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Full text of "Mélanges biologiques tirés du Bulletin de l'Académie impériale des sciences de St. Pétersbourg"

/ JL 



mimes BIOLOGIQUES 



TIRÉS DU 

BULLETIN 



DE 



L'ACADEMIE IMPERIALE DES SCIENCES 



ST. - PETERSBOURG. 



Tome VII. 

(1969 — 1891.) 

(Avec 15 Planche.) 



St.-PETERSBOURG, 1871. 

Commissionnaires de l'Académie Impériale des sciences: 

A ST.- PETERSBOURG: 

MM. Eggers & C», H. Schmitzdorff, J. Issakof et A. Tcherkessol. 

A RIGA: A ODESSA: A LEIPZIG: 

M. N. Kymmel. A. E. Kechribardshi. M. Leopold Voss. 

Prix: 4 Roub. 15 Cop. arg. = 4 Thlr. 18 Ngr. 
\ 



Imprimé par ordre de l'Académie Impériale des sciences. 
Juin 1871. C. Vessélofski, Secrétaire perpétuel. 




Imprimerie de l'Académie Impériale des sciences. 
(Vass.-Ostr., 9 e ligne, Jtë 12.) 



TABLE DES MATIERES. 



Pages 

Dr. Afanassiev, Zur embryonalen Entwicklungsgeschichte 

des Herzens. (Mit einer Tafel.) 1—22 

J. F. Brandt. Bericht über eine Abhandlung Unter dem 
Titel: Untersuchungen über die Gattung der Klipp- 
schliefer (Hyrax Herrn.) besonders in anatomischer 
und verwandtschaftlicher Beziehung nebst Bemerkun- 
gen über ihre Verbreitung und Lebensweise 23 — 26 

Dr. E. Brandt. Über das Nervensystem der gemeinen Schüs- 
selschnecke (PateUa vulgaris). (Mit einer Abbildung.) 27 — 34 

Über das Nervensystem von Chiton (Acanthochites) 

fascicülaris. (Mit einer Abbildung.) 35 — 40 

Ph. Owsjannikow. Über die Einwirkung der Osmiamidver- 

bindung Fremy's auf thierische Gewebe 41 — 45 

Dr. J. v. Dedjnlin. Über das Verhältniss der Hemmungs- 
Wirkung des Laryngeus superior und des Vagus zum 
Accessorius Wittisii 46 — 49 

J. Borodin. Über die Wirkung des Lichtes auf die Verthei- 
lung der Chlorophyllkörner in den grünen Theilen 
der Phanerogamen. (Mit einer Tafel.) 50—77 

Os. v. Grimm. Tracheenverschlussapparat der Schabe 78 — 80 

Beitrag zur Anatomie der Fühler der Insecten. (Mit 

einer Tafel.) 81—91 

Der Bogenapparat der Katze. (Hierzu eine Tafel.) . . 92—102 

Dr El. Metschnikoff. Embryologisches über Gyrodactylus . 103—109 
J. F. Brandt. Einige Worte über die europäisch-asiatischen 

Störarten (Sturionides) 110— 1 16 

De-Dinotheriorum genere Elephantidorum Familiae 

adjungendo, nee non Elephantidorum generum cranio- 

logia comparata 117—120 

El. Borscow. Zur Frage über die Ausscheidung des feinen 

Ammoniaks bei Pilzen 121—151 

Dr. Knoch. Neue Beiträge zur Embryologie des Bothrio- 

cephalus latus als Beweis einer directen Metamorphose 



IV 

Pages' 

des geschlechtsreifen Individuums aus seinem bewim- 
perten Embryo. Zugleich ein Beitrag zur Therapie 
der Helminthiasis 152—170 

A. Rowalewsky, Ph. Owsjannikow und Bf. Wagner. Die Ent- 
wicklungsgeschichte der Störe. Vorläufige Mitthei- 
lung 171—183 

Ph. Owsjannikow. Die Entwicklungsgeschichte der Fluss- 
neunaugen (Petromyzon fluviatilis) 184—189 

EI. Metschnikow. Bemerkungen über Echinoderes 190—194 

J. F. Brandt. Über das Haarkleid des ausgestorbenen nor- 
dischen (büschelhaarigen) Nashorns (Rhinoceros ticho- 
rhinus) 195—198 

Ergänzungen und Berichtigungen zur Naturgeschich- 
te der Familie der Aleiden 199—268 

A. Batalin. Über die Wirkung des Lichtes auf das Gewebe 

einiger mono- und dikotyledoner Pflanzen 269 — 302 

Os. V. Grimm. Zur Embryologie von Phthirius pubis. (Mit 

einer Tafel.) 303—310 

Stud. Aladoff. Über die Erregbarkeit einiger Partien des 

Rückenmarks , 311—319 

C. J. Maximowicz. Ophiopogonis species in herbariis Petro- 

politanis 320—331 

Diagnoses breves plantarum novarum Japoniae et 

Mandshuriae 332—342 

Dr. W. Gruber. Fälle des Vorkommens eines Spitzenlap- 
pens an der rechten Lunge des Menschen durch einen 
supern umerären verticalen Einschnitt. Verlauf des 
Bogens der Vena azyga in diesem Einschnitte 343 — 350 

EI. Metschnikoff. Über die Entwickelung einiger Coelen- 

teraten 351 — 358 

F. Brandt. Neue Untersuchungen über die in den Altai- 
schen Höhlen aufgefundenen Säugethierreste, ein Bei- 
trag zur quaternären Fauna des Russischen Reiches . 359 — 438 

Dr. W. Gruber. Über seltene Arterien- Abweichungen. (Mit 

einer Tafel.) '. 439—452 

N. M. v. Maclay. Bemerkungen zur Schwammfauna des 

Weissen Meeres und des Arktischen Oceans ........ 453 — 456 

J. F. Brandt. Beiträge zur Naturgeschicte des Elens (Cer- 
vüs Alces Linn.) in Bezug auf den Nachweis der 
artlichen Einheit der lebenden und fossilen Formen 
der Untergattung Alce und ihre frühere, wie auch 
gegenwärtige Verbreitung 457 — 458 

Dr. E. Cyon. Über den Nervns Depressor beim Pferde. (Mit 

einer Tafel.) 459—462 

Bericht über die zweite Zuerkennung des Baer'schen 

Preises 463—490 



v 

Pages 

Ph. Owsjannikow. Über das Nervensystem der Seesterne. 

(Mit einer Tafel.) 491—503 

D. Ed. Brandt. Über das Nervensystem der Lepas anati- 

fera (anatomisch-histologische Untersuchung) (Mit ei- 
ner Tafel.) 504-515 

J. F. Brandt. Einige Worte über die Haardecke des Mam- 
muth in Bezug auf gefällige schriftliche Mittheilungen 
des Hrn. Prof. 0. Fr a as über die im Stuttgarter • 
königl. Naturalienkabinet aufbewahrten Haut- und 
Haarreste des fraglichen Thieres . 516 — 522 

Dr. W. Gruber. Zusammenstellung veröffentlichter Fälle 
von Polydactylie, mit 7 — 10 Fingern an der Hand 
und 7 — 10 Zehen an dem Fusse; und Beschreibung 
eines neuen Falles von Polydactylie mit 6 Fingern an 
der rechten und 6 Fingern und Duplicität der End- 
phalange des Daumens an der linken Hand, mit 6 Ze- 
hen an dem rechten und 8 Zehen an dem linken Fusse. 
(Mit einer Tafel.) : 523—552 

C. J. Maximowicz. Diagnoses breves plantarum novarum 

Japoniae et Mandshuriae. Decas octava 553 — 564 

W. Gruber. Nachträge zur Osteologie der Hand und des 

Fusses. (Mit einer Tafel.) 565—600 

Zusammenstellung veröffentlichter Fälle von Poly- 
dactylie mit 6 Fingern an der Hand und 6 Zehen an 
dem Fusse; und Beschreibung zweier neuen Fälle von 
Duplicität des Daumens 601 — 634 

Neue Fälle des Yorkommeus eines neunten, den 

Procsssus styloideus des Metacarpale III. substituiren- 

den Handwürzelknöchelchens beim Menschen. . 635 — 640 

Über einen Fall des Vorkommens des den Processus 

styloideus des Metacarpale III. substituirenden neun- 
ten Handwurzelknöchelchen beim Menschen, welches 

mit dem Metacarpale III. theilweise anchylosirt war. 641—648 
Dr. Ed. Brandt. Über die Jungen der gemeinen Klappen- 
assel (Idothea entomori). (Avec une planche.) 649—657 

A. Stuart. Über den Bau der Gregarinen. (Mit einer Tafel.) 659—666 

E. Metscknikoff. Beiträge zur Entwicklungsgeschichte ei- 

niger niederen Thiere. Vorläufige Mittheilung. ..... 667—678 

Ph. Owsjannikow. Histologische Studien über das Nerven- 
system der Mollusken. Vorläufige Mittheilung 679—685 

Dr. W. Gruber. Über zwei ungewöhnliche Spannmuskeln 

an der unteren Extremität des Menschen 686—690' 

J. Tarchanow. Über die Summirungsersch einungen bei Rei- 
zung sensibler Nerven des Frosches 691 — 717 

Dr. E. v. Schrenck. Bericht über neuerdings im Norden 
Sibirien's angeblich zum Vorschein gekommene Mam- 



vi — 

Pages 

muthe, nach brieflichen Mittheilungen des Hrn. Gerh. 
v. Maydell, nebst Bemerkungen über den Modus der 
Erhaltung und die vermeintliche Häufigkeit ganzer 
Mammuthleichen .... 718—756 

Prof. E. Cyon. Hemmungen und Erregungen im Central- 
System der Gefässnerven 757—786 

Stud F. Steiomanu. Über den Tonus der willkührlichen 

Muskeln 787—807 



MELANGES BIOLOGIQIIES 

TIRÉS Dû 

BULLETIN 

DE 

L'ACADÉMIE IMPÉRIALE DES SCIENCES 

DE 

ST. - PÉTERSB OURG, 



Tome VIL 

Livraison 1 



(Avec 5 Planches.) 



St.-PETERSBODRG, 1869. 

Commissionnaires de l'Académie Impériale des sciences: 

aSu-Pétersfoonrg à Riga à Leipzig 

MM. Eegers et Cie, H. Schmitz- M K , r-™,».«.i m t^ ^u v... 

iorff et J. Issakof, M * ^ K ^^ ei * M Leopold Voss. 

Prix: 50 Cop. arg. = 17 Ngr. 



Imprimé par ordre de l'Académie Impériale des sciences. 
Juin 1869. C. Vessel of ski, Secrétaire perpétuel. 



Imprimerie de l'Académie Impériale des sciences. 
(Vass.-Ostr., 9 e ligne, fê 12.) 






CONTENU. 

Pages 

Dr. AfanassiCY, Zur embryonalen Entwicklungsgeschichte 

des Herzens. (Mit einer Tàfel.) *... 1—22 

J. F. Brandt. Bericht über eine Abhandlung unter dem 
Titel: Untersuchungen über die Gattung der Klipp- 
schliefer (Hyrax Herrn.) besonders in anatomischer 
und verwandtschaftlicher Beziehung nebst Bemerkun- 
gen über ihre Verbreitung und Lebensweise 23—26 

Dr. E. Brandt. Über das Nervensystem der gemeinen Schüs- 
selschnecke (Patella vulgaris). (Mit einer Abbildung.) 27—34 

Über das Nervensystem von Chiton (Acanthochites) 

fascicidaris. (Mit einer Abbildung.) 35—40 

Ph. Owsjannikow. Über die Einwirkung der Osmiamidver- 

bindung Fremy's auf thierische Gewebe 41—45 

Dr. J. v. Dedjulin. über das Verhältniss der Hemmungs- 
Wirkung des Laryngeus superior und des Vagus zum 

Accessorius Wülisii 46—49 

J. Borodin. Über die Wirkung des Lichtes auf die Verthei- 
lung der Chlorophyllkörner in den grünen Theilen 

der Phanerogamen. (Mit einer Tafel.) 50—77 

Os. v, Grimm. Tracheenverschlussapparat der Schabe 78—80 

Beitrag zur Anatomie der Fühler der Insecten 81—91 

Der Bogenapparat der Katze. (Hierzu eine Tafel.) . . 92—102 

Dr. El. Metschnikoff. Embryologisches über Gyrodactylus . 103—109 
J. F. Brandt. Einige Worte über die europäisch-asiatischen 

Störarten (Sturionides) 110—116 

De Dinotheriorum genere Elephantidorum Familiae 

adjungendo, nee non Elephantidorum generum cranio- 

logia comparata 117—120 



^ October 1868. 

lb 

Zur embryonalen Entwicklungsgeschichte des 
Herzens, von Dr. Afanassiev. 

(Mit einer Tafel.) 

Meine Untersuchungen über die Entwicklung der 
ersten ßlutbahnen im Hühnerembryo begann ich 186 5 / 6 
während meines Aufenthaltes in Wien, wo diese erste 
embryologische Arbeit in dem Sitzungsberichte der 
Wiener Akademie der Wissenschaften vom 12. April 
1866 veröffentlicht wurde. 

Schon damals gelangte ich zu der Überzeugung, 
dass die Ansichten der verschiedenen Autoren, diesen 
Gegenstand betreffend, von der Wahrheit weit ent- 
fernt sind, und erklärte mich als entschiedenen Geg- 
ner der allgemeinen Lehre, nach welcher «die ersten 
Gefässanlagen und das Herz selbst sich aus soliden 
zelligen Strängen, deren Inneres sich verflüssigt, ent- 
wickeln; die Stränge werden hohl und stellen ein viel- 
fältig verflochtenes Canalsystem dar» 1 ). 

Schon a priori die raschen Verwandlungen im Ge- 
fässgebiete bei Embryonen (Verschwinden der einen 
Gefässe, Wiederauftauchen anderer an Stelle dersel- 
ben) berücksichtigend, hielt ich diese Theorie der so- 



1) Kölliker, Handbuch der Gewebelehre. 

Mélanges biologiques. VII. , 



liden zelligen Stränge für ungenügend. Die Unklar- 
heit der Vorstellung, wie sich die Stränge unter einan- 
der vereinigen um das Netz der Blutbahnen zu bil- 
den, und besonders die Verbindung derselben mit dem 
Herzen, fiel nicht mir allein, sondern auch dem be- 
währten Forscher Remak auf, dem wir so viele un- 
serer Kenntnisse in der Embryologie verdanken. «In 
'dem Fruchthof (area pullucida der Autoren) erschei- 
nen 2 )», sagt er, «leere Canäle und Fäden von gros- 
ser Feinheit, welche diese leeren Canäle mit den 
soliden Strängen des Gefässhofes verbinden.» 

Es ist zu bewundern, wie spätere Forscher sich mit 
derartigen Äusserungen begnügen konnten!? 

Durch eigene Forschung gelangte ich bald zu der 
Überzeugung, dass die Ergebnisse, welche Remak bei 
Untersuchung des dunklen Gefässhofes erhalten hatte 
(die dann weiter von Anderen nur auf andere Art 
und Weise wiederholt wurden), nicht unfehlbar sein 
konnten: die dicht mit Dotterzellen bedeckte dunkle 
Zone der area opaca ist für genaue Untersuchungen 
das unverlässlichste Object; letztere bildete jedoch 
den Hauptgegenstand der Untersuchungen Remak 's, 
aus welchen er die Überzeugung gewann, dass die' 
Blutgefässe aus soliden zelligen Strängen entstehen. 
Am durchsichtigen Fruchthof sah Remak schon hohle 
Canäle und schloss, nur der Analogie nach, dass die- 
selben auch hier aus solchen soliden Zellensträngen 
entstanden sind. 

In meiner Wiener Arbeit beschränkte ich mich mit 
der einfachen Darlegung dessen, was in dem durch- 



2) Entwickelungsgeschichte. 



sichtigen Fruchthofe des Blastoderma im Hühnerei 
am 2ten Brüttage vorgeht. Das Resultat einer solchen 
mikroskopischen Untersuchung war die Überzeugung, 
dass der Gefässraum des durchsichtigen Fruchthofes 
bei Betrachtuug des Blastoderma von unten — un- 
mittelbar unter dem Drüsenblatt liegt, dass die Ver- 
wandlung dieses, anfangs wenig begränzten Baumes 
in Canäle vermittelst eigentümlicher blasenartiger 
Gebilde oder Herde aus embryonalem Bindegewebe 
geschieht, durch deren vielfältige Vereinigungen die 
volle Gefässcanalisirung erzielt wird. Die Richtigkeit 
der Beobachtung unterlag für mich keinem Zweifel; 
es wurde mir nur schwierig, die Art der Entwicklung 
der räthselhaften Herde und die vollkommene Ge- 
fässbildung durch diese Herde embryonalen Binde- 
gewebes allein zu erklären. Es unterlag nur eins kei- 
nem Zweifel: die soliden zelligen Stränge der Auto- 
ren nahmen in der Anlage der ersten Blutbahnen bei 
Hühnerembryonen nicht den geringsten Antheil. Für 
mich , als in der Embryologie noch Unbefangenen, 
war aber dieser Umstand von grosser Wichtigkeit: 
da ich einmal die Überzeugung erlangt hatte, dass 
ruhmvolle Namen nicht genaue Beobachtungen garan- 
tiren können, bezweifelte ich auch sehr die Richtig- 
keit jener Angaben derselben Autoren 3 ), nach wel- 
chen auch das Herz, gleich den Gefässen, ursprüng- 
lich ein solider durch und durch aus Zellen zusam- 
mengesetzter Strang ist, welcher durch Verflüssigung 



3) Siehe Kölliker, Entwickelungsgeschichte, 1861 p. 86; Rei- 
chert, Hemak, Masslowsky, Entwickelungsgeschichte der Wir- 
belthiere. Charkov. 1866. S. 102. 



seines Innern hohl wird und einen von allen Seiten 
ganz geschlossenen einkaramerigen Schlauch bildet. 

Meine Untersuchungen begann ich nach derselben 
Methode directer Beobachtung der unteren Fläche 
desEmbryoblastoderma, welche ich in der angeführten 
Arbeit «Über die Entwicklung der ersten Blutbah- 
nen im Hühnerembryo » ausführlich auseinandergelegt 
habe. Bald aber sah ich, dass alleinige Beobachtung 
von der unteren Fläche aus zum Verständniss aller 
Entwicklungsstufen des Herzens durchaus nicht ge- 
nügt. Dass das Herz sich aus der Darmfaserplatte 
der Vorderdarmhöhle entwickelt, dass es schon ur- 
sprünglich mit den in der Wiener Arbeit von mir be- 
schriebenen Gefässräumen des durchsichtigen Frucht- 
hofes communicirt, davon überzeugte ich mich leicht 
schon bei directer Beobachtung des Blastoderma. Es 
blieb mir aber vollkommen räthselhaft die Art der 
Entwicklung der Herzwandungen; dieselben traten 
nichtplötzlich, sondern allmählich auf, undzwar bezeich- 
neten sie sich zuerst an den unteren Theilen der Kappe 
beider Kniebiegungen der venae omphalo-mesentericae 
in Gestalt von aus länglichen Zellen geflochtenen Schnü- 
ren oder Strängen, darauf verliefen diese Stränge an 
den Seiten hinauf, näherten sich einander im Niveau 
der Schlundhöhle und bildeten auf diese Weise die 
Seitenwandungen des Herzens und den bulbus aortae; 
so hatte das Herz die Gestalt eines Dreieckes, dessen 
Grundlinie unten, am freien Rande der Kappe lag, 
dessen abgestumpfte Spitze aber zum Kopfende des 
Embryo gerichtet war. Eine Erklärung bei den Ana- 
tomen zu suchen, fiel mir gar nicht ein; nach diesen 
müsste das Herz als solider Körper an einem Stengel 



— 5 — 

hängend 4 ), wie eine saftreiche Birne erscheinen; ich 
aber sah dasselbe in seiner frühesten Anlage als Höhle, 
deren Wandbildung unerklärbar blieb. 

Daraus erfolgte evident die Notwendigkeit, Quer- 
durchschnitte des Blastoderraa anzufertigen. Ich würde 
solche auch schon früher gemacht haben, wenn Quer- 
durchschnitte an frischen Embryonen, ihrer grossen 
Zartheit wegen, nicht vollkommen unmöglich wären. 
Ich habe die Anwendung der Müller'schen Flüssigkeit 
schwacher Lösungen neutralen und doppelt chromsau- 
ren Kali's versucht, fand dieselben aber vollkommen 
unzweckmässig. Durch Bearbeitung der Präparate mit 
genannten Lösungen konnte ich nicht die erforderliche 
Erhärtung des Blastoderma ohne Störung des Zusam- 
menhanges der einzelnen Elemente desselben erzielen. 
Diese Procedur giebt ungenügende Resultate (die Ele- 
mente erschienen stark körnig und hingen nicht fest 
genug mit einander zusammen, dabei litt auch im ho- 
hen Grade das Protoplasma derselben) und erfordert 
ausserdem sehr viel Zeit. Unvergleichlich günstiger 
erwies sich eine allmähliche Bearbeitung frischer Präpa- 
rate mit schwacher Alkohollösung, der etwas Glycerin 
beigemischt wurde (ungefähr 3j spiriti rectificati aufSjj 
Wasser, und 30 Tropfen Glycerin). 

Ich legte das Blastoderma aus einer schwachen Lö- 
sung neutralen chromsauren Kali's auf ein Objectglas 
und brachte, nach Entfernung des überschüssigen Thei- 
les der Flüssigkeit, oben genannte Lösung aus einem 
Röhrchen tropfenweise gerade auf das Präparat (beim 
Zugiessen von der Seite kann das Blastoderma schrum- 



4) Kölliker. Entwickelmigsgeschichte. S. 53. 



— 6 — 

pfen); dabei wurde von der Flüssigkeit so viel als mög- 
lich zugesetzt. Nach Verlauf von einer, zwei oder drei 
Stunden, je nach dem Grade der Verdunstung, erneu- 
erte ich die Flüssigkeit auf demObjectträger; zugleich 
sorgte ich dafür, dass das Präparat während der gan- 
zen Zeit immer von einer bestimmten Flüssigkeits- 
schicht bedeckt blieb. Drei, vier Zuthaten genügen, 
um das Blastoderma so viel zu verhärten, dass das- 
selbe ohne Schaden eine viel Glycerin enthaltende Lö- 
sung, endlich fast reines Glycerin aushält. Nach zwei 
Tagen ist das Präparat fertig, man kann aus demsel- 
ben die feinsten Durchschnitte machen; ich fertigte 
solche auf demselben Objectglase mit Hülfe eines fei- 
nen Scalpells mit breitem abgerundetem Bauche und 
jedesmaligem Abtrocknen desselben. Der Schnitt wur- 
de durch allmähliches Neigen desselben von einer Seite 
zur anderen ausgeführt. Alle diese Kleinigkeiten müs- 
sen, wenn man es mit Präparaten wie Hühnerembryo- 
nen am 2 ten Brüttage zu thun hat, durchaus nicht 
vernachlässigt werden. Auf diese Weise angefertigte 
Querdurchschnitte des Blastoderma in der Richtung 
der Schlund- und Vorderdarmhöhle — während der 
Herzbildungsperiode (am 2ten Brüttage) — gaben mir 
Bilder, welche mit den Abbildungen der Autoren, die- 
sen Gegenstand betreffend, entschieden keine Aehn- 
lichkeit haben. So entsteht, ihren Abbildungen und Er- 
läuterungen nach, das Herz in Gestalt einer rundlichen 
Verdickung an der äusseren Fläche der Faserplatte, 
— unter der Vorderdarmhöhle — nimmt dann all- 
mählich die Gestalt eines soliden durch und durch aus 
Zellen bestehenden Stranges an, bekommt in der Mitte 
eine Höhlung und beginnt, sich von der Darmfaser- 



platte abschnürend, seine Zusammenziehungen, ob- 
gleich, wie Kölliker aphoristisch sagt, «das Herz 
ursprünglich ein ganz geschlossener Schlauch ist.» Aus 
meinen Abbildungen ersieht man aber im Gegentheil, 
dass das Herz in keiner Entwicklungsstufe in Gestalt 
eines soliden, aus Zellen bestehenden Stranges er- 
scheint, sondern unmittelbar aus der Darmfaserplatte 
durch Faltenbildung entsteht, wie dies klar in Fig. 2 
zu sehen ist. Um sich diese Entstehungsart zu erklä- 
ren, gehen wir von der Bildung der serösen Herz- 
höhle aus. Bekanntlich nehmen an der Bildung der 
Kopfkappe alle drei Blätter des Blastoderma Antheil, 
das obere (neuro-epidermoidale), das mittlere (Fasern- 
blatt) und das untere (Drüsenblatt), und zwar in sol- 
cher Anlagerung, dass das obere in Gestalt einer so- 
liden Falte sich in eine Falte der Fasernplatte hinein- 
drängt, das Drüsenblatt aber bedeckt letztere, — we- 
nigstens im Anfange — bildet einerseits die Oberfläche 
der Kappe und kleidet anderseits die untere Wand der 
Kopfdarmhöhle aus. Indem sie sich auf diese Weise in 
Gestalt von Falten an der Kappenbildung betheiligen, 
bleiben genannte Blätter in ihrem früheren Zusam- 
menhange mit den entsprechenden Blättern in der 
Axenplatte und den Seitenplatten. Bald nach Entste- 
hung der Kappe beginnt von dem freien unteren 
Bande derselben an die Bildung einer Höhlung durch 
Freiwerden (Herausziehen) einer inneren Falte oder 
einer Falte des oberen epidermoidalen Blattes. Die 
Ursache dieses Freiwerdens des oberen Blattes liegt 
in der Erhöhung des Kopfendes des Embryo über der 
Oberfläche des Blastoderma. Indem diese Falte sich 
nach oben hin entfernt, hinterlässt sie einen freien 



— 8 — 

Zwischenraum, welcher von vorne durch die Drüsen- 
blattwand mit der kaum bemerkbaren Faserschicht 
an der Oberfläche, von hinten (vordere Darmhöhlen- 
wand) durch die dicke Schicht der Darmfaserplatte 
begrenzt wird, welche letztere, die Kopfdarmhöhle 
umgebend, sich in das entsprechende Blatt der Axen- 
und Seitenplatten fortsetzt. Dieses ist der Bildungs- 
process der serösen Herzhöhle. Vor Allem geht dar- 
aus hervor, dass die Entstehung der serösen Höhle 
mit dem Freiwerden des epidermoidalen Blattes aus 
der Kappe eng verbunden ist; hier ist und kann auch 
keine Theilung des mittleren Keimblattes in zwei 
Schichten stattfinden, wie dies allgemein in allen Hand- 
büchern der Embryologie angenommen wird. Daher 
wird auch die Grösse einer solchen Höhle dem Räume 
entsprechen, den vorher die Falte des epidermoidalen 
Blattes in der Kappe einnahm; nur in einer späte- 
ren Entwkkelungsperiode entfernt sich die vordere 
Wand dieser Höhle noch mehr von der an der Ober- 
fläche des Kopfdarmkanals gelegenen Faserplatte und 
nimmt die Gestalt eines vom Winde geblähten Segels 
mit der Wölbung nach vorne an. Gehen wir jetzt, 
nach Beendigung der serösen Höhle, zu der in der 
Kappe befindlichen Faserplatte über, welche, den Kopf- 
darmkanal umgebend , in die Seitenfaserplatten des 
durchsichtigen und dunklen Fruchthofes übergeht. Da 
letztere vor sich 5 ) einen freien Raum (die seröse Höhle) 
hat, beginnt dieselbe durch Wachsen sich in ihrer 
grösseren Masse von den Wänden der Kopfdarmhöhle 
abzulösen und lässt an letzteren nur eine dünne ein- 



5) Wir betrachten den Embryo von unten, und haben die Kappe 
vor uns liegen. 



— 9 — 

zellige Schicht übrig, mit welcher die Faserplatte nur 
in der Längsmittellinie — bei der longitudinalen 
Verdickung der vorderen Kopfdarmhöhlenwand — in 
Verbindung bleibt. Bei diesem Abspalten oder Abhe- 
ben der dicken Platte von den Darm wänden gegen die 
Mitte der serösen Höhle hin, folgt derselben daher 
Falten bildend auch die einzellige Schicht (Fig. 2 fi) 
und lagert sich in der Mitte der gebildeten Höhle 
zwischen der abgehobenen Faserplatte und der vor- 
deren Wand des Kopfdarmcanals. Wir haben Falten 
bildend gesagt, um damit das gleichzeitige Erscheinen 
des in der Längenmittellinie sich bildenden Querban- 
des aus der inneren einzelligen Schicht, welche schon 
ursprüngliah wie eine Scheidewand die oben genannte 
Höhle in zwei gleiche Theile — einen rechten und einen 
linken — theilt, zu erklären. Während sich der mitt- 
lere Theil der Faserplatte, die einzellige Schicht nach 
sich ziehend, von der vorderen Darmfläche entfernt, 
nähern sich die Seitentheile derselben der Basis, wo- 
durch Falten in der Fasernplatte entstehen, die von 
den Seiten her gegen das aus der inneren Zellenschicht 
bestehende Querband zusammenlaufen. Auf diese Weise 
wird eine noch grössere Begrenzung der neugebilde- 
ten Höhle als erste Anlage des Herzens erzielt. Wenn 
man in dieser Periode das Blastoderma von der unte- 
ren Fläche her betrachtet, so bemerkt man, dass in 
der Kappe, in der Richtung von unten nach oben, 
sich die Seitenwände des Herzens bilden, und sich 
zugleich auch die zwei Kniebiegungen der beiden venae 
bmphalo - mesentericae zu bezeichnen anfangen. An 
der Stelle, wo die Umstülpung der Faserplatte unter 
sich selbst geschieht (nämlich an den Seiten und un- 

Mélanges biologiques. VII. 2 



— 10 — 

teren Theilen der Kappe), sehen wir unter dem Mikro- 
skop zwei symmetrisch gelagerte Zellenstränge, welche 
nach oben zu verlaufen und, sich gegen die Mitte der 
Kappe einander nähernd, einen v engeren Canal bilden. 
Es ist leicht verständlich, dass diese Stränge nichts 
anderes, als die Seitenwände der Herzhöhle sind, wel- 
che sich durch Umstülpung der Faserplatte von den 
beiden Seiten gegen die Mittellinie hin, wo das aus 
der einzelligen Schicht gebildete Querband liegt, bilden. 
Von der Basis des Bandes kehrt die Platte, Falten 
bildend, längs den Seitenwänden der Kopfdarmhöhle 
zurück, um sich mit der Faserplatte des Rumpfes 
und der Fortsetzung derselben in die Seitenplatten 
zu vereinigen. Auf diese Weise hat sich also durch Um- 
stülpung der von der Kopfdarmhöhlenwand abgehobe- 
nen Faserplatte auf sich selbst eine schlauchförmige 
Höhle gebildet, welche im Querdurchschnitt die Gestalt 
eines Beutels hat, dessen Eingangsöffnung sich an der 
vorderen Wand des Darmkanals befindet. Durch diese 
Öffnung communicirt die Herzhöhle während der ersten 
Entwickelungsperiode frei mit den den Kopfdarmkanal 
umgebenden Seitenräumen. An den Seiten und un- 
teren Theilen der Kappe ist am Eingange in die Kopf- 
darmhöhle durch dieselbe Umstülpung der Faserplatte 
die Anlage zweier Venenschläuehe (Fig. 3 iv) gegeben, 
welche in die Gefässräume des durchsichtigen Frucht- 
hofes münden. Von diesen später. Was aber die Ver- 
bindung des Herzens mit den primitiven Aorten, wel- 
che, wie ich beobachtet habe, nicht isolirt vom Her- 
zen angelegt werden (allen Autoren zuwider), betrifft, 
so muss dies, so wie auch überhaupt das Verhalten 
der Herzhöhle zu allen umgebenden Räumen, hier 



— 11 — 

nothwendig auseinandergesetzt werden. Die Faserplatte 
in der Kappe hebt sich von den Wandungen der Kopf- 
darmhöhle nicht in der ganzen Ausdehnung und nicht 
überall gleichmässig ab; am meisten wird dieselbe 
vorne an einer bestimmten Strecke des Vorderdarms, 
an der Mitte der serösen Höhle getrennt; hier dient 
die Faserplatte mit ihren oben besprochenen Verände- 
rungen zur Herzanlage ; geht dann an den beiden Seiten 
der Kopfdarmhöhle in die Faserplatte über, wo 
dieselbe sich auch von den Seiten der hinteren Fläche 
dieser Höhle abhebt. Der ganz mittlere hintere Theil 
derselben, um die chorda dorsalis herum, bis zum 
blinden Ende hinauf, und der mittlere vordere Theil 
des Schlundtheiles bleiben in fester Verbindung mit 
der Faserschicht, welche sich auf diese Weise in Ge- 
stalt eines langen Ausläufers in die Herzhöhle hinein- 
drängt. In Folge derartiger Lagerung der Faserplatte 
im Verhältniss zum Kopfdarmcanal wird in der ersten 
Zeit die Herzhöhle frei mit den Seitenräumen, so wie 
auch mit denjenigen Theilen derselben communiciren, 
welche, in der Herzspitze, an der longitudinalen Ver- 
dickung beginnend, etwas seitwärts das blinde Ende 
der Darmhöhle umbiegen und längs den beiden Seiten 
der hinteren Wand derselben hinablaufen. Auf diese 
Weise theilt sich der Herzschlauch am Anfange des 
Schlundcanals gabelförmig in 2 Gänge, die an ihrem 
Anfange nur von drei Seiten (von der vorderen , hin- 
teren und dem inneren Winkel) durch die Faserschicht 
begrenzt werden, von der Aussenseite aber, gleich 
dem Herzen, mit den Seitenräumen communiciren. 
Diese an den Seiten nicht begrenzten Gänge zu bei- 



— 12 — 

den Seiten der Kopfdarmhöhle sind die Anlagen zweier 
embryonalen Aorten. 

Wiederholen wir jetzt zum besseren Verständniss 
den Entwickelungsprocess des Herzens noch einmal, 
um so mehr da wir z. ß. die Bildung der inneren Hülle 
desselben noch nicht erläutert haben. 

Der erste Entwickelungsact des Herzens folgt so- 
gleich nach Bildung der serösen Herzhöhle. Er be- 
steht in der Trennung, Abhebung der Faserplatte von 
der vorderen Kopfdarmhöhlenwand (Fig. 1 fc und Fig. 
2 fc), wobei an der Oberfläche der letzteren eine dünne 
einzellige Schicht (Fig. lfi und Fig. 2fi) zurückbleibt, 
welche mit der getrennten nur in , der Längsmittel- 
linie der Kappe durch ein lamellenförmiges Band in 
Verbindung bleibt. Die zweite Entwickelungsphase des 
Herzens ist die schlauchförmige Einstülpung des mitt- 
leren Theiles der Faserplatte in den freien serösen 
Raum hinein, wobei die Seitentheile derselben sich 
in Falten legend gegen die Basis zusammenziehen 
(Fig. 2 fc), — die einzellige Schicht aber sich, in Folge 
der Verbindung mit der Vorderfläche des Darmcana- 
les, in den schlauchförmigen Sack der Faserplatte 
hineinzieht und in der Mitte der entstandenen Höhle 
lagert (Fig. 2 fi). In dieser unvollkommenen Herz- 
höhle bildet die dicke äussere Schicht (fc) die eigent- 
lichen Wände mit Anlagerung der künftigen Musku- 
latur des Herzens; die dünne, von der vorderen Darm- 
fläche abgestreifte Schicht (fi) ist die innere Herzhülle 
(Endocardium). Zwischen der äusseren Wand und der 
inneren Hülle (Endocardium) hat sich ausser dem 
mittellänglichen Bande noch keine directe Verbin- 
dung festgestellt; dieselbe wird ohne Zweifel in der 



— 13 — 

Folge durch Muskelfaserentwickelung aus der dicken 
äusseren Schicht zu Stande kommen. In enger Ver- 
bindung mit der inneren Hülle steht die lamellenför- 
mige Querwand (Fig 2 if), welche die Herzhöhle von 
der ursprünglichen Entwickelung an in zwei gleiche 
Hälften — eine rechte und eine linke — theilt. 

Ich betrachte diese Wand als eine Falte des Endo- 
cardiums, welche sich, aller Wahrscheinlichkeit nach, 
mit den weiteren Gestaltveränderungen des Herzens 
ausgleicht. In Fig. 4, wo das Herz sich schon auf die 
rechte Seite des Embryo gelegt hat (weitere Periode), 
existirt diese Querwand schon nicht mehr. Ander- 
seits unterliegt die Existenz einer Herzquerwand in 
der frühesten Entwickelungsperiode des Herzens kei- 
nem Zweifel ; dieselbe kann nicht etwa als Anomalie be- 
trachtet werden, da ihr Auftreten in der ersten Ent- 
wickelungsperiode der inneren Hülle constant gefun- 
den wird. Wie dem auch sei, es unterliegt keinem 
Zweifel, dass die innere Hülle des Herzens unmittel- 
bar aus der einzelligen, die vordere Darmhöhlenwand 
überziehenden und sich in die Seitenspalten der vor- 
deren und hinteren Darmhöhlenwand (Aortenanlagen), 
so wie auch in die Schläuche beider Venen fortsetzen- 
den Faserplatte (Fig. 1 und 2 fi) entsteht. So bildet 
die intima der primitiven Venen und Aorten eine un- 
mittelbare Fortsetzungder inneren Herzhülle. Die oben 
beschriebene Herzhöhle ist nur von vorne und von 
den Seiten vollkommen begrenzt, geht unten in die 
auseinandergehenden venae omphalo - mesentericae, 
oben in die gabelförmigen Aortenanlagen über; die 
Basis des Herzschlauches aber, — in Gestalt einer 
Spalte — wo die Falten der Faserplatte zusammen- 



— 14 — 

laufen, cominuiiicirt frei mit den die Kopfdarmhöhle 
umgebenden Seitenräumen. In diesem noch weit un- 
vollkommenen Zustande kann der Herzschlauch in 
Thätigkeit gerathen und den Inhalt nach allen Seiten 
hinaustreiben: nach unten — durch die Venenschläuche, 
nach den Seiten um die Kopfdarmhöhle hinauf durch die 
Basisspalte. Früher, als ich die genauen anatomischen 
Verhältnisse der ersten Herzentwickelung noch nicht 
kannte und dasselbe für einen «vollkommen geschlos- 
senen Schlauch» (Koelliker und And.) hielt, fiel mir 
an frischen eben aus dem Ei geschnittenen Präpara- 
ten die Erscheinung auf. wie bei jeder langsamen Con- 
traction des Herzens (welche bekanntlich schon sehr 
früh beginnt) der Inhalt desselben (eine Flüssigkeit 
mit Blutkörperchen) von den beiden Seiten des Her- 
zens von unten aus in die Seitenräume strömte. Jetzt 
aber, die auseinandergesetzten Befunde berücksichti- 
gend, beweist solch ein Präparat sehr einfach die Rich- 
tigkeit der dem Leser, wie mir scheint, jetzt genug 
verständlichen Herzbildung aus der Faserplatte. In der 
dritten Entwickelungsphase legt sich das Herz auf die 
rechte Seite , wobei die Ränder der Basisfalten des- 
selben sich eng aneinanderlegen und in der Spalte die 
innere Hülle (die intima) einklemmen, Fig. 4. Nach 
Verlauf von einiger Zeit verwachsen diese Ränder 
vollkommen mit einander, und dann erst verwandelt 
sich das Herz in einen Schlauch mit zwei Seitenschläu- 
clien, unten für die Venen und einem gemeinsamen 
oben (bulbus aortae), weiche weiter, an der vorderen 
Schlundhöhlenwand hinziehend, sich gabelförmig in 
die beiden primitiven Aorten theilt. 

Es bleibt uns noch übrig, einige Lücken in unserer 



— 15 — 

Wiener Arbeit über die Ent Wickelung der ersten Blnt- 
bahnen im durchsichtigen und dunklen Fruchthof aus- 
zufüllen. Bekanntlich verlängert sich das mittlere oder 
Faserblatt von dem Axentheile des Embryo (von den 
Urwirbeln an) mit den beiden anderen — dem oberen 
(epidermoidalen) und dem unteren (Drüsenblatt) — in 
den Fruchthof (2 Zonen). Im Anfange sind diese drei 
Blätter auf dem Fruchthofe fest mit einander verbun- 
den; mit Bildung der Kappe entfernen sich das epi- 
dermoidale und Drüsenblatt, dem wuchernden mitt- 
leren Blatte Platz räumend, von einander und lassen 
das verdickte Faserblatt frei; ein Vorgang ähnlich 
dem, den wir in der Kappe beobachtet haben. Auch 
hier nehmen das Drüsen- und Epidermoidalblatt, sich 
von dem Faserblatte abhebend, auf ihrer Oberfläche 
sehr feine Faserschichten mit sich, so dass oberhalb 
und unterhalb des Faserblattes sich im Fruchthofe 
Räume bilden , die wir Gefässräume nennen wollen. 
Die Grenzen dieser Bäume müssen natürlich mit 
Wachsthum des mittleren (Faser-) Blattes sich immer 
mehr und mehr erweitern. 

So wie das Faserblatt von dem Fruchthofe in die 
die freien Seiten der Kopfdarmgegend umgebenden 
Seitenfaserplatten übergeht, communiciren diese Ge- 
fässräume mit den schon mehreremal besprochenen 
Seitenräumen, und von hieraus durch die Basisspalte 
mit dem Herzen, mit denjenigen taschenförmigen Ein- 
stülpungen, welche uns als Aortenanlagen bekannt sind, 
und endlich mit den beiden Venenschläuchen. Wenn 
man den Embryokörper von dem Drüsenblatt aus be- 
trachtet, so kann man schon von der Oberfläche aus 
Schritt für Schritt beobachten, wie das untere Blatt 



— 16 — 

sich von dem darunter liegenden Fasernblatte abhebt, 
wobei ein Theil desselben, wie wir schon gesagt , in 
Form einer einzelligen Schicht dem Drüsenblatte an- 
haften bleibt. Diese Abhebung des Drüsenbiattes von 
dem Faserblatte mit partieller Spaltung des ersteren 
geht in der Mitte des Embryokörpers bis zur Hälfte 
der Urwirbel; auf diese Weise entstehen zwei Spalten, 
welche sich nach oben hin einander nähern und der 
chorda dorsalis mehr anliegen , nach unten aber — 
gegen das Schwanzende hin — - gehen dieselben aus- 
einander. Die Grenzen, oder die blinden Enden der 
so entstandenen Gefässräume an den Seiten der Ur- 
wirbel, bilden die inneren Wände der Embryonalaorten. 
Die gegen die Chorda dorsalis gekehrten Seitenwände 
derselben (wir haben dieselben innere genannt) werden 
in diesem Sinne isolirt angelegt; diese Seitenwände 
ändern aber leicht ihre Gestalt wegen der progressi- 
ven Spaltung des Faserblattes und der Trennung des 
Drüsenblattes mit einer dünnen Schicht des ersteren; 
von der Aussenseite hingegen communiciren die Aor- 
ten unmittelbar mit den Gefässräumen des Frucht- 
hofes, in der ersten Zeit wenigstens. Auf welche Weise 
entstehen aber aus den Gefässräumen regelmässige 
Gänge, oder anders — Gefässe? Schon bei Beginn der 
Gefässräumebildung bemerkt man, während der be- 
schriebenen Spaltung des unteren und oberen Blattes 
von dem mittleren, hie und da Querbalken zwischen 
der feinsten (auch faserigen), angenommen dem Drü- 
senblatte (dasselbe geschieht auch am epidermoidalen) 
angehefteten Schicht und dem eigentlichen Faserblatt. 
Diese Querbalken, welche die Gestalt von Strängen 
aus embryonalem Bindegewebe (Schleimgewebe) ha- 



— 17 — 

ben, vergrössern sich sehr rasch und theilen die Ge- 
fässräume in Gänge von verschiedener Grösse, wie 
dies aus Fig. 5 zu sehen ist, wo fv die Querbalken, v 
die Gefässräume bezeichnet. Zuerst getrennt verbin- 
den sich diese Balken später auch mit einander und 
bilden auf diese Weise Querwände, welche einen Gang 
von dem anderen trennen. Durch diese Querbalken 
und Querwände werden darauf die Aussenwände der 
primitiven Aorten gebildet; auf dieselbe Weise ver- 
öden die an den Kopfdarmhöhlenwandungen gela- 
gerten Seitenräume, durch welche die Gefässräume 
unmittelbar mit der Basisspalte des Herzens in Ver- 
bindung standen; endlich verwandeln sich durch den- 
selben Vorgang auch die von der Aussenseite un- 
begrenzten , von der Herzspitze gabelförmig längs 
der Schlundhöhle und darauf längs derselben wie- 
der herablaufenden (von uns als Aortenanlagen an- 
genommenen) Gänge in Canäle, — grosse und kleine 
Gefässe. 

Eine solche Entwickelungsart der ersten Blutbah- 
nen bei Embryonen erklärt uns auch die weiteren Ver- 
änderungen in denselben: die Verödung der Gefässe 
geschieht durch die uns bekannte Entwickelung von 
Querbalken, das neue Auftreten derselben durch wei- 
tere Spaltung des Faserblattes. So rücken z. B. die 
beiden Anfangs an den äusseren Rändern der Urwir- 
bel liegenden Aorten , durch Spaltung der gleich un- 
ter dem Drüsenblatte gelegenen Faserschicht, immer 
mehr und mehr gegen einander, — lagern sich über 
den Wirbelkörpern, der chorda dorsalis näher, endlich 
werden dieselben nur durch eine dünne Querwand ge- 

Mélanges biologiques. VIL 3 



— 18 — 

trennt, mit deren Auflösung aus den beiden primiti- 
ven eine einzige Abdominalaorta entsteht. Indessen 
geht der Verödungsprocess weiter: die Querbalken 
entwickeln sich rasch, fliessen zusammen und begren- 
zen die Aussenseitenwände der Aorten, so dass letz- 
tere auf diese Weise, ohne an Durchmesser zuzuneh- 
men, sich allmählich gegen die Mitte des Embryo la- 
gern, um endlich in ein Gefäss zusammenzuschmelzen. 
Mit Hülfe von Querschnitten haben wir die schwie- 
rige Aufgabe der Herzbildung bei Hühnerembryonen 
gelöst und zugleich auch die Entwickelungsart der 
Blutbahnen in dem durchsichtigen unci dunklen Frucht- 
hofe des Blastoderma erklärt. Die früheren nicht ganz 
erklärten Gebilde, die ich in meiner Wiener Arbeit 
Heerde und Stränge aus embryonalem Gewebe (auch 
hohle, blasenartige Gebilde) nannte, sind nichts ande- 
res als Querbalken, Querstränge zwischen den Blät- 
tern des gespaltenen Faserblattes des Fruchthofes. 
Der Werth der früheren Beobachtungen ist dadurch 
um nichts geringer geworden; dort hatten wir es mit 
lebendigen Embryonen zu thun, beobachteten dort 
lebende Bilder; es war natürlich, dass wir bei Betrach- 
tung des Blastoderma von der unteren Fläche, in Flä- 
chenansichten mikroskopischer Objecte nicht die fein- 
ste Faserschicht sehen konnten, welche das Drüsen- 
blatt auskleidet; die Querstränge aus embryonalem 
Bindegewebe erschienen uns in Querdurchschnitten; 
wir sahen dieselben als Inseln im Gefässmeere (zu- 
weilen erschienen dieselben auch in ihrer wahren Ge- 
stalt, d.h. als zellige Stränge). In dieser Gestalt wur- 
den die Querbalken auch von Anderen gesehen; so 



— 19 — 

spricht z. B. Remak von ihnen, indem er dieselben 
«Substanzinseln» nennt, ohne denselben irgend eine 
Bedeutung in der Entwickelung der ersten Blutbah- 
nen bei Embryonen zuzuschreiben; er schreckte von 
der Schwierigkeit der Vorstellung ab, wie durch diese 
Gebilde allein ein allseitig geschlossenes Canalsystem 
entstehen kann? Hier sind meine Worte in Betreff 
einer solchen Schwierigkeit der Vorstellung: «Ich 
«weiss, dass es schwer ist, sich vorzustellen, dass sich 
«durch die Hohlgebilde allein ein allseitig geschlossen 
«nes Canalsystem abgrenze. Aber ich kann meine Be- 
«obachtungen nicht wegläugnen, weil sie mir die Auf- 
«fassung des Gesammtbildes erschweren 6 ).» Es ist be- 
merkenswerth , dass die in Rede stehenden Querbal- 
ken in Querdurchschnitten frischer Präparate sich wie 
hohl darstellten. Dieser Umstand erklärt sich dadurch, 
dass in solchen Ausläufern oder Strängen die Ele- 
mente in der ersten Zeit an der Peripherie derselben 
gelagert sind, in der Mitte befindet sich aber eine sehr 
klare Intercellularsubstanz (Schleim); später dringen 
die Elemente auch in das Innere der Balken. Eine 
derartige Vertheilung der Elemente an der Oberfläche 
der Querbalken ist höchst wahrscheinlich mit anderen 
für die. Blutkörper chenbildung wichtigen Zielen ver- 
bunden, worüber ich schon in meiner Wiener Arbeit 
gesprochen habe. 



6) S. meine Wiener Arbeit, p. 7. 



20 



Erklärung der Abbildungen. 

Fig. 1, (5tes System, Hartnack. Ocular ]\|s 3.) Längen- 
durchschnitt des Embryo in der Richtung der 
Kopfdarmhöhle. Bildungsperiode der serösen 
Herzhöhle (ungefähr nach 40 Brütestunden). 
Der Durchschnitt ist nicht ganz median. Hier 
sieht man die Spaltung des Faserblattes an der 
vorderen Kopfdarmhöhlenwand ; fc dicke Platte 
aus der sich die eigentlichen Herzwandungen 
bilden, und fi dünne Schicht an der Oberfläche 
des Drüsenblattes, welche die innere Hülle des 
Herzens und der Aorten bildet, s Faserschicht, 
welche die seröse Höhle auskleidet, h epider- 
moidales Blatt, durch dessen Faltenbildung sich 
in der Kappe die seröse Höhle bildet, i Kopf- 
darmhöhle, welche oben blind endigt, f Faserblatt 
des Embryoschildes, e Drüsenblatt. 

Fig. 2. (7tes System, Hartnack. Ocular M- 3.) Quer- 
durchschnitt des Embryo in dem unteren Drittel 
der Kappe (nach 48 Brütestunden). Hier kann 
man deutlich sehen, wie sich aus der dicken Fa- 
serplatte fc, durch Umstülpung der Herzschlauch 
mit der Spalte an der Basis bildet; durch die 
Basisspalte communicirt der Herzschlauch mit 
den Seitengefässräumen an den Wandungen der 
Darmhöhle, und ausserdem nach Innen als Fort- 
setzung längs der hinteren Wand dieser Höhle 



— 21 — 

(Aortenanlagen); hier sind die Aorten, a, durch 
Querwände mehr oder weniger begrenzt; fi Fal- 
ten der inneren Herzhülle, welche von der vor- 
deren Fläche der Kopfdarmhöhle abgestreift sind, 
w r o sich die dünne einzellige Faserschicht befin- 
det, ch chorda dorsalis, m neuro -epitheliales 
Blatt, welches an der Bildung der Medullarroh- 
res Antheil nimmt, i Kopfdarmhöhle, e seröse 
Herzhöhle. 

Fig. 3. (4tes System, Hartnack. Ocular M 3.) Quer- 
durchschnitt am äussersten Ende der Kappe, auf 
welchem man die Mündung der Venenschläuche 
in's Herz sieht. Man kann hier die intima der Ve- 
nen als Fortsetzung derjenigen des Herzens sehen. 
Der Durchschnitt ist aus dem vorhergehenden 
Präparate (Fig. 2), nur bei geringerer Vergrös- 
serung, d untere Herzwand oder, besser, der 
Vorkammer. Die anderen Buchstaben wie in 
Fig. 1 und 2. 

Fig. 4. (4tes System, Hartnack. Ocular JV?. 3.) Das 
Herz hat sich schon auf die rechte Seite gelegt; 
nach 56 Stunden. Die Basisspalte hat sich durch 
Zusammenziehung der Falten der Faserplatte (b) 
fast ganz geschlossen, wobei die innere Hülle 
zwischen denselben eingeklemmt ist, c Herzhöhle. 
Es ist bemerkenswerth, dass in allen Präparaten 
die innere Hülle in grösserer oder geringerer 
Entfernung von den eigentlichen Herzwänden 
bleibt, gleichsam der Bildung von Muskelelemen- 
ten und Herzgefässen Platz machend. 

Fig. 5. (5tes System, Hartnack. Ocular Je 3.) Das 



— 22 — 

Präparat ist von 56 Stunden. Bildung von Quer- 
balken und Querwänden zwischen den Faser- 
schichten des durchsichtigen Fruchthofes ; e 
Drüsenblatt mit daran gränzenden Quersträngen, 
h epidermoidales Blatt mit denselben mehr ent- 
wickelten Quersträngen aus embryonalem Binde- 
gewebe fv; v durch Querbalken abgegrenzte Ge- 
fässräume. 



(Aus dem Bulletin, T. XIII, p. 321 — 335.) 



lela 



oiia s sief . Enfwictelmie des Herzens . 





Melanges biologupes IYI. 



.\(i)i!;i.s,si(-t',Kii|u k kr[|ii|o ( |,.,s 




Fié. 1 



Fig.! 

à i 






Fi* 3. 




Fié. i. 




29 October ioao 
10 November 

Zweiter Bericht über eine Abhandlung unter dem 
Titel: Untersuchungen über die Gattung der 
Klippschliefer (Hyrax. Herrn.) besonders in 
anatomischer und verwandtschaftlicher Be- 
ziehung nebst Bemerkungen über ihre Ver- 
breitung und Lebensweise von Johann Fried- 
rich Brandt. 

Bereits im Jahre 1862 hatte ich die Ehre, in der 
Sitzung vom -J| November, so wie am 19. December 
einen Bericht über meine Untersuchungen der Gat- 
tung Hyrax in anatomischer und verwandtschaftlicher 
Beziehung vorzustellen, der im Bulletin scientifi- 
que T. V pag. 508 — 510 erschien. 

Ich konnte damals als ganz vollendet nur den Ab- 
schnitt über einige äussere Gebilde und die Beschrei- 
bung der vegetativen, sowie theilweis die der anima- 
lischen Organe vorlegen. Die in Aussicht gestellten 
Schlussuntersuchungen über die animalischen Organe, 
ebenso die über die Verwandtschaften der fraglichen 
Gattung, welche letztere die Arbeit veranlassten, wur- 
den dagegen bisher noch nicht eingereicht, sondern 
nur angekündigt. 

In der heutigen Sitzung nehme ich mir daher die 
Freiheit, nicht nur die von mir später bei der Unter- 



— 24 — 

suchung der animalen Organe gewonnenen Ergebnisse 
vorzustellen, sondern auch über die geographische 
Verbreitung, die Lebensweise und besonders über 
die Verwandtschaften der Gattung Mittheilungen zu 
machen. Die so entstandene Abhandlung, welche vie- 
les Neue und Alles über die Gattung Hyrax früher be- 
kannte enthält, dürfte 12 — 1 6 Druckbogen der Memoi- 
ren füllen und als eine Monographie derselben im All- 
gemeinen 1 ) zu betrachten sein, obgleich die Materia- 
lien des Museums es nicht gestatteten, auch die einzel- 
nen Arten im Betracht zu ziehen. Dieselben konnten 
überdies um so eher übergangen werden, da vor kurzem 
J. E. Gray (Ann. and Magaz. of nat. hist. 4 ser. 
Vol. Ip. 35) nach den bedeutenden Materialien des bri- 
tischen Museums die Arten der Gattung Hyrax be- 
schrieb. Meine Untersuchungen der animalischen Or- 
gane beziehen sich auf das Knochensystem, die Bän- 
der, das Muskelsystem, das Nervensystem und die 
Sinnesorgane. 

Einen sehr umfassenden Abschnitt der Arbeit bil- 
den die Mittheilungen üder die Verwandtschaften 
der Gattung Hyrax, da die für die Classification so 
wichtige genauere Erörterung derselben meine aus- 
führlichen Studien veranlasste. Zu diesem Zwecke 
wurden, nach alter Weise 2 ), in einem besondern Ab- 



1) Ich nahm aus guten Gründen die Gattung Hyrax im Sinne 
Hermann's. 

2) Jeder exacte Naturforscher dürfte gegen das neuerdings von 
Mehreren begonnene Verfahren protestiren, die Ansichten der Vor- 
gänger ganz zu übergehen oder zu verstümmeln und theilweis zu 
ignoriren. Es ist freilich angenehmer und leichter seine Beobach- 
tungen ohne sorgsame Benutzung der Literatur oder wohl ganz ohne 
dieselbe niederzuschreiben, da ein gründliches, kritisches literäri- 
ches Studium oft weit mehr Zeit kostet, als die Beobachtungen. 



— 25 — 

schnitte nach dem Grundsatze Suum cuique! die bis- 
herigen Ansichten der mir bekannt gewordenen nam- 
haftem Naturforscher, welche über Hyrax schrieben, 
gewissenhaft aufgeführt. Denselben folgt dann eine 
Aufzählung der Merkmale, welche Hyrax mit den 
unpaarzehigen Hufthieren gemein hat. Hierauf wird 
die Frage aufgeworfen, welchen Gattungen oder Fa- 
milien der Hufthiere sich Hyrax näher oder ferner 
anreihe? Zur Beantwortung derselben werden seine 
Beziehungen zu den Nashörnern, Pferden, Nielpfer- 
den, Wiederkäuern, Schweinen, Tapiren, Elephanti- 
den, Anoplotherien, Paläotherien und Lophiodonten 
erörtert und daraus allgemeine Schlussfolgerungen in 
Bezug auf die nähere oder fernere Verwandtschaft 
des Hyrax mit je einer der genannten Gruppen ge- 
zogen. 

Da man früher nicht ohne Grund Hyrax zu den 
Nagern stellte, so mussten auch die nicht unbedeu- 
tenden Beziehungen näher erörtert werden, die zwi- 
schen ihm und der genannten Thierordnung bestehen. 

Selbst einige Beziehungen zu den Edentaten konn- 
ten nicht unerwähnt bleiben. Eben so durften die 
Eigenthümlichkeiten der Gattung Hyrax nicht über- 
gangen werden, ehe als Endresultat und Zweck der 
Arbeit Schlussfolgerungen über die Verwandtschaften 
und die systematische Stellung der Klippschliefer ge- 
liefert werden konnten. 

In diesen Schlussfolgerungen erscheint Hyrax, wie 
ich schon früher (Bulletin a. a. 0.) andeutete, als ei- 
gener Typus (Unterordnung) der Hufthiere, und zwar 
als ein solcher, der bedeutend zu den Nagern hin- 

Mélanges biologiques. Vu. 4 



— 26 — 

neigt 3 ); weshalb die aus ihm gebildete Unterordnung 
der Üngulata am passendsten als Gliriformia oder 
Glireoidea bezeichnet werden könnte. 



3) Murie und Mivart (Proceed. Zool. Soc. Lond. 1865 
p. 329) haben irrigerweise meine Mittheilungen im Bulletin so 
aufgefasst, als stellte ichHyrax zu den Nagern, woran ich niemals 
dachte. 



(Aus dem Bulletin, T. XIII, p. 342 ~ 344.) 



~ November 1868. 

24 

Über das Nervensystem der gemeinen Schüs- 
selschnecke (Patella vulgaris), von Dr. Eduard 
Brandt. 

(Mit einer Abbildimg.) 

Der Mangel an genauen Untersuchungen über das 
Nervensystem derjenigen Abtheilung der kopftragen- 
den Mollusken (Mollusca cephalophora), welche Milne- 
Edwards «Prosobranchia» nannte, veranlasste mich, 
dieses Thema zu bearbeiten, zumal da mir am Strande 
des Meeres (La-Manche) an einem der Repräsentanten, 
der gemeinen Schüsselschnecke (Patella vulgaris), 
eine Menge Exemplare zu Gebote standen. Der sehr 
complicirte Centraltheil und das System des nervus 
stomatogastricus sind von mir vorzüglich studirt worden. 

Schon G. Cuvier machte in seinen berühmten 
«Mémoires pour servir à l'histoire et à l'anatomie des 
Mollusques» eine (obgleich sehr kurze) Beschreibung 
des Nervensystems dieses Thieres und giebt auch eine 
Abbildung desselben. Die Abbildung aber, gleich wie 
auch die Beschreibung ist theils ungenau, theils falsch, 
und der nervus stomatogastricus gar nicht erwähnt. 
Die Beschreibungen des Nervensystems dieses Thie- 
res, die wir bei den andern Beobachtern, nämlich bei 



— 28 — 

Garner 1 ), Rymer Jones 2 ) und Anderson 3 ) lesen, sin d 
auch ungenau und theilweis falsch. Auch diese Ge- 
lehrten haben das Mundmagennervensystem (nervus 
stomatogastricus) nicht völlig erkannt. Gerade dieser 
Abschnitt des Nervensystems der Patella vulgaris ist 
es aber, durch welchen das Nervensystem der Chi- 
tonen (wie es aus meinen Untersuchungen über das 
Nervensystem des Chiton fascicularis sich* ergiebt) sich 
an dasjenige der Patelliden anschliesst, und also sei- 
nen Molluskentypus manifestirt. 

Der Centraltheil des Nervensystems der gemeinen 
Schüsselschnecke (Patella vulgaris) zeigt drei Paar 
unter einander durch Commissuren verbundene Gan- 
glien, nämlich 2 ganglia cer ehr alia (G, G), 2 ganglia 
visceralia s. branchialia (B, B) und 2 ganglia pedalia 

(p, p). 

Die ganglia cerebralia (G, G) bilden das vorderste 
Paar. Sie sind die grössten aller Ganglien, haben eine 
eckige Gestalt und liegen an den Seiten des Schlund- 
kopfes. Ein jedes ganglion cerebrale ist durch fünf 
Commissuren mit andern Ganglien verbunden und 
entsendet vier Nerven. Die Commissuren, welche die 
ganglia cerebralia mit andern Ganglien verbinden, sind 
folgende: 1) commissura cerebralis {1\ welche die bei- 
den ganglia cerébralia unter einander verbindet; 2) 
commissura cerebro-pedalis (3) zur Verbindung eines 



» 

1) Rob. Garner. On the nervous system of Molluscous Animals, 
in: Transactions of the Linnean Society. London. Vol. 17. 1827. pag. 
489. Tab. 25. fig. 3. 

2) Rymer Jones «Gasteropoda» in: Todd's Cyclopaedia of Ana- 
tomy and Physiology. Vol. II. p. 337. London. 1839. 

3) Anderson «Nervous system» in: Todd's Cyclopaedia of Ana- 
tomy and Physiology. Vol. III. pag. 605. 



— 29 — 

ganglion cerebrale mit dem ganglion pédale (P); 3) com- 
missura cerebro-visceralis (2) zur Verbindung des gan- 
glion cerebrale mit dem ganglion viscerale s. branchiale 
(B); 4) die Commissur (5), welche das ganglion cere- 
brale mit dem vorderen ganglion pharyngeale superius 
(B) verbindet und 5) die Commissur (4), welche das 
ganglion cerebrale (C) mit dem ganglion pharyngeale 
inferius (I) verbindet. Die Nerven, welche ein jedes 
ganglion cerebrale entsendet, sind folgende: 1) der ner- 
vus antennarius (a) für die Fühlhörner; er ist der 
dickste und giebt Zweige für die Muskulatur dersel- 
ben. Er ist der stärkste aller Nerven dieses Ganglions; 

2) der sehr winzige nervus opticus (op), welcher sich 
zu dem kaum bemerkbaren, an der dorsalen Seite der 
Fühlhornbasis befindlichen Auge begiebt 4 ). Alsdann 

3) ein noch kleiner Hautnerv (c). Alle diese Nerven 
entspringen von den äusseren Seiten des Ganglions, 
und von der inn er u geht 4) ein nervus pharyngeus 
lateralis inferior posterior (g) zu den unteren seitli- 
chen Schlundkopfmuskeln ab. Ausserdem entspringt 
noch aus der commissur a cerebralis (1) 5) ein nervus 
pharyngeus lateralis inferior anterior (h), der ebenfalls 
zu den unteren seitlichen Schlundkopfmnskeln geht, 
und 6) mehre Lippennerven (nervi buccales l). 

Die ganglia pedalia (P. P.) sind die am aller tief- 
sten gelegenen Ganglien und befinden sich in der 
Mitte der unteren Halspartie des Thieres. Sie sind 
durch eine kurze und sehr breite commissura pedalis 
(11) unter einander verbunden; ausserdem verbindet 



4) Es wird ganz falsch aDgegeben, dass das Auge der Patella vul- 
garis an der Spitze der kleinen, neben der Fühlhornbasis gelegenen 
Her vorragung sich befinde. 



— 30 — 

sie die commissura viscero-pedalis (15) mit den beiden 
ganglia visceralia (B, B), und die commissura cerebro- 
pedalis (3) vereinigt sie mit den beiden ganglia cere- 
bralia (G, G). Aus jedem ganglion pédale (P) ent- 
springt ein sehr starker nervus pedalis (r), der in den 
Fuss eindringt, längs der Aussenseite desselben ver- 
läuft und mit vielen rechts und links von ihm abge- 
henden Zweigchen die Muskulatur desselben versorgt. 
Ausserdem geht von jedem Fussnerven (nervus peda- 
lis) noch unweit seines Abganges aus dem ganglion 
pédale ein kleiner Nerv (s) für die oberflächlichen 
Muskeln der vorderen Fusspartie. 

Die beiden ganglia visceralia sivebranchialia(B,B) 
liegen etwas höher und mehr nach vorne als die Pe- 
dalganglien, und dabei das linke etwas tiefer als das 
rechte. Folgende Commissuren verbinden sie mit den 
beiden andern Ganglienpaaren: 1) die commissura 
cerebro-visceralis {2) mit dem ganglion cerebrale (G) 
und 2) die commissura viscero-pedalis (15) mit dem 
ganglion pédale (P). Aus jedem ganglion viscerale 
(B) entspringen 2 Nerven, nämlich 1) nervus recur- 
rens (k), ein sehr starker, ziemlich kurzer Ast, der 
Zweige für die Muskulatur des Halses und an den 
Oesophagus abgiebt und ausserdem einen kleinen Ast 
für die Leber (x) schickt. Gleich nach seinem Ursprünge 
begiebt er sich nach hinten und macht alsdann eine 
bogenförmige Krümmung von hinten und unten nach 
vorn und oben und endigt in der Seiten-muskulatur 
des oesophagus. 2) nervus branchio-muscularis (b), 
ein sehr kurzer Stamm, der etwas dünner ist als der 
nervus recurrens und sich sehr bald in zwei dünne 
und lange Nerven spaltet, nämlich a) in den nervus 



— 31 — 

muscularis (v) und b) in den nervus branchialis (br). 
Der nervus muscularis (v) dringt in den Schalenmus- 
kel und versorgt denselben mit Seitenzweigen. Der 
nervus branchialis (br) verläuft nach aussen von dem 
Schalenmuskelnerven und giebt Zweige an die Kie- 
men. Ausser diesen Nerven, welche sowohl aus dem 
rechten, wie auch aus dem linken ganglion viscerale 
(B) jederseits entspringen, giebt das linke ganglion 
viscerale noch 2 Nerven ab, nämlich 1) den nervus 
ovarii (z) und 2) den nervus splanchnicus (m). Der 
nervus ovarii (x) ist ein sehr kleiner Zweig, der zum 
Eierstock geht. Der nervus splanchnicus (m) begiebt 
sich von links nach rechts und geht über der Peclal- 
commissur (11) und über dem rechten ganglion visce- 
rale etwas höher als dieses Ganglion nach vorne und 
spaltet sich da in einen (nach unten gehenden) un- 
teren Ast (ramus inferior d) und oberen Ast (ra- 
mus superior f). Der untere Ast giebt kleine Nerven 
für die hinteren oberen Halsmuskeln; der obere Ast 
giebt Nerven für die hinteren oberen Halsmuskeln und 
für den Schlundkopf, wo er sich auch endigt. 

Das stomatogastrische Nervensystem besteht 
aus drei Paar Ganglien, die sowohl unter einander 
als auch mit dem Cerebralganglienpaare durch Com- 
missuren in Verbindung stehen und Nerven zu den, 
Muskeln des Schlundkopfes absenden. 

Ein Paar befindet sich unter dem Schiundkopfe 
und kann als ganglion pharyngeale s. buccale inferius 
(I) bezeichnet werden. Die beiden andern Paare be- 
finden sich über dem Schlundkopfe und werden als 
ganglion buccale s. pharyngeum super ius anter ius (D) 
und ganglion buccale superius posterius (F) bezeichnet 



— 32 — 

werden können. Die Commissur 4 verbindet die un- 
teren Buccalganglien (I) mit den Cerebralganglien (C); 
durch die Commissur 6 werden dieselben mit den 
vorderen oberen Buccalganglien (D) vereinigt, und 
durch die Commissur 10 verbinden sie sich gegen- 
seitig. Aus der Commissur 10 entspringen 2 Nerven 
nach hinten (S) und 2 nach vorne (e) für die Schlund- 
kopfmuskeln. Die beiden vorderen oberen Buccal- 
ganglien (D) stehen durch die Commissur 6 mit den 
beiden unteren Buccalganglien (J) in Verbindung; die 
Commissur 7 vereinigt sie mit den beiden hinteren 
oberen Buccalganglien (F), und -ausserdem sind sie 
noch durch eine Commissur 14 mit einander verbun- 
den. Aus jedem oberen vorderen Buccalganglion (D) 
entspringt ein kleiner Nerv für die oberen Schlund- 
kopfmuskeln, ebenso wie auch zwei solche Nerven 
aus den beiden oberen hinteren Buccalganglien (F) 
kommen. Die hinteren oberen Buccalganglien 
(F) verbinden sich durch die Commissur 7 mit den 
beiden oberen vorderen Buccalganglien (D) und durch 
eine Commissur 8 mit einer Quercommissur 9, aus 
welcher zwei kleine Nerven für die radula ihren Ur- 
sprung nehmen. 

Erklärung der Abbildung (Fig. I). 

G G. Ganglia cer ehr alia. 

B.B. Ganglia branchialia s. visceralia. 

P.P. Ganglia pedalia. 

D.D. Ganglia pharyngealia superior a anterior a. 

F. F. Ganglia pharyngealia superiora posteriora. 

G. G. Commissur a transv er salis, welche bei Chiton fas- 



— 33 — 

cicularis zu einem ganglion pharyngeale posterius 
impar sich ausbildet (siehe fig. 1 A. g.). 

I. I. Ganglia pharyngealia inferiora. 

1. Commissura cerebralis zur Verbindung beider 
Cerebral-Ganglien CG. unter einander. 

2. Commissura cerebro - visceralis zur Verbindung 
der ganglia cerebralia (C) mit den ganglia visce- 
ralia (B). 

3. Commissura cerebro-pedalis zur Verbindung der 
ganglia cerebralia (C) mit den ganglia pedalia (P.). 

4. Eine Commissur zur Verbindung der ganglia cere- 
bralia (C) mit den ganglia pharyngealia inferior a (I). 

5. Eine Commissur zur Verbindung der ganglia cere- 
bralia mit den ganglia pharyngealia superiora an- 
terior a (D). 

6. Eine Commissur zur Verbindung der ganglia pha- 
ryngealia inferiora (I) mit den ganglia pharyn- 
gealia superiora anterior a (D). 

7. Eine Commissur zur Verbindung der ganglia pha- 
ryngealia superiora anteriora (B) mit den ganglia 
pharyngealia superiora posterior a (F). 

S. Eine Commissur von den ganglia pharyngealia su- 
periora posterior a (F) zur Quercommissur (9). 
10. Eine Commissur zur Verbindung der beiden gan- 
glia pharyngealia inferiora (T) unter einander. 

II. Eine Commissur zur Verbindung der beiden gan- 
glia pedalia (P) unter einander. — commissura 
pedalis. 

15. Commissura viscero-pedalis , zur Verbindung der 
ganglia visceralia (B) mit den ganglia pedalia (P). 
a nervus antennarius. 
op nervus opticus. 

Mélanges biologiques. VII. 5 



— 34 — 

c nervus cutaneus. '. 

g nervus plmryngeus lateralis inferior posterior. 

h nervus pliaryngeus lateralis inferior anterior. 

I nervi labiales. 

r nervus pedalis profundus. 

s nervus pedalis superficialis. 

k nervus recurrens. 

x rami liepatici nervi recurrentis. 

b nervus brancliio-muscularis. 

v nervus muscular is. 

br nervus branchialis. 

z nervus ovarii. 

m nervus splancJmicus. 

d ramus inferior nervi splanchnici. 

f ramus superior nervi splanchnici. 



(Aus dem Bulletin, T. XIII, pag. 457 — 462.) 



î? November 1868. 

24 

Über das Nervensystem von Chiton (Acantho- 
chites) fascicularis 5 von Dr. Eduard Brandt. 

(Mit einer Abbildung.) 

Die in ihrer Organisation und in ihrer Entwicke- 
lung so viele Verschiedenheiten vom Bauplane des 
Molluskentypus darbietenden Kerfschnecken (Chito- 
nida) sind gewissermassen Mittelglieder zwischen den 
Mollusken und den Gliederthieren. Ihre aus mehreren 
einzelnen Stücken bestehende Schale, die am hinteren 
Körperende befindliche Analöffnung und die beiden 
seitwärts am Hinterende des Körpers ausmündenden 
Eileiter nähern sie den Arthrozoen; dagegen zeugt die 
Anwesenheit des Mantels und eines stark ausgebilde- 
ten und zum Kriechen gut angepassten breiten Fus- 
ses von dem Molluskentypus derselben. Ihre eine 
Metamorphose durchmachenden Larven gleichen sehr 
denen mancher Anneliden. Das Nervensystem, wel- 
ches im iUlgemeinen so charakteristisch ist für den 
Typus, zu welchem das Thier gehört, ist bei den Chi- 
tonen bisher sehr wenig untersucht, und aus dem, was 
wir jetzt darüber kennen, wissen wir nur, dass es ein 
ganz eigenthümliches sei. Es fehlen Vergleichungs- 



— 36 — 

punkte, welche dasselbe als ein dem Gliedertypus oder 
dem Molluskentypus zugehöriges nachgewiesen hätten. 

Das Ziel meiner Untersuchungen an dem Chiton 
(Acanthochites) fascicularis ist eben, den Charakter und 
die typische Natur des für den Verwandtschaftsnach- 
weis so wichtigen Nervensystems zu erforschen. 

Zum Gegenstande meiner Untersuchungen habe ich 
den von mir in grosser Anzahl in der Normandie ge- 
sammelten Chiton fascicularis gemacht und bin zu dem 
Resultate gelangt, dass das Nervensystem dieses Thie- 
res mit dem der gemeinen Schlüsselsehnecke (Patella 
vulgaris) in Einklang zu bringen ist. Damit wäre 
also ein neuer wichtiger Anhaltspunkt für die Mol- 
luskennatur der Chitonen gegeben. 

Der Centraltheil des Nervensystems von Chiton fas- 
cicularis (der nur von Garner 1 ) untersucht ist, und 
zwar oberflächlich und der des Nervus stomato-gastricus 
oder der gangliapharyngealia gar nicht erwähnt) besteht, 
wie auch bei allen anderen Kerfschnecken, aus zwei 
grossen eckigen Ganglien (A, Ä) und der sie verbin- 
denden, breiten und flachen bandartigenCommissur(l). 

Die beiden Hauptganglien (A A), w T elche an den 
Seiten der unteren Schlundkopfpartie liegen, müssen 
für eine Verschmelzung der ganglia pedalia und bran- 
chialia s. visceralia angesehen werden, denn es ent- 
springen aus ihnen ein nervus pedalis (r), der sich in 
den Fuss begiebt und dessen Muskulatur mit reich- 
lichen Seitenzweigen versieht, und ein nervus branchia- 
Us (b), der, längs einer Rinne am inneren Seitenrande 



1) Garn er. On the nervous system of Molluscous Animals in: 
Transactions of the Linnean Society, London. Vol. 17. 1827. pag. 
33. Tab. 25 fig. 1. 



— 37 — 

des Mantels verlaufend, Zweige an die Kiemenblätter 
abgiebt. Das ganglion cerebrale fehlt, wenn man nicht 
allenfalls einen Theil der breiten Commissur (1), wel- 
che die beiden ganglia pedo-brancJiialia A. verbindet, 
dafür ansprechen will, wie es Middendorff 2 ) that, was 
aber meiner Meinung nach nicht richtig wäre, da diese 
Commissur (1) überall (in der ganzen Ausdehnung) 
gleich ausgebildet ist und gleiche Nerven abgiebt, 
nämlich von der vorderen Seite die Lippennerven 
(nervi labiales) und von der hinteren eine Menge 
kleiner Nerven zum pharynx. 

Viel natürlicher ist es also, diese Commissur für 
eine stark entwickelte Commisur der beiden ganglia 
pedo-branchialia (AA) zu betrachten. Da bei den Chi- 
tonen keine Augen und keine Antennen vorhanden 
sind, so befinden sich auch keine ganglia cerebralia, 
welche ja eben Nerven für diese beiden Sinnesorgane 
abgeben sollten. Man könnte also diese Commissur (1) 
die commissura pedo-branchialis s. pedo-visceralis nen- 
nen, und sie würde der commissura cerebralis der Pa- 
tella vulgaris entsprechen (siehe fig. I. 1.), w r ie es die 
aus ihr gleich wie dort entspringenden Nerven bewei- 
sen. Diese Commissur ist gleich wie auch die ganglia 
pedo-branc\%ialia (AA) und die aus diesen Centralthei- 
len entspringenden Nerven, und gleich wie aucji die 
Nerven und Ganglieh des stomato-gastrischen Systèmes 
(wie auch bei vielen Gasteropoden) intensiv gelb ge- 
färbt. Eine Commissur (4) verbindet ein jedes gan- 
lion pedo-brancMale (AA) mit einem kleinen Ganglion 



2) Middendorff. Beiträge zu einer Malacozoologia rossica aus : 
Mémoires scienc. natur. de l'Acad. Imp. St.-Pétersbg. Tom. VI. be- 
sonders abgedruckt. 1847. pag. 75. 



— 38 — 

(J), welches das ganglion pharyngeale s. buccale infe- 
rius ist. Ausser der eben genannten Commissur ver- 
binden sich die ganglia pharyngealia inferiora noch 
durch eine Commissur (10), commissura interpharyn- 
gealis inferior, wie bei der Patella vulgaris, unter ein- 
ander à ) und durch eine andere Commissur (6) mit 
den beiden vorderen oberen ganglia pharyngealia 
s. buccalia (B, B.). Ausserdem geht von jedem gan- 
glion pharyngeale inferius noch eine sehr dünne und 
lange Commissur (12) nach hinten, welche dasselbe 
mit einem grossen querovalen Ganglion (x) verbindet, 
welches man das hintere untere ganglion pharyn- 
geale nennen könnte, und das Ganglion I müsste dann 
ganglion pharyngeale inferius anterius heissen. Die 
beiden Ganglia H sind durch eine kleine bogenförmige 
Commissur (13) mit einander in Verbindung gesetzt. 
Diese Ganglien liegen auf einem grossen bogenför- 
migen, in der hinteren Halspartie gelegenen Gefäss- 
stamme. (Siehe fig. 2.) Aus der Commissur (10), wel- 
che die beiden vorderen unteren Pharyngealganglien 
verbindet, gehen 3 Paar Nerven nach vorne (a, ß, y) 
und ein Paar (3) nach hinten zu den Schlundkopfmus- 
keln. Die vorderen oberen ganglia pharyngealia (B) 
sind durch 5 Commissuren mit andern Ganglien und 
unter einander verbunden. Nämlich die Commissur 6 
verbindet sie mit den vorderen unteren Pharyngeal- 
ganglien; die Commissur 7 vereinigt sie mit den 
paarigen hinteren oberen Pharyngealganglien (F) und 
mit einander sind sie durch die Commissur 14 ver- 
bunden. Aus diesen Ganglien (B) entspringen zwei 
kleine Nerven für die oberen Schlundkopfmuskeln. 
Die hinteren oberen Schlundkopfganglien (F,F), wel- 



3) Diese Commissur ist eben so wie bei der Patella vulgaris bo- 
genförmig und kehrt die Convexität nach vorne. 



— 39 — 

che kleine Nerven zu den seitlichen oberen Schlund- 
kopfmuskeln absenden, werden durch die Commissur 
7 mit den vorderen oberen Schlundkopfganglien (D) 
vereinigt und durch die Commissur 8 mit einem un- 
paaren hinteren Schlundkopfganglion (9) verbunden, 
das zwei Nerven für die radula abgiebt. 

Vergleichen wir nun dieses eben geschilderte Cen- 
tralnervensystem des Chiton fascicularis mit dem der 
Patella vulgaris, so finden wir eine Übereinstimmung, 
die am meisten in dem stomato- gastrischen Systeme 
auffällt. Dasselbe ist bei Chiton fascicularis sogar noch 
complicirter, indem hier zu denselben 3 Paar Gan- 
glien, wie man sie bei der Patella vulgaris findet, noch 
ein Paar hinterer unterer ganglia pharyngealia (x) 
hinzutreten. 

Dagegen ist der Hauptabschnitt des centralen Ner- 
vensystems auf die einfachste Stufe reducirt, indem 
er bei Chiton fascicularis, wie überhaupt bei den Chi- 
tonen nur ein einziges Ganglienpaar vorstellt, nämlich 
das ganglion pedo-branchiale. (A.) 

Erklärung der Abbildungen (Fig. IL A, B, C). 

A A Ganglia pedobranchialia s. pedovisceralia. 

DD Ganglia pharyngealia superior a anteriora. 

FF. Ganglia pharyngealia superior a posterior a. 

G G Ganglion pharyngeale superius posterius impar. 

H H Ganglia vascularia sive pharyngealia inferior a po- 
sterior a. 

1,1. Ganglia pharyngealia inferiora anteriora. 
1. Commissur zur Verbindung der beiden ganglia pe- 
do-branchialia (A A) unter einander mit zahlrei- 
chen nervi labiales imànervipharyngeales superior es. 
4. Commissur zur Verbindung der beiden ganglia pe- 
do-branchialia(A) mit den vorderen unteren Schlund- 
ganglien (ganglia pharyngealia inferiora anterioral) 



— 40 — 

6. Commissur zur Verbindung der beiden gangliaplia- 
ryngealia inferiora anteriora (I) mit den beiden 
ganglia pliaryngealia superior a anteriora (B). 

7. Commissur zur Verbindung der beiden gangliapha- 
ryngealia superiora anteriora (B) mit den beiden 
ganglia pliaryngealia superiora posteriora (F). 

8. Commissur zur Verbindung der beiden ganglia plia- 
ryngealia superiora posteriora (F) mit dem gan- 
glion pliaryngeum superius posterius impar. 

12. Commissur zur Verbindung der beiden ganglia pha- 
ryngealia inferiora posteriora (H) mit den beiden 
ganglia pliaryngealia inferiora anteriora (I). 

13. Commissur zur Verbindung der beiden ganglia plia- 
ryngealia inferiora posteriora (E) unter einander. 

14. Commissur zur Verbindung der beiden ganglia pha- 
ryngealia superiora anteriora (B) unter einander. 

K Das Gefäss, auf welchem die beiden ganglia plia- 
ryngealia inferiora posteriora (H) aufliegen. 
b. nervus branchialis. 

r nervus pedalis. 
a ? ß ? i vordere untere Schlundkopfnerven. 

S hintere untere Schlundkopfganglien. 
Fig. 1 A. stellt das ganze Nervensystem bei 16-ma- 

liger Vergrößerung vor. 
Fig. 1 B. enthält bloss die ganglia pliaryngealia infe- 
riora posteriora (H) sammt dem Gefäss- 
stamme (K) welchem sie aufliegen, bei 
1 6-maliger Vergrösserung. 
Fig. 1 C. Das Nervensystem von Chiton fascicularis 
bei 2 -maliger Vergrösserung. 



(Aus dem Bulletin, T. XIII, pag. 462 — 466.) 



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j£ November 1868. 

24 

Über die Einwirkung der Osmiamidverbindung 
Premy's auf thierisahe Gewebe, von Ph. Ow- 
sjannikow. 

In der letzten Zeit sind öfters neue Reagentien zur 
Erleichterung der mikroskopischen Untersuchungen 
vorgeschlagen worden, von denen manche der Wis- 
senschaft wirkliche Dienste geleistet haben; andere 
hingegen, wenngleich sie sehr gerühmt wurden, haben 
der Erwartung keineswegs entsprochen. Zu den neuen 
Reagentien für histologische Untersuchungen gehört 
die Überosmiumsäure, die so sehr von Max Schultze 
gerühmt wurde. Es ist nicht zu leugnen, dass Über- 
osmiumsäure für einige Untersuchungen sehr wichtig 
geworden ist, aber sie hat einerseits schon zu man- 
chen Missverständnissen geführt, andererseits besitzt 
dieselbe einen sehr unangenehmen Geruch, der ihre 
Anwendung sogar schädlich für die Augen macht. Wir 
suchten nach einem anderen Präparate, welches geeig- 
net wäre, die sehr zarten und fast durchsichtigen Ner- 
venelemente zu färben und sie anschaulich zu machen. 

Mein verehrter College, Akademiker Fritzsche, 
schlug mir zu diesem Zwecke die Osmiamidverbindung 

Mélanges biologiques. VII. 6 



— 42 — 

Fremy's vor, welche ich im Folgenden der Kürze 
wegen Osmiamid nennen werde. Sehr bald stellte es 
sich heraus, dass dieses Präparat bei Untersuchungen 
des Nervensystems uns dieselben Vortheile darbietet 
wie Überosmiumsäure, ohne die Nachtheile desselben, 
namentlich ihren widerlichen, schädlichen Geruch 
zu besitzen. Da ich aus eigener Erfahrung weiss, 
wie wichtig es zuweilen ist, den thierischen Gewe- 
ben eine dunklere Farbe . zu geben, um sie besser 
untersuchen zu können, und unsere Farbemittel noch 
sehr mangelhaft sind, so theile ich hier Einiges über 
die Einwirkung des Osmiamids auf thierische Gewebe 
mit. 

Wir lösten anfangs 1 Grm. Osmiamid in 200 
C. C. Wasser auf. Dieses ist eine sehr starke Lösung. 
Später wandten wir eine schwächere Lösung an, 1 
Grm. in 1000 C.C. Wasser, und fanden dieselbe bes- 
ser. Osmiamid färbt alle thierischen Gewebe ohne 
Ausnahme, auch Bindegewebe miteingerechnet, an- 
fangs braun, dann schwarz. In erster Instanz, d. h. 
nach kurzer Einwirkung, bei stärkerer Concentration, 
werden selbst nach einigen Minuten das Fett und die 
Nerven der Wirbelthiere gefärbt. Es ist dabei ganz 
einerlei, ob das Gewebe ganz frisch einem lebendigen 
Thiere entnommen ist, oder schon einige Zeit gelegen 
hat. Die Präparate die in Chromsäure, Spiritus oder 
in anderen Erhärtungsmitteln aufbewahrt waren, kön- 
nen ebenfalls mit Osmiamid gefärbt werden. Der 
Zusatz des genannten Reagens verhindert nicht die 
Gerinnung des Nervenmarks. Der Axencylinder der 
Wirbelthiere wird zwar nicht so schnell wie das Ner- 
venmark, aber dennoch ebenfalls dunkel, dann schwarz 



— 43 — 

gefärbt. Die Nerven der wirbellosen Thiere verhalten 
sich so wie der Axencylinder der Wirbelthiere. Quer- 
gestreifte und glatte Muskeln werden gleichmässig 
gefärbt. Die Blutkörperchen der Frösche veränderten 
sich bei gewissem Concentrationsgrade wenig. Sie 
behielten eine Zeit lang ihre normale Gestalt. Der 
Zelleninhalt wurde etwas dunkler, der Kern aber 
weiss. Schliesslich wurde auch er schwärzlich. 

Zu Untersuchungen der feineren Verhältnisse aller 
Epithelialzellen ist Osmiamid sehr geeignet. Wir 
haben es angewendet bei Untersuchungen der Leucht- 
organe der Lampyris, der Saamenbildungszellen, der 
Nervenendigung in der Froschzunge, und stets mit 
grossem Erfolge. Den grössten Dienst verspricht uns 
das Osmiamid in der Untersuchung des centralen 
Nervensystems zu leisten, und zwar nicht allein in 
der Weise, wie man von Überosmiumsäure erwartete, 
dass man den Verlauf der markhaltigen Faser in der 
grauen Substanz leicht verfolgen kann, sondern auch 
bei Untersuchung der Nervenzellen und ihrer Fort- 
sätze. Allerdings färben sich die doppelt conturirten 
Nerven sowohl durch Überosmiumsäure wie auch Os- 
miamid schneller schwarz als die Cylinderaxen; mit 
der Zeit werden dieselben aber eben so dunkel tin- 
girt wie die ersten. Der Unterschied liegt also nur in 
der Zeit. Auf den Präparaten stechen die dunkelge- 
färbten Nerven von den hellen unconturirten Fasern 
ab und geben der Zeichnung ein sehr zierliches und 
instructives Aussehen. Für uns ist es jedoch viel wich- 
tiger, den Verlauf der von den Zellen abgehenden 
Fortsätze nach allen Richtungen zu verfolgen. Dieses 
erzielten wir dadurch, dass wir dünne Schnitte aus 



_ 44 — 

dem Rückenmarke, oder anderen in Chromsäure er- 
härteten Centraltheilen anfertigten und dieselben durch 
schwache Lösung von Osmiamid tingirten; darauf be- 
netzten wir auf dem Objectivglase die Präparate mit 
Spiritus; als dieser sich verflüchtete, fügten wir einige 
Tropfen Creosot und zuletzt Canadabalsam zu. Gewöhn- 
lich macht das Creosot die Gewebe viel zu sehr durch- 
sichtig, als dass man dieselben genau untersuchen 
kann. Diesem Umstände wird durch die Osmiumfär- 
bung entgegen gesteuert. So kann man auf diese 
"Weise in denselben Präparaten durch das durchsich- 
tig gewordene Gewebe andere histologische Ele- 
mente scharf hervortreten lassen. Durch Osmiamid 
wird die Stäbchenschicht der Retina zwar nicht mit 
derselben Geschwindigkeit wie das Nervenraark oder 
Fett gefärbt, einzelne Bestandteile der Retina treten 
jedoch an zerzupften Präparaten in ihrem Zusammen- 
hange mit einer überraschenden Deutlichkeit hervor. 
Endlich muss ich 'erwähnen, dass ich Osmiamid 
bei der Untersuchung der Entwickelung kleiner Cru- 
staceen mit Erfolg benutzt habe. Die frischen Eier 
wurden auf einige Zeit, etwa 24 Stunden, in Os- 
miamidlösung gelegt und darauf entweder in Gly- 
cerin oder Creosot untersucht. Die Embryonal- 
anlage ist stärker gefärbt als die übrige Dotter 
masse und sticht deshalb von derselben ab. Ge- 
wöhnlich untersuchten wir unsere Präparate, die eine 
Zeitlang in Osmiamidauflösung gelegen hatten, in 
Glycerin und bewahrten dieselben auch so auf. Das 
Glycerin wird zuweilen auch schwarz. In diesem 
Falle muss man es vorsichtig entfernen und durch 
neues ersetzen. Es ist bekannt, dass man Glycerin- 



— 45 — 

Präparaten den Vorwurf gemacht hat, dass sie durch 
längeres Aufbewahren sich verändern, indem sie zu 
durchsichtig werden; dieses kann natürlich mit Os- 
miamidpräparaten selbst bei längerem Liegen in Gly- 
cerin nicht geschehen. 

Wir möchten nicht die Wirkung des von uns vor- 
geschlagenen Mittels überschätzen, wie es so häufig 
in ähnlichen Fällen geschehen ist, meinen aber, dass 
dasselbe die Überosmiumsäure ganz verdrängen wird, 
und dass ihm als Hülfsmittel bei histologischen Un- 
tersuchungen eine grosse Zukunft bevorstehe. 

Den 12. November 1868. 



(Aus dein Bulletin, T. XIII, pag. 466 — 469.) 



~ December 1868. 

Über das Verhältniss der Heminungs- Wirkung 
des Laryngeus superior und des Vagus zum 
Accessorius Willisii, von Dr. med. Jacob von 
Dedjulin, Privat-Docent der Physiologie zu 
St. Petersburg. 

Rosenthal hat zuerst die Thatsache entdeckt, dass 
bei Reizung des Nervus laryngeus superior ein Still- 
stand der Respiration in der Enspirationsstellung statt- 
findet. Das Nähere darüber findet sich in seiner Arbeit: 
Die Athembewegungen und ihre Beziehungen zum 
Nervus Vagus (Berlin 1862) und Comptes rendîtes LH, 
754. Dieses Factum wurde durch Schiff (in Mole- 
schott's Untersuchungen zur Naturlehre 1861, Seite 
312) und B lu m b erg (Untersuchungen über die Hem- 
mungsfunctions des Nervus laryngeus superior, Inau- 
guraldissertation, Dorpat, 1865) bestätigt. Letzterer 
hat ausserdem angegeben: 1) dass ausser den Hem- 
mungsfasern im Laryngeus sup. noch sensible Fasern 
vorhanden sind, die bei Reizung ihrer peripherischen 
Endausbreitung Husten ausrufen, die aber, wenn der 
Nervenstamm des Laryngeus gereizt wird, Schmerzens- 
äusserungen erzeugen ; 2) dass bei Reizung des cen- 
tralen Endes des Laryngeus super. Schluckbewegungen 



— 47 — 

auftreten, die sich durch ein Auf- und Absteigen des 
Kehlkopfes kundgeben; und 3) dass während der durch 
die Reizung des Laryngeus super, erzeugten Expira- 
tionsphase eine Verlangsaniung des Herzschlages und 
eine Verstärkung der Herztöne beobachtet wird. 

Ausgehend von den anatomischen Verhältnissen, 
nämlich dass der Laryngeus super, vom Nervus Vagus 
abgeht, und dass der Vagus vom innern Zweige des 
Aecessorius Wülisii Fasern erhält, die eine hemmende 
Wirkung auf die Herzcontractionen ausüben, legte ich 
mir die Frage vor, stehen nicht auch Fasern des Ae- 
cessorius Wülisii zum Laryngeus super, in demselben 
Verhältnisse, wie sie zu den hemmenden Vagusfasern 
des Herzens stehen? Zur Entscheidung dieser Frage 
legte ich an Kaninchen, jungen Hunden und jungen 
Katzen (an alten Hunden und Katzen misslingt häufig 
das Experiment wegen der sehr festen Verbindung 
des Aecessorius Wülisii mit dem Vagus) den äussern 
Zweig des Aecessorius Wülisii bloss, fasste ihn mit- 
telst der Pincette dicht an seinem Austritte aus den 
Schädelknochen und zog ihn langsam aus dem Schä- 
del heraus. Wenn diese Operation gelang, so betrug 
die Länge des herausgerissenen Nervenstückes 3 — 4 
Centimeter. War die Wunde verheilt, was bei Kanin- 
chen drei, bei Hunden und Katzen sechs Wochen 
dauert, so wurde abermals eine Operation gemacht 
und zwar in folgender Weise. Der Kehlkopf wurde 
unterhalb der Gartilago erieoidea durchschnitten , und 
die Schleimhaut der Seite des Kehlkopfs, auf der frü- 
her der äussere Zweig des Aecessorius Wülisii heraus- 
gezogen wurde, mittelst eines Federbartes oder klei- 
nen Pinsels gereizt; dann wurde auf der operirten Seite 



— 48 — 

der Laryngeus super, auch der Vagus bloss gelegt und 
gereizt. Bei diesen Experimenten bekam ich folgende 
Resultate. 

1) Bei Reizung der Schleimhaut der operirten Seite 
erhielt man Husten. 

2) Reizung des Laryngeus super, bewirkte nicht die 
geringste hemmende Wirkung auf die Respiration; 
ebenso 

3) blieb bei Reizung des Vagus die hemmende Wir- 
kung desselben auf das Herz vollständig aus; und 

4) zeigten herausgeschnittene Stücke des Laryngeus 
super, und des Vagus, unter dem Microscope, eine 
fettige Degeneration einzelner Nervenfasern. 

Wurde an demselben Thiere der Laryngeus super. 
und der Vagus der andern, nicht operirten Seite ge- 
reizt, so erhielt man einen vollständigen Stillstand in 
der Expirationspause, eine Verlangsamung, respective 
Stillstand der Herzcontrationen, und ausserdem bei 
Reizung der Kehlkopfschleimhaut Husten. 

Aus den Ergebnissen dieser Untersuchungen muss 
man schliessen, 

l)dass die Hemmungszellen, von denen die Fasern 
des Laryngeus super, und Vagus abgehen, in einer 
sehr nahen anatomischen Connexion zu einan- 
der stehen; 

2) dass der Laryngeus super, zwei Hemmungscenter'n 
besitzt, für jede Seite eins; und ebenso der Va- 
gus, und 

3) dass im Laryngeus super. Hemmungsfasern und 
sensible Fasern vorhanden sind, die zu verschie- 



— 49 — 

denen, in direkter Abhängigkeit stehenden Cen- 
ter'n gehen. 

Durch diese Versuche, die einen ganz andern Aus- 
gangspunkt haben, sind die Angaben von Rosen thai 
und Blumberg bestätigt und erweitert. 

St. Petersburg, den 6. December 1868. 



(Aus dem Bulletin, T. XIII, pag. 529 — 530.) 

Mélanges biologiques. Vu. 7 



21 Januar - ^q 
2 Februar Löby# 

Über die Wirkung des Lichtes auf die Verthei- 
lung der Chlorophyllkörner in den grünen 
Theilen der Phanerogamen, von J. Borodin. 

(Mit einer Tafel.) 

Nachdem es mir gelungen war zu zeigen 1 ), dass 
die von Famintzin in den Mnium - Blättern ent- 
deckte 2 ) Abhängigkeit der Lage der Chlorophyllkör- 
ner vom Lichte eine bei den höheren Kryptogamen 
weit verbreitete Erscheinung sei, lag die Vefmuthung 
nahe, dass auch bei den Phanerogamen dieselbe vor- 
komme. Da die Wasserpflanzen zu diesen Untersu- 
chungen aus manchen leicht zu ersehenden Gründen 
am geeignetsten schienen, so stellte ich mir die Auf- 
gabe , an ihnen meine Vermuthung einer genauen 
Prüfung zu unterwerfen. Schon eine flüchtige an 
Lemna, Ceratophyllum, Callitriche und einigen an- 
deren gemeinen Wasserpflanzen angestellte Untersu- 
chung lehrte, dass auch hier die Lage der Chloro- 
phyllkörner veränderlich sei; aber es wollte mir lange 



1) Borodin. Über die Wirkung des Lichtes auf einige höhere 
Kryptogamen. Mélanges biologiques tirés du Bullet, de PAcad. Imp. 
de St.-Pétersbourg. T. VI. 1867. 

2) Famintzin. Mélanges biologiques. T. VI. 1866 u. Prings- 
heim's Jahrbücher, Bd. VI, S. 49 u. ff. 



— 51 — 

nicht gelingen, eine Abhängigkeit derselben vom 
Lichte zu entdecken , denn einerseits kam es hin und 
wieder vor, dass durch Verdunkelung des grünen 
Pflanzentheiles die Lage der Chlorophyllkörner nicht 
verändert wurde, andererseits wurde oft am Lichte 
eine Vertheilung des Chlorophylls beobachtet, die 
nach der Analogie mit den Kryptogamen als nächt- 
liche bezeichnet werden musste. Schon war ich sogar 
geneigt, bei einigen Pflanzen eine gerade umgekehrte 
Wirkung des Lichtes auf die Lage des Chlorophylls 
anzunehmen, d. h. die Vertheilung desselben auf den 
Seiten wänden der Zellen für die Tages- und die ent- 
gegengesetzte für die Nachtstellung zu erklären, als 
ich auf den glücklichen Gedanken kam, zu untersu- 
chen, ob nicht die Intensität des Lichtes einen we- 
sentlichen Einfluss auf die mich beschäftigende Er- 
scheinung ausübe. Diese Vermuthung war um so 
wahrscheinlicher, als, wie aus Famintzin's Unter- 
suchungen 3 ) bekannt ist, die Lichtintensität bei eini- 
gen anderen Processen des Pflanzenlebens, nament- 
lich bei der Ergrünung der etiolirten Blätter und bei 
der Bewegung der Zoosporen, eine wichtige Bolle 
spielt. Wie das Folgende zeigen wird, erwies sich 
auch diese Vermuthung als vollkommen richtig. 

Die vollständigste Reihe meiner Beobachtungen be- 
zieht sich unter den Wasserpflanzen auf Lemna tri- 
salca L. Ihre platte Form und unbedeutende Grösse 
erlaubt an einer und derselben Pflanze wochenlang 
zu experimentiren, ohne sie im mindesten zu beschä- 



3) Famintzin. Mélanges biologiques, T. VI u. Pringslieim's 
Jahrbücher, Bd. VI. 



— 52 — 

digen. Ausserdem aber ist die Leuna trisulca unter 
allen bei uns vorkommenden Lemnaceen durch ihren 
verhältnissmässig geringen Luftgehalt, der auf die 
Untersuchung einen störenden Einfluss ausübt, aus- 
gezeichnet. Der Auseinandersetzung der an dieser 
Pflanze angestellten Experimente lasse ich eine kurze 
anatomische Beschreibung ihrer Vegetationsorgane 
vorausgehen, was um so notwendiger erscheint, da 
dieser Gegenstand, so viel ich weiss, nirgends in 
einer zusammenhängenden Weise behandelt wird. 

Der abgeplattete, thallusähnliche Stamm der Leuna 
trisulca ist beiderseits von einer aus sehr platt ge- 
drückten, geschlängelt contourirten und chlorophyll- 
freien Zellen bestehenden Epidermis (Fig. 1 — 5), 
die keine Spaltöffnungen besitzt 4 ), überzogen. Zwi- 
schen den beiden Epidermisschichten liegt ein ziem- 
lich regelmässiges reichlich Chlorophyll führendes 
Parenchym. An der Spitze und den Rändern, d. h. 
im Marginaltheile des platten Stammes, ist dasselbe 
auf einer bedeutenden Strecke einschichtig; der Ba- 
sis und der Mediane näher wird es zweischichtig; 
noch weiter treten allmählich zwischen den beiden 
Parenchymlagen ziemlich regelmässige, von der Fläche 
betrachtet elliptische Lufträume auf, deren längerer 
Durchmesser gewöhnlich der Mediane parallel liegt, 
und die von einander durch zur Oberfläche perpendi- 
kuläre aus einer Schicht gleichfalls chlorophyllführen- 
der Zellen bestehende Scheidewände getrennt sind. 
Die Mediane des Stammes durchzieht ein kleines 



4) Spaltöffnungen kommen nur am nicht untergetauchten Tbeile 
der blühenden Pflanze vor. S. Hoffmann. Ann. des sc. natur. 2<ie sé- 
rie. T. XIV, p. 230. Ich habe bloss sterile Exemplare untersucht. 



— 53 — 

Leitzellenbündel 5 ), das sich in einiger Entfernung 
von der Spitze im Parenchym verliert. Da, wo dieser 
mediane Strang zwischen den beiden seitlichen Ta- 
schen, in denen die jungen Knospen sitzen, verläuft, 
werden von ihm zwei seitliche Bündel abgezweigt, 
die zuerst schwach bogenförmig, dann dem medianen 
Strange parallel verlaufen und noch früher als der 
letztere im Parenchym verschwinden. Die Grenze zwi- 
schen dem ein- und zweischichtigen Theile des Paren- 
chymas, die wegen des viel intensiveren Grüns des 
letzteren sogleich in die Augen springt, ist gewöhn- 
lich sehr unregelmässig ausgebildet: nicht nur zeigt 
sie mannigfaltig entwickelte Vorsprünge, sondern es 
kommen sogar einzelne zweischichtige Inseln ringsum 
von eine einzige Lage bildenden Parenchymzellen um- 
geben vor. Bemerkenswerth sind ferner die mit Luft 
erfüllten Intercellularräume des einschichtigen Thei- 
les des Parenchyms. Sie bilden ein zierliches, hie und 
da unterbrochenes Netz, in dessen Maschen immer 
zwei bis mehrere Chlorophyllzellen eingelagert sind 
(Fig. 1 u. 6). Zwischen den gewöhnlichen chlorophyll- 
führenden Parenchymzellen liegen meist einzeln (Fig. 
1, 2 u. 5), seltener zu zweien an einander unmittel- 
bar angrenzend (Fig. 4) etwa zwei bis drei Mal län- 
gere Zellen, deren jede ein grosses Raphidenbündel 
enthält. Schon mit einer schwachen Loupe erblickt 
man diese Raphidenbündel als im durchfallenden Lichte 
schwarze, im reflectirten weisse Striche. Sie kom- 
men vorzüglich im einschichtigen Marginaltheile des 
Parenchyms vor, wo, sie ziemlich gleichmässig ver- 



5) S. Caspary. Pringsheim's Jahrbücher, Bd. I, S. 382. 



— 54 — 

tlieilt sind und sämmtlich der Mediane oder dem 
Hände parallel liegen. Wird eine nicht allzu junge, 
aber noch keinen Stiel besitzende Knospe aus ihrer 
Tasche herauspräparirt , so erblickt man an ihrer Ba- 
sis, die den jüngsten vermehrungsfähigen Theil der 
neuen Pflanze bildet 6 ), ein kleinzelliges gleichförmi- 
ges Gewebe ohne luftführende Intercellularräume. 
Die Zellen enthalten ein gewöhnlich blassgrünes Pro- 
toplasma, in welchem man jedoch noch keine Chloro- 
phyllkörner unterscheiden kann. Sehr früh differen- 
zirt sich die hier aus rechteckigen kernhaltigen Zel- 
len bestehende Epidermis. Etwas weiter kommen 
plötzlich lufterfüllte Intercellularräume, die schon 
jetzt das oben erwähnte Netz bilden, zum Vorscheine. 
Gleichzeitig treten zwischen den jungen Parenchym- 
zellen einzelne ellipsoidische wie blasig angeschwol- 
lene Zellen auf, die mit einer schleimigen hyalinen 
Flüssigkeit erfüllt zu sein scheinen. Bald erblickt man 
in diesen Zellen ein winziges Eaphidenbündelchen. 
Je weiter von der Basis entfernt, desto grösser wer- 
den diese Zellen; das Wachsthum der Raphiden hält 
mit demjenigen der sie einschliessenden Zellen glei- 
chen Schritt, his sie ihre schliessliche Grösse, die sie 
dann bis zur Stengelspitze bewahren , erreicht haben. 
Somit genügt schon ein flüchtiger Blick auf eine junge 
Knospe von Lemna trisulca, um zu allen den Schlüs- 



6) Das Wachsthum des zweiten am meisten entwickelten Inter- 
nocÜum der Lemna trisulca schreitet in basipetaler Richtung fort. 
Siehe KayoMam». BOCXo r n,aui,nx'i> ocaxib H'BKOTopbrxT> pacoKi>. 
Tpy^bi lro cKÊ3,ii,a pyccKnxT* ecrecxBOMcuLiTaTejiefi. Ein kurzes Re- 
ferat über diese interessante und für die Morphologie der Lemna- 
ceen sehr wichtige in russischer Sprache erschienene Arbeit findet 
man in der Bot. Zeit, 1868, JVs 23, S. 383. 



— 55 — 

sen zu gelangen, die in jüngster Zeit Hilgers 7 ) aus 
der Betrachtung mühsamer Knospendurchschnitte und 
aus zahlreichen Messungen der Raphidenbündel gezo- 
gen hat 8 ). 

Ich gehe jetzt zur Vertheilung der Chlorophyllkör- 
ner im Parenchym von Lemna trisulca über. Es 
muss bemerkt werden, dass ich dieselbe vorzüglich in 
dem ein- und zweischichtigen Theile desselben unter- 
sucht habe. Da, wo es die oben erwähnten Luftbehäl- 
ter umgrenzt, ist eine genaue Untersuchung der Chlo- 
rophyllkörnervertheilung sehr schwierig, denn bei der 
allseitigen Abgeschlossenheit dieser Behälter und bei 
dem vollständigen Mangel der Spaltöffnungen kann 
die in ihnen enthaltene Luft nicht ohne gleichzeitige 
Beschädigung des Gewebes entfernt werden. Die Me- 
thode des Durchschneidens ist aber bei solchen Fra- 
gen gewiss nicht zuverlässig genug. 

Am gewöhnlichen diffusen Tageslichte findet man 



7) Hilgers. Über das Auftreten der Krystalle u. s. w. Prings- 
heim's Jahrbücher, Bd. VI, S. 285 u. ff. 

8) Holzner (Flora 1868, JVs 20, S. 307) findet das Kesultat der 
Hilgers'schen Untersuchung «sehr beachtenswerth, indem durch di- 
recte Messungen nachgewiesen ist, dass die Ausscheidung des oxal- 
saueren Kalkes in Krystallform allmählich geschieht». Ich glaube, dass 
Hilgers einfach das formulirt hat, was bis jetzt als selbstverständlich 
angenommen wurde. Es ist ja eine längst bekannte Thatsache, dass 
im Vegetationspunkte, wie in allen der Zellenvermehrung zunächst 
dienenden Geweben, die Zellen weder Stärkemehlkörner, noch an- 
dere feste Kohlenhydrate enthalten, überhaupt nur ein dickflüssiges 
Protoplasma als Inhalt erkennen lassen (s. z. B. Schacht. Beiträge 
zur Anat. u. Phys. der Pflanzen 1854. S. 4). Nun wird aber gewiss 
Niemand geglaubt haben, dass die Kaphidenbündel plötzlich und 
nicht allmählich entstehen. Was die Hilgers'sche Methode , die auf 
den Durchschnitten der einzelnen Blattanlagen einer Knospe sicht- 
baren Krystallzellen zu zählen, betrifft, so kann sie gewiss an grosse 
Genauigkeit keinen Anspruch machen. 



— 56 — 

die der Oberfläche des platten Stengels parallelen 
Zellwände des Parenchyms gleichmässig mit Chloro- 
phyllkörnern bedeckt (Fig. 1). Wird aber eine solcjie 
Pflanze der Wirkung des directen Sonnenlichtes aus- 
gesetzt, so tritt rasch eine Veränderung der Chloro- 
phyllkörnervertheilung ein. Nach 10 — 15 Minuten 
bedecken sie gleichmässig die Seitenwände, d. h. die- 
jenigen Wände, mit denen die chlorophyllführenden 
Zellen an einander stossen, wobei ursprünglich auch 
die Seitenwände der Raphidenzellen nicht ausgeschlos- 
sen bleiben (Fig. 2); am Rande der Parenchymschicht 
aber bleiben die nach aussen gekehrten Seitenwände 
gleich der oberen und unteren chlorophyllfrei (Fig. 3). 
Bei fortgesetzter Einwirkung des directen Sonnenlich- 
tes verlassen die Chlorophyllkörner diejenigen Schei- 
dewände, die die gewöhnlichen Parenchymzellen von 
den Raphiden einschliessenden trennen, dann aber 
auch einige andere Seitenwände (Fig. 4). Nach % — 
1 -stündiger Beleuchtung ist das regelmässige ununter- 
brochene Chlorophyllnetz nicht mehr vorhanden; die 
Chlorophyllkörner bilden jetzt unregelmässige Grup- 
pen, die die Ecken, wo mehrere Zellen zusammen- 
stossen, einnehmen (Fig. 5). Damit hat die Wande- 
rung der Chlorophyllkörner ihr Ende erreicht, denn 
bei weiter fortgesetzter Beleuchtung erfolgt keine 
weitere Veränderung ihrer Vertheilung. Alles bis jetzt 
Gesagte bezieht sich zunächst auf denjenigen Theil 
des Stammes, wo die Chlorophyllzellen bloss eine ein- 
zige Lage bilden. Da, wo sie in zwei über einander 
liegenden Schichten gelagert sind, findet fast das 
Nämliche statt; am frühesten verlassen die Chloro- 
phyllkörner die an die Epidermis anstossenden Aus- 



— 57 — 

senwände; diejenigen Scheidewände, die die obere 
Parenchymschicht von der unteren trennen, bleiben 
noch einige Zeit mit Chlorophyll bedeckt, bald wan- 
dern aber auch diese Chlorophyllkörner auf die Sei- 
tenwände über, so dass nun zwei Chlorophyllnetze, eins 
unter dem anderen liegend, vorhanden sind. Bei fort- 
gesetzter Beleuchtung wird auch hier die regelmässig 
netzförmige Vertheilung in eine gruppenweise über- 
geführt. Die übrigen Theile der Pflanze: der Stiel, 
die Taschenwände, sowie auch der die Luftbehälter 
einschliessende Theil verhalten sich ebenso. Die in 
den einschichtigen Scheidewänden, die die Luftbehäl- 
ter von einander trennen, stattfindenden Vorgänge 
konnte ich nicht studiren. 

War eine Pflanze der Lemna trisulca etwa eine 
Stunde lang der Wirkung des directen Sonnenlichtes 
ausgesetzt, so erscheint sie sehr blass, und ihre Zel- 
len mit ihren zu Gruppen vereinigten Chlorophyll- 
körnern sehen unter dem Mikroskope wie abgestor- 
ben aus. Man braucht aber nur eine solche Pflanze 
wieder ins diffuse Tageslicht zu versetzen, um sich zu 
überzeugen, dass davon gar keine Rede sein kann. 
Denn nach einiger Zeit, zuweilen schon nach %-stün- 
digem Aufenthalte im gemässigten Lichte, bedecken 
die Chlorophyllkörner wieder die der Fläche des Sten- 
gels parallelen Zellwände. Diese Überführung der 
Chlorophyllkörner aus einer Lagerung in die andere 
kann durch al ternir ende Versetzung aus dem diffusen 
Tageslichte ins directe Sonnenlicht und umgekehrt 
an einer und derselben Pflanze beliebige Male erzielt 
werden. 

Dass dabei die Wärmestrahlen des Sonnenlichtes 

Mélanges biologiques. VIL 8 



— 58 — 

keine Rolle spielen, ergiebt sich daraus, dass die Ver- 
einigung der Chlorophyllkörner zu Gruppen durch die 
Abhaltung der Wärmestrahlen nicht beeinträchtigt 
wird: ein kleines glattrandiges Porzellangefäss, auf 
dessen Boden sich in einer dünnen Wasserschicht die 
Pflanze befand, wurde von einem grossen parallel- 
wandigen mit Wasser gefüllten Glasgefässe bedeckt 
dem Sonnenlichte ausgesetzt; die Gruppirung der 
Chlorophyllkörner erfolgte bei solchen Umständen 
ebenso rasch, wie ohne Abhaltung der Wärmestrah- 
len. Weiter brachte ich ein grosses Wassergefäss mit 
einem Thermometer versehen an die Sonne; nach 
3 / 4 -stündiger Beleuchtung betrug die Temperaturerhö- 
hung des Wassers bloss 1° C, während in der am 
Boden des Gefässes liegenden Versuchspflanze sämmt- 
liche Chlorophyllkörner die Seitenwände bedeckten. 
Den deutlichsten Beweis aber dafür, dass nicht die 
Wärmestrahlen die oben beschriebenen Erscheinun- 
gen verursachen, giebt der Umstand, dass dieselben 
nur durch die brechbarsten Strahlen des Sonnenspec- 
trums hervorgerufen werden können, wie folgende 
Versuche lehren. Am 2. September wurden auf einem 
offenen Fenster drei Porzellanschalen, jede zwei aus 
dem Aquarium frisch gebrachte Pflanzen enthaltend, 
dem directen Sonnenlichte ausgesetzt; da das Aquarium 
am zerstreuten Tageslichte stand, so fanden sich in 
allen Versuchspflanzen sämmtliche Chlorophyllkörner 
auf den der Stengelfläche parallelen Wänden. Die drei 
Schalen wurden mit drei gleichen parallelwandigen 
Glasgefässen , von denen das eine Wasser, das an- 
dere eine Lösung von Kupferoxydammoniak, das 
dritte eine Lösung doppeltchromsauren Kalis ent- 



— 59 — 

hielt 9 ), überdeckt. Nach einer halben Stunde waren 
unter den beiden ersten Gefässen die Chlorophyllkör- 
ner überall auf den Seitenwänden vertheilt, während 
sie im gelben Lichte wie früher die horizontalen Wände 
bedeckten. Jetzt wurde ein Pflänzchen aus dem gelben 
Lichte ins blaue und umgekehrt versetzt; ausserdem 
brachte ich eins von den beiden unter dem Wasser- 
gefässe vorhandenen ins diffuse Tageslicht. Nach einer 
neuen halben Stunde wurde unter dem Kupferoxydam- 
moniakgefässe in beiden Pflanzen die Vertheilung der 
Chlorophyllkörner auf den Seitenwänden beobachtet; 
dasselbe zeigte auch die unter dem Wassergefässe am 
Sonnenlichte gelassene Pflanze. Im zerstreuten, sowie 
im gelben Sonnenlichte wurden sämmtliche Chloro- 
phyllkörner auf den horizontalen Wänden gefunden. 

Wird eine Pflanze der Lemna trisulca auf einem 
Objectglase unter dem Mikroskope den directen Son- 
nenlichtstrahlen ausgesetzt, das von oben auf dieselbe 
fallende Licht durch Beschattung abgehalten und die 
übermässige Erwärmung durch ein vor dem Spiegel 
des Mikroskops gestelltes mit Wasser gefülltes paral- 
lelwandiges Glasgefäss Verhütet, so findet in dem von 
unten durch grelles Sonnenlicht direct beleuchteten 
Theile der Pflanze eine rasche Überwanderung der 
Chlorophyllkörner auf die Seitenwände statt, während 



9) Die farbigen Flüssigkeiten wurden spectroskopisch geprüft. Das 
doppeltchromsaure Kali liess die rothen, orangen, gelben Strahlen 
und einen kleinen Theil der grünen durch, so dass die Grenze des 
absorbirten und nicht absorbirten Theiles des Spectrums etwa zwei 
Mal näher der Linie D als der Linie E lag. Die Kupferoxydammo- 
niaklösung absorbirte den ganzen weniger brechbaren Theil bis zur 
Linie F. Da aber eine so concentrirte Lösung auch diejenigen Strah- 
len, die sie durchlässt, merklich schwächt, so wurde sie später etwas 
verdünnt, so dass die Absorption bloss bis zur Linie E statt fand. 



— 60 — 

sie in den übrigen Theilen derselben Pflanze wie frü- 
her die horizontalen Wände bedecken. Verschiebt 
man jetzt das Objectglas, so dass ein neuer früher 
beschatteter Theil beleuchtet wird, während der vor- 
her beleuchtete sich im Schatten befindet, so sind 
nach etwa y 4 -Stunde im ersten die Chlorophyllkörner 
auf den Horizontal-, im zweiten auf den Seiten- 
wänden vertheilt. Ich führe diesen Versuch bloss 
desswegen an, weil er ganz deutlich zeigt, dass der 
Parallelismus der Sonnenstrahlen bei der in Rede 
stehenden Erscheinung keine Rolle spielt, denn nach 
ihrer Reflexion von dem concaven Spiegel des Mikro- 
skops verlieren dieselben ihre Eigenschaft, die oben 
beschriebene eigentümliche Vertheilung der Chloro- 
phyllkörner hervorzurufen, nicht. Übrigens ist ein 
volles directes Sonnenlicht zur Beobachtung dieser 
Erscheinung nicht durchaus nothwendig: auch bei 
einem bedeckten Himmel, auf dem der Ort der Sonne 
fast unmerkbar war, habe ich dieselbe mehrmals be- 
obachtet. 

Die eben bei Leuna trisulca geschilderte Erschei- 
nung tritt auch sehr deutlich an den Blättern von 
Callitriche verna L. 10 ) auf. Am diffusen Tageslichte 
bedecken die Chlorophyllkörner auch hier die hori- 
zontalen Wände, während sie am Sonnenlichte auf die 
seitlichen überwandern. Das Blattparenchym von Cal- 
litriche verna besteht aus 3 — 4 Schichten chlorophyll- 



10) Callitriche autumnalis L., dessen Blätter bloss ein zweischich- 
tiges Parenchym besitzen und daher zu solchen Beobachtungen noch 
geeigneter wären, konnte ich leider zur Zeit, wo mir die Bedeutung 
der Lichtintensität schon bekannt war, nicht mehr untersuchen. So 
viel ich mich jetzt erinnern kann, verhält sie sich der Callitriche 
verna gleich. 



— 61 — 

führender Zellen, von denen die unter der oberen mit 
Spaltöffnungen versehenen Epidermis liegenden eine 
ziemlich regelmässige sphäroidische Form besitzen, 
während die der unteren Blattseite angehörenden eine 
unregelmässig sternförmige Gestalt und grosse mit 
Luft erfüllte Intercellularräume zeigen. Die Luft stört 
hier die Untersuchung nicht, da sie leicht mittelst der 
Luftpumpe entfernt werden kann; solche Blätter, de- 
ren Intercellularräume mit Wasser injicirt sind, ver- 
halten sich zum Lichte den normalen luftführenden 
ganz gleich, wie vergleichende Versuche lehren. Die 
Lageveränderung der Chlorophyllkörner findet am 
Sonnenlichte sowohl auf der unteren, als auf der obe- 
ren Blattseite statt, in der letzteren ist sie aber we- 
gen der grösseren Regelmässigkeit der Parenchymzel- 
len viel ausgeprägter. Nach anhaltender Beleuchtung 
sammeln sich hier die Chlorophyllkörner an denjeni- 
gen Stellen, wo die einzelnen Parenchymzellen an ein- 
ander stossen, während die an die Intercellularräume 
grenzenden Theile der Seitenwände chlorophyllfrei 
bleiben (Fig. 7). Dass diese Lage der Chlorophyllkör- 
ner der Gruppirung derselben in den Zellenecken der 
Lemna trisulca entspricht, liegt auf der Hand. 

Eine solche Lageveränderung der Chlorophyllkör- 
ner im directen Sonnenlichte kommt aber nicht bloss 
bei Wasserpflanzen 11 ) vor; vielmehr habe ich diese 
Erscheinung auch an Landpflanzen wie z. B. an Stel- 
laria media Yill. beobachtet, wo sie sehr ausgeprägt 
ist. Weiter gehören auch die interessanten und schon 
vor längerer Zeit von Böhm an vielen Crassulaceen 



11) Auch CeratophyUum demersum L. zeigt diese Erscheinung. 



— 62 — 

gemachten Beobachtungen unzweifelhaft hieher. Böhm 
fand nämlich 12 ), dass am directen Sonnenlichte sämmt- 
liche Chlorophyllkörner einer Zelle sieh zu einer der 
Zellenwand anliegenden Gruppe vereinigen. Dasselbe 
bemerkte er 13 ) auch an einer grossen Anzahl fleisch- 
blätteriger Saxifraga- Arten. Das war die erste That- 
sache, die einen Einfluss des Lichtes auf die Verkei- 
lung der Chlorophyllkörner demonstrate. 

Oben wurde bei der Besprechung der in den Pa- 
renchymzellen von Lemna trisulca stattfindenden La- 
genveränderungen der Chlorophyllkörner erwähnt, 
dass die Pflanze nach einer etwa einstündigen Insola- 
tion, wenn ihre Chlorophyllkörner sämmtlich in den 
Zellecken zu unregelmässigen Gruppen vereinigt sind, 
sehr blass erscheint. Ebenso verhalten sich auch die 
Blätter von Gallitriche verna und Stellana media. Die 
Thatsache des Erbleichens der grünen Pflanzentheile 
am directen Sonnenlichte ist schon längst bekannt. 
Sie wurde von Marquart an verschiedenen Farrnblät- 
tern, z. B. an denjenigen von Aspidium patens L. be- 
merkt 14 ). Im Jahre 1859 publicirte Sachs eine aus- 
führliche Abhandlung über diesen Gegenstand 13 ), den 
er an den Blättern verschiedener Pflanzen, wie Zea 
Mais, Nicotiana Tabacum, Oxalis und vielen anderen 



12) Böhm. Beiträge zur näheren Kenntniss des Chlorophylls. 
Sitzungsberichte der Wiener Akademie, 1856; Bd. 22, S. 510 u. ff. 

13) Böhm. Über den Einfluss der Sonnenstrahlen auf die Chlo- 
rophyllbildung u. s. w. Sitzungsberichte der Wiener Akademie, 1859. 
Bd. 37. S. 476. 

14) Clamor Marquart. Die Farben der Blüthen. 1835. S. 47. 

15) Sachs. Über das abwechselnde Erbleichen und Dunkelwer- 
den der Blätter bei wechselnder Beleuchtung. Berichte der mathem. 
phys. Classe der K. sächs. Gesellschaft der Wissenschaften, 1859, 
S. 226 u. ff. 



— 63 — 

untersuchte. Er machte diese Erscheinung dadurch 
besonders augenfällig, dass er geschmeidige Bleistrei- 
fen um grüne Blätter legte, welche dann der Wirkung 
des directen Sonnenlichtes ausgesetzt wurden. "Wurde 
nach 10 — 30 Minuten das Bleiband entfernt, so er- 
blickte man den Schatten desselben als dunkelgrünes 
Bild auf hellgrünem Grunde. Dieses «Schattenbild» 
verschwand sowohl im diffusen, als im directen Son- 
nenlichte: im ersten aber durch Dunklerwerden des 
Grundes, im letzten dagegen durch Hellerwerden, des 
Bildes. Sachs untersuchte solche deutliche Schatten- 
bilder zeigende Blätter unter dem Mikroskope nicht, 
was übrigens nicht unmöglich war, da, wie er selbst 
angiebt 16 ), die Schattenbilder «bei Blättern unter 
Wasser ebenso, wie es scheint, sogar energischer» 
auftreten, «selbst dann, wenn die Intercellularräume 
mit Wasser infiltrirt sind (Sambucus nigra)»* 1 ). Er 
suchte die von ihm beobachteten Thatsachen da- 
durch zu erklären, dass er eine theilweise Zerstörung 
des grünen Farbstoffes durch das directe Sonnenlicht 
annahm; im Schatten sollte nun das zerstörte Chloro- 
phyll wieder erzeugt werden. Drei Jahre später be- 
zeichnete aber Sachs 18 ) diese von ihm versuchte Er- 
klärung als ungenügend. Etwas später wies Böhm 19 ) 
bei Gelegenheit einer kritischen Beleuchtung der von 
Sachs gegebenen Erklärung auf die von ihm schon 
vor einigen Jahren entdeckte, aber im Allgemeinen 
wenig berücksichtigte Thatsache der Lageveränderung 



16) 1. c. S. 230. 

17) Sachs. Experimentalpliysiologie, 1865, S. 16. 

18) Flora, 1862. JYs 14, S. 220. 

19) Böhm. Beiträge zur näheren Kenntniss des Pflanzengrüns- 
Sitzungsberichte der Wiener Akademie, 1863, Bd. 47, S. 352 u. ff. 



— 64 — 

der Chlorophyllkörner bei den Crassulaceen im direc- 
ten Sonnenlichte als auf die wahrscheinliche Ursache 
des abwechselnden Erbleichens und Dunkelwerdens 
der Blätter bei wechselnder Beleuchtung hin. In seinem 
Handbuche der Experimental - Physiologie bestreitet 
Sachs Böhm' s Beobachtungen und Folgerung nicht; 
«sie (diese Folgerung) auf die von mir genannten 
Fälle zu übertragen,» bemerkt er, «scheint mir aber 
ungerechtfertigt, da. die wandständigen Chlorophyll- 
körner dieser Pflanzen wohl keine derartigen Lagen- 
veränderungen eingehen können, wenigstens spricht 
keine Beobachtung dafür 20 ); eher wäre hypothetisch 
anzunehmen, dass die wandständigen Chlorophyllkör- 
rer sich zusammenzögen, oder auch radial gegen das 
Zellenlumen sich ausdehnten und in den tangentialen 
Richtungen kleiner würden, sich somit von einander 
entfernten, ohne ihren Platz an der Zellenwand zu 
verlassen ; auch so könnte der Farbenton des ganzen 
Gewebes für das Auge sich ändern. Doch sind das 
Vermuthungen, die zunächst jedes Beweises entbeh- 
ren» 21 ). Micheli, der vor kurzer Zeit in Sachs's La- 
boratorium arbeitete, glaubt nun gefunden zu haben, 
dass die erste von diesen Hypothesen die richtige sei. 
Er giebt an 22 ), dass in den Blättern von Geratodon 
purpureus die Chlorophyllkörner durch starkes Son- 



20) Famintzin's Beobachtungen über die Wanderung der Chlo- 
rophyllkörner in den Mnium- Blättern wurden erst Ende 1866, also 
ein Jahr nach dem Erscheinen der Physiologie von Sachs, pu- 
blicirt. 

21) 1. c. S. 16 u. f. 

22) Micheli. Quelques observations sur la matière colorante de 
la chlorophylle. Archives des sciences de la Bibliothèque univers, 
de Genève, T. 29, 1867, M 113, p. 26. 



— 65 — 

nenlicht deutlich contrahirt werden. Micheli spricht 
weiter die Vermuthung aus, dass auch das von Sachs 
beobachtete Erbleichen verschiedener Blätter am di- 
recten Sonnenlichte demselben Umstände zuzuschrei- 
ben sei. Ohne die Richtigkeit der von Micheli an 
Geratodon pur-pureus angestellten Beobachtungen (ich 
habe dieselben nicht wiederholt) im mindesten be- 
zweifeln zu wollen, muss ich seine Vermuthung als 
völlig unhaltbar zurückweisen. Jeder, der sich die 
Mühe geben wird, die von Sachs mitgetheilten das 
Erbleichen der grünen Blätter, am Sonnenlichte be- 
treffenden Beobachtungen mit den von mir oben für 
Lemna, Callitriche und Stellaria beschriebenen Lagen- 
veränderungen der. Chlorophyllkörner zu vergleichen, 
der wird eine so vollständige bis in die Einzelheiten 
gehende Analogie erblicken, dass er gewiss an der 
Richtigkeit der von Böhm gegebenen Erklärung kei- 
nen Augenblick mehr zweifeln wird. Dass das Auftre- 
ten der Sachs'schen Schattenbilder wirklich auf einer 
solchen Lagenveränderung der Chlorophyllkörner be- 
ruht, zeigen folgende Versuche auf eine unzweideu- 
tige Weise. Ich legte nach Sachs's Vorfahren dünne 
Bleibänder um grüne Blätter von Callitriche verna, 
Stellaria media, oder auch um Thallome der Lemna 
trisulca, die ich dann dem directen Sonnenlichte aus- 
setzte. Nach kurzer Zeit erhielt Jch, wenn die Blei- 
bänder entfernt wurden, immer sehr deutlich ausge- 
sprochene Schattenbilder, die wenigstens bei Lemna 
und Stellaria sowohl im durchfallenden, wie im auf- 
fallenden Lichte erschienen. Die mikroskopische Be- 
trachtung eines solchen Blattes zeigte, wie sich auch 
erwarten liess, dass in dem von dem Bleibande be- 

Mélanges biologiques. VII. 9 



— G6 — 

deckten Theile desselben die Chlorophyllkörner auf 
den Horizontalwänden, die sie wie am zerstreuten 
Tageslichte gleichmässig bedeckten, geblieben waren, 
während sie in dem erbleichten Theile des Blattes 
sämmtlich auf den Seitenwänden vertheilt waren. Lag 
das Bleiband dicht genug an, so war die Grenze des 
Schattenbildes unter dem Mikroskope stets sehr aus- 
geprägt, so dass oft von zwei an einander unmittelbar 
angrenzenden Zellen in der einen die Chlorophyllkör- 
ner die Aussen-, in der anderen dagegen die Seiten- 
wände bedeckten. Fig. 6 stellt eine solche Grenze 
eines an Leuna trisulca erhaltenen Schattenbildes 
dar; Fig. 8 zeigt dasselbe für Callitriche verna. Selbst- 
verständlich muss daher das Schattenbild sowohl im 
directen, als auch im zerstreuten Sonnenlichte ver- 
schwinden: im ersten Falle w 7 egen des Überwanderns 
der Chlorophyllkörner in dem dunklen Bilde auf die 
Seitenwände , im zweiten wegen des Hervorkrie- 
chens derselben im erbleichten Theile des Blattes auf 
die Aussenwände. Weiter ist leicht einzusehen, dass 
die Schattenbilder im blauen, nicht aber im gelben 
Lichte auftreten müssen, wie mir auch directe an 
Blättern von Callitriche verna angestellte Versuche 
zeigten: unter dem Kupferoxydammoniakgefässe tra- 
ten die Schattenbilder ebenso rasch und intensiv als 
im vollen Sonnenlichte auf, während unter der dop- 
peltchromsauren Kalilösung ihre Bildung gänzlich un- 
terblieb. 

Somit ist es erwiesen, dass die vom Lichte abhän- 
gigen Lagenveränderungen der Chlorophyllkörner 
nicht nur bei den höheren Kryptogamen, sondern 
auch bei vielen Phanerogamen vorkommen, und dass 



— 67 — 

das Erbleichen der grünen Pflanzentheile sowie das 
Auftreten der Sachs'schen Schattenbilder durch sol- 
che Wanderungen der Chlorophyllkörner bedingt 
werden. Damit ist aber die hier zu behandelnde Frage 
noch offenbar nicht erschöpft. Erwägen wir den Um- 
stand, dass bei den Kryptogamen, wieausFamintzin's 
und meinen übereinstimmenden Beobachtungen be- 
kannt ist, die Chlorophyllkörner auf die Seitenwände 
in der Dunkelheit überwandern, während sie bei den 
darauf untersuchten Phanerogamen, wie oben gezeigt 
wurde, dasselbe im directen Sonnenlichte thun, so 
erscheint die Analogie der beiden grossen Pflanzen- 
gruppen noch sehr lückenhaft. Offenbar musste noch 
das Verhalten der Moosblätter, Farrnprothallien u.s. w. 
zum directen Sonnenlichte einerseits , sowie das Ver- 
halteu der grünen Theile der Phanerogamen zu der 
Dunkelheit anderseits geprüft werden. Einige Ver- 
suche, die ich zu diesem Zwecke an Blättern von 
Fanaria Jiygrometrica und an Prothallien von Aneimia 
Pliyllitides Sw. anstellte, zeigten mir sogleich, dass 
sie sich dem directen Sonnenlichte gegenüber ganz 
ähnlich wie z. B. die Blätter von Stellaria media ver- 
halten; eine kurze Insolation genügte, um die Chloro- 
phyllkörner auf die Seitenwände überzuführen, so dass 
starke Insolation dieselbe Wirkung wie völlige Dun- 
kelheit, aber viel rascher ausübt. Daher wird es nicht 
befremden, dass in einem aus der Dunkelheit ins di- 
recte Sonnenlicht versetzten Funaria-Blatte die nächt- 
liche Lagerung der Chlorophyllkörner unverändert 
bleibt, während sie am zerstreuten Tageslichte rasch 
auf die Aussenwände hervorkriechen 23 ). 



23) Aus Mangel au Material konnte ich bis jetzt bloss eine sehr 



— 68 — 

Was nun das Verhalten der höheren Pflanzen zu 
der Dunkelheit anbetrifft, so habe ich darauf gleich- 
falls Leuna trisulca, Gallitriche verna und Stellaria 
media geprüft. An den Blättern von Callitriche verna 
konnte ich keine Lagenveränderungen der Chlorophyll- 
körner durch Verdunkelung hervorbringen; sie be- 
deckten dabei stets die Aussenwände, wie es am zer- 
streuten Lichte der Fall ist. Es muss aber ausdrück- 
lich bemerkt werden, dass alle in vorliegender Arbeit 
beschriebenen Beobachtungen und Versuche in einer 
späten Jahreszeit, nämlich im September und October, 
angestellt wurden; dass aber die Jahreszeit, in welche 
die Untersuchung fällt, von grosser Bedeutung ist, 
ersieht man sogleich aus folgenden Daten. In den 
heissen Junitagen waren schon nach einer stunden- 
langen Verweilung im dunklen Räume sämmtliche 
Chlorophyllkörner des Blattes von Funaria hygrome- 
trica auf den Scheidewänden anzutreffen. Als ich aber 
dasselbe Moos, bei mir im Zimmer wachsend, im Oc- 
tober untersuchte, so zeigte es entweder gar keine 
Lagenveränderungen des Chlorophylls in der Dunkel- 
heit, oder es wanderte dabei bloss ein geringer Theil 
der Chlorophyllkörner auf die Seitenwände über, 
während die meisten auf den Aussenwänden blieben. 
Im Stengel von Lemna trisulca ist es mir indessen 
gelungen auch zu dieser ungünstigen Jahreszeit eine, 
wenn auch nicht immer deutlich ausgesproche Über- 
wanderung der Chlorophyllkörner auf die Seitenwände 
in Folge der Verdunkelung zu beobachten. Es kamen 



begrenzte Zahl von Versuchen an Kryptogamen anstellen, werde 
aber nicht versäumen, diese Beobachtungen so bald als möglich 
weiter zu prüfen und zu vervollständigen. 



— 69 — 

hin und wieder einzelne Exemplare vor, bei denen 
eine in der Dunkelheit stattfindende Lagenverände- 
rung der Chlorophyllkörner ebenso wenig wie in den 
Callitriche-Blättern zu finden war; meistens aber be- 
merkte man eine solche wenigstens in den in den 
Taschen verborgenen also jüngeren Theilen der seit- 
lichen Knospen, zuweilen auch in den Taschenwänden 
selbst. Jedenfalls wird die Überwanderung der Chlo- 
rophyllkörner auf die Seitenwände durch die Verdun- 
kelung viel langsamer als durch directes Sonnenlicht 
hervorgerufen und ist ausserdem nie so scharf wie im 
letzten Falle ausgeprägt: ein mehr oder weniger be- 
deutender Theil der Chlorophyllkörner verbleibt in 
der Dunkelheit fast immer auf den Aussenwänden; 
eine Gruppirung des Chlorophylls in den Zellecken, 
wie sie bei längerer Einwirkung des directen Sonnen- 
lichtes eintritt, konnte ich in der Dunkelheit nie be- 
obachten. Dass aber die Verdunklung wirklich der 
starken Insolation gleich, aber nur viel langsamer auf 
die Chlorophyllzellen der Lemna trisulca wirkt, darü- 
ber kann ich gar nicht zweifeln. Noch jetzt, wo ich 
diese Zeilen schreibe (14. Januar), zeigen die vor mir 
liegenden Pflänzchen diese Erscheinung sehr deutlich: 
während im diffusen Tageslichte (directes Sonnenlicht 
ist jetzt nicht zu haben) die Chlorophyllkörner die 
Aussenwände gleichmässig bedecken, finden sie sich 
im einschichtigen Parenchymtheile der etwa während 
24 Stunden im dunklen Räume gehaltenen Pflänzchen 
so gut wie sämmtlich auf den Seitenwänden ; im zwei- 
schichtigen Theile sieht man aber nicht zwei unter 
einander liegende Netze, weil die die obere Paren- 
chymlage von der unteren trennenden Scheidewände 



— 70 — 

gleichfalls mit Chlorophyllkörnern bedeckt sind. — 
Noch viel deutlicher ist die in der Dunkelheit statt- 
findende Lagenveränderung der Chlorophyllkörner in 
den Blättern von Stellaria media. Fig. 9 u. 10 der 
beigegebenen Tafel stellen beide einen und denselben 
Theil der Oberseite eines Blattes von Stellaria media 
dar, aus dessen Intercellularräumen die Luft mittelst 
einer Luftpumpe entfernt wurde. Die Fig. 9 zeigt die 
Vertheilung der Chlorophyllkörner, wie sie am diffu- 
sen Tageslichte anzutreffen ist; Fig. 10 ist dagegen 
nach einer fast 24 -stündigen Verweilung des Blattes 
in einem dunklen Räume gezeichnet. Letztere Figur 
kann gleichzeitig auch die dem directen Sonnenlichte 
entsprechende Lagerung des Chlorophylls darstellen; 
nur sind nach längerer Insolation die Chlorophyllkör- 
ner nicht mehr gleichmässig auf den Seitenwänden 
vertheilt, sondern daselbst zu unregelmässigen Grup- 
pen vereinigt. Noch will ich bemerken , dass man zu- 
weilen nicht alle Chlorophyllkörner der äussersten 
Parenchymlage in der Dunkelheit auf den Seitenwän- 
den trifft: ein kleiner Theil davon bleibt auf den Aus- 
senwänden; diese letzteren Chlorophyllkörner zeigen 
dabei eine sehr eigenthümliche Vertheilung, indem sie 
in einer Reihe gerade unter den die Epidermiszellen 
von einander trennenden Scheidewänden, die sie in 
ihrem geschlängelten Verlaufe überall begleiten, lie- 
gen (Fig. 11). 

Das Vorhandensein einer in der Dunkelheit statt- 
findenden Lagenveränderung der Chlorophyllkörner 
in den Blättern von Stellaria media suchte ich noch 
durch folgende belehrende Versuche festzustellen. 
Legt man ein dünnes Bleiband um ein Blatt, das lange 



— 71 — 

genug in der Dunkelheit verweilte, und setzt man es 
dann dem zerstreuten Tageslichte aus, so muss man 
erwarten, dass in dem unbedeckten Theile des Blattes 
die Chlorophyllkörner auf die horizontalen Wände 
überwandern, während sie unter dem Bleibande, falls 
dasselbe dem Blatte dicht genug anlag, auf den Sei- 
tenwänden verbleiben werden; desshalb muss man 
nach Entfernung des Bleibandes einen blassen Strei- 
fen auf dunkelgrünem Grunde erblicken. Directe Ver- 
suche wiesen dieses Raisonnement als völlig richtig 
auf: sowohl in diesem Falle, als auch wenn ein Blatt 
aus dem directen Sonnenlichte mit einem Bleibande 
versehen in gemässigtes Licht versetzt wurde, erhielt 
ich mehrmals sehr deutliche blasse Streifen, die be- 
sonders im durchfallenden, aber auch im reflectirten 
Lichte auftraten. Die mikroskopische Untersuchung 
lehrte, dass die verschiedene Intensität der grünen 
Farbe des bedeckt gewesenen und des unbedeckten 
Theiles des Blattes wirklich durch die verschiedene 
Lagerung der Chlorophyllkörner bedingt war. Dass 
der bleiche Streifen nicht etwa durch allzu dichtes 
Anliegen des Bleibandes, wodurch das Gewebe be- 
schädigt werden könnte, verursacht war, beweist zur 
Genüge der Umstand, dass dieser Streifen nach Ent- 
fernung des Bleibandes am zerstreuten Lichte immer 
undeutlicher wurde, bis er endlich gänzlich ver- 
schwand. 

Aus allen im Vorherigen mitgetheilten Beobach- 
tungen und Versuchen geht hervor, dass die völlige 
Abwesenheit des Lichtes, so wie starke Insolation eine 
im Wesentlichen gleiche Vertheilung der Chlorophyll- 
körner hervorrufen, nur kommt dieselbe unter der 



— 72 — 

Wirkung des directen Sonnenlichtes viel rascher zu 
Stande. Diese Wirkung der Dunkelheit scheint schon 
Böhm wenigstens theilweise bemerkt zu haben, wie 
man aus folgender Stelle seiner ersten Abhandlung 24 ) 
schliessen darf. «Um zu erfahren, ob die Lageverän- 
derung der Chlorophyllkörner auch an den dem Son- 
nenlichte ausgesetzten, zur mikroskopischen Betrach- 
tung verfertigten Präparaten erfolge, legte ich selbe, 
um sie vor dem Vertrocknen zu schützen entweder 
auf einen Streifen weissen Filtrirpapieres, dessen eines 
Ende in ein mit Wasser gefülltes Gefäss getaucht 
wurde, oder gleich in's Wasser selbst .... Die Grup- 
pirung der grünen Körner erfolgte stets auffallend 
schnell; doch es zeigte sich bald, dass unter solchen 
Umständen besagte Veränderung auch im vollkommen 
finsteren Räume nach mehreren Stunden eintritt. Das- 
selbe geschieht auch, wenn die Intercellulargänge der 
Blätter mit Wasser injicirt werden, nur vereinigen 
sich in diesen Fällen die Chlorophyllkörner derselben 
Zelle nie so vollkommen, sondern bleiben fast immer 
in mehrere Gruppen vertheilt.» Etwas weiter aber 
sagt Böhm (1. c, S. 512): «Da auch zerstreutes, be- 
sonders aber das von einer weissen Wand reflectirte 
Sonnenlicht auf die Lage der Chlorophyllkörner nicht 
ohne Einfluss ist, so muss die Pflanze wenigstens einen 
halben Tag vor dem Versuche (denn so lange beiläu- 
fig brauchen die gruppirten Chlorophyllkörner, um in 
ihre frühere Lage wieder vollständig zurückzukehren) 
in einen finstern Raum gestellt werden.» — In seiner 



24) Böhm. Sitzungsberichte der Wiener Akademie, 1856, Bd. 22, 
S. 511 u. f. 



. — 73 — 

zweiten Abhandlung 25 ) führt Böhm einige weitere 
Beobachtungen die Wirkung der Dunkelheit auf die 
Lage der Chlorophyllkörner betreffend an. «Im Sten- 
gel von Sedum Telephium fand ich die Chlorophyll- 
körner stets zu Gruppen vereinzelt, und sie kehrten 
auch nicht an die Wand zurück, wenn man die Pflanze 
durch vier Wochen und länger in's Dunkle brachte» 
— In Blättern von abgeschnittenen Zweigen von Se- 
dum spurium, die ich in's Dunkle brachte, zeigten sich, 
wenn solche abzusterben und sich zu entfärben anfin- 
gen, die Chlorophyllkörner ebenfalls in Gruppen ge- 
ballt.» Diese Beobachtungen gehören aber nicht hier- 
her, da sie an im Absterben begriffenen Pflanzenthei- 
len angestellt wurden 26 ). 

Erwägen wir die oben festgestellte Gleichheit der 
Wirkung der Dunkelheit und des directen Sonnenlich- 
tes, so erscheint Mi cheli 's Angabe, dass die im direc- 
ten Sonnenlichte contrahirten Chlorophyllkörner in 
der Dunkelheit 27 ) wieder breiter werden und sich 
gegenseitig nähern, etwas auffallend. Da jedoch Mi- 



25) Böhm. Sitzungsberichte der "Wiener Akademie, 1859, Bd. 37, 
S. 476. 

26) Nach einigen noch nicht abgeschlossenen Untersuchungen bin 
ich geneigt anzunehmen, dass bei Verletzung z.B. durch mechanischen 
Druck die Chlorophyllkörner der absterbenden Zellen sogleich auf 
die Seitenwände tiberwandern. So sah ich z. B. an der Basis der 
von ihrer Mutterpflanze abgetrennten Blätter von Callitriche vêrna 
diese Lagerung der Chlorophyllkörner in einigen der Schnittwunde 
am nächsten liegenden Zellreihen eintreten; sie wird dann weder 
durch Verdunkelung, noch durch Insolation verändert. 

27) Nach Sachs, der Micheli's Beobachtungen in seinem neuen 
Lehrbuche der Botanik anführt (S. 568), sollen die contrahirten 
Chlorophyllkörner im Schatten wieder breiter werden. In der betref- 
fenden Arbeit von Micheli steht aber das Wort «obscurité» 
(1 c, p. 26). 

Mélanges biologiques; VII. 10 



— 74 — 

cheli nicht angiebt, durch welche Strahlen des Spec- 
trums die von ihm bemerkte Contraction der Chloro- 
phyllkörner hervorgerufen wird, so ist es schwer zu 
sagen, in wie weit diese Erscheinung der bei anderen 
Laubmoosen, z.B.Mnium,Funaria stattfindenden Lage- 
veränderung der Chlorophyllkörner analog ist 28 ). Je- 
denfalls wäre es interessant, Micheli's Beobachtun- 
gen in einer günstigeren Jahreszeit zu wiederholen, 
da seine Arbeit im Winter ausgeführt wurde 29 ). 

In seinem neuen Lehrbuche der Botanik spricht 
Sachs (S. 568) die höchst wahrscheinliche Vermu- 
thung aus, dass die von Famintzin und mir beobach- 
teten Wanderungen der Chlorophyllkörner auf einer 
vom Lichtwechsel veranlassten Bewegung des farblo- 
sen Protoplasma beruhen, durch welche die grünen 
Körner passiv mit fortgeführt werden. Wirklich hat 
Frank diese Lagenveränderungen auch an etiolirten 
Chlorophyll-, also an blossen Protoplasmakörnern be- 
obachtet 30 ). Immer noch bleibt es aber zu untersu- 
chen, ob die grünen Körner dabei wirklich bloss pas- 
siv mit fortgeführt werden. Nägeli schreibt bekannt- 



28) Ich kenne bloss eine einzige Thatsache, die eine, wenn auch 
vielleicht entfernte Analogie mit der von Micheli angegebenen 
Contraction der Chlorophyllkörner im directen Sonnenlichte darbie- 
tet, namentlich die von Famintzin beobachtete Contraction der 
stärkefreien Chlorophyllbänder der Spirogyra ortJiospira'Nsieg. (Fa- 
mintzin, Pringsheim's Jahrbücher, Bd. VI, S. 38.) Diese Con- 
traction trat jedoch in der Dunkelheit auf, im blauen Lampenlichte 
fand dieselbe nicht statt. 

29) Micheli, 1. c, p. 10: «ayant fait ce travail entièrement en 
hiver. » 

30) Siehe die Berichte über die Verhandlungen der botanischen 
Section der 42sten Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte 
in Dresden. Flora, 1868, JV« 31, S. 492 und Bot. Zeit., 1868, J\& 48, 
S. 828. 



— 75 — 

lieh den Körnchen wenigstens einen activen Einfluss 
auf die Plasmabewegungen zu 31 ). 

Weitere Beobachtungen über den hier behandelten 
Gegenstand hoffe ich in einigen Monaten beim Wie- 
dererwachen der Vegetation anzustellen. 

Schliesslich will ich noch die Hauptresultate der 
vorliegenden Untersuchung kurz zusammenfassen. 

1) In den grünen Th eilen vieler Phanerogamen 
finden vom Lichte abhängige Lagenveränderungen der 
Chlorophyllkörner statt. 

2) Die Intensität des Lichtes hat auf die Verkei- 
lung der Chlorophyllkörner einen grossen Einfluss. 

3) Im zerstreuten Tageslichte bedecken die Chloro- 
phyllkörner die der Oberfläche des Pflanzentheiles 
parallelen Zellenwände; im directen Sonnenlichte wan- 
dern sie sehr rasch auf die Seitenwände über. 

4) Die darauf untersuchten Kryptogamen verhalten 
sich in dieser Hinsicht den Phanerogamen gleich. 

5) Nach kurzer Insolation findet man die Chloro- 
phyllkörner auf den Seitenwänden gleichmässig ver- 
theilt; nach längerer Einwirkung des directen Sonnen- 
lichtes ( 3 / 4 — 1 Stunde) bilden sie dagegen einzelne den 
Seitenwänden anliegende Gruppen. (Die Kryptogamen 
habe ich leider darauf zu untersuchen versäumt.) 

6) Die Einwirkung des Sonnenlichtes ist durchaus 
auf die direct insolirte Stelle beschränkt; zwar pflanzt 
sie sich in die tieferen Schichten des Blattes fort 32 ), 



31) Nägeli u. Schwendener. Das Mikroskop. 1867. S. 396 u. ff. 

32) Ohne Zweifel wird bei dicken Blättern diese Einwirkung des 
Sonnenlichtes sich nur bis zu einer bestimmten Tiefe fortpflanzen 
können, da die dabei thätigen brechbarsten Strahlen bald absorbirt, 
oder wenigstens geschwächt werden. Dieser Umstand erklärt, warum, 
wie Sachs angiebt, die Schattenbilder (bei dickeren Blättern) im 



— 76 — 

nicht aber in seitlicher Richtung: zwei benachbarte 
Zellen einer und derselben Schicht können eine völlig 
verschiedene Vertheilung der Chlorophyllkörner dar- 
bieten. 

7) Das Erbleichen der grünen Pflanzentheile im 
directen Sonnenlichte, sowie das Auftreten der Sachs- 
schen Schattenbilder, beruht auf der dabei stattfin- 
denden Lagenveränderung der Chlorophyllkörner. 

8) In der Dunkelheit wandern die Chlorophyllkörner 
einiger Phanerogamen (Lemna, Stellaria) ebenfalls auf 
die Seitenwände über. Somit ruft die Abwesenheit 
des Lichtes im Wesentlichen dieselbe Vertheilung der 
Chlorophyllkörner wie das directe Sonnenlicht hervor, 
nur ist die Wirkung des letzteren stets viel rascher 
und intensiver. 

9) Alle vom Lichte abhängigen Lagenveränderun- 
gen der Chlorophyllkörner werden bloss durch die 
brechbarsten Strahlen des Sonnenlichtes verursacht. 

St. Petersburg, im Januar 1869. 

Erklärung der Abbildungen. 

(Sämmtliche Figuren sind mit der. Camera lucida 
bei einer und derselben Vergrösserung entworfen und 
dann aus freier Hand ausgeführt worden.) 

Fig. 1. Ein Stück des einschichtigen Marginalthei- 
les des Stengelparenchyms von Lemna trisidca L. mit 
der oberen Epidermis am gewöhnlichen zerstreuten 
Tageslichte betrachtet. 

Fig. 2 u. 3. Ebenso nach einer etwa 15 Minuten 
dauernden Insolation. 



reflectirten Lichte bloss auf der besonnten Seile des Blattes auf- 
treten. 



3JéIanges Iiiolog-iques T. Vif 




Lit h. A »il!, 



— 77 — 

Fig. 4. Ebenso nach einer halben Stunde. Die 
Seitenwände der Raphidenzellen bleiben chlorophyll- 
frei. 

