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Full text of "Mythologie der Germanen"

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MYTHOLOGIE 



GERMANEN 



GEHEINFASZLICH DARGESTELLT 



ELARD HUGO MEYER 



STRASZBURG 

VERLAG VON KARL J. TROBNER 

1903, 



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'A1L.\ osO"G — 



G^cx -Ovc-(*cti.*J^«./C 



Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung vorbehalten. 



M. DuMoni Schiuberi, SlnSburt. 



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MEINER LIEBEN FRAU! 



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Vorwort 

Seit dem Erscheinen meiner „Germanischen Mj^olo- 
gie" (BerUn 1891), die zum Lehrbuch für Studierende be- 
stimmt war, regte sich in mir der Wunsch, denselben 
Gegenstand auch für einen weiteren Leserkreis darzustellen. 
Der Wunsch wurde seitdem um so lebhafter, je mehr das 
Interesse für den Glauben unserer Vorfahren durch manche 
tüchtige Forschung, sowie durch die idealisierende Kunst 
Richard Wagners gesteigert wxu-de. Aber erst nach zwölf 
Jahren konnte er verwirklicht werden in dieser „Mythologie 
der Germanen". 

Dem verschiedenen Zweck der beiden Bücher ent- 
spricht die verschiedene Anlage. Auf einige Abschnitte des 
älteren Buches, die dem rein wissenschaftlichen Studium des 
Gegenstandes gewidmet sind, wurde hier verzichtet ; statt ein 
Quellenverzeichnis, das Vollständigkeit anstrebt, zu bringen 
wie das alte Buch, hebt das neue nur die wichtigsten Ur- 
kunden hervor, betont aber dafür ihren Zusammenhang 
mit der Zeitgeschichte; es dringt tiefer in den Totenkultus, 
die Elfensage, den GOtterdienst und den Baidermythus, um 
schließlich das im älteren Buch gleichsam versprengte 
heidnisch-christliche Mischmaterial in emer Erläuterung der 
VOluspa zusammenzufassen. 

Aber der wichtigste Unterschied der beiden Bücher 
liegt in der mehr gelehrten Darstellungsweise des einen 
und der gemeinfaßlichen des anderen. Die „Germanische 
Mythologie" ist ein Repertoriiun, darum wird Satz für Satz 
von Zitaten getragen; die „Mythologie der Germanen" 



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sucht durch Schilderung zu wirken und verweist die sel- 
teneren Anmerkungen für gründlichere Leser in den An- 
hang. Das ältere Buch fordert den Studierenden zur Mit- 
arbeit auf, indem es ihm ein taugliches Werkzeug in die 
Hand gibt; das neue lädt den Gebildeten zu freiem Genüsse 
wissenschaftlicher Erkenntnis ein. 

Im übrigen durchmessen die beiden Bücher dieselben 
Stadien, wie sie meine Grundanschauung vom Aufsteigen 
einer älteren niederen Mythologie zu einer jüngeren höheren 
vorschreibt. Wie in jenem Buch verfolge ich femer in diesem 
das Fortleben des Mythus bis in die neuere Zeit, weil er 
nicht mit der Bekehrung zum Christentum aufgehört hat; 
ich verfolge ihn aber auch geeigneten Orts, im Gegensatz 
zu meinem früheren Buch, zurück bis in die indogermanische 
Vorzeit, um sein Aller nachweisen zu können. 

Ich bemerke noch, daß im Text oft die dem deutschen 
Auge und Munde bequemeren Namensformen an Stelle der 
strengeren altnordischen verwendet sind; aber im Register 
stehen nur diese. 

Zum Schlüsse ist es mir ein Bedürfnis, dem Herrn 
Verleger für seine andauernde Teilnahme an der Korrektur 
und Registrierung meinen besten Dank auszusprechen. 

Möge das Buch zum Verständnis des inneren Wesens 
der Germanen beitragen! 

Freiburg, März 1903. 

Elard Hugo Meyer. 



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Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

Vorwort vn 

Erstes Kapitel : Die Quellen der germanischen 

Mythologie 1—67 

1. Zmgttisse der RSmerseit 3 — 14 

Caesar 3, Veliejus Paterculus 5. 6, Appian 6, 
Tacitus 6, Lateinische Inschriften des Rheinlands 
und Britanniens 11. 
3. Zatfcmsst aus der Zeit der Bthekrung der Deutschen 

und ÄKgelsachsen 14 — 35 

Die Mission in Deutschland von Coluraban bis 
anf Karl den Großen 19, Altdeutsche und angel- 
sächsische Zaubersprüche 3z. 

3, Zeugnisse aus der Zeil der Bekehrung der Nordger- 

«««« 35-58 

Die Isländische Saga 37, Die Skaldendichtung 
43, Die Lieder-E^da 49, Die Prosa-Edda 53, Saxo 
Grantmaticus 55. 

4. Die Volksüberlte/erung der Germanen von izoo bis nur 

Gegätwarf 58 — 67 

Die Geistlichkeit und der Volksglaube 58, Fast- 
nachtsspiele und Volkslieder 61, Luther und die 
Reformation 63, Neuere Volksüberlieferung 66. 

Zweites Kapitel: Der Seelenglaube 68—127 

Seine Entstehung 68, sein Fortbestehen bis heute 70, 
die Seele als körperliches Wesen 71, als Wind 72, 
Vergleich mit dem griechischen Seelenglauben 73. 74, 
als Nebel, Dunst, Rauch oder Wolke 74, als Licht oder 
Feuer (Irrlicht) 75, als Vogel 7b, als Ringelnatter, Maus, 
Wiesel, Kröte, Schlange 77— äi, als höheres Tier (Bär, 
Wolf u. a.) 82, als Werwolf 83 ff„ der Werwolfsglaube 
im indogermanischen Altertum 85. 86, Berserker 86 f., 
Berserkerwut als Seelentaumel Lebendiger 87 f., die 
Pflanienwelt im Seelenglauben 90, die Seele in Menschen- 



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InhtlUTeReichDli. 



gestalt 91 f., ala Wiederg&nger 99 f., Totenbehandlung 
103 tf., Totenbestattung 10$ (C., Leichenbrand 107 ff., 
Grabbeigaben iiof., Totenopfer ii5f., Leichenmahl 116, 
Totengedächtnistage 118, Seelenfeier im Herbst izo, 
Frühlingsfeier der Toten lai, AhnenbegrüSung durch 
das Brautpaar 133, Zauber im Verkehr mit den Toten 
133, Gedenkzeichen 134. 

Drittes Kapitel : Der Alpglaube 128—143 

Das Alpdrücken 128, Mythenbildung daraus 139, 
Gemeinsamer indogermanischer Glaube 130, Mare, 
Trade, SchrSttele 131, ihr Wesen 133—134, Abwehr- 
mittel 135, Maren als Tiere und Menschen 13Ö. 137, 
Berührung des Alpglaubens mit dem Seelenglauben und 
dem Elfenmythus 141 ff. 

Viertes Kapitel: Die Elfen 144—225 

Elfen = Naturgeister 144 ff., ihr Wesen und ihre 
Arten 146, Indogermanischer Elfenglaube 14S, Elfen- 
schönheit 149, Elfenkönig, Elfenkönigin 149. Elfische 
Menschennamen 150, Mittelalterliche Zeugnisse 150. 151, 
Gc Samtcharakteristik isa f., Gewitterelfen 155, ihre 
Schmiedekunst 159, Wielandssage 16:— 163; Windelfen 
163, ihre Musik 1&6, ihr Tanz 167; Wolkenelfinnen i68, 
Berg- oder Erdelfen, Erdmännchen, Zwergsagen 172 (f., 
ihr Tun iS4ff., Elfen- und Menschenliebe i37ff'.'Wa]d- 
und Baumelfen 191 ff., Liebschaften mit Menschen 194, 
Wasserelfen, Nixen 199 ff., Bach- und Fluüelfen 202 ff., 
Weide- und Feldelfen 309fr., Hauselfen ii3ff., Elfen- 
kultus 319fr. 

Fünftes Kapitel; Die Riesen 226—248 

Stammbäume 3z6, Namen 3z8, Verhältnisse zu den 
Menschen 22S, Tiei^estalt 139, Charakter 230, Arten : 
Gewitterriesen 231, Sturmriesen 232, Wolkenriesen 338, 
Wolke nrie sinnen 340, Bergriesen 140, Waldricscn 34I, 
Wasser- und Bergriesen 241, Nordische Nacht- und 
Tag-, Mond- und Sonnenriesen 342, Reich der nordischen 
Riesen 343, Riesenkultus 247. 

Sechstes Kapitel: Die höheren Dämonen .... 249—282 
Ihr Unterschied von den Seelen, Maren, Elfen und 
Riesen 250, DieDisir3Si, Die Nomen 35 1 , Übereinstim- 
mung des germanischen Nornenglaubcns mit dem grie- 



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Inhal IS veizeichnU. xi 

chischen Moirenglauben 361 f.. Die Fylgja, Folgerin ^= 
SchnUgeist 363, Die deutschen Idisi und nordischen 
Walküren löyf., Loki und Mimir, Mime 17$. 

aebente» Kapitel : Das Götterleben und der Götter- 
dienst 283—337 

Entstehung der Götter aus den Naturgeistem 284, 
Indogermanischer Ursprung 384, Namen der Götter 184, 
Gestalt der Götter 285, Gemüt der nordischen Götter 
387, Götterstaat 388, Zahl 3S9, Götterwohnung 29t. 
Walhall und andere himmlische PaUste 393, Götterkul- 
tus 395, Priestertum 395, Orakelbe fragung 396, Priesterin- 
nen 301, Priestertracht 301 I., Geistliche Tätigkeit der 
Priester 303, Zauberer und Zauberinnen 306. 309. Wahr- 
sager und Wahrsagerinnen 306, Gottesdienst 31a, Tem- 
pel 311, Tempelfriede 315, Weihgeschenke 316, Götzen- 
bilder 317, Bitten zu Gott 319. Schwur 330. Opfer 320, 
Festwesen 323. Siegesopfer 331, Sonnenwende 333, 
Kirchweihen 333. Menschenopfer 335. 

Achtes Kapitel : Die einzelnen GOtter 338—412 

Ihe Hauftgollluiten 338 — 391 

Tiwaz, Tius, Ziu, Tyr 338—347, Thunaraz, Donar, 
Thor 347—363, Frey 363-367, Wodan-Odin 367—39'- 

Die Nebengotler 391—412 

Balder 391 — 407, Hother 394, 405 f, Forseti 407, 
Fosete 407, Heimdallr 408, Bragi 409, Ullr (Ollerus) 
410, Hoenir 410, WIdarr 413. 

Neuntes Kapitel: Die einzelnen Göttinnen , , . . 413 — 433 

DU nordischen Gattinnen 413—420 

Frigg 413 ff. 424 f., SAga, Eir4i4. 434, Gefjon 414. 
4iSr. 434, Fulla 414- 424, Freyja 414- 4iSf., Sjöfn, 
Lofn, Vär, Vor 414, Syn, Hlin, Snotra, Gnä, Söl, Bil 
415, Idunn 430. 

Die äeulscken Göllitmen 43a — 433 

Nerthus 430 IT., Isis, Nehalennia 422, Tanfana 422, 
Hludana. Eostra, Eoräan Möthor, Foide Fira Mö- 
thor433, Frau Holle, Frau Berchta {Fru Freen, Frien, 
Frick, Fru Gode, Fru Harke, die weiße Frau) 434 ff. 

Zehntes Kapitel : Das Christentum in der nordischen 

Mythologie 434—470 

Einwirkung des Christentums auf die nordische 
Mythologie und Verschmelzung desselben mit der 



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Inhalts vencichnti. 



Skaldendichtung 435. ^^^ VOluspa ein Spiegelbild der 
christli eilen Heilslehre 439, Die Ankündigung der Seherin 
440. Die Schöpfung 441, Der Schicksals bäum, die Ver- 
treibung des Zauberweibs aus dem Himmel, Äsen- und 
Wanenkrieg 450. Gesichte von Balders Tod 453. Die 
Hölle 457, Vorzeichen des Götteruntergangs 45S. 461, 
Angriffe der Dämonen auf die Götter 463, Erneuerung 
der Welt und das große Gericht 466. 

Anmerkungen 471—502 

Berichtigungen 5Cß 

Register 503—526 



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Erstes Kapitel. 

Die Quellen der germanischen Mythologie. 

Über dem Beginn der griechischen Geschichte steht wie 
ein Morgenrot die homerische Poesie. Hellenische und asia- 
tische Ftlrslen verlassen ihre schimmernden Stadtpaläste, 
um zehn Jahre hindurch auf dem Gefilde zwischen dem schiff- 
bedeckten Gestade, EMams hoher Feste und dem waldigen 
Idagebirge um schöne Weiber, Waffen, Schatze und Ruhm 
mit einander zu ringen. Dann fahren sie von Trojas rau- 
chenden Trümmern in ihren dunklen Schiffen heim, manche 
von Insel zu Insel, von einem Abenteuer zum andern ver- 
schlagen, bis in die Tiefe des Hades hinab. Über alles ragt 
der Bei^ Olympos, auf dessen Gipfel unter Vater Zeus' 
Lenkung die glanzvolle Götterfamihe wohnt, ewig und selig 
und doch oft von Liebe und Haß unter sich entzweit und 
in Liebe und Haß dem Treiben der SterbUchen dort unten 
saigewandt. So schwingen sie sich denn auch hilfreich oder 
verderblich zu ihnen herab oder empfangen droben den 
Fettdampf ihrer reichen Schlachtopfer oder die Gebete, die 
aus einfachen Tempeln zu ihnen aufsteigen. Auf einer nicht 
weiten imd fest umrissenen Bühne, den Wogen imd Inseln 
und Küsten des östlichen Mittelmeers, bewegen sich diese 
Menschen und diese Götter, nach Alter und Geschlecht, 
Geburt und Schicksal, Wuchs imd Gemüt, Rang und Beruf 
scharf von einander geschieden. Ihre klare, milde, freie 
Schönheit, die reife und doch so frische Frucht einer langen 
Kultur, erquickt uns fremde Ungläubige noch heute, und ihr 
phantastisches Bild schwebt noch heute ims vor Augen wie 
eine zwar zerronnene, einst aber lebendig gewesene Wirk- 
lichkeit. 

Meyer, E. H., Gcniun. IIyÜialo|ic. 1 



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3 I. Die Quellen dei germanischen Mythologie. 

Und nach Homer verkündeten den Glauben an diese 
Wunderwelt und viele andere Götter und Dämonen und ihre 
mannigfachen Schicksale, Dienste und Feste Hunderte von 
hochbegabten Dichtem, Geschichtschreibem, Reiseschrift- 
stellem und fast lauter noch zahllose Baumeister, Bildhauer 
und Vasenmaler durch unvergleichüche Werke, jeder in 
seiner, jeder aber in echt griechischer Weise. Schier uner- 
schöpflich fließen die reinen Bnmnen hellenischer Über- 
lieferung. 

Der Urkundenschatz unsrer germanischen M3iAologie 
ist weit ärmer an alten, vollen heimischen und echt heid- 
nischen Zeugnissen und ist untermischt mit viel fremdem Gut, 
Denn er ist bunt zusammengesetzt aus Berichten römischer 
Offiziere, Inschriften fremder Steinmetzen, Straf- und Buß- 
paragraphen kirchlicher Synoden und Mönchsorden und aus 
Anekdoten christlicher Bekehrungsgeschichten, aus deutschen 
Zaubersprüchen, nordischen Götterliedem und isländischen 
Romannotizen, aus noch heute nicht verschollenen Sagen 
und still geduldeten Bräuchen unsrer Bauern. Es fehlt ein 
klares, echtes zusammenfassendes Bild, denn die altnor- 
dische Völuspa, die von der Götterdämmerung singt, ist voller 
Rätsel und noch dazu aus christlichen Ideen erwachsen; es 
fehlt auch fast völlig der Schmuck der Bildnerei. Aber 
überall, wo er nicht zu stark verschüttet ist, bricht auch aus 
germanischem Boden ein reicher Strom von Glaubenspoesie 
hervor, die denn doch trotz aller Renaissance und allem 
Humanismus uns oft tiefer ergreift als alle andre Heiden- 
pracht, weil sie aus einem Geist geboren ist, von dem wir 
noch immer einen Hauch in uns selber verspüren. 

Die wirre, zerstückelte Masse germanischer Glaubens- 
urkunden ordnet sich in 1. Zeugnisse der Römerzeit von 
50 v. Chr. bis 400 n. Chr. 2. Zeugnisse aus der Zeit der 
Bekehrung der Südgermanen oder Deutschen und 
Angelsachsen von 400 bis 1000 n. Chr. 3. Zeugnisse aus 
der Zeit der Bekehrung der Nordgermanen oder 
Skandinavier von 800—1300 n. Chr. 4. Nachklänge in 
der späteren Literatur und der Volksüberlieferung. 



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I. Die Quellen der germanischen Mythologie. 3 

1. Die Zeugnisse der Römerzeit lehren uns sofort, 
daß nicht nur im schönen Hellas und im weltbeherrschenden 
Italien, sondern auch in den Mooren und Wäldern des arm- 
seligen germanischen Hirten- und Bauemlandes mit seinem 
trüben Himmel mächtige Götter verehrt wurden. Aber nicht 
führen uns heimische Sänger mit stolzen Heldengesängen 
in die deutsche Göttergesellschaft ein, sondern zwei fremde, 
unsem Altvordern noch dazu feindselig gesinnte Historiker 
gönnen ihr einige teilnahmlose kurze Worte, der ältere so- 
gar gänzlich verständnislose. FreiUch waren es zwei Römer 
ersten Ranges, der größte Römer aller Zeiten, Caesar, und 
ihr größter Geschichtsschreiber, Tacitus. 

C. Julius Caesar war wohl der erste antike Mensch, 
dem die wesentliche Verschiedenheit der keltischen und der 
deutschen Nation, seiner großen auswärtigen Hauptfeinde, 
zum Bewußtsein kam, inmitten eines langen Kriegs, an der 
Völkerscheide des Rheins. Freilich ist seine Erkenntnis 
tmselbständig und getrübt; denn seine auf die Germanen so 
eifersüchtigen gallischen Gewährsmänner haben ihn un- 
günstig beeinflußt. So übertrieb er in seinem Buch über den 
gallischen Krieg (IV. 1) das Nomadentum der Germanen und 
weiterhin VI. 21 die Rückständigkeit ihres Glaubens. „Die 
Germanen", sagt er, „haben keine Druiden (Priester), die den 
Gottesdienst verwalten, noch befleißigen sie sich der Opfer. 
Zu den Göttern reclmen sie nur diejenigen, die sie mit Augen 
sehen und durch deren Kräfte sie offenkundig unterstützt 
werden, nämlich Sei, die Sonne, Vulcanus, das Feuer, und 
Luna, den Mond Von den andern haben sie nicht einmal 
durch die fama (d. h. die Sage, den Mythus) etwas vernommen". 
Der erste Satz ist nur insoweit richtig, als die Deutschen 
allerdings nicht, wie die GalUer in ihrer Druidenkaste, eine 
mächtige nationale Priesterhierarchie mit einem Oberpriester, 
Lehrpriestem und Priesterzöglingen besaßen, die auf einem 
alljährlichen Konzil in Chartres die Dogmen hütete und fest- 
setzte, über ein geordnetes Schulwesen und ein blutiges 
Opfersystem, über Bann und Interdikt verfügte und trotz ihrer 
Auflösung durch die römischen Kaiser nochjahrhunderte lang 

1» 



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4 I. Die Quellen der germanischen Mjrlhalogie. 

ein hohes Ansehen behauptete. Aber Priester von nicht unbe- 
deutendem Einfluß und Opfer, wenn auch von minderem 
Umfang imd Prunk, hatten auch die Germanen. Noch melir 
führt Caesar durch seine Gegenüberstellung der Mythologie 
beider Völker irre. Die Gallier verehrten nach ihm als 
höchsten Gott den Merkur, femer Apoll, Mars, Jupiter und 
Minerva d. h. menschengestaltig gedachte und dargestellte 
Wesen, die nach der römischen Auslegung etwa diesen 
römischen Gottheiten entsprachen. Aus dem Mangel irgendwie 
auffälliger Heiligtümer und Bilder jenseits des Rheins schloss 
er auf die Anbetung bloßer unpersonifizierter Naturkräfte, 
und zwar des Sol, der Lima und des Vulcan. Ob er gerade 
auf diese drei verfiel, weil ihnen in Rom, als einfacheren 
sabinischen Gottheiten, der SabinerkOnig Titus Tatius Altäre 
geweiht haben sollte? Oder ob er eigentümliche Bräuche, wie 
sie seine vortrefflichen germanischen Reiter im römischen 
Lager geübt haben mögen, auf sie deutete? Rief doch der 
Ampsivarier Bojocalus die Sonne als Zeugin an. Noch ums 
Jahr 1000 verbeugte sich der angelsächsische Bauer vor dem 
ersten Pfluggange neunmal gegen Osten, um dann zu beten, 
und noch begrüßt hie tmd da das deutsche Volk die Oster- 
sonne, wenn sie in der Morgenfrühe über den Rand des 
Waldes oder den Kamm des Gebirgs heraufzutanzen scheint. 
Seine Toten bettete der deutsche Heide in die Erde mit dem 
Angesicht gegen Osten. Derlei alte Brauche Üeßen Caesar 
vorschnell an einen Soimendienst denken. Femer weckten 
die verschiedenen Mondphasen : die Wiederkehr der jungen 
Sichel, die Pracht des vollen imd das rfioi^enliche Ver- 
schwinden des abnehmenden Mondes auch bei den Germanen 
ungleiche Empfindungen imd dem Caesar auffällige. Gerade 
vor seinem ersten Zusammenstoß mit den Deutschen, vor 
der Schlacht bei Mülhausen (Besancon), vernahm er, daß die 
suebischen Frauen, nachdem sie das Los befragt, seinem 
Gegner Ariovist vom Kampfe vor dem Neumond abgeraten 
hätten. Die Opfer, die die auf den Neumond oder den Voll- 
mond anberaumten großen Volksversammlungen einleiteten, 
konnten leicht mißverständlich auf den Mond bezogen werden. 



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I. Die Quellen dec germanischen Mythologie. 5 

Der Lärm und das Geschrei, womit man bei Sonnen- und 
Mondfinsternissen die Ungeheuer, die dann den beiden Ge- 
stirnen nachstellen sollten, von ihnen abzuwehren suchte, 
konnte diese im Licht geliebter Gottheiten erscheinen lassen. 
Endlich war urgermanischer Brauch, zu gewissen Opfer- 
zwecken die Flamme nicht an einem beliebigen Herdfeuer 
zu entzünden, sondern aus zwei unter feierlichem Schweigen 
gedrehten oder an einander geriebenen Hölzern mühsam 
hervorzulocken. In Rom geschah dasselbe, wenn einmal das 
heilige Feuer der Vesta erloschen war oder zur Zeit des 
Jahresanfangs, am 1. März, erneuert wurde, oder auch, wenn 
die Hirten der Campagna am 21. April Bohnenstroh in Brand 
setzen wollten, um der Reinigung halber durch die Flamme 
zu springen. Außerdem nannten die Römer ein feierliches 
Sommerfeuer, in das der Familienvater Fische als Opfer 
warf, nach Vulcan die Vulcanaha. Sah Caesar nun auch 
die Germanen mehrmals im Jahr im Freien nach jenem alten 
mühsamen Brauch Festfeuer anzünden, die sie gleichfalls 
jauchzend übersprangen und in die sie gleichfalls Opfer 
warfen, so mochte er auf den Einfall kommen, daß auch sie 
einen Feuergott, einen Vulcan, besonders hoch hielten. 

Aber Caesars Charakteristik der allgemeinen Götterauf- 
fassung der Germanen geht ebenso fehl wiedie ihrer einzehien 
Gottheiten. Denn zahlreiche und oft sehr genaue Überein- 
stimmungen der deutschen und der skandinavischen Götter 
und Göttermythen lehren, daß die Deutschen schon vor ihrer 
Trennimg von ihren nordischen Brüdern, also viele Jahr- 
hunderte vor Caesars gallischem Krieg, an wesentlich die- 
selben menschengestaltigen, mit Mythen ausgestatteten gött- 
lichen Wesen, nicht an bloße Naturbräfte glaubten. Auch 
stimmt Caesars Ansicht nicht zu einer gleich zu erwähnenden 
Notiz des etwas jüngeren Vellejus Paterculus und steht mit 
der des genau unterrichteten Tacitus in schroffstem Wider- 
spruch. Dieser Widerspruch kann nicht etwa durch die 
Annahme eines inzwischen eingetretenen Fortschritts der 
germanischen Religion gelöst werden. Solche Revolutionen 
vollziehen sich nicht in der kurzen Frist von anderthalb 



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I. Die Quellen der gennuiitch«ii Mythologie. 



Jahrhunderten, auch kann man weder eine tatsächUche Spiu* 
davon, noch auch nur einen in den Verhaltnissen begrün- 
deten Anlaß dazu ausfindig machen. Femer spricht kein 
sonstiges Zeugniß es deutlich aus, daß die Deutschen der 
Sonne, dem Mond und dem Feuer göttliche Verehrung er- 
wiesen hätten. Jene Angaben Caesars sind also nur das Er- 
gebniß flüchtiger Wahrnehmungen und falscher Schlüsse. 
Stammt wirklich eine Bemerkung des im 2. Jahrhundert n. Chr. 
lebenden Geschichtsschreibers Appian, daß Ariovists 
Leute auf ein anderes Leben nach dem Tode hofften, aus 
Caesars Zeit, so hätte dieser sogar diesen wichtigen reli- 
giösen Zug übersehen oder verschwiegen. Und wie ent- 
schieden die Germanen sich ihre Götter von glänzendem 
menschlichem Aussehn dachten, erweist eine Anekdote eines 
Offiziers des Tiberius, jenes Vellejus Paterculus, der ein 
halbes Jahrhundert nach Caesar mit seinem Herrn an der 
Elbe stand In einem Einbaum, erzählt er, fuhr ein hoher 
fürstlich geschmückter Greis über den Strom nach dem 
römischen Lager hinüber, betrachtete lange schweigend 
Tiberius und brach dann in die Worte aus: „Heute habe ich, 
o Caesar, die Götter gesehen, von denen ich früher nur ge- 
hört hatte." Unverwandten Blickes auf ihn zurückschauend 
fuhr er über den Strom zu den Seinen zurück. Ein paar 
Jahre später brach diese römische Herrlichkeit in Germanien 
in der Varusschlacht zusammen, und in den um die Walstatt 
gelegenen Hainen wurden die fast vergötterten fremden 
Offiziere den heimischen Göttern hingeschlachtet. 

Wiederum 100 Jahre darauf, um 100 n. Chr., schrieb Ta- 
citus seine Germania. Wie hatte sich das Verhältnis der 
Römer zu den Deutschen verändert! Zahlreiche deutsche 
Söldner dienten im römischen Heer, namentlich in der kaiser- 
lichen Leibgarde der Hauptstadt selbst. Römische Kaufleute 
durchzogen besonders des Bernsteins halber die deutschen 
Weiler bis an die Ostsee. Von ihren rheinischen Standquar- 
tieren aus beobachteten die fremden Offiziere scharf ihre 
schlimmsten Feinde. Eine Traumerscheinung des in Ger- 
manien umgekommenen Drusus bat ihrer einen, den älteren 



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I. Die Quellen der germaiiischen Mythologie. 



Plinius, sein Andenken zu verew^en, und so schrieb dieser, 
der bis in die täglich zweimal Überfluteten Marschen der 
Chauken vorgedrungen war, 20 Bücher germanischer Kriege. 
Aus seinem mit nüchternem, auf das Reale gerichtetem Sinn 
gesammelten Schatz von Beobachtungen hat Tacitus sicher 
manches uns erhalten. Einem andern unterrichteten Gewährs- 
mann, der weit über die römische Einflußsphäre hinaus im fer- 
nen Nordosten wohl bewandert war, ist es zu verdanken, daß 
wir die ausgiebigsten und intimsten Götterkunden, die über 
Nerthus, den semnonischen Allwalter und die dioskurenhaf- 
ten Alcis, gerade aus den von der römischen Reichsgrenze 
entlegensten Strichen Germaniens empfangen. Tacitus selber 
scheint übrigens auch einige Jahre in der rheinischen Armee 
gedient und unser Land mit eigenen Augen gesehen zu haben. 
Schon hatten die Römer viele Siege über die Germanen er- 
rungen, aber auch durch den Cherusker Armin und den 
Bataver Claudius Civilis blutige Niederlagen erhtten. Sie 
hatten ihre Feinde nicht nur gründlicher kennen, sondern 
auch achten, ja fürchten gelernt, und gerade tieferblickende 
Menschen, wie Tacitus, sahen die schlimmste Gefahr nicht 
so sehr in deren Leibeskraft und Tapferkeit, als in deren 
Freiheitsliebe, Sittenreinheit und Glaubensstarke. Denn seine 
Römer fand er versunken in Knechtssinn, Unzucht und Un- 
oder Aberglauben. Obgleich ihm die Rauheit und Roheit 
des germanischen Lebens nicht entging, war es ihm doch 
auch von einem gewissen verklärenden Schimmer umgeben, 
mit deiA Kulturvölker von sinkender Lebenskraft das Dasein 
von Naturvölkern zu idealisieren lieben. 

So durchzieht seine Germania, die ursprüngUch wohl 
nur auf eine geographische Skizze angelegt war, leise die 
weltgeschichtliche Ahnung, daß die idealste Richtung dieser 
zersplitterten armseligen Völklein, das Heldentum, noch 
dereinst den festgefugten reichen riesigen Soldatenstaat Roms 
zertrümmern werde. Schon als Jüngling sehnt sich Tacitus 
mit ganz modernem Naturgefühl aus der Gerichtshalle, dem 
Senatssaal, dem ehrerbietigen KUentengedränge hinaus in 
die Haine und Forste zu jenen schuldlosen Stätten und 



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8 [. Die Quellen der germsni sehen Mythologie. 

heiligen Ruhesitzen, wo das „secretum" wohnt. Damit meint 
er nicht etwa einen heimlichen Musensitz, ein secretum mu- 
seimi, wie ihn der jüngere PUnius in seiner Villa am Meer 
preist. Es ist vielmehr dasselbe „grande secretum", von dem 
im 4. Jahrhundert der Verteidiger der Christen, der edle 
Stadtpräfekt von Rom, Symmachus, vermittelnd versicherte, 
mehr als ein Weg führe zu diesem secretum, zu dem welt- 
abgeschiedenen, unbekannten Gottheitsgeheimnis. Eben dieses 
secretum glaubt nun Tacitus in seinen Mannesjahren von 
den Germanen verehrt. Denn nach der Germania Kap. 9 
scheine es ihnen der Erhabenheit der Himmlischen unan- 
gemessen, sie in Wände einzuschließen oder sie mit Menschen- 
antlitz abzubilden. Nur Haine und Forste weihten sie ihnen 
und bezeichneten mit der Götter Namen jenes „secretum", 
das sie nur in ihrer ,,reverentia", ihrer frommen Phantasie, 
sahen. Hier glaubten sie das große Unbekarmte, Undar- 
stellbare, die Gottheit waltend. Tacitus ist nahe daran, seine 
eigne weltflüchtige, schwermutvoUe Andacht in die Brust 
der derben deutschen Jäger und Bauern zu verpflanzen, weil 
er, wie Caesar, keine ragenden Tempel und keine Bildsäulen 
bei ihnen sieht. Allerdings im Sturmesrauschen des Waldes 
vernahmen sie den Jagdritt ihres Gottes Wodan, und ein 
geheimnisvoller Schauder mochte selbst sie in ihren mit 
blutigen Tier- und Menschenopfern behängten Hainen über- 
kommen. Aber weder hat sich ihnen jemals die Waldesstille 
in einem Gotte verkörpert, noch hielt sie die Scheu vor 
dessen Erhabenheit davon ab, ihn durch Tempel oder Bild 
zu ehren. Wir wissen leider niu^ zu gut, daß sie dies aus 
ganz anderen Gründen unterheßen, nämUch aus dem Unver- 
mögen ihrer damaligen Baukunst und Bildnerei. Sobald sie, 
von Fremden unterrichtet, jene Fähigkeiten gewannen, er- 
richteten sie wie andre Völker ihren Göttern Tempel und 
Bilder, nicht zur Erniedrigung, sondern zur Verherrlichimg. 
Ja sie hatten sogar schon vor Tacitus' Zeit nach seiner 
eigenen Aussage damit angefangen. Denn wenn man auch 
den Tempel der Nerthus Germ. Kap. 40 als heiligen Hain 
und ihr „innerstes Heiligtum" als ihren Wagen, auf dem 



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I. Die Quellen dei germanischen Mjlhologie. 9 

Kühe im Frühling sie durch das Land ziehen, erklären will, 
ihr im heiligen See gebadetes „numen" d. i. wörtlich Gott- 
heit, kann doch wohl nur ihr Bild bedeuten. Noch sicherer 
ist der Tempel der marsischen Göttin Tanfana in Westfalen 
ein Bauwerk gewesen, denn es wurde nach Tac. Ann. 1,51 
dem Erdboden gleich gemacht. Unscheinbare Götterbilder 
und Heiligtümer, wenn auch bloße festungsartige Ringwalle, 
sogenannte Burgen, wie sie noch bis heute erhalten sind, 
imd dergleichen, müssen schon damals in Deutschland be- 
standen haben, und jedenfalls ist Tadtus' obige Motivierung 
des Mai^els falsch. Auch erwähnt er Symbole der Götter, 
wie z. B. das Schiff einer isisartigen Göttin, und Bilder ihnen 
heiliger Tiere, die, in den heiligen Hainen hangend, bei 
Kriegesanfang herabgenommen und dem Heere voran unter 
Schildgesang m die Schlacht getragen wurden. Denn die 
Gottheit wohnte dem Kriege bei imd so auch deren Diener, 
der Priester. Im zauberischen Glänze der Mittemachtssorme 
aber sahen die Nordgermanen ihre Götter mit strahlenden 
Häuptern. 

Einen gewaltigen Fortschritt hat das Verständnis der 
einzelnen deutschen Götter bei den Römern gemacht 1 Die 
TorgebUche Göttertrias Caesars: Sol, Vtilcanus, Luna löst 
sich vor der besser begründeten des Tacitus in eitel Dunst 
auf. Der oberste Gott heißt bei ihm Mercur, die beiden andern 
Hercules imd Mars Kap, 9, einer von diesen wird Kap. 39 
von den Semnonen Allwalter genannt. Es unterUegt keinem 
Zweifel, daß mit Mercur und Hercules die deutschen Götter 
Wodan imd Donar gemeint seien, und wahrscheinhch soll 
Mars den Tiu oder Ziu, der auch wohl SaxnOt hieß, bezeichnen. 
Diesen Göttern fügt Tacitus einige Namen einer Göttin 
hinzu, den fremden der Isis und sogar zwei deutsche: 
Nerthus, die Mutter Erde, und Tanfana. Wahrscheinhch 
bedeuten alle drei eine und dieselbe Göttin der Fruchtbarkeit. 
So unvollkommen auch diese zweite, taciteische, Formel 
der römischen Auslegung deutscher Götter den Charakter 
derselben aussprechen mag, so ist doch darin zuerst die 
Hauptgruppe leibhaftiger Götter klar vor Augen gestellt, 



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10 I. Die QacUcD der gennanischcn Mythologie, 

in denen die Germanen den höchsten Ausdruck ihres 
Glaubens gefunden haben. Die germanischen Gardereiter 
des Kaisers in Rom dankten bei ihrem Abschied auf ihren 
Votivsteinen im 2. Jahrhundert n. Chr. zunächst der kapito- 
linischen Trias: Jupiter, Juno und Minerva, dann aber einer 
anderen, wahrscheinlich auf ihre heimischen Götter zu 
deutenden Trias : Mars, Hercules und Mercur, die also genau 
mit der tadteischen übereinstimmt. Auch nach den spateren 
Zeugnissen haben drei große persönliche Götter und 
mindestens eine große persönliche Göttin von dem durch 
Tadtus wenigstens angedeuteten Charakter alle etwaigen 
andern Gottheiten, femer die Riesen- und Zwergvölker, die 
Schwärme der Luft-, Wjisser-, Wald- und Feldwesen imd 
die uralten Ahnengeister in historischer Zeit hoch überragt. 
Auf diesen vier Ecksteinen hat immerdar der Oberbau der 
germanischen Mythologie, die germanische Götterwelt, ge- 
ruht. Außerhalb dieses Götterkreises kennt Tadtus noch 
ein jugendliches Brüderpaar der Alcis oder Aid, von Ihm 
mit Castor und Pollux verglichen, das jenseits des Riesen- 
gebirges der Stamm der Nahamavalen bildlos verehre. 
Einen Gott nennt er auch noch Kap. 2 den in alten Liedern 
gefeierten Tuisco, der selber aus der Erde hervorgekommen 
den Mannus d. i. Mensch zum Sohne hatte, den Vater der 
drei Ahnherren der drei germanischen Stammverbände der 
Ingwäonen, Istwäonen und Herminonen, Diese Stammsage 
sollte die auch von Tadtus an derselben Stelle betonte 
Autochthonie der Germanen, ihre Erdwüchsigkeit, beweisen, 
wie denn ähnliche Stammsagen von erd-, stein- und baum- 
entsprungenen Volksstämmen namentlich auch die Griechen 
in zahlreichen Varianten erfunden hatten. 

Und aus den Berichten des Tadtus darf man weiter 
entnehmen : zu bestimmter Zeit versammelten sich mehrere 
Stämme jener grossen Germanenverbände um ein gemein- 
sames Heiligtum, ingwäonische an der Ostsee im Nerthus- 
hain, istwäonische am Rhein um den Tanfanatempel und 
von den herminonischen die Sueben der Spreegegend im 
Walde des Allwalters. 



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I. Die Quellen der germanischen Mythologie. II 

Tacitus widerlegt auch jenes absprechende Urteil Caesars 
über das Priestertum und Opferwesen der Germanen. Zwar 
weiß auch er nichts von einem Priesterstande oder von 
priesterljchen Geschlechtem, aber er umschreibt mit sicherer 
Hand den Kreis seiner Gewall, wie sie neben der fürstlichen 
oder königlichen bestand. Dem priesterlichen Rate folgen 
willig Volk und Fürst, sie trauen aber auch gewissen 
Weibern, die aber darum nicht Priesterinnen sind, Seher- 
gabe zu, deren Aussprüchen sie sich unterwerfen. Eine 
unter ihnen, Weleda, erlangte dadurch im Bataveraufstand 
ums Jahr 70 n. Chr. eine hohe geschichtliche Bedeutxmg. 
Tacitus kümmert sich nur um die deutsche Götteraristo- 
kratie, nicht um das niedere Volk der Dämonen. Und doch 
schwärmten sie, ohne die die GOtter, ihre spateren idealsten 
Mitgheder, undenkbar sind, schon damals vie^estaltig durch 
Ber^ und Wald und Feld und nisteten in den Hauswinkeln. 
EndUch ahnen wir kaum aus dem 27. Kapitel seiner Germania 
die Macht des deutschen Totenkultus. 

Dennoch gebührt Tacitus das Verdienst, die erste um- 
fassende Skizze von der germanischen ReUgion, freilich 
hie und da mit fremder Farbe abgetönt, doch in den großen 
Linien treu und fest gezeichnet zu haben, die erste und — 
sagen wir es gleich ~ auch die letzte, die aus der Heiden- 
zeit stammt. Denn die römischen und griechischen Schrift- 
steller des folgenden halben Jahrtausends erwähnen wohl 
gelegentlich eine Seherin oder einen Priester, ein Opfer und 
die Umfahrt eines Götterbildes, im übrigen schweigen sie 
sich, allen Verständnisses fremder Eigenart und schärferer 
Beobachtungsgabe bar, über den germanischen Glauben 
aus und überlassen es den Steinen zu reden: durch die 
lateinischen Inschriften des Rheinlands und Bri- 
tanniens. Steinmetzen römischer Schulung haben nämlich 
für die ihren Göttern dankbaren Soldaten oder auch für Kauf- 
leute an den germanischen imd britischen MiUtärstationen 
zahlreiche Altar- und Votivsteine ausgemeißelt und mit 
römischen Skulpturen und Inschriften versehen, glücklicher- 
weise auch für deutsche Leute. 



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12 L Die Qnellea det geimuiischen M^tliDlogie. 

Nicht alle, wenn auch die meisten, waren römischen 
Gottheiten gewidmet, auf manchen Steinen aber überraschen 
mitten im Latein Göttemamen von halb oder ganz un- 
lateinischem, barbarischem Klange, und die Stifter mehrerer 
dieser Denkmäler tragen gallische oder germanische Namen 
oder bekennen sich als Genossen eines gallischen oder ger- 
manischen Staounes. Es sind wertvolle Zeilen der häufigeren 
Verschmelzimg von römischem und keltischem und der selt- 
neren von römischem und deutschem Religionswesen, die 
aber wegen der Schwierigkeit der Scheidung der zwei oder 
gar drei verschmolzenen Elemente mit Vorsicht benutzt 
werden müssen. So wurden früher die paar Dutzend la- 
teinischen dem Hercules Saxänus gewidmeten Inschriften 
im Brohltal, aus dem die Legionare und die Pferde der 
römischen Reiterei die geschätzten Tuffsteinblöcke in die 
Schiffe der Rheinflotte herabholten, um daraus z. B. die 
Mauern des Trajanlagers bei Xanten am Niederrhein zu er- 
bauen, auf einen germanischen Donar bezogen, der mit dem 
Sachs d. h. mit einem Messer oder kurzen Schwert bewaffnet 
gewesen sei. Aber Hercules ist hier der römische Gott müh- 
seUger Arbei tund zwar als Saxänus, das vom lateinischen 
saxum Stein stammt, der Gott der schweren Steinbruchs- 
arbeit. Darum votierte man ihm im 1. Jahrhimdert n. Chr. 
Inschriftsteine auch in Kalkstembrüchen bei Metz und in 
dem Steinbruch bei Tivoü, der für die nahe Stadt Rom die 
tmgeheuren, noch von uns angestaunten Travertinmassen 
des vespasianischen Kolosseums Ueferte. Hier ragte auch 
ein Tempel des Hercules Saxänus hoch über den schäumenden 
Wasserfällen. Auch der am Niederrhein verehrte Hercules 
Magusanus ist wohl seinem Kerne nach römisch und seinem 
Beinamen nach eher keltisch als deutsch. Man hat auch 
in den (drei) Matronen oder Matres, den Müttern, denen 
namentlich im rheinischen Niedergermanien ein paar hundert 
Steine gesetzt worden sind, deutsche Schutzgöttinnen er- 
kennen wollen, aber sie haben sich durchweg als keltische 
Ortsgöttinnen ens'iesen, die allerdings später Germanen, ins- 
besondere die kölnischen Ubier, in ihren Kultus hinüber- 



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L Die Quellen dei gernianischcD Mythologie. 



nahmen. — An der stürmischen Küste der seeländischen 
Insel Walcheren sind viele der Göttin Nekalennia gewidmete 
Steine durch Wind und Wellen bloßgespült worden. Sie ist 
als Göttin des Fruchtsegens und der Schiffahrt dargestellt, 
im Matronengewand aufrechtstehend oder auf einem Thron- 
sessel sitzend, Fruchtkörbe oder Früchte im Schöße oder im 
Arm, ihr zur Seite ein Hund. Auf einigen Steinen stellt sie 
den linken Fuß auf den Steven eines Schiffs imd stützt sich 
dabei auf ein Ruder. Auch werden ihr wohl Neptunus und 
Hercules beigesellt. Ein Kreidehändler dankt ihr für den 
Schutz einer von Britannien herübei^ebrachten Ware, ein 
andrer Händler für den Aufschwung seines Geschäfts, ein 
Vater für die Rettung seines Sohnes. Aber diese wie die 
andern Dedikanten sind Römer oder Kelten, wie denn die 
ganze See- und Niederrheinschiffahrt wahrscheinlich damals 
in keltischer Hand lag, wenn auch die Römer für ihre Rhein- 
flotte gern germanische Bataver verwendeten. Jene Dar- 
stellung der Nehalennia ist genau nach der der römischen 
isis zugeschnitten. Der dunkle Name, der nach deutschem 
Sprachgesetz schwerlich eine „Nachengöttin" bedeuten kann, 
klingt mehr gallisch als deutsch. Dagegen ist auf vier In- 
schriftsteinen bei Münstereifel, bei Xanten, in Geldern und 
in Westfriesland eine echt deutsche Göttin Hludana entdeckt, 
der am letzten Orte Fischereipachter einen Altar setzten. 
Dann sind zwei Inschriften am Hadrianswall bei Housesteads 
in Nordengland gefunden, die von römischen Soldaten frie- 
sischen Stammes aus Twenthe die eine dem Mars und den 
beiden Alaisiagen, die andre dem Mars Thingsus und den 
beiden Alaesiagen Beda und Fimmilena unter Kaiser 
Alexander Severus geweiht waren, d. h. wahrscheinlich 
dem Kriegs- und Volksversammlungsgotte und seinen bei- 
den Viktorienhaften Genossinnen. Diesen Soldatengöttinnen 
werden verwandt sein Hariasa die Verheererin (?), Hari- 
mella die Heerglänzende und Vihansa die Kriegsgöttin, 
Da die großen germanischen Göttinnen nie zusammen- 
gesetzte Namen führen und nach allen späteren Nach- 
richten ein kriegerisches Wesen an ihnen kaum hervor- 



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14 L Die Qoelleo der gernUDiscben Mjrtbologie. 

tritt, SO sind diese wohl nur walkOrenhafte Idisi oder 
Siegweiber gewesen, welche, wie wir bald hören werden, 
sich auf das Schlachtfeld herabließen und die Feinde fessel- 
ten und angriffen, die gefangenen Freunde aber von den 
Etanden befreiten. Doch ist die Möglichkeit nicht ausge- 
schlossen, daß sie der fremden Kriegsgöttin Bellona oder 
Victoria, den angebeteten Lieblingen des römischen Lagers, 
nur nachgebildet und keine echt germanischen Wesen waren. 
Noch ein paar andre Namen, wie der Requalivahanus, der 
im Dunkel Lebende oder dem Dunkel Überlassene, scheinen 
deutschen Ursprung zu beanspruchen. Aber auch sie halten 
sich meistens für uns noch im Dunkel zurtlck, und eine 
ganz andre Macht als der römische Militärstaal war dazu 
berufen, neues Licht über die Geheimnisse des deutschen 
Heidenglaubeas zu verbreiten, die christüche Kirche, deren 
Zeugnisse wir jetzt vernehmen müssen. 

2. Zeugnisse aus der Zeit der Bekehrung der 
Deutschen und Angelsachsen. Die christliche Kirche 
war dazu berufen, dem deutschen Heidenglauben viel ener- 
gischer zu Leibe zu gehen, als die römische Kaisermacht. 
Freilich beweisen ein paar hundert lateinische Lehnwörter 
der altgermanischen Sprache, wie viel die Germanen der 
rheinischen und britischen Römerkultur verdankten, Wein-, 
Obst- und Gemüsebau, manche neue Komart imd manches 
neue Ackergerat. Von ihr lernten sie das Steinhaus, Maß- 
und Gewichtswesen, eine genauere Jahreseinteilung, selbst 
die Namen der Wochentage und manche römische Sitten und 
Bräuche. Unleugbar ging das Leben der rheinischen Ger- 
manen aus dieser Berührung mit der fremden Zivilisation 
verschönert imd bereichert hervor. Doch dürfen alle diese 
wirtschaftlichen imd sonstigen Anleihen und die erwähnten 
Versuche einer Annäherung römischen und germanischen 
Glaubens über die Tatsache nicht täuschen, daß die große 
Masse der deutschen Nation, zum schärfsten Unterschied 
von der gallischen, nicht nur die Herrschaft, sondern auch 
die Sprache und Kultur und insbesondere die Religion der 
Römer damals von sich abwies. Was in Gallien glückte. 



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I. Die Quellen der germuiiscben Mythologie. 15 

z. B. die Verknüpfung des neuen Gauverbsindes mit der 
göttlichen Verehrung des Kaisers am Augustusaltar zu Lyon 
und die Verschmelzung der vielen Götter beider Nationen, 
das schlug in Germanien fehl. Der Augustusaltar in Köln, 
die Ära Ubiorum, gewann nie größere Bedeutung, weil er 
unter den unsicheren Germanen des rechten Rheinufers nie 
ganz sichere Sprengel gewann. Und fast möchte man einen 
symbolischen Akt darin erkennen, daß Segests Sohn Segi- 
mund, ein Schwager Armins, der zum Priester jenes ubischen 
Altars ernannt war, bei der Nachricht von der befreienden 
Varusniederlage seine römischen Priesterbinden vom Kopf 
riß und zu seinen Cheruskern zurückfloh. Denn was ii^end 
von fremdem Glauben die Germanen angenommen haben 
mochten, das warfen sie wieder von sich seit dem 3. Jahr- 
hundert, wo sie immer tiefer und verwüstender in die bau- 
fällige Römerwelt einbrachen. Langsamen Ganges schoben 
die Bauemstämme der Franken, Alemannen und Hermun- 
duren ihre Siedelungen über den Rhein und die Donau vor. 
Zwischen ihnen hindurch und über sie hinweg stürmten die 
noch in beweglichen Heerlagern lebenden Wanderstämme 
der Burgunder, Sueven und Vandalen gewaltsamer süd- 
westwärts. Weiter ab auf beiden Flügeln dieses imwider- 
stehlichen Zentnmis gründeten die Goten und später die 
Langobarden südlich von den Alpen und den Pyrenäen, die 
Angelsachsen jenseits des Kanals ebenfalls auf römischem 
Reichsboden neue germanische Staaten. So fand sich der 
größte Teil unseres heidnischen rauhen Krieger- und Bauem- 
volkes aus unwegsamen Wäldern und Weiden des Nordens 
in mildere Landschaften versetzt, deren Grenzen von Türmen 
und Wallen beschirmt, deren Inneres mit Villen, Bädern 
und Grabmonumenten, mit Tempeln, Theatern imd Fabriken 
bedeckt war, deren treffliche Straßen uralte Handelsstädte 
mit einander bequem verbanden. Aber wie ihnen Berg und 
Tal fremd waren, waren ihnen die ummauerten, enggassigen 
Städte gleich Tierkäfigen verhaßt, die sie am liebsten zer- 
störten, um sich außerhalb ihrer Trümmerstätten in Hof 
und Dorf niederzulassen. Das UnverständUchste hier in der 



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16 I. Die QuellcD der geimsnischen Mythologie. 

Fremde war ihnen aber die jugendliche christliche Kirche 
mit ihrem Herrn und Meister, dem an einem Kreuze ver- 
blichenen und wiederauferstandenen Gott. Sollte auch dieser 
neurömische Glaube von ihnen scheinbar aufgenommen und 
alsbald wieder abgeschüttelt werden, wie der altrömische 
von den rheinischen Germanen? Oder wie wollte sich das 
germanische Heidentum mit dem Christentum abfinden? Die 
äußere tmd innere Lage dieser Germanen war doch eine 
ganz andere als dort am Rhein. Nicht als ob sie, wie ihnen 
so oft nachgerühmt wird, der christlichen Lehre ein beson- 
ders offenes und tiefes Verständnis entgegengebracht hatten. 
Aber erstens erleichtertegewiß die Versetzung vom heimischen 
Boden und Leben in ein fremdes und noch dazu meistens 
schon christianisiertes Land die Entwurzelung ihres Heiden- 
glaubens. Zweitens traf die großartige christliche Gottesidee, 
die sich im ganzen Weltall von Ewigkeit zu Ewigkeit und 
wiederum in dem tief lyrischen Epos des Lebens Jesu kund- 
tat, ob auch nur teilweise verstanden, die eigene zersplitterte, 
vergängliche und nicht durchweg erbauliche Götter- und 
Dämonenwelt mit viel wuchtigeren Stößen, als es der bunte 
zerfahrene römische Polytheismus vermocht hatte. Dazu 
trat ein drittes, mehr politisches Moment, das die Wendung 
entschied. Die unter den Romanen schon einflußreich ge- 
wordene christUche Geistlichkeit forderte von den Führern 
der Stamme auf ihrer gefahrvollen Wanderung durch das 
meist schon bekehrte Römerreich gebieterisch Untenverfung 
oder drohte mit ihrer Feindschaft. Die germanischen Fürsten 
nahmen gewöhnlich unter solchem Zwange die Taufe und, 
indem sich ihnen ihre Getreuen anschlössen, erschien diesen 
auch Christus mit seinen Jüngern wie ein von Getreuen 
dicht umgebener Gefolgsherr. Mit Belohnungen und Droh- 
ungen lockten und schreckten die Christen wie die Heiden. 
Religiöse Bewegungen, die still imd insgeheim das Gemüt 
ergreifen, entziehen sich freilich oft schon dem Auge der 
Gegenwart, wie viel öfter den Blicken der späten Nachwelt 
Doch darf man behaupten, daß eine wachsende Sehnsucht 
nach der erlösenden, beseligenden Gewalt des Heilands, 



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I. Die Quellen der getmaniscben Mythologie. 17 

oder eine plötzliche Erleuchtung über die eigene Sünden- 
schuld auf germanischem Gebiete sich selten kundgab. Selbst 
nach der Annahme der Taufe drang nicht einmal die Über- 
zeugui^ von der völligen Nichtigkeit der Götter durch. In 
der Regel entschied die allmählich und kühl gewonnene 
Ansicht, daß denn doch Christus und der allschaffende Gott 
starker sein müßten als Wodan und Donar, und das Heiden- 
tum wucherte meist noch Jahrhunderte unter dem Kreuze 
Christi weiter. 

Indem nun die Welt- und Klostei^eistlichkeit die Talen 
der Bekehrer der südgermanischen Stämme erzählte, in ihren 
Predigten den alten Göttern Christus gegenüberstellte, auf 
ihren Synoden und in ihren Bußbüchern den Götzendienst 
mit harten Strafen belegte und sogar Zaubersprüche ver- 
zeichnete, erschloß sie uns eine Reihe neuer, allerdings oft 
stark getrübter Quellen der Erkenntnis des germanischen 
Heidenglaubens. 

Zuerst regte sich christliches Wesen bei den Westgoten 
an der unteren Donau. Ihr König Athanarich verfolgte im 
Jahre 348 die Christen seines Volkes grimmig, indem er auf 
einem Wagen ein Götterbild vor jede Tür fahren ließ. Wei- 
gerte sich der Bewohner, diesem zu opfern, so wurde ihm 
das Haus über dem Kopf angezündet. Doch Wulfila, ein 
Kappadocier, führte die bedrängten Christen wie ein zweiter 
Moses über die Donau in die schützenden Balkantäler und 
übertrug das Wort Gottes zum erstenmale in ebie germa- 
nische Sprache. Ein anderer Gote, Radagais, der mit Hundert- 
tausenden wilder Germanen ums Jahr 400 in Italien einge- 
brochen war, gelobte das Blut des ganzen römischen Volkes 
seinen Göttern, und schon flüchteten die Einwohner Roms, 
an der Macht des Christengottes verzweifelnd, aus den 
Kirchen zu den verlassenen Götzenaltären. Da zog die feind- 
liche Wetterwolke vorüber. Lange bäumte sich der harte Fran- 
kenkOnig Chlodovech gegen den Glauben an den milden 
Friedensfürsten Jesus, bis dieser ihm als der stärkste Schirm- 
herr seines Reiches erschien oder, wie die Sage das bald 
ausdrückte, auf sein Gebet seiner schwankenden Schlacht- 

Miycr.E. H., Gennan. Mytho Logic. 2 



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L Die Quellen dei geimuiisclieo Mjrthologie. 



reihe Halt und Sieg über die Alemannen verlieh. In seiner 
Taufe zu Rheims 496 vollzog sich der folgenreichste Akt 
der ganzen germanischen, ja abendlandischen Bekehrur^s- 
geschichte. Von hier aus drang die christliche Lehre in 
Deutschland ein, oft durch Wunder unterstützt, selbst durch 
das gewiss schwer empfundene einer plötzlichen Bierent- 
ziehung. Dem König Chlothar I, dem Sohne Chlodovechs, 
und seinem Gefolge veranstaltete der Franke Hozin ein Ge- 
lage mit Bierkrügen für die Christen und für die Heiden. 
Weil die der letzteren nach Heidenbrauch geweiht waren, wur- 
den sie durch ein Wunder des hl. Vedastus ihres dämonischen 
Inhalts beraubt. Die Missionare des hl. Hilarius von Poitiers, 
des hl. Remigius von Rheims und am kraftigsten die des 
hl. Martin von Tours drangen seit der völligen Unterwerfui^ 
der Alemannen unter die Franken in den „Königsboden", 
das vom Frankenkönig beanspruchte Krongut, ein. Da gab 
es einen Bischof neben dem Herzog, bekehrte Alemannen 
waren Pfarrer. Überall noch ein seltsamesGemisch des Alten- 
Heidnischen und des Neuen-Christlichen. 

Die eigentliche Missionsarbeit auf deutschem Boden durch- 
lief drei Stadien. Sie wurde begonnen in Süddeutschland von 
irischen Mönchen und fand hier wen^ Widersland, doch war 
sie oft ohne dauernden Erfolg, da die Glaubensboten ohne 
festeren Zusammenhang unter sich und ohne den Rückhalt 
eines stärkeren Kirchenwesens wirkten. Aber die von ihnen 
gegründeten Klöster blieben meist als wichtige Pflanzstätten 
der Bildung bestehen. Am Schluß dieser ersten Periode 
griffen auch wieder fränkische Bischöfe in die süddeutsche 
Mission bis Regensburg ein. In der zweiten Periode, dem 
8. Jahrhundert, ordnet sich die Bekehrungsarbeit der geschul- 
teren und weltklügeren Angelsachsen der fränkischen und 
somit der römischen Kirche unter, ihre Hauptgebiete sind 
Hessen, Thüringen und Friesland. Dort herrscht lange ein 
bedenkücher christüch-heidnischer Mischglaube, hier kommt 
es wiederholt zu blutigen Aufstanden. In der dritten Periode 
stellt Karl der Große die Kräfte eines geordneten Staats- 
wesens der Mission zur Verfügung, zumal die Militär- und 



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I, Die Quellen der germuiischen Mythologie. 19 

die Polizeigewalt; nur diese können die Sachsen bezwingen, 
die nicht nur für ihr Land, sondern auch für ihren Glauben 
streiten. Daß der Widerstand vom Süden nach Norden wuchs, 
lag zum Teil im Stammcharakter, in dem bei den Sachsen 
die rauhe Abgeschlossenheit hervorgehoben wurde, zum 
größeren Teil in der geschichtlichen Lage. Im Süden hatte 
die römische Kultur schon viel Einheimisches zersetzt, und 
die beweglicheren Stämme hatten ihren Verband mit den 
alten Landesheiligtümern längst aufgegeben, wahrend die 
Sachsen, unberührt von fremdem Wesen, auf ihrer Scholle 
sitzen blieben und sich zu Angriff oder Abwehr kampflustig 
um ihre alten Göttertempel scharten. 

Der erste Missionar, der tiefer in deutsches Heidenvolk 
vordrang, war Columban. Er kam aus Irland, einer von 
der Völkerwanderung unberührten Statte des Friedens und 
christlicher und antiker Wissenschaft. Als er im Franken- 
lande das Unheil des Goldes kennen lernte, trug er kein 
Bedenken, dasselbe durch lauter heidnische Mythen in Versen 
zu bekämpfen. Den Becher, in dem man ihm am Hofe der 
lasterhaften Frankenkönigin Brunhild Wein reichte, zerschlug 
er voll Zorns, ein furchtloser, unbequemer Bußprediger. 
Verjagt aus einem Vogesenkloster, führte er mit der neuen 
Heilslehre klösterliches Heiligkeitsleben in das entlegenere 
Alemannengebiet. Auf einer Wanderschaft am Züricher See 
traf er auf Christen und Heiden, wie sie um eine riesige 
Bierkufe beim Wodansopfer zechten, und sein SchülerGallus 
stürzte bei Bregenz drei in eine Kirche eingemauerte Götzen- 
bilder in den Bodensee. Der Stifter des Klosters Reichenau 
im Untersee, der Abt Pirmin oder vielmehr Primin, 
fand im Anfang des B. Jahrhunderts nur getaufte Ale- 
mannen, für die er eine Art Musterpredigt, die Dicta ab- 
batis Priminü, ausarbeitete, die dann Jahrhunderte hindurch 
mit mannigfachen Änderungen den germanischen Gemein- 
den immer wieder gehalten wurde, da sowohl ihr einer Teil, 
die Heilsgeschichte der Welt, gleichsam ein Mythus edel- 
ster gewaltigster Art, als auch ihr anderer, der in einer 
Kriegserklärung gegen den alten Glauben gipfelte, einen 



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^ I. Die Quellen der germanischen Mythologie, 

tiefen Eindruck auf die germanischen Gemüter nicht ver- 
fehlen konnte: 

Gott schuf Himmel und Erde und im Himmel die Engel. 
Doch diejenigen Engel, die sich gegen ihn erhoben unter der 
Führung des ersten Erzengels, welcher Gott gleich sein 
wollte, stürzte er in den Luftraum hinab, wo sie Teufel und 
Dämonen wurden. Erst nach dem Engelsturz schuf Gott den 
Menschen, der sich vom neidischen Teufel zum Ungehorsam 
gegen Gott verleiten ließ. Adam und Eva taten den Sünden- 
fall, ihre Nachkommenschaft versank immer wieder in Sünden 
trotz der großen Flut, der zehn Gebote und der Propheten, 
bis Gott Jesus schickte, der für die ^lenschen gekreuzigt 
wurde und durch das Blut imd das Wasser, das aus seiner 
Seite floß, Sündenvergebung und Taufe verlieh. Dann fuhr 
er zur HOlIe, um Adam, die Erzväter und Propheten ihr zu 
entreißen, den Teufel aber darin zu binden. Auferstanden 
entsandte er die zwölf Apostel und fuhr auf gen Himmel. 
Die Zwölf setzten das Glaubensbekenntnis fest. Nun wird 
die Bedeutung der Taufe und der feierüchen Abschwörung 
alles Teufelsglaubens in die Erinnerung gerufen, die ganze 
Reihe der Sünden zieht auf, zuletzt die Götzenanbetung, 
mag sie mm an Steinen, unter Bäumen, an Quellen, auf 
Kreuzwegen stattfinden. Auch an die Spruch- und Loszau- 
berer, die Wahrsager, die Vorzeichen und bösen Geister soll 
man nicht glauben. Auch nicht heidnische Festzeiten, die 
Vulcanalien und Kaienden, beobachten, noch die Tische 
bereiten, Lorbeer anbringen, über einen Baumklotz Korn- 
frucht und Wein ausgießen und Brot ins Wasser werfen, 
beim Weben eine Göttin (Minerva) anrufen, bestimmte Tage 
für die Hochzeit und die Reise wählen, Zauberzettel und 
-kräuter und Bernstein anhängen, Wertermacherinnen und 
Leuten, die, auf das Dach gestiegen, die Zukunft aus dem 
Feuer, etwa einem brennenden Scheit weissagen, Glauben 
schenken. Endlich verbot Primin Neujahrsaufzüge in Hirsch- 
und Kuhverkleidimg, Aufzüge der Weiber in Männertracht 
und umgekehrt. Auch sollen aus Holz gemachte Glieder 
nicht an Kreuzwege und auf Bäume, um Heilimg zu erlangen, 



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L' Die Quellen der germanischen Mythologie. 21 

gelegt, die Mondfinsternis nichtangeschrieen werden. Teufels- 
spiele und -scherze, -tanze und -lieder sind überall zu ver- 
meiden. Aber der Kirche sind Weihrauch, Wachs und Öl 
zu opfern, man soll Zehnten von Frucht und Vieh bringen, 
femer Almosen spenden, die Sonn- und Feiertage beobach- 
ten, eifrig Messen hören und in die Beichte gehen. So 
muß der alte Adam ausgezogen werden, damit die Aufer- 
stehung zum Gericht, die ein jeder in der vollen Kraft eines 
Dreißigjährigen erleben wird, zum Paradiese führe und nicht 
zum ewigen Feuer. 

Der von Primin angegriffene Aberglaube ist nur teil- 
weise echt alemannisch, wie z. B. das Steigen des Weissagers 
aufs Dach, meistens aber entweder ganz fremd, aus älteren 
kanonischenBüchernzusammeQgetragen,wiedasVulcanalien- 
fest, oder wie die Kaiendenfeier mit dem julianischen 
Kalender erst neuerdings im südwestlichen Deutschland 
eingebürgert. 

Das mächtige Thema der Heilslehre aber, das die 
irischen Missionare um 700 in Schwaben und Baiern ver- 
kündeten, stellten dann auch ihre angelsächsischen Nach- 
folger in den Mittelpunkt ihrer Predigt, und Karl der Grosse 
schärfte eine ähnliche Musterpredigt seiner Geistlichkeit 
ein. Im Norden diente sie der Völuspa zum Vorbild. 

Über die Zustände des englischen Heidentums und die 
Anfange des Christentums belehrt uns am besten Beda 
(t 735) in seiner Kirchengeschichte Englands und in anderen 
Schriften. Nach ihm und späteren Chronisten brachten die 
Angelsachsen die Stammbäume und Stammsagen ihrer vor- 
nehmsten Geschlechter nach der britischen Insel aus Deutsch- 
land mit herüber. Der Gott Woden bildet darin den 
lebendigen Mittelpunkt , von dem in den verschiedenen 
7 oder 8 angelsächsischen Reichen verschiedene Götter oder 
doch vergötterte Helden als Ahnen auf- und als Nachkommen 
bis zur Gegenwart absteigen. Die Bekehrer versuchten 
dann diese edlen Heidengeschlechter an Adam und Noah 
zu knüpfen. Diese Genealogien zerlegen oft den Inhalt eines 
Mythus in seine einzelnen Momente und verteilen sie auf 



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^ I. Die Qaellen der germanischen Mytholc^ie. 

mehrere Personen. So wird in der Reihe Skeäf, Skeldwa 
und Beäw, die von der Garbe, dem Schilde und dem Anbau 
ihren Namen haben, die Einführung des Ackerbaues, des 
Kriegswesens und der weiter um sich greifenden Kultur 
wiedergegeben. In den angelsächsischen Chroniken treibt 
auf einem steuerlosen Schiffe der neugeborene Skeäf, bald 
auf einem Strohbündel liegend, bald von Waffen umgeben, 
schlafend an die Küste von Angeln in Schleswig und wird 
von den Einwohnern freudig aufgenommen. Der Verfasser 
des Epos vom Beowulf, der dem Beda etwa gleichaltrig 
ist, schiebt diesen Mythus von Skeäf auf dessen Sohn Skyld 
ab, imd Beowulf tritt an Beäws Stelle. Mächtig kommt dieser 
als Hauptheros aus dem dimklen Hintergrund seiner Ahnen- 
welt hervor und schlägt, ein Schutzheros seines Volkes, den 
Sumpfunhold Grendel samt dessen Mutter und einen Feuer- 
drachen. Vielleicht liefert das angelsächsische Runenlied 
noch eine andere Spielart jenes Kulturmythus; es weiß von 
einem göttlichen Helden Ing, der zuerst bei den Ostdänen war 
und dessen Wagen über das Meer ihm nachfuhr. Kein Zweifel, 
bei keinem anderen Germanenstamme zeigt sich eine so 
vielgestaltige, die Menschheit mit der Gottheit verbindende 
Heroenwelt, wie bei den Völkern der norddeutschen Halbinsel. 
Doch auch diese stolzen Wodenssöhne konnten sich 
nicht des Gefühls der Nichtigkeit ihres Glaubens erwehren, 
wie uns Beda erzählt. Im Jahre 627 saß eines Abends 
König Edwin von Northumberland in seiner erleuchteten 
Halle. Ein Sperling schlüpfte zur Tür herein und flatterte 
scheu durch den hellen, warmen Raum hin, um durch eine 
andere Tür in der Wintemacht wieder zu verschwinden. 
Bei diesem Anblick rief ein Hofmann aus: „So rasch wie 
dieser Sperlingsflug durch die Halle vergeht das mensch- 
liche Leben mit seiner Lust. Was diesem aber voran- 
gegangen sei und was ihm folgen werde, ist uns so dunkel, 
wie die Nacht dorten vor den beiden Türen. Darum, o 
König, nimm die neue Lehre der Christen an, die uns über 
imsere Zukimft nach dem Tode Sicherheit gibt." Der König 
befolgte den Rat, und der bereits für die neue Religion 



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L Die Quellen der gernianischeo Mythologie. 23 

gewonnene heidnische Oberpriester schleuderte, auf des 
Königs Streithengst sitzend, einen Speer durch den Zaun 
in den großen Göttertempel bei York, um seinem Herrn 
die Ohnmacht der Heidengötter recht augenscheinlich zu 
machen, und das alte Heiligtiun wiu-de mit allen seinen 
Höfen durch Feuer vernichtet. 

