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(Hxeii 3uneK6RS BucBBanDLuns) 

BERLin 1903. 






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(flxeii 3uneKeR5 BueßsanDiiuns) 

BeRLin 1903. 



Druck von Pa& <5 Sarleb 
Berlin W. 35. 



Inhalt. 



Seite 

Vont'ort 5 

I. Predigten. 

1. Vom Schweigen 13 

2. Vom Unwissen 24 

3. Von der Dunkelheit 33 

4. Von stetiger Freude 43 

5. Von der Stadt der Seele 48 

6. Vom namenlosen Gott 54 

7. Vom innersten Grunde 59 

8. Von der Vollendung der Zeit 65 

9. Ein Zweites vom namenlosen Gott .... 68 

10. Von guten Gaben 70 

11. Von unsagbaren Dingen 75 

12. Vom Leiden Gottes 80 

13. Von der Einheit der Dinge 87 

14. Wie Jesus am Stricke zog 91 

15. Von der Erkenntnis Gottes 96 

16. Von der Armut 102 

17. Von Gott und der Welt 112 

18. Von der Erneuerung des Geistes .... 119 

19. Von der Natur 126 

20. Von Gott und Mensch 130 

21. Vom Tod 136 

22. Was ist Gott? 139 

23. Vom persönlichen Wesen 144 



II. Traktate. 

1. Von den Stufen der Seele 151 

2. Gespräch zwischen Schwester Kathrei und 

dem Beichtvater 158 

3. Von der Abgeschiedenheit 165 

4. Von der Ueberfreude 181 

5. Die Seele auf der Suche nach Gott .... 184 

6. Von der Ueberfahrt zur Gottheit 191 

7. Vom Zorn der Seele 200 

in. Fragmente und Sprüche. 

Fragmente 20S 

Sprüche 218 

Bemerkungen 23S 



Vorwort 



Mit der Freiheit, die Liebe und Verehrung 
gibt; habe ich in dieser Ausgabe der Mystischen 
Schriften Meister Eckharts alles weggelassen, was 
uns nichts sagt. Meister Eckhart ist zu gut für 
historische Würdigung; er muss als Lebendiger 
auferstehen. 

Johann Eckhart oder Eckehart ist zwischen 
1250 und 1270 wahrscheinlich in Hochheim bei 
Gotha geboren. Er war Prior des Dominikaner- 
ordens in Erfurt und Vikar in Thüringen; 1300 
an der Pariser Universität; 1304 Provinzialprior 
von Sachsen, 1306 Generalvikar von Böhmen, 
1314 Magister und Professor der Theologie in 
Strassburg, später in Köln, 1317 wird er nach 
Frankfurt versetzt. 1326 leitet der Kölner 
Bischof V. Ochsenstein den Inquisitionsprozess 
gegen ihn ein; er appellierte an den Papst und 
beeilte sich 1327 zu sterben. 1329 erschien eine 
päpstliche Bulle, in der 26 Sätze Eckharts als 
ketzerisch verdammt wurden. 

Die Lehrer, auf die er sich hauptsächlich 



Meister Eckhart. 6 

stützt, sind: Dionysius Pseudareopagita, Augusti- 
nus, Thomas von Aquino; vermutlich hat er auch 
die verbotenen Schriften des Scotus Erigena ge- 
kannt. Durch Dionysius berührt er sich mit den 
Lehren der Neuplatoniker. Thomas und der ganze 
Geist seiner Zeit verbindet ihn mit den „Rea- 
Hsten", so dass er wie sie die letzten und leersten 
Abstrakta für konkrete Dinge hält. Anderseits 
bringt ihn aber das auch dazu, die Gattung und 
Art als eine höhere Wirklichkeit anzusehen als 
die Individuen; so hat er starke Vorahnungen 
— trotz ganz primitiver Naturkenntnisse — der 
Theorieen, die teils infolge, teils entgegen den 
Lamarck-Darwinschen Aufstellungen bei uns im 
Werden sind. 

Er ist ebensosehr Erkenntnistheoretiker und 
Kritiker als Mystiker. Er ist Pantheist, aber fast 
im umgekehrten Sinne als das, was man seit 
Spinozas Wiedererweckung darunter versteht. Die- 
ser letztere Pantheismus löst — nicht im Sinne 
Spinozas freilich — den Gottesbegriff in der ma- 
teriellen Welt auf; Eckhart dagegen löst die Welt 
und den Gott in dem auf, was er manchmal Gott- 
heit nennt, was unaussprechbar und unvorstell- 
bar ist, was aber jedenfalls etwas jenseits von 
Zeit, Raum und Individualisierung und etwas 
Seelenhaftes ist. An die Stelle des Dinges setzt 
er eine psychische Kraft; an Stelle von Ursache 



Vorwort. 7 

und Wirkung ein Fliessen. Sein Pantheismus ist 
Panpsychismus ; zugleich aber erklärt er, nicht 
zu wissen, was die Seele sei. Seine Mystik ist 
Skepsis; freilich aber auch umgekehrt. 

Die christlichen Dogmen und Ueberliefe- 
rungen haben für ihn fast nur symbolische Be- 
deutung; nur erlaubt es ihm der Zeitgeist nicht 
zu fragen, wie es mit dem Verhältnis dieser 
Symbole zur Wirklichkeit bestellt sei. Die in der 
Kirche üblichen Vorstellungen betrachtet er als 
einer niedrigeren Stufe angehörig; aber es ge- 
lingt ihm nicht zu erkennen, dass diese Vor- 
stellungen überhaupt keine Realität haben; viel- 
leicht wird die Zukunft von unserm Verhältnis 
zu gewissen wissenschaftlichen Begriffen einmal 
dasselbe sagen. — Manchmal übrigens hat auch 
— wie wohl noch später bei Spinoza — die Vor- 
sicht seine Einkleidung wählen helfen. 

Er ist der Schöpfer der deutschen wissen- 
schaftlichen Prosa und einer ihrer grössten Meister. 
Immer schreibt er als Sprechender, immer per- 
sönlich; nie fehlt der begrifflichen Darlegung der 
Gefühlston, und ebensowenig seinem Gefühls- 
überschwang und seiner Versenkung ins abgründ- 
lich Dunkle der Zügel der Nüchternheit. Das 
Fernste hat er uns nah gebracht; das Nächste 
und gewöhnlich Scheinende hat er uns entfremdet, 
fragwürdig gemacht und vertieft. Er war ein 



Meister Eckhart. 8 

Dichter, der aufs grösste aus war und dem 
grössten gewachsen. Perioden findet man bei 
ihm, die zum Hinreissendsten gehören, was irgend 
in Sprachen zu finden ist. 

Seine Syntax, die er sich vermutlich vielfach 
im Anschluss an die gesprochene Sprache selbst 
geschaffen hat, habe ich nach Möglichkeit bei- 
zubehalten gesucht; ebenso wäre es verfehlt, an 
Stelle seiner technischen Ausdrücke, die er nach 
dem Muster lateinischer Scholastik hergestellt hat, 
die uns geläufigen blutlosen Wissenschaftsaus- 
drücke zu setzen; bei ihm hat alles Farbe, Tem- 
perament, Ursprünglichkeit; seine Ausdrücke sind 
des Metaphorischen noch nicht entkleidet, sind 
noch nicht ausgelaugt; sie schaffen sich ihren 
Sinn erst während der Rede. Vielfach aber war 
es doch wieder nötig, die von ihm aus der Sprache 
der Wissenschaft in die Volkssprache übersetzten 
Termini wieder zurückzuübersetzen, damit das 
schai-f in die Augen springt, was mich an dieser 
Ausgabe das Entscheidende dünkt: dass Meister 
Eckhart in all seiner Genialität nie ein mysti- 
zierender oder moralisierender Pietisterich war, 
dass er sich nie süsslicher Gottesminne ergeben 
hat, dass er nie perverser Askese gefröhnt hat: 
sondern dass er ein kühner Erschütterer war, 
der Hirne wie der Herzen, einer, der um die 
Welterkenntnis gerungen hat und der, lebens- 



Vorwort. 9 

freudig und urkräftig, die Grenzen der Sprache 
als ein Wissender überschritt, um jenseits seines 
Ichbewusstseins und des Begriffsdenkens stark 
und innig in der unsagbaren Welt zu versinken. 



Das allermeiste, was von ihm überliefert ist, 
ist für uns völlig wertlos geworden, da es nur 
logisches Wortgetiftel ist, das damals die Natur- 
wissenschaft ersetzen musste, weil es an Beob- 
achtungen und Kenntnissen fehlte. Wenn man 
bedenkt, wie viele angeblich philosophische, natur- 
wissenschaftliche, medizinische Bücher aus der 
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts uns völlig un- 
lesbar und Theologie geworden sind, wird man 
das besser verstehen, als wenn man glaubt, die 
Scholastik sei eine Spezialität des Mittelalters ge- 
wesen. Die folgende Auswahl bietet also etwa 
den fünften oder sechsten Teil dessen, was auf 
uns gekommen ist. Nichts, was Bedeutung hat, 
ist weggelassen. 

Die Abteilung: Fragmente habe ich selbst 
geschaffen; es sind Bruchstücke aus Predigten, 
die im übrigen die Uebertragung nicht lohnten. 
— Die Titel der einzelnen Stücke stammen 
meist von mir; die mittelhochdeutsch überlieferten 
dürften auch nicht von Eckhart selbst gewählt 
sein. 



Meister Eckhart. 10 

An dieser Stelle philologisch über meine Weg- 
lassungen und Textauslegung Rechenschaft zu 
geben, ist nicht meine Absicht, weil es für den 
Leser keinen' Wert hätte. Wer meine Uebersetzung 
kritisch prüfen will, kann von mir Auskunft er- 
halten. 

Eine ausführlichere Einleitung wäre entweder 
nur eine geschickte Gruppierung dessen, was in 
längst vorhandenen Werken zu lesen ist; oder 
sie wüchse sich zu einer Geschichte der Erkennt- 
niskritik des Mittelalters aus. Das könnte ein 
wunderschönes Buch werden, das sehr not tut; 
aber zunächst kann ich nur wünschen, dass ich 
es einmal schreiben werde. Dem Leser emp- 
fehle ich einstweilen, Jundts „Histoire du pan- 
theisme populaire au moyen äge" zu lesen; dar- 
aus wird er erfahren, dass unser Meister nicht 
vom Himmel gefallen ist, sondern von einer 
starken Zeitströmung getragen wurde. 

Etliche Bemerkungen zu Einzelheiten finden 
sich am Schluss des Buches. 

Hermsdorf (Mark). 

Gustav Landauer. 



I. 
Predigten. 



1. 
Vom Schweigen. 

Wir begehen das Fest von der ewigen Geburt, 
die Gott der Vater geboren hat und ohne Unter- 
lass in der Ewigkeit gebiert, während dieselbe 
Geburt jetzt in der Zeit und in der Menschen- 
natur sich ereignet. Der heiHge Augustin sagt, 
diese Geburt geschehe immer. So sie aber nicht 
in mir geschieht, was hilft es mich dann? Denn 
dass sie in mir geschehe, daran liegt alles. 

Wir haben ein Wort des Weisen: „Da alle 
Dinge mitten in einem Schweigen waren, da kam 
in mich von oben hernieder von dem königlichen 
Stuhle ein verborgenes Wort.'' Von diesem Wort 
soll diese Predigt handeln. 

„Inmitten des Schweigens ward mir zuge- 
sprochen ein verborgenes Wort." Ach, Herr, 
wo ist dies Schweigen und wo ist die Stätte, 
in der dieses Wort gesprochen wird? 

Es ist in dem Lautersten, das die Seele auf- 
weisen kann, in dem Edelsten, in dem Grunde, 



Meister Eckhart. 14 

ja, in dem Wesen der Seele! Das ist das Mittel: 
Schweigen; denn da hinein kam nie eine Krea- 
tur oder ein Bild, und die Seele hat da nicht 
Wirken noch Verstehen, und weiss kein Bild da- 
von, weder von sich selbst noch von irgend 
welcher Kreatur. 

Alle Werke, die die Seele wirkt, wirkt sie 
mit den Kräften. Alles, was sie versteht, ver- 
steht sie mit der Vernunft. Wenn sie denkt, tut 
sie es mit dem Gedächtnis. Wenn sie begehrt, 
tut sie es mit dem Willen, und dergestalt wirkt 
sie mit den Kräften und nicht mit dem Wesen. 
All ihr Wirken nach aussen haftet immer an einem 
Mittel. Die Kraft des Sehens bewirkt sie nur 
durch die Augen, anders kann sie kein Sehen 
bewirken oder zu stände bringen. Und ebenso 
ist es mit allen andern Sinnen. All ihr Wirken 
nach aussen bewirkt sie durch ein Mittel. Aber 
in dem Wesen ist kein Werk, daher hat die Seele 
im Wesen kein Werk als die Kräfte, mit denen 
sie wirkt, die fliessen aus dem Grunde des 
Wesens, oder vielmehr: in diesem Grunde ist 
das Mittel Schweigen, hier ist allein Ruhe und 
eine Wohnung für diese Geburt und für dieses 
Werk, dass Gott der Vater allda sein Wort spreche, 
denn dieses ist von Natur nur dem göttlichen 
Wesen ohne irgend ein Mittel zugänglich. Gott 
geht hier in die Seele mit seinem Ganzen, nicht 



Vom Schweigen. 15 

mit seinem Teil. Gott geht hier in den Grund 
der Seele hinein. Niemand rührt an den Grund 
der Seele als Gott allein. Die Kreatur kann nicht 
in den Grund der Seele, sie muss in den Kräften 
aussen bleiben. Da mag sie ihr Bild betrachten, 
mit Hilfe dessen sie eingezogen ist und Her- 
berge empfangen hat. Denn jedesmal, wenn die 
Kräfte der Seele mit der Kreatur in Berührung 
kommen, nehmen und schöpfen sie Bilder und 
Gleichnisse von der Kreatur und ziehen sie in 
sich. Auf diese Weise entsteht ihre Kenntnis von 
der Kreatur. Die Kreatur kann nicht näher in 
die Seele kommen, und die Seele nähert sich 
jeder Kreatur nur dadurch, dass sie zunächst 
willig in sich ein Bild empfängt. Und von dem 
gegenwärtigen Bild aus nähert sie sich den Krea- 
turen, denn das Bild ist ein Ding, das die Seele 
mit den Kräften schöpft. Mag es ein Stein, ein 
Pferd, ein Mensch oder was immer sonst sein, 
das sie kennen lernen will, immer nimmt sie das 
Bild hervor, das sie von ihnen abgezogen hat, 
und auf diese Weise kann sie sich mit ihnen 
vereinigen. Aber immer wenn ein Mensch auf 
diese Weise ein Bild empfängt, muss es not- 
wendigerweise von aussen durch die Sinne herein- 
kommen. Darum ist der Seele kein Ding so un- 
bekannt, wie sie sich selbst. Es sagt ein Meister, 
die Seele könne von sich kein Bild schöpfen oder 



Meister Eckhart. 16 

abziehen. Darum kann sie sich selbst ganz und 
gar nicht kennen lernen. Denn Bilder kommen 
alle durch die Sinne herein: daher kann sie kein 
Bild von sich selbst haben. Daher kennt sie alle 
andern Dinge, nur sich selber nicht. Von keinem 
Ding weiss sie so wenig, wie von sich selbst, 
um des Mittels willen. Und das müsset ihr auch 
wissen, dass sie innen frei ist, und ohne alle 
Mittel und Bilder auskommt, und das ist auch 
die Ursache, dass sich Gott frei mit ihr ver- 
einigen kann ohne Bilder oder Gleichnisse. Du 
darfst das nicht lassen, du musst die Möglich- 
keit, die du einem Meister zugestehst, Gott ohne 
alle Schranken zugeben. Je weiser aber und 
mächtiger ein Meister ist, um so unmittelbarer 
geschieht auch sein Werk und um so einfacher 
ist es. Der Mensch hat viele Mittel in seinen 
äussern Werken; bis er diese Werke hervorbringt, 
wie er sie in sich gebildet hat, dazu gehört viel 
Vorbereitung. Die Meisterschaft und das Werk 
des Mondes und der Sonne sind Erleuchten; das 
tun sie gar schnell. Sobald sie ihren Schein 
ausgiessen, in demselben Augenblick ist die Welt 
an allen Enden voller Licht. Aber über ihnen 
ist der Engel, der bedarf noch weniger der Mittel 
für seine Werke und hat auch weniger Bilder. 
Der alleroberste Seraphim hat nur noch ein 
Bild. Alles was die unter ihm Stehenden in 



Vom Schweigen. 17 

Mannigfaltigkeit wahrnehmen, nimmt er in einem 
wahr. Aber Gott bedarf keines Bildes und hat 
auch kein Bild: Gott wirkt in der Seele ohne 
alles Mittel, Bild oder Gleichnis, ja, tief in dem 
Grunde, wo nie ein Bild hinkam, als er selbst 
mit seinem eigenen Wesen. Das kann keine Krea- 
tur tun. 

Wie gebiert Gott Vater seinen Sohn in der 
Seele? Wie die Kreaturen tun, in Bildern und 
in Gleichnissen? Wahrlich, nein! sondern: ganz 
in der Weise, wie er in der Ewigkeit gebiert, 
nicht minder und nicht mehr. Ja freilich, wie 
gebiert er da? Merket auf. Seht, Gott Vater 
hat eine vollkommene Einsicht in sich selbst und 
ein abgründliches Durchkennen seiner selbst, 
ohne jedes Bild. Und so gebiert Gott Vater 
seinen Sohn in wahrer Einsicht göttlicher Natur. 
Seht, in derselben Weise und in keiner andern 
gebiert Gott der Vater seinen Sohn im Grunde 
der Seele und in ihrem Wesen und vereinigt 
sich also mit ihr. Denn wäre da irgend ein Bild, 
so wäre keine wahre Einheit da, und an der 
wahren Einheit liegt all ihre Seelheit und Selig- 
keit. 

Es kann gefragt werden, ob diese Geburt 
besser im Menschen geschehe und vollbracht 
werde, wenn er sein Werk tue und sich so in 
Gott hineinbilde und hineindenke, oder wenn er 

2 



Meister Eckhart. 18 

sich in einem Schweigen oder in einer Stille und 
in einer Ruhe halte und so Gott in ihm spreche 
und wirke, wenn er also allein auf Gottes Werk 
in ihm warte? 

Ich weise darauf hin, meine Reden und Werke 
sind allein guten und vollkommenen Menschen 
gewidmet, in denen vor allem das würdige Leben 
und die edle Lehre unseres Herrn Jesu Christi 
lebendig ist. Die sollen nun erfahren, dass das 
Allerbeste und Alleredelste, wozu man in diesem 
Leben kommen kann, das ist, dass du schweigest 
und Gott allda wirken und sprechen lassest. Wo 
alle Kräfte von allen ihren Werken und Bildern 
abgezogen sind, da wird dies Wort gesprochen. 
Darum sprach er: „Mitten im Schweigen ward 
zu mir das heimliche Wort gesprochen." Und 
darum, so du alle Kräfte allermeist einziehen 
kannst und in ein Vergessen aller Dinge und 
ihrer Bilder geraten, die du je in dich zogst, 
und je mehr du der Kreatur vergissest, um so 
näher bist du diesem und um so empfänglicher. 
Könntest du aller Dinge zumal unwissend werden, 
ja könntest du in ein Unwissen deines eigenen 
Lebens kommen, wie es Sankt Paulus geschah, 
als er sprach: „Ob ich in dem Leib war oder 
nicht, das weiss ich nicht, Gott aber weiss es 
wohl" — da hatte der Geist alle Kräfte so ganz 
in sich gezogen, dass er des Körpers vergessen 



Vom Schweigen. 19 

hatte, da wirkte weder Gedächtnis noch Ver- 
stand, noch die Sinne, noch die Kräfte; ebenso 
geschah es Moses, da er die vierzig Tage auf 
dem Berge fastete und doch nicht schwächer 
wurde — so sollte der Mensch allen Sinnen ent- 
weichen und all seine Kräfte nach innen kehren 
und in ein Vergessen aller Dinge und seiner 
selber kommen. In diesem Sinne sprach ein 
Meister zur Seele: zieh dich zurück von der Un- 
ruhe äusserer Werke, flieh also und verbirg dich 
vor dem Gestürm äusserer Werke und inwendiger 
Gedanken, sie schaffen nur Unfrieden. Aber 
wenn Gott sein Wort in der Seele sprechen soll, 
muss sie in Friede und Ruhe sein, und dann 
spricht er sein Wort und sich selbst in der Seele, 
nicht ein Bild, sondern sich selbst. Dionysius 
spricht: Gott hat kein Bild oder Gleichnis 
seiner selbst, denn „gut" oder „wahr" gehört zu 
seinem Sein. Gott wirkt alle seine Werke in sich 
selbst und aus sich selbst in einem Augenblick. 
Du darfst nicht glauben, Gott habe, als er Himmel 
und Erde und alle Dinge machte, heute eines 
gemacht und morgen das andre. Zwar schreibt 
Moses so. Er wusste es gleichwohl viel besser: 
er tat es nur um der Leute willen, die es nicht 
anders verstehen und fassen konnten. Gott tat 
nicht mehr dazu als das eine: er wollte und sie 
wurden. Gott wirkt ohne Mittel und ohne Bilder. 

2* 



Meister Eckhart. 20 

Je mehr du ohne Bild bist, je mehr du seines 
Einwirkens empfänglich bist, und je mehr du in 
dich gekehrt und selbstvergessen bist, um so näher 
bist du diesem. 

Hierzu ermahnte Dionysius seinen Jünger 
Timotheus und sprach: Lieber Sohn Timotheus, 
du sollst mit unbekümmerten Sinnen dich über 
dich selbst hinausschwingen und über alle deine 
Kräfte und über Weisen und über Wesen in die 
verborgene stille Finsternis, auf dass du zu einer 
Erkenntnis des unbekannten übergöttischen Gottes 
kommest. Es muss ein Wegsehen von allen 
Dingen sein. Gott verschmäht es in Bildern zu 
wirken. ^ j ^ 

Nun könntest du fragen: was wirkt denn 
Gott ohne Bild im Grund und im Wesen? Das 
kann ich nicht wissen, denn die Kräfte können 
nur in Bildern wahrnehmen und müssen alle 
Dinge in ihrem eigenen Bild wahrnehmen und 
erkennen. Sie können nicht einen Vogel in eines 
Menschen Bild erkennen, und darum, da alle 
Bilder von aussen hereinkommen, ist es ihr ver- 
borgen, und das ist das allernützlichste. Denn 
Unwissen bringt sie zum Wundern, und be- 
wirkt es, dass sie diesem nachjagt, denn sie 
findet wohl, dass es ist, sie weiss nur nicht, wie 
und was es ist. Wenn aber der Mensch die Ur- 
sache der Dinge kennt, sofort ist er auch der 



Vom Schweigen. 21 

Dinge müde und sucht wieder ein andres zu 
erfahren und hat doch immer einen Jammer, 
diese Dinge zu wissen und hat doch kein Dabei- 
bleiben, darum: die unerkannte Erkenntnis hält 
sie bei diesem Bleiben und lässt sie doch nicht 
zur Ruhe kommen. 

Davon sprach ein heidnischer Meister ein 
schönes Wort zu einem andern Meister: Ich 
werde etwas in mir gewahr, das glänzet in meiner 
Vernunft; ich merke wohl, dass es etwas ist, 
aber was es sei, das kann ich nicht verstehen, 
aber es dünkt mich, wenn ich es begreifen könnte, 
dann kennte ich alle Wahrheit. Da sprach der 
andere Meister: Wohlauf, dem folge nach! Denn 
könntest du es begreifen, so hättest du alles Gute 
beisammen und hättest ein ewiges Leben. In 
diesem Sinne sprach auch Sankt Augustin: Ich 
werde etwas in mir gewahr, das meiner Seele 
vorspielt und vorschwebt: würde das in mir 
vollendet und befestigt, das müsste ewiges Leben 
sein. Es verbirgt sich und tut sich doch kund; 
es kommt aber auf eine verstohlene Weise, als 
wolle es der Seele alle Dinge nehmen und stehlen. 
Aber damit, dass es sich ein wenig zeigt und 
offenbart, wollte es die Seele reizen und nach 
sich ziehen und sie ihres Selbst berauben und 
benehmen. Davon sprach der Prophet: „Herr, 
nimm ihnen ihren Geist, und gib ihnen dafür 



Meister Eckhart. 22 

deinen Geist." Das meinte auch die liebende 
Seele, als sie sprach: „Meine Seele zerschmolz 
und zerfloss, als die Liebe ihr Wort sprach: als 
sie einging, da musste ich hinschwinden." Das 
meinte auch Christus, als er sprach: „Wer etwas 
um meinetwillen lässt, der wird hundertfältig 
wieder nehmen, und wer mich haben will, der 
muss auf sich selbst und auf alle Dinge ver- 
zichten, und wer mir dienen will, der muss mir 
folgen, er darf nicht dem Seinen folgen." 

Nun könntest du sagen: Wahrlich, Herr, 
ihr wollt den natürlichen Lauf der Seele umkehren ! 
Ihre Natur ist, dass sie durch die Sinne wahr- 
nimmt und in Bildern; wollt ihr die Sache um- 
kehren? Nein! Was weisst du, was für Rang- 
stufen Gott in die Natur gelegt hat, die noch 
nicht alle beschrieben sind, ja, die noch verborgen 
sind? Denn die von den Stufen der Seele 
schrieben, waren noch nicht weiter gekommen, 
als ihre natürliche Vernunft sie trug; sie waren 
nicht auf den Grund gekommen, daher musste 
ihnen viel verborgen sein und blieb ihnen un- 
bekannt. Alle Wahrheit, die die Meister je lehrten 
mit ihrer eigenen Vernunft und ihrem Verstand 
oder in Zukunft lehren bis an den jüngsten Tag, 
die verstanden nie das mindeste von diesem 
Wissen und diesem Verborgenen. Wenn es schon 
ein Unwissen heisst und eine Unerkanntheit, so 



Vom Schweigen. 23 

hat es doch mehr in sich drinnen als alles Wissen 
und Erkennen von aussen : denn dies Unwissen 
des Aeussern reizt und zieht dich von allen 
Wissensdingen und auch von dir selbst. Das 
meinte Christus, als er sprach: „Wer sich nicht 
selbst verleugnet und nicht Vater und Mutter 
lässt und alles was äusserlich ist, der ist meiner 
nicht würdig." Als ob er spräche: Wer nicht 
alle Aeusserlichkeit der Kreaturen lässt, der kann 
in diese göttliche Geburt weder empfangen noch 
geboren werden. Ja, wenn du dich deines 
Selbst beraubst und alles dessen, was äusserlich 
ist, dann findest du es in Wahrheit. Zu dieser 
Geburt verhelfe uns Gott, der neu geboren ist 
in Menschengestalt, dass wir armen Leute in ihm 
göttlich geboren werden, dazu verhelfe er uns 
ewiglich. Amen. 



Vom Unwissen. 

„Wo ist; der geboren ist als König der 
Juden?" — Höret nun, wie diese Geburt vor 
sich geht. 

Die ewige Geburt bringt allewege grosses 
Licht in die Seele, denn es ist die Art des Guten, 
dass es sich ergiessen muss, wo immer es ist. 
In dieser Geburt ergiesst sich Gott mit solchem 
Licht in die Seele, dass das Licht so gross wird 
im Wesen und im Grunde der Seele, dass es 
sich hinausschleudert und in die Kräfte und 
auch in den äussern Menschen überfliesst. Dieses 
Lichtes wird der Mensch wohl gewahr. Stets 
wenn er sich zu Gott kehrt, gleisst und glänzt 
in ihm ein Licht und gibt ihm zu erkennen, was 
er tun und lassen soll, und viel gute Lehre, wo- 
von er vorher nichts wusste und verstand. ;,Wo- 
her weisst du das?" Merk auf. Dein Herz wird 
mächtig angefasst und von der Welt abgekehrt. 
Wie anders könnte das geschehen als durch diese 



Vom Un wissen. 25 

Erleuchtung? Die ist so zart und wonnig, dass 
dich alles verdriesst, was nicht Gott oder gött- 
lich ist. Sankt Augustin sagt: Es gibt viele, die 
Licht und Wahrheit gesucht haben, aber nur 
immer draussen, wo sie nicht war. Und dann 
sind sie zuletzt so weit abgekommen, dass sie 
nimmermehr heim und nicht mehr hineinkommen. 
Wer also Licht finden will und Unterscheidung 
aller Wahrheit, der warte auf diese Geburt in 
sich und im Innern und nehme ihrer wahr: so 
werden alle Kräfte und der äussere Mensch er- 
leuchtet. Denn sowie Gott das Innere mit der 
Wahrheit berührt hat, so wirft sich das Licht 
in die Kräfte und der Mensch versteht alsdann 
mehr als ihm jemand lehren könnte. Daher 
spricht der Prophet: „Ich habe mehr gewusst 
als alle, die mich je lehrten." 

Hier erhebt sich eine Frage. Da Gott Vater 
allein im Wesen und im Grund d?r Seeie ge- 
biert und nicht in den Kräften, was geht es die 
Kräfte an? Was soll ihr Dienst hier, dass sie 
sich herbemühen und feiern helfen sollen! Wo- 
zu ist das not, da in den Kräften nichts geschieht? 
Das ist gut gefragt. Aber beachte die folgende 
Unterscheidung. Eine jede Kreatur wirkt ihr 
Werk um eines Zweckes willen. Der Zweck ist 
jederzeit das erste in der Meinung und das letzte 
im Werke. Daher beabsichtigt Gott mit allen 



Meister Eckhart. 26 

seinen Werken einen seelischen Zweck, das heisst: 
sich selbst; und will die Seele mit all ihren 
Kräften zu ihrem Zweck führen, das heisst: zu 
Gott selbst. Darum wirkt Gott all seine Werke, 
darum gebiert der Vater seinen Sohn in der 
Seele, dass alle Kräfte der Seele zu ihrem Zwecke 
kommen. Er trachtet nach allem was in der Seele 
ist, und ladet es alles zur Bewirtung und zu 
Hofe. Nun hat sich aber die Seele mit den 
Kräften nach aussen zerteilt und zerstreut, jede 
in ihr Werk: die Sehkraft in das Auge, die Kraft 
des Gehörs in das Ohr, die Kraft des Schmeckens 
in die Zunge, und daher sind ihre Werke um 
so weniger im stände inwendig zu wirken: denn 
jede zerteilte Kraft ist unvollkommen. Darum 
muss sie, wenn sie inwendig kräftig wirken will, 
alle ihre Kräfte wieder heimrufen und sie von 
allen zerteilten Dingen zu einem inwendigen 
Wirken sammeln. Sankt Augustin sagt: Die 
Seele ist mehr, wo sie liebt als wo sie dem Leib 
Leben gibt. Ein Gleichnis: Es war einmal ein 
heidnischer Meister, der hatte sich der Rechen- 
kunst zugewandt, und sass vor Stäben und zählte 
sie und ging seiner Wissenschaft nach. Da kam 
einer und zog sein Schwert (er wusste nicht, dass 
es der Meister war) und sprach : „Sprich schnell, 
wie du heissest, oder ich töte dich." Der Meister 
war so sehr in sich gekehrt, dass er den Feind 



Vom Unwissen. 27 

nicht sah noch hörte, noch merken konnte, was 
er wollte. Und als der Feind lange und viel 
gerufen hatte und der Meister immer noch nicht 
sprach, da schlug ihm jener den Kopf ab. Dies 
war um eine natürliche Kunst zu gewinnen. Wie 
ungleich mehr sollten wir uns allen Dingen ent- 
ziehen, und alle unsere Kräfte sammeln, um die 
einige, grenzenlose, ungeschaffene ewige Wahr- 
heit zu schauen und zu erkennen ! Hierzu sammle 
alle deine Vernunft und all dein Nachdenken : 
kehre das in die Tiefe, worinnen dieser Schatz ver- 
borgen liegt. Wisse, wenn dies geschehen soll, 
musst du allen anderen Werken entfallen und 
musst in ein Unwissen kommen, wenn du dies 
finden willst. 

Es erhebt sich wieder eine Frage. Wäre es 
nicht angemessener, dass eine jede Kraft ihr ei- 
genes Werk behielte, und dass keine die andre 
an ihren Werken hindre, und dass sie auch Gott 
nicht an seinen Werken hindre? In mir kann 
eine Art kreatürliches Wissen sein, das nichts 
hindert, wie Gott alle Dinge ohne Hindernis 
weiss, wie es bei den Seligen der Fall ist. Nun 
achtet auf den folgenden Unterschied. Die Se- 
ligen sehen in Gott ein Bild, und in dem Bild 
erkennen sie alle Dinge, ja Gott selbst sieht über- 
haupt nur in sich und erkennt in sich alle Dinge. 
Er braucht sich nicht von einem zum andern zu 



Meister Eckhart. 28 

wenden; wie wir es müssen. Wäre es so be- 
steilt in diesem Leben, dass wir allezeit einen 
Spiegel vor uns hätten, in dem wir in einem 
Augenblick alle Dinge in einem Bilde sähen und 
erkennten, so wäre uns Wirken und Wissen kein 
Hindernis. Da wir uns nun aber von einem zum 
andern wenden müssen, darum können wir uns 
nicht bei dem einen aufhalten ohne Hinderung 
des andern. Denn die Seele ist so ganz ver- 
bunden mit den Kräften, dass sie mit ihnen über- 
all hinfliesst, wo sie hinfliessen, denn bei all den 
Werken, die sie wirken, muss die Seele dabei 
sein und zwar mit Aufmerksamkeit, sie vermöchten 
sonst mit all ihrem Wirken ganz und gar nichts. 
Fliesst sie also mit ihrer Aufmerksamkeit äusser- 
lichen Werken zu, so muss sie notwendigerweise 
um so schwächer bei ihrem inneren Werke sein, 
denn zu dieser Geburt will und muss Gott eine 
ledige, unbekümmerte, freie Seele haben, in der 
nichts sein darf als er allein, und die auf nichts 
und auf niemanden warten darf als auf ihn allein. 
Das meinte Christus, als er sprach: „Wer etwas 
anderes liebt als mich, und Vater und Mutter 
und diesen anderen Dingen gut ist, der ist meiner 
nicht wert. Ich bin nicht auf die Erde ge- 
kommen, um Friede zu bringen, sondern das 
Schwert, auf dass ich alle Dinge abschneide, und 
den Bruder, das Kind, die Mutter, den Freund 



Vom Unwissen. 29 

von dir trenne, die fürwahr deine Feinde sind." 
Denn was dir lieb ist, das ist fürwahr dein Feind. 
Will dein Auge alle Dinge sehen und dein Ohr 
alle Dinge hören und dein Herz aller Dinge ge- 
denken, so muss wahrlich von all diesen Dingen 
deine Seele zerstreut werden. 

Darum spricht ein Meister : Wenn der Mensch 
ein inwendiges Werk wirken will, so muss er 
all seine Kräfte in sich ziehen, wie in einen Winkel 
seiner Seele, und muss sich verbergen vor allen 
Bildern und Formen, und da kann er dann wirken. 
Da muss er in ein Vergessen und in ein Nicht- 
wissen kommen. Es muss in einer Stille und in 
einem Schweigen sein, wo dies Wort gehört 
werden soll. Man kann diesem Wort mit nichts 
besser nahen als mit Stille und mit Schweigen: 
dann kann man es hören und alsdann versteht 
man es ganz in dem Unwissen. Wenn man nichts 
weiss, dann zeigt und offenbart es sich. 

Nun könntet ihr sagen: Herr, ihr setzt all 
unser Heil in ein Unwissen. Das klingt wie ein 
Mangel. Gott hat den Menschen geschaffen, dass 
er wisse ; wo Unwissen ist, da ist Verneinung und 
Leere. Der Mensch ist, das muss wahr sein, ein 
Tier, ein Affe, ein Tor, solange er im Unwissen 
verharrt. Das Wissen aber soll sich formen zu 
einer Ueberform, und dies Unwissen sol) nicht 
vom Nichtwissen kommen, vielmehr: vom Wissen 



Meister Eckhart. 30 

soll man in ein Unwissen kommen. Dann sollen 
wir wissend werden des göttlichen Unwissens, 
und dann wird unser Unwissen geadelt und ge- 
ziert mit dem übernatürlichen Wissen. Und hier 
wo wir uns empfangend verhalten, sind wir voll- 
kommener als wenn wir wirkten. Darum sprach 
ein Meister, dass die Kraft des Hörens auf viel 
höherer Stufe stände als die Kraft des Sehens, 
denn man lernt mehr Weisheit mit dem Hören 
als mit dem Sehen und lebt hier mehr in der 
Weisheit. Man erzählt von einem heidnischen 
Meister, dass seine Jünger, als er im Sterben 
lag, in seiner Anwesenheit von viel Kunst und 
grosser Erkenntnis redeten, da hob er sein Haupt 
noch als Sterbender auf und hörte zu und sagte: 
„Fürwahr, ich möchte diese Kunst noch lernen, 
dass ich sie in der Ewigkeit anwenden kann." 
Das Hören bringt mehr herein, aber das Sehen 
zeigt mehr hinaus. Und darum werden wir im 
ewigen Leben viel seliger sein in der Kraft des 
Hörens als in der Kraft des Sehens. Denn das 
Werk des Hörens des ewigen Wortes ist in mir, 
und das Werk des Sehens geht von mir, und 
beim Hören bin ich empfangend, und beim Sehen 
wirkend. 

Unsere Seligkeit aber liegt nicht an unsern 
Werken, vielmehr daran, dass wir Gott emp- 
fangen. Denn um so viel höher Gott steht als 



Vom Unwissen. 31 

die Kreatur, um so viel höher steht das Werk 
Gottes als das meine. Ja, aus grenzenloser Liebe 
hat Gott unsere Seligkeit in ein Empfangen ge- 
legt, indem wir mehr empfangen als wirken, und 
bei weitem mehr nehmen als geben, und jede 
Gabe bereitet die Empfänglichkeit für eine neue, 
ja für eine grössere Gabe, eine jede göttliche 
Gabe erweitert die Empfänglichkeit und die Be- 
gehrnis nach einer grösseren Empfängnis. Und 
darum sagen etliche Meister, dass darin die 
Seele Gott ebenmässig sei. Denn so grenzen- 
los Gott im Geben ist, so grenzenlos ist auch 
die Seele im Vernehmen oder Empfangen. Und 
wie Gott im Wirken allmächtig ist, so ist die 
Seele ein Abgrund des Nehmens, und darum wird 
sie mit Gott und in Gott überformt. Gott soll 
wirken und die Seele soll empfangen, er soll in 
ihr sich selbst erkennen und lieben, sie soll er- 
kennen mit seiner Erkenntnis und soll lieben mit 
seiner Liebe, und darum ist sie viel seliger vom 
seinen als vom ihren, und ihre Seligkeit beruht 
mehr in seinem Wirken als in ihrem. 

Den Sankt Dionysius fragten seine Jünger, 
warum sie alle von Timotheus an Vollkommen- 
keit überholt würden? Da sprach Dionysius: 
Timotheus ist ein gottempfangender Mann. Wer 
sich darauf recht verstünde, der überholte alle 
Menschen. Und so ist dein Unwissen nicht ein 



Meister Eckhart. 32 

Mangel, sondern deine oberste Vollkommenheit, 
und dein Nichttun ist so dein oberstes Werk. 
Und so in dieser Weise musst du alle deine 
Werke abtun und all deine Kräfte zum Schweigen 
bringen, wenn du in Wahrheit diese Geburt in 
dir erleben willst. Willst du den geborenen König 
finden, so musst du alles, was du sonst vielleicht 
findest, überholen und zu Boden werfen. Dass 
wir das alles überholen und verlieren, was diesem 
geborenen König nicht wohlgefällt, dazu verhelfe 
uns der, der darum zum Menschenkind geworden 
ist, damit wir Gotteskind werden. Amen. 



3. 

Von der Dunkelheit. 

Man liest im Evangelium, als unser Herr zwölf 
Jahre alt war, da ging er mit Maria und Joseph 
nach Jerusalem in den Tempel, und als sie von 
dannen gingen, da blieb Jesus im Tempel, ohne 
dass sie es wussten, und als sie nach Hause 
kamen und ihn vermissten, suchten sie ihn unter 
den Bekannten und Unbekannten und unter den 
Verwandten und in der Menge und fanden ihn 
nirgends, sie hatten ihn in der Menge verloren 
und mussten daher wieder hingehen, von wo 
sie gekommen waren, und als sie wieder an den 
Anfang kamen, in den Tempel, da fanden sie ihn. 

So ist es in Wahrheit; willst du diese edle 
Geburt finden, so musst du alle Menge ver- 
lassen und musst zum Anfang zurückkehren und 
in den Urgrund, von dem du ausgegangen bist. 
Alle Kräfte der Seele und ihr Werk sind bloss 
Menge; Gedächtnis, Verstand und Wille ver- 
mannigfaltigen sich alle, darum musst du sie alle 

3 



Meister Eckhart. 34 

lassen: Sinnlichkeit, Vorstellungen und alles, wo- 
rin du dich selbst findest oder suchst. Dann 
kannst du diese Geburt finden, aber sonst wahr- 
lich nicht. Er ward nie unter Freunden oder 
Verwandten und Bekannten gefunden, vielmehr 
verliert man ihn da völlig. 

Darum haben wir eine Frage hierüber: ob 
der Mensch diese Geburt etwa finden könne in 
etlichen Dingen, die zwar göttlich sind, aber von 
aussen hineingetragen durch die Sinne, wie ei- 
nige Vorstellungen von Gott, zum Beispiel, dass 
Gott gut, weise, barmherzig oder etwas der- 
gleichen ist, was die Vernunft schöpfen kann und 
was auch göttlich ist: ob man in all diesem diese 
Geburt etwa finden könne? In Wahrheit, nein! 
Obwohl das alles gut und göttlich ist, ist es doch 
alles von aussen durch die Sinne hineingetragen 
worden: es muss alles von innen auf von Gott 
herausquellen, wenn diese Geburt eigen und rein 
hineinleuchten soll, und all dein Werk muss sich 
hinlegen und all deine Kräfte müssen den seinen 
dienen und nicht den deinen. Soll dies Werk 
vollkommen sein, so muss es Gott allein wirken, 
und du darfst es allein empfangen. Wo du mit 
deinem Willen und deinem Wissen wahrhaft aus- 
gehst, da geht Gott wahrhaft und willig mit seinem 
Wissen ein und leuchtet da in Klarheit. Wo 
sich Gott aber wissen will, da kann dein Wissen 



Von der Dunkelheit. 35 

nicht bestehen und zu nichts dienen. Du brauchst 
nicht zu wähnen, deine Vernunft könne noch 
so wachsen, dass du Gott erkennen könntest, 
sondern wenn Gott in dir göttlich leuchten soll, 
dazu fördert dich ein natürliches Licht keines- 
wegs, es muss vielmehr zu lauter Nichts werden 
und völlig ausgehen; und dann kann Gott mit 
seinem Licht hineinleuchten und bringt all das 
mit sich, das dir ausgegangen ist, und tausendfach 
mehr, und eine neue Form dazu, die alles in 
sich schliesst. 