Fig. 5. Ebenso nach einer %-stündigen Einwirkung 
des directen Sonnenlichtes. Die Chlorophyllkörner 
fangen an sich in Gruppen zu vereinigen. 

Fig. 6. Ebenso. Die Grenze eines Schattenbildes. 
Die Epidermis ist nicht mitgezeichnet. 

Fig. 7. Ein Theil der oberen Parenchymschicht 
eines Blattes von CallUriche verna nach längerer Inso- 
lation. Die Intercellularräume waren mit Wasser in- 
filtrirt. 

Fig. 8. Ebenso. Die Grenze eines Schattenbildes. 

Fig. 9. Ein Theil der oberen Parenchymschicht 
an der Basis eines Blattes von Stellaria media nach 
Entfernung der Luft mittelst der Luftpumpe am diffu- 
sen Tageslichte betrachtet. 

Fig. 10. Dieselbe Stelle nach einer fast 24 -stün- 
digen Verweilung dieses Blattes in einem dunklen 
Baume. 

Fig. 11. Zwei Zellen der oberen Parenchymschicht 
eines anderen Blattes von Stellaria media. Nicht alle 
Chlorophyllkörner finden sich in der Dunkelheit auf 
den Seitenwänden. 



(Aus dem Bulletin, T. XIII, pag. 567 — 586.) 



^Januar 1869. 

Tracheenverschlussapparat der Schabe. Von Os. 
v. Grimm. 

(Hierzu Fig. VIII.) 

In der Zeitschrift f. wissenschaftliche Zoologie von 
Siebold und Koelliker, B. XVII, 1867, finden wir 
die Arbeit von Dr. H. Landois und W. Thelen, 
«Der Tracheenverschluss bei den Insecten», in der 
sehr vollständig diese Apparate beschrieben werden. 

Da ich aber unlängst die Gelegenheit hatte, den 
Verschlussapparat der Periplaneta orientalis zu stu- 
diren, möchte ich hier meine Beobachtung im kur- 
zen zusammenfassen, weil er in der eben genannten 
Arbeit völlig unrichtig beschrieben und abgebildet ist. 
Es ist übrigens unglaublich, dass ein Forscher wie 
Landois in solch einer leichten Arbeit einen Irrthum 
begangen habe; deswegen bin ich der Meinung, dass 
er den Verschlussapparat einer der hinteren Tracheen 
beschrieb, indem ich das Stigma, das zwischen dem 
ersten und zweiten Beine liegt, untersucht habe. 

Landois und Thelen beschreiben den Apparat 
als aus zwei 0,45 Mm. langen »Verschlussbügeln« be- 
stehenden Eing (p. 213, Tab. XII. Fig. 12), von de- 
nen der eine einen « Verschlusskegel » hat; dieser Ke- 
gel ist immer mit einem «Verschlussmuskel» verbun- 



— 79 — 

den, der, indem er mit seinem anderen Ende an den 
untern Verschlussbügel angeheftet ist, den oberen Bü- 
gel hinunterdrückt, um das Stigma zu verschliessen. — 
Ein höchst einfacher Apparat. Einen abweichende- 
ren Bau des Apparats finden wir in der Gegend 
zwischen dem ersten und zweiten Beine. Hier auf 
der weissen Körperbedeckung, näher zum zweiten 
Beine, ist auch mit unbewaffnetem Auge leicht ein 
gelbliches, ovales und convexes Fleckchen von 1 Mm. 
Länge zu bemerken. Wenn wir dieses Fleckchen mit 
einer feinen Scheere ausschneiden, mit Nadeln von 
den an ihm haftenden Muskeln und Luftröhren befreien 
und unter das Mikroskop bringen, so sehen wir einen 
Apparat, der, augenscheinlich zum Verschluss derLuft- 
röhre dienend, folgenden Bau besitzt. Die Öffnung 
der Körperbedeckung ist mit einem Chitinring (Ver- 
schlussbügel) begrenzt, dessen Längsaxe quer auf dem 
Körper liegt; er ist mit ziemlich grossen Haaren be- 
setzt. Mit dem hintern Bande des Chitinrings ver- 
bindet sich ein aus Zellenmembran gebauter Sack, 
in dessen Grund eine mächtige Luftröhre einmündet, 
die auch sogleich in 4 dünnere Röhren zerfällt. An 
der einen Seite des Chitinrings ist eine ebenfalls aus 
Zellenmembran gebaute Klappe in Form eines brei- 
ten Saumes angebracht, die auch von ziemlich gros- 
sen, aber sehr feinen Haaren bedeckt ist. Der freie 
Rand dieser Klappe ist etwas verdickt und von bräun- 
licher Farbe, wie auch der Chitinring. Dieser ver- 
dickte Rand vertieft sich fast in der Mitte seines Ver- 
laufes in die Klappe selbst und bildet also einen keu- 
lenförmigen Kanal, der fast bis zu dem hinteren Rand 
der Klappe reicht. Dieser Kanal ist an seinem An- 



— 80 — 

fang schmal, dann aber verdickt er sich so, dass er 
am Ende ein abgerundetes Dreieck bildet; er ist 
in der Mitte seines Verlaufs von oben geöffnet und 
stellt hier eine Rinne vor. Beide Enden dieses Kanals 
haben eine bräunliche Farbe, und seine Wände be- 
stehen auch aus derselben Zellenmembran wie auch 
die Klappe. An dieses keulenförmige Ende der Rinne, 
die wir ebenfalls als Verschlusshebel bezeichnen wol- 
len, inserirt sich ein Bündel Muskelfasern, das sich 
von der Insertionsstelle abgehend zerstreut. Dieser 
Muskel bedingt augenscheinlich das Zudrücken der 
Klappe, d. h. das Verschliessen der Luftröhre. 

Die hier beigelegte Zeichnung ergänzt diese kurze 
Beschreibung. 



Erklärung der Abbildung. 

a — Chitinring, b — die Klappe, c — ihr verdick- 
ter Saum , e — die keulenförmige Rinne (Verschluss- 
hebel), d — der Sack, in den die Trachée mündet, 
f — Muskelbündel, (/ — Haare, h — Tracheenäste. 
Vgl. 60. 



(Aus dem Bulletin, T. XIV, pag. 52 — 54.) 



^ Januar 1869. 

Beitrag zur Anatomie der Fühler der Insecten, 
von O. v. Grimm. (Lu le 7 janvier 1869.) 

(Hierzu eine Tafel. Fig. I bis VII.) 

Die Arbeit von Dr. H. Lan dois «Das Gehörorgan 
des Hirschkäfers» (Ar. f. Microscopische An. v. Max 
Schulze, B. IV. H. 1. 1868) bewog auch mich zur Un- 
tersuchung der Fühler der Insecten, hauptsächlich 
aber der Käfer. Ich hatte nämlich die Absicht, phy- 
siologisch diese Organe des Hirschkäfers zu untersu- 
chen, da ihr Bau sehr vollständig von Lan dois un- 
tersucht worden, indem die physiologische Seite des 
Gegenstandes höchst unvollkommen berücksichtigt ist. 
Da ich aber keine lebendigen Exemplare zur Verfügung 
hatte, bin ich genöthigt gewesen, meine Absicht zu 
verwerfen -und die Untersuchung an anderen, mir zu 
Gebote stehenden Insecten zu vollführen, bei denen 
ich ein analoges Organ zu finden glaubte. Deswegen 
wählte ich zuerst den Nashornkäfer (Oryctes nasicor- 
nis), als einen sehr nahen Verwandten des Hirsch- 
käfers. Aber auch hier musste ich mich mit trockenen 
Exemplaren begnügen, so dass ich nur den Bau der 
Fühler zu studiren im Stande war und fand mich ge- 
nöthigt, die physiologische Untersuchung bis zu einer 

Mélanges biologiques. VII. 1 1 



— 82' — 

günstigeren Gelegenheit aufzuschieben. Später unter- 
suchte ich die Fühler von Aphodius porcus, Fabr., 
Geotrupes vernalis et stercocarius , Ateuchus laticol- 
lis (trockenes Exemplar), Formica rufa und Cimbex 
variabilis, Kb. 

Was die letzten Species anbetrifft, so haben ihre 
Fühler nichts den «Gehörgruben» des Hirschkäfers 
(Land ois) Ähnliches. Sie sind von zwei, ja sogar 
drei (F. rufa, C. variabalis) Arten von Haaren bedeckt, 
die eine sehr eigenthümliche Form haben; sie besit- 
zen ein Kugelgelenk, mit dem sie in Höhlungen 
der Chitinhaut frei eingelenkt sind , so dass sie sich 
leicht nach allen Seiten bewegen können. Dass sie be- 
weglich sind, sieht man sehr deutlich unter dem Mi- 
kroskop, wenn man auf das Objectgläschen behutsam 
drückt, wie es mir vom Herrn Akademiker Owsjan- 
nikoff, dem ich hier meinen innigsten Dank für seinen 
liebenswürdigen Beistand bei meinen Arbeiten aus- 
sprechen muss, zuerst gezeigt worden ist. In dieser 
Hinsicht liefern die Fühler der Ameisen ein ganz vor- 
zügliches Object, indem sie, wie es aus der schönen 
Arbeit von Fr. Ley dig (Über Geruchs- und Gehör- 
organe der Krebse und Insecten, Ar. f. An. und ph. 
von Du Boi«-Keymond 1860) bekannt ist, mit drei 
Haarsorten bekleidet sind: grosse und kleine Woll- 
haare und Geruchszapfen. Über die Gestalt der Haare 
werde ich nicht weiter reden , da dies durch die Ar- 
beiten von Ley dig ûnd Lan dois hinlänglich genug 
erläutert ist; ich bemerke hier nur noch, dass sich 
öfters wellenförmige Haare vorfinden • (Aph. porcus, 
Fig. V.), und dass bei den trockenen Exemplaren das 
kugelförmige Gelenk, wegen seiner grossen Zartheit, 



— 83 — 

eine Einbuchtung von unten erleidet, so dass das 
ganze, anfänglich runde Gelenk eine halbkugelige 
Form annimmt. (Fig. III.) 

Die Fühler von Cimbex variabilis, Kb., die wegen 
ihrer bedeutenden Grösse nnd Durchsichtigkeit schöne 
Objecte liefern, sind auch von drei Haarsorten beklei- 
det; es finden sich hier nämlich: 1. unbewegliche, 
nervenlose und unmittelbar mit der Chitinhaut ver- 
bundene Dornen, die auf den ersten Blick als verän- 
derte und abstehende Chitinzellen erscheinen ; sie sind 
mit ihren Spitzen sämmtlich zu dem Gipfel des Fühler- 
gliedes gekehrt und neigen sich zu dessen Oberfläche. 
Diese Haare oder, besser, Dornen, dienen augenschein- 
lich nur zum Schutz des Gliedes vor äusserlichen, me- 
chanischen Einwirkungen, 2. Sehr grosse, stumpfe 
Haare, die in den äusseren erweiterten Enden die Chi- 
tinhaut in gerader Richtung durchsetzender Kanäle ein- 
gelenkt sind; diese Gebilde haben eine Ähnlichkeit mit 
den « Geruchszapfen » der Ameise. 3. Kleine, spitze 
Härchen, die mit ihren ungemäss grossen und höchst 
zarten Kugeln ebenfalls in der Chitinhaut eingelenkt 
sind. Die Kanäle, in deren äusseren Öffnungen die 
eben beschriebenen Haare eingelenkt sind, nehmen 
mit ihren andern, inneren Enden Nervenzweige und 
verlängerte Hypodermiszellen auf. 

Bei den andern von mir untersuchten Insecten 
(Aph. porcuSy G. vernalis, Q. stercorarius, At. laticol- 
lis) zeigen die Fühler nichts Merkwürdiges. Hier fin- 
den wir, wie auch überall, Hypodermiszellen und eine 
Masse von Luftröhren und Nerven, die ihre Zweige 
zu den Kugelgelenken der Haare entsenden , und 



— 84 — 

nichts, was mit den «Gehörgruben» des Hirschkäfers 
Ähnlichkeit hätte. 

Ganz anders gestaltet es sich mit der Endlamelle 
der Fühler von Oryctes nasicornis. Die Keile seiner 
zehngliedrigen Fühler besteht aus drei Lamellen, von 
denen die letzte, äussere, unregelmässig eiförmige von 
aussen convex und von innen fast eben begrenzt ist.. 
Diese Lamelle ist auf der Oberfläche von einer Menge 
kleiner Haare bedeckt, zwischen denen stellenweise 
auch grosse Haare hinausragen, ebenso und auch in 
derselben Proportion, wie es bei dem Hirschkäfer von 
Land ois beschrieben worden ist (Ib. p. 90). Auf 
der inneren Fläche der Lamelle bemerkt man aber 
etliche Flecken, die wie aus .5 bis 7 nahe an einander 
und kreisartig gelegte Öffnungen oder Hohlräume der 
Chitinhaut erscheinen. Diese runden Fleckchen, de- 
ren Zahl sich bis 9, ja sogar auch bis 12 beläuft, 
liegen in einer Längsreihe nicht weit von einander 
entfernt. Beim ersten Blick erinnern sie theilweise 
an die Gehörgruben des Hischkäfers, so dass ich 
anfangs dachte, dass die Fühlerendlamelle des Or. 
nasicornis mit der des Hirschkäfers analog gebaut 
ist, nur mit dem Unterschied, dass mein Käfer diese 
Gehörgruben in geringerer Grösse, aber in bedeuten- 
derer Zahl besitzt. Die weitere Untersuchung aber 
zeigte mir das Entgegengesetzte. Nachdem ich mit 
einem Easirmesser einen Längsschnitt durch die 
Mitte der Lamelle von der convexen zur ebenen 
Fläche machte, fand ich unter dem Mikroskop in der 
Lamellenhöhle höchst interessante Bildungen. Es er- 
heben sich hier namentlich von innen der ebenen 
Fläche traubenähnliche Organe, die beim ersten An- 



— 85 — 

blick an die Baw mann sehen Drüsen erinnern. Auf 
der Fig. I. sehr grob abgebildet, haben sie theilweise 
ein einfaches, theilweise aber ein baumartiges Ausse- 
hen und sind in einer Längslinie und zu der äusseren 
Chitinhaut senkrecht oder geneigt angeordnet. Diese 
drüsenartigen Bildungen bestehen aus einer mehr oder 
weniger grosser Zahl Chitinbläschen, die mit ihren 
Oberflächen in Längs- und Querreihen verwachsen 
sind, so dass alle zusammen die Wände eines schma- 
len, aber langen Kanals bilden, der sich verzweigt, im 
Falle das ganze Gebilde eine baumartige Form an- 
nimmt. Sie öffnen sich nach aussen in der Mitte der 
auf der inneren Lamellenfläche liegenden Fleckchen. 
In der Dicke der Lamellenchitinhaut liegen becher- 
förmige Höhlungen, in die von innen Nervenzweige 
eintreten und von aussen grosse und kleine Haare 
mit ihren Kugeln eingelenkt sind (Fig. III). Unter die- 
sen gewöhnlichen Haaren finden sich aber auch eichei- 
förmige Zapfen und höchst sonderbare, an den Rän- 
dern liegende Kanäle, die ebenfalls aus becherförmi- 
gen, mit Nervenzweigen versehenen Höhlungen ihren 
Ursprung nehmen und sich nach aussen mit ihren 
trichterförmigen Enden öffnen. Sie sind bei ihrer 
ziemlich bedeutenden Länge (0,022 Mm.) sehr schmal 
(ungefähr 0,0015 Mm.), liegen höchst regelmässig, 
einander parallel und sind (wenigstens diejenigen, die 
an den seitlichen Bändern liegen) mit ihren freien 
Enden zu der Lamellenspitze gewendet, indem ihre 
Becherhöhlungen die Chitinhaut senkrecht durchset- 
zen , so dass die Kanäle mit ihren Becherhöhlungen 
mehr oder minder stumpfe Winkel bilden. Solche Ka- 
näle finden sich auch am hintern Lamellenrande; nie 



— 86 — 

aber habe ich sie an der Spitze der Lamelle beobach- 
tet. Die Structur der Chitinhaut und die Anordnung 
der Nerven und Luftröhren ist ebendieselbe wie auch 
bei L. cervus und andern Käfern. Leider war ich nicht 
im Stande, die Nerven bis zu den drüsenförmigen Or- 
ganen zu verfolgen; es ist aber unzweifelhaft, dass sie 
auch zu diesen Gebilden , was sie auch für eine Ver- 
richtung haben, treten. 

Nachdem ich die Anatomie der Lamelle beschrieben, 
müsste ich mich zu der physiologischen Frage wenden; 
dies ist aber, wegen der schon erwähnten Ursache, 
gerade unmöglich, um so mehr, da auch die feine 
Structur der Drüsengebilde nicht hinlänglich genug 
von mir untersucht worden ist. 

Anfänglich glaubte ich, dass es kleine Drüsen (c) 
sind, die in einem Chitinskelett gelegen, eine Flüssig- 
keit ausscheiden, welche durch den gemeinschaftlichen 
Ausführungsgang nach aussen gelangt, in die oben 
beschriebenen Kanäle sich begiebt und zur Aufnahme 
der in der Luft schwebenden Substanzen dient; so 
könnte sie die Möglichkeit der Geruchsempfindung 
der Nerven bezwecken. Dies war aber nur eine Vor- 
aussetzung, die durch nichts bewiesen werden konnte. 
Jetzt aber möchte ich eher glauben, dass zu einer je- 
den Zelle (c) ein mit einem Endapparat versehener 
Nervenzweig tritt, so dass das ganze Gebilde als ein 
unmittelbares Organ irgend einer Empfindung, ja mei- 
netwegen auch des Gehörs fungirt. Jedenfalls aber 
ist es jetzt unmöglich, irgend eine Voraussetzung zu 
beweisen; es wird wohl das Beste sein, man lässt die 
Erklärung bis zur günstigeren Gelegenheit, wenn man 



— 87 — 

das Organ näher und hauptsächlich von dem physiologi- 
schen Standpunkte aus zu prüfen im Stande sein wird. 

Zu der Function der Fühler aller Insecten über- 
haupt übergehend, müssen wir zuerst einen Blick auf 
die Meinungen anderer Forscher werfen. Es ist ange- 
nommen, die Fühler als Tastorgane anzusehen. Etliche 
Forscher aber legen ihnen dazu auch noch andere 
Functionen bei: die einen betrachten die Fühler als 
Geruchs-, die andern als Gehörorgane. So spricht sich 
H. Lan do is über die Gehörgruben des Hirschkäfers 
folgendermassen aus: «die beiden Gruben in der 
Endlamelle des Hirschkäfers müssen als Gehörgruben 
aufgefasst werden, und die darin befindlichen Haare 
sind zur Function des Hörens vorhanden (p. 93)». 
Und weiter schreibt er dieselbe Function überhaupt 
allen kleinen Haaren der Lamellenoberfläche zu, in- 
dem er sagt: «die kleinen Haare können mit fremden 
Körpern kaum in Berührung kommen, weil sie von 
den kräftigeren Haaren bedeutend überragt werden. 
Die kleinen Haare auf der Lamellenoberfläche wer- 
den höchst wahrscheinlich wohl ebenfalls, wie die der 
Gehörgruben zum Hören benutzt werden.» Demnach 
muss man annehmen, dass überhaupt alle mit Nerven 
versehenen Haare die Schallwellen der Luft aufnehmen 
und auf die Nerven übertragen; so würde wohl der 
Hirschkäfer eines speciellen Gehörorgans ganz ent- 
behren müssen, und wir brauchen wohl nicht nament- 
lich die Fühlerlamellengruben als Gehörorgane und 
die kleinen Haare ausschliesslich als Gehörhaare zu 
deuten. 

Land ois hat wohl Recht, wenn- er sagt: «als Ge- 
ruchsorgane können sie sicher nicht aufgefasst wer- 



— 88 — 

den, weil auch nirgends in den Gruben eine weichere 
Hautstelle vorhanden ist, welche die duftenden Stoffe 
auflösend, den Nerven übermittelte,» aber schwerlich 
kann man sie auch als Gehörorgane deuten. 

Ley dig aber, der wohl auch die Möglichkeit der 
Gehörempfindung der Fühler nicht leugnet, schreibt 
ihnen, sich auf die Experimente mit Äther von Berg- 
mann und Leuckart stützend, die Geruchsfunction 
zu'). (Leydig. Ar. v. Du Bois - Reymond. p. 293.) 
Man muss aber hier der Worte von Lan dois, die 
wir eben erst citirt haben, gedenken, dass die Fühler 
nirgends eine weiche Membran haben und also nicht 
als Geruchsorgane gedeutet werden können, um so 
mehr, da dergleichen Experimente nicht genug Be- 
weiskraft besitzen, denn es ist leicht möglich, dass 
das Geruchsorgan in der Nähe der Fühler liegt. 

Zu ganz entgegengesetztem Resultate führten ähn- 
liche Experimente mit dem Hirschkäfer Herrn Lan- 



1) Indem ich diese Zeilen schreibe, setzte sich zu mir eine Zim- 
merfliege, die ich, keine anderen Objecte besitzend, auch sogleich zu 
diesem Experimente benutzte. Was für ein Resultat gab es mir 
denn? Ich halte das Insect am Körper, so dass. die Luftröhren 
verschlossen sind, und bringe auf einem Glasstäbchen einen Tropfen 
Schwefeläther in die Nähe seines Kopfes; das Insect bewegt seine 
vorderen Füsse, als ob es das Stäbchen betasten will, und zieht sei- 
nen Rüssel aus, als möchte es die Flüssigkeit schmecken. Ich nehme 
das Insect an den Flügeln und bringe das Äthertröpfchen in die Nähe 
des Abdomens; das Tnsect fängt an mit den Füssen zu zappeln, die 
bald zu zittern anfangen. Ich nehme das Insect am Kopf und 
bringe das Äthertröpfchen wieder an das Abdomen, — dasselbe Re- 
sultat wie auch im vorigen Fall. 

Diese gänzlich unerwartete Erscheinung bewegt mich zu der Vor- 
aussetzung, dass das Geruchsorgan weder in den Fühlern, noch über- 
haupt an dem Kopfe seinen Sitz hat. 

• Höchst bedauernswerth ist es, dass ich nur eine Fliege zu mei- 
ner Verfügung besitze und auch diese, nicht wieder in die Hände 
eines Naturalisten zu gerathen wünschend, flog jetzt von mir weg. 



— 89 — 

dois, der seinen Käfer mit abgeschnittenen Fühlern 
in die Nähe von schwefliger Säure, Ammoniak und 
Tabaksdampf brachte, wobei der Käfer seine Fühler- 
stümmel ebenso lebhaft, wie auch der mit den unbe- 
schädigten, einzog. Sich auf dieses Experiment stüt- 
zend, sagt Lan dois, dass der Geruch ihm also sicher 
durch irgend ein anderes Organ vermittelt wird. 
(Ib. p. 94). 

Es ist augenscheinlich , zu was für diametral ent- 
gegengesetzten Schlüssen ein und dasselbe Experi- 
ment führt, wenn es nicht mit genügender Vorsicht 
und Sorgfalt vollführt wird. 

Ich, meiner Seits, experimentirte mit Aph. porcus 
und 0. vernalis. Nachdem ich mir ein länglich-schma- 
les Kästchen mit einem Glasdeckel und einer Öffnung 
im Boden fabricirt hatte, setzte ich in dieses einen Käfer 
von den oben genannten Species mit unläclirten* Füh- 
lern; nachdem der Käfer sich beruhigt hatte, brachte 
ich zu der, mit einem dünnen Zeuge verklebten Öff- 
nung ein Stück Koth; augenblicklich ging der Käfer 
zu der Öffnung und suchte das Zeug zu zerreissen. 
Später schnitt ich ihm die Fühler weg (leider achtete 
ich auf die Palpen gar nicht) und wiederholte das 
Experiment, wobei mein Käfer, seines vermeintlichen 
Geruchsorgans entbehrend, dasselbe Manöver wieder- 
holte. 

Auf dieses, mehrmals von mir wiederholte Expe- 
riment mich stützend, bin ich zu dem Schluss ge- 
langt, dass die Fühler der Käfer nicht als Geruchs- 
organe gedeutet werden können. 

Demnach bin ich geneigt anzunehmen, dass die 
Fühler der Insecten überhaupt nur als Tastorgane 

Mélangea biologiques. VII. 12 



— 90 — 

fungiren, und nur bei etlichen, wie bei Or. nasicornis, 
ihnen auch noch eine andere Function auferlegt ist. 
Die Frage aber, — was für eine? wird durch wei- 
tere Forschungen beantwortet werden. % 

* ___ 

Meine Untersuchungen über die Anatomie der Pal- 
pen der Insecten (Aph. porcus, Geotrupes vernalis et 
stercocarius, At. laticollis, Carabus ocellatus) bestätigen 
Leydig's Untersuchungen, wesshalb ich auch hier 
nicht weiter von ihnen reden werde. Ich füge nur hin- 
zu, dass etliche Zapfen der Palpenendlamelle von Aph. 
porcus (Leydig's Geruchzapfen oder Kegel) höchst 
entwickelt sind, so dass sie wie grosse, unregehnäs- 
sige Tuberkeln aussehen und sehr zarter Structur 
sind, wesswegen sie auch bei dem geringsten Druck 
des Objectgläschens zerspringen. 

Erklärung der Tafel. 

Fig. I. Ein Längsschnitt der Fühlerendlamelle von 
Oryctes nasicornis] a drüsenförmige Organe, b ihr Chi- 
tinskelett, c helle Zellen oder Höhlungen. 50 / r 

Fig. II. Dieselbe Lamelle von der ebenen Ober- 
fläche betrachtet; a der Nerv, b Luftröhre, c der Grund 
der drüsenförmigen Organe, d die mit Nerven verse- 
henen Kanäle, f die Höhlungen der Chitinhaut, die 
zur Aufnahme der Haargelenke bestimmt sind. 

Fig. III. Verschiedene Haarformen von derselben 
Lamelle. 300 / r 

Fig. IV. Ein Stück der Chitinhaut mit in ihm ver- 
laufendem Kanälclien ; a das Kanälchen, b seine becher- 
förmige Erweiterung, c der Nerv. 26 % 



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— 91 — 

Fig. V. Ein wellenförmig verbogenes Haar von 
der Fühlerendlamelle von Aph. porcus. 40 %. 

Fig. VI. Ein Stück der Chitinhaut des Fühler- 
endgliedes von Cimbex variabilis-, a ein grosses, 
stumpfes Haar, b kleines mit einer sehr mächtigen 
Gelenkkugel versehenes Haar. Bei G ist der Schnitt so 
fein, dass die Höhlung des Haares c abgeschnitten ist. 
d Nervenzweige, die in die Chitinhöhlungen eindrin- 
gen; e Hypodermiszellen , von denen zwei verlängert 
sind. 300 / r 

Fig. VII. Ein Stück derselben Chitinhaut von oben 
betrachtet; b unbewegliche und nervenlose Dornen. 



(Aus dem Bulletiu, T. XIV, pag. 66 — 73.) 



^ März 1869. 
Der Bogenapparat der Katze, von O. v. Grimm. 

(Hierzu eine Tafel.) 

Der feinere Bau der Sinnesorgane, also auch des 
Gehörorgans, gehört natürlich zu dem interessantes- 
ten Theil der Histologie, um so mehr, da die For- 
scher auch bis jetzt noch, hinsichtlich der Endigungs- 
weise der Nerven, uneinig sind. 

Die vorliegende Arbeit wurde von mir, nach dem 
Vorschlage von Pr. Owsjannikow, unternommen, 
um wenigstens einigermassen die Frage über die En- 
digungsweise der Nerven zum gewissen Abschluss zu 
bringen. 

Ich untersuchte den Bogenapparat theils bei er- 
wachsenen Katzen, theils aber bei noch nicht gebore- 
nen Jungen. Diese letzteren aber haben ungefähr ein 
Jahr, wenn ich mich nicht irre, im starken Alkohol 
gelegen; dessenungeachtet aber waren auch die zar- 
testen Theile des Gehörorgans gut conservirt gewe- 
sen, — ein Umstand, auf den ich gar nicht rechnen 
konnte, da Hasse vor der schnellen Vergänglichkeit 
dieser Organe so dringend warnt 1 ). Mit den erwach- 
senen Katzen operirte ich folgendermaassen. Nachdem 



1) Zeitschrift f. w. Zool. 1867. «Die Schnecke der Vögel.» p. 57. 



— 93 — 

ich die Katze getödtet hatte, schnitt ich möglichst 
schnell den Kopf ab und legte ihn unbeschädigt in 
Alkohol. Dies Verfahren gab mir beständig gute Re- 
sultate, so dass auch sogar die Hörhaare meist unver- 
ändert blieben. Nach 2 Tagen entblösste ich das 
Schläfenbein, indem ich den Kopf in Alkohol liegen 
Hess, und spaltete den Kochen mit einer Zange stück- 
weise ab, bis der Bogenapparat entblösst vor mir lag. 
Das Abspalten aber, mit der Zange erwies sich nicht 
bequem genug, und deswegen nahm ich später eine 
kleine Feile zur Hand, mit der ich vorsichtig Knochen- 
scheibchen von genügender Dicke absägte. Das Entblös- 
sen des Bogenapparats ist beim Embryo natürlich 
viel leichter, da seine zarten Knochen sehr feine 
Schnitte durch das ganze Gehörorgan zu machen er- 
lauben. 

Die von mir gebrauchten Reagentien waren: Alko- 
hol, Glycerin, Chromsäure und Osmiumamid. Dieses 
letzte Reagens erwies sich als unumgänglich, beson- 
ders aber, wo es sich um die Nerven handelt; kein 
anderes zeigt so schön den Verlauf der Nerven wie 
dieses. 

Ich gehe jetzt zu dem von mir untersuchten Organe 
über. 

Das anatomische Verhalten d.er halbkreisförmigen 
Kanäle, wie der knöchernen, so auch der häutigen, 
lasse ich unbeachtet, da es schon längst bekannt ist, 
und da die Katze in dieser Hinsicht fast nichts Abwei- 
chendes vorstellt. Ich bemerke hier nur, dass der ge- 
sammte häutige Bogenapparat excentrisch in dem 
knöchernen angebracht ist, wie es von Rüdinger 2 ) 



2) Anatomie des Menschen. II. p. 773. 



— 94 — 

für den Menschen und von Hasse 3 ) für die Vögel 
angegeben worden ist. 

Die Wände des knöchernen Bogenapparats sind 
von einem dünnen, elastischen Bindegewebe beklei- 
det, das aus einer Unzahl von mehr oder weniger 
dünnen Fäden, zwischen denen runde oder ovale Kern- 
chen liegen, besteht; das ist das sogenannte Periost. 
Die Periostkernchen, deren Grösse von 0,009 bis 
0,012 Mm. variirt, und die von Carmin sehr leicht, 
ja sogar fast augenblicklich gefärbt werden, sind öf- 
ters so zahlreich , dass das ganze Gewebe einem Epi- 
thel gleich wird, was auch Henle 4 ) erwähnt. 

Diese Membran theilt sich vom Knochen sehr 
schwer ab und enthält zahlreiche Blutgefässe. Von 
ihr theilen sich an gewissen Stellen dünne Fädchen 
ab, die, zu dem häutigen Organe gehend, sich an diese 
anheften und sie also in gewisser Lage erhalten. Eine 
Epithelauskleidung aber des Periostes, wie sie von 
Eüdinger 5 ) angenommen wird und früher auch von 
Koelliker besprochen 6 ) worden, ist nicht vorhanden. 

Der ganze häutige Bogenapparat ist aus einer ei- 
genthümlichen , halbdurchsichtigen Bindesubstanz ge- 
bildet, die grosse, ovale Zellen mit deutlichen Ker- 



3) Zeitschrift f. w. Zoßl. 1867. p. 603. «Der Bogenapparat der 
Vögel.» 

4) Ärztliches Intelligenzblatt. 1866. 

5) Ibidem. 

6) In der letzten (5.) Ausgabe seines «Handbuch der Gewebe- 
lehre» spricht sich Kölliker so aus: «Ein Epithel, das ich früher als 
Auskleidung des Periostes annehmen zu dürfen glaubte, ist mir bei 
wieder aufgenommenen Untersuchungen zweifelhaft geworden, doch 
handelt es sich hier möglicherweise um sehr zarte und vergängliche 
Gebilde, wie dies schon Corti hervorhebt, und so erklären sich die 
sehr abweichenden Befunde der verschiedenen Beobachter.» p. 708. 



— 95 — 

nen zeigt. Diese Zellen senden von sich dünne Aus- 
läufer, die unter einander sich verwickeln und ana- 
stomosiren. 

Die von Rü dinger beschriebene Streifung dieser 
Membran habe ich nie gesehen, ausser jenen dünnen 
Falten, die sich dann bilden, wenn ein frischer häuti- 
ger Kanal eine Zeitlang im schwachen Alkohol gele- 
gen hat; deswegen glaube ich, dass Rüdinger sich 
geirrt hat, indem er diese Streifung als eine normale 
ansah. 

Diese Bindesubstanzschicht geht nach innen in eine 
dünne, durchsichtige Schicht, die sogenannte Basal- 
membran, über, die wirklich auf ihrer inneren Hälfte 
eine Streifung zeigt. 

Weiter nach innen liegt endlich die dritte, die Epi- 
thelschicht, die aus schönen, fünf oder sechsseitigen 
Zellen mit deutlichen Kernen besteht. Die Grösse 
dieser Zellen variirt von 0,012 bis 0,015 Mm., und 
der Durchmesser ihrer Kerne von 0,008 bis 0,010 Mm. 

Dies ist der allgemeine Bau des gesammten Bogen- 
apparats. 

Davon weichen gewisse Stellen der Ampullen und 
des Utriculus ab. Es sind dies nämlich die Macula 
und Cristae acusticae. 

Die Crista acustica der Ampulle besteht aus den- 
selben, schon beschriebenen drei Schichten und wird 
durch die Verdickung der Bindesubstanzschicht be- 
dingt. Die Epithelialzellen nehmen hier eine andere 
Form an: die flachen Zellen mit dem im Grunde lie- 
genden Kern verlängern sich allmählich, so dass sie 
erst rund, dann cylindrisch und zuletzt fast fadenför- 
mig werden. Zu diesen letzteren gehören die für uns 



— 96 — 

unstreitig interessantesten, die sogenannten Zahn- 
zellen, welche man besser mit dem Namen Zwi- 
schenzellen belegen könnte, da sie den Raum zwi- 
schen den Flaschenzellen, die die Endapparate 
der Nerven darstellen, einnehmen. 

Bevor ich aber zu der Beschreibung der Epithel- 
schicht der Crista übergehe, muss ich noch der Ner- 
ven gedenken. 

Der Ast des Nervi vestibuli, der zu der Ampulle 
tritt, geht in die Bindesubstanzschicht der Crista acus- 
tica und theilt sich hier in eine grosse Zahl dünner 
Fasern, die eine Dicke von 0,002 bis 0,003 Mm. ha- 
ben und die in vielen Schlängelungen zu der Epithel- 
schicht verlaufen. Dasselbe Verhalten finden wir auch 
in der Macula acustica. 

Zwischen den cylindrischen Epithelzellen der Crista 
sind die sogenannten Flaschenzellen, oder auch 
Stäbchenzellen, genauer aber Fadenzellen (nach 
Koelliker) leicht zu bemerken. Es sind nämlich im 
Ganzen ungefähr 0,06 Mm. grosse Gebilde, die aus 
zwei Theilen bestehen: 1) dem Grundtheil oder der 
Zelle selbst und 2) dem Hörfaden. Der erste Theil 
ist eine flaschenförmige Zelle, die aus einer sehr dün- 
nen, durchsichtigen Hülle und granulirtem, zähem In- 
halt, in dem der grosse ovale Zellenkern liegt, besteht. 
Der Hals dieser Flaschenzelle, d. h. deren verschmä- 
lerter, äusserer Theil, endigt sich mit einem eigen- 
tümlichen Verdi ckungs- oder Ver bin dungs säum. 
Diese Verbindungssäume der Flaschenzellen bilden 
immer eine höchst regelmässige Linie. In der Mitte 
des Verbindungssaumes, von der Seite betrachtet, ist 
manchmal sehr deutlich eine dunkle Linie zu sehen 



— 97 — 

(Fig. 1); dies ist der Rand des Gebildes, welches, wie 
es scheint, eine Linsenform besitzt. Nach dem folgt der 
zweite Theil der Stäbchenzelle, das Hörhaar oder, 
nach Koelliker, der Hörfaden (Fila acustica), wel- 
cher, unendlich spitz verlaufend, eine Dicke von 0,002 
bis 0,004 Mm. an seiner Basis hat; das ist ein höchst 
zartes Gebilde, welches sich nur sehr selten beim 
Präpariren unbeschädigt erhält. Die Länge des Hör- 
fadens erreicht bis 0,035 Mm., indem die Zelle selbst, 
bei einer Dicke von 0,005 bis 0,007 Mm., nur 0,025 
Mm. lang ist. 

Merkwürdig ist es, dass die Hörhaare sehr bald 
nach dem Tode des Thieres, ja sogar auch in schwa- 
chem Alkohol gelegen, ihre Form verändern; sie neh- 
men ein stecknadelförmiges Aussehen an (Fig. 2 u. 9), 
indem die Spitze des Haares sich in eine dunkele 
granulirte Kugel umwandelt. Anfangs dachte ich, dass 
dies die normale Form sei, da ich ganze Reihen der 
Fadenzellen mit solchen stecknadelförmigen Ausläu- 
fern vorfand, und erst nachdem ich in Folge eines 
besseren Verfahrens Präparate mit langen Hörfäden 
erhielt, überzeugte ich mich von meinem Irrthum ; dazu 
kam noch, dass ich auf einem meiner Präparate, wel- 
ches in Glycerin mit Osmiumamid aufbewahrt wurde, 
die Bildung dieser Anomalie zu verfolgen im Stande 
war; ich sah nämlich, dass die Kugel im Verlauf von 
2 oder 3 Tagen sich immer vergrösserte, indem das 
Haar selbst kürzer wurde, so dass zuletzt der Faden 
gar nicht zu sehen war, und die Kugel, die schon eine 
beträchtliche Grösse hatte, unmittelbar auf dem Ver- 
bin dungssaum sass (Fig. 9, d). Endlich gelang es mir 
zu bemerken, dass häufig von der eben beschriebenen 

Mélanges biologiques. VII. 13 



— 98 — 

Kugel ein winziges und höchst zartes Fädchen hinaus- 
ragt (Fig. 9, a), und dass die Kugel durch die Zusam- 
menwickelung eines von Osmiumamid schwarz werden- 
den Fadens, der in dem Hörhaar liegt, entsteht, wie 
es in Fig. 9 versinnlicht ist. 

Ausser dem trifft man, wenn auch nur selten, an- 
dere ungewöhnliche Formen der Hörhaare, die die 
Fig. 5 und 6 darstellen. 

Zwischen diesen Fadenzellen liegen cylindrische 
Epithelialzellen, die eine unregelmässige, oft verbo- 
gene Form haben, indem sie unten, wo der oft nicht 
bemerkbare Kern liegt, verdickt sind, so dass sie in 
der Mitte meist eine Einbuchtung, in die genau die 
Verdickung der Flaschenzelle passt, besitzen. Diese 
Form der Zwischenzellen wird durch die Form der 
Flaschenzellen bedingt. Bei dem Embryo fand ich 
mehrmals spindelförmige Zwischenzellen, deren Ver- 
dickung unter der Flaschenzelle lag und deren spit- 
zes Ende, sich an die Flaschenzelle anlegend, nicht 
bis zum Verbindungssaum dieser reichte (Fig. 14). 
Dies sind wahrscheinlich unvollkommen entwickelte 
cylindrische Epithelzellen, deren Entwickelung die 
Nachbarzellen verhinderten. 

Was aber die Frage über das Zahlverhältniss der 
Zwischenzellen zu den Flaschenzellen betrifft, so muss 
ich gestehen, dass es mir nie gelungen ist, dieselbe zu 
entscheiden. Hasse sagt zwar, dass eine jede Fla- 
schenzelle von fünf Zahnzellen umgeben ist. So viel ist 
aber gewiss, dass die Flaschenzellen völlig von ein- 
ander isolirt sind, was so manche meiner Präparate 
beweisen. Die Fig. 13 stellt ein Präparat vor, in dem 
man eine Reihe der Zwischenzellen sieht, zwischen 



— 99 — 

denen etliche Räume für die zurückgebogenen Fla- 
schenzellen liegen. 

Es bleibt mir nur noch übrig, die Endigungsweise 
der Nerven zu betrachten. 

Der Nerv, wie schon früher erwähnt war, zerfällt 
in der Grundsubstanzschicht der Crista in eine Un- 
zahl dünner Fäden, die, die Basalmembran durch- 
brechend, in die Epithelialschicht, und zwar gerade 
zu den Fadenzellen steigen. Dabei verringert sich die 
Dicke dieser Fäserchen gar nicht. Ein Umstand, der 
uns allein schon zur Annahme berechtigt, dass in die 
Epithelialschicht ganze Nervenfasern, aber nicht iso- 
late Axencylinder verlaufen. 

Hier muss ich aber eines meiner Präparate ge- 
denken, das in Fig. 4 dargestellt ist. 

Bei der Zerzupfung der Crista mit Nadeln bekommt 
man öfters isolirte Fadenzellen zu sehen, die an ihrem 
Grunde einen mehr oder minder langen Ausläufer 
haben (Fig. 3); dies ist bekanntlich die Nervenfa- 
ser. Zwischen solchen abgerissenen Fadenzellen fand 
ich einst eine Zelle, deren unterer Ausläufer, d. h. 
die Nervenfaser, nahe an dem Grunde der Flaschen- 
zelle, eine ziemlich bedeutende ovale Verdickung 
hatte und ausserdem in der Mitte einen von Osmi- 
umamid schwarz gefärbten Faden zeigte, der, hinter 
der Verdickung, wieder zum Vorschein kam, indem 
er gerade zu dem Kern der Flaschenzelle verlief 
(Fig. 4). 

Wie endigen sich aber die Nerven? Treten sie nur 
zu den Fadenzellen, oder steigen sie selbst in diese 
Gebilde, und in dem letzteren Falle, wo ist der End- 
punkt ihres Verlaufes? 



— 100 — 

Dies ist eine eben so interessante, wie auch schwer 
zu lösende Frage. 

Öfters findet man isolirte Fadenzellen, deren ge- 
rade abgestutzter Grund, wie man es manchmal sehr 
gut zu sehen bekommt, zerrissen ist, so dass der ker- 
nige Zelleninhalt sich herauswölbt, wie es die Fig. 1 
darstellt. Diese , so wie auch die schon beschriebene 
Zelle mit der Verdickung des Nerven (Fig. 4), dienten 
mir zur Annahme, dass die Hülle des Nervenastes, 
welcher zu der Flaschenzelle tritt, in die der Zelle 
tibergeht, indem sein Axencylinder bis zum Zellen- 
kern reicht, wie ich es öfters auch gesehen habe 
(Fig. 10). Die weiteren in dieser Hinsicht von mir 
unternommenen Forschungen beweisen mir völlig die 
Richtigkeit dieser Annahme, indem ich mehrere Fa- 
denzellen gefunden habe, die mir sehr gut zeigten, 
dass der Nervenaxencylinder nicht nur bis zum Zel- 
lenkern reicht, sondern in ihn übergegangen w r eiter 
bis zum Verbindungssaum verläuft, diesen durchbohrt 
und in dem Hörhaar als ein von Osmiumamid schwarz 
werdender Faden liegt (S. oben), wie es die Fig. 11 
zeigt. Dies Verhalten des Axencylinders beobachtete 
ich aber noch besser in einer Fadenzelle, deren In- 
halt, wahrscheinlich mechanisch, entfernt war, so dass 
in der nachgebliebenen durchsichtigen Zellenhülle der 
Axencylinder mit dem Zellenkern sehr gut zu sehen 
war, wie es auch die Fig. 8 darstellt, und in einer 
Zelle (Fig. 7), von der, ausser dem Axencylinder mit 
dem Kern, nur der Verbindungssaum und ein Theil 
der Hülle des Hörhaars nachgeblieben war. 

Dieses bewog mich zu untersuchen, ob der Axen- 
cylinder nicht durch das Andrücken desObjectgläschens 



— 101 — 

zu isoliren sei. Leider aber ist mir diese mehrmals 
unternommene Operation bis jetzt noch nicht gelun- 
gen , indem ich nur einmal ein dem vorigen ähnliches 
Object erhielt (Fig. 12). 

Schliesslich habe ich wohl das Recht anzunehmen, 
1) dass in die Epithelschicht der Crista acustica ganze 
Nervenfasern mit einer sehr dünnen Schicht von Ner- 
venmark, aber nicht isolirte Axencylinder eintreten, 
und 2), dass die Nervenhülle in die der Fadenzelle 
übergeht, indem der Axencylinder, in den Zellenkern 
übergegangen, sich nach dem Hörfaden begiebt. Die 
Fadenzelle ist also nichts anderes, als eine veränderte 
Nervenzelle. 

Erklärung der Tafel. 

Fig. 1. Eine normale Fadenzelle. 

Fig. 2. Der Hörfaden dieser Zelle hat eine Steckna- 
delform angenommen. 

Fig. 3. Eine Fadenzelle mit dem Nerven. 

Fig. 4. Der Nerv dieser Fadenzelle ist verdickt und 
zeigt in seiner Mitte den Axencylinder, der auch 
bis zum Zellenkern reicht. 

Fig. 5 und 6. Anomale Fadenzellen. 

Fig. 7 und 8. Zwei Fadenzellen, deren Inhalt (Fig. 7 
auch Hülle) entfernt ist. 

Fig. 9. Veränderungsstadien der Hörhaare. 

Fig. 10. Zwei Fadenzellen, deren Hüllen am Grunde 
zerrissen sind und die den Verlauf des Axencylin- 
ders zu dem Kern zeigen. 

Fig. 11. Eine Fadenzelle, in der man auch den wei- 
teren Verlauf des Axencylinders sieht. 



— 102 — 

Fig. 12. Ein Stück der Fadenzelle ohne Inhalt und 
Kern. 

Fig. 13. Eine Reihe der Zwischenzellen und zwei 
Fadenzellen. 

Fig. 14. Zwei Fadenzellen mit drei ihnen anliegen- 
den spindelförmigen Zwischenzellen. Yom Embryo. 

Die Präparate 4, 9, 10, 11, 12, 13 und 14 waren 
mit Osmiumamid bearbeitet. 



(Aus dem Bulletin, T. XIV, p. 73 - 



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4 März 1869. 

lb 

Embryologisches über Gyrodactylus, von Dr. 
Elias Metschnikoff. 

Da die merkwürdige Fortpflanzungsgeschichte von 
Gyrodactylus elegans, trotz der ausgezeichneten Un- 
tersuchungen von v. Siebold und Guido Wage- 
ner, noch nicht vollständig aufgeklärt ist, so stellte 
ich mir die Aufgabe, die Entwicklungsgeschichte 
des genannten Schmarotzers möglichst genau zu un- 
tersuchen. Im Folgenden will ich kurz über die Re- 
sultate meiner Studien berichten, welche besonders 
auf die Entstehung des sogenannten Enkels und Ur- 
enkels gerichtet wurden. 

Das Material lieferten mir die Kiemen von Esox 
Indus und Airamis brama, besonders aber die Brust- 
flossen des letztgenannten Fisches, welche hier in Pe- 
tersburg bisweilen mit einer bedeutenden Menge un- 
seres Schmarotzers behaftet sind. 

Die im Uterus stattfindende Dotterzerklüftung geht 
so unregelmässig vor sich, dass man keineswegs je- 
desmal ein vollkommen übereinstimmendes Bild von 
ihr bekommt. Constant ist nur der Umstand, dass die 
Kerne der Furchungskugel erst nach der ersten Thei- 
lung des Dotters zum Vorschein kommen, was zuerst 
von G. Wagener hervorgehoben worden ist. Neben 



— 104 — 

solchen Stadien habe ich andere beobachtet, wo aus- 
ser zwei grossen mit Kernen und Kernkörperchen 
versehenen Furchungszellen sich noch eine dritte 
ebenfalls gekernte, aber bei weitem kleinere Zelle 
befand. Dann wurden von mir solche Furchungsmo- 
mente gesehen, wo im Uterus zwei ungleich grosse, 
je mit einem Kern und Kernkörperchen versehene 
Zellen und dicht daneben eine Anzahl von etwa sechs 
oder sieben bedeutend kleineren sich befanden. Aus 
solchen Präparaten lässt sich der Schluss ziehen, dass 
bei der Bildung kleiner Embryonalzellen keineswegs 
der ganze Kern einer grossen Furchungszelle gleich- 
zeitig verbraucht wird, wie das nach den Angaben 
von G. Wagener sein soll. Ich habe in den vorge- 
rückten Furchungsstadien auch ziemlich grosse kern- 
lose Furchungskugeln (die sog. Furchungskugelreste 
von G. Wage ne r) beobachtet, denen ich aber kei- 
neswegs die ihnen von Wagen er zugemuthete Rolle 
zuschreiben kann. An einem Exemplar habe ich neben 
einer grossen kernlosen Kugel einen Haufen kleiner 
gekernter Zellen und ausserdem noch zwei bedeutend 
grössere Zellen gesehen, welche im Innern in der Thei- 
lung begriffene Kerne enthielten und offenbar direkt 
aus der Zerklüftung einer Furchungskugel entstanden 
waren. Dieser Fall führt uns zur Annahme, dass die 
Embryonalzellen von Gyrodactylus nicht allein durch 
eine Art Knospenbildung aus den beiden grossen 
Furchungszellen (früheren Furchungskugeln) entste- 
hen, sondern dass sie auch unmittelbar aus ihnen durch 
Zweitheilung ihren Ursprung nehmen können. Nur 
äusserst selten konnte ich in einem Uterus zwei kern- 
lose Kugeln wahrnehmen, was nach G. Wagener als 



— 105 — 

allgemeine Regel gelten soll, obwohl er auch mitunter 
blos eine einzige Kugel beobachtete. 

Zur Zeit wenn die Embryonalzellen den ganzen Ute- 
rus ausfüllen , also nach dem Ablauf des sog. Fur- 
chungsprocesses, habe ich keine kernlosen Kugeln 
wahrgenommen. Nur ein einziges Mal habe ich im 
Innern eines bereits mit Haken versehenen Embryo 
eine kernlose Kugel gesehen, obwohl ich stets den 
gesammten Inhalt der Gebärmutter möglichst sorg- 
fältig untersuchte. Ich halte demnach das lange Ver- 
weilen der sog. Furchungskugelreste für eine Aus- 
nahme, was freilich keineswegs mit den Angaben von 
G. Wagener übereinstimmt. Um unsere auseinander- 
gehenden Ansichten einigermaassen zu erklären, muss 
ich hervorheben , dass der genannte Helmintholog 
überhaupt mehr Aufmerksamkeit der Anatomie als 
der Entwicklungsgeschichte von Gyroäactylus ge- 
schenkt hat, weshalb er denn auch den Inhalt des 
Embryo nicht richtig auffasst. Auf seinen Fig. 14, 15 
(Archiv für Anatomie und Physiologie. 1860. Taf. 
XVII) bildet G. Wagener den ganzen zelligen Inhalt 
des Uterus als aus lauter runden Zellen bestehend ab, 
während die Embryonalzellen, zur Zeit wenn sie den 
ganzen Uterus ausfüllen, stets unregelmässig polygo- 
nal erscheinen. Nur der grösste Theil der Kerne, resp. 
Kernkörperchen behält dabei die ursprüngliche runde 
Gestalt. Auf den Fig. 16 und 17 dagegen finden wir 
blos die dicht neben einander liegenden Zellenkerne 
angegeben, was entschieden irrthümlich ist, weil die 
Embryonalzellen von Gyroäactylus ziemlich reich an 
Protoplasma sind. Nach den Zeichnungen von Wa- 
gener ist es durchaus unmöglich, sich einürtheil über 

Melanges biologiques. VII, 14 



— 106 — 

die Natur seiner Furchungskugelreste zu bilden, weil 
diese Gebilde bei ihm von einer Masse Embryonal- 
zellen bedeckt sind. Der genannte Forscher spricht 
die Vermuthung aus, dass die übrig gebliebenen Fur- 
chungskugelreste als Material zum Aufbau des En- 
kels dienen und hebt dabei hervor, dass «sie sich im- 
mer in der Gegend finden, wo man späterhin den Ute- 
rus des Embryo sich bilden sieht», (loc. cit. p. 786.) 
Wenn wir indessen die Fig. 14 — 17 mit einander 
vergleichen, so überzeugen wir uns davon, dass in 
der Lage der sog. Furchungskugelreste eine solche 
Verschiedenheit existirt, welche nur von der gerin- 
gen Embrypnalmasse gestattet werden kann. Während 
in der Fig. 16 der citirten Abhandlung die beiden 
Kugelreste sich mehr in die untere Hälfte begeben, 
liegen sie in der zunächst folgenden Figur beinahe 
ganz in der oberen Hälfte des Embryo. Übrigens sind 
die Lagerungsverhältnisse der Furchungskugelreste 
insofern von keiner Bedeutung für die Beurtheilung 
der späteren Erscheinungen, als die früheste Anlage 
des sog. Enkels mehr als ein Drittheil der gesamm- 
ten Embryonalmasse ausmacht. 

Gegenüber den Angaben des mehrmals genannten 
verdienstvollen Helminthologen muss ich behaupten, 
dass die erste Anlage des sog. Enkels nicht blos 
gleichzeitig mit der ersten Erscheinung des Haken- 
kranzes auftritt, sondern dass sie in vielen Fällen so- 
gar viel früher deutlich wahrgenommen werden kann. 
Wenn man den frischen Uterusinhalt nach dem Ab- 
lauf des Furch ungsprocesses untersucht, so bemerkt 
man ohne Ausnahme, dass die mittleren Zellen die 
übrigen bedeutend an Grösse überschreiten; wenn 



— 107 — 

man zu einem solchen Präparate einige Tropfen Koch- 
salzlösung zusetzt, so werden die polygonalen Zellen- 
umrisse deutlich, und es tritt im Innern des Embryo 
eine ovale, mehr als ein Drittheil desselben einneh- 
mende Zellenmasse hervor. Die letztere erweist sich 
an späteren Stadien als der sog. Enkel, indem sie sich 
dann mit charakteristischen Haken ausstattet. Die 
Enkelanlage, bald nach ihrer Differenzirung, noch vor 
dem Erscheinen der Chitinhaken, zeigt ebenfalls in 
ihrem Innern einen grossen ovalen Zellenhaufen, wel- 
cher zum sog. Urenkel wird. Auf dieselbe Weise ent- 
stehen auch die folgenden Generationen. Im höchsten 
Falle konnte ich im Ganzen fünf in einander geschach- 
telte Generationen beobachten. 

Indem ich die weitläufigere Auseinandersetzung 
meiner Untersuchungen bis auf eine spätere Publica- 
tion verspare, will ich hier nur noch hervorheben, 
dass in der ganzen Masse der Embryonalzellen sich 
stets eine grosse gekernte Zelle besonders früh von 
den übrigen differenzirt, um später zur Eizelle (welche 
nicht im Eierstock, sondern im Eileiter ihre Lage 
hat) zu werden. 

Das Hauptresultat meiner Beobachtungen besteht 
somit darin, dass die Bildung der Tochter und des 
sog. Enkels aus der gemeinschaftlichen Masse der 
unter sich ganz ähnlichen Embryonalzellen erfolgt, 
welche sich in eine peripherische, zur Tochter wer- 
dende und eine centrale, den sog. Enkel liefernde 
Partie sondern. 

Dieser Entwicklungsmodus erlaubt uns einige Schlüs- 
se über die so paradox erscheinende Fortpflanzung 
von Gyrodactylus elegans zu machen, Obwohl v. Sie- 



— 108 — 

bold eine analoge Erscheinung in der geschlechtslo- 
sen Entwicklung der Trematodenammen und Cercarien 
im Innern von Ammen zu sehen glaubt, so scheinen 
doch die beiden Fälle, obwohl nicht ganz heterogen, 
doch nicht so sehr mit einander verwandt zu sein. 
Die sog. Tochterammen der Trematoden, ebenso wie 
die Cercarien entstehen verhältnissmässig spät, lange 
nachdem die Trematodenlarve (sog. Proscolex) das Ei 
verlassen hat, während bei Gyrodactylus die Anlage 
des sog. Enkels in vielen Fällen noch vor dem Er- 
scheinen der Tochterhaken zum Vorschein kommt. 
Ein noch grösserer Unterschied besteht darin , dass 
die Cercarien (wahrscheinlich auch die sog. Tochter- 
ammen) nicht aus einem ganzen Zellenhaufen hervor- 
gehen, was bei Gyrodactylus für die sog. Enkel und 
weiteren Generationen sicher der Fall ist, sondern aus 
den Derivaten einer einzigen Keimzelle der Amme 
ihren Ursprung nehmen. Diese letztere, von G. Wa- 
gen er zuerst ausgehende Thatsache kann ich selbst 
bestätigen, indem ich beobachtet habe, dass die in 
Venus lebenden Cercarien aus kleinen amöboiden 
Zellen hervorgehen. 

Eine weit grössere Analogie finde ich in den ge- 
schilderten embryonalen Vorgängen von Gyrodactylus 
und der Entwicklung von Monostomum mutabile. 
Bei letztgenanntem Thier, wie wir nach den von 
Leuckart bestätigten Untersuchungen G. Wage- 
ner's wissen (s. Leuckart, Die menschlichen Para- 
siten. I. p. 492), zerfällt die Masse der Embryonal- 
zellen, ebenso wie bei Gyrodactylus, in zwei Partieen, 
von denen die äussere das Flimmerkleid, die innere 
dagegen die Redie liefert. Der Unterschied zwischen 



— 109 — 

beiden Fällen besteht wesentlich darin, dass das (der 
Gyrodactylustochter entsprechende) Flimmerkleid von 
Monostomum sich mehr von der Redie, als der, der 
letzteren entsprechende Gyrodactylusenkel von der 
Tochter unterscheidet. Gegen unsere Meinung kann 
man nicht den Einwand machen, dass das Flimmer- 
kleid von Monostomum kein selbstständiges Indivi- 
duum repräsentirt, während das für die Gyrodacty- 
lustochter nicht zu bezweifeln ist. Das Flimmerkleid 
entbehrt nur des der Redie zukommenden Magens, 
besitzt aber dafür besondere Augen und ein Tastor- 
gan. Die Abwesenheit des Magens kann aber insofern 
als kein Grund gegen die Individualität der Flimmer- 
hülle gelten, als wir denselben bei Sporocysten eben- 
falls vermissen. Wie Leuckart bereits bemerkt hat, 
kann das Flimmerkleid von Monostomum mit der einfa- 
cher gebauten Flimmerhülle von Bothriocephalus latus 
verglichen werden. Da die letztere aber, wie ich in 
einer früheren Mittheilung (s. Mélanges biologiques 
etc. T. VI. 1868. p. 719) hervorhob, der serösen 
Hülle von Bothriocephalus proboscideus entspricht, so 
erhalten wir dadurch eine ganze Suite analoger Ent- 
wicklungserscheinungen, deren unterstes Glied durch 
die embryonale seröse Hülle verschiedener Thiere, 
(Jas oberste Glied durch Gyrodactylusindividuen re- 
präsentirt werden. 

Petersburg, Anfang März 1869. 



(Aus dem Bulletin, T. XIV, p. öl - 65.) 



£Ä 1869. 

1 Juni « 

Einige Worte über die europäisch -asiatischen 
Störarten (Sturipnides), von Johann Friedrich 
Brandt. 

Bereits vor mehrern Jahren erlaubte ich mir der 
Akademie den Anfang einer Monographie der Stör- 
arten Russlands vorzustellen. Der Druck derselben 
unterblieb indessen, weil ich theils das Verhältniss 
der Abtheilung der Störe zu den andern noch leben- 
den, ebenso wie ausgestorbenen, Ganoiden näher aus- 
mitteln wollte, theils weil mir in Bezug auf die Arten, 
welche in den ins Eismeer sich ergiessenden Strömen 
vorkommen, nur unvollständige Materialien zu Gebote 
standen. Den beiden genannten Mängeln wurde spä- 
ter theilweis abgeholfen. Ich hatte sogar das Glück, 
durch meinen Sohn die Störarten des adriatischen 
Meeres zu erhalten, die mich mit Hülfe des Wiener 
Hofnaturalienkabinets, worin ich durch die Güte des 
Hrn. Dr. Steindachner die von Heckel und Fitzin- 
ger für ihre Arbeiten benutzten Originale sehen konn- 
te, in Stand setzten, meine Untersuchungen auch über 
die Störe Europa's auszudehnen. Obgleich nun meine 
Arbeit noch nicht ganz abgeschlossen ist, so halte ich 
es doch nicht für überflüssig, die systematischen 



— n î — ■ 

Hauptergebnisse meiner Untersuchungen in der Kürze 
mitzutheilen. 

Was die Classification der Familie der Sturioniden 
anlangt, so nehme ich nur zwei Gattungen derselben 
an: die Gattung Sturio Linn. und die Gattung Sca- 
phirhynclius Heck. Es scheint mir nämlich weder 
nöthig, noch gerechtfertigt, die so natürliche Gattung 
Sturio in mehrere Gattungen zu zersplittern und durch 
ein solches Verfahren einestheils einander so ver- 
wandte Formen auseinder zu reissen, andererseits die 
bereits mit Tausenden von überflüssigen Gattungs- 
namen belastete Wissenschaft mit neuen Namen zu 
beschweren. Ich werde daher in meiner Arbeit die 
bereits in der Medizinischen Zoologie von mir vorge- 
schlagenen Abtheilungen im Wesentlichen beibehal- 
ten, da sich dieselben in Folge meiner spätem, weit 
umfassendem , Studien als die passendsten bewährt 
haben. 

Die Eintheilung der in den europäischen und rus- 
sisch-asiatischen Gewässern vorkommenden Störarten 
würde demnach folgende sein. 

Grenus Act pén§er Urin* 

Sectio seu Cohors I. Holobostrycltes l ) 

Bartfäden ohne Anhänge. 

A. Husones {seu Subgenus Huso). 

Der Querdurchmesser der Mundöffnung fast die 
ganze Unterseite einnehmend. Der Rüssel der mehr 
oder weniger ausgewachsenen Thiere an den Seiten 



1) Von oXoc ganz und aôoTpu£ (cirrus) Locke. 



— 1 12 — 

stets unbeschildert, nur bei ganz jungen Thieren be- 
schildert. Die Bartfäden stark erweitert. Die Ober- 
lippe ganzrandig. 

Spec. 1 . Acipenser Huso Linn. 

Spec. 2. Acipenser daiiricus Georgi (Ac. orienta- 
lis Pall. Zoogr.) 

B. Sturiones (Subgenus Sturio seu Antacaeus). 

Der Querdurchmesser der Mundöffnung selten % 
des Querdurchmessers der Unterseite der Schnauze 
betragend, meist viel kürzer. Der Rüssel an den Sei- 
ten auch bei den grössten Thieren beschildet. Die 
Oberlippe mehr oder weniger ausgerandet. Die Un- 
terlippe jedersêits unter dem Mundwinkel nur durch 
einen kleinen Lappen vertreten. Der Grundtheil der 
Barteln meist rundlich. Das Schnauzenende der er- 
wachsenen Individuen verkürzt, und verdickt, oben 
gewölbt. 

d) Die nach vorn ausgestreckten Barteln überragen 
die Rüsselspitze. 

1) Acipenser Güldenstaedtii Brät. u.Ratz.— (Mediz. 
Zool. IL p. 13. Taf. IL Fig. 2. Acipenser Stu- 
rio Pali. Zoogr. e. p. — Acipenser Shipa et Gül- 
denstaedtii, Hechel, Fitzing) 

2) Acipenser Baerii Brdt. (Acipenser Shipa jun.? 
Mediz. Zool. IL Tab. L. Fig. 3. S. 20 Anm.) 

b) Die nach vorn ausgestreckten Barteln erreichen nur 
die Rüsselspitze. 

3) Acipenser SchrencHi Brdt. 

4) Acipenser Naccarii Bonap. (Acipenser Heckelii 
Fitzintj. Acipenser Nardoi et Nasus Heck) 



— 113 — 

c) Die nach vorn ausgestreckten Barteln erreichen die 
Rüsselspitze nicht. 
5) Âcipenser Sturio Linn. 

C. Helopes seu Subg. Helops. 

Kennzeichen der Sturiones. Der Rüssel jedoch mehr 
oder weniger stark verlängert und vorn auf der End- 
hälfte abgeplattet. Der Körper schlanker als bei den 
andern Stören. 

Spec. 9. Acipenser stellatus Pall. {Acipenser He- 
lops Pall. Zoogr.) 

Sectio seu Conors H. Cladobostryches 2 ). 

Die Bartfäden mit rundlichen Anhängen. 

D. Shipacei seu Subg. Shipa. 

Die Unterlippe ungetheilt. 

Spec. 10. Acipenser Shipa Güldenst, (non Brät. 
et Ratz. Mediz. Zool. IL Suppl. Taf. L 
Fig. 2. S. 350. Acip. glaber Heck.) 

Spec. 1 1 . Acipenser nudiventris LovetsM. (Mém. 
de not. de Moscou.) 

E. Sterledi seu Subg. Sterledus. 

Die Unterlippe ähnlich wie bei den Sturiones und 
Helopes getheilt. 

Spec. 12. Acipenser ruthenus Linn. (Acip. ruthe- 
nus et Gmelini Heck.) 

Aus dem eben mitgetheilten Conspectus wird man 
ersehen, dass ich nach Maassgabe eines sehr umfas- 



2) Von xXââo; Zweig und aöörpul Locke. 

Mélanges biologiques. VII. 15 



— 114 — 

senden Materiales mit Heckel in Bezug auf die An- 
nahme und Deutung der Störarten nicht überein- 
stimme. Sein Acipenser Nardoi und nasus, ebenso 
der Acipenser Heckelii Fitzinger können nicht als Ar- 
ten gelten , sondern sind alle drei mit dem Acipenser 
Naccarii Bonaparte's zu vereinen, so dass also aus- 
ser Acipenser Sturio und dem sehr seltenen Huso im 
adriatischen Meere nur noch eine Art (Aap. Naccarii) 
sich nachweisen lässt. Sein Acipenser glaber ist der 
echte Acipenser Shipa Güldenstae dt's, sein SJiipa aber 
nur die glattere Varietät des im Betreff seiner Haut- 
bedeckung so variabeln Acipenser Güldenst aedtii. Der 
Acipenser Gmelini Heckel's sind kurzschnauzige Ster- 
läde (Acipenser ruthenus), welche schon die Medizini- 
sche Zoologie erwähnt. 

Die Kenntniss der Störarten, die aus dem schwar- 
zen, und besonders dem caspischen, Meere aufsteigen, 
wird dadurch sehr erschwert, dass die verschieden- 
sten Störarten mit einander sehr häufig Bastarde er- 
zeugen, die von den Fischern mit eigenen Namen be- 
zeichnet werden. Ein solcher vom Hausen (Acipen- 
ser Huso) und dem Ship (Acipenser Shipa) erzeugter 
Bastard ist z. B. die in der Medizinischen Zoologie Bd. 
II. S. 350 als Acipenser Shypa beschriebene; auf Sup- 
plem. Tab. I. a Fig. 2 abgebildete Störform , die also 
als hybrides Product mit dem Namen Huso-Shipa be- 
zeichnet werden könnte. 

Wie sehr man, da die jungen Störe von den alten 
ungemein abweichen, irren kann, wenn man nach jun- 
gen Exemplaren die Arten bestimmen will, beweist 
der Umstand, dass in der Medizinischen Zoologie, wie 
bereits oben angedeutet wurde, der junge Acipenser 



— 115 — 

Baerii IL S. 20, freilich allerdings noch fraglich, als 
junger Acipenser Shypa genommen und Tab. I. Fig. 3 
als Acip. Shypa? abgebildet wurde. 

Die Störarten lassen sich daher nur mit Sicherheit 
feststellen, wenn man sie aus verschiedenen Alters- 
stadien oder im ausgewachsenen Zustande besitzt. 
Nach Jüngern Exemplaren Arten aufzustellen , ist un- 
zulässig, obgleich dies selbst neuerlich geschehen ist. 

Schliesslich mögen nun die Diagnosen der von mir 
aufgestellten Arten folgen, die mehr oder weniger 
alten Exemplaren entlehnt wurden. 

1. Acipenser Baerii Br dt. 

Rostrum diametro basali transversa brevius, antice 
semilunare, supra ante nares in medio convexum, la- 
teribus sensim devexum. Scuta capitis parum radiata 
et granulata. Cirri retrorsum exten si ad fossam ora- 
lem pertingentes. Corium, excepto spatio nudo ante 
opercula conspicuo, squamulis vel scutellulis parvis, 
polymorphis, omnibus admodum sparsis, parum granu- 
lans obsessum. — Color cutis brunneo-nigricans, sub- 
olivascens. 

In flumine Obi et Lena et affluviis eorum majoribus. 

Acipenser e Güldenstädtii, cui satis affinis, ut dicunt, 
magnitudine minor. Vidi* tarnen specimen quinque- 
pedale. 

2. Acipenser Schrenckii Brdt. 

Rostrum conicum, breviter acuminatum, in margi- 
nibus lateralibus nudum, supra planum. Cirri expansi 
ad rostri apicem, non autem ad fossam oralem, pertin- 
gentes, marginibus crenulati. Corium aculeis minimis 
vel parvis simplicibus vel divisis, nee non squamulis 



— 116 — 

singulis, parvis, sparsis, ex parte scutelliforniibus ob- 
sessum. 

Habitat in flumine Amur ej usque affluviis majori- 
bus, ubi a Schrenckio et Baddio est observatus. 

Specimen adultum a Schrenckio relatum Musei Aca- 
demiae 6' 9'' longitudinem offert. 

An merk. Acipenser Oüldenstädtii ab Acipenser e 
Baerii differt: Kostro partis basalis diametro trans- 
versa paulo longiore, antice subtetragono , rotundato, 
angustiore lateribusque magis declivi, scutis capitis 
fortius radiatis et granulatis, cirris extensis ad fossam 
oralem haud pertingentibus, cute ante opercula squa- 
mulis obsessa, scutellis parvis radiatis et granulatis, 
in dorsi parte superiore seriatis sub scutis dorsalibus 
conspicuis. Acipenser Güldenstädtii praeterea in mari 
caspio et nigro fluminibusque majoribus in maria dicta 
intrantibus tantum invenitur, interdum 10 — 12 pe- 
dum longitudinem aequat, et colore coerulescente et 
fuscescente-griseo distinguitur. 



(Aus dem Bulletin, T, XIV, pag. 172 - 176.) 



18 Februar i orq 
2 März 

De Dinotheriorum genere Elephantidorum Fa- 
miliae adjungendo, nee non de Elephanti- 
dorum generum craniologia eomparata scrip- 
sit Johannes Priedericus Brandt. (Extrait.) 

Wie bekannt lieferte ich in meinen Symbolis Sire- 
nicis nicht blos eine vergleichende, den Knochenbau 
besonders berücksichtigende, Monographie der See- 
kühe, sondern verglich auch ihren Skeletbau mit dem der 
Pachydermen, Cetaceen und Zeuglodonten, um entweder 
die gegenseitigen Verwandtschaften dieser Gruppen zu 
ermitteln, oder ihre mannigfachen Abweichungen fest- 
zustellen. Da in dieser umfassenden Arbeit diejenigen 
untergegangenen Gattungen, von denen wir mehr 
oder weniger bedeutende Skeletreste kennen, eben- 
falls Berücksichtigung fanden, so musste dort auch die 
in Bezug auf ihre Stellung im System so häufig, selbst 
noch in neuern Zeiten, verkannte, überaus merkwür- 
dige, Gattung Dinotherium besprochen werden. Es 
konnte dies jedoch nur in der Kürze geschehen. Na- 
mentlich benutzte ich hierzu eine Abhandlung, wel- 
che ich der Classe bereits 1862 am 19. December 
unter dem Titel: De Dinotheriorum genere Elephanti- 
dorum famüiae adjungendo vorlegte, jedoch später 
zurücknahm, um sie dermassen zu ergänzen, dass sie 

Mélanges biologiques. VII. 15 



— 118 — 

nicht nur eine Monographie der fraglichen Thiergat- 
tung, sondern auch zwei Anhänge enthält. Die so um- 
gestaltete Arbeit erlaube ich mir nun der Classe zum 
Abdruck in den Memoiren ergebenst vorzustellen. 
Sie erhielt, wegen der zahlreichen Ergänzungen, auch 
einen Zusatz zum Titel, namentlich durch die Worte: 
nee non de Elephantidorum generum craniologia com- 
parata. 

Man findet darin eine Geschichte der verschiede- 
nen Ansichten über die Gestalt, die Verwandtschaften 
und die systematische Stellung der Gattung Dinothe- 
rium, sowie eine genauere Beschreibung seines Schä- 
dels (der als ein im Wesentlichen elephantenähnlicher 
nachgewiesen wird) nebst Bemerkungen über viele mit 
grösserem oder geringerem Grunde dem Dinotherium 
zugeschriebene, andere, ebenfalls elephantenähnliche 
Knochen seines Skelets. Hierauf folgen Mittheilungen 
über die Beziehungen des Schädels der Dinotherien 
zu den nicht zu den Elephantiden gehörigen Pacliy- 
dermen, den Sirénien und Cetaceen, um schliesslich in 
einem besondern Abschnitt aus osteologischen Grün- 
den den Satz auszusprechen: das Dinotherium sei ein 
echtes Glied (Gattung) der Familie der elephantenar- 
tige Thiere gewesen, welches den Mastodonten näher 
als den Elephanten stand, jedoch schon etwas mehr 
als Mastodon und Elephas zu manchen anderen Pachy- 
dermen und, jedoch wenig, zu den Sirénien hinneigte. 
In einem besondern Capitel wird das Dinotherium 
giganteum umfassender als bisher als das riesenhaf- 
teste aller bisher bekannt gewordenen Landthiere 
nachgewiesen, das ihm in der Grösse zunächst ste- 
hende Mammuth nicht ausgenommen. 

Zahlreiche Angaben über die geographische Ver- 
breitung seiner Reste in der miocenen Formation, 



— 119 — 

dann wahrscheinlichere, die früher aufgestellten An- 
sichten widerlegende, Vermuthungen im Betreff seiner, 
der der Elephanten ähnlichen, Lebensweise bilden die 
Gegenstände zweier anderen Capitel. Endlich wird in 
einem elften Capitel erörtert, dass in Betreff der bis- 
her aufgestellten Arten der Gattung Dinotherium, aus 
Mangel genügender Materialien, noch bedeutende Un- 
sicherheit herrsche. 

Ein erster Appendix enthält die wesentlichen era- 
niologischen Kennzeichen der Familie der Elephanti- 
den, so wie der sie bildenden Gattungen (Elephas, 
Mastodon und Linotherium). In einem zweiten wird 
endlich über die Classification der eben genannten 
Gattungen der Elephantiden gesprochen und gezeigt, 
dass man sie nach Belieben auf vierfache Weise grup- 
piren könne, jedoch wäre es natürlicher, sie nicht zu 
theilen, weil sie eine kleine, fortlaufendende, Entwicke- 
lungsreihe bilden, die von Elephas beginnend durch 
Mastodon zu Dinotheriiim hinüberführt und durch letzt- 
genannte Gattung zu den andern Pachydermen (Paläo- 
therien, Lophiodonten etc.), jedoch bis jetzt ohne nä- 
hern Anschluss, hinneigt. Man darf also für jetzt noch 
annehmen, dass die Elephantiden unter den Pachy- 
dermen eine isolirte, besondere Gruppe (Familie) dar- 
stellen. 

Da man früher das Dinotherium in idealen Figuren, 
namentlich auf Grundlage der Titelvignette des den 
Dinotherimn-SchMel erläuternden Kaup 'sehen Atlas- 
ses, als von den andern Elephantiden abweichendes 
"Wasserthier darstellte, so erlaubte ich mir eine neue 
den vorstellenden Nachweisen entsprechende Figur 
vom Herrn Pape entwerfen zu lassen, um dieselbe 
auf xylographischem Wege mittheilen zu können, 



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MÉLANGES BIOLOGIQUES 



TIRÉS Dû 



BULLETIN 



DE 



L'ACADÉMIE IMPEEIALE DES SCIENCES 



ST. ■ PETERSBOURG. 



Tome VII. 

Livraison 2. 



St.- PETERSBOURG, 1870. 

Commissionnaires de l'Académie Impériale des sciences: 

à St.-Pétershourg à Riga à Leipzig 

MM. Eggers & C°, H Schmitz- 

dorff, J. Issakof et A. Tcher- M. N. Kymmel. M. Leopold Voss. 

kessof, 

Prix: 60 Cop. arg. = 20 Ngr. 



Imprimé par ordre de l'Académie Impériale des sciences. 
Juin 1870. C. Vessel of ski, Secrétaire perpétuel. 



Imprimerie de l'Académie Impériale des sciences. 
(Vass.-Ostr., 9 e ligne, Jtë 12.) 



CONTENU. 

Pages. 

El. Borscow. Zur Frage über die Ausscheidung des feinen 

Ammoniaks bei Pilzen 121—151 

Dr. Ko och. Neue Beiträge zur Embryologie des Bothrio- 
cephalus latus als Beweis einer directen Metamorphose 
des geschlechtsreifen Individuums aus seinem bewim- 
perten Embryo. Zugleich ein Beitrag zur Therapie 
der Helminthiasis s 152—170 

A. Rovvalewsky, Ph. Owsjannikow und N. Wagner. Die Ent- 
wicklungsgeschichte der Störe. Vorläufige Mitthei- 
lung 171—183 

Ph. Owsjannikow, Die Entwicklungsgeschichte der Fluss- 
neunaugen (Petromyzon fluviatüis) . , 184—189 

El. Metscbnikow. Bemerkungen über Echinoderes 190—194 

J. F. Brandt. Über das Haarkleid des ausgestorbenen nor- 
dischen (büschelhaarigen) Nashorns (Rhinoceros ticho- 
rhinus) . . , 195—198 

Ergänzungen und Berichtigungen zur Naturgeschich- 
te der Familie der Aleiden 199—268 



~ November 1868. 

24 

Zur Frage über die Ausscheidung des freien 
Ammoniak's bei den Pilzen. Von EL Bor s cow. 

Wenn man einen mit reiner, concentrirter Chlor- 
wasserstoffsäure (Sp. Gew. 1,12) befeuchteten Glasstab 
einem beliebigen Theile eines vollkommen frischen Hut- 
pilzes nähert, so entstehen in der Regel sofort zwi- 
schen dem Glasstabe und dem betreffenden Theile des 
Pilzkörpers deutlich bemerkbare weissliche Nebel. 
Die Erscheinung ist eine unter den Hutpilzen sehr ver- 
breitete und bei den meisten von ihnen wird dieselbe 
mehr oder minder deutlich wahrgenommen. Nichts 
desto weniger existirt, meines Wissens, über das Auf- 
treten solcher weissen Nebel nur eine einzige Angabe 
und diese ist von Prof. Sachs. Auf S. 275 seiner 
«Experimentalphysiologie der Pflanzen», Anmerk. 3, 
drückt er sich folgendermaassen aus: «Die von Hum- 
boldt zuerst angegebene Aushauchung von Wasserstoff- 
gas bei den Pilzen ist gewiss noch zweifelhaft. Dagegen 
scheinen selbst ganz frische, in lebhaftem Wachsthum 
begriffene Hutpilze beständig und allgemein Ammo- 
niak auszuhauchen. Herr Dr. Jul. Lehmann zeigte 
mir vor mehreren Jahren, dass, wenn man einen mit 
Salzsäure befeuchteten Stab über frische , ganze oder 

. Mélanges biologiques. VIL 16 



— 122 — 

zerbrochene Pilze hält, die bekannten Nebel sich 
bilden.» 

Diese Angabe des hochverdienten Würzburger 
Pflanzenphysiologen über die Bildung von Nebeln ist, 
an und für sich, vollkommen richtig. Dagegen dürfte 
seine Behauptung, dass dieser Erscheinung die An- 
wesenheit freien Ammoniakdampfes zu Grunde liegt, 
welcher von der Pilzsubstanz beständig ausgeschieden 
wird, vorläufig als eine nicht ganz gerechtfertigte 
angesehen werden. Es lässt sich die Bildung weiss- 
licher Nebel unter den gegebenen Verhältnissen eben 
so gut auch anders erklären, nämlich durch die be- 
kannte Eigenschaft der concentrirteren Chlorwasser- 
stoffsäure, einen Theil ihres Chlorwasserstoffs (nament- 
lich in feuchter Luft) als Gas in Freiheit zu setzen. 
Da nun die Pilze, wie bekannt, sehr bedeutende Was- 
sermengen fortwährend verdunsten , so sind alle Be- 
dingungen gegeben auch für die Bildung von weissen 
Nebeln letzterer Art. 

Zur Feststellung der interessanten Frage: ob die 
Bildung weisser Nebel über dem Pilzkörper, bei An- 
wesenheit freier Salzsäure, wirklich einer Ausschei- 
dung freien Ammoniaks , oder vielleicht der Anwe- 
senheit von Wasserdunst zuzuschreiben sei, war also 
eine nähere Prüfung auf experimentalem Wege nöthig. 
Eine solche ist von mir während der letzten Sommer- 
ferien vorgenommen worden, und zu meinem grössten 
Vergnügen fand ich die von Prof. Sachs in der eben 
citirten Anmerkung ausgesprochene Behauptung voll- 
kommen bestätigt und zwar durch alle von mir in die- 
ser Richtung angestellten Versuche. Nicht allein Hut- 
pilze, sondern Pilze aus den verschiedensten Ordnungen 



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123 — 



hauchen in der That wägbare Mengen freien Ammo- 
niakgases aus und zvrar sowohl am Tage, als auch 
in der Nacht, bei starker Sonnenbeleuchtung und in 
diffusem Tageslichte. 

In der vorliegenden, kleinen Schrift, welche durch- 
aus nicht als eine die interessante Frage über Ammo- 
niakausscheidung bei den Pilzen, namentlich in quan- 
titativer Hinsicht, erschöpfende Arbeit angesehen wer- 
den darf, erlaube ich mir, sowohl den Gang der Unter- 
suchung, als auch die gewonnenen Resultate darzu- 
legen. 

Die von mir vorgenommene Reihe von Versuchen 
bezweckte drei Fragen zu beantworten: 

1) Ob frische Pilzkörper in der That Ammoniak 
aushauchen und, wenn dies der Fall sein sollte, wie 
gross in einer gegebenen Zeiteinheit die Menge des 
ausgeschiedenen Ammoniaks sei gegenüber der Pilz- 
substanz selbst? 

2) Wie verhalten sich während einer gegebenen 
Zeit die Mengen des ausgeschiedenen Ammoniaks bei 
verschiedenen Pilzformen, und ferner, wie wird diese 
Ausscheidung modificirt beim Eintreten entweder anor- 
maler Verhältnisse in den Geweben des Pilzkörpers, 
z. B. beim Welken, oder auch beim Eintreten norma- 
ler Veränderungen in demselben, z. B. bei energi- 
scher Sporenentwickelung? 

3) Stehen die Mengen des ausgeschiedenen Ammo- 
niaks zu den, in derselben Zeiteinheit, ausgeschiede- 
nen Mengen von Kohlensäure in einer bestimmten Be- 
ziehung oder nicht? 

Zur Beantwortung dieser Fragen musste vor Allem 
nach einer Untersuchungsmethode gesucht werden, 



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— 125 — 

B ist eine tubulirte, inwendig befeuchtete Glasglo- 
cke von der Capacität von 500 — 750 Cub, Cent., 
welche mit ihrem mattgeschliffenen Rande an die eben- 
falls mattgeschliffene Glastafel P, mittelst einer leicht- 
flüssigen Schmiere 2 ), luftdicht aufgekittet ist. Durch 
den breiten, luftdicht in dem Tubulus angepassten 
Kork gehen zwei, unter rechtem Winkel gebogene 
Glasröhren a und b hindurch, welche an ihrem, ausser- 
halb des Recipienten liegenden Ende von kurzen, mit 
starken Quetschhähnen r und r versehenen Caut- 
schuk-Schläuchen eingefasst sind. Zwischen den bei- 
den in den Recipienten hineinragenden unteren En- 
den der Röhren a und b ist ein Thermometer t ange- 
bracht. Die Röhre a steht in Verbindung mit dem 
kleinen Gefässe J5, welches eine vollkommen klare 
Barytlösung enthält und mittelst einer knieförmig 
gebogenen Röhre mit den U-förmigen Röhren K und 
S verbunden ist. Die beiden Röhren K und 8 enthal- 
ten Bimsteinstücke , welche in der ersteren mit con- 
centrirter Kalilauge, in der letzteren mit concentrirter 
Schwefelsäure getränkt sind. Das freie Ende der Röhre 
S ist in eine feine Spitze ausgezogen, so dass nur eine 
kleine Öffnung o bleibt. — - Die andere im Korke des 
Recipienten. angepasste Röhre b steht durch den mit 
einem Quetschhahn r versehenen Cautschuk-Schlauch 
und die gebogene Röhre c mit dem langhalsigen Kol- 
ben B f in Verbindung; die Röhre c erreicht nicht den 
Boden des Kolbens, sondern ist etwa V/ 2 Cent, von 
demselben entfernt. Durch den Kork des Kolbens B' 



2) Diese Schmiere ist durch Zusammenschmelzen von reinem, 
weissem Wachs , reinstem Baumöl (Provenceröl) und mehrmals mit 
Wasser ausgekochtem Schweineschmalz dargestellt worden. 



— 126 — 

gehen ausserdem noch zwei Röhren d und e. Der 
ausserhalb des Kolbens befindliche, knieförmig gebo- 
gene Theil der Röhre d ist an seinem unteren Ende 
von einem, mit dem Quetschhahn /" versehenen 
Schlauche eingefasst und steht durch diese Vorrich- 
tung und mittelst der Röhre f in directer Verbindung 
mit dem klare Barytlösung enthaltenden Gefässe B". 
Die Röhre e, welche an ihrem freien Ende ebenfalls 
mit einem Schlauch und einem Quetschhahn versehen 
ist, vermittelt die Verbindung des Kolbens B' mit dem 
reine Salzsäure enthaltenden Will-Varrentrapp'- 
schen Apparat W. Dieser letztere steht endlich durch 
den Schlauch p im Zusammenhange mit einem aus 
den beiden Flaschen A und  (von je 1200 Cub. 
Cent. Inhalt) bestehenden Aspirator. 

Bei den Versuchen, deren Ausführung im Freien, 
in einem Garten, stattfand, wurde der eben bespro- 
chene Apparat folgendermaassen angewendet. Nach 
dem Einbringen des vorher gewogenen Versuchsob- 
jectes in den Recipienten und nach sorgfältigem An- 
kitten des Randes der Glasglocke an die Platte P 
wurde die Röhre b des Recipienten mit der Röhre x 
der Aspiratorflasche A verbunden, die beiden Quetsch- 
hähne r und r geöffnet und der Aspirator durch An- 
saugen an dem Ende der Röhre x in Wirkung gesetzt. 
Dadurch wurde die im Recipienten befindliche Koh- 
lensäure und möglicherweise auch Spuren von Ammo- 
niak enthaltende Luft vertrieben und durch frische 
ersetzt, welche nach dem Durchgehen durch die bei- 
den Röhren K und S und durch die starke Barytlö- 
sung enthaltende Flasche B von diesen beiden Gasen 
vollkommen befreit war. Darauf wurden die Hähne r 



— 127 — 

und r wieder geschlossen, der Aspirator entfernt und 
der Recipient mit dem Versuchsobjecte ruhig stehen 
gelassen. Bei jedem Versuche wurden auf diese Weise, 
je nach der Capacität des angewendeten Recipienten, 
1000 bis 1500 Cub. -Cent, kohlensaurer und ammo- 
niakfreier Luft durchgelassen, so dass man sicher 
sein konnte, dass von der ursprünglichen Atmosphäre 
des Recipienten keine Spur mehr nachgeblieben war. 
Nach Verlauf einer gewissen Zeit, welche bei ver- 
schiedenen Versuchen verschieden war, in keinem 
aber 24 Stunden überschritt, ging man zur Über- 
führung der im Recipienten gebildeten Mengen von 
Kohlensäure und Ammoniak in die Absorptionsgefässe 
B' und W über, und dieses wurde folgendermaassen 
ausgeführt. Zuvörderst wurde an dem Schlauch der 
R$hre h das vorläufig noch leere Kölbchen B' (in 
Veibindung mit dem Barytwasser enthaltenden Ge- 
fässe B") angebracht, wobei die Hähne r (der Röhre 
b) undr'" (der Röhre d) geschlossen blieben, der Hahn 
r" aber geöffnet und der ihm angehörige Schlauch mit 
dem Aspiiator verbunden wurde. Durch die Wirkung 
des Aspirators wurde nun der grösste Theil der Luft aus 
dem Kölbchen B' entfernt, es bildete sich ein luftver- 
dünnter Raum, worauf, nach dem Öffnen des Hahnes 
r"', das vollkommen klare Barytwasser aus dem 
Gefässe B" in das Kölbchen B' gelangte. 3 ) Nun wur- 
den die Hähne / und r" wieder geschlossen, der 
Schlauch des Röhichens e an den Will-Varren- 
trapp'schen Apparat angesetzt, worauf, nach dem 



3) Die Menge der Barytlösung, die man zufliessen liess, war im- 
mer so berechnet, dass das untere Ende der Röhre c eben die Ober- 
fläche der Flüssigkeit berührte, ticht aber in dieselbe eintauchte. 



— 128 — 

Öffnen der Hähne r" und /, die Luft des Recipienten 
in Verbindung mit dem Aspirator gelangte. Der Hahn 
r blieb" ! dabei geschlossen. Die Wirkung des Aspira- 
tors war in der Weise regulirt, dass in der Regel 
2 — 3 Blasen pro Secunde in die beiden Absorptions- 
apparate eintraten. Nachdem nun ein grosser Theil 
der im Recipienten befindlichen Luft entfernt war, 
wurde auch der Hahn r geöffnet und durch den Re- 
cipienten noch 700 — 1000 Cub. Cent. Luft durch- 
gelassen. Diesen Gang befolgte ich bei allen ange- 
stellten Versuchen. 

Eine kurze Besprechung der weiteren, rein chemi- 
schen Behandlung der in beiden Absorptionsgefässen 
erhaltenen Producte, behufs der Gewichtbestimmung 
der ausgeschiedenen Mengen von C0 2 und von NH 3 , 
halte ich für nicht unzweckmässig. Dadurch wird einf 
gewisse Contrôle über die Resultate der vorliegenden 
Versuche auch den Fachmännern der Chemie an die 
Hand gegeben, welche in der Regel die rein cAemi- 
schen Arbeiten eines Physiologen nicht ohne ein ge- 
wisses Misstrauen ansehen. 

Das Ammoniak ist als Platinsalmiak besfcmmt wor- 
den. 4 ) Die salzsaure Lösung des Will-Va/rentrapp- 
schen Apparates, sammt den Wasch wässern , wurde 
mit reinem Chlorplatin in geringem tfrerschuss ver- 
setzt, auf dem Wasserbade zur Trockne eingedampft, 5 ) 



4) Eine Bestimmung der NH 3 mittelst Schwefelsäure, nach der 
Titrirmethode von Péligot, wäre vielleiclt präciser; da mir aber 
zur Zeit die nöthigen Titrirapparate nicft zu Gebote standen, so 
musste ich auf diese Methode verzichter. 

5) Um die in der Luft des Arbeitslocales etwa vorhandenen 
Spuren von NH 3 zu beseitigen, wurden in der Nähe des Wasser- 
bades zwei Schalen mit Schwefelsäure gestellt. 



— 129 — 

der Rest mit einer Mischung von 2 Theilen absolut. 
Äthers und 1 Theil Alkohols von 9 7°/ aufgenommen 6 ), 
dann die erhaltene Menge des Platinsalmiak's auf 
einem kleinen Filter gesammelt, mit der obigen Mi- 
schung tüchtig gewaschen, zwischen Uhrgläsern bei 
100° Cels. getrocknet und endlich' gewogen. (S. am 
Ende, analytische Belege.) 

Über die Menge der ausgeschiedenen Kohlensäure 
hielt ich für zweckmässig, nicht direct aus der erhal- 
tenen Menge des kohlensauren Baryts zu schliessen, 
sondern ich verwandelte denselben in schwefelsaures 
Salz, und aus der Menge dieses letzteren wurde die 
Menge der C0 2 berechnet. Dabei ist folgender Gang 
eingeschlagen worden. Nachdem der im Kölbchen ent- 
standene Niederschlag von kohlensaurem Baryt, rasch 
und bei möglichst abgehaltener Luft, auf dem Filter 
zuerst mit reinem, warmem Wasser, schliesslich mit 
Wasser, welches etwas Ammoniak und kohlens. Am- 
moniak enthielt, ausgewaschen worden ist, wurde 
derselbe in Chlorbaryum verwandelt, alsdann die Lö- 
sung mit verdünnter Schwefelsäure versetzt 7 ) und der 
entstandene Niederschlag drei bis viermal mit kochen- 
dem Wasser behandelt. Nach längerem Waschen auf 
dem Filter wurde der Niederschlag bei 100° Cels. 
getrocknet, alsdann, gesondert vom Filter, geglüht 
und nach vollständigem Erkalten über Schwefelsäure 
gewogen. (Siehe am Ende, analytische Belege.) 

6) In obiger Mischung ist der Platinsalmiak vollkommen un- 
löslich, 

7) Sowohl beim Auflösen des BaOC0 2 in Salzsäure, als auch beim 
Zusatz von Schwefelsäure ist ein Überschuss der Säuren vermieden 
worden. Wo ein solcher vorhanden war, wurde die freie Säure mit 
kohlensaurem Natron abgestumpft. 

Mélanges biologiques. VII. 1 ' 



— 130 — 

Die Gründe, welche mich bewogen haben, diesen 
Gang einzuschlagen sind folgende: 1) Den im Kölb- 
chen mit Barytlösung entstandenen Niederschlag von 
kohlens. Baryt als solchen direct zu wägen, hielt ich. 
deswegen für unzweckmässig, weil es oft ungemein 
schwierig ist, die letzten, festhaftenden Theilchen des 
Salzes aus dem Kölbchen wegzuschaffen und also ein 
merklicher Verlust zu befürchten wäre; 2) Die salz- 
saure Lösung des erhaltenen Niederschlages fällte ich 
als schwefelsaures und nicht als kohlensaures Salz aus 
dem Grunde, weil a) die Fällung mit Ammoniak und 
kohlensaurem Ammoniak nur unter gewissen Umstän- 
den eine vollständige ist, namentlich bei Abwesenheit 
eines gewissen Überschusses freier Ammonsalze in der 
Lösung und ferner, wenn man mit grösseren Quanti- 
täten der ursprünglichen kohlensauren Verbindung zu 
thun hat; da ich aber auch auf kleinere Mengen Koh- 
lensäure rechnen musste, so schien mir diese Methode 
für die Richtigkeit der Resultate nicht besonders gün- 
stig zu sein; b) weil ich mich durch eine Vorprüfung 
überzeugt habe, dass das zur Anfertigung der Absorp- 
tionslösung gebrauchte, krystallisirte Barythydrat nicht 
völlig eisenfrei war und ich folglich, bei Anwendung 
der zweiten Methode, auch kleine Mengen von Eisen- 
oxydhydrat im Niederschlage bekommen hätte. Alle 
diese Unbequemlichkeiten glaube ich durch den von 
mir eingeschlagenen Weg beseitigt zu haben. 

Die Versuche (im Ganzen 1 2) sind mit vollkommen 
frischen Fruchtkörpern von drei basidiosporen Hy- 
menomyceten, namentlich: Lactarius vellereus, Lada- 
rius vellerens ß: exsuccus und Boletus luridus, ferner 
mit dem Sclerotium von Claviceps purpurea und end- 



— 131 — 

lieh mit einer Ustilagiuoe — der Ustilago Maydis (Te- 
leutosporenform) — angestellt worden. 

Vor dem Eintragen in den inwendig befeuchteten 
Reeipienten wurden die an den Versuchsobjekten 
haftenden Theilclien .des Substrates, oder sonstige 
organische Reste (z. B. die an Hüten der Ladarien 
immer anhaftenden, modernden Blätter) sorgfältigst 
entfernt und darauf die Versuchsobjecte gewogen. 
Selbstverständlich konnte das Erster e an der Ustilago 
Maydis nicht ausgeführt werden; es wurde also gera- 
dezu eine vom parasitischen Pilze stark befallene Par- 
tie des Gewebes der Mutterpflanze gewogen und un- 
ter die Glocke gebracht 8 ). 

Mit jeder der genannten Pilzformen (ausgenommen 
Ladarms vellereus und Boletus luridus) wurden drei 
Versuche ausgeführt, welche insgesammt 48 Stunden 
dauerten. Zuvörderst sind die Versuchsobjecte für 
24 Stunden in den Reeipienten eingetragen worden, 
Die von ihnen, während dieser Zeit, gebildeten Men- 
gen von Ammoniak und Kohlensäure wurden als nor- 
male Ausscheidungen angesehen, da in der That so- 
gar sämmtliche angewendete Hutpilze, während dieser 
Zeitperiode, weder eine Verminderung der ihnen zu- 



8) Da Ustilago Maydis nur sammt dem (obschon spärlich ver- 
tretenem) Gewebe der Mutterpflanze in den Reeipienten einge- 
tragen werden konnte, so ist offenbar die gebildete Kohlensäure in 
allen mit dieser Pilzform angestellten Versuchen das Product zweier 
ganz heterogener Quellen, einmal des Pilzes selbst und dann des 
nicht grün gefärbten Gewebes der Mutterpflanze. Ich kann nicht 
genug bedauern versäumt zu haben, einen Controlversuch über die 
Mengen des von diesem Gewebe in gesundem (parasitenfreiem) Zu- 
stande ausgeschiedenen C0 2 anzustellen. Denn nur auf diese Weise 
kann die wirkliche Menge der vom Pilze gebildeten Kohlensäure 
richtig angeschlagen werden. 



— 132 — 

kommenden Gewebespannung, noch andere Erschei- 
nungen zeigten, welche als Zeichen beginnender Zer- 
setzung angesehen werden könnten. Sowohl die bei- 
den Ladarii, als auch der Boletus luridus erhielten 
sich in den ersten 24 Stunden wie frisch. — Nach 
dem ersten Versuche wurden mit denselben Versuchs- 
objekten, während der nachfolgenden 24 Stunden, noch 
zwei Versuche angestellt und zwar einer während der 
Tagesstunden, der andere aber während der Nacht- 
stunden. Die Dauer der einzelnen Versuche war zwi- 
schen S l / 2 und 13 Stunden. Bei sonnigen Tagen war 
der Recipient nie der Wirkung directer Sonnenstrah- 
len ausgesetzt; man bedeckte ihn in solchen Fällen 
mit einer Papiertute. Nun zeigte sich ein nicht un- 
bedeutender Unterschied in den Mengen des ausge- 
schiedenen Ammoniaks, ein Unterschied, welcher auf 
das Eintreten gewisser Veränderungen im Pilzkörper 
hindeutete. Der äussere Ausdruck dieser Verände- 
rungen bestand in einer deutlich bemerkbaren Ver- 
minderung der Gewebespannung bei den Hutpilzen 
und einer Auflockerung des Gewebes bei dem Sclero- 
tium von Claviceps. Fäulnisserscheinungen sind in 
keinem Falle eingetreten. Die mikroskopische Unter- 
suchung zeigte bei den Hutpilzen nur eine geringe 
Contraction der Plasmasubstanz der Hyphenzellen, aber 
durchaus keine Missfärbung derselben, oder gar eine 
Zerstörung der Hyphenmembran; letztere verlor ihre 
normale Spannung, zeigte aber sonst nichts Abnormes. 
Bei dem Sclerotium von Claviceps blieb sogar die 
Vertheilung des Plasmas und des Oeles in den Hyphen- 
zellen unverändert. 



— 133 — 













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— 136 — 

Bei dem Sclerotium von Claviceps^ dessen absolu- 
tes Gewicht l 3 /,„ 2% 4% und 4 1 / 2 Mal kleiner ist als 
das der übrigen Versuchsobjecte: IV, X, I und II, ist 
also die Menge des erhaltenen Ammoniaks, nach den 
ersten 24 Stunden, nur 2, l 1 / 2 und 1% Mal kleiner als 
bei den Versuchsobjecten: IV, I und II, wogegen sie 
der vom Versuchsobjecte X (Lactar. vellereits ß) er- 
haltenen Ammoniakmenge gleich ist, trotzdem dass 
das Gewicht des letzteren mehr als 2 3 / 4 Mal das Ge- 
wicht vom Sclerotium übertrifft. 

Diese Zahlen geben uns noch nicht die nöthigen 
Werthe zur anschaulichen Vergleichung der von ver- 
schiedenen Pilzfonnen während einer und derselben 
Zeit ausgeschiedenen NH 3 -Mengen. Sie zeigen eigent- 
lich nur, dass die Menge des ausgehauchten Ammo- 
niaks bei diesen verschiedenen Formen verschieden 
ist und in keiner Proportionalität zu dem Gewichte 
der Substanz steht. Das wahre Verhältniss zwischen 
den ausgeschiedenen NH 3 - Mengen für sämmtliche 
Versuchsobjecte erhalten wir dann, wenn wir ei- 
nerseits die Gewieine der Substanz einzelner Ver- 
suchsobjecte und andererseits die entsprechenden, 
auf 100 Substanz berechneten Mengen von Ammo- 
niak (S. Columne VI der Tabelle) auf gewisse Ein- 
heiten bezogen mit einander vergleichen. 

Nehmen wir als Einheit für Substanzgewicht das 
Gewicht vom Sclerotium der Claviceps und als Einheit 
für die ausgeschiedenen Ammoniakmengen — dieje- 
nige von Lactarius vellereus (9,2 Milligr. pro 100 Gr. 
Substanz), so erhalten wir zur Vergleichung folgende 
Zahlen: 



— 137 — 

Versuche : VII IV X I II 

Verhältniss der 

Gewichte: 1 — 1,72 — 2,77 — 4,27 — 4,58 
(Sclerotium = 1) 
Verhältn.d. von 
100 Th. Subst. 
ausgeschiedenen 

Mengen v. NH 3 : 2,92 — 3,36 — 1,04— 1 —1,07 
(Lactar. vellereus — 1) 

Somit übertrifft bei dem Sclerotium von Claviceps 
die Menge des ausgeschiedenen Ammoniaks in 24 Stun- 
den beinahe drei Mal diejenige bei Lactarius vellereus, 
dessen Substanzgewicht 4% Mal grösser ist. Bei Usti- 
lago Maydis, bei der auch die direct erhaltene Menge 
des Ammoniaks die grösste ist, beträgt dieselbe das 
3%fache derjenigen vom Lactarius vellereus, während 
das Substanzgewicht der Ustilago nahezu 2% Mal klei- 
ner ist 9 ). Bei Lactarius vellereus ß: exsuccus ist die 
Menge des ausgeschiedenen Ammoniaks nur um 0,4 
grösser als bei Lactarius vellereus, obschon die Sub- 
stanzgewichte beider um das Anderthalbfache dif- 
feriren. Endlich bei Boletus luridus ist die Ammo- 
niakausscheidung um 0,7 stärker als bei Lactarius 
vellereus, zugleich aber verhalten sich auch die ab- 
soluten Substanzgewichte beider wie 1,09: 1. Dieses 
ist übrigens der einzige Fall, wo die Menge des aus- 



9) Eigentlich muss das Gewicht der Pilzsubstanz selbst von Us- 
tilago geringer angeschlagen werden, als in der Tabelle angegeben 
worden ist (9,5 Grm.); der Parasite ist sammt seinem Substrate in 
den Recipienten eingetragen worden, und die Substanz des letzteren 
betrug am Anfange des Versuchs wenigstens l / 4 der Substanz des 
Pilzes. 

Mélangea biologiques. VU. 1° 



— 138 — 

geschiedenen Ammoniaks in einer, wenn auch nicht 
strengen Beziehung zum Substanzgewicht steht. 

Da Temperatur und Licht bei sämmtlichen Versu- 
chen nur geringe Schwankungen zeigten (Vgl. Colum. 
III, IV und IX der Tabelle), so können auf Grund die- 
ser Betrachtungen folgende allgemeinere Sätze aufge- 
stellt werden-* 

1) Die Mengen des in 24 Stunden ausgehauchten 
Ammoniaks sind, ceteris paribus, bei verschiedenen 
Pilzformen verschieden. 

2) Die Differenz der Ammoniakmengen, welche in- 
nerhalb 24 Stunden von verschiedenen Pilzformen 
ausgeschieden werden, steht in keinem directen Ver- 
hältniss zur Differenz ihrer Substanzgewichte. 

3) Bei Ustüago und dem Sclerotium von Claviceps 
ist die ausgehauchte Ammoniakmenge am bedeutend- 
sten; die Hutpilze stehen diesen beiden sehr nach, und 
die von ihnen ausgeschiedenen Mengen differiren un- 
ter einander verhältnissmässig nur wenig. 

4) Die Mengen des von frischen Pilzen ausgeschie- 
denen Ammoniaks sind überhaupt unabhängig von der 
Masse der Pilzsubstanz; die Energie dieser Ausschei- 
dung muss also durch andere Ursachen bedingt sein, 
Ursachen, welche in der Verschiedenheit chemischer 
Vorgänge in den Elementarorganen der Pilzkörper 
zu suchen sind. 

Fragen wir nun jetzt, ob und in welcher Weise die 
Energie der Ammoniaksecretion modificirt wird beim 
Eintreten anormaler Zustände in den Elementarorganen 
des Pilzkörpers, welche etwa durch die Versuchsdauer 
selbst hervorgerufen werden, so geben uns die Re- 
sultate der mit denselben Objecten in den nachfol- 



— 139 — 

genden 24 Stunden angestellten Versuchsreihe, wenn 
nicht eine vollkommen befriedigende Antwort, wenig- 
stens einige Andeutungen. 

Wie die Versuche III, VIII, IX, XI und XII zei- 
gen, bemerkt man nach dem Eintreten solcher Zu- 
stände eine bedeutende Steigerung der Ammoniak- 
secretion. So hauchte Boletus lurichis (Vers. III), des- 
sen Gewebe schon im Welken begriffen war, während 
9 j / 2 Tagesstunden und bei Sonnenlicht etwas über die 
Hälfte derjenigen Ammoniakmenge aus, welche inner- 
halb der ersten 24 Stunden ausgeschieden wurde. Lacta- 
rius vrtlereus ß: exsuccus (Vers. XI und XII), im näm- 
lichen Zustande, schied während 12 Nachtstunden 
über das Anderthalbfache der in den ersten 24 Stun- 
den ausgeschiedenen Ammoniakmenge aus und während 
der nachfolgenden 10 Tagesstunden, bei Sonnenlicht, 
— beinahe das Doppelte. — Eine ganz ausserordent- 
liche Steigerung der Ammoniaksecretion ist aber bei 
dem Sclerotium von Claviceps (Vers. VIII und IX) 
beobachtet worden, welches, ohne besonders augen- 
fällige Veränderungen zu zeigen (namentlich bei dem 
Vers. VIII), innerhalb nur 8 Tagesstunden mehr als 
das Doppelte der in den ersten 24 Stunden ausge- 
schiedenen Menge von Ammoniak, namentlich 56,5 
Milligram, pro 100 Grm. Substanz secernirte. Diese 
enorme Steigerung ist um so mehr bemerkenswert!}, 
als weder eine bedeutende Schwankung der Tempe- 
ratur, noch eine Änderung in der Beleuchtung statt- 
gefunden hat. In den darauffolgenden 13% Nacht- 
stunden (Vers. IX) war die Ammoniaksecretion etwas 
schwächer als während der Tagesstunden, wie es aus 
dem Vergleiche der Zeitdauer beider Versuche VIII 



— 140 — 

und IX ersichtlich ist; dennoch betrug die Menge des 
ausgeschiedenen Ammoniaks beinahe das Doppelte 
derjenigen Menge, welche in den ersten 24 Stunden 
ausgehaucht wurde 10 ). 

Bei Ustilago Maydis (Vers. V und VI), welche nach 
den ersten 24 Stunden abermals für 24 Stunden in 
den Recipienten ' eingetragen wurde, ist auch eine 
Steigerung der Ammoniaksecretion beobachtet worden, 
obschon nicht in dem Grade, wie bei den übrigen. 
Während der ersten 9 1 / 2 Stunden wurden, bei Sonnen- 
licht, 0,2 Milligr.,in den nächstfolgenden 1 3V 2 Nacht- 
stunden — 2,8 Milligr. (pro 100 Gr. Subst.) — mehr 
ausgeschieden, als in den ersten 24 Stunden. Da wäh- 
rend der beiden Versuche V und VI der Parasite 
keine Spur irgend einer Beschädigung zeigte, im Ge- 
gentheil in der besten Weise fortvegetirte und mas- 
senhaft Sporen bildete, so glaube ich aus diesem Um- 
stände und ferner aus der allmählichen, mehr regelmäs- 
sigen Zunahme der Ammoniaksecretion mit Wahr- 
scheinlichkeit schliessen zu dürfen, dass bei Ustilago 
diese Steigerung der Ammoniakausscheidung durch 
ganz andere Verhältnisse veranlasst wird, als z. B. bei 
Boletus und Lactarius vellereus ß, — namentlich durch 
eine Weiterentwickelung des Pilzes. In der That ging 
die Energie der Sporenbildung Hand in Hand mit 

10) Es bleibt noch unentschieden, ob diese enorme Steigerung 
der NH 3 - Secretion bei dem Sclerotium von Claviceps wirklich das 
Beginnen von Zersetzungsprocessen ankündigt, oder vielmehr im 
Zusammenhange mit eintretender Weiterentwickelung des Sclero- 
tium's steht. Eine Veränderung in den Elementarorganen ist, wie 
gesagt, nicht nachgewiesen worden, und das Einzige, was einiger- 
massen auf das Eintreten abnormer Verhältnisse hindeuten könnte, 
ist das Weichwerden der Sclerotien und das Auftreten zarter, weiss- 
licher Hyphen an der Oberfläche desselben. 



— 141 — 

der Zunahme der Mengen des ausgehauchten Ammo- 
niaks. Es sei übrigens weiteren Versuchen vorbe- 
halten, diesen wichtigen Punkt näher zu erörtern. 

Betrachten wir nun die Kohlensäureausscheidung 
bei sämmtlichen Versuchsobjecteu in den ersten 24 
Stunden. 

Was zuvörderst die Mengen der von verschiedenen 
Pilzformen ausgeschiedenen Kohlensäure an und für 
sich anbelangt, so zeigt sich hier ein ziemlich interes- 
santes Verhalten. Einerseits differiren die Mengen der 
von sehr heterogenen Pilzformen, dazu noch in sehr 
verschiedenen Entwickelungsstadien ausgehauchten 
C0 2 (auf 100 Subst. berechnet) nur sehr wenig von 
einander, wie es aus dem Vergleich der Versuche I, 
II, IV, 11 ), ferner VII und X deutlich hervorgeht. An- 
drerseits dagegen zeigen nahe verwandte Pilzformeu 
einen bedeutenden Unterschied in der, während einer 
und derselben Zeit, nahezu unter gleichen Bedingun- 
gen, ausgeschiedenen Kohlensäuremenge. So Lactu- 
rius velleretis und Lactaritis velleretis ß: excuccus. 100 
Gramm Substanz des letzteren haben in den ersten 
24 Stunden über 7 3 weniger Kohlensäure ausgeschie- 
den, als 100 Grm. des ersteren. Dagegen sind die 
Mengen der, während derselben Zeit, von 100 Grm. 
Substanz ausgehauchten Kohlensäure bei Lactarius 
velleretis ß. exsuccus und dem Sclerotium von Clavi- 
ceps einander gleich. Da nun bei sämmtlichen Ver- 



11) Bei dein Versuche IV (Ustilago) ist die angegebene, als von 
der Pilzsubstanz selbst ausgeschiedene Kohlensäuremenge etwas zu 
hoch. Wie schon erwähnt worden, stammt gewiss ein Theil der- 
selben von dem farblosen, vom Parasiten befallenen Gewebe der 
Mutterpflanze, welches etwa auf % des Gesammtgewichtes des Ob- 
jectes angeschlagen werden dürfte. 



— 142 — 

suchen die äusseren Bedingungen (namentlich Tem- 
peratur) verhältnissmässig nur geringe Schwankun- 
gen zeigten, so ist einerseits dieser Unterschied in 
der Energie der Kohlcnsäuresecretion bei sonst, ihrer 
Struetur nach, sehr nahe stehenden Formen, dagegen 
andrerseits eine vollkommene Übereinstimmung, in 
dieser Hinsicht, bei sehr heterogenen Formen — nur 
aus der Verschiedenheit der chemisch-physikalischen 
Umsetzungen im Inneren der Elementarorgane des 
Pilzkörpers erklärlich. In dieser Hinsicht besitzen 
also morphologisch verwandte Formen eine gewisse 
Individualität und können bedeutende Verschieden- 
heiten zeigen, während , umgekehrt morphologisch 
weit von einander abstehende Formen, was die Koli- 
lensäureabscheidung anbelangt, ceteris paribus, nur 
sehr wenig von einander differiren. 

Hinsichtlich des Verhaltens der, innerhalb einer 
gewissen Zeit (als Norm nehmen wir die ersten 24 
Stunden) ausgeschiedenen Mengen von Kohlensäure 
zu denen von Ammoniak ist zu bemerken, dass 1., 
beide Secretionen vollkommen von einander unab- 
hängige Processe zu sein scheinen und 2., dass die 
Menge der ausgehauchten Kohlensäure constant die- 
jenige des ausgeschiedenen Ammoniaks um das Mehr- 
fache übertrifft. Eine Steigerung der Ammoniaksecre- 
tion bei einer gewissen Pilzform bedingt aber nicht 
notwendigerweise auch eine Steigerung der Kohlen- 
säureausscheidung bei derselben. Zuweilen wird bei 
einer und derselben Pilzform eher eine Verminderung 
der Kohlensäuresecretion beobachtet (Vrgl. Vers. XI 
und XII), während die Menge des Ammoniaks zunimmt. 

Betrachten wir neben einander diejenigen Zahlen 



— 143 — 

der Columnen VI und VIII, welche den 24-stündigen 
Versuchen entsprechen und welche die auf 100 Sub- 
stanz berechneten, von verschiedenen Pilzformen aus- 
geschiedenen Mengen C0 2 und NH 3 ausdrücken, so 
haben wir zur Vergleichung folgende Zahlenreihen: 

Versuche I — II — IV — VII - X 

AllSgeSChied. C0 2 in Grammen. 

24 Stunden 1,58. 1,50. 1,57. 0,91. 0,9. 
(AuflOOSubst.ber.) 

Ausgeschied. NH 3 in Milligrammen. 

24 Stunden 9,2. 10. 31,1. 26,9. 9,5. 
(AuflOOSubst.ber.) 

Die Zahlen, die die ausgehauchten 00 2 Mengen 
ausdrücken, differiren in den Versuchen I, II und IV 
und ferner in den Versuchen VII und X (wo über- 
haupt die erhaltene Menge der C0 2 geringer war) nur 
sehr wenig von einander. Dagegen fallen die NH 3 - 
Mengen sehr verschieden aus. 

Berechnen wir nun, auf Grund dieser Zahlen, wie 
gross bei verschiedenen untersuchten Pilzformen 
die Zahl der Gewichtseinheiten (Milligrammen) aus- 
geschiedener Kohlensäure auf je eine Gewichtseinheit 
ausgeschiedenen Ammoniaks ist, so finden wir, dass: 

100 Grm. frischer Pilzsubstanz 

bei Lactarius vellereus (I) 171,7 

bei Boletus luridus (II) 150 

bei Ustilago Maydis (IV) 50,8 

bei d. Sclerotium von Claviceps (VII) 33,8 
bei Lactarius vellereus ß. exsuccus . . 94,7 Ge- 
wichtseinheiten C0 2 auf je eine Gewichtseinheit NH 3 
ausgeschieden haben. 



— 144 — 

Dieses Verhalten beider Secretionen zu einander 
scheint kaum eine andere Deutung zuzulassen, als 
dass beide Resultate zweier, zwar gleichzeitig statt- 
findender, aber vollkommen von einander unabhän- 
giger, höchst wahrscheinlich ganz verschiedener Pro- 
cesse im Inneren der Elementarorgane des Pilzkör- 
pers sind. Die Kohlensäureabscheidung ist zwar di- 
recte Folge der energischen Sauerstoffaufnahme, wel- 
che bei Pilzen beständig stattfindet, und das Material 
zur Kohlensäurebildung sind z. Th. die im Pilzkörper 
aufgespeicherten, stickstofffreien Stoffe, zum Theil auch 
die Pilzsubstanz selbst. Welcher Natur aber dieje- 
nigen Stoffe sind, die als Quellen des ausgeschiedenen 
Ammoniaks angesehen werden können, und welche 
Metamorphosen dieselben im Inneren der Elementar- 
organe erleiden — darüber ist nichts Näheres zu sa- 
gen. Es wäre vielleicht nicht unmöglich, dass gegen- 
über der Kohlensäureausscheidung die Ammoniak- 
secretion als Resultat eines Reductionsvorganges, z. 
B. salpetersaurer Verbindungen, im Inneren der Zel- 
len auftritt. Einestheils sind salpetersaure Salze in 
dem für die Pilze als Nahrung dienenden Substrat 
beinahe immer vorhanden, anderntheils aber stösst 
der Gedanke über die Möglichkeit einer Reduction 
derselben durchaus auf keine Schwierigkeiten, da 
üherhaupt die Salpetersäure sich zu Ammoniak leicht 
reduciren lässt. 

Beim Eintreten anormaler Verhältnisse im Pilzkör- 
per, z. B. beim Welken, ist, soweit es aus den einzeln 
dastehenden Versuchen XI und XII mit Lactarius 
vellereus ß. exsuccus zu schliessen erlaubt ist — eine 
Verminderung der Kohlensäureausscheidung bemerk - 



— 145 — 

bar. Diese Verminderung war in den genannten Ver- 
suchen eine sehr bedeutende, namentlich in den er- 
sten 12 Nachtstunden (Vers. XI) beinahe um das 
Doppelte von derjenigen Menge, welche in den er- 
sten 24 Stunden ausgeschieden wurde. In den nächst- 
folgenden 10 Tagesstunden, bei Sonnenlicht (Vers. 
XII), nahm die Menge der ausgeschiedenen C0 2 et- 
was zu, überschritt aber kaum die Hälfte der in den 
ersten 24 Stunden gebildeten Menge. Die Thatsache 
ist schon von Marc et 12 ) beobachtet worden. Auch 
er bemerkte, dass Pilze, welche im ersten Stadium 
der Zersetzung sich befinden, weniger Kohlensäure 
ausscheiden, als vollkommen frische. Somit sind un- 
sere Versuche XI und XII nur eine Bestätigung. 

Bei dem Sclerotium von Claviceps verhielt sich die 
Kohlensäureausscheidung in der zweiten 24-stündigen 
Periode in einer ganz anderen Weise als bei Lada- 
rius vellereus ß. exsuccus. Die Mengen des ausgeschie- 
denen Gases nahmen zu und erreichten am Ende der 
letzteren 14 Nachtstunden (Versuch IX der Tabelle) 
beinahe das Doppelte der in den ersten 24 Stunden 
ausgehauchten Menge, nämlich 1,702 Grm. pro 100 
Grm. Substanz. Da das Sclerotium sich dabei äusser- 
lich etwas veränderte (es wurde lockerer und bedeckte 
sich mit spärlichen, zarten Hyphen), so steht — ange- 
nommen, dass diese äusseren Veränderungen die er- 
sten Vorboten beginnender Zersetzung seien — die Er- 
scheinung der starken Zunahme der Kohlensäurese- 
cretion bei demselben in direktem Widerspruch mit 
dem bei Lactarius vellereus ß. erhaltenen Resultate. 

12) Bibliothèque universelle de Genève, 18 dec. 1834 — Froriep's 
Notizen, Jun. 1835, JVs 967. 

Mélangea biologiques. VII. * 19 



— 146 — 

Indessen scheinen mir diese äusseren Veränderungen 
noch keine unbedingt stichhaltigen Gründe für die An- 
nahme eines gänzlich veränderten Zustandes des Scle- 
rotiums zu sein. Die mikroskopische Prüfung der 
Gewebe zeigte durchaus keine Alteration im Inhalte 
der Hyphenzellen, und es ist also noch unentschieden, 
wie dieses Auftreten zarter Hyphen an der Oberfläche 
des etwas aufgelockerten Sclerotiums gedeutet wer- 
den soll: als erste Entwickelungsstadie eines Parasiten 
auf dem abgestorbenen Sclerotium, oder als allererstes 
Zeichen einer beginnenden Weiterentwickelung des 
noch lebensfähigen Sclerotiums selbst. Bekanntlich 
sind ja die aus dem Sclerotium sich entwickelnden 
gestielten Fruchtkörper der Claviceps an ihrer Basis 
von zarten Hyphen umflochten. Es ist also nicht un- 
möglich, dass diese im Versuche IX beobachteten 
Hyphen (deren Übergang in das Gewebe des Scle- 
rotiums nicht leicht zu verfolgen ist) gerade die bald 
darauf folgende Einleitung zur Fruchtkörperbildung 
ankündigen. Sind nun diese Hyphen in der That die 
ersten Vorboten einer Weiterentwickelung des Scle- 
rotiums, so steht die Steigerung der Kohlensäurese- 
cretion bei demselben in der zweiten 24-stündigen 
Periode in vollem Einklänge mit den bei Ustilago 
Maydis (wo die Fortentwickelung deutlich verfolgt 
werden konnte) erhaltenen Resultaten. Wenn da- 
gegen diese Hyphen irgend einer parasitischen Form 
angehören sollten, welche auf dem Sclerotium, so- 
gleich nach dem Absterben desselben, zur Entwicke- 
lung gelangte, so ist die beobachtete Steigerung der 
Kohlensäuresecretion unter Umständen, wo in der 
Regel eher eine Verminderung derselben zu erwar- 



— 147 — 

ten wäre, jedenfalls eine abweichende Erscheinung. 
Da eine Verfolgung der Weiterentwickelung dieser 
Hyphen nicht unternommen wurde, so ist jedenfalls 
eine decisive Deutung der beobachteten Steigerung 
der Kohlensäuresecretion bei den Sclerotium einst- 
weilen nicht zulässig. Auf Grund mikroskopischer 
Prüfung möchte ich dennoch die Zunahme der Menge 
ausgeschiedener Kohlensäure im Zusammenhange mit 
einem Weiterentwickelungsvorgange mit ansehen. 

Bei Ustilago Maydis hat in der zweiten 24-stün- 
digen Periode auch eine, aber verhältnissmässig ge- 
ringe Steigerung der Kohlensäureabscheidung statt- 
gefunden. Es haben nämlich 100 Grm. Substanz am 
Tage 1,61 und in der darauf folgenden Nacht 1,60 
Grm. Kohlensäure gebildet, d.h. 0,03 und 0,04 Grm. 
mehr, als in den ersten 24 Stunden. Wie schon vor- 
her erwähnt worden, entwickelte sich dabei der Para- 
site vortrefflich und bildete massenhaft Sporen, so 
dass in diesem Falle von einem Eintreten anormaler 
Verhältnisse kaum die Rede sein kann. Gegen die 
Deutung der beiden letzteren Versuche mit Ustilago 
Maydis (Vers. V und VI) kann jedenfalls eine Ein- 
wendung gemacht werden, nämlich die, dass die be- 
obachtete Steigerung der Kohlensäuremenge nicht 
allein als Resultat einer gesteigerten Thätigkeit in 
den Elementarorganen des Pilzes selbst angesehen 
w r erden kann, sondern eben so gut als Resultat des 
immer vorrückenden Zersetzungsprocesses im übrig- 
gebliebenen Gewebe der Mutterpflanze, welches dem 
Parasite als Substrat dient. Diese Einwendung kann 
zum Theil gewiss richtig sein ; jedenfalls ist man einst- 
weilen berechtigt, dieselbe aufzuwerfen, da eine Vor- 



— 148 — 

prüfung über die Mengen der Kohlensäure, welche 
von dem farblosen Gewebe im gesunden, parasiten- 
freien Zustande, innerhalb einer gegebenen Zeit, aus- 
geschieden werden, nicht gemacht worden, für die 
absolute Genauigkeit der Endresultate aber gewiss 
von Bedeutung ist. 

Auf Grund der eben besprochenen Versuche lassen 
sich nun folgende allgemeinere Sätze bezüglich der 
Ammoniakausscheidung bei den Pilzen aufstellen. 

1. Pilze aus sehr verschiedenen Ordnungen hau- 
chen im normalen Zustande wägbare Mengen freien 
Ammoniakgases aus. 

2. Diese Ausscheidung von Ammoniak scheint bei 
den Pilzen ein allgemein verbreiteter Vorgang in al- 
len Stadien der Entwickelung zu sein. Ammoniak 
wird sowohl von vollständig entwickelten, zusammen- 
gesetzten Fruchtkörpern, als auch von Mycelien (Scle- 
rotium der Claviceps), einfachen Hyphencomplexen 
und Sporen (Ustilago) ausgehaucht. 

3. Die Ammoniaksecretion ist eine nothwendige 
Function des Pilzkörpers und als solche scheint die- 
selbe von den äusseren Bedingungen wenig beeinflusst 
zu sein. Pilze oder deren einzelne Organe hauchen 
Ammoniak sowohl bei intensiver und gemässigter Ta- 
gesbeleuchtung, als auch in der Nacht aus. Die äusser- 
sten Temperaturgrenzen, bei welchen die Secretion 
noch stattfinden kann, sind nicht näher bestimmt 
worden; allein Temperaturunterschiede von 15 bis 
18° Cels. scheinen keinen bemerkbaren Einfluss zu 
haben. Bezüglich der Steigerung oder Verminderung 
der Secretion ist dennoch bei weiteren Forschungen 



— 149 — 

zu erwarten, dass Temperatur und Licht sich als 
maassgebend erweisen. 

4. Die Mengen des von dem Pilzkörper innerhalb 
einer gegebenen Zeit ausgeschiedenen Ammoniaks 
stehen in keiner direkten Beziehung zum Gewichte 
der Substanz desselben. Dagegen ist die Energie der 
Ammoniaksecretion einzig und allein von der Inten- 
sität der chemischen Vorgänge im Inneren der Ele- 
mentarorgane des Pilzkörpers abhängig. 

5. Die Mengen des innerhalb einer gegebenen 
Zeit ausgeschiedenen Ammoniaks stehen in keinem 
direkten Verhältniss zu denjenigen der ausgehauch- 
ten Kohlensäure. Eine Zunahme der Ammoniakse- 
cretion bedingt nicht notwendigerweise eine Zu- 
nahme der Kohlensäureausscheidung und umgekehrt. 
Beide Secretionen scheinen demnach als Endresultate 
zweier von einander unabhängigen Processe in den 
Elementarorganen des Pilzkörpers aufzutreten. 

6. Sowohl bei der Weiterentwickelung des Pilz- 
körpers (Ustilago, sehr wahrscheinlich Sclerotium), 
als auch bei dem Eintreten anormaler Zustände in 
den Geweben desselben (Lactariiis, Boletus luridus) 
findet eine Steigerung der Ammoniaksecretion statt. 
Im ersteren Falle scheint dieselbe von einer Zunahme 
der Kohlensäureausscheidung begleitet zu sein; im 
letzteren ist dagegen eine sehr bedeutende Vermin- 
derung der Kohlensäuresecretion bemerkbar. 

Kiew. Anfang September 1868. 



— 150 — 
Analytische Belege, 

A. Amnioniakbestimmuiig. 

Versuch I. 24 Stund. — Erhalten: PtCl 2 NH 4 Cl == 

0,0286 Grm.; entspr. 0,002182180 NH 3 . 
Versuch IL 24 Stund. — Erhalten: PtCl 2 NH 4 Cl ~ 

0,0331 Grm.; entspr. 0,002525530 Grm. NH 3 . 
V^uehIII.9%Stund.— PtCl 2 NH 4 Cl=0,017lGrm.; 

entspr. 0,001304730 Grm." NH 3 . 
Versuch IV. 24 Stund.— PtCl 2 NH 4 Cl==0,0386 Grm. 

= 0,002945180 Grm. NH 3 . 
Versuch V. 9% Stund. — 0,0389 Grm. PtCl 2 NH 4 Cl 

== 0,002968070 NH 3 . 
Versuch VI. 13 Stund. — 0,0422 Grm. PtCl 2 NH 4 Cl 

== 0,003219860 Grm. NH 3 . 
Versuch VII. 24 Stund.— 0,0195 Grm. PtCI 2 NH 4 Cl 

== 0,001487850 NH 3 . 
Versuch VIII. 8 Stund. — 0,0412 Grm. PtCl 2 NH 4 Cl 

= 0,003143560 Grm. NH 3 . 
Versuch IX. 14 Stund. — 0,0366 Grm. PtCl 2 NH 4 Cl 

= 0,002792580 Grm. NH 3 . 
Versuch X. 24 Stund. — 0,0194 Grm. PtCl 2 NH 4 Cl 

= 0,001480220 Grm. NH 3 . 
Versuch XI. 12 Stund. — 0,0319 Grm. PtCl 2 NH 4 Cl 

=t= 0,002433970 Grm. NH 3 . 
Versuch XII. 10 Stund.— 0,0367 Grm. PtCl 2 NH 4 Cl 

== 0,002800210 Grm. NH r 

B. Kohlensäurebestiramung. 

Versuch I. 24 Stund. — 0,1969 Grm. BaOS0 3 = 
1,6650 Grm. BaOC0 2 = 0,372294 Grm. C0 2 . 

Versuch IL 24 Stund. — 0,1965 Grm. BaOS0 3 = 
1,6616 Grm. BaOC0 2 = 0,371533 Grm. C0 2 . 



— 151 — 

Versuch III. 24 Stund. — 0,0791 Grm. BaOS0 3 = 

0,6680 Grm. BaOC0 2 = 0,149364 Grm. C0 2 . 
Versuch IV. 9% Stund.— 0,0813 Grm. BaOS0 3 = 

0,6870 Grm.BaOC0 2 = 0,153613 Grm. C0 2 . 
Versuch V. .13 Stund. — 0,0805 Grm. BaOS0 3 = 

0,6807 Grm. BaOC0 2 = 0,152204 Grm. C0 2 . 
Versuch VI. 24 Stund. — 0,0289 Grm. BaOS0 3 : 

0,2440 Grm. BaOC0 2 = 0,054558 Grm. C0 2 . 
Versuch VII. 8 Stund. — 0,0325 Grm. BaOSO^: 

0,2740 Grm. BaOC0 2 = 0,061266 Grm. C0 2 . 
Versuch VIII. 14 Stund.-— 0,0507 Grm. BaOSO,: 

0,4280 Grm. BaOC0 2 - 0,095700 Grm. C0 2 . 
Versuch IX. 24 Stund. — 0,0807 Grm. BaOS(V 

0,6820 Grm. BaOC0 2 == 0,152495 Grm. C0 2 . 
Versuch X. 12 Stund. — 0,0360 Grm. BaOS0 3 : 

0,3040 Grm. BaOC0 2 = 0,067940 Grm. C0 2 . 
Versuch XL 10 Stund. — 0,0441 Grm. BaOS0 3 

0,3720 Grm. BaOCO, = 0,083179 Grm. CO,. 



(Aua dem Bulletin, T. XIV, pag. 1 — 23. 



~ April 1869. 

Neue Beiträge zur Embryologie des Bothrioce- 
phalus latus, als Beweis einer directen Me- 
tamorphose des geschlechtsreifen Individu- 
ums aus seinem bewimperten Embryo. Zu- 
gleich ein Beitrag zur Therapie der Helmin- 
thiasis. Von Dr. Knoch. 

Bei Gelegenheit der Ertheilung einer «mention 
honorable» 1 ) für meine Abhandlung, betreffend die 
Naturgeschichte des BotJiriocephalus latus 2 ), lud die 
Pariser Akademie der Wissenschaften ein , neue Un- 
tersuchungen zur Beantwortung folgender Frage an- 
zustellen: si l'embryon (Dihothrii latï) se change di- 
rectement en Bothriocéphale adulte, ou si, pour arri- 
ver à ce dernier état, il ne subit pas d'autres méta- 
morphoses 3 ). — In Folge dieser Fragesteilung fühlte 
ich mich veranlasst, ungeachtet der bereits früher in 
jener Abhandlung aufgezählten zahlreichen Fütte- 
rungsversuche, die beim Hunde schon damals wieder- 



1) Wobei die Akademie der Wissenschaften zu Paris sich bis auf 
fernere Untersuchungen die definitive Entscheidung über meine 
Abhandlung vorbehielt. 

2) Siehe Mémoires de l'Académie Impériale des sciences de St- 
Pétersbourg, VII e série. Tome V, JVs 5. 

3) Siehe die Comptes rendus der Pariser Akademie der Wissen- 
schaften vom 30. Januar 1865. 



— 153 — 

holt zu positiven Resultaten geführt hatten, noch neue 
Experimente der Art anzustellen, um sowohl der An- 
forderung jener gelehrten Akademie Genüge zu lei- 
sten, als auch zugleich durch neue factische Beweise 
die von Professor R. Leuckart und Dr. Bertolus 
nach dem Erscheinen meiner Abhandlung ausgespro- 
chene, ganz unbegründete Vermuthung einer mögli- 
chen Übertragung des Bothriocephalus latus vermit- 
telst besonderer Zwischenträger — der Fische auf die 
Säugethiere, respective den Menschen, in noch ent- 
schiedenerer Weise als bisher zu widerlegen. Hie- 
bei werde ich zugleich die bereits 1865 im Bulle 
tin der Akademie der "Wissenschaften zu St. Pe- 
tersburg erschienene Arbeit, betreifend die Entwicke- 
lungsgeschichte des Bothriocephalus proboscideus , be- 
rücksichtigen, die mit den beim Hunde gewonnenen 
positiven Resultaten gleichfalls, wenn auch nicht in so 
überzeugender Weise als letztere, zu Gunsten der 
directen Metamorphose einiger Bothriocephalen-Ces- 
toden ohne besondere Zwischenstufen oder Wande- 
rungen, das ist ohne den Cysticerken-Zustand der Tae- 
nien, sprechen. 

Nicht allein von Seiten Frankreichs (Dr. Bertolus), 
sondern zugleich auch in Deutschland ist im Jahre 
1863 nach dem Erscheinen meiner Abhandlung 4 ) von 
Prof. Leuckart in seinem schätzenswerthen Parasi- 



4) Ich hebe das Jahr 1863 hier besonders hervor, da die Angabe 
Leu ck art's (s. dessen Parasitenwerk p. 757) eine falsche ist, als 
wenn sehr bald nach der Publication seiner Untersuchungen meine 
Arbeit gedruckt sei; diese ist vielmehr, zugleich mit der vorläufigen 
Mittheilung in Vir chow's Archiv, bereits 1&62 erschienen, wäh- 
rend v. Middendorff und v. Baer über dieselbe bereits 1859 
und 61 der Petersburger Akademie ausführlicher berichteten. 

Mélanges biologiques. VII. 20 



— 154 — 

teiiwerke der Möglichkeit einer Übertragung des Bo- 
thrioceplialus latus auf den Menschen vermittelst der 
Fische (?) das Wort gesprochen worden, wiewol er kei- 
neswegs Beweise beibringen kann, die zu Gunsten jener 
Ansicht sprächen. Ja er selbst muss im Besitz nur 
negativer Resultate, zu denen ihn seine Fütterungs- 
versuche bei Fischen führten, ungeachtet aller ausge- 
sprochenen Zweifel dennoch zugeben, dass ich am 
Ende doch das Richtige getroffen habe. 

Geleitet durch die bisherigen Erfahrungen, die kei- 
neswegs zu Gunsten der Experimente an Fischen 
sprachen und bei letzteren stets nur negative Resul- 
tate lieferten, wandte ich mich sofort den Säugethie- 
ren zu und wählte von ihnen als Versuchsthier das- 
jenige, das mir bereits bei meinen frühem Fütterungs- 
versuchen die erfreulichsten Resultate geliefert, d. i. 
den Hund, und ausser diesem Versuchsthier noch die 
gleichfalls carnivore Katze. Im Darm des letzteren 
Thieres hat nämlich Creplin in Greifswalde 2 Bo- 
thriocephalen-Köpfe nachgewiesen, deren Species we- 
gen Mangels an Proglottide n jedoch nicht näher be- 
stimmt werden konnten 5 ). Dass ich ausser den frühem 
fruchtlosen Fütterungsversuchen, die ich zahlreich an 
verschiedenen Fischen angestellt habe und die stets 
ein negatives Resultat zur Folge hatten, nicht noch 
fernere Experimente dieser Art an jenen kaltblütigen 
Thieren angestellt habe, wird mir Leuckart nicht 
verdenken, da ich, einmal im Besitz positiver Resul- 



5) Weshalb der Bandwurm einfach mit dem Namen Bothrioce- 
phcAus felis belegt \rorden ist, wobei es aber fraglich geblieben ist, 
ob wir es in dem betreffenden Falle in der That mit einer besondern 
Bothriocephalen-Species zu timn haben. 



— 155 — 

täte, a priori vollkommen überzeugt war, durch Fütte- 
rungsversuchc am Hunde bereits den Weg gefunden 
zu haben, der sicher und allein zum erwünschten 
Ziele führt. Folgende Experimente mögen als Beweis 
dienen, wie sehr ich zu jener Voraussetzung berech- 
tigt war. 

Die durch die Güte des Directors Dr. Okel im 
Herbst und Winter 1867 erhaltenen Exemplare des 
Bothriocephahis latus wurden bis zum nächsten Som- 
mer so lange nach der bereits in meiner Monogra- 
phie erörterten Methode in stets frischem Wasser 
macerirt und aufbewahrt, bis die Eier in demselben 
frei zu Boden fielen. Sie boten mir zugleich die er- 
wünschte Gelegenheit dar. während des helmintholo- 
gischen Kurses, den ich meinen Collegen gab, ihnen 
die verschiedensten Entwickelungsphasen der Em- 
bryonen, wie ich sie in meiner Schrift ausführlicher 
geschildert, bis zu ihrer Reife vorzuführen, in wel- 
chem Stadium sie im Ei energische Körperbewegun- 
gen machen. Ja ich war diesmal im Stande, noch ge- 
nauer als bisher, selbst die Übergangsformen zwi- 
schen diesen einzelnen Entwickelungsstadien zu beob- 
achten und zwar nicht an verschiedenen sich entwik- 
kelnden Eiern, sondern zugleich auch an den einzel- 
nen Dottertheilen eines und desselben Eies, je nach- 
dem ich die oberflächlichen oder tieferen Schichten 
desselben genauer unter dem Mikroskop einstellte. 

Als wir uns von dem Auftreten der reifen Bothrio- 
-cephalen-Embryonen im Ei und deren kräftigen Kör- 
perbewegungen überzeugt hatten, schritten wir am 
10. Juli zur ersten Fütterung eines vor kurzem ge- 
borenen Hündchens, das von der Mutterbrust genom- 



— 156 — 

men nicht einmal laufen konnte. Dieses sehr junge 
Versuchsthier hatte als Nahrung bisher nur die Brust 
genommen, ja es verstand im Anfange sogar nicht 
einmal die ihm dargebotene Milch zu lecken. Als es 
sich an Letzteres gewöhnt hatte und zu laufen anting, 
goss ich in die zur Nahrung gereichte Milch die in 
den Eiern des Bothriocephalus latus gezogenen Em- 
bryonen, die, zum Theil ausgeschlüpft, bereits im Was- 
ser lebhaft vermittelst ihres Cilienspiels umher schwam- 
men. Diese Fütterungsversuche wurden jeden dritten 
Tag auf dieselbe Weise bis Anfang August fortgesetzt, 
wo ich noch mehrere zerschnittene Proglottiden des so 
eben abgegangenen Bothriocephalus latus zu den Ei- 
embryonen hinzufügte. Das Versuchsthier verzehrte 
mit besonderem Appetit die mit den Embryonen und 
Eiern dieses Parasiten geschwängerte Milch, so dass 
das Geschirr, in dem dieselbe gereicht wurde, gewöhn- 
lich rein abgeleckt wurde. Fast während der ganzen 
Zeit der Fütterungsversuche machte sich ein anhal- 
tender Durchfall geltend, wobei die fast ganz flüssigen 
Faeces sich durch ihre ätzend scharfen Eigenschaften 
auszeichneten. Dabei machte sich bei dem Versuchs- 
hunde ungeachtet der grossen Gefrässigkeit eine starke 
Abmagerung bemerkbar, die ausser den flüssigen 
Stühlen, bedingt durch die Helminthiasis wohl auch 
der letzteren zugeschrieben werden muss. Sonst be- 
fand sich das Versuchsthier stets wohl und war im- 
mer ganz munter; nur am 25. August wurde ich 
bei demselben durch ein höchst auffallendes Phä- 
nomen überrascht, das mir schon während des Lebens 
desselben die beste Garantie von dem schönsten Er- 
folge der künstlichen Fütterung mit Bothriocephalen- 



— 157 — 

Keimen bot. Der Versuchshund wurde nämlich um 
die Mittagsstunde jenes Tages durch das Heraushän- 
gen eines bandförmigen, 17 Zoll langen Anhängsels 
aus dem After sehr beunruhigt, von dem er auf alle 
mögliche Weise sich zu befreien suchte. Das Gelingen 
jenes Versuches wurde dem beängstigten Versuchs- 
tier jedoch dadurch vereitelt, dass der fadenförmige 
Anhang, der sich bei genauerer Untersuchung als das 
heraushängende hintere Ende eines Bothriocephalus 
latus erwies , sich an einer der hintern Extremitäten 
aufwickelte. Das auf diese Weise sehr beunruhigte 
Thier quälte sich so lange fruchtlos und ohne Unter- 
lass ab, bis das Bandwurmstück auf einem runden 
Stäbchen aufgerollt wurde, wobei der Wurm unge- 
achtet seiner grossen Dehnbarkeit endlich abriss. 

Das auf diese Weise gewonnene Bandwurmstück 
war 17 Zoll 6 ) lang und etwas über 4 Linien breit, 
mit einem abgerundeten hintern Ende. Es zeigte, 
nach dem Abreissen sofort in kaltes Flusswasser ge- 
than, lebhafte peristaltische Bewegungen, die jedoch 
bald in der Kälte weichen 7 ); in warmem Wasser da- 
gegen und namentlich in Albumin kann man, wie wir 
später genauer sehen werden , die Bewegungen am 
Kopf noch im Verlauf von mehreren Tagen beobachten. 
Das dieses Exemplar des Bothriocephalus ganz be- 
sonders Auszeichnende bestand in dem eigentümli- 
chen Bau der Proglottiden an ihren untern Rändern, 



6) Der ganze Wurm war, wie sich's später ergab, etwas weniger 
als acht Fuss lang. 

7) Die peristal tisch en Bewegungen der Gliederkette hören beim 
breiten Bandwurm, selbst wenn sie in frischem Eiweiss gehal- 
ten werden, bei Zimmertemperatur schon nach einiger Zeit auf. 



— 158 — 

die mangelhaft und nur stellenweise angedeutet waren, 
so dass es schwer fiel, ihre Grenzen genau von einan- 
der zu unterscheiden. Man nahm nämlich anstatt ei- 
ner ununterbrochenen Querlinie des Gliedrandes, ent- 
sprechend seinem sonstigen Verlaufe, nur einzelne 
kurze Bogenlinien wahr, die nicht mit einander ver- 
bunden, sondern durch eine flache Zwischensubstanz 
von einander getrennt waren. 

Durch das freiwillige Abgehen dieses Bandwurm- 
stücks war ich im Voraus von dem Bothriocephahis 
latus bei diesem Versuch'sthier überzeugt und schritt 
am 9. September voll der besten Aussichten auf Er- 
folg in Gegenwart des Akademikers Owsjannikow 8 ) 
zur Section des Versuchshundes, den ich durch Stran- 
gulation vorher getödtet. Das Ergebniss dieser Unter- 
suchung war folgendes: 

Methode und Befund der Untersuchung. Als 
der Versuchshund durch das Seil in einen asphykti- 
schen Zustand versetzt war, wurden die Eingeweide 
blos gelegt und der Dünndarm sowohl an seinem obern, 
als auch am untern Ende gleich beim Übergange zum 
Dickdarm unterbunden. Der auf diese Weise isolirte 
Dünndarm wurde aus der Bauchhöhle entfernt und 
sofort in warmes Wasser von Körpertemperatur ge- 



8) Hr. Owsjannikow hatte Gelegenheit, sich nicht allein von 
dem Auftreten mehrerer Exemplare des Bothriocephahis latus in 
Folge der Fütterung des Versuchshundes mit den Eiembryonen 
desselben zu überzeugen, die bereits geschlechtsreif waren, sondern 
zugleich auch von der Art und Weise wie, so wie von der Kraft, 
mit der sie sich an der Darmwand ansaugen, ferner von den lebhaf- 
ten Bewegungen des Kopfs und den peristaltischen Contractionen 
der einzelneu Gliederstrecken, endlich von der Einwirkung der 
Medikamente auf die Glieder und den Kopf sowohl im angehefteten, 
als auch im freien Zustande. 



— 159 — 

than , während der Dickdarm einstweilen in dem Un- 
terleib des Thiers zurückgelassen wurde. Alsdann 
schnitt ich vermittelst einer kleinen Scheere mit 
grösster Vorsicht den Dünndarm auf, beginnend mit 
dem obern Theile (duodenum) desselben, wobei ich 
sorgfältig die an der Darmwandung angesogenen 
Bandwürmer vor jeglicher Verletzung zu bewahren 
suchte. Bei Eröffnung des Dünndarms in seinem obern 
Drittel konnten im vollsten Einklänge mit den frü- 
hern, bereits in der Monographie 9 ) mitgetheilten Er- 
fahrungen keine Bandwürmer nachgewiesen werden, 
so dass der Unkundige, der zugleich nichts von 
dem bereits erfolgten Abgehen eines Theils vom Bo- 
thriocephalus latus wusste, a priori leicht auf den Ge- 
danken eines misslungenen Fütterungsversuchs hätte 
kommen können. Doch sehr bald sollten unsere ferne- 
ren Nachforschungen mit dem besten Erfolg gekrönt 
werden! Gleich bei Eröffnung des obern Drittels näm- 
lich, d. i. entsprechend dem obersten Theile des Leer- 
darms, traten uns drei Köpfe des breiten Bandwurms 
mit ihrem charakteristischen Halse entgegen, die sich, 
besonders 2 derselben, ziemlich nahe bei einander 
fest an den Zotten der Schleimhaut angesogen hatten, 
indem sie mit ihrem Halse und obern Körpertheil 
lebhafte Bewegungen zeigten. Indem der Kopf mit 
dem Halse durch's feste Ansaugen feister und stärker 
als im freien Zustande des Bothriocephalus latus er- 
schien, konnten sie leicht, so wie durch ihre eigen- 
tümliche, der Milch ähnliche Färbung, schon beim 
ersten Blick von der feinhalsigen, beim Hunde, gleich 



9) Vide loco citato pag. 119. 



— 160 — 

wie bei der Katze, so constant vorkommenden Taenia 
cucumerina™) unterschieden werden, deren Kopf be- 
kanntlich sehr klein ist und der runden Form sich 
nähert. Letzterer Bandwurm setzt sich etwas niedri- 
ger, als der Bothriocephalus latus im Darmcanal an, 
und sein Sitz erstreckt sich dafür im ganzen Verlauf 
des Dünndarms bis zum Anfang des Dickdarms, wäh- 
rend vom breiten Bandwurm nur der sehr lange Kör- 
per mit seinen unzähligen Gliedern der Länge nach 
im ganzen Verlauf des Dünndarms ausgestreckt anzu- 
treffen ist, und nur zuweilen, wenn der Parasit sehr 
lang und im Begriff ist, freiwillig stückweise abzu- 
gehen, ist er sogar im Dickdarm selbst bis zum 
After als langes weisses Band zu verfolgen. — Die 
Untersuchung der Brusthöhle auf das Vorkommen 
des Scolex Bothriocephali lau bot, wie ich a priori 
überzeugt war, ein negatives Resultat 1I ). 

Das Aufgiessen des warmen Wassers veranlasste 
den bandförmigen Körper des Bothriocephalus latus 
zu lebhaften peristaltischen Bewegungen, die jedoch 
bald wieder aufhörten, so dass der Parasit wieder in 
seinen mehr ruhigen Zustand zurücktrat. Noch leb» 
hafter, als im warmen Wasser erfolgen die Bewegun- 
gen des Kopfes vom breiten Bandwurm , sobald man 
auf denselben verschiedene Agentien oder Anthelmin- 
thica einwirken lässt. Ausser diesen reizend auf den 



10) Die in neuerer Zeit auch beim Menschen wiederholt beob- 
achtet worden ist, weshalb ich sie hier gleichzeitig berücksichtige. 

11) Ich untersuchte diese Höhle ausser der des Unterleibes, da 
Prof. Sokolow, zufolge mündlicher Mittheilung, Bothriocephalen- 
Scolices in der Brusthöhle eines Hundes in Moscau gefunden haben 
will. Sie stimmen jedoch nicht mit den von mir im Darm des Hundes 
gezogenen Scolices Bothriocephali lati überein. 



— 161 — 

Parasiten einwirkenden, denselben sehr beunruhigen- 
den Stoffen, die wir sogleich und zwar gleichzeitig auf 
ihre Wirkungsweise näher würdigen werden, giebt es 
dagegen Medien, in denen, wie in Albumin, Milch 12 ) 
etc., die der Schmarotzer des menschlichen Darmca- 
nals sehr liebt, derselbe sich behaglich ausstreckt, um der 
Nahrung, die er vermittelst der Sauggruben aufsaugt, 
nachzugehen. Zu den reizenden und zugleich beunru- 
higend auf den breiten Bandwurm einwirkenden Stof- 
fen gehören von den von mir angewendeten Anthel- 
minthicis , die ich direct auf diesen Parasiten einwir- 
ken Hess, folgende. 

Kousso. Ich Hess eine Unze des Decocts aus einer 
Drachme der Brayera anthelminthica anfertigen, wo- 
von ich mehrere Tropfen in flüssiges Albumin im Ver- 
hältniss von 4 zu 30 goss. In dieses mit der Medicin 
getränkte Eiweiss wurde der Kopf des lebenden Bo- 
thriocephalus latus versetzt, der mit demselben sofort 
lebhafte Bewegungen nach allen Richtungen hin an- 
stellte und, durch die Einwirkung des Anthelminthi- 
cums beunruhigt, sich gleichsam anstrengte, durch 
Entweichen sich von dem Einfluss desselben zu be- 
freien. Dabei büsst der Bandwurm sein ruhiges Ver- 
halten so lange ein , als das Anthelminthicum auf ihn 
einwirkt, wobei der anfangs blattartig gekrauste Kopf 
sehr bald seine gewöhnliche normale Form annimmt, 
d. i. die Ränder der nach vorn trichterförmig geöff- 



sich selbst abzustellen Gelegenheit hatte, soll der rothe Wein (ein 
Gläschen) und sehr kleine Dosen Filix mas (etwa zu einem Gran) 
auf den breiten Bandwurm, sobald er den Patienten belästigt, be- 
ruhigend einwirken. 

Mélanges biologiques. VU. 21 



— 162 — 

iieten Saugnäpfe erscheinen nicht gekraust, sondern 
verlaufen gerade, mehr linienförmig. 

Nicht allein die geschlechtsreifen Exemplare des 
Bothriocephalus latus, sondern auch die jungen bo- 
thriocephalen Scolices aus der Bauchhöhle des Hechts 
setzte ich der Einwirkung des Ko us so aus, und 
da dieselben , wie namentlich die des Triainopho- 
rus nodulosus sich durch eine grössere Lebenszähig- 
keit und energischere Contractionen auszeichnen, Hess 
ich das reine Decoct, angefertigt aus einer Drachme 
der Brayera, direct auf sie einwirken. Anfangs streck- 
ten die bothriocephalen Scolices den Kopf mit ihren 
Sauggruben energisch nach vorn aus, wie sie es in 
Albumin zu thun pflegen; sehr bald jedoch zogen sie 
sich zusammen und den Kopftheil stark in den Körper 
zurück, als wollten sie sich der Einwirkung des An- 
thelminthicums entziehen. Die Contractionen des jun- 
gen Parasiten erfolgten so stark, dass von dem in den 
Körper eingezogenen Kopf keine Spur zu bemerken 
war. In diesem Zustande verharrte der Bothriocepha- 
lus latus, bis ich ihn wieder in Albumin zurückver- 
setzte, wo er wenigstens über eine Stunde noch, so 
lange ich ihn bis zum Abend beobachtete, diesen 
kräftig contrahirten Zustand behauptete, und erst am 
andern Morgen fand ich den Kopf bereits hervorge- 
treten, der sich wieder, wie vordem lebhaft aus- 
streckte. 

