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Full text of "Moderne Bauformen"

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MODERNE BAU FORMEN 1907 




MODERNE BAUFORMEN 

MONATSHEFTE FÜR ARCHITEKTUR 



HERAUSGEGEBEN VON 
M J GRADL 



VI JAHRGANG • 1907 




JULIUS HOFFMANN 
VERLAG STUTTGART 



3 
H 



5 



J> W^- (o 



Druck der Hoffmannschen Buchdruckerei Felix Kraii in Stuttgart 



INHALT 



TEXTBEITRAGE 

Seile 

Leopold Bauer 

von Dr. Franz Servaes-Wien 1-4 

Edgar Wood 

von Michael Bunney- London 49-51 

Entwickelungstendenzen des modernen Stadthauses 

von Prof. Karl Widmer-Karlsruhe 83, 84, 86 

Professor Hermann BiUing-Karlsruhe 

von Architekt A. Lehmann-Mannlieim 89-91 

Geseliius Lindgren & Saarinen 137 

Zu den Bauten von E. Turner Powell 

von Michael Bunney-London 168 

Erstes Dresdener Künstlerheft 1907 177-216 

Architektur auf der Jubiläumsausstellung Mannheim 1907 

von Architekt A. Lehmann-Mannheim 217-220 

Zweites Dresdener Künstlerheft 1907 265-304 

Biedermeier als Erzieher 

von Dr. Hans Schmidkunz, Berlin-Halensee 305-308 

Rudolf Bitzan 

von Gustav E. Pazaurek 308, 309 

Arbeiten aus der Schule, von Prof. Alfred Grenander 

von Max Creutz •, >^16 

Amerikanische Landhäuser und ihre Gärten 

von Prof. Paul Schultze-Naumburg ■ 335 

Moderne Dänische Architektur 

von Wilhelm Wanscher-Kopenhagen 345-348 

Drittes Dresdener Künstlerheft 1907 393-432 

Richard Berndl 

von Dr. Philipp Maria Halm-München 433-435 

Emil Schaudt 

von Dr. Max Osborn-Berlin 473-475 

Pfeifer & Grossmann 

von Prof. Karl Widmer-Karlsruhe 503, 504 

Unsere Bilder 48, 88, 392 



NAMENVERZEICHNIS 



Tafel Seite 

Altherr, Alfred-Elberfeld 370 

Bauer, Leopold-Wien 1-4 5-35 

Beckert, Fritz-Dresden 48, 49 ö8, 72 

Behrens, Peter, Prof.-Berlin (Düsseldorf) 248, 250, 261-264 

Bembe, A. -Mainz 5 

Bentsen, Jvar-Kopenhagen 348, 349 

Bermann, C. A. -München 258 

Berndl, Hermann-München 15 

Berndl, Richard, ProF.-München 75-80 ........ 436-467 

Benirschke, Max-Düsseldorf 60, 63 371, 372 

Berger, Artur-Dresden 208 

Billing, Hermann, Prof.-Karlsruhe 18-26, 39-44 . 92-136, 220-244, 246, 249 

251-255, 258 

Bitzan, Rudolf-Dresden 53, 54 310-315 

Bosselt, Rudolf, Prof.-Düsseldorf 468 

Boswau & Knauer-Berlin 485, 491 

Cissarz, J. V., Prof.-Stuttgart 81 

Clemmensen, A. -Kopenhagen 350, 352, 354, 355 

Dochow, O. (Berlin) 317, 318, 327 

Dresdener Werkstätten für Handwerkskunst, Dresden 190, 191 

Dülfer, Martin, Prof.-Dresden 393-402 

Eberhardt, Hugo-Frankfurt a. M 46-48, 471 

Eitel, Albert-Stuttgart 164-167 

Ehrenlechner, Hermann-Dresden 208, 209 

Ellwood, G. M.-London (i7 

Erlwein, Hans-Dresden 47, 48, 49, 68, 72 . 283-287, 289-291, 415-424 

432. 

Eyre, Wilson-Philadelphia Pa 336, 340, 342, 343 

Fehse, Alfred-(Berlin) 324 

Fox, Grasse de-Bar-Harbour U.S.A 502 

Franke, J.-(Berlin) 321, 322 

Frejtag & Wurzbach-Hamburg 14 77-82 

Friese, G.-(Berlin) 328 

Gerson & Wolff-Stuttgart 124, 125 

Gesellius, Lindgren & Saarinen-Helsingfors 27-34 138-162 

Geyiing, Remigius-Wien 246 

Geller, Josef-Dresden 288 

Grenander, Alfred, Prof.-Berlin 6, 52-59 39, 317-328 

Gross, Karl, Prof.-Dresden 206, 216, 268, 270-272, 273 

274, 294, 298, 299, 409, 411 

bis 413 



Grossmann, J. P.-Dresden 70, 71 406, 408 

Gussmann, Otto, Prof.-Dresden 3ö, 69, 73, 74 424, 426-428 

Hahn, Hermann-München 256, 259 

Halmhuber, Gustav, Prof.-Köln 16 

Heller, Hans-Hamburg (Darmstadt) 17 

Hempel, Oswin, Prof.-Dresden 35, 37 205, 429-431 

Hessemer & Schmidt-München 87, 88 

Hildebrand, Adolf von, Prof.-München 176 

Hill, Max-Freiburg i. B 66 

Hommes, Robert-Mainz (Stuttgart) 65 

Hottenroth, Ernst, Prof.-Dresden 207, 284-286, 292, 418-422 

Hudler, August, f-Dresden 212 

KaufFmann, Hugo-Dresden 208 

Kiörboe, Fr. -Kopenhagen 364 

Kieinhempei, Erich-Dresden 195-204 

Klint, P. W. J., Kopenhagen 61 364-369 

Koch, Fritz, -f-Kopenhagen 361-363 

Kubier, E.-(Berlin) 326 

Kühne, Max, Hans-Dresden 38 177, 178 

Leonhardt, C. F. W.-Frankfurt a. M 85, 86 

Lohse, Rudolph-Dresden 208 

Lossow, William-Dresden 179-185 

Lossow & Kühne-Dresden 51 

Lossow & Viehweger-Dresden ^ . . . . 293-304 

Mallebrein, J.-Freiburg i. B 24 115, 116, 126 

Mckim, Mead & White-New York 337, 341 

Metzendorf, Heinrich, Prof.-Bensheim a. d. B. . . 373-392 

Moelter Anton-(Berlin) ■,,..... 55 . 318 

Niemeyer, Adelbert-München ... . -. . . . ' . . . . i .■ . .' . . . ■ . ' 249 

Nolte, E.-(Berlin) 57 ■. ... 324 

Pechstein, Max-Dresden 47, 51 

Peter, L. J. -Mannheim 111, 113 

Pfeifer & Grossmann-Karlsruhe 88-90 504-520 

Pfeiffer, E.-Berlin 6 39, 323 

Pirner & Franz-Dresden '....,..... 212 

Platt, A. Charles-New York ' . \ ' . . . . 338,341,344 

Plesner, Ulrik-Kopenhagen 351, 353, 356-,^60 

Pössenbacher, Anton-München 62 • • ■ 

Prutscher, Otto-Wien 244-246, 256 

Rammeiser, Paul-Karlsruhe 501 

Ranninger, Jean-Breslau (Mainz) 8, 64 

Rasch, A.-(Berlin) 56,-59 

Rössler, Paul-Dresden 35, 50 ... . 194, 275, 290, 414 

Salomon, E.-(Berlin) 320 

Saxonia, Ofenfabrik-Dresden 206 

Schaudt, Emil-Berlin 83-86 476-500 

Schilling & Graebner-Dresden 45, 46 194, 213-215, 267-282, 425 

Schmid, Rudolf-Freiburg i. B 329-334 

Schmidt, Richard-Hamburg (Darmstadt) 7, 9 40 

Schultz, Otto-(Berlin) '. -^25 

Schultze-Naumburg, Paul, Prof.-Saaleck i. T • 259, 260 

Schumacher, Fritz, Prof.-Dresden 184-193, 208, 210-212 

Seidl, Emanuel, von, Prof.-München 41-45, 163 

Senf & Musch-Frankfurt a. M 82 470 

Sing, Fritz-Karlsruhe 472 



Staynes & Wolfe-London 87 

Stuck, Franz von, Prof.-München 253 

Tillessen, Rudolf-Mannheim 255, 257 

Troost, Paul Ludwig-München 35-38 

Tscharmann, H.-Dresden 70, 71 403-410, 413 

Turner Powell E. -London 168-175 

Vent, P.-(Berlin) 52, 58 319 

Vittali, Wilhelm-Karlsruhe ■ . 121-125 

Werner, Selmar-Dresden 429-431 

Wood, Edgar-Manchester 10-13 51-76 

Ziesel & Friederich-Köln a. Rh 81 468, 469 



Berichtigungen: 



Seite 219 rechte Spalte, Zeile 18 von unten — Niemeyer statt Niemayer 
Tafel 5 Entwurf für die Diele im Hause Dr. M. Oechselhäuser in Berlin 

statt Diele in der Kruppschen usw. 
Tafel 48 Aquarell von Fritz Becken — statt Max Pechstein. 
Tafel 65 Robert Hommes — statt Rudolf Hommes. ; ■ 

Tafel 68 zu ergänzen: Aquarell von Fritz Beckert-Dresden. 
Tafel 72 zu ergänzen: Aquarell von Fritz Beckert-Dresden. 



Aßy 





LEOPOLD BRUER • WIEN 
STUDIE ZU ElhER HALLE 



v,i MODERNE BAUFORA\EN , , 

MONATSH EFTE FÜR ARCHITEKTUR 





LEOPOLD BAUER 

VON DR. FRANZ SERVAES-WIEN 



Ein deutlicher Sprosse aus der Schule Otto Wag- 
ners, nimmt Leopold Bauer dennoch heute im 
Wiener Kunstleben eine durchaus persönliche 
Stellung ein. Er ist nicht so typisch wie Josef 
HofFmann und nicht so exotisch wie etwa Olbrich 
(der trotz Darmstadt seinen Wiener Ursprung nicht 
verleugnen kann). Vielleicht könnte man sagen, er 
sei wienerisch -typisch mit exotischem Einschlag. 
Doch wäre damit sein Wesen ebensowenig erschöpft, 
als wenn man, gleichfalls mit Berechtigung, sich 
dahin auslassen wollte, dass Bauer ein Rationalist 
mit phantastischem Einschlag oder dass er ein 
Radikai-Moderner mit konservativem Einschlag sei. 
Er ist alles dieses und ist mehr. Ist jedenfalls noch 
irgend etwas anderes, das der Formulierung wider- 
strebt. Ist, kurz heraus, eine künstlerische Persön- 
lichkeit und ist vor allem ein im vollen Werdestrom 
sich rührender schöpferischer Mensch. A 

V Also da gibt es keine Etikette. Da ist bei aller 
Klarheit, Logik, Bestimmtheit doch zuviel Mystik. 
Zuviel Unbegreif barkeit, zuviel fröhlicher Selbst- 
widerspruch, zuviel aufschiessende Laune, zuviel 
spöttische Menschlichkeit. Und Menschlichkeit 
heisst Veränderlichkeit, trotz aller Statik der 
Systeme, trotz aller Wucht kämpferischer Ueber- 
zeugungen. V 

V Auf diese vielseitig- schillernde Doppelnatur im 
^X'esen Leopold Bauers werden wir zu achten haben. 
Als moderner Mensch ist er voller Entwürfe, Kom- 
binationen, Analogieschlüsse, experimentierender 
Ideen. Er stürzt sich mit Begeisterung in neue 
Möglichkeiten, auf die verheissungsvoUe Anwendung 
neuer Techniken für neue Bedürfnisse und Ge- 
schmacksreizungen. Aber als historisch geschulter 
und besonnen abwägender Architekt besitzt er zu- 
gleich in sich das Zügelungsmittel: jenen tiefen 
Respekt vor den dauernden Errungenschaften des 
geschichtlich Gewordenen, jenes fast religiöse Be- 
wusstsein von der Unerschütterlichkeit und Heilig- 
keit des in Jahrtausenden Erwachsenen. Und darum 



weiss er, dass alles Neue nur durch eine Notwendig- 
keit gerechtfertigt werden kann und dass ohne die 
Kontrolle zwingender Bedürfnisse die phantasievolle 
Laune nur ein flüchtiges Spiel ist und nimmermehr 
die Schöpferin bleibender, in die Zeit ragender 
Werke werden kann. Keinem Künstler ist diese 
Erkenntnis so notwendig als dem Architekten. 
Denn keine Kunst ist derart den Jahrhunderten 
tributpflichtig, keine in solchem Grade an die kon- 
kretesten Bedürfnisse und Gewöhnungen der Men- 
schen gebunden wie die seinige. Diese Bedürfnisse 
und Gewöhnungen aber sind, mögen auch noch so 
viele Hilfsmittel neuer Befriedigungen gefunden 
werden, seltsam konstant. Sie können verfeinert, 
bereichert, veredelt werden, aber sie verlangen 
immer wieder dasselbe — auch wo modische Laune 
die alten Forderungen mit bizarren Einfällen um- 
kleidet. Darum ist die Kunst des Architekten in ihren 
Grundelementen fast garnicht veränderlich. Und nur 
wo neue Materialanwendungen, wie das Eisen, oder 
neu zu lösende Aufgaben, wie die Schöpfung von 
Bahnhöfen oder der Bau von Maschinen auftauchten, 
sah sie sich vor völlig unberührte Probleme gestellt. 
Auch Museen, Parlamente, Theater erforderten die 
Aufstellung neuer Bautypen und sind in vielen 
Punkten auch heute noch nicht zu ihrer Vollendung 
gereift. Aber bei Kirchen, Wohnhäusern, Palästen, 
Monumenten hat die Vergangenheit schon derartig 
feste Grundlinien gezogen, dass es sich nur um 
eine möglichst gescheite, praktische und feinfühlige 
Anwendung auf die jeweilige Lebensweise der 
Menschengeschlechter dabei handeln kann. In 
diesen Fällen - den weitaus häufigsten — wird 
demnach der Ehrgeiz des Architekten sich zu be- 
scheiden haben. Doch je weiter seine künstlerische 
Persönlichkeit reicht, desto weniger wird der Archi- 
tekt in dieser Selbstbescheidung eine Hemmung 
erblicken. Desto differenzierter werden sich ihm 
die Aufgaben darstellen, die er im engen Anschluss 
an das Gewordene und Ueberkommene mit leise 



Leopold Bauer 



umgestaltender Hand und feinfühlig nachspürendem 
Geist zu lösen hat: ein steter Erfinder und Neu- 
schöpfer in hundert Kleinigkeiten, die im einzelnen 
nur dem geübten Blick sich enthüllen, die aber, 
wo sie insgesamt befriedigt wurden, auch dem un- 
geschulten Auge den Anblick von — sagen wir 
einem neuen Kleide gewähren, mit dem der alte 
Körper sich geschmückt hat. V 

V In Leopold Bauers Entwickelung können wir 
dieses allmähliche Reifwerden für die individuelle 
Lösung kleinerer Aufgaben verfolgen, ohne dass 
deshalb die grossen Ziele, denen er in seiner Jugend 
schwelgerisch zustrebte, aus seinem Gesichtskreise 
ganz verschwinden. Vielleicht aber wird man kon- 
statieren dürfen, dass die Schule des Kleinen ihm 
auch für die Lösung des Grossen neue fruchtbare 
Gesichtspunkte geschenkt hat. V 

V Junge Architekten, die noch nichts zu bauen 
haben, toben sich gewöhnlich zuerst auf dem Papier 
aus. Ungeheuere Bogen bedecken sie mit unge- 
heueren Entwürfen. Ganze Städte möchten sie 
niederreissen, um dafür neue, nie dagewesene empor- 
zuzaubern. V 

V So waren auch die Anfänge Leopold Bauers. 
Als junger Mann gab er ein Publikationswerk 
heraus, das sich „Verschiedene Skizzen, Ent- 
würfe und Studien" betitelte (Wien, Anton Schroll 
1899) und das in Ausdrücken überschwänglicher 
VerehrungOtto Wagner gewidmet war. Doch überall 
erkennt man: Otto Wagner plus Barocke und plus 
Antike! Das geht noch in wilder Gärung durch- 
einander, mitunter von eigenen neuen Einfällen 
frohlockend übertönt. Da wird gelegentlich einmal 
der Parthenon „zitiert", oder die römische Peters- 
kirche und die Wiener Karlskirche, und selbst die 
Wiener Hofoper spuken nach. Die ganze Welt- 
geschichte der Architektur wird verarbeitet und 
muss Motive liefern, um den Phantasiegängen dieses 
jungen Himmelstürmers zu dienen. Immerhin man 
sieht: hier ist Einer, der Neues schaffen kann, der 
dazu berechtigt ist — denn, er hat den bisherigen 
Entwickelungskreis in sich vollendet. Mag auch 
noch hunderterlei in seinem Kopf herumspuken, es 
wird sich klären. So ging dieser junge Baukünstler 
im Geist auf die Lösung lauter kolossalisch gestellter 
Aufgaben los. Da sollten „Heldengräber" und „fürst- 
liche Badehäuser" errichtet werden. Da wurde mit- 
konkurriert um das Völkerschlachtdenkmal für Leip- 
zig, oder es wurde eine grosse in hoher Einsamkeit 
gelegene Konzerthalle geplant, „zur Aufführung von 
Beethovens und Brückners Symphonien". Das 
Musikalische, z. B. das Gesetz vom „Thema und 
Gegenthema" hat auf Bauers Produktion direkten 
Einfluss gewonnen. Am höchsten von allem aber 



verstieg sich eine „monumentale Architekturphan- 
tasie", die nichts weniger bezweckte, als alle Gebäude, 
die sich auf dem Felsen von Monaco befinden, kurzer- 
hand zu rasieren und dorthin einen pompösen 
„Fürstensitz" als steile Warte ins Meer hinaus zu 
bauen: Palast, Theater, Kirche, Spielhölle, alles 
friedlich beieinander und alles durch einen einheit- 
lichen Kunstplan sozusagen unter einen gemeinsamen 
Hut gebracht. Also eine Art neuer Akropolis! 
Darunter tat es dieser junge Stürmer und Dränger 
nicht. Im Gegensatz dazu verrät uns der vom 
Künstler selbst beigefügte Text, dass sein Geist mit 
lauter praktischen und sehr modernen Ideen erfüllt 
war und dass hier die nächsten realen Aufgaben 
liegen müssten, denen er sich zuwenden würde. 

V Wo ein modernes Haus als individuelle Kunst- 
leistung zustande kommen soll, müssen zwei Kräfte 
gleichwertig zusammenwirken, der Bauherr und der 
Architekt. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass 
letzterer allein nach selbstherrlicher Willkür das 
Künstlerisch-Beste zu leisten vermöge. Im Gegen- 
teil, er bedarf, um aus der Abstraktion und dem 
vagen Rausch herauszukommen, des scharf formu- 
lierenden und klar fordernden Gegenwillens des 
Bestellers. Darum wird ein kluger Architekt stets 
den Auftraggeber zu lebhafter Mitarbeit auffordern 
und wird nicht müde werden, dessen Wünsche und 
Neigungen bis ins Kleinste zu erhorchen. Alles, 
was er auf diese Weise erfährt, wird ihm eine un- 
schätzbare Anregung zur Schaffung einer streng- 
persönlichen Kunstleistung sein. Gewiss werden 
auf diese Weise die Schwierigkeiten sich mehren. 
Aber ein fähiger Künstler wünscht sich nichts 
Besseres. In je stärkerem Masse seine Kraft heraus- 
gefordert wird, desto leistungsfähiger wird sie sich 
erweisen. Und aus der angespanntesten Energie 
springen dann die leichtesten und elegantesten 
Lösungen hervor. V 

V Man darf es Bauer nachrühmen, dass er von 
besonderer geistiger Schmiegsamkeit ist und dass 
er darum niemals dem Bauherrn die Mitarbeit ver- 
kümmert. Sobald er einmal erst als Fisch ins 
Wasser geworfen war, verstand er sich auch bereits 
auf das sehr reale Element, in dem er fortan zu 
schwimmen hatte. In verschiedenen österreichischen 
Ländern, in Mähren, in Schlesien und in Böhmen 
stehen bereits zahlreiche Häuser, die Leopold Bauer 
nach aussen und nach innen bis ins letzte Detail 
vollendet hat. Er hat verschiedentlich in Städten 
gebaut, mehr noch auf dem Lande, wo, ohne den 
Zwang des Einreihens in eine uniforme Strassen- 
linie, durch das Freistehen innerhalb einer Land- 
schaft weit günstigere künstlerische Bedingungen 
gewährt sind. Die drei ländlichen Häuser, die in 



Leopold Bauer 



dieser Zeitschrift in zahlreichen Aufnahmen ver- 
öffentlicht werden, sind sehr geeignet, uns das, was 
Bauer auf diesem Gebiete zu leisten vermag, zu 
veranschaulichen. Sie sind vor allem in dem Sinne 
individuelle Schöpfungen, als darin die Individua- 
lität des Künstlers den individuellen Ansprüchen 
des Bestellers gerecht zu werden verstand. V 

V Bei Schloss Zlin in Mähren wird dieses schon 
aus der vortrefflichen Art ersichtlich, in der der 
moderne Architekt sich in den bereits bestehenden 
alten Bau zwanglos hineinzubauen verstand. Hier 
wird auch das schärfste Auge nicht den Eindruck 
von etwas Zusammengestückeltem bekommen. Die 
Linien laufen so eben und gleichmässig, die Bau- 
teile schliessen sich so harmonisch zusammen, als 
ob alles völlig aus einem Gusse wäre. Dabei sind 
die Wirkungen überall ebenso diskret als gefällig, 
vom Geist einer vornehmen Einfachheit diktiert. 
Wie schlicht ist dieser Schlosshof, und doch wie 
reizvoll! Die schönen Bogenabschlüsse der Um- 
gänge und der Fenster bilden, um auf Bauers alte 
Musikneigungen zu exemplifizieren, das taktmässig 
wiederkehrende Hauptthema, dem dann die schlanken 
schmalen Mauerpfeiler als aufstrebendes Gegen- 
thema antworten. Und der kreisförmig vorspringende 
Erker nimmt das Rundmotiv noch einmal auf und 
führt es kontrastierend durch. Besonders gelungen 
in der Raumwirkung erscheint die Halle und das 
sich daran anschliessende Treppenhaus. Hier ist 
die grosse Uebersichtlichkeit und breite Entfaltung 
zugleich durch versteckte Reize, wie den gewun- 
denen Treppenaufgang in der Ecke, anmutig belebt. 
Nicht minder erscheint auch die obere Mündung 
der Treppe recht glücklich in die Hallenbogen- 
formen des Flurhauses hineingelegt. Ais niedliches 
kokettes Anhängsel wirkt das als Abschluss der 
Kegelbahn dienende anmutende Gartenhäuschen. 

V Beim Hause des Herrn von Kralik in Winterberg 
war Bauer Gelegenheit geboten, auch das Aeussere 
reicher durchzubilden. Er tat dies in völlig un- 
konventioneller Art, nicht mit den Mitteln des aus 
dem Musterbuch schöpfenden Ornamentikers, son- 
dern mit denen des Architekten, der sorglich die 
Betonungen abwägt. Wie die Umrisslinien geführt 
und wie die Fenster angeordnet sind, auch wie die 
Terrasse des oberen Stockwerks sich ins Ganze 
fügt, das sind die entscheidenden Punkte. Eine 
dekorative Ausgestaltung weisen alsdann bloss das 
Einfahrtstor und der Dachübergang auf; Gegenden, 
die eine stärkere ornamentale Akzentuierung wohl 
herausfordern. Und dieser sparsame Schmuck be- 
schäftigt umso willkommener das Auge. V 

V Mit besonderer Liebe durchgebildet und ganz 
auf die Reize einer behaglichen Häuslichkeit ge- 



stimmt, erscheint sodann das Wohnhaus des Baron 
Spaun in Klostermühle (Böhmen). Halle und Schlaf- 
zimmer, Küche und Kinderstube sind ungemein 
anheimelnd gestaltet und laden zum Verweilen ein. 
Wo bleibt gegenüber solchen Leistungen die alberne 
hergebrachte Fabel von der Unwohnlichkeit und 
Bizarrerie „sezessionistischer" Wohnräume! Ge- 
wiss, Bauer ist Sezessionist, nicht bloss weil er der 
Wiener Sezession angehört, sondern in weit stärke- 
rem und tieferem Sinne deshalb, weil er aus den 
Niederungen der herrschenden Stilverwirrung und 
Geschmacklosigkeit auf den heiligen Berg neu- 
schöpferischer Kunsttätigkeit entwichen, „sezediert" 
ist. Aber gerade hier zeigt sich der Segen seiner 
historischen Schulung. Er war viel zu gut geschult, 
um in eklektischer Formennachahmung oder will- 
kürlicher Formenverzierung sich gefallen zu können. 
Vielmehr suchte er, gleich so manchen Anderen, 
die heutzutage das Richtige wittern, eine besonnene 
und organische Anknüpfung dort, wo vor dem Ein- 
bruch des Eklektizismus der Faden der natürlichen 
geschichtlichen Entwickelung frivol abgerissen wor- 
den war, beim Biedermeierstil. Man mag über 
diesen Stil urteilen wie man' will, man mag ihn 
philiströs, beschränkt, schwunglos schelten — doch 
ist er auch naiv, gemütvoll und behaglich, der echte 
Ausdruck einer bürgerlichen Kultur. Jedenfalls 
gibt es für den Innenkünstler, der auf historische 
Kontinuität hält, heute keinen anderen Stil, an den 
er fortbildend anknüpfen könnte. Aber freilich liegt 
die Anknüpfung um gut zwei Menschenalter zurück, 
und diese bedeutende Zeitkluft muss überbrückt 
werden. Aus der Postkutschenzeit in die Epoche 
der Funkentelegraphie, das ist ein gewaltiger Sprung. 
Und so ist denn also auch hier nicht möglich, mit 
Formennachahmungen zu arbeiten. Man kann nicht 
mehr beibehalten als die Elemente, sozusagen 
einen Stimmungsakkord und ein Stückchen Form- 
grammatik — alles übrige muss neu erfunden werden, 
mit den Mitteln unserer Zeit für die Bedürfnisse 
unserer Zeit. In diesem Sinne arbeitet Leopold 
Bauer, und gerade im Spaunschen Hause können 
wir ihn hiebei beobachten. Ein Schimmer von 
Biedermeiertraulichkeit ist da, doch kaum mehr! 
Alles voller Einfachheit, Schlichtheit, Behaglich- 
keit - dabei eine Knappheit und Bestimmtheit 
in der Sprache der Formen, die nichts mehr hat 
von der umständlichen Breite und Redseligkeit 
unserer Vorväter. Und bei aller Phrasenlosigkeit 
spürt man doch auch Phantasie, spürt Farbenfreude 
und jene instinktive Abneigung des echten Künst- 
lers gegen alles, was Alltäglichkeit heisst. V 
V Freilich wird man sagen dürfen, dass gerade in 
diesem Falle sich das persönliche Zusammenwirken 



Leopold Bauer 



zwischen Bauherrn und Baumeister besonders kund- 
tut. Baron Spaun ist ja nicht der erste Beste. 
Er ist der Inhaber jener Fabrikwerke für farbige 
Glasbereitung, die in ihrer Art die erste, wonicht 
die einzige in österreichischen Landen ist. Dem 
Beispiele Tiffanys folgend, doch sehr rasch zur 
Selbständigkeit erwachsend, hat Baron Spaun es 
verstanden, die bezauberndsten tropischen Farben- 
spiele von wahrhaft berückendem Lüsterglanz in 
Glasform nachzubilden. Und das verdient darum 
an dieser Stelle erwähnt zu werden, weil er damit 
dem Architekten Bauer in der Form von bunten 
Glaskacheln ein Material an die Hand gegeben hat, 
das dieser mit besonderer Vorliebe und oft mit 
grossem Glück verwendet. Ganze Kaminwände hat 
Bauer gelegentlich mit diesen Glaskacheln ausge- 
schlagen man vergleiche die hier publizierte 
Farbenskizze zu einem Hallenprojekt — oder er 
zieht sie friesartig hin, als in die weissverputzte 
Wand eingelassenen lockeren Farbenstreifen. In 
Bauers ganze Art, die nach wie vor entschieden 
auf das Farbige gerichtet ist, passt diese Verwendung 
der Spaunschen Lüsterkacheln sehr gut hinein und 
erhöht ihre individuelle Ausdrucksweise. V 
V Während Bauer auf diese Weise die Elastizität 
seines künstlerischen Könnens an den kleineren 
Aufgaben des Alltags verfeinerte und geschmeidigte, 
Hess er doch seine grossen Ziele, die auf die Er- 
richtung von Monumentalbauten gerichtet sind, 
keineswegs aus den Augen. Bis jetzt ist er, was die 
materiellen Resultate angeht, freilich auf diesem Ge- 
biete nur wenig vom Glück begünstigtgewesen. Kürz- 
lich erhielt er für Bielitz in Schlesien den Auftrag 
für einen Kirchenbau: das ist alles, was er bis jetzt 
erreicht hat. Wieviel aber sahen wir daneben in 
Plänen und Projekten bei ihm sich entwickeln: die 
Jubiläumskirche für Wien, ein Postamt für Inns- 
bruck, ein Schützenhaus für Jägerndorf, eine Han- 
dels- und Gewerbekammer abermals für Wien, und 
jetzt zuletzt, den Friedenspalast für Haag. Alle 
diese Bauten stehen auf dem Papier ein trauriges 
Los für einen so schöpferisch veranlagten und taten- 
durstigen Architekten. Besonders schade ist es um 
den Haager Friedenspalast, eine wirklich ungewöhn- 
lich reife, klar und schön durchgebildete Schöpfung. 
V Man kennt das Resultat der ausgeschriebenen 
Konkurrenz, das kläglichste seit Jahrzehnten. Die 
mittelalterliche Zwingburg eines französischen Ar- 
chitekten, ein geist- und sinnlos aus dem Rezept- 
buch zusammengestückeltes Machwerk, erhielt den 



ersten Preis. Der Friedenspalast als turmbewehrter 
Festungsbau eine tödlichere Ironie ist garnicht 
denkbar! Bauers Projekt aber war nicht im min- 
desten beachtet worden. Es erhielt nicht nur keinen 
der zehn Preise, es befand sich nicht einmal unter 
den achtzig(!) Entwürfen, die in die engere Auswahl 
kamen. Freilich hat diese verantwortungsvolle 
Riesenarbeit damals in drei Tagen erledigt werden 
müssen — man sieht mit welchem Erfolg! V 

V Ueber die künstlerischen Leistungen der in Haag 
eingereichten Projekte bin ich naturgemäss nicht 
unterrichtet. Wahrscheinlich stammten sie von 
lauter Göttern und Genies, dass eine Arbeit wie 
die Bauersche kurzerhand in die Ecke geschoben 
werden konnte. Doch lassen wir alle Vergleiche mit 
den Arbeiten Anderer. Vergleichen wir den Entwurf 
lediglich mit dem, was Bauer selbst bis dahin ge- 
konnt hat. In den „Skizzen und Entwürfen" be- 
findet sich der Plan zu einem Parlament für Mexiko. 
Dieser ist in seiner ganzen Anlage mit dem Projekt 
für Haag aufs nächste verwandt. Er ist gleichsam 
dessen Vater. Aber um wieviel geklärter, durch- 
dachter, eleganter und selbständiger ist Zug für Zug 
das Haager Projekt! V 

V Was an dem neuen Entwurf vor allem befriedigt, 
ist der Grundriss. Dieser ist ebenso feierlich und 
repräsentativ als praktisch und lichtvoll. Die sehr klar 
disponierten Korridore bilden eine fast unübertreff- 
bare Kommunikation zwischen den einzelnen Teilen. 
Und stolz lagert in der Mitte der überdachte Lichthof. 
Alle Bequemlichkeiten, alle Auskunftsstellen sind 
gleich zur Hand. Dabei trotzdem eine imposante Total- 
wirkung. Die Fassade vermöchte man sich ja wohl 
noch schwungvoller auszudenken. Aber auch sie ist 
im Aufbau vorzüglich, mit der die Mitte beherrschen- 
den, empfangsfrohen Mosaiknische, mit den breit 
auseinandergelegten Flügeln, mit dem überragenden 
Mittelrundbau an Stelle einer Kuppel. Vor allem 
aber entspricht die Gesamtanlage durchaus der Idee, 
die durch diesen Monumentalbau gefeiert werden 
sollte. Man fühlt im Anblick dieser ruhigsich strecken- 
den Formen die versöhnende, völkerverbindende 
Wohltat des Friedens. "^ 

V Mit diesem Projekt, auch wenn es ad acta gelegt 
werden muss, hat Bauer jedenfalls einen glänzen- 
den Befähigungsnachweis erbracht. Und darum 
wird es ihm, das glauben wir fest, sehr bald an der 
Möglichkeit zur praktischen Ausführung von Monu- 
mentalbauten nicht fehlen. Er ist da — und die 
Zeit wird sich seiner erinnern! V 



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Haus Spann 




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LEOPOLD BAUER -WIEN 
Haus Spann : Kindei:imiucr und Küche 




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LiiUis S/xiiiii: Zimmer der Tochter und Schlafziinmrr der l-Att-ni 



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LEUPULÜ BAUtl^-\,Vlt.\ 
Scliloss Zlin: Hallentreppe 



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LEOPOLD BAUF.R-WIEN 
Sdüoss Zun: Halle 



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LEOPOLD BAUER-W'IEN 
Sdiloss Zlin : (hinlcrobc unter der Hiinplfrrppc 



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Sdiloss Ztin : Haupttirppe und Kegelbahn 



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LEOPOI.n BAUHR-WIF.N 
Bninnrn aus Spaiinsclirn (ilnsplatleii 



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LEOPOLD BAU ER -WIEN 
Konkurrenz zum tiaager Friedenspalast : Erägesc/iossgriauirLs 



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LHOl'OLD HAUER- WIHM 
Koiikiincti: zum Ifuimer l'riedenspalast : Ohi'ri;i'S(iiossgriintin's 



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LlzOPOLD BAUER- WIEN 
Koiiküirni: :iiin Hihii;rr Ericilrnspalast : Schnitt i/iiir/i dt-ii giossrii (jfiiditssaal 







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LEOPOLD BAUER ■ WIEN 
KOMKURREhZEMTWURF ZU DEM 
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LEOPOLD BAUER- WIE ^ 
Dokumeiitenschrank 



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LEOPOLD BAUER-WIEN 
Haus Kralik : Einfahrt 



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LEOPOLD BAUER -\r/t.\ 
Haus Kralik : Halle 



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Leopold Bauer-Wien. Grundrisse des Hauses Kralik in Winterberg (Böhmen) 




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Paul Ludwig Troost-Mündien, Grundrisse des umgebauten Wo/inliauses in der Georgenstrasse in AUlndien 



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PAUL LUDWIÜ TROOST- MÜNCHEN 
Haus in der Georgenstrasse zu Miindicn 



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PAUL LUDWIG TRÜOST-MÜNCHBN 
Umbau eines Wohnhauses in der Georgenstrasse zu Milndieu 



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PAUL LUUWIÜ IRUUST-.\U'.\(:ill:.\ 
Gartenseite des Hauses in der Georgenstrasse zu Mündwn 



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PROr/iSSOU liMASUlil. VON SHIDL - WCNCIIEN 
Haus Lauteiibachcr in Mündwii-Sdiwahiiii' : Ciaitcniinsidit 



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PROF. EMANUEL VON SEI DL- MÜNCHEN 
Haus Lautenhacher: AnfalirtshalU' 




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HUGO EBBRHARDT- FRANKFURT am. 
Erhhniilinus Lniilrnschlager in Frankfurt aj M. 



