entnommenen Zeichnungen, dienen. 

Fig. 1. Horizontaler Durchschnitt von einem 1 jähri- 
gen, im Winter abgeschnittenen Zweige von Betula 
alba, um die Anordnung der ihn zusammensetzen- 
den Theile zu veranschaulichen, gggg Epidermis, 
fff echtes dünnwandiges Periderma, eee darunter 
befindliches Parenchym (integumentum parenchy- 
matosum), die Erzeugerin des Lederkorks, dddd 
in diesem Parenchyme zerstreute Bastbündel, aus 
echten Bastzellen bestehend, cccc Cambialschicht, 
bbbb einjährige Holzschicht, bei b' auffallend ver- 
schmälert, A Mark. Vergr. 75 / r In dem Aus- 
schnitte ABC sind die Elementartheile der den 
Zweig zusammensetzenden Gewebe bei derselben 
Vergrößerung ausgezeichnet worden. Die Buch- 
staben bedeuten dasselbe wie im nicht ausgezeich- 
neten Theile. In den Bastbündeln zerstreut einige 
Gitterzellen (cellulae clathratae), die schon bei 
dieser Vergrösserung durch ihr weites Lumen in 
die Augen fallen. 

Fig. 2. Horizontalschnitt durch das Periderma und 
grünliche Rindenparenchym des in Fig. 1 darge- 
stellen Zweiges, a a Cuticularschicht, bb Epider- 
mis, welche aus nach aussen hin dickwandigen 
Zellen zusammengesetzt ist, die einen kirsch- 
rothen, harzigen Stoff cc enthalten, dd unmittel- 



— 585 — 

bar darunter liegende Zellenschicht, aus unregel- 
mässigen, kleinen, mit demselben Stoffe erfüllten 
Zellen bestehend. An einigen Stellen scheint diese 
Schicht zu fehlen; ee echtes dünnwandiges Peri- 
derma, ff Zellen des grünlichen Rindenparen- 
chvms. Vergr. ^. 

Fig. 3. Horizontalschnitt durch die entsprechenden 
(wie in Fig. 2) Theile eines 5 jährigen Zweiges, 
a a Reste der abschülfernden Oberfläche, bei d 
aufliegende Pilzsporen, bb, dd ff dickwandige 
Zellen, cc, ee dünnwandige, echte Peridermzellen, 
mit den ersteren abwechselnd den Lederkork zu- 
sammensetzend, g g eine Portion des grünen Rin- 
denparenchyms. Tiefer liegend befanden sich die 
ersten echten Bastbündel, hin und wieder auch 
schon einige, mehr zerstreute Knorpelzellen, schon 
im ersten Lebensjahre des Zweiges entstanden. 
Noch tiefer, d. h. näher zum Holzkörper hin, hat- 
ten sich statt der Rastzellen nur Knorpelzellen, in 
grösseren Gruppen beisammen liegend, gebildet. 
Vergr. 300 / r 

Fig. 4. Horizontalschnitt durch den Lederkork, wel- 
cher sich auf einem nicht entrindeten, alt geworde- 
nen Baume gebildet hatte, aa, dd, d V, d" d" 
Schichten aus echtem, dünnwandigem Periderma 
bestehend, regelmässig abwechselnd mit dickwan- 
digen Zellen bb, b'b\ b"b'\ gemeinschaftlich den 
Lederkork der Birke darstellend. In den Zellen 
der dickwandigen Schicht ist eine homogene dick- 
flüssige, kirschrothe, harzige Substanz enthalten, 
das Material für die Darstellung des Birkentheers 

Mélanges biologiques. IV. 74 



— 586 — 

(AëroTb); in den dünnwandigen Zellen &&, W, b'b" 
ein fein granulöser, trüber, hellbräunlicher Stoff, 
der sich auch durch Alkohol zum Theil extrahiren 
lässt Vergr. 30 %. 

Fig. 5. Entsprechender (dem in Fig. 4) Schnitt aus 
einem 3 Millimètre dicken reproducirten Leder- 
korke. Die Buchstaben bezeichnen dasselbe wie 
in der vorhergehenden Figur. Die Stoffe in den 
Zellen von derselben Beschaffenheit wie in Fig. 4. 



Vergr. m , 



r 



(Aus dem Bulletin, T. VU, p. 295-311.) 






■S 



=1 

5 



I 



4 



| 
I 



J 




. Melanges 'biologiques T. IV'. 



Rtfi/mhtklùm da Letlerkmicer unserer Bukt ( Hriulu hIIhi ) 
Fia o a 




I iMliJ.lliWila 



22 Januar - n n . 

* r,, . — 1864. 

3 Februar 

Bericht über die neuen Acquisitionen der zoolo- 
gischen Sammlungen während des 1863sten 
Jahres und die darin ausgeführten wissen- 
schaftlichen Arbeiten, von F. Brandt. 

Die Sammlungen der Akademie sind auch im Ver- 
laufe des 1863sten Jahres theils durch Geschenke, 
theils durch Tausch, theils durch Ankäufe vielfach 
vermehrt worden. Die Ankäufe waren weniger be- 
deutend, weil noch fast die Hälfte der Etatssurame 
zur Tilgung des Betrages einer frühern Acquisition 
verausgabt werden musste. Dagegen lieferten die von 
mehreren Personen gemachten, zum Theil sehr ansehn- 
lichen Geschenke nebst dem Tauschverkehr einen 
nicht unerheblichen Zuwachs an theilweis seltenen 
oder nicht vorhandenen Gegenständen. Hr. Flügel- 
Adjutant Birilew und Hr. Pawin schenkten eine 
sehr ansehnliche Sammlung von Thieren, besonders 
von Krebsen und Conchylien des südlichen Japan und 
japanischen Meeres. Hrn. Collegienrath D anil ew ski 
verdanken wir eine nicht unbedeutende Zahl nordeu- 
ropäischer Meeresprodukte. Hr. Magister G ob el über- 
gab dem zoologischen Museum eine Menge von Ge- 
genständen, die er während seiner Reise auf dem caspi- 
schen Meere gesammelt hatte Hrn. Dr. Albrecht, 



— 588 — 

früheren Arzt in Hakodade, sind wir für eine neue Mit- 
theilung japanischer Gegenstände verbunden. Hr. Graf 
E. v. Keyserling schenkte dem Museum Exemplare 
der von ihm in Persien gesammelten Amphibien, da- 
mit Hr. Dr. Strauch sie bestimme und bearbeite. 
Hr. Magister v. S ei d lit z in Nucha sandte dem Mu- 
seum mehrere caucasiche Gegenstände. Hr. Magister 
Schmidt hatte die Güte der zoologischen Sammlung 
mehrere von ihm vom Amur mitgebrachte zoologi- 
sche Gegenstände zu übergeben. Hr. Kaufmann Ha- 
mel überlieferte dem Museum eine Reihe interessan- 
ter Objecte aus dem Nachlasse seines Onkels, des ver- 
storbenen Akademikers Hamel. 

Aus der Classe der Säugethiere erhielt das zoolo- 
gische Museum 21 nicht vorhandene Arten, im Gan- 
zen 30 Exemplare. Die Vögelsammlung wurde um 88 
Arten in 175 Exemplaren bereichert, die der Amphi- 
bien um 4 Arten in 50 Exemplaren, der Fische um 
40 Exemplare, der Krebse um 30 Arten in 200 Exem- 
plaren, der Insekten um 100 Arten in 300 Exempla- 
ren, der Spinnen um 25 Arten in 80 Exemplaren, der 
Anneliden um 10 Arten in 20 Exemplaren, der Hel- 
minthen um 14 Arten in 30 Exemplaren, der Mol- 
lusken um 200 Arten in 1000 Exemplaren, der Echi- 
nodermen um 25 Exemplare, der Polypen um 10 
Exemplare und der Spongien um 7 Exemplare. Aus- 
serdem wurden 20 Eier und 6 Skelete, das Gypsmo- 
dell eines Dodo, Abgüsse von Fussknochen des riesi- 
gen Epiornis, 4 Exemplare von Überresten des Ma- 
mont und mehrere Fragmente von Knochen des Bos 
iirus fossilis der Sammlung einverleibt. 

Den grössten Zuwachs erhielt durch die genann- 



— 589 — 

ten Materialien die Classe der Mollusken, Krebse und 
Vögel. Auch die Säugethiere und Insekten gewannen 
manche Bereicherungen. 

Dass die zoologische Sammlung im Frühlinge die- 
ses Jahres zwei neue Säle erhielt, aus denen die ver- 
gleichend-anatomische Sammlung in ein anderes, un- 
ter dem zoologischen Museum gelegenes, Local über- 
geführt wurde, haben wir in dem in einer Beilage 
zum Bulletin mitgetheilten Abriss der Geschichte der 
Sammlung umständlicher angeführt. 

Wie in den frühern Jahren wurden auch im ver- 
flossenen, 1 86 3sten, sehr verschiedenartige wissen- 
schaftliche Arbeiten und Untersuchungen theils von 
Akademikern, theils von den Conservatoren Mora- 
witz und Radde, so wie von einigen fremden Perso- 
nen ausgeführt. 

Der Akademiker Brandt fuhr fort umfassende, ver- 
gleichend- osteologische Studien über die Sirénien, 
Pachydermen und Cetaceen anzustellen , um nach 
Maassgabe ihrer inneren Organisation die Beziehun- 
gen dieser Gruppen und ihrer einzelnen Gattungen 
zu einander näher zu ermitteln. Besonders nahmen 
neuerdings die untergegangenen Formen der Pachy- 
dermen seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Auch hat 
er bereits zwei kleinere, auf den letztgenannten Ge- 
genstand bezügliche Arbeiten (über das Dinotherium 
und Elasmotherium) veröffentlicht. In den Museen von 
Paris und Prag konnte er übrigens im verflossenen 
Sommer seine über fossile Pachydermen angestellten 
Untersuchungen mannigfach vervollständigen. Ausser- 
dem leitete er die Angelegenheiten des Museums, be- 
sorgte die Ankäufe und den Tauschverkehr und erwarb 



— 590 — 

während seiner Sommerreise für dasselbe mehrere in- 
teressante Gegenstände. 

Hr. Akademiker v. Schrenck setzte seine ausführ- 
liche Bearbeitung der Mollusken des nordjapanischen 
Meeres, des Meerbusens der Tatarei und des Amur- 
landes fort; eine Bearbeitung, die sich keineswegs 
auf die Beschreibung neuer Arten beschränkt, son- 
dern auch die bekannten in systematischer und zoolo- 
gisch-geographischer Beziehung beleuchtet. Die ge- 
nannten, sehr umfassenden Untersuchungen werden 
den zweiten Band seines Reisewerkes bilden, der sich 
bereits unter der Presse befindet. Hr. Akademiker v. 
Schrenck versah auch während Brandt's viermo- 
natlicher Abwesenheit die Stelle des Directors der 
zoologischen Sammlungen. 

Der Conservator der entomologischen Abtheilung 
des zoologischen Museums, Hr. Morawitz, veröffent- 
lichte in den Memoiren der Akademie in Folge einer 
von Hrn. Dr. Albrecht aus Hakodade gemachten 
Käfersendung eine Übersicht der auf Jesso bis jetzt 
gefundenen Raubkäfer aus der Abtheilung der Cicin- 
delen und Carabicinen. Ferner beschäftigte ihn die 
Herausgabe der Descriptions des nouvelles espèces des 
Lépidoptères des verstorbenen Conservators Méné- 
triès, sowie die Publikation der von O.Bremer ver- 
fassten Beschreibung der von Maack und Rad de ge- 
sammelten Schmetterlinge Ostsibiriens und des Amur- 
landes. Die beiden letztgenannten Arbeiten gründen sich 
ebenfalls auf Materialien des akademischen Museums. 
Neben den eben genannten Arbeiten Mora witz's neh- 
men die theils von ihm bei Petersburg und Würzburg 
gesammelten, theils aus mehreren Gegenden Russlands 
eingesandten Adlerflügler seine wissenschaftliche Thä- 
tigkeit in Anspruch. Ausserdem brachte er die der 
Sammlung noch nicht einverleibten Materialien in bes- 



— 591 — 

sere Ordnung , bestimmte die aus Ostsibirien einge- 
sandten Insekten, ferner die von Hrn. Dr. Albrecht 
geschenkten japanischen Schmetterlinge und begann 
die Revision und genauere Catalogisirung der als be- 
sondere Abtheilung aufgestellten speciellen entomolo- 
gischen Werke. 

Der früher als supernumerärer Conservator, jetzt 
in Tiflis angestellte, bekannte Amur-Reisende, Dr. G. 
Radde, vollendete im zoologischen Museum den zwei- 
ten Theil seines Reisewerkes, welcher die umständ- 
liche Beschreibung der von ihm in Ostsibirien und im 
Amurgebiete beobachteten Vögel enthält und kürzlich 
erschienen ist. 

Die vom Museum der Akademie ausgehende För- 
derung der zoologischen Wissenschaften beschränkte 
sich überdies auch in diesem Jahre nicht auf die bei 
der Akademie angestellten, ebengenannten Personen, 
sondern es wurden in demselben, wie zuvor, auch von 
mehreren Fremden wissenschaftliche Untersuchungen 
und Arbeiten darin ausgeführt. 

Hr. Magister Sewerzow machte in den Sammlun- 
gen ornithologische Studien. 

Hr. Dr. Strauch beschäftigte sich mit der Bestim- 
mung der Amphibien des Museums, besonders mit 
den Scincoiden und der Bearbeitung der vom Hrn. 
Grafen E. Keyserling ihm zugeschickten, bereits er- 
wähnten persischen Reptilien, worunter er zwei neue 
Gattungen auffand, die er im Bulletin der Akademie 
beschrieb. 

In der entomologischen Abtheilung des Museums 
bearbeitete Hr. Magister Blessig die langhörnigen 
Käfer Südostsibiriens, während Hr. v. Solsky dieselbe 
für eine Übersicht der Staphyünen Petersburgs be- 
nutzte. 