Dieses Experiment beweist deutlich, gleich wie 
die folgenden, dass es bei der Bandwurmcur keines- 
wegs genüge, nur das Anthelminthicum den Patien- 
ten zu reichen; es reicht nicht einmal das stärkste 
derselben allein aus, sobald es nicht zugleich abfüh- 



— 163 — 

rend auf den Darm einwirkt und demnach den Pa- 
rasiten zum Abgehen nöthigt. Da derselbe durch 
das Bandwurmmittel veranlasst wird, nur einstwei- 
lig von der Darmwandung loszulassen und sich einige 
Zeit dabei stark zu contrahiren , darf der Helmin- 
tholog, falls, er in seiner Cur stets glücklich sein 
will, es nie verabsäumen, stets sehr bald nach der 
letzteu Dosis des Anthelminthicums zugleich ein Ab- 
führmittel, sei es in Form des Oleum Ricini, oder 
in der eines abführenden Pulvers (z. B. des Calomels) 
dem Patienten zu verabfolgen, so dass wenigstens ein 
oder einige flüssige Stühle erfolgen, mit denen der 
Bandwurm dann sicher abgeht. Ohne Befolgung die- 
ser Regel muss der Arzt stets besorgen, dass bei Dar- 
reichung selbst des kräftigsten Anthelminthicums der 
Bandwurm sich wieder, nachdem er bereits von der 
Darmwand losgelassen , an der Schleimhaut derselben 
mit seinen Saugnäpfen fest ansaugt und nach wie vor 
den Patienten belästigt. 

In Betreff des Kousso habe ich noch zu erwähnen, 
dass ich mit demselben Decoct zugleich auch an an- 
dern Helminthen — den Echinorhynchen 13 ) (E. angusta- 
tus) aus dem Darm des Hechts — Experimente an- 
stellte. Der an kräftigen Haken reiche, sehr beweg- 
liche Rüssel dieses Parasiten, der stark vorgestreckt 
und zurückgezogen wird, eignet sich ganz besonders 
zu der Art Experimenten. Als der Echinorhynchus 
seinen mächtigen Rüssel in Albumin ganz ausge- 



13) Welche Helminthenart ich namentlich deshalb zu den Expe- 
rimenten auswählte, weil Professor Lambl sie auch beim Menschen 
nachgewiesen hat und sie ihres Hakenreichthums wegen am starken 
Rüssel eine besondere Berücksichtigung verdienen. 



— 164 — 

streckt hatte, versetzte ich ihn zunächst in ein De- 
coct der Saoria von derselben Stärke, wie jenes aus 
Kousso und bemerkte fast sogleich, etwa nach der 
Einwirkung einer Minute, ein kräftiges Einziehen des 
Rüssels mit seinen stark hervorstehenden und ge- 
krümmten Häkchen in den Körper des Parasiten. Die 
Folge davon ist das Abfallen desselben von der Darm- 
wand, falls ihn davon nicht, wie wir später noch ge- 
nauer sehen werden, ein leichtes Anhaken oder gleich- 
sam ein sich Fangen der spitzen gekrümmten Häk- 
chen in der zottenreichen Schleimhaut hindert u ). 
Der Rüssel des Parasiten verharrte in diesem zurück- 
gezogenen Zustande, selbst als ich ihn wieder in 
Albumin zurück versetzte, und trat auch beim spä- 
teren Verweilen in demselben nur sehr wenig her- 
vor. Noch stärker als die Wirkung der Saoria, erwies 
sich auf diesen bewaffneten Parasiten die des De- 
cocts aus Kousso von derselben Stärke. Davon über- 
zeugten wir uns, als wir denselben, nachdem er aus 
Eiweiss genommen, letzterem Anthelminthicum aus- 
setzten 15 ), wobei das Einziehen des Rüssels in den 
Körper noch vollständiger 16 ) erfolgte, so dass von 
demselben und den gekrümmten Häkchen keine Spur 
zu entdecken war. 

Das aetherische Extract des Filix mas. Bei 



14) Durch diesen Umstand könnte man , geleitet vom Schein, 
sehr leicht zu dem falschen Schluss verleitet werden , als wenn das 
Anthelminthicum keine, oder nur eine sehr geringe Wirkung auf 
den Echinorhynchus ausübe, die nicht einmal das Abfallen dessel- 
ben von der Darmwand zur Folge habe. 

15) Und zwar unter denselben Verhältnissen und beim Gebrauch 
derselben Dosis des Kousso, wie früher der Saoria. 

16) Als bei dem vorigen Experiment mit dem Decoct der Saoria 
und zwar bei demselben Echinorhynchus-Exemplar. 



— 165 — 

Anwendung dieses besonders beim Bothriocephalus 
lattis gebräuchlichen Anthelminthicums überzeugte ich 
mich in Gemeinschaft mit dem Professor Owsjanni- 
kow, dass sowol der Kopf, als auch der Körper die- 
ses Parasiten in Folge dieses ihn beunruhigenden 
Mittels sich lebhaft zu bewegen anfingen und dass die 
peristaltischen Contractionen der Proglottidcn des- 
selben energisch angeregt wurden, sobald auf diesel- 
ben dieses Mittel, verdünnt in Wasser oder Albumin, 
einwirkte. Die verstärkten Bewegungen des Band- 
wurmkopfs bestanden so lange beständig fort, als das 
Extract des Filix mas nicht beseitigt wurde. Die Con- 
tractionen und Bewegungen desselben waren bei Ein- 
wirkung dieses Anthelminthicums im Wesentlichen 
dieselben, wie die bereits beim Gebrauch des Kousso 
näher beschriebenen, auf die ich hier deshalb verwei- 
sen kann. Da das angewandte Extract des Filix mas 
ein aetherisches ist, fragt es sich, ob bei diesem Mit- 
tel namentlich das Filix mas als solches, oder beson- 
ders der Aether 17 ) auf den Bandwurm beunruhigend 
einwirkt und ihn somit zwingt, von der Darmschleim- 
haut loszulassen. Deshalb schien es mir wünschens- 
werth, zugleich diese Frage hier zu berücksichtigen. 
Da mir der Spiritus gerade mehr, als der Aether zur 
Hand war, wandte ich in der Voraussetzung, dass sie 
in der Wirkung auf den Parasiten sich ziemlich gleich 
kommen , 4 Tropfen des Spiritus vini rectificatus auf 
etwa 30 Tropfen Wasser an und liess diese Lösung 



17) Der therapeutische Erfolg des Aethers bei Bandwürmern 
(Bourdier) ist noch keineswegs hinlänglich constatirt, um so weni- 
ger, als die Anwendung der dazu erforderlichen grossen Gaben mit 
Recht Bedenken erregt. 



— 166 — 

direct auf den Kopf des Bandwurms einwirken. Die 
Bewegungen des Kopfes erfolgten nach beiden Seiten 
hin und wurden auch bei fernerer Einwirkung des 
Alcohols fortgesetzt, wobei jedoch die Lippenränder 
der Sauggruben Falten oder seitliche Einkerbungen 
bildeten, bis sich endlich der Kopf zusammenzog, so 
dass er mehr die Form eines Stecknadelkopfes an- 
nahm. Ist zufolge dieses Experiments die Einwir- 
kung der Spirituosa und somit der aetherischen Stoffe, 
direct angewandt nicht zu verkennen, so darf dabei 
nicht unberücksichtigt bleiben, dass dieselbe im Or- 
ganismus des Menschen hier in so fern weniger in 
Betracht kommen kann, als die Bandwürmer nicht im 
Magen, ja selbst nicht einmal im ersten, sondern erst 
im zweiten Drittel des Dünndarms, d. i. im Leerdarm, 
ihren Sitz haben. 

Saoria. Die Wirkung dieses noch sehr wenig 
bekannten Bandwurmmittels ist bisher noch fast 
gar nicht ermittelt worden , weshalb ich die günstige 
Gelegenheit benutzte, das Decoct dieses Mittels di- 
rect auf den Kopf sowol des breiten Bandwurms, als 
auch des sehr lebenskräftigen Triainophorus nodiäo- 
sus und des Echinorhynchus angustatus — beide aus dem 
Darm des Hechts — einwirken zu lassen. Das Ergebniss 
dieser Experimente war folgendes. Der Kopf des 
Bothrioceplialus latus, der in Albumin deutliche Bewe- 
gungen nach verschiedenen Richtungen hin, ausser 
den partiellen Contractionen an den Lippenrändern 
seiner Sauggruben, erkennen Hess, wurde in diesem 
Medium der Einwirkung des Decocts der Saoria 18 ) 



18) Das Aussehen dieses Decocts war trübe und von gelblicher 
Färbung. 



— 167 — 

(eine Unze bereitet aus einer Drachme) ausgesetzt. 
Überraschend war die auffallende Erscheinung, die 
ich weder beim Gebrauch des Kousso, noch des Filix 
mas beobachtet hatte, die nämlich, dass sehr bald 
bei Anwendung dieses Mittels jede Kopfbewegung 
aufhörte, als wäre der Parasit tetanisirt oder gelähmt. 
Am Abend des folgenden Tages untersucht, gab der 
zum Experiment dienende Bothriocephahis latus, der 
nach demselben sofort wieder direct in Albumin tiber- 
geführt worden war, kein Zeichen des Lebens mehr 
von sich. Überrascht durch diese sehr energische, 
ganz eigenthümliche Wirkung der Saoria, stellte ich 
am folgenden Tage in Ermangelung lebender Exem- 
plare des breiten Bandwurms an einem jungen Triai- 
nophoriis nodulosus, dessen Scolices sich bekanntlich 
durch ihre sehr energischen und kräftigen Kopf- und 
Halsbewegungen auszeichnen, ähnliche Experimente 
als Controllversuche an. Seiner sehr grossen Lebens- 
zähigkeit wegen setzte ich diesen sehr beweglichen 
Parasiten direct der Einwirkung jenes Decocts der 
Saoria von der Stärke einer Drachme des Pulvers auf 
eine Unze aus. Dieser mit kräftigen Haken in Form 
der «Tpwxtva» ausgerüstete Cestode hörte sehr bald 
auf, die kräftigen, den Kopf nach vorn ausstrecken- 
den Bewegungen zu machen, die 19 ) gerade diesen Pa- 
rasiten vor allen andern Cestoden so sehr auszeich- 
nen; es erfolgten später nur noch sehr schwache An- 
deutungen derselben, wobei der Kopf weniger durch- 
sichtig wurde. Eine halbe Stunde später fand ich den 
Cestoden bereits abgestorben, wobei sich am ganzen 

19) Ausser den peristaltischen , besonders den Hals einschnüren- 
den Contractionen dieses jungen Bandwurms (Scolex). 



— 168 — 

Körper die ziemlich starke Cuticula mehr oder weni- 
ger vollständig von der Oberfläche des Körpers abge- 
hoben hatte, ja am schmäleren Halstheil und am hin- 
tern Körperende sogar ganz abgelöst war, so dass sie 
sich an diesen Stellen als eine zusammengeschrumpfte 
und durchsichtige Hülle abstreifte. Die energische 
und ganz eigenthümliche Wirkung der Saoria auf die 
Bandwürmer, besonders*auf die Bothriocephali, dürfte 
durch diese Experimente in unzweifelhafter Weise 
dargethan sein. Bevor ich dasselbe auch in Betreff an- 
derer Helmin then — der Echinorhy neben — constatire, 
erlaube ich mir, hinsichtlich der Bandwürmer nur 
noch im Allgemeinen auf die interessante Beobach- 
tung hinzuweisen, dass während der ganze Körper 
des Bandwurms wie leblos erscheint, ja der Hals des 
Wurms da, wo er über den Rand des Glases ragt, 
selbst beim wiederholten Befeuchten mit Eiweiss an 
dem Glase ein- und antrocknet, der Kopf des Parasi- 
ten dennoch unter Einwirkung des Anthelminthicums 
und selbst auch nach derselben sich noch lebhaft 
bewegt. 

Nicht weniger interessant, als mit den Bothrioce- 
phalen ist ein anderes Experiment, das ich in Bezug 
auf eine andere Parasitenart, den Echinorhynchus an- 
gustatus, mit demselben Saoria-Decoct anstellte. Diese 
Parasiten sassen entweder angeheftet an der Darm- 
schleimhaut, oder sie waren von derselben bereits 
abgefallen. Bei Anwendung des gelben Decocts der 
Saoria (eine Unze auf eine Drachme) lassen nicht alle 
angehefteten Exemplare von der Darmwand los, was, 
wie wir sogleich sehen werden, seinen Grund in dem 



— 169 — 

Steckenbleiben der stark gekrümmten Häkchen zwi- 
schen den Zotten der Darmschleimhaut hat. Denn als 
ich den mit 8 oder mehr Reihen kräftiger Häkchen 
bewaffneten Rüssel des Echinorhynchus drei Stunden 
nach eingeleitetem Experiment mit einiger Gewalt 
abriss, zog derselbe, dem einige Reste der Darm- 
schleimhaut fest anhingen, sich nicht mehr in den 
Körper zurück und entbehrte aller Lebenszeichen. 
Dagegen konnte ich mich an den der Darmschleim- 
haut nicht anhaftenden, d. i. freien Echinorhy neben, 
sofort bei Einwirkung des Decocts der Saoria von 
dem lebhaften Zurückziehen des Rüssels in den Kör- 
per überzeugen, so dass nicht einmal die Spitzen der 
scharfen Häkchen am vordem Körperende zu bemer- 
ken waren. Jedoch wieder übergeführt in Eiweiss, 
streckten die Echinorhy nchi, falls die Wirkung der 
Saoria keine genügende war, ihren stark bewaffneten 
Rüssel wieder, wenn auch nur zum Theil aus. 

Die bisher erwähnten Experimente der directen 
Anwendung verschiedener Wurmmittel auf die Hel- 
minthen berechtigen zu folgenden Schlüssen. 

Die Art der Einwirkung verschiedener Medica- 
mente ist je nach dem Mittel, das zur Anwendung 
kommt, eine wesentlich verschiedene. 

Man kann in Bezug auf die Wirkungsweise der 
Anthelminthica zwei Gruppen unterscheiden. 

Zur ersten dieser Gruppen gehören Anthelminthica, 
die irritirend auf die Helminthen einwirken — als so- 
genannte Excitantia. Es sind vornehmlich Kousso, 
Filix mas und die Spirituosa: Alcohol und Äther in 
kleinen Gaben. 

Mélanges biologiques. VII. 22 



— 170 — 

Zur zweiten Gruppe der Anthelminthica dürften 
solche zu zählen sein, die in der Weise der Asphyc- 
tic a wirken, wie die Saoria, die an energischer Wir- 
kung keineswegs den andern Mitteln, wie Kousso 
oder Filix mas, nachsteht. 



(Aus dem Bulletin, Ï. XIV, pag. 176 - 188.) 



^ Juni 1869. 

Die Entwickelungsgeschichte der Störe, bearbei- 
tet von A. Kowalewsky, Ph. Owsjannikow 
und N. Wagner. Vorläufige Mittheilung. 

Das hohe Interesse, welches die Entwickelungs- 
geschichte der Störe haben muss, und die Absicht, 
eine wo möglich vollkommene Beschreibung aller Ent- 
wickelungsstadien zu geben, trotz der kurzen Zeit, in 
der sie verlaufen, ist die Veranlassung, dass wir ge- 
meinschaftlich die Untersuchung begannen. In der 
jetzt vorliegenden Abhandlung werden wir nur die 
Hauptresultate niederlegen. Zur besseren Einsicht in 
die Sache fügen wir der Arbeit einige Holzschnitte 
bei, die wir aus der grossen Anzahl unserer Zeich- 
nungen entlehnt haben. 

Die Störe bilden in Betreff ihrer Entwicklung ei- 
nen Übergang von den Knochenfischen und den Neun- 
augen zu den Amphibien. Das reife Ei hat eine ei- 
förmige Gestalt, ist stark pigmentirt wie das Ei des 
Frosches und enthält viele Dotterplättchen. Der obere, 
etwas zugespitzte Pol ist weiss, von einer scharf ab- 
geschnittenen Kante umgeben und lässt den Kern 
durchschimmern. 



— 172 — 

Die äussere Eihülle ist dick , chagrinirt , besitzt 
viele sehr feine Canäle, klebt bei reifen Eiern, wenn 
dieselben aus den Oviducten herausfallen, an verschie- 
denen Stellen an und lässt sich ziemlich leicht bei 
gewisser Geschicklichkeit von dem Ei ablösen. Die 
innere Hülle, die Dottermembran, ist viel feiner, durch- 
sichtig und sehr fest. An einem Pol liegen sieben 
Mikropylenöffnungen; die eine liegt in der Mitte, und 
sechs umgeben dieselbe in Form eines Kreises. 

Auf der unteren Kante des weissen Poles liegt ein 
grauer Streif. Die Segmentation des Eies beginnt 
ungefähr eine Stunde nach der Befruchtung. Diese, so 
wie auch die langsamere oder raschere Entwicklung 
des Keimes ist von der Temperatur des Wassers ab- 
hängig. 

Die Segmentation ist eine vollkommene, so wie sie 
bei den Neunaugen oder Batrachiern stattfindet. Zu- 
erst theilt eine Meridianfurche das ganze Ei in zwei 
Theile. Dann durchkreuzt eine zweite Furche das- 
selbe. An dem Pol, wo die erste Theilung begann, 
fängt eine Aequatorialfurche an und theilt den Dotter 
in eine neue Anzahl Segmente. 

Die Theilung geht viel rascher auf der oberen 
Hälfte des Dotters vor sich, als auf der unteren; 
während dort der Dotter schon in kleine Zellen zer- 
fallen ist, finden wir auf der unteren Fläche noch sehr 
grosse Zellen. 

Während die Theilung vor sich geht, ändert sich 
auch selbst für das unbewaffnete Auge die Farbe der 
Eier; die obere Hälfte wird hellgrau, die untere dun- 
kelgrau, selbst schwarz. Je mehr die Zerklüftung des 



— 173 — 

Eies fortgeschritten ist, um so begrenzter ist die un- 
tere dunkle Fläche. 

Sobald am oberen Pol des Eies sich 6 — 8 Seg- 
meute gebildet haben , entsteht schon die Segmenta- 
tionshöhle, die von obeu her durch die Furchungs- 
kugeln durchschimmert. 

Am Ende des ersten Tages beginnt die Bildung 
des Rusconischen Afters. An der Grenze der kleinen 
und grossen Furchungszellen zeigt sich zuerst eine 
Aequatorialfurche , die an einer Stelle eine grössere 
Einkerbung bildet. Der obere Rand der Furche ragt 
etwas über den unteren und bildet auf diese Weise 
eine erhabene Leiste oder einen wallförmigen Rand. 




(•-' 



a. Die Keimhöhle. 

b. Das Embryonalschild. 

c. Eine Vertiefung und Einkerbung. 

d. Der untere Theil des Dotters. 

Nachdem die Segmentationshöhie das Maximum ih- 
rer Ent Wickelung erreicht und fast den ganzen obe- 
ren Pol des Eies eingenommen hat, beginnt die Bil- 
dung der Darmhöhle. 

Oberhalb der Leiste zeigt sich das Embryonal- 
schild, als Anlage des Embryo. 

Die Zellenschicht der oberen Eihälfte an der 



— 174 — 

Stelle, an welcher sieh eine vorspringende Leiste und 
durch Einkerbung schon zwei Blätter gebildet haben, 
fängt an, sich auf die untere Eihälfte allmählich zu ver- 
breiten und überwächst dieselbe, so dass zuletzt als 
Rest nur ein kleiner Theil, bestehend aus grossen 
dunklen Zellen, übrig bleibt und als Pfropf durch die 
Öffnung des Rusconischen Afters durchschimmert. 




h. Die Nahrungshöhle. 
i. Der Dotter. 



Die Darmhöhle, die um den Pfropf des Rusconischen 
Afters liegt, nimmt immer mehr an Umfang zu. 




— 175 — 

Auf dem Embryonalschilde, das länglich geworden 
ist, zeigen sich zwei concentrische Bögen, nach innen 
liegt die Anlage der Medullarplatten, die am hinteren 
Ende den Rusconischen After wellenförmig umgiebt; 
nach aussen geben sich die Ränder des verdickten mitt- 
leren Blattes deutlich zu erkennen. 



a. Die Keimhöhle. 

b. Das Embryonalschild. 

c. Eine Vertiefung unter der Leiste. 

d. Der untere grob segmentirte Theil des Dotters. 

e. Die Medullarplatten. 
/. Der Primitivstreif. 

g. Die Grenze des mittleren Blattes. 



In der Mitte des Embryonalschildes liegt der Pri- 
mitivstreif. 

Die Keimhöhle verschwindet um diese Zeit, der 
Rusconische After hat die Form einer engen Spalte 
oder Ritze angenommen, in der sich die Primitivrinne 
endet. Es verändert sich hiermit die ganze Form des 
Eies. 



— 176 



t -"' 




'-*Ji 



h. Die Nahrungshöhle. 
i. Der Dotter. 
/. Der Primitivstreif. 



Das Embryonalschild fängt an, sich schärfer von 
dem Dotter abzugrenzen. 

Die Medullarplatten haben sich genähert, sie um- 
grenzen die Primitivrinne. 

Das Embryonalschild theilt sich durch seitliche Ein- 
schnitte in 2 Theile, in eine vordere und eine hintere 
Hälfte. 

Nun heben sich die Medullarplatten immer mehr in 
die Höhe, umschliessen die Primitivfurche, die nach 
vorn bedeutend erweitert ist. Die spaltförmige Öff- 
nung am hinteren Ende ist nichts Anderes als ein Über- 
bleibsel des Rusconischen Afters. 

Die Rückenfurche beginnt sich zu schliessen, An- 
fangs am Rücken , dann am hinteren und zuletzt am 
vorderen Ende. Die untere Wand der Rückenfurche 
fängt an, eine längliche Einbuchtung zu bilden. 

Zur Zeit des Auftretens der Rückenfurche erschei- 
nen in der zweiten Hälfte des Embryo die Urnieren- 



— 177 — 

gänge, die als paarige Röhren am oberen Ende etwas 
verdickt sind, dem Keime näher liegen, während sie 
am hinteren Ende in diesem Stadium mehr divergiren, 
d. h. nach aussen verlaufen. 




Die Urwirbelplatten treten zuerst am Halse des 
Embryo auf, drei oder vier Stück an der Zahl. Nach- 
dem wir jene Entwickelungsstadien , die unmittelbar 
am ganzen Ei beobachtet werden können , mitgetheilt 
haben, gehen wir zu der Beschreibung der inneren 
Veränderung des Embryo über. 

Wir wollen zuerst die Bildung der Blätter näher 
berücksichtigen. Die Durchschnitte durch das Ei zei- 
gen, dass dasselbe, nachdem die Segmentation abge- 
laufen ist, die grösste Ähnlichkeit mit dem Ei der 
nackten Amphibien hat. Es besteht aus einem oberen 
dünnen, aus kleinen Zellen bestehenden Blatte, wel- 
ches eine ziemlich geräumige Keimhöhle umgiebt. 

Nachdem sich die Darmhöhle gebildet hat, besteht 
das über derselben liegende Blatt aus zwei Blättern, 
einem oberen und einem unteren. Sie gehen beide 

Mélanges biologiques. Vu. - 23 



— 178 — 

am Rande des Rusconischen Afters in einander über. 
Nun trennt sich von dem unteren Blatte die untere 
Zellenreihe, um die obere Wand des Darmdrüsenblat- 
tes zu bilden. Diese Zellen sind reich an schwarzem 
Pigment und werden nach unten grösser. 

Jener Theil, welcher nach der Bildung des Darmdrü- 
senblattes nachgeblieben ist, bildet das mittlere Blatt. 
Dasselbe zerfällt sehr früh, noch vor der Bildung der 
Rückenfurche, in eine besondere Zellengruppe, einen 
centralen Strang, chorda dorsalis, und in die Seiten- 
platten, die ihrerseits, wenn die Rückenfurche sich zu 
schliessen beginnt, sich in Urwirbel und Seitenplatten 
theilen. Die letzteren spalten sich in eine untere, mehr 
feine Schicht, in die Darmfaserplatte, und eine obere, 
etwas dickere Schicht, die Hautplatte. 

Die Hautplatte bildet in der Gegend der Urwirbel 
eine Furche, die sich bald schliesst und zum Urnieren- 
gangewird, auf die Weise also, wie Rosenkranz es bei 
Fischen und Goethe bei Amphibien beobachtet haben. 

Der Raum über dem Rusconischen After geht, wie 
wir angedeutet haben, in die Darmhöhle über. Der 
Rusconische After wird, je mehr sich der Embryo 
entwickelt, immer enger und geht dann unmittelbar 
in eine spaltförmige Öffnung, welche das Ende der 
Rückenfurche bildet; endlich, wenn diese sich schliesst 
und der Pfropf sich zurückzieht, entsteht eine freie 
Communication zwischen dem Yerdauungs- und dem 
Rückenmarkskanale. In einigen anomalen Fällen wird 
der Pfropf des Rusconischen Afters, anstatt sich in 
den Darmdrüsenkeim zurückzuziehen, nach aussen ge- 
stossen und gelangt auf diese Weise in den Rücken- 
markskanal. 

Herr von Baer berichtet in seinem ausgezeichneten 
Werke über die Entwicklungsgeschichte der Thiere 



— 179 — 

solche pathologische Zustände, die zur Zeit unglaub- 
lich erschienen und nun jetzt durch unsere Unter- 
suchungen ihre vollkommene Erklärung gefunden 
haben. 

Zur Zeit wenn die Rückenmarksfurche sich in den 
Kückenmarkskanal verwandelt, sieht man leicht, wie 
das hintere Ende desselben sich in die Darmhöhle ein- 
stülpt. Die so entstandene Verbindung zwischen dem 
Rückenmarkskanal und dem Enddarme ist nach län- 
gerer Zeit, selbst nach dem Ausschlüpfen des Em- 
bryo aus dem Eie, in Form eines dunklen, mehr oder 
weniger dicken Stranges, der von dem Ende des Rük- 
kenmarks zum After sich hinzieht, zu sehen. 

Mit dem Wachsthum des Embryo geht die rück- 
schreitende Metamorphose dieses Stranges Hand in 
Hand. 

Wir kehren etwas zurück und werden wieder die 
äusserlich wahrnehmbaren Veränderungen beschreiben. 

In dem Stadium, das wir eben betrachtet haben, be- 
stand die Embryonalanlage oder der Embryo aus zwei 
fast vollständigen Kreisen, von denen der hintere ein 
wenig grösser war, als der vordere. Später verändert 
sich dieses Verhältnis^. Die vordere Hälfte des Em- 
bryo fängt an bedeutend zu wachsen, während die hin- 
tere sich ein wenig verschmälert und in die Länge 
zieht. 

Um diese Zeit nimmt der Embryo zwei Drittel des 
Eies ein. 

Die Urwirbel treten zuerst in der Mitte desselben 
auf. Die Urnierengänge nähern sich etwas einander 
und ziehen parallel dem Rückenmarkskanal. Es er- 
weitert sich ihr vorderes Ende und bildet zwei Schlin- 
gen, von denen die nach innen liegende sich an die 
Urwirbel anlegt, während die andere sich immer mehr 



— 180 — 

nach aussen entfernt. Die erste Schlinge des Urnieren- 
ganges theilt sich an ihrem Ende Anfangs in zwei und 
darauf in drei Äste, die kurz sind; die zweite dagegen 
erreicht eine bedeutende Länge. 

In diesem Stadium gehen am Kopftheil des Embryo 
Veränderungen vor sich, die höchst wahrscheinlich 
eine grosse Bedeutung für die allgemeine Morphologie 
haben müssen. Dieser Theil besteht aus fünf concentri- 
schen Kreisen, von denen der innere durch das er- 
weiterte vordere Ende des Nervenrohrs gebildet wird. 




1. Der vordere erweiterte Theil des Nervenrohrs. 

2. 3. 4. 5. Die Kiemenbögen. 

a. Zwei Grübchen, die später verschwinden. 

b. Die Vertiefung des zweiten Kiemenbogens. 

c. Die Kiemenspalte des dritten Kiemenbogens. 

d. Der vierte Ventrikel. 

e. Die Gehörbläschen. 
/. Die Urnierengänge. 



— 181 — 

Im hintern iVbschnitte des zweiten Kreises, symme- 
trisch auf beiden Seiten des Nervenrohrs, liegen zwei 
Vertiefungen, die später verschwinden. 

Im Bereiche des dritten Kreises, hinter dem zwei- 
ten bildet das Nervenrohr zwei Ausbuchtungen — die 
Anlagen des vierten Ventrikels. 

Im vierten Kreise neben und nach aussen von dem 
Ventrikel liegen die Kiemengrübchen. An der Grenze 
dieses Kreises mit dem nächsten erscheinen dicht am 
Nervenrohr zwei kleine Bläschen, die Anlage des Ge- 
hörorgans, neben ihnen zwei Kiemenspalten. Der letzte 
Kreis, der die übrigen in sich fasst, kann als der dritte 
Kiemenbogen betrachtet werden. 

Der vordere Theil des fünften Kreises und das 
Herz setzt sich in das Pericardium fort. Das Pericar- 
dium erscheint in Form eines ziemlich geräumigen 
Sackes, dessen Höhle allmählich enger wird. Das Herz 
ist ein solider, langer Strang, der von dem vorderen 
Theile des Kopfes zu der Region des fünften Kreises 
hinzieht. 

Der Strang verwandelt sich in eine hohle Röhre, 
die immer breiter wird. 

In diese Periode fällt auch die Bildung der Ge- 
fässe. Auf dem Körper des Embryo, auf dem soge- 
nannten Dottersack, erscheinen dieselben netzförmig, 
ebenfalls als solide Stränge. 

Die nach aussen liegenden Zellen treten zusam- 
men, um die Gefässwandungen zu bilden, während die 
inneren zu Blutkörperchen werden. Hat sich die Cir- 
culation eingestellt, so sieht man, wie in den Gefäss- 
räumen ausser den Blutkörperchen die von den Ge- 
fässwandungen abgerissenen Dotterzellen nebst pig- 



— 182 — 

mentirten Zellen von beträchtlicher Grösse mit dem 
Blutstrome sich bewegen. 

Die primitive Aorta erscheint unter der Chorda 
auch als ein solider Zellenstrang. Nachdem die Colla- 
teralzweige sich gebildet haben, umspülen dieselben 
mehr oder weniger grosse Gruppen -Dotterzellen, die 
in Gefässräumen wie Inseln umherliegen, bis die Ge- 
lasse endlich sich in zwei grosse Stämme sammeln, 
welche endlich in das hintere Ende des Herzens als 
Venen einmünden. 

Über die Bildung des Centralnervensystems und 
der Sinneswerkzeuge wollen wir beiläufig nur Folgen- 
des mittheilen. 

Die Rückenmarksfurche ist, wie wir schon oben ge- 
sehen haben, nach vorn birnförmig erweitert und bil- 
det somit wie bei anderen Thieren die Grundlage des 
Nervensystems. Die Furche schliesst sich zu einem 
Rohre, dessen Wandungen also aus den Zellen des 
Hornblattes gebildet sind. Das birnförmige vordere 
Ende, welches sich zum Gehirn ausbildet, wird nach 
vorn etwas zugespitzt. Dann bemerkt man in der Mitte 
eine Einschnürung, durch w r elche das Ganze in zwei 
Theile getheilt wird, in die vordere und in die hintere 
Gehirnblase. Die Einschnürung wird länglich und wird 
zum Mittelhirn. 

Aus der vorderen Gehirnblase, die später zum Gross- 
hirn und den Geruchslappen sich ausbildet, springen 
zwei seitliche Ausbuchtungen hervor — die Augen- 
blasen. Diese haben zwar eine beträchtliche Grösse, 
fallen jedoch nie so auf wie bei anderen Fischen, da 
die Augen überhaupt Anfangs klein sind. 

Das kleine Gehirn liegt brückenartig über dem vor- 



deren Theil des vierten Ventrikels und erst später ver- 
längert es sich nach hinten. Die Geruchsgruben und 
das Gehörorgan entstehen aus dem Hornblatte da- 
durch, dass dasselbe nach innen grubenförmig eine 
Vertiefung bildet. 

Beim Gehörorgan schnürt sich diese Grube ab und 
wird zum Gehörbläschen. 

Indem wir diese kurze Mittheilung niederlegen und 
uns vorbehalten, bald eine grössere Arbeit zu veröf- 
fentlichen, theilen wir zum Schlüsse noch eine Beob- 
achtung mit, die, wie wir glauben, von hohem, nil- 
gemeinem Interesse ist. 

Wir haben bei den Stören mehrere Bastarde er- 
halten. 

Wir befruchteten die Eier von Acipenser Ruthenns 
mit den Samen von Acipenser Schypa, Acipenser stel- 
lattis und Acipenser sturio, und die Eier gelangten 
jedes Mal zur vollkommenen Entwickelung. 

Wir trafen alle genannten Störe zu einer und der- 
selben Zeit und an einem und demselben Orte mit 
entwickelten Generationsproducten, nur. class der Aci- 
penser Rufhenus früher zu laichen anfing. 

Durch die genannte Beobachtung lässt sich leicht 
der Ursprung verschiedener Varietäten, die man so 
häufig bei den Stören in der Wolga beobachtet hat, 
erklären. 



(Aus dem Bulletin, T. XIV, pag. 317 — 325.) 



^ Juni 1869. 

Die Entwicklungsgeschichte der Plussneunau- 
gen (Petromyzon fluviatilis). Vorläufige Mit- 
theilung, von Ph. Owsjannikow. 

Die Flussneunaugen mit reifen Eiern und Samen 
wurden in der Umgegend von St. Petersburg in den er- 
sten Tagen des Juni gefangen. Die Männchen haben um 
diese Zeit einen ausgebildeten ruthenförmigen Anhang, 
durch welchen der Same beim Druck auf den Bauch 
des Fisches, oder bei kräftigen Bewegungen und Krüm- 
mungen des Körpers auf ziemlich grosse Entfernun- 
gen geschleudert wird. Die Schleimschicht der äusseren 
Eihaut ist sehr wenig entwickelt, so dass die befruch- 
teten Eier sehr schwach an die Gegenstände, auf die 
sie fallen, sich anheften. Die leiseste Strömung führt 
sie mit sich fort. Die Mikropylenöffnung ist sehr klein 
und bleibt selbst mehrere Tage nach der Befruchtung 
sichtbar. Die reifen Eier haben einen excentrisch ge- 
legenen Kern nebst Kernkörperchen, die der Mikropyle 
gegenüber liegen. 

Die totale Theilung des Dotters geht vom Kern und 
Kernkörperchen aus. 

Die ersten Zeichen, die nach der Befruchtung zu 
Gesicht kommen, sind das Erscheinen einer hellen 



— 185 — 

Schicht zwischen den Eihäuten und dem Dotter, das 
Auftreten eines dunklen Fleckes einer Vertiefung, die 
Verwandlung desselben in eine Furche. 

Allen diesen Erscheinungen begegnen wir auch an 
reifen, eine Zeit lang in Wasser gelegenen, unbefruch- 
teten Eiern. 

Die totale Theilung des Dotters in zwei gleiche Hälf- 
ten tritt etwa vier Stunden nach der Befruchtung ein. 
Darauf geht die Theilung in bekannter Weise fort, so 
wie man sie bei Fröschen, Stören und anderen Thie- 
ren mit totaler Dotterfurchung beobachten kann. In 
der oberen Eihälfte geht dieselbe rascher vor sich, als 
in der unteren. In jeder Dotterkugel ist ohne beson- 
dere Schwierigkeit ein Kern und später eine Membran 
zu entdecken. 

An den durchschnittenen Eiern, unter Umständen 
auch an unversehrten, sieht man die Keimhöhle. Wenn 
sich die Oberfläche des Eies mit kleinen Keimzellen 
bedeckt hat, so nimmt man an dem der Keimhöhle 
gegenüber liegenden Pole eine Grube wahr, aus wel- 
cher der grobzellige Dotter hervorsieht. Diese Grube, 
die Anfangs einen bedeutenden Umfang hat, später 
aber kleiner wird und in die Tiefe geht, ist der Rusco- 
nische After. An den Rändern desselben, besonders 
an einer Seite, ist die äussere feinzellige Schicht etwas 
verdickt abgerundet, als ob sie sich nach innen ein- 
biegt oder einstülpt. Oberhalb des Rusconischen Afters 
ist eine hügelartige Erhöhung, in der zuerst die Rük- 
kenmarksgrube, die allmählich zur Rückenmarksfurche 
sich erweitert, auftritt. Somit erscheint zuerst die hin- 
tere Embryonalanlage und nicht die vordere. 

Mélanges biologiques. VII. 24 



— 186 — 

Die Rusconische Öffnung wird zum wirklichen Af- 
ter, was auch schon Max Schültze bei Petromyzon 
Planeri richtig beobachtet und abgebildet hat. 

Die Rückenmarksfurche ist Anfangs sehr seicht und 
von allen Seiten durch schwache Hervorwölbungen 
des äusseren Blattes umgeben. Später wachsen diesel- 
ben, besonders von den Seiten in die Höhe, und die 
Furche wird bedeutend tiefer. Zwischen dem vorde- 
ren, dem mittleren und dem hintern Theile der Rük- 
kenmarksfurche ist kein so scharfer Unterschied in der 
Breite, wie wir es bei allen anderen Thieren antreffen. 
Der Grund liegt wohl in der geringen Ausbildung des 
Gehirns. Nachdem die Rückenmarksfurche sich ge- 
schlossen hat, erhebt sich der Embryo über den Dot- 
ter als eine ziemlich hohe, stark von den Seiten com- 
primirte Leiste. Der vordere Theil des Embryo, be- 
sonders der, welcher auf dem Dotter liegt, ist etwas 
breiter als der übrige Körper. Das hintere Ende ist 
ebenfalls abgeplattet. 

Die weitere Entwicklung besteht darin, dass das 
Kopfende vorwärts wächst und sich von dem Dotter 
abtrennt, dabei wird dieser letzte immer kleiner. 

Wenn der Embryo hinlänglich gross geworden ist, 
so liegt er in den Eihüllen spiralförmig gewunden, un- 
gefähr so, wie die Muskeltrichinen in ihren Kapseln 
liegen, nur dass die letzteren mehr Windungen haben. 

Die Entwicklung geht im Ganzen sehr langsam 
vorwärts; am sechsten Tage habe ich die ersten Be- 
wegungen des Embryo wahrgenommen, am neunten 
und zehnten Tage schlüpften dieselben aus den Ei- 



— 187 — 

hüllen. Die Bewegungen des Herzens waren schon 
vor dem Ausschlüpfen da. 

Die Querschnitte vor dem Schlüsse der Rücken- 
marksfurche (vom 4. — 5. Tage) zeigen, dass die Em- 
bryonalanlage aus drei Schichten besteht. Das Horn- 
blatt, das zwei Zellenlagen hat, bildet die Rücken- 
marksfurche und geht einen Tag später, als die Furche 
sich schliesst, in den Rückenmarkskanal über. Die 
Zellen, welche die Anlage des Centralnervensystems 
bilden, sind alle einander gleich. Die Scheidung in 
Epithel und Nervenzellen tritt erst später auf. 

Aus dem mittleren Blatte bildet sich die chorda 
dorsalis, dieUrwirbelmuskelplatten und das Herz. Das 
untere Blatt besteht nach oben aus einer Zellenlage, 
geht nach unten in den Drüsenkern über, umgiebt die 
künftige Darmöffnung und wird zum Darmdrüsenblatte. 
Das Herz, so wie alle Gefässe sind Anfangs solide Zel- 
lenstränge. 

Alle Zellen, auch in der späteren Periode, nämlich 
schon nach dem Ausschlüpfen des Embryo aus dem 
Eie, sind reich an Dotterplättchen, so dass die Primi- 
tivmuskelfibrillen, die Nerven, Epithel, Darm und Drü- 
senzellen alle miteinander in sich Dotterplättchen be- 
herbergen. Die Kiemenspalten erscheinen als weisse, 
mehr durchsichtige Stellen. Ihre Zahl nimmt vom 
Kopfe zum Schwanzende zu. 

Die röhrenförmigen Urnierengänge liegen an der 
Seite der Darmhöhle nicht weit vom Hornblatt. Sie 
bestehen aus einer einzigen Lage von Cylinderepi- 
thelialzellen und können nur an Querschnitten gut 
studirt werden. 



— 188 — 

Das Gehirn besitzt schon bei eben ausgeschlüpften 
Embryonen mehrere Abtheilungen und enthält eine 
Höhle, die mit Cylinderepithel ausgepflastert ist. Die 
Scheidung in Nervenzellen und Nervenfasern tritt sehr 
früh auf. 

Das Geruchsorgan, so wie auch das Gehörorgan ent- 
stehen aus dem Hornblatte. Es bildet sich Anfangs 
eine napfförmige Vertiefung des oberen Blattes. Die 
Grube wird tiefer und schnürt sich endlich ganz ab, 
so dass sie sich in eine Blase verwandelt, die nur aus 
einer Zellenlage besteht und unmittelbar unter der 
Haut liegt. 

Die Augen entstehen aus kleinen Häufchen von 
Nervenzellen, welche an der Seite des Mittelhirns 
liegen. Sie bestehen schon bei ganz jungen Embryonen 
aus Nervenelementen, Pigmentkapsel und einem Kör- 
per, der als Glaskörper angesehen werden kann. Die 
Oberhaut besitzt in keiner Entwickelungsstufe Flim- 
merepithel, die Darm- und Urnierengänge haben es 
wohl. 

Die Anfangs undurchsichtigen Embryonen werden 
mit jedem Tage durchsichtiger, so dass sie nach drei 
bis vier Wochen fast vollkommen durchsichtig gewor- 
den sind. 

Die Embryonen sind als Larven von Petromyzon 
fluviatilis anzusehen, da sie in vieler Hinsicht von er- 
wachsenen Thieren abweichen. Der grösste Unter- 
schied beruht in den tief liegenden unausgebildeten 
Augen und in der Form des Mundes. 

Wenige Tage nach dem Ausschlüpfen aus dem Eie 
bohren sich die Larven, sobald sie auf Schlamm oder 



— 189 — 

feinen Sand gelegt werden, in denselben ein und le- 
ben dort fort, indem sie selten, fast nur zur Nachtzeit 
herauskriechen und frei umherschwiramen. 

Die ein paar Wochen alten Larven unterscheiden 
sich fast in nichts von den ein- und zweijährigen Lar- 
ven, d. h. von solchen die früher Ammocoetes benannt 
waren. 



(Aus dem Bulletin, T. XIV, pag. 325 - 329.) 



~ September 1869. 

Bemerkungen über Echinoderes, von El. Metsch- 
nikoff. 

Der vor Kurzem erschienene inhaltsreiche Aufsatz 
von Greeff «Untersuchungen über einige merkwürdige 
Formen des Artropoden- und Wurm -Typus» ') wird 
gewiss Interesse für die eigentümlichen in ihm be- 
schriebenen Thierformen erregen. Desshalb werden 
wohl auch einige meiner Bemerkungen willkommen 
sein, da sie die Beschreibung mehrerer Eigenthüm- 
keiten bei Echinoderes , einem zwischen dem Wurm- 
und dem Arthropoden - Typus stehenden Geschöpfe, 
enthalten. Meine Beobachtungen an diesem Thiere 
fallen noch in den Herbst des Jahres 1866, wo ich 
die in Salerno gesammelten Thiere lebendig in Cava 
de Tirreni untersuchte. 

Es lagen mir dort drei Arten zur Untersuchung 
vor: Ecli. monocercus Clpr., Ech. Dujardinii Clpr. 
und eine neue grössere Art, welche ich, wegen der 
auffallenden Kürze der Rückenborsten, mit dem Na- 
men Ech. brevispinosa bezeichnen will. Von den bei- 
den letztgenannten Arten kamen mir sehr oft ge- 
schlechtsreife Individuen vor, und zwar sowohl Weib- 



1) Archiv für Naturgeschichte. 1869. I. p. 71. 



— 191 — 

chen, als auch Männchen. In Bezug auf alle äusseren 
Merkmale stimmen beide Geschlechter bei beiden Ar- 
ten durchaus überein. Was die inneren Theile anbe- 
trifft, so sehen wir beim Weibchen zwei neben dem 
Darme liegende Eierstöcke, in deren jedem ein gros- 
ses längliches Ei mit deutlichem Keimbläschen enthal- 
ten ist; von den zwei Eiern wird stets das eine grös- 
ser als das andere und ist zugleich mit einer dunke- 
len (bei durchfallendem Lichte) körnchenreichen Dot- 
termasse angefüllt; ausserdem sind im Eierstocke noch 
kleine Zellen zu sehen. 

Die Männchen enthalten ebenfalls eine paarige Ge- 
schlechtsdrüse — die Hoden—, deren Beschreibung 
hier desshalb unterbleiben kann, weil Greeff bereits 
eine genaue Beschreibung und Abbildung (Taf. IV, 
Fig. 2 h, Fig. 5) derselben geliefert hat; nur hat er 
die Hoden für «unzweifelhafte Ovarien», die darin 
liegenden Zoospermien für nematodenähnliche «Em- 
bryonen» gehalten. Greeff hebt ja selbst hervor, dass 
diese «Embryonen» sich unmittelbar aus grossen Zel- 
len bilden, ohne vorhergehende Furchung, was nur 
dann autfallend wäre, wenn die fraglichen Gebilde als 
wahre Embryonen aufgefasst werden müssten; denn 
darin, dass die Zoospermien sich in so einfacher Weise 
bilden , liegt nichts Eigentümliches. Den direkten 
Beweis gegen die Deutung Greeff 's liefern uns die 
oben beschriebenen weiblichen Sexualorgane, deren 
Deutung als solche nach allem Bekannten nicht be- 
zweifelt werden kann. Da ich also die Deutung von 
Greeff nicht acceptiren kann, so stimmen auch meine 
Angaben über den Bau der Zoospermien mit den sei- 
nigen nicht überein ; die Formverschiedenheiten der 



— 192 — 

letzteren können wohl am besten durch Artverschie- 
denheiten erklärt werden. Bei den beiden von mir im 
reifen Zustande beobachteten Arten haben die Zoo- 
spermien eine ganz verschiedene Gestalt. Bei meinem 
Ech. Dujardinii sind dieselben fadenförmig verlängert 
und mit einem kleinen flimmernden Schwänzchen ver- 
sehen 2 ). Bei Ech. brevispinosa , wo sie viel grösser 
sind, erscheinen sie in Form dicker, sich nur am hin- 
teren Ende verjüngender Körper, deren vorderes 
Ende abgestutzt und auf dem Rande mit einem klei- 
nen Zapfen versehen ist. Auf diesem Zapfen findet 
sich eine feine Furche (als solche ist sie deutlich 
wahrzunehmen), welche in der Mittellinie auf der 
Oberfläche des Zoosperms verläuft. Diese Furche hat 
auch Greeff gesehen, sie aber für einen geschlosse- 
nen Kanal (Darm) gehalten. Nach der Meinung des 
eben genannten Forschers sollen diese Zoospermien 
(«Embryonen») den Nematodenlarven so auffallend 
ähnlich sein, dass er auf diese Ähnlichkeit seine Theo- 
rie über die systematische Verwandtschaft der Echi- 
noderen mit den Nematoden begründet. 

Es ist mir nicht gelungen, die Entwickelung von 
Echinoderes zu beobachten; das Einzige, was ich in 
dieser Beziehung bemerken kann, ist die Thatsache, 
dass sehr kleine, noch ungefärbte und ganz durchsich- 
tige unreife Echinoderen vorkommen, welche in der 
Hauptsache mit den erwachsenen völlig übereinstim- 
men. Dieses Factum spricht gegen die früher muth- 



2) Aus dieser Verschiedenheit der Zoospermien kann man schon 
sehen, dass Greeff 's Ech. Dujardinii von der meinigen verschie- 
den ist. Vielleicht Hessen sich durch diese Verschiedenheit der 
Arten auch unsere verschiedenen Angaben über den äusseren Bau 
erklären. 



— 193 — 

masslich von mir ausgesprochene Meinung, dass näm- 
lich Eck. wionocercus nur eine Jugendform anderer 
Echinoderen sei. Was die eben genannte Art betrifft, 
so habe ich mich von Neuem überzeugt, dass meine 
früheren Angaben über den Bau derselben (s. Zeit- 
schrift für wiss. Zoologie, 1865) richtig sind. Wenn 
aber Greeff behauptet, dass bei derselben ausser der 
unpaaren Rückenborste noch eine Schwanzborste auf 
dem letzten Segmente zu sehen ist (1. c v p. 91), so 
wird diese Angabe durch seine eigene AbbilduDg (Taf. 
V, Fig. 10) widerlegt, indem wir dort allerdings eine 
zweite Borste auf dem letzten Segmente, dafür aber 
keine einzige auf dem drittletzten Segmente abgebil- 
det finden. Das deutet auf eine Missbildung, wo- 
bei jedoch die Gesammtzahl der Rückenborsten mei- 
ner früher ausgesprochenen Angabe vollkommen ent- 
spricht. 

Die von Greeff beschriebenen geschlechtsreifen 
Besmoscolex habe ich auch beobachtet und zwar im 
Jahre 1865 in Neapel. Es war aber bloss ein Weib- 
chen mit einem in Furchung begriffenen Eie. Was die 
Nematodennatur dieser Gattung betrifft, so habe ich 
mich davon nach der Untersuchung einer neuen Form 
in Odessa (im Jahre 1867) vollkommen überzeugt; 
ich halte sie aber für sehr wenig mit Anneliden ver- 
wandt, was in einem ausführlicheren Aufsatze näher 
auseinandergesetzt werden soll. . 

Die Trichoderma von Greeff habe ich ebenfalls in 
Salerno (in Gesellschaft von Echinoderes und Chaeto- 
soma) im Jahre 1866 beobachtet, aber nur in unrei- 
fem Zustande. Das Vorhandensein einer grossen Ge- 
schlechtsanlage deutete damals schon auf eine Analo- 

Mélaages biologiques. VII. 25 



— 194 — 

gie mit Nematoden hin. Der von Greeff gelieferte 
Nachweis der Spiculae bei Desmoscolex und Tricho- 
-derma war mir dagegen ganz neu und ausserordent- 
lich interessant. 

St. Petersburg, im September 18G9. 



(Aus dem Bulletin, T. XIV, pag. 351 — 353.) 



21 October - cûn 
2 November 

Über das Haarkleid des ausgestorbenen nordi- 
schen (büschelhaarigen) Nashorns (Rhinoceros 
tichorhinus), vom Akademiker J. F. Brandt. 

Man soll zwar, wie das alte, bekannte, griechische, 
Sprichwort sagt: «keine Eulen nach Athen tragen». 
Das Verfahren so vieler Forscher der Jetztzeit, die 
im raschen Fluge Beobachtung auf Beobachtungen zu 
veröffentlichen bestrebt sind, und daher bereits vor- 
handene, ältere, sogar durch spezielle Untersuchun- 
gen festgestellte, Thatsachen aus Mangel geschicht- 
licher Studien nur zu häufig übersehen, gestattet in- 
dessen nicht selten Einsprüche gegen die allgemeine 
Anwendbarkeit des fraglichen Sprichworts. Einen der 
möglichen, zahlreichen Beweise für die so eben aus- 
gesprochene Ansicht liefert auch die irrige, mehrsei- 
tige Annahme über die Beschaffenheit der Haarbe- 
kleidung der fraglichen Nashorn -Species, die man 
(wie noch neuerdings S y m on ds (Geol. Magaz.V(1868) 
p. 420))^ als der des Mamont ähnlich ansieht, indem 
man annimmt Bhinoceros tichorhinus sei nicht blos 
mit langen Contur-, sondern auch langen Wollhaaren 
bekleidet gewesen. 



1) Symonds sagt namentlich a. a. 0.: The Bhinoceros tichorhi- 
nus was protected like the Mammoth ly long wool and hair. 



— 196 — 

Bereits Pallas, der den ihm in Irkutsk 1772 dar- 
gebrachten, noch mit Haut bedeckten, Kopf nebst zwei 
Füssen einer am Wilui, (jedoch nicht von ihm selbst, 
wie Manche angeben), entdeckten Leiche des Bhino- 
ceros UcJiorJiinus in den Novis Commentants der St. 
Petersburger Akademie T. XVII. p. 590 beschrieb, 
spricht nur von dicht stehenden, büschelförmig her- 
vortretenden, schwärzlichen Haaren, welche die ge-' 
nannten Theile bedeckten. Von beigemischten Woll- 
haaren sagt er nichts. 

Spätere , umfassende Untersuchungen , die ich be- 
reits vor 2 9 Jahren auf Grundlage der oben erwähn- 
ten, im Museum der St. Petersburger Akademie vor- 
handenen, wichtigen Reste in meinen Observations ad 
Bhinocerotis tichorhini Mstoriam spectantes in den Mé- 
moires de V Académie Impér. des scienc. de St.-Peters~ 
bourg VI Sér. sc. nat. T. F über den Schädelbau, so 
wie über "die äussern Theile des fraglichen Thieres, 
namentlich unter andern auch über die Haardecke 
desselben, im Caput V, § 2, veröffentlichte, bestätigen 
nicht nur im Allgemeinen die oben erwähnte Pallas'- 
sche Angabe, sondern bieten noch zahlreiche, genauere 
Details. 

Die Haare des Bhinoceros tichorhinus zeigten mei- 
nen Beobachtungen zu Folge alle eine gleiche Beschaf- 
fenheit und waren keineswegs lang zu nennen, da die 
längsten davon nicht l" 2'" -?■ V/ 2 Zoll überragten. 
Ich fand sie etwas steif, jedoch keineswegs borsten- 
artig, und sah deren bis gegen 20 von verschiedener 
Länge aus einem gemeinschaftlichen, von einer Haut- 
einstülpung gebildeten Säckchen, nach Art der Tast- 
haare auf der Schnauze des Nilpferdes, büschelför- 



— 197 — 

mig 2 ) hervortreten (siehe Taf. VI fig. 5). Um eine 
bessere Vorstellung von der Länge und Dichtigkeit 
des Haarkleides zu liefern, wurden (ebend. fig. 7) meh- 
rere neben einander befindliche Haarbüschel in Ver- 
bindung dargestellt. 

Aus den mitgetheilten Wahrnehmungen geht also 
zur Genüge hervor, dass Ehinoceros tichorhinas nur 
ein massig langes, nicht sehr dichtes, und aus einför- 
migen Haaren gebildetes Haarkleid, keineswegs aber 
auch lange, dichte, reichliche Wollhaare, wie das 
Mammuth (Brandt, Mittheilungen üb. die Gestalt und 
die Unterscheidungsmerkmale des Mammuth, Bullet, des 
sc. de VAcad. Impêr. de St.-Pétersb. T. X. (1866) p. 
93 ff., Mélanges Mol. T. V. p. 577) besass, sich also 
durch den Mangel eines Wollpelzes von andern mehr 
oder weniger borealen Thieren (Bären, Füchsen, Wöl- 
fen, Elenen, Benthieren und Mammuthen) unterschied. 
Dessenungeachtet wich es allerdings durch seine ge- 
schlossene Haardecke von allen noch lebenden, in tro- 
pischen Gegenden vorkommenden, Arten bedeutend 
ab und kennzeichnete sich schon dadurch als ein 
Thier, welches geeignet war, auch niedrigere Tempe- 
raturen zu ertragen, also die Fähigkeit besass, weit 
kältere Gegenden zu bewohnen, als die jetzt lebenden 
Nashörner. Auch werden ja in der That, wie bekannt, 
seine Reste selbst in den nördlichsten Theilen Sibi- 



2) Ich bezeichnete daher Ehinoceros tichorhinus in meinen 
Schriften, so namentlich in meinen Zoogeographischen und Balaeon- 
tölogischen Beiträgen (Verhandlimgen d. Buss. Kais. Mineralogischen 
Gesellschaft zu St. Betersburg, zweite Serie Bd. II (1867)), so wie in 
meiner Abhandlung über die Verbreitung des Tigers (Mémoires de 
VAcad. Imp. d. sciences de St.-Pétersbourg , VI me sér. Scienc. ma- 
them. phys. et nat. T. VIII), als büschelhaariges Nashorn. 



— ,198 — 

riens gefunden, die es ohne Zweifel ehedem, unter 
besseren climatischen Verhältnissen als die gegenwär- 
tigen, mit den Mammuthen, Bären, Renthieren u. 
s. w. bewohnte. Es geht dies wenigstens aus seinen 
dort im jetzt beständig gefrornen Boden (nicht wie man 
irrig auch von den Mammuthen lange Zeit annahm 
(vergl. Brandt, Mittheil, üb. das Mammuth Mél. biol. 
de VAcad. Imper. de St.-Pétersb. T. V. p. 581 u.p. 591) 
in reinen Eismassen) eingebetteten Leichen und den 
in den Höhlen seiner Backenzähne von mir entdeck- 
ten Futterresten (siehe Bericht üb. die zur Bekannt- 
machung geeigneten Abhandl. der königl. preuss. Akad. 
der Wissenschaften a. d. Jahre 1846 S. 224) unver- 
kennbar hervor. 



(Aus dem Bulletin, T. XIV, pag. 353 — 356). 



î? November 1869. 

Ergänzungen und Berichtigungen zur Naturge- 
schichte der Familie der Aleiden, von Johann 
Friedrich Brandt. 

Bereits im Jahre 1836 fasste ich den Plan zur 
Herausgabe einer Monographie der Aleiden. Als Vor- 
läufer dieser Arbeit erschien 1837 im Bulletin scien- 
tifique de V Académie Impériale des Sciences de St.- 
Péter sbourg, T. IL p. 344 ein Aufsatz, worin die 
Gattungen und Arten der x fraglichen Vögelfamilie neu 
gruppirt und einige neue Arten und Gattungen auf- 
gestellt und kurz charakterisirt wurden. Die Ver- 
öffentlichung der Monographie selbst unterblieb, weil 
ich ihr auch einen ausführlichen anatomischen Ab- 
schnitt beifügen wollte und ich hoffen durfte, dass 
ein ebenso geschickter, als unterrichteter und eifriger 
Präparant (Hr. Vosnessenski), welcher auf meinen 
Betrieb von unserer Akademie zum Sammeln von 
Naturgegenständen in die früheren Russisch - Ame- 
rikanischen Colonien und die Gebiete des nördlichen 
stillen Oceans geschickt wurde, noch manchen Bei- 
trag zur besseren Erreichung meines Zweckes zu lie» 
fern vermöchte. Ich wurde auch in dieser Hoffnung 
nicht getäuscht. Hr. Vosnessenski, der nicht bloss an 



— 200 — 

verschiedenen Orten der genannten Colonien und in 
Kamtschatka verweilte, sondern auch die Kurilen, so- 
wie den gedachten Ocean von Nordcalifornien bis zum 
Kotzebue-Sund besuchte, fand während seines^achtj äh- 
rigen dortigen Aufenthaltes Gelegenheit überaus reiche 
Sammlungen einzusenden, worunter auch zahlreiche 
Aleiden sich befanden. Trotz der so viele Jahre fortge- 
setzten Bemühungen desselben fehlen mir aber noch 
einige für die Anatomie aller Formen wichtige Gegen- 
stände. Dies war der Grund weshalb meine so lange 
vorbereitete, ja theilweis vollendete, Monographie bis 
jetzt nicht erschien. 

Es konnte nicht ausbleiben, dass seit der Veröf- 
fentlichung meines oben erwähnten Prodromus bei 
der in neuern Zeiten so vielseitig bearbeiteten, durch 
häufige, weit ausgedehnte, Eeisen, ja selbst durch 
eigne Zeitschriften geförderten Naturgeschichte der 
Vögel auch die Untersuchung der Familie der Aleiden 
mehrfach in Angriff genommen und wenigstens theil- 
weis , wenn auch nicht immer, die Kentniss derselben 
wirklich gefördert wurde. 

Als mehr oder weniger umfassende Arbeiten über 
Aleiden müssen namentlich die von Audubon Omi- 
thol. Uogr. Vol. V, p. 251 und Synops. of birds p. 351 
(1839); Naumann, Vög. Deutschi. Bd. XII; Gould 
Birds of Europa Vol. V.; Gray and Mitchell, Genera 
of Birds (1849); Bonaparte, Compte rend. d. VAcad. 
d. Paris (1856) T. XIII; Cas sin in den Birds of 
North-America von Sp. Baird, Cassin and G. Law- 
rence, Philadelphia 1860; H. Schlegel, Museum 
dliist. nat. d. Pays-Bas 9-me Livr. 1867, Urinatores 
und die manches werthvolle Material bietende Schrift 



— 201 — 

von E. Coues, A Monograph ofAlcidae, Proceed. Acad, 
not. sc. Philadelphia Jan. 1868 angeführt werden. 

Ausserdem fehlt es aber auch nicht an einzelnen 
Mittheilungen über, freilich meist angebliche, neue 
Arten und Erörterungen einzelner oder mehrerer be- 
kannten. Es gehören dahin: Bonaparte, Gompar. 
List. (1838); Vigors, Voy. Blossom Zoologie (1839); 
Keyserling u. Blasius, Die Wirbelthiere Europa* s 
(1840); Gambel, Proc. Acad. nat. Scienc. Philadel- 
phia, (1845); Xantus, Proceed. Acad. nat. sc. Phila- 
delphia (185 9); Bryant, Proceed. Boston soc. nat. hist. 
(1861) und Salvadori, Atti délia Società Itatiana di 
Scienze nat. Vol. VIII, p. 387(1865). Als die Kennt- 
niss mancher Arten berichtigende oder erweiternde 
Forscher sind ausser Schlegel (a. a. 0.) Blasius 
(Naum. Nat. d. Vög. XIII), Malmgren (Cabanis 
Journ. f. Ornithol. Jahrg. XIII, p. 268 u. 394) und 
Hartlaub (D'Alton u. Burmeister, Zeitg. f. Zool. 
u. Zoot. IL Quartal p. 160; Bericht über d. Leist.i.d. 
Naturgesch. d. Vög. ivährend d. Jahres 1848, Arch. f. 
Naturg. v. Troschel, XV. 2. S. 53), sowie die Hrn. 
v. Midden dorff und L. v. Schrenck in ihren Reise- 
werken zu nennen 1 ). 

Yon Bonaparte {Proceed. Zool. Soc. London 1851) 
wurde sogar eine neue Gattung Sagmatorrhina vorge- 
schlagen. 

Die genauere Kenntniss aller bisher zur Familie 
der Alken gezählten , in Bezug auf Befiederungs- und 



1) Die genauere Prüfung meiner Mittheilungen dürfte indessen 
zur Ueberzeugung führen, dass dieselben, trotz der eingehenden Ar- 
beiten Cassin's, SchlegePs und Co ues's, keineswegs überflüssig 
seien. 

MélangeB biologiques. VII. 2o 



— 202 — 

Schnabelverhältnisse, so wie nach Alters- und Jah- 
reszeit, so variabeln Arten bietet indessen trotz der 
angeführten, zahlreichen, Schriften noch so manche 
Lücken, die zum Theil durch das Studium der von 
Vosnessenski gesammelten Materialien sich aus- 
füllen lassen; Lücken, die sich hauptsächlich auf die 
zweckmässige Reduction mehrerer aufgestellten Arten 
und die der Bonapart'schen Gattung Sagmatorrhina 
beziehen, so dass ihnen zufolge aus der Zahl der seit 
dem Erscheinen meines Pr odromus aufgestellten Arten, 
genau genommen wohl nur eine oder zwei als stich- 
haltig bezeichnet werden können, während keine neue 
Gattung hinzukam. 

Ich glaube daher, da andere Arbeiten, so wie der 
Wunsch, meine Materialien, besonders in anatomischer 
Beziehung, noch mehr zu vervollständigen, mich von 
der baldigen Veröffentlichung meiner Monographie 
noch zurückhalten, nicht länger zögern zu dürfen we- 
nigstens die im Bezug auf die Naturgeschichte der 
Aleiden gewonnenen Resultate in der Kürze mitzu- 
theilen. Ein solches Verfahren wird um so eher Ent- 
schuldigung finden, da ich im Stande bin, nicht nur 
meinen eigenen vor 32 Jahren bereits erschienenen 
Aufsatz über die Aleiden zu berichtigen und zu er- 
gänzen, sondern auch der im vorigen Jahre von Cou es 
veröffentlichten Monographie zahlreiche Supplemente 
und Verbesserungen zu Theil werden zu lassen. Aus- 
führliche Beschreibungen habe ich nur von den Bra- 
chyrampJien geliefert , da die übrigen Aleiden kenntlich 
beschrieben sind. Dagegen habe ich den jugendli- 
chen und Winterkleidern mehrerer Arten das zu 
ihrer zweckmässigen Begrenzung nöthige Interesse ge- 



— 203 — 

schenkt und Vosnessenski's Beobachtungen über 
das Vorkommen und die Lebensweise mehrerer Arten 
hinzugefügt. 

Familia Alcidae* 

Tribus seu Subfamilia I. Pterorhines seu Alcinae. 
Narium aperturae pennulis brevissimis plus minusve 

Genus I. Âlca Briss. Linn. 

Kostrum sensu perpendiculari valde compressum a 
latere inspectum plus minusve ovale, transversim sul- 
catum. Nares oblongae, pennulis densissime obtectae. 

Älcarum genus Pterorhinum formas Lundis homo- 
logas repraesentat. 

A. Subgenus Plautus (Brunn. Brdt.) 

Chenalopex M ö h r i n g . Mataeoptera G 1 o g e r . Gyrcäca Steenstrup. 

Alae trunco multo breviores a cauda remotissimae, 
volatui ineptae. 

Spec. 1. Alca impennis Linn. 
Synonymis numerosis apud Coues Monograph, p. 16 
allatis addenda: Naumann, Vögel Deutschi. Bd. 
XII. S. 330. Taf. 337. — Gould Birds Europ. 
Vol. V. — Rob. Champley Ann. a. Mag, Nat. 
hist. 1864 (Über noch vorhandene Exemplare, 
Scelete und Eier) 2 ). — Newton Proceed. Zool. 
Soc. 1863, p. 435 (Ale. impennis mumia). — 
Desmurs Bev. et Mag. Zool. 1863 p. 1. PI. 12. 
(Ova). — A. F ritsch, Cabanis Journ. f. Ornith. 
1863. p. 297 (Über d. Jugendkleid.) — Prey er 



2) Nach Hartlaub Jahresb.f. 1864. fehlt das Bremer Exemplar 
und Oldenburger Ei. 



— 204 — 

über Plautus impennis (Brünnich) Dissert. Hei- 
delberg 1862 8; Cabanis Journ. 1862. p.77u. 110 
(wichtig). — Pässler, Cabanis Journ. 1860. H.L 
(Eier). — Gloger, ib. (Über frühere Häufigkeit). — 
Baer, Bull. Scient, d. PAcad. d. Sc. d. St.-Péters- 
bourg T. VI. (1865) p. 514. (Aussterben nach 
Steenstrup). — Owen, Transact. Lond. Zool. Soc. 
V.p. 317. (Skeletbau). — Gave Fowl and its His- 
torians Natur. Hist. Rew. 1865 p. 467. — Baird 
Ibis (1866) p. 225 (Vorkommen an den Küsten 
Amerika's). — Übersetzung d. Arbeit Newton's 
in Cabanis's Journ. f. Ornith. 1866. — Micha- 
helles, Oken's Isis 1833. S. 649 (Beschreibung!). 

B. Subgenus Utamanïa Leach (1816). 

Torda Dum er il (1806). 

Alae ad caudam pertingentes, volatui aptae. 

Spec. 2. Alca Torda Linn. e. p. 
Alca Torda et pica Linn. Syst. nat. XII. p. 210 et 
Pall. Zoogr. II. p. 360. — Alca unisulcata et bal- 
thica Brunn. Ornith. bor. p. 29. — Utamania torda 
Leach, Syst. Cat. ; Steph. Shaw gener. Zool. XIII. 
p. 27. Coues Monograph, p. 18. — Synonymis 
Couesii addenda Naumann, Vögel Deutschi. 
XII. S. 606. Taf. 336 (Descriptio et figurae op- 
timae) et Gould Birds of Europa Vol. V. 

Genus 2. Uria Briss. 

Colymbus Linn. e. p. Cepphus Pall. e. p. 

Rostrum esulcatum, subconicum, subcompressum , 
caput longitudine subaequans vel paulo brevius. Nares 
oblongae, pennulis satis dense obtectae. 



— 205 — 

Genus Alcidas roströ humili, elongato, esulcato mu- 
nitas amplectens multo magis ad Brachyramphos quam 
ad Alcas et quodammodo ad Ptychoramphos tendens. 

A. Subgenus Lomvia. 
Rostrum magis compressum, altius. 
Spec. 3. Uria arra Na um. 
Uria Brünnichii Sabine, Trans. Linnean Soc. XII. 
p. 558, Gould Birds Europ. Vol. V. — Cepphus 
Arra Pali. Zoogr. II. p. 347. — Uria arra Pali. 
Naum. Vög. Deutschi. XII. 535. Taf. 333. — 
Uria Troile Brunn. Ornith. bor. n. 109. — Uria 
FrancsiiLeach.Linn Trans.XII(1818)p.588.— 
Uria Svarbag Brunn. Ornith. bor. p. 27 n. 110, 
Coues Monogr. p. 80. 

Spec. 4. Uria Troile Temm. auct. 

Colymbus Troile Linn. Syst. nat. XII. p. 220 e. p. — 
Uria Lomwia Brunn. Ornitholog. bor. p. 27. — 
Uria rhingvia Brunn. Ib. n. 111; Naum. ib. S. 
524. Taf. 332. —Uria lacrymans La Pylaie, 
Choris Voy. pittor PI. XIII. p. 27. — Uria leu- 
cophthalmos Faber Prodr. Jsl. Orn. p. 42. — 
UrialeucopsisBrehm,Vög. III.p. 880. — Lomvia 
Troile Coues Monogr. p. 75 et Lomvia Rhingvia 
Coues, ib. p. 78. — Lomvia calif ornica 3 ) Coues 
Monogr. p. 79. Catarractes californicus Bryant 
Monogr, Gen. Catar. Proc. Bost. Soc. nat. hist. 
1861. p. 11. Fig. 3 et 5. 



3) Specimina californica et maris pacifici borealis Lomviae cdi- 
fornicae nomine proposita a speciminibus Europae borealis distin- 
guere haud valeo. 



— 206 — 

B. Subgenus Grylle. 

Kostrum elongatum angustius, humilius, subconi- 
cum. Nares ex parte denudatae. 

Spec. 5. Uria Carlo Brdt. 

Uria Carbo, Brdt. Bull. Se. II. (1837) p. 346; Gray 
Gen. p. 644. — Cepphus Carbo, Pall. Zoogr. II. 
p. 350. — Uria Carbo v.Middendorff, Sibir. Beis. 
Zool. Wirbeltb. p. 239. Tab. XXIII. Fig. 6; L. v. 
Schrenck Keisen n. d. Amur-Lande I. 2. p. 496 
Taf. XVI. Fig. 1. — Coues Monogr. p. 73. — 
Alca carbo Schleg. Mus. d. Pays-Bas Livr. IX. 
Urinator. p. 17. 

Specimina adulta longe plurima tota nigra, nonnulla 
tantum frontis anteriore parte, orbitis et stria ab orbitis 
pone oculos ducta albis munita conspiciuntur, quae 
quidem ornamenta similia in Uriae (Lomviae) Troiles 
varietate, Uriae lacrymantis, leucophthalmos et leucop- 
sidis nomine proposita, conspicua in memoriam revo- 
cant. — Aves hiemales gula pectore et ventre albis 
vel albidis fusco-nigro plus minusve, nominatim in pec- 
tore, undulatfs Uriae Grylles et Columbae specimini- 
bus hiemalibus similes apparent, sed capite cum nucha 
et alis supra atris, immaculatis differunt. Juniores 
avibus hibernalibus similes conspiciuntur. 

Secundum Vosn ess en ski urn habitat tantum in oris 
Oceani tranquilli asiaticis e. c. in oris maris ochotsci- 
ensis et prope insulas Curilas. Middendorffius in 
mari ochotensi. Schrenckiusin Sinu mandschurensi 
observavit. Occurit quoque prope Camtschacam et 
Japoniam (Coues). 



— 207 — 

Spec. 6. Uria Grylle Linn. Lath. 
Colymbus Grylle Linn. Syst. nat. XII. p. 220 n. 1. — 
Cepphus Columba Pall. Zoogr. II. p. 348 n. 404 
e. p. — Uria Mandtii Lichtenst. Doublett. p. 88 
n. 926 et Mandt Observationes in histor. natural, 
et anat. compar. in itinere groeolandico factae 
Berolini 1822. 8. p. 4 et 30. (Varietas). — Cep- 
phus Grylle Cuv. Naum. Vög. Deutschi. XII. p. 
461. Taf. 330. — Uria Grylle Lath. Gould Birds 
Europ. Vol. V. — Coues Monogr. p. 68. 
In Oceano arctico et glaciali. 

Uria Grylle ab Uria Columla pennis caudalibus 12, 
alis plerumque albo unifasciatis et collo obscure vi- 
ridi, subsplendente praecipue distinguitur. Memoratu 
dignum quod Uria Grylle, ob fasciam alarem albam 
simplicem (in Uria Carlo deficientera) propius ad 
hancce speciem accedit quam Uria Columba easdem 
regiones cum Uria Carlo habitans. 

Spec. 7. Uria Columba Keys. Bias. (1840). 
Uria columba Keyserling Blasius Wirbelth. Europ. 
p. XCII. — Cepphus columba Pall. Zoogr. II. 
p. 348 e. p., id est specimina orientalis Oceani. — 
Uria Columba Cassin, Coues Monogr. p. 72. 
Habitat in Oceano pacifico boreali. 
Ab Uria Grylle pennis caudalibus 14 (non 12), alis 
albo bifasciatis, nee non collo cinerascente, opaco 
distincta, ut recte ante Cassinum (Vincennes and 
Peacock OrnitJi. Atl. pi. 38. Fig. 1. et apud Baird 
Birds N. Am. p. 912) observarunt Blasius et Key- 
serling. — Uria Mandtii, Grylles varietas, cum 
Couesio ad Uriam Columlam haud referenda. 



— 208 — 

Aves juniores et hiemales fere ut in Uria Grylle, 
sed in hiemalium adultis fascia alaris alba divisa, non 
simplex, ut in Uria Grylle. In junioribus U. Columbae 
fascia dicta maculis albis subseriatis indicata est. 

Uria Columba , Grylles in Mari tranquillo boreali 
homologon, et in oris asiaticis et americanis dicti 
Oceani frequenter occurrit. Specimina ex insulis At- 
cha, Unalaschka, Kadjak, Unga, Sitcha et ex insula 
Curilarura Simusir a Vosnessenskio missa in Museo 
Academiae servantur. 

Genus 3. Brachyrampbus Brdt. 

Bull. Se. d. l'Acad. Imp. d. St. Pétersb. T. IL (1837) 
p. 346. Gen. 3. 

Rostri subconici pars cornea prominens capitis 
dimidio longe brevior, apice adunco, lateribus plus 
minusve fortiter compresso. Narium subovalium pos- 
terius dimidium pennulis tantum obtectum. Pedes de- 
biliores quam in Uriis. Tarsi brevissimi, maxima ex 
parte reticulati, antice in parte anteriore tantum sub- 
scutellati. (Rostrum totum fusco-nigrum vel atrum). 

Genus ptilosi hiemali in Brachyrampho marmorato 
conspicua quodammodo ad Lomvias et Mergulum ten- 
dens, ptilosi aestivali variegata a reliquis Alcidis dis- 
tinctum. 

Spec. 8. Brachyramplius marmoratus (Penn. 
Lath. Brdt.) 

Rostri fusco-nigri pars prominens superior, antena- 
salis, capitis reliquae partis longitudinis circiter % 
aequans. Maxilla satis adunca, tomiis plus minusve 
intractis munita. Rectrices omnes supra nigrae, infra 
cinerascentes. 



— 209 — 

Avis ptilosi aestivali perfecta vestita. 
Weiss- und schwarzbunte Sorte Taucher Steller Kam- 
tschatk. S. 181. — Marbled Guillemot Penn. Arct. 
' Zool. IL p. 517 n. 438. tab. 22; Lath. Syn. VI. 
p. 336. t. 96. — Uria marmorata Lath. Ind. Ornith. 
II. p. 799; Gen. Hist, of Birds. Vol. X. p. 83. PL 
CLXXI. (Figura bona). — Colymbus niarraoratus 
Gmel. Syst. nat. II. p. 583 n. 12. — Cepphus 
perdix Pall. Zoogr. II. p. 351. — Brachyramphus 
marmoratus Brandt Bull. Se. T. IL (1837) p. 346. 
sp. 1. — Brachyramphus marmoratus (younger), 
Cassin apud Baird Birds N. Am. p. 915. — 
Brachyramphus marmoratus Coues Monogr. p. 
61. (exclus, synon. Uria brevirostris Vigors et 
Brachyramphus Kittlitzii Brandt). — Uria Town- 
sendi male Audub. Ornith. biogr. T. V. p. 251. 
PI. CCCCXXX. fig. L; Synops. p. 351. 
Capitis et colli superioris partis, dorsi, intersca- 
pulii et crissi pennae atrae, sed castaneo marginatae. 
Stria longitudinalis suprascapular et alia in dorsi 
posterions partis lateribus albae, striis castaneis vel. 
fuscis transversis plus minusve interruptae. Capitis 
latera et rostri dorsum fusca, immaculata. Mentum 
cinereo-fuscura. Tectricum e subfuscescente nigro- 
rum mediae albo- marginatae. Rémiges nee non tec- 
trices majores, minores et scapulares cum cauda supra 
e subfuscescente obscure nigrae. Tectricum alarum 
inferiorum anteriores nigrae, posteriores cum remigum 
et rectricum inferiore facie fusco-griseae. Pennae gu- 
lares, pectoris, abdominis et crissi albae. sed colore 
e fuscescente nigro, praesertim in pectore, late mar- 
ginatae. Alae subtus basi fuscae, dein totae cinereae, 

Mélanges biologiques. VII. 27 



— 210 — 

immaculatae. Pedes pallide cinerei. Iris obscure cas- 
tanea (Vosnessenski). 

Descriptio a me secundum specimen eximium exa- 
rata, quod 22 Maii in Insula Sitcha vivum ab Aleutis 
accepit Vosnessenski. 

Avis ptilosi hiemali perfecta vestita. 

Brachyramphus Wrapgelii Brandt Bull. 1. 1. p. 346. 
Spec. 2. — Cassin apud Baird Birds N. Am. p. 
917; Coues Monogr. p. 63. — Uria Townsendi 
(fern.) Audubon Ornithol. biogr. Vol. V. p. 251. 
PI. CCCXX. Fig. 2. — Brachyramphus marmo- 
ratus adult. Cassin in Bairds Birds N.-Amer. 
p. 915. 
Caput supra, nuchae pars inferior, dorsum et uro- 
pygii medium e nigricante fusca, cinereo imbuta, stria 
scapularis longitudinales alba, haud vel parum vel vix 
interrupta. Alae. exceptistectricibusmediis, albo tenere 
marginatis, cum cauda supra e subfuscente nigerrimae. 
Mentum, gula, temporum inferior et nuchae superior 
pars (sub forma semicirculi angusti) nee non pectus 
et abdomen cum uropygii lateribus et crisso tectrici- 
busque caudae Candida. Alae subtus cinereae, albo 
notatae. Pedes statu naturali grisei membranis nata- 
toriis obscurioribus, secundum icônes V osnes s en- 
ski i naturales. 

Descriptio secundum specimina mense Januario(i. e. 
10 et 1 1) in insula Kadjak a Vosnessenskio occisaame 
facta. Existunt vero etiam alia intrante hieme (Oc- 
tobre) occisa, quorum partes inferiores non mere can- 
didae, sed lineolis fuscis plus minusve transversim 
undulatae conspiciuntur. 



— 211 — 

Avis junior. 

Minor, avibus hiemalibus coloribus similis, sed in 
gula temporumque inferiore et pectoris superiore parte, 
nee non in corporis lateribus, fusco anguste tranversini 
undulata. Stria scapularis alba angustior plus minusve 
fusco undulata (Secundum specimen prope insulam Sit- 
cham 24 Octobre a Vosnessenskio occisum). Aliud 
specimen juvenile in Californiae portu Bodego 12 Au- 
gusto occisum dorsi coloribus, alis infra cinereis, albo 
ex parte notatis, nee non mento et gula albis, modo 
descripto simile, semicirculo nuchali albo déficiente, 
gula fusco undulata et pectore, nee non abdomine toto 
latius fusco (ut in speeiminibus aestivalibus) undulato 
differt. 

Praeter speeimina descripta avium aesti Valium, 
hiemalium et juniorum, colores typicos praebentia, 
Oceani pacifici parti boreali, excepto speeimine unico 
californico, originem debentia, Vosnessenskius in- 
dividua duo misit transitum speeiminum aestivalium 
in hiemalia vel viceversa indicantia, quorum unum, 
29 Aprili prope insulam Sitcha, alterum 31 Augusto 
in mari Ochotensi acquirebatur. Utrumque specimen 
in Universum dorsi colorem speeiminum hiemalium 
ostendit, sed ab hiemalibus inferiore facie non Can- 
dida, sed, fere ut in aestivalibus, fusco transversim, et 
quidem in speeimine Ochotensi fortius, undulata, nee 
non semicirculo nuchali albo minus distineto recedit. 
Specimen sitchense praeterea jam in dorso pennas 
castaneo limbatas plurimas ostendit transitum in pti- 
losin aestivalem aperte indicantes. 

Speeiminibus modo descriptis quidem Braehyramphi 
marmorati ptiloseos ratio in Oceani pacifici parte magis 



— 212 — 

boreali observance clare probatur. In partibus Oceani 
dicti australioribus, e. c. prope Victoriam (Hongkong), 
tarnen ptilosis aestivalis, ut specimen j unions avis cali- 
fornicae supra commemoratum quodammodo jam indi- 
caret, forsan parum vel non mutatur. Alio enim modo 
vix explicares, quae J. Hepbur'n (cf. Coues Monogr. 
p. 62). Bairdio e Victoria scripsit: «I have seen in 
the winter, and at the very time the adults were in 
their red plumage». Idem praeterea 1. 1. recte anno- 
tavit: Cassinum apud Baird. 1. 1. avem adultam pro 
juniore habuisse. 

Quod attinet ad magnitudinem specimina majora et 
paulo minora observavi. Maxima a rostri apice ad 
caudae apicem 9" 2"' (mens. poll, paris.), rostri longi- 
tudo a rictu ad apicem l" 3 — 4'", rostri pars promi- 
nens superior antenasalis 6"' longa, altitudo rostri 
summa 3'", alae partis externae in curvatura dimen- 
sae longitudo 5" caudae parum prominentis longi- 
tudo 1" 4'", tarsi longitudo 9"' — 10'", digiti medii 
longitudo sine ungue l". 

Patria. Naturae scrutatorum primus, ut supra jam 
in synonimis indicavimus, in Capite Eliae Americae 
borealis avem nostram detexit Stellerus. Serius Pen- 
nantius specimen ejus ab expeditione navigatoria 
Anglorum ex Oceano tranquillo relatum descripsit. — 
Vosnessenskius Brachyramphum marmoratum et in 
oris occidentalibus et orientalibus, nee non prope in- 
sulas nonnullas dicti Oceani observavit. Secundum 
relationes ejus avis per totum annum in Sinu Kenai- 
censi degit. Prope insulam Kadjak, in terrae Kolo- 
schorum ripis, porro prope insulam Sitcham, nee non 
in Californiae borealis oris (e. c. in Portu Bodego) 



— 213 — 

reperiri speciminibus ab eodem relatis testatur. In mari 
ochotensi haud procul a Curilis pari ter earn invenit 
in insulis Unalaschka, Atcha et Beringii insula tarnen 
haud observavit. Avis mensis Octobris fine in oris 
occidentals australibus insulae Kadjak ab eodem re- 
perta tamen Jànuarii fine jam evolavit. — Recte obser- 
vavit C o u e s Brachyramphum marmorahim in California 
hiemem degentem et in locis insula Vankouver magis 
australibus nidificantem, regiones Sinu Pugeto austra- 
liores habitare. E uteris ab Hepburnio Bairdio e 
Victoria missis praeterea apparet: avem ptilosi aestivali 
indutam hiemali tempore ibi vivere, in regionibus au- 
stralibus igitur pariter occurrere; quare recte mihi 
retulisse videtur Vosnessenski earn ipsam in Oceani 
pacifici partibus magis borealibus minime degere et 
formam australiorem Alcidarum, ut videtur, reprae- 
sentare. 

De vitae genere haec quae sequuntur communicavit 
Vosnessenskius. Nutrimentum pisculi, canceres 
parvi et mollusca praebent. Urinatur minus apte 
quam Uriae et Synthliboramphi. Ovum singulum al- 
bum ovi Simorhynchi cristatelli magnitudine parit. — 
Avis viva per aliquot dies in insula Sitcha observata 
stupida fuit, nutrimenta recusavit et pedum ope in- 
cedere non valuit, sed in motuum tentamine semper 
pectore in terram incidebat. E terra evolare pariter 
haud potuit, 

Caro colorem obscurum possidens, ob gustum pis- 
cinum, esui parum jucunda invenitur. 

Spec. 9. Brachyramphus Kittlitm Brandt. 

Rostri atri pars prominens, antenasalis^ capitis reli- 



— 214 — 

quae partis longitudinis eirciter % aequans. Maxilla 
modice adunca, tomiis plerumque vix intractis munita: 
Rectricum externae semper albae et in medio stria 
longitudinali fusco-nigra notatae. 

Brachyramphus Kittlitzii Brandt. Bullet. Scient. 1. 1. 
Spec. 4. — Uria brevirostris Vigors Zool. Journ. 
Vol. VI. 1828. p. 357; Voy. of Blossom, p. 32.?— 
Mergulus antiquus (young) Audubon Ornithol. 
biogr. V. p. 100. PL CCCCII, fig. 2. — Uria an- 
tiqua (young) Audubon Syn. of Birds p. 349. 

Rostrum a latere inspectum subovale, brevius acu- 
minatum quam in specie antécédente et colore obscu- 
riore distinctum. Capitis pars anterior supra atra vel 
fuscescens, saepe maculis vel striis tenerrimis albidis, 
vel pallide ferrugineis, plus minusve adspersa. Ca- 
pitis posterior pars magis fuscescens, pallide ferrugineo 
vel albo tenuiter submaculata vel undulata. Pone oc- 
ciput semicirculus pallide ferrugineus vel albidus fer- 
rugineo-flavescente tenerrime imbutus, fusco-nigro un- 
dulatus. Gula cum mento et temporum inferiore parte 
albida vel flavo -ferrugineo tenuissime lavata, nigro 
striata vel undulata. Pectoris superior pars, nee non 
inferioris partis latera alba vel albida flavescente-fer- 
rugineo pallido plerumque plus minusve tenere lavata, 
fortius quam partes descriptae, sed multo angustius 
quam in Brachjrampho marmorato atro undulatae. Pec- 
toris inferior pars, et abdomen cum crisso alba vel 
flavoferrugineo pallidissimo, parum distincto, lavatae 
et sparsius subtenuiter fusco vel nigro undulatae con- 
spiciuntur. Dorsum cum uropygio fusco-nigrum, sub- 
cinerascens, pallido flavescente-ferrugineo undulatum 



— 215 — 

vel striatum. E scapulari regione stria longitudinalis 
albida vel e flavescente pallide ferruginea maculis nigris, 
frequentissimis interrupta, fere ut in Br. marmarato, 
in specirninum nostrorum duobus retrorsum tendit, in 
tertio vero deest. Alae supra nigro-fuscae, exceptis 
tectricum superiorum mediis et rainoribus nigris, inter- 
dum tenerealbo marginatis; subtus fusco-einereae, ex- 
ceptis tectricum anterioribus in duobus speciminibus 
nigris, in tertio atro et e flavescente ferrugineo, pallido, 
transversim rnaculatis. Cauda brevissima a tectricibus 
in duobus speciminibus obtecta, in tertio paulisper pro- 
minens. Rectricum externae albae plerumque stria lon- 
gitudinali fusco -nigra notatae et saepe limbo margi- 
nali ejusdem coloris munitae, mediae supra atrae albo 
marginatae. 

Qu urn Brachyrampho Kittlitzii Brachyramphus mar- 
moratus valde similis sit et vestimentum ejus aesti- 
vale, in regionibus magis borealibus saltern, tan turn 
totum undulatum et maculatum appareat, in de con- 
cludi forsan posset, vestimentum Brachyramphi Kitt- 
litzii descriptum ptilosin aestivalem repraesentare et 
bibernalis qualitatem adbuc desiderari. 

Corporis longitudo a rostri apice ad caudae finem 
9" 2'" paris., rostri longitudo a rictu ad apicem 1", 
rostri pars prominens superior antenasalis 4'", alti- 
tudo rostri summa 2'", alae partis externae in curva- 
tura dimensae longitudo 5" 3 m , tarsi longitudo 10'", 
digiti medii longitudo sine ungue 11'". 

Patria Oceani tranquilli pars borealis. Specimina 
enim duo Kittlitdo debemus, qui ea ipsa ab expedi- 
tione rossica navali e regionibus borealioribusredeunte 
in Portu Camtscbatcae St. Petri et Pauli accepit et 



v — 216 — 

pro specie ab Uria marmorata diversa statuit (cf. 
Lütke, Voyage autour d. monde T. Ill, p. 324.) 

Tertium specimen ex insula Sitcha Kuprianov misit; 
quaeritur tarnen num ibi degat, quum Vosnessenski 
avem in insula dicta non observaverit. 

A Brachyramplio marmorato aestivali, hiemali et ju- 
niore, supra fusius descriptis, Brachyramphus Kittlitzii 
rostro breviore, altiore, atro, corpore angustius undu- 
lato, nee non rectricibus lateralibus albis, stria nigra 
longitudinali munitis primo intuitu distingui potest. 
Jam Vigors 1. 1. verisimiliter eandem speciem ante 
oculos habuit. Sin autem rêvera species nostra cum 
Uria brevirostri sua est identica, descriptionem ejus 
brevissimam, figura avis baud illustratam, minime ac- 
curatam dicere debemus, quum de rostro brevi gracili, 
corpore subtus maculato et rectricibus omnibus albis, 
duabus mediis tantum fusco-notatis loquatur — Mer- 
gulum antiquum seu Uriam antiquum juvenem Audu- 
boni (i. e. Bruchyramphum Kittlitzii) non esse avem 
Synthliboraniplii antiqui juvenilem ex hujus descrip- 
tione infra data apparet. Figura Au du boni ceterum 
non satis accurata et descriptio manca. 

Genas 4. Synthliboramphus Brdt. 

Bullet, sc. 1. I. p. 347. 

Rostri pars cornea prominens capitis dimidio bre- 
vior, sensu perpendiculari aequaliter compressa, esul- 
cata, a latere inspecta ovalis. Narium aperturae subo- 
vales. Tarsi antice fortius quam in BrachyrampMs 
scutellati. — Rostrum albidum in basi et superiore 
margine nigrum. Pectus et abdomen semper alba, 



— 217 — 

dorsum e coerulescente canum. Urinandi facultate 
Brachyramphos sup erat. 

Synthliboramphi rostri figura Ceratorhinae , ptilosi 
aestivali, nominatim pennis albis caput et collum or- 
antibus, Simorhynchis et Ceratorhinae, ptilosi hiemali 
vëro Brachyrampho marmorato affines cernuntur. 

Spec. 10. SynthMboramphus antiquus. Brdt. 
Mergulus marinus plumis angustis albis Steiler. — 
Ancient Auk Penn. Arct. Zool. II. u. 240; Lath. 
Synops. V. p. 326. — Alca antiqua Gmel. Syst. 
nat. II. p. 554. — Schleg. Mus. Livr. 9 Urinat. 
Alca p. 21. — Uria senicula Pall. Zoogr. II. p. 
369. — Uria antiqua Temniinck u. Schlegel 
Faun. Jap. (1845) pi. 80. — Mergulus antiquus 
Audubon Ornith. biogr. Vol. V. (1839) p. 100. 
pi. 402. fig. 1 (non fig. 2). — Uria (Brachyram- 
phus) antiqua L. v. Schrenck, Reisen in Amur- 
Lande Bd. I. Abth. 2. p. 499. — Brachyramphus 
(Synth liboramphus) antiquus Brandt, Bull. Sc. II. 
1837. p. 347. — Cassin, apud Baird B. N. p. 
916. — Mergulus cirrhocephalus Vigors, Voy. 
of Blossom Birds p. 32. — Anobapton (Synthlibo- 
rhamphus) antiquus Bonaparte, Consp. Compt. 
rend. XIII. (1856) p. 774. — Arctica cirrocephala 
Gray, Gen. Birds III. p. 644. — Synthliborham- 
phus antiquus Coues, Monograph p. 56. — Bra- 
chyramphus brachypterus Brandt, 1. 1. p. 346. 
Spec. 3. i. e. Uria brachyptera Kittlitz Mss (pullus). 

Specimina aestivalia seu nuptialia. 
Caput cum mento, gula et nucha, excepta macula 
alba pone aurium aperturam incipiente ad nuchae la- 

Mélanges biologiques. VII. ^° 



— 218 — 

tera et dein ad pectus continuata, aterrima. Capitis 
latera, occiput, nucha et colli superior pars pennis 
elongatis, subangustis, candidis, sparsis obsessa. 

Specimina hiemalia. 

Capitis et nuchae color ater minus obscurus. Men- 
tum cinereum. Gula alba. Pennae longiores albae ple- 
rumque nullae, interdum tarnen sparsim indicatae. 

Aves juniores. 

Avium juniores, quod attinet ad colores, specimini- 
bus adultorum hiemalibus sunt similes, sed rostro te- 
nuiore, humiliore, fusco, fere ut Brachyramphi , mu- 
nitae, pennis albis, elongatis in capite collo et nucha 
destitutae alisque brevioribus instructae conspiciuntur. 

Pullus admodum juvenilis, plumulis flavicantibus 
ex parte adhuc obsessus, caput supra cum dorso ni- 
grum, gulam vero cum pectore et abdomine albam 
habet. (Vosness.) 

Audubon Orn. biogr. erronée Brachyramphum 
Kittlitzii pro juniore Synthliboramphi antiqui habuit. 

S teil er us Synthliboramphum antiquum, (Starik et 
Staritschok Rossorum, Kudangakch Aleutorum) non 
solum in Camtschatca et in insularum Aleuticarum 
Archipelago, sed etiam in terrae firmae Americae litore 
(prope caput Eliae) vidit. Pallasius ait: abundat circa 
insulas Curilas et Aleuticas inque orientali litore Cam- 
tschatcae, praesertim in insula 40 stadia a portu 
Awatschae distante, Starikowii ostrow earn ob causam 
appellata. Nee deest in Penschinensi sinu. Aestate 
copiosa. Schlegelius de speciminibus japonicis lo- 
quitur. Coues non solum de speciminibus prope Cam- 
tschateam et prope Japoniam, sed etiam in insula Sitcha 
repertis dissent. Schrenckius avem in Sinu de Cas- 



— 219 — 

tries insula Obervatoria maxima copia observa vit. Vos- 
nessenskius mihi retulit S antiquum prope insulas 
St. Pauli et Georgii aestate tantum, et quidem rarius, 
in Camtschatcae oris australi-occidentalibus vero satis 
magna copia occurrere. Observavit eum praeterea in 
insula Beringii, in mari Ochotensi, sicuti in insulis 
Atcha et Unalaschka, nee non in Curilis. In Sinu Ke- 
nai, circa Sitcham et Californiam e contrario eum non 
invenit, imo retulit terrarum dietarum aborigines avem 
auditione tantum compertam habere. Ex animadver- 
sionibus Pallasii et Vosnessenskii redundare cete- 
rum videtur avem aestate tantum in regionibus supra 
allatis borealibus habitare, forsan quia litora earum, 
hieme glacie obdueta, nutrimenta haud praebent. In 
Curilis ceterum Vosnessenski aves hiemantes re- 
perit. In partibus borealibus aestate degentes igitur 
e regionibus australibus transmigrasse videntur. 

Interdiu fere semper, nisi nidificant, quod ab utro- 
que sexu, area nidulatoria simplici munito, perficitur 
(Schrenck), in mari haud proeul ab oris degunt et 
victum i. e. pisciculos, mollusca et cancros inquirentes 
continuo , egregius et profundius quam Alcidae aliae, 
urinantur, qua de causa a Curilis prae ceteris urina- 
torum nomen aeeeperunt. Vespere ad litora turmatim 
revolant et latebras nocturnas in scopulorum fissuris 
quaerunt, ubi etiam ovum singulum vel bina, sapida, 
gallinaceis parvis haud dissimilia, sed sordide alba, 
maculis guttisque griseo-fuscis , vel subviolascentibus 
saepe obsoletis, vario modo adspersa pariunt, nidum 
nullum struentes. Sunt ceterum admodum sociales 
atque stupidae et difficiliter volant. Ovis incubantes 
facillime arripiuntur. In Universum facili negotio non 



— 220 — 

solum ansis, sed etiam manibus capiuntur. Imo adeo 
S teller us narrât vespere ad litora redeuntes tran- 
quille sedentis in pellicea veste hominis sub limbo et 
in manicis latibulum quaerere. Caro comeditur. Pelles, 
avium aestivalium nominating aboriginibus vestimenta 
pulchra (Parki appellata) praebent. 

Spec. 11. Synthliboramphus Temminckii Brandt, 
Bull. sc. 1. 1. 
Uria "Wumizusume Temm. PI. col. T. V. PI. 379.— 
Uria umizusume Schleg. et Temm. Faun, japon. 
Aves PI. 79. — Alca Temminckii Schleg. Mus. 
d'hist. nat. d. Pays-Bas. Livr. IX. Urinatores 
p. 22. — Brachyramphus Temminckii Gray Gen. 
of Birds III. p. 644; Elliot. N. A. B. P. V (Icon). 

Habitat in plagis magis australibus Oceani pacifici 
e. c. circa Japoniam. 

APPENDIX. 

Species mihi ignotae, ut putarem, aves hiemales vel 
juniores praebentes, quas ob dorsi immaculati colorem 
cinereum, in Synthliboramphis hue usque tantum ob- 
servatum, et rostri figuram, in Synthliboramphorum 
pullis ad rostri figuram in Brachyramphis observandam 
quodammodo accedentem, generi Synthliboramphus pro 
tempore adjungerem, specierum genuinarum valorem 
tarnen minime tribuerem. 

Brachyramphus hypoleucus Xantus, Proceed. Acad. 
Philad. Nov, 1859; Elliot, N. Am. B. P. IY (Fi- 
gura). — Coues, Monogr. of the Alcidae p. 64. 
Avis quod ad colorem dorsi cinereum, et colli, pec- 
alarumque inferioris faciei album 



— 221 — 

Uriae (Brachyrampho) brachypterae Kitth, Synthlibo- 
ramphi antiqui pullum ut supra vidimus, représentante, 
simillima, inio forsan identica, nisi ad Synthliboram- 
phum Temminckii (propter patriam i. e. Californiam 
inferiorem?) sit referenda et avem hiemalem sistat. 

Brachyramphus Craveri Salvadori, Atti délia Società 

Italiana di Scienze nat. Vol. VIII (1856) p. 387. 

Ell. Coues Monogr. 1. 1. p. 66. 

Jam Hartlaub, Bericht über d. Leistgen d. Naturg. 

d. Vögel für 1866 in Troschel's Arch. Jabrgg. 33. 

B. 2. S. 32 recte interrogat: Uria Craveri, ob neu? — 

Cou es ad opinionem inclinât Brachyramphum Craveri 

et Brachyramphum hypoleucum aves esse simillimas. 

Equidem conjicerem identicas. 

Genus 5. Mergulus Ray. 

Uria Briss. Alca Linn. 

Rostrum capite brevius, basi dilatatum, a facie su- 
periore inspectum trianguläre, dorso devexo, satis 
convexo. 

Genus ptiloseos colore Alcas et Lomviarum sectio- 
nem, rostri figura quodammodo Brachyramphos et 
Simorhynchos, imo Perdices in memoriam revocans. 

Spec. 12. Mergulus melanoleucus Ray. 
Mergulus Alle Vieill. gal. Tab. 295. — Naura. Vögel 
Deutschi. XII. S. 552. Taf. 334; Gould Birds 
Europ. V. — Uria minor Briss. — Alca Alle 
Linn. — Schlegel, Mus. d. Pays-Bas Livr. IX. 
Urinator. p. 20. 

Tribus seu Subfamilia II. Gymnorhines seu Phale- 

rinae. 
Narium aperturae nudae. 



— 222 — 
Genus 6. Ptychoramphus Brdt. 

Arctica Gray. Uria Pall. e. p. 

Brandt Bullet, sc. I. I. p. 347. Genus 5. 

Rostrum conicum, parum compressum, capitis di- 
midio longius, in dorsi basi supra nares plicis nonnullis 
transversis, cutaneis munitum. 

Spec. 13. Ptychoramphus aleuticus Brdt. 1. 1.; 
Coues, Monogr. p. 52; Cassin, Baird Birds N. 
Am. p. 910. —Elliot, N. Am. Birds. P. IV. 
(Figura). — Uria aleutica Pall. Zoogr. T. II. 
p. 370. — Phaleris aleutica Gray, Gen. Birds 
III. p. 638. — Mergulus Cassini Gambel, Proc. 
A. N. Sc. Philad. IL 1845 p. 266, Journ. A. N. 
Sc. Philad. 2 ser. IL 1850. PI. VI. — Arctica 
Cassini! Gray, Gen. Birds III. 1849. p. 638. — 
Simorhynchus aleuticus Schlegel, Mus. d. Pays- 
Bas Livr. IX. Urinator. p. 26. 

Coues 1. 1. avem juniorem aetate provectiorem 
descripsit. Maxime juveniles capite pennis fuscis gri- 
seo - marginatis obsesso, dorso e fusco - grisescente, 
remigibus et rectricibus pallide fuscis cum alarum 
tectricibus albido terminatis differunt. — Avesadultae 
in capite pennarum albarum, angustissimarum , bre- 
vissimarum, parum prominentium , singula vestigia 
plus minusve distincta, affinitatem cum Simorhynchis, 
ut videtur, indicantia, offerunt. 

Vosnessenskius avem ter tantum observavit, sci- 
licet prope Insulam Kadjak 1 Augusto in Curilis au- 
tumno et specimen femineum in insula Unga Junio. 
Secundum Coues ceterum Ptychoramphus aleuticus in 
oris Americae borealis occidentalibus variis inde a 



— 223 — 

California (San Diego) versus aquilones inventus est. 
In insulis Farralone Islands nidificantem repererunt. 
Aleuti licevcienses avem Katschat, Rossi Morskoi 
Kamenuschca appellant. (Vosness.) 

Genus 7. Simorhynchus Merrera. 

Alca Pali. Spicil. Uria Pall. Zoogr. e. p. 

Phaleris Temm. Man. d'Orn. I. e. p. — Tylorham- 

phus Brandt, e. p. — Ciceronia Reichenb. e. p. 

Simorhynchus Schlegel e. p. 

Rostrum breve, fere trianguläre, subcompressum, 

basi subdilatatnm , apice adunco. Mandibula recta vel 

subrecta. 

Genus rostri figura, quodammodo Mergulos revo- 
cante, et ptilosi capitis aestivali e pennis plus minusve 
elongatis, angustis, albis ex parte composita distinctum. 

Subgenus A. Tylorawphus Br dt. 
Angulus oris in speciminibus aestivalibus callo cor- 
ueo, arcuato auctus. — Mandibulae margo superior 
emarginatus. Rostri dorsum corniculo destitutum. 

Spec. 14. Simorhynchus cristatellus Merr. Schleg. 

a) Avis aestivalis, i. e. ptilosi nuptiali induta rostro 
in oris angulo callo aucto, aurantiaco, apice albido 
crista frontali pennacea larga, antrorsum arcuata, 
pennis albis elongatis, subsetaceis, angustis, arcuatis 
subocularibus et fronte albida praedita invenitur. 

Feminae nuptiales a maribus crista frontali et pen- 
nis angustis, albis, subocularibus brevioribus distin- 
guuntur. (Vosness.) 

Alca cristatella Pali. Spie. Zool. V. p. 18. Tab. 3; 
Lath. Ind. Ornithol. II. p. 794, sp. 6, Gen. hist. ' 



— 224 — 

of birds X. p. 67 sp. 7. PL CLXX. fig. 4 (caput). 
— Uria cristatella Pall. Zoogr. T. II. p. 370 
(excl. syn.Lepechin) — Phaleris superciliata Au- 
dubon, Ornith. biogr. pi. 402. ed. 8. pi. 437.— 
Tylorhamphus cristatellus Brandt, Bull. sc. 1. 1. 
p. 348. — Simorhynchus cristatellus M err., Schle- 
gel, Mus. d. Pays-Bas. Livr. IX. Urinat. p. 25. — 
Cou es, Monogr. p. 37. — Phaleris cristatella 
(incl. tetracula et dubia) L. v. Schrenck, Reis, 
n. d. Amur-Land. Bd. I. Abth. 2. p. 500. T. XVI. 
fig. 4. u. 5. 

b) Avis ptilosi hiemali vestita, rostro fusco nigri- 
cante apice albicante, in angulo oris callo destituto, 
crista fron tali pennacea breviore vel longiore et fronte 
quoad colorcm capiti aequali munita reperitur. 

Uria dubia Pall. Zoogr. II. p. 371; Hartlaub, Zeitg. 
für Zool. und Zoot v. D'Alton u. Burmeister, 
Leipzig. 1848. II. Quartal, p. 160. (Descriptio 
accurata). — Phaleris dubia Brandt, Bull. sc. 1. 1. 
p. 347. spec. 2. — Tyloramphus dubius Bo nap. 
Compt. rend. 1856. T. XIII. p. 774. — Simo- 
rhynchus dubius Coues, Monogr. p. 40. 

Jam Pallasius, Zoogr. 1. 1. de Uria dubia anno- 
tavit: Sexu vel aetate tantum a praecedente (i. e. ab 
Uria cristatella) videtur differre. 

c) Aves juniores supra nigrae, infra cinereae, rostro 
brevi fusco- nigro et macula albida sub oculis munitae, 
cristula frontali pennacea et permis elongatis subocula- 
ribus albis expertes. 

Alca tetracula Pall. Spic. Zool. V. p. 23. pi. 4.; Lath. 
Ind. Ornith. II p. 794. — Uria tetracula Pall. 



— 225 — 

Zoogr. IL p. 371. — Phaleris tetracula Stephens 
Shaw. gen. Zool. XIII. p. 46; Brandt, Bull. 1. 1. 
p. 347; Gray, Gen. Birds. III. p. 038; Elliot. 
Birds. N. Am. P. III. 1867. (Figura). — Phaleris 
psittacula juu. Temm. Man. d'Ornith. I. 1820. 
p. CXII et Planch, col. Vol. V. Genus Phaleris 
(erronée). — Tylorhamphus tetraculus Bo nap. 
Consp. Compt. rend. p. 774. — Phaleris (Tylo- 
rhamphus) tetracula Cassin in Bairds Birds N. 
Am. p. 907. — Simorhynchus tetraculus Cou es 
Moiiogr. p. 43. 
Specimina numerosa a Vosnessenskio varus anni 
temporibus collecta, in Museo Academiae scientia- 
rum servata, Uriae s. Alcae cristafeUae , dubiae et 
tetracula e Pallasii identitatem jam a Schrenckio 
(I860) observationibus meis assentiente et serius a 
Schlegelio (Mus. d. Pays-Bas. Livr. IX. Urinatores 
p. 25) pronunciatam extra omnes dubitationis limites 
ponunt. Schlegelius in eo erravit, quod Uriam du- 
biam Pallasii, avem hibernalem repraesentantem, pro 
juniore habuerit. 

Simorhynclms cristatellus jam a S t e 1 1 e r o (Beschreib. 
v. Kamtschatka S. 181) tertiae Urinatorum formae 
nomine designatus et insularum Curilicarum incolis 
adscriptus, secundum observationes Vosnessenskii 
Oceani tranquilli partes maxime boréales non visitât, 
ultra insulas St. Pauli et Geoigii enim, in quorum 
scopulis vernali tempore et aestate (i. e. inde a medio 
mensis Aprilis usque ad finem Julii) tantum degit, 
baud conspiciebatur. Secundum Cou es vero ad fretum 
Beringii usque occurrit, sed versus austrum in Ame- 
ricae oris territorium Washingtoni haud excedit. In 

Mélanges biologiques. VII. 29 



— 226 — 

Archipelago aleutico e. c. in insula Atcha et Una- 
laschka, deinde in insula Kadjak, porro in peninsula 
Alaschka, nee non prope Camtschatcam, sicuti in ma- 
ris Ochotensis (Middendorff) et in Sinus mandschu- 
rensis (Schrenck) insularamque Curilarum oris plus 
minusve frequenter, interdum magnis turmis sociatim, 
sed aliis Alcidis baud assoeius, vivit. In Japoniae oris 
teste Pallasio et Couesio pariter invenitur. Hiemali 
tempore non in partibus maxime borealibus supra die- 
tis, sed in magis australibus tantum, secundum Vos- 
nessenskium nominatim prope insulam Atcham, Una- 
laschkam et Kadjak, deinde in peninsulae Alascbkae 
oris australibus, nee non in insulis Curilis degit; ubi 
ceterum etiam aestivali tempore minime deest. Qua 
de causa Simorhynclms cristatellus avibus adnumeran- 
dus esse videtur, quae pabuli et propagationis commo- 
dae causa ex parte tantum in regiones magis boréales 
transmigrant. Aves juniores (Alca et Uria tetracula 
Pall.), extremitates et sternum ex parte cartilaginea 
praebentes, a Vosnessenskio in insula Kadjak 18 
Julii et 4 Augusti die, in insula Atcha vero medio 
mensis Augusti reperiebantur. Aves ptilosi hiemali 
indutas ( Uriam dubiam, P a 1 1 a s i i repraesenta ntes)mense 
Novembre in insulis Kadjak et Unalaschka, Januario 
et Februario vero in insulis Curilis sibi comparavit. 
Autumno ceterum specimen hiemale in Camtschatka 
inferiore accepit. 

In scopulis sociatim plus minusve magna copia, nisi 
nidificat, nocturno tempore tantum degit, interdiu vero 
in mari haud procul ab oris piscari solet, minus fre- 
quenter et minus profunde tarnen urinatur quam Synth- 
liboramphi. 



— 227 — 

Nutritur molluscis et cancribus parvis üsdem, qui- 
bus etiam Balaenae utuntur, cibosque pullis in rictu 
apportât. Nidificat in scopulorum littoralium cavita- 
tibns vel sub lapidibus et ovum singulum albi coioris, 
gallinaceo minus in ipsis saxis parit, et nidum minime 
construens incubât. Qu um ingentem clamorem Kon, 
Kon sonantem tollat a Rossis Konugae et Konuschkae 
nomen accepit. (Vosnessenski) — In insula Kadjak 
ceterum referente eodem Taiimyjaek , in insula Una- 
laschka Tuslunah et in California boreali ab aborigi- 
nibus Tundach appellatur. 

Capitnr praesertim vere, quo tempore pinguedine 
abundat. Caro sapida. Laminae corneae parvae, au- 
rantiacae oris angulos speciminum nuptialium obte- 
gentes, quas fila menti s affixas Aleuti conservant, ves- 
timentorum ex intestinis Phocarum confectorum (Kam- 
leiki dictorum) ornamenta ipsis praebent. Cristis pen- 
narum frontalibus galeris ornandis utuntur. (Vosnes- 
senski). 

Subgenus B. Phaleris Brdt. 

Ciceronia Reichenbach, e. p. 

Rostrum mandibula subrecta vel recta donatum, in 
angulo oris callo corneo semper destitutum, in adultis 
interdum (aestate) in dorso supra nares corniculo (in 
genere Ciceronia Reichen bachii) auctum. 

Spec. 15. Simorhjnchus camtschaticus Lep e chin , 

Schlegel, Coues. 

Alca camtschatica Lepechin, Nov. Acta Petropol. 

XII. 1801. p. 369. Tab. 8. — Uria mystacea 

Pall. Zoogr. II. p. 372. — Mormon superciliosa 

Lichtenstein, Verzeichn. 1823. p. 89. — Mor- 



— 228 — 

mon cristatellus Cuv, C h oris, Voy. pittor. PI. 

XII. p. 18. — Phaleris cristatella Temm. PL 

Col. Vol. V. PL 200*). — Phaleris camtschatica 

Brandt, Bullet, sc. 1. 1. p. 347. (1837); Gray, 

Gen. Birds. III. (1849) p. 638; Cassin, Baird's 

B. N. Am. p. 908. — Tylorhamphus camtschati- 

cus Bonap. Compt. rend. 1856. XIII. p. 774.— 

Phaleris superciliosa Bonap. Comp. List. 1838. 

p. 66. — Simorhynchus camtschaticus Schlegel, 

Mus. d. Pays-Bas. Livr. IX. Urinator. p. 25. — 

Coues, Monogr. p. 41. 

Species a me quidem Lepechino, Academico olim 

Petropolitano de Rossia bene merito, restituta, re 

exactius considerata tarnen (cf. infra notam ad Simo- 

rliynchum pusillum factam) secundum recentiores meas 

disquisitiones rectius Simorhynchipygmaei B rd t. Penn.. 

nomine designanda. 

Specimina aestivalia tantum rostro majore parte 
rubro, crista frontali pennacea et pennis illis albis, 
rigidis, elongatis, capitis et colli ornamentum prae- 
bentibus, munita. 

Specimina hiemalia et verisimiliter etiam juniora 
ornamento dicto vel prorsus carent, vel in fronte, 
praesertim in ejus lateribus, deinde pone oculos et 
oris angulum pennarum angustarum, albidarum vesti- 
gia tantum, deinde rostrum magis nigricans et interdum 
pectoris inferiorem partem cum abdomine albida offe- 
runt, ut specimina a Vosnessenskio relata Musei 
Academiae demonstrant. 



4) Temminck. Man. d'Ornithol. I. (1820) p. LXII. Alcam cam- 
tschaticam, Lepechini (i. e. Simorhynchum camtschatieum, Schle- 
geli et Couesii, PhaJeridem cavntschaticam Brdt.) pro Alca {Simo- 
rhyncho) cristatella Pallasii erronée habuit. 



— 229 — 

Shnorhynclms camtschaticus secu nd u m P a 1 1 a s i u m in 
insula Unalaschka et Curilis occurrit, Camtsehatcam 
et Ochotensem sinum vero minime habitat. Quam ob 
rem Zoologus Illustrissimus haud sine causa Âlcae 
camtschaticae Lep echini TJriae mystaceae nomen magis 
congruum dedit. — Coues oras Americae borealis 
occidentales in Universum, nee non Camtschatcam pro 
patria avis dictae statuit. Secundum observationes 
Vosnessenskii Simorhynchus camtschaticus re vera et 
in Oceani tranquilli borealis oris asiatkis et ameri- 
canis, non autem ubique occurrit et praeterea turmis 
numéro minoribus, quare rarius in uuiversum, aliis 
Alcidis haud associus, reperitur. Octo annorum spatio 
enim Vosnessenskio avem in Sinu Akutan (inter 
Unalaschka m et Akun seu Aculan), nec non in insula 
Atcha, deinde in Curilis, nominatim in insula Urup et 
quidem in hacce insula Décembre, Januario et Fe- 
bruario, igitur hibernantem, videre contigit. In Cam- 
tchatcae oris, quas inde a Lopatka usque ad Sinum 
karginskiensem visitavit, earn nec ipse observavit, 
nec ab incolis de praesentia ejus audivit. Simorhyn- 
chum nostrum etiam prope insulam St. Pauli et Ge- 
orgii et prope insulas Kadjak et Sitcha déesse idem 
auctor est; in locis modo commemoratis enim pariter 
eum nec ipse vidit, nec ab incolis, quibus figuram ejus 
exactam ante oculos posuit, de praesentia ejus audivit. 
Quae quum ita sint pro tempore Simorhynchi nostri 
patriae termini boréales Archipelagi insularum aleu- 
ticarum partis orae, australes vero insulae Curilenses 
et, ut suspicare licet, Japoniae, nominatim borealis, 
orae designandi esse videntur. 

A Rossis insulam Unalaschka habitantibus avis nostra 



— 230 — 

Morskoi petuschok, ab incolis Atchac Turutorka ab 
Aleutis Lisevkensibus Kuieh appellatur. (Vosness.) 

Spec. 1 6 . Simorhynchus pusillus Brdt.(Pall.e.p.) 

Uria pusilla Pall. Zoogr. II. p. 373 (excl. syn.)*). — 

Phaleris corniculata Eschsch. Atl. Taf. XVI. p. 4. 

— Phaleris pusilla Elliot. N. A. B. PL VIII. (Icon). 

— Phaleris pygmaea Brandt, Bullet, sc. 1. I. 
p. 347 (excluso synonymo Gmel.) (hiem.) — Pha- 
leris microceros ejusdem (adult). — Tylorhamphus 
pygmaeus Bonap. Compt. rend. XIII. (1856) 



5) Jam Pallasius 1. 1. Uriae pusillae suae sine ulla haesitatione 
addidit synonyma: Pigmy Auk Penu. Aret. Zool. II. p. 513 n. 43i, 
Lath. Synops. V. p. 32S n. 12, Alca pygmaea Gmel. Syst. Up. 555. 
sp. 12. Sequuti sunt varii auctor.es, qui de Alcidis scripserunt ex- 
cepto Temminckio, qui {Man. d'Ornithol. I. p. CXII et PL col. 
Vol. V. genus Phaleris) Alcam pygmaeam avem juniorem Phaleridis 
cristatellae suae (i. e. Simorhynchi camtschatici) (ab ipso tarnen erronée 
pro Alca seu Uria cristatella Pallasii, Simorhyncho cristatello, 
habiti) esse statuit. Recentioribus temporibus Ca s sinus (Sp. Baird 
B. N. p. 909) et Coues (Monogr, p. 51) omni jure dubitarunt, quin 
Uria pusilla Pallasii ad Alcam pygmaeam Gmel. (Pigmy Auk 
P en n. Lath.) sit referenda. Gas sin Alcam pygmaeam ad Ptychoram- 
phum aleuticum juvenem relegaret. Coues vero rectius ait: «it is 
more probable, judging from the descriptions of Gm el in and La- 
tham that several small species have been confounded under this 
name». Equidem, Pennanti, Lathami et Gmelini descriptiones 
denuo comparans Pen nanti avem, ob magnitudinem et rostri figu- 
ram, Simorhynchorum generis speciei parvae omnino pariter, juve- 
nilis instar, adnumerarem, non autem ad Simorhynchum pusillum 
pectore et abdomine albo, quamquam plerumque maculatis, diver- 
sum, sed ad Simorhynchum camtschaticum (seu Cassini) sicuti Alca 
pygmaea {Pygmy Auk) corpus subtus cinereum et abdominis medium 
tantum album praebentem, referrem, ad pristinam Temminckii opi- 
nionem igitur redirem. Qua de causa etiam nomen specificum^ws^s 
ducePallasio elegi, quamquam synonyma ab eo Uriae pusillae addita 
ad earn minime spectent, ita ut re exactius considerata. ut supra indi- 
cavimus, ob synonyma aPallasio a\\&ta,, Simorhynchus pusillus noster 
ex parte tantum avem Pallasii repraesentet. Nomen specificum a 
corniculo supranasali desumtum evitavi, quia corniculurn junioribus 
et hiemalibu8 speciminibus deest. 



— 231 — 

p. 774. — Phaleris nodirostra Bonap. Comp. list, 
p. 66. — Simorhynchus pygmaeus Schleg. Mus. 
d. Pays-Bas. Livr. IX. Urinatores. p. 23, (Pha- 
leris pygmaea et microceros). — Phaleris nodi- 
rostris Bonap. Audubon, Ornith. biograph. V. 
p. 101. pi. 402; Gray, Gen. III. p, 644. — Pha- 
leris pygmaea (scribere voluit pusilla) Pall. Hart- 
laub. Arch. f. Naturg. v. Troschel.XY. 2. 1849. 
p. 53. — Ciceronia microceros Pteichenb. -— 
Simorhynchus microceros et Simorhychus pusillus 
Coues, Monograph, p. 46 et 48. 

Phaleris pusilla, corniculata , microceros et nodi- 
rostris pro certo unam eandemque avem repraesentant, 
quamquam E. M. Kern (Proceed. Acad. nat. sc. Philad. 
1862. 324) contrarium dicit. Specimina enim plura 
identitatem indicantia misit Vosnessenski, e quo- 
rum examine, additis observationioribus in ipsa avis 
patria ab eo factis, clare demonstrator unius ejusdem- 
que speciei exemplaria nuptialia, corniculo tantum in- 
st ru eta, quae Phaleridis microcerotis etc. fundamentum 
praebuerunt, deinde hiemalia, corniculo destituta 6 ), 
Uriae pusillae nomine a Pallasio primum descripta, 
speciebus binis distinctis erronée esse adnumerata. 
Ad hancce sententiam fusius probandam vero avium 
aestivalium, hiemalium et juniorum differentiae hoc 
loco fusius exponendae esse videntur. 

Simorhynchus pusillus, generis specierum hue usque 
cognitarum minimus, a congeneribus pectoris et abdo- 



6) Aves hiemales corniculo esse destitutes, at observavit Vos- 
nessenski, tanto minus mirum videri nobis potest, quum callus 
corneus in Simorhynchi cristatelli oris angulis aestate conspicuus 
hieme pariter desit. 



— 232 — 

minis colore fundamentali Candida, quamquam ma- 
culis transversis saepe undulatis, fusco-nigris saepe 
interrupta, diversa et Ombriam psittacuJam quodam- 
modo hac ratione revocans, quod attinet ad magnitu- 
dinem, rostri rationeai et colores satis variât. Quare 
difFerentias inter Simorhynclium pusillum et microceros 
obvias, de quibus loquitur Coues p. 51, baud confir- 
mare potui. 

Gulaplerumque quidem Candida, sed interdum fusco- 
■griseo satis dense maculata. Jugulum et pectus ple- 
rumque quidem griseo-fusco vel fusco-nigro plus mi- 
nusve maculata, sed baud raro alba, immaculata. Ab- 
domen cum trunci iateribus et crisso interdum quidem 
Candida, plerumque tarnen fusco vel cinereo nigricante 
trans versim plus minus ve fasciata vel maculata. Alae 
suprae fuscescente nigrae, baud raro subpallide fusces- 
centes, interdum (in uno specimine Musei Academiae) 
remigibus quatuor externis albis et tectrjcibus majo- 
ribus ex parte albo terminatis munitae. Stria longitu- 
dinalis, humeralis alba variabilis. Magnitudo pariter 
variât. Speciminum nostrorum maxima en im a rostri 
apice ad caudae apicem 1" 4" r (paris.) minima vero 
6" 6 r,f longa inveniuntur. 

a) Avis ptilosi aestivali ornata. 

Phaleris corniculata Eschsch. Atl. Tab. XVII. p. 4. — 
Phaleris microceros Brandt. Bull. sc. 1. 1. p. 347 
spec. 4. — Phaleris nodirostris Bonap. Comp. 
List. p. 66, Audub. Ornithol. biogr. V. p. 101. 
PI. 402. — Simorhyncbus microceros Coues, 
Monogr. p. 46. — Ciceronia microceros Rei- 
chenbach. 



— 2S3 — 

Rostri dorsum corniculo rotundato, nigro, in rostri 
basi supra nares conspicuo, munitum. Frons pennulis 
angustis, albis, sparsis largiter ornata. Pone et infra 
oculos pennulae albae similes, sed minus fréquentes, 
longiores et curvatae. Pectus et abdomen plerumque 
quidem Candida et e canescente fusco undulato-ma- 
culata, abdomen tarnen interdum totum cum gula et 
pectore candidum. Stria suprascapular maculis albis 
plus minusve indicata, saepe nulla. Rostri dimidium 
apicale plerumque rubrum quidem invenitur, colons 
rubri loco tarnen, sicuti Vosnessenskius in speci- 
mine in insula St. Laurentii 21 Junii occiso, ad natu- 
ram ab ipso delineato, reperit, interdum obscure brun- 
neum apparet. — Feminae a maribus, ut secundum 
nostra specimina videtur, paulo minoribus, quibuscum 
coloribus conveniunt, corniculo vix paulo minore et 
pennis frontalibus albis vix brevioribus differre parum, 
vel vix, videntur. 

b) Aves hiemales. 

Uria pusilla Pall. Zoogr. II. p. 373 (excl. syn.) — 
Phaleris pygmaea Brandt, Bullet, sc. 1. 1. p. 347. 
sp. 3. (excl. synon. AIca pygmaea Penn. Lath. 
Gmel.) — Simorhynchus pusillus Coues, Mo- 
nogr. p. 48. (exclusis syn. Penn. Lath. Steph.) 

Rostri fusci pars basalis, supranasalis, corniculo 
destituta. Jugulum, pectus et abdomen magis alba i. e. 
minus maculata quam in speciminibus aestivalibus. 
Stria scapularis alba, ut in speciminibus hiemalibus 
Brachyramphi marmorati, distincta. Pennae albae, an- 
gustae frontem ornantes tarnen vix breviores. 

Observ. Specimen a Pallasio descriptum rectricem 

Mélanges biologiques. VII. 30 



— 234 — 

extimam margine albam quidem obtulit quae tarnen 
ratio aperto exceptionem nullius momenti sistit. 

c) Avis junior hiemalis. 

In Museo Academiae exstat specimen femineum 
primo Januarii die in insula Urup a Vosnessenskio 
occisum, notas quae sequuntur praebens. Caput et 
cervix cum dorso et alis atra. In fronte pennarum 
albarum, angustarum vestigia minutissima. Rostrum 
atrum, corniculo destitutum. Mentum atrum. Gula 
cum pectoris inferiore parte et crisso candidae. Jugu- 
lum album quidem, sed cinereo-fusco undulatum. Stria 
longitudinalis scapularis maculis cinereis, nigro inter- 
ruptis, indicata. 

Pallasius refert: Uriam pusillam suam circa Cam- 
tschatcam in litorum orientalium scopulis observari. 
Secundum Cou es non solum prope Camtschatcam, 
insulas Curiles et Japoniam, in Sinu Plower et prope 
Sitcham, sed in Universum in oris atque insulis Oceani 
tranquilli asiaticis et americanis ad fretum Seniavin 
usque reperitur. Annotat tarnen haud constare; avem 
quoque in regionibus Territorio Washingtoniano magis 
australibus occurrere. 

Refer ente Vosnessenskio Simorhynchus pusillus 
magis quam longe plurimae Alcidarum species versus 
septentriones, nominatim ad Fretum Beringii usque, 
propagatur. Occurit prope insulam St. Laurentii et 
Ukiwoc. Prope insulam St. Petri et praesertim St. 
Pauli Vosnessenski frequentissime eum observavit. 
In litoralibus terrae firmae Asiae et Americae avem 
quidem non vidit, sed aborigines specimina ejus ad 
navem apportarunt. InCurilis nominatim Iturup, Urup 



— 235 — 

et Simusir hibernât. Mehse Majo ex hibernaculis in 
regiones boréales transmigrât, Septembre redit. 

Aliarum Alcidarum more interdiu in mari piscatur, 
nisi nidificat, vespere autem turmatim ad litora revoîat 
ibique in scopulis noctem degit, ubi etiam ovo incum- 
bit. Ova singula quod ad magnitudinem et colorem 
columbinis sunt similia. Nutritur animalibus parvis 
marinis, praecipue Algis et lapidibus insidentibus. Stu- 
piditas et incuria ejus summa invenitur, ita ut vespere 
e mari, ex parte relaxatus, rediens in varias quae 
obstant res, palos etc. incidat, imo sub hominum vesti- 
mentis expansis latibulum nocturnum sibi quaerere 
tentet. Quare frequentissime atque facillime non solum 
ab hominibus adultis, sed etiam a pueris et puellis reti- 
bus vel instrumentis sacci formam praebentibus magna 
copia capitur, imo manibus arripitur. 

Caro et ova esui admodum jucunda sunt. 

Aleuti lisevskienses avem nostram Tscbutschick, 
Rossi Tschutschi, incolae insulae Ukiwok (Asisekmuti) 
Atpilivac appellant (Vosness.) 

? Simorhynchus Cassini Cou es Monogr. p. 45. 

Coues 1. 1. Simorliynchi Gassini nomine speciem 
novam Simorhynchorum generis proposuit unico spe- 
cimine tantum innixam. Equidem, descriptionem hujus 
avis iterum iterumque relegens et cum speciminibus 
affinibus comparans, semper opinionem retinui, earn 
alius speciei notae statum haud perfectum repraesen- 
tare. Diflerentias nominatim essentiales inter Simo- 
rhynchum Cassini et Simorhynchum camtschaticum ju- 
niorem obvias indagare haud potui. Rostrum a latere 
inspcctum, quale repraesentavit Coues 1. 1., magni- 



— 236 — 

tudo corporis, nee non color- sic dicti S. Gassini ad S. 
camtschaticum )wenem (Pygmy Auk, Alcapygmaea Gm.) 
pennis illis albis caput ornantibus orbatum et rostro 
non rubro, sed obscuro, rubicante tantum munitum 
perbene quadrare mihi videntur. Diiferentiam, unicam 
tarnen, rostrum magis compressum, a facie superiore 
inspectum (cf. figuram inferiorem apud Cou es) prae- 
bere quidem videtur. Quum autem haecce nota in spe- 
cimine unico sit observata, et in avibus junioribus ros- 
trum angustius esse soleat, rostri characteres S. Cassino 
tributi minoris erunt momenti. Reputandum praeterea 
esse videtur sic dicti S. Cassini specimen ex insula 
Unimac. igitur haud ita procul a sinu Akutan, ubi 
Vosnessenskius Simorhynchum camtschaticum obser- 
vavit, esse relatum, Vosnessenskium denique octo 
annorum spatio in Oceani tranquillo degentem Simo- 
rhynchi Cassini ne minimum quidem vestigium repe- 
risse. Quae quum ita sint equidem putarem Simorhyn- 
cho Cassini, pro tempore saltern, speciei valorem vix 
tribui posse , sed eum ipsum longe veresimilius Simo- 
rhynchum camtschaticum juvenem (seu exactius ut vide- 
tur Alcam pygmaeam Pennanti, Lathami et Gme- 
lini), Couesio (cf. p. 43) ignotum, repraesentare. 

Genus 8. Ombria Eschsch. 

Lunda Pall. e. p. Simorhynchus Schleg. e. p. Phcderis Te mm. e. p. 

Rostrum valde compressum et altum, a latere in- 
spectum fere ovale, esulcatum, culmine fere horizon- 
tali, maxilla apice emarginata, mandibula vero falcata, 
adscendente, acuminata munitum. 

Genus pennis angustis, elongatis, subocularibus al- 
bis, nee non parte laterali basali et colore rostri Simo- 



— 237 — 

rhyncliis quidem connatum, sed rostri forma generali, 
valde peeuliari, distinctissimum, quare merito accipien- 
duni, nisi omnia Alcidarum genera unico generi, ma- 
jorum more, adscribere et rostri figurae, in propone» ~ 
dis avium generibus semper respectae, valorem meri- 
tum ad vitae genus referendum recusare velis. Re 
vera enim Ombriae, ut observavit Vosnessenski, ab 
aliis Alcidis, a Simorhynchis nominatim, in eo rece- 
dunt, quod Molluscis bivalvibus, Mytilis etc. nutri- 
untur, cui quidem vitae generi rostri forma singularis 
optime respondet. Qua de causa putares, quod ad 
rostri figuram et vitae genus inde derivandum attinet, 
Ombriam talem locum inter Alcidas occupare, qualem 
genus Haematopus (quod Ornithologorum nullus generi 
Charadrius adjungere tentavit) inter Gharadriadas. 

Spec. 17. Ombria psittacula Eschsch. 

Ombria psittacula Eschscholtz. Zoolog. Atl. Tab. 17; 
Brandt, Bull. sc. 1. 1. p. 348; Elliot, N. A. B. 
P. I. (Icon). — Alca psittacula Pall. Spicil Zool. 
Fasc. V. p. 13. Tab. 2 et 5 fig. 4—6. — Lunda 
psittacula Pall. Zoogr. II. p. 366. — Phaleris 
psittacula Temm. Man. I. p. 112. — Simorhyn- 
chus psittaculus Schlegel, Mus. d. Pays-Bas. 
Livr. IX. Urinator. p. 24; Coues, Monograph, 
p. 36. 

Feminae a maribus pennis albis, angustis postocu- 
laribus brevioribus differunt. 

Aves hiemales et juniores hucusque mihi sunt igno- 
tae. Quod attinet ad avem, quam Pallasius (Zoogr. 
1. 1. p. 367 in nota 2) pro juniore habuit, equidem 
putarem, earn ipsam forsan quoque hiemalem pennis 



— 238 — 

albidis, elongatis postocularibus, orbatam repraesentare 
potuisse. 

Ombria psittacula (Beldbruschka i. e. albiventris, 
Bossorutn, Agalujaecch Aleutorum. insulae Kadjak, Ku- 
lugach Aleutorum îisevkiensium) inde a Japoniae oris 
ad fretum Beringii usque aestate saltern vitam degit. 
Vosnessenskio teste nominatim habitat inde ab Aleu- 
tarum Archipelago ad insulam Beringii et inde versus 
boream in insulis St. Pauli et Georgii, porro in lito- 
ralibus australibus nominatim Camtschatcae, nee non 
in oris rupestribus maris ochotensis (e. c. prope Ayan 
et insulas Malmincienses, ubi earn Middendorff quo- 
que observavit) et insularum Curilensium. 

In insula Unalaschka Alcidarum aliis speciebus 
prius, i. e. jam sub fine Martii mensis, apparet et 
Sempterabre in regiones australiores revolat ibique 
hiemem degit. 

Nutritur potissimum molluscis bivalvibus e. c. My- 
tilis etc., quibus comedendis rostri forma singularis 
aptissimum praebet instrumentum. Aliarum Alcidarum 
more sub scopulorum partibus prominentibus vel in 
eorum cavitatibus nidificat. Ovum album columbino 
paulo majus. Pelles conficiendis vestimentis (Parki 
appellatis) inserviunt. Caro comeditur. 

Genus 9. Ceratorhina Audub. (Gerorinca Bona p. 1828). 7 ) 

Ceratorhyncha Bonap. (1838); Ceratorhina Audub. 
(1839); Simorhynchus Schleg. e. p. — Chimerina 



7) Secundum rostri structurara cornutam, generi dicto characte- 
rem principalem praebentem, et grararaatices régulas, praeeunte 
Audubon, scribendum erit Ceratorhina i. e. nares cornutas habens, 
non Cerorinca, Cerorhyna, Ceratorhyncha vel Cerorhina. 



— 239 — 

Eschsch. (1829). — Alca Pall. (1811). — Ce- 
rorhina Brandt (1837) et Gray (1849). 

Rostrum altum, valde compressum, a latere inspeo 
tum subovale, planum, esulcatum, arcuatum, capitis 
tertia parte brevius supra in parte nasali corniculo 
auctum. 

Genus rostri figura Synthliboramphos et Lundarum 
pullos, ptilosi, nominatim pennulis eiongatis, albis et 
basi corniculata magis omnino Simorhynchos, sed quo- 
damniodo etiam SyntMiboramidlios in memoriam revo- 
cans. 

Spec. 18. Geratorhina monocerata (Pall. Aud.). 

Alca monocerata Pall. Zoogr. II. p. 362. — Cero- 
rhinca occidentalis Bonap. Syn. Amer, birds Ann. 
Lye. New-York. IV. p. 428 (1 828); Gray , Gen. II. 
p. 639. — Cerorhina occidentalis Brandt, Bull. 1.1. 
p. 346 (C. orientalis lapsus calami). — Chimerina 
cornuta Eschscholtz, Zool. Atlas p. 2. Taf. 12. 
(1829). — Phaleris cerorhynca Bonap. Zool. 
Journ. III. 1827. p. 53. — Ceratorhyncha occi- 
dentalis Bonap. Comp. list. (1838) p. 66. — Ge- 
ratorhina occidentalis Audubon, Ornith. biogr. 
V. p. 104. pi. 402. fig. 5. (1839). — Uria occi- 
dentalis Audubon, B. Am. VII. (1844) p. 364. 
pi. 471. — Ceratorhina monocerata Cassin, Baird's 
N. Am. Birds, p. 905. — Simorhynchus monoce- 
ratus Schlegel, Mus. Pay-Bas. Livr. IX. Urinat. 
p. 26 et Cerorhina Suckleyi Cassin, ib. — Cera- 
torhyncha monocerata (Pall. Cass.) Coues, Mo- 
nograph, p. 28. 

Geratorhina monocerata regiones magis boréales 



— 240 — 

Oceani pacifici evitare, rarius saltern visitare, videtur. 
Vosnessenskius enim prope insulam Kadjak tantum 
observavit, cujus incolae earn Kunajae appellant. Se- 
cundum Cou es in Oceani pacifici litoralibus asiaticis 
inde a Kamtschatka, ubi Vosnessenskius earn non 
reperit, usque ad Japoniam, in litoralibus Americae 
vero ad Californiam usque occurrit. 

Nonnulla specimina in Museo Academiae servantur. 

Species avem juvenilem antecedents repraesentans, 
quare baud admittenda. 

Cerorhina Suckleyi Cassin apud Baird Birds N. Am. 

p. 906. — Simorhynchus monoceratus Schleg. 

Mus. Pays-Bas. Livr. IX. Urinat. p. 26. — Sag- 

matorhina Suckleyi Cou es Monogr. p. 32. 

Confer quae in Appendice ad sic dictum genus Sag- 

matorrhina Bonapartii, a Coues 1. 1. p. 31 sqq. 

tractatum, spectante infra notavimus. 

Genus 10. Lund a Gesn. 

Lunda Pall, et Coues e. p. Fratercula Briss. Mormon 111 ig. e. p. 
Larva Vieill. Lunda Schlegel. 

Rostrum altissimum, capitis altitudinem interdum 
subaequans, lateribus valde complanatum, sulcis trans- 
versis, parallelis, arcuatis in adultarum maxilla semper 
exaratum. Ceroma tumidum incrassatum. 

Genus Alcas inter Phalerinarum seu Gymnorrhina- 
rum divisionem repraesentans, avibus junioribus suis 
Geratorhinis connatum; quare rostri sulcati respectu 
harum ulteriorem evolutionis typum quodammodo re- 
praesentans. 

A. Subgenus Ceratoblepharum Brdt. 
Genus Fratercula Coues Monogr. p. 14 et 19. 



— 241 — 

Rostri dorsi pars basalis crista incrassata destituta. 
Supra palpebram superiorem appendiculus corneus. 
Sulci rostrales concavitate sua retrorsum arcuati, in 
mandibula quoque conspicui. Ab oculis ad nucham sul- 
cus elongatus in ptilosi. 

Spec. 19. Lunda (Ceratoblepharum) arctica Brdt. 

Alca arctica Linn. Syst. nat ed. 12. 1, p. 21 1. n. 4. — 
Lath. syn.V. p. 118; Ind. Ornith.II. p. 792; Gen. 
Hist, of b. X. p. 58. Gm el. syst. nat. II. 549. 
e. p. (excluso syn. Krascheninikov Camtsch. 
p. 153). — Lunda Gesner Av. 725. — Anas 
arctica Clusius Exot. 103. — Psittacus marinus 
Martens Spitzb. Reis. p. 64. t. k. lit. c. — Pica 
marina Aldrov. Ill p. 215. — Fratercula arctica 
Briss. Ornith. VI. p. 81. A^> 1. Tab. VI. fig. 2. — 
Avisjun. Revue zool. 1865. pi. 1. — Lunda arc- 
tica Pall. Zoogr. II. p. 365. n. 416. e. p.; Naum. 
Vög. Deutschi. XII. S. 577. Taf. 335. Schlegel 
Mus. d. Pays-Bas IX. Urinator. p. 23. — Mormon 
arctica Illiger Prodrom. Syst, p. 284. — Mormon 
fratercula Temm. Man. d'Ornith. II. p. 93. 3. 
Gould Birds Europ. V. — Fratercula glacialis 
Leach, Stephens, in Shaw. Gen. Zoolog. XIII. 
(1825). p. 40. PI. IV. fig. 2., Newton Ibis 1865. 
Vol. I. p. 212. PI. VI. — Fratercula arctica et 
glacialis Coues Monograph, p. 21 et 23. 

Mormon seu Fratercula glacialis sunt specimina 
paulo majora Spitzbergensia et Grönlandica teste Bla- 
sio apud Naumann Vög. Deutschi. T. XIII. p. 314, 
Malmgren (Cabanis Journ. f. Ornith. XIII. Jahrgg. 

Mélanges biologiques. VII. °* 



— 242 — 

1865 p. 268 et 394) et Schlegel Mus. d. Pays-Bas 
Livr. IX. Urinator. p. 28). 

Obs. Couesium Fratercidam glacialem ab arctica 
distinguentem observationes exactissimae a Blasio et 
Malmgreno institutae, contrarium probantes, aperte 
fugerunt. 

Spec. 20. Lunda (Geratoblepharum) corniculata 
Naum. Schleg. Brdt, 

Alca arctica var. ß. Lath. Synops. av. V. p. 318, 
3; Ind. Ornith. IL p. 792; Gen. Hist, of Birds. 
Vol. X. p. 62. — AlcaindicaGerin, V.tab. 600. 
(referente Lath am io, opus ips urn mihiignotum). — 
Lunda arctica Pall. Zoogr. II. p. 365 e. p. — 
Mormon corniculatum Naumann Isis 1821. p. 
782. Taf. 7. fig. 3. 4; v. Kittlitz Kupfertaf. z. 
Naturg. d. Vög. Taf. 1. fig. 1. — Fratercula (Ge- 
ratoblepharum) corniculata Brandt. Bull. sc. II. 
(1837) p. 348. Spec. 2; Gray Gen. Birds. III. 
(1849) p. 637 et 174. — Mormon glacialis Gould 
B. Eur. V. — Mormon (Fratercula) corniculata 
Bonap. Compt. rend. d. TAcad. d. Paris (1856) 
p. 774; Cassin Baird's Birds North-Amer. p. 902 
(1860). — Mormon glacialis Audub. Ornithol. 
biogr. III. (1835) p. 599. pi. 293. — Lunda cor- 
niculata Schleg. Mus. d. Pays-Bas. Livr. IX. 
1867. Urinator. p. 28. — Fratercula corniculata 
Coues Monogr. p. 24. 

Lunda corniculata (a Rossis Ipakta, ab incolis in- 
sulae Kadjak Kagiaech, ab incolis insularum Lisevçj- 
ensium Kagidach appellata) et in oris asiaticis et amé- 
ricains Oceani tranquilli dimidii borealis cum Lunda 



— 243 — 

cirrata frequentissime, aliis Alcidis e. c. Uriis, nee 
non Carbonibus, saepe associata habitat. Vosnessen- 
skius Lundam corniculatam prope insulas St. Lau- 
rentii, Georgii et Pauli, deinde prope insulas aleu- 
ticas (Kadjak, Unalaschka) maxima copia, nominatim 
in scopulis altissimis insulae St. Pauli, Georgii et 
Camtschatcae vidit. In Sinu Kotzebue occurrere, igi- 
tur in terris modo dictis longe borealioribus quoque 
degere, Coues auctor est. In litoribus humilioribus 
Kenai et Norton-Sund Yosnessenskius avem non 
reperit. Praefert enim scopulos abruptos, altissimos, 
accessum difficillimum vel nullum praebentes. Aliarum 
Alcidarum more aestate tantum in regionibus borea- 
libus nidificandi causa degit et ex australioribus, ubi 
hibernavit, advolans Septembre revolat. In regionibus 
magis borealibus tarnen quam nliae Alcidae, e. c. prope 
Camtschatcam australem et Curilas boréales, hibernât. 
In Curilis hand déesse e nomine Curilico Matchir a 
Pallasio allato eteStelleri observatione, pariter ab 
eo laudata, quoque concluderes. 

Ovum singulum, Lundae cirratae ovo fere 1 / 2 minus, 
magis acuminatum, sordide album maculisque parvis 
nigri cantibus notatum, in raontium fissuris parit plan- 
tisque marinis circumdat. Pullus animalibus marinis 
minoribus variis nutritur. 

Caro dura comeditur. Pelles aboriginibus vesti- 
menta commoda (Parki) praebent. Rostris Camtscha- 
dales collaribus conficiendis Stelleri tempore ute- 
bantur. 

B. Subgenus Gymnoblepharum Brandt. 
Bullet. Sc. d. l'Acad. Sc. d. St.-Pétersb. IL (1837) 



— 244 — 

p. 349. — Genus Lunda Pall, e.p. — Genus Lunda 
Coues Monogr. p. 74 8 ). 

Rostri partis dorsalis basis in margine superiore 
libero intumescentia oblonga aucta. Palpebrae appen- 
dicibus destitutae. Sulci rostrales concavitate antror- 
sum arcuati, in mandibula déficientes. Ab oculis ad 
nucham sulci loco penicillus pennarum elongatus apice 
antrorsum curvatus. 

Spec. 21. Lunda (GymnoMepharum) cirrata Br at. 

Anas arctica cirrata Steiler Nov. Comment. Petro- 
polit. IV. p. 421. Tab. XII. fig. 16. — Lunda 
major cirrhata Catalog. Mus. Petrop. p. 419. — 
Alca cirrhata Pall. Spic. Zool. (1769) p. 7. tab. I. 
et II. fig. 1,2 et 3. — Lunda cirrhata Pall. Zoogr. 
II. p. 363; Schlegel Mus. d. Pays-Bas. Urinator. 
p. 27; Coues Monograph, p. 26. — Fratercula 
cirrata Steph. Shaw gen. Zool. XIII. p. 40; Gray 
gen. Birds. III. p. 637. — Fratercula (Gymnoble- 
pharum) cirrata Brandt. LI. — Mormon cirrata 
Naumann Isis 1821. p. 781; Bonap. Syn. 1828. 
p. 429; v. Kittlitz Kupfertaf. z. Naturg.d. Vögel 
Taf. I. fig. 2; Audubon Ornith. biogr. III. p. 36. 
PI. 249. fig. 1 et 2; Cas sin Baird Birds of North- 
Amer. p. 902. — Fratercula carinata Vigors Zool. 
Journ. IV. p. 358, non Voy. of Blossom p. 33 (Avis 
fere adulta). — Sagmatorrhina Lathami Bonap. 
Proceed. Lond. Zool. Soc. 1851. p. 202. Aves 



8) Genus Lunda Pallasii enim ex Alca arctica, cirrata et psit- 
taenia componitur. Quare si quis Alcam cirratam solam pro typo 
generico proponere velit, «t fecit Coues, nomen Gymnoblepharum 
erit accipiendum, jam anno 1887 subgenerici titulo propositum. 



— 245 — 

PI. LXIV. (Pro certo hujus speciei pullus cf. 
infra). — Igylma et Mitschagatka Steiler. Be- 
schreib, v. Kamtschatka S. 182. — Uchtsucch 
Aleutorum. Vosnessenski. 

Habitat in Oceani tranquilli orarum variis partibus, 
sed in magis borealioribus aestate tantum propagandi 
causa e. c. in insula St. Laurentii, St Pauli, Georgii 
et Beringii degit easque cum pullis mense Octobre 
deserit. Hibernât cum Lunda corniculata in ripis au- 
stralibus insulae Urup aliisque insulis Curilis austra- 
lioribus (Vosnessenski). In oris asiaticis prope Cam- 
tschatcam, in mari Ochotensi et prope Curilas inveniri 
jam notavit Pallasius et Vosnessenskius confir- 
mavit. In Sinu tatarico seu mandschurensi non déesse 
Schrenckius docuit. Ad Japoniam usque occurrere 
refert Coues ; quare 45 latitiuiinis borealis gradum pro 
distributionis ejus australis termino cum Kittlitzio 
(Kupfertafeln) admittere haud possumus. In Americae 
oris ceterum observante Cones ad Californiam usque 
versus austrum propagatur, quae quidem observatio 
specimine a Vosnessenskio in portuBodego occiso in 
Museo Academiae servato confirmatur. Audivit quo- 
que in insulis haud procul a St. Francisco sitis occur- 
rere. Praeterea avem prope Sitcham, Kadjak et Una- 
laschcam, sed aestate tantum, reperit. 

Vitae genus aliorum Alcidarum simile. Degunt enim 
nocturno tempore in scopulis, ubi ovi singuli. albi, in 
saxis sine nido inveniendi, partu propagantur. Nutri- 
untur piscibus, cancribus et molluscis eaque in rictu 
pullo quoque apportant. Juniores anno secundo, vel 
forsan tertio tantum. rostrum prorsus evolutum et pen- 



— 246 — 

iiarum flavarum fasciculus in utroque sexu conspicuos 
offer unt (cf. infra). 

Caro satis sapida. Pelles vestes bonas (Parki) prae- 
bent. 

Aus der Zahl der 33 bei Cou es (Monograph) auf- 
geführten und beschriebenen Arten können den vor- 
stehenden Mittheilungen zu Folge bis jetzt nur 21 
als sichere gelten. 

ANHANG. 

Bemerkungen über die Gattung 
3 a gm atorrhin a B o n a p . 

Ch. Bonaparte (Proceed. Zool. soc. of London 1851 
p. 201) hat eine angeblich neue Gattung (Sagmatorrhina 
schreibe Sagmatorhina) von Aleiden kurz beschrieben 
und das als Typus derselben angesehene, im Britischen 
Museum vorhandene Exemplar 9 ) (ebd. Aves PI. XLIV) 
als Sagmatorrhina Lathami abbilden lassen. 

Der Charakter seiner neuen Gattung lautet: Ros- 
trum duplo longius quam altum; maxilla ad basin recta, 
cera (ceromate) maxima induta, apice incurva; man- 
dibula ultra medium statim adscendens, angulum ob- 
tusum constituens; nares lineares marginales. 



9) Dass das im Britischen Museum aufgestellte, von Bonaparte 
beschriebene, Exemplar nicht das Pennant -Latham 'sehe, früher 
dort vorhandene, war, geht daraus hervor, dass er sein Exemplar 
als eine neue Acquisition des Britischen Museums bezeichnet. Pen- 
nant's Labrador Awk ist offenbar der junge Vogel einer Lunda, 
dessen Vaterland (the Labrador coast) Pennant a. a. 0. mit einem 
Fragezeichen anführt. Seine von keiner Abbildung begleitete, über- 
aus kurze, Beschreibung, sowie die von seinen Nachfolgern nicht be- 
achtete, unsichere, Angabe des Vaterlandes, lassen daher nicht blos 
an einen jungen Vogel von Lunda aretica oder corniculata, sondern 
auch von cirrata denken. 



— 247 — 

Die zur fraglichen Gattung gezogene Art (Sagma- 
torhina Lathami) charakterisirt er mit folgenden Wor- 
ten: Sapmat. Lathami Bonap. Maxima, nigricans, sub- 
tus albido fuliginosa, rostro pedibusque rubris, cera 
(ceromate) palmisque nigris. 

Als Synonym seines Vogels betrachtet er irriger- 
weise den zweifelhaften Labrador Awk Lathams, wäh- 
rend doch diese Form auf Pennant's Labrador Awk 
(m. vergl. Arctic Zool. IL p. 512) beruht, dessen Be- 
schreibung Latham (Synops. III. 1. p. 318. n. 4) 
und Gmelin {Syst. nat. IL p. 550. n. 6) nur repro- 
ducirten. Er sieht ferner seine neue Gattung als 
nächste Verwandte von CeratorJnna an. 

Cassin in Bairds Birds of North -Amer. (I860) 
p. 904 nahm die Gattung Sagmatorhina auf und ver- 
änderte den Artnamen Lathami in Sagm. labradoria 
(Gmelin) Cassin. P]r bemerkt jedoch: «This species 
has newer come under our notice, thong we are not 
without a suspicion that it is intimately related to 
Ceratorhyncha monoc'erata and possibly the same.» 

Acht Jahre später (nämlich 1868) erklärte Schle- 
gel (Mus. d. Pays-Bas Livr. IX. Urinatores p. 26), 
ohne weitere Gründe anzugeben, die Sagmatorhina La- 
thami für den jungen Vogel seines Simorhynchus mo- 
noceratus (Alca seu CerorMna monocerata Pall. Bo- 
naparte). 

Dessen ungeachtet beschreibt Cou es in seinem 
Monograph of Alcidae, p. 31 — 32 nicht nur die Gat- 
tung Sagmatorhina im Sinne Bonaparte's, sondern 
fügt ihr sogar Cas sin's Cerorhina Suckleyi (Baird a. a. 
.0. p. 906) als zweite Art (Sagmatorhina Suckleyi) 
hinzu. 



■ V 248 — 

So lange man nur die kurze Bonapart'sche Be- 
schreibung der Sagmatorhina Lathami und seine ver- 
kleinerten Abbildungen derselben mit Geratorhina mo- 
nocerata verglich, die junge Lunda cirrata aber nicht 
berücksichtigte und darauf Werth legte, dass Bona- 
parte und Cas sin ein nähere Verwandtschaft zwi- 
schen Sagmatorhina und Geratorhina annahmen, konnte 
man allerdings Schlegel beistimmen. Die Ansicht 
der in natürlicher Grösse ausgeführten Abbildung des 
Kopfes des Originalexemplares der Sagmatorhina La- 
thami, welche Sel a ter an Co ues (Monogr. p. 32) 
aus London mittheilte, musste indessen den Verdacht 
erregen, dass Sagmatorhina Lathami, obgleich sie ganz 
entschieden, nach Maassgabe der Schnabelentwicke- 
lung der Gattung Lunda, einen Jugendzustand darstellt, 
der theils wegen der von Bonaparte ihm vindizirten 
Grösse, theils wegen der erst näher bekannt gewor- 
denen , abweichenden Schnabelbildung nicht wohl als 
junger Vogel der Geratorhina monocerata angesprochen 
werden könne. Der Schnabel der jungen Geratorhina 
monocerata (Coues p. 29, fig. 2) ist nämlich, besonders 
vorn, viel niedriger und sein über den NasenöfFnungen 
befindlicher Theil hat eine ganz andere Gestalt als der 
der Sagmatorhina Lathami. 

Es galt daher eine andere Alcidenform mit der Ab- 
bildung des Kopfes der fraglichen Sagmatorhina und 
den Mittheilungen Bonaparte's zu vergleichen. 