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48 



UNSERE BILDER 



V Das von P. L. Troost entworfene Haus, ein 
reiner Putzbau, ist aus einem Umbau hervorge- 
gangen. Dabei konnte der Architekt allerdings die 
Fassaden und die innere Einteilung vollständig neu 
entwerfen, hatte aber immerhin mit den bestehenden 
Verhältnissen zu rechnen, wodurch die Aufgabe 
bedeutend erschwert war. So wurden unter anderem 
die Haupt- und Nebentreppe, deren Lage auf die 
weitere Grundrissgestaltung bestimmend einwirkten, 
ganz neu eingebaut. Es mag noch angefügt werden, 
dass das Projekt für einen alleinstehenden Herrn, 
einen Komponisten ausgearbeitet war. Aber durch 
dessen Tod und den folgenden Verkauf veränderte 
sich nicht nur die Raumbestimmung des ersten 
Stockwerkes, es wurde auch von der geplanten 
architektonischen Gartenanlage abgesehen und, 
was am meisten zu bedauern ist, die Ausgestaltung 
des Inneren nicht ausgeführt. In der fünften 
Nummer des vorigen Jahrgangs konnten wir einige 
dieser Innenräume reproduzieren; man beachte den 
Einklang der strengen Aussen-Architektur mit den 
abgeklärten Formen der Raumausstattung. V 

V Bei dem Hause in Schwabing betonte Professor 
Emanuel von Seidl die malerische Wirkung. 
Hiefür sprachen schon die landschaftliche Lage des 
Grundstückes im Strassenbild, sowie deralte Garten- 
bestand. Jedoch nicht allein in der glücklichen 
Gruppierung der Baumassen, sondern auch in der 
Behandlung der Mauerflächen mit rauhem Putz 
und rötlichgrauen Hau- und Kunststeinen, kommt 
dieses Bestreben zum Ausdruck. Seine Steigerung 
findet es in der Verwendung von farbigen Fenster- 
läden und vielfachen Spalierbildungen. Einige gute 
Plastiken schmücken die durchaus sachliche Archi- 
tektur, in schönem Gegensatz zu den grossen, 
glatten Flächen. Im Inneren ist ebenfalls darnach 



getrachtet, die Räume schon durch die Art der Fenster- 
stellung und Fensterteilung zu charakterisieren, 
ferner durch die Lage der Räume untereinander. 
Grösstenteils mit gewölbten oder einfachen, orna- 
mentierten Stuckdecken versehen, haben die Zimmer 
fast durchgehends schablonierte Wände, deren Kon- 
traste sich in hellen, grauen, braunen Tönen und in 
dunkeln satten Abstufungen bewegen. Täfelungen, 
Kamine u. dgl. vervollständigen den inneren Ausbau. 
V Hugo Eberhard t stützt sich bei der Archi- 
tektur des Hauses Lautenschlagerauf baroke Erinner- 
ungen und es gelingt ihm mit diesen Formen und 
den farbigen Werten der Baumittel dem kleinen 
Hause ein zugleich vornehmes und behagliches Aus- 
sehen zu geben. Ausser dem gelblichen Verputz 
sind noch Basalt für den Sockel und weissgrauer 
Sandstein für die Fensterumrahmungen und sons- 
tigen Architekturglieder verwendet; dazu kommen 
das rote Biberschwanzdach, das weisse Fensterholz 
und grüne Läden. Die innere Einteilung ist sehr 
geschickt gelöst; durch eine geräumige Garderobe 
betritt man entweder die Wohndiele oder das 
Treppenhaus, das in der warmen Jahreszeit durch 
Offnen der breiten Schiebtüre der Diele angegliedert 
wird. Hier, als dem Hauptwohnraum, bilden an- 
schliessend an einen Gaskamin aus holländischen 
Klinkern mit eisernem Helm eine Anzahl Truhen- 
bänke eine gemütliche Nische, während das neben- 
an liegende Empfangszimmer eine Ausstattung im 
Sinne der Biedermeierzeit erhalten hat. Bemerkens- 
wert ist, wie der Architekt in diesem Zimmer den 
gewünschten tiefen Erker schuf, der ihm an der Fas- 
sade untunlich erschien. Auch die übrigen Räume 
zeigen eine ähnliche gediegene Ausstattung. Die 
Baukosten beliefen sich einschliesslich der Warm- 
wasserheizung nicht über 40000 Mark. V 




Hugo Eberhardt- Frankfurt aXl. Grundrisse des Hauses Lautenschlager 



X'erantvvortlicher Herausgeber: M. J. ÜRADL- Stuttgart, Rotenwaldstrasse 23. 

Verlag: JULIUS HOFFMANN -Stuttgart. Druck: Hoffmaunsche Budidruckerei Felix Krais-Stuttgart. 

(Der Nachdruck .iller in dieser Nummer cutlialteneu Artikel uud Bilder ist verboten.) 




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EDQRR WOOD • MRhCHESTER 

STUDIE ZU EIMER HRLLE MIT KORRIDOR 



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MODERNE BAUFORA\EN 

vnONATSHEFTE FÜR ARCHITEKTUR 



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EDGAR WOOD 

VON MICHAEL BUNNEY-LONDON 



Kein ausübender Künstler, der in der letzten 
Hälfte des neunzehnten und zu Beginn des 
zwanzigsten Jahrhunderts in England gelebt hat, 
konnte sich dem Einfluss der umwälzenden Anschau- 
ungen in der Architektur entziehen, die das Viktoria- 
nische Zeitalter kennzeichnen. In verschiedener 
Weise hat sich dieser Einfluss von dem ersten 
grossen Anstoss an, den das Wiedererwachen der 
Gotik gebracht hat, geltend gemacht, während all 
der mannigfachen ästhetischen Erscheinungsformen, 
der Morrisepoche, l'Art nouveau, des \'oyseykultus, 
und schliesslich auch bei dem, was unsere Tage, 
Neues erdenkend oder auf der Fährte des Her- 
gebrachten wandelnd, geschaffen haben. Mehr oder 
minder gerieten alle unter den Bann: Der leiden- 
schaftliche Parteigänger, vor dessen Augen nichts 
Gnade findet, was nicht aus der eignen Schule her- 
vorgegangen ist, wie der gleichgültige Praktiker 
ohne grosses Talent und ohne hohen Flug, der 
nach einem Stil oder doch nach etwas Stilartigem 
sucht, das seinen Bedürfnissen am besten entspricht 
und das die geringsten Ansprüche an seinen Fleiss 
und an seine Tätigkeit stellt. Nachdem er einmal 
angefangen hat, will er blindlings darauf losarbeiten, 
ohne sich bei einer neu aufkommenden Geschmacks- 
richtung grosse geistige Anstrengungen zuzumuten. 
V Andrerseits war dieses gewaltige Ringen nach 
einer neuen künstlerischen Ausdrucksweise bald voll 
Leidenschaft und Temperament, bald voll Tiefe und 
Gelassenheit, doch darum nicht minder kraftvoll; 
für empfängliche Geister geradezu das Herzblut 
ihrer Kunst. Auf diesem Grunde erwuchsen die 
besten modernen Arbeiten; mögen sie auch hier 
und da, vom akademischen Standpunkt aus be- 
trachtet, in der Tat nicht vollkommen sein, so sind 
sie dreifach kostbar, weil sich gerade in ihren 
Unvollkommenheiten die Spuren jenes Ringens 
offenbaren. In der Geschichte der Kunst wird es 
kein fesselnderes Blatt geben, als das, auf dem 
diese gewaltigen Regungen verzeichnet sind, im Ver- 



gleich mit denen die Fortentwicklung unserer Zeit 
geradezu schwächlich genannt werden muss. V 

V Darin, dass er das Beste, was diese Bewegungen 
lehren konnten, aufnahm und ihren Geist mit allem 
verwob, was seiner Hand entsprang, liegt der Keim 
zu Woods Erfolgen als Architekt. Sein Eklektizis- 
mus — wenn man diesen Ausdruck überhaupt auf 
seine Arbeiten anwenden darf — war der denkbar 
höchststehende; denn stets war er ebenso bereit 
wie fähig zur rechten Wertschäjzung der verschie- 
denen Kunstauffassungen, mochten diese der Ver- 
gangenheit angehören oder von Zeitgenossen aus- 
gehen. Erlernte mit seinerzeit! Damit soll nicht 
gesagt werden, dass er nicht ein durchaus originaler 
Geist sei — alle seine Werke sind durchaus sein 
Eigentum und zeugen von einer schöpferischen 
Kraft ersten Ranges. Die daraus sich ergebende 
Vortreffiichkeit seiner Arbeiten reiht sie ohne wei- 
teres nach Stil und Ausführung in die zeitgenössi- 
schen Meisterwerke ein. V 

V Wood hat erkannt, dass man die Individualität 
nicht zu weit treiben soll, dass die Architektur und 
in gewissem Masse jede Kunst nur in beschränk- 
tem Sinne lokal sein darf und dass die ausführen- 
den Künstler Fühlung untereinander haben müssen, 
um die Tradition der britischen Hausarchitektur 
lebendig zu erhalten, wenn anders eine gedeihliche 
Weiterentwicklung möglich sein soll. Er stimmt 
auch der Ansicht bei, dass das Sachliche, das Zu- 
rückhaltende und das Stattliche an einem Werk, 
und mag es auch noch so bescheiden sein, einen 
machtvolleren, echteren und dauernderen künstle- 
rischen Einfluss ausübt als die zufälligen Phan- 
tastereien jener auf unbedingte Originalität bedach- 
ten Künstler, deren Welt nur zu oft ausschliesslich 
ihre eigene ist. V 

V Es mag darauf hingewiesen werden, dass ihn 
beständig eine Neigung zum Einfachen leitet, sowie 
die Absicht, lokale Baumittel in der landesüblichen 
Weise zu verwenden , so dass die \i'irkung seiner 



50 



Edgar Wood 



Bauten mehr durch die angemessene Verwendung 
des Materials als durch den Plan an sich und einen 
von vornherein erstrebten Effekt zum Ausdruct; 
kommt. Hierher gehört die ungezwungene Tren- 
nung der von ihm in Lancashire und Yorkshire 
errichteten Gebäude in zwei durch die lokale Be- 
handlung sich unterscheidende Gruppen. Die Mis- 
sionskirche in Marland, das Gasthaus „St. Georg 
mit dem Drachen" und Herrn Brierlys Haus sind 
so zweifellos im Geist der überlieferten Bauweise 
von Lancashire gehalten, als das Torhaus in Lind- 
ley und die Häuser in Huddersfield nach Yorkshire 
gehören, ohne doch den Stempel von Woods Per- 
sönlichkeit zu vermissen. Es haftet ihnen der 
ortsübliche Charakter an, ohne dass dadurch die 
Erfindungskraft oder die Originalität irgendwie zu 
kurz gekommen wären. V 

V Lancashire ist nichts weniger als eine lachende 
Gegend; Rauch und Russ herrschen rings um 
Manchester, und weiter draussen ist die Landschaft 
rauh und wenig einladend. Es empfiehlt sich da- 
her doppelt, so zu bauen, dass die Einwirkung 
dieser Umgebung auf das Material sich in der Folge 
eher förderlich als schädlich erweist, und nur wer 
gesehen hat, wie unzulänglich andere Bauweisen 
sind, die man in nicht geringer Zahl verwendet 
findet, vermag die Bedeutung dieses Gesichts- 
punktes zu ermessen. Von dem Gebäude der Man- 
chester & Salford-Bank und einigen Teilen der wes- 
leyanischen Kapelle abgesehen, die aus Stein sind, 
hat Wood klugerweise den rauhen, unansehnlichen, 
dort gebrannten Backstein benutzt, dessen einzige 
gute Seite ein gewisses robustes Gefüge ist. Sein 
Aussehen verbessert sich bei der Verwitterung eher 
als dass es sich verschlechtert. An Herrn Brierlys 
Hause, wo die Backsteinwände zur oberen Hälfte ge- 
tüncht sind, ist die Verwendung eines ausgesprochen 
lokalen Backsteinmusters von guter Wirkung, was 
im Verein mit den Backsteingewänden der Fenster 
und den grauen Dachplatten das durchaus moderne 
Haus in völliger Harmonie mit seiner Umgebung 
erscheinen lässt. Dicht bei diesem Hause finden 
wir die kleine Mariander Missionskirche, die in 
bezug auf Behandlung derselben Gruppe angehört 
und die, in der Wirkung ausser allem Verhältnis 
zu den geringen Kosten und den einfachen Mitteln, 
unser bauliches Interesse erregt. Bei St. Georg 
mit dem Drachen, einer Gastwirtschaft weiter nach 
Manchestei' zu, ist Wood wieder der Ueberlieferung 
gefolgt und zwar nicht nur beim Bau selbst, sondern 
auch in der Art, wie er diesen in Beziehung zur 
Landstrasse gebracht hat. So finden wir unter 
anderm zwischen dem Fussweg und dem Wirtshaus 
einen freien Raum, wo Fuhrwerke halten können. 



ohne den Strassenverkehr zu behindern; eine An- 
lage, die regelmässig gemacht wurde, als die Gast- 
häuser noch tatsächlich Herbergen und nicht bloss 
Schenken waren. Dieser Platz wird von einem 
Balken mit dem Wirtshausschilde überragt. V 

V In Middleton liegt Woods eigenes Haus, ein be- 
sonders reizvolles Beispiel seiner früheren Bau- 
weise. Hier wie bei einem Landhause gegenüber 
wendet er noch Verputz an, ein Material, bei dem 
die Auffrischung geringe Kosten verursacht und 
das hier dazu dient, einer im übrigen trübseligen 
Vorstadtgegend einen heiteren Anstrich zu geben. 
Ein Blick auf den Plan zeigt, dass Wood aus einem 
etwas beschränkten Gartenraum das Menschenmög- 
liche gemacht hat. Innen finden sich manche glück- 
liche Lösungen, besonders im Haus- und Treppen- 
flur, wo die Wände auf weissem Grunde ein Muster 
von spriessendem Laube zeigen, das schon weit 
offen und ziemlich langgestielt ist. Auch die Be- 
handlung des Speisezimmers verrät eine glückliche 
Hand; alles ist bemalt: die Wände zeigen ein 
stumpfes Blaugrün, der Fries ein fortlaufendes 
dekoratives Motiv, das im ganzen den Eindruck 
eines graublauen und graugrünen Gobelins macht, 
die Decke ist weiss mit grünen Flecken und hat 
in der Mitte einen grossen flachen vergoldeten 
Knopf, aus dem die elektrischen Lichter herab- 
hängen. Auch auf dem breiten Getäfel und auf 
den Bilderrahmen tritt die Vergoldung stark hervor 
und bringt einen reichen und weichen Ton in das 
Bild. Der Wert dekorativer Goldflächen, mit dem 
die alten Mosaikkünstler so wohl vertraut waren, 
wurde verkannt, so lange die Vergoldung keinem 
andern Zwecke diente, als zu prunken. Die Eigen- 
art Woods im Ausbau des Inneren zeigt sich treff- 
lich in unseren farbigen Beilagen. V 

V Weitere bedeutende Werke unseres Meisters 
finden sich in Middleton. Ausser einigen Gebäuden, 
die Handelszwecken dienen, sind dies die neue wes- 
leyanische Kapelle und die Schulhäuser. Wie wir aus 
dem Plane ersehen, umschliessen die Kapelle und die 
Schulen auf drei Seiten einen Hofraum, eine archi- 
tektonische Anlage einfachster Form. Auf der 
Strassenseite läuft eine Schutzmauer mit einem 
kühn geschwungenen offenen Portal, wodurch der 
Hofraum, ohne dass der Zutritt verwehrt wäre, 
doch das Gefühl des Abgeschlossenen hervorruft. 
Die Kapelle ist aus rotem Sandstein und Ziegeln 
erbaut und mit Steinplatten gedeckt. — Herbe Ein- 
fachheit beherrscht das Innere. Mit seinen wohl 
abgewogenen Verhältnissen macht der Bau einen 
ehrwürdigen und doch anmutenden Eindruck. Die 
einfach getünchten Schulgebäude mit ihren breiten 
Fenstern und strengen Umrissen erinnern an die 



51 



Edgar "Wood 



Architektur der Baumwollfabriken, in deren Nähe 
sie stehen und für deren Arbeiterschaft sie be- 
stimmt sind. Ein weiteres bemerkenswertes Bei- 
spiel eines Kirchenhaus ist die erst jüngst vollendete 
erste „Christ-Scientisf'-Kirche zu Manchester. V 

V In Yorkshire hat Wood in der Gegend von 
Huddersfield viele Häuser gebaut. Hier stehen 
seit alters vorzügliche Bausteine zur Verfügung; 
infolgedessen zeugen die Bauten ringsum von einer 
kräftigen architektonischen Ueberiieferung, die un- 
ser Meister trefflich mit seiner Eigenart verwoben 
hat, sogar mit Einschluss der hölzernen Dachrinnen. 
Almondbury zeigt in besonderem Masse den Cha- 
rakter der Rauheit, der für den Häuserbau jener 
nördlichen Bezirke so typisch ist. V 

V In eine ganz andere Klasse gehört der Gedächtnis- 
Glockenturm in Lindley, denn hier war Wood 
gänzlich auf seine eigenen Wege angewiesen. Er 
ging sie mit bewundernswertem Erfolg und schuf 
ein stattliches und feines Bauwerk ohne alle un- 
nötige Zier, aber auserlesen in allem, was ge- 
boten wird. Die Skulpturen stammen von dem 
Bildhauer Stirling. V 



V Als charakteristisch für die neueste Richtung, die 
Woods Genius eingeschlagen hat, interessiert die 
Reihe von Gebäuden, die erst kürzlich in Bowdon 
erstanden sind. Hier fällt wieder die liebevolle 
Behandlung der Türen und des Holzwerks auf, wo- 
bei die verschwenderische Ausstattung der ersteren 
mit Messing und Kupfer und daneben die Ver- 
wendung glänzender Stücke von bleigefasstem Glas 
in Rosa und Violett die Hauptrolle spielen. Der 
Gesamteindruck all dieser Häuser in Bowdon ist der 
der breiten Behandlung und der Einfachheit sowohl 
im Material wie im Entwurf. V 

V Wie bei allen ausübenden Künstlern steht oder 
fällt Edgar Wood und sein Künstlerruhm mit dem 
begründeten Urteil über seine Werke; dieses Ur- 
teil muss aber dahin lauten, dass wir hier einen 
Künstler voll fruchtbarer Phantasie vor uns haben, 
der ihre Ueberfülle sowohl durch den Zügel der 
Vernunft wie den der künstlerischen Tradition zu 
beschränken vermag und dabei einen Mann voll jener 
Seelentiefe, ohne die zum mindesten kein Archi- 
tekt ein wahrhaft schönes oder den menschlichen 
Gesetzen sich fügendes Werk zu schaffen vermag. 




EDO AR WOOD -MANCHESTER 
Missionskirdie in Marland 



52 




EDGAR WOOD - MANCHESTER 
liincres der Maiianäcr Missionskirdie in Laue 



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i:i)(lAU WOOD - MASCIil-SrHR 
Ciduindr tlrr ..Mniulirstrr- >(• Salfanl-Hniili- in .Widdicton 



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HD GAR WOOD - MANCHESTER 
Wesleyanische Kapelle in Middleton 



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HE ROCHOALE RO/i D 



P/.AN OF WESLEYAN CHAPEL AND SCHOOLS ■ /VI/öbLETON ■ LANCS- 



EDGAR WOOD 
Grundriss der 
W'esleyanisdien 
Kapelle und Schulen 




EDGAR WOOD 
Grnndriss von 
Woods eigenem 
Wohnhause 



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r.DüAR WOOn-MANCHHSTIiR 
Inneres einer Kirdie in Middleton 



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THE FIRST CHVRCH OF CHRIST SCIENTIST MANCHESTER. -=- PLAN- 



Edgar Wood: üniiidriss der .,C/irist-SciciUist-Kircin-' in Ahuichester 



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- EDCjAR WOOD- manch F.Sri:R 
Haiipttor (Irr ..Christ-Scirntist-Kirchr in Moiichester 



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liÜGAR WOOD - MASCHI-STER 
Cuisthiiiis ,.St. ücorg mit dem Dradien" in Castlelon. l.ancashire 



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EDGAR WOOD -MANCHESTER 
Halle in einem Hause in Huddersfield 



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EDGAR WOOD- MANCHESTER 
Haus in Rriar Court - Hnddersfield 



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EDGAR WOOD- MANCHESTER 
Olo(t:entitnn in Lindley bei Huddersfield 




JfipCAK ^WdodI 1905 



EDQRR WOOD • MRhCHESTER 
STUDIE ZU ElhER HALLE 



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EDGAR WOOD- MANCHESTER. Prof. Collirr's Hans in Bowdon 







Wohnzimnifr im oben abefbitdcU'n Haust 



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hRtJlAü cO WURZBACH -HAMßUUü 
Geschäftshaus Gertig in Hamburg 



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Frejtag & Wiirzbacli- Hamburg, üniiidrisse des Gesdiäftshnuses üertig (Hrdgesdwss und Stodiwerkel 




FREJTnC5 & WURZBRCH ■ HRMBURQ 
KRÜFHRUS QERTIQ IN HRMBURC5 



79 







S3C 



80 




FREJrAü & WURZBACH -HAMBURG 
Geschäftshaus Gertig: Vestibül 




/REJTAÜ -(■ WURZBACH - HAMBURC, 
Gesdtäftshaus Gertig: Treppenhaus 



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ENTWICKLUNGSTENDENZEN DES MODERNEN STADTHAUSES 

VON PROF. KARL WIDMER, KARLSRÜHE 



Das Mittelalter kannte nur eine Form des Bürger- 
hauses. Es war Wohn- und Geschäftshaus, 
Etagen- und Einfamilienhaus zugleich. Dieses Haus 
war ursprünglich aus dem germanischen Bauernhaus 
hervorgegangen und hatte sich den Bedingungen 
des städtischen Lebens angepasst. Aus dem niedern 
Landhaus war auf dem engen Boden des ummauerten 
Stadtbezirks das hohe und schmale Stadthaus ge- 
worden. Das Bedürfnis, weitere Grundformen aus- 
zubilden, lag nicht in dem Wesen der Zeit. Die 
Gilde schuf eine Art sozialer Gleichheit, die auch in 
der Gleichförmigkeit des Wohnhauscharakters zum 
Ausdruck kam. Auch der Gegensatz der patrizischen 
Kaufmannschaft zum demokratischen Handwerker- 
tum brachte keine besondern Arten des Bürger- 
hauses hervor. Volk und Bürgeradel hauten, wenn 
auch mit verschiedenem Aufwand an Raum und an 
Kostbarkeit der Ausstattung, im wesentlichen gleich. 
Bei dem handwerklichen Charakter des Gewerbes, 
das keinen Grossbetrieb mit Maschinen kannte und 
kein Massenproletariat abhängiger Lohnarbeiter er- 
zeugte, war eine Trennung der Werkstätte vom 
Wohnhaus, der Arbeiterwohnung vom Haus des 
Brotherrn unnötig. Jeder Familienvater war selb- 
ständiger Meister, und jeder Meister besass sein 
eigenes Haus. Gesellen und Lehrlinge wohnten als 
erweiterte Familie im Haus des Meisters. Die Not- 
wendigkeit, das städtische Leben in den schützen- 
den Kreis der Stadtmauer zusammenzudrängen, 
setzte auch dem Luxus des Wohnens bestimmte 
Grenzen. Es gab zwar keine Proletarierquartiere 
und keine Fahrikvorstädte; aber auch keine vor- 
gärtengeschmückten, dem Lärm und der Enge der 
Innern Stadtteile entrückten Villenviertel. V 

V Die Gleichmässigkeit im Gesamtcharakter der 
Wohnhäuser kehrt auch in den öffentlichen Bauten 
der mittelalterlichen Stadt wieder: auch das Rat- 
haus, das Zunfthaus sind erweiterte Bürgerhäuser, 
Dennoch wurde diese Gleichmässigkeit nicht ein- 
förmig, denn sie wurde durch eine um so grössere 
Vielgestaltigkeit des einzelnen Hauses im Rahmen 
der allgemeinen Grundform wieder ausgeglichen. 
Im Innern war das Haus eine Welt im Kleinen. 
Als persönlicher, von Geschlecht zu Geschlecht 
forterbender Eigenbesitz wurde es Gegenstand einer 
individuellen Durchbildung, die auch der äussern 
Erscheinung jedes Hauses einen durchaus persön- 



lichen Charakter verlieh. Gebundenheit in der 
Grundform, Eigenart im einzelnen, das ist der 
Charakter des mittelalterlichen Stadthauses. Unser 
heutiges Leben drängt nach dem Gegenteil. Durch 
die komplizierteren Bedürfnisse der modernen Kul- 
tur ist ein grösserer Reichtum an Grundformen 
entstanden. Dafür hat das einzelne Haus seine 
Originalität verloren. Der Differenzierung und 
Spezialisierung entspricht auch die Nivellierung. 
Das ist überhaupt die Tendenz unserer heutigen 
Entwicklung. V 

V Zunächst ist durch die Bedürfnisse des wirt- 
schaftlichen und technischen Fortschrittseine Reihe 
neuer Zweckformen nötig geworden. Elemente, die 
das mittelalterliche Haus vereinigt hatte, trennen 
sich und wachsen sich zu selbständigen Organismen 
aus. Die Werkstätte erweitert si-ch zur Maschinen- 
halle, zum Giesswerk u. s. w. und löst sich vom 
Wohnhaus los. In dem hohen Schornstein entsteht 
ein neues architektonisches Element, mit dem das 
Feuer, die treibende Kraft des Innern auch dem 
Aeussern des Hauses das Wahrzeichen seiner Be- 
stimmung gibt. Um die weiten Arbeitsräume zu 
belichten, muss sich die Mauer oder das Dach in 
grosse Lichtquellen auflösen. Ihre Konstruktion 
beruht auf der Verbindung zweier Stoffe, deren 
Verwendung in dieser Form und Grösse ebenfalls 
eine Schöpfung unserer materiellen Kultur ist: 
Eisen und Glas. Aus Eisen und Glas entwickelt 
sich ein neuer Baustil, dem die technischen .An- 
lagen des modernen Verkehrs und der modernen 
Industrie: Fabriken, Bahnhöfe, Markthallen und 
dergleichen, die grossen Aufgaben stellen. V 

V Wie die Industrie, so hat sich der Handel im 
modernen Kaufhaus seine eigene Zweckform ge- 
schaffen. Die selbständigste und in ihrer Art voll- 
endetste Ausbildung dieser neuen Form ist das 
grossstädtische Warenhaus. V 

V Im Mittelalter hatte der Zunftzwang der Ent- 
faltung der Konkurrenz enge Schranken gesetzt. 
Der Kaufmann hatte die heutigen Mittel der Waren- 
anbietung nicht nötig, um sich im Kampf ums Da- 
sein behaupten zu können. Er konnte seine Vor- 
räte im Innern des Hauses verschliessen; heute 
muss sich der Inhalt des Ladens in verführerischen 
und auffallenden Auslagen schon dem Blick des 
Vorübergehenden aufdrängen. Damit bekommt das 



84 



Entwicklungstendenzen des modernen Stadthauses 



Ladenfenster seine ausschlaggebende Bedeutung 
und bestimmt schliesslich die ganze äussere Er- 
scheinung des Hauses. Die Mauer löst sich in 
dünne Pfeiler auf, zwischen denen riesige Scheiben 
ausgespannt sind. Um die günstige Geschäftslage 
inmitten des städtischen Hauptverkehrs auszu- 
nützen, führt man die Verkaufsräume mit ihren 
Auslagen durch alle Stockwerke hindurch. So ver- 
wandelt sich schliesslich die ganze Fassade in ein 
einziges, stein- oder eisenumrahmtes Schaufenster. 
Der architektonische Gedanke, den dieses Haus 
verwirklicht, kehrt bei verwandten Aufgaben des 
städtischen Hausbaues wieder. Bei Bankhäusern 
z. B. ist die Auflösung der Mauer in Pfeiler und 
Fenster in dem Bedürfnis heller Arbeitsräume be- 
gründet. Damit gewinnt diese Form immer grössere 
Bedeutung für die Entwicklung des Stadthauses. 
Sie wird zur Grundform für das moderne Geschäfts- 
haus überhaupt. V 
V Liegt hier die Konsequenz der Zweckmässigkeit 
in der Auflösung der Mauer, so verlangt das Wohn- 
haus im Gegenteil möglichst geschlossene Wände. 
Denn nur der geschlossene Raum ist wohnlich; zu 
grosse Fenster machen die Zimmer ungemütlich 
und die Zerstückelung der Wand macht sie un- 
praktisch. Von der Verschwendung, die man unter 
dem Einfluss des Palazzostils mit Fenstern und 
Türen getrieben hat, ist man zum entgegengesetzten 
Prinzip zurückgekehrt: zur Beschränkung auf das 
vernünftige Mass des Notwendigen. Damit sind 
sich die beiden wichtigsten Formen des städtischen 
Hauses immer fremder geworden. Ihre folgerich- 
tige Ausbildung setzt die völlige Trennung des 
Wohnhauses vom Geschäftshaus voraus, auf die 
auch die sozialen Bedürfnisse unserer Zeit immer 
entschiedener hindrängen. Seit die Ausübung eines 
bürgerlichen Berufs und die Begründung eines 
eigenen Hausstandes nicht mehr an den Besitz 
eines eigenen Hauses gebunden ist, haben sich auch 
für das Wohnen selbst die Bedingungen von Grund 
aus verändert. Das Bürgerhaus hat seinen patriar- 
chalischen Charakter verloren. Das Zusammen- 
leben des Meisters mit den Gesellen in dem Haus, 
in dem sie arbeiten, hat sich heute nur noch als 
ein Rest veralteter Zustände erhalten. Dafür ist 
das Wohnen selbst zum Gegenstand des Erwerbs 
geworden. Der Beamte, der Angestellte im kauf- 
männischen, technischen oder industriellen Beruf, 
der Fabrikarbeiter wohnt mit seiner Familie im 
Miethaus. Und schliesslich drängt die Macht der 
wirtschaftlichen Entwicklung auch den Arbeitgeber 
selbst dazu, seine eigene Wohnung vom Geschäfts- 
haus zu trennen und die Geschäftslage ausschliess- 
lich für Geschäftszwecke auszunützen. Diese Fak- 



toren wirken nicht nur auf die Entwicklung des 
einzelnen Hauses, sondern auch auf die Entwick- 
lung der Stadt im ganzen. Die gleichartigen Häuser 
ordnen sich zu gleichartigen Stadtteilen zusammen: 
dem Geschäftshaus entspricht das Geschäftsviertel, 
der Fabrik das Fabrikviertel, dem Wohnhaus das 
Wohnviertel. V 

V Der eigentliche Kristallisationskern der städti- 
schen Entwicklung ist das Geschäftsviertel. Je 
näher wir den Sammelpunkten des geschäft- 
lichen Verkehrs in der Innern und innersten Stadt 
kommen, desto enger drängen sich die Häuser auf 
dem vielbegehrten und teuern Boden der City. Die 
Enge des Raums wirkt hier auf die Form des Hauses, 
so verschieden die letzten Ursachen sind, in gleicher 
Richtung, wie beim Haus des Mittelalters: es wächst 
turmartig in die Höhe. Das Ziel dieser Entwick- 
lung zeigen uns heute schon die amerikanischen 
Wolkenkratzer mit ihren zwanzig und mehr Stock- 
werken. Es sind ausschliesslich Geschäftshäuser: 
Kaufläden, Banken, Anwaltsbureaus, Juwelierwerk- 
stätten u. s. w. Hier geht die nivellierende Ten- 
denz, das Gleichartige auch räumlich zu vereinigen, 
schon bis ins einzelste. Es gibt in New-York und 
Chicago Häuser dieser Art, die vom ersten bis zum 
letzten Stockwerk nichts enthalten als Empfangs- 
und Arbeitsräume für Aerzte und Zahnärzte. V 

V Mit derselben Konsequenz, mit der das Geschäfts- 
haus im Zentrum der Stadt zu dominieren beginnt, 
drängt sich das Wohnhaus immer mehr nach den 
Grenzen des städtischen Weichbildes. Die Trennung 
von Wohn- und Geschäftshaus wurde dadurch zu 
einem heilsamen Gegengewicht gegen das einseitige 
Anschwellen der Innern Stadtteile. Die Voraus- 
setzung wurde geschaffen, als die alten Stadtmauern 
fielen und die Städte sich nach aussen öffneten. 
Aber erst musste durch das Anwachsen der Städte 
das Leben in der innern Stadt bis zu einem gewissen 
Grad unerträglich werden, bis eine wirkliche Zurück- 
flutung der Bevölkerung vom Zentrum nach der 
Peripherie begann und sich die Einsicht Bahn brach : 
je weiter vom Mittelpunkt der Stadt, umso billiger 
wohnt man nicht nur, sondern auch um so ange- 
nehmer und gesünder. Und dann mussten die 
modernen Verkehrseinrichtungen das ihrige tun, 
um die Nachteile der Entfernung wieder auszu- 
gleichen. So ist der Boden allmählich breiter ge- 
worden, auf dem auch das Wohnhaus sich nach 
den Gesetzen seiner eigenen Vollkommenheit ent- 
wickeln kann. Diese Vollkommenheit liegt in einer 
Annäherung an die Lebensbedingungen des Land- 
hauses: die Möglichkeit, sich in die Breite zu ent- 
falten. Denn zu allen Zeiten ist das Wohnen in 
die Breite das natürlichere und darum auch das 