Nun könntest du sagen: „Wahrlich, Herr, 
was soll dann meine Vernunft, wenn sie so un- 
tätig stehn muss ohne alles Wirken? Ist das 
der nächste Weg, dass ich mein Bewusstsein zu 
einer unerkannten Erkenntnis erhebe, die es doch 
nicht geben kann? Denn erkennte ich etwas, 
so wäre es nicht Unerkanntheit und wäre nicht 
frei und losgelöst: soll ich denn ganz und gar 
in Dunkelheit stehen?" Ja gewiss, du wirst nie 
besser stehn können als wenn du dich völlig in 
Dunkelheit und Unwissen setzest. „Ach, Herr, 
muss ich alles abtun, lässt sich das gar nicht 
wenden?" Nein, wahrhaftig, das lässt sich wirk- 
lich nicht wenden. „Was ist aber diese Dunkel- 
heit, wie heisst sie oder wie ist ihr Name?" Ihr 
Name ist lediglich: Möglichkeit des Empfangens, 
das der seienden Dinge nicht bedürftig ist und 

3* 



Meister Eckhart. 36 

dahin sollst du gebracht werden. Und das lässt 
sich nicht ändern. Wie die Materie nicht ruhet, 
bis sie mit allen Formen erfüllt ist, so ruht auch 
die Vernunft nimmer, bis sie erfüllt ist mit allem, 
was in ihr möglich ist. 

Es spricht ein heidnischer Meister: Die Na- 
tur hat nichts, was rascher wäre als der Himmel, 
der überrascht alle Dinge mit seinem Lauf. Aber 
sicherlich! des Menschen Bewusstsein überrascht 
ihn noch mit semem Lauf. Bliebe es in seinem 
Vermögen wirksam und hielte es sich unverhöhnt 
und unzerrissen von niedern und groben Dingen, 
es flöge höher als der höchste Himmel und Hesse 
nimmer ab, es käme in das Allerhöchste und 
würde da gespeist und geführt von dem aller- 
besten Gut, das Gott ist. 

Und darum ist es nützlich, dieser Möglich- 
keit nachzufolgen, und sich frei und losgelöst 
zu halten, und allein dieser Dunkelheit und diesem 
Unwissen nachzufolgen und nachzuhängen und 
nachzuspüren und nicht davon abzulassen, so ist 
es dir wohl möglich, den zu erreichen, der alle 
Dinge ist. Und je mehr in dir selbst Wüste 
ist und Unwissenheit aller Dinge, je näher kommst 
du diesem. Von dieser Wüste steht bei Jere- 
mias geschrieben : „Ich will meine Freundin in 
die Wüste führen und in ihrem Herzen mit ihr 
sprechen." Das wahre Wort der Ewigkeit wird 



Von der Dunkelheit. 37 

allein in der Ewigkeit ausgesprochen, wo der 
Mensch Wüste ist und seiner selbst und aller 
Mannigfaltigkeit entfremdet. Nach dieser Wüste 
und Fremde begehrte der Prophet, als er sprach : 
„Ach, wer gibt mir Flügel wie die Taube hat, 
auf dass ich fliegen könnte, wo ich Ruhe finde?" 
Wo findet man Ruhe und Rast? Wahrlich, da 
wo man aller kreatürlichen Dinge entworfen und 
entwüstet und entfremdet ist. In diesem Sinne 
sagt David: „Ich erwählte lieber, verworfen und 
verschmäht zu sein im Haus meines Gottes, als 
grosse Ehren und Reichtum zu haben in der 
Taberne der Sünder." 

Nun könntest du sagen: „Fürwahr, Herr, 
muss das immer und notwendig so sein, dass 
man aller Dinge entfremdet und zerwüstet ist, 
äusserlich und innerlich, der Kräfte und ihrer 
Werke, muss das alles hinab? Das ist ein schwerer 
Stand, wenn Gott den Menschen so ohne seinen 
Aufenthalt lässt, wenn Gott der Menschen Ver- 
lassenheit so dehnt, dass er nicht in ihm ist, leuch- 
tend oder zusprechend oder wirkend, wie Ihr 
hier lehret und meinet. Wenn der Mensch so 
in lauter Nichts steht, ist es dann nicht besser, 
dass er etwas tue, um diese Dunkelheit und Ent- 
fremdung zu vertreiben, zum Beispiel, dass er 
bete oder lese oder eine Predigt höre oder an- 
dere Werke tue, was doch Tugenden sind, mit 



Meister Eckhart. 38 

denen man sich helfen soll?" - Nein, das sollst 
du in Wahrheit wissen: ganz und sehr stille und 
ganz und gar leer zu verharren ist dein aller- 
bestes. Das merke. Ohne Schaden kannst du 
dich nicht wieder irgend zu Dingen wenden. Das 
ist sicher: du wärest gern bereit, ein Teil von 
dir und ein Teil von ihm, das aber kann nicht 
sein. Du kannst des Bereitseins nicht einmal 
denken oder begehren, wenn nicht Gott vorher 
da ist. Gesetzt aber, es sei geteilt, das Bereit- 
sein und das Wirken oder Eingiessen sei dein 
und sein, was ja möglich ist, so musst du wissen, 
dass Gott wirken und eingiessen muss, sobald er 
dich bereit findet. Du darfst nicht wähnen, es 
sei mit Gott wie mit der Person eines Zimmer- 
manns, der wirkt und nicht wirkt wie er will, 
es steht in seinem Willen, wie er Lust hat zu 
tun und zu lassen. So steht es aber nicht um 
Gott: sondern wenn Gott dich bereit findet, so 
muss er wirken und sich in dich ergiessen, 
ebenso wie wenn die Luft lauter und rein ist, 
die Sonne sich ergiessen muss und sich dessen 
nicht enthalten kann. Fürwahr, es wäre ein arg 
grosser Fehler an Gott, wenn er nicht grosse 
Werke in dich wirkte und grosses Gut in dich 
gösse, sowie er dich frei und entblösst findet. 
Es lehren uns die Meister, dass in dem- 
selben Moment, wo die Materie des Kindes im 



Von der Dunkelheit. 39 

Mutterleib bereit ist, in demselben Augenblick 
giesst Gott in den Leib den lebendigen Geist, 
das heisst die Seele, die des Leibes Form ist. 
Es ist ein Augenblick bereit zu sein und ein- 
zugiessen. Wenn die Natur auf ihr Höchstes 
kommt, so tritt Gottes Gnade ein: in demselben 
Moment, wo der Geist bereit ist, geht Gott hinein 
ohne Aufschub und ohne Zögern. Im Buch der 
Geheimnisse steht geschrieben, dass unser Herr 
dem Volke entbot: „Ich stehe vor der Tür und 
klopfe und warte, wer mich einlässt, mit dem 
will ich schmausen." Du brauchst ihn nicht zu 
suchen, nicht da und nicht dort: er ist nicht 
entfernter als vor der Türe des Herzens, da steht 
er und harrt und wartet, wen er bereit findet, 
der ihm auftue und ihn einlasse. Du brauchst 
ihn nicht in der Ferne zu rufen: ihn kommt das 
Warten, bis du auftust, härter an als dich. Er 
bedarf deiner tausendmal mehr als du seiner: 
das Auftun und das Hineingehen ist nur ein 
Moment. 

Nun könntest du fragen: Wie kann das sein? 
Ich empfinde ihn doch nicht. Nun pass auf. 
Das Empfinden ist nicht in deiner Gewalt, son- 
dern in seiner. So es ihm ansteht, so zeigt er 
sich, und kann sich verbergen, so er will. Das 
musst du wissen : Gott kann nichts leer oder hohl 
lassen; dass irgend das geringste leer oder hohl 



Meister Eckhart. 40 

sei, das kann der Naturgott nicht leiden. Darum, 
wenn es dich dünkt, du fändest ihn nicht und 
er sei nicht in dir, dem ist nicht so. Denn wäre 
irgend etwas leer unterm Himmel, es wäre was es 
wollte, gross oder klein, so zöge es entweder 
der Himmel zu sich hinauf, oder er müsste sich 
herniederneigen und den Himmel hineingiessen. 
Gott, der Meister dei Natur, leidet es durchaus 
nicht, dass irgend etwas leer sei. Darum steh 
still und wanke nicht, denn du kannst dich zur 
Stunde von Gott abwenden und kommst dann 
nimmermehr zu ihm. 

Du könntest fragen : Soll der Mensch sich 
kasteien, und versäumt er etwas, wenn er sich 
nicht in der Busse übt? Höre. Alles Buss- 
leben ist neben andern Ursachen darum er- 
funden, sei es nun Fasten, Wachen, Beten, 
Geissein, härene Hemden tragen, hart liegen oder 
was sonst immer, das ist alles darum erdacht, 
weil der Leib und das Fleisch sich allezeit dem 
Geist entgegengestellt. Der Leib ist ihm viel zu 
stark, ein richtiger Kampf ist immerzu unter 
ihnen, ein ewiger Streit. Der Leib ist hier kühn 
und stark, denn er ist hier zu Hause, die Welt hilft 
ihm, die Erde ist sein Vaterland, ihm helfen hier 
alle seine Verwandten : die Speise, der Trank, 
die Schönheit: das ist alles gegen den Geist. 
Der Geist ist hier fremd, aber irn Himmel sind 



Von der Dunkelheit. 41 

alle seine Verwandten und sein ganzes Ge- 
schlecht: da ist er gar heimisch. Um dem Geist 
zu Hilfe zu kommen in dieser Fremde und das 
Fleisch etwas zu schwächen in diesem Streit, da- 
mit der Leib den Geist nicht überwindet, darum 
tut man ihn den Zaum der Bussübungen an und 
darum bedrückt man ihn, damit der Geist sich 
seiner erwehren könne. Da man ihm das tut, 
damit er ein Gefangener, sei, so lege ihm, wenn 
du ihn tausendmal besser fangen und beladen 
willst, den Zaum der Liebe an. Mit der Liebe 
überwindest du ihn am allerschnellsten und mit 
der Liebe belädst du ihn am stärksten. Und 
darum stellt uns Gott mit keinen Dingen so sehr 
nach, wie mit der Liebe. Denn mit der Liebe 
geht es just ebenso, wie mit der Angel des Fischers. 
Der Fischer kann den Fisch nicht erhalten, wenn 
der sich nicht an der Angel fängt. Wenn er 
nach der Angel schnappt, dann ist der Fischer 
seiner sicher: wohin sich der Fisch dann wendet, 
hin oder her, der Fischer hat ihn ganz sicher. 
So spreche ich auch von der Liebe: wer von 
ihr gefangen wird, der hat das allerstärkste Band 
und doch eine süsse Bürde. Wer diese süsse 
Bürde auf sich genommen hat, der erreicht da- 
mit mehr und kommt weiter damit als mit all 
der Busse und Strenge, die je Menschen üben 
könnten. Er kann auch sanft und geduldig alles 



Meister Eckhart. 42 

tragen und leiden, was ihn trifft und was Gott 
über ihn verhängt. Nichts macht dich Gott so 
eigen, und durch nichts wird Gott dir so eigen 
als durch dieses süsse Band. Wer diesen Weg 
gefunden hat, der suche keinen andern. Wer 
an dieser Angel haftet, der ist so gefangen, dass 
der Fuss und die Hand, der Mund, die Augen, 
das Herz und alles was am Menschen ist, das 
muss alles Gott zu eigen sein. Und darum kannst 
du diesen Feind niemals besser überwinden, dass 
er dir nicht schade, als mit der Liebe. Wer in 
diesem Stricke gefangen ist und in diesem Wege 
wandelt, welch Werk er immer wirke, das wirkt 
die Liebe. Seine Ruhe ist besser als eines andern 
Wirken. Darum warte allein auf diese Angel, 
so wirst du selig gefangen, und je mehr gefangen 
desto mehr befreit. Dass wir so gefangen und 
befreit werden, dazu verhelfe uns der, der selber 
die Liebe ist. Amen. 



Von stetiger Freude. 

Die Seele hat etwas in sich, ein Fünklein 
der Vernünftigkeit, das nimmer erlischt, und in 
dies Fünklein versetzt man das Bild der Seele 
als in das oberste Teil des Bewusstseins ; und 
es ist auch ein Erkennen in unsern Seelen, das 
äussern Dingen nachgeht, nämlich das sinnliche 
und Verstandeserkennen, das in Gleichnissen 
und in der Sprache vor sich geht, das verbirgt 
uns dies. Wie sind wir Söhne Gottes? Das 
ist, dass wir e i n Wesen haben mit ihm. Doch 
was wir darunter verstehen, dass wir Söhne Gottes 
sind, das ist zu verstehen von dem äussern Ver- 
stehen und von dem Innern Verstehen. Das 
innere Erkennen ist, was sich vernünftig fun- 
dieret auf das Wesen unserer Seele. Doch ist 
es nicht das Wesen der Seele, es ist vielmehr 
darein gewurzelt und ist etwas vom Leben der 
Seele. Wir sagen, dass das Verstehen etwas Le- 
bendes der Seele sei, das heisst vernünftiges Leben, 



Meister Eckhart. 44 

und in diesem Leben wird der Mensch geboren 
zu Gottes Sohn und zu dem ewigen Leben, und 
dies Erkennen ist ohne Zeit, ohne Raum, und 
ohne Hier und ohne Jetzt. In diesem Leben 
sind alle Dinge eins und alle Dinge gemeinsam, 
alle Dinge alles in allem und allem geeinigt. 

Gott macht, dass wir ihn selbst erkennen, 
und sein Wesen ist sein Erkennen, und es ist 
dasselbe, dass er mich erkennend macht, und dass 
ich erkenne, und darum ist sein Erkennen mein: 
wie das, was der Meister lehrt und der Schüler 
gelehrt wird, ein und dasselbe ist. Und wenn 
also sein Erkennen mein ist, und wenn seine 
Substanz sein Erkennen ist und seine Natur und 
sein Wesen, so folgt daraus, dass sein Wesen 
und seine Substanz und seine Natur mein ist. 
Und wenn also seine Substanz, sein Wesen und 
seine Natur mein ist, so bin ich der Sohn Gottes. 
Seht, Brüder, welche Liebe uns Gott geschenkt 
hat, dass wir Sohn Gottes heissen und sein 
eigen. 

Merkt, wie wir Söhne Gottes werden : wenn 
wir dasselbe Wesen haben, das der Sohn hat. 
Wie ist man der Sohn Gottes oder wie weiss 
man es, wenn Gott niemandem gleich ist? Das 
ist wahr. Wenn es also Gottes Natur ist, dass 
er niemandem gleich ist, so ist es notwendig, 
dass wir dazu kommen, dass wir nichts sind, auf 



Von stetiger Freude. 45 

dass wir in dasselbe Wesen gesetzt werden können, 
das er selbst ist. Daher kann ich, wenn ich 
dazu komme, dass ich mich in Nichts umbilde 
und Nichts in mich umbilde, und hinaustrage und 
hinauswerfe, was in mir ist, in das reine Wesen 
des Geistes versetzt werden. Da muss alles aus- 
getrieben werden, was Gleichnis ist, dass ich in 
Gott verwandelt werde und eins mit ihm werde 
und eine Substanz und ein Wesen und eine Na- 
tur und der Sohn Gottes. Und wenn das ge- 
schehen ist, dann ist nichts in Gott verborgen, 
was nicht offenbar wird und was nicht mein 
wird. Denn dann werde ich weise und mächtig 
und ganz wie er und ein und dasselbe mit ihm. 
Dann wird Zion ein Wahrsehender, ein wahrer 
Israel, das heisst ein sehender Mann: Gott, denn 
ihm ist nichts verborgen in der Gottheit. Da 
wird der Mensch in Gott geführt. Aber damit 
mir nichts verborgen bleibe und alles offenbar 
werde, darf in mir kein Gleichnis und kein Bild 
mehr vorhanden sein, denn kein Bild kann uns 
die Gottheit oder sein Wesen öffnen. Bliebe 
irgend ein Bild in dir oder irgend ein Gleich- 
nis, so würdest du nimmer eins mit Gott. Da- 
mit du also mit Gott eins seist, darf nichts in 
dir eingebildet oder ausgebildet sein, das heisst, 
alles was in dir verborgen ist, muss offen und 
hinausgeworfen werden. 



Meister Eckhart. 46 

Es gibt zweierlei Geburt der Menschen : eine 
in der Welt und eine aus der Welt, das heisst 
geistig in Gott. Willst du wissen, ob dein 
Kind geboren werde und ob es entledigt sei, 
das heisst, ob du zu Gottes Sohn gemacht seist: 
solange du Leid in deinem Herzen hast um irgend 
ein Ding [es sei denn um Sünde], solange ist 
dein Kind nicht geboren. Hast du Herzeleid, 
so bist du nicht Mutter, du bist vielmehr in der 
Gebärung und nahe der Geburt. Daran darfst 
du nicht zweifeln, wenn du traurig bist um dich 
oder um deinen Freund, so ist es nicht geboren, 
es ist aber nahe an der Geburt. Aber dann 
ist es vollkommen geboren, wenn der Mensch 
von Herzen kein Leid empfindet um irgend ein 
Ding: dann hat der Mensch das Wesen und die 
Natur und die Substanz und die Weisheit und 
die Freude und alles was Gott hat, dann wird 
dieses Wesen des Sohnes Gottes unser und in 
uns, und wir kommen in dieses Wesen Gottes. 
Christus sagt: „Wer mir nachfolgen will, der 
verleugne sich selbst und hebe sein Kreuz auf 
und folge mir." Das heisst: Wirf alles Herzeleid 
hinaus, auf dass in deinem Herzen nichts als 
stetige Freude sei. Dann ist das Kind geboren. 
Wenn dieses Kind in mir geboren ist, sähe ich 
gleich meinen Vater und alle meine Freunde vor 
meinen Augen tot, mein Herz wäre darum nicht 



Von stetiger Freude. 47 

bewegt. Aber würde mein Herz von diesem be- 
wegt, so wäre das Kind in mir nicht geboren, 
aber vielleicht wäre es nahe der Geburt. Ich 
sage, Gott und die Engel haben so grosse Freude 
über jedes Werk eines guten Menschen, dass dem 
keine Freude zu vergleichen ist. Darum sage 
ich: wenn das Kind in dir geboren wird, so hast 
du so grosse Freude über jedes gute Werk, das 
in dieser Welt geschieht, dass deine Freude die 
allergrösste Stetigkeit wird, so dass sie sich nicht 
ändert. Und bin ich ganz in das göttliche Wesen 
verwandelt, so wird Gott mein und alles was er 
hat. Dann habe ich rechte Freude, die nicht Leid 
noch Pein von mir nehmen kann, denn dann bin 
ich in das göttliche Wesen versetzt, wo kein 
Leiden Platz hat. Wenn du also dazu kommst, 
dass du um nichts mehr Leid noch Kummer 
trägst und dass dir alles eine reine Freude ist, 
dann ist das Kind in Wahrheit geboren. Dass 
uns dies widerfahre, das walte Gott. Amen. 



I. 



Von der Stadt der Seele. 

Intravit Jesus in quoddam castellum et mu- 
lier qaedam excepit illum etc. (Luc. X, 38). Ich 
habe eben ein Wörtlein auf lateinisch gesprochen, 
das im Evangelium steht und auf deutsch also 
heisst: „Unser Herr Jesus Christus ging in ein 
Städtchen und ward von einer Jungfrau emp- 
fangen, die ein Weib war." 

Fürwahr, achtet nun aufmerksam dieses 
Worts. Es muss notwendig so sein, dass der 
Mensch, von dem Jesus empfangen ward, eine 
Jungfrau war. Jungfrau heisst soviel, wie ein 
Mensch, der aller fremden Bilder ledig ist, so 
ledig wie er war als er nicht war. Seht, nun 
könnte man fragen: Der Mensch, der geboren 
und zu vernünftigem Leben vorgeschritten ist, wie 
kann der so frei von allen Bildern sein, wie da- 
mals als er nicht war, da er doch viel weiss, 
und das sind alles Bilder: wie kann er dann 
frei sein? 



Von der Stadt der Seele. 49 

Nun achtet auf die Unterscheidung, auf die 
ich euch hinweisen will. Wäre ich so vernünf- 
tig, dass alle Bilder, die je Menschen empfangen 
haben, und die in Gott selbst sind, vernünftig in 
mir stünden, und zwar, dass ich sie, im Tun 
und im Lassen, ohne Eigenschaft begriffen hätte, 
ohne Vor und ohne Nach, dass sie vielmehr in 
diesem gegenwärtigen Nu frei und ledig nach 
dem liebsten Willen Gottes stünden, um dem 
ohne Unterlass nachzukommen, dann wäre ich 
in Wahrheit Jungfrau, unbehindert von allen Bil- 
dern, und wahrlich so wie ich war als ich nicht 
war. Wie die Meister sagen, dass gleich und 
gleich allein eine Sache der Einheit sei, so muss 
auch der Mensch keusch sein und Jungfrau, der 
den keuschen Jesus empfangen will. 

Ich sage ferner, dass eine Kraft in der 
Seele ist, die nicht Zeit noch Fleisch be- 
rührt, sie fliesst aus dem Geiste und bleibt 
in dem Geiste und ist ganz geistig. In dieser 
Kraft ist Gott allzumal grünend und blühend 
in aller Freude und in aller Ehre, wie er 
in sich selber ist. Da ist so herzliche Freude 
und so unbegreiflich grosse Freude, dass niemand 
genug davon sagen kann. Denn der ewige Vater 
gebiert seinen ewigen Sohn in dieser Kraft ohne 
Unterlass, so dass diese Kraft den Sohn des 
Vaters mitgebären hilft und sich selber denselben 

4 



Meister Eckhart. 50 

Sohn in der einigen Kraft des Vaters. Und hätte 
ein Mensch ein ganzes Königreich oder allen 
Reichtum der Erde, und Hesse das rein um Gottes 
willen und würde einer der ärmsten Menschen, 
der je auf Erden lebte, und gäbe ihm dann Gott 
so viel zu leiden, als er je Menschen auferlegt 
hat, und litte er alles dies bis an seinen Tod, 
und gäbe ihm dann Gott einen Augenblick zu 
schauen, wie er in dieser Kraft ist: seine Freude 
würde so gross, dass all dies Leiden und diese 
Armut dann noch zu klein wäre. Ja, gäbe ihm 
Gott gar hernach kein Himmelreich mehr, er hätte 
dann doch noch zu grossen Lohn empfangen 
für alles, was er je gelitten : denn Gott ist in 
dieser Kraft wie in dem ewigen Nu. Wäre der 
Geist allezeit mit Gott in dieser Kraft vereint, 
der Mensch könnte nicht altern. Denn das Nu, 
worin Gott den ersten Menschen machte, und das 
Nu, worin der letzte Mensch vergehen soll, und 
das Nu, worin ich spreche, die sind gleich in 
Gott, und es ist nichts als ein Nu. Nun seht, 
dieser Mensch wohnt in einem Licht mit Gott, 
darum ist in ihm weder Empfangen noch Nach- 
folgen, sondern eine gleiche Ewigkeit. Diesem 
Menschen ist in Wahrheit gar viel abgenommen 
und alle Dinge stehen wesenhaft in ihm. Darum 
empfängt er nichts Neues von künftigen Dingen 
und von keinem Zufall, denn er wohnt in einem 



Von der Stadt der Seele. 51 

Nu, allezeit neu grünend und ohne Unterlass. 
Solche göttliche Herrlichkeit ist in dieser Kraft. 

Noch eine Kraft gibt es, die auch unkörper- 
lich ist: sie fliesst aus dem Geiste und bleibt 
im Geiste und ist ganz geistig. In dieser Kraft 
ist Gott ohne Unterlass ghmmend und brennend 
mit all seinem Reichtum, mit all seiner Süssig- 
keit und mit all seiner Wonne. Wahrlich, in dieser 
Kraft ist so grosse Freude und so grosse masslose 
Wonne, dass niemand wahr genug davon sprechen 
und künden kann. Ich sage aber, gäbe es einen 
einzigen Menschen, der hierin einen Augenblick 
in Wahrheit und vernünftig die Wonne und die 
Freude schaute: alles was er leiden könnte und 
was Gott von ihm gelitten haben wollte, das 
wäre ihm alles wenig und sogar nichtig, ja ich 
sage: es wäre ihm zumal eine Freude und eine 
Wohltat. 

Ich habe manchmal gesagt, es sei eine Kraft 
im Geiste, die allein frei sei. Zu Zeiten habe 
ich gesagt, es sei eine Hütte des Geistes; zu 
Zeiten habe ich gesagt, es sei ein Licht des 
Geistes; zu Zeiten habe ich gesagt, es sei ein 
Fünklein. Ich sage aber jetzt: es ist weder dies 
noch das. Es ist überhaupt kein Etwas; es ist 
höher über dies und das als der Himmel über 
der Erde. Darum nenne ich es jetzt in einer 
edleren Weise als ich es früher nannte, und doch 

4* 



Meister Eckhart. 52 

geht es über Edelkeit und Gradunterschiede und 
Weisen hinaus und ist darüber erhoben. Es ist 
von allen Namen frei und von allen Formen ganz 
los, ledig und frei, wie Gott in sich selbst ledig 
und frei ist. Es ist so ganz eins und einfach, 
wie Gott eins und einfach ist, dass man auf keine 
Weise es anschaulich machen kann. Dieselbe 
Kraft, von der ich gesprochen habe, in der ist 
Gott blühend und grünend mit all seiner Gott- 
heit und der Geist in Gott, in derselben Kraft, 
worin der Vater seinen eingeborenen Sohn gebiert, 
wahrlich wie in sich selber, und der Geist ge- 
biert mit dem Vater denselben Sohn und sich 
selber, und ist derselbe Sohn in diesem Licht, 
und ist die Wahrheit. Könntet ihr mit meinem 
Herzen zuhören, ihr verstündet wohl, was ich 
spreche, denn es ist wahr, und die Wahrheit 
spricht es selbst. 

Seht, nun passt auf, so eins und einfach ist 
diese Stadt in der Seele, von der ich euch spreche, 
und die ich meine, und über alle Weise erhaben, 
dass die edle Kraft, von der ich gesprochen habe, 
nicht würdig ist, jemals einen Augenblick hinein- 
zublicken, und ebenso die andere Kraft, worin 
Gott glimmt und brennt, die darf auch niemals 
hineinblicken, so gar eins und einfach ist diese 
Stadt, und so über aller Weise und allen Kräften 
ist dies einig Eine, dass ihm niemals Kraft oder 



Von der Stadt der Seele. 53 

Weise zuschauen kann, ja nicht einmal Gott 
selbst. Mit guter Wahrheit! und so wahr Gott 
lebt, Gott selbst schaut niemals einen Augenblick 
hinein und hat nie hineingesehen, insfern er sich 
darstellt in einer Weise und in der Eigenschaft 
seiner Personen. Dies ist gut zu verstehen, denn 
dies einig Eine ist ohne Weise und ohne Eigen- 
schaft. Und wenn daher Gott jemals hinein- 
blicken soll, so muss es ihn alle seine göttlichen 
Namen und seine persönliche Eigenschaft kosten: 
das muss er alles vorher lassen, wenn er je 
hineinblicken soll. Wie er einfach eins ist, ohne 
alle Weise und Eigenschaft: da ist er nicht Vater 
und nicht Sohn und nicht heiliger Geist in diesem 
Sinne, und ist doch ein Etwas, das nicht dies 
und nicht das ist. 

Seht, so wie er eins ist und einfach, so kommt 
er in das Eine, das ich eine Stadt in der Seele 
heisse, und sonst kommt er auf keine Weise 
hinein: sondern so kommt er hinein und ist 
darin. In diesem Stück ist die Seele Gott gleich 
und auf keine andere Weise. Was ich euch ge- 
sagt habe, ist wahr: dafür stelle ich euch die 
Wahrheit als Zeugen und meine Seele als Pfand. 
Dass wir eine solche Stadt seien, in der Jesus 
eingeht und empfangen werde und ewig in uns 
bleibe in der Weise, wie ich gesagt habe, das 
walte Gott. Amen. 



Vom namenlosen Gott. 

Unser Herr sprach: „Frau, die Zeit wird 
kommen und ist schon jetzt, wo die wahren An- 
beter den Vater im Geist und in der Wahrheit 
anbeten, und solche suchet der Vater." 

Nun achtet auf das erste Wörtlein, wo er 
spricht: „Die Zeit wird kommen und ist schon 
jetzt." Wer da den Vater anbeten will, der muss 
sich in die Ewigkeit versetzen mit seinem Be- 
gehren und mit seiner Zuversicht. Es gibt einen 
obersten Teil der Seele, der steht über der Zeit 
und weiss nichts von der Zeit noch vom Leibe. 
Alles was je geschah vor tausend Jahren, der 
Tag, der vor tausend Jahren war, der ist in der 
Ewigkeit nicht ferner, als diese Stunde, wo ich 
jetzt stehe, und der Tag, der nach tausend Jahren 
kommen wird oder soweit du zählen kannst, der 
ist in der Ewigkeit nicht ferner als diese Stunde, 
worin ich jetzt stehe. 

Nun spricht er: „Die beten an den Vater." 



Vom namenlosen Gott. 55 

Ach, wie viele gibt es, die beten die Kreatur 
an und kümmern sich darum, und das sind gar 
törichte Leute. Sobald du Gott anbetest um der 
Kreatur willen, so bittest du um deinen eigenen 
Schaden, denn sobald die Kreatur Kreatur ist, 
trägt sie Bitterkeit und Schaden und Uebel und 
Ungemach in sich. Und darum geschieht den 
Leuten ganz recht, die Ungemach und Bitter- 
keit davon haben. Warum? Sie haben darum 
gebeten. 

Alle Dinge, die in der Zeit sind, haben ein 
Warum. Wie der, der einen Menschen fragte: 
„Warum issest du?" „Damit ich Kraft habe." 
„Warum schläfst du?" „Aus demselben Grunde." 
Und so sind alle Dinge, die in der Zeit sind. 
Aber wer einen guten Menschen fragte: „Wa- 
rum liebst du Gott?" „Ich weiss nicht, um Gottes 
willen." „Warum liebst du die Wahrheit?" „Um 
der Wahrheit willen." „Warum liebst du die 
Gerechtigkeit?" „Um der Gerechtigkeit willen." 
„Warum liebst du die Güte?" „Um der Güte 
willen." „Warum lebst du?" „Wahrlich, ich weiss 
nicht! Ich lebe gerne." 

Die Meister sagen, die Seele habe zwei Ge- 
sichter, und das obere Gesicht schauet allezeit 
Gott, und das niedere Gesicht blickt etwas herab 
und das berichtet die Sinne, und das oberste 
Gesicht ist das oberste der Seele, das steht in 



Meister Eckhart. 56 

der Ewigkeit und hat nichts mit der Zeit zu 
schaffen und weiss nichts von der Zeit und vom 
Leibe. Und ich habe manchmal gesagt, dass darin 
etwas verborgen Hege wie ein Ursprung alles 
Guten und wie ein leuchtendes Licht, das alle- 
zeit leuchtet, und wie ein brennender Brand, der 
allezeit brennt, [und der Brand ist nichts anderes 
als der heilige Geist]. 

Die Meister sagen, aus dem obersten Teil 
der Seele fliessen zwei Kräfte. Die eine heisst 
Wille, die andere Vernunft, und die Vollkommen- 
heit der Kräfte liegt in der obersten Kraft, die 
da Vernunft heisst. Die kann nimmer ruhen. 
Sie will nicht Gott wie er der heilige Geist ist 
und wie er der Sohn ist, und fliehet den Sohn. 
Sie will auch nicht Gott wie er Gott ist. Wa- 
rum? Da hat er Namen, und wären tausend 
Götter, sie bricht sich immer mehr Bahn, sie 
will ihn da, wo er keine Namen hat: sie will 
etwas Edleres, etwas Besseres als Gott, wie er 
Namen hat. Was will sie denn ? Sie weiss nicht : 
sie will ihn, wie er Vater ist. Sie will ihn, wie 
er ein Grund ist, aus dem Güte entspringt; sie 
will ihn, wie er ein Kern ist, aus dem Güte 
fliesst; sie will ihn wie er eine Wurzel ist, eine 
Ader, in der Güte entspringt, und da ist er allein 
Vater. 

Nun spricht unser Herr: „Es erkennet nie- 



Vom namenlosen Gott. 57 

mand den Vater als der Sohn, und den Sohn 
niemand als der Vater." In Wahrheit, wenn wir den 
Vater erkennen wollen, so müssen wir Sohn sein. 
Ich habe einmal drei böse Wörtlein gesprochen, 
die mögt ihr als drei böse Gewürze aufnehmen, 
auf die ihr trinken müsst. Zum ersten, wollen 
wir Sohn sein, so müssen wir einen Vater haben. 
Denn des Sohnes Leben hängt an dem Vater, 
und des Vaters Leben hängt an dem Sohn, und 
darum kann niemand sagen: ich bin Sohn, wenn 
er keinen Vater hat, und der Mensch ist in 
Wahrheit Sohn, der da alle seine Werke aus Liebe 
wirkt. — Das zweite, was den Menschen aller- 
meist zum Sohn macht, das ist Gleichmut. Ist 
er krank, so sei er ebenso gern krank wie ge- 
sund, gesund wie krank. Stirbt ihm ein Freund, 
in Gottes Namen; wird ihm ein Auge ausge- 
schlagen, in Gottes Namen. — Das dritte, was 
ein Sohn haben soll, das ist, dass er sein Ant- 
litz nach nichts mehr wendet als nur nach dem 
Vater. O, wie edel ist die Kraft, die da über 
der Zeit steht und die da ohne Raum steht! 
Denn damit, dass sie über der Zeit steht, hat 
sie alle Zeit in sich geschlossen und ist alle Zeit, 
und wie wenig einer auch von dem hätte, was 
über der Zeit steht, der wäre gar bald reich ge- 
worden, denn was jenseits des Meeres ist, ist 
der Kraft nicht ferner als was jetzt gegenwärtig 



Meister Eckhart. 58 

ist. Und von denen spricht er „Solche suchet 
der Vater." 

Seht, so liebkost uns Gott, so flehet uns 
Gott an und Gott kann nicht warten, bis sich 
die Seele geschmückt und von der Kreatur zornig 
entfernt hat, und es ist eine sichere und eine 
notwendige Wahrheit, dass es Gott so not tut, 
uns zu suchen, als ob all seine Gottheit daran 
hange, wie es auch der Fall ist. Und Gott kann 
unser so wenig entbehren, wie wir seiner, und 
könnte es auch sein, dass wir uns von Gott ab- 
wenden könnten, so könnte sich doch Gott 
nimmer von uns abwenden. Ich sage, ich will 
Gott nicht bitten, dass er mir gebe, ich 
will ihn auch nicht loben für das, was er mir 
gegeben hat, sondern ich will ihn bitten, dass 
er mich würdig mache zu empfangen, und will 
ihn loben, dass er die Natur und das Wesen 
hat, dass er geben muss. Wer das Gott nehmen 
wollte, der nähme ihm sein eigenes Wesen und 
sein eigenes Leben. Dass wir so in Wahrheit 
Sohn werden, dazu verhelfe uns die Wahrheit, 
von der ich gesprochen habe. Amen. 



Vom innersten Grunde. 

Es spricht ein Meister: „Gott ist ein Mensch 
geworden, davon ist das ganze Menschengeschlecht 
erhöht und geehrt. Darüber können wir uns 
wohl freuen, dass Christus, unser Bruder, aus 
eigener Kraft über alle Chöre der Engel gefahren 
ist und zur rechten Hand des Vaters sitzt." Dieser 
Meister hat recht gut gesprochen; aber wahr- 
lich, ich mache mir nicht viel daraus. Was hülfe 
es mich, wenn ich einen Bruder hätte, der ein 
reicher Mann wäre und ich ein armer, er weise 
und ich ein Tor? Ich spreche etwas anderes 
und dringenderes: Gott ist nicht allein Mensch 
geworden, sondern er hat menschliche Natur an- 
genommen. 

Es sagen die Meister gewöhnlich, alle Men- 
schen seien gleich edel von Natur. Aber ich 
sage wahrhaftig: alles Gute, was alle Heiligen be- 
sessen haben, und Maria die Gottesmutter, und 
Christus gemäss seines Menschtums, das ist mein 



Meister Eckhart. . 60 

eigen in dieser Natur. Wo der Vater seinen Sohn 
im innersten Grunde gebiert, da hat diese Natur 
ein Hineinschweben. Diese selbe Natur ist eins 
und einfach. Hier kann wohl etwas herausschauen 
und herzuhängen, das ist das eine Nichts. 

Ich spreche von einem anderen und von 
einem schwereren. Wer in der Nacktheit dieser 
Natur ohne Mittel dastehn soll, der muss aus 
aller Person herausgegangen sein, so dass er 
dem Menschen, der jenseits des Meeres ist, den 
er nie von Angesicht erblickt hat, ebensosehr 
Gutes gönnt als dem, der bei ihm ist und sein 
trauter Freund ist. Solange du deiner Person 
mehr Gutes gönnst als dem Menschen, den du 
nie gesehen, solange bist du wahrlich im Un- 
recht und du schautest nie einen Augenblick in 
diesen einfachen Grund. Du hast freilich in 
einem abgezogenen Bild die Wahrheit wie in 
einem Gleichnis gesehen, es war aber nicht das 
beste. Zum zweiten sollst du reines Herzens sein, 
und das Herz ist allein rein, das alle Erschaffen- 
heit vernichtet hat. Zum dritten sollst du das 
Nichts los sein. 

Es ist eine Frage, was in der Hölle brenne? 
Die Meister sagen gewöhnlich : Das tut der Eigen- 
wille. Aber ich sage wahrlich : das Nichts brennt 
in der Hölle. Ein Gleichnis: Man nehme eine 
brennende Kohle und lege sie auf meine Hand. 



Vom innersten Grunde. 61 

Sagte ich, die Kohle brenne meine Hand, so täte 
ich ihr gar unrecht. Soll ich eigentlich sagen, 
was mich brennt? Das tut das Nichts, weil die 
Kohle etwas in sich hat, was meine Hand nicht 
hat. Seht, eben dieses Nichts brennt mich. Denn 
hätte meine Hand alles das in sich, was die Kohle 
ist und leisten kann, so hätte sie völlige Feuer- 
natur. Wenn einer dann alles Feuer, das je 
brannte, nähme und auf meine Hand schüttete, 
so könnte es mich nicht schmerzen. In gleicher 
Weise also spreche ich: Weil Gott und alle die, 
die im Angesicht Gottes sind, in der rechten 
Seligkeit etwas in sich haben, was die nicht haben, 
die von Gott getrennt sind, dieses Nichts allein 
peinigt die Seelen mehr, die in der Hölle sind, 
als Eigenwille oder irgend ein Feuer. Ich sage 
wahrlich: so viel Nichts dir anhaftet, so sehr 
bist du unvollkommen. Wollt ihr darum voll- 
kommen sein, so müsst ihr das Nichts los sein. 
Darum heisst ein Wörtlein: „Gott hat seinen 
eingeborenen Sohn in die Welt gesandt," das sollt 
ihr nicht für die äussere Welt verstehn, wie er 
mit uns ass und trank, ihr sollt es für die innere 
Welt verstehn. So wahr der Vater mit seiner 
einfachen Natur den Sohn natürlich gebiert, so 
wahr gebiert er ihn in des Geistes Innigstem, 
und das ist die innere Welt. Hier ist Gottes 
Grund mein Grund und mein Grund Gottes 



Meister Eckhart. 62 

Grund. Hier lebe ich ausser meinem Eigenen, 
wie Gott ausser seinem Eigenen lebt. Wer nur 
einen Augenblick in diesen Grund geblickt hat, 
dem Menschen sind tausend Pfund rotes ge- 
schlagenes Gold nicht mehr als ein falscher 
Heller. Aus diesem innersten Grund heraus sollst 
du alle deine Werke wirken ohne ein Warum. 
Ich sage wahrlich : solange du deine Werke um 
des Himmelreichs, oder um Gottes, oder um 
deiner ewigen Seligkeit willen von aussen her 
wirkst, so lange bist du wahrlich im Unrecht. 
Man kann dich freilich so hingehn lassen, aber 
es ist nicht das Beste. Denn wahrlich, wenn du 
glaubst, du gelangest durch Innigkeit, durch An- 
dacht, durch Willfährigkeit oder besondere An- 
stalten eher zu Gott als am Herd oder im Stall, 
so tust du nichts andres als wenn du Gott 
nähmest und wickeltest ihm einen Mantel um 
den Kopf und stecktest ihn unter eine Bank. 
Denn, wer Gott in einer Weise sucht, der nimmt 
die Weise und lässt Gott, der in der Weise ver- 
borgen ist. Aber wer Gott ohne Weise sucht, 
der nimmt ihn, wie er an sich selbst ist, und 
dieser Mensch lebt mit dem Sohne, und er ist 
das Leben selbst. Wer das Leben tausend Jahr 
lang fragte: Warum lebst du? wenn es ant- 
worten sollte, spräche es nichts anderes als: Ich 
lebe darum, weil ich lebe. Das kommt daher. 



Vom innersten Grunde. 63 

dass das Leben aus seinem eigenen Grunde 
heraus lebt und aus seinem Eigenen quillt : darum 
lebt es ohne Warum, indem es sich selber lebt. 
Wer nun einen wahrhaften Menschen, der aus 
seinem eigenen Grunde heraus wirkt, fragte : Wa- 
rum wirkst du deine Werke? wenn er recht 
antworten sollte, spräche er nichts anderes als: 
Ich wirke, weil ich wirke. 

Wo die Kreatur endet, da beginnt Gott zu 
sein. Nun begehrt Gott nichts anderes von dir, 
als dass du aus dir selbst, in kreatürlicher Weise, 
hinausgehst, und Gott Gott in dir sein lassest. 
Das geringste kreatürliche Bild, das sich in dir 
bildet, ist ebenso gross wie Gott. Warum? Weil 
es dich eines ganzen Gottes beraubt. Denn wo 
dies Bild hineingeht, da muss Gott und seine 
ganze Gottheit weichen. Aber wo dies Bild 
hinausgeht, da geht Gott hinein. Gott begehrt 
so gewaltig danach, dass du aus dir selbst, in 
kreatürlicher Weise, hinausgehst, als ob all seine 
Seligkeit daran liege. Fürwahr, lieber Mensch, 
was schadet es dir, dass du Gott gönnest, dass 
er Gott in dir sei? Geh doch Gott zu lieb aus 
deinem Selbst heraus, so geht Gott dir zu lieb 
aus seinem heraus. Wenn diese zwei hinaus- 
gehen, was dann zurückbleibt, ist ein einfach 
Eines. In diesem Einen gebiert der Vater seinen 
Sohn in dem innersten Brunnen. Da erblühet 



Meister Eckhart. 64 

der heilige Geist und da entspringt in Gott ein 
Wille, der der Seele zugehört. Und solange der 
Wille unberührt von allen Kreaturen und von 
aller Erschaffen heit steht, so lange ist der Wille 
frei. Christus spricht: „Niemand kommt in den 
Himmel, als wer vom Himmel gekommen ist." 
Alle Dinge sind aus Nichts erschaffen, darum 
ist ihr eigentlicher Ursprung Nichts. Insofern 
sich dieser edle Wille zu den Kreaturen neigt, 
so verfliesst er mit diesen Kreaturen in ihr Nichts. 
Nun ist eine Frage, ob dieser Wille so ver- 
fliesse, dass er niemals mehr wiederkommen 
könne? Die Meister sagen gewöhnlich, er komme 
nie wieder, insofern er in der Zeit verflossen ist. 
Aber ich sage : Wenn dieser Wille sich einen Augen- 
blick von sich selbst und von aller Erschaffenheit 
wieder zu seinem Ursprung hinwendet, so steht 
der Wille in einer rechten, freien Art da und 
ist frei, und in diesen Augenblick wird alle ver- 
lorene Zeit wiedergebracht. Die Leute sagen oft zu 
mir: Bittet für mich. Da denke ich: Warum 
geht ihr heraus? Warum bleibt ihr nicht bei 
euch selbst und greift in euer eigenes Gut? Ihr 
tragt doch alle Wahrheit wesenhaft in euch. Dass 
wir so wahrhaft in ihm bleiben und alle 
Wahrheit ohne Mittel und ungeteilt in rechter 
Seligkeit besitzen mögen, das walte Gott. Amen. 