Als die Bekehrung der Angelsachsen etwa um 650 
vollendet war, zogen manche ihrer Mönche nach dem Vorbild 
der irischen ins Ausland, tmd ihre Mission erstreckte sich 
über den größten Teil Deutschlands von den friesischen 
Inseln bis zu den Alpen. Ihre Hauptführer waren Willibrord, 
der Apostel der Friesen, dann Winfried, den man über- 
treibend den Apostel der Deutschen nennt, und später 
Liudger. Auf seiner Rückfahrt von Dänemark ums Jahr 700, 
wohin Willibrord kühn vorgedrungen war, taufte dieser auf 
einer von den nordischen Seefahrern dem Gotte Fosete 
geweihten Insel, Helgoland, die Heiden in einem heiligen 
Quell, aus dem sie nur schweigend Wasser zu schöpfen 
wagten. Um diesen Frevel zu rächen, führten ihn die Unge- 
tauften vor den wilden Friesenkönig Ratbod (fries. Redbad), 
aber das dreimal über ihn geworfene Los traf ihn nicht: 
die Götter wollten seinen Tod nicht. Denen diente man 
dort in schatzreichen Tempeln, deren Beraubung ein schmerz- 
hafter Tod an der Stelle des Meeresstrandes büßte, wo ihn 
die Flut taglich zweimal überströmte. Willibrord entkam. 
Aber die Götter forderten spater ein größeres Opfer. Das 
war jener Winfried oder Bonifacius, der Organisator 
der fränldsch-römischen Kirche. Er begann716 in Friesland zu 
predigen, wandte sich dann namentlich Thüringen und Hessen 
zu, wo bereits Brittenmissionare, die Nachfolger jener irischen 
Mönche, und ketzerische Priester, die der Unzucht, Trunk- 
sucht und Jagdlust ergeben waren, das Evangelium in 
unsauberer Weise verkündet hatten, wo sie auf heidnischen 
Opferplatzen unter großem Zulauf des Volkes christlichen 
Gottesdienst hielten und Donarspriester christliche Taufen 
vollzogen. Auch brachten die Bekehrten nach heidnischer 
Sitte den Toten eifrig Opfer dar, und diese deutschen 



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21 I. Die Quellen der germanischen Mythologie. 

„Dummköpfe" verwiesen noch 742 die entrüsteten Missionare 
trotzig auf die ebenso ausgelassene und schweigerische 
Feier der Januarkaienden , die in Rom selber vor der 
St Peterskirche betrieben wtlrde. Aber Bonifacius wußte 
nicht nur durch die Predigt des EvangeUums das Gemüt 
zu ergreifen, sondern auch nach der ausführlichen Direktive 
des Bischofs Daniel von Winton durch Vemunftgründe den 
Verstand zu gewinnen. Die Existenz der falschen Götter 
soll der Missionar nicht bestreiten, wohl aber deren echt 
göttliche Natur, da sie doch nach ihren eigenen Angaben 
geboren und erzeugt seien ganz nach Menschenart. Wenn 
also die Götter einen Anfang haben, so soll er fragen, ob 
auch diese Welt einen Anfang oder ohne Anfang immer 
bestanden habe. Im ersten Falle : wer die Welt geschaffen, 
da doch ohne Zweifel vor der Erschaffung für die noch nicht 
geborenen Götter ein Wohnort nicht gefunden werden könne. 
Behaupten die Heiden aber, die Welt habe immer bestanden, 
so forsche weiter, wer denn Über die Welt vor den ge- 
borenen Göttern geherrscht und wie diese später die eigen- 
mächtige Welt ihrer Herrschaft unterworfen hätten. Noch 
durch manche andere Fragen nach der Herkunft und 
Geburtszeit der Götter, nach dem zeitlichen oder ewigen 
Sinn und Nutzen der Opfer, deren die Gottheit doch nicht 
bedürfe, und warum denn die Götter trotz der Opfer den 
Christen die fruchtbaren Lander ließen, ihren heidnischen 
Verehrern die kalten Länder der Erde zugewiesen, möge 
Bonifacius sie weniger zur Erbitterung, als zur Scham über 
ihren törichten Glauben bringen. Der kluge Bischof hatte 
die wunden Stellen des Heidenglaubens wohl erkannt. Er 
wußte wohl, daß auch die gebildetsten Heiden auf diesem 
dogmatischen Gebiete sofort in die Enge getrieben werden 
mußten, weil ihrem lockeren Polytheismus eine Schöpfungs- 
lehre, überhaupt eine begründete und zusammenhangende 
Weltanschauung völlig abging. Und mit der heiligen Donars- 
eiche, die Bonifacius bei Geismar fällte, krachte auch dieser 
Polytheismus zusammen, und aus ihrem Holz wurde eine 
christliche Kapelle gezimmert. Vom gewaltigen Werk der 



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I. Die Quellen der germanischen Mythologie. Zi 

Reorganisation der verkommenen fränkischen Kirche, aus 
der Pracht seines Mainzer Erzbistums sehnte sich Bonifaz 
hinweg nach Friesland, um dort Wilhbrords und seiner 
eigenen Jugend Arbeit wieder aufzunehmen. Hier wurde 
er im Jahre 755 am Flusse Borne bei Dokkum während 
der Firmung Neubekehrier von den Heiden erschlagen, 
indem er vergeblich sein Haupt gegen das Schwert im 
Tode mit dem schützte, was ihm im Leben die schönste 
Erquickung geboten, mit dem Evangelienbuch, Aber nicht 
lange darauf wurde an der Stätte, wo sein Blut vergossen 
wiu-de, nach dem Beschluß der Gemeinde und eines großen 
Teils des friesischen Volkes ein hoher ErdwaU als Schutz 
gegen die Einbrüche des Meeres errichtet und auf diesem 
eine Kirche erbaut Und wie der Friesenfürst Abba den 
neuen Bau besichtigte, wurde plötzlich eine Quelle süßen 
Wassers entdeckt. Dennoch wucherte noch zu Karls des 
Großen Zeit der heidnische Glaube im Friesenvolke wieder 
üppig empor, doch der beliebte, alte, blinde Sänger Bemlef, 
der in den DOrfem des Hunsegaues die Kämpfe der Friesen- 
kön^e zum Saitenspiele sang, wußte dabei die Zuversicht 
zum Heiland bei seinen Zuhörern lebendig zu erhalten. 
Um das Jahr 786 taufte Liudger ohne Hindernis aus dem 
heiligen Quell auf Helgoland und ließ auf der verwüsteten 
Opferstätte des Gottes Fosete christliche Kapellen zurück. 
Doch Seeräuber verjagten bald wieder die christlichen Ein- 
wohner und fingen die christlichen Kauffahrer ab, und erst 
im 11, Jahrhundert wurde die Insel dauernd dem Christen- 
tum gewonnen, nicht früher als das ferne Island. 

Den zähesten Widerstand in Deutschland leisteten die 
benachbarten Sachsen. Bei ihnen lag das heidnische Priester- 
tum in der Hand eines hochangesehenen Adels, und so stark 
war der Wille der Götter über sie, daß ohne deren Befragung 
nichts unternommen wurde. Stimmten diese aber zu, so 
sammelte sich sofort ein kampflustiger Heerbann in den 
heiligsten Bezirken, den Grenzbezirken, in deren einem der 
rohe Baumstamm der Irminsäule ragte und die Eresburg, doch 
wohl der Sitz eines Gottes, als Ausfallstor diente. Aber den 



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3G 1- Die QucllcD der genuaniscben Mjtliologie. 

Sächsischen Heiden war der gewaltigste Christ zum Zucht- 
meister bestimmt, der Franke Karl der Große, Ihre Auf- 
stände schlug er einen nach dem andern nieder — vergebens! 
Mehr als viertausend ihm au^elieferte Sachsen vernichtete 
er durch die blutige Massenhinrichtung hei Verden a. d. Aller 
im Jahre 782 — vergebens! Endlich unterwarf sich 785 
Widukind der Taufe auf der königlichen Pfalz zu Att^y. 
Karls Capitulatio de partibus Saxoniae, ein Glauben^esetz 
vom Jahre 787 oder 788, bestimmte die härtesten Strafen für 
Hexen- und Leichenverbrennung, die nicht auf dem Kirchhof, 
sondern draußen auf der Heide vollzogene Hagelbestattung 
der Toten, die Quellen- und Baumverehrung und die Menschen- 
opfer. Den Königsboten, die als Aufseher durch den Gau 
ritten, imd den Missionaren wurde ein 30 Nummern starkes 
Verzeichnis der abergläubischen Bräuche, ein Indiculus 
superstitionum etwa vom Jahre 800, mitgegeben, auf die sie 
im Sachsenlande ganz besonders achten sollten. Das ist nun 
alles echt germanisch und nicht aus fremden Bußbüchem 
hertlbergeholt, imd wir sehen hier zuerst die großen Glaubens- 
gruppen rein hervorsteigen: den Seelenglauben mit seinen 
Totenopfem und TotenzauberÜedem (dadsisas), den Elfen- 
glauben mit seiner Verehrung der Quellen und Wälder 
(nimidas), vereint mit dem Glauben an die mächtigsten Götter 
Jupiter und Mercurius d, i, Donar und Wodan. Das Not- 
feuer wird (bei Seuchen) angezUndet, ein Yrias d. h. ein 
Umzug in zerrissenen Kleidern imd Schuhen (zur Vertreibung 
des Winters) diu'ch das Dorf unternommen und Unwetter 
durch Blasen in Homer und Muscheln verscheucht. Nach 
einerdritten ungefähr gleichzeitigen Schrift, einem wahrschem- 
lich ostfälischen Taufgelöbnis, mußte der Täufling dem Teufel 
und aller Teufelsgilde und allen Teufelswerken und -werten; 
Thunaer, Woden und Saxnot imd allen den Unholden, die 
ihre Genossen sind, feierlich absagen. Diese drei Schriften 
zusammengefaßt bestätigen also einerseits die Meldung des 
Tacitus von den drei HauptgOttem und ei^önzen andererseits 
durch ihre Hinweise auf das mythologische Kleinleben seine 
in dieser Beziehung so mangelhafte Auskunft. 



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I. Die Quellen der gennaniichaD Mythologie. 2J 

Trotz allen Maßregeln Karls und seiner Nachfolger 
dauerte der Heidenglaube in den abgelegenen Marschen noch 
im Beginn des 11. Jahrhunderts fort, wo Erzbischof Unwan 
von Bremen dort die heiligen Haine umhauen ließ, und jenseits 
der Elbe lebte der holsteinische Adel noch im 12, Jahrhundert 
in Vielweiberei und Verachtung der Fasten und des Klerus 
dahin, und das Volk verehrte Haine imd Quellen. 

Dieser mehrhundertjahrige Kampf des fremden Christen- 
gottes mit den nationalen Göttern, in dem so viele plötzhche 
Scheinbekehrungen und noch mehr wirkliche schwere Rück- 
fälle vorkamen, lehrt uns, wie der Religionswechsel des 
deutschen Volkes sich nicht mit der Raschheit einer jäh 
aufleuchtenden Damaskusvision, sondern in langsamen und 
oft stockenden Übergängen der Meinungen und der Stim- 
mungen vollzog. Im Gegensatz zu wenigen Einzelnen, die 
mit dem neuen Glauben ein neues Leben anfingen, brach die 
Mehrzahl der Getauften den Verkehr mit den verlassenen 
Göttern keineswegs ganz ab. Sogar die christlichen Geist- 
lichen, in der kirchlichen Damonenlehre aufgezogen, leug- 
neten den Bestand dieser Götter nicht, sie galten ihnen für 
Teufel und böse Geister, gegen die sie mit ihren Exorcismen 
zu Felde zogen. Dem Volke aber blieben die Götter noch 
lange die altvertrauten Freunde, die im Hause und draußen 
in Feld und Wald über Wind und Wetter mehr Gewalt 
hatten, als der ferne vornehme Kirchengott in der Stadt. 
Der heilige Martin von Tours schlug sich mit Jupiter, Mercur, 
Venus und Minerva, die er für Teufel hielt, ähnlich derb 
wie sein großer Namensgenosse Martin Luther mit dem 
leibhaftigen Teufel auf der Wartburg herum. Dies geschah 
allerdings auf wesentlich romanischem Keltengebiet. Aber 
wir hörten soeben, wie in Hessen christliche Geistliche nicht 
vor Wuotanopfem zurückscheuten, und der heilige Liudger 
sah doch auch mit eignen Augen auf Helgoland die Heiden- 
götter, wie sie vor dem empoi^estreckten Kreuz gleich 
einem Nebel dahinfuhren. Das Volk aber bUeb auch nach 
seiner Bekehrung dabei, daß seine Fürsten von den Göttern 
oder doch überirdischen Geistern abstammten. Jordanes 



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I. Die Quellen der germanischen Mythologie 



nennt die Vorfahren des berühmten ostgotischen Königs- 
geschlechts der Amaler Anses ä. h. Halbgötter. Die Herrscher 
der verschiedenen angelsächsischen Reiche leiteten sich auf 
ihren ausführlichen Stammtafeln von Woden ab, sogar 
Friedrich Barbarossas Zeitgenosse König Heinrich iL von 
England hielt noch im 12. Jahrhundert an dieser Herkunft 
fest. Nach einer Frankengeschichte aus dem 7. Jahrhundert 
hatte Merowech, der Ahnherr der Merowinger, einen 
dämonischen Ursprung; sein Vater war ein plÖtzUch aus 
der Meerflut aufgestiegener Stier des Neptunus, also ein 
germanisches Wasserwesen. Anmutig erzählt der Lango- 
barde Paulus Diaconus im 8. Jahrhundert, daß Wodan den 
Winilem, wie ein Vater seinem neugeborenen Sohne, den 
Namen „Langbärte" und mit dem Namen auch eine Gabe, 
nämlich den Sieg, verlieh. 

Obgleich nun auch noch das christliche Volk die Götter 
für die Ahnherren seiner Könige hielt und sich mancherlei 
Gaben von ihnen versah, war doch der Glaube an sie 
nicht das widerstandsfähigste Element des südgermanischen 
Heldentums. Denn sie zeigten sich doch zu deutlich dem 
neuen Gottesideal, der Chrislengottheit , nicht gewachsen. 
Und wenn die drei schwersten kanonischen Verbrechen, für 
die die Kirche Beichte und Buße verlangte, in früherer Zeit 
Mord, Unzucht und Götzendienst waren, so meinte man mit 
dem letzten nicht gerade vorzugsweise die Verehrung der 
großen Heidengötter, sondern vielmehr die der vielartigen 
Elfen, die täglich die Menschen imispielten, und die der 
Seelen, die doch noch immer mit den Hinterbliebenen ver- 
kehrten. Die einfachen, aber eifrigen Kulte dieser Wesen ver- 
mochte man nicht aus dem Leben des gemeinen Mannes heraus- 
zureißen; mit jeder neuen Jahreszeit, mit jeder neuen Weide-, 
Feld- und Waldarbeit erneuerten sich unausrottbar die alten 
feierlichen oder heiteren Festgebräuche wie die Bliunen auf 
den Wiesen. Dem Götzendienst solcher Art trat nun die 
Geistlichkeit durchaus nicht immer streng strafend entgegen, 
sondern schlug den verhängnisvollen Weg des Kompromisses 
ein, der streng genommen bis auf den heutigen Tag von ihr. 



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I. Die QuellcD der germanischen Mythologie, 



namentlich vom katholischen Klerus, nicht verlassen worden 
ist. So lebt denn noch heute gar manches Heidentum auch 
unter dem Schutze der Kirche fort und ist sogar in ihr 
Inneres eingedrungen. In den Synodalbeschlüssen der 
GeistUchen, in den Bußbüchern der alten irischen Mönche, 
wie der jüngeren angelsächsischen und fränkischen Bischöfe 
und in denStrafsatzungen der Könige, insbesondereKarls 
des Großen, übenvog die Strenge, bis zu dem letzten großen 
Bußbuch des gelehrtesten Kanonisten seiner Zeit, des Bischofs 
Burchard von Worms (j 1025). Mit dieser Richtung 
kreuzte sich aber eine andere milde, versöhnliche, die schon 
um 600 Papst Gregor der Große in seinem bekannten Briefe 
an den Abt Mellitus einschlug. Um die Angelsachsen leichter 
zum Christentum zu bekehren, rät er, solle man wohl ihre 
Götzenbilder, nicht aber ihre Tempel zerstören, diese viel- 
mehr mit Weihwasser besprengen und mit Altären und 
Reliquien versehen. An den gewohnten Stätten, die nun 
Gott geweiht sind, werde die Menge sich gemütlicher fühlen 
und sich Laubhtltten um diese Kirchen machen, um darin 
fröhlich die früher zu Opfern bestimmten Rinder zu ver- 
zehren. Das älteste heidnisch-christliche Kirchweihbild! 
Seitdem suchte man unabhängig viele nationale Bräuche 
und Vorstellungen mit den Riten und Dogmen der allum- 
fassenden katholischen Kirche möglichst zu verschmelzen: 
das lehrt außer dem ganzen Festwesen namentlich der 
Dämonenglaube und das Segnen und Beschwören. 

Ob nun gehegt, geduldet oder verfolgt und gefährdet, 
das Heidentum umstrickte im Frühmittelalter das ganze 
Leben der schon christianisierten Sueven in Gallizien, der 
Burgunder und Westgoten im Rhonetal und in Südfrankreich, 
der Franken im übrigen Frankreich, wie die im 5. und 6. 
Jahrhundert gehaltenen Synoden von Bracara, Arles, Auxerre 
und andere feststellten. Dem Heidentum dieser Völker waren 
aber manche nichtgermanische Elemente beigemischt, auch 
sprach die Hauptanklagen ein Kanon dem anderen nach, 
doch meist wohl nicht ohne Grund, weil der alte gleiche 
Aberglaube überall fest haftete. Aus den einigermaßen als 



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80 I. Die Quellen der gerroaDUcben Mythologie. 

echt beglaub^en Mitteilungen dieser bis zu jenem Burcbard 
von Worms reicbenden Literatur setzt sich etwa das fönende 
umfassende Bild zusammen, das eine freilich jüngere höchst 
willkommene Ergänzung zu dem älteren Glaubensbilde des 
Tacitus liefert. 

Drei große Götter stehen, wenigstens im Sachsenlande, 
noch voran: Thunaer, Woden, Saxnot. Der Indiculus be- 
kämpft die Opfer an den Tagen der beiden ersten, die er 
Jupiter und Mercur nennt, und Burchard noch die Donners- 
tagfeier. An diesen Tagen werden die Menschen geschlachtet 
sein, auf deren Opferung Karl der Grosse Todesstrafe setzte, 
und werden sich die zum Götterdienst zugehörigen Reigen- 
tänze auch noch in die christlichen Kirchen gedrängt haben. 
Neben jenen zwei oder drei Göttern gedenken Primin von 
Reichenau und Spatere einer Minerva, die man beim Weben 
anrief, was an den späteren Anruf der Holda oder Hertha 
beim Spinnen erinnern könnte. Wie man diese deutsche 
Göttin sausend durch die Luft fahren hörte, so ritten auch 
nach Burchard Weiber in der Nacht mit einer Holda oder 
Frigaholda durch die Luft. Aber noch beliebter scheint bei 
den meisten Stammen der Dienst jener Unholde gewesen 
2U sein, die jenes Taufgelöbnis die Genossen der Götter 
nennt, die in (gute) Hulden und (böse) Unhulden geschieden 
werden. Auf die verschiedenartigen Elfen müssen sich auch 
die so oft erwähnten Opfer und Gelübde beziehen, die an 
alten Bäumen, frischen Quellen, mächtigen Steinen und auf 
Kreuzwegen dargebracht werden, wobei man Mahlzeiten 
hielt, Lichter anzündete und aus Holz nachgebildete Glieder 
aufhängte. In kleinen Laubhütten betete man um den Schutz 
der Flur und trug segnende Bilder über sie hin. Den 
brennenden Holzklotz auf dem Herde beschüttete man, imi 
seine Asche zu befruchten, mit Früchten imd Wein. Den 
Hof umzog man nach wohl schon indogermanischem Brauch 
mit einer Furche, wie es scheint, gegen Hexen, imd man 
bereitete Schicksalsschwestem und Hausgeistern trank- und 
speisebesetzte Tische oder legte diesen Spielzeug imd 
Schuhe hin. Zu Beginn des Jahres jagte man eine Hindin 



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1. Die Qaellen der germuiischeD Mythologie. 31 

oder eine Kalbe unter lärmendem Unfug durchs Dorf; 
schon gegen Ende Februar klopfte man den Winter mit 
seinen Molchen, Mausen xaxd Motten aus den Torpfosten. 
Mondfinsternis verscheuchte man durch Kübel- und Kessel- 
schlagen, Hagelschauer durch Homblasen. Das fiebernde 
oder neugeborene Kind wurde auf den Herd gesetzt und 
mit Wasser aus siedendem Kessel begossen, Vieh gegen 
Krankheit diu*ch einen hohlen Baiun oder ein Erdloch ge- 
zogen. Man legte Zauberbinden tmd Halsamulette an und 
gewann für nicht genauer bezeichnete Zwecke durch Hölzer- 
reibimg das Nied- oder Nodfeuer. In der Nacht, zumal in 
der Neujahrsnacht stieg ein Weib, oder feierlicher ein 
schwertumgürteter Mann aufs Dach, die Zukunft zu erspähen, 
die man ebenfalls nachts auch auf dem Kreuzweg zu er- 
gründen suchte. Man achtete auf Vogelflug, Pferdegewieher 
und Niesen, hörte gern Wahrsagern und Wahrsagerinnen 
und traute Hexen die Kraft des Wettermachens zu. Jeder- 
mann aber sprach Zauberformeln über Krautertränke imd 
Trinkhömer und bei zahlreichen anderen Anlässen. Den 
Toten zu Ehren sang man die ,dadsisas', lange Totenzauber- 
lieder, und hielt Schmause an ihren in der Heide fem ab- 
gelegenen Grabhügeln. Leichen von Kindbetterinnen und 
ungetauften Kindern durchstieß man mit einem Pfahl, daß 
sie zu den Lebenden nicht wieder zurückkehren könnten. 
Aber man verehrte auch nach dem Indiculus die Ahnen wie 
Heilige, wie göttliche Schutzmächte. 

Die Kirche nahm sich als Verwalterin und Spenderin 
allen Segens und aller Beschwörung gern der alten Zauber- 
formeln und -brauche an, die sie schwächer oder starker 
umänderte. Ihr Anteil an der Ausbildung der Segensformeln 
ist noch keineswegs genügend beachtet: er erstreckt sich 
bis in die neueren noch heute gangbaren Zauberbücher, 
wie z. B. den Wahren Geistlichen Schild, ein Sammelsurium 
von Gebeten an die Heiligen und altheidnischen Formeln. 
Benediktionen sprach der Priester über Bräutigam und Braut, 
über die Wöchnerinnen bei ihrem ersten Kirchgang, über 
Kranke, über Haus und Brunnen, Brot und Salz. Der kirch- 



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^ I. Die QaelUn dei geniittDiscb«ii MTtbologi«. 

liehe Segen schützte das Kornfeld und den Obstgarten und 
weihte Banner und Schwert vor dem Kampf. Zu Ostern 
stellte man Speck und Brot, Eier imd Käse auf den Altar 
wider Unwetter. Vom Getreide schnitt man zu Himmelfahrt 
einige Halme und trug sie ziu* Segnung um den Altar; das- 
selbe geschah zu Jakobi (25. Juli) mit dem Obst, zu St. Sixt 
mit den Trauben, Durch die Synode von Cloveshoe, die 
Erzbischof Cuthbert von Canterbury 747 berief, erfahren 
wir, daß die schon länger übüche römische Litanei der drei 
Tage vor Himmelfahrt, wobei die Heiligenrehquien voran- 
getragen wurden, mit Spielen, Pferderennen und Mahlzeiten 
ausgestattet war, wie sie wahrscheinlich bei der Umfahrt 
einer alten Flurgöttin, wie der Nerthus, gebräuchlich waren. 
Christliches, Römisches und Germanisches diu"chdringt viele 
der angeführten Bräuche. 

Aus diesem Kreise hohen und niederen Heidenglaubens, 
den die lateinischen Aufzeichnungen beschreiben, schlagen 
nun zum erstenmale ein paar ureigene Brusttöne, echt ger- 
manische Klänge, in einem Dutzend altdeutscher und angel- 
säcksischer Segen und Zaubersprüche an unser Ohr. 

Höchst eigenartig tragen sie zunächst ganz episch einen 
typischen Fall vor, in welchem sich der Spruch gleichsam 
zum erstenmale wirksam gezeigt hat, daim erst die eigent- 
liche Zauberformel. Die ältesten sind die beiden nach ihrem 
Fundort sogenannten Merseburger Zaubersprüche, zwei 
in nicht immer genauem Stabreim verfaßte, im 10. Jahrhimdert 
aufgezeichnete Gedichte, die seltsam genug einem Missale 
vorangestellt sind. Den einen spricht ein Kriegsgefangener, 
der erzählt, wie von drei Haufen zur Schlacht herabgeflo- 
gener Idisi d. h. göttUcher Weiber der eine hinter dem Heer 
der Landsleute die gefangenen Feinde fesselt, der zweite 
sich dem feindlichen Heer entgegenwirft und der dritte hinter 
diesem Heer ihn selber entfesselt und ihm zuruft: „Entspring 
den Haftbanden, entlaufe den Feinden!" Nach dem zweiten 
Segen, der über ein lahmes Pferd gesprochen wurde, verrenkte 
auf einem Ritt Phols und Wodans zum Walde das junge Tier 
Balders {d. i Phols?) seinen Fuß, worauf vier offenbar gött- 



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1. Die Quellen der geniiBnischen Mythologie. 33 

liehe Weiber Sinthgunt und Sunna, Fria und Volla und 
endlich der zauberkundige Wodan mit einer alten indoger- 
manischen Formel Bein zu Beine, Blut zu Blute, Glied zu 
Ghede erfolgreich besprachen. Die ungefähr gleichzeitigen 
angelsachsischen Zauberlieder sind zum Teil von aus- 
führlichen Anweisimgen in Prosa umgeben. Das eine fleht 
die Siegweiber an, nicht zum Walde fortzufliegen, sondern 
sich zur Erde herabzulassen. Nach einem andern ritten mäch- 
tige Frauen, Hexen, über den Berg und sandten gellende 
Speere, Götter-, Eiben- und Hexengeschosse, die in den 
Körper des Beschworenen gedrungen ihn (durch Milzstiche?) 
krank gemacht haben. Der Beschwörer hat ihnen einst, als 
sie ihn bedrohten, ein Messer entgegengeworfen, er fleht, 
das Hexengeschoß solle schmelzen, die Zauberin in die Wild- 
nis fliehen. Der Herr möge helfen! 

Auch war die Kirche bereit, heidnische Beschwörungen 
mit ihren christlichen Exorzismen zu verschmelzen. So bannte 
sie z. B. die Dämonen nach altdeutscher Weise gern in das 
Meer, und es ist möglich, daß sie schon im Frühmittelalter 
die seit dem 12. Jahrhundert bezeugten Tiermalediktionen 
und -exkommunikationen vorbereitete, welche, wie aus dem 
2. Kapitel deutlicher werden wird, den Heidenglauben an 
die in gewissen schädlichen Tiergattungen wohnenden Men- 
schenseelen oder Dämonen vorauszusetzen scheinen. Das 
erste umfassendere Beispiel der Verschmelzung heidnischer 
und christlicher, beziehungsweise antiker Vorstellungen lie- 
fert die große angelsächsische Ackerbuße imis Jahr 1000, 
die einen unfruchtbaren, verhexten Acker bessern soll. Die 
Kirche erkennt darin die heidnische Heilung des ersten 
Pflugganges, die den indogermanischen Völkern gemeinsam 
war, dadurch gern an, daß sie diese, aber nur teilweise, 
verchristiicht. Gott und Maria werden neben (den Göttinnen?) 
Erke und Folde in einem „gealdor" Zauberspruch angerufen. 
Mit dem Weihrauch und den Weiheformeln der Kirche mischt 
sich der Duft heiliger indogermanischer Ackerpoesie. Der 
Neunkräutersegen, der über jedem der neun empfohlenen 
Heilkräuter dreimal gesungen wird, bevor dem Kranken die 

Meyer, E. K., Gennun. Mythologie. 3 



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31 I. Die Quellen der germanischen Mythologie. 

daraus gefertigte Salbe aufgestrichen wird, schwelgt in echt 
angelsächsischer breiter Ausmalung, ohne römische Gelehr- 
samkeit und christlichen Einfluß zu verle\^:nen. 

Nicht so weit ist dieser Verschmelzungsprozeß in der 
deutschen und englischen Poesie gediehen. Doch schlüpften 
nicht nur in ihre christlichen Epen einzelne heidnische Züge, 
sondern auch umgekehrt in die Mythen und Sagen ihrer 
Heldendichtung manche christliche Züge ein. 

Christlichen Einfluß in dem schon ai^eführten angel- 
sächsischen Epos Beowulf verraten namentlich die Reden, 
die eine weiche, fast luiheroische Stimmung durchzieht. Um- 
gekehrt nähern sich im etwas späteren Heiland, der alt- 
sächsischen Messiade vom Jahre 830, Christus und sein Ge- 
folge deutscher Weise. An den Himmel und die Engel des 
Evangeliums setzt sich ein leiser deutscher Duft; von der 
grünen Gottesaue rauschen die Engel in vollen Federhemden 
herab. Altheidnisch heißt das Schicksal Wurd oder auch 
Metodo Giscapu die Beschlüsse der Messenden. Noch ums 
Jahr 1200 übertönt all die christlichen Hymnen und Legenden, 
all die innigen imd sinn^en Minnelieder und all die feinen 
und tiefen Ritterepen das Nibelungenlied vermöge der 
überwältigenden heidnischen Leidenschaft einer uralten 
Heroensage. Zwar das einstige Hauptthema, der Drachen- 
kampf, ist zu einem eindruckslosen Neberunotiv einge- 
schrumpft, die Riesen und Zwerge sind zurückgedrängt 
und Brünhild hat ihren Walkürenglanz eingebüßt. Aber die 
heidnische Blutrache durchzuckt noch mit fiu-chtbarem Leben 
das Ganze, und eine der schönsten Scenen des Gedichts 
atmet noch das volle frische heidnische Naturgefühl. Es 
sind doch noch zwei echte Idisi, die der grimme Hagen 
an der Donau belauscht, wie sie sich in einem stillen Wald- 
quell kühlen, gleich Vögeln auf der Flut schwebend. Da 
spricht die eine listig, um ihr von ihm geraubtes Gewand 
wieder zu bekommen, daß die Burgunder in Etzels Land zu 
großen Ehren reiten; da spricht die andere wahrhaftiger 
und fliegt mit dem wiedergewonnenen Kleide davon — ; „Ihr 
habt alle den Tod an der Hand!" Ein letztes Meisterstück 



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I. Di« Quellen der germuiischen Mythologie. 



deutschheidnischer Poesie mitten im Mittelalter! Doch zahl- 
reichere und noch vollere suchen wir nun im germanischen 
Norden auf. 

3. Zeugnisse aus der Zeit der Bekehrung der 
Nordgermanen von 800—1300. Gerade um das Jahr 800, 
als die Bekehrung der Deutschen mit der Taufe der letzten 
Friesen und Sachsen einen gewissen Abschluss gefunden 
hatte, tat sich den christlichen Glaubensboten eine neue, 
bis dahin kaum bekannte germanische Heidenwelt auf. 
Die dänischen Buchenwälder, die schwedischen Seenplatten, 
die tief eingeschnittenen norwegischen Felsenfjorde waren 
seit unvordenkhcher Zeit von germanischen Bauern und 
Schiffern besiedelt, und ihre kühnen Fahrzeuge beherrschten 
frtlh die Ostsee und dann auch die Nordsee. Um 800 be- 
gannen die Wikinger in dichteren Geschwadern in die 
mitteleuropäischen Kulturstaaten einzudringen. 

Damit treten sie ins historische Licht. Aus der voran- 
gegangenen, der rein heidnischen, Zeit wissen wir fast nichts, 
Selbst die Inschriften der Runensteine, deren älteste 
bei den Norwegern wohl erst nach ihrer Berührung mit 
den Briten vorkommen, liefern nur spärlichste Nachrichten 
über das nordische Heidentum. Wir lesen von diesen Grab- 
stemen keine Hoffnung auf ein Jenseits ab, nur selten mehr 
als den Namen des Runenritzers und den des Begrabenen. 
Doch sind ein^e imter Thors des Donnergottes Schutz ge- 
stellt nicht nur durch ein Abbild seines Hammers, sondern 
auch durch den Heilsspnich: „Thor weihe diese Runen", 
oder „Thor weihe diesen Hügel", wie denn ein „Weihe, 
Thonar" auch auf eine deutsche zu Nordendorf bei Atigs- 
burg gefundene goldene Spange eingeritzt ist. Kleine silberne 
Thorshämmer, die wie die christlichen Kreuze an einer Hals- 
kette getragen wurden, sind häufig gefunden worden. Schon 
im 9. Jahrhundert aber rühmt sich der dänische König Ha- 
rald Blätand auf einem Grabstein, den er beijellinge in der 
Mitte Jütlands seinen Eltern, Gorm und Thyra, errichtet 
hatte, daß er sich ganz Dänemark und Norwegen unter- 
worfen und die Dänen zu Christen gemacht habe. Und wie 

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36 I. EHe QacDcD der gennuiischm Mjiboloeic. 

ein heiliger Zeuge breitet auf dem Stein das Bild des Hei- 
lands seine mit Banderschmuck umschlungenen Arme aus. 
Die heidnische Skulptur harte auch bei den Nordgermanen 
nur ein kurzes Leben t 

Die Zeugnisse der nordischen Literatur sind erst 
viel spater aufgezeichnet, jedoch zum Teil noch in der Heiden- 
zeil oder in der Bekehrungszeit, also im 10. und 11. Jahr- 
hundert, entstanden und seitdem durch mündliche Über- 
lieferung mehr oder minder treu bewahrt- Unsere Über- 
raschung darüber, daß wir aus ihren drei Hauptgruppen, 
der isländischen Saga, der norwegisch-islandischen 
Skaldendichtung, der dänischen Geschieht Schreibung 
desSaxo Grammaticus, von dem imtergehenden Heiden- 
glauben keineswegs ein einheitliches Bild gewinnen, wird 
schwinden, wenn wir der historischen Entwicklung des Nor- 
dens gedenken. 

Vor dem überwältij^enden Eintritt der Nort^ermanen 
in die Weltgeschichte war ihr Heidentum zwar in seinem 
Kerne dem deutschen ähnlich, doch nicht mehr gleich. Na- 
mentlich seine alten Riesenmythen verraten, daß es in einer 
diu-chweg wilderen und großartigeren Natur als das deutsche, 
mitten unter Felsen imd auf Meeren, groß geworden ist. 
Die starken Gegensätze zwischen der düsteren Schroffheit 
imd der lachenden Freundlichkeit dortiger Landschaften 
mögen auch den Gegensatz des unterwelllichen und des 
himmlischen Jenseits gesteigert haben. Auch hatten die 
Skandinavier fast ein halbes Jahrtausend länger als die 
Deutschen Zeit, ihre Götterwelt, bevor der Christenglaube 
zerstörend in sie hineinfuhr, feiner und personenreicher aus- 
zugestalten. Dazu gewann oder behauptete in Dänemark 
Odin, der deutsche Wodan, dagegen in Norwegen und Island 
Thor, der deutsche Thimar, und in Schweden, wie es scheint, 
Frey(rj, ein den Deutschen imbekannter Gott, die Oberge- 
walt. Auch war die zwar vielnamige, aber doch gleichartige 
Haupt^öttin der Deutschen im Norden in zwei verschiedene 
Göttinnen, Frigg und Frey^a, gespalten. Die drei großen 
Ereignisse aber, welche die nordischen Stamme in die Welt- 



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[. Die Quellen der gennanischen Mythologie. 



geschichte einführten, lenkten nun auch ihre Mythologie in 
neue Bahnen. Die Eroberung des weiten Länderringes der 
Nordsee machte sie namentlich in Irland und Großbritannien 
mit den dortigen heimischen oder fremden M>'then, S^en 
und Dichtungen bekannt, von denen sie manche in ihren 
alten M>thenbestand herübemahmen. Das ums Jahr 900 
stolz sich erhebende Reichskönigtum Harald Schönhaars, 
das alle die kleinen norwegischen Fürstentümer verschlang, 
umgab sich mit vornehmen, streng geschulten Skalden oder 
Hofdichtem, die den alten Volksglauben immer mehr in 
freie und dazu oft sehr gekünstelte Poesie verwandelten. 
EndUch griff schon im 9. Jahrhundert der Christenglaube 
das nordische Heidentum an, das denn auch ums Jahr 1000 
fast überall erlag oder sich scheu in die Verborgenheit 
zurückzog. 

Von den Sagen oder Sögur sind die wichtigsten die so- 
genannten Fornaldarsögur Nordrlanda die alten Sagen 
der Nordlande und die Aettarsögur die Geschlechtersagen, 
von denen jene von den nordischen Kön^sgeschlechtern 
vor Harald Schönhaar, diese meistens von den Schicksalen 
isländischer Familien um das Jahr 1000 erzählen. Beide sind 
aber erst etwa zwischen 1200 und 1500 aufgezeichnet. Die 
alten Nordlandssagen, die aus noch alteren Liedern ent- 
sprangen, begitmen gern mit der Rächung des Todes des 
Vaters durch seinen heldenhaften Sohn, fahren dann mit 
dessen Werbungsabenleuem fort, tun mit seinem Tode als 
tragischem Hauptereignis zu schließen. Von übernatürlichem 
Wesen tritt fast nur Odin auf, um sein menschliches Lieblings- 
geschlecht zu seinem Ziel zu führen. Die Völsungasaga, die 
wir gewöhnlich die Nibelungensage nennen, ist das groß- 
artigste Beispiel. In den spateren Nordlandssagen wird der 
mit dem Tode spielende Wiking das Königsideal, dessen 
Leben aus einer ununterbrochenen wilden Heerfahrt besteht. 
Nicht nur Menschen bald in der Schlacht, bald im Zwei- 
kampf erlegt der Held, sondern auch Riesen. Immer mehr 
wird die Sage zum Märchen, das immer mehr erstarkende 
Motiv der Liebe macht sie zum Roman, so die berühmte 



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3S I. Die Qnelica der gennaiiiich«!! Mjtboloei*- 

Fridthiofssage. Aber noch ragt hie und da das mythische 
Element hinein : der Held bringt einen Teil seiner Jugend 
bei Riesen zu, und sein Vertrauen auf eigne Kraft und Stärke 
versagt oft gegenüber den höheren Machten. Die spatesten 
Heldensagen sind ,J^llgensagen", die uns bis nach Indien 
zu allen mt^Hchen Ungeheuern fahren. 

Weit wichtiger und noch weit weniger von fremdem 
Einfluß berührt Ist die islandische Familiensage. Sie ent- 
stand aus den Ahnengeschicbten, mit denen man sich auf 
den einsamen Höfen die langen Winterabende vertrieb. 
Sie reifte zur Kunst heran, wenn sie bei Hochzeiten, Erb- 
mablem und in den hellen Mittsommemachten auf dem 
Althing, in der großen Volksversammlung, die Menge er- 
götzte. Diese aus der islandischen Gesamtsaga hervor- 
gehobene Geschlechtersaga drehte sich um das Jahr 1000, 
das Jahr der Bekehrung, als Angelptmkt, um die Schicksale 
der ersten Ansiedler und ihrer Familien. Das Sterbemotiv 
der alten Heldendichtung kehrt in ihr oft als Grundzug 
wieder. Von einem Geschlecht dem andern mündlich öber- 
IJefert, wurden die Sögur, wenigstens die meisten, wahr- 
scheinhch von christlichen Geistlichen bearbeitet und nieder- 
geschrieben, aber nicht von fremden, sondern aus dem 
heimischen Adel entsprossenen Geistlichen. Daher die 
staunenswerte Unparteihchkeit , mit der der heidnische 
Glaube und Brauch behandelt wird, daher das tiefe Ver- 
ständnis der vielen so eigenartigen Charaktere der Saga, 
imd endlich die nur aus langer Schultmg erklärbare Dar- 
stellui^skunst. So entwerfen diese ausführUchen historischen 
Prosaromane ein Bild jener leidenschafthchen, gewalttatigen 
Ahnenzeit auf dem Hintergründe des sinkenden Götter- 
glaubens. Es wird gleichsam von den Seiten her beleuchtet, 
namentlich durch zwei große Geschichtswerke, die Land- 
namabok, das Buch von der Besitznahme Islands, imd 
durch die Heimskringla, den Weltkreis Snorre Sturlusons 
im 13. Jahrhundert, die einen Cyklus meist älterer nor- 
wegischer Königssagen enthalt. 

Im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts suchten viele 



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1. Die Quellen der gemiSDi sehen M^ologie. 39 

Nordleute, meist vornehmen Geschlechts, die entweder durch 
Harald Schönhaars Druck aus Norwegen oder durch die 
Übermacht der Kelten aus Irland vertrieben waren, das 
ferne Island auf. Beim Abschied von der Heimat brach 
der Häuptling aus seinem „Hof", dem Tempel seines stärksten 
Gottes, des Donnergottes Thor, die heiUgsten Balken heraus 
und trug sie samt einiger Tempelerde und dem Hochsitz, 
dem Ehrenstuhl des Hausherrn, in sein Schiff. Kam dann 
nach etwa achttägiger Fahrt die isländische Küste in Sicht, so 
warf er die mit Thors Schnitzbild verzierten Stuhlpfeiler 
über Bord. Wo sie antrieben, wies ihnen der Gott die neue 
Heimstätte an. Mit einem Feuerbrand umlief der Haushen* 
möglichst viel Weideland für Pferd, Rind und Schaf. Das war 
mm sein Eigen. Neben den Wohn- und Wirtschaftsgebäuden 
zimmerte er einen neuen „Hof", in dem er als Gode d. h. 
Priester, Richter imd Gesetzgeber in einer Person den 
Dienst besorgte, und für dessen Benutzung er von seinen 
Freunden und Nachbarn emen Zoll erhob. Aus 39 solcher 
Godengemeinden bildete sich ums Jahr 930 der isländische 
Freistaat. Diese heidnische Grundlage des Staats wurde 
aber bald bedroht. Schon unter den Landnahmemännem 
gab es einige Freidenker, die nicht auf die Götter, sondern 
nur auf ihre eigene Kraft vertrauten. Hjörleif, der Pflege- 
bruder Ingolfs, des Entdeckers der Insel, wurde von seinen 
eigenen Knechten erschlagen, wobei Ingolf ausrief : „So mag 
es jedem ergehen, der den Göttern nicht opfern will!" Aber 
auch Christen begegnen schon in dieser ersten Landnahme- 
zeit, Christen oft sonderbarer Art. Helgi, der Magre, ein 
Enkel des Irenkönigs Kjarval, glaubte an Christus, aber 
vor dem Kampf oder der Seereise rief er Thor an. Die 
reiche Christin Audr wurde später von ihren Nachkommen, 
die wieder ins Heidentum zurückgefallen waren, wie eine 
Göttin diu-ch Opfer geehrt. Der blutbefleckte V^astyrr ließ, 
ohne seme Gesmnung zu ändern, eine Kirche bauen: so 
viele darin Platz fanden, so viele konnte ein Kirchenstifter 
zum Himmeheich kiesen. Erst im Jahre 1000 vollzog sich 
das allgemeine .sidaskipti', der Sitten- oder Glaubenswechsel, 



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40 I. Die Quellen der germanischen Mythologie. 

auf Island. Auf dem Althing dieses Jahres ging der Gesetz- 
sprecher Thorgeir, der höchste Beamte des Freistaats, dem 
die Entscheidung über diesen Wechsel übertragen war, in 
sein Zelt, legte sich auf den Boden nieder und verharrte 
so, ein großes Tuch tlber sein Haupt gebreitet, schweigend 
darin einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Dann aber 
sprach er vom Gesetzberg des Thingfeldes herab: „Mir 
scheint es ein Unglück, wenn die Männer hier im Lande 
nicht ein und dasselbe Gesetz haben, denn wenn wir das 
zerreißen, so zerreißen wir den Frieden," Darum schlug er 
den Vei^ieich vor: Alle Islander empfangen die Taufe. 
Aber nach wie vor ist erlaubt die Kinderaussetzung — die 
in der Not angewendet wurde — , ferner der zumal beim 
Götteropfer übliche Genuß des Pferdefleisches und drittens 
sogar das Götteropfer selber, falls es insgeheim geschieht. 
Die Annahme dieses seltsamen Vergleichs rettete das Land 
vor dem Bürgerkrieg. Im Dom zu Bremen weihte ein halbes 
Jahrhundert später, 1056, der gewaltige Erzbischof Adalbert 
den Isländer Isleif zum ersten Bischof der Insel. 

In diesen bewegten Zeiten spielen die meisten wichtigsten 
isländischen Sögur oder S^en. Sie haben durchweg keinen 
streif geschichtlichen Charakter. Aber indem sie die 
Schicksale von Königen, Häuptlingen, Goden, Skalden und 
hervorragenden Bauern, deren Rechtshändel, Fehden und 
Liebschaften, Gilden- und Thingränke, Blutsbrüderschaften, 
Blutrachen und Brandlegungen, Bekehrungen und Treu- 
brüche mit oft überraschender Seelenkunde und Realistik 
und einem über dem oft so dunklen Grunde schwebenden 
grausamen Humor erzählen, geben sie uns ein unvergleich- 
lich wahres Kulturbild. Sie stellen uns mitten in die scharfe 
Luft des Nordens, auf seinen harten Boden, mitten in das 
rauhe Treiben und Glauben seines Volkes. Die durch hei- 
ligen Frieden geschirmten Tempelhöfe stehen jetzt in klarem 
Umriß vor uns mit ihren Götterbildern, eisenbeschlagenen 
Altären, Eidringen, Kesseln, um die sich zu mancherlei Opfern 
die Gemeinde unter ihrem Goden in der hohen Holzhalle 
versammelt. Vor dem Tempel lag wohl auch ein blut- 



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I. Die Quellen der germanisclicn Mythologie. 41 

besudelter Stein des Gottes Thor, der Thorstein, auf dessen 
Kante dem zum Opfer bestimmten Verbrecher das Rück- 
grat zerbrochen wurde. Von Heiligtümern Odins, den wir 
doch als Wodan an der Spitze der deutschen Götter fanden, 
ist kaum die Rede, aber überall von Thorshöfen, Thorsbildem, 
Thorsfesten und nach Thor genannten Örtern und Personen. 
Ein Thorshof war der berühmteste norwegische Tempel zu 
Maeri in Throndheim, wie denn auch in Norwegen von 
allen Heidengöttem der Bauemgott Thor am stärksten den 
Bekehrem widerstand; auf Island war der Thorshof der 
Mittelpunkt fast aller Godengemeinden, Thor heißt der 
jMeist-Ausgezeichnete', auch kurzweg der As d. i. Gott oder 
der Landesgott, der allmächtige Gott, der Asenfürst. In 
den Götteranrufen bei Schwüren, Flüchen und Minnetrink- 
sprüchen fehlt Thor am seltensten. In Not und Gefahr 
wendete man sich am liebsten an seinen starken und raschen 
Beistand, in Ungewißheit über die Zukunft an sein Orakel. 
Ein Thorsbild trug man gern bei sich in der Tasche oder 
umging mit diesem das Land, um Widerwärtigkeiten davon 
wegzuscheuchen. Nicht einmal die zweite Stelle wurde Odin 
zuteil, sondern jenem, den Deutschen unbekannten Gölte 
Frey(r). Dieser galt für den Ahnherrn des berühmten nor- 
dischen Königshauses der Ynglinger. Namentlich auf der 
Wintergilde wurde er begrUßt; ihm fielen Stieropfer. Auf Island 
war sein leidenschaftlichster Verehrer der Gode Hrafnkel, 
der ihm all sein Bestes, seine Waffen und seinen stolzen 
Schecken, den Freysfaxi, weihte. Da er aber trotzdem in 
Unglück gestürzt wurde, verzweifelte er an allen Göttern. 
Auch Freys Vater N]örd(r) wurde gefeiert ; auch Freys 
Bildchen hatte man gern bei sich. 

Höchstens in der Heimskringla tritt neben Thor und 
Frey Odin bedeutender hervor. Nach volkstümlicher Art 
findet er sich hier als ein einäugiger Greis zu nächtlichem 
Gespräch beim christlichen König Olaf Tryggvason ein, um 
im Morgengrauen, ein Bild hinschwindenden Heidentums, 
plötzlich spurlos zu entweichen. Daneben wird er von Snorre 
nach der damals beliebten euhemeristischen Auffassung, die 



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I. Di« Quellen der eermanischen Mytholi^ie. 



in den alten Göttern bloße ungewöhnlich begabte Menschen 
der Vorzeit sah, in das falsche Licht eines großen Zauberers 
und Oberkönigs gertlckt, der die andern Götter zu seinen 
Hofpriestem einsetzt. Älter ist wieder, wenn er in einigen 
Sagen den todweihenden Speer oder Rohrstengel tlber die 
Feinde wirft. Vom Gotte Balder, der in der Skaldenpoesie 
eine so wichtige Rolle spielt, weiß diese ganze reiche Sagen- 
literatur nichts, ausgenommen die junge und MrillkürUch er- 
fundene Fridthiofssage des 13. oder 14. Jahrhunderts, die auch 
zum erstenmal die Liebe in den Mittelpunkt stellt. Sie weiß 
somit auch nichts von dem geheimnisvollen Bunde des Vaters 
Odin und seines Sohnes Balder, um den sich in der Skalden- 
poesie das Schicksal der Götter, ja der ganzen Weit dreht. 
Die Odinsbrüder Hoenir und Lodur und vollends Vili und 
V6, sowie die Baiderbrüder Höd(r), Väli und Vfdar sind 
unbekannt, aber auch Heimdall und Loki. 

Von Göttinnen verlautet auch nicht viel, doch speisen 
nach der Egilssage die verstorbenen Weiber bei der Göttin 
Freyja, die auch öfter in Schwurformeln vorkommt. Dafür 
ist der Glaube an halbgöttliche Weiber, die Disir, deren 
Opfer mehrfach erwähnt wird, stark entwickelt. In der 
Njalssage weben die Walküren unter grausigem Gesang 
das bluttriefende Gewebe des Schicksals. Thorgerd imd Irpa, 
zwei Begleiterinnen Thors, schleudern walkürenhaft aus 
jedem Finger Hagel, Sturm und Pfeile den Feinden ihres 
Schützlings entgegen, Luft und Erde winuneln von Geistern 
oder Wichtem, die dem Menschen viel Böses zufügen, aber 
auch als Landwichter die Heimat schützen, sowie von 
mannigfachen Alfen Elfen, denen man gern opfert, denn sie 
haben auch hilfreiche Gemütsart. Unholdinnen und Hexen, 
Abendreiterinnen (Kveldridur) genannt, fahren im Ehinkel 
daher. Zauberer bewirken durch Schwingen eines Ziegenfells 
schweres Unwetter, umziehende Wahrsagerinnen (Völur) 
künden die Zukunft, die sie draußen sitzend auf Kreuzwegen 
erfahren haben. Tiefer noch greifen ins persünliche Dasein die 
Fyigjur oder Hamingjur, die weiblichen Folge- oder Schutz- 
geister, ein und die schwarzen und weißen Traumweiber. 



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I. Die Quellen der germanischen Mythologie. 



Mehrere Helden sind Halbtrolle oder Halbriesen oder deren 
Nachkommen, manche Manner können Tiergestalt annehmen 
oder sind Berserker. Zu betonen ist, daß die Toten nicht nach 
Walhall, sondern in die Berge fahren und in deren Schöße 
Gelage halten. Leidenschaftliche oder wahrend ihres Lebens 
zu kurz gekommene oder ermordete Menschen stehen aus 
ihrem Grabe auf, iHn sich als unheilstiftende Wiedergänger 
zu rächen, von denen namentlich die Eyrbyggjasaga imd 
die Grettissaga grausige Beispiele zu erzählen wissen. 

Dieser Gesamtglaube der Saga stimmt genau zu dem 
der historischen Nachrichten des Nordens, weil er aus dem 
echt nationalen Seelenleben der Ostskandinavier quillt, imd 
deshalb klingt er auch in mehreren Hauptzügen mit dem 
von Tadtus imd den karolingischen Kirchenmannem ge- 
schilderten Glauben der Südgermanen zusammen. Freund- 
Uchere Züge sind mit schrecklicheren untermischt, und das 
dumpfe Grausen aller älteren Dämonenverehrung scheint 
im Volke noch der hingebungsvollen Andacht des Götter- 
dienstes die Wage zu halten. Nur hin und wieder ist ein 
Zug des christlichen Glaubens eingeschlüpft, imd vielleicht 
ist der Brauch, an gehobenen oder dramatischen Stellen den 
Fluß der Prosa durch metrische Monologe oder Dialoge zu 
unterbrechen, der Fremde entlehnt, da die gesamte Literatur 
der übrigen Germanen kein derartiges Beispiel darbietet, 
wohl aber die irische Sagenerzählung denselben eigen- 
tümlichen Wechsel kennt. 

Weit stärkere Einflüsse der irischen und der angel- 
sächsischen Kultur zeigt die Skaldendichtung. Schon im 
7. Jahrhundert wurde eine Wikingerflotte nach Irland ver- 
schlagen, schon um 725 zogen sich die irischen Einsiedler 
vor den nordischen Seeräubern von den Färöem zurück. 
Seit dem Ende des 8. Jahrhunderts, dem Beginn der eigent- 
lichen Wikingerzeit, standen namentlich Norweger in bald 
friedüchem, bald feindlichem Verkehr mit dem irischen Volk, 
dessen leicht entzündlicher Geist schon im 5. Jahrhundert 
den christUchen Glauben feurig ergriffen hatte. Die gelehrten 
Sänger an den Höfen seiner Teilkönige und die Mönche 



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44 I- Die Quellen der germanischen Mylholc^e. 

seiner überaus zahlreichen Klöster hatten bereits in der vor 
800 liegenden 200 jahrigen Periode eine nationale und daneben 
eine christliche-klassische Literatur unter Virgils und Ovids 
Einfluß zur Blüte gebracht. Irland war damals der Zentral- 
herd des abendländischen Geisteslebens, dessen Flamme 
auch die Nordleute erwärmte. Denn da diese die grüne Insel 
nicht bloß verheerten, sondern auch besiedelten und Reiche 
auf ihr gründeten, mit der einen irischen Partei sich gegen 
die andere oder auch gegen ihre danischen Stammverwandten 
verbrüderten und häufig Ehen mit irischen Weibern schlössen, 
so daß schon um ^0 zahh-eiche Mischlinge, die GaJI-Gaedil 
d. h. Wikingeriren, dort lebten, so mußten sie mit der da- 
mals aller andern abendländischen weit überlegenen Kultur 
Irlands genau vertraut werden. Gewiß bereicherten auch 
die Skandinavier des 9. und 10. Jahrhunderts den irischen 
Heldencyklus mit einzelnen heroischen Zügen, die irische 
Sprache mit manchen Ausdrücken der Bewaffnung, der 
Schiffahrt und des Gelages. Aber deutlicher und bedeutender 
war jedenfalls der entgegengesetzte Einfluß, den die Kelten 
auf ihre normannischen Mitbewohner übten. Die normannische 
Kleidertracht wurde nach der irischen umgewandelt, der 
altere Stil der Ornamentik der trefflichen irischen Metall- 
arbeiten drang bis nach der Insel Gotland vor, und der 
jüngere beherrschte den ganzen Norden. Auch der Auf- 
schwung der altnordischen Holzbaukunst wurde durch irische 
Muster geweckt. Olaf der Pfau ließ um 1000 durch irische 
Handwerker einen Palast aufführen, dessen bunt bemalte 
Schnitzereien u. a. den Fischzug' des Thor und den Leichen- 
brand Balders darstellten. Konnte es da ausbleiben, daß 
Sprache, Dichtung, überhaupt die innere Welt der Skan- 
dinavier ebenfalls die Gewalt dieser überlegenen Bitdung 
verspürte? Neben manchen angelsächsischen Wörtern finden 
wir einzelne kulturbedeutsame irische nicht nur in der alten 
nordischen Kunstpoesie, sondern auch noch in den heutigen 
norwegischen Mundarten. Irische Namen bürgerten sich bei 
Nordleuten ein, und Kormak z. B. ist ein berühmter irischer 
Sänger, ein File, und zugleich ein berühmter isländischer 



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I. Die Quellen der germanischen Mythologie. 



Skalde. Eine der südländischen Schwanjungfrauen im 
eddischen Wielandslied heißt Tochter König Kjars von 
Walland d. i. des 887 verstorbenen südirischen Königs 
Kjarvals, der die Wikinger bald heranrief, bald bekämpfte. 
Aber was wichtiger ist: an den irischen Höfen hatten vor 
Alters sorgfältig geschulte und besoldete Dichter eine künst- 
liche Lob- und Preispoesie auf ihre Fürsten ausgeklügelt. 
Das Emporkommen solcher höfischen Dichtung wurde ge- 
wiß auch in Norwegen durch des Einwaldi oder Monarchen 
Harald Schönhaar prunkenden Hofstaat befördert. Die 
nordische Skaldenpoesie wäre an sich auch ohne fremden 
Einfluß begreiflich. Aber wenn nun diese Skalden, auch die 
ältesten, nicht in schlichten germanischen Volksweisen die 
Helden der Vorzeit besingen, sondern wie die irischen ge- 
lehrten Dichter, die File, in gekünstelten, nicht nur mit dem 
Stab-, sondern auch dem End- und Binnenreim geschmückten 
Versmaßen den lebenden Fürsten, von dessen Freigebigkeit 
auch sie lebten, und wenn sie diesen Fürsten auch wie die 
irischen den Mäster der Wölfe nennen und ihn mit dem 
wohl in Irland, nicht aber im Norden heimischen Eber ver- 
gleichen, so fällt es schwer, die Annahme einer starken 
Emwirkung der älteren irischen Hofpoesie auf die jüngere 
ihrer Landesfreunde und Landesgenossen abzuweisen. Kühne 
Bilder imd Umschreibungen liebte auch der altgermanische, 
namentUch der angelsächsische Dichter. Aber die Gewalt- 
samkeit und Übertriebenheit des Ausdrucks, zu der allerdings 
alte Hofpoesie drängt, mochten die Skalden wohl von den in 
Schwulst schwelgenden irischen File gelernt haben, vielleicht 
auch die Sucht, auf bekannte oder entlegene Mythen anzu- 
spielen. Unleugbar: die Technik, der Stil, die Tendenz der 
skandinavischen Skaldendichtimg ist keiner andern, auch 
keiner germanischen Dichtart so nahe verwandt wie der 
Kunst der irischen File. „Irische Gedichte aus dem 10. Jahr- 
hundert und noch früherer Zeit stimmen nach Form und 
Inhalt so genau mit einem der ältesten skaldischen Gedichte, 
dem Ynglingatal, daß sie geradezu als Vorbilder desselben 
betrachtet werden müssen." 



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46 L Die QaeDcn det gcnnaniichm H/tlioIogie. 

Schon die ältesten Skalden des 9., geschweige denn die 
wettumgetriebenen und in der Fremde geehrten Skalden des 
10. Jahrhunderts, konnten nicht ohne alle Kunde von der 
neuen Religion Christi bleiben, der die von ihnen gefeierten 
Könige ei^eben waren. Im 9. Jahrhundert näherte sich aber 
auch schon Harald Schönhaar dem Christentum, als dessen 
gewaltigste Vorkämpfer dann die beiden norw^ischen 
Könige Olaf Trygg\-ason und Olaf der Heilige auftraten. 
Alle drei waren von den beriihmtesten Skalden umgeben. 
EMe Haraldsskalden waren noch ausnahmsweise Norweger, 
nicht Islander. Sie zehrten noch ausschließlich vom alten 
Mythus und stellten die Taten ihrer Fürsten auf den Hinter- 
grund der Drachen- imd Riesenkämpfe Thors, und das 
Königshaus der Ynglinger leiteten sie vom Gotte FreyCr) ab. 
Also beherrschte sie noch der volkstümliche Sagaglaube. 
Das änderte sich alsbald mit dem Übergang der Skalden- 
kunst auf die isländischen, in der Fremde bewanderten 
Sanger. Diesen wurde im Gegensatz zum heimischen Volks- 
glauben Odin der höchste Gott, wie er es schon langer den 
Angelsachsen gewesen, den in England angesiedelten Danen 
noch war. Er wurde das Skaldenideal, ein Gott der Dicht- 
kimst, und ein Wikingerideal, ein Gott des Kriegs. Aber 
zugleich begann der Glaube an den Gekreuzigten das Ver- 
hältnis zu den heimischen Göttern erst leise ins Wanken zu 
bringen, um es dann im Innersten zu erschüttern. Egil, 
der Sohn Skallagrims, geboren auf Island ums Jahr 900, 
eine volle Dichtematur, ist der erste germanische Heide, 
der uns in sein haß- tmd liebeheißes Gemüt einen tieferen 
Einblick vergönnt. Am Hofe des angelsächsischen Königs 
Äthelslan empfing er zwar nicht die Taufe, doch die Kreuz- 
bezeichnimg (primsigning; , die ihm eine bequeme Mittel- 
stellung zwischen Christen und Heiden verschaffte. Aber 
seine barbarische Wildheit blieb. Wie ein Tier biß er einem 
niedergeworfenen Berserker die Kehle durch, erschlug er- 
barmungslos in einer Fehde mit dem norwegischen König 
Erich Blutaxt dessen blutjimgen Sohn und pflanzte darnach 
auf einer Felsklippe eine Haselstange mit einem Pferdehaupt 



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L Die Qaellen der gennanischeD Mythologie. 47 

als Neid-oder Schimpf stange auf, indem er sprach : „Ich schneide 
diese Neidninen gegen die Landgeister, daß sie alle fahren 
wilde Wege und keiner sein Heim finde, bevor sie nicht 
König Erich und seine Gemahlin aus dem Land vertreiben". 
Sein Fluch erfüllte sich; aber auch ihn traf das furchtbare 
Geschick, dem verjagten, aber in Northumberland zum 
König erhobenen Erich in die Hände zu fallen. Hier feierte 
die Dichtkunst einen ihrer höchsten Triumphe, indem Egil 
durch ein Loblied auf Erich, „die Hauptlösung", sein wolfs- 
graues Haupt aus der Todesnot löste. Er durfte nach Island 
entweichen. Da traf den Sechzigjährigen der Verlust zweier 
Söhne; der zweite war ein Raub der Meereswellen. Im Lied 
vom „Verlust der Söhne" (Sonatorrek) stimmt er eine er- 
greifende Klage an : sein Geschlecht ist wie ein vom Sturm 
zerschlagener Wald. Er wütet, daß er nicht mit dem Schwert 
am Meerriesen sich rächen kann, ja er kündigt Odin die 
Freundschaft auf. Da gedenkt er reumütig der „Haupl- 
lösung", der Odinsgabe des Gesanges, des Balsams allen 
Leides, und ruhig sieht er der Hei, der Herrin der Unter- 
welt, entgegen, die draußen auf einem Eiland, wo er seinen 
Vater und seinen Sohn begraben hat, auf ihn wartet. 

Schon mehr Gewalt gewann der neue Glaube über den 
etwas jüngeren im Jahre 1014 verstorbenen Islander Hallfred 
Vandraedaskald. Als dieser an der Ktlste Norwegens 
vernahm, der glaubenseifrige Christ Olaf Tryggvason sei 
hier König geworden, gelobte er Geld und drei Eimer Bier 
dem Frey, falls ihn günstige Winde nach Schweden, und 
dem Thor und Odin, falls sie ihn nach Island dem verhaßten 
Christentum entführten. Aber durch Gegenwind zurück- 
gehalten, empfing er bald darauf aus des Königs eigner 
Hand die Taufe, behielt indes für den Notfall ein kleines 
Thorsbild in der Tasche. Denn er gestand, nur widerwill^ 
die lieben Götter zu verlassen und zu Christus, dem einen 
Vater und Gott, zu beten. Spater dichtete er sein berühmtestes 
Lied auf Christi Auferstehung. Bis an sein Ende dauerten 
diese religiösen Schwankungen fort. Sterbenskrank sah er 
ein hohes gepanzertes Weib über die Wogen hinter seinem 



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48 I. Die Quellen der germanischen Mythologie. 

Schiffe herschreiten, seine Fylgja, den weiblichen Folge- 
oder Schlitzgeist, der den nordischen Heiden unsichtbar 
durchs Leben begleitet, um ihm in der Todesstunde plötz- 
lich sichtbar zu werden. Und doch war, unter dem Schatten 
dieser tiefheidnischen Vorstellimg, sein letztes Gedicht ein 
christliches Sterbegebet. 

Die Hallfredssaga erkennt noch, der Wirklichkeit des 
Lebens entsprechend, neben oder über Odin die Götter Thor 
und Frey{r) an; in der Hallfredsdichtung aber, wie überhaupt 
in der Skaldenpoesie des 10. Jahrhunderts, steigt das Ansehen 
Odins über das Thors immer höher hinauf und zugleich 
mit ihm der Einfluß des Christentums. Zwei schöne Gedichte 
zeigen damals besonders klar, wie Odins Machtkreis immer 
prächtiger ausgebildet wird. In den von unbekannter Hand 
um 950 verfaßten Eireksmäl empfangen Odin und bereits 
ein zweiter Gott der Dichtkunst, Bragi, und die Helden 
Sigmund und Sinfiötli feierlich jenen Gegner Egüs, den in 
der Schlacht gefallenen König Erich Blutaxt, in Walhall, 
einen christlichen König. In einer Nachbildung, den Ha- 
konarmäl des Skalden E>Tind, holen auf Odins Befehl 
zwei Walküren den verstorbenen frommen Christen Hakon 
zu den grünen Welten der Götter ein, aus deren Tor ihm 
Bragi und Hermod höflich entgegenschreiien. Wie König 
Erich sich Walhall nähert, krachen darin die Bänke, als ob 
Gott Balder zu Odins Saal zurückkehrte. Zum erstenmal 
tritt hier Balder hervor und zwar in der höchst auffälligen 
Eigenschaft eines machtvoll zimi Himmel heimkehrenden 
Gottes. Zum erstenmal wird außerdem in beiden Gedichten 
die Furcht vor einem gräulichen Wolfe laut, der, noch in 
der Hölle gefesselt, dereinst losgebimden über Himmel und 
Hölle herfallen wird. Woher diese Neuerungen, diese uner- 
hörten Gedanken? Wie man sich nicht scheute, jene Christen- 
könige als freudig erwartete Freunde Odins in das heid- 
nische Heldenparadies einziehen zu lassen, scheute man 
sich auch nicht andererseits, christliche Vorstellungen z. B. 
von Christi Himmelfahrt imd dem Weltuntergang mit heid- 
nischen Figuren zu verquicken. Eilif Gudrunssohn nennt 



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I. Di« Quellen dei gennanischen Mythologie. 49 

ums Jahr 1000 in einem Gedicht auf Christus den Heiland 
den starken Besieger der Bergriesen, als ob er Gott Thor 
selber wäre, und weist ihm einen Wohnsitz am Urdar- 
brunnen an, also am Brunnen der heidnischen Schicksals- 
göttinnen, der Nomen, deren vornehmste Urd hieß. 

Ums Jahr 1000 etwa gabelte sich die Sktüdenpoesie in 
zwei Hauptäste. Der eine trieb wie der alte Stamm auch 
noch fernerhin höfische Preislieder hervor, die sich jedoch 
aus Rücksicht auf die immer strengere christliche Richtung 
der Fürsten immer mehr der Mythenerzahlung, wenn auch 
nicht völlig der Mythenanspielung entäußerten. Schönere 
Früchte trug ntin der zweite neue Ast, zum Teil erhalten 
in der sogenannten Älteren Edda, die mit Unrecht Edda 
d. h. Poetik heißt. Sie ist keine Poetik, sondern eine Lieder- 
sammlimg, welche Gedichte dreier Jahrhunderte, des 10., 
11. imd 12. enthält. Sie liegt uns in zwei ums Jahr 1300 
aufgezeichneten Pergamenthandschriften vor. Die Verfasser 
sind unbekannt, die Heimat der meisten wird auf Island 
und in Norwegen zu suchen sein, ein paar stammen nach- 
weisbar aus Grönland und vielleicht von den Orkneys. Da 
es ihnen nicht um Fürstenruhm zu tun war, konnten sie den 
aller Hofpoesie anhaftenden Schwulst mäßigen, anspruchs- 
losere Versmaße wählen und sich ihrer Hauptaufgabe, der 
Mythen- und Sagenerzählung, die von den Hofdichtem 
bereits fallen gelassen wurde, um so freier hingeben. Es 
wuchs in ihnen noch die Liebhaberei der Hofskalden des 
10. Jahrhunderts, die alten Stoffe durch freie Erfindungen oder 
fremde erst seit dem 10. Jahrhundert eingewanderte novel- 
hstische und Märchenmotive zu verschönern und zu vertiefen, 
oder auch wohl mal zu verderben. Auch christliche Ge- 
danken werden reichlicher aufgenommen, ja ein ganzes 
christliches Ideensystem, wie die von der Kirche ausge- 
bildete Heilsgeschichte, wird in die mythologische Sprache 
der nordischen Dichtkunst umstilisiert. Überhaupt wissen 
diese Dichter auch dem Fremdesten vermöge ihrer alten 
nationalen Kunstübung einen echt nordischen Charakter 
aufzuprägen. Die Mythen flößen ihnen nicht mehr reine, 

Meyer, E. H., Gemian. MjifaolDglc. 4 



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50 [. Die QdcUcd der germanischen Mythologie. 

gläubige Andacht ein, sie sind ihnen überwiegend inter- 
essante Kiinstobjekte poetischer Natur. Doch macht sich hie 
und da noch wirkUche Nordlandsreligiösität LufL Durch- 
weg werden die Götter wie schöne, mit Kraft und Geist 
reich ausgestattete Menschen aufgefaßt, oft sogar mit Humor 
behandelt. Das mag auch noch Heiden anstehen. Aber mfin 
kritisiert sie auch, und in einzelnen Gedichten verachtet 
man sie mit fast lukianischer Keckheit, wie nur Leute es 
vermögen, die sich bereits anderen Glaubensidealen zuge- 
wandt haben. Eifrig ist man bemüht, die überlieferte Mythen- 
weisheit in katechismusartigen Dialogen, die ein Gott mit 
einem Riesen, Zwerg oder Kön^ führt, darzutun. Und selbst 
diesen lehrhaften Gedichten gibt man eine lebensvolle Ein- 
fassung und kunstvolle dramatische Steigerung. Die Ver- 
schmelzung verschiedener Mythen ist nicht immer gelungen, 
wie z. B. in der Hymiskvida nicht. Aber wie manche Gedichte 
stehen einzig in ihrer Art da, so die Hammerholung Thors, imd 
welche weihevolle Stimmung ist über die Völuspa gebreitet! 