85 




C. F. W. LEONHARDT- FRANKFURT aM. 
Entwurf zu einem Einfamilienhaus 



86 



Entwicklungstendenzen des modernen Stadthauses 



vornehmere, das Uebereinandertürmen der Wohn- 
räume in hohen Häusern die Folge eines äussern 
Zwangs gewesen. Im Mittelalter war es der festungs- 
artige Charakter der Städte, der dazu genötigt hat. 
Mit Beginn der Neuzeit trat mit der Freilegung 
der Städte eine allmähliche Verbesserung der städ- 
tischen Bodenverhältnisse ein, deren Einfluss auf 
das bürgerliche Wohnhaus in Deutschland freilich 
erst in der Empire- und Biedermaierzeit zum Durch- 
hruch kam. Dann schuf aber die moderne Gross- 
stadtentwicklung mit ihrer Bodenverteuerung wieder 
ähnliche Zustände wie im Mittelalter. Inzwischen 
war das Miethaus entstanden. Es hat vor dem 
mittelalterlichen, in die Höhe gebauten Einfamilien- 
haus (dessen Prinzip bekanntlich im englischen 
Stadthaus fortlebt) den einen Vorzug, dass auch im 
vielstöckigen Haus die Zimmer derselben Wohnung 
auf einem Flur nebeneinander, nicht hintereinander 
liegen. Dafür fallen aber alle Nachteile des Zu- 
sammenwohnens vieler Familien unter Einem Dach 
in die Wagschale. So bleibt das horizontale Ein- 
familienhaus das Ideal des Wohnhauses, wogegen 
alle andern Formen als Notbehelfe erscheinen. Und 
zwar das freistehende Haus, bei dem nicht, wie 
beim eingebauten Fassadenhaus die Rücksicht auf 
die Strasse, sondern die Zweckmässigkeit der Innern 
Einteilung den Plan diktiert. Als letzte Konsequenz 
dieser Forderung ergibt sich die organische Zuge- 
hörigkeit des Gartens zum Haus. Erst dadurch wird das 
Haus von der Strasse isoliert, auf sich selbstgestellt. 
V Wir haben also zwei Pole, nach denen sich die 
Entwicklung des modernen Stadthauses spaltet: das 
Wohnhaus in seiner reinsten Form und das Ge- 



schäftshaus in seiner reinsten Form. Zwischen 
beiden Grundformen liegt eine breite Schicht von 
Uebergangs- und Vermittlungsformen. So wichtig 
sie vom Standpunkt des praktischen Bedürfnisses 
sind — weitaus die Mehrzahl unserer heutigen 
Stadthäuser sind Etagenhäuser mit Geschäftsräumen 
im Erdgeschoss und Wohnungen in den oberen 
Stockwerken schöpferische Bedeutung für die 

architektonische Entwicklung haben nur die Grund- 
formen. Von diesen ist das moderne Geschäfts- 
haus die natürliche Frucht moderner Kulturbedürf- 
nisse, die ihre Wurzel im Boden der Gegenwart 
hat. Hier konnten neue Kunstformen unmittelbar 
aus neuen Zweckaufgaben herausgeschaffen werden. 
Anders beim Wohnhaus. Hier galt es vielmehr, 
dem einseitigen Einfluss moderner Entwicklungs- 
tendenzen entgegenzuarbeiten. Die künstlerische 
Reform unserer heutigen Bürgerwohnung hat einen 
reaktionären Zug. Sie sucht verloren gegangene 
Traditionen des älteren Wohnhauses wieder ins 
Leben zu rufen. Der wirtschaftliche Boden dafür 
muss zum Teil mit künstlichen Mitteln geschaffen 
werden (Bodenreform, Gartenstadtbewegung u. a.). 
Darum hat diese Reform auch keine architektoni- 
schen Neuschöpfungen hervorgebracht. Man greift 
auf die Vorbilder der Vergangenheit zurück: auf 
das Bürgerhaus des Mittelalters, das Biedermaier- 
haus u. s. w. Ob sich aus diesem eklektischen Cha- 
rakter des modernen Wohnhauses der „neue Stil" 
herausbilden wird, oder ob dem noch fundamentale 
Umwälzungen, die die Entwicklung auf ganz neue 
Grundlagen stellen, vorausgehen werden, ist eine 
Frage an die Zukunft. V 




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C. F. H". I.coiünirclt- Fnitikfnrt n M. Cinindrissi' zu dem F.infniniliciiliniis 



87 







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88 



UNSERE BILDER 



V Im Frühling vorigen Jahres ist an der Ecke der 
Bohnenstrasse und des grossen Burstah in Hamburg 
ein Geschäftshaus dem Betrieb übergeben worden, 
dessen hanseatisches Gesicht geradezu verblüPFi, 
inmitten derGleichgültigkeiten und Stiipfuschereien, 
wie sie das Brandunglück vom Mai des Jahres 1842 
an Stelle des alten Hamburg stellte. Man hat das 
Gefühl, als ob die Architekten (Frejtag & Wurz- 
bach-Hamburg) mit diesem Gebäude das Grund- 
legende zu einer lokalen Bauweise gefunden haben, 
wie man sie sich nicht nur an den Flethen Ham- 
burgs, sondern in allen deutschen Seestädten denken 
mag. Zu diesem Erfolg tragen ebenso die zweck- 
mässige Pfeilerkonstruktion und die materialgerechte 
Backsteinarchitektur (gres flammes) als wie die un- 
genierte Farbengebung bei, die in ihren naiven 
Tönen an die Bemalung unterelbischer Fischerewer 
erinnert. Auch die Grundrisslösung ist dem Zwecke 
des Hauses mit grösster Sorgfalt angepasst: nur das 
Erdgeschoss enthält Verkaufsräume, der Zwischen- 
stock und die vier Obergeschosse sind für Muster- 
lager und Kontore eingerichtet und, weil ohne feste 
Teilung, für jeden Mieter nach seinen Anforderungen 
durch nichttragende Wände einteilbar. Dazu kommen 
zu jedem Geschoss entsprechende Aktenräume im 
Dachstock, sowie eine kleine Wohnung für den 
Hauswart im vierten Stock. Durch ein Marmor- 



Hessemer & Schmidt 
ünindriss der Wohnhaus 
iinippe in l.andsbets, a L 



Vestibül gelangt man entweder auf der Marmor- 
treppe, dem elektrischen Lift oder einem Paternoster- 
Fahrstuhl in die Stockwerke. Ausserdem ist das 
Gebäude mit Zentralheizung, Wasser-, Gas- und 
elektrischer Lichtleitung versehen und einem Waren- 
aufzug, der bis in den Dachstock führt. Der Hof 
liegt an einem Kanal. Trägt der Hamburger Bau 
den Charakter ernster Arbeit, so bürgt die Gebäude- 
gruppe in dem bayerischen Städtchen Landsberg am 
Lech für behagliches Wohnen. Die Architekten 
Hessemer & Schmidt-München erhielten seinerzeit 
den Bauauftrag auf Grund eines Preisausschreibens 
des Münchener Architekten- und Ingenieurvereins, 
aus dem sie mit dem ersten Preis als Sieger hervor- 
gingen. Sie haben es verstanden, den malerischen 
Charakter des altertümlichen Städtchens zu treffen. 
Die Häusergruppe besteht aus drei Gebäuden, von 
denen wir die beiden zusammengebauten abbilden; 
das dritte Haus ist rechts auf unserem Bilde noch 
etwas sichtbar. Hinter den Häusern liegt ein ansehn- 
licher Garten, von einem Bach durchschnitten. Die 
Fassaden der Häuser sind in Kalkmörtel verputzt und 
haben hie und da ein wenig Haustein erhalten. Zur 
Belebung der weissen Putzflächen dienen neben ein 
paarGlasmosaikbildern die graublauen Fensterläden, 
deren Tönung schön zu dem Rot des Daches steht; das 
Fensterholz ist weissgestrichen. Baukosten: ZOOJCXIM. 




Verantwortlicher Herausgeber: M. J. üRADL -Stuttgart, Rotenwaldstrasse 23. 

Verlag: JULIUS HOFFMANN -Stuttgart. Druck: Hoflmannsche Buchdruckerei Feli.x Krais-Stuttgart. 

(Der Nachdruck aller in dieser Nummer eutlialteneu Artikel und Bilder ist verboten.) 



18 





PROF. HER/MflNN BlLLlNG-KflRLSRüHE 
KÜNSTHRLLE MANNHEIM 




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MODERNE BAUFORMEN 

MONATSHEFTE FÜR ARCHITEKTUR 




PROFESSOR HERMANN BILLING-KARLSRUHE 

VON ARCHITEKT A. LEHMANN-MANNHEIM 



Die Architektur ist nicht wie die Malerei und 
die Plastik die Darstellung eines Naturgegen- 
standes, sondern — abgesehen von den praktischen 
Zwecken der Baukunst — eine rein abstrakte 
Kunst. Sie wirkt auch künstlerisch nur durch 
den Eindruck von Formen und Farben, nicht durch 
etwas Gegenständliches. *) 

V Mit diesem so einfachen und doch lapidarem Satz 
kennzeichnet der Künstler selbst sofort sein ganzes 
Wesen und Wollen, offenbart er sein grosses künst- 
lerisches Programm. Eigentlich müsste dieser Ge- 
danke jedem Architekten im Fleisch und Blut 
sitzen, aber die grosse Zahl quält sich immer noch 
mit mehr oder minder Glück mit Nachahmen, Um- 
gestalten und Weiterbilden historischer Stile und 
sieht im „geschmackvollen Detail", in der „guten 
Profilierung" ihr Heil. Billing geht radikaler vor. 
Er hat richtig erkannt, dass die Schönheit jeder 
Baukunst nicht in den Einzelheiten liegt, sondern 
dass die Masse der Materie die Quelle der 
Monumentalwirkung ergibt, die Masse in ihrem 
grossen Umriss, in ihrer stufenweisen Gliederung 
als verschieden geartete Fläche, als Licht und 
Schatten. Das schmückende Ornament ist ihm 
daher zunächst vollkommen Nebensache, ist auch 
nicht gerade die stärkste Seite seines Könnens, die 
Masse in ihrer Erscheinung ist das Wesent- 
liche, das Bedeutsamste seiner baukünstlerischen 
Schöpfungen. In ihrer Beherrschung nach allen 
Dimensionen, in ihrer Handhabung als Sprache des 
inneren abgegrenzten Gedankens, in der Durchbil- 
dung ihres Stoffes zeigt Billing eine Kraft, eine 
Eigenart, die seine Kunst zu einer ganz persön- 
lichen macht, welche ein unbewusstes Nachahmen 
völlig ausschliesst. Das bestimmte sichere 
Hinarbeiten auf dieabsolute Form ist wohl 
der erste und stärkste Eindruck, den man vor Bil- 
lings Werken erhält. V 



*) Hermann Billing, Architektuiskizzen, VerLig Julius Hoff 
Stuttgart. Vorwort 



V Ein Wohnhaus! Eine Villa! Die inneren For- 
derungen solcher Gebäude sind im grossen und 
ganzen ziemlich ähnlich. Es entsteht ein Haus mit 
Wänden, Fenstern, Erkern, Baikonen, Giebeln, 
Dachflächen etc., lauter Bauglieder, wie sie überall 
vorkommen, und doch ist aus dem Zusammenschluss 
aller Teile ein Werk geworden, das in zunächst un- 
gewohnter Sprache zu uns redet. Betrachten wir 
als ein Beispiel die Villa Schwedler-Karlsruhe: 
Eine ruhige, sichere Breite des Grundrisses, straffe 
sich steigernde Linie der Silhouette, eine geschlos- 
sene Massenwirkung, der zuliebe sogar das Dach- 
gesims fast gänzlich zurückgeschoben wurde, grosse 
Flächenbetonung, horizontal gegliedert durch die 
Verschiedenartigkeit der Baumaterialien, Sandstein 
und Putz, eine absolute Unterordnung des Orna- 
ments unter die einheitliche Form. Man muss nicht 
gerade auf John Ruskins Kunstideal schwören, um 
dennoch zu erkennen, dass hier im kleinen versucht 
worden ist, die von dem grossen Aesthetiker ange- 
schlagenen reinen Klänge der Schönheit zum Aus- 
druck zu bringen. Es bleibt hiebei selbstverständlich 
vollkommen offen, ob unser Künstler die Töne 
dieser Harmonien kannte. Der Musikvirtuose wird 
nur den alten Meister zu Gehör bringen, der Kom- 
ponist, wenn er auch nicht immer ein Meister- 
spieler ist, weiss fast stets neue Akkorde, neue Ton- 
folgen zu finden, die bald eine frische Zuhörer- 
schar, wie manchen Interpreten fesseln. V 

V Mit bedeutenderem Inhalt wächst der Gedanke, 
die Kraft des Könnens, die Möglichkeit der freieren 
Betätigung. Ein Teil der Abbildungen zeigt uns 
den Billing'schen Konkurrenzentwurf für die Fest- 
und Ausstellungshalle des Hohenzollern- 
gartens in Frankfurt a. Main. Ich habe leider 
die Projekte der anderen Bewerber nicht gesehen, 
jedoch auch ohne Vergleich, nur als Werk des 
schaffenden Künstlers betrachtet, redet diese Arbeit 
machtvolle Worte von „Grosszügigkeit und selbst- 
ständigem Geistesgehalt". Was am Grundriss und 



90 



Professor Hermann Billing-Karlsruhe 



noch stärker und anschaulicher in den Perspek- 
tiven dem Fachmanne in die Augen fällt, ist die 
grandiose Platzgestaltung, die stets wuchtige ge- 
schlossene, in den Seiten langsam ausklingende 
Bilder ermöglicht. Durch das Zurückschieben des 
grossen Hauptkomplexes von den Verkehrswegen 
werden die für solche Massen von allen Seiten er- 
forderlichen Standpunkte in Wirklichkeit ge- 
schaffen, so dass diese Perspektiven sich nicht nur 
ideal auf dem Papier, sondern auch nach der 
Ausführung ergeben. Es mag an dieser Stelle auch 
auf die stets vornehme und ernste Art der Dar- 
stellung Billings hingewiesen werden, die so- 
zusagen fast jede schmückende Staffage verschmäht, 
um Linien und Formen deutlicher in die Erscheinung 
treten zu lassen; und wie oft wird durch solche an 
sich unwesentliche Dinge der Bildeindruck beein- 
flusst, wenn nicht gar im Massstab verändert. „Die 
Architektur ist eine rein abstrakte Kunst." V 

V Betrachten wir nun den Aufbau nach seiner inne- 
ren Bestimmung, nach seiner äusseren Wirkung. 
Eine in gewaltigen Abmessungen gehaltene Aus- 
stellungs- bezw. Festhalle schliesst sich an einen 
Bühnenraum an, der sich wiederum nach einem 
grossen Amphitheater öffnet, sodass die Bühne 
nach zwei Seiten benutzt werden kann. Eingänge, 
Vestibüle sind dementsprechend beiderseitig vor- 
gelagert. Eine geräumige Garderobe-Anlage ver- 
bindet den Ausstellungsbau mit dem kleinen Kon- 
zerthaus, an das sich zentral situiert der Restau- 
rationsbau mit Terrassen und Gärten anfügt. Die 
grosse Hauptachse: Ausstellungshalle — Bühne — 
Theater wird durch das grundrissliche Anschmiegen 
der beiden Gebäude für Kunst und Industrie noch 
stärker betont. Wenn je der Vergleich von Bau- 
kunst und Musik, weil diese gleichfalls abstrakte 
Kunst, angebracht ist, hier klingt eine mächtige 
Bausymphonie, die wie jedes Kunstwerk gegliedert 
und geeint, in deutlich ausgesprochenen Sätzen sich 
zur Höhe entwickelt, die den geistigen und formalen 
Inhalt im bedeutsamsten Momente zum Ausdruck 
bringt, im Bühnenhaus, von dem aus wir auch inner- 
lich unsere Genüsse als Werke tönender Kunst 
empfangen. Das ist eigentlich so selbstverständlich, 
ergibt sich schliesslich auch aus der Konstruktion, 
aber die Art und Weise wie dieser Gedanke syn- 
thetisch aufgebaut und verkörpert ist, erfüllt den 
denkenden, künstlerisch empfindenden Beschauer 
mit Verehrung für den geistigen Schöpfer. Und wenn 
wir ins Detail gehen, nirgends ein schmückendes 
Beiwerk, das sich nicht gleichsam als unwesentlich 
der grossen Form unterordnet. Wo es jedoch auf- 
tritt, ist es gewissermassen zur Belebung der Fläche 
bedingt. Das ist das Signum werdender grosser 



Kunst, dass auch der künstlerische Schmuck seine 
innere Berechtigung hat, die ihn vom Ganzen un- 
löslich macht. V 

V Wie Billing seine Massen zur Tat werden lässt, 
veranschaulicht uns die nun bald ihrer Vollendung 
nahende Kunsthalle in Mannheim. Das erste 
Stockwerk der Seitenflügel, die sich an den reprä- 
sentativen Kuppelbau symmetrisch anschliessen, er- 
hält Seitenlicht, der zweite Stock Oberlicht. An 
den Kuppelbau fügt sich rückwärts ein durchgehen- 
der hoher Oberlichtsaal. Organisch ergeben sich 
daher die langen Reihen der Fenster des Erd- 
geschosses, ein breites Gurtgesimse bildet den Fen- 
stersturz, darüber erheben sich die den Raum be- 
grenzenden lückenlosen Mauerflächen. Aber weiches 
Leben wusste der Künstler in diese scheinbare 
Monotonie der Flächen zu legen: Die Fenster- 
gewände erforderten als Tragglied eine kräftige Aus- 
bildung; gleichsam aufgelöst setzen sie sich in 
schmalen, leicht geschwellten Lisenen bis zum wenig 
ausladenden Hauptgesims fort. Die Mauerflächen 
ergeben hierdurch den Eindruck einer angenehm 
wirkenden Leichtigkeit. Doch nicht nur Schmuck 
bedeuten diese Formen; das Gurtgesims hat einen 
starken Eisenbetonanker aufgenommen, weicherden 
weit gelagerten und an manchen Stellen weit ge- 
spannten Bau sicher umklammert. Die Lisenen 
enthalten Bündel von Eisenstäben zur Verstärkung 
der Eisenbeton-Hintermauerung der Sandsteinfas- 
saden. Ueberall fühlt man den denkenden Künst- 
ler. Den Mittelpunkt der Anlage krönt der Kuppel- 
bau, welcher auch den Haupteingang aufnimmt. Wie 
die langgestreckten niedrigen Seitenflügel, die Reihe 
der Fenster, das ununterbrochene Hauptgesims, das 
glatte flache Dach die Horizontalwirkung ergeben, 
so strebt hier alles zur Höhenentwicklung. Die 
mächtigen Treppenwangen vermitteln den Ueber- 
gang, dann steigt Linie um Linie empor bis zu den 
figurenbekrönten Säulenenden, bis zur flachen, leise 
ausklingenden Kuppel. Will nun der eine oder 
andere der Sprache des Künstlers auch nicht in 
allen Teilen dieses Hauses folgen, man mag ein- 
wenden, der Gesamteindruck sei als der eines 
Kunstausstellungsgebäudes zu nüchtern, der wenige 
plastische Schmuck, der zum Teil in Form von 
zierlichen, sehr flach gehaltenen kleinen Köpfchen 
am Hauptgesims auftritt, sei an unwirksamer Stelle 
angebracht u. s. w. — es wird doch jeder künst- 
lerisch empfindende Mensch vor diesem Werk halt 
machen und es bewundern als den vornehmen 
würdigen Ausdruck einer monumentalen, ernsten 
Ruhe, einer kraftvollen sicheren, ungesucht origi- 
nellen Künstlernatur. V 

V Will man Billings Eigenart kennzeichnen, so ist es 



91 



Professor Hermann Billing-Karlsruhe 



nötig, auch bei der Formbehandlung der Bauglieder 
etwas länger verweilen. Man bemerkt oftmals eine 
leichte Krümmung, meist eine konkave Bewegung 
der senkrechten Fläche, so dass der an sich glatte 
Stein eine ganz eigentümliche Plastik erhält, die 
ihn aus der Masse organisch heraushebt Das Licht 
tönt in langsam schwellenden ruhigen Schatten die 
Wölbung, wodurch dieses Farbenspiel vereint mit 
dem Charakter des Steines und des Steinschlages 
nahezu die Stelle des Ornamentes vertritt, eine 
wirklich abstrakte Form. Wo eine konstruktiv be- 
dingte Wagrechte den aufsteigenden Blick kreuzt, 
wie bei Fensterbank, Fenstersturz, wie hei streng 
begrenzten, durch Pilaster oder Säulen flankierten 
Mauerflächen, wird dieser Horizontalen durch die 
konkave Bewegung eine angenehme Weichheit und 
Schmiegsamkeit gegeben. Die Masse des Steines 
wird wirkungsvoll belebt durch eine Form, die meines 
Wissens zum ersten Male von Professor Hermann 
BiUing in dieser Art und Weise bei der abendländi- 
schen Baukunst verwendet wurde. Wohl kannte auch 
das Barock eine zur Rundung übergehende Be- 
wegung der Mauerflächen, aber man hatte nicht 
den Mut, diese Körper in ihrem Organismus zu 
zeigen, verdeckte sie durch vorgelagerte Säulen, 
mit einem Reichtum von Kartuschen und Pro- 
filen, so dass in ihrer Weiterentwicklung bald das 
Ende, die wilde Freiheit, das Rokoko kommen 
musste. Bedeutet doch schon das Wort „Barock" 
Verkrüpplung, Ausartung. Die Billing'sche Form- 
behandlung ist in gewissem Sinne ein neuer Klang, 
der Anfang einer reichen Motiventwicklung. Es 
soll hiermit selbstverständlich nicht der Gedanke 
ausgesprochen sein, dass der „neue Stil" in dieser 
Richtung liegen müsse, — Stil wird nicht durch das 
Zusammenfügen von neuen Einzelformengeschaffen, 
und Stil ist nichtdas wenn auch noch so künstlerische 
Ergebnis eines Einzelnen — aber die Neuschöpfung 
aus der abstrakten Masse der Materie lässt mehr als 
ein grünes Blatt am historischen Baum der Kunst 
werden, das lässt einen kräftigen Zweig erhoffen. 
V Dieser neuen Körperhaftigkeit, wenn ich einmal 
so sagen darf, gesellt sich bei Billing noch die Er- 
füllung des zweiten grossen Gesetzes architekto- 
nischer Kunstwirkung zu, das Gesetz der Pro- 
portion. Wenn man von Proportionen spricht, so 
denkt man zunächst stets an Zahlen, allein so wenig 
es möglich ist, die Schönheit von Klang-Harmonien 
durch die Ausrechnung der mathematischen Be- 
ziehungen der einzelnen Tonschwingungen zu er- 
gründen, so unvernünftig wäre es, zahlenmässig die 
guten Verhältnisse schöner Bauten festzustellen. 
Hier setzt einzig und allein das Stilgefühl ein, 



das bei Billing in so sicherer bestimmter Weise 
ausgebildet ist. Je grösser die Masse, um so klarer 
gelingt ihm die Proportion, um so eindringlicher 
und wuchtiger, um so monumentaler und deutlicher 
spricht der Architekt zu uns. Wollt ihr die Seele 
des Künstlers, so forscht in seinen Mappen, in 
seinen Skizzen, wo die ungezügelten Träume seiner 
Phantasie in Schönheit schwelgen. Die Berges- 
riesen, die steil zerklüfteten Felsen, den dunklen 
Wald mit seinen mächtigen Säulen, die glatte spie- 
gelnde Fläche des Wassers sucht er in idealer Land- 
schaft nachahmend zu bezwingen. In der allmäch- 
tigen Natur erfasst der Sehende Kühnheit und 
Schwere, begreift er Breite und Festigkeit. V 

V Nun steht der Monumentalkünstler wieder vor 
der Aufgabe des kleinen wohnlichen Innenraumes. 
Muss man nicht an manchen Stellen die Fessel 
fühlen, welche das Material, die Nahwirkung, die 
Grenzen der Gestaltungsmöglichkeit bedingen! Den 
grossen Künstlern erscheinen die gewöhnlichen Be- 
dürfnisse der Menschen gewissermassen fast zu 
klein, zu nichtig, um sich ihnen unterordnen zu 
können, um ihnen zuliebe seine Kraft zu zügeln. 
Ohne es zu wollen, sagen deshalb manche Villen 
Billings in ihrer freien Entwicklung auch nach 
aussen oftmals mehr als sie sollen. Nur wo 
die Grosszügigkeit frei walten kann, entstehen 
stimmungsvolle Raumgebilde. In diesem Reich tritt 
auch das Billing'sche Ornament deutlicher in die 
Erscheinung. Es lässt sich schwer die reiche Quelle 
der Vorbilder und der Anregung angeben, aus wel- 
cher der Künstler schöpft. Ueberwog früher die 
geometrische Linie, so glaubt man aus der jetzigen 
Periode Anklänge an klassische Motive zu entdecken; 
doch stets ist das Ornament selbständig gedacht, 
streng in der Form, materialgerecht und von der 
grossen Idee beherrscht. Was auch der Künstler 
zu sagen weiss, stets ist seine Sprache eigenartig, 
kraftbewusst, reich an Farbe, Form und Gedanke, 
getragen von ehrlichem Streben nach Schönheit. 

V Tausend Wege i'ühren nach Rom, tausend 
Geister schaffen und wirken zusammen zu einem 
hohen Ziel, zu einer neuen grossen Kunst. 
Der eine schreitet im logischen Aufbau feinster 
Gedankenarbeit vorwärts, der andere eilt irr und 
wirr, in trippelndem Gange geht das Talent, mit 
Riesenschritten stürmt der Genius. Vorsichtig 
sucht der Bedächtige nach Spuren alter verloren- 
gegangener Pfade, mit frischer Kraft bahnt sich der 
Mutige seine eigene Strasse. Professor Billings 
Werke bedeuten starke Wegweiser für die, die nach 
ihm kommen und vorwärts eilen wollen, Denkmäler 
für die geniessenden Beschauer. V 



92 











PROF. HERMANN BILLINCj- KARLSRUHE 
Haus BilUiiir in Karlsruhe 



93 




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I'ROI . HERMANN BILIJNCi- KARLSM'I//: 
lunfneciigiingeii der Hauser Vittali d'- Bill in i; in Karlsruhe 



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l'RÜI-'. HERMANN BILLINü-KARLSRUHE 
Eingang lies Hauses Billing in Kaiisrnhe 



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PROF. HERMANN B/LLING -KARLSRUHE 
Naiiebnicke in Kienznach 



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PROF. HERMANN BILLINQ-KARLSRUHE 
Projekt für die Fest- und Ausstellungshalle Frankfurt a. M. 




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PROF. HERMANN BILLING-KARLSRUHE 
Rlicinhrm-ke Rnhrort- Homberg 







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Hans ..Grün": Kantin ans dem Zimmer des Herrn und Grnndriss 



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['ROr. HERMANN BILLINü-KARLSRUHr. 
Haus „ürtln" in Mannheim 



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Hniis .. (inin " •.■ f)iele 

(Ausgefülirl von /.. ./. Peter- .Wannheim) 



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PROF. HERMANN BILLING-KARLSRUHE 
VILLENANLAGE AM HERCHENBERG BEI FREIBURG I B 
(GRUNDRISSE VON J. MALLEBREIN IN FREIBURG i B ) 



115 




l'ROI\ HliR.WASS HII.I.ISÜ-KARLSRUHl: 

h'assade des Gebäudes der Freibiirger Zeitung, Freiburg i. ü. 

Architekt der Grundrisse J. Mallebrein- Freiburg i. B. 



116 




PROF. HERMANN BILUNG-KARLSRUHE 

Fassade des Gebäudes der Freiburger Zeitung. Freiburg i. B. 

Architelit der Grundrisse J. Mallebrein - Freiburg i. B. 



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PROl. HliR.WANN BILUM] - KARI.SRUHI: 
Sliidien zu einer Dopjuivilla 



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PROF. HERMANN BILLING- KARLSRUHE 
Studie zu einer Doppelvitla 




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Grundrisse der Villa v. Sdiwedler in Karlsruhe 













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PROF. HER.WASS BlLLlSü & WILHELM \1TTALI- KARLSRUHE 
Sanatorium Dr. Heinsheimer in Baden-Baden 




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PkOh. HtkMA.\.\ biLUSu & \XILIitLM VIU ALI-KARLSRUHE 
Sanatorium Dr. Heinsheimer in Baden-Baden 



124 




PROF. HERMANN BILLING d- WILHELM VITTALI- KARLSRUHE 
Sanatorium Dr. Heinsheimer: Billardzimmer 
(Ausgeführt von Gerson & Wolff- Stuttgart} 



125 




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PROF HERMANN BILLlNU-KARLSRUHt c- J. MALLEBREIN -FREIBURG i. 
Wohn- und Gesdiäftshaus Kapferer in Freibarg i. B. 



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PROF. HERMANN BILLING- KARLSRUHE 
Studien zu Fitsstcppidieii 



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PROF. HERMANN BILLING- KARLSRUHE 
Hotel ..Friedrichsliof" : Tiirt' im Konzertsaal 



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PROF. HERMANN BILLING- KARLSRUHE 
Hotel ..Friedrichshof : Lüster im Konzertsaal 



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Aus ..Hermann Billini:. Aichilekturskizzcn" (X'erlag von Jnlins Hoffmnnn - Slutlgnrt) 



136 




Ans ..Hermann Billiiiii. Aniutekturskhzi'n' (Verlag von Jnliiis Hoffmann-StnttgartI 



Veraiitwortlidier Herausgeber: M. J. üRADL- Stuttgart, Rotenwaldstrasse 23. 

Verlag: JULIUS HOFFMANN -Stuttgart. Druck: Hoffmannsche Buclidruckerei Felix Krais-Stuttgart. 

(Der Nachdruck aller in dieser Nummer enthaltenen Artikel und Bilder i5t verboten.) 



27 





QESELLIUS, LIMDQREN & SRflRIhEN • HELSIINGFORS 
KOINKÜRREMZPROJEKT FÜR EIN mMDHRUS RM RHEIN 




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v,i MODERNE BAUF0RA\EN|4 

MONATSHEFTE FÜR ARCHITEKTUR 



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GESELLIUS, LINDGREN UND SAARINEN 



Die drei tüchtigsten finnischen Architekten haben 
das Glück, jung zu sein. Ein beispielloser 
Erfolg hat ihnen binnen wenigen Jahren in dem 
kleinen Lande die unbedingte Hegemonie verschafft. 
Sie haben eine Menge Privatbauten und die wesent- 
lichsten öffentlichen Aufträge der letzten Zeit er- 
halten. Die bedeutendste Aufgabe ist der Bahnhof 
in Helsingfors, der den hässlichen kleinen Kasten, 
der bisher diente, durch eine durchaus grossstädtische 
Anlage ersetzt. Soweit man nach den Zeichnungen 
urteilen kann — der Bau ist noch nicht fertig 
handelt es sich um einen sehr stattlichen Monu- 
mentalbau, den die Nütziichkeitsvorschriften nicht 
um die Originalität bringen. Die Ausführung in 
behauenen Quadern bis zum Dach hinauf, wobei 
selbst die kolossalen Bogen, die doch wohl im 
wesentlichen nur zum Schmuck der Fassade dienen, 
mit diesem mächtigen Material ausgefüllt werden, 
kokettiert zwar mit einer etwas zu weit gehenden 
Betonung des nordischen Charakters und entspricht 
nicht ganz dem feinen Verständnis, das man in der 
inneren Ausstattung des Gebäudes bemerkt. Auch 
das neue finnische Nationalmuseum ist in demselben 
Material gehalten, aber hier passt die Anlage besser 
dazu. Die Mischung von Kastell und Kirche ist 
glücklich gefunden und das Verhältnis der Vorbauten 
zu dem eigentlichen Körper des Gebäudes zeugt 
überall von sicherem Blick. V 

V Die Fassade des Bankhauses muss man in Wirk- 
lichkeit gesehen haben, um die prächtige Wirkung 
des reich geschmückten Erkers würdigen zu können. 
Eine unendliche Sorgfalt ist auf seine Detaillierung 
verwendet. Er wirkt gleichsam wie ein goldenes 
Pincenez auf dem nüchternen Gesicht der Fassade. 
Da eine Fassade immer nur ans Mauer und Fenstern 
bestehen kann, muss sie vor allem ein richtiges 
Gesicht haben. Das gibt ihr in unserem Falle allein 
der Erker. Denn die Fenster sind Oeffnungen ziem- 
lich willkürlicher Art, ohne organischen Zusammen- 



hang mit der Fläche der Mauern. Auch das ori- 
ginelle Kranzgesims scheint nur dazu da, den 
asketischen Verzicht auf die Gliederung des Mauer- 
werkes zu erhöhen. Im Inneren ist alles ungemein 
appetitlich; die Wellenlinie der Wandbemalung 
unterbricht angenehm die vielen strengen vertikalen 
und horizontalen Linien der Raumteilung. Aller- 
dings hätte für die Träger der Tische eine bessere 
Lösung gefunden werden können, als die runden 
Säulen mit dem abgedroschenen Dreieckmuster, das 
uns so einfallsreiche Künstler nicht mehr vorsetzen 
sollten. Künstler, die das Ornament mit solch 
souveräner Schöpferkraft beherrschen und - ver- 
wenden, sodass man oft versucht wird, zu fragen: 
Warum nicht die viele Liebe und Zeit, notabene auch 
das Geld, das man für Zieraten verschwendet, auf die 
Hauptsache konzentrieren? Ein gutes Verhältnis 
der Hauptlinien ist hundertmal mehr wert, als alles 
Ornament. Man hat zuweilen bei diesen, wie bei 
so vielen modernen Architekten den Eindruck, als 
ob das Gerippe des Baues nach einem flüchtigen 
Einfall entstanden sei, während die Kleinigkeiten 
mit minutiöser Sorgfalt ausgeführt werden. Die 
schönen Bogen der Wiborger Bahnhofshallen, die 
mustergiltig genannt werden können, wären durch 
keinerlei Details noch so prächtiger Art zu ersetzen. 
Es ist eine wahre Wohltat, hier keinerlei Schmuck 
zu finden. V 

V Andere mögen anders denken. Es ist auch nicht 
zu leugnen, dass die Verneinung des schmückenden 
Ornamentes nur zu leicht wie Armut des Erfindens 
aussieht. Hier gilt es eben auch, wie überall, die 
goldene Mittelstrasse zu finden. Dass Künstler, die 
so begabt sind wie die drei Finnen, auf dem besten 
Wege, dazu sind, zeigen die paar Abbildungen, die 
wir von ihrem eigenen Landhause bringen können. 
Es ist nicht nötig, dass sie, wie ein Freund ihrer 
Kunst neulich behauptete, zur Abstinenz schwören, 
zehn Jahre lang kein Ornament mehr anrühren sollten. 