8. 

Von der Vollendung der Zeit. 

„In der Zeit ward der Engel Gabriel gesandt 
von Gott." In welcher Zeit? Im sechsten Mo- 
nat, als Johannes im Mutterleib zappelte. Wenn 
mich nun einer fragte: Warum beten wir oder 
warum fasten wir oder wirken wir all unser Werk? 
so antworte ich: Darum, dass Gott in unserer 
Seele geboren "werde. Warum ist alle Schrift 
geschrieben und warum hat Gott die Engels- 
natur und alle Welt geschaffen? Darum allein, 
dass Gott in der Seele geboren werde. Alles 
Kornes Natur meint Weizen, alles Schatzes Na- 
tur Gold, alle Gebärung meint Mensch. Wie ein 
Meister spricht, gibt es kein Tier, das nicht etwas 
mit dem Menschen in der Zeit gemein hat. 

Sankt Paulus spricht: „In der Vollendung 
der Zeit sandte Gott seinen Sohn." Sankt Augustin 
ward gefragt, was das sei, die Vollendung der 
Zeit? Vollendung der Zeit ist, wenn der Tag 
nicht mehr ist: dann ist der Tag vollendet. Es 

5 



Meister Eckhart. 66 

ist eine sicliere Wahrheit, wo diese Geburt ge- 
schehen soll, da muss alle Zeit hinab sein, denn 
es gibt nichts, was diese Geburt so sehr hin- 
dert, als Zeit und Kreatur. Es ist eine notwendige 
Wahrheit, dass die Zeit an Gott und die Seele 
nicht rühren kann. Könnte Zeit an die Seele 
rühren, so wäre sie nicht Seele. Könnte Gott 
von der Zeit berührt werden, so wäre er nicht 
Gott. 

Eine andere Vollendung der Zeit! Wer die 
Kunst und die Macht hätte, dass er die Zeit und 
alles, was in sechstausend Jahren je geschah oder 
noch geschehen wird bis an das Ende der Welt : 
wenn einer das heranziehen könnte in ein gegen- 
wärtiges Nu, das wäre Vollendung der Zeit. Das 
ist das Nu der Ewigkeit, wo die Seele alle Dinge 
in Gott erkennt, so neu und so frisch und in 
derselben Lust, wie ich sie jetzt gegenwärtig habe. 
Die mindeste Kraft in meiner Seele ist weiter 
als der weite Himmel. Ich sehe ab von der Ver- 
nunft, in der ist Weite über Weite, in der bin 
ich so nahe dem Ort, der tausend Meilen weg 
ist, als dem Ort, worin ich jetzt stehe. Die 
Meister sagen, die Menge der Engel sei ohne 
Zahl, ihre Zahl könne nicht begriffen werden. 
Wer aber ohne Zahl und ohne Menge unter- 
scheiden könnte, dem wäre hundert wie eins. 



Von der Vollendung der Zeit. 67 

Wären gleich hundert Personen in der Gottheit, 
so erkennte er doch, dass nur e i n Gott ist. Dass 
Gott in uns geboren werde, das walte Gott. 
Amen. 



5* 



9. 

Ein Zweites vom namenlosen Gott. 

Wenn die Seele in die namenlose Stadt kommt, 
da ruht sie aus; wo alle Dinge Gott in Gott 
sind, da ruhet sie. Die Stadt der Seele, die Gott 
ist, die ist ungenannt. Ich sage, dass Gott un- 
gesprochen ist. Einen unserer ältesten Meister, 
der die Wahrheit schon lange und lange vor 
Gottes Geburt gefunden hat, ehe der Christen- 
glaube vorhanden war, wie er jetzt ist, den dünkte 
es, dass alles, was er von den Dingen sprechen 
könnte, etwas Fremdes und Unwahres in sich 
trüge; darum wollte er schweigen. Er wollte 
nicht sagen: Gebt mir Brot, oder gebt mir zu 
trinken. Aus dem Grunde wollte er nicht von 
den Dingen sprechen, weil er von ihnen nicht 
so rein sprechen konnte, wie sie aus der ersten 
Ursache entsprungen seien : darum wollte er lieber 
schweigen, und seine Notdurft zeigte er mit 
Zeichen der Finger. Da nun er nicht einmal 
von den Dingen reden konnte, so schickt es sich 



Ein Zweites vom namenlosen Gott. 69 

für uns noch mehr, dass wir ganz und gar 
schweigen müssen von dem, der da einJJrsprung 
aller Dinge ist. 

Nun sagen wir, Gott sei ein Geist. Dem 
ist nicht so. Wäre Gott eigentlich ein Geist, so 
wäre er gesprochen. Sankt Gregorius spricht: 
Wir können von Gott nicht eigentlich sprechen. 
Was wir von ihm sprechen, das müssen wir 
stammeln. 



10. 

Von guten Gaben. 

Ich pflege oft ein Wörtlein zu sprechen und 
es ist auch wahr: Wir rufen alle Tage und 
schreien im Paternoster: Herr, dein Wille ge- 
schehe! Wenn aber dann sein Wille geschieht, 
so wollen wir zürnen und ergeben uns nicht in 
seinem Willen. Was er auch tut, dass müsste 
uns das Beste dünken und am allerbesten ge- 
fallen. Die es so zum besten nehmen, die bleiben 
allewege in ganzem Frieden. Ihr aber sprecht 
manchmal: Ach, wäre es anders gekommen, so 
wäre es besser, oder wäre es nicht so gekommen, 
so wäre es vielleicht besser gekommen. Solange 
dich das dünkt, gewinnst du nimmer Frieden. 
Du sollst es zum allerbesten nehmen. 

Ich sprach einst: Was eigentlich gewortet 
werden kann, das muss von innen herauskommen 
und von seiner Form ausgehen und darf nicht 
von aussen hineingehen. Das lebt eigentlich im 
Innigsten der Seele. Da sind dir alle Dinge 



Von guten Gaben. 71 

gegenwärtig und innerlich lebend und suchend 
und sind im Besten und im Höchsten. Warum 
empfindest du das nicht? Da bist du nicht hei- 
misch. Je höher im Rang ein Ding ist, um so 
allgemeiner ist es. Den Sinn habe ich gemein 
mit den Tieren und das Leben mit den Bäumen. 
Das Sein ist mir noch tiefer innen, das habe 
ich gemein mit allen Kreaturen. Der Himmel 
ist mehr als alles, was daneben ist, darum ist 
er auch höher im Range. Die Liebe steht hoch 
im Rang, weil sie allgemein ist. Es scheint schwer, 
dass unser Herr geboten hat, man solle den Mit- 
christen lieben wie sich selbst. Dies fasst der 
gemeine Mann gewöhnlich so auf, man solle sie 
in demselben Sinne lieben, in dem man sich 
selber liebt. Nein, so soll es nicht sein. Man 
soll sie ebensosehr lieben wie sich selbst, und 
das ist nicht schwer. Wollt ihr's gut merken, so 
ist es mehr Lohnes wert als ein Gebot. Das Ge- 
bot scheint schwer, und der Lohn ist begehrens- 
wert. Wer Gott liebt, wie er ihn lieben soll und 
muss (ob er will oder nicht), und wie ihn alle 
Kreaturen lieben, der muss seinen Mitmenschen 
lieben wie sich selbst und sich seiner Freuden 
und Ehren freuen und danach trachten wie nach 
seiner eigenen Ehre, und nach dem Fremden 
wie nach dem Seinen. Und so ist der Mensch 
allezeit in Freuden, in Ehren und in Nutzen, so 



Meister Eckhart. 72 

ist er ganz wie im Himmelreich und so hat er 
stärkere Freuden, als wenn er sich allein seines 
Gutes freute. 

Und wisse in Wahrheit, ist dir mehr an 
deiner eigenen Ehre als an der eines andern ge- 
legen, so ist es unrecht. Wisse, wenn du das 
deine suchst, da findest du Gott nimmer, wenn 
du nicht rein Gott suchst. Du suchst etwas mit 
Gott, und tust gerade so wie wenn einer aus 
Gott eine Kerze machte, mit der man etwas 
sucht, und wenn man das Ding findet, so wirft 
man die Kerze weg. So tust du: was du mit 
Gott suchst, das ist nichts, Nutzen, Lohn, Inner- 
lichkeit oder was es auch sei; du suchst nichts, 
darum findest du auch nichts. Alle Kreaturen 
sind lauter Nichts. Ich sage nicht, dass sie ge- 
ring sind oder wenig sind: sie sind gar nichts. 
Wer kein Sein hat, ist nichts. Alle Kreaturen 
haben kein Sein, denn ihr Sein hängt an der 
Gegenwart Gottes. Kehrte sich Gott einen Augen- 
blick ab, sie würden zunichte. Ich sprach manch- 
mal und so ist es auch: Wer die ganze Welt 
nähme und Gott dazu, der hätte nicht mehr als 
wenn er Gott allein hätte. Alle Kreaturen haben 
nicht mehr ohne Gott, als wer eine Mücke hätte 
ohne Gott, ganz ebenso, nicht weniger und nicht 
mehr. 

Fürwahr, nun achtet auf ein wahres Wort. 



Von guten Gaben. 73 

Gäbe ein Mensch tausend Pfund Goldes, auf dass 
man damit Kirchen und Klöster baute, so wäre 
das ein grosses Ding. Aber doch hätte der viel 
mehr gegeben, der tausend Pfund für nichts 
achten könnte : der hätte viel mehr getan als jener. 
Als Gott alle Kreaturen schuf, da waren sie so 
erbärmlich und so eng, dass er sich nicht darin be- 
wegen konnte. Jedoch die Seele machte er so 
sich gleich und so eben das Nämliche, damit 
er sich der Seele hingeben könnte: denn was er 
ihr sonst geben könnte, das achtet sie nicht. Gott 
muss mir sich selbst zu eigen geben, so wie er 
sich selbst gehört, oder es wird mir nichts und 
es schmeckt mir nichts. Wer ihn so ganz emp- 
fangen will, der muss sich selbst ganz ergeben 
haben und aus sich selbst herausgegangen sein. 

Ich ward einst gefragt, was der Vater im 
Himmel täte? Da sprach ich: Er gebiert seinen 
Sohn, und dies Werk ist ihm so reizend und ge- 
fällt ihm so gut, dass er nichts anderes mehr tut, 
und aus ihnen beiden erblüht der heilige Geist. 
Wenn der Vater seinen Sohn in mir gebiert, so 
bin ich dieser Sohn und kein anderer; unter Men- 
schen gibt es da einen und dort einen, aber da 
bin ich derselbe und kein anderer. 

Gottes Natur ist, dass er gibt, und sein 
Wesen hängt daran, dass er uns gibt, wenn wir 
demütig sind. Sind wir das nicht, so empfangen 



Meister Eckhart. 74 

wir auch nichts und tun ihm Gewalt an und 
töten ihn. Wenn die Seele der Zeit und des 
Raumes ledig ist, so sendet der Vater seinen Sohn 
in die Seele. Es spricht ein Wörtlein : „Die beste 
Gabe kommt von oben herab, vom Vater der 
Lichter." Dass wir bereitet seien, die beste Gabe 
zu empfangen, dazu verhelfe uns Gott, der 
Vater der Lichter. Amen. 



11. 
Von unsagbaren Dingen. 

„Fürchtet nicht, die euch körperlich töten 
wollen, denn die Seele können sie nicht töten," 
denn Geist tötet nicht Geist. Geist gibt dem 
Geist Leben. Die euch töten wollen, das ist Blut 
und Fleisch, und das stirbt miteinander. Das 
Edelste, was am Menschen ist, ist das Blut, wenn 
es guten Willens ist. Aber das Aergste, was am 
Menschen ist, ist das Blut, wenn es bösen Willens 
ist. Siegt das Blut über das Fleisch, so ist der 
Mensch demütig, geduldig und keusch und hat 
alle Tugend in sich. Siegt aber das Fleisch über 
das Blut, so wird der Mensch hochfahrend, zornig 
und unkeusch und hat alle Untugend in sich. 

Nun passt auf, ich will jetzt sagen, was ich 
nie gesagt habe. Als Gott den Himmel, die 
Erde und alle Kreaturen schuf, da wirkte Gott 
nicht; er hatte nichts zu wirken; in ihm war auch 
kein Werk. Da sprach Gott: „Wir machen einen 
Gleichen." Schöpfen ist ein leichtes Ding, das 



Meister Eckhart. 76 

tut man, wenn und wie man will. Aber was ich 
mache, das mache ich selbst aus mir selbst und 
in mir selbst und drücke mein Bild ganz und 
gar darein. 

Als Gott den Menschen machte, da wirkte 
er in der Seele sein Werk des Gleichen, sein 
wirkendes und sein immerwährendes Werk. Das 
Werk war so gross, dass es nichts anderes war 
als die Seele: die war das Werk Gottes. Gottes 
Natur, sein Wesen und seine Gottheit hängt 
daran, dass er in der Seele wirken muss. Gottes 
Segen, Gottes Segen! Wenn Gott in der Seele 
wirkt, dann liebt er sein Werk. Das Werk ist 
die Liebe und die Liebe ist Gott. Gott liebt 
sich selbst und seine Natur, sein Wesen und 
seine Gottheit. In der Liebe, worin Gott mich 
liebt, liebt er alle Kreaturen. Nicht als Kreaturen 
liebt er sie, sondern die Kreaturen als Gott. 
Mit der Liebe, worin Gott sich liebt, liebt er alle 
Dinge. 

Nun will ich sagen, was ich nie gesagt habe. 
Gott empfindet und schmeckt sich selbst. Mit 
dem Geschmack, womit Gott sich schmeckt, 
schmeckt er alle Kreaturen, nicht als Kreaturen, 
sondern die Kreaturen als Gott. In dem Ge- 
schmack, womit Gott sich schmeckt, schme(^kt 
er alle Dinge. Nun passt auf. Alle Kreaturen 
nehmen ihren Lauf zu ihrer höchsten Voll- 



Von unsagbaren Dingen. 77 

kommenheit. Nun bitte ich euch, vernehmet bei 
der ewigen Wahrheit und bei meiner Seele. Nun 
will ich sagen, was ich nie gesagt habe: Gott und 
Gottheit unterscheiden sich so sehr wie Himmel 
und Erde. Ich sage mehr: Der innere und der 
äussere Mensch unterscheiden sich gleichfalls so 
sehr wie Himmel und Erde. Der Himmel steht viel 
tausend Meilen darüber. Gott wird und wird zu- 
nichte. Nun komme ich wieder auf meine Rede: 
Gott schmeckt sich selbst in allen Dingen. Die 
Sonne wirft ihren lichten Schein aus auf alle 
Kreaturen, und worauf die Sonne ihren Schein 
wirft, das zieht sie in sich und verliert doch nicht 
ihre Scheinhaftigkeit. Alle Kreaturen geben ihr 
Leben um ihres Wesens willen auf. Alle Krea- 
turen tragen sich in meine Vernunft hinein, da- 
mit sie in mir vernüftig sind. Ich allein bringe 
alle Kreaturen zu Gott zurück. 

Wartet, was ihr alle tut. Nun komme ich 
wieder auf meinen innern und äussern Menschen. 
Ich betrachte die Lilien auf dem Felde und ihren 
lichten Schein und ihre Farbe und alle ihre 
Blätter. Aber ihren Duft sehe ich nicht. Wa- 
rum? Weil der Duft in mir ist. Aber auch 
was ich spreche, ist in mir, und ich spreche es 
aus mir heraus. Alle Kreaturen schmecken meinem 
äussern Menschen als Kreaturen, als Wein und 
Brot und Fleisch. Aber meinem innern Men- 



A4eister Eckhart. 78 

sehen schmeckt nichts als Kreatur, sondern als 
Gabe Gottes. Und mein innerster Mensch 
schmeckt sie nicht als Gabe Gottes, sondern als 
immer und ewig. Ich nehme ein Becken mit 
Wasser und lege einen Spiegel hinein und setze 
es unter das Rad der Sonne, so wirft die Sonne 
ihren lichten Schein aus dem Rad und aus dem 
Boden der Sonne und vergeht doch nicht. Das 
Widerspiegeln des Spiegels in der Sonne ist in 
der Sonne. Ist Sonne und sie ist doch was sie 
ist. So ist es mit Gott. Gott ist mit seiner 
Natur, seinem Wesen und seiner Gottheit in 
der Seele, und er ist doch nicht die Seele. Das 
Widerspiegeln der Seele ist in Gott. Ist Gott 
und sie ist doch was sie ist. Gott wird da zu 
allen Kreaturen — Gottes Sprechen wird da zu 
Gott. 

Als ich in dem Grunde, in dem Boden, in 
dem Fluss und in der Quelle der Gottheit stand, 
da fragte mich niemand, wohin ich wollte oder 
was ich täte: da war niemand, der mich fragte. 
Als ich floss, da sprachen alle Kreaturen Gott. 
Fragte man mich: Bruder Eckhart, wann gingt 
Ihr aus dem Hause? Da war ich drinnen. So 
sprechen alle Kreaturen von Gott. Und warum 
sprechen sie nichts von der Gottheit? Alles, was 
in der Gottheit ist, ist eins, und davon ist nichts 
zu sprechen. Gott wirkt, die Gottheit wirkt 



Von unsagbaren Dingen. 79 

nicht, sie hat nichts zu wirken, in ihr ist kein 
Werk. Gott und Gottheit unterscheidet sich wie 
Wirken und Nichtwirken. Wenn ich wieder in 
Gott komme, dann bilde ich nicht, so steht meine 
Mündung viel höher als mein Ursprung. Ich 
allein bringe alle Kreaturen aus ihrer Vernunft 
in meine Vernunft, dass sie in mir eins sind. 
Wenn ich in den Grund, in den Boden, in den 
Fluss und in die Quelle der Gottheit komme, 
so fragt mich niemand, woher ich komme oder 
wo ich gewesen sei. Da vermisste mich nie- 
mand, das hört da alles auf. 

Wer diese Predigt verstanden hat, dem gönne 
ich 's gern. Wäre hier kein Mensch gewesen, so 
hätte ich sie diesem Stocke predigen müssen. 
Es sind etliche arme Leute, die gehen wieder 
heim und sagen: ich will mich auf den Stuhl 
setzen, und mein Brot essen und Gott dienen. 
Ich sage aber in Wahrheit, diese Leute müssen 
verirrt bleiben und können nimmer erreichen und 
erlangen, was die andern erreichen, die Gott in 
Armut und Entblösstheit nachgehn. Amen. 



12. 

Vom Leiden Oottes. 

Ein Lehrer spricht: Du reicher Gott, wie 
wohl wird mir, trägt meine Liebe Früchte dir! 

Unser Herr spricht zu einer jeglichen He- 
benden Seele: „Ich bin euch Mensch gewesen, 
wenn ihr mir nicht Götter seid, so tut ihr mir 
unrecht. Mit meiner göttlichen Natur wohnte 
ich in eurer menschlichen Natur, so dass nie- 
mand meine göttliche Gewalt kannte und man 
mich wandeln sah wie einen andern Menschen. 
So sollt ihr euch mit eurer menschlichen Natur 
in meiner göttlichen Natur bergen, dass niemand 
eure menschliche Schwäche an euch erkenne und 
dass euer Leben zumal göttlich sei, dass man 
an euch nichts erkenne als Gott." Und das ge- 
schieht nicht dadurch, dass wir süsse Worte und 
geistliche Gebärden annehmen und dass wir im 
Geruch der Heiligkeit stehen oder dass unser 
Name fern und weit getragen werde und wir 
von Gottes Freunden geliebt werden oder dass 



Vom Leiden Gottes. 81 

wir von Gott so verwöhnt und verzärtelt sind, 
dass es uns vorkommt, Gott habe alle Kreaturen 
vergessen bis auf uns allein, und dass wir wähnen, 
was wir von Gott begehren, das sei jetzt alles 
geschehen. Nein, nicht also! Nicht das heischt 
Gott von uns; es steht ganz anders. 

Er will, dass wir frei und unbewegt gefunden 
werden, so man uns nachsagt, wir seien falsche 
und unwahrhafte Leute, und was man sonst von 
uns sprechen kann, um uns unsern guten Leu- 
mund zu nehmen, und nicht allein, dass man 
schlecht von uns spricht, sondern auch schlecht 
gegen uns handelt und uns die Hilfe entzieht, 
die wir für unsern Lebensbedarf nicht entbehren 
können, und nicht allein am Bedarf göttlicher 
Dinge, sondern uns auch an unserm Körper 
schädigt, dass wir krank werden oder sonst in 
schmerzliche Mühsal des Körpers verfallen, und 
wenn die Leute, während wir in allen unsern 
Werken das allerbeste tun, das wir ersinnen 
können, uns das zum allerbösesten kehren, das 
sie ersinnen können, und wenn wir das nicht 
allein von den Menschen erdulden, sondern auch 
von Gott, so dass er uns den Trost seiner Gegen- 
wart entzieht und gerade so tut, als wäre eine 
Mauer zwischen uns und ihm aufgerichtet, und 
wenn er, falls wir mit unsrer Mühsal zu ihm 
kommen, um Trost und Hülfe zu suchen, sich dann 

6 



Meister Eckhart. 82 

gegen uns benimmt, wie wenn er seine Augen 
vor uns schlösse, so dass er uns nicht sehen 
noch hören will und er uns allein stehen lässt 
im Kampf mit unsern Nöten, wie Christus 
von seinem Vater verlassen ward: sehet, dann 
sollten wir uns in seiner göttlichen Natur bergen,, 
dass wir in unserer Trostlosigkeit so unerschüttert 
stünden, uns mit nichts anderm zu helfen als 
allein mit dem Worte, das Christus sprach : „Vater, 
all dein Wille werde an mir vollbracht." 

Gott ist ein so beschaffenes Wesen, dass 
man es am besten mit Nichts erkennt. Wieso 
mit Nichts? Dadurch, dass man alles Mittel ab- 
tut, aber nicht etwa bloss der Welt entsagen und 
Tugend haben, sondern ich muss auch die Tu- 
gend lassen, wenn ich Gott unmittelbar sehen 
will; nicht so, dass ich der Tugend entsage, son- 
dern die Tugend soll in mir wesenhaft wohnen 
und ich soll über der Tugend wohnen. Wenn 
so des Menschen Gedanken kein Ding mehr be-^ 
rühren kann, dann erst berührt er Gott. Ein 
heidnischer Meister sagt, dass die Natur über 
die Natur nichts vermag. Daher kann Gott von 
keiner Kreatur erkannt werden. Soll er erkannt 
werden, so muss das in einem Licht über der 
Natur geschehen. 

Die Meister haben eine Frage, woher das 
komme, wenn Gott die Seele über sie selbst und 



Vom Leiden Gottes. 83 

über alle Kreaturen erhebe und er sie zu sich 
selbst heimgeführt habe, warum er denn den 
Leib nicht auf eine höhere Stufe hebe, so dass 
er irdischer Dinge nicht bedürfte ? Dies be- 
antwortet ein Meister — ich glaube, es ist Sankt 
Augustin — und sagt folgendes : Wenn die Seele 
zur Vereinigung mit Gott gelangt, erst dann ist 
der Leib vollkommen dazu gelangt, dass er alle 
Dinge zu Gottes Ehre geniessen kann. Denn 
um des Menschen willen sind alle Kreaturen aus- 
geflossen, und was der Leib vernünftig von den 
Kreaturen geniessen kann, das ist für die Seele 
kein Abfall, sondern eine Erhöhung ihrer Würde, 
denn die Kreatur könnte keine edlere Mündung 
finden, um wieder zu ihrem Ursprung zu ge- 
langen, als den rechten Menschen, der einen 
Augenblick seiner Seele gestattet, dass er in die 
Vereinigung mit Gott hinaufgezogen wird. Denn 
zwischen Gott und der Seele ist dann kein Hinder- 
nis, und sofern die Seele Gott in die Wüste 
der Gottheit folgt, sofern folgt der Leib dem 
lieben Christus in die Wüste der freiwilligen 
Armut, und wie die Seele mit der Gottheit ver- 
eint ist, so ist der Leib mit der Wirkung wahrer 
Tugend in Christus vereint. So kann der himm- 
lische Vater wohl sprechen : „Dies ist mein lieber 
Sohn, in dem ich mir selber wohl gefalle," denn 
er hat nicht allein in die Seele geboren seinen 

6* 



Meister Eckhart. 84 

eingeborenen Sohn, nein, er hat sie selbst seinem 
eingeborenen Sohn geboren. 

Wohlauf, aus allertiefstem Herzen! Mensch, 
was kann dir hart oder bitter zu leiden sein, 
wenn du recht betrachtest, dass der, der da in 
der Form Gottes und im Tage seiner Ewigkeit 
im Glänze der Heiligen war, und der zuvor ge- 
boren war als ein Strahl und eine Substanz 
Gottes, dass der in den Kerker und den Leim 
deiner beschmeckenden Natur kommt, die so un- 
rein ist, dass alle Dinge, so rein sie sich ihr 
nahen, in ihr stinkend und unrein werden, und 
dass er doch um deinetwillen gänzlich hinein- 
gesteckt werden wollte? Was gibt es, das dir 
nicht süss sein sollte zu leiden, wenn du die 
Bitternis deines Herrn und Gottes zusammenliest 
und wenn du zurückdenkst an all die Bitternis 
und all die Schmach, die auf ihn fiel? Welche 
Schmach und Schande er litt von den Fürsten 
und von den Rittern und von den bösen Knechten 
und von denen, die den Weg vor dem Kreuze 
auf und nieder gingen? Wie die Klarheit des 
ewigen Lichtes verspieen und verspottet und ver- 
höhnt ward? Fürwahr, welch eine grosse schuld- 
lose Barmherzigkeit und wohlbewährte Liebe, die 
mir an keinem Orte so vollkommen gewährt ward, 
als an dem Orte, wo die Kraft der Liebe aus 
seinem Herzen brach! Darum mache dir ein 



Vom Leiden Gottes. 85 

Bündel aus allerhand Bitternis deines Herrn und 
Gottes und lass es allezeit zwischen deinen 
Brüsten wohnen, und sieh seine Tugend an und 
beschaue sie, wie fördersam er dein Heil in 
allen seinen Werken bedacht hat, und gib wohl 
acht, dass du ihm mit derselben Münze ver- 
giltst seinen schändlichen, schmachvollen Tod 
und seine schmerzhafte Natur, mit der er ohne 
Schuld für deine Schuld gelitten hat, als ob es 
seine eigene Schuld wäre, wie er selbst in dem 
Propheten von seinem Schmerze spricht, indem 
er sagt: „Seht, das leide ich um meiner Ver- 
schuldung willen," und wo er von der Frucht 
seiner Werke spricht, da sagte er: „Seht, diesen 
Reichtum sollt ihr besitzen für eure Werke," und 
nennt unsre Sünde seine Sünde und sein Werk 
unsere Werke, denn er hat unsere Sünde gut- 
gemacht, als ob er sie selbst getan hätte, und 
wir besitzen den Lohn seiner Werke, gerade als 
ob wir sie gewirkt hätten. Und dies soll unsere 
Mühsal gering machen, denn der gute Ritter 
klagt nicht um seine Wunden, wenn er den 
König ansieht, der mit ihm verwundet ist. Er 
bietet uns einen Trank, den er zuvor getrunken 
hat. Er schickt uns nichts, was er nicht vorher 
getan oder gelitten hätte. Darum sollen wir 
grosse Liebe zum Leiden haben, denn Gott hat 
nie etwas anderes getan, solange er auf Erden 



Meister Eckhart. 86 

war. Dass wir so unsre menschliche Natur und 
all unsre Schwäche in göttliche Natur verwandeln 
und verlieren, dass an uns nichts gefunden werde 
als lauter Gott, das walte Gott. Amen. 



13. 

Von der Einheit der Dinge. 

Als ich heute hierherging, überlegte ich mir, 
wie ich euch so vernünftig predigen könnte, dass 
ihr mich wohl verstündet, und ich dachte mir 
ein Gleichnis aus. Wenn ihr das recht ver- 
stehen könntet, so verstündet ihr meinen Sinn 
und den Grund aller meiner Meinungen, den 
ich immer predigte. Es war aber das Gleichnis 
von meinen Augen und von dem Holze. Wenn 
mein Auge aufgetan wird, so ist es mein Auge. 
Ist es zu, so ist es dasselbe Auge, wegen des 
Sehens geht dem Holze weder etwas ab noch 
etwas zu. Nun merket recht auf. Geschieht 
aber das, dass mein Auge an sich selbst eins 
und einheitlich ist und aufgetan und auf das 
Holz geworfen wird mit einem Ansehen, so bleibt 
ein jegliches, was es ist, und doch werden sie 
in der Wirksamkeit des Ansehens wie eines, so 
dass man sagen kann: Auge-Holz, und das 
Holz ist mein Auge. Wäre aber das Holz ohne 



Meister Eckhart. 8S 

Materie und ganz geistig, wie das Gesicht meiner 
Augen, so könnte man in Wahrheit sagen, dass 
in der Wirksamkeit meines Gesichts das Holz 
und mein Auge aus einem Wesen bestehen. 
Ist dies wahr von körperiichen Dingen, viel mehr 
wahr ist es von geistigen Dingen. Ihr sollt 
wissen, mein Auge hat viel mehr Einheit mit den 
Augen eines Schafes, das jenseits des Meeres ist, 
und das ich nie gesehen habe, als mit meinen 
Ohren, mit denen es doch eins ist im Wesen; 
und das kommt daher, weil das Auge des Schafes 
dieselbe Wirksamkeit hat wie mein Auge, und 
daher spreche ich ihnen mehr Einheit im Wirken 
zu als meinen Augen und Ohren, denn die sind 
im Wirken verschieden. 

Ich habe manchmal von einem Licht ge- 
sprochen, das in der Seele ist und das unge- 
schaffen und unerschafflich ist. Eben dieses Licht 
pflege ich allewege in meiner Predigt zu be- 
rühren, und dieses Licht nimmt Gott unmittelbar 
und ohne Hüllen wahr, rein wie es an sich selbst 
ist, und diese Wahrnehmung findet statt in der 
Wirksamkeit der Hineingebärung. Da kann ich 
wahrlich sagen, dieses Licht hat mehr Einheit mit 
Gott als mit sonst einer Kraft, mit der es doch 
im Wesen eins ist. Denn ihr sollt wissen, dieses 
Licht ist im Wesen meiner Seele nicht höher im 
Rang als die niederste oder allergewöhnlichste 



Von der Einheit der Dinge. 89 

Kraft, die von Hunger oder Durst, Frost oder 
Hitze befallen werden kann, und das kommt da- 
her, dass das Wesen einfach ist. Wenn man 
demnach die Kräfte im Wesen betrachtet, sind 
sie alle eins und gleich im Rang; aber betrachtet 
man sie in ihren Werken, dann ist eine viel edler 
und höher als die andere. 

Darum sage ich: wenn sich der Mensch von 
sich selbst und von allen geschaffenen Dingen 
abkehrt, so weit du das tust, so weit wirst du 
geeint und beseligt in dem Fünklein der Seele, 
das nie Zeit oder Raum berührt hat. Dieser Funke 
entzieht sich allen Kreaturen und will nur Gott, 
wie er an sich selbst ist. Er begnügt sich nicht 
mit Vater oder Sohn oder heiligem Geist, und 
nicht mit den drei Personen, sofern jede für sich 
in ihrer Eigenschaft dasteht. Ich sage wahrlich, 
eben dieses Licht begnügt sich nicht mit der 
Eigen haftigkeit der fruchtbaren Beschaffenheit der 
göttlichen Natur. Ich will noch mehr sagen, was 
noch wunderbarer lautet: ich sage in guter Wahr- 
heit, dieses Licht begnügt sich nicht mit dem 
einfachen stillstehenden göttlichen Wesen, das 
weder gibt noch nimmt, sondern es will wissen, 
woher dieses Wesen kommt, es will in den ein- 
fachen Grund, in die stille Wüste, wohin nie 
etwas Unterschiedenes, weder Vater noch Sohn 
noch heiliger Geist, gedrungen ist; in dem Innig- 



Meister Eckhart. 90 

sten, wo niemand heimisch ist, da begnügt es 
sich in einem Lichte, und da ist es einiger als 
in sich selbst; denn dieser Grund ist eine ein- 
fache Stille, die in sich selbst unbeweglich ist, 
und von dieser Unbeweglichkeit werden bewegt 
und da empfangen ihr ganzes Leben alle Dinge, 
die vernünftig leben und sich in sich selbst ver- 
senkt haben. Dass wir so vernünftig leben, das 
walte Gott. Amen. 



14. 

Wie Jesus am Stricke zog. 

Nemo potest ad me venire, nisi pater meus 
traxerit eum (Joh. VI, 44). Diese Worte hat 
unser Herr Jesus Christus mit seinem süssen 
Mund im Evangehum gesprochen, und sie be- 
deuten : „Niemand kann zu mir kommen, als den 
mein Vater ziehet." 

Nun sollen wir wissen, bevor unser Herr 
Jesus Christus geboren wurde, zog der himm- 
lische Vater aus aller Kraft fünftausendzweihundert 
Jahre lang, ohne dass er einen einzigen Menschen 
ins Himmelreich ziehen konnte. Als nun der 
Sohn sah, dass der Vater sich abgemüht und so 
kräftig gezogen und doch nichts geschafft hatte, 
da sprach er zu dem Vater: „Ich will sie mit 
den Seilen Adams ziehen," gerade als ob er 
sagte: Ich sehe wohl, Vater, dass du mit aller 
deiner Kraft nichts schaffen kannst; darum will 
ich mit meiner Weisheit sie an den Seilen Adams 
ziehen. Daher Hess der Sohn sich hernieder vom 



Meister Eckhart. 92 

Himmelreich in den Leib unsrer Frau und nahm 
da alle unsre leiblichen Gebrechen an sich, aber 
ohne die Sünde und die Unvernunft, in die uns 
Adam geworfen hatte, und machte ein Seil aus 
allen seinen Worten und seinen Werken und all 
seinen Gliedmassen und seinen Adern und zog 
in all seiner Weisheit so sehr von Merzen, dass 
am Ende blutiger Schweiss aus seinem heiligen 
Leib herausbrach. Und als er dreiunddreissig 
Jahre lang gezogen hatte, ohne etwas zu schaffen, 
da sah er doch schon die Bewegung und Los- 
lösung aller Dinge; die wollten ihm folgen. Da- 
her sprach er: „Würde ich an das Kreuz er- 
höht, so zöge ich alle Dinge zu mir." Daher ward 
er ans Kreuz gespannt und legte allen seinen 
Glanz und alles, was ihn am Ziehen hätte hindern 
können, ab. 

Nun gibt es drei Dinge, die von Natur ziehen, 
und die hatte er alle bei sich am Kreuze. Daher 
zog er an einem Vormittag mehr als vorher in 
dreiunddreissig Jahren. Das erste Ding, das 
natürlich an sich zieht, ist Gleichheit, wie wir 
sehen, dass der Vogel den Vogel anzieht, der 
ihm von Natur aus gleich ist. Mit dieser Gott- 
heit und Gleichheit zog er den himmlischen Vater 
zu sich, denn der ist ihm gleich an Gottheit. 
Um ihn desto mehr an sich zu ziehen, damit 
er seines Zornes vergesse, spricht er: „Herzlieber 



Wie Jesus am Stricke zog. 93 

Vater, weil du die Sünde trotz all der Opfer, 
die dir im alten Bunde gebracht wurden, nie 
vergeben wolltest, so sage ich, mein Vater, deines 
Herzens eingeborener Sohn, der dir in allen 
Stücken an Gottheit gleich ist, und in dem du 
allen Schatz göttlicher Liebe und Reichtums ge- 
borgen hast: ich komme an das Kreuz, auf dass 
ich vor deinen Vateraugen ein lebendiges Opfer 
werde, dass du die Augen deiner väterlichen Barm- 
herzigkeit senkst und mich ansiehst, deinen ein- 
geborenen Sohn, und schau mein Blut an, das 
aus meinen Wunden fliesst und lisch das feurige 
Schwert aus, mit dem du, in der Hand des Engels 
Cherubim, den Weg zum Paradies verschlossen 
hast, damit jetzt alle frei hineingehen können, 
die in mir ihre Sünde bereuen und beichten und 
büssen." 

Das zweite, was natürlich zieht, ist ein leerer 
Raum, wie wir sehen, dass das Wasser, wenn 
man die Luft aus einem Rohr herauszieht, bis 
an den Mund hinaufläuft, denn wenn die Luft 
hinausgeht, ist das Rohr leer; die Leere zieht 
dann das Wasser an sich. Also machte sich unser 
Herr Jesus Christus leer, als er mit seiner Weis- 
heit alle Dinge an sich ziehen wollte, denn er 
Hess alles Blut ausfliessen, das in seinem Körper 
war, und dadurch zog er alle Barmherzigkeit und 
Gnade, die im Herzen seines Vaters war, so 



Meister Eckhart. 94 

vollständig und so reichlich an sich, dass es für 
die ganze Welt genug war. Darum sprach der 
Vater: „Meiner Barmherzigkeit will ich nimmer 
vergessen/' und sprach weiter: „Mein Sohn, nun 
sei kühn und stark, denn du sollst das Volk 
allesamt in das Land geleiten, das ich verheissen 
habe, in das Land himmlischer Freuden, das da 
überfliesst vom Honig meiner ewigen Gottheit 
und von der Milch deines Menschtums." 

Drittens ziehen heisse Dinge, wie wir sehen, 
dass die Sonne den Dampf von der Erde zum 
Himmel hinaufzieht, daher ward auch unser Herr 
Jesus Christus am Kreuze heiss und hitzig, denn 
sein Herz brannte am Kreuze wie eine Feuer- 
esse oder ein Ofen, wo die Flamme an allen 
Enden hinausschlägt; so brannte er am Kreuze 
im Feuer der Liebe zu aller Welt. Daher zog 
er auch mit der Hitze seiner Liebe alle Welt 
an sich, denn sie gefiel ihm so sehr, dass nie- 
mand sich vor seiner Hitze bergen konnte, wie 
Herr David im Psalter sagt. Denn nichts, was 
unser Herr Jesus Christus je tat, geschah mit 
so grosser Liebe, wie die Marter, die er am 
Kreuze erlitt, denn da gab er seine Seele für 
uns, und wusch unsre Sünde in seinem teuren 
Blute und brachte sich zum Opfer, um dem 
lebendigen Gott zu dienen. Daher zog er uns 



Wie Jesus am Stricke zog. 95 

auch mit seiner Liebe am Kreuze allgewaltig an 
sich, so dass alle die, denen sein Tod und seine 
Marter zu Herzen geht, mit ihm in Ewigkeit selig 
werden. Amen. 



15. 

Von der Erkenntnis Gottes. 

Unser lieber Herr spricht, dass das Reich 
Gottes nahe bei uns ist. Ja, das Reich Gottes 
ist in uns, und Sankt Paulus spricht, dass unser 
Heil näher bei uns ist, als wir glauben. Nun 
sollt ihr wissen, wie das Reich Gottes uns nahe 
ist. Hiervon müssen wir den Sinn recht acht- 
sam merken. Denn wäre ich ein König und 
wüsste es selbst nicht, so wäre ich kein König. 
Aber hätte ich die feste Ueberzeugung, dass ich 
ein König wäre, und meinten und glaubten das 
alle Menschen mit mir, so wäre ich ein König 
und aller Reichtum des Königs wäre mein. So 
ist auch unsere Seligkeit daran gelegen, dass man 
das höchste Gut, das Gott selbst ist, erkennt 
und weiss. Ich habe eine Kraft in meiner Seele, 
die Gottes allzumal empfänglich ist. Ich bin 
dessen so gewiss, wie ich lebe, dass mir kein 
Ding so nahe ist wie Gott. Gott ist mir näher 
als ich mir selber bin, mein Wesen hängt daran. 



Von der Erkenntnis Gottes. 97 

dass Gott mir nahe und gegenwärtig ist. Das 
ist er ebenso einem Stein und einem Holze, 
aber sie wissen es nicht. Wüsste das Holz Gott 
und erkennte es, wie nahe er ihm ist, wie es 
der höchste Engel erkennt, das Holz wäre so 
selig wie der höchste Engel. Und darum ist 
der Mensch seliger als ein Holz, weil er Gott 
erkennt und weiss, wie nahe ihm Gott ist. Nicht 
davon ist er selig, dass Gott in ihm ist und ihm 
so nahe ist und dass er Gott hat, sondern da- 
von, dass er Gott erkennt, wie nahe er ihm ist, 
und dass er Gott wissend und liebend ist, und 
der soll erkennen, dass Gottes Reich nahe ist. 

Wenn ich an Gottes Reich denke, dann be- 
fällt mich tiefes Schweigen, seiner Grösse wegen; 
denn Gottes Reich ist Gott selbst mit all seinem 
Reichtum. Gottes Reich ist kein kleines Ding: 
wer an alle Welten dächte, die Gott machen 
könnte, das ist nicht Gottes Reich. Der Seele, 
in der Gottes Reich erglänzt und die Gottes 
Reich erkennt, braucht man nicht predigen oder 
lehren, sie wird vom ihm belehrt und des ewigen 
Lebens getröstet. Wer weiss und erkennt, wie 
nahe ihm Gottes Reich ist, der kann mit Jakob 
sprechen : „Gott ist an diesem Ort und ich wusste 
es nicht." 

Gott ist in allen Kreaturen gleich nahe. Der 
Weise spricht: „Gott hat seine Netze und Stricke 

7 



Meister Eckhart. 98 

auf alle Kreaturen ausgeworfen, so dass man ihn 
in einer jeden finden und erkennen kann, wenn 
man es wahrnehmen will." Ein Meister spricht: 
Der erkennt Gott recht, der ihn in gleicher Weise 
in allen Dingen erkennt; und wenn einer Gott 
in Furcht dient, ist es gut; wenn er ihm aus 
Liebe dient, ist es besser; aber wer ihn in 
Fürchten lieben kann, das ist das allerbeste. Dass 
ein Mensch ein Leben der Ruhe oder Rast in 
Gott hat, das ist gut; dass der Mensch ein Leben 
der Pein mit Geduld trägt, ist besser; aber dass 
man in dem peinvollen Leben seine Rast habe, 
das ist das allerbeste. Ein Mensch gehe auf^dem 
Felde [und spreche sein Gebet] und erkenne Gott, 
oder er sei in der Kirche und erkenne Gott: 
wenn er Gott darum, weil er an einem Ruhe- 
platz ist, eher erkennt, so kommt das von seiner 
Schwäche, nicht von Gott, denn Gott ist in allen 
Dingen und an allen Orten gleich und ist bereit, 
soweit es an ihm ist, sich überall in gleicher 
Weise zu geben, und der erkennte Gott rich- 
tig, der ihn überall in gleicher Weise erkennte. 
Wie der Himmel an allen Orten gleich fern 
von der Erde ist, so soll auch die Seele gleich 
fern sein von allen irdischen Dingen, und dem 
einen nicht näher sein als dem andern, und sie 
soll sich gleichmütig halten in Liebe, in Leid, 
im Haben, im Entbehren, in alledem soll sie zu- 



Von der Erkenntnis Gottes. 99 

mal gestorben, gelassen und darüber erhoben 
sein. Der Himmel ist rein und klar ohne alle 
Flecke, den Himmel berührt weder Zeit noch 
Raum. Alle körperlichen Dinge haben keinen 
Raum darin. Er ist auch nicht in der Zeit, sein 
Umlauf ist unglaublich schnell, sein Lauf ist 
ohne Zeit, aber von seinem Lauf kommt die Zeit. 
Nichts hindert die Seele so sehr an der Erkennt- 
nis Gottes als Zeit und Raum. Zeit und Raum 
sind Stücke und Gott ist eins. Soll darum die 
Seele Gott erkennen, so muss sie ihn über der 
Zeit und über dem Raum erkennen; denn Gott 
ist weder dies noch das, wie diese Dinge der 
Mannigfaltigkeit; denn Gott ist eins. 