Die Gedichte der alteren Edda zerfallen in Götter- und 
Heldenlieder. Durch die Götterliedergruppe geht ein tiefer 
Riß, auf der einen Seite preisen sie die Körperkraft in ihrem 
Haupttrager, dem Gotte Thor, auf der anderen die Geistes- 
kraft in ihrem Hauptträger Odin. 

Der starke Hauptgott der isländischen Sagendichtung, 
der in den eddiscben Heldenliedern gar keine, in den Götter- 
liedem eine nicht immer würdige Rolle spielt, holt in seinem 
vielleicht ältesten Lied, der einfach epischen, plastisch 
schönen Thrymsfevtäa, seinen Hammer von Thrym heim 
und zwar als Freyja verkleidet. So ist er mehr eine lustige, 
groteske, als eine gewaltige Figur, und schon erscheint hier 
in Loki ein tückischer Gott der Lüge. Im skaldisch über- 
ladenen HymisUed, in dem der Donnergott mit dem aus 
dem Meer grausig auftauchenden Midgardswurm streitet 
und dem Riesen Hymir, den durstigen Göttern zur Labe, 
einen Braukessel entführt, schwankt er zwischen Majestät 
und Komik. Im Alvtslied fällt er aus seiner Rolle; er wird 
hier nach Odins Muster als ein überlegener Geist in einem 



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I. Die Quellen der geimanischen Mythologie. 51 

Gespräche mit dem Zwerge Ah-is über die Geheimnamen, 
die die Weltdinge bei Göttern, Riesen, Wanen, Alfen und 
Zwergen führen, dargestellt. In der Lokasenna d. h. Loki's 
Lästerrede stößt er mit Lold, im Harbardslied mit Odin 
zusammen. Dort erwirbt sich Thor das Verdienst, dem 
Loki, der die um jenen Hymirkessel zum Gelage ver- 
sammelten Götter und Göttinnen mit den ehrenrühr^sten 
Schmähungen überhäuft, durch Androhung körperlicher 
Strafe das Maul zu stopfen. Hier wird er von Odin, dem 
blasierten Frauenbesieger, wie ein dummer Junge mit dem 
schlimmsten Spott heimgeschickt. — Von Odin werden hier 
und im Havamal zwar auch einige leichtfertige Liebes- 
abenteuer, ein mißlungenes und ein frivol geglücktes, erzählt, 
aber durchweg ist er ein erhabenes weises Wesen. Im 
Havamal, dem Lied des Hohen, gibt er eine lange Reihe 
von Reise- und Umgangsregeln, die noch die verständige 
heidnische Moral atmen imd das Leben^lück im guten 
Wissen suchen. Jedoch in einem Teil dieser Dichtung, im 
Runatal d. h. Runenverzeichnis, scheint er sich selber als 
ein Abbild des am Kreuzgalgen gemarterten, dann sich 
selber opfernden und zu neuem Leben mit Gott erwach- 
ten Gottessohns darzustellen. Auch in den übrigen, didak- 
tischen Odinsliedern, die die alte Rätselfreude verraten, sind 
mehrfach heidnische Motive mit christlichen Vorstellungen 
von Schöpfung, Verschuldung, Tod eines lichten Gottessohns, 
Erlösung und Weltimtergang frei verschmolzen, in Vafthruit- 
nismal und in Grimnismal überschaut der höchste Gott 
alle Wesen Himmels und der Erden, alle Räume imd Zeiten, 
das ganze Schicksal der Welt, von ihrem Anbeginn bis zu 
ihrem Untergang. In den Baldrsdraumar, den Baldersträumen, 
holt sich Odin, von seines Sohnes Balder schweren Träumen 
beunruhigt, aus der Hei, der Hölle selber, Auskunft über 
dessen nahen Tod und den fernen Weltimtergang. Weit 
großartiger faßt die Völuspa, der Seherin Weissagung, die 
gesamte christliche Heilslehre, von der Schöpfung an durch 
die Leidens- und Todesgeschichte des Herrn hin bis zum 
jüngsten Gericht, in eine Prophezeihung heidnischen Stils 



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Sä I' Die Quellen der germanischen Mythologie. 

zusammen. Das kühnste Rätselgebilde der so rätselreichen 
Skaldenkunst ! In zwei Gedichten ist weder Thor, noch Odin, 
sondern Frey und Heimdall die Hauptperson, In Skirnismal, 
das schon einen sentimental-romantischen Ton anschlägt, 
wirbt Frey, oder vielmehr dessen Diener Skimir für seinen 
Herrn, erfolgreich um die schöne Riesentochter Gerd und 
gewinnt sie durch seine Runenkunde. Nach der Rigsthula 
grtlndete Heimdall, der sich mit dem keltischen Titel „Rigr" 
König nennt, auf seiner Erdenwanderschaft die drei Stande 
der Knechte, Bauern und Ad%en, aus denen dann der König 
hervorgeht. Im HyndluUed ^ht die Riesin Hyndla der Freyja 
und deren Günstling Ottar Auskunft über seine Vorfahren. 
Die eddischen Heldenlieder, namentlich die wichtigsten 
und zahlreichsten, die Nibelungenlieder, haben einen viel 
reicheren mythologischen Hintergrund als das deutsche 
Epos (S. 34). Aber ihre Sage stammt zum größten Teil 
aus der Fremde, und der Mythus ist später hinzugefügt. 
Die Hauptpersonen des ältesten Heldenliedes, der Völundttr- 
kvida des Wielandliedes, der zauberkundige Schmied und 
die Schwanjungfrau sind echt mythisch, jedoch aus angel- 
sachsischer oder norddeutscher Sage herübergenommen. 
In den Nibelungenliedern und noch mehr in deren voll- 
ständigerer Prosadarstellung, der Volsuitgasaga, greift Odin 
als Schicksalsmeister mehrmals in die Handlung ein; die 
Heldinnen Svava, Signm, Sigrdrifa-Bnmhild haben ganz 
walkürisches Wesen. Wie ein alter Mythus wirkt die Ver- 
senkung der letzten in todesartigen Schlaf durch einen 
Domstich und ihre Umwallung durch die Waberlohe. Aber 
der Leichenbrand, der Sigurd und seine Geliebte verzehrt, 
und der Höllenritt Bnmhilds scheinen Scenen des späten 
Baidermythus nachgebildet zu sein. Noch sicherer ist, daß erst 
die Eddaskalden die Vorgeschichte des verfluchten Nibe- 
lungenhorts in die Götterwelt hinübergespielt und Sigurd 
und Brunhild verwandtschaftlich mit Odin verbunden haben. 
In den Hclgilieäeyn, die der heimischen Sage angehören, 
gibt die herrlichste von den neim daherreitenden Walküren 
dem stummen, namenlosen Helden seinen Namen. Er erschlägt 



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I. Die QuelIeD der germanischen Mythologie. 



den Riesen Hati, seine Flotte wird von dessen Tochter be- 
droht. Nornen knüpfen die Schicksalsfäden, Walküren 
sprengen über das Schlachtfeld, das Götterpaar Ae^r und 
Ran haust im Meer, Odin, der Walter des Verderbens, 
bringt Streitrunen zwischen die Verwandten und bietet selt- 
samer Weise dem Helgi an, mit ihm in Walhall über alles 
zxt herrschen. Reiten die Elnherier von dort herab, so glaubt 
man die Götterdämmerung hereinbrechen zu sehen. So 
unbekümmert tJisten die Dichter dieser eddischen Helden- 
lieder den alten deutschen oder heimischen Sagengehalt 
an oder setzen sich in Widerspruch mit dem neuen Glauben, 
nur um ihr skaldisches Gelüste nach mythologischem Aus- 
putz zu befriedigen. 

So hat denn auf Kunst, Sage, Mythus und Glauben 
der Eddaskalden in der letzten Zeit des Heidentums und 
in der ersten Zeit des Christentums die Fremde bald 
schwacher, bald stärker eingewirkt, und eine gedanken- 
und sinnreichere, von tieferen ethischen Gegensätzen be- 
wegte, aber künstliche, widerspruchsvolle Mythenwelt ge- 
schaffen. Ihren Elementen nach zum Teil unnordisch, ist 
sie ihrer Gesamtkomposition nach völlig nordisch. Mehr 
Poesie als Mythologie, schwebt sie über der volkstümlichen 
Mythenwelt des Sagaglaubens wie eine schöne, aber flüch- 
tige Fata Morgana, der freie Dichtertraum einer religiösen 
Übergangszeit, die das Alte noch nicht abgeschüttelt hat 
und das Neue nicht abzuwehren vermag. 

Vorzugsweise aus diesen eddischen und vielen andern 
skaldischen Gedichten stellte dann spater Snorre Stur- 
luson 1 1241, selber Skalde und Verfasser jener norwegischen 
Königsgeschichte Heimskringla, die eigentliche und einzige 
Edda, die sogenannte jüngere Edda d.h. eine Poetik, ein 
Handbuch für angehende Skalden, zusammen. Es enthalt 
unter anderm einen Überblick über den gesamten nordischen 
Skaldenmythus in Prosa. Dieser größte Isländer, in dem 
die wissenschaftlichen, dichterischen und politischen Bestre- 
bungen seiner Insel gipfelten, wußte der Vergangenheit 
ebenso energisch zu leben wie seiner Gegenwart. Unablässig 



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I. Die Quellen der germanischen Mythologie. 



auf Ehre, Macht und Reichtum mit mehr Klugheit, als Tapfer- 
keit bedacht, fühlte er doch die Mächte der Vorzeit, seine 
norwegischen königlichen Ahnen und selbst noch die alten 
Götter über und um sich. War er als Gesetzsprecher mit 
tausend Mann im Gefolge von seinem burgart^en Haus 
ReykjahoU zum Althing hinübergeritten, so ließ er hier eine 
Bude für sich und die Seinigen aufschlagen, der er den stolzen 
Namen Walhall gab. Auch er hielt die Götter für einst 
wirkliche Persönlichkeiten, zu deren Ehren denn auch er 
nach herkömmlicher Skaldenmanier die nordischen Mythen 
mit allerlei fremder Weisheit vermischte. 

Gleich im Eingang der Edda erteilen im Götterheim 
A^ard von einem dreistufigen Hochsitz herab der Hohe, 
der Gleichhohe und der Dritte, mit welchen Namen in der 
mittelalterlichen Theologie auch die drei Personen der hei- 
ligen Dreieinigkeit benannt wurden, dem wißbegierigen 
Schwedenkönig Gylfi ihren mythologischen Unterricht. Darin 
ist das oben angedeutete geschlossene Ideensystem der 
Völuspa zu einem weitsperrigen Gerüst auseinander gedehnt 
und in dessen Fächer und Lücken der nordische Götter- 
mythus, so gut es gehen wollte, hineingebaut. Bei solcher 
Anlage wäre die Edda nie ein fertiger, harmonischer Bau ' 
geworden, auch wenn Snorre nicht mitten in seiner Arbeit 
ermordet worden wäre. Die Konsequenzen der skaldischen 
Mythenbehandlung treten nun ins grellste Licht. Nur Thor 
und Frey haben einen älteren Mythenkranz bewahrt, die 
Odinsgeschichten tragen einen stark gemischten Charakter, 
und gar der Mythus von Balder und Loki ist bis in die 
Wurzel hinein christianisiert. Ein anderes fremdes Element, 
das märchenhafte Beiwerk, das schon in der Liederedda 
benutzt wird, drängt sich viel stärker vor. Von dem Kultus 
der Götter, von dem das Volk so tief bewegenden Seelen- 
und Geisterglauben, von den zahlreichen reizvollen Elfen- 
sagen berichtet der letzte große Skalde, wie Hunderte seiner 
Vorgänger, nichts oder fast nichts. Dennoch bü-gt diese 
Edda manches kostbare, auch ältere Schatzstück, das wir 
in der sogenannten Liederedda vermissen. 



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I. Die Quellen der gennanischen Mythologie. iä 

Snorres älterer Zeitgenosse war Saxo Grammaticus, 
der um 1200 in seiner Dänischen Geschichte, wie vor ihm 
Galfrid von Monmoulh in seiner britiischen Chronik, ein 
nationales Werk in lateinischer Sprache schuf, das zugleich 
Chronik und Roman, ein Lehrbuch und ein Ritterepos sein 
sollte. Er ist ruhmrediger Patriot, kOhler Rationalist und 
dabei in schwärmerischer, fast sentimentaler Romantik be- 
fangen. Seine lateinische Prosa sucht die seines römischen 
Vorbildes Justin an Redeschmuck zu überbieten, und seine 
antiken Strophen, aus denen noch deutlich die altnordische 
Skaldenpoesie zu uns herüberklingt, wollen es den horazischen 
Versen gleich tun. Den Sageru-eichtum der Isländer, den er 
ausdrücklich bewundert, verbindet er mit den norwegischen 
Schiffermären, den einfacheren dänischen Lokalsagen tmd 
allerlei weitgewanderten Märchen. Er mischt antike und 
moderne Motive ein, aber er vermeidet die Verschmelzung 
heidnischer und chrisllicherMythen. Dem alten Götterglauben 
steht er femer als Snorre. Wie dieser faßt er die Götter 
und auch die von ihnen verdrängten Riesen und die Zwerge 
als Menschen der Vorzeit und zwar als sogenannte Mathe- 
matiker d, h. Zauberer auf. Aber er geht weiter: sie haben 
Liebschaften mit sterblichen Weibern und kämpfen auf Erden 
mitten unter Menschen und werden von diesen sogar in die 
Flucht getrieben. Ja Odin, der oft in altsagenhafter Verklei- 
dung imd unter einem Beinamen auftritt, erkennt er durch- 
aus nicht immer als solchen, und den nächtlichen Besuch, 
den die Walküren ihren bedrohten Helden machen, findet 
er dreist. Dennoch ist ihm, dem Dänen, 0dm der Hauptgott. 
Freilich erscheint er nur einmal seinem Schützling, dem 
Helden der Sage, mit seinem eignen Namen und mit „gött- 
licher Kraft". Aber oft steht er wie ein stets wacher Helden- 
Schutzgeist unter anderen Namen, als bloßer unermüdlicher 
Wanderer in Hut und Mantel, als einäugiger, bärtiger Alter 
imentscheidendenAugenblick plötzlich da, seltener fliegt er als 
Reiter durch die Luft, obgleich ihn so die dänische Volkssage 
kennt. Seine Gattin und er wahren sich gegenseitig ihre Treue 
nicht. Die Walküren stehen zu ihm in keiner Beziehung. 



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56 I. Die Quellen der germanischen Mythologie. 

Vollends von seiner Himmelsburg Walhalla finden wir keine 
Spur. Dagegen liegt jenseits des Ozeans ein gartenartiges 
Paradies mit herrlichen Speisen und verlockenden Mädchen, 
die dem eingedrungenen Sterblichen verderblich werden, 
und dicht daneben eine von Schmutz starrende HOUe, beide 
von je einem Riesen beherrscht. Auch in Saxos Haddingssage 
stoßen diese beiden Welten, ein finstres Nebelreich und ein 
sonniges Gefilde, unter der Erde an einander, und jenseits 
eines Speere wälzenden Flusses setzen zwei Kämpferscharen 
ihr irdisches Kriegerleben fort. Hier scheinen germanische 
und antike Vorstellungen in einander zu spielen, wie denn 
Saxo an einer anderen Stelle das Elysium, den Phlegethon, 
Pluto's Reich das Ziel der Helden nennt, die trotz ihrer Todes- 
wunde lachend fallen. Auch von Odins Dichtungstranke, 
seiner kosmischen Allweisheit, einem durch ihn und seinen 
Sohn Balder bedingten Götterschicksal, vom Weltuntergang 
hören wir nichts, obgleich die Gelegenheit, davon zu reden, 
sich wiederholt darbot. Allerdings ist Balder auch bei Saxo 
ein Sohn Odins, aber im Gegensalz zu dem schuldlosen, 
reinen und durch seinen Tod die Weltkatastrophe herbei- 
führenden Gotte der Skalden ein liebeskranker, wollüstiger 
Jüngling, dessen Tod nichts bedeutet. Thor kommt selten 
zur Geltung und nicht immer günstig. Außer Walküren und 
Waldmädchen, dem Waldschrätel Miming und dem heil- 
kundigen Witolf spielen Riesen und Riesinnen eine wichti- 
gere Rolle. Im Krachen der an die islandische Felsküste 
anprallenden Eisschollen glaubt man den Jammer verstor- 
bener Verbrecher zu vernehmen. Ein Toter kann durch 
Zauber zum Reden und, falls er sich zu Untaten aus dem 
Grabe erhebt, durch Köpfen und Pfählen seines Kttrpers zur 
Ruhe gebracht werden. 

Der mjthologische Gesichtskreis ist in der isländischen 
Familiensage ein wesentlich andrer als in der Skaldendich- 
tung und der alten Heldensage imd wiederum als in Saxo's 
Geschichte. Nicht so sehr die Verschiedenheit der Dar- 
stellungsform, als der Unterschied der Stände und Stämme, 
denen die Verfasser angehörten, hat dies verursacht. Die 



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I, Die Quellen der germanischen Mythologie. 57 

Erzähler der einfachen Familiensaga hielten an der altvate- 
rischen volkstümlichen Tradition ihrer abgelegenen Insel 
fest, die meistens an christlichen Höfen verkehrenden Skalden 
und die gelehrten eddischen Dichter hatten andere Ideale, 
die Heiden und ihren Heldengott Odin, und wurden stärker 
von der christlichen Bilder- und Ideenwelt Mitteleuropas 
ergriffen. Der danische Geistliche benützt die Mythologie 
mehr zur bloßen Verzierung. 

Nur wer eine altmähliche Verschmelzimg christlicher 
und heidnischer Gedanken bis etwa zum Jahre 1000 und 
eine darauf folgende diu-chgreifendere Verarbeitung der- 
delben vermittelst des attmythologischen Skaldenstils aner- 
kennt, wird begreifen, wie sich ein ganz neuer Ideenstaat 
in dem älteren Mythenorganismus einnisten konnte, neu und 
christlich seinem Wesen, alt und heidnisch der Form nach. 
Da in Deutschland und England einerseits die Bekehrung 
zum neuen Glauben von vornherein planmäßiger, direkter 
und priesterlicher war, andererseits die Dichtkunst den hohen 
Grad der Teciinik, insbesondere auch die Widerstandsfähig- 
keit der milhologischen Darstellungsform, der nordischen 
Skaldenpoesie nicht erreicht hatte, so konnte hier ein so merk- 
würd^es Mischprodukt, wie z. B. die Völuspa, nicht zustande 
kommen. Begreiflich wird erst dadurch auch die andre merk- 
würdige Erscheinung, daß der nordische Volksmylhus trotz 
seiner verschiedenen skandinavischen Eigenheiten dem fernen 
deutschen Mythus näher steht als dem Kunstmythus seines 
ebenen Landes, und daß er mit jenem alle wesentlichen 
Züge des Götter-, Geister- und Seelenglaubens teilt und wie 
jener auch der leisesten Anklänge an die durch den Kunst- 
mythus pulsierenden sittlichen und metaphysischen Haupt- 
ideen bar ist, die dieser wieder mit der mittelalterlichen 
Kirchenlehre gemein hat. Auch in ihrem Schicksal weichen 
jene beiden Überlieferungsarten übereinstimmend vom Kunst- 
mythus ab: während dieser nach einigen Jahrhunderten seines 
Bestandes in der gebildeten Welt, auf die er beschränkt 
bleibt, abgestorben ist, lebt der Volksglaube ununterbrochen, 
wenn auch immer zerrissener und gedrückter, bis auf den 



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Ö8 I. Die Quellen der germantscben Mythologie. 

heutigen Tag weiter. So treten wir denn jetzt an diese 
vierte, noch heute fließende Quelle unserer germanischen 
Mythologie heran. 

4. Die Volksüberlieferung der Germanen vom 
Jahre 1200 bis zur Gegenwart. Im Hochsommer des 
Mittelalters leuchtete noch ■ einmal ein Abglanz des alten 
Heidentums auf: in Saxos dänischer Geschichte, in Snorres 
isländischer Edda, sowie in gewissem Sinne im deutschen 
Nibelungenliede. Noch einmal wurde der heimische Mythen- 
und Sagenschatz um das Jahr 1200 im Mittelpunkt der ger- 
manischen großen Literatur weithin sichtbar. Seitdem sank 
er langsam in die Tiefe, die hohen Götter- imd Helden- 
gestalten wichen mm überall den Rittern und Klosterleuten 
mit ihren neuen, streng kirchlichen oder ketzerischen Idealen, 
und in den neugegründeten Städten kam bürgerliche, freiere 
gelehrte Bildung auf. Schon mit dem Ende des 11. Jahr- 
himderts wurde die Lust an Märchen, Fabeln und Er- 
zählungen, die schon vor der Kreuzzugszeit immer massen- 
hafter aus dem Morgenland ins Abendland, bis in den hohen 
Norden drangen, unstillbar, ihre bunten Fäden wurden viel- 
fach in das einfachere Gewebe der heimischen Mythen ge- 
schlungen. Aber viel stärker und bedenklicher als früher 
wurde mm die Vermischung des altgermanischen Aber- 
glaubens mit orientalischem, griechischem und römischem. 
Er bemächtigte sich auch der christlichen Vorstellungen und 
Bräuche, er mißbrauchte selbst die Sakramente der Taufe 
und der Kommunion zur Zauberei, er ahmte die kirchlichen 
Benediktionen und Beschwörungen frevelhaft nach. Die 
sogenannten Mordbeter, die noch heute vorkommen, konnten 
durch ein Gebet jemandem Schaden zufügen. Um die Mitte 
des 13. Jahrhimderts war der Aberglaube, wie Bertholds von 
Regensburg Predigten zeigen, mitten auf dieser verhängnis- 
vollen Bahn, die später zu dem furchtbaren Akt der Kirche, 
zum „Hexenhammer' vom Jahre 1489, führte. Das quälende 
Schauspiel, wie die Kirche seil der Bekehrimg der Germanen 
zum Christentimi immer wieder den heidnischen Aberglauben 
mit strengen Strafen verbietet und ihm in der Beichte eifrigst 



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I. Die Quellen der germanischen Mylhologie. 5!^ 

nachstellt und ihm doch wieder durch ihre eigene Dämonen- 
lehrer und ihre Benediktionen und Exorzismen stärkt, setzt 
sich in großem, oft grausigem Stile fort. Gar mancher Geist- 
liche machte selber das Volk mit abergläubischen Formeln 
und Bräuchen bekannt, und der Pariser Kanzler Gerson fand 
mit seinen Versuchen, abergläubische Übungen aus den 
Kirchen zu verdrängen, gerade beim Klerus den hart- 
näckigsten Widerstand und wurde von ihm ausgezischt. 
Nach Hartliebs Buch aller verbotenen Kunst 1456 waren 
selbst Könige und Erzbischöfe solchem Wahn ergeben. Es 
mußte zu einer Katastrophe kommen. 

Ein noch ziemlich harmloses, aber doch dumpfiges Buch 
ist Cäsarius' von Heisterbach Dialogus miraculorum, ein 
„geistlicher Novellenschatz" aus dem ersten Viertel des 
13, Jahrhunderts, der auch für weibUche Leser bestimmt war. 
Was für geschmacklose Spukgebilde gingen aus der schönen 
buchenumrauschten Abtei im Siebengebirge hervor! Man 
erkennt in manchen Teufelsgestalten den alten Wodan und 
die Riesen, in den abgefallenen Engeln die Elfen wieder. 
Und noch bis ins 15. Jahrhundert werden diese Geister- 
geschichten zu ergötzlicher Erbauung der Cisterzienser- 
mönche bei der Mahlzeit vorgelesen. Um dieselbe Zeit ver- 
faßte Gervasius von Tilbury seine „Kaiserhchen Muße- 
stunden" (Otia imperiaUa), die Kaiser Otto IV in seiner Harz- 
biu-ger Verborgenheit mit allerlei Anekdoten und Kuriositäten, 
darunter manchen Zwerg- und Wichtelsagen, unterhalten 
sollten. Seit der Mitte des Jahrhunderts aber wettert der 
gewaltige Franziskaner Landpred^er, Bruder Berthold 
von Regensburg {f 1272), oft von einer Linde herab gegen 
all das Götzentum. Zwar glaubt er selber an WerwöUe, und 
die alten Götter hält er für einst wirkliche heroische Menschen 
oder für noch wirkliche Dämonen, Zu den alten bayrischen 
Götzen rechnet er eine Astaroth, als ob er mit diesem 
hebräischen Namen eine deutsche Ostara meinte. Bei seiner 
Deutung der Wochentagsnamen ahnt er aber nichts mehr 
von einem Zusammenhang eines Teils derselben mit deutsch- 
heidnischen Götternamen, Den Glauben an die Nachtfahren, 



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60 I- Die Quellen der gennanischen Mythologie. 

Truten und Maren und an die „felices dominae", die seligen 
Fräulein, an den Angang, an Vorzeichen u. dgl. verdammt 
er, und schrill ertönt sein Pfi! über die vielartigsten Zauberer 
und Zauberinnen. Dann plaudert er wieder kindUch vom 
Spiegelberg, dem Glasberg des Märchens, und denkt sich, 
daß die kleinen Kindlein im Sternbild des Wagens auf gen 
Himmel fahren. 

Der Volksaberglaube war nur ein Gebiet, das der Reform 
bedurfte, die anderen waren besonders seit dem Schisma 
das päpstliche Regiment und die geistige und die sittliche 
Verkommenheit des Klerus, Nicht so sehr die amtierende 
Geistlichkeit, als die wissenschaftliche Theologie ergriff nun 
die Waffen gegen Mißstände aller Art. Namentlich aus den 
ersten deutschen Universitäten: Prag (1348), Wien fl365) und 
Heidelberg (1386) ging eine Reihe streitbarer Magister her- 
vor, die bald das Sündenleben im eigenen Lager beleuchteten, 
bald gegen die Wiclefiten und Hussiten, die Juden und die 
Vehmrichter und vor allem auch gegen den im ganzen 
Volk verbreiteten Aberglauben kämpften. Der älteste dieser 
Widersacher des deutschen Aberglaubens war wohl Nicolaus 
von Jauer (1355 — 1435), der kein Bedenken trug, die Ver- 
brennung eines Ketzers mitzubewirken, der aber auch 1417 
vor den Konzilsvätem in Konstanz Besserung der Sitten des 
Klerus forderte. An den Prozeß, der im Jahre 1405 dem 
Klosterlektor Werner von Freiburg in Heidelberg wegen 
seiner Predigten und unerlaubten Besegnungen gemacht 
wurde, schloß Nicolaus seine Schrift de superstitionibus 1405. 
Aber diese vrie die verwandten Schriften seiner Zeitgenossen 
Matthäus von Krakau, Johannes von Frankfurt, Nicolaus 
von Dinkelspühel und Thomas von Haselbach sind mit Vor- 
sicht für die Beurteilung des heimischen Glaubens zu be- 
nutzen, denn sie stehen alle unter dem Einfluß eines fremden 
Dämonologen, des Pariser Bischofs Wilhelm von Auvergne 
(t 1249), dessen Schriften „de imiverso" und „de fide et 
legibus" alle möglichen abergläubischen Bräuche besprechen, 
Wilhelm ist sogar noch eine Hauptautorität für die Verfasser 
des Hexenhammers, So tief fand auch Nicolaus den Aber- 



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I, Die Quellen der germanischen Mjnhologie. 61 

glauben in der Kirche eingenistet, daß er fast mehr auf 
dessen Ausrottung in den Gotteshäusern als im Volke drang. 
Denn dort wurden die alten Segen und Beschwörungen 
immer mehr christianisiert, die Götter nicht allein durch 
Christus, die Dreieinigkeit, Maria, die vier Evangelisten imd 
die Apostel, sondern nun auch durch die hl. drei Könige, 
die vier Patriarchen, den ersten Blutzeugen Stephan imd die 
späteren Heiligen ersetzt. Im Norden schweißte man noch 
in neuerer Zeit noch naiver heidnische und christliche Namen 
der Gottheit aneinander. In einem jütischen Segen wirken 
Frau Frey und Maria mit Christus und in einem neu- 
islandischen Christus und Thor zusammen. Aus dem ekel- 
haften Gemenge des heidnischen Alpdruck- und Zauber- 
glaubens mit dem kirchlichen Glauben an einen persönlichen 
Verkehr des Teufels mit Ketzern und aus den herab- 
wtlrdigenden mönchischen Vorstellungen vom weiblichen 
Geschlecht schoß immer üppiger der Hexenwahn empor. 
Einst von den langobardischen Königen und den Karolingern 
als vemimft- und gottwidrig geächtet, wurde er durch die 
Bulle Innocenz' VIII 1484 und den Hexenhammer(Malleus 
maleficarum) 1489 kirchlich anerkannt, um wie kaum eine 
andre Geistesverwirrung Leib imd Seele der germanischen 
Völker zu verwüsten, bis weit über die Reformation hinaus, 
ja bis in unsre Tage hinein. 

Der heidnische Mythus hinterließ aber auch freundlichere 
Spuren, namentlich in der Poesie, in den Fastnachts- 
spielen und den Volksliedern, die in Deutschland unge- 
fähr gleichzeitig im 14. Jahrhundert aufkamen. Die 40 tagige 
Fastenzeit vor der Passion des Herrn hatte die altgermanische 
Lenzfeier in zwei Feiern weit auseinander gesprengt. Die 
eine fiel nun schon in den Schluß des Februars, die andre 
auf Ostern oder den ersten Mai oder gar erst auf Pfingsten. 
Zu der frühen Lenzfeier gehörte der heidnische Mummen- 
schanz, das Bärenumführen, das Hahnschlagen, der Schwert- 
tanz, das Pflugumführen durch eingespannte Mädchen und 
vor allem der unter Spruch und Lied ausgefochtene Kampf 
des Winters und des Sommers, aus dem sich das Fastnachts- 



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62 I- Di« Quellen der germanischen Mythologie. 

Spiel entwickelt hat. Holzmänner und -weiber kommen aus 
ihrer Waldeinsamkeit auf die Bühne, böse Weiber rauben 
dem Teufel das Vieh, das der Hirt Gumprecht vor der Hölle 
hüten muß, der aber lieber mit dem Teufel Pinkepank in 
dessen Taverne zecht und würfelt. Hinter der Hölle liegt 
ein Stein, der von keinem Sonnen- oder Mondstrahl, keinem 
Wind, keinem Glockenklang erreicht wird. Hört man, daß 
sich junge Paare, eng umfaßt, vom Heuboden bis zur Tenne 
hinabwälzen, so gedenkt man des Rollens junger Paare von 
einem Hügel herab, wie es in England und Deutschland im 
Frühjahr, spater auch ziu" Erntezeit stattfand. 

In der Balladengruppe des deutschen Volkslieds 
tauchen der wilde Mann und der Wassermann aus Wald 
und Fluß plötzlich schreckhaft auf, im englischen das 
Meermädchen. Möglicherweise steckt auch in dem eng- 
lischen Wilderer Robin Hood einer der vielen Hood oder 
Hoody genannten neckischen Waldgeister und im zauberisch 
singenden Ritter Ulinger ein alter Elf, wie er denn in den 
Niederlanden Halewyn (Elfenfreund!) und in England Elf- 
knight Elfenritter hieß. Frau Venus, eine latinisierte Elfin, 
lockt den Tanhäuser in den Berg. Den Deutschen, wie den 
Engländern ist der Wiedergänger, der seine Geliebte ins 
Grab holt, bekannt, den Bürgers Lenore später verklärt hat. 
Noch frischeres Heidentum atmet der nordische Volksgesang, 
der in Dänemark schon in Saxos Zeit, um 1200, sich regt. 
Die „Trollenweisen" zeigen uns das ganze alte Dämonen- 
personal: Trolle, Riesen, Zwerge, Necke und Nixen, Meer- 
männer imd -frauen, auch Werwölfe, am häufigsten aber 
Elfen, deren Freundschaft verlockend, aber gefährlich ist, 
deren Geschoß tötet und deren Sang bezaubert. Noch im An- 
fang des vorigen Jahrhunderts tanzten schwedische Bauern 
nach dem „Elfenieich", einer sommemächtlichen Elfenreigen- 
melodie. Im Norden sind der hammerholende Gott Thor 
und der Held Fjölsvinn als Tord und Jui^ Svendal aus der 
eddischen Kimstpoesie ins Volkslied geraten, noch in den 
färOischen Liedern erscheinen die Götter hie und da auf 
Erden, und die Riesen haben, wie in den isländischen und 



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I. Die Quellen der germanischen Mythologie. 63 

norwegischen Volksweisen, abenteuerliche Verhältnisse zu 
den Menschen. 

Einige sinnvollere deutsche Sagen wurden um das Ende 
des Mittelalters abgerundet, so die nationale vom Kyffhäuser, 
die die byzantinische Legende vom Kampf eines Kaisers 
gegen den Antichrist am Ölberg mit dem Mythus von Wodan, 
der aus Bergesschoß mit seinem Heere herausstürmt, 
wirkungsvoll verknüpft. Auch die Sage vom Faust und die 
fremde vom ewigen Juden raffen einige altdeutsche Mythen- 
elemente an sich, jene die Mantelfahrt durch die Luft, diese 
den Sturm der wilden Jagd. Überhaupt werden viele alte 
Rollen mit modernen Figuren besetzt: die Zwerge ver- 
wandeln sich in Bergmönche und Venediger, Götter und 
Dämonen in Jesuiten und Freimaurer, der alte Fritz, Napoleon 
und selbst Bismarck schreiten durch unsere heidnische 
Sagenwelt. 

Das Mittelalter wird abgeschlossen durch die Reformation, 
die Entdeckung einer neuen Welt, neuer Länder und Völker 
und durch den Humanismus. Alle diese Ereignisse wirken 
auf den Aberglauben und dessen Auffassung ein, aber keines 
durchgreifend. Namentlich wird der Hexenwahn und die 
ganze Wut der Hexenverfolgung von der alten Kirche auch 
der neuen eingeimpft, auch die Protestantenwelt wird von 
den Hexenbränden überall unheimlich beleuchtet. Der Re- 
formator selber, Martin Luther, der doch heißer als alle 
anderen nach einem reinen Christentum rang, konnte sich 
nicht von diesem in seiner Kindheit eingesogenen kirch- 
lichen Heidentum frei machen. Seine Mutter hatte dem 
Knaben viel Schreckliches von Hexen und Alben erzählt, 
und vom Teufel meinte er, voll alten Nixenglaubens, er zöge 
Mädchen ins Wasser und zeugte mit ihnen Wechselkinder 
oder Kielkröpfe, die er dann zur Plage der Leute an der 
rechten Kinder Statt legte. Und wenn er dem Fürsten von 
Anhalt rät, Kinder solcher Zucht zu ersäufen, so brach die 
heidnische Härte des altnorweg^schen Frostathingsgesetzes, 
das das mißgeformte Kind an der Teufelsbucht, wo weder 
Mann, noch Vieh geht, einzugraben empfiehlt, mitleidslos 



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64 I. Die QncUcD der gcniiBiiischca Mythologie. 

aus dem großen Reformator her^■or. So nistete neben Gott, 
seiner festen Burg, das haßlichste Dämonengezücht. Aber 
er glaubte auch noch ganz altkirchlich und im Gegensatz 
ziu- spateren protestantischen Lehre an Schutzengel. Jeder 
besäße je nach seinem großen oder geringen Stande oder 
Geschäfte einen demgemäß starken Engel, der dem Teufel 
wehre. Und wie innig empfindet er auch wieder den Ueb- 
reichen Zauber der alten Märchen: „Ich möcht mich der 
wundersamen Historien, so ich aus zarter Kindheit herüber- 
genommen, oder auch wie sie mir vorgekommen sind in 
meinem Leben, nicht entschlagen, um kein Gold!" 

Im Gottesdienst aber räiunten die ernsten lutherischen 
Kirchenordnungen des 16. und 17. Jahrhunderts ziemlich 
gründlich mit den zahlreichen Bräuchen des Festjahres auf, 
so mit den „heiligen Gottestrachten", den Hagelfeuem, den 
kirchlichen Weihen von Wasser , Salz , Fleisch , Eiern , 
Käse u. s, w. und mit den Totengedächtnisfesten. Nur Emte- 
predigten, Emtebitt- und -dankfeste blieben übrig und 
einzelne Totensonntage, und die Kirchweihfeste Überdauerten 
alle Konfessionsstreitigkeiten und -kriege, obgleich Luther 
sie ganz austilgen wollte. Noch härter traf das ausschließ- 
liche strenge Luthertum der skandinavischen Lande die 
alte kirchliche Festherrlichkeit und am härtesten der kunst- 
und schmuckscheue Kalvinismus in Holland, in England 
und in der Schweiz. Die wechselvolle britische Reformations- 
geschichte spiegelt sich im wechselvollen Schicksal des 
Maifestes wider. Schon 1566 verbot das schottische Parla- 
ment die Maispiele, imd unter der Regierung der Königin 
Elisabeth verfolgten die englischen Puritaner die Maikönigin, 
die Maid Marian, als die leibhaftige babylonische Buhlerin. 
Das von ihnen gestürzte Sinnbild des Old merry England, 
den Maibaum, richteten die Stuarts wieder auf; aber eine 
Ordonnanz des langen Parlaments 1864 warf ihn wieder 
überall nieder. Cromwells „ Hexenfindergeneraie " ver- 
brannten Hexen und Maibäume mit einander. Nach der 
Restauration der Stuarts aber standen sie fröhlich wieder 
auf und prangten mit ihren bunten Bändern und Laub- 



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I. Die Quellen der germanischen Mytliologic. fö 

gewinden bis ins 19. Jahrhundert, wo ihrer einen Washing- 
ton Irving bei ehester freudig begrüßte. 

Durch die geo- und ethnographischen Entdeckungen 
der Reformationszeit wurde das Interesse an fremden Völ- 
kern lebendig, und man wandte sogar dem Leben des eigenen 
Volkes seine Aufmerksamkeit zu, nicht ohne kirchliche oder 
humanistische Tendenzen. So Joannes Boemus Aubanus 
{von Aub im Würzburgischen), ein Deutschordenspriester, 
in seinem Buch ,Omnium gentium mores, leges et ritus' 1520, 
das im 16. Jahrhundert eine Lieblingslektüre in fast ganz 
Europa war. Ihn schrieben aus der Wiedertäufer Sebastian 
Frank in seinem Weltbuch 1534 und vor allen der luthe- 
rische Pfarrer Naogeorgus oder Kirchmaier in seinem 
Regnum papisticum 1553. Alle drei fühlten wohl das Heid- 
nische aus vielen beUebten Festbrauchen heraus, alle drei 
verglichen z. B. den Tanz, den man in Franken um das auf 
den Altar gebettete hölzerne Christkindlein zu Weihn;ichten 
aufführte, mit dem wilden Reigen der Korybanten um den 
neugeborenen Jupiter auf dem Ida, freilich ohne zu ahnen, 
daß darin germanische, nicht antike Festfreude sich Luft 
machte. 

Eine vom Aberglauben ungetrübte wissenschaftüche 
Auffassung war im 16. Jahrhundert den Germanen noch 
schwer. Im Reformator der Naturwissenschaft , T h e o - 
phrastus Paracelsus, wogte wie in Luther altes und 
neues durcheinander. Er entriß die Naturforschung den 
Scholastikern und legte sie den Medizinern in die Hände. 
Aber in seiner ,Verborgenen Philosophia' begegnen Berg- 
geister im Schoß der Erde dem Bergmann freundlich oder 
Übel, oder sie verkünden ihm den Tod. Er erzählt auch das 
liebliche Undinenmärchen. Auch die Geschichtsschreibung 
konnte sich oft noch immer nicht des alten Heidenglaubens 
erwehren, die Zimmernsche Chronik von 1566 ist voll 
davon. Das Geschlecht der Freiherren von Zimmern selber 
hatte unter seinen Ahnfrauen eine „Meerfai". Vielerorts 
spuken Erdwichtelmännchen und Schulz- und Hausgeister, 
wie der geheimnisvolle Zwergkönig Goldemar auf dem 

Mtjer, B. H., Gcnnan. Mytholoiie. Ö 

D,Q,lzed.yGOOgIe 



66 t- Die QueUea der genouii sehen Mythologie. 

Hardenstein an der Ruhr, und das Nebelmännchen der 
Bodmans am Bodensee. Das Wutesheer braust durch die Luft, 
und der Glaube an Zauberwesen und Zauberschlösser und 
allerhand altheidnischer Brauch ist auch bei Gebildeten an 
der Tagesordnung. Wie es aber erst in den dumpfen Spinn- 
stuben dieser Zeit aussah, das läßt „Der Alten Weiber 
Philosophey" 1612 und (I. G. Schmidts) Gestriegelte 
Rockenphiiosophie 1705, 1709 ahnen. Jetzt wurden aber 
auch die Regierungen, protestantische wie katholische, be- 
sorgt. Zahlreiche Verordnungen wurden gegen den gelehrten, 
wie gegen den volkstümlichen Aberglauben erlassen, die 
umfassendste war wohl das Landgebot des Herzogs 
Maximilian in Bayern 1611. Der dreißigjährige Krieg 
schreckte aber imser unglückliches Volk nur immer tiefer in 
den wüsten Aberglauben hinein. Das beweisen uns die sati- 
rischen Schriften des Altmärkers Johannes Praetorius 
1630—1680, insbesondere seine ,Neue Weltbeschreibimg von 
Alp'mannem, Schröteln, Nachtmahren' u. s. w. 1666, 1667. 
Seinen Aussagen ist aber nicht immer zu trauen, da er 
selber ganz offen gesteht, daß er \'iele5 darunter ,erdichtet 
und fingieret' habe. Auch werden von ihm bereits imd dann 
von jener Gestriegelten Rockenphilosophie die Vorstellungen 
imd Bräuche der verschiedenen deutschen Landschaften 
durch einander gemischt, so daß man nicht mehr ein reines 
Bild eines landschaftlich begrenzten Glaubenszustandes 
gewinnen kann. 

Da nahte die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, und gleich 
ihr erster großer Wortführer Thomasius drang auf Ab- 
schaffung der Hexenprozesse, so daß seitdem, wie Fried- 
rich der Grosse rühmte, das weibliche Geschlecht in Frieden 
alt werden und sterben konnte. Doch nicht überall! Noch 
1775 wurde im Stift Kempten eine Taglöhnerin als Hexe 
verbrannt, 1783 in Glarus der letzte Hexenprozeß geführt. 
Aus den Kreisen der Gebildeten wich der alte Glaube mehr 
und mehr, das Volk aber hielt dessen Grundzüge noch 
weiter fest, und unsre Dichter erweckten die alten Ge- 
stalten in der Lenore, dem wilden Jager, dem Erlkönig, dem 



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I. Die Qaellen der germaiiiEcbeD Mythologie. CT 

Fischer, dem getreuen Eckart zu neuem, wenn auch nur 
poetischem Scheinleben. Jedoch erst mit dem 19. Jahrhundert 
retteten die beiden edelsten Romantiker, die Brüder Grimm, 
durch ihre Märchen- und Sagensammlung unsem nationalen 
Glauben aus der Vergessenheit, dessen ganzen Reichtum 
dann der ältere, Jakob, in seiner Deutschen Mythologie 
1835 {M844, »1854, M875— 78) den erstaunten Blicken erschloß. 
In jeder Landschaft rührten sich nun zahlreiche Hände, 
kundige wie unkundige, um bei der Ernte der Volksüber- 
Uefenmgen zu helfen und der Nachwelt die letzten Urkunden 
des versinkenden germanischen Heidentums zu übergeben. 
Die sich anschüeßende Volkskunde der Gegenwart ze^e, 
daß die Spannkraft des alten Glaubens noch immer nicht 
ganz erlahmt war, und enthüllte die alte Gliederung der 
heidnischen Glaubenswelt in bestimmte Vorstellui^sgruppen, 
in vielen Stücken vollständiger und sicherer als die alt- 
nordische Literatur. Von dieser gleichsam doppelt bezeugten 
Gliederung habe ich mich bei der Anordnung dieses Buches 
leiten lassen, nicht von einer Systemsucht. 

EndUch tat sich noch ein neues weites Quellgebiet 
außerhalb der Grenzen unsere u Nationalität auf, die Mytho- 
logie der stammverwandten Indogermanen, d. h. der 
Inder, Perser, Griechen, Römer, Kelten, Letten und Slaven. 
Der vergleichenden Mythologie gebührt trotz mancher Ver- 
irrungen und Fehlgriffe das bleibende Verdienst, dargetan 
zu haben, daß das mythische Wurzelwerk, der Glaube an 
die niederen Dämonen, in wesentlich denselben Formen allen 
jenen Völkern gemeinsam war imd daß selbst der daraus 
aufgestiegene Stamm, der Göttermythus, dieselben oder ähn- 
liche Hauptaste über sie ausbreitete. Erst dieser große 
Zusammenhang weist unsrer oft so lückenhaften und unver- 
ständlichen Überliefenmg die richtige Stelle an. 



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Zweites Kapitel. 
Der Seelenglaube. 

Mythologie ist uralte religiöse Naturpoesie, die die Mensch- 
heit mit einer zaubervollen Märchenwelt umgab. Die Mythen 
wurden nicht wie unsre Kinder- und Hausmarchen nur von 
den Kindern geglaubt oder daheim zur Unterhaltung erzählt, 
sondern vom ganzen VoUce wie etwas Wirkliches geschaut 
und empfunden und in Fiu-cht und Hoffnung heilig gehalten. 
Denn sie waren aus seinem innersten Eigen geboren, geistige 
Spiegelbilder gewisser Naturvorgänge, sei es des engtren 
Menschenlebens, sei es der weiten Welt ringsum, in denen 
ein geheimnisvolles übermenschUches Wesen zu leben und 
zu weben schien. So verflochten sich bereits mit diesen 
ältesten traumhaften Vorstellungen jene ältesten religiösen 
Gefühle der Furcht und der Hoffnung und somit der Ab- 
häng^keit von etwas Übermenschlichem. Sie trieben den 
Menschen dazu, diesen Phantasiegebilden Ehren zu erweisen, 
ihnen zu opfern, auch ihr Tun und Treiben im Kultus dra- 
matisch darzustellen. Die daraus entsprungenen Riten wurden 
dann zum Teil wieder in die Erzählimg des Mythus auf- 
genommen imd gestalteten sie oft eigenartig um. Doch 
finden wir im germanischen Mj^hus kaum sichere Spuren 
davon. Dagegen mit der Hebung der Kultur, dem wachsen- 
den Schwung der Phantasie, der Verfeinerung des Gemütes 
und der Schärfung des Verstandes flössen reichere, freiere, 
sinnvollere Mythen zu, welche Kulturzustände oder geistige 
Tätigkeiten personifizierten und eine Erklärung der mancher- 
lei Rätsel des Lebens und der Welt zu geben suchten. Diese 
schwollen, mit den alten vereint, je nach Schicksal, Bega- 
bung imd Richtung der Völker zu mehr oder minder breiten, 



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I[. Der Seelengtsube. 69 

trüberen oder helleren Strömen, zu ganzen Mythologieen an, 
bis sie teilweise in das umfassendere Gedankenmeer einer 
monotheistischen Religion mündeten. 

Die menschliche Einbildungskraft, die Haupttriebfeder 
der Mythologie, vermag zwar auch das toteste, unpersön- 
lichste Ding bis zu einem gewissen Grade vorübergehend 
zu beleben und zu beseelen. Aber nur eine Auslese von 
Dingen und Erscheinungen war imstande, sie zu etgentUch 
lebensfähiger, personifizierenderi eindrucksvoller und allge- 
mein anerkannter Mythenbildung aufzuregen, namUch solche, 
in denen drei Eigenschaften vereinigt waren : ein geheimnis- 
volles, rätselhaftes und darum staunenerweckendes Äussere, 
ein sinnenfälliger, den Schein persönlichen Lebens tragen- 
der Formen- oder Kraftwechsel und ein starker Einfluß auf 
das Wohl und Wehe des Menschen. Nur diesen erkannte 
man die Bedeutimg und Lebenskraft eines übermenschlichen 
Wesens zu. Solche Erscheinungen sind im Menschendasein 
vor allem der Tod, dann der Traum und im weiteren Welt- 
räume die Luft- und Himmelserscheinungen: das Gewitter, 
der Wind, der Wolkenzug, das Himmelslicht, die Tageshelle 
und die großen Gestirne, endlich auch die sprossende Erde. 

Wer mag bestimmen, welche von den erwähnten Er- 
scheinungen zuerst die Phantasie wie mit einer Zauberrute 
aus ihrem Schlummer weckte? Sie mögen in unvordenk- 
licher Zeit gleichzeitig gewirkt haben. Aber so viel ist ge- 
wiß, daß der Anblick des Sterbens, das dem Natiu-menschen 
ebenso unverständlich war wie das Leben selbstverständhch, 
und die Folgen, die der Tod für die Angehörigen der Ver- 
storbenen hatte, gerade in der unsrer Kunde erreichbaren 
ältesten Zeit einen besonders wichtigen und umfangreichen 
Mythenkreis veranlaßt haben. Dessen hohes Alter wird auch 
durch den Einklang der Vorstellung nicht nur der germani- 
schen und indogermanischen, sondern auch der niedrigsten 
Volker der Erde bezeugt, der auf keinem mythologischen 
Gebiete so Überraschend genau ist wie auf diesem. Noch ein 
anderes auffälUgeres Zeugnis für diesen alten Bestand darf 
man anführen, das nämlich, daß der aus diesem Gebiete ent- 



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70 !)■ Der SceUngtaabe. 

sprungene rohe und ärmliche Geister- und Gespensterglaube 
üppiger als ii^end welcher andre Heidenglaube noch heute 
fortwuchert. Denn es ist ein durchgreifendes Gesetz der 
Psychologie, daß eine VorsteUung je alter, desto unverwtlst- 
licher ist. Die Götterwelt, das Letzte und Schönste des 
Heidentums, ist längst vor den Augen des Volkes versunken. 
Für zerstaubt in nichts gilt auch schon lange wenigstens 
der Mehrheit das Elfenwesen ; die Gespenster aber leben in 
der Einbildimg gar vieler noch heute fort und feiern sogar 
Triumphe in gebildeten Spiritistenkreisen. Fast möchte man 
sagen, der Same des Gespensterglaubens rege sich in uns 
Allen, wo die Nahe einer Leiche und das tiefe Dunkel der 
Nacht in einem Sterbezimmer, auf einem Friedhof, an einer 
Mordstätte sich vereinen, oder auch sogar mitten im hell- 
erleuchteten vollen Theater, wenn ein wirklicher Dichter 
an ihn appeiliert. „Auch kommt es nur*', sagt Lessing in 
seiner Dramaturgie, „auf die Kirnst des Dichters an, diesen 
Samen zum Keimen zu bringen ; nur auf gewisse Handgriffe, 
den Gründen für die Wirklichkeit von Gespenstern in der 
Geschwindigkeit den Schwung zu geben. Hat er diese in 
seiner Gewalt, so mögen wir im gemeinen Leben glauben, 
was wir wollen, im Theater müssen wir glauben, was Er 
will. Vor dem Gespenste in Shakespeares Hamlet richten 
sich die Haare zu Berge, sie mögen ein gläubiges oder ein 
ui^läubiges Gehirn bedecken". Wenn es uns rührt und er- 
hebt, daß schon die Urmenschen hinter dem Tode ein Leben 
witterten tuid der erbarmungslosen Tatsache des Sterbens 
ein durch den Tod ununterdrückbares Leben entgegenstellten, 
so erfüllt es uns fast mit Scham, oder soll ich lieber sagen, 
mit Demut, daß ihre tiefsten Geheimnisse auch noch die 
imsrigen sind : Leben, Tod, Seele. Gerade darum haben diese 
der ältesten Religion den Boden aufgewühlt, sie sind die 
starken Pflugscharen noch unsers Glaubens. 

Um den Begriff der Seele oder des Geistes dreht sich 
dieser alte Mythenkreis. Dieser Begriff ist ursprünglich keine 
Abstraktion, herausgezogen etwa aus der zusammenfassenden 
Beobachtung der vielen Einzelerregungen des eigenen Inne- 



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II. Der Seelenglanbe. 71 

ren, er ist auch nicht das Produkt der Sehnsucht nach einem 
höheren, freieren Dasein. Er ist dem schmerzlichen Anblick 
der seltsamen, wechselnden Wandelungen, die der Sterbende 
in seinen letzten Stunden durchmacht, abgerungen. Da wird 
der Atem immer schwerer und langsamer, um dann plötz- 
lich still zu stehen, das Auge bricht und starrt unheimlich, 
Wärme imd Farbe verlassen den Leib, kalt, bleich, steif 
und lautlos liegt er da, wie ein Stein. Nach unsrer gegen- 
wärtigen Gemeinauffassung ist mit diesen Vorgängen das 
physische Leben und gleichzeitig mit ihm, aber losgelöst 
von ihm, das psychische Leben, die Seele, entflohen. Jenes 
besteht überhaupt nicht mehr und läßt den Leib als tote 
Masse ziu-ück, die Seele aber lebt für sich in einer anderen 
Welt unvei^angüch weiter. Eine alte weit\'erbreitete und 
auch germanische Auffassimg war eine ganz andre. Nicht 
nur gleichzeitig mit, sondern in dem physischen Leben, in 
dem Atem, der Bewegung, der Wärme und Farbe entwich 
die Seele. Das physische Leben selber war ein Wesen, das 
im Tode sich löste, so daß es gleichsam zweimal da war, 
neben seinem lebendigen Ich ein im Tode erst frei werden- 
des andres Ich beherbergte. Dieses letzte, das im Kopfe 
wohnt, ging beim Sterben als ein Beweghches, ein Hauch, 
ein Wind, ein Nebel, ein Licht oder gar als ein Tierchen 
aus dem Mtmde davon. Die Seele blieb also ein körperhches, 
wenn auch ein verflüchtigtes oder zusammengeschrumpftes 
Wesen. Sie hielt sich auch mögUchst dicht an den verlassenen 
Leib, wohnte bei ihm im Grabe oder in dessen Nähe, oder 
auch m dem von ihm verlassenen Hause, oder in benach- 
barten Bäumen imd Hügeln. Sie war auch nicht imvergäng- 
lich, sondern starb mit dem Zerfall der Leiche, zu der sie 
gehörte, oder welkte mit der Erinnenmg der Überlebenden 
an den Toten auf immer dahin. Dazu stimmt, daß in den 
dänischen Steingräbem die Knochen der älteren Leichen 
bei Seite geschoben und über einander aufgestapelt wurden, 
um Platz für die neu beigesetzten Gerippe zu gewinnen. 
Viele neue Graber sind auf fränkischen imd merovingischen 
Gräberfeldern in und quer durch ältere gelegt. 



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72 U. Der Seclenglaube. 

Die Seele ist nach der germanischen Anschauung vor 
allem das Bewegliche. Denn die beiden Wörter Seele, 
gotisch saiwala, und See, gotisch saiws sind beide derselben 
Wurzel entsprungen, die etwas BewegÜches bezeichnet haben 
muß. Der Begriff einer noch heftigeren Beweglichkeit möchte 
im Worte Geist stecken, was besonders die nordischen 
Worte geisa = brausend einherfahren, wüten, geistr = heftig, 
feurig, geist = brausend, schnell verraten. Die deutsche 
Sage erzählt mederholt von brausenden Geistern. Aus einer 
Wurzel an = hauchen entwickelte sich das indische anas 
Hauch, anilas Wind, das griechische anemos Wind, das 
lateinische anima Wind und Seele, vergleichbar dem grie- 
chischen Psyche Hauch und Seele. Zur Wurzel an gehört 
das althochdeutsche iinst = Wind, Sturm und mögUcher- 
weise auch das althochdeutsche ano, unser Ahne, das ur- 
sprünglich einen, der ausgehaucht hat, einen Verstorbenen 
und darnach den Vorfahren bezeichnet hätte. Auch das 
gothische us-anan bedeutet aushauchen und das aus der- 
selben Wurzel erwachsene nordische Önd Seele, Leben, andi 
Geist und Ör-endr todt, eigentlich ausgehaucht. 

Noch sicherer als die Sprache bezeugt der Volk^laube 
die Windnatur der Seele. Die plötzlich gewaltsam aus- 
gepreßte oder auch die beim Tode unruhige Seele fahrt 
folgerichtig nicht als Wind, sondern als Sturm davon. Darum 
heißt es noch durch ganz Deutschland, daß sich em Sturm 
erhebe, wenn sich jemand erhängt, und sich erst nach dessen 
Bestattung lege, „Welcher Lump mag sich nun wieder er- 
hängt haben!" sagt man am Lechrain bei plötzUch los- 
brechendem Sturm. So sauste einmal an Hans Sachs im 
Walde bei Osnabrück das wütende Heer der kleinen Diebe 
vorbei, das aus lauter Erhängten bestand, und darunter ein 
erst desselbigen Tags Gehenkter, mit dem er sich in ein 
Gespräch einließ, fuhr dahin „als ein scharpfer Wind". In 
Schwaben fahren auch die im Rausch Gestorbenen mit dem 
Muetisheer d. h. dem stürmischen wilden Heer. Von den 
Geistern Verstorbener heißt es in England, daß sie Hinder- 
nisse auf ihrem Wege lunwerfen wie „a furious whiriwind". 



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IL Der Sealenglsube. 73 

Rührend ist, daß eine im Kindbett und noch dazu ohne 
Beichte, also mit doppelt unruhiger Seele gestorbene Frau 
im Wirbelwind dahinfliegt. Dagegen wenn ein Mensch ruhig 
verscheidet, bewegt sich nach Schweizer Glauben die Luft 
im Sterbezimmer mit leisem Wehen. In Devonshire kann 
ein Verschluß im Hause das Sterben eines Kranken ver- 
zögern, und so Öffnet man in Bayern wohl das Fenster oder 
deckt einige Dachschindeln ab, um einem Menschen das 
Sterben zu erleichtem. Gemeindeutscher Brauch, der sich 
noch an zahllosen Orten erhalten hat, war es, beim Ein- 
treten des Todes ein oder mehrere Fensler, die Türe, die 
Luke oder gar die „Dachblatte" zu öffnen, daß die Seele 
bequem hinwegfliegen könne. Man jagt sie sogar bisweilen 
durch Wehen mit Tüchern hinaus und ruft ihr nach „Geh 
hin und pfludere" d. h. flattere. Hat das Dach im Aargau 
keine „Heiterlöcher" d. h. Luftlöcher, so sucht die Seele des 
verstorbenen Hausbewohners gewaltsam Einlaß, indem sie 
es mit Sturm abdeckt. Darum muß in einigen Orten der 
Schweiz immer ein Fenster oder eine Stelle des Dachs offen 
bleiben, damit der „Geist" aus- und eingehen könne. Im 
Unterinntal fahren noch heute die armen Seelen im soge- 
nannten Allerseelenwind imd anderswo in Deutschland nach 
älterem, schon von Geiler v. Keiserspei^ um 1500 bezeugten 
Glauben alle eines gewaltsamen Todes Gestorbene oder 
vor der Taufe gestorbene Kinder im wütenden Heer oder 
in der wilden Jagd, namentlich während der Zwölften, der 
zwölf heiligen Nachte der Jahreswende. Dieser Jagdzug 
der Seelen hat im höheren Norden im Geisterzuge der 
norwegischen Aaskereia, Oskerei, die ebenfalls in den Jul- 
nächten durch die Dörfer imd Häuser tobt, noch den nied- 
rigeren rein dämonischen Charakter bewahrt. Sie hat 
keine Gottheit an ihrer Spitze, die doch in Deutschland 
und Dänemark den Zug führt; nämUch Wodan oder auch 
Bertha oder Holda, In dieser Verbindung mit der Gott- 
heit erreicht die Vorstellung vom Windseelenzi^e ihren 
höchsten mythologischen Ausdruck. ÄhnÜche Stadien durch- 
lauft der griechische Seelenglaube: in der Odyssee werden 



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74 H. Der Seelengliabe. 

die dicht vor ihrer Hochzeit gestorbenen Töchter des 
Pandareos durch Stürme hinweggefUhrt, offenbar ursprüng- 
lich ihre, über ihr Los zürnenden windförmigen Seelen. Ein 
paar Verse weiter heißen diese Stürme schon Harpyien, 
sind also dahin raffende W^inddämonen geworden. Später 
sausen vor ihrer Hochzeit verstorbene Madchen im Heer 
der Jagc^Ottin Artemt§ oder in dem ganz jagdartig dar- 
gestellten, von Hunden umbellten Schwärm der Hekate. 
In Indien fahren die Bhütas, die Seelen von Bösewichten!, 
im Gefolge des Sturmgottes Rudra durch die Luft. Selbst 
in den höchsten Aljthen von der Windseele berühren sich 
also die verschiedenen indogermanischen \'ölker. 

Verdichtet sich der Hauch, so wird er ziun Nebel, 
Dunst, Rauch oder gar zur Wolke. Schon bei Homer 
geht die Seele als Rauch oder Schatten dahin. Nach dem 
neueren germanischen Aberglauben schwebt in Tirol die 
Seele eines Tugendhaften als weißes Wölkchen aus dem 
Munde. Wo mtm ihr im schlesischen Dyhemhtrth beim Sterbe- 
fall nicht das Fenster öffnete, sah man sie am nächsten 
Morgen als Rauchwölkchen an der Zimmerdecke. In Ost- 
preußen können manche den Gestorbenen noch vierzig Tage 
nach dem Tode als eine nebelartige Gestalt erkennen. Und 
nicht nur im Tode, sondern auch im Traume des todähn- 
lichen Schlafs Avird jenes andere Ich, die Seele, lebendig 
und kann durch den atmenden Mund herausspazieren, um 
am Schluß des Traumes wieder zum Körper des Schläfers 
zurückzukehren. Diese Traumseele entschlüpft als Dunst 
dem Munde eines Schlafenden nach hessischer wie olden- 
bui^er Sage ; nach dieser kehrt sie zurück und mit ihr das 
Leben, nach jener bleibt sie aus und der Tod erfolgt. Diese 
Sage lebt voll ausgebildet in Island weiter und war schon 
vor mehr als einem Jahrtausend bekannt. Nur gut. was 
man in Island von einem bläulichen Dunst erzählt, im alt- 
fränkischen Bericht von einem Tierlein. Der gute Franken- 
könig Gunthram, der um tOO lebte, war einmal auf der Jagd 
im Schoß eines Dieners eingeschl;ifen. Da schüch aus seinem 
Munde ein Tierlein in Schl;mgenweise henor und wollte 



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IL Dtt Seclenglaube. 75 

gern über den nahen Bach. Der Diener legte sein Schwert 
hinüber, auf dem das Tierlein das Wasser überschritt. 
Drüben schlüpfte es in einen Berg und lief nach einten 
Stunden wieder über die Schwertbrücke in den Mund des 
Königs zurück. Erwacht aber erzählte dieser, er wäre im 
Traum über die eiserne Brücke eines großen Flusses ge- 
gangen imd hätte in der Höhle des drüben gelegenen Berges 
einen unsäglich reichen Schatz gefunden. 

Bevor wir aber die vielerlei Seelenüerchen naher be- 
trachten, müssen wir des Lichts oder Feuers als Seelen- 
formen gedenken. Die Seele läßt den toten Leib kalt zurück 
oder, wie es Freidank derber ausdrückt: „die Seele fährt 
von mir wie ein Blaas (Hauch, Windlicht) und läßt mich 
liegen wie ein Aas." Wenn über dem Schlafenden oder am 
Dach eines Hauses ein Flämmchen schwebt, ein Licht von 
selbst erlischt oder eine Sternschnuppe in der Richttmg eines 
Hauses fällt, so kommt nach deutschem Aberglauben der 
Tod, und der Sterbende „verzeigt sich" gern Abwesenden 
durch einen plötzlichen Lichtschein. EMe Seele macht sich 
dann gleichsam zeitig davon und kündet dadurch die Nähe 
des Todes des bereits von ihr verlassenen Leibes an. Das 
„Totenlicht" setzte sich schon im Mittelalter an Haar und 
Kleidung der Nordleute, wenn sie sterben sollten. Manche 
altnordische Graber umgab ein Feuer; nach der Hervarar- 
saga zeigten sich Angantyr und seine Brüder nachts als 
Flammen auf ihren Gräbern, und noch heute erscheinen 
isländische Gespenster vom „Totenfeuer" ümleuchtet. In 
Deutschland flattert der Irrwisch, das Irrlicht, der Brünnlig, 
Pütz- und Wiesenhüpfer, in England der Willy with the 
wisp (Wisch), in Dänemark der blaas- oder lygtemand, der 
Feuer- oder Lichtmann, in Schweden der eidgast der Feuer- 
geist über Sümpfen, feuchten Wiesen oder Feldrainen. Im 
Aai^au gibt es Irrlichter beiderlei Geschlechts, Füerstein- 
mannli wie Zunselwibli. Das sind die Seelen derer, die wie 
die noch imgetauften Kinder, die Erhängten, die Ertrunkenen, 
vor der Zeit das liebe Leben eingebüßt, oder solcher, die 
ihr Leben mit einer beunruhigenden Tat beschlossen hatten 



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76 IL D«r Se«I«Dglsube. 

und nun die Statte derselben wieder aufsuchen, z. B. Grenz- 
steinverrücker und unehrliche Landmesser, die dann den 
Grenzstein auf der Schulter tragen müssen, oder Geizhalse, 
die irgendwo ihr Geld verscharrt hatten. Auch irrlichtem 
die von den Tirolern erschossenen und zerschmetterten 
Franzosen bei Mittenwald im Herbst auf ihren in fremder 
Erde bereiteten Gräbern umher. Die irrlichtemden Land- 
messer schlagen im Badischen wohl mit glühenden Meß- 
stangen auf einander los, imd bis ins Hochgebirge hinein, 
auf dem Streitgampen unter dem Pazinkopf in Tirol, befehden 
sich die feurigen Pütze. Reizbar ohrfeigt der Irrwisch den 
Wanderer, der ihn neckt, führt ihn irre, springt ihm auf 
den Rücken, zündet ihm das Haus an und bedroht sogar 
sein Leben. Seltener leuchtet er ihm dienstfert^ heim. 
Wie andere Seelen fahren auch die Irrwische mit der wilden 
Jagd um. 

Die flüchtige Seele als Vogel aufzufassen, lag nahe. 
Die indischen Ahnen, die Pitaras, fliegen in Vogelgestalt 
umher, weshalb beim Totenopfer den Vögeln ein Kuchen 
gegeben wurde. Den Griechen zeigte sich die Seele bei der 
Totenbeschwörung als Uhu oder Fledermaus. Germanische 
Seelen von Ermordeten und Selbstmördern fliegen als 
Raben und Krähen umher, diejenigen unschuldig Getöteter 
als weiße Tauben imd Schwäne. Doch scheinen die Tauben- 
figiu"en bei Paulus Diaconus, die bei Pavia von Grabstangen 
nach der Richtimg schauten, wo der in der Fremde ge- 
storbene Langobarde seine Ruhestatt hatte, nicht die Toten, 
sondern deren klagende Verwandte zu bedeuten. In West- 
falen sagt man Mädchen, die nicht heiraten: „Ihr sollt die 
Kibitze heiraten," und auf dem wilden Gieritz{Kibitz)moos 
an der Aare in der Schweiz werden die alten Jimgfern 
wirklich zu Kibilzen. In Schweden heißt der SchmetterUng 
„Altweiberseele", imd in Deutschland sagt man, daß man 
vor der Geburt mit den „Feifaltem" d. h. Schmetterlingen 
fliege. Auch in den Motten, Bienen, Kafem und sonstigem 
fliegenden Getier stecken Seelen, auch in der Hausgrille. 
Aber andre Hausgenossen spielten unter den Seelen- 



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IL Der Seelenglaube. 77 

tieren eine viel bedeutendere Rolle, die unschädliche Ringel- 
natter, die Maus, das Wiesel und die Kröte. Der Wohnung 
der Menschen zugetan, leise aus der Erde kriechend oder 
huschend und wieder still und plötzlich darin verschwindend, 
erschienen sie wie geheimnißvoll in ihrem alten Heim fort- 
lebende Seelen der Verstorbenen, deren Leiber früher in 
dessen immittelbarer Nähe oder sogar in dessen Innerem 
bestattet wurden. Wir blieben in den dunkelsten Winkel 
indogermanischer Hausreligion mit all ihrer Heimlichkeit 
und Unheimlichkeit, wie sie durch zahllose neuere, aber 
auch viele ältere nicht nur germanische, sondern auch andere 
indogermanische Zeugnisse enthüllt wird. 