Bei der Revision der Aleiden der Akademischen 
Sammlung fand ich denn, dass zur Würdigung des 
Werthes der Gattung Sagmatorhina die jungen Vögel 
von Lunda cirrata in Betracht zu ziehen wären, wo- 
von Hr. Vosnessenski mehrere Exemplare mit- 



— 249 — 

brachte, welche die verschiedensten Entwickelungs- 
stufen des Schnabels , von seinem an der Basis von einer 
noch unverhornten , schwarzen Wachshaut bedeckten, 
und gleichzeitig auf dem Oberkiefer furchenlosen, 
Zustande an bis zur Bildung seiner bei Lunda cir- 
rata so charakteristischen, mit der Concavität nach 
vorn gebogenen, perpendiculären Furchen des Ober- 
schnabels erkennen lassen. Bemerkenswerth ist es, 
dass bereits an seiner vorderen Hälfte die fraglichen 
Furchen auftreten, ehe noch sein Basaltheil verhornt 
und jenen leistenartigen, verdickten (einer Hornspur 
vergleichbaren) der Lunda cirrata eigentümlichen, 
Höcker auf der Basis des Schnabelrückens bildet. Wie 
spät übrigens die ganz vollständige Entwickelung des 
Schnabels bei Lunda cirrata erfolgt, geht daraus her- 
vor, dass Vigors (Zool. Journ.IV.p.358) ein Exem- 
plar derselben beschreibt, das hinter den Augen bereits 
einen kurzen Federbusch besass, während sein Schna- 
bel (er meint offenbar oben) bloss noch gekielt war. 

Der Vergleich der noch furchenlosen, am Grunde 
ihres Obertheils mit einer breiten, häutigen, schwar- 
zen, basalen Haut (Wachshaut ceronia) versehenen 
Schnäbel der jungen Individuen von Lunda cirrata 
mit dem Schnabel des oben erwähnten, bei Cou es 
(Monogr. p. 32) in natürlicher Grösse abgebildeten. 
Kopfes von Sagmatorhina Lathami zeigte sowohl in 
Bezug auf die kleinsten gestaltlichen Details, als die 
Grösse der Schnäbel eine unverkennbare Übereinstim- 
mung. Auch die Contur des Kopfes der erwähnten 
Cou es 'sehen Figur • spricht entschieden weit mehr 
für die Identität der Sagmatorhina Lathami mit Lunda 
cirrata als mit der jugendlichen Ceratorhina monoce- 

Mélanges biologiques. VII. 32 



— 250 — 

rata. Was die Körperfarbe anlangt, so kommen auch 
hierin drei unserer jungen Exemplare der Lunda cir- 
rata mit den Angaben und Abbildungen, welche wir 
bei Bon aparte in Bezug auf Sagmatorhina finden, 
völlig überein. Zwei andere jugendliche Exemplare 
der Lunda cirrata unterscheiden sich allerdings von 
den genannten Exemplaren derselben und von der 
B onapart 'sehen Sagmatorhina durch die weisse Farbe 
der Brust und des Bauches, die indessen um so mehr 
als ein variabeles Kennzeichen anzusehen sein dürfte, 
als eines der letztgenannten Exemplare auf Brust und 
Bauch einen grauen Anflug hat, also eine Übergangs- 
form bildet. 

Die Angaben Bonaparte's über die Fuss- und 
Schnabelfarbe seiner Sagmatorhina, namentlich die 
Worte : rostro pedibusque rubris palmisque nigris, 
scheinen allerdings auf den ersten Blick nicht ganz zu 
Lunda cirrata zu passen, da Yosnessenski's, nach 
frischen Exemplaren gemachten, Abbildungen zu Folge 
die Schnäbel ihrer Jungen in der Mitte roth, am 
Grunde und auf den Rändern schwarz, die Füsse aber 
vorn grau, hinten schwärzlich und die Schwimmhäute 
röthlich sind. Die Abweichungen der Angabe Bona- 
parte's lassen sich aber wohl daraus erklären, dass 
er einen trocknen Balg vor sich hatte, die Färbung 
der genannten Theile also nicht sicher bestimmen 
konnte. Überdies stehen seine Angaben hinsichtlich 
der Schnabel- und Fussfarbe mit seinen Abbildungen 
im Widerspruch, können also keine Bedeutung bean- 
spruchen. • 

Ich trage demnach kein Bedenken die von Bona- 
parte aufgestellte, von Coues in seine Monographie 



— 251 — 

der Alken p. 31 aufgenommene, Sagmatorhina Lathami 
für ein solches junges Individuum der Lunda cirrata 
zu erklären, dessen Oberschnabel eine weiche, noch 
unverhornte Wachshaut besitzt und der gebogenen, 
verticalen Furchen gänzlich entbehrt, wie die in na- 
türlicher Grösse von Cou es (p. 32) gelieferte Con- 
tour-Figur des Kopfes des von Bon aparte beschrie- 
benen Exemplares, welche Coues von Sclater aus 
London geschickt wurde, deutlich zeigt. 

Coues (Monogr. p. 32) zieht aber auch die von 
Ca s sin (Baird Bird, of North -Amer. p. 906) als 
Cerorhina SucMeyi (siehe oben Genus 9. Spec. 17) 
aufgestellte Aleide als Sagmatorhina SucMeyi zur Gat- 
tung Sagmatorhina, während Schlegel dieselbe, wie 
schon oben angedeutet wurde, als Synonym seines Si- 
morhynchus monoceratus d. h. der Alca monocerataV&U. 
aufführt. 

Von Ceratorhina monocerata besitzt das Akademi- 
sche Museum zwar keine solche Suite von Exemplaren 
verschiedener Altersstufen wie von Lunda cirrata, um 
die Entwickelungsstadien der Art vom Nestvogel an 
nachzuweisen. Es findet sich jedoch unter den darin 
vorhandenen, hinsichtlich der Grösse verschiedenen, 
Individuen ein Exemplar, dessen Schnabel offenbar 
nicht ganz vollkommen entwickelt ist. Das Horn des 
am Grunde seines, die Nasenlöcher enthaltenden, Obèr- 
theils schwächer als bei den Alten verhornten, weniger 
lebhaft gelb gefärbten, etwas schwärzlichen, Schnabels 
ist nämlich vorn und hinten noch durch schwarze Haut 
gesäumt. Die eben erwähnte Schnabelentwickelung 
deutet also darauf hin, dass der obere, die Nasenlö- 
cher enthaltende, Schnabelgrund nebst seinem Horn 



— 252 — 

erst später, ähnlich wie bei Lunda cirrata (genau ge- 
nau genommen auch wie bei Lunda arctica) aus einem 
häutigen Ceroma sich zu einem hornigen Theil aus- 
bilde. Für diese Ansicht spricht gauz besonders, was 
Coues (p. 30) von der Schnabelbildung der jungen 
Vögel der Ceratorhina monocerata sagt: «The bill is 
small and weak. The base of the upper mandible is 
covered with a soft skin, about as far as the end of the 
nostrils. That part of the culmen formed by the ridge 
of this skin is sunken below the level of the rest. 
Unmistakable indications of the future horn are pre- 
sent in a small knob on the ridge of this skin. In the 
present dried state this knob is shrunken» (siehe 
Coues p. 29. tig. 2). 

Aus den eben gemachten Mittheilungen darf man 
also wohl, nach Maassgabe der Schnabelentwickelung 
der verwandten Gattung Lunda, den Schluss ziehen, 
dass bei noch jüngeren Vögeln der Ceratorhina mono- 
cerata am Grunde ihres Oberschnabels das häutige 
Ceroma noch eben so ohne Hornspur sei, wie bei den 
ganz jungen Exemplaren von Lunda cirrata und dass 
das Horn des Oberschnabels von Ceratorhina mono- 
cerata, wie die eigenthümliche (einem Horn entspre- 
chende) basale, am freien Rande verdickte, Leiste des 
Oberschnabels von Lunda cirrata, sich erst später 
bildet. Da Sagmatorhina Suckleyi Coues (p. 33. ûg. 
4 u. 5) offenbar ein häutiges Ceroma ohne Horn (wie 
C assin sagt eine upper mandible without distinct basal 
knobs), also eine Schnabelentwickelung bietet, die bei 
ihren Verwandten als jugendliche Durchgangsbildung 
erscheint, so liegt es nahe, sie für einen Jugendzustand 
zu halten. Da nun aber die fragliche Sagmatorhina in 



— 253 — 

der Körperfärbung und Schnabelform im allgemeinen 
mit Ceratorhina monocerata übereinstimmt, da ferner 
Sagmatorhina oder richtiger Ceratorhina Suckleyi kleiner 
als die, in der Grösse variabele, Ceratorhina monocerata 
sein soll, und einen helleren Schnabel als die alte Ce- 
ratorhina monocerata bietet, so lässt sie sich sehr wohl 
mit Schlegel als Synonym der eben genannten Art 
betrachten, namentlich als Jugendzustand derselben 

ansehen. 

Uebersicht der Aleiden. 

Zur besseren Übersicht der Alcidenformen möge 
schliesslich noch eine kurze systematische Aufzählung 
derselben folgen, die ich für eine möglichst natürliche, 
und daher wohl begründete, halten möchte, da sie sich 
ohne allen Zwang aus einem genaueren Studium der 
Entwicklungsstufen der Aleiden herleiten lässt. 

Familia Alcidae. 

Tribus seu Subfamilia I. Pterorhines seu Alcinae. 

Genas 1. Alea. Linn. 

A. Subgen. Plautus™) Brdt. (gen. Plautus 

Brunn.). 
Spec. 1. Alca impennis. Linn. 

B. Subgen. Utamania. Brdt. (Le a eh.) 
Spec. 2. Alca Torda auet. (Linn. e. p.) 

Alca Torda et Pica Linn. 



10} Nomini Plautus, generis titulo aBrünnichio (Zoologiae fun- 
damental pralectionibus Academicis aecomodata Hafniae et Lipsiae 
1771) Alcae impenni Linn ei tributum, Subgeneris notionem dedi, 
quia nomen genericum Chenàlopex, a Moehringio Alcae dietae 
erronée vindicatum, jam a Leachio Anatidarum generi, ex Ansere 
aét/yptiaco composito. omni jure est restitutum. XiQvaXwTtY)! veterum, 
nominatim Herodoti, enim, ut demonstravit Geoffroy (Menagerie 
d. Mus.), est Anser aegyptiacus. 



— 254 — 
Genus 2. lîria Briss. 

A. Subgen. Lomvia Brdt. 
Spec. 3. TJria arra Pall. 

Uria Brilnnichii Sabine. 

Spec. 4. Uria Troile Temm. auct. 

Uria calif ornica Bryant etCoues. 

B. Subgen. Grylle Brdt. 
Spec. 5. Uria carbo Brdt. (Pall.) 
Spec. 6. Uria Grylle Lath. (Linn.) 

Uria Mandtii Lichtenst. 

Spec. 7. Uria Columba Keyserling, Blasius 
(Pall. e. p.) 

Genus 3. Brachyramphus Brdt. 

Spec. 8. Brachyramphus marmoratus. Brdt. 
(Lath.) 

Uria Toiunsendi Au dub. — Brachyramphus Wrangelii Brdt. 
(Ptüosis Mentalis). 

Spec. 9. Brachyramphus Kittlitzii Brdt. 

? Uria brevirostris Vigors. — Mergulus antiquus young Audub. 

Genus 4. Synthliboramphus Brdt. 

Spec. 10. Sythliboramphus antiquus B r d t. (P e n n.) 

Brachyramphus brachypterus (Kittl. Brdt. Avis junior.) 

Spec. 11. Synthliboramphus Temminckii. Brdt. 

Uria umizusume Temm. 

Species a me non visae, ut putarem, aves hiemales 
vel juniores hujus generis specierum enumeratarum 
représentantes cf. supra appendicem ad genus Syn- 
thliboramphorum. 

a) Brachyramphus hypoleucus Xantus. 

b) Brachyramphus Craveri Salvador!. 



— 255 — 
Genus 5. Merg'ulus Kay. 

Spec. 12. Mergulus melanoleucus Ray. 

Tribus seu Subfamilia II. Gymnorhines seu Pha- 
lerinae. 

Genus 6. Ptychoramphus Brdt. 

Spec. 13. Ptychoramphus aleuticus Brdt. (Pali.) 

Genus 7. Simorhynchus Merrem ll ) (Brdt). 

A. Subgen. Tyloramphus Brdt. 
Spec. 14. Simorhynchus cristatelhis M err. e. p. 

Alca seu Uria dubia Pali. (Aves hiemales) et tetracula Pall. {Aves 

juniores). 

B. Subgen. Phaleris (incl. Ciceronia Reichenb.) 12 ) Brdt. 

Spec. 15. Simorhynchus camtschaticus Schi eg. 
Lepech. 

Pigmy Auk Penn. Lath., Alca pygmaea Gm. (Avis junior.) — Simo- 
rhynchus Cassini Co ues. 

Spec. 1 6 . Simorhynchus pusülus B r d t . (P a 1 1 e. p .) 

Phaleris microceros Brdt. Ph. nodirostris Bonap. Ciceronia micro- 
ceros Reichenbach. 

Genus 8. Ombria Eschsch. 

Spec. 17. Ombria psittacula Eschsch. (Pali.). 



11) Notandum esse videtur Keyserlingium et Blasium (Wir- 
belthiere Europ. S. LXXIV) nomen Simorynchus Limosarum generis 
divisioni (i. e. generi Fedoa Leachii (1824), Xenus Kaupii et 
Terekia Bonapartii), incommode vindicasse. 

12) Genus Ciceronia Reichenbach, quia rostri ejus corniculum 
aestate tantum observatur (cf. supra), hieme vero deest, hand reti- 
nendum. Quum autem Simorhynchus pusiUus (i. e. Ciceronia micro- 
ceros Reichenbach) pennis albis, angnstis, in capite multo largio- 
ribus et brevioribus, nee non pectore et abdomine albis, nigro 
maculatis, a reliquis Simorhynchis recédât, genus Ciceronia subge- 
neris titulo forsan admittendum. 



— 256 — 
Genus 9. Ceratorhina (Audub.). 

Spec. 18, Ceratorhina monocerata (Aud. Pali.) 

üerorhina SucMeyi Cas sin seu Sagmatorhina SucMeyi Cou es 
(Avis junior.) 

Genus 10. Lunda Gesn. (Pall. e. p.) 

A. Subgen. Ceratoblepharum Brdt. 

Genus Fratercula Brit. Mus. (1844). Coues (1868) 13 ). 

Spec. 19. Lunda arctica Gesn. (Linn.) 

Fratercula glacialis Leach. 

Spec. 20. Lunda corniculata Na um. (Sc hl eg.) 

B. Subgen. Gymnoblepharum Brdt. 

Genus Lunda Brit. Mus. (1844). Coues (1848) (Pali. e. p.) 

Spec. 21. Lunda cirrata Fall. 

Sagmatorhina Lathami Bonap. et Fratercula carinata Vigors 
(Aves juniores). 

Bemerkungen über die Classification, die Entwicklungsstufen 
und die Verbreitung der A Ici den. 

Was die Familie der Aleiden im Allgemeinen an- 
langt, so ist sie nach Maassgabe ihres äusseren und 
anatomischen Baues als eine den Landen zunächst ver- 
wandte, aber wahre Taucher enthaltende, Abtheilung 
von Schwimmvögeln anzusehen, wie ich bereits 1837 
in meinen Beiträgen zur Kenntniss der ruderfüssigen 
Schwimmvögel (Mémoires d. VAcad. Imp. d. Sc. d. St.- 
Pétersb. VI Sér. Scienc. not. T. III. 1840. p. 155 die 
Tabelle undp. 165) bemerkte. Die eben erwähnte Affi- 
nität wurde neuerdings von Huxley in seiner Classi- 

13) Jam anno 1844 (List, of spec, of th. Brit. Mus. Birds P. III. 
p. 152) Lundam arcticam generi Fratercula adscriptam, Lundam 
cirratam Pallasii vero Lundae cirratae nomine enumeratam inve- 
nimus. 



— 257 — 

fication of Birds {Proceed, of the Zool. Soc London 
1861 . Apr. p. 457), ohne freilich auf meine Abhand- 
lung zu verweisen, bestätigt. Die Lariden-Verwandt- 
schaft tritt genauer betrachtet sogar äusserlich in Bezug 
auf Schnabelbau und Färbung, am deutlichsten bei den 
Urien, namentlich bei Uria Trolle, hervor. Die eigent- 
lichen, mit befiederten Nasendecken versehenen, Al- 
anen sind es also , welche am meisten sich den Lan- 
den, und zwar durch Schnabelform und Färbung man- 
chen Sternen nähern. Mit den Podicipiden und Apte- 
nodytiden steht die Familie der Aleiden in keinem 
näheren Connex, wie dies auch, was schon Nitzsch 
bemerkte, die Verschiedenheit ihrer Pterylosen zeigt. 
Überhaupt hält die Pterylose der Alken zwischen der 
bei den Lamellirostren, Tubmaren und Landen vorkom- 
menden fast das Mittel, zeigt aber auch nach meinen 
Erfahrungen einige Eigentümlichkeiten, die vier ver- 
schiedene Befiedernngstypen unterscheiden lassen, wel- 
che mit gewissen Verhältnissen des Schnabelbaues im 
Verein auftreten. Mehr als den Podicipiden nähert sie 
sich den Eudytiden, die eine von den Podicipiden ver- 
schiedene Gruppe bilden. (Man vergleiche meine oben 
citirte Abhandlung). 

In Bezug auf die Vertheilung der Arten in Gat- 
tungen herrschten, ja herrschen noch jetzt, unter den 
Naturforschern verschiedene Ansichten. Die Älteren 
vertheilten sie bekanntlich, trotz des so verschiedenen 
Schnabelbaues, in nur wenige Gattungen, die Neueren, 
mit Ausnahme Schlegels, nahmen, je nach dem ver- 
schiedenem Schnabelbau, eine grössere Zahl von Gat- 
tungen an. Da der so mannichfach gebildete Schnabel 
der Aleiden als Greiforgan, je nach seiner Gestalt, für 

Mélanges biologiques. VII. 33 



— 258 — 

das Erfassen einer bestimmten Nahrung (grösserer 
oder kleinerer Thiere, Fische, Krebse, nackter oder 
mit einer Schaale versehener Mollusken u. s. w.) mehr 
oder weniger geeignet erscheint, so besitzt er offen- 
bar keine rein morphologische, sondern auch, nach 
Maassgabe seiner für eine gewisse Function bestimm- 
ten Form, eine biologische Bedeutung. Er kann also 
wohl mit um so grösseren Rechte zu einer zweckmässi- 
gen Vertheilung der Arten in Gattungen und Unter- 
gattungen benutzt werden. Auch lassen sich in der 
That mittelst Grundlegung des Schnabels in der Fa- 
milie der Aleiden so scharf zu charakterisirende, also 
sehr natürliche, Gattungen aufstellen, wie dies bei sehr 
vielen, ja den meisten anderen Vögelfamilien nicht der 
Fall ist. Ich schloss mich daher stets den Naturfor- 
schern (Temminck, Eschscholtz, Bonaparte, 
Gray u. s. w.) an, welche eine Mehrheit von Alci- 
dengattungen annahmen. 

Was die möglichst-natürliche Gruppirung der Gat- 
tungen anlangt, so schlug ich bereits 1837 die Ver- 
theilung derselben in zwei Gruppen {Tribus) vor, wobei 
die Befiederung oder Nacktheit der Nasendecken 
als Charakter zu Grunde gelegt wurde, woraus die 
von mir als Pterorhines und Gymnorhines bezeichneten 
Abtheilungen hervorgingen. Betrachtet man diese 
beiden Abtheilungen, welche nach Belieben als Tribus 
oder Subfamilien bezeichnet werden können, etwas 
näher, so wird man finden, dass jede derselben eine 
kleine Reihe in natürlichem Zusammenhange stehender 
Gattungen enthält, die häufig als gewissen Formen 
der aifderen Tribus homologe Glieder erscheinen. 

Die Abtheilung der Pterorhinen oder, wenn man 



— 259 — 

liebe)' will, die Subfamilie der Alcinen beginnt mit 
denjenigen Formen, die sich durch einen hohen, von 
den Seiten stark zusammengedrückten, abgeplatteten 
und mit gebogenen, perpendiculären Furchen versehe- 
nen Schabel auszeichnen. Es folgen dann die Gattun- 
gen Uria, Brachyramphus, SyntMiboramphus und Mer- 
gulus mit furchenlosem, niedrigeren, längeren oder 
kürzeren Schnabel, der zuweilen auch ziemlich stark 
comprimirt ist (SyntMiboramphus), 

Aus der Tribus der Nacktnasigen (Gymnorhines) 
oder der Subfamilia Phakrinae schliessen sich, mit 
der stark zu Uria neigenden Gattung Ptychoramphus 
beginnend, die mit einem kurzen, furchenlosen, nicht 
von der Seite abgeplatteten, niedrigen Schnabel ver- 
sehenen Formen, namentlich, ausser Ptychoramphus, 
die Gattung Simorhynchus mit ihren Untergattungen 
Tyloramphus und Phaleris den in dieser Beziehung 
homologen Formen der Alcineen oder Pterorhinen , so 
namentlich den Brachyramphen, Synthliboramphen und 
Mergulus an. Es folgen dann zwei Gattungen (Ombria 
und Ceratorhina) die, abweichend von Ptychoramphus 
und Simorhynchus, einen zwar furchenlosen, aber hohen, 
an den Seiten stark abgeplatteten Schnabel besitzen. 
Den Schluss bildet dann als natürliches Verbindungs- 
glied mit den Vorigen die mit einem sehr hohen, an 
den Seiten abgeplatteten und von verticalen Bogen- 
Furchen durchzogenen Schnabel versehene Gattung 
Lunda mit ihren beiden von Coues zu Gattungen 
(Fratercula und Lunda) erhobenen Untergattungen 
Ceratoblepharum und Gymnoblepharum. 

Die vorschlagene, eine möglichst-natürliche Anord- 
nung erzielende, Classification bietet allerdings den 



— 260 — 

Mangel, dass die mit einem hohen, von den Seiten 
abgeplatteten und gefurchten Schnabel versehenen, 
einander hierin homologen, Formen, namentlich die 
Gattungen Alca und Lunda, an den entgegengesetzten 
Enden stehen, was nicht der Fall sein dürfte, da genau 
genommen die Alciden-Gattungen als in zwei verschie- 
denen Richtungen entwickelt betrachtet werden können. 
Es Hess sich jedoch dieser Übelstand nicht vermeiden, 
da nach Maassgabe der Einrichtung des Druckes un- 
serer Bücher nur einreihige Aufeinanderfolgen der 
Gattungen statt finden können. 

Die beiden erwähnten Entwicklungsstufen der Air- 
cidengattungen würden nämlich auf folgende Weise zu 
gruppiren sein. 

Series 1. Series 2. 

PterorJiines s. Alcinae. Gymnorhines s. Phalerinae. 

Gen. Alca Gen. Lunda. 

Uria p . • Ceratorhina. 

Brachyramphus. >' Ombria. 

Synthliboramphus. * ' '. . • Simorhynchus. 

Mergulus • • ' " ' Ptychoramphus. 

In diesen beiden Entwickelungsreihen erscheinen 
nun die mit einen hohen, an den Seiten abgeplatteten, 
und gefurchten Schnabel versehenen, dadurch einander 
homologen, Formen an dem einen Ende, die einen 
furchenlosen, meist wenig comprimirten, wohl gar 
(so Mergulus) oben etwas gewölbten, Schnabel bie- 
tenden aber am entgegengesetzten, während die da- 
zwischen stehenden Glieder der ersten Reihe die beiden 
Extreme verknüpfende Mittelformen darstellen. Ein 
ähnliches Verhalten zeigen die drei mittleren Glieder 
(Ceratorhina, Ombria und Simorhynchus) , der zweiten 



— 261 — 

Reihe, indem sie als verschiedene Abstufungen des 
stark comprimirten Schnabels auftreten und sich 
dadurch der ersten Gattung (Lunda), namentlich durch 
die Schnabelform den jungen Individuen derselben, 
anschliessen, wodurch eine Verbindung mit der aus 
der Zahl der Pterorhinen ihr homologen Gattung Älca 
vermittelt wird, deren Jungen durch ihren anfangs fur- 
chenlosen Schnabel sich den Urien (Lomvien) nähern. 
Die drei mittleren Gattungen der zweiten Reihe 
schliessen sich indessen nach Maassgabe des Schna- 
bels der endständigen Gattung (Ptychoramphus) we- 
niger an. Die eben erwähnte Gattung stellt vielmehr 
in ramphomorphischer Beziehung ein Bindeglied zwi- 
schen der ersten und zweiten Reihe dar, welches 
nur wegen der federlosen Nasendecken ihr eingereiht 
wurde, während dasselbe mit zwei Gattungen der 
ersten Reihe (Uria und Mergulus) im Connex steht. 

Genau genommen lassen sich also durch die eben 
erörterten generischen Entwickelungsstufen die beiden 
Entwickelungsreihen der Aleiden an zwei Endpunkten 
mit einander verknüpfen und bilden einen einheitlichen, 
gewissermassen in sich selbst zurücklaufenden, Fa- 
milientypus. 

Die Gattungen der ersten Reihe, namentlich die 
drei mittleren, derselben stehen einander durch die 
Schnabelbildung näher als die meisten Gattungen der 
zweiten Reihe. In der zweiten Reihe haben die jungen 
Vögel der Gattung Lunda und Ceratorhina allerdings 
im wesentlichen dieselbe Schnabelform, weichen aber 
von Ombria ab, die zwar einen von der Seite stark 
comprimirten, aber mit einem sichelförmig gebogenen 
Unterkiefer versehenen, Schnabel bietet, der sich von 



— 262 — 

dem der Gattung Lunda und dem der CeratorMna, 
sowie selbst von dem der Simorhynchen , namhaft 
unterscheidet, wiewohl sein oberer, seitlicher Basal- 
theil zu dem der letztgenannten Gattung hinneigt. 
Der Schnabel der CeratorMna kann übrigens, abge- 
sehen von seinem Horn und von der fehlenden Befie- 
derung seiner länglichen Nasenlöcherklappen, als ein 
vergrösserter Schnabel der Gattung Synthliboramphus 
angesehen werden, so dass also CeratorMna unter den 
nacktnasigen die Schnabelform der Gattung Synthli- 
boramphus repräsentirt. Der Schnabel der Simorhyn- 
chen bietet übrigens eine eigenthümliche , am meisten 
zu Mergulus hinneigende, Bildung. 

Die eben erörterten Verwandtschaften sind oben, 
bei Gelegenheit der Aufführung der einzelnen Gat- 
tungen, in beiden Entwickelungs-Reihen durch Punkte 
angedeutet., 

Übrigens wurden die Beziehungen, in welchen die 
einzelnen Gattungen zu anderen, ihnen durch das eine 
oder andere Kennzeichen homologen, stehen, bereits 
oben als Zusätze zu den einzelnen Gattungs-Charak- 
teren angegeben. 

Meine Eintheilung der Aleiden in zwei Entwicke- 
lungsreihen hat freilich Cou es S. 14 modifiziren zu 
müssen geglaubt, indem er meine Untergattung Plautus 
und Utamannia der Gattuug Alea zu einer eigenen 
Unterfamilie (Alcinae) erhob, meine Gymnorhinen aber, 
die ganz seiner Unterfamilie der Phaleridinen entspre- 
chen, zwischen die Alcinen und seinen Urinen ein- 
schob, so dass seine, Alea so verwandte, Gattung 
(meine Untergattung) Lomvia von Alea ganz entfernt 
steht, was durchaus nicht gebilligt werden kann, da- 



— 263 — 

Lomvia nicht nur durch die Körperfarbe mit den 
echten Aken übereinstimmt, sondern die Schnäbel 
der ganz jungen Aken nur durch stärkere Compres- 
sion von denen der Lomvien sich unterscheiden. Mit 
demselben, ja noch grösserem, Rechte wie er übrigens 
eine Unterfamilie Akinae aus Aka (Plautus und Uta- 
mama) bildete hätte er auch Fratercula und Lunda als 
Typen einer vierten Unterfamilie (Fraterculinae oder 
Landinae) aufführen und noch viel besser charakteri- 
siren können. Eine solche Unterfamilie würde sich na- 
mentlich von den Phalerinae weit schärfer haben son- 
dem lassen als seine Urinae von seinen Akinae. Gegen 
eine derartige Sonderung spricht indessen, dass die 
Schnäbel der jungen Lunden (die Typen der vermeint- 
lichen Gattung Sagmatorhina Bonap.) und Ceratorhi- 
nen einander täuschend gleichen, also hinsichtlich der 
Schnabelentwickelung auf einen innigen Zusammen- 
hang von Lunda mit Ceratorhina hinweisen. Was die 
verlängerten, schmalen, weissen oder gelben Federn 
oder Federbüschel betrifft, welche Coues und Andere 
zu den Charakteren der Phalerinen rechnen, so haben 
sie keine allgemeine Bedeutung, da sie einestheils in 
ihrer vollen Entwickelung nur als Schmuck der hoch- 
zeitlichen Kleider auftreten, andererseits aber der 
Untergattung Ceratoblepharum der Gattung Lunda 
ganz fehlen und bei Ptychoramphus nur zuweilen ganz 
rudimentär angedeutet sind, während im umgekehrten 
Falle sie beim Sommerkleide der SyntMiborampJien 
regelmässig und bei Uria Carlo wenigstens zuweilen 
auftreten, so dass sie also auch bei den Pterorliinen 
nicht völlig vermisst werden. Die erwähnten weissen 
Federzierathen finden sich übrigens nur bei Aleiden 



— 264 — 

des stillen Meeres und, wie bereits bemerkt, nicht bei 
allen, selbst nicht bei allen, wiewohl den meisten, 
nacktnasigen. Bei den Bewohnern des grossen Nord- 
meeres werden sie durchgängig vermisst. 

Vergleicht man die verschiedenen Arten aerÄlciden 
in Bezug auf die Färbung ihres Sommerkleides mit 
einander, so lassen sie sich in folgende fünf Gruppen 
theilen: 

I. Der Kopf nebst der Oberseite des Körpers stets 
schwarz oder braunschwarz, der Bauch immer weiss. 
Alca irnpennis, Alca Tor 'da , Mergulus Alle, Uriae sub- 
generis Lomvia und Lundae Subgeneris Oeratoblepharum 
nebst Ombria. Selbst Ptychoramphus kann wohl hierher 
gezogen werden. 

IL Der Kopf, der Nacken und die ganze übrige 
Oberseite im Winter ebenfalls schwarz, der Bauch 
aber im Sommer nicht weiss, sondern einfach schwarz, 
wie alle übrigen Körpertheile, mit Ausnahme eines 
meist vorhandenen, einfachen oder getheilten, weissen 
Flügelspiegels — Subgenus Uria. 

III. Der Rücken und die Bauchseite im Sommer 
stets gewellt. Die ganze Unterseite im Winter rein 
weiss — Brachyramplms. 

IV. Der Kopf und Nacken , so wie die Schwungfe- 
dern stets schwarz, der Rücken aschgrau, nicht ge- 
wellt. Die Kehle nebst der ganzen Unterseite in Winter 
weiss. Im Sommer die Kehle schwarz. Synthlibo- 
ramphus. 

V. Der Rücken stets grau oder schwarzbraun, die 
Bauchseite grau oder weiss mit grau mehr oder we- 
niger überlaufen — Simorhynclms (mit Ausnahme von 
Sim. pusillus) und CeratorMna. 



— 265 — 

Was die geographische Verbreitung der Aleiden 
anlangt, so sind sie, wie bekannt, auf die nördliche 
Hemisphäre beschränkt. In der südlichen werden sie 
durch die Aptenodyten ersetzt, die aber eine von den 
Aleiden, ebenso wie von den anderen echten Taucher- 
familien (Podicipidae und Eudytidae), anatomisch, wie 
morphologisch, verschiedene Gruppe bilden , wie ich 
bereits in meiner oben erwähnten Arbeit über die 
Buderfüssigen Schwimmvögel S. 164 und 213 ausführ- 
lich nachwies, ein Nachweis den Huxley a. a. 0. 
p. 458, obgleich stillschweigend, bestätigte. 

In der nördlichen Hemisphäre sind aber die Gat- 
tungen der Zahl nach keineswegs regelmässig vertheilt. 
Das von den nordischen Küsten und dem nördlichen 
Theile der Westküsten America's, so wie auch von 
den Nordküsten Europa's und Asiens umsäumte grosse 
Meeresbecken mit seinen Inseln beherbergt weit we- 
niger Arten, als der zwischen Asien und America gele- 
gene stille Ocean mit seinen zahlreichen Inselgruppen. 

Im erstgenannten, so ausgedehnten Oceane finden 
sich nämlich merkwürdig genug nur Alca Torda, Uria 
(Lomvia) arra uuàTrotle, ferner Uria Grylle, Mergulus 
Alle und Lunda aretica, denen früher sich die bereits, 
wohl seit mehr als zwanzig Jahren, vertilgte Alea im- 
pennis anschloss, also im ganzen sieben Arten, die 
sämmtlich, mit Ausnahme von Lunda aretica, zur arten- 
reicheren Abtheilung der Pterorhinen gehören, da diese 
zu den Gymnorhinen sich der Zahl nach wie 12:9 
= 4:3 verhalten. 

In dem, obgleich an Grösse weniger bedeutenden, 
aber theilweis wegen seiner w 7 eit südlicheren Ausdeh- 
nung, günstigere Existenzbedingungen bietenden, stil- 

Mélanges biologiques. VII. 34 



— 266 — , 

len Ocean sind dagegen nicht weniger als vierzehn 
ihm ganz eingenthümüche, sichere, Arten bisher ent- 
deckt worden, die meist Gattungen angehören, welche 
im arctischen grossen Ocean fehlen. Die Älcidenfauna 
des nördlichen stillen Oceans erhält übrigens noch 
dadurch ein anderes Gepräge, dass statt jener ein- 
zigen, nacktnasigen Form des grossen nordischen 
Oceans (Lunda arctica) in ihm deren acht nämlich: 
Lunda corniculala (als Homologon der Lunda arctica), 
Lunda cirr ata, Ceratorhina monocerata, Ombria psitta- 
cula, Simorhynchus pusillus, Simorhynchus camtscha- 
ticus, Simorhynchus cristatellus und Ptychoramphus 
aleuticus auftreten. Die nacktnasigen Aleiden über- 
bieten daher im stillen Ocean der Zahl nach die ihm 
eigenthümlichen federnasigen , wovon nur sechs Ar- 
ten: Uria Garbo, Uria Golumba (Uria Grylle homo- 
log), Brachyramphus marmoratus, Brachyramphus 
Kittlitzii, Synthliboramphus antiquus und Synthlibo- 
ramphus umizusume seu Temminckii bis jetzt sich darin 
nachweisen lassen. 

» Die dem stillen Ocean eigenthümlichen federnasigen 
Aleiden erhalten aber dadurch einen Zuwachs, dass 
einige Arten des grossen, nordischen, polaren, so Uria 
(Lomvia) arra und Trotte, ebenfalls in ihm vertreten 
sind und selbst die wohl borealste aller Aleiden (Mer- 
gulus Alle) im nördlichem Theile des stillen Oceans 
(nach Tile si us) vorkommen soll. Durch den Eintritt 
dieser drei letztgenannten Arten würde dann, freilich 
nur durch eine Art (Mergulus Alle), deren Vorkommen 
noch nicht ganz sicher ist 14 ), auch im nördlichen stillen 

14) Fände man im nördlichen stillen Ocean keine Brüteplätze 
des Mergulus Alle, so könnte er nicht als Bewohner und wahres 



— 267 — 

Ocean das Übergewicht der Pterorhinen hergestellt. 
Wäre indessen Mergulus Alle kein wahres Glied der 
Alciden-Fauna des stillen Oceans, so böten in ihm 
die Pterorhinen und Gymnorhinen ein gleiches Zahlen- 
verhältniss. 

Da nun wenigstens zwei der genannten Arten von 
Aleiden (Uria (Lomvia) arra und troile) 15 ) den beiden 
grossen Meeresbecken gemeinsam sind, so können dem 
grossen zum Pol ausgedehnten Ocean in der Jetzt- 
zeit nur drei: Alca Torda, Uria Grylle und Lunda 
aretica oder vielleicht vier (mit möglicher Zuzählung 
von Mergulus Alle) eigenthümliche, noch lebende, Arten 
zugetheilt werden, weil Alca impennis, die ehedem 
gleichfalls seine Bewohnerin war, nicht mehr existirt. 
Das Verhältniss der dem grossen, polaren Ocean einer- 
seits und dem stillen Ocean andererseits eigenthüm- 
lichen Aleiden war demnach mit Sicherheit früher, 
als Alca impennis noch lebte, wie 4:14, oder wenn 
auch Mergulus Alle zu den eigenthümlichen Bewohnern 
des grossen Nordmeeres gehört wie 5:14. Gegenwärtig 
kann es mit Sicherheit (d. h. mit Ausschluss von Mer- 
gulus Alle und Alca impennis) nur wie 3:14 ange- 
nommen werden. 

Die überwiegende Artenzahl der Aleiden des stillen 
Oceans zeigt übrigens sechs generische, wie wir oben 
sahen, den Typus der Alcenfamilie so mannichfach 
variirende Formen (Brachyramphus, Synthliboramphus, 



Faunenglied des genannten Oceans, sondern nur als Gast desselben 
gelten. 

15) Dass die Uria troile im nördlichen stillen Ocean durch keine 
andere, homologe, Form (Lomvia californica) ersetzt werde, ist bereits 
oben bemerkt. 



— 268 — 

Ptychoramphus^Simorhynchus, Ombria xm&Ceratorhina), 
welche dem polaren, grossen Ocean gänzlich fehlen, 
der als ihm mit Sicherheit eigentümliche generische 
Formen nur die Gattung Alca (Subg. Plautus und Uta- 
mania), vielleicht jedoch auch Mergulus, aufzuweisen 
hat. Die Gattung Lunda ist zwar beiden grossen 
Oceanen gemeinsam, jedoch im stillen nicht durch eine 
(Geratoblepharum) , sondern durch beide Untergattun- 
gen (Geratoblepharum und Gymnoblepharum) und zwei 
Arten (Lunda corniculata und cirrata), nicht durch 
eine Art (Lunda arctica) repräsentirt. Die Gattung 
Uria mit ihren beiden Untergattungen (Lomvia und 
Uria) kommt zwar in beiden Oceanen vor; es bietet 
aber der, durch' die Gattungen Bracliyramphus und 
Synthliboramphus an urienartigen Formen ohnehin 
viel reichere, stille Ocean, sogar noch eine Art der 
Gattung Uria (Uria Garbo) mehr als der grosse 
nördliche. 



(Aus dem Bulletin/!. XIV, pag. 449 - 497.) 



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Juillet 1870. C. V essé lof ski, Secrétaire perpétuel. 



Imprimerie de l'Académie Impériale des sciences. 

(Vass.-Ostr., 9 e ligne, M 12.) 






CONTENU. 

Pages. 

A. Bâtai in. Über die Wirkung des Lichtes auf das Gewebe 

einiger mono- und dikotyledoner Pflanzen 269—302 

Os. v. Grimui. Zur Embryologie von Phthirius pubis. (Mit 

einer Tafel.) 303-310 

Stud. Aladoff. Über die Erregbarkeit einiger Partien des 

Rückenmarks 311-319 

C. J. Maxiüiowicz. Ophiopogonis species in herbariis Petro- 

politanis * 320—331 

Diagnoses breves plantarum novarum Japoniae et 

Mandshuriae 332—342 

Dr. W. Gruber. Fälle des Vorkommens eines Spitzenlap- 
pens an der rechten Lunge des Menschen durch einen 
supernumerären verticalen Einschnitt. Verlauf des 
Bogens der Vena azyga in diesem Einschnitte 343—350 

El. Metscunikoff. Über die Entwicklung einiger Coelen- 

teraten 351 -358 

F. Brandt. Neue Untersuchungen über die .in den Altai- 
schen Höhlen aufgefundenen Säugethierreste, ein Bei- 
trag zur quaternären Fauna des Bussischen Reiches . 359 — 438 

Dr. VV. Gruber. Über seltene Arterien- Abweichungen. (Mit 

einer Tafel.) 439—452 



^December 1869. 

Über die Wirkung des Lichtes auf das Gewebe 
einiger mono- und dikotyledoner Pflanzen, 
von A. Batalin. 

Die Wirkung des Lichtes auf das Gewebe der 
Pflanzen ist fast gänzlich unbekannt. In der botani- 
schen Litteratur kann man nur einige Beobachtungen 
über diesen Gegenstand finden. Dazu wurde der grösste 
Theil dieser Beobachtungen nicht gerade mit dem 
Zweck gemacht, zu untersuchen, welchen Einfluss 
das Licht auf das Gewebe der Pflanzen ausübt, son- 
dern beiläufig, neben Untersuchungen mit anderen 
Zielen, und demnach fehlen genaue Beobachtungen. 

Man kann sagen, dass zur Zeit nur die einzige 
Thatsache festgestellt sei, dass nämlich in etiolirten 
Pflanzen die Zellen länger sind, als in normalen. 
Sachs 1 ) sagt, dass sich diese Verlängerung in den 
verschiedenen Theilen des Stengels (in der Epidermis, 
dem Rindenparenchym und in den Fibrovasalsträngen) 
verschieden kund giebt; indessen spricht er nicht 
ausführlicher über seine Beobachtungen in dieser Hin- 
sicht. — Die von Sachs gemachte Bemerkung, dass 



1) Experimental-Physiol., S. 30. 

Mélangea biologiques. VII. 34 



— 270 — 

in den etiolirten Blättern der Zwiebel (Allium Cepa) 2 ) 
kein Zerreissen des Parenchyms in der Mitte des 
Blattes erfolgt, und also in demselben keine Lücke 
entsteht 3) (was stets in normalen Blättern geschieht), 
hat nur beschränkte Bedeutung, weil diese Thatsache 
an anderen Pflanzen nicht beobachtet wurde. Diese 
Beobachtung hat um so weniger allgemeinen Werth, 
als in anderen Pflanzenorganen diese Erscheinung nicht 
immer wahrgenommen wird. 4 ) Z. B. jch Hess junge 
Blüthen schäfte des Taraxacum officinale vergeilen; im 
Anfang des Versuches waren sie 1 Centim. lang und 
ganz mit Parenchym angefüllt. Etiolirte, in Blüthe 
stehende Blüthenschäfte hatten dieselbe Höhlung, wie 
in normalen Pflanzen; die etiolirten Blüthenschäfte 
waren weiss und hatten eine bedeutende Torsion. — 
Die von Dr. Weiss gemachte Folgerung 5 ), dass die 
Zahlen der Spaltöffnungen auf den Blättern und Sten- 
geln der etiolirten einerseits, und der normalen Pflan- 
zen anderseits, gleich seien, nehmen nicht alle Phy- 
siologen an. — In Betreff der Wirkung des Lichtes 
auf die Entwickelung verschiedener Elemente der 
Gefässbündel existiren zwei sich diametral widerspre- 



2) Bot Zeit. 1862. J^ 44, Seite 30. 

3) Ich wiederholte diesen Versuch von Sachs. In etiolirten 
Blättern der Zwiebel zerreisst das Parenchym wirklich nicht, das 
Blatt bleibt cylindrisch und mit grossen Zellen gefüllt. Wenn 
diese etiolirten Pflanzen dem Lichte ausgesetzt werden, so fallen, 
nach kurzer Zeit, die Blattwände zusammen und nehmen ein band- 
förmiges Ansehen an, nach einigen Tagen wird diese Zusammen- 
drückuug sehr klar. 

4) Etiolirte vegetative Sprossen verschiedener Equiseta haben 
unzerrissenes Mark. 

5) A. Weiss (Pringsheim's Jahrbücher, IV Band, 2. Heft) 
«Untersuchungen über die Zahlen- und Grössenverhältnisse der 
Spaltöffnungen . » 



— 271 — 

chende Beobachtungen; die erstere gehört Sachs 6 ), 
welcher beiläufig in dem Baue der etiolirten Stengel 
keine Abweichung von demjenigen der normalen fand 7 ). 
Die zweite gehört Kraus, welcher behauptet, dass 
überhaupt alle Gewebe sich in etiolirten Stengeln 
schwächer entwickeln; doch detaillirt er seine Be- 
obachtungen nicht und spricht über die Methoden 
seiner Untersuchungen nur sehr mangelhaft. In seiner 
Abhandlung 8 ) sagt er (Seite 233), dass man in den 
etiolirten Internodien geringe Epidermisverdickung 
und Anlagen zur Collenchymbildung bemerke, — dass 
die Holz- und Bastzellen auf halbem Wege zur Ver- 
dickung stehen bleiben, insbesondere aber die Bildung 
sekundären Holzes durchaus unterbleibe, und die Ge- 
fässbündel deshalb gewöhnlich nicht zu einem Ring 
vereinigt, sondern isolirt dastehen. 

Das ist beinahe Alles, was ich über diese Frage 
gefunden habe. Dieses mangelhafte Material war noch 



6) Sachs sagt: «Die verschiedenen Gewebe des etiolirten Stamm- 
stückes zeigten keine bemerkenswerthe Abweichung». Bot. Zeit. 
1865, Seite 134. 

7) Ich muss hier bemerken, dass Sachs in seinem bekannten 
oben citirten Aufsatze (Wirkung des Lichtes auf die Blüthenbildung 
u. s. w., in Bot. Zeit. 1865, JVs 15 — 17) mehrmals das Factum er- 
wähnt, dass im Dunkeln in den Antheren wänden einige Elemente 
der Gefässbündel nicht entwickelt seien (z. B. Seite 126, 136j; aber 
diese Hinweisungen sind äusserst kurz, unbestimmt, und das Factum 
selbst kann nicht für das Resultat der unmittelbaren Wirkung der 
Abwesenheit des Lichtes erkannt werden, weil in allen jenen Fällen, 
in welchen Sachs diese Abnormitäten fand, auch jene Organe, in 
welchen diese Erscheinungen beobachtet waren, entweder gar nicht 
oder anormal entwickelt waren. Dabei ist zu bemerken, dass diesel- 
ben Organe, die sich ganz normal im Dunkel entwickelten, auch 
einen normalen Bau hatten, d. h. es waren auch spirale Verdickun- 
gen vorhanden. 

8) Gr. Kraus «Über die Ursachen der Formänderungen etioli- 
render Pflanzen». (P ringsheims Jahrb. VII Band, 1869, Heft 1—2). 



— 272 — 

i 
geringer, als ich meine Arbeiten begonnen hatte (im 

Frühjahr 1868) 9) , da zu dieser Zeit der lehrreiche 
Aufsatz von Kraus noch nicht erschienen war. Als 
Dr. Kraus's Aufsatz erschien und im August 1869 
mir bekannt wurde, waren meine Arbeiten fast been- 
digt, und deshalb kann ich mich nicht jetzt schon über 
alle Ansichten des Hrn. Dr. Kraus aussprechen. 

Ich gehe jetzt zu meinen eigenen Beobachtungen 
über, halte es aber zuvor für unentbehrlich, genau die 
Methoden zu beschreiben, welchen ich gefolgt bin. , 

Der Experimentator kann nur dann sagen, dass die 
gegebene Erscheinung von einer bestimmten Wirkung 
abhänge, wenn sein Versuch so ausgeführt wurde, 
dass keine anderen Ursachen auf das Ergebniss des 
Versuchs einwirken konnten, d. h. nur dann, wenn 
alle Kräfte, bis auf eine, gleichmässig auf die zu ver- 
gleichenden Pflanzen wirkten. Folglich war es bei 
Untersuchung der Wirkung des Lichtes auf das Ge- 
webe der Pflanzen unvermeidlich den Einfluss aller 
anderen Kräfte zu beseitigen, d. h. die Pflanzen, so 
viel als möglich, in gleiche Bedingungen in Bezug auf 
äussere Kräfte (mit Ausnahme des Lichtes) zu stel- 
len. — Es ist bekannt, dass im Dunkeln die Assimi- 
lation nicht erfolgt, also die Nahrungsmittel sich nicht 
anhäufen. Um daher die zu etiolirenden Pflanzen in 
gleiche Bedingung bezüglich der Quantität der Nah- 
rungsmittel zu stellen, wählte ich zu den Untersu- 
chungen keitnende Pflanzen. Ich untersuchte also die 



9) Die ersten Mittheilungen über meine Beobachtungen sind der 
botanischen Section der St. Petersburger Gesellschaft der Natur- 
forscher am 24. April 1869 gemacht worden. S. das sehr kurze 
Referat über diese Sitzung in der Bot. Zeit. 1869. JVs 30. 



— 273 — 

Pflanzen während ihres Wachsthums auf Kosten der 
aufgespeicherten Nahrungsmittel; demnach wuchsen 
die zu vergleichenden Pflanzen längere oder kürzere 
Zeit, je nach der Grösse des Albumens und der Coty- 
ledonen; zur Untersuchung nahm ich auch Knollen 
(Kartoffeln). Für diese Versuche waren die Samen 
und Knollen in annährend gleiche Tiefe gebracht. Um 
die Pflanzen dunkel zu halten, benutzte ich einen 
grossen eisernen Ofen, oder setzte sie in ein dunkles 
Zimmer, und daher kann von einer Unvollständigkeit 
der Ventilation nicht die Rede sein. Die Pflanzen 
wurden nur dann begossen, wenn die Erde auf der 
Oberfläche austrocknete. Zum Verpflanzen wählte ich 
annährend gleich grosse Knollen und Samen (wo es 
möglich war, z. B. bei Zea Mays). 

Die erste Frage, welche ich zu lösen suchte, war 
folgende: ist die Zahl der Zellen in den etiolirten 
Pflanzen grösser oder geringer, als in normalen? Ich 
stellte diese Frage daher auf, weil bis jetzt darüber 
keine Meinung festgestellt war; vielmehr existirten 
hierüber diametral widersprechende Beobachtungen. 

Schon seit längerer Zeit vertreten mehrere Gelehrte 
die Meinung, dass das Licht die Zelltheilung hindere, 
die Dunkelheit dagegen sie begünstige. Die gegen- 
wärtigen Physiologen nehmen diese Meinung an , und 
Sachs erscheint als der wichtigste Vertreter dieser 
Meinung. In seinen zahlreichen Versuchen brachte er 
mehrere Beweise für diese Ansicht und in seinem letz- 
ten Werke -«Lehrbuch der Botanik» 10 ) spricht er sich 
über diesen Gegestand ganz kategorisch aus, indem. 



10) J. Sachs. «Lehrbuch der Botanik» 1868, Seite 565. 

Mélanges biologiques. VII. 35 



— 274 — 

er sagt: «Die erste Anlage der Organe, besonders in 
soweit sie mit Zelltheikingen verbunden ist, scheint 
sogar durch Abwesenheit des Lichtes oder doch durch 

Beschattung begünstigt zu werden, Verhältnisse, 

die gewiss nicht so allgemein sich geltend machten, 
wenn in ihnen nicht eine Begünstigung des Pflanzen- 
lebens, zumal eine Begünstigung der Zelltheilungen 
durch Dunkelheit läge». In seiner «Expérimental-Phy- 
siologie» 11 ) äussert er sich in fast gleicher Weise. 

Im Gegentheil zeigte Famintzin 12 ), dass die Anwe- 
senheit des Lichtes eine äusserst günstige Wirkung 
auf die Zelltheilungen der mit Stärke gefüllten Spiro- 
gyra ausübe. 

Zuletzt, in diesem Jahre noch, theilte Kraus (1. c.) 
eine Reihe von Beobachtungen mit, durch die er be- 
weist, dass die Zahl der Zellen in normalen Pflanzen 
geringer, als in etiolirten sei. 

Angesichts dieser widersprechenden Resultate war 
es äusserst interessant, die Frage über die Wirkung 
des Lichtes auf die Zelltheilungen zu lösen. Daher 
unternahm ich eine Reihe von Versuchen mit der Ab- 
sicht zu bestimmen: welche Wirkung das Licht einer- 
seits und dessen Abwesenheit andererseits auf die 
Theilung der Zellen verschiedener Gewebe, die uns 
in den Stengeln der höheren Pflanzen entgegentreten, 
ausüben. Ich habe diese Frage bis jetzt nur allseitig 
für die Epidermis und das Rindenparenchym gelöst. Die 



11) J. Sachs. «Handbuch der Expérimental-Physiologie» 1865, 
Seite 31. 

12) A. Famintzin. «Die Wirkung des Lichtes auf die Zellthei- 
lung der Spirogyra». Mélanges physiques et chimiques, tirés du 
Bulletin de l'Académie de St.-Pétersbourg. 1868. Avril. 



— 275 — 

Beobachtungen waren an Kresse (Lepidium sativum) 
gemacht und zwar in folgender Weise. 

Die Kresse keimte in Töpfen und wuchs darnach 
3 und 6 Tage. Solche Sämlinge wurden auf einige 
Tage in Alkohol gebracht und nachher untersucht. Um 
die Zahl der Zellen, welche eine vertikale Reihe bil- 
den, zu ermitteln, habe ich von dem ganzen hypoko- 
tylen Gliede einen Streifen der Epidermis und damit 
2 — 3 Lagen desRindenparenchyms, welche unmittel- 
bar unter derselben liegen, abgezogen. Die Grenzen 
des hypokotylen Gliedes sind leicht, sowohl vom An- 
fang der Wurzel, als auch von dem der Kotyledonen 
zu erkennen. Auf diesem Streifen zählte ich an drei 
Orten (oben, unten und in der Mitte der Keimpflanze) 
auf einem bestimmten Räume (15 oder 1 1 ^ mill.) die 
Menge der Zellen; diese Zählung geschah in mehre- 
ren parallelen Reihen; aus den gewonnenen Zahlen 
(mindestens 3 für jeden Ort, d. h. für die Mitte, den 
Gipfel und den unteren Theil der Pflanze) berechnete 
ich mittlere Zahlen, aus welchen die ganze Zahl der 
Zellen in einer verticalen Reihe, auf der ganzen Aus- 
dehnung des hypokotylen Gliedes berechnet wurde. 
Diese Berechnung war so gemacht, wie es aus dem 
folgenden Beispiele zu ersehen ist. — Gesetzt, wir 
hätten eine etiolirte Pflanze von 69 miliin. Länge; 
durch unmittelbare Beobachtung ist gefunden, dass 
auf 15 mill, am oberen Ende des hypokotylen Gliedes 
11, in der Mitte 10 und am unteren Ende 17 Zellen 
der» Epidermis liegen. Es bleibt also die Zahl der 
Zellen auf den Stücken zwischen dem Gipfel und der 
Mitte (12 mill.) und zwischen der Mitte und dem un- 
teren Ende (12 mill.) unbekannt; um sie zu bestim- 



— 276 — 

men, wurde jedes Stück in die Hälfte getheilt (6 h- 6 
mill.) und dann angenommen, dass die Länge der Zel- 
len in jeder Hälfte des Stückes derjenigen gleich sei, 
welche die Zellen in den anliegenden Theilen haben; 
darauf berechnete ich nach Proportion die Zahl der 
Zellen auf diesen Stücken H- 1 5 mill. 

x : 1 1 = 1 5 h- 6 : 1 5 ; x = 1 5, 4 (am oberen Viertel) 
x:10 = 15h-12:15; x = 1 8, (auf zwei mittleren 

Viertheilen) 
5: 17 = 15h- 6:15; x = 23,8 (am unteren Viert.) 

57 Zellen für das ganze 
hypokotyle Glied. 

Diese Art der Berechnung lässt keinen Fehler zu, 
weil die möglichen Fehler sich gegenseitig aufheben. 
Wenn man z. B. annimmt, dass die obere Hälfte des 
Stückes, weiche zwischen dem Gipfel und der Mitte 
des hypokotylen Gliedes "liegt, Zellen von der Länge 
der Gipfelzellen zeigt, so vergrössert man die wirk- 
liche Zahl; wenn aber angenommen wird, dass die 
Länge der Zellen der unteren Hälfte des Stückes der- 
jenigen gleich ist, die an den Zellen der Mitte gefun- 
den ist, so vermindert man dieselbe Zahl. Dass die 
Fehler wirklich gegenseitig aufgehoben werden, dieses 
beweisen Controli- Versuche. Bei einigen Pflanzen 
wurden die Zellen nicht nur auf die beschriebene 
Weise gezählt, sondern auch unmittelbar auf der ganzen 
Länge der Pflanze. Solcher Controli -Versuche waren 
allerdings nur wenige, da die Schwierigkeit solcher 
unmittelbarer Zählungen eine nicht geringe ist; den- 
noch ist aus letzteren ersichtlich, dass die auf die be- 



— 277 — 

schriebene Art erhaltenen Zahlen nur wenig von den 
berechneten abweichen. 

Bei dem Zählen der Zellen auf den genannten Län- 
gen (15 oder 11% mill.) wurden folgende Massregeln 
befolgt: 

1) Um einige Zellen nicht zu übersehen, wurde eine 
starke, fast 500malige Vergrösserung gebraucht. 

2) Als Mass von 15 und 11% mill, dienten genau 
ausgemessene Deckgläschen. 

3) Bei dem Zählen der Zellen der Epidermis um- 
ging ich, soviel als nur möglich, solche Zellenreihen, 
in welchen sich Spaltöffnungen und die sie umgebenden 
Apparate befanden. 13 ) Am oberen Theile des Inter- 
nodiums findet man nicht selten Spaltöffnungen; die 
sie umgebenden Zellen sind beträchtlich kleiner, als die 
übrigen, und daher kommt es, dass man in solchen 
Reihen eine grössere Zahl der Zellen auf dem bestimm- 
ten Räume (15 mill.) findet. 

4) Ich zählte stets solche Parenchymzellen, welche 
sich auf der nämlichen Tiefe befanden (1 — 2 — 3-te 
Reihe). 14) 

Um die Zahl der Zellen in dem hypokotylen Gliede 
zu bestimmen, wählte ich das Zählen der Zellen mit 
den genannten Deckgläschen, da ich von der grössten 
Genauigkeit der, nach dieser Methode erhaltenen, 



13) E. Strasburger «Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte 
der Spaltöffnungen» in Pringsheim's Jahrb., Band 5, Heft 3 — 4. Die 
Anwesenheit dieser Apparate bei der Mehrzahl der Pflanzen hat 
der Verfasser gezeigt. 

14) Da der ganze Raum von ll T / 2 — 15 Mill, nicht in das Gesichts- 
feld des Mikroskops fällt, so wurde der Objectträger zugleich mit dem 
Präparat während des Zählens weiter geschoben. Dieses Verfahren 
verursachte viele Schwierigkeiten, welche ich durch eigenthüm- 
liche Vorrichtungen an dem Mikroskoptische zu überwinden wusste. 



— 278 — 

Resultate überzeugt sein konnte. Ich wählte nicht 
die Messung der Länge der Zellen, weil dieses Mittel, 
welches man bis jetzt angewandt hatte, offenbar 
ungenau ist; es forderte viele Verbesserungen und 
führte zu falschen Folgerungen, wenn solche Verbes- 
serungen unterblieben ,5 ). 

Nach dieser Methode untersuchte ich keimende 
Kresse in zwei Perioden ihres Wachsthums: 3 und 6 
Tage nach der Keimung: 

1) Im absoluten Dunkel, 

2) Im directen Sonnenlichte 16 ) und 

3) Im sehr schwachen zerstreuten Lichte. 
Folgende Tabellen ,7 ) zeigen die Zellenzahlen der. 

Epidermis und des Rindenparenchyms in einer Zel- 
lenreihe, längs des ganzen hypokotylen Gliedes. 

I. Zahlen der Epidermiszellen. 

a) 3 Tage nach der Keimung. 





Dunkel. 


Starkes Licht. 


Schwaches Licht. 




54 


50 


49 




52 


54 


50 




51 


51 


53 




52 


50 


54 




50 


52 


51 




49 


49 


52 




50 


50 


52 




47 


53 






53 








52 
51 






Mittlere Zeilenzahl 


51 


51 


Mittlere Länge des 
Stengelchens 


53 mm. 


15 mm. 


41 mm. 



15) Die Folgerungen von Dr. Kraus (1. c). 

16) In diesem Falle wirkte eine höhere Temperatur auf das 
Wachsthum. 

17) S. ausführlicher am Ende des Aulsatzes. 



279 





b) 6 Tage 


nach der Keimung. 






Dunkel. 




Starkes Licht. 


Schwaches Licht. 




56 




53 




48 




53 




50 




59 




58 




53 




58 




58 




50 




59 




54 




52 




51 




52 




52 




53 




57 




53 
52 
52 




53 


Mittlere Zeilenzahl 


55 




54 


Mittlere Länge des 
Stengel «hens 


77 


mm. 


21 mm. 




54 mm 



Aus diesen Tabellen ist zu ersehen, dass die Zahl 
der Epidermiszellen der etiolirten Pflanzen und der 
im Lichte verschiedener Intensität gewachsenen Pflan- 
zen gleich ist, und dass daher das Licht keine Wir- 
kung auf die Theilung der Epidermiszellen ausübt; 
mit anderen Worten: die Theilung erfolgt mit gleicher 
Leichtigkeit sowohl unter Einwirkung des Lichtes, 
als auch ohne dasselbe. Da die Zahl der Zellen in 
dem hypokotylen Gliede der normalen und etiolirten 
Pflanzen gleich ist, und da die etiolirten Pflanzen 
V/ 2 — 3% Mai länger sind, als die normalen, so folgt 
aus diesem, dass für die Epidermis die Abwesenheit 
des Lichtes sich nur durch Verlängerung der Zellen 
äussert. 

Die Haare (wie bekannt auch Epidermiszellen) kön- 
nen auch vergeilen. Dieses habe ich an den Sprossen 
der Kartoffeln beobachtet, wo sie als lange, pfriemen- 
förmige, vielzellige Fäden von doppelter Form er- 
scheinen. Die einen bestehen aus 7 — 8 Zellen und 



-280 
Fig. 1. 




Fig. 2. 




sind viel massiver; die anderen aus 5 — 6 Zellen. 
Nur die letztgenannten Haare verlängern sich im Dun- 
keln (Fig. 1 und 2), wobei der Durchmesser ihrer 
Zellen sich beträchtlich vermindert. Die Zahl der 
Zellen in normalen und etiolirten Haaren ist gleich. 

II. Zahlen der Rindenparenchymzellen 
(iu den äusseren Lagen). 

a) 3 Tage nach der Keimung. 

Dunkel. Starkes Licht. Schwaches Licht 



92 


82 


116 


87 


84 


119 


91 


87 


110 


111 


87 


113 


106 


82 


97 


94 


97 


103 


80 


90 


114 


102 






96 






ittlere Zahl 9 5 


87 


110 



— 281 



b) 


6 Tage nach der 


Keimung. 


Dunkel. 


Starkes Licht. 


Schwaches Licht, 


98 


105 


122 


111 


104- 


113 


106 


94 


123 


104 


102 


127 


106 


90 


117 


97 


94 


138 


104 


84 
108 

98 


119 


[ittlere Zahl 104 


123 



Aus diesen Tabellen darf man folgende Schlüsse 
ziehen : 

1) Unmittelbares Sonnenlicht (starkes Licht) ver- 
zögert die Theilung der chlorophyllhaltigen Paren- 
chymzellen. 

2) Zerstreutes Licht begünstigt die Theilung der 
Rindenparenchymzellen. 

3) Abwesenheit des Lichtes wirkt eben so wie starkes 
Licht. 

Man kennt bis jetzt drei Fälle (unser Fall ist der 
vierte), wo das Licht mit der Änderung seiner Inten- 
sität gerade entgegengesetzte Wirkungen auszuüben 
im Stande ist. 



Hofmeister 18 ) zeigte, dass mit der Vergrösserung 
der Lichtintensität sich der positive Heliotropismus 
der Stengel der Kryptogamen in negativen Heliotro- 
pismus verändert. 

Famintzin 19 ) zeigte, dass die Algen und Zoosporen 

18) W. Hofmeister. «Die Lehre von der Pflanzenzelle». 1867. 
Seite 293 — 296. 

19) A. Famintzin. Mélanges biologiques tirés du Bull, de l'Aca- 

Melanges biologiques. VII. 36 



— 282 — 

das starke Licht, so wie das Dunkel, fliehen und sich 
zum Lichte mittlerer Intensität bewegen. 

Borodin 20 ) zeigte, dass das Dunkel und directes 
Sonnenlicht die Chlorophyllkörner zwingen, auf die Sei- 
tenwände der Zellen überzuwandern (d. h. die nächt- 
liche Vertheilung anzunehmen) ; beim schwachen Lichte 
begeben sich die Körner auf die "Wände, welche der 
Oberfläche der Pflanze parallel sind (tägliche Lage). 

Die von mir zuerst gefundene und genau festge- 
stellte Wirkung des Lichtes auf die Zelltheilung kann 
eine ganze Reihe von Erscheinungen an verschiedenen 
Organen erklären, besonders wenn man die Wirkung 
des Lichtes auch auf andere Gewebe, deren Zellen sich 
theilen, ermittelt haben wird.. 

Schon jetzt kann man sagen, dass die gegenwärtige 
Annahme von dem schädlichen Einflüsse des Lichtes 
auf die Zelltheilung durch eine neue ersetzt werden 
muss, dass nämlich nur starkes Licht die Zelltheilung 
hindere. Alle diejenigen Vorrichtungen, durch welche 
man den Zutritt des Lichtes zu den jungen, sich thei- 
lenden Zellen zu wehren gedachte, müssen jetzt nur 
als Vorrichtungen zur Verminderung der Intensität 
des eindringenden Lichtes betrachtet werden. 

Bei der Betrachtung der Tabellen, welche die Zel- 
lenzahlen des Rindenparenchyms zeigen, kann man 
nicht umhin zu bemerken, dass sich diese Zellen re- 
lativ nicht viel von einander unterscheiden, z. B. in 



demie Imp. des sciences de St.-Pétersbourg, T. VI (1867) und in 
Prinsgheim's Jahrbüchern, Band VI. 

20) J. Borodin. «Über die Wirkung des Lichtes auf die Ver- 
theilung der Chlorophyllkörner in den grünen Theilen der Phane- 
rogamen». In Mélanges biologiques, Tome VII (1869) p. 50— 77. 



I 



— 283 — 

etiolirten Stengeln fand ich im Durchschnitt 104 Zellen 
und in den Stengeln solcher Pflanzen, welche im schwa- 
chen Lichte wuchsen, 123 Zellen, also nur gegen 20 
Zellen mehr, d. h. im Lichte haben sich noch 20 Zellen 
getheilt; dieser geringe Unterschied scheint die von 
mir aufgestellte Wirkung des Lichtes bei der Zell- 
theilung des Rindenparenchyms in Zweifel zu stellen. 

Dieser Zweifel wird aber dadurch gänzlich besei- 
tigt, dass das hypokotyle Glied der Kresse zu solchen 
Internodien gehört, welche nach vorangegangener 
gleichmä&siger Ausdehnung später nur an ihrem obe- 
ren Theile unter den Kotyledonen wachsen und sich 
ausdehnen 21 ). 

Die folgenden Tabellen, als Belege zu dem eben Ge- 
sagten, zeigen (in Millimetern) die Länge der Stengel- 
chen und die Entfernungen zwischen 5 — 8 Strichen 
(welche auf dem hypokotylen Gliede mit Tusch gemacht 
waren) 22 ); die Beobachtungen wurden jeden Tag vor- 
genommen und waren vom zweiten Tage nach der Kei- 
mung begonnen, also sind diese Pflänzchen bezüglich 
des Alters genau mit denen zu vergleichen, in wel- 
chen die Zellen bestimmter Stücke gezählt wurden. 
Obgleich die Beobachtungen in ungünstiger Jahreszeit 
gemacht waren, so erreichten doch die Pflanzen im 
zerstreuten Lichte fast die nämliche Länge, wie im 
Juni. 



21) A. Grise bach zeigte die Existenz solcher Internodien (in 
«Archiv für Naturgeschichte» v. Wiegmann, J. 1843, S. 267). 

22) Bei diesen Beobachtungen befolgte ich folgende Vorsicht: 
1) Um das hypokotyle Glied seiner ganzen Länge nach zu' messen, 
säete ich die Saamen oberflächlich. 2) Da die Striche in Folge des 
Wachsthums der Stengelchen breiter wurden, so zählte ich die Ent- 
fernung der Mitte des einen Striches bis zu der Mitte des zweiten. 



284 — 



Dunkel. 

Den 28. October 1869 wurden die Kresssaamen 
gesäet, keimten den 30.; am 31. October wurden auf 
5 Exemplaren Striche gemacht. mill. = Anfang 
der Wurzel. Die obersten Ziffern zeigen die ganze 
Länge des hypokotylen Gliedes. 





1 


.Ex. 








2. 






Oct. 


November. 




Oct. 




November. 




31, 1. 


2. 


3. 


4. 


5. 


31. 


1. 


2. 3. 


4. 


5. 


*)(45 


64 


71 


74 


ygmm 


*) 


(39 


57 60 


67 


68 


**\ 


<65 
160 


67 


68 




136 


53 57 


60 


60 


u 




61 


61 






**)48 


50 


50 


55 


58 


59 


59 


19 


31 


38 38 


38 


38 


23 38 


46 


46 


47 


47 


18 


26 


30 30 


30 


30 


20 29 


30 


30 
1. 


30 


30 


16 


21 


22 22 
2. 


22 


22 


Oct. 


November. 




Oct. 




November. 




31. 1. 


2. 


3. 


4. 


5. 


31. 


1. 


2. 3. 


4. 


5. 


18 22 


22 


22 


22 


22 


14 


17 


17 17 


17 


17 


15 16 


16 


16 


16 


16 


12 


13 


13 13 


13 


13 


10 10 


10 


10 


10 


10 


10 


10 


10 10 


10 


10 


5 5 


5 


5 


5 


5 


5 


5 


5 5 


5 


5 






















Va 



% % 

4. 



% 





Unthätiges Gewe- 1/ 
be beträgt den 
Theil. 


% 


3. 


% 


y 5 


7, 


Oct. 


November. 




Oct. 




November. 




31. 1. 


2. 


3. 


4. 


5. 


31. 


1. 


2. 3. 


4. 


5. 


40 


57 


63 


66 


66 




$3 


48 50 


52 


52 






** 


c )62 


62 


17 


30 


40 42 


42 


42 


19 39 


53 


57 


57 


57 


15 


22 


25 25 


25 


25 


18 35 


44 


45 


45 


45 


13 


16 


17 17 


17 


17 


16 26 


27 


27 


27 


27 


11 


13 


13 13 


13 


13 


14 20 


20 


20 


20 


20 


9 


10 


10 10 


10 


10 


12 15 


15 


15 


15 


15 


7 


7 


7 7 


7 


7 


10 11 


11 


11 


11 


11 


5 


5 


5 5 


5 


5 


5 5 


5 


5 


5 


5 


































3/ 
/10 


Vs .% 


% 


1 


% 


v 2 


Vi 


% 


1 





23) **) Da die Entfernung zwischen den Strichen zu gross wurde, 
so machte ich zwischen den alten noch neue Striche. 

24) *) Das hypokotyle Glied wuchs über den obersten Strich hin- 



— 285- 
5. Ex. 



Oct. 




November. 




31. 


1. 


2. 


3. 


4. 


5. 


**) 


(38 


58 


61 


61 


61 




(35 


49 


50 


50 


50 




(33 


45 


45 


45 


45 


21 


30 


38 


38 


38 


38 


19 


24 


25 


25 


25 


25 


17 


19 


19 


19 


19 


19 


15 


15 


15 


15 


15 


15 


13 


13 


13 


13 


13 


13 


10 


10 


10 


10 


10 


10 


5 


5 


5 


5 


5 


5 






















2 /s 


3 A 


7s 


1 


1 



Schwaches Licht. 

Die Kresssamen wurden gesäet den 28. Oct., keim- 
ten den 30., mit Strichen bezeichnet 1. Nov., da am 
31. Oct. die Pflänzchen nicht lang genug und stark 
gekrümmt waren. 



1. Ex. 






2. 






3. 




November. 






November. 




November. 




1. 2. 3. 4. 


5. 


1. 


2. 3. 4. 5. 


1. 


2. 


3. 4. 


5. 


22 34 39 40 


4imm 


18 


29 33 35 35 






31 35 


36 


21 32 37 37 


37 


17 


27 31 31 31 


12 


25 


30 32 


33 


20 30 33 33 


33 


15 


23 25 25 25 


11 


21 


26 27 


27 


17 25 27 27 


27 


13 


17 20 20 20 


10 


19 


22 22 


22 


15 21 22 22 


22 


10 


13 14 14 14 


7 


13 


14 14 


14 


10 13 13 13 


13 


5 


6 6 6 6 


5 


9 


9 9 


9 


5 5 5 5 


5 




























1/ 3/ 8/ 1 

/5 /7 /9 X 






y. 2 / 3 


'/• 


% % % 


% 















aus, da der Strich, der am 81. Oct. auf 23 mill, war, am 1. November 
bereits auf 38 mill, stieg, und oberhalb dieses Striches blieb ein 
Stück des Stengelgewebes, das man nicht für interkalaren Wuchs 
zu halten berechtigt ist, da am 31. Oct. der obere Strich nicht dicht 
unter den Kotyledonen, sondern ein wenig tiefer- gemacht wurde. 
S. bei Grise bach (a. a. 0.) über diesen interkalaren Wuchs. 



— 286 
4. Ex. 





November. 






November. 


1. 


2, 3. 4. 


5. 


1, 


2. 3. 4. 5. 




37 43 45 


47 


19 


29 33 34 36 


21 


33 38 38 


40 


17 


26 27 29 29 


17% 


27 30 30 


30 


15 


22 22 23 23 


15 • 


21 23 23 


23 


10 


12 12 12 12 


10 


12 12 12 


12 








5 



6 6 6 



6 
6 




% % % 



Ve 2 A % % 

Aus den Zahlen dieser Tabellen ist leicht zu sehen, 
dass Anfangs die Verlängerung an allen Punkten des 
Internodiums gleichmässig erfolgte, nachher hörte 
der untere Theil auf sich zu verlängern; später der 
mittlere und kurze Zeit darauf der obere; nur ein 
sehr kleiner Theil unter den Kotyledonen bleibt thätig. 
Aus den gegebenen Zahlen ist ferner ersichtlich, dass 
die im Dunkeln wachsenden Pflänzchen sich denjeni- 
gen vollständig gleich verhalten , die dem Lichte aus- 
gesetzt waren, d. h. in beiden Fällen erfolgt die Aus- 
dehnung zuerst der ganzen Länge nach und erst spä- 
ter hört sie unten auf. 

Mit den Zahlen der nachfolgenden Tabellen kann 
man beweisen, dass unten und in der Mitte des Inter- 
nodiums schon 3 Tage nach der Keimung nicht nur 
keine Verlängerung der Zellen erfolge, sondern auch 
keine Theilung der Zellen mehr vor sich gehe, d. h. 
dass die unteren und mittleren Theile des hypokoty- 
len Gliedes aus untheilbaren Dauergeweben bestehen. 

In der That, zählte man auf 15 mill, an Rinden- 
parenchymzellen (in mittleren Zahlen): 



, — 287 — 

Im schwachen Lichte 
oben in der Mitte unten 

In den Pflänzchen nach 3 Tagen 25 ) 69 26% 27 
» » » » 6 » 48 26 26% 

Im Dunkeln 

In den Pflänzchen nach 3 Tagen 45 18 20 

» » » » 6 » 26 16 20 

Dasselbe Resultat erhielt ich auch für die Epidermis- 
zellen; auch hier sind die Schwankungen der Zahlen 
in unteren und mittleren Theilen nur gering. 

Im schwachen Lichte 
oben in der Mitte unten 

In den Pflänzchen nach 3 Tagen 23 14% 20% 
» » » » 6 » 14% 12 19 

Im Dunkeln 
oben in der Mitte unten 

In den Pflänzchen nach 3 Tagen 16% 11 16 
» » » » 6 » 10 8 15%. 

Die geringe Abnahme der Zellenzahlen in der Mitte 
des hypokotylen Gliedes erklärt sich dadurch, dass 
zu Ende des dritten Tages noch ein Theil der unte- 
ren Hälfte des Internodiums sich im Zustande der 
Ausdehnung befindet, was klar aus den oben ange- 
führten Tabellen zu sehen ist. Dabei bitte ich, je nach 
der verschiedenen Einwirkung des Lichtes, die auf- 
fallende Übereinstimmung der Zahlen unten und in 
der Mitte zu beachten; sie kann als Beleg für die Ge- 
nauigkeit der Beobachtungsmethode angesehen werden. 



25) Da die Zellen der kurzen Frist ursprünglich auf eine Länge 
von liy 2 mill, gezählt wurden, so mussten die gewonnenen Zahlen 
für diese und die nachfolgende Tabelle der Gleichförmigkeit wegen 
mit der langen Frist auf 15 mill, berechnet werden. 



— 288 — 

Es erweist sich also, dass nur ein kleines Endstück 
des Internodiums sich zu verlängern fähig ist und ein 
noch kleinerer Theil desselben Zellen besitzt, in wel- 
chen die Theilung vor sich gehen kann. Dadurch er- 
klärt sich der geringe Unterschied in den Zellenzah- 
len der normalen (in schwachem Lichte gewachsenen) 
und etiolirten Pflänzchen. Diese Zunahme muss man 
der geringen Zahl der theilungsfähigen Zellen zu- 
schreiben. Noch ein anderer Umstand wirkte, aller 
Wahrscheinlichkeit nach, auf die Abnahme des Unter- 
schiedes zwischen den mittleren Zahlen der Tabellen 
am Schlüsse dieses Aufsatzes. Das bereits schwache 
Licht wurde noch mehr geschwächt, da ich ein ande- 
res Resultat, als das gefundene, zu erlangen hoffte; 
ich glaubte nämlich dadurch die Verschiedenheit in 
der Wirkung des schwachen und starken Lichtes 
recht klar zu machen ™). 

Die Versuche mit Saamen von Zea Mays, welche 
im Dunkeln und im zerstreuten Lichte keimten , ga- 
ben viel auffallendere Resultate. Ich werde ein Bei- 
spiel vorführen, welches aber nicht zu den schärfsten 
gehört. (Die Berechnungen waren nur annährend ge- 
nau gemacht). 

j .. , Mittlere Zahl der Rindenparen- 

epikotylen Gliedes chymzelle^m^es^chtsfelde des 

Im Lichte 23 millim. 6 — 7 

Im Dunkeln 75 millim. 1 — 1% . 



26) Die Pflanzen standen in einem Zimmer, welches durch ein 
Fenster, das in ein anderes helles Zimmer führte, direkt beleuchtet 
wurde. Die Pflanzen, welche in solchem schwachen Lichte wuchsen, 
zeigten gar keine Spuren des Etiolements. 

27) Da es schwer war, die Epidermis abzunehmen, so machte ich 






— 289 — 

d. h. die Zahlen der Zellen verhalten sich wie 1 : 5,6 
und die Länge der Stengel » » » 3,3:1. 

Also die Pflanze, welche mehr als 3 Mal kürzer ist, 
hat 1,9 Mal mehr Zellen (die Zunahme beträgt sonst 
70°/ ). Übrigens führe ich dieses Beispiel nur als Be- 
leg dafür an, dass man viel schärfere Resultate ge- 
winnen könnte, wenn andere Pflanzen zur Untersu- 
chung benutzt würden. Die Kresse erwies sich als ein 
für unsere Ziele unvortheilhaftes Object; es ist not- 
wendig, solche Pflanzen zur Untersuchung zu nehmen, 
in welchen ein und dasselbe Internodium an verschie- 
denen Orten ungleichförmig wächst 28 ). 

Die An- und Abwesenheit des Lichtes erzeugt keine 
Wirkung auf die Zahl der radialen Reihen des Rin- 
denparenchyms; wenigstens fand ich in normalen und 
etiolirten Pflanzen, auf Querschnitten, die nämliche 
Reihenzahl von Parenchymzellen; mit wenigen Aus- 
nahmen fand ich sogar keine Schwankungen in den 
Zahlen (Lepidium sativum, Cannabis sauva, Zea Mays). 

Zu den anderen Geweben übergehend, werde ich 
zuerst bei den Holzelementen stehen bleiben. Aus der 
Litteratur, welche im Anfange des Aufsatzes ange- 
führt wurde, ist es leicht zu ersehen, dass die Anga 
ben der verschiedenen Beobachter in Bezug auf die 
Frage, ob das Licht irgend eine Wirkung auf die Bil- 
dung der Holzelemente ausübe, sehr verschieden sind. 



tangentale Schnitte durch den ganzen Stengel, oder durch bestimmte 
Theile desselben. Die Vergrösserung des Mikroskops war nicht be- 
deutend. 

28) A. Grisebach (a. a. 0.) zeigte die Existenz solcher Interno- 
dien in dem Aufsatze «Beobachtungen über das Wachsthum der 
Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik», 

Mélanges biologiques. VII. 37 



-~-à90 — 

l)ie nachfolgenden Beobachtungen, welche mit den 
beschriebenen* Yorsichtsmassregeln gemacht sind, zei- 
gen, dass das Licht auf die Entwicklung des Holzes 
eine Wirkung ausübt. 

Ister Versuch. Am 8. Juli 1868 war eine Aussaat 
der Saamen von Cannabis sauva gemacht; ein Topf 
war ins Dunkel gestellt, der andere blieb im hellen 
Zimmer. Am 13. Juli keimten die Saamen, am Mor- 
gen des 17. J. wurden die Pflänzchen in Spiritus ge- 
legt; ihre Kotyledonen enthielten eine grosse Menge 
Öl; die 3 Querschnitte verschiedener Exemplare wur- 
den durch die Mitte des hypokotylen Gliedes gemacht 
und untersucht. 

Die Oberfläche, welche von 2 Fibrovasalsträngen, 
dem Cambiumringe und dem Marke eingenommen 
wurde, betrug in Quadrat-Mill. 



Im Lichte 


Im Dunkeln 


0,17 


0,14 


0,16 


0,13 


0,18 


0,12. 



In diesen zwei sich eben zu differenziren beginnenden 
Fibrovasalsträngen zählte ich die Zahl der verdickten 
Zellen (meistens Gefässe): 

Im Lichte Im Dunkeln 

21-*-22 = 43 10-^-13 = 23 

19-1-23 = 42 16hh14 = 30 

23 -+- 24 == 47 12 -t- 16 = 28. 

Also die etiolirten Internodien hatten von diesen ver- 
dickten Zellen beträchtlich weniger. 



— 291 — 

2ter Versuch. Am 17. Juni 1868 wurden Saaiuen. von 
Zea Mays ausgesäet; die Töpfe blieben zum Theil im 
Lichte, zum Theil im Dunkeln stehen. Am 29. Juni 
wurden die Pflanzen abgeschnitten. Im Lichte sowohl, 
als im Dunkeln war nur ein grünes Blatt völlig aus- 
gewachsen, dessen Blattscheide mehrere Anfänge der 
folgenden Blätter einschloss. Das Albumen war gross, 
hart, und beim Zerreissen kam eine weissliche Flüs- 
sigkeit hervor, welche mit Stärke erfüllt war 29 ). Die 
Querschnitte durch die Mitte des epikotylen Gliedes 
(das Scutellum für den Kotyledon gehalten) zeigten Fol- 
gendes. Der Raum, welchen die Fibrovasalstränge 
einnehmen, ist beträchtlich kleiner in den etiolirten 
Exemplaren, als in den normalen, dabei ist die Fläche, 
welche vom Marke eingenommen wird, fast gleich 
in beiden Fällen. In dem epikotylen Gliede von Zea 
Mays bilden die Fibrovasalstränge einen ununterbro- 
chenen Ring, welcher mit einer Reihe von sehr auffal- 
lenden Zellen der Schutzscheide (= Stärkeschicht 
von Sachs) umgeben ist. Als Beispiel kann ich fol- 
gende Beobachtung (eine aus mehreren) anführen: 

LängG GHedes ik0tylen Dicke des Rin S es 

Im Dunkeln 99 mill. 0,47 Quadr.-Mill. 

Im Lichte 18 » 0,84 » 

Ähnliche Resultate gaben auch andere Exemplare. 
Auf diesen Querschnitten zählte ich die radialen Rei- 



29) Nach den Beobachtungen von Sachs (Bot. Zeit. 1862. J\° 44, 
S. 369 «Über den Einfluss des Lichtes auf die Bildung des Amy- 
lums u. s. w.») können die Saamen von Zea Mays im Dunkeln auf 
Kosten des Albumens 3 völlig ausgewachsene Blätter, jedes 24 Cent, 
lang, ausbilden. 



— 292 — 

hen der Holzzellen; in normalen Pflanzen von 12 bis 
16 Zellreihen; in etiolirten von 9 bis 11, — also war 
die Zahl der Holzzellen in etiolirten Internodien be- 
trächtlich kleiner; die Zahl der grössten Gefässe (z. B. 
mehr als 0,05 mill, im Durchmesser) in etiolirten 
Pflanzen war 10 — 11, in normalen 18 — -19; dazu 
muss ich bemerken , dass die Holzelemente in etiolir- 
ten Internodien etwas schmäler sind, z. B. die grös- 
sten Spiralgefässe in normalen epikotylen Gliedern 
hatten 0,11 — 12 mill., in etiolirten 0,09 — 10 mill, 
(im Durchmesser). Die Verdickung der Wände der 
Holzzellen und der Gefässe ist, wie in etiolirten, so 
auch in normalen Internodien, gleich stark; wenig- 
stens konnte ich keinen Unterschied bemerken. Die 
Veränderungen der Holzelemente in vertikaler Rich- 
tung habe ich nicht untersucht; auch blieben mir die 
Verhältnisse des Cambiums zum Lichte und zum 
Dunkel unbekannt. Vorläufige Beobachtungen über 
die Bastelemente zeigten mir, dass die Zahl der Zel- 
len dieses Gewebes bei den etiolirten Sprossen der 
Kartoffeln geringer ist, als bei den normalen. Die 
Verdickung der Wände dieser Zellen steht in keiner 
Abhängigkeit von der Ab- oder Anwesenheit des Lich- 
tes; wie in den etiolirten, so auch in den normalen 
Internodien sind die Zellen gleich stark verdickt. 

Jetzt gehe ich zu einer anderen Wirkung der Dun- 
kelheit über. Ich werde über die Verdickungen der 
Wände der Collenchymzellen sprechen. 

Meine Beobachtungen über die Kartoffel zeigten, 
dass die Sprossen, welche nach mehr als 5 Wochen 30 ) 



30) Die Knollen waren am 16. Juni 1869 gesteckt; in Spiritus 



- 293 

Fig. 3. 




Fig. 4. 




gelegt am 25. Juli; sie waren nach dem Versuche fast so fest und 
stärkereich, wie vor dem Versuche. 



— 294 — 

im Dunkeln eine beträchtliche Länge erreichten, die 
Collenchym- Zellenwandungen sehr schwach verdickt 
hatten (Fig. 3), dagegen sehr stark in Sprossen, wel- 
che im zerstreuten Lichte wuchsen (Fig. 4). Der Un- 
terschied zwischen den Verdickungen ist so gross, 
dass er beim ersten Blick in's Auge fällt. Dazu muss 
man bemerken , dass die Zahl der radialen Reihen 
von Collenchymzellen in normalen, so wohl als in etio- 
lirten Sprossen fast gleich ist. Wenn also die Abwe- 
senheit des Lichtes keine Wirkung auf die Verdickung 
der Zellwände des Holzes und Bastes ausübt, so wirkt 
sie auf die Verminderung der Zahl dieser Elemente; 
wenn dagegen die Abwesenheit des Lichtes auf die 
Verdickung der Zellwände wirkt, so bleibt die Zahl 
der verdickten Zellen unverändert (Epidermis nach 
Kraus und Collenchym). 

Mir bleibt nur übrig, einige Worte zu sagen über 
die Verminderung der Zahl der Fibrovasalstränge in 
den etiolirten Stengeln monokotyler Gewächse. Die 
Anwesenheit des Lichtes begünstigt die Neubildung 
der Fibrovasalstränge. 

Triticum vulgare. Die Saamen waren am 9. Sept. 
1868 gesäet, keimten am 13. — 14., wurden am 
20. — 26. untersucht. Bei dem Weizen entwickelt sich 
das erste Internodium weder im Dunkeln, noch im 
Lichte; dagegen entwickelt sich im Lichte und ver- 
längert sich sehr im Dunkeln das zweite Internodium 
(zwischen dem schuppigen und ersten grünen Blatte), 
daher waren die Beobachtungen an diesem zweiten 
Gliede angestellt. Der Durchmesser der Querschnitte 
zeigte: 



— 295 



Im Lie 


:hte: 


. • 


L'heilstriche des Ocular - 
Mikrometers 




Zahl der 
Fibro vasal stränge 


in gefähr 110 




18 
16 
13 


Tm Dun 


kel n: 


> 


» 55 — 60 




immer 8 



Aus diesen Zahlen ist zu ersehen, dass der Durch- 
messer des Stengelchens beträchtlich kleiner in den 
etiolirten Exemplaren ist, als in den normalen, die 
entsprechenden etiolirten Internodien waren viel län- 
ger, als die normalen; die Entfernungen zwischen den 
Fibrovasalsträngen waren gleich wie im Dunkeln, so 
auch im Lichte. Was die Vertheilung der Fibrovasal- 
stränge betrifft, so kann man bemerken, dass sie in 
etiolirten Internodien in einen Ring gesammelt, dage- 
gen in den normalen über das ganze Gesichtsfeld zer- 
streut waren (die peripherischen Lagen des Paren- 
chyms hatten keine Fibrovasalstränge). Dieser Ver- 
such wurde im Sommer dieses Jahres wiederholt und 
gab gleiche Resultate. 

Zea Mays. Bei dieser Pflanze wurde das 4te und 
das 5te Internodium untersucht. Im vierten Interno- 
dium wurden ungefähr 180 in normalen Exemplaren 
und 105 Fibrovasalstränge in etiolirten gezählt (mitt- 
lere Zahlen aus 3 Beobachtungen). Im fünften Inter- 
nodium verhielten sich die Zahlen der Stränge wie 
1:3, d. h. etiolirte Internodien hatten 3 Mal weni- 
ger, als die normalen. Die Stränge wafen in etiolirten 
und normalen Pflanzen auf der ganzen Oberfläche des 



— 296 — 

Querschnittes zerstreut, wiederum mit Ausnahme der 
peripherischen Lagen des Parenchyms. Die Entfer- 
nungen zwischen den Strängen in den etiolirten Inter- 
nodien waren grösser, als in normalen, besonders in 
dem 5ten Internodium. In welchem Verhältnisse diese 
Verminderung der Stränge zu den Neubildungen der 
Blätter steht, habe ich noch nicht untersucht. Aber im 
ersten (schuppigen) und im ersten grünen Blatte beim 
Weizen ist die Zahl der Stränge immer gleich, wie 
in normalen, so auch in etiolirten Blättern. 



Es ist nicht überflüssig, die B,esultate meiner Beob- 
achtungen hier kurz zusammenzufassen. 

1) Das Licht hat keinen Ëinfluss auf die Theilung 
der Epidermiszellen. (Lepidium sativum.) 

2) Zerstreutes Licht beschleunigt die Zelltheilung 
des Rindenparenchyins. (Lepiclmm sativum.) 

3) Starkes Licht (unmittelbare Sonnenstrahlen) wirkt 
ebenso wie die Dunkelheit nachtheilig auf die Thei- 
lung der Zellen des Rindenparenchyms. (Leinäium sa- 
tivum.) 

4) Licht begünstigt die Vermehrung der Holzele- 
mente. (Cannabis sativa, Zea Mays.) 

5) Die Neubildung der Fibrovasalstränge in den 
monokotylen Gewächsen wird durch das Licht begün- 
stigt. (Triticum vulgare , Zea Mays.) 

6) Die Abwesenheit des Lichtes bedingt eine schwa- 
che Verdickung der Collenchymzellen. (Solanum tu- 
berosum.) 



— 297 — 

7) Das Licht übt keinen Einfluss auf die Verdickung 
der Zellen des Bastes und des Holzes. {Solanum tube- 
rosum, Zea Mays.) 



A N B A N G. 

Ausführ liehe Tabellen zu den Beobachtungen 
über die Kresse. 

I. 

Die Saamen der Kresse wurden am 2. Juni 1869 
gesäet. 

3. Juni. Die Sonne leuchtete den ganzen Tag. 
. 4. Juni. Die Saamen keimten. Der Himmel war bis 
5 Uhr klar, darauf kam trübes Wetter. 

5. Juni. Meistens trübe und Regen. 

6. Juni. Desgleichen. 

7. Juni. Ganzer Tag hell. Am Morgen einen Theil 
der Pflanzen en in Spiritus gelegt. 

8. Juni. Ganzer Tag hell. 

9. Juni. Trübes Wetter. 

10. Juni. Am Morgen die übrigen Pflänzchen in Spi- 
ritus gelegt. 



Mélanges biologiques. VII. 38 



298 — 



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— 302 — 
G. Im starken Lichte. 

Die Zahlen der Zellen sind durch unmittelbares 
Zählen der Zellen des ganzen hypokotylen Gliedes 





5) Kurze Frist. 




Länge des hypo- 
kotylen Gliedes. 

15 


Zahl der Zellen in 
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58 


dem 


ganzen hypokotylen Gliede. 
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6) Lange Fr 


ist. 




Länge des hypo- 
kotylen Gliedes. 
20 


Zahl der Zellen in 
Oberhaut. 

53 


dem 


ganzen hypokotylen Gliede 
Rindenparenchym. 

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52 




108 



(Aus dem Bulletin, T. XV, pag. 21 — 44.) 



^ November 1869. 

Zur Embryologie von Phthirius pubis, von Os. 
v. Grimm. 

(Mit einer Tafel.) 

Indem ich meine Untersuchung über die Entwicke- 
lung der Filzlaus dem gelehrten Publicum vorlegen 
will, muss ich vorläufig mittheilen, dass nur in Spiri- 
tus aufbewahrte Eier der eben benannten Art zu mei- 
ner Verfügung standen. Ich erhielt sie nämlich im 
Juli d. J., und da ich damals wegen Mangels an Zeit 
nur einige von ihnen untersuchen konnte, so lagen sie 
bei mir ungefähr drei Monate in Alkohol von 60° 
Stärke. Ungeachtet aber des Alkoholeinflusses blieb 
die Structur des Eierinhaltes unverändert. 

Hinsichtlich der Untersuchungsmethode, zu der ich 
in diesem Falle gegriffen habe, muss ich mittheilen, 
dass ich, nachdem ich den Einfluss verschiedener 
Reagentien, wie Essigsäure, Salzsäure, Glycerin und 
Creosot, auf die unlädirten Phthiriuseier erprobt und 
mich überzeugt habe, dass diese Methode nur zum Ver- 
lust des Untersuchungsmaterials dient, zu dem Rasir- 
messer griff und mit dessen Hülfe den Eiinhalt aus 
dem Chorion auszog. Diese höchst leichte Operation 
geschah folgendermassen. Ich nahm das Haar mit dem 



— 304 — 

an ihm angehefteten Ei so, dass das letztere gerade 
auf den Nagel des grossen Fingers zu liegen kam ; 
dann machte ich mit dem Rasirmesser entweder einen 
Einschnitt, oder, besser, schnitt ich mit ihm ein Stück 
des Chorions segmentmässig ab; bei diesem Verfahren 
blieb der Eiinhalt öfters an dem Rasirmesser haften, 
wenn dies aber nicht gelang, so zog ich den Inhalt 
mit einer feinen Nadel heraus. Den so entblössten In- 
halt untersuchte ich in verschiedenen Reagentien, 
hauptsächlich aber in Glycerin; dabei Hess ich manch- 
mal auf das Object ungefähr 10 Secunden lang Creo- 
sot einwirken, wusch es im Wasser und legte es 
dann erst in Glycerin. Dieses letzte Verfahren gab 
mir sehr gute Resultate. 



Phthirius pubis parasitirt bekanntlich in den Scham- 
haaren, unter den Armen und im Bart des Menschen. 
Hier heftet er seine Eier an die Haare mit dem oberen 
Mikropilpol zu der Spitze des Haares gewendet. Jedes 
Ei sitzt einzeln und wird dabei durch einen weissen, 
halbdurchsichtigen, durch Längsstreifen ausgezeich- 
neten und trichterförmigen Apparat angeheftet, so 
dass das Ganze einer Eichel ähnlich aussieht. 

Das Ei hat eine birnförmige Gestalt und ist mit 
einer ziemlich harten Haut bedeckt, die aus zwei 
Schichten besteht, — dem Chorion und Exochorion. Das 
letztere ist von unzähligen Kanälchen durchbrochen, 
die äusseren Öffnungen derer, die wie Punkte aussehen, 
bilden höchst regelmässige, sechsseitige Felder, wel- 
che nah an einander gelegen ein sehr hübsches, epi- 
thelartiges Bild darstellen. Der obere, stumpfe Eipol 



— 305 — 

ist von dem halbkugelförmigen Mikropilapparat ein- 
genommen. Dieser besteht aus häutigen, Wachszel- 
len ähnlichen Gebilden, die, 15 bis 18 an der Zahl 1 ), 
in zwei Etagen angeordnet sind. Jede Zelle besitzt in 
der Mitte eine Mikropilöffnung, die 0,009 Mm. im 
Durchmesser hat. Im Centrum des ganzen Mikropilap- 
parats ist leicht ein Netz mit unregelmässigen Maschen 
wahrzunehmen, welches, nach Melnikow 2 ), durch 
die Fortsätze der Walzen, die die Wachszellen ähnli- 
chen Gebilde umgeben, gebildet, wird. Der gesammte 
Mikropilapparat besitzt eine Höhe von 0,066 Mm. und 
hat am Grunde einen Durchmesser von 0,15 Mm., 
während das Ei selbst, ohne den Mikropilapparat, 
0,51 — 0,53 Mm. lang und 0,30—0,35 Mm. breit ist. 

Unmittelbar unter dem Chorion liegt das höchst 
dünne und vollkommen structurlose Dotterhäutchen, 
welches mir beständig mit dem in Alkohol erhärteten 
Eiinhalt herauszunehmen gelang. Dieses Dotterhäut- 
chen liegt dicht auf dem Dotter, welcher also den ganzen 
Eiraum ausfüllt. Nur in seltenen Fällen fand ich Pol- 
räume (Fig. 4. a), die aber wahrscheinlich durch den 
Einfluss des Alkohols gebildet waren. Jedenfalls ha- 
ben diese Polräume, wie auch ihr Bildungsprocess, 
keine Bedeutung. 

Der Dotter des Phthiriuseies, wie auch anderer 
Läuse, charakterisirt sich durch die Feinheit seiner 
Kerne und die Grösse der Fetttropfen. 

Zu gewisser Zeit theilt sich die ganze Dottermasse 



1) L. Lan dois hat ihrer 14 gefunden. (Anatomie des Ph. ingui- 
nalis. Z. f. w. Z. XIV, p. 15. 

2) MejiBHHKOBt. MaTepiaJiM kt> yqemio o6i> 3m6. pa3BHTW 
HacEKOMbix-L. Orp. 23. 

Mélanges biologiques. VII. 39 



— 306 — 

erst in ziemlich grosse, dann aber immer kleiner wer- 
dende Segmente, die der Untersuchung sehr hinder- 
lich sind. Hinsichtlich dieser Dottertheilung existirt 
die Ansicht von Dohrn (nach dem diese Erscheinung 
dem Zusammenziehen des Dotters bei anderen Insec- 
ten identisch sein soll), dass sie von der runden Form 
des Eies (Asellus aquaticus) abhängt 3 ); dieser Meinung 
aber widerspricht gerade die Dottertheilung bei den 
Läusen, deren Eier der Form nach denjenigen der 
Fliegen, bei denen doch eine Zusammenziehung statt- 
findet, fast entsprechen. Dr. Melnikow hat bei den 
Läusen den ganzen Theilungsprocess von Anfang an 
Schritt für Schritt verfolgt und ist zu der Überzeu- 
gung gekommen, dass diese Dottertheilung eine phy- 
siologische Bedeutung hat, — dass sie, die Fläche der 
Dottermasse vergrössernd, die energischere Nährung 
des Keims bedingt 4 ). Meiner Ansicht nach ist diese Mei- 
nung wenigstens der Wahrheit viel näher, als die 
Zaddach'schè, nach der der Dottertheilungsprocess 
mit der Bildung der Keimwülste in Verbindung steht. 
In der Dottermasse, im Centrum des Querschnitts 
und näher zum oberen Eipol, liegt ein grosser, 0,165 
Mm. im Durchmesser haltender, heller Körper, der 
das Keimbläschen repräsentirt. Es ist unter dem 
Chorion und dem Dotter nicht sichtbar, wenn man 
auch verschiedene Reagentien anwendet; desto bes- 
ser aber kann man sich von seiner Existenz überzeu- 
gen, wenn man den isolirten Dotter untersucht 5 ). 

3) Die embryonale Entw. des As. aquaticus. Z. f. w. Z. XVII. 
p. 225. 

4) Id. p. 26. 

5) Weder Melnikow, noch L. Landois konnten das Keim- 
bläschen auffinden. 



— 307 — 

Das Keimbläschen, welches bei mir in Fig. 3, a. 
abgebildet ist, zeigt zwei sich kreuzende Linien, die 
wie Theilungsfurchen aussehen ; deswegen könnte man 
annehmen, dass hier das Keimbläschen sich in vier 
Kerne theilt. Diese Kerne fahren fort, sich zu theilen, 
und so bekommt man endlich eine gewisse Zahl von 
den sogenannten Keimkernen (Fig. 4), die, sich immer 
theilend, sich zu der Peripherie des Dotters begeben. 
Die äusserste Dotterschicht hat sich zu der Zeit in 
ein homogenes Blastem (Keimhautblastem W.) um- 
gewandelt, wenn dies auch nicht so deutlich ausge- 
prägt ist wie bei Chironomus. Die Keimkerne werden 
also von diesem Blastemprotoplasma umgeben, und so 
bekommt der Dotter ein Blastoderm, das aus mem- 
branlosen Zellen, in denen die Keimkerne als Zellen- 
kerne fungiren, besteht. Also wird das Blastoderm 
bei Phthirius pubis, wie gewiss auch bei anderen Läu- 
sen, durch die Theilung des Keimbläschens gebildet, 
wie es von Metschnikow für Cecidomyia angegeben 
ist 6 ), und nicht nach der Weismann'schen Theorie 
der freien Bildung in dem Keimhautblastem, die von 
Dr. Melnikow 7 ) neuerdings unterstützt wird. 

Das «provisorische Gebilde», d. h. ein Zellenhaufen 
im unteren Eipol, welches von Melnikow beschrie- 
ben und abgebildet wird 8 ), habe ich nicht gesehen. 

Die Polzellen existiren in den Eiern unseres Thie- 
res, wie auch aller Hemipteren, gar nicht. 

Die erste morphologische Veränderung im Blasto- 
derm besteht in der Entwicklung einer kleinen Ein- 



6) Embryologische Studien an Insecten. p. 23. 

7) Id. p. 9. 

8) Id. Taf. III. Fig 22 - 24. 



— 308 — 

stülpung, die sich in der Nähe des unteren Eipols bil- 
det. Die Einstülpung, bei wenigem sich vergrössernd, 
vertieft sich in die Dotterinasse , quer zu dem oberen 
Eipol steigend. Dieser also gebildete innere Keim 
zerfällt in zwei Längstheile, von denen der eine nä- 
her zu der Peripherie des Eies gelegene viel mäch- 
tiger als der andere ist und später zum Keimstreif 
wird, indem der dünnere sich in das sogenannte 
Deck- oder Faltenblatt (Brandt's viscerales Blatt 9) ) 
umwandelt. 

Der angeschwollene, mit dem künftigen Keimstrei- 
fen unmittelbar verbundene Theil des Blastoderms 
vertieft sich in den Keimraum und verwandelt sich 
in die Kopfplatten, während das übrige Blastoderm 
einer Verjüngung entgegengeht, — seine Zellen plat- 
ten sich ab, und das ganze Gebilde wird zu einem sehr 
dünnen Häutchen, welches dem Amnion insectorum 
(Brandt's parietales Blatt) entspricht. Es ist leicht zu 
begreifen, dass dieses Amnion einerseits mit dem Deck- 
blatt und anderseits mit den Kopfplatten des Embryos 
in unmittelbarer Verbindung steht. 

Während dem hat sich der Keim stark verlängert 
und, bis an den oberen Eipol angelangt, eine Krüm- 
mung gemacht, so dass nun das ganze Gebilde eine 
S-förmige Gestalt angenommen hat. 

Die weiteren Entwicklungsstadien werde ich nicht 
schildern, da sie vollkommen den von Melnikow bei 
andern Läusen und von Metschnikow bei Aspidio- 
tus nerii beschriebenen identisch sind. Ich kann aber 



9) AI. Brandt. Beiträge zur Entw. der Libelluliden und Hemi- 
pteren. Mém. de l'Ac. de St.-Pét. VII s. T. XIII. As 1. p. 5. 



— 309 — 

nicht umhin, einige Resultate der Untersuchung von 
Hr. Melnikow zu bestätigen. 

Die Füsse bilden sich bei den Läusen früher als 
alle anderen Gliedmassen. 

Die Antennen sind Auswüchse der Kopfplatten. 

Zu gewisser Zeit unterwirft sich der Keim einer 
Auswendung, in Folge welcher das Abdomen des Em- 
bryos sich nach dem untern und der Urkopf nach 
dem obern Eipol begiebt; dabei nimmt der früher pe- 
ripherisch gelegene Rückentheil des Embryos eine 
Centrallage ein, und die Bauchseite, umgekehrt, dreht 
sich zur Peripherie des Eies. In Folge dessen kommt 
natürlich das früher auf der Bauchseite gelegene Deck- 
blatt auf die Rückenseite des umgewendeten Embryos. 

Das Deckblatt schliesst späterhin den Rücken. 

Der Hinterdarm sammt seiner Öffnung entsteht 
durch die Einstülpung des Abdominalendes. So bildet 
sich wahrscheinlich auch der Vorderdarm, was aber 
in Folge der Undurchsichtigkeit zu beobachten un- 
möglich war. 

Erklärung der Tafel. 

Fig. 1. Der Mikropilapparat von oben gesehen, a die 
Mikropilöffnungen, b die Maschen des Netzes. 

Fig. 2.^Ein Stück des Exochorions. 

Fig. 3. Der entblösste Inhalt eines jungen Eies, a das 
Keimbläschen. 

Fig. 4. Ein Ei mit 10 Keimkernen, a unnatürlich 
gebildete Polräume. 

Fig. 5. Hier liegen die Keimkerne schon in dem Bla- 
stem. 



— 310 — 

Fig. 6 u. 7, Bildung der Keimeinstülpung. 
Fig. 8. Ein entwickelter Embryo im Dotterhäutchen 
(a) liegend, b — stigma. 

Anmerkung. Die Fetttropfen fehlen in den Zeich- 
nungen, aber nicht in den Eiern. 



(Aus dem Bulletin, T. XIV, pag. 513 — 517.) 



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î| December 1869. 

Über die Erregbarkeit einiger Partien des 
Rückenmarks. Von Stud. Aladoff. 

Die Untersuchungen von F ick und Engelken über 
die Erregbarkeit der. vorderen Stränge des Rücken- 
marks, haben in der letzten Zeit wieder die Aufmerk- 
samkeit der Physiologen auf diese für die allgemeine 
Physiologie so wichtige Frage gelenkt. Der seit Jahr- 
zehnten in der Physiologie als maasgebend geltende 
Lehrsatz Van-Deen's über die Unerregbarkeit der 
Vorderstränge für elektrische Reize, welcher vor 
einigen Jahren von Guttmann neu bestättigt worden 
ist, ist von Fick 1 ) und Engelken auf Grund ihrer 
Versuche für unrichtig erklärt worden. Nach diesen 
Forschern beruhte der Misserfolg Van-Deen's bei 
Reizung der Vorderstränge nur darauf, dass die zur 
Reizung benutzten Ströme nicht intensiv genug waren, 
um Bewegungen in den Muskeln einzuleiten. Die vor- 
deren Stränge wären also nicht unerregbar für elektri- 
sche Ströme, sondern es bedurfte zu ihrer Erregung nur 
viel intensiverer Reize, als für motorische Nerven. Die 
Versuche von Fick und Engelken bestanden haupt- 
sächlich darin, dass sie das Rückenmark eines Frosches . 



1) Archiv von Dubois Reymond und Reichert. 1866. 



— 312 — 

bloss legten, es in der Höhe der Halswirbel vom Gehirne 
trennten und dann die Brustwurzeln beiderseits durch- 
schnitten. Sodann wurde durch einen Längsschnitt die 
hintere Partie des Rückenmarks von der vorderen ge- 
trennt und in diese letztere zwei Nadeln eingesteckt, 
welche mit den Enden einer Inductionsspirale in Ver- 
bindung standen; bei Durchleitung eines intensiven 
Stromes durch die vordere Partie des Rückenmarks 
entstanden tetanische Zuckungen der hinteren Extre- 
mitäten. Durchschneidung des Rückenmarks unterhalb 
der gereizten Stelle war im Stande, diesen Reizerfolg 
aufzuheben, ein Beweis also, dass dieser Erfolg nicht 
vom Überspringen elektrischer Ströme auf die intact 
gebliebenen Wurzeln des Ischiadicus herrührte. 

Schon vor Fick hat der Van-Deen'sche Lehrsatz 
Angriffe von Seiten Vulpian's erfahren, wenigstens was 
die Erregbarkeit der vorderen Stränge für mechanische 
Reize anbelangt. In seinen Leçons 2 ) führt Vulpian 
Versuche an Hunden und Kaninchen an, welche ganz 
in der Weise wie die später angestellten Versuche 
von Fick an Fröschen ausgeführt wurden, nur mit 
dem Unterschiede, dass Vulpian zur Reizung der 
Stränge nicht elektrische Ströme, sondern mechani- 
sche Quetschung derselben mit einer Pincette anwandte. 
Jeder solche mechanische Insult führte eine Bewegung 
der hinteren Extremitäten herbei. Den Misserfolg 
Chauveau's, bei der Wiederholung derVulpian'schen 
Versuche, erklärt letzterer dadurch, dass der zur Rei- 
zung benutzte mechanische Insult nicht genügend in- 
tensiv war. Die Vermuthung, es handle sich bei seinen 



2) Leçons sur la physiologie du système nerveux. 1865. 



— 313 — 

Versuchen um Erregung der an den Vordersträngen 
anhaftenden grauen Substanz, sucht Vu] pian dadurch 
zu beseitigen, dass er an die allgemein angenommene 
Unerregbarkeit der grauen Substanz erinnert. 

Die Ergebnisse der Versuche von Fick und En- 
gelken sind einige Zeit nach Veröffentlichung der- 
selben von S. Mayer 3 ) angegriffen worden. Derselbe 
behauptet, es handele sich bei diesen Versuchen um 
reflectorische Erregung der Vorderstränge durch 
Reizung der nicht vollständig entfernten Hinterstränge. 
Die von Fick beobachteten tetanischen Bewegungen 
der hinteren Extremitäten waren also nach Mayer 
nichtFolge der directe n Reizung der vorderen Stränge, 
sondern nur Folge der auf dieselbe übertragenen Er- 
regung der Hinterstränge. Mayer stützt seine Behaup- 
tung hauptsächlich auf die negativen Ergebnisse der- 
jenigen seiner Versuche, in welchen er sorgfältig die 
ganzen hinteren Stränge entfernt hatte. 

Gegenüber diesen negativen Resultaten Mayer's 
hält Fick 4 ) in einer neueren Mittheilung die Richtig- 
keit seiner früheren Untersuchungen vollständig auf- 
recht und führt zur Bekräftigung derselben einige 
neue an Fröschen angestellte Versuche an, welche voll- 
ständig dasselbe positive Resultat ergaben. 

Die grosse Wichtigkeit dieser Streitfrage veran- 
lasste Herrn Dr. E. Cyon, eine erneuerte Untersu- 
chung zur Lösung derselben vorzunehmen. Ich habe 
diese Untersuchung unter Leitung und Mitwirkung 
des Dr. E. Cyon im physiologischen Laboratorium der 



3) Pf lüg er 's Archiv. 1868. 

4) Ibid. 1869. 

Mélanges biologiques. VTI. 40 



— 314 — 

hiesigen Universität auch ausgeführt und will hier die 
Resultate derselben mittheilen. 

Diese Versuche wurden an Hunden , Kaninchen 
und Fröschen angestellt und zwar an allen diesen 
Thieren nach einem allgemeinen Schema, welches von 
denen Vulpian's und F ick 's nur in einigen Punkten 
abweicht. An Hunden und Kaninchen wurden die Ver- 
suche im Allgemeinen auf folgende Weise ausgeführt. 
Die Thiere wurden auf dem Bauch in der Weise be- 
festigt, dass der Brusttheil der Wirbelsäule durch eine 
unter den Bauch geschobene Unterlage höher zu liegen 
kam, als die übrigen Theile dès Thieres. Die Wirbel- 
säule wurde iu der ganzen Ausdehnung des Brust- 
theils (vom 7. Halswirbel bis zum 1. oder 2. Lenden- 
wirbel) möglichst schonend und ohne zu grosse Blut- 
verluste eröffnet. Nach Blosslegung des Rückenmarks 
wurden sämmtliche hintere und vordere Wurzeln 
mittelst eines unter sie geschobenen hackenförmigen 
Messers vorsichtig in der ganzen Ausdehnung des bloss- 
gelegten Rückenmarks durchschnitten. Sodann wurde 
das Mark durch einen zwischen dem 7. Hals- und 1. 
Brustwirbel geführten Schnitt in der Quere durch- 
trennt, unter das peripherische Rückenmarkstück von 
oben her ein Glastab geschoben und so dasselbe scho- 
nend aus der Höhle emporgehoben. Nachdem ich mich 
durch das Eintreten von Zuckungen in den hinteren 
Extremitäten bei leiser Berührung der Hinterstränge 
von der erhaltenen Erregbarkeit des getrennten Rü- 
ckenmarks überzeugt hatte, entfernte ich mit einer 
Scheere die Hinterstränge, sowie möglichst viel 
grauer Substanz, so dass ich jetzt nur noch die Vor- 
derstränge mit einer sehr dünnen Schicht grauer Sub- 



— 315 — 

stanz vor mir hatte. Nun begann ich die Reizung 
dieser zurückgebliebenen Partien. Früher wurde me- 
chanische Reizung versucht und dann elektrische und 
zwar erstere durch Quetschen mit einer Pincette, 
letztere durch starke Inductionsströme, welche mit- 
telst Nadeln dem Marke zugeführt wurden. 

Die Ergebnisse einer grösseren Anzahl auf diese 
Weise ausgeführter Versuche waren nun folgende: 

1) Mechanische Quetschung der vorderen Stränge 
führt nur selten einzelne Zuckungen der hinteren Ex- 
tremitäten hervor und dies auch nur ausnahmslos 
in solchen Fällen, wo grössere Mengen grauer 
Substanz, vielleicht also auch Reste der hin- 
teren Stränge erhalten waren. War nur eine 
dünne Schicht grauer Substanz, oder etwa gar nichts 
von derselben erhalten, so blieb die mechanische Rei- 
zung erfolglos. 

2) Elektrische Reizung der Vorderstränge rief in 
allen Fällen, wo das Rückenmark vorsichtig präparirt 
war, tetanische Contractionen der hinteren Extremi- 
täten hervor, die so lange anhielten, als die Reizung 
dauerte. Dieser Erfolg trat aber auch nur in 
denFällen ein, von denen ich nicht zu behaup- 
ten wage, dass nicht noch eine dünne Schicht 
grauer Substanz erhalten blieb. Wurde die ganze 
graue Substanz entfernt, so blieb die Reizung erfolglos, 
und ich konnte an allen den Vordersträngen, deren 
Reizung positive Ergebnisse lieferte, bei der späteren* 
Untersuchung Spuren grauer Substanz, wenn auch 
noch so geringe nachweisen. 

Wurde das Rückenmark unterhalb der gereizten 
Stelle durchschnitten und die beiden Schnittenden 



— 316 — 

eng an einander gefügt, so blieb die Reizung, und wenn 
ich den Strom noch so verstärkt nahm, immer ohne 
allen Erfolg. 

Die beobachteten tetanischen Contractionen der 
hinteren Extremitäten waren also wirklich Folge der 
Reizung der Vorderstränge, resp. der an denselben 
haftenden grauen Substanz und keinesfalls durch Stro- 
messchleifen auf die erhaltenen vorderen Wurzeln und 
Hinterstränge bedingt. 

Diese Versuche gelingen viel besser an Hunden, als 
an Kaninchen, da Hunde viel besser die Eröffnung 
der Wirbelsäule vertragen. Einige Hunde überlebten 
sogar die Operation und wurden erst ein paar Tage 
nach derselben getödtet. Die an solchen Hunden ge- 
machten Versuche sind darum besonders wichtig, dass 
sie in viel geringerem Grade dem Verdachte ausge- 
setzt sind, als sei die Erfolglosigkeit der Reizung der 
von grauer Substanz vollständig befreiten Vorder- 
stränge dem Erregbarkeitsverluste derselben durch 
Blutmangel zuzuschreiben. 

Die Versuche an Fröschen wurden fast ganz auf 
dieselbe Weise wie diejenigen von F ick ausgeführt 
und zwar mit demselben Erfolge. Intensive Reizung 
der Vorderstränge bewirkte eine tetanische Zusammen- 
ziehung der hinteren Extremitäten, auch wenn die 
Hinter- und Seitenstränge ganz abgetragen wurden. 
Dagegen kann ich auch hier nicht behaupten, dass 
nicht noch Spuren von grauer Substanz an den Strän- 
gen hängen blieben. 

Wenden wir uns nun zu der Deutung der gemachten 
Versuche. 

Zunächst haben sie gezeigt, dass der von S. Mayer 






— 317 — 

gemachte P]inwand, es handle sich in den Versuchen 
Fick's um reflectorische Erregung von den Hinter- 
strängen aus, ganz unberechtigt war. Ein solcher Ein- 
wand, der gegen die an Fröschen angestellten Ver- 
suche wegen der Kleinheit der Theiie noch zulässig 
war, fällt ganz weg, wenn es sich wie bei mir hauptsäch- 
lich um Versuche an Hunden handelt. Hier sind die 
einzelnen Partien des Rückenmarks gross genug, um 
mit Sicherheit von einander getrennt werden zu 
können. 

Was nun die Erregbarkeit der vorderen Stränge 
für elektrische Ströme anbelangt, so glaube ich, dass 
meine Versuche in hohem Grade gegen das Vorhan- 
densein derselben sprechen. In allen Fällen, wo ich bei 
Reizung derselben positive Resultate erhielt, war das 
Erhaltensein einer, wenn auch noch so geringen Schicht 
grauer Substanz die nothwendige Bedingung des Ge- 
lingens. 

Man ist also viel eher berechtigt, aus den mitge- 
teilten Versuchen den Schluss zu ziehen, die 
graue Substanz des Rückenmarks sei sowohl 
für starke elektrische, als auch für mechani- 
sche Reize erregbar, und zwar für letztere in 
geringerem Grade als für erstere. Der Beweis, 
für die Berechtigung aus meinen Versuchen auf die 
Erregbarkeit der Vorderstränge zu schliessen, könnte 
nur dann beigebracht werden, wenn es gelingen sollte 
zu zeigen, dass das Abschaben der grauen Substanz 
von den Vordersträngen den Verlust der Erregbarkeit 
dieser letzteren nach sich geführt hat. Die Möglich- 
keit einer solcher Beweisführung scheint mir aber 
darum wenig wahrscheinlich, als die Reizung der Vor- 



— 318 — 

derstränge auch dann erfolglos war, wenn die ganze 
graue Substanz mit dem ersten Schnitte entfernt wurde. 

Irgend welche thatsächliche Beweise gegen die Er- 
regbarkeit der grauen Substanz giebt es meines Wis- 
sens in der Physiologie nicht. 

Dem so eben aus deh Versuchen abgeleitetenSchlusse 
über die Erregbarkeit der grauen Substanz für elek- 
trische und mechanische Reize stehen also weder 
thatsächliche, noch principielle Bedenken entgegen. 
Auch F ick neigt sich in seiner letzten Mittheilung 
einer solchen Deutung seiner Versuche hin und weist 
mit Recht auf die grosse Wichtigkeit eines solchen 
Nachweises der Erregbarkeit der grauen Substanz hin. 

Die Differenz, welche zwischen der Deutung meiner 
Versuche und der- von Vulpian den seinigen beige- 
legten, besteht, hat ihren Grund nur in dem Umstände, 
dass Vulpian die Unerregbarkeit der grauen Substanz 
als bewiesen voraussetzte und daher seine Ergebnisse 
auf Rechnung der Erregbarkeit der Vorderstränge 
schieben musste. 



Anmerkung von D r E. Gyon. 

Ich will noch auf einige Nebenergebnisse dieser 
Versuche hindeuten, welche nicht ganz ohne Inter- 
esse sind. 

Wie schon oben erwähnt, liess ich die Hunde, bei 
denen wir den ganzen Brusttheil des Rückenmarks 
entfernt hatten, noch einen oder zwei Tage leben. Diese 
Hunde fuhren fort Bewegungen des Schwanzes ohne 
äussere Veranlassung zu machen. Sollten die motori- 
schen Nerven desselben, oder wenigstens ein Theil 



— 319 — 

derselben, aus dem Halstheil des Rückenmarks ent- 
springen? Anatomisch habe ich diese Frage nicht weiter 
verfolgt. 

Ich tödtete die Thiere, welche in den hinteren Ex- 
tremitäten noch bis zum Tode Reflexbeweglichkeit 
zeigten, durch Verbluten. Dabei beobachtete ich, dass 
die Verblutungskrämpfe nicht nur in dem oberen Kör- 
pertheile, sondern auch in dem unteren und zwar nicht 
minder heftig auftraten. Da die motorischen Nerven 
der hinteren Extremitäten aus Marktheilen entsprin- 
gen, welche von der Medulla oblongata vollständig 
getrennt waren, so folgt aus dieser Beobachtung, dass 
die Verblutungskrämpfe ihren Ausgangspunkt 
nicht im verlängertem Marke haben, wie Kuss- 
maul und Tenner es aus ihren Versuchen folgerten. 
Im Gegentheil zeigt diese Beobachtung, dass alle mo- 
torischen Theile des Rückenmarks durch die Verblu- 
tung selbstständig erregbar sind, welche auch die 
nähere Ursache dieser Erregung sein mag. 

St. Petersburg, d. 16. (28.) December 1869. 



(Aus dem Bulletin, 1. XV, p. 15 — 21.) 



WJMTte 1870 

8 Février 

Ophiopogonis species in herbariis Petropolitanis 
servatas exposuit C. J, Maximowicz. 

Opliiopogon Gawl. 

Gawl. in bot. mag. 1063. — Endl. Gen. pi. c. syn., 
excl. Sanseviella Rchb. — Ophiopogon Kth. et 
Flüggea Kth. En. pi. V. p. 301. 

Character! generico saepissime non rite adhuc ex- 
posito adde: ovarium lata basi sessile vel semiimmer- 
sum, triloculare, 6 — 9-ovulatum. Ovula anatropa, mox 
post fecundationem ovarium rumpentia, pleraque abor- 
tiva, attamen vulgo persistentia. Semina matura nuda, 
circa axim verticillata , abortu saepissime 1 — 2, ra- 
rius 3 , interdum 4 — 6 , ovarii vestigio perigonioque 
dum persistens basi stipata, testa nondum matura 
crassa coriacea, matura aquosobaccata, colorata (coe- 
rulea vel nigra). 

Ophiopogoneae ab auctoribus mox Smilacineis, mox 
Asparagineis, mox Amaryllideis (cf. Schnizlein. Ico- 
nogr. fam. nat.) appropinquatae, communi fere con- 
sensu tarnen in familiae propriae dignitatem erectae, 
habitum re vera offerunt Liliacearum Anthericearum 
nonnullarum, quibuscum conveniunt fibris radicalibus 
incrassatis, rhizomatis obliqui vel repentis structura, 



— 321 — 

pedicellis articulatis, ovarii loculis saepe 2 — 3-ovu- 
latis, ovulis anatropis (exKunth. contra Endlicher), 
differunt vero tantum ovario interdum semiinfero et 
seminibus nudo statu maturescentibus. Habent sese 
igitur ad Liliaceas, ut Caulophyllum ad Berberidaceas. 
Theropogon noster transitum magis adhuc demonstrare 
videtur. 

Sect. 1. Liriope Han ce in Seem. Journ. 1869. 
p. 115. — Genus Liriope Lour. — Ophiopogon Kth. 
1. c. — Perigonium campanulatum phyllis basi breviter 
connatis. Ovarium lata basi sessile, liberum, loculis 
biovulatis Filameota subulata. 

1. 0. spicatus G awl. bot. mag. tab. 1063 (quoad 
descr., sed figura est O.japonici). — Bot. reg. t. 593. 
(var. y., fl. pallide coeruleis). — Don. Prodr. fl. Nepal, 
p. 47. — Miquel. Prol. fl. Japon, p. 307. — Conval- 
laria spicata Thbg. Fl. Jap. p. 141. — Liriope spicata 
Lour. Fl. Cochinch. 1. p. 200. — Flüggea spicata 
Schult. Syst. VII. p. 310. — Slateria repens Siebold 
in Act. Bat. XII. p. 15. (nomen). — Convallaria japo- 
nica sive Slateria Jaburan. I-ku-ma-yu-ssai. Soo 
bokf dz' sets dsen hen, i. e. tentamen adumbrationum 
arborum et herbarum, pars VI. fol. 45. (var. ß., spec, 
frf. c. anal, floris et scapo florente seorsim. Icon bona). 

Gracilis, stolonibus elongatis horizontalibus; foliis 
scapum angulatum superantibus linearibus vel late li- 
nearibus; bracteis pedicello brevioribus; fasciculis 
paucifloris; pedicellis longitudine florum vel brevio- 
ribus; floribus erectis; filamentis antheramob- 
tusam aequantibus stylum superantibus; peri- 
gonio deciduo; seminibus nigris lucidis globosis. 

Mélanges biologiques. VII. 41 



— 322 — 

Hab. in Japonia fere tota: e Hakodate semina ac- 
ceperunt hortulani Londinenses (ex bot. mag. 5348) — 
plantae cultae forsan, nam talem eandemque collegit 
Albrecht! (fl.). In Nippon occurrit a Nambu ad me- 
ridiem usque, circa Yokohamam vulgaris; in Kiusiu 
frequens. In China: a Pekino usque ad Cantonem; ar* 
chipelago Lutschuano (ex Benth. Fl. Hongk. p. 372); 
Formosa insula (Oldham! pi. exs. M 575); ins. Philip- 
pinis (ex Benth am 1. c); India boreali (Roy le! Don). 

Floret Julio et Augusto, fructus maturos profert 
Decembri et Januario. 

Planta valde variabilis statura, crassitie et altitu- 
dine scapi, foliis longioribus brevioribusve , magis vel 
minus angustis, obtusiusculis vel acutatis, plus vel mi- 
nus nervosis, fasciculis paucifloris vel plurifloris, brac- 
teis distinctis vel parvis, magnitudine et colore flo- 
rum, longitudine et articulatione pedicellorum. Varie- 
tates speciei hucusque in Europa nimis parco speci- 
minum numéro notae, et a Kunthio hanc ob causam 
in species diversas divulsae, sequentes distinguendae: 

a. Kunthianus. — 0. spicatus Kth. 1. c. p. 299. — 
Scapo subduplo crassiore inter fasciculos plurifloros 
flexuoso; pedicellis florem majorem (1. centim. fere at- 
ting.) aequantibus vel paullo superantibus; bracteis 
bracteolisque distinctissimis ovatis acutis obtusisve om- 
nibus scariosis pedicelli sub apice articulati tertiam 
partem aequantibus. 

Spontaneum non vidi. Cultus prostat in herbariis 
nonnullis, annos circiter 40 abhinc exsiccatus. 

Robustissima varietas, attamen ad ß. jam interdum 
transiens, habitu in speciminibus majoribus diversis- 



— 323 — 

simo, nullis vero notis bonis a sequente sejungenda. 
Fructus ac(huc ignoti. 

ß. communis. — Bot. mag. t. 5348. — Aequialtus, 
sed gracilior; foliis late linearibus (3 — 4 lineas latis); 
rhachi stricta; bracteis saepe herbaceo-acummatis, 
bracteolis parvis saepe subobsoletis; floribus triente 
vel duplo minoribus; pedicellis apice articulatis. 

Ubique in Japonia frequens, aTschonoskiin prov. 
Nambu Nippon borealis, a Kusnezovio prope Siino- 
dara collectus. 

Folia vulgo late linearia, sed occurrunt etiam an- 
gustiora, illis var. y. analoga. Flores a me semper 
violacei visi, vel in planta culta (e Yedo) profunde 
violacei, ut in tabula citata depicti. Ob colorem pul- 
chriorem a Japonensibus saepe colitur, nunc etiam in 
Europam introductus. 

y. gracilis Miq. 1. c. — 0. gracilis Kth. 1. c. Statura 
var. ß. vel minor; foliis late vel anguste (2 — 3*/ 2 ") 
linearibus; bracteis saepe herbaceo-acuminatis; brac- 
teolis var. ß. ; floribus duplo saltern quam in a. mino- 
ribus; pedicellis triente superiore articulatis. 

Occurrunt lusus duo: latifolius (in Japonia) et an- 
gustifolius (extra Japoniam crescens, in Japonia ra- 
rior) , prior a var. ß. nonnisi pedicellorum articula- 
tione saepe distinguendus. 

Vidi hujus varietatis specimina Japonica numéro- 
sissima, circa Yokohama et Nagasaki a me et ab aliis 
collecta, omnia plus minus latifolia. E Formosa habui 
ab Oldham s. n. 575 collect urn, latifolium. E China: 
Pekinensia flor. etfrf., prope Whampoa(Hance Jfs 703 
fl,), utraque angustifolia , et Hongkong a Wrightio 
collecta, jam minus angustifolia, denique Indica ex 



— 324 — 

India boreali-occidentali ex hb. Royle! — Ex Ben- 
thamio 1. c , qui 0. gracilem Kthii etiam cum 0. spi- 
cato Gawl. conjungit, occurrit etiam in Lutschu et 
Philippinis. 

Statura et latitudine foliorum et magnitudine florum 
ab oriente occidentem versus decrescere videtur. — 
Flores ludunt pallide coerulei, qui vulgatissimi, vio- 
lacei, vel rarissime lactei. 

S. minor. — Lodd. bot. cab. tab. 694. (praeter sca- 
pum in hacfig. longiorem). — Vix spithamaeus; foliis 
anguste linearibus (1 — 2 r ") vulgo recurvis; scapo ab- 
breviate tripollicari paucifloro; pedicellis mox var. ß. 
mox var. y. ; floribus var. ß. 

A me locis aridis, ad vias, in fruticetis siccioribus, 
circa Yokohama variis locis collectus, vulgo in con- 
sortio var. a. 0. japonici crescens. Hue spec. Old- 
ham jYr 184. a. 1861. flor. et Flüggea spec. Jfc 359 
(quoad spec. frf.). — E China acceptus in Anglia floruit, 
ex Loddiges 1. c. 

Flores vulgo pallide coerulei. Abit in var. y. — 
Varietas tarn similis var. a. 0. japonici, ut statu sicco 
staminibus tantum dignosci possit. 

Sect. Flüggea Hance 1. c. — Genus Flüggea Kth. 
1. c. Phylla perigonii a basi ad mediam longitudinem 
fere in tubum farctum connata apice patentia; sta- 
mina sessilia; ovarium semiimmersum apice 3-lobum 
3-loculare, loculis 2 — 3-ovulatis. 

2. 0. Jaburan Lodd. Bot. cab. 1. 1876 (mediocris). — 
Flüggea Jaburan Kth. 1. c. p. 303. — Miquel 1. c. 
p. 307. — Slateria Jaburan Siebold 1. c. — Conval- 
laria japonica a. major Thbg 1. c. p. 139. — Willd. 
Sp. pi. II. p. 160. — Flüggea japonica a. Schult. 1. 



— 325 — 

c. p. 309. — No-sM-ran. I-kuma-yu-ssai 1. c. VI. 
fol. 48. 

Eobustus; rhizomate obliquo torto articulato; stolo- 
nibus nullis; foliis numerosis dense arcteque sibi invi- 
cem accumbentibus late linearibus coriaceis glauco- 
viridibus scapum ancipiti - compressum superanti- 
bus; fasciculis multifloris; pedicellis flores magnos 
nutantes lacteos superantibus bractea brevioribus; 
perigonio campanulato persistente; filamentis subnul- 
lis; antheris acurainatis stylo brevioribus; se mini- 
bus coeruleis globoso-ovalibus. 

Hab. in Japoniae insula Kiusiu: circa Nagasaki, in 
horto caesareo Nishi-yama cultus, ad pedem montis 
Iwa, prope pagum Iwa-yama-kutsi, locis palustri- 
bus silvarum montanarum (Buerger! flor., Oldham! 
JVh 885. fr. immat. ; et sine J\[° frf. ; «Flüggea spec.» nond. 
fl. JV?. 884. idem!); in promontorio Nomo-saki, in sil- 
vis umbrosis montium frequens (flor.); in principatu 
Simabara (flor.), nee non, fide Japonensium, in pro- 
vincia Higo, unde Yedo introductus et cultus. 

Floret Augusto, fructus fert hieme. Japonensibus 
audit: no-shi-ran. 

Ludit foliis luteo vel albo lineatis, caule humiliore. 
Talis obvenit in Yedo, cultus, a me (an primum?) 
a. 1864. Petropolin introductus, ubi jam flores pro- 
tulit. 

3.0.japonicusGawl. bot. mag. 1. 1063 (excl.descr.).— 
Slateria japonica Desv. Journ. de bot. I. p. 244. — 
Siebold 1. c. — I-kuma-yu-ssai. 1. c. VI. fol. 46. 
(var. a. , spec. frf. c. racemo florente et analysi rudi 
floris. Icon optima). — Flüggea jap. Ki chard, in 
Schrad. N. Journ. II. 1. p. 9. tab. 1. fig. A.— Kth: 






— 326 — 

I. c. p. 302. — Miq. 1. c. p. 307. — Flüggea jap. 
var. ß. Schult. Syst. VIL p. 308. — Convallaria ja- 
ponica L. suppl. p. 204. — Redouté Lil. t. 80. — 
Conv. jap. ß. minor Thbg Fl. p. 140. — Willd. 1. c. 

II. p. 1 60. — Mondo, biaJcfmondo, vulgo Rïnno fige, sïo- 
gei-fige y jamdsuse, sogaii. Kaempfer. Am. exot. p. 823. 
c. fig. in pag. 824 (optima). 

Minor, gracilis; stolonibus horizontalibus elongatis; 
foliis linearibus vel anguste linearibus scapum anci- 
pitem duplo, rarius in var. y. paullo tantum superan- 
tibus; fasciculis 1 — 3-floris; pedicellis florem 
subaequantibus bractea brevioribus; floribus nutanti- 
bus; perigonio patente persistente; filamentis subnul- 
lis vel brevissimis, antheris acuminatis stylo brevio- 
ribus; seminibus coeruleis globosis. 

Hab. in Japonia media et meridinali frequens, iis- 
dem locis ac 0. japonicus; in China nuper tantum a 
Hanceo etSkaczkoffdetectus;in Ceylona et in India. 

FJoret et fructum fert paullo ante 0. spicatum. 

Planta simili modo variabilis atque 0. spicatus, va- 
rietatibus utriusque speciei sibi invicem parallelis. 
Quum vero in Europam hujus speciei varietas depau- 
perata, 0. spicati vero varietas robustior prima intro- 
ducta fuisset, formas hic reverso ordine enumerare 
aptius videtur. Differentias a Kunthio ad species de- 
finiendas ex nervatione apiceque foliorum depromp- 
tas nil valere certo certius est: in uno eodemque spe- 
cimine folia exteriora semper breviora et obtusiora et 
minus nervosa sunt quam interiora, quis autem co- 
piam speciminum majorem investigabit, mox istas dit 
ferentias sensim inter varietates diversas evanescere 
observabit. 



— 327 — 

a. genuinus. — Hue icônes supra citatae. Foliis an- 
guste linearibus apice revolutis scapum palmarem duplo 
saltern superantibus. — OmninorefertO.s^ca^var.3. — 
Fl. albi. 

Habeo specimina ante oculos nnmerosa, in Japonia 
et archipelago Koreano ab Oldhamio s. n. 883 a. 1862 
— 1863. fructifera collecta (a Miquelio 1. c. ad. 0. 
spicatum infauste ducta), a me ipso varus locis Nip- 
pon et Kiusiu florentia et fructifera decerpta, nee non 
a Miquelio communicata. Loca amat sicciora, sae- 
pissime obvius fit secus vias, in fruticetis silvisque 
lucidioribus. — In Europam, et quidem in hortum Ke- 
wensem, a dom. Graefer a. 1784. jam introductus, a 
patribus sat frequenter cultus (vidi specc. hortensia 
inde ab a. 1798 exsiccata), nunc vero vix non ubique 
in hortis nostris a var. ß. supplantatus, in tepidariis 
nostris fere nunquam florente. 

ß. umbrosus. 

Dense caespitosus; foliis longissimis numerosissimis 
anguste linearibus interdum submembranaceis rectis 
scapum palmarem duplo vel triplo superantibus. 

In umbrosissimis humidissimis, v. gr. in sylvulis 
Cryptomeriae japonicae circa Yokohamam vulgaris, ad 
pedem Zidsi-yama prope Nagasaki, ad rivulum quen- 
dam umbrostssimum, in consortio Tricliomanis alia- 
rumque filicum, non rarus. — Pekin (Skaczkoff ! fl.). 

Flores, albidos vel albido-coeruleos, rarius profert. 
Ob comam foliorum densissimam a hortulanis Japoni- 
cis, et nunc etiam nostris, ad areas florales circum- 
plantandas multum usitatus, in tepidariis europaeis 
jam perfrequens, sed apud nos vix unquam florens visus. 

Y- intermedius. — 0. intermedins Don Prodr. fl. Ne- 



— 328 — 

pal. p. 48. — Royle 111. bot. Himal. t. 96. (foliis 
nimis serfrilatis, fere ciliatis, fl. albidis). — Flüggea 
intermedia Schult. Syst. VII. p. 310. — Kth. 1. c. 
V. p. 306. — FL Jacquemontiana Kth, 1. c. p. 304. 
(ex descript.). — 0. umbraticola He e in Seem. Journ. 
of bot. 1869. p. 115. (ex descript.). — Thwaites, 
Enum. pi. Ceyl. p. 339., cujus specc. tarnen non vidi, 
hue ducit etiam Flüggeam dubiam Kth. 1. c. p. 305 
(antheris extrorsis, ex Kunthio). 

Foliis minus anguste linearibus quam in varr. prae- 
ced. , scapum spithamaeum parum vel hand superan- 
tibus vel rarius illo brevioribus, apice vix revolutis. 

Crescit in Ghinae prov. Cantonierisi (ex H an ce); 
in Ceylona (W. J. Hooker! s. n. O.japonici, flor.); 
in India: montib. Nilagiri (Metz! Jk 955 fl. s. n. Fl. 
japon.; Schmid! M 31. fl., s. n. Fl. Wattichianae), 
prope Dwarubah (Jameson! J\?. 295. flor. a. 1846), 
ex India boreali-occidentali (Royle! s. n. Fl. inter- 
mediae), Kumaon (Strach. et Winterb.! K°. 1. fl.). 

In Japonia nondum observatus, verosimiliter prae- 
tervisus. Ceterum quoad habitum non male var. *y. 
gracili 0. spicati analogus. 

8. Wallichianus. — Oph. indicus Rottl. ex Royle, 
in Wt. Icon. VI. tab. 2050. (filam. partim nimis longa 
partim plane nulla delineata). — Fl. Wallichiana Kth. 
1. c. p. 303. — Foliis quam in praeced. varr. latiori- 
bus (ad 3'" latis) rectis scapum spithamaeum (rariss. 
pedalem) paullo superantibus; floribus vulgo paullo 
majoribus; filamentis brevissimis distinetis. 

Hab. in Japonia cum ceteris formis sat communis, 
v. gr. Nagasaki. 1862. J\6 884. Oldham! s. n. Flüg- 
gea spec. (nond. fl.), circa Yokohamam in fruticetis 



— 329 — 

vulgaris (flor. defl.); circa Kamakuram, et in montibus 
Hakone ad rivulos etc. Ex India bor.-occid. coli. Roy le ! 
s. h. Fl. Wallichianaë), e Nipalia (Wallich! 5139 ö 
spec, ingeiis fl,); Kumaon (Strach. et "Winterb! M 3, 
fl., specc. magna). Himalaya orientali (Griffith! dis- 
trib. Kew. JMs 5881. fl. (quoad spec. fol. coriaceis); 
Bengalia orientali (Id. JYs 5892. fl.). 

Flores albi vel lilacino-coerulescentes. A var. y. 
foliis latioribus et filamentis subdistinctioribus dignos- 
citur. Sem'ma profert interdum sena! 

Omnium varietatiim 0. japonici robustior, varr. a. 
et (3. 0. spicati analogus. Pedicelli saepissime medio 
articulati. 

Pedicelli in omnibus varietatibus medio vel supra 
medium articulati, tantum in var. a. exemplaribus in 
Europa cultis, ceterum spontaneis simillimis. inter- 
dum api ce articulati, atque ita a Kunthio descripti. 

Species dubiae, 

partim indescriptae. 

0. mollis \ 

s* • S Roy le 1. c. 1. p. 382 (uomina solum.).— 

0. minor ) ■ J , * v ; 

I Kth. 1. c. p. 301. 

0. Malcolmsonn I 

0. prolifer Lindl. Journ. hortic. soc. I. 76. — 
Walp. Ann. I. ,874. — Kth. 1. c. V. p. 853. — exPulo 
Penang. — Rhizomate scandente radicante stamini- 
busque in annulum brevem connatis abhorrens, e gé- 
nère probabiliter excludendus, sed vix descriptus. 

Species exclusa: 
G. paîlidus W ail . Cat. ~- Theropogon pallidas Maxim. 

Mélanges biologiques. VII. 42 






— 330 — 

Tlieropogoii Maxim. 

Perigonium basi cum pedicello artieulatum, corol- 
linum, campanulatum, phyllis 6 ipsa basi connatis ova- 
tis 1 -nerviis. Stamina 6, basi phyllorum perigonii in- 
serta, filamentis brevibus dilatatis, antheris dorso su- 
pra basin affixis, cordatis, acuminatis, 2-locularibus, 
introrsis. Ovarium superum, globosum, triloculare, ovu- 
lis in quovis loculo subdenis biseriatis. Stylus simplex 
stigmate obtuso. Capsula baccata, trilocularis, tri- 
sperma, vel abortu 1 — 2 sperma, styli basi demum 
decidua coronata. Semina subglobosa, chalaza indis- 
tincta, micropyle illi subopposita, parva subumbonata, 
testa tenui, albumini corneo arete adnata, laevi. Em- 
bryo axilis, subcurvatus, dimidium albumen aequans, 
radicula micropylen speçtante illique proxima, supera — 

Herba Ôphiopogonis habitu, a quo diversa foliis an- 
nuis, capsula baccata, etiam Phalangio vel Chlorophyto 
valde affinis, a quibus tarnen capsula baccata abhorret 
nee non phyllis perigonii 1-nerviis, a Chlorophyto etiam 
perigonio deciduo. Jüngere videtur baec genera duo 
et Dianellam, etiam capsula baccata et habitu non ab- 
simili instructam. 

Nomen Theropogon , nempe barba aestivalis, datum 
est ob folia annua, quibus praesertim ab Ophiopogone 
habitu differt. 

Th. pallidus. — 0.? pallidus Wall. Cat. J\ß 2138. — 
Kth. 1. c. V. p. 300. — 0. brevifolius Royle! herb, 
(spec, juvenile). 

Hab. Kumaon (Strachey et Winterb.! JVs 2. nond. 
fl. et frf.); in Himalaya orientali (Griffith.! distrib. 
Kew. J6 5891 p. p. (fl.) et 5894. (frf.); Nawalbaugh, 



— 331 — 

Jameson, ! JVs 210. frf. fine Aug. 1845 («0. spicatas»); 
et occidentali (Roy le! s n. 0. brevifolii, nond. fl., et 
s. n. FL WallicJiianae p. p., fl. frf.). 

Descriptioni Kunthianae pauca tantum addenda. 
Rhizoma obliquum, fibris tuberiferis obsessum. Scàpus 
cum foliis vel imo paullo ante folia ortus, 7 2 — 1-pe- 
dalis, angulatus, primum folia inembranacea, pallide 
viridia superans, demum illis brevior. Rhachis inflo- 
rescentiae vix flexuosa. Pedicelli apice articulati, flo- 
riferi tri-, fructiferi 4 — 5-lineales. Bacca etiam 
matura piso minor, ex sicco videtur rubescens. Semina 
laevia, fusca, nitidula, 2 1 / millim. longa et fere lata. 



(Tiré du Bulletin, T, XV, p. 83 — 90.) 



^ Mai 1870, 

Diagnoses breves plantarem novarum Japoniae 
et Mandshuriae, scripsit C. J. Maximowicz. 

DECAS SÈPTÏMA. 

Melandryum Olgae. Pedale erectum simplex vel pau- 
cicaule subviscidovillosum ; foliis subsessilibus lanceo- 
latis vel ellipticis; cyma bis vel ter dichotoma brevi 
pauciflora clistinctius viscidula; florlbus erectis; caly- 
eis campanulati 10-nervii dentibus ovatis acutis; pe- 
talis breviter coronatis ungue exserto lineari lamina 
cimeata 4-fida laciniis linearibus lateralibus dentifor- 
mibus angustioribus; capsula subsessili ovali inclusa; 
seminibus echinatis. 

Hab. circa Mandshuriae austroorientalis sinum S tae 
Olgae, secus flumen Wai-fudin, in declivibus lapido- 
sis, nee non in saxosis montium usque ad 1300 ped. 
al tor urn, passim non ramm. — Flores rosei. 

Species peculiaris, noimullis indicis tantum, et qui- 
dem M. cuneifolio Roy le, M. nutanti Wall, et M. 
fimbriate Wall., nee non forsan M. piloso Ed gew., 
mihi ignoto, appropinquanda, a primo tarnen jam in- 
florescentia pluriflora, caulibus non caespitosis ungui- 
umque forma, a ceteris vero jam calyce haud inflato 
abunde diversa. 



— 333 — 

Aster rugulosus. (Orihomeris Torr, et Gr.). Perennis 
pedalis subsimplex, caule angulato glabro; foliis rigi- 
dis (infimis sub anthesi vulgo deficientibus oblongis 
breve petiolatis) lanceolatis vel lineari-lanceolatis acu- 
tis subsessilibus remotissime calloso-serrulatis 1-ner- 
viis grosse distincte reticulato-nervosis superne rugu- 
losis scabrisque; ramis floriferis elongatis fastigiatis 
nudis, in corymbum oligocephalum dispositis: involu- 
cri squamis subtriseriatis imbrieatis oblongis obtu- 
siusculis dorso carinatis margine anguste membrana- 
ceis ciliatis; radiis lacteis; corollarum disci tubo lim- 
bum dilatatum subaequante; pappo scabro inaequali 
rufescente; achaenio anguste obovato 3 — 4 costato- 
angulatoque, parce puberulo. 

Hab. circa Yokohamarn in fruticetis pratisque sie- 
cioribus sat frequens, Septembri florens. 

A. ptarmieoides Torr, et Gr., huic affinis, abunde 
distinetus: foliis subtrinerviis integris obsolete reti- 
culatis laevibus angustioribus , corymbi ramis brevi- 
bus foliatis; involucri squamis subquadriseriatis lan- 
ceolatis acutis margine glabris, praeter carinam totis 
membranaeeis, corollarum disci tubo quam limbus non 
dilatatus quintuplo breviore, achaenio obovato glabro, 
pappo albido; praeterea nostro minor et tenerior est, 
sed habitus et magnitudo capitulorum fere iidem. 

Rhododendron Schlippenbachü. (Sect. Azalea PI. f ). Pe- 
rulis obtusissimis cum apiculo, margine serieeis; ra- 
mis novellis glanduloso- pilosis, adultis glabris; foliis 



1) Planchon in Revue hortic. 1854 p. 43 (opusculum a Wa.l- 
persio (Müller o) praetervisum). — Sect. Pentanthera et Tsutsuzi 
(pro parte) Don. Gen. Syst. III. p. 845. 846. — Genus Azalea DC. 
Prodr. VII. p. 715. (excl. speciebus nonnullis). 

Mélanges biologiques. VII. 41 



— 334 — 

(caducis) amplis, apice ramorum confertis, late obo- 
vatis emarginato-obtusissimis cum apiculo, margine 
integerrimo ciliatis, superne parce pilis mox evanidis 
adpressis adspersis, subtus pallidis ad nervös pilosis 
atque secus costam mediam saepe cinereo-tomentosis, 
costis patulis parum prominulis utrinque subsenis; flo- 
ribus (praecocibus) umbellatis; pedunculis glanduloso 
pilosis calyce parum longioribus; sepalis ovalibus 
glanduloso- ciliatis; corollae rotato-campanulatae tubo 
brevissimo lobis ovatis; staminibus 10 declinatis, su- 
perioribus sensim usque duplo brevioribus; stylo sta- 
mina superante; capsula oblonga vel ovato-oblonga 
subesulcata glanduloso -hispidula opaca, calycem 2 — 
3 -love superante. 

Hab. in Korea, ubi in litore orientali a. 1853 pri- 
mus florens detexit lib. baro a Schlippenbach; in 
archipelago Koreano, ubi fructibus nond. mat. legit 
b. Oldham (a. 1863 As 510); in Mandshuria finitima, 
circa sinum Possjet, in declivibus litoris subumbrosis 
frequens (ipse), nee non in Japonic ubi ex urbe Yedo 
cultum habui, e Tsus-sima forsan introductum? 

Flores ampli, albi lilacino suffusi, lobis superiori- 
bus corollae maculis fuscis pictis. Antherae ochraceae. 
Stigma 5-lobum viride, stylo truncato albo impositum 
illoque angustius. — Frutex tripedalis dense ramosus 
et frondosus, foliis in sectione maximis. 

Affine Bh. sinensi Sweet (cujus synonyma: Azalea 
mollis Bl. et A. japonica A. Gr., confer de hac specie 
Maxim, in suppl. ad ind. sem. h. Petrop. a. 1869 
p. 11), sed hoc facile distinguendum pube setoso-pi- 
losa, foliorum minorum forma, costarum numéro et 
directione, corollae pubescentis tubo longiore, stami- 



— 335 — 

nibus 5 subaequilongis subporrectis, capsulaque duplo 
majore, lucida, profunde ..sulcata, setosa, nee non ra- 
mi s abbreviatis approximatis. 

Rhododendron Albrechti, (Azalea PL). Perulis rotun- 
datis obtusis parce subsericeis vel glabris, ramis fle- 
xuosis gracilibus, novellis crispe subviscide pilosis; 
foliis (deciduis) apice ramulorum confertis membrana- 
ceis late ellipticis obovato-ellipticis vel rarius oblon- 
gis acutis, glandula dilatata apiculatis, ciliato-serru- 
latis! superne adpresse parceque pilosis, subtus secus 
nervös parce pilosis atque incanotoraentosis, pallidis; 
floribus coaetaneis umbellatis; pedunculo semipolli- 
cari crispe calyceque brevissime 5-dentato longe pa- 
leaceo-piloso; corollae rota to -campanula tae tubo bre- 
vissimo lobis obovatis rotundatis, fundo intus! fila- 
mentisque saepe ad basin villosis; staminibus 10 de- 
clinato-arcuatis, superioribus duplo omnibusque stylo 
brevioribus; capsula pedunculo breviore late ovoidea 
breve acuminata leviter sulcata glanduloso-pubescente 
opaca. 

Hab. in Yeso, secus sinum Volcanorum, in valle 
subalpina prope Nodafu (AI brecht, flor. 1862, ipse 
frf. 1861) et in promontorio rupestri sylvestri prope 
Todo-hi-ki, in consortio Eh. brachycarpi Don. (ipse), 
nee non in Nippon borealis principatu Nambu, in sub- 
alpinis, et mediae tractu Senano, in alpibus (flor. 
Tschonoski). 

Frutex altior et miserior quam praecedens, cui ce- 
terum subaffinis, foliis minoribus tenerioribus, corolla 
minore purpurea. 

Rhododendron macrosepalum, (Azalea VI.). Humile mi- 
serum; ramorum foliornmque pube grisea patente 



— 336 — 

molliter setosa; foliis (subcaducis) innovationum ellip- 
tico-lanceolatis breve acuminatis ad ramulorum api- 
ces aggregatis, ceteris obverse lanceolatis acutiuscu- 
lis minoribus; umbellis plurifloris coaetaneis, basi 
squamis numerosis membranaceis oblongis filiformi- 
busque obvallatis; pedunculis calycibusque aequilon- 
gis dense glanduloso pubescentibus; sepalis linearibus 
vel lanceolato- linearibus longissime acuminatis sinus 
corollae superantibus ; corollae campanulatae tubo 
brevi laciniis oblongis vel rarius corolla regulariter 
5 -partita! laciniis lanceolato -linearibus, vel bilabiata! 
labio superiore trifido inferiore bipartito; staminibus 
5; capsula attenuate - ovata glanduloso -pubescente, 
calyci duplo triplove longiori erecto inclusa. 

Hab. in Nippon mediae alpe altissima Nikkoo, unde 
advectum in hortulo meo colui atque observavi. E se- 
minibus eodem loco collectis in horte botanico Petro- 
politano educata prostant specimina numerosa, nunc 
primum florentia. — Corolla rosea, lobis superioribus 
basi parce purpureo maculatis. 