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Geselliiis. I.indgren & Saariueii: Aufrisse und Sdiiiill des Konkunrnzpiojektes für ein Landlians nni Rlieiii 



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CieSL'Ilins, Liiuliin-n S: Saarincn. Cinindrissc di'S KonUnrrenzprojektc'S für ein Laiidlians am Rlic 



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Kon/airmi-pmirkt für rill l.aiid/iaiis am Rhein: Kinärrspielzimmer 



28 





QESELLIUS, LIMDQRENl & SRRRIINEM ■ HELSIMQFORS 
• KOMKURREMZPROJEKT FÜR EIN LRMDMRUS RM RHEIN 



141 




GtSELUUS. LINDÜRHN & SAARINH\ - HHI.SLXÜFÜNS 
Gebäude der „Nord. Aktienbank" in Helsing/ors 



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OESELLIUS. LINDÜRBN d- SAARINEN- HELSINGFORS 
Detail vom üebäudc der „Nord. Aktienbank" 



143 




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ÜEStlLLIUS. LIN DÜREN & SAARINEN ■ HELSINGFORS 
Gebäude der „Nord. Aktienbank" : Hauptsaal 



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GHSHl.I.IUS. IJNDüRHN & SAARINEN -HELSINGFORS 
Gebäude der ..Nord, .\ktienbank~ : Hauptsaat 



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0ESELLIU5, LIMDQREM & SRRRIMEf^ • HELSIMQFORS 
KOriKüRREMZPROJEKT FÜR EiNl LRMDHflüS 
RM RHEIN; DIELE 



30 





QESELUUS, LIMDQREN & SRRRINE-N ■ HELSIhQFORS 
•KOhKURREMZPROJEKT FÜR EIN! LnMDHRUS 
RM RHEIN: DIELE 



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QESELLIUS, LINDQRENl & SRRRiriENl • HEL5IMQF0RS 
KOMKURREMZPROJEKT FÜR EIN LRMDHRUS RIA RHEIN: 
SPEISEZIMMER 



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GESELLIUS. LINDGREN &- SAARINEN -HELSINGFORS 
Grundriss des neuen Hatiptbahnhofes in Helsingfors 



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GF.SELUUS. LINDGREN &- SAARINEN -HBLSINGt'ORS 
Der Wartesaal des Bahnhofes in Wiborg 



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ÜESELLIUS. UN DÜREN C.- SAARINEN -HELSINCFORS 
Die Vorhalle im Bahnhofe in Wiborg 



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QESELLIUS, LIMDQREKl & SRRRII^EN • HEL5IMQF0RS 
KOMKURREMZPROJEKT FÜR EIN LRMDMRUS RfA RHEIN: 
ZIMMER DER FRRU 



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üESLLLIUS, USDÜRES & SAAUISIiS -UELSISüiVRS 
Das Landhaus der Kilnstler hei Helsingfors 



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GESELLIUS. LINDGREN & SAARINEN -HELSl.WtOliS 
Das Landhans der Künstler bei Helsingfors 



161 




ÜHSEI.LIUS. l.INnCRliS & SAARINEN -HELSINGI'ORS 
Das Landhaus der Künstler hei Helsingjors: Halle 



162 




GHSELUUS. LI N DG REN & SAARINEN -HELSINÜFORS 
Das Landhaus der Künstler bei Melsingfors : Anridite und Dachfenster 



33 





QESELLIUS, LIMDQREM & SRRRinENl • HELSIhQFORS 
KOrSKURREhZPROJEKT FÜR EIN LRINDHRUS RM RHEIM: 
ZIMMER DES HERRh 



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QESELLIUS, LIMDQREM & SRMRIMENl ■ HEI 
KOINKURREMZPROJEKT FÜR ElM LRMDHR' ^ l^: 

SCHLAFZIMMER DER ELTERIN 



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ZU DEN NEUBAUTEN VON E. TURNER POWELL 



V Ohne Zweifel ist das Bestreben der bedeutendsten 
britischen Architekten unserer Zeit darauf gerichtet, 
auch in ihren Arbeiten jenen eigentümlichen, am 
besten wohl mit „reserviert" bezeichneten, National- 
charakter zum Ausdruck zu bringen, der den besten 
Schöpfungen der alten englischen Architektur den 
Stempel der Individualität aufdrückte. Denn ob- 
wohl, allgemein gesprochen, die Kunst international 
ist, beschränken dennoch gesellschaftliche und 
klimatische Verhältnisse den Gesichtskreis des 
Künstlers. Die Folge davon ist lokale Eigenart, die 
aber gerade und besonders in der Architektur das 
hervorbringt, was wir an den guten Arbeiten aller 
Zeiten bewundern. In unseren Tagen tritt, mangels 
einer gefestigten Ueberlieferung, nur allzu leicht ein 
gekünsteltes Suchen nach den Ueberbleibseln der 
Tradition an die Stelle gesunder Weiterentwicklung, 
dessen Auswüchse man nicht scharf genug verur- 
teilen kann. Diese Gesichtspunkte muss man bei 
der Betrachtung von Turner Powells Arbeiten im 
Auge behalten. Auf einwandfreien Traditionen 
fussend, ist es ihm doch gelungen, eigene Erfindung 
und Ursprünglichkeit zu wahren, ohne dabei eng- 
lische Empfindungen und englische Art zu verlieren. 
Alles dies vereint er mit einer peinlichen Sorgfalt 



in der Verwendung des Materials am rechten Platze, 
wobei er ebenso sehr auf die Brauchbarkeit, als 
auch auf die künstlerische Wirkung sieht. V 

V Bei Great House Court, dem jüngsten der beiden 
abgebildeten Häuser, ist die architektonische Wir- 
kung, malerisch auf der einen und symmetrisch auf 
der andern Seite, mehr durch die schöne, tech- 
nische Ausnützung des verwendeten Materials als 
durch ausgesprochene Anlehnung an einen der 
überlieferten Baustile erreicht. Das Haus atmet 
Ruhe, ist anheimelnd und statt seine Persönlichkeit 
aufzudrängen, scheint es sich den Bedürfnissen der 
Bewohner anzupassen. Trotzdem ist es keine Ar- 
beit, an der man nur negative Eigenschaften finden 
könnte, im Gegenteil, die vorzüglichen Verhältnisse 
der Baumassen an der Gartenseite, die wohlerwogene 
Unabhängigkeit von Haus und Garten, sind Ver- 
dienste positiver Art. Die Pläne sind bei den 
Häusern typisch für das englische. Landhaus, viel- 
gestaltig und geräumig, auch in den Nebengelassen, 
und dem Nordwinde den Rücken wendend. Mit 
der den Engländern charakteristischen Vernach- 
lässigung der Repräsentation nach aussen hin, 
liegen die architektonisch interessanten Teile der 
Häuser in der Hauptsache nach der Gartenseite. 
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Hans ..Aniiniüaii" , (.iniiuliis^ 



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F.. TURNER POWELL- LONDON. Üreat House Court: ein Schlafzimmer 




E. TURNER POWELL- LONDON. Haus ..Ardmillair : Halle 



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ADOLF VON HILDBBRAND- MÜNCHEN 
Grabmal des Fürsten Georg Wilding v. Radali auf dem Kirdiliofe zu Heidelberg 



Veraiitwortliclier Herausgeber: M. J. ÜRADL-Stuttgart, Rotenwaldstrasse 23. 
Verlag: JULIUS HOFFMANN -Stuttgart. Druck: Hoffmannsche Buchdruckerei Felix Krais-Stuttgart. 

(Der Nachdruck aller in dieser Nummer enthaltenen Artikel und Bilder ist verboten.) 



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KIRCHEhPRO]EKT 

FRRBIQE SKIZZE VON PRUL RÖS5LER 

(RRCHITEKTÜR VOK! OSWlN HEMPEL) 



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v,i MODERNE BAUF0RA\EN|5 

MONATSHEFTE FÜR ARCHITEKTUR 



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ERSTES DRESDENER KÜNSTLERHEFT 1907 




MAX HANS KÜHNF. i. Fa. LOSSOW d- KÜHNE- DRHRDEN 
Herrensitz in Tataren bei Insterbiirg 



178 




MAX HANS KÜHNE i. Fa LOSSOW d- KÜHNE- DRESDEN 
Herrensitz in Tataren bei Insterbiirn 



179 




WILLIAM LOSSCm- ( LOSSOW & VIEHWBGHR) JETZT l.OSSOW & KCl INH-DRESDEN 
Villa Munds in Dresden, Strassenansicht 



180 




WILLIAM LOSSOW (LOSSOW & 



VIEHWEGER} JETZT LOSSOW & KÜHNE- DKESÜtS 



Villa Munds in Dresden 



181 




182 




WILLIAM LOSSOW , LOSSOW & VIEHWEGER) JETZT LOSSUW & KÜHNE-DRESDEN 
Diele in der Villa Munds 



183 




WILLIAM LUSSUW ( LU^SÜW & VItHWtütR) JtTZI LÜSSOW & KÜIISH- DRESDEN 
Villa Miiiuis- Dresden: Blick in die Diele 



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öDetwojeiTiinBiTi, 





Willinm Lossow ( Lossow & Viehweger) 

jetzt Lossow & Kühne- Dresden 
Grundrisse der Villa Munds in Dresden 



Fritz Sdiuinadier - Dresden 
Grundrisse der Villa Brauer in Lilnehurg 




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WILLIAM LOSSÜW ( LÜSSÜW & VIHHWEÜER) JETZT LOSSOW & KÜHNE-DRliSüEN 

Villa Munds in Dresden: Dielenlmmin 



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IRII/ ScHUMAcHhR-nRHSfyEN 
Villa Brauer in Lünebiini: Diele: Eichenlwlz 



187 




FRITZ SCHUMA CHER - DRESDES 
\ 'illa Brauer in Lüneburg 



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FRITZ SCHUMA CHER - DRESDEN 
Denkmal für Frn?i;:iis (Schöf)frr der W'eserkorrektioii) in Bremen. Ansicht von der Weser ans 





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FRITZ SCHUMACHER- DRESDEN 

Uhr für das Rathaus in Leipzig. Gestiftet vom Leipziger Lelurrverein 

Palisander and Perlmutter. Ausgeführt von den Dresdener Werkstätten ]ür Handwerksiznnst 



191 




IRITZ SCIlUAlACIlF.R-DRLSDLiN 

Zimmer für die Villa Hirzel in Leipzig. Zitronenholz 

Ausgeführt von den Dresdener Werkstätten für Handwerkskunst 



192 





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05WIN HEMPEL • DRESDEN! 

PREISGEKRÖNTER KOINKURREMZEhTWURF ZUR RUFTEILUfNG i\m KFRRUÜNQ 

EIMES TERRfllhS BEI DRESDEN MIT EIN- UMD ZWEIFRMILII 



193 




l-RITA SCnUMACHFM- DRESDEN 

Entwurf für ein Denkmal auf dem Friedhof in Uerdingen a. Rh. 

Kalkslein: 5 m hodi 



194 




PAUL RÖSSLER- DRESDEN 
Wandmalerei in der Kirche zu Zwidtau 
(Ardüt. Schilling rf- Üracbner-Drcsden) 



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Eriäi Klein lit'itipi'l- Dresden 
Grundrisse zum Heins Sduiinhadi in B/iisewit: n. d. F.lbe 



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ERICH KLlilSHE.WPEL - DRESDES 
Elans Sdiambadi in Blaseuntz an der Elbe 



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ERICH KLEIN HEMPEL-DRESDEN 
Haus Schambach in Blasewifz : Kapferbededtter Vorbau mit Eingang 



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ERICH KLEIN HEMPEL-DRF.SDEN 

Haus Schamhach in Blasewitz: Vorplatz 



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ERICH KLEIS'HEMPEL-DRIiSDEN 
Haus Schainhacli in ßlasewitz : Diele, Altantür und Uhr 



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KARL GROSS- DRESDEN 

Dauerbrandofen mit siditbarem Feuer und grüner Kachelummantelung 

Ofenfabrik Saxonia-Meissen 



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ßnin/irn in einem Park 



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FRITZ SCHU A4 ACHER- DRESDEN 

Denkmal in der Tedinisdien Hodischulf- Dresden Denkmal in der Technisdien Hoclisdnile- Dresden 

(Relief von Hiidler) (Relief von Jiiidlerl 

Ge£;ossen hei Pirner <(■ Franz-Dresden 



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KARL GROSS- DRESDEN 
Tatifsteinfüsse 



Verantworllich für dif F^L-daktioiiskomniission : Prof. KARL üROSS-Dresdeii, Dürerstr. 21. 
Red.-Komniissinn: Prof. SCHUMACHER, Pn.f. HOTTENROTH, ERICH KLEINHE.WPEL, Prof. GROSS, PAUL ROSSLER 

sämtlich in Dresden. 
Verlag; JULIUS HOFFMANN-Stnttgart. Druck: Hoffmannsche Buchdruckerei Felix Krais Stuttgart. 

(Der Nachdruck aller in dieser Nummer enthaltenen Artikel und Bilder ist verboten.) 



39 




PROF. HERMANN BILLING-KRRLSRUHE 
KUNSTHRLLE MRNNHEIM 




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' 'moderne bauformen ^ ^ 

MONATSHEFTE FÜR ARCHITEKTUR 




ARCHITEKTUR AUF DER JUBILÄUMSAUSSTELLUNG 
MANNHEIM 1907 

VON ARCHITEKT A. LEHMANN -MANNHEIM 



Eine Handels- und Industriestadt, deren Hasten 
und Treiben, deren rasselnde Maschinen den 
Menschen wenig Ruhe gönnen, kommt plötzlich zu 
dem Entschluss, der bildenden Kunst ein eigenes 
Heim, eine ständige Pflegestätte zu schaPFen. Ohne 
viel Lärm zu machen, ohne langes Ueberlegen, 
ohne erst das so gern beliebte Preisausschreiben 
zu erlassen, erhält Professor Hermann Billing- 
Karlsruheden Auftrag, einen Entwurf anzufertigen. 
Die Skizzen und Modelle werden kurzerhand dem 
Bürgerausschuss vorgelegt, das nötige Geld ebenso 
rasch bewilligt und nach achtzehnmonatlicher Bau- 
zeit wurde in dem Jahre der dreihundertjährigen 
Gründungsfeierlichkeiten die neue Kunsthalle 
mit einer internationalen Kunstausstellung, der sich 
eine grosse Gartenbauausstellung anschliesst, er- 
öffnet. V 

V Die erste Anerkennung für das grandiose Werk, 
das vielleicht einen Markstein in der Geschichte 
unserer neuen Baukunst bedeuten wird, gebührt 
also dem Stadtgeist, der in gesundem Empfinden 
einem Künstler wie Billing rückhaltslos vertraut 
hat. Billing selbst aber hat sich mit dem Werk 
ein Denkmal gesetzt, in welchem er nun das künst- 
lerische Vertrauen vollkommen rechtfertigte. V 

V Ein Tempel der Schönheit ist erstanden, und 
damit allein schon kennzeichnet sich die Bedeutung 
dieses Bauwerks. Die Kunst war bis in die Zeiten 
des letzten bewusst neuen Stiles so eng mit der 
Religion verwachsen gewesen, dass es fast schien, 
dieselbe Aufklärung, die die eine zerbrach, müsste 
auch der anderen gefährlich werden. Die Archi- 
tektur aber war noch nicht stark genug, um allein 
gehen zu können, sie suchte sich in ihrer immer 
weiter greifenden Verweltlichung krankhaft auf die 
alten Formen zu stützen. Man verallgemeinerte 
das Feierliche und erreichte, dass es gemein wurde. 
Nun löst eine kraftvolle Natur alle Fesseln der 
letzten Schule, die in starren Dogmen lehrte und 



erstellt eine ganz neutrale Schöpfung, die nur dem 
freien seelischen Genüsse dient, heilig in sich 
seihst als Träger des Schönen. Allein das Mystische, 
Unerklärliche aus dem Wesen der alten Kunst 
gab die Ueberlieferung. In kalte Worte, wie 
Symmetrie, Gleichgewicht der Massen, Gliederung, 
Gruppierung, Silhouette, Farbe suchen wir das 
Geistige des Kunstwerkes zaghaft zu fassen. Ver- 
geblich mühen wir uns nach sprachlichem Aus- 
druck für die Gesamterscheinung, für die einzelne 
Form. Das sind Mauern aus Stein wie ehedem, 
Dächer, die schützen, Fenster, die Licht spenden, 
Türen, die uns empfangen wie überall, kein sel- 
tenes ungewohntes Material, roter Sandstein wird 
verwendet, kein neues technisches Problem wird 
gelöst; und doch atmet jede Linie, jede Fläche, 
jeder Körper dieses Baues neues, eigenartiges 
Leben. Die Gesetzmässigkeit, die in jedem Kunst- 
werk ruht, in der Baukunsi findet sie ihre stärkste 
Formulierung, die um so klarer wirkt, je abstrakter 
die Form, je reiner der Rhythmus der Massen zu 
uns spricht. Billings Schöpfung ist in ihrer äusseren 
Erscheinung ein heller Spiegel ihres konstruktiven 
Organismus, eine würdige Offenbarung ihres ernsten 
Inhaltes. Ein Künstler redet in seiner ihm allein 
eigenen Ausdrucksweise zu uns, ein grosser Wille, 
dessen Allgemeingültigkeit vielleicht bezwei- 
felt werden kann, dem sich aber der ästhetisch 
fühlende Mensch nicht verschliessen wird. V 

V Zum äusseren Bild muss sich der Raum 
fügen. Was verlangen wir vom Inneren einer 
Kunsthalle? Mit Gewalt drängt sich, sofort die 
Tragik des Schaffens unserer Maler und Bildhauer 
auf, der Mangel jedes festen Verhältnisses zwischen 
Kunst und Zweck, die Unmöglichkeit, eine innige 
Verbindung zwischen Produzenten und Konsu- 
menten herzustellen, weil sie vom Künstler nicht 
erstrebt werden kann, da er im allgemeinen nicht 
weiss, für wen oder für was das Werk, das er 



218 



Architektur auf der Jubiläumsausstellung Mannheim 1907 



macht, bestimmt ist. Diesem Mangel kommt aller- 
dings die ideelle Anschauung des Künstlers ent- 
gegen, der es mit seiner Freiheit für unvereinbar 
hält, sich die geringsten Schranken aufzuerlegen 
und andere Rücksichten gelten zu lassen, als die 
seines künstlerischen Einfalls. Er glaubt nur dann 
sein Bestes schaffen zu können, wenn er die Be- 
stimmung seines Werkes dem Zufall überlässt.*) Es 
war deshalb einer der fruchtbringendsten Gedanken 
des Leiters der Kunstausstellung, des Professors 
Ludwig Dill-Karlsruhe, bei den zur Schau kom- 
menden Gemälden und Plastiken die gröästmöglichste 
Wirkung im Raum zu erstreben. Jeder Saal 
war nun einem Künstler, Maler, Bildhauer oder 
Architekten zur völlig freien selbständigen Aus- 
schmückung überlassen, und jeder Künstler wählte 
für seinen Raum, unabhängig von seinem Nach- 
barn einen Hauptfarbton, so z. B. der eine wein- 
rot, der andere schwarz, ein dritter hellgelb, ein 
vierter tiefgrün, weiss u. s. w. Allerdings ergibt 
sich auf diese Weise und auch durch den Mangel 
der architektonischen Oberleitung ein sehr buntes 
Bild, das vor allem durch die unvermittelte, will- 
kürliche Aneinanderreihung sehr unruhig, ja fast 
unangenehm wirkt. Es fehlen in dieser Ausstellung 
fast bei allen Räumen die ästhetisch unbedingt 
erforderlichen Verbindungen, die durch Bogen- 
gänge, vertiefte und entsprechende überdachte 
Türlaibungen, Nischen u. dergl. leicht zu erreichen 
gewesen wären, und die zudem auf früheren Aus- 
stellungen schon zu finden waren. Immerhin aber 
wurde durch die Abwechslung der Farbe ein neues 
Moment für die Bildwirkung geschaffen, indem 
bei der Auswahl der eingesandten Werke nicht 
immer nur der absolut künstlerische Wert mass- 
gebend war, sondern auch die Harmonie mit dem 
Gesamtton des einen oder anderen Raumes. Zum 
erstenmal ist vielleicht hiermit öffentlich die wich- 
tige Frage zur Diskussion gestellt worden: Kann 
ich dies oder jenes Bild in mein Haus hängen? 
Kann ich das reine Kunstwerk in Beziehung zu 
meiner Wohnung bringen? Denn würde das 
Kunstwerk das Behagen stören, so wäre es schlechter- 
dings im Hause verfehlt. Im Museum ist das Bild 
der Hauptzweck, wegen dessen man den Raum, 
der es beherbergt, betritt. Diese Ausstellung lehrt 
uns deutlich den Unterschied, und es ist nicht 
schwer zu erkennen, welche Räume von Archi- 
tekten im Sinne einer allgemeinen Bezugsfertig- 
keit und welche von Malern oder Bildhauern als 
Hintergrund ihrer eigenen Werke ausgeschmückt 
worden sind. V 



*) Meier-Qraefe, Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst, 
Verlag Julius Hoffniann-Stuttgart. 



V Professor Billings Räume verraten sofort den 
plastisch denkenden Architekten. Wohl ist stets 
ein bestimmter Farbton, ein ausgesprochener 
Stimmungscharakter zugrunde gelegt — eine grosse 
Anzahl Räume entstammen seinem Entwürfe — , 
aber man fühlt die Lust an der Form, nicht nur 
die Freude an der Fläche, wie sie etwa ein 
Otto Hierl-Deronco geniesst, ja man möchte 
fast sagen, dass Billing in der Ausarbeitung seiner 
Details in plastischen Linien schwelgt, wie so 
manche künstlich vertiefte Türumrahmung, die 
aufgetragene Vertäfelung, die graziösen, leicht ge- 
schwungenen Profile seiner Möbel, die duftigen 
Drahtkompositionen seiner Beleuchtungskörper, so 
manches Deckenornament zeigen. Stets aber ist 
Billings Kunst von Vornehmheit und grossem Zug 
erfüllt, wenn es gilt, gewaltige Dimensionen zu 
überwinden. Im niedrigen, engen Zimmer drängen 
sich fast die üppigen Formen, im hohen Kuppel- 
raum des Vestibüls weiss er die Masse mit sicherer 
Ruhe zu zügeln, weiss er die stärksten Farben- 
gegensätze des hellroten Skyros-Marmors mit dem 
dunklen weichen Glanz des Estralanda-Materials 
zu vereinen. Kühn wölbt sich die bogige Decke, 
eigenartig, aber im Interesse einer dispersierenden 
Beleuchtung wohl durchdacht, schneiden die 
Fenster in die Wölbung, sammeln ihr Licht gleich- 
sam wieder in dem grossen blauen Kristall des 
mächtigen Beleuchtungskörpers. Was in der Ge- 
staltung der Fassaden so trefflich gelungen ist, die 
Loslösung des Mystisch- Künstlerischen vom My- 
stisch-Sakralen; in der Stimmung des Kuppelraumes 
kommt diese Selbständigkeit der neuen Kunst noch 
deutlicher zum Ausdruck. Ernst und wuchtig im 
Sinne der Materialerkenntnis, aber frei von er- 
drückenden Gefühlen einer übersinnlichen Kraft 
gibt sich der mächtige Eindruck, in dem jede auch 
noch so ungewohnte Form, jedes Kunstwerk sich 
ungezwungen einfügt. Als Treppenhaus die ganze 
Anlage zentral beherrschend, ergibt gleichzeitig 
die balkonartige Ausbildung nach dem Oberlicht- 
saal, der reizende intime Umgang und das Podest 
die einfachste Ueberleitung zu den einzelnen sich 
anschliessenden Sälen. Billings eigenartige Hand- 
schrift beweist hierdurch am besten ihren univer- 
sellen Charakter. V 

V Professor Peter Behrens steht isolierter in 
seinem ganzen Kunstschaffen. Die Gesetzmässig- 
keit der Architektur verwandelt sich bei ihm zum 
strengsten Rhythmus, der in grossen klaren Akkor- 
den einherschreitet und Bild und Figur in seine 
Ordnung zwingt. Jede fremde Form würde einen 
Missklang erzeugen. Die gross-gesehenen Akte 
eines Karl Hofer, die archaistischen Plastiken 



219 



Architektur auf der Jubiläumsausstellung Mannheim 1907 



eines Hoetger, die antike Ruhe und Schönheit 
der bildhauerischen Werke eines Bourdelle sind 
monumentale Motive seiner Raumgestaltung. Ernst 
ist diese Kunst, voll dunkler Geheimnisse eines 
ersehnten Ideals; wie eine heilige Stätte wirkt die 
Vielheit dieser künstlerischen Willen in dieser 
Einheit, wie Altäre die in die Putznischen ein- 
gelegten Bilder. Das strenge Schwarz-weiss-Orna- 
ment der vertieften Deckenkasetten , die starren 
Dreiecke der Türüberdachungen, die glatten hellen 
erhöhten Felder, die durch schmale Goldlinien 
getrennt, und die in geometrischen Linien spielen- 
den Möbel erhöhen die eigenartige Stimmung 
dieses Raumes, zu welchem die Kunstwerke in 
engste architektonische Beziehung treten. Es ist 
eine vom vornehmsten künstlerischen Gefühl ge- 
tragene Leistung, über die man nicht richten kann. 
Man muss sie fühlen oder schweigen. 

V Ein Riesenschritt zum Raum des Architekten 
Rudolf Tillessen-Mannheim. Zwar führt er 
weit, doch nicht bergab in dieser Ausstellung. Der 
Vorsaal aus einem fürstlichen Hause wird gezeigt, 
wodurch in die Reihe der absoluten Bilderräume 
eine angenehme Abwechslung kommt. Ein grosses 
dekoratives Gemälde Professor Ferdinand Kellers 
sollte die Mitte der Hauptwand kräftig betonen, 
doch nicht die Stimmung des Raumes ausschliess- 
lich beherrschen. Es wurde leider aus mannig- 
fachen Gründen nicht ausgeführt, ein ornamentales 
Goldmosaik musste es in letzter Stunde ersetzen. 
Die Möglichkeit dieser Ausbildung, die Verschmel- 
zung der verschiedenen Material- und Farbenwerte, 
die erreichte Wirkung beweist das hohe Können 
des Raumkünstlers, den vornehmen Geschmack. 
der den repräsentativen Porträts eines Propheter, 
sowie den dekorativen Farbensymphonien eines 
Ferdinand Keller vollkommen gerecht wird. 
Nicht neue Formen, nicht neue Stimmungen treten 
uns entgegen, ein wohl wägender Geist einer alten 
reichen Kunst spricht aus der üppigen Kassetten- 
decke, aus der interessanten Metalltechnik des Gold- 
mosaik, aus der würdigen Gestaltung des Marmor- 
kamines und der eingelegten Bronze, aus den sich 
anfügenden weichen grünen Ledersesseln, aus der 
gleichartigen echten Damastbespannung. Die Pracht 
der Erscheinung des Raumes Tillessen vereinigt 
sich unaufdringlich und wohltuend mit dem Cha- 
rakter der Bilder. V 

V Vielleicht die gleiche Richtung müssen wir zur 
Raumkunst Professor Olbrichs einschlagen. 
Olbrichs Gefühl ist jedoch sensibler und zarter, 
origineller im Ausdruck, eigenartiger in der Prägung 
der Gedanken. Er ist aber stets Architekt, der den 
Raum körperhaft gestaltet, der ihm Bewegung gibt. 



Nicht so die „Wiener Werkstätten", die sich 
in ihrem Räume mit einem vielleicht an sich ganz 
geschmackvollen, aber hier prätenziös auftretenden 
Primitivismus der Flächenbehandlung sowohl im 
Profil als Ornament genügten. Man kann auch hier 
nicht von einer starken Betonung der Bildwirkung 
sprechen, da diese fast als Schema, nicht als Indi- 
vidualitätsleistung erscheint. V 

V In diesem Sinne sind die Raumschöpfungen des 
Architekten Otto Pru tsc her-W i en und des Ar- 
chitekten Otto Rieth-Berlin aufzufassen. Prut- 
scher hat es vor allem verstanden, eine aristokra- 
tische Ruhe, eine gediegene persönliche Note für 
die Gesamtstimmung zu finden, deren Eleganz auch 
den kleinsten Gegenstand seines kunstgewerblichen 
Schaffens körperlich und farbig erreicht. Mit dem 
hellgrauen Ton seines Raumes erzielt er einen 
wohnlichen Eindruck, in welchem sich besonders 
die sicher aufgebauten, weichfarbigen Landschaften 
Meister Dills selbständig und doch organisch zu- 
sammenhängend einfügen. Otto Rieth hingegen 
hat sein Programm schon erweitert, indem er den 
gegebenen Ausstellungsraum zum Gemäldesaal 
eines vornehmen Hauses stempelt. Die Stimmungs- 
werte der Bilder zeigen eine reichere Skala, die 
aber durch interessant in den Raum gestellte 
Scherwände mit Sitzgelegenheit angenehm geglie- 
dert ist. Die blaugraue Vertäfelung und Wand- 
bespannung geben für Plastik und Malerei einen 
sympathischen indifferenten Hintergrund, die Orna- 
mentik, die Profile, die Schnitzereien atmen einen 
modernen Geist. V 

V Nun kommen die Maler und Bildhauer in ihrer 
Raumkunst zu Wort, d. h. die Wand trägt nicht 
mehr Allgemeincharakter, sondern wird zum Werk 
nach Form und Farbe gestimmt. Professor Adal- 
bert N ie m a y er- M ü n ch e n weiss in seinem 
braun-violetten Damast einen gewissen Uebergang 
herzustellen, aber Professor Benno Becker- 
München in seinem schwarzen, Professor Otto 
Hierl-Deronco-Mü neben in seinem weinroten 
Kabinett behandeln die Wand als wesentlichen 
starken Klang, als Tonart in der Farbensymphonie 
ihrer Bilder. Das Gold der Decke erst schliesst 
die eigenartige, aber vornehme Melodie. V 

V Was dem Maler die Fläche, ist dem Bildhauer 
die Form. Um die Wirkung seiner Plastik der 
Lichtquelle entsprechen zu lassen, variiert er die 
Richtung der Wände, baut er Nischen. Bildhauer 
C. A. Beermann-München ist hierin am wei- 
testen gegangen und hat sogar die Wand bis zu 
einer gewissen Höhe mit einem silbernen Ton über- 
zogen, um die Materialien seiner Plastiken, Marmor, 
Bronze, Holz stärker in die Erscheinung treten zu 



220 



Architektur auf der Jubiläumsausstellung Mannheim 1907 



lassen. Auch die Gruppe der Münchner Bild- 
hauer wusste durch Tönung eine angenehme, nicht 
ermüdende Wirkung der verschiedenen Werke zu 
erreichen. Bildhauer H. Hahn-München ist in 
seinem ausschliesslich von ihm beherrschten Raum 
in der Wahl seiner schmückenden Mittel ziemlich 
sparsam, um nicht zu sagen dürftig gewesen. Es 
entsteht eine an sich kalte Häufung von bildhaue- 
rischen Erzeugnissen, deren Genusswert dadurch 
sehr herabgedrückt wird. Von einer Raumkunst 
kann hier kaum mehr die Rede sein. V 

V Die Kunstausstellung wird zu Ende gehen, die 
Kunsthalle wird bleiben, wird in ihrem Innern zu- 
gunsten einer grösseren Einheitlichkeit manche 
Veränderung erfahren müssen, sie wird aber stets 
ein Bauwerk vornehmsten Charakters sein, würdig 
den Beginn einer neuen Aera einer Stadt wie 
Mannheim einzuleiten. V 

V Prof. Max Läuger war der Architekt der Aus- 
stellungsbauten. Sie weisen eine strenge Zweck- 
form auf, deren ästhetische Wirkung in gewaltigen 
Abmessungen, starker Lisenenbildung liegt. Lassen 
sie auch im allgemeinen ziemlich kalt, so zeigen sie 
doch einen grossen einheitlichen Gedanken, der 
den vorübergehenden Charakter dieser Bauten, ohne 
aufzufallen, zum Ausdruck bringt, und deren Anord- 
nung vor allem das Gesamtbild aufs glücklichste 
löst. Die Gartenarchitektur hat gleichfalls die 
Vertreter aller Richtungen entsandt, der gute alte 
Landschaftsgärtner, der sogenannte „Gartenarchi- 
tekt", der Baukünstler, der den Garten dem Haus 
angliedert, alle haben ihre Auffassung in kleinem 



Masse verwirklicht. Künstlerischesinteresse können 
jedoch nur die Sondergärten von Läuger, Schultz e- 
Naumburg und Peter Behrens beanspruchen. 
V Läuger hat seinen Garten durch niedrige Mauern 
in einzelne Teile zerlegt, die er nach Farben und 
Gruppenmotiven einzeln behandelt. Die Mitte be- 
stimmt ein reizvolles Badehaus, an das sich ein 
von hohen, dichten Hecken abgeschlossenes Sonnen- 
bad mit Wasserbecken anschliesst. Die Wirkung 
ist eine äusserst interessante. Form, Farbe und 
Gedanke sind vornehm. Professor Paul Schultze- 
Naumburg erstellte einen Hausgarten, den er mit 
sicherem Gefühl durch eine hohe Mauer von seiner 
Umgebung isolierte. Schultze- Naumburg ist kein 
Neuerer, aber wohl einer der feinsten, tiefsten 
Kenner der alten Schönheit, und diese hat er in 
neuem Kleide aufs trefflichste zu bilden gewusst. 
Professor Peter Behrens ist der individuellste 
Schöpfer. Garten und Haus ist ihm ein grosses 
Ganzes, er baut deshalb gleichsam dem Motiv zu- 
liebe ein Haus, das nur einen einzigen geschlossenen 
Raum enthält, der von entsprechenden Terrassen 
und Loggien umgeben ist. Für einen fein empfinden- 
den Kunstfreund ist dieser Garten gedacht, grosse 
Rasenflächen lagern sich vor die Terrasse, gitter- 
artige Pergolen fügen sich an die Wege, die auf ein 
eigenartig gebautes Naturtheater münden. Ku- 
lissenartig schieben sich die Bäume vor. Seitliche 
erhöhte Wasserhecken beleben die Fläche. Eine 
starke Stimmung beherrscht diese Komposition, 
edel in ihrer Auffassung, intim zum persönlichen 
Genuss, zu einer Kultur der Feste. V 




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PROF. HERMANN BILUNG- KARLSRUHE 
Kiinsthalle Mannheim: Detail der Freitreppe 



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PROF. HERMANN B/LL/NG- KARLSRUHE 
Detail von der Kutisthalle Mannheim 



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PROF. HERMANN BIl.I.ISü-KARLSRUHB 
Detail von der Knnathalle Mannheim 



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PROF. HERMANN BILLING- KARLSRUHE 
Detail von der Kunsthalle Mannheim 



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PROF. HERMANN B/LLING- KARLSRUHE 
Kunsthalle Mannheim: Treppenhalle 



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PROF. HERMANN BILUNG- KARLSRUHE 
Kunsthalle Mannheim: Treppenhalle 



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PROF. HERMANN BILLING-KARLSRUHE 
Kiinsthalle Mannheim: Treppenhalle 



231 




PROF. HHR.WASN HII.I.ISü-KARLSRUHE 
Kunsthallc Mannheim: Treppenhalle 



232 




PROF. HERMANN ßlLLING- KARLSRUHE 
Kunsthalle Mannhein: Lesenisdie in der Treppenhalle 



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PROF. HERMASN B/LLIXG- KARLSRUHE 
Knnsthalle Mannheim: Portal des grossen Saales 



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PROF HERMANN BILLING- KARLSRUHE 
Knnsthalle Mannheim: Treppe vom grossen Saal zur Treppenhalle 



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PROF. HERMANN B/LLING- KARLSRUHE 
Kiinsthallc Mannlieini: Dtirchgaiie, von Raum 10 iindi Raum 13 




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PROF. HERMANN BILUNG-KARl.SRUHli 
Kiinstlialle Mannheim-: Raum 13 



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OTTO PRUTSCHER & RF.MICIUS ÜHYLINü-VilHN 
Sinndiihr iinil Scliiuml;kascttr 



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PROF. HERMANN BILUNG- KARLSRUHl: 
Kiinsthcillf Manuhrim : Raum 16 



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PROF. HERMANN BILLING-KflRLSRUHE 
KUNSTHflLLE MANNHEIM: TREPPENHflLLE 



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t'ROF. PETER BEHRENS- DÜSSELDÜRI 

Knnsthallc Mnnnhciiii : Möbel ans dem Raum 15 



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I'ROF. HERMANN BILLING-KARLSRUHIz 
Kunst halle Mannheim: Oherlidit aus dem Raum 13 und üitterteil von der Treppcnhalle 



252 




PROF. HHRMANN B/LUNü- KARLSRUHE 
Kiuistliallc MaiiDheiin: Detail von Rainii 7. Baiü; ans der rreppeiilialle 




253 




PROF. HERMANN BILUNG-KARLSRUHli 
Kunstlialle Mannheim: Raum 7 (Prof. Franz von Stuck) 



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OTIÜ PRUTSCHER- WIEN 
Knitstlnille Mannheim: Japanisches Kabinett (Raiun 9) 




I'RÜF. HERMANN HAHN- MÜNCHEN 
KiinstluUle Mannheim: Relief in Raum 21) 



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IWDOI.I-' TIl.LtiSSliN - MANNHEIM 
Knnsthalle Mannheim: Raum 21 



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C. A. BERMANN- MÜNCHEN 
Kunsthalle Mannheim: Raum 18 




J'ROI . ///;AM;.-1A,V HILLINu - KARLSRUHE 
Kuusthallc Mannheim: Biink' aus der Treppeiihalle 



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PROF. PAUL SCHULTZE-NAUMBURü. SAALECK L T. 
Gnrtenhaiiaiisstelliing Mannlieim : Sonderkarten 



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PRÜi: PETliR BF.HRliSS- DÜSSl:LDORI' 

Partie uns dem Sonderi^arten 



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PU()l\ PhIHR BHHRHNS- DÜSSELDORF 
Gartcnbänkc 



Verantwortlicher Herausgeber: M, J. ÜRADL-Stuttgart, Rotenwaldstrasse 23. 
Verlag- JULIUS HOFFMANN -Stuttgart. Druck: Hoffmannsche Buchdruckerei Felix Krais-Stuttgart. 