Früh wird auf altischen Grabdenkmalern und spar- 
tanischen VotivreUefs eine Schlange dargestellt, die als 
Opfei^aben Honig imd Brei zu sich nimmt, also nicht 
Schlangen-, sondern Menschennahrtmg. Verschiedene See- 
lenformen, Rügeiwesen und Schlangenwesen, vereinigt die 
Darstellung einer Totenklage auf einem attischen Gefäß: 
am oder im Grabhügel flattern beschwingte Menschen- 
figürchen über einer Schlange, der Seele des Verstorbenen, 
von dem die Inschrift spricht. In Theophrasts Charakteren 16 
errichtet der Abergläubische an dem Ort seines Hauses, 
wo er eine heilige Schlange gesehen, sofort ein Heroon, 
ein Ahnenheiligtum. Am Grabe des Heros wurde häufig 
eine Schlange als dessen dämonische Erscheinung gehegt. 
Wie er, hütet diese „Haushüterschlange" Tempel, Haus und 
Grab ; beleidigt aber bringt er, wie sie, Verderben. Nach dem 
neugriechischen Volksglauben lebt im Grunde jedes Hauses 
eine Schlange als Hausherr oder Hausherrin. Ihr Erscheinen 
im Innern desselben bedeutet Glück, besonders die uner- 
wartete Rückkehr des Hausherrn. Verscheucht oder beleidigt 
zieht sie Unheil herab; man steckt Brot in ihr Erdloch und 
schmeichelt ihr mit dem Gruße: „Schönes Dingel!" — Die 
Römer weihten ihrem Genius einen von einer Schlange 
umwundenen Altar und hielten im Schlafzimmer ein paar 
Schlai^en, die für die Genien des Hausherrn und der Haus- 
frau galten, und zwar in so vielen Häusern, daß Plinius 



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78 IL Der Seetenglaube. 

besorgte, die Schlangenbrut wtlrde in Rom den Menschen 
noch über den Kopf wachsen, wenn ihr nicht die Feuers- 
brünste Einhalt täten. Starb eine solche Schlange, so galt 
das als böses Vorzeichen dem Vater der Gracchen, wie 
dem Kaiser Tiberius. Umwand eine Schlange fest das Haupt 
eines Schlafenden, das war den Römern ein gutes Vor- 
zeichen; die Seele dachte nicht daran sich abzulösen. Die 
Schlangen aber, die Pompejus beim Verlassen seines Schiffes 
in Dyrrhachium erblickte, bedeuteten seinen nahen Unter- 
gang; als Seelen, die schon ihn und die Sein^en aufge- 
geben hatten. — In Litthauen hatte jeder Familienvater im 
warmen Winkel eine Schlange, der er Speise auf Heu dar- 
brachte. 

Die Ringelnatter heißt bei den Germanen Haus- 
schlange, Hausotter, Haus unk, Haus wurm, schwedisch 
gards- oder lyckoorm, Hof- oder GlOcksschlange. Das 
altschwedische Erbauungsbuch, ,der Seelentrost', verbot 
schon um 1400 den tief gewurzelten Glauben an Tomptorma 
d. h. Hausschlangen, Aber von Siebenbürgen imd der Schweiz 
bis nach Skandinavien wurde diese da und dort noch neuer- 
lich trotz ihres nicht angenehmen Geruchs im Stalle oder 
auch unter den Stubendielen gern gediddet und ihr im 
Herdwinkel wie in Griechenland eine für Schlangen ui^e- 
eignete offenbare Ahnenopferspende, nämlich Semmelmilch, 
vorgesetzt. Am Lechrain hielt noch um die Mitte des vorigen 
Jahrhunderts jedes Haus eine Hausotter, deren Geräusch den 
Tod eines Hausbewohners anze^te. Auf den Betten, wenn sie 
gesonnt wurden, in der Küche und auf dem Rande des Brun- 
nentrogs konnte man sie liegen sehen. Im Fricktaler Dorfe 
Mägden in der Schweiz vermutete man noch um dieselbe 
Zeit fast in jedem Keller eine Hausschlange, die sich nur 
bei außei^ewöhnhchen Fällen sehen heß und durch ihr 
Geräusch, wie am Lechrain, einen Trauerfall der Familie 
anzeigte. Manchmal hatte ein Haus, ganz wie das römische, 
ihrer zwei, die mit Hausvater und Hausmutter lebten und 
starben. In Mittelschlesien wird die von niemand gesehene, 
in den Grund des Hauses sich einwühlende Hausotter für 



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II. Der Seelenglaube. 79 

einen Schutzgeist angesehen. Doch in der .Tunkelstunde' 
kommt die schlesische .Otterkönigin', die Ahnfrau, gern 
einmal aus der Mauer herfür. Als der Hofbauer des soge- 
nannten Schlangenhofes im badischen Schappacher Tal 
starb, starb auch der SchlangenkOnig mit all den anderen 
Schlangen des Hofes, und von diesem wich seitdem der 
Segen. In der Liederedda gräbt sich die über den Tod 
ihres Sohnes Atli trauernde Mutter offenbar als Natter dem 
Gunnar rächend ins Herz. Gleich der Seele liegt auch die 
Hausotter gern unter der Türschwelle, auf der man wegen 
dieses Tieres in Bayern und im Voigtland allen Lärm, 
z. B. Holzspalten, mögUchst vermeidet. Wie in Rom bedeutet 
das Erscheinen der männlichen Hausschlange im Spreewald 
den Tod des Vaters und der Mutter. Ja in einigen böh- 
mischen Familien gab es ganze Schlangenfamilien, von der 
jedes Glied ein Glied der Hausbewohnerschaft vertrat, so 
daß, was einer der Schlangen geschah, auch dem ent- 
sprechenden FamiÜengliede widerfuhr. Mögen wir auch die 
beiden letzten Nachrichten den Slaven verdanken, die wie 
die Litthauer einen reichen Seelenschlangenkultus hatten, 
dieselben oder ähnliche Vorstellungen waren jedenfalls auch 
germanisch, z. B. nähert sich eine Schlange dem Hause, 
so bedeutet das nach norwegischem Glauben Glück, kriecht 
sie dagegen über die Straße, Unglück, wie in Rom. Wer 
im Bayreuthischen ein Erdhtüm oder eine Hausotter be- 
schädigt oder sieht, muß selbigen Jahres sterben. Im 
innigsten Verhältnis steht dies Seelentier zum Kinde : Kinder 
werden wohl mit einer Schlange um den Hals geboren, 
wie in Rom. Die Hausschlange spielt in der Sage gern mit 
dem Kind des Hauses, teilt mit ihm Speise imd Trank, 
schläft mit ihm in der Wiege und gibt ihm Gedeihen. Als 
aber einst das Kind, das mit ihr aus einem gemeinsamen 
Napf Milch und Brocken aß, sie schlug imd ärgerlich rief: 
„Iß auch Brocken!", da siechte es schnell dahin. Seine 
eigene Seele war getroffen. Die Schlange verwandelt sich 
also aus der Seele des lebenden imd des verstorbenen 
Menschen zu einem Schutzgeist der Mitlebenden und der 



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80 n. Der Seelenglaube. 

Überlebenden, zu einem Schutzgeist des Hauses. Sie wird die 
schützende ,Muhme' der ganzen Familie, wie auch das Wiesel 
und die Kröte. Um 1400 erzählt Nikolaus von Dinkelsbühl 
von der Muma, daß sie die Häuser besuche und aus offenen 
Gefäßen esse oder trinke, die dann die Leute alsbald wieder 
nachfüllten, denn sonst käme Unglück übers Haus. Mit der 
Muhme wird die Hausotler gemeint sein, der man ja noch 
viel später einen Milchnapf hinsetzte. 

Das Wiesel heißt gemülhch nicht nur Mühmlein, son- 
dern in Spanien auch comadreja Gevatterin, Hebämmelein. 
Wie der Neugrieche die Hausschlange als „schönes Dingel" 
begrüßt, so nennt der Oberbayer sein Hauswiesel „Schön- 
tierlein oder Froie". In andern deutschen Gegenden heißt 
es das Jüngferchen, bei den Griechen des Mittelalters 
„Brautlein". Obgleich es den Griechen und Römern ein be- 
kanntes Haustier war, das etwa unsre Katze vertrat, erregte 
doch sein plötzliches Erscheinen bei einem außergewöhn- 
lichen Unternehmen oder an ungewöhnlicher Stelle Furcht 
vor Unglück oder Tod. In Athen löste sich die Volksver- 
sammlimg, in der es sich zeigte, auf; ließ es sich auf dem 
.Dach blicken, so war das ein böses Zeichen wie das 
Flämmchen auf dem Dach in Deutschland (S. 75). Kommt 
ein Wiesel mehrmals nach einander in die Nähe derselben 
Wohnmigi so beruft es jemand daraus ab. So gilt auch 
seine Vertreterin, die Katze, für einen Hausgeist. Im Aar- 
gau „stirbt die schwarze Hauskatze ihrem Herrn vor". 
Wieseln oder schwarzen Katzen begegnen, ist im Lechrain 
und anderswo ein böser Angang. Bläst ein Wiesel den 
Menschen an, nachdem es die Springwurzel gefressen, so 
muß er nach Tiroler Glauben sterben. 

Ob die Kröten auch jenen andern Indogermanen für 
Seelentiere galten, ist mir nicht bekannt. Doch wagen die 
toskanischen Bauern eine Kröte nicht zu töten, weil so oft 
ein Mensch darin verwandelt ist, und in Sicilien füttert man 
Kröten im Hause mit Brot und Wein, weil diese „mächtigen 
Feen" oder „unbegriffenen Genien" Glück bringen. Die 
Germanen sahen in ihnen arme Seelen, namentlich in den 



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IL Dei SeelengUube. 81 

Ostalpen. Aber auch im Badischen ächzt der Geist eines 
Wirtes als Kröte unter dem Ofen oder auch der eines Geiz- 
halses auf dem mit ihm vergrabenen Geldsack. In Tirol 
darf man Kröten am Allerseelentage nicht töten, „weil arme 
Seelen darin sind", wie sie denn auch an den Quatember- 
t^en gleich armen Seelen zu Kapellen wallfahrten. Wie 
die römischen Laren oder Ahnengeister in Genien und 
sogar in Penaten Vorratsgeister übei^ehen, so hießen die 
Kröten in Schweden „bolvaetter" Hausschutzgeister, im 
Aargau aber „Nahnmgshimde". Diese hielten im Keller 
die Lebensmittel in gutem Zustand und wurden mit Milch 
gepflegt. Mißhandelt bringen sie in Skandinavien Unglück 
imd Alpdruck. Dagegen fing man sie am Lechrain wie die 
Wiesel im Frauendreißigst (15. Aug. bis 13. Sept.), spießte 
sie imd opferte sie in Kirchen. 

„Mausen pfeifen" heißt „den Seelen ein Zeichen geben". 
So pfiff ein schlecht behandeltes Bergmannchen Mäuse 
und Kinder in den Tannenberg bei Lorsch, der Hameler 
Rattenfänger Ratten und Kinder in den Koppelbei^. Ein 
Wint^eist pfeift den Kindern und ihren Seelen voran. Die 
von Hatto von M^nz in einer Scheune verbrannten Armen 
wimmeln als Mause aus dem Feuer hervor und verfolgen 
ihn bis zum Mäusettum bei Bingen, wo sie ihn auffressen. 
Eine Mausheilige war die hl, Gertrud, die im krainischen 
Bauemkalender und im Gertrudenbüchlein als Spinnerin 
dai^estellt wird , an deren Rocken Mäuse und Ratten 
hinauflaufen, offenbar Seelen, derm man nahm an, daß die 
Seelen in der ersten Nacht nach dem Tode bei dieser Hei- 
ligen herbergten. 

Der Sinn dieses Tiermythus ist jetzt klar. Auf ihrer 
Suche nach Seelenbildem stellte die Phantasie einen über- 
raschenden Zusammenhang zwischen Tier imd Mensch, 
einem kleinen Haustier und dem Edelsten, was er hat, 
seiner Seele her. Schon von den Indogermanen wurden 
jene der menschlichen Wohnimg anhänglichen Erdtiere als 
Seelen der Toten des Hauses gedacht. Sie gehörten zum 
Ingesinde als einflußreiche Ahnengeister, mit deren Wohl 

Hcyer, E. H., Gciman. Hyibolagie. 6 



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82 n. Der Seelenglaube. 

und Wehe das der Nachlebenden auf das innigste ver- 
knüpft war. Daher die freundliche Pflege und die Furcht, 
sie zu verletzen oder gar zu töten. So erhob sich das Tier- 
lein mehr und mehr zum Heros, Genius, Schutzgeist der 
Person und des Hauses. Aus dieser und ahnlichen Seelen- 
vorstellungen erwuchs der namentlich im Norden so reich 
ausgebildete Glaube an die Folge- und Schutzgeister (siehe 
unten). 

Aber die Verwandlungsfähigkeit der Seele ist eine viel 
mannigfaltigere. Mochte sich der gemeine Mann mit einem 
Weiterleben als Haustierchen begnügen, so verlangte die 
Seele des Vornehmen für ihr öffentliches Auftreten vor- 
nehmere Tierformen. In Griechenland zeigte sich der 
wieder erwartete Ahnherr, der Heros, hier und dort in 
Wolfsgestalt, in eben dieser oder in Bärengestalt die Fylgja 
oder der Schutzgeist tapferer Nordleute. Wahrend der 
kühne Bjarki noch schlummert, kämpft seine Fylgja schon 
vor seinem Zelte draußen in der Schlacht als Bär, um zu 
verschwinden, sobald er aufgewacht heraustritt. Die Traum- 
seelen in Tierform schweben dann auch in die Träume 
Anderer, in denen das Schicksal ahnungsvoll aufsteigt. 
Kriemhild träumt von ihrem Falken (Siegfried), daß ihn zwei 
Adler erkrallten (Hagen und Günther), und ähnlich sieht 
im Anfang der Gunnlaugssaga der träumende Thorstein 
auf dem Hausfirst einen schönen Schwan (Helga) sitzen, 
um den zwei Adler (Gunnlaug und Hrafn) kämpfen, bis 
sie beide im Streit tot herabfallen. Mit einem Falken aber 
(ihm selber) flieht endlich der Schwan davon. Öfter stürzen 
im Traum Scharen von Wölfen und Eisbären heran, welche 
Landesfeinde bedeuten. Andere \'erstorbene nehmen je nach 
ihrem Charakter oder ihrer Lebenslage diese oder jene 
größere Tierform an. Den Bewohnern der Färöer und Rü- 
gens sind die ins Wasser sich werfenden rundköpfigen See- 
himde Menschen, die sich ertränkt haben. Auf den Färöem 
kriechen sie in der Epiphaniasnacht mit ihren Menschen- 
leibem aus dem Batg, um sich mit Tanz und Spiel in den 
Klippenhöhlen zu ergötzen. Nach dänischem Glauben legt 



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II. Der SeeleDglaube. 83 

der Seehund jeden neunten Tag seine Haut ab und wird 
ein Mensch. Auf der Tiroler Alm müssen Hirten, die ihr 
Vieh mißhandelten, nach ihrem Tode als Stiere, Säue, 
Hunde umgehen. Beim weinreichen Dorfe Oberflachs pol- 
tert das Gespenst eines unredlichen Trottenraeisters, das 
Trottentier , im Hause herum. Und viele Dorftiere, die 
abends in der Nahe der Dörfer dem Wandrer aufhocken 
imd ihn irreftlhren in Kalber-, Hunde- und Schweinegestalt, 
sind die Seelen von Übeltätern, haben aber oft den Cha- 
rakter von Wettergeistem. 

Auch lebendige Menschen können sich in Tiere ver- 
wandeln durch Zauberei. Die Königstöchter des eddischen 
WielandsUedes machen sich zu Schwanjungfrauen, und der 
larl Franmar in dem einen Helgeliede nimmt Adlersgestalt 
an. Die bekannteste imd schlimmste Tierform aber ist der 
Wolf. Er heißt althochdeutsch Wermolf, bei Berthold von 
Regensburg werwolf, in England werewulf, wcrwolf, im 
Norden vargulfr (Verbrecherwolf), varulf. Noch heute 
sprechen wir vom Werwolf. Man schwankt, ob man den 
Werwolf als Mannwolf aus ags. ahd. wer Mann oder als 
Kleidwolf, Wolfsfellbekleideten aus ags. were, ahd. weri 
erklären soll. Für die erste Deutung spricht der griechische 
Werwolfsname : lykanthropos, Wolfsmensch, der breto- 
nische denbleiz Mannwolf und vor allem der inselschwe- 
dische folkwarg Menschenwolf, ja auch der entlegenere, 
aber in seinem Wesen gleichartige indische „Menschen- 
tiger", Die zweite Deutimg empfehlen die altnordischen 
Ausdrücke ulfshamr Wolfskleid als Hülle des vargulfr und 
ulfhedinn wolfsbekleidet, das im ahd. Eigennamen Wolfhetan 
wiederkehrt. Auch der westfälisch-hessische Werwolfsname 
Böxenwolf d. h. Hosenwolf, wohl ein Wolf, der eigentlich 
Hosen trägt, spricht dafür. In Italien galt das allgemeine 
Wort Versipellis der Fellwechsler, altnordisch hamrammr, 
der sein Kleid, sein Äußeres zu wechseln vermag. Das 
erste Zeugnis für Deutschland bringt Bonifacius im 8. Jahr- 
hundert bei, wo er in einem Sermon verbietet, an Hexen 
und „ficli lupi" d. h. fingierte Wölfe zu glauben; ausführ- 



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84 IL Der Seclenglaube. 



lieber bekämpft Burkhard von Worms, wie es scheint, 
denselben Glauben an die sogenannten Parzen oder drei 
Schwestern, die einem Neugeborenen die Gabe verleihen 
könnten, sich jederzeit in einen Werwolf zu verwandeln. 
In einigen Familien galt diese Eigenschaft für erblich: ein 
gewisser Ulfhedinn hat einen Vater Ulfhamr und vielleicht 
noch einen Großvater Ulfhamr. Aber die nordische Sage 
(S. 46) von jenem geschilderten, selber so werwölfisch ge- 
sinnten größten Skalden, Egil Skallagrimsson, verbreitet 
noch mehr Licht über die unheimliche Art eines solchen 
Tiermenschen. Es ist des Dichters eigener Großvater Ulf, 
der vom ersten Morgengrauen an seine Wirtschaft mit 
kluger Tatkraft fördert imd unablässig seine Knechte zur 
Arbeit antreibt. Abends aber kann ihn niemand zum 
Sprechen bringen, er wird in sich gekehrt imd schlaf- 
tnmken. Nim zeigt er sich im Dunkel seines einsamen 
Lagers als hamrammr, er nimmt eine andere Gestalt an. 
Sein Arbeitsdrang erwacht von neuem, schlägt aber mm 
eine andre, furchtbare Richtung ein. Als Wolf fällt er mit 
imwiderstehlicher Stärke und Wildheit die Menschen draußen 
in der Nacht an. Ist die Wut gewichen, so liegt er andern 
Morgens tief erschöpft im Bette. Man nannte ihn von dieser 
abendUchen Vertienmg Kveldülfr den Abendwolf. In der 
Wölsimgensage legen zwei mit dicken Goldringen ver- 
sehene Männer auf neun Tage Wolfsfelle an, tun aus ihnen 
am 10. Tage herauszuschlüpfen und sie vor dem Schlaf an 
die Wand zu hängen. So finden Sigurds Vater Sigmtmd 
imd Stiefbruder Sinfjötll diese Felle, ziehen sie über 
imd fahren dann unter Geheul im Walde umher, „mit 
Wölfen schwelgend und mit eisigem Atem Wunden sau- 
gend". Statt neun Tage muß der Werwolfsmensch nach 
pommerschen Sagen drei, sieben oder neun Jahre im Wolfs- 
leib beharren. Sieben Jahre dauert diese Verwandlung in 
der Normandie, in Irland und Armenien. Nach deutschem 
Werwolfsglauben, der noch immer nicht im Norden und 
Osten (Hinterpommem), auch da, wo längst die Wölfe aus- 
gestorben sind, erloschen ist, müssen namentlich die in den 



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II. Der Seelenglaube. ttV 

Zwölfnachten, zwischen Weihnacht und dem heiligen Drei- 
kOnigstage, geborenen Kinder Werwöife werden. Die Kunst 
der Werwolfsverwandlung können auch, wie uns Burkhard 
von Worms soeben gelehrt hat, die Schicksalsweiber den 
Neugeborenen geben. Nach deutschem Aberglauben wird 
der siebente Sohn eines Ehepaares ein Werwolf, nach 
dänischem bringt die Frau, die sich behufs leichter Geburt 
eines Zaubers bedient, Knaben zur Welt, welche Werwöife, 
oder Madchen, welche Nachtmahren werden. Kenntlich im 
Norden sind die Menschen, die sich in Werwöife ver- 
wandeln , an zusammengewachsenen Augenbrauen, Zu m 
Werwolf kann sich derjenige selber machen, der einen aus 
Wolfsleder oder Menschenhaut verfertigten Wolfsgürtel um 
den Leib schnallt. Er geht nachts aus, um Menschen zu 
zerfleischen und Vieh zu verschlingen, der Böxenwolf 
springt den Leuten auf den Rücken. 

Die Nennung seines Taufnamens, oder ein Wiu^ von 
Stahl und Eisen über ihn weg, westfäl. Blankmaken ge- 
nannt, oder eine gegen ihn gerichtete Degenspitze oder 
eine Verwundung entzaubert ihn. Doch wirkt die Ver- 
letzung oft nicht sofort, aber sie verrät ihn dann später, 
indem auch der wieder Mensch gewordene Körper an der 
entsprechenden Stelle die Wunde trägt. Eine Wolfsfalle, in 
die man drei Kreuze vom Holz von einem Osterfeuer steckt, 
fängt ihn. Verfolgt wird er wohl schon wieder zwar als 
Mensch im Bette ai^etroffen, aber noch hängt der Wolfs- 
schwanz heraus. In Schleswigholstein galt er auch wohl als 
„gefroren" d. h. unverwundbar. Im 16. Jahrhundert bis ins 
17. hinein blühten die Werwolfsprozesse namentlich in 
Nord- und Mittelfrjinkreich, aber auch in Deutschland. Noch 
1589 wurde in Köln Peter Stube, der Werwolf von Epprath, 
hingerichtet, weil er bekannte, in Wolfsgestalt 13 Kinder 
zerrissen und ihnen das Gehirn aus dem Kopf gefressen 
zu haben. 1610 wurden in Lüttich zwei Werwöife wegen 
gleicher Untaten hingerichtet. 

Dieser allen europäischen Indogermanen und auch den 
indogermanischen Armeniern gemeinsame, dagegen bei den 



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86 11. D«r Seelenglaube. 

Persem und Indem nicht nachweisbare Glaube reicht hoch 
über die ältesten germanischen Zeugnisse in die Vorzeit 
hinauf. Schon das alte Griechenland kannte die Werwolfs- 
krankheit, sie spielt schon in die Sage von dem altertüm- 
lichen Kultus des Zeus Lykaios hinein. Wer diesem Gotte 
auf dem hohen arkadischen Berge Lykaion ein Kind opferte, 
wurde zur Strafe in einen Wolf verwandelt. Enthielt er 
sich aber neun Jahre des Menschenfleisches, so nahm er 
im zehnten wieder Menschengestalt an, was an die neun- 
tagige, beziehungsweise neunjährige Werwolfszeit bei den 
Germanen erinnert. Femer stimmt zum deutschen Glauben, 
daß der neugriechische struppige, krallenbewehrte Kalikant- 
sare oder Werwolf, der wie der westfälische Böxenwolf 
jedem Begegnenden aufhockt und das Gesicht zerfleischt, 
ebenfalls in den Zwölfnächten geboren wird. Diese Zeit ist 
auch seine eigentliche Raubzeit, wie die der Uvländischen 
und polnischen Werwölfe. Während der russischen und 
rusinischen Weihnachtsfeier rennen in Wolfspelze Ver- 
mummte umher und peinigen in Haus und Hof, wen sie 
erhaschen, und auch in Deutschland gab es Leute, die sich 
in der Weihnachtszeit in Wölfe verwandelten. 

Der germanische Norden brachte noch eine e^entüm- 
liche Abart dieser halb wirkhchen, halb eingebildeten Ver- 
tierung des Menschen hervor, den Berserkergang d. h. 
die Berserkerwut. Die Vertierung nahm nämUch in der 
Wikingerzeit, in der so viele Nordleute ihre Sache auf 
Raub und Mord imd Krieg stellten, einen miUtärischen 
Charakter an. Die Berserker d. h. Bärenkleider waren 
Soldaten, die statt des Panzers ein Bärenfell trugen. An- 
gesichts des Feindes überkam sie eine unsinnige Kampfes- 
^vut, die ihnen ungewöhnUche Stärke und außerdem Em- 
pfindungslosigkeit gegen allen Schmerz verlieh. Sie scheuten 
weder Eisen, noch Feuer, zerbissen den Rand ihrer Schilde, 
stürzten sich mit geschwimgenen Schwertern gleich Wölfen 
heulend in die Schlacht und hieben, was ihnen in den Weg 
kam, Menschen oder Bäume, nieder. Nach einem solchen 
Ausbruch fielen sie, wie nach einer schweren Krankheit, 



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I[. Der SeeUnglaabe. 1^ 

in riete Erschöpfung. Wie aus dem Krieg, machten sie 
aus dieser Wut ein Gewerbe und verdangen sich banden- 
weise dem Könige, der am meisten bot. Die zwölf Berserker 
des sagenhaften Dänenkönigs Hrolf Kraki kämpften bald 
an der sächsischen Grenze, bald auf dem Eise des schwe- 
dischen Waenersees. Noch Harald Schönhaar um 900 
hatte Berserker, die über ihren Panzern Wolfspelze trugen, 
in seinem Dienst, und sein Skalde Thorbjörn Homklofi 
feierte diese brüllenden Helden samt dem Hofnarren und 
dem Lieblingshunde des Kön^s. Aber obgleich sie sich 
oft als Schützlinge Odins ausgaben, wurden sie von den 
übrigen „Kämpen" mit Mißgunst oder gar mit Verachtung 
angesehen. So verrauchte die alte wilde Leidenschaft in 
einer anmaßlicben gewinnsüchtigen Schauspielerei, und was 
einst vielleicht mehr eine Plage der Ergriffenen gewesen 
war, wurde nun zu einer schlimmeren Plage ordentlicher 
Leute. Darum straften die Isländer mit Recht den Ber- 
serkergang mit Friedloslegung, wenn aucht nicht mit 
völliger. Deute ich eine Stelle im Paulus Diakonus 1, 11 
richtig, so hätten Südgermanen schon Jahrhunderte vor 
der nordischen Wikingerzeit solche Krieger gekannt Als 
nämlich die Langobarden auf ihrer Wanderung nach Süden 
auf die Assipiter stießen und die große Zahl dieser ihrer 
Feinde und ihre eigne geringe sahen, da sprengten sie 
lisrig aus, sie führten Hundsköpfe im Lager bei sich d. h. 
imgeheure Menschen mit Hundsköpfen, die nach Menschen- 
blut dürsteten und, wenn sie keinen Feind erreichen könnten, 
ihr eigenes tränken. Der aus der gelehrten Literatur des 
Plinius und Solinus bekannte Name der Kynokephalen, eines 
fabelhaften hundsköpfigen Volkes, ist an die Stelle der in 
Wolfs- oder Bärenfell gekleideten langobardischen Vor- 
kämpfer getreten. Im bayrischen oder Tiroler Raufer, der, 
wenn er keinen Gegner findet, wie ein Stier den Rasen 
ausrauft, lebt die alte Kampfeswut fort. 

Auf diese Nachtseiten menschlichen Geisteslebens fällt 
vom Seelenglauben her einiges Licht. Denn der einge- 
bildete Wechsel der Hülle oder des Überwurfs, das alt- 



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88 II. Der Seel«nglanbe, 

nordische „hamskiptast", woran das deutsche „Ausderhaut- 
fahren" anklingt, deckt sich im wesentlichen mit der 
griechischen Ekstasis, dem Austritt nämlich der Seele aus 
dem Körper. Verlaßt die Seele diesen im Tode dauernd, 
im Traume oder auch in der Ohnmacht vorübergehend, so 
macht sie sich auch in der Verzückung frei von ihm oder 
wird vielmehr seine Herrin. Sie reißt ihn mit sich in ihr 
neues fremdartiges Treiben hinüber. Der tiefeingewurzelte 
Wahn, daß bei Tod und Traum die Seele eines kampf- 
lustigen Mannes als Kampftier, Wolf oder Bär, zimi Vor- 
schein komme, mochte im aufregenden Dunkel des Abends 
einen ruhelos tätigen Mann dazu aufstacheln, sich selber in 
ein solches Tier verwandelt zu fühlen. Er mochte seinen 
Sinnen und Gliedern eine melancholische Wildheit auf- 
zwängen, wie sie den Wolf zu erfüllen schien, wenn er in 
der Stille der Nacht einsam die Herde würgte. Von dem- 
selben Wahn beherrscht konnten Leute das nächtliche 
Treiben ihres rücksichtlos rührigen Herrn leicht nach dieser 
Richtimg hin deuten und seine etwaigen Erzählungen für 
wahr halten. Bis wie weit die Wirklichkeit dem Glauben 
entsprach? Man behauptet, den Werwolf könne man morgens 
mit bleichem Gesicht und Blut im Bart heimkehren sehen. 
Hieß doch auch der Verbannte, der wegen Friedensbruchs 
aus der menschlichen Gesellschaft Gestoßene, schon bei 
den Goten und den salischen Franken ein Warg, ein Wolf, 
oder ein Waldgänger, der im dimklen Wald ein Wolfsleben 
fahrte, ein Wolfshaupt, ags. wulfes heäfod, trug imd überall 
auch im Heiligtum als „vargr i veum", Wolf im Tempel, 
gehetzt wiu-de, gehetzt, so weit der Himmel sich wölbt 
imd Menschen wohnen. Denn Bär und Wolf sind nach 
dem altnordischen Gesetz, wie nach dem Sachsenspiegel 
überall, selbst im Bannforst, friedlos. 

Die Werwölfe trieben in der dunkelsten Zeit des Jahres, 
in den Zwölfnächten, ihr Unwesen oder waren in dieser 
Zeit geboren. Legt ein Werwolf am 9. Tage oder auch 
erst im 3., 7, oder 9, Jahre sein Fell ab, so hängt das 
wieder mit dem Seelenglauben zusammen. Soeben ist mit- 



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11. Der Seeleoglaube. 89 

geteilt worden, daß der in einen Seehund verwandelte Er- 
trunkene jeden neunten Tag seine Haut abstreife , um 
wieder Mensch zu werden, und überhaupt pflegt der Ver- 
storbene, insbesondere der vorzeitig Verstorbene, am neunten 
Tag nach seinem Tode in Deutschland wie in Altgriechen- 
land wiederzuerscheinen, wann nämUch die Zeit der ersten 
Versöhnungsopfer für die Toten ablauft. In Ponmiem heißen 
solche Wiedergänger Neuntöter, weil ihr werwölfisches 
Treiben neun Jahre dauert, ein Zeitraum, den in Griechen- 
land die Selbstverbannung, das Wolfsleben, nach einem 
Morde erheischte. Ja der aus dem Grab gestiegene Wieder- 
gänger geht nun geradezu als Werwolt um, wie im Jahre 1685 
der verstorbne Bürgermeister von Ansbach. Die umgehende 
Leiche also nimmt nun wirklich die Gestalt des zauberisch 
ver\vandelten lebenden Menschen an. In Pommern nament- 
lich werden nicht zur Rechenschaft gezogene Verbrecher 
nach ihrem Tode Werwölfe, die sich von Menschenfleisch 
nähren, sowie in der Normandie die Leichen Verdammter 
in Wenvolfsgestalt Sarg und Hügel durchbrechen. Der eng- 
üsche König Johann ohne Land soll nach seinem Tode eben- 
falls als Werwolf umgegangen sein. Wenn nun außerdem 
in Danziger Sagen dieser Gräberwerwolf zum Vampyr wird, 
so erkennt man wiederum, in wie alten Geleisen dieser 
düstre Glaube fährt. Denn der griechische Heros kehrt auch 
in Wolfsgestalt wieder und verübt Vampyrtaten. Auffallend 
erzählt die inselschwedische Sage, daß die Wölfe die Wieder- 
gänger zerreißen, wo sie dieselben nur finden. Als ob sie 
in ihnen Nebenbuhler witterten. 

Die Berserkerwut aber gleicht mehr jener Ekstase der 
Bacchantinnen, die in der nächtlichen Feier des thrakischen 
Gottes Dionysos durch heftige Wirbeltänze zur Raserei ge- 
steigert ■wurde. Mit geschwungnen Dolchen oder Thyrsos- 
staben, Schlangen würgend und zerreißend, trugen sie Feuer 
auf ihrem Lockenhaupt, ohne dessen Brand oder eine andere 
Wimde zu empfinden, imd zerrissen mit ihren 2^hnen das 
blutige Fleisch der Opfertiere, bis auch sie erschöpft zu- 
sammenbrachen. Hier haben wir die weibliche, griechische, 



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90 II. Der Seelenglaube. 

dort die männliche, nordische Form der Ekstase ; der wilde 
Tanz ist hier, der wilde Kampf dort die Triebfeder der 
Raserei. 

Von dieser Episode aus dem Seelentaumel Lebendiger 
rufen uns nun die Seelen der Toten wieder zu sich zurück. 
Denn außer dem Reiche der Ltlfte und dem der Tiere sucht 
die Seele sich auch noch die gleichsam mitteninne liegende 
Pflanzenwelt dienstbar zu machen, diese jedoch nur mit 
halbem Erfolg. Die Bäume und Büsche, die um die Wohnung 
wuchsen, gehörten zwar auch, fast wie die Haus- und die 
besprochenen Seelentiere, mit zur FamiÜe. Aber auf einen 
Fleck gebannt, zeigten sie doch kein ausreichendes Maß der 
Lebendigkeit, daß auch sie für wirkliche, voUgiltige Seelen- 
verkörperungen gelten konnten. Um so besser eignete sich 
ihr dichtes, bald stummes, bald leise flüsterndes oder laut 
rauschendes Laub zum Aufenthalt der Seelen, namentlich 
solcher Verstorbener, die von ihrer heimlichen grünen Warte 
herab das Wohl der hinterbliebenen Ihrigen wachsam be- 
hüteten. Am längsten hat sich diese gewiss einst gemein- 
germanische Vorstellung im schwedisch-norwegischen Värd- 
oder Botrad Wacht- oder Hausbaum erhalten. Wir erinnern 
uns des V&rd, wie er als Schlange oder auch als Licht oder 
als des Menschen Scheinbild, also immer als Seele, sich 
offenbart, und der Boträd wird auch geradezu der Baimi 
der Tomtegubber, der GehOftsahnen, genannt, die im alt- 
schwedischen ,Seelentrost' sogar (tadelnd) Tomtegudha d. h. 
Gehöftsgötter heißen. Ein solcher Baum ■wurde durch Opfer 
und Gebet geehrt imd von Schwangeren in ihrer Not um- 
klammert, nicht weil er selber eine Seele oder ein Gott, 
sondern weil er der Sitz einer Ahnenseele, eines Schutz- 
geistes des Hauses, war. Darum leiteten manche schwe- 
dische Familien von einem solchen Baum ihren Namen ab, 
unter andern von einer dreistümmigen Hoflinde die drei 
Familien Lindelius, Tiliander (d. i. Lindemann) und die welt- 
berühmte des Linnaeus oder Linn(5. Aber der Glaube an 
eine eigentliche Verwandlung der Seele in einen Baum oder 
eine Blume, den Koberstein für altindogermanisch hält, 



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II. Der Seelenglaube. 91 

scheint ein später zarter Seitenschößling des markigen 
Wiedergängerglaubens zu sein. Hin und wieder hört man 
z. B. von drei verfluchten und vom Blitz erschlagenen Jung- 
fern, deren Seelen in drei große Bäume fuhren. Nach vnelen 
Volksliedern und Ortssagen sprießen die Seelen Ermordeter 
oder Unschuld^ Gerichteter oder jung gestorbener Liebender 
aus dem Grabe oder dem hinströmenden Blut als weiße 
Lilien, rote Rosen, Myrthen und Epheu, ja als Eichen und 
Ebereschen hervor. Ruhen zwei Liebende darunter, so neigen 
und verzweigen sich die Gewächse, ,wär'n gern einander 
nah'. In der englischen Ballade von Margret und Wilham 
klettern die Rosenranken aus ihrer Brust sogar bis zur 
Turmspitze der Kirche, in der sie begraben liegen, empor 
vmd verschlingen sich hier in einen Liebesknoten, „Das 
Gemüt vermag es nicht zu tragen, daß zwei jugendliche 
Wesen, deren Dasein soeben emes in dem andern erst er- 
füllt und vollendet werden sollte, so auf einmal auseinander- 
gerissen oder beide zugleich der Zeitlichkeit entrückt sein 
könnten. Es ruft die Phantasie zu Hilfe, daß sie aus dem 
Tode ein neues Leben hervorgehen lasse, in dem sich das 
alte fortsetze, an das sich das Gemüt sinnlich halten, das 
es anschauen könne". Man könnte auch in den Grabes- 
blumen gewaltsam oder unschuldig Getöteter ununterdrück- 
bare Zeugen der Unschuld sehen, die das von einer späteren 
Naturauffassung Tieren und Pflanzen beigelegte Mitgefühl 
unwiderstehlich aus der Unglücksstätte hervorgetrieben hätte. 
So wächst denn auch hinwiederum an solchem Ort kein Gras, 
und eine Fichte bleibt dort stets klein und dürr. Trostlose 
Trauer hängt darüber wie eine ewige Strafe. Aus dem 
Munde eines in der Schlacht gefallenen Königs wächst eine 
hohe Eiche, aus dem Grabe eines Selbstmörders ein Dom- 
busch oder eine Distel. Unter den alten Hagebuttensträuchern 
der nordfriesischen Gräber hausen Wiedergänger. 

Alle bisher besprochenen Seelenformen Überbot an tiefer 
Gemütswirkung imd poetischer Triebkraft weitaus die Er- 
scheintmg der Seele in Menschengestalt. Aus dem Traum- 
bild oder auch dem wachen Phantasiebild, wie es im gram- 



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92 II. DCT Seelenglaube. 

oder schreckerschütterten Gemüte der Überlebenden nach 
dem Tode eines verehrten, gehebten oder eines gefürchteten, 
gehaßten Angehörigen aufzusteigen pflegt, wurde ein mit 
voller Leben^;röße des Verstorbenen ausgestatteter Geist, Zu- 
weilen schwebt er nur als ein Schatten vorüber wie der Geist 
von Hamlets Vater. Öfter aber ist der Wiederkehrende von 
Grabesdunst umwittert, entstellt oder verklärt, abgeblaßt oder 
gedunkelt, zuweilen ins Riesenhafte ausgereckt. Bald schwebt 
er still und flüchtig herbei, bald tritt er mit festem Fleisch 
und Bein in seiner leibhaftigen Gebärde und mit seiner Ge- 
mütsart mitten imter die Menschen, namenthch nach nor- 
discher Sage mit übermenschUcher Höllenkraft ausgerüstet. 
In ihm, dem meist furchtbaren Heimsucher, aber auch wohl 
dem Helfer und Tröster der Überlebenden, dem phantas- 
tischen Wiedergänger, hat der Seelenmythus seinen höch- 
sten, gleichsam klassischen Typus geschaffen und zugleich 
eins der wertvollsten Zeugnisse urältester Menschenkunde 
hinterlassen. Der an die Elemente, Tiere und Pflanzen ge- 
knüpfte Seelenglaube hatte entweder einen unbestimmten 
oder doch einen überwiegend ruhigen idyllischen Charakter, 
der Wiedergängerglaube legt wie kaum ein andrer das 
innerste Wurzelwerk der ältesten menschlichen Seele bloß. 
Aus ihm strömt eine leichenduftige und doch zum Leben 
drängende Poesie hervor, welche die ganze Tonleiter mensch- 
Ucher Gefühle von der jämmerlichsten Gespensterai^st durch 
die heißesten Gewissensqualen und die ergreifendsten Mutter- 
sorgen hindurch bis zu dem andachtsvollen Schauer durch- 
läuft, den auch wir vor einer überirdischen Geistermacht 
empfinden. 

Der Ursprung dieses wilden, lebenssehnsüchtigen Glau- 
bens, der doch auch ausnahmsweise so innig und zart sein 
kann, liegt in jener fernen Steinzeit, wo man die Toten, 
ihre ganzen Leiber, begrub, nicht in der späteren Zeit des 
Leichenbrandes, der nur ein paar Knochen in einem Häuf- 
chen Asche zurücküeß. Er liegt in jener Zeit roher Gewalt- 
tat, Blutrache und Selbsthilfe, in der der Mörder nach seiner 
Untat zwar Gewissensangst nicht empfinden mochte, wohl 



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II. Der Seelenglaobe. 93 

aber das verwandte unbezwingbare Gefühl, daß der Gemor- 
. dete ein Recht auf Vergeltung habe und zumal, wenn dieser 
keine rächenden Erben besaß, als Ungesühnter sich selber 
zu blutiger Sühne erheben müsse. Denn seine ergrimmte 
Seele lebte und vermochte den begrabenen Leib zu vorüber- 
gehendem Nachleben mit sich fortzureißen, wie die Werwolfs- 
seele den lebendigen in die ihr entsprechende Gestalt zwang. 
Aber nicht nur Ermordete kamen wieder, sondern alle, die 
im Leben oder im Tode nicht ihr Recht bekommen hatten, 
die, vor der Zeit gestorben, vom Leben nicht lassen wollten, 
oder die ungenügend bestattet waren. Wiederum hegt uns 
in der Wiederkehr solcher Toten ein indogermanisches 
Glaubensstück vor. 

Schon im alten Indien plagten Wiedergänger ihre Hin- 
terbliebenen und fuhren die Seelen ungeborener Kinder als 
Blutsauger um. Die Preta d. h. die Hingegangenen irrten 
zunächst hungernd auf Erden umher, bis sie durch ein be- 
sonderes Opfer zu den Pitaras oder Ahnen ins Jenseits ge- 
führt waren. Die Pitaras aber schützten oder straften ihre 
Nachkommen, je nachdem sie geehrt oder vernachlässigt 
wurden. Ein aus Kummer über die Untreue seiner Frau 
gestorbener Mann kommt jede Nacht, sie zu peinigen. Doch 
man verwarf den Glauben, daß Hausvater nach ihrem Tode 
als Dämonen ihre Gräber aufsuchten. Für das Kastenwesen 
ist dieser alte Glaube verwertet, wenn im Mahabharata die 
Brahmanenhasser nach dem Tode zu Unholden werden. — 
Die Perser dachten offenbar ähnlich. Denn Xenophon scheint 
ihren Glauben richtig aufgefaßt zu haben, wenn er den ster- 
benden König Kyros daran erinnern läßt, daß die Seelen 
derer, die Unrecht erlitten, den Mördern Schrecken ein- 
flößten. In Griechenland spielte der Glaube an die Wieder- 
kehr der Toten in verschiedenen Farben. In der Ilias fleht 
die Seele des Patroklos, in Euripides' Hekuba der Schalten 
des ermordeten Polydoros um Bestattimg, beide, weil sie 
Ruhe finden möchten. Nach Hesiod werden die Menschen 
des ältesten, goldenen Geschlechts nach ihrem Tode Dä- 
monen auf der Erde, Wächter der Menschen, die ,in Nebel 



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94 11. Der SeelengUobe. 

gehüllt' d. h. unsichtbar Recht und Unrecht beobachten, 
nato gab, wenn er auch etwas von seiner Philosophie hinein- 
vemünftelte, doch deutlicher den volkstümlichen Grund der 
Unruhe gewisser Toten an. Seelen, die ihre Sinnlichkeit nicht 
ablegen, meint er, umschweben längere Zeit ihre Graber, 
da die sinnliche Leidenschaft die Seele wie mit einem Nagel 
an den Körper hefte und sie selber fast körperlich mache. 
Der Gemeinglaube aber kamite zwei große Klassen von 
Wiedergängem, nämlich die Aoroi, die vor der Zeit Ge- 
storbenen, und die nach dem Tode Vernachlässigten. Zu 
jenen gehören die eines gewaltsamen Todes, sowie die kinder- 
los oder unverheiratet Gestorbenen, zu diesen die Unbe- 
statteten, auch die ohne die gebührlichen Totenopfer Ge- 
lassenen. Was ihnen lebend oder tot entzogen wurde, suchen 
ihre Seelen einzubringen, indem sie entweder einzeln als 
rachgierige Irrgeister Alastores umgehen oder scharenweise 
im Heer der Hekate beängstigend einherziehen. Namentlich 
die Heroen mit ihrem reizbaren Ehrgefühl machen gefürch- 
tete Angriffe auf ihre Beleidiger. Sie quälen mit vampyr- 
artigem Alpdruck, stürzen ganze Familien ins Verderben, 
erwürgen jeden, der ihnen begegnet, und verhangen sogar 
über weite Landschaften Dürre und Seuche. Danun spielen 
sie im Zauberwesen einst wie heute eine bedeutsame Rolle. 
Aus dem Grabe trieb es noch die widerwillig zum Christen- 
tum bekehrte „Braut von Korinth", den ihr genommenen 
heidnischen Bräutigam zu umarmen und seines Herzens 
Blut zu saugen. Der neue Glaube vermochte nicht diesen 
mächt^en Zug nach Vergeltung und Befriedigung zu er- 
sticken: die Manes, die Ahnen, auch noch christlicher Römer 
wurden durch Rachsucht oder Mitleid auf die Oberwelt 
zurückgeführt. 

Bei allen Germanen hieß oder heißt dieses Wesen der 
Wiedergänger, französisch revenant, oder allgemeiner Ge- 
spenst, Z)raH^, Trugbild, mimdartlich Ungeheuer, Nachsehrer, 
Netmtöter. Sein Tun ist der Wiedergang, der Nachspuk, 
das Umgehen. Groß ist die Schar der germanischen Wie- 
dergänger: Ermordete, Eitrunkene, Verhungerte, Liebende, 



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II. Der SeelengiRube. 



Kindbetterinnen und diejenigen, die in ihrer Sterbestunde 
nicht den Beistand ihrer Söhne oder nicht ein ehrliches 
Begräbnis gefunden haben; aber auch solche, denen noch 
im erkalteten Herzen der Gedanke an ihre Untat oder 
auch die Sorge um Hab und Gut brennt, oder denen ein 
Gelübde oder auch die Lust am Saus und Braus der Jagd 
keine Ruhe läßt, oder Kinder, die hilflos oder, wie man 
später sagte, ungetauft dahingerafft sind. Nach diesen ihren 
verschiedenen wirklichen Schicksalen gestaltete sich das 
Nachschicksal, das Schein- und Trugleben des Wieder- 
gängers, das ihn rächen, sühnen, trösten, befriedigen, 
schadlos halten soll, sehr verschieden. Und so bekommt 
jeder dieser so schroff abgerissenen Lebensläufe ein meist 
unheimliches, zuweilen aber unsäglich rührendes Nach- 
spiel ; der schrille Schlußakkord ihres Lebens klingt noch 
einmal dumpf wider. 

Die ältesten Wiedergänger scheinen die Seelen von 
Ermordeten und Mördern gewesen zu sein, von denen der 
eine den andern zum Bruch der Grabesruhe aufregt. Schon 
die bloße Nähe des Mörders, des „Mortmeilen", macht das 
starre Blut des auf der Bahre liegenden Erschlagenen 
fließen. Ais Hagen an Siegfrieds Bahre trat, „flössen die 
Wunden sehr". Als Richard Löwenherz sich der Leiche 
seines königlichen Vaters näherte, da brach aus dessen 
Nase das Blut hervor, als ob es zu Gott über den schreien 
wollte, der für die Ursache seines Todes gehalten wurde. 
Im Jahr 1503 troff das Blut einer aufgegrabenen Baslerin 
durch die Bahre, als ihr Mann ihre Ermordung abschwören 
wollte. Der schon indische Glaube an dieses in Mitteleuropa 
freilich erst in den französischen Artusromanen des 
12, Jahrhunderts bezeugte Bahrgericht scheint im badischen 
Volke selbst heute noch nicht ganz erloschen. — Ermordete 
und andere Verunglückte müssen nach ostdeutschem Glau- 
ben so lange umgehen, als sie noch hätten leben können. 
Nach altnordischem Gesetz begrub man mit Tod gestrafte 
Verbrecher auf der Flutgrenze, als ob das wiederkehrende 
Wasser seine Wiederkehr hindern solle. Die Bedeckung, 



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96 11' Dei SeelcDglaube. 

das Hüllen „hylja" der Leiche, wurde später im Norden 
gesetzliche Pflicht eines jeden, der den Leichnam fand; 
sogar der Mörder halte sie an seinem erschlagenen Gegner 
zu erfüllen. UnterUeß er sie, so wurde er eben deswegen 
geächtet und fühlte sich selber der Rache des wieder- 
kehrenden Gemordeten nun aus doppeltem Grunde preis- 
gegeben. Nach dem angelsächsischen Gesetz soll der Mörder 
dem Getöteten nichts nehmen, sondern ihn auf den Schild 
legen, das Haupt nach Westen, die Füße nach Osten ge- 
richtet. Mit solcher Strenge wahrte das bajuwarische 
Volksrecht die Unverletzlichkeit der Toten, daß selbst der- 
jenige, der beim Wegschießen der Aasvögel die Leiche mit 
dem Pfeil verwimdete, in Todesstrafe verfiel, — Unter den 
Mördern sind vorzugsweise die Selbstmörder zur Wieder- 
kehr geneigt ; sie müssen fort und fort nach dem Ort ihrer 
Entleibung hinwandeln, der für so unheimlich gilt, daß man 
doit nicht ruhig sterben kann. Nach altschwedischem Ge- 
setz sind sie zu verbrennen, damit sie nicht nach ihrem 
Tode andres ehrliches Volk heimsuchen. Geschwächt 
kommt der Wiederkehrsgedanke zu neuerem Ausdmck, 
wenn die Hand des Vatermörders, ja des Kindes, das nach 
den Eltern geschlagen hat, sowie die des Meineidigen, 
Diebes, Baumfrevlers sich aus dem Grab emporstreckt. — 
Ertnmkene wollen ihr Teil am Totenmahl: so tritt der 
ertrunkene Isländer Thorodd noch naß mit seinen Unglücks- 
gefahrten neun Tage nach seinem Untergang in die Halle, 
wo man bereits zu seinem Totengedächtnis das Erbbier 
trinkt. So behält auch in Schwaben das Wasser den Er- 
trunkenen neun Tage, um ihn dann wieder auszuwerfen. 
In Steiermark wandelt der Ertrunkene so lange in der 
Nähe seiner Unglücksstätte, bis er einen verlockt hat, 
ebenfalls zu ertrinken. — Fiu-chtbar rächen sich die nicht 
gebührlich Bestatteten. Nach der altisländischen E\Tbyggja- 
saga schieden eines Abends der herrische Thorolf und sein 
Sohn in Groll von einander. Heimgekommen setzte sich 
der Alte in seinen Stuhl, sagte nichts, aß nichts; seine 
Leute gingen schlafen. Als sie andern Morgens wieder 



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II. Der SeelengUube. 97 

eintraten, sitzt Thorolf noch immer da — tot! Als der her- 
be^erufene Sohn bemerkt, wie das Gesinde über den auf 
dem Antlitz des Toten lagernden Unmut erschrocken ist, 
nähert er sich dem Stuhle von hinten, zieht den schweren 
Greis rtickwärts auf seine Schultern und schlägt seinen 
Mantel um dessen unversöhntes Haupt. Darauf läßt er die 
Wand durchbrechen, und durch das Loch, das dann wieder 
geschlossen wird, schleift er ihn ins Freie. Wozu das alles? 
Zu der germanischen Totenbesorgimg , den nordischen 
„näbjargir Totenhilfen", wie zu den griechischen gehörte 
es, gleich nach dem Eintritt des Todes dem Verstorbenen 
die Augen zuzudrücken, wie es scheint, damit nicht der 
unheimlich gebrochene Blick als „böser Blick" Unheil stifte. 
In Deutschland belegte man noch dazu Augen und Mund 
mit einem Steinchen oder Geldstück, das ursprünglich 
ebensowenig wie die griechische Beigabe des Naulon oder 
Fahrgelds für einen unterirdischen Fergen bestimmt, son- 
dern eine Geldabfindung für den Toten war. Dem ge- 
fürchteten Verstorbenen zog man in anderen altnordischen 
Sagen auch eine Haut über den Kopf. Ähnlich wie den 
Thorolf im Norden, schleifte man in Deutschland einen 
toten Missetater imter der Schwelle hindurch, damit er den 
Heimweg nicht fände, ja noch heute wird hie und da aus 
demselben Grunde die Leiche nicht durch die Türe, sondern 
durch das Fenster hinausgebracht. Aus Furcht vor der 
Wiederkehr bricht man auch im fernen Indonesien eine 
Öffnung durch die Mauer. Aber den vernachlässigten 
Thorolf bezwangen alle solche Vorsichtsmaßregeln nicht; 
nach Sonnenuntergang tobte er furchtbar unter Mensch 
und Vieh und verwüstete selbst den Acker, bis er umge- 
bettet und sein neues Grab hoch umzäunt wurde. 

Viele brechen ihren eigenen Grabesfrieden aus unstill- 
barer Kampfbegier, Waidlust, Habgier imd aus Geiz. Gleich 
den marathonischen Kämpfern erheben sich die Gefallenen 
der katalaunischen Schlacht zu neuem Waffengange. Hilde, 
H(^nis Tochter, weckt auf der Insel Haey durch Zauber 
die samt ihren Waffen zu Stein gewordenen Erschlagenen 

Mtyet, £. H., Gcnun. Mythologie. 7 



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9K n. Der Seelenglanbe. 

wieder auf, und so sollen sie immer wieder kämpfen bis 
zur Götterdämmerung. Nach einer deutschen Sage sprangen 
einmal Tote aus den Gräbern den Ihrigen bei, als diese 
schon unterliegen wollten. Leidenschaftliche Jäger, später 
namentlich solche, die ruchlos den Feiertagsfrieden nicht 
geachtet haben, gesellen sich als Wiederganger der wilden 
Jagd bei. Leidenschaftliche Hauswirte kommen wieder. 
Der Isländer Vigahrapp ließ sich dicht unter der KUchentür 
stehend begraben, um von dort aus nach seinem Tode die 
Wirtschaft bequemer überwachen zu können. Weil ihm 
aber die Knechte nicht genügten, quälte und tötete er sie 
voll Zorns, ja er verödete dann seine ergibigen Äcker, 
Lachs- imd Seehimdweiden. Darum grub man ihn wieder 
aus, verbrannte ihn und streute seine Asche ins Meer. 
Milder als der Isländer verfuhr der Geist eines ober- 
schwäbischen Bauern, der seiner Kinder wegen gern nach 
Scheuer und Stall schaute und jeweils den saumsehgen 
Knechten eine „Humse" Ohrfeige versetzte. Fridthiofs Vater 
will dem Grabe seines Königs gegenüber am Strande be- 
graben sein, daß sie sich bequem über den Fjord hinüber 
zunifen können, wenn Wichtiges bevorsteht. — Endlich 
haben Geizhälse, Wucherer, Betrüger, Wortbrüchige, ja in 
Norwegen selbst Trunkenbolde und Spötter keinen Grabes- 
frieden, sondern gehen um. Zumal in den langen Winter- 
nächten um Weihnachten. Da läßt sich der gottlose Fasten- 
verweigerer ^mfangs undeutlich sehen. Die Kühe, die ihn 
erblicken, werden wild imd stoßen einander, die Menschen 
verlieren den Verstand, mit zerbrochenen Knochen findet 
man sie am andern Morgen. Und selbst der fiu-chtloseste 
aller Menschen, Grettir, ist einer Ohnmacht nahe, als er 
den von ihm besiegten Wiederganger bei seinem Fall 
seine grauen Augen starr auf den Mond richten sieht. Um 
ihn dann unschädlich zu machen, wird sein abgeschlagener 
Kopf gegen seinen Hintern gesetzt imd auf „kalten Kohlen" 
verbrannt. 

Mit versöhnendem Glanz leuchtet in dieses Reich 
düsterer Vorstellungen die Liebe hinein, die Brautpaars-, 



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U. Der Seelenglaabe. 99 

die Gatten- und die Mutterliebe. Die Mitglieder eines eng 
verbimdenen Menschenpaars treibt es zu einander, aus dem 
Leben zum Tode, aus dem Tode zum Leben, mit unwider- 
stehlicher Sehnsucht, mit unverbrüchlicher Treue. Der 
Wiedergängerglaube verklärt sich zu unvergänglicher Poesie. 
Im zweiten Eddaliede von Helgi, dem Hundingstöter, 
nimmt Odin den gefallenen Helden in Walhall auf. Aber 
es wird ihm eine „Heimfahrt" erlaubt, und die Magd seiner 
Witwe Sigrun sieht ihn mit stattlichem Gefolge zu seinem 
Grabhügel reiten und berichtet der Herrin, das Grab Helgis 
sei offen, der Fürst sei gekommen und bitte sie, das Bluten 
seiner Wunden zu stillen. So ging denn Sigrun ins Grab 
zu Helgi und sprach : 

„Nun will ich küssen dich leblosen König, 

Bevor du die blutige Brünne abwirfst. 

Dein Haar ist, mein Helgi, von Reif durchdrungen. 

Ganz bist du von Letchentau bespritzt." 
Darauf er : 

„Du allein verschuldest, Sigrun von Sefafjöll, 

Daß Helgi mit Leidestau benetzt ist. 

Du weinst, Goldgeschmückte, grinune Zähren, 

Du Sonnenhelle, eh' schlafen du gehst. 

Jede fällt blutig auf die Brust des Helden, 

Naßkalt, tiefdringend, kummerschwer." 
Und nun trinken sie zusammen im Hügel köstlichen 
Tnmk, imd selig ruht sie die Nacht dem Toten im Arme, 
bis es Zeit für ihn ist, auf fahlem Rosse die morgenroten 
Himmelswege zu reiten. Es war ein alter, nun den alten 
Weibern Oberlassener Glaube — so heißt es in einem 
Prosazusatz zum Gedicht — , daß die Beiden wiedergeboren 
seien, er als ein anderer Helgi imd sie als Kara. Es ist 
der höchste Schluß des Wiedei^ängertums, der auch noch 
hie und da im Norden gezogen wird: die Wiedergänger- 
seele kommt nicht zu einem bloß scheinbaren, sondern zu 
einem vollen neuen Leben wieder. Und zwar kann sie 
auch nach dem Prosazusatz in einer andern Person wieder- 
geboren werden, sich also auf die Seelenwanderschaft be- 



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100 U. Der Seelengkube, 



geben. Denn auch die Seelenwanderung war dem Norden 
nicht ganz fremd. Das Gedicht aber gibt der alten ein- 
fachen Wiedergängersage , die offenbar an das irdische 
Grab als alleinigen Wohnsitz des Toten gebunden war, 
ebenfalls eine andre neue Wendung. Sie spielt sich nun, der 
Einheitlichkeit des Schauplatzes beraubt, auf dem prunk- 
volleren Hintergrund des später erfundenen Totenreiches, 
der Walhalla, ab. Das germanische Volkslied aber bewahrt 
überall die ältere einfachere und wohl ergreifendere 
Fassvii^. Der dänische Ritter Aage kehrt aus dem schwar- 
zen Grund zu semer herzwunden Braut Else zurück,, die 
ihn fragt, wie es in seinem Grabe sei, indem sie unter 
Trönen seine welken Haare kämmt. Er antwortet : 

„Jedesmal daß du dich freuest 

Und dir ist froh dein Mut, 

Da ist mein Sarg ge füllet 

Mit Rosenblättern rot: 

Jedesmal daß du voll Sorgen 

Und dir ist schwer dein Mut, 

Da ist mein Sarg gefUllet 

Ganz mit geronnenem Blut." 
So folgt sie dem wieder Versinkenden in den schwarzen 
Gnmd, sowie in Schottland Margarete, bis an die Kniee 
geschtlrzt, dem Geist ihres Wilhelm durch die lange 
Wintemacht nacheilt, bis der Hahn kräht und er ver- 
schwindet im Nebel und läßt sie ganz allein. Da bricht ihr 
holder Leib tot zusammen. Und nun steiget vor uns jenes 
unvergleichliche Stimmungsbild des deutschen Volksliedes 
auf, aus dem Bürgers Lenore hervorgegangen ist : 

Der Mond scheint so helle, 

Die Toten reiten schnelle. 

„Feins Liebchen, graut dir nicht?" 
Im Volkslied des mährischen Kuhländchens nässen die 
Tränen der Witwe das Hemde desEheherm im Grabe so sehr, 
daß sie, wie sie davon hört, hineindringt, um immer bei ihm 
zu bleiben. Umgekehrt kommt in Pommern die heißgeliebte 
Frau allnächtlich aus ihrem Grabe ans Bett ihres Gatten, 



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II. Der Seelenglaube. ]01 

um ihm freundlich zuzusprechen, bis er eines Morgens auf 
ihrem Grabe gefunden wird, lang ausgestreckt, als ob er 
das Gras hätte küssen und mit seinen Armen umfangen 
wollen. Milder und behaglicher äußerte der larl Thoi^yr 
seine Anhänglichkeit an die verstorbene Gattin, wenn er 
gern auf ihrem nah bei der Wohnung gelegenen großen 
Grabhügel bei guter Mahlzeit saß, Rat erteilte und den 
Spielen zusah. Wie leidenschaftlich tanzt dagegen die tote 
Braut im Aargau auf dem Kreuzweg so lange fort, bis ihr 
der Bräutigam nachstirbt! Man mag sie im Wirbelwind, 
der die Kreuzwege liebt und Windsbraut heißt, zu sehen 
geglaubt haben. 

Alt ist auch die rührende Geschichte von der Wieder- 
kehr der im Kindbett verstorbenen Mutter zu ihrem hinter- 
bliebenen Kinde. Wochenlang kommt sie in jeder Mittemacht 
mit leisen Tritten, das Licht verlischt, und bald hört man 
das Kind an ihrer Brust begier^ saugen, oder sie kocht ein 
Müslein und wäscht die Windeln. Sie wiegt und singt es ein, 
bei ihm wachend bis zum ersten Hahnschrei. In Oberelsaß 
tränkt die Mutter Gottes, auf die die Mutterpflichten über- 
tragen sind, in stillen Nächten gütig das mutterlose Kindlein 
am Milchbrunnen. Dann lächelt es am Morgen in der Wiege 
mit seinem Milchbärtchen. In Schlesien bereitet man solcher 
Kindbetterin das Bett Wo man aber ihre Wiederkehr nicht 
wünscht, breitet man die Windeln ihres Kindes, mit Steinen 
beschwert, über ihr Grab. So bleibt sie dort. Grausam hielt 
man zu Biu^chards Zeit, um das Jahr 1000, eine samt ihrem 
Kinde in den Wochen gestorbene Frau fem; man heftete 
beide mit einem Pfahl im Grabe fest. Auch ein ungetauft 
gestorbenes Kind durchbohrten Weiber mit einem Pfahl, 
damit es sich nicht aus dem Grabe erhöbe und Schaden 
anrichte. Nach der neueren Sage tritt das Kind in seinem 
Totenhemdchen vor der weinenden Mutter Bett und fleht: 
„Ach Mutter, höre doch auf; ich kann in meinem Sarge 
nicht einschlafen, mein Hemdchen ist noch immer naß von 
deinen Tränen!" 

Leichenpfählungen trafen nach Saxo Grammatikus auch 



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103 U. Der Seclenglaiibe. 

den blutsaugenden Wiedergänger Asvit und sollen noch in 
neuerer Zeit in Pommern tote Kindbetterinnen und unge- 
taufte Kinder getroffen haben. Oder man trennte des Wieder- 
gängers Kopf ab oder durchschlug ihm die Sohlen. Oder 
man grub ihn, wie Thorolf und Vigahrapp (S. 97. 98), wieder 
aus und verbrannte ihn. Erklärt sich daraus, daß so manchen 
Toten Kopf, Hände und Füße, abgeschnitten und verbrannt, 
neben den übrigen Gliedern beerdigt wurden und in andern 
Gräbern wiederum nur der Schädel vorhanden war? Das 
waren übrigens nicht besonders germanische Maßregeln, 
sondern z. B. die Griechen ergriffen gleich erbarmungslose. 
Die Inder legten der Leiche nur eine Fußfessel an, um sie 
an der Wiederkehr zu hindern. In Altgriechenland aber 
schnitt der Mörder wohl dem Erschlagenen einzelne Glieder 
ab, um ihn zu schwächen, und hängte sie sich um den 
Nacken. In Neugriechenland nagelte man die Hände und 
die Füße des Wiedergängers fest, oder man riß ihm das 
Herz aus, zerstückelte imd verbrannte es, oder man ver- 
brannte den ganzen Körper. Den Wiedergänger unschädlich 
zu machen, beabsichtigt auch der uralte weltweite Brauch, 
Steine auf eine Mordstätte zu werfen. Zauberer, Räuber, 
Geächtete, selbst noch nicht ganz tote, steinigten die Nord- 
leute, um sie von weiterer Untat abzuhalten, und warfen 
noch später beim Vorübergehen Steine auf solche Haufen 
in demselben Sinne. In Schweden fürchtete man andern- 
falls von dem Erschlagenen irregeführt zu werden. Nach 
oldenburgischem und voigtländischem Glauben schafft am 
besten eine tiefe Einsenkung der Leiche oder eine feste 
Rasendecke der armen Seele Ruhe. Ein geistigeres Mittel 
war die Beschwönmg, mit der man in England Wieder- 
gänger feierlich in die See und in Deutschland später ein 
GeistUcher in den Wald oder auf einen hohen Berg z. B. 
den Feldberg bannte. 

Aber nicht nur gegenüber den zur Wiederkehr durch 
ihr Schicksal bestimmten Toten, sondern auch gegenüber 
den unter gewöhnlichen Umständen Verstorbenen und ge- 
bührend Begrabenen überwog die Furcht oder doch die 



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II. Der Seelengl&Dbe. 1(» 

Vorsicht die hingebende Verehrung, die sich erst später und 
auch dann nur vorzugsweise unter den höheren Ständen 
breitere Bahn machte. Hingen doch auch die gutmütigen 
und ungekrSnkten Sterbenden so fest am Leben, daß ihnen 
schon jedes Bedauern der Anwesenden das Sterben schwer 
machte. Die Furcht war der Grundzug der altgermanischen 
Totenbehandlung, wovon Burchard von Worms ums Jahr 
1000 das erste vollere Zeugnis ablegt. Er erwähnt nicht nur 
jene schauerlichen Pfählungen von Mutter und Kind, son- 
dern auch lustige Leichenwachen, Kömerverbrennen und 
Kammklappem im Sterbehause, Aufsetzen des Sarges auf 
die Mitte eines auseinander gezogenen Wagens, Schotten 
von Wasser unter die Totenbahre und anderes. Aber auch 
die VolksüberHeferung ist hier besonders reich und fest. 
Durch ganz Deutschland und auch im Norden wurde der 
Seele des Verstorbenen alsbald das Fenster zu freiem Davon- 
flug geöffnet, wo sie nicht etwa leicht von der freien Diele 
aus durch ein Loch im Dache oder den Schornstein ent- 
kommen konnte. Jeder Topf wurde umgekehrt, daß sie unter- 
wegs nicht imterschlüpfe, das Geschirr des Toten zerschla- 
gen, daß es ihn nicht festhalte. Nichts im Hause durfte 
nmdum gehen, kein Spinn-, noch Wagenrad, etwa um ihn 
nicht aufzuregen. Andererseits wurde alle Frucht gerüttelt, 
Wein imd Bier geschüttelt, damit das nicht abstände, alles 
Vieh im Stalle aufgejagt und diesem, wie auch den Bienen, 
ja selbst den Bäumen der Tod angesagt und alle Schlafen- 
den im Sterbehause geweckt, damit sie nicht mitstürben. 

So lange der Tote auf seinem Bett oder auf Stroh oder 
auf einem Brett im Hause lag, mußte er durch die Leichen- 
wache nicht nur behütet, sondern auch ergötzt werden. 
Sie dauerte schon im Nibelungenlied drei Tage und drei, 
jetzt meistens zwei Nächte. In guter Laune sollte er von 
den Lebenden scheiden, auch vielleicht derbe Scherze ihr 
Grausen betäuben. Singen und Lachen, Tanz und Vermum- 
mung bei Leichenwachen hatten im 10. und II. Jahrhimdert 
Regino von Prüm und Burchard von Worms zu verdammen, 
und im 13. sah sich das alte Stadtrecht von Zwolle genötigt, 



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104 II. Der Seeleoglaube. 

die Zahl der Wächter auf zwölf Manner und nur vier Frauen 
zu beschränken. Die Kurfürsten von Köln wiederholten im 
18. Jahrhundert ihre scharfen Verbote gegen die Gelage 
und unzüchtigen Spiele der Leichenwachen, die man noch 
neuerdings im westfälischen Sauerlande untersagte wegen 
ihrer Stelldichein und tollen Pfänderspiele. In Tirol und im 
Schwarzwald beten die Wächter meistens, aber sie spielen 
und trinken auch dazwischen und erzählen sich lustige Ge- 
schichten. Auch in Skandinavien dauern die Leichenwachen 
fort. 

Daß in dem Hause, wo ein Toter lag, nach Burchard 
Korn verbrannt wurde, scheint auch germanisch, wenigstens 
werden noch in Westfriesland, freilich mit Bezugnahme auf 
die Dreieinigkeit, drei Handvoll Gerstenkörner um den Toten 
ausgestreut, in deutschen Sagen wird Korn auf die Gräber 
geworfen, und man hat auch im Innern derselben Korn ge- 
funden. Biu-chard verbietet femer den Frauen, ihre Weber- 
kämme über der Leiche zusammenzuschlagen, was wohl die 
Seele verscheuchen sollte wie jenes Wehen mit Tüchern 
(S. 73). Die Leiche darf noch an vielen Orten in Deutschland, 
Holland und Schweden nur so aus dem Bett oder dem 
Hause getragen werden, daß ihre Füße in der Richtung der 
Tür bleiben ; so wird sie den Rückweg nicht finden. So lag 
schon Fatroklos' Leichnam mit dem Gesicht der Zelttüre 
zugewandt. Nach Burchard goß man, wenn die Leiche auf- 
gehoben wurde, schweigend Wasser unter die Bahre, wie 
man dem Sarge heute in einzelnen Gegenden Wasser, hie 
imd da auch Mehl, Asche, Feuer nachwirft, sogar dreimal 
Oder man stellte, namentlich in Niederdeutschland und Ost- 
holland, eine Schüssel Wasser unter oder an das Bett. 
Daraus hat sich auch wohl ein Seelenbad entwickelt, das 
man dem Toten ans Fenster setzt. Auch wird die Stube 
hinter der Leiche ausgefegt oder auf die Schwelle zur Ab- 
wehr ein Besen oder Stahl oder eine Axt gelegt. Die Leiche 
darf nicht höher als kniehoch in Westfriesland gehoben 
werden, nach Burchard aus Gesundheitsrücksichten. In 
Holland setzt man die Leiche noch hie und da auf einen 



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II. D«r Seelcnglaube. 105 

sogen. .Lankwagen', der aus zwei durch einen langen Wa- 
genbaum verbundenen Radergestellen besteht; einen solchen 
auseinander geteilten Leichenwagen kennt auch Burchard, 
Das Reve- oder Leichenstroh ließ man bis vor kurzem in 
Westfalen auf dem Leichenweg, in Österreich auf dem Acker 
des Verstorbenen, in Holland auf einen Kreuzweg fallen 
und verbrannte es auch wohl vor dem Begrabnisplatz. So 
wurde die letzte Verbindung zwischen dem Toten und seinem 
Hause verweht und zerstört. Ausschließlich nur mit Leichen 
befahren «-urde auch in Bayern der Totenweg, in Holland 
der Lijk-, Nood- oder Reeweg. 