Planta mirabilis, habitu et inflorescentiae indole ad 
hanc sectionem, signis diagnosticis ad sect. Tsusiam 
PI. vergens, corolla interdum bilabiata Bhodorae ca- 
nadensi L. appropinquans, sed ni fallor proxima affi- 
nitate cum Eh. linearifolio Sieb, et Zu ce, Rh. ledi- 
folio Don. et Eh. cdlycino PI. (conf. Paxt. FI. G. II. 
t. 70) conjunctum. Rêvera prius tantum diversum 
pube rigida rufa, floribus brevissime pedunculatis 
semper 5-partitis foliisque linearibus acuminatissimis 
(capsula adhuc ignota). Eh. calycinum PL modo Cres- 
cendi, pube eglandulosa, staminibus 10 diversum, Eh. 



— 337 — 

indico nimis forsan affine. Eh. ledifolium Don. 2 ) de- 
nique, in Japonia cultum tantum proveniens, statura 
elate, umbellis 1 — 3-floris, staminibus 10, capsnla 
ovata truncate, pube rigide setosa rufa abhorret. 

Nota 1. Corolla bilabiate, praeter praecedentern 
speciem, occurrit rarius etiam in Eh. sinensi Sweet., 
ubi specimen varietatis flammeae observavi labio su- 
periore trifido. inferiore bipartite. Si in japonicis con- 
formatio talis raro invenitur et valde variabilis est, 
etiam in Ehodora ipsa partitio corollae non semper 
eadem, labio superiore mox 3-lobo mox 3-fido, infe- 
riore mox bifido mox bipartite. Melius igitur mihi vi- 
detur Ehodoram cum Donio Ehododendro subjungere 
et quidem Azaleis (sensu Planchonii) appropinquare, 
ubi quoad folia non parum accedit Eh. sinensi. 

Nota 2. Sectio AmleaVl. in series naturales duas di- 
viditur: altera americanas species cum A.pontica am- 
plectens, corollis infundibuliformibus tubo elongato sta- 
minibusque plerumque longius exsertis gaudentes, al- 
tera japonicas (nempe Eh. sinense, ScMippenbachii, Al~ 
brechtii , reüciüatiim Don. (Eh. dilatatum Miq. et 
rhombicum Miq.), macrosepalum, et denique Eh. Eho- 
dora Don.), corollae campanulatae vel subrotatae tubo 
brevi, staminibus vix longioribus instructed. 

Rhododendri sect. Azaleastrum PL 1. c. (nomen tantum). 
_, * 

2)Hujus synonymon, teste Planchou, est Rh. Burmanni Don. 
et, teste Mi quel, Azalea mucronata Bl. Descriptio et figg. Az. ros- 
marinifoliae Burm, Fl. lud. p. 43. t. 3. re vera nou male iu Rh. le- 
difolium quadrant, imo quoad stamina 10, sed tunc Burm au ni no- 
men restituendum et tota species Rh. rosmavinifoliwm vocandum 
erit. Cur Don nomen mutaverit, non patet, planta homonyma Ro- 
thii enim, perfecte obsoleta mihique ignota, multo serius provul- 
gata esse debet, non ante 1781. 

Mélangea biologiques Vu. 43 



— 338 — 

Flores laterales, e gemmis perulatis propriis sub-1-flo- 
ris orti, quae circa apices ramulorum anni praecedentis 
in axillis foliorum vetustorum dispositae sunt. Innova- 
tiones post flores vel una cum floribus evolutae. Co- 
rollae subrotatae. Stamina 5 distinctissime declinata. 
— Hue Azalea ovata Lindl. et A. myrtifolia Hook, 
(rectius Champ, in Hook. bot. mag. sub t. 5064, ex 
Hookero 1. c. et Bentham fl. Hongk. p. 201. A. 
ovatae var.) ex Planchon, et species sequens. 

Rhododendron semibarbatum. (Azaleastrum) Ramulis 
hornotinis, petiolis, pedunculis calycibusque pube brevi 
tomentosa atque setis glandulosis patentibus instruc- 
tis; foliis eoriaceis ellipticis mucrone excurrente api- 
culatis, circumcirca minute crenatis crenis ex apice 
setuliferis , multicostatis , reticulo superne impresso 
subtus prominente; foliis anni praeteriti sub anthesi 
nullis ; floribus breve pedunculatis serotinis (post folia 
novella ortis); calycis laciniis triangulariovatis; corolla 
5-fida; staminibus duobus superioribus brevioribus, 
anthera triplo minore didyme globosa, filamentis medio 
barba densa elongata instructis, ceteris nudis antheris 
oblongis; capsula depresso-globosa apiculata sulcata 
glanduloso-setosa nitida, pedunculo breviore. 

In alpibus altis Nippon mediae varus locis legit 
collect, noster Tsclionoski. — Flores ex sicco albidi 
vel pallide lilacini videntur. # 

Huic affinis Azalea ovata Lindl. (Fortune! A. 52. 
a. 1845 e China boreali) ita definienda: 

Bh. ovatum PL 1. c. Glabratum; foliis coriaceis lu- 
cidis ovatis ovato - lanceolatisve mucrone excurrente 
apiculatis integerrimis sublaevibus; floribus una cum 
innovationibus fronde anni praecedentis adhuc persi- 



— 339 — 

stente ortis; pedunculis glanduloso-pilosis; calycis laci- 
niis ovatis obtusis glabris; corolla 5-partita; filamentis 
infra medium brevisetosis; capsula . . . («ovata» Be nth. 
Fl. Hongk. 201, «globoso-ovata» Champion in bot. 
mag. sub t. 4609). — Pedunculi quam in nostra triplo 
longiores, flores triplo majores; pubes vero dum adest, 
etsi parca, attamen etiam duplex atque illi nostrae 
plantae simillima. 

Rhododendron Tschonoskii. (Tsusia PL) Humile, dicho- 
tome denseque ramosissimum, dense frondosum, ad- 
presse rufo strigoso-pilosum, parvifolium, minutiflo- 
rum; foliis apice ramulorum confertis, breve petiola- 
tis, ellipticis mucronatis, subtus glaucis reticulatis, 
indistincte costatis; perulis sub anthesi nullis; floribus 
terminalibus 2 — 4; pedunculo calycem superante, 
utroque rufostrigosissimo, calycis laciniis triangulari- 
ovatis; corolla campanulata 5-fida, laciniis ovato-oblon- 
gis apice rotundatis, fundo intus! filamentisque infra 
medium paleaceo-villosulis; staminibus 5 styloque ex- 
sertis ; antheris oblongis poris minutis ; capsula pedun- 
culum subaequante, breve ovata obtusa, juvenili rufo- 
strigosissima, matura subglabrata. 

In Nippon mediae alpibus (Tschonoski). — Flores 
ex sicco albidi. 

Species omnino sui juris, etsi verbis difficile defi- 
nienda, ut omnes ad hanc sectionem pertinentes. Cum 
Rh serpyllifolio Miq. {Azalea s. Gray) magnitudine 
florum tantum comparanda. 

Yeratrum stamineum. Crassicaule clensefoliatum gla- 
brum, foliis inferioribus rotundato-ellipticis obtusissi- 
mis, superioribus ellipticis acutis; bracteis amplis 
membranaceis oblongis; perigonii teneri viridis sube- 



— 340— - 

nervii pedieellum horizontaliter patentem subduplo, 
brae team subtriplo superantis pliyllis orbiculato-ova- 
libus obtusis breve uuguiculatis integerrimis; stami- 
nibus perigonium superantibus!; genuine acuminato 
stylis continuis rectis superato; capsula. . . 

In Nippon media, verosimiliter jugo Hakone, dete» 
xit a. 1866 et misit indef. Tschonoski specc. . liume- 
rosa, flore incipiente collecta. 

V. albo L. ex habitu similius quam V. nigro L., quo- 
cum tarnen pedicellorum directione et longitudine ma- 
gis convenu, ab utroque atque omnibus cognitis pe- 
rigonio staminibusque exsertis distinctum. 

Lycopodium cryptomerinum. (Selago Sprg.) Robustum 
pluricaule suberectum pédale; caulibus crassis flexuo- 
sis semel vel bis dichotomis dense Miosis; foliis octo- 
seriatis crassis rigidis, plantae juvenilis erectopatulis 
rectis multo longioribus, adultae recurvato-patentibus 
subtortisque, subulatis sensim acutatis baud pungen- 
tibus, fructiferis immutatis vel duplo brevioribus; 
antheridiis sparsis intervallum breve ramorum öecu- 
pantibus; antheridiis amplis profunde reniformibus. 

Hab. in ins. Kiusiu rarum: in monte Naga, non 
procul a Nagasaki, semel inventum in arbore caesa, 
sterile et fructiferum, in jugo Kundsho-san simili sta- 
tione semel sterile detectum. — Cultum habui e Yedo 
sub nomine japonico aptissimo sugi rang i. e. crypto- 
merino; magnitudo, forma et dispositio foliorum enim, 
praesertim plantae juvenilis, non male refert ramulum 
Cryptomeriae japonicae. 

Habitu et characteribus quodammodo simile L. se- 
taceo, Hamilt., statura et antheridiis L. subuHfolio 
Wall. 



— 341 — 

Nota. Ceterae hujus generis species japonicae sunt: 
L. Selago h.fL: serratum Thbg. (cum L. lucidttlo 
Mx.), L. aloifolium Wall. (L. FUegmaria? Miq.), L. 
Sieboldi Miq. (L. fontinaloidi Spr. et L. myrsiniti 
Lam. affine), L. cernuum L., L. japonicum Thbg, 
(L. dendroideum Mx.), L. clavatitm L. et L. compla- 
natum L. 

Aspidiuni craspedosorum. (Polystichum) Caespitosum, 
frondibus ad rhachides dense paleatis et, juventute 
praesertim, longe rufo villosis, subtusque ad laminam 
longe paleaceopilosis; stipite 1 — 2-pollicari pallido; 
fronde 4 — 10-pollicari ambitu lineari-lanceolata acu- 
minata multijugo-pinnata, apice brevi.spatio nudo ra~ 
dicante; pinnis approximatis, apice patentibus, medio 
divaricajtis, versus basin cleflexis, semideltoideis leviter 
subfalcatis obtusis, inaequilateris, latere inferiore ad 
basin rectilineo-truncato ibidemque subintegro, supe- 
riore basi breviter acute auriculato, ceterum circum- 
circa argute mucronato-serratis, serraturis incumben- 
tibus rariusve patulis, venulis, prater illam auriculae 
ramulum 1 vel 2 emittentem, simplicibus; soris sae- 
pius 1 - seriatis secus marginem superiorem , rarius 
biseriatis secus utrumque marginem; indusiis maximis 
sese invicem marginemque attingentibus , rotundatis 
subumbonatis , ob marginem deflexum subconvexis, 
fusco-griseis, persistentibus. 

a. japonicum, Frondis magis elongatae pinnis nume- 
rosioribus angnstioribus, serraturis incumbentibus mi- 
noribus , basin pinnae versus saepe obsoletis , soris 
vulgo 1 - seriatis. 

Hab. varus locis insulae Nippon: in jugo Hakone, 



— 342 — 

ad saxa in silvis frondosis umbrosis; in principatus Se- 
nano alpibus altioribus, nec non in prinçipatu Nambu. 

ß. mandshiiricum. Pinnis latioribus, superne basi di- 
stinctius acuminato-atiriculatis, acutioribus, serraturis 
patalis majoribus basin fere usque distinctissimis, so- 
ris saepius biseriatis. 

Hab. in jugo litorali Mandshuriae rossicae, ad su- 
periorem partem fluvii Da-dso-scliu, in fissuris rupium 
calcarearum, soli obversarum, sat frequens. 

Species distinctissima, indusii natura A. mucronato 
Sw.j statura A. lachenensi, forma frondis A. auriculato 
Sw. quodammodo subsimilis, attamen indusio amplo 
subinflato longe persistente inter omues insignis. 



(Tiré du Bulletin, T. XV, pag. 225 — 231.) 



2£M^ 1870 

5 April 

Fälle des Vorkommens eines Spitzenlappens an 
der rechten Lunge des Menschen durch einen 
supernumerären verticalen Einschnitt. Ver- 
lauf des Bogens der Vena azyga in diesem 
Einschnitte, beobachtet von Dr. Wenzel Gru- 
ber, Professor der Anatomie. 

Unter den Fällen mit Überzahl von Lappen an 
den Lungen des Menschen sind mir zwei Fälle 
vorgekommen, bei welchen die der schmalen Rücken- 
fläche und einem in einiger Entfernung über und hin- 
ter dem Bronchus befindlichen Partie der inneren 
Fläche entsprechende Portion der Spitze der rech- 
ten Lunge als besonderer Spitzenlappen durch 
einen supernumerären Einschnitt abgetheilt war, 
welcher vertical, bei zunehmender Tiefe von vorn 
nach hinten , eindrang , in sagittaler Richtung so ge- 
krümmt verlief, dass er seine Convexität lateralwärts 
gekehrt hatte, und so ungewöhnlich weit war, dass 
sein Grund eine schmale mit der Convexität nach 
auf- und rückwärts gekehrte Fläche zeigte. In beiden 
Fällen war im Grunde dieses supernumerären 
verticalen Einschnittes der Bogen der Vena azyga 
gelagert. Ich werde diese seltenen Fälle, welche 



— 344 — 

ich in meiner Sammlung aufbewahre, im Nachste- 
henden mittheilen: 

1. Fall. 

Vierlappige rechte Lunge, beobachtet an einem 13jährigen 

Knaben. 

Beide Lungen sind durch Tuberculose degenerirt 
und in Folge von chronischer, abgelaufener Pleuritis 
vermittelst einer dicken Pseudomembran mit den 
Brustwänden verwachsen. Die linke Lunge ist durch 
den gewöhnlichen diagonalen Einschnitt in einen obe- 
ren und unteren Lappen geschieden. An der rechten 
Lunge bemerkt man ausser dem diagonalen Ein- 
schnitt und dem von diesem ausgehenden und im N 
vorderen Rande endigenden queren Einschnitt, wo- 
durch dieselbe in einen oberen, mittleren und un- 
teren Lappen getheilt ist, noch einen sup er nu m e- 
rären verticalen Einschnitt in der Spitze, wel- 
cher das Auftreten eines vierten Lappens, eines 
Spitzenlappens, bedingt. Der sup ernumeräre Ein- 
schnitt dringt bis 1%" (Par. M.) tief und bis 1 / 2 " über 
dem Bronschus vertical in die Lunge. Er beginnt 
an der inneren Fläche an einer verticalen Linie, die 
vor dem Bronchus in einiger Entfernung herabgeht, 
zieht gekrümmt in sagittaler Richtung, allmählich tiefer 
werdend, nach rückwärts und endet neben der abge- 
rundeten Kante, welche die hintere Fläche von der 
seitlichen Fläche der Lunge abgrenzt. Er ist am Ein- 
gange und Grunde gleich — und zwar bis 3'" weit. 
Der Spitzenlappen hat die Gestalt des Viertel- 
segmentes eines mit seinem Ende nach oben gekehr- 
ten kolbigen Körpers. Er zeigt an seinem Ende 



— 345 — 

eine dreieckige convexe Fläche, welche vorn und 
einwärts 3 //' breit ist, und drei seitliche Flächen, 
eine laterale, eine mediale vordere und mediale 
hintere. Die laterale Fläche ist sehr convex, dem 
oberen Lappen zugekehrt; die mediale vordere Flä- 
che ist fast platt, oben %", unten 1" breit; die me« 
diale hintere Fläche, welche die Rückenfläche der 
Lungenspitze repräsentirt, ist oben l 1 / 2 " unten 3 //' breit. 
Der Lappen ist l 1 //' hoch, an der Wurzel bis 1", am 
Körper bis l 1 //' dick. Sein hauptsächlicher Bron- 
chialast geht aus der vierten Theilung des Astes 
des Bronchus der rechten Lunge zu deren obe- 
ren Lappen hervor. Im platten und gekrümmten 
Grunde des supernumerären verticalen Ein- 
schnittes verläuft die 2 r " dicke Vena azyga^ welche 
abnormer Weise gleich unter der Vereinigung beider 
Venae anonymae zur Vena cava superior in den An- 
fang der rechten Wand derselben mündet. 

2. Fall. 

Fünflappige rechte Lunge, beobachtet an einem neugeborenen 
männlichen Kinde. (Fig.) 

Die linke Lunge (2') ist durch den gewöhnlichen 
diagonalen Einschnitt(f') zweilappig. Die rechte 
Lunge (2) ist durch einen diagonalen Einschnitt 
(f), welcher 12'" — 13"' unter der Lungenspitze be- 
ginnt und in seitlichem Rande der Basis, 3'" hinter 
dem vorderen Drittel desselben, endet; dann durch 
einen queren Einschnitt (ff), welcher l"9'" unter 
der Spitze und l" über der Basis an der abgerunde- 
ten Kante zwischen der hinteren und seitlichen Fläche 

Mélanges biologiques. VII. 44 




beginnt, ersteren Einschnitt kreuzt und l m über der 
vorderen unteren Ecke im vorderen Rande endet, in 
vier Lappen: in zwei vordere [einen oberen (b) 
und einen unteren (c)] und zwei hintere [einen obe- 
ren (ä) und einen unteren (e)] getheilt. Durch einen 
wie im 1. Falle beschaffenen supernumerären ver- 
ticalen Einschnitt (*), der 6"' tief bis 4'" über der 
Lungenwurzel in -den vorderen oberen Lappen ein- 
dringt, bis. zum Grunde, welcher eine schmale bogen- 
förmig gekrümmte Fläche darstellt, l 1 / 2 "' weit ist, wird 
noch ein fünfter Lappen, ein Spitzenlappen (a), 
gebildet. Dieser Lappen ist dreiseitig prisma- 
tisch, oben etwas kolbig angeschwollen, 6'" hoch, in 
sagittaler Richtung 5 — 5 1 / 2 "', in transversaler Rich- 
tung bis 6'" dick. Seine obere Fläche ist abgerun- 



_ 347 — 

det dreieckig convex, 4'" in sagittaler Richtung und 
4V 2 "' in transversaler Richtung breit. Seine laterale 
Fläche, die zum vorderen oberen Lappen gekehrt 
ist, ist sehr convex, seine mediale vordere Fläche 
ist convex und seine mediale hintere Fläche, wel- 
che den oberen Theil der Rückenfläche der Lunge bil- 
det, ist oben convex und unten concav. Der Bron- 
chialast zu ihm kommt vom Aste des Bronchus 
zum vorderen oberen Lappen. Im Grunde des 
supernumerären verticalen Einschnittes zwi- 
schen dem Spitzenlappen und vorderen oberen Lap- 
pen verläuft wieder die Vena azyga (5), welche 1%"' 
im Durchmesser hat und wieder in den Anfang der 
Vena cava superior (3) an deren rechter Wand mündet. 
I. CruveiHiier 1 ) hat an einem Falle einen klei- 
nen Bronchus direct aus der unteren Partie der 
Trachea entstehen und zur Spitze der rechtenLunge 
(au sommet du poumon droit) gehen gesehen. Die Vena 
azyga verlief zwischen dem kleinen Bronchus und 
dem eigentlichen Bronchus dexter. Er hat nicht 
angegeben, dass der überzählige Bronchus einen be- 
sonderen Lappen der rechten Lunge angehört hätte, 
E. Leudet 2 ) sah die Trachea an ihrem Ende in drei 
Bronchi getheilt. Der überzählige Bronchus, wel- 
cher viel weniger voluminös, als die anderen, aber 
so wie diese gebaut war, begab sich zum oberen 
Lappen der rechten Lunge. Die rechte Lunge 



1) Traité d'anat. descr. 3 e edit. Tom. III. Paris. 1852. p. 491. 

2) «Trois bronches, naissant de la trachée». — Compte rendu des 
séances de la soc. de biologie. Sér. 2. Tom. 3. ann, 1856, (Paris. 1857.) 
p. 54. 



> _348 — 

war somit mit zwei Bronchi und die linke mit ei- 
nem Bronchus versehen. H. Luschka 3 ) erwähnt, 
in dem an Cadavern so armen Tübingen einen ähnli- 
chen Fall, wie der viel erfahrene I. Cruveilhier, ge- 
sehen zu haben. In der Göttinger Sammlung be- 
findet sich ein dieser von Hasse übergebener Fall, 
in welchem ein Bronchial zw ei g über der Bifurca- 
tion der Trachea direct aus dieser zur Spitze der 
Lunge (welcher?) sich begab *). — Während in die- 
sen Fäll en beim Men sehen ein üb erzähliger Bron- 
chus zur rechten Lunge, aber kein überzähliger 
Lappen derselben vorhanden war, ist in meinen 
beiden Fällen ein überzähliger Spitzenlappen 
dieser Lunge, aber kein überzähliger Bronchus 
zugegen. 

Unter den Pachydermata haben Sus und Dicotyles, 
unter den Buminantia haben wohl die meisten zwei 
Bronchi für die in vier Lappen getheilte rechte 
Lunge. Der von der Trachea über ihrer Bifurcation 
abgehende Bronchus III. geht zum obersten voll- 
kommen isolirten Lappen. Der vierte — innere(mitt- 
lere) — Lappen liegt im hintern Mittelfellraume. — Ab- 
gesehen davon, dass letzterer Lappen dieser Thie- 
re beim Menschen fehlt, hatte in den bei dem Men- 
schen beobachteten 3 (4?) Fäll en des Vorkommens 
eines Bronchus III. dieser in keinem Falle einem 
besonderen isolirten Lappen angehört, und ging 
in einem Falle (Leudet) nicht direct von der Trachea 



3) Die Anatomie der Brust des Menschen. Tübingen. 1863. S. 304. 

4) Bei Henle. — Hand. d. Eingeweidelehre d. Menschen. Braun- 
schweig 1866. S. 268. 



— 349 — 

über deren Bifurcation ab, sondern war ein Ast der 
Trifurcation derselben. Die Fälle mit Vorkom- 
men eines Bronchus III. beim Menschen können 
daher kaum als Thi erb il dun gen, als welche man 
sie hinstellt, gedeutet werden; sie sind wie meine 
beiden Fälle mit Vorkommen eines Spitzenlap- 
pens und des Verlaufes des Bogens der Vena azyga 
im supernumerären verticalen Einschnitte zwi- 
schen diesem Lappen und dem oberen oder vorderen 
oberen Lappen der rechten Lunge, wohl nur zu- 
fällige Bildungsabweichungen. 



Erklärung der Abbildung. 

Trachea und Lungen mit Stücken der Venae 
anonymae, der Vena cava superior und der Vena 
azyga. (Ansicht von hinten und oben.) 

1 . Trachea. 

2. Rechte Lunge. 
2'. Linke » 

3. Vena cava superior. 

4. » anonym a dextra. 
4'. » » sinistra. 

5. " » azyga. . t 

a. Spitzenlappen 

b. Vorderer oberer Lappen 

c. » unterer » 

d. Hinterer oberer » 

e. » unterer » 

f. Oberer Lappen ) 

g. Unterer » j 



der rechten Lunge. 



der linken Lunge, 



— 350 — 

* Supernumerärer verticaler Einschnitt \ 
f Diagonaler Einschnitt [ ^ r n ^ hten 

ff Querer » ) 

f Diagonaler Einschnitt der linken Lunge. 



(Aus dem Bulletin, T. XV, pag. 91 — 95.) 



f^ 1870 
5 April 

Über die Entwickelung einiger Coelenteraten, von 
Elias Metschnikoff. 

I. Siplionophoren. 

Aus mehreren bei Villafranca vorkommenden Röh- 
renquallen konnte ich die Eier folgender Arten zur 
Entwickelung bringen: Galeolaria aurantiaca, Halis- 
temma rubrum (Agalma rubrum Vogt), Haiistemma 
sp.?, Agalma punctata Leuckart und Physophora hy- 
drostatica. Die reifen Eier dieser sämmtlichen Sipho- 
nophoren bestehen aus einem durchsichtigen Proto- 
plasma, welches an der Peripherie des Eies dicht, im 
Centrum desselben dagegen locker und schwammicht 
rst. Einer Hülle "sowohl wie eines Keimbläschens ent- 
behren die reifen Eier durchaus. Nach einer totalen 
Zerklüftung des Eies verwandelt sich dasselbe in ei- 
nen runden Zellenbaufen, dessen Oberfläche sich bald 
mit Flimmerhaaren bekleidet. An solchen frei schwim- 
menden Larven treten bald mehrere Differenzirungs- 
erscheinungen auf. Es sondert sich zunächst eine ober- 
flächliche Schicht, dann eine zweite Zellenschicht 
ab, von denen die erstere das Ectoderm, die letztere 
das Entoderm darstellt. Diese Erscheinung tritt ent- 
weder zu gleicher Zeit auf der ganzen Oberfläche der 



— 352 — 

Larve (Haiistemma) auf, oder sie beschränkt sich nur 
auf bestimmte Stellen, wie es bei den Larven von 
Galeolaria, Agdlma der Fall ist. 

Trotz mancher Verschiedenheiten, welche die Ver- 
wandlung der Siphonophoren darbietet, können wir 
die frühzeitige Bildung der Lufttasche als Regel für 
die lufttragenden Siphonophoren anführen. Dieselbe 
bildet sich durch eine locale Verdoppelung der Kör- 
perwandungen, wobei die Ausscheidung der chitinigen 
Luftflasche von dem verdickten Ectoderm besorgt wird. 

Während der Bildung der Lufttasche bei Agalma 
punctata Leuck. und Physophora die Bildung eines 
aboralen Deckstückes vorangeht (wie das zuerst von 
Häckel für Physophora magnified, Crystallodes und 
Athorybia festgestellt wurde), kommt die Anlage der 
Lufttasche bei Haiistemma rubrum gleichzeitig mit der 
Anlage einer Schwimmglocke zum Vorschein. Halis- 
temma sp? unterscheidet sich von den übrigen der er- 
wähnten Siphonophoren insofern, als bei ihr, wie bei 
der von Kowalewsky untersuchten, aber nicht näher 
bestimmten Agalmide (Getting. Nachr. 1868), zunächst 
nur die Anlage der Lufttasche sich bildet, welcher 
dann die Bildung von zwei Fangfäden folgt. 

Über die weiteren Entwickelungserscheinungen der 
oben genannten lufttragenden Siphonophoren will ich 
Folgendes bemerken. Nach der Bildung des ersten 
(kappenförmigen) Deckstückes bei Agalma punctata 
findet die Bildung mehrerer neuer Deckstücke statt, 
welche sich durch die Blattform und den gezähnelten 
Rand von dem erstgebildcten Deckstücke unterschei- 
den. Fast gleichzeitig kommt am oberen Körperende 
der Larve die Luftflasche nebst Luftblase zum Vor- 



— 353 — 

schein, während der untere Theil des Larvenkörpers 
sich in den ersten Magen (Polypiten) verwandelt. Da 
sowohl das Ectoderm wie das Entoderm sich in allen 
Theilen gebildet haben, so wird der Überrest der cen- 
tralen Embryonalzellen zu einem Nahrungsmaterial der 
Larve, nach dessen Verbrauche die sog. Gastrovas- 
cularhöhle als solche zum Vorschein kommt. 

Nach der Bildung von zwei blattförmigen Deck- 
stücken kommt ein Fangfaden, dann ein Taster zum 
Vorschein. Die weitere Entwicklung besteht in einer 
successiven Bildung von mehreren Deckstücken und 
Tastern, welche sich, ebenso wie der Fangfaden, von 
den entsprechenden Gebilden des erwachsenen Thie- 
res in mehrfacher Hinsicht unterscheiden. 

Bei Haiistemma rubrum folgt auf die Bildung der 
Lufttasche und der ersten Schwimmglocke die Ent- 
wicklung einer Reihe von neuen Schwimmglocken 
auf der oberen Hälfte des Larvenkörpers, während die 
untere Hälfte desselben sich einfach in den ersten Ma- 
gen verwandelt. 

Die weitere Entwicklung bei Physophora hydro- 
statica erfolgt auf dieselbe Weise wie bei Ph. magni- 
fica nach Häckel; die Haiistemma sp? entwickelt sich 
dagegen in der Weise, wie es Kowalewsky für seine 
Agalmide angiebt. Die Fangfäden der Larven aller 
lufttragenden Siphonophoren unterscheiden sich in 
ihrer Form von den Fangfäden erwachsener Thiere; 
unter einander sirid aber diese provisorischen Gebilde 
sich sehr ähnlich. 

Bei Galeolaria auranliaca differenzirt sich das Ecto- 
derm und Entoderm Anfangs nur auf einer Fläche des 
Larvenkörpers, auf welcher sich gleichzeitig eine 

Mélanges biologiques. VII. 45 



— 354 — 

Schwimmglocke und eine Fangfadenanlage bilden. 
Dann aber verbreitert sich die Differenzirung der bei- 
den Schichten auch auf den unteren Theil des Lar- 
venkörpers, welcher (Theil) das untere Ende des künf- 
tigen Magens darstellt. Der obere Theil des Larven- 
körpers bleibt lange Zeit unverändert, später verwan- 
delt er sich aber in den oberen Abschnitt des ersten 
Magens. 

Nach der Ausbildung der ersten (kleineren) Schwimm- 
glocke kommt auf der Grenze derselben mit dem 
künftigen Magen der Stamm zum Vorschein, welcher 
bald zum Sitz der Knospenbildung wird. Während sich 
eine dieser Knospen in das erste Deckstück verwan- 
delt, erscheint die andere als Anlage der zweiten (grös- 
seren) Schwimmglocke. Inzwischen bilden sich die Nes- 
selknöpfe am Fangfaden, welcher durchaus mit dem- 
selben Gebilde des erwachsenen Thieres identisch ist. 

Nachdem sich die zweite Schwimmglocke in allen 
ihren Theilen angelegt hat, bemerkt man unterhalb 
derselben eine längliche Knospe mit kleineren Aus- 
wüchsen, welche wahrscheinlich die Anlage eines zwei- 
ten Magens nebst Fangfaden darstellt. 

II. Hydromedusen. 

Aus der Familie der Oceaniden konnte ich die Ent- 
wicklung aus den Eiern einer Oceania (mit Oc. fla- 
vidula Ggb. nahe verwandt) und Tiara (der T. sma- 
ragdina Hack, ähnlich) verfolgen; Die Eier dieser 
beiden Medusen sind membranlos; die grossen Eier 
der Oceania sind feinkörnig und undurchsichtig, wäh- 
rend die auftauend kleinen Eier der Tiara homogen 
und durchsichtig erscheinen. Die bereits bekannten 



— 355 — 

Processe der Furchung und Larvenbildung führen zur 
Entwickelung kleiner zungenförmiger Planulae, wel- 
che aus Ectoderm und Entoderm bestehen und -sich 
in zwei sehr verschiedene Hydroiden verwandeln. Das 
Hydrarium von Oceania besteht zunächst aus topfför- 
migen auf verästelten Wurzeln sitzenden Polypen, 
welche Anfangs zwei, dann vier Tentakeln besitzen. 
Bei weiterer Entwickelung verlängert sich der Poly- 
penkörper sehr beträchtlich; es bilden sich an ihm 
12 in drei Flächen gruppirte Tentakeln, zu welchen 
sich zuletzt noch ein Paar neuer Tentakelstummel ge- 
sellt. Der sehr kleine Hydroidpolyp von Tiara besitzt 
nur drei lange geringelte Tentakeln und erscheint voll- 
kommen durchsichtig. 

Aus der Familie der Aeginiden habe ich die Ent- 
wickelung von Cunina (welche als Aegineta flavescens 
von Gegenbaur beschrieben worden ist) und von 
Aeginopsis mediterranea aus Eiern beobachtet. Die rei- 
fen abgelegten Eier dieser Medusen sind durchsichtig 
und membranlos; sie verlieren das Keimbläschen noch 
vor der Befruchtung. Als Product einer totalen Fur- 
chung entsteht ein runder Zellenhaufen, in welchem 
sich die Zellen in zwei Schichten diffère nziren. Es son- 
dert sich eine peripherische Zellenschicht — das Ecto- 
derm — von dem centralen Zellenhaufen ab, welcher 
letztere das Entoderm darstellt. Das Ectoderm bedeckt 
sich mit Flimmerhaaren, und die Larve fängt an zu 
schwimmen. Sie verlängert sich sehr beträchtlich, wo- 
bei sie spindelförmig wird. Während sich der mittlere 
Theil der spindelförmigen Larve in den eigentlichen 
Rumpf verwandelt, erscheinen die beiden langen End- 
theile in Form von zwei langen Armen. Bald darauf 



— 356 — 

höhlt sich die Entodermanlage in ihrem Centrum, wo- 
durch eine innere sog. Gastrovascularhöhle zum Vor- 
schein kommt, welche nunmehr nach aussen durch 
einen Mund durchbricht. Die Larven von Aeginopsis 
bekommen demnach diejenige Form und Bildung, in 
welchen sie von Müller als -jüngste Medusenlarven 
erkannt wurden. 

Die Anfangs mit denen von Aeginopsis sehr ähnli- 
chen Cuninalarven bekommen bald mehrere Auszeich- 
nungen. Es wachsen bei ihnen zwei neue Tentakeln 
hervor, weshalb die nunmehr vierarmige Larve eine 
Kreuzform erhält. Dann kommt eine centrale Höhle 
im Rumpfe zum Vorschein, welche sich durch einen 
kleinen Mund nach aussen öffnet. Etwas später be- 
merkt man zwei zwischen den Tentakeln liegende 
Höckerchen, welche die Anlage der gestielten Rand- 
bläschen darstellen, zu denen sich bald noch zwei an- 
dere ganz ähnliche Gebilde gesellen. Bis zu diesem 
Stadium entwickelten sich die aus den Eiern von mir 
gezogenen Larven; die späteren Verwandlungserschei- 
nungen konnte ich an den Larven beobachten, welche 
ich mit dem Müller'schen Netze auffing. Die unvoll- 
kommene Metamorphose solcher Larven knüpft sich 
hauptsächlich an die Bildung neuer Tentakeln und 
Randbläschen sowie auf die Ausscheidung der Gal- 
lertsubstanz. 

Im Magen von Gunina rliododactyla Häckel habe 
ich Knospen auf verschiedenen Entwickelungsstadien 
beobachtet. Die jüngsten von mir gesehenen mit ei- 
nem einzigen Tentakel versehenen Knospen lagen be- 
reits lose in verschiedenen Theilen des Gastrovascu- 
larsystems. Die Zahl der neuen Tentakeln nimmt all- 



— 357 — 

mählich zu, so dass sich Anfangs 1, dann 2, 3, 4, 5, 
6 u. s. w. Tentakeln bilden. Bei Larven mit 7 oder 
8 Tentakeln beginnt eine eigentümliche Knospenbil- 
dung. Es bilden sich auf dem Rücken derselben eine 
Anzahl (bis 3) Knospen, welche dieselben Eigenthüm- 
lichkeiten wie die jungen Knospen der ersten Gene- 
ration zeigen und sich wie diese (obwohl in einer et- 
was späteren Periode) ablösen. Diese dorsale Knospen- 
bildung dauert nur so lange, bis die Knospe der ersten 
Generation etwa 12 bis 14 Tentakeln erhält. Erst jetzt 
beginnt die Bildung der Randbläschen, welche in Form 
länglicher Höckerchen zum Vorschein kommen. Die 
gestielten Randbläschen der Knospe sowohl, wie die 
Tentakeln und der scheibenförmige Rumpf derselben 
stimmen mit denselben Gebilden der erwachsenen G. 
rliododactyla durchaus überein, so dass hier von ei- 
nem Dymorphysmus der beiden Generationen keine 
Rede sein kann. Es kommt vor, dass die Knospe eine 
grössere Zahl der Tentakeln als ihre Mutter besitzt, 
aber bei der ausserordentlichen individuellen Zahlver- 
schiedenheit der Segmente von G. rhododactyla bleibt es 
unmöglich, auf diesen Umstand viel Gewicht zu legen. 
Diese Bemerkung hat auch für die bekannten Fälle 
von Fritz Müller und Kölliker ihre Geltung. 

Garmarina hastata Häckel legt ihre Eier in gros- 
ser Quantität ab. Dieselben erscheinen nackt und durch- 
sichtig; nach einer totalen und regelmässigen Furchung 
bildet sich das bläschenförmige Blastoderm, welches 
eine centrale sog. Furchungshöhle umgiebt. Das Blas- 
toderm theilt sich bald in zwei Schichten, zwischen 
denen sich die glasartige Gallertsubstanz anhäuft. Nach 
einigen Tagen erscheint der ganze Embryo in Form 



— 358 — 

eines runden Bläschens, in dessen Innern ein anderes 
viel kleineres Bläschen excentrisch liegt. Zwischen 
beiden befindet sich eine grosse Quantität von Gal- 
lertsubstanz. In diesem Stadium hat der Embryo ge- 
nau dieselbe Beschaffenheit wie die jüngsten von Fr. 
Müller beschriebenen Entwickelungszustände von Li- 
riope catharinensis. ' Bei weiterer Entwicklung bricht 
eine centrale Öffnung nach aussen durch; etwas spä- 
ter bilden sich sechs peitschenförmige Tentakeln (die 
sog. radialen Larvententakeln), weshalb der Embryo 
in das von Häckel beobachtete jüngste Carmarina- 
stadium eintritt. Da von dieser Periode an die Me- 
tamorphose der G. hastata bereits von Häckel beob- 
achtet wurde, so stellt es sich heraus, dass sich Gar- 
marina hastata, ebenso wie die oben erwähnte Gu- 
yana (Aegineta) flavescens und Aeginôpsis mediterranean 
direkt aus dem Eie entwickelt. 



(Aus dem Bulletin, T. XV, p. 95 — 100.) 



y Februar 1870. 

Neue Untersuchungen über die in den altaischen 
Höhlen aufgefundenen Säugethierreste, ein 
Beitrag zur quaternären Fauna des Russi- 
schen Reiches, von Akademiker P. Brandt. 

Dass in den aus Kalkstein gebildeten Gebirgszügen 
der nordwestlichen Abdachung des Altai, im Gebiete 
des Flusses Tscharysch, eines Zuflusses des Ob, Höh- 
len vorkommen, berichtet bereits Pallas. 

Von mehreren , etwa fünf Werst von Tigeräzk und 
etwas weiter entfernten, Höhlen, die er besuchte, 
spricht er namentlich im Theil II S. 562 ff. und 8. 575 
seiner Reise durch verschiedene Provinzen des Russi- 
schen Reiches. In keiner derselben sah er jedoch Thier- 
reste, wohl aber in einer, S. 564 erwähnten, drei Kal- 
mücken-Schädel nebst andern (er meint wohl mensch- 
lichen) Knochen, so wie einige aus Holz oder Knochen 
geschnitzte Kleinigkeiten '). Auch berichtet er (S. 567) 



1) Ausser diesen von Pallas erwähnten Schädeln und geschnitz- 
ten Kleinigkeiten lieferten weder die tscharyscher, noch die chan- 
charischen Höhlen bis jetzt auf den Menschen bezügliche Gegen- 
stände. Man kann übrigens daran zweifeln, ob die nirgends näher 
beschriebenen, im Museum der Akademie nicht vorhandenen, Schä- 
del kalmükische waren, oder einem andern Zweige des mongolischen 
Stammes angehörten. 



— 360 — 

von seiner Absicht den Bach Charchara "(soll wohl 
richtiger heissen das Flüsschen Chanchara) zu besu- 
chen, an welchem etwa 60 Werst von seiner Mündung 
in die Inga (einen Zufluss des Tscharyseh) im alaba- 
sterartigen Gebirge eine beträchtliche Höhle wäre, 
worin viele Gebeine von nicht geringer Grösse sich 
finden sollen. 

Erst im Jahre 1831 veröffentlichte mein verstorbe- 
ner Freund, der Medicinal-Inspector des altaischen 
Bergreviers, der um die Naturgeschichte des Altai viel- 
fach verdiente Staatsrath Dr. Gebier in Barnaul, 
im Bullet, d. not. d. Moscou T. Ill p. 232 einen aus- 
führlichen Bericht über die Beschaffenheit der von 
ihm mit einem Bergbeamten, Kulibin, besuchten, 
in der Nähe des Tscharyseh befindlichen, Höhlen und 
sandte einen Theil der darin gefundenen Knochen theils 
an das Museum der Kaiserlichen Akademie der Wis r 
senschaften zu St. Petersburg, theils an die Univer- 
sität Dorpat und an die Naturforschende Gesellschaft 
in Moskau. 

Zwei Jahre später erschien zu St. Petersburg im 
zweiten Bande des Berg- Journales (ropHbin }KypHajrc> 
1833, qacTb 2, CTp. 331) ein russischer Aufsatz des 
Gebler'schen Begleiters, des bereits erwähnten Hrn. 
Kulibin, worin nicht nur die schon Pallas (siehe 
oben) bekannten, von Gebier näher geschilderten, 
am rechten Ufer des Tscharyseh, nahe beim Dorfe 
Tschagirskoi gelegenen, 90 Werst von Smeinogorsk 
(Schlangenberg) entfernten Höhlen 2 ), sondern auch 



2) Die Beschreibung bezieht sich nur auf einige von 'ihm be- 
suchte Höhlen. Der gefälligen Mittheilung meines Collegen v. Hel- 
mer sen zu Folge giebt es aber im altaischen Bergrevier zwei be- 



— 361 — 

noch zwei andere am rechten Ufer der Chanchara 
zwölf Werst vom Dorfe Tschagirskoi vorhandenen 
Höhlen (deren eine auch schon Pallas erwähnt, 
siehe ohen) umständlich beschrieben sind. Der eben 
erwähnten Beschreibung ist (cTp. 338) ein von Sem- 
bnitzki unter dem Beirathe Panders verfasstes Ver- 
zeichniss der in einer der tscharyscher und einer der 
chancharischen Höhlen, in einer oberflächlichen, ge- 
gen sieben Fuss mächtigen, Thonschicht vom Hrn. 
Kuli bin gefundenen Knochen beigefügt, welche dem 
Museum des Kais. Berg-Institutes auf Verfügung des 
damaligen Ober-Berghauptmanns des Altaischen Berg- 
re vi eres (später n Ministers der Volksauf klärung) Hrn. 
Kowalewski's eingesandt worden waren. Das er- 
wähnte Verzeichniss wurde für die allgemeine Kennt- 
nissnahme, da es, wie der Bericht über die Höhlen, 
in Russischer Sprache abgefasst war, von G. Fischer 
(Bullet, d. nat. d. Moscou T. VIL (1834) p. 180) 
in französischer Übersetzung mitgetheilt 

Es sind darin die Namen folgender Thierformen auf- 
geführt, denen die aufgefundenen Knochen vindicirt 
wurden : Rhinoceros, Equus, Cervus, Bos, Lama, Rumi- 
nantia generis ignoti, Felis, Hyaena, Orison, Canis, 
Lupus, Carnivora ignota, Arctomys, Mus, Cricetus, La- 
gomys, Olires varii, Ghiroptera, und Aves. 

Über die von Gebier nach Dorpat gesandten Reste 
theilte Rathke (Nom. Mém. d. nat. d. Mose. T. III. 



kannte Gruppen von Höhlen (im Ganzen sollen es 22 sein). Die eine 
liegt am rechten Ufer des Tscharysch 3 Werst flussabwärts von der 
Silbergrube Tschagirskoi; sie war es, welche Hr. v. Helmersen 
selbst besuchte (s. unten). Die andere Gruppe befindet sich am Flüss- 
chen Chanchara. 

Mélanges biologiques. VII. *6 



— 362 — 

p. 267), über die nach Moskau gelangten aber G. Fi- 
scher (ebend. p. 283) Bemerkungen mit. Der Letz- 
tere erläuterte dieselben theilweis durch Abbildungen 
Wir werden auf ihre Untersuchungen noch öfter zu- 
rückkommen, da sie ohne Frage als beachtenswerthe 
Grundlagen unserer Kenntniss der in den altaischen 
Höhlen gefundenen Thierreste anzusehen sind. 

Im Jahre 1834 besuchte Hr. v. Helmersen (siehe 
Gr. v. Helmersen' s Heise nach d. Altai in H. v. Baer's 
und Helmerseris Beitr. Bd. XIV (1848) p. 252) die 
unweit Tschagirskoi (nicht weit vom Einfluss der Inga 
in den Tscharysch) gelegenen Kalkstcinhöhlen, wovon 
eine zahlreiche Reste von Vierfüssern enthielt, während 
zwei andere die Knochen noch lebender, kleiner Säu- 
gethiere (namentlich Nager) und Vögelknochen dar- 
boten. Die damals dort von ihm gesammelten, später 
dem Mineralogischen Museum der Kais. Petersburger 
Akademie der Wissenschaften geschenkten, Säuge- 
thierknochen theilte er in solche, welche ausgestor- 
benen Thieren angehörten (so die von Equus, Hyaena, 
Ursus und Bhinoceros tichorhinus) und andere (wie die 
von Cervus pygargus , Lepus, Aspalax, Canis und Pu- 
torhis), welche von noch lebenden Thieren herrühren. 

Eichwald hat in seiner Letliaea rossica Vol. III 
(1853), dernière période, Mammifères p. 366 ff . die al- 
taischen Höhlenfunde fleissig aufgeführt; ich vermag 
jedoch mit seinen Deutungen derselben häufig nicht 
übereinzustimmen. Wünschenswerth wäre es auch ge- 
wesen, er hätte stets die Quellen und Sammlungen, 
worauf seine Angaben beruhen, genau angegeben und 
namentlich die Chanchara-Höhlen nicht gar zu oft statt 
der tscharyscher als Fundorte genannt. 



— 363 — 

Die genauere Vergleichung der noch nicht mit den 
gehörigen Bestimmungen versehenen Reste aus den 
tscharyscher Höhlen, die theils durch Gebier an das 
Museum der Akademie der Wissenschaften gelangten, 
theils vom Herrn v. Helmersen demselben geschenkt 
wurden, ergab, dass die früheren Mittheilungen die 
Kenntniss der Thierarten, deren Reste die Höhlen ent- 
halten, durchaus nicht erschöpften. Ich bat daher den 
Director des Berg -Institutes Hrn. Generallieutenant 
v. Helmersen, auch die aus den altaischen Höhlen 
stammenden Reste von Säugethieren in den Kreis mei- 
ner Untersuchungen ziehen zu dürfen, welche sich im 
Museum des genannten Institutes befinden 3 ). Die Bitte 
wurde sehr gern gewährt. Es stand mir also für die 
Höhlenfauna des Altai ein Material zu Gebote wie 
keinem meiner Vorgänger, welches mich in Stand 
setzte, durch im zootomischen Museum der Akademie 
der Wissenschaften angestellte genaue Vergleichung 
aller einzelnen , bestimmbaren Reste 4 ) mit den ihnen 
entsprechenden Skelettheilen in Sibirien heimischer 
Säugethiere, die schon, wie bekannt, seit mehreren De- 
cennien zu den Gegenständen meiner speziellen Stu- 
dien gehören, nicht nur die Zahl der bisher aufge- 
führten Säugetliierarten, von denen Reste in den frag- 
lichen Höhlen gefunden wurden, durch neue Nach- 

3) Leider fehlten der Sammlung fast immer die Pander- S emb- 
uitzki 'sehen Etiquetten, so dass einige ihrer Bestimmungen nur 
combinatorisch errathen werden konnten. Schon Eichwald (Bullet, 
d. not. de Moscou, T XVIII (1845) p. 225), indem er gelegentlich 
von den zahlreichen Knochen der tscharyscher und chancharischen 
Höhlen spricht, dio sich im Berginstitute befinden, fügt die Bemer- 
kung hinzu, dass sie noch einer näheren Bestimmung bedürften. 

4) Knochentrümmer und durch Entstellung unkenntliche Reste 
wurden bei Seite gelassen. 



—-364 — 

weise zu verdoppeln, sondern auch viele frühere Be- 
stimmungen zu berichtigen. Nachstehend möge nun als 
Ergebniss meiner Untersuchungen eine specielle eri- 
tische Aufzählung der altaischeu Höhlenreste aus der 
Classe der Säugethiere folgen. 

ORDO I. CHIROPTËM. 
1. Genus Vesperugo Blas. Kays. 

Spec. 1. Vesperugo borealis Nilss. 
2. Genus Plecotus Geoffr. 

Spec. 2. Plecotus auritus Linn. Geoffr. 

Beide gegenwärtig nebst Vespertilio Daubentonii in 
Sibirien lebende Arten lieferten zahlreiche, im Museum 
des Berginstituts aufbewahrte, noch so wohl erhaltene 
Knochen der vordem Extremitäten , dass sie offenbar 
Thierarten angehörten, welche in den jüngsten Zeiten 
ihren Fundort bewohnten, ja vermuthlich noch jetzt 
bewohnen. 

Dass die Knochen, welche Eichwald (Lethaea III 
p. 409) Vespertilio murinus vindizirt, dieser Art nicht 
angehören, dafür spricht, abgesehen von meinen mit 
Genauigkeit angestellten Vergleichungen derselben mit 
denen verschiedener Fledermausarten, auch der Um- 
stand, das Vespertilio murinus in mehr nördlichen Ge- 
genden nicht vorkommt, namentlich in Sibirien noch 
nicht beobachtet wurde. Auch Uhinolophus ferrum 
equinum. Daub., die, wie Hr. Eichwald meint, mög- 
licherweise in den altaischen Höhlen erwartet werden 
könnte ; ist bisher noch nicht in Sibirien constatirt. 
Eher könnte Vespertilio noctula darin gefunden wer- 
den. Man vergleiche meine Abhandlung: Ueber cl. Hand- 



— 365 — 

flügler Russlands in den Mim. d. VAcad. Imp. d. St.- 
Pétersb. VI e Sér. Sc, math. phys. et nat. T. VII 5 ). 

ÖRDO IL WSECTiVORA. 

3. Genus Sorex Linn. 

Spec. 3. Sorex vulgaris Linn. Mus. Adolphi. 
Unter den vom Herrn v. Helmersen aus den tscha- 
ryscher Höhlen mitgebrachten Knochen fand ich ei- 
nen dieser auch in Sibirien sehr gemeinen Spitzmaus 
angehörigen, sehr frischen, Schnauzentheil des Schä- 
dels mit allen seinen Zähnen. Pander, Rathke, Fi- 
scher und Eichwald erwähnen keine Reste einer 

Spitzmaus. 

4. Genus Tal na Linn. 

Spec. 4. Talpa europaea Linn. 
Die Sammlung des Berginstitutes enthält von die- 
ser Thierart ein Becken und ein Schulterblatt, die 
unter den Knochen der tschary scher Höhlen von mir 
aufgefunden wurden. Maulwurfsreste waren bisher 
aus den altaischen Höhlen nicht bekannt. 

ORDO III. CARNIVORA. 
Faiinllia Feiida* 

5. Genus Felis Linn. 

Spec. 5. Felis tigris Linn. 
In der aus den tscharyscher Höhlen stammenden 
Sammlung des Berginstituts fand ich je einen Metacar- 



5) Da die Kenntniss der Verbreitung der Thiere für die exacten 
paläontologischen Studien von grösster Wichtigkeit ist, so möge es 
erlaubt sein, hier auf meine bisher meist übersehenen Mittheilun- 
gen über die Verbreitung der gemeinsten Säugethiere in Russland 
zu verweisen, die sich als Anhang in Hofmann's Reise: Der nörd- 
liche Ural Bd. II befinden, 



— 366 — 

pialknochen der fünften Zehe des rechten und linken 
Vorderfusses dieser Thierart, deren dortiges Vorkom- 
men weder Rathke und Fischer, noch Eichwald er- 
wähnen, was übrigens nach Maasgabe der Verbreitung 
derselben eben nicht überraschen kann. Man vgl. meine 
Monographie : lieber die Verbreitung des Tigers in den 
Mêm. d. VAcad. Imp. d. St.-Péterb. VI e sêr. Se. math, 
phys. etnat. T. VIII. Im Pander 'sehen Verzeichniss 
ist allerdings von Hauern die Rede, welche einem Ti- 
ger angehören sollen. Es gelang mir indessen nicht, in 
der Sammlung des Berginstitutes unter den tschary- 
scher Knochen solche Zähne als sichern Beleg aufzu- 
finden. 

Spec. 6. Felis Uneia Schreb. Buff. 

Ein aus den tscharyscher Höhlen stammendes Os 
metacarpi digiti tertii pedis dextri, welches in der 
Sammlung des Berginstitutes sich befindet, gehört 
nach meinen genaueren Untersuchungen dieser gros- 
sen, in Sibirien bis zum Altai vorkommenden, Katzen- 
art an. Eine Unterkieferhälfte aus der Chanchara-Höhle 
derselben Sammlung, wohl dieselbe, welche nach Eich- 
wald (Leih. p. 406) dieser Art, oder der (in den al- 
taischen Höhlen bis jetzt nicht nachgewiesenen) Felis 
spelaea (=leo) angehören könnte, ist ohne Frage die 
eines Luchses. 

Spec. 7. Felis lynx Linn. 

Das Museum des Berginstitutes besitzt von dieser 
bei Pander, Rathke, Fischer und Eichwald nicht 
aufgeführten Thierart aus den tscharyscher Höhlen 
zahlreiche Reste, namentlich die eben erwähnte rechte 
Unterkieferhälfte mit ihrem Eckzahn und drei Backen- 



— 367 — 

zahnen, nebst verschiedenen Knochen sowohl der vor- 
dem als der hintern Extremitäten. Das Museum der 
Akademie der Wissenschaften verdankt Herrn v. Hel- 
mer s en einen untern, hintersten, linken, sehr charak- 
teristischen Backenzahn und Hrn. Gebier eine Tibia. 

Famîlîa Hyaenida. 

6. Genus Hyaena Briss. 

Spec. 8. Hyaena spelaea G old f. 

Bereits Pander, Ratlike undFischer nebst Eich- 
wald sprechen von Fragmenten des Unterkiefers, ja 
selbst des Oberkiefers nebst zahlreichen Zähnen, die 
aus den altaischen Höhlen stammen und einer Hyacne 
angehören, welche ich ebenfalls, nach Maasgabe der bis 
jetzt von mir beobachteten Reste, von Hyaena spelaea 
nicht unterscheiden kann, so dass ich also die von Lar- 
tet {Ann. d. sc. nat. 1861 T. XVI p. 217) hinsichtlich 
der Bestimmung der altaischen Reste ausgesproche- 
nen Bedenken nicht zu theilen vermag. Ich weiss frei- 
lich nicht, warum Eichwald (Leth.IIIp. 407), nach- 
dem er bereits die chancharischen Hyänenreste mit 
Recht der Hyaena spelaea zugewiesen, die Worte hin- 
zufügt: L'espèce se rapproche beaucoup de l'espèce 
fossile (Hyaena spelaea) des cavernes à ossements de 
Kirkdale et de Gailenreuth, Worte, die wohl Lartet's 
Bedenken veranlassten. 

Auffallend bleibt es freilich, dass die in den altai- 
schen Höhlen vorkommenden Hyänenknochen nicht 
denen einer noch jetzt in Westasien bis Persien ver- 
breiteten Art (Hyaena striata) v sondern denen der 
echten afrikanischen Hyaena croaita ähneln. 

Mir will es übrigens scheinen, dass die in Deutsch- 



— 368 — 

land, England u. s. w. so häufig mit denen vom Mammuth 
und Ehinoceros tichorhinus gefundenen Überreste der 
Hyaena spelaea darauf hindeuten, dass diese Thierart 
als Begleiterin des büschelhaarigen Nashorns und 
Mammuths schon in Sibirien aufgetreten, ja vielleicht 
mit denselben erst von da nach Europa, nach dem 
Eintritt oder dem Beginn der Eiszeit, eingewandert sei. 

Die Sammlung des Berginstitutes bot mir ausser 
sieben Unterkiefertheilen mit mehreren oder einzelnen 
Zähnen nur einzelne Eck- und Backenzähne. Knochen 
der Extremitäten, wovon Pander und Sembnitzki 
sprechen, konnte ich dagegen darin nicht auffinden. 
Eichwald (Leth. a. a. 0.) führt zwar ebenfalls in den 
chancharischen Höhlen gefundene Extremitäten an, 
wobei er sich aber wohl auf die Angaben Pander's 
und Sembnitzki' s stützt. 

Das akademische Museum besitzt aus den tschary- 
scher Höhlen durch Gebier den Unterkiefer eines 
sehr jungen Individuums mit den Miichbackenzähnen, 
so wie mehrere Eck- und Backenzähne, durch Herrn 
v. Helmersen aber zwei Fragmente des Unterkiefers, 
nebst mehrern, zum Theil fragmentarischen, Eck- und 
Backenzähnen. 

Fanüiia Daniela. 

Obgleich Pander und Sembnitzki bereits, ausser 
den Knochen eines nicht speeifisch bestimmten Canis, 
auch die des Wolfes unter den in den altaischen Höh- 
len gefundenen Resten aufführen, so schw r eigen doch 
Rathke und Fischer ganz darüber. Eichwald 
(Leth. III p. 408) kennt aus den genannnten Höhlen 
nicht nur Wolfs-, sondern auch Fuchsreste. 



— 369 — 

7. Genus Ca ni s. 

Spec. 9. Canis lupus Linn. 

Das Museum des Berginstitutes besitzt die Hirn- 
kapsel eines Schädels, der, wenn man ihn nicht ge- 
nauer mit mehreren Schädeln des lebenden Wolfes 
vergleicht, Abweichungen zu bieten scheint, die aber 
bei näherer Betrachtung sich als unwesentlich heraus- 
stellen. Ausser der genannten Hirnkapsel enthält die 
erwähnte Sammlung eine linke Unterkieferhälfte mit 
vier Backenzähnen, die Scapula und den Humerus, 
den Radius, zwei Beckenfragmente und den Metätar-. 
salknochen der fünften Zehe des rechten Hinterfusses. 

Das Museum der Akademie erhielt durch Hrn. von 
Helm er sen die mit einem Schneidezahn, dem Eck- 
zahn und vier Backenzähnen versehene linke Unter- 
kieferhälfte eines jüngeren Thieres, durch Hrn. Geb- 
ier aber einen Eckzahn, zwei Backenzähne und eine 
Rippe. 

Alle erwähnten Reste lassen sich ohne Zwang auf 
den lebenden Wolf reduciren, und ich weiss daher 
nicht, wesshalb E ich w aid die altaischen Höhlenreste 
unter der Rubrik Esp. 50 Cams spelaeus Goldf. unter- 
bringt, und wie er nach Maassgabe derselben zu der 
Aeusserung sich veranlasst sehen konnte: le corps 
était en général plus grand. In der Vorzeit, wo es 
eine beträchtliche Zahl grösserer Individuen von Hir- 
schen, Rehen, Wildschweinen, Bären u. s. w. gab, 
mögen (wie noch jetzt in manchen Gegenden Asiens) 
allerdings auch die Wölfe häufig grösser geworden 
sein. 

Mélanges biologiques. VII- *7 



— 370 — 

Spec. 10. Canis vulpes Linn. 

Im Museum des Berginstitutes finden sich von die- 
sem Thiere folgende aus den altaischen Höhlen stam- 
mende, ohne Frage dem gewöhnlichen Fuchs angehö- 
rige , Stücke. Der Schnauzentheil des Schädels ohne 
Nasenbeine nebst den drei hinteren Backenzähnen 
jeder Seite, drei Unterkieferhälften (jede mit je einem 
Backenzahn), ferner vier einzelne Schneidezähne, ein 
kleiner Backenzahn, ein Rückenwirbel, ein rechter 
Oberarm, ein rechter und ein linker Radius, ein rech- 
tes und ein linkes Schienbein und ein rechtes, so wie 
ein linkes Os metacarpi der Mittelzehe. 

Das Museum der Akademie der Wissenschaften be- 
sitzt nur ein Schienbein und einen Halswirbel, die sich 
in der von Gebier erhaltenen Sendung fanden. 

Alle eben angeführten Reste, die sogar theilweise 
kleineren Individuen angehörten, beweisen indessen 
keineswegs die Annahme Eich w aid' s (Leth. Ill p. 
408), dass sie einer besonderen, ausgestorbenen, Art 
oder Race angehörten und dass der fossile Fuchs der 
altaischen Höhlen (sein Canis vulpes fossilis L.) etwas 
grösser als der gewöhnliche war und sich auch noch 
durch andere, weniger wichtige, Charaktere unterschie- 
den habe. 

Spec. 11. Canis corsac Linn. 

Das ebenfalls in einer der altaischen Höhlen ge- 
fundene Schenkelbein eines hundeartigen Thieres, 
welches das Museum des Berginstitutes besitzt, lässt 
sich besser auf diese, der Fauna Sibiriens ebenfalls 
angehörige, in den früheren Verzeichnissen der altai- 
schen Höhlenreste fehlende, Art als auf den eigent- 
lichen Fuchs beziehen. 



— 371 — 

Faitiilia Ursida. 

8, Genus Urs us Linn. 

Spec. 12. Ursus arctos Linn. 

Pander und Sembnitzki erwähnen bereits in ih- 
rem Verzeichniss der Knochen der altaischen Höhlen 
eines Fragments des Unterkiefers eines Bären , mit 
einsitzendem ersten und dritten Backenzahn, das dem 
entsprechenden Theile des Ursus spelaeus Gold f. sich 
nähern soll. 

Rathke lag aus den tscharyscher Höhlen ein gros- 
ser Eckzahn vor, den er für den eines Bären er- 
klärte, G. Fischer fand unter den von ihm unter- 
suchten Höhlenknochen keine Bärenreste. Eichwald 
(Leth. Ill p. 401) vindicirt ohne Bedenken die Bären- 
reste der tscharyscher und chancharischen Höhlen dem 
Ursus spelaeus. 

Das Akademische Museum besitzt von dorther den 
Eckzahn eines alten und den Backenzahn eines jun- 
gen Bären. 

Im Museum des Berginstitutes fand ich ebenfalls 
als von dorther stammend das Unterkieferfragment 
eines Bären mit einem Backenzahn, nebst mehreren 
sehr grossen Eckzähnen. Da nach den bestätigendeu 
Untersuchungen , welche ich in mehreren Museen 
Deutschlands, namentlich in Wien, München, Stutt- 
gart, Darmstadt, Bonn und Berlin an gegen hundert 
Schädeln des Höhlenbären unter Zuziehung sehr gros- 
ser Schädel des Ursus arctos anstellen konnte, Ursus 
spelaeus nur durch den überaus frühen Verlust der 
falschen Backenzähne, und durch im Verhältniss grös- 
sere wahre Backenzähne von Ursus arctos sich unter- 



— 372 — 

scheiden lässt, was auch die südrussischen Bärenreste 
bestätigen, so liefern die oben aufgeführten Reste aus 
den altaisehen Höhlen, die das erwähnte charakte- 
ristische Hauptmerkmal des Höhlenbären (den Mangel 
der falschen Backenzähne) nicht zeigen, allerdings 
auch nicht zeigen können, keinen Beweis, dass sie 
dem ürsus spelaeus angehörten. Da sie nun ein ziem- 
lich frisches Ansehen besitzen und bei weitem die 
Mehrzahl der Thierarten, mit, deren Knochen sie zu- 
sammen gefunden wurden , noch jetzt in Sibirien lebt, 
so kann man sie wohl mit grösserer Wahrscheinlich- 
keit Ursus arttos vindiciren. 

Damit soll keineswegs behauptet werden, dass Ursus 
spelaeus früher Sibirien keineswegs bewohnte. Es ist 
vielmehr sein dortiger, früherer, wenn auch noch nicht 
nachgewiesener, Aufenthalt mit grosser Wahrschein- 
lichkeit wohl um so eher anzunehmen, da seine Reste 
mit denen des Elephas primigenius^ Rhinoceros tichor- 
hinus und Hyaena spelaea in andern Ländern (Eng- 
land, Frankreich u. s. w.) nicht selten vorkommen und 
ihn daher zu ihrem Begleiter stempeln. 

Auch ist durch Nordmann' s umfassende, wohlbe- 
kannte, Untersuchungen, denen ich aus eigener Erfah- 
rung gern beistimme, nachgewiesen, dass Ursus spe- 
laeus früher in Südrussland in überaus grosser Menge 
vorkam, so dass Eichwald (Leth. III p. 401) in sei- 
nem Rechte ist, wenn er ihn nach Maassgabe dieses 
Vorkommens als Esp. 14 unter den der letzten ter- 
tiären Periode angehörigen Säugethieren Russlands 
aufführt. Nur braucht der gewaltige Bär, der sich 
seiner Mittheilung zu Folge im Jahre 1096 auf den 
Kiewschen Grossfürsten Wladimir Monomach warf, 



— 373 — 

gerade kein Ursus spelaeus gewesen zu sein, da noch 
in der Jetztzeit, namentlich in Sibirien und Kam- 
tschatka, wie das zoologische und zootomische Mu- 
seum der Akademie nachzuweisen im Stande sind, In- 
dividuen von Ursus arctos vorkommen, welche in der 
Grösse Ursus spelaeus nicht nachstehen. 

Ebenso wenig werden dem Ursus spelaeus die er- 
wähnten altaischen Reste notwendigerweise deshalb 
zu vindiciren sein, weil er wohl, wegen der unbedeu- 
tenden, oben angegebenen Merkmale, ebenso als Ur- 
form des Ursus arctos angesehen werden könnte wie 
Bos priscus als die des Bos bison, da die Identität des 
Ursus spelaeus und arctos noch nicht mit Sicherheit 
durch völlig schlagende Uebergänge hinsichtlich des 
Zahnsystems nachgewiesen ist, obgleich die Möglich- 
keit eines solchen Nachweises wohl nicht abzuleugnen 
sein dürfte. 

Familia ülusf clida. 
9. Genus Me les Briss, 
Spec. 13. Mêles taxus Schreb. 

Der siebente Halswirbel befindet sich in der Samm- 
lung des Berginstitutes und ein Zehenglied im Museum 
der Akademie. Weder Pander, Rath ke und Fischer, 
noch Eichwald kannten Dachsreste aus den altai- 
schen Höhlen 6 ). 



6) Nach Eichwald (Lethaealll p.402) sollen in einer chancha- 
rischen Höhle Knochen von Gulo spelaeus Goldf. vorgekommen 
sein. Pander, Sembnitzki, Rathke und Fischer schweigen 
indessen über dort gefundene Reste desselben. Auch ich habe we- 
der in der Sammlung des Berginstitutes, noch in der der Akademie 
der Wissenschaften die geringste Spur davon entdeckt. Gleichwohl 
könnten die altaischeu Höhlen Reste des in Sibirien heimischen 
Vielfrasses (Gulo oorealis) wirklich enthalten, von dem aber, meinen 



— 374 — 

10. Genus Mustela. 

Subgen. Mustela. 

Spec. 14. Mustela zibellina Linn. 

Ein Fragment der linken Hälfte des Oberkiefers 
mit einem Backenzahn, ein Halswirbel, zwei Rippen 
und der linke Oberarm fanden sich unter den von 
Gebier der Petersburger Akademie übersandten tscha- 
ryscher Höhlenresten. Das Museum des Berginsti- 
tutes besitzt ebenfalls einen Halswirbel und einen 
Oberarmknochen. — Dass Reste des Zobels in den 
tscharyscher Höhlen vorkommen, wurde bisher nicht 
bemerkt. Sehr wahrscheinlich gehören aber die von 
Eich wald (Leth. III p. 404) der Mustela martes fos- 
silis zugeschriebenen Knochen der cavernes ossifères 
dem Zobel an, da, so viel ich in Uebereinstimmung 
mit Pallas weiss, Mustela martes in Sibirien zu feh- 
len scheint und durch M. zïbellina ersetzt wird. 

Subgen. Putorius. 

Spec. 15. Mustela putorius Linn. 

Der erste , der das Vorkommen von Mustela puto- 
rius in den tscharyscher Höhlen genauer besprach und 
(Taf. XXI flg. 3,4) einen Schädel desselben abbildet, 
war G. Fischer v. Waldheim (Nouv. Mêm. d. nat. 
d. Moscou T. Ill p. 290). Er mochte jedoch den 
fraglichen Schädel wegen einiger Abweichungen nicht 



in drei deutschen Museen gemachten Studien zu Folge, Gulo spe- 
laeus sich durch keine durchgreifenden Kennzeichen unterscheidet. 
Worauf gründet sich aber Eichwald's Gulo spelaeus der altaischen 
Höhlen, ob etwa auf die beiläufige Angabe des Sembnitzki'schen 
Verzeichnisses beim Grison: «la démarche de glouton»? Unmög- 
lich wäre es nicht, dass Eichwald den fraglichen Grison auf Gulo 
bezog. Er sagt es indessen nicht. 



i 



— 375 — 

auf Putorius beziehen. Eich w aid meint (Letk. III 
p. 404), die chancharischen (er wollte sagen tschary- 
scher, denn die von Gebier nach Moskau gesandten 
Knochen stammten aus den tscharyscher Höhlen) Reste 
unterschieden sich wenig von den entsprechenden 
Theilen der lebenden Form. Dennoch führt er sie 
unter der Rubrik seines Putorius vulgaris 1 ) fossilis 
spelaeus Fisch. 1. c. auf. 

Im Museum des Berginstitutes, so wie in dem der 
Kais. Akademie der Wissenschaften findet sich eine 
namhafte Zahl von Skelettheilen, die ich durch keine 
wesentlichen Merkmale von denen des lebenden, in 
Sibirien nicht seltenen, Iltisses zu unterscheiden ver- 
mag. 

Das Berginstitut besitzt einen grösseren und klei- 
neren Schädel, eine einzelne Unterkieferhälfte, eiuen 
Lendenwirbel und einen Oberarmknochen. Im Aka- 
demischen Museum sind das Fragment eines Unter- 
kiefers nebst seinen drei hinteren Backenzähnen, zwei 
Oberarmknochen, ein Oberschenkel, der Schnauzen- 
theil des Schädels mit den drei hinteren Backenzäh- 
nen, die rechte Hälfte des Unterkiefers mit zwei 
Backenzähnen und vier Rippen vorhanden. 

In dem von Pander und Sembnitzki mitgeteil- 
ten Verzeichniss der altaischen Höhlenreste sind die 
eines Raubthieres (namentlich ein grosser und kleiner 
Schädel nebst einer Tibia desselben) aufgeführt, das 
sie G ris on nennen, ein Name, welchen bekanntlich 



7) Putorius vulgaris ist aber das kleine Wiesel, nicht der Iltis. 



-_ 376 — 

die Franzosen der in Surinam heimischen Viverra vit- 
lata, also einem Thiere ertheilen, das in Sibirien nicht 
zu erwarten ist. Da nun der vermeintliche Grison der 
altaischen Höhlen, wovon Pander und Sembnitzki 
eine grosse und kleine Art unterscheiden, ein Iltiss- 
gebiss besitzen soll, das Berginstitut aber gerade von 
dorther nur einen grossen und kleinen Schädel des 
Iltisses, jedoch keine anderen mit einem Iltissgebiss, 
besitzt, so dürfte wohl im fraglichen Verzeichniss 
Poutois statt Grison zu setzen sein, was um so glaub- 
licher erscheint, da das genannte Verzeichniss ausser 
dem vermeintlichen Grison kein anderes wieselartigcs 
Thier aufführt. Weder Rathke, noch Fischer, ja 
selbst nicht Eichwald, spricht von Resten eines 
Grison, obgleich es gerade Sache des Letztern gewe- 
sen wäre, in der Lethaea ein Urtheil über den ver- 
meintlichen Grison abzugeben. 

Spec. 16. Mustcla sibirica Pali. 
Von dieser, bei keinem meiner Vorgänger ange- 
führten, Art findet sich im Museum der Akademie der 
charakteristische Schnauzentheil des Schädels mit 
seinen beiden hintersten Backenzähnen nebst vier 
Exemplaren der Fibula, während das Museum des 
Berginstitutes nur das Exemplar des Radius des lin- 
ken Fusses aufzuweisen hat. 

ORDO IV. GLIRES. 

Subordo Sciuromorphi Brdt. 
Familia Sciuroicies. 

Subfam. Seiurina. 
11. Genus Tamias Hlig, 

Spec. 17. Tamias striatus 111. Linn. 
Unter den vom Herrn Dr. Gebier eingesandten 



— 377 — 

Knochenresten des Museums der Akademie fand ich 
die rechte Hälfte des Unterkiefers mit fehlenden 
Backenzähnen, dieses in den bisherigen Verzeichnis- 
sen der altaischen Höhlenreste fehlenden Thierchens, 
welches in Sibirien häufig vorkommt. 

12. Genus Pteromys Geoffr. 

Spec. 18. Pteromys volans Linn. Geoffr. 

Die tscharyschèr Höhlenreste des Berginstitutes 
boten mir einen rechten Oberschenkel dieses inter- 
essanten, in Sibirien weitverbreiteten, wiewohl nicht 
sehr häufigen, Nagethiers, welches in den vorhande- 
nen Verzeichnissen der altaischen Höhlenreste eben- 
falls nicht genannt ist 8 ). 

Subfam. Arctomyina. 

13. Genus Arctomys Schreb. 

Spec. 19. Arctomys bobac Schreb. 

Bereits Pander und Sembnitzki erwähnen in ih- 
rem Verzeichniss der tscharyschèr Höhlenreste unter 
der Rubrik CypKH {Marmotte bei Fischer) Schädel, 
Bruchstücke des Ober- und Unterkiefers und Schneide- 
zähne eines Murmelthieres , welches G. Fischer 
(Nouv. Mém. d. nat. d. Moscou T. Ill p. 287) nach 
Maassgabe eines Oberschädels, den er Tab. XXI f. 1 
und 2 abbildet, durch mehrere Kennzeichen von 
Arctomys bobac unterscheiden wollte. Eichwald führt 
das Thier, dem die eben genannten Reste angehörten, 
(Leth. III p. 384) als Arctomys spelaeus Fisch, auf, 

8) In Bezug auf Systematik der Nagethiere verweise ich auf die 
vierte und fünfte Abhandlung meiner: Beiträge zur näheren Kennt- 
niss d. Säugethiere Busslands. Mém. de VAcad. Imp. d. sc. VI sér. 
T. VIL 

Mélanges biologiques. VII. 48 



— 378 — 

räumt jedoch ein, dass es sehr wenig von Bobac ab- 
weiche. 

Ich muss gestehen, dass, zu Folge meiner Verglei- 
chung der tscharyscher Murmelthierschädei mit zahl- 
reichen Schädeln des Arctomys bobac des Akademi- 
schen Museums, zwischen den Schädeln des Murmel- 
thieres der altaischen Höhlen und denen des Arctomys 
bobac sich durchaus keine solchen Unterschiede fin- 
den, die zu einer spezifischen Trennung beider be- 
rechtigen, so dass also von einem in den altaischen 
Höhlen vorkommenden Arctomys spelaeus Fisch, oder 
Giebel (Fauna d. Voriv.) keine Rede sein kann. 
Ebenso sind die im Breslauer anatomischen Museum 
befindlichen, von Hensel (Nov.Act.Acad. Caes.Leop. 
Vol. XXIV P. 1 p. 298) beschriebenen und auf Taf. 
22 und 23 abgebildeten Reste (A. spelaeus Gieb.), 
die er selbst denen von Fischer ähnlich fand, ohne 
Frage dem Bobac zu vindiciren 9 ). 

Selbst Arctomys primigenius K a up. (Descr. $. ossem. 
foss. Gah. V p. 110 tob. 25 flg. 1, 2) ist zu streichen, 
da er, wie bereits Hensel ganz richtig (ebd. p. 297 ff.) 
bemerkt, von Arctomys marmotta sich nur durch die 
(nichts bedeutende) ansehnlichere Grösse unterscheidet. 

Sowohl das Museum der Akademie, als auch das 
des Berginstitutes, besitzen übrigens zahlreiche, aus 
den altaischen Höhlen stammende Reste des Bobac. 



9) Leider ist der Fundort der fraglichen Reste unbekannt, so 
dass nicht gesagt werden kann, sie stammten aus Polen (Gallizien), 
wo noch jetzt Bobace leben, oder gar aus Schlesien. Das Letztere 
erscheint keineswegs unmöglich, wenn man ihr dortiges Vorkommen 
in uralte Zeiten versetzt und dabei erwägt, dass der Bobac im euro- 
päischen Russland früher weiter verbreitet und viel häufiger war, 
und dass ein dem Bobac verwandtes Thier, Spermophüus citillus, in 
Schlesien vorkommt. 



— 379 — 

Dieselben bestehen aus mehr oder weniger vollstän- 
digen Oberschädeln, Hälften oder Fragmenten von 
Unterkiefern, einzelnen Schneide- und Backenzähnen, 
zwei Wirbeln, einer Rippe und mehreren Extremi- 
täten-Knochen. 

14. Genus Spermophilus Fr. Cuv. 
Spec. 20. Spermophilus Eversmanni Brdt. 
Das Bruchstück eines Unterkiefers mit den vier 
hinteren Backenzähnen, ein Unterkieferfragment ohne 
Zähne der Gebier' sehen Sendung und einige Radii 
der v. Helm ersen' sehen Sammlung liefern den er- 
sten Nachweis, dass auch Knochen dieser, in den 
Altaigegenden nicht seltenen, in Sibirien sehr ver- 
breiteten, von mir bereits vor einer Reihe von Jahren 
aufgestellten, von Eversmannals Spermophilus al- 
taicus bezeichneten, Zieselart in den tschary scher Höh- 
len gefunden wurden 10 ). 

Subordo Myomorphi. 
Familia Castoroides Brdt. 

15. Genus Castor Linn. 

Spec. 21. Castor fiber Linn. 
Weder Pander und Sembnitzki, noch auch 

10) Ich kann bei Gelegenheit des Spermophilus Eversmanni die 
Ansicht nicht unterdrücken, dass es mir auffallend erscheint, wenn 
der treffliche Lartet (Guerin Bevue 1864. p. 222) den Spermophüe 
des brèches oss. de Montmorenci auf Spermophilus Bichardsonii redu- 
cirt, da diese Art nur in Kamtschatka und im höheren, Kamtschatka 
gegenüber liegenden, Norden Nordamerikas vorkommt. (Siehe meine 
Monographie der Spermophilen Busslands im Bullet, sc. de VAcad. 
Imp. d. Sc. de St.-Pétersb. cl. phys. math. T. Up 357.) Wenn jene 
Reste nur auf eine nordische, früher in Europa heimische, Zieselart 
zu beziehen wären, so liesse sich eher an den unter dem 50 bis 
56sten Breitengrade im Kasanschen und Orenburgschen Gouverne- 



— 380 — 

Rathke, G. Fischer und Eichwald erwähnen, dass 
von dieser, früher auch im Altaigebiet vorhandenen, 
Thierform sich Reste in den tscharyscher oder chan- 
charischen Höhlen fanden. 

Als unzweifelhafte Belege dieses Vorkommens die- 
nen der rechte Radius nebst dem Fragment des Ober- 
schenkels, die in der von Hrn. v. Helmersen dem 
Museum der Akademie geschenkten Sammlung ent- 
halten sind, nebst zwei Ulnen verschiedener Grösse, 
welche das Berginstitut besitzt. 

Reste von Bibern sind daher nicht Mos im süd- 
lichen Russland, als Trogontherium Guvieri und Wer- 
neri, sondern auch in Sibirien aufgefunden worden. 

Fainilia Myoides Brdt. 

Subfam. A. Rhizodontes Brdt. 

16. Genus Cricetus Schreb. Pali. 

Spec. 22. Cricetus vulgaris auct. 

Bereits Pander und Sembnitzki führen in ihrem 
Verzeichniss der tscharyscher Höhlenfunde Schädel, 
Unterkiefer und Schneidezähne des Hamsters auf. 
Fischer (Nouv. Mém. d. nat. d,Mosc. T. III p. 289) 
bestätigt dieses Vorkommen und bildet (ebd. Taf. XX 
flg. 6,8) zwei Unterkieferhälften ab. Eich w aid (Leth. 
III p. 386) führt die fraglichen Reste unter Cricetus 
fossilis Kaup auf, wiewohl die Skeletreste der altai- 
schen Höhlen denen des lebenden Hamsters wie ein 
Ei dem andern gleichen. 



ment vorkommenden, früher mehr nach Westen und Süden verbrei-. 
teten Spermophilus undulatus Temminck. (= Spermoph. rufescens 
Blas. Keys. Wirbelth. Europas p. XII) denken. Die genaue Bestim- 
mung der fossilen Zieselarten wird aber ohne den Besitz der Schä- 
del und Skelete aller lebenden Formen nicht ausführbar sein. 



— 381 — 

Sowohl im Museum des Berginstitutes, als auch 
ganz besonders in dem der Akademie der Wissen- 
schaften sind zahlreiche Reste des in Sibirien häufigen 
Gricetus vulgaris aus den altaischen Höhlen vorhanden. 
Sie bestehen aus mehr oder weniger vollständigen Schä- 
deln, einzelnen Unterkieferhälften, Zähnen, Becken- 
resten und zahlreichen Knochen der Extremitäten. 

Subfam. B. Prismatodontes seu Arvieolini Brdt. 

17. Genus Arvicola Lacep., Hypudaeus Illig. 
Spec. 23. Arvicola amphibius Lacep. (Linn.). 

Schon Pander und Sembnitzki vindicirten mit 
Recht aus der Zahl der ihnen im Berginstitut vorge- 
legenen Beste der tscharyscher Höhlen einen Unter- 
kiefer nebst Schneidezähnen der auch in Sibirien weit 
verbreiteten Wasserratte (Arvicola seu Hypudaeus am- 
phibius). Fischer (Nouv. Mém. d. nat. d. Mose. T. 
III p. 290) bestätigt zwar dieses Vorkommen durch 
Worte, seine Abbildung (Tab. XX fig. 7) stellt aber 
eine Unterkieferhälfte von Myospalax dar. — Eich- 
wald (Lethaea III p. 387) führt die Reste des Arvi- 
cola seu Hypudaeus amphibius nach Fischer auf. 

Das Vorkommen der Wasserratte in den tschary- 
scher Höhlen ist durch zahlreiche, theils von Hrn. 
v. Helmersen, theils von Gebier herrührende Reste 
derselben, welche sich im Museum der Akademie der 
Wissenschaften befinden, vielfach documentirt. Das- 
selbe besitzt von ihr sieben Schädelfragmente, sechs- 
zehn Bruchstücke des Unterkiefers, mehrere Knochen 
der vorderen und hinteren Extremität nebst mehre- 
ren Fragmenten des Beckens. 



Spec. 24. Arvkola s. Hypudaeus saxatilis Pall. 
Lacep. 

Das Akademische Museum ist durch Hrn. v. Hel- 
mer s en im Besitz eines, aus den tscharyscher Höhlen 
stammenden, Schnauzentheils eines Schädels, den ich 
in Folge mühsamer, vergleichender, mit den Schädeln 
anderer russischer Arvicolen angestellter, Untersu- 
chungen Arvicola saxatilis, einer in Sibirien nicht sel- 
tenen Art, vindicire. Im Museum des Berginstitutes 
befindet sich eine Unterkieferhälfte desselben. 

Familia Spalacoicles Brdt. 

Subfamilia Prismatodontes Brdt. 

18. Siphneus Brants. (1827), Genus lyospalax Laxmann. (1769). 

Spec. 25. Myospalâx Laxmanni Beckm. 

Spalax talpinus Pali. Zoogr. I p. 159 n. 75 Myospa- 
lax Laxmanni Beckmann, in Laxmann's Sïbir. 
Briefen herausgegeben von Schlözer. Göttingen 
1769,8. S. 77 Note. 

Ich vermuthe, dass die von Pander und Semb- 
nitzki angeführten Schädel eines Nagers, welche den 
Schädeln der Wasserratte ähnlich sein sollen, nichts 
Anderes, als die in mehreren Exemplaren in der Samm- 
lung der tscharyscher Höhlenreste des Berginstitutes 
vorhandenen Schädel des Myospalax Laxmanni sind, 
da sie durch ihren Zahnbau und ihre Form den Schä- 
deln von Hypudaeus einigermaassen ähneln und ausser- 
dem keine andere tscharyscher Nagerschädel im Berg- 
institut vorhanden sind, welche, namentlich auch im 
Betreff des Zahnbaues, so gut auf die Angabe Pan- 
der's und Sembnitzki's passen. 



— 383 — 

G. Fischer (Nouv. Mém. d. nat. d. Moscou T. III 
p. 288) beschrieb ganz offenbar einen aus den tscha- 
ryscher Höhlen stammenden Schädel des Myospalax 
und bildet ihn Tab. XX fig. 1, 2, 3 sehr kenntlich ab, 
erklärt ihn aber für den eines Myoxus (also für den 
einer Gattung, welche in Sibirien noch nicht gefunden 
wurde), den (Taf. XX fig. 7) von ihm abgebildeten 
Unterkiefer fa§ Myospalax abervindicirter, wie schon 
oben bemerkt, dem Arvicola amphibius. 

E i c h w a 1 d's Myoxus fossilis Fischer (Lethaea III 
p. 384) ist daher nichts Anderes als Myospalax Lax- 
manni. Auch citirt er ja Fischer als seinen Ge- 
währsmann. Alph. Milne-Edwards {Compt. rend, 
de VAcad. de Paris 1868. T XXVII p. 441) spricht 
von Resten des Myospalax Laxntanni, welche Mey- 
nier und Eich thai in den an der Inja und dem 
Tscharysch gelegenen Höhlen sammelten, ohne aber 
zu bemerken, dass bereits G. Fischer ein solches 
Vorkommen kannte, jedoch die Reste des Myospalax 
irrthümlich einem Myoxus vindicirte 11 ). 



11) Ich muss hierbei auf meine eingehenden, durch Abbildungen 
erläuterten Untersuchungen über die Craniologie von Myospalax, 
namentlich auf Cap. VII meiner in den Mém. de VAcad. Imp. d. Sc. 
d. St.-Pétersb. VI Ser. T. VII, daraus aber auch noch besonders 
abgedruckten Beiträge zur näheren Kenntniss der Säugethiere Russ- 
lands verweisen, worin gezeigt wurde, dass Spalax talpinus Pali 
bereits 1769 als Typus einer eigeuen Gattung [Myospalax) erhoben 
und von Beckmann nach seinem Entdecker Myospalax Laxmanni 
bezeichnet wurde. Hr. Alph. Milne-Edwards (Compt. rend, de 
VAcad. de Paris. 1868. T. LXVII p. 483 etc.) hat diesen Umstand 
ganz übersehen. Ebenso entging ihm, dass ich Myospalax und Ello- 
bius als Typen einer eigenen Subfamilie (Prismatodontes $eu Spala- 
coides arvicolaef ormes) a. a. 0. p. 308 der Familie der Spalacoiden 
(gleich Cunicularien) aufstellte und von den echten wurzelzähnigen 
Spalacoiden als eigene Gruppe schied. Wenn er übrigens meine 



— 384 — 

Das Museum des Berginstitutes besitzt ausser sie- 
ben Schädeln, einem Schädelfragment, vier Unter- 
kieferhälften und mehreren Schneidezähnen nebst fünf 
Halswirbeln, auch eine Menge von Knochen der Ex- 
tremitäten. 

Noch reicher als im Museum des genannten Insti- 
tutes sind die tscharvscher Reste des Myospalax Lax- 
manni durch die Bemühungen der Hrn. v. Helm er - 
sen und Gebier im Museum der Kaiserlichen Aka- 
demie der Wissenschaften vertreten. Dasselbe enthält 
nicht nur eine grössere Menge von Schädeln oder 
Theilen derselben, sondern auch zahlreichere Zähne, 
so wie eine grössere Menge Knochen der Extremitä- 
ten nebst Beckenfragmenten. 

Die tscharyscher Knochen des Myospalax bieten 
übrigens keine Unterschiede von denen des noch jetzt 
lebend in Sibirien vorkommenden. An einen Myospalax 
fossilis kann demnach, wenigstens vorläufig, nicht ge- 
dacht werden. 

Ob die beiden äusserlich schwer unterscheidbaren 
Arten von Siphneus (muss heissen Myospalax) Myos- 
palax Fontanieri (aus Nordchina, Pecking) und Ar- 
mandii(m$ der Mongolei), die Alp h. Mil ne-Ed wards 
(Compt. refid, a. a. 0. und Annal, d. sc. not. V me sér. 
Zool. Vol. VII. p. 375) nach Maassgabe eines abwei- 
chenden Zahnbaues aufstellte, auf Artrechte Anspruch 
machen können, wage ich für jetzt nicht zu entschei- 
den, da ich die von Alph. Milne-Edwards für die 
Nouvelles archives d'histoire naturelle angekündigte 
Special-Arbeit noch nicht benutzen konnte. 



Spalacoides arvicolaeformes Arvicöla unmittelbar anschliessen will, 
so muss er die gauze Abtheilung der Wühlmäuse aufgeben. 



— 385 — 

Subordo Lagomorphi Brdt. 
19. Genus Lepus Linn. 

Spec. 26. Lepus variabilis Pall. 

Weder im Verzeich niss von Pander und Semb- 
nitzki, nocb bei Rathke, Fischer und Eicbwald, 
ist davon die Rede, dass Reste dieser im ganzen Nor- 
den Europa's südlich etwa von 55° an, dann auf fast 
allen höheren Gebirgen desselben, heimischen, so wie 
über ganz Sibirien verbreiteten Hasenart in den 
tscharyscher oder chanch arisch en Höhlen gefunden 
wurden, obgleich das genauere Studium der aus den 
genannten Höhlen gewonnenen Thierknochen eine 
namhafte Zahl von Theilen des Lepus variabilis nach- 
wies. 

Theils im Museum der Akademie der Wissenschaf- 
ten, theils in dem des Berginstitutes fand ich nämlich 
von der eben genannten Hasenart mehrere Bruch- 
stücke des Ober- und Unterkiefers mit oder ohne 
Zähne, ferner einzelne Zähne, Wirbel, Rippen und 
Beckenknochen und verschiedene Knochen der vor- 
deren, wie der hinteren Extremitäten, welche Thieren 
verschiedenen Alters, zum Theil sehr jungen Individuen 
angehörten, deren Deutung so unzweifelhaft ist, dass 
an eine andere Hasen art nicht gedacht werden kann. 

Eichwald (Lethaea IIL. p. 388, Esp. 38) spricht 
allerdings davon , dass Knochenreste (namentlich ein 
Unterkieferfragment und andere Knochen) des Lepus 
mniculas fossilis Cuv. in einer der am Flüsschen 
Chanchara gelegenen Höhlen gefunden worden seien, 
Lepus mniculas kommt aber weder im europäischen 
Russland, noch in Sibirien wild vor, wesshalb Eich- 

Me'lauges biologiques;. VII. 49 



— 386 — 

wal d's Bestimmung nicht zulässig erscheint. Man kann 
es sogar nicht für unwahrscheinlich halten, er habe 
möglicherweise die Knochen der Jüngern Individuen 
des Lepus variabilis für Kaninchenknochen gehalten, 
eine Verwechselung, die sehr leicht möglich ist. — 
Das von Eichwald erwähnte, nicht bestreitbare, na- 
mentlich auch wegen des noch jetzt in Griechenland 
heimischen, wilden Kaninchens nicht unwahrschein- 
liche Vorkommen von (allerdings von mir noch nicht 
gesehenen) Resten eines mit dem wahren Kaninchen zu 
identifizirenden Thieres im Jüngern Thon bei Odessa 
kann natürlich noch keinen Beweis für die Meinung 
abgeben, dass die altaischen Reste desshalb dem Ka- 
ninchen gleichfalls angehören. 

A HT H A IC*. • 

Genus Lagomys Cnv. 

Pander und Sembnitzki sprechen in ihrem Ver- 
zeichniss dertscharyseher und chancharischen Höhlen- 
reste von Unterkiefern einer Lagomys. — Eich- 
wald (Lethaea a. a. 0.) führt sogar eine von der 
lebenden nicht verschiedene Lagomys ogotonna fossilis 
Pali, auf, wovon Unterkieferfragmente in einer der 
chancharischen Höhlen gefunden worden seien, wobei 
er sich vielleicht auf die Angabe von Pander und 
Sembnitzki stützt, die aber nur von Unterkiefern 
einer Lagomys im Allgemeinen, nicht von L. ogotonna, 
sprechen, jedoch keine Reste der Unterkiefer ganz 
junger Hasen erwähnen, wie ich sie aus den altaischen 
Höhlen kenne und die ich selbst, ganz offen gestanden, 
ehe die Unterkiefer von Lagomys damit verglichen 
worden waren, irrigerweise für Reste einer Lagomys 



— 387 — 

hielt. Da indessen meine weiteren Bemühungen unter 
der grossen Zahl von Knochen und Knöchelchen, wel- 
che mir aus den altaischen Höhlen vorlagen, wahre 
Reste von Lagomys nachzuweisen erfolglos waren, so 
kann Lagomys ogotonna fossilis, wenn sie, wie Eich- 
wald will, auf die bis jetzt bekannten altaischen Reste 
gestützt werden soll, gegenwärtig noch keine Berech- 
tigung beanspruchen, vielleicht (?) wird man jedoch 
künftig auch ihre Reste in den altaischen Höhlen 
finden, da dieselben schon jetzt als Sammelplätze von 
Knochen der verschiedensten Säugethiere Sibiriens 
sich bekunden. Weit eher noch als die Reste des mehr 
ostsibirischen Lagomys ogotonna würden aber wohl die 
des im Altai häufigen Lagomys alpinus zunächst zu 
erwarten sein. 

ORDO KUMINANTIA. 
Faitiilia Cervida« 

20. Genus Cervus Linn. 

Subgen. A Alces. 
Spec. 27. Cervus Alces Linn. 

Cervus leptocephalus (das fossile Elen) und platyce- 
phalus (das lebende) Pusch, N. Jahrb. f. Miner. 
1840. p. 69 und 78. — Cervus savinus Fischer, 
Oryctogr. de Moscou p. 170 PI. Ill G; Mouiller, 
Jubïlaeum semiseculare G. Fischeri fol. Mose. 1847 
p. 5 N?. 2 Tab. II, III, IV. — Cervus resupinatus 
Rouiller ib. p. 5 ~N° 3 Tab. I—IV. — Cervus felli- 
nus G. Fischer, Bullet, des nat. de Mose. Tab.III. 
1831p. 155 (C. ^cesjuv.) — Cervus (Alces) fos- 
silis v. Meyer. 
Das Elen gehört zu den früher vom alten Gallien 



— 388 — 

und Germanien his Sibirien und von dort über Nord- 
amerika l2 ) verbreiteten Thieren, dessen huniatile 
Überreste des Geweihes aus Mangel an Verglcichungs- 
Material zur Aufstellung mehrerer vermeintlichen, un- 
tergegangenen Arten benutzt wurden. Nach Maass- 
gabe mehrerer Schädel und einer Menge vorliegender 
Elengeweihe verschiedenen Alters und sehr verschie- 
dener Gestalt, die theils erst in neueren Zeiten erleg- 
ten Individuen angehörten, theils in der Erde gefunden 
wurden, kann ich meinerseits Nord mann (Palaeont. 
Südrussl. p.226) und Eichwald (Lethaea III. p. 368) 
nur beistimmen, wenn sie Cervus leptocephalus, savinus, 
fellinus und resupinatus als Synonyme des CervusÄlces 
betrachten. Nacli meiner Ansicht lassen sich jene 
von Pusch, G. Fischer und Rouiller aufgestellten 
Arten nicht einmal als sehr alte oder ältere Racen des 
noch jetzt lebenden Elens ansehen, was sogar von dem 
amerikanischen (Alœ americanus' Jardine) gilt, da 
beim Elen die Gestalt und Richtung der Geweihe nicht 
blos nach dem Alter, sowie nach Maassgabe der ein- 
zelnen Individuen, abändern (was übrigens auch bei 
andern Hirscharten der Fall ist), sondern auch sehr 
häufig, ja fast allgemein die beiden Geweihschaufeln 
ein und desselben Individuums grössere oder geringere 
Abweichungen darbieten. Seltener findet man, na- 



12) Der Vergleich eines Felles des amerikanischen Elens mit 
mehreren Häuten des Elens aus dem St. Petersburger Gouverne- 
ment ergab keine wesentlichen Unterschiede, eben so wenig ver- 
mochte ich deren in der Geweihbildung wahrzunehmen, als ich 
zwei amerikanische Elengeweihe, darunter ein sehr grosses, nebst 
den vorhandenen Abbildungen amerikanischer Elengeweihe, so bei 
Cuvier (Eecherch, s. I. oss. foss.) u. s. w., mit zahlreichen Geweihen 
des russischen Elens verglich. Siehe meine Beitr. zur Naturg. des 
Elens in d. Mein, de VAcad. de St.-Tétersb. VII Sér. 1870. 



— •389 — 

mentlieh bei alten Thieren, beide ganz gleich gebildet, 
am häufigsten noch bei jüngeren. Bemerkenswert!! 
ist ferner, dass bei den alten Exemplaren des Cervus 
elaphus, so wie beim Elen, die bei ihnen weit ansehn- 
lichem Rosenstöcke weit weniger von eiuander ab- 
stehen, als bei den jungen. Die Stirn erscheint daher 
bei den Letztern stets breiter, oft sogar viel breiter, 
als bei den Alten, ein Umstand, der Pusch entging, 
als er, ohne ein grosses, dem Schädel aufsitzendes, Ge- 
weih des lebenden Elen verglichen zu haben, das 
noch auf dem Stirnbein aufsitzende grosse, fossile, im 
Warschauer Museum befindliche, (auf Taf. III. A Fig. 1 , 
2 von ihm abgebildete) Geweih, dessen genäherte Rosen- 
stöcke durch einen nur schmalen Theil des Stirnbeins 
getrennt sind, zum Typus seines Cervus (Alces) lepto- 
cephalus stempelte, das lebende Elen aber, dessen sehr 
grosse Exemplare doch auch ein ganz ähnliches, viel 
schmäleres Stirnbein zwischen den Rosenstöcken zeigen 
als die Jungen, nach Maassgabe des Schädels eines jun- 
gen Thieres, Cervus (Alces) platycephahis nannte. Mit 
Recht hat sich daher bereits Kaup bald nach dem 
Erscheinen der Pusch'schen Arbeit (Neues Jahrb. 
für Mineral. 1840p. 166) gegen eine solche Charakte- 
ristik erklärt und auf Taf. IV Fig. 4 das ziemlich grosse 
Geweih eines lebenden Elens abgebildet, welches die 
geringe Stirnbreite zwischen den Geweihstangen, ähn- 
lich wie das fossile von Pusch abgebildete, zeigt, also 
den vom Letztgenannten zur Sonderung des fossilen 
Elens vom lebenden aufgestellten Hauptcharakter 
widerlegt. 

Weder Pander und Sembnitzki, noch Rathke 
und Fischer bemerken, dass in den altaischen Höhlen 



— 390 — 

Reste des noch jetzt in Sibirien lebenden Elens wahr- 
genommen worden -seien. Eich wald (Lethaea III 
p. 368) spricht nur von humatilen in Polen, dann im 
Gouvernement Pskow, Livland, Kostroma und Moskau, 
gefundenen Elengeweihen, denen sich ein im Gouver- 
nement Orel entdecktes anschliesst (Borissjak Bull, 
d. nat. d. Mose. 1848 T. XXI p. 595). 

Das Museum der Akademie der Wissenschaften ver- 
dankt indessen Hrn. v. Helmer sen einen mit der Ulna 
verbundenen, sehr wohlerhaltenen Radius eines jün- 
geren Thieres aus den tscharyscher Höhlen, dem ich 
jedoch kein höheres Alter zuschreiben möchte. 

Subgen. B. Machlis Kaup Megaeeros Ow. 

Spec. 28. Gervus euryceros Alärov. 
Cervus megaloceros Fisch. — Cervus megaeeros Hart. 
— Cervus hibernicus Desm. — Megaeeros hiber- 
nicus Owen. — Cervus platycerus altissimus Mo- 
lyneux (1697). — Megaeeros Carnutorum Lau- 
gel? Gervais. Zool. et paléont. gen. p. 84. 

Der genaue Vergleich des Schädels und Geweihes 
dieser riesigen, ausgestorbenen oder, wohl richtiger 
gesagt, von Menschen vertilgten Hirschart lässt die- 
selbe als eine Art Mittelform zwischen Elen und 
Hirschen erscheinen. Die Ähnlichkeit mit den echten 
Hirschen ist aber offenbar bei weitem die überwiegende. 
Nach Maassgabe seiner Geweihe erscheint Cervus eu- 
ryceros zunächst ganz offenbar Cervus dama verwandt, 
so dass man ihn aus diesem Gesichtspunkte für eine 
riesige, zum Tragen des mächtigen Geweihes mit einem 
breiteren Hinterhaupt, dickeren Schädelknochen und 
viel kräftigeren Halswirbeln versehene , zum Elen 



— $ai — 

hinneigende, Form von Damhirschen ansehen könnte, 
die sich etwa wie der Edelhirsch zum Reh verhielt. 

Dass der Bos cervi figura des Caesar (De bell. gall. 
Lib. VI cap. 26) weder ein Elen, wie Lenz (Zool. d. 
Griechen u. Borner S. 215) meinte, noch ein Cervus 
euryceros, wie Eichwald (Leth. III p. 369) glaubte, 
sondern ein Bennthier war, wies ich in meinen Zoo- 
geogr. u. palaeont. Beitr. p. 53 nach. Ebendaselbst 
p. 55 stellte ich aber auch die Vermuthung auf, dass 
vielleicht der Machlis oder Achlis , den Plinius (H. 
N. VIII c. XVI) von Alce positiv unterscheidet, Cer- 
vuseuryceros sein könnte. (Die Stelle bei Plinius lau- 
tet: «Septentrio fert et... equorum greges ferorum, prae- 
terea alcem, jumento similem. Item natam in Scandi- 
navia insula achlim, haud dissimilemilli.») Ich theilte 
sogar dort die von Pfeiffer (Germania VI S. 225) 
näher begründete Meinung, dass der Scheich des Ni- 
belungenliedes (der Tragelaplius der Alten) der Cervus 
euryceros sei, der wohl noch im 10. Jahrhundert in 
Deutschland lebte, nach dem 12. aber von Niemand 
mehr genannt wurde. Mit dieser Ansicht stimmt sehr 
gut die Angabe von Hibbert, dass der Riesenhirsch 
noch im 12. Jahrhundert in Irland existirte, wogegen 
freilich schon Ran kin g (Wars and Sports London 
1826 p. 491) , ohne triftige Gründe anzugeben, die 
Meinung aussprach, Cervus euryceros sei dort bereits 
von den Römern ausgerottet worden. 

Das nicht seltene Vorkommen ganzer, sehr wohl 
erhaltener, Skelete in Irland in einem unter dem Torfe 
gelegenen Mergel spricht allerdings dafür, dass die in 
jenem Mergel gefundenen Exemplare vor der Bildung 
der dortigen Torfmoore zu Grunde gingen. Es fragt 



— 392 — 

sich nur, ob die Bildung der Torfmoore, wenn man 
sie auch für sehr alte zu halten hat, dennoch nicht 
erst längere Zeit nach dem Beginn der Geschichte ih- 
ren Anfang nahm , so dass der Riesenhirsch in Irland 
gar wohl noch in der historischen Zeit des westlichen 
Europas gelebt haben könnte, besonders wenn man in 
Erwägung zieht, dass grosse Skelette theils durch ihre 
Eigenschwere, theils durch den Druck der über ihnen 
liegenden Schichten in unterliegende ältere gerathen 
können. Die Meinungen sind indessen darüber ge- 
theilt, ob der Riesenhirsch wirklich noch in historischer 
Zeit lebte oder nicht. Dawkins und Sanford (Pa- 
laeogr. Soc. XVIII p, XXXIX) bezeichnen seine 
Existenz in Grossbritannien ohne weiteres als eine 
prehistorische. Owen, Buckland, Bujack, v.Kob eil 
u. A. läugnen, dass er der Scheich des Nibelungen- 
liedes sei. Mir will es scheinen, dass allerdings noch 
weitere historische, sowie paläontologische Funde er- 
forderlich sind, um die Frage völlig ins Reine zu 
bringen. Der Ansicht: er habe noch in historischer 
Zeit (vielleicht noch vor 7 — 800 Jahren) existirt, 
möchte ich indessen für jetzt den Vorzug geben. 

Über seine frühere über Frankreich, Grossbritan- 
nien und Deutschland hinausgehende Verbreitung he- 
gen manche Naturforscher ebenfalls noch Zweifel. 
Nach Lartet (Ann. d. sc. nat. 1861 XV p. 224) soll 
er ein beschränkteres Vaterland als das Mammuth 
gehabt haben, denn seine Reste seien nur in Gross- 
britannien (besonders Irland), in Frankreich vom Nor- 
den bis zu den Pyrenäen und in Deutschland bis Schle- 
sien gefunden worden. Bronn giebt zwar (Lethaea 
3. Aufl. III p. 972), wohl auf Eichwald {Bullet. 



— 393 — 

d. natur. d. Moscou T. XVIII [1845] p. 2 14 ff.) sich 
stützend, auch Russland und Sibirien, letzteres jedoch 
mit einem Fragezeichen, als Vaterland an. 

Nach Grewingk (lieber die frühere Existenz des 
Renthicr's in d. Ostseeprovinzen, Dorpat 1867. 8. p. 5) 
wurden Reste des Riesenhirsches einmal in Curland 
ausgegraben. 

Eichwald (Lethaea III. p. 366) spricht von in 
Polen gefundenen Resten, ohne jedoch näher zu be- 
merken, woraus sie bestanden. Dass übrigens Cervus 
euryceros m Polen vorkam, darf man auch daraus 
schliessen, dass man die unverkennbaren Reste des- 
selben in den Gegenden der mittleren Wolga fand. 
Einen derselben, ein ansehnliches Schädelfragment, 
ohne Schnauzentheil und Geweih, entdeckte man näm- 
lich bei Simbirsk, einen zweiten, eine einzelne Geweih- 
stange, beim Dorfe Zinofka im Distrikte Sysran des 
Simbirsker Gouvernements. Die beiden eben erwähn- 
ten , von E i c h w a 1 d (Bullet, d. nat. d. Moscou T. XVIII, 
1845, S. 218) beschriebenen, von mir ebenfalls unter- 
suchten, Reste befinden sich in der früheren Jasikow- 
schen, jetzt im Berginstitut aufgestellten Sammlung. 

Der dritte der fraglichen Reste besteht aus einer 
Geweihstange, die, wie mir Hr. v. Helmersen mit- 
theilte, bei Samara gefunden und vom Dr. Uke an 
das Museum der Universität Dorpat gesandt wurde. 

Nach Eichwald (Lethaea a. a. 0.) soll man übri- 
gens auch den Hinterhauptstheil eines Schädels im 
Perm'schen Gouvernement beim Dorfe Ujinsk entdeckt 
haben, wodurch sich die Fundorte des Riesenhirsches 
Sibirien nähern. Leider konnte ich denselben bis jetzt 
noch nicht sehen, weil er weder im Museum desBerg- 

Mélanges biologiques. VII. 50 



— 394 — 

institutes, noch in dem der iVkademie deponirt ist, 
von Eichwald aber die Sammlung, welche denselben 
enthält, nicht angegeben wurde. Da indessen, wie so- 
gleich gezeigt werden soll, die tscharyscher Höhlen 
Reste des Riesenhirsches lieferten, so kann am Vor- 
kommen derselben im Permsehen Gouvernement nicht 
gezweifelt werden. 

Was die Auffindung von Resten des Riesenhirsches 
in Sibirien anlangt, so bezog schon Fischer v. Wald- 
heim (Nouv. Mém. d. nat. de Moscou T. III. p. 296) 
einen (untern) von ihm Tab. XXIV, Fig. 4 abgebilde- 
ten, aus den tscharyscher Höhlen stammenden, grossen 
Backenzahn, da er denselben einem bei Buckland 
(Eeliq. Tab. IX, Fig. l u 2) abgebildeten des Cervus 
euryceros ähnlich fand, auf diese Thierart. 

Der genauere Vergleich der aus den altaischen 
Höhlen stammenden Überreste hirschartiger Thiere, 
welche im Museum des Kais. Berginstitutes aufge- 
stellt sind, ergab, dass aus der Zahl derselben der 
Hirntheil eines Schädels, dem aber die ganze obere 
Wand fehlt, so class die ganze Hirnhöhle von oben 
aus sichtbar wird, ohne Frage dem Cervus euryceros 
angehörte. Es ist offenbar derselbe, welchen Eich- 
wald in seinen Mittheilungen über Cervus euryceros 
(Bullet, d. nat. d. Moscou T. XVIII [1845], p. 226) 
als erstes altaisches Bruchstück desselben beschrieb 
und Cervus euryceros mit vollem Rechte vindizirte. 

Cervus euryceros gehörten auch wohl zwei obere, 
hintere Backenzähne der Sammlung des Berginstitutes 
an, die sehr gut zu dem von Owen (British fossil mamm. 
p. 449) abgebildeten Backenzahn desselben in Bezug 
auf das Verhalten der Schmelzfalten der Krone und ihre 



— 395 — 

Grösse stimmen. Auch eine eiste, so wie eine zweite 
Phalange des Vorderfusses, welche fast die Grösse 
der Elenphalangen besitzen, in der Gestalt aber, na- 
mentlich in Bezug auf stärkere Compression, denen 
von Cervus elaphus ähneln , möchte ich ebenfalls Cer- 
vus euryceros deshalb vindiziren, weil Cervus euryceros 
in Bezug auf die Grösse und Schädel-, sowie Geweih- 
bildung gewissermassen eine Mittelform zwischen 
Cervus Älces und elaphus bildete. 

Knochen des Metatarsus, einen Astragalus, sowie 
Reste des Ober- und Unterkiefers mit Zähnen von 
Cervus euryceros habe ich weder in der Sammlung 
des Berginstitutes, noch in der Akademischen auffinden 
können. Ebensowenig sah ich darin einen noch mit 
Geweihresten versehenen Hirntheil des Schädels, wel- 
cher nach Eich wald (Lethaea III. p. 367 und Bull, 
d. not. d. Moscou a. a. 0.) für den eines euryceros zu 
erklären wäre. 

Der eben genannte von Eichwald {Bull. d. nat. 
d. Moscou a. a. 0.) als zweites, aus den altaischen 
Höhlen stammendes, dem C. euryceros vindizirtes, 
Bruchstück näher beschriebene, im Museum des 
Berginstitutes aufbewahrte, kleinere Hirntheil des 
Schädels mit aufsitzenden Basaltheilen des Geweihes 
gehörte vielmehr meinen genauen Untersuchungen 
zufolge ganz entschieden einem alten Cervus elaphus 
an, dessen Geweihe nicht selten stark abgeplattet 
erscheinen , wie dies einzelne , im Museum der Aka- 
demie der Wissenschaften aufbewahrte, Exemplare be- 
weisen. 

Wenn nun aber auch nicht alle altaischen, von 
Eichwald dem Cervus euryceros zugeschriebenen, 



— 396 — 

Überreste demselben jvirklich angehörten, so ist doch 
das von Eichwald behauptete frühere Wohngebiet 
der fraglichen Hirschart (der Altai) schon durch die 
erwähnte (oben offene), so charakteristische, Hirn- 
kapsel mit völliger Sicherheit nachgewiesen. Auch 
hat er überhaupt das Verdienst, den ersten wirklichen 
Nachweis über in Russland entdeckte Reste des Cer- 
vus euryceros geliefert zu haben. Wir dürfen es dem- 
nach als eine wohl begründete, beachtenswertheThat- 
sache ansehen , dass der Riesenhirsch schon in Asien 
zu den Begleitern des Mammuth, des büschelhaarigen 
Nashorns und der Hyaena spelaea gehörte, worauf 
ganz besonders die Knochenfunde aus den al falschen 
Höhlen hindeuten. 

Subgen. C. Cervus. 
Spec. 29. Cervus elaphus Linn. 

Cervus primigenius Kaup, Neues Jahrb. f. Miner. 
1839 p. 168 ff. — Cervus priscus Kaup, ebd. 
p.l 97. — Cervus Bresciensis Pusch, ebd. 1842, 
p.47. — Cervus (Strongyloceros) spelaeus Owen, 
Brit. foss. mamm. p. 469. — Cervus elaphus var. 
fossilis hibernicusHaughton. — Cervus interme- 
dius Serres. — Cervus corsicanus Bonap., A. 
Wagn. — Cervus barbarus Bonnet. 

Die in neuern Zeiten allgemein zur Geltung ge- 
kommene Ansicht, dass die Veränderungen der Erd- 
oberfläche und die dadurch erzeugte Abänderung der 
Floren und Faunen meist allmählich in der Art vor sich 
gegangen seien, dass viele Arten durch allmähliche Aus- 
wanderung in Gegenden, die ihrem Gedeihen günstiger 
waren, theilweis sich erhielten und als Ersatz dort 



— 397 — 

ausgestorbener auftraten, wobei sie freilich manche 
morphologische oder auf ihre Grösse bezügliche, je- 
doch im wesentlichen leichte, Umwandlungen erlitten, 
muss uns bei der Aufstellung untergegangener, na- 
mentlich denen der Jetztzeit verwandter, Arten, beson- 
ders wenn nur wenige Reste vorliegen, sehr vorsichtig 
machen. Gerade der Edelhirsch liefert, wie mir scheint, 
einen passenden Beleg, wie nöthig eine solche Vorsicht 
sei. Wer die grossen, man möchte sagen riesigen, 
Exemplare der noch in Urwäldern hausenden Edel- 
hirsche des südlichen Sibiriens, wie sie Eversmann, 
und der Mandschurei, wie sie uns Schrenck (Beisen 
und Forschungen im Amurlande Bd. I. S. 170) und 
Rad de {Beisen im Süden von Ost Sibirien Bd. I. S 284) 
schildern, oder selbst nur ihre stattlichen, so varia- 
belen Geweihe zu beobachten Gelegenheit hat, dann 
gleichzeitig die Angaben Rütimeyer's über die den 
Pferden an Grösse gleichgekommenen Edelhirsche der 
Zeit der schweizer Pfahlbauten (Untersuchungen S. 58 
und 71) beachtet und solche Exemplare mit denen der 
in Verkümmerung begriffenen der europäischen ver- 
gleicht, welche in den, von der Cultur mehr oder weni- 
ger beeinflussten Wäldern vorkommen, wird sich der 
Annahme nicht entziehen können, dass äussere Ein- 
flüsse die Art modifiziren, ja solche, jedoch immer in ge- 
wissen nachweisbaren Grenzen (dem Artcyclus) ver- 
bleibende, Abänderungen erzeugen können, die von Art- 
liebhabern als wirkliche Arten angesprochen werden, 
obgleich sie, wenn man ihre Entwickelungsphasen in 
Betracht zieht, genau genommen es nicht sind. Welche 
Modificationen der echte, wilde Edelhirsch (Cervus ela- 
phus) in seiner Geweihbildung bietet, hatte ich Gelegen- 



— 398 — 

heit an einer grossen Menge aus Turkestan (also aus 
einer Gegend, wo der Edelhirsch noch an wahrhaft na- 
türlichen Wohnorten lebt) gebrachter Geweihe zu beob- 
achten, welche für Se. Majestät den Kaiser bestimmt 
sind und wovon ich mehrere interessante Stücke für das 
Museum auswählen durfte. Erfahrungen dieser Art, die 
ich überdiess in unserer Sammlung an sibirischen Edel- 
hirschen gewinnen und durch früher anderwärts ge- 
machte ergänzen konnte, sind es, die mich zur obigen 
Synonymie bestimmten. Zu dieser Synonymie gehört 
aber auch wohl noch der blos nach einem sehr grossen 
Geweihe aufgestellte Cervas cameloides des Hrn. Alph. 
Milne-Edwards (Ann. d. sc. nat. 5 me sér. VIL [1867] 
Zool.p.377), da nach den übereinstimmenden Berich- 
ten Schrenc^ s und Radde's, die nicht nur Geweihe 
verschiedener Grösse, sondern auch ganze Thiere oder 
Felle untersuchten, der Hirsch der Mandschurei nichts 
Anderes als der Edelhirsch ist. Überhaupt lässt sich ja 
die Fauna der Mongolei und Mandschurei im Wesent- 
lichen nur als eine Modification der Sibirischen be- 
trachten. 

Bereits Pander und Sembnitzki führen in ihrem 
Verzeichniss der im Berginstitut vorhandenem, aus den 
tscharyscher Höhlen stammenden, Säugethierreste de- 
ren neun auf, welche sie hirschartigen Thieren (Cerf) 
vindiziren, machen jedoch keinen Unterschied zwischen 
den Knochen des Edelhirsches, des Rehes und denen 
des Riesenhirsches. — Rathke und G. Fischer 
schweigen über das Vorkommen von Resten des Edel- 
hirsches in den tscharyscher Höhlen. 

Ei c h w aid (Lc4haea III. p. 370) sagt zwar, man 
habe Reste des im südlichen (richtiger mittlem und 



— 399 — 

südlichen) europäischen Russland vertilgten, nur noch 
in den Gebirgen des Caucasus, des (südlichen) Ural 
und des Altai vorhandenen, Edelhirsches in Curland, 
Polen, bei Bjalostock, Moskau und Odessa gefunden, 
bemerkt jedoch nicht, dass aus den altaischen Höhlen 
stammende Knochen desselben im Kaiserlichen Berg- 
institute aufbewahrt würden. 

Es gehört dahin, als am meisten charakteristisches 
Stück, die ganze Hirnkapsel des Schädels mit den 
Basaltheilen des Geweihes eines alten Individuums, 
den ich für denselben halten muss, welchen Eich wald 
(Lethaea p. 367) als partie occipitale du crâne pour- 
vue de la perche d'un bois de la caverne deKhankhara 
dem Cervus euryceros vindizirte und (Bullet, cl, l. soc. 
d. natur. d. Moscou T. XVIII. [1845] p. 226) als 
zweites, kleineres Schädelbruchstück desselben be- 
schrieb (siehe oben). 

Ausser der eben erwähnten, ihres Schnauzentheils 
beraubten Hirnkapsel des Schädels fand ich unter den 
tscharyscher Säugethierresten des Berginstitutes vom 
Edelhirsch die linke Seite eines Oberkiefers mit 4 
Backenzähnen, den Unterkiefer eines Hirschkalbes mit 
4 Milch -Backenzähnen, 2 obere Backenzähne nebst 
1 unteren, den ersten Rückenwirbel, ein Bruchstück 
der rechten Tibia und mehrere Zehenglieder. 

Spec. 30. Gervus capreolus Linn. 

Cervus capreolus und pygargus Pali. 

Der Cervus pygargus, den ich selbst früher (Bullet, sc. 
cl. VAcad. d. sc. d. St.-Pêtersb. Cl. phys.-math. T. III. 
p. 280) mit Pallas für eine selbstständige Art ansah, 
ist nichts Anderes als die hauptsächlich nur noch in 



— 400 — 

Urwäldern, namentlich des südlichen Sibiriens, vor- 
kommende, grössere, mit ansehnlichem, hirschähnli- 
chen Geweihen versehene Form des gemeinen Rehes, 
wie dies Hr. v. Midden dorff in seiner sibirischen 
Reise umständlich erwiesen hat. Dass übrigens solche 
Rehe in alten Zeiten selbst in Deutschland sich fan- 
den, darf man aus v. Kobell's Mittheilungen (Wild- 
anger S. 263) folgern. 

Pander und Semnitzki, ebenso wie Rathke und 
Fischer, schweigen über das Vorkommen von Reh- 
resten in den altaischen Höhlen. Eichwald (Letliaea 
III. p. 370) erwähnt blos, man habe in der chancha- 
rischen Höhle die linke Unterkieferhälfte von Gervus 
capreolus gefunden. 

Meinen Untersuchungen zufolge enthält das Museum 
der Akademie der Wissenschaften nur vier, das des 
Berginstitutes aber vierzehn aus den altaischen Höh- 
len stammende Skeletreste des Gervus capreolus. 

Das Museum der Kaiserlichen Akademie der Wis- 
senschaften besitzt nämlich durch Hrn. v. Helm er sen 
aus den tscharyscher Höhlen den Schädel eines Jün- 
gern Thieres ohne Schnauzentheil und Unterkiefer, 
einen Halswirbel und einen Astragalus, sowie durch 
Herrn Gebier ebenfalls einen Astragalus. Im Mu- 
seum des Berginstitutes werden folgende Skelettheile 
aufbewahrt: 1) Bruchstücke des (wie ich vermuthen 
möchte, von Eichwald erwähnten) Unterkiefers eines 
jungen Rehes mit den Backenzähnen; 2) ein Hals- 
wirbel; 3, 4, 5) drei Rückenwirbel; 6) ein Lenden- 
wirbel; 7) der rechte Humerus; 8) die rechte Ulna; 
9) eine Tibia; 10) ein Metatarsalknochcn des rechten 
Fusses; 11) die linke erste Phalanx der äussern Zehe 



— 401 — 

des Hinterfusses; 12) die zweite Phalanx der imiern 
Zehe des rechten Hinterfusses; 13) die stark verletzte 
zweite Phalanx der Aussenzehe des rechten Vorder- 
fusses und 14) die zweite Phalanx der Aussenzehe des 
linken 'Vorderfusses 13 ). 

Familia Cavicornia. 

21, Genus Ovis Linn. 
Spec. 31. Ovis domestica Linn. 

Der einzige mir bekannte, in den tscharyscher Höh- 
len gefundene, Rest des Hausschaafes besteht aus dem, 
im Museum des Berginstitutes aufbewahrten, linken 
Humerus eines kleinern Individuums. 

Knochen des Argali (Ovis Argali) und sibirischen 
Steinbockes (Capra sibirica), die man in den altaischen 
Höhlen erwarten könnte, wurden weder von Andern 
daraus nachgewiesen, noch unter den zahlreichen, von 
mir benutzten, Resten aufgefunden. 

22. Genus Cos Linn. 

Subgen. A. Bison. 

Spec. 32. Bos (Bison) bonasus Arist. Brdt. 

Bovaao; Arist. Bos bonasus et bison Linn. Bos priscus 
B o j a n . Bos latifrons G . Fischer. Biso n latifrons 
et antiquus Leidy. Bison priscus et minor Ow. 
Bos seu Bison urus seu europaeus et americanus. 



13) Reste des Renthieres wurden bis jetzt in keiner der altai- 
schen Höhlen gefunden, wiewohl sie sich dort erwarten lassen, da 
nach Gebier in manchen Theilen des Altai wilde Renthiere vor- 
kommen. Ebenso kennt man von dorther noch keine Knochen des 
Moschus moschiferus altaicus, obgleich derselbe auf den Gebirgs- 
zügen des Altai heimisch ist. 

Mélanges biologiques. VII. 51 



— 402 — 

Bereits Dawk in. s und San ford (British Pleistoc. 
Mammal, in Palaeontogr. Soc. XVIII (1864) p. XXIV) 
fassen die Gattung Bison als Untergattung auf, worin 
ich ihnen (Zoogeogr. Palaeontol. Beitr. p. 105) bei- 
stimmte. Auch theilte ich mit ihnen bereits Cüvier's 
Meinung, dass der Bos priscus mit Bos urus (richti- 
ger bison seu bonasus) identisch wäre. Ich bemerkte 
indessen, dass ich mit Rütimeyer auch Bos latifrons 
G.Fischer, ferner Bison latifrons und antiquus Leidy 
auf eine Urform (Species) reducire, die ich aber nicht 
als Bos priscus, sondern als Bos bonasus bezeichnen 
möchte, um unter diesen artlichen Namen nicht nur 
alle, wie mir scheint, mit Unrecht vom noch lebenden 
Wisent (Bos bonasus seu urus seu bison) nach Maass- 
gabe fossiler Reste abgetrennte europäisch-asiatische 
Formen (wie Bos priscus Boj. und latifrons Fischer),- 
sondern auch Bos bison (americanus) mit seinen fossi- 
len Phasen (Bison latifrons Harl. und antiquus Leidy) 
zusammenzufassen und, wie ich glaube, passend mit 
dem von Aristoteles gebrauchten ältesten Namen 
bonasus zu bezeichnen. Die als Bos seu Bison priscus 
Boj., latifrons Fisch, und minor Ow., so wie Bison 
latifrons und antiquus Leidy, dann ferner als urus und 
bison auct. nebst Bison europaeus und americanus be- 
zeichneten Formen wären demnach nur in den Gren- 
zen des Cyclus derselben Art (Bos bonasus) bemerk- 
bare Modifikationen oder Phasen. Ich weiche demnach 
von Rütimeyer darin ab, dass ich nicht, wie er, Bi- 
son priscus, europaeus und americanus als drei Arten, 
sondern als Glieder einer Art (Phasen, d. h. Racen 
derselben) ansehen möchte. Rütimeyer selbst weist 
übrigens (Versuch e. Gesch. d. Rindes, Abth. IL S. 66) 



„ 403 — 

auf die hohe Wahrscheinlichkeit des gemeinsamen Ur- 
sprunges jener drei von ihm statuirten Arten hin. 

Die Gründe, welche mich für eine solche Ansicht 
bestimmen, sind folgende: 1) Die Schädel des Bos 
priscus und des europäischen Bison vermag ich nur 
als eine continuirliche Entwickelungsreihe ein und des- 
selben artlichen Schädeltypus zu betrachten. 2) Die 
Differenzen des Schädels des Bos latifrons Harl. und 
Bison antiquus Leidy (die nach Rütimeyer nur die 
beiden Geschlechter einer Form, des Bison america- 
nus sind) im Vergleich mit denen von Bos priscus, 
scheinen mir zu unbedeutend, um als durchgreifende 
specifische Merkmale dienen zu können; ja Leidy 
selbst gesteht, dass sein Bison antiquus an Grösse und 
Bewaffnung so ziemlich in der Mitte stand zwischen 
Bison priscus und americanus. 3) Bison americanus 
bietet allerdings eine viel grössere Mähne und einen 
weit grössern Kinnbart, so wie eine dunklere Färbung 
als Bison europaeus; bedenken wir aber, wie verschie- 
den die Mähne bei den Löwen Asiens und selbst ver- 
schiedener Gegenden Afrikas ist, so erscheinen die 
Mähne wie der Bart, noch mehr aber die dunklere 
Farbe als zweifelhafte Kennzeichen. 4) Da Nordame- 
rika ganz entschieden noch jetzt mehrere Säugethier- 
arten mit Nordasien, das früher damit zusammenhing, 
gemein hat, wie Canis lupus, Cervus Alces, Cervus ta- 
randus, Ovis montana, Mustela Zibellina u. s. w., oder, 
wie Ovibos moschatus , wenigstens früher hatte , so 
braucht auch der amerikanische Bison keine vom so- 
genannten Bison europaeus verschiedene Art zu sein, 
sondern kann, wie mir scheint, sehr wohl, nach Maass- 
gabe der obigen leichten Abweichungen, als blosse, 



— 404 — 

wenn auch etwas veränderte, Race um so mehr be- 
trachtet werden, da Reste des Bonasus in ganz Nord- 
asien sich finden. — Jaeger (Jahreshefte d. naturw. 
Vereins in Wurtemberg III. 1847. p. 176 und elend. 
1854. 8. 203) und Blasius (Fauna der Wirbelthiere 
Beutschi. Bd. I. S. 493) entschieden sich ebenfalls für 
die Identität des europäisch : asiatischen und amerika- 
nischen Bisons. Dass übrigens« der Caucasische vom 
Bialowiezer nicht verschieden sei, wurde von Hrn. 
v. Baer (Bull. sc. d. VAcad. Imp. d. sc. d. St.-Pétersb. 
T. I. [1836] p. 155) und mir (Bull. d. not. d. Moscou 
1866. #. 252) umständlich nachgewiesen. Meine neuer- 
dings angestellten Untersuchungen der von A. Goe- 
bel aus Persien von Madgarah (Aderbeidjan) mitge- 
brachten fossilen Säugethierreste weisen übrigens dar- 
auf hin, dass das frühere Wohngebiet des Bonasus bis 
in die Gegend des Urmiasees auszudehnen sei. Sie 
geben aber gleichzeitig meinen Ansichten über seine 
auch auf Kleinasien, also vom Kaukasus in westlicher 
Richtung, auszudehnende frühere Verbreitung (Zoogeo- 
graph, undpalaeontol. Beitr. S. 130) einen neuen Stütz- 
punkt und machen es noch wahrscheinlicher, dass die 
dort erwähnte, von den assyrischen Königen gejagte, 
grosse Stierart der Bos bonasus gewesen sein dürfte. 

Bereits Pander und Sembnitzki führen Rinder- 
reste aus den altaischen Höhlen als einem Bos ange- 
hörige auf, ohne aber die Art anzugeben, welcher die- 
selben zu vindiziren sind. 

Rathke (Nouv. Mém. d. nat. d. Moscou T. Ill p. 
275) führt unter der Rubrik Bos fünfzehn aus den 
altaischen Höhlen erhaltene Knochenr*este auf und be- 



— 405 — 

merkt, dass die unter M 7 — 15 angegebenen Kno- 
chenstücke einer Rinderart angehörten, die bedeutend 
grösser als der Bos Urus und unser zahmes Rindvieh 
war, die Reste seien daher vielleicht vom B.primigenius. 
Er fügt dann hinzu, am Altai hätten in der Vorwelt 
wahrscheinlich zwei ganz verschiedene Rinderarten 
gelebt, ohne jedoch dabei den sogenannten Bos priscus 
seu latifrons gehörig in Betracht zu ziehen, der eben- 
falls viel grösser war, als sein jetzt lebender Nach- 
komme. 

G. Fischer, der (a. a. 0. p. 294) vier aus den 
chancharischen Höhlen stammende Knochenreste der 
Gattung Bos vindizirt, deutet darauf hin, dass sie sei- 
nem Bos latifrons angehören könnten, denn er be- 
merkt: die fossilen Knochen desselben seien in Sibi- 
rien nicht selten. 

Eichwald (LetJi. III. p. 377) sagt: die Reste des 
Bos priscus (den er von Bos urus = bonasus unter- 
scheidet) fänden sich in den altaischen Höhlen. 

Im Museum des Berginstitutes werden eine Menge 
Reste aufbewahrt, die ich der in Sibirien durch fos- 
sile, sehr zahlreiche, Reste documentirten altern Form 
des B.os bonasus (dem sogenannten Bos priscus Bojan. 
seu latifrons Fisch.) vindizire, weil sie mit den ihnen ent- 
sprechenden Theilen der noch lebenden Form des Bos 
bonasus (Bos urus auct.) morphologisch im Wesentlichen 
übereinstimmen, obgleich manche auf w T eit grössere 
Individuen hindeuten. Sie bestehen aus mehrern Un- 
terkieferbruchstücken von verschiedener Grösse, denen 
noch Backenzähne (meist hintere) eingefügt sind. Die 
Bruchstücke gehörten theils grössern, theils kleinern 



— 406 — 

Individuen an. Ausser diesen Fragmenten 11 ) besitzt das 
genannte Museum viele einzelne Backenzähne des Un- 
terkiefers nebst einem Backenzahn des Oberkiefers, 
ferner einen siebenten Halswirbel nebst fünf Knochen 
der vordem und fünfzehn Knochen der hintern Ex- 
tremitäten. Im Museum der Akademie sind nur vier 
Backenzähne des Unterkiefers vorhanden, welche das- 
selbe Hrn. v. Helmersen verdankt. 

Die voluminösen der Fragmente des Bison , na- 
mentlich die so ansehnlichen, sehr stark gerippten, 
Backenzähne weisen ganz entschieden auf Individuen 
hin, die grösser waren als die grössten Exemplare des 
noch lebenden Bison. Da indessen, wie wir bei den 
Edelhirschen und Rehen bemerkten , die Arten an 
Grösse bedeutend abnehmen können, so dürften auch 
die Bisonten hierin keine Ausnahme gemacht haben. 
— Auffallend war mir, dass bei den altaischen Backen- 
zähnen des Bisons der hinterste Bakenzahn des Un- 
terkiefers am hintern Saume breiter und zugerundet 
erscheint, während er beim lebenden Bison compri- 
mât ist und mit einer ziemlich scharfen Kante endet; 
ein Umstand, der noch nähere Nachforschungen ver- 
dienen möchte. 

Subg. B. Taurus. 

Spec. 33. Bos Taurus var. fossilis v. Baer. 

Bos primigenius Bojan. — Bos longifrons Ow. = Bo- 
vis tauri var. cultaRütim. Dawk. — Bos frontosus 
Nils. = Bovis tauri var. culta Rütim. Dawk. — 



14) Unter den Bruchstücken des Unterkiefers besitzt eins der- 
selben an der Aussenfläche eine innen vertiefte und rauhe Auftrei- 
bung, die ganz deutlich auf eine cariöse Affection des fraglichen 
Knochens hinweist. 



— 407 — 

Bos trochoceros H. v. Meyer. = Bovis tauri var. 
culta Rütim. 

Schon Rathke (Nouv. Mêm. d. nat. d. Moscou. 
T. III. p. 275) war geneigt, drei Backenzähne, zwei 
halbe Metacarpialknochen, 2 1 / 2 Metatarsalknochen, die 
zweite Phalanx eines Vorderfusses, einen Oberschen- 
kel, vier halbe Schienbeine, zwei Talus und einen Wir- 
bel, wegen ihrer Grösse, dem Bos primigenius (d. h. 
der altern (fossilen) Form des Bos taurus) zu vindi- 
ziren. Eine solche Annahme kann man jedoch um so 
mehr in Zweifel ziehen, da hierbei nicht auf den als 
Bos priscus sen laüfrons Fisch, bezeichneten Bos bo- 
nasus (Bos urus aact.) Rücksicht genommen ist, des- 
sen Reste in Sibirien bis jetzt weit häufiger und ver- 
breiteter gefunden wurden als die des Bos primige- 
nius, ja die auch in den altaischen Höhlen, nach Maass- 
gabe der Sammlungen des Berginstitutes, in grösserer 
Zahl vorzukommen scheinen als die des Bos primige- 
nius. Indessen mögen unter den in der Dorpater Samm- 
lung befindlichen altaischen Höhlenresten allerdings 
noch die der eben genannten Art vorgefunden werden. 

Eichwald (Leih. III p. 372) schweigt über das 
Vorhandensein von Resten des Urstiers in den altai- 
schen Höhlen, wiewohl er das Vorkommen derselben 
im Altai und Ural erwähnt. 

Es ist nicht immer leicht, einzelne Reste des Bos 
taurus var. primigenius von denen des Bos bonasus 
var. priscus seu laüfrons mit völliger Bestimmtheit 
zu unterscheiden, wenn nicht Schädel und andere Ske- 
lettheile beider zur Vergleichung zu Gebote stehen, 
wie schon v. Nordmann mit Recht bemerkt. Ein 
trefflich erhaltener Schädel des Bos primigenius nebst 



— 408 — 

mehrern Skelettheilen aus Schottland, welche Stücke 
das Museum Hrn. v. Hamel verdankt, setzte mich 
indessen in den Stand folgende im Museum des Berg- 
institutes aufbewahrte, aus dem altaischen Höhlen stam- 
mende, Reste dem Bos primigenius mit Sicherheit zu 
vindiziren: 1) Zwei obere vorletzte Backenzähne der 
rechten Seite 2) drei vorletzte obere Backenzähne der 
linken Seite und 3) ein Os metacarpi des linken Fusses. 
Zur Bestätigung der Annahme, dass Bos taurus 
sylvestris = primigenius noch in historischer Zeit in 
Polen vor 466 Jahren im Parke zu Troki lebte, möge 
die bisher übersehene, auch in meinen Zoogeographi- 
schen Beiträgen fehlende, Mittheilung eines flandrischen 
Ritters Gilbert de Lannoy (Ausg. von Lelewel in 
dessen Bozbori Posndn 1844 p. 382) hier Platz finden, 
welche ich der Güte meines Collegen Kunik ver- 
danke. In der Mittheilung heisst es nämlich, dass sich 
im genannten Parke zweierlei wilde Ochsen boeuß 
sauvaiges (Bos primigenius) und Wesselz (Wisents-Bos 
bonasus) fanden. Herberstain's, von Pusch so an- 
gefochtene, von Hrn. v. Baer und mir aber umständ- 
lich (Zoogeogr. und palaeont. Beitr. 8. 186) verth ei- 
digte, Angaben erhalten dadurch einen neuen, uner- 
warteten Stützpunkt. 

In dem von Pander und Sembnitzki verfassten, 
oft erwähnten, Verzeichnisse der aus den altaischen 
Höhlen gewonnenen, im Berginstitut aufbewahrten, 
Säugethierreste ist von einem Oberkieferfragment der 
rechten Seite die Rede, welches einem jungen Thier 
angehörte, das sich angeblich dem Lama näherte. Ich 



— 409 — 

habe indessen ein solches, einem lamaähnlichen Thier 
zu vindizirendes, Fragment unter dem altaischen Höh- 
lenresten durchaus nicht auffinden können. Knochen 
von Thieren, die den echten Lama's sich näherten, 
sind bisher weder in Asien, noch in Europa gefunden 
worden und überhaupt in den genannten Welttheilen 
sicherlich nicht zu erwarten. Vielleicht wurden die ge- 
nannten Forscher durch die von Bojanus irrthümlich 
(s. Eichw 3l\ à Leth. III p. 865) einer besondern cameel- 
artigen Gattung (Merycotherium) vindizirten, in Si- 
birien gefundenen, Dromedarreste (zwei Backenzähne) 
dazu bestimmt, an die eines lamaartigen Thieres zu 
denken. Die Letkaea rossica schweigt übrigens mit 
Becht über das Vorkommen von Besten eines lama- 
artigen Thieres in Bussland. 

ORDO PACHYDERMÄTA. 
Familia Equida. 

23. Genus Equus Linn. 

Spec. 34. Equus Caballus Linn. 
Pallas (Zoograph. I. p. 260) berichtet, dass wilde 
Pferde, die er als ß equiferi näher charakterisirt, sich 
in kleinen Heerden in den Steppen der grossen Tata- 
rei und Mongolei und vom Dnieper bis zum Altai, 
so wie in Centralasien fänden, denen sich entlaufene, 
zahme Pferde zugesellten. — Eversmann in seiner, 
in russischer Sprache verfassten, Naturgeschichte des 
Orenburger Gouvernements, Th. II, 1850 p. 215, 
führt das wilde Pferd nach Pallas als Equus equife- 
rus var. ß auf, liefert eine kurze Beschreibung dessel- 
ben und bemerkt, dass sich wilde Pferde heerdenweis 
in den Steppen östlich vom caspischen Meere, dann 

Mélanges biologiques. VII. 52 



— 410 — 

in den südlichen uralischen und wolgaschen Steppen 
bis Saratow fänden. — Blasius und Keyserling 
(Wirbelth. Europa' s p. Ill) sagen vom Pferd: Wild in 
den Steppen Osteuropa's und Mittel- Asiens. — Bla- 
sius (Fauna der Wirbelth. Deutscht. I. 503) betrachtet 
das wilde Pferd ebenfalls noch als lebend und be- 
schreibt es nach den Angaben von Pallas. — Hr. Gr. 
Gzapski (Sitzungsberichte der Dorpat er Natur for sehen- 
den Gesellschaft, Sitzung am 14. Nov. 1869. Dorpat 
1869. 8.) sagt p. 29: ob es überhaupt noch jetzt echte 
wilde, nie zahm gewesene, Pferde gäbe ist sehr unge- 
wiss. Auf der folgenden Seite lesen wir von ihm fol- 
gende Bemerkungen. «Tataren und Kirgisen behaup- 
ten die Echtheit ihres wilden Zustandes und unter- 
scheiden sie als Tarpan von den verwilderten, die sie 
Muzin oder Takja nennen. Asiatische Völker sind der 
Meinung, dass ganz reine Tarpanen äusserst selten 
wären, dass sie kaum noch auf kleinen Gebieten am 
Karakum, am Flusse Tom und in den Einöden der 
Mongolei oder der Wüste Gobi vorkommen. — Er be- 
merkt dann, dass von den grossen Pferdeheerden der 
Steppenvölker leicht welche entlaufen und verwildern 
könnten.» Es ist dies allerdings überhaupt häufig ge- 
schehen und geschieht noch jetzt. Ich möchte jedoch 
deshalb nicht der Ansicht des Hrn. Gr. Czapski 
(S. 32) beitreten, alle wilde Pferde Europa's könn- 
ten wohl ihr Herkommen auf verwilderte zurückfüh- 
ren lassen, weil sie, wie er freilich nur andeutet, auf 
die Wälder zurückgedrängt wurden, da sich dies aus 
einer durch die Cultur der Ebenen erzwungenen Ac- 
commodation erklären lässt. Hr. Gr. Czapski sagt 
übrigens (S.-30): die Ansicht, welche den Tarpan als 



— 411 — 

Stammvater der Hauspferderacen ansah, sei in neurer 
Zeit sehr stark in Misskredit gerathen. Erwägt man 
jedoch, dass die Tarpans in freier Natur mit entlau- 
fenen Hauspferden sich ohne Zwang vermischen, wor- 
aus eine fruchtbare Generation hervorgeht, so darf 
man wohl annehmen, der Tarpan und das Hauspferd 
gehörten derselben Art an. Gr. Czapski (S. 31) führt 
allerdings an, dass alle Berichte, die er vor Augen 
gehabt habe, von keiner mit vollständigem Erfolg 
gekrönten Zähmung des polnischen wilden Pferdes 
sprechen, und Petzhold (ebd. S. 34) erzählte, der 
Deutsche Colonist Cornis habe ein wildes Fohlen ge- 
habt, dass sich nicht zähmen Hess. Bedenkt man in- 
dessen, dass es auch unter den zahmen Pferden tücki- 
sche genug giebt, die sich nur von sehr geschickten 
Händen leiten lassen, so kann man wohl auf die er- 
wähnten, ungünstigen Zähmungsversuche wenig Ge- 
wicht legen. Selbst wenn man aber auch einräumt, 
die Zähmung der wilden Pferde (Tarpans) sei eine 
sehr schwierige, erst bei der zweiten oder dritten 
Generation durch besondere Kunstgriffe und zweck- 
mässige Behandlung erreichbare, gewesen, so dürfte 
man doch um so weniger an die Möglichkeit der Zäh- 
mung des klügern, bei guter Behandlung sich an den 
Menschen anschliessenden, Pferdes, zweifeln, als selbst 
die des störrigern, dümmern Rindes (Bos taurus syl- 
vestris) vollständig gelang. Zähmt man denn nicht 
selbst Elephanten , ja sogar Hyänen , Löwen und 
Tiger? 

Trotz aller Bemühungen habe ich mir aus jenen 
Gegenden, wo es wilde Pferde geben soll, weder ein 
Fell derselben, noch eine zuverlässige Kunde von ih- 



— 412 — 

rêr noch gegenwärtigen, dortigen Existenz verschaffen 
können. Ein angeblich von wilden abstammendes Exem- 
plar, welches das Zoologische Museum lebend als Tar- 
pan erhielt, glich sehr einem Ponny, war ziemlich zahm 
und zeigte weder die Farbe noch andere namhafte Kenn- 
zeichen der wilden Race. Ich möchte daher auch mei- 
nerseits die Frage noch für eine offene halten, ob die 
von Pallas und Ever s mann beschriebenen sogenann- 
ten equiferi für echte wilde Pferde zu halten seien, 
oder ob man ihren Ursprung von entlaufenen und ver- 
wilderten zahmen herzuleiten habe? Schon Oken (Na- 
turgesch. Zool. Bd.IV.AUh. 2. S. 1238) sagt: die von 
Pallas in seiner Reise im südlichen Russland erwähn- 
ten wilden Pferde scheinen verwilderte oder Hemioni 
zu sein. 

Dass indessen in mehreren Gegenden Europa's in 
historischen Zeiten wilde Pferde wirklich noch exis- 
tirten, dürfte aus mehrern Zeugnissen hervorgehen. 

Bereits Herodot (Hist. L. IV. (Melpomene) ed. 
Schiveighäuser 52) sagt vom Hypanis (dem Bug): er 
entspringt in Skythien aus einem See, um welchen 
wilde, weisse Pferde weideten 15 ). — Plinius (H. N. 
VIII. cap. XVI ed. Harduinus) spricht von den gros- 
sen Heerden wilder Pferde in den nördlichen Län- 
dern. — Nach Varro (De re rust. II, i, 5) lebten in 
einigen Gegenden Hispaniens (Hispaniae citerions) 



15) Die von Eichwald (Leth III p. 363) als Beleg für die ge- 
schichtliche Thatsache, dass es in Sarmatien und Skythien wilde 
Pferde gegeben habe, angeführte Stelle des Strabo (Geogr. IV. 
Cap. IV. § 8) sagt nur: die Sarmaten und Skythen jagten Hirsche, 
Wildschweine, Onagri und Dorcades. Unter Onagri waren aber wohl 
die mit Gazellen vorkommenden Hemioni gemeint, die wohl, mit 
der Saiga, früher mehr nach Westen verbreitet waren. 



— 413 — 

wilde Pferde. Auch Strabo (Geogr. III. 4. ed. Cas. 
p. 163) erwähnt, dass es in Spanien zahlreiche wilde 
Pferde gäbe, was Manche bezweifeln, und erzählt(7F. ed. 
Gas. ~207) von wilden Pferden in den Alpen, — Rü ti- 
ra ey er fand indessen {Faun. d. Pfahlb. p. 123) unter 
den Knochenresten der Pfahlbauten Pferdereste nicht 
häufig, und nur in den neuern Bauten. 

Die letzte bekannte Erwähnung des wilden Pferdes 
in Deutschland geschah im achten Jahrhundert in ei- 
nem Schreiben des Pabstes Gregor III an den Erz- 
bischof von Mainz, worin der Genuss des Pferdeflei- 
sches verKoten wird. (Czapski a. a, 0. S. 31.) 

Wladimir Wssewolodowitsch, gewöhnlich ge- 
nannt Wladimir Monomach, Fürst von Tscherni- 
gow von 1078 bis 1094, berichtet (wie mir mein 
Freund, Hr. Akademiker Kunik, gütigst mittheilt) 
in seinem Poutschenie, das man gewöhnlich, obgleich 
nicht ganz richtig, das Testament Monomach's nennt, 
unter andern Folgendes über seine Pferde- Jagden in 
der Lawrentischen Chronik (JlaBpeHTBeBCKaa JTetoiihcb 
Ct. IleTep6. 1846, CTp. 104): Und das that ich in 
Tschernigow: mit meinen Händen fesselte ich in den 
Wäldern 10 bis 20 wilde Pferde lebendig, und ausser- 
dem fing ich mit meinen Händen eben solche wilde 
Pferde auf der Jagd in der Ebene. 

Der Herzog Sobieslaw von Böhmen brachte (etwa 
1125) nach einem Kriegszuge aus Schlesien eine An- 
zahl wilder Pferde mit (Lenz Zoolog, d. alten Griechen 
u. Borner. 8. 202 Anm.) — Ein flandrischer Ritter Gil- 
bert de Lannoy kam im Jahre 1414, als er von 
Wilna nach Preussen zurückreiste, nach der Stadt 
Troki, worüber er (nach Kunik's gefälliger Mitthei- 



— 414 — 

lung) Folgendes berichtet (Ausgabe von Lelewel in 
dessen Bozbiory Posnän 1844 p. 382). «En la dite 
ville de Francquenne (Troki) y a ung parcq enclos, 
ouquel sont de toutes manières de bestes sauvaiges 
et de venoisons dont on peut finer es forets et mar- 
ches de par de la, et sont les aucunes, comme boeufz 
sauvaiges nommez ouroflz (Bos taurus sylvestris), et 
autres en y a comme grans chevaulz nommes wesselz, 
(wisents? Bos bonasus), et autres nommes hellent, et 
il y a chevaulz sauvaiges, ours, porcs, cerfz et toutes 
manières de sauvegines. — Brincken (Mémoire de- 
scriptif, sur h forêt de Bialoivieza. Varsov. 1828 p. 49) 
meint: Das wilde Pferd habe noch vor einem Jahr- 
hundert den Bialowiezer Wald bewohnt und sei noch 
vor 40 Jahren in Lithauen, jedoch selten, angetroffen 
worden. Mehrere Schriftsteller des Mittelalters (Her- 
berstain(1516-17),Miechov undStella erwähnen 
der wilden Pferde Polens, Lithauens und Preussens. 
Gratian de Burgo spricht (1695) von wilden Pfer- 
den in einem Parke des Herzogs Albrecht von Preus- 
sen. — Gr. Czapski (a. a. O.p. 33) fügt den genann- 
ten Berichterstattern über wilde Pferde Polens noch 
Rugieri (Relation 1568), den venetianischen Orator 
Lip oman (Relation von 1675), das im 17. Jahrhun- 
dert verbesserte Statut Litewski und Tadeusz 
Czaki (aus dem 19. Jahrhundert) hinzu. 

Die letzten Reste der lithauischen wilden Pferde 
sollen nach Brincken in einem Parke des Grafen Zo- 
moyski gewesen sein, von wo man sie, etwa 1808, 
entfernte und an die Bauern verschenkte. 

Die heidnischen Preussen sollen wilde Pferde ge- 
habt haben. — In zwei Mandaten des Herzogs AI- 



— 415 — 

brecht vom Jahr 1543 und 1546 ist von wilden Pfer- 
den die Rede (Neue Preuss. Provinzialblätter Bd. IV. 
1847). Thomas Rantzow (1532 — 1542) gedenkt 
der wilden Pferde noch genauer und bezeichnet die 
Uckermärker Heide als ihren , wie es scheint nur 
noch einzigen, damaligen, Aufenthalt (Lenz Zoologie 
d. alten Griechen u. Römer p. 202 Anm.). — Hr. von 
Baer bemerkte bei Gelegenheit des Vortrages des Hrn. 
Gr. Czapski, dass im 16. Jahrhundert (wie preussi- 
sche Akten es bezeugen) das wilde Pferd noch ein 
jagdbares Thier war. 

Bock (Natur gesch. Ost- und Westpreussens Bd. IV. 
S. 211) läugnet indessen das frühere Vorkommen wil- 
der Pferde in Preussen, ohne jedoch genügende Gründe 
für seine Meinung anzuführen. 

Auf den dänischen Inseln sollen noch im fünfzehn- 
ten Jahrhundert wilde Pferde existirt haben (Lenz, 
a. a. 0.). 

Das frühere Vorkommen des wilden Pferdes im 
südlichen europäischen Russland bezeugen die in Bess- 
arabien v. Nordmann (Palaeontol. Südrusl. p. 171) 
entdeckten Reste desselben, dann der von Eichwald 
(Leth. III. p. 363) in Podolien beobachtete grosse, 
fossile Pferdeschädel. Die von demselben Naturfor- 
scher (siehe ebend.) in einem Kalktuff am nördlichen 
Abhänge des Caucasus, bei Kislowodsk, gefundenen 
Kiefer lassen sich ebenfalls auf das frühere dortige 
Vorhandensein wilder Pferde beziehen. 

Das durch Ad. Goebel's Sammlung nachgewiesene 
Vorkommen von Pferderesten bei Maragha, in der 
Persischen Provinz Aderbeidjan, gleichzeitig mit Re- 
sten des Bos (Bison) bonasus, Cervus elaphus und RM- 



— 416 — 

noceros tichorhinus scheint übrigens anzudeuten, dass 
früher einmal (wohl zur Eisperiode) wilde Pferde noch 
südlicher als am Caucasus vorhanden waren, ja mög- 
licherweise dort schon sehr früh gezähmt wurden, da 
schon die alten Assyrier Pferde besassen. (Vgl. meine 
dem Naturforscher -Verein zu Riga gewidmete Fest- 
schrift: Ueber die von Ad. Goebel hei Maragha gefun- 
denen Säugethier reste. Eiga 1870. 4.) 

Für die ehemalige, auf Nordasien ausgedehnte, Ver- 
breitung des Pferdes spricht das Vorkommen seiner 
Reste im Ural, im goldführenden Sande (Verneuil, 
Annal, d. Sc. géol. 1842. no. 1. p. 17). Nach Karpins- 
ki (Eichw. Leth. III. p. 363) würden sie sich frei- 
lich dort nicht im Goldsande selbst, sondern in dem 
über ihm liegenden Torfe finden. 

Den uralischen Resten schliessen sich die in den 
altaischen Höhlen gefundenen an. 

Merkwürdig ist es, dass in dem an Elenen und 
Hirschen so reichen, mit grossen Prärien versehenen, 
Amurlande weder L. v. Schrenk, noch G. Radde 
Spuren wilder Pferde fanden, ebenso wie keine von 
wilden Rindern. 

In dem von Pander und Sembnitzki entworfe- 
nen Verzeichnisse der tscharyscher und chanchari- 
sehen Höhlenreste werden 11 Knochen aufgeführt, 
welche sie als Theile der Gattung Equus ansahen, ohne 
jedoch dieselben einer bestimmten Art von Pferden 
zuzuschreiben. 

Selbst Rathke (Nouv. Mém. d. nat. d. Moscou T. III. 
p. 273) und Fischer {ebd. p. 298) sprechen nur von 
den in den altaischen Höhlen gefundenen Resten eines 
Equus im Allgemeinen. 



— 417 — 

Backenzähne von Equus, die Rathke aus den ge- 
nannten Höhlen durch Gebier erhielt, deuten auf 
Individuen mittlerer Statur. Die Leisten der äus- 
sern Fläche derselben waren jedoch stärker als bei 
den jetzigen Pferden. Ausser Zähnen erwähnt er eines 
linken Talus, eines kleinern Talus, zweier Metacar- 
pialknochen des rechten Vorderfusses, eines Metatar- 
salknochens des linken Hinterfusses, eines untern Ge- 
lenksstückes, eines Metatarsus und Metacarpus, der 
untern Hälfte der linken Tibia und der obersten Pha- 
lanx des Hinterfusses. — G. Fischer v. Waldheim 
{ebd. p. 298) erhielt aus derselben Höhle mehrere 
Zähne, die sich durch ihre Länge, so wie ebenfalls 
durch starke Rippen auszeichnen. 