(Der Nachdruck aller in dieser Nummer enthaltenen Artikel und B.lder ist verboten.) 



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viiinODERME BAUFORAIEN , , 

MONATSHEFTE FÜ R ARCHITEKTUR! i 



ZWEITES DRESDNER KÜNSTLERHEFT 1907 



Der Dresdner Rathaus-Neubau erheischte, dass 
neben anderen Gebäuden auch diejenigen am 
Platze „an der Kreuzkirche" und an der „Schul- 
gasse" fallen mussten. Zu diesen gehörten das 
Gebäude der Kgl. Superintendentur und das der 
Landständischen Bank. Diese beiden Bauten rührten 
von ein und demselben Künstler her, dem Bau- 
rat Eberhardt, und vergegenwärtigten die Nach- 
Sempersche Schule. Sie waren aus ihrer Zeit 
heraus das Beste, was in Dresden damals geleistet 
wurde und es ist ein tragisches Geschick, dass ihr 
Schöpfer in hohem Alter ihren Abbruch noch er- 
leben iTiusste. v/ 
V Als teilweisen Landausgleich bot die Stadt der 
Königl. Superintendentur 
und der Landständischen 
Bank Teile des Areals an, 
das direkt gegenüber den 
alten Gebäuden lag und 
sich dem neuen Rathaus- 
bau nach dem Altstädter 
Marktplatz zu vorlagert. 
Die Kgl. Superintenden- 
tur erhielt das Land ge- 
gen über der Kreuzkirche, 
die Landständische Bank 
das am Güntzplatz und 
das dazwischen liegende 
Areal benützte die städ- 
tische Sparkasse zur Er- 
richtung eines selbstän- 
digen Gebäudes. V 
V Die verschiedenen 
Zwecke, welchen diese 
Häuser dienen mussten, 
bedingten jedes für sich 




/.(igt'p/aii des liaiihUnts (Irr Laiiitsländischen Bank, der 
Slüdtisdicn S/>,ir/;assi' und der Superintendentur zu Dresden 



ein Bauprogramni, das auf die Fassadenentwick- 
lung bestimmend einwirkte. Die Landständische 
Bank musste das Erdgeschoss in der Höhen- 
entwicklung betonen, da es die Bankräume auf- 
zunehmen hatte, während in der Sparkasse der 
Hauptsaal in dem ersten Stockwerk lag. Das Super- 
intendenturgebäude wiederum hat ausser den Ge- 
meindesälen nur einfache Geschäftsräume bean- 
sprucht und musste eine dementsprechende Aus- 
bildung erhalten. y 
V Somit war durch die verschiedene Höhenent- 
wicklung der Gebäude der Gedanke der Einheit- 
lichkeit ausgeschlossen. Die verschiedenen Künst- 
ler gestalteten ihre Aufgaben unter sich ganz 
unabhängig, gefördert 
von den Behörden und 
einer einsichtigen Bau- 
polizei. Die Bauten 
können daher ein Bei- 
spiel geben, dass es 
nicht nötig ist, Künstler 
in ihren Arbeiten von 
aussen her zu beeinflus- 
sen, sobald dieselben 
nur bedacht sind, ihre 
Bauten so zu gestalten, 
dass sie trotz der Ver- 
schiedenheit der künstle- 
rischen Auffassung im 
Städtebild eiriheitlich zu- 
sammenwirken. In wie- 
weit es gelungen ist, 
dies in der vorliegenden 
Gebäudegruppe zu er- 
reichen, sollen die folgen- 
den Abbildungen zeigen. 



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Gesamlbanbloci^ der Landstäudischcn Bank, der Städtischen Sparkasse 
und der Superi.'tendentiir in Dresden 




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SCHILLING & üRAEBNER- DRESDEN 

Siiperintendentiir: Oberteil des Editurmes 

Figuren und Ornamente von KARL GROSS-DRESDEN 



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SCHILLISü d- ÜRAEBNEF<- DRESDEN 
Siiperintcndeniiir: Sduiiiseite an der Siiiulgasse 



270 




SCHILLING & GRAEBNER- DRESDEN 

Süperintendentur: Erker am Eckturm 

Figuren uuä OrnamcnW vou KARL GROSS- DRESDEN 



271 




sciiii.uNü & ürai-:bni:r-diu-:sden 

Supeiinteitdeiitiir : Haiipleingaiig an der Kreuzkirdie 
Büsten und Ornamente von KARL GROSS- DRESDEN 



272 




SCHILLING d- GRAEBNER-DRESDEN 

Sunerintendentur: Detail vom Fenster des kleinen Saales 

Ornamente von KARL GROSS-DRESDEN 



273 




SClIILl.lNü ,(■ üRAHHNlil^-DRHSDHS: 
Siipcrintctuiciuiir: Aiissenansidit der Gemeindesäle 



274 




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SCHILLING & ÜRAEliNl-R-niUlSDllS 
Superintenäenlur: Treppe tiacii dem Standesamt 



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SCHILLING & GRAEBNER- DRESDEN 

Siipciiiiteiidentiir: Eingang zu den Kirdienämtern, Eenster in der Ncbentreppe 

und dem Eheschliessungszimmer 

Glas-Ornamente von PAUL RÖSSLER- DRESDEN 



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HRMS ERLWEIN • DRESDEN 

SPRRKRSSE DER STRDT DRESDEN • VESTIBÜL 

(AQUARELL VON MR^ PECHSTEIN • DRESDEN) 



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Sparliasse der Staill Pirsi/en 



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HANS ERLWEIN -DRESDEN 

Städtische Sparkasse: Hauptportal an der Sdnilnasse 

Ornamentale Ardütektur von ERNST HOTTEN ROTH -DRESDEN 




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HANS ERLVCt/X- DRESDtA' 
Stüdtisdw Sparkasse: Sitzungszimmer 



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JOSHF GOLLER-DRESDEN 
Fenster im Treppen/uiiis der Stäiitisc/ieti Sparkasse zu Dresden 




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//ASS E/iL WEIN - DRESDEN 
Städtische Sparknsse: Kassensaal der Grundrenten- und i/ypotliekenanstalt 



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PRUl.ROESSLER ■ DRESDEN 

FEhSTER IM SITZUMQSZIMMER DER QRUMDRErSTEN- UMD 

HYPOTHEKEMBRMK DER SPARKASSE DER STRDT DRESDEN 



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LOSSOW (<•• VIEHWEGER- DRESDEN 
Landstäiuiische Bank: Fassaden-Detail 



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Lanilstüiiiiisdic Bank 



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L OSSO W et- VIEH WEG ER - DRESDEN 

LanristäruHsche Bank: Haupteingang 

HildlnuwrarlH'iten von KARL GROSS- DRESDEN 



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LOSSOW & VIEHWHGER- DRESDEN 
Laniistandisdie Baiil; : Ans dem Bankraiin, 



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LÜSSÜVi'' & VIEHWEÜER'-DRI-SDliS 
Landständisdie Bank: Sprec/iziminer 



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LOSSOW & VIEWEGER- DRESDEN 
Landständisilic Bank: Heizkörperverkleidiingen im Bankratim und Vestibül 



Verantwortlich für die Redaktionsl<ommission : Prof. KARL OROSS-Dresdeii, Diirerstr. 21. 
Red.-Kommission: Prof. SCHUMACHER, Prof. HOTTENROTH, ERICH KLEINHEMPEL, Prof. GROSS, I^AUL RÖSSLER 

sämtlich in Dresden. 

Verlag: JULIUS HOFFMANN-Stuttgart. Druck: Hoffmannsche Biichdruckerei Felix Krais Stuttgart. 

(Der Nachdruck aller in dieser Nummer enthaltenen Artikel und Bilder ist verboten.) 



52 





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(SCHULE PROF. ALFRED QREMRhDER • BERLIN) 

EMTWURF ZU EIMER HALLE 



v„ MODERNE BAUFORMEN, 8 

MONATSHEFTE FÜR ARC HITEKTUR 





BIEDERMEIER ALS ERZIEHER 

VON DR. HANS SCHMIDKUNZ, BERLIN-HALENSEE 



Herr Quadratus Biedermeier tritt vor uns 
hin und grüsst etwas spöttisch, als wollte er 
sagen: „Ihr lacht mich aus, aber Ihr seid doch von 
mir abhängig!" Er biedert sich uns recht gemüt- 
lich an, und wir kommen von dem wunderlichen 
Gesellen nicht los. Er ist auch Schulmeister und 
will uns nach seiner Weise erziehen. Vielleicht 
hat er recht, wenn er meint, er sei zwar unschein- 
bar, besitze aber genug Reichtum, um uns gar 
vieles mitteilen zu können. V 

V Von sonsther kennen wir Herrn Biedermeier als 
den Mann, der nicht gerne Böses tut, aber auch 
nicht gerade wegen gewaltiger Produktionen des 
Gegenteiles berühmt ist. Wir kennen ihn als den 
Philister, der seine Welt für genügend hält und von 
ihr aus die übrigen Welten würdigt. Als solcher 
kommt er uns besonders gern in der Rolle des 
Ingenieurs oder sonstigen Technikers, liefert uns 
Leistungen, die nicht übel sind, und sagt dazu: 
„Seht Ihr, Schönheit ist Zweckmässigkeit! Was 
braucht es noch ariderer ästhetischer oder artisti- 
scher Momente, als nur eben der meinigen, die ich 
als Techniker zu bestimmen habe!" V 

V Dann ist er wieder der Besitzer einer kleinen 
Villa draussen, wo der Wald anfängt. Er lädt uns 
ein, und wir freuen uns, aus dem Stadtgetriebe 
hinaus zu flüchten aufs Land. Da treten wir denn 
in ein Häuschen ein, mit Rechtecken rechts und 
Rechtecken links, mit Blümchen an Wand und Sofa 
und Stuhl, mit Birkenbänkchen und Birkenbrück- 
chen im Garten usw. usw. Ob der Villenbesitzer 
selber einsieht, dass das nicht ländlich, sondern ein 
Abfall des Städtischen ist, eine Stadt auf dem Lande, 
mit der deutlichen Marke „made in the town"? 

V Herr Biedermeier ist aber auch Taschenspieler 
u. dergl. Er tritt als Konzertmaler oder als Konzert- 
architekt oder als Konzertkunstgewerbler auf und 
beginnt mit jener Suada, die der Eingeweihte aller- 
dings schon aus Zeitungen und Kunstzeitschriften 
kennt: „Meine Herrschaften! Sie glauben, die Kunst 



sei so schwierig, wie unsere renaissancenen Künst- 
ler uns bisher weiss gemacht haben. Nein, das ist 
sie nicht im geringsten. Sie ist ganz einfach. Schauen 
Sie her: hier zeichne ich ein grosses, grosses Qua- 
drat und in die Mitte hinein ein ganz kleines Qua- 
dratchen, oder ein Dreieckchen, oder eine Raute. 
Das ist das ganze Geheimnis!" V 

V Kinder und Narren reden oft genug die Wahr- 
heit. Und die Wahrheit ist manchmal bitter, und 
auch Herr Biedermeier kann ein Bittermeier wer- 
den, wie er sonst aus lauter Biederkeit zum Bieder- 
knüppel wird. Lehren kann er uns aber jedenfalls 
nicht wenig. All das, was wir da scheinbar nur im 
Spass angedeutet haben, geht auf ganz ernste und 
gewichtige Momente zurück, die auch schon häufig 
ihre historischen Ausprägungen gefunden haben. 
Quadratus Biedermeier kann uns sehr viel lehren; 
nur müssen wir die Wege dazu treffen, müssen 
selbsttätig und kritisch auch gegen ihn sein, um zu 
einer uns erwünschten Selbständigkeit zu gelangen. 
Schwer macht er es uns allerdings; und am aller- 
meisten dadurch, dass er, wie wir zum Teil schon 
gesehen, gar so gern unter einer Maske oder in 
einer Verwandlung erscheint. V 

V Besonders gern wirft er einen grossen histo- 
rischen Mantel um sich, mit der dazu gehörigen 
Pose. Heute macht er seine Gestalt rund, morgen 
eckig; heute kommt er uns spanisch, morgen japa- 
nisch; sein ist heute der Orient und morgen der 
Occident. Und wir lassen uns von ihm so düpieren, 
dass wir glauben, etwa zwischen einem maurischen 
Rauchzimmer und einem Barocksalon und schliess- 
lich einem allermodernsten Gartenhaus die wesent- 
lichsten Verschiedenheiten künstlerischerGestaltung 
sehen zu müssen. V 

V Inzwischen tänzelt ein kleiner Junge vor, nicht 
ohne Maske, aber mit einer, die man jetzt zum 
ersten Male sieht, närrisch genug. Er nennt sich 
Jugendstil und freut sich ganz besonders darüber, 
dass er dem alten Herrn Biedermeier auf den Rücken 



305 



306 



Biedermeier als Erzieher 



springt. Bis ihn der zu fassen bekommt und ihn 
überlegt! Nun gilt die Bewunderung dem alten 
Herrn: der Jugendstil hat Biedermeierstil ange- 
nommen. Und dann geht der Tanz wieder weiter. 
Voran der Empirestil und mehrmals wieder, beson- 
ders als Hotelarchitektur. . Und endlich ziehen die 
wohlbekannten französischen Ludwige vorüber, im 
Augenblicke vielleicht als letzter der fünfzehnte. 

V Wir spotten über den Herrn Biedermeier mit 
seinem braunen Frack, seinem Tschakozylinder 
und seiner hohen Binde. Allein das ist weitaus 
nicht der ganze alte Herr. Wir haben bisher unseren 
Spass sehr ernst gemeint; doch es ist Zeit, auch 
den Schein des Spasses abzulegen. Kennen wir 
den Biedermeierstil nur aus einigen deutschen 
Landstrichen, zumal nördlichen, so kennen wir ihn 
eben lange nicht ganz. Suchen wir weiter, so ersteht 
er unserem Blick am würdigsten in Oesterreich, 
würdig nicht nur, sondern auch mit adeligem Reich- 
tum, mit leichter Grazie. Manche Veröffentlichung 
der neueren Zeit hat uns den österreichischen 
Biedermeierstil vertrauter gemacht. Und da merken 
wir, wie viel Tradition in ihm steckt, in die Ver- 
gangenheit zurück und voran in die Zukunftsmög- 
lichkeiten. Oesterreich , das Land der prächtigen 
Barocke, hat eine kontinuierliche Kunst von da 
durch den sogenannten Maria-Theresia-Stil und den 
Altwiener oder Kongress- oder (allgemeiner) Empire- 
Stil bis zu seinem Biedermeier hindurchgeführt. 
Nur mit einem starken auswärtigen Einschlag: dem 
von England her. Die Wiener Zeitschrift „Kunst 
und Kunstgewerbe" hat den Ursprung des Wiener 
Biedermeier aus England mehrfach zu zeigen ge- 
sucht, wenn auch mit Ueberschätzung, hat also der 
modernsten Anglisierung ihre Vorläufer nachge- 
wiesen. Und dort, in England, ging die kontinuier- 
liche Tradition erst recht geschlossen vor sich : nach 
einer sehr späten Renaissance der Stil der Königin 
Anna, der vielleicht für das englische Wohnhaus 
entscheidend war, und dann die wenig unterschie- 
denen Kunstschichten unter den Georgskönigen; 
alles nüchterner, schwerer, als in dem leichtlebigen 
Oesterreich. Und die Seitenstücke dazu in Nord- 
amerika, den „Colonial-Style" und den „Late Colo- 
nial-Style", fangen wir erst neuerdings an, kennen 
zu lernen. V 

V Es ist nicht ohne Belang, dass gerade Ludwig XIV. 
und Ludwig XV. auch immer wieder an uns vorüber- 
tanzen. Zwar sind ihre Stile eine allzu spezifische 
Ausprägung des alten französischen Regimes und 
der südeuropäischen Gegenreformation, als dass sie 
für heute eine Tradition bedeuten könnten, und 
dass besonders für eine Stadt wie Berlin das 
Schwelgen in pompösen Barockeformen einen natur- 



gemässen Sinn hätte. Allein wie viel können 
uns die Urgrosseltern Biedermeiers noch lehren! 
wohl mehr, als es die „Klebearchitektur" der Re- 
naissance kann, und erst recht mehr, als es für 
unsere Wohnverhältnisse der italienische Renais- 
sancepalast kann. Zwar hat es keinen Sinn mehr, 
„barock" zu wohnen; und die Reste solcher Formen 
an unseren Oefen und Plafonds belächelt bereits 
Herr Biedermeier. Allein wenn wir etwa in irgend 
ein kleineres deutsches Museum gehen, das beson- 
ders die letzten Jahrhunderte vertritt, und wenn 
wir dort die wunderbar geschmackvollen Hohlgläser 
des 17. und 18. Jahrhunderts, die formenfreudigen 
Lehnen selbst von Bauernstühlen aus dem 17. Jahr- 
hundert betrachten: dann hat uns die Taschen- 
spielerei mit dem Quadrat und dem Quadratchen 
und der Raute nicht mehr viel zu sagen. V 

V Wir scheinen in unlösbare Spannungen hinein- 
gekommen zu sein. Gegenwart soll gelten; aber 
wir konnten sie recht wenig zur Geltung bringen. 
Tradition soll gelten; aber wir lassen nicht mehr 
die historische Nachbildung gelten. Wir schütteln 
in Berlin den Kopf über Barocke und empfehlen 
dort die Tradition der märkischen Gotik, machen 
anscheinend also wiederum Vergangenheit in der 
Gegenwart. Wir sollen modern und historisch sein; 
wo ist da die richtige Weise, in der sich beides 
vereinigen lässt? V 

V Wenn wir nun noch einmal Biedermeier und 
seine Vorfahren zu Worte kommen lassen, so er- 
fahren wir von ihm in seinen besten Augenblicken, 
dass er unsere gespannten Fragen nicht recht ver- 
steht. Wir fragen ihn nach den Worten, die wir 
gebrauchen sollen, und er antwortet in seiner, frei- 
lich oft etwas plumpen und einfältigen Weise: „rem 
tene, verba sequentur!" „Halte dich an die Sache, 
die Worte werden schon kommen!" Es ist fast so, 
als wollten wir unsere Grossmutter fragen, wie man 
glücklich wird. Da weiss die erfahrene Frau 
wahrscheinlich nicht anders zu antworten, als mit 
den Worten: „Am ehesten dadurch, dass man nicht 
danach strebt! Tue deine Dinge recht, und das 
Uebrige wird schon folgen!" Und wie tut man 
seine Dinge recht, wie ist man geschickt und klug 
und geschmackvoll? Durch eine Bildung, die uns 
zu gute kommen lässt, was Jahrhunderte aufgehäuft 
haben. V 

V Wenn den Herrn Biedermeier ein junger Kunst- 
schüler fragt: „Sag mir doch, wie ich bauen soll, 
ob rund oder rechteckig oder spitz, ob romanisch 
oder Rokoko oder Sezession!" — so wird der Ge- 
fragte vielleicht antworten: „Denk vor allem einmal 
nicht an den Stil als Zweck; bereite dir das Glück, 
stilvoll oder gar stilbildend zu schaffen, in richtiger 



307 



Biedermeier als Erzieher 



Weise vor; frag nicht nach bestimmten Formen, 
sondern nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit, nach 
Bestimmtheit und Klarheit und Deutlichkeit, nach 
Geschmack und Feingefühl, nach Natur als Vorbild 
und nach Natürlichkeit als Schaffensprinzip, nach 
Bedarf und Zweck, aber auch nach Veranschau- 
lichung des Bedarfes und des Zweckes; frag dich, 
ob du etwas zu sagen hast, und dann sprich das 
aus! Arbeite ganz einfach gut und schön, ob nun 
rund oder rechteckig oder spitz! Du fragst mich, 
wie das sei, das Gut und Schön? Da habe ja eben 
ich von dir zu erfahren, in welcher Weise du gut 
und schön bauen wirst! Dir kann ich nicht den 
Bau angeben, den du ausführen sollst und willst. 
Dir kann ich nur sagen : Bilde dein Können, deinen 
Geschmack usw. auf jede mögliche Weise, wie dich 
alle Historie einschliesslich des letzten Augenblickes 
lehrt! Dazu ist allerdings heute noch mehr, als es 
schon zu meiner Zeit nötig gewesen wäre, eine 
hochgesteigerte Künstlerpädagogik nötig. Ich habe 
ihren Segen nicht genossen oder nicht geniessen 
wollen; darum bin ich primitiv geblieben. Aber 
ich weiss, dass ich auf dem rechten Wege bin, und 
dass meine Enkel das Richtige finden, wenn sie 
meine Wege weiterwandern." V 

V Und wenn wir als seine Enkel jetzt wissen, dass 
wir am besten tun, uns an die Sache zu halten, 
worauf die richtigen Worte, d. h. Kunstformen, so- 
zusagen von selbst folgen werden, können wir auch 
kurz erwidern: wir verzichten auf das Suchen 
alter und neuer Formstile und streben nur nach 
einem Sachstil. Darauf kommen ja jene zahl- 
reichen Redewendungen über den modernen StiN 
von Zweckmässigkeit und Materialgemässheit usw., 
hinaus. Natürlich nützt einem Stummen das Halten 
an die Sache nichts zum Treffen der richtigen 
Worte. Er muss auch die Sprache erlernt haben; 
und die Kunstsprache zu erlernen, ist ein Ding der 
Treue gegen die Natur und gegen die Tradition, 
aber natürlich auch der Lehrer, die das vermitteln. 
Wer klagt, dass eigentlich die Stilformen erschöpft 
seien, der unterschätzt die Muster der Natur und 
der Tradition. Ueber allen Kunststreitigkeiten steht 
die Erfolgsicherheit des Kunstjüngers, der draussen 
im Grünen einheimische Blätter und Blumen sucht, 
sie mit geschultem Können nachbildet und sie je 
nach Bedarf an die Baustelle oder sonstige Stelle, 
die ihrer bedarf, anpasst. Ueber allen Kunststreitig- 
keiten steht die Erfolgsicherheit des Kunstjüngers, 
der sich von der Historie sagen lässt, was schon 
dagewesen ist (es ist alles oder aber nichts schon 
dagewesen), und was im Strome der Entwickslung 
sich noch nicht so ausgelebt hat, dass es abge- 
storben wäre. V 



V Noch bleibt ein unbegrenzter Formenreichtum 
zu neuem Leben übrig. Denken wir einmal an 
eines der einfachsten tektonischen Probleme, das 
aber gerade unsere nächsten Vorfahren so einfältig 
wie möglich behandelt haben: den Fensterrahmen 
und speziell den Oberteil des Fensters, den „Sturz". 
Unsere Weisheit ist hier das Rechteck. Nur mit 
halbem Erfolg und widerspruchsvoll ringen die 
Gardine, die Portiöre, und was sonst die Tapezier- 
kunst des Fensters schafft, gegen jene trostlose 
Form. Doch noch lange nicht ist diejenige Fenster- 
gestaltung ausgeschöpft, die dem Tapezierwerk am 
nächsten kommt: der Vorhangbogen oder Stern- 
bogen, zumal mit doppelter Spitze, wie er z. B. an 
dem Kaufhause zu Freiburg im Breisgau so wohl- 
gefällig zu sehen ist. Und wahrlich kann man es 
nicht historische Eklektik schelten, wenn aus zwei 
Bogenformen eine geschmackvolle Kombination 
gemacht wird, wie beispielsweise aus zwei kleinen 
Rundbogen, die einen Sternbogen in die Mitte 
nehmen. Suchen wir nur erst, so werden wir 
Reichtümer finden, gegen welche die eben ange- 
führten Beispiele nur gering sind! Ein wahrhaft 
moderner Künstler wie Theodor Fisc+ier hat auch 
darin gute Anläufe gezeigt, wie z. B. an den Fenstern 
seiner Stuttgarter Schule zu ersehen ist. V 

V Ueber den „Eisenstil" haben wir viel gestritten; 
doch eine Sammlung der bisher in markanterer 
Weise vorgekommenen Eisenkapitäle scheint noch 
nicht zu existieren. Der fälschlich so genannte 
Eisenstil, dessen Anfänge selbst in der Baukunst 
schon Generationen weit zurückliegen, hat die 
Tradition der Metallkunst als einen Vorrat von 
lehrreichen Mustern für sich; ihr ist kaum eine 
Stilform entgegen, und sie bringt ihr Material auch 
zu jener Weichheit, die von zahlreichen Naturvor- 
bildern verlangt wird. Die Ornamentik „up to date", 
um es so zu nennen, d. h. das Ornament, dessen 
Vorbilder von den nächstliegenden Pflanzen und 
Tieren, vielleicht auch Mineralien, hergenommen 
sind, mag im Eisen noch weite neue Welten ent- 
stehen lassen. V 

V Biedermeier hat uns auch merken lassen, wie 
wir es nicht machen sollen. Die kahlen Flächen 
waren schon längst durch technisch und künstlerisch 
wertvolle Auflösungen überwunden. Heute mögen 
sie dem Sezessionssporte gefallen. Dass sie sich 
durch schlechte Akustik im Innenraume rächen, 
kann man aus den einfachsten physikalischen Er- 
wägungen wissen. Und die Vernachlässigung des 
Idealen rächt sich materiell immer wieder. V 

V Damit können wir bereits mitten in den aktuell- 
sten Fragen des modernen Kirchenbaues stehen. 
Er hat es schon deshalb schwei, weil wir uns nicht 



308 



Rudolf Bitzan 



mehr wie im Mittelalter lieher als Privatleute ein- 
schränken, als dass wir die Wohnung des Ueber- 
natürlichen ohne reiche Ausstattung lassen. Und 
speziell der Protestantismus ist allzusehr eine mehr 
„akustische" als „optische" Religion, als dass er 
seine kirchliche Architektonik von sich selbst aus 
genug fruchtbar machen könnte. Im Kirchenbau 
wird allerdings der Gegensatz zwischen Einst und 
Jetzt, zwischen Form und Form, besonders schwer 
lösbar. Von Haus aus ist jedoch das Christentum, 
wenigstens das katholische, nicht so beschaffen, dass 
es die einen Stilformen vor den anderen entscheidend 
bevorzugen müsste. Grundsätzlich lässt sich christ- 
liche Kultur, katholische wie protestantische, auch 
in unhistorischesten Gegenwartsbauten denken. 
Doch noch liegen wenig ausgeführte Beispiele sol- 
cher Art vor (einige protestantische in Sachsen). 
Bei dem Wettbewerbe für eine (katholische) Kirche 
in Milbertshofen bei München, über welche die 
„Christliche Kunst" 11/7, April 190(3 Beilage, be- 
richtet, gab es einen modernen Entwurf, der an- 
scheinend trotz unbestreitbarer Vorzüge so von 
vorherein beiseite gelegt wurde, dass eine Revision 
des Prozesses gefordert werden kann. Der Entwurf 
mit dem Motto „Orchideen" sah von einem jeden 
der historischen Stile ab und wollte „alle im Pro- 
fanbau üblichen modernen Baumaterialien und da- 
von bedingten Konstruktionsmöglichkeiten auf den 
Kirchenbau anwenden." Geschlossenheit, Würde 
und edle Einfachheit, sodann eine bewegte Gestal- 
tung des Grundrisses und ein malerischer Eindruck 
waren dem Projekte nicht abzusprechen. Etwas 
Spielerisches, zumal in der Anordnung der Fenster, 
hat sich allerdings auch hier gezeigt. V 



V Gerade jener Wettbewerb Hess deutlich erkennen, 
welchegegenwärtigenAnforderungen an den Kirchen- 
bau am ehesten für eine traditionstreue und doch 
selbständige Formensprache zu benützen sind. 
„Möglichst freie und grosse Gestaltung des Kirchen- 
schiffes unter Zurückdrängung dessen, was den 
Blick auf den Altar hemmt" — darauf gingen fast 
alle Projekte jenes Wettbewerbes aus. Ganz neu 
ist dies nicht, doch lange noch nicht in alle seine 
technischen und ästhetischen Vorteile hinein er- 
schöpft. Und unter diesem wahrhaft schlichten 
Zeichen stehen auch sonst einige jüngste Erzeug- 
nisse des Kirchenbaues. V 

V Anderswo hat Schreiber dieser Zeilen anzudeuten 
gesucht, wieviel noch für den Kirchenbau aus der 
Anlegung von Aussenarkaden zu gewinnen ist. 
Welche Verkehrsbedeutung und Kunstbedeutung 
Arkaden überhaupt besitzen, kann jeder Laie und 
Künstler wissen. Es ist aber merkwürdig, wie 
wenig sich die moderne Baukunst trotz ihres Jagens 
nach allen erdenklichen Formen und Motiven die 
Vorteile von Arkadenbauten zunutze macht. Reich- 
lich könnten unsere Strassen Arkadengänge als 
Vervollständigung der Gehwege vertragen. Und 
gelangen wir erst, worüber sich Verfasser hier 
ebenfalls nicht wiederholen kann, endlich einmal 
zu dem Bau von Arkaden und verwandten Gebilden 
in höherer Höhe als der des Strassenniveaus, dann 
wird auch dem Probleme des Städteverkehres und 
Städtebaues ein neues Erlösungsmoment eingefügt 
sein, zugleich als ein neuer Quell für architekto- 
nische Künstlerschaft. Ob nun rund oder recht- 
eckig oder spitz, ist gewiss auch unserem Onkel 
Biedermeier nicht von grossem Belang. V 



RUDOLF BITZAN 



Dieser Name ist den Lesern der „Modernen Bau- 
formen" nicht mehr unbekannt. Schon vor zwei 
Jahren hatten wir Gelegenheit, anlässlich des Wett- 
bewerbs um das Bahnhofprojekt von Karlsruhe uns 
gerade mit diesem jungen, tüchtig emporstrebenden 
Künstler zu beschäftigen, der mit seinem gross- 
zügigen, breiten Entwurf selbst einem H. Billing 
nicht geringe Konkurrenz machte. Da wir heute 
die drei neuesten Schöpfungen Bitzans im Bilde 
vorzuführen haben, glauben wir ihm auch in einer 
Würdigung seines Lebensganges und seiner Lei- 
stungen gerecht werden zu müssen. V 
V Rudolf Bitzan ist von Geburt ein Deutschböhme. 