Soll die Seele Gott erkennen, so darf sie 
mit dem Nichts keine Gemeinschaft haben. Wer 
Gott sieht, der erkennt, dass alle Kreaturen nichts 
sind. Wenn man eine Kreatur mit der andern 
vergleicht, so scheint sie schön und ist etwas; 
aber wenn man sie mit Gott vergleichen will, 
so ist sie nichts. 

Ich sage mehr: soll die Seele Gott erkennen, 
so muss sie auch ihrer selbst vergessen und muss 
sich selbst verlieren; denn solange sie sich selbst 
sieht und erkennt, sieht und erkennt sie 
Gott nicht. Wenn sie sich um Gottes willen 
verliert und alle Dinge verlässt, so findet sie sich 
in Gott wieder, weil sie Gott erkennt, und dann 

7* 



Meister Eckhart. 100 

erkennt sie sich selbst und alle Dinge (von denen 
sie sich geschieden hat) in Gott in Voll- 
kommenheit. Will ich das höchste Gut und die 
ewige Güte erkennen, wahrlich, so muss ich sie 
erkennen, wie sie gut an sich selbst ist, nicht 
wie die Güte geteilt ist. Will ich das wahre 
Wesen erkennen, so muss ich es erkennen, — 
wie das Sein an sich selbst ist, das heisst in Gott, 
nicht wie es in Kreaturen geteilt ist. 

In Gott allein ist das ganze göttliche Wesen. 
In einem Menschen ist nicht ganzes Mensch- 
tum, denn ein Mensch ist nicht alle Menschen. 
Aber in Gott erkennt die Seele ganzes Mensch- 
tum und alle Dinge im Höchsten, denn sie er- 
kennt sie in ihrem Wesen. Ein Mensch, der in 
einem schön gemalten Hause wohnt, weiss viel 
mehr davon als ein anderer, der nie hineinkam 
und viel davon sagen wollte. Daher ist es mir 
so gewiss als ich lebe und Gott lebt: wenn die 
Seele Gott erkennen will, muss sie ihn über Zeit 
und Raum erkennen. Und eine solche Seele er- 
kennt Gott und weiss, wie nahe Gottes Reich ist, 
das heisst Gott mit all seinem Reichtum. Die 
Meister haben viel Fragens in der Schule, wie 
das möglich sei, dass die Seele Gott erkennen 
könne? Es liegt nicht an Gottes Strenge, dass 
er viel von den Menschen heischt; es liegt an 
seiner grossen Milde, dass er will, dass die Seele 



Von der Erkenntnis Gottes. 101 

sich weiter mache, auf dass sie viel empfangen 
und er ihr viel geben könne. 

Niemand soll denken, es sei schwer hierzu 
zu kommen, wiewohl es schwer klingt und auch 
wirklich im Anfang schwer ist, im Abscheiden 
und Sterben aller Dinge. Aber wenn man hinein- 
kommt, so ist kein Leben leichter und fröhlicher 
und lieblicher; denn Gott gibt sich gar grosse 
Mühe, allezeit bei dem Menschen zu sein, und 
lehrt ihn, damit er ihn zu sich bringt, wenn 
er anders ihm folgen will. Es begehrte nie ein 
Mensch so sehr nach einer Sache, als Gott be- 
gehrt, den Menschen dazu zu bringen, ihn zu 
erkennen. Gott ist allzeit bereit, aber wir sind 
sehr unbereit; Gott ist uns nahe, aber wir sind 
ihm ferne; Gott ist drinnen, aber wir sind 
draussen; Gott ist zu Hause, wir sind in der 
Fremde. Der Prophet spricht: „Gott führt die 
Gerechten durch einen engen Weg in die breite 
Strasse, dass sie in die Weite und in die Breite 
kommen, das heisst : in wahre Freiheit des Geistes, 
der ein Geist mit Gott geworden ist." Dass 
wir ihm alle folgen, dass er uns in sich bringe, 
das walte Gott. Amen. 



16. 

Von der Armut. 

Die Seligkeit tat ihren Mund der Weisheit 
auf und sprach : „Selig sind die Armen des 
Geistes, das Himmelreich ist ihrer." Alle Engel 
und alle Heiligen und alles was je geboren ward, 
muss schweigen, wenn diese ewige Weisheit des 
Vaters spricht; denn alle Weisheit der Engel und 
aller Kreaturen ist lauter nichts vor der Weisheit 
Gottes, die grundlos ist. Diese Weisheit hat ge- 
sagt, dass die Armen selig seien. Nun gibt es 
zweierlei Armut. Die eine ist eine äusserliche 
Armut und die ist gut und ist sehr an dem 
Menschen zu loben, der es mit Willen tut un- 
serm Herrn Jesus Christus zulieb, weil er sie 
selber auf Erden geübt hat. Von dieser Armut 
will ich nichts weiter sagen. Aber es gibt noch 
eine andere Armut, eine inwendige Armut, von 
der dies Wort unseres Herrn zu verstehn ist, 
das er sagt: „Selig sind die Armen des Geistes 
oder an Geist." 



Von der Armut. 103 

Nun bitte ich euch, ihr möchtet so sein, dass 
ihr diese Rede versteht, denn ich sage euch bei 
der ewigen Wahrheit, wenn ihr der Wahrheit, von 
der wir jetzt reden, nicht gewachsen seid, so könnt 
ihr mich nicht verstehen. Etliche Leute haben 
mich gefragt, was Armut sei? Darauf wollen wir 
antworten. 

Bischof Albrecht sagt, der sei ein armer 
Mensch, dem alle Dinge, die Gott je schuf, nicht 
Genüge tun, und das ist gut gesagt. Aber wir 
sagen es noch besser und nehmen Armut in einem 
höheren Sinne. Das ist ein armer Mensch, der 
nichts will und nichts weiss und nichts hat. Von 
diesen drei Punkten will ich sprechen. 

Zum ersten also heisst der ein armer Mensch, 
der nichts will. Diesen Sinn verstehn etliche Leute 
nicht recht; das sind die Leute, die peinlich an 
Pönitenzien und äusserlichen Bussübungen fest- 
halten (dass die Leute in grossem Ansehen stehen, 
das erbarme Gott!) und sie erkennen doch so 
wenig von der göttlichen Wahrheit. Diese Men- 
schen heissen heilig nach dem äussern Ansehen, 
aber von innen sind sie Esel, denn sie verstehen 
es nicht, die göttliche Wahrheit zu unterscheiden. 
Diese Menschen sagen, der sei ein armer Mensch, 
der nichts will. Das deuten sie so, der Mensch 
solle so sein, dass er an keinen Dingen seinen 
Willen mehr erfülle, vielmehr danach trachten 



Meister Eckhart. 104 

solle, dem allerliebsten Willen Gottes zu folgen. 
Diese Menschen sind nicht übel daran, denn ihre 
Absicht ist gut; darum sollen wir sie loben; Gott 
und seine Barmherzigkeit erhalte sie. Aber ich 
sage mit guter Wahrheit, dass sie keine armen 
Menschen und nicht armen Menschen gleichzu« 
stellen sind. Sie sind in der Leute Augen gross 
geachtet, die sich auf nichts Besseres verstehen. 
Doch sage ich, dass sie Esel sind, die von gött- 
licher Wahrheit nichts verstehn. Mit ihren guten 
Absichten können sie vielleicht das Himmelreich 
erlangen, aber von dieser Armut, von der ich jetzt 
künden will, von der wissen sie nichts. '. 

Wenn mich nun einer fragt, was denn ein 
armer Mensch sei, der nichts will, so antworte ich 
und spreche so. Solange der Mensch das hat, was 
in seinem Willen ist, und solange sein Wille ist,, 
den allerliebsten Willen Gottes zu erfüllen, der 
Mensch hat nicht die Armut, von der wir sprechen 
wollen, denn dieser Mensch hat einen Willen, 
mit dem er dem Willen Gottes genug tun will,, 
und das ist nicht das rechte. Denn will der 
Mensch wirklich arm sein, so soll er seines ge- 
schaffenen Willens so entledigt sein, wi^ er war 
als er nicht war. Und ich sage euch bei der ewigen 
Wahrheit, solange ihr den Willen habt, den Willen 
Gottes zu erfüllen und irgend nach der Ewig- 
keit und nach Gott begehret, so lange seid ihr 



Von der Armut. 105 

nicht richtig arm ; denn das ist ein armer Mensch^ 
der nichts will und nichts erkennt und nichts 
begehrt. 

Als ich in meiner ersten Ursache stand, da 
hatte ich keinen Gott und gehörte mir selbst; 
ich wollte nichts, ich begehrte nichts, denn ich 
war ein blosses Sein und ein Erkenner meiner 
selbst nach göttlicher Wahrheit; da wollte ich 
mich selbst und wollte kein anderes Ding; was 
ich wollte, das war ich, und was ich war, das 
wollte ich, und hier stand ich ledig Gottes und 
aller Dinge. Aber als ich aus meinem freien 
Willen hinausging und mein geschaffenes Wesen 
empfing, da bekam ich einen Gott; denn als keine 
Kreaturen waren, da war Gott nicht Gott; er war 
was er war. Als die Kreaturen wurden und ihr 
geschaffenes Wesen anfingen, da war Gott nicht 
in sich selbst Gott, sondern in den Kreaturen 
war er Gott. Nun sagen wir, dass Gott danach 
dass er Gott ist, nicht ein vollendetes Ziel der 
Kreatur ist und nicht so grosse Fülle, als die ge- 
ringste Kreatur in Gott hat. Und gäbe es das, 
dass eine Fliege Vernunft hätte und vernünftig den 
ewigen Abgrund göttlichen Wesens, aus dem sie 
gekommen ist, suchen könnte, so sagen wir, dass 
Gott mit alledem, was Gott ist, die Fliege nicht 
ausfüllen und ihr nicht genug tun könnte. Des- 
halb bitten wir darum, dass wir Gottes entledigt 



Meister Eckhart 106 

werden und die Wahrheit vernehmen und der 
Ewigkeit teilhaft werden, wo die obersten Engel 
und die Seelen in gleicher Weise in dem sind, 
wo ich stand und wollte was ich war, und war 
was ich wollte. So soll der Mensch arm sein des 
Willens und so wenig wollen und begehren wie 
er wollte und begehrte, als er nicht war. Und in 
dieser Weise ist der Mensch arm, der nichts will. 

Ziim zweiten ist der ein armer Mensch, der 
nichts weiss. Wir haben manchmal gesagt, der 
Mensch sollte so leben als ob er nicht lebte, 
weder sich selbst noch der Wahrheit noch Gott. 
Aber jetzt sagen wir es anders und wollen ferner 
sagen, dass der Mensch-, der diese Armut haben 
soll, alles haben soll, was er war als er nicht 
lebte, in keiner Weise lebte, weder sich, noch ider 
Wahrheit, noch Gott, er soll vielmehr alles Wissens 
so quitt und ledig sein, dass selbst nicht Erkennen 
Gottes in ihm lebendig ist; denn als der Mensch 
in der ewigen Art Gottes stand, da lebte in ihm 
nichts anderes: was da lebte, das war er selbst. 
Daher sagen wir, dass der Mensch so seines eige- 
nen Wissens entledigt sein soll, wie er war als er 
nicht war, und Gott wirken lasse, was er wolle, 
und frei dastehe, als wie er von Gott kam. 

Nun ist die Frage, wovon allermeist die Seel- 
heit abhänge? Etliche Meister haben gesagt, es 
komme auf das Begehren an. Andere sagen, es 



Von der Armut. 107 

komme auf Erkenntnis und auf Begehren an. 
Aber twir sagen, sie hänge nicht von der Er- 
kenntnis noch von dem Begehren ab, sondern 
es ist ein Etwas in der Seele, aus dem fliesst Er- 
kenntnis und Begehren, das erkennt selbst nicht 
und begehrt nicht so wie die Kräfte der Seele. 
Wer dies erkennt, der erkennt, wovon die Seelheit 
abhänge. Dies Etwas hat weder vor noch nach 
und es wartet nicht auf etwas Hinzukommendes, 
denn es kann weder gewinnen noch verlieren. 
Darum ist ihm jegliche Möglichkeit ganz und 
gar benommen, in sich zu wirken, es ist vielmehr 
immer dasselbe Selbe, das sich selbst in der Weise 
Gottes verzehrt. So, meine ich, soll der Mensch 
quitt und ledig dastehen, dass er nicht weiss noch 
erkennt, was Gott in ihm wirkt, und dann kann 
der Mensch Armut sein eigen nennen. Die Meister 
sagen, Gott sei Wesen und zwar ein vernünftiges 
Wesen und erkenne alle Dinge. Aber ich sage: 
Gott ist weder Wesen, noch Vernunft, noch er- 
kennt er etwas, nicht dies und nicht das. Darum 
ist Gott aller Dinge entledigt, und darum ist er 
alle Dinge. Wer nun des Geistes arm sein will, 
der muss alles seinen eigenen Wissens arm sein, 
als einer, der nichts weiss und kein Ding, weder 
Gott, noch Kreatur, noch sich selbst. Dagegen 
ist es nicht so, dass der Mensch begehren solle, 
den Weg Gottes zu wissen oder zu erkennen. 



Meister Eckhart. 108 

Jn der \X/'eise, wie ich gesagt habe, kann der 
Mensch arm sein seines eigenen Wissens. 

Zum dritten ist der ein armer Mensch, der 
nichts hat. Viele Menschen haben gesagt, das 
sei Vollkommenheit, dass man nichts von den 
leiblichen Dingen dieser Erde hat, und das ist in 
einem gewissen Sinne schon wahr, wenn einer 
es mit Willen tut. Aber dies ist nicht der Sinn, 
den ich meine. Ich habe vorhin gesagt, der sei 
ein armer Mensch, der nicht den Willen Gottes 
erfüllen will, sondern so leben will, dass er seines 
eigenen Willens und des Willens Gottes so ent- 
ledigt sei, wie er war als er nicht war. Von dieser 
Armut sagen wir, dass sie die ursprünglichste Armut 
sei. Zweitens sagen wir, das sei ein armer Mensch, 
der die Werke Gottes in sich selber nicht kennt. 
Wer so des Wissens und Erkennens ledig steht, 
wie Gott aller Dinge ledig steht, das ist die offen- 
barste Armut. Aber die dritte Armut, von der 
ich sprechen will, das ist die tiefste, nämlich dass 
der Mensch nichts hat. 

Nun gebt ernstlich acht; ich habe oft gesagt, 
und es sagen es auch grosse Meister, der Mensch 
solle aller Dinge und aller Werke, sowohl inner- 
lich wie äusserlich, so entledigt sein, dass er eine 
Eigenstätte Gottes sein könne, worin Gott wirken 
könne. Jetzt aber künden wir es anders. Steht 
die Sache so, dass der Mensch aller Dinge ledig 



Von der Armut. 109 

steht, aller Kreaturen und seiner selbst und Gottes, 
und ist es noch so in ihm bestellt, dass Gott eine 
Stätte in ihm zu wirken findet, so sagen wir: 
solange das in dem Menschen ist, ist der Mensch 
nicht arm in der tiefsten Armut, denn Gott ist 
nicht der Meinung mit seinen Werken, der Mensch 
solle eine Stätte in sich haben, worin Gott wirken 
könne, sondern das ist eine Armut des Geistes, 
dass der Mensch Gottes und aller seiner Werke 
so ledig steht, dass Gott, wenn er in der Seele 
wirken will, selbst die Stätte sei, worin er wirken 
will, und das tut er gerne. Denn findet Gott den 
Menschen so arm, so ist Gott sein eigenes Werk 
empfangend und ist eine Eigenstätte seiner Werke 
damit, dass Gott ein Wirken in sich selbst ist. 
Allhier erlangt der Mensch in dieser Armut das 
ewige Wesen, das er gewesen ist und das er jetzt 
ist und das er in Ewigkeit leben soll. 

Daher sagen wir, dass der Mensch arm da- 
stehen soll, dass er kein Raum sein und keinen 
haben soll, worin Gott wirken könne. Wenn der 
Mensch einen Raum behält, dann behält er Unter- 
schieden heit. Darum bitte ich Gott, dass er mich 
Gottes quitt mache, denn unwesenhaftes Wesen 
und Sein ohne Dasein ist über Gott und über 
Unterschieden heit; da war ich selbst, da wollte 
ich mich selbst und erkannte mich selbst diesen 
Menschen machend, und darum bin ich Ursache 



Meister Eckhart. 110 

meiner selbst nach meinem Wesen, das ewig ist, 
und nach meinem Wesen, das zeitHch ist. Und 
darum bin ich geboren und kann nach der Weise 
meiner Geburt, die ewig ist, niemals ersterben. 
Nach der Weise meiner ewigen Geburt bin ich 
ewiglich gewesen und bin jetzt und soll ewiglich 
bleiben. Was ich nach der Zeit bin, das soll 
sterben und soll zunichte werden, denn es ist 
des Tages; darum muss es mit der Zeit ver- 
derben. In meiner Geburt wurden alle Dinge ge- 
boren, und ich war Ursache meiner selbst und 
aller Dinge, und wollte ich, so wäre ich nicht 
noch alle Dinge, und wäre ich nicht, so wäre 
Gott nicht. Es ist nicht nötig, dies zu verstehen. 
Ein grosser Meister sagt, sein Münden stünde 
höher als sein Entspringen. Als ich aus Gott ent- 
sprang, da sprachen alle Dinge : Gott ist da. Nun 
kann mich das nicht selig machen, denn hier er- 
kenne ich als Kreatur; dagegen in dem Münden, 
wo ich ledig stehen will im Willen Gottes, und 
ledig stehn des Willens Gottes und aller seiner 
Werke und Gottes selbst, da bin ich über allen 
Kreaturen und bin weder Gott noch Kreatur, son- 
dern ich bin was ich war und was ich bleiben 
soll jetzt und immerdar. Da erhalte ich einen 
Ruck, der mich über alle Engel schwingen soll. 
Von diesem Ruck empfange ich so reiche Fülle, 
dass mir Gott nicht genug sein kann mit alledem, 



Von der Armut. 111 

was er Gott ist, mit all seinen göttlichen Werken, 
denn mir wird in diesem Münden zu teil, dass ich 
und Gott eins sind. Da bin ich was ich war, 
und da nehme ich weder ab noch zu, denn ich 
bin da eine unbewegliche Ur-Sache, die alle Dinge 
bewegt. Allhier findet Gott keine Stätte im Men- 
schen, denn der Mensch erlangt mit seiner Armut, 
dass er ewiglich gewesen ist und immer bleiben 
soll. Allhier ist Gott im Geist eins, und das ist 
die tiefste Armut, die man finden kann. 

Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere 
sein Herz nicht damit. Denn solange der Mensch 
dieser Wahrheit nicht gewachsen ist, so lange 
wird er diese Rede nicht verstehen, denn es ist 
eine Wahrheit, die nicht ausgedacht ist, sondern 
unmittelbar gekommen aus dem Herzen Gottes. 
Dass wir so leben mögen, dass wir es ewig 
empfinden, das walte Gott. Amen. 



17. 

Von Gott und der Welt. 

Das Allerbeste, das Gott dem Menschen je 
tat, das war, dass er Mensch ward. Davon will 
ich eine Geschichte erzählen, die wohl hierher 
gehört. Es war ein reicher Mann und eine reiche 
Frau, da stiess der Frau das Unglück zu, dass sie 
ein Auge verlor, dessen ward sie sehr betrübt. 
Da kam der Herr zu ihr und sprach: „Frau, 
warum seid ihr so betrübt? Ihr sollt darüber nicht 
betrübt sein, dass ihr euer Auge verloren habt." 
Da sprach sie: „Herr, ich bin nicht darum be- 
trübt, weil ich mein Auge verloren habe; ich bin 
darum betrübt, weil es mich dünkt, ihr müsstet mich 
nun weniger lieb haben." Da sprach er: „Frau, 
ich habe euch lieb." Danach nicht lange nach- 
her stach er sich selbst ein Auge aus und kam 
zu der Frau und sprach: „Frau, damit ihr nun 
glaubt, dass ich euch lieb habe, habe ich mich 
euch gleich gemacht: ich habe nun auch nur 
noch ein Auge." 



Von Gott und der Welt. 113 

Die Meister sagen: alle Kreaturen wirken 
daraufhin, dass sie gebären und sich dem Vater 
gleich machen wollen. Ein anderer Meister sagt: 
Jede wirkende Ursache wirkt allein um ihres 
Zweckes willen, dass sie Rast und Ruhe in ihrem 
Z'wecke finde. Dies ist der Mensch, der konnte 
gar schwerlich glauben, dass ihn Gott so lieb hat, 
bis Gott endlich sich selbst ein Auge ausstach 
und menschliche Natur annahm. Dies ist Fleisch 
geworden. 

In principio. Ein Kind ist uns geboren, ein 
Sohn ist uns gegeben. Ein Meister sagt: Alle Krea- 
turen wirken nach ihrer ersten Lauterkeit und 
ihrer allergrössten Vollkommenheit. Also hat Gott 
getan. Er hat die Seele nach der allerhöchsten 
Vollkommenheit geschaffen und hat in sie ge- 
gossen alle seine Klarheit in der reinen Erstheit 
und ist doch unvermischt geblieben. 

Nun merke ! Ich sprach neulich an einem Ort : 
Als Gott alle Kreaturen schuf, sollte er da nicht 
vorher etwas geschaffen haben, das ungeschaffen 
war, das Bilder aller Kreaturen in sich trug? Das ist 
der Funke, der ist Gott so nahe, dass er ein einiges 
ungeschiedenes Eins ist und das Bild aller Krea- 
turen ohne Bild und über Bild in sich trägt. 

Eine Frage ward gestern unter grossen Ge- 
lehrten erörtert. Mich wundert, sprach ich, dass 
niemand das allergeringste Wort ergründen kann, 

8 



Meister Eckhart. 114 

und fragt ihr mich, ob ich, wenn ich ein einziger 
Sohn bin, den der himmlische Vater ewiglich ge- 
boren hat, dann ewiglich Sohn gewesen sei, so 
antworte ich: ja und nein. Ja, ein Sohn: indem 
der Vater mich ewiglich geboren hat; und nicht 
Sohn: entsprechend der Ungeborenheit. In prin- 
cipio. Hier ist uns zu verstehn gegeben, dass 
wir ein einziger Sohn sind, den der Vater ewig- 
lich aus dem verborgenen Verstand der ewigen 
Verborgenheit geboren hat, indem er im ersten 
Beginne der reinen Erstheit bheb, die da eine 
Fülle aller Reinheit ist. Hier habe ich ewighch 
geruht und geschlafen in der verborgenen Er- 
kenntnis des ewigen Vaters, innen bleibend, un- 
gesprochen. Aus der Lauterkeit hat er mich ewig- 
lich geboren als seinen eingeborenen Sohn selber 
in das Bild seiner ewigen Vaterschaft, damit ich 
Vater sei und den gebäre, von dem ich geboren 
bin. In gleicher Weise, als ob einer vor einem 
hohen Berge stünde und riefe: „Bist Du da?" 
und der Schall und der Hall riefe wieder: „Bist 
Du da?" Oder er spräche: „Komm heraus!" und 
der Schall antwortete: „Komm heraus!" Ja, wer 
in dem Lichte das Holz sähe, da entstünde ein 
Engel und ein Vernünftiger und nicht allein 
vernünftig, es würde lauter Vernunft, in der reinen 
Erstheit, die da eine Erfüllung aller Reinheit ist. 
So tut Gott: er gebiert seinen eingeborenen Sohn 



Von Gott und der Welt. 115 

in das höchste Teil der Seele. Und während er 
seinen Sohn in mich gebiert, gebäre ich ihn 
wieder in den Vater. Das war nicht anders, als 
dass Gott den Engel gebar, während er, der Gott, 
von der Jungfrau geboren wurde. 

Ich dachte (es ist schon manches Jahr her), 
wenn ich gefragt würde, wieso jede Grasspinne 
der andern so ungleich wäre, dann antwortete ich : 
dass alle Grasspinnen so gleich sind, das ist noch 
wunderbarer. Ein Meister sprach: dass alle Gras- 
spinnen so ungleich sind, das kommt von der Ver- 
schwendung der göttlichen Güte, die er ver- 
schwenderisch in alle Kreaturen giesst, damit seine 
Herrlichkeit desto mehr offenbart werde. Da 
sprach ich : es ist wunderbarer, dass alle Gras- 
spinnen so gleich sind, und sprach : wie alle Engel 
in der reinen Erstheit alleins sind, so sind alle 
Grasspinnen in der reinen Erstheit alleins, und 
alle Dinge sind alleins. 

Ich dachte manchmal ,wenn ich mich im 
Freien erging, der Mensch könne mit der Zeit 
dazu kommen, dass er Gott zwingen kann. Wäre 
ich hier oben und spräche zu ihm: „Komm her- 
auf!" das wäre schwer. Aber spräche ich: „Setz 
dich hier nieder!" das wäre leicht. So tut Gott. 
Wenn der Mensch sich demütigt, so kann Gott 
in seiner Güte sich nicht enthalten, er muss sich 

8* 



Meister Eckhart. 116 

neigen und in den demütigen Menschen ergiessen, 
und dem Allergeringsten gibt er sich mit seinem 
Allermeisten und gibt sich ganz und gar. Was 
Gott gibt, das ist sein Wesen, und sein Wesen ist 
seine Güte, und seine Güte ist seine Liebe. Alles 
Leid und alle Freude kommt von der Liebe. 

Ich überlegte unterwegs, als ich hierher gehn 
wollte, ich sollte zu Hause bleiben, ich würde doch 
nass vor Liebe. Wenn auch ihr nass geworden 
seid, so wollen wir es sein lassen. — Freude 
und Leid kommt von der Liebe. Der Mensch soll 
Gott lieben, denn Gott liebt den Menschen mit 
all seiner höchsten Vollkommenheit. Die Meister 
sagen, alle Dinge wirken daraufhin, dass sie 
sich dem Vater gleich gebären wollen, und sagen : 
die Erde flieht den Himmel; flieht sie nieder- 
wärts, so kommt sie niederwärts zum Himmel; 
flieht sie aufwärts, so kommt sie zu dem Niedersten 
des Himmels. Die Erde kann dem Himmel nicht 
entfliehen : sie fliehe auf oder nieder, der Himmel 
fliesst in sie und drückt seine Kraft in sie und 
macht sie fruchtbar, es sei ihr lieb oder leid. 
So tut Gott dem Menschen: der ihm entfliehen 
möchte, der läuft ihm in den Schoss, denn ihm 
sind alle Winkel offen. Gott gebiert seinen Sohn 
in dir, es sei dir lieb oder leid, du schlafest oder 
wachest, Gott tut das Seine. Dass der Mensch 
das nicht empfindet, das liegt daran, dass seine 



Von Gott und der Welt. 117 

Zunge mit dem Unflat der Kreatur beschmutzt ist 
und das Salz der göttlichen Liebe nicht hat. 
Hätten wir die göttliche Liebe, so schmeckten 
wir Gott und alle die Werke, die Gott je wirkte, 
und wir empfingen alle Dinge von Gott und 
wirkten dieselben Werke alle, die er wirkt. In 
dieser Gleichheit sind wir alle ein einziger Sohn. 
Gott schuf die Seele nach seiner höchsten 
Vollkommenheit, dass sie eine Geburt seines ein- 
geborenen Sohnes sein sollte. Da er dies wohl 
erkannte, so wollte er herausgehen aus der heim- 
lichen Schatzkammer seiner ewigen Vaterschaft, 
in der er im ersten Beginne der reinen Erstheit 
geblieben war und ewig geschlafen und heraus- 
gesprochen hat. Da hat der Sohn das Zelt seiner 
ewigen Glorie aufgeschlagen und ist heraus- 
gekommen aus dem Allerhöchsten, weil er seine 
Freundin holen wollte, die ihm der Vater ewig- 
lich vermählt hatte, dass er sie heimbrächte in 
das Allerhöchste, aus dem sie gekommen ist. 
Darum ging er hinaus und sprang herzu wie ein 
Jüngling und litt Leid aus Liebe. Aber nicht für 
immer ging er hinaus, er wollte wieder hinein- 
gehen in seine Kammer, das heisst, in die stille 
Dunkelheit der verborgenen Vaterschaft. Als er 
ausging aus dem Allerhöchsten, da wollte er hin- 
eingehen mit seiner Braut und wollte ihr die ver- 
borgene Heimlichkeit seiner Gottheit offenbaren. 



Meister F.okhart. 118 

wo er mit sich selbst und mit allen Kreaturen 
ruht. 

In principio heisst so viel wie ein Anfang allen 
Wesens. Es gibt auch ein Ende alles Wesens, 
denn der erste Beginn ist um des letzten Endes 
willen. Ja, Gott selbst ruht nicht da, wo er der 
erste Beginn ist, sondern er ruht da, wo er 
ein Zweck und ein Ende ist und ein Rasten alles 
Wesens, nicht dass dies Wesen da zunichte würde, 
sondern es wird da vollendet zu seiner höchsten 
Vollkommenheit. Was ist das letzte Ende? Es 
ist die Verborgenheit der Dunkelheit der ewigen 
Gottheit und ist unbekannt und ward nie er- 
kannt und wird niemals erkannt. Gott bleibt darin 
sich selbst unbekannt, und das Licht des ewigen 
Vaters hat ewiglich darin geschienen, und die 
Dunkelheit begreift das Licht nicht. Dass wir 
zu dieser Wahrheit kommen, dazu verhelfe uns 
die Wahrheit, von der wir gesprochen haben. 
Amen. 



18. 

Von der Erneuerung des Geistes. 

„Ihr sollt erneuert werden an eurem Geiste, 
der da mens heisset/' das heisst ein Bewusstsein. 
So spricht Sankt Paulus. Nun sagt Augustin, dass 
an dem ersten Teil der Seele, das da mens heisst 
oder Bewusstsein, mit dem Wesen der Seele eine 
Kraft geschaffen hat, die die Meister einen Ver- 
schluss oder Schrein geistlicher Formen oder form- 
loser Bilder heissen. Diese Kraft macht den Vater 
der Seele gleich durch seine ausfliessende Gott- 
heit, von der er den ganzen Hort seines gött- 
lichen Wesens in den Sohn und in den heiligen 
Geist mit persönlicher Unterscheidung gegossen 
hat, wie die Gedächtniskraft der Seele den Kräften 
der Seele den Schatz der Bilder ausgiesst. Wenn 
nun die Seele mit dieser Kraft irgendwelche Bild- 
lichkeit schaut, sei es das Bild eines Engels oder 
ihr eigenes Bild, so ist es gar mangelhaft. Schaut 
sie Gott wie Gott ist oder wie er Bild ist oder wie 
er drei ist, es ist mangelhaft. Wenn aber alle 



Meister Eckhart. 120 

Bilder der Seele abgeschieden werden und sie 
allein das einig Eine schaut, so findet das nackte 
Wesen der Seele das nackte formlose Wesen gött- 
licher Einheit, das da ist ein überwesendes Wesen, 
empfangend, in sich selbst liegend. O Wunder 
über Wunder, welch edles Empfangen ist das, 
dass das Wesen der Seele nichts anderes emp- 
fangen kann als allein die Einheit Gottes! Nun 
spricht Sankt Paulus: „Ihr sollt erneuert werden 
am Geiste." Erneuerung befällt alle Kreaturen 
unter Gott; aber Gott befällt keine Erneuerung, 
er ist ganz Ewigkeit. Was ist Ewigkeit? Passt 
auf. Die Eigenheit der Ewigkeit ist, dass Dasein 
und Jungsein in ihr eins ist, denn die Ewigkeit 
wäre nicht ewig, wenn sie neu werden könnte 
und nicht allewege wäre. Nun sage ich : die Seele 
befällt Erneuerung, insofern sie Seele heisst, denn 
sie heisst darum Seele, weil sie dem Körper Leben 
gibt und eine Form des Körpers ist. Sie wird 
auch von der Erneuerung betroffen, insofern sie 
Geist heisst. Darum heisst sie ein Geist, weil sie 
von hier und von jetzt und von aller Natür- 
lichkeit abgeschieden ist. Aber insofern sie ein 
Bild Gottes ist und namenlos wie Gott, da tritt 
keine Erneuerung an sie heran, sondern allein 
Ewigkeit, wie in Gott. Nun passt auf! Gott ist 
namenlos, denn von ihm kann niemand etwas 
sprechen oder verstehen. Darum sagt ein heid- 



Von der Erneuerung des Geistes. 121 

nischer Meister: Was wir von der ersten Ursache 
verstehen oder sprechen, das sind wir mehr selbst, 
als dass es die erste Ursache wäre, denn sie ist 
über allem Sprechen und Verstehen. Sage ich 
nun : Gott ist gut, so ist es nicht wahr, sondern 
ich bin gut, Gott ist nicht gut. Ich sage mehr: 
ich bin besser als Gott, denn was gut ist, kann 
besser werden ; was besser werden kann, kann das 
Allerbeste werden. Nun ist Gott nicht gut, daher 
kann er nicht besser werden. Und wenn er also 
nicht besser werden kann, so kann er auch nicht 
allerbest werden, denn diese drei sind fern von 
Gott: gut, besser und allerbest, denn er ist über 
allem. Sage ich ferner: Gott ist weise, so ist es 
nicht wahr : ich bin weiser als er. Sage ich ferner : 
Gott ist ein Wesen, so ist es nicht wahr: er ist 
ein überschwebendesi Wesen und eine überwesende 
Nichtheit. Daher sagt Sankt Augustin: Das 
Schönste, was der Mensch von Gott sprechen 
kann, das ist, dass er vor Weisheitsfülle schweigen 
kann. Daher schweig und schwatze nicht von 
Gott, denn damit, dass du von ihm schwatzest, 
lügst du, tust also Sünde. Willst du nun ohne 
Sünde sein und vollkommen, so schwatze nicht 
von Gott. Du sollst auch nichts verstehen unter 
Gott, denn Gott ist über allem Verstehen. Es 
sagt ein Meister: Hätte ich einen Gott, den ich 
verstehen könnte, ich wollte ihn nimmer für Gott 



Meister Eckhart. 122 

halten. Verstehst du nun etwas unter ihm, davon 
ist er nichts, und damit, dass du etwas unter ihm 
verstehst, kommst du in eine Unverstandsamkeit, 
und von der Unverstandsamkeit kommst du in 
eine Tierheit; denn was an den Kreaturen unver- 
ständig ist, das ist tierisch. Willst Du nicht tierisch 
werden, so verstehe nichts von dem ungeworteten 
Gotte. ^,Ach, wie soll ich denn tun?" Du 
sollst ganz und gar entsinken deiner Deinheit 
und sollst zerfliessen in seine Seinheit und es 
soll dein Dein in seinem Mein ein Mein werden, 
so gänzlich, dass du mit ihm ewiglich verstehst 
seine ungewordene Istigkeit und seine ungenannte 
Nichtheit. 

Nun spricht Sankt Paulus : „Ihr sollt erneuert 
werden am Geiste." Wollen wir nun am Geiste 
erneuert werden, so müssen die sechs Kräfte der 
Seele, sowohl die obersten wie die untersten, jede 
einen goldenen Ring am Finger haben, vergoldet 
mit dem Golde göttlicher Liebe. Nun achtet auf 
die niedersten Kräfte, es sind ihrer drei. Die 
erste heisst Einsicht, rationale; an der sollst du 
einen goldenen Ring haben, das ist das Licht, 
auf dass deine Einsicht zu allen Zeiten ohne Zeit 
mit dem göttlichen Lichte erleuchtet sei. Die 
andere Kraft heisst die Zürnerin, irascibilis ; an 
der sollst du einen Ring haben, das ist dein 
Friede. Warum ? Darum : wenn in Frieden, dann 



Von der Erneuerung des Geistes. 123 

in Gott; wenn aus Frieden, dann aus Gott. Die 
dritte Kraft heisst Begehrung: concuspiscibilis; an 
der sollst du Genügsamkeit haben, damit du dich 
mit allen Kreaturen, die unter Gott sind, be- 
gnügst; aber mit Gott sollst du dich niemals be- 
gnügen, denn von Gott kannst du nie genug 
haben : je mehr Gottes du hast, je mehr be- 
gehrst du seiner; denn könntest du dich mit Gott 
begnügen, so dass Gott vom Genug betroffen 
würde, so wäre Gott nicht Gott. 

Du musst auch an jeder von den obersten 
Kräften einen goldenen Ring haben. Der obersten 
Kräfte gibt es auch drei. Die erste heisst eine 
behaltende Kraft, memoria. Diese Kraft ver- 
gleicht man dem Vater in der Dreifaltigkeit. An 
der sollst du einen goldenen Ring haben, näm- 
lich ein Behalten, damit du alle ewigen Dinge 
in dir behalten sollst. Die andere heisst Ver- 
stand, intellectus. Diese Kraft vergleicht man 
dem Sohne. An der sollst du auch einen goldenen 
Ring haben, nämlich Erkenntnis, damit du Gott 
zu allen Zeiten erkennen sollst. Und zwar wie? 
Du sollst ihn erkennen ohne Bild, ohne Mittel 
und ohne Gleichnis. Soll ich aber Gott so un- 
mittelbar erkennen, so muss vollends ich er werden 
und er ich werden. Ich sage mehr: Gott muss 
vollends ich werden, und ich vollends Gott, wie 
völlig eins, dass dies Er und dies Ich ein Ich 



Meister Eckhart. 124 

werden und sind, und in der Istigkeit ewig ein 
Werk wirken; denn solange dies Er und dies 
Ich, das heisst Gott und die Seele, nicht ein ein- 
ziges Hier oder ein einziges Jetzt sind, solange 
könnte dies Ich mit dem Er niemals zusammen- 
wirken oder eins werden. Die dritte Kraft heisst 
Wille, voluntas. Diese Kraft vergleicht man dem 
heiligen Geiste. An der sollst du einen goldenen 
Ring haben, nämlich die Liebe, damit du Gott 
lieben sollst. Du sollst Gott lieben ohne Lieb- 
heit, dass heisst nicht darum, weil er liebevoll 
sei, denn Gott ist unliebevoll; er ist über aller 
Liebe und Liebheit. „Wie soll ich denn Gott 
lieben?" Du sollst Gott nichtgeistlich lieben, 
das heisst, deine Seele soll nichtgeistig sein und 
aller Geistigkeit entkleidet; denn solange die 
Seele geistförmig ist, hat sie Bilder; solange sie 
Bilder hat, hat sie nicht Einheit noch Eintracht; 
solange sie nicht Eintracht hat, liebte sie Gott 
nicht recht, denn bei rechter Liebe kommt es 
auf die Eintracht an. Darum soll deine Seele 
nichtgeistig sein, frei von allem, was Geist ist, 
und soll geistlos dastehn; denn liebst du Gott, 
wie er Gott ist, wie er Geist ist, wie er Person 
ist und wie er Bild ist. das muss alles hinab. 
„Wie soll ich ihn denn lieben?" Du sollst ihn 
lieben wie er ist: ein Nichtgott, ein Nichtgeist, 
eine Nichtperson, ein Nichtbild, sondern : wie 



Von der Erneuerung des Geistes. 125 

er ein blosses, pures, reines Eins ist, gesondert 
von aller Z'weiheit, und in dem Einen sollen wir 
ewiglich versinken von Nichts zu Nichts. Das 
walte Gott. Amen. 



19. 

Von der Natur. 

Es sagen unsere Meister, alles was erkannt 
wird oder geboren wird, ist ein Bild, und sie 
sagen folgendes: Wenn der Vater seinen ein- 
geborenen Sohn gebären soll, so muss er sein 
in ihm selbst bleibendes Bild gebären, das Bild 
in dem Grunde, so wie es von Ewigkeit in ihm 
gewesen ist, formae illius, das heisst seine ihm 
selbst bleibende Form. Dies ist eine Naturlehre, 
und es dünkt mich recht unbillig, dass man 
Gott mit Gleichnissen, mit diesem oder jenem, 
aufzeigen muss. Dennoch ist er weder dies noch 
jenes, und damit begnügt sich der Vater nicht, 
sondern er zieht sich zurück in die Erstheit, in 
das Innerste, in den Grund und in den Kern 
der Vaterschaft, wo er ewig drinnen gewesen 
ist, in sich selbst in der Vaterschaft und wo er 
sich selbst verzehrt als Vater seiner selbst in 
dem einig Einen. Hier sind alle Grasblättlein und 
Holz und Stein und alle Dinge eins. Dies ist 



Von der Natur. 127 

das Allerbeste und ich habe mich ganz darein 
vernarrt. Darum fügt die Natur alles was sie 
leisten kann da hinein, das stürzt alles in die 
Vaterschaft, auf dass sie eins und ein Sohn sei 
und all dem andern entwachsen und allein in 
der Vaterschaft sei, und dass sie, wenn sie nicht 
darein sein könne, doch wenigstens ein Gleichnis 
des Einen sei. Die Natur, die von Gott ist, sucht 
nichts, was ausserhalb von ihr ist, ja, die Natur, 
wie sie in sich ist, hat nichts mit der Farbe 
zu tun, denn die Natur, die von Gott ist, die 
sucht nichts anderes als Gottes Gleiches. 

Ich überlegte mir heute Nacht, dass nur 
Gleiches aufeinander wirken kann. Ich kann kein 
Ding sehen, das mir nicht gleich ist, und ich 
kann kein Ding erkennen, das mir nicht gleich 
ist. Gott trägt alle Dinge verborgen in sich selbst, 
aber nicht in dies oder das unterschieden, son- 
dern eins in Einheit. Das Auge hat auch Farbe 
in sich, das Auge empfängt die Farbe, und das 
Ohr nicht. Das Ohr empfängt das Getön und 
die Zunge den Geschmack. Es hat jedes das, 
mit dem es eins ist. Demnach hat das Bild der 
Seele und Gottes Bild ein Wesen: da wir 
Gottes Kinder sind. Und selbst wenn ich weder 
Augen noch Ohren hätte, so hätte ich doch noch 
das Wesen. 

Ich habe öfters gesagt: die Schale muss zer- 



Meister Eckhart. 128 

brechen, und was darinnen ist, muss heraus- 
kommen: denn willst du den Kern haben, so 
musst du die Schale zerbrechen. Und wenn du 
daher die Natur nackt finden willst, so müssen 
die Gleichnisse alle zerbrechen, und je weiter 
man hineintritt, um so näher ist man dem Wesen. 
Vor ein paar Jahren war ich nichts; nicht 
lange nachher ass mein Vater und meine Mutter 
Fleisch und Brot und Kraut, das im Garten 
wuchs, und davon bin ich ein Mensch. Das 
konnte mein Vater oder meine Mutter nicht be- 
wirken, sondern Gott machte meinen Körper 
unmittelbar und schuf meine Seele nach dem 
Allerhöchsten. Demnach besass ich mein Leben 
selbst (possedi me). Dies Korn zielt auf den 
Roggen ab, dem wieder liegt es in der Natur, 
dass er Weizen werden kann, darum ruht er 
nicht, bis er eben diese Natur erreicht. Dies 
Weizenkorn hat es in der Natur, dass es alle 
Dinge werden kann, darum geht es in sich und 
begibt sich in den Tod, auf dass es alle Dinge 
werde. Und dies Erz ist Kupfer, das hat in 
seiner Natur, dass es Gold werden kann, darum 
ruht es nicht, bis es eben diese Natur erreicht. 
Ja dies Holz hat in seiner Natur, dass es ein 
Stein werden kann; ich sage noch mehr, es 
kann wohl alle Dinge werden, es löst sich in 
ein Feuer und lässt sich verbrennen, damit es 



Von der Natur. 129 

in die Feuernatur verwandelt werde, und es wird 
eins dem Einen und hat ewig dieselbe Natur. 
Ja, Holz und Stein und Bein und alle Grashalme 
haben allesamt ein Wesen in der Erstheit. Und 
tut diese Natur das, was tut dann erst die Natur, 
die da so nackt in sich selbst ist, die da weder 
dies noch das sucht, sondern sie entwächst allem 
Anderssein und läuft alleins zur reinen Erstheit 



20. 