Die zoologische Bibliothek, welche auch im Jahre 



— 592 — 

1863 manchen Zuwachs erhielt, wurde durch die 
Güte des Hrn. Dr. Strauch vollständig revidirt. 
Die rein entomologischen Werke wurden bei dieser 
Gelegenheit zum bequemeren Gebrauch und aus Man- 
gel an Raum im entomologischen Cabinet unterge- 
bracht. Über die anderen zoologischen Werke verfer- 
tigte derselbe einen Zettelcatalog und ausserdem noch 
fünf andere Cataloge, wovon drei die grösseren Werke 
nach ihrem Formate aufführen, die beiden anderen 
aber Verzeichnisse der Broschüren und Separatab- 
drücke (welche in einem besonderen Schranke in Map- 
pen aufgestellt sind) enthalten. 

Der bis jetzt, mit Ausschluss der speciell entomo- 
logischen Schriften neu aufgestellte und catalogisirte 
Theil der zoologischen Bibliothek enthält 1366 Werke 
in 3011 Bänden und 1711 Brochüren oder Separat- 
abdrücke. 

Im Verlaufe dieses Jahres wurde das zoologische 
Museum ohne vorher ausgetheilte Eintrittsbillete dem 
Publicum an jedem Montag geöffnet. Durch den Weg- 
fall derselben hat sich die Zahl der Besucher im 
Vergleiche zu früher nicht vermehrt, sondern ver- 
ringert. 

Männer der Wissenschaft, Fremde und Studirende 
fanden, wie immer, täglich Zutritt. 

Das zoologische Museum erfüllte also nach Maass- 
gabe seiner Mittel seine Aufgabe auch im Verlaufe 
des Jahres 1863 in den verschiedensten Richtungen, 
sowohl als wissenschaftliche Anstalt, als auch als Ge- 
genstand von allgemeinerem Interesse. 

(Aus dem Bulletin, T. VII, pag. 322 — 326). 



i April 1864. 

Noch ein Wort über das Blasen der Cetaceen, 
mit bildlichen Darstellungen, von dem Akad. 
v. Baer. 

Die Zoologen unter unseren Collegen werden sich 
erinnern, dass ich zweimal die bis dahin gangbaren 
Vorstellungen vom Ausstossen von Wassersäulen durch 
die Cetaceen einer Kritik unterworfen habe. Dieses 
geschah zuerst in Königsberg im Jahre 1826, nach- 
dem die anatomische Untersuchung an Delphinus Pho- 
caena mich gelehrt hatte, dass das hintere Gaumensegel 
(der Arcus pharyngopcdatinus) fast horizontal liegt, 
derb musculös ist und mit nur geringer Öffnung die 
Spitze des sehr verlängerten Kehlkopfes umschliesst, 
der sich oberhalb dieses Gaumensegels in einem Raum 
öffnet, welcher entschieden schon zum Bereiche des 
Athmungsapparates gehört 1 ). Es schien mir unleugbar, 
dass beim Schlucken die musculi pharyngopalatini den 
Kehlkopf eng umschliessen und gar kein Wasser hin- 
aufdringen lassen. Ich kann noch hinzufügen, dass 
schon bei grossen Vierfüssern, z. ß. dem Elen, sehr 
auffallend, handgreiflich könnte man sagen, die Textur 
und Bekleidung der Schleimhaut oberhalb des hinte- 



1) Isis 1826. 

Mélanges biologiques. IV. 75 



— 594 — 

ren Gaumensegels eine ganz andere ist als unterhalb 
desselben, und dass schon bei diesen Thieren jene 
obere Hälfte der Rachenhöhle entschieden dem Ath- 
mungsapparat angehört, und nur die untere Hälfte 
der Athmung und Deglutition gemeinschaftlich dient, 
aber viel mehr dem verdauenden Apparate gemäss 
organisirt ist. Da in den Delphinen der langgezogene 
Kehlkopf bleibend bis über das hintere Gaumensegel 
reicht, und von ihm kräftig umschlossen werden kann, 
der Athmungsapparat also geschlossen durch den Ver- 
dauungskanal hindurch geleitet ist, konnte ich nicht 
umhin, für Scoresby's Ausspruch mich zu erklären, 
dass nicht Wasser, sondern Athem von den Cetaceen 
ausgestossen werde. Ich konnte noch hinzufügen, 
dass, wenn dennoch etwas Wasser hervorgespritzt 
werden sollte, dieses nicht aus dem Schlundkopf kom- 
men könne, sondern etwa vorher in den äussersten 
Theil der Nase eingedrungen sein müsse. 

Eine zweite Note publicirte ich in St. Petersburg 2 ), 
nachdem durch Vermittlung des Admirals Lütke, 
unseres jetzigen verehrten Herrn Präsidenten, eine 
Anzahl von Personen, welche das Berin^smeer, zum 
Theil viele Jahre hindurch, befahren hatten, von mir 
befragt worden waren. Alle versicherten nicht nur, 
dass sie nie Wasser beim Blasen gesehen hätten, son- 
dern nur Luft, aus der höchstens Tröpfchen nieder- 
fielen, und dass überhaupt die Meinung, es würden 
Quantitäten von Wasser ausgeworfen, in jenen Ge- 
gendenvöllig unbekannt sei. Ich überzeugte mich nun, 
dass die von den Zoologen so lange festgehaltene An- 



2) Bulletin de VAcad. de St.-Pétersbourg, Vol. I, p. 37. 



— 595 — 

sieht von Wasserstrahlen nur auf den eben so be- 
stimmten, als irrigen Angaben von Plinius beruhe, 
dass eine Orca ein Boot versenkt habe, indem sie ihre 
Wassersäulen in dasselbe ergoss. Ich publicirte diesen 
zweiten Aufsatz in französischer Sprache , weil die 
Franzosen fest an der früheren Ansicht hielten und 
einen Widerspruch aus dem fond du nord nicht be- 
achten wollten. Der grosse G. Cuvier gab noch in 
der zweiten Auflage seines Règne animal (1829) ganz 
dieselbe Darstellung wie in der ersten, und wie in einer 
früheren besonderen Abhandlung. Sein Bruder F. Cu- 
vier erklärte in seinem ausführlichen Werke über die 
Cetaceen, noch im Jahre 1836, wie die Delphine das 
verschluckte Wasser in die Nase treiben und durch 
die Spritzlöcher auswerfen. An einer anderen Stelle 
sagt er, dass zwar Scoresby daran zweifele, dass die 
Wallfische Wasser auswerfen und nur Dampf gesehen 
habe, dass man aber auch die entgegengesetzten An- 
gaben nicht weniger glaubwürdiger Beobachter nicht 
für lügenhaft erklären könne 3 ). Von Lügen ist nie die 
Rede gewesen, sondern nur von Vorurtheilen, veran- 
lasst durch Plinius und eine fehlerhafte Übersetzung 
von Martens Spitzbergischer Reise. Fr. Cuvier 
Hess aber doch in allen Abbildungen die Zier der Fon- 
tainen weg. 

Es ist meine Absicht nicht, diese Frage noch ein- 
mal vollständig zu erörtern. Es scheint mir, dass nach 
dem von E schricht in seinem grossen Werke über 
die nordischen Wallfische die sehr bestimmten, dem 
Wasserauswerfen entschieden widersprechenden An- 



3) Fr. Cuvier, Histoire naturelle des Cétacés, p. 6'9, 370. 



— 596 — 

gaben des Capt. Holböll, der achtzehn Sommer in 
den Grönländischen Meeren zugebracht hatte, mitge- 
theilt sind, ein Festhalten der früheren Ansicht nur 
auf Eigensinn beruhen kann, der sich nicht belehren 
lassen will, und den man daher nicht stören sollte. 
Holböll erklärt, dass er aus der Nähe und aus der 
Ferne nur Athem erkennen konnte, nicht Wasser 4 ). 

Nur aus dem Grunde nehme ich diese Frage wie- 
der auf, weil mir keine naturgetreue Abbildung des 
Phaenomens bekannt ist. Nun habe ich ein Paar sol- 
cher Abbildungen schon im Jahre 1840 im Eismeere 
unmittelbar bei der Beobachtung entworfen. Ich hoffte 
sie gelegentlich vermehren zu können, aber da wohl 
wenig Aussicht bleibt, dass ich noch einmal in den 
hohen Norden komme, und diese Abbildungen nach 
24 Jahren mir wieder in die Hände fallen, halte ich 
es nicht für überflüssig, sie zu publiciren. Sie zeigen 
wie ich glaube, unwiderleglich, dass das Ausgestos- 
sene wesentlich aus feuchter Luft (Athem) besteht; 
die zweite lehrt aber auch, dass unter gewissen Um- 
ständen etwas mehr Wasser — doch nur in Tropfen 
— gesehen werden kann , selbst von Beobachtern, 
welche die Überzeugung mitbringen, dass das soge- 
nannte Blasen der Cetaceen 5 ) im Ausstossen des Athems 
besteht. 

Am Bestimmtesten sieht man diesen Vorgang bei 
vollkommenster Windstille und völlig durchsichtiger 
Luft. In solchen Zeiten lieben die Walltische (in den 
Gegenden um Lapp land herum, in denen ich war, sieht 



4) Esc li rieht, Zool.-anat.-physiol. Untersuchungen über die 
nordischen Wallfische. Bd. I. 1849. Fol. Anhang. 

5) Isis 1843, S. 278. 



— 597 — 

man nur Finnfische, Balaenopteren,) in kleinen Trupps 
an der Oberfläche sich zu halten. Man sieht dann hie 
und da aus einer solchen Gegend plötzlich eine Säule 
ganz senkrecht sich erheben. Diese Säulen unterschei- 
den sich von der umgebenden Luft nur durch ihre 
geringere Durchsichtigkeit und haben daher einige 
Ähnlichkeit mit Rauchsäulen, die aus Schornsteinen 
aufsteigen. Indessen sind sie weniger dunkel gefärbt 
und schiessen ganz plötzlich und bei völliger Wind- 
stille senkrecht in die Höhe, weil sie durch einen 
Stoss ausgetrieben werden. Gleich nach dem Auf- 
schiessen breitet sich die Säule am oberen Ende etwas 
aus, ohne Zweifel, weil die Wirkung des Stosses hier 
aufhört. In einem zweiten Moment, d. h. in weniger 
als einer Secunde nach dem Ausstossen, ist der un- 
terste Theil der Säule undeutlich oder auch schon 
ganz unsichtbar, dagegen hat die obere Ausdehnung 
zugenommen und sich flacher ausgebreitet. Sie gleicht 
einem kleinen Nebel. Noch etwas später, doch noch 
innerhalb der ersten Sekunde, oder am Schlüsse der- 
selben, ist die Säule ganz geschwunden, dagegen hat 
sich der Nebel noch mehr ausgedehnt. Dieser erhält 
sich noch einige Secunden in der Luft schwebend, 
wie ich viele Male sehr deutlich gesehen habe, doch 
wird er allmählich kleiner und zarter, indem er sich, 
wie jeder kleine Nebel, der nicht wächst, auflöst. Das 
Ausgestossene ist also mit Dampf erfüllte Luft, denn 
Wasser könnte sich ja nicht schwebend erhalten. Mit 
einem guten Fernglase glaubte ich auch eine Anzahl 
kleiner Tröpfchen innerhalb der Säule zu erkennen, 
doch nie ganz deutlich. Dass von dem ausgestossenen 
Dampfe ein Theil zu Tröpfchen sich condensirt, ist 



— 598 — 

bei der hohen Temperatur des Thieres und der Kälte 
der Luft über dem Eismeere sehr natürlich. Dicht 
neben dem Schiffe des Capt. Kotze bue stieg einmal 
ein Wallfisch auf, der sogleich blies, als er die Ober- 
fläche erreichte. Die benachbarte Stelle des Decks 
wurde wie mit Tropfen besprengt, aber nirgends war 
so viel Wasser, dass es zusammengeflossen wäre. 



' '■ : 




Auf einander folgende Formen einer von einem Finnfisch ausgestos- 

senen Dampfsäule. 

Dass die ausgestossene Dampfsäule am untersten 
Ende einen gedoppelten Ursprung haben müsse, be- 
zweifele ich nicht, doch ist es mir nicht geglückt, die- 
sen zu sehen, ohne Zweifel, weil er nur gesehen wer- 
den kann, wenn die Mittellinie des Wallfisches ganz 
in der Gesichtslinie des Beobachters liegt. 

Dass dieser Dampf oder der Athem mit lautem 
Schalle ausgestossen wird, erklärt sich leicht aus der 
Grösse und Derbheit der Lungen, die sich viel fester 
anfühlen, als die Lungen der Landsäugethiere, und 
sich also wohl auch kräftiger zusammenziehen, aus 
dem mächtigen Muskelapparate, der den Brustkasten 
zusammendrückt, und aus der Enge des Kehlkopfes. 
Der Athem wird hervorgeschossen wie aus einer Wind- 



— 599 — 

büchse und die tiefen liautfurchen der Finnfische 
müssen es der Haut erleichtern, den plötzlichen Com- 
pressionen des Thorax zu folgen, wogegen bei dorn 
eigentlichen Wallfische das sehr lockere und dickere 
Fettgewebe unter der Haut ein langsameres Nachfol- 
gen der eigentlichen Haut gestattet. 

\\ enn die Luft bewegt ist, so steigt die Dampfsäule 
nicht gerade auf, sondern neigt sich nach der Rich- 
tung des Windes. Ist dieser heftig und kalt, die See 
also auch in starkem Wogen, so werden auch wohl 
mehr und grössere Wassertropfen in die Höhe gewor- 
fen. Sie sind nicht mehr zweifelhaft, sondern sehr 
deutlich bei grösseren Delphinen. Ich habe auch da- 
von ein Bild gezeichnet und will es mittheilen. Es 
war eine Heerde einer grösseren Delphin-Art, wahr- 
scheinlich Delph. Oreo., welche ziemlich nahe auf stür- 
mischen Wogen sich hob und senkte. 




Ddpht Orcatf), auf stürmischen Wasserwogen sich tummelnd und 
mit dem Athem zugleich Wassertropfen aufwerfend. 