In Wartenberg beim Jeschken 1872 als Sohn eines 
Bürgerschullehrers zur Welt gekommen, erhielt er 
doch seine ganze Schulbildung in der deutsch- 
böhmischen Hauptindustriestadt Reichenberg, wo 
sein Vater heute noch wirkt. Die Reichenberger 
Staatsgewerbeschule geniesst mit Recht einen guten 
Ruf und hat sich auch hier wieder gut bewährt, 
indem sie unserem Baumeister eine tüchtige Grund- 
lage beibrachte, die er in den Jahren 1890 189(3 
in der Praxis noch zu befestigen nicht unterliess. 
Von grosser Bedeutung wurde sodann ein mehr- 
jähriger Münchener Aufenthalt, wo ein Seidl, 
Hocheder und Dülfer den nachhaltigsten Eindruck 



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RUDOLF BITZRN • DRESDEN 
EMTWURF FÜR EIN ZEITUFNQSQEBRUDE 



309 



Rudolf Bitzan 



auf den, zum erstenmale in grosse Verhältnisse 
gestellten, werdenden Künstler ausübten. Noch 
entscheidender wurde das Jahr I9Ü2, das Bitzan in 
Freiburg i. B. zubrachte; die Nähe von Karlsruhe 
und der aufsteigende Ruhm von Hermann Billing 
wurde für ihn richtunggebend. Vom Jahre 1903 
wirkt Bitzan in Dresden, als gewandter und fleis- 
siger Mitarbeiter William Lossows. V 

V Für alles Gute ein offenes Auge zu haben und 
doch nicht in blinde Nachahmung, in sklavische 
Abhängigkeit zu verfallen, ist eine grössere Kunst, 
als gemeinhin angenommen wird. Dass man in 
München als junger Architekt ungemein viel lernen 
kann, wird niemand bestreiten; aber wie leicht ge- 
wöhnt man sich an irgend eine Lieblingsidee eines 
Seidl, die man dann das ganze Leben nicht mehr 
los wird. Bitzan könnte man das nicht nachsagen. 
— Auch Billing ist gewiss eine so starke Indivi- 
dualität, dass man in jugendlicher Begeisterung 
nur zu leicht unter einen so dominierenden Einfluss 
gerät, den man nicht mehr abschütteln kann. Bitzan 
bemühte sich auch hier mit Erfolg, trotz aller Ver- 
ehrung für Billing nicht ein Trabant von ihm zu 
werden, wie er sich denn auch in den letzten vier 
Jahren trotz der mehr als reichlich vorhandenen 
Gelegenheit, in den Bann eines der tüchtigsten 
Dresdener Meister zu geraten, mit redlichem 
Streben seine künstlerische Freiheit zu wahren 
wusste. V 

V Das höchste Streben eines modernen Architekten 
oder Plastikers ist auf Monumentalität gerichtet, 
was uns nicht wundern kann, nachdem die frühere 
Generation selbst bei den gewaltigsten Aufgaben mit 
besonderer Vorliebe in kleinliche Spielereien versun- 
ken war und über der liehevollen Detailbehandlung, 
eventuell Detailüberladung den Sinn für die wahre 
Monumentalität verloren hatte. Auch Rudolf Bitzan 
strebt nach monumentaler Wirkung und gewiss 
mit vielem Geschicke. Schon sein Entwurf für ein 
Zeitungsgebäude zeigt ganz deutlich den lebhaft 
entwickelten Sinn, durch gute Gruppierung der 
Massen grosszügige Wirkungen zu erzielen. In 
der Wucht der durch drei Stockwerke emporführen- 
den Halbsäulen, in den mächtigen Bogen der drei 
Einfahrten glaubt man geradezu etwas von der ge- 
waltigen Macht der Presse zu spüren. — Im Prinzip 
nicht allzu sehr wesensverschieden ist das Konkur- 
renzprojekt für das Warenhaus Tietz in Düsseldorf. 
Die Aufgabe musste jeden modernen Architekten 
a priori verlocken, denn gerade für solche neuzeit- 
liche Bedürfnisse, die die früheren Zeiten nicht 
gekannt hatten, kann man unabhängig von allen 
traditionellen Fesseln neue Ausdrucksformen prägen. 
Und tatsächlich hat man bekanntlich auch auf dem 



Gebiete des modernen Warenhauses schon archi- 
tektonische Meisterschöpfungen von grossem Wurfe 
aufzuweisen. Bitzan offenbart auch hier wieder 
seinen glücklichen Sinn für Monumentalität, nicht 
nur in dem klargegliederten Grundriss, sondern 
auch in den wuchtigen Fassaden, den Pfeiler- 
stellungen der Risalite, den grossen, ungegliederten 
Dächern (ein Lieblingsmotiv Bitzans) u. s. w. Aber 
doch hat er sich zum Teile selbst durch ein zu Viel 
an Detail um die Wirkung gebracht, was man am 
besten erkennt, wenn mangegenüberdiesem Projekte 
den in der genannten Konkurrenz mit dem ersten 
Preise ausgezeichneten Entwurf von Rehberg& Lipp 
in Charlottenburg — eine etwas geradlinige, aber 
doch vornehm-ruhige Leistung — betrachtet, oder 
den Plan eines anderen Dresdners, nämlich W. 
Kreis', dessen Hauptgebäude sehr klar und über- 
sichtlich angeordnet ist. Bitzan wird sich bei so 
grossangelegten Aufgaben doch noch mehr als 
Meister in der Beschränkung zu bewähren haben 
und eine gewisse Ueberladenheit namentlich im 
Hauptaspekt, sowie einige weniger gelungene 
Schmuckformen — z. B. das auseinandergezogene 
jonische Kapitell über der Fassadeninschrift — 
lieber vermeiden. V 

V Dass Bitzan aber über den Millionenbauten, die 
ja nicht jeden Tag an die Baumeister herantreten, 
nicht die Liebe zu den, im gewöhnlichen Leben 
häufiger vorkommenden, kleineren Gebäuden ver- 
loren hat, ist bekannt. Selbst für bescheidene Auf- 
gaben hat er ja schon ganz reizende Arbeiten ge- 
liefert, von denen man nur bedauern muss, dass 
sie nur zum kleinsten Teile tatsächlich ausgeführt 
wurden. Auch sein Projekt für eine Volksbücherei 
ist eine ganz köstliche Lösung einer Frage, die 
heutzutage die meisten kleineren Städte beschäftigt. 

V Schade, dass Bitzan noch nicht die Möglichkeit 
gefunden hat, die besten seiner Entwürfe auszu- 
führen, dass er nicht in materieller Unabhängigkeit 
schönen Idealen nachgehen kann, um der Mit- und 
Nachwelt sein Können greifbar ad oculos vorzu- 
führen. Zwar hat ihn seine deutschböhmische 
Heimat schon wiederholt durch Preise und An- 
erkennungen ausgezeichnet, und dennoch findet er 
in seiner zweiten Heimatstadt Reichenberg noch 
taube Ohren, wenn er dort mit einem gross- 
zügigen Projekt vorspricht, das gewöhnlich nur den 
einen Fehler hat, dass es zu der Zuckerbäcker- 
achitektur des Reichenberger Rathauses (einem 
„noli me tangere") grell kontrastiert. Hoffentlich 
sehen aber die Deutschböhmen doch bald ein, was 
sie in Bitzan besitzen und was sie an ihm — be- 
sitzen könnten! V 

GUSTAV E. PAZAUREK 



310 




RUDOLF BITZAN- DRESDEN 

Konkiinenz-Entwnrf zum Warenhaus Tietz für Düsseldorf 

Teil der Seiten -Fassaden 



311 




RUDOLF BITZAN-nRIiSDEN 

Konlmncnz-luilwiirf zum Warenhaus Tietz ftlr Düsseldorf 

Teil der Hauptfassade 



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RUDOLF BITZAN- DRESDF.N 
Warenlums Tielz für Düsseldorf 




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RUDOLF BITZAN- DRESDEN 
Warenhaus Tietz für Düsseldorf 



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RUDOLF BITZAN- DRESDEN 
Projekt für eine Volkshildierei 



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ARBEITEN AUS DER SCHULE VON PROFESSOR GRENANDER 



Die Kunstschulen gewinnen in letzter Zeit auch 
in fortschrittlichem Sinne einen grösseren Ein- 
fluss auf eine konkretere Fassung der neuen künst- 
lerischen Anschauung. Sie heginnen damit eine 
Aufgabe zu erfüllen, die schon längst der Inangriff- 
nahme harrt. Der schwerfällig eingesessene Apparat, 
das ancien regime, mit seinen mannigfachen bureau- 
kratischen Verästelungen ist hier ein schwierig zu 
beschneidendes Hindernis. Junge Triebe werden 
widerwillig geduldet und in ihrem Wachstum be- 
hindert. Es entstehen unerquickliche Zustände, die 
jedoch im Fortschritt der Zeit von nicht allzu langer 
Dauer sein können. V 

V Die erste durchgreifende Reorganisation der 
Kunstgewerbeschulen ging von Düsseldorf aus. Der 
Dresdener Ausstellungsraum dieser Schule war '"n 
jeder Beziehung eine glänzende Leistung, ein un- 
geahnter Fortschritt auf diesem Gebiete, der nur 
durch das organisatorische und didaktische Genie 
Peter Behrens" verständlich wird. V 

V Auch Berlin berechtigt neuerdings zu schönen 
Hoffnungen. Professor Alfred Grenander hat schon 
seit längerer Zeit einen bestimmenden überaus 
glücklichen Einfluss auf seine Schüler gewonnen. 
Die hier veröffentlichten Entwürfe sind in seiner 
Klasse ausgeführt. Der Zusammenhang mit der 
Anschauung Grenanders ist ohne weiteres ersicht- 
lich und erscheint zunächst als das Wesentliche 
im Verhältnis des Lehrers zum Schüler. V 

V Gerade das Unterordnen unter eine gesetzmässige 
Anschauung, einen bestimmten künstlerischen Or- 
ganismus führt zur Erkenntnis der eigenen Origi- 
nalität, die sich später selbsttätig zum Ausdruck 
bringt. Für mehr handwerklich reproduzierende 
Naturen dagegen, welchen die Selbständigkeit der 
eigenen Auffassung fehlt, wird jene Schulung zu 
einer nachhaltig wirksamen künstlerischen Kraft. 

V Professor Grenander legt besonderen Wert auf 
die Vielseitigkeit der Entwürfe und Aufgaben. 
Innenausstattungen jeder Art wechseln mit Entwürfen 



zu Vestibülen, Treppenhäusern und Aussenarchi- 
tekturen. Bei den Innenräumen, die naturgemäss 
überwiegen, fällt besonders die Raumgestaltung als 
solche auf, das Zurückdrängen aller raumbeengenden 
Elemente unter den tektonischen Organismus des 
Ganzen. In diesen Entwürfen kann man durchweg 
von wirklichen Räumen sprechen, die in ihrer 
lichten Helligkeit und feinen Koloristik gegenüber 
den vollgepfropften Rumpelkammern einer mittel- 
alterlichen Anschauung von Reinlichkeit und Be- 
wohnbarkeit der Behausungeine wirkliche Errungen- 
schaft bedeuten. Es hat sich hier ein ähnlicher 
Umschwung wie in der Entwicklung der Dunkel- 
und Hellmalerei der letzten Jahrzehnte vollzogen, 
ein Wechsel, wie „wenn man aus völliger Dunkel- 
heit plötzlich in leuchtende Helle tritt". Auch in 
tektonischer Hinsicht zeugt die Raumkunst dieser 
Arbeiten bis in alle Einzelheiten von einer origi- 
nalen und einwandfreien Durcharbeitung. V 

V Bei einem der Entwürfe ist ein unmerkliches 
Anlehnen an die Antike von besonderem Interesse, 
weil hier eine gewisse Wesenverwandtschaft sich 
mit der Antike verbindet, gleichzeitig jedoch der 
grosse Fortschritt unserer Zeit in anderen Entwürfen 
aufs deutlichste zum Ausdruck kommt. Was wir 
der Antike gegenüber voraus haben, ist die Heraus- 
arbeitung hoher lichter Räume, die in den meisten 
Entwürfen durch einen freien und neutralen Luft- 
raum über der eigentlichen Bewegungssphäre ge- 
schaffen sind. Das Lastende der älteren Anschauung 
wird hierin freier Leichtigkeit gehoben. So werden 
diese Räume in wohltuendem Kontraste lebendig. 
Die einfachen hohen Flächen bändigen die un- 
ruhigeren Linien der Gebrauchsmöbel. V 

V Die Ausstattung selbst wird in ihrer vollendeten 
Behandlung bis in alle Einzelheiten von kluger 
Ueberlegung bedingt. Das Einzige, was diesen 
Arbeiten fehlt, ist eine realere Existenz, die ihnen 
in jeder Beziehung zu wünschen wäre. V 

MAX C REU TZ 



317 




O. DÜCHOW (Sdmle Prof. Alfred Grenamier- Berlin) 
Entwurf zu einer Diele 



318 




ANTON MOELTER (Schule Prof. Alfred Grenander- Berlin) Entwurf zu einer Vorlialle 




A. DOCHÜW (Sdiule Prof. Alfred Grenander -Berlin) Studie zu einer Kaminpartie 



319 




I'. VENT (Si/iii/i' Prot. Alfred ürenander-Herlin) 
Studie zu einer Halle 



320 




/:. SALOMON (Schule Prof. Alfred Grenandcr- Berlin) 
Entwurf zu einer Kapelle 



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RMTON MütLItK 

(SCHULE PROF. RLFRED QRENRNDER • BERLIN)- 

EMTWURF Zu ElhEM WOHNZIMMER 



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./. FRANKI-: (Sdiiile Prof. Alfred ürenander- Berlin) 
Soinnii'rhaiis-F.ntunirf 



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£. NOLTE (Schule Prof. Alfred Grenander- Berlin) linrwiirf ;ii einer Jialle 




ALFRED FEHSE (Sduile Prof. Alfred Grenander- Herlini Kaniinsiudie 



325 




UHU SCHULZ (Sdmlf Prof. AtJreJ ürenancier- Berlin) 
Entwürfe zu einer ünrderabe und einer Barhierstube 



326 




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ü. FRIESE (Sdiiilc l'rot Alfred ürenandcr- Berlini 
Entwurf :u einer Diele 



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RUDOLF SCHMID-FREIBURG i. B. 
Haus Gliinkin: Hiiwaiiii und Hnioeschosssrundriss 





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RUDOLF SCHMID- FREIBURG i. R. 
Haas „Zum Schwanen" . Hofnnsidit und Ginndrisse 





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AMERIKANISCHE LANDHÄUSER UND IHRE GÄRTEN* 



Wer Amerika nicht kennt, kann sich schwer von 
einem alteingebürgerten Vorurteil befreien, 
das mit ihm die Vorstellung eines durchweg kalt 
und nüchtern aufgebauten Landes verbindet, in 
dem man nirgends eine Spur jener heimatlich an- 
mutenden Stätten vermutet, die so sehr auf unser 
Gemüt wirken, die unser Deutschland so zahlreich 
hatte, und die man jetzt nach sogenanntem, „ameri- 
kanischem" Muster mit allen Mitteln zu zerstören 
sich bemüht. V 

V Darum war dies Buch eine grosse Ueberraschung 
für mich. Nun kann ich zwar nicht sagen, ob die 
Abbildungen durchaus typisch sind oder ob sie nur 
einige verstreute Perlen aus dem ungeheuren Lande 
jenseits des Ozeans zusammentragen; das Vorwort 
gibt darüber nicht genügend Aufschluss. Sollte aber 
das, was das Werk bringt, charakteristisch für die 
amerikanische Gartengestaltung sein, so haben wir 
allen Grund, unsern Stolz auf die heutige künst- 
lerische Kultur unserer Heimat ein wenig herab- 
zustimmen. Denn es dürfte schwer sein, ein gleich 
gutes Buch über neuere deutsche Gärten zusammen 
zu stellen. V 

V Immer unter der Voraussetzung, dass es sich 
hier wirklich um typisch amerikanische Gärten 
handelt, muss man zugeben : die Amerikaner wissen, 
wozu Gärten da sind und sind genügend über die 
Grundformen der Gartengestaltung unterrichtet. 
Zwar ist man beim Durchblättern des Buches leicht 
geneigt zu glauben, der Amerikaner nähme das 
Gute, wo er es fände. Denn wir sehen Anlagen, 
die man für holländische Gärten ansprechen möchte, 
andere, bei denen man sich nach England versetzt 
fühlt; und bei manchen wieder meint man italie- 
nische Landschaften zu sehn. Doch erscheint es 
mir voreilig, daraufhin schlichtweg die Anklage 
eines billigen Eklektizismus zu erheben. Denn 
man muss bedenken und überlegen, dass Amerika 
ein weit ausgedehntes Land ist, das nahezu so viele 
Klimata und verschiedene Landschaftsgestaltungen 
in sich vereinigt, wie unser ganzes altes Europa 
zusammengenommen. Da ist es nur natürlich, dass 
uns die südlichen Gärten an Italien und die nörd- 
lichen an England erinnern. Ueberdies sind doch 
die Amerikaner noch kein ganz einheitlicher Stamm, 
sondern die Bevölkerung ist aus Kolonisten der 
alten Welt gebildet. Kein Wunder, dass diese die 
Gartenideale ihres Mutterlandes mitgebracht und 
in die neue Heimat verpflanzt haben. Bei alledem 

A m e r i c a n C o u n t ry H m e s a n d t h e i r O a r <i e n s. Heraus- 
gegeben von John Cordis Baker, mit einer Kinleitung von Donii 
Barber; Philadelphia bei der John C. Winston Company. 



erscheint es mir, als wenn man, vertieft man sich 
in die Bilder, sehr bald eine neue Note heraus- 
liest, die nicht englisch und auch nicht italienisch 
oder holländisch ist, sondern die eben dies typisch 
Amerikanische, von dem ich sprach, zu bilden 
scheint. Sie mit Worten zu erklären, ist eine miss- 
liche Sache und wahrscheinlich keine leichtere Auf- 
gabe als die, den Typus des Amerikaners selbst zu 
beschreiben. \/ 

V Wir brauchen uns nun Amerika nicht als Ideal 
aufzustellen und können doch manches aus dem 
Buche lernen. In ihm erscheint uns der Ameri- 
kaner pietätvoller als man allgemein von ihm an- 
nimmt; jedenfalls weiss er die künstlerische Tra- 
dition seines Stammlandes besser aufrecht zu 
erhalten, als man es bei uns getan hat, wo beson- 
ders in Gartenanlagen eine so wilde Geschmack- 
losigkeit und Ratlosigkeit herrschten und noch 
herrschen, als ob wir nie die Fähigkeit besessen 
hätten, schöne Gärten anzulegen. V 

V Nun kommt zwar den Amerikanern eine oft 
überaus üppige Vegetation zu Hilfe, ihre Gärten 
zu gestalten, wiewohl die Art derselben, wenigstens 
soweit ich aus den Abbildungen sah, dem Pflanzen- 
wuchs in unserm Klima ähnlich zu sein scheint. 
Das kann jedoch die Würdigung der amerikanischen 
Gartenbaukunst nicht einschränken. V 

V Recht interessant ist auch die amerikanische 
Architektur, die man aus diesem Werke kennen 
lernt. In den meisten Fällen scheint sie \ernünftig, 
einfach, echt und gut zu sein, manchmal erhebt 
sie sich sogar zu klassischer Gestaltung, während 
verhältnismässig wenige schlichtweg banal genannt 
werden können. Der moderne Amerikaner aber 
scheint nicht mit jener oft ans Komische grenzen- 
den Aengstlichkeit den klassischen Formen aus 
dem Wege zu gehen, wie der moderne deutsche 
Architekt es häufig ganz unnötigerweise tut. Und 
doch wird fast immer der Eindruck natürlichen 
konstruktiven Aufbaues erzielt. Auch die Gärten 
treten in innigerer Beziehung zur Natur als es bei 
uns üblich ist. Fast überall ist ein grosser Teil 
derselben, der sich ans Haus anschliesst, rein archi- 
tektonisch gehalten. In ihm dominieren die An- 
lagen von Pergolas, Terrassen, Mauern, Treppen, 
Wasserbecken und Gartenhäusern, während er da, 
wo er sich vom Hause entfernt, der Natur sich 
anschmiegt, dem Prinzip folgend, dass der Garten 
das Vermittlungsglied zwischen der menschlichen 
Wohnung und dem Gelände, zwischen Architektur 
und Natur bilden soll. V 

PA Ul. SCHUL rZE - NA UMBURü 



336 





WILSON EYRE-PHILADHLPHIA Pa. 
Landhaus in Bolton Landing am George-See 



337 







AU-KIM. ME AD & WHITE- NEW YORK 
.Tlir Oirhaid" in Soutliampton: Eingang zum Atelier 



338 




339 




340 





WILSON EYRl:- PHILADELPHIA 
Pergola in Belle Haven, Connecticut 



341 




.\hi\IM. MLAD A Wllllt-Sl-.W YOUK 
(Jartenanlage in Sf. James auf Long, Island 




CJlMiU-S A. ri.ATI -NEW YORK 
Haas in lioiiiville, Connecticut 



342 




343 




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344 




CHARLES A. PLATl - St W ) ( //V/\ 
Ateliergebäude des Künstlers bei Wiiidsor. Ve 

UNSERE BILDER 



V Lörrach, ein kleines badisches Städtchen am 
Fusse des oberen Schwarzwaldes, verdankt dem 
Freiburger Architekten Rudolf Schmid ein paar 
Geschäftshäuser, die sich der bescheidenen Archi- 
tektur seiner Strassenbilder äusserst glücklich ein- 
fügen. Das Wohn- und Geschäftshaus Fr. Giünkin 
wurde im Jahre 1903 mit einem Kostenaufwand von 
115000 Mark erbaut. Für die Strassenseiten kam 
Marktbreiter Muschelkalk zur Verwendung, der in 
den ornamentalen Teilen leicht abgetönt wurde. Die 
Hoffassaden sind in Putz gehalten und mit Holz- 
lauben ausgestattet, wie solche dort in früheren 
Jahren üblich waren und heute noch eine grosse 
Annehmlichkeit bieten. Im Inneren wurde die 
Formensprache der Fassaden einheitlich durchge- 
führt. Ausser der Haupttreppe verbindet die beiden, 
von einer Familie bewohnten, Obergeschosse noch 
eine intime Treppe in gut beleuchteter Diele. Man 
sieht dem Hause an, dass der Bauherr den künst- 
lerischen und praktischen Ratschlägen des Archi- 



tekten das weitgehendste Verständnis entgegen- 
brachte, während anderseits dieser die Geschäfts- 
interessen, Wünsche und Gewohnheiten des Auf- 
traggebers nicht ausser acht Hess. Das Haus „Zum 
Schwanen", an der gleichen Strasse gelegen und 
um ein Jahr später erbaut wie das Eckhaus, kostete 
215000 Mark. Trotz der niedrigen Höhenentwick- 
lung hat es dank seiner vornehmen Architektur 
und dem beherrschenden Giebel eine feine, fast 
monumentale Wirkung, die man bei bedeutend um- 
fangreicheren Gebäuden derselben Strasse vergeb- 
lich sucht. Als Material diente Maintaler Sandstein, 
zu dessen schwerer Tönung das weisse Fensterholz 
in freundlichem Gegensatz steht; das Dach ist deutsch 
geschiefert. Im Inneren führt eine breite Treppen- 
anlage zu den Einzelwohnungen. Eine teilweise 
Adaptierung alter Bestände trug wohl stark zur 
malerischen Wirkung der Hofansicht bei, wo in 
dem altvaterischen Halbgiebel der kleinstädtische 
Bautypus eine fröhliche Auferstehung feiert. V 



Verantwortlicher Herausgeber: M. J. QRADL-Stuttgart, Rotenwaldstrasse 23. 
Verlag: JULIUS HOFFMANN- Stuttgart. Druck: Hoffmannsche Buclidruckerei Felix Krais- Stuttgart. 

(Der N.icticinick .nller in dieser NuniiiR-r ciith.iltenen Artil<cl mul Hikler ist verboten.) 



60 





t^m BEMIRSCHKE • DÜSSELDORF 
STUDIE ZU EIMER DIELE 



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v,|AVODERNE BAUFORMEN, g 

MONATSHEFTE FÜR ARCHITEKTUR 



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MODERNE DÄNISCHE ARCHITEKTUR 

VON WILHELM WANSCHER - KOPENHAGEN 



Wenn man von einer nationalen Schule der 
Baukunst in Dänemark reden kann, so gebührt 
es vor allem, jene Denkmäler der Vergangenheit zu 
nennen, die man seit den Jahren 1830 40 mit gutem 
Erfolg für die moderne Bauweise studiert hat. Die 
Restaurierungsarbeiten, die nach manchen schmerz- 
lichen Fehlgriffen jetzt in eine künstlerische und 
wissenschaftliche Spur, namentlich durch Professor 
Herm. Storch, gelenkt worden sind, haben dabei 
manches getan. Vor den Verirrungen eines zufäl- 
ligen Geschmackes schützen diese methodischen 
Messungen und liebevollen Wiederherstellungen 
alter Gebäude, wodurch zugleich der Sinn für das 
Grundlegende und das Verständnis der Gesetze 
einer natürlichen Entwicklung gepflegt werden. Von 
Bedeutung für unsere moderne Architektur sind u. a. 
die kraftvollen, schlichten Ritterburgen des 16. Jahr- 
hunderts, im Stile des Ueberganges vom Mittelalter 
zur Renaissance, noch bevor die niederländischen 
Einflüsse mit dem Bau des imposanten Kronborg 
bei Helsingör der einheimischen Kunst einen ent- 
schieden fremdartigen Einschlag gaben. Die älteren 
Burgen wie Borreby bei Skelskör (Südwest-Seeland) 
und Hesselagergaard bei Nyhorg (Fühnen) sind, wie 
die Florentiner und Sieneser Paläste des 13. und 
14. Jahrhunderts, wahrhaft klassisch in ihrer Art. 
Es sind wie diese mehrstöckige, viereckige Häuser 
mit gut gelegtem, hohem Schwerpunkte und kraft- 
vollen Konturen. V 
V Denselben Geschmack am Soliden findet man 
noch in einigen Kirchen des 17. Jahrhunderts, wie 
S. Trinitatis mit „Rimde Taarn" zu Kopenhagen, ein 
wahrer Koloss, dessen bedeutender Umfang und 
Grösse noch durch den Gegensatz zu der kleinen 
Umgebung der beengten Gasse gesteigert werden. 
Merkwürdig bleibt es dabei, dass dieselbe Zeit auch 
solche niedliche malerische Gebäude schuf wie die 
Börse, die Rosenborg und die Holmens Kirche (um 
1620) im gewöhnlichen Stil der Renaissance. Der 



italienische Einfluss siegte um 1700; aus dieser Zeit 
haben wir mehrere stattliche Barockbauten in Kopen- 
hagen und Umgebung. Als typische Beispiele seien 
der Reithof in Christiansborg ca. 1740 und die 
Strasse „Amaliegade" erwähnt. Hier steht das 
„gelbe Palais", von dem Franzosen Jardin gebaut, 
und die jonische Kolonnade von seinem Schüler 
Harsdorf, der vielleicht die klassizistische Richtung 
mit derselben Reinheit des Gefühles, wie später 
Thorwaldsen, vertrat. V 

V Die Bestrebungen des 19. Jahrhunderts waren 
aber in erster Linie gegen die römisch-italienischen 
Bautraditionengerichtet; auch von dereinheimischen 
Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts verstand man 
lange nichts. Wie überall im Zeitalter der Heiligen 
AUiance wurde auch bei uns das Gute in der Ferne 
gesucht, das Nächstliegende und tatsächlich Wert- 
volle geschmäht und allmählich vertilgt. Der kluge 
Deutsche Gottfried Semper spricht um dieselbe 
Zeit in seinem Pamphlet „Ueber bemalte Archi- 
tektur bei den Alten" 1834, die prophetischen Worte 
aus: dass wir am Ende selber vergessen wollen, 
welchem Jahrhundert wir angehören. V 

V Ein vorzüglicher Künstler, der Erbauer des 
„Thorwaldsens Museum", M. G. Bindesböll, leitete 
die Bewegung ein. Er war als junger Mann in 
Gesellschaft mit H. C. Örsted nach Paris gegangen, 
wo er bei Gau verkehrte — - wie später Gottfried 
Semper in seinem unfreiwilligen Pariser Aufenthalt. 
Nach Beendigung seiner akademischen Studien im 
Jahre 18,^4 ging Bindesböll nach Italien und Griechen- 
land, wo er alles betrachtete und studierte. Um 
dieselbe Zeit entwarf er mehrere Pläne für das 
Museum, bald in ägyptischem oder griechischem, 
bald in pompejanischem und florentinischem Stile. 
1839 wurde das erwähnte ägyptisch-griechische Werk 
in Angriff genommen. Es ist vielleicht die beste 
Arbeit eines dänischen Architekten im 19. Jahr- 
hundert geworden. V 



345 



346 



Moderne dänische Architektur 



V Nach seinem Tode im Jahre 1856 bekamen die 
langweiligen Studien des „korrekten" romanischen 
und gotischen und „korrekten" Renaissancestiles 
die Ueberhand, bis allgemach aus der Schule von 
Herholdt, Holm und Storch die neuere Gene- 
ration hervorging. V 

V Das glänzende Beispiel des neuen „persönlichen" 
Stiles ist bekanntlich das Kopenhagener Rathaus 
von M. Nyrop; 1892 begonnen. Die Rücksichten 
auf das Wohlfeile, Gesunde, Praktische, sowie auf 
das Gemütliche, Abwechselnde und Farbenfrohe 
waren Nyrop massgebend. Und trotzdem die Einzel- 
motive nicht ganz zueinander passen, und die Sil- 
houettwirkung ein wenig zu spröde erscheint, wird 
dieser Bau dennoch als ein nationaler Schatz ver- 
ehrt. Die Handwerker besonders haben hier den 
Wert selbständiger guter Arbeit verstanden, weil 
sie selber von der schlichten Nyropschen Geometrie 
der Details interessiert wurden; und dem Publikum 
ist der Bau eine wahre Schule der Augen gewesen, 
denn Nyrop hat das Volk Architektur zu 
lieben gelehrt. V 

V Aber die Entwicklung geht schnell; das Rathaus 
ist heute kein modernes Haus, sondern vielmehr 
ein historisches; und leider ist seine Nachwirkung 
nicht immer die beste gewesen. Man kann dies 
vielfach an den Häusern der Geschäftsbaumeister 
beobachten, die als Nachahmer nur die Einzelmoti^e 
benutzen, ohne den Sinn des Ganzen erfasst zu 
haben. Das sogenannte „Moderne" ist daher auch 
bei uns in der Regel unruhig und geschmacklos. 
Und doch haben wir „moderne" Künstler. Da sind 
Clemmensen und Plesner. Sie haben gezeigt, 
wie man die Traditionen der Baukunst des 18. Jahr- 
hunderts verwerten kann. Als Beispiele gehen wir 
hier das Haus des Apothekers Otto Benzon, von 
Clemmensen gebaut; und das schönere von seinem 
Freunde Ulrik Plesner für den Künstler P. S. Kröyer 
in der Nähe von diesem gebaut. V 

V Der Sinn für das Natürliche und Einfache, wie 
auch für die Reinheit des Ganzen musste notwendig 
die Augen der besseren Architekten nach England 
ziehen. Clemmensen wurde früh auf die Vorteile 
der neueren englischen Baukunst aufmerksam. Er 
ward mit C. F. A. Voysey befreundet, und suchte 
anfangs direkt den Stil der Engländer sich anzu- 
eignen; später wurden die Anregungen in mehr 
persönlicher Weise verwertet. Das Eigentümliche 
des englischen Stiles: die Ausbreitung in der horizon- 
talen Fläche und die Verbindung des Hauses mit 
dem Terrain sind bei unseren beschränkten Raum- 
verhältnissen selten durchzuführen; aber Clemmen- 
sen ist einer der ersten, der die Schönheit der 
Modestie erkannte, und mehrere seiner einfachen 



Landhäuser im Badort Hornbaek (bei Helsingör) 
und anderswo haben den echten Charakter eines 
Hauses, das „besser ist, wie es aussieht", d. h. in 
der Plangestaltung, in der Aneinanderfügung der 
Räume, der Treppen sowie in der Benützung jeder 
Ecke, in der guten Lichtführung etc. eine innige 
Gemütlichkeit besitzt, die die Bewohner zu schätzen 
wissen, aber von der man von aussen wenig sehen 
kann. Clemmensens Häuser haben keinen Aus- 
stellungscharakter. Hierin liegt seine Bedeutung. 

V Wir werden später auf ihn zurückkommen; jetzt 
müssen wir von einem jüngeren Fachgenossen, der 
für Clemmensen selber von Bedeutung gewesen, 
reden, der vorgenannte Ulrik Plesner. V 

V Sein erstes bedeutendes Werk „Aahuset" zu 
Kopenhagen (Aaboulevard) hat keinen Sockel, und 
die hervorgehenden Söller stehen einfach auf der 
Erde, damit das Ganze, in roten Ziegeln, Granit 
und Kreide gemauert, anscheinend ohne jede An- 
strengung ruhig emporsteigt, um durch das grosse 
Mansarddach mit schwarzen Glasurziegeln einen 
wuchtigen Abschluss zu bekommen. Unten: das 
Lotrechte, Parallele, Einfache; oben: das Breite, 
Wagrechte und Einheitliche. Die Ecke ist des Bau- 
gesetzes wegen abgeschrägt worden und die Fenster 
um dieselbe herumgeführt. V 

V Wie man sieht, arbeitet Plesner nur mit wenigen 
grossen Motiven, die er aber vollständig beherrscht; 
und er versteht durch die perspektivischen Aus- 
und Einbiegungen der lotrechten Flächen unter 
Beibehaltung derselben Simse eine Abwechslung 
zu geben, die einem nie satt wird. V 

V Das Problem des modernen Hochbaues hat er 
somit einfach gelöst, indem er die Höhenentwick- 
lung freigibt ohne Rücksichten auf Quereinteilungen 
der Fassade, und indem er die lotrechte Fläche des 
Hauses in verschiedene Winkel biegt. Diese Lösung 
hat Clemmensen wie die meisten anderen beob- 
achtet. Er sucht aber mit ähnlichen Mitteln eine 
Gegenwirkung hervorzubringen, um den Anschein 
zu erwecken, dass das Haus nicht nur in der Höhe 
steigt, sondern auch in sich selber niedersinkt, 
wodurch ein Gleichgewicht etwa nach einer horizon- 
talen Linie in zwei Drittel oder in halber Höhe des 
Baues entsteht. Es ist barockes Gefühl. — Am 
reinsten wirkt dieses Prinzip in den Häusern eines 
Komplexes bei Forchhammersvej in der Nähe von 
Wodroffsvej, besonders in der hinteren Partie mit 
der weichen Turmspitze. Die eingesetzten Giebel 
haben vielleicht etwas Störendes. Sie können aber 
nicht fortgelassen werden, weil man dann sofort im 
Gedanken die Turmspitze höher heraufschiebt, wo- 
durch die Harmonie verschwindet. In dem Zu- 
sammenstoss der Giebel mit den Altanen liegt auch 



347 



Moderne dänische Architektur 



eine Schwierigkeit. Aber trotzdem ist das Gebäude 
interessant. Wir können vorläufig nichts Besseres 
dieser Gattung leisten. V 

V Auch ein Postamt zu Maribo (Loliand), jetzt in der 
Ausführung begriffen, zeigt diese reife Behandlungs- 
weise vielleicht am besten. Es ist ein Haus, das 
seiner Bestimmung nach mit den Bauten des aristo- 
kratischen 18. Jahrhunderts vieles gemein hat und 
als ein würdiges Amtsgehäude anzusehen ist. Die 
ganze Form des Hauses ist wohlbedacht und gibt 
eine echte barocke Wirkung, ohne die Barockmotive 
zu misshrauchen. Ich lobe die Fenstereinteilung 
und die wuchtigen Linien des grossen Daches. 