Von Gott und Mensch 

Praedica verbum. Man liest ein Wörtlein 
von meinem Herrn Sankt Dominicus, und Sankt 
Paulus schreibt es, und es heisst zu deutsch 
also: „Sprich es heraus, sprich es hervor, bring 
es hervor, und gebier das Wort/' Es ist eine 
wunderliche Sache, dass ein Ding ausfliesst und 
doch innen bleibt. Dass das Wort ausfliesst und 
doch innen bleibt, das ist gar wunderbar; dass 
alle Kreaturen ausfliessen und doch innen bleiben, 
das ist gar wunderbar; dass Gott gegeben hat und 
dass Gott gelobt hat zu geben, das ist gar wunder- 
bar und ist unbegreiflich und unglaublich. Und 
das ist recht, und wäre es begreiflich und glaub- 
lich, so wäre es nicht recht. Gott ist in allen 
Dingen. Je mehr er in den Dingen ist, je mehr 
ist er aus den Dingen; je mehr er innen, je 
mehr er aussen ist. Ich habe es schon öfters 
gesagt, dass Gott all diese Welt jetzt ganz und 
gar erschafft. Alles was Gott je vor sechstausend 



Von Gott und Mensch. 131 

Jahren und mehr schuf, als Gott die Welt machte, 
das schafft Gott jetzt zumal. Gott ist in allen 
Dingen, aber insofern Gott göttlich ist und in- 
sofern Gott vernünftig ist, ist Gott nirgends so 
eigentlich wie in der Seele [und in dem Engel, 
wenn du willst], in dem Innersten der Seele und 
in dem Höchsten der Seele. Wo die Zeit nie 
hinkam, wo nie ein Bild hineinleuchtete, im 
Innersten und im Höchsten der Seele erschafft 
Gott die ganze Welt. Alles was vergangen ist 
und alles was künftig ist, das schafft Gott im 
Innersten der Seele. 

Der Prophet spricht: „Gott sprach eines und 
ich hörte zwei." Das ist wahr: Gott sprach nie 
mehr als eines. Sein Spruch ist nur einer. In 
diesem Spruch spricht er seinen Sohn und den 
heiligen Geist und alle Kreaturen, und es ist 
nichts als ein Spruch in Gott. Aber der Pro- 
phet spricht: „ich hörte zwei." Das heisst: ich 
nahm Gott und Kreaturen wahr. Wo es Gott 
spricht, da ist es Gott; aber hier ist es Krea- 
tur. Die Leute glauben, Gott sei da und da 
Mensch geworden. Dem ist nicht so, denn Gott 
ist hier ebensogut Mensch geworden wie dort, 
und um und um ist er Mensch geworden, dass 
er dich als seinen eingeborenen Sohn gebäre, nicht 
weniger und nicht mehr. 

Ich sprach gestern ein Wörtlein, das steht 

9» 



Meister Eckhart. 132 

im Paternoster und heisst: „Dein Wille werde." 
Es wäre sogar besser ausgedrückt, dass sein 
Wille werde, als dass ich sage : mein Wille werde 
zu seinem. Dass ich es werde, das meint das 
Paternoster. Das Wort hat zweierlei Sinn. 
Erstens: Sei für alle Dinge ein Schlafender, das 
heisst, du sollst weder um Zeit noch um Krea- 
turen noch um Bilder wissen. Die Meister 
sagen : Wenn ein Mensch recht schliefe, und 
schliefe er hundert Jahr, er wüsste um keine 
Kreatur, er wüsste nichts von Zeit noch von Bild ; 
und dennoch kannst du wahrnehmen, dass Gott 
in dir wirkt. Darum spricht die Seele im Buch 
der Liebe: „Ich schlafe und mein Herr wacht." 
Darum kannst du, wenn alle Kreaturen in dir 
schlafen, wahrnehmen, was Gott in dir wirkt. 

Er spricht zweitens ein Wort: Arbeite in 
allen Dingen; das hat dreierlei Sinn in sich. Es 
heisst so viel wie: Schaff deinen Nutzen in 
allen Dingen, denn Gott ist in allen Dingen. Sankt 
Augustin spricht : Gott hat alle Dinge erschaffen,, 
nicht dass er sie werden Hesse und dann seines 
Weges ginge, sondern er ist in ihnen geblieben. 
Die Leute wähnen, sie hätten mehr, wenn sie 
die Dinge mit Gott haben, als wenn sie Gott 
ohne die Dinge hätten. Aber das ist falsch, denn 
alle Dinge mit Gott ist nicht mehr als Gott allein, 
und wer glaubte, wenn er den Sohn und den 



Von Gott und Mensch. 133 

Vater zugleich hätte, hätte er mehr als wenn er 
den Sohn ohne den Vater hätte, der wäre im 
Irrtum. Darum nimm Gott in allen Dingen, und 
das ist ein Zeichen, dass er dich als seinen ein- 
geborenen Sohn geboren hat, nicht weniger und 
nicht mehr. 

Der zweite Sinn ist: Schaff deinen Nutzen 
in allen Dingen, das heisst: liebe Gott über 
allen Dingen und deinen Nächsten wie dich 
selbst. Und liebst du hundert Pfund mehr bei 
dir als bei einem andern, das ist unrecht. Hast 
du einen Menschen lieber als einen andern, das 
ist unrecht; und hast du deinen Vater und deine 
Mutter und dich selbst lieber als einen andern, 
es ist unrecht; und hast du die Seligkeit lieber 
in dir als in einem andern, so ist es unrecht. 
„Gott schütze! Was sagt ihr? Soll ich die Selig- 
keit nicht in mir lieber haben als in einem an- 
dern?" Es gibt viele Gelehrte, die das nicht be- 
greifen, und es dünkt sie gar schwer. Aber es 
ist nicht schwer, es ist ganz leicht. Ich will dir 
zeigen, dass es nicht schwer ist. Seht, die Natur 
hat zweierlei Absicht, was jedes Glied am Menschen 
wirken soll. Die erste Absicht, die seine Werke 
ins Auge fasst, ist, dass es dem Körper vor allem 
diene und danach einem jeden Gliede genau so 
wie sich selbst, und nicht weniger als sich selbst, 
und es beachtet sich selbst nicht mehr in seinen 



iMeister Eckhart. 134 

Werken als ein anderes Glied. Es soll vielmehr 
hilfreich sein. Gott soll eine Regel deiner Liebe 
sein. Die zweite Meinung: deine Liebe soll nur 
an Gott hängen und darum liebe deinen Nächsten 
wie dich selbst und nicht minder als dich selbst 
Liebst du die Seligkeit in Sankt Peter und in 
Sankt Paul wie in dir selbst, so besitzest du die- 
selbe Seligkeit, die auch sie haben. 

Also das Wort: schaff deinen Nutzen in 
allen Dingen, das heisst: liebe Gott ebensogern 
in Armut wie in Reichtum, und habe ihn so lieb 
in der Krankheit wie in der Gesundheit, habe 
ihn so lieb in Prüfungen und so lieb in Leiden 
wie ohne Leiden. Ja, je grössre Leiden, je ge- 
ringre Leiden, wie zwei Eimer: je schwerer 
einer, je leichter der andre, und je mehr der 
Mensch gibt, um so leichter ist ihm zu geben. 
Einem Menschen, der Gott liebt, wäre ebenso 
leicht alle Welt zu schenken, wie ein Ei. Je 
mehr er gibt, je leichter ist ihm zu geben, wie 
die Apostel: je schwerere Leiden sie hatten, je 
leichter litten sie es. 

Das dritte : arbeite in allen Dingen, das heisst : 
wo du dich in mannigfaltigen Dingen befindest 
und anders als in einem blossen reinen einfachen 
Wesen, dass lass dir eine Arbeit sein; das heisst: 
Arbeit in allen Dingen füllet deinen Dienst. Das 
heisst so viel wie: heb auf dein Haupt. Das 



Von Gott und Mensch. 135 

hat zweierlei Sinn. Der erste ist: leg ab alles 
was dein ist und gib dich Gott zu eigen; so wird 
Gott dein eigen, wie er sein selbst eigen ist, 
und er ist dir Gott, wie er sich selbst Gott ist, 
und nicht weniger. Was mein ist, das habe ich 
von niemand. Habe ich es aber von einem an- 
dern, so ist es nicht mein, sondern des andern, 
von dem ich es habe. Der zweite Sinn ist: heb 
auf dein Haupt, das heisst : richte alle deine Werke 
auf Gott. Es sind viele Leute, die das nicht 
begreifen, und das dünkt mich nicht wunderbar: 
denn der Mensch, der dies begreifen soll, der 
muss sehr abgeschieden sein und erhoben über 
all diese Dinge. Dass wir zu dieser Vollkommen- 
heit kommen, das walte Gott. Amen. 



21. 

Vom Tod. 

Man lieset von den heiligen Märtyrern, deren 
man heute gedenkt, dass sie durch das Schwert 
gestorben sind. Unser Herr sprach zu seinen 
Jüngern : „SeHg seid ihr, so ihr etwas leidet um 
meines Namens willen." Nun sagt die Schrift 
von diesen Märtyrern, dass sie um Christi Na- 
men willen den Tod gelitten haben und durch 
das Schwert umgebracht worden sind. 

Hier sollen wir drei Dinge merken. Das erste, 
dass sie tot sind. Was man in dieser Welt leidet, 
das endet. Sankt Augustin spricht: Alle Pein 
und alle Werke der Pein, das nimmt alles ein 
Ende, und der Lohn ist ewig. Das zweite, das 
wir betrachten sollen, dass dies ganze Leben töd- 
lich ist, dass wir alle Pein und alle Mühsal, die 
uns zustösst, nicht fürchten sollen, denn es nimmt 
ein Ende. Das dritte, dass wir uns verhalten, 
als wären wir tot, dass uns nichts trübe, nicht 
Freude noch Leid noch alle Qual. Es sagt ein 



Vom Tod. 137 

Meister: Den Himmel kann nichts berühren. Das 
meint, der Mensch ist ein himmlischer Mensch, 
dem alle Dinge nicht so viel sind, dass sie ihn 
berühren können. Es sagt ein Meister: Da doch 
alle Kreaturen so erbärmlich sind, woher kommt 
es denn, dass sie den Menschen so leicht von 
Gott abwenden? Die Seele ist doch in ihrem 
Erbärmlichsten besser als der Himmel und alle 
Kreaturen? Es antwortet ein Meister: es kommt 
davon, dass er Gottes nicht so achtet wie er 
sollte. Täte er das, es wäre fast unmöglich, dass 
er je abfiele. Und es ist nur eine gute Lehre, 
dass sich der Mensch in dieser Welt so halten 
soll, als ob er tot wäre. Sankt Gregorius sagt, 
niemand habe so viel Gott, als der, der im Grunde 
tot sei. 

Die vierte Lehre ist die allerbeste. Er sagt, 
dass sie tot sind. Der Tod gibt ihnen ein Wesen. 
Es sagt ein Meister: Die Natur zerbricht nie, 
ohne dass sie ein Besseres dafür gibt. Wenn 
das die Natur tut, wie viel mehr tut es Gott: 
der zerbricht niemals, dass er nicht ein Besseres 
gäbe. Die Märtyrer sind tot, sie haben ein Leben 
verloren und haben ein Wesen empfangen. Ich 
bin gewiss, erkennte eine Seele das geringste, was 
Wesen hat, sie wollte sich keinen Augenblick 
davon abkehren. Das Erbärmlichste, was man 
in Gott erkennt, wie wenn einer eine Blume ver- 



Meister Eckhart. 138 

stünde; so wie sie ein Wesen in Gott hat, das 
stünde höher als die ganze Welt. Das Erbärm- 
lichste, das in Gott ist wie es Wesen ist, ist 
besser als wenn einer einen Engel erkennte. Und 
dies sollte der Mensch leidenschaftlich begehren 
und betrachten, dass das Wesen so hoch steht. 
Wir preisen den Tod in Gott, auf dass er uns 
in ein Wesen wandle, das besser ist als ein 
Leben; ein Wesen, darin unser Wesen lebt, wo 
unser Leben ein Wesen wird. 

Der Mensch soll sich willig in den Tod er- 
geben und sterben, damit ihm ein besseres Leben 
werde. Es muss ein gar kräftiges Leben sein, 
in dem tote Dinge lebendig werden, in dem selbst 
der Tod ein Leben wird. Bei Gott stirbt nichts: 
alle Dinge werden in ihm lebendig. Sie sind 
tot (spricht die Schrift von den Märtyrern) und 
sind in ein ewiges Leben versetzt, in das Leben, 
wo das Leben ein Wesen ist. Man soll im Grunde 
tot sein, dass uns nicht Freude noch Leid be- 
rühre. Wir bitten drum unsern lieben Herrgott, 
er möge uns helfen aus einem Leben, das ge- 
teilt ist, in ein Leben, das eins geworden ist. 
Das walte Gott. Amen. 



22. 

Was ist Gott? 

Was ist Gott und was ist der Tempel Gottes? 
Vierundzwanzig Meister kamen zusammen und 
wollten sagen, was Gott sei, und konnten es nicht. 
Hernach kamen sie zu geeigneter Zeit wieder 
und jeder von ihnen brachte seinen Spruch mit, 
von denen nehme ich jetzt zwei oder drei. Der 
eine sprach: Gott ist etwas, gegen den alle 
wandelbaren und zeitlichen Dinge nichts sind, und 
alles was Wesen hat, ist von ihm und ist gegen 
ihn klein. Der zweite sprach: Gott ist etwas, 
das da über Wesen ist und das in sich selbst 
niemandes bedarf und dessen alle Dinge be- 
dürfen. Der dritte sprach : Gott ist eine Ver- 
nünftigkeit, die sich selbst erkennen will. 

Ich lasse das erste und das dritte und spreche 
von dem zweiten, dass Gott etwas ist, das not- 
wendig über Wesen sein muss. Was Wesen hat, 
Zeit oder Raum, das gehört nicht zu Gott, er 
ist über dasselbe; was er in allen Kreaturen ist. 



Meister Eckhart. 140 

das ist er doch darüber; was da in vielen Dingen 
eins ist, das muss notwendig über den Dingen 
sein. Einige Meister wollten, die Seele wäre 
allein im Herzen. Dem ist nicht so, und darin 
haben grosse Meister geirrt. Die Seele ist eben- 
sogut ganz und ungeteilt im Fuss und im Auge. 
Nehme ich ein Stück von der Zeit, so ist es 
weder der Tag heute noch der Tag gestern. 
Nehme ich aber ein Nu, das begreift alle Zeit 
in sich. Das Nu, worin Gott die Welt machte, 
ist dieser Zeit ebenso nahe, wie das Nu, worin 
ich eben spreche, und der jüngste Tag ist diesem 
Nu so nahe wie der Tag gestern war. 

Ein Meister sagt: Gott ist etwas, das in Ewig- 
keit ungeteilt in sich selbst wirkt, das niemandes 
Hilfe und keines Werkzeuges bedarf, und das 
in sich selbst bleibt, das nichts bedarf und dessen 
alle Dinge bedürfen und nach dem alle Dinge 
trachten als in ihr letztes Ende. Dies Ende hat 
keine Weise, es entwächst der Weise und geht in 
die Weite. Sankt Bernhard sagt: Gott lieben, 
das ist weise ohne Weise. Kein Ding kann über 
sein Wesen wirken. Gott aber wirkt über Wesen 
in der Weite, wo er sich rühren kann, er wirkt 
in Unwesen Wesen; ehe ein Wesen war, wirkte 
Gott. Grosse Meister sagen, Gott sei ein ab- 
solutes Wesen; er ist hoch über Wesen, wie 
der oberste Engel über einer Mücke. Und ich 



Was ist Gott. 141 

sage, es ist ebenso unrecht, Gott ein Wesen zu 
heissen, als ob ich die Sonne bleich oder schwarz 
hiesse. Gott ist weder dies noch das. Und es 
sagt ein Heiliger: Wenn einer wähnt, er habe 
Gott erkannt — wenn er etwas erkannt hat, so 
hat er etwas erkannt und hat also nicht Gott 
erkannt. 

Kleine Meister lesen in der Schule, alle Wesen 
seien auf zweierlei Weise geteilt, und diese Weisen 
sprechen sie Gott völlig ab. Von diesen Weisen 
berührt Gott keine und er entbehrt auch keine. 
Die erste, die am allermeisten Wesen hat, worin 
alle Dinge Wesen annehmen, ist die Substanz, 
und das letzte, was am wenigsten Wesen in sich 
trägt, heisst relatio, das ist in Gott gleich dem 
allergrössten, das am allermeisten Wesen hat; 
sie haben ein gleiches Bild in Gott. In Gott 
sind aller Dinge Bilder gleich; aber sie sind un- 
gleich dem Bild der Dinge. Der höchste Engel 
und die Seele und die Mücke haben ein gleiches 
Bild in Gott. Gott ist nicht Wesen noch Güte. 
Güte klebt an Wesen und ist nicht breiter als 
Wesen, denn wäre nicht Wesen, so wäre nicht 
Güte, und Wesen ist noch reiner als Güte. In 
Gott ist weder Güte noch Besseres noch Aller- 
bestes. Wer sagte, dass Gott gut sei, der täte 
ihm ebenso unrecht, als wer die Sonne schwarz 



Meister Eckhart. 142 

hiesse. Nun spricht doch Gott: niemand ist 
gut als Gott allein. Was ist gut? Was sich 
dem Allgemeinen mitteilt. Den heissen sie einen 
guten Menschen, der gemeinnützig ist. Darum 
sagt ein heidnischer Meister, ein Einsiedler sei 
weder gut noch böse (dem Sinne nach), weil 
er der Gemeinschaft und den Leuten nicht nütz- 
lich sei. Gott ist das allgemeinste. Kein Ding 
teilt von dem Seinen mit, weil alle Kreaturen 
an sich selbst nichts sind. Was sie mitteilen, 
das haben sie von einem andern. Sie geben 
sich auch nicht selbst. Die Sonne gibt ihren 
Schein und bleibt doch dastehen, das Feuer gibt 
seine Hitze und bleibt doch Feuer; aber Gott 
teilt das Seine mit, weil er an sich selber ist, 
was er ist, und in allen den Gaben, die er gibt, 
gibt er sich selbst immer am ersten. Er gibt 
sich als Gott wie er ist in allen seinen Gaben, 
sofern es an ihm ist, dass einer ihn empfangen 
könnte. 

Wenn wir Gott im Wesen nehmen, so nehmen 
wir ihn in seiner Vorburg; denn Wesen ist seine 
Vorburg, worin er wohnt. Wo ist er denn in 
seinem Tempel? Dies ist die Vernünftigkeit, wo 
er heilig erglänzt, wie der andere Meister sagte, 
dass Gott eine Vernunft ist, die in ihrer Erkennt- 
nis allein lebt und in sich selbst allein bleibt. 



Was ist Gott. 143 

und da hat ihn nie etwas berührt, denn er ist 
da allein in seiner Stille. Gott in seiner Selbst- 
erkenntnis erkennt sich selbst in sich selbst. 



23. 

Vom persönlichen Wesen. 

Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe 
wohnt, der wohnt in Gott und Gott in ihm. 
Gott wohnt in der Seele mit allem dem, was 
er ist, und alle Kreatur. Darum: wo die Seele 
ist, da ist Gott, denn die Seele ist in Gott. 
Darum ist auch die Seele, wo Gott ist, es sei 
denn, dass die Schrift lüge. Wo meine Seele ist, 
da ist Gott, und wo Gott ist, da ist auch meine 
Seele, und das ist so wahr als Gott Gott ist. 

Nicht allein von Natur, sondern über Na- 
tur freut sich meine Seele aller Freude und 
aller Seligkeit, deren sich Gott selber freut 
in seiner göttlichen Natur, es sei Gott lieb 
oder leid, denn deren ist nur eines, und wo eins 
ist, da ist alles, und wo alles ist, da ist eins. 
Das ist eine sichere Wahrheit. Wo die Seele 
ist, da ist Gott,, und wo Gott ist, da ist die 
Seele. Und sagte ich, dass es nicht so sei, so 
spräche ich unrecht. 



Vom persönlichen Wesen. 145 

Fürwahr, nun achtet auf ein Wörtlein, das 
halte ich gar wert, denn ich gedenke dessen, wie 
eins er mir ist, als ob er aller Kreatur ver- 
gessen habe und nicht mehr sei als ich allein. 
Nun bittet für die, die mir empfohlen sind! Die 
da um ein Teil Gottes oder um Gott bitten, die 
bitten unrecht; wenn ich um nichts bitte, so 
bitte ich recht, und das Gebet ist recht und ist 
kräftig. Wer irgend etwas anderes bittet, der 
betet einen Abgott an, und man könnte sagen, 
es wäre lauter Ketzerei. Ich bitte nie so wohl 
als wenn ich um nichts bitte und für niemand, 
weder für Heinrich noch für Konrad. Die wahren 
Anbeter beten Gott in der Wahrheit an und im 
Geist [nämlich im heiligen Geist]; was Gott in 
der Kraft ist, das sind wir im Bilde. Da er- 
kennen wir wie wir erkannt sind, und lieben wie 
wir geliebt sind. Das ist auch ohne Werk, denn 
die Seele ist da eins mit dem Bilde und wirkt 
in der Kraft als Kraft; sie ist auch eins mit den 
Personen und besteht im Vermögen des Vaters 
und in der Weisheit des Sohnes und in der Güte 
des heiligen Geistes. Dies ist alles noch Werk 
in den Personen; das Wesen darüber aber ist 
ohne Werk, sondern da ist alles eins, Wesen und 
Werk, wo sie in Gott ist, ja wo die Personen 
in das Wesen hineinreichen, da ist Werk und 
Wesen eins, da liebt sie die Personen, sofern sie 

10 



Meister Eckhart. 146 

im Wesen innen bleiben und nie herauskommen, 
da ist ein reines wesenhaftes Bild, es ist die wesen- 
hafte Vernünftigkeit Gottes, der die reine Kraft des 
Lebendigen ist, intellectus, was die Meister ein 
Vernehmendes nennen. Nun passt wohl auf. Da- 
rum liebt sie erst das reine absolucio des freien 
Wesens, das ohne Ort ist, das nicht liebt und nicht 
gibt, es ist die blosse Istigkeit, die alles Wesens 
und aller Istigkeit beraubt ist. Da liebt sie Gott 
bloss nach dem Grunde, da wo er ist, über alle 
Wesen. Wäre da noch Wesen, so nähme sie Wesen 
in Wesen; es ist da nichts als ein Grund. Dies 
ist die höchste Vollkommenheit des Geistes, wozu 
man in diesem Leben in der Art des Geistes 
kommen kann. Aber das ist nicht die höchste Voll- 
kommenheit, die wir jemals mit Leib und Seele 
erreichen sollen, dass der gequälte Mensch all- 
zumal in dieser Unterkunft festgehalten werde, 
ein persönliches Wesen habe — sowie die Mensch- 
heit und die Gottheit Chrisü ein persönliches 
Wesen ist — dass ich nun darin Unterkunft habe, 
dass ich das persönliche Wesen selber sei all- 
zumal in meinem Selbstbewusstsein verharrend — 
wo ich doch in der Art des Geistes, in dem 
Grunde, eins bin, so wie der Grund selbst ein 
Grund ist — und dass ich hinwiederum in meinem 
äusseren Wesen dasselbe persönliche Wesen sei, 
das seines Selbstbewusstseins völlig beraubt sei: 



Vom persönlichen Wesen. 147 

dieses persönliche Wesen, Mensch-Gott, entwächst 
vielmehr und schwebt über den äusseren Men- 
schen hinaus, so weit, dass er ihm nicht mehr 
folgen kann. Bleibt er in sich selbst stehen, so 
empfängt er wohl den Einfluss der Gnade von 
dem persönlichen Wesen in mancherlei Weise, 
Süssigkeit, Trost und Innigkeit, und das ist gut, 
aber es ist nicht das Höchste. Bleibt er also 
in sich selbst in der Unterkunft seiner selbst, so 
empfängt er wohl Trost aus Gnade und mit der 
Wirkung der Gnade, aber das ist nicht sein Bestes ; 
dann müsste der innere Mensch sich nach Geistes- 
art aus dem Grunde, in dem er eins ist, heraus- 
biegen und müsste sich dem gnadenhaften Wesen 
zuwenden, von dem er Gnade empfängt. Darum 
kann der Geist so niemals vollkommen werden, 
Leib und Seele werden vollendet, wenn der innere 
Mensch in der Art des Geistes seinem eigenen 
Wesen entrinnt, dahin, wo er im Grunde ein 
Grund ist; und ebenso muss auch der äussere 
Mensch der eigenen Unterkunft beraubt werden 
und allzumal in dem ewigen persönlichen Wesen 
aufgehen, das ein und dasselbe persönliche Wesen 
ist. Nun sind hier zwei Wesen. Das eine Wesen 
ist in der Gottheit das blosse substanzliche Wesen ; 
das andere das persönliche Wesen, und ist doch 
ein Untergrund: denn derselbe Untergund, 
Christi Persönlichkeit, ist auch der Untergrund 

10' 



Meister Eckhart. 148 

der Seele, die Stätte des ewigen Menschtums, und 
diese Unterkunft ist ein Christus, das leiblich 
Seiende wie das Selbstbewusstsein der Person. 
Daher wollen wir auch eben dieser Christus sein, 
damit wir ihm in den Werken nachfolgen, wie 
er in dem Wesen ein Christus in menschlicher 
Art ist; denn da ich mit meinem Menschtum die- 
selbe Art bin, so bin ich mit dem persönlichen 
Wesen dergestalt vereinigt, dass ich aus Gnade 
in dem persönlichen Wesen eins und das per- 
sönliche Wesen selber bin, denn Gott bleibt ewig- 
lich im Grunde des Vaters und ich in ihm, ein 
Grund und ein und derselbe Christus, eine Stätte 
meines Menschtums; es ist ebensosehr mein wie 
sein in einer Verkörperung des ewigen Wortes, 
auf dass beide Wesen, Leib und Seele, in einem 
Christus vollendet werden, ein Gott, ein Sohn. 
Dass uns das geschehe, das walte Gott. 



II. 
Traktate. 



1. 
Von den Stufen der Seele. 

Wer zu seiner höchsten Stufe und zur An- 
schauung des obersten Gutes, das Gott selbst ist, 
gelangen will, der soll ein Kennen seiner selbst 
und der Dinge, die über ihm sind, haben, bis zum 
höchsten, so kommt er zur höchsten reinen Er- 
kenntnis. Darum, lieber Mensch, lerne dich selbst 
erkennen, denn das ist dir besser als wenn du 
die Kraft aller Kreaturen erkenntest. Wie du dich 
selbst erkennen sollst, dafür merke zweierlei Weise. 

Zum ersten sollst du darauf achten, ob deine 
äusseren Sinne an ihrer Stelle wohlgeordnet sind. 
Seht, nun merkt, wie es um unsre äussern Sinne 
steht. Die Augen sind allzeit ebenso bereit das 
Böse zu sehen wie das Gute. Ebenso ist das Gute 
auch von den Ohren zu hören, und ebenso können 
auch die andern Sinne wahrnehmen. Daher sollt 
ihr euch eifrig und mit grossem Ernst zu guten 
Dingen zwingen. So viel von äussern Sinnen. 

Nun vernehmet von den innern Sinnen, das 



Meister Eckhart. 152 

sind die Kräfte einer höheren Stufe, die in der 
Seele sind, die niedersten und die obersten. Nun 
erfahret von den niedersten Kräften. Die sind 
Mittel der obersten Kräfte und der äusseren Sinne. 
Darum sind sie den äussern Sinnen so nahe ge- 
legen: was das Auge sieht und das Ohr hört, 
das bringen sie sofort in das Begehren. Ist es 
dann eine geordnete Sache, so bringt das Be- 
gehren es sofort in eine zweite Kraft, die heisst 
Anschauung. Die schaut es an und bringt es 
wiederum weiter zur dritten, die heisst Vernünf- 
tigkeit. So wird es immer reiner, bevor es in die 
obersten Kräfte kommt. Die Kraft der Seele steht 
auf so hoher Stufe, dass sie es ohne Gleichnis 
und ohne Bild wahrnimmt und es in die obersten 
Kräfte hinaufträgt. Da wird es im Gedächtnis 
aufbewahrt und im Verstände verstanden und im 
Willen erfüllt. Das sind die obersten Kräfte der 
Seele, und sie sind in einer Natur. Und alles 
was die Seele wirkt, das wirkt auch die einfache 
Natur in den Kräften. 

Nun merkt auf, wie die Seele zu ihrer obersten 
Stufe und ihrer grössten Vollendung kommt. Es 
sagt ein Meister: Gott wird in die Seele getragen 
und versetzt. So entspringt ein göttlicher Liebes- 
quell in der Seele, der trägt die Seele zu Gott 
zurück. Seht, ihr sollt erfahren, wie das sei. Es 
sagt ein Heiliger : Alles was man von Gott sprechen 



Von den Stufen der Seele. 153 

kann, das ist Gott nicht. Und es spricht ein an- 
derer Heiliger : Alles was man von Gott sprechen 
kann, das ist Gott. Und endlich spricht ein grosser 
Meister, dass sie beide die Wahrheit sagen. Wie 
diese drei Heiligen sprechen, so spreche ich das 
Folgende: Wenn die Seele mit ihrem Verstände 
etwas vom göttlichen Verstände versteht, so wird 
es dann sofort dem Willen übergeben. So nimmt 
es der Wille in sich und wird eins damit und 
alsdann erst bringt und versetzt er es in das Ge- 
dächtnis. Auf diese Weise wird Gott in die Seele 
getragen und versetzt. Fürwahr, nun vernehmet 
von dem göttlichen Liebesquell. Er fliesst in der 
Seele über, so dass sich die obersten Kräfte in 
die niedersten ergiessen, und diese ergiessen sich 
in den äussern Menschen und erheben ihn aus 
aller Niedrigkeit, so dass er nichts wirken mag als 
geistige Dinge. Wie der Geist wirkt gemäss gött- 
lichen Werken, so muss der äussere Mensch ge- 
mäss dem Geiste wirken. 

O Wunder über Wunder, wenn ich an die 
Vereinigung denke, die die Seele mit Gott hat! Er 
macht die Seele wonnefreudig, aus sich selbst 
zu fliessen, denn alle genannten Dinge genügen 
ihr nicht. Und da sie selbst eine genannte Natur 
ist, darum genügt sie sich selbst nicht. Der gött- 
liche Liebesquell fliesst auf die Seele und zieht 
sie aus sich selbst in das ungenannte Wesen in 



Meister Eckhart. 154 

ihren ersten Ursprung, der Gott allein ist. Ob- 
wohl ihm die Kreatur Namen gegeben hat, so 
ist er doch an sich selbst ein ungenanntes Wesen. 
So kommt die Seele in ihre höchste Vollendung. 

Fürwahr, Herzensfreunde, nun höret weiter 
von den Stufen der Seele. Es sagt Sankt Augustin : 
gerade wie es um Gott ist, so ist es auch um die 
Seele. Seht, wie sie gebildet ist nach dem Bilde 
der heiligen Dreifaltigkeit, das erfahret bei der 
Auslegung Gottes. 

Gott ist dreifach von Personen und ist ein- 
fach von Natur. Gott ist auch an allen Orten 
und an jedem ist Gott zugleich. Das heisst so 
viel, als ob alle Orte ein Ort Gottes wären. 
So steht es auch um die Seele. Gott hat Vor- 
sehung aller Dinge und bildet alle Dinge in seiner 
Vorsehung. Das alles ist Gott natürlich. So steht 
es auch um die Seele. Sie ist auch dreifach an 
Kräften und einfach von Natur. Die Seele ist 
auch in allen Gliedmassen und in jedem Glied 
ist sie zugleich. Daher sind alle Glieder ein Ort 
der Seele. Sie hat auch Vorsehung und bildet die 
Dinge, die ihr möglich sind. Von allem, was 
man von Gott sprechen kann, hat die Seele etwas 
Gleichnis. 

Nun will ich sprechen von einer reinen Gottes- 
erkenntnis. Ich habe euch im Auge, Bruder und 
Schwester, weil ihr Gottes allerbeste Freunde seid 



Von den Stufen der Seele. 155 

und ihm allertrautest von allen, die hier zuhören. 
Das Fliessen ist in der Gottheit eine Einheit der 
drei Personen ohne Unterscheidung. In dem- 
selben Fluss fliesst der Vater in den Sohn, und 
der Sohn fliesst zurück in den Vater und sie 
beide fliessen in den heiligen Geist, und der hei- 
lige Geist fliesst zurück in sie beide. Darum spricht 
der Vater seinen Sohn und spricht sich in seinem 
Sohne allen Kreaturen, alles in diesem Fliessen. 
Wo sich der Vater wieder in sich zurückwendet, 
da spricht er sich selbst in sich selbst. Auf diese 
Weise ist der Fluss in sich selbst zurückgeflossen, 
wie Sankt Dionysius sagt. Darum ist dieser Fluss 
in der Gottheit ein Sprechen ohne Wort und 
ohne Laut, ein Hören ohne Ohren, ein Sehen 
ohne Augen. Darum spricht sich jede Person 
in der andern ohne Wort in dem Flusse. Darum 
ist es ein Fluss ohne Fliessen. Hiervon vernehmet 
ein Gleichnis von der edeln Seele, die hat etwas 
in sich, was diesem Fluss besonders gleich ist: 
wo die obersten Kräfte und die Natur eine Eigen- 
schaft tragen, da fliesst jede in die andere und 
spricht sich ohne Wort und ohne Laut. Selig 
sei die Seele, die da zur Anschauung des ewigen 
Lichtes kommt. 

Nun könnte man sprechen : „Das ist alles 
schön und wohl gesprochen. Herzensfreund, wie 
geschieht das nun, dass ich zu der Stufe ge- 



Meister Eckhart. 156 

lange, von der du geschrieben hast? Seht, ihr 
müsst wissen : Gott ist was er ist, und was er ist, 
ist mein, und was mein ist, das liebe ich, und 
was ich liebe, das liebt mich und zieht mich an 
sich, und was mich angezogen hat, dem gehöre 
ich mehr als mir selbst. Seht, darum liebet Gott, 
dann werdet ihr Gott mit Gott. Davon will ich 
nichts weiter sagen. 

Die auf sich selbst verzichtet haben, und Gott 
in der rechten Entblösstheit nachfolgen, wie 
könnte das Gott lassen, er muss ja seine Gnade 
in die Seele giessen, die sich so in der Liebe ver- 
nichtet hat. Er giesst seine Gnade in sie und 
erfüllt sie und gibt sich ihr selbst in Gnaden hin. 

Da schmückt Gott die Seele mit sich selbst, 
gerade wie das Gold mit edlem Gestein ge- 
schmückt wird. Dann bringt er die Seele in die 
Anschauung seiner Gottheit. Das geschieht in der 
Ewigkeit und nicht in der Zeit. Doch hat sie 
einen Vorgeschmack in der Zeit, dadurch dass 
hier von diesem heiligen Leben gesprochen worden 
ist. Das ist darum geschehen, damit ihr das wisst, 
dass niemand zur höchsten Stufe der Erkenntnis 
und des Lebens gelangen kann, ohne freiwilliger 
Armut nachzugehn und den Armen gleich zu 
sein. Das ist für alle Leute das Allerbeste. Nun 
loben wir Gott um seiner ewigen Güte willen. 



Von den Stufen der Seele. 157 

und bitten ihn, er möge uns schliesslich bei sich 
aufnehmen. Dazu verhelfe uns der Vater und der 
Sohn und der heilige Geist. Amen. 



Gespräch zwischen Schwester 
Kathrei und dem Beichtvater. 

Der Beichtvater geht oft zu der Tochter und 
spricht: Sage mir, wie geht es dir jetzt. — Sie 
spricht: Es geht mir übel; mir ist Himmel und 
Erde zu eng. — Er bittet sie, ihm etwas zu 
sagen. Sie spricht: Ich weiss nicht, was so klar 
ist, dass ich es sagen könnte. — Er spricht: Tu es 
Gott zulieb, sage mir ein Wort. — Er gewinnt 
ihr mit vielem Bitten ein Wörtlein ab. Da redete 
sie mit ihm so wunderbar und so tiefe Sprüche 
von der nackten Findung göttlicher Wahrheit, dass 
er spricht: Weisst du, das ist allen Menschen 
unbekannt, und wäre ich nicht ein so grosser 
Gelehrter, dass ich es selbst in der Gotteswissen- 
schaft gefunden hätte, so wäre es mir auch un- 
bekannt. — Sie spricht: Das gönne ich euch 
schlecht; ich wollte, ihr hättet's mit dem Leben 
gefunden. — Er spricht: Du sollst wissen, dass 



Schwester Kathrei und der Beichtvater. 159 

ich davon so viel gefunden habe, dass ich es so 
gut weiss, wie ich es weiss, dass ich heute die 
Messe gelesen habe. Aber dass ich es nicht mit 
dem Leben in Besitz genommen habe, das ist 
mir leid. — Die Tochter spricht: Bittet Gott für 
mich, und geht wieder in ihre Einsamkeit zurück 
und verkehrt mit Gott. Es dauert aber nicht lange, 
so kommt sie wieder vor die Pforte, fragt nach 
ihrem würdigen Beichtvater und spricht: Herr, 
freuet euch mit mir, ich bin Gott geworden. — 
Er spricht: Gott sei gelobt! Geh weg von allen 
Leuten in deine Einsamkeit, bleibst du Gott, ich 
gönne ihn dir gern. — Sie ist dem Beichtvater ge- 
horsam und geht in die Kirche in einen Winkel. 
Da kam sie dazu, dass sie alles dessen vergass, 
was je Namen trug, und ward so fern aus sich 
selbst und aus allen erschaffenen Dingen her- 
ausgezogen, dass man sie aus der Kirche tragen 
musste, und sie lag bis an den dritten Tag, und 
sie hielten sie für sicherlich tot . Der Beichtvater 
sprach : Ich glaube nicht, dass sie tot ist. — Wisset, 
wäre der Beichtvater nicht gewesen, so hätte man 
sie begraben. Man versuchte es mit allem, was 
man nur wusste, aber man konnte nicht finden, 
ob die Seele noch in dem Körper sei. Man 
sprach: Sie ist sicher tot. — Der Beichtvater 
sprach: Nein, gewiss nicht. — Am dritten Tag 
kam die Tochter wieder zu sich. Sie sprach : Ach, 



Meister Eckhart. 160 

ich Arme, bin ich wieder hier? — Der Beicht- 
vater war alsbald da und redete zu ihr und sprach : 
Lass mich göttUchen Wortes geniessen und tue 
mir kund, was du gefunden. — Sie sprach: Gott 
weiss wohl, ich kann nicht. Was ich gefunden 
habe, das kann niemand in Worte fassen. — Er 
sprach: Hast du nun alles, was du willst? — Sie 
sprach : Ja, ich bin bewähret. — Er sprach : Wisse, 
diese Rede höre ich gerne, liebe Tochter, rede 
weiter. — Sie sprach: Wo ich stehe, da kann 
keine Kreatur in kreatürlicher Weise hinkommen. 
— Er sprach : Berichte mich besser. — Sie sprach : 
Ich bin da, wo ich war, ehe ich geschaffen wurde, 
da ist bloss Gott und Gott. Da gibt es weder 
Engel noch Heilige, noch Chöre, noch Himmel. 
Manche Leute sagen von acht Himmeln und von 
neun Chören; davon ist da nichts, wo ich bin. 
Ihr sollt wissen, alles was man so in Worte fasst 
und den Leuten mit Bildern vorlegt, das ist nichts 
als ein Mittel zu Gott zu locken. Wisset, dass 
in Gott nichts ist als Gott; wisset, dass keine 
Seele in Gott hineinkommen kann, bevor sie nicht 
so Gott wird, wie sie Gott war, bevor sie ge- 
schaffen wurde. — Er sprach: Liebe Tochter, 
du sprichst wahr. Nun tu es um Gottes willen 
und rate mir deinen nächsten Rat, wie ich dazu 
komme, dass ich dies Gut besitze. — Sie sprach : 
Ich gebe euch einen getreuen Rat. Ihr wisset wohl, 



Schwester Kathrei und der Beichtvater. 161 

dass alle Kreaturen von Nichts geschaffen sind 
und wieder zu Nichts werden müssen, ehe sie in 
ihren Ursprung kommen. — Er sprach: Das ist 
wahr. — Sie sprach: So ist euch genug gesagt. 
Prüfet, was ist Nichts ? — Er sprach : Ich weiss, 
was Nichts ist, und weiss wohl, was weniger ist 
als Nichts. Das sollst du so verstehn : alle ver- 
gänglichen Dinge sind vor Gott nichts. Wer also 
Vergängliches übt, der ist weniger als Nichts. — 
Warum? — Er ist des Vergänglichen Knecht. 
Nichts ist Nichts. Wer dem Nichts dient, ist 
weniger als Nichts. — Sie sprach : Das ist wahr. 
Danach richtet euch, wenn ihr zu eurem Gut 
kommen wollt, und ihr sollt euch vernichten unter 
euch selbst und unter alle Kreatur, so dass ihr 
nichts mehr zu tun findet, damit Gott in euch 
wirken könne. — Er sprach : Du sagst die Wahr- 
heit. Ein Meister spricht: „Wer Gott als seinen 
Gott liebt und Gott als seinen Gott anbetet und 
sich damit genügen lässt, das ist für mich ein 
ungläubiger Mensch." — Sie sprach : Selig sei 
der Meister, der dies je gesprochen hat: er er- 
kannte die Wahrheit. Ihr sollt wissen, wer sich 
damit genügen lässt, mit dem, was man in Worte 
fassen kann : Gott ist ein Wort, Himmelreich ist 
ein Wort; wer nicht weiter kommen will mit den 
Kräften der Seele, mit Erkenntnis und mit Liebe, 
als je in Worte gefasst ward, der soll mit Fug 
ein Ungläubiger heissen. n 



Meister Eckhart. 162 

Was man in Worte fasst, das begreifen die 
niedersten Sinne oder Kräfte der Seele. Damit be- 
gnügen sich die obersten Kräfte der Seele nicht: 
sie dringen immer weiter voran, bis sie in den 
Ursprung kommen, woraus die Seele geflossen ist. 
Ihr sollt aber wissen, dass die Kraft der Seele 
nicht in den Ursprung kommen kann. Wenn die 
Seele in ihrer Majestät über allen geschaffenen 
Dingen vor dem Ursprung steht, so bleiben alle 
Kräfte draussen. Das sollt ihr so verstehen. Es 
ist die Seele nackt und aller namentragenden Dinge 
entblösst, so steht sie eins in einem, so dass sie 
ein Vorwärtsgehen in der blossen Gottheit hat, 
wie das Oel auf dem Tuche, das läuft immer 
weiter: so läuft die Seele weiter und fliesst immer 
vorwärts, solange als Gott das angeordnet hat, 
dass sie dem Leib in der Zeit Wesen geben muss. 
Wisset, solange der gute Mensch auf Erden lebt, 
solange hat seine Seele Fortgang in der Ewigkeit. 
Darum haben gute Menschen das Leben lieb. 
Wie die Guten hinaufgehen, so gehen die Bösen, 
die in Fehlern sind, hinab. — Fürwahr, liebe 
Tochter, nun erkläre mir: Man spricht von der 
Hölle und vom Fegefeuer und vom Himmelreich, 
und davon lesen wir gar viel. Nun lesen wir aber 
auch, dass Gott in allen Dingen ist und alle Dinge 
in Gott. — Sie sprach: Das sage ich dir gerne, 
soweit ich's in Worte fassen kann. Hölle ist nichts 



Schwester Kathrei und der Beichtvater. 163 

als ein Wesen. Was hier das Wesen der Leute 
ist, das bleibt ihr Wesen in Ewigkeit, so wie sie 
drin gefunden werden. Eine Menge Leute glauben, 
sie hätten hier ein Wesen der Kreatur und dort 
besässen sie ein göttliches Wesen. Das kann nicht 
sein. Wisset, dass darin sich viele Leute täuschen. 
Das Fegefeuer ist ein angenommenes Ding wie 
eine Busse, das nimmt ein Ende. Man spricht 
vom jüngsten Tage, dass Gott da Urteil sprechen 
soll. Das ist wahr. Es ist aber nicht so, wie die 
Leute wähnen. Jeder Mensch urteilt über sich 
selbst: wie er da in seinem Wesen erscheint, so 
soll er ewighch bleiben. — Die Tochter redete 
immer weiter und kam mit der Rede auf Gott 
und sprach so viel von Gott, dass der Beicht- 
vater nur immer sprach : Liebe Tochter, rede 
weiter. — Die Tochter sagte ihm so viel von der 
Grösse Gottes und seiner Macht und seiner Vor- 
sehung, dass er von allen seinen äussern Sinnen 
kam, und man ihn in eine stille Zelle tragen 
musste, und da lag er eine lange Zeit, ehe er 
wieder zu sich kam. Als er wieder zu sich ge- 
kommen war, hatte er Begierde, dass die Tochter 
zu ihm käme. Die Tochter kam zu dem Beicht- 
vater und sprach: Wie geht es euch jetzt? — 
Er sprach: Von Herzen gut. Gelobt sei Gott, 
dass er dich je zu einem Menschen schuf! Du 
hast mir den Weg zu meiner ewigen Seligkeit 

11* 



Meister Eckhart. 164 

gewiesen, ich bin zur Anschauung Gottes ge- 
kommen, und mir ist ein wahres Wissen alles 
dessen gegeben, was ich von deinem Munde ge- 
hört habe. Fürwahr, liebe Tochter, gedenke der 
Liebe, die du von Gott hast, und hilf mir mit 
Worten und mit Werken, dass ich da, wo ich 
jetzt bin, ein Bleiben erlange. — Sie sprach: 
Wisset, das kann nicht sein. Ihr habt nicht die 
rechte Natur dazu. Wenn eure Seele und eure 
Kräfte in gewohnter Weise den Weg auf und 
nieder gehen, wie ein Gefolge an einem Hofe 
aus und eingeht, und ihr das himmlische Gefolge 
und alles, was Gott je schuf, so gut zu unter- 
scheiden versteht, wie ein Mann sein Gefolge 
kennt, dann sollt ihr den Unterschied zwischen 
Gott und der Gottheit prüfen. Dann erst sollt 
ihr danach trachten, dass ihr bewährt werdet. 
Ihr sollt euch nicht verirren, ihr sollt mit den 
Kreaturen Kurzweil suchen, dass ihr keinen 
Schaden davon nehmt und auch sie von euch 
keinen Schaden erleiden. Hiermit sollt ihr eure 
Kräfte heben, damit ihr nicht in Raserei verfallet. 
Dies sollt ihr so oft tun, bis die Kräfte der Seele 
gereizt werden, bis ihr in das Wissen gelangt, 
von dem wir vorhin geredet haben. — Gelobt 
und geehrt sei der süsse Name unsres Herrn 
Jesu Christi. Amen. 