Ein solcher Anblick mag der Sage vom Ausstossen 
des Wassers einige Nahrung gegeben haben. Allein 
wie ein kalter Wind einen Nebel in Tropfen zusam- 
menpeitscht, was man an jeder Gebirgszacke sehen 
kann, so muss es auch hier sein, und weil die Del- 
phine im bewegten Wasser immer auf und nieder 
steigen, so muss Wasser ihren glatten Rücken hinab 



— 600 — 

auf das Spritzloch fiiessen und beim Ausstossen des 
Athems mit in die Höhe gerissen werden. Dazu kommt 
noch, dass bei den Delphinen das Spritzloch nicht auf 
der Höhe eines Buckels steht, wie bei den Wallfischen, 
sondern in der allgemeinen gekrümmten Fläche des 
Scheitels, und dass es selbst im geschlossenen Zu- 
stande ein kleines Grübchen bildet, in welchem sich 
etwas Wasser sammeln muss. Das Spritzloch hat be- 
kanntlich eine halbmondförmige Gestalt. Der convexe 
Rand dieses Halbmonds ist nach hinten gerichtet und 
liegt in der Fläche der übrigen Kopfdecken; dieCon- 
cavität ist aber von einem sehr weichen Polster (tem- 
pon) ausgefüllt, das wenigstens im todten Thiere im- 
mer etwas abfällt gegen den mondförmigen Rand. 
Eine ganz kleine Quantität Wasser wird 
sich also hier immer ansammeln können. 




Man sieht nämlich bei einem Ausstossen 
durch Delphine, wie es in der vorherge- 
henden Zeichnung abgebildet ist, in der Mitte auch 
eine Dampfsäule , die nur bei dem heftigen Winde 
sogleich verweht wird , im Umfange aber mehrere 
Reihen von grossen Tropfen, die gar nicht mehr zwei- 
felhaft, sondern sehr deutlich sind. Aber diese bilden 
zusammen doch nur eine sehr geringe Masse und schei- 
nen mir am zahlreichsten am hinteren Rande der 
hervorgestossenen Garbe, wie ich die ganze Ejacula- 
tion nennen möchte, da sie etwas umherspritzt. Mir 
schien es unzweifelhaft, dass der Stoff zu diesen gros- 
sen Tropfen nicht aus den Lungen kam, sondern 
von der äusseren Fläche des Thieres. So spritzen ja 
auch Seehunde, wenn sie den Kopf einige Zeit unter 
Wasser gehalten haben, beim ersten Ausathmen im- 



— 601 — 

mer Wassertropfen umher. Diese kommen aber weder 
aus der Lunge, noch aus der Nase, denn wenn die- 
selben Thiere auf dem Trocknen liegen, oder auch 
nur den Kopf einige Zeit über dem Wasser gehalten 
haben, ist von diesem Spritzen nichts zu bemerken. 
Bei grösseren Robben ist es beim Auftauchen aus dem 
Wasser ziemlich bedeutend. Ich habe eine Mönchs- 
robbe (Phoca Monachus) gesehen, die in einem gros- 
sen Kübel dem Publikum gezeigt wurde. Nach jedem 
Auftauchen aus dem Wasser, in dem sie gehalten 
wurde, spritzte sie so stark umher, dass den Zu- 
schauern, welche sie über den Rand des Kübels be- 
trachteten, einzelne Tropfen ins Gesicht flogen. 

Es ehr i cht hatte in der Versammlung der skandi- 
navischen Naturforscher im J. 1840 einen Vortrag 
über Wallfische gehalten und darin gesagt, die grosse 
Menge Wasserdampf, welche der Athem der Cetaceen 
enthält, müsse in der kalten Luft in Tropfen wie ein 
Regen niederfallen. Dazu macht der Übersetzer die- 
ses Berichtes in der Isis eine Anmerkung folgenden 
Inhalts: «Nothwendig muss der Wallfisch, w r enn er 
«nämlich unter dem Wasserspiegel ausathmet, einen 
«Theil Seewasser mit hinaufblasen: dies scheint mir 
«doch eher einen solchen Regen bewirken zu können, 
«als die blosse ausgeathmete feuchte Luft, welche sich 
«wohl in der Atmosphäre verliert, ohne dass in dem 
«Augenblicke ihre Wasserdämpfe zu Tropfen verdich- 
«tet würden.» Sonderbar, dass wenn ein Forscher 
nach Jahre langer Beschäftigung mit einem Gegen- 
stande, seine Überzeugung ausspricht, ein anderer so 
schwer einen momentan aufstossenden Zweifel zurück- 
halten kann ! Ich habe in Bezug auf diesen Streitpunct 

Melanges biologiques. IV. 76 



— 602 — 

auch einige Erfahrungen gemacht, eine zufällige und 
eine absichtliche. — Ich machte vor einer Reihe von 
Jahren und zwar vor dem Bau der Nikolai-Brücke 
einen Geschäftsgang am Englischen Quai, und dachte 
an nichts weniger als an Cetaceen, als mir plötzlich 
ein paar Wassertropfen auf das Gesicht fielen. Er- 
schreckt warf ich den Blick in die Höhe, da ich kurz 
vorher den Himmel schön blau gesehen hatte. Ich fand 
ihn auch ganz eben so rein, allein ich sah nun auch 
wenige Klafter von mir in der Newa, nicht etwa einen 
Wallfisch, sondern ein kleines Dampfboot, das schon 
seine Passagiere und die Bemannung abgegeben hatte. 
Der Schornstein hatte aufgehört zu rauchen, auch sah 
man keine Dampfsäule aufsteigen. Dennoch musste 
noch ein Rest von Dampf aufsteigen und in Tröpfchen 
sich sammeln. Und wird nicht der Athem der Men- 
schen und noch mehr der Pferde in kalter Luft sicht- 
bar? Er bildet also Dampf bläschen und wenn man 
gegen eine kalte Scheibe haucht, kann man Tröpf- 
chen haben. Wenn ein Pferd prustet, so weiss jeder 
Stallknecht, dass man nass wird, wenn man vor dem- 
selben steht. Das plötzliche Ausathmen der Wallfische 
ist aber diesem Prusten sehr ähnlich. — Was das 
Ausathmen der Wallfische unter der Oberfläche des 
Wassers betrifft , so habe ich mit einer gebogenen 
Spritze, allerdings nur in kleinem Maassstabe, Ver- 
suche angestellt. Wenn ich das Ausstossen der Luft 
etwas tief unter dem Wasser vornahm, so wallte die- 
ses nur etwas auf und glitt zur Seite nieder. Nur 
wenn das Ausstossen der Luft ganz nahe von der 
Oberfläche vorgenommen wurde, riss es einige Trop- 
fen mit sich, die aber stark auf die Seite geworfen 



— 603 — 

wurden. Etwas tief unter der Wasserfläche wird wohl 
der Wallfisch wenig Neigung haben zu blasen, da er 
ohne Zweifel gleich darauf Luft einzuziehen das Be- 
dürfniss hat. 

Noch möchte ich einer Beobachtung im hohen Nor- 
den erwähnen, bei der ich zwar nichts sehen, aber 
desto besser hören konnte. Unser Schiff lag still bei 
der Insel Kildin, da Windstille eingetreten war. Es 
fiel dort einem Wallfische ein , in der Nacht nahe an 
unser Schiff heranzuschwimmen und sich über eine 
Viertelstunde bei demselben aufzuhalten. Er stiess 
die Luft bald ganz nahe am Schiffe aus, bald, wie es 
schien, ein paar hundert Schritt von demselben. Se- 
hen konnte ich das Thier nicht, da der Herbst schon 
weit vorgeschritten und die Nächte dunkel waren, 
desto besser aber konnte ich hören, indem auf dem 
Schiffe alle Leute schliefen und auch in der Luft Alles 
ruhig war. Ich passte genau auf, ob ich nach dein 
Ausblasen ein Niederfallen von Wasser hören könnte. 
Es war aber nicht einmal ein solches Plätschern zu 
vernehmen, wie man es gehört hätte, wenn ein Glas 
Wasser ausgegossen, oder grosse Regentropfen in die 
ruhige See gefallen wären, über deren Spiegel das 
Deck des kleinen Schiffes kaum eine Klafter erhoben 
sein mochte. Das Ausstossen war allerdings recht 
laut, hatte aber durchaus nicht Ähnlichkeit mit einem 
Kanonenschuss, wie Lacepède meint, sondern den 
Ton, als wenn wir aus der Mundhöhle comprimirte Luft 
durch den wenig geöffneten Mund plötzlich ausstos- 
sen, nur viel lauter. Der Ausdruck «Blasen» ist also 
ganz charakteristisch. Es ist aber ein ausgestossenes 
Blasen, nicht ein andauerndes, denn die Dampfsäule 



— 604 — 

erhebt sich in einem Augenblicke. Hr. Admiral Lütke 
theilte mir mit, dass der Athem der Wallfische übel- 
riechend empfunden wird, wenn er in der Nähe bläst 
und man unter dem Winde ist. Ich erinnere mich, 
Ähnliches in älteren Berichten gelesen zu haben. 



(Aus dem Bulletin, T. VII, p. 333 - 341.) 



^Mai 1864. 

Auffindung zweier Backenzähne des Elasmothe- 
rium im Gouvernement Saratow, von J. F. 
Brandt. 

Während meiner Krankheit im März des vorigen 
Jahres gelangte an das Verwaltungs-Comité ein Schrei- 
ben des Heiligen Synods vom 5. März unter N 9 1698, 
das von einem Päckchen begleitet war, worin sich an- 
geblich zwei Zähne von Mamont befanden. Die spä- 
ter von mir selbst angestellte Besichtigung derselben 
ergab indessen sogleich, dass es Backenzähne des 
Elasmotliermm waren. Die Zähne der dem Moskauer 
Museum angehörigen Unterkieferhälfte des Elasmo- 
therium und der in unserem Museum aufbewahrte, 
vom Hrn. Grafen v. Keyserling geschenkte Ober- 
kieferzahn desselben Thieres bestätigten diese That- 
sache. Sie müssen daher als eine grosse Seltenheit und 
ausgezeichnete Acquisition betrachtet werden. Der eine 
von ihnen ist nach meiner Ansicht der hinterste obere, 
der andere der hinterste untere Backenzahn der linken 
Seite. Dieselben wurden im Petrowskischen Kreise 
(ytsÄt) des Saratowschen Gouvernements vom Bauer 
Agaphon Nicolai Ko sin in bei Serdoba auf dem Berge 
Monaschewaja gefunden, und vom Geistlichen Wassili 



— 606 — 

We den ski dem Heiligen Synod eingesandt, der sie 
dem Verwaltungs - Comité der Akademie zuschickte. 
Die genannten Zähne sind so gut erhalten, dass sie 
einen interessanten Beitrag zur Kenntniss des Zahn- 
baues des Elasmotherium liefern. Sie sollen daher in 
meiner auf diese so merkwürdige , untergegangene 
Thiergattung bezüglichen Abhandlung, welche ich 
nächstens der Akademie vorzulegen die Ehre haben 
werde, besprochen werden. 

Vom Elasmotherium waren, bis zur Acquisition die- 
ser Zähne, als ihm mit Sicherheit angehörige Theile, 
nur eine im Moskauer Museum aufbewahrte linke, 
von Fischer beschriebene Unterkieferhälfte, der hin- 
tere obere, bereits erwähnte Backenzahn unserer 
Sammlung und ein vorletzter unterer Backenzahn der 
Charkower Sammlung, so viel ich weiss, bekannt. Es 
scheint mir daher höchst wünschenswerth , dass die 
Classe an den erwähnten Geistlichen ein Schreiben 
richte mit der Anfrage, ob nicht noch andere Zähne 
und Knochen des fraglichen Thieres dort aufgefunden 
worden sind oder aufgefunden werden könnten. Das 
Museum der Akademie würde vielleicht auf diesem 
Wege zu Materialien gelangen, welche die Kenntniss 
der Form Verhältnisse dieses so merkwürdigen , nur 
durch wenige Reste bekannten Thieres, von dem Cu- 
vier sagt: «Quel étonnant animal ne devait-ce donc 
pas être que cet Elasmotherium!,» wesentlich fördern 
könnten. 



(Aus dem Bulletin, T. VII, pag. 352 — 353.) 



-Mai 1864. 

Über den Ursprung des Tschornosjom, von F. J. 
Ruprecht. 

Der Tschornosjom oder der Schwarzboden des mitt- 
leren und südlichen Russlands ist, wie ich mich über- 
zeugte, eine botanische Frage, aber aus diesem Ge- 
sichtspunkte so gut wie gar nicht untersucht worden. 
Er ist ein wichtiger Gegenstand für die politische 
Öconomie und ein noch ungelöstes wissenschaftliches 
Räthsel. Der Flächenraum desTschornosjom-Gebietes 
beträgt nach officiellen Quellen beiläufig 87 Millionen 
Desjätinen 1 ) in 22 zusammenhängenden Gouverne- 
ments oder etwa i 3 des Europäischen Russlands. Eine 
so grossartige Erscheinung, erklärt Murchison, hat 
nicht ihres Gleichen im übrigen Europa. Seit diesem 
Ausspruche haben sich mehrere namhafte Gelehrte: 
Geologen, Chemiker und Microskopiker auf dieseFrage 
geworfen. 

Aber auch die Regierung nahm diesen Gegenstand 
in die Hand; die Wichtigkeit der Bodenbeschaffenheit 



1) Oo-bHCHema k-b Xo3fliicTBeHHO-CTaTiicTH*iecKOMy aiuiacy Eßpo- 
neficKofi Poccin, H3^aHH0My ^enapTaaieHTOMt Cejitcnaro Xo3afiCTBa 
Mhh. Toc. HMymecxB-B. Ha^anie 3-e. 1857. (K. C. Bece.iOBCKaro). — 
Atlas écononiico - statistique de la Russie d'Europe, publié parle 
ministère des domaines de l'état, département de l'économie rurale. 
1857. 