Eichwald (Lethaea III. p. 362) weist die frag- 
lichen Reste der tscharyscher und chancharischen 
Höhlen dem Equus cdballus zu, worin ich ihm nur 
beistimmen kann. Ich möchte jedoch von keinem 
Equus cabdllus fossilis sprechen , da ich sie von den 
entsprechenden Theilen des lebenden, gezähmten Pfer- 
des im Wesentlichen nicht zu unterscheiden vermag. 
Ich glaube indessen doch , dass wenigstens ein Theil 
derselben, namentlich die schlecht erhaltenen, der 
wilden Race des Equus cdballus zu vindiciren sei, da 
mit denselben ähnlich erhaltene Reste des Bos (Bison) 
bonasuSj Bos taurus var. primigenius, BMnoceros ticho- 
rliinus, Elephas mamonteus und des Gervus eyryceros 
gefunden wurden. 

Das Akademische Museum besitzt aus den frag- 
lichen Höhlen durch Hrn. v. Helmersen neunund- 
zwanzig Backenzähne des Oberkiefers und achtzehn 

Mélanges biologiques VIL . 53 



— 418 — 

Backenzähne des Unterkiefers nebst einem Astra- 
galus. 

Eine bei weitem grössere Zahl dem Eqims cdballus 
angehöriger, altaischer Höhlenknochen von namhafte- 
rer Bedeutung wird im Museum dos Kaiserlichen 
Berginstitutes aufbewahrt. Es sind dies folgende 
Stücke : 

1) Ein Theil des Gaumens und des Oberkiefers der 
rechten Seite mit einsitzendem dritten bis fünften 
Backenzahn eines grossen Individuums. 2) Ein Bruch- 
stück des vordem Endes der rechten Unterkiefer- 
hälfte mit drei Schneidezähnen, einem kleinern Thier 
angehörig. 3) Ein Bruchstück des Unterkiefers der- 
selben Seite mit dem dritten und vierten Backenzahn, 
einem noch kleinen Individuum angehörig. 4) Ein 
Bruchstück des Oberkiefers der rechten Seite mit dem 
dritten und vierten Backenzahn. 5) Ein Oberkiefer- 
Fragment der rechten Seite mit dem vierten Backen- 
zahn. 6) Ein Oberkiefer -Fragment der linken Seite 
mit dem vorletzten Backenzahn. 7) Drei Schneidezähne. 

8) Der erste obere Backenzahn der rechten Seite. 

9) Drei Exemplare des zweiten Backenzahns derselben 
Seite. 10) Drei Exemplare des vierten obern Backen- 
zahnes derselben Seite. 11) Drei Exemplare des vor- 
letzten obern Backenzahnes derselben Seite. 12) Zwei 
Exemplare des ersten obern Backenzahnes der linken 
Seite. 1 3) Drei Exemplare des zweiten obern Backen- 
zahnes der linken Seite. 14) Fünf Exemplare des 
dritten obern Backenzahnes derselben Seite. 15) Fünf 
Exemplare des vierten obern Backenzahnes derselben 
Seite. 1 6) Sieben Exemplare des fünften obern Backen- 
zahnes der linken Seite. 17) Ein Exemplar des sech- 



— 419 — 

sten Backenzahnes. 18) Ein fünfter rechter Backen- 
zahn des Unterkiefers. 19) Zwei Exemplare des letz- 
ten Backenzahnes des Unterkiefers der rechten Seite. 
20) Der dritte Backenzahn des Unterkiefers der lin- 
ken Seite. 21) Der vierte Backenzahn des Unterkie- 
fers derselben Seite. 22) Der sechste Backenzahn des 
Unterkiefers derselben Seite. 23) Ein Halswirbel- 
Fragment. 24) Ein Carpialknochen der zweiten Reihe. 
25) Die erste Phalanx der Zehe des rechten Vorder- 
fusses. 26) Zwei Exemplare der zweiten Zehe des 
linken Hinterfusses. 27) Zwei Exemplare der Phalanx 
des rechten Hinterfusses. 28) Ein Fragment einer 
Tibia und endlich 29) Drei Metatarsalknochen des 
rechten Hinterfusses 16 ). 

Familia Suida. 

24. Genas Sus Linn. e. p. 

Spec. 35. Sas scrofa Linn. 

Wie Gebier (Katunisches Gebirge S. 78.) bemerkt, 
gab es früher an den Nordabhängen des Altai, nament- 
lich an den Ufern und Seen der Buchtarma nicht selten 
wilde Schweine, die aber (wie der Biber) nach und 
nach ausgerottet wurden. Auf der Nordseite des 
Altai, an der Muita, soll 1832 das Letzte erlegt wor- 
den sein. Am Südabhange des Altai kommen sie da- 
gegen noch jetzt vor. Sie wurden indessen nicht blos 
am Nordabhange des Altai, sondern auch in manchen 



16) Dass so manche dieser Reste, namentlich die am besten con- 
servirten, glänzenden, festen, gezähmten Individuen ihren Ursprung 
verdanken mögen, dürfte wohl nicht abzuläugnen sein. Der oben 
angeführte Humerus der Ovis domestica (Spec. 31) weist deutlich auf 
ein gezähmtes Thier hin und zeigt, dass auch Reste gezähmter Thiere 
aus den Höhlen nicht ausgeschlossen waren. 



— 420 — 

andern Provinzen Russlands, so in Curland u. s. w. 
ebenfalls vertilgt. Überhaupt sind sie im Europäischen 
Russland bis zum Ural schon viel seltener geworden 
und werden weit 4usularischer als ehedem ange- 
troffen. 

Im Museum des Berginstitutes findet sich nur, ein 
einziger, aus den altaischen Höhlen stammender, 
junger, hinterster Backenzahn des Oberkiefers des 
Schweins als einziges Belegstück, dass dasselbe zu 
den Thieren gehört, deren Reste in den altaischen 
Höhlen abgelagert sind. 

Familia Rhinoeevotida. 

25. Genus Rhinoceros Linn. 

Spec. 36. Bhinoceros tichorJiinus G. Fischer. 

Wie bekannt, zählt man Bhinoceros tichorJiinus zu 
denjenigen Säugethieren der jüngeren Tertiärzeit, de- 
ren Reste seither von Frankreich und England bis 
Sibirien, und in Asien nicht blos, wie man bereits 
früher wusste, bis zum Gaspischen Meere, sondern 
nach Maassgabe von Ad. Göbel mitgebrachter Reste 
südlich bis Persien (Aderbeidjan) sich fanden. Dass 
Bhinoceros tichorhinus mit seinem steten Begleiter, dem 
Mammuth, den Norden Sibiriens bewohnte, als er be- 
reits eine der jetzigen gleiche Vegetation hatte, be- 
weisen die von mir in den Höhlen seiner Backenzähne 
gefundenen Futterreste 17 ) (Bericht ü. cl. z. Bekannt- 
machung geeigneten Abhandl. d. königl. Preuss. Aka- 
demie d. Wissensch. a. d. Jahre 1846, S. 224 ff.), so- 



17) Ausführliche Mittheilungen über diese Futterreste werde ich 
nächstens, hauptsächlich auf Grundlage von mikroskopischen Un- 
tersuchungen C. A. Meyer's und Mercklin's, veröffentlichen. 



— 421 — 

wie die neuerdings von F. Schmidt in gleicher Süss- 
wasser- Schicht mit Hautstücken, Haaren und Kno- 
chen des Mammuth aufgefundenen, noch jetzt in Nord- 
sibirien wachsenden Pflanzen (Salices, Lärchentannen) 
angehörigen Überbleibsel {Bull. sc. d, I. Acad. Imp. 
d. Sc. d. St.-Péterb. T. XIII. [1868] und Mélang.Uol. 
T. VI. [1868] p. 679). Die am Wilui noch mit unver- 
sehrter, sogar noch mit Haaren bedeckter, Haut im ge- 
frornen Boden gefundene, daher sicher gar nicht, oder 
wenigstens nicht weit, verschwemmte Leiche des Rhi- 
noceros deutet aber daraufhin, dass das Thier, welchem 
sie angehörte, nicht blos einfror, sondern sich im ge- 
frornen Zustande mindestens mehrere Jahrtausende 18 ) 
erhalten konnte, keineswegs in einem warmen, jedoch 
milderen Klima lebte, da, wie wir durch Ruprecht 
und F. Schmidt wissen, dass die Waldgrenze und be- 
sonders auch die Strauchvegetation in Nordosteuropa 
und Nordasien früher viel weiter nach Norden gingen 
als jetzt 19 ). 



18) Wenn ich von mindestens mehreren Jahrtausenden spreche, 
so stütze ich mich darauf, dass bei deu Einwohnern Sibiriens sich 
nicht die geringste, selbst dunkle, Kunde von früher dort heimi- 
schen Nashörnern erhalten hat, ja dass sogar schon Herodot die 
Sage mittheilt, dass im Lande derArimaspen (am Ural) das Gold von 
grossen Vögeln (Geiern) bewacht würde, zu welcher offenbar die in 
den dortigen Goldlagern vorkommenden, für Vögelknochen gehalte- 
nen, wohl weil vorn schnabelförmigen, Schädel, so wie die eben- 
daselbst gefundenen krallenähnlichen Hörn er des Rh. tichorhinus 
Anlass gaben. 

19) Wer unbefangen erwägt, dass zahlreiche Reste des Rhino- 
ceros tichorhinus, des Begleiters des Mammuth, im Norden Sibiriens, 
sogar selbst an der Jana, Indigirka, im Lande der Jukagiren u. 's. w. 
vorkommen, dann dass die Futterreste aus der Tiefe der kapsel- 
artigen Höhlungen der Backenzähne herausgeholt wurden, wer fer- 
ner mit ungetrübtem, kritischen Urtheil die neuern Mittheilungen 
über die Umstände beachtet unter denen Schmidt die Reste der 



— 422 — 

Vergleicht man die aus reichen langen Woll- und 
Steifhaaren gebildete Haardecke des Mammuth, eben- 
so wie die des Ovïbos moschatus, des Bos bonasus und 
des Renthiers, der früheren Begleiter des Rhinoceros 
tichorhinus, mit dem nur aus büschelständigen, 1 — 1 Y 2 ", 
also massig langen, Steif haaren bestehenden Haarkleide 
des letztern, so sollte man fast meinen: Rhinoceros ti- 
chorhinus sei für ein weniger nördliches Clima geschaf- 
fen gewesen als seine Begleiter, worauf auch schon 
Eichwald (Leth. III. p. 359) hindeutet, der freilich 
die Länge der Nashornhaare viel zu kurz angiebt. 
Es fehlen indessen bis jetzt für eine solche Annahme 
die nöthigen Anhaltungspunkte. Die Mammuthleichen, 
von denen man bisher nähere Kunde hat, wurden 
allerdings nördlicher als die erwähnte Nashornleiche 
angetroffen. Man findet jedoch auch in sehr nördlichen 
Gegenden Sibiriens Skelettheile des Rhinoceros ticho- 
rhinus. Möglicherweise konnte indessen auch das 
durch sein dünneres Haarkleid weniger als seine oben 

Mammuthl eiche fand, und was er über die frühere Waldgrenze Nord- 
sibiriens sagt (siehe unten Elephas primigenius), wird den oberfläch- 
lichen Angaben des Hrn. Eichwald (Lethaea III p. 359) über das 
frühere nordische Vaterland des büschelhaarigen Nashorns und die 
in den Backenzahnhöhlen des Kopfes der wiluischen Leiche von mir 
nachgewiesenen Futterreste (welche Beobachtung er als «vague» be- 
zeichnet) kein Gewicht beilegen können. Es wird ihm dies um so 
weniger möglich sein, wenn er noch dabei in Betracht zieht, dass 
Eichwald von den Bewohnern Sibiriens behauene, also unvollstän- 
dige, Hörner des Rhinoceros ticTiorliinus für normale ausgiebt und von 
den Haaren desselben Thieres sagt, sie seien: longs de 3 lignes sur 
les pieds et d'un peu moins sur la tête, während doch dieselben 
nach den Beobachtungen von Pallas, womit auch die meinigen 
übereinstimmen, 1 — iy 2 Zoll lang waren (s. meine Abhdl. De Ehi- 
nocerote ticliorhino Mém. d. VAcad. d. S.-Pétersb. VI série sc. nat. 
T. V. Cap. V. § 2 und meinen Aufsatz: Uebèr das HaarUeid des Eh. 
ticliorliinus, Bull, de VAcad. des sc. T. VII. 1870). — Wer ist es nun, 
der vage Beobachtungen mittheilt? 



— 423 — 

genannten Begleiter gegen Kälte geschützte, büschel- 
haarige Nashorn den Winter in südlichem Gegenden 
zubringen, oder besass, wie die Seehunde, in einer 
höheren Bluttemperatur und reichlicheren Fettmaasse, 
Ersatz für die dünnere Haardecke. 

Nach Maassgabe der weiten Verbreitung der Reste 
des büschelhaarigen Nashorns in Sibirien darf es uns 
keineswegs Wunder nehmen, wenn solche auch in den 
altaischen Höhlen gefunden wurden. 

Bereits Pander und Sembnitzki führen in ihrem 
Verzeichniss zwei Nashornzähne auf, die sie einer 
grossen, und einen dritten, den sie einer kleinern Art 
zuschreiben, ohne jedoch die Arten zu benennen. 

Rathke (a. a. 0. p. 272) fand unter den ihm vor- 
liegenden altaischen Höhlenknochen zwei Backenzähne, 
zwei Tali und einen Metaearpialknochen des Rhinoce- 
ros tichorhinns. 

Fischer v. Waldheim (Noiw. Mém. a. a. 0. 
p. 293) erhielt aus derselben Höhle fünf Backenzähne 
der erwähnten Nashornart. 

Das Akademische Museum besitzt durch Herrn 
v. Helmersen nur einen Backenzahn derselben. Sehr 
reich sind dagegen unter den aus den altaischen Höh- 
len gewonnenen Resten die des Rhinoceros tichorhinus 
im Museum des Berginstitutes vertreten. Es fanden 
sich jedoch darunter keine Zähne, welche, wie 
Sembnitzki undPander meinten, nachweislich zwei 
Arten, einer grössern und einer kleinern, zu vindi- 
ziren wären, obgleich Eichwald (LA^a III. p. 359), 
offenbar ohne die Zähne genau untersucht zu haben, 
ihnen irrigerweise beistimmt. Die Reste bestehen aus 
Backenzähnen des Ober- und Unterkiefers. — Von 



— 424 — 

Oberkieferzähnen sind neun von der rechten und eben- 
soviel von der linken Seite vorhanden, die Individuen 
von verschiedener Grösse angehörten. — Unterkiefer- 
backenzähne zählte ich sieben. — Ausserdem fand 
ich das dritte Glied der Mittelzehe des Vorderfusses, 
ein Fragment der linken Hälfte des Beckens mit der 
Pfanne eines grossen Individuums, einen Astragalus 
des rechten Fusses und einen Astragalus des linken 
Fusses, die aber beide nicht sehr wohl erhalten sind. 
Das Vorkommen von Resten einer, man darf wohl 
sagen, ursprünglich nordischen, Art in Aderbeidjan 
dürfte sich aber nur durch die Annahme erklären 
lassen, dass Rhinoceros ticliorliinus , als der Norden 
Asiens zur Eiszeit erkaltete, nicht blos nach West- 
europa, sondern auch mehr nach dem Süden Asiens 
(Persien) einwanderte, wo er mit Bos Bonasus, wie 
schon in Sibirien, zusammenlebte, denn auch Knochen 
dieser Rinderart fand ich unter den von Ad. Göbel 
mitgebrachten Säugethierresten. Gehören übrigens die 
bei Shangai gefundenen Elephantenzähne (Lockart, 
Athenaeum 1860 — 61, aus den Proceed, of geolog. So- 
ciety) wirklich dem Mammuth an, so würde der Fund- 
ort der Rhinoceroszähne in Aderbeidjan weniger auf- 
fallen, ja man würde auch Reste des Rhinoceros ticho- 
rJiinus in China erwarten können. 

Familia .Elephaiitida. 

26. Genus Elephas Linn. 

Spec. 37. Eleplias primigenius Blumenb. 

Das Mammuth (richtiger Main ont) gehörte bekannt- 
lich, wie das büschelhaarige Nashorn, zu den weit ver- 
breiteten Thieren, da man seine Reste von Spanien und 



— 425 — 

Apulien an nicht bios über ganz Europa, sondern auch 
in der ganzen Nordhälfte Asiens östlich bis Kamtschat- 
ka, südlich bis Shangai, ja selbst auf der Nordasien ge- 
genüber liegenden Küste Nordamerikas mehr oder we- 
niger häufig, oft sehr häufig, angetroffen hat. Die Mam- 
muthe haben jedoch, so viel wir wissen, nicht in allen 
der genannten Länder gleichzeitig gelebt, sondern er- 
schienen erst in den mittlem und südlichen Breiten, 
als von Norden gekommene Einwanderer, wie es scheint 
zur Eiszeit. Es fragt sich überdies noch, ob alle Reste, 
die man Elephas primigenius zugeschrieben hat, ihm 
allein angehören? 

Als Grundlage des echten E. primigenius darf wohl 
das von Adams mitgebrachte, früher von Tilesius 
geschilderte, neuerdings von mir (Bulletin sc. d.VAcad. 
Imp. d. sc. T. X. [186 6 J p. 93 ff. Mélang. biolog. T. V. 
p. 567) von neuem näher charakterisirte Skelet nebst 
den ihm noch anhängenden oder davon abgetrennten 
Hautbedeckungen angesehen w r erden 20 ). Unter den 



20) Die von Hrn. v. Baer verfassten Mittheilungen über das 
Mammuth (Bullet, de VAcaä. Imp. des sc. de St.-Pétersb. T. X. (1866) 
p. 230, Mélanges biölog. T. V. p. 645, Bullet. T. X. p. 513, Mélanges 
VI. p. 42) beziehen sich auf die Auffindung des angeblich am Tas- 
busen gefundenen Mammuth und enthalten Instructionen über die 
Bergung und die wissenschaftliche Wichtigkeit desselben, ferner 
über die Häufigkeit seiner Stosszähne in Sibirien, den Ursprung des 
Namens Mammuth, ausführliche- Angaben über bisher gefundene 
Mammuthleichen, Bemerkungen über die im Perigord entdeckte 
Abbildung des Mammuth und Mittheilungen Boltunow's über das 
akademische Mammuth, durch eine Copie der von Boltunow an 
Ort und Stelle gemachten Abbildung erläutert. — Meine eigenen 
Mittheilungen betreffen aber nicht blos die Morphologie, sondern 
auch die Biologie des Mammuth, und melden überdies (Bullet. X. 
p. 361, Mélanges p. 640) von einer an der Kolyma gefundenen (bis- 
her nur in einem russischen Journal von Schtschukin beschrie- 
benen) Mammuthleiche. 

Mélanges biologiques. VII. 54 



— 426 — 

Schädeln , welche das Museum der Akademie besitzt, 
befinden sich aber entschieden solche, die vom Schä- 
del des Adams'schen Mammuth abweichen, und die 
ich bereits früher besondern, später von mir ange- 
zweifelten, Arten zutheilte. Leider besitzt nur noch 
ein Schädel des erwähnten Museums, ausser dem des 
Adams'schen Skelets die für die Unterscheidung der 
Arten so wichtigen Backenzähne. Einzelne Backen- 
zähne bietet das genannte Museum in grosser Menge. 
Bei weitem nicht alle davon zeigen gleiche Schmelz- 
falten. Der Umstand, dass nicht alle sogenannten 
Backenzähne des Mammuth gleich gebildete Schmelz- 
falten zeigen, war es übrigens der schon früher G. 
Fischer und Eich w aid veranlasste, mehrere Arten 
mammuthartiger Elephanten anzunehmen. Ich beab- 
sichtige daher, die Artenfrage einer nochmaligen Un- 
tersuchung zu unterwerfen und die Resultate dersel- 
ben später mitzutheilen. 

Es darf jetzt als Thatsache angenommen werden, 
dass früher als die, wenn auch im höchsten Norden 
selbst nur aus niedrigen Lärchen (Larix sibirica) und 
Weiden (Salix retusa und glauca) gebildete, Waldvege- 
tation in Nordasien bis gegen den Eismeersaum sich 
erstreckte, dort mit dem Renthier, dem Moschus- 
ochsen (Ovibos moschatus), dem Rhinocéros tichorhinus 
und den Bos bonasus seu bison var.priscus auchMam- 
muthe vorkamen, wenn sie auch vielleicht, wie die 
Renthiere, die nördlichsten Gegenden nur als som- 
merliche Wanderer besuchten, da nachweislich die 
mehr oder weniger gut conservirten, im gefrorenen 
Boden eingeschlossenen, Leichen der Mammuthe an 
ihrem Fundorte oder nicht weit davon verendeten, 



— 427 — 

keineswegs aus dem fernen Süden nach Norden ge- 
schwemmt wurden. 

Eine solche Ansicht ist nicht gerade neu, da schon 
Adams, Cuvier, Link(Urwelt), Lyell, Murchison 
und Andere dieselbe Meinung hegten, sie wurde jedoch 
früher mehr als eine hypothetische, von Manchen da- 
her angezweifelte, betrachtet. Die bereits oben er- 
wähnte Entdeckung von Futterresten (Stückchen von 
Coniferen), welche ich bei Gelegenheit meiner ein- 
gehenden Untersuchungen über Bhinoceros ticliorhinus 
(Mém. d. VAcad. d. sc. d. St.-Pêtersb. VI. Sér.) in den 
Höhlen der Backenzähne des im Museum der Peters- 
burger Akademie aufbewahrten Kopfes der am Wilui 
gefundenen Nashornleiche machte (siehe oben), ver- 
anlassten mich, die Frage über die Heimath der bü- 
schelhaarigen Nashörner und Mammuthe, ebenso wie 
über den Ursprung ihrer im Norden Sibiriens aufge- 
fundenen Leichen in nähere Erwägung zu ziehen. Es 
geschah dies 1846 in dem, oben in meinen Bemer- 
kungen über Rhinoceros Uchorliinits bereits erwähnten, 
an Hrn. A. v. Humboldt gerichteten Sendschreiben. 
Ich betrachtete darin die Futterreste, die wohl erhal- 
tenen, theilweis sogar noch dicht mit Haaren besetzten, 
Hautreste derWi 1 ui'schenNashorn- und A d a m s'schen 
Mammuthleiche, namentlich auch die im hohen Nor- 
den theilweis in aufrechter Stellung gefundenen Ca- 
daver oderSkelete derselben, die nur an ihrem Fund- 
orte verendet sein konnten, als giltige Beweise für die 
Ansicht, dass die beiden genannten Thiere im früher 
wärmern Norden lebten, während ihre dort nicht 
selten im Schlamme der Flussufer versunkenen Leich- 
name einfroren, wiederholt mit später gefrierenden 



— 428 — 

Schlamm bedeckt wurden und mehr oder weniger 
wohl erhalten sich so lange conservirten, bis sie los- 
gespült wurden. Das Verschwemmtsein der mehr oder 
weniger wohl erhaltenen , aus dem gefrornen Boden 
Sibiriens losgespülten, Cadaver Hess ich theils gar 
nicht, theils nur für sehr geringe Strecken gelten. 

Hr. v. Midàendovïï (Reise 1.1.213), der im höhern 
Norden Sibiriens mit Treibholz, in der Nähe von Mee- 
resconchylien, ein von verwesten, in Erde verwandel- 
ten, Weichthieren noch theilweis umgebenes Mammuth- 
skelet fand, glaubte dadurch die älteste, bereits von 
Isbrand, Messerschmidt, Gmelin, Pallas u. A. 
angenommene, Theorie, dass alle Mammuthleichen aus 
dem Süden nach dem Norden Sibiriens geschwemmt 
seien , gegen die von mir vorgetragenen Ansichten 
stützen zu können, indem er gleichzeitig das der von 
ihm angenommenen Theorie völlig widersprechende 
Versinken der Mammuthe, namentlich in aufrechter 
Stellung, in Zweifel zog. Ich selbst sah mich daher 
veranlasst, in meinem Aufsatze: Zur Lebensgeschichtc 
des Mammuth (Bull, de VAcad. Imp. des sc. de St. 
Pêtersh. T. X. (1866) p. 598) auf meine Theorie zu» 
rückzukommen, während Alexander Brandt (Bullet, 
des natur. de Moscou 1867 n. 3) mit Hinweis auf die 
Naturgeschichte der indischen Elephanten, deren zu 
Zeiten in Schlamm versunkene Individuen sogar in 
den indischen Sprüchwörtern mehrmals erwähnt wer- 
den 2 ') (also keine seltene Erscheinung sind), das von 



21) Den bei Alexander Brandt erwähnten Angaben über das 
Versinken der Mammutlie ist übrigens noch hinzuzufügen, dass man 
in Russland bei Danilow im Gouvernement Yaroslaw ein Skelet des- 
desselben fand, dessen einer Fuss ganz aufrecht stand, Das Thier, 



— 429 — 

Mehrern erwähnte, von Midden dor ff angezweifelte, 
Vorkommen aufrecht stehender Leichen und Skelette 
des Mammuth vertheidigte. 

Aus dem Berichte, welchen Hr. Magister F. S ch m i d t 
der St. Petersburger Akademie über seine auf ihre 
Veranlassung zur Aufsuchung der angeblich vollstän- 
digen und am Tasbusen zu Tage getretenen, Mammuth- 
leiche (wovon Schmidt nur Trümmer fand) unternom- 
mene Reise abstattete (siehe Ball, de VAcad. Imp. des 
sc. de St.-Pétersb. T. XIII, und Mêlang. Uolog. T. VI. 
p. 655), geht übrigens klar hervor, dass seine an 
Resten (Hautstücken, Haaren und Knochen) des frag- 
lichen Mammuth, die sich noch im gefrornen, zur Zeit 
der Existenz der Mammuthe abgesetzten, Boden be- 
fanden , angestellten Untersuchungen die von mir an- 
genommene Theorie bestätigen, wiewohl er es unter- 
liess, meine darauf bezüglichen Arbeiten zu erwähnen. 
Die von Midden dor ff vertheidigte Theorie wird in- 
dessen von Schmidt nicht blos angeführt, sondern 
widerlegt. 

Da Schmidt's Untersuchung der fraglichen Mam- 
muthreste wesentliche, theils bestätigende, theils er- 
weiternde oder modificirende Stützpunkte für die von 
mir angenommene Theorie über das Vaterland und die 
Biologie des Mammuth, eben so wie für die Art der 
Entstehung seiner wohl conservirten Leichen im ho- 
hen Norden bietet; so möge es erlaubt sein, hier die 
wesentlichsten Daten aus seinem Berichte mitzu- 
theilen. 

Die Reste der Mammüthleiche wurden nicht, wie 

dem er angehörte, war also versunken. (Nouv. Journ. asiat. 1830 Nov.; 
Ferussac, Bullet, sc. nat. 1831 XXV. p. 161.) 



— 430 — 

<es in der Ankündigung derselben hiess, am Tasbusen, 
sondern an der obern Gyda am See Jambu, etwa 100 
Werst vo,m Jenissei in der Schlucht eines alten, von 
einem Arm des genannten Flusses durchströmten, See- 
beckens in einer gegen 5 Faden mächtigen Süsswas- 
serablagerung wahrgenommen . 

Der noch in seiner Lage im Boden befindliche Theil 
der Mammutlireste fand sich an der untern Grenze 
der fraglichen Schicht, gleich über einem marinen Thon 
unordentlich durch einander in einer hart gefrornen, 
drei Fuss mächtigen, Lehmschicht in horizontaler Lage. 
Um sie herum, zum Theil in geneigter Richtung, wa- 
ren dünne Schichten von Wassermoosen (Hypnum) ge- 
mischt mit Blättern von nordischen Weiden (Salix re- 
tusa var. rotundifolia und Salix glauca), die noch jetzt 
in der Umgebung vorkommen, und kleinen, zolldicken, 
3 — 4 Zoll langen, zum Theil platt gedrückten, theil- 
weis von Wurzeln herrührenden, Stückchen von Lär- 
chenholz (Larix nach Mercklin), welches letztere, da 
die Gyda früher ihr Flussgebiet nachweislich nicht weit 
nach Süden ausdehnte, nicht von dorther gekommen 
sein konnte. Schmidt meint daher, es sei plausibel, 
dass früher im Flussgebiet der Gyda verkrüppelte Lär- 
chen mit nordischen Weiden wuchsen. 

Auch der Theil der Süsswasserablagerung, welcher 
über der Schicht sich befand, worin die Mammuthre- 
ste lagen, bot zwei bis drei Zoll mächtige, getrennte, 
Hypnum und Salices enthaltende, Schichten. Ähnliche 
Mooslager mit eingeschwemmten Blättern und Zwei- 
gen von Weiden bilden sich übrigens noch jetzt all- 
jährlich an den Ufern der Tundraseen und werden im 
Frühling von neuen Lehmlagern bedeckt. 



— 431 — 

Die unter Schmidt's Leitung aus dem gefrornen 
Boden mittelst Keilhacken herausbeförderten Reste des 
Mammuth bestanden aus Knochen, Haufen loser Haare 
und Hautstücken mit Spuren früherer Fäulniss ohne 
alle Haare, die unter dem Knochen lagen. Die Haare 
zeigten theilweis einen gewissen Zusammenhang durch 
Spuren einer feinen Epidermis und bestehen aus Woll- 
und Steifhaaren. Die gegen 2" langen Wollhaare er- 
scheinen weisslich, die längsten Borstenhaare sind ge- 
gen 1 Fuss lang und jetzt meist von rothbrauner Farbe. 
An Ort und Stelle bemerkte Schmidt auch schwarze, 
die später ausgeblichen zu sein scheinen, da sie un- 
ter den mitgebrachten fehlen. An Knochen wurden 
folgende zu Tage gefördert: der Unterkiefer, beide 
Schulterblätter, ein ganzes Vorderbein mit allen Kno- 
chen und einige Halswirbel nebst einigen Kippen. 
Am Grunde der Schlucht fanden sich, in Lehm gebet- 
tet, die meisten Theile des anderen Fusses. Später er- 
hielt Schmidt noch drei grosse Schenkelknochen, acht 
Stücke der Wirbelsäule nebst einigen Wirbeln und 
Fussknochen, die schon früher aus der Maramuth- 
schicht herausgefallen waren. -—Der Schädel, einige 
Rippen und Halswirbel waren im Jahre vorher beim 
Suchen der Stosszähne von den Juraken ausgegraben 
worden. 

Wie Schmidt sagt verendete das Mammuth an der- 
selben Stelle, an welcher er die Reste desselben fand, 
oder wurde nur aus geringer Entfernung flussabwärts 
dahin geflösst, was nach ihm auf Eis geschehen wäre, 
für welche Art des Transports indessen mir gerade 
keine Noth wendigkeit vorzuliegen scheint, obgleich 
allerdings so manche Mammuthcadaver auf Eisschol- 



— 432 — 

len nordwärts getrieben worden sein mögen, wobei 
sie jedoch wohl meist zertrümmert wurden. Er fährt 
dann fort: das Mammuth habe in der alten Gydatun- 
dra (d. h. in einer frühern Zeit, als die Wälder viel 
weiter nach Norden sich ausdehnten) an Krüppellär- 
chen 22 ) und Weidengebüsch noch Nahrung genug ge- 
funden, die wenigstens für sommerliche, nordische Ex- 
cursionen, wie sie noch jetzt die Renthiere unter- 
nehmen, genügend war. Er liefert dann geognostische 
Belege für die Ansicht, dass das Mammuth nicht aus 
dem frühern Bette des Jenissei hergeleitet werden 
könne. 

Schmidt giebt endlich zu, dass Mammuthe im 
Schlamm der See- oder- Flussufer versinken konnten, 
und dass man stehende Leichen oder Skelete dersel- 
ben gefunden habe, welches Letztere namentlich Hr. 
v. Middendorff bezweifelte. Nur macht er geltend, 
dass das Versinken nicht durch überaus grossen Ab- 
satz von Schlamm aus den nordischen Flüssen bewirkt 
werden konnte, wie A. Brandt meint. Schmidt be- 
merkte nämlich, dass der Sehlammabsatz aus den Flüs- 
sen auf den Jenissei-Inseln jährlich nur eine zolldicke 
Schicht bildet: dagegen würden die thonigen Uferab- 
hänge der Seen und Flüsse durch Aufthauen und dar- 
über rieselndes Wasser erweicht und im Spätsommer 
sogar von Schlammströmen bedeckt, wodurch ein Ter- 
rain entstände, worin die zur Tränke oder am LTfer- 
rande gehenden Mammuthe versinken und ihre Lei- 



22) Wenn das schenkeldicke, verwitterte, Stamm&tück, welches 
Schmidt am Ufer eines Quellenflusses der Gyda fand, der Periode 
der Süsswasserallnvionen angehörte, was er jedoch nicht als sicher 
annimmt, so würden die zur Mammuthzeit in der Gydatundra ge- 
wachsenen Lärchen eben nicht gar krüpplig gewesen sein. 



— 433 — 

chen durch späteres Einfriern erhalten werden konn- 
ten, ohne gerade immer in aufrechter Stellung zu ver- 
bleiben. 

Da die Frage über die frühere Waldgrenze für die 
Mammuth frage von Wichtigkeit ist, so möge es erlaubt 
sein Schmidt's darauf bezügliche Beobachtungen und 
Bemerkungen hier anzuführen, da auch sie auf die frü- 
hern nördlichen Wohnorte der Mammuthe hinweisen. 

Für das Zurückgehen der Baumgrenze in neuster 
geologischer Zeit sprechen nach Schmidt {Met. biol. 
VI. p. 675) folgende Thatsachen: Auf dem Wege von 
Dudino zu den Norilbergen, in einer Gegend, wo Lär- 
chen jetzt nur noch in geschützten Flussthälern vor- 
kommen, fand er im Torf und auf der Höhe der Tun- 
dra umgefallene Lärchenstämme nebst Zapfen davon. — 
Unter dem Torfe auf der Höhe der Tundra bei Sse- 
läkino sieht man % Fuss dicke Stämme, während jetzt 
dort ebenfalls nur an südlichen Abhängen vereinzelte 
Bäume gedeihen. Lopatin fand ähnliche Stämme noch 
nördlich auf dem Abhänge Nikandrowskije Jary unter 
70V 2 n. Br. Noch wichtiger ist, dass Lopatin nahe 
der Jenisseimündung, 1 1 Werst oberhalb Krestowskoje, 
unter 72° n. Br. in einer später mit Lehm bedeckten, 
humösen Vegetationsschicht (am oberen hohen Jenis- 
seiufer) wohl erhaltene, mit Rinde bedeckte, zum Theil 
noch mittelst ihrer Wurzeln festsitzende 3 — 4 Zoll 
dicke Stammreste vom Alnaster fruticosus wahrnahm, 
der gegenwärtig auf den Inseln des Jenissei bis 70% 
n. B. allerdings noch ziemlich freudig als mannshoher 
Strauch wächst, in der Tundra aber nicht bis zur Mün- 
dungsgegend des Jenissei hinaufgeht und am äusser- 
sten Punkte seines Vorkommens, bei Swerowo, unter 

Mélanges biologiques. VII. 55 



— 434 — 

71° n. Br., nur noch der Erde angedrückte, fingers- 
dicke Äste bildet. Mit den Wurzeln des Alnaster be- 
merkte Lopatin noch eine Menge wohl erhaltener 
feiner Zweige, die an keine Verschwemmung des Al- 
naster denken lassen, da das Treibholz immer an sei- 
ner Oberfläche stark mitgenommen erscheint. 

In dem Verzeichnisse der in den altaischen Höhlen 
gefundenen Säugethierknochen, welches Pander und 
Sembnitzki verfassten, ebenso wie in den darauf be- 
züglichen Abhandlungen von Rathke und G. Fischer 
sind keine Mammuthknochen erwähnt. Auch das Mu- 
seum der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 
besitzt keine Mammuthreste aus den genannten Höh- 
len. Eichwald (Leih. III p. 347) bemerkt dagegen: 
On trouve rarement des ossements de Mamouth dans 
les cavernes de Khanhara et de Tscharysch dans l'Ai- 
tai accompagnés d'ossements d'une espèce petite ou 
plutôt de petits individus de Mammouth. Er sagt in- 
dessen nicht, worauf seine Mittheilung sich stützt. Das 
Museum des Berginstitutes bot mir unter den altai- 
schen Höhlenresten vorn Mammuth nur zwei grosse 
Backenzähne, aber keine Reste einer kleinen Elephan- 
tenart. 



Schlussfolgerungen aus den vorstehenden 
Höhlenfunden. 

Die in den altaischen Höhlen entdeckten Säuge- 
thierknochen gehören in grösster Mehrzahl solchen 
Thierarten an, welche noch gegenwärtig im Altaige- 
biet vorkommen oder (wie Sus scrofa und Castor fiber) 
noch vor nicht langer Zeit sich dort lebend fanden. 



— 435 — 

Die genannten Reste repräsentiren etwa % der noch 
im Altai oder in seiner Nähe vorhandenen Säugethiere. 

Unter den altaischen Höhlenresten bemerkt man 
aber auch solche, wie die der Hyaena spelaea, des 
Gervus euryceros, des Bos (Bison) bonasus, des Bos 
taunts var. primigenius, des Rhinoceros tichorhinus und 
Elephas primigenius, welche Thieren angehörten, die 
jetzt in Sibirien gar nicht mehr existiren und von de- 
ren früherer dortiger Existenz keine historischen Nach- 
richten vorliegen. Nur in den von Radio ff herausge- 
gebenen Volksmärchen der südsibirischen Tataren, St. 
Petersb. 1868. 8. Th. I, ist eine dunkle, jedoch durch 
allerlei Fabeln entstellte, Sage von zwei grossen, in 
Sibirien früher vorhandenen, Rinderarten enthalten 
(Brandt Zoogeogr. u. palaeontol. Beiträge, in d. Ver- 
handlungen cl. Mineral. Gesellschaft Bd. II. 1867, 
p. 132). Auch weisen einige alte, ebendaselbst von mir 
p. 222 mitgetheilte Sagen, namentlich die von Er- 
man angeführte, von den Jukagiren vernommene 
(dass ihre Vorfahren wunderbare Kämpfe mit grossen 
Thieren um den Besitz ihres Landes zu bestehen hat- 
ten) möglicherweise daraufhin, dass damals auch noch 
Mammuthe und büschelhaarige Nasliörner gelebt haben 
könnten, deren gänzlicher Untergang jedoch, wie ich in 
der genannten Arbeit (S. 225) bereits aussprach, viel- 
leicht in keine allzuferne Zeit zu versetzen sein möchte. 

Was die in den altaischen Höhlen gefundenen Pfer- 
dereste anlangt, so gehören sie allerdings einer Thier- 
art (dem Equus caballus) an, wovon nachweislich keine 
wilden Exemplare in Sibirien mehr existiren, die in- 
dessen wohl, wie auch in Europa (siehe oben Equus 
acbalUis spec. 34), die Mammuthe und büschelhaari- 



— 436 — 

gen Nashörner dort überlebten. Für eine solche An- 
sicht scheint mir namentlich der Umstand zu spre- 
chen, dass die Reste des Germs euryceros, des 'Rhino- 
ceros tiehorliinus , des Elephas primigenius , wie auch 
die der Hyaena spelaea, rauher und mürber erschienen 
und also weniger organische Substanz enthalten, also 
weit altern Datums sind, als die meisten Pferdereste, 
welche sehr häufig noch eine ganz glatte Oberfläche 
und feste Consistenz besitzen. Allerdings finden sich 
auch solche Pferdereste, die den Knochen des Rhino- 
ceros und der Hyaena spelaea in Bezug auf Conserva- 
tion ähneln, also etwa um dieselbe Zeit abgelagert 
sein mögen. Im Gegensatz zu den eben genannten kön- 
nen aber auch so manche gezähmten Pferden ihren 
Ursprung verdanken und vor nicht gar langer Zeit in 
die Höhlen gerathen sein. 

Was eben von dem verschiedenen Zustande der Con- 
servation der Pferdeknochen bemerkt wurde, gilt auch 
von denen des Bos bonasus, wogegen die des Bos 
taurus primigenius alle auf eine alte Zeit der Ablage- 
rung hinweisen. 

Darf man daraus den Schluss ziehen, dass Bos 
primigenius auch in Nordasien (wie in Europa) früher 
seinen Untergang fand, als es dort mit dem Bison, 
ebenso wie mit Equus caballus ferus der Fall war? 
Den Anschein von Wahrscheinlichkeit bietet eine sol- 
che Folgerung, da der weniger wilde, und deshalb ge- 
zähmte, Bos taurus primigenius wohl leichter zu er- 
legen war und ein schmackhafteres Fleisch bot als 
Bos (Bison) bonasus, der übrigens, nach Maassgabe 
der Zahl der bisher in Nordasien gefundenen Reste, 
dort die häufigere, so viel wir bis jetzt wissen, weiter 



— 437 — 

nach Norden und Osten verbreitete Art gewesen zu 
sein scheint. (Man vergl. hierüber meine Zoogeograph. 
und paläontol. Beiträge S. 156 und 170.) 

Was die Reste der noch jetzt im wilden Zustande 
in Sibirien lebenden Thiere anlangt, so weist die Art 
ihrer Conservation auf eben kein hohes Alter hin, ja 
manche, wie die Knochen der Fledermäuse, des Maul- 
wurfs und der Spitzmaus, ebenso wie die der kleinen 
Nager, sind, trotz ihrer geringen Grösse, noch so wohl 
erhalten, dass sie theilweis erst in neuerer, ja selbst 
neuster Zeit in die Höhlen gelangt sein dürften. 

Die eben gemachten Bemerkungen deuten also un- 
widerleglich darauf hin , dass die beschriebenen Säu- 
gethierreste zu sehr verschiedenen Zeiten in die Höh- 
len abgesetzt wurden , die der ausgestorbenen Thiere 
aber offenbar früher als die der noch lebenden. 

Darf man indessen, wie es wahrscheinlich scheint, 
einen schon seit alten Zeiten (von der Existenz der 
Mammuthe an) erfolgten bis zur Jetztzeit fortgesetz- 
ten Absatz von Resten der verschiedensten Säugethiere 
Sibiriens in der Art annehmen, dass die grössern Kno- 
chen und Zähne sich erhielten, während die kleinern 
(namentlich kleinern Arten angehörigen) bald vermo- 
derten, aber durch neu hinzugekommene ersetzt wur- 
den, so vermögen uns die Knochenreste der altaischen 
Höhlen ein , allerdings zur Zeit noch unvollkommnes, 
Bild des Charakters der ursprünglichen, vollständi- 
geren Säugethierfauna der Altaigegenden zu verschaf- 
fen. Das Charakterbild wird natürlich künftig um so 
vollständiger werden, je mehr Reste solcher Arten in 
den lange nicht genug durchsuchten altaischen Höh- 



— 438 — 

len entdeckt werden, welche in dem vorstehenden Ver- 
zeichnisse fehlen. 

Jedenfalls weisen schon die bis jetzt in den altai- 
schen Höhlen gefundenen Säugethierreste auf die Ver- 
änderungen hin, welche die Fauna Sibiriens durch das 
Aussterben oder die Vertilgung mehrerer Glieder er- 
litt. Wenn aber die Biber und Wildschweine im nörd- 
lichen Altai nachweislich durch den Menschen erst 
in neuern Zeiten ausgerottet wurden, konnten dann 
nicht in fernem Zeiträumen auch schon andere Thiere, 
wie die wilden Rinder, das büschelhaarige Nashorn, 
das Mammuth und der Riesenhirsch nebst der Höh- 
lenhyäne ebenfalls wiederholten menschlichen Nach- 
stellungen unterlegen sein? 

Wenn auch für Sibirien die Gleichzeitigkeit des 
Menschen mit jenen grossen Thieren noch nicht durch 
palaeontologische und archaeologische Funde festge- 
stellt, sondern nur in einigen dunklen Sagen angedeu- 
tet ist (siehe oben), so dürfen wir doch dieselbe mit ziem- 
licher Sicherheit annehmen, da wir wissen, dass der 
Mensch in Europa ohne Frage mit den Mammuthen, 
den büschelhaarigen Nashörnern, den Riesenhirscheu, 
den Bisonten und den Urochsen zusammen lebte; ja 
vermuthlich zum Theil aus Asien mit denselben ein- 
wanderte. 



(Aus dem Bull clin, T. XV, pag. 147 — 202.) 



21 April lft70 

rasa: 18 '°* 

Über seltene Arterien -Abweichungen, von Dr. 
Wenzel Gruber, Professor der Anatomie. 

(Mit 1 Tafel') 

Subcutaner Verlauf des Ramus dorsalis der Arteria radialis 
am Unterarm- und Haudwurzelrücken (3. eigener Fall), bei 
Vorkommen der Varietät „Radio-carpeus" des Musculus radia- 
lis internus brevis (9. eigener Fall), u. s. w. (Fig. 1). 

Im Jahre 1864 habe ich den 1. eigenen Fall vom 
s u b c u t a n e n Ve r 1 a u f des Bamits dorsalis der Arteria 
radialis, den ich am linken Arme eines jungen Man- 
nes beobachtet hatte und in meiner Sammlung aufbe- 
wahre, beschrieben 1 ). 1869 sah ich den 2. eigenen 
Fall und wieder am linken Arme eines Mannes. 
Ich habe diesen zweiten Fall, welchen ich gleich- 
falls in meiner Sammlung aufbewahre, ebenfalls be- 
schrieben und abgebildet 2 ). Daselbst habe ich auch 
die bis dahin in der Literatur verzeichneten 
Fälle zusammengestellt und mit meinen Fällen 
verglichen. 

1) «Zur Anatomie der Arteria radialis». — Arch. f. Anat, Phy- 
siol, u. wiss. Medicin. Leipzig 1864. Art. IV. S. 440. 

2) «Subcutaner Verlauf des Ramus dorsalis der Arteria radialis 
am Unterarm- und Handwurzelrücken (2. eigener Fall)». — Arch. f. 
Anat., Physiol, u. wiss. Medicin (dahin zum Druck gesandt im De- 
cember 1869). 



— 440 — 

Vom anomalen Musculus radialis internus hrevis 
(s. minor) sind mir v. J. 1854 bis 1866 : 8 Fälle bei 
6 männlichen Individuen (an 2 beiderseits, an 3 rech- 
terseits und an 1 linkerseits) vorgekommen. Sie waren 
ihrem Ansätze nach in 3 Varietäten als: Radio -car - 
peus (5 Mal, darunter 1 Mal ein Radio-carpeus bicau- 
datus), Radio-carpo-metacarpeus (1 Mal) und Radio- 
meiacarpeus (1 Mal) aufgetreten. Ich habe die Varie- 
täten dieses Muskels in zwei Aufsätzen (1859 
u. 1867) beschrieben und abgebildet 3 ). Aus der von 
mir im zweiten Aufsatze gegebenen Zusammen- 
stellung der bis 1867 in der Literatur verzeich- 
neten Fälle des Vorkommens dieses Muskels, 
aufweiche ich verweise, ging hervor: dass nach mir 
Theile (1859) einen Fall von Radio-carpeus, Luschka 
(1863) zwei Fälle von Radio-carpo-metacarpeus, John 
Wood (1866), der die Entdeckung des Muskels, 
den er unpassend «Flexor carpi radialis brevis s. pro- 
fundus)) nennt, sich aneignen wollte, 4 F. und zwar 
1 F. von Radid-carpeus, 1 F. von Radio-carpo-meta- 
carpeus und 2 F. von Radio -metacarpeus, Norton 
1 F. von Radio-carpo-metacarpeus mitgetheilt haben, 
dass somit der Muskel bis 1867 16 Mal sicher ge- 
sehen worden und dass höchst wahrscheinlich ich 
der Entdecker dieses Muskels sei 4 ). 



3) Über den Musculus radio-carpeus und M. cuMto-carpeus, zwei 
neue supernumeräre Armmuskeln. — Bull, phys.-math. de 
l'Acad. Imp. des sc. de St.-Pétersbourg. Tom. XVII. J\s 28; Mélang. 
biolog. Tom. III. Livr. 2. 1859. p. 184. Fig. 1 et 2. — Über die Va- 
rietäten des Musculus radialis internus hrevis. — Bull, de l'Acad. 
Imp. des sc. de St.-Pétersbourg. Tom. XII. p. 335; Mélang. biolog. 
Tom. VI. Livr. 4. 18G8. p. 493. Tab. 

4) Der anomale Muskel, welcher von Fano — Bull.de lasoc. 
anat. de Paris. Ann. 1851. Bull. 11. p. 375. N« 30. — iu der Sitzung 



— 441 — 

Im März 1870 sah ich an dein injicirten rechten 
Arme eines jungen männlichen Individuums den 
Ramus dorsalis der 'Radialis an der untersten Partie 
des Rückens des Unterarmes und am Handwurzel- 
rücken subcutan verlaufen und an demselben Arme 
die Varietät «Radio- car peus» des Musculus radialis 
internus brevis nebst einem auf die Hand verkürz- 
ten Musculus extensor digiti indicis proprius vor- 
kommen. 

Ich werde dieses in meiner Sammlung aufbewahrte 
Präparat (Unicum) im Nachstehenden beschreiben: 

Die Arteria axillaris, A. brachialis und deren Äste 
bieten nichts Abnormes dar. 

Die Brachialis theilt sich an gewöhnlicher Stelle in 
die Radialis und Interosseo-Ulnaris. Aus dem Winkel 
zwischen beiden entspringt die Recurrens radialis. 

Die Radialis (J\l?. 1) verhält sich bis 2" über der 
Handwurzel normal. Hier im Sulcus radialis und auf 



der anat. Gesellschaft am 11. November 1851 demonstrirt worden 
war, der von dem unteren Drittel der vorderen Fläche oder Beuge- 
fläche des Radius (de la face antérieure du radius) seinen Ursprung 
genommen, sich an das Mnltangulum majus inserirt und seinen Ner- 
ven vom Interosseus internus erhalten hatte, gleicht nach Ursprung 
und Insertion nicht der Varietät « Badio-carpeus » des Musculus 
radialis internus brevis. Er kann eher als Variante des Abductor 
pollicis accessorius genommen werden, welchen A. Friedlowsky — 
«Ergebnisse der anatomischen Untersuchung von zwei Extremitäten 
mit angeborener Dreizahl der Finger». Sitzungsberichte der math.- 
naturw. Classe der Kaiser!. Akad. der Wiss. Bd. 59. I. Abth. Wien. 
1869. S. 533. Fig. 2. h. — beschrieb. Ob dieser Muskel, welcher vom 
Radius, so weit dieser vom langen Daumenbeuger frei bleibt, ent- 
springt, mit kurzer Sehne an die Eminentia carpi radialis superior 
angreift, ein Fascikel zur Basis metacarpi pollicis hinschickt und, 
wie Fr. angiebt, vom ihm übrigens früher öfters gesehen worden 
war, wirklich dieser und keine Variante des Radialis internus brevis 
sei, ist freilich noch zu beweisen. 

Mélauges biologiques. VII. "" 



— 442 — 

dem anomalen Musculus radialis internus brevis ge- 
lagert, l 1 //' abwärts von dessen Ursprünge und l" 
4 — 6"' unterhalb des Hervortretens des Ramus super- 
ficialis des Nervus radialis am Rücken theilt sie sich 
in den Eamus volarls und in den Eamus dorsalis. 

Der Eamus volaris (a) derselben ist der schwächere 
Ast (%'" dick). Er bleibt im Sulcus radialis, daselbst 
unter der Aponeurose zwischen zwei Blättern und 
läuft in demselben, wie sonst die Radialis der Norm, 
aber auf dem hier vorhandenen M. radialis internus 
brevis in einer Strecke von 1%'', dann lateralwärts 
von ihm abwärts, krümmt sich unter den Sehnen des 
Abductor longus und Extensor brevis pollicis auf den 
Handwurzelrücken in die sogenannte Dose, geht durch 
diese, dann unter den Sehnen des Extensor longus 
pollicis u. s. w., wie die Carpea dorsalis der Norm 
weiter transversal ulnarwärts. Der Ramus volaris 
nimmt im Sulcus radialis an der dem Ende der vola- 
ren Seite des Radius entsprechenden Stelle, an der 
er bereits neben dem lateralen Rande des M. radialis 
internus brevis gelagert ist, und 1%" unter seinem 
Anfange den anormalen Eamus volaris der Interossea 
anterior (c) auf. Der durch diese Vereinigung zweier 
verschiedener "Wurzeln gebildete etwas stärkere Ast 
sendet 2'/ 2 — 3 W tiefer noch im Sulcus radialis, also 
bevor er auf den Handwurzelrücken tritt, einen in 
zwei Zweige gespaltenen schwachen Ast zur Daumen- 
muskulatur, der die Palmaris superficialis- aus der Ra- 
dialis der Norm repräsentirt , am Handwurzelrücken 
aber zwischen den Sehnen des Radialis externus lon- 
gus und brevis eine feine Metacarpea dorsalis IL (a) 
ab, welche mit dem Ende der in die Vol. ulnaris dig. 



— 443 — 

IL und in die Vol. radialis dig. III. gespaltenen Digi- 
talis communis anastomosirt. 

Der Ramus dorsalis (b) derselben und deren Fort- 
setzung durchbohrt sogleich die Aponeurose und 
kommt unter die Haut zu liegen. Er wendet sich 
über der Sehne des Brachio-radialis auf den Rücken 
des Unterarmes und der Hand, zieht, begleitet von 
Ästen des Ramus superficialis des Nervus radialis 
und der Vena cephalica, über den Sehnen des Ab- 
ductor longus und Extensor brevis pollicis, über dem 
Lig. antibrachii dorsale, über der Dose und über der 
Sehne des Extensor longus pollicis schräg zum Inter- 
stitium metacarpeum I. herab und dringt hier durch 
die Lücke zwischen den Köpfen des Interosseus ex- 
ternus I. in die Hohlhand. Nachdem er diese Lücke 
passirt hatte, theilt er sich in den Ramus communi- 
cans und in die Princeps pollicis^ die auf gewöhnliche 
Weise verlaufen. Die Princeps pollicis endet in die 
beiden Volares pollicis getheilt. Der Ramus dorsalis 
ist 3%" lang und 1%'" (2% Mill.) dick. 

Die Inter osseo-Ulnaris giebt 3'" über ihrer Theilung 
in die Interossea communis und die TJlnaris ) die Re- 
currens ulnaris von der medialen Wand und etwas 
tiefer von der lateralen Wand die schwache Mediana 
antibrachii prof unda ab. Letztere Arterie verläuft mit 
dem Nervus medianus und reicht bis 2" oberhalb der 
Handwurzel abwärts. 

Die Interossea communis theilt sich sogleich (l'" 
nach ihrem Anfange) in die Interossea anterior (in- 
terna) und I. posterior (externa). Die Interossea ante- 
rior \ sobald sie hinter den oberen Rand des Pronator 
quadratus zu liegen gekommen war, durchbohrt das 



— 444 — 

Lig. interosseum, giebt aber früher einen anomalen 
Eamus volaris (c) ab, der zuerst hinter dem Pronator 
quadratus abwärts, dann unter dessen Rande auf dem 
Ende des Radius hinter dem Flexor pollicis longus 
und hinter dem Radialis internus brevis zum Ramus 
volaris der Radialis schräg bogenförmig radialwärts 
verläuft, in letzteren Ast mündet und mit einen auf 
den Handwurzelrüeken verlaufenden etwas stärke- 
ren Ast (d) bildet. Dieser anomale Bamits volaris 
der Interossea anterior ist 3" lang, am Anfange 3 //", 
am Ende %"[ dick. Er giebt Äste namentlich dem 
Pronator quadratus und dem Radialis internus brevis. 
Die Interossea posterior weiset nichts Besonderes auf. 
Die Ulnaris giebt 1%" über dem Os pisiforme den 
Eamus dorsalis ab. Der Eamus volaris s. Ulnaris vo- 
laris schickt einen kleinen Ast mit dem Ramus vo- 
laris profundus des Nervus ulnaris zwischen dem Ab- 
ductor und Flexor brevis digiti minimi u. s. w. zum 
tiefen Hohlhandbogen und theilt sich in die Ulnaris 
volaris superficialis und profunda. Die Ulnaris volaris 
superficialis bildet den oberflächlichen Hohlhand- 
bogen. Aus diesem geht ab die Big. comm. III. , 
welche sich in die Vol. radialis dig. V. und Vol. ulna- 
ris dig. IV. theilt, dann ein 2'" langer Truncus com- 
munis, welcher sich in die Dig. comm. II., die sich 
in die Vol. radialis dig. IV. und Vol. ulnaris dig. III. 
spaltet, und in die Dig. comm. /., welche sich in die 
Vol. radialis dig. III. und Vol. ulnaris dig. II. spal- 
tet, und in einen langen Ast, der mit der Vol. ulna- 
ris pollicis anastomosirt. Die Ulnaris volaris profunda 
bildet mit dem Ramus communicaus der Radialis den 
tiefen Hohlhandbogen. Aus diesem geht die Vol. 



— 445 — 

ulnaris dig. F., eine Metacarpea volaris IV., dann 
eine Metacarpea volaris II. ab, welche mit der Dig. 
comm. I. aus dem oberflächlichen Hohlhandbogen 
durch einen Ast anastomosirt , mit dem anderen 
Aste aber als Vol. radialis dig. II. endet. 

Zwischen dem Nervus medianus und N. ulnaris ist 
am Unterarme ein das schräge Anfangsstück der Ar- 
teria ulnaris kreuzender, von mir oft gesehener ano- 
maler Verbindungsast zugegen. 

Der Musculus radialis internus brevis (JV?. 3.) liegt 
mit seinem Bauche im Sulcus radialis, oben etwas 
vom Flexor pollicis longus bedeckt, zwischen diesem 
und dem Brachio-radialis auf dem Radius und dem 
Pronator quadratus und mit seiner Endsehne in der 
Scheide des Lig. carpi volare proprium für den Ra- 
dialis internus longus. Er hat eine plattspindel- 
förmige Gestalt. Er reicht von einem Punkte des 
Radius, 3 / 4 " unter der Insertion des Pronator teres, 
bis zum Capitatum carpi herab, ist 4" %'" lang, wo- 
von auf die Endsehne l" kommt, am Fleischtheile 8 
bis 9'", an der Endsehne l 1 / 2 — 2"' breit, am Fleisch- 
theile 2 ] / 2 — 3'", an der Endsehne %"' dick. Er ent- 
springt mit dem oberen Ende und dem lateralen 
Rande von der lateralen Fläche (= auch vorderen 
in unserem Sinne) und von der Kante zwischen die- 
ser Fläche und der Beugefläche in einer Strecke von 
2" 9'" bis 6'" über dem unteren Ende des Radius herab 
fleischig sehnig. Seine hinter der Sehne des Radialis 
internus in dessen Scheide gelagerte Endsehne ist 
nur an einer Stelle durch eine Art kleiner Synovial- 
scheide geschieden, übrigens gr össt entheil s , na- 
mentlich mit deren inneren (ulnaren) Wand ver- 



— 446 — 

schmolzen, aber auch mit Bündeln an das Multan- 
gulum mojus und Capitatum angeheftet. 

Der Musculus extensor digiti indicts proprius ist 
auf die Hand verkürzt. Er entspringt mit einer 
kurzen, aber breiten Aponeurose vom dorsalen Rande 
des unteren Endes des Radius im Bereiche der Rinne 
für den Extensor digitorum und von der Handgelenk- 
kapsel. Er hat einen 2" 3"' langen und bis 6'" breiten 
Fleischbauch, der an der Radialseite des Rückens 
des Metacarpale III. in eine 1%"' breite Sehne über- 
geht, die wie die Sehne des Muskels der Norm mit 
der entsprechenden Sehne des Extensor digitorum sich 
verbindet. 

Der subcutan verlaufende Ramus dorsalis (b) der 
Radialis (K?. 1) dieses Falles verhält sich so, wie der- 
selbe Ast in meinen früheren Fällen. Der Ramus vo- 
laris (a) der Radialis bildet die laterale Wurzel 
und der Ramus volaris der Interossea anterior (c) die 
mediale Wurzel der anomalen zweiwurzeligen 
Carpea dorsalis radialis (d), welche die schwache Pal- 
maris superficialis und eine feine Metacarpea dorsalis 
IL (a) abschickt. Dadurch gleicht dieser Fall am mei- 
sten meinem 1 . Falle, bei dem aber die mediale Wur- 
zel der Carpea dorsalis radialis fein und statt der 
Metacarpea dorsalis II. ein Ramus communicans zum 
tiefen Hohlhandbogen vorhanden war. 

Der Musculus radialis internus brevis gehört zur 
Varietät «Radio-carpeus» desselben. 

Der auf die Hand verkürzte Musculus extensor 
digiti indicts proprius verhält sich auf bekannte 
Weise. 



— 447 — 

Das beschriebene Präparat ist als Fall mit 
subcutanem Verlaufe des Ranius dorsalis der Ar- 
teria radialis der dritte eigener Beobachtung; 
als Fall mit Vorkommen des Musculus radialis in- 
ternus brevis der neunte eigener Beobachtung 
und meines Wissens der siebenzehnte Fall bekannt 
gewordener Beobachtungen sicherer Fälle über- 
haupt; als Fall mit Vorkommen eines auf die Hand 
verkürzten Musculus extensor digiti indicis proprius 
einer der vielen Fälle eigener und fremder Be- 
obachtung und durch seine dreierlei Abweichun- 
gen ein Unicum. 



Ein fast querer, kurzer und starker Ramus anastomoticus im 

Ellenbogenbuge zwischen der Arteria braehialis und der von 

ihr hoch oben entsprungenen Arteria ulnaris superficialis. 

(Fig. 2.) 

Beobachtet im März 1854 am linken Arme eines 
Mannes, und zwar an dem 47. der 350 zur Ausmit- 
telung gewisser Verhältnisse an den oberen Extremi- 
täten (injicirt) von 1854 — 56 untersuchter Cadaver. 

Die Braehialis (a) giebt 1%" (Par. M.) unter der 
Insertion des Latissimus dorsi und Teres major, %" 
unter dem Abgange der Profunda humeri und 1 / 2 " un- 
ter der Collateralis ulnaris superior (e) die Ulnaris 
superficialis sens. lot. ab. Sie läuft im Sulcus bicipi- 
talis internus an gewöhnlicher Stelle und theilt sich 
im Ellenbogenbuge wie in der Norm in die Radialis 
und Interosseo-Ulnaris (Ulnaris communis). 

Die Ulnaris superficialis (b) entspringt an der ge- 
nannten Stelle von der inneren Wand der Brachia- 



— 448 — 

lis und läuft innen von dieser im Anfange eine 
Strecke knapp neben ihr gelagert, später und in 
der grössten Strecke von ihr durch den Nervus me- 
dianus (i) separirt zum Ellenbogenbuge abwärts. Hier 
angelangt geht sie hinter der oberflächlichen Sehne 
des Biceps brachii auf den inneren Muskel vorsprung 
der Ellenbogenregion, kreuzt hier den Pronator teres, 
Radialis internus schräg und zieht in einer Scheide 
der Unterarm -Aponeurose, die Sehne des Palmaris 
longus von hinten her kreuzend , oberflächlich und 
fast in der Mitte des Unterarmes zur Hand herab. 
Den Sulcus ulnaris erreicht sie gar nicht und tritt 
über der Mitte des Lig. carpi volare proprium, zwi- 
schen den zwei Blättern des ulnaren Theiles dessel- 
ben, also durch das Spatium interaponeuroticum — 
Guyoii — in die Hohlhand , wo ihre Verzweigung 
nichts Ungewöhnliches an sich hat. Sie giebt die 
Collateralis ulnaris inferior (f) und tiefer im Ellenbo- 
genbuge hinter der oberflächlichen Sehne des Biceps 
einen fast queren, kurzen und starken Ramus anasto- 
moticus (g) zur BracMalis. Dieser kreuzt den Media- 
nus von vorn, ist nur 3'" lang, aber l 1 //" dick und 
mündet in die Brachialis, 6 W über deren Theilung. 

Die Radialis (c) verhält sich wie gewöhnlich; die 
Interosseo - Ulnaris (d) ist schwächer als diese. Sie 
giebt zwar dieselben Äste wie in der Norm ab, aber 
die von ihr abgehende Ulnaris propria (profunda) ist 
nur rudimentär zugegen und durcli eine kurze und 
schwache Arterie repräsentirt, welche das schräge 
und leicht bogenförmig gekrümmte Anfangsstück der 
Ulnaris der Norm snbstituirt, zwar den Sulcus ulnaris 



— 449 — 

und Nervus ulnaris erreicht, aber schon am oberen 
Drittel des Unterarmes in der Musculatur endet. 

Der Nervus medianus (i) hat die gewöhnliche Lage 
zur Arteria brachialis. Er liegt im Sulcus bicipitalis 
internus oben neben dieser Arterie aussen (lateral- 
wärts) und unten, nachdem er sie von vorn gekreuzt 
hat, innen von derselben und dadurch auch zwischen 
ihr und der Ulnaris superficialis. Der Nervus cuta- 
neus brachii externus (musculo -cutaneus s. perforans 
Casserii) (Je), nachdem er den Coraco-brachialis durch- 
bohrt hatte, theilt sich in 2 Äste, in einen starken 
lateralen und einen schwächeren medialen. Der 
laterale Ast (Jc r ) vertritt den Nerven der Norm und 
läuft wie dieser. Der mediale Ast (k ,f ) ist abnorm. 
Dieser %-*-%"' dicke Ast bleibt im Sulcus bicipita- 
lis internus und begleitet die Brachialis und den An- 
fang der Interosseo-ulnaris bis in den Ellenbogenbug 
hinter dem Pronator teres abwärts. Zuerst liegt ep 
in langer Strecke aussen (lateralwärts) von der Bra- 
chialis, dann kreuzt*er diese von hinten, um an de- 
ren unterem Ende und dem Anfange der Interosseo- 
Ulnaris innen von denselben sich zu lagern, wobei er 
hinter dem Ramus anastomoticus zwischen der Bra- 
chialis und Ulnaris superficialis vorbeizieht. Wie er 
in der Ellenbogenregion angelangt ist, theilt er sich 
in einen starken lateralen und feinen medialen 
Zweig. Der laterale Zweig (a) legt sich hinter 
dem Pronator teres an den Medianus und zieht mit 
diesem vereinigt zum Unterarme abwärts, der me- 
diale Zweig (ß) aber bildet eine Schlinge und 
legt sich an den Medianus, wie ersterer, nur höher 

Mélanges biologiques. VII. 57 



— 450 — 

oben, ebenfalls an, kehrt aber an diesem in die 
Oberarmregion wieder zurück. 

Die Arteria ulnaris superficialis dieses Falles hat 
nicht die Bedeutung einer anomal vergrösserten 
und in die Hand verlängerten Arteria plicae cubiti 
superficialis, welche ich Arteria ulnaris antibrachii 
superficialis nenne. Ich habe vom anomal hohen 
Ursprung der Arteria ulnaris jener beiden Arten 
(sens. lat. et strict.) bis Ende März 1870 in meinen 
Tagebüchern 55 Fälle nach Cadaver- und 68 Fälle 
nach Extremitäten - Zahl verzeichnet. In einer Reihe 
von Aufsätzen habe ich über mehrere wichtigere 
Fälle derselben ausführlich berichtet, habe mehrere 
derselben abgebildet. Den 49. Fall nach Cadaver- 
und 61. Fall nach Extremitäten -Zahl habe ich un- 
längst wegen seiner Besonderheiten auch beschrieben 
und abgebildet 5 ). Unter dieser von mir gesehenen 
'Masse von Fällen, wie sie in gleicher Anzahl kein 
einzelner Anatom je beobachtet hat, ist nur der eben 
beschriebene Fall von Ramus anastomoticus zwi- 
schen der Arteria ulnaris superficialis und Arteria bra- 
chialis vorgekommen. Auch wei'ss ich von keinem 
zweiten in der Literatur verzeichneten Falle. 
Was das Vorkommen der anomalen Verbindung des 
Nervus cutaneus brachii externus mit dem N. media- 
nus betrifft, so gehört der Fall zu jenen Fällen, welche 
ich bei normaler Anordnung der Gefässe beobachtet 



5) Anatomische Miscellen: XXX. «Vorkommen der Arteria ulna- 
ris antibrachii superficialis am rechten Arme und hoher Ursprung 
der Arteria interosseaam linken Arme ». Mit 1 Holzschnitt. — Österr. 
Zeitschr. f. prakt. Heilkunde. Wien 1870. (Dahin gesandt im Novem- 
ber 1869). 



— 451 — 

und theilweise schon vor 2 1 Jahren beschrieben habe 6 ). 
Der beschriebene Fall ist daher in mannigfacher 
Hinsicht merkwürdig und, was das Vorkommen des 
Ramus anastomoticus zwischen der Arteria ulnaris 
superficialis und der Arteria brackialis anbelangt, an- 
scheinend früher noch nicht gesehen worden. 



Erklärung der Abbildungen. 
Fig. 1. 

Rechtes Unterarmstück nebst Hand. (Ansicht 
von der Radialseite bei halb pronirter Hand.) 

1. Arteria radialis. 

2. Ramus superficialis des Nervus radialis. 

3. Musculus radialis internus brevis. 

a. Ramus volaris der Art. radialis und zugleich la- 
terale Wurzel der Art. carpea (Jorsalis (subapo- 
neurotisch). 

b. Ramus dorsalis der Art. radialis (subcutan). 

c. Ramus volaris anomalus der Art. interossea an- 
terior und zugleich mediale Wurzel der Art. 
carpea dorsalis. 

d. Arteria carpea dorsalis. 

a. » metacarpea dorsalis IL 

Fig. 2. 
Linker Ober- und Unterarm.. 

a. Arteria brachialis. 

b. » ulnaris superficialis. 



6) Neue Anomalien. Berlin 1849. 4. S. 32. Taf. 3. Fig. 2. 



— 452 — 

c. Arteria radialis. 

d. » interosseo-ulnaris. 

e. » collateralis ulnaris superior. 

f. » collateralis ulnaris inferior. 

g. Ramus anastomoticus zwischen der Art. ulnaris 
superficialis und Art. brachialis. 

h. Arteria recurrens radialis. 

i. Nervus medianus. 

k. » cutaneus externus. 

k'. Lateraler Ast) , lu 
itf „ T i ' desselben. 

k". Medialer » ) 

a. Lateraler Zweig) , ,. , . . 

. . _• : _. , ° \ des medialen Astes. 

ß. Medialer » j 

£. Ramus superficialis des Nervus radialis. 



(Aus dem Bulletin, T. XV, pag. 245 — 254.) 



^ 



• ■>■ 




. /,,^, „./,:, /„-Sy.y,,.,, //// 




■>—•- -'/.'1l^.i'2-i'.„.lf«7. 



MELA» BIOLOGIQUES 

TIRÉS DU 

BULLETIN 

DE 

L'ACADÉMIE IMPÉEIALE DES SCIENCES 

DE 

ST. - PÉTERSBOURG. 



Tome VIL 

Livraisons 4 et 5, 



(Avec 6 Planches.) 



St.-PETERSBOIRG, 1870. 

Commissionnaires de l'Académie Impériale des sciences: 

A ST.-PÉTERSBOURG: 

MM. Eggers & C° , H. Schmitzdorff , J. Issakof et A. Tcherkessof. 

A RIGA: A ODESSA: A LEIPZIG: 

M. N. Kymmel. A. E. Kechribardshi. M. Leopold Voas. 

Prix: 1 Roub. 35 Cop. arg. = 1 Thlr. 15 Ngr. 



Imprimé par ordre de l'Académie Impériale des sciences. 
Décembre 1870. C. Vessel of ski, Secrétaire perpétuel. 



Imprimerie de l'Académie Impériale des sciences. 
(Vass.-0sti\, 9* ligne, té 12.) 






CONTENU. 



N. M. V. Maclay. Bemerkungen zur Schwammfauna des 

Weissen Meeres und des Arktischen Oceans 453 — 456 

J. F. Brandt. Beiträge zur Naturgeschicte des Elens (Cer- 
vus Alces Linn.) in Bezug auf den Nachweis der 
artlichen Einheit der lebenden und fossilen Formen 
der Untergattung Alce und ihre frühere, wie auch 
gegenwärtige Verbreitung 457—458 

Dr. E. Cyoö. Über den Nervus Depressor beim Pferde. (Mit • 

einer Tafel.) 459-462 

Bericht über die zweite Zuerkennung des Baer'schen 

Preises 463-490 

Pli. Owsjanilikow. Über das Nervensystem der Seesterne. 

(Mit einer Tafel.) 491—503 

D. Ed. Brandt. Über das Nervensystem der Lepas anati- 
fera (anatomisch-histologische Untersuchung) (Mit ei- 
ner Tafel.) 504-515 

J. F. Brandt. Einige Worte über die Haardecke des Mam- 
muth in Bezug auf gefällige schriftliche Mittheil ungen 
des Hrn. Prof. 0. Fr aas über die im Stuttgarter 
königl. Naturalienkabinet aufbewahrten Haut - und 
Haarreste des fraglichen Thieres 516 — 522 

Dr. W. Gruber. Zusammenstellung veröffentlichter Fälle 
von Polydactylie , mit 7 — 10 Fingern an der Hand 
und 7 — 10 Zehen an dem Fusse; und Beschreibung 
eines neuen Falles von Polydactylie mit 6 Fingern an 
der rechten und 6 Fingern und Duplicität der End- 
phalange des Daumens an der linken Hand, mit 6 Ze- 
hen an dem rechten und 8 Zehen an dem linken Fusse. 
(Mit einer Tafel.) 523—552 

C. J. Maximowicz. Diagnoses breves plantarum novarum 

Japoniae et Mandshuriae. Decas octava 553—564 



IV 

Pages. 

W. Gruber. Nachträge zur Osteologie der Hand und des 

Fusses. (Mit einer Tafel.) 565—600 

Zusammenstellung veröffentlichter Fälle von.Poly- 

dactylie mit 6 Fingern an der Hand und 6 Zehen an 
dem Fusse; und Beschreibung zweier neuen Fälle von 
Duplicität des Daumens 601 — 634 

Neue Fälle des Vorkommeus eines neunten, den 

Procsssus styloideus des Metacarpale III. substituiren- 

den Handwurzelknöchelchens beim Menschen.. 635 — 640 

Über einen Fall des Vorkommens des den Processus 

styloideus des Metacarpale III. substituirenden neun- 
ten Handwurzelknöchel ch en beim Menschen, welches 

mit dem Metacarpale III. theilweise anchylosirt war. 641—648 
Dr. Ed. Brandt. Über die Jungen der gemeinen Klappen- 
assel {Idothea entomon). (Avec une planche.) \ . 649—657 



g Februar 1870. 

Bemerkungen zur Schwammfauna des Weissen 
Meeres und des Arktischen Oceans von N. M. 
v. Maclay. 

Nachdem bereits mein Aufsatz ! ) im Druck war, er- 
hielt ich eine Anzahl Schwämme, welche ein interes- 
santes Supplement zu der beschriebenen Fauna liefer- 
ten. Diese Schwämme wurden im letzten Sommer 
(1869) im Weissen Meere und im nördlichen Polar- 
meere an den Küsten von Russisch-Lappland (am so- 
genannten MypMaHCKin 6epen>) von Herrn F. Jar- 
schinski gesammelt. Herr Jarschinski übergab 
mir freundlichst die mitgebrachten Schwämme zur 
Untersuchung. Diese Schwämme stammen meistens 
aus Tiefen von 200 — 400 Fuss und mehr. Sie sind 
alle in einem vortrefflich conservirten Zustande (in 
Weingeist aufbewahrt) in St. Petersburg eingetroffen. 

Da wir über die Schwammfauna dieser Regionen 
noch sehr geringe Kenntnisse besitzen, so scheint mir 
dieser neue Beitrag von Interesse zu sein — um so 
mehr, als es Herrn Jarschinski gelungen ist, einige 
Schwammformen mitzubringen, die von andern Natur- 



1) M. Maclay. Über einige Schwämme des nördlichen Stillen 
Oceans und des Eismeeres. Mém. de l'Acad. Imp. de Sc. VII e Série. 

Mélanges biologiques. VII. 57* 



— 454 — 

forschem nicht gefunden, oder wenigstens nicht mit- 
gebracht worden sind. 

Die gesammelten Schwämme waren 3 Halichon- 
drien, 2 Corticatae und nur ein einziger Kalkschwamm. 

Die eine der Halichondrien erwies sich als die Var. 
digitata und arctica der von mir beschriebenen for- 
menreichen Veluspa polymorpha 2 ). Die zwei anderen 
Halichondrien sind unansehnlich und wurden verhält- 
nissmässig selten gefunden; dagegen fanden sich in 
grosser Zahl und von sehr bedeutender Grösse orange- 
rothe, kugelige , mit kleinen Warzen bedeckte Corti- 
catae, welche die Grösse eines Kinderkopfes erreich- 
ten. Diese Schwämme kamen in beträchtlichen Tiefen 
vor, neben einem andern Rindenschwamm, der dicke, 
weisse, mit warzenförmigen Fortsätzen versehene Über- 
züge auf Steinen bildete. Der letztere erwies sich 
als identisch mit einem Schwamm, welchen Hr. E. 
"Wosnessenski an den Küsten Kamtschatka^ und 
der Behringstrasse gefunden hat. Der einzige Kalk- 
schwamm, den Herr Jar schin ski während seiner gan- 



2) In dem schon erwähnten Aufsatze blieb die Frage noch, un- 
entschieden, ob die Var. der Veluspa, die aus dem Eismeere von 
Baer und von Middendorff gebracht wurden, auch wirklich dort 
vorkommen; jetzt kann diese Frage mit einem bestimmten Ja be- 
antwortet werden. Herr Jarschinski fand die Var. digitata und 
arctica im Weissen Meere, besonders an der westlichen Küste, sowie 
auch bei Kola im Eismeere sehr verbreitet. Diese Schwämme sollen 
dort sehr bedeutende Dimensionen erreichen und sogar einen Han- 
delsartikel bilden. Dieselben (die var. arctica) sind auch den früheru 
Reisenden aufgefallen; so finden wir sie von Lepechin als spon- 
gia Norwegica beschrieben und abgebildet. (J. Lepechin, Tage- 
buch der Reise durch verschiedene Provinzen des russischen Rei- 
ches. 1771, übersetzt von Hase. Altenburg 1783. Bd. III p. 231 Taf. 
15.) Diese Varietäten der Veluspa finden sich auch weit an den 
Küsten Norwegens verbreitet, wie ich es nach den Exemplaren, die 
sich im Berliner Zoologischen Museum finden, beurtheilen kann. 



— 455 — 

zen Reise und seinen zahlreichen Grundnetz -Unter- 
suchungen erbeutete, war ein Sycum von bedeuten- 
der Grösse. 

Da ich von Herrn Jarschinski die Dubletten sei- 
ner Sammlung (ausser dem einzigen Sycum) erhalten 
hahe, so werde ich, sobald es mir die Zeit erlaubt, 
über die eben besprochene Fauna gründlich berich- 
ten. Vorläufig habe ich nur diese Bemerkungen vor- 
ausgeschickt, weil die Resultate, sowie auch diejeni- 
gen, zu denen ich durch das Studium der Schwämme 
des Nördlichen Stillen Oceans gekommen bin, in eini- 
gem Widerspruch mit den Schlüssen stehen, die Oscar 
Schmidt aus seinen Untersuchungen der Grönländi- 
schen Schwammfauna gezogen hat. Oscar S ch mi dt fand 
bei der Untersuchung der Grönländischen Schwamm- 
fauna, dass in den kälteren Regionen des Eismeeres 
die Kieselschwämme abgeschwächt erscheinen, wäh- 
rend das Verhältniss der Kalkspongien zu ihnen, im 
Vergleich zur Fauna der südlichen Meere, ein viel 
günstigeres wird 3 ). 

Wenn sich diese Ansichten auch als ganz richtig 
für die Grönländische Küste erweisen sollten, so er- 
scheinen sie doch nicht massgebend für die Schwamm- 
fauna des Östlichen Polarmeeres. Die Kieselschwämme 
scheinen hier doch zu prädominiren, und wenn auch 
die künftigen Reisenden noch manche Kalkschwämme 
an den Küsten Lapplands und Sibiriens entdecken wer- 
den, so scheint es mir doch, auf Grund der mitgebrach- 
ten Sammlungen v. Baer's, v. Middendorff's, Wos- 
nessenski's und Jarschinski's, dass der Schwer- 



3) Oscar Schmidt. Vorläufige Mittheilung über die Spongien 
der südlichen Küste p. 9. 



— 456 — 

punkt der Schwammfauna dieser Regionen nicht in 
den Kalkschwämmen, sondern in den Kieselschwäm- 
men liegt 4 ). Jedenfalls muss man hier noch in Be- 
tracht ziehen, dass diese Meere und Küsten noch we- 
nig erforscht sind, und jeder Zoologe weiss, wie ver- 
schieden unsere Ausbeute hinsichtlich der Meeresfauna 
sich gestalten könne, je nachdem man zu einer gün- 
stigen oder ungünstigen Jahreszeit gesammelt hat; wie 
ferner diese Ausbeute von der Dauer des Aufenthaltes 
an einem Ort, der Ausrüstung mit den notwendigen 
Apparaten und anderen Zufälligkeiten abhängt. Wenn 
wir auch schon von der Verbreitung einzelner Schwäm- 
me sprechen können, was auch zu sehr interessanten 
Folgerungen führen kann, so scheint es mir, wissen 
wir doch noch viel zu wenig über die Schwammfaunen 
einzelner, besonders so ausgedehnter Gebiete, wie die 
Polar- und Boreal-Region, um schon jetzt darüber zu 
urtheilen. 

Jena, December 1869. 



4) Im Winter und Frühjahr vorigen Jahres machte ich eine zoo- 
logische Excursion an das Rothe Meer, in der Absicht, besonders 
Schwämme dort zu untersuchen und zu sammeln. Die Schwamm- 
fauna der Korallenriffe erwies sich besonders reich an Kalkschwäm- 
men, es fanden sich auch ziemlich viele Hornschwämme und ver- 
hältnissmässig wenig Halichondrien. — Dies ist auch ein Resultat, 
welches mit den Ansichten von Oscar Schmidt über die Verthei- 
lung der Schwämme nicht ganz übereinstimmt. 



(Aus dem Bulletin, T. XV, pag 203 — 205.) 



ff™ 1870 . 

5 April 

Beiträge zur Naturgeschichte des Elens (Cervus 
Alces Linn.) in Bezug auf den Nachweis der 
artlichen Einheit der lebenden und fossilen 
Formen der Untergattung Alce und ihre frü- 
here, wie noch gegenwärtige Verbreitung, von 
J. P. Brandt. (Rapport.) 

Meine paläontologischen Studien über die quater- 
näre Fauna der Säugethiere Russlands, namentlich 
die Untersuchungen über die Säugethierreste der al- 
taischen Höhlen, veranlassten mich, die im hiesigen 
Berginstitut, ganz besonders aber im Museum unse- 
rer Akademie befindlichen, auf das Elen bezüglichen, 
Materialien genauer zu untersuchen, um die Fragen, 
ob die fossilen Überreste der Elenthiere dem noch 
lebenden europäisch -asiatischen Elen zu vindiziren 
seien, und ob das nordamerikanische Elen eine be- 
sondere Art zu bilden habe, zur näheren Entschei- 
dung zu bringen. 

Ich stellte zu diesem Zwecke eingehende Studien 
nicht nur über die Geweihbildung der noch lebenden 
und fossilen europäisch-asiatischen, so wie der leben- 
den amerikanischen Elene an und Hess die Haupt- 
formen ihrer Geweihe naturgetreu darstellen, sondern 
verglich auch mehrere Bälge des altweltlichen Elens 
mit einem sehr schönen Balge eines amerikanischen. 

Mélanges biologiques. VII. 5° 



— 458 — 

Als Resultat dieser Untersuchung ging hervor, dass 
nicht nur das europäische und amerikanische Elen 
der Art nach identisch seien, sondern dass auch die 
bisher entdeckten fossilen Reste, deren möglichst voll- 
ständiger Aufzählung nach den verschiedenen Län- 
dern Europa's ich eine besondere Aufmerksamkeit 
schenkte, zur Aufstellung irgend einer untergegange- 
nen, dem lebenden Elen ähnlichen, Art durchaus keine 
Veranlassung geben könnten. In Folge dieses Ergeb- 
nisses hielt ich es für zweckmässig, meinen Untersu- 
chungen Abschnitte über die frühere und gegenwär- 
tige Verbreitung des Elens, ferner über sein allmähli- 
ches Verschwinden in mehreren einzelnen Ländern und 
seine muthmaasslich ,in den höheren Norden zu ver- 
setzende Urheimath, hinzuzufügen, denen sich ein 
besonderer Abschnitt über die Kenntniss, welche die 
alten Griechen und Römer von ihm besassen, nebst 
einem anderen anreiht, worin ich nachzuweisen suche, 
dass das Elen in der Familie der Hirsche eine so 
eigenthümliche, selbstständige Art und Untergattung 
bilde, dass sein Ursprung nicht wohl durch natürliche 
Züchtung sich erklären lasse. So entstand eine sowohl 
auf die Zoologie als auch auf die Paläontologie bezüg- 
liche Abhandlung, welche ich, von drei Tafeln be- 
gleitet, der Classe für die Memoiren vorzustellen die 
Ehre habe. 



(Aus dem Bulletin, T. XV, p. 254 — 255.) 



^1870. . 

5 April 

Über den Nervus Depressor beim Pferde, von 
Dr. E. Cyon. 

(Mit einer Tafel.) 

Bei Gelegenheit einer Vivisection am Pferde wollte 
ich untersuchen, ob Pferde auch einen gesonderten 
Nervus depressor, besitzen. Ich habe diese Untersu- 
chung ausgeführt und will hier das Ergebniss dersel- 
ben mittheilen. 

Ein sonst gesundes Pferd wurde in der Seitenlage 
befestigt. Durch einen Schnitt am Halse wurde die 
Vena jugularis freigelegt. Ich wollte das Pferd mit 
Curare vergiften und den Yersuch während der Nar- 
cose ausführen. Mein Apparat für künstliche Respi- 
ration hat sich aber als zu klein erwiesen, um die 
Pferdelungen mit genügender Quantität Luft zu ver- 
sorgen. Ich musste daher zu einem anderen Mittel 
greifen und benutzte als solches eine Chlorallösung. 
Ich spritzte in die Vena jugularis 10 Gramm Chloral 
ein, da aber dieselben keine Wirkung zu erzeugen 
schienen, und das Thier fortfuhr heftige Bewegungen 
zu machen, so verdoppelte ich die schon eingespritzte 
Menge. Im Ganzen bekam also das Thier 20 Gramm 
Chloral. Gleich nach der zweiten Einspritzung wird 



— 460 — 

das Thier ruhiger; die Narcose ist zwar nicht vollstän- 
dig, aber die heftigen Bewegungen haben aufgehört und 
treten nur noch bei Reizung der Nerven ein. Darauf 
schritt ich zur Präparation der Carotis und der Nerven. 
Ich fand neben der Carotis drei ziemlich starke Ner- 
venstämme, und es handelte sich nun darum, deren Na- 
tur zu erkennen. Der Vagus konnte leicht durch seine 
bedeutendere Stärke erkannt werden. In den anderen 
zwei Nerven von fast gleicher Stärke vermuthete ich 
den N. depressor und den Sympathicus. Ich unter- 
band diese beiden Nerven und durchschnitt den etwas 
stärkeren. Die gleich darauf eintretende starke Tem- 
peraturerhöhung der entsprechenden Kopf hälfte zeigte 
mir sogleich an, dass ich den Halssympathicus durch- 
schnitten habe. Die Gefässe des Ohres und des Auges 
erweiterten sich sehr stark. 

Nun setzte ich die Carotis in Verbindung mit einem 
am Kymographion befestigten Manometer und liess 
einige Zeit die Pulsschläge auf der Trommel auf- 
zeichnen. Der Blutdruck war ziemlich gering, 150 — 
160 Mm., eine Erscheinung, die ich in allen Fällen 
von Chloralnarcose beobachtet habe. Die Zahl der 
Herzschläge war 34 in der Minute. Die systolische 
Erhebung jedes Herzschlages betrug mit grosser Re- 
gelmässigkeit 12 Mm. 

Nachdem der Druck einige Zeit aufgezeichnet wor- 
den, tetanisirte ich das centrale Ende des dritten 
Nerven. Die sofort eingetretene beträchtliche Sen- 
kung des Blutdrucks zeigte mir an, dass ich wirklich 
den Depressor auf den Electroden hatte. Gleichzeitig 
mit dem Sinken des Blutdrucks verlangsamte sich 
auch die Zahl der Herzschläge und die systolische 



— 461 — 

Erhebung jedes einzelnen Schlages verminderte sich 
mehr als um die Hälfte. Das Sinken des Blutdrucks 
war so beträchtlich, wie ich es noch bei keinem Thiere 
in solchem Falle beobachtet habe. Von 150 Mm. 
sank der Blutdruck auf 20 — 15 Mm. Das Sinken 
dauerte während der ganzen Reizung und ging in 
eine Drucksteigerung über, sobald ich die Reizung 
unterbrochen hatte. 

Ausser dieser ganz ausserordentlichen Drucksen- 
kung war bei diesem Versuche noch die relativ ge- 
ringe Empfindlichkeit des N. depressor auffallend. 
Während die leiseste Berührung des Vagus ziemlich 
heftige Bewegungen des Thieres veranlasste, blieb 
dasselbe bei Reizung des Depressor ziemlich ruhig. 

Ich füge hier eine Zeichnung der Nerven bei, welche 
ich später an demselben Pferde herauspräparirt habe. 
Wie man sieht, hat der Nervus depressor beim Pferde 
einen Ursprung, der mit dem beim Kaninchen viel 
Ähnlichkeit besitzt. Auch beim Pferde erhält der 
Depressor zwei Wurzeln, die eine vom Laryngeus su- 
perior, die zweite vom Vagus. Er erhält aber auch 
mehrere Nervenfäden von einem Nerven (A der Tafel), 
welcher nach unten in den Vagus endet und etwas 
oberhalb mit dem Ganglion cervicale supremum ana- 
stomisirt. Woher dieser Nerv stammt, konnte ich 
nicht ermitteln, da ich das Thier oberhalb des Gan- 
glion cervicale decapitirt habe. Jedenfalls sind die 
Verbindungen dieses Nerven höchst interessant, und 
beabsichtige ich, nächstens denselben einer Prüfung 
am lebenden Thiere zu unterwerfen. 

Nicht minder interessant ist das Nervennetz, wel- 
ches vom Ganglion cervicale supremum entstammt 



— 462 — 

und, die Art. carotis umgreifend, in die Wandung der- 
selben eintritt, und zwar meistens in der Richtung 
nach unten. Auch diese Nerven sollen nächstens 
einer experimentellen Prüfung unterworfen werden. 



Erklärung der Tafel. 

Fig. I. Die Halsnerven des Pferdes frisch präpa- 
rirt; nur der die Carotis versorgende Plexus etwas 
mit Essigsäure behandelt. 

Fig. IL Der Ursprung des Depressor, nachdem das 
Präparat längere Zeit in Essigsäure gelegen hat. A = 
ein unbekannter Ast des N. Vagus; B = N. Laryn- 
geus sup.; a, b und c = Die Wurzeln des N. Depres- 
sor; D = N. Vagus; E = ggh cervicale; F = Art. 
Carotis; G = N. Sympathicus. 



(Aus dem Bulletin, T. XV, pag. 261 — 263.) 



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^ April 1870. 

Bericht über die zweite Zuerkennung des Baer'- 
schen Preises. 

Die Mitglieder der biologischen Section, denen die 
physiko- mathematische Klasse den Auftrag ertheilt 
hat, zur Beurtheilung der um Erlangung des Baer'- 
schen Preises concurrirenden Werke eine Commis- 
sion zu bilden, haben die Ehre folgenden Bericht 
abzustatten. 

Zum Concurse waren die nachfolgenden Schriften 
eingereicht worden: 

1. A. Böttcher. Über Entwicklung und Bau des 

Gehörlabyrinths nach Untersuchungen an Säuge- 
thieren. (Manuscript mit Tafeln.) 

2. A. Kowalewsky. Embryologische Studien über 

Würmer und Arthropoden. (Manuscr. mit Tafeln.) 

3. — Über die Entwickelung der Coelenteraten und 

über die frei lebenden Tunicaten. (Nachrichten 
der K. Gesellschaft der Wiss. und der Universi- 
tät zu Göttingen. 1868.) 

4. E. Metschnikoff. HcTopin aiviöpioHajiBHaro pasBHTia 

Sepiola. St. Petersburg 1867. 

5. — HcTopifl pa3BHTifl Nebalia. St. Petersburg 1868. 



— 464 — 

6. E. Metschnikoff. Über ein Larvenstadium von 

Euphausia. (Zeitschrift f. wiss. Zoologie.) 

7. — Entwickelungsgeschichtliche Beiträge. (Bull, de 

FAcad. de St.-Pétersbourg.) 

8. — Embryologisches über Gyrodactylus. (Bull, de 

l'Acad. de St.-Pétersbourg.) 

9. — Studien über die Entwicklung der Echinoder- 

men und Nemertinen. (Mém. de l'Acad. de St.- 
Pétersbourg. VII e Sér. Tome XIV, JTs 8.) 

10. — Über die Metamorphose einiger Seethiere. 

I. Über Tornaria. (Zeitschrift f. wiss. Zoologie.) 

II. Über Mitraria. (Manuscript.) III. Über Acti- 
notrocha. (Manuscript.) 

11. — Embryologie des Scorpions. (Manuscript.) 

In Anbetracht der namhaften Zahl der vorgestellten 
Arbeiten, so wie ihres überaus speciellen Inhaltes, hat 
die Commission in dem Wunsche, möglichst gewissen- 
haft zu verfahren, sich bewogen gefühlt, mehrere der 
bedeutendsten Gelehrten um die Beurtheilung einiger 
der eingereichten Arbeiten zu ersuchen. 

Vor allem hielt sie es für nöthig, dem Ehrenmit- 
gliede der Akademie Hrn. Geheimrath K. E. v. Baer 
sämmtliche Concursschriften zur Begutachtung ein- 
zusenden. Ferner wurden das correspondirende Mit- 
glied der Akademie Hr. Prof. Kölliker in Würz- 
burg, der sich speciell mit dem Studium des Gehör- 
organs abgegeben hat, ersucht, die Beurtheilung des 
Böttcher'schen Werkes zu übernehmen, und Hr. Prof. 
Leuckart in Leipzig, welcher gleichfalls als corre- 
spondirendes Mitglied der Akademie angehört, um ein 
Gutachten über die Arbeit Kowalew sky's gebeten. 



— 465 — 

Die Beurtheilung der Arbeiten Metschnikoff's end- 
lich übernahm ein Mitglied der Commission, Hr. Aka- 
demiker Owsjannikow. 

Bevor aber die Commission die von den oben genann- 
ten Gelehrten eingesandten Gutachten, so wie ihren 
Beschluss in Bezug auf die Zuerkennung des Preises 
veröffentlicht, rechnet sie es sich noch zur angeneh- 
men Pflicht an, einige russische Naturforscher, na- 
mentlich die Herren Bobuchin, Borsenkoff, A. 
Brandt, Ganin, Golubew, Grimm, Jarshinsky, 
Knoch, Stepanow und Wagner, welche die Wis- 
senschaft in den letzten Jahren durch neue Untersu- 
chungen und Entdeckungen gefördert haben, aufzu- 
führen. 

Gutachten des Ehrenmitgliedes der Akademie Geheimraths 

v. Baer über die zu dem Baer'schen Preise eingereichten 

Concurs-Schriffcen. 

Der Herr Akademiker Owsjannikow hat mir die 
zu dem Baer'schen Preise eingereichten Concurs- 
Schriften der Herren Kowalewsky und Metschni- 
kow mitgetheilt und gewünscht, dass ich mich über 
die Berechtigung derselben zur Erlangung des Prei- 
ses äussere. Ich darf wohl annehmen , dass dieser 
Schritt, wenn nicht im Auftrage, doch mit Genehmi- 
gung der urtheilenden Commission gethan ist, da 
schon während meiner Anwesenheit in St. Petersburg 
ein Mitglied dieser Commission mir erklärte, es würde 
seine Stimme nicht abgeben, wenn ich nicht vorher 
mein Sentiment ausgesprochen hätte. Bei dieser An- 
nahme also glaube ich, mein Gutachten unmittelbar 

Mélanges biologiques VII. 59 



— 466 — 

an die ganze Commission richten zu können und zu 
müssen. 

Vor allen Dingen kann ich nicht umhin, in akade- 
mischem und in acht patriotischem Sinne mich dar- 
über zu freuen, dass der Concurs ein so reicher ist, 
so wenig erfreulich auch den Concurrenten dies Zu- 
sammentreffen mit Gleichberechtigten sein mag. Der 
Concurs bewegt sich ganz im Felde der Entwickelungs- 
geschichte der Thiere, bringt aber aus diesem Felde 
reichliche und bedeutende Früchte, und alle diese 
Früchte sind dargebracht von Bürgern des Russischen 
Staates. Man darf wohl annehmen, dass die Stiftung 
des Preises, zu dessen Erlangung diese Arbeiten ein- 
gereicht sind, mit dazu beigetragen habe, so ausdau- 
ernde Untersuchungen hervorzurufen und sorgfältig 
auszuarbeiten; damit wird man anerkennen müssen, 
dass diese Preisstiftung rascher und in vollerem Maasse 
ihren Zweck erreicht hat, als man von den meisten 
Stiftungen dieser Art sagen kann. Besonders erfreu- 
lich ist auch, dass Nationalrussen den grösseren An- 
theil an diesem Concurse haben und dass sie ihre Ar- 
beiten in einer von den in der wissenschaftlichen Welt 
am meisten verbreiteten Sprachen abgefasst haben, 
so sehr auch der Gebrauch dieser Sprache ihnen be- 
schwerlich gewesen sein mag. Nur dadurch stellen 
sie sich vollständig in die Reihen derjenigen Männer, 
welche als die Träger der Wissenschaft anerkannt 
und bei jeder neuen Forschung nothwendig berück- 
sichtigt werden müssen. Mit wahrer Freude habe ich 
erkannt, da ich einige der neuesten verwandten Ar- 
beiten vergleichen musste, dass die Namen Kowa- 
lewsky, Metschnikow, Ganin überall mit Achtung 



— 467 — 

genannt werden. Sie fördern dadurch ohne Zweifel 
auch die Achtung ihrer Nationalität, wogegen der 
falsche Patriotismus, der die eigene Erhebung durch 
Herabsetzung fremder Nationalitäten sucht, nur das 
Entgegengesetzte erreicht. 

Herrn Prof. Böttcher's Untersuchungen «über die 
Entwickelung und den Bau des Ohr-Labyrinthes» be- 
treffen zwar nur ein einzelnes Organ und, wie man 
hinzusetzen muss, nur dessen Form im Menschen 
und in Säugethieren, aber ein Organ, dessen Erkennt - 
niss gerade in dieser höchsten Form zu den schwie- 
rigsten gehört und sowohl wegen der Feinheit, Zart- 
heit und vielfach gewundenen Form des empfindenden 
Apparates, als wegen der Härte der umgebenden Kno- 
chenkapsel, nur der kunstfertigsten Behandlung sich 
aufschliesst. Seit Jahren hat Prof. Böttcher zur 
vollständigeren Kenntniss dieses feingegliederten Ap- 
parates in seinem ausgebildeten Zustande die wichtig- 
sten Beiträge geliefert; jetzt giebt er uns eine sehr 
vollständige Geschichte seiner Entwickelung mit einer 
Vollständigkeit in den einzelnen Bildungsvorgängen, 
wie wir sie, so viel ich weiss, noch von keinem andern 
Organe besitzen. So ist, um nur Eines anzuführen, die 
Bildung der äussersten Gehörzellen aus vorhergegan- 
genen Cylinderzellen und diese wieder aus früheren 
Formationen nachgewiesen. Kleine Lücken, welche 
noch auszufüllen sind, weist der Verfasser selbst nach. 
Es ist aber nicht allein das Werden des inneren Ohres, 
sondern auch die genauere Bestimmung der Einzel- 
heiten im ausgebildeten Organ das Ziel der langjäh- 
rigen Arbeiten des Verfassers. 

Aber auch die Arbeiten des Herrn Professor Ko- 



— 468 — 

walewsky scheinen mir von grosser Bedeutung und 
Wichtigkeit. Ich abstrahire dabei ganz von den bei- 
den Aufsätzen, die im Jahrgang 1868 der Nachrichten 
der gelehrten Gesellschaft zu Göttingen erschienen 
sind. Auch diese zeugen von genauer und vielfacher 
Beobachtung, allein ich muss gestehen, dass sie mir 
bei dem völligen Mangel aller Abbildungen etwas un- 
verständlich geblieben sind. Auch ist nicht zu zwei- 
feln, dass dieselben Untersuchungen noch einmal aus- 
führlicher und mit Abbildungen werden bearbeitet 
werden. Allein die im Manuscript eingereichten «Un- 
tersuchungen über die Entwickelung der Würmer 
und Arthropoden» sind durch ihre sehr sorgfältige 
und umsichtige Durchführung gewiss schon eines vol- 
len Preises würdig. Ich stimme nicht nur dem com- 
petenten Urtheile des Herrn Prof. Leuckart vollstän- 
dig bei, sondern könnte noch hinzufügen, dass eine 
ganz neuerlich erschienene Arbeit über die Entwicke- 
lung der Arthropoden an Vollständigkeit undPräcision 
der Beobachtungen sehr zurücksteht und dadurch die 
Vorzüglichkeit der Kowalew sky 'sehen Untersuchun- 
gen in die Augen springend macht. Ein Hauptergeb- 
niss dieser Untersuchungen von Herrn Kowalewsky 
ist der Nachweis, dass der Stoff zur Bildung des so- 
genannten Bauchmarkes oder gegliederten Nerven- 
stranges der gegliederten Thiere aus der äusseren 
oder Hautschicht stammt. Dieses wichtige Ergebniss 
ist bereits von Herrn Metschnikow anerkannt, der 
seine frühere entgegenstehende Ansicht zurücknimmt. 
Was endlich die von Herrn Dr. Metschnikow 
eingereichten Schriften anlangt, die dieses Mal man- 
nigfacher sind als die von Hrn. Prof. Kowalewsky, 



— 469 — 

so kann ich nicht umhin, auch diese für wichtig und 
preiswürdig zu erklären. Seine Studien über die Ent- 
wicklung der Echinodermen und Nemertinen geben 
sehr wesentliche Ergänzungen und Berichtigungen zu 
den Beobachtungen von Joh. Müller, Krohn, A. 
Agassiz über die merkwürdige und mannigfache Bil- 
dungsgeschichte der Echinodermen, so wie die neuern 
Untersuchungen über die Nemertinen. In dem Ab- 
schnitte dieser Arbeit, welcher «Rückblick und Ver- 
gleich» überschrieben ist, stellt der Verfasser nicht 
nur die gewonnenen Resultate mit grosser Klarheit 
zusammen, sondern er zeigt auch, mit welcher Sicher- 
heit er das ganze Gebiet der mannigfachen Bildungen 
der wirbellosen Thiere übersieht und die Verwandt- 
schaften abzuschätzen weiss. — Von der mit Herrn 
Claparède gemeinschaftlich herausgegebenen Arbeit 
«Beiträge zur Entwicklungsgeschichte der Chaetopo- 
den» sind die Antheile des Herrn Metschnikow, die 
er uns bezeichnet hat, jedenfalls nicht die unbedeuten- 
deren. Das sehr unerwartete Auffinden von Spermato- 
phoren bei Anneliden scheint mir von Wichtigkeit, da 
es zeigt, dass diese bei den Cephalopoden seit mehr 
als zwei Jahrhunderten bekannten Vorrichtungen, die 
man nicht unpassend mit Maschinen verglichen hat, 
keinem bestimmten Organisations-Typus angehören, 
sondern als eine Art Aushülfe erscheinen, wo eine 
solche nothwendig wird. 

Unter den übrigen zahlreichen Aufsätzen, welche 
sämmtlich mit lichtvoller Klarheit abgefasst sind, hat 
mich der kleine Bericht über die Untersuchung der 
Fortpflanzungsart von Gyrodactylen besonders ange- 
zogen, weil er mir die Hoffnung erregt hat, das All- 



— 470 — 

gemeine im Vermehrungs - Mechanismus derjenigen 
Organismen, die unaufhörlich neue Individuen aus- 
sprossen lassen, auffinden zu können. Doch ist das 
vorläufig bei mir nur eine Anforderung an künftige 
Untersuchungen. Ich erwähne dieser Anforderung oder 
Aufgabe hier nur, weil ich in später einzureichenden 
Propositionen für Modifikationen in der Verwaltung 
des Baer'schen Preises darauf mich berufen werde. 
Mir scheint nach dem Gesagten, dass die Akademie 
und vorher also die biologische Section am besten 
thun würde, die Arbeiten aller drei Concurrenten des 
vollen Preises würdig zu erklären und also die ver- 
fügbare Summe allen drei Bewerbern zu gleichen Thei- 
len auszuzahlen. Wie ich höre ist dieselbe Ansicht bei 
einem oder einigen Mitgliedern der Commission schon 
vorhanden. Ich glaube aber meinem jetzigen Vor- 
schlage noch mehr Gewicht zu geben, wenn ich be- 
kenne, dass ich vorläufig dieser Ansicht ganz entgegen 
war. Mir schien die Arbeit des Hrn. Prof. Böttcher 
so sehr den Character einer gediegenen Vollendung 
zu haben, dass ich meinte, die Arbeiten der jüngeren 
Forscher müssten zurückstehen. Nachdem ich diese 
letzteren, so viel mir möglich war, studirt hatte, scheint 
es mir jetzt, dass, so viel Gewicht die Böttcher'sche 
Arbeit als eine abschliessende hat, die andern ein 
nicht geringeres Gewicht als aufschliessende für 
künftige Untersuchungen haben. Die grösste anato- 
mische Technik dürfte wohl das Werk von Professor 
Böttcher erfordert haben. Dagegen dürften die an- 
deren reichlichere Folgen hervorrufen. 

Dorpat, den 31. Januar 1870. 

Dr. K. E. v. Baer. 



— 471 — 

Gutachten des correspondirenden Mitgliedes der Kaiserl. 
Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, Prof. A. 
Kölliker in Würzburg, über ein von Prof. Dr. Arthur 
Böttcher in Dorpat der Akademie eingereichtes Werk 
(Manuscript)!, "betitelt : „Über Entwickelung und Bau des 
Gehörlabyrinthes nach Untersuchungen an Säugethieren". 

Gegen die Mitte December des Jahres 1869 wurde 
mir durch Hrn. Prof. Owsjannikow im Namen der 
biologischen Section der physico - mathematischen 
Klasse der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften in 
St. Petersburg der ehrenvolle Auftrag, über das oben 
bezeichnete Werk des Prof. A. Böttcher, welches 
zur Erlangung des v. Baer'schen Preises der Kaiserl. 
Akademie eingereicht worden war, einen kurzen Be- 
richt zu erstatten, und komme ich hiermit diesem Auf- 
trage um so lieber nach, als ich seit einer Reihe von 
Jahren mit dem vom Prof. Böttcher behandelten 
Objecte selbst mich vielfältig beschäftigt habe und im 
Stande zu sein glaube, ein unbefangenes und zugleich 
begründetes Urtheil über die fragliche Arbeit abzu- 
geben. 

Vor Allem erlaube ich mir nun nach einer sorg- 
fältigen Prüfung der Arbeit von Prof. Böttcher die 
allgemeine Bemerkung, dass dieselbe nach allen Sei- 
ten so ausgezeichnet und hervorragend ist, dass es 
mir als ganz unmöglich erscheint, derselben den Preis 
nicht zuzuertheilen, möge auch neben derselben als 
Concurrenzschrift vorliegen, was da wolle. Aus älterer 
und neuerer Zeit ist mir keine monographische Arbeit 
aus dem Gebiete der feineren und mikroskopischen 
Anatomie bekannt, welche ich über die Leistungen 



— 472 — 

von Böttcher stellen könnte, und reiht sich dieselbe 
unstreitig den besten unter denselben, wie z. B. den 
Arbeiten von Heinr. Müller und Max Schultze über 
die Betina, ganz ebenbürtig an, um so mehr, wenn 
man bedenkt, dass die Untersuchung der Schnecke 
mit ganz andern äusseren technischen Schwierigkeiten 
zu kämpfen hat, als die eines jeden andern Organes. 
Zu Einzelnheiten übergehend, glaube ich vor Allem 
die grosse Vollständigkeit der Untersuchungen 
Böttcher's in Betreff der embryonalen Entwickelung 
des Labyrinthes und vor Allem der Schnecke namhaft 
machen zu müssen. Was wir bisher besassen, waren 
nur vereinzelte Schilderungen einzelner Entwicke- 
lungsstufen oder einzelner Theile des so verwickelten 
Labyrinthes; Böttcher zuerst hat eine vollständige 
Reihe von 14 Schafembryonen von 0,9 Cm. Länge an 
bis zu solchen von 10 und 12 Cm. auf die Entwicke- 
lung des Labyrinthes untersucht und allem Detail der 
Ausbildung der inneren Theile die gleiche Aufmerk- 
samkeit zugewendet; ausserdem sind aber auch von 
demselben die Embryonen mancher anderen Säuger, 
wie besonders des Hundes, der Katze, des Kindes, in 
den verschiedensten Stadien des embryonalen Lebens, 
dann zur Zeit der Geburt und auch aus den nach- 
embryonalen Zeiten bis zur vollständigen Ausbildung 
der Organe in den Kreis der Untersuchung hineinge- 
zogen worden, und ist es demselben so möglich ge- 
worden, ein sehr vollständiges und gelungenes Bild 
der allmählichen Bildung des so schwierigen Organes 
zu geben, welches um so werthvoller geworden ist, als 
die klaren Darstellungen des Verfassers auch in zahl- 
reichen Grössenangaben und durch viele treffliche 



— 473 — 

bildliche Ausführungen eine erwünschte Ergänzung 
gefunden haben. 

Alle Einzelnheiten namhaft zu machen, mit Bezug 
auf welche die Arbeit Böttcher's Neues und die 
Wissenschaft Förderndes giebt, würde die Grenzen 
eines solchen Berichtes bei Weitem überschreiten, und 
beschränke ich mich daher auf den allgemeinen Satz, 
dass ich mit Bezug auf die einzelnen Entwickelungs- 
vorgänge des ganzen Labyrinthes sowohl, als auch 
mit Hinsicht auf den Bau und die Bildung der innern 
Theile der Schnecke überall wichtige Ergänzungen, 
weitere Ausführungen des Bekannten , überall aber 
auch wesentlich Neues gefunden und dass auch für 
mich, der ich mit diesen Theilen ziemlich befriedigend 
bekannt zu sein glaubte, das Studium der Schrift von 
Böttcher eine wahre Überraschung und Freude war, 
die sich bei jedem Schritte steigerte. 

Von den wichtigen Entdeckungen Böttcher's 
glaube ich nun aber doch folgende noch besonders 
namhaft machen zu müssen : 

1. Den Nachweis der Persistenz des Recessus laby- 
rinthi, der Verbindung desselben mit dem Sacculus 
und Utriculus und somit auch einer bleibenden Ver- 
bindung der Vorhofssäckchen unter einander. 

2. Die genaue Verfolgung der Entwickelung des Ner- 
vus acusticus und seiner Ganglien. 

3. Die Untersuchungen über die Entwickelung des 
Canalis cochlearis, des Schneckengehäuses und vor 
Allem die Lagerung des Kuppelblindsackes und das 
Verhalten der Treppen in der Kuppel der Schnecke. 

4. Die Nachweise über die Entwickelung der einzel- 

Mélanges biologiques. VIL 60 



— 474 — 

nen Theile des acustischen Endapparates in der 
Schnecke. 

5. Die genaue Bestimmung des Verhaltens der Endi- 
gungen des Nervus cochleae zu den inneren und der 
ersten Reihe der äusseren Hörzellen, so dass nun 
das Räthsel der Endigung des Schneckennerven 
wenigstens einem guten Theile nach als aufgeklärt 
betrachtet werden darf. 

6. Den Nach weis besonderer Strukturverhältnisse an 
der äusseren Wand des Canalis cochlearis , vor 
Allem der eigentümlichen, Fortsätze in die Tiefe 
sendenden Epithelzellen. 

Wenn ich nun zum Schlüsse mir erlaube, noch auf 
einige zweifelhafte und vielleicht nicht ganz erledigte 
Fragen aufmerksam zu machen, so soll damit keines- 
wegs irgend ein Tadel gegen die Arbeit von Prof. 
Böttcher ausgesprochen sein, indem es ja selbstver- 
ständlich erscheint, dass Niemand im Stande ist, ein 
so schwieriges Thema, wie die feinere Anatomie der 
Schnecke es ist, ganz und nach allen Seiten zu be- 
meistern; vielmehr geschieht dies nur, um gerade 
diesen ausgezeichneten Forscher, der schon so tief in 
dieses Gebiet eingedrungen ist, auf einige Punkte zu 
lenken, die noch einer weiteren Prüfung zu bedürfen 
scheinen. 

Zuerst möchte ich Prof. Böttcher's Augenmerk 
auf die inneren und äusseren mit einem Stäbchenbe- 
satz versehenen Hörzellen, meine « Haarzellen », lenken 
und mir die Frage erlauben, ob nicht vielleicht doch 
der Stäbchenbesatz derselben eine normale Bildung 
ist. Wenigstens spricht die Analogie mit dem Vesti- 



— 475 — 

bulum und mit den niederen Wirbelthieren für eine 
solche Auffassung und gestehe ich ferner, die fragli- 
chen Stäbchen in einer solchen Regelmässigkeit gese- 
hen zu haben, dass mir die Annahme, dass dieselben 
nur von Verbindungen der Corti'schen Membran mit 
den betreffenden Hörzellen herrühren, noch nicht hin- 
reichend gesichert erscheint. 

Zweitens scheinen mir immer noch weitere Unter- 
suchungen über die Endigungen des Nervus cochleae 
vonnöthen zu sein. Einmal zeichnet Böttcher selbst 
in seinen Figg. 28 und 29 Verhältnisse, in Betreff 
welcher ich in seiner Arbeit keine bestimmte Aufklä- 
rung gefunden habe; nämlich nach innen von der 
«inneren Hörzelle a» gelegene Spindelzellen, mit denen 
Enden des Nervus cochleae in Verbindung stehen und 
die den «unteren inneren Hörzellen » in der ganzen 
Beschaffenheit gleichen. Ferner fand ich bei Böttcher 
keine Aufklärung über die longitudinalen (Köll.) Fa- 
serzüge unter dem Corti'schen Organe, die von Dei- 
ters und mir auf die Nervenenden bezogen worden 
sind. Ich bin nun freilich nicht gemeint, mit Bestimmt- 
heit behaupten zu wollen, dass diese Züge in der That 
nervös sind, indessen werden fernere Beobachter die- 
selben doch zu würdigen haben, und wird die Lehre 
von den wirklichen Endigungen des N. cochleae erst 
dann als ganz abgeschlossen betrachtet werden kön- 
nen, wenn auch für diese sicherlich vorhandenen Züge 
eine bestimmte Deutung möglich geworden sein wird. 

Drittens endlich verdienen auf jeden Fall das Ende 
der Corti'schen Membran, dann die Erstreckung der 
Membrana reticularis nach aussen und die von Bött- 
cher beschriebenen eigenthümlichen Epithelzellen der 



— 476 — 

äusseren Schneckenkanal wand, die vermuthungsweise 
als muskulös bezeichnet werden, noch eine weitere 
Prüfung. 

Mit Bezug auf manche andere Punkte, in denen 
Böttcher von mir dissentirt, kann ich schon jetzt 
meine Zustimmung erklären und darf ich offen sagen, 
dass es mich sehr gefreut hat, dass das so schwierige 
Organ an Böttcher einen so ruhigen, unparteiischen, 
umsichtigen und glücklichen Bearbeiter gefunden hat. 

Alles zusammengenommen, erkläre ich somit noch 
einmal die Arbeit des Prof. A. Böttcher als eine 
ganz ausgezeichnete und des Baer'schen Preises im 
höchsten Grade würdige. 

"Würzburg, den 11. Januar 1870. 

Dr. Albert Kölliker. 



Gutachten des correspondirenden Mitgliedes der Kaiserl. 

Akademie Prof. Leuckart über eine Arbeit von Prof. 

Kowalewsky, betitelt: „Embryologische Studien über 

Würmer und Arthropoden" (Manuscr.). 

Die von Seiten der Kaiserl. Euss. Akademie der 
Wissenschaften in St. Petersburg mir zur Beurtheilung 
übergebenen «Embryologischen Studien über Würmer 
und Arthropoden» von Kowalewsky (193 S. Manuscr. 
mit Atlas von 17 Taf. in Fol.) behandeln ein Thema, 
welches schon von verschiedenen Seiten mit Geschick 
und Erfolg zum Gegenstande eingehender Untersu- 
chungen gemacht worden ist. Aber so viele und treff- 
liche Arbeiten darüber bis jetzt auch vorliegen, so hat 
doch keine derselben die Entwickelung der hier in Be- 
tracht kommenden Thiere mit gleicher Vollständigkeit 



— 477 — 

dargestellt und dem wissenschaftlichen Verständniss 
erschlossen. Durch glückliche Anwendung der soge- 
nannten Schnittmethode ist es dem Verfasser gelun- 
gen, nicht bloss unsere Erfahrungen über mancherlei 
bisher nur unvollkommen bekannte Thatsachen zu er- 
weitern und zu berichtigen, sondern auch einen Ein- 
blick in den histologischen Zusammenhang der einzel- 
nen Entwickelungsvorgänge zu gewinnen, der unsere 
Kenntnisse von der Entwickelungsgeschichte der Wir- 
bellosen auf dieselbe Stufe erhebt, welcher wir seit 
Remack's Forschungen über die Entwickelungsge- 
schichte der Wirbelthiere in Betreff der letzteren uns 
berühmen können. 

Als das wichtigste Resultat der vorliegenden Unter- 
suchungen dürfte wohl der Nachweis zu betrachten 
sein, dass sich der Körper der Wirbellosen, zunächst 
der Oligochaeten und Arthropoden, wie derjenige der 
Wirbelthiere, aus drei Blättern aufbaut, die, wenn sie 
auch im Einzelnen mancherlei Besonderheiten darbie- 
ten, doch im Grossen und Ganzen sich den drei Keim- 
blättern des Hühnchens (Hautblatt, Muskelblatt, Drü- 
senblatt) vergleichen lassen. Die Analogie geht so weit, 
dass das centrale Nervensystem auch bei den Wirbel- 
losen von dem Hautblatt abstammt und die Bildung 
der Darmfaserschicht eben so an das Muskelblatt an- 
knüpft. Wenn Verf. trotzdem geneigt ist, das Muskel- 
drüsenblatt der Arthropoden als ein Gebilde sui gene- 
ris zu betrachten und das von ihm bei Hydrophilus 
unter dem Namen Rückenrohr beschriebene merkwür- 
dige provisorische Organ als wahrscheinliches Analo- 
gon des Wirbelthierdarmes in Anspruch zu nehmen, 
so sieht Ref. darin nur den Beweis, dass es einst- 



— 478 — 

weilen noch nicht an der Zeit ist, den Vergleich der 
verschiedenen Bildungstypen in der Thierwelt bis in 
die Einzelnheiten durchzuführen. Doch mag auch von 
den allgemeinen Betrachtungen unseres Verfassers gar 
Manches sich im Laufe der Zeit als verfehlt erweisen, 
mögen selbst einzelne seiner positiven Angaben durch 
spätere Beobachter in dieser oder jener Hinsicht mo- 
difient werden 1 ), — unter allen Umständen wird die 
vorliegende Arbeit wegen der Fülle der darin enthal- 
tenen neuen und wichtigen Thatsachen und Gesichts- 
punkte als eine wirkliche Bereicherung unserer "Wis- 
senschaft zu betrachten sein. Ref. steht deshalb auch 
keinen Augenblick an, sie des Baer'schen Preises 
für würdig zu erachten , glaubt aber (unter Bezug- 
nahme auf die grammatikalisch, wie stilistisch viel- 
fach unrichtige, resp. undeutsche Schreibweise) dabei 
die Bemerkung nicht unterdrücken zu dürfen, dass 
Verf. seine Abhandlung vor der Drucklegung einer 
sorgfältigen redactionellen Überarbeitung unterziehen 
müsse. 

Leipzig, den 8. Januar 1870. 

Dr. Rud. Leuckart. 

Gutachten des Akademikers Dr. Owsjannikow über die 
von Dr. Metschnikow eingereichten Arbeiten. 

Die zahlreichen von Dr. Metschnikow eingereich- 
ten Schriften, deren Aufzählung sich weiter oben fin- 

1) So weit Ref. das von unserem Verf. behandelte Untersuchungs- 
material aus eigener Anschauung kennt (Lumbricus, Apis), sieht er 
sich in der Lage, die Darstellung desselben vielfach bis in's Einzelne 
bestätigen zu können. Er glaubt desshalb denn auch, den Angaben 
des Verfassers im Allgemeinen einen hohen Grad von Glaubwürdig- 
keit vindiciren zu dürfen. 



— 479 — 

det, haben zwar alle die Wissenschaft mit neuen That- 
sachen bereichert, dennoch wollen wir uns hier auf die 
Besprechung nur einiger derselben beschränken, und 
namentlich solcher, welche unserer Ansicht nach be- 
sonders berücksichtigt zu werden verdienen. 

Verweilen wir zunächst bei der Abhandlung über 
die Entwickelungsgeschichte der Echinodermen und 
Nemertinen, in welcher Dr. Metschnikow die Meta- 
morphosen der Auricularien, einer Amphiura (A. squa- 
mata), der Ophiuriden, Ästenden und Echiniden, so 
wie die Entwickelungsgeschichte einiger Nemertinen 
behandelt, und welcher er 12 Tafeln mit einer be- 
trächtlichen Anzahl von Abbildungen beigelegt hat, 
um durch dieselben die allmähliche Entwickelung und 
namentlich die Metamorphose einiger mehr compli- 
cirten Formen zu veranschaulichen. 

Auf den ersten Blick scheinen die Untersuchungen 
unvollständig zu sein, da der Verfasser uns nicht alle 
Entwickelungsstadien der genannten Thiere vorführt, 
sondern nur die Entwickelung der ganz jungen Formen, 
welche er mit dem Müller'schen Netze gefangen, un- 
tersucht; zieht man jedoch in Betracht, dass durch die 
Arbeiten von J. Müller, A. Agassiz, Sars und An- 
deren für die Entwickelungsgeschichte der Echino- 
dermen schon sehr viel geschehen ist, so erscheint ein 
solcher Vorwurf unbegründet, denn Dr. Metschni- 
kow hatte sich speciell die Aufgabe gestellt, die 
Lücken in den Arbeiten seiner Vorgänger auszufüllen. 
Da es bereits bekannt war, dass die inneren Organe 
(der Verdauungsapparat und die Anlage des Wasser- 
gefässsystems) einiger Echinodermen und Nemertinen 
bei der Umwandlung unmittelbar in die gleichnami- 



— 480 — 

gen Organe des definitiven Thieres übergehen, wäh- 
rend die Körperbedeckungen bedeutenderen Metamor- 
phosen unterworfen sind , so blieb noch übrig , die 
Frage zu entscheiden, in welcher Weise sich die ver- 
schiedenartigen und complicirten äusseren Theile bil- 
den. Um zu zeigen, wie schwierig derartige Unter- 
suchungen sind, wollen wir nur anführen, dass J. 
Müller, einer der genialsten Gelehrten seiner Zeit, 
der sich speciell mit dem hier in Betracht kommenden 
Gegenstande beschäftigt hat, der Ansicht war, dass 
die Haut des definitiven Thieres sich aus dem Magen 
der Larve bilde, eine Ansicht, die, wie zweifelsohne 
Jeder zugeben wird, weder durch die Echinodermen, 
noch überhaupt durch irgend ein embryologisches 
Factum bestätigt wird. Dasselbe gilt auch von der 
Ansicht A. Agassiz's, nach welcher sich die Haut 
aus der Wassergefässsystemsanlage bilden soll, denn 
auch sie hat sich, wie wir aus der Abhandlung Me- 
tschnikow's ersehen, nicht bestätigt. 

Ohne dem Verfasser Schritt für Schritt zu folgen, 
wollen wir unsere Aufmerksamkeit den Resultaten 
zuwenden, welche er aus einer ganzen Reihe von ihm 
angestellter Untersuchungen genommen. Ausser eini- 
gen Eigenthümlichkeiten, die in der Entwickelung der 
Echinodermen einerseits und der Nemertinen anderer- 
seits vorkommen, fehlt es doch auch nicht an Ent- 
wickelungsmomenten, welche beiden genannten Ord- 
nungen gemeinschaftlich zukommen. So verschieden 
die Beziehungen der Larve zur definitiven Thierform 
auch sein mögen, so geht, wie Metschnikow's Un- 
tersuchungen zeigen, die Haut der ersteren doch stets 
direkt oder indirekt in die äusseren Bedeckungen des 



— 481 — 

definitiven Thieres über, und es ist dem Verfasser 
kein Fall vorgekommen, wo die Haut des Thieres sich 
aus irgend einem anderen Organe der Larve gebildet 
hätte. Er stellt es daher auch als Regel auf, dass, 
wenn die Hautanlage des definitiven Thieres in unmit- 
telbarem Zusammenhange mit der Larvenhaut bleibt, 
diese letztere auch stets direkten Antheil an der Bil- 
dung der definitiven Körperbedeckung nimmt; wenn 
dagegen die Hautanlage des definitiven Thieres sich 
von der Larvenhaut abtrennt, so geschieht dieses nur 
durch das Dazwischenkommen einer amnionartigen 
Hülle, wobei dann wenigstens ein Theil der Larveh- 
haut nicht in die definitive Körperbedeckung aufge- 
nommen wird. 

Beim Übergange der Larventheile in das definitive 
Thier zeigt sich nach den Untersuchungen des Herrn 
Metschnikow eine grosse Mannichfaltigkeit , denn 
während einige Formen, wie z. B. Auricularia und 
Bipinnaria, in ihrer Gesammtmasse in die definitive 
Form übergehen, erleiden die Nemertinen sehr we- 
sentliche Veränderungen, indem bei ihnen nur der 
Verdauungsapparat in das vollkommen ausgebildete 
Thier hinübergenommen wird. Derartige radicale Ver- 
wandlungen der Larve haben den Verfasser auf den 
Gedanken gebracht, dass zwischen Metamorphose und 
Fortpflanzung gewisser Thiere keine sicheren Grenzen 
existiren, und zwar sieht er die radicalen Metamor- 
phosen für Erscheinungen an, welche dem Genera- 
tionswechsel verwandt sind. Diese beiden Erschei- 
nungen mit einander vergleichend, lenkt der Verfasser 
unsere Aufmerksamkeit auf die Cestoden, unter denen 
man solche findet, bei welchen die aus dem Embryo 

Mélanges biologiques. VII. 61 



— 482— , 

hervorgehende Larve in ihrem Innern nur einen Sco- 
lex erzeugt. Zwischen der Entwicklung dieser Ce- 
stoden und der Entstehung der Nemertinen im Pili- 
dium existirt allerdings einige Übereinstimmung, jedoch 
selbstverständlich mit dem Unterschiede, dass die Ce- 
stoden keinen Verdauungsapparat besitzen. Aber der 
Verfasser führt ein Beispiel von Generationswechsel 
auf, welches eher für eine partielle Metamorphose an- 
gesehen werden kann, denn unter Generationswechsel 
versteht man stets eine Vermehrungsart, welche genau 
genommen bei den Nemertinen nicht vorkommt, deren 
Larven nur eine bestimmte Metamorphose erleiden. 
Nach unserer Ansicht kann nur da von Generations- 
wechsel die Rede sein, wo eine wirkliche Vermehrung, 
d. h. eine Production mehrerer Thiere, stattfindet und 
daher glauben wir, dass bei den Nemertinen wohl eine 
Metamorphose, aber niemals ein Generationswechsel 
vorkommt. 

Nachdem der Verfasser auf die Ähnlichkeit der 
Echinodermen und Nemertinen hingewiesen hat, be- 
müht er sich zugleich, die Unterschiede oder die Ana- 
logien in der Entwickelung der Echinodermen ausein- 
anderzusetzen, sieht aber dabei von den Analogien in 
der äusseren Form und in der Ausbildung der longi- 
tudinalen Wimperschnur ab, weil letztere bereits von 
J. Müller sehr ausführlich behandelt worden ist; 
eben so erwähnt er auch der Bildung der Darmhöh- 
lung durch Einstülpung des äusseren Blattes nach 
innen, die, wie Krohn und A. Agassiz gezeigt ha- 
ben, allen Echinodermen eigen ist, nur ganz beiläufig, 
macht dagegen auf die Differenzen in einigen anderen 
sehr wesentlichen Theilen aufmerksam. So z. B. ist 



— 483 — 

es ihm gelungen, nachzuweisen, dass das Verhalten 
des Oesophagus zur Wassergefässsystemsanlage nicht 
bei allen Echinodermen dasselbe ist; während bei 
Auricularia, Amphiura squamata und einigen Ophiu- 
riden die Anlage des Wassergefässsystems ringförmig 
wird und den Oesophagus umwächst, zeigt sie bei den 
Ästenden und Echiniden gar keine Beziehungen zum 
Larven-Oesophagus, sondern nimmt hier anfänglich 
die Form einer Rosette an und wird erst später vom 
neugebildeten Oesophagus durchbohrt. Diese Ver- 
schiedenheiten in der Entwickelung des centralen 
Wassergefässsystems bei einander doch so nahe ver 
wandten Typen ist höchst bemerkenswerth und steht 
einerseits mit dem Übergange des Larven-Oesophagus 
in das gleichnamige Organ des definitiven Thieres, 
andererseits mit dem Verschwinden und Ersetztwer- 
den desselben durch ein neues Organ im Zusammen- 
hange. Auf die Differenzen in der Entwickelung man- 
cher anderen Organe, wie z. B. der lateralen Schei- 
ben, wollen wir hier nicht näher eingehen, da diese 
Differenzen mehr scheinbar, als wirklich vorhanden 
sind. 

Von ganz besonderem Interesse ist die Umbildung 
der bilateralen Echinodermenlarve in die radiäre 
Form. Nach unserer Ansicht unterliegt es keinem 
Zweifel, dass alle Echinodermenlarven als aus zwei 
symmetrischen Hälften zusammengesetzt angesehen 
werden müssen , jedoch wollen wir uns auf diese 
Frage, die bereits vor mehreren Jahren von Leuckart 
erläutert worden ist, nicht weiter einlassen, und hier 
nur einige allgemeine Bemerkungen unseres Verfassers 
anführen. Schon in einer sehr frühen Entwickelungs- 



— 484 — 

période verändert das Wassergefässsystem seine Form 
und bildet somit den Ausgangspunkt für die weitere 
Umwandlung des Thieres. Anfangs erscheint es fast 
immer als paariges Organ, und wenn es auch in ein- 
zelnen Fällen, wie z. B. bei Auricularia, nicht voll- 
kommen paarig ist, so giebt es doch wenigstens einem 
paarigen Organe, den lateralen Scheiben, den Ur- 
sprung. So wie nun die eine Anlage des Wasserge- 
fässsystems, möge sie paarig und symmetrisch sein 
oder nicht, sich vergrössert, so beginnt die allmäh- 
liche Umwandlung der bilateralen Larve in die ra- 
diäre Form. Bei verstärktem Wachsen der einen Seite 
(bei den Echinodermen gewöhnlich der linken) erhält 
diese Seite sehr bald ein bedeutendes Übergewicht 
über die andere, wobei natürlich die Symmetrie des 
Thierkörpers gestört wird. Bei einzelnen Thieren 
bleibt diese Asymmetrie, d. h. das Überwiegen der 
einen Körperseite über die andere, zeitlebens beste- 
hen, wie z. B. bei den Gastropoden, bei den Echini- 
den dagegen findet solches nicht statt, da bei ihnen 
die linke Seite, die mehr und mehr die radiäre Form 
annimmt, die rechte vollständig verdrängt. 

Über die systematische Stellung der Echinodermen, 
so wie über ihre Verwandtschaftsverhältnisse zu den 
einfachsten Formen derHolothurien und Würmer geht 
der Verfasser kurz hinweg, weil die Entwicklungs- 
geschichte dieser Thiere verhältnissmässig noch wenig 
bearbeitet ist und daher die Möglichkeit fehlt, zu 
irgend einem positiven Resultat zu gelangen. Mit 
dieser Ansicht muss man sich selbstverständlich ein- 
verstanden erklären , denn die Entscheidung dieser 
höchst interessanten Fragen wird erst dann möglich 



— 485 — 

sein, wenn die zahlreichen Lücken, die gegenwärtig 
in der Entwickelungsgeschichte der oben genannten 
Thiere vorhanden sind, ausgefüllt sein werden. 

Für jeden denkenden Menschen, der' sich nicht mit 
der blossen Aufzählung nackter Thatsachen, so gross 
ihre Zahl auch sein möge, begnügt, sondern bemüht 
ist, in der Embryologie die Gesetze, d. h. das Band, 
welches die einzelnen Erscheinungen zu einem Gan- 
zen verknüpft, aufzusuchen, wird es von grossem In- 
teresse sein, die ersten, vom Verfasser vorgeführten 
Entwickelungsstadien durchzugehen und sich mit den 
von ihm ausgesprochenen Ideen bekannt zu machen. 

Bei den Nemertinen treten nämlich zwei embryo- 
nale Blätter auf, deren weitere Entwickelung grosse 
Analogien mit den gleichen Vorgängen bei den höhe- 
ren Thieren darbietet, indem das äussere hornige 
Blatt sich in das äussere Flimmerepithel und in das 
Centralnervensystem umwandelt, während aus dem 
inneren Blatte die Muskeln und vielleicht auch die 
Gefässe entstehen. Ausserdem müssen wir noch er- 
wähnen, dass bei den Embryonen von Amphiura und 
bei Nemertes sich nach der Theilung des Dotters die 
sogenannte Segmentationshöhle bildet, in welcher sich 
später die Verdauungswerkzeuge und die zu ihnen 
gehörigen Organe entwickeln. 

Am Schlüsse seiner Abhandlung hat Dr. Metsch- 
nikow es nicht unterlassen, die systematische Stellung 
der Echinodermen und ihre Verwandtschaften mit den 
Würmern zu erläutern, zwei gewiss sehr interessante 
Fragen, welche in neuester Zeit von vielen Gelehr- 
ten, namentlich von Semper, angeregt worden sind. 
Manche behaupten nämlich, dass die Echinodermen 



— 486 — 

in eine Klasse mit den Würmern gestellt werden 
könnten und betrachten die Gephyreen als das ver- 
bindende Glied zwischen Würmern und Echinoder- 
men, sehen ferner in den Sipunculiden den Übergang 
zu den fusslosen Holothurien, da sowohl bei diesen, 
als auch bei jenen die Tentakeln eine sternförmige 
Anordnung zeigen, und finden endlich auch in dem 
Nervensystem Analogien. Die Untersuchungen des 
Herrn Metschnikow lehren, dass der Nachweis für 
die Analogien zwischen den genannten Thieren schwer 
durchzuführen ist, da in der Organisation und nament- 
lich in der Entwickelungsgeschichte derselben man- 
cherlei Besonderheiten vorkommen, die entweder aus- 
schliesslich der einen , oder der anderen Ordnung 
eigenthümlich sind. 

Besondere Berücksichtigung verdient schliesslich 
noch die an Tornaria gemachte Beobachtung: diese 
Larve ist einer Echinodermenlarve sehr ähnlich, ver- 
wandelt sich aber bei der weiteren Entwickelung in 
ein wurmförmiges Geschöpf mit inneren Kiemen und 
erinnert so sehr an Balanoglossus, dass sie aller Wahr- 
scheinlichkeit nach als Larve dieses letzteren aufge- 
fasst werden muss. 

Die zweite Arbeit des Hrn. Metschnikow, welche 
unserer Ansicht nach ganz besondere Berücksichti- 
gung verdient, behandelt die Entwickelungsgeschichte 
der Sepiola. 

Die Cephalopoden bieten bekanntlich in ihrer Or- 
ganisation so viel Interessantes dar, dass eine einge- 
hende Bearbeitung ihrer Entwickelungsgeschichte im 
höchsten Grade wünschenswerth erscheint. Unter den 
früheren Arbeiten, welche die Embryologie der Ce- 



— 487 — 

phalopoden zum Gegenstande haben, nimmt diejenige 
Kolli ker's, der die Entwickelung von Loligo, Ar- 
gonauta und Tremoctopus verfolgt hat, ohne Zweifel 
den ersten Rang ein, während die Untersuchungen 
Van Beneden's und Delle Chiaje's, welche sich 
auf Sepiola beziehen, leider nur fragmentarisch und 
oberflächlich sind. Obgleich nun die Abhandlung 
Kolli ker's, wie schon bemerkt, eine ganz vorzüg- 
liche ist und viele interessanten Thatsachen enthält, 
so ist sie doch nicht ohne Lücken und entspricht auch 
den Forderungen- der neuesten Embryologie nicht mehr 
vollkommen. 

Die Eier der Sepiola, an denen Herr Metschni- 
kow die Micropyle entdeckt hat, sind vollständig 
durchsichtig, setzen ihre Entwickelung im Zimmer 
leicht fort, und kann daher ein find dasselbe Ei in 
seinen verschiedenen Entwickelungsstadien beobach- 
tet werden. Eine der wichtigsten und interessantesten 
Erscheinungen, die Herr Metschnikow in der Ent- 
wickelung der Sepiola beobachtet hat, besteht darin, 
dass die erste Anlage in zwei Blätter zerfällt, welche 
den Dottér vollständig umwachsen. Bei der Entwicke- 
lung dieses Thieres treten vor allen anderen Organen 
die Anlagen der Augen, des Mantels und darauf des 
vorderen Theiles des Darmkanals auf, später bilden 
sich die Gehörorgane, die Kiemen und zwei Fusspaare, 
und endlich erscheint der Trichter, der Analhöcker, 
das Centralnervensystem und die Anlage der Circu- 
lationsorgane. 

Aus dem äusseren der beiden oben erwähnten Blät- 
ter entstehen nach Angabe des Verfassers die Haut, 
die Knorpel, alle Sinnesorgane, fast der ganze Darm- 



— 488 — 

kanal, die Speicheldrüsen, die Leber und der Tinten- 
beutel, aus dem inneren dagegen bilden sich die Mus- 
keln, alle Theile des Nervensystems, der Schlund und 
das Gefässsystem. 

Bei der Entwicklung der Organe fand der Verfas- 
ser ganz allgemein, dass der grösste Theil derselben, 
der aus dem oberen Blatte hervorgeht, durch Ein- 
stülpung nach innen entsteht, während alle Organe des 
unteren Blattes sich aus dichten Zellenhaufen bilden, 
in denen später Hohlräume entstehen. 

Wenn diese Thatsachen richtig sind, was wohl 
kaum einem Zweifel unterliegt, so verdienen sie bei 
ihrer Wichtigkeit die vollste Anerkennung. Deshalb 
haben wir ihrer auch in erster Reihe erwähnt und 
manche andere, gleichfalls werthvolle Untersuchun- 
gen über die specteile Entwicklung dieser oder je- 
ner Organe bei Seite gelassen, und heben nur noch 
hervor, dass die Untersuchungen des Herrn Metsch- 
nikow ein vollständig neues Licht über die Entwicke- 
lung des Gehörorgans, des Auges, des Darmkanals 
und der Circulationsorgane verbreiten. 

Wie hoch wir auch die Arbeit des Herrn Verfassers 
stellen, so können wir doch nicht umhin, in Betreff 
derselben einige Wünsche auszusprechen. Die Ent- 
wicklungsgeschichte der Sepiola gäbe uns ein noch 
anschaulicheres Bild von den embryonalen Vorgängen 
bei diesem Thiere und die Untersuchungen hätten 
einen noch grösseren Werth, wenn der Abhandlung 
einige Abbildungen beigelegt wären und wenn der 
Verfasser ein grösseres Gewicht auf die histologische 
Entwickelung der Gewebe gelegt hätte. Endlich hätte 
die Untersuchung ein noch befriedigenderes Resultat. 



— 489 — 

geliefert, wenn die Methode der Durchschnitte ange- 
wendet worden wäre, denn nach einigen Daten sind 
wir geneigt anzunehmen, dass der Verfasser, wenn er 
sich dieser Methode bedient hätte, vielleicht zu dem 
Resultat gelangt wäre, dass die Nervenknoten sich 
nicht aus dem zweiten, sondern aus dem ersten em- 
bryonalen Blatte entwickeln. Wenn wir nun auch 
diese Wunsche auszusprechen genöthigt waren, so 
kommt es uns doch durchaus nicht in den Sinn, da- 
durch den Werth der Arbeit schmälern zu wollen; 
im Gegentheil, wir stellen sie sehr hoch und beken- 
nen aufrichtig, dass die Untersuchungen des Herrn 
Metschnikow über die Entwicklung der Sepiola 
uns eine so vollständige Monographie der embryona- 
len Processe bei einem Cephalopoden geliefert haben, 
wie sie, mit Ausnahme der Arbeit Kölliker's, bis 
jetzt in der Literatur nicht vorhanden war. 

Indem wir noch einen Blick auf die von dem Ver- 
fasser eingereichten Arbeiten werfen, können wir nicht 
umhin, auf die Entwickelungsgeschichte des Scorpions 
aufmerksam zu machen, welche von 4 sorgfältig aus- 
geführten Tafeln begleitet ist. Das Hauptresultat die- 
ser Arbeit besteht darin, dass bei dem Embryo des 
Scorpions drei embryonale Blätter vorkommen, welche 
in vielen Beziehungen eine grosse Ähnlichkeit mit den 
Blättern der Wirbelthiere zeigen, wie sie von Pander, 
v. Baer und Remak beschrieben worden sind. Ein 
solches Resultat bedarf keines Commentars, es spricht 
selbst für sich. # 

In Anbetracht der grossen Zahl der von Herrn 
Metschnikow vorgestellten Arbeiten, Untersuchun- 
gen und Entdeckungen, welche die Wissenschaft fac- 

Mélangea biologiques VII. 62 



— 490 — 

tisch bereichert und unsere Kenntniss von der Ent- 
wickelungsgeschichte der niederen Thiere sehr erwei- 
weitert haben, glauben wir wohl unsere Meinung da- 
hin abgeben zu können, dass der Verfasser den Baer'- 
schen Preis mit vollem Rechte beanspruchen darf. 



Nach eingehender Prüfung aller zum Concurse ein- 
gereichten Arbeiten und nach Kenntnissnahme der 
von den Fachmännern abgegebenen Gutachten hat die 
Commission, mit besonderer Berücksichtigung der vom 
Geheimrath Herrn K. E. von Baer ausgesprochenen 
Ansicht, einstimmig beschlossen, die Arbeiten der Pro- 
fessoren Böttcher, Ko walewsky undMetschnikow 
für des vollen Baer'schen Preises würdig zu erklären 
und demgemäss den Preis zu gleichen Theilen unter 
die drei Concurrenten zu vertheilen. 



(Aus dem Bulletin, T. XV, pag. 272 — 291). 



-März 1870. 

Über das Nervensystem der Seesterne, von Ph. 
Owsjannikow. 

(Mit einer Tafel.) 

In einer speciellen Untersuchung, wie die hier vor- 
liegende, in der es hauptsächlich darauf ankommt, 
neue Thatsachen mitzutheilen , könnte die Literatur 
des Gegenstandes als bekannt vorausgesetzt und über- 
gangen werden. Ich gestehe, dass ich in ähnlichen Fäl- 
len die Literatur gern bei Seite lasse, da sie bei dem 
Specialisten , welchen die detaillirten Untersuchungen 
interessiren können, wirklich als bekannt vorausge- 
setzt werden kann und nur unnütz Raum einnehmen 
würde. 

Doch wenn wir das Bekannte über das Nevensystem 
der Seesterne zusammenfassen, so sehen wir, dass dar- 
über eine grosse Verwirrung herrscht, und dass die 
besten Forscher Ansichten, selbst in Betreff der gro- 
ben Structur, ausgesprochen haben, denen andere 
widersprochen haben. Dieser Umstand bewegt mich, 
wenigstens die Hauptarbeiten über das Nervensystem 
der Seesterne anzuführen. 

Tiedemann beschreibt zuerst in seiner gekrönten 
Schrift die Nerven der Ästenden und bildet sie ab. 



— 492 — 

Seine Abbildungen sind in alle ältere und neuere Hand- 
bücher und Atlasse der vergleichenden Anatomie bis 
zu unsern Tagen übergegangen. 

Ich habe die Untersuchung des Nervensystems der 
Ästenden noch in Neapel im Jahre 1865 angefangen, 
was ich fand, war aber so anders beschaffen, als es 
überall abgebildet wurde, dass ich in Verzweiflung den 
Gegenstand auf längere Zeit aufgab, bis ich ihn wieder 
hier in St. Petersburg aufnahm. 

Nun hat es sich nämlich herausgestellt, dass das, was 
Tiedemann als orangenfarbiges Gefäss beschrieben 
hat, Nervenstrang war, und was er als Ambulacral- 
nerven beschrieben und abgebildet hat, nichts Ande- 
res ist, als elastisches Band. Merkwürdig bleibt es, 
dass spätere Autoren diesen Fehler nicht eingesehen 
haben, trotzdem J. Müller 1 ), dieser ausgezeichnete 
Forscher, schon im Jahre 1854 darauf aufmerksam 
gemacht hat. Wir wollen seine Worte, da sie wenig 
bekannt zu sein scheinen, hier anführen : 

«Gleichwohl kann ich das, was Tiedemann für 
Nerven gehalten, als solche nicht ansehen und habe 
in den anatomischen Studien diese Meinung begründet. 
Die Nervenstämme der Echinodermen sind keine sol- 
chen dünnen Fäden, wie Tiedemann abgebildet, son- 
dern bandartig breite. Was er Nervenring am äussern 
Rande des ringförmigen Blutgefässes nennt, ist mir 
auch in den grössten und best erhaltenen Exemplaren 
des Asteropecten aurantiacus und andern Asterien gar 
nicht verständlich geworden und lässt sich dort nichts 
von dem Gefäss trennen, was nicht zum Blutgefäss ge- 
hört. » 






1) Über den Bau der Echinodermen. Berlin 1854, p 49. 



— 493 — 

Im Jahre 1860 erschien eine interessante Arbeit 
über das Nervensystem der Seesterne und die Sinnes- 
organe derselben von Dr. Wilson 2 ). Er bezeichnet 
vollkommen richtig die Lage des Ambulacralnerven- 
systems und giebt eine detaillirte mikroskopische Be- 
schreibung über die Structur des Nervensystems. Seine 
Abbildungen zeigen uns dieses System, sowohl von 
oben gesehen als auf Querschnitten. "Wilson war der 
erste , der das Nervensystem der Ästenden auf Quer- 
und Längsschnitten genau untersucht hat. Doch hat 
er, wie wir später sehen werden, manche wesentliche 
Punkte übersehen. 

Ich untersuchte folgende Seesterne: Asteracanthion 
tenuispinus, rubens, glacialis, Asteropecten glacialis und 
andere. Der Nervenring, dessen Form nach der Zahl 
der Strahlen sich richtet, umgiebt den Mund, von dem 
er in einiger Entfernung liegt. Um ihn ordentlich zu 
sehen oder zu präpariren , muss man die Ecken der 
Strahlen, die ihn bedecken, abbrechen. Dieser Ring ist 
ein plattes Band (Fig. 1) und besitzt nirgends An- 
schwellungen, die als Ganglien gedeutet werden könn- 
ten. Wenn früher einige Autoren, wie z. B. R. Wagner, 
solche Ganglien beschrieben haben, so war dabei ir- 
gend ein Irrthum. Die Nervenelemente, welche den 
Ring bilden , unterscheiden sich in nichts von Ambu- 
lacralnerven. Die letzteren besitzen Nervenzellen als 
Nervenfasern, ganz von derselben Beschaffenheit, wie 
die, die wir im Ringe antreffen. Um die Ambulacral- 
nerven, die gewöhnlich von den Füsschen bedeckt sind, 



2) The Transactions of the Linnean Society of London. Vol. 
XXIII. Part the first, pag. 107. The Nervous System of the Asteri- 
dae. By Henry S. Wilson. 



— 494 — 

genau in ihrer Lage und Form zu sehen, reisse ich mit 
einer kleinen Pincette die Füsschen heraus. Betrach- 
tet man dann das Präparat bei schwacher Vergrösse- 
rungim Wasser, bei Beleuchtung von oben, so erscheint 
das Nervensystem als eine erhabene, ja selbst stark 
hervorspringende Leiste (Fig. 2. a), häufig gelblich, 
mehr oder weniger stark gefärbt. 

Nicht aber die erhabene Leiste allein bildet den 
Nervenstrang, sondern auch ihre beiden bandartig ver- 
laufenden Kanten , die sich bis zu der Basis der Füss- 
chen erstrecken (Fig. 2. b). Am dicksten ist der Strang 
beim Abgange vom Nervenringe, wird dann aber, je 
mehr er sich der Strahlenspitze nähert, um so dünner 
und niedrieger. Es ist eine höchst interessante Sa- 
che, dass der Nervenstrang nicht aus einer soliden 
Masse besteht, sondern dass dort, wo er eine Erhaben- 
heit bildet, dieselbe nichts Anderes als eine Falte ist. 
Präpariren wir den Nervenstrang heraus und betrach- 
ten denselben von unten, so liegt in der Mitte desselben, 
wo also oben sich die Leiste befand, in derselben eine 
Rinne (Fig.l.a). Wenn zufällig durch das Präpariren 
in der Mitte des Nervenstranges ein Riss entstanden 
ist, so kann man durch denselben in die Rinne des Ner- 
venkanals hineinsehen. Auf diese Weise sind die Strah- 
lennerven als ein halbgeschlossener Kanal zu betrach- 
ten. Übrigens ist von der unteren Fläche der Nerven- 
kanal durch eine sehr dünne Wand, die sowohl Zellen 
als Fasern enthält, geschlossen, oder wenigstens von dem 
unterhalb gelegenen elastischen Gewebe abgegrenzt. 

Die Betrachtung von der unteren Fläche zeigt fer- 
ner, als ob von beiden Seiten des Kanals zwei symmetri- 
sche, gleich weit von einander entfernte Streifen sich 



— 495 — 

hinziehen. Die beiden Streifen sind keineswegs beson- 
dere Ansammlungen der Nervenelemente, wofür man 
vielleicht geneigt sein könnte sie zu halten, sondern 
sie werden durch die Wände des Nervenkanals gebildet. 
Der Nervenkanal oder die Nervenrinne, die ich 
eben beschrieben und auch hier abbilde, ist auf keiner 
der Zeichnungen von Wilson dargestellt. Genau auf 
derselben Stelle sind auf seinen Zeichnungen Nerven- 
zellen abgebildet. Ich bitte die folgende Zeichnung des 
oben genannten Werkes zn betrachten, nämlich Tab. 
13. Fig. 1. Tab. 14. Fig. 1. 7. 9. Ich konnte mir durch- 
aus nicht erklären, wie es kam, dass auf meinen Prä- 
paraten die Zellen in dieser Art wenigstens nicht vor», 
kommen, während sie dort so schön abgebildet sind. 
Ich dachte Anfangs, dass die Präparationsmethode, die 
ich anwandte, daran schuld war. Auf meinen Quer- 
schnitten Fig. 7 und 8 sieht man mit der grössten 
Deutlichkeit die Öffnung des Wassergefässes (e), das 
unterhalb desselben gelegene Querband und darunter 
als Papille (b) den Nervenstrang. In den Hauptzügen 
stimmen die Wilson'schen oben citirten Abbildungen, 
die Nervenzellen ausgenommen, vollkommen überein. 
Ich finde aber auf allen meinen Präparaten bei allen 
von mir untersuchten Seesternen, unterhalb des unter 
dem Wassergefässe gelegenen Querbandes, noch ein 
Längsband (d), welches auf allen Wilson'schen Abbil- 
dungen fehlt. Es könnte sein, dass die dicken elasti- 
schen Fasern auf den Querschnitten breiter erscheinen 
und so eine Ähnlichkeit mit den Zellen darbieten. 
Wilson zeichnet aber die Nervenzellen mit Nerven- 
hülle und Kern mit einer solchen Schärfe, dass gegen 
meine Erklärung notwendigerweise ein Zweifel auf- 



— 496 — 

steigen muss. Den künftigen Forschern mag es über- 
lassen sein, diesen Zweifel zu lichten. 

Ferner muss ich hervorheben, dass ich, was die 
Grösse der Nervenzellen als auch ihre Lage anbetrifft, 
anderer Meinung als Wils on bin. Nach seiner Beschrei- 
bung und Zeichnung zu urtheilen, liegen die Ner- 
venzellen in der Mitte des Nervenstranges. Sie schicken 
strahlenförmige Ausläufer nach aussen und sind, nach 
Präparaten zu urtheilen, von Nervenfasern überdeckt. 

Ich finde dagegen, dass die Nervenzellen mehr zur 
Peripherie des Ambulacralstranges gelegen sind. In die- 
ser Beziehung haben meine Präparate eine grosse Ähn- 
lichkeit mit den Zeichnungen, die Semper 3 ) von dem 
Nervensystem der Holothuria erinacea S. auf der Ta- 
fel XXXVIII Fig. 1 . in dem von ihm sogenannten obe- 
ren Nervenbande gegeben hat. Semper beschreibt 
ebenfalls die Armnerven der Holothurien als einen 
hohlen Kanal, nur mit dem Unterschiede, dass derselbe 
nach ihm vollkommen geschlossen ist und das Nerven- 
system, welches ihn umgiebt, mehrere Schichten zeigt. 
Meine Präparate von den Ambulacralnerven der See- 
sterne haben zuweilen ein ähnliches Bild dargeboten, 
auch der Kanal ist geschlossen gewesen. Aber nach- 
dem ich eine grosse Anzahl Präparate durchmustert 
habe, bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass nicht 
alles hier Befindliche zum Nervensystem gerechnet wer- 
den kann, so z. B. die untere Wand des Kanals. 