Dem Toten gebührt die Totenklage, über die schon 
Tacitus in scharf zugespitzten Antithesen sich äußert. „Die 
Deutschen legen das Jammern über den Tod schnell, den 
Schmerz langsam ab. Doch gilt bei den Frauen die Klage 
für ehrenvoll, bei den Männern die treue Erinnerung." Frei- 
Uch übermäßige Klage stört die Totenruhe (S. lOOj- Aber 
Klagen wurden angestimmt bei der Bestattung der West- 
gotenkönige Alarich und Theoderich und des Langobarden- 
königs Alboin, und Beowulfs Grabhügel umritten zwölf 
Edelinge imd priesen trauernd der Männer mildesten. Der 
Indiculus des 8. Jahrhimderts bekämpfte die „dadsisas" die 
Totenklagen, die im 10. Regino von Prüm „Teufel^esänge" 
schimpfte. Man könnte fremden Einfluß vermuten, wenn bei 
den Deutschen in Siebenbürgen, Ungarn und Krain eigens 
bestellte Klageweiber ihre Weisen beün Begräbnis absingen. 
Aber im elsassischen Münstertal stürzen wohl noch nach 
einem Todesfall sofort laut schluchzende Weiber ins Sterbe- 
haus, sowie bei Mülheim a. d. Ruhr noch kürzlich Frauen 
aus der Tolenklage ein Gewerbe machten. In Schlesien aber 
darf man keine Träne auf die Leiche fallen lassen, weil 
sonst ihre Ruhe gestört oder der Weinende ihr nachgezogen 
wird. 

Weitaus die ältesten Zei^nisse für den Seelenglauben, 
ja für den Glauben der Germanen überhaupt liefert die 
Totenbestattung, Die Anlage, die Bauart und der Inhalt 
der Gräber geben mannigfachen Aufschluß über die Sinnes- 



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106 II. Der SeclenKlanbc 

weise der näheren und der fernsten Vorzeit Freilich sind 
aus der ältesten Steinzeit, in der die Menschen sich mit 
plumpen, grob zugehauenen Werkzeugen aus Feuerstein 
behalten, Gräber nicht mit Sicherheit nachweisbar, vollends 
nicht germanische; die Leichen scheinen damals ohne be- 
sondere Bräuche nachlässig verscharrt worden zu sein. 
Mit der jüngeren Steinzeit aber begann eine sorgsame 
Beerdigung des Körpers, die nach vielen Jahrhunderten 
ihres Bestandes der Leichenverbrennung wich, um diese 
dann wieder überall zu verdrängen, so dafi der Leichen- 
brand in dieser mehrtausendjährigen Geschichte gleichsam 
nur eine Episode bildet. Auch scheint er bei einten 
Stämmen der Germanen nicht recht emporgekommen zu 
sein, wenigstens nicht bei den niederen Ständen. In der 
jüngeren Steinzeit baute man aus Steinen dem Toten zuerst 
kleinere Stuben, erweiterte sie dann zu den großen Rlesen- 
stuhen oder Hünenbetten und ging dann mit Beginn der 
Bronzezeit, etwa seit 1500 v. Chr., zu der Steinkistenform 
über, einem bloßen Sarge. Meistens im norddeutschen oder 
dänischen Flachlande gelegen, wurden diese Steinhäuser 
aus mühsamst zusammengeschleppten FindlingsblOcken 
hergestellt. Nichts kann den schwermütigen Reiz der 
Heide oder der Waldeinsamkeit mehr erhöhen als ein 
Hünengrab, dessen Felssteinmauem, halb oder ganz mit 
Erde bedeckt, von einem weiteren Steinkreise wie ein Hei- 
ligtum umzäunt sind. Dennoch war dieses ursprünglich 
wohl weniger ein eigentliches, der Andacht geweihtes 
Denkmal, als vielmehr ein festes Haus, das die Toten 
schützen, aber auch einschließen imd von der Wiederkehr 
zu den Lebenden zurückhalten sollte. Die Gerippe liegen 
oder hocken in den geräumigeren Gräbern in größerer 
oder kleinerer Gemeinschaft, neben sich hochhalsige Krüge, 
trefflich geschliffene Steinbeile und oft auch schon ge- 
brauchtes, ziemlich wertloses Gerät. Brandreste in den 
Kammern scheinen darauf hinzuweisen, daß man die Toten 
von Zeit zu Zeit durch Feuer erwärmte, um ihnen ihre 
dunkle Wohnstatt möglichst behaglich zu machen. Man 



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IT. Der SeelcDglaube. 107 

dachte sich also die Toten noch fortlebend, doch nur eine 
Weile fortlebend. Denn wenn Gerippe später Verstorbener 
hineingelegt wurden, so wurden die älteren bei Seite ge- 
schafft und unordentlich aufeinander gestapelt. Nach dem 
Schädelbefund waren sie Germanen. 

Diese ältesten Germanengräber bedecken den nörd- 
lichsten Teil eines ungeheuren bogenförmigen Steingräber- 
streifens, der von Indien bis nach Spanien und von da 
diu-ch Westeuropa bis an die Weichsel und nach Schweden 
reicht. Man vermutet, daß die im Morgenland üblichen 
einfachen Felsengräber die Vorbilder dieser zwar künst- 
ücheren, aber immerhin noch einfacheren Steii^räber 
gewesen seien, die in den ägyptischen Pyramiden und den 
mykenischen Kuppelgräbem ihre höchste Kunstform ge- 
funden hätten. Wie dem sei, jedenfalls ist der Glaube an 
jene sehr bedingte UnsterbUchkeit mit der von Volk zu 
Volk getragenen alten Kulturmitteilung der Steingräber 
nicht so fest verknüpft, daß er nicht auch schon vorher 
hatte gewonnen werden können. Doch mag er in dieser 
eingeführten fremden Grabform eine neue Stütze gefunden 
haben. Noch bis in die altere Bronzezeit hinein, in der die 
Steingeräte den Bronzegeräten wichen, bis etwa zum Be- 
ginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends, wiu-den die 
Leichen unverbrannt in Steingemächern oder nun auch in 
Steinsärgen beigesetzt. 

Nicht lange vor der jüngeren Bronzezeit aber, die im 
Norden etwa mit dem 8. Jahrhimdert v. Chr. anhob, wiu-de 
der ebenfalls aus dem Orient herübergebrachte Leichen- 
brand bei den Germanen üblich. Er scheint aus einem 
Umschwung des Glaubens hervorgegangen zu sein. Wollte 
man die Seele vom toten Leibe entschiedener loslösen imd 
aus der diunpfen Grabesruhe befreien, ihr einen anderen 
lichteren Raiun zum Weiterleben schaffen? Nach der 
ältesten indischen Urkunde, dem Rigveda (10, 14 ff.), gibt 
es unverbrannte und verbrannte Ahnen. Für den imver- 
brannten wird bei der Totenfeier gebetet: „Spring auf, 
o Erde, presse dich nicht nieder. Umhüll ihn, Erde, wie 



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lÜä II. Der Seelenglaube. 

den Sohn die Mutter hüllt in ihr Gewand" (10, 18, 11). 
Dagegen fährt die Seele des Verbrannten auf dem Feuer 
leicht wie auf einem Wagen ins Reich des Totengottes 
lama und vereint sich mit ihm imd den Ahnen, mit neuem 
Leibe glänzend (10, 14, 8). Nach der lüas 7, 410 werden die 
Toten erst durch ihre Verbrennung besänftigt, nach der 
Odyssee 11,222 vernichtet das Tolenfeuer die Sehnen, die 
Fleisch und Gebein zusammenhalten, die Seele aber fliegt 
frei davon. Von Kleinasien, wo die homerische Dichtung 
entstand, kam der Leichenbrand erst im 7. Jjüirhundert nach 
Attika, imd die römischen Zwölftafeln des 5. Jahrhunderts 
kannten beides, das Beerdigen und das Verbrennen. Die 
Germanen legten die verbrannten Gebeine in einem Ton- 
gefaß in einem kleinen von Steinen lungebenen Raiun oder 
auch in einer Holzkiste oder auch ohne Behälter in der 
Erde nieder. Aber dann wurde nach altem Brauche, wie 
früher über den unverbrannten Gerippen, auch über den 
verbrannten ein Hügel gewölbt. 

Weit jünger als die germanischen Aschenumen der jün- 
geren Bronzezeit ist das älteste literarische Zeugnis, das 
des Tacitus; „die Leichen berühmter Männer werden auf 
bestimmten Holzarten samt ihren Waffen und auch wohl 
ihrem Rosse verbrannt." Aber gerade bei den westdeut- 
schen Stämmen, die Tacitus am genauesten kennt, ist 
dieser Brauch schon vor dem 5, Jahrhundert wieder er- 
loschen. Das salische Gesetz spricht nur von Beerdigung. 
Nicht einmal die deutsche Heldensage, die doch in der 
Völkerwanderung wurzelt, weiß von Verbrennung, und 
auch in den Geschichts- und Rechtsbüchem der Burgunder, 
Bayern, Langobarden und Goten fehlt jeder Hinweis 
darauf. Im Gegenteil, die großen historischen bekannten 
Leichenfeiern sind Beerdigimgen : die Westgoten senkten 
ihren König Alarich mit vielen Schätzen in das trocken 
gelegte Busentobett und beerdigten hernach ihren greisen 
König Theoderich in vollem Waffenschmuck angesichts des 
feindlichen Heers auf dem katalaunischen Schlachtfeld. 
Der Frankenkönig Childerich (f 481) und der Langobarden- 



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II. Der Seelenglaube. 109 

könig Alboin wurden in voller Wehr beerdigt, der erste 
sogar mit seinem Rosse. Noch Kaiser Otto HI soll Karl 
den Großen in der Domgnift zu Aachen in voller Kaiser- 
pracht thronend gesehen haben. Nur die Sachsen hielten 
am Leichenbrand zäher fest , nicht nur in der Poesie. 
Beowulfs „Beinbaus" wird auf einem mit Waffen behängten 
Scheiterhaufen verbrannt, so daß der Rauch Ober das nahe 
Meer hinzieht, und dann die Brandstätte mit einem hohen 
breiten Hügel, einer „den Seefahrern weithin sichtbaren 
Burg", zugedeckt, und noch Karl der Große setzte auf den 
Leichenbrand und solche Hügelbestattung der Sachsen 
Todesstrafe. 

Die westlichen Nordleute gaben, wie die Gräberfunde 
lehren, schon seit der Volkerwanderungszeit das Brennen 
nach und nach wieder auf, so daß z. B. auf der seit etwa 
900 n. Chr. besiedelten Insel Island keine Spur mehr davon 
zu finden ist. Die östlichen Nordgermanen bUeben beim 
alten Brauch noch im 10. Jahrhundert. Aber auch in der 
Sage und Dichtimg der Norweger und Isländer wurden 
noch viele Jahrhimderte nach dem Aussterben der Sitte 
Scheiterhaufen für die gefallenen Helden angezündet, 
offenbar, um ein so altes malerisches Motiv nicht zu ver- 
lieren. Der Deutsche Siegfried, der nach seiner heimischen 
Sage beerdigt wird, verbrennt in der nordischen auf einem 
Holzstoß, und mit ihm verbrennen seine Brynhild, Knechte 
und Mägde, zwei Himde und zwei Habichte, ein stattliches 
Gefolge, damit dem zum Totenreich voranziehenden Fürsten 
die hinter ihm zuschlagende Tür der Hei nicht auf die Fersen 
fallen könne. Aber die nordische Überlieferung schwankt 
auch in ihren Berichten von der Bestattung echt nordischer 
Götter und Helden. Nach dem Dänen Saxo erhielt Balder 
ein kön^liches Begräbnis, nach der isländischen Prosaedda 
aber einen großartigen Leichenbrand auf einem auf das 
Land gezogenen Schiffe. Als er hinaufgetragen wurde, 
brach seiner Gattin Nanna das Herz. Mitverbrannt wurde 
sein Roß in vollem Reitzeug, das Schiff wiu-de auf das 
Meer gestoßen. Auch der verstorbene Dänenkönig Harald 



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110 II. Der S«el«iiglaube. 

Hilditönn wurde nach Saxo mit Roß, Wagen und Waffen 
auf einem Schiffshinterteil verbrannt und seine Urne in 
Lethra beigesetzt, dagegen ließ nach andrer Sage König 
Hring die Leiche Haralds, gewaschen und au^erQstet, atif 
einem Wagen in den aufgeworfenen Hügel führen, das 
Roß toten und seinen eigenen Sattel zu dem Toten legen, 
damit dieser nach eigener Wahl nach Walhall reiten oder 
fahren könne. Waffen und Ringe warfen Hrings Krieger 
hinein. Die Schweden wollten den toten Frey nicht ver- 
brennen, sondern begruben ihn, um ihrem Lande seine 
Gaben, gute Zeit und Frieden, zu erhalten. 

Nach den nordischen wie deutschen Gräberfunden 
wurden in dem Brennalter der Bronzezeit nicht Waffen 
und anderes Kriegs- oder Jagdzeug , sondern nach der 
Mode des klassischen Altertums vollständige Speise- imd 
Trinkgeschirre in den Grabhügel gelegt. Die Herkunft 
dieser charakteristischen Beigaben aus dem Süden bezeugt 
am deutlichsten die häufige ungermanische Verzierung der 
Gefäße mit Mäanderbändem. Man suchte dem Verstorbenen 
das Dasein nach dem Tode möglichst genußreich zu ge- 
stalten. In jenen meist späteren Bestattungsberichten sind 
also die Bräuche verschiedener Zeitalter, das Brennen der 
Bronzezeit imd die kriegerische Ausstattimg der jüngeren 
Wikingerzeit, durcheinander geworfen. Tadtus zwar fand 
nach seiner obigen Aussage schon im Brennalter die Bei- 
gaben von Waffen und Roß vor, im Norden aber drang 
erst in der Wikingerzeit der neue kriegerische Geist in die 
Gräber, die Leichen wurden erst damals für ein weiteres 
Kampfleben, für Walhall ausgerüstet. Und die Ynglinga- 
sage verheißt jedem in Walhall den Besitz alles dessen, 
was auf seinen Scheiterhaufen gelegt ist. So fand man in 
den Bomholmer Gräbern, die der jüngeren Eisenzeit ange- 
hören, volle Waffenrüstung, auch Messer, Schere und 
Wetzstein und wiederum des Toten Reitpferd und Hund, 
einen Hund von großer, dänischer Rasse. 

So bargen die Grabhügel über verbrannten wie unver- 
brannten Leichen allerhand Schätze, die die Lebenden oft 



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II. 0er S««1«aglaube. 



zum Nachgraben reizten, zum „Haugbrot" oder Hügel- 
bruch. Wer an der langen norwegischen Küste hinsegelte, 
sah ihrer viele, luid die Schiffer verkürzten sich gern die 
Zeit mit Geschichten von ihren Insassen. Dafür dankbar 
trat einmal einer von ihnen, der tote König Vatnar, aus 
seinem Grabe, um dem Erzähler im Traume zu erscheinen 
und ihm zu sagen: „Du hast meine Sage erzählt; nun will 
ich dich belohnen. Suche nach Gütern in meinem Grabe, 
und du wirst noch etwas finden." Er suchte imd fand viel. 
Eigenartig germanisch, wenigstens nordgermanisch, ist 
die Ausstattung des Toten mit einem Schiff, das bald 
unversehrt mit ihm aufs Meer gestoßen oder beerdigt, bald 
brennend mit ihm aufs Meer gelassen oder verbrannt mit 
ihm gleichfalls mit Erde zugedeckt wurde. Wie oben be- 
merkt, wurde Balder auf brennendem Schiff den Wogen 
übergeben, Harald Hilditönn aber auf einem Schiffshinter- 
teile verbrannt und dami mit einem Erdhügel bedeckt. 
Den Stammvater der dänischen Könige, Skyld, legten nach 
dem Beowulfgedicht seine Leute nach seinem Tode reich- 
geschmückt beim Mäste in den Schoß eines Schiffes, be- 
festigten ein goldnes Banner hoch über seinem Haupt und 
schoben das Fahrzeit ins Meer hinaus auf eine Ungewisse 
Fahrt. Die Völkerwanderung scheint die Schiffsbestattung 
tief ins Binnenland gebracht zu haben: im 15. Jahrhundert 
fand man im Hemer Oberland ein Totenscbiff mit vielen 
Gerippen tief in der Erde. Aber die wichtigsten zwei Zeug- 
nisse, ein antiquarisches und ein historisches, sind noch 
nicht gegeben. Vor einher Zeit ist ein mit Erde bedecktes 
Schiffsgrab, das etwa aus dem Jahre 900 n. Chr. stammt, 
bei Gokstad in Norwegen gefunden worden; es barg ein 
mit einem Mast und 32 Rudern versehenes Schiff, dessen 
Bord mit Schildern behängt war, und dem darin liegenden 
unverbrjinnten Toten waren Pferde und Hunde beigegeben. 
Andere solcher Schiffsgräber sind außer in Norwegen noch 
in Schweden, aber nicht in Dänemark gefunden worden. 
Aber um dieselbe Zeit berichtet der Araber Ibn Fadlän 
von Schiffsbestattungen der skandinavischen Russen, d. h. 



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112 II. Der SeelenRlaube. 

der östlichen Nordgermanen, die den russischen Staat 
gründeten. Er traf ihre Kauf leute in den Jahren 921 und 922 
unter den Wolga-Bulgaren. Einen Armen legen sie nach 
seinem Tode in ein eigens dafür gebautes kleines Schiff 
und verbrennen es. Beim Tode eines Reichen aber teilen sie 
seine Habe in drei Teile, von denen der eine der Familie 
zufällt, der zweite für die Ausstattung des Toten verwendet 
wird, während sie für den dritten berauschende Getränke 
kaufen, um es an dem Tage zu trinken, an dem ein Mad- 
chen (die Lieblingskebse?) sich dem Tode preisgibt und 
mit dem Herrn verbrannt wird. Denn sie ziehen ein Schiff 
auf das Land und legen darin den prächtig gekleideten 
Toten auf eine mit Tüchern und Kopfkissen bedeckte 
Ruhebank. Dann bringen sie ihm berauschendes Getränk, 
Früchte, Basihenkraut, Brot, Fleisch und Zwiebeln, auch 
seine Waffen. Dann werfen sie das Fleisch eines in zwei 
Teile zerschnittenen Hundes und zweier müde gehetzter 
und zerstückelter Pferde ins Schiff, endUch einen geschlach- 
teten Hahn und ein Huhn. Das Schiff wird mit seinem 
Inhalt verbrannt und ein Hügel darüber aufgeworfen. 

Fast durch ein Jahrtausend kann man als stets wieder- 
kehrende Grabbeigaben Waffen, Pferd und Hund verfolgen; 
ein kämpf- und jagdfrohes Geschlecht ruht zwischen ihnen. 
Je nach der Mode der Zeit, dem Stande, dem Vermögen 
und vielleicht auch Je nach dem Charakter des Verstorbenen 
wurden zu seiner Rüstung noch Schmucksachen, Haus- 
rat, Nahrungsmittel und Amulette hinzugefügt. Von letzteren 
z. B. enthielt ein schönes seelandisches Grabgefäß aus Bronze 
ausser einem Pferdezahn und Ebereschenzweig Reste eines 
Vogels, eines Wiesels, einer Natter, als ob diese uns schon 
(S.76) bekannten Seelentiere dazu ausersehen wären, das 
Seelenleben des Toten zu schützen und zu fristen. Die see- 
fahrenden Nordleute brachten das Schiff hinzu, das auch 
in ihrem Götterkultus und in ihrer Kunst eme viel wich- 
tigere Rolle spielte als bei den Binnenlandsbewohneni. In 
einem jütischen Sandhügel der jüngeren Bronzezeit fand 
man, in einem Tongefäß in einander gesteckt, etwa 100 kleine 



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II. Der Seelenglaube. 113 

Goldboote, die wahrscheinlich Votivgaben für die Götter 
waren, und viele südskandinavische Felsenzeichnungen der- 
selben Zeit zeigen uns neben bewaffneten Männern und 
Wagen mit Pferden am häufigsten Schiffe mit hohen „Hör- 
nern" oder Steven, oft zu ganzen Flotten vereint. Später, 
in der jüngeren Eisenzeit, verwendete man das Schiff 
auch für den Totenkultus. Man richtete namentlich in Däne- 
mark zahlreiche Schiffssteinsetzungen auf, zwei schwach 
um das Grab ausgebogene Steinreihen. Tiefer griff, wie wir 
gesehen, die eigentliche Schiffsbestattung ein. Das Schiff 
war wahrscheinUch nicht nur dazu bestimmt, dem Verstor- 
benen in einer anderen Welt zu dienen, sondern ihn auch 
sicher über etwaige hemmende Gewässer dahin zu geleiten, 
gerade wie auch das mitbegrabene oder mitverbrannte Pferd 
oder dessen Stellvertreter, das Rind, Die Reise nach Wal- 
hall mochte Harald Hilditönn zu Wagen oder Roß machen 
(S. 110), imd die auf jütischen Leichen gefundenen Kuhhäute 
sollten ihnen die Hilfe der geopferten Tiere sichern. In 
christlicher Zeit, zuerst nach einer St, Galler Urkunde von 
806, fiel auf germanischem, wie keltischem Boden das dem 
Sarge voranschreitende oder nachfolgende Rind oder Pferd 
der Kirche statt dem Grabe zu, um dem Seelenheil des 
Toten zu dienen. Man gedenke dabei des indischen Bestat- 
tungsgebrauches, den Schwanz einer Kuh, mit deren Fell 
der Tote GUed für Glied belegt wurde, ihm in die Hand zu 
geben, damit er auf schwindelndem Wege nicht falle. 

Noch heute führt man dort an das Lager des Sterbenden 
eine reich geschmückte Kuh, damit dieser sie beim Schwanz 
ergreife und sicher zur anderen Welt hinübergeführt werde. 
Merkwtirdigerweise haben alte Leute in Mecklenburg ge- 
hört, daß kurz vor dem Abscheiden eines Famihenmitglieds 
ein Stück Vieh ins Zimmer gebracht worden sei, damit der 
Sterbende seine Seele in dasselbe hineinhauche. Die deut- 
schen Redensarten: ,die schwarze Kuh drückt ihn' oder 
,hat ihn getreten' bedeuten so viel als : ,er ist todkrank' oder 
,er ist gestorben'. Das norwegische Gedicht Draiunakvaedi 
preist den glücklich, der in dieser Welt den Armen eme 

Mcycr, E. H., Ctrman. Mjthologi«. B 



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114 11. Der Heelenglaube. 

Kuh gibt, er braucht nicht schwindlig auf der Gjallarbru, 
der Totenbrücke, zu gehen. 

Und auch den preist es glücklich, der in dieser Welt 
den Armen Schuhe gibt, er braucht nicht barfuß die Domen- 
heide zum Totenreich zu durchwandern. Der Holsteiner 
Godeskalk sieht auf seiner um 1 190 unternommenen visionären 
Reise zuerst eine breite Linde, die über und über mit Schuhen 
behangen war, die denjenigen, die im Leben barmherzig ge- 
wesen, gereicht wurden, um darnach eine weite Domen- 
heide zu durchschreiten. Diese Jenseitsschuhe sind nach 
dem Volksglauben von Yorkshire dieselben, die man im 
Leben Armen geschenkt hat. So wurde denn auch dieses 
%vichtigen Reisebedarfs bei der Bestattung nicht vergessen. 
Es war im Norden Sitte, den Toten Heischuhe zu binden, 
in denen sie nach Walhall gehen konnten. Auch in Deutsch- 
land wurden sie mit Totenschuhen versorgt, um unverletzt 
über die spitzen Steine und durch die Domen der Unter- 
welt schreiten zu können. Nach einem rührenden, noch nicht 
völl^ erloschenen deutschen Volksbrauch bedenkt man die 
im Kindsbetl Verstorbene mit Schuhen, damit sie zu ihrem 
zurückgelassenen Kind kommen und es säugen könne. Statt 
Schuhe den Toten ins Grab zu geben, spendete man sie in 
christlicher Zeit den Armen als Gottesschuhe, Lukasschuhe<, 
Hedwigssohlett, oder auch in Gebildbrote für die Armen 
verwandelt. 

Diese oft reiche, oft ärmliche Aussteuer der Toten 
war gewohnheitsrechtlich genau bemessen. Ein Drittel der 
Habe jenes russischen Nordmanns an der Wolga wurde 
dazu verbraucht, dem Toten Kleider zuzuschneiden. Aus 
diesem für die Totenbestattimg bestimmten Drittel wahr- 
scheinlich nur der fahrenden Habe wurde nach der Chri- 
stianisierung in England, Frankreich und Deutschland 
the deads part, la partie au mort, der Totenteil, oder der 
sdwlsceat oder Seelschats, Seelgerät, Seelteil, ursprünglich 
ebenfalls ein Drittel der fahrenden Habe, das aber nun der 
Kirche oder den Armen zufiel, nicht im Grab erstarb. 
Daher erklärt sich auch, daß der Seelschatz noch bei 



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U. Der Seelenglaube. 115 

offenem Grabe geleistet und daß die altheidnischen Bei- 
gaben des toten Kriegers, Waffen und Streitroß, der christ- 
lichen Kirche zugewendet wurden. Doch kehrte man sich 
schon in der Heidenzeit nicht immer an solche strenge 
Teilungsvorschrif ten : in der Vatnsdaelasaga wird alles, was 
der Held im Krieg erobert hatte, nicht vererbt, sondern 
als sein eigenstes Eigen mit ins Grab gesenkt. 

Der höchsten Totenbeigabe ist noch nicht gedacht, des 
mit dem Toten im Leben eng verbundenen Menschen. Die 
Gefolgsleute eines deutschen Fürsten verschmähten es 
nach Tacitus, ihren in der Schlacht gefallenen Herrn zu 
überleben. Sie mögen mit ihm ein gemeinsames Grab ge- 
funden haben. Nanna folgt ihrem Gatten, Brynhüd mit 
Knechten und Mägden ihrem Geliebten auf den Scheiter- 
haufen, aber dies scheint reine Poesie, der die Wirklichkeit 
nicht entsprach. Blutsbrtlder schwiu^en sich nach Saxo 
gegenseitig zu, daß nach dem Tode des einen der andere 
sich begraben lasse. Auch sitzt nach einer anderen Erzäh- 
lung der Überlebende wohl bei dem Verstorbenen drei 
Nachte im Hügel. 

Reste der Sitte, dem Toten allerhand Sachen zu wei- 
terem Gebrauch mit in den Sarg zu legen, bestehen im 
Widerspruch mit der christlichen Lehre bei allen ger- 
manischen Stämthen bis auf den heutigen Tag. 

Nicht nur durch solche einmalige Liebesgaben, sondern 
auch durch wiederkehrende Tolenopfer wurde für Nah- 
rung und Ehrung des Verstorbenen gesorgt. Die Stiere 
und Böcke, die die Deutschen nach Papst Zacharias' An- 
gabe um 748 den Göttern beim Totenopfer schlachteten, 
galten wohl eigentlich nicht den Göttern, sondern den 
Toten. Papst Gregor III. im Jahr 739 und kurz darauf der 
erste Artikel des Indiculus und später Burkhard von Worms 
bekämpften diese deutschen Opfer, durch die manche Tote 
ebenso wie Kirchenheilige gefeiert wurden. Im Norden wenig- 
stens opferte man dem König Olaf Geirstadaalf um Frucht- 
barkeit an seiner Grabstätte wie einem Alf d. h. Halbgott, 
und man verteilte die Gebeine Halfdans des Schwarzen 



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116 II. Der Seelenglaube. 

gerade wie die Reliquien eines griechischen Heros oder 
eines christlichen Heiligen, damit sie mehreren Land- 
schaften zum Schutz und Segen gereichten. Nach Rimberts 
Leben des H. An^ar erhoben die Schweden ihren König 
Erich sogar unter die Götter, bauten ihm einen Tempel 
und opferten ihm darin. Schon die Brandstätten der myke- 
nischen Kuppelgräber und der germanischen Riesenstuben, 
welche unverbrannte Leichen bergen, scheinen Opferstellen 
gewesen zu sein. Kunstloser angelegte Gruben auf Grab- 
feldem der Merowingerzeit sind mit Asche, Kohlen, Gefäß- 
scherben und Tierknochen angefüllt zum Beweise, daß in 
ihnen die den Toten dargebrachten und auf den Gräbern 
genossenen Mahlzeiten zubereitet wurden. Da der altger- 
manische Opferhof häufig zum Gerichts- und Versamm- 
lungsplatz diente, so erklärt sich, warum man noch im 
Mittelalter auf großen Grabhügeln, als auf früheren Toten- 
opferstatten, Gerichte und Versammlungen abhielt; so auf 
dem Gunzenie bei Augsburg und dem Birtinie bei Rotten- 
burg am Neckar. Bei dem schifförmigen Grab von Bloms- 
holm in Südschweden steht ein „dömhringr" ein Gerichts- 
steinring mit einem mächtigen (Opfer ?)stein in der Mitte. 
Die Totenopfer wurden später von den heidnischen Fried- 
höfen auf die christlichen übertragen, und mit ihnen 
drangen Gelage, Gesänge und Tänze sogar in die Kirche, 
namentlich in deren Vorraum, das „Paradies". Im Jahr 1348 
wurden diese Lustbarkeiten auf den Gräbern am Nieder- 
rhein unterdrückt; noch 1638 hielt in England die Kirchen- 
behörde darnach Umfrage. 

Einflußreicher als die Übertragung der Totenopfer von 
heidnischen Gräbern auf chiistliche war ihre schon früh 
aus praktischen Gründen vorgenommene \'^erlegung vom 
Grabe ins Sterbehaus. Hier wurde das Leichenmahl ge- 
halten, seltener vor dem Hinaustragen der Leiche, meistens 
nach der Beerdigung. Es ist das niederdeutsche Tröstelbier 
oder Rüeaten Reu-, Traueressen, das nord- und mittel- 
deutsche Fell-, Haut-, Bastversatt/en oder -verzehren, das 
Sachsenhäuser Totenvcrtansen, das bayrische £indaichteln, 



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II. Det S«elenKlaube. 117 

das gemeinhochdeutsche Totenvertrinken. Die englischen 
„minnying days" Gedächtnistage, das jütische ,der seligen 
Leiche Heil trinken' und das altnordische ,drekka erfi' das 
Erbe trinken oder ,erfiöl' Erbbier weisen schon auf einen 
höheren Sinn. 

Im Norden wurde die Erbteilung am Begräbnistage oder 
am 7. oder am 30. Tage nach dem Tode, oft aber auch 
wegen der gewallten Entfernungen erst am Jahrestage des 
Begräbnismahls vorgenommen. Dann strömten wie zum 
Julgelage oder zum Thing von nah imd fem die Gäste zu 
der Feier herbei, die drei Nächte dauerte. Die nächsten 
Verwandten aber, z. B, die Söhne Hjaltis, gingen zu ihres 
Vaters Erbgelage so schön gekleidet, daß die Leute glaub- 
ten, die Äsen kämen. Am ersten Abend saß der Erbe auf 
einer Stufe des Hochsitzes, den man für den anwesend 
gedachten Ehrengast, den Geist des Verstorbenen, frei hielt 
Dann aber nach einem Minnetnmk auf diesen und die 
Götter, mit dem er vom Toten freimdlich Abschied nahm, 
bestieg er den leeren Hochsiuhl und nahm damit sein Erbe 
in Besitz. Dann \vurde ein Preisgedicht auf den Toten vor- 
getragen. Diese Teilnahme des Toten an seinem eigenen 
Gedächtnismahl tritt bei den einfacheren deutschen Leichen- 
schmäusen ziu^ck. Doch verweilte noch nach neuerer 
Aussage in Ostpreußen der „Geist" wahrend dieses Mahls 
hinter einem breiten Handtuch, womit der Sarg in die Tiefe 
gesenkt war, oder er setzte sich ungesehen mit zu Tische, 
an den man ihm Stuhl, Licht, Speise imd Trank hingestellt 
hatte. Erst mit den Gästen entfernt sich auch er. Dieser 
Stuhl war auch in Schlesien gebräuchlich. In Oldenburg 
kehrte der Tote drei, im Vorland neun Tage nach seinem 
Tode zum Hause zurück, wahrscheinlich um sich wie der 
ertrunkene Therodd (S. 96) seinen Anteil am Totenmahl 
zu sichern. 

Ein kleiner Zug ist noch bezeichnend, weil er ähnlich 
im alten Griechenland wiederkehrt. Die Verstorbenen haben 
namentlich Anspruch auf das Haus- oder Heimbrot. Wenn 
jemand in Tirol Brosamen auf die Erde fallen läßt, so sagt 



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118 II- Der SeelcDglaube. 

er: „Arme Seelen, rappet, daß 's der Tuifel nit dertappet", 
und wenn er Brosamen ins Feuer wirft, so kommen sie 
armen Seelen zu. Auch in Griechenland gehörten vom Tisch 
gefallene Brosamen den Verstorbenen, den Heroen. 

Wieder stoßen wir hier auf einen den Indogermanen 
gemeinsamen eigentümlichen Festbrauch. In Indien stimm- 
ten die verschiedenen Provinzen in der Wahl und Zahl der 
Totengedächtnistage nicht immer genau überein. Aber 
der 1., 3., 7.,9. nach dem Tode springen als die beliebtesten 
Tage der Wasserspenden an den Verstorbenen und der 30. 
als ein Haupttotenopfertag deutlich heraus. Am dritten, 
später am 10. (9.?) Tage lud der Erbe den Verstorbenen 
zum Kloßopfer ein und trat damit seine Erbschaft an. Die 
Seele der toten Perser blieb bei ihrem Leibe noch drei 
Tage bis zum Schaf- oder Ziegenmahl, und während neun 
Tage durfte kein Feuer im Hause brennen. Am 30. Tag 
war das Totenopfer. Nachdem die Griechen am 3. Tage 
das Grabesopfer der Trita dargebracht hatten, nahmen sie 
das Perideipnon, das Rundmahl, ein, wobei in die Runde ge- 
tnmken und der Verstorbene, der für den Wirt galt, ge- 
priesen wurde. Auch noch am 9. oder 10. Tage setzte man 
Speisen, die Ennata oder Neunten, aufs Grab und schloß in 
Athen am 30, die Trauerzeit. Die Römer reichten dem 
Toten am 3. oder 7. Tage das Silicernium, Schweigemahl, 
am Grabe und feierten am 8. und 9. Tag in großer Stille 
daheim das Novemdiale, das Neuntagsopfer. Alter war 
wahrscheinlich die Circumpotatio, der Rundtrunk, den das 
Zwölftafelgesetz verbot. Doch der Grundsatz blieb: „Keine 
Erbschaft ohne Totenopfer". Beide klassischen Völker 
brachten auch ein Jahrestotenopfer. Die littauische Toten- 
feier endet mit dem 9. Tag. 

Diese heidnischen Festsetzungen eignete sich, auf bib- 
hsche Stellen gestützt, auch die Kirche für ihre Seelmessen 
an, und so sind auch im deutschen Mittelalter der 3., der 
7, und der 30. oder 40. Tag durch feierUche Seelgottes- 
dienste ausgezeichnet. Und manche Geistliche hatten die 
Neigung, diese Totenfeste nicht nur in christlichem, sondern 



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n. Der Seelenglaube. 119 

auch in heidnischem Stil mitzufeiern, so daß die Wormser 
Synode A'on 868 den Priestern verbieten mußte, an den 
Totengedächtnistagen des 3., 7., 30. oder am Jahresgedächt- 
nis sich zu berauschen, zu Ehren der Heiligen zu beten 
und der Seele des Verstorbenen zuzutrinken, Klatsch- und 
Lachgeschichten zu erzählen oder zu singen und sich gar- 
stige Scherze mit einem Bären und mit Tänzerinnen und 
Maskenspiele, talamascae, vorführen zu lassen. Noch im 
Scherzgedicht vom Frankfurter Borgerkapitän trinkt man 
beim Leichenmahl des ,Gestorbenen Gesundheit'. 

Nicht nur eine Privatfeier des Einzeltoten, sondern auch 
eine umfassendere gemeinsame Feier mehrerer Toten eines 
Geschlechts oder einer ganzen Gemeinde kannte bereits 
das indogermanische Altertum. Drei Generationen Ahnen 
bis zum Urgroßvater wurden geehrt ; „einen vierten Ahnen 
gibt es nicht" sagte ein indisches Gesetzbuch. Spater opferte 
man den Ahnen bis ins zwölfte Glied hinauf und empfahl 
endlich auch dringlich die Ehrung der verstorbenen Mütter. 
Ahnenopfer brachte auf der Hochzeit das junge Paar, 
wenn es zum Zeichen der Fruchtbarkeit mit Reis bestreut 
war, und wenn die Braut sich dem häuslichen Feuer und 
den Ahnen verneigte. Die indischen Hausregeln setzten ftlr 
die allgemeinen Haupttotenfeste den Nachmittag der zwei- 
ten Monatshälfte am Ende und am Anfang des Winters an. 
Nachdem die herangekommenen Ahnen mit Speis und 
Trank gestärkt waren, wurden sie entlassen mit den Wor- 
ten „Nun gehet fort, ihr Väter, auf euren tiefen alten Pfa- 
den", und wiu-den auch wohl bis zur Dorfgrenze begleitet. 
— Die Perser spendeten zu Ende Februar den Ahnen und 
den Armen ein Mahl. — Auch die Griechen opferten den 
Toten gegen Abend an den drei letzten Monatstagen im 
Frühling, wie im Herbst. Auch sie vertrieben bei der Dar- 
reichung ihrer Gaben die Seelen mit den Worten: „Aus 
der Türe, ihr Seelen". In Attika beteten die Neuvermählten, 
die auch mit Früchten überschüttet wurden, zu den Dritt- 
vätem um Kindersegen. — Die Römer öffneten beim Ein- 
tritt des Bräutigams ms Haus, der dabei Nüsse ausstreute, 



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U. Der Seeleoglmbe. 



die Schreine, in denen die Ahnenbilder standen. Auch sie 
feierten im Frühling wie im Herbst ein Totenfest, vorzugs- 
weise gegen Ende des Tags und Monats. Im Mai entließ 
man die Lemuren, die unruhig umgehenden Verstorbenen, 
nach einem Bohnenopfer mit dem neunmaligen Rufe: 
„Geht hinaus, ihr Ahnen," 

In denselben Bahnen bewegte sich die Seelenfeier der 
heidnischen Germanen und verließ sie auch nicht nach 
der Bekehrung. Auch sie schoben sie gern auf das Ende 
eines Zeitabschnitts, In der Oberpfalz und am Rhein kom- 
men die armen Seelen jeden Samstag aus dem Fegfeuer 
in ihr Haus, und an diesem Tage wird ihnen im Zillertal 
ein Stück Butter auf den Dreifuß des Herdes gelegt, um 
ihre Brandwunden zu salben. In Tirol und Böhmen bleiben 
sie vom Mittag- oder Abendläuten des Allerheiligentags 
bis zum Morgenlauten des folgenden Allerseelentags. Am 
Schluß der Ernte, im Herbst, feierten die Marsen beim 
Tempel der Tanfana ein großes Erntefest, an dem als 
Teilnehmer wahrscheinlich auch die Toten gedacht wur- 
den. Denn zu derselben Zeit ehrten die Sachsen nach 
ihrem Sieg bei Scheidungen im Jahre 531 drei Tage lang 
ihre Toten, offenbar nach älterer Sitte. Die Kirche ver- 
legte auf den 29. September das Fest ihres Seelenpatrons 
St. Michael, und in der damit verknüpften Festzeit, der 
,Meinwcke' oder ,Gemeinen Woche', wurden täglich Seel- 
messen gelesen. Im Norden trank man auf dem Herbstfest 
zu Ehren der Götter und der Verstorbenen einen Gedächtnis- 
trunk, der spater die Mikjalsmlnni hieß, und Michaelis' Kirch- 
weih ist nach oberbayrischer Anschauung in Himmel und 
auf Erden, d, h, wird von den Verstorbenen im Himmel, 
deren Minne getrunken wird, wie von den überlebenden 
Freunden auf Erden gefeiert. Odilo von Clugny setzte im 
10. Jahrhundert diesen allgemeinen Seelenkult in Novem- 
bersanfang. Besonders in Tirol ist der neue christliche 
Kult mit altheidnischen Bräuchen stark verschmolzen. Wie 
man vor Jahrtausenden den Toten in ihren kalten Stein- 
gräbern Feuer anmachte (S. 106), heizt man hier noch für die 



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II. Der Seelengtaube. 131 

Allerseelennacht ein, damit die armen Seelen sich wärmen 
können, stellt Krapfen oder besonders geformte Kuchen 
für sie auf den Tisch, auch Milch. In Schweden empfängt 
man die Verstorbenen erst am Julabend in möglichster 
Stille in gewärmter Badstube, überläßt ihnen den Hochsitz 
imd erquickt sie mit Julspeise. In Nor%vegen räumt man 
ihnen am Julabend die Betten ein. 

Auch die bei jenen vier indogermanischen Völkern 
bemerkte Frühlingsfeier der Toten fehlte den Ger- 
manen nicht, insbesondere nicht der bezeichnende Zug, 
die Verabschiedung der Seelen, wenn er auch verdeckt 
erscheint. Schon die zweite Synode von Tours 567 miß- 
bilUgt diejenigen, die an der Stuhlfeier Petri den Toten 
Speisen opfern und nach der Messe daheim sich heid- 
nischen Mißbräuchen hingeben. Man muß bedenken, daß 
dieses Fest in der römischen Kirche bis mindestens ins 
12. Jahrhundert ausschließlich an dem altrömischen Toten- 
tag, dem 22. Februar, den sogenannten Caristia begangen 
wurde. Lorichius tadelte noch im 16. Jahrhundert den 
heidnischen Unfug in Schwaben, Fleischspeisen am ersten 
Fastensonntag, also um dieselbe Zeit, durch die ganze 
Nacht für die Seelen bereit zu halten. Dann kochte man 
auch im Odenwald imd am Niederrhein leckere Speisen 
für die lieben Englein d. h. Seelen und ließ sie bei offenem 
Fenster über Nacht auf dem Tisch stehen. Um dieselbe 
Jahreszeit, in den Anthesterien, rief man in Athen nach 
der Seelenbewirtung: „Aus der Tür hinaus, ihr Seelen!", 
und die Inder und Römer kannten ähnUche Verabschie- 
dur^en der Seelen {S. 19). Derselbe Ruf scheint versteckt 
in der bis in unsere Tage hineinreichenden Petri Stuhlfeier 
Westfalens und der badischen Ortenau, die zwar jene be- 
reits ^on der Wormser S^Tiode bekämpfte Totenspeisung 
aufgegeben hat, aber auch auf eine Vertreibung, wie die 
athenische Feier, gerichtet ist. Mit lautem „Herausruf" und 
Hämmern an die Pforten werden Kröten , Schlangen , 
Mäuse und Motten, die wir alle als Seelentiere kennen, 
aus der Türe hinausgejagt. Und wiederum ist es doch 



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122 II- Der SeeleugUube. 

nur eine Verschleierung des seelischen Inhalts dieser alten 
Bräuche, wenn Schwaben, Bayern und Franken am etwas 
späteren Frühlingsfest des Laetaretags: „Daraus, daraus, 
Tod naus, Tod naus" singen. 

Die Kirche hat endlich auch den schönen Familienzug 
der AhnenbegTüßung durch das Brautpaar, den wir in 
Indien, Griechenland und Rom fanden, nicht ausmerzen 
können oder wollen. In der schwedischen Landschaft 
Wärend trinkt der Bräutigam auf das Wohl seiner ver- 
storbenen Voreltern und seiner Schwiegervoreltem. Am 
Lechrain, in Oberschwaben, Baden und um Saarlouis geht 
das Paar vor oder nach der Trauung mit den Freunden an 
die erblichen Grabstätten, um dort zu beten. Dies Betreten 
der Gräber nannte man bei Saarlouis „zu Gaste laden". 
Das Gebet zu den Ahnen mag auch hier vorzugsweise 
auf Kindersegen gerichtet gewesen sein, wie bei jenen 
andern Völkern, wenigstens kommt die dort damit ver- 
bundene Beschüttung mit Früchten auch in Deutschland 
in demselben Abschnitt des Festverlaufes vor. Werm das 
junge Paar aus der Kirche trat, überreichte man ihm in 
der Zwickauer Gegend Getreideähren, in Oberelsaß und in 
Mecklenbiu-g aber begoß man es mit Korn oder Leinsamen. 
Nicht nur bei der Eheschließung, sondern auch bei andern 
wichtigen Entschlüssen suchte man die Statten der Ahnen 
auf. So forderte der machtige Gode Snorri einen rats- 
bedürftigen Freund auf, mit ihm hinauf aufs Helgafell, den 
heiligen Berg seiner Vorfahren, zu gehen, denn die dort 
geratenen Ratschläge seien gewöhnlich nützUch gewesen. 
Offenbar, weil die Toten für Schutzgeister der Familie 
galten. 

Wie sich der Tolenkultus aus dem engeren Ge- 
schlechtsverbande zu einer umfassenderen Geltung empor- 
arbeitete, lehrt am deutlichsten die germanische Gilde, 
namentlich im Norden, wo sich diese Art der Genossen- 
schaft, gleich dem für ihre Hauptfeier maßgebenden Erb- 
mahl, in der alterttlmUchsten und vollsten Form erhalten 
hat. Die nordische Gilde war eine nicht auf Blutsver- 



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II. Der Seelenglaube. 123 

wandtschaft, sondern auf einen feierlich beschworenen 
Bund gegründete Brüderschaft, deren Mitglieder in ältester 
Zeit die der Sippe zustehende Pflicht übernahmen, den 
Totschlag eines Mitglieds zu rächen, oder das Wergeid 
dafür zu empfangen und den Kultus des Toten zu be- 
sorgen. Sie führte ihren Namen von dem aus gemein- 
samen Beisteuern, Geldern, bestrittenen regelmäßig wieder- 
kehrenden Opfergelage, altnordisch gildi, altsächsisch geld, 
angelsächsisch gild, das ursprünglich dem Verstorbenen 
von der Genossenschaft verrichtet wurde. Der Erbe fügte 
bei diesem Mahl der Minne des Vaters die Minne der 
Götter, in christlicher Zeit aber Gottes, Christi und seiner 
Heiligen bei, die nach der Sage der Bischof Martin von 
Tours in einem Traum dem König Olaf Tryggvason statt 
der Götter beim Minnetrunk anzurufen geboten hatte. So 
trank denn auch z. B. König Svein als Erbe die Minne 
seines Vaters, des großen Knut, mit dem Gelübde, den 
Angelsachsen König Äthelred zu töten, dann die Minne 
Christi und endlich die des heiligen Michael. Der Toten- 
minnetrunk wurde in den christUchen Gilden, z. B. den 
schwedischen, durch ein Gebet alier Brüder imd später 
auch Schwestern für das Seelenheil der verstorbenen Mit- 
glieder verdrängt, dann folgte aber der Rundtrunk auf 
das Gedächtnis Gottes im Himmel, der Dreieinigkeit oder 
des Schutzheiligen Erich oder Olaf oder aller Heiligen. 
Der altheidnische mit Blutrache und Totenverehrung ver- 
quickte Seelendienst mag vorzugsweise Karl den Großen 
im Jahr 779 bewogen haben, den sächsischen Gildebrüdem 
die gegenseitige Eidleistung zu verbieten und ihnen nur 
bei Feuers- und Wassersnot gegenseitige Hilfe zu gestatten. 
Man verkehrte aber mit den Toten nicht nur durch 
Opfer, sondern auch durch Zauber, eine uralte Kultart, 
die gerade in diesem Verkehr ihre starke Stammwurzel 
hatte. Die Toten, an Alter den Lebenden überlegen und 
in andre Kreise entrückt, wußten mehr als die Hinter- 
bliebenen. Schon die Sterbenden vermochten in die Zu- 
kunft zu schauen, wie der lodeswunde Sigmund den Ruhm 



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124 II- Der Seelenglaube. 

seines noch ungeborenen Sohnes Sigurd voraussagte, und 
dieser scheute sich, dem von ihm erlegten Drachen Fafnir 
seinen Namen zu nennen, aus Furcht vor des Sterbenden 
Fluch. Dem Verstorbenen vollends traute man über- 
menschliche Fähigkeiten zu und suchte sich in Zweifeln und 
Nöten seines Rats und Beistandes zu versichern. Man ging 
an sein Grab und weckte ihn durch feierliche Rufe, Be- 
schwörungen und Runensprüche, die Hellirunen d. h. Unter- 
weltsrunen. Als Sacrileg bekämpfte solches Totenwecken und 
-befragen schon der fränkische Indiculus im 8. Jahrhundert 
bei den Sachsen. Swipdag rief vor seiner Brautfahrt seine 
Mutter Groa, ihn aus dem Grabe mit ihrer Zukunftskunde 
in Zaubersprüchen zu beraten. Hervor erwirkte durch 
ihren Weckruf, daß ihr toter Vater Angantyr ihr das 
fluchbeladene Schwert Tyrfing aus seinem Grabhügel 
warf. Wie im 12. Jahrhundert ein Norweger auf den Ork- 
neys auf die Gräber ging, um von den Toten Ratschläge 
und Kunde verborgener Dinge zu empfangen, so legten 
in Deutschland „weise Leute" noch vor kurzem den 
Toten nachts auf dem Friedhof Fragen über die Zukunft 
vor. Auch ging der alte Nordmann wohl zum Galgen, 
xaa mit dem vom eddischen Havamal überlieferten Runen- 
spruch den daran schwebenden Leichnam zum Gehen und 
Sprechen zu bringen. Die Völur oder Seherinnen aber 
setzten sich nachts draußen auf das Feld, wo viele Geister 
schwärmten, und holten sich von ihnen ihre Weisheit 
(siehe unten). Also auch die Weissagung stammt aus dem 
Bereiche des Seelenkultus, und selbst der oberste Gott 
bedarf ihrer Hilfe, Durch Haiders böse Traume er- 
schreckt, ritt Odin zur Hei hinab und zwang durch seinen 
Leichenzauber eine längst tote Wölwa, auf die schon viel 
Schnee und Regen gefallen war, zur Auskimft über der 
Götter Schicksal. 

Wie die christlichen Graber unter dem Zeichen des 
Kreuzes oder auch unter einer frommen Inschrift stehen, 
so wurden die nordischen Grabsteine und Urnen nicht nur 
durch eingeritzte Hammerfiguren imd Hakenkreuze, Thors 



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n. Der Seetenglaube. 1£ 

Blitzwaffen, sondern auch noch deutlicher durch Runen- 
inschriften wie : „Thor, weihe dieses Grab !" geschützt 
(S. 35). Im Bronzezeitalter aber stellte man im Norden 
große inschrifllose Steine bei und zuweilen in dem Grabe 
auf, die sogenannten Baulasteinc, wahrscheinlich ursprüng- 
lich, um den Toten darin festzuhalten. Doch wurden diese 
Steine später diu^ch Runen zu Gedenksteinen umgebildet. 
Dem Bautastein innerlich verwandt scheint die Heersäule 
{Haristado) oder der Stappel des Salischen Gesetzes, der 
ins Grab eingelassen wurde, und ziemlich klar liegt die 
Geschichte des bayrisch - alemannischen Toten-, Leichen- 
oder Rebretts vor. Man legte den Verstorbenen gleich 
nach dem Tode auf ein Brett, brachte ihn auf diesem zum 
Grabe, ließ ihn in die offene Erde hinabgleiten und legte 
das Brett über ihn. Dies letzte bezeugt das bajuwarische 
Gesetz. Auf der Züricher Landschaft imd in der Ramsau 
ließ man noch später die Leiche vom Brette hinab, nahm 
dieses aber mit, um es als Gedenkladen über einen Bach 
ztt legen oder am Wege aufzurichten. Noch später richtete 
in Bayern der Tischler zuerst das Brett, dann den Sarg 
und das einfache Holzkreuz, Das Brett wird noch im 
Salzburgischen beim Leichenzuge mitgetragen und bei der 
„Totenrast", am ersten Feldkreuz oder alten Baum, 
woran ein Heiligenbild hing, unter kurzem Gebete nieder- 
gelegt. Oder es wird im Pinzgau nach der Heimkehr vom 
Begräbnis an der Scheune der Familie des Verstorbenen 
wagerecht befestigt oder senkrecht in die Erde gepflanzt 
Sie sollen den, der über diese Rebretter oder Gedenkläden 
schreitet oder an ihnen vorbeigeht, zum Gebete für die 
arme Seele mahnen. Mitten in der freien stillen Natur oft 
in größerer Anzahl aufgerichtet, ergreifen sie a\s eigen- 
artige Totei^edächtnismäler einer anderen Welt mächtig 
das Gemüt, wie jene hohen unbehauenen Bautasteine, die 
in Schweden und Bomholm meistens auch in größerer 
Anzahl beisammenstehen. 

Das bunte Wirrsal aller dieser oft widerspruchsvoller 
Vorstellungen imd Bräuche indogermanischer Völker 



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126 II. Dei Seelenglaube. 

durchzieht wie ein roter Faden ein Urgefühl, ein Grund- 
gedanke: die Seele ist ein nach dem Tode mehr oder 
minder sinnlich fortlebendes, wenn auch nur einige Zeit, 
etwa drei Menschenalter, nicht ewig fortlebendes Wesen. 
Sie fährt als Wind dahin, wohnt als Tier im Hause, streift 
in Wolf^estalt umher oder kehrt als Wiedergänger in 
Menschengestalt zurück, Sie kann sich zu einem Heros, 
zu einem Rache- oder Schutzgeist steigern, wie wir noch 
hören werden. Sie kann mächtig auf das Dasein der 
HinterbUebenen einwirken. Weil sie reizbar ist, wird sie 
meistens abgewehrt oder zu versöhnen gesucht, doch 
macht sich spater auch liebevolle Verehrung bemerkbar. 
Zumal am 3. Tage nach dem Tode, ferner am 9. (10,), 
später am 7., dann am 30. und endlich am Jahrestage des 
Todes verlangt die Seele ihr Opfer, die Seelengesamtheit 
im Herbst und im Frühling, wenn, wie es scheint, ihre 
Lebensweise mit der Jahreszeit sich ändert. Ein fleißiger 
Verkehr entsteht zwischen den Lebenden und den Toten 
und unterhält, wie z. ß. namentUch beim Gebet zu den 
Ahnen auf der Hochzeit, einen festen Familienzusammen- 
hang. So ist auch vielfach noch der Aufenthalt der Seele 
das Haus, das sie als lebendiger Mensch bewohnte, oder 
doch die Umgebung desselben, das nahe Grab oder ein 
benachbarter Berg. Noch Snorres Vorfahren nimmt der 
heilige Fels Helgafell auf, und Holger Danske, Siegfried 
und die drei Grütlimänner gehen in den Berg. Doch be- 
wohnen die Seelen auch abgelegene Heiden- und Wald- 
hügel oder fahren unruhig in nebelnder oder sausender 
Luft einher. Wie es keine ewige Fortdauer, gibt es auch 
kein eigentliches Jenseits für sie. Doch besteht schon früh 
ein Vergeltungsglaube, Das ist der Urglaube der indo- 
germanischen Völker, der zwar durch den Elfen- und 
den Götterglauben erweitert und veredelt wird, aber trotz 
aller Poesie und Philosophie und selbst trotz der Be- 
kehrung zum Christentum noch immer wie ein Bleigewicht 
an den höheren Unsterblichkeitsvorstellungen unseres Vol- 
kes hängt. 



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II. Der Seelenglaabe. 127 

Der Seelenglaube hat auf die anderen Gebiete der 
heidnischen Religion einen starken Einfluß geübt. Die 
Seele als Wind z. B. griff vielfach in den Kreis der Wind- 
dflmonen und der Windgötter hinüber. Die Seele als Tier, 
das vor dem Todesmoment erscheint, und als Wieder- 
gönger mußte den Glauben an besondere Schutz- oder 
Rachegeister wecken oder stärken. Vereinigte sich die 
Seele schon im Winde mit den Dämonen und Göttern, so 
lag es nahe, sie auch in deren Rast- und Wohnörter ein- 
zuführen und diese zu Höllen und Paradiesen zu gestalten. 
Die alten Totenopferzeiten und -brauche wurden zum Teil 
auch den Naturgeistem und den Göttern zugewendet. Der 
Seelenglaube wurde eine Vorschule gar mancher höherer 
Mythenbildungen und Kultusformen. Diese sind weiten, 
teilweise später angelegten Schonungen vergleichbar, die 
im Schutze eines älteren Waldes aufwuchsen, um endlich 
hoch über jenen emporzuschießen. Wir betrachten nun 
diese anderen Bestände. 



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Drittes Kapitel. 

Der Alpglaube. 

Das Sterbelager und das Grab waren die Geburts- 
stätten des reichen Seelenglaubens, und schon dort war 
unter andern Erlebnissen und Eindrücken auch der Traum 
bei der Mythengeburt tätig. Das Traumbild des Toten aber, 
so wirksam es sich zeigte, war nicht die leitende Macht 
jenes Glaubensgebietes. Dagegen wenn der Traum sich 
kratikhaft bis ziun Alpdruck steigerte, wiu"de er allerdings 
die Haupttriebfeder einer anderen Vorstellungsmasse, des 
Alp- oder Mahrenglaubens, Auch dieser ist uralt. 

Das Alpdrücken erklärte schon ein Hofmann Kaiser 
Ottos IV'. für eine aus Verdickung der Safte entstandene 
krankhafte Phantasie. Es wird durch eine akute Luftver- 
giftung oder, laienhafter gesagt, durch schwere Atemnot 
des Schlafenden hervorgerufen, wie sie etwa nach einer 
überreichlichen Mahlzeit namentlich In einem dumpfen 
Schlafraum aus der Verengerung oder dem Verschluß der 
Luftzugänge der Nase und des Mundes entsteht. \'om Fuß- 
ende des Bettes fühlt der Schläfer eine unbehagliche Be- 
klemmung allmählich auf den Leib, die Brust, den Hals, ja 
sogar den Mund vorrücken. Verwandelt sie sich also mehr 
und mehr in einen Erstickimgsvorgang, so befreit sich der 
Betroffene endlich durch einen raschen Ruck, der auch die 
geschlossenen Lippen öffnet, oder häufiger noch durch ein 
Stöhnen oder einen Aufschrei der Angst und des Hilfs- 
bedürfnisses, der ihm die erlösende Luft wieder zuführt. 
Er erwacht mit Herzklopfen und Schweiß. Nicht nur die 
Pein des Drucks ist es, die seine Nerven stark erregt, son- 
dern auch die wilden Visionen, die gerade diese Traumart 



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m. Der Alpglaube. 129 

mit den durch belaubende Getränke erzeugten Hailucina- 
tionen teilt. Beim höchsten Grade des Alpfiebers reißt ein 
Taumel den Geplagten über Meere und Länder, von den 
höchsten Spitzen in die tiefsten Abgrtinde; feurige Kugeln 
umschwirren ihn, Flammen umlodern ihn, bis ein furcht- 
barer Knall die Irrfahrt urplötzüch abbricht. 

In früheren roheren Zeiten mußte ein solcher Alpanfall 
viel öfter und stärker auftreten als in der unsrigen, weil 
namentlich bei einer auf die Jagdbeute angewiesenen Be- 
völkerung Speisemangel und Speiseüberfluß oft rasch wech- 
selten und der letzte zu unmäßiger Magenüberladung und 
damit zu krjuikhaften Traumzuständen führte. Solche be- 
günstigte femer die dumpfere Enge der rauchigen Schlaf- 
stelle und das dichtere Zusammenleben und -schlafen mit 
den menschlichen und auch tierischen Hausgenossen. Wie 
oft mochten sich Hund und Katze dem Schlafenden lastend 
auf Brust oder Leib legen! Auch die Unordnung des La- 
gers verstärkte den Alpdruck, denn die Erfahrung hat 
gelehrt, daü ein Zipfel des Bettzeugs oder eine Bettfeder 
oder ein Halm des Bettstrohs, dem Träumenden zwischen 
die Lippen geraten, sich ihm leicht als rauhaariges, befieder- 
tes, stachüges Lebewesen fühlbar macht. Und das beäng- 
stigende Dunkel der Nacht, das schon der wachen Phan- 
tasie, wie wir im vorigen Kapitel sahen, allerhand Ge- 
spenster vorgaukelte, steigerte die Schrecken dieses qual- 
vollen Halbschlafs. 

Der Alpdruck vereinigt alle Erfordernisse eines zur 
Mythenbildung aufregenden Vorgangs in sich, die Rätsel- 
haftigkeit, die volle Beweglichkeit eines körperlichen Wesens 
und die Macht eines wirklichen Einflusses auf des Men- 
schen Befinden. Nicht nur sein Drücken, sondern auch sein 
Kommen , sein stilles, sicheres , unentrinnbares Heran- 
schleichen, wie sein plötzliches, spurloses Verschwinden 
war unerklärbar. Und doch war der Alp soeben noch ein 
dicker, schwerer Körper, der an Leibhaftigkeit, an sinnen- 
fälligster Wirklichkeit, alle gewöhnlichen Traumbilder, ja 
alle Bilder der Phantasie überhaupt, bei weitem übertraf. 

M eyci, E. B., Girmui. Uythokgie. 9 



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130 IlL Der Alf^ube. 

Man sah und hörte ihn nicht nur, man fühlte ihn auch 
dreist und erbannm^slos dicht über sich gedrängt, und noch, 
wenn er beim Erwachen sich aus dem Staube gemacht 
hatte, troff man von Schweiß, und laut pochte das Herz. 
Es war fast unmöglich, die Erlebnisse eines solchen Schlafes 
und die des wachen Zustandes auseinanderzuhalten, jene 
waren ebenso wirkhch -wie diese! Aber der Alpdruck hheb 
denn doch wohl immer auf einzelne Personen und seltenere 
vorübergehende Momente ihres Lebens beschränkt. Darum 
hat seine Mythenbildung sich immer in engeren Grenzen 
bewegt und früh das Bedürfnis gefühlt, sich an andere 
Mythenkreise anzuschUeßen, um von ihnen Haltung und 
Fülle zu borgen. 

Der Alp war vor Jahrtausenden und ist noch allen In- 
dogermanen imüebsam bekannt. Die Inder klagten die etwa 
unseren Elfen vergleichbaren Gandharven an, daß sie aus 
dem Walde herantanzten, lun sich wie ein Hund, ein Affe, 
ein ganz behaartes Kind dem Schlafenden aufzuhalsen. Die 
Griechen nannten den Alp Ephialtes den Aufspringer, die 
Römer Inuus den Aufhocker oder Incubus den Auflieger, 
die Litauer Aitvars, der imglaublich große Hände imd Füße 
hat, die Letten Leeton, der namenthch Pferde matt reitet. 
Der jetzt in Deutschland schriftgemäße Name Alp gehörte 
etwa bis zu Luthers Zeit als Alpdrucksbezeichnung nur 
Mitteldeutschland an, galt aber bei allen Germanen -lu"- 
sprünglich einer ganz anderen Klasse mjiihischer Wesen, 
den elfischen Naturdamonen, und ist daher wahrscheinlich 
erst am Schluß des Mittelalters von diesen auf jene über- 
tragen, da auch diese eigenthchen Albe oder Elfen ver- 
mittelst der Gewitterschwüle und des Wirbelwindes körper- 
liches Unbehagen, ja Druck imd Atemnot hervorzubringen 
vermochten. Der ältere und einst durchgreifende, schon 
althochdeutsche und altnordische Name ist Mara, zum Un- 
terschied von Ephialtes, Incubus, Aitvars und Leeton weib- 
lich, wie auch die rheinfränkische Mahr, während das angel- 
sachsische mara, das englische nightmare, das niederdeut- 
sche moor männlich ist und im mittelhochdeutschen mar. 



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m. Der Alpglaube. 131 

mare, im pommerschen Mahrt, das Geschlecht schwankt 
Neuhochdeutsch tiberwiegt das weibliche. Die Holländer 
haben nachtmerri, die Franzosen cauchemar die Tretmare 
vom lateinischen calcare treten, die Slaven mora, mura 
femin,, aber böhmisch daneben auch morous masc, denen 
sich der andere pommersche Name Murraue nähert. Trotz 
einer lautgesetzlichen Schwierigkeit wird das vielgestaltige 
Wort wohl auf althochdeutsches marren, hemmen, hindern, 
altnordisch meria pressen zurückgehen imd die Presselin 
bedeuten. Ähnlich weist der Ausdruck der östreicher, 
Bayern und einiger mitteldeutscher Stämme: die Trüd, Trüde, 
Drude auf ein gotisches trudan d. i. treten, ebenso wie die 
althochdeutsche truta Trotte, Presse und trutare der 
Springer. Die Trade ist also eine Treterin, Trotterin. Diese 
drei weitest verbreiteten Namen: Alp, Mare und Trude sind 
von zahlreichen mundartUchen umgeben. Die Franken nen- 
nen sie Trempe d. i. Tramplerin, die Tiroler Stempe d. i 
Stampferin. Die Schwaben und Alemannen haben das un- 
erklärte Wort Schrättele dafür, außerdem Toggeli d. i. 
Drückerlein, femer Rätsel, Druckerl und Lork d. i. Kröte ; 
Ausdrücke, die das Geschlecht dieses Wesens unentschieden 
lassen. Doch sagen die Züricher; „'s Nachifräuli hat mi 
drückt!" Dieser freundlicheren Frauenbezeichnung steht die 
ernstere oldenburgisch-friesische Walriderske gegenüber, 
die wohl das Reiten auf dem Wal d. h. dem wie tot hin- 
gestreckten Schläfer oder die Zutodereiterin bedeutet. Denn 
wirklich schreibt man dem Alp sogar tötende Kraft zu. 
Der überwiegend unheimliche Charakter spricht sich auch 
in dem allgemeineren Ausdruck: „der Ungeheure" aus, der 
im Mittelalter vorkam und bis in neuere Zeit in Bremen imd 
Pommern fortlebte. Die Haupttätigkeiten des Alps, das 
Treten, Drücken, Reiten, erkennt man schon aus den alteren 
Schilderungen. Die Mara „trat" nach der alten YngUnga- 
saga Kap. 16 dem norwegischen König Wanlandi erst die 
Beine fast entzwei und drückte ihm dann den Schädel ein, 
so daß er starb. Dieses ,Trotten' der Trud beschwört ein 
alter Spruch, der noch heute durch weitverbreitete Zauber- 



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132 in. Der Alf^laub«. 

bücher, wie das Romanusbüchlein und den Wahren Geist- 
lichen Schild, unseren Bauern im Aargau, wie in der un- 
garischen Zips, namentlich aber im Süden und Westen 
Deutschlands zum Gebrauch empfohlen wird und in bajTi- 
schen Hausem noch hie und da in der Kammer oder an 
der Bettstatt um einen darauf gemalten Trudenfuß oder ein 
Pentagramm geschrieben steht: „Trudenkopf, ich verbiete 
dir mein Haus und Hof, meinen Roß- und Kuhstall, ich ver- 
biete dir meine Bettstatt, mein Fleisch imd Blut, mein Leib 
und See], daß du mich nicht trudest. Trude in ein anderes 
Haus, bis du alle Berge steigest und alle Laubiein an Bäumen 
zahlest und über alle Wässer steigest. So kömmt der liebe 
Tag wieder in mein Haus, f 1 1- Amen." Und so fordert 
auch eine niederländische Beschwörung den Maer, das 
häßliche Tier, auf, alle Wasser zu wehen, alle Bäiune zu 
blähen, alle Gerstenähren zu zählen, ihn aber diese Nacht 
nicht zu quälen. So scheuchte schon der alte Inder seine 
Plagegeister, die Gandharven und ihre Frauen, die Apsa- 
ras, mit feierlichen Worten hinweg zu den Wasserfurten 
und großen bewipfelten Bäumen, wo sie sich nach Herzens- 
lust tummeln und schaukeln mögen. Vom norddeutschen 
Moor heißt es ,he het mi drukkt' oder ,reden (geritten)', 
hochdeutsch ,dich hat geriten der mar'. Daher ist ein der- 
artiger Träumer mar-, mortridden oder mareridt und das 
neumärkische Alpdrücken ein Mahrtriden. Im Mittelalter 
,zaumt' der Alp den also Betroffenen, ebenso wie die olden- 
burgische Walriderske und die isländische Alfemoe. Ihre 
Reitlust treibt den Alp von Norwegen bis nach Tirol in den 
Stall zu den Pferden, wie den lettischen Leeton, und er 
hetzt sie drinnen oder draußen bis zur äußersten Erschöpf- 
ung ab. Am andern Morgen stehen sie stark schnaubend, 
schweißgebadet, mit unauflöslich verflochtenen Mähnen da. 
Selbst Kühen saugt er die Milch aus und verschont auch 
Geißen und Schweine nicht; doch bleibt ihm das Schwein 
am Lechrain ein Graus. Und zuletzt, wenn der Mare nichts 
anderes Übrig bleibt, umklammert sie sogar einen Baum 
und drückt ihn mit ,Weltsgewall', wobei sie sich wohl selbst 



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III. Dei Alpglaube. 133 

ZU Tode drückt. Die von ihr besessene Eiche kränkelt 
von Stund an und zittert auch beim stillsten Wetter. 