— 608 — 

lag zu Tage. Auf diese Weise kam in einigen Jahren 
ein landwirtschaftlich - statistischer Atlas des Euro- 
päischen Russlands zu Stande, dessen erste zwei Auf- 
lagen 1851 und 1852 bald vergriffen waren und eine 
verbesserte (Französ.-Russ.) 3te Auflage im J. 1857 
nöthig machten, die unter der Aufsicht des damaligen 
Chefs der statistischen Abtheilung des Departement 
der Landwirtschaft im Ministerium der Reichsdomai- 
nen, Akademikers und nunmehr beständigen Secretairs 
unserer Académie , K. St. Vesselowski , ausgeführt 
wurde. Auf der Karte N 9 1 findet man die beste bis- 
herige Darstellung der Tschornosjom-Region in ihrer 
complicirten Configuration und der beigegebene Text 
erklärt auf eine sehr befriedigende Weise die Quellen 
dieser Zusammenstellung. 

Sechs Chemiker: Du Menil , Hermann, Phillips, 
Payen, Schmid und Petzholdt haben in 30 Jahren 
(1820 — 1850) 14 Proben des Tschornosjom von ver- 
schiedenen Orten analysirt 2 ) , um das Wesen dessel- 
ben, seine Entstehung und seit Alters her berühmte 
Fruchtbarkeit zu erklären. Fasst man die Resultate 
dieser Analysen zusammen, so erhält man als Haupt- 
bestandtheile des Tschornosjom: 

ä) an trockenen organischen Substanzen (Humus): 
im jungfräulichen Boden: 10° , 10 1 2 , tiefer 9%, 8 1 /,, 
8 und über dem Untergrund bloss 5 3 / 4 °/ — in unge- 



2) Du Menil in Schweigger Beitr. Chem. Phys. XXX (1820), S. 
187. — Brinken Bewaldung d. Steppen 1833, S. 11. — Hermann (Prof. 
in Moskau) in Erdmann Journal f. prakt. Chemie XII (1837), S. 277. 
— Phillips & Payen in Murchison Geol. Russ. (1845), p. 559. — 
Schmid (Prof. in Jena) in Bullet. Acad. Pétersb. 1850, VIII, 161. — 
Petzholdt in Bullet. Acad. Petersb. 1850, IX, n. 5 und in Erdmann's 
Journ. LI, 1. Petzh. Beiträge zur Kenntniss Russ. 1851, S. 43. 



— 609 — 

düngtem Ackerboden, 8V 2 (zweimal) 8 1 / 4 , — im gedüng- 
tem Boden 18°/ . Allein im jungfräulichen Boden des 
Gouv. Poltawa, wo der Tschornosjom schwärzer ist, 
als im Gouv. Orel und Rjäsan, fand Borissjak 3 ) in den 
unteren Schichten 7 — 9°/ , in den mittleren 10 — 12 
und in den obersten 13 — 17°/ Humus, mit einem 
entsprechenden Wassergehalt von 3 1/ 2 bis 47^. 

b) an Kieselerde und Silicaten; im ungeglühten 
Tschornosjom des Gouv. Rjäsan 71, 71, 69V 2 — un- 
bestimmt woher 71, 70 — Podolien 77 1 / 4 — Odessa 
nur 60 0/ (kein ächter Tschornosjom). Im geglühten 
Boden, wodurch der wässrige Humus ausgeschieden 
wurde, im Gouv. Orel 94, 94, 95, 92 3 / 4 , also selbst 
nach der Umrechnung unter allen Analysen am mei- 
sten — im Gouv. Tambow 71, 72, 78, also weniger 
als im Gouv. Rjäsan. 

Man weiss jetzt aus anderen Experimenten, dass 
die Kieselerde keine wesentliche Rolle bei der Ernäh- 
rung der Cerealien spielt 4 ). Auch der Humusgehalt 
ist nicht entscheidend , denn es gibt in gewissen Ge- 
genden ächten Tschornosjomboden, der sich für Ge- 
treidebau erschöpft hat und gedüngt werden muss, ob- 
gleich er hinreichend locker ist und noch 8 1 / 2 °/ trok- 
kenen Humus besitzt. Vielmehr sind es andere Ele- 
mente, die durch den Dünger oder mit der Zeit hin- 
einkommen und als Nahrungs- oder Reitz-Mittel wir- 
ken. Ausser dem Ammoniak ) ist der grosse Gehalt 
an Kali und Natron (bis 4 1 / 2 °/ ) und die Phosphorsäure 

3) EopiicsKib, ^epHoaeM-fe. XaptKOBt 1852,74 pp. Eine Schrift, 
die weniger bekannt ist, als sie verdient, wegen vieler trefflicher 
darin enthaltener Beobachtungen. 

4) Sachs in Flora 1862, n. 3. 

5) Giedwillo in Bullet, soc. nat. Mose. 1851, p. 503. 

Mélanges biologiques. IV. 7/ 



— 610 — 

(bis y a °/ ) im jungfräulichem Tschornosjom durch die 
Analyse nachgewiesen. Diese Elemente sind aber wohl 
noch nicht die alleinige Ursache der gesteigerten 
Fruchtbarkeit, vielmehr kommen noch andere Bedin- 
gungen dazu wie: die mittlere Sommertemperatur, die 
überall mehr als 14° beträgt, die solare Erhitzung des 
bestellten Bodens, die lockere Beschaffenheit dessel- 
ben, zu richtiger Zeit eintretende Regen und sorgfäl- 
tigere Bearbeitung- 

Die microskopische Analyse 6 ) hat gezeigt, dass der 
Tschornosjom keine marine organische Formen be- 
sitze und dass keine Spur von Pflanzengewebe in dem 
organischen Antheile zu bemerken sei, wohl aber eine 
Menge Phytolitharien, wie solche so häufig in Grä- 
sern vorkommen. Verbrannte Stipa gibt, wie man sich 
durch ein leichtes Experiment überzeugen kann, die- 
selben Phytolitharien und verkohlte Humusflocken, 
beide mit Übergangsformen zum Kieselskelette. Die 
Quantität der Phytolitharien und des formlosen Hu- 
mus wächst gewöhnlich mit der schwärzeren Farbe 
des Bodens und der geringeren Tiefe desselben. 

Über die Entstehung des Tschornosjom sind in den 
letzten 20 Jahren verschiedene Erklärungen aufge- 
stellt worden, die zwar Licht in diese Frage gebracht, 
aber noch zu keiner befriedigenden Lösung geführt 
haben. 

Der Tschornosjom ist kein Seeschlamm, der durch 
Meeresströmungen aus dem Norden 7 ) oder etwa durch 

6) Schmid 1. c. — Petzh. 1. c. — Ehrenberg Beilage z. Preuss. 
Staatsanzeiger 1850 n. 261 und Monatsberichte d. Berl. Acad. 1850. 
S. 268, 364 — 370. Ehreub. Microgeologie Tab. 34. N. II, Fig. 1 — 
22. — Weisse Bullet, soc. nat. Moscou 1855, p. 452. 

7) Murchison, the Geologie of Russia 1845, p. 563, zum Theil 



— 611 — 

das beginnende Zurücktreten des Schwarzen und Caspi- 
schen Meeres 8 ) abgelagert wurde, denn es fehlen alle 
Spuren von Meeresconchylien, microskopischen Poly- 
thalamien und Polycistinen, ebenso die marinen Ba- 
cillarien- Arten. Es ist ferner schwer zu begreifen, wie 
der Schlamm durch die Endspitzen der Nord-Fluth 
auf einen so grossen Raum hiuausgetrieben werden 
konnte; eben so wenig ist es einzusehen, warum der 
zuletzt trocken gelegte Caspisch - Politische Meeres- 
boden, der noch so häufig mit Seemuscheln lebender 
Arten bedeckt ist und eine niedrige Steppe mit vie- 
len Salzseen darstellt, nicht auch mit Schlamm (Tschor- 
nosjom) bedeckt ist. Diese Ansicht vom Seeschlamme 
ist schon 45 Jahre früher von Pallas 9 ) aufgestellt wor- 
den; er glaubte, dass Massen von Schilf und anderen 
Pflanzen an den ehemaligen Meeresufern verwesten 
und diese dicke Lage schwarzer Erde bildeten und 
zwar an Ort und Stelle. Pallas kannte damals nur die 
südlicheren Gränzen desTschornosjom und hatte noch 
keine rechte Vorstellung von der gewaltigen Ausbrei- 
tung dieses Bodens; chemische und microskopische 
Analysen waren noch unbekannt; er beruhigte sich 
damit , dass die Meeresmuscheln in der Don'schen 
Steppe durch Feuchtigkeit der Luft vollständig zer- 
stört worden seien. 

Der Tschornosjom ist auch nicht durch Austrock- 
nung und Verwesung der Torfmoore entstanden, eine 
Ansicht, die sich bis in die neueste Zeit erhalten hat 



auch im Journal of the Agricultural Society III (1842) 125 — 135 
und /KypHaa-B Mhh. Toc. Hnyiu. 1843, VIII, 119— 138. 

8) Petzholdt Beiträge I. c. S. 52. 

9) Pallas Reise Südl. Russ. I (1799), S. 442'. 



— 612 — 

und weiter ausgebildet wurde 10 ). Dies würde eine 
Menge zusammenhängender Torfsümpfe in dieser Re- 
gion voraussetzen, ein kaltes Klima und Wälder. Das 
nördliche Russland soll deshalb keinen Tschornosjom 
haben, weil noch dichte Wälder im Ganzen das Aus- 
trocknen der Sümpfe verhindern und mithin keine 
Umwandlung des Torfes erfolgen konnte. Gewiss hatte 
das südliche Russland noch in historischer Zeit mehr 
Wald, Sümpfe und Gewässer, als jetzt; dafür haben 
die HH. Profif. Borissjak, Tschernajew und Pitra in 
Charkow, interessante Beweise gesammelt 11 ). Dennoch 
sieht man aus den Schriften Herodot's 12 ), dass schon 
damals über die Waldlosigkeit bei den Scythen und 
Sarmaten stark geklagt wurde. Wenn man auch eine 
starke Bewaldung der Steppe in vorhistorischer Zeit 
vermuthen wollte, so wären Beweise dafür nicht auf- 
zubringen; vielmehr wachsen die abgehauenen Laub- 
hölzer aus dem Stummel wieder aus und von diesen, 
so wie von Nadelhölzern würden sich die Wurzelreste 
hie und da in der Erde erhalten haben und bei der 
microskopischen Untersuchung von 300 Proben aus 
30 verschiedenen Orten durch H. v. Weisse wären auch 
die kleinsten Partikel im Tschornosjom erkannt worden. 
Aber auch Torfmoore ohne Waldungen können nicht 
das Material für den Tschornosjom geliefert haben. 



10) Eichwald üajieoHTOJiorifl Poetin 1850, S. 244. — Wangenheim 
von Qualen im Bullet, soc. nat. Mose. 1853, p. 1 sqq. und Nachtrag 
ebendas. 1854, S. 446. — Ludwig Geogenische und geogn. Studien 
Russ. 1862, S. 109. 

11) Borissjak 1. c. — Tschernajew jrfccaxt yKpafiHti 1858. ■*- 
Pitra in Bot. Zeitung 1863, S. 79. — Erman Archiv I, 694. 

12) Herodoti historia. IV, 18 — 23, 53, 61. — v. Baer, die uralte 
Waldlosigkeit der Südruss. Steppen; in Baer u. Helmerscn Beitr. 
XVIII (1856), 109 und IV (1841), 180— 183. 



— 613 — 

Der Tsclioruosjom hat 70 — 80° Kieselerde, zum 
Theil als Sand, zum Theil in der Thonerde. Der Torf 
von Petersburg (Ochta) hat nach Prof. Wosskressen- 
ski ,3 ) nur 6° Asche, und diese sind noch keine 6 ü/ 
reine Kieselerde. Aber wenn dies auch so wäre und 
der Torf der Tschernosjom- Region selbst bis 30°/ 
Asche geliefert hätte, so gäbe dies noch nicht die 
Hälfte der Gewichts-Menge Kieselerde für eine gleiche 
Portion Tschornosjom , noch weniger ist aber eine 
Vergleichung nach dem Volumen beider statthaft. 
Welch' eine mächtige Schichte des so lockeren Torfes 
gehörte dazu, um eine 10 wenn nicht gar 20 Fuss 
mächtige Tschornosjom -Schicht (abgesehen von den 
6 — 12° Humus) zu bilden! Die dicksten Torfdepots, 
die man bisher kennt, haben höchstens bis 40 Fuss 
Mächtigkeit und würden bei vollständiger Verwesung 
(langsamer Verbrennung) auf ein sehr Geringes, lange 
nicht mehr Vergleichbares zusammensinken, wie das 
die grossartigen Torfbrände des Petersburger Gouver- 
nement im J. 1858 deulich zeigten. 

Noch mehr. Man müsste voraussetzen , dass die 
Atmosphäre bis auf die tiefsten Schichten eines un- 
geheuer mächtigen Torflagers zerstörend eingewirkt 
hätte, denn auch in den tiefsten Stellen hart über 
dem Unterboden findet man im Tschornosjom keine 
Reste von Pflanzengewebe mit Struktur. Es müssten 
die oberflächlichen Schichten, die der Luft zugäng- 
licher, also auch stärker verwest sind, einen grösse- 
ren Gehalt an unorganischen Bestandteilen und ei- 
nen geringeren an organischen strukturlosen Substan- 



13) Woskressenski iu Bullet. Acad. Pétersb. 1845. IV. 378. 



— 614 — 

zen zeigen, als die tieferen Schichten. Wir sehen aber 
gerade das Gegentheil im Tschornosjom, denn in ihm 
nimmt der Humus-Gehalt mit der Tiefe ab. Die zer- 
störende Einwirkung durch die Atmosphäre wäre also 
in der Tiefe grösser gewesen, als an der Oberfläche. 
Wer wird das behaupten wollen? Mir däucht, dass 
es Zeit ist, von diesem Wege zurückzukehren, weil 
er nicht zum Ziele führen kann. 