3. 

Von der Abgeschiedenheit. 

Ich habe viele Schriften gelesen, von heid- 
nischen Meistern und von Propheten, und vom 
alten und neuen Bund, und habe mit Ernst und 
ganzem Fleiss gesucht, was die beste und höchste 
Tugend sei, mit der der Mensch sich auf dem 
nächsten Wege zu Gott verfügen könnte, und 
mit der der Mensch ganz gleich wäre dem Bilde, 
wie er in Gott war, indem zwischen ihm und Gott 
kein Unterschied war, bevor Gott die Kreaturen 
erschuf. Und wenn ich alle Schriften durch- 
forsche, so gut meine Vernunft zu ergründen 
und erkennen vermag, so finde ich nichts an- 
deres als reine Abgeschiedenheit, die aller Krea- 
turen entledigt ist. Darum sprach unser Herr 
zu Martha: „unum est necessarium," das heisst 
so viel wie: wer ungetrübt und rein sein will, 
der muss eines haben, und das ist Abgeschieden- 
heit. 

Die Lehrer loben gar gewaltig die Liebe, wie 



Meister Eckhart. 166 

zum Beispiel Sankt Paulus mit den Worten : „Was 
ich auch üben mag, habe ich nicht Liebe, so 
habe ich gar nichts." Ich aber lobe die Abge- 
schiedenheit mehr als alle Liebe. Zum ersten da- 
rum, weil das Gute an der Liebe ist, dass sie 
mich zwingt, Gott zu lieben. Nun ist es viel mehr 
wert, dass ich Gott zu mir zwinge als dass ich 
mich zu Gott zwinge. Und das kommt daher, dass 
meine ewige SeHgkeit daran liegt, dass ich und 
Gott vereinigt werden; denn Gott kann sich 
passender mir anpassen und besser mit mir ver- 
einigen, als ich mit ihm. Dass Abgeschiedenheit 
Gott zu mir zwingt, das bewähre ich damit: ein 
jedes Ding ist doch gerne an seiner natürlichen 
Eigenstätte. Nun ist Gottes natürhche Eigenstätte 
Einfachheit und Reinheit; die kommen von der 
Abgeschiedenheit. Darum muss Gott notwendig 
sich selbst einem abgeschiedenen Herzen hin- 
geben. — Zum zweiten lobe ich die Abgeschieden- 
heit mehr als die Liebe, weil die Liebe mich dazu 
zwingt, alles um Gottes willen auf mich zu 
nehmen, während die Abgeschiedenheit mich dazu 
zwingt, dass ich für nichts empfängHch bin als 
für Gott. Nun steht es aber viel höher, für gar 
nichts als Gott empfänglich zu sein, als um 
Gottes willen alles zu tragen. Denn in dem Leiden 
hat der Mensch noch einen Hinblick auf die Krea- 
tur, von der er zu leiden hat. Die Abgeschieden- 



Von der Abgeschiedenheit. 167 

heit dagegen ist aller Kreatur entledigt. Dass 
aber die Abgeschiedenheit für nichts als für Gott 
empfänghch ist, das beweise ich: denn was emp- 
fangen werden soll, dass muss irgendworin emp- 
fangen werden. Nun ist aber die Abgeschieden- 
heit dem Nichts so nahe, dass kein Ding so zier- 
Hch ist, dass es in der Abgeschiedenheit enthalten 
sein kann als Gott allein. Der ist so einfach und 
zierlich, dass er wohl in dem abgeschiedenen 
Herzen sich aufhalten kann. 

Die Meister loben auch die Demut vor vielen 
andern Tugenden. Ich lobe die Abgeschiedenheit 
vor aller Demut, und zwar darum. Die Demut 
kann ohne die Abgeschiedenheit bleiben ; dagegen 
gibt es keine vollkommene Abgeschiedenheit ohne 
vollkommene Demut. Denn vollkommene Demut 
zielt auf ein Vernichten seiner selbst; nun be- 
rührt sich aber die Abgeschiedenheit so nahe mit 
dem Nichts, dass zwischen ihr und dem Nichts 
kein Ding mehr sein kann. Daher kann es keine 
vollkommene Abgeschiedenheit ohne Demut 
geben, und zwei Tugenden sind immer besser als 
eine. Der andere Grund, warum ich die Abge- 
schiedenheit der Demut vorziehe, ist das, dass 
die vollkommene Demut sich selbst unter alle 
Kreaturen beugt, und eben damit begibt sich der 
Mensch aus sich selbst zu den Kreaturen. Aber 
die Abgeschiedenheit bleibt in sich selbst. Nun 



Meister Eckhart. 168 

aber kann kein Hinausgehen jemals so hoch stehen 
wie das Darinbleiben in sich selbst. Die voll- 
kommene Abgeschiedenheit achtet auf nichts und 
neigt sich weder unter noch über eine Kreatur; 
sie will nicht unten noch oben sein; sie will so 
für sich selbst verharren, niemand zu Lieb und 
niemand zu Leid, und will weder Gleichheit noch 
Ungleichheit, noch dies noch das mit irgend einer 
Kreatur gemein haben, sie will nichts anderes als 
allein sein. Daher werden keinerlei Dinge von 
ihr belästigt. 

Ich ziehe auch die Abgeschiedenheit allem 
Mitleid vor, denn das Mitleid ist nichts anderes, 
als dass der Mensch aus sich selbst heraus zu 
den Gebresten seines Mitmenschen . geht und da- 
von sein Herz betrüben lässt. Dessen steht die 
Abgeschiedenheit ledig und bleibt in sich selbst 
und lässt sich durch nichts betrüben. Kurz ge- 
sagt: wenn ich alle Tugenden betrachte, so finde 
ich keine so ganz ohne Fehler und so zu Gott 
führend wie die Abgeschiedenheit. 

Ein Meister, namens Avicenna spricht: Die 
Stufe des Geistes, der abgeschieden ist, ist so 
hoch, das alles, was er schaut, wahr ist, und 
was er begehrt, wird ihm gewährt, und wo er ge- 
bietet, da muss man ihm gehorsam sein. Und 
ihr sollt das fürwahr wissen : wenn der freie Geist 
in rechter Abgeschiedenheit steht, so zwingt er 



Von der Abgeschiedenheit. 169 

Gott zu seinem Wesen; und könnte er formlos 
und ohne allen Zustand sein, so nähme er Gottes 
Eigenschaft an. Das kann aber Gott niemandem 
geben als sich selbst; daher kann Gott dem ab- 
geschiedenen Geiste nicht mehr tun, als dass er 
sich ihm selbst gibt. Und der Mensch, der in so 
ganzer Abgeschiedenheit steht, wird so in die 
Ewigkeit verzückt, dass ihn kein vergängliches 
Ding bewegen kann, dass er nichts empfindet, 
was körperlich ist, und der Welt tot heisst, denn 
er empfindet und schmeckt nichts, was irdisch 
ist. Das meinte Sankt Paulus, als er sprach : „Ich 
lebe und lebe doch nicht, Christus lebt in mir." 
Nun könntest du fragen, was denn die Abge- 
schiedenheit sei, wenn sie so edel an sich selbst 
ist? Nun sollst du erfahren, dass richtige Abge- 
schiedenheit nichts anderes ist als dass der Geist 
gegen alle Umstände, sei es Freude oder Leid, 
Ehre, Schande oder Schmach, so unbeweglich 
bleibt, wie ein breiter Berg gegen einen kleinen 
Wind. Diese unbewegliche Abgeschiedenheit 
bringt den Menschen in die grösste Gleichheit mit 
Gott. Denn dass Gott Gott ist, das hat er von 
seiner unbeweglichen Abgeschiedenheit, und da- 
von hat er seine Reinheit und seine Einfachheit 
und seine Unwandelbarkeit. Will daher der 
Mensch Gott gleich werden, soweit eine Krea- 
tur Gleichheit mit Gott haben kann, so muss 



Meister Eckhart. 170 

er abgeschieden sein. Und du sollst wissen: 
leer sein aller Kreaturen ist Gottes voll sein, und 
voll sein aller Kreatur ist Gottes leer sein. Du 
sollst ferner wissen, dass Gott in dieser unbe- 
weglichen Abgeschiedenheit vorweltlich gestanden 
ist und noch steht, und sollst wissen, als Gott 
Himmel und Erde erschuf und alle Kreaturen, 
das ging seine unbewegliche Abgeschiedenheit so 
wenig an, als ob er nie Kreaturen geschaffen hätte. 
Ich sage noch mehr: von allen Gebeten und 
guten Werken, die der Mensch in der Zeit wirken 
kann, wird Gottes Abgeschiedenheit so wenig be- 
wegt, als ob nirgends in der Zeit ein Gebet oder 
ein gutes Werk geschähe, und Gott wird gegen 
den Menschen dadurch so wenig huldvoller oder 
geneigter, wie wenn das Gebet oder die guten 
Werke nicht vor sich gegangen wären. Ich sage 
noch mehr : als der Sohn in der Gottheit Mensch 
werden wollte und ward und die Marter erlitt, 
das ging die unbewegliche Abgeschiedenheit 
Gottes so wenig an, als ob er nie Mensch ge- 
worden wäre. Nun könntest du sagen: So höre 
ich wohl, dass alles Gebet und alle guten Werke 
verloren sind, wenn sich Gott ihrer nicht an- 
nimmt, und dass ihn niemand damit bewegen 
kann, und man sagt doch, Gott will um alle 
Dinge gebeten werden. Hier sollst du wohl auf 
mich achten und mich recht verstehn (wenn es 



Von der Abgeschiedenheit. 171 

dir möglich ist), dass Gott mit seinem ersten 
Blick (wenn wir von einem ersten Blick da reden 
wollen) alle Dinge ansah, wie sie geschehen 
sollten, und mit demselben Blick sah, wann und 
wie er die Kreaturen erschaffen sollte. Er sah 
auch das geringste Gebet und gute Werk, das 
jemand je tun würde, und sah an, welches Ge- 
bet und welche Andacht er erhören sollte; er 
sah, dass du ihn morgen eifrig anrufen und mit 
rechtem Ernst bitten wirst, und dieses Anrufen 
und Gebet wird Gott nicht morgen erhören, denn 
er hat es in seiner Ewigkeit gehört, bevor du 
Mensch wurdest. Ist aber dein Gebet nicht ver- 
nünftig oder ohne Ernst, so wird es dir Gott 
nicht jetzt versagen, denn er hat es dir in seiner 
Ewigkeit versagt. So hat Gott mit seinem ersten 
ewigen Blick alle Dinge angesehen und wirkt 
gar nichts um eines Warums willen, denn es ist 
alles ein vorgewirktes Ding. Und so steht Gott 
allezeit in seiner unbeweglichen Abgeschiedenheit, 
während doch darum der Leute Gebet und gute 
Werke nicht verloren sind, denn wer recht tut, 
dem wird auch recht gelohnt. PhiHppus sagt: 
„Gott Schöpfer hält die Dinge in dem Lauf und 
der Ordnung, die er ihnen im Anfang gegeben 
hat." Denn bei ihm ist nichts vergangen und 
auch nichts künftig, und er hat alle Heiligen ge- 
liebt, wie er sie vorhergesehen hat, ehe die Welt 



Meister Eckhart. 172 

ward. Und wenn es dazu kommt, dass sich das 
in der Zeit zeigt, was er in der Ewigkeit an- 
gesehen hat, so wähnen die Leute, Gott habe 
sich eine neue Liebe beigelegt; und wenn er 
zürnt oder etwas Gutes tut, so werden wir ge- 
wandelt, er aber bleibt unwandelbar, wie der 
Sonnenschein den kranken Augen weh und den 
gesunden wohl tut, und bleibt doch für sich 
selbst unwandelbar derselbe Schein. Gott sieht 
nicht die Zeit, und in seinem Sehen geschieht 
auch keine Erneuerung. In diesem Sinne spricht 
auch Isidorus in dem Buch vom obersten Gute: 
Es fragen viele Leute, was Gott tat, ehe er Himmel 
und Erde erschuf, oder woher der neue Wille 
in Gott kam, dass er die Kreaturen schuf? und 
antwortete folgendes: Es stand nie ein neuer 
Wille in Gott auf, denn obwohl es richtig ist, 
dass die Kreatur nicht für sich selbst war, wie 
sie jetzt ist, so war sie doch vorweltlich in Gott 
und seiner Vernunft. Gott schuf nicht Himmel 
und Erde, wie wir vergänglich sagen, dass sie 
wurden, sondern alle Kreaturen sind in dem 
ewigen Worte gesprochen. Nun könnte ein 
Mensch fragen : Hatte Christus auch unbewegliche 
Abgeschiedenheit, als er sprach: „Meine Seele 
ist betrübt bis in den Tod?" und Maria, als sie 
unter dem Kreuze stand? und man spricht doch 
viel von ihrer Klage: wie kann dies alles sich 



Von der Abgeschiedenheit. 173 

vertragen mit unbeweglicher Abgeschiedenheit? 
Hier sollst du erfahren, was die Meister sprechen, 
dass in einem jeden Menschen zweierlei Men- 
schen sind : der eine heisst der äussere Mensch, 
das ist die Sinnlichkeit; diesem Menschen dienen 
fünf Sinne, doch wirkt er mit der Kraft der 
Seele. Der andere Mensch heisst der innere 
Mensch, das ist des Menschen Innerlichkeit. Nun 
sollst du wissen, dass jeder Mensch, der Gott 
liebt, die Kräfte der Seele in dem äussern Men- 
schen nicht mehr anwendet, als die fünf Sinne 
zur Not bedürfen; und die Innerlichkeit wendet 
sich nur insoweit zu den fünf Sinnen, als sie 
ein Führer und Lehrer derselben ist und sie be- 
hütet, dass sie ihren Gegenstand nicht tierisch 
benutzen, wie manche Leute tun, die ihrer leib- 
lichen Wollust nachleben wie die Tiere, die ohne 
Vernunft sind, und solche Leute sollten eigent- 
lich mehr Tiere als Menschen heissen. Und die 
Kräfte, die die Seele überdies hat und den fünf 
Sinnen nicht gibt, gibt sie alle dem innern Men- 
schen, und wenn der einen hohen, edeln Gegen- 
stand hat, so zieht sie alle die Kräfte, die sie 
den fünf Sinnen geliehen hat, zu sich heran, 
und es heisst dieser Mensch dann von Sinnen 
und verzückt, weil sein Gegenstand ein unver- 
nünftiges Bild ist oder etwas Vernünftiges ohne 
Bild. Und wisset, dass Gott von jedem Geist- 



Meister Eckhart. 174 

menschen begehrt, dass er ihn mit allen 
Kräften der Seele liebt. Darum sprach er: „liebe 
deinen Gott von ganzem Herzen." Nun gibt es 
manche Menschen, die verzehren die Kräfte der 
Seele ganz und gar in dem äussern Menschen. 
Das sind die Leute, die alle ihre Sinne und Ge- 
danken auf vergängliche Güter richten und nichts 
von dem inneren Menschen wissen. Wie nun 
ein guter Mensch manchmal den äussern Men- 
schen aller Kräfte der Seele beraubt, wenn sie 
eine hohe Aufgabe hat, so berauben tierische 
Leute den Innern Menschen aller Kräfte der Seele 
und gebrauchen sie für den äussern Menschen. 
Nun musst du wissen, dass der äussere Mensch 
in Tätigkeit sein kann, während der innere gänz- 
lich derselben entledigt und unbeweglich steht. 
Nun war in Christus auch ein äusserer und ein 
innerer Mensch, und ebenso in unserer Frau, und 
alles, was Christus und unsere Frau je von 
äusseren Dingen redeten, das taten sie als äusserer 
Mensch, und der innere Mensch stand in einer 
unbeweglichen Abgeschiedenheit. Nimm dafür 
ein Ebenbild: Eine Tür geht in einer Angel auf 
und zu. Nun vergleiche ich das äussere Brett 
an der Türe dem äusseren Menschen, und die 
Angel dem inneren Menschen. Wenn nun die 
Tür auf und zu geht, so bewegt sich das äussere 
Brett hin und her, und die Angel bleibt doch 



Von der Abgeschiedenheit. 175 

unbeweglich an einem Fleck und wird darum 
nicht im geringsten verändert. In gleicher Weise 
ist es auch hier. 

Nun frage ich, was die Aufgabe der reinen 
Abgeschiedenheit sei? Darauf antworte ich, dass 
weder dies noch das ihre Aufgabe ist. Sie be- 
ruht auf einem blossen Nichts, denn sie beruht 
auf dem Höchsten, worin Gott mit seinem ganzen 
Wirken kann. Nun kann Gott nicht in allen 
Herzen trotz all seines Willens etwas wirken. 
Denn obwohl Gott allmächtig ist, so kann er 
doch nur wirken, wenn er Bereitschaft oder Macht 
findet. Sein Wirken ist in den Menschen anders 
als in den Steinen; dafür finden wir in der Na- 
tur ein Gleichnis. Wenn man einen Backofen 
heizt und einen Teig von Hafer und einen von 
Gerste und einen von Roggen und einen von 
Weizen hineinlegt, so ist nur eine Hitze in dem 
Ofen, und doch wirkt sie nicht in allen Teigen 
gleich; denn der eine wird ein schönes Brot, 
der andere wird rauh und der dritte noch rauher. 
Daran ist nicht die Hitze schuld, sondern die 
Materie, die ungleich ist. Ebenso wirkt Gott 
nicht in allen Herzen gleich, sondern je nach- 
dem er Bereitschaft und Empfänglichkeit findet. 
In den Herzen nun, in denen dies oder das ist, 
kann etwas sein, das Gott hindert aufs höchste 
zu wirken. Soll daher ein Herz Bereitschaft für 



Meister Eckhart. 176 

das Allerhöchste haben, so muss es auf einem 
blossen Nichts beruhen, und darin ist auch die 
grösste Möglichkeit, die es geben kann. Nimm 
dafür ein Gleichnis aus der Natur. Will ich 
auf eine weisse Tafel schreiben, so kann etwas, 
das auf der Tafel geschrieben steht, noch so er- 
haben sein, es stört mich doch, weil ich nicht 
darauf schreiben kann; und wenn ich schreiben 
will, so muss ich alles auslöschen, was auf der 
Tafel steht, und die Tafel passt mir dann am 
besten zum Schreiben, wenn nichts darauf steht. 
Ebenso ist es, wenn Gott aufs allerhöchste in 
mein Herz schreiben will, dann muss alles aus 
dem Herzen heraus, was dies oder das ge- 
heissen ist, und so steht es um das abgeschiedene 
Herz. Daher mag dann Gott aufs allerhöchste 
seinen obersten Willen wirken, und so ist des 
abgeschiedenen Herzens Aufgabe weder dies noch 
das. Nun frage ich aber: was ist des abge- 
schiedenen Herzens Gebet? Ich antworte: Ab- 
geschiedenheit und Reinheit kann nicht bitten, 
denn wer bittet, der begehrt etwas von Gott, 
was ihm zu teil werde, oder was Gott ihm ab- 
nehmen soll. Nun begehrt aber das abgeschiedene 
Herz nach nichts und hat auch nichts, dessen 
es gerne ledig wäre. Darum ist es allen Ge- 
bets entledigt, und sein Gebet ist nichts anderes 
als mit Gott einförmig sein. In diesem Sinne 



Von der Abgeschiedenheit. 177 

können wir das Wort nehmen, das Dionysius über 
Sankt Pauls Wort spricht: „Es sind ihrer viel, 
die alle nach der Krone laufen, und sie wird 
doch nur einem zu teil." Alle Kräfte der Seele 
laufen nach der Krone, und sie wird doch allein 
dem Wesen zu teil. Dazu also sagt Dionysius: 
Der Lauf ist nichts anderes als ein Abwenden 
von allen Kreaturen und ein Vereinigen mit der 
Ungeschaffen heit. Und wenn die Seele dazu 
kommt, dann verliert sie ihren Namen und zieht 
Gott in sich, dass sie an sich selbst zunichte 
wird, wie die Sonne das Morgenrot anzieht, dass 
es zunichte wird. Dazu bringt den Menschen 
nichts als reine Abgeschiedenheit. Hierher kann 
auch das Wort, das Sankt Augustin spricht, 
passen: Die Seele hat einen himmlischen Ein- 
gang in die göttliche Natur, wo ihr alle Dinge 
zunichte werden. Dieser Eingang ist auf Erden 
nichts anderes als reine Abgeschiedenheit. Und 
wenn die Abgeschiedenheit aufs höchste kommt, 
so wird sie aus Bewusstsein bewusstlos und aus 
Liebe lieblos und vor Licht finster. Darum 
können wir auch annehmen, was ein Meister 
spricht: Selig sind die Armen des Geistes, die 
Gott alle Dinge gelassen haben, wie er sie hatte, 
als wir nicht waren. Dass Gott in einem abge- 
schiedenen Herzen lieber ist als in allen andern 
Herzen, das merken wir daran: wenn du mich 

12 



Meister Eckhart. 178 

fragst, was Gott in allen Dingen suche, so ant- 
worte ich dir aus dem Buche der Weisheit, wo 
er spricht: „In allen Dingen suche ich Ruhe." 
Es ist aber nirgends ganze Ruhe als allein in 
dem abgeschiedenen Herzen. Es kann sich aber 
kein Mensch für das göttliche Einfliessen anders 
empfänglich machen als dadurch, dass er mit 
Gott einförmig wird, denn je nachdem ein Mensch 
mit Gott einförmig ist, ist er des göttlichen Ein- 
fliessens empfänglich. Daher scheidet die Bilder 
ab und einigt euch mit formlosem Wesen, denn 
Gottes geistiger Trost ist zart, darum will er 
sich niemandem bieten als dem, der leiblichen 
Trost verschmäht. 

Nun höret, vernünftige Leute allesamt: es 
ist niemand fröhlicher als wer in der grössten 
Abgeschiedenheit steht. Es kann keine leibliche 
oder fleischliche Lust ohne geistigen Schaden 
sein; wer darum im Fleisch ungeordnete Liebe 
sät, der ruft den Tod herbei; und wer im Geist 
ordentliche Liebe sät, der erntet im Geist das 
ewige Leben. Je mehr daher der Mensch vor 
dem Geschöpf flieht, um so mehr läuft ihm der 
Schöpfer nach. Daher ist Abgeschiedenheit das 
allerbeste, denn sie reinigt die Seele und läutert 
die Gewissen und entzündet das Herz und er- 
weckt den Geist und spornt die Begierde und 
vergoldet die Tugend und lässt Gott erkennen 



Von der Abgeschiedenheit. 179 

und scheidet die Kreatur ab und vereint sie mit 
Gott; denn die von Gott getrennte Liebe ist wie 
das Wasser im Feuer und die mit ihm vereinigte 
Liebe ist wie der Waben im Honig. Nun passt 
auf, vernünftige Geister allesamt! Das schnellste 
Tier, das euch zur Vollkommenheit trägt, ist 
Leiden, denn es geniesst niemand mehr der ewigen 
Seligkeit als wer mit Christus in der grössten 
Bitternis steht. Es gibt nichts Galligeres als 
leiden und nichts Honigsameres als gelitten haben. 
Das sicherste Fundament, worauf diese Voll- 
kommenheit beruhen kann, ist Demut, denn 
wessen Natur hier in der tiefsten Niedrigkeit 
kriecht, dessen Geist fliegt auf in das Höchste 
der Gottheit, denn Freude bringt Leid und Leid 
bringt Freude. Der Menschen Tun ist vierer- 
lei : der eine lebt so, der andere anders. Wer 
in dieser Zeit zum höchsten Leben kommen will, 
der nehme mit kurzen Worten aus dieser ganzen 
Schrift die Lehre, mit der ich schliesse: 

Halte dich abgeschieden von allen Menschen, 
halte dich rein von allen eingezogenen Bildern, 
befreie dich von alledem, was Unfall, Haft und 
Kummer bringen kann, und richte dein Gemüt 
allzeit auf ein tugendhaftes Schauen, in dem du 
Gott in deinem Herzen trägst als stetes Ziel, von 
dem deine Augen niemals ablassen; und was 
andere Uebungen angeht, als Fasten, Wachen, 

12* 



Meister Eckhart. 180 

Beten, die richte darauf als auf ihren Zweck und 
habe so viel davon, als sie dich dazu fördern 
können, so erreichst du das Ziel der Vollkommen- 
heit. Nun könnte jemand sagen: wer könnte 
den unverwandten Anblick des göttlichen Vor- 
bildes aushalten ? Darauf antworte ich : niemand, 
der heutzutage lebt. Es ist dir allein darum ge- 
sagt, damit du weisst, was das Höchste ist, und 
wonach du trachten und begehren sollst. Wenn 
aber dieser Anblick dir entzogen wird, so soll 
dir, wenn du ein guter Mensch bist, zu Mute 
sein, als ob dir deine ewige Seligkeit genommen 
wäre, und du sollst bald zu ihm wiederkehren, 
damit er dir wieder werde, und du sollst alle- 
zeit auf dich selbst acht haben, und dein Ziel 
und deine Zuflucht soll darin sein, so sehr es 
dir möglich ist. Herr, gelobt seist du ewiglich. 
Amen. 



4. 

Von der Ueberfreude. 

Wäre weder Hölle noch Himmelreich, den- 
noch wollte ich Gott, süsser Vater, dich und 
deine hohe Natur lieben, worin die Dreiheit in 
der Einheit steht. Seht, jetzt mögt ihr gerne 
hören von all dem Heimlichen der hohen Na- 
tur der Dreieinigkeit. Die Personen sind Gott 
in ihrer Persönlichkeit, Gottheit gemäss der Na- 
tur in der Einheit. Seht, jetzt mögt ihr hören, 
was Gott und Gottheit ist. Das ist ein Unter- 
schied; den gewahrt meine Seele am Wider- 
schein der hohen Einheit. Die leuchtet in ihr 
eigenes Wesen ganz ohne Unterschiedenheit. Da- 
rin hat sie all ihre Einheit verschlossen und doch 
mit Unterscheidung der hohen Persönlichkeit. 
Der Fluss ist ursprünglich, in dem die Einheit 
lebt; das einig Eine, das in sich selbst in dunkler 
Stille schwebt, ist ohne ein Bedürfen. Niemand 
kann es verstehn, doch in seiner Selbstheit ist 
es offenbar. Das Licht ist das erste in der Ur- 



Meister Eckhart. 182 

sprünglichkeit, das den Geist hinausführt aus 
seinem Wesen in die Verborgenheit, allbleibend, 
eingezogen, in die Dunkelheit versunken. Allda 
wird er verlocket, allda wird er des Lichtes Dunkel- 
heit entkleidet, allda verliert er beide in der Ab- 
gründlichkeit, allda wird das verborgene Wesen, 
der Geist, in der Einheit entfremdet, und doch 
ist's sein Leben. 

O grundlos tiefer Abgrund, in deiner Tiefe 
bist du hoch, in deiner Höhe tief! Wie kann 
das sein? Das ist uns im Abgrund deiner Tiefe 
verborgen. Doch sagt Sankt Paulus, es soll uns 
klar werden. In dieser Klarheit ist der Geist 
über seine Selbstheit, ihn hat die Dreieinigkeit 
an sich gezogen. Da stirbt der Geist allsterbend 
im Wunder der Gottheit, denn er hat in der 
Einheit keine Unterschiedenheit; das Persönliche 
verliert seinen Namen in der Einheit. Wo der 
Geist in der Einheit auf nichts beruht, da ver- 
liert er in göttlicher Art jedes Mittel. Des Lichts 
wie der Dunkelheit ist er entledigt, der Materie 
wie der Form. Ein Fünklein, so nackt, wie es 
geschaffen ist, ein Nichts von seinem Nichts, das 
wird vom Etwas seines Nichts eingezogen. Eben 
das Nichts ist Nacktheit im Wesen der Person, 
das den Geist wegführt und in die Einheit 
schweben lässt. In dem Unbegreifen der hohen 
Einheit, die alle Dinge ausser sich in ihrer Selbst- 



Von der Ueberfreude. 183 

heit vernichtet, ist Eins ohne Unterschiedenheit, 
und doch ein Etwas, das aus ihrer Selbstheit ge- 
schaffen ist. Dieses Eine, das ich hier meine, 
ist wortlos. Eins und Eins vereint leuchtet da 
nackt in nackt. Wo die zwei Abgründe in einer 
Gleichheit schweben, gegeistet und entgeistet, 
da ist ein hohes Wesen; wo sich Gott entgeistet, 
da ist Dunkelheit in einer unerkannten bekannten 
Einheit. Das ist uns verborgen in der Tiefe 
seiner Stille. Alle Kreaturen ergründen nicht 
das Etwas. 

Dass wir uns selbst entsinken, dess freuen wir 

uns heute. 

Und danach sollt ihr trachten immerdar, ihr 

Leute, 

Und in das Höchste eilen, das ist die Ueber- 
freude. 



5. 

Die Seele auf der Suche nach Oott. 

Die Gott um Lohn mit äussern Werken 
dienen, denen soll mit geschaffenen Dingen wie 
Himmelreich und himmlischen Dingen gelohnt 
werden. Die aber Gott mit innerlichen Werken 
dienen, denen soll mit dem gelohnt werden, was 
ungeschaffen ist, das heisst mit den Werken der 
heiligen Dreifaltigkeit ! 

Nun pass auf. Zerginge das Feuer, so wäre 
kein Licht; zerginge die Erde, so wäre kein 
Leben; zerginge die Luft, so wäre keine Liebe; 
zerginge das Wasser, so wäre kein Raum. Darum 
ist Gott nicht Licht noch Leben noch Liebe noch 
Natur noch Geist noch Schein noch alles, was 
man in Worte fassen kann. Es ist Gott in Oott, 
und Gott ist aus Gott geflossen, und Gott be- 
findet sich in sich selbst als Gott und befindet 
sich in all seinen Kreaturen als Gott und be- 
findet sich insbesondere in einer edeln Seele. 
Der Vater ist allgewaltig in der Seele, der Sohn 



Die Seele auf der Suche nach Gott. 185 

allweise, der heilige Geist allliebend in der Seele 
und er liebt alle Kreaturen in gleicher Liebe. 
Er zeigt sich ihnen aber ungleich, und dazu ist 
die Seele geschaffen, dass sie es erkennen soll, 
wie es ist, und sich in die Reinheit des grundlosen 
Brunnens göttlicher Natur versenken soll und 
da wie eins werden mit Gott, so dass sie selbst 
sagen könnte, sie sei Gott. So abgezogen sollte 
die Seele in sich selbst sein, dass sie keine ge- 
machten oder genannten Dinge in sich bilden 
kann, und sollte so entblösst in sich selbst sein, 
wie Gott aller Namen entblösst ist, und sollte 
sich über sich selbst in ihren Gott erheben und 
sich mit ihrem Gott für ihren Gott halten; denn 
Gott ist weder weiss noch schwarz noch gross 
noch klein; er hat weder Raum noch Vergangen- 
heit noch Zukunft und die Seele ist ihm nur in- 
sofern gleich als sie sich über alle Geschaffen- 
heit hinwegsetzen kann. 

Die Seele ist eine Kreatur, die alle genannten 
Dinge empfangen kann, und ungenannte Dinge 
kann sie nur empfangen, wenn sie so tief in 
Gott empfangen wird, dass sie selbst namenlos 
wird. Und das kann dann niemand wissen, ob 
Gott sie oder sie Gott ergriffen habe. Diony- 
sius sagt, dass Gott sich selbst in ihr begriffen 
habe und sie so ganz in sich zieht, dass sie in 
sich selbst nichts mehr ist als Gott. Zu dieser 



Meister Eckhart. 186 

Erkenntnis ist die Seele geschaffen, dass sie mit 
einem Erguss göttlicher Herrlichkeit in den Grund 
des grundlosen Brunnens zurückfliessen soll, 
woher sie geflossen ist, und erkennen soll, dass 
sie an sich selbst nichts ist. Das Wahrste, das 
uns zugehört, das ist, dass wir erkennen, dass 
wir von uns selbst aus nichts sind, und dass 
wir nicht wir selbst sind. 

Gott hat alle Dinge für sich selbst getan 
und hat die Seele sich gleich gemacht, damit 
sie über allen Dingen, unter allen Dingen, in 
allen Dingen und ausserhalb aller Dinge sein 
könne, und doch ungeteilt in sich selbst bleibe. 
Doch steht sie auf höherer Stufe, wenn sie in 
der Wüstung verharrt, wo sie nichts ist und wo 
kein Werk ist. Sankt Dionysius sagt: Herr, 
ziehe mich in die Wüste, wo du nicht gebildet 
bist, damit ich in deiner Wüste alle Bilder ver- 
liere. Wenn die Seele so über alle Dinge hinaus- 
gegangen ist, so spricht sie: Herr, ziehe mich 
in die Gottheit, wo du nichts bist, denn alles, 
was etwas ist, halte ich nicht für Gott. Ihren 
freien Willen gibt sie Gott und wirft sich in 
ihre Nacktheit und spricht: Herr, ziehe mich in 
die Finsternis deiner Gottheit, auf dass ich in 
der Finsternis all mein Licht verliere: denn alles, 
was man offenbaren kann, halte ich nicht für 
Licht. Sie wird so mit Gott vereinigt, dass sie 



Die Seele auf der Suche nach Gott. 187 

mehr Gott wird, als sie an sich selbst ist. Etwas 
von Gott ist Gott ganz und gar, und etwas von 
ihm birgt sein ganzes Wesen. Darum ist er in 
der niedrigsten Kreatur ebenso vollkommen wie in 
der obersten. Ein Gleichnis: Der kleinste Zapfen 
am Fass verschliesst alles was darin ist, ebenso 
gut wie der grösste. Darum ruht sein Begreifen 
auf seiner väterlichen Kraft. Er begreift sich in 
sich selbst in allen Kreaturen. Und das Be- 
greifen hat er verhüllt mit dem Gewände der 
Dunkelheit, dass ihn keine Kreatur so begreifen 
kann, wie er sich selbst in sich selbst begreift. 
Was die Seele im Licht begreift, das verliert sie 
in der Dunkelheit. Und doch trachtet sie nach 
der Dunkelheit, weil sie das Dunkel wegsamer 
dünkt als das Licht. Allda verliert sie sich und 
das Licht in der Dunkelheit. 

Die Kraft, die die Seele zum Ziel bringt und 
sie aus sich selbst ohne ihr Zutun hinausführt, 
ist Gott. Ich berühre das Münster, ich führe 
es aber nicht hinweg. Dass wir Gott Materie, 
Form und Werk beilegen, geschieht um unserer 
groben Sinne wegen. Die Meister sagen: ein 
Licht erleuchtet nicht und hat weder Form noch 
Materie und ist doch Kreatur. Wer Gott kennen 
will wie er ist, der muss aller Wissenschaft ent- 
ledigt sein. Wo Gott weder Zeit noch Wesen 
hat, da ist er ungenannt. 



Meister Eckhart. 188 

Nun pass auf, wann der Mensch alle Krea- 
tur ist. Wenn er ihrer aller Kraft in sich hat. 
Wenn der Mensch mit den äussern Sinnen alle 
körperlichen Dinge erkennt und sich dann ab- 
scheidet und doch ohne Berührung darin bleibt, 
und wenn er mit den innern Sinnen alle geistigen 
Dinge erkennt und sich dann ebenfalls abscheidet 
und ohne Berührung darin bleibt: dann erst ist 
der Mensch alle Kreatur und dann erst ist er 
zu seiner Natur gekommen und ist bereit in Gott 
zu gehn. Dass wir Gott nicht finden, das kommt 
daher: wir suchen ihn mit Gleichnissen, während 
er doch kein Gleichnis hat. Alles, was die hei- 
lige Schrift beibringen kann, ist mehr ihm un- 
gleich als ihm gleich. Darüber sagt Origines, 
dass die Seele Gott erforschen will, das kommt 
von ihrem vielen Beobachten. Erkennte sie sich 
selbst, sie erkennte auch ihren Gott. Dass sich 
die Seeel bildet und ihren Gott bildet, das kommt 
bei ihr davon, dass sie zu viel beobachtet. Wenn 
sie in die Gottheit versinkt, da geht ihr alles 
Beobachten verloren. 

Darüber sagt Dionysius zu Timotheus: Mein 
Freund Timotheus, wirst du des Geistes der 
Wahrheit gewahr, so geh ihr nicht mit mensch- 
lichen Sinnen nach, denn er ist sehr geschwinde : 
er kommt als ein Sausen. Man soll Gott suchen 
mit Fremdheit, mit Vergessenheit und mit Un- 



Die Seele auf der Suche nach Gott. 189 

sinnen, denn die Gottheit hat die Kraft aller Dinge 
in sich und hat in keinen Dingen ihres Gleichen. 
Dionysius sagt, die Seele hat ihre Kräfte auf 
ihr nacktes Wesen geworfen, so dass die oberste 
Kraft allein wirkt. Darüber sagt ein Meister: 
wenn die oberste Kraft über die Werke die Ober- 
hand gewinnt, so gehen die andern alle in sie 
und verheren ihr Werk, und dann steht die Seele 
in ihrer richtigen Ordnung und in ihrem nackten 
Wesen, und ihr nacktes Wesen ist ihre empor- 
gezogene Klarheit, die hat aller Dinge Kraft in 
sich. Darum sagt ein Meister: erkennte die Seele 
sich selbst, so erkennte sie alle Dinge. 

Gott fliesst in sich selbst zurück, so dass 
er aller Kreaturen so wenig achtet als er tat wie 
sie nicht waren. So soll auch die Seele tun. 
Dies soll mit dem Menschtum die Person des 
Sohns begreifen, und mit der Person des Sohns 
den Vater, und den heiligen Geist in ihnen beiden, 
und sie beide in dem heiligen Geist, und soll 
mit der Person des Vaters das einfache Wesen 
begreifen und mit dem Wesen den Abgrund 
und soll in dem Abgrund versinken ohne Materie 
und Form. Materie, Form, Verstand und Wesen 
hat sie in der Einheit verloren, denn sie ist an 
sich selbst zunichte geworden: Gott wirkt alle 
ihre Werke, er hält sie in seinem Wesen und 
führt sie in seiner Kraft in die blosse Gottheit. 



Meister Eckhart. 190 

Da fliesst sie mit der Gottheit in all das, worin 
Gott fliesst. Sie ist aller Dinge Ort und sie hat 
selbst keinen Ort. Dies ist der Geist der Weis- 
heit, die weder Herz noch Gedanken hat 



6. 

Von der Ueberfahrt zur Gottheit. 

Wie die Sonne scheint, so sieht das Auge; 
dann ist das Auge in der Sonne, und die Sonne 
im Auge. Wohlauf, mein Freund, nun merke, 
was ich meine, denn ich traue mich kaum, meine 
Meinung zu schreiben oder zu reden, weil in 
den Personen die göttliche Natur ein Spiegel ist, 
wohin nie Sprache kommt. Soweit sich die Seele 
über die Sprache erheben kann, so weit macht 
sie sich dem Spiegel gleich. In dem Spiegel 
sammelt sich nur Gleiches. 