Diese Wand wird durch ein dünnes Häutchen ge- 
bildet, welches unterhalb den, den Steinkanal umge- 
benden Längs- und Querfasern liegt und sich an das 

3) Dr. S. Semper, Reisen im Archipel der Philippinen. 2 Theile, 
1. Band, IV. Heft. Holothurien. 



— 497 — 

Nervensystem mehr oder weniger fest anschliesst. Das 
Häutchen zeigt deutliche Fasern und Zellen, die ich 
aber nicht für Nervenelemente halten kann. 

Ich gehe nun zur nähern Beschreibung des feine- 
ren Baues des Nervensystems über, nachdem ich seine 
Lage und Form geschildert habe, muss aber noch hin- 
zufügen, dass dasselbe überall von aussen, sowohl der 
Nervenring als die Ambulacralnerven, durch eine sehr 
feste, helle, durchsichtige Haut bekleidet ist (Fig. 9). 
Einmal sah ich auf derselben kleine stachelförmige 
Fortsätze. Eine der Zeichnungen zeigt dieses Verhält- 
niss. Unter ihr, wenn wir uns den Seestern umgekehrt 
denken, liegen zunächst die Nervenzellen (Fig. 9. u. a.) 
und zwar in mehreren Lagen. Die ganz nach aussen 
gelegenen haben eine mehr längliche Form, so dass 
sie den Cylinderepithelzellen nicht unähnlich sind. Die 
tiefer liegenden Nervenzellen haben eine mehr rund- 
liche Gestalt. Überall sieht man einen deutlichen Fort- 
satz, welcher nach innen und dann zu der einen oder 
der anderen Seite verläuft und sehr weit verfolgt wer- 
den kann. Alle Nervenzellen haben einen Kern. Von 
einer besonderen Membran lässt sich weder an den 
Nervenzellen noch an den Nervenfasern etwas wahrneh- 
men. Die Behandlung der Nervenelemente mit den 
verschiedensten ßeagentien hat mir gezeigt, dass die 
Membran hier gar nicht vorkommt. Wenn ich die Ner- 
venzellen als länglich und rund bezeichnet habe und 
von einem weit zu verfolgenden Fortsatz sprach, so 
ist damit durchaus nicht gemeint, dass die Zellen nicht 
andere Fortsätze besitzen. Im Gegentheil, bei 2- oder 
3000maliger Vergrößerung erscheinen die Zellen 
eckig, schindel- oder sternförmig; es gehen von ihnen 

Mélanges biologiques. VII. 63 



— 498 — 

zwei, drei, vier oder noch mehr Fortsätze ab. Wegen 
der ungeheuren Feinheit derselben kann man sie nicht 
weit verfolgen. Ich bin geneigt anzunehmen, dass diese 
Fortsätze theils die Zellen unter sich verbinden, theils 
sich verzweigend die sogenannte Punktsubstanz bilden, 
die die Zellen umgiebt. Ich habe keine hystologischen 
Elemente in dem Nervenring und den Ambulacralnerven 
entdecken können, die nicht zu dem Nervengewebe 
gehörten. Die Nervenfasern sind von verschiedener 
Breite, doch verhältnissmässig sehr dünn. Die allge- 
meine Regel, die man aus der Untersuchung der niede- 
ren Thiere ziehen könnte, nämlich dass alle Nerven- 
elemente bei ihnen eine bedeutende Grösse erreichen, 
findet hier keine Anwendung. Die Zellen sind klein, 
die Fasern dünn. 

Die Nervenfasern entbehren sowohl der Markscheide 
als der Hülle, bestehen also nur aus Cyclinderaxis. 
DieContouren der Fasern sind uneben, bald verschmä- 
lern sie sich, bald schwellen sie an. Es gehen von den 
Fasern fast unmessbar feine Fädchen, die mit Protoplas- 
maklümpchen oder sehr feinen Nervenzellen, die man 
sonst vielleicht als Kerne bezeichnen könnte, sich ver- 
binden (Fig. 6). Diese kleinen Nervenzellen sind zwi- 
schen den Fasern und zwar in einer ziemlich regel- 
mässigen Anordnung eingelagert. Der Hauptverlauf 
der Nervenfasern in den Ambulacralnerven ist der 
Länge nach derselbe. Die Längsfasern werden von fei- 
neren Querfasern durchsetzt. Daraus stellt sich heraus, 
dass die Fasern in doppelter Richtung verlaufen, so- 
wohl der Quere, als der Länge nach. 

Von den Ambulacralnerven gehen Nervenwurzeln 
ab zu den Füsschen. Dieselben sind im Anfange eben- 



— 499 — 

falls nicht rund, sondern, wie die Nervenstränge über- 
haupt, etwas rinnenförmig ausgehöhlt. Der Haupt- 
stamm liegt zwischen denFüsschen und schickt sodann 
feinere Zweige zu denselben. Die Nerven wurzeln las- 
sen sich ziemlich weit in die Ambulacralnerven oder 
Ambulacralgehirne verfolgen, wo sie erst strahlen- 
förmig aus einander laufen und endlich mit den Zellen 
sich verbinden, in der Weise, wie man es gewöhnlich 
bei Spinalnerven im Rückenmarke der höheren Thiere 
sieht. 

Der Nervenring ist ein plattes Band, dessen Form, 
wie ich schon früher erwähnt habe, von der Anzahl 
der Strahlen abhängt. An seiner inneren Kante, näm- 
lich vom Munde her, ist er an manchen Stellen, bei al- 
len von mir uutersuchten Seesternen, mehr oder weni- 
ger nach oben eingekerbt. Die Rinne oder der Halb- 
kanal der Ambulacralgehirne beginnt nicht unmittel- 
bar schroff an der äussern Kante des Bandes, son- 
dern geht erst allmählich in dasselbe über, indem die 
Rinne breiter, aber auch zu gleicher Zeit seichter 
wird (Fig. 1. &). 

Schliesslich finde ich für zweckmässig, einige Worte 
über die Untersuchungsmethoden hinzuzufügen, damit 
meine Resultate später durch andere Forscher contro- 
lirt werden können. 

Ich untersuchte den Ambulacralnervenstrang, indem 
ich ihn herauspräparirte und zuerst denselben unver- 
sehrt von unten und oben bei verschiedener Vergrös- 
serung durchmusterte; dann zerzupfte ich ihn mit fei- 
nen Nadeln , so dass Zellen und Fasern zertrennt ein- 
zeln in Glycerin oder Wasser bei sehr starker Ver- 



— 500 — 

grösserung untersucht werden konnten. Zuweilen 
färbte ich die Präparate mit Carmin. 

Die zweite Untersuchungsmethede war folgende: 
Die untere Fläche des Seesternskelets eines Strah- 
les wurde von der oberen abgeschnitten, die Füsschen 
wurden meistens ausgerupft. Nachdem die Stückchen 
desselben eine Zeitlang in starkem Spiritus gelegen 
hatten, wurden sie durch Terpentin durchsichtig ge- 
macht, natürlich soviel es ging. 

Hernach legte ich kleine Stücke in heisses mit Öl 
vermischtes Wachs. 

Nachdem die Mischung erhärtet war, machte ich 
mit einem Rasiermesser, welches mit Terpentin benetzt 
war, feine Querschnitte, Die hier beigelegten Zeich- 
nungen zeigen, wie gut solche Schnitte ausfallen können. 
Ich habe auch die von Wilson vorgeschlagene Me- 
thode versucht, jedoch von derselben keinen besonderen 
Erfolg gesehen, so dass ich die von mir angeführte 
der Wilson'schen vorziehe. 

Fassen wir die berichteten Resultate kurz zusam- 
men, so ergiebt sich Folgendes: 

Der Nervenring ist ein plattes Band, etwas an der 
äussern Kante eingekerbt, und besitzt sowohl Ner- 
venfasern als Nervenzellen. 

Die Ambulacralnerven sind rinnenförmige Kanäle, 
wodurch eine Ähnlichkeit mit dem Rückenmarke der 
höheren Thiere statuirt werden kann. 

Sie bestehen aus zwei symmetrischen Hälften. 

Die Nervenzellen liegen mehr an der äussern Flä- 
che und zwar auf dem convexen Rande des Nerven- 
stranges. 



— 501 — 

Die Nervenzellen sind multipolar, besitzen keine 
Membran und sind äusserst klein. 

An den Nervenfasern, die meistens dünn sind, un- 
ebene Contouren besitzen, sich verzweigen, ist weder 
Nervenhülle, noch Nervenmark vorhanden. 

Die Nervenfasern, die von den Füsschen ausgehen 
und in die Ambulacralnerven eintreten, vertheilen sich 
dort fächerförmig, bevor sie sich mit den Zellen ver- 
binden. 

Ausser Nervenzellen und Nervenfasern sind in dem 
Nervensystem gar keine anderen hystologischen Ele- 
mente vorhanden. 

Von Aussen ist das Centralnervensystein durch ein 
festes Häutchen bedeckt. 



Erklärung der Tafel. 

Fig. 1 . a. Der Nervenmundring vom Aster acanthion 
rubens, von der oberen Fläche gesehen, d. h. von 
der, die dem Körper des Seesternes anliegt. Der 
dunkle Strich an der innern Kante des platten 
Ringes deutet die hier sich befindende Einker- 
bung an. 

b) Die von dem Nervenringe abgehenden Ambulacral- 
nerven oder Gehirne. Die dunklen Striche deuten 
die Wände des Nervenkanals an, zwischen welchen 
sich eine Furche befindet. An der äussern Kante 
der Ambulacralgehirne sieht man abgerissene Ner- 
ven, die sich zu den Füsschen begeben sollen. 
Fig. 2. Ein Stückchen des Ambulacralnerven vom 
Aster acanthion tenuispinus von unten gesehen. 



— 502 — 

a) Der erhabene Theil des Ambulacralnervs. Un- 
ten sieht man einen Riss, der durch eine dunkle 
gebrochene Linie angedeutet ist. Durch diesen 
Riss kann man in die Höhle des Nervensystems 
hineinsehen. 

b) Der platte Theil des Ambulacralnervs. 

c) Die Füsschen, die fast bis zu ihrer Basis abge- 
schnitten sind, um den Verlauf des Nervensystems 
besser sehen zu können. 

Fig. 3. Ein Stückchen vom Ambulacralnerven des 
Aster, rubens von oben gesehen, stärker vergrössert als 
auf der vorhergehenden Fig. Der helle Strich ist der 
Kanal, die dunklen die Wände desselben. 

Fig. 4. Dasselbe nur von unten gesehen. Man sieht 
auf beiden Figuren die längs- und querziehenden Ner- 
venfasern. 

Fig. 5. Ebenfalls ein Stückchen vom Ambulacral- 
nerven desselben Seesternes. 

a) Die an der Spitze der Leiste gelegenen Nerven- 
zellen. 

b) Die von denselben abgehenden Nervenfasern, die 
sich theils in Ambulacralnerven verlieren, theils 
deutlich zu den Füsschen verfolgt werden kön- 
nen. (Schwache Vergrösserung.) 

Fig. 6 zeigt bei stärkerer Vergrösserung (über tau- 
send) die kleinen Nervenzellen, die an den Nerven- 
fasern im Innern der Ambulacralgehirne sehr regel- 
mässig gelagert sind, und die ich zu den Nervenele- 
menten rechne, obgleich sie als Körnchen erscheinen. 

Fig. 7. Ein Querschnitt durch den Strahl des Aster, 
tenuispinus. 

d) Ein Stückchen der Füsschen. 



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Ph.Owsjanmkow! 1 ' ! Seesterae. 




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— 503 — 

b) Ein querdurchschnittener Ambulacralnerv mit der 
erhabenen Leiste oder Papille in der Mitte. (Sie 
ist etwas verschrumpft durch die Behandlung mit 
Spiritus.) 

c) Die obere Wand des Nervensystems. Zwischen den 
beiden Blättern ist ein hohler Raum vorhanden. 

d) Ein elastisches Längsband. 

e) Wassergefäss. 

Fig. 8. Dieselben Verhältnisse bei einem andern 
Seesterne. Das Häutchen, das von oben den Nerven- 
kanal schliesst, ragt in den Kanal hinein. Solche Er- 
scheinungen kommen häufig zur Beobachtung und 
könnten Veranlassung zu manchen Missverständnissen 
geben. 

Fig. 9. Ein Querschnitt, den erhabenen Theil des 
Ambulacralnervens vorstellend. Von aussen ist durch 
die dunkle Linie das Häutchen angedeutet, welches 
das Nervensystem umgiebt. Oberhalb desselben sind 
durch kleine Punkte Nerven allein angedeutet, die von 
allen Seiten von Nervenfasern umgeben siud. 



(Aus dem Bulletin, T. XV, p. 310 — 318.) 



~ Juni 1870. 

14 

Über das Nervensystem der Lepas anatifera 
(anatomisch-nistologische Untersuchung), von 
Dr. Eduard Brandt. 

(Mit einer Tafel.) 

Während meines Aufenthaltes im Sommer des Jah- 
res 1869 an der Küste des adriatischen Meeres, in 
Triest, kam ich in Besitz einer Menge von Exemplaren 
der Lepas anatifera. Bekanntlich ist dieses Thier anato- 
misch von G. Cuvier 1 ) und Martin St. Ange 2 ) un- 
tersucht worden. Nach den Angaben der beiden ge- 
nannten Forscher wäre das Nervensystem dieses Thie- 
res ein ganz eigenthümliches und stelle sehr viel 
Abweichendes vom Baue des Nervensystems anderer 
Arthropoden dar. Es sollen nämlich die beiden Stränge 
des Bauchmarkes, welche ziemlich weit aus einander 
bleiben, bloss vorne und hinten durch ein Gehirn- 
ganglion und durch ein Schwanzganglion verbunden 
sein ; die übrigen Knoten des Bauchmarkes wären 
ohne Quercommissuren. Diese Eigentümlichkeit wird 
als etwas Charakteristisches für das Nervensystem 



1) G. Cuvier. Mémoire sur les Mollusques. Paris. 1817. 

2) Martin St. Ange. Mémoire sur l'organisation des Cirripèdes. 
Paris. 1835. 



— 505 — 

der Lepadiden in allen zoologischen Hand- und Lehr- 
büchern, die den inneren Bau der Thiere berücksich- 
tigen, citirt. Spätere Untersuchungen Darwin's 3 ) an 
einer anderen Lepas-Art, an der Lepas fascicularis 
angestellt, zeigen im Gegentheile eine völlige Über- 
einstimmung im Baue des Nervensystems dieser Le- 
pade mit dem der übrigen Arthropoden. Es erweist 
sich aus denselben, dass die Stränge des Bauchmarkes 
nicht aus einander weichen, sondern eine vollkommene 
Kette bilden, wie es bei den übrigen Athropoden der 
Fall ist. Nun war aber damit durchaus noch nicht 
der merkwürdige Bau des Nervensystems von Lepas 
anatifera widerlegt, den G. Cuvier und Martin St. 
Ange beschrieben haben, weil Darwin eine ganz 
andere Species untersucht hat. Da ich Material genug 
hatte, um mir durch eigene Untersuchungen über das 
wirkliche Sachverhältniss bei Lepas anatifera Licht 
zu verschaffen, so will ich auch hier dieselben mit- 
theilen. 

Das Nervensystem von Lepas anatifera (Fig. I) be- 
steht aus einem Gehirne (ganglia cerébralia Fig. I. 1 
und Fig. IL G. C.) und aus fünf Ganglien (Fig. I. 
2—6), welche die Bauchkette oder das Bauchmark 
(medulla abdominalis) zusammensetzen. Es weichen die 
Stränge des Bauchmarkes nicht aus einander, sondern 
ganz so wie bei den anderen Arthropoden, so auch 
hier sehen wir das Bauchmark in der Gestalt einer 
ununterbrochenen Kette, so dass dasselbe in dieser 
Beziehung eine grosse Ähnlichkeit mit der von Dar- 
win untersuchten Lepas fascicularis zeigt. Das grossie 



3) Ch. Darwin. A monograph of the subclass Cirripedia. 1851. 
1853. 

Mélanges biologiques. -VII. 64 



— 506 — 

aller Ganglien ist dasjenige, welches gleich hinter dem 
Gehirne liegt, also das erste Bauchganglion (Fig. 1. 2). 
Das Gehirn ist grösser als die übrigen Bauchganglien, 
und das letzte Bauchganglion (Fig. I. 6) ist grösser, 
als die drei vorhergehenden. 

Das Gehirn (Fig. I. 1), welches am Ende des 
ersten Körperdrittels gelegen ist, befindet sich ebenso 
wie die Ganglien der Bauchkette unter den Ver- 
dauungsorganen, so dass es nicht als ganglion supra- 
oesophageum (wie bei den übrigen Arthropoden, mit 
Ausnahme einiger der niedrigsten Crustaceen und 
Arachnoideen) bezeichnet werden kann. Darin liegt 
etwas Eigentümliches für das Nervensystem der Cir- 
ripedien oder vielmehr der Lepadiden. Es ist also 
das Nervensystem derselben noch nicht zu jener Dif- 
ferenzirung gelangt, wo das Gehirn auch schon durch 
seine Lage deutlich von den anderen Ganglien sich 
unterscheidet. Hierin stimmen also die Cirripedien 
mit den niedrigsten Arthropoden (Crustacea Siphono- 
stomata und Tardigrada unter den Arachnoideen) über- 
ein. Indess dass dieses Ganglion als das Gehirn auf- 
zufassen ist, kann gar keinem Zweifel unterliegen, so- 
bald wir die aus demselben entspringenden Nerven 
und die demselben zugehörenden Commissuren prü- 
fen. Das Gehirn unseres Thieres besteht aus zwei 
quer gestellten länglich -rundlichen Ganglien, die mit 
einander durch eine quere Commissur (commissura 
transversa (Fig. I. c. t und Fig. II. c. t)) verbunden 
sind. Zwei sehr stark entwickelte Längscommissuren 
{commissur ae longitudinales Fig. I c. I. und Fig. II. c. I) 
verbinden das Gehirn mit dem ersten Bauchganglion 
(Fig. I. 2). Dieselben nehmen also eine Richtung von 



— 507 — 

vorne nach hinten und sind sehr lang (die Länge der- 
selben beträgt die halbe Länge der Bauchganglien- 
kette). Diese beiden eben genannten Commissuren 
umfassen ringförmig den oesophagus und entsprechen 
also vollkommen dem Schlundringe der übrigen Ar- 
thropoden. Ich will noch mehr behaupten, indem ich 
sage , dass dieser Schlundring sogar den typischen 
Charakter des Crustaceenschlundringes besitzt. Es 
ist namentlich die grosse Länge desselben, welche für 
das Nervensystem der Crustaceen charakteristisch ist, 
auch bei Lepas anatifera, welche zu derselben Classe 
gehört, vollkommen vorhanden. Diese beiden Com- 
missuren entspringen unmittelbar aus den Fasern der 
beiden das Gehirn constituirenden Ganglien (Fig. II. 
c. Z.), also so wie auch bei den übrigen Arthropoden. 
Nach vorne, d. h. dem Capitulum zu, sehen wir aus 
dem Gehirne zwei andere sehr dünne und lange Com- 
missuren (commissurae cerebro-opJitalmicae, Fig. I. c. o, 
Fig. II. c. o) entspringen, welche dasselbe mit zwei 
sehr kleinen Augenganglien (ganglia optica, Fig. I. g. o, 
Fig. IL g o), deren jedes je einen nervus opticus (n. o. 
Fig II) zu dem unpaaren, mit zwei Linsen versehe- 
nen Auge (Fig. IL o. c) abschickt, verbinden. Die bei- 
den letzt genannten Commissuren, welche zur Verbin- 
dung des Gehirns mit den Augenganglien dienen, ent- 
springen nicht aus den Ganglien des Gehirns, sondern 
aus Fasern von Nervenzellengruppen, die in der com- 
missura transversa liegen und sich durch eine sehr 
geringe Grösse von den Nervenzellen der Gehirn- 
ganglien unterscheiden , und zwar die linke dieser 
Commissuren auf der linken und die rechte auf der 
rechten Seite (Fig. IL c. t). Zwischen diesen beiden 



— 508 — 

Cerebro-opticalcommissuren entspringt aus der Quer- 
commissur ein Nerv, n. v\ der nach vorne zwischen 
den beiden Cerebro-opticalcommissuren verläuft (Fig. 
IL n. v, Fig. I. n. v). Zwischen den beiden ganglia 
optica theilt sich derselbe in zwei Ästchen, deren je- 
des in noch kleinere Ästchen zerfällt, die unmittelbar 
vor dem Auge in der feinen, dasselbe an die Ver- 
dauungsorgane befestigenden Membran endigen. Die- 
sen Nerv könnte man dem nervus recurrens oder va- 
gus der Insecten parallelisiren. Dafür spricht wenig- 
stens die Lage, der Verlauf dieser Nerven und seine 
Ramificationen. Dass die beiden ganglia optica so weit 
vom Gehirn entfernt wären, wie bei Lepas anatifera, 
sehen wir bei anderen Arthropoden nicht, indess so 
ganz allein für sich steht diese Thatsache denn doch 
nicht, sondern ich erinnere nur an die bedeutende 
Entfernung der ganglia optica einiger anderen krebs- 
artigen (Crustacea), z. B. der Daphniden. Aus jedem 
Gehirnganglion entspringt ein sehr starker, von hin- 
ten und innen nach vorne und aussen gehender Nerv 
(Fig. I. c, Fig. IL c) — nervus peduncularis , der am 
Capitulum sich in zwei Äste theilt. Der äussere Ast 
(Fig. I. c 2 , Fig. IL c 2 ) giebt Zweige an die Muskeln 
des pedunculus und kann also als nervus pedunculo- 
muscularis bezeichnet werden. Der andere, der in- 
nere Ast des genannten Nerven (des nervus peduncu- 
laris), ist der nervus ovarii (Fig. I. c\ IL c 1 ), der den 
im pedunculus gelegenen Eierstock innervirt. Aus dem 
Schlundringe (Fig. I. c. I und Fig. IL c. I) entspringen 
jederseits zwei Nerven: 1) ein mehr nach vorne gele- 
gener starker Nerv für die Musculatur der Wand 
des Capitulums (Fig. I. b, Fig. IL b) und 2) ein vie* 



— 509 — 

kleineres hinteres Nervenästchen für die Mus- 
keln des Schlundes (Fig. II. r. m). 

Das erste Bauchganglion (Fig. I. 2), welches 
das grösste aller Ganglien ist, hat eine runde Gestalt 
und zeigt nicht die geringste Spur einer Zusammen- 
setzung aus zweien Ganglienhälften. Nach vorne ver- 
bindet sich dieses Ganglion durch den Schlundring 
(Fig. I. c. I) mit dem Gehirne (Fig. I. 1) und nach 
hinten verbindet sich dasselbe durch zwei Commissuren 
mit dem 2ten Bauchganglion (Fig. I. 3). Zwischen 
den beiden Commissuren, welche dieses Ganglion mit 
dem folgenden, d. h. mit dem 2ten Bauchganglion ver- 
binden, befindet sich der nervus sympathicus (Fig. l.n. s), 
welcher in der Form eines unpaaren Stranges vom 
hinteren Rande des ersten zum vorderen Rande des 
zweiten Bauchganglions verläuft und sich durch sehr 
blasse und dünne Fasern charakterisirt. Aus dem er- 
sten Bauchganglion entspringen folgende Nerven: à) 
von der unteren Fläche des Ganglions: 1) jederseits 
ein nervus pedalis (Fig. I. np r ) für das erste Fusspaar. 
Dieser Nerv theilt sich später in zwei Äste, nämlich 
in je einen für die beiden Cirren des Fusses, und da 
der vordere Cirrus einen Anhang hat, so giebt der vor- 
dere Cirrenast einen besonderen Zweig für diesen An- 
hang; 2) drei Nerven (Fig. I. n.ph), welche die Mund- 
organe innerviren. b) Von der oberen Fläche des er- 
sten Bauchganglions entspringen zwei Nerven für den 
musculus adductor scutorum (Fig. I. ä). Aus den Com- 
missuren, die das erste Bauchganglion mit dem zwei- 
ten verbinden, entspringt ganz dicht bei ihrem Ur- 
sprünge aus dem ersten Bauchganglion jederseits ein 
kleiner Nerv (Fig. I. n. m), der die Muskulatur des 



— 510 — 

Rumpfes in der Umgebung des ersten Fusspaares mit 
Nerven versorgt. Das besprochene erste Bauchgan- 
glion ist nicht als ein Homologon der anderen Bauch- 
ganglien anzusehen, sondern er würde einem ganglion 
infraoesopJiageum -+- dem ersten Bauchganglion ent- 
sprechen, weil er nicht bloss das erste Fusspaar, son- 
dern anch die Mundtheile mit Nerven versorgt, wäh- 
rend die letzteren Organe sonst, wenigstens bei den 
höheren Crustaceen, von einem besonderen ganglion 
infraoesophageum oder von einem ganglion cephalotlio- 
racicum versorgt werden. 

Die drei folgenden Bauchganglien sind viel kleiner 
als das erste und zeigen deutlich eine Zusammen- 
setzung aus zwei gangliösen Hälften, die jedoch einander 
sehr genähert sind und also durch eine sehr kurze 
Commissur(Quercommissur) verbunden werden (Fig.I). 
Zwischen den Längscommissuren, welche diese drei 
Paare von Ganglien unter einander und das 4te Gan- 
glion mit dem 5ten oder letzten Bauchganglion ver- 
binden, verläuft der sympathische Nerv, der immer 
als ein kleiner Strang erscheint, welcher zwischen dem 
vorderen Rande eines und dem hinteren Rande eines 
anderen Ganglions liegt und durch die Bauchganglien 
unterbrochen wird (Fig. I. 2 — 6. n. s). Aus dem 2ten, 
3ten und 4ten Bauchganglion entspringt jederseits ein 
nervus pedalis (Fig. I. n. p 2 , n. p 3 , n. p*), der, ebenso 
wie der nervus pedalis des ersten Bauchganglions, sich 
in die beiden Cirrennerven spaltet. Ausserdem giebt 
jede Längscommissur ebenso einen Muskelnerv (Fig. 
I. n. m.) y wie die Commissur, welche das erste Bauch- 
ganglion mit dem zweiten verbindet. 

Das fünfte oder das letzte Bauchganglion 



— 511 — 

(Fig. I. 6.), welches keine Spur einer Zusammensetzung 
aus zweien Hälften zeigt, besitzt eine runde Gestalt, 
und muss als eine sehr innige Verschmelzung zweier 
Ganglien angesehen werden, denn dasselbe ist grösser 
als die drei anderen Bauchganglien und giebt auch 
zwei Paar (und nicht ein Paar) Fussnerven — nervi 
pédales, nämlich für das fünfte und für das sechste 
Fusspaar. Das letzte Fusspaar giebt nach innen je 
einen starken nervus caudalis (Fig. I. n. c). Die bei- 
den nervi caudales verlaufen jederseits bis zur Spitze 
des sogenannten Schwanzes oder penis und versorgen 
denselben mit Ästchen. 

Die feinere oder mikroskopische Structur des Ner- 
vensystems von Lepas anatifera zeigt folgendes Ver- 
halten. Die Ganglien der Bauchkette sowohl, als das 
Gehirn haben äusserlich eine Zellenlage (Cortical- 
substanz) und innen eine aus feinen Körnchen zusam- 
mengesetzte Substanz, die sogenannte Punktsubstanz 
von Ley dig (Medullarsubstanz) (Fig. II. G. G). Alle 
Nervenzellen sind hüllenlos und besitzen einen sehr 
deutlichen Kern (nucleus) und je ein Kernkörperchen 
(nucleolus) (Fig. 3. a und b). Ihre Gestalt und ihre 
Grösse zeigen Verschiedenheiten. Einige sind rund, 
andere birnförmig. Was ihre Grösse betrifft, so sehen 
wir namentlich im Gehirne die grössten Schwankun- 
gen. In den Gehirnganglien finden wir grössere und 
kleinereZellen, namentlich von 0,185— 0,270Millim.; 
dieselben sind entweder unipolar oder apolar. Es fin- 
den sich aber im Gehirne noch viel kleinere Zellen, 
welche namentlich in der Quercommissur (commissura 
transversa) liegen; diese messen 0,1110 Millim. (Fig. 
II. h). Aus den Fasern dieser Nervenzellen entsprin- 



— 512 — 

gen die commissurae cerebro-ophtalmicae und der ner- 
vus recurrens sive vagus, während aus den Fasern 
der Nervenzellen, welche die Gehirnganglien zusam- 
mensetzen, die commissurae longitudinales (c. I. Fig. 
I und II), welche das Gehirn mit dem ersten Bauch- 
knoten verbinden, entspringen. Die sehr zarten Ner- 
venzellen lassen sich sehr schwer isoliren. In ihrem 
Zusammenhange in den Ganglien und namentlich in 
dem Gehirne kann man dieselben sehr schön sehen, 
indem man auf folgende Art verfährt. Nachdem das 
Gehirn oder irgend ein Bauchganglion aus der Con- 
tinuität ausgeschnitten war, brachte ich es auf ein Ob- 
jektgläschen und färbte es mit der Gerlach sehen Kar- 
minlösung in Ammoniak. Darauf legte ich das Gan- 
glion in einen Tropfen Glycerin und betrachtete das- 
selbe unter dem Mikroskope, fortwährend das Deck- 
gläschen etwas drückend. Die Ganglien sind ziemlich 
durchsichtig, weil das Neurilem, obgleich dick, doch 
pigmentlos ist. — Die grössten Nervenzellen finden 
sich in den Augenganglien (ganglia optica). Das ganze 
Ganglion besteht nur aus zwei Zellen (Fig. II. g. o, 
Fig.I.g.o.), welche 0,62 Mill. Länge besitzen. Eine jede 
Zelle zeigt einen deutlichen nucleus und nucleolus und 
ist bipolar. Die Commissuren und die Nerven des Ge- 
hirnes und aller anderen Ganglien des Nervensystems 
der Lepas anatifera enthalten nur marklose Fasern. 
Diese Nervenfasern, welche den Nervencylindern oder 
Achsen cylindern der markhaltigen Nervenfasern der 
Wirbelthiere und einiger Wirbellosen entsprechen sind 
direkte Fortsetzungen der Fortsätze der Nervenzellen, 
wie man es sehr deutlich am Gehirne und an den Augen- 
ganglien sieht. An dem Gehirne (Fig. II. k.) sieht man, 






— 513 — 

wie die Fortsätze der die Ganglien desselben zusammen- 
setzenden Zellen als Fasern der commissurae longitudi- 
nales (l. c.) aus dem Gehirne austreten und dieselben 
constituiren ; ebenso wird auch der Nerv b (Fig. IL &), 
der zur Wand des Capitulums geht, gebildet. Die bei- 
den Commissurae cerebro-ophtalmicae (Fig. II. c. o) ent- 
springen, wie schon oben erwähnt wurde, aus der Com- 
missura transversa cerebri. Beiderseits dieser Commis- 
sur liegt je eine Gruppe kleiner Nervenzellen, (Fig. II. h\ 
und aus diesen entspringen die commissurae cerebro- 
ophtalmicae. Eine jede der genannten Commissures 
besteht bloss aus zwei Nervenfasern, eine jede Ner- 
venfaser tritt in das Ganglion opticum (Fig. IL g. o.) 
und endigt in die Nervenzelle der entsprechenden Seite. 
Aus jedem Ganglion opticum geht ein nervus opticus 
(Fig. IL n. o) zum Auge. Dieser nervus opticus besteht 
aus zwei Nervenfasern, deren jede aus einer Zelle des 
Ganglion opticum (Fig. IL g. o.) entspringt. — Die Fa- 
sern des sympathicus sind sehr blass und ebenfalls 
marklos, so dass auf diese Weise das sympathische 
Stämmchen viel heller erscheint als die cerebro-abdo- 
minalen Nerven und die Commissures. Schliesslich will 
ich noch bemerken, dass die Zusammensetzung der 
Nervenfasern (also des Achsencylinders der Nerven- 
fasern mehrerer anderen Thiere) aus Fibrillen sehr 
deutlich erscheint. 



m 

Melanges biologiques. VII. G 5 



— 514 — 

Erklärung der Abbildwogen. 

Fig. I. Das ganze Nervensystem von Lepas anati- 
fera 10 mal vergrössert. 
1. Ganglia cer ehr alia. 
2 — 6. Das erste bis zum fünften Bauchganglion. 
c. t. Commissura transversa zur Verbindung der bei- 
den Gehirnganglien unter einander. 
c. I. Commissura longitudinalis oder der Schlund- 
ring. 
c. o. Die commissura cerebro-oplitalmica. 
oc. Das Auge. 

n. v. Nervus vagus sive recurrens. 
np 1 — np 6 . Das erste bis sechste Paar der Fussnerven 

(nervi pédales). 
n. c. Nervus caudalis. 
n.ph. Nerven für die Mundorgane. 
n. m. Nerven für die Muskeln des Rumpfes. 

a. Nerv für den Musculus adductor scutorum. 

b. Nerv für die Wand des Capitulums. 
n. s. Nervus sympathicus, 

c. Nervus peduncularis. 

c\ Ramus ovarialis. 
c 2 . Ramus musmlo-peduncidaris. 
Fig. IL Das Gehirn und die ganglia optica nebst 
ihren Commissuren und den aus ihnen entspringen- 
den Nerven, 500 mal vergrössert. Man sieht sehr 
deutlich die Nervenzellen des Gehirns und der ganglia 
optica. 

0. G. Ganglion cerebrale, 
c. I. Schlundring. 

r. m. Ramus muscularis des Schlundringes. 
ct. Commissura transversa. 
b. Nerv für die Wand des Capitulums. 
N. Neurilem. 









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Mclanfics bwlofliqufs T. VII. 



Dr. Ed. Brandt, Über d. Nervensystem d. Lepas tmatifera. 



Fiff. 1. 



Fig. 





Fig. 3. 



0^ 



— 515 — 

i. Punktsubstanz zwischen den Nervenzellen. 
h. Gruppe kleiner Nervenzellen in der commis- 
sura transversa , aus denen die commissurae 
cerebro-ophtalmicae hervorgehen. 
I. Grosse Nervenzellen des Gehirnganglions. 
k. Fasern, welche als Fortsätze der grossen Ge- 
hirnganglienzellen den Schlundring und die 
nervi peduncular es zusammensetzen. 
c. Nervus peduncularis. 

c\ Ramus ovarialis. 
c\ Ramus musculo-peduncularis. 
b. Nerv für die Wand des Capitulums. 
c. o. Commissura cerebro-opticalis. 
n. v. Nervus vagus sive recurrens. 
g. o. Ganglion opticum. 
n. o. Nervus opticus, 
oc. Das Auge. 

Fig. III. Einige durch Zerzupfen des ganglion ce- 
rebrale isolirte Nervenzellen bei 950maüger Vergrös- 
serung. 

a. A polare Ganglienzellen. 

b. Unipolare Ganglienzellen. 

In beiden Formen sieht man deutlich den nucleus 
und den nucleolus. 



(Aus dem Bulletin, T. XV, pag. 332 — 340). 



25 August 1370 
6 September 

Einige Worte über die Haardecke des Mammuth 
in Bezug auf gefällige schriftliche Mittheilun- 
gen des Hrn. Professors O. Fr aas über die 
im Stuttgarter Königl. Naturälienkabinet auf- 
bewahrten Haut- und Haarreste des fragli- 
chen Thieres, von J. P. Brandt. 

Bereits im Jahre 1866 veröffentlichte ich, wie be- 
kannt, im Bulletin unserer Akademie (T. X p. 93 ff. 
und Mélanges biologiques T. V p. 567 ff.) zwei auf die 
Naturgeschichte des Mammuth, besonders auf seine äus- 
sere Gestalt, seinen Skeletbau und seine muthmassli- 
che Lebensweise bezügliche Aufsätze. Bei Gelegen- 
heit der Erörterung der Behaarung und der Farbe 
desselben auf verschiedenen Theilen blieben indessen 
einige Zweifel. Namentlich war ich ungewiss, ob die, 
wie es scheint, vom Hals und Nacken über den Rü- 
cken bis zum Schwanz ausgedehnte, vorn bis zu den 
Knieen herabhängende, Mähne eine dunkelschwarze 
oder rothbraune Farbe gehabt oder ein aus beiden 
Farben bestandenes Mischungsverhältniss gezeigt habe. 
Die frühere Annahme einer rothbraunen Farbe der 
Mähne scheint mir indessen verdächtig, da bekannt- 
lich die schwarze Färbung bei Einwirkung des Lich- 
tes nach und nach bei ausgestopften Thieren in eine 



— 517 — 

rothbraune übergeht, so dass also bei den dem Licht 
länger ausgesetzt gewesenen Mähnenhaaren der aufge- 
fundenen, biosgelegten Mammuthleichen die ursprüng- 
lich schwarze Färbung in eine rothbraune übergegan- 
gen sein könnte, wobei übrigens auch vielleicht die 
Atmosphäre einwirkte. Für eine solche Veränderung 
dürfte auch der Umstand sprechen, dass Magister 
Schmidt ausser rothbraunen Haaren auch schwarze, 
lange sammelte und nach St. Petersburg sandte, wäh- 
rend bei ihrer Ankunft, wie ich selbst sah, alle von 
ihm eingesandten längeren Haare eine rothbraune Fär- 
bung zeigen, so dass die Vermuthung nahe liegen 
durfte: die von ihm gesammelten schwarzen Haare 
hätten eine rothbraune Färbung angenommen, wobei 
allerdings die Schnelligkeit der Farbenveränderung 
auffällt, die vielleicht davon herrührt, dass die Haare 
schon lange als todte Körper gelegen hatten und da- 
her durch schnellere Veränderung des Pigments braun 
wurden. Höchst intressant muste es mir daher sein, 
im Jahre 1868 bei einem Besuche der Stuttgarter 
Sammlung ein Hautstück und zahlreiche Haare vom 
Mammuth zu sehen. Da indessen meine Zeit keinen 
längern Aufenthalt in Stuttgart gestattete, so bat ich 
Hrn. Professor Fr a as, mir gütigst eine nähere Be- 
schreibung der fraglichen Reste mitzutheilen. 

Derselbe hatte in Folge davon die, mit dem ver- 
bindlichsten Danke anzuerkennende, Gewogenheit, mir 
Nachstehendes darüber zu berichten. 

Im Jahre 1816 kam das K. Stuttgarter Naturalien- 
Cabinet durch den Grafen Golowkin in den Besitz 
nachstehender Reste des Mammuth mit beifolgenden 
näheren Bezeichnungen . 



— 518 — 

1) Hautstück mit Haaren des Mammuth aus dem Di- 
luvial-Eis der Lenamündung. 

Das Stück ist in einer Länge von 1 6 und einer 
Breite von 8 Centimeter abgesägt und zeigt eine 
Dicke von 1 — 1,5 Centim., ist aschgrau von 
Farbe, wo es angesägt ist und auf der Innen- 
seite, schwärzlich grau aussen. Die Haare sind 
auf der Hälfte des Stückes noch sichtbar bei einer 
Hautdicke von 1,5 — 1,2 Centim. Wo die Haut 
sich verdünnt, hören die Haare auf. Die Haare 
sind zweierlei, kurze, gelbe Wollhaare, als dichter 
Filz über die Haut gewachsen, dazwischen 6 — 7 
Centim. lange, dicke braune, Borstenhaare. Die 
kahle Hautstelle ist mit einer schurfähnlichen Ober- 
fläche bedeckt. 

2) Haar vom Mammuth, das 1799 an der Lenamün- 
dung im Diluvial-Eis gefunden wurde. 

Besteht aus 8 Schlicken oder Haarlocken von 
röthlich-gelber bis brauner Farbe. Am einzelnen 
Schlick unterscheidet man 10 — 12 Centim. lange,- 
sehr feine Wollhaare, dazwischen 30 — 35 Centim. 
lange gröbere Haare, schwarzbraun, bis zu 0,8 
Milim dick. 

3) Schwanzhaare des Mammuth, Diluvial-Eis der 
Lenamündung. 

Ein Schlick Schweifhaare, an der Basis mit ei- 
nem Büschel brauner Wollhaare; die längsten der 
Schweifhaare messen bis zu 0,6 Meter und 0,001 
Meter Dicke , die Farbe von Braun zu tiefem 
Schwarz. Die dicksten Haare sind die schwärzesten. 

4) Mähnenhaare des Mammuth der Lenamündung. 
Etwa 12 Stücke einzelner bis 1 Centim. 0,5 Me- 



— 519 — 

ter langer Haare, steife Borsten von mehr als 
1 Millim. Dicke. Von diesen liegt 1 Haar als Mu- 
ster bei. 

Hiezu bemerke ich, dass auch unter den Schweif- 
haaren unter JS 3 vollständig dieselben Haare sich 
befinden und einige Zweifel über die Richtigkeit 
dieser Bezeichnung mir kommen. 
5) Schwanzhaare des Mammuth aus dem Diluvial- 
Eis der Insel Ljächoff. 

Ein Schlick aschblonder bis zu 0,6 Meter lan- 
ger Haare von der Dicke gewöhnlicher Pferdehaare. 
Stuttgart, April 1809. Dr. Oscar Fraas. 

Die nähere Würdigung dieser eben gemachten Mit- 
theilungen veranlasst mich zu folgenden Bemerkungen. 

Die unter K 1 bis Jß 4 erwähnten Objecte stamm- 
ten offenbar von der an der Lenamündung bereits 
1799 entdeckten Mammuthleiche, deren Skelet, Haut- 
und Haarreste der Botaniker Adams erst 1806 barg, 
die indessen ursprünglich nicht im Diluvial-Eise, son- 
dern im gefrornen Boden lag. Bemerkenswert!! dürfte 
ferner sein, dass Graf Go low kin, der als Gesandter 
nach China geschickt wurde, Adams zum Begleiter 
hatte, der in Jakutzk von dem in der Nähe der Le- 
namündung auf einer Halbinsel (jetzt Insel Jamut) 
entdeckten Mammuth hörte und zu demselben auf- 
brach. 

Die kurzen, gelben Wollhare und die braunen (nicht 
schwarzen) Borstenhaare des Hautstücks K 1. schei- 
nen mir darauf hinzudeuten, dass ihre Farbe im Ver- 
gleich mit denen der akademischen Hautstücke stär- 
ker verblichen ist. 



— 520 — 

Die unter JV?. 2 aufgeführten Haarlocken von röth- 
lich- gelber Farbe scheinen stark, die von schwarz- 
brauner sehr wenig ausgeblichen zu sein. 

Die unter JMs 4 erwähnten 1 Centim. 0,5 Meter lan- 
gen , borstenähnlichen Mähnenhaare von schwarzer 
Farbe weisen auf eine schwarze Mähne hin. 

Merkwürdig ist es, dass unter den im Stuttgarter 
Cabinet aufbewahrten Haarresten unter Jls 3 und 5 
Schweifhaare aufgeführt werden, an deren richtiger 
Bezeichnung (wegen ihrer Ähnlichkeit mit den Mäh- 
nenhaaren) Fr a as nicht ganz ohne Grund zweifelt. 

Als der Kaufmann Boltunow das berühmt gewor- 
dene Lenamammuth drei Jahre vor Adams sah und 
eine sehr rohe Zeichnung davon machte, oder machen 
Hess, war nur noch der kurze Basaltheil des Schwan- 
zes vorhanden, der auf der sehr rohen Figur Boltu- 
now's, wovon Hr. v. Baer {Bulletin sc. 1866. T. X. 
Mélanges biol. T. VI. p. 71) eine Copie nach einer 
Zeichnung der Blumenbach 'sehen Sammlung lie- 
ferte, nur als Stummel erscheint, der 10% englische 
Zoll lang gewesen sein soll, worauf indessen ebenso 
lange Haare wie auf dem bemannten Nacken und 
Rücken gezeichnet sind, während die dicht und mas- 
sig lang behaarten, kleinen Ohren auf der genannten 
Figur haarlos erscheinen. Der Schwanz des Mammuth 
könnte daher doch lange Haare getragen haben, ähn- 
lich dem des Moschusochsen ; oder er besass eine 
grosse, aus langen Haaren gebildete, Quaste. Der 
Umstand, dass nicht ein, sondern zwei Büschel, J6 3 
und 5, Schweifhaare von Golowkin dem Stuttgarter 
Cabinet übergeben wurden, Hesse sich vielleicht eben- 
falls zu Gunsten der Richtigkeit der Bezeichnung deu- 



— 521 — 

ten. Adams leugnet sogar, jedoch mit Unrecht, wie 
die an unserem Mammuthskelet vorhandenen 8 basalen 
Schwanzwirbel beweisen, die Gegenwart des Schwan- 
zes (siehe meine Abhandlung Melanges biol. V. p. 576). 
Von Adam's konnte er also keine Schwanzhaare, we- 
nigstens nicht vom Lenamammuth, erhalten haben. 
Die unter M 4 aufgeführten Schwanzhaare rührten 
aber vielleicht von Boltunow her, der das Mammuth, 
wie schon erwähnt, vor Adam's, also in einem bes- 
seren Zustande der Conservation sah, und dasselbe 
mit einem, wiewohl verstümmelten, Schwänze zeich- 
nete, Golowkin erhielt also dieselben vielleicht aus 
Jakutzk, wohin sie durch Boltunow gelangt sein 
konnten. 

Höchst merkwürdig ist der Umstand, dass die un- 
ter Je 5 erwähnten Schwanzhaare des Mammuth von 
der Insel Ljächow, also von einem nicht in Sibirien 
gefundenen Mammuth, herstammen sollen. Von einer 
auf einer der Ljächow'chen Inseln gefundenen Mam- 
muthleiche ist mir nichts bekannt. Es ist indessen 
keineswegs unmöglich, dass früher auch dort Mam- 
muthe vorkamen, besonders wenn man bedenkt, dass 
sogar in Grönland, Spitzbergen und Kamtschatka mehr 
oder weniger zahlreiche Reste einer miocänen Flora 
gefunden wurden, die eine früher weit höhere, all- 
mählich gesunkene, Temperatur des Hochnordens be- 
kunden. Auch dürfte der für frühere Zeiten bereits 
bis zur Eismeerküste Sibiriens nachgewiesene Baum- 
wuchs auf die Möglichkeit, ja vielleicht richtiger Wahr- 
scheinlichkeit, hindeuten, dass er selbst an der genann- 
ten gegenwärtigen Meeresküste seine polare Grenze 
früher nicht erreicht, sondern sich auch auf die Ljä- 

Melanges biologiques. VII. Ö6 



— 522 — 

chow'schen, vielleicht früher vom Festlande nicht ge- 
trennten, Inseln ausgedehnt und so das dortige Vor- 
kommen von Mammuthen ermöglicht haben möchte. 

Leider wurden weder die an Resten von Mam- 
muthen, Nashörnern und Büffeln (Moschusochsen?) so 
reichen, nördlich von Swätoi-Nos, zwischen den Mün- 
dungen der Indigirka und Jana gelegenen , Ljächow'- 
schen Inseln (Pal 1 as, Neuste nordische Beiträge Bd III. 
1796; v. Baer, Bullet, des sc. de VAcad. Imp. de St.- 
Pétersb. 1866. X; Mélanges biolog. V. p. 677), noch 
auch die als Neu -Sibirien bezeichnete, ebenfalls an 
Mammuthresten reiche, Inselgruppe bisher geogno- 
stisch näher untersucht und die Art des Vorkommens 
der fraglichen Reste genügend ausgemittelt. 



(Aus dem Bulletin, T. XV, pag. 347 — 351).' 



^ September 1870. 

Zusammenstellung veröffentlichter Fälle von Po- 
lydactylie, mit 7—10 Fingern an der Hand und 
7 — 10 Zehen an dem Fusse; und Beschreibung 
eines neuen Falles von Poly dactylie mit 6 Fin- 
gern an der rechten und 6 Fingern und Du- 
plicität der Endphalange des Daumens an der 
linken Hand, mit 6 Zehen an dem rechten und 
8 Zehen an dem linken Fusse, von Dr. Wen- 
zel Gruber, Professor der Anatomie. 

(Mit 1 Tafel.) 

A. Veröffentlichte Fälle von Pol) dactylie mit 7 — 10 Fingern 
an der Hand und 7—10 Zehen an dem Fusse. (Fig. 6.) 

Die ersten Beispiele von 6-fingerigen Hän- 
den (allein) findet man bei C. Plinius IL *), das erste 
Beispiel von 6-fingerigen Händen und 6-zehi- 
gen Füssen (zugleich) in der Bibel 2 ) erwähnt und 
Beispiele von 6 -zehigen Füssen (allein) wenig- 



1) Hist. nat. Lib. XI. C. 99 (Vol. IV. Lipsiae 1781. 8°. p. 482. 
Edit, ab J. G. Fr. Franz.) (Zwei Töchter des Patriciers Caj. Hora- 
tius und der Dichter Volcatius mit 6 Fingein an jeder Hand — daher 
Sedigitae, Sedigitus.) 

2) IL Sam. Cap. XXL V. 5. (Der im Kriege zu Gath von den Ju- 
den unter der Regierung des Königs David getödtete riesige Phili- 
ster aus Arapha hatte 6 Finger an beiden Händen und 6 Zehen an 
beiden Füssen.) 



— 524 — 

stens seit Morand 3 ) verzeichnet und gut abgebildet. 
6 -fingerige Hände (allein) sind sehr häufig, 6 -finge- 
rige Hände und 6 -zehige Füsse (zugleich) häufig und 
6 -zehige Füsse (allein) nicht häufig beobachtet wor- 
den. Die Zusammenstellung der von mir gesam- 
melten Fälle 6-fingeriger Hände und 6-zehiger 
Füsse werde ich in einem anderen Auf sa tze liefern. 

Die Berichte über 7-fingerige Hände und 7-ze- 
hige Füsse beginnen mit Valleriola's, die über 
8-fingerige Hände und 8-zehige Füsse mit Cau- 
roi's und die über 9-fingerige Hände und 9-ze- 
hige Füsse mitRuysch's Fall. 7-fingerige Hände 
und 7-zehige Füsse sind zwar keine Seltenheiten 
mehr, aber doch noch weniger häufig als 6 -zehige 
Füsse (allein); wohl aber sind Seltenheiten 8- u. 
9-fingerige Hände und 8- u. 9-zehige Füsse. 
10 Finger an der Hand und 10 Zehen an dem Fusse 
sind bis jetzt nur bei einem einzigen Individuum 
gesehen worden 4 ). 

Da der von mir oben beschriebene Fall zu den sel- 
tenen Fällen mit 8-fingerigen Händen und 8-ze- 
higen Füssen gehört, so werde ich, des Verglei- 
ches halber, alle Fälle mit 7 — 10 -fingerigen 
Händen und 7 — 10-zehigen Füssen, welche ich 
in der mir zur Verfügung stehenden Literatur ver- 
zeichnet fand, im Nachstehenden zusammenstel- 
len. 



3) Mém. de l'Acad. roy. des sc. de Paris ann. 1770, p. 137. Fig. 5. 
et 6. (Rechter Fuss eines Erwachsenen mit 6 Zehen und 6 Metatar- 
salia.) 

4) Der Fall angeblich mit 12 Fingern an jeder Hand und 12 
Zehen an jedem Fusse , den Jacobus Rue ff unter anderem un- 
glaubwürdigen Zeuge erwähnte, ohne ihn zu beschreiben, und schlecht 



— 525 — 

a. Bis 7 Finger an der Hand und 7 Zehen an 
dem Fusse. 

Solche Fälle haben mitgetheilt: Valleriola 5 ), Fe- 
lix Plater 6 ), Morand 7 ), Sommer 8 ), Middlesex 
Hospital 9 ), Lisfranc 10 ), A. W. Otto 11 ), Rörberg 12 ), 



abbildete. — De conceptu et generatione hominis etc. Tiguri 1554, 
4°. Lib. V. Cap. III. JYs 7, p. 456. Fig. — war wohl ein Fall von Du- 
plicität der Hände und Fusse, falls er überhaupt nicht Dich- 
tung war. 

5) Observ. med. (Steht mir nicht zur Verfügung, aber citirt: bei 
Morand — Mém. de l'Acad. roy. des sc. de Paris ann. 1770. 4°, 
p. 139, als «Lib. IV. 0. m. IL»; bei J. Fr. Meckel — Handb. d. pa- 
thol. Anat. Bd. 2. Abth. 1. 1816. S. 37, als «0. m. 1605, p. 256».) 
(Berichtet zu Arles 1561 einen 15-jährigen Menschen gesehen 
zu haben, welcher 6 Finger an jeder Hand und 7 Zehen an jedem 
Fusse hatte. Der Daumen war doppelt.) 

6) Observ. libri très Edit. III. ab Franc. Plater (filio). Basileae 
1653. 8°. (Op. posth.) Lib. Ill, p. 570. (Sah bei einem Bettelkna- 
ben 6 Finger an jeder Hand, wovon an einer Hand der supernu- 
meräre Finger dem Mittelfinger angewachsen gewesen sein soll; 
am linken Fusse 6 Zehen, am rechten Fusse 7 Zehen.) 

7) Recherches sur quelques conformations monstrueuses des dojgts 
dans l'homme. — Mém. de l'Acad. roy. des se. de Paris ann. 1770. 
4°. p. 138. PI. (Fig.) 7. (Bei einem Mädchen von 14 Jahren waren 
an der rechten Hand 6 Finger, an der linken Hand aber 7 Fin- 
ger. Der 5. u. 7. Finger waren die kürzesten. Metacarpalia schienen 
6 vorhanden gewesen zu sein und das Metacarpale VI. zwei Finger 
getragen zu haben (nach der Abbildung zu schliessen). Die Schwe- 
ster derselben hatte an einer Hand für alle Finger nur einen Dau- 
men.) 

8) «Reisebemerkungen». JYs 6. — Journ. d. Chirurgie u. Augen- 
heilkunde. Bd. 7. Berlin 1825. S. 603. (Berichtet von der Vorstellung 
eines kranken Soldaten in der Acad. roy. de Med. in Paris, wel- 
cher 7 Finger an jeder Hand hatte.) 

9) « A many toed and fingered family». — The London Med. Ga- 
zette. Vol. XIV (Vol. II. 1833 — 1834) London 1834. 8°. p. 65. (Tho- 
mas Copsey, 19 Jahre alt, mit 13 Zehen und ursprünglich auch 
mit 14 Fingern. Rechter Fuss mit 6 Zehen, linker Fuss mit 7 Ze- 
hen. Alle Zehen dreigliedrig und, mit Ausnahme der 5. Zehe, alle 
anderen durch Syndactylie eng vereiniget. Jeder Fuss mit 5 Me- 
tatarsalia. Am Metatarsale I. beider Füsse und am linken Meta- 



— 526 



W. Gruber 13 ), Grandelément 14 ), Musée Vrolik 15 ), 
Marjolin 16 ), J. Popharn 17 ). 



tarsale V. Articulation zweier Zehen. An der Aussenseite der Grund- 
phalange des kleinen Fingers eine Narbe. Mittel- und Ringfinger 
an beiden Händen der ganzen Länge nach vereiniget. Seine 5 Brü- 
der und 3 Schwestern mit 6 Zehen an jedem Fusse und 6 Fingern 
an jeder Hand; die vierte Schwester mit 7 Fingern an jeder 
Hand ursprünglich (2 jederseits) abgenommen, mit 7 Zehen an 
einem Fusse ; und 6 Zehen an dem anderen Fusse. Mutter, On- 
kel und Grossvater mütterlicher Seite mit derselben Zahl 
von Zehen und Fingern.) 

10) Acad. de med. de Paris. Séance 3. Févr. 1835 in: Schmidt's 
Jahrb. d. Medicin. Bd. 12. 1836. S. 263. (Vorstellung eines Men- 
schen mit einer bewegungslosen, anscheinend zwei Knochenkerne 
enthaltenden weder mit dem Metacarpale, noch mit den Phalangen 
des Ohrfingers an beiden Händen gelenkig verbundenen Verlänge- 
rung; mit 7 Zehen am rechnen Fusse, wovon die amputirte 7, 
Zehe über dem Vorsprung der 6. Zehe auf deren Aussenseite ent- 
sprang, 10"' lang war, 2 Phalangen enthielt und weder mit dem 
Metatarsus noch mit den Phalangen gelenkig verbunden war, die 
beiden ersten Zehen durch eine Schwimmhaut vereinigt waren, und 
mit 6 Zehen und 6 Metatarsalia am linken Fusse. Der Vater und 
die Schwester hatten 6 Zehen an jedem Fusse.) 

11) Monstrorum sexcentorum descriptio anatomica. Vratislaviae. 
1841. Fol. p. 272. JV» 463. Tab. XXVI. Fig. 8 — 11. (Männlicher 
Foetus mit Hydrocephalus und zu kurzen Extremitäten 
mit 6 Zehen an jedem Fusse, mit 6 (7?) Fingern an der linken Hand 
und 7 Fingern an der rechten Hand. Zwischen der 2. u 3. und 
5. u. 6. Zehe beider Füsse, zwischen dem 5. u. 6. Finger der linken 
Hand und den 3 letzten der rechten Hand Syndactylie.) 

12) A. d. Verhandl. schwedischer Aerzte i. Stockholm. 1856 — 
1857 im: Journ. f. Kinderkrankheiten. Bd. 35. Erlangen. 1860. S. 
426. (Bei einem monströsen Knaben mit Mangel des Penis 7 
Finger au der linken Hand, 6 Finger an der rechten Hand und 
6 Zehen am linken Fusse. Mit dem Metacarpale IV. u. V. der linken 
Hand articulirten je zwei, mit dem Metacarpale V. der rechten Hand 
auch zwei Finger und mit dem Metatarsale V. des linken Fusses 
zwei Zehen. Die supernumerären Finger waren wie andere Finger 
beschaffen. Die Mntter hatte noch 11 Kinder, wovon 2 mit 6 Fin- 
gern an jeder Hand; der Bruder des Vaters der Kinder hatte 2 Kin- 
der mit 6 Fingern an jeder Hand.) 

13) Missbildungen. I. Sammlung. — Mém. de l'Acad. Imp. des sc. 
de St.-Pétersbourg. Sér. VII. Tom. II. JY«2; Besond. Abdruck. St Pe- 



— 527 — 

Die Angaben über diese Fälle ergeben nach- 
stehende Übersichten: 



tersburg, Riga u. Leipzig. 1859. 4°. p. 2. Abgebildet im vorlie- 
genden Aufsatze. Fig. 6. (Bei einem in Prag im Anfange der 
40ziger Jahre im Leben untersuchten Idioten 6 Metatarsalia und 
7 Zehen am linken Fusse. Die 2. u. 3. Zehe articulirten am Meta- 
tarsal II. Die 3. Zehe hatte nur zwei Phalangen. Uebrigens der 
ganze Körper wohlgebildet.) 

14) Polydactylie et Syndactylie. — Gaz. des hôpitaux. Paris. 1861. 
Fol. p. 555. (Bei einem Arbeiter von 44 Jahren mit 7 Fingern 
an jeder Hand und 6 Zehen an jedem Fusse. Die rechte Hand 
hatte 6, die linke aber 5 Metacarpalia. Der 7. Finger der rechten 
Hand, der im 12. Lebensjahre entfernt worden war, hing an der 
Aussenseite des Ohrfingers, bestand aus einer Phalanx, die übrigen 
Finger waren vollständig. An der linken Hand hing einer der su- 
pernumerären Finger an der Endphalange des Ohrfingers und war 
der andere supernumeräre Finger ein zweiter Ringfinger. 
Jener war hakenförmig gekrümmt; dieser war mit dem Mittelfinger 
und normalen Ringfinger durch eine Schwimmhaut vereinigt. Beide 
bestanden aus 2 Phalangen. Die supernumeräre Zehe des rechten 
Fusses sitzt zwischen der kleinen und nächsten Zehe auf einer er- 
höhten Ebene, die des linken Fusses mehr an einer unteren Ebene.) 

15) Catalogue de la collection d'anat. humaine, comparée et pa- 
thologique de Ger. et W. Yrolik par J. L. Dusseau. Amsterdam 
1865. 3°. p. 457. E. JVs 518 (15). (Bei einem neugeborenen männ- 
lichen Kinde doppelter Daumen und Mittelfinger mit 2 End- 
phalangen an der rechten Hand, 6 Fingern an der linken Hand; 
die an der Basis sehr breite grosse Zehe gegen ihr Ende in zwei 
getheilt an beiden Füssen.) 

16) Bull, de la soc. de Chirurgie de Paris. Sér. 2. Tom. VI. 1866. 
Séance 15. Nov. 1865. p. 490. (Demonstration zweier bei einem Gips- 
händler gefundenen Gipsabdrücke. An einer Hand waren 7 
Finger, an der andern Hand 6 Finger. An einer Hand schien ein 
supernumeräres Metacarpale da gewesen zu sein.) 

17) «Hemicephalic Infant. — Protrusion of the membranes of the 
brain through a fissure of the occipital bone — supernumerary fin- 
gers and toes». — The Dublin Quaterly Journ. of medical science. 
Vol. 44. Dublin 1867. 8°. p. 481. (Bei einem weiblichen Kinde 
war der kleine Finger der rechten Hand ein Digitus trifidus, 
und bestand der kleine Finger der linken Hand aus zwei vollstän- 
digen Fingern. An jedem Fusse waren 6 vollständige reguläre Zehen 
in einer Reihe.) 



— 528 



Tabelle L 



Beobachter. 



Zahl der Finger 

der 

rechten linken 

Hand. Hand. 



Zahl der Zehen 

des 

rechten linken 

Fusses. Fusses. 



Valleriola 

Plater 

Morand 

Sommer 

Middlesex Hospital 
(bei 5 Mitgliedern 
der Familie Copsey) 

Lisfranc 

Otto 

Rörberg 

Gruber ........ 

Grandelement . . . 

Vrolik 

Marjolin 

Popham 



7 
7 

5? 
5? 



7 

6 

5? 

5 

6 

6 

5? 

6 



7 
6 

5? 
5? 



6 

6 

6 

7 

6 

6 

5? 

6 



Tabelle IL 



Beobachter. 


Zahl d. Metacarpalia 

der 

rechten 1 linken 

Hand. | Hand. 


Zahl der M 
d 
rechten 
Fusses. 


etatarsalia 

3S 

linken 
Fusses. 


Valleriola 

Plater 


» 

6 

» 

» 

5 

» 

5 

5 

6 

5 

6? 

5 


» 
» 
6 
» 
» 
5 
» 
5 
5 
5 
5 
5 
5 


» 
» 

5 

» 
5 
» 
5 

» 




Morand 


» 


Sommer 


» 


Middlesex Hospital. 
Lisfranc 


5 
6 


Otto 


» 


Rörberg 


5 


Gruber 


6 


Grandelement .... 
Vrolik 


5 


Marjolin 

Popham 





— 529 — 

Aus den Angaben resultirt: 

1) 7 Finger oder Zehen waren an einer Hand: 6 
Mal, an beiden Händen: 2 Mal, an einem Fuss: 3 Mal, 
an beiden Füssen: 1 Mal, an beiden Händen und an 
einem Fusse: bei 5 Mitgliedern der Familie Copsey 
beobachtet worden. — Es sind somit bis jetzt 13 
(17) Fälle, also weniger Fälle, als Fälle mit 6-ze- 
higen Füssen (allein), mit 5 Variationen vorgekom- 
men; mit 3 Variationen: d. i. 7 Finger an einer Hand 
und 7 Zehen an einem Fusse, 7 Finger an einer Hand 
und 7 Zehen an beiden Füssen, und 7 Finger an 
beiden Händen und 7 Zehen an beiden Füssen noch 
nicht aufgetreten; und daran 7 -fingerige Hände um 
die Hälfte häufiger angetroffen worden als 7 -zehige 
Füsse. 

2) So weit Angaben über den Metacarpus und Me- 
tatarsus existiren, waren an den 7-fingerigen Händen 

5 Metacarpalia: 4 Mal (Rörberg, Grandelement, Vro- 
lik, Popham), 6 Metatarsalia : 2 — 3 Mal (Morand, 
Grandelement, Marjolin?); waren an den 7 -zehigen 
Füssen 5 Metatarsalia: mehrere Male (Familie Cop- 
sey) und 6 Metatarsalia: 1 Mal (Gruber) vorgekom- 
men. — Mit 7 Fingern oder Zehen scheinen daher 5 
Metacarpalia oder Metatarsalia häufiger als 6 dersel- 
ben aufzutreten. 7 Metacarpalia oder Metatarsalia 
sind damit noch nicht gesehen worden. 

3) Waren an den anderen Händen und Füssen: 

6 Finger oder Zehen: bei der Familie Copsey und 
bei anderen 7 Individuen; theils 5, theils 6 Finger 
oder Zehen: bei 3 Individuen; nur 5 Finger oder 
Zehen: bei 2 Individuen angetroffen worden. 

4) An den Händen mit 5 Metacarpalia: war 1 Mal 

Mélanges biologiques. VII. . 67 



— 530 — 

der kleine Finger in drei gespalten — D a. trifidus 
— (Popham), 1 Mal ein supernumerärer Daumen und 
ein an der Endphalange gespaltener Mittelfinger — D. 
m. bifidus — (Vrolik) zugegen; bestanden 1 Mal die su- 
pernuraerären Finger, wovon einer (7.) an der End- 
phalange des kleinen Fingers hing, der andere (4.) ein 
Ringfinger war, nur aus zwei Phalangen (Grandele- 
ment) und articulirte 1 Mal je ein supernumerärer 
Finger gemeinschaftlich mit dem 4. und 5. Finger der 
Norm am Metacarpale IV. u. V. (Rörberg); an den 
Händen mit 6 Metacarpalia: articulirten zwei Finger 
am Metacarpale VI. (Morand) oder hing der 7. Finger 
mit einer Phalange am 6. Finger (Grandelement). An 
den Füssen mit 5 Metatarsalia articulirte eine super- 
numeräre Zehe am Metatarsale I. und die andern am 
Metatarsale V. mit der 1. und 5. Zehe der Norm; 
an den Füssen mit 6 Metatarsalia articulirten 1 Mal 
2 Zehen, wovon eine nur aus 2 Phalangen bestand 
am Metatarsale II. (Gruber.) An der Überzahl der 
Finger bei 5 Metacarpalia betheiligten sich, mit Aus- 
nahme des Zeigefingers, also zwei oder sogar nur ein 
Finger (kleiner) der übrigen; an der Überzahl der 
Zehen bei 5 Metatarsalia die grosse und kleine Zehe. 
Der unvollkommenste supernumeräre Finger enthielt 
eine Phalange oder, war eine durch Spaltung ent- 
standene secundäre Endphalange; die unvollkommen- 
ste supernumeräre Zehe enthielt 2 Phalangen. 

5) Mit dieser Art Polydactylie kam Syndaetylie in 
verschiedenem Grade vor: sicher bei einem Mitgliede 
der Familie Copsey und in den Fällen von Lisfranc, 
Otto und Popham. 

6) Erblichkeit von theils 6, theils 7 Fingern war 



— 531 — 

bei der Familie Copsey, dieselbe nur mit 6 Fiugern 
oder 6 Zehen bei den Familien der Fälle von Lisfranc 
und Rorberg; und Missbildung der Hand bei der Fa- 
milie eines einseitig 7 -fingerigen männlichen Indivi- 
duums im Falle von Morand, — also in etwa % der 
Familien Erblichkeit von Finger- oder Zehen-Über- 
zahl oder doch Missbildung der Finger nachgewiesen. 
7) Die mit 7 Fingern oder Zehen behafteten Indi- 
viduen gehörten in der Mehrzahl der Fälle dem männ- 
lichen Geschlechte, in der Minderzahl (5) dem weib- 
lichen Geschlechte an. Ein Individuum war aus dem 
Foetus-, zwei waren aus dem Kindes-, die übrigen 
aus dem Knaben-, Jünglings- und Mannesalter. 

b. Bis 8 Finger an der Hand und 8 Zehen an 
dem Fusse. 

Solche Fälle haben mitgetheilt: Cauroi 18 ), Mo- 
rand 19 ), Blasius 20 ), John Harker 2 '), (Giraldès 22) ?). 



18) «Extrait d'une lettre». — Journ. des scavans p. ann. 1696 
Amsterdam 1709. p. 78 — 81. (Bei einem Kinde, zu dessen Geburt 
inBeauvaisC. gerufen worden war, an jedem Fusse 7 Zehen; an 
der rechten Hand 8 Finger und an der linken Hand 7 Fin- 
ger. Die beiden grossen Zehen beider Fusse, die beiden Zeige- und 
Ohrfinger der rechten Hand und die beiden Ringfinger der linken 
Hand waren mit einander verwachsen. Mit einem missgebildeten 
enormen hy drocephalischen Schädel, der dem Kinde bei der 
Geburt abgerissen und später entfernt worden war, und wohl auch 
mit Klump fhänden.) 

19) L. c. p. 139 Fig. 8 et 9. (Fuss mit Weichgebilden und Skelet) 
(Bei einem Erwachsenen ein linker Fuss mit 8 Zehen und 8 
Metatarsalia. Die zweite Zehe besteht nur aus 2 Phalangen. — 
Der Akademie demoustrirt.) 

20) «Merkwürdiger Fall von Überzahl der Zehen». — A. Sie- 
bold's Journ. f. Geburtshilfe. Bd. 13. St. I. 1833, in: Schmidt's Jahrb. 
d. Médecin. Bd. I. 1834. Leipzig. S. 58 (Bei einem 4-wöchentli- 
chen Kinde am linken Fusse: 8 Zehen mit 6 Metatarsalia 



— 532 — 

Die Angaben über diese Fälle ergeben nach- 
stehende Übersichten: 

Tabelle I. 



Beobachter. 


Zahl der Finger 

der 
rechten 1 linken 
Hand, j Hand. 


Zahl der Zehen 

des 
rechten linken 
Fusses. Fusses. 


Cauroi 


8 
» 
5 
8 


7 
» 
5 

7 


7 
» 
5 
5 


7 


Morand 


8 


Blasius 


8 


Harker 


5 



und zwar: eine Zehe mit Nagel über der 2. Zehe ohne Nagel, mit 
einander vereinigt; eine andere Zehe zwischen der 2. u. 3. Zehe; 
eine dritte Zehe am äusseren Fussrande und das supernume- 
räre Metatarsale über dem Metatarsale II. Die erste supernu- 
meräre Zehe bestand: aus 2 Phalangen, die rudimentäre zweite 
supernumeräre, polypenartig gestaltete Zehe aus einer knorp- 
ligen, durch eine Art Gelenk in zwei Phalangen getheilten Grund- 
lage, die dritte supernumeräre kleine am Metatarsale V. nor- 
male articulirende Zehe aus 3 Phalangen. — Alle 3 supernumerä- 
ren Zehen, die 2. Zehe und das supernumeräre Metatarsale abge- 
nommen.) 

21) «Malformation of the hands». — The Lancet London. 1865. 
Vol. II. 4°. p. 389. Fig. — . (Bei einem Kinde die medialen 4 
Finger bis zur Spitze verwachsen; der kleine Finger beider 
Hände mit 2 Nägeln; der Daumen der rechten Hand mit 3 
Reihen, der der linken Hand mit 2 Reihen unter einander 
verwachsener Phalangen; der rechte Daumen mit 3, der linke 
mit 2 Nägeln; die kleine Zehe des rechten Fusses mit der nächsten 
Zehe verwachsen. Vater und Grossvater mit ähnlichen Hän- 
den.) 

22) Bull, de la soc. de Chirurgie de Paris. Sér. 2. Tom. 6. 1866. 
p. 505. Fig. — . Séance 29. Nov. 1865. Gaz. des hôpitaux Paris. 1865. 
Fol. J\° 144 p. 574. (Bei einem Kinde 8 ganz geschiedene und voll- 
ständige Finger der rechten Hand ohne Spur von Daumen 
(Demonstration des Gipsabgusses. G. hatte dem Kinde zwei Finger 
abgenommen , das geheilt das Hospital verliess. — Der Fall scheint 
ein Fall zweier verwachsenen und an einem Arme sitzender Hände 
gewesen zu sein.) 



— 533 — 



Tabelle IL 



Beobachter. 



Zahl d. Metacarpalia 
der 



rechten 
Hand. 



linken 
Hand. 



Zahl der Metatarsalia 

des 

rechten linken 

Fusses. Fusses. 



Cauroi . 
Morand 
Blasius 
Harker 



Aus den Angaben resultirt: 

1) 8 Finger waren bis jetzt nur bei 2 Individuen an 
je einer Hand (rechten), und 8 Zehen nur bei 2 In- 
dividuen an je einem Fusse (linkem) beobachtet wor- 
den. Individuen mit 8 -fingerigen Händen und 8-zehi- 
gen Füssen waren daher selbst viel weniger oft (um 
% d. F.) als Individuen mit 7 -fingerigen Händen und 
7-zehigen Füssen, geschweige denn als die mit 6 -fin- 
gerigen Händen und 6-zehigen Füssen, und obendrein 
bei einem und demselben Individuum nie zugleich und 
nie an beiden Seiten angetroffen worden. Ihr Vor- 
kommen gehört somit zu den Seltenheiten. 

2) So weit Angaben über den Metacarpus und Me- 
tatarsus existiren, waren an einer 8 -fingerigen Hand 

5 Metacarpalia (Harker), an einem 8 -zehigen Fusse 

6 Metatarsalia (Blasius), und an einem anderen 8 der- 
selben (Morand) vorhanden. — Der erste Fall war der 
unvollkommenste, der letzte der vollkommenste. 

3) Beim Vorkommen, eines 8 -zehigen Fusses in 
einem Falle (Blasius) hatten der andere Fuss und die 
beiden Hände 5 Finger und 5 Zehen; einer 8 -finge- 
rigen Hand in einem anderen Falle (Harker), die bei- 



— 534 — 

den Fusse: 5 Zehen und die andere Hand: 7 Finger; 
eines 8-zehigen Fusses in einem dritten Falle (Cauroi) 
am anderen Fusse und an beiden Händen: 7 Zehen 
und 7 Finger. 

4) In dem Falle mit 5 Metacarpalia hatte Triplici- 
tät des Daumens und Duplicität des kleinen Fingers 
eine 8 -fingerige Hand, in dem Falle mit 6 Metatar- 
salia hatte eine supernumeräre Zehe, welche sammt 
ihrem Metatarsale über der 2. Zehe und dem Meta- 
tarsal II lag, eine zwischen die 2. und 3. Zehe einge- 
schobene andere supernumeräre Zehe und eine am 
Metatarsale V. mit der Zehe der Norm articulirende 
dritte supernumeräre Zehe, einen 8-zehigen Fuss ver- 
anlasst. In dem Falle mit 5 Metacarpalia (Harker) 
waren Duplicität des kleinen Fingers und damit das 
Vorkommen des 7, u, 8. Fingers durch das Vorhan- 
densein zweier Nägel nur angedeutet. In dem Falle 
mit 6 Metatarsalia (Blasius) waren die 2. Zehe und 
zwei supernumeräre Zehen und in dem Falle mit 8 
Metatarsalia (Morand) war die 2. Zehe unvollständig. 
Von diesen Zehen bestanden 3 nur aus zwei Pha- 
langen und hatte die 4. zwei die Phalangen repräsen- 
tirenden knorpligen Stücke zur Grundlage. 

5) Mit dieser Art Polydactylie kam Syndactylie ver- 
schiedenen Grades sicher in 3 Fällen — also nicht wie 
bei den Fällen mit 7-fingerigen Händen und 7-zehigen 
Füssen in der Minderzahl, sondern überwiegend häu- 
fig vor. 

6) Erblichkeit war in der Familie eines Individuums 
durch 3 Generationen nachgewiesen. 

7) Übrigens missgebildet war ein Individuum. 



— 535 — 

c. Bis 9 Finger an der Hand und 9 Zehen an 
dem Fusse. 

Solche Fälle haben mitgetheilt: Fr. Ruysch 23 ), 
Casp. Neumann 24 ), Froriep, o. rheinisches Medi- 
cinal-Collegium 25 ), Athol A. Johnson 26 ). 



23) Theod. Kerckring. — Spicilegium anatomicum. Amstelo- 
dami 1670. 4°. Observ. XXII. «Monstrum polydaetylon» p. 51 — 53. 
Tab. III. - Fr. Ruysch (86 J. alt 1723 gestorben). — Observ. ana- 
tom. Centuria accedit Catalogus rariorum Musei Ruyschiani. Aniste- 
lodami 1737. 4°. p. 186 — 187. «Sceleton polydaetylon monstrosum, 
cujus figura reperitnr in curioso Spicilegio Kerckringii etc.» (Op. 
posth.). (Bei einem 1668 im October zu Amsterdam aus dem Wasser 
gezogenen und dahin anscheinend gleich nach der Geburt geworfe- 
nen Knaben waren: an der rechten Hand 7 Finger mit 7 Me- 
tacarpalia, an der linken Hand 6 Finger und ausserdem am 
Daum'en und am Ohrfinger je eine Appendicula, also =8 mit 6 
Metacarpalia; am rechten Fusse 8 Zehen und 6 Metatar- 
salia, am linken Fusse 9 Zehen und 7 Metatarsalia. Das 
Metatarsale I. et IL jedes Fusses trugen je 2 Zehen.) Von der zu 
Ruysch gebrachten Kindesleiche hatte dieser dasSkelet ver- 
fertigt und Kerckring zur Beschreibung überlassen. Bei Ruysch, 
dem der Fall gehört, besser beschrieben als bei Kerckring, der 
eine Abbildung des Skelets lieferte. 

24) Commercium litter. ann. 1740. 4°. Norimbergae. Hebd. XXII. 
p. 172. Tab I. Fig 12. i. (Bei einem Mädchen mit Bauchspalte 
und Luxaüo congenita fehlte am rechten Fusse die grosse Zehe, 
am linken Fusse (i) waren 8 Zehen, wovon die 8. am Ende ein 
Digitus bifidus.) 

25) Missbildung (Monstrum per excessum). — Neue Notizen a. d. 
Gebiete d. Natur u. Heilkunde. JVs 67. (À 1. Bd. IV 1837. Oktober). 
Bd. 4. Weimar. 1838. S. 8. Fig. 4 — 8. (Bei einem beinahe 4 Jahre 
alten, 1834 gestorbenen Kinde mit Kiefern ohne Spur von Zäh- 
nen, mit Wolfsrachen, der 3"' hinter dem nicht getrennten 
Rande der Oberkiefer begann, ohne Spur des weichen Gaumens 
und der Uvula und mit 3 elastisch sich anfühlenden glatten Kör- 
pern statt der Zunge — im Leben in grösster Eile untersucht und 
gezeichnet — 9 Finger an jeder Hand, 9 Zehen an jedem 
Fusse, 9 Metatarsalia an jedem Fusse, 9 Metacarpalia an 
der rechten und 8 Metacarpalia an der linken Hand, von den 3 
ersten, nicht getrennten Fingern der linken Hand nur der 1. mit 
einem Nagel, alle übrigen Finger und Zehen mit Nägeln ) — 
Im Generalberichte des königl. rhein Medicinal-Collegii ü. d. J. 1834, 



— 536 — 

Die Angaben über diese Fälle ergaben nachste- 
hende Übersichten. 

Tabelle I. 



Beobachter. 



Zahl der Finger 
der 



rechten 
Hand. 



linken 
Hand. 



Zahl der Zehen 
des 



rechten 
Fusses. 



linken 

Fusses. 



Ruysch . 

Neumann 

Froriep . 
Johnson. 



(6uebstAp- 
pendiculae 
am Daumen 
und Ohrfin- 
ger) =8 



(7 nebst ei- 
ner gespal- 
tenen 8.) 



Tabelle IL 



Beobachter. 



Zahl d. Metacarpalia 
der 



rechten 
Hand. 



linken 
Hand. 



Zahl der Metatarsalia 
des 



rechten 
Fusses. 



linken 

Fusses. 



Ruysch 

Neumann » » » 

Froriep 9 8 9 

Johnson 

Coblenz 1837. 8°. S. 218, fast wörtlich dieselbe Geschichte mit der 
Angabe, dass «Dr. Bernstein das Monstrum noch kurz vor des- 
sen Tode gesehen habe » und dass darüber schon im Generalberichte 
über das Jahr 1831 S. 110 (der mir nicht zur Verfügung steht) eine 
Beschreibung enthalten sei. 

26) A. Transact of the pathol. soc. of London. Vol. IX. p. 427. 
in: The med. Times a. Gazette. Sér. 2. Vol. XV. 1857. 4°. p. 434; 
Schmidt's Jahb. d. Medicin Bd. 112. Leipzig. 1861. S. 159. (Bei 
einem 6-jährigen Mädchen von gesunden Eltern am linken Fusse 
4 supernumeräre Zehen, die von J. amputirt worden waren. 
Die supernumerären kleinen Zehen standen normal, waren paar- 
weise verschmolzen, waren die inneren. Jedes Paar war durch eine 



— 537 — 

Aus den Angaben resultirt: 

1) 9 Finger an Händen und 9 Zehen an Füssen 
waren bis jetzt nur an 4 Individuen und zwar bei 1 
Individuum an beiden Händen und Füssen, bei 3 In- 
dividuen an einem Fusse (linkem) beobachtet worden. 
Individuen mit 9 Fingern und Zehen waren somit bis 
jetzt so selten, wie solche mit 8 Fingern und Zehen 
vorgekommen. Ein Individuum hatte so, wie oft bei 
den Individuen mit 6 Fingern und Zehen, 9 Finger 
und 9 Zehen beiderseits. Das Vorkommen von 9 Ze- 
hen an einem Fusse allein betraf wie bei den Indi- 
viduen mit 8 Zehen immer den linken Fuss. 

2) So weit Angaben über den Metacarpus und Me- 
tatarsus existiren, waren an den 9-tingerigen Händen 

8 und 9 Metacarpalia und an den 9-zehigen Füssen 7 
und 9 Metatarsalia vorgekommen. Nur bei einem Indi- 
viduum waren 9 Metacarpalia an beiden Händen und 

9 Metatarsalia an einem Fusse, 9 Metacarpalia und 
9 Metatarsalia beiderseits aber noch nicht gesehen 
worden. 

3) Waren in den Fällen mit einem 9-zehigen Fusse 
an einer Seite an den Händen 7 — 8 Finger und am 
anderen Fusse 4 und 8 Zehen zugegen. 

4) In dem Falle einer 9 -fingerigen Hand mit 8 Me- 
tatarsalia trugen die beiden ersten der letzteren 3 Fin- 
ger und in dem Falle eines 9-zehigen Fusses mit 7 
Metatarsalia die ersten beiden der letzteren je zwei 
Zehen. 



rinnenförraige Vertiefung und zwei Nägel in zwei Zehen geschieden. 
Die Zeheu des inneren Paares enthielten 4, die des äusseren 2 Pha- 
langen. Die 5. Zehe war gleich der 1. der Norm, aber kleiner als 
der Hallux des anderen Fusses u. s. w. (unverständlich). Metatar- 
salia?) 

Mélanges biologiques. VII. 68 



— 538-— 

5) Mit dieser Art Polydactylie kam partielle Syn- 
dactylie in der Hälfte der Fälle, d. i. also weniger 
oft als bei der vorhergehenden Art, vor. 

6) Erblichkeit dieser Art Polydactylie war noch 
nicht beobachtet worden. 

7) Die damit behaftet gewesen Individuen waren 
übrigens eben so oft wohl- als missgebildet. 

d. Bis 10 Finger an der Hand und 10 Zehen an 
dem Fusse. 

Solche Fälle haben mitgetheilt: Saviard 27 ), (Gor- 
ré 28) ). 

B. Neuer Fall von Polydactylie mit 6 Fingern an der rechten 
und 6 Fingern und Duplicität der Endpiialange des Daumens 
an der linken Hand; mit 6 Zehen an dem rechten und 8 Ze- 
hen an dem linken Fusse. (Fig. 1—5.) 

Im December 1869 wurde in die chirurgische 
Klinik an der medico-chirurgischen Akademie 
in St. Petersburg, welche unter der Direction des 
Professors Kieter stand, ein Mann mit Polydactylie 
und Syndaäylie an beiden Händen und beiden 
Füssen aufgenommen, um an dessen rechter Hand 



27) Nouveau recueil d'observations chirurgicales. Paris 1702. 12°. 
öbserv. 117, p. 516. ^Bei einem 1687 im Hôtel -Dieu in Paris gese- 
henen neugeborenen Kinde waren an jeder Hand und an jedem 
Fusse 10 Finger. — Nur diese Angabe, keine Beschreibnng.) 

28) Mitgetheilt von Velpeau. — Comptes -rendus des séanc. de 
PAcad. des sc. de Paris. Tom. XXII. (Janv. — Juin) 1846. 4°. p. 878. 
(Ein 9-monatliches Kind hatte an einer supernumerär en unte- 
ren Extremität am Fusse 10 Zehen. — Der Fall gehört nicht 
hierher, weil die untere Extremität, namentlich nach dem Verhalten 
des Fusses, als eine aus zwei verschmolzenen Extremitäten ver- 
schmolzene einzige erkannt worden war.) 



— 539 — 

und an dessen beiden Füssen, zu deren besserer 
Brauchbarkeit, einige vom Missgebildeten gewünschte 
Operationen auszuführen. Mein früherer College 
hatte die Güte, mir diess mitzutheilen mit der Auf- 
forderung, an dem Manne vor der Operation Unter- 
suchungen anstellen zu wollen. Ich kam dem 
Wunsche nach. Im Nachstehenden theile ich die 
Resultate meiner Untersuchungen mit, welchen 
ich auch das vorausschicke, was ich ausserdem über 
den Mann erfahren konnte: 

Der Mann, S. Bnjew, ist ein Bauer aus dem 
Gouvernement Olonez, 30 Jahre alt. Er ist gesund, 
abgesehen von den Miss b il düngen an den Händen 
und Füssen, am übrigen Körper wohl gebildet, 5'3 1 / 2 " 
(Par. M.) hoch. Wer sein Vater gewesen sei, weiss 
er nicht. Seine Mutter starb, als er ein neunjähriger 
Knabe war. Die Mutter hatte nach seiner Aussage 
an den Händen und Füssen gleichfalls Missbil- 
dungen, die er aber nicht näher angeben konnte. 
Geschwister besitzt er nicht. Der Bruder sei- 
ner Mutter und dessen Nachkommen sind wohl- 
gebildet. Wie er sich erinnert, von seiner Mut- 
ter gehört zu haben, und von anderen Leuten 
weiss, rühren ein Paar auffällige Narben, wovon 
eine an der rechten Hand und eine am lin- 
ken Fusse sitzt, von einem Schnitte her, durch 
den dort ein rudimentärer Finger und hier eine 
rudimentäre Zehe, welche an einem Hautstiele 
gehangen und in früher Jugend entfernt worden wa- 
ren. Der Finger soll dem an der linken Hand noch 
hängenden rudimentären Finger gleich oder doch 
ähnlich gewesen sein. Er ist rechthändig und hat 



— 540 — 

bis jetzt nur grobe Arbeit verrichtet. Er würde, wie 
zu vermuthen, schreiben, nähen u. s. w. können, wenn 
er es für nöthig gefunden hätte, diess zu erlernen. Er 
hat einen festen und guten Gang und kann, wie er 
sagt, bei gewöhnlichem Schritte sehr grosse Strecken 
ohne Beschwerden und Ermüdung zurücklegen, aber 
schwer und nicht lange dauernd laufen. Er verlangte 
die Trennung der Schwimmhaut wenigstens im In- 
terstitium digitale I. der rechten Hand, um durch 
Freiwerden des Daumens den Gebrauch der Hand 
erhöhen, z. B. zum Halten eines Beiles u. s. w. fähiger 
machen zu können. Er forderte auch die Exarticu- 
lation der grossen Zehe an beiden Füssen, weil 
diese an jedem Fusse, wenn sie auch von den anderen 
verwachsenen Zehen frei ist, doch von letzteren sehr 
ab- und sehr schräg medianwärts vorsteht und deren 
Bewegungen nur in geringem Maasse folgt, dadurch 
kaum nützlich und namentlich, bei der, selbst ohne 
sie nach vorn noch enormen Breite der Füsse, das 
Anlegen eines einigermaassen brauchbaren Schuh- 
werkes hindert. 

Rechte Hand (ursprünglich mit 6 Fingern) (Fig. 1, 2). 

Besitzt gegenwärtig 5 Finger, hatte aber am 5. 
Finger noch einen rudimentären 6. Finger (a) an 
einem Hautstiele hängen, der in der Jugend abge- 
nommen worden war. Für die Richtigkeit dieser An- 
gabe spricht ausser der Aussage des Mannes auch eine 
Hautnarbe (a), welche volarwärts an der Ulnarseite 
der Grundphalange des 5. Fingers, in kurzer Entfer- 
nung über der Articulatio phalango-phalangea L, sitzt. 

Der Daumen besitzt 2, der 2. — 5. Finger be- 
sitzen je 3 Phalangen. Alle Finger haben an ihrer 



— 541 — 

Endphalange einen Nagel. Die Spitze des 3. Fingers 
reicht kaum oder doch nur um ein Geringes als die 
des 4. Fingers; die des 2. Fingers ebenfalls nur um 
Geringes mehr abwärts als die des 5. Fingers; und 
die der beiden letzteren fast bis zur Mitte der Nagel- 
länge der beiden ersteren (bis 3 oder 4'" über deren 
Spitzen) abwärts. 

Alle Finger sind durch sogenannte Schwimm- 
häute mit einander vereinigt. Die Schwimmhaut 
zwischen dem Daumen und dem 2. Finger ist drei- 
seitig, am Ende bogenförmig 10'" tief ausgeschnitten. 
Sie ist l"5'" lang und bis 1*2'" breit. Sie reicht bis zum 
Nagel des Daumens mit einem Ende und bis zur Arti- 
culatio phalango-phalangea I. des 2. Fingers mit dem 
anderen Ende ihres freien Randes abwärts. Die 
Schwimmhäute zwischen den übrigen Fingern 
reichen bis zu deren Spitzen, sind zwischen den 
Grund- und Mittelphalangen sehr schmal und bei 
Wirkenlassen höchsten Grades der Mm. abductores 
dieser Finger gut sichtbar; an den Endphalangen aber 
mit dem Volar- und Dorsalblatte über die linienför- 
migen Interstitia digitalia so straff gespannt, dass die 
Endphalangen des 2. und 5. Fingers jene des 3. und 
4. Fingers fast, und die des 3. und 4. Fingers, zwi- 
schen welchen sogar ein sehr straffes Gelenk vermu- 
thet werden kann, einander ganz berühren. 

Die Dorsalfläche ist am Fingerabschnitte ab- 
norm convex. Daselbst lässt sich an der Mittel- 
hand die gewöhnliche Zahl der Metacarpaüa und der 
Interstitia metacarpaüa unterscheiden: hier sind am 
Daumen auf der Ârticulatio phalango-phalangea und 
an dem 2. — 5. Finger auf der Articulatio phalango- 



— 542 — 

phalangea I. die Haut fait en sehr gut entwickelt, auf 
der Articulatio pkalango - phalangea II. der letzteren 
aber gar nicht sichtbar. Entsprechend den mit 
Schwimmhäuten ausgefüllten Interstitia digitalia ist 
im Interstitium I. eine dreieckige Grube und sind 
in den übrigen Interstitia Furchen zu sehen, welche 
zwischen den Grund- und Mittelphalangen lang 
und ziemlich tief, zwischen den Endphalangen 
aber ganz flach und linienförmig sind. 

Die Volarfläche ist abnorm convex. Das Thenar 
ist sehr, das Hypothenar aber wenig entwickelt, 
und Vorsprünge, welche jenen über den Commis- 
suren des 2. — 5. Fingers entsprechen würden, feh- 
len vollständig. An der Handwurzel die Quer- 
furche, an der Mittelhand die Daumenfurche, 
die abnorme Furche an der Grenze zwischen dem 
convexen und dem concaven Theile des Thenar, die 
schiefe Furche, die Fingerfurche, welche vom 
Ulnarrande der Hand quer bis in die Daumenfurche 
reicht und die Longitudinalfurche, welche sich in 
die Furche zwischen dem 2. und 3. Finger fortsetzt, 
sind sehr ausgebildet. Von den Querfalten der 
Norm am 2. — 5. Finger fehlen die oberen voll- 
ständig, die mittleren aber, welche auf den Arti- 
culationes phalango-phalangeae I. liegen, und die un- 
teren, welche den Articulationes phalango-phalan- 
geae IL entsprechen, sind zugegen. Die den dor- 
salen Zwischenfingerfurchen entsprechenden volaren 
Furchen sind wenig ausgeprägt und wie die Fur- 
chen der Mittelhand linienförmig. 

Ausser der Adduction ist am Daumen, wegen 
Vorkommen einer Schwimmhaut, der Umfang aller 



— 543 — 

übrigen Bewegungen ein viel beschränkterer 
als in der Norm. Die Flexion ist mehr gehindert 
als die Extension. Die Opposition ist nur bei 
Aushöhlung der 4 medialen Finger eine beträcht- 
liche. Der Grad der Flexion und Extension der 
vier medialen Finger gegen die Mittelhand ist 
normal. Die Flexion derselben in den Articula- 
tiones phalango-phalangeae I ist eine vollständige, 
dieselbe in den Articulationes phalango-phalangeae II. 
eine beschränktere als in der Norm. Die Exten- 
sion dieser Finger in den Articulationes phalango- 
phalangeae I. ist nicht völlig, dieselbe in den Arti- 
culationes phalango-phalangeae II. ist nur in einem 
sehr geringen Grade gestattet und dadurch völ- 
lige Extension der vereinigten Finger gehin- 
dert. Bei stärkerer Flexion dieser vier an den 
Endphalangen vereinigten Finger werden sie durch 
die Wirkung der Mm. interossei externi und des M. 
abductor digiti minimi im Bereiche der Grund- und 
Mittelphalangen wie federnde Halbbogen be- 
trächtlich von einander entfernt und die dor- 
salen Zwischenfingerfurchen so vertieft, dass von hier 
aus und zugleich von dem seicht bleibenden volaren 
Zwischentingerfurchen her die beiden Blätter der 
Schwimmhäute durchgefühlt werden können. 

Es beträgt die Länge der Hand von der Quer- 
furche der Handwurzel zur Spitze des Mittel- 
fingers 6" 3'"; die Breite derselben im Bereiche 
der Articulationes metacarpo-phalangeae: 3" 10'", die 
Breite an den vier vereinigten medialen Fin- 
gern: 2" 4'", und der Abstand vom radialen Um- 



— 544 — 

fange der Spitze des Daumens zum ulnaren Um- 
fange der Spitze des 5. Fingers: 5". 

Linke Hand (mit 6 Fingern und Duplicität der End- 
phalange des Daumens) (Fig. 3). 

Besitzt 6 Finger mit Nägeln an der Spitze. Es 
ist nämlich an dieser Hand der rudimentäre Fin- 
ger (a'), welcher an der rechten Hand abgenommen 
worden war, noch zugegen. 

Der rudimentäre Finger hängt sehr frei am Ul- 
narrande der Grundphalange des 5. Fingers (mehr 
volar- als dorsalwärts) an einem Hautstiele, der 
davon 9'" uuter der Articulatio metacarpo-phalangea 
und 3' 7 über der Articulatio phalango-phalangea I. 
abgeht und einen Strang einzuschliessen scheint. 
Derselbe hat an der Volarseite über der Mitte 
seiner Länge eine ganze und nahe dem Stiele eine 
halbe quere Furche, an der Dorsalseite der 
Spitze einen Nagel. Er ist l" 2"' lang, T" breit 
und 5"' dick. Sein platter Stiel ist kurz, geht aber 
in einer Höhe von 10"' ab. Er scheint aus 2 mit ein- 
ander theilweise verwachsenen kleinen Phalangen zu 
bestehen. Der Daumen besitzt zwei mit einander 
veswachsene Endphalangen mit zwei von einander 
geschiedenen Nägeln, wovon die mediale die su- 
ßernumeräre ist, nach der äussersten Distanz der 
Spitze des 5. Fingers von der des Daumens zu schlies- 
sen, welche: 5", wie rechts, beträgt. 

Die Schwimmhaut zwischen dem Daumen und 
dem 2. Finger ist etwas schmäler als rechts, am 
Bande sichelförmig ausgeschnitten. Die übrigen 
Schwimmhäute sind zwischen den Grund- und 



— 545 — 

Mittelphalangen etwas breiter und die dorsalen 
Z wis chenfin gerfurchen ausgesprochener alsrechts. 

Die Opposition des Daumens ist noch be- 
schränkter als rechts, wobei der ulnare Rand der 
supernumerären Endphalange die Hohlhand berührt. 
Die Extension der vereinigten Finger (2 — 5) ist 
in einem höheren Grade gestattet als rechts. 

Übrigens ist diese scheinbar weniger entwik- 
kelte Hand ähnlich beschaffen wie rechts. 

Die Zahl der Knochen des Metacarpus ist an 
beiden Händen normal. 

Beide Hände verbreiten denselben sehr üblen 
Geruch, wie die Füsse. 

Rechter Fuss (mit 6 Zehen) (Fig. 4). 

Ist sehr deform, besitzt 6 Zehen. Davon ist die 
grosse Zehe von der 2. Zehe völlig isolirt, sind 
die 2. — 5. Zehe durch die bis zur Spitze reichen- 
den sehr schmalen Schwimmhäute, und die 6. 
Zehe mit der 5. Zehe durch eine etwas breitere bis 
zur Endphalange der ersteren sich erstreckende 
Schwimmhaut, ohne oder doch nur geringe Ver- 
schiebung zu gestatten, vereinigt. Die grosse Zehe 
ist zweigliedrig, die übrigen sind dreigliedrig. 
Die Mittel- und Endphalange der 2. Zehe schei- 
nen anchylosirt zu sein. 

Die grosse Zehe steht von der 2. Zehe durch 
das freie, dreieckige, 1 4 — 5"' tiefe, rückwärts 4"' 
und vorwärts 7 — 8' 7 weite Interstitium digitale I. ab, 
und vom inneren Fussrande sehr schräg median- 
wärts hervor. Dieselbe ist 2 6'" lang, an der 
Endphalange l" 3'" breit und 1" dick. 

Melanges biologiques. VII. 69 



— 546 — 

Es beträgt die Länge clés Fusses von der Ferse 
bis zur Spitze der 3. Zehe: 8" 9'" — 9", dieselbe 
des Fussrückens von der Fussbeuge bis zur 
Spitze der 3. Zehe: b" 10'"; die Breite an der 
Ferse: 2", an der Mitte: 3" 6'", hinter der Arti- 
culatio metatarso-phalangea der grossen Zehe: 4'', 
vor dieser Articulation ohne Einrechnuug der Breite 
der grossen Zehe: 3' 6 — 7'"; der Abstand von der 
Tibialseite der Spitze der 2. Zehe zur Fibular- 
seite der Spitze der 6. Zehe 4", derselbe von der 
Tibialseite der Spitze der grossen Zehe zur Fibular- 
seite der 6. Zehe: 5" 10"'. 

Die 2. — 6. Zehe können sehr extendirt und 
besonders sehr flectirt werden. Die grosse 
Zehe aber, obgleich in der Articulatio metatarso-pha- 
langea auf-, ab- und namentlich auswärts bis zum An- 
legen an die 2. Zehe im beträchtlichen Umfange 
und in der Articulatio pJialango-phalangea im minde- 
deren Grade beweglich, kann durch Muskel- 
contraction zur 2. Zehe gar nicht adducirt 
werden, nimmt an der gemeinschaftlichen Exten- 
sion der übrigen Zehen nur etwas und an der 
Flexion derselben gar keinen Antheil. 

Linker Fuss (ursprünglich mit 8 Zehen) (Fig. 5). 

Zeigt noch mehr Deformitäten als der rechte. 
Er weiset jetzt 7 Zehen, die alle Nägel besitzen, 
auf und hatte früher noch eine 8. rudimentäre (b). 

Die grosse Zehe ist von der 2. Zehe völlig iso- 
lirt, die übrigen Zehen aber sind durch Schwimm- 
häute verwachsen. Das Interstitium digitale I. ist so- 
mit frei, die anderen Interstitia sind ausgefüllt. 



— 547 — 

Das freie Interstitium I. ist l" 3'" tief, am abgerun- 
deten und abgeschlossenen hinteren Ende 7"', am 
vorderen offenen Ende 1" 3"' weit, also grösser 
als am rechten Fusse. Die Schwimmhäute rei- 
chen im Interstitium IL et III. bis zu den Zehen- 
spitzen, dieselben hören im Interstitium IV. et V. 
an der Mitte der Endphalangen und im Intersti- 
tium, VI. hinter diesen auf. Dieselben sind im 
Interstitium II. et III. ganz schmal, im Interstitium 
IV, V. et VI. und namentlich im letzteren etwas 
breiter. An dem winkligen Vorsprunge der 7. 
Zehe, wo früher eine Narbe zu sehen war, jetzt ein 
kleiner Clavus sitzt, hatte die entfernte 8. rudi- 
mentäre Zehe an einem Hautstiele gesessen. 

Die grosse Zehe ist zweigliederig, alle an- 
deren scheinen dreigliederig zu sein. Die 1. — 6. 
Zehe sind besonders in der Articulatio metatarso- 
phalangeal aber auch in den Arüculationes plialango- 
phalangeae sehr beweglich; die 7. Zehe aber ist in 
der gut durch fühlbaren Articulatio metatarso-phalangea 
ganz unbeweglich und in den Arüculationes plia- 
lango-plialangeae nur etwas beweglich. 

Die Zehen nehmen von der 1. bis zur 6. allmäh- 
lich an Grösse ab, die 7. Zehe aber hat etwa die 
Länge der 2. Zehe. Die 1. bis 6. Zehe haben 
ziemlich die gewöhnliche Form, die 7. Zehe aber 
ist horn förmig gekrümmt, oder durch rechtwink- 
lige Knickung fast in der Mitte ihrer Länge zwei- 
schenklig, mit dem hinteren Schenkel schräg 
vor- und lateral wärts, mit dem vorderen Schenkel 
schräg vor- und medianwärts gerichtet. Die grosse 



— 548 — 

Zehe ist 2" 10"' lang, l" 4 — 5'" breit und 10'" 
dick, somit länger als die des rechten Fusses. 

Es beträgt die Länge des Fusses von der Ferse 
bis zur Spitze der 3. Zehe: 9" 3 — 6'", von der 
Fussbeuge zur Spitze der 3. Zehe: etwas mehr 
als rechts; die Breite an der Ferse: 2", in der 
Mitte: 3" 4 — 6'", hinter der Articulatio metatarso- 
phalangea der grossen Zehe: 3" 10'", vor dieser 
bis zur Stelle der Anchylose der 7. Zehe mit dem 
Metatarsus: 3" 9'"; der Abstand vom Interstitium 
digitale I. zum winklichen Vorsprunge der 7. 
Zehe: 4" 2"', von dort bis zur Spitze der letzte- 
ren 3" 6"', von der Tibialseite der Spitze der 
grossen Zehe bis zum winkligen Vorsprunge 
der 7. Zehe: 6" 3'", von dort bis zur Fibularseite 
der Spitze der letzteren: 6", von der Tibialseite 
der Spitze der 2. Zehe zum winkligen Vor- 
sprunge der 7. Zehe: 4" 7"', von dort zur Fibu- 
larseite der Spitze der letzteren: — 4 V , von der 
Tibialseite der Spitze der 2. Zehe zur Fibular- 
seite der Spitze der 6. Zehe: 3" 6'". 

Die grosseZehe ist in der Articulatio metatarso- 
phalangea und in der A. phalango-phalangea beweg- 
licher als am rechten. Trotz dieser Beweglichkeit, 
welche gestattet, sie an die 2. Zehe anzulegen, kann 
sie durch Muskelcontraction doch gar nicht ad- 
ducirt, nur massig und etwas mehr als die am 
rechten Fusse extendirt, bei der Extension 
schwach abducirt und, was an der des rechten 
Fusses unmöglich ist, schwach flectirt werden. 
Die 2. bis 6. Zehe führen gemeinschaftlich die 
Extension und Flexion und anscheinend noch kräf- 



— 549 — 

tiger als dieselben am rechten Fusse aus. Die 7. 
Zehe aber bleibt bei allen von den anderen Zehen 
ausgeführten Bewegungen ganz steif. 

Über das Skelet des Tarsus und Metatarsus kann 
durch das Gefühl nichts Sicheres ausgemittelt 
werden. Die innersten 2 Metatarsalia scheinen mit 
einander verschmolzen zu sein. Mehr als 6 Meta- 
tarsalia besitzt der linke Fuss nicht, weil das aus- 
ser s te Metatarsal die 6. und 7. Zehe trägt, welche 
letztere an sich die 8. rudimentäre Zehe hän- 
gen hatte. Es können 6, möglicher Weise auch 
nur 5 Metatarsalia an jedem Fusse vorkommen, 

Operation. 

Nach den Aufzeichnungen in der Krankengeschichte, 
deren Einsicht mir gestattet worden war, wurde am 
29. December 1869 die Exarticulation der 7. Zehe 
am linken Fusse, welche ursprünglich eine 8. Zehe 
an sich hängen hatte, vorgenommen. Zwischen der 
Grundphalange und dem Capitulum des äussersten 
Metatarsale war eine sehr straffe fibröse Verbindung, 
die getrennt wurde. Am Tage nach der Operation 
hatte sich Anschwellung des ganzen Fusses und Rö- 
thung desselben eingestellt. Alle Nähte wurden ent- 
fernt. Am 4. Januar 1870 wurde in Folge von 
Lymphangoitis ein rother, beim Drucke schmerzhafter 
Streifen sichtbar, welcher dem Verlaufe der Vena sa- 
phena magna folgte. Es kam zur Bildung von Ab- 
scessen am Oberschenkel, am Malleolus externus und 
am Fussrücken in der Gegend des äussersten Inter- 
stitium metatarseum, die am 8., 9. und 15. Januar 
geöffnet wurden. Auch hatte sich unter dem unteren 



— 550 — 

Lappen der Operationswunde eine bedeutende Quan- 
tität Eiter angesammelt. Es trat Heilung ein, so dass 
der Mann, welcher die Vornahme weiterer Operatio- 
nen an seinen missgestalteten Händen und Füssen vor 
der Hand nicht wünschte, am 1. März von einer der 
Deformitäten befreit, wieder das Hospital verlassen 
konnte. 

Zergliederung der abgenommenen Zehe. 

Die abgenommene und mir zugesandte supernume- 
räre Zehe war 2 — 2 1 //' lang, gab daher an Länge 
einer 2. Zehe der Norm nichts nach. Sie bestand aus 
3 Phalangen, wovon die Endphalange nach einwärts 
luxirt, und daher rechtwinklig zur Mittelphalange 
gestellt war. Die Grundphalange , deren Länge der 
der Hälfte der Zehe gleich kam, war an der 6 und 
l x /™ dicken quer-ovalen, etwas deformen Basis quer 
abgeschnitten. Die Mittelphalange war 6 — l m lang, 
5 — 5 1 / 2 '" breit, wenig deform. Die Endphalange war 
4 1 / 2 — 5"' lang und breit, auch nur wenig deform. Die 
Articulatio phalango - phalangea I. war theilweise 
durch fibröse Zwischenmasse verwachsen und gestat- 
tete abnormer Weise schwache Ab- und Adduction 
der Mittelphalange. In der Articulatio phalango-pha- 
langea IL war schwache Extension und Flexion mög- 
lich. Am Rücken sah man eine Sehne an der Mittel- 
und Endphalange enden. Am Vorsprunge der Zehe 
durch winklige Knickung in der Gegend der Articu- 
latio phalango-phalangea IL und an der Stelle, wo 
ursprünglich die 8. (rudimentäre) Zehe gehangen 
hatte, befand sich unter der Haut eine accidentelle 
Bursa mucosa und ein in die Haut ziemlich tief drin- 
gender, aber kleiner Clavus. 



— 551 — 

Vergleichung. 

Der neue Fall gehört zu den vier Fällen mit 
Ueberzahl der Finger und Zehen, welche oben in 
der Classe «&» zusammengestellt sind. Er ist der 3. 
der seit 100 Jahren zur Beobachtung gekommenen 
Fälle mit 8 Zehen an einem der Füsse. Der mit 
8 Zehen behaftet gewesene Fuss war, wie in den 
Fällen von Morand und Blasius der linke. An die- 
sem Fusse waren im neuen Falle vielleicht nur 5, 
oder wahrscheinlicher 6 Metatarsalia zugegen, wovon 
das äusserste die 6. und 7. Zehe und letztere die 8. 
Zehe trug; während in dem Falle von Morand 8 
Metatarsalia vorhanden waren, also jeder Zehe ein 
Metatarsale entsprach, und in dem Falle von Bla- 
sius 6 Metatarsalia ausgemittelt worden waren, wo- 
von das supernumeräre über dem Metatarsale II. seine 
Lage hatte , dieses und die vier inneren Metatarsalia 
je eine Zehe, das äusserste Metatarsale aber zwei 
Zehen trug und zwischen der 2. und 3. Zehe noch 
eine Zehe sass. Im neuen Falle hatte der rechte 
Fuss eine Zehe, jede Hand einen Finger über 
die Norm und der linke Daumen eine doppelte 
Endphalange; während in dem Falle von Blasius 
und wohl auch in dem Falle von Morand der rechte 
Fuss und beide Hände nur mit der normalen Zahl 
der Zehen und Finger versehen waren. Im neuen 
Falle war Syndactylie an beiden Händen und Füs- 
sen und in grösserer Ausdehnung als in den Fäl- 
len von Cauroi, Blasius und Harker zugegen, 
und Erblichkeit wie bei dem Falle von Harker 
nachgewiesen. — Der neue Fall mit Finger- und 



— 552 — 

Zehen-Ueberzahl ist somit ein seltener und ein 
von den bis dahin zur Beobachtung gekommenen bei- 
den anderen Fällen derselben Art verschiedener 
Fall. 

Erklärung der Abbildungen. 

Polydadylie und Syndadylie an beiden Händen und 
Füssen des 30jährigen Mannes. 

Fig. 1. Rechte Hand (Dorsalfläche). 
Fig. 2. » » (Volarfläche). 

a. Rudimentärer (6.) Finger (in der Jugend abge- 
nommen) (Skizze). 

a. Von der Wunde nach Abnahme des rudimentä- 

ren Fingers herrührende Narbe. 
Fig. 3. Linke Hand (Dorsalfläche). 

a\ Rudimentärer (6.) Finger (am Erwachsenen noch 

vorgefunden). 
Fig. 4. Rechter Fuss (Dorsalfläche). 
Fig. 5. Linker Fuss » 

b. Rudimentäre (8.) Zehe (in der Jugend abgenom- 

men) (Skizze). 
Fig. 6. Von dem mit Polydadylie behafteten linken 
Fusse eines Idioten. (In den 40ziger Jahren 
beobachtet, 1859 in Kürze erwähnt und in die- 
sem Aufsatze unter die Fälle der Classe «a.» sub 
JVs 9 gereiht). 



(Aus dem Bulletin, T. XV, pag. 352 — 372.) 



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29 Septembre 1 07/A 
11 Octobre lö ' ü - 

Diagnoses breves plantarum novarum Japoniae 
et Mandshuriae, scripsit C. J. Maximowicz. 

DECAS OCTAVA. 

Triosteum sinuatum. Molliter toinentosuni, foliis ellip- 
ticis acuminatis basi attenuatis et connatis, inferiori- 
bus utrinque regulariter grosse bis vel ter sinuatis; 
floribus sessilibus solitariis vel binis; corolla calycem 
duplo superante a dor so compressa leviter decurva; 
staminibus inaequalibus styloque longe exsertis; caly- 
cis tubo supra drupam globoso-ovatam sulcatam in 
cylindrum angustum drupa et limbo parum breviorem 
producto, laciniis linearilanceolatis aequalibus. 

Hab. in Mandshuria rossica, rarissime: collegi se- 
mel tria specimina fructu fere maturo ad Amur flu- 
vium e jugo Bureico exeuntem, ad margines silvae 
frondosae non procul a Jekaterino-Nikolsk, inter gra- 
mina elata occultata, fine Julii 1859. — In Japonia 
etiam crescit: descripta et delineata exstat saltern in 
opère Y-kuma-yu-sai : Soo bokf dz' sets dzenhen, III, 
fol. 17., ubi figura principalis plantam fructu imma- 
turo onustam offert, cum flore seorsim adumbrato. 

Descriptio floris ad iconem japonicam laudatam 
concinnata. Color florum et fructuum hucusque ig- 
notus. 

Mélanges biologiques. VIL 70 



— 554 — 

Statura, pubes, et folia superiora quoad formam 
fere exacte T. perfoliati L. boreali-americani, sed 
costae foliorum in hac specie utrinque subdecem , in 
nostra 6 — 7, folia inferiora non sinuata, calycis la- 
ciniae inaequales corollam rectam teretem aequantes, 
stamina aequilonga inclusa, limbus calycis in drupa 
globosa sessilis. 

Ligularia calthaefolia. Humilis, praeter inflorescen- 
tiam arachnoideo-tomentosam glaberrima; foliis sub- 
coriaceis radicalibus longe tenueque petiolatis cordato- 
ovatis cordato-rotundis vel infimis rarissime cordato- 
reniformibus, obtusis vel acutiusculis, obtuse serratis, 
caulinis parvis paucissimis lamina consimili petiolo 
late vaginante amplexicauli , omnium nervis costa 
media multo tenuioribus utrinque usque ad 7; co- 
rymbo oligocephalo ; bracteis vaginiformibus pedun- 
culos vulgo aequantibus; capitulo amplo multifloro 
basi bracteolis amplis 2 suffulto; squamis involucri 
subquinque disco parum brevioribus oblongis obtu- 
siusculis herbaceis; ligulis spathulato-linearibus obtuse 
bi-tri-dentatis multinerviis ; pappo rufo; achaenio 
glabro. 

Hab. in Mandshuria austrorientali littorali, in de- 
clivibus graminosis pratisque siccioribus circa sinus 
Wladimiri et Olgae, frequens, Julio florens. 

Signis diagnostics proxima sequenti. Statura et ha- 
bitu quodam similis L. röbustaeDC, altaicae, quae 
vero valde nimisque diversa petiolis crassis, caule fo- 
liato, foliis caulinis suboblongis cuneatim in petiolum 
non dilatatum abeuntibus, pedunculis elongatis brac- 
team haud vaginantem duplo saltern superantibus, 



— 555 r- 

pappo tenero albo, pube etiam folia radicalia vestiente ; 
sed capitula subaequimagna. 

Ligularia clivorum. Robusta furfuraceo-pubescens vel 
praesertim inferne plus minus glabrata; foliis mem- 
branaceis radie alibus longe tenueque petiolatis reni- 
formibus vel cordato-reniformibus vel rarissime cor- 
dato-subrotundis argute mucronato-dentatis, caulinis 
parvis paucis lamina consimili petiolo late vaginante 
amplexicauli, omnibus triplinerviis et utrinque tenue 
subbi-tri-costatis ; corymbi oligocephali vulgo ebrac- 
teati bracteis pedunculo brevioribus bracteolis sub- 
nullis; capitulo amplo multifloro; involucri disco pa- 
rum brevioris squamis subocto oblongis acutiusculis 
margine scariosis; ligulis linearioblongis acute bi-tri= 
dentatis multinerviis ; pappo rufo; achaenio glabro. 

Hab. in Japoniae pratis montanis a Hakodate usque 
ad jugum Hakone, frequens, in borealioribus etiam in 
planitiem descendens, Augusto florens. 

Folia fere L. sibiricae Cass., sed magis reniformia, 
acutius dentata et vulgo tenuiora; capitula illis spe- 
ciei praecedentis aequimagna vel majora, cui valde 
affinis, attamen signis ingenti speciminum numéro 
quoad constantiam probatis bene diversa et habitu 
proprio statim distinguenda. Ceterum indicis specie- 
bus affinior videtur quam sibiricis, et qui dem, quan- 
tum e descriptionibus et speciminibus mancis dijudi- 
care possum, L. corymbosae DC. et L. amplexicauli 
DC. non absimilis, quae vero corymbis polycephalis, 
capitulis duplo minoribus , ligulis anguste linearibus 
3 — 5-nerviis, foliorumque forma valde différant. 



— 556 — 

Macroclhiidium n. gen. 

Compositae Mutisiaceae. 

Capitulum homogamum pluri- (10 — 15) florum. 
Involucrum floribus brevius, cylindricum , squamis 
multiseriatis imbricatis multinerviis pergameneis , ex- 
timis brevissimis, interioribus sensim longioribus, om- 
nibus obtusis. Receptaculum planum, alveolatum, al~ 
veolis margine dense longeque barbatis. Flores her- 
maphroditi, corollae tubo vix a limbo distincto, limbo 
5-partito obscure bilabiato vel subregulari, laciniis 
auguste linearibus revolutis. Stamina exserta coria- 
cea, antherarum alis cartilagineis acuminatis, caudis 
lorigis connatis subintegris, filamentis distinctis. Stylus 
demum exsertus aequalis. Stigmata ultra medium con- 
nata ibique pubescentia, apice breviter patentia ob- 
tusa. Achaenium anguste oblongum, basi attenuatum, 
multinerve, callo basilari majusculo. Pappus pluri- 
serialis elongatus sordide albidus, radiis apice eubin- 
crassatis, denticulato-scabris. Embryo cavitate achae- 
nii brevior, cotyledonibus planis oblongis, radicula 
brevissiina. 

M. robnstum. Herba perennis bi-tri-pedalis glabrius- 
cula, folia in media parte caulis conferta ampla (ad 9 poll, 
longa) petiolata, oblonga, acuminata, grosse pauciser- 
rata; capitula fere bipollicaria sessilia, inferiora folio 
vel bractea foliacea fulta, superiora vel omnia nuda, 
interrupte spicata. Flores albi. 

Hab. in Japonia circa Yokohamam, in silvis fron- 
dosis passim non rarum, sub nomine hagurna Japo- 
nensibus notum, fine Septembris florens, medio No- 
vembri fructiferum, nee non simili loco in insulae 



— 557 — 

Kiusiu jugo centrali Kundsho-san, ad pedem, initio 
Octobris subdefloratum. 

Genus fere intermedium inter Ainsliaeam DC, cu- 
jus habitum satis refert, et Pertyam Schltz. Bip. 
(ex mea sententia a Gochnatia non satis distinctam), 
cujus characteres nonnullos offert. Prior diversa ca- 
pitulo 1 — 4-floro et pappo plumoso, posterior invo- 
lucro turbinato 5-seriato, utraque receptaculo glabro. 

Nabalus ochrolencus. Robustus, glaber vel rarius parce 
hispidus; caule sulcato; foliis tenue membranaceis 
glabris inferioribus runcinato-pinnatipartitis laciniis 
lateralibus 2 — 4 brevibus terminali ampla deltoidea 
omnibus acuminatis acutisve parce lobato-incisoserra- 
tis vel lateralibus subintegris, petiolo alato, superioribus 
oblongis vel lanceolatis acuminatis basi dilatata amplexi- 
caulibus subintegris; racemis paniculatis ; capitulis sub- 
12-floris suberectis pedicello multo brevioribus, caly- 
culi squamis paucis bracteoliformibus, involucri squa- 
mis propriis 10 — 12, omnibus glabris vel basi hispi- 
dopilosis; floribus ochroleucis; pappo sordide albido 
quam achaenium breviore. 

Hab. in Mandshuria austrorientali circa aestuaria 
Wladiwostok (May) et Deans Dundas, in silvis humi- 
dis, nee non in pratis, secus rivulos, rarius, initio Sep- 
tembris florens. 

N.FraseriDC, ex America borealiorientali, fronde 
nostro valde similis, sed diversus caule tereti, capitu- 
lis pendulis, panicula corymbosa, squamis floribusque 
paucioribus, calyculi natura, pappo achaenium supe- 
rante. 

Nabalus acerifolius. Humilis, totus dense glanduloso- 
pubescens; caule angulato- sulcato; foliis in inferiore 



— 558 — 

parte caulis confertis longe petiolatis cordato-renifor- 
mibus vel cordato-rotundis ovatisve pedatinerviis 3—7- 
lobis, petiolo alato, superioribus paucissimis parvis 
oblongis basi amplexicaulibus, omnibus inciso serratis; 
racemis paniculatis; capitulis pedicellum superantibus 
sub-12-floris suberectis; involucri calyculati squamis 
propriis subocto plus minus glanduloso-longepilosis; 
floribus albis; pappo sordide albido achaenium duplo 
superante. 

Hab. in Kiusiu interioris nee non Nippon mediae 
silvis alpinis varus locis rarus, floret Octobri. 

Species sui juris, nonnihil similis tan tum N. alato 
Hook., circa oceanum Pacificum borealem indigeno. 

Utraque species nunc proposita quoad sectionem 
ambigua, a § 1. Torr, et Gray capitulis suberectis 
nee non calyculo di versa, etsi habitu satis congrua, a 
§ 3. Torr, et Gray capitulo plurifloro et habitu (sal- 
tern in N. ocJirolenco) distineta. 

Elaeagnus Oldhami, Ramis robustis squarrosis pulve- 
rulento-fusco-cinereis; foliis annuis obovatis rotundato- 
obtusis utrinque superne parcius argenteo-lepidotis; 
floribus axillaribus solitariis brevissime peduneulatis 
densissime argenteo-lepidotis; perigonii brevissimi limbo 
supra germeii valde constricto cylindrico lobis trian- 
gularibus acutis intus stellato-pilosis parti indivisae 
aequilongis; fructugloboso dense argenteo-lepidoto pe- 
dunculum multo superante. 

Hab. in insula Formosa (Oldham K°. 459. a. 1864. 
fl. defl.). 

Limbo brevi E. latifoliae L., fruetu globoso argen- 
teo E. argenteae Pursh affinis, ab utraque flore soli- 
tario et foliorum forma diversa, fruetu globoso etiam 



— 559 — 

cum E. umbellata Thbg. conveniens, quae vero flori- 
bus aggregatis et perigonio gracili statim distinguitur. 
Supellectili optima quoad species japonicas, haud 
mala quoad exoticas fultus, priorum enumeratienem, 
omnium clavem synopticam offerre non inutile duco. 

Glavis specierum mihi notarum Elaeagni. 

1. Putamen osseum crassum, striatum. Conf. ad 2. 

» fibroso-coriaceum tenue, sulcatum. Cf. ad 3. 

2. Cortex pulverulentus, fructus globo- 

sus argenteus E. argentea Pursh. 

Cortex lucidus, fructus ruber ovalis 

(rarius globosus) E. hortensis M. B. 

3. Ver n ales. Folia decidua, annua, flores ex innovationi- 

bus orti. 4. 
Autumnales. Folia perennantia, flores ex axillis folio- 
rum vetustorum orti. 6. 

4. Perigonium brevissimum laciniis par- 

tem integram limbi aequantibus, 

fr. globosus argenteus E. Oldhami m. 

Perigonium elongatum, laciniis parte intégra perigonii 



brevioribus, fruct. rubri. 5. 



5. Fructus globosi. Perigonium basi at- 

tenuatum K umbellata Thbg. 

Fructus oblongi v. ovales. Perigon. 

supra ovarium constrictum E. longipes A. Gray. 

6. Limbus perigonii campanulatus. 7. 

» » tubulosus. 8. 

7. Flos amplus uti tota planta ferrugi- 

neo-lepidotus, lepidibus argenteis 

nullis E. Loureirii Champ. 

Tota argentea E.macrophjllaThhg. 

8. Limbus ad basin sensim attenuatus. Pedunculi fructiferi 

immutati. 9. 
Limbus basi constrictus cylindricus vel ellipsoideus. 10. 

9. Squarrosa spinosa, argenteo-lepidota 

opaca E. pungens Thbg, 



— 560 — 

Sarmentosa inermis, fusco-lepidota 

lucida E. glabra Thbg. 

10. Pedunculi fructiferi subimmutati 11. 

» » valde elongati, 
limbi pars intégra quadrangul«, 
lacinias aequans E. ferrugineal&ich. 1 ) 

11. Pars intégra limbi aequalis lacinias 

aequans, lepides ferrugineae. . . E.gonyanthesBenth. 
Pars intégra limbi ellipsoidea medio 
subinflata, lacinias aequans vel 
superans E. latifolia L. 2 ) 

En species japonicae: 

1. E. umbellata Thbg. (E. parvifolia Roy le, E. 
reflexa Dne et M or r.), per totam Japoniam, Chinam 
borealem (Fortune!) et Himalayam, frequens. 

2. E. longipes A. Gray. (E. crispa et E. muUiflora 
Thbg.), per totam Japoniam, sed rarior praecedente. 
Varietates distinguo quatuor: 

a. hortensis. Inermis, folia elliptica, pedunculi Ion- 
gissimi, fructus magni, edules. 

ß. ovata. Folia acuminata, pedunculi l" eximie cla- 
vati, fructus modici, edules. 

•y. muUiflora. Spinosa parvifolia, folia varia, pedi= 
celli breviores, fructus parvi acerbi. 

S. crispa. Spinosa elata, folia sublanceolata, pedi- 
celli abbreviati. 

3. E. macrophylla Thbg., in Kiusiu et Nippon us- 



1) Hue ducenda videtur E. Cumingii Schtdl. 

2) Hue cum Thwaitesio forsan ducendae, mihi ex herbaria- 
tantum incompleteque notae: E. arborea Roxb., E. conferta Roxb., 
E. Thwaitesii Schtdl., et . .? E. Kologa Schtdl. (fl. majore). Thwaites 
praeterea conjungit cum E. latifolia adhuc E. ferrugineam Rich., E. 
Wallichianam Schtdl , mihi ignotam, et E. parvifoliam Royle (quae 
E. umbellata Thbg.), sed ultimam saltern profecto immerito. 



— 561 — 

que ad peninsulam Idzu, nee non in archipelago Ko- 
reano et Korea ipsa. Videtur planta litoralis. 

4. E. pungens Thbg. In Kiusiu vulgaris, in Nippon 
usque ad Simodam , sed vix magis versus septentrio- 
nem, spontanea. 

E. glabro x pungens m. Nagasaki, individuum uni- 
cuni inter nrillia utriusque parentis observavi, exacte 
medium: frons et lepides E. pungentis, habitus et 
folia quoad formam, et flores E. glabrae. Certe non 
transitus, sed hybrida. 

5. E. glabra Thbg. (E. tenuiflora Benth.), in Chi- 
na, Lutschu, Kiusiu et Nippon usque ad Yokohamam, 
in silvis, praecedente rarior. 

Podocarpus caesia. (Nageia Endl.) Tota caesio-glauca, 
ramis altérais crassis erecto-patulis apicem versus fo- 
liosis ceterum nudis, cicatricibus foliorum delapsorum 
tuberculatis; foliis crasse coriaceis subtus stomata ge~ 
rentibus multinerviis undique versis suboppositis orbi- 
culatis rotundato-ovatis vel rarius orbiculato-ellipticis 
basi subito in petiolum brevem dilatatum attenuatis 
apice subito longeque acuminatis mucronatisque. 

In urbe Nagasaki rarius culta invenitur, e Japonia 
maxime meridionali vel insulis meridiem versus sitis 
verosimiliter accepta, hortulanis Yedoensibus ignota. 
Amat terram argillaceam, abhorret nimis humidam. 
Individua cir citer bipedalia a me a. 1864 viva Pe- 
tropolin introducta postea interierunt. 

Florentem vel fructiferam non vidi. 

Colore caesioglauco frondis inter omnes species 
Podocarpi insignis, et cum nulla alia confundenda. 

Podocarpus appressa. (Eupodocarpus Endl.) Ramis 
verticillatis horizontalster patentibus subpendulis; fo- 

Melanges biologiques. VII. 71 



— 562 — 

lus sparsis confertis erectis crasse coriaceis lineari- 
bus utrinque basin subtortam versus longe attenuatis 
apice acutiusculis margine obtusissimis, utrinque sub- 
eoncoloribus nervoque vix prominulo subindistincto 
percursis. 

In Yedo urbe rarius culta, a. 1864 viva multis spe- 
eiminibus a me Petropolin introducta. 

Ab affini P. macrophylla Don. ß. chinensi direc- 
tione ramorum foliorumque, posteriorum forma, tex- 
tura et colore optime videtur distincta, etsi hucusque 
sterilis tantum nota. Folia in nostra duplo breviora 
et angustiora, longius attenuata, molliora, multo cras- 
siora (sectione transversali oblonga!), margine minime 
revoluto, obtusissimo. Rami multo graciliores, sub- 
penduli. Vidi sterilem tripedalem usque (P. chinensis 
specimina vix pedalia jam fructifera!). Folia ad sum- 
mum 3 1 / 2 cent, longa, 4 mill, lata, infima ramulorum 
quam superiora obtusiora. 

Nota. Species japonicae Podocarpi mihi notae sunt 
sequentes: {. P.caesia m. — ^2. P.Nageia R. Br. cum 
var. ß. rotundifolia Maxim, in Rgls. Gartenfl. 1864. 
p. 37. (P. ovata Henk, et Höchst. Syn, d. Nadelh. 
p. 381. a. 1865.), saepe variegata, et var. y. angusti- 
folia Maxim. 1. c. foliis linearibus vel lineari-lanceo- 
latis subfalcatis. — 3. P. appressa m. 4. P. macro- 
phylla Don. (P. japonica h. Bogor. videtur forma an- 
gustifolia, P. flagelliformis h. Makoy. in Belg. hortic. 
1866. p. 269. videtur planta juvenilis) cum var., in 
hortis exorta saepeque vario modo variegata, ß. chi- 
nensi m. (P. chinensis Wall., P. macrophylla B. Maki 
Sieb. etZucc, P. japonica ß. elegantissima Gord., 
si folia fasciata, P. corrugata Gord?, si folia varie- 



—-563 — 

gâta), cujus monstrositas est: P. canaliculata h. Ma- 
koy! 1865. — Ignotae mihi sunt: P. grandi folia 
Endl., et P. cuspidata Endl., sed vix Carrière, nec 
Gordon. Utraque ab Endlichero olim ad specimina, 
viva culta descripta est, nunc vero (monente ill. 
Fenzl in litteris) in herbario vindobonensi desidera- 
tur, utriusque patria «verosimiliter in Japonia» nomi- 
natur. Gordon insuper P. cuspidatae patriam insu- 
lam Jezo esse asserit, ubi nulla Podocarpi species ab 
ullo collectore adhuc visa est, neque clima aptum vi- 
detur. Ex mea sententia utraque species e flora Ja- 
ponica excludenda. — P. Koraiana Sieb!, cujus syno- 
nymon est Cephalotaxus Buergeri Miq! nil est nisi 
forma foliis sparsis Cephalotaxi drupaceae S. Z. , qua- 
lem una cum ramis distiche foliatis in eodem individuo 
observare licet. 

Iris tectorum. — I. cristata Miq! Prol. p. 305, non 
Ait. — Siebold! pi. viv. h. Petrop. missae. — I. 
germanica^ japonice Itchihatsu. Y-kuma-yu-sai. I.e. 
IL fol. 3. — Rhizomate crasse tuberoso articulato, 
innovationibus sessilibus; foliis (ultra pedalibus) equi- 
tantibus dorso late carinatis lineari-lanceolatis longe 
acuminatis scapum subsimplicem vel ramo uno alterove 
instructum subaequantibus ; spathis bivalvibus, valvis 
ovato-lanceolatis obtusis; pedicello longitudine ovarii; 
tubo perigonii violacei crasso stigmata ovariumque 
aequante vel breviore e spathis demum exserto, laci- 
niis subaequalibus obovatis reflexis margine crispato- 
undulatis, exterioribus maculatis ad unguem albidum 
violaceo-striatis, lamina ultra medium crista simplici 
albida violaceo-maculata vage longeque fimbriata in- 
structa; stigmatibus apice bifido acute serratis; cap- 



— 564 — 

sula coriacea oblongatrigonapedunculumsubaequante; 
seminibus angulato-globosis vix compressis. 

Hab. circa Yokohamam, passim inter frumenta in 
agris, nee non in casis stramento tectis vicorum, fre- 
quens, initio Maji for ens, in vico Kamakura in hortis 
rusticanorum culta, fine Aprilis florens. — Sie bold 
Europam introduxit. 

I. cristata Ait. diversissima: statura vix 7 2 pedali, 
rhizomate repente, innovationibus longe pednnculatis, 
foliis lanceolatis acutis , spatha trivalvi , tubo corollae 
longissimo, perigonio pallide coeruleo laciniis interio- 
ribus erectis, crista triplici humili dentata, stigmatibus 
profunde bifidis subintegris. — Nostrae ob Crescendi 
modum raulto propior est /. decora Wall., etiam sta- 
tura nostram aemulans, attamen foliis angustioribus 
longius acuminatis, perigonii pallide reticulati laciniis 
bifidis, crista dentata, stigmatibus amplis ellipticis 
circumcirca serratis profunde bifidis lacinias aequan- 
tibus op time abundeque diversa. — Ad mentem Klat- 
tii (cf. Linnaea, XXXIV. p. 541. 587.) ad Neu- 
béckiae genus pertineret nostra species, cujus vero loci 
sit in systemate Spachiano (Rev. gen. Iris, in Ann. sc. 
nat. 3 sér. V. p. 89.) ex enumeratione minus compléta 
Spachii non patet. 



(Tiré du Bulletin, T. XV, p. 373 - 381. 



If October 1870. 

Nachträge zur Osteologie der Hand und des 
Pusses, von Dr. Wenzel Gruber, Professor 
der Anatomie. 

(Mit 1 Tafel.) 

Inhalt. 

I. Beobachtung von 11 Handwurzelknochen an der rech 

ten Hand eines Mannes. (Unicum.) 
II. Über ein dem Os intermedium s. centrale gewisser Säu- 
gethiere analoges neuntes Handwurzelknöchelchen beim 
Menschen. (2. Fall.) 

III. Beobachtung der den Processus styloideus des Meta- 
carpal III. substituirenden , persistirenden Epiphyse an 
einem frischen Präparate. 

IV. Beobachtung eines ursprünglich in zwei Navicularia ge- 
theilt gewesenen Naviculare der linken Hand eines Er- 
wachsenen. (3. Fall.) 

V. Beobachtung eines ursprünglich in zwei Luhata secun- 
daria zerfallen gewesenen Lunatum der linken Hand 
eines Erwachsenen. (2. eigener Fall.) 
VI. Über eine den Processus styloideus des Metacarpale III. 
ersetzende, zeitlebens persistirende Epiphyse, welche mit 
dem Capitatum carpi anchylosirte und einen diesem 
ursprünglich augehörigen Anhang vortäuscht. 
VII. Beobachtung des Processus tuberositatis navicularis 
tarsi als Epiphyse, die noch durch Synchondrose ver- 
einigt ist. 
VIII. Bemerkung über ein im hinteren Ende des Inter stitium 
metatarseum I. liegendes supernumeräres Knöchelchen. 
(W. Gruber 1852.) 



Mélanges biologiques. VII. 71 



— 566 — 

I. Beobachtung von 11 Handwurzelknochen an der rechten 
Hand eines Mannes. (Unicum.) 

(Fig. 1, 2). 

Unter den Knochen der Hand sind normal ge- 
formt: Naviculare, Lunatum, Triquetrum, Pisiforme, 
Multangulum majus, Metacarpale L, Metacarpale V. 
und sämmtliche Phalanges digitorum. Etwas deform 
ist: das Multangulum minus ; indreisecundäreKno- 
chen zerfallen erweiset sich das Capitatum; eine 
von der Norm etwas abweichende Superficies ra- 
dialis besitzt das Hamatum; durch ein articuliren- 
des Knöchelchen ist die mangelnde dorsale Ecke 
des ulnaren Kammes an der Basis des Metacarpale IL 
ersetzt. Ganz abnorm ist: die Superficies brathialis 
des Metacarpale III; und etwas abnorm dieselbe 
Fläche des Metacarpale IV. gestaltet. Erkran- 
kung der Knochen und Gelenkknorpeln ist nicht 
nachweisbar. 

Multangulum minus. (JVr 2.) 

An diesem Knochen sind die Gelenkfläche der 
Superficies brachialis, welche mit dem Naviculare ar- 
ticulirt, und die Gelenkfläche an der S. radialis, wel- 
che mit dem Multangulum majus articulirt, normal, 
haben die rauhe S. dorsalis und die rauhe S. volaris — 
Formen, wie sie auch an sonst normalen Multangula 
minora vorkommen können. Die Superficies ulnaris 
und S. digitalis weisen Abweichungen auf. Die S. 
ulnaris zeigt nämlich 3 grosse Facetten, eine vor- 
dere, eine mittlere und eine hintere (ß). Die vor- 
dere Facette ist dreieckig, von oben nach unten 
sehr concav, mehr ulnar- als brachialwärts gerichtet, 



— 567 — 

überknorpelt; die mittlere obere Facette ist halb- 
mondförmig, von vorn nach hinten schwach concav, 
mehr brachial- als ülnarwärts gekehrt, ebenfalls über- 
knorpelt; die hintere Facette endlich ist unregel- 
mässig vierseitig, ulnar- und rückwärts gestellt, an 
der oberen viereckigen Stelle rauh, an der unteren 
Stelle, unter der Gestalt eines schmalen langen Paral- 
lélogrammes, überknorpelt und daselbst mit 2 Ne- 
benfacetten versehen, einer vorderen längeren pla- 
nen und einer hinteren schwach convexen. Die vor- 
dere Facette ist von den beiden anderen durch eine 
schräg ab- und rückwärts verlaufende tiefe und schmale 
Rinne geschieden. Die überknorpelte vordere und 
mittlere Facette articuliren an Facetten der Gelenk- 
fläche der S. radialis des Capitatum secundarium su- 
perius, die Nebenfacetten des überknorpelten Theiles 
der hinteren Facette articuliren an der Gelenkfläche 
der S. radialis des Capitatum secundarium radiale und 
an der Gelenkfläche der S. radialis des am Metacar- 
pale IL sitzenden supernumerären Knöchelchens. Die 
Gelenk fläche der 8. digitalis ist durch eine schräg 
volar- und radialwärts ziehende Rinne (a), in welche 
sich die Rinne der S. ulnaris fortsetzt, in eine vordere 
3-seitige und hintere 4-seitige Facette getheilt. Beide 
Facetten sind sehr convex und articuliren in den bei- 
den Gruben der S. brachialis des Metacarpale IL 

Capitatum. (j\6 3, 3', 3".) 

Dieser Knochen ist in 3 an einander liegende 
secundäre Knochen (Capitata secundaria) getheilt. 
Man denke sich die in der Höhe des Multangulum 
minus gelagerte untere Dorsalportion des Körpers des 



— 568 — 

Capitatum der Norm jederseits in einer Linie, die von 
Seitenrändern der Dorsalfläche des Knochens schräg 
ab- und volarwärts zur S. digitalis zieht nach einer 
Y-förmigen Linie am Rücken, also zuerst jederseits 
schräg zur Axe des Knochens, bis sich die Schnitte 
begegnen, eingesägt und dann in einer verticalen nach 
der Axe des Knochens gerade abwärts durchgesägt; 
so hat man ungefähr die 3 Stücke, die den 3 Capitata 
secundaria dieses Falles entsprechen, Diese Capitata 
secundaria, wovon eines oben und volarwärts liegt, 
die beiden anderen unter jenem und dorsalwärts 
gelagert sind, können: Capitatum secundarium supe- 
rius, radiale und ulnare genannt werden. 

a. Capitatum secundarium superius. (M 3.) 

Dieses trägt die Superficies brachialis zur Arti- 
culation mit dem Naviculare und Capitatum, den obe- 
ren Theil der rauhen S. dorsalis, die ganze rauhe S. 
volaris, die S. radialis zur Articulation mit dem Mult- 
angulum minus, den oberen Theil der S. ulnaris, wel- 
cher mit der Portion des Hamatum, die sich über des- 
sen rauher Kückenfläche nach aufwärts erhebt, arti- 
culirt und die volare Hälfte der ulnaren Facette der 
S. digitalis des Capitatum der Norm. Es ist somit das 
grösste. 

Die Gelenkfläche der S. brachialis ist so wie die des 
Capitatum der Norm beschaffen. Die Gelenkfläche 
der S. radialis weiset zwei grosse von einander durch 
eine rauhe Rinne geschiedene Facetten , eine vordere 
untere dreieckige sehr convexe und eine hintere obere 
ovale wenig convexe auf, wie sie am Capitatum der 
Norm nicht vorkommen. Die Gelenkfläche der S. 



— 569 — 

ulnaris hat die Gestalt eines am unteren Pole abge- 
stutzten Ovales, ist schwach concav. Die Gelenk- 
fläche der S. digitalis besitzt 3 grosse Facetten, eine 
volare, eine radiale und eine ulnare. Die volare 
Facette, die der volaren Hälfte der ulnaren Facette 
der Gelenkfläche der S. digitalis des Capitatum der 
Norm entspricht, hat eine rhomboidale Gestalt, ist 
von der Rückenseite zur Volarseite etwas concav, von 
der Radialseite zur Ulnarseite schwach convex und 
articulirt an der volaren Facette der S. brachialis der 
Basis des Metacarpale III. Diese Facette ist die 
grösste. Die radiale Facette ist abgerundet vier- 
seitig, sehr concav, ab-, rück- und radialwärts gerich- 
tet und articulirt mit dem Capitatum secundarium ra- 
diale. Die ulnare Facette ist halboval, convex, sieht 
ab-, rück- und ulnarwärts und articulirt mit dem Ca- 
pitatum secundarium ulnare. Diese ist kleiner als die 
vorige. Beide letzteren Facetten sind durch einen über- 
knorpelten Kamm von einander geschieden, der vom 
hinteren Winkel der volaren Facette ausgeht. 

b. Capitatum secundarium radiale. (JVIs 3'.) 

Dieses liegt unter und dorsalwärts vom Capita- 
tum secundarium superius, über der dorsalen Portion 
der Basis des Metacarpale III., zwischen dem Multan- 
gulum minus, dem auf dem Metacarpale II. sitzenden 
Knöchelchen und der Basis des Metacarpale II. radial- 
wärts und dem Capitatum secundarium ulnare ulnar- 
wärts. Dasselbe hat eine unregelmässig keilför- 
mige Gestalt. Seine rauhe S. dorsalis ist vieleckig. 
Die überknorpelte S. brachialis ist abgerundet drei- 
oder vierseitig, convex und articulirt an der radialen 

Mélanges biologiques. VII. '2 



— 570 — 

Facette der Gelenkfläche der S. digitalis des Capita- 
tum secundarium superius. Die S. radialis besitzt ab- 
wärts eine überknorpelte Fläche, ist übrigens aufwärts 
und rückwärts, dort in grösserer, hier in kleinerer 
Strecke rauh. Die Gelenkfläche ist in eine vor- 
dere grössere, dreieckige, schwach concave Facette 
zur Articulation mit der vorderen Nebenfacette der 
hinteren Facette der S. ulnaris des Multangulum mi- 
nus und in eine hintere, kleine, halbmondförmige zur 
Articulation mit dem aufdemMetacarpalell. sitzenden 
Knöchelchen geschieden. Die 8. digitalis ist ganz über- 
knorpelt und durch einen scharfen überknorpelten 
Kamm in zwei grosse Facetten, eine radiale und 
eine ulnare getheilt. Die radiale Facette ist vier- 
seitig abgerundet, vorn concav, durch eine scharfe 
überknorpelte Leiste von der hinteren Facette der 
Gelenkfläche der S. radialis geschieden und articulirt 
an der ulnaren Seite des ulnaren Kammes der Basis 
des Metacarpale IL Die ulnare Facette ist viersei- 
tig sattelförmig, vorn abgerundet und articulirt mit 
der radialen Facette der Gelenkfläche der S. brachia- 
lis der Basis des Metacarpale III. Dieser Knochen 
misst von der Basis bis zur Spitze: 1,1 Cent., an 
der Basis: in verticaler Richtung 1,2 Cent., in trans- 
versaler Richtung: 1,1 Cent. 

c. Capitatum secundarium ulnare. (J\Ts 3".) 

Dieses liegt unter dem Capitatum secundarium 
superius, über dem Metacarpale III. und IV., zwischen 
dem Capitatum secundarium radiale und dem Hama- 
tum. Es hat die Gestalt eines vierseitigen Keiles. 
Die länglich -vierseitige S. dorsalis ist rauh. Die S. 



— 571 — 

brachialis ist rückwärts und ulnarwärts rauh, übrigens 
mit einer halbovalen Gelenkfläche zur Articula- 
tion mit der ulnaren Facette der Gelenkfläche der S. 
digitalis des Capitatum secundarium superius verse- 
hen. Die S. radialis zeigt eine kleine dreieckige 
überknorpelte plane Fläche zur Articulation mit dem 
Capitatum secundarium radiale. Die dreieckige S. ul- 
naris ist auch ganz überknorpelt, unten concav, am 
oberen Winkel convex und articulirt mit der unteren 
Gelenkfläche der S. radialis des Hamatum. Die S. bra- 
chialis ist ganz überknorpelt Die Gelenkfläche ist 
in eine grosse, vierseitig abgerundete, schwach con- 
cave und in eine schmale lange Facette geschieden. 
Erst ere articulirt an der ulnaren Facette der Gelenk- 
fläche der S. brachialis der Basis des Metacarpale III., 
letztere an der schmalen langen radialen Facette der 
S. brachialis der Basis des Metacarpale IV. Der Kno- 
chen ist: 1,2 Cent, lang und an der Basis: in verti- 
caler Richtung 1,3 Cent., in transversaler Richtung 
1 Cent, breit, somit etwas grösser als das Capita- 
tum secundarium radiale. 

Hamatum, (X?. 4.) 

Die superficies radialis weiset, statt der einzigen 
Gelenkfläclie und einer rauhen Stelle am Knochen 
der Norm, zwei überknorpelte Flächen, eine obere 
und eine untere auf, welche durch eine bisquitför- 
mige (dorsalwärts schmälere, volarwärts breitere) 
Rauhigkeit zum Ansätze eines Lig. interosseum von 
einander geschieden sind. Die obere Gelenkfläche 
ist sehr gross, oval, schwach convex und articulirt am 
Capitatum secundarium superius. Die untere klei- 



— 572 — 

nere rückwärts gelagerte Gelenkfläche ist abgerun- 
det dreieckig, am oberen Winkel concav, übrigens 
convex und articulirt mit dem Capitatum secundarium 
ulnare. 

An der dorsalen Ecke des ulnaren Kammes der 
Basis des Metacarpale II. sitzendes und in die 
untere Reihe der Handwurzelknochen treten- 
des Knöchelchen. (]\Ts 5.) 

Dieses Knöchelchen vertritt den hier mangelnden 
dorsalen Vorsprung des ulnaren Kammes des Meta- 
carpale IL, an dem die Gruben der S. brachialis der 
Basis ungewöhnlich ausgesprochen sind. Dasselbe 
hat die Gestalt eines Tetraeders. Seine convexe 
rauhe Basis ist die 8. dorsalis. Seine S. radialis ist 
eine ovale, concave überknorpelte Fläche zur 
Articulation mit der hinteren Nebenfacette der Ge- 
lenkfläche der hinteren Facette der S. ulnaris desMult- 
angulum minus. Seine S. ulnaris ist eine halbovale, 
plane überknorpelte Fläche zur Articulation mit 
der hinteren Facette der Gelenkfläche der S. radialis 
des Capitatum secundarium radiale. Die vordere Flä- 
che ist eine concave dreieckige überknorpelte 
Fläche zur Articulation mit dem überknorpelten drei- 
eckigen, schwach convexen Ende des ulnaren Kam- 
mes der Basis des Metacarpale IL 

Metacarpale III. (M 8.) 

Dieses besitzt an der S. brachialis der Basis, wel- 
cher der Processus styloideus der Norm fehlt, s(att 
einer Gelenkfläche eine Gelenkfläche mit 3 Facet- 
ten, w 7 ovon eine volarwärts, die andere dorsal- 



— 573 — 

und radialwärts und die dritte dorsal- und ul- 
nar w ärts abhängt. Von diesen 3 Facetten, welche 
durch einen Y -förmigen überknorpelten Kamm von 
einander auffallend geschieden sind, articulirt die vo- 
lare fast rhomboidale, dorsalwärts concave, volar- 
wärts convexe mit dem Capitatum secundarinm supe- 
rius, die radiale längliche vierseitige, volarwärts con- 
vexe, dorsalwärts concave mit C. s. radiale, und die 
ulnare länglich vierseitige, volarwärts schwach con- 
cave, dorsalwärts schwach convexe mit dem C. secun- 
darium ulnare. 

Metacarpal IV. (JVs 9.) 

Dieses zeigt an der Gelenkfläche der S. bra- 
chialis der Basis zwei Facetten, eine grosse ul- 
nare, zur Articulation mit dem Hamatum und eine 
schmale von dem Volarrande bis zum Dorsalrande 
der Basis sich erstreckende radiale, zur Articulation 
mit der ulnaren Facette der Gelenkfläche der S. di- 
gitalis des Capitatum secundarium ulnare. 

Verbindung der Capitata secundaria und des 
am Metacarpalell. sitzenden Knöchelchens un- 
ter einander mit anderen Carpal- und einigen 
Metacarpalknochen. 

Das Capitatum secundarium superius verbindet 
sich: a) mit anderen Carpalia, wie beim Capitatum 
der Norm, b) mit dem Capitatum secundarium radiale 
durch ein verticales Lig. dorsale, c) mit dem Capi- 
tatum secundarium ulnare durch ein Lig. dorsale und 
zugleich durch eine Portion jenes starken Lig. inter- 
osseum, welches vom Ulnarrande und der rauhen, 
nicht überknorpelten Dorsalportion der S. brachialis 



— 574 — 

des Capitatum secundarium ulnare entspringt, theils 
an die rauhen Stellen der S. ulnaris des Capitatum 
secundarim superius und der S. radialis des Hamatum 
sich inserirt und theils in die Yolarwand der Carpo- 
Metacarpalkapsel übergeht. 

Das Capitatum secundarium radiale verbindet sich, 
abgesehen von dem Lig. dorsale zwischen ihm und 
dem Capitatum secundarium superius: a) mit dem 
Multangulum minus durch ein queres Lig. dorsale 
und durch eine Art Syndesmose zwischen einer rau- 
hen Stelle an der S. radialis des ersteren und an der 
hinteren Facette der S. ulnaris , b) mit dem auf dem 
Metacarpale II. sitzenden Knöchelchen durch ein 
queres Lig. dorsale, c) mit dem Metacarpale III. 
durch ein verticales Lig. dorsale, und d) mit dem 
Capitatum secundarim ulnare durch ein queres Lig. 
dorsale. 

Das Capitatum secundarium ulnare verbindet sich, 
abgesehen von dem Lig. dorsale zwischen ihm und 
dem Capitatum secundarium superius und dem oben 
bei den Lig. dieses Knochens angegebenen Lig. inter- 
osseum : a) mit dem Metacarpale III. und IV. durch 
verticale Lig. dorsalia, b) mit dem Hamatum durch 
ein queres Lig. dorsale. 

Das am Metacarpale IL sitzende Knöchelchen 
verbindet sich durch Lig. dorsalia mit dem Multangu- 
lum minus aufwärts, mit dem Metacarpale IL selbst 
radialwärts, mit dem Capitatum secundarium radiale 
und Metacarpale III. ulnarwärts und namentlich 
mit dem Metacarpale IL, unter dessen Basis durch 
ein von seinem unteren und theilweise vorderen An- 



— 575 — 

fange ausgehendes sehr starkes und breites Liga- 
ment — also mit 2 Carpalia und 2 Metacarpalia. 

Accidentelles Knöchelchen im Bandapparate 
der Capitata secundaria (a). 

Das Knöchelchen sitzt im Ligamentum inferos - 
seum, welches vom Ulnarrande und von der Dorsal- 
portion der S. brachialis des Capita tum secundarium 
ulnare entspringt, theilweise an die untere rauhe Stelle 
der S. ulnaris des Capitatum secundarium superius, 
theilweise an die Rauhigkeit der S. radialis des Ha- 
matum sich inserirt, theilweise in die Volarwand der 
Carpo-Metacarpalkapsel sich fortsetzt, 2 Mill, von 
der Spitze des Capitatum secundarium ulnare entfernt 
neben dem volaren Ende der überknorpelten S. digi- 
talis des Capitatum secundarium superius ulnarwärts 
und .neben der volaren Wand der Carpo-Metacarpal- 
kapsel. Es hat die Gestalt einer halbovalen Platte 
von 4 Mill. Länge, 3 Mill. Breite und 2 Mill. Dicke. 
Seine untere Fläche ist grösstenteils und auch sein 
gerader Radialwand sind frei. So weit es frei ist, 
ist es überknorpelt. Die überknorpelte Fläche hat 
die Gestalt eines mit dem schmäleren Pole volarwärts 
gekehrten Halbovales, ist plan, 3 Mill, lang und bis 
2 Mill, breit und articulirt am volaren Ende der vo- 
laren Facette der Gelenkfläche der S. brachialis des 
Metacarpale III. Der überknorpelte radiale Rand ar- 
ticulirt am ulnaren Rande des volaren Endes der Ge- 
lenkfläche der S. digitalis des Capitatum secundarium 

superius. 

Bedeutung. 

In dem beschriebenen Falle sind somit 11 Hand- 
wurzelknochen zugegen, Sie liegen in 3 Reihen 



— 576 — 

über einander. In der ersten (oberen) Reihe liegen: 
Naviculare, Lunatum, Triquetrum, Pisiforme; in der 
zweiten (mittleren) Reihe: Multangulum majus, M. 
minus, Capitatum secundarium superius, Hamatum; 
in der dritten (unteren) Reihe: Ossiculum ex epi- 
physe metacarpalisIL, Capitatum secundarium radiale, 
C. s. ulnare. 