Der Tschornosjom entstand also auch nicht aus 
Torf, Schlamm und faulenden Pflanzenstofifen des nörd- 
lichen Russlands, die durch einen Transport, wie die 
nordischen erratischen Blöcke und Geschiebe nach 
Süden gebracht und abgelagert wurden "). Es ist auch 
kein Verwesungsprodukt von Wasserpflanzen an Ort 
und Stelle, weil die meisten derselben zart, weich 
oder fleischig sind, auch unter Wasser verfaulen und 
höchstens eine dünne Lage einer breiartigen oder gum- 
miartigen bräunlichen Masse, aber niemals Torf hin- 
terlassen 15 ). 

Hingegen giebt es auch Bildungen von schwarzer 
Erde auf sogenannten trockenem Wege, nicht nur durch 
starke und fortgesetzte Düngung, wie die schwarze 
Garten- und Ackererde, sondern ebenfalls ohne Zu- 
thun des Menschen. Dahin gehört die schwarze Laub- 
oder Walderde. Es sprechen indessen bereits erwähnte 
Gründe dagegen , dass der Tchornosjom ehemaliger 
Waldboden sei 16 ). 

Schilf, Seggen und andere Sumpf -Pflanzen bilden 
saure Wiesenmoore und einen schwärzlichen Schlamm- 



14) Wangenheim v. Q. 1. c. 

15) Auch Pokorny in Bonplandia 1859 S. 31. 
IG) Ehrenberg 1. c. 



— 615 — 

boden (Moor), der durch die grössere Menge der un- 
organischen Beimischung sich vom besseren Torf un- 
terscheidet, aber ausgetrocknet mitTschornosjom leicht 
verwechselt werden könnte. In solchen Fällen werden 
Reste oder Abdrücke von Wurzeln, Reste von Pflan- 
zenstruktur, der grosse organische Antheil und die 
Localität entscheiden. Die vorherrschende Masse des 
Tschornosjom liegt aber auf solchem Terrain, wo keine 
Wiesenmoore entstehen konnten. Aber wohl gibt es 
Localitäten, wo sauere Wiesen allmälig in trockenere 
Graswiesen und Rasenboden übergehen , also auch 
Übergänge zwischen der Bildung des Humus auf nas- 
sem und trockenem Wege vorkommen können. 

Die Rasenerde ist in der That das Äquivalent der 
Tschornosjomerde, sowohl in ihren äusseren Merkma- 
len als auch in chemischer und microskopischer Zu- 
sammensetzung, nur ist die Farbe der Erde unter der 
Rasendecke nicht so dunkel oder schwarz, wie beim 
Tschornosjom. Letzterer hat aber oft nur eine grau- 
lichschwarze Farbe und wenn man seinen Fundort 
nicht kennen würde, würde man sicherlich oft in der 
Bestimmung irren. Die Entstehung des Humus im Ra- 
senboden ist aber deutlich : die krautartigen Theile 
der Pflanzen sterben ab, verwesen an der Luft, zum 
Theil werden sie in Humus umgewandelt und durch 
Regen oder schmelzenden Schnee in den Boden hin- 
eingeführt, wo sie je nach der Quantität eine mehr 
oder weniger dunkle Färbung demselben verleihen. 
Und ganz so ist es beim Tschornosjom. Hier sieht man 
den unmittelbaren Übergang der Rasendecke in die 
Bodenschichte, die gewöhnlich eine lockere Beschaf- 
fenheit hat, es liegt keine fremde Schichte dazwischen. 



— 616 — 

Trotz der Trockenheit der Tschornosjom-Region wird 
der Boden im Frühjahre durch den schmelzenden 
Schnee in einen breiartigen halbflüssigen Zustand um- 
gewandelt; die brennenden Sonnenstrahlen versengen 
bald die oberirdischen krautartigen Theile und begün- 
stigen die Steppenbrände, die indessen nicht den gan- 
zen Rasen zerstören und auch sonst nur locale Er- 
scheinungen sind, aber im Laufe vieler Jahrhunderte 
eine allgemeinere Bedeutung gewinnen. Wie viel von 
einer gegebenen Tschornosjom- Schichte von dem Ra- 
sen gebildet wurde, und wieviel auf den unorganischen 
Boden kommt, ist jetzt noch schwer zu entscheiden; 
die Humuspartikel und Phytolitharien in der Tiefe 
sind durch Einsickerung dahin gelangt, aber die Kie- 
selerde der obersten Lage kann indirekt auch von der 
Pflanze abstammen und durch Sand oder Staub von 
andern Orten vermehrt worden sein ; direkt stammt 
sie allerdings nur aus dem ursprünglichen unorgani- 
schen Boden. 

Alle Beobachtungen sprechen dafür, dass zur Bil- 
dung von Tschornosjom eine viel längere Zeit erfor- 
dert wird, als zur Entstehung verschiedener schwar- 
zer Erden im nördlichen kalten und feuchten Russ- 
land. Neuere Beobachtungen haben in der pontischen 
Abdachung gezeigt, dass südlicher von der angenom- 
menen Gränze des Tschornosjom dennoch der Boden 
Tschornosjomhaltig sei, aber zonenweise gegen das 
Meer von der Donau bis Cherson immer ärmer an 
Tschornosjom werde 17 ). Es hat sich also seit der Ver- 
bannung Ovid's kein oder nur ausserordentlich wenig 
Tschornosjom gebildet (es mag dies nun bei Ovidiopol 
oder Varna sein), und ebenso seit der Zeit der grie- 



17) Grossul-Tolstoi in 3anwcKM 06m. CeatcK. X03. K)>khoh Poe- 
tin 1857. S. 315. 



— 617 — 

einsehen Kolonien am Südufer der Krim, also seit den 
ältesten historischen Überlieferungen. 

Um Sednief bei Tschernigow gibt es gegen 800 Kur- 
gane, 12 — 20 Fuss hoch aus hellem Sandboden er- 
baut, welcher oben in eine Schicht schwarzer Erde 
übergeht. Schon Blasius ,8 ) vermuthete , dass diese 
Schicht ein Produkt der Vegetation an Ort und Stelle 
und theilweise ohne menschliches Zuthun entstanden 
sei. Diese Decke ist nur 6 — 9 Zoll mächtig, während 
der Tschornosjom der Umgebung 2 — 5 Fuss mäch- 
tig die Sandschicht bedeckt. Waren die Gräber sicher 
aus der Zeit Baty-Chans, wie man dort allgemein an- 
nimmt, so hätten also 600 Jahre hingereicht, um eine 
solche Humusdecke auf den Gräbern zu bilden, indem 
Karamsin die Zerstörung Tschernigows durch Baty auf 
das J. 1239 verlegt. Wäre aber die Bildung des jung- 
fräulichen Tschornosjom vollkommen entsprechend je- 
ner Decke, so käme ihm ein Alter von 2400 — 4000 
Jahren zu. Doch hat diese Berechnung noch w T enig 
Werth. Indessen sieht man leicht, dass genaue Beob- 
achtungen in dieser Richtung wichtige Resultate Re- 
sultate liefern können. 

Die oben gegebene Erklärung der Bildung des 
Tschornosjom ist übrigens gar nicht neu, sondern in 
den wesentlichsten Punkten bereits vor 22 Jahren von 
Huot (in Demidoff's Reisewerke 19) ) gegegen worden; 
ja man sagt, dass seit alten Zeiten die allgemeine Volks- 
meinung dasselbe aussprach. Sonderbar genug, dass 
kein Gelehrter bis dahin Notiz davon nahm und noch 
merkwürdiger, dass Huot's zwar kurze aber deutliche 



18) Blasius Reise Europ. Russl. 1844 II. 200. 

19) Huot in Demidoff Voyage Russie mérid. 1842 II, 460. Huot 
in Malte -Brun Précis de la Géogr. univ. 5 me édit. 1841. III, 597. — 
A. v. Meyendorf in domptes rendu Acad. Paris. 1841, p. 1233 nennt 
den Tschornosjom «humus végétal décomposé». 

Mélangea biologiques. T. IV. 78 



— 618 — 

Erklärung keinen Anklang bei den übrigen Gelehrten 
fand. Und dennoch ist sie wahr, denn es gibt keine 
einzige Erscheinung, die mit ihr nicht im Einklänge 
steht. Die Abwesenheit der Polythalamien und Poly- 
cistinen, der marinen ßacillarien, mariner und Süss- 
wasser- Muscheln; die Abnahme der Phytolitharien, 
des Humus und der dunkleren Färbung gegen die 
Tiefe zu; der geringe organische Gehalt des Bodens 
im Verhältniss zur Kieselerde und den übrigen unor- 
ganischen Bestandteilen ; das Vorkommen auf kuppen- 
förmig gewölbten Plateaus und dem Rücken der Hü- 
gel und Berge; die lückenhafte Vertheilung des Tschor- 
nosjom auf grossen Strecken; das häufige Fehlen längs 
den Flussufern, wenn diese neue Bildungen sind; die 
geringe Menge desselben am Schwarzen Meere von 
der Donau bis Cherson; die Abwesenheit in der pon- 
tisch-Caspischen Steppe, ferner auf Flugsand, wo sich 
eine Grasnarbe zuweilen nur schwer bildet; das Vor- 
kommen auf den Vorbergen des Urals und Caucasus 20 ) 
weit über dem Niveau des benachbarten Tschorno- 
sjom; das ungleiche Niveau der übrigen Punkte in 
der Region dieser Bodenart, ihr Übergang in Rasen- 
erde; die vollständige Zerstörung der vegetabilischen 
Struktur bis auf die Phytolitharien der Gräser; die 
kohlenschwarzen Flocken und manche andere Erschei- 
nungen werden vollkommen durch die angegebene Bil- 
dungsweise erklärt und stützen ihrerseits einzeln und 
zusammengenommen die beschriebene Entstehungs- 
weise des Tschornosjom. 



20) Abich in Bullet. Acad. Pétersb. 1854. XIII. 

(Aus dem Bulletin, T. VII, p. 417 - 425.) 



20 Mai , . 

ï—ï — - 1864. 

1 Juni 

Über die wissenschaftliche Bedeutung des Tschor- 
nosjom; von F. J. Ruprecht 

Die in meinem vorausgegangenen Aufsatze gege- 
bene Erklärung des Ursprunges des Tschornosjom ist 
einfach, leicht und natürlich. Dass man früher eine 
solche Erklärung anzunehmen vermied, muss doch einen 
gewichtigen Grund gehabt haben, der übrigens nicht 
deutlich ausgesprochen wurde. Es w T ar dies wohl die 
so plötzlich abgeschnittene Nordgränze, über welche 
weiter hinaus kein ächter Tschornosjom mehr nach- 
gewiesen werden konnte. Dafür erschien der Torf als 
ein Stellvertreter von derselben Farbe und grossarti- 
gen Entwicklung. Die Bildungsgeschichte des Torfes 
und Tschornosjom ist jedoch, wie gezeigt wurde, zu 
verschieden und die angebliche Umwandlung des er- 
steren in letzteren ganz unmöglich. Wenn aber der 
Tschornosjom ein Produkt der Rasen-Vegetation ist, 
so konnte man mit Recht fragen, warum hat man denn 
im Norden nur blassgefärbte Erdschichten unter dem 
Rasen und niemals schwarze staubartige Schichten bis 
10 Fuss und dicker? 

Das Klima trägt nicht die Schuld ; denn obgleich die 
Tschernosjom-Gränze mit der Isothere von 14 — 15 R. 
zusammenfällt, so verliert diese Isothere im westlichen 



— 620 — 

Europa alle Bedeutung. Der Grund, warum dort 
noch Niemand Tschernosjom gesehen hat, wird wohl 
der sein, dass das westliche Mittel-Europa dichter be- 
waldet ist oder doch einst gewesen ist, wofür Zeug- 
nisse aus dem Alterthume da sind, aber nicht für das 
Gegentheil, wie wir für Scythien und Sarmatien be- 
sitzen ; auch hat man beobachtet , dass Wald und 
Tschornosjom sich nicht gut mit einander vertragen. 
Und so sind wir mit dieser klimatischen Linie wieder 
auf Russland zurückgewiesen. Wie gross ist nun der 
klimatische Unterschied der waldlosen Gegenden um 
Moskau oder Kasan von den so nahen Gränzen des 
Tschernosjom-Bodens; wie gross kann dieser Unter- 
schied sein an so vielen Punkten, die nur durch die 
Flussbreite der Kama, Okka oder Dessna getrennt 
sind ? 

Der Grund dieser räthselhaften Erscheinung ist ein 
anderer. Ich bin auf ihn zuerst aufmerksam gemacht 
worden durch die Beobachtungen der Hrn. Annenkow 
und Kaufmann, welche unabhängig von einander in 
den letzten Jahren zu dem Ergebnisse kamen, dass im 
Gouvernement Tula und im Süden des Gouv. Moskau 
mit der Okka die Vegetation sich auffallend ändere, 
und dass diese Änderung mit dem Auftreten des Tschor- 
nosjom in Verbindung stehe. Es war mir damals be- 
reits bekannt, dass schon vor 13 Jahren Prof. Claus 
dieselbe Wahrnehmung im Gouv. Kasan machte; die 
auffallende Verschiedenheit der Vegetation am linken 
Ufer der Kama jedoch nicht vom Tschornosjom, den 
er übersah, sondern vom Einflüsse der Grassteppe 
ableitete. Claus charakterisirte die Grassteppe durch 
Stipa, durch eine grössere Anzahl der Compositae, 



— 621 — 

Labiatae und Leguminosae und durch den Mangel an 
Nadelwaldung nebst den selbe begleitenden Moor- 
boden-Pflanzen 1 ). Genug Winke für weitere Unter- 
suchungen, nachdem diese Erscheinung nicht mehr für 
eine ganz lokale gehalten werden durfte. 

Es musste daher zuerst die Frage aufgeworfen wer- 
den, ob dieser angedeutete exclusive Charakter der 
Nadelwaldung und Steppe allgemein gültig sei und in 
welcher Beziehung er zum Tschornosjom stehe. 