Das geheimnisvolle Treiben dieses Unholds wurde von 
Anfang bis zu Ende mit gespannter Einbildungskraft ver- 
folgt. Sein unmerkliches Kommen und sein Eindringen ins 
Haus erklärte man sich verschieden. Das süddeutsche 
SchrätteÜ schwebt wie ein Schatten von den Bergen zu 
den Häusern herab. Der Alp gleicht einem Nachtschmetter- 
ling; aus den zusammengewachsenen Augenbrauen eines 
dämonischen Menschen, des .Rätzels', fliegt er auf und setzt 
sich auf die Brust des Schläfers. Meistens schlüpft er nach 
altem, wie neuerem Glauben in die Stube durch ein Ast- 
oder Schlüsselloch hinein, gleich der leisen Zugluft, nie 
durch offene Türen und Fenster. Eine erst im Jahre 1889 
verstorbene Frau kam in einem schlesischen Dorfe einmal 
wie ein Zugwind diu-ch die verschlossene Türe, huschte in 
das Bett der Hausfrau und quälte sie, bis sie vor dem 
Schimpfen des Mannes floh. In Kämthen spielt das Schrattl 
in den an der Wand zitternden Sonnenstrahlen. Nach der 
Schilderung eines Kaiserstühlers kriecht das Schrättele 
durch das Schlüsselloch, man hört es durch die Stube 
,tappen', von unten herauf kriechen und über das Deckbett 
rauschen, bevor es Einem auf die Brust hockt. Aber der- 
selbe wußte auch vom Mann im Monde, daß er sich bei 
Mondlicht über das Bett lehnte und nach Einem langte. 
Und so kommt die Drud in der Oberpfalz nie, eh der Mond 
aufgegangen ist, und in Westfalen und Thüringen sind 
Mondsüchtige Maren. Das aufregende Mondlicht lungibt 
hier geisterhaft den Alp imd verstärkt seine Kraft, Wir 
verstehen mm auch, warum em mittelalterlicher Dichter 
von semer Liebsten singt : „da kam sie gerade wie ein Alp 
auf mich geschlichen". Wegen ihres unheimlichen, leis wan- 
delnden und doch schwerfälligen Körpers gilt die Kröte für 
einen Alp, daher dessen Name Lork. Grausiger ist die 
steirische Habergeiß oder Nachtschwalbe, die, wie Rosegger 
erzählt, in eulenleisem Fluge oft durchs Schlüsselloch trotz 
ihres riesengroßen Kopfes kommt und diesen lastend auf 



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131 III. Dei Alpglaabe. 

die Brust des Schläfers legt. Je nach der Beschaffenheit 
des die Atemnot verstärkenden Bettstücks oder anderen 
Belags und je nach dem Gewicht des Drucks wechselt die 
den Träumenden bedrängende Tiergestalt. Bald ist sie glatt, 
ein Aal, eine Schlange, die dann in Seitentälern des Hasli- 
tals Stollwurm, in der Eifel Drache, in Niedersachsen Unke 
heißt, bald haarig, rauh und stachlicht, ein Pudel, Marder, 
Igel oder eine Katze. Sie ,gumpt' wie eine Katze auf der 
Brust auf und ab. Weil sie fest umarmt und schwer stoßt 
und stampft, ist sie ein Bär, Schwein oder Bock, heißt auch 
darum wohl eine Bocksmärte oder Bockhexe. An der un- 
teren Wupper dringt sogar ein Roß durch das Schlüssel- 
loch, legt seine Vorderhufe auf des Schlafenden Brust und 
stiert ihn mit glühenden Augen an. Am schlimmsten quält 
dJis Schrättele, wenn es als Blutegel sich bald in ein Knäuel 
zusammenrollt, bald wieder zu Riesenlänge ausdehnt. Dieses 
Tier läßt schon ahnen, daß es nicht beim Drücken bleibt. 
Das schmerzhafte Saugen kommt noch hinzu. Das ale- 
mannische Dockele oder Schrättele saugt in Katzenform 
die Brüstchen der Kinder, selbst der Männer, an, daß sie 
aufschwellen und man Milch herauspressen kann. Den 
Frauen dagegen saugt es die Milch aus. Trinkt am Lech- 
rain ein Kind an der Mutterbrust, so hat die Mutter ge- 
wöhnlich einen aus geweihtem Wachs gebildeten Truden- 
fuß auf der Brust Uegen, damit nicht die Trud dem Kinde 
die Milch entfremde. Dagegen schlürft der Alp auch hin 
und wieder das Blut der Erwachsenen aus, so daß sie 
bleich werden und dahinsiechen, und berührt sich in dieser 
Begierde mit dem slavischen Vampyr. Doch ist er nicht 
immer Kinderfeind: mit dem im Schlaf lächelnden Kind, 
heißt es in Schlesien, spielt das Jüdel, das doch wohl auch 
ein Alp ist. 

Über die Brust drängt sich die Mare noch weiter auf- 
wärts bis an den Hals und bläst in den Mund, ja sie steckt 
ihre Zunge dem Menschen tief in den Hals hinein, daß er 
nicht schreien kann. Nim geraten auch Gesicht imd Gehör 
des Gepeinigten in Aufruhr: Lichter, Flammen umschwirren 



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m. Der Alpglaube. 13ä 



ihn, und ein dumpfer Knall erschüttert ihm Mark und Bein. 
Befreit den Schläfer ein plötzUches Wegschleudem des 
Arms oder des Kissens von der belasteten Brust und bricht 
dann sein Schrei endlich hervor, oder — in offenbar mil- 
deren Fällen — kräht im Hofe zum erstenmale der Hahn, 
oder kommt der liebe Tag, wie es in jener Trudenkopf- 
beschwOrung heißt, wieder ins Haus, dann entweicht sie 
lautlos, meist wie ein flüchtiges Tier: eine weiße Maus, ein 
Schmetterling, eine Elster, oder gar nur wie ein Rauch. 
Oder sie liegt als eine harmlose Flaiunfeder, ein Besenreis, 
ein Strohhalm auf der Bettdecke, vom Erlösten noch krampf- 
haft gepackt. 

Aus diesem erlösenden Schrei, vor dem der Alp floh, 
entwickelten sich dann als förmliche Abwehr- und Ver- 
scheuchungsmittel Rufe verschiedenen Inhalts. Fluchen kann 
das schwäbische Schrättele nicht vertragen, unangenehm 
ist ihm überhaupt die laute Nennung seines Namens, in 
Christücher Zeit auch die des Namens Jesu oder Gottes. 
Das gipfelte dann in der feierlichen Beschwönmg (S. 132), 
die mit dem Anruf des Trottenkopfes begann, ihn in Berge 
und Walder zum Blatterzählen verwies und mit den Namen 
der hl. Dreieinigkeit schloß. Auch legte man sich wohl in 
Dänemark über den Kopf ein großes Sieb, dessen Löchlein 
die Mahrt, die doch über die heilige Zahl Drei nicht hinaus 
kann, erst zählen muß, ehe sie zu schaden vermag. Wenn 
der Alp selbst beim Erwachen nicht weichen wollte oder 
wenn man ihn noch ,hinauswitschen' hörte, so drohte man 
ihn festzunageln oder versprach ihm ein Geschenk: drei 
Almosen oder die drei weißen Gaben Salz, Mehl imd Ei, 
die man ihm mit der linken Hand reichte. Auch lud man 
ihn für den folgenden Tag zum Frühstück ein oder rief ihm 
hastig nach : ,Komm morgen um ein Glehet' d. h. um etwas 
zu leihen. In einigen Gegenden Deutschlands stellt der 
Bauer noch heute für [den ^ Unbekannten, der ihn in der 
letzten Nacht gedrückt hat, ein Näpfchen Quarkkäse an die 
Türe, und eine ältere Münchner Handschrift eifert gegen 
die, welche dem Teufel etwas opfern und dem Schrattlein 



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1,% IIL Der Alpglaubc. 

oder der Trut ,rote Schühel*. Ja im schlesischen Orte Kauf- 
fung umgeben sich noch gegenwärtig Leute geflissentlich 
mit dem Nimbus eines Alps, um dadurch nicht unbeträcht- 
liche Geschenke zu erzielen. 

Noch auf andre Weise sucht man sich des Alps zu 
versichern. Hat man beim Erwachen einen Strohhalm, einen 
Faden oder eine Bettfeder gepackt, so darf man sich durch 
die Harmlosigkeit des Gegenstands nicht irre machen 
lassen, sondern muß ihn festhalten, ja man nagelt oder 
schraubt ihn unbarmherzig fest, damit er elend zu Grunde 
gehe, oder sich entpuppe, etwa als eine um Hilfe schreiende 
Alte. Ist der Alp noch im Zimmer, verstopft man das Ast- 
oder Schlüsselloch, durch das er hereii^ekommen ist, derm 
schon Mephistopheles sagt: ,'s ist ein Gesetz der Teufel 
und Gespenster, wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie 
hinaus'. So wird auch der Alp gefangen. 

Man sorgt aber auch schon im voraus für allerhand 
Abwehrmittel, Wasser und Feuer, scharfe Werkzeuge, 
Zauberzeichen und übehiechende Sachen. In der Ober- 
pfalz stellt man z. B. die Bettfüße in Wasser, damit die 
Trude nicht hinauf kann. Eine brennende Kerze, ja schon 
ein unangezündeter geweihter Wachsstock von roter 
Farbe hält den Alp ab. Ebenso ein Feuerstahl, eine 
Flachshechel, ein Beil, ein Messer auf der Brust. Dann 
mag sich auf den Faröem der Unhold die Klinge in den 
Leib drücken. Hier wie im norwegischen Tellemarken ver- 
treibt man die Mare, indem man ein in ein Tuch ge- 
wickeltes Messer dreimal lun den Leib aus einer Hand in 
die andre läßt, mit dem Spruch: 

„Marra, Marra, Minni, 

„Bist du hier innen ? 

„Denkst du nicht an jenen Schlag, 

„Den Sjurdur Sigmundarson dir gab 

„Einmal auf das Nasenbein?" 
Sigurd oder Siegfried, der vornehmste aller Helden, wird 
hier als ein Marenschrecken aufgeboten. In Österreich 
hemmt ein Mistelzweig auf der Türschwelle, in Bayern ein 



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m. Der AlpgiBube. 137 

Trudenfuß auf der Mutterbrust, fast überall ein kreuzweise 
unter das Bett gestelltes Schuhpaar, in der Schweiz und 
Vorarlberg ein unter das Kissen oder an die Wiege ge- 
hängter, mit einem Loch versehener „Schratten-" oder 
„Toggistein", Diese Steine mögen zu den Donar geweihten 
Donnersteinen gehören, wie denn auch in Ostpreußen die 
Pferde am Donnerstag vor dem Abendbrot abgefüttert 
werden müssen, um nicht von der Mahr gedrückt zu wer- 
den. Im Stalle wehrt sie am kräftigsten ein schwarzer 
Geißbock mit seinen Hörnern imd seinem Gestank ab, vom 
Oberrhein bis tief nach Rußland hinein. So verscheuchten 
die Inder die alpartigen Gandharvas und Apsaras mit dem 
„Bockshorn", einem stark riechenden Kraute. Im deutschen 
Mittelalter räucherte man den Alp mit der Verbena oder 
dem Holzwurz aus. Und noch werden starkriechende Hexen- 
kräuter in Süddeutschland gegen ihn aufgehängt oder aufs 
Bett gelegt. In Hessen bestreicht man noch hie und da die von 
ihm gefährdeten Brustwarzen sogar mit Menschenkot. Em 
ganzes Arsenal kindlich roher Anschauungen und Abwehr- 
maßregeln, das dem höchsten Altertum entstammt und bei 
den anderen indogermanischen Völkern, namentlich dem 
griechischen in gleicher Fülle und Eigenart bestand, hat 
noch bei den heutigen Gennanen viele lualte Spuren hinter- 
lassen. 

Aber noch hat der Alpmythus seine üppigste Blüte 
nicht getrieben. Es war unvermeidlich, daß der gefürchtete 
Druck nicht bloß als von einem Tier, sondern auch von 
einem Menschen ausgeübt gefühlt wurde; aus der Gesell- 
schaft der vielgestaltigen Alptraumbilder kormte die mensch- 
Uche Gestalt nicht ausgeschlossen bleiben. Warum sollte 
nicht eine Liebende oder eine Hassende ganz leibhaftig den 
Feind oder Freund, eingehüllt ins Dunkel der Nacht, zu 
grausamer Lust oder Qual heimsuchen, oder auch ihre 
Seele im Traum in irgend welcher Form sich leidenschaft- 
lich zu gleichem Zwecke aus ihrem Munde drängen imd 
ins Nachbarhaus schlüpfen? Und nicht nur lebende Per- 
sonen mochten so handehi, auch die Wiedergänger, von 



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138 I[I. Der Alpglsabe. 

denselben Gefühlen stürmisch bewegt, ergriffen das böse 
Mittel des Alpdrucks, um sich zu befriedigen, schon im 
griechischen Altertum. Wie der Alpmythus durch diese 
Seelenanschauung sich mit dem schon besprochenen Seelen- 
mythus verschlingt, so greift er auf der anderen Seite be- 
reits in den Naturdämonenmythus des nächsten Abschnittes 
hinüber. Denn wenn sich auch der Mensch mit dem Plage- 
geist in seinem Hause praktisch abgefunden hatte, die ein- 
mal erregte Einbildungskraft verfolgte diesen weiter hinaus 
ins Freie, nicht nur in verdächtige Nachbarwohnungen, son- 
dern auch in die weite Natur. Irgend wo mußte der Unhold 
doch stecken! Lauerte er nicht draußen auf einen neuen An- 
griff. Und wie sah er denn nun dort aus? Der Alp hält nur 
selten draußen seine häusliche, wirklich empfundene, seine 
sozusagen pathologische Form fest. Jenes Schweizer Schrät- 
teli, das nachts wie ein Schatten von den Bergen zum Haus 
herabschwebt, huscht nach seinem bösen Treiben wiederum 
wie ein Schatten zu den Schluchten und Wäldern zurück 
imd verbirgt sich dort über Tag. jene bayrische Habergeiß 
(S. 133), die mit ihrem Kopf den Schlafenden im Hause so 
schwer bedrückt, macht draußen auf ihrem Eulenfluge in 
der Mondnacht den Hafer schwarz, und jenes Roß mit den 
feurigen Glotzaugen tobt im Dunkel gespenstisch über die 
Heide an der unteren Wupper. Die steirische ,Törin', die 
die Menschen drückt, hält sich über Tag auf dem Heu- 
boden auf. Am liebsten fliegen die Maren gleich ihren in- 
dischen Schwestern, den Apsaras, in die Kronen hoher 
Bäume, die dann fortwährend unter ihrem Druck zittern, 
und verwirren deren Zweige zu den sogenannten Maren- 
nestern oder Maretakken. Auch ruhen sie auf Brombeer- 
sträuchern aus oder lassen sich ins Korn nieder, aus dessen 
Ähren dann das schwarze giftige Mutterkorn hervorschießt. 
So werden die ursprünglichen mehr sächlich oder tierisch 
gedachten, im Schlafraum tätigen Alpgeister zu überwie- 
gend menschengestaltigen Naturgeistem, vorzugsweise zu 
Wmdelfinnen, die frei durch die Luft schweifen und auf 
Wald und Flur verderblich herabfliegen. Die enge Ge- 



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in. D«r Alpglaabe. 139 

nossenschaft verrät schon der altnordische Mythus: Drifa 
die Schneewirbelriesin tötet ihren Verlobten Vanlandi durch 
eine Mara. 

Jetzt erst, nachdem der Alpmythus sich um wirkUche 
Menschen oder um Dämonen von menschlichem Aussehen 
gelegt und die engen Wände der dumpfen Schlafkammer 
durchbrochen, strömten alle Leidenschaften und Gefahren 
des wirklichen Lebens in das Traumleben des Mythus ein. 
Traum und Wirklichkeit schwammen nun noch leichter in 
einander über. Die im Traum erschienenen Nachbarn und 
Dorfgenossen gerieten in den schlimmen Verdacht der Alp- 
drückerei, und indem der Traummythus ins reale Dasein 
gleichsam zurückwuchs, behauptete man auch, an diesen 
Verdächt^en die Spuren der mit ihnen im Traum erlebten 
Ereignisse mit wachen Augen wahrnehmen zu können. Es 
entstand im Dorf eine höchst ärgerliche aus Traum und 
Leben wirr zusammengegossene Skandalchronik, Aber ge- 
heimnisvollen Liebreiz nimmt oft derjenige Alpmythus an, 
der sich an die ÜbermenschUchen in der Natur waltenden 
Elfenweiber schließt. 

Die mit der traurigen Fähigkeit des Alpdrückens be- 
gabten Menschen mußten nach dem Volk^lauben von 
Dämonen oder unter dämonischem Einfluß geboren sein. 
Ihre Geburt fiel in ein böses Zeichen oder in die uni den 
16. Oktober gelagerte Galluswoche, in der mit den Hirten 
allerhand böse Geister und Seelen von der Weide zu den 
Dörfern heimkehrten. Ihre Mutter hat in ihren Geburts- 
wehen den Teufel angerufen, oder es ist bei deren Taufe 
ein Versehen begangen. Ein mit Zähnen auf die Welt kom- 
mendes Kind ist auch zum Alpdrücken bestimmt. Und wie 
der siebente Sohn ein Werwolf wird (S. 85), so wird die 
siebente Tochter eine Mahrt. Beide, Werwolf wie Mahrt, sind 
an zusammengewachsenen Augenbrauen zu erkennen, auch 
alte Weiber mit Plattfüßen sind Maren. „Gänsfüßige Trute" 
schilt man noch in Konstanz. Den breiten drückenden Alp-, 
Druten-, Schrättelesfuß stilisierte man später in die fremde 
Zauberfigur des Penta- oder Hexagramms jj. oder O tim 



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140 U[. Der Alpglanbe. 

und gebrauchte sie homöopathisch als Gegengift gegen 
den Zauber. Von ihm stammt der niederdeutsche Name 
Maerenvoet. 

Das weibUche Geschlecht ist der Leidenschaft des Alp- 
drückens zugänglicher als das männUche. Krankhafte Einbil- 
dung leidender junger Mädchen kam dem wilden Abei^lauben 
entgegen, Liebe, Haß, Eifersucht trieb beiderlei Jugend dazu 
an, und namentlich alte Weiber waren in ihrer Bosheit, 
Ränkelust und ihrem Neide darauf erpicht Unleugbar hat 
manche auf diesem Wege förmUch nach Hexenruhm ge- 
geizt. Sie muß aber oft für ihr boshaftes Geschäft büßen. 
In der Kammer, der Werkstube, der Mühle vom erwachen- 
den Gesellen oder Müllerbtu-schen als Strotihalm ergriffen, 
wird sie angeschraubt oder festgenagelt und steht anderen 
Tags als nacktes Frauenzimmer da, den klemen Fmger in 
den Schraubstock geklemmt, oder hängt gar als altes Weib 
tot an der Wand. Oder man haut auch einer Katze die 
Pfote ab, worauf die Frau am andern Morgen mit abge- 
hauener Hand im Bett liegt. Durch ganz SUddeutschland 
ist folgende Sage verbreitet, die höheren Alters sein wird, 
ein milderes gleichsam weibüches Seitenstück zu der harten 
männlichen Werwolfssage : Eine Frau sah einst ihre Magd 
in der Nacht bleich an der Wand lehnen. Am anderen 
Morgen bekannte diese ihr weinend, daß sie drücken gehen 
müßte und ihr nur geholfen werden könnte, wenn sie etwas 
hätte, was sie erdrücken dürfte. „Ei, so erdrücke meinthal- 
ben die schönste Kuh im Stalle", sagte die Frau. Am an- 
deren Morgen lag die Kuh im Stall tot, und die Magd war 
befreit. Leidenschaftlicher erscheinen diese Nachtwand- 
lerinnen nach norddeutschen Sagen bald in Menschen-, bald 
in Katzengestalt oder als schnell dahinlaufende Reifen oder 
Räder, Geistliche Lieder singend, schweifen sie durch die 
Felder, reißen mit bloßen Händen die Domen ab, schwim- 
men durch große Gewässer, stürzen sich in Flammen imd 
magern bei ihren nächtlichen Menschenquälereien zu frühem 
Tode ab. Aber diesen imbestimmten rasenden Drang er- 
setzt nun auch eine auf eine bestimmte Person gerichtete 



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III. Der Alpgtaube. 141 

bestimmte Leidenschaft. Im Hauenstein ischen Schwarzwald 
z. B. dringt ein von seinem Mädchen verlassener Liebhaber 
als Schrättele durch das Schlüsselloch und legt sich ihr 
aufs Bett, und ebenso handelt dort wie in der Provinz 
Sachsen die verlassene Liebste. Auch in einer Bamberger 
Sage quält eine Müllerin ihren Knecht als Mare aus ver- 
schmähter Liebe. Der Quälgeist geht bereits in den Buhl- 
geist Über, und in ähnlichen Sagen ist es nun nicht die 
leibhaft^e Gestalt, sondern nur die im Traum ausgefahme 
Seele, die aufs Drücken ausgeht. 

Auch aus Gräbern steigt die Alpqual auf, wie wir aus 
dem , Wiedergängermythus erfahren haben, und der er- 
trunkne Sylter legt sich mit der ganzen Schwere seiner 
nassen Kleider alpartig über das Bett des Schlafenden. Die 
drückende Wucht verwandelt sich in ein markerschüttern- 
des Gesciirei, mit dem der Geist eines Ermordeten, das 
,schrauend Ding' oder ,lopend Rad' im Oldenburgischen, 
so grausig über die Heide stürmt, daß auch die Tiere zittern. 

Die volle Schönheit entfaltet der Alpmythus aber erst, 
wenn er in den Elfenmythus umschlägt; und da dieser es 
ist, von dem der eigentliche Glanz ausgeht, so kann hier 
diese leuchtende Spitze nur eben berührt werden. In dem 
Falle nämüch, wo die Mare nicht eine Nachtwandlerin oder 
eine ausgefahrene Seele oder eine Wiedergängerin, über- 
haupt nicht ein menschUches, sondern ein elfisches Wesen 
war, entstanden ganz neue ungewöhnliche Verhältnisse. 
Es war freihch auch ein Dämon wie der ursprüngliche 
Alp, aber es zog als elfisches Wesen seine ganze in den 
Wettererscheinungen sich offenbarende Naturgewalt mit 
sich. Es flog mit dem Sonnenstrahl durch das Schlüssel- 
loch oder eine Ritze zum Jüngling hinein. Es floh nun auch 
nicht immer nach einem Zusammensein von wenigen Nacht- 
stimden wieder davon, sondern wurde gezwungen, lange 
Jahre bei ihm zu verbleiben. Wesen zweier Welten taten 
sich zu einem dauernden Bündnis zusammen, sie trat in 
seinen Dienst oder schloß sogar mit ihm eine Ehe; denn 
als Elfin war sie klug und gewandt und oft genug von be- 



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m. D«r AlpgUube. 



zaubernder Schönheit. Immer aber blieb die Dauer solcher 
Verhältnisse von einer bedenklichen Bedingung abhangig. 
Eine gewisse Fremdheit konnten die Beiden gegen einander 
nicht überwinden, eine Spannung zitterte durch alle Liebe 
hindurch, stammte das eine doch von dieser Erde, während 
das andere über der Erde seine Heimat hatte, wonach es 
eine unstillbare Sehnsucht trug. Wie hoch man die Schön- 
heit und den Adel dieses fremden, fluchtbegierigen Weibes 
schätzte, geht daraus hervor, daß man von Island bis nach 
Griechenland und Indien hin hervorragende, selbst kön^- 
liche Geschlechter aus solch einer wundersamen Verbin- 
dung eines Sterblichen mit einer Apsaras, einer Nereide, 
einer Elfin herleitete. 

Manchmal führte der Alpdruck einer Elfenschöne zu 
keiner dauernden Lebensgemeinschaft, sondern hatte den 
entgegengesetzten Erfolg. Die alte quälerische Unholds- 
natur wog noch vor. Ein baumstarker Montavoner hatte 
mit beiden Händen ein Doggi, das sich ihm auf die Brust 
legte, bei den Zöpfen festgehalten. Als aber sein Weib, 
dem er zurief, mit Licht kam, \vurde er des Doggi nicht 
mehr Meister; es huschte windschnell zur Tür hinaus, und 
man sah noch, wie seine zwei fliegenden Riesenzöpfe um 
die Türpfosten schlugen. Die Marc auf den Faröem gleicht 
der schönsten Dirne und drückt zur Nachtzeit den von ihr 
heimgesuchten Mann so fest auf die Brust, daß er keinen 
Atem holen, kein Glied rühren kann. Sie fährt ihm mit 
ihren Fingern in den Mtmd, um die Zähne zu zählen ; wird 
ihr Zeit gelassen, sie abzuzählen, so muß er das Leben 
verlieren. Anders erging es einem Witwer im Oldenbur- 
gischen. Als er einmal die Nähe einer Walriderske spürte, 
griff er zu und erhaschte einen vollen weichen Arm; aber 
sie entschlüpfte ihm durch das Riemenloch der Tür. In der 
folgenden Nacht jedoch gelang es ihm, sie festzuhalten, ein 
schönes junges Mädchen, Er machte das Riemenloch dicht 
zu, und sie war mehrere Jahre seine treue Haushälterin. 
Wie er aber einmal das Loch geöffnet hatte, verschwand 
die Fremde mit dem Ruf „Wat klingen de Klocken in 



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m. Der Alpglaubc. 143 

Engelland!" Unsichtbar sorgte sie auch dann noch für 
seine und seiner Kinder Kleider und Wasche bis zu seinem 
Tode. Fast genau dasselbe erzählt man von einer vorarl- 
bergischen und einer graubündischen Marc, von einem 
Doggi. Aber häufiger ist die schönere Geschichte, daß die 
Marc von dem Mann auf Bettesrand festgehalten wird, 
nackt und in leuchtendem Goldhaar, daß sie dann Kinder 
bekommen und glücklich zusammenleben, bis der Mann 
ihrem Drängen, ihr das einst von ihr zum Einschlüpfen 
benutzte Astloch zu zeigen, in einer weichen Stunde nach- 
gibt. Auch in Sm&land kam eine Alfenjungfrau durch ein 
Astloch der Wand mit den Sonnenstrahlen in ein Haus und 
wurde von dem Sohn geheiratet. Sie gebar ihm vier Kin- 
der, durch die sie die Stammutter eines namhaften Ge- 
schlechts wurde, und verschwand an einem heiteren Tage 
auf dieselbe Weise, wie sie gekommen war. Aber um dem 
aus den Erscheinungen der freien Natur geschaffenen Elfen- 
mythus nicht vorzugreifen, dürfen wir hier nicht auf die 
hochpoetische Verkleidung der wüsten Maren in herrliche 
Schwanweiber, die nun nicht mehr in Kammer oder Stall 
oder Mühle, sondern im freien Quellbade überrascht wer- 
den, weiter eingehen. Und wenn das Alpwesen nicht im 
Sotmenstrahl in die Stube dringt, sondern in der Mittags- 
hitze der Erntezeit draußen über den glühenden Korn- 
feldern zittert, so gewinnt es auch den Charakter eines 
Naturgeistes, des Mittagsgespenstes, das den Sonnenstich 
erzeugt. Und vollends modernisiert ist unser Alp, wenn „er 
im Traum eines Kandidaten als mordlustiger Examinator 
erscheint". 



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Viertes Kapitel. 
Die Elfen. 

Das Seelen- und das Marenreich liegen hinter uns ; wir 
betreten eine neue Welt, das Naturgeisterreich. Nicht nur 
am Sterbebett und am Grabe des Angehörigen und auf 
dem Lager des eigenen vom Alp gepeinigten Leibes erfuhr 
die Phantasie tiefe mythenbiidende Eindrücke. Die freie 
Natiu- mit ihren wechselnden Reizen und Schrecken, Seg- 
nungen luid Gefahren wurde nun die ergiebigste Fund- 
stätte der Einbildungskraft. Den weiten Luftraum gestaltete 
sie zu einem erdenhaften und doch Überirdischen Wunder- 
lande um, aus den Erscheinungen des Wetters, das auch 
heute noch die stärksten und weisesten Kulturmenschen in 
seiner Gewalt hat, aus all seinen zahllosen Formen, Tönen, 
Farben, Lichtem und seinen oft so auffälligen Wirkungen 
schuf sie zauberische Tiere und Himderte von menschge- 
staltigen Geistern und Göttern, die jenes Wunderland be- 
völkerten. Aber auch die Erde war ihr Tummelplatz, denn 
die Licht- und Wettergewalten griffen ja fortwährend in 
die Berge, Gewässer, Wälder und Felder ein, und so ent- 
stand, um einen Ausdruck Goethes zu gebrauchen, ein 
reges „Wechselleben der Weltgegenstande". Die Wolken 
wurden der Einbildungskraft zu Bergen, darum bedeutete 
z. B. altnord. klakkr Fels und Wolke, das angelsächsische 
clüd Berg, das englische cioud Wolke. Aber auch Wälder, 
Flüsse, Seen, später Burgen und Türme sEih man in ihnen. 
Ein großes, verzweigtes Wolkengebilde erschien wie ein 
Riesenbaum mit einem Quell an seinem Fuße. Manche 
Wolke hielt man für eine Mulde, einen Kessel, ein Trink- 
hom. In bewegten Wolken erkannte man allerlei laufende, 



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IV. Die Elfen. 145 

Springende, fliegende Tiere und in der wetterleuchtenden 
ein Untier, einen flügelschlagenden, feuerhauchenden 
Drachen, die großartigste mythische Tiergestalt. Die Blitze 
waren feurige Schlangen oder springende Geißböcke und 
dann wieder glühende Geschosse, vom rohen Stein und der 
Keule der Urzeit durch Hammer, Beil, Speer bis zum hel- 
denhaften Goldschwert. Auch als Peitschen, Ruten, Kugeln 
dienten sie. Das befruchtende Regennaß verwandelte sich 
in einen köstlichen Trank, die im Gewölk verborgenen 
Sonne, Mond und Blitz in einen leuchtenden, von der gol- 
denen Wünschelrute oder dem Drachen behüteten Schatz. 
Dann wieder glich die auf- und abflammende Gewitter- 
wolke einer lodernden Schmiedeesse oder einem Backofen. 
Der Osten oder der Westen des Himmels mit ihrem zaube- 
rischen Farbenspiel am Morgen und Abend wurden zu 
fernen geheimnisvollen Lichtländem höherer Wesen. — 
Von dieser Metamorphose der Oberwelt tibertrug die 
Phantasie manche Züge auf die Erde. Gewisse irdische 
Berge könnten, wie man erzahlte, gleich den himmlischen 
auseinander krachen und zusammenschlagen und schlössen 
auch goldene Waffen und Schätze in ihrem Schöße oder 
auch das Lebenswasser oder wasserreiche Seen ein. Und 
davor lauere ein Drache. In den Alpen aber stürzt er über 
die steilen Abhänge und reißt Blöcke und Bäume mit sich. 
Dann sagen die Leute: „der Drach ist ausgefahren". Und 
auch draußen im weiten nordischen Meer wälzt er sich 
wogend und brandend im Riesenzom. Mit solchen Deu- 
tungen begann der geistige Kampf des Menschen mit der 
Natur, der ihm Knechtschaft und zugleich Erhebung vieler- 
lei Art brachte und ihm erst spät, als er das Spielzeug der 
Einbildung mit den Waffen der Wissenschaft vertauschte, 
von Sieg zu Sieg führte. 

Die bald zarteren, bald gewaltsameren Mächte der Luft 
erreichten ihren höchsten Ausdruck in einer menschen- 
artigen Form und zwar jene in oft mehr untermenschlicher 
und diese in Übermenschlicher Größe, sie waren Elfen 
oder Riesen. Ihre beiden Gruppen treten nun neben die 

Meyer, E. H., Genniiii. Hythologic. 10 



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146 IV. Die Elfen. 

Seelen- und die Marenschar. Der alte Name Alp, dessen 
Plural Elbe oder Eiber lautete, wovon z. B. Elberfeld 
stammt, ist im Deutschen jetzt durch die englische Form 
Elfe, Elf, die Wieland in seiner Übersetzung von Shake- 
speares Sommemachtstraum 1762 einführte, ersetzt worden. 
Im Nordischen heißt er Alfr, Elf. Man halt ihn für identisch 
mit dem Namen eines kunstfertigen altindischen Dämonen- 
geschlechts, Ribhu, den man unsicher als Greifer, oder 
listig, geschickt, oder glänzend, licht deutet. So zweifel- 
haft demnach der ursprüngliche Sinn des Namens der Elfen 
ist, desto klarer ist ihr Wesen, wenn es auch in hundert 
Formen und Farben spielt. Die Elfen sind kleinere Dämo- 
nen von menschlicher oder untermenschlicher Größe, durch 
Rührigkeit, Anstelligkeit und vielfaches Eingreifen ins 
menschliche, wie auch ins heroische und göttliche Dasein 
ausgezeichnet. Ihr ursprüngliches Element ist die bewegte 
Luft in ihren verschiedenartigen Äußerungen, vom Blitz 
und heftigem Windstoß und vom schwarzen Gewölk bis 
zum stäubenden Sonnenstrahl, zum unhörbaren Zittern der 
heißen Luft und zum zartesten Nebel. Mit andern Worten, 
es gibt Gewitter- und Windelfen und eine überwiegend 
weibliche Gruppe von Wolkenelfinnen, die mit den Licht- 
elfen nahe ver%vandt sind. Doch bedürfen jene beiden 
ersten naturgemäß auch der Wolkenumhüllung, sowie ander- 
seits diese einen ,entsehenden' bezaubernden Blitz im Auge 
haben und dem Wirbelwindtanze leidenschaftlich ergeben 
sind. Eigentliche Sonnen- und Mondelfen sind nicht nach- 
weisbar, und die altnordische Einteilung in Licht-, Dunkel- 
und Schwarzelfen erklärt sich genugsam aus dem Wechsel 
jener Lufterscheinungen. Die Luftelfen aber verwandeln 
sich nach ihren verschiedenen lokalen Wirkungskreisen in 
Berg-, Erd-, Wald-, Feld- und Wasserelfen, ohne aber da- 
bei ihre ursprtlngliche meteorische Natur wesentlich einzu- 
büßen. Ein angelsächsisches Wörterverzeichnis unterschei- 
det Munt (Berg)-, Vudu (Wald)-, Feld-, Vylde-, Sae- und 
DOn (Hügel) elfen, denen Shakespeare mit echtem Natur- 
gefühl die Sturm- und Gewitlerelfen hinzugesellt, und noch 



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IV. Die Elfen. 147 

der beutige Isländer findet Alfar in Höhlen, Felsen, Wasser 
tmd Luft. Als nach der jütischen Sage Gott die gefallenen 
Engel aus dem Himmel stieß, fielen einige auf Berge herab, 
das Bjärgfolk, andere in Walder luid auf Wiesen, das EUe- 
folk, andere wiederum in die Häuser, die Nisser. Je nach 
ihrer Wettematur müssen sie bald licht, schön, freundlich, 
nützlich, dienstfertig, bald dunkel, häßlich, grausig, schäd- 
lich und tückisch sein. So führen sie auch allerlei andre 
Namen. In Norwegen heißen sie Huldren Verhüllte, in 
Deutschland mit verwandtem Klange die Holden, Hollen 
die Gütigen, auf Island die Liuf Ungar Lieblinge, anderswo 
weiße Weiber oder Frauen. Fremd ist der Name der eng- 
lischen Fairies und der deutschen Feen, den Wieland eben- 
falls wie den der Elfen im Sommemachtstraum herüber- 
brachte. Der im Berge, in der Erde hausende Elf heißt 
Zwerg, angelsäcbsich dveorg, englisch dwar/, der berühm- 
teste Albericb oder Eiberich Elfenkönig. Ein wieder lun- 
fassenderer Name ist das oder der Wicht, im got. vaihts 
und altnord. vaettr weiblichen Geschlechts. Das Wort be- 
deutet eigentlich ein Ding, ein Etwas und fernerhin ein 
rätselhaftes übermenschliches Wesen, wie das lateinische 
res und das altfranzösische chose, im Norden oft ein im- 
geheures, in Deutschland häufig ein zwerghaftes. Es diu-ch- 
läuft aber fast alle Stufen der mythischen Lebewelt: Wich- 
ter heißen die Geister der Verstorbenen, die Wichtelmänn- 
chen, die Riesen, die Walkyrien, die Götter und im Heiland 
sogar die Teufel. Das Opfern an die heidnischen Wichter, 
unter die wohl alle diese Mächte zusammengefaßt werden, 
galt in den altnordischen Kirchenrechten für ein Haupt- 
merkmal des Unglaubens. Die Wichter waren bald böse, 
bald gut, dann heißen sie holde Wichter. Am innigsten ge- 
staltete sich das Verhältnis der Menschen zu ihnen im 
Hause, sie helfen bei der Niederkunft und Hausarbeit, be- 
gleiten ihren Schützling zum Thing oder auf die Jagd, ja 
sie bewachen im Norden noch hie imd da den Hausfrieden 
oder auch das ganze Land. Des Skalden Egil Neidstange 
(S. 47) forderte die Landwichter auf, den König aus dem 

10* 



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im IV, Die Elfen. 

Lande zu jagen; das älteste isländische Gesetz verbot, 
durch Fratzen, wie sie am Vordersteven der Schiffe ausge- 
schnitzt waren, die Landwichter zu schrecken. — Anderen 
Namen werden wir bei den besonderen Elfenarten be- 
gegnen. 

Der Glaube an die Elfen ist uralt wie der an die Seelen 
und die Maren. Wurden unsre Vorfahren von diesen zu 
Hause oder an den Gräbern heimgesucht, so waren ihre 
frühsten Feinde und Freunde in der freien Natur die rie- 
sischen und fast noch mehr die elfischen Wesen und zwar 
schon wahrend ihres Zusammenlebens mit den andern In- 
dogermanen. Die indischen Elfinnen heißen Apsaras Wol- 
ken- oder Wasserwandlerinnen ; die Nymphen und Neraiden 
Alt- und Neugriechenlands sind ebenfalls ihrem Namen 
nach Wasserwesen, wie die germanischen Elfinnen ur- 
sprtlnglich Wolkenfrauen waren und später gleich jenen 
Inderinnen und Griechinnen ihren Licblingsaufenthak an 
den Gewässern der Erde hatten. Gleich den Elfinnen aber 
verteilen sich die Apsaras auch auf die Berge, Wälder und 
hohen Bäume, imd schon in der Ilias bewohnen die Nym- 
phen nicht niu^ die Quellen, sondern auch die Berge, die 
schönen Haine, die kräuterreichen Auen, die Felder und 
Baume, und sie verzweigen sich in Nereiden, Okeaniden, 
Oreaden, Dryaden, Hamadryaden und Feldnymphen, gerade 
wie die deutschen. Die neugriechischen Neraiden helfen 
sogar wie unsre Elfen als Hausgeister beim Spinnen und 
Kehren imd putzen die Stuben. Allen diesen verschiedenen 
Nymphen- oder Elfenarten messen die genannten Völker 
zauberhaften Gestalt- und oft sehr gefährlichen Sinnes- 
wechsel, Freundlichkeit wie Bosheit, Häßlichkeit wie höchste 
Armiut zu. Mit schlanken glänzenden Gliedern und einem blen- 
denden Blick wiegen sie sich in verlockenden Reigen und 
singen unwiderstehliche Lieder. Gleich- einer Kette von Was- 
servögeln flogen die Apsaras schon nach rigvedischen Liedern 
über den See und spielten darin wie Tauchenten, wetm sie 
sich über seinem Spiegel schmückten. Die schönste, zur Göt- 
tin erhobene Nymphe, Aphrodite, sah man wohl auf einem 



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W. Die Elfen. 149 

Schwan durch die Lüfte oder über das Meer reiten. Unsere 
Elfinnen streiften oft an Seen und Quellen ihre Schwan- 
hemden zum Bade ab. Statt des schneeigen Gefieders hüllt 
sie bei allen drei Völkern auch ein weißer Schleier, ein zar- 
tes Gewand ein. Die Phantasie sehnt sich, die höchste Schön- 
heit aus dem einsamen zauberischen Walten der Natur- 
machte herauszuerkennen. Ein Weib von strahlender Schön- 
heit fragte der bewundernde Hindu: „Bist du eine Apsa- 
ras ?" „Schön wie eine Neraide" ist noch heute in Griechen- 
land und das angelsächsische „elfsctn", das altnordische 
„frid sem alfkona, elfenschön, schön wie ein Elfenweib" 
war bei den Germanen der höchste Preis irdischer Weib- 
lichkeit! Man begreift, wie man solchen Wesen zutraute, 
auch andere Männer als solche elfischer Art, auch Männer 
menschlicher Art bestricken zu können. Ihre verführerische 
Herrlichkeit hat bei allen drei Völkern ein reizendes My- 
thenpaar her\-orgerufen : die Elftn bringt ein mannliches 
Wesen dämonischer oder menschlicher Herkunft in ihre 
Gewalt, — oder jenes männliche Wesen bringt die Elfin in 
seine Gewalt, und aus beiden Verbindungen entspringt 
großes Glück oder großes Unglück. Noch ein dritter My- 
thus, der aber der Gesellschaft der männlichen Elfen an- 
gehört, tragt indogermanisches Gepräge, obgleich er sich 
um die doch erst spater ausgebildete Schmiedekunst dreht 
Die Inder wie die Germanen kannten einen Ribhu- oder 
Elfenkönig, einen Ribhukschan oder Alberich, aus dessen 
Volk hier wie dort drei unübertreffliche Schmiede hervor- 
gingen, die in der Wettarbeit mit anderen au^ezeichneten 
dämonischen Schmieden die besten Waffen, Geräte und 
Schmucksachen der Welt in ihrer Himmelsesse für die 
Götter verfertigten. Und wie die Schönheit die Elfenweiber, 
verbindet die Kunstfertigkeit die Elfenmänner unmittelbar 
mit den Menschen, denn wenn diese ihnen Metall vor die 
irdische Höhle legen, so machen halbgöttliche Meister- 
schmiede treffliche Kessel und gefürchiete Waffen daraus. 
Überall unterhalten die Elfen, in Berg und Wald, in Feld 
und Haus, den lebendigsten Verkehr mit den Menschen. 



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150 IV. Die Elfen. 

Durch ihre noch ganz frische Verbindung mit der Natiu-, 
die die Seelen und die Maren entbehren, und zugleich durch 
ihren persönlichen Umgang mit der Menschenwelt, der den 
Riesen und Göttern fehlt, zeichnet sich die Elfengruppe 
vor allen andern mythischen Gruppen aus. 

Die Germanen drückten diese Innigkeit ihrer ßezie- 
himgen zu den Elfen noch auf ihre eigene Art aus. Nach 
Riesen wurden Menschenkinder kaum genannt, nach den 
Elfen aber so häufig wie nach den Göttern. Bei allen 
Stämmen schmückte man die Kinder mit schönen Elfen- 
namen, die ihnen den Schutz und die eigentümliche Be- 
gabm^ der Elfen sichern sollten, auch Königskinder, wie 
den Langobarden Albuin d. i. Albwin Elfenfreund und den 
Angelsachsen Alfred den von Elfen Beratenen. Albruna, 
wohl von ahnlicher Bedeutung, hieß wahrscheinlich eine 
schon von Tacitus erwähnte Seherin. Verwandten Sinn 
mögen Albigardis, Albheida, Albhilt, Aelflint gehabt haben. 
Albofledis bezeichnet die Elfenreine und vielleicht auch 
Alblaug ; auf die leuchtende Farbe weist Alf dag. Die 
Stärke und Kühnheit rühmen die Namen Albswinda, .\lf- 
hard, Alfnand, ihr Geschoß der Name Alfger, und an die 
Elfenkönige erinnern Alfhere, Aelfwold, Alfward und vor 
allen Alberich, Klugheit, Schönheit, Entschlossenheit und 
königliche Herrschgewalt sind also den Elfen in hervor- 
ragendem Maße in unsrer ältesten Geschichte eigen. 

Wie mangelhaft doch auch der von uns oben gerühmte 
Religionsbericht des Tacitus ist! Von diesem ins Leben so 
tief eingreifenden Elfentum meldet er nichts. Erst em 
halbes Jahrtausend später erfahren wir indirekt von ihnen, 
durch den Griechen Agathias, wo er von den Opfern 
spricht, die die Alemannen den Bäumen, Flüssen, Hügeln 
und Höhlen darbrachten, und seitdem hören die Geschichts- 
schreiber bis zu Helmold gegen 1200, sowie die Konzüs- 
beschlüsse und Kapitularien nicht auf, über die Quellen-, 
Stein- imd Baumverehrimg zu zürnen. Das dabei übliche 
Lichteranzünden bestrafte Karl d, Gr. durch das ganze 
fränkische Reich, insbesondere aber auch im Sachsenland, 



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IV. Die Elfen. l.)l 

Die Könige Knut und Olaf der Heilige verpönten diese 
Kulte in England und Norwegen. Auf Island opferten die 
ersten Ansiedler hier einem Steine, dort einem Wald, dort 
wieder einem Wasserfall. Einem solchen gelobte Einer so- 
gar seinen ganzen Nachlaß, und in seiner Sterbenacht 
stürzten sich wirklich alle seine Schafe in die Flut hinein. 
Daß nun die Germanen nicht diese Naturgegenstände als 
solche, sondern die darin wohnenden Geister verehrten, 
dafür spricht außer dem durchgehenden, dem rohen Fetisch- 
dienst abholden Charakter ihrer Religion das Vorhanden- 
sein der Berg-, Stein-, Wald-, Baum- und Quellelfen, die 
gerade in den genannten Naturgegenständen ihren Aufent- 
halt hatten. Das jüngere Christenrecht des norwegischen 
Gulathings verbot, an Landgeister zu glauben, die in Hainen, 
Hügeln und Wasserfällen wohnten. Riesen aber empfii^en 
überhaupt kaum Verehrung, wenigstens nicht an solchen 
bestimmten Örtlichkeiten, und auch die Götteropfer knüpf- 
ten sich damals in heidnischer Gegend wohl nur an Tem- 
pel imd wagten sich in schon bekehrter Bevölkenmg kaum 
ins Freie hinaus. Endlich decken sich die oft auffälligen 
Formen dieses scheinbaren Naturkultus genau mit denen 
des Elfenkuttus. Wie man an Quellen Lichter anzündete 
und in Deutschland am Chrislabend mit Lichtern in den 
Brunnen sah, so empfing man noch nach späterem islän- 
dischen Julbrauch die Elfen mit vollem Lichterglanz im 
Hause. Wie jener Isländer seine Schafe dem Wasserfall 
gelobt hatte, so warf noch spater der norwegische Geiger 
seinem Lehrmeister, dem Fossegrim oder Wasserfallselfen, 
am Donnerstagabend ein weißes Böcklein ins Wasser. 
Auch setzte man sich allen Konzilsbeschlüssen zum Trotz 
noch viel später auf die Kreuzwege hinaus, um gerade 
hier der Elfen Gimst zu erfahren. Wie schwer das ger- 
manische Volk sich vom Glauben an sie losriß, das lehren 
z. B. einige englische Daten. Chaucer meinte im 14. Jahr- 
himdert, in König Arthurs Tagen sei das ganze Land von 
Fairies erfüllt gewesen und die Elfenkönigin habe mit ihrer 
fröhlichen Gesellschaft auf mancher grünen Wiese getanzt, 



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152 IV. Die Elfen, 

bis die Bettelmönche sie verdrangt hätten. Aber drei Jahr- 
hunderte später behauptete der Bischof Corbet ganz ernst- 
haft, erst seit Abschaffung des Mönchtums durch die Kö- 
nigin Elisabeth hätten die Feen das Land verlassen, und 
wiederum drei Jahrhunderte später hielt ein hochgebildeter 
Dichter, Coleridge, die Elfen für wirkliche Wesen. Noch 
heute glaubt mancher Bauer in manchem Bach, im Acker 
und im Bergesschoß das leise Walten der Elfen wahrzu- 
nehmen, und ihre Sage wenigstens schwebt noch über 
mancher Lieblingsstätte unsrer Heimat wie ein zerrinnen- 
der zarter Duft. Die neuere Dichtung imd Musik aber ver- 
dankt dem Elfenmythus die wundersamsten Töne, ohne ihn 
noch erschöpft zu haben. 

Eine Gesamtcharakteristik des Elfenvolks, das ja in 
den verschiedensten Naturreichen wohnte, dazu in sich 
z^veideutig , ja zwiespältig war , in die verschiedensten 
menschlichen Verhältnisse eingriff imd sich auch diesen 
wieder anzupassen verstand, wird nicht leicht gelingen. Je 
nach den freundlichen oder wilden Wettererscheinungen 
gab es, wie schon bemerkt, schöne, lichte, nützliche, dienst- 
fertige und gütige und wiederum häßliche, dunkle, schäd- 
liche, gewalltätige imd tückische Elfen. Im Durchschnitt 
sind sie von der Größe des Menschenleibes, doch bleiben 
namentlich die Bergelfen, die Zwerge, aber z. B. nicht m 
Island, dahinter zurück. Aber auch die großen isländischen 
Alfar haben weicheres Fleisch und mtlrbere Knochen als 
die Menschen, und auch des deutschen Zwergkönigs Gol- 
demar Hände sind weich anzufühlen wie eine Maus oder 
ein Frosch. Goldemar erscheint sogar als bloßer Schatten, 
und alle Elfen lieben es, rasch zu verschwinden vne ein 
„Schwick", oder wie ein Schatten, altnordisch skuggi. Sie 
können bei geschlossenen Türen ins Haus kommen. Die 
Elfinnen sind überwiegend anmutig, oft bezaubernd nament- 
lich durch Glanz der Haut, Schlankheit des Wuchses imd 
Üppiges Haupthaar. Bei Saxo hatte der mythische König 
Alf silberglänzendes Haar, und seine Gelieble Alfhild blen- 
dete durch ihre strahlende Schönheit, wenn sie sich ent- 



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IV. Die Elfen. I.i3 

schieierte. Schöner als die Sonne sind die Alfen nach der 
Prosaedda. Doch sind andere mit bleckendem Gebiß und 
langen Zonen ausgestattet, und die Wasserelfinnen, die 
Nixen, haben glotzenden Blick, grüne Zähne und grüne 
Locken und enden auch wohl in einen Fischleib. Von den 
männlichen Elfen sind die Zwerge oft allzu gedrungen, 
verhutzelt und dickköpfig und schreiten zuweilen auf Vogel- 
oder Geißfüßen einher. Häufig tragen Elfen einen roten 
oder grünen Spitzhut, oder eine Tarnkappe, die sie unsicht- 
bar macht, und die Elfinnen ein Schwanhemd oder Schleier- 
kleid, das sie zum Bade abwerfen. Keine Klasse der my- 
thischen Wesen führt ein menschlicheres Dasein und ist 
mit dem Menschengeschlecht inniger verbunden als die 
Elfen. Sie werden geboren, wachsen und sterben, wie die 
griechischen Nymphen, nach Art der Menschen, wenn sie 
auch gewöhnlich ein weit höheres Alter als diese erreichen. 
Doch gehen sie darin weit auseinander. Der Felddämon 
entstand auf jeder Flur jedes Jahr neu, wurde bei der 
Ernte gefangen und lebte in der letzten Garbe fort, bis er 
wahrend des Drusches auf der Tenne hinstarb. Der Haus- 
geist dagegen bUeb fest im Hause nisten, mehrere Geschlech- 
ter hindurch. Andere rühmen sich so alt zu sein wie uralte 
Wälder. Die Elfen backen, brauen, waschen, spinnen und 
halten gut Haus, sie haben ihr eigenes, ungewöhnlich milch- 
reiches Vieh. Sie übertreffen die Menschen in Tanz, Ge- 
sang, Musik und zumal in der Schmiedekunst. Die Zwerge 
bilden ein Volk, das seine bestimmten Feste, wie z. B. das 
Julfest, feiert und seine Dingstätten, ja sogar seine Kirchen 
hat. Es hat einen König Alberich, Laurin, Goldemar, Pippe 
über sich, auf Island sogar zwei neben einander. Die Elfen 
beschenken und ergötzen die Menschen, aber sie verwxm- 
den sie auch, machen sie krank und löten sie. Der Zauber, 
den sie auf die Menschen ausüben, ist kaum größer als 
der, mit dem die Menschen sie anziehen. In diesem Wech- 
selverkehr liegt sogar der Schwerpunkt des Elfenmythus, 
der insofern mehr Ähnlichkeit mit dem Seelen- imd dem 
Maren-, als mit dem Riesen- und Göttermythus hat. Beide, 



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IM IV. Die Elfen. 

Elf wie Elfln, schließen sich oft als Hausgeister den Men- 
schen zu dauerndem Dienste an oder wie Liebende zu 
dauerndem Bunde. Die Elfinnen locken durch Schönheit, 
Sang, Spiel und Trank die Männer in ihren Berg, Wald, 
See und beglücken sie mit ihrer Liebe, oder sie leiten sie irre 
bis zur Erschöpfung, zur Schwermut und zum Wahnsinn. 
Namentlich die Nixen dringen Abends sogar in die Spinn- 
stuben, um sich dort am Tanz zu erlustigen und dann einen 
Burschen mit sich ins Wasser zu ziehen oder ihn in seinem 
Bette zu töten. Die Elfen holen gern Weiber in ihre 
Wochenstuben, um sich ihrer Hebammenkimst zu bedienen, 
und vertauschen gern ihre Kinder, die Wechselbalge, mit 
den menschlichen. Oft sehen sie sich genötigt, den bald 
zum Heil, bald zum Unheil ausschlagenden Umgang mit 
den Menschen ganz aufzugeben und in ein andres Land 
weit ab von den Menschen überzusiedeln. 

In christlicher Zeit legte man oft dem Verlangen der 
Elfen nach Menschenverkehr die Sehnsucht nach dem 
Christentum und der Seligkeit unter. Sie haben daher auch 
ihre Kirchen. Dann wurden sie sogar in die christliche 
Mythenwelt versetzt: die Lichtelfen wohnen schon nach 
der Edda ün dritten Himmel wie die Engel des Mittelalters; 
die Südtiroler Waldelfen oder Norgen sollen vom Himmel 
gestürzte Ei^el sein, die an den Bäumen hängen blieben, 
wie sie in Griechenland zu Sirenen wurden. Die islän- 
dischen Alfar galten für die bei Luzifers Aufstand gegen 
Gott neutral gebliebenen Engel oder für die bei des Herr- 
gotts Besuch imgewaschenen Kinder der Eva. 

Wie die Seelen und die Maren waren die Elfen eine 
bedeutende Macht im Dasein, die man durch Speis- und 
Trankopfer zu Hause und draußen unter Bäumen, an 
Steinen, an Quellen und auf Kreuzwegen zu begütigen und 
zu gewmnen, aber auch durch Feuer, Donnerkeil, Stahl 
imd das Tageslicht imd schließlich diu-ch Glockengeläute 
zu verscheuchen suchte. 

Die Urheimat der Elfen ist die bewegte Luft, darin sie 
als Gewitter-, Wind- und Wolkenwesen sich tummeln. Die 



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IV. Die Elfen. 1.» 

Gewitterelfen sind ausgerüstet mit dem Blitzgeschoß, 
dem „Alpschoß". Ursprünglich ein bloßer feuriger Stein, den 
man erkaltet im Belemnit, dem sog. Donnerstein, schwed. 
Aelfqvam, engl. Elfstone, schott. Elfflint, wiedererkannte, 
wurde es später als Pfeil gedacht, norw. Alfpil, schott. 
Elfarrow oder Elfbolt. Da die Maren, Druten, Schrättele 
und Hexen, wie bemerkt, sich vielfach unter die Elfen 
mischen, so heißt der Donnerstein auch Maren-, Drutten-, 
Schrattenstein, engl. Hagstone. Der durch diesen zwischen 
den Schulterblättern her\'orgebrachte „Hexenschuß" heißt 
holländisch „Spit" d. i. Spieß, schwed., dän. und englisch 
Elfenschuß, norw. Elfenfeuer oder Zwergschuß. Schon vor 
1000 Jahren erzählte ein Angelsachse, wie mächt^e Frauen, 
Hexen, laut über das Land geritten seien imd gellende 
Speere, Götter-, Elfen- und Hexengeschoß, gesendet imd da- 
durch einem Kranken schmerzhafte Stiche in Haut, Fleisch, 
Blut oder Glied verursacht hätten. Dann beschwor er den 
kleinen Speer heraus und bedrohte die Unholde mit einem 
Messerwurf. So sprach 1675 noch eine deutsche Hexe „wider 
das Geschoß": „Alle Wolken triefen und alle Wasser fließen. 
Alle Bolzen schießen, schießen dir aus alles dein Gebein". 
Aus den Wolken fliegen also diese Geschosse. Nach dem 
dänischen Volkslied schießt die Elfin vorzugsweise mit dem 
Elvekvist Elfenzweig zwischen die Schulterblätter oder 
schlägt der Bergkönig mit der Elverod Elfenrute. Vom 
elfischen Pilwiz weiß Wolfram v. Eschenboch, daß er durch 
die Kniee schießt und Fliehende lähmt. In deutschen Sagen 
werfen weiße Frauen und Hexen Lauschern oder andern 
unbequemen Leuten namentlich bei der wilden Jagd ein 
Handbeil in den Rücken, das dann wohl erst nach sieben 
Jahren an demselben Orte, wo es ihn getroffen, herausge- 
zogen wird. Die Elfin oder Huldre schießt in Norwegen 
eine Alßiula Elfenkugel ins Vieh, d. i. der im Magen eines 
Rindes häufig gefimdene Haarballen, der Tiroler Hagel- 
stein, der von Hexen gefüllt sein soll. Im Blitz sah man 
auch eine goldene, feurige Peitsche, mit der der Zwerg- 
könig Alberich im Nibelungenliede bitterlich auf Siegfried 



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IM IV. Die Elfen, 

und der Aargauer Zwerg Stiefeli auf die Holzfrau loshaut: 
Alberich aber ist im Epos aus den Wolken in die Berge 
herabversetzt. Hurtig springt er aus der Felswand hervor 
mit seiner Geißel und zwar in der Tarnkappe, der unsichtbar 
machenden Wolkenhülle, und da sie in sich andre furcht- 
bare Blitze birgt, verleiht sie ihm die Stärke von zwölf 
oder zwanzig Männern. Trotzdem besiegt, führt er nach 
dem Siegfriedslied den Sieger ins Innere des Berges zum 
Nibelungenhort, der unter Anderem ein Schwert, den Blitz, 
hat, das allein den Feuerdrachen töten kann. Und noch 
nicht des fantastischen Spiels mit den Blitzerscheinungen 
genug: auf dem Schatze ruht als Köstlichstes „von Gold 
ein Rütelein", das den Schatz der Wolke aufdeckt und ihr 
das regensreiche Naß entlockt und den Besitzer zum Meister 
aller Menschen macht. Des Rüteleins Zauberkraft ist dann 
spät auf die sich gabelnde Haselrute, das Abbild des zacki- 
gen Blitzes, die „Wünschelrute", übertragen, mit deren 
Hilfe der Mensch im Schoß der Erde Gold oder Wasser 
aufspart und die ihn in Bayern vor Blitzgefahr schützt. — 
In diesen Vorstellungskreis gehört auch der Tiroler Alber 
oder Alp, der niederdeutsche Alf oder Dräk (Drache), eine 
feurige Lufterscheinung, die auch „Tragerl" in Ostreich 
heißt, weil er den Leuten das Gut Anderer zuträgt; in 
Pommern, wenn er blau ist, Korn, wenn er aber rot ist, 
Gold. — überhaupt wurden in verwandte Feuererschei- 
nimgen, wie Irrlichter und St. Elmsfeuer, allerhand elfen- 
hafte Spukgestalten hineingesehen, die der Wanderer plötz- 
lich vor sich hergehen sieht, die ihm grinsend immer 
winken und ihn in die Irre leiten. Auch setzen sie sich 
gern auf den Wagen. Die Dorftiere, die sich oft mit teUer- 
großen feurigen Augen stets in derselben Gasse oder 
draußen auf demselben Wege zeigen, sind zum Teil aus 
solchen örtlichen Lichterscheinungen hervorgegangen. Diese 
Gewitter- und Gebirgselfen waren aber nicht nur Hand- 
haber und Besitzer jener eigenartigen Waffen, Geräte und 
Schätze, sondern, als die bewunderte Schmiedekunst sich 
entwickelte, als die Donnersteine, -keulen, -heile, -hänuner 



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rV. Die Elfen. 157 

und Peitschen durch Bronzeäxte und -hämmer, Speere und 
Schwerter ersetzt wurden, da wurden diese gewandten 
Blitzelfen, unterstützt von den das Essenfeuer anblasenden 
Windelfen, die Meisterschmiede der Welt. 

Einen voll und schon anekdotenhaft ausgebildeten My- 
thus weiß von ihnen die Prosaedda zu erzählen: Als Thor 
einst bemerkte, daß seiner Gemahlin Sif das Haar von Loki 
abgeschoren sei, da hätte er sicherlich dem gepackten 
Frevler alle Knochen zermalmt, wenn ihm dieser nicht 
geschworen, ihr aus Gold neues, wachstumfähiges Haar 
fertigen zu wollen. Da fuhr Loki zu den Schwarsclfen, 
Iwaldis Söhnen, die das gewünschte Haar für Sif, femer 
das Schiff Skiäbladnir für Freyr und den Speer Gungmr 
für Odin schmiedeten. Trunken von seinem Erfolg, ver- 
pfändete Loki mm sein Haupt dem Zwerge Brokkr, falls 
dessen Bruder Sindri oder Eitri drei gleich wertvolle Klein- 
odien fertigte. Da legte Sindri eine Schweinshaut in die 
Esse und hieß Brokkr mit dem Blasen nicht eher aufhören, 
als bis er die Haut wieder herausgezogen hätte. Als Sindri 
die Schmiede verlassen hatte, blies Brokkr, obgleich ihn 
eine Fliege in die Hand stach, fleißig weiter, bis Sindri kam 
und die Arbeit aus dem Feuer holte, einen goldborstigen 
Eber. Darauf legte er Gold in die Esse, und Brokkr blies, 
obgleich ihn die Fliege in den Hals stach, noch einmal so 
stark, bis Sindri kam imd einen Goldring Draupnir aus 
dem Feuer zog. Endlich legte Sindri Eisen in die Esse, da 
stach die Fliege dem blasenden Brokkr mitten zwischen 
die Augen, daß das Blut ihm hineinrann, so daß er nichts 
sah. Und möglichst geschwinde griff er mit der Hand 
nach ihr und streifte sie ab; jedoch der Blasbalg war in- 
zwischen in sich zusammengesunken. Wie nun Sindri zu- 
rückkam, sagte er, fast wäre alles verdorben, und nahm 
einen Hammer aus dem Feuer. Mit diesem und den beiden 
andern Kleinodien schickte er seinen Bruder Brokkr zu den 
Göttern nach Asgard, um Lokis Pfand eüizulösen. Als 
Brokkr und Loki ihre Schmiedearbeiten herantrugen, setz- 
ten sich die Götter auf ihre Richtstühle und beschlossen, 



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158 rV. Die Elfen. 

daß Odin, Thor und Freyr das Urteil sprechen sollten. 
Da gab Loki dem Odin den Speer Gungnir, dem Thor das 
Haar für Sif, dem Freyr Skidbladnir und setzte die Tugen- 
den dieser Arbeiten auseinander: daß der Speer nie auf 
seinem Stich stecken bleiben, das Goldhaar fest an die 
Haut anwachsen imd das Schiff Skidbladnir überallhin 
günstigen Wind haben würde, außerdem wie ein Tuch be- 
quem zusammengelegt und in die Tasche gesteckt werden 
könnte. Nun aber zeigte Brokkr seine Arbeiten: er gab 
Odin den Ring, von dem in jeder neimten Nacht acht neue 
Ringe von gleichem Gewicht abtröpfeln würden, dem Freyr 
den Eber, GulUnbursti, der durch Luft und Meer Nacht 
und Tag mit solcher Schnelligkeit laufen könnte wie kein 
Roß und dessen Borsten auch die tiefsten Finsternisse der 
Nacht und der Welt erheilten, und endlich dem Thor den 
Hammer, mit dem er jedes Wesen, auch das grOßeste, an- 
greifen könnte, der nie fehlen und nach dem Wurf stets 
in seine Hand zurückkehren würde. Dazu wäre er leicht 
in einer Brusttasche zu bergen. Nur wäre sein Handgriff 
zu kurz geraten. Da fällten die Götter das Urteil, daß 
dieser Hammer das beste aller der Kleinodien wäre, und 
der stärkste Schutz gegen die Erzfeinde der Götter, die 
bösen Reifriesen, weshalb sie dem Zwerge das von Loki 
gewettete Pfand zusprachen. Loki erbot sich zwar, sein 
Haupt zu lösen, doch der Zwerg lehnte ab. „Nun, so greif 
mich!" sprach Loki, war aber, als Brokkr ihn greifen 
wollte, schon über alle Berge, denn auf seinen Schuhen 
konnte er Luft und Meer durchlaufen. Nun bat der Zwerg 
den Thor, Loki zu greifen, imd Thor griff ihn auch. Als 
aber der Zwerg ihm das Haupt abschlagen wollte, sagte 
Loki : „Zwar hast du Anspruch auf mein Haupt, aber nicht 
auf meinen Hals." Da nahm der Zwerg einen Riemen und 
ein Messer, um die Lippen Lokis zu durchbohren imd ihm 
dann den Mund zuzunähen. Weil aber das Messer stumpf 
war, meinte Loki, der Pfriemen seines Bruders würde dafür 
besser sein. Und sowie er ihn genannt, war der Pfriemen 
da und diu'chbohrte Loki die Lippen, die Brokkr zusammen- 



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tV. Die Elfen. 159 

nähte. Loki aber riß den Faden heraus. Dieser heißt 
Vartari. — Sieht man von der Rahmenerzahlung ab, so 
erkennt man als ältere Füllung die Geschichte von zwei 
Gruppen kunstfertiger Dämonen, die um die Wette für die 
Gotter Kunstwerke von durchweg völlig meteorischer Na- 
tur herstellen. Zwar wird das Goldhaar der Sif gewöhnlich 
auf den Komsegen der Erdgöttin gedeutet, aber es kann 
auch auf das Wetterleuchten bezogen werden. Das Schiff 
Skidbladnir ist offenbar die Wolke, die die Himmlischen 
trägt, bei jedem Winde weiter fährt und nach dem Regen 
wieder verschwindet, der Speer Gungnir ist der ruhelos 
zitternde oder sausende Wind, den Shakespeare des Wetters 
Speer nennt. Der Ring Träufler scheint ein Sinnbild immer 
sich erneuernden Reichtums, der Eber Goldborst ist die 
Sonne oder die blitzende Wetterwolke, wie denn die Grie- 
chen dasselbe Wort Argetes für die Blitze und die Eberzähne 
gebrauchten. Als Meisterstück ■wird aber trotz seines Feh- 
lers der Hammer Mjölnir, der Zermalmer, hervorgehoben, 
der unter Blitz und Donner durch die Luft fährt, von selbst 
in die Hand des Donnergottes zurückkehrt und einen zu 
kurzen Stiel hat. So fliegt der Donnerkeil im Lenz- imd 
Sommergewitter stets von neuem aus Thors Eisenhand- 
schuh, ist aber im Winter schwach, was die Kurzstieligkeit 
auszudrücken scheint. 

In dieser Sage sind alte Züge verborgen, deren meteo- 
rischer Sinn in den entsprechenden griechischen und in- 
dischen noch deutlicher hervortritt. Nach Hesiod verfertig- 
ten und schenkten drei Kyklopen, Brontes Donnerer, Ste- 
ropes Blitzer und Arges Donnerkeiler, dem Zeus den 
Donner, Blitz und Donnerkeil, mit denen er die Titanen 
bezwingt und über Menschen und Götter herrscht. Die 
Blitzwaffe ist also auch wie im germanischen Norden das 
eigentliche Herrscherzeichen, das Schmiedemeisterstück. 
Nach dem jüngeren Apollodor werden aber auch andre 
Götter von den Kyklopen, wie oben von den Elfen, näm- 
lich Pluton mit einer Tarnkappe und Poseidon mit dem 
Dreizack versehen. Den Elfen durch Wettermacherei, 



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leO IV. Die Elfen. 

bösen Blick und kleinere Gestalt sind noch näher verwandt 
die griechischen Teichinen, die nach andern die ersten 
Eisen- und Eronzeschmiede hießen und dem Poseidon den 
Dreizack machten, auf deren Schätzen und Geschenken 
aber auch ein Fluch ruhte, wie auf dem Nibelungenring des 
Zwerges Andvari. 