Als ich, Herr, in dir war, da war ich un- 
bedürftig in meinem Nichts, und dein Angesicht, 
dass du mich ansahst, das machte mich bedürf- 
tig. Wenn das ein Tod ist, dass die Seele von 
Gott scheidet, so ist auch das ein Tod, dass sie 
aus Gott geflossen ist, denn jede Bewegung ist 
Sterben. Daher sterben wir von Zeit zu Zeit, 
und die Seele stirbt allsterbend in dem Wunder 
der Gottheit, da sie göttliche Natur nicht er- 



Meister Eckhart. 192 

fassen kann. In dem Nichts stürzt sie hinüber 
und wird zunichte. In diesem Nichtsein wird sie 
begraben und mit Unerkenntnis wird sie vereint 
in den Unbekannten und mit Ungedanken wird 
sie vereint in den Ungedachten und mit UnUebe 
wird sie vereint in den Ungeliebten. Was der 
Tod erfasst, das kann ihm niemand mehr nehmen : 
er scheidet das Leben vom Körper und scheidet 
die Seele von Gott und wirft sie in die Gott- 
heit und begräbt sie in ihr, so dass sie allen 
Kreaturen unbekannt ist. Da wird sie als Ver- 
wandelte im Grab vergessen, und sie wird unbe- 
greiflich allen Begreif ern. Wie Gott unbegreif- 
lich ist, so unbegreiflich wird sie. So wenig man 
die Toten begreifen kann, die hier vom Körper 
sterben, so wenig kann man die Toten begreifen, 
die in der Gottheit tot sind. Diesen Tod sucht 
die Seele ewiglich. Wenn die Seele in den drei 
Personen getötet wird, dann verliert sie ihr Nichts 
und wird in die Gottheit geworfen. Da findet sie 
das Antlitz ihres Nichts. Darüber spricht unser 
Herr: „Meine Unbefleckte, du bist gar schön," 
und von der Unbegreiflichkeit seiner Schönheit 
spricht sie: „Du bist noch schöner." Da blickt 
sie in die geheimen Künste Gottes, dass Gott 
wunderbarerweise das Nichts bedürftig gemacht 
hat, und es hat ihm doch nichts geschadet. Sankt 
Dionysius sagt: Das ist kein Wunder, dass Gott 



Von der Ueberfahrt zur Gottheit. 193 

die Seelen mit seinem Angesicht bedürftig gemacht 
hat, wo doch die Sonne ohne weiteres den Maden 
und den Würmern im faulen Holze Leben gibt. 
So sieht die Seele Gottes Grösse an und ihre 
Kleinheit, und wirft sich aus dem Herzen Gottes 
und aus allen Kreaturen, und bleibt bei ihrem 
blossen Nichts und die göttliche Kraft enthält 
sie in ihrem Wesen. Sankt Dionysius sagt: Alle 
Dinge stehn nach dem Gebot Gottes auf Nichts. 
Und wieder sagt er : Der Blick, der aus Gott in die 
Seele geht, ist ein Beginn des Glaubens, dass ich 
glaube, was mir nie offenbart ward. So weit als 
sich die Seele mit dem Glauben in das unbekannte 
Gut versenken kann, so weit wird sie eins mit 
dem unbekannten Gut und wird sich selbst und 
allen Kreaturen unbekannt. Sie weiss wohl, dass 
sie ist; aber sie weiss nicht, was sie ist. Wenn 
sie alles das erkennt, was zu erkennen ist, erst 
dann kommt sie hinüber in das unbekannte Gut. 
Diese Ueberfahrt ist manchen Erkennern ver- 
borgen. Die Seele ist ihrer Natur nach dergestalt: 
wo sie irgend ist, da ist sie ganz und gar, in 
jedem Glied ist sie ganz und gar, und das kommt 
daher: wo irgend Natur ist, da ist sie ganz und 
gar. Darum ist die Gottheit an allen Orten und in 
allen Kreaturen und in jeder ganz und gar. 

Die ungenaturte Natur naturt nur insoweit 
als sie sich naturen lässt. Sonst naturt sie nicht, 

13 



Meister Eckhart. 194 

der Vater naturt seinen Sohn in der genaturten 
Natur, und doch ist der Vater der ungenaturten 
Natur so nahe wie der genaturten Natur, denn sie 
ist eins mit ihm. Der Vater ist in der ungenaturten 
Natur allein und auch der erste in der genaturten 
Natur. Und in der genaturten Natur ist der Sohn 
mit dem Vater naturend, und der Sohn naturt den 
heiligen Geist, und der heilige Geist ist mit dem 
Vater und dem Sohne in der genaturten Natur 
und er naturt nicht. In der ungenaturten Natur 
sind sie eins, und die genaturte Natur unterscheidet 
die Personen, und die Personen sind so ewig 
in ihren Personen, wie die ungenaturte Natur in 
ihrer Natur ist, und die genaturte Natur ist so 
ewig an sich, wie die ungenaturte Natur, und 
dies ist nichts als ein Gott und drei Personen, 
die naturen die Kreatur, jede in ihrer Natur, und 
geben ihnen Kraft und Werk, wie es ihnen am 
besten bekommt. Eine jede Kreatur hat ihre 
Natur so lieb, dass sie keine andere haben wollte. 
Ein Meister spricht: Könnte Gott von Reue er- 
griffen werden, so reute ihn, dass er nicht allen 
Kreaturen göttliche Natur geben konnte. 

Gott ist an sich selbst ein einfaches Gut und 
ungeteilt. Alle Namen, die die Seele Gott gibt, 
nimmt sie aus sich selbst. Er ist dreifaltig und 
doch eins und allen Kreaturen gemein und er 
ist den verbrannten Geistern und denen, die im 



Von der Ueberfahrt zur Gottheit. 195 

Brande erloschen und in ihm zunichte geworden 
sind, eine einfache Substanz. 

SeHg ist die Seele, die sich hinüberschwingt, 
um alle Dinge in der blossen Gottheit zu emp- 
fangen. Die Seele soll begraben werden im An- 
gesichte Gottes, sie soll in den Himmel gezogen 
werden, wo die drei Personen in der Einheit ihrer 
Natur darin wohnen. Das ist die verborgene Gott- 
heit, über die man nicht sprechen kann. Selig 
sind, die die Ueberfahrt machen : denen werden 
alle Dinge, die doch allen Kreaturen unbekannt 
sind, in der Wahrheit bekannt. 

Die Kreatur hat einen Eingang in Gott, woran 
ihr Wesen liegt, und sie wirkt in der Kraft, die 
sie bewegt, von Nichts zu Etwas zu kommen. 
Nun sagt Sankt Paulus und auch Sankt Augustin : 
„Wie ist mir geschehen, dass ich von Nichts zu 
Etwas geworden bin, und von einem Wurme Gott 
und von einer Kreatur Schöpfer?" Die Seele soll 
so in Gott vereint sein, dass es ihr vorkommt, es 
sei nichts mehr als Gott allein, und Gott schaffe 
nie mehr eine Kreatur als sie allein. Die Seele, 
die diese Ueberfahrt tut, die kommt in eine Ruhe 
aller Dinge. Sie ist Gott, wie er an sich selbst ist. 
Darüber spricht Christus selbst: „Ich bin euch 
Mensch gewesen, und wenn ihr mir nicht Gott 
seid, so tut ihr mir unrecht." Gott ist Mensch 
geworden, damit wir Gott werden. Gott war mit 

13* 



Meister Eckhart. 196 

göttlicher Natur in der menschlichen Natur ver- 
borgen, so dass man da nichts erkannte als einen 
Menschen. So soll sich die Seele in göttlicher 
Natur verbergen, so dass man an ihr nur Gott er- 
kennen kann. Gott ist nicht Natur, wie die Krea- 
tur ist, die das an sich hat, was eine andere nicht 
hat. Wer ein Bäcker und auch ein Brauer wäre, 
von dem könnte man nicht sagen, er sei allein 
ein Brauer, weil er auch ein Bäcker wäre. So 
ist Gott aller Naturen Natur, weil er aller Na- 
turen Natur unzerstückt in sich hat. Er ist Licht 
aller Lichter, er ist Leben der Lebenden, er ist 
Wesen der Wesenden, er ist Sprache der Sprechen- 
den. Darum ist er aller Naturen Natur. Darüber 
sagt Sankt Dionysius: Er kann deshalb nicht eine 
Natur heissen, weil er einfach ist und nichts seines 
Gleichen ist. Und ferner sagt er: Man kann Gott 
nur mit Unerkenntnis erkennen. Wenn Gott in die 
Seele kommt, so kommt er mit allen Dingen in sie. 
Allein wenn Gott die Dinge einfach in sich hat, 
so hat sie die Seele doch sprachlich mit Unterschei- 
dung; Teufel und Engel und alle Dinge. 

So hat die Seele das Vermögen, alle Dinge 
in Gott zu empfangen, und sie erkennt, was Gott 
in ihnen ist und was sie in Gott sind, und sie 
schwingt sich auf in die Einfachheit über alle 
Dinge in die Unerkenntnis. Darüber sagt Sankt 
Dionysius, das sei Herrschaft, dass man über nie- 



Von der Ueberfahrt zur Gottheit. 197 

dere Dinge hinwegsteige und über die, die da- 
neben sind, und sie in die höchsten bringe. Da- 
rüber spricht Christus: „Die mir folgen, die will 
ich dahin bringen, wo ich bin." Der Vater spricht 
sich in dem Sohn in die Seele. Denn der Sohn, das 
Wort, ist des Vaters, so offenbart der Vater sich der 
Seele in dem Worte, weil er in seiner göttlichen 
Natur keine Gestaltung hat. Und ebenso spricht 
sich die Seele in demselben Worte in den Vater 
zurück, weil sie keine Gestaltung hat in ihrem 
Nichts, darum lässt sie ihr Etwas im Worte und 
wirft sich ungestaltet in den Ungestalteten. Die 
Gottheit ist ein nacktes, einfaches Ding, das aller 
Dinge Kraft in sich hat über den Personen, und 
sie kann sich niemandem hingeben und niemand 
kann sie völlig so empfangen, dass sie allein in 
ihm bestehe. Darüber sagt Sankt Dionysius: Die 
Gottheit hat alle Dinge. Darum sind die drei Per- 
sonen in der Gottheit, die die Gottheit offen- 
baren, jede von ihnen der andern und der Krea- 
tur insoweit als sie davon empfangen kann. Der 
Vater offenbart sich die Gottheit selbst und offen- 
bart sie seinem Sohn, und der Vater und der 
Sohn offenbaren sie dem heiligen Geist, und die 
drei Personen offenbaren sie den Kreaturen, und 
die Gottheit spielt mit der Sprache und vor der 
Sprache und über der Sprache, und die Sprache 
kann sie nicht erfassen. Und wären nicht die 



Meister Eckhart. 198 

drei Personen mit ihrer Unterschiedenheit in der 
Gottheit, so wäre die Gottheit nie offenbart worden 
und sie hätte nie Kreaturen geschaffen. Darum 
sind die ewigen Werke eine Ursache der Krea- 
tur. Die Offenbarung nimmt die Gottheit von 
den Dingen, die niedriger sind als sie. Die aller- 
grösste Vollkommenheit an den Kreaturen ist 
mangelhaft. So geschieht es manchmal, dass der 
Mond sich vor die Sonne stellt und den Sonnen- 
schein ganz und gar empfängt; man sagt dann, 
die Sonne sei verschwunden. So ist ein Stern, 
der wirft seine Kraft in den Mond und entzieht 
ihn der Sonne; die Sonne nimmt dann von den 
Dingen, die unter ihr sind, ihr Licht. 

Wenn so die Seele in das reine Wesen der 
Gottheit kommt, so erkennt sie alle Dinge bis 
auf die niedrigsten Kreaturen; so leuchtet sie 
sich selbst, und alle Dinge in ihr, und erkennt 
in der Gottheit göttliche Natur und in dem Unter- 
schied der Personen verliert sie ihren Namen, 
und die drei Personen verlieren ihren Namen in 
der Einheit, und alles was die Einheit umfassen 
kann, verliert seinen Namen darin. Dann sinkt 
die Seele nichtswärts dahin und alles soll dem 
Nichts der Gottheit sich nähern und die Kräfte 
sollen mitkommen. Darüber sagt Sankt Diony- 
sius: Die Gottheit ist zunichte geworden. Damit 
meint er, dass die Seele mit ihrem nackten Wesen 



Von der Ueberfahrt zur Gottheit. 199 

den Kräften entgangen ist. Dann haben die Kräfte 
die Gottheit verloren und auch ihr blosses Wesen 
der Gottheit in den Personen und in den Kräften, 
und die Kräfte haben ein Nachfolgen in das Wesen 
und sie widerstehen dem Sträuben der Dreieinig- 
keit. Da verliert die Liebe ihren Namen und alle 
Dinge im Nichts der Gottheit, da ist die Seele 
in ihr Etwas hineingeflossen. Im Nichts der Gott- 
heit hat der Vater seine Vollkommenheit, und 
die drei Personen ihre Einheit, und sie geben 
allen Kreaturen ihre Vollkommenheit in ihr ge- 
schaffenes Etwas, und die Seele fliesst in ihrem 
Etwas im Nichts der Gottheit durch alle Dinge, 
und sie berührt sie doch nicht im Etwas ihres 
Wesens. Darüber sagt Sankt Dionysius, dass die 
Seele nicht berührt werde an ihrem Nichts im 
Nichts der Gottheit, und dass die Seele auch die 
Gottheit nicht an ihrem Nichts berühre. Da ist 
sie so gross, .... dass sie gleich ihm in einem 
Lichte fliesst. Darüber sagt Sankt Dionysius : Die 
Gottheit ist zunichte geworden, weil die Kräfte 
der Seele sie nicht erfassen können. 



Vom Zorn der Seele. 

Die liebende Seele wird zornig von ihrer 
Selbsterkenntnis. Sie hat ein Antlitz empfangen 
gar kräftiglich und ist rot und zornig wegen 
dessen, was über ihr geblieben ist, das unerreich- 
bar in Gott zurückbleibt, dass sie alles das nicht 
ist, was Gott von Natur ist, und dass sie alles 
das nicht hat, was Gott von Natur hat. 

Nun sagen die Meister, das sei auch ein arger 
Zorn, wenn ein Freund seinen Freund selbst und 
alles was er hat, besitzen will. Die Seele sagt, 
ihr Zori} sei so grenzenlos, dass er sich nicht 
mit ihr versöhnen könne. Das Band der Liebe 
ist ihr allzu stark. Sie spricht: Ach, wer kann 
mich trösten? Mein Unglück ist gar zu gross! 
Wäre ich Schöpfer einfach ohne Anfang und 
ohne Ende, und hätte ich die Kreaturen geschaffen, 
und wäre er Seele wie ich bin, so wollte ich 
aus all diesem Wesen herausgehn und wollte sie 
hereingehn lassen um Gott zu sein, und ich wollte 



Vom Zorn der Seele. 201 

Kreatur werden ; und würde das Gott stören, dass 
er sein Wesen von mir hätte, so wollte ich, dass 
er mich vertilge, und wollte lieber zunichte werden, 
damit er nur nicht von mir gestört würde. Wenn 
aber das so ist wie jetzt, dass alles, was ge- 
schaffen ist, ein bisschen ewiges Wesen in mensch- 
licher Natur hat und darin ewig stehen bleiben 
muss, so weiss ich nicht, wohin ich mich wenden 
soll, um einen Platz zu finden. Deshalb neige 
ich mich zurück in mich selbst, da finde ich den 
schlechtesten Platz, noch schnöder als die Hölle, 
denn meine Mängel treiben mich selbst hinaus. 
Aber ich will mich doch nicht aufgeben. Hier- 
her will ich mich setzen und hier innen will ich 
wohnen, und ich begehre, Herr, dass du niemals 
mehr an mich denkst, und allen Kreaturen ver- 
bietest, sie sollen mich nimmer trösten, und allen 
meinen Kräften verbietest, es soll keine mehr vor 
dein Antlitz kommen, damit ich dich nicht störe. 

Der dritte Zorn der Seele ist darüber, dass 
sie Gott sein wollte, und darüber, dass nirgends 
eine Kreatur sei, wie Gott in seiner Ewigkeit war, 
bevor er Kreaturen erschuf, wodurch sie die gött- 
liche Natur in der Einheit geniessen könnte, wie 
er damals tat. Doch so sei ihm seine Liebe ab- 
handen gekommen, denn es ist guten Dinges Art, 
dass es sich mitteilt. 

Der vierte Zorn ist, dass sie das reine Wesen 



Meister Eckhart. 202 

rein sein wollte, und dass es also weder Gott noch 
Kreatur geben solle. Sie fragt, was denn die drei 
Personen in der Gottheit sollten und was die 
Kreaturen alle sollten. 

[Doch sagt sie, es könnte keine Kreatur ohne 
ihr Werk sein. Darum müssten die drei Personen 
in der Gottheit sein, und sie sind Ursache der 
Kreaturen. Gott hat Gott erhoben: die Krea- 
turen, die er geschaffen hat, könnten ihn nicht er- 
heben. Alles was die Kreaturen Gott tun, gehört 
ihnen selbst : das Lob, das sie Gott geben können, 
ist ihr eigenes.] 



III. 
Fragmente und Sprüche. 



Fragmente. 

1. Alle Kreaturen sind ein Fussstapfen Gottes. 

2. Gott ist nicht ein Zerstörer der Natur, er 
vollbringt sie vielmehr. 

3. Der Mensch kann nicht wissen, was Gott 
ist. Etwas weiss er wohl: was Gott nicht ist. 

4. So gewaltig liebt Gott meine Seele, dass 
sein Wesen und sein Leben daran liegt, dass er 
mich lieben muss, es sei ihm lieb oder leid. Wer 
Gott das nähme, dass er mich liebt, der nähme 
ihm seine Gottheit. 

5. Wer Gott seinen Willen gänzlich gibt, der 
fängt und bindet Gott, dass Gott nichts kann als 
was der Mensch will. 

6. Erkenntnis kommt von Vergleichen. Weil 
also die Seele eine Möglichkeit hat, alle Dinge 
zu erkennen, darum ruht sie nimmer, bis sie in 
das erste Bild kommt, wo alle Dinge eins sind, 
und da ruht sie, das ist in Gott. In Gott ist 
keine Kreatur von anderm Rang als die andre. 
Die Meister sagen: Wesen und Erkenntnis sind 
ein und dasselbe. 



Meister Eckhart. 206 

7. Gott ist nirgends. Gottes Geringstes, 
dessen ist alle Kreatur voll, und sein Grösstes ist 
nirgends. 

8. Wäre nicht Gott in allen Dingen, die Natur 
wirkte oder begehrte in keinem Dinge etwas ; denn 
es sei dir lieb oder leid, magst du es wissen 
oder nicht: die Natur in ihrem Innigsten sucht 
und meinet Gott. Nie würde ein Mensch, der 
Durst hat, so sehr nach etwas zu trinken be- 
gehren, wenn nicht etwas von Gott darin wäre. 
Die Natur meinte weder Essen noch Trinken, 
noch Kleider, noch Bequemlichkeit, noch sonst 
etwas, wenn nicht Gott darin wäre, und sie jagt 
und bohrt immer mehr danach, Gott darin zu 
finden. 

9. Verginge das Bild, das nach Gott gebildet 
ist, so verginge auch das Bild Gottes. 

10. Die Vernunft ist eindringend, sie be- 
gnügt sich nicht mit Güte oder Weisheit oder 
Wahrheit und auch nicht mit Gott selbst. Es ist 
gute Wahrheit, sie begnügt sich so wenig mit Gott 
wie mit einem Stein oder einem Baum. 

11. So wahr das ist, dass Gott Mensch ge- 
worden ist, so wahr ist der Mensch Gott ge- 
worden. 

12. Das ist Gottes Natur, dass er ohne Na- 
tur ist. 



Fragmente. 207 

13. Gott kann, was er will, darum hat er dich 
sich selbst völlig gleich gemacht und dich zu 
einem Bild seiner selbst gemacht. Aber „ihm 
gleich", das klingt wie etwas Fremdes und etwas 
Entferntes; darum ist die Seele Gott nicht gleich, 
sie ist ganz und gar das Gleiche wie er und das- 
selbe was er ist. Ich weiss und kann nicht weiter, 
damit sei diese Rede zu Ende. 

14. Wenn ich Gott nicht zwinge, dass er alles 
tut, was ich will, dann gebricht es mir entweder 
an Demut oder an Sehnsucht. 

15. Wo sieht man Gott? Wo nicht Gestern 
noch Morgen ist, wo ein Heute ist und ein Jetzt, 
da sieht man Gott. Was ist Gott? Ein Meister 
spricht : Wenn das notwendig sein muss, dass ich 
von Gott rede, so sage ich, dass Gottes etwas ist, 
was kein Sinn begreifen oder erlangen kann : 
sonst weiss ich nichts von ihm. Ein anderer Meister 
sagt: Wer das von Gott erkennt, dass er unbe- 
kannt ist, der erkennt Gott. Wenn ich in Paris 
predige, so sage ich und darf es wohl sagen: 
alle hier in Paris können mit all ihrer Wissen- 
schaft nicht begreifen, was Gott in der geringsten 
Kreatur, auch nur in einer Mücke, ist. Aber ich 
sage jetzt: die ganze Welt kann es nicht be- 
greifen. Alles was man von Gott denken kann, 
das ist Gott ganz und gar nicht. Was Gott an 
sich selbst ist, dazu kann niemand kommen, der 



Meister Eckhart. 208 

nicht in ein Licht entrückt wird, das Gott selbst 
ist. Was Gott den Engeln ist, das ist gar fern 
und niemand weiss es. Was Gott in einer gott- 
liebenden Seele ist, das weiss niemand als die 
Seele, in der er ist. Was Gott in diesen niedern 
Dingen ist, das weiss ich ein wenig, aber sehr 
schwach. Wo Gott in der Erkenntnis wohnt, da 
fällt alle natürliche Sinnlichkeit ab. Dass wir so 
in ein Licht entrückt werden, das Gott selber ist, 
um darin in Ewigkeit selig zu sein, das walte 
Gott, Amen. 

16. Das Wort, das Augustin spricht: Was 
der Mensch liebt, das ist der Mensch, ist folgender- 
massen zu verstehen: Liebt er einen Stein, so 
ist er ein Stein, liebt er einen Menschen, so ist 
er ein Mensch, liebt er Gott — nun traue ich 
mich nicht weiter zu sprechen, denn sage ich, dass 
er dann Gott ist, so könntet ihr mich steinigen 
wollen. 

17. Den gerechten Menschen ist es so ernst 
mit der Gerechtigkeit, dass sie, gesetzt den Fall, 
Gott wäre nicht gerecht, nicht eine Bohne sich 
um Gott kümmerten. 

18. Alle Liebe dieser Welt ist auf Eigenliebe 
gebaut. Hättest du die gelassen, so hättest du 
alle Welt gelassen. 

19. Ich überlegte mir neulich, ob ich von Gott 
etwas nehmen oder begehren sollte. Ich will mich 



Fragmente. 209 

gar sehr besinnen, denn wenn ich von Gott etwas 
nähme, so wäre ich unter Gott wie ein Knecht 
unter seinem Herrn durch das Geben. Aber so 
sollen wir nicht sein im ewigen Leben. 

20. Einige einfältige Leute glauben, sie soll- 
ten Gott sehen, als stünde er da und sie hier. 
Dem ist nicht so. Gott und ich, wir sind im 
Erkennen eins. Nehme ich daher Gott in Liebe 
in mich, so gehe ich in Gott ein. Wir sollen ihn 
Erkennende sein, ich ihn wie er mich, nicht minder 
noch mehr, sondern einfach gleich. 

2L Die Liebe nimmt Gott selbst wie er Gott 
ist; und diesem Namen entfiel Gott. Güte, Liebe 
kommt niemals vorwärts. Liebe nimmt Gott unter 
einem Fell, unter einem Kleid. Das tut nicht der 
Verstand: der Verstand nimmt Gott, wie er in 
ihm bekannt ist; da kann er ihn niemals begreifen 
im Meer seiner Grundlosigkeit. 

22. Ein Meister, der aufs allerbeste von der 
Seele gesprochen hat, sagt, dass alle menschliche 
Wissenschaft niemals dahinter kommt, was die 
Seele sei. Da gehört übernatürliche Wissenschaft 
dazu. Es gehen die Kräfte von der Seele in die 
Werke hinaus. Davon wissen wir nichts, wir wissen 
wohl ein wenig davon, aber was die Seele im 
Grunde sei, davon weiss niemand etwas. 

23. Eine Kraft ist in der Seele, der sind alle 
Dinge gleich süss; ja, das allerböseste und das 

14 



Meister Eckhart. 210 

allerbeste; das ist alles gleich für diese Kraft, sie 
nimmt alle Dinge über hier und über jetzt. Jetzt, 
das ist die Zeit, und hier ist der Raum. 

24. Ich überlegte mir einst (es ist noch nicht 
lange her): dass ich ein Mensch bin, das ist auch 
einem andern Menschen mit mir gemein; dass 
ich sehe und höre und esse und trinke, das tut 
auch ein anderes Tier; aber dass ich bin, das ist 
keines Menschen sonst als allein mein, weder eines 
Menschen noch eines Engels noch Gottes, ausser 
sofern ich eins mit ihm bin. Alles, was Gott wirkt, 
das wirkt er in dem Einen sich selbst gleich, und 
doch ist es in den Werken einander gar ungleich. 

25. Wer in der Zeit sein Herz auf die Ewigkeit 
gestellt hat und in wem alle zeitlichen Dinge 
tot sind, da ist Vollendung der Zeit. Ich sprach 
einst : die freuen sich nicht allezeit, die sich freuen 
in der Zeit. Sankt Paulus spricht: „Freuet euch 
in Gott allezeit." Der freuet sich allezeit, der 
sich da freut über Zeit und ohne Zeit. Drei 
Dinge hindern den Menschen, so dass er Gott 
in keiner Weise erkennen kann. Das erste ist 
Zeit, das zweite Körperlichkeit, das dritte Mannig- 
faltigkeit. Solange diese drei in mir sind, ist Gott 
nicht in mir und wirkt nicht eigenhaft in mir. 
Sankt Augustin sagt : es kommt von dem Geiz der 
Seele, dass sie viel begreifen und haben will, und 
sie greift in Zeit, in Körperlichkeit und in Mannig- 



Fragmente. 211 

faltigkeit und verliert damit eben das was sie 
hat. Denn solange mehr und mehr in dir ist, 
kann Gott in dir niemals wohnen oder wirken. 
Diese Dinge müssen immer hinaus, wenn Gott 
hinein soll, es sei denn, du hättest sie in einer 
höheren und besseren Weise, dass aus Menge eins 
geworden wäre. Je mehr dann Mannigfaltigkeit 
in dir ist, um so mehr Einheit, denn das eine 
ist in das andere verwandelt. Ich sprach einst: 
Einheit eint alle Mannigfaltigkeit, aber Mannig- 
faltigkeit eint nicht Einheit. So wir überhoben 
werden über alle Dinge, und alles, was in uns 
ist, aufgehoben wird, so bedrückt uns nichts. Wäre 
ich rein gottmeinend, dass nichts über mir wäre 
als Gott, so wäre mir gar nichts schwer und ich 
würde nicht gar so bald betrübt. 

26. Im Grunde der Seele ist die Kraft, die in 
den Augen wirkt, ebenso hoch im Rang wie der 
Verstand, und da ist der Fuss und das Auge 
gleich edel. Was die Seele in ihrem Grunde sei, 
das ward noch nie gefunden. 

27. Die Meister sagen, dass die menschliche 
Natur mit der Zeit nichts zu tun habe, und dass 
sie ganz und gar unberührbar sei und dem Men- 
schen viel inniger und näher sei als er sich selbst. 
Und darum nahm Gott menschhche Natur an und 
eignete sie seiner Person. Da ward menschliche 
Natur zu Gott, weil er bloss menschliche Natur 

14* 



Meister Eckhart. 212 

und keinen Menschen annahm. Willst du also 
selber Christus sein und Gott sein, so geh von 
alledem ab, was das ewige Wort sich nicht an- 
genommen hat. Das ewige Wort nahm keinen 
Menschen an sich: darum geh ab von dem, was 
Mensch an dir ist und was du bist, und benimm 
dich bloss nach menschlicher Natur, so bist du 
dasselbe an dem ewigen Worte, was menschliche 
Natur an ihm ist. Denn deine menschliche Natur 
und seine hat keinen Unterschied: sie ist eins; 
denn was sie in Christus ist, das ist sie in dir. 

28. Kein Ding ist Gott so sehr entgegengesetzt 
wie die Zeit. 

29. „Er hatte keinen Namen." So ist die 
Dreifaltigkeit der Gottheit ohne Namen ; denn alle 
die Namen, die ihm die Seele gibt, die nimmt 
sie aus ihrem Verstände. Darüber sagt ein heid- 
nischer Meister in dem Buche, das „Licht der 
Lichter" heisst: Gott ist Überwesenhaft und über- 
sprachlich und unverstandsam in Bezug auf das, 
was natürliches Verstehen ist. 

30. Ein Meister sagt: Eins ist ein untersagen- 
des Aussagen. Sage ich: Gott ist gut, da wird 
etwas beigelegt. Eins ist ein untersagendes Aus- 
sagen und ein wehrendes Begehren. Was meint 
Eins? Etwas, dem nichts beigelegt wird. Die 
Seele nimmt die Gottheit, wie sie in ihr geläutert 
ist, wo nichts beigelegt wird, wo nichts gedacht 



Fragmente. 2 1 3 

wird. Eins ist Untersagen des Aussagens. Alle 
Kreaturen haben irgend ein Untersagen in sich; 
die eine sagt aus, dass es die andre nicht sei; 
ein Engel sagt aus, dass er nicht eine andere 
Kreatur sei. Aber Gott hat ein Untersagen alles 
Aussagens, er ist Eins und untersagt alles andere; 
denn nichts ist ausser Gott. Alle Kreaturen sind 
in Gott und sind die Gottheit seiner selbst und 
wollen ihn ausfüllen. Er ist ein Vater aller Gott- 
heit. Darum eine Gottheit, weil nichts ausfliesst, 
und nirgends etwas daran rührt, und kein Wort 
gedacht wird. Damit, dass ich von Gott etwas 
aussage (sage ich von Gott Güte aus, so kann 
ich Gott nicht aussagen), damit dass ich von Gott 
etwas aussage, verstehe ich etwas unter ihm, was 
er nicht ist; eben das muss hinab. Gott ist 
Eins, er ist ein Untersagen des Aussagens. 

31. Eine Ursache, warum es meiner unwürdig 
und mir zuwider wäre, Gott darum zu bitten, er 
möge mich gesund machen, ist, dass ich den 
reichen liebevollen freigebigen Gott nicht um eine 
solche Kleinigkeit bitten will und soll. Gesetzt, 
ich reiste hundert oder zweihundert Meilen zum 
Papste, und wenn ich vor ihm käme, spräche 
ich: „O Herr und heiliger Vater, ich bin mit 
grossen Kosten auf beschwerlichen Wegen zwei- 
hundert Meilen gereist, und bin hierher ge- 
kommen, um euch zu bitten, mir eine Bohne 



Meister Eckhart. 214 

zu schenken," wahrlich, er selbst und jeder, der 
das hörte, sagte mit Recht, dass ich ein grosser 
Narr wäre. Nun ist das eine sichere Wahrheit, 
dass alles Gut, ja alle Kreatur gegen Gott weniger 
als eine Bohne ist. Darum verschmähte ich es 
mit Recht, wenn ich ein weiser und guter Mensch 
wäre, darum zu bitten, gesund zu werden. 

32. Seneca, ein heidnischer Meister, spricht: 
Von grossen und hohen Dingen soll man mit 
grossen und hohen Sinnen sprechen und mit er- 
hobener Seele. Auch soll man sagen, dass man 
solche Lehre nicht für Ungelehrte spreche oder 
schreibe. Dazu sage ich : wenn man ungelehrte 
Leute nicht lehrt, so wird niemals jemand ge- 
lehrt, so kann niemand lehren noch leben noch 
sterben; denn darum lehrt man die Ungelehrten, 
dass sie aus Ungelehrten gelehrt werden. Wäre 
nichts Neues, so würde nichts Altes. 

33. Dem gemäss, dass die Gottheit in allen 
Dingen ist, ist sie die Seele aller Seelen. Die 
Gottheit ist die Seele der Kreatur. 

34. Sankt Dionysius sagt: In Gott begraben 
werden ist nichts anderes als eine Ueberfahrt in 
das ungeschaffene Leben. Die Kraft, in der die 
Verwandlungen der Seele vor sich gehen, ist ihre 
Materie, und diese Kraft erkennt die Seele nie- 
mals bis auf den Grund, denn es ist Gott, und 
Gott verwandelt sich nicht: die Seele treibt ihre 



Fragmente. 215 

Verwandlungen in seiner Kraft. Darüber sagt 
Sankt Dionysius: Gott ist ein Beweger der Seele. 
Darum ist die Form eine Offenbarung des Wesens. 
Darüber sagt Sankt Dionysius, Form sei das Etwas 
des Wesens. Materie ohne Form gibt es nicht. 
Darum ruht die Seele nimmer, bis sie in Gott 
kommt, der ihre erste Form ist. Da vereinigt 
sich die Seele mit Gott, wie die Speise mit dem 
Menschen: sie wird Auge in den Augen, und 
Ohr in den Ohren. So wird die Seele Gott in 
Gott: mit jeder göttlichen Kraft vereinigt sie sich 
so, wie die Kraft in Gott ist, und Gott vereinigt 
sich in der Seele so, wie jede Kraft in der Seele 
ist, und die zwei Naturen fliessen in einem Licht, 
und die Seele wird allwesend zunichte. Was sie 
ist, das ist sie in Gott. Die göttlichen Kräfte 
ziehen sie in sich, ohne hinzusehen, wie die Sonne 
alle Kreaturen anzieht, ohne hinzusehen. 

Was Gott für sich selbst ist, das kann nie- 
mand begreifen. Gott ist für sich selbst in allen 
Dingen, Gott ist alle Dinge in allen Dingen und 
Gott ist jedem Dinge allzumal alle Dinge. So 
soll die Seele sein. Gott ist keinem Dinge völlig 
nichts, Gott ist für sich selbst nicht völlig nichts, 
Gott ist nichts, was man in Worte fassen kann. 
Hierüber sagt Sankt Dionysius, dass Gott für sich 
selbst alle Dinge sei, das heisst, dass er die Bilder 
aller Dinge trägt. Da trägt er sich in ein Nichts: 



Meister Eckhart. 216 

da sind alle Dinge Gott. Als wir nicht waren, 
da war Gott Hölle und Himmelreich und alle 
Dinge. 

35. Wir wollen allen Dingen Geist sein, und 
alle Dinge sollen uns Geist sein im Geiste. Wir 
sollen alle Dinge erkennen und uns mit allen 
Dingen gotten. 

36. So unmöglich es ist, dass Gott das Wesen 
verliert, das er ist, so unmöglich ist es, dass Gott 
sein ewiges Wort in Bildern oder in Lauten aus- 
sprechen kann. 

37. Die göttlich Armen haben sich nicht allein 
von sich selbst befreit, sondern sie haben sich 
auch von Gott befreit, und sind so sehr frei von 
ihm, dass er keinen Platz in ihnen findet, wo er 
wirken könnte. Denn fände er einen Platz, worin 
er wirkte, so wäre der Platz eines und er ein 
anderes. Diese Menschen haben keinen Platz, und 
sie sind von aller zufälligen Form ganz und gar 
frei und bloss. Hier sind alle Menschen ein 
Mensch und eben dieser Mensch ist Christus. Da- 
von sagt ein Meister, dass das Erdreich dieser 
Menschen nie entledigt ward und nie entledigt 
werden wird, denn der Mensch schliesst Himmel 
und Erde in sich. Wäre der Mensch nicht, so 
wären sie auch beide nicht. 

38. Alle Kreaturen jagen Gott mit ihrer Liebe, 
denn es ist kein Mensch so unselig, dass er aus 



Fragmente. 217 

Bosheit sündigte; sondern er tut es um seiner 
Lustgier willen. Es schlägt einer einen tot; das 
tut er nicht, um etwas Böses zu tun, sondern 
es dünkt ihn, er selbst käme, solange jener lebt, 
nimmer in sich selbst zum Frieden; darum will 
er in Frieden Lust suchen, denn Friede bringt 
Freude. So jagt alle Kreatur Gott mit ihrer Liebe, 
denn Gott ist die Liebe. So begehren alle Krea- 
turen der Liebe. Wäre ein Stein vernünftig, er 
müsste Gott mit seiner Liebe jagen. Wer einen 
Baum fragte, warum er seine Frucht trägt, wenn 
er Vernunft hätte, spräche er : dass ich mich in der 
Frucht erneuere, das tue ich, um mich von neuem 
meinem Ursprung zu nähern; denn dem Ur- 
sprung nahe sein, das ist lustvoll. Gott ist der 
Ursprung und ist Lust und Liebe. 

39. Gott ist überall in der Seele und sie ist 
in ihm überall; also ist Gott ein All, und sie mit 
ihm ein Alles in Allem. 



Sprüche. 

1. Meister Eckhart spricht: Wer in allen 
Räumen zu Hause ist, der ist Gottes würdig, und 
wer in allen Zeiten eins bleibt, dem ist Gott 
gegenwärtig, und in wem alle Kreaturen zum 
Schweigen gekommen sind, in dem gebiert Gott 
seinen eingeborenen Sohn. 

2. Es spricht Meister Eckhart: Nötiger wäre 
ein Lebemeister als tausend Lesemeister; aber 
lesen und leben ohne Gott, dazu kann niemand 
kommen. Wollte ich einen Meister von der Schrift 
suchen, den suchte ich in Paris und in den hohen 
Schulen hoher Wissenschaft. Aber wollte ich 
nach vollkommenem Leben fragen, davon könnte 
er mir nichts sagen. Wohin sollte ich dafür 
gehen? Allzumal nirgends anders als in eine 
nackte entledigte Natur: die könnte mir kund 
tun, wonach ich sie in Ehrfurcht fragte. Leute, 
was sucht ihr an dem toten Gebein? Warum 
sucht ihr nicht das lebendige Heil, das euch 
ewiges Leben geben kann? Denn der Tote hat 
weder zu geben noch zu nehmen. Und sollte 



Sprüche. 219 

ein Engel Gott ohne Gott suchen, so suchte er 
ihn nirgends anders als in einer entledigten 
nackten abgeschiedenen Kreatur. Alle Voll- 
kommenheit liegt daran, dass man Armut und 
Elend und Schmach und Widerwärtigkeit und 
alles, was dir zustossen und dich bedrücken 
kann, willig, fröhlich, frei, begierig und bereit 
und unbewegt leiden kann und bis an den Tod 
dabei bleiben ohne alles Warum. 

3. Meister Eckhart sprach: Wem in einem 
anders ist als im andern und wem Gott lieber 
in einem als im andern ist, der Mensch ist ge- 
wöhnlich und noch fern und ein Kind. Aber 
wem Gott gleich ist in allen Dingen, der ist zum 
Mann geworden. Aber wem alle Kreaturen über- 
flüssig und fremd sind, der ist zum Rechten ge- 
kommen. 

Er ward auch gefragt: wenn der Mensch aus 
sich selbst herausgehen wollte, ob er noch um 
etwas Natürliches sorgen sollte? Da sprach er: 
Gottes Bürde ist leicht und sein Joch ist sanft; 
er will es nirgends als im Willen; und was dem 
trägen Menschen ein Graus ist, das ist dem hin- 
gerissenen eine Herzensfreude. Es ist niemand 
Gottes voll als wer im Grunde tot ist. 

4. Gott verhängt kein Ding über uns, wo- 
mit er uns nicht zu sich lockt. Ich will Gott 
niemals dafür danken, dass er mich liebt, denn 



Meister Eckhart. 220 

er kann es nicht lassen, seine Natur zwingt ihn 
dazu; ich will dafür danken, dass er es in seiner 
Güte nicht lassen kann, dass er mich lieben muss. 

5. Meister Eckhart sprach: Ich will Gott 
niemals bitten, dass er sich mir hingeben soll; 
ich will ihn bitten, dass er mich leer und rein 
mache. Denn wäre ich leer und rein, so müsste 
Gott aus seiner eigenen Natur sich mir hin- 
geben und in mir beschlossen sein. 

6. Meister Eckhart spricht: Dass wir Gott 
nicht zwingen, wozu wir wollen, das liegt daran, 
dass uns zwei Dinge fehlen : Demut vom Grund 
des Herzens und kräftiges Begehren. Ich sage 
das bei meinem Leben, — Gott vermag in seiner 
göttlichen Kraft alle Dinge, aber das vermag er 
nicht, dass er dem Menschen, der diese zwei 
Dinge in sich hat, nicht Gewährung schenke. 
Darum gebt euch nicht mit kleinen Dingen ab, 
denn ihr seid nicht zu Kleinem geschaffen; denn 
weltliche Ehre ist nichts als eine Verwandlung 
und ein Irrsal der Seligkeit. 

7. Meister Eckhart der Prediger sprach auch 
also: Es ward nie grössere Mannhaftigkeit noch 
Streit noch Kampf, als wenn einer sich selbst 
vergisst und verleugnet. 

8. Bruder Eckhart predigte und sprach: 
Sankt Peter sprach : ich habe alle Dinge gelassen. 
Da sprach Sankt Jakob: wir haben alle Dinge 



Sprüche. 221 

weggegeben. Da sprach Sankt Johannes: wir 
haben gar nichts mehr. Da sprach Bruder Eck- 
hart: wann hat man alle Dinge gelassen? So 
man alles das lässt, was der Sinn greifen kann, 
und alles, was man sprechen kann, und alles, 
was Farbe machen kann, und alles, was man hören 
kann, dann erst hat man alle Dinge gelassen. 
Wenn man so alle Dinge lässt, so wird man 
von der Gottheit durchklärt und überklärt. 

9. Wer werden will, was er sein sollte, der 
muss lassen, was er jetzt ist. Als Gott die Engel 
schuf, da war der erste Blick, den sie taten, 
dass sie des Vaters Wesen sahen und wie der 
Sohn aus dem Herzen des Vaters herauswuchs 
recht wie ein grünes Reis aus einem Baume. 
Diese freudenreiche Anschauung haben sie mehr 
als sechstausend Jahre gehabt, und wie sie ist, 
das wissen sie heutigen Tages nicht mehr, als 
damals, wie sie eben geschaffen waren. Und 
das kommt von der Grösse der Erkenntnis : denn 
je mehr man erkennt, desto weniger versteht man. 

10. Und also soll ein Mensch sein Leben rich- 
ten, der vollkommen werden will. Darüber spricht 
Meister Eckhart: Die Werke, die der Mensch 
von innen wirkt, sind lustvoll, sowohl dem Men- 
schen wie Gott, und sind sanft und heissen le- 
bendige Werke. Sie sind Gott deswegen wert, 



Meister Eckhart. 222 

weil er es allein ist, der die Werke in dem 
Menschen wirkt, die von innen gewirkt werden. 
Diese Werke sind auch dem Menschen süss und 
sanft, denn alle die Werke sind dem Menschen 
süss und lustvoll, wo Leib und Seele mit ein- 
ander einhellig werden. Und das geschieht in 
allen solchen Werken. Diese Werke heissen auch 
lebendige Werke, denn das ist der Unterschied 
zwischen einem toten Tier und einem lebenden 
Tier, dass das tote Tier nur von einer äussern 
Bewegung bewegt werden kann, das heisst: wenn 
man es zieht oder trägt, und darum sind alle 
seine Werke tote Werke. Aber das lebende Tier 
bewegt sich selbst, wohin es will, denn seine Be- 
wegung geht von innen aus und alle seine Werke 
sind lebende Werke. Recht in gleicher Weise 
heissen alle Werke der Menschen, die ihren Ur- 
sprung von innen nehmen, wo Gott allein bewegt, 
und die von dem Wesen kommen, unsere Werke 
und göttliche Werke und nützliche Werke. Aber 
alle die Werke, die aus einer äusseren Ursache 
und nicht aus dem innern Wesen geschehen, die 
sind tot und sind nicht göttliche Werke und sind 
nicht unsere Werke. Auch spricht Meister Eck- 
hart, dass alle die Werke, die der Mensch von 
innen wirkt, willkürliche Werke sind. Was nun 
willkürlich ist, das ist angenehm, und darum sind 
alle Werke, die von innen geschehen, angenehm, 



Sprüche. 223 

und alle die Werke, die infolge äusserer Be- 
wegung geschehen, sind unwillkürlich und sind 
knechtisch, denn wäre das Ding nicht, das von 
aussen bewegt, so geschähe das Werk nicht, und 
darum ist es unwillkürlich und knechtisch und 
unangenehm. 