Der ganze Trakt von der Okka über Tula, Orel, 
Kursk bis Charkow macht nun in der That den Ein- 
druck einer durch Ackerbau verdeckten Steppe, in 
welcher Laubwaldungen nur stellenweise und Nadel- 
waldungen weit und breit gar nicht vorkommen; dafür 
sprechen die krummen Telegraphen-Stangen und die 
elenden Holzgebäude aus Zitterpappeln. Dieser Man- 
gel konnte zufällig sein. Ich verglich daher genau die 
Verbreitung des Tschornosjom nach der Darstellung 
unseres Hrn. Collegen Vesselowski mit der Verkei- 
lung der Nadelhölzer, wofür hinreichend vollständige 
Beobachtungen für das ganze Europäische Russland 
angestellt und in den Schriften von Trautvetter und 
Bode sorgfältig gesammelt waren 2 ). Und siehe da — 
die südliche Gränzlinie der Europäischen und Sibiri- 
schen Tanne fiel ganz augenfällig zusammen mit der 
Nordgränze des Tschornosjom, vonVolhynien bis Ufa; 



1) Local-FlorenderWolga-Gegenden. Beiträge z.Pflauzenk.Russ. 
VIII. Lief. (1851), 15, 39, 42—57. 

2) R. v. Trautvetter Pflanzengeographische Verhältnisse Europ. 
Russ. I (1849) S. 22, 28. Desselb. Ectcctb. HcTopia TyöepH. KieBCK. 
yHe6. OKpyra. BoTaH. *iacTB reorpa*. 1851. A. Bode, Verbreitungs- 
Gränzen der Holzgew. Eur.Russ. in Baer und Helmersen Beitr. XVIII 
(1856), 23—28. Karte 1. 



— 622 — 

ebenso von Dicotyledonen-Hölzern jene der Weiss- 
Eller. Aber diese Übereinstimmung konnte ja abge- 
leitet werden von der besagten Isothere, um so mehr, 
da es bekannt ist, dass die Tanne nur von der Sommer- 
Dürre leidet. Hier kommt es jedoch auf 1° und selbst 
2° nicht an, wie die Acclimatisation beweist, sondern 
auf den Boden und die Feuchtigkeit; ferner folgt die 
Sibirische Tanne in Europa eher der Isochimene 
von —10°. 

Eine andere Frage war, da es üherhaupt keine 
strenge Begränzung der Steppe durch Linien giebt, 
ob das Gesammtgebiet des Tschornosjom im Allgemei- 
nen Anspruch auf den Namen einer Steppe machen 
kann — und wenn nicht — wo dann die Nordgränze 
der Steppe zu ziehen sei? Nachdem ich auf den rela- 
tiven Begriff und die Verschiedenheit der Steppe ein- 
gangen war, ergab sich nur die Quantität des Waldes, 
in welchem die Kiefer nicht fehlt, verglichen mit dem 
Areal, als leitendes Merkmal. Da mehrere Gouverne- 
ments keine natürlichen Gränzen haben, die mit den 
gesuchten übereinstimmen, so mussten die Berech- 
nungen nach den Kreisen gemacht werden, die indes- 
sen wieder zuweilen auf beiden Seiten der von mir 
angenommenen Grenzflüsse liegen. Das Ergebniss 
war, dass die allermeisten Tschornojom- Gouverne- 
ments weniger als 30°/ Wald, meist schon am Ende 
des vorigen Jahrhunderts, hatten 3 ). Ausnahmen sind: 
3 sehr reich bewaldete Kreise des G. Pensa mit 73, 
54 und 49°/ , während die übrigen von 32 bis 12°/ 
fallen; ferner die auf der Bergseite der Wolga liegen- 

3) Oô^HCHema kt> Xo3.-OraT. ATJiacy. 1857. ct. 51. BoeHHO-Ora- 
THCT. 06o3p. 1848—53. 



— 623 — 

den Kreise des G. Kasan zusammen mit 33%, welche 
jedoch stark abstechen von der Bewaldung auf der lin- 
ken Seite der Wolga, wo in einem Kreise der Wald 
bis 80°/ steigt. Auch im G. Nowgorod besitzt die 
Bergseite über 40°/ , es fehlt aber dort beinahe über- 
all Tschornosjom; im G. Orenburg, mit 39°/ Wald, ist 
die Verbreitung des Tschornosjom zu wenig bekannt 
und der Einfluss des Ural zu störend. Dagegen hatten 
alle Gouvernements, in welchen die Tanne Wälder 
bildet, mit Ausnahme von Grodno, Kowno und Est- 
land, immer mehr als ein Drittel, viele die Hälfte, 
einige % ihres Areals Wald, das G. Wologda sogar 
94°/ und, mit Ausschluss der Tundren, das G. Ar- 
changel wahrscheinlich noch mehr. Über der Nord- 
gränze des Tschornosjom ist also eine plötzliche Stei- 
gerungin der Waldmenge zu erkennen, während inner- 
halb des Tschornosjom-Gebiets die Abnahme des Wal- 
des nach Süden ganz allmälig erfolgt und durchaus 
keine Gränze anzugeben wäre. Man könnte daher die 
nördliche Gränze als den Anfang der Steppe betrach- 
ten, wie dies auch der Sprachgebrauch im G. Rjäsan, 
an der Kama und Wolga u. a. billigt, obgleich der Name 
Halbsteppe bezeichnender, wenn auch nicht ganz rich- 
tig wäre. Eine solche Steppe, bedeckt mit Stipa, war 
nach Koppen der SO. Theil des G. Orlow noch zu An- 
fang unseres Jahrhunderts. Man hat solche Steppen 
Grassteppen genannt. Die Stipa spielt hier unter den 
übrigen Gräsern die Hauptrolle durch ihr geselliges 
Auftreten, schliesst indessen andere Kräuter keines- 
wegs aus und wird sogar streckenweise durch sie ver- 
drängt. Es ist eine ausgemachte Sache, dass Stipa pen- 
nata (KoBbMb) sich genauer als Stipa capillata (Tupca) 



— 624 — 

nach dem Tschornosjom richtet; beide Arten sind eben- 
so massenhaft in den Steppen des südlichen Sibiriens 
bis zum Jenisei. Mit einer solchen Grassteppe stim- 
men nun auch die Phytolitharien des Tschornosjom und 
insbesondere jene der verbrannten Stipa pennata. Eine 
solche üppige Gras- und Kräuter-Steppe, wie sie auf 
dem Tschornosjom-Boden Russlands sich entwickelt, 
hat nicht ihres Gleichen in Europa! 

Die Steppe, die Tanne und der Tschornosjom stehen 
also überall in einem ganz bestimmten Verhältniss zu 
einander. Die Steppe besitzt aber noch einen specifi- 
schen Vegetations-Charakter, der noch lange nicht 
hinreichend erforscht ist und von mir nur auf die Nord- 
gränze geprüft werden konnte. Es treten nämlich eine 
Anzahl charakteristischer Pflanzen bis an diese Gränze, 
überschreiten sie aber nicht weiter nach Norden. Die 
Umgebungen von Moskau und Kasan sind lange er- 
forscht und bieten dafür eine gewisse Garantie. Aus- 
serdem werden die Beispiele an diesen zwei Punkten 
in zweiter Linie durch die Floren von Wjätka, Perm, 
Archangel, Petersburg, die Ostseeprovinzen, durch 
die Beobachtungen von Gorski und Besser in den west- 
lichen Provinzen, von Trautvetter und Rogowicz in 
den Gouv. Kiew, Poltawa und Tschernigow, von Pabo 
und Tscholowski im G. Mohilew, von P. Semenow am 
oberen Don, von Meyer im G. Tambow, von Claus und 
Veesenmeyer an der Wolga, und anderen sicheren An- 
gaben gestützt 4 ), die von mir eigens zusammengestellt 



4) Meyer Fl. Prov. Wjatka. Beilr. Pflanzenk. Russ. V (1848) 355 
Phanerog. — Nesterowski Herb. Perm. 310 Spec. — Kupr.Fl.Samoj. — 
PoroBH^t, EcTecT. Hct. Ty6. KieBCK. y^eö. OKpyra. BoTaH. CncTeMaT. 
1855, enthält 1376 Phanerog. — Pabo et Tscholowski Herb. Gub. 



— 625 — 

worden sind, um darzuthun, dass diese Vegetations- 
verschiedenheit nicht nur um Kasan und Moskau, son- 
dern an der ganzen Linie auftritt. Solche Pflanzen, 
wie z. B. Stipa pennata, Adonis vernalis, Veronica in- 
cana, Linum flavum, Cerasus fruticosa, Serratula hete- 
rophylla und coronata, Centaurea Marschalliana und 
ruthenica, Scorzonera purpurea, Galatella punctata, 
Aster Amellus, Hieracium virosum, Campanula sibi- 
rica, Phlomis tuberosa, Nepeta nuda, Echium rubrum, 
Falcaria Rivini, Trinia Henningi, Euphorbia procera, 
Lychnis chalcedonica — solche Arten sind geradezu 
Leitpflanzen des Tschernosjom. Eine zweite Klasse 
von Pflanzen richtet sich auf eine grosse Strecke eben- 
falls nach der Nordgränze des Tschornosjom, von der 
Kama bis zur Dessa, biegen aber dann nach NW. ab, 
ohne mit irgend einer thermischen Linie in Verbin- 
dung zu stehen. Für diese Erscheinung gelang es mir 
noch nicht eine Erklärung zu finden. Die Pflanzen der 
IL Klasse stimmen mit den trivialen mitteleuropäischen 
überein; jene der I. Klasse fehlen zur Hälfte in 
Deutschland, während die andere Hälfte sich ins nörd- 
liche Deutschland nicht verbreitete oder nur spora- 
disch in Folge nachweisbarer Ursachen. Die Pflan- 
zen der IL Klasse stammen auch nicht aus Scandina- 
vien, denn sie fehlen zum % Theil daselbst. In Scan- 
dmavien fehlen alle Pflanzen der I. Klasse, nur Adonis 
vernalis wächst auf Gothland und Oeland. 

Die Eigenschaften des Tschornosjom -Bodens sind 
nicht die Ursache dieser Flora-Verschiedenheit, denn 



Mohil. — II. CeMeHOBt IIpn^oHCKaa ^jiopa 1851. — Meyer Fl. Gub. 
Tambow. Beitr. Pfl.I,iX. — Veesenmeyer Vegetat. mittl. Wolga im G. 
Simbirsk und Samara. Beitr. Pflanz. IX (1854). 

Mélauges biologiques. IV. 79 



— 626 — 

alle diese charakteristischen Pflanzen lassen sich im 
Boden Petersburgs und anderwärts mit der grössten 
Leichtigkeit acclimatisiren und werden in unseren bu- 
tanischen Gärten mit keiner besonderen Erdmischung 
bedacht. Das Klima ist also auch nicht der Grund 
und die besagte Isothere wäre uur für einjährige Ar- 
ten wichtig, von welchen mir bloss 2 auch nicht be- 
weisende Beispiele (Eragrostis poaeoides und Alys- 
sum minimum) bekannt sind. Ich combinirte bereits 
vor mehreren Jahren die thermischen Linien mit den 
meisten einzelnen Baumarten Russlands, ohne zu einem 
befriedigenden positiven Resultate zu gelangen. Diese 
Linien haben sich auch sonst mehrfach bei der natür- 
lichen Verbreitung der Pflanzen einer und derselben 
grösseren Zone unzweckmässig erwiesen und sind viel- 
leicht bloss noch für Acclimatisation brauchbar. Die- 
sen Ausgang der Untersuchung hatte ich vorausgese- 
hen, er durfte aber bei der Darlegung derselben nicht 
übergangen werden. 

Nachdem ich mich hinreichend durch eigene Prü- 
fung und Combination fremder sicherer Beobachtun- 
gen überzeugt hatte, dass an dieser Tschornosjom- 
Gränze zwei verschiedeneFloren zusammenstossen,war 
mir sehr bald klar geworden, dass ich es hier mit zwei 
Vegetations- Gebieten von verschiedenem Alter zu 
thun hatte und erkannte sogleich die Bedeutung des 
Tschornosjom für die Wissenschaft, eine Bedeutung, 
die früher nur geahnt worden ist. 

Lange schon mit speciellen Studien über verschie- 
dene Vegetations-Gebiete des Russischen Reiches be- 
schäftigt, erlangte ich die Überzeugung, dass unsere 
jetzt lebenden Pflanzen nicht von gleichem Alter sind, 



— 627 — 

sondern dass ihre Gruppirung in verschiedenen Gebie- 
ten zu verschiedenen Zeiten erfolgt sei. Ich fand näm- 
lich: 1) dass die ältesten jetzt noch lebenden Pflanzen 
bis in die tertiäre Zeit zurückreichen und sich auf der 
Ostseite beider Continente der nördlichen gemässigten 
Zone erhalten haben 5 ); 2) dass die Pflanzen des Ural 
keine selbstständige Flora bilden, sondern bis auf 
einige 1000 Fuss hinauf von gleichem Alter sind 
mit jenen der beiderseitigen Ebenen; 3) dass die al- 
pine Ural-Flora vom Taimyr, Baical und Altai einge- 
wandert und daher jünger als die Ostsibirische Flora 
ist 6 ); 4) dass der Ural keine Gränze für die Europäi- 
sche und Sibirische Wald-Flora bilde, sondern dass 
letztere tief in die Tannenregion des nördlichen Russ- 
lands eintrete 7 ) oder sie vielmehr bilde; 5) dass diese 
letztere wieder von einem anderen Alter ist, als die 
Skandinavische Flora 8 ); 6) dass selbst in der Flora Pe- 
tersburgs sich 3 Altersstufen erkennen lassen 9 ). Hier- 
aus folgere ich, dass die noch jetzt lebenden Pflanzen 
Wörter sind, die man nur richtig zusammenzusetzen 
braucht, um die Geschichte der Erdoberfläche bis zur 
tertiären Zeit zurück zu lesen. Wo die feinste Geo- 
logie nicht mehr im Stande ist, die obersten Blätter 
des Geschichtsbuches unseres Planeten von einander 
zu trennen und zu lesen, dort vermag dies noch die 
Botanik. 