Die Schmiedekunst ist aber auch den indischen Ribhus 
eigen, deren Name, wie wir wissen iS. 146), mit dem ger- 
manischen Elfennamen übereinstimmt, und auch ihr Mei- 
sterwerk ist offenbar der Blitz, und zwar auch dieser ein 
Geschenk an die Götter. Denn von diesen Männern der 
Luft, wie sie im Rigveda heißen, erklärt der eine das 
Wasser, der andre das Feuer, der dritte aber das Geschoß- 
schleudemde d. i. den Blitz für die Hauptsache. Dem da- 
maligen Götterkönig Indra, dem Donnergotte, schufen sie 
die falben Pferde d. h. die Blitze; an einer anderen Stelle 
zimmerten sie ihm den „Blitz". Aber sie schufen auch 
Panzer und einen gedankenschnell um den Himmel rollen- 
den Wagen, der an das nordische Wolkenschiff erinnert, 
und erneuerten aus einer Haut stets wieder eine Kuh, die 
dem aus einer Haut geschaffenen nordischen Gotdborst 
ähnlich ist. Ja, von den germanischen Elfen, den Zwergen 
und Kasermännlein in Tirol, den englischen Pixi'cs und den 
nordischen Huidren erzählt man hie und da noch heute, 
daß sie eine im Herbst in der Sennhütte zurückgelassene 
Kuh verspeisen und aus Haut und Knochen wieder, wie 
die Ribhus, lebendig machen, offenbar, weil sie im Früh- 
ling die befruchtende Wolkenkuh wiederbringen, wie auch 
die fübhus gleich den Tiroler Albern die Kräuter wieder 
wachsen lassen. Der erste Ribhu heißt Ribhukschan Ribhu- 
könig gerade wie der erste Elf Eiberich, Alberich, Elfen- 
könig, und wie Ribhuschan dem Indra den Blitz schmiedet, 
so schmiedet der nordische Älfrik mit drei andern Zwer- 
gen den Halsschmuck der Freyja, der deutsche Alberich 
den goldnen Ringpanzer König Ortnits, und der „Elfen- 
fürst" Wieland ist der Meisterschmied. Das Auffälligste 
aber ist, daß auch in Indien ein Wettstreit dämonischer 



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rv. Die Elfen. 161 

Künstler von den Göttern entschieden wird, wozu auch, 
wie im Norden der Feuergott Loki, so hier der Feuei^ott 
Agni die Hauptanregung gibt. Tvashtri d. h. der Künstler 
schuf außer dem Blitze für Indra noch für die Götter eine 
Trinkschale, die jene drei Ribhus getadelt haben sollten. 
Da stellte ihnen Agni die Aufgabe, aus der einen Schale 
vier für die Götter zu machen. Sie lösten die Aufgabe, und 
Tvashtri floh besiegt zu seinen Frauen. Diesem indisch- 
germanischen, zum Teil auch griechischen Schmiededä- 
monenmythus hegen gemeinsame Vorstellungen von über- 
irdischen Gewittermächten zu Grunde, die nach den An- 
fängen der Schmiedekunst im Beginn einer angestaunten 
Technik bereits eine gemeinsame feinere Gestaltung em- 
pfangen hatten. Die himmlischen Götterschmiede wurden 
dann samt ihren zauberischen Werkstätten in den Schoß 
der Berge versetzt, wie denn die Kyklopen, nunmehr Ge- 
sellen des Meisters Hephaestos, in den Vulkanen am Mittel- 
meer ihre glühenden Essen hatten und die germanischen 
Zwerge in Erdhöhlen für Helden und gewöhnUche Men- 
schen tätig waren. 

Während die Übereinstimmimgen dieser indischen, 
griechischen und germanischen Künstlersagen auf gemein- 
samem naturmythischen Untergrund ruhen, scheint die 
noch auffälligere Übereinstimmung der germanischen Wie- 
landssage mit dem DaedaJos- und Hephaestosmythus aus 
den Kulturmitteilungen erklärbar, die schon in der älteren 
Bronzezeit aus dem hellenischen Süden mit der Spiral- 
omamentik der Mykenaekultur quer durch Eiu-opa nach 
dem Norden wanderten. Aus der Mischung von altger- 
manischen Elfenmären mit Daedalos- und Hephaestos- 
geschichten entstand im Norden der poesievolle Künstler- 
roman, den uns das eddische Völundslied meisterhaft erzählt 
Wieland, ein Elfenfürst mit weißem Halse, und seine Brü- 
der Slagfidr imd Egil bemächtigen sich dreier badender 
Königstöchter, die bald als Walküren das Kriegshandwerk 
treiben, bald ihr Schwanhemd ablegen und am Seestrand 
friedlich Flachs spinnen. Aber nachdem sie acht Winter 

Htytr, E. H., Gcrman. Mytholotie. ü 



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163 IV. Die Elfen. 

mit den drei Brüdern zusammengelebt haben, fliegen sie 
sehnsüchtig zum Kampfleben zurück. Egil und Slagfidr 
machen sich auf, um sie ostwärts und südwärts zu suchen; 
Wieiand aber bleibt einsam zurück und schlägt rotes Gold 
und Edelgestein zu kostbarem Geschmeide zusammen, tief 
im Wolfstal, seiner lichten Geliebten Alvit harrend. Als er 
einmal auf der Jagd ist, dringen die Leute König Niduds 
in sein Haus und sehen staunend all die Schmiedeherrlich- 
keit, doch nehmen sie nur einen von den 700 Ringen weg. 
Wie Wieland nach der Heimkehr diesen Verlust bemerkt, 
hofft er, Alvit sei wiedergekommen. Er sitzt lange, bis er 
einschläft, um aufzuwachen freudlos, mit gefesselten Hän- 
den und Füßen. Da gab NiducI seiner Tochter Bödvild den 
Goldring, den er von der Bastschnur in Wielands Hause 
genommen hatte, er selbst trug Wielands Schwert. Auf den 
Rat der Königin, die des Meisters Rache fürchtete, zerschnit- 
ten sie ihm die Sehnen seiner Kniekehlen und setzten ihn auf 
die Insel Seestatt. Nun schmiedete er für den König aller 
Arten Kleinode, und niemand durfte zu ihm gehen als der 
König allein. Doch beim Hammerschlag sann der Schmied 
auf Rache. Als einmal die zwei Knaben des Königs neu- 
gierig in die Werkstatt kamen und in die Goldkiste schau- 
ten, schlug Wieland mit dem fallenden Deckel ihre Häup- 
ter ab und legte ihre Füße in den Schmutz unter dem 
Blasebalg. Ihre Schädel faßte er in Silber und schickte sie 
ihrem Vater, aus ihren Augen machte er Edelsteine und 
schickte sie ihrer Mutter, und aus den Zähnen machte er 
Brustringe und schickte sie ihrer Schwester Bödvild. Da 
begann diese ihren Ring, den einst Alvit getragen, zu rüh- 
men ... bis er zerbrochen war. Aber Wieland tröstete sie 
und versprach, ihn schöner wieder herzustellen. Er schlä- 
ferte sie mit Bier im Stuhle ein und überwältigte sie. 
Lachend erhob er sich dann in die Luft, weinend ging 
Bödvild vom Eiland, ^■oll Sorge um die Fahrt ihres Lieb- 
sten und den Zorn ihres Vaters. Der König war schlaflos 
über den Tod seiner Söhne, ihn fror sein Haupt. Da sah 
er Wieland fliegen und rief zu ihm hinauf; „Was ist aus 



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IV. Die Elfen. 163 

meinen frischen Knaben geworden?" Und Wieland ent- 
hüllte ihm alles, aber der König hatte keinen Mann so 
kräftig, daß er jenen herabschießen könnte, mid seine 
Tochter gestand ihm ihre Schande. 

Weland, Wieland, altnord. Völunär bedeutet den Künst- 
ler gerade wie Daedalos. Er war Fürst der Alfen, der, von 
Zwergen belehrt, Ringe, Becher imd Schwerter schuf und 
im Wettkampf mit dem Schmiede Amilias mit dem Schwerte 
Mimung den Preis davontrug. Er fertigte auch ein getreues 
Abbild von Regin, wie Daedalos die ersten menschlich ge- 
stalteten Bilder schnitzte. Er schwang sich aus der Ge- 
fangenschaft eines harten Herrschers, der ihn nicht frei 
lassen wollte, auf künstlichen Flügeln in die Lüfte, wie 
Daedalos. Bei diesem Flugversuch kam hier der mitflie- 
gende Sohn Icarus, dort der brüderliche Fluggenosse Egil 
um. Auch Hephaestos wurde Daedalos zubenannt und wie 
Wieland in seiner Werkstatt die Bödvild, bedrängte He- 
phaest in seiner Werkstatt Athene. 

Die zweite Elfenklasse, die der Windelfen, wird durch 
die alten Zwergnamen Vindalfr und Gustr Bläser bezeug^. 
In der Edda werden auch die Zwerge Austri, Vestri, Nor- 
dri und Sudri an den vier Himmelsecken erwähnt. Die 
beiden Diener des Gottes Freyr, ein Ehepaar Beyggvir 
Bieger und Beyla Buckel, scheinen ein paar anmutige 
Windelfen, deren Namen die gleichmäßige Senkung und 
Erhebung der Wellen bei ruhigem Wetter abspiegeln. Der 
Name des Zwerges Andvari, der auf den Ring des nor- 
dischen Nibelungenhorts einen Fluch legt, bezeichnet neu- 
isländisch sanften Gegenwind, wie er sich denn auch in der 
Liederedda selber als Gustr zu bezeichnen scheint. Wie das 
Blitzgeschoß der Gewitterelfen bringt der Anhauch der Wind- 
elfen bei Mensch und Vieh Krankheiten hervor: norweg. 
alfgust, schwed. elfrebläst Elfenhauch ist eine Gliederge- 
schwulst, die auch der Sturm z. B. der wilden Jagd verur- 
sacht. Gewisse Krankheiten heißen Jliegende Elbe', angel- 
sächsisch aelf- oder lyftddl Elfen- oder Luftkrankheit. Man 
bindet Kindern als Gegenmittel Donnerkeile oder in Schwe- 
ll' 



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161 IV. Die Elfen. 

den am Donnerstagabend verfertigte .Elfenkreuze' um den 
Hals. 

Die windelfische Hauptform ist der Wirbelwind, männ- 
lich, aber auch, da seine Rundtanzbewegung gern dem 
tanzlustigen weiblichen Geschlecht zugeschrieben wurde, 
oft weiblich aufgefaßt. Schon Wolfram von Eschenbach 
und Berthold von Regensburg bekannt, geht der Pil- oder 
Bilwis, dessen Name westslavisch klingt, im östlichen Süd- 
und Mitteldeutschland mit Messern oder Sicheln an den 
Ftlßen Abends am Sonnwendtage oder am Veits- oder 
Peter und Paultage durch die Felder oder reitet auf einem 
schwarzen Bock, hinter dem Rauch aufsteigt, hindurch. So 
zieht er einen wellen- oder bockssprungförmigen Schnitt, 
einen fußbreiten Streifen der Verwüstung, durch das Ge- 
treide, den sog. Bilwiz-, Bilmes-, Bocks- oder Wolfsschnitt 
Schon im 14. Jahrhundert galt er ftlr ein männliches Gegen- 
sttlck der Hexe und ist noch jetzt meist ein neidischer, mit 
Hexenkunst begabter Mann, der seines Nachbarn Getreide 
in seine Scheune hinüberzustehlen sucht. Früher war er 
wohl ein Wirbelwin<^eist, der verheerend ins Korn brach, 
und vielleicht noch früher ein toll kreiselnder Bock, wie auch 
die Inder den Wirbelwind als einfüßigen Bock sich vor- 
stellten. Seine wirbelnde Hast verwirrte und verfilzte im 
Mittelalter den Bart und die Haare, die dann „Pilbiszotten" 
bekommen, und auch bei Hans Sachs bedeutet bilbitzen 
zausen und verwirren. Man hing diesem Wesen Knaben- 
kleider am „Pilbisbaum" auf. 

Die Elfinnen, Maren, die vorarlbergischen Fenesleute 
und die vielleicht aus diesen entstellten Venediger, lauter 
Elfenvolk, fahren im Wirbel- oder im niederdeutschen Door- 
wind, die bairischen Truten, die oldenburgischen Walri- 
dersken erregen Windgäspeln d. i. Wirbelwind oder Tru- 
tenwind. Der Alpenelf „Almputz" heult im Sommer vor 
gefährlichem Gewitter wie die Windsbraut und bezieht wie 
das „Kasermandle" im Spätherbst die verlassene Sennhütte, 
ein einziges großes Auge auf der Stime, — den Wirbel- 
wind? Die Elfen verschenken einen Gürtel, der in einer 



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IV. Die Elfen. 165 

Tiroler Sage noch ganz offen „Windsöraus" Wirbelwind 
genannt wird und in vielen Sagen Mann, Baum oder Pfahl, 
um den er gelegt wird, im Nu zerreißt. Wo sich die Marc 
oder Trut ins Korn niederläßt, wird es schwarz wie da, 
wo der Wirbelwind es niedergelegt hat. So verdorrt der 
Brombeerstrauch, auf dem die Walriderske sitzt. Er kommt 
nicht zur Ruh, denn ein vom Mar bedrückter Baum zittert 
bestandig, und der bewegte Tannenwipfel heißt englisch 
Marcs' tail, womit die Schiffersprache auch den sturmver- 
ktlndenden Wetterbaum am Himmel bezeichnet. In den 
Zweigen, auf denen diese tollen Elfen rasten, entstehen 
struppige, nestartige Verknotungen oder auch die Misteln, 
daher Alpruten, Druden- oder Weilerbüsche, Hexen- oder 
Maretmesler, Donnerbesen, Marenquasten genannt. Damit 
schlagt der Elf oder wird er geschlagen. Der daraus fal- 
lende Regentropfen bringt dem Betroffenen Alpdruck oder 
Kopfweh. Der Schwede hängt die Mareqvastar in den Stall, 
damit die Maren auf ihnen sitzen, anstatt den P*ferden Ma- 
relockar in die Mähnen zu machen. Denn sie verwirren 
F^erd- und Menschenhaar zum Alp-, Driiten-, Wichtel-, 
Hollcnsopf oder -scfvwanz. Noch mehr : sie verwirren auch 
den Geist. Der Blödsinnige oder der Einfaltspinsel heißt 
daher auch Elbentr'ötsch, Elbst, Drut, Schrättel. Als Wind- 
geister sind die Elfen diebisch: ein nordischer Zwerg hieß 
Al/ijöfr Erzdieb, der deutsche Elbegast oder Algast war 
„aller Diebe Meister". Die elfischen Venediger der deut- 
schen Sage, Wirbelwindsfahrer, entführen Leute weit weg, 
die Elfen stellen namentlich Erbsen und Frauen nach, so 
die lüsternen Zwergkönige Laurin und Goldemar. Jener 
Eiberich bewältigt Ortnits, ein andrer Dietrichs und Hagens 
Mutter. Auch stehlen die Elfinnen Kinder der Menschen 
und lassen dafür die ihrigen zurück. Als Windgeister, die 
leise murmelnd oder laut drohend den Umschlag der Wit- 
terung ankünden, sind die Wildmännlein und -fräulein, die 
Fengen, die Schneefräulein in den Alpen, der nordische 
Marbendill auf der See des Wetters und dann überhaupt 
der Zukunft kundig und weissagen, namentlich wieder El- 



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16S IV. Die Elfen. 

berich, und werden Wamer der Menschen. Wie milde und 
k Uhlende Winde sind sie heilkraftig und schaffen dem 
Menschen schon im allen Norden Heilhände, „laeknishendr": 
Musik und Tanz aber ist ihr Leben! Im sanft flüsternden, 
melodisch aufrauschenden Winde stimmen sie ihre ver- 
lockende Weise, den althochdeutschen Albleich das Elfen- 
spiel an, der im Norden auch Elfvalek oder Ellaspel heißt, 
den Huldreslaat die Huldrenmelodie, das danische EUe- 
kongestykk das Elfenkönigsstück, das auch Erlkönigs Töch- 
ter zu ihren Nebeü-eigen um die grauen, dürr belaubten 
Weiden ertönen lassen. In Schweden tanzten noch vor 
etwa 100 Jahren die Bauern nach ihrer anmutigen Weise, 
die so lautete: 

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IV. Die Elfen. 



Auch das vorarlbergische Nachtvolk macht liebliche 
Musik, wenn es durch die Luft fährt; aus den isländischen 
Alfarhöhlen hört man Sang und Tanz. Die Tiroler Salig- 
fräulein, die bei drohendem Unwetter so traurig klagen, 
singen sonst so schön, daß der Zuhörer wie gefroren steht. 
Am Geigerstein im Unterelsaß hört man noch jetzt am 
späten Abend einen dämonischen Geiger spielen, der einst 
seine treulose Braut nebst ihrem Verführer und der gan- 
zen Gesellschaft -wie wahnsinnig um den Felsen tanzen 
ließ. Spielt er auf, gibt's Sturm und Regen. Oberons d. i. 
Alberons des Elfenkönigs Hom regt unwiderstehlich zum 
Tanz auf, die Elfen selber führen bei Mondlicht im wallen- 
den Nebel Reigen auf, nordisch eile-, älf-, alfedans, engl, 
fairyring, die in den dunkleren, dichteren Ringen des Gra- 
ses, den fairyrings oder Hexenringen, ihre Spuren zurück- 
lassen. In ihren Tanz ziehen sie gern Menschen, um sie 
des Atems zu berauben und zu töten. Wer vermag ihrer 
leichten Schwebeltraft imd unersättlichem VVirbellust zu 
genügen? Maren, Walridersken und Schwanjungfrauen 
fahren aber auch gern in einem kreisenden Siebe, wo- 
runter die durchlässige Wolke verstanden wird, durch 
die Luft, und zuweilen klingt herrüche Musik herunter. 
Aber oft klagt auch die Elfin. Bei Windesgeheul sagt man 
in Westflandem: „Alwina (d. h. die Elfin) weint". In stür- 
mischen Nachten jammert das luxemburgische Buschgret- 
chen. Wie diese Waldfrau ist auch die Haffru d. i. Meer- 
oder Seefrau des Nordens ihrem innersten Wesen nach 
eine Windelfin. Denn auf den Färöem wird das Wetter 
gut, wenn der Marmennil, der Meermann, friedlich neben 

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168 IV. Die Elfen. 

ihr auftaucht. Singt sie aber so schön, daß die Menschen 
darüber toll werden, dann kommt Unwetter. Die schwe- 
dische Haffru wäscht ihre Kleider am Ufer und breitet sie 
dort auf den Steinen aus, wenn der See schäumend herauf- 
spült; bei Wind aber fährt sie über das Wasser und singt 
im Walde, und bei schwülem Wetter zankt sie mit dem 
Bergesherrn, dem Bergwinde. So schwankt Melusine, die 
auch mit einem Manne, ihrem Gatten, zwistet, zwischen 
Wind und Wasser. In Böhmen fliegt sie mit ihren Kindern 
im Winde jammernd durch die Luft; geht jemand bei 
Sturm aus, so fährt Melusine in ihn, imd er wird krank, 
also wie ein Elfenhauch. Wie dem Wind und der Frau 
Windin und ihren Kindern (s. u.), streut man ihr eine 
Handvoll Mehl in die Luft, und in den 12 Tagen vor Weih- 
nachten, wo sie am stärksten tobt, wirft man ihr Nüsse in 
den Ofen und knallt in der Stube mit der Peitsche, um die 
Windsbraut zu vertreiben. Die ursprünglich wohl deutsche 
Sage von der Melusine oder Melusindis ist in Lusignan eine 
Wasserfrausage. Melusine gelobte sich einem Ritter zur 
Ehe, wenn er verspräche, sie niemals nackt zu sehen. Trotz 
seines Versprechens drang er nach vielen Jahren glück- 
licher Ehe, in der sie ihm sieben Kinder brachte, ins Bade- 
gemach seiner Frau und sah sie als völlige Schlange oder 
doch mit einem Schlangen- oder Fischschwanz. Voll Ent- 
setzen stieß er einen lauten Schrei aus, und erzürnt entfloh 
sie ihrem Gatten auf alle Zeit. In Burgund hört man sie im 
Gewitter zürnen. 

Auch die dritte Klasse, die der Wolkenelfinnen, ver- 
leugnet ihren Doppelcharakter nicht. Goethe empfand auf 
seiner Schweizerreise von !780, wie die sich zur Erde 
senkenden Wolken dem Geiste schwer auflagen, und An- 
nette von Droste-Hülshoff sah, daß die Wolkenschichte sich 
über die Heide legte ,,wie ein dunkler Mar". Eine nieder- 
ländische Mar verwandelt sich in eine schwarze Wolke mit 
gräulichem Sturm. Dem lang nachschleppenden Gewölk 
entsprechend steht der Walriderske Haar hinten aus wie 
ein Pechquast und tragen Huldren und Maren einen 



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IV. Die Elfen. 169 

Schwanz. Sie haben, wie z. B. die westfälischen Sgönaun- 
ken und das dänische Ellefolk, lange Brüste, dagegen einen 
Rücken hohl wie ein Backtrog, weil die sich ergießende 
Wolke schwer herabhängt, während sie oben sich leert. 
Wenn vor Gewitter diese Wolke leuchtet, gleicht sie einem 
Backofen, den jene Sgönaunken mit ihren langen Brüsten 
reinigen. Die wilden Frauen verfügen auch über einen 
Kessel gleicher Bedeutung, in dem sie Menschen sieden; 
oder sie verleihen einen Schatzkessei, wobei der Schatz- 
heber von der Elfin schwarz angehaucht wird. Die Elfin- 
nen und Maren fahren oft in Sieben, triefenden Wolken, 
unter Wirbelsturm oder lieblicher Musik. Und mehr und 
mehr kommt nun anderseits die Schwangestalt, der über- 
irdisch lichte, schneeige Glanz der Wolke, zur Geltung. 
Die schwedischen Elfinnen stürzen sich als Schwäne aus 
der Luft ins Meer und in Teiche und sind alsbald die 
schönsten Mädchen. Hunderte von Sagen preisen die Hold- 
seligkeit der Seligen, der Hollen, der weißen Weiber und 
Schwanjungfrauen, die Volkslieder namenthch die weiße 
Haut. Sie tragen oft einen weißen Schleier, ein schnee- 
weißes, von einem Goldgürtel zusammengehaltenes Ge- 
wand oder Schwangefieder, unter ihrer goldenen Haube 
fließt langes blondes Haar hervor. In einem eddischen 
Liede bringen die Lichtelfen das TagesÜcht, die Sonne, die 
Al/rÖäull ä. h, Elfenstrahlenglanz heißt. Scheint die Sonne 
durch den Regen, so strahlt sich nach deutschem Glauben 
die Elfin mit goldnem Kamme, offenbar mit den zinken- 
artig erglänzenden Regenstrahlen, das reiche Goldhaar. 
Schwebt dagegen aus dem feuchten Walde Nebel auf, so 
hängt sie auf den Büschen oder auch an den höchsten 
Wipfeln schneeweiße Wäsche zum Trocknen auf. Wenn 
der Nebel wie ein langer Faden oder ein Seil von einem 
Berg zum andern schwebt, so spinnen, weben die Elfinnen 
oder drehen gar Seile, Sie schöpfen Wasser, wenn der 
Dunst über den Bach oder den See zieht, und gießen es 
als Tau über die Wiesen und Felder. Der aus gepflügtem 
Acker aufsteigende frische Erdgeruch rührt von den 



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170 IV. Die Elfen. 

Kuchen her, die sie oder ihre Männer backen und auch 
wohl der ackernde Knecht als Lohn am anderen Ende der 
Furche findet. Wenn aber das Gebirge im Morgengrauen 
lustig dampft, so backen die Elfen nicht nur, sondern brauen 
und schmieden auch. — Sie verschwinden wie ein Nebel- 
hauch, ein Schatten und nahen wieder auf „Elfenzehen". 
Nebelhülie bedeutet die Nebel-, Hei- imd Tarnkappe, der 
altnord. huldarhöttr, der norweg. uddekail. der schwed. 
hvarfskatt d. i. Hulden- oder Zwei^hut. Zuweilen ver- 
dichtet sich der Nebel und wird dann wieder lichter, so daß 
man einen Augenblick ein Stück unbekannter Landschaft 
im Sonnenglanze vor sich sieht; dann zaubern die Elfen 
mitten in der Wildnis die Fata Morgana hervor, die garten- 
artigen „HullahÖfe'\ 

Der Wohnort aller dieser Elfen ist naturgemäß die 
Luft. Darum dachte man sich im Norden Alfheimr das 
Elfenhcim am Urdarbrunnen unter der Esche Yggdrasel, 
dem Wolkenbaum. Infolge einer schon in die Prosaedda 
eingedrungenen christlichen Vorstellung von der Wohnung 
der Engel im dritten Himmel wurden die Lichtelfen von 
ihrem alten Sitz in diesen dritten Himmel versetzt. Das 
Elfenreich heißt auch später „Engelland", aus dem die 
Schwanjungfrauen, Walridersken und Maren in ihren Sieben 
fahren und zu dem sie von den „Glocken von Engelland" 
zurückgerufen werden. Meistens ist aber das Elfenreich 
auf der Erde oder gar in die Erde herabgesunken. 

In Deutschland erzählte man von anmutigen Elfen- 
wiesen, auf denen sich das in einen Brunnen gefallene Kind 
plötzlich zu freudiger Überraschung wiederfindet. Die 
Schweden kennen einen ElftrSdsg&rd, einen Garten, der 
Schneeballbüsche mit Gold- oder Edelsteinfrüchten trägt, 
oder auch einen Rosenwald, in den Elfenkönigs Tochter 
einen Bräutigam hineinlockt, so daß ihm darin 40 Jahre 
vergehen wie eine Stunde. Hier kommen alte Mythenzüge 
zum Vorschein. Denn nach Saxo stieg ein Weib mit Blu- 
men im Schoß plötzlich aus der Erde neben dem Dänen- 
kOnig Hadding auf, als dieser bei seiner jungen Frau saß, 



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IV. Die Elfen. 171 

und entführte ihn in ihrem Mantel unter die Erde, um ihm 
den stark ausgetretenen Pfad zur Unterwelt zu zeigen. 
Nachdem sie durch einen dicken Nebel gedrungen waren 
und mehrere in Scharlach gekleidete Edle unterwegs ge- 
sehen hatten, kamen sie auf ein sonniges Feld, von dem 
jener Blumenschmuck stammte. Dann überschritten sie 
einen Speere dahinwälzenden Fluß, jenseits dessen zwei 
Schlachtreihen miteinander stritten, die Waffentoten, die 
dort den Kampf des Lebens fortsetzten. Als weiterhin eine 
hohe Mauer den Weg versperrte, warf Haddings Führerin 
den abgerissenen Kopf eines Hahns hinüber imd horch! 
der König imd das Elfenweib vernahmen einen hellen 
Hahnschrei, wie einen Ruf aus dem Lande der Unsterb- 
lichkeit. Die berühmtesten solcher Elfenreiche sind die 
durch die deutsche Heldendichtimg des 13. Jahrhimderts ver- 
klarten Rosengärten. In dem auf einer Rheinaue gelegenen 
Wormser Rosengarten herrschte König Gibich d. h. der Frei- 
gebige, Gütige, der im Harze bei Grund als Gübich oder 
Hübich Gold und Silber imd bei Nienburg als Zwerg Gäweke 
freimdlich Kuchen spendet. Den andern Rosengarten, der 
auf einer üppigen Halde bei Meran liegt, besaß der Zwerg- 
könig Laurin. Solch ein Garten ist mühselig zu erreichen, 
er heißt ein Paradies oder ein Himmelreich auf Erden. Er 
schwillt über von Rosen, und ein Jahr darin vergeht wie 
ein Tag. Blütenpracht und Kriegsgetümmel sind auch hier 
vereinigt wie in jener dänischen Unterwelt, mitten unter 
den Rosen werden blutige Kampfspiele getrieben. 

Auch sonst nannte man im Mittelalter Belustigungs- 
plätze Rosengärten, ob sie nun dicht vor dem Stadttor, wie 
der 1288 erwähnte Rostocker, oder hoch oben auf dem 
Rücken des Thüringer Waldes, z. B. über Tambach, lagen. 
Wiederum haben andere Rosengärten eine scheinbar ent- 
gegengesetzte Bedeutimg. In den Oldenburgischen Heiden 
wurden Öde heidnische Grabstätten so genannt und weiter- 
hin auch die christlichen Totenhöfe in Grabinschriften und 
in Volksliedern. „Hier lieg ich im Rosengarten und muß 
auf Weib und Kinder warten." Es ist wiederum die Be- 



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172 IV. Die Elfen. 

deutung des Paradieses, aber die ernstere des Jenseits, im 
Gegensatz zu jenem weltlichen Paradiese. An nele deutsche 
Rosenauen, -berge und -täler knüpfen sich Sagen und 
Beziehungen desselben Sinnes. Sie gelten alle für echt 
deutsche Paradiese, und man darf weder die fremde Her- 
kunft des Blumennamens, der erst in der althochdeutschen 
Zeit eingeführt scheint, noch auch die spätere Einführung 
der gefüllten CentifoUe dagegen einwenden. Denn auch 
die volldeutschen entsprechenden Örter, wie Buttelloh und 
Butteiberg (oft in Butterberg entstellt), teilen die Eigen- 
schaften der Rosengärten und haben deren Sagen, und 
auch Deutschland hatte ein paar Dutzend heimischer 
■ Rosenarten, die lieblichen Hecken- oder Buttelrosen. Wie 
man jene Schneeballbüsche in den weißen Wolken, jene 
Gold- und Edelsteinfrüchte in den funkelnden Lichtern der- 
selben zu sehen glaubte, so schien der Himmel bei Sonnen- 
auf- oder Untergang in überschwänglicher Rosenpracht zu 
erblühen. Hier dachten sich die Griechen die Gärten ihrer 
elfischen Hesperiden und die elysischen Gefilde, die Auf- 
enthaltsörter der Seligen, die Iren die Inseln ihrer Feen 
und Seligen und so nun auch die Germanen die Gärten der 
Elfen und, wie es scheint, auch die Wohnorte der Ver- 
storbenen. Diese waren häufig mit dem Gesicht gegen 
Osten, gegen den elfischen Rosengarten des Moi^enrots 
gewandt, begraben. Ob man sich wirklich dem Gedanken 
an ein ewiges Leben im Jenseits näherte, davon wird später 
die Rede sein. 

Die drei verschiedenen Klassen der Luftelfen, die schon 
unter sich vielfach in einander verschwimmen, gehen nun 
noch außerdem in die mehr irdischen Elfengeschlechter 
über, weil die Wettererscheinungen unmittelbar auf die 
Erde hinüberwirken, auf die Berge, Wasser, Wälder und 
Felder. Sie kommen nun den Menschen noch näher, sie 
belauschen sie noch häufiger und werden von ihnen be- 
lauscht, mit noch mehr Vertrauen und noch mehr Furcht 
treten sie einander gegenüber. 

Die Berg- oder Erdelfen heißen im Norden gewöhnlich 



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IV. Die Elfen. 173 

kurzweg Alfar, auf Island und den Färöem aber auch Huldu- 
folk d. i. verborgenes Volk, in Norwegen Hulärefolk, in 
Schweden /o^-rf/b/Ä, Erdvolk, in Dänemark Bjergfolk, seltner 
Dverg. In Deutschland heißen sie Zwerge, Qtterge, Querxe, 
Unterirdische, Wicktel- oder Erdmännlein, Fenesleute u. s. w., 
in England dvarfs. Die reichsten Sagen haben die Alpen- 
länder, die mitteldeutschen Bergbaubezirke, Norddeutsch- 
land, England, Danemark imd Island. Die ältesten knüpfen 
sich an Steine imd Löcher von eigenttlmUcher Form oder 
Eigenschaft; die jtlngeren an Bergbaustriche. Die durch- 
weg neueren Kohlengruben haben kaum neue Zwergsagen 
hervorgebracht. Die Zwerge wohnen unter oder in Steinen, 
Höhlen und Erdlöchem, imter Baumwurzehi und in Grä- 
bern. Der von Thor ausgefragte und überüstete Zwerg 
Älvts haust nach einem Eddalied in der Erdtiefe unter 
einem Stein, der Zwerg Andvari hat den Nibelungenhort 
in seinem Stein. Die Bergelfen sind meist klein, etwa 
*/, Elle groß, von gedrungenem Körper, oft mißgestalt, 
bucklig und dickköpfig, daher in Brandenburg „Dickköppe" 
genannt, ältlich, runzlich, graubärtig, blaß, fahl um die Nase 
wie jener Alvis, imd dazu oft noch enten- oder geißfüßig. 
Doch ihre Weiber sind überwiegend lieblich. NamentUch 
auf Island haben auch die Bergalfar Menschengröße, imd 
man findet Schöne und Häßliche, Junge und Alte darunter. 
Die Zwerge tragen vorzugsweise gern unsichtbar machende 
Tarn- oder Nebelkappen oder breitrandige Hüte. Gelingt's, 
diese ihnen beim HochzeitsmahJ oder beim Erbsenstehlen 
mit einem Sack oder Seil abzustreifen, so sind sie plötzlich 
sichtbar und suchen das Weite. Sie sind mit grauem, oft 
langem Kittel angetan. Die Kraft Laurins wie die der 
färörschen Zwerge steckt in ihrem Gürtel. Einige schwin- 
gen Peitschen und reiten auf Böcken. Im Echo hört man 
der Zwerge Sprache, das dverga mal. Sie verschwinden wie 
der „Schwick". Sie gelten für geschickt, listig, diebisch, 
wie denn Alfrik in der Thidrekssage der große Stehler 
heißt, und für tr^erisch, aber sie sind auch ebenso hilf- 
reich den Menschen, wie ihrer Hilfe bedürftig, ebenso dank- 



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17i IV. Die Elfen. 

b;ir für Wohltaten, wie rachsüchtig nach einer Beleidigung. 
Durch die bekannten Elfenkünste des Backens, Brauens, 
Buttems und Spinnens tun sich auch die Bergelfen nament- 
lich in der zwar jünger überlieferten, keineswegs aber 
deshalb spateren Volkssage hervor, jedoch auch durch die 
höhere Schmiedekunst, die neben ihrem Gold- und Silber- 
reichtum sie besonders auszeichnet. Der Nibelungenhort 
gehört den Zwergkönigen Nibeltmg und Schilbung. Der 
schatzmehrende Goldring Andvaranaut ist im deutschen 
Schatz durch die Wünschelrute vertreten. Die Zwerge der 
Volkssage belohnen Dienste der Hebammen und anderer 
Leute mit Gold und Kostbarkeiten. Auch Verirrter erbarmen 
sie sich hie und da und stecken ihnen zum Trost Gold und 
Silber ein, wie z. B. der Zwerg HübtcH dem Försterssohn, 
der sich auf einen Stein bei Grund im Harze verstiegen 
hat. In Märchen, doch wohl fremder Herkunft, hüten 
Zwerge noch Kostbareres, das Wasser des Lebens, die 
nordischen Zwerge Fjalnr und Galar in einer geschmack- 
los verkünstelten, nur halbechten Skaldengeschichte den 
Met der Dichtung. Sie erschlugen nämlich den allweisen 
Menschen Kvasir, der aus dem Speichel entstanden war, den 
die Götter und die Wanen zur Bekräftigung des zwischen 
ihnen geschlossenen Friedens in ein gemeinsames Gefäß 
gespieen hatten. Kvasirs Blut fingen seine Mörder im 
Kessel Odrörir d. i. Geisterreger oder Verjüngungstrank 
und in den Gefäßen Sön und Bodn, Brau- und Einladungs- 
gefäß, auf und mischten ihm Honig bei. Wer von diesem 
Trank genießt, wird Dichter oder Gelehrter, Den Göttern 
logen die Zwerge vor, der arme Kvasir sei in seiner allzu 
großen Weisheit erstickt. 

Echteren Gehalt haben die Schmiedesagen. Die Berg- 
elfen sind nun nicht mehr die vornehmen himmlischen 
Schmiede im Dienst der Götter wie die Luftelfen (S. 157), 
sondern sie schmieden in der älteren Literatur für Helden 
Schwerter und für deren Frauen kostbaren Schmuck, in 
der jüngeren Volksüberlieferung für die gewöhnlichen 
Menschenkinder namentlich scharfe Messer, Kessel und 



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IV. Die Elfen. 175 

allerlei Hausrat. Jene Heldenschwerter beißen Eisen und 
Stein, sind aber auch wohl, wie Tyrfings Schwert, mit dem 
Fluch belegt, drei Neidingswerke oder Verbrechen auszu- 
üben. „Fein wie ein Wichtelgeschmeide" sagte man in 
Schweden, und in Norwegen heißt der glänzende Berg- 
krj'stall „Dvergsmie" Zwerggeschmeide. Die Schmiede- 
sagen des Volks haben einen hochaltertümlichen Zug treu 
bewahrt, über den die ältere germanische Literatur schweigt. 
In Berkshire war es Brauch, dem Wayland smith, in dem 
wir den schmiedekundigen Elfenfürsten Wieland (S. 161) 
wiederfinden, vor seine schon im 10. Jahrhundert bezeugte 
„Welandes smidde", ein altes Steindenkmal, ein etwa ab- 
gelöstes Hufeisen und ein Stück Geld zu legen und sich 
auf kurze Zeit zu entfernen. Kam man zurück, so war das 
Geld weg imd das Pferd neu beschlagen. Ein schwedischer 
„Bergschmied" erbot sich gleichfalls, alles zu schmieden, 
wenn man nur Eisen und Stahl auf seine Bergklippe legen 
wollte. In Westfalen, wo es so viele Höhlen und alte nach 
Eisen durchwühlte Bergwerke gibt z. B, um Iserlohn und 
Osnabrück, auch am Harz imd in den Ardennen legte man 
den Zwergen, Sgönaunken und wilden Gesellen gleichfalls 
Eisen und Lohn oder einen zur Zahlung verpflichtenden 
Bestellzettel vor die Höhle, auf dem am andern Tag der 
Preis für das daneben gelegte Gerät stand. Wer aber 
nicht zahlte, oder gar den Platz vor der Höhle übermütig 
und undankbar beschmutzte, der wurde von einem glü- 
henden Rade verfolgt. Am Harz und in Jülich borgten die 
Leute Geschirr für ihre Hausfeste oder Kirmessen von den 
Quergen und Heinselmännchen und setzten ihnen dafür 
nachher Kuchen und andre Hochzeitsspeisen oder Kirmess- 
wecken hin. Bei Verviers legte man auch Hanf und Wolle 
den Zwergen in die Höhle und fand es am andern Morgen 
gesponnen. Einen ähnlichen geheimnisvollen Tauschhandel 
der Bevölkerimg mit ihrem zauberkundigen Schmiede 
kannte schon Pytheas im 4. Jahrhundert v. Chr. auf der 
vulkanischen Insel Lipara: wenn man dort ein Stück rohes 
Eisen vor die Hephaistische Kyklopenwerkstatt lege, so 



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176 IV. Die Elfen. 

könne man gegen Bezahlung am andern Morgen ein ferti- 
ges Schwert, oder was man sonst wünsche, abholen. Und 
noch heute erwerben sich die wilden Weddahs auf Ceylon 
ihre kleinen eisernen Äxte und Pfeilklingen vom benach- 
barten singhalesischen Dorfschmied dadurch, dass sie ihm 
nachts etwas Dörrfleisch und Honig nebst dem aus Ton 
oder einem Blatt gefertigten Modell jener Waffen vor die 
Türe legen. Ist die Arbeit fertig, so hängt der Schmied 
sie an die Ttire, von wo sie der Weddah bei Nacht abholt 
Ist dieser damit zufrieden, so fügt er dem Lohne noch 
ein Geschenk hinzu. 

Als man nun anfing, ins Innere der Erde einzudringen, 
um ihre Metalle auszubeuten, wurde aus dem Schmiede- 
zwerg ein Bergmann, Bergmönch, Berggeist, der plötzlich 
aus gold- und silbergefülltem Gestein hervortrat, bei der 
Arbeit half, reiche Adern zeigte und sich auch außerhalb 
des Bergwerks der armen, schwachen, verirrten Arbeiter 
annahm. Vor dem Gehämmer und Gepoche ziehen sich 
diese Zwerge aber zurück und können im Schacht nament- 
lich Pfeifen nicht leiden. Auf einer der Färöern flohen die 
Zwerge, weil zwei Burschen einmal fluchten und sich 
rauften, und spalteten den großen Zwergenstein auf Skuvoy. 
Glockengeläut hat sie aus manchen Bergen vertrieben, aus 
dem Halberstadtischen aber der alte Fritz bei seinem Re- 
gierungsantritt verwiesen und zwar ins Schwarze Meer. 

Auch abgesehen von den Schmiede- und Bergmanns- 
geschichten sind die germanischen Berge und Höhlen reich 
an den mannigfaltigsten Ber^elfensagen, von denen wir drei 
charakteristische Gruppen herausheben, eine vom Südfuße 
des Schwarzwalds, eine mehr mittel- und norddeutsche und 
eine isländische. Dort tut sich die Tropfsteinhöhle bei 
Hasel mit ihren unterirdischen Gewässern und blitzenden 
Krystallen auf, alte Schachte weisen auf früheren Bergbau, 
und aus den Löchern des nahen Dinkelbergs steigen oft 
auffällig starke Erddünste auf. Idyllische, humorvolle Ge- 
mütlichkeit atmet die dortige Sage, wie die spater dort ent- 
stimdene Hebeische Poesie. Die mittel- und norddeutsche 



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IV. Die Elfen. 177 

Zwergsage hat oft einen ernsteren und bedeutenderen In- 
halt. In Island sehen namentlich die Bewohner der ein- 
samen Bauerhöfe in der ewigen Nacht der Julzeit die Alfar 
aus den umnebelten Klippen und Blöcken leibhaftig heraus- 
kommen, die daher Alfaheime, Alfaburgen und Zwergberge 
heißen. Fels und Hof, Alf und Mensch treten in einen 
scheu-innigen Verkehr und beeinflussen gegenseitig ihr 
Schicksal. Das Dämonische und wieder das Realistische 
ist wie in Ibsens Dramen weit stärker herausgearbeitet als 
in Deutschland; und dieser Kontrast erzeugt dann gele- 
gentlich eine tiefe Leidenschaftlichkeit. Die von den mittel- 
alterlichen Sagaschreibern vererbte Vortragskimst hat ein- 
zelnen dieser Geschichten eine große Gewalt des Aus- 
drucks verliehen. Gewiß sind manche modernere Motive in 
diese neuere Alfarsaga eingednmgen, aber z. B. der darin 
beliebte Kirchenbesuch zur Julzeit, von dem mr noch hören 
werden, ist nur die neuere Form des altüblichen Verwandt- 
und Freundschaftsbesuchs zu dieser altheiligen Festzeit und 
steht mitten in der heidnischen Bergelfensage, wie der be- 
rtlhmte Kirchenbesuch der Kriemhild und der Brunhild 
mitten in der heidnischen Nibelungensage. 

Unsre erste Schwarzwaldsage knüpft noch einmal an 
die Bergmannssagen an. Zwei Erdmännle führten einst 
einen Bauer in jene Haseler Höhle, worin er viele tausend 
kleine Leute mit der Gewinnung von Gold imd Silber be- 
schäftigt sah. Nicht nur bei seinem Abschied von der Höhle, 
sondern für jede Abendsuppe, die er ihnen seitdem daheim 
hinsetzte, schenkten sie ihm ein Goldstängelein, und so 
wurde er ein reicher Mann. Da trieb ihn die Neugier, zu 
erfahren, was -sie denn für Füße unter ihren langen Klei- 
dern hätten. Er streute ihnen unbemerkt gesiebte Asche 
in den Hausgang und siehe da! ihre Fußstapfen glichen 
denen von Gänsen. Als aber die Erdmännle das merkten, 
verließen sie die Gegend, und der Bauer erkrankte alsbald 
und starb- Nach mündlicher Mitteilung aus Öflingen streute 
ein vorwitziges Haseler Bübchen die Asche. Diese in 
Deutschland weit verbreitete Sage beansprucht ein höheres 

M(>er, E. H., Gennsn. MyihoJogic. 12 



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178 IV. Die Elfen. 

Alter: schon im Mittelalter hören wir von einem Zwerg- 
könig Goldcmer, später Volmar genannt, der wie ein 
Schatten, jedoch mit maus- oder froschweichen Händen ver- 
sehen, auf dem Schlosse Hardenstein an der Ruhr in 
Freundschaft mit dessen Herrn Neveling lebte und in 
dessen schöne Schwester verhebt war. Er würfelte und 
zechte mit dem Ritter und schUef sogar mit ihm in einem 
Bette. Er entzückte durch sein hebUches Sailenspiel, beant- 
wortete schwierige Fragen, warnte rechtzeitig seinen Freund 
vor feindlichen Anschlägen und hielt den Mönchen der 
Umgegend ihr sündhaftes Leben vor. Als ihm aber einmal 
ein vorwitziger Küchenjunge Asche streute, drehte er ihm 
das Genick um, briet ihn an einem Bratspieß und belegte 
das Geschlecht der Hardenberge mit einem Fluch. Er ist 
offenbar der noch früher bezeugte Zwergkönig Goldemar, 
der nach einem epischen Bruchstück in einem . Gebirge 
TrQtmunt — es ist doch wohl das Ruhrgebii^e bei Dort- 
mimd gemeint — eine Königstochter entführte und ge- 
fangen hielt, bis Dietrich von Bern sie befreite. 

Wo aus dem Dinkelsberg bei Schopfheim oder der 
Fullhalde bei Waldshut Erddünste aufsteigen, da brachten 
die Erdweiblein oder die Herrmännlein den Ackersleuten 
von ihren frisch gebackenen Kuchen und legten ihren Kin- 
dern Spielzeug auf die Bettdecke, damit sie nicht in Ab- 
wesenheit der Mütter schrieen. Sie spannen in den Licht- 
stuben fleißig mit, verließen sie aber stets um 10 Uhr, da- 
mit ihr Herr sie nicht auszanke. Die Männlein halfen in der 
nahen Hammerschmiede bei Hausen, schlissen den Hanf, 
fütterten das Vieh, schnitten die Frucht und banden Gar- 
ben mit den Menschen. Bei diesen gemeinsamen Arbeiten 
aber kam es doch auch zu Mißhelligkeit. So sprang einmal 
beim Garbenbinden einem Erdmännle ein Knebel so heftig 
an den Kopf, daß es klägUch aufschrie. Da liefen alle Erd- 
leute herbei, doch als sie erfuhren, was geschehen, gingen 
sie mit den Worten: „Selber than, selber han!" wieder be- 
ruhigt auseinander. Den vollen Sinn legt aber erst die 
Vorarlberger Sage bloß: einem geschwätzigen Wildweibe 



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IV. Die Elfen. 179 

Stellt sich ein listiger Bauer unter dem Namen „Selb" vor 
imd klemmt sie dann, ärgerlich über ihre Zudringlichkeit, 
in eine Holzspalte. Auf ihren Angstruf eilt das wilde Feng- 
männlein heran und fragt sie, wer ihr das getan habe. 
„O! Selb tban!" erwidert sie. Da lacht das Männlein auf: 
,3elb than, selb han!" Dasselbe mythische Anekdötchen 
spielt sich an der Ostsee zwischen einer Nixe und einem 
durch sie gereizten Schiffer ab. Odysseus überlistet den 
Polyphem mit einem ähnlichen uralten Kniff, wenn er sich 
ihm als Niemand angibt. 

Und so lassen sich auch noch die anderen harmlosen 
Sagen des alemannischen Schwarzwaldwinkels in höheres 
Altertum zurückverfolgen. Die dortigen Zwerge nehmen 
Kuchen und Obst für ihren Dienst gern an, aber in Brot 
gebackenen Kümmel fliehen sie gleich den andern deut- 
schen Zwergen, und Unrat, Fluchen, Grobheit der Menschen 
ist ihnen verhaßt. Auch hier kehrt das Motiv wieder, daß 
ein neuer Anzug, den z. B. ein Müller einem schlecht ge- 
kleideten Erdmännchen zum Dank für seine Arbeit auf den 
Mühlstein legt, dieses für immer aus der Mühle vertreibt. 
Ein westfälisches Schanholleken, das einem Schuster fleißig 
geholfen hatte und von ihm mit einem neuen Anzug be- 
lohnt worden war, rief lustig: „Ich bin ein Bürschchen hübsch 
und fein, ich brauche nicht mehr Schuster zu sein!" So 
rufen die beschenkten Pixies in Devonshire: „Now the Pi- 
xies' work is done, we take our clothes and off we nm?" 
Ein Wichtelmännchen von der Werra bekannte schon im 
Jahre 1336 einer Nonne, daß es gern Eier, Butter und 
Kuchen annähme, aber Störung und Neckerei nicht ver- 
trüge. Doch kleine Bogen und Kinderschuhe waren den 
Zwergen zimi Spielzeug recht, denn Burkhard von Worms 
tadelte ums Jahr 1000 den Brauch, den Satyri und Pilosi 
derlei in den Keller oder die Scheune zu legen, damit sie 
andrer Leute Sachen darin zusammentrügen. 

Aber noch eine andre alte Erdmännchengeschichte lebt 
hier am Schwarzwald fort: ein Mann hielt einen offenen 
Sack vor eine Höhle bei Hasel, um einen Dachs zu fangen. 



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180 IV. Die Elfen. 

Wirklich sprang auch etwas hinein, und er zog mit seiner 
Beute ab. Plötzlich rief in seiner Nähe ein Erdmännlein : 
„Krachöhrle! wo bist du?" „Auf dem Buckel, im Sack!" 
antwortete es aus dem Sack. Nun wußte der Mann, daß 
er ein Erdmännlein gefangen hatte, das er dann auch un- 
gesäumt in Freiheit setzte. Nach einer andern Überlieferung 
ist aber das Gefangene wirklich ein Tier, So fing bei 
Muri in der Schweiz ein Bursche ein Ferkelchen, das hin- 
ter dem wie eine laut wühlende Schweineherde den Berg 
heraufziehenden wilden Heer dreinlicf, in einen Sack. Wie 
er es aber heimtragen wollte, vernahm er eine Stimme aus 
dem Windsgebrause herab: „Hagöhrle (Krummöhrlein), wo 
bischt au?" und sogleich antwortete es im Sack: „Ins Hei- 
niguggeli's Sack inne!" Vor Schreck ließ der Heiniguggeli 
den Sack fallen und sprang davon. Die Zugehörigkeit des 
gefangenen Tiers zum wilden Heer bestätigt weiter die 
havellflndische Sage, nach der einmal die wilde Jagd über 
Ernst Koppe kam, der einen Dachs in einem Sack gefim- 
den hatte. Einer von der wilden Jagd fragte : „Sind wir 
alle zusammen?" „Ja", sagte ein anderer, „bis auf die ein- 
äugige Sau, die Ernst Koppe in seinem Sack gefangen 
hat". Und als dieser zu Hause nachsah, fand er richtig 
eine alte einäugige Sau und keinen Dachs darin. Die 
Dachse galten in den Kamemschen Bergen des Havel- 
landes für die unterirdischen Schweine der Frau Harke, 
einer Zwergkönigin, die mit ihren Tieren oft bei den Jägern 
vorbeihuschte „wie eine wilde Jagd". — Und nun ^'erstehen 
wir die dunkle Sage. Bei stillem Wetter leben diese Wind- 
tiere ruhig in gewissen Höhlen, die ja auch „Windlöcher" 
heißen, wie bei Windstille die griechischen Winde in der 
Höhle des Aeolos, und Odysseus hielt diese in einen Leder- 
schlauch gebannt, bis seine neugierigen Gefährten ihn zu 
ihrem Unglück öffneten. Der Nordmann Ogautan hat einen 
„Wetterbalg", aus dem, wenn man ihn schüttelt, so starker 
Sturm und so heftige Kälte hervorbricht, daß in drei Näch- 
ten das Wasser vom dicksten Eis bedeckt ist. „Unsen 
Herrgott is de Windbüdel reten: nu makt he den Sack 



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IV. Die Elfen. 181 

apen" oder „de Jungens hebben den Sack apen makt" sagt 
man noch bei Wind in Mecklenburg. Wie man den Wind 
aus dem Sack loslassen kann, kann man ihn auch im Sack 
fangen, das einäugige Tier der wilden Jagd d. h, den Wir- 
belwind. Und noch gibt man den Kindern bei Waldshut 
auf: „Wenn der Luft recht goht, dno (dann) nimmt man 
en Sack und hebt en uf gegen de Luft, no fahret Dilldappe 
drin". Der Dilldapp heißt aber sonst in Süddeutschland 
Hilpetritsch, Elpentröisck, Olpetrütsch, er ist ein elfischer 
Windgeist. 

Dem Schw'arzwälder Zwergsagenkreis werden auch 
folgende gemeingermanische Züge nicht gefehlt haben. 
Überall in Süddeutschland wie im höchsten Norden rauben 
die Zwerge Kinder und legen ihren Wechselbalg, Kielkropf, 
ümskiptungr in die Wiege. Da muß die beraubte Mutter 
angesichts des verhaßten Balges Bier in Eierschalen kochen 
oder in einen ganz kleinen Topf einen aus vielen Stöcken 
hergestellten ellenlangen Rührlöffel stecken. Denn bei 
diesem Anblick läßt sich der alte häßliche Balg zu einem 
plötzlichen Aufschrei des Erstaunens hinreißen, er ruft: 
„Nun bin ich so alt wie der Bremer Wald", oder „Nun bin 
ich so alt und hab' einen langen Bart und bin Vater von 
18 Kindern in Alfheim imd doch habe ich nie einen so 
großen Flegel in einer so kleinen Grütze gesehen". Nun 
hat die Mutter guten Grund, ihn unbarmherzig mit der Rute 
so lange zu schlagen, bis auf sein Geschrei die Zwergin 
das gestohlene Kind wieder bringt und mit ihrem Balge 
abzieht. 

Süd- wie nordgermanisch ist die Sage von der elfischen 
Kindbetterin, die der Menschenhilfe bedarf. Plötzlich steht 
ein Zwerg vor einer Frau und bittet sie flehentlich, seinem 
Weibe Hebamme zu sein. Er führt sie in ein hübsches 
Höhlengemach hinein, wo ein kleines Weiblein in schweren 
Wehen liegt. Die Frau braucht nur die Hand ihr auf den 
Leib zu legen, imd das Kind wird glücklich geboren. Dann 
wird sie entlassen, reich beschenkt, oft mit einem in der 
Familie sorgsam gehüteten Schmuck. So schützt ein der 



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182 IV. Die ElfeD. 

Frau von Alvensleben von einer solchen Zwergin ge- 
schenkter Goldring das Gedeihen ihres Geschlechts. Geht 
er verloren, so miaß es erlöschen. In der altnordischen 
Göngu-Hrolfsaga Kap. 15 trat eine Alfkona aus einem Hü- 
gel, um dem Hrolf die Jagd auf einen zum Hügel geflüch- 
teten Hirsch zu verweisen. Sie bat ihn dann zu ihrer Toch- 
ter, die im Kindbett lag. Hrolf fuhr mit der Hand um diese, 
sie kam sofort nieder, imd die Mutter schenkte ihm einen 
Ring, der ihn vor aller Irrfahrt Nacht und Tag, zu Wasser 
und zu Land bewahrte. — Die Hebamme von Harzgerode, 
die ein Nix zur Entbindung einer Nixe rief, bekam von 
dieser ein Handtuch. Wie sie sich einst damit das eine 
Auge getrocknet hatte, erkarmte sie auf dem Markte die 
Nixe, Sobald aber diese das merkte, spie sie in ihre 
Schürze imd strich sie über das Auge der Hebamme, die 
sie fortan nicht mehr sah. Die eigentümlichsten Züge der 
Alvcnslebenschen und der Harzgeroder Sage vereinigt die 
isländische : Sowie die von einem Elf zu seiner Kindbetterin 
geführte Frau dieser mit ihrer Hand um den Leib fährt, 
ist die Qual gehoben und das Kind da. Sie bestreicht aber 
dann auf Anordnung des Mannes die Augen des Kindes 
mit einer Elfensalbe oder einem Elfenstein. Sowie sie da- 
mit ihr eigenes Auge berührt, sieht sie plötzlich eine Menge 
Volks in der Stube und kann auch später auf Erden mitten 
aus dem Marktgetümmel jeden Elf herauserkennen. Doch 
wenn einer das merkt, benimmt er ihren Augen sofort mit 
seinem Hauch oder seinem Speichel ihre eigentümliche 
Sehkraft. Endlich ist die Geschichte von einem kostbaren 
Elfenschmuck in Island nicht an eine erfahrene Frau, son- 
dern an ein Kind geknüpft. Eine fromme Elfin hat ein ein- 
sam spielendes Kind mit sich in den Stein genommen, aber 
bei seinem 13. Lebensjahre wieder ihren Eltern zurück- 
geschickt. Beim Abschied gab sie dem Mädchen unter an- 
derem mehrere Edelsteine mit dem Rat, diese immer im Haar 
zu tragen. Und das tat sie auch noch nach ihrer Heirat. Aber 
als sie einst, von der Kirche heimgekehrt, ihr Kopftuch 
ablegte, fielen die Edelsteine ihr aus dem Haar auf den 



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IV. Die Elfen. 183 

Boden. Alsbald erkrankte sie und starb. So gab einmal 
ein Zwerg bei Rinteln einem Madchen einen Wocken voll 
Flachs und meinte, daran würde sie ihr Leben genug haben, 
aber sie solle ihn nie ganz abspinnen. Das hat sie auch 
getan, hat gesponnen jahrein jahraus, und immer war der 
Wocken voll, und sie bekam so viel Garn, daß sie immer 
ein Stück vom schönsten Linnen zum andern legte. Endlich 
wollte sie doch einmal wissen, was wohl unter dem Flachse 
säße, und spann und spann und hatte zuletzt das Ende des 
Fadens zwischen den Fingern. Aber darunter saß nichts, 
und soviel sie den Wocken auch nmd drehte, der ewige 
Flachs war und blieb fort. 

So vertraut fühlten sich die Menschen und Zwerge 
miteinander, daß diese jene zu Gevatter luden und von 
ihnen zu ihren Hochzeiten gern Schüsseln und Bratspieß 
borgten, wie umgekehrt die Menschen zu ihren Festen von 
den Zwergen. Diese finden sich auch ungeladen ein, so 
daß das Hochzeitsessen, kaum aufgetragen, schon wieder 
fort ist. Braut und Bräutigam schauen sich darob verwun- 
dert an und stecken die Köpfe zusammen, aber setzen vor, 
was sie haben. Wie es aber nun zum Schenken, zur Gifte, 
geht, nehmen die Zwerge ihre Hüte ab und werden sofort 
sichtbar. Da zeigte sichs denn wohl, warum die Speisen 
immer gleich verschwunden waren, denn die ganze Stube 
war von kleinen Mitessern voll. Aber hatten sie helfen 
essen, so halfen sie nun auch giften; jeder legte ein Gold- 
stück in den Korb. Zuweilen werden sie aber auch bei der 
Hochzeit überrascht, indem mitten im Schmause die Hüte 
mit einem Seil abgestreift wurden; dann fliehen sie ärger- 
lich davon. Oft dünkten ihnen aber ihre eigenen Räume für 
ihre Feste zu klein und dürftig ; dann feierten sie diese mit 
Musik und Tanz im nächsten hübschen Grafenschloß, z. B. 
auf der Eilenburg in Sachsen. In Goethes feinem Hoch- 
zeitslied hört und schaut der Graf ihrem festlichen Treiben 
freundlich träumend zu. 

Auf Island waren die Elfen zu solchen Festen in ihren 
eigenen wie in fremden Wohnungen besonders zur Julzeit 



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I8i IV. Die Elfen. 

aufgelegt, in der ja auch die Nordleute sich der ausgiebig- 
sten Festfreude hingaben. In den heiligen zwölf Julnächten 
hatten die Alfar ihre Fahrtage und zogen von Stein zu 
Stein zu andern. Elfen oder auch in die Häuser der Men- 
schen zum Gelage. So fuhren schon die indischen Ribhus, 
ihre Stammverwandten, zwölf Tage im Jahr umher, um 
Gastfreundschaft zu genießen, suchten ihre Verwandten 
auf, fluchten oder grüßten, je nach dem Empfang, der ihnen 
ward, imd befruchteten die Erde. Offenbar wurden die El- 
fen auf Island auch deswegen, um ihre Gimst zu gewinnen, 
besonders feierlich und vorsichtig empfangen. Die Haus- 
frau ließ noch bis ins 19. Jahrhundert hinein in jeder Ecke 
des Hauses Licht brennen, so daß es weit hinausleuchtete 
in die öde Wintemacht und nirgendwo drinnen Schatten 
war. Alles war sorgsamst gefegt, alle Türen standen offen. 
Sie aber umschritt das ganze Haus imd sprach: „Komme, 
wer nur kommen mag, fahre, wer nur fahren mag, mir 
und den Meinen ohne Schaden!" Auch aus Deutschland 
erfahren wir, daß man am Weihnachtsabend in den Brun- 
nen hinein mit Lichtem leuchtete, also den Quellelfen, wie 
dort den umziehenden Bergelfen. Wir verstehen nun auch 
die an Steinen und Quellenrand aufgestellten Lichter in den 
alten Konzilsbeschlüssen, auch sie waren zu Ehren der 
Elfen entzündet. Noch im Jahr 1819 sah ein Hirte am 
Morgen nach dem 13. Jultag viele Männer, Weiber und 
Kinder mit bepackten Pferden und Wagen durch ein 
Tal in einen Stein fahren. Geläute und Gesang tönte heraus, 
aber kein Wort konnte er unterscheiden und, wie er sich 
näherte, war der Stein verschlossen. Als er nun ängstUch 
davon eilte, bezwang ihn der Schlaf, ein langer Schlaf, bis 
ihm der kalte Morgentau am Kinn herabrann. Da erwachte 
er imd trieb sein Vieh heim und war lange Zeit verstört. 
Noch bedenklicher ist es, wenn jemand sich in der Jul- 
nacht auf einen Kreuzweg setzt. Denn da kommen die 
Elfen von allen Enden und bitten ihn, mitzukommen; er 
darf nichts darauf antworten. Nun tragen sie Schmuck- 
sachen und Kleider, Speis und Trank herbei ; er darf nichts 



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IV. Die Elfen. ItÖ 

davon nehmen. Endlich schmeicheln ihm freundliche El- 
finnen in Mutter- oder Schwestei^estalt, doch mit ihnen zu 
gehen, auf jegliche Weise; er muß ihnen Stand halten. So- 
bald aber der Tag anbricht, muß er aufstehen und sagen: 
„Gott sei Lob, nun ist der Tag in der ganzen Luft!" Da 
verschwinden die Elfen plötzhch, und ihre Schatze, die sie 
in Stich lassen, erhält der standhafte Mensch. Antwortet 
er ihnen aber oder geht auf ihr Angebot ein, so wird er 
verzaubert und seines Verstandes beraubt und verkehrt 
nie wieder mit andern Menschen. Auch dies ist deutsch. 
Läßt man sich in Schwaben wahrend der Christnacht auf 
einem Kreuzweg von den herzudrängenden Gespenstern 
nicht zum Reden oder Lachen verlocken, so wird man vom 
Teufel nicht zerrissen, sondern vielmehr mit Famsamen 
beschenkt, der 20 bis 30 Männerkraft verleiht. 

Eine Islandische Elfin, die in einem Bauernhof als tüch- 
tige Magd dient, legt in jeder Julnacht dem schlafenden 
Knecht, der wahrend des Gottesdienstes allein mit ihr zu 
Hause geblieben war, ein Zauberrittgebiß an und reitet ihn 
auf dem Weg zu und von dem Elfenfeste zu Tode, bis es 
einem Knecht gelingt, lebend einen Ring aus dem Elfen- 
reiche mit heimzubringen. Wie er nun daheim seine Erleb- 
nisse im festUchen Elfenstein erzählt und alle schweigen, 
die Magd ihn aber laut der Unwahrheit zeiht, da zeigt er 
ihr den Ring mit den Werten „Königin Hilda, ist das dein 
Ring?" Sie ruft: „Nun bin ich erlöst, weil endüch ein 
Mensch es wagte, mir nach in Alfheim einzudringen. Nun 
verlangt mich zu den Meinenl" Nach schöner Danksage 
für alles Gute verschwand sie, der Knecht aber wurde der 
beste Bauer im ganzen Lande. 

Einen anderen Verlauf nimmt der Elfenspuk auf einem 
andern Bauerhof, auf dem ebenfalls an jedem Weihnachts- 
morgen ein Knecht tot im Bette gefunden wird, getötet 
von den Elfen, die ins Haus dringen, um hier während des 
Kirchgangs der Familie ihr Julfest zu feiern. Trotzdem 
entschließt sich ein neuer Knecht, allein am Julabend zu- 
rückzubleiben. Er zündet Licht an und versleckt sich dann 



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186 IV. Die Ellen. 

hinter zwei losen Wanddielen der Wohnstube so, daß er 
durch die Ritze sehen kann. Da treten zwei unfreundliche 
Fremdlinge ein und spähen überall umher. Der eine sagt: 
,, Menschenluft, Menschenluft", der andre: „Nein, hier ist 
kein Mensch". Mit dem Licht leuchten sie in alle Winkel, 
finden nur den Hund unter dem Bett, drehen ihm den Hals 
um und werfen ihn hinaus. Nun füllt sich die Stube mit 
Volk, der Tisch wird gedeckt mit Silbei^erät, Speis und 
Trank; und auf das laute Mahl folgt ein fröhlicher Tanz, 
nachdem die Stube von Tisch und Gerät und Kleidern ge- 
räumt ist. Zwei halten drauüen Wache, ob auch jemand 
käme oder der Tag anbi^äche. Nachdem sie dreimal drinneu 
günstige Meldung gemacht haben, ergreift gegen Morgen 
der Knecht die beiden losen Dielen, springt mitten in die 
Stube, schlagt die Dielen aneinander und schreit aus Lei- 
beskräften: „Tag! Tag!" Nun drängt die ganze Gesell- 
schaft ins Freie, eins über das andre, stürzt sich draußen 
durch das Gerät, einer tritt den andern unter die Füße, 
manche bleiben schwerverwundet liegen. Und hinter ihnen 
drein der Knecht, der fortwährend die Bretter zusammen- 
schlägt und „Tag! Tag!" schreit, bis sich alles in ein be- 
nachbartes Wasser wirft. Heimgekehrt trägt der Knecht 
die Toten hinaus und erschlägt die Verwundeten und ver- 
brennt dann ihre Leichen. In die Sachen, die die Alfen in 
Stich gelassen, teilen sich der Knecht und sein Herr, und 
der Knecht wird ein angesehener Mann. Aber eine Julnacht 
hat er nie wieder in dem Hofe zugebracht. In Norwegen 
und in Schleswig-Holstein geht eine ähnliche Sage von 
einem Knappen, der allein in einer gespenstischen Mühle 
nächtigt. Aber viel genauer stimmt die Harzer Sage von 
einem alten Soldaten, der einem nächtlichen Fest des 
Zwergkönigs Hübich und seiner Leutchen in der Mühle 
beiwohnt. Als sie plötzlich Tabak riechen, schlägt der 
Soldat sie mit einem Stock in die Flucht und streicht all 
ihr kostbares Geschirr ein. 

Die schönsten Sagen sind auch hier aus der Liebe 
entsprungen, aus der der Elfin zum Manne, oder des 



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IV. Die Elfen, 187 

Weibes zum Elfen. Die folgende englische Sage läßt dies 
Motiv noch gar nicht ahnen. Am S. Cuthberts-Brunnen 
bei Edenhall belustigen sich Elfen, denen ein Kellermeister 
vom Brunnenrande weg ein kostbares Glas raubt, „the 
luck of Edenftall". Sie rufen ihm nach 

„if that glass either break or fall, 

farewell the luck of Edenhali." 
Angedeutet wird die Liebe der Elfin in folgender olden- 
burgischen Sage: Einmal hielt Graf Otto von Oldenburg 
jagdmüde auf seinem Schimmel am Osenberg und rief: 
„Ach Gott, wer nur einen ktlhlen Trunk hätte!" Da tat 
sich der Berg auf, und heraus trat eine Jungfrau in schönen 
Kleidern, die Haare über die Achseln geteilt und oben mit 
einem Kranze bedeckt. Sie bot dem Grafen ein silbernes, 
reich verziertes Trinkhom. Er hob den Deckel auf, aber 
der Trank mißfiel ihm. Da sprach die Jungfrau : „Trinket 
Ihr aus diesem Hom, so wird es Euch und Eurem Ge- 
schlecht und Lande wohlgehn ; wo nicht, so wird es in 
Zwietracht zerfallen." Er aber schwang das Hom hinter 
sich und goß es aus, wobei einige Tropfen auf des Schim- 
mels Rücken fielen, dessen Haare sie sogleich verbrannten. 
Als nun die Jungfrau ihr Hom ziu-ückbegehrte, sprengte 
der Graf mit diesem davon ; sie aber eilte ihm nach, bis 
sie tot zusammenbrach, und in der folgenden Nacht hörte 
man ringsum den Ruf „Fehmöme is dood" ! Der Graf aber 
brachte das Hörn nach Oldenburg, von wo es später nach 
Kopenhagen kam. — Deutlicher erzählt die schlichte Fär- 
öemsage: Geht ein Bursch in die Öde durstig und müde, 
so kommt ein Huldremädchen aus dem Elfenhügel und 
bietet ihm einen Trunk Bier oder Milch. Blast er den 
Schaiun nicht ab, so trinkt er sich Vergessenheit, und sie 
nimmt ihn mit sich in den Berg. Aber offenbar ist der 
Trank, nicht die Liebe das alte Leitmotiv der Sage. Die 
entsprechende Blekinger Sage, nach der ein Knecht in der 
Walpurgisnacht Hexen, die seinem Herrn die Felder ver- 
wüstet hätten, bei ihrem Gelage überrascht und ihnen ein 
goldenes Hörn raubt, aus dem er zu trinken verschmäht, 



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188 IV- Die Elfen. 

eröffnet einen großartigeren Naturhintergrund. Als sein 
Herr, dem er davonsprengend das Maitagshorn gebracht 
hat, die Rückgabe des Horns den Hexen verweigert, bren- 
nen sie ihm die drei nächsten Ernten ab und werfen ihn 
in völlige Armut. Diese Bergelfinnen, Huldremadchen, 
Hexen sind also wohl ursprünglich Wolkenelfinnen, wie die 
befruchtenden Regnerinnen, die Pleiaden, in Griechenland 
aus himmlischen Nymphen zu Gebirgsnymphen geworden. 
Und wie die nahverwandten Hyaden, die Regnerinnen, aus 
Krügen Wasser gießen und ein fruchtbares Jahr bringen, 
so tritt die germanische Wolkenelfin im ersten Frühlings- 
gewitter im Mai mit einem Trinkhorn hervor, aus dem 
sie Segen, aber auch Brand auf Tier imd Flur schütten 
kann. 