11. Meister Eckhart sprach, es könne kein 
Mensch in diesem Leben so weit kommen, dass 
er nicht auch äussere Werke tun solle. Denn 
wenn der Mensch sich dem beschaulichen Leben 
hingibt, so kann er vor grosser Fülle sich nicht 
halten, er muss ausgiessen und muss im wir- 
kenden Leben tätig sein. Gerade wie ein Mensch, 
der gar nichts hat, der kann wohl mild sein, 
denn er gibt mit dem Willen; jedoch, wenn ein 
Mensch grossen Reichtum hat und nichts gibt, 
der kann nicht- mild heissen. Und ebenso kann 
kein Mensch eine Tugend haben, der sich nicht 
dieser Tugend hingibt, wenn es Zeit und Raum 
erlaubt. Und darum sind alle die, die sich dem 
beschaulichen Leben hingeben und nicht äusseren 
Werken und sich ganz und gar von äusserem 
Werk abschliessen, im Irrtum und nicht auf dem 
rechten Weg. Da sage ich, der Mensch, der im 
beschaulichen Leben ist, kann wohl und soll sich 
von allen äussern Werken freimachen, solange 
er im Schauen ist; aber hernach soll er sich 
äussern Werken widmen, denn niemand kann sich 



Meister Eckhart. 224 

allezeit und fortwährend dem beschaulichen Leben 
hingeben, und das wirkende Leben wird ein 
Aufenthalt des schauenden Lebens. 

12. Meister Eckhart und auch andere Meister 
sagen, dass zwei Dinge in Gott sind: Wesen 
und Wahrnehmen, das da relatio heisst. Nun 
sagen die Meister, dass des Vaters Wesen den 
Sohn nicht in der Gottheit gebiert, denn nach 
seinem Wesen sieht der Vater nichts anderes als 
in sein blosses Wesen und schaut sich selber 
darinnen mit all seiner Kraft, und da schaut er 
sich bloss ohne den Sohn und ohne den hei- 
ligen Geist und sieht da nichts als Einheit seines 
nämlichen Wesen. Wenn aber der Vater ein 
Anschauen und ein Wahrnehmen seiner selbst 
in einer andern Person haben will, so ist des 
Vaters Wesen in dem Wahrnehmen den Sohn 
gebärend, und weil er sich selbst in dem Wahr- 
nehmen so wohlgefällt und ihm das Anschauen 
so lustvoll ist, und weil er alle Lust ewig ge- 
habt hat, darum muss er dieses Wahrnehmen 
ewig gehabt haben. Darum also ist der Sohn 
ewig wie der Vater, und aus dem Wohlgefallen 
und der Liebe, die Vater und Sohn miteinander 
haben, hat der heilige Geist seinen Ursprung, 
und weil diese Liebe zwischen Vater und Sohn 
ewig gewesen ist, darum ist der heilige Geist 
ebenso ewig wie der Vater und der Sohn, und 



Sprüche. 225 

die drei Personen haben nur ein Wesen und 
sind allein an den Personen unterschieden. 

13. Meister Eckhart spricht, Gott ist nicht 
allein ein Vater aller Dinge, er ist vielmehr auch 
eine Mutter aller Dinge. Denn er ist darum ein 
Vater, weil er eine Ursache und ein Schöpfer 
aller Dinge ist. Er ist aber auch eine Mutter 
aller Dinge, denn wenn die Kreatur von ihm ihr 
Wesen nimmt, so bleibt er bei der Kreatur und 
erhält sie in ihrem Wesen. Denn bliebe Gott 
nicht bei und in der Kreatur, wenn sie in ihr 
Wesen kommt, so müsste sie notwendig bald 
von ihrem Wesen abfallen. Denn was aus Gott 
fällt, das fällt von seinem Wesen in eine Nicht- 
heit. Es ist mit andern Ursachen nicht so, denn 
die gehen wohl von ihren verursachten Dingen 
weg, wenn diese in ihr Wesen kommen. Wenn 
das Haus in sein Wesen kommt, so geht der 
Zimmermann hinaus, und zwar darum, weil der 
Zimmermann nicht ganz und gar die Ursache 
des Hauses ist, sondern er nimmt die Materie 
von der Natur; Gott dagegen gibt der Kreatur 
ganz und gar alles, was sie ist, sowohl Form 
wie Materie, und darum muss er dabei bleiben, 
weil sonst die Kreatur bald von ihrem Wesen 
abfallen würde. 

14. Es spricht Johann Chrysostomus : Dass 
Gott in allen Kreaturen sei, das wissen wir und 

15 



Meister Eckhart. 226 

sagen es, aber wie und welcher Weise, das können 
wir nicht begreifen. Doch Meister Eckhart spricht, 
dass uns dies ganz klar sein kann, wenn wir 
für das Wort Gott das Wort Wesen setzen. Nun 
sehen und merken wir alle wohl, dass in allen 
Dingen Wesen ist. Wenn also Gott das eigent- 
liche Wesen ist, so muss darum notwendigerweise 
Gott in allen Dingen sein. 

15. Meister Eckhart sprach: Wie kommt der, 
der unwandelbar ist, und wie kommt der, der 
an allen Orten ist? Zu wem kommt der, der 
in allen Herzen ist? Hierauf antworte ich: er 
kommt nicht so, dass er irgend etwas werde oder 
für sich selbst irgend etwas erreiche, sondern 
er kommt gestaltend, er kommt der da verborgen 
war und offenbart sich selbst, er kommt als ein 
Licht, das da in den Herzen der Leute ver- 
borgen war und in ihrer Vernunft, so dass es 
jetzt geformt werde mit der Vernunft und in 
der Begierde und in dem Allerinnersten des Be- 
wusstseins. Nun ist er dergestalt in der Inner- 
lichkeit, dass da nichts ohne ihn ist, und so 
kann da auch nichts mit ihm sein, sondern er 
ist alles was da ist, allein. Daher kommt er 
so, wenn er sich dergestalt in der Vernunft und 
in der Begierde erzeugt, dass da nichts ohne 
ihn und nichts mit ihm ist, sondern die Vernunft 
und die Begierde sind seiner ganz voll, und wer 



Sprüche. 227 

es derart merkt: nichts ohne ihn, nichts mit ihm, 
sondern völlig eine Stätte Gottes, der weiss selber 
nicht, dass er für Gott eine Stätte ist, wie David 
spricht: „Herr, das Licht deines Antlitzes ist 
ein Zeichen über uns," gerade als ob er sagte: 
du sollst schweigen und trauern und seufzen 
und von der Vernunft Mittel empfangen und sie 
lauter in deine Begierde verwandeln, auf dass 
du seine göttliche Heimlichkeit empfindest. Rede 
mit ihm wie einer mit seinen Mitmenschen redet, 
und so wie du, wenn du mit Gott sprichst, 
„Ich" sagst, und wenn du von Gott sprichst, 
„Er", so sage zu Gott: „Du." Du sollst alle 
Dinge vergessen und sollst allein Gott wissen 
und sollst sprechen : „du bist mein Gott, denn 
du bist allein inwendig, du bist allein alle Dinge." 
Keine Kreatur ist Gottes empfänglich, als die 
nach Gottes Bild geschaffen ist, also der Engel 
und des Menschen Seele: die sind Gottes emp- 
fänglich, dass er in ihnen und sie in ihm seien. 
Andern Kreaturen ist Gott wesenhaft, sie haben 
ihn nicht begriffen, sondern sie können nur ohne 
ihn nicht Wesen haben. So steht es auch mit 
Gottes Gegenwart: nicht sie sehen Gott, son- 
dern Gott sieht sie in ihrem Allerinnersten; und 
auch mit seiner Macht: nicht vermag er nichts 
ohne sie, sondern wir vermögen nichts ohne ihn. 
Darum aber, weil Gott in der Seele wie in sich 

15* 



Meister Eckhart. 228 

selber ist, heisst die Seele eine Stätte und auch 
eine Stätte des Friedens, denn wo Gott ist wie 
in sich selbst, da ist Himmelreich und Friede 
ohne Betrübnis, fröhlich und freudenvoll. Eine 
selige Seele ruht in Gott ebenso und noch besser 
als in ihrem Eigentum. 

Der Mensch, der völlig und rein aus sich 
selber herausgegangen wäre, der fände ganz und 
gar Gott in Gott und Gott mit Gott. Der wirkt 
als Gleicher: denn alles was er ist, das ist er 
Gott, und alles was er Gott ist, das ist er sich, 
denn Gott ist zugleich in Etwas, und ist zugleich 
das Etwas, und das Etwas ist zugleich in Gott 
und ist zugleich Gott, denn sie sind so ganz 
eins, dass das eine ohne das andere nicht sein 
kann. 

16. Meister Eckhart sprach, dass wir in dem 
Wesen der Seele Gott gut sehen und erkennen 
können. Denn je näher ein Mensch in diesem 
Leben mit seiner Erkenntnis dem Wesen der Seele 
kommt, um so näher ist er der Erkenntnis Gottes. 
Und das geschieht allein dadurch, dass wir die 
Kreatur ablegen und aus uns selbst herausgehen. 
Du sollst wissen, obschon ich die Kreatur in 
Gott liebe, so kann ich doch Gott niemals in 
der Kreatur so rein lieben wie in mir. Du sollst 
aus dir selbst gehen und dann wieder in dich 
selbst: da liegt und wohnt die Wahrheit, die 



Sprüche. 229 

niemand findet, der sie in äussern Dingen sucht. 
Als Maria Magdalena sich aller Kreatur entschlug 
und in ihr Herz hineinging, da fand sie unsern 
Herrn. Gott ist rein und klar: darum kann ich 
Gott nirgends finden als in einem Reinen. Das 
Innerste meiner Seele aber ist klarer und reiner 
als jede Kreatur; darum finde ich Gott am 
allersichersten in meinem Innersten. 

17. Dass Gott in Ruhe ist, das bringt alle 
Dinge zum Laufen. Etwas ist so lustvoll, das 
bringt alle Dinge zum Laufen, dass sie zurück- 
kommen in das, von dem sie gekommen sind, 
und das doch unbeweglich in sich selber bleibt, 
und auf je höherer Stufe ein Ding ist, um so lust- 
voller läuft es. 

18. Gott kann ebensowenig Gleichnisse leiden, 
als er leiden kann, dass er nicht Gott ist. Gleich- 
nis ist das, was nicht an Gott ist. In der Gott- 
heit und in der Ewigkeit ist Einssein, aber Gleich- 
heit ist nicht Einssein. Bin ich eins, so bin ich 
nicht gleich. Gleichheit ist nicht die Form des 
Wesens in der Einheit, dieses gibt mir Einssein 
in der Einheit, nicht Gleichsein. 

19. Was kann süsser sein als einen Freund 
haben, mit dem du alles, was in deinem Herzen 
ist, besprechen kannst wie mit dir selbst? Das 
ist wahr. 



Meister Eckhart. 230 

20. Was ist Gottes Sprechen? Der Vater 
sieht auf sich selbst in einer einfachen Erkennt- 
nis und sieht in die einfache Reinheit seines 
Wesens, da sieht er alle Kreaturen gebildet. Da 
spricht er sich selbst, das Wort ist klares Ver- 
stehen, und das ist der Sohn. 

21. Wenn man Mensch sagt, so versteht 
man darunter eine Person; wenn man Mensch- 
tum sagt, so meint man die Natur aller Menschen. 
Die Meister fragen, was Natur ist. Sie ist ein 
Ding, das Wesen empfangen kann. Darum 
einigte Gott das Menschtum mit sich, nicht den 
Menschen. Ich sage: Christus war der erste 
Mensch. Wieso? Das erste in der Meinung ist 
das letzte am Werk, wie ein Dach das letzte 
am Hause ist. 

22. Das oberste Antlitz der Seele hat zwei 
Werke. Mit dem einen versteht sie Gott und 
seine Güte und was aus ihm fliesst. Daher liebt 
sie Gott heute und versteht ihn, und morgen 
nicht. Darum liegt das Bild nicht in den Kräften 
infolge ihrer unstäten Art. Das andere Werk 
ist in dem obersten Antlitz, das ist verborgen. 
In der Verborgenheit liegt das Bild. Fünf Dinge 
hat das Bild an sich. Erstens, es ist nach einem 
andern gebildet. Zweitens, es ist in sich selbst 
geordnet. Drittens, es ist ausgeflossen. Viertens, 
es ist sich gleich von Natur, nicht dass es gött- 



Sprüche. 231 

lieber Natur wäre, aber es ist eine Substanz, die 
in sich selbst besteht, es ist ein reines aus Gott 
geflossenes Licht, wo nicht mehr Unterschiedenes 
ist, als dass es Gott versteht. Fünftens, es ist 
auf das Bild geneigt, von dem es gekommen ist. 
Zwei Dinge zieren das Bild. Das eine: es ist 
nach ihm gefärbt. Das zweite: es hat etwas 
Ewigkeit in sich. Die Seele hat drei Kräfte in 
sich. Jn diesen liegt das Bild nicht. Aber sie 
hat eine Kraft, das ist der wirkende Verstand. 
Nun sagt Augustin und der neue Meister, dass 
darin zugleich liege Gedächtnis und Verstand 
und Wille, und diese drei haben nichts Unter- 
schiedenes. Das ist das verborgene Bild, das 
löst sich aus dem göttlichen Wesen, und das 
göttliche Wesen scheint unmittelbar in das Bild. 
Gottes Wille ist, dass wir heilig sein sollen und 
die Werke tun, mit denen wir heilig werden. 
Heiligkeit beruht auf der Vernünftigkeit und dem 
Willen. Die besten Meister sagen : Heiligkeit liegt 
im Grunde im Höchsten der Seele, wo die Seele 
in ihrem Grunde ist, wo sie allen Namen und 
ihren eigenen Kräften entwächst. Denn die 
Kräfte sind auch ein nach aussen Gefallenes. Wie 
man Gott keinen Namen geben kann, so kann 
man auch der Seele in ihrer Natur keinen Namen 
geben. Und wo diese zwei eins werden, da ist 
die Heiligkeit. 



Meister Eckhart. 232 

Wesen steht auf so hoher Stufe, dass es allen 
Dingen Wesen giebt. Wäre kein Wesen, so wäre 
ein Engel dasselbe was ein Stein. 

23. Ein hoher Lesemeister erzählte in einer 
Predigt in einer hohen Versammlung diese Ge- 
schichte: Es war einmal ein Mann, von dem 
liest man in den Schriften der Heiligen, der be- 
gehrte wohl acht Jahre, Gott möge ihm einen 
Menschen zeigen, der ihm den Weg zur Wahr- 
heit weisen könnte. Und als er in einem starken 
Begehren war, da kam eine Stimme von Gott 
und sprach zu ihm: „Geh vor die Kirche, da 
findest du einen Menschen, der dir den Weg 
zur Wahrheit weisen soll." Und er ging und 
fand einen armen Mann, dem waren seine Füsse 
aufgerissen und voll Kot und alle seine Kleider 
waren kaum drei Pfennig wert. Er grüsste ihn und 
sprach: „Gott gebe dir einen guten Morgen" 
und jener erwiderte: „Ich hatte nie einen bösen 
Morgen!" Er sprach: „Gott gebe dir Glück! 
wie antwortest du mir so?" Und er erwiderte: 
„Ich hatte nie Unglück." Er sprach wieder: 
„Bei deiner Seligkeit! wie antwortest du mir 
so?" Er erwiderte: „Ich war nie unselig." Da 
sprach er: „Gebe dir Gott Heil! Kläre mich 
auf, denn ich kann es nicht verstehn." Er er- 
widerte: „Das will ich tun. Du sprachst zu mir, 
Gott möge mir einen guten Morgen geben, da 



Sprüche. 233 

sagte ich: ich hatte nie einen bösen Morgen. 
Hungert mich, so lobe ich Gott; bin ich elend 
und in Schande, so lobe ich Gott: und daher 
hatte ich nie einen bösen Morgen. Als du 
sprachst, Gott möge mir Glück geben, sagte ich, 
ich hatte nie Unglück. Denn was mir Gott gab 
oder über mich verhängte, es sei Freude oder 
Leid, sauer oder süss, das nahm ich alles von 
Gott für das Beste: deshalb hatte ich nie Un- 
glück. Du sprachst, bei meiner Seligkeit, da 
sagte ich: ich war nie unselig, denn ich habe 
meinen Willen so gänzlich in Gottes Willen ge- 
geben: was Gott will, das will auch ich, darum 
war ich nie unselig, denn ich wollte allein Gottes 
Willen." „Ach, lieber Mensch, wenn dich nun 
Gott in die Hölle werfen wollte, was wolltest du 
dazu sagen?" Da sprach er: „Mich in die Hölle 
werfen ? Das wollt' ich sehen ! Und auch dann, 
würfe er mich in die Hölle, so habe ich zwei 
Arme, mit denen umfasste ich ihn. Der eine 
ist wahre Demut, den legte ich um ihn und um- 
fasste ihn mit dem Arm der Liebe." Und dann 
sprach er: „Ich will lieber in der Hölle sein 
und Gott haben, als im Himmelreich und Gott 
nicht haben." 

24. Meister Eckharten begegnete ein schöner, 
nackender Bube. Da fragte er ihn, woher er 
käme. Er sprach : Ich komme von Gott. — Wo 



Meister Eckhart. 234 

verliessest du ihn? — In tugendhaften Herzen. 

— Wohin willst du? — Zu Gott. — Wo fin- 
dest du ihn? — Wo ich alle Kreaturen verliess. 

— Wer bist du? — Ein König. — Wo ist dein 
Königreich? — In meinem Herzen. — Hüte dich, 
dass es niemand mit dir teile. — Das tu ich. 

— Da führte er ihn in seine Zelle und sprach: 
Nimm, welchen Rock du willst. — Dann wäre 
ich kein König, — und verschwand. Es war 
Gott selbst gewesen, der mit ihm einen Spass 
gemacht hatte. 



Bemerkungen. 



[. . .] Eckige Klammer bedeutet, dass ich 
die Stelle der Vorsicht oder dem Missverstehen 
eines Schreibers zuzuschreiben geneigt bin — 
wiewohl auch E. selbst nicht weniger klug war 
als andere tapfere Menschen. 

S. 14. „Mittel, Wesen, Werk." Diese und 
manche andere Worte — „rein " (lüter) vor 
allem, das absolut oder abstrakt bedeutet — sind 
feste technische Ausdrücke, meist Uebersetzungen 
aus dem Lateinischen. Es wäre aber falsch ge- 
wesen, unsere abgeglätteten Ausdrücke dafür zu 
setzen; es muss dem Leser bewusst bleiben, dass 
die Zeit E.'s jung war; dass es sich um eine 
improvisierte Sprache handelt; um Worte, die 
erst errungen und erbildet sind. 

S. 15. „Niemand rührt an den Grund der 
Seele als Gott allein." Ich weiss wohl, dass wir 
in all diese Worte andere Nuancen legen; dafür 
gehen uns tausend Feinheiten aus der Situation 
E.'s verloren. Uebrigens empfiehlt es sich drin- 
gend, aus dem Poetischen und Gesteigerten immer 



Meister Eckhart. 236 

den nüchternen Sinn auszuschälen. Man soll 
nicht übersehen, dass E., wenn er sagt: das Bild 
der Kreatur habe in den Kräften der Seele Her- 
berge empfangen, damit kaum anderes sagen will 
als: die Vorstellung des Objekts sei mit Hülfe 
der Sinnesorgane appercipiert worden. 

S. 17. „und in keiner andern." Man beachte, 
wie E. diese und immer wieder solche Bemer- 
kungen unterstreicht. Es steckt für uns ko- 
lossal viel Ketzerei hinter dieser symbolischen 
Deutung von der Geburt des Gottessohnes. Was 
uns aber Ketzerei ist, erklärt uns vielmehr allein 
die Macht des Christentums über den tiefen, 
reichen Geist des Mittelalters. Man nahm nicht 
nur das Hohehed symbolisch, sondern auch die 
Erzählungen vom Leben und Sterben des Hei- 
lands. Christen gibt es nur, solange der sym- 
bolische Gehalt der Ueberlieferung so über- 
wältigend wirkt, dass die Frage nach der histori- 
schen Tatsächlichkeit gar nicht aufkommt. Den 
Russen (Dostojewskij, Tolstoj) geht es heute noch 
so, nur dass ihnen nur an ethischen Symbolen, 
gar nicht an erkenntnistheoretischen gelegen ist. 
In Westeuropa aber hörte das Christentum in 
dem Augenblick auf, wo man sich zwingen wollte, 
an die Mythen als an lebenentscheidende Tat- 
sachen zu glauben, weil man zur Umdeutung der 
Symbole nicht mehr stark genug war. Diese 



Bemerkungen. 237 

Art Glaube: in der Vergangenheit, an einem be- 
stimmten Ort, sei ein für allemal Heil wider- 
fahren, ist nur noch armseliger Erdenrest einer 
gestorbenen Religion; der gestaltende Geist hat 
sich verflüchtigt. Seitdem sind für unsere Ortho- 
doxie alle echten Christen heillose Ketzer. 

S. 20. „übergöttischen" — mhd. „übergotten." 
Lasson schlägt vor, „überguoten" zu lesen; völlig 
grund- und sinnlos. Ueberhaupt — Lassons Kon- 
jekturen — — — 

S. 21. „unerkannte Erkenntnis"; schon vor- 
her „Unwissen": man ist sehr versucht, an 
solchen Stellen „unbewusst" und „Unbewusst- 
heit" zu setzen. Aber man muss E. tiefer nehmen 
als Hartmann. 

S. 21. „alles Gute" u. dgl. an andern Stellen: 
möglichst unethisch, amoralisch zu verstehen; bei 
E. oft und oft zu beachten. 

S. 26. „seelischer Zweck." Seliges Ende, wie 
der Leser des Mhd. aufzufassen geneigt ist, wäre 
Moralgefasel, das man erst bei späteren „Mysti- 
kern", aber nicht bei E. suchen darf. 

S. 26. „Werk." Die Stelle wird am besten 
verstanden, wenn man Werk mit „Organ" über- 
setzt. 

S. 29. „Ueberform." An solchen Stellen 
ist es schwer zu entscheiden, ob der Ausdruck 
ein starker und kühner, oder ein geläufiger und 



Meister Eckhart. 238 

matter ist. Jedenfalls ist „überformet" im An- 
schluss an das lateinische „transformare" ent- 
standen; vielleicht also klang es E.'s Zeitgenossen 
so glatt und unauffällig und anschauungslos wie 
uns das Wort „umgestaltet". Wahrscheinlich ist 
das aber doch nicht, denn E. wird nicht umsonst 
die undichterische, bildlose — obwohl immer noch 
lebendige — lateinische Sprache nicht mehr er- 
tragen haben. Jedenfalls habe ich in solchen 
zweifelhaften Fällen die seltene Ausdrucksweise 
vorgezogen, zumal der Sinn ja betrüblicherweise 
gar sehr derselbe bleibt: auch wenn sich die 
Sprache übergipfelt und auf den Kopf stellt, ist 
die „Ueberform" nichts anderes als eine unbe- 
kannte und nicht weiter zu beschreibende Ver- 
änderung. 

S. 30. „Empfangen." Wer das mhd. „liden" 
mit „leiden" wiedergeben wollte, trüge in E. eine 
Sorte Mysticismus hinein, die in diesen Zusammen- 
hängen ganz fern von ihm war. Es bedeutet 
lediglich Passivität, wobei E. mehr an ein er- 
freuliches Beschenktwerden als an Schmerz er- 
leiden denkt. Es berührt sich meist mit dem Sinn 
des Wortes „vernehmen" (Vernunft!), das E. lieber 
anwendet als unser „wahrnehmen". Diese seine 
Freude an der passiven Vernehmung im Gegen- 
satz zur aktiven Wahrnehmung hängt damit zu- 
sammen, dass ihn das Hören, dessen Eindrücke 



Bemerkungen. 239 

mehr seelischer Art sind, das die Aussenwelt 
in subjektive Gefühle verwandelt, wertvoller 
dünkte als das materialisierende Sehen, das die 
Aussenwelt, die Bilder und Kreaturen, herstellt 
und von uns trennt. Um deswillen ist das „Leiden" 
die Vereinigung von Ich und Welt, von Seele und 
Gott, aber nicht, wie schon E.'s nächster und be- 
gabtester Jünger, Seuse, in seinen dichterischen 
Schriften und Bekenntnissen vertrat, um des 
Schmerzes willen. Immerhin schwingt freilich 
schon bei E. diese Nuance des Leidens manch- 
mal etwas mit. Keine Zeit kann aus ihrer Sprache 
heraus; und so ist es möglich, dass die Askese 
des Mittelalters zu grossem Teil auf diese Doppel- 
bedeutung des theologisch-psychologischen Be- 
griffs liden (pati), in Verbindung natürlich mit 
der „Passion" Jesu Christi, zurückgeht. Das 
schmerzliche Leiden war ein beglückendes Emp- 
fangen; wer still hielt, wurde beschenkt; es war 
also nützlich zu leiden. — Zu derselben Stelle des 
Textes und zu vielen andern sei noch bemerkt: 
„Liebe" und „lieben" hat bei E. fast immer die 
Nebenbedeutung, oft vorwiegend die Bedeutung: 
„Wille" und „wollen". Wo er von „Liebe" und 
„Erkenntnis" spricht, meint er „Wille und Vor- 
stellung". 

S. 39. „Buch der Geheimnisse" — Apoka- 
lypse. 



Meister Eckhart. 240 

S. 48. Fast allen Predigten E.'s ist ein Vul- 
gata-Text vorgesetzt, der in dieser Ausgabe meist 
wegfiel. 

S. 68. „Einer unserer ältesten Meister": Kra- 
tylos. 

S. 72. „eine Mücke." Der Begriff des Un- 
endlichen fehlt E. vollständig, fürs Kleine wie fürs 
Grosse; für letzteres sagt er etwa: „so weit du 
zählen kannst." — Dass ihm die Correlatbegriffe 
„positiv" und „negativ" fehlen, wird der Leser 
aus der Rede vom „Nichtwissen" entnommen 
haben, man erinnere sich der mühsamen und 
eben darum wundervollen Anstrengung, das 
mystische (positive) Nichtwissen vom gemeinen zu 
unterscheiden. 

S. 73. „Er gebiert seinen Sohn." Dazu und 
zu manchen anderen Stellen: die mythenbildende 
Kraft war damals noch nicht gestorben. Das 
Christentum lebte, weil es noch nicht fertig war; 
weil es die Form war, in der die junge, ringende 
Wissenschaft sich äusserte. Es ist oft auch in 
E.'s Bewusstsein nicht zu unterscheiden, was Sym- 
bolik ist, und was er naiv glaubt, obwohl er es 
im Moment erfindet (schaut). Alles Erfinden und 
Auffinden ist bei beginnenden Menschen ein 
Schauen und eine Offenbarung; alle geniale Be- 
tätigung ein Versinken in Gott. Ich empfehle 
dem Leser, sich das Wort „Mystik" ab und zu 



Bemerkungen. 241 

mit „Genialität" zu übersetzen, dabei aber zu er- 
wägen, dass er damit das Unbekannte durch etwas 
keineswegs Bekanntes ersetzt. 

S. 119 ff. Die Predigt „Von der Erneuerung 
des Geistes" enthält viel ungeniessbare Scho- 
lastik, aber dazwischen tiefste Weisheit. Das ist 
oft so bei E., die Fragmente sind fast alle aus 
bergehohem Wortschutt ausgegraben ; ein Zeichen, 
dass das, was uns Asche und tot ist, seinerzeit ein 
notwendiges Denkelement war. Das Scho- 
lastische in dieser Predigt — und auch sonst 
manchmal; wäre dadurch nicht das dichterisch 
Grosse verloren gegangen, hätte ich daran ge- 
dacht, alles Ueberlieferte in Aphorismen aufzu- 
lösen — nehme der Leser als Beispiel für das 
Viele, das in dieser Ausgabe weggelassen ist. In 
diesem geringen Masse muss das geistige Milieu 
E.'s den Lesern vertraut werden. Denn ohne 
gründliche Kenntnis der Scholastik ist E. histo- 
risch nicht einzuschätzen; er wurzelt völlig darin. 
Man darf nicht übersehen, dass er aus einer völlig 
andern Sprache (Weltanschauung) heraus zu Re- 
sultaten kam, die sich mit unsern kühnsten Phan- 
tasien wie mit unsrer abgründlichsten Skepsis so 
nah berühren. Beachtete man nur das Sprachliche, 
das bewusst Gewordene, so müsste man sagen, 
er sei aus lauter Irrtümern und falschen Prä- 
missen zu dem gekommen, was wir fast Wahrheit 

16 



Meister Eckhart. 242 

nennen möchten. So geht es immer, und uns 
nicht besser. 

E. war also scholastischer Realist, ein An- 
hänger der Ideenlehre Piatons, den er den 
„grossen Pfaffen" nennt. Die Ideen nennt er 
„vorhergehende Bilder", versteht aber darunter 
kaum etwas anderes als was wir mit Zuhülfe- 
nahme des Begriffs der Vererbung „Art" oder 
„Gattung" nennen, die ja wirklich das sind, was 
den konkreten Individuen vorhergeht, zu Grunde 
liegt. Die „vorhergehenden Bilder" sind in Gott, 
und „daher gebiert der Mensch einen Menschen, 
der Löwe einen Löwen, der Falke einen Falken." 
„Die Rose wächst aus einer Rose, nicht aus einem 
Kohlkopf." Von seinem grossen Meister Thomas 
zitiert er das Wort: „Die vorhergehenden Bilder 
sind ein Ursprung oder Anfang der Schöpfungen 
aller Kreaturen." Damit soll aber nicht die Kon- 
stanz der Arten im Gegensatz zur Variabilität be- 
hauptet werden; diese Frage war noch kaum ge- 
boren — obwohl E. in der Predigt „Von der 
Natur" auch daran rührt — ; sondern es wird 
der Zusammenhang aller Individualorganismen in 
einer höheren verborgenen Einheit betont — wir 
nennen's Vererbung, statt Anfang oder Ursprung 
sagen wir Prinzip, tun aber mit dieser unsinnig- 
unsinnlichen Sprechweise bedeutend weniger zur 
Formulierung des Rätsels, als die Realisten des 



Bemerkungen. 243 

Mittelalters getan haben. E. hätte sich gewiss — 
sehr anders als unsre Darwinisten — mehr über 
die Vererbung als über die Anpassung gewun- 
dert. Ihn erstaunte nicht, dass die Grasspinnen 
so ungleich; sondern dass sie so gleich seien. 

Ich bemerke hier, dass sich in dem, was in 
diese Ausgabe nicht aufgenommen ist, viel Be- 
zeichnendes für die Naturanschauung E.'s und 
seiner Zeit findet, wie auch sonst manches kul- 
turhistorisch Interessante. Aber dies Buch ver- 
folgt durchaus keine historischen Ziele; wer Ge- 
schichte erforschen will, muss sich ja jeden Falles 
an das Original halten. Ebensowenig geht dieser 
hier herausgebrachte Meister Eckhart auf Erbau- 
ung oder Ethik; sonst hätte ich z. B. die in ihrer 
Art trefflichen Reden in collationibus nicht weg- 
lassen dürfen. Aber mein Ziel ist lediglich: der 
lebendige Eckhart. Er wirke in diesem Bande 
durch seine eindringende Skepsis, durch sein 
Ringen um die Welterkenntnis und Selbsterkennt- 
nis, durch seine dichterische Gewalt, seine könig- 
liche Sprache und sein grundgütiges lebensfreu- 
diges Wesen. Alles andere geht nur die Gelehr- 
ten an. 

Eine einzige Stelle bleibt mir noch ausser dem 
Zusammenhang anzuführen. Sie möge hier stehen, 
da die Predigt, aus der sie stammt, die Ueber- 
tragung nicht lohnt, und da sie auch für die Frag- 

16* 



Meister Eckhart. 244 

mente zu abgerissen wäre. Mitten in der schauder- 
haftesten Wortklauberei findet sich der Satz : „Und 
also bedeutet das Wort „Ich" die Istigkeit gött- 
licher Wahrheit, und es ist ein Beweis dafür, 
dass etwas ist" Eckhart sagt also, feiner als des 
Cartesius Cogito ergo sum: Cogito, ergo est ali- 
quid. 

S. 127. „Es hat jedes das, mit dem es eins ist." 
Wir sagen spezifische Sinnesenergie, und wissen 
auch nicht viel mehr. 

S. 144. „Vom persönlichen Wesen." Diese 
Predigt ist uns nur in einem späten und verderbten 
Text überliefert. Ich habe versucht, den Sinn 
einigermassen zu rekonstruieren; man wird aber 
gut tun, sich an das zweifellos Echte zu halten, 
also nicht an das Syntaktische, sondern an die 
Terminologie. 

S. 196. „so hat sie die Seele doch sprachlich 
mit Unterscheidung." Sprachlich — im Original 
steht „redelich". Es lässt sich hier wie an man- 
chen andern Stellen nicht entscheiden, ob die 
Nuance „Sprache" oder die Nuance „Vernunft" 
vorwiegt. In' ^,redelicheit" ist die Nuance „Sprache" 
fast verloren gegangen, es bedeutet „Vernünftig- 
keit." |Wie auch immer — der Mittelhoch- 
deutsche dachte an die Rede, wenn er von der 
Vernunft sprach, dagegen gar nicht an das, was 



Bemerkungen. 245 

wir heute „Redlichkeit" nennen. Indessen ist hier 
die Bedeutung „sprachhch" die wahrscheinHchere, 
weil kurz vorher von der „Sprache der Sprechen- 
den" (rede der redenden) die Rede war. 

S. 230. „Das erste in der Meinung ist das letzte 
im Werk." Dieser Satz findet sich häufig bei 
E.; er ist seine in ihrer Knappheit vorzügliche 
Definition des Zwecks. Was zuletzt in die Er- 
scheinung tritt, muss von Anfang an dagewesen 
sein — als vorhergehendes Bild oder Idee. Nicht 
das Erworbene im Individuum ist das Göttliche, 
sondern das Menschtum, das ewige Erbteil. Unsere 
eben erst sich regende Neoteleologie, die als 
Widerspruch oder zur Ergänzung der Kausalitäts- 
hypothese auftritt, wird sich ruhig bei den Rea- 
listen des Mittelalters umsehen dürfen. Der alte 
Mann mit dem weissen Bart ist so gründlich tot, 
dass man wirklich daran gehen darf, den durch- 
aus nötigen Begriff „Zweck" neu zu deuten, ohne 
zu fürchten, der Tote könne dadurch wieder be- 
lebt werden. — Bei E. ist das, was allen gemein 
ist, nicht das Gemeine, wie wir es jetzt verstehen, 
auch nicht das Allgemeine und Philisterhafte, son- 
dern das Erlesene, Besondere, Urindividuelle. Er 
war eben ein „Realist" andern Stils als unsere 
Realitäten krämer; die „Natur aller Menschen" 
ging ihm in die ewige Vergangenheit hinab, die 
ihre Zwecke in die Gegenwart wirkt. Näheres über 



Meister Eckhart. 246 

diese Zusammenhänge in meiner Schrift: „Skep- 
sis und Mystik", die von F. Mauthners Kritik 
der Sprache ausgeht und immer wieder zu Eck- 
hart zurückkehrt. 



Das ist der Meister Eckhart, 
der auf ein Haar verbrennet ward. 
Buch, geh nun aus in seinem Namen. 
Und meide dumpfe Geister. 

Amen. 



Verlag pon KflRd SCßnHBed 
(Hxel Junckers Buchhandlung), Berlin W. <). 



meisceR ecKßQRCs 
mysciscße seßRiFcen 



3n unseRe spRHeße fieeRCRHeen 
von euscflv hBntiHU€R 

bilden den ersten Band einer Sammlung, deren 
Ziele durch ihren gemeinsamen Titel 

veRSCBOttene meisccR 

DeR hlüeRHÜUR 

bezeichnet werden. Es handelt sich nicht in erster 
Linie um solche Meister, die im Lauf der Zeiten 
völlig unbekannt geblieben sind; auch unser Meister 
Eckhart ist ja im letzten Jahrhundert oft bei Namen 
genannt und oft durch immer dieselben kümmer- 



liehen Zitate gerufen worden. Aber derer gibt 
es eine stattlich grosse Zahl, deren geistige Höhe 
und sprachliche Kraft über die verschiedenen 
Moden der Jahrhunderte mit Ewigkeitswert empor- 
steigt, und die doch immer wieder für ein grösseres 
Publikum unter dem Schutt der Alltagserscheinungen 
untertauchen müssen. Sie wollen wir, einen nach 
dem andern, wieder hervorziehen, und dass unsere 
Ausgaben für das geniessende Publikum bestimmt 
sind, dass sie in besten und gehobensten Stunden 
gelesen werden sollen — wie man Goethe oder 
Shakespeare, Schopenhauer oder Nietzsche lesen 
sollte — das wird schon die äussere Erscheinung 
unserer Bücher kund tun. 

Dabei beschränken wir uns gar nicht auf ein 
bestimmtes, eingeengtes Gebiet der literarischen 
Kultur. Der Meister Eckhart bedeutet ein Pro- 
gramm nur durch seine Genialität, nicht durch 
die besondere Richtung seines Wesens, oder 
wenigstens nur insofern, als die Mystiker und 
sonst allerlei Ketzer, Sektierer und Heilige — das 
Wort in seinem irdisch schönen Sinn genommen — 
ganz besonders zu denen gehören, deren Einfluss 
auf unsere Zeit, deren Kenntnis wieder erweckt 
werden muss. Aber wir werden auch sonst des 
Erlesenen und Vergessenen genug zu bringen 
haben: Dichter und Weise, Pamphletisten 
und Politiker, Stille und Heilige, Kämpfer 
und Eremiten aus allen Völkern und allen 
Zeiten, aus Okzident und Orient. Wir möchten 
dazu beitragen, das deutsche Volk endlich über 
den engen, schulmeisterlichen Begriff der „Klassiker" 



hinwegzubringen, worunter ja eigentlich wirklich 
die Autoren verstanden werden, die in Schulen 
gelesen werden dürfen. Gar viel aber gibt es, 
was noch nicht in Schulen gedrungen ist und 
über den Horizont der Halbwüchsigen hinausgeht : 
all das, was bisher unter dem, was die Halbbildung 
anerkannte, was die Pedanterie geaicht hat, was 
die Prüderie um sich gehüllt hat, verschüttet 
worden war, all das soll in unserer Sammlung 
wieder zu Erwachsenen, Reifen, zu Sehnsüchtigen 
und Wiedergeborenen sprechen dürfen. Im übrigen 
soll unser erster Band versprechen, was die 
folgenden halten werden. Dass die Mystischen 
Schriften Meister Eckharts, deren mittelhochdeutscher 
Text seit 60 Jahren in der Gesamtausgabe Franz 
Pfeiffers vorliegt, hier ihre erste Ausgabe in 
unserer Sprache finden, muss alle die erstaunen, 
die durch die Zitate bei Schopenhauer und vielen 
anderen die Bedeutung des Mannes ahnen, das 
Original aber nicht kennen. Wer das nämlich zu 
lesen versucht hat, wird sich weniger wundern. 
Bei Meister Eckhart genügt es nicht, ein guter 
Uebersetzer zu sein, man muss für den Sinn 
dessen, was Eckhart uns zu sagen hat, ein Ent- 
decker sein und man muss für die oft nötige 
sprachschöpferische Tätigkeit ein Erfinder neuer 
Worte und neuen Satzbaues sein. Man muss vor 
allen Dingen aus einer ganz neuen Sprechweise 
heraus, mit ganz anderer Symbolik, von einer 
ganz anderen Kenntnis der Natur her schon zu 
ganz ähnlichen Ahnungen und Gestaltungen über 
das Verhältnis von Welt und Seele gelangt sein. 



um unter der christlichen Einkleidung den 
philosophischen Kern der Lehren Eckharts zu 
finden; man könnte auch sagen: um aus unserem 
Konventionschristentum, unseren Geschichtsdogmen 
und unserem Glauben an Anekdoten zu dem 
seelenhaften, ganz symbolischen Christentum 
Meister Eckharts zurückzufinden. Wer Meister 
Eckhart so erfasst hat, der weiss, dass er uns 
schliesslich über so vulgäre Dinge wie Konfessio- 
nalismus oder Atheismus weit hinausführt. 

Gegensätze dieser ordinären Art gibt es in 
dem Reiche nicht mehr, in dem Johann Eckhart 
gelebt hat, so lange er ein glühend Lebendiger 
war, und noch immer lebt und so lange zum 
mindesten wie die deutsche Sprache, zu deren 
grössten Meistern er immer gehören wird. 

Gustav Landauer nun, der diese Ausgabe 
unternommen, nachdem er sich viele Jahre mit 
Eckhart beschäftigt hat, glaubt, aus einer gewissen 
Verwandtschaft seines Wesens heraus den Schlüssel 
zu Eckharts Geheimnissen gefunden zu haben. 
In dem innigen Glauben an diese geistig-seelische 
Nähe ist er freudig ans Werk gegangen; und da 
es ihm gelungen ist, Eckhart zu verstehen und 
sprachlich und begrifflich neu zu gestalten, war 
er auch in der Lage, aus den überlieferten Schriften 
des Meisters auszuscheiden, was Eckharts Eigent- 
liches war und was hinwiederum nur das kirch- 
lich-scholastische Milieu war, aus dem heraus 
Eckhart sein Eigenes hervorholen musste. Die 
Reste solchen Milieus nämlich hat kein Schrift- 
steller hinter sich gelassen; alle haben sie viel- 



mehr - stets ohne sich selbst davon bewusst 
unterschieden zu haben — getreuHch in ihren 
Werken aufgestapelt. Wer nun Eckhart neu 
herausgeben wollte, ohne diesen scholastischen 
Schutt, aus dem der Meister sich in die Ewigkeit 
herausbäumte, vorher gründlich zu entfernen, der 
hätte ein unnützes Werk getan, denn Eckhart 
wäre geblieben, was er zuvor schon war: mittel- 
hochdeutsch, ungeniessbar und unverständlich. 

In unserer Ausgabe ist all das, was nicht 
von Eckharts Grösse kommt, sondern von seinem 
Zeitgeist, weggelassen. Diese Weglassung ist viel- 
leicht das grösste Verdienst dieser Ausgabe, freilich 
aber konnte nur der sie sich herausnehmen, der 
Eckhart ganz als Lebendigen und Wirkenden 
fühlte und verehrte. Darum wären Bezeichnungen 
wie Auswahl oder gar Modernisierung ganz falsch 
für dieses Buch, wie es hier vorliegt. Es ist die 
Wiederkunft eines Verschollenen, der nicht historisch 
gewürdigt, sondern lebendig erfühlt werden soll. 
Inwiefern dies gelungen ist, mögen die Sachver- 
ständigen prüfen; die Leser aber, die wir uns 
wünschen, mögen Eckharts rebellische und innige 
Weisheit, seine Weltversunkenheit und stolze 
Menschenschönheit empfinden und geniessen! 

Dies ist der Meister Eckehart, 
der auf ein Haar verbrennet ward. 
Buch, geh nun aus in seinem Namen. 
Und meide dumpfe Geister. 

Amen. 



Druck von P ass & Gar leb , 

Berlin W. 35. o o o o o o o 



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