5) R. Beitr. Pflanz. Russ. XI (1859) p. 84. Agassiz Lake superior 
1850 hatte dies Verhältniss noch nicht rein erkannt. 

6) R. Beitr. Pflanz. VII (1850) p. 22 und in Hofmann Nördl. Ural. 
Anhang S. 15. 

7) R. Symbolae 1846 p. 222. 

8) R. Fl. Sainoj. 1845 p. 14. 

9) R. Diatr. Petrop. 1845 p. 14 (139). 



— 628 — 

Gegenwärtig ist ein grosser Schritt weiter gesche- 
hen. Bisher konnte ich in dem ungeheuren Gebiete 
des Europäischen Russlands nur eine Wald- oder Co- 
niferen - Region und eine Steppen -Region unterschei- 
den, ihre genauere Begränzung war mir jedoch nicht 
klar. Ich muss daher jetzt den Scharfsinn meines Col- 
legen Trautvetter bewundern, welcher aus einer ein- 
zigen aber wichtigen Baumart, der Tanne, die genaue 
Gränze richtig erkannt hat 10 ); ein Merkmal, welches 
jetzt auch durch die Verschiedenheit der übrigen 
Pflanzen, durch den auftretenden Steppencharakter 
und was noch weit mehr ist, durch den Tschornosjom, 
der ein unbestreitbares Document eines verschiede- 
nen Alters ist, gestützt und ausser allen Zweifel ge- 
stellt wird. 

Die Tannen-Region des nördlichen Russlands und 
die Steppen -Region des Südens ist bei weitem schär- 
fer geschieden, als die Region der Europäischen und 
Sibirischen Tanne, die im Vergleiche mit ersterer nur 
eine untergeordnetere , nicht gleichwerthige Differen- 
zirung zulässt. Und da dieser Unterschied nicht Folge 
der Höhe, des Bodens oder des Klima, sondern nur 
allein der Zeit ist — so muss der Zeitunterschied, 
proportional der Grösse des Unterschiedes der Floren- 
Gebiete, Nördlich und Südlich von der Nordgränze 
des Tschornosjom grösser gewesen sein, als in der 
Tannen-Region westlich und östlich. 

Es fragt sich nun, welche von beiden Floren die 
ältere ist, die nördliche oder die südliche? 

Wir wissen bereits, wie langsam die Bildung des 



10) Pflanz. Geogr. Verb. Eur. Russ. II (1850) S. 3. 



— 629 — 

Tschornosjom vor sich geht, wie wenig Gewässer und 
Sümpfe dieses Land mehr besitzt und wie noch in hi- 
storischer Zeit die letzten Seen austrocknen 11 ). 

Gleichfalls ist es Jedermann bekannt, wieviel grosse 
und kleine Seen, welche erstaunliche Menge von Torf, 
Moos-Sümpfen und sumpfigen Wäldern das nördliche 
Russland besitzt. Es ist ferner gezeigt worden, dass 
das Aequivalent des Tschornosjom im Norden nicht 
der Torf, sondern die Rasenerde trockenerer Gegen- 
den ist, die aber nirgends die Dimensionen nach der 
Tiefe und Oberfläche, noch die tiefe schwarze Fär- 
bung des ächten Tschornosjom erlangt hat. Diese 
Erscheinungen stehen im vollen Einklänge mit dem 
entsprechenden Zeitunterschiede. Es ist schwer 
durch Zahlen zu bestimmen, wieviel trockenes Land 
im Nördlichen Russland vorhanden ist; nur wenige 
stark bevölkerte Gouvernemente haben über die Hälfte 
trockenen Landes. Von unseren aus bewohnten Orten 
und trockenen Strassen entstandenen beschränkten Vor- 
Stellungen darüber dürfen wir keinen Maasstab ent- 
nehmen. Ich möchte annehmen, dass mehr als die 
Hälfte der Oberfläche des Nördlichen Russlands noch 
jetzt mit Seen, Moossümpfen und sumpfigen Wäldern 
bedeckt ist 12 ). Die Pflanzen wurzeln hier nicht mehr 
auf der Diluvialschicht , sondern im Wasser oder 
Schlamm. Diese ganze Pflanzendecke ist ein Überzug 
auf ehemaligen seichten Seen, schwappend, unzugäng- 
lich, für den Menschen noch unbewohnbar. Erst mit 
der fortschreitenden Entwässerung beginnt die Bewal- 



11) EopHCHKt o nepH03. 1852. Pitra Bot. Zeitg. 1863. S. 79. 

12) Finnland, so felsig und bergig, hat nach Vesselowski, 47% 
Seen und Sümpfe und nur l° /0 Ackerland. 



— 630 — 

dung im Sumpfe. Die Tanne kann nicht den festen 
Boden mit ihren Wurzeln erreichen, weil diese hori- 
zontal verlaufen, deshalb nimmt sie in Ermangelung 
einer festeren Torfschicht auch mit einer schlammigen 
vorlieb; diese ist aber ein Product des Moossumpfes, 
dieser letztere entwickelt sich auf einem seichten See 13 ). 
Alle diese Moossümpfe und selbst sumpfige Tannen- 
wälder sind unglaublich arm 14 ) an höher organisirten 
Pflanzen; ihre Dürftigkeit müssen sie durch eine 
grosse Individuenzahl weniger Arten, hauptsächlich 
Cryptogamen, verdecken. Diese Armuth im Vergleiche 
mit trockenen Gegenden oder etwa der Grassteppen 
ist keine Folge des nördlichen Klima, sondern des 
jugendlichen Alters. Das nördliche Russland war noch 
vor verhältnissmässig kurzer Zeit ganz unter Wasser 
und daher ohne Land-Vegetation. Die jetzige einför- 
mige Bekleidung wurzelt nicht im (unorganischen) 
Mutterboden, sondern im Wasser oder im primären 
vegetabilischen Boden (Schlamm und Torf 15 ). Ich 
glaube daher, dass es keinem Zweifel unterliegen 
kann, dass die Tannen-Region des nördlichen Russ- 
land viel jünger ist, als die Vegetation des Tschor- 
nosjom-Gebietes. Die Bildung der ersteren erfolgte auf 
Wasser, die der letzteren auf trockener Erde. Die 
neuesten geognostischen Schichten im Nördl. Russland 
sind daher unorganische und darüber vegetabilische, 
die mit den ersteren in keinem Zusammenhange ge- 



13) Ein Beitrag zur Frage über die Zeitdauer, welche zur Sumpf- 
undTorfbildungnothwendigist. Bullet. Acad.Pétersb. VII (1863), 148. 

14) Im Bourtauger Moor zählte Grisebach auf 16 QMeilen nur 
27 Pflanzen-Arten. 

15) Wangenheim von Qualen fand in Livland Urwälder, welche 
auf 20 Fuss tiefen Mooren stehen (Bull. Mose. 1862). 



— 631 — 

standen haben, sondern durch eine Schichte Wasser 
getrennt waren. 

Wir können noch näher die Zeit bestimmen, in 
welcher das nördliche Russland unter Wasser sich be- 
fand, während das Tschornosjom-Gebiet bereits trocken 
war. Diess war zur Zeit des Transportes Scandinavi- 
scher Blöcke. Nirgends fand man diese Blöcke auf 
Tschornosjom; die Angabe bei Woronesh beruht auf 
einem Irrthume in der Bestimmung der Felsart, wie Hr. 
v. Helmersen bemerkte 16 ). Sollten erratische Geschiebe 
irgendwo auf Tschornosjom gefunden werden, so könnte 
diess nur an der Xordgränze des Tschornosjom sein. 
Die Darstellung der südlichen Verbreitungs-Linie der 
Scandinavischen (und Finnländischen) Blöcke auf der 
geognostischen Karte Murchison's zeigt hinlänglich 
deutlich, wie selbe an einigen Orten hart am Ufer, an 
anderen weiter entfernt an den seichten Ufern des 
ehemaligen Tschornosjom-Continents gestrandet sind. 
Wie auch der Transport der Blöcke, welche nicht ab- 
gerundete Geschiebe sind, vorsieh gegangen sein mag, 
auf Eisfeldern oder mit Eisblöcken — wie auch ihre 
Ablagerung erfolgt ist, streifenweise durch Schmelzen 
des Eises oder durch Strandung auf Untiefen oder vor 
dem Ufer — Alles deutet daraufhin, dass'das Tschor- 
nosjom-Gebiet bereits trocken war, als dieser Trans- 
port auf einer Wasserbedeckung begann. 

Kutorga und Wörth entdeckten vor 19 Jahren 



16) Murchison beobachtete an einer Stelle unweit Woronesh nor- 
dische erratische Blöcke auf Tschornosjom gelagert; ein Umstand, 
der ihn noch mehr in seiner Ansicht über den subaquatischen Ur- 
sprung des Tschornosjom bestärkte (Geolog. Euss. 557, 558; auch 
519, 525, 526, 699 und Southern limit of Northern Boulders auf der 
Geolog. Karte). 



— G32 — 

südlich von Gatschina bei Sivoritzy polirte und ge- 
streifte Silurische Kalkschichten. Murchison bemerkt, 
dass an diesem Orte der geschrammte Kalkstein von 
keinem feinen Sande oder lockeren Lehm überdeckt 
ist, in der Umgebung jedoch zahlreiche erratische 
Blöcke vorkommen; er ist daher geneigt anzuneh- 
men, dass diese Politur und Streifung durch die Be- 
wegung des gestrandeten Eises (ice-fioes) entstanden 
sei, welches diese erratischen Blöcke über den Kalk- 
stein, der damals eine Untiefe bildete, rollten und ihn 
schrammten 17 ). War diess aber ein Gletscher-Phae- 
nomen, wie F. Schmidt gestützt auf dieselbe Erschei- 
nung in Esthland annimmt, so ist ebenfalls der Trans- 
port der Granitblöcke auf schwimmendem Eise erfolgt, 
also auf Wasser, und so lange man keine Schrammen 
auf der Oberfläche anderer jüngerer Schichten weiter 
landeinwärts nachgewiesen hat, darf die Gletscherbil- 
dung nicht weiter ausgedehnt werden und kann über- 
haupt nur örtlich gewesen sein. 

Diese Wasserbedeckung war schwerlich tief. Dafür 
sprechen 1) der relativ gering Höhenunterschied des 
Tschornosjom-Continentes und seines nördlichen Ufers, 
welches zu dieser Zeit bereits da war, aber diese Blöcke 
nirgends auf Tschornosjom aufgelagert zeigt; 2) das 
häufige Vorkommen dieser Blöcke auf Höhenzügen 
vieler Localitäten des nördlichen Russlands, während 
sie nicht sehr weit davon im Tieflande fehlen oder sel- 
tener sind. Der Waldai ist kein Beweis für eine tiefe 
Wasserbedeckung; vielmehr nöthigt der Umstand, dass 
auf seinen grössten Höhen von 800 — 1056 Fuss nor- 

17) Kutorga in Verhandl. mineral. Gesell. Petersb. 1845/6. S. 87. 
Murchison Geolog. Huss. Postscript. 052.** 



— 633 — 

dische Blöcke liegen und die Vegetation des Waldai 
in Nichts verschieden ist von der gewöhnlichen Flora 
der Tannen -Region, zur Annahme einer späteren (neue- 
ren) und kräftigeren (schnelleren) Hebung, als jene, 
welche den Tschornosjom-Continent schuf. 

Erst nach Beendigung des Transportes erratischer 
Blöcke bildete sich auf den Sümpfen des nördlichen 
Russlands und stellenweise auch auf der Diluvial- 
Schichte die erste Vegetation und später Wälder aus 
5 Arten Coniferen, allerdings Repräsentanten der äl- 
testen Baum -Schöpfung, aber sämmtlich vielleicht 
eingewandert: aus Osten und in der Minderzahl aus 
Westen. Diese uranfänglichen Baumformen sind kein 
Zeugniss des hohen Alters Nord-Russlands, denn sie 
sind durch eine Schichte von Wasser und Diluvium von 
den älteren Formationen geschieden; vielmehr zeugen 
sie von einem jugendlichen Zustande des so eben er- 
schaffenen Landes oder der Empfänglichkeit desselben 
für die Ansiedlung einer grossen Pflanzenklasse, mit 
welcher das Auftreten der Landpflanzen in verschiede- 
nen älteren Perioden begonnen und sich wiederholt 
hatte. Auf dem Tschornosjom-Continente lebt nun- 
mehr nur eine Form derselben, die Kiefer; die Tan- 
nenform aber (Pinites undulatus Eichw.) liegt schon 
längst begraben in der oberen Etage der Kreidefor- 
mation der Ucraine, überdeckt von einer tertiären 
miocänen Meeresablagerung ausgestorbener Muschel- 
Arten ohne Pflanzen, auf welcher die Dilnvialschicht 
mit Mammuth- und Rhinoceros -Resten folgt und zu 
oberst erst der Tschornosjoin liegt 18 ). 

18) Rupr. im >KypH. miihiict. HapoA- npocB. 1863. Blasius Reise 
Russ. II, 321. 

Melanges biologiques. IV- 80 



— 634 — 

Für die Geschichte der lebenden Pflanzenwelt 
kommen nicht die verschiedenen geognostischen Schich- 
ten der Oberfläche in Betracht, sondern blos die Frage, 
welche Länder nach der letzten allgemeinen Wasser- 
bedeckung früher und welche später trocken wurden. 
Die Diluvial -Schicht ist allein von Wichtigkeit und 
wo diese fehlt, können wir eine ältere insulare Vege- 
tation vermuthen. Die Granit-Steppe zwischen dem 
Dnjepr und Bug von den Pinskischen Sümpfen bis 
nahe zum Asow'schen Meere ist das einzige Beispiel 
eines grösseren Landes im Tschornosjom-Gebiete und 
überhaupt im Europäischen Bussland, welches lange 
früher als der Tschornosjom- Continent , und wie 
Murchison glaubt, sogar seit den ältesten Zeiten im- 
mer trockenes Land gewesen ist; denn es hat keine 
spätere Formation aufgelagert, nicht einmal Diluvium. 
Und dennoch ist auf einem verhältnissmässig so un- 
günstigen Boden, in Folge von Verwitterung des Gra- 
nites , eine mit Vegetation bedeckte Schichte von 
Tschornosjom entstanden. Dieses Beispiel ist für sich 
allein schon ein Document des vegetabilischen Ur- 
sprungs des Tschornosjom auf trockenem Wege. Also 
nur hier könnten Beste einer altern Vegetation sich 
ruhig erhalten haben, wie z. B. die Gattungen Azalea 
und Scopolia. Leider besitzen wir keine genaueren 
botanischen Studien über diese Granit-Steppe aus die- 
sem Gesichtspunkte. 