Wie die den Handwurzelknochen der Norm ent- 
sprechenden Knochen, articuliren auch die drei Zu- 
satzknochen in der dritten Reihe der Handwurzel 
an einander, an anderen Handwurzelknochen und an 
den 2. — 4. Mittelhandknochen durch ähnliche und 
mit Knorpel überkleidete Flächen. Der knorplige 
Überzug derGelenkflächen sieht macroscopisch 
völlig so beschaffen aus, wie an den Gelenkflächen der 
Hand wurzelknochen der Norm und erweiset sich durch 
microscopische Untersuchung in der That als wah- 
rer Gelenkknorpel. Abgesehen vom Abgange von 
Kennzeichen einer früher gewesenen und abgelau- 
fenen Krankheit oder einer Einwirkung einer Ge- 
walt, beweiset, nebst einer gewissen Regelmäs- 
sigkeit in der Anordnung der Haftbänder beson- 
ders: die Beschaffenheit derGelenkflächen, dass 
die Zusatzknochen der Handwurzel dieses Fal- 
les durchaus nicht als durch Fractur abgelöste 
Stücke genommen werden können. Man muss daher 
zur Deutung ihres Auftretens an Bildungsabwei- 
chung denken. 

Was nun das am Metacarpale IL sitzende, arti- 
culirende und in die untere Reihe der Handwurzel- 
knochen th eilweise geschobene super nume rare Os- 
siculum betrifft, so muss angenommen werden, dass 



— 577 — 

es sich aus einer persistirenden Epiphyse, welche 
statt der dorsalen Ecke des ulnaren Kammes an 
der Basis des Metacarpale IL aufgetreten war, in 
Folge Bildung eines accidentellen Gelenkes in der 
Synchondrose — d. i. durch Bildungshemmung und 
Bildungsabweichung zugleich — entwickelt habe. 
Die Beobachtnng des Vorkommens der Bases der 
Me ta carp alia IL — V. als Epiphyses in einigen Fäl- 
len von Seite des vielerfahrenen J. Cruveilhier '), 
der Fund des Processus styloideus des Metacar- 
pale III. als persistirende Epiphyse in 4 Fällen 
von meiner Seite 2 ) und endlich die Beobachtung 
dieser Epiphyse durch Bildung eines accidentel- 
len Gelenkes in dessen Synchondrose als articuli- 
r ende s neuntes Ossiculum carpi in 2 Fällen von J. 
Struthers 3 )und in 3 Fällen von meiner Seite 4 ) sind 
jener Ansicht sehr günstig und gestatten, eine 
ähnliche Bildung auch am Metacarpale IL anzu- 
nehmen. 

Was ferner das Zerfallen des Capitatum in drei 
Capitata secundaria , welche zusammen die Form des 
Capitatum der Norm haben, anbelangt; so giebt es 
zwei Möglichkeiten, welche dasselbe bedingen 
konnten: entweder es waren statt eines einzigen Ca- 
pitatum schon drei kleinere Capitata knorplig 
präformirt gewesen; oder es war im knorplig prä- 



1) Traité d'anat. descr. 3. edit. Tom. I. Paris. 1851. p. 276. 

2) Sieh meine früheren Aufsätze und den Art. JV« III. dieses Auf- 
satzes. 

3) Journ. of anat. a. physiol. Vol. III. Cambridge a. London 
1869. p. 354. 

4) Arch. f. Anat., Physiol. u. wiss. Medicin. Leipzig. 1870. p. 197. 
Tai V. C. Fig. 3. JVs- 9. 

Mélanges biologiques. VII. 73 



— 578 — 

formirten einfachenCapitatum die Ossification, 
welche nach Béclard, Blandin, Bourgery, J. Cruveil- 
hier, Humphry, Meckel, den Herausgebern von J. 
Quain's Anatomie, Kambaud et Renault, u. A. und 
meiner Erfahrung von einem Knochenpunkte aus- 
geht, anomaler Weise von drei Knochenpunkten 
ausgegangen, welche zu drei besonderen Knochen- 
stücken sich entwickelten, als solche in Folge von 
Ossificationshemmung durch Synchondrose verei- 
niget eine Zeit lang persistirten, später aber, 
durch Bildung accidenteller Gelenke in der letz- 
teren, drei articulirende Knochen geworden wa- 
ren. Für die erstere Deutung spricht mehr als für 
letztere. Die auffallende Facettirung an der Ge- 
lenkfläche der 8. brachialis des Metacarpale III. 
z. B. ist durch letztere Deutung kaum erklärbar. 

Ob das accidentelle Knöchelchen im Lig. in- 
terosseum eine in Folge von Entzündung aufgetretene 
Neubildung sei oder nicht, ist mit Sicherheit nicht 
anzugeben. 

Das merkwürdige Präparat (Unicuni) ist in mei- 
ner Sammlung aufgestellt. 

II. Ueber ein dem Os intermedium s. centrale gewisser Säu- 
gethiere analoges, neuntes Handwurzelknochelchen beim Men- 
schen. (2. Fall,) 

(Fig. 3.) 

Der Fund dieses merkwürdigen Knöchelchens 
war mir vorbehalten. 

Ich habe den ersten Fall davon 1868 an dem 
linken Carpus des Skelets eines Mannes mittle- 
ren Alters angetroffen, beschrieben, abgebildet und 



— 579 — 

1869 veröffentlicht 5 ). Das Knöchelchen dieses Fal- 
les lag im Centrum der Handwurzel zwischen den 
Knochen der oberen und unteren Reihe und zwar zwi- 
schen dem Naviculare, Multangulum minus und Gapi- 
tatum versteckt. Es hatte die Gestalt eines nie- 
drigen Tetraeders. Was seine Grösse anbelangte, 
so war es 4 Mill, hoch , an der unteren Fläche oder 
Basis in der Richtung von der Radial- zur Ulnarseite 
7 Mill, und in der Richtung von der Dorsal- zur Ul- 
narseite 6 Mill, breit. Es war mit dem Naviculare 
durch kurze Bandmasse vereiniget und articu- 
lirte an allen 3 Knochen, zwischen welchen es lag. 

Seit Oktober 1868 hatte ich zur Ausmitteluug 
mannigfacher osteologischer Verhältnisse Massen- 
untersuchungen an frischen Händen, deren ein 
Theil früher anderweitig benutzt worden war, 
vorgenommen. Nachdem ich bis Februar 1870 293 
Hände ohne Erfolg in dieser Hinsicht untersucht hatte, 
traf ich endlich am 4. dieses Monates an der rech- 
ten Hand eines Mannes wieder das Knöchelchen 
an. Das Ossiculum carpi intermedium des Menschen 
dieses zweiten Falles (Fig. 3. JV?. 9.), welches ich die- 
ses Mal in allen seinen Verhältnissen noch besser 
kennen lernen konnte, als im früheren Falle, werde 
ich im Folgenden beschreiben: 

Lage. Im Centrum der Handwurzel zwischen der 
oberen und unteren Reihe der Knochen derselben quer 
und zwar am Rücken der Handwurzel sichtbar, 



5) Arch. f. Anat., Physiol, u. wiss. Medicin v. Reichert u. Du 
Bois-Reymond. Leipzig. Jahrg. 1869. S. 331. Taf. X. A. Fig. 5, 6, 
8, 9. i. 



— 580 — 

knapp neben dem Multangulum minus zwischen das 
Naviculare und Capitatum keilförmig eingetrieben. 

Gestalt. Viertelsegment eines nach der Län- 
genachse durchschnittenen ovalen Körpers. Von den 
beiden Polen ist der eine radialwärts, der andere ul- 
narwärts gekehrt. Von den 3 Flächen sieht die Su- 
perficies dorsalis rückwärts, ist die S. brachialis auf- 
wärts und die 8. digitalis ab- und vorwärts gerichtet. 
Von den 3 Rändern sieht der eine auf-, der andere — 
ab- und der dritte — vorwärts. Die 8. dorsalis ist 
convex und rauh — eine Verbindungsfläche. Die 
8. brachialis und S. digitalis sind mit Hyalinknorpel 
überkleidet, also Gelenkflächen; erstere ist schwach 
concav, letztere schwach convex oder plan. Der obere 
und untere Rand sind rauh, Verbindungsränder, 
der vordere Rand ist mit Hyalinknorpel überklei- 
det; erstere beide sind convex, letzterer ist gerade 
und scharf. Die 8. brachialis articulirt an einer halb- 
ovalen, schwach convexen anomalen Facette der Ge- 
lenkfläche der unteren grossen Abtheilung der S. ul- 
naris des Naviculare, welche unter dem oberen ulna- 
ren Ende der die S. dorsalis darstellenden rauhen Rü- 
ckenrinne neben dem dorsalen Ulnarwinkel dieses Kno- 
chens sitzt. Die S. digitalis articulirt an einer drei- 
eckigen, schwach concaven oder planen Facette der 
Gelenkfläche der radialen Abtheilung der S. brachia- 
lis des Capitatum, welche am hinteren unteren Um- 
fang des Kopfes dieses Knochens, gleich über dessen 
Körper, sich befindet. 

Grösse. Die Länge von einem Pole zum anderen 
misst: 6,5 Mill, die Dicke von oben nach abwärts: 
4 Mill, und von rück- nach vorwärts: 3 Mill. 



— 581 — 

Verbindung. Durch eine Partie der Kapsel des 
Carpalgelenkes , die sich am oberen Rande des Knö- 
chelchens befestiget, mit dem Naviculare; durch eine 
andere Partie derselben, die sich am ulnaren Pole 
und an der ulnaren Hälfte des unteren Randes inse- 
rirt, mit dem Capitatum; und durch eine dritte Par- 
tie derselben, die an der radialen Hälfte des unteren 
Randes und am radialen Pole haftet, mit dem Mul- 
tangulum minus. 

Verschiedenheit des Knöchel che n s des 2. Fal- 
les von dem des 1. Falles. Im 1. Falle lag das Knö- 
chelchen versteckt, im 2. Falle sichtbar im Centrum 
der Handwurzel, aber in beiden Fällen zwischen dem 
Naviculare, Capitatum und Multangulum minus, wenn 
es auch im 1. Falle mit allen 3, im 2. Falle nur mit 
den beiden ersteren Knochen articulirte. Im 1. Falle 
hatte es 4, im 2. Falle — 3 Flächen, also in beiden 
eine verschiedene Gestalt. Im 1 . Falle war es grösser 
als im 2. Falle. Im 1. Falle hing es an einem Knochen, 
im 2. Falle stand es mit allen 3 Knochen in Verbin- 
dung, zwischen welchen es Platz genommen hatte. 

Bedeutung. Trotz der Verschiedenheiten des Knö- 
chelchens des neuen Falles von dem des frühe- 
ren Falles ist dasselbe, bei Berücksichtigung des- 
sen, was Andere und Ich 6 ) über das Os intermedium 
s. centrale gewisser Säugethiere aus einander- 
gesetzt haben, im neuen Falle wie im früheren 
Falle als Analogon des Os intermedium s. centrale 
der Säugethiere zu nehmen. 



6) «Über die secundären Handwurzelknochen des Menschen». 
Arch. f. Anat., Physiol, u. wiss. Medicin. Leipzig. 1866. S. 574. 



— 582 — 

Das Vorkommen eines Ossiculum carpi interme- 
dium beim Menschen ist somit kein Curiosum mehr. 
Das Präparat ist in meiner Sammlung aufbewahrt. 

III. Beobachtung der den Processus styloideus des Metacar- 
pal III. siibstituirenden, persistirenden Epiphyse an einem 
frischen Praeparate. 

(Fig. 4.) 

Den 1. Fall des Vorkommens des Processus styloi- 
deus des Metacarpale III. als persistirende Epi- 
physe beim Erwachsenen beobachtete ich 1868 an 
dem linken Metacarpale III. von dem Skelete ei- 
nen 43-jährigen Mannes. Ich beschrieb und bildete 
diesen Fall ab 1869 7 ). Den 2. und 3. Fall beob- 
achtete ich 1869 auch an linken Metacarpalia III., 
aber wieder nur an solchen von skeletirten Händen 
Erwachsener. Ich theilte auch diese Fälle 1870 
in einem Aufsatze mit, in dem ich das Auftreten der 
Epiphyse als wirklich articulirendesHandwur- 
zelknöchelchen abhandelte, und bildete einen dieser 
Fälle ebenfalls ab 8 ). 

Obgleich alle diese 3 Fälle, namentlich aber un- 
ter denselben der im Aufsatze von 1870 auf Taf. V. 
C. Fig. 1, 2 abgebildete Fall, gut erkennen lassen, 
dass man es mit einem als Epiphyse persistiren- 



7) «Vorkommen des Processus styloideus des Metacarpale III. 
als persistirende und ein neuntes Handwurzelknöchelchen repräsen- 
tirende Epiphyse». Arch. f. Anat., Physiol, u. wiss. Medicin. Leipzig 
1869. S. 36. Taf. X. B. 1-4. 

8) «Über das aus einer persistirenden und den Processus styloi- 
deus des Metacarpale III. repräsentirenden. Epiphyse entwickelte 
articulirende, neunte Handwurzelknöchelchen. — Arch. f. Anat., 
Physiol, u. wiss. Medicin. Leipzig 1870 S. 197. Taf. V. C. Fig. 1, 2. 
(Nach Berlin abgesandt d. 4. Januar 1870.) 



— 583 — 

den und wegen Abganges jeder Spur von Callus an 
den Metacarpalia III. nicht mit einem abgebroche- 
nen Processus styloideus zu thun habe; so musste ich 
mich dennoch bemühen, an einerfrischen Hand den 
als Epiphyse persistirenden Processus styloideus 
noch durch Synchondrose mit dem Metacarpale 
III. vereinigt anzutreffen, um dadurch die Mög- 
lichkeit des Vorkommens des Processus styloideus 
des Metacarpale III. als Epiphyse über jeden 
Zweifel beweisen zu können. Ich untersuchte daher, 
vom Oktober 1868 angefangen, alle verfügbaren 
Hände und traf erst nach Zergliederung von 278 der- 
selben am 11. Januar 1870 und nachdem ich kurz 
vorher den oben citirten Aufsatz zum Druck in das 
Archiv für Anatomie expedirt hatte, das an der rech- 
ten Hand eines Mannes, was i^ch suchte. Dieser 
Fund war mir um so erwünschter, als ich dadurch 
den bald darauf von Professor "W. Theile 9 ) mitge- 
teilten Zweifel über die Richtigkeit der Deu- 
tung meines ersten Falles, an dem allenfalls ein 
Anatom an eine Fractur nach dem Tode, nie aber ein 
Chirurg an eine Fractur im Leben, wegen Abganges 
der eine solche begleitenden Kennzeichen, denken 
konnte, völlig zu beheben im Stande bin, falls noch 
2 andere seitdem veröffentlichte Beobachtungen an 
macerirten Metacarpalia III., diess zu thun, nicht im 
Stande wären. 

An der rechten Hand desMannes mitVorkom- 
men des Processus styloideus des Metacarpale III. 
als persistirende und mit der Basis des Knochens 

9) Sieh: Schmidt's Jahrb. d. Medicin Bd. 145. Jahrg. 1870. Be- 
merkung. S, 12. 



— 584 — 

durch Synch on drose vereinigte Epiph y se, ist weder 
am Carpus noch am Metacarpus eine krankhafte Ver- 
änderung zu sehen. Die Synchondrose liegt quer 
auf der Axe des Knochens, bildet nur eine dünne 
Schicht eines Gewebes, das theils aus Fasern, theils 
aus Knorpelzellen besteht. Die Epiphyse hat die 
Gestalt eines Tetraeders. Von dessen 4 Flächen 
sind die Superficies radialis und S. ulnaris mit Hya- 
linknorpel überkleidet. Er st ere articulirt theils an 
einer kleinen Facette der S. ulnaris des Multangulum 
minus, theils an der Seite des ulnaren Kammes des 
Metacarpale IL, letztere aber articulirt an einer 
grossen, sehr abgegrenzten, hinteren radialen Facette 
der Gelenkfläche der S. digitalis des Capitatum. Die 
Verbindung der Rückenseite der Epiphyse mit dem 
Capitatum geht durch ganz straffe, die mit dem 
Multangulum minus und dem Metacarpale II. 
durch weniger straffe Bandstreifen vor sich. Die 
Epiphyse misst in verticaler Richtung = 6 Mill., in 
der Richtung von der Radial- zur Ulnarseite = 7,5 
Mill, und in der von der Dorsal- zur Volarseise == 4 
Mill. 

Das Praeparat ist in meiner Sammlung aufgestellt. 

IV. Beobachtung eines ursprünglich in zwei Navicularia se- 
cundaria gelheilt gewesenen Naviculare der linken Hand ei- 
nes Erwachsenen. (3. Fall.) 

(Fig. 5, 6.) 

Diese in Folge von Bildungsanomalie und zugleich 
Bildungshemmung durch Zerfallen des normalen 
Naviculare entstandenen secundären Knochen 
nachzuweisen, war mir vorbehalten. 



— 585 — 

Den 1. Fall fand ich 1865 an der rechten Hand 
eines weiblichen S kele tes. Ich habe denselben in 
einem grösseren Aufsatze, in welchem ich auch über 
das Os intermedium s. centrale der Säugethiere ab- 
handelte 1866 beschrieben und ahgebildet 10 ). — Die 
secundären Navicularia waren völlig von einander 
isolirt und gelenkig mit einander verbunden ge- 
wesen. — 

Den 2. Fall traf ich 1869 an der noch mit Weich- 
gebilden versehenen linken Hand eines Mannes. 
Ich habe auch diesen Fall in einem Aufsatze 1870 
beschrieben und abgebildet 11 ). 

— Die secundären Navicularia waren in Folge 
Auftretens grosser Lücken in der Synchondrose 
und Bildung einer allseitig namentlich gegen das Ra- 
dio - Carpalgelenk und Carpalgelenk abgeschlossenen 
Kapsel durch eine Art straffen Gelenkes verei- 
niget. — 

Den 3. und neuen Fall traf ich im September 
1870 bei der Durchsicht von 225 Navicularia aus 
der Maceration v. J. 1869/70 an einem von der 
linken Hand. 

In diesem Falle sind die früher getrennt gewe- 
senen Navicularia secundaria, wovon, wie im 2. Falle, 
das N. s. radiale das grössere und das N. s. ulnare 
das kleinere war, bereits wieder verschmolzen. 
Die Spur der früheren Trennung ist durch eine 



10) «Über die secundären Handwurzelknochen des Menschen». 
Arch. f. Anat., Physiol, u. wiss. Medicin. Leipzig. Jahrg. 1866. S. 
565. Taf. XVI. (Fig. 1-8.) 

11) Beiträge zu den secundären Handwurzelknochen. — Arch. f. 

Anat., Physiol, u. wiss. Medicin. Taf Fig. 1, 2, 3 a. b. (Dahin 

zum Druck eingesandt im Januar 1870.) 

Melanges biologiques. VII. •* 



— 586 — 

streckweise ritzenförmige Linie, die, nach dem Ver- 
balten der Verbindung bei den beiden ersten Fällen 
zu scliliessen, nicht als eine Fissur, in Folge der 
Einwirkung einer Gewalt auf den Knochen, zu halten 
ist, gegeben. Die Linie nimmt ihren Verlauf über den 
ganzen Umfang der ulnaren Portion des Knochens. 

Da dieser Fall übrigens dem 2. Fall sehr ähnlich 
ist, so enthalte ich mich noch anderer Angaben und 
gebe darüber nur Abbildungen. (Fig. 5, 6.) 

V. Beobachtung eines ursprünglich in zwei Lunata secundaria 
zerfallen gewesenen Lunatum der linken Hand eines Erwach- 
senen. (2. eigener Fall.) 

(Fig. 7.) 

Den 1. Fall von Zerfallen des Lunatum in zwei 
Lunata secundaria hat Smith beobachtet 12 ). 

Den 2. Fall mit Trennung des Lnnatum in ein 
grosses Lunatum secundârium dorsale und unge- 
mein kleines L. secundarium volare habe ich 1869 
an der noch mit Weichgebilden versehenen rechten 
Hand eines Mannes angetroffen und 1870 beschrie- 
ben und abgebildet 13 ). — Das Lunatum hatte die 
gewöhnliche Gestalt und Grösse. Seine stumpfe vo- 
lare untere Ecke war als besonderes Knöchel- 
chen — L. s. volare — vom übrigen Knochen — 
L : . s. dorsale — abgetrennt. Das Imnatum secunda- 



12) Treatise on Fractures and Dislocations. Dublin. 1847. p. 252. 
(Bei: E. Gurlt.) — Beiträge zur vergleich, patholog. Anatomie der 
Gelenkkrankheiten. Berlin. 1853. S. 364; bei Humphry. — A Treatise 
on the human Skeleton. London. 1858. 8°. p. 397. Note 2. — 

13) «Beiträge zu den secundären Handwurzelknochen». — Arch, 
f. Anat., Physiol, und wiss. Medicin. Taf Fig. 4, 5 a. b. (Dort- 
hin zum Druck eingesandt im Januar 1870 ) 



— 587 — 

rium volare hatte die Gestalt eines Viertelse gm en- 
tes eines ovalen Körpers und stand mit dem L. s. 
dorsale durch eine straffe allseitig geschlossene Ge- 
lenkkapsel und einige feine Fäden in Verbindung, 
welche als Beste der ursprünglich da gewesenen 
Synchondrose zu nehmen sind. — 

Den 3. (2. eigenen) neuen Fall fand ich Septem- 
ber 1870 unter ein Paar Hundert Lunata aus der Ma- 
ceration v. J. 1869/70. Diessmal war ein linkes Lu- 
natum in zwei secundäre Lunata geschieden. 

Das Lunatum commune hat die gewöhnliche Gestalt 
und Grösse. Die Gelenkfläche an der Superficies di- 
gitalis zeigt zwei grosse Facetten, eine lange gegen 
den Rücken zugespitzte radiale zur Articulation mit 
dem Capitatum und eine ungewöhnlich breite ( — 7 
Mill.) länglich - vierseitige, ulnare zur Articulation 
mit dem Hamatum. Dasselbe ist auf gleiche Weise 
wie das meines 1. Falles in ein sehr grosses L. s. 
dorsale (a) und ein ungemein kleines L. s. volare (b) 
geschieden. Das Lunatum secundarium volare begreift 
wieder die stumpfe untere volare Ecke des Lunatum 
commune in sich. Es hat wieder die Gestalt des Vier- 
telsegmentes eines kleinen ovalen Körpers oder 
besser einer unten abgerundeten, etwas gekrümm- 
ten, auf- und radialwärts allmälig sich verdickenden, 
dreieckigen oder halbovalenPlatte. Es besitzt wie- 
der eine convexe rauhe Volarfläche, welche dieselbe 
des Lunatum commune ergänzt, und eine untere con- 
cave überknorpelte Digitalfläche, welche die radiale 
Facette der Gelenkfläche der S. digitalis des L. com- 
mune am radialen Volarwinkel vergrößert. Die Ver- 
bindung der Lunata secundaria ist aber keine ge- 



— 588 = 

lenkige mehr, sondern eine durch Verknöcherung 
der Synchondrose aufgetretene unbewegliche. Die 
Stelle der früheren Trennung durch Synchondrose 
ist durch eine am ganzen Umfange des L. commune 
quer verlaufende kleine, aber ziemlich tiefe Rinne (a), 
in der man wie zackenartige Verlängerungen der Lu- 
nata secundaria in einander greifen und von einem 
zum anderen setzen sieht. 

Dieser 2. eigene Fall unterscheidet sich von dem 
1. Falle aus Angegebenem dadurch: dass bei jenem 
die als Epiphyse (L. s. volare) aufgetretene volare 
untere Ecke des Lunatum durch Verknöcherung 
der Epiphysensynchondrose wieder verwuchs; bei 
diesem aber die volare untere Ecke des Luna- 
tum als Epiphyse nicht nur persistirte, sondern 
durch Auftreten eines anomalen Gelenkes in derEpi- 
physensynchondrose ein articulirendes L. s. volare 
geworden war. 

VI. Heber eine den Processus styloideus des Metacarpal III. 

ersetzende, zeitlebens persistirende Epiphyse, welche mit dem 

Capitata carpi anchylosirte und einen diesem ursprünglich 

angehörigen Anhang vortäuschte. 

(Fig. 9, 10.) 

Im December 1868 hatte ich bei meinen Untersu- 
chungen des Carpus an Händen mit Weichgebilden 
an der linken Hand eines Mannes ein Multangulum 
minus angetroffen, welches am ulnaren Ende seiner 
Dorsalportion einen normalen Anhang oder einen 
Fortsatz besass, der den mangelnden Processus sty- 
loideus am Metacarpale III. substituirte. Dieser 
Fortsatz erwies sich als eine dem Multangulum minus 



— 589 — 

angehörige Epiphyse. Diese Epiphyse war an einem 
mir von meinem früheren Prosector Lesshaft über- 
brachten rechten Multangiitum minus von einem an- 
deren Individuum schon verwachsen, also bereits 
eine Apophyse geworden. Ich habe diese Fälle be- 
schrieben und abgebildet 14 ). 

Im Jahre 1870 traf ich unter einer Masse von 
Multangula minora wieder eines von der rechten 
Hand mit dem bezeichneteu und ähnlichen anoma- 
len Fortsatze, den ich ebenfalls als eine durch Ver- 
wachsung zur Apophyse gewordene Epiphyse anse- 
hen muss. Ich enthalte mich einer nicht mehr nöthi- 
gen Beschreibung und liefere davon nur eine Abbil- 
dung. (Fig. 8 a.) 

Diese 3 Praeparate habe ich in meiner Samm- 
lung aufbewahrt. Sie liefern die Beweise, dass das 
Multangulum minus bisweilen durch einen den man- 
gelnden Processus styloideus des Metacarpale III. er- 
setzenden Fortsatz vergrössert werden könnte, 
welcher als Epiphyse auftritt, die persistiren kann 
oder bald verwächst und als Apophyse erscheint. Das 
Praeparat aber, an dem das Multangulum minus mit 
einer persistirenden Epiphyse versehen ist, zeigt, 
dass, im möglichen Falle des Auftretens eines Gelen- 
kes in der Synchondrose ein neuntes Handwurzel- 
knöchelchen zwischen dem Multangulum minus, Ca- 
pitatum, Metarcapale IL et III. erscheinen könnte, 
das nicht die Bedeutung einer gelenkig geworde- 



14) «Über ein neuntes Handwurzelknöchelchen des Menschen 
mit der Bedeutung einer persistirenden Epiphyse des zum Ersätze 
des mangelnden Processus styloideus des Metacarpale III. des ano- 
mal vergrösserten Multangulum minus». — Arch. f. Anat., Physiol, 
und wiss. Medicin. Leipzig. Jahrg. 1869. S. 342. Taf. IX. - 



— 590 — 

nen persistirenden Epiphyse des Metacarpale 
III. (gewöhnlich), sondern die Bedeutung einer ge- 
lenkig gewordenen persistirendenEpiphyse eines 
anomaler Weise vergrösserten Multangülum mi- 
nus hat. 

Es kann aber auch die den Processus styloid eus 
des Metacarpale III. der Norm vertretende persists 
rende Epiphyse mit dem Capitatum anchylosi- 
ren und dann einen dem Capitatum schon vom Ur- 
sprünge an angehörigen Anhang vortäuschen 
und glauben machen, dass das Capitatum auf gleiche 
Weise wie das Multangülum minus in oben bemerkten 
Fällen durch einen Fortsatz vergrössert werden kön- 
ne, was zwar nicht unmöglich, aber doch nicht nach- 
gewiesen ist. 

Eine solche Anordnung fand ich am 18. Septem- 
ber 1870 unter einigen Hunderten Capitata aus der 
Maceration v. J. 1869/70 bei einem von der linken 
Hand eines Mannes (Fig. 9, 10), wie aus Nachste- 
hendem ersichtlich ist: 

Das Capitatum (a) ist, abgesehen von dem An- 
hange am dorsalen Eadialwinkel seiner Basis, normal 
gestaltet. An der Gelenkfläche der Superficies digita- 
lis sind 3 Facetten zu sehen, eine schmale längliche 
vordere radiale zur Articulation mit dem ulnaren 
Kamme der Basis des Metacarpale IL, eine grosse 
mediane zur Articulation mit der Basis des Metacar- 
pale III. und eine hintere kleine ulnare zur Articula- 
tion mit der Basis des Metacarpale IV. Mit der hin- 
teren radialen Facette, die am Processus styloideus 
des Metacarpale III. der Norm articulirt, ist der An- 
hang verwachsen. 



— 591 — 

Der Anhang (b) desselben ist namentlich von der 
Rückenseite des Körpers des Capitatum durch eine 
tiefe schräge Furche (a) auffallend abgesetzt. Er 
hat dis Gestalt eines Tetraeder' s oder einer niedri- 
gen dreiseitigen Pyramide, deren radiale, dor- 
sale und untere Fläche (Basis) frei sind und deren 
ulnare Fläche mit dem Capitatum und zwar an ei- 
ner Stelle desselben durch An chy lose vereiniget ist, 
welche der hinteren radialen Facette der Gelenkfläche 
der Superficies digitalis correspondit. Die radiale 
Fläche zeigt eine kleine concave Gelenkfläche, wel- 
che an die radiale Facette der Gelenkfläche der Su- 
perficies digitalis des Capitatum stösst und an einer 
Facette der Gelenkfläche an 'der ulnaren Seite des ul- 
naren Kammes der Basis des Metacarpale IL articu- 
lirt haben musste. Die dorsale Fläche ist convex, 
rauh. Die untere Fläche steht fast quer zur verti- 
lalen Axe des Capitatum, zeigt abgerundete Vor- 
sprünge und dazwischenliegende grübige Vertie- 
fungen, sieht wie die Synchondrosenfläche einer Epi- 
physe aus. (Fig. 10.) Der Anhang misst in verticaler 
Richtung: 7 Mill., in der von der radialen zur ulna- 
ren Seite an der Basis: 8,5 Mill, und in der von der 
dorsalen zur volaren Seite: 7 — 8 Mill. 

Sitz, Gestalt und Grösse des Anhanges glei- 
chen denen der den Processus styloideus des Metacar- 
pale III. substituirenden persistirendenEpiphyse. 
Seine untere Fläche hat das Aussehen einer Epi- 
physenfläche und nicht das eines etwa durch Fr a c- 
tur isolirten Stückes, was es wegen Abganges von 
Spuren verknöcherten Callus nicht sein kann. Noch 
weniger darf der Anhang als eine Exosto se genommen 



— 592 — 

werden. Der Anhang ist daher als eine den Proces- 
sus styloideus des Metarcapale III. substitui- 
rendeEpiphyse zu deuten, welche, in Folge der Zer- 
störung der Synchondrose zwischen ihr und dem Me- 
tacarpal III. durch Maceration, von diesem sich ab- 
löste und in Folge von Anchylose mit dem Capita- 
tum an diesem haften blieb. Die straffe Verbindung 
der den Processus styloideus des Metacarpale III. er- 
setzenden persistirendenEpiphyse mit dem Capi- 
tatum und deren Lage in langer Strecke unter dem 
dorsalen Radial winkel desselben, lassen im Falle einer 
partiellen Gelenkentzündung Anchylose leicht mög- 
lich erscheineu, was mit dem nur oben und radialwärts 
daneben gelagerten Multangulum minus nicht, oder 
nur dann geschehen könnte, wenn dieses in seltene- 
ren Fällen mit einer breiten Fläche mit der genannten 
Epiphyse articulirt. Man könnte auch an die Bedeu- 
tung des Anhanges als ein mit dem Capitatum an- 
chylosirtes supernumeräres Knöchelchen der 
unteren Handwurzelreihe denken, welches Stru- 
thers und Ich voneinander unabhängig nachgewie- 
sen haben zwischen dem Capitatum, Metacarpale IL 
und III. oder zwischen diesen und dem Multangulum 
minus liegt, mit ersteren 3 oder allen 4 gelenkig ver- 
bunden ist, welches nicht ein Stück des Capitatum 
ist, wie Struthers anzunehmen scheint, sondern aus 
der den Processus styloideus des Metarcapale III. dar- 
stellenden persistirenden Epiphyse sich entwickelt oder 
aus der Epiphyse eines anomal vergrösserten Multan- 
gulum minus sich entwickeln könnte, wie ich bewie- 
sen habe. — Allein das Nichtvorkommen der un- 
teren, an die Basis des Metacarpale III. stossenden 



— 593 — 

Fläche als Gelenkfläche, zeugen gegen diese Ver- 
muthung. 

VII. Beobachtung des Processus tuberositaüs naviculars tarsi, 
als Epiphyse, die noch durch Synchondrose vereiniget ist. 

(Fig. 11.) 

Das hintere Ende der Tuberositas des Navicu- 
lare tarsi ist bisweilen gerade nach rückwärts in einen 
Fortsatz — Processus tuberositatis navicularis tarsi 
-*- ausgezogen. Der Fortsatz kann für sich ossificiren 
und eine Epiphyse — -Epiphysis tuberositatis navicu- 
laris tarsi — bilden. Die Epiphyse endlich kann als 
solche zeitlebens persistiren und sogar durch Auf- 
treten eines accidentel len Gelenkes in der Syn- 
chondrose zwischen ihr nnd der Tuberositas navi- 
cularis ein für sich bestehendes und articuliren- 
des Knöchelchen — Ossiculum naviculare secunda- 
rium tarsi — werden. 

In einem 1869 verfassten Aufsatze habe ich jenen 
bis dahin von den Anatomen unberücksichtigt ge- 
lassenen Fortsatz des Naviculare tarsi; ein rech- 
tes Naviculare tarsi eines Erwachsenen, an welchem 
dieser Fortsatz als persistirende Epiphyse auf- 
getreten; und ein linkes Naviculare tarsi eines ande- 
ren Erwachsenen, an welchem die persistirende 
Epiphyse durch Bildung eines accidentellen Ge- 
lenkes in der Synchondrose, zwischen ihr und der 
Tuberositas navicularis, ein isoli r tes articu lire n- 
des Knöchelchen — Naviculare secunäariurh tarsi — 
geworden war, beschrieben und abgebildet 15 ). 



15) «Über den Fortsatz des Hökers des Kahnbeines der Fuss- 
wurzel — Processus tuberositatis navicularis tarsi — und dessen 

Mélanges biologiques. VII. 75 



— 594 — 

Obgleich sowohl in dem Falle, in dem ich das su- 
pernumeräreKnöchelchen als persistirende mit 
der Tuberositas navicularis noch durch Synchon- 
drose in Verbindung gestandene Epiphyse, als auch 
in dem Falle, in dem ich dasselbe als gelenkig ver- 
bunden gewesenes Navicularc secundarium tarsi deu- 
ten musste, eine Verwechslung mit einem Sehnen- 
knochen, z. B. mit dem bisweilen in der Sehne des 
M. tibialis posticus auftretenden (Fig. 12), durchaus 
unzulässig war; so hatte ich dennoch jene beiden 
Funde nur an macerirten Knochen gemacht. Es 
musste daher meine Aufgabe sein, den Processus tube- 
rositatis navicularis tarsi auch an frischen Navicu- 
laria als Epiphyse, die noch durch Synchondrose 
oder, in Folge von Bildungeines aecidentellenGe- 
lenkes in letzterer, durch eine Kapsel mit der Tu- 
berositas navicularis in Verbindung steht und in diesem 
Falle das Naviculars secundarium tarsi repräsentirt, 
aufzufinden, um jedenZweifel über meine Deutung 
der von mir gefundenen supernumerären Knö- 
chelchen zu beheben. Es wurden daher seit längerer 
Zeit alle zur Verfügung stehenden Füsse mit Weich- 
gebilden von Individuen vom 10. Lebensjahre auf- 
wärts untersucht. Erst nachdem ich 282 Füsse in 
dieser Hinsicht einer Durchsicht unterzogen hatte, 
sah ich im Februar 1870 bei einem 13 Jahre alten 
Knaben am rechten Fusse (Fig. 11.) den Processus 
tuberositas navicularis tarsi als Epiphyse (a) vor- 



Auftreten als Epiphyse oder als besonderes articulirendes Knöchel- 
chen. » (Ein Beitrag zu den secundären Fusswurzelknochen). — 
Arch. f. Anat., Physiol, u. wiss. Medicin u. Taf. (Dahin bereits im 
October 1869 zum Druck gesandt (— !!).) — 



— 595 — 

kommen und noch durch Synchondrose (ß) mit der 
Tuberositas navicularis (b) vereiniget; am linken Fusse 
aber den verknöcherten Fortsatz mit der genannten 
Tuberosität ohne Spur einer früher da gewesenen 
Trennung verschmolzen. 

Die Epiphyse (a) hat die Gestalt eines War- 
zen- oder kegelförmigen, von oben nach unten et- 
was comprimirten, gerade nach rückwärts vorste- 
henden Fortsatzes. Ihre Länge beträgt: 1 Cent, 
unten, 6,5 Mill, oben (um was sie als Fortsatz vor- 
steht). Sie ist in verticaler Richtung: bis — 6 Mill., 
in trantversaler bis 9 Mill. dick. Der M. tibialis po- 
sticus hatte sich mit dem grössten Theile seiner Sehne 
an die Tuberositas navicularis u. s. w., nur th eil- 
weise an die Epiphyse angesetzt. 

Dadurch ist nun über jeden Zweifel bewiesen, 
dass der in y i0 d. F. überhaupt und in 1 / 50 d. F. im 
Maximum der Entwickelung auftretende Processus tu- 
berositatis navicularis tarsi für sich ossificiren, also 
eine Epiphyse derTubersitas navicularis werden kann. 
Ist dem so, so kann auch die Möglichkeit der Persi- 
stenz zeitlebens und sogar des Vorkommens dieser 
Epiphyse, im Falle der möglichen Bildung eines ac- 
cidentellen Gelenkes in der Synchondrose, als 
isolirtes und an der Tuberositas navicularis articu- 
lirendes Knöchelchen — Naviculare secundarium 
tarsi — nicht mehr bezweifelt werden, wenn auch 
letzteres bis jetzt nur am macerirten und uoch 
nicht am frischen Knochen aufgefunden ist. 

Das Praeparat ist in meiner Sammlung aufbewahrt. 

Ich erwähne, dass ich die Tuberositas navicularis 
bei anderen Individuen im Alter unter 13 Jahren, von 



— 596 — 

13 Jahren und 14 Jahren ganz knorplig; im Alter 
von 1 5 Jahren aber ganz oder fast ganz verknöchert 
angetroffen habe. 

VIII. Bemerkung über ein im hinteren Eude des Interstitium 

metatarseum I. liegendes, supernumeräres Rnöchelchen. 

(W. Gruber 1852.) 

Ich habe dieses Knöchelchen zuerst 1852 beobach- 
tet und darauf nach darüber vorgenommenen Mas- 
senuntersuchungen ausführlich beschrieben und 
abgebildet. Dieses seit 18 Jahren gekannte, oft vor- 
kommende und hier seit jener Zeit selbst jedem Stu- 
denten der Medicin wohl bekannte Knöchelchen ha- 
ben in neuester Zeit die Engländer: I. Bankart, 
P. H. Pye Smith u.I. I.Philips — «Notes of abnor- 
malities observed in the dissecting room during the 
winter sessions of 1866/67 a. 1867/68. Guy's hospi- 
tal reports. 3. Ser. Vol. XIV. p. 436. (Steht mir nicht 
zur Verfügung, aber bei I. Heule — Bericht über die 
Fortschritte der Anatomie und Physiologie. 1869. 
Leipzig. 1870 8°. p. 83, 87. — ) — beschrieben und, 
wie die Berichterstatter über die Fortschritte 
der Anatomie, anscheinend als neu gehalten. Wer 
sich interessirt, zu erfahren, wo die jetzige alte 
Neuigkeit als eine wirkliche Neuigkeit abgehan- 
delt ist, der sehe mein , auf Kosten der hiesigen Aka- 
demie der Wissenschaften, veröffentlichtes Werk: 
«Abhandlungen aus der menschlichen und ver- 
gleichenden Anatomie. Mit XI Tafeln. St. Peters- 
burg. 1852. 4°. Abb. VII. Art.: 1, 2. «Über ein 
neues Sesambein amFussrückendesMenschen». 
S. 111 — 1 13.. Taf. VIII. Fig. 1, 2. J& 1. 



— - 597 — 
Erklärung der Abbildungen. 

Fig. 1. 

Zweite und dritte Reihe der Handwurzelknochen 
mit den Basalstücken der Mittelhandknochen von der 
rechten Hand eines Mannes mit 11 Handwur- 
zelknochen. (Ansicht von hinten und oben, bei vo- 
larwärts zurückgelegten Handwurzelknochen der zwei- 
ten Reihe und eines Handwurzelknochens der dritten 
Reihe.) F . g 2 

Dasselbe Praeparat bei Verbleiben des aufgehobenen 
Multangulum minus, des in drei Capitata secundaria 
getheilten Capitatum, des aus der Epiphyse der Basis 
des Metacarpale II. entwickelten Handwurzelknöchel - 
chens und der Basalstücke der vier medialen Mittel- 
handknochen. (Ansicht von hinten.) 

Bezeichnung für Figur 1 od. auch 2. 

1. Multangulum majus. 

2. . » minus. 

3. Capitatum secundarium superius. 
3'. » » radiale. 
3". » » ulnare. 

4. Hamatum. 

5. Aus der dorsalen Ecke des ulnaren Kammes 
der Basis des Metacarpale II. entwickeltes Handwur- 
zelknöchelchen. 

6. Metacarpale I. 

7. » IL 

8. » III. 

9. » IV. 
10. » V. 

a. Accidentelles Knöchelchen im Lig. intcr- 
osseum, welches vom Capitatum secundarium ulnare 
entspringt, an d-as Capitatum secundarium superius 



. — 598 — 

und Hamatum sich inserirt und in die volare Wand 
der Carpo-Metacarpalkapsel sich fortsetzt. 

a. Rinne an der Superficies digitalis des Multangu- 
lum minus. 

ß. Hintere Facette der S. ulnaris des Multangulum 
minus mit einer viereckigen rauhen Stelle zur Ver- 
bindung durch Syndesmose mit der S. radialis des Ca- 
pitatum secundarium radiale und mit einer in zwei 
Nebenfacetten getheilten schmalen Parallelogrammen 
Gelenkfläche zur Articulation mit der S. radialis des 
Capitatum secundarium radiale und der S. radialis des 
aus der Epipbyse des Metacarpale II. entwickelten 
Handwur zelknö chelchens . 

Fig. 3. 

Skelet der rechten Handwurzel und des oberen 
Theiles der Mittelhand eines Mannes mit einem neun- 
ten, dem Os intermedium gewisser Säugethiere 
analogen Handwurzelknöchelchen. (Ansicht von 
hinten.) 

1. Naviculare. 

2. Lunatum. 

3. Triquetrum. 

4. Pisiform e. 

5. Multangulum majus. 

6. » minus. 

7. Capitatum. 

8. Hamatum. 

9. Dem Os intermedium der Säugethiere 
analoges neuntes Handwurzelknöchelchen. 

Fig. 4. 

Skelet der rechten Handwurzel und des oberen 
Theiles der Mittelhand eines Mannes mit einer den 
Processus styloideus des Metacarpale III. substitui- 
renden und noch durch Synchondrose vereinigten 
persistirenden Epiphyse. (Ansicht von hinten.) 



— 599 — 

1— 8, wie Fig. 3. 

1 — 13. Metacarpalia. 
a. Den Processus styloideus des Metacarpale III. 
substituirende persistirende Epiphyse. 
a. Synchondrose derselben. 

Fig. 5. 

Linkes Naviculare mit der Spur ursprünglich da 
gewesener Theilung in zwei Navicularia secun- 
daria. (Ansicht bei verticaler Stellung von der Superfi- 
cies brachialis.) Fig. 6. 

Derselbe Knochen. (Ansicht von der S. ulnaris.ï 

Fig. 7. 

Linkes, ursprünglich aus zwei von einander ge- 
trennt gewesenen secundären Knochen bestandenes 
Lunatum. (Ansicht von der Superficies digitalis, etc.) 

a. Stück für das Lunatum secundarium dor- 
sale. 

b. Stück für dasLunatum secundarium volare, 
a. Rinne an der ursprünglich vorhanden gewesenen 

Synchondrose. Fig. 8. 

Rechtes Multangulum minus mit einem ano- 
malen, den mangelnden Processus styloideus desMe- 
tarcapale III. ersetzenden Fortsatz. (Ansicht von 
hinten und oben.) 

a. Anomaler Fortsatz. 

Fig. 9. 

Linkes Capitatum, an dem die den Processus 
styloideus des Metacarpale III. ersetzende, von letzte- 
rem abgelöste, persistirendeEpipyhseverwach- 
sen ist und einen, ersterem ursprünglich angehöri- 
gen Anhang vortäuscht. (Ansicht von der Superficies 
dorsalis.) Fig. 10. 

Derselbe Knochen. (Ansicht von der Superficies 
digitalis.) 



— 600 — 

Bezeichnung für Fig 9. u. 10. 

a. Capitatum. 

b. Epiphyse des Metacarpale III. als Anhang. 

a. Rückenrinne an der Verwachsungsstelle. 

Fig. 11. 

Rechtes Naviculare tarsi von einem 13-jähri- 
gen Knaben mit einem Processus tuberositatis, 
der als eine noch durch Synchondrose vereinigte 
Epiphyse vorkommt. 

u m u -x > des Naviculare. 

b. Tuberositas j 

a. Die den Processus tuberositatis darstellende Epi- 
physe. 

ß. Deren Synchondrose. 

Fig. 12. 

Rechtes Naviculare tarsi eines Erwachsenen 
mit einem grossen Knochen in der Sehne des an 
die Tuherositas navicularis sich ansetzenden Muscu- 
lus tibialis posticus. 

1. Naviculare. 

2. Sehne des M. tibialis posticus. 

3. Knochen in der Sehne. 

u m u -x > des Naviculare. 

b. Tuberositas j 

a. Processus tuberositatis navicularis. 



(Aus dem Bulletin, T. XV, pag. 435 — 459.) 



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II October 1870. 

Zusammenstellung veröffentlichter Fälle von 
Polydactylie mit 6 Fingern an der Hand und 
6 Zehen an dem Fusse; und Beschreibung 
zweier neuen Fälle von Duplicität des Dau- 
mens, von Dr. Wenzel Gruber, Professor 
der Anatomie. 

A. Veröffentlichte Fälle von Polydactylie mit 6 Fingern an der 
Hand und 6 Zehen an dem Fusse. 

Bei A. Haller 1 ), J. Fr. Meckel 2 ), Chaussier 
et Adelon 3 ), J. Fr. Pierer 4 ), Jsid. Geoffroy St,- 
Hilaire 5 ), Fr. Aug. Amnion 6 ), Aug. Förster 7 ) und 
wohl noch Anderen findet man über Finger- und 
Zehen-Überzahl überhaupt und namentlich auch 
über 6-fingerige Hände und 6-zehige Füsse 



1) Elementa physiologiae. Tom. VIII. P. I. 4°. p. 98. 

2) De duplicitate monstrosa comraentarius. Halae et Berolini.1815. 
Fol. p. 56—60. § 50. — Handb. d. pathol. Anatomie. Bd. 1. Leipzig. 
1812. S. 19., Bd. 2. Abth. I. 1816. S. 35. 

3) Diction, des sc. med. Tom. 34. Paris. 1819. Art.: «Monstruo- 
sité», p. 190. 

4) Anat.-physiol. Realwörterbuch. Bd. 2. Leipzig. 1819. Artikel: 
«Hand». S. 840. Note 10. 

5) Hist, génér. et partie, des anomalies etc. Tora. I. Paris. 1832. 
p. 681—701. 

6) Die angeborenen chirurg. Krankheiten des Menschen. I. Th. 
Berlin. 1839. Fol. «Morbi congeniti unguium et digitorum». p. 96. 
Tab. XXI. Fig. 1-18. 

7) Die Missbildungen des Menschen. Jena. 1861.4°. S.43.Taf.VIII. 

Mélanges biologiques. YII. '6 



— 602 — 

viele Fälle zusammengetragen, allein eine mög- 
lichst erschöpfende Zusammenstellung beob- 
achteter Fälle 6-fingeriger Hände und 6-zehiger 
Fusse existirt meines Wissens nicht. Ich liefere 
daher eine solche Zusammenstellung, so weit sie 
mir die zur Verfügung stehende Literatur bieten 
konnte, im Nachstehenden und füge dazu die Be- 
schreibung von ein Paar von mir in neuester Zeit 
beobachteter Fälle von Duplicität des Daumens, 
a. 6 Finger an einer Hand oder an beiden Händen. 
Solche Fälle haben mitgetheilt: C, Plinius II. 8 ), 
Saviard 9 ), Morand 10 ), Oberteufer 11 ), Bremer 12 ), 



8) Hist. nat. Lib. XL § 99. (Vol. IV. Lipsiae. 1781. 8°. p. 482. 
Edit, ab J. G. Fr. Franz.) (Erwähnt zweier Töchter des Patriciers 
Cajus Horatius und des Dichters Volcatius mit 6 Fingern an jeder 
Hand, wesshalb erstere den Beinamen «Sedigitae» nnd letzterer 
den Beinamen «Sedigitus» erhielten.) 

9) Nouveau recueil d'observations chirurgicales. Paris. 1702. 10°. 
Observ. 117. p. 517. (Bei einem 8-jährigen Mädchen die linke Hand 
mit supernumerärem Daumen. — Operirt.) 

10) Recherches sur quelques conformations monstreuses des 
doigts dans l'homme. — Mém. de l'Acad. roy. des se. ann. 1770. 4°. 
p. 137. PI. (Fig. 1—4). 4 Fälle. — Skelet Erwachsener: 1 Mal ein 
supernumerärer kleiner Finger mit 2 Phalangen und Metacarpale VI. 
— links (Fig. 1, 2.); 1 Mal ein supernumerärer kleiner Finger mit 2 
Phalangen mit Metacarpale bifidum V., an dessen aufwärts gerich- 
tetem Aste der supernumeräre Finger articulirend — links (Fig. 3.); 
1 Mal ein supernumerärer kleiner Finger mit 2 Phalangen am Meta- 
carpale V. articulirend — rechts (Fig. 4.); und 1 Mal eine Dame 
mit doppelter Endphalange des Daumens, deren Tochter M. 
einen 6. Finger abgenommen hatte. — Überzahl mit Erblich- 
keit.) 

11) J. Chr. Stark's neues Arch. f. Geburtsh., Frauen- und Kinder- 
krankheiten. Bd. 2 St. 2. Jena. 1801. Merkwürdige Beobachtungen. 
Beobacht. 13. S. 641—642. — (6 Fälle mit doppeltem Daumen bei 4 
männlichen und 2 weiblichen Kindern: 5 Mal an einer Hand, 1 Mal 
an beiden Händen; der supernumeräre Daumen 1 Mal gelenkig ver- 
bunden, übrigens an einem Hautstiele hängend.) 

12) Med.-chir. Zeitung. Bei. 4. Salzburg. 1803. 8°. J\? 91. S. 256. 



— 603 — 

J. Fr. Meckel 13 ), van Derbach 14 ), Percy et Lau- 
rent 15 ), Willigens 16 ), Hecking 17 ), Heussner 18 ), 

(Bei einem in der philomatischen Gesellschaft in Berlin vorgestell- 
ten 5-jährigen Knaben, welcher an der einen Hand zwei Daumen 
hatte. Der supernumeräre aufwärts stehende Daumen war etwas 
gekrümmt, konnte aber doch zum Fassen gebraucht werden.) 

13) De duplicitate monstrosacommentarius.Halae etBerolini. 1815. 
Fol. p. 58. — Handb. d. path. Anat. Bd. 2. Abth. 1. Leipzig. 1816. 
S. 35. (1 Mal hing ein Rudiment aus Haut und Fett am 5. Finger. 
1 Mal (neugeb. Mädchen) beiderseits eine einen Knorpel enthaltende 
Appendicula an ber Basis der Mittelphalange des kleinen Fingers. 
1 Mal ein mit den Phalangen versehener Finger nicht eingelenkt 
am 5. Finger.) 

14) Extrait d'un mémoire d'une famille espagnole de la Commune 
de San Martine de Vadeclesia dans la montagne de Guadarrama, — 
Recueil de mémoires de médecine, chirurgie et de pharmacie mili- 
taires. Tom. V. Paris. 1818. p. 176. (Der 3. u. 4. Finger der Hand 
und manchmal ein 5. supernumerärer Finger sind ganz durch die 
Haut vereiniget. Die Grund-, Mittel- und Endphalange dieser Finger 
besteht je aus 2 Knochen. Bei manchen Personen ist der Daumen 
doppelt (pouce biphalangettienne) oder am Ende getheilt (bifurquée), 
oder die Daumen sind durch die Haut wie andere Finger vereiniget. 
Manche Personen dieser Familie haben auch die 3. und 4. Zehe 
durch die Haut vereiniget. Diese Deformität ist in der Familie erb- 
lich, und v. Derbach selbst hat 40 derselben untersucht (?). Die Fa- 
milie ist im Lande unter dem Namen Los-Pedagos (famille des 
Collés) bekannt. Jedes Mitglied heisst Pedagosa (gluant, contagieux) 
— Überzahl und partielle Syndactylie mit Erblichkeit.) 

15) Diction, des sc. med. Tom. 44. Paris. 1820. Art.: «Polydactylie». 
p. 142. Fig. 1. (Doppelte Endphalange des Daumens der linken Hand.) 

16) Hufeland's Journ. d. prakt. Heilkunde. Bd. 58. St. 5. Berlin. 
1824. S. 121. (Erbliche Überzahl an beiden Händen bei Kindern 
und Kindeskindern von einem Vater und zwei Muttern.) 

17) Daselbst. S. 122. (Bei 2 Neugeborenen: 1 Mal an einer Hand, 
1 Mal an beiden Händen. Der supernumeräre Finger hing an der 
Mittelphalange des kleinen Fingers. — Operirt.) 

18) Generalbericht d. k. rhein. Medicinalcollegii ü. d. J. 1827. 
Coblenz. 1830. Fol. S. 147. (Bei einem 3-monatlichen Kinde waren 
an jeder Hand 6 Finger. Ein zweiter kleiner Finger war der super- 
numeräre, der 3 Phalangen und einen Nagel hatte. Kein super- 
numeräres Metacarpale. Die Mutter hatte an jeder Hand ami. Finger- 
gelenke des kleinen Fingers ein an der Haut hängendes Rudiment 
von Aussehen einer grossen Warze. Andere Kinder sind natürlich 
gebildet.) 



— 604 — 

Dublin Museum 19 ),Kopstadt 20 ),Busch 2l ),Gueneau 
de Mussy 22 ), A. W. Otto 23 ), Museum Vilnense 24 ), 

19) Descr. Catalogue of the praparations in the Museum of the 
royal College of Surgeons in Ireland. Vol. I. Dublin. 1834. 8°. p. 149. 
(Bei einem cyclopischen Foetus an beiden Händen an der inneren 
Seite des kleinen Fingers ein 6. unvollkommener Finger.) 

20) Generalbericht d. k. rhein. Medicinalcollegii ü. d. J. 1827. 
S. 147. ü. d. J. 1834. Coblenz. 1837. 8°. S. 219. (Bei einem Kinde 
ein 6. Fingerchen an der linken Hand. Die Grossmutter hatte den- 
selben Bildungsfehler. — Bei einem Knaben an der äusseren Seite 
des kleinen Fingers jeder Hand ein vollständiger 6. Finger mit 
Nagel. Die Grossmutter mütteilicher Seite hatte 6 Finger an der 
rechten Hand. Zwei andere Enkel (Kinder ihres Sohnes) kamen 
ebenfalls mit 6 Fingern zur Welt. — Also mit Überspringen 
der Eltern Übergang der Deformität von denGrosseltern 
auf die Enkel.) 

21) Berichte der geburtshilfl. Klinik in Berlin. 1829—1835, 1836 
— 1 841, 1842-1847. -Neue Zeitschr. f. Geburtsk. Bd. 5. Berlin. 1837. 
S. 279. Bd. 28. 1850. S. 380. Monatsschr. f. Geburstsk. u. Frauen- 
krankheiten. Bd. 4. Berlin. 1854. S. 356. — (Bei einem Mädchen 
mit wohlgebildetem 6. Finger an der rechten Hand; bei einem an- 
deren Mädchen mit missgebildetem Ohre (Eselsohre) und Nabel- 
bruch doppelter Daumen der linken Hand; bei einem Knaben an 
der Aussenseite jeder Hand eine supernumeräre Endphanlange.) 

22) Bull, de la soc. anat. de Paris, ann. 13. 1838. p. 40. (Doppel- 
ter Daumen der linken Hand.) 

23) Monstrorum 600 descr. anat. Vratislaviae. 1841. Fol. p. 267 
—269. Tab. XXV. Fig. I. JYs 450. Tab. XXV. Fig. 9. JV» 451. Tab. 
XXV. Fig. 2., Ns 452, 453, 454, 456, 458, 459. (11 Fälle: von 1 Foetus 
(weiblich), 7 Kindern — 4 Knaben, 1 Mädchen, 2 (Geschl.?) — und 
3 Erwachsenen — 2 Männern und 1 Weibe; 4 Mal Duplicität des 
Daumens — 2 Mal rechts, 1 Mal links, 1 Mal? — : durch eine dop- 
pelte Endphalange — Knabe, durch einen am Metacarpale I. arti- 
culirenden supernumerären Daumen mit 2 Phalangen — Knabe uud? 
— uud durch einen supernumerären durch Syndactylie vereinigten 
Daumen mit 1 Phalanx — Weib, 7 Mal ein supernumerärer kleiner 
Finger — 4 Mal links, 3 Mal beiderseits — und zwar: 1 Mal mit 
Metacarpale VI. — Mann links — , 3 Mal am Metacarpale V. arti- 
culirend, oder? — Mann, Knabe und? — links —, 3 Mal mit 2 Pha- 
langen an der 1. Phalanx des kleinen Fingers vermittelst eines Stieles 
oder ohne einen solchen (?) hängend. — Weiblicher Foetus u. Knabe 
beiderseits, Mädchen links — ; 2 Mal zugleich mit anderen Deformi- 
täten — Knaben. — In einem der genannten Fälle mit Duplicität 
des Daumens (links) hatte auch die Mutter Überzahl der Finger 
(kleinen). — Überzahl mit Erblichkeit.) 



~ 605 — 

Doepp 25 ), Ezquerra del Bayo 26 ), W. Lange (Jung- 
mann) 27 ), L. Nagel 28 ), Blot 29 ), N. N. american. 
Arzt 30 ), Béchet 31 ), Bouteillier 32 ), Cazeaux 33 ), Lo- 

24) Museum anat. caes. acad. med.-chirurg. Vilnensis. Vilnae. 
1842. 4. p. 264, 281. Ns 2712, 2766, 2768. (Eiu neugeborues Kind mit 
Hasenscharte:, Wolfsrachen, 6 Finger an jeder Hand, 6 Finger an 
jeder an einem anderen neugeborenen, übrigens wohlgebildeten 
Kinde. Ein Daumen der rechten Hand an der Endphalange doppelt.) 

25) Vermischte Abhandl. a. d. Gebiete d. Heilkunde v. e. Gesell- 
schaft prakt. Ärzte i. St.-Petersburg. 6. Sammlung. St.-Petersburg. 
1842. «Notizen a. d. Erziehungshause in St.-Petersburg. 1834 — 1840. 
S. 161. (6 Finger an beiden Händen bei 3 männlichen u. 3 weiblichen 
Kindern. — Unter letzteren bei einem doppelter Daumen.) 

26) Bei: H. G. Bronn. — Handb. d. Geschichte d. Natur. Bd. 2. 
Stuttgart. 1843. 8°. S. 182.— (Erzählung von Bronn von einem 
6-fingerigen Spanier, welcher das letzte seiner Kinder nicht als das 
Seinige anerkennen wollte, weil es nur 5 Finger hatte. — Über- 
zahl mit Erblichkeit.) 

27) Bericht ü. d. geburtshilfl. Klinik in Prag. 1842—1844. — 
Prager Vierteljahrschr. f. prakt. Heilkunde. Bd. 7. 1845. S. 47. 
(3 Fälle. — Operirt.) 

28) Journ. d. Chirurgie u. Augenheilkunde. Bd. 36. Berlin. 1847. 
Chirurg. Beobachtungen. & 4. S. 511. (Doppelter Daumen der rech- 
ten Hand eines 3-monatlichen Knaben. Der supernumeräre Daumen 
articulirte an der Articulatio metacarpo-phalangea pollicis.) 

29) Bull, de la soc. anat. de Paris, ann. 23. 1848. p. 355. (Doppel- 
ter Daumen. Hand?) 

30) Bull, de la soc. auat. de Paris, ann. 24. 1849. p. 341. (Gross- 
mutter mütterlicher Seite hatte einen supernumerären Finger an 
einer Hand. — (Yater und Mutter hatten die normale Zahl. Der 
Arzt und sein Bruder hatten an jeder Hand 6 Finger und an jedem 
Fusse 6 Zehen Ein Onkel hatte eine überzählige kleine Zehe. Von 
dessen 4—5 Kindern hatte ein Knabe und ein Mädchen auf jeder 
Seite 6 Zehen. — Operirt. — Überzahl mit Erblichkeit bei 
Überspringen der. Eltern von den Grossseltern auf die 
Enkel.) 

31) Bull, de la soc. anat. de Paris, ann. 26. 1851. p. 247. (Bei 
einem männlichen Kinde an jeder Hand ein mit einem Stiele an der 
Grundphalange des 5. Fingers hängender supernumerärer Finger.) 

32) Bull, de la soc. anat. de Paris, ann. 26. 1851. p. 197, 251. 
(I Fall. — Doppelter Daumen der rechten Hand. 2. Fall — getheilt 
gewesene und verwachsene Grundphalange und getheilte Endpha- 
lange des Daumens der linken Hand.) 

33) Existence d'un doigt surnuméraire. — Comptes rendus des 



— 606 — 

rain 34 ), Ohm 35 ), Martinez y Molina 36 ), G. Joseph 37 ), 
Grenser 38 ), W. Gruber 39 ), Dixon 40 ), G. Nicolo de Ca- 

séances de la soc. de biologie, ann. 1850. Paris. 1851. p. 15. (Bei 
einem neugeborenen männlichen Kinde ein an der Mittelphalange 
des 5. Fingers der linken Hand an einem Stiele hängender Appendix 
von der Gestalt der Nagelphalange; an der rechten Hand eine Art 
Auswuchs.) 

34) Comptes rendus des séances de la soc. de biologie, ann. 1852. 
Paris. 1853. p. 38. (Bei einem Neugeborenen ein doppelter Daumen 
einer Hand. Der supernumeräre Daumen anscheinend nur an das 
Metacarpale I. angelegt.) 

35) Deutsche Klinik. Berlin. 1854. S. 265. (Bei einem 9-monat- 
lichen Kinde doppelter Daumen. Der supernumeräre Daumen mit 
Metacarpale und zwei Phalangen. — Operirt.) 

36) El Siglo medico. 1855. p. 187. Gaz. hebdoin. Tom. II. Jû 42. 
Paris. 1855. 4°. p. 758. (Bei Zwillingen — Mädchen — hatte das 
eine 6 Finger, das andere 6 Finger und 6 Zehen beiderseits. Der 
supernumeräre Finger sass am 5. Finger und hatte 3 Phalangen, oder 
hing an einem Hautstiele und hatte nur 2 Phalangen. Mutter wohl- 
gebildet, hatte aber von einem Bruder ihrer Mutter ein 6-fingeriges 
Kind an der rechten Hand.) 

37) Bericht a. d. chir. u. augenärztl. Polyklinik i. Breslau. — 
A. Günsburg's Zeitschr. VIII. in: Medic. Jahrb. Bd. 95. 1857. S. 213. 
(Bei einem Dienstknecht ein supernumerärer Daumen mit Meta- 
carpale und Endphalange, am Multangulum majus eingelenkt.) 

38) Jahrbuch d. Entbindungsanstalt in Dresden. — Monatsschr. 
f. Geburtskunde u. Frauenkrankheiten. Bd. 19. 1862. S. 224-, Bd. 25. 
1865. S. 151., Bd. 12. Berlin. 1858. S. 473 — (Bei einem neugebore- 
nen Kinde an dem Ulnarrande des kleinen Fingers in der Gegend 
der Articulatio phalango-phalangea I. jeder Hand ein gestielter 
Anhang mit einem Knochenkerne in der Mitte.) 

39) Missbildungen. I. Sammlung. — Mém. de l'Acad. Imp. des sc. 
de St.-Pétersburg. Sér. VII. Tom. II. N« 2. Besond. Abdr. St.-Peters- 
burg. 1859. 4°. Art. I. «Anomalien bei Finger- und Zehen-Überzahl», 
p. 1. — «Notiz über die Zergliederung einer rechten oberen Extre- 
mität mit Duplicität des Daumens an der Hand». — Arch f. pathol. 
Anat. u. Physiol, u. f. klin. Medicin. Bd. 32. Berlin. 1865. S. 223. 
Taf. V. Fig. 4—5. — Anatomische Miscellen. M III. «Zur Duplicität 
des Daumens». — Österr. Zeitschr. f. prakt. Heilkunde. Wien. 1865. 
JVs 37. — (Hat unter einer Keine von Fällen, die er an Embryonen, 
Kindern und Erwachsenen beobachtete, in mehreren Fällen und dar- 
unter, bei einem Artillerie -Unteroffiziere, Duplicität der Endpha- 
lange des Daumens gesehen. Zwei Fälle der Duplicität des Dau- 
mens an der rechten Hand von Männern hat er nach genauer Zer- 



— 607 — 

rolis 41 ), Goyrand 42 ), Birnbaum 43 ), Broca 44 ), Prestat 43 ), 
Ling Island college Hospital 46 ), A. Förster 47 ), Musée 

gliederung ausführlich beschrieben. Beide Daumen articulirten am 
Metacarpale I.) 

40) Superfluous fingers occurring in five generations. — The med. 
Times a. Gazette. New. Ser. Vol. 18. (Old. S. Vol. 39.) London. 1859. 
4°. p. 59. (Bei einem Manne 6 Finger an der inneren Seite beider 
Hände. Dasselbe bei dem Vater, der väterlichen Grossmutter, seinen 
6 Töchtern und einem Kinde einer Tochter.— Überzahl mit 
Erblichkeit.) 

41) A. : Gazz. Sarda. 47. 1860. in : Schmidt's Jahrb. der Medicin. 
112. Bd. Leipzig. 1861. S. 159. (Polydactylie mit Syndactylie durch 
4 Generationen. Bei einem 8 Tage alten Mädchen an der linken 
Hand an der Mittelphalange des .kleinen Fingers ein supernume- 
rärer mit zwei Phalangen und Nagel. Am Mittel-, King- und kleinen 
Finger beider Hände, an den Füssen von der grossen Zehe an Syn- 
dactylie. — Operirt. — Überzahl und Syndactylie mit Erb- 
lichkeit.) 

42) Bull, de la soc. de Chirurgie de Paris. Séance 10 Oct. 1860. 
Sér. 2. Tom. 1. p. 545. (Bei einem Kinde von 8 Monaten an einer 
Hand ein supernumerärer Daumen. — Operirt.) 

43) Bericht ü. d. Hebammenanstalt in Trier. 1854 — 1860; in 
Cöln. 1860—1863. — Monatsschr. f. Geburtskunde u. Frauenkrank- 
heiten. Bd. 16. Berlin. 1860. S. 467. Bd. 25. (Supplementheft.) 1865. 
S. 292. (1 Mal — Spaltung der Endphalange des Daumens in zwei 
Hälften; 1 Mal an der linken Hand ein supernumerärer Finger und 
an der rechten Hand bloss ein Stiel. 1 Mal eiu supernumerärer 
kleiner Finger an einer Hand, 1 Mal an beiden Händen. In den 3 
letzteren Fällen die supernumerären Finger an Stielen hängend.) 

44) Bull, de la soc. de Chirurgie de Paris. Sér. 2. Tom. I. 1861. 
(Séance 10 Oct. 1860.) p. 544. (Demonstration eines supernumerären 
Daumens. Dieser war der äusserste, fast gleich dem normalen. Beide 
Daumen hatten an einem Metacarpale articulirt. — Operirt.) 

45) Bull, de la soc. de Chirurgie de Paris. — Séance 10 Oct. 1860. 
Sér. 2. Tom. 1. 1861. p. 544. (Bei einem 8-monatlichen Kinde ein 
supernumerärer Daumen, der zwei Articulationen hatte und kleiner 
als der normale war. — Exarticulirt.) 

46) Charleston med. journ. a review. Nov. 1860. L'Union méd. 
Nouv. Sér. Tom XI. Paris. 1861. 8°. p. 400. «Doigts surnuméraires 
pendant cinq générations». (Bei einem Kinde ein beinahe in der 
Mitte des kleinen Fingers an einem Stiele hängender supernume- 
rärer Finger an jeder Hand mitPhalangen, wie am normalen Finger. 
— Operirt. — Mit derselben Deformität waren behaftet: Von den 
3 früheren Kindern der Eltern — ein Kind an einer Hand, ein an- 



— 608 



Dupuytren 48 ), L. Gaillard 49 ), Richet 50 ), Wiener Gebär- 
und Findelhaus 51 ), F. Howitz 52 ), Kiche 53 ), Poppel 



deres an beiden Händen; die Mutter der Kinder an der rechten 
Hand, die mütterliche Grossmutter an jeder Hand, die Urgross- 
mutter, der Vater der Urgrossmutter, der Bruder der Grossmutter, 
dessen Neffe der Vater des operirten Kindes.— Überzahl mit 
Erblichkeit.) 

47) Die Missbildungen des Menschen. Jena. 1861. 4°. S. 43. 
Taf. VIII. Fig. 23 u. 24. (Bei einem cyclopischen Foetus — Praeparat 
d. path ol. Sammlung in Göttingen — 6 Finger an beiden Händen. Der 
supernumeräre Finger hängt an einem Hautstiele am Ulnarrande 
des Metacarpus.) 

48) Ch. Houel. — Manuel d'anat. pathol. contenant la description 
et le catalogue da Musée Dupuytren. Edit. 2. Paris. 1862. 8°. p. 830. 
N» 15, 16, 17, 18, 19. — (5 Fälle: Ein Daumen mit doppelter 
Endphalange (Praep. v. Lassus); ein Daumen mit Duplicität 
beider Phalangen von der Gestalt einer Zange (Gipsabguss v. 
Broca); skeletirte linke Hand mit einem Appendix am letzten Meta- 
carpal von der Gestalt eines verkehrt gestellten Fingers (Praep. v. 
Lassus); skeletirte linke Hand mit 6 gut gebildeten Fingern; und 
eine Band mit 6 Fingern von einem Foetus.) 

49) Note sur les doigts surnuméraires. — Mém. de la soc. de bio- 
logie, ann. 1861. Paris. 1862. p. 325. — (Bei einem 21-jährigen Jüng- 
ling ein supernumerärer Daumen der rechten Hand. — Operirt.) 

50) Pouce surnuméraire de la main gauche. — Amputation dans 
l'articulation métacarpo-phalangienne, guérison. — Conservation 
des mouvements dans le pouce restant. — Bull, de la soc. de Chir. 
de Paris. Séance 3 Avril. 186T. Sér. 2. Tom. II. 1862. p. 227—229. 
(Bei einer Frau, die R. vorgestellt hatte. Der an der äusseren Seite 
der linken Hand sitzende supernumeräre Daumen, der am Capitulum 
des Metacarpale mit dem normalen Daumen gemeinschaftlich arti- 
culirte, war der kürzere und schwächere. — Vollständige Zerglie- 
derung und ausführliche Beschreibung.) 

51) Ärzlicher Bericht v. 1861, 1863, 1865, 1867. Wien. 1863. 
S. 273; T864. S. 10, 16; 1866. S. 122, 124; 1868. S. 131. — (Bei 
17 Kindern: 3 Mal supernumerärer linker Daumen — 1 Mal am Meta- 
carpale articulirend, 2 Mal häutig mit dem normalen verwachsen — ; 
11 Mal supernumerärer kleiner Finger— ; 3 Mal beiderseits (an einer 
Hand gelenkig, übrigens häutig verbunden), 1 Mal rechts, 2 Mal 
links, 5 Mal einseitig (an einer Hand nur häutig mit dem normalen 
kleinen Finger verbunden) — ; 3 Mal häutige Appendices am kleinen 
Finger jeder S'eite. — Die Meisten operirt.) 

52) Beitr. z, Kenntniss der Krankheiten der Neugeborenen a. d. 
Berichte ü. d. Gebär- u. Pflegeanstalt in Kopenhagen. Ausz. a. d. 



— 609 — 

(Hecker) 54 ), Boulian 55 ), Jsid. Vidal 56 ), Musée Vrolik 57 ), 
Cooper 58 ), Cloquet 59 ), Tarder 60 ), Guyon (Thierry) 61 ), 



Hospital -Tidende. JV« 32, 33, 34. 1862. In: Journ. f. Kinderkrank- 
heiten. Bd. 40, Erlangen. 1863. S. 378. (5 Kinder mit Polydactylie. 
Der 6. Finger hing an dem Ulnarrande der Hand an einem Stiele 
(sehr häufig), hatte 2 — 3 Gelenke. Bei einem Knaben mit 6 Fingern 
an beiden Händen war das zwei Finger tragende Metacarpale V. 
unten in zwei Aste getheilt. Der Vater und Grossvater hatten die- 
selbe Missbildung. — Überzahl mit Erblichkeit.) 

53) Allgemeine militärärztliche Zeitung. Wien. 1864. JVs 4. S. 45 
Mit Holzschnitt. (Bei einem 20-jährigen Mädchen. Der rechte 
Daumen krebsscheerenartig. Der Mittelhandknochen einfach. 
An ihm articuliren zwei zweigliederige Finger, welche an den Grund- 
phalangen durch eine Schwimmhaut verwachsen, an den gegen die 
Spitze convergirenden Endphalangen getrennt sind.) 

54) Bericht der Geburtshilfi. Klinik in München. 1861—1863, 
1863—1865. Monatsschr. f. Geburtskunde u. Frauenkrankheiten. 
Bd. 24. Berlin. 1864. S. 151, Bd. 28. 1866. S. 312. (Bei einem reifen 
Knaben an der linken Hand ein gestielter 6. Finger, an der rechten 
Hand ein supernumerärer, verkrümmter, einer Kirsche ähnlicher. 
Bei einem 25 Cent, langen weiblichen Foetus an der linken Hand 
zwei fast gleich entwickelte Daumen.) 

55) Recueil de mémoires de médecine, de chirurgie et de phar- 
macie militaires. Sér. 3. Tom. 13. Paris. 1865. p. 67. 2 Fig. (Bei 
einer 17-jährigen Demoiselle (Jüdin) ein zweiter Daumen der rech- 
ten Hand am Metacarpale I. — Operirt.) 

56) Note explicative sur un pouce double d'Annamite, dessiné à 
Saigon (Cochinchine) 1864. Daselbst p. 71. Fig. (Bei einer 20-jähri- 
gen Cochinchinesin ein doppelter Daumen an der linken Hand.) 

57) Catalogue de la collection d'Anatomie humaine, comparée et 
pathologique de Ger. et W. Vrolik par J. L. Dusseau. Amsterdam. 
1865. 8°. p. 457. JY» 517 (14), 519 (16), 520 (17). (3 Fälle. Doppelter 
Daumen an der linken Hand eines männlichen neugeborenen Kin- 
des; zwei Endphalangen mit Nägeln am Daumen einer rechten 
Hand ; zwei Endphalangen mit Nägeln des kleinen Fingers an der 
rechten Hand eines neugeborenen durch Cyclopie monströsen 
Kindes.) 

58) Verhandl. d. med.-chir. Gesellsch. in London. — In: Journ. f. 
Kinderkrankheiten. Bd. 47. Erlangen. 1866. S. 366. — (Bericht über 
einen Mann, welchem er einen überzähligen Finger (wo?) amputirt 
hat, dessen 3 Kinder ebenfalls diesen Fehler hatten. — Überzahl 
mit Erblichkeit.) 

59) Bull, de la soc. de Chirurgie de Paris. Séance 8 Nov. 1865. 
Tom. VI. Paris. 1866. p. 487. (5— 6 Mal einen supernumerären, mehr 

Mélanges biologiques. VII. ' ' 



— 610 — 

Blot 62 ), Giraldés 63 ), Farge 64 ), Th. Billroth 65 ), H. Leis- 
rink 66 ), Wiener Museum 67 ) und wohl viele A. 68 ). 



oder weniger rudimentären 6. Finger gesehen. 1 Mal einen doppel- 
ten Daumen bei einem Erwachsenen. Der abnorme Appendix meistens 
am Ulnarrande der Hand.) 

60) Bull, de la soc. de Chir. de Paris; Séance 8 Nov. 1865. Sér. 2. 
Tom. VI. 1866. p. 487. (In einem supernumerären Finger Knovpel- 
elemente.) 

61) Polydactylie irrégulière. — Gaz. des hôpitaux. Paris. 1865. Fol. 
JÏ2 135. p. 539. — (Bei einem neugeborenen Mädchen, au niveau der 
Art. metacarpo-phalangea V. ein an einem Stiele hängender Tumor 
von Haselnussgrösse an der linken Hand, von Hanfsamengrösse an 
der rechten Hand. Der linke Tumor bestand aus: Haut, Bindegewebe 
und zwei kleinen Kernen mit knorpligem, im Centrum auf dem Wege 
der Ossification sich befindendem Gewebe.) 

62) Bull, de la soc. de Chirurgie de Paris. Séance 8 Nov. 1865. 
Sér. 2. Tom. VI. 1866. p. 487. (In einem Falle im supernumerären 
Daumen Knorpelelemente.) 

63) Bull, de la soc. de Chirurgie de Paris. Séance 29 Nov. 1865. 
Sér. 2. Tom. VI. 1866. p. 506. (Bei einem Kinde von 6 Jahren ein 
doppelter Daumen von der Gestalt einer Krebsscheere.) 

64) Potydactylie.Ectrodactylie concomitante. — Gaz. hebdomadaire 
de médecine et de chirurgie. 8ér. 2. Tom. III. 1866. Janv. N» 4. p. 61.— 
(Erblich in der Familie Cady durch 3 Generationen. Die väterliche 
Grossmutter hatte 4 Daumen. Der Vater hatte statt der Daumen 
Finger mit 3 Phalangen. Von seinen 6 Kindern hatten: ein Knabe, 
der starb, normale Hände, ein Knabe einen supernumerären Daumen 
an der linken Hand, zwei Knaben und eine Tochter wie der Vater 
keinen Daumen, aber statt dieser 3-gliederige Finger, und endlich 
der letzte Knabe (32-jähriger Mann zur Zeit der Untersuchung) ein 
rudimentäres, einen Vorsprung unter der Haut bildendes Metacar- 
pal des Daumens und noch 5 Metacarpalia und 5 dreigliederige 
Finger. Von letzteren war der 1. der supernumeräre, der 2. — 5. 
analog denselben der Norm. — Überzahl mit Erblichkeit.) 

65) Chirurg. Erfahrungen. Missbildungen. — Arch. f. klinische 
Chirurgie. Bd. 10. Berlin. 1869. S. 653. (Bei 4 Knaben und 3 Mäd- 
chen, im Alter von 4 Monaten bis 1£ Jahr — 6 Mal einseitig, 1 Mal 
beiderseitig — ein doppelter Daumen. — Operirt.) 

66) Beitrag zur Lehre von der Sclerodermia adultorum namentlich 
in Bezug auf ihre Verwandtschaft zur Elephantiasis Arabum. — Deut- 
sche Klinik. S. 56. — (Polydactylie an beiden Händen eines neu- 
geborenen Kindes.) 

67) J. Hyrtl. Vergangenheit und Gegenwart des Museum's für 



~ 611 — 

Übersicht, 

Aus dieser Zusammenstellung der Fälle mit 
einem verschieden entwickelten supernumerären 
Finger an einer Hand oder an beiden Händen 
resultirt: 

1) Es waren 127 Individuen und 13—14 Familien 
erblich mit einem supernumerären Finger behaftet.— 
Ein supernumerärer Finger kommt daher sehr häufig 
und überwiegend häufiger als jede andere Art von 
Überzahl der Finger und Zehen vor. 

2) Von den damit behaftet gewesenen Individuen 
(abgesehen von den Individuen aus den Familien mit 
Erblichkeit der Deformität) waren 32 männlichen und 
24 weiblichen Geschlechtes. Welchen Geschlechtes 
die übrigen 71 waren, ist, anzugeben, versäumt wor- 
den. — Die Häufigkeit des Vorkommens eines super- 
numerären Fingers bei beiden Geschlechtern zu ein- 
ander ist daher nicht ausmittelbar. 

3) Ein supernumerärer Finger wurde an 35 Indi- 



raenschliche Anatomie an der Wiener Universität. Wien. 1869. 8°. 
S. 224. V. A. As 210-212. (3 Hände von Kindern mit 6 Fingern.) 

68) Z. B. Geoffroy St. Hilaire. — Op. cit. Tom. I. p. 683. (Anna 
de B oui en hatte eine supernumeräre Mamma, einen Zahn ausser 
der Reihe und 6 Finger an jeder Hand — nach Moraud nur an der 
rechten — ). Morand — 1. c. p. T50. — (Hat im Dominicanerkloster 
zu Mailand im Refectorium ein das Abendmahl darstellendes grosses 
Gemälde von Leonard de Vinci gesehen, auf welchem ein Apostel 
an einer Hand 6 Finger hatte. Er hat auf einem Pfingsten darstellen- 
den Gemälde einer grossen Abtei an beiden erhobenen Händen 
eines Apostels 6 gut gebildete Finger unterscheiden können.) 
Blot — Bull, de la chirurgie de Paris. Sér. 2. T. 6. 1866. p. 487 — 
(Hat unter 10,000 Neugeborenen nur 1 Mal einen supernumerären 
Finger gesehen.) Trélat — Daselbst.— (Will 15 Mal supernumeräre 
Finger verschiedener Entwicklung bemerkt haben.) Danyau — Da- 
selbst, p. 488. — (Hat während 24 Jahren im Gebärhause nicht mehr 
als 10 Fälle mit 6 Fingern an der Hand beobachtet.) 



— 612 — 

viduen beiderseitig, an 16 — rechtseitig, an 24 — 
linkseitig, an 35— an einer Hand (welcher?) und an 
17 (beiderseitig oder einseitig?) beobachtet. — Es 
kann somit immerhin behauptet werden : ein super- 
numerärer Finger komme häufiger einseitig als beider- 
seitig vor. 

4) Unter den 13 — 14 Familien mit Erblichkeit 
eines supernumerären Fingers war dieser durch 2 Ge- 
nerationen bei: 7, durch 3 Generationen bei: 2 — 3, 
durch 4 Generationen bei: 4, durch 5 Generationen 
bei: 2, und durch nicht bestimmte Anzahl von Gene- 
rationen bei: 1 nachgewiesen. 

5) Der supernumeräre Finger war durch den Vater 
der Urgrossmutter : 1 Mal, durch die väterliche Gross- 
mutter: 3 Mal, durch die mütterliche Grossmutter: 
2 — 3 Mal, durch den Vater: 1 Mal, durch die Mutter: 
2 Mal, durch den Vater und die Mutter: 1 Mal, durch?: 
2 Mal in jene Familien gekommen und zwar ohne 
Überspringen einer Generation (in der Regel) oder 
mit Überspringen der Eltern von den Grosseltern 
(Grossmüttern) auf die Enkel (3 Mal). 

6) Das Vorkommen der normalen Anzahl der Fin- 
ger bei einem Kinde aus einer 6-fingerigen Familie 
konnte 1 Mal (F. v. Ezquerra del Bayo) Veran- 
lassung zur Verweigerung des Anerkennens 
von Seite des Vaters werden. 

7) Vorkommen eines supernumerären Fingers wurde 
1 Mal (F. v. Martinez y Molina) bei Zwillingen (Mäd- 
chen) beobachtet. Eines hatte 6 Finger, das andere 

6 Finger und 6 Zehen beiderseits. 

8) Mit noch anderen Deformitäten waren behaftet: 

7 Individuen (Fälle v. Busch, Förster, im Mus. Dubli- 



— 613 — 

nense, Vilnense, Vrolik, v. Otto — 2). — 6-fingerige 
Individuen sind daher meistens übrigens wohlgebildet. 

9) Syndactylie, und zwar nur partielle, kam bei 
zwei 6-fingerigen Familien (F. v. de Carolis, van 
Derbach), — also nur ausnahmsweise, — vor. 

10) Unter den 127 6-fingerigen Individuen war 
der supernumeräre Finger bei 52 (% d. F.) ein Dau- 
men und bei 75 ( 3 / 5 d. F.) ein kleiner Finger, nie ein 
anderer Finger. 

11) Unter den 13 — 14 Familien mit Erblichkeit 
eines supernumerären Fingers war letzterer bei Mit- 
gliedern von: 10, der kleine Finger, bei Mitgliedern 
von 3, bald der Daumen, bald der kleine Finger, bei 
Mitgliedern von: 1, bald der Daumen, bald ein drei- 
gliederiger Finger statt des Daumens (Familie Cady). 

12) Unter den 52 Individuen mit Duplicität des 
Daumens (3 Mal beiderseits, 49 Mal einerseits oder 
doch nur bei manchen beiderseits?) war die Duplici- 
tät an 6 (F. v. Percy et Laurent, Otto, im Mus. Vil- 
nense, v. Birnbaum, im Mus. Dupuytren, Mus. Vrolik) 
durch Vorkommen zweier Endphalangen, an 1 (F. v. 
Bouteillier) durch Vorkommen letzterer und durch 
eine früher aus zwei Phalangen bestandenen Grund - 
phalange angedeutet; bestand der supernumeräre Dau- 
men aus einem supernumerären (6.) Metacarpale und 
2 Phalangen (F. v. Ohm) oder der Eodphalange (F. v. 
Joseph); enthielt der supernumeräre Daumen zwei 
Phalangen und articulirte mit dem normalen Daumen 
am Metacarpale I. häufig, worunter 1 Mal (F. v. Bre- 
mer) der supernumeräre Daumen aufwärts gerichtet 
war, 1 Mal (F. im Mus. Dupuytren) beide Daumen 
wie eine Zange, 1 Mal (F. v. Kiche) dieselben bei 



— 614 — 

Vereinigung der Grundphalangen durch eine Schwimm- 
haut und Convergenz der Spitzen der Endphalangen 
wie eine Krebsscheere aussahen; weniger häufig 
articulirte der supernumeräre Finger nicht, hing an 
einem Stiele oder einer Haut, hatte 2 oder 1 Pha- 
lange, enthielt nur Knorpelelemente (F. v. Blot), oder 
war ganz rudimentär.— Daumen mit 2 Endphalangen 
kommen daher nicht oft und solche mit einem super- 
numerären Metacarpale selten vor. 

1 3) Erblichkeit des Daumens mit 2 Endphalangen 
kam an manchen Mitgliedern einer spanischen Familie 
(F. v. van Derbach); Erblichkeit eines doppelten Dau- 
mens bei einigen Mitgliedern, eines dreigliederigen 
Daumens bei anderen Mitgliedern und 5 dreigliederige 
Finger und 6 Metacarpalia bei einem Mitgliede der 
Familie Cady vor (F. v. Farge). 

14) War der 6. Finger ein supernumerärer kleiner 
Finger, womit gewöhnlich 5 Metacarpalia, selten 
(F. v. Morand — links — , F. v. Howitz — beiderseits — ) 
ein Metacarpale V. bifidum, noch seltener (F. v. 
Morand — links — , F. v. Otto — links) vorkamen; so 
bestand derselbe aus 3, oder 2, oder 1 Phalange; oder 
erschien ganz rudimentär, als ein Anhang, der ein 
Knochenstück (F. im Mus. Dupuytren — links — ), 
einen Knochenkern in der Mitte (F. v. Meckel — ein- 
seitig — ), Knorpelelemente (F. v. Tarnier — ein- 
seitig — ) enthielt, die Gestalt eines haselnussgrossen, 
zwei in Ossification begriffene Knochenkerne enthal- 
tenden, oder eines hanfkorngrossen Tumor (F. v. 
Guyon) hatte, der kirschähnlich war (F. v. Poppel — 
rechts — ), der wie eine grosse Warze aussah (F. v. 
Heussner), nur aus Haut und Fett bestand (F. v. 



- — 615 — 

Meckel — einseitig — ), nur häutig (Wiener Findel- 
haus — 3 F. beiderseits — ), ein blosser Stiel (F. v. 
Birnbaum — rechts — ), eine Art Auswuchs war (F. v. 
Cazeaux — rechts — ); oder war durch eine super- 
numeräre Endphalange am kleinen Finger, die an die- 
sem um die Hälfte weniger häufig als am Daumen 
auftrat, repräsentirt (F. v. Busch — beiderseits — -, 
F. i. Mus. Vrolik — rechts — ). 

1 5) So weit aus den mangelhaften Angaben ersicht- 
lich ist, schien der supernumeräre Finger, wenn er 
dreigliederig war, in der Kegel am Metacarpale V., 
oder an einem Aste des M. V. bifidum (F. v. Howitz?), 
oder am M. VI. (F. v. Otto) articulirt und selten an 
einem Stiele oder einer Haut gehangen zu haben; 
wenn er aber zweigliederig oder eingliederig war, 
öfterer gehangen als am Metacarpale V , oder am 
M. V. bifidum (F. v. Morand, F. v. Howitz?), oder 
am M. VI. (F. v. Morand) articulirt zu haben. 

1 6) Die Orte, an welchen der nicht articulirende 
supernumeräre kleine Finger zu hängen pflegt, sind: 
der Ulnarrand der Hand, die Grund- und Mittelpha- 
lange, die Articulatio metacarpo-phalangea und pha- 
lango-phalangea I. 

17) der supernumeräre kleine Finger hatte selten 
eine aufwärts gerichtete Stellung (F. v. Morand, F. i. 
Mus. Dupuytren). 

b. 6 Zehen an einem Fusse oder an beiden Füssen. 
Solche Fälle haben mitgetheilt: Morand 69 ), 



69) L. c. Fig. 5. et 6. (Rechter Fuss mit 6 Zehen und 6 Meta- 
tarsalia eines Erwachsenen. Das 5. u, 6. Metatarsale sind an der 
Basis verwachsen.) 



— 616 — 

Oberteufer 70 ), J. Fr. Meckel 71 ), Busch 72 ), Otto 73 ), 
Doepp 7 '), Anieric. Arzt 75 ), G. Joseph 76 ), Luz- 
cinsky 77 ), Schmerbach 78 ), Musée Vrolik 79 ), 



70) L. c. S. 642, 643. (2 Fälle. Ein Mädchen hatte zwei kleine 
Zehen, die supernumeräre mit 1 Phalanx; ein Knabe hatte zwei 
grosse Zehen mit 3 Phalangen (wohl beide zusammen). — Operirt.) 

71) De duplicitate monstrosa. p. 58. — Handb. d. path. Anat. 
Bd. 2. Abth. 1. S. 36: (2 Fälle. In einem Falle war das breite Meta- 
carpal V. vorn in zwei Gelenkflächen geschieden, an welchen zwei 
Zehen, wovon die 6. Zehe die grössere, articulirten. In einem an- 
deren Falle, bei einem Negermädchen, war das Metatarsale V. des 
linken Fusses breiter als gewöhnlich, an dem die 5. und 6. Zehe 
articulirten. Die Grundphalangen beider Zehen dieses Falles waren 
durch Knorpel verwachsen, die beiden gemeinschaftliche Mittel- 
phalange war vorn getheilt, an der zwei separirte, nur durch die Haut 
vereinigte Endphalangen articulirten.) 

72) L. c. (Bei einem Kinde über der kleinen Zehe eine, an einem 
dünnen Stiele hängende, unvollkommene 6. Zehe mit angedeutetem 
Nagel. — Operirt.) 

73) Op. cit. p. 270, 273. Ns 460, 464. Tab. XXV. Fig. 4, 10. 
(2 Fälle. Bei einem Knaben an jedem Fusse Duplicität der grossen 
Zehe und andere Deformitäten. Die Zehe verwachsen, am Ende ge- 
theilt, mit zwei Nägeln. Am rechten Fusse eines Mannes 6 Zehen 
und 6 Metatarsalia. Das Metatarsale V. u. VI. an der Basis ver- 
wachsen.) 

74) L. c. (3 Fälle — 2 Knaben und 1 Mädchen — mit 6 Zehen 
an jedem Fusse.) 

75) L. c. (3 Fälle in einer Familie mit Erblichkeit von Überzahl 
der Finger. 2 männliche Individuen und ein weibliches an jedem 
Fusse 6 Zehen.) 

76) L. c. (Bei einem halbjährigen Mädchen eine supernumeräre 
grosse Zehe. — Operirt.) 

77) IV. Jahresber. d. öffentl. Kinderkrankheiten -Institutes zu 
Mariahilf in Wien. — Journ. f. Kinderkrankheiten. Bd. 33. Erlan- 
gen. 1859. S. 424. — (Bei einem 4 Monate alten Kinde am linken 
Fusse 6 Zehen. — Operirt.) 

78) «Über eine dreibeinige Missgeburt (lebend)». — Würzburger 
medic. Zeitschr. Bd. 1. 1860. Mitgetheilt v. Förster. S. 369. Taf. VII. 
(Bei dem 14-jähr. Gregor Lippert a. Laufach die rechte zweite un- 
tere, supernumeräre Extremität mit 6 Zehen. (Fig. 3.) , 

79) P. 457. E. .M 521 (18), 523 (20). (Ein linker Fuss mit doppel- 
ter kleiner Zehe mit zwei Phalangen an beiden. Ein Gipsabguss 
eines monströsen Fusses mit 6 theilweise vereinigten Zehen.) 



— 617 — 

Odier et Chantreuil 80 ), Wachs 81 ), Gust. Riehelot 82 ), 
Wiener Museum 83 ). 

Übersicht. 

Aus dieser Zusammenstellung der Fälle mit 
einer supernumerären Zehe an einem Fusse 
oder an beiden Füssen resultirt: 

1) Es waren 20 Individuen ohne Erblichkeit und 
5 Individuen mit Erblichkeit von Überzahl der Finger 
und Zehen oder der Zehen allein in 2 Familien = 
25 Individuen mit einer supernumerären Zehe behaf- 
tet. — Individuen mit 6 Zehen kommen daher, selbst 
bei Einreihung derer aus Familien mit Erblichkeit, 
nicht oft, häufiger als solche mit 7 Fingern oder Ze- 
hen, seltener als solche mit 6 Fingern vor. 

2) Von den damit behaftet gewesenen Individuen 



80) «Uterus bifide ; imperforation d'un des vagins à son extrémité 
vulvaire; kyste de la trompe du même côté; petit orifice de commu- 
nication entre les deux vagins au niveau de leurs extrémités uté- 
rines; polydactylie, péritonite». — Gaz. méd. de Paris. 1866. N° 40. 
p. 652. — (An beiden Füssen 6 Zehen, 5 Metatarsalia. Das Meta- 
tarsal V. aus zwei an den Enden verschmolzenen, an der Diaphyse 
getrennten Metatarsalia bestehend. Die supernumeräre Zehe mit 
3 Phalangen.) 

81) Bilder a. d. geburtshilfl. Praxis. — Monatsschr. f. d. Geburts- 
kunde. XXX. 1. p. 14. Juli 1867. in: Schmidt's Jahrb. d. Medicin. 
Bd. 135. 1867. S. 306. (Bei einem neugeborenen Kinde jeder Fuss 
mit 6 Zehen, die linke Hand mit theilweise verwachsenen Fingern 
von einem Vater mit derselben Missbildung.) 

82) «Polydactylie incomplète du pied gauche». L'Union méd. Sér. 
3. Tora. VI. Paris. 1868. 8°. N« 23. p. 289. (Bei einem 21-jähr. Indi- 
viduum eine mit der Endphalange der grossen Zehe verschmolzene 
supernumeräre ohne Nagel vom Aussehen einer Exostose. — Ex- 
articulation der Phalange der grossen Zehe.) 

83) S. 220, 224. V. Ns 167, 225. (Eine grosse Zehe mit doppelter 
Endphalange. Ein Fuss mit supernumerärer Zehe zwischen der 4. 
und 5. Zehe. 

Mélangea biologiques. VII. 78 



— 618 — 

waren 9 männlichen und 6 weiblichen Geschlechts. 
Welchen Geschlechts die übrigen 10 waren, ist anzu- 
geben vergessen worden. — Die Häufigkeit des Vor- 
kommens bei beiden Geschlechtern zu einander ist 
dadurch nicht bestimmbar. 

3) Eine supernumeräre Zehe wurde an 10 Indivi- 
duen beiderseitig, an 3 rechtseitig, an 5 linkseitig, 
an 5 an einem Fusse (welchem?) und an 2 (beider- 
seitig oder einseitig?) beobachtet. Einseitiges Vor- 
kommen ist daher etwas häufiger als beiderseitiges. 

4) Von den 5 Individuen aus 2 Familien mit Erb- 
lichkeit der Überzahl gehörten 3 einer Familie an, 
deren mehrere andere Mitglieder 6 -fingerige Hände 
oder diese und zugleich 6-zehige Fusse besassen und 
2 einer Familie, in der eine supernumeräre Zehe durch 

2 Generationen erblich gewesen, nachgewiesen war. 

5) Mit noch anderen Deformitäten behaftet waren 

3 Individuen (1 F. v. Otto, Schmerbach — super- 
numeräre untere rechte Extremität — , Odier et 
Chantreuil). 

6) Syndactylie aller Zehen wurde 1 Mal (Vrolik) 
beobachtet. 

7) Unter den 25 6 -zehigen Individuen war die 
supernumeräre Zehe an 5 (% d. F.) eine grosse Zehe 
und an 20 (% d. F.) eine kleine Zehe, wovon an 19 
die supernumeräre Zehe auswärts und an 1 (F. im 
Wiener Museum) einwärts von der normalen kleinen 
Zehe sass. 

8) Unter den 5 Individuen mit Duplicität der grossen 
Zehe war Duplicität 1 Mal durch Vorkommen zweier 
Endphalangen (F. im Wiener Mus. — links — ) und 



— 619 — 

einmal durch Vorkommen einer mit der normalen 
Endphalange verschmolzenen Endphalange ohne Nagel 
und vom Aussehen einer Exostose (F. v. Richelot — 
einseitig —, angedeutet; 1 Mal die normale mit der 
supernumerären verwachsen, am Ende getheilt (F. 
v. Otto — beiderseits — ); bestanden 1 Mal beide 
grossen Zehen aus 3 Phalangen (wohl zusammen) (F. 
v. Oberteufer — einseitig? — ) und waren 1 Mal die 
supernumerären von der normalen isolirt (F. v. Joseph 

— einseitig? — ). 

9) Unter den Fällen mit einer supernumerären 
kleinen Zehe waren 3 Mal 6 Metatarsalia vorhanden, 
wovon 1 Mal das M. VI. vom M. V. ganz geschieden 
(F. v. Morand — rechts — ), 1 Mal an der Basis (F. 
v. Otto — rechts — ) und 1 Mal an der Basis und am 
Capitulum (F. v. Odier et Chantreuil — beiderseits — ) 
mit dem M. V. verwachsen war. 

10) Unter diesen Fällen kam 1 Mal die super- 
numeräre kleine Zehe an einer rechten unteren super- 
numerären Extremität vor (F. v. Schmerbach). 

11) Unter denselben Fällen hing einmal die super- 
numeräre rudimentäre Zehe an einem Stiele über 
der 5. Zehe (F. v. Busch), enthielt 1 Mal 1 Phalange 
(F. v. Oberteufer — einseitig? — ) 1 Mal, wie in 
diesem Falle anomal auch die normale, 2 Phalangen 
(F. v. Vrolik — links — ) und waren 1 Mal die 
Grundphalangen der normalen und supernumerären 
durch Knorpel verwachsen, war die gemeinschaftliche 
Mittelphalange eine Phalanx bifida und waren die End- 
phalangen durch Syndactylie vereinigt (F. v. Meckel 

— Negermädchen — links). 



— 620 — 

c. 6 Finger an einer Hand oder an beiden Händen und 6 Zehen 
an einem Fusse oder an beiden Füssen. 

Heilige Schrift 1 ), Thom. Bartholin 2 ), Académie des 
sc. de Paris 3 ), Reaumur 4 ), De Maupertuis (L. Ren.- 



1) Buch d. Könige. II. Sam. Cap. XXI. V. 5. (Bei dem Riesen 
aus Arapha im Kriege zu Gath (Geth?) 6 Finger an jeder Hand und 
6 Zehen an jedem Fusse — in der Literatur über Überzahl der 
Finger und Zehen der 1 . aufgezeichnete Fall). 

2) Acta medica et philosophica Hafniensia. Vol. II. Hafniae. 
1673. 4°. Observ. 32. p. 77. Tab. (2 Fig.) (Bei einem Neger waren 6 
Finger und 6 Metacarpalia an jeder Hand und 6 Zehen und 6 Meta- 
tarsalia an jedem Fusse.) 

3) Hist. p. 60. Mém. p. 338. 1743. 4°. Hist. p. 77. 1751. 4°. 
(2 Fälle. Bei einem 5 — 6 - monatlichen Knaben von Bauersleu- 
ten aus der Dauphiné 6 Finger an beiden Händen und 6 Zehen 
an beiden Füssen. Der 6. Finger war ein supernumerärer kleiner 
Finger, articulirte an der rechten Hand am Metacarpale V., an der 
linken Hand aber an einem supernumerären Metacarpale (VI). Jede 
supernumeräre Zehe hatte ein supernumeräres Metatarsale (vorge- 
stellt 1743). Bei einem Kinde 6 Finger an beiden Händen und 
6 Zehen an beiden Füssen. Die Eltern mit normaler Zahl (vorge- 
stellt 1751). 

4) Hist, de Acad. roy. des sc. de Paris. 1751. 4°. p. 77. (Unvoll- 
ständiger Bericht des Commandeur Godeheu auf Reaumur's Mitthei- 
lung); RéaTumur: Sur l'art de faire éclore et d'élever des oiseaux 
domestiques. Tom, II. p. 377. (Steht mir nicht zur Verfügung, aber 
bei: Morand, 1. c. p. 140 — 141.) (Gratio Kalleia hatte 6 Ge- 
schwister. Er kam mit 6 Fingern an jeder Hand und 6 Zehen an 
jedem Fusse zur Welt. Die Finger waren wohlgebildet, die Zehen 
deform. Gratio hatte 3 Söhne (Salvator, Georg, Andreas) und eine 
Tochter (Marie). 

Salvator, der Erstgeborne, hatte 6 Finger an jeder Hand und 
6 Zehen an jedem Fusse wie der Vater. Die Finger waren nicht so 
gut geformt wie beim Vater, aber die Zehen sind bei ihm gut gereiht. 

Georg hatte nur beide Daumen und die beiden ersten Zehen 
des linken Fusses deform. 

Andreas ist gut gebildet. 

Marie hat wie Georg deforme Daumen. 

Salvator hatte 3 Söhne und 1 Tochter, wovon 2 Söhne und die 
Tochter 6 Finger an beiden Händen und 6 Zehen an beiden Füssen 
hatten. 

Georg hatte 3 Töchter und 1 Sohn. 2 Töchter hatten 6 Finger 



— 621 — 

Moreau) 5 ), Morand 6 ), Prückels 7 ), Oberteufer 8 ) , An 
thony Carlisle 9 ), J. Fr. Meckel 10 ), Krüger-Han- 



an beiden Händen und 6 Zehen an beiden Füssen, die dritte Tochter 
hatte 6 Finger an beiden Händen und 6 Zehen nur an einem Fusse. 

Andreas hatte gut gebildete Kinder. 

Marie hatte 2 Töchter und 2 Söhne. Ein Sohn hatte 6 Zehen 
nur an einem Fusse. (Also durch den Vater die Deformität in die 
Familie gebracht.) 

5) Oeuvres. Tom. II. p. 275. (Steht mir nicht zur Verfügung, 
aber bei Morand, 1. c. p. 141.) Elisabeth Horstmann aus Kostock 
hatte 6 Finger an beiden Händen und 6 Zehen an beiden Füssen. 
Eine Tochter, welche mit derselben Deformität behaftet war, hatte 
aus ihrer Ehe mit J. Chr. Ehue (?) 8 Kinder, wovon 4 dieselbe De- 
formität hatten. Ein Sohn mit dieser Deformität (Jakob) hatte aus 
einer Ehe mit einer gut gestalteten Frau 6 Kinder. Von diesen 
hatten zwei 6 Finger an beiden Händen und 6 Zehen an beiden 
Füssen, einer (Jakob Ernst) 6 Zehen am linken Fusse, 5 Zehen am 
rechten Fusse, 6 Finger an der rechten Hand (der supernumeräre 
abgenommen) und eine Warze statt des 6. Fingers an der linken 
Hand. (Also durch die Mutter die Deformität in die Familie ge- 
bracht.) 

6) L. c. p. 142. Osteologie u. Myologie. (Gérard der Vater und 
die Mutter waren gut gebildet. Von den 8 Kindern hatten 2 Söhne 
6 Finger an beiden Händen und 6 Zehen an beiden Füssen. Der 
Jüngere lebte nnr 15 Tage, der Ältere starb im Alter von 18 Jah- 
ren. An der linken Hand war für den 6. Finger ein Metacarpale VI. 
an der Ulnarseite zugegen. Am 3-gliederigen supernumerären Fin- 
ger war die 2. und 3. Phalanx sehr kurz. An der rechten Hand 
waren 5 Metacarpalia, wovon das Metacarpale V. grösser und brei- 
ter wie gewöhnlich. Der supernumeräre kleine Finger war viel 
kleiner und kürzer als der supernumeräre Finger der anderen 
Hand. Er articulirte am Metacarpale V. Jeder Fuss hatte 5 Meta- 
tarsalia. Das Metatarsal e V. war sehr breit, stiess hinten an ein 
vorn viel breiteres Cuboideum und trug die 5. und 6. Zehe.) 

7) Abhandl. d. Akad. d. Naturforscher. Th. 9—10. Nürnberg. 
1761. 4°. Wahrn. VIII. S. 33. (Hat ein Mädchen mit 6 Fingern 
und 6 Zehen gekannt.) 

8) L. c. S. 643. (Ein Mädchen war mit Duplicität des linken 
Daumens und der rechten grossen Zehe behaftet. — Operirt. — ) 

9) An account of a family having Hands and Feeth with super- 
numerary Fingers and Toes». — Philos. Transact, of the roy. Soc. 
of London. 1814. P. 1. 4°. p. 94. (Zerah Colburn, geboren zu 
Cabot in der Provinz Vermont in Nord-Amerika und berühmt durch 
seine Fertigkeit im Gedächtnissrechnen, hatte an der Ulnarseite des 



— 622 — 
sen 11 ), Sommer 12 ), Robbe 13 ), Rheindorf 14 ), Ober- 



Metacarpus jeder Hand einen supernumerären vollständigen Finger 
und an der Fibularseite des Metatarsus jeden Fusses eine super- 
numeräre vollständige Zehe.) 

Abian Colburn (Vater) hatte an jeder Hand 5 Finger und 
einen Daumen mit 5 Metacarpalia und an jedem Fusse 6 Zehen mit 
6 Metatarsalia. Die Frau von Abian Colburn besass nicht diese De- 
formität. Von den 8 Kindern (6 Söhnen und 2 Töchtern) hatten 
4 Söhne , darunter Zerah (das 6. Kind) des Vaters Deformität mehr 
oder weniger complet. 

David Colburn (Vater von Abian) besass nicht die Deformität, 
wohl aber dessen Frau Abigail (Mutter von Abian und geb. Green), 
welche an einer Hand und an den Füssen Überzahl wie ihr Sohn 
Abian hatte. Von ihren 3 Söhnen und 1 Tochter hatten 2 Söhne 
und die Tochter an beiden Händen und Füssen die Überzahl, 1 
Sohn aber nur an einer Hand und an einem Fusse. 

Die Mutter von Abigail (geb. Kendall) hatte 5 Finger und 1 Dau- 
men an jeder Hand und 6 Zehen an jedem Fusse. Von den 11 Kin- 
dern aus der Ehe von Frau Kendall mit Green waren alle mit Über- 
zahl behaftet.) 

10) De duplicitate monstrosa. p. 58. (Bei zwei Mädchen 6 Finger 
an jeder Hand und 6 Zehen an jedem Fusse. In einem Fall hing der 
6.' Finger, mit 2 knorpligen Phalangen, an der Mitte der Grund- 
phalange des kleinen Fingers und die 6. Zehe mit 3 knorpligen 
Phalangen an der s. Zehe.) 

11) «Prakt. Reminiscenzen». — Journal d. Chirurgie und Augen- 
heilkunde. Bd. 4. Berlin. 1822. S. 528. (Erblich in der Familie 
Wolter und G an sc how. Alle Mitglieder waren mit 6 Fingern 
und 6 Zehen geboren. Der supernumeräre Finger hatte den dritten 
Theil der Grösse des Ohrfingers, enthielt zum Theil 2 Phalan- 
gen u. s. w. Die Geburt eines Kindes ohne den 6. Finger 
an den Händen wollte von dem in Unfrieden lebenden 
Ehemanne einer dieser Familien als Grund benützt wer- 
den, zur Ehescheidung zu gelangen. Kr. — H. hatte von die- 
sen- Familien schon von seinem Vater gehört und Entfernung des 
überzähligen Fingers an mehreren Neugebornen vorgenommen.) 

12) Reisebemerkungen Nr. 6. — Journ, d. Chirurgie u. Augen- 
heilkunde. Bd. 7. Berlin. 1825. S. 603. (Im Hôtel Dieu einen ro- 
busten Arbeitsmann gesehen, der 6 Finger an jeder Hand und 6 
Zehen an jedem Fusse gehabt hatte. Die kleinen Finger und klei- 
nen Zehen waren doppelt. Die supernumerären enthielten einen 
phalangenartigen Knochen , waren an der Hand am Metacarpale V. 
eingelenkt. Die supernumerären Finger waren schon früher abge- 
nommen worden; Schmerzen beim Gehen nöthigten ihn auch zur 
Entfernung der supernumerären Zehen.) 



— 623 — 

Stadt 15 ), Cramer 16 ), Fr. Aug. Ammon 17 ), Otto 18 ), 



13) «Vice de conformation; doigts et orteils surnuméraires en- 
levés à un enfant d'un mois.» — Gaz. des hôpitaux. Tom. VI. Paris. 
1832. Nr. 109. p. 448. — (Das Kind hatte an jedem Fusse die Spur 
einer schwachen Narbe, die nach der Aussage der Amme von der 
Entfernung eines Tuberkels — einer Art supernumerären Zehe — 
herrührte. Die linke Hand hatte 6 Finger und 6 Metacarpalia, an der 
rechten Hand waren 5 Metacarpalia. An dem Metacarpale V. arti- 
culirten 2 Finger, die an den Grundphalangen nicht deutlich ge- 
trennt, bis zur Endphalange durch Syndactylie vereinigt und wie 
eine Krebsscheere gestaltet waren.) 

14) Generalbericht d. k. rhein. Medicinal-Collegii ü. d. J. 1830. 
Coblenz. 1833. 8. S. 145. (Bei einem neugebornen Kinde 6 Finger an 
jeder Hand und 6 Zehen an jedem Fusse. Die supernumerären Fin- 
ger waren sämmtlich gut gebildet, mit Ausnahme des an der linken 
Hand, welcher an einem 'fleischigen Stiele an dem unteren Ende des 
Mittelhandknochens des kleinen Fingers sass.) 

15) Daselbst. S. 146. (Bei einem 8-tägigen Kinde 6 Finger an jeder 
Hand und 6 Zehen an jedem Fusse. Die supernumerären von 0. 
weggenommen.) 

16) «Mangel des Anus und Überfluss an Fingern und Zehen». — 
Wochenschr. f. d. gesammte Heilkunde. Berlin. 1834. Nr. 51. S.809. 
— (Knabe mit 6 Fingern an jeder Hand und 6 Zehen an jedem 
Fusse. Zwei kleine Zehen articulirten an einem aus zwei verwach- 
senen Metatarsalia bestehenden Metatarsale. An der rechten Hand 
articuliren zwei kleine Finger am Metacarpale V., an der linken 
Hand ist die Grundphalange des kleinen Fingers einfach, die Mittel- 
und Endphalange aber doppelt.) 

17) Die angebornen chirurg. Krankheiten des Menschen. Th. 1. 
Berlin. 1839. Fol. S. 100. Taf. XXII. Fig. 6—9. (Bei einem 6-monatl. 
Kinde: an der linken Hand am äusseren Rande des Metacarpus ein 
6. Finger^ an der rechten Hand ein. häutig -knöcherner Anhang an 
der 1. Phalanx des Ringfingers; an dem linken Fusse eine man- 
gelhaft gebildete am Metatarsus hängende supernumeräre Zehe; an 
dem rechten Fusse mit einer supernumerären am Rücken der klei- 
nen Zehe sitzenden Zehe. Alle supernumerären Finger nnd Zehen 
zeigten rudimentäre Bildung von Phalangen. — Exstirpirt. — .) 

18) Op. cit. p. 268, 270—272. Nr. 455, 460, 461, 462. Tab. XXV. 
Fig. 4, 6—8. (4 Fälle. Bei einem Knaben 6 Finger an jeder Hand 
und 6 Zehen am rechten Fusse. Der supernumeräre Finger sass an 
der 1. Phalanx des 5. Fingers. Die supernumeräre Zehe mit 2 Glie- 
dern an der Basis der 5. Zehe. Der Vater war auch mit Überzahl 
behaftet. — Bei einem Knaben mit Missbildungen 6 Finger an der 
rechten Hand; doppelte, hinten verwachsene, am Ende getheilte 



— 624 — 

Dublin. Museum 19 ), Doepp 20 ), Lauge 21 ), Overgaard 22 ), 
Broca 23 ), Americ. Arzt 24 ), Bernhardi II. 25 ), Martinez 
y Molina 26 ), Streng 27 ), W. Gruber 28 ), Gaillard 29 ), 

grosse Zehe mit 2 Nägeln an jedem Fusse. — Bei einem 3 Stunden 
nach der Geburt gestorbenen Knaben mit Missbildungen 6 Finger 
links und 6 Zehen rechts. Der supernumeräre Finger enthielt einen 
Knochenkern und Nagel, hing an einem Stiele. — Bei einem Mäd- 
chen mit Missbildungen 6 Finger und 6 Zehen jederseits. Der 
supernumeräre Finger mit 2 Phalangen und 1 Nagel sass am 5. Finger.) 

19) Op. cit. p. 149. (Bei einem Foetus mit Hernia cerebri 6 Fin- 
ger an jeder Hand und 6 Zehen an jedem Fusse.) 

20) L. c. (Bei einem Mädchen 6 Finger an jeder Hand und 6 Zehen 
an jedem Fusse.) 

21) L. c. (Bei einem Kinde Überzahl von einem Finger und einer 
Zehe — wohl beiderseits ) 

22) Med. Bemerk, u. Beobacht. a. amtl. Berichten dän. Ärzte a. 
d. Arch. d. dän. Gesundheitscollegium, ausg. v. Otto in Copenhagen 
in: Zeitschr. f. d. gesammte Medicin. Bd. 32. Hamburg. 1846. S. 527. 
(Zwei übrigens wohl gebildete Kinder mit 6 Fingern an jeder Hand 
und 6 Zehen an jedem Fusse. 

23) Bull, de la soc. anat. de Paris, ann. 24 (1849). (8 Tage altes 
Kind mit 6 Zehen an jedem Fusse, 6 Fingern (mit Schwimmhäuten 
an dem 4. und 5. Finger) an der rechten Hand und 5 Fingern ander 
linken Hand.) 

24) L. c. (2 Fälle. Von einer Familie mit Erblichkeit von Über- 
zahl der Finger und Zehen hatte er und sein Bruder 6 Finger an 
jeder Hand und 6 Zehen an jedem Fusse.) 

25) Medic. Zeitung v. Vereine f. Heilkunde in Preussen. Berlin. 
1851. 4°. Nr. 26. S. 124, 1854. Nr. 31. S. 152. 1856. Nr. 34. 1865. 
(3 Fälle. Bei 1 Mädchen und 2 Knaben eines Zimmergesellen 6 Fin- 
ger und 6 Zehen an jeder Seite. Der supernumeräre Finger articu- 
lirte am kleinen Finger, die supernumeräre Zehe articulirte am Me- 
tatarsalknochen. Der supernumeräre Finger bei 1 Kinde entfernt.) 

26) L. c. (Bei einem Mädchen — Zwilling — 6 Finger und 6 
Zehen beiderseits.) 

27) Geburtshilfl. Ber. d. Hebammen in Prag. 1852—1855. Viertel - 
jahrschr. f. prakt. Heilkunde. Bd 49. Prag. 1856. S. 178. — (4 Fälle. 
3 Kinder mit einem zweigliederigen , an einem Hautstiele in der 
Gegend des Metacarpo-Phalangealgelenkes hängenden supernume- 
rären kleinen Finger an jeder Hand und einer supernumerären mit 
der normalen in einem gemeinschaftlichen Gelenke am Metatarsale V. 
articulirenden zur Hälfte verwaehsenen kleinen Zehe. 1 Kind mit 
zwei ausgebildeten grossen Zehen und zwei an einem Metacarpale 
articulirenden Mittelfingern — Seite? — .) 



— 625 — 
Braun (Hecker) 30 ), A. Förster 31 ), Arthur Mitchell 32 ), 



28) Op. cit. p. 2—9. (Bei einem männl. Embryo 6 Finger und 
6 Metacarpalia an jeder Hand, 6 Zehen und 6 Metatarsalia am rech- 
ten» Fusse, 6 Zehen und 5 Metatarsalia am linken Fusse. Die 5. und 
6. Zehe articulirten am Metatarsale V. Mit anderen Deformitäten: 
Hirnbruch, Parietale bipartitum sinistrum, Spalte im hinteren Theile 
des weichen Gaumens — Genaue Zergliederung, ausführlibhe Be- 
schreibung. — ) 

29) L. c. (Doppelter Daumen an jeder Hand, doppelte grosse Zehe 
an jedem Fusse einer Familie. — Operirt bei einem Mädchen. — ) 

30) Bericht der geburtsh. Poliklinik in München. 1859—1861. 
Monatsschr. f. Geburtskunde und Frauenkrankheiten. Bd. 20. Berlin. 
1862. S. 320. (Bei einem starken Mädchen 6 Finger an der linken 
Hand und 6 Zehen am rechten Fusse.) 

31) Würzburger medic. Zeitschr. Bd. 3. 1862. S. 207. (Bei einem 
ausgetragenen Foetus mit Hypospadie, Atresia ani, Cryptorchie und 
anderen Missbilduugen. 6 Finger an jeder Hand. Der supernumeräre 
Finger hängt am oberen Ende des Metacarpale V. ohne Gliederung. 
6 Zehen an jedem Fusse. Am rechten Fusse : die Zehen in regel- 
mässiger Reihe bei Syndactylie zwischen 2. — 5. Zehe. Zwischen 2. 
und 3. Zehe Haut, zwischen 3. und 4. Zehe Rinne, zwischen 4. und 
5. Zehe keine Rinne, die 6. Zehe isolirt. Wahrscheinlich Verdopplung 
der 4. Zehe. - Am linken Fusse: grosse Zehe wohlgebildet, 2. und 
3. Zehe = verdoppelte 2. Zehe an der Wnrzel verwachsen, 4. — 6. 
Zehe — 3. — 5. Zehe der Norm, normal u. s. w.) 

32) «Case of hereditary Polydactylism. » The med. Times a 
Gazette for 1863. Vol. II. 4°. p. 91. (Ein Mann hatte 6 Finger an 
jeder Hand und 6 Zehen an jedem Fusse. Das Weib hatte die nor- 
male Zahl. Ihre zwei Töchter und der Sohn hatten denselben Über- 
fluss. Die eine Tochter starb, die andere Tochter hatte zwei Kinder 
von zwei Vätern. Das Kind (Mädchen) von einem Vater hatte die 
Deformität beiderseitig, das andere (Knabe) die normale Zahl u. s. w. 
Der Sohn mit einer Frau , die 2 uneheliche Kinder mit normaler 
Anzahl der Finger und Zehen hatte, besass 7 Kinder, wovon 1 Toch- 
ter und 1 Sohn 6 Finger und 6 Zehen beiderseits ; 2 Töchter 6 Fin- 
ger beiderseits und 6 Zehen rechts; 1 Sohn 6 Finger beiderseits 
und 6 Zehen links; 1 Tochter 6 Finger rechts und 6 Zehen rechts 
und noch 1 Tochter 6 Finger an einer Hand und 6 Zehen rechts be- 
sassen. Die Überzahl also in drei Generationen. Der supernumeräre 
Finger lag an der Ulnarseite der Hand und die supernumeräre Zehe 
an der Aussenseite des Fusses. Der Metacarpus und Metatarsus wie- 
sen die normale Zahl der Knochen auf.) 

Mélanges biologiques. VII. • 79 



— 626 — 

Potton 33 ), Pravaz 3 *), J. Kraus 35 ), W. Brummer- 
städt 36 ), Wiener Findelanstalt 37 ), Lloyd Ro- 
berts 38 ), Wiener Museum 39 ) und wohl noch viele A. 

Übersicht. 

AusdieserZusammenstellung derFälle mit einem 
supernumerären Finger an einer Hand oder an 



33) Bull, de la soc. d'anthropologie de Paris. Tom. IV. 1863. 
4°. S. 616. (Art Endemie von Polydactylie in einem isolirten Dorfe 
im Departement de l'Isère. Die Heirathen zwischen Consanguins 
waren häufig. Fast alle Einwohner hatten an jeder Hand 6 Finger 
und an jedem Fusse 6 Zehen. Als die äusseren Communicationen er- 
leichtert waren, wurden Heirathen mit benachbarten Dörfern ein- 
gegangen, also die Heirathen mit Consanguins seltener. Der super- 
numeräre Finger und die supernumeräre Zehe wurden nach und 
nach kleiner, verminderten sich zu einem Tuberkel und verschwan- 
den endlich ganz.) 

34) Bull, de la soc. de Chirurgie. Sér. IL Tom. VI. Paris. 1866. 
Séance 29 Nov. 1865. (Demonstr. zweier Gipsabgüsse von Füssen 
mit 6 Zehen von einem Individuum, das auch 6 Finger an jeder Hand 
besass.) 

35) Allg. Wiener medic. Zeitg. Jahrg. XI. Wien. 1866. S. 273. 
(Bei einem neugebornen Knaben 6 Finger und 6 Zehen. Dieselbe 
Anomalie beim 1. Kinde der Mutter, welche mit denselbeu Bildungs- 
fehlern geboren worden war. — Operirt. — ) 

36) Bericht d. Central-Hebammen-Lehranstalt in Kostock. 1866. 
8°. S. 57. (Bei einem Neugebornen 6 Finger an jeder Hand und 
6 Zehen an jedem Fusse.) 

37) Ärztlicher Bericht. 1867. Wien. 1868. 8°. S. 134. (Bei einem 
Säugling ein supernnmerärer kleiner Finger links vorhanden, rechts 
nur angedeutet; eine supernumeräre kleine Zehe beiderseits. — 
Wegen guter Function nicht operirt. — ) 

38) «Two cases of monstrosity». — Transact, of the obstetrical 
society of London. Vol. X. (for the year 1868.) London. 1869. p. 271. 
Case II. Fig. (Bei einem Knaben mit Compression hohen Grades 
der Frontalportion des Schädeldaches, doppelter Hasenscharte und 
gespaltenen Gaumen auf beiden Seiten und Umbilicalhernie; — 6 
Finger an jeder Hand und 6 Zehen an jedem Fusse.) 

39) S. 224. V. Nr. 224. S. 264. VI. (Monstra.) Nr. 111, 114. (Bei 
einem Kinde Polydactylie an Händen und Füssen, bei zwei Monstra 
Polydactylie — Zahl?) 



— 627 — 

beiden Händen und einer supernumerärenZehe 
an einem Fusse oder an beiden Füssen resultirt: 

1) Es waren mit dieser Art Überzahl 42 Indivi- 
duen, ferner erblich in 10 Familien und sogar Fami- 
lien eines garizen Dorfes noch viele andere behaftet. 
— Ein supernumerärer Finger an der Hand zugleich 
mit einer supernumerären Zehe an dem Fusse kommt 
etwa um % d. F. weniger häufig als ein supernume- 
rärer Finger an der Hand und etwa um nahe % d. F. 
häufiger als eine supernumeräreZehe an dem Fusse vor. 

2) Von den damit behaftet gewesenen Individuen 
waren 14 männlichen, 9 weiblichen Geschlechtes. 
Welchen Geschlechtes die übrigen 1 9 Individuen wa- 
ren, ist nicht angegeben worden. Wie sich daher die 
Häufigkeit des Vorkommens bei beiden Geschlechtern 
zu einander verhalte, ist wieder nicht ausmittelbar. 

3) Es wurden an 30 Individuen 6 Finger beider- 
seitig und 6 Zehen beiderseitig; je an 2 Indivi- 
duen: a) 6 Finger nebst 6 Metacarpalia beiderseitig 
und 6 Zehen nebst 6 Metatarsalia beiderseitig; b) 6 
Finger beiderseitig nebst 6 Metacarpalia nur linksei- 
tig und 6 Zehen und 6 Metatarsalia beiderseitig; c) 
6 Finger nur linkseitig und 6 Zehen nur rechtseitig; 
je an 1 Individuum: a) 6 Finger nebst 6 Metacarpalia 
beiderseitig und 6 Zehen nebst 6 Metatarsalia nur 
rechtseitig; b) 6 Finger beiderseitig nebst 6 Metacar- 
palia nur linkseitig und 6 Zehen beiderseitig; c) 6 
Finger rechtseitig und 6 Zehen linkseitig; d) 6 Fin- 
ger rechtseitig und eine am Ende getheilte grosse Zehe 
beiderseitig; e) doppelter Daumen linkseitig und eine 
doppelte grosse Zehe rechtseitig; f) ein doppelter 
Mittelfinger und eine doppelte grosse Zehe (einseitig 



— 628 — 

oder beiderseitig?) beobachtet. Es waren daher bis 
jetzt 10 verschiedene Varianten gesehen worden, wo- 
von die mit 6 Fingern und 6 Zehen nebst 5 Meta- 
carpalia und 5 Metatarsalia beiderseitig am alier- 
gewöhnlichsten ( 3 / 4 d. F.) auftrat. 

4) Unter den 10 Familien mit Erblichkeit dieser 
Überzahl war diese in 2 Generationen bei 4 (F. v. Otto, 
americ. Arzte, Gaillard, Kraus), in 3 Generationen bei 
2 (F. v. Reaumur — Farn. Kalbia — , Mitchell); in 4 
Generationen bei 1 (F. v. de Maupertuis — Fam. 
Horstmann — ); in 5 Generationen bei 1 (F. v. Car- 
lisle — Fam. Colburn — ); in Generationen (Zahl?) 
bei 2 (F. v. Krüger-Hansen — Fam. Wolter u. Gan- 
schow — ) nachgewiesen. 

5) Bei 9 Familien hatte das Individuum, welches 
die Überzahl in dieselben gebracht hatte, Überzahl an 
den Händen und Füssen zugleich, bei 1 Familie aber 
(F. v. americ. Arzte) nur an einer Hand allein. 

6) Nur bei 1 Familie war die Überzahl an Hand 
und Fuss durch Duplicität des Daumens und der gros- 
sen Zehe bedingt (F. v. Gaillard). 

7) Die Zahl der mit dieser Überzahl behaftet ge- 
wesenen Individuen variirte in den verschiedenen Fa- 
milien von 2 — 20 (Fam. Colburn); die Überzahl be- 
traf alle oder doch die Mehrzahl der Mitglieder der 
Familie, und die Variante «6 Finger und 6 Zehen 
beiderseitig» kam meistens vor. 

8) Bei 6 Fingern und 6 Zehen beiderseitig wurden 
nur an einem männlichen Mitgliede einer Familie 
(Colburn) auch 6 Metatarsalia beiderseitig gesehen. 

9) Die Geburt eines Kindes ohne den 6. Finger 



— 629 — 

in der 6-fingerigen und 6-zehigen Familie Wol- 
ter oder Ganschow gab ebenso Veranlassung zum 
Nichtanerkennen von Seite des Vaters wie in 
einer oben angeführten 6-fingerigen spanischen Familie 
(F. v.EzquerradelBayo). (Bronn und dessen Nach- 
beter in "Wien konnten somit das, was später in Spa- 
nien geschah, früher in Deutschland finden). 

10) 6 Finger durch Duplicität des Daumens kamen 
nur selten vor (F. v. Oberteufer — links — ) und erb- 
lich in einer Familie — (F. v. Gaillard — ). 

11) 6 Finger durch Duplicität des Mittelfingers 
oder durch einen rudimentären zweiten Ringfinger 
wurden nur bei je 1 Individuum gesehen (F.v. Streng 
— Seite? — , Ammon — rechts — ). 

12)6 Finger traten in der Regel durch einen super- 
numerären Finger am Ulnarrande der Mittelhand und 
des kleinen Fingers, oder durch wirkliche Duplicität 
des letzteren, oder durch Theilung in verschiedener 
Strecke ohne oder mit einer Schwimmhaut (F. v. Cra- 
mer, Robbe) auf. 

13)6 Zehen durch Duplicität oder Theilung der 
grossen Zehe kamen selten, aber öfterer vor, als 6 
Finger durch Duplicität des Daumens (F. v. Oberteu- 
fer — rechts — , Otto — beiderseits — , Streng — 
Seite? — ) und erblich in einer Familie (F. v. Gaillard). 

14) 6 Zehen durch Duplicität der 2. oder 4. Zehe 
wurden nur an 1 Individuum angetroffen (F. v. Förster). 

15) 6 Zehen traten in der Regel durch eine super- 
numeräre Zehe am Fibularrande des Mittelfusses, an 
der kleinen Zehe, oder durch wirkliche Duplicität der 
letzteren, oder durch Theilung derselben in einer Strecke 

Streng) auf. 



— 630 — 

1 6) 6 Finger mit 6 Metacarpalia wurden an 6 Indi- 
viduen (an 3 beiderseitig, an 3 einseitig) und 6 Zehen 
mit 6 Metarsalia auch an 6 (an 5 beiderseitig, an 1 
einseitig) wahrgenommen. 

1 7) Der supernumeräre Finger (abgesehen von einem 
supernumerären Daumen) schien in der Mehrzahl der 
Fälle vollkommen entwickelt gewesen zu sein und an 
der Mittelhand articulirt zu haben, kam aber auch 
nur angedeutet, oder mit 1 Phalange oder einem 
Knochenkerne, oder mit 2 Phalangen versehen vor 
und konnte am oberen oder unteren Ende des Meta- 
carpal V. in der Gegend des Metacarpo-Phalangeal- 
gelenkes, oder der 1 Phalange des kleinen Fingers, 
oder selbst des Ringfingers hängen. 

18) Die supernumeräre Zehe (abgesehen von einer 
supernumerären grossen Zehe) schien in der Mehrzahl 
der Fälle ebenfalls gut entwickelt gewesen zu sein und 
am Mittelfusse articulirt zu haben, war aber auch in Ge- 
stalt eines Tuberkels nur angedeutet, nur mit 1 oder 
2 Phalangen versehen, am Metacarpale V. oder an der 
kleinen Zehe hängend und im letzteren Falle 1 Mal 
(Meckel) trotzdem 3 knorpelige Phalangen enthaltend, 
angetroffen worden. 

1 9) Von Zwillingen (Mädchen) war einer 6-fingerig 
und 6 -zehig, der andere nur 6-fingerig. 

20) Syndactylie kam zwischen dem 4. und 5. Finger 
und zwischen den Zehen von der 2. — 5. je an einem 
Individuum vor. 

21) Von 6-fingerigen und 6 -zehigen Individuen wa- 
ren 1 1 noch mit anderen Deformitäten behaftet. 



— 631 — 
B. Neue Fälle von Duplicitât des Daumens. 

1. Fall. Doppelter rechter Daumen eigen- 
thümlichcr Form. (Die Daumen durch Syn- 
dactylie mit einander vereiniget.) (Fig.) 

Beobachtet an einem jungen Manne im Leben. 

Die rechte Hand besitzt 5 Metacarpalia, einen dop- 
pelten Daumen und vier dreigliederige Finger. 

Das Metacarpale I. scheint überhaupt und na- 
mentlich am Capitulum etwas stärker zu sein als das- 
selbe der linken Hand, die übrigen Metacarpalia sind 
normal. 

Im doppelten Daumen lassen sich 3 Knochen 
durchfühlen. 2 davon liegen ulnarwärts, 1 radialwärts. 
Die 2 ulnarwärts unter einander liegenden, wovon der 
untere den Nagel trägt, entsprechen den beiden Pha- 
langen des Daumens der Norm, repräsentiren den 
nor mal en Daum en; der radialwärts liegende Knochen 
mit einem Nagel ist eine supernumeräre Phalange, 
repräsentirt den supernumerären Daumen. Die 
beiden Phalangen des normalen Daumens sind fast 
rechtwinklig zu einander gestellt, wodurch der- 
selbe wie geknickt und mit der Spitze radialwärts 
gerichtet erscheint. Der supernumeräre Daumen, 
dessen Phalange vielleicht aus zwei anehylosirten 
Phalangen besteht, articulirt mit der Grundphalange 
des normalen Daumens am Capitulum des Metacar- 
pale I, liegt knapp, aber verschiebbar neben dem nor- 
malen Daumen, namentlich parallel der Endphalange 
und ist mit beiden Phalangen bis zum Nageltheile der 
Endphalange häutig vereiniget. Zwischen den Na- 
geltheilen beider Daumen existirt ein enger Spalt 



— 633 — 

Die Grundphaîange des normalen Daumens ist 11"' 
lang, um 3'" kürzer und etwas schmäler als dieselbe des 
linken Daumens, die Endphalange ist wie die des lin- 
ken Daumens 1" lang, aber etwa um y a schmäler als 
dieselbe. Der supernumeräre Daumen ist l 1 //' 
lang. Sein Nagel ist grösser als der des normalen 
Daumens. Der doppelte Daumen reicht mit seiner 
Spitze nur bis zu den Commissurenfalten des Zeige- 
fingers abwärts, während der linke Daumen mit seiner 
Spitze am Zeigefinger bis an die Mitte zwischen den 
Commissuren- und ersten Phalango-Phalangealfalten 
sich erstreckt. Der supernumeräre Daumen bleibt 
durch Muskelcontraction unbeweglich und folgt nur 
den Bewegungen des normalen Daumens im Metacarpo- 
Phalangealgelenke. Die articulirende Endphalange des 
normalen Daumens kann wegen Syndactylie mit dem 
supernumerären Finger durch Muskelcontraction für 
sich gleichfalls nicht bewegt werden. Erweiterung 
des Spaltes zwischen den Nageltheilen der Daumen 
ist durch Muskelcontraction unmöglich, die Verenge- 
rung aber der Art möglich, dass ein eingeschobenes 
Blatt Papier eingezwängt und fest gehalten werden 
kann. 

Die 4 medialen Finger der rechten Hand sowie alle 
Finger der linken Hand und der übrige Körper ver- 
halten sich normal. 

Erblichkeit dieser Deformität existirt nicht in der 
Familie des jungen Mannes. 

2. Fall. Doppelter rechter Daumen. (Die 
Daumen von einander geschieden.) 

Beobachtet an einem anderen jungen Manne im 
Leben. 

Mélanges biologiques. VII 80 



— 634 — 

Der supernumeräre Daumen sitzt neben dem 
normalen, an dessen Radialseite. Derselbe hat die 
Richtung des normalen, ist von diesem geschieden. Er 
articulirt wie der normale am Capitulum des Meta- 
carpal I., welches etwas stärker zu sein scheint als 
das linke. Er besteht nur aus einer Phalanx und be- 
sitzt einen Nagel. Er reicht mit seiner Spitze bis un- 
ter das Phalango-Phalangealgelenk des normalen Dau- 
mens, 10"' von dessen Spitze entfernt, ist nur 1%" 
lang, 5"' breit und etwas weniger dick, also kürzer 
und schwächer als der normale. Für sich kann er 
durch Muskelcontraction nicht bewegt werden, folgt 
nur den Bewegungen des normalen Daumens. 

Der junge Mann ist übrigens wohlgebildet. Kein 
Mitglied seiner Familie ist mit einer ähnlichen Defor- 
mität behaftet. 

Die Daumenduplicität des 2. Falles hat nichts 
Ungewöhnliches an sich; die des 1. Falles aber 
weiset eine Anordnung auf, die bei der oben an- 
geführten Masse von Fällen, nach den Angaben darüber 
zu schliessen, noch nicht vorgekommen zu sein scheint. 



(Aus dem Bulletin, T. XV, pag. 460 — 483. 



^November 1870. 

Neue Fälle des Vorkommens eines neunten, 
den Processus styloideus des Metacarpale in. 
substituirendenHandwurzelknöchelchens 
beim Menschen, beobachtet von Dr. Wenzel 
Gruber, Professor der Anatomie. 

Den Processus styloideus des Metacarpale III. habe 
ich bei Erwachsenen bereits 4 Mal als persisti- 
rende Epiphyse angetroffen. 3 Fälle davon sah ich 
an trockenen Knochen, 1 Fall aber an einer frischen 
Hand. Erstere Fälle habe ich im Archiv für Anato- 
mie, Physiologie und wissenschaftliche Medicin 1 ), 
letzteren aber in einem Aufsatze 2 ) beschrieben und 
abgebildet, den ich Einer Akademie der Wissenschaf- 
ten unlängst vorzulegen die Ehre hatte. 

Ich sprach schon bei der Veröffentlichung meines 
1. Falles die Vermuthung aus: «dass eine solche 
Epiphyse, falls sich in ihrer Synchondrose ein ac- 
cidentelles Gelenk bilden sollte, als ein 9, ar- 



1) 1869. S. 361. Taf. X. B. Fig. 1—4; 1870. S. 197. Taf. V. C. 
Fig. 1, 2. 

2) Nachträge zur Osteologie der Hand und des Fusses. Art.: 
Beobachtung der den Processus styloideus des Metacarpale III. sub- 
stituirenden, persistirenden Epiphyse an einem frischen Praeparate. 
— Bull, de l'Acad. Imp. des sc. de St.-Pétersb. Tom. XV. p. 446. 
Fig. 4 a. 



— 636 — 

tieulirendes Handwurzelknöchelchen auftreten 
könnte.» Ich nahm auf diese Vermuthung hin Mas- 
senuntersuchungen vor. Am 24. November 1869, 
nachdem ich 134 frische Hände untersucht hatte, traf 
ich an beiden Händen eines Mannes und an der 
rechten Hand eines Weibes den Processus styloi- 
deus des Metacarpale III. als besonderes articuli- 
rendes Knöchelchen an, welches in die untere 
Reihe der Handwurzel als 5. Knöchelchen oder 
als 9. Knöchelchen derselben überhaupt gescho- 
ben war. Meine Vermuthung war dadurch zur "Wahr- 
heit geworden und damit auch die Bedeutung des 
Knöchelchens, das wahrscheinlich schon J. Saltz- 
mann 3 )vor 145 Jahren gesehen und John Struthers 4 ) 
unlängst bei einem 29-jährigenIndividuum beider- 
seits gefunden und 1869 beschrieben hatte, ausge- 
mittelt, falls diese Fälle nicht die Bedeutung eines 
9. Handwurzelknöchelchens haben sollten, das sich 
aus einer Epiphyse des zum Ersätze des mangelnden 
Processus styloideus am Metacarpale III. anomal 
vergrösser ten Multangulum minus entwickelt hätte, 
was auch möglich wäre 5 ). 

In meinen 3 Fällen, die ich 1870 veröffentlichte 6 ) 



3) Decas observ. anat. Obs. III Argentorati. 1725. (Diss, ab H. A. 
Nicolai). — H all er. Disp. anat. select. Vol. VII. Goettingae 1751. 
p. 691. 

4) «Case of additional bone in the human carpus». Journ. of 
anat. a. physiol. Vol. III. Cambridge a. London. 1869. p. 354. 

5) W. G rub er. «Über ein neuntes Handwurzelknöchelchen des 
Menschen mit der Bedeutung einer persistirenden Epiphyse des zum 
Ersätze des mangelnden Processus styloideus des Metacarpale III. 
anomal vergrösserten Multangulum minus». — Arch. f. Anat., Phy- 
siol. u. wiss. Medicin. Leipzig. 1869. S. 342. 

6) «Über das aus einer persistirenden und den Processus styloi- 



— 637 — 

und in Struthers 2 Fällen lag das Knöchelchen 
zwischen dem Multangulum minus, Capitatum, Meta- 
carpal IL und III.; in meinen Fällen articulirte 
es mit 3 Knochen (dem Capitatum, Metacarpale II. 
und III.), in Struthers Fällen aber mit allen ge- 
nannten 4 Knochen: in meinen Fällen hatte es die 
Gestalt eines Tetraeders, in Struthers' Fällen war 
es unregelmässig viereckig. 

Seit dem Funde des Knöchelchens in 3 Fällen habe 
ich bei meinen Untersuchungen auch fernerhin auf 
dasselbe meine Aufmerksamkeit gerichtet. Nachdem 
ich wieder 400 frische Hände durchgemustert hatte, 
traf ich dasselbe am 27. October 1870 neuerdings 
an beiden Händen eines Mannes, die ich gleichfalls 
in meiner Sammlung aufgestellt habe. 

Ich werde im Nachstehenden auch diese Fälle 
(4. und 5. Fall eigener Beobachtung) beschreiben: 

Lage. Jederseits am Rücken der Handwurzel zwi- 
schen das Multangulum minus und Metacarpale IL 
(radialwärts) , das Capitatum (ulnarwärts) und den 
dorsalen Radialwinkel der Basis des Metacarpale III. 
(abwärts) tief eingekeilt und mit allen 4 Knochen 
durch Flächen, die mit Gelenkknorpel überkleidet 
sind, articulirend. 

Gestalt. Einigermassen eines Tetraeders, welcher 
statt einer Spitze eine längere Kante besitzt, diese 
volarwärts und seine Basis dorsalwärts kehrt; oder 
eines unregelmässig vier- bis fünfseitigen Kör- 
perchens. Das Knöchelchen besitzt 4 Flächen: 



deus des Metacarpale III. repräsentirenden Epiphyse entwickelte, 
articulirende, neunte Handwurzelknöchelchen». — Daselbst 1870. S. 
197. Taf. V. C. Fig. 3. JVs 9. 



— 638 — 

eine radiale, eine ulnare, eine digitale und eine dorsale. 
Die ersten drei sind mit hyalinischem Knorpel über- 
kleidet, also Gelenkflächen. Die letzte ist rauh. Die 
radiale Fläche ist durch eine Kante in zwei Facet- 
ten geschieden, wovon die obere kleinere drei- 
eckige etwas convex ist und an einer ähnlich gestal- 
teten concaven Facette der Gelenkfläche der Super- 
ficies ulnaris des Multangulum minus articulirt, die 
untere grössere parallélogramme concav ist und 
an einer ähnlich gestalteten convexen hinteren Facette 
der ulnaren Seite des ulnaren Kammes des Metacar- 
pale IL articulirt. Die ulnare Fläche ist unregel- 
mässig vierseitig und sehr convex. Sie articulirt mit 
dem Capitatum an der am dorsalen Radialwinkel der 
Gelenkfläche seiner S. digitalis sitzenden, rückwärts 
und radial wärts gekehrten, ähnlich gestalteten conca- 
ven Facette. Die digitale Fläche ist dreieckig con- 
vex, mit einem dorsalen convexen, ulnaren weniger 
convexen und einem radialen concaven Rande ver- 
sehen. Sie articulirt an einer ähnlich gestalteten, con- 
caven , dorsal - und radialwärts abhängigen Facette 
der Gelenkfläche der Basis des Metacarpale III., die 
an dem dorsalen Radialwinkel der letzteren an der 
Stelle sitzt, von welcher der hier fehlende Processus 
styloideus sich sonst erhebt. Diese 3 Gelenkflächen 
sind durch scharfe überknorpelte Winkel von einan- 
der geschieden. Die dorsale Fläche hat die Gestalt 
eines mit dem breiteren Pole radialwärts gekehrten 
Ovales, ist rauh und sehr convex. 

Grösse. Die Breite an seiner Basis beträgt in trans- 
versaler Richtung: 9 Mill., in verticaler Richtung: 
7 Mill., die Dicke in sagittaler Richtung: 7 Mill. 



— 639 — 

Verbindung. Durch 3 sehr starke Ligamenta dor- 
salia und zwar: durch ein queres radiales mit dem 
Multangulum minus und der Basis des Metacarpale IL; 
durch ein queres ulnares mit dem Capitatum und 
durch ein verticales mit der Basis des Metacarpale IIL 

Bedeutung. Das Knöchelchen in diesen Fällen arti- 
culirte daher nicht wie in meinen früheren Fällen 
nur mit 3, sondern wie in den Fällen von Struthers 
mit 4 Knochen, also auch mit dem Multangulum minus. 
Das Knöchelchen dieser neuen 2 Fälle hat sicher 
dieselbe Bedeutung wie das meiner früheren 3 
Fälle, wohl auch wie das der 2 Fälle von Struthers 
und vielleicht auch w T ie das des Falles von Saltz- 
mann. Dass das Knöchelchen mit dem Multan- 
gulum minus bald articulirte, bald nicht articulirte, 
kann dagegen nicht sprechen, weil letzteres, wie ich 
1870 anführte, an der Gelenkfläche seiner S. ulnaris 
in % d. F. keine hintere Facette, in % d. F. aber eine 
solche zur Articulation mit dem Processus styloideus 
des Metacarpale IIL, den das Knöchelchen substituirt, 
besitzt. In meinen 5 Fällen und wohl auch in den 
2 Fällen von Struthers hatte das Capitatum minus 
nichts Abnormes oder doch nichts an sich, was nicht 
auch bei Vorkommen des Processus styloideus des Me- 
tacarpale IIL beobachtet worden wäre, aber es man- 
gelte letzterer Processus. Allerdings kann der 
Processus styloideus des Metacarpale IIL mangeln und 
durch Vergrösserung des Capitatum oder sogar durch 
Vergrösserung des Multangulum minus, wovon 
ich 3 Fälle mitgetheilt habe, ersetzt werden; allein 
von einem solchen Ersätze kann in diesen Fällen 
des Vorkommens des Knöchelchens keine Rede 



— 640 — 

sein. Es muss daher angenommen werden: «dass 
das Knöchelchen die Bedeutung einer den Pro- 
cessus styloideus des Metacarpale III. reprä- 
sentirenden und gelenkig gewordenen Epiphyse 
habe, so lange nicht nachgewiesen ist, dass es schon 
als besonderer Handwurzelknorpel praeformirt 
ist. 



(Aus dem Bulletin T. XV, pag. 483 — '486. 



24 November , o^rv 
6 December 

Über einen Fall des Vorkommens des den Pro- 
cessus styloideus des Metacarpals III. substi- 
tuirenden neunten Handwurzelknöchelchens 
beim Menschen, welches mit dem Metacar- 
pals III. theilweise anchylosirt war, beobach- 
tet von Dr. Wenzel Grub er, Professor der 
Anatomie. 

Aus Mittheilungen in einer Reihe von Aufsät- 
zen*) ergiebt sich, dass ich den Processus styloideus 
des Metacarpale III. bereits in 5 Fällen als persis- 



*) W. Grub er. a) «Vorkommen des Processus styloideus des 
Metacarpale III. als persistirende und ein neuntes Handwurzelknö- 
chelchen repräsentirende Epiphyse». — Arch. f. Anat., Physiol, und 
wiss. Medicin. Leipzig 1869. S. 361 Taf. X. B. Fig. 1—4. b) Über 
das aus einer persistirenden und den Processus styloideus des Meta- 
carpale III. repräsentirenden Epiphyse entwickelte, articulirende 
neunte Handwurzelknöchelchen». Daselbst. Leipzig. 1870. S. 197. 
Taf. V. C. Fig. 1, 2. c) «Nachträge zur Osteologie der Hand und des 
Fusses». Art.: «Beobachtung der den Processus styloideus des Me- 
tacarpale III. substituirenden, persistirenden Epiphyse an einem fri- 
schen Praeparate» und Art.: «Über eine den Processus styloideus des 
Metacarpale III. ersetzende, zeitlebens persistirende Epiphyse, wel- 
che mit dem Capitatum carpi anchylosirte und einen diesem ursprüng- 
lich angehörigen Anhang vortäuschte». Bull, de l'Acad. Imp. des sc. 
de St.-Pétersbourg. Tom. XV. Fig. 4. a., Fig. 9 et 10. b.—d.) «Neue 
Fälle des Vorkommens eines neunten, den Processus styloideus des 
Metacarpale III. substituirenden Handwurzelknöchelchens beim Men- 
schen». Daselbst. Tom. XV. 

Melanges biologiques. VII. 81 



— 642 -~ 

tirende Epiphyse, welche in einem Falle mit dem 
Capitatum anchylosirt war, auftreten gesehen; ferner, 
dass ich denselben Processus unter 534 frischen 
Händen an 5 durch ein zwischen das Multangulum 
minus, Capitatum, Metacarpale IL und III. von der 
Dorsalseite der Handwurzel eingekeiltes, bald mit 
allen diesen 4 Knochen , bald nur mit den letzten 3 
articulirendes, neuntes Handw r urzelknöchelchen 
substituirt gefunden hatte. 

Seit dem 27. Oktober, an welchem ich an beiden Hän- 
den eines Mannes den 4. und 5. Fall des Vorkommens 
des den Processus styloideus des Metacarpale III. sub- 
stituirenden neunten Handwurzelknöchelchens ange- 
troffen hatte, konnte ich bis zum 7. November neuer- 
dings 22 Hände untersuchen. Unter diesen fand ich 
an der linken Hand eines Mannes an dem Stücke 
des Metacarpale III., welches den Processus styloideus 
repräsentirt, eine An Ordnung, welche beweiset: «dass 
man es in diesem Falle wieder mit jenem neunten 
Handwurzelknöchelchen zu thun habe», das nur 
noch an der kleineren volaren Hälfte seiner S. digi- 
talis von dem Metacarpale III. völlig geschieden, an 
der grösseren dorsalen Hälfte mit letzterem ver- 
schmolzen ist», wie aus nachstehenden Angaben 
ersichtlich werden wird: 

Lage. Das den Processus styloideus des Metacar- 
pale III. repräsentirende Knochenstück (b) sitzt 
über dem dorsalen Radialwinkel der Gelenkfläche der 
S. carpea der Basis des Metacarpale III. , ist zwischen 
diesem, dem Multangulum minus, Capitatum und Me- 
tacarpale IL in die untere Reihe der Handwurzelkno- 
chen eingekeilt. 



— 643 — 

Gestalt. Dasselbe hat das Aussehen eines Tetrae- 
ders, der an seiner Superficies digitalis dorsalwärts 
mit dem Metacarpale III. verwachsen ist, seine Basis 
dorsalwärts, seine Spitze volarwärts, eine Fläche ra- 
dialwärts und eine Fläche ulnarwärts kehrt. Die dor- 
sale Fläche (Basis) (a) ist oval (breiter am radialen 
Pole) oder abgerundet dreieckig, rauh, sehr convex. 
Die volarwärts gekehrte Spitze (s) ist oben eine rauhe 
gerinnte Stelle von der Gestalt einer vertical stehen- 
den Ellipse, welche am oberen Pole in die rauhe dor- 
sale Fläche sich fortsetzt; unten ein etwas schräg ab- 
und vorwärts gerichteter, abgerundeter, überknorpel- 
ter Winkel. Die radiale Fläche (ß) ist mit Gelenk- 
knorpel überzogen, also eine Gelenkfläche. Dieselbe 
ist durch eine transversale Kante in zwei Facetten 
geschieden. Die obere grosse Facette (ß r ) ist drei- 
eckig, convex, steht vertical und articulirt an einer 
besonderen Gelenkfläche an der S. ulnaris des Mul- 
tangulum minus. Die untere kleinere Facette (ß") 
ist parallelogramm, ab- und radial wärts gerichtet und 
auffallend schräg zur oberen Facette gestellt. Die 
ulnare Fläche (y) ist mit Gelenkknorpel überkleidet, 
also eine Gelenkfläche. Diese ist dreieckig, oben con- 
cav und unten convex. Sie articulirt an der S. digi- 
talis des Capitatum und zwar an der dorsalen radialen 
Facette derselben, die wenig ab- und fast ganz radi- 
alwärts gekehrt ist. Die digitale Fläche (Fig. 4. h) 
ist nur an ihrer kleineren volaren Hälfte frei, an 
ihrer grösseren dorsalen Hälfte mit der Basis des 
Metacarpale III. verschmolzen. Zwischen dem freien 
Theil des verwachsenen Knochenstückes und 
der Gelenkfläche der S. carpea des Metacarpale III. 



— 644 — 

befindet sich ein Kaum. Zu diesem Räume, durch 
den man die Spitze eines dünnen Skalpel's leicht füh- 
ren und beim Trockenwerdenlassen der Gelenkknor- 
pel gut durchblicken kann , führt eine unter den Sei- 
ten und der Spitze des Knochenstückes laufende bis 
% Mill, weite Ritze (Fig. 2. 3.*). Nachdem man ent- 
sprechend der Stelle der Ritze das Knochenstück 
(Fig. 4. b) vom Metacarpale III (Fig. 4. ä) quer ab- 
gesägt hatte, sieht man an der S. digitalis (3) des er- 
st er en (b) volarwärts eine mit Gelenkknorpel über- 
zogene dreieckige Stelle, also eine Gelenkfläche 
(S')» dorsalwärts den quer ovalen Durchschnitt (§"), 
an letzterem (a) an der Gelenkfläche der S. carpea 
(Ç) dorsalw