V Am freudigsten wirkt die Kunst Ulrik Plesners 
in solchen Gebäuden, wie das Haus des Hafen- 
inspektors mit den beiden Häusern seiner zwei 
Beamten auf Skagen. Die beiden Giebel und der 
Charakter des Ganzen sind eigentümlich für Pro- 
vinzialhäuser vor 1850. Der Architekt sagt, dass 
er dabei besonders Bauten in Westjütland vor Augen 
hatte. Der Turm in der Mitte, mit seiner schönen 
hohen Stirne, enthält das Comptoir des Hafen- 
inspektors und im Oberstock ein Zimmer für die 
Administration (Ingenieure). Die Schornsteine sind 
immer auf ihrem natürlichen Platze im Hause lot- 
recht aufgeführt. Der First bleibt frei. V 

V Ausser dem Hause Kröyer hat Plesner auch 
andere gute Einzelwohnhäuser in Kopenhagen ge- 
baut, wie das Haus eines reichen Junggesellen 
(heutiger Besitzer Direktor Rieh) in Valby, und 
das in der Nähe von diesem gelegene Haus des 
Inspektors an der Glyptothek, Th. Oppermann. 
Fügen wir dazu die schöne Villa des Ingenieurs 
Alex. Foss, von dem frühverstorbenen Architekten 
Fritz Koch gebaut, die in derselben Gegend liegt, 
bekommt man einen guten Eindruck von dem, was 
die moderne dänische Baukunst unter freien und 
günstigen Verhältnissen leisten kann. V 

V Das Haus Rieh liegt in der Ecke eines gesenkten 
Terrainsund hat eine dementsprechendeGruppierung 
der Bauteile. Im Keller, der gegen Süden, dem 
Garten zu, das Erdgeschoss wird, liegt die sommer- 
liche Speisestube. Darüber eine Terrasse, die nach 
dem Garten führt. Dieser erste Stock entspricht 
also dem Erdgeschosse der Strasse zu. Wenn man 
von hier in das Haus eintritt, steigt man zuerst 
hinauf, bis man nach links gedreht in die hohe 
Diele kommt. Der Kamin ist nach englischem 
Muster als sichtbares Mauermotiv benutzt. Die 
Treppe ist wieder nach rechts gezogen, damit die 
Diele im oberen Stocke sich ausbreiten kann, lieber 
dem eigentlichen Eingang ist ein mittlerer niedriger 
Stock eingeschoben, der aber nur von der Küchen- 
treppe aus zugänglich ist, und als Polterkammer etc. 



dient. Von der Diele gelangt man in das Arbeits- 
zimmer, das ebenso wie die Diele einen englischen 
Kamin in dem gemütlichen Ausbau hat. Die kleinen 
Seitenfenster über den beiden Sitzbänken geben 
massiges Licht; das breitere Fenster links dient dem 
Schreibtische, der steht, wo die Buchstaben „Zim- 
mer" auf dem Plane geschrieben sind, aber natür- 
lich nur einen kleinen Platz des Zimmers einnimmt. 
Durch das grosse Fenster nach Süden wird schliess- 
lich die schöne Aussicht genossen. Alles in allem 
eine ideale Stube für einen wohlhabenden Jung- 
gesellen, der gute Kunst und gute Bücher liebte, 
und der sowohl für die Geistesarbeit wie für den trau- 
lichen Verkehr mit guten Freunden geschaffen war. 

V Von diesem Hause inspiriert wurde später das 
letztgenannte Haus Alexander Foss. Am Aeusseren 
findet man eine ungezwungene Verwendung der 
klassischen Motive der Kunst des 18. Jahrhunderts. 
Der Bau hat eine vorzügliche plastische Wirkung im 
Terrain und ist einheitlich und vornehm, ohne dass 
man von einer gewollten Monumentalität, die mit dem 
Einzelwohnhause als solchem nichts zu tun hat, 
reden kann. Bei dem Pavilloji für den Yachtklub 
zerstört Koch gleiche Vorzüge durch die Spielerei 
mit den Turmhelmen. V 

V Neben Clempensen und Plesner muss noch als 
der dritte im Bunde P. W. J. Klint genannt wer- 
den. Er war ursprünglich Ingenieur, als er Maler 
wurde, und später, seit 1896 auch Architekt. Als 
Maler hatte er sich besonders dem Studium der 
Bäume gewidmet, wie man es noch an der eigenen 
Zeichnung des Hauses Holm in Hellerup bei 
Kopenhagen beobachten kann. Die Struktur des 
Hauses wird bei Klint, wenn nicht in derselben 
Art eines Forstmannes, dennoch mit derselben 
Gewissenhaftigkeit gepflegt; damit die Formen und 
Linien überall als organisch befunden werden können. 
Das Haus wirkt glücklich im perspektivischen Bilde 
und daher auch in der Natur. Das Gleichgewicht 
der Massen ist sehr schön. Wenn der Giebel in 
die Höhe steigt, sinkt das Dach, und der kleine 
Erker steht ruhig am Boden. V 

V Ein Wohnhaus mit einem Gymnastiksaale im 
Untergeschosse baute er 1898 in einem derben 
Backsteinstil mit Giebelschornsteinmotiven; später 
das Bankgebäude in Fredrikshavn (Jütland) und 
eine Wohnung für den Inspektor eines Rittergutes 
Ourupgaard (auf der Insel Falster). V 

V Er liebt die interessanten Linien, mit denen man 
die Form des Baues beherrschen kann; wie z. B. 
die lange Linie des Daches an dem letztgenannten 
Hause, mit Hilfe derer das Haus mit den Stallungen 
verbunden wird. Eine grosszügige Wirkung! V 
\7 Er liebt die geschlossenen Anlagen, die immer 



348 



Moderne dänische Architektur 



neue Linienwirkungen dem Auge darbieten und 
trotz des soliden Materials elegant und sicher er- 
scheinen, wenn man das Gebäude von allen Seiten 
betrachtet. Es ist dabei charakteristisch, dass er 
die Kehrseite als solche, aber mit eben so feinem 
Gefühle behandelt wie die Schauseiten. Vielleicht 
ist diese Gartenseite des Bankgebäudes das beste, 
was er geschaffen hat (der Entwurf stammt von 
einem Schüler Fr. Kiörboe, aber der Sinn der Be- 
handlung ist der des Meisters). V 

V Für die Kultur des Innern hat er auch manches 
getan, besonders in der Linienbehandlung der Tür- 
partien, der Treppen und der Möbel. Hier zeigt 
sich besonders seine feine Kenntnis des Barockstils, 
oder richtiger des Uebergangstils. Ob er die alten 
Engländer Chippendale und Sheraton studiert hat, 
weiss ich nicht. — Er modelliert selber alle Details 
und ist unangreifbar in der korrekten und fein- 
sinnigen Benutzung des Materials. V 

V Wie die dänische Architektur heutzutage im 
Stande ist, echt moderne Aufgaben zu lösen, zeigt 
eine Arbeit, die ich hier zuletzt erwähnen möchte : 
den Entwurf für ein Krematorium von einem jungen 
Architekten, Ivar Bentsen, einem Schüler von 



Klint und Plesner. Er hat die Aufgabe in der 
Art eines altitalienischen Baptisteriums erfasst und 
einen tadellos sicheren Grundriss und schönen 
Aufbau mit Hilfe der mittelalterlichen und barocken 
Traditionen des Backsteinbaues geschaffen. Die 
vier Doppelschornsteine, die zu den Einrichtungen 
der Ventilierung des Raumes und der Verbrennung 
dienen, hat er architektonisch als auswendige Rippen 
der Wölbung verwertet, womit das Ganze wie von 
diesen zusammengebunden erscheint. Dadurch ver- 
meidet er auch die Schwierigkeiten in der Behand- 
lung der Dächer, weil man die Ziegel nicht radiär, 
sondern nur parallel auflegen kann und daher vier 
Grate bekommt, die für den Charakter der Run- 
dung unvorteilhaft sind. Diese Grate werden jetzt 
von den Rippen gedeckt. Von feiner Wirkung sind 
die Abschneidungen der Rippen in der Mitte, wo- 
durch das Vertikale betont wird und wodurch das 
Auge einen prägnanten Eindruck des Querschnittes 
der Rippen bekommt. Auch die Weise, wie Dach 
und Wände zusammenstimmen, sowohl in der Gleich- 
heit des Materials, wie in der Grösse der Linien, 
tut einem modernen Menschen wohl. Es ist die 
Form des Ganzen des Baues bester Schmuck. 




.Ivar Bentsen. Grundrisse :ii dem Entwurf für ein Krematorium 



349 




JVAR BENTSEN- KOPENHAGEN 
Entwurf :ii einem Krematorium 



350 







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351 







352 





ANDREAS CLEMMENSEN- KOPENHAGEN 
Entwurf zu einem Postgebäude in Maribo (Lolland) 



353 




ULRIK PLESNER - KÜPBSHA ÜliS 
Wo/in li(uisi:;nif'pe „Aafniset" am Aahoiilevard in Kopenhagen 



354 




355 







356 




ULRIK PLESNER- KOPENHAGEN 
Haus Oppermann in Valby bei Kopenhagen 



357 




358 




ULRIK PLESNER- KOPENHAGEN 
Haus Rieh in Valby bei Kopenhagen 




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P. W. J. KUNT- KOPENHAGEN 
Hankgehäitcle in l'rederiksltavn 



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P. II". ./. KUMT-KUI'l:MIA<it:N 
Spiuseziinmer-Schränkp 



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EMTWURF ZU EINER HRLLE 

nUSQEFÜHRT VON RMTON PÖS5EMBRCHER • MÜNCHEN 



371 




.ll.l.V HIiMRS(:HKI--I)USSl:LDOUF 
Die ..Waliliss-Kolonnade" in Wien. Käiinerstrasse 



372 




MAX BENIRSCHKE- DÜSSELDORF 
Die ,.\\"ali/iss-h'oloniwcir" in W'itvi, K'ürtncistrdsse 




CC Di 



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373 




PRÜI-: HlilXRICIl MF.TZr.NDORT'-BHNSHF.IM a. d. B. 
l.andiwiis Dr. C. \\\yl in Bcnslicim a. d. H. 



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Prof. Heiiir. Metzendorf: Grundrisse der Hiiiiser Groos. Dillcr und Weyl 



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RUDOLF HOMMES • STÜTTQRRT 
EMTWURF Zu EIMER VORHRLLE 



377 




PROF. HEINRICH .WF.TZIiSDORF- HliSSHIilM a. ä. B. 
Apotheke (Umbau) des Dr. F.. A. Merck am l.iiiseiiplalz in Darmstadt 



378 




379 




PROI'. HI-INRICH MET/.F.N DORF- BHNSHIilM a. ä. B. 
Landhaus F.. Mcnt-Jiigeiilicim a. il. H. 



380 




1 







Prof. Heim: Metzendorf: Grundrisse der Häuser für Herrn Holm and der W'erkmeistcriianser 



^ 66 





MR?( HILL ■ FREIBURQ i. 
HALLE 



381 




ruui mixuiai .\\I:T/j:n duri - bi:\sh i:i .w ,i ,/ /; 

\'i//ii f)r. (jroos in Bensheim a. d, H. 



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Prof. Heinr. Met:ctidoif: Grundrisse der Häuser Heitejuss und Hildebrand, sowie des „Marieniwf es" 



67 



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QESELLSCHRPTSRfiUME FÜR EIN HOTEL 
Q. M. ELLWOOD • LOMDON 



391 







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392 




PROF. HEINRICH METZtNDORt-BENSHBIM a. ä. ß. 
Mädchenheiin „Marienhof" in Braunshard bei Dannstadt 



UNSERE BILDER 



V Wir haben heute Gelegenheit, unseren Lesern 
wieder eine Anzahl der neuesten Bauten aus den 
Städten an der Bergstrasse zu zeigen, die alle den 
Schöpfer der dortigen heutigen Bauweise, Professor 
Heinrich Metzendorf in Bensheim, zum Urheber 
haben. Man kann diesen gottgesegneten Landstrich 
wahrhaftig um „seinen" Baumeister und die Früchte 
seines Beispiels beneiden; denn innerhalb der 
schwarz-weiss-roten Grenzpfähle wird es wohl nur 
wenige Gegenden geben, in denen so schön und 
bodenständig und so „einheitlich" gebaut wird, mag 
es für Metzendorf auch manchmal nicht gerade 
erfreulich sein, seine Baugedanken in gedankenloser 
Nachahmung der Aeusserlichkeiten neben Eigenes 
gestellt zu sehen. Dem Laien ist es da manchmal 
schlechterdings unmöglich, die Bauten des Meisters 
von denen seiner Nachbeter zu scheiden. Aber in 
diesem Nachteil liegt unseres Erachtens gerade der 
Vorteil. Denn hierin dokumentieren sich die An- 



sätze zu einer verallgemeinerten, volkstümlichen 
Bauweise, die mit der Sorglosigkeit früherer Jahr- 
hunderte das Gute verarbeitet, wie und wo sie es 
findet. Freilich, die Verarbeitung lässt noch vieles 
zu wünschen übrig; auf eigenen Füssen stehen 
lernt sich eben nicht von heute auf morgen. Wir 
freuen uns, dass nunmehr auch die weinfrohen 
Nachbarn jenseits des Rheins anfangen, Metzendorf 
zu sich herüberzuholen. Sie habens auch nötig, 
wenn sie nicht den herrlichen altertümlichen Kern 
ihrer Städte in einem Wust von anspruchsvollen 
Geschmacklosigkeiten vollends begraben wollen. 
V Von dem Düsseldorfer Max Benirschke brin- 
gen wir ausser den beiden in Form und Farbe fein- 
empfundenen Innenräumen eine ausgeführte Arbeit, 
den Umbau der Wahliss-Kolonnade an der Kärtner- 
strasse in Wien, womit er zeigt, dass die Ideen 
seiner Kunst lebensfähig sind. Das Wienerische 
seiner Architektur fällt nie ins Gesuchte. \/ 



Verantwortlicher Herausgeber: M. J. GRADL-Stuttgart, Rotenwaldstrasse 23. 
Verlag: JULIUS HOFFMANN -Stuttgart. Druck: Hoffmannsche Buchdruckerei Felix Krais-Stuttgart. 

(Der Nachdruck aller in dieser Nummer enthaltenen Artikel und Bilder ist verboten.) 



68 





ums ERLWEIN . DRESDEN 

24. BEZIRKSSCHULE IM DRESDEN 



v,| MODERNE BAUFORAIEN 

J MONATSHEFTE FÜRARCHITEKTUF 




DRITTES DRESDENER KÜNSTLERHEFT 1907 




MARTIN DÜLFF.R-DRESDt:N 
Wohnhaus Schenk in Freibiirg i. B.: Eingangsseite 



393 



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MARTIN DÜLFER- DRESDEN 
Wohnhaus Sdienk: Südostseite 



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MARTIN DÜI.FBR-nRF.SDF.X 
Wohnhaus Srheiik: lenasse 



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399 




400 




Martin Dülfcr, Grundrisse des Hauses Sdieiik in Freiburg i. Br. 




Martin Dül/er. Sdmitt durdi den Theater- und Saalbau in Lübeck 



69 




OTTO GUSSMANN-DRESDEN 

DECKENMALEREI IN DER KIRCHE ZU STREHLEN 



401 




Mnrt/ii Ihiifcr: Cinindrissr :ii dem Tliratcr- iiiiil Snnihnii in Lübedt 



402 




MARTIN DÜLFER- DRESDEN 
Stadttheater und Saalbau fiir Lübeck 



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17//,; /;; Dirsdni. nadi Aiiiiabcn von //. TSCHARMÄNN - DRIiSÜEN 
(jaiienseite 



404 




405 




406 




407 




408 




Vüla in Dresden nach Antraben von H. TSCHARMANN - DRESDEN 
Bepflanznng von J. P. ÜROSSMANN-DRESDEN 



409 




Villa in Drcsiicn. nach Ansahen i'on H. TSCH ARM AKN- DRESDEN, Gartenseite 
Ornamente von KARL CiROSS-DRESDEN 



410 




17//,; in Dresden, nach Angaben von H. TSCHARMANN - DRESDEN 
Gartenliäi:schen 




Die Dresdener Villa ist vor einigen Jahren 
erbaut, konvnt aber erst jetzt, naehdeni der 
Garten ein Jahr alt. znr Wirkung. Sie lamr 
von einem Dresdener Bannieister entworfen, 
ihr Aensseres ivnrde aber in seiner Gesanit- 
forni nnd seinen Einzelheiten naeh Tsehar- 
nianns Angaben ivesentlich geändert und 
vereinfaeht. Zur Ausgestaltung des in seinen 
Grnndzügen gleiehfalls von Tsehannann an- 
gegebenen Gartens wurde der Gartenlngeniear 
J. P. Grossmann, iveleher auch die beiden 
farbigen Blätter aquarellierte, herangezogen. 
Der gesamte bildnerische Selimuek am Hause 
nnd Garten ist von Karl Gross modelliert. 
Die Innenei/iriehtnng, ivelehe Oszvin Hempel 
und Emil Walther schufen, soll später folgen. 









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KARI. CiROSS- ORl'.SDF.N 
Rtliels an dvr \'illa in Dicsilcn 



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PAUL RÖSSLER- DRESDEN 
Bullt verglaste Fenster und Wnndiiialerci am Haus Hempet- Dresden 



415 




HANS ERLWFJN- DRESDEN 
24. Bezirksscliiüe in Dresden. Sirassenseile 



416 




HANS HRL WH IN ■ DRESDEN 
24. Bezirksschnlc: Detail des Hnuptrisalits 




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HANS ERLWEIN- DRESDEN 
24. Bezirksschule: Eingang für Knaben von ERNST HOTTENROTH -DRESDEN 



419 




HANS ERLWEIN-DRESDHN 
24. Bezirksscliule: fUiifiaiig für Mädchen von ERNST HOTTENROTH - DRESDEN 



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///1/V5 F.RLWEIN -DRESDEN 
Details von der 24. Bezirksscinile : Ornamente von ERNST HÖH ENROTH- DRESDEN 



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HANS ERLWEIN -DRESDEN 
Details von der 21. liezirksschuU- : Ornamente von ERNST HOTTENROTH - DRESDEN 



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l/ANS IzRLWHlN- DRI:SI)/u\ 
24. Bezirkssdiiile : Baderanm und Treppenhaus 



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OTTO GUSSMANN -DRESDEN 
Fenster in der ./.nnftsfiibe" 




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Hans Erlwein: Grundriss der 24. Bezirkssdmle 








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OTTO GUSSMANN -DRESDEN 
Detail der Gewölbemalerei der Lukaskirdie zu Dresden 



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OTTO GUSSMA.\\\-!-)RLSD/:X 
ücwölbenialerei der Lukaskiidic :u Dresden 



428 




0770 GUSSMANN-DRtSDEN 
Fenster in der Kirche zu Ehingen (Wiirlthg.) 



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HANS ERLWEIN- DRESDEN 
Bedürfnisanstalt in Dresden 



Verantwortlich für die Redal<tionskoinmissioii : Prof. Kf^NST HOTTENROTH-Dresden, Holbeiiistr. 4S. 

Red.-Kommission : Prof. GROSS, Prof. HEMPEL, Prof. HOTTEHROTH, ERICH KLEINHEMPEL, PAUE RÖSSLER, 

RUDOLF SCHILLINQ, sämtiieii in Dresden. 

Verlag: JULIUS HOFFMANN-Stuttgart. Druck: Hoffmannsche Buchdruckerei Felix Krais Stuttgart. 

(Der Nachdruck aller in dieser Nummer enthaltenen Artikel und Bilder ist verboten.) 



75 





PROF, RICHARD BERhDL • MühCHEN 
STUDIE ZU EIMEM DEINKMRL 




MODERNE BAUFORMEN |„ 

MONATSHEFTE FÜR ARCHITEKTUR 




RICHARD BERNDL 

VON DR. PHILIPP MARIA HALM-MÜNCHEN 



Der Name Richard Berndl ist in dem Kreise 
der Architekten, zumal Münchens kein frem- 
der oder neuer mehr. Der edle und kostbare Bau 
eines Mausoleums für den Grafen Andrassy in 
Kraszno-Horka Varalja im Komitat Gömör in Ungarn 
hat ihn mit einem Schlage bekannt gemacht. Es 
war sein Erstlingswerk — wenigstens das erste 
grössere — trotz allem aber eine reife abgeklärte 
Schöpfung, der man die Jugend ihres Autors nicht 
ansah; man konnte sie höchstens in dem kühnen 
Wagemut, mit dem er sich über alle Tradition hin- 
wegsetzte, ahnen. Bis vor kurzem war Berndl nicht 
mehr mit einer ähnlichen grossen Leistung hervor- 
getreten, erst der jüngst vollendete Bau des Hotels 
Union Katholisches Kasino — in München rief 
seinen Namen in die Erinnerung zurück. Es handelte 
sich hier aber nicht so sehr um eine Neuschöpfung 
von Grund aus als vielmehr um einen Umbau, dem 
zahllose Fesseln angelegt waren. Dass man ihrer 
Last und ihres Zwangs auch nicht im mindesten 
gewahr wird, ist Berndls ungeschmälertes Verdienst. 
Dort in Kraszno-Horka-Varalja war freie Bahn ge- 
geben, hier aber war ihm in vielen Punkten eine 
ängstlich gebundene Marschroute vorgezeichnet. Es 
gehörte aussergewöhnliche Beherrschung aller er- 
denkbaren technischen und künstlerischen Faktoren 
dazu, um der schwierigen Aufgabe gerecht zu werden, 
die in ihrem vollen Umfange nur der zu ermessen 
imstande ist, der den alten Bau kannte. Wer würde 
in dem jetzigen Festsaal noch den scheunenähn- 
lichen Raum mit den eisernen Ständern wieder- 
erkennen! Wie raffiniert hat Berndl schwierige 
Höhenverhältnisse durch alle möglichen Kniffe von 
Deckenbildungen zu beseitigen gewusst, welch 
lustige Ecken und Kojen konstruierte er aus toten 
Winkeln! Alles fügt sich selbstverständlich, gemüt- 
lich und zweckmässig ein. Der Architekt hat es 
verstanden, überall aus der Not eine Tugend zu 
machen. V 



V Berndl ist, das erkennt der erste Blick auf seine 
Bauten, Münchner, aber wir sehen ihn nicht, wie 
so viele Andere und auch Tüchtige in der Gefolg- 
schaft eines der grossen Architekten, sondern un- 
bekümmert um alles, was um ihn vorgeht, tritt er 
an seine Aufgaben heran. Sein Stil ist ein ausge- 
sprochen persönlicher. Frei von jeder direkten oder 
indirekten Anlehnung an Altes oder Neues, sucht 
er seine Lösungen aus den gegebenen Punkten zu 
konstruieren in Formen, die in ihrem architekto- 
nischen Gehalt kaum mehr als die unumgänglichsten 
aber auch die zweckmässigsten Grundformen bieten 
und doch nichts von jener Kälte und puritaner- 
haften Nüchternheit an sich tragen, mit denen man 
eine Zeitlang den neuen Stil gefunden zu haben 
glaubte. V 

V So gewinnt man denn auch bei der Fassade des 
Hotels Union in ihrer einfachen Auflösung in drei 
Risalite und vier Geschosse, über die ein breites 
Gesims vorkragt, keineswegs den Eindruck des 
Primitiven, sondern vielmehr einer aus grossen 
Dominanten und wenigen geschickt verteilten 
Schmuckgliedern erzeugten Monumentalität. Nie- 
mals aber tritt Berndl schwer und wuchtig auf, 
aufdringliches Betonen einer tektonischen Funktion 
ist ihm durchaus fremd; es würde das seinem 
Hauptbedürfnis, die Massen einheitlich zusammen- 
zubinden, durchaus widerstreben. Im grossen Saal 
des Hotels Union beschränkt er sich deshalb ledig- 
lich auf die elegante Cäsur der Balkone und die 
Kassettierung der Decke über den Bogen. Das 
verleiht dem Saal im Vereine mit der feinen Stim- 
mung Weiss-Grün-Gold bei aller feierlichen Wirkung 
doch auch zugleich einen festlich frohen Charakter. 
Wie in diesem Saale hat Berndl auch in allen 
anderen Räumen die Bestimmung derselben ihrer 
künstlerischen Ausgestaltung zugrunde gelegt; man 
kann getrost sagen, man erkennt ihre Bestimmung 
aus ihrer Stimmung. Selbst die Gastzimmer sind. 



433 



434 



Richard Berndl 



wenn auch mit einfachen Mitteln geschaffen, auf 
intime Wirkung berechnet; sie wollen ihren Be- 
wohner vergessen lassen, dass er in der Fremde 
ist; er soll sich gemütlich wie zu Hause fühlen. 

V Diese Berücksichtigungpsychologischer Momente, 
dieses Versenken in alle Einzelheiten befähigt 
Berndl ganz besonders aber zum Bau von Land- 
häusern und ähnlichen Gebäuden von massigen 
Dimensionen. Auf diesem Gebiete suche ich seine 
hervorragendste Bedeutung, zumal als Aussen- 
architekt. V 

V Man hört heutzutage so oft das Wort „Boden- 
ständigkeit" und in engem Zusammenhang damit 
das abgehetzte „Volkskunst". Diese Beiden, so 
erhoffte man sich, sollten uns Segen bringen, nur 
von ihnen erwartete man sich Heil. Wie man früher 
aus den Städten und Schlössern sich „Anregung" 
geholt hatte, so zog man bald aufs Land, suchte 
da, was man brauchen konnte, und was originell war, 
fügte es nach Bedarf zusammen und „fand, dass es 
gut war". Alle aber priesen die wohltätige Erkennt- 
nis der Volkskunst und die „echt bodenständige 
Kunst" eines solchen Finders, wohlverstanden nicht 
Erfinders. Ich verhehle nicht, dass für viele Fälle 
in der Predigt der heimatlichen Bauweise eine emi- 
nente Leitlinie zur Erhaltung schöner gemütlicher 
Orts- und Strassenbilder gegeben war, aber un- 
zweifelhaft fasste man den Begriff „bodenbeständig" 
zu eng. Man wollte doch vor allem damit sagen, 
dass die Kunst dem Boden entsprechen sollte, auf 
den sie zu stehen käme und fiel in den alten Usus 
der Nachahmung und des Nachbetens. Berndl aber 
nimmtden Begriff „bodenständig" im weitesten Sinne. 
Müssen ein Wohnhaus, eine Villa notwendigerweise 
ein flaches Dach und eine sog. Laube haben, weil 
sie ins Vorland des Gebirgs zu stehen kommen? 
Keineswegs! Erster Grundsatz für Berndl ist, aus 
Natur und Kunstprodukt ein harmonisches Ganze 
schaffen. Und in den Mitteln für diesen Zweck 
ist er durchaus frei, frei vor allem von jener ängst- 
lichen Tradition, wie wir sie eben kennzeichneten. 
Nicht als ob er nicht ein offenes Auge auch für das 
gute Alte hätte, aber es regt ihn mehr an, als dass 
es ihn verlocke, es nachzubilden. Es beherrscht 
und unterjocht ihn nicht, vielmehr zwingt er es zu 
Aufgaben und Formen. V 

V Irre ich nicht, so arbeitet Berndl wie ein Maler. 
Er entwirft abgerundete Gemälde; er stellt seine 
Architekturen wie Stimmungsfaktoren in die Land- 
schaft hinein; die Landschaftshäuser Professor W. 
in Starnberg oder des Kunstmalers G. in Wolfrats- 
hausen sind treffende Beispiele. Er grübelt dabei 
nicht, er probiert nicht mit dem Anpassen von allen 
möglichen Motiven, sondern alles wird mit einigen 



wenigen grossen Linien versucht. Er strebt hier 
nicht nach Monumentalität, sondern nach Intimität. 
Seine Schöpfungen wollen sich nicht aufdrängen, 
sondern sich eher einschmeicheln. Er will nicht 
auffallen mit dem eigenen Werk, so wie etwa ein 
virtuoser Schauspieler oder Sänger die Einheit 
einer Handlung mit seiner Selbstgefälligkeit zer- 
reisst, sondern er fügt seine Schöpfungen in die 
Umgebung ein mit all seinem Vermögen, aber noch 
mehr mit aller weisen Einschränkung. Er ordnet 
sich dem Gegebenen unter und hält strenges Mass. 
Deshalb tragen auch alle seine Arbeiten den Cha- 
rakter des Gewordenen, desNatürlich-Entstandenen. 
Sie stehen in der Landschaft wie aus dem Boden 
herausgewachsen und sind trotz all ihrer in der 
Gegend oft ungewohnten Bildungen von Dächern, 
Erkern, Fenstern in ihrem wunderbar bildmässigen 
Einfügen in die Umgebung eminente Beispiele von 
Bodenständigkeit. Man sieht an ihnen zur Genüge, 
welche Engherzigkeit und Torheit es wäre, etwa 
nur flache Dächer und kleine Fenster zu machen, 
wo steiles Dach, Walmen, grosse Fenster neuen Be- 
dürfnissen mehr zusagen. Freilich aber gehört 
zu solchem Wegsetzen über die Schranken des 
Gewohnten ein so feines malerisches und Linien- 
empfinden, wie es Berndl zu eigen ist. V 
V Die Linie ist für ihn unstreitig die Hauptsache, 
aufdringliche Schmuckformen sucht man bei ihm 
vergebens. Ein schlichtes Relief, ein freundliches 
Fresko genügen ihm vollauf. Im übrigen aber muss 
ihm die Farbe helfen. Weisse Wände, ein rotes 
Ziegeldach sind ihm Norm, dazu aber kommt dann der 
reichste Wechsel der Farbe am Beiwerk. Da — im 
Sinne alter Bauernhäuser — graue Giebelverschalun- 
gen und Dachuntersichten mit schwarzer und roter 
Bemalung, grüne Läden mit weisser Fassung, dort 
blau gestrichene Veranden und Balkone, und Fenster 
und Erker in Weiss. Ein ständiger Wechsel und 
immer ein gewisses Raffinement in der Auswahl 
der farbigen Werte für das Milieu. Das Gleiche 
gilt, wie wir schon bei der Besprechung des Union- 
hotels hörten, auch für die Innenarchitekturen. 
Berndls Farben und Formen müssen sich ihm als 
zwei durchaus von einander abhängige Faktoren 
zusammenschliessen. Wenn wir erwähnen, dass er 
für die reizenden blaugrünen Lüster mit weissen 
Ornamenten in dem. Büffetraum des Unionhotels, 
die die K. Porzellanmanufaktur Nymphenburg ge- 
fertigt hat, selbst ein Original als Muster malte, so 
mag das nur ein Beweis für viele sein dafür, wie 
er jedes Kunstwerk als ein Ganzes auffasst. So 
nur wurde es ihm möglich, jene herzerquickende 
Intimität seiner Innenräume — oft mit den einfach- 
sten Mitteln — zu erzielen, überall Natürlichkeit 



435 



Richard Berndl 



und Anspruchslosigkeit. Fast mehr noch als bei 
den Aussenarchitekturen liebt er hier das Schlichte, 
das gilt in gleicher Weise auch für die Möbel. 
Durchaus begnügt er sich mit einem rein sachlichen 
klaren Aufbau, scharfe Kanten und Profile kennt 
er nicht. Besonderen Wert aber legt er auf Material 
und geschmackvolle Verbindungen verschiedener 
Hölzer. Eine ausserordentlich feine Wirkung er- 
zielte er in dem Gesellschaftszimmer des Katho- 
lischen Kasinos, wo er das Rahmenwerk der Ver- 
täfelung in amerikanischem Nussbaum, die Füllungen 
aber in Rüster und Ulme hielt. Unveräusserlich 
ist für ihn eine weisse Decke mit feingezeichneten, 
durchaus originellen Stuckzieraten. V 

V Leider entbehren die meisten Blätter, die unseren 
Lesern Berndls Kunst näher bringen sollen, des 
wichtigsten und stärksten Zuges seines künstlerischen 
Schaffens, der Farbe; immerhin wird man sich aus 
den Farbentafeln, die wir bieten, einen ungefähren 
Begriff von dieserSeite seiner Kunst machen können. 
Den reichen Wechsel in seinen farbigen Lösungen 
müssen wir jedoch schuldig bleiben. Seine Farben- 
zusammenstellungen sind ungewohnt, stets aber 
von dem feinsten Geschmacke geleitet. Ein Wagnis, 
ja geradezu eine Kühnheit, ist in dieser Hinsicht 
der Bühnenvorhang im Hotel Union. Der Vorhang 
selbst in warmem Blau mit Applikationen von 
Grün, Gelbbraun und Weiss wird überschattet von 
einem Lambrequin in kaltem Blau. Ausser Dülfers 
Vorhang des Theaters von Dortmund kenne ich 
nichts Aehnliches von so auserlesener Schönheit 
in Farbe und Zeichnung. V 

V Wenn ich Berndl einen Meister von Stimmungs- 
und Farbeneffekten nenne, so möchte ich glauben, 
dass er mir für ein bisher wenig bebautes Kunst- 
gebiet ganz hervorragende Qualitäten mitbringt, 
nämlich für die moderne Kunst im Dienste der 
Kirchenrestaurationen. Noch besitzen wir keine 
derartige Leistung von ihm, doch trägt er sich zur 
Zeit mit einer solchen. Es handelt sich um die 
Instandsetzung einer gotischen Hallenkirche mit 



einer Einrichtung des 18. Jahrhunderts. Berndl 
verlässt, wie uns seine Skizzen zeigen, die ausge- 
tretenen Bahnen, Kirche und Einrichtung getrennt 
nach ihren ursprünglichen Beständen zu erneuern. 
Solchem Stück- und Flickwerk ist er entschiedener 
Widersacher. Ihm lautet die Aufgabe: Wie kann 
ich mir Widerstrebendes und stilistisch Gegen- 
sätzliches zu einem künstlerischen Ganzen zwingen? 
Es ist fast die gleiche, oben gekennzeichnete Er- 
wägung: Wie passe ich dem Boden neue fremde 
Formen an? Sind es in diesem letzten Falle im 
wesentlichen die Linien, die die architektonische 
Frage lösen müssen, so sucht er bei jener Aufgabe 
die einigende Hauptwirkung durch eine raffinierte 
Farbenwahl zu erreichen. Freilich werden die 
Wände und Gewölbe ebensowenig in der Weise 
der Gotik, wie die Altäre im Barock- oder Rokoko- 
charakter gehalten sein. Dem schulgerechten Ar- 
chäologen mag es angst und bange werden bei 
solchem Hohnsprechen all der alten „bewährten" 
Rezepte von Denkmalpflege, aber unzweifelhaft 
wird ein ungetrübter", frischer, von Altertümelei 
nicht angekränkelter Blick seine helle Freude 
schon an dem kühnen Versuch haben. Für den 
Erfolg aber brauchen wir uns bei einem farbig 
so fein abwägenden Künstler wie Berndl nicht zu 
sorgen. V 

V Der Vielseitigkeit Berndls in dem engen Rahmen 
einer Einleitung zu diesem Hefte gerecht zu wer- 
den, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ich muss es 
den Lesern überlassen, sich an Hand der Bilder 
dieses reiche Talent zu vergegenwärtigen. Aber 
nicht so sehr dieses ist es, was seine Kunst aus 
der Alltäglichkeit so hoch heraushebt, als vielmehr 
ihr innerer Gehalt, ihr hoher Ernst und ihre ab- 
solute Wahrhaftigkeit. Man darf die heterogensten 
seiner Werke einander gegenüberstellen, diese Vor- 
züge wird man nirgends vermissen. München hat 
allen Grund, Berndl mit Stolz einen der Seinen zu 
nennen, möge es aber auch aus diesem Besitz den 
richtigen Vorteil zu ziehen wissen! V 



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PROF. RICHARD BERNDL-MÜNCHEN 
Hotel Union: Hof ansieht 



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PROF. RICHARD BERSDI.-MÜNCHES 
Hotel Union (Kath. Kasino) in Mtindwn: Fassnde an der Haier Strasse 



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PROF. RICHARD BERNDL-MÜNCHEN 
Hotel Union: Hoteleingang 



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PROF. RICHARD BERN[)L-MÜSCHtS 
Hotel Union: Windfang 



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PROF. RICHARD BERNDL-MÜNCHEN 
Hotel Union: Erker im Hof und Nisc/ie im kleinen Saal 



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PROF. RICHARD BF.RNDL-MIjNCHEN 
Hotel Union: Vrstibül 



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PROF. RICHARD BER^UL-MUNCHEN 
Hotel Union: Restnnrnnt 



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PR01-: RICHARD BLRNDL-MÜNCIIBN 
Hotel Union: Frühstilckszimmer und Sdirribstiibe 



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PRÜF. RICHARÜ BBRNÜL-MÜNCHEN 
Hotel Union: Ofen im Gesellschaftszimmer 



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Hotel Union: Hihliothi'k 



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Hotel Union: \'orst<inilsdiaftszinuner 



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PROF. RICHARD BERNDL-MÜNCHEN 

Hotel Union: Biihnenöffnnng im grossen Saal 

(Vorhang von M. von Branclütscli- Miindien) 



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PROF. RICHARD BERNDL-MÜNCHF.N 
Hotel Union: Grosser Saal 



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PROF. RICHARD BERMDL ■ MÜfNCHEM 
STUDIE ZU EIMEM QRflBMRL 



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PROF. RICHRRD BERMDL • MUMCHEN 
STUDIE Zu EIMEM DEMKMRL 



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PROF. RICHARD BERhDL ■ MUhCHEN 

STUDIE ZU EIMER TERRRSSEnfliNLRQE MIT BRUMMEN 



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PROF. RICHARD HERNDL-MÜNCHEN 
Landhaus .Wiilh: Gartenseite 




■^rof. Richard Berndt: (irandrisse des Jagähanses für den Grafen A. 