Die Betrachtung der Südgränze des Tschornosjom 
enthält nicht nur nirgends Widersprüche zu dem be- 
reits Dargelegten, sondern vielmehr neue Belege. 

Pallas machte eine Beobachtung am Ufer desAsow- 
schen Meeres bei Mariupol, aus welcher hervorgeht, 



— 635 — 

dass das Land wenigstens um 4 Faden gehoben ist 
während eines Zeitraumes, in welchem jetzt daselbst 
lebende Arten von Meeresmuscheln schon damals be- 
standen ,0 ). Die früher erwähnten Terrassen vom 
schwarzen Meere bis zur Gränze des deutlichen 
Tschornosjom, charakterisirt durch eine zonenförmige 
Zunahme in der Entwickelung des Tschornosjom, 
stimmen vollkommen mit einer solchen allmäligen He- 
bung des politischen Ufers, auf dessen nächster Um- 
gebung Tschornosjom sich noch gar nicht gebildet hat, 
in Folge des jungen Alters. Diesem entsprechend gibt 
es hier keine scharfe Gränze, sondern nur eine allmä- 
lige Änderung der Steppen- Vegetation nach dem Pon- 
tus zu. 

Erst auf dem Ciscaucasischen Isthmus beginnt stel- 
lenweise eine deutlichere Begränzung zweier Vegeta- 
tionsgebiete. Der westlichere höhere Theil, auf 
welchem die Strasse von Axai am Don über Stawro- 
pol nach Wladikawkas führt, zeigt überall den 
Charakter der Bessarabischen Steppe, und Tschor- 
nosjom ist hier schon von Pallas an mehreren Orten 
beobachtet worden. Pallas spricht wiederholt aus, 
dass alle Höhenzüge dieses Isthmus mit Schwarzerde 
bedeckt, ehemalige Meeresufer w r aren und eine andere 
Vegetation besitzen, als die hart angränzende salzige 
Steppe, die augenscheinlich der alte Seeboden ist, 
auf welchem an vielen Stellen Muscheln jetzt noch 
lebender Arten des Caspi liegen. Auch Barbeaut de 
Marny fand den Tschornosjom sehr brauchbar zur ge- 
nauen Bestimmung der Gränze der Caspischen For- 



19) Pallas Eeise Südl. Russ. (1790), 491. 



— 636 — 

mation, auf welche er nicht übertritt oder nur auf ge- 
ringe Strecken an den Rändern 20 ). 

Das Gouv. Astrachan und die ganze Gegend im 
Umkreise des Caspischen Nordufers von Kisljar bis 
zum Ustjurt weit landeinwärts ist Caspische Forma- 
tion ohne Spuren von Tschornosjom und wimmelt von 
Salzseen. Im ehemaligen Caspischen Meere ragten die 
Berge am Indersk, die beiden Bogdo und der Arsagar 
seit der Jura- Trias- und Perm-Zeit als Inseln empor. 
Das Ufer des Meeres im Norden war erst Sarepta und 
der Obtschii Syrt, was schon Pallas erkannte, denn 
auf dem höheren Lande fand er wieder eine starke 
Rasennarbe mit einer mächtigen Schicht Schwarzerde, 
in welcher Caspische Muscheln fehlten , aber 2 Arten 
Spalax auftraten 21 ). 

Wenn aber das Meer bis zu diesen Höhen reichte, 
wie Pallas oder schon früher die Nomaden erkannten 
und später Niemand bezweifelte, so mussten diese Hö- 
hen doch älter sein als die Caspische Formation, und 
folglich auch der Tschornosjom, der sich auf diesen 
Höhen alsbald nach ihrem Trockenwerden zu bilden 
begann. 

Das Caspische Meer erstreckte sich noch weiter, 
nämlich in das Gouv. Samara, wo in den 2 südlichen 
Kreisen Nikolajewsk und Novo-Usen eine Menge Salz- 
seen übrig blieben. Murchison bemerkt, dass der nörd- 
lichste Fundort Caspischer Muscheln die ebene Steppe 
am linken Ufer der Wolga, gegenüber von Wolshsk 
und Sysran, war, also an der schroffen Ausbiegung 



20) Toojior.-oporp. 0HepKi> Ka.iLMbm,Koö creau. 3anncKM Feorp. 
06m. 1862 im. III, 117. 

21) Reise in verschied. Gouv. III (1776), 570, 640- 



— 637 — 

der Wolga bei Samara (CaMapcnafl JiyKa). Aber neuere 
Untersuchungen von Jasykow zeigten solche noch nörd- 
lich von dieser Ausbiegung in dem sogenannten Bas- 
sin von Bulgar, südlich von der Mündung der Kama 
bei Spassk und Tjetuschi. Jasykow hielt daher dieses 
Bassin für einen ehemaligen Busen des Caspischen 
Meeres, in welchen die Wolga unter 55° mündete, 
also an der jetzigen Mündung der Kama, und den 
Höhenzug am Achtai für eine Barriere 22 ). Der Durch- 
bruch des Wolga- Meeres erfolgte vielleicht erst mit 
der Hebung desWaldai. Ein zweites Marmora-Meer! 

Alles dieses stimmt ganz genau mit den Gränzen 
des Tschornosjom. Wenn also der Tschornosjom-Con- 
tinent so überaus deutlich im Süden, und im Osten von 
der Wolga, durch das Meer begränzt war, so muss 
man sich bloss verwundern, warum man, schon aus 
diesem Umstände allein, nicht schon früher den Schluss 
zog, dass die Nordgränze des Tschornosjom auch das 
ehemalige Ufer eines seichten Süsswasser-Meeres w r ar, 
welches alljährlich zufror. 

Die Antwort darauf ist: Man erkannte nicht den 
Ursprung des Tschornosjom und seine hohe wissen- 
schaftliche Bedeutung. 



22) Veesenmeyer in Beitr. Pflanzenk. Russ. IX (1853), 53. 



(Aus dem Bulletin, T VII, pag. 425 — 438. 



^ Mai 1864. 

Verzeichniss der um St. -Petersburg aufgefun- 
denen Cr abr ordnen, von August Morawitz. 

Schon seit längerer Zeit ist die hiesige Insecten- 
Fauna Gegenstand meiner Untersuchungen. Allein erst 
seit zwei Jahren habe ich mein Augenmerk vorherr- 
schend den Hymenopteren zugewandt, indem die hie- 
sigen Coleopteren, Lepidopteren, Hemipteren u. s. w. 
bereits anderweitig Interesse gefunden. 

Ich beginne die Bearbeitung der hiesigen Hymeno- 
pteren mit einer Aufzählung der hier aufgefundenen 
Crabroninen und hoffe, in kürzester Zeit auch das 
Verzeichniss der hiesigen Pompiliden, Heterogynen 
und Chrysiden mittheilen zu können, welchem sich 
dann späterhin eine Aufzählung der übrigen um Peters- 
burg aufgefundenen Aculeaten anreihen wird. 

Die erst erwähnten Aculeaten, die sog. Grab- und 
Goldwespen, haben namentlich deshalb mein Interes- 
se in Anspruch genommen, weil sie in letzter Zeit 
häufiger als andere Gruppen der Hymenopteren bear- 
beitet worden sind, und bilden dieselben namentlich 
den Gegenstand zahlreicher faunistischer Beiträge. 
Es schien mir daher interessant, die an verschiede- 
nen Orten gemachten Beobachtungen mit einander zu 



— 639 — 

vergleichen, und habe ich so nach und nach eine kri- 
tische Übersicht der im nordwestlichen Europa (nörd- 
lich vom 5 Osten Breitengrade) beobachteten Grab- und 
Goldwespen zusammengestellt, welche Übersicht ich 
in meiner ausführlicheren Arbeit über die hiesigen 
Grab- und Goldwespen mitzutheilen gedenke. 

Das gegenwärtige, vorläufige Verzeichniss bezweckt 
nur die Mittheilung der Resultate, welche ich hinsicht- 
lich der Synonymie gewonnen, um so anderen Hymeno- 
pterologen Gelegenheit zu geben, noch vor dem Druck 
meiner ausführlicheren Bearbeitung etwaige Berich- 
tigungen und Zusätze zu machen. Ausserdem hoffe ich, 
dass eine solche Publication diejenigen hiesigen Ento- 
mologen, welche sich gelegentlich auch mit dem Ein- 
sammeln der genannten Aculeaten beschäftigen soll- 
ten, zu einer Mittheilung der von ihnen gesammelten 
Materialien veranlassen wird, indem es ja nicht nur 
möglich, sondern sogar auch sehr wahrscheinlich ist, 
dass manche Art meinen Nachforschungen entgangen. 
Denn nur durch die vereinten Kräfte der an einem 
Orte thätigen Entomologen ist es möglich, die Fauna 
des betreffenden Ortes in möglichst grosser Vollstän- 
digkeit kennen zu lernen. 

Für die Aufzählung der hiesigen Grabwespen lege 
ich einstweilen die von Prof. Wesmaël veröffentlichte 
«Revue critique des Hyménoptères Fouisseurs de Bel- 
gique» zu Grunde. Nur hinsichtlich der Umgränzung 
der Gattungen habe ich auch schon hier auf meine ei- 
genen, zum Theil noch nicht zum Abschluss gekom- 
menen Untersuchungen Rücksicht genommen. Die Be- 
gründung solcher Abweichungen, eben so wie die Be- 
gründung der von mir über die Synonymie gemachten 



— 640 — 

Angaben wird in meiner ausführlichen Arbeit über die 
hiesigen Grab- und Goldwespen erfolgen. 

Als der Petersburger Fauna angehörig sind bis 
jetzt beobachtet worden: 

Crabro iiidae. 

Crabro Fabr. Latr. 

(Mandibulis post oculos insertis, apice truncato - fissis.) 

a) Clytochrysus m., Cràbro St.-Farg., Solenius Ddhlb, 

1) Cr. interrupte-fasciatus. 

Guêpe -ichneumon à trois bandes interrompues De 

Geer. Ç (excl. Synon. Linn. et ?$ var. clypeo ar- 

genteo.). 
Sphex interrupte-fasciata Retz. (excl. Synon. Linn.). 
Crabro cephalotes Fabr. $ (non Oliv. Panz.) et auct. 

rec. cfÇ. 
Crabro sexcinctus v. d. Lind, (pro parte). Shuck. S 

(excl Synon.). 
Crabro ruficornis Zetterst. J. 
Crabro aurilabris H.-Schaeff. S. 

2) Cr. chrysostoraus. 

Crabro lapidarius Panz. S et auct. rec. cTÇ (non Fa- 
bric). 

Crabro fossorius v. d. Lind. JÇ (excl. Synon. prae- 
ter Cr. lapidar. Panz.). 

Crabro chrysostomus St.-Farg. Ç. 

Crabro comptus St.-Farg. 6. 

Crabro xylurgus Shuck. JÇ. 

Crabro interstinctus Smith. S. 

Crabro argenteus Schenck. Ç var. forte. 

Blepharipus flavipes St.-Farg. Ç. forte eadem var. 



— 641 — 

b) Crabro (Fabr.) DnMb. 
3) Cr. grandis. 

Crabro fossorius Fabr. et auct. rec. cfÇ (non Linn.). 
Crabro striatus St.-Farg. S (excl. Ç et Synon.). 
Solenius grandis St.-Farg. Ç. 
Solenius fuscipennis St.-Farg. S. 

4) Cr. quadricinctus. 

Crabro 4-cinctus Fabr. Ç. 

Crabro fossorius Ross. (excl. Synon.). 

Crabro cephalotes Oliv. Ç. Panz. icon. Ç. 

Crabro lituratus Panz. Ç. 

Crabro occultus Fabr. $. 

Crabro zonatus v. d. Lind. $ (excl. S et Synon.J.). 

Crabro vespiformis v. d. Lind. Ç (excl. 8 et Synon.). 

Crabro striatus St.-Farg. Ç (excl. S et Cr. cephalot. 

Spinol.). H.-Schaeff. tfg. etc. 
Crabro ornatus St.-Farg. Ç. 
Blepharipus striatulus St.-Farg. c?. 
Ceratocolus striatus St.-Farg. c?. 
Crabro Lindenius Shuck. JÇ. 
Crabro Shuckardi Dahlb. Ex. Crab. cTÇ. 
Crabro nigritarsus H.-Schaeff. Ç var. forte. 
Crabro interruptus Dahlb. JÇ. 

c) Solenius St.-Farg., Ectemnius Dahlb. 
5) Cr. vagus. 

Sphex vaga Linn. (excl Synon. Scopol.). 
Crabro vagus Fabr. auct. 
Solenius vagus St- Farg. 
Crabro continuus Fabr. Ç var. 
Crabro sulphureipes Smith. 6 var. 

Mélanges biologiques IV. s l 



— 642 — 
6) Cr. microstictus. 

Crabro microstictus H.-Schaeff. cfÇ. 
Crabro larvatus Wesm. Ç. forte. 

7) Cr. spinicollis. 

Crabro guttatus v. d. Lind. (sed. sol cî var.). Dahlb. 

cîÇ (partim). 
Crabro borealis Dahlb. Ex. Crabr. cf (excl $.). 
Crabro spinicollis H.-Schaeff. cfÇ. 
Crabro parvulus 6 (partim; sc. ind. abd