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l'ROF. RICHARD BERNDL-MÜNCHEN 
Landliaus des Knnstinalers G. in Wotjratshausen und Jagdhaus für den Grafen A. 



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PROF. RICHARD BERNDL-MÜNCHEN 
Landlians Picker in Partenkirdien 



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OBER-GESCMOSS. 




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Prof. Richard Rcrndl : Grundrisse des Landhauses in Wolfratshausen 



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ZIHSEL & FRIEDHRICH-KOLN a. Rh. 
Hüiis Frank in Köln-Lindenthal 

Relit'l ..Orp/ieiis" , (inipp,- am l'orlal ..Muttrr iiiid Kind" ina'/c ilic Onninu'nU' der l.oggia 
van PRO/. RUDOI.I' ßOSSI:I.T-üOSSI:/.DORF 



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ZIESEL & FRIEDRICH • KÖLN a. RHEIN 
DIELE IM HflUSE FRRMCK, KÖLN a. RH. 
ORMRMEMTRLE RUSMRLUMQ UND ENTWURF DER 
KÜINSTVERQLnSÜMQEN VON ].V. CISSRRZ -STUTTQRRT 




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SEMF&MÜSCH . FRANKFURT a.M. 

PROJEKT FÜR EIME KOMZERTHRLLE FÜR FRANKFURT a, M. 

TEILRNSICHT DES GROSSEN SARLES 



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HUGO EBERHARDT- FRANKFURT a. M. 
Haas Pilentz in Heilbronn a. N. 



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I Vinlj KOHL^«;! 



/•Wrz SING- KARLSRUHE 
Entwurf zu einem Weinberghäusdien 



Vcrnntw'ortliclier Herausgeber: M. J. QRADL-Stuttgart, Rotenwaldstrasse 23. 

Verlag: JULIUS HOFFMANN -Stuttgart. Druck: Hoffmannsclie Buchdruckerei Felix Krais-Stuttgart. 

(Der Nachdruck aller in dieser Nummer enthaltenen Artikel und Bilder ist verboten.) 



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83 





EMILSCHRÜDT • BERLIN 

SEITEMEinQRhQ DES SRRLBRÜES IN DER JÖQERSTRRSSE 

Zu BERLIM 

(MRLEREIEN VON BRUhO DRRBIQ • BERLIN) 




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MODERNE BAUFORMEN 

inONATSHEFT E FÜR ARCHITEKTUR 



12 



EMIL SCHAUDT 

VON DR. MAX OSBORN-BERLIN 



In zwei breiten Armen flutet der Entwicklungsstrom 
der neuen Baukunst dahin. Auf der einen Seite 
steht das Prinzip des modernen Forschergeistes, der 
den Organismus jedes Dinges im Kern erfassen 
möchte, und pocht aufsein Recht. Auf der andern 
tritt die unvertilghare Menschensehnsucht nach 
schöpferisch-freiem Spiel mit der Materie auf und 
macht ihre Forderungen geltend. Der Nutzbau und 
der Schmuckbau, der(mit Richard Dehmel zu reden: 
„von jedem Zweck genesen") lediglich dem Streben 
nach monumentalem Ausdruck des Zeitempfindens 
dient: das rein praktischer Bestimmung dienende 
Bauwerk und das moderne Architektur-Denkmal 
stehen an den Endpunkten. Das Eisen, das seit einem 
halben Jahrhundert (schon seit dem Industriepalast 
der ersten Weltausstellung zu London im Jahre I8,S1 ) 
immer energischer in die Baukunst eindrang, führte, 
über ähnliche Bemühungen vergangener Jahrhun- 
derte weit hinausgehend, zu einer architektonischen 
Sprache, die in der absoluten Klarlegung des kon- 
struktiven Gefüges neue ästhetische Werte und 
Reize fand. Aber auch der alte Stein blieb nicht 
müssig und suchte .dem neumodischen Eindring- 
ling ein Paroli zu bieten, indem er der straffen 
Schlankheit und Leichtigkeit dieses fabrizierten 
Gesellen die eindringlichere Betonung der eigenen 
natürlichen Wucht und Schwere entgegensetzte. 
Dort ging die Baukunst mit der Wissenschaft des 
Ingenieurs eine Ehe ein; hier suchte sie sich aus 
ihrem Wesen heraus auf eigene Faust zu ver- 
jüngen. Dort spiegeln sich die analytischen, hier 
die synthetischen Tendenzen des Zeitalters; dort 
seine geschärfte Vernunft, hier seine nach langem 
Schlummer wiedererwachte Phantasie. V 

V Indessen die beiden Stromläufe beginnen all- 
mählich sich einander zu nähern oder gar zu be- 
rühren. Die ältere Generation von heute hatte 
sich die Arbeit zunächst geteilt. Die Neuheit der 
modernen Gedanken auf beiden Seiten war im 
Anfang so überwältigend, die Aufgaben, die es zu 



durchdenken galt, waren so schwierige, dass jede 
vorderhand einen ganzen Mann verlangte. Bei den 
Angehörigen des jüngeren Geschlechts ist die Schei- 
dung nicht mehr so schroff. Ueber den beiden 
Entwicklungskreisen wird das höhere Prinzip: dem 
Empfindungsgehalt der Gegenwart, den verschie- 
denen Zwecken entsprechend auf verschiedene 
Art, in tektonischen Gebilden konkrete Gestalt zu 
geben, als einigende Macht sichtbar. Die Zeit wird 
kommen, wo die Ströme wieder in ein Bett zu- 
sammenfliessen .... V 

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V Es war im Januar 1902, als ich in Hamburg 
beim Durchschreiten der schier unzähligen Ent- 
würfe zur Bismarck-Denkmal-Konkurrenz plötzlich 
vor dem Modell mit der Bezeichnung „Erster 
Preis" stand. Das gab einen Ruck nach all dem 
mittelmässigen, gleichgültigen und schablonenhaften 
Zeug, das man hatte Revue passieren lassen. Noch 
war durch keine Aufschrift zu ersehen, wer der 
Schöpfer des herrlichen Entwurfs sei. Doch dass 
nur Hugo Lederer der Bildhauer dieser in grossen 
Linien stilisierten Bisniarckfigur sein konnte, musste 
jedem Kenner der jungdeutschen Plastik auch ohne 
Plakat fast als ausgemacht erscheinen. Wer aber 
war der Architekt, der diesen grandiosen Aufbau 
ersonnen? Man zerbrach sich den Kopf. Schmitz? 
Rieth? Kreis? Ein Unbekannter konnte es doch 
nicht sein! .... Seitdem man dann erfuhr, dass 
es der Berliner Architekt EmilSchaudt sei, der 
das ausserordentliche Werk geschaffen habe, hat 
man den Namen nicht mehr vergessen. V 

V Fünf Jahre vergingen. Der Hamburger Roland- 
Bismarck hatte seine Gegner längst besiegt und 
sein granitener Unterbau war bereits aus Riesen- 
quadern auf dem Hügel vor St. Pauli gefügt, als 
die weitere Oeffentlichkeit in Berlin von dem 
jungen Baumeister, der inzwischen fleissig, aber 
geräuschlos seinem Beruf nachgegangen war, zum 
zweitenmal Kenntnis nahm. Am Bauzaun des 



473 



474 



Emil Schaudt 



Riesengeländes am Wittenbergplatz draussen auf 
Charlottenburger Gebiet, wo das kolossale „Kauf- 
haus des Westens" aus dem Boden stieg, prangte 
eine Tafel mit der stolzen Aufschrift: „Ausführung 
durch Boswau und Knauer, Architekten". Aber 
wie stets, fragte man sich, wer denn diesmal der 
Architekt sei, der für die „Architekten" der 
grossen Unternehmerfirma die künstlerische Arbeit 
geliefert habe; und die Antwort lautete: Emil 
Schaudt. V 

V Alle Wetter! da hatte man also einen Bau- 
meister, von dem man eigentlich nur zwei Arbei- 
ten kannte, und just diese stellten sich als „Ver- 
treter" der oben genannten „Endpunkte" heraus. 
Ein Denkmal und ein Warenhaus — so war also 
in dieser Personalunion die Versöhnung der Gegen- 
sätze schon erfolgt? V 

V Wirklich; wer sich näher mit der Gesamtheit 
der bisherigen Arbeiten Emil Schaudts beschäftigt, 
erkennt, dass seine glückliche Begabung ihn mit 
merkwürdig-selbstverständlicher Sicherheit bei 
jeder architektonischen Aufgabe der logischen 
Lösung zuführt, mag sie sich mit dieser oder mit 
jener Grenze des weiten Gebiets berühren. V 

V Bei keinem deutschen Denkmal, das neben der 
Plastik die Architektur bemühte, ist der erstrebte 
Ausdruck von Kraft und Wucht und Macht so 
wundervoll gelungen wie beim Hamburger Bis- 
marck. Der ungeheure, alles überwindende Wille 
des Eisenmenschen, der hier gefeiert werden sollte, 
konnte in der Sprache der Baukunst sinnbildlich 
nicht machtvoller gefasst werden als durch diese 
trotzigen, aber von weiser und reifer Ordnung ge- 
bändigten Granitbiöcke. Die Baugedanken alter 
Festungs- und Turmarchitekturen, die Grabmals- 
kunst heroischer Vorzeiten, ferne Erinnerungs- 
klänge an zyklopische Hünengräber, an die schwei- 
gende Majestät der Theoderich-Stätte bei Ravenna, 
an romanische Säulengruppen tönen zusammen 
und verschmelzen sich zu einem ganz persönlichen 
und selbständigen Werk. Wie die starre Sparsam- 
keit der Linien den Bau auf die Notwendigkeit 
einer lapidaren Silhouette beschränkt; wie die 
Kontraste breitgelagerter Horizontalen und drohen- 
der Vertikalen, die den Roland vorbereiten, zur 
Wirkung herangezogen sind; wie die Lagerung der 
Schichten von der weitzügigen Rustika der un- 
regelmässig-regelmässig gefügten untersten Quadern 
zu den glatteren Wandungen der oberen Mauer- 
gürtel und der immer kunstreicher profilierten 
Riesenborten hinaufführt; wie die vorspringenden 
pfeilerartigen Steinklötze die Ruhe des gigantischen 
Postaments temperamentvoll unterbrechen; wie sich 
die gewaltige Breite in pathetischen Absätzen zum 



Sockelrund verjüngt, — das alles schliesst sich zu 
einem der grössten Effekte zusammen, deren die 
Denkmalsarchitektur überhaupt fähig ist. V 

V Ein Künstler, der solch ein Werk geschaffen 
hatte, konnte freilich nicht geneigt sein, der as- 
ketischen Vernunft des gotisch-modernen Stein- 
Eisenstils zu huldigen, wo sie nicht mit zwingen- 
der Gewalt ihre Forderungen präsentierten. War 
dies der Fall, wie bei dem I nd u st r ie h a u s in 
der Warschauerstrasse zu Berlin, in dem Räum- 
lichkeiten für eine grosse Reihe von Fabriketa- 
blissements hergestellt werden mussten, so ergab 
sich die einfache Auflösung des Hauptteils der 
Fassade in nur durch schmale Pfeiler getrennte 
Fensterreihen als der natürlich gebotene Weg. 
Aber daneben machte sich auch hier der Wunsch 
nach einer ernsten und gehaltenen Monumental- 
ausgestaltung geltend. Das Erdgeschoss wird in 
Bogen zerlegt, die mit den rechtwinkligen Fenster- 
rahmen darüber kontrastieren. Seine Rustika- 
blöcke dringen an dem wuchtigen Eckturm, der 
ganz frei altmärkische Erinnerungen weckt, höher 
in die Backsteinwand ein, und am entgegengesetzten 
Ende ist in der Muschelkalkfassade der reicher 
geschmückten Sonderpartie der Haustein völlig 
zur Herrschaft gelangt. Mit diesem Bauglied, dessen 
Erkerflankierung des Mittelstücks und dessen zwei- 
reihige Dachfenster schon einen Vorklang der 
Tauenzienstrassenfront des Kaufhauses bilden, 
korrespondiert dann der niedrige Turmvorbau mit 
der Terrasse. V 

V Bei dem Warenhaus im Westen selbst aber ist 
Schaudt noch einen bedeutsamen Schritt weiter 
gegangen. Er hat hier mit der frischen Energie 
des schöpferischen Künstlers das Schema über- 
wunden, das sich die zahllosen Nachahmer des 
Messeischen Wertheimbaus aus diesem klassischen 
Muster gebildet hatten. Ist er gleich bei diesem 
Bemühen im Aeussern wie im Innern seines 
Hauses am Wittenhergplatz um ein tüchtiges Stück 
hinter der stolzen Monumentalwirkung, hinter der 
freien Leichtigkeit der architektonischen Entwick- 
lung und vor allem hinter der grandiosen Einheit 
von Alfred Messeis Meisterwerk zurückgeblieben, 
so hat er dafür nach so vielen geistlosen Ab- 
schreibern des grossen Vorbildes ein Beispiel da- 
für gegeben, wie man dessen Anregungen völlig 
selbständig verwerten und fortentwickeln kann. Die 
berechtigten Zweifel, ob es denn in allen Fällen 
beim Geschäftshaus geraten ist, auch in den oberen 
Stockwerken (wo Schaufensterrücksichten nicht 
mehr in Betracht kommen und die Lichtverhält- 
nisse auch in enger Strasse bessere sind als im 
Erdgeschoss) die Wand schlechthin aus eisen- 



475 



Emil Schaudt 



umrahmten Glasquadraten herzustellen, hat Schaudt 
sich zu nutze gemacht. Weil Messel einmal für 
einen bestimmten Zweck das Motiv der durch- 
geführten Pfeiler mit der Kühnheit des Genies 
gewagt hat, haben seine Nachbeter es schablonen- 
haft zu Tode gehetzt. Schaudt hat an Stelle dieser 
Auflösung ein Zusammenschliessen gewählt, hat 
wieder die Wirkung grosser Flächen eingesetzt, 
wodurch die Fassade mit ihren kleineren Fenstern 
sich den umliegenden Wohnhäusern organischer 
anschliesst, während die Art der Fensterbildung 
und -Gruppierung sie doch aus dieser Umgebung 
wieder deutlich genug heraushebt. V 

V Mir will scheinen, als ob das „Kaufhaus des 
Westens" allein durch diese Neuerung ein neues 
Kapitel der modernen Baugeschichte Berlins er- 
öffnen werde, — ein neues Kapitel, das eben durch 
jene Verbindung von praktisch-logischem Sinn und 
Lust zu eindrucksvollerOrdnungderspezifisch archi- 
tektonischen Bauglieder, von „Vernunft" im Sinne 
der Terminologie van de Veldes und Phantasie, von 
Modernität und selbständigem Anschluss an brauch- 
bare Traditionen, von ästhetischen Wirkungen 
neuerer und älterer Herkunft ohne amphibienhaftes 
Kompromisslertum. V 

V Diese Eigenart Schaudts verrät sich auch in den 
übrigen Werken seiner Hand, die bisher vorliegen. 
Bei den Entwürfen zu einem Wasserturm, die sich 
unter unseren Abbildungen befinden, steigt er von 
der konventionellen Anordnung zu einem mächtigen 
Gebilde in ganz eigenen Formen auf. Klar sondert 
sich der angebaute Treppenpfeiler und zu seinem 
Fusse das kleine Verwaltungshäuschen, das in seiner 
Niedrigkeit bei der Gesamtwirkung als Kontrast 
mit in Betracht kommt, von dem Turmbau selbst, 
der einen effektvollen Monumentalcharaktererhalten 
hat. Die energischen Vertikallinien, die Schaudtstets 
sehrsicherbeherrscht, streben auch hier gen Himmel 
und verstärken den Eindruck des Hohen, Ragenden. 

V Aehnlich fliessen jene Elemente in dem eigen- 
tümlichen Brücken-Tunnel für den Weiterbau der 
Berliner Untergrundbahn auf Schöneberger Gebiet 
zusammen. Das Terrain, ehemaliges Sumpfland, 
liegt hier so tief, dass die Bahn für eine kurze 
Strecke aus ihrem Schacht ans Licht tritt. Da aber 
die Strasse in der Höhe weitergehen muss, hat 
man sich zu diesem merkwürdigen, in der Wirkung 
sehr originellen Viadukt entschlossen, der oben einen 
weiten Uebergang für den Strassenverkehr bildet, 
während dessen Unterbau von der Bahn durchfahren 
wird, für die sich ausserdem hier die natürlichste 
Gelegenheit zur Anlage eines Bahnhofs ergibt. V 

V Bei dem „Saalbau" in der Jägerstrasse, genauer: 
dem Hause für ein weltstädtisch lustig-sündhaftes 



Tanzlokal „Moulin rouge", Hess der Künstler 
dann alle Quellen seiner guten Launen springen. 
Auch hier greift er zur Backsteinfassade, der er 
einen keck ans Barocke sich anlehnenden Giebel 
aufsetzt. Die Wohnhäuser dagegen, die Schaudt 
gebaut, kennen nur ein Prinzip: Einfachheit, 
schlichtes Zusammenfassen in grossen Linien. 
Keine Pseudopalazzo- Fassaden. Kein unnützer 
Schnörkelkram. Keine überflüssigen Fenster-„Be- 
krönungen", sondern klare Einschnitte in die Wand. 
Uebersichtliche Gliederung der Baumassen durch 
einfachste Pilaster oder bei den in Berlin unver- 
meidlichen Erkern, durch organisch aus der Mauer 
wachsende Vorbauten. Ausdrucksvolle Gesims- 
linien. Und möglichste Betonung des Daches als 
eines wichtigen Baugliedes. Die elementaren Kon- 
traste der Vertikalen und Horizontalen genügen ihm 
fast allein, die Baumassen zu ordnen. Besonders 
interessant ist es, wie er zwischen den oft sehr 
verschiedenartigen beiden untersten Stockwerken 
eine organische Verbindung herstellt. Es ist das 
eine Aufgabe, die bei den meisten Berliner Häusern 
mit Läden im Erdgeschoss ungelöst bleibt. Schaudt 
schliesst das grosse Loch, das hier im architekto- 
nischen Ausdruck sonst entsteht, durch kluge Ver- 
mittlungslinien, die zwischen den Flachbogen, den 
breiten Schaufenstern, der umkleideten Eisen- 
konstruktion des Parterre und der beim Zwischen- 
stock einsetzenden Wohnhausfassade eine Aussöh- 
nung herstellen. So erhalten seine Fronten eine 
verstärkte innere Einheit und tragen dadurch wieder 
an ihrem Teil zu einer einheitlichen Wirkung des 
Gesamtstrassenbildes bei, dessen höheren Prinzipien 
sich das Grossstadthaus taktvoll unterzuordnen hat. 
V Auch in der Innenarchitektur ist Schaudt allent- 
halben den Grundsätzen einer zweckmässigen, prak- 
tischen Einfachheit gefolgt, an die sich der Schmuck, 
allerdings als unentbehrliches Element, von selbst 
angliedert. Dass er sich auch an die Tradition an- 
zuschliessen vermag, zeigt die Diele im Schloss 
Cunzendorf. Sonst herrscht auch hier überall die 
kluge, klare Raumdisposition, die seine Fassaden aus- 
zeichnet, nur dass jetzt an Stelle der Tendenz des 
Strebens nach oben eine Breitenentfaltung der Linien 
tritt, die das Behagliche der Interieurstimmung 
unterstützt. Nur im Innern des „Moulin rouge" 
vergnügt er sich übermütig in wilden, phantastischen 
Gebilden, in üppigen, schwebenden Kurven und 
quirlenden Spiralen, in glitzernd-buntem Schimmer 
und boudoirhaften Malereien von kecker Bizarrerie, 
die, \on französischen Anregungen ausgehend, alle 
Wirbel und Tollheit des Tanzes und des Champagner- 
rausches symbolisch auszuplaudern scheinen. Dulce 
est desipere in loco! V 



476 




EMIL SCHAUDr-BHRLIN 
W'olinliaiis in Rixdorf- Berlin 



477 




EMIL SCHAUDT-BERUN 
Saalbau in der Jäs't'rstrassc in Berlin 



478 



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EAllL SCHAUDT-BERLIN 
Lüster im Snalbaii in der Jiieerstrasse 



479 




Wi! mß 



l-MIL SCHAUItT-BI:RLIS 
Gielu't-Detail vom Saiilbiui in der Jitireisirasse 



480 




Emil Siiiauii/. (inindrisse des Kasinohauses der Landwehrinspektiofi in Berlin 



481 




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482 




E. SCHAUDT, Schnitt durch das Kasino der Landwclirinspcktion 




/;. Si.HAUDI. h'iiiilliaiis des K't'srcns: l.ntrrne 




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HMIL SCHAUDT-BBKUS 
Wasserturm für Hamburg 



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EMIL SCHAUDT-BliRl.lN 
„Kaiifliaus lies Westens": Brunnen im kleinen Hof 



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HMIL SCHAUDl-BEtiUN 
..Kaufhaus des Westens-; Teilansiclit an der Tauenzienstrasse 



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HMIL SCHAUDT-BERLIN 
liiilüstriehaus: an der Warsdiauerstrasse : Teilansicht 



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EMIL SCHAUDT-BERUN 
Indnstrirhaiis an der Warsdiauerstrasse: Teilaiisidu 



494 




EMIL SCHAUDT-BHRUN 
Wasserturm 



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EMIL SCHAUDT-BERLIS' 
Wolinliciiis an der Flotowstrasse in Berlin 



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EMIL SCHAUDT-BERLIN 
Esszimmer 




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i'AUL RAM.WEISER-KARLSRUHE. E/Uwurf zu einer eingebauten Kirche 




502 




I)F. GRASSE FOX - BAR HARBOUR-U.S.A. 
Haus .Jalleyrand" in Bar Harbour (Maine. U.S.A.j 



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88 





PFEIFER & QR05SMRMN1 ■ KRRL5RUHE 
OFEhECKE IM RTELIERHRUS FÜR HR, PROF, hl, 
INI OTTERMDORF b, hl. 



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PFEIFER UND GROSSMANN IN KARLSRUHE 

VON PROF. KARL WIDMER, KARLSRÜHE 



Der künstlerische Aufschwung der Karlsruher 
Architektur, der sich an die Namen von Her- 
mann Billing und Curjel & Moser knüpft und der 
Karlsruhe in die vorderste Reihe der modernen 
Architekturstädte gerückt hat, hat seine Früchte 
nicht nur in den epochemachenden Bauten jener 
führenden Meister gezeitigt. Er hat — was für die 
Zukunft dieser Bewegung entscheidend ist - auch 
in der jüngeren Generation festen Boden gefasst. 
Heute entsteht in Karlsruhe kein nennenswerter 
Bau mehr, der nicht die Berührung des neuen 
Geistes deutlich offenhart. Dabei muss man freilich 
die Erzeugnisse der Bauindustrie, die mit mehr 
oder weniger Glück der Mode nachläuft, weil sie 
eben Mode ist, von den Werken derer wohl unter- 
scheiden, die in einem Innern und lebendigen Ver- 
hältnis zur Kunst unserer Zeit stehen. Unter ihnen 
sind Pfeifer und Grossmann, die eine Zeit- 
lang die Billingschule durchgemacht haben, früh- 
zeitig zu einer selbständigen und persönlichen 
Schaffensweise gelangt. V 

V Wie die ganze moderne Bewegung von der 
bürgerlichen Baukunst ausgeht, so haben sich auch 
Pfeifer und Grossmann ihre Sporen zuerst an 
Privatbauten verdient. Ihre umfangreichste aus- 
geführte Arbeit ist bis jetzt das Landgut Rosen- 
stihl in Littenweiler bei Freiburg. Es gibt uns 
ein erschöpfendes Bild ihrer künstlerischen Eigen- 
art und künstlerischen Grundsätze. V 

V Diese basieren auf der Grundforderung aller 
modernen Baukunst: "Wahrheit und Sachlichkeit. 
Dass sich der Zweck und Charakter des Hauses 
mit der künstlerischen Erscheinung deckt, das 
Aeussere aus dem Innern klar, einfach und folge- 
richtig entwickelt ist. Das kommt in dem Gegen- 
satz ihrer städtischen Wohnhäuser zu dem halb- 
ländlichen Charakter des Gutshofs besonders schön 
zum Ausdruck. Hier fanden sie den richtigen 
Weg, indem sie die im heimischen Bauernhaus 
gegebenen Anregungen fruchtbar machten : bei den 
Stall- und Wirtschaftsgebäuden diese Elemente 
stärker betonten und sie beim Wohngebäude mit 
dem herrschaftlichen Charakter des Landsitzes 
glücklich in Einklang brachten. So liegt in der 
Behandlung der breit hingelagerten, nordisch-behag- 
lichen Dachmassen, der Verschindelung der Giebel 
ein Moment lokaler, ländlicher Bauweise. Damit 
ist zugleich der landschaftliche Charakter der 



Architektur gewahrt, das Haus an Boden und Klima 
angepasst. Andererseits spricht der Charakter 
gediegener Wohlhabenheit aus der gesamten Phy- 
siognomie des Herrschaftshauses, dessen weisse, 
durch einen ornamentalen Fries (in Putztechnik) 
gehobene Mauerflächen sich in einer breiten Loggia 
nach dem landschaftlich schönsten Teil der um- 
gebenden Schwarzwaldnatur (es ist das romantische 
Höliental) öffnen. Durch die Zusammenstellung 
von Herrenhaus und Wirtschaftsgebäuden ergab 
sich auch ungesucht eine malerische Gruppierung 
und rhythmische Steigerung der um den Hof ge- 
lagerten Gebäudemassen. Der herrschaftliche 
Charakter des Wohnhauses findet im Innern natur- 
gemäss seinen stärksten Ausdruck. Die Anlage 
entspricht den Grundsätzen der modernen Ein- 
familienhauseinteilung: eine zentrale Diele mit den 
Hauptzugängen und den Treppen nach oben, rings 
herum die Wohnräume; der Gesindetrakt hinter 
die Küche konzentriert mit besonderem Eingang 
vom Hof her. Die Wetterseite ist möglichst ge- 
schlossen. Von Wohnzimmer und Bett aus kann 
der Herr den Hof überschauen u. s. w. V 

V Für den künstlerischen Eindruck der inneren 
Ausstattung — soweit sie vom Bauherrn in die Hände 
der Architekten gelegt wurde — spielt die Farbe 
eine ausschlaggebende Rolle. Schon bei dem kleinen 
Raum, den Pfeifer und Grossmann für die Karls- 
ruher Jubiläumsausstellung von 1906 entworfen 
hatten und dessen Möbel teilweise für die Litten- 
weiler Diele verwandt worden sind, halte man den 
Eindruck eines starken koloristischen Talents: der 
Raum schien durchaus aus der Farbe heraus 
konzipiert. Die gleiche Farbenstimmung kehrt auch 
bei der Diele wieder: geweisselte Wände, Kamin, 
Holzwerk und Möbelstoffe gelb mit schwarzem und 
weissem Muster. Es ist das Grundprinzip moderner 
Raumstimmung: einfache, ruhige Farbenakkorde 
mit sparsam verteiltem Ornament. V 

V Bei ihren Karlsruher Wohnhäusern ist 
der Situation entsprechend der städtische Charakter 
auch in der äussern Erscheinung des Hauses stärker 
betont. In der Verwendung von Haustein für Ge- 
simse, Fensterumrahmungen, Vorbauten u. dergl. 
liegt eine Annäherung an das Monumentale, ebenso 
in der strengeren, dem Klassischen sich nähernden 
Linienführung. Die Masse des hohen gebrochenen 
Schieferdaches mit den Giebeln gibt dann den Aus- 



503 



504 



Pfeifer und Grossmann in Karlsruhe 



gleich durch ein heimatlich-gemütliches Motiv. Bei 
dem Doppelhaus am Richard Wagnerplatz kam es 
im besonderen darauf an, das Gebäude als ein ge- 
schlossenes Ganzes wirken zu lassen und doch die 
Trennung in zwei gesonderte Einzelhäuser zu kenn- 
zeichnen. Bei dem Haus Pfeifer ist die Perspek- 
tivenwirkung durch die das Vorgärtchen abschlies- 
sende Steinbrüstung und die dahinter sich auf- 
bauende Terrasse besonders reizvoll. Wie bei allen 
ihren Bauten zeigt sich auch hier das Bestreben, 
iede Aufgabe einfach und gross anzufassen: die 
Wirkung der konstruktiven, raumbildenden und 
raumumschliessenden Elemente: Mauer und Dach 
und ihrer Verhältnisse nicht durch störende Klein- 
lichkeiten und unnötige Zerstückelung zu beein- 
trächtigen und auch farbig der Erscheinung des 
Hauses in der Ausspielung der natürlichen Schön- 
heit des Materials - weisser Verputz, graugrüner 
Sandstein, Schiefer — einen ruhigen und harmo- 
nischen Eindruck zu verleihen. Insbesondere: das 
Haus auch ruhig und einheitlich in seine Umgebung 
einzustimmen. V 

V Pfeifer und Grossmann haben in neuerer Zeit 
sich mit Erfolg auch an die Lösung öffentlicher 
Aufgaben gemacht. Bei einem Wettbewerb um die 
Triherger Realschule wurde ihnen die Aus- 
führung zugesprochen. Auch hier handelte es sich 
darum, das an einem steilen Abhang gelegene Haus 



organisch in die Landschaft einzubauen und auch 
dem lokalen Baucharakter seiner Umgebung anzu- 
passen. Der Entwurf vermeidet, indem er die 
malerische Belebung der Silhouette durchaus aus 
praktisch gegebenen Bedürfnissen entwickelt, na- 
mentlich auch die gegebenen Ungleichheiten des 
Niveaus glücklich ausnützt, doch jede unnötige 
Spielerei mit Türmen, Giebeln u. dergl., die ledig- 
lich um des malerischen Effektes willen angebracht 
sind. Es ist ein besonderes Verdienst des Gemeinde- 
rats, diesem ernst und sachlich aufgefassten Projekt 
den Vorzug gegeben zu haben, zumal da unsere 
badischen Landstädte an guten öffentlichen Bauten 
bis jetzt wenig aufzuweisen haben. V 

V Auch für das Kurhaus in Triberg, das in 
ein bis zwei Jahren gebaut werden soll, ist ihnen 
der erste Preis zu teil geworden. Ein Gartensaal, 
als Promenaderaum gedacht, liegt zwischen Theater- 
saal und Ausstellungshalle und öffnet sich in seiner 
Längsfront gegen die Gutach und die gegenüber- 
liegenden Höhen. Auch hier, wo es sich um die 
architektonischen Aufgaben unserer grossen und 
kleinen Kurorte handelt, ist noch ein weites und 
wichtiges Feld für eine künstlerische Regeneration 
unserer öffentlichen Bautätigkeit. Es ist erfreulich, 
wenn Triberg andern und zum Teil grösseren 
badischen Kurorten darin mit gutem Beispiel voran- 



geht. 



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Pfeifer <('• Grosstuaiin. (jnuuliiss des Hauses am Richard W'a^iwi/dat: in Karlsruhe 



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PFEII-'HR & GROSSMANN -KAIU.SRUHE 
Laiiiliiiit Rosenstilil : Oekonoinici^ebäuilr und (Iniiulriss 




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PFEIFER & GROSSMAS N- KARLSRUHE 
I.aiuliiut Rosi'nstilil: Teitanxulü des Henenluuises 



510 




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PFEIFER & GROSSMANN-KARLSRUHE 
Landgut Rosenstilü: Teilansidit des Herrenhauses 




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PFEIFER & GROSSMANN -KARLSRUHE 
Diele in der Ausstellung Karlsruhe 1906 



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PFEIFER & GROSSMANN -KARLSRUHE 
Diele in der Ausstellung Karlsruhe 1906 



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PFEIFER & GROSSMANN - KARLSRU HE 
Entwurf zu einem Wasserturm für Hamburg 




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Realschule in 7'n'hcrii im Schwar:wal<l 



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Pfeifer iC- Grossiuann. üniinlnsse der Realseliiile in Tril'ers: im Sc/m'ar:wn/ii 



519 




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520 




PFEIFER ,('• GROSSMANN -KARLSRUHE 
Haus Pfeifer: Eingang 



Verantwortlicher Herausgeber: M. J. GRADL-Stuttgart, Rotenwaldstrasse 23. 

Verlag: JULIUS HOFFMANN -Stuttgart. Druck: Hoffmannsche Buchdruekerei Felix Krais-Stuttgart. 

(Der Nachdruck aller in dieser Nummer enthaltenen Artikel und Bilder ist verholen, i 



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