Freundlicher ist die andere deutsche Liebesgeschichte 
einer Elfin und eines Mannes. Dicht unter dem Gipfel des 
Paschenbergs über der Schaumburg an der Oberweser 
liegt das Mömkenloch, worin eine Zwergin mit langem 
schönen Haar wohnte, das bis an die Sohlen reichte. In 
sie verhebte sich ein Graf oder Bauer und besuchte sie 
immer heimlich. Aber sein Weib spähte ihm nach imd 
ging tief in das Loch hinein, bis sie endUch in eine Kammer 
kam, wo sie ihren Mann mit der Zwergin fand. Deren 
lange Haare hingen aus dem Bette bis auf die Erde hinab. 
Da rief die gute Bauerin — ein rührend bescheidener Zug — : 
„O behüte Gott deine schönen Haare!" tmd hob diese be- 
hutsam aufs Bett. Damit wich sie von den beiden, der 
Bauer aber erschrak so sehr darüber, daß er nie wieder 
mit der Zwergin zusammenkam. Diese auch westfäUsche 
und bairische Sage hat an der Oberweser ein ernstes 
Nachspiel, Ebenso wie am Osenberg, nachdem die Feh- 
möme vom Oldenbiu-ger Grafen verlassen, der Wehruf er- 
scholl: „Fehmöme is dood!", so rief hier ein Zwerg zur 
Schaumburg hinab: „De Mötne is dood!", und bald darauf 
ist in der Nacht einer zum Fährmann in Großwieden an der 
Weser gekommen und hat ihm geheißen, die Fähre bereit 
zu halten, denn er solle Leute übersetzen. Viermal hat er 



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IV. Die Elfen. 189 

Übersetzen müssen, hat aber niemand gesehen, und dennoch 
ist die Fähre so tief gegangen, als wenn sie ganz voll 
wäre. Als er endUch zum vierten Mal mit schwerer Ladung 
übergefahren ist, hat der, welcher ihn gedungen hat, ge- 
sagt, er solle einmal (über seine rechte Schulter, heißt's in 
mehreren Sagen) auf die Wiese sehen. Da hat er auf der 
Wiese Kopf an Kopf erblickt. Beim Abschied rief ihm der 
Kleine zu, seine Bezahlung hege in der Fähre. Er fand 
aber nichts als Pferdemist und stieß diesen ärgerüch mit 
dem Fuß ins Wasser, Etwas blieb ihm aber in seinem 
Schuh sitzen, und das waren am andern Tage lauter Du- 
katen. — Das ist die Sage von des kleinen Volkes Überfahrt 
oder Abzug, die weit über Deutschland bis nach Schottland 
und Irland verbreitet ist. 

Ergreifender sind die isländischen Liebessagen. Hat 
ein Mann mit einer Elfin Umgang gehabt, so steht eines 
Sonntags plötzlich vor der Kirchtür eine Wiege, darin ein 
Kind, mit einem kostbaren Tuche bedeckt. Dabei wartet 
die Elfenmutter auf die Kirchgänger, und ihrer einen fragt 
sie laut vor allen Leuten : „Bekennst du dich zur Vater- 
schaft dieses Kindes!" Da er sie verleugnet, schleudert 
sie die Wiegendecke, den „Elfenmantel", zum ewigen Zeugnis 
seiner Lüge in die Ku-che und verflucht sein Geschlecht bis 
ins zehnte GUed und verschwindet samt Wiege und Kind. 
— Die Perle aber aller dieser Geschichten ist die islän- 
dische Sage von der Liebe einer Bauerntochter zu einem Elf 
oder Huldumann. Wie sie am Herd ihrer einsamen Senn- 
hütte steht, kommt ein junger freundlicher Bursch zu ihr 
und bittet um einen Krug Milch für seine kranke Mutter. 
Sie heißt ihn tägUch wiederkommen, bis zu deren Genesung, 
und sie gewinnen sich lieb. Als sie nun bei ilu-er Nieder- 
kunft in Ohnmacht fällt, träufelt er ihr aus seinem Munde 
Kraft ein und trägt das Kindlein zu seiner Mutter, die 
darauf die junge Bäurin pflegt, bis sie wieder auf den 
Füßen ist. In den Hof zurückgekehrt, verrät sie dem alten 
Bauer nichts, und dieser drängt sie bald darauf wider ihren 
Willen zur Ehe mit einem reichen Freier. Endlich gibt sie ihm 



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190 IV. Die Elfen. 

nach mit den Worten „Das wird nun so, wie's werden 
soll!", und nur das eine bedingt sie sich aus, daß ihr Ehe- 
mann nie einen Wintergast, wie sie sich wohl im Herbst 
der Unterkunft halber in den Höfen zur Winterarbeit mel- 
deten, ohne ihre Einwilligung aufnehmen solle. Das ver- 
spricht er. Drei Jahre leben sie glücklich dahin. Da stellt 
sich zur Herbstzeit ein Mann mit einem kleinen hübschen 
Buben ein und bittet den Bauer, sie beide über Winter bei 
sich zu behalten. Er ist geneigt dazu, doch, eingedenk 
seines Versprechens, fragt er erst seine Frau um ihre Ein- 
willigung. Sie verweigert sie, doch dringt er so lange in 
sie, bis sie nachgibt und abermals spricht: „Das wird nun 
so, wie's werden soll!" Die Frau redet den ganzen Winter 
lang kein Wort mit dem Fremden. Da will der Bauer mit 
ihr am Palmsonntag zum Abendmahl gehen, und vor der 
Tür fragt er sie, ob sie alle Hausgenossen, der Sitte gemäß, 
zuvor um \'erzeihung gebt;ten habe. „Nein!" antwortete 
sie, „den Wintergast nicht; mit dem habe ich ja auch 
nichts zu tun gehabt!" Darauf er: „Nicht eher fahren wir 
zur Kirche, als du das getan hast." „Das wirst du be- 
reuen" erwidert sie und zum dritten Male „Das wird nun 
so, wie's werden soll!" Und traurig geht sie zu dem 
Fremden ins Haus und kommt nicht wieder. Da geht auch 
ihr Mann imgeduldig hinein und hört sie in der offenen 
Kammer sagen: „Nun habe ich den süßesten Labetrunk 
von deinen Lippen geschlürft." Er stürzt hinein, und in 
inniger Umarmimg liegen sie vor ihm, beide von Harm 
zersprungen, und das Büblein steht weinend dabei. Der 
Bauer laßt das Paar begraben, der Knabe verschwindet, 
niemand weiß, wohin. 

Mit wie erschreckender Gewalt hat sich da oft die 
innere Phantasiewelt in volle Wirklichkeit umgesetzt: die 
Schicksale der Menschen und der Elfen greifen von alten 
Zeiten her wie die zweier nah verwandter und doch ewig 
fremder Geschlechter tief in einander. Selbst das Christen- 
tum vermochte nicht die gern betretenen Brücken zwischen 
beiden vollständig zu sprengen : hie und da birgt wohl noch 



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IV. Die Elfen. 191 

eine isländische Kirche ein sagenhaftes Elfentuch, und der 
schwedische Elf sucht die Verbindung mit einem Menschen, 
gerade um mit ihm die ewige Seligkeit zu erlangen. So 
hat namentlich das Bergelfenvolk, nicht ganz in sich be- 
friedigt, schon immer Anschluß an die Menschen gesucht, 
und gar manche von diesen hat es immer gereizt, in die 
Elfenwelt einzudringen. Aber fast ausnahmslos endet dieser 
oft so freundliche, innige Verkehr in Trauer. Wahrend die 
Riesen zu tappig dazu sind und die Götter sich vornehmer 
davon zurückhalten, müssen die Zwerge gerade in diesem 
Verkehr allerlei Prüfungen durchmachen, und über ihr 
strebsames, genußreiches, heiteres Leben legt sich eine 
Wolke der Enttäuschung und der Entsagung. 

In den germanischen Wäldern sind Oberall die Wald- 
imd Baumelfen zu Hause; seltener aber im deutschen 
Marschenland, in Dänemark und England, und ausgestorben 
sind sie im waldlosen Island. Früher hieß der deutsche 
Waldmann Scrato, gotisch wohl Skohsl, angelsächsisch 
Wttäuaelf oder Wudewase, altnordisch Trimaär Holzmann, 
die deutsche Waldfrau Holsmuoja, was auch Eule bedeu- 
tet, Holsrtina, Waldminna. Jetzt nennt man sie Wildleute 
in den Alpen oder genauer Schrättlein und Waldfänken 
in Graubünden imd Vorarlberg, Moos-, HoU- und Wetter- 
fräulein und Busclnveibchen in Süd- und Mitteldeutschland, 
in Schweden ist Hulte oder Skougsmann der Holz- oder 
Waldmann, Sfcogs/ru die Waldfrau oder Skogsnufva die 
Waldschnauberin. Allgemeiner werden sie auch „weiße 
Weiber" in Norddeutschland und Elkpigern und Ellefrueit 
Elfenmädchen und -frauen in Dänemark genannt. 

Eines der ältesten indogermanischen Lieder, das rig- 
vedische Lied an die Waldesfrau, schlägt den Grundton 
derjenigen Empfindungen an, der in der Waldeinsamkeit 
noch heute im germarüschen Volksgemüte widerklingt. 
Es ist nicht so sehr die Freude über die Schönheit der 
grünen, stolzen Pracht und die Andacht zu der dämmerigen 
Stille, es ist vielmehr das verlockende und zuweilen be- 
ängstigende geheimnisvolle Weben der Waldeinsamkeit, 



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192 IV. Di« Elfen. 

das das Innere erregt und die germanische Waldelfensage 
beherrscht. Jenes aus tiefer Naturempfindung entsprungene 
Lied lautet: 

1. O Waldesfrau, o Waldesfrau, 

die du im Busch verschwindest dort, 
was fragst du nach dem Dorfe nicht? 
Beschleichet dich denn keine Furcht? 

2. Wenn auf des Uhus lauten Ruf 
der Papagei die Antwort gibt 
und wie mit Glöcklein läutet froh, 
dann ist die Frau des Waldes stolz. 

3. 's ist, als ob Kühe fräßen Gras, 

und wie ein Wohnhaus sieht sich's an, 
und wie ein Wagen knarrt es jetzt, 
auf dem sie Abends weiterfährt. 

4. Dort ruft wohl Einer seiner Kuh, 
dort hat wohl Einer Holz gerällt; 
wer nahe bei der Waldfrau weilt, 
hört deutlich Abends Jemand schrein. 

5. Sie tötet nicht, die Waldesfrau, 
wenn nicht ein Andrer sie beschleicht; 
genoß er von der süßen Frucht 

nach seinem Wunsch, so fällt er hin. 

6. Gerühmt hab ich die Liebliche, 
nach Wohlgeruch schön Duftende, 
die reich an Speisen ohne Pflug, 
die Wildmutter, die Waldesfrau. 

Einsam und furchtlos verliert sie sich, vom Dorf ab- 
gekehrt, im Dickicht, froh über den Wettgesang des Uhus 
und des Papagels. Im Dämmer des Waldes schwimmen 
allerlei Bilder vorüber, in der Stille tauchen unerklärbare 
Geräusche auf imd vergehen. Ein imheimlicher Schrei! 
vielleicht geht er von ihr oder auch von einem zudring- 
lichen Menschen aus, den sie getötet. Doch — wie wenn 
hier ein Jäger spräche: „ich preise die liebliche, duftige 
Mutter der wilden Tiere". 

Die schwedische Waldfrau ist der indischen am meisten 



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IV. Die Elfen. 193 

ähnlich. Denn sie trällert, lacht und wispert im Dickicht. 
Am klatschenden Waldbach wäscht sie, und wo im Lenz 
schneeweiße Flecken tief hinten im dunklen Walde sicht- 
bar werden, breitet sie ihre Kleider aus. Sie zaubert in 
den Wald einen Huldrehof oder Hullagaarä mit fettem 
Vieh hinein, der aber immer verschwindet, sobald man sich 
ihm nähert. Oft hört man sich bei Namen rufen, dann ant- 
worte man bei Leibe nicht: „Ja!", sondern: „He!", denn 
sonst ist man in ihrer Gewalt, Laut lacht sie auf und 
schleppt Einen stundenlang durch Dom und Morast, und 
zuletzt ist man so sinnverwirrt, daß man sein eigen Haus 
nicht erkennt. Dann ist man „skogtagen" vom Walde fest- 
gehalten, bezaubert. Oder sie schreit tückisch laut auf imd 
ruft ihren Gatten herbei, der dann den Liebhaber nieder- 
schlagt. Der Jäger aber sucht sie zu gewinnen, denn sie 
ist die Herrin des Wildes, namentlich einzelner Hirsche, 
Hasen und Auerhühner, sogenannter Freitiere. Er legt 
eine Münze oder etwas Speise für sie auf einen Baum- 
stumpf oder Stein nieder. Ihre ursprüngliche Wettematur 
bricht noch vielfach in wilder Frische durch; wie in Ober- 
franken Wctterfräulein, heißt sie darum auch in Schweden 
die Waldschnauberin. Sie kündigt ihr Erscheinen, wie aus- 
drückUch bemerkt wird, mit einem scharfen eigentümlichen 
Wirbelwind an, der die Baumstämme bis zum Brechen zu- 
sammenschüttelt. Oder sie beugt den Wald und klopft im 
Gewitter ihre Kleider. In Westfalen sagt man bei Wirbel- 
wind: „Da fliegen die Bttschj unfern". Im Riesengebirge 
stürzen sich die „Rütteiweiber" im Wirbelwind auf die 
Wiesen und werfen das Heu auseinander. Bei zerrissenem 
Nebelgewölk kocht das Buschwetbcfien und steigt im April- 
hagel mit wildem schneeweißen Haar über den bayrischen 
Wald. Die Dame verte des Franche Comtö lacht bei ihren 
Koboldstreichen hell auf, daß es in vielfachem Echo spöt- 
tisch widerhallt. Das badische Rockertweible, das sich in 
einer Regennacht mit drei Wilderem am Feuer die Kleider 
trocknet, schleift den einen, der ihr ein grobes „Packe dich!" 
zugerufen, bis Tagesanbmch durch dick imd dünn. Andre 

Mcycr, E. H., Gcnnan. Mylbologlc. 13 



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194 IV. Die Elfen. 

Beleidiger reißt sie hoch auf den Lautenfelsen oder taucht 
sie tief in den Gumpen des Bachs hinab. Doch in dem 
Jahre, wo sie sich den Menschen zeigt, gibt es Frucht und 
Heu die Hülle und Fülle. Die wilden Weiber in Walsch- 
tirol spinnen plötzlich Leinewand (Nebel?) durch den Wald 
und versperren dadurch dem Verirrten den Weg, und in 
zahllosen deutschen Sagen kämmt die Waldfrau ihr Haar 
imd lockt in den Wald, imd dabei macht oft schon ihr An- 
blick wirr imd schwermütig. 

Auch die Waldelfinnen haben Liebschaften mit Men- 
schen. Schon ums Jahr 1000 erzählt Burkhart von Worms 
von Waldfrauen, die sich plötzlich ihrem Liebhaber zeigen, 
um sich mit ihm zu ergötzen, und plötzlich wieder ver- 
schwinden. In einem Wolfdietrichsgedicht des 13. Jahr- 
hunderts kriecht „äie rauhe Else" zum Feuer, an dem 
Wolfdietrich schläft, auf allen Vieren wie ein Bär, reizt 
ihn vergebens zur Minne, zaubert ihn in Schlaf, schneidet 
ihm seine Nägel und zwei Locken ab und macht ihn zu 
einem derartigen Toren, daß er ein halbes Jahr „wild" 
laufen muß. Da stellt sie sich ihm plötzlich wieder dar, 
streift ihre rauhe Haut ab und wird nun die Königin Sig- 
tninne, des Helden allerschönstes Weib. In der \'^olkssage 
ist sie oft behaart, mosig, mit runzligem Gesicht, doch 
öfter vom lieblich und mit fliegendem Haar, dagegen, nach 
steirischer wie nach schwedischer Sage, hinten wie ein 
Backtrog oder ein hohler Baumstamm, wie jene Wolken- 
elfinnen bereits einen hohlen Rücken hatten. So haben sie 
weltflüchtige Mönche zur Frau Welt ausgestaltet, die der 
Dichter Wirnt von Grafenberg um 1200 darstellte, eine 
vom schöne Frau mit schlangen- und krötengefülltem 
Rücken. Die schwedische Skogsfru liebelt um Mitternacht 
mit Jägern, Fischern und Köhlern am Lagerfeuer und 
schwälenden Meiler; noch 1691 wurde ein junger Bursche 
aus dem schwedischen Markehärad wegen unerlaubten Ver- 
kehrs mit einem solchen Waldweib zum Tode vemrleilt. Die 
schwedische Waldfrau trägt auch Tierfelle und einen Kuh- 
schwanz, wohl im Winter, ja die Waldfrauen nehmen oft 



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Tier^estalt an. Die Wildfangen der Alpen springen als 
Wildkatzen herum, das Holzweib klagt als Eule auf dem 
Ast, und hoch in der Luft kreist das selige Fräulein als 
Geier, um ihre Gemsen zu schirmen. In rein menschlicher 
Gestalt ist sie gleich anderen Elfinnen wilder Tanzlust er- 
geben, so sehr, daß ein römisches Denkmal bei Schwein- 
schied deswegen, weil eine Tänzerin darauf dargestellt ist, 
vom Volk Wildfrauenkirche genannt wird. Ja die hessische 
Waldfrau kitzelt kleine Buben und raspelt sie im Wirbel- 
winde an dürren Bäumen zu Tode. 

Doch sind die deutschen Waldfrauen auch vertraut mit 
allerlei Heilwurzkräutern des Waldes, von denen eins, eine 
Art Baldrian, in Montavon auch Wildfräulekrut heißt. Im 
Gudnmliede verdankt Wate seine Wundheilkunst einem 
wilden Weibe, und im Eckenlied bestreicht das von Fasolt 
gejagte Fräulein mit einer Wurzel den wunden Dietrich 
von Bern und sein Roß. Harzer Moosweiblein gaben Wande- 
rern Wurzeln und Kräuter zur Gesundheit; in der Festzeit 
riefen die oberpfälzischen Holzfräulein aus dem Walde: 
„Eßt Binellen und Baldrian, so geht euch die Pest nicht an!" 
Als Hödr, der Feind Balders, zum erstenmal in einem Wald- 
hause drei Waldmädchen findet, versprechen sie ihm Hilfe 
im Kampf. Im selben Augenblick verschwindet das Haus, 
imd Hödr steht allein in der Wildnis. Hernach trifft er sie 
noch zweimal, und sie schenken ihm siegbringende Waffen 
und lassen ihn genießen von der Zauberspeise, die Balders 
Kraft so gefährlich steigert. Die Waldmädchen sind hier 
schon halbe Walküren. Sie nisten sich auch hilfsbereit dicht 
bei den Wohnungen ein. Im Mittelalter wohnten die west- 
fälischen guden Holden oder witten Vrouwen unter der 
Erde oder schönen Bäumen und krausen Büschen, wo man 
ihnen opferte. Der südschwedischen Askafroa Eschenfrau 
oder Hyllefroa HoUunderfrau goß man Wasser oder Milch 
über die Wurzeln ihres Baumes, um ihres Schutzes willen, 
und den schon (S. 90) besprochenen Schutzbaum eines 
nordischen Bauernhofes, den Wichterbaum, umarmt die 
kreisende Bäuerin in ihrer Not. 



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196 IV. Die Eiren. 

Wenn aber der Herbststurm heulend das gelbe Laub 
und wüsten Nebel durch den Wald jagt, dann ergeht es 
der Waldfrau schlimm; dann verfolgt sie ein riesen- oder 
gOtterhafter Jäger. Mit lautem Jagdhorn hetzt zu Roß der 
Sturmriese Fasolt, von langem Weiberhaar umflattert, eine 
klagende Frau wie ein Wild. Der Verfolger ist oft der 
höllische oder der wilde Jäger, ein wilder Mann, in Süd- 
tirol Beatrik d. i. Bemdietrich oder in Lauenbui^ geradezu 
Wode, in Dänemark Un d. i. Oden, in SmMand Kön^ Oden. 
Die Verfolgte ist die wilde Frau oder Ellepige, Ellefru 
oder auch die Beischläferin eines Priesters. Mit tief hangen- 
den Brüsten und flatterndem gelben Haar rennt sie vor 
ihm her und flüchtet auf einen mit drei Kreuzen ausge- 
hauenen Baumstumpf oder in einen für sie bestimmten 
Ährenbüschel. Wird sie aber eingeholt, so wirft der Jäger 
sie vor sich übers Roß und stürmt frohlockend durch die 
Wildnis weiter. So jagt der Stiumriese oder Sturmgott die 
Wirbelwindselfin des Waldes: ein altes Herbststimmungs- 
bild! Da nun aber in Schweden die Wirbelwinde vorzüg- 
lich im Sommer kiu-z vor einem Gewitter entstehen, so 
verfolgt hier Gofar d. i. der Donner die Trolle und Wald- 
weiber. In Gotland heißt ein solches Thorspjäska Donners- 
mädchen, vom schön, hinten hohl wie ein Backtrog, und 
flüchtet bei Gewitter ins Haus, in Norwegen unter eine 
Weiberschürze. Nünmt man sie auf, so schlägt der Blitz 
ein. Wenn aber im Winter das Stadelheu mit Schlitten von 
der Alp geholt wird, hockt wohl ein ganzes Dutzend wil- 
der Frauen hintenauf imd fährt mit; auch ruhen sie gern 
in den Heustadeln. 

Die anmutigsten Wildfräulein sind die blonden, blau- 
äugigen, silbergekleideten Seligen oder Saligen Fräulein 
Deutsch Tirols, die zuerst von Berthold von Regensburg 
als felices dominae ausdrücklich genannt werden und m 
Wälsch Tirol Enguane oder Belle Vivane heißen. Sie lun- 
leuchtet wie das Hochgebirge ein klarerer, reinerer Glanz. 
Sie bewohnen in den innersten Talwinkeln Eis- imd Krystall- 
grotten, die oft talwärts von paradiesischen Blumenauen 



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rV. Die Elfen. 197 

umgeben sind. Hier hegen sie namentlich Gemsen, strafen 
die Jäger für deren Verfolgung und bejammern deren Tod. 
Die weißen Wölkchen an den höchsten Gipfeln, ihre Hem- 
den und Kindstüchel, ktlnden schönes Wetter an ; als Schnee- 
fräulein geben sie im Herbst den Hirten Winke zum recht- 
zeitigen Abfahren von der Alp vor Schneewetler. Zur 
Ernte kommen sie gern aus dem Walde aufs Feld herab, 
den Leuten zu helfen. Durch ihren schönen Gesang machte 
eine Salige einen Hirten seinem Weibe abspenstig, bis 
dieses ihn nachts in der Höhle der Saugen überrascht, wie 
jene Bäuerin ihren Mann im Mömekenloch an der Ober- 
weser (S. 188). Es weint und verwtlnscht ihre Ehe und die 
Saugen, die seitdem spiu-los verschwunden sind. 

Die Waldelfinnen führen meistens ein freies, nicht an 
die Bäiune gebundenes Leben. Doch sind manche Bäume 
von einem dryadenhaften Geiste erfüllt. Eine warnende 
Stimme ertönt aus dem schwedischen Wachholder, der von 
der Axt bedroht wird : „Haue den Wachholder nicht". Und 
wird der Baum dennoch gefällt, so stößt er einen Schmer- 
zensschrei aus, und aus seinen Wurzeln fließt Blut. In 
einem kärntischen Ahombaum lebte eine verwunschene 
Jungfrau. Mit dem Bogen, der aus einem Zweige desselben 
geschnitten wurde, wurden die ergreifendsten Weisen ge- 
spielt. Die Jungfrau ist eine ursprüngliche Baiminymphe. 

Die wilden Männer gehen häufiger als die wilden 
Frauen über das Elfenmaß in Riesengestalt über, nament- 
Üch in den Alpen, aber auch in Hessen. Hier schreitet der 
Wildmann entweder baumgroß über die Berge und rüttelt 
an den Waldwipfeln oder wandelt winzig zwischen den 
Schachtelhalmen einher. Groß oder klem, sind sie echte 
Wetterfiguren. Auch in Tirol fährt ein riesiger wilder 
Mann, einen entwurzelten Baum in der Hand, mit Sturm 
durch die Lüfte und verfolgt die Seligen, oder er nimmt 
als starker Geißler oder Küher beim „Geißlerstein", bis zu 
dem man ihm die Geißen oder Kühe des Dorfs entgegen- 
treibt, diese in seine Hut und treibt sie mit strotzendem 
Euter Abends wieder bis zu diesem Steine herab. Außer 



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19Ö IV. Die Elfeu. 

diesem Riesen zeigt sich in Tirol in Bergmoos und grüner 
Kleidung das „wilde Mannl" oder Nörglein, Orge, vom 
italienischen Orco d. i. Unterirdischer, jauchzt bei heran- 
nahendem Regenwetter auf einer Anhöhe und dient, na- 
menlüch zur Zeit der Aussaat, als Wetterprophet Halt er 
seinen guten Rat zurück, so füllt ihm wohl ein mutwilüger 
Bauer sein Trinkgefäß, ein Loch Im Felsstein, mit Wein. 
Neugierig kostet er vom ungewohnten Naß und, lustig ge- 
worden, wird er mit der Frage nach einem Heilmittel 
gegen die Pest überrascht. „Ich weiß es wohl", antwortet 
er ähnlich wie oben die kräuterkundige Waldfrau, „Biber- 
nell imd Eberwurz; aber das sage ich dir noch lange 
nicht!" Oder man bindet ihn im Rausch und befragt den 
darauf Losgebundenen nach seiner Kunst, Butter, Käse imd 
Lab und aus Milchschotten Gold zu bereiten. Da speist er 
schelmisch die Neugierigen mit einer selbstverständlichen 
Wetterregel ab. Genau so preßte man aus dem im Rausch 
gefesselten lateinischen und griechischen Wildmann, dem 
Pannus und Silen, sein Geheimnis. Auch hier liegt eine 
altdeutsche Volkssage ungelehrten Ursprungs vor, die aber 
wahrscheinUch nicht heimisch war und daher auf den 
äußersten Süden beschränkt bUeb. Sie mag ein früher Völ- 
kerverkehr aus Italien in die deutschen Alpen getragen 
haben. 

Dagegen scheint trotz der Verwandtschaft mit der an- 
tiken Überlieferung ganz selbständig zu sein die von Tirol 
bis nach Nordschleswig und England verbreitete Sage vom 
Weheruf der Berg- (S. 187 f.), wie der Waldelfen über den 
Tod ihres Herrn oder ihrer Herrin. Als ein Wildfangen- 
mädchen, das bei einem Bauer dient, von diesem erzählen 
hört, „die Rauhe Rinte ist tot!", springt sie mit dem Schrei: 
„Die Mutter ist tot!" aus dem Hause in den Bannwald. 
Vielstimmig ertönt die Klage: „Die Mäume is dood!" 
„Pippe Kong is dood!", „Urban ist tof. So erscholl einst 
m Griechenland Über das spiegelglatte, von keinem Lüft- 
chen bewegte Meer der Ruf: „Der große Pan ist tot!", 
dem die Klage vieler Stimmen folgte. Pan hieß der „Herr 



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IV. Die Elfen. 199 

des Waldes", der mit den Baumfrauen, den Dryaden, buhlte, 
durch plötzliche Töne und Widerhalle des Waldes Schrecken 
einjagte und im Zorn Irrsinn bewirkte. Der troezenischen 
Obrigkeit zeigte er Heilmittel gegen die Pest an. Abends 
überbot er allen Vogelsang, wenn er auf der Syrinx spielte, 
so daß die Nymphen beim Echo des Berges ihn umtanzten. 
In der stillen Gluthitze der Mittagssonne schläft er, bei 
langer Windstille ist er tot. Aus tiefster lautloser Waldes- 
ruhe stieg seine schwermütige Sage auf. 

Die achtimgsvoUe Scheu, die die indogermanischen 
Völker vor ihren Waldgeistern hegten, zitterte noch bis 
vor kurzem in der beerensuchenden Jugend Thüringens 
und Braunschweigs nach; sie zerdrückten bei der Heim- 
kehr auf einem Stein zum Dank einige Beeren, und in 
Franken legten sie gar Brot, Obst imd Beeren dem Heidel- 
beermann beim Eintritt in den W'ald hin. Der Schwarz- 
wälder Bub aber sang: 

„Holder, holder, reere, 

„Mer chomme us de Beere, 

„'s Beeritnä»nli isch zue is cho {uns gekommen), 

„'s hat is alli Beeri gno (genommen)." 

„Wind ist der Welle lieblicher Buhler". Schweben die 
Luftelfen zu den Gewässern hinab oder tauchen sie in diese 
nieder, so werden sie zu Wasserelfen, wie sie noch heute 
in Schweden heißen. Der Windelfe Andvari gestand, daß 
ihn in der Vorzeit eine jämmerliche Norne dazu bestimmte, 
sich im Wasser zu tummeln. Der älteste einfache Wasser- 
elfenname scheint althochdeutsch Nichus, angels. Nieor 
und altnord. Nykr zu sein, mit dem freilich damals das 
Krokodil oder Flußpferd oder ein vielgestaltiges Wassertier 
übersetzt wurde. Das Wort soll mit dem griechischen niptein 
sich waschen zusammenhängen, wie denn auch in Süd- 
westdeutschland die Nixe Waschwibele heißt. Nach dem 
isländischen Landnahmebuch stürzte sich ein apfelgrauer 
Nykurhest bei Sonnenuntergang nach dem Heueinfahren 
ins Wasser. Der nordische Nikur, Neck oder Ncnnir, der 
schottische Waterkelpie stieg als Apfelschimmel oder als 



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200 IV, Die Elfen. 

Seehund aus der Flut, der Ahnherr der Merowinger war 
ein machtiger Wasserstier. Die Langobardenkönigin Theo- 
dolinde überwältigte ein Meerwunder, das plötzlich wie ein 
schwarzer, feueräugiger Bär aus dem Wasser stieg. Bald 
als Roß, bald als schwarzer brüllender Stier erscheint der 
ostpreußische Nix, als Pferd auch der schlesische Wasser- 
mann. In diesen Formen nähert sich der Nix mehr den 
Riesen, als den Elfen. Aber auf den Färöem taucht er als 
ein kleiner, zarter Hengst aus dem Meer, der badische 
Bachdatscher, dem sonst menschliche Figur eigen ist, 
kommt bei Welschensteinach als kleines „wuseliges" Tier, 
die schwäbische Nixe sogar als Kröte zum Vorschein. Das 
althochdeutsche weibliche Nicfte(s)sa, das das lateinische 
lympha klares Wasser übersetzt, wird schon die persön- 
liche Geltung unsrer Nixe, schlesisch Lix oder Lisse, gehabt 
haben; das Masculinum ist in unsrem Neck und Nix, im 
engUschen Ntck, im schwedisch-dänischen Nöd, Nisse erhal- 
ten. Altnordisch ist auch Marmennil, neuer Marbenäil, älter 
auch die hochdeutsche Merimannin, Meriminni, dann Meer- 
fei, bei Albrecht von Halberstadt Wasserholde. Jetzt ge- 
brauchen wir Wasser-, Hakentnann, Wasserjungfer, See- 
weibchen, Brunnenholde, die Engländer Watersprite und 
fairy, die Skandinavier Haffru und -mand Meerfrau und 
-mann, Sjörät Seewesen, Vattenelf Wasserelf, Brunnen- 
gubbe Brunnenalter, Källr&t Quellgeist. Von mehr land- 
schaftücher Geltung ist die hochdeutsche Muhme, die nie- 
derdeutsche Watermöme oder Mettje. Die Schweden kennen 
„tre Möjer" drei Wassermuhmen. 

Im Wasser haben sich die Luftgeister fast noch mannig- 
faltiger geformt als in Berg und Wald, weil es selber diese 
an Beweglichkeit und Formenwechsel übertrifft. Vom leise 
rieselnden Brtlnnlein rauschen die mimteren Bäche und 
die starken Ströme, hier zu Wasserfällen hinabgedrängt, 
dort sich zu Seen ausbreitend, zum unübersehbaren wogen- 
den Meer. Steile Felswände oder flache Sandufer, hoher 
Wald oder Sumpfgestäude und in späterer Zeit auch Werke 
der Menschenhand begleiten oder unterbrechen ihre Bahn. 



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IV. Die Elfen. 301 

Und Wind und Wolken fliegen über die Wasser hin, sie 
lachen im Sonnenschein und dräuen im nächtUchen Dunkel. 
Wie sie milde kosen und heimlich schluchzen und lieblich 
singen imd heft^ donnern! So brii^en sie vielgestaltig den 
Menschen Labe, Gedeihen und Segen, aber auch Unge- 
mach, Gefahr und Verderben. 

Die Quelle wird ein Haupt genannt, von den Griechen 
ein Haupt des Flusses, von den Römern ein Haupt des 
Wassers, von den Germanen ein Brunnhaupt oder Bom- 
hövede. Auch in der Verehrung der Quellen stimmen diese 
Völker, namentlich die Römer und die Deutschen, mit ein- 
ander überein. Beide umkränzen sie mit Laub und Blu- 
men, die Römer schlachten ihnen ein Böcklein wie die 
Norweger dem Wasserfall. Beide warfen in die Heilbrim- 
nen Geldstücke hinein. Wenn man nun auch zahlreiche 
römische Kaisermünzen in deutschen Heilquellen, nament- 
lich an beiden Ufern des Rheins, gefunden hat, so könnte 
man deutsche Nachahmung eines fremden Brauches ver- 
muten. Aber wie die Brunnenbekränzung aufs innigste 
mit der germanischen Frühlingsfeier zusammenhangt, ist 
auch jener andre Brauch in Skandinavien und andern von 
Rom unbeeinflußten Ländern häufig. Aber was hat man 
von der Quellgöttin Coventina, deren Name nicht gerade 
germanisch klingt, zu halten, der germanische Soldaten in 
Northumberland kleine Altäre, sowie tönerne Becher und 
zahlreiche Münzen von Hadrian abwärts weihten? Auch 
anderen Elfen als Quellelfen opferte man Geld. Das schon 
erwähnte (S. 151) Umstellen der Quellen mit angezündeten 
Lichtern war ebenfalls weit verbreitet, es wird schon in 
der Katechese des Bischofs Cyrillus von Jerusalem im 
Jahre 347 getadelt. Die Römer spendeten den Quellen 
auch Wein, die Germanen Brot und Kuchen, und wenn die 
Griechen ihnen abgeschnittenes Haar, so brachten ihnen 
die Germanen abgeschnittene Nägel dar. Von entschiede- 
nerer germanischer Eigenart waren die Opfer, die nach 
dem Indiculus die Sachsen den Quellen brachten, tmd die 
Oster-, Mai- imd Johannifahrten, die man zu den Quellen 



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202 IV. Die Elfen. 

unternahm, um gesund und fruchtbar zu werden und ihre 
Weissagung zu hören. Man durfte sie aber nicht ver- 
unreinigen und durch Steinwürfe trüben. Das alles geschah 
nicht den Quellen selber, sondern ihren Bewohnern. Denn 
die Bläschen, die in schwäbischen Quellen aufperlen, kom- 
men von den atmenden Wassergeistern. Meist sind diese 
weiblichen Geschlechts, weiße Jungfern oder Frauen oder 
Waschwibele, die darin waschen oder sich baden. Doch 
kommen auch männliche Brunncnholde vor. 

Freier tummeln sich die Bach- und Flußelfen. Na- 
mentlich in Thüringen hat jedes Flüßchen seine Nixen, die 
Saale, die Um, die Unstrut. Sie bewohnen im Grunde 
des Wassers lichte Säle und tauchen mit halbem Körper 
hervor xmd lauem unter oder auf den Brücken, ja sie wagen 
sich darüber hinaus aufs Land. Da kämmt dann wohl 
eine Nixe ihr Goldhaar oder breitet ihre Wäsche aus, wie 
oben ihr Wald- oder Bergbäschen, blickt dich mit großen, 
starren Augen aus der stillen, glasigen Wasserfläche an 
und zeigt zwischen dem säuselnden Schilf ihre grünen 
Zähne imd grünen Locken. Im Wasser fühlt sie sich am 
wohligsten mit einem Fischschwanz, aufs Ufer steigt sie 
mit langem, triefendem Kleid. Der Nix schaut auf dem 
Lande oft unauffällig wie ein ältlicher Mann aus, der einen 
giilnen oder roten Hut auf dem Kopf trägt. Aber auch er 
hat grüne Zähne und einen tropfenden Rockschoß, imd ge- 
fahrlich zum Wasser lockend blickt sein Auge. Noch heute 
ist der thüringische Nixenglaube nicht ganz erloschen, und 
manches badische Mütterchen hört das Waschwibele oder 
den Bachdatscher Abends im Dqrfbach plätschern, und die 
Kinder fürchten den Hakenmann oder das Hakenfräulein 
oder die Mettj'e, die sie mit einem Haken oder ihren 
grünen Haaren oder ihrem langen Arm in die Tiefe ziehn. 
Der schlesische Wassermann fängt sie in einem Netz. 
Doch die hessischen Kinder schelten derbe auf ihn los: 
„Nix in der Grube, bist ein böser Bube, wasch dir deine 
Beinchen mit roten Ziegelsteinchen." Was hilft's? In zahl- 
reichen deutschen, auch dänischen Flüssen pochen die 



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IV. Die K1f«n. 303 

Wassergeister auf ein förmliches Wasserrecht: sie fordern 
alljährlich zu Laetare oder Himmelfahrt oder Johanni oder 
Peter und Paul einen bis zehn Menschen zum Opfer. Mit 
Blumen, den Wasserrosen, und bunten Bändern, dem Mond- 
und Sonnenglitzem der Wellen, lockt der österreichische 
Wassermann die neugierigen Kinder ins Wasser, lacht 
dabei laut auf, patscht in die Hände und verschwindet. Ist 
die Stimde gekommen, so nift es in der Lausitz aus dem 
Wasser: „Zeit und Stunde ist da, aber der Mensch noch 
nicht," und ein Mensch eilt herzu und stürzt sich unauf- 
haltsam ins Wasser. Abends lockt der süddeutsche Nix 
durch seinen Hilferuf, imd willenlos wirft sich ein Mensch 
in die Tiefe. Hoch im Norden lacht der isländische Mar- 
bendill und der schwedische Sj'örät gellend auf, bevor je- 
mand ertrinkt, und an der andern Ecke des Germanen- 
gebiets, in Steiermark, die Bachbarbara. Auch den Wasser- 
geist im Würmsee verlangt es nach einem Opfer, wenn der 
See blüht d. h. sich auf der Flache viele von Grund auf- 
steigende Bläschen zeigen. An jenen verrufenen Tagen 
badet man daher nicht, der Fischer stellt keine Netze, der 
Schiffer unterbricht seine Fahrt, und man meidet sogar den 
Weg über die Brücke. Sieht man in Böhmen den Wasser- 
mann kommen, so wirft man bunte Bänder ins Wasser. 
Neugierig greift er darnach und verwickelt sich in sie. Der 
Schwede legte wohl vor dem Bade einen Stahl hinein, weil 
er dadurch den Neck gebunden glaubte. Als der Franken- 
kOnig Theuderich 539 mit seinem Heere über die alte Po- 
brücke zog, brachte er furchtbare Menschenopfer. Geht in 
Katzhütte in Thüringen eine Mutter mit ihrem Kinde das 
erste Mal zur Kirche, so wirft sie dreierlei Münzen in den 
Fluß mit den Worten: „Da hast du das Deine, laß mir das 
Meine." 

Daraus, daß die Nixen am liebsten Kinder greifen, 
erklärt sich vielleicht der grausige Brauch, in den Grund 
namentlich von Brücken , Flußwehren , Deichen ein un- 
schuldiges Kind lebendig einzumauern, zu beschwich- 
tigender Sühne. Noch 1841, als die Elisabethbrücke in 



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304 rV. Die Elfen. 

Halle gebaut wurde, glaubte das Volk, man bedürfe eines 
Kindes zum Einmauern. Die Wassergeister stellen dem ■ 
Müller wie seiner Mühle nach. Die Müller an der Bode 
in Thale am Harz warfen immer, wenn das Wasserhuhn 
pfiff, dem Nickelmann ein schwarzes Huhn ins Wasser, 
denn sonst mußte jemand ertrinken. Das fränkische 
Wasserweible stellte dem Müller unheb die Räder; zur 
Julzeit dringt der schwedische Neck aus seinem stillen 
Wasser in die Flüsse und zerbricht die nicht gehemmten 
Mühlräder, oder er mahlt so arg, daß die Mühlsteine 
bersten. Der schlesische Wassermann überrascht einen 
spöttischen Müller mit seiner Flut, bis dieser ihm sieben 
Leben verspricht, und hinter einander fallen fünf Kinder, 
des Müllers Weib und der Müller selber ins Wasser. Die 
Heimlichkeit der Spinnstube oder die Kirchweihmusik der 
nahen Schenke lockt die deutsche Nixe ans Ufer. Sie 
trocknet ihr Haar, schmückt sich, stiehlt sich im Abend- 
nebel über die Wiese ins Dorf hinein und huscht im 
Tanzsaal in die Mädchenschar, Und selig tanzt sie mit 
dem schönsten Burschen imd vergißt die rechte Stunde 
des Scheidens. Wie sie nun den Morgen grauen sieht, er- 
blaßt sie, reißt sich von ihrem Tänzer los und stürzt sich 
in den Bach. Aus der Tiefe schäumt das Wasser blutig 
auf; der Wassermann hat seine Tochter getötet. In Schwe- 
den kennt man auch eine Art Kehrseite dieser Geschichte: 
fünfzehn Jahre lang hatte ein Mädchen im Haus einer 
Meerfrau gewohnt imd nie die Sonne gesehen. Endlich 
dringt ihr Bruder hinab und führt seine Schwester wieder 
zu den Ihrigen. Sieben Jahre wartete die Meerfrau auf 
ihre Rückkehr, dann schlug sie mit ihrem Stab ins Wasser, 
daß es hoch aufbrauste und rief: 

„Hätt ich gewußt, daß du wärest so falsch, 

So hätt ich gebrochen deinen Diebeshals." 

Das schwedische Meerweib und die deutsche Nixe 

wissen bezaubernd zu singen, wenn das Wasser rauscht, 

das Wasser schwillt. Der Fischer sinkt zu ihr hinab. 

Aber noch mächtiger reißt der schwedische Strömkarl der 



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IV. Die Elfen. 205 

Flußmann oder der oberste Felekarl Fiedelmann, oder der 
norwegische Fossegrim oder Fossekall der Wasserfallmann, 
oder der Quernknurren der Mühlengeist hin, wenn er in 
grauem Kleid mit roter Mütze auf einem Stein mitten im Was- 
sersturz sitzt und auf seiner Geige den unwiderstehlichen 
Elf\'alek (S. 166} spielt. Erst streicht er ganz sacht wie 
leises Geplätscher, aber immer höher schwillt die Melo- 
die, imd immer stärker berauscht sie die Zuhörer. Der 
Elfvalek oder Strömkarlslag hat elf Variationen, von denen 
man aber nur zehn tanzen darf. Wird die elfte aufge- 
spielt, so fangen Greise und Tische und Bänke und 
Kannen und Becher, selbst die Kinder in der Wiege an zu 
tanzen, bis die ganze Gastgesellschafl hinab ins Wasser 
tanzt, wenn nicht einer kommt und dem Musikanten die 
Saiten der Geige zerschneidet. Der Müller fürchtet des 
Feiekarls Spiel so, daß er, wenn es anhebt, sein Mühlen- 
haus schließt und den Schlüssel fortwirft, um nicht ins 
Wasser zu tanzen. Aber auch drinnen muß er mit einem 
Scheffel in seinen Armen die ganze Nacht herumspringen. 
Der Fossegrim lehrt seine Kunst gegen Lohn auch Menschen. 
Ist die Gabe mager, so lernt der Lehrling nur das Stim- 
men der Geige. Wirft dieser aber mit abgewandtem 
Haupt ein weißes Böcklein oder ein schwarzes Lamm in 
den Wasserfall, so führt ihm der Fossegrim die rechte 
Hand so lange über die Saiten hin und her, bis ihm das 
Blut aus allen Fingerspitzen springt. Dann kann auch 
der Mensch spielen, daß die Bäume tanzen und die Wasser 
in ihrem Falle stillstehen. Solche volksberühmte Geiger 
waren in den Tagen Ole Bulls im schwedischen Wärend 
Nils und Feier. Nach Andern lernt einer sofort die Kunst 
der schwedischen Elfen, wenn er ihnen die Auferstehung 
verspricht, denn sie sehnen sich nach dem Christentum. 
Wer das aber nicht tut, der hört, wie sie in ihrem Berg 
die Geigen zerschlagen und bitterlich weinen. So schleu- 
derte auch der deutsche Neck seine Harfe weg und 
weinte , als ihm zwei Knaben zugerufen hatten : „Was 
sitzest du, Neck, hier und spielst? Du wirst doch nicht 



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206 IV. Die Elfen. 

selig!" Aber als sie, von ihrem Vater getadelt, zum andern 
Male ihm die Erlösung verhießen, spielte er lieblich auf 
seiner Harfe bis lange nach Sonnenuntergang. 

Die stilleren Seen, die zu Zeiten so unruhig und wild 
werden kttnnen, haben ihre eigenen Elfenmythcn. Läßt 
man ein flaches Steinchen Über ihre Fläche hintanzen, so 
löst man ,Bräutle' oder ,\VassermännchenS als ob dadurch 
die darüber schwebenden Wassergeister von ihrem Ele- 
ment gelöst würden. Viele Schweizer und deutsche Seen 
dürfen aber nicht durch Steinwürfe beunruhigt werden. 
Sie erregen im Schwarzwälder Mnmmelsee den Zorn der 
Seemuhme, sodaß Unwetter losbricht, und zornig erweist 
der Mummelsee sich auch in der etwas unklaren Erzäh- 
lung des Simplicissimus 5, 16, nach der ein Wassermänn- 
lein darin seine geraubte Gemahlin sucht. Es kommt 
aber nicht wieder zum Vorschein. Nur sein Stecken mit 
einer Handvoll Blut springt nach einiger Zeit ein paar 
Fuß hoch in die Luft. Aber der berüchtigtste See ist doch 
der am Pilatusberg bei Luzern gelegene Oberalpsee, dessen 
Sage erst im 13, Jahrhundert mit der Pilatuslegende ver- 
knüpft ist. Bald watete, übrigens mehr nach Riesenart, 
der Unhold in diesem See, daß er überströmte und seine 
Wasser ins Tal ergoß, bald stürmte er durch das Gebirge, 
jagte Hirten und Herden auseinander und stürzte sie in 
die Abgründe. Namentlich wenn man in der Nähe des 
Sees lärmte, Steine hineinwarf oder gar seine Tiefe aus- 
messen wollte. Der Zutritt zu dem See und selbst der 
Besuch des Berges waren verboten; wegen versuchter 
Besteigung wurden 1387 sechs Geistliche zu Luzern ins 
Gefängnis geworfen, und selbst der Herzog Ulrich von 
Würtemberg und 1555 der berühmte Konrad Gesner wur- 
den nur unter Aufsicht und dem Versprechen, nichts in 
den See hineinwerfen zu wollen, hinaufgelassen. Noch im 
vorigen Jahrhundert sprachen die Sennen bei Sonnen- 
untergang durch die „Volle", den Milchtrichler, einen feier- 
lichen Segen gegen den Unhold und wurden dafür mit 
dem sogenannten Rufkäse belohnt. 



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IV. Die Elfen. 907 

Am Strande größerer Landseen oder gar des Meers 
haben die Wassergeister wiederum andern Umgang. Der 
heilte Gallus hörte ums Jahr 600, wie ein Berggeist bei 
Bregenz seinem Kameraden im See zurief: „Komm, hilf 
mir die Fremdlinge vertreiben, die mich aus meinem Hei- 
ligtum vertrieben!" Darauf antwortete der Wassergeist: 
„Einer von ihnen ist auf dem See, aber vergebens suche 
Ich seine Fischnetze zu zerreißen. Er ist durch das 
Zeichen Christi geschützt." Darauf erhoben sie ein 
„fantastisches" d. i. dämonisches Geschrei. Wo sich das 
Rauschen des Bergwaldes mit dem der Wellen mischte, 
belauschte der Bekehrer ein Zwiegespräch der Geister. 
Der nordische Skalde aber nannte die Wogen im Nebel 
Bräute, die auf Brandungsklippen gehen und die Bucht 
entlang fahren ; ein hartes Bett haben die weißgeschleierten 
Weiber und spielen in Seestille wenig. Wir kennen schon 
die schwedische Meerfrau, die am Strand ihre Kleider 
ausbreitet und mit dem Herrn des Berges zankt. Wirft 
der Nord aus Gischt und Wasser gemischte Wogen auf, 
so sieht man sie ihr weißes, schwarzköpfiges Vieh ans 
Land treiben. Am Mälarsee trieb sie es bis zur Klinta- 
tanne, unter der sie wohnte. Niemand wagte deren Äste 
anzurühren. Graue Kühe nennt man noch wohl auf Island 
den Seekuhschlag, weil sie von Kühen abstammen, die einst 
ein gefangener MarbendiU aus Dankbarkeit in den Hof 
seines Befreiers aus der See herausschickte. Der Fischer 
der schwedischen Seen opfert der Seejungfrau Früchte 
imd Geld, um Wind und Glück von ihr zu kaufen. 

Dem rauschenden Wasser ist weissagende Kraft eigen. 
Nach Plutarchs Caesar gingen germanische Frauen an die 
Strudel der Flüsse zu weissagen, und mehr als ein halbes 
Jahrtausend später warfen noch christliche Franken ge- 
fangene Gotenweiber und -kinder als Opfer in den Po, um 
die Zukunft zu erfahren. Im Nibelungenlied künden die 
Quelljungfem, die aber „Meerweiber" heißen, dem Hagen 
samt dem ganzen Burgunderheer Verderben in König 
Etzels Land. Die dänische Königin Dagmar läßt sich von 



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208 IV. Die Elfen. 

einer Meerfrau weissagen, wie auch die mecklenburgische 
Sage eine zukunftskundige Watermöme kennt. Gefangen 
weissagt die Meerfrau Untergang des Landes, soweit man 
sie landeinwärts schleppe. Die Meermaid von Padstow in 
Comwall, die man durch einen Schuß erbittert hat, ver- 
flucht den Hafen, der auch wirklich versandet. Der merk- 
würdigste Meergeist ist aber der Marmennii, der etwa mit 
den weissagenden Meergreisen des griechischen Mittel- 
meers verglichen werden kann. Vom Nabel an gleicht er 
einem Seehunde, wie Proteus am Strande unter Robben 
ruht, er hat auch wie diese einen dicken Kopf und breite 
Hände. Wenn die Wellen klatschen, so lacht er laut auf; 
man gedenkt des unzählbaren Gelächters der Wogen, das 
bei Aeschylos der gefesselte Prometheus anfleht, sein Lei- 
den anzuschauen. Noch heute ist es ein bekanntes Wort 
in Island: „Da lachte Marbendill", imd schon einem der 
ersten Ansiedler der Insel weissagte er scherzend seinen 
Wohnort. Was die Halfssaga um 1300 vom lachenden 
Meermännlein erzählt, weiß auch noch die neuisländische 
Volkssage und zwar viel hübscher vorzutragen. Bei einem 
schweren Fischzuge holte ein Bauer einen Marbendill ins 
Boot und nahm ihn mit sich ans Land. Noch hatte er nicht 
sein Schiff in Ordnimg gebracht, als sein Hund fröhlich an 
ihm aufsprang, und ärgerlich schlug er ihn. Da lachte der 
Marbenbill zum erstenmal. Wie nun der Bauer auf seinen 
Hof zuging und an einen Stein stieß und diesen verwünschte, 
da lachte der Marbendill zum zweitenmal. Und als der 
Bauer den freundlichen Gruß seines ihm entgegenkommen- 
den iWeibes freundlich erwiderte, da lachte der Marben- 
dill zum drittenmal. Nun fragte ihn der Bauer, warum er 
dreimal gelacht hätte. Er erklärte sich zur Auskunft unter 
der Bedingung bereit, daß er an der Stelle der See, wo er ge- 
fangen worden wäre, weder hinabgelassen würde. Nachdem 
der Bauer ihm das versprochen, äußerte sich dieser: „Zuerst 
lachte ich, weil du deinen Hund schlugst, der dich mit auf- 
richtiger Freude begrüßte; zum zweiten, weil du einen 
Stein verwünschtest, unter dem ein Goldschatz Üegt; zum 



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IV. Die Elfen. 209 

dritten, weil du so freundlich die schönen Worte deines 
Weibes aufnahmst, das dir doch untreu ist". Darauf sprach 
der Bauer; „Zwei von den Dingen, die du mir sagtest, kann 
ich jetzt nicht prüfen, die Treue meines Hundes und die Treue 
meines Weibes. Aber auch wenn nur das dritte wahr ist, 
werde ich dir mein Versprechen halten" — und damit grub er 
den Stein heraus und fand da wirklich einen großen Schatz. 
Nun fuhr er mit dem Marbendill aufs Meer und üeß ihn an der 
verabredeten Stelle über Bord, worauf der Marbendill, noch 
auf dem Ruderblatt sitzend, sagte; „Du hast wohlgetan, 
Bauer, daß du mich nun meiner Mutter wieder heimschick- 
test; das werde ich dir vergelten. Sei gesund und glück- 
lich!" Und sieben seegraue Kühe fand der Bauer kurz da- 
rauf in seinem Hof, die größten Kostbarkeiten auf Island, 
und hatte zeitlebens allen Überfluß. — Grausiger als der 
Marmennil, dem Grendel ähnlich, ist der norwegisch-fä- 
röersche SJödreygur, das Seegespenst, das mit gewaltiger 
Hand plötzlich aus der Brandung über den Strand, ja bis 
ins Haus hinein in Grendels Weise nach einem Menschen 
ausgreift, um ihn in die Tiefe zu reißen. Nachts rudert es 
heulend wie ein Mann oder Hund durch die Wogen, ja 
reizt als Schiffer mit seinem Schiff die Schiffer zu verderb- 
licher Wettfahrt im Sturm. Oder es hüpft auf seinem einen 
Fuß auf die Insel und trachtet die Menschen vom Deich 
ins Meer zu stoßen, wie der übrigens mehr riesische dit- 
marsische „DräMger", der auch die Deiche stürzt, so daß 
die See wieder ins Land hereinbricht. 

Aus den wilden Bergen und Wäldern, die die Siede- 
lungen der Menschen umgeben, dringen die Elfen in die 
Gemarkung, die Ackerflur, ja in die Gärten der Dörfer 
herein, die Bergmännchen, die Holsfräulein und die Sa- 
ugen werden Weide- oder Feldelfen. Die Flur ist voll 
davon. Im bayrischen Hochlande bindet man den Kühen 
Körbchen voll Erdbeeren und Alpenrosen zwischen die 
Homer für die „Fräulein". Auf dem Brenner wirft man 
nach der Furl, die das Heu zerführt, ein Messer, wie nach 
dem Wirbelwind. Werm der Mähder das Rodnerinnenlocken 

Heytr, £. H., Gcnnan. Uyihologic. H 



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nO IV. Die Elfen. 

Übte, d. h, dreimal mit dem Wetzstein scbrill über die Sense 
strich, so kam jedesmal ein Salgfräukin in die Wiese 
herunter und zerstreute die Mahden. Das Innerfeldmandl 
aber sieht der Tiroler Hirte sich im Wirbelwind um die 
Füße der Rinder drehen und ihnen in die Ohren blasen. 
Aber die Saugen oder wilden Frauen helfen auch beim 
Heuen, wie beim Flachsjäten oder Kornschneiden ; man 
gibt in Martell den Arbeitern auf den Bergwiesen die so- 
genannten „Mahdküchel" mit, angeblich für einen zufalligen 
Besuch der weißen Fräulein. Aber vom wilden Mann ge- 
jagt (S. 196), eilen diese ruhelos vorüber. — In Oberfranken 
läßt man beim Einfahren ein Häufchen Grummet auf der 
Wiese und bei der Kornernte auf dem Acker einige Ähren 
für das Holzfräulein liegen, und auf den Obstbäiunen bleibt 
hie und da für sie etwas von der Frucht hangen. In der 
benachbarten Oberpfalz warf man beim Leinsäen einige 
Kümer in die Büsche des nahen Waldes, stellte beim Jäten 
aus den Restchen von Flachsstengeln ein Hüttchen auf 
und rief: 

„Hulzfral, dau is dah Dal ^Holzfräulein, da ist dein Teil), 
„Gib an (dem) Flachs an kräftinga Flaug (Flug, Schuß), 
„Nau (dann) hob i un du gnaug (genug)!" 
Beim Ausraufen des Flachses aber band man sechs 
stehen gelassene Halme oben in einen Knoten zusammen, 
damit sie darunter Schutz fände. 

Ist nun die Saat emporgeschossen und schlägt im Winde 
Wellen, so laufen allerlei Tiere hindurch: Roggenwölfe unä 
-huniie, Haferböcke, Roggensäue und Kornkatsen. Mensch- 
licher gedacht haust darin eine Roggenmuhme, die im öst- 
lichen Holland ihre Ferkel draußen im Kom hat, oder nach 
deutschem und dänischem Glauben eine langbrüstige Rog- 
gen-, Weisen- oder Gerstenalte, ein Schrecken der Kinder, 
denn sie preßt sie, wenn sie ins Kom laufen, an ihre 
eisernen Zitzen. Statt ihrer läuft auch der harmlosere 
Hafermann oder der „Alte" durch das Kom. Wenn dieses 
reif war für die Ernte, so band die Frau von Donnersbei^ 
drei stehende Halme unter den Ähren mit weißer Seide 



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IV. Die Elfen. 211 

zusammen und betete und sagte: „Das gehört den drei 
■Jungfrauen" und schickte ein Kind unter sieben Jahren auf 
das Feld, das die drei Ähren hinlegte. So wurde in Litauen 
der Krumine, der Buschfrau der ersten Garbe, geopfert 
und dann die erste Garbe ins Haus des Besitzers gebracht. 
Erst am folgenden Tag begann die eigentliche Ernte. So 
besteht im deutschen Südwesten das Glückshämpfli aus 
einer Handvoll von den ersten oder letzten drei, sieben, 
neun, elf Ähren der Ernte, die, von einem imschuldigen 
Madchen, auch wohl unter Gebet und Niederknieen des 
Schnittervolks, geschnitten, mit einem Seidenbande imi- 
wunden und dann im Hause an einem besonders ehren- 
vollen Platze aufgehängt werden. Derber knüpft man in 
Schweden bei der Ernte drei Halme oben in einen Knoten 
zusammen und legt einen Stein darauf für die Gloso, die 
Komsau. 

wahrend der heißen Erntezeit ist die Kommutter am 
gefahrlichsten um die Mittagsstunde, Aus Frankreich mel- 
det Gregor v, Tours schon im 6. Jahrhundert, daß eine von 
der Feldarbeit zurückkehrende Frau, von dem meridianus 
daemon dem Mittagsgeist angegriffen, sprachlos zusammen- 
gebrochen sei, und Caesarius v. Heisterbach kennt auch 
auf deutschem Boden ein daemonium meridianum. Die 
Slaven nennen ihn die Mittagsfrau. Dasselbe bedeutet am 
Niederrhein noch heute die Ennungermohr, die Mittags- 
mutter, von „in unner, unger" d. h. in der Mittagszeit 
(undem), oder die Futtika, die während der Mittagsruhe 
übers Feld geht und alle, die sich unzeitig im Felde auf- 
halten, verscheucht oder gar verwirrt. Im nassauischen 
Amte Limburg droht man: „die Unnermoire kriegt dich". 
Eine weiße Frau hieß sie im Kreise Friedberg und im 
fernen Gottschee. Bei völliger Windstille, wenn die sommer- 
liche Mittagshitze über der niederrheinischen Komflur zit- 
tert, erhebt sich oft ein plötzlicher Wirbelwind; das ist die 
Ennungermohr, Im badischen Klettgau nimmt eine übers 
Feld wandelnde Frau ein Kind, das sie allein in der Mittags- 
stunde im Feld trifft, weg und legt statt dessen ihr eignes 



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212 IV. Die Elfen. 

Kind hin, wie die thüringische Kornfrau. So liegt denn im 
Aargau mittags das Komkind oder der Komer^el, das in 
Rauebm-g das Amkind Emtekind heißt, weinend im hohen 
Korn. Wer es aufhebt, muß noch selbigen Jahres sterben. 
Man sagte bei Chur im Jahr 1686, es sei schwer aufzuheben 
und kündige ein besonders fruchtbares Jahr an. Mit dem 
oder der Alten ist das reife, alte, zum Tode bestimmte 
Korn gemeint, mit dem Kinde der Überschuß, die zur Aus- 
saat bestimmte Garbe, die nur klein, aber schwer ist, die, 
besonders wenn sie klein ausfallt, um so reicheren Ertrag 
im nächsten Jahre tröstend verspricht und darum Glücks- 
garbe heißt. Sie wird auch Wiege genannt und in Mecklen- 
burg ganz deutlich das Ornkind oder Emtekind. Aus 
solcher altertümUchen Vorstellung erwuchs der angelsäch- 
sische Skeäf d. i. Garbe, den schon das Beowulfsepos kennt. 
Als neugebomer Knabe, in einem steuerlosen Schiff auf 
einer Garbe schlafend, von Waffen umgeben, wurde er 
hilflos ans Land getrieben, von den Bewohnern wie ein 
Wunder aufgenommen, benannt und auferzogen und end- 
lich zum König gemacht. Er ist der heroisierte Gründer 
des Ackerbaues, wie sein Sohn Skild der des Kriegs- 
wesens (S. 22j. 

Je tiefer die Mäher ins Ährenfeld hineinschreiten, 
desto weiter, mit jedem sinkenden Schwaden, flüchtet der 
Alte oder die Alte zurück, bis in die letzte Garbe, als 
einzigen Zufluchtsort auf der leeren Stoppel. In Ober- 
franken und der Oberpfalz läßt man den Holzfräulein die 
letzten Ähren auf dem Felde stehen, in Nlederbayem den 
sieben Schauerjungfrauen eine Garbe auf dem Acker 
liegen. In Thüringen werden die letzten Ähren mit bunten 
Bändern zusammengebunden, so daJl der Büschel die Ge- 
stalt einer Puppe bekam, und lustig sprang das Schnitter- 
volk der Reihe nach über das „Schainichen", das Scheun- 
chen, hinüber. So hatte die Komalte gleich ihr Haus, wie 
die Flachsfrau (S. 210). So „bildeten" die alten Preußen 
beim Emteschluß schon im Jahr 1249 das göttlich verehrte 
Idol Kurche. — Aber der oder die Alte wird auch ge- 



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IV. Die Elfen. 213 

fangen, gebunden, auf dem letzten Fuder als Emtemai 
heimgeführt und möglichst bis zur Ernte des nächsten 
Jahres an der Haus- oder Scheunentür hängen gelassen. 

Die gütigen segnenden Ackerwesen waren überwiegend 
weiblich, und sie besonders mögen die alten Germanen 
die Geberinnen, Allgeberinnen, auf den römischen Inschrift- 
steinen Gabiae, Al^abiae, genannt haben, gerade wie die 
Kelten ihre Ollogabiae und die Litauer ihre Gabiae hatten. 
Die Litauer beteten zu ihnen, wenn sie die auf dem Halm 
nicht völlig ausgereiften Fruchtkömer am Feuer dörrten. 
Zu den Gabiae scheint Garmangabis, die „bereitwillig Be- 
g^ende" (?) zu gehören, der in der Grafschaft Durham 
Sueben, d. h. Sueben vom Neckar, um 250 n. Chr. einen 
Stein setzten. Die spatere Ortssage hat eine gütige vor- 
nehme Frau daraus gemacht, die dem Orte Acker- oder 
Weideland spendet (s. u.). 

Noch innigeren Verkehr haben die Hauselfen mit 
den Menschen, die angelsächsischen Cofgodas, Stuben-, 
Haus- oder Stallgötter, die deutschen Kobolde Haus- oder 
Stallhüter, mundartlich Poppele, Butse, Heinael-, Wichtel- 
männchen, nordisch, friesisch imd englisch Puki, Puks, 
Puck, englisch auch Brownie, nordisch Gardsvor HofhÜter, 
Tomte Hofgeist, Vaette Wicht. So nahe stehen sie den 
Menschen, daß diese sie gemütlich mit menschlichen 
Eigennamen benennen: Niels Nikolaus, Hannpeiter, Chim 
Joachim, Heins, Robin Goodfellow. Sie waren aber vor 
den Menschen und ihren Häusern da, als Berg-, Wald- 
oder Feldelfen. Manche Leute scheuen sich einen Bau- 
platz für ein Haus zu suchen, wo sich Unterirdische auf- 
halten, oder der Bauherr muß sie vorher laut tun Erlaubnis 
bitten. So ritt schon der Altisländer Oddr um ein ver- 
lassenes Haus gegen die Sonne von rechts nach links mit 
einem lodernden Holzbrande und sprach: „Hier nehme ich 
mir Land, denn ich sehe hier keine bewohnte Baustatte. 
Hört das, ihr Wichter, die ihr in der Nähe seid!" Daim 
spornte er sein Pferd und sprengte davon. Sie nisten sich 
wohl unter der Türschwelle ein und bringen Glück. Aber 



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214 IV, Die Elfe». 

wie alle Elfen, verleu^en auch sie ihre ursprüngliche 
Wettematur nicht. Das Westerwälder Wort Pöpel, dem 
jenes schwäbische Poppele gleich sein wird, bedeutet eine 
dunkle Wolke. Heult der hildesheimische Hauskobold 
Hödeke, so stürmt es. Wenn die Hilfe des Nisse beim 
Einschoben! abgewiesen wird, so zerstreut er im Wirbel- 
wind das Heu, imd als ihm auf den Faröem ein Stall 
abgebrochen wm-de, warf er die Besitzer im Wirbel in die 
See. Die Hau^eister berühren sich auch mit den Seelen, 
Diese bleiben als gutmütig helfende Geister, wie Kobolde, 
im hessischen Hause wohnen. Der vogtlandische Kobold 
wird als Geist eines ungetauften Kindes gedacht; der 
rügensche Schiffsgeisi oder Klabautermann entsteht aus 
der Seele, die in einem zum Schiffsbau benutzten Baume 
weilte. Auch wohnen den Menschen hilfreiche „Unter- 
irdische" häufig in den altheidnischen Hügelgräbern, viel- 
leicht also auch Seelen. Und der Gardsvor oder Hofgeist 
gilt sogar für einen Wiedergänger, eine Seele des Mannes, 
der den Platz , wo das Haus erbaut ist , zuerst urbar 
machte. 

Der Glaube an die Hausgeister ist noch im Norden 
lebendig, und die Nisse werden sogar, wie aus alter Ge- 
wohnheit, zum heiligsten Fest des dänischen Hauses, dem 
Christfest, hinzugezogen, indem sie in Biscuit imd Ton 
oder auf Bilderbogen unter dem erleuchteten Christbaum 
dargestellt werden. Das knüpft an den früheren Brauch 
an , ihnen am Weihnachtsabend einen Topf mit stlfier 
Grütze hinzustellen oder auch das Herdfeuer, wenn man 
es für die Nacht zudeckt, imbekreuzt zu lassen, damit der 
Niss frei sein Nachtmahl am Herde kochen könne. Aber 
noch heidnischer setzt man ihm an jedem Donnerstag, 
dem alten Sonntag der Heiden, jene Lieblingsspeise, aber 
auch Kuchen imd Bier hin. Am Donnerstagabend durften 
die Männer nicht arbeiten, die Frauen nicht spinnen, weil 
der „Gardsvor" seine Ruhe haben wollte. In Norwegen 
stand für diesen auf dem Boden ein sauber gemachtes 
Bett, in welchem Niemand liegen durfte. Als graui^öckiges 



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IV. Die ElfcD. 216 

Männchen mit rotem Hut wohnt der Nisse am Herde, wo 
man dem „Herdyätte" Bierwürze opfert, wenn gebraut 
wird, oder im Stall und in der Scheime. Auch nistet er 
unter einem nahen alten Laubbaume, dem Bosträd oder 
Värdträd, dem Haus- oder Schutzbaum, unter dem dann 
gern die Bauersfrau ihre Kuh melkt, um reichlich Milch 
und Butter von ihm zu bekommen. Über die Wurzeln des 
Baumes aber wurde unter Gebeten Milch und Bier ge- 
gossen, um Unglück von Mensch imd Vieh abzuwenden. 
Mit den Worten „O du Gottes Vätte!" setzte man einen 
Krug Bier neben den Stamm des Wichterbaums des Hofes. 
Auch nach Wichterhügeln und Opfersteinen brachte man 
seine Gaben mit dem Gruße: „Gottes Frieden im Hügel!" 
Der Tomtegubbe, der Hofalte, haust auch unter einem 
großen Stein, unter dem er Kleider, Speisen imd alle 
Gaben des Hofbauem, dem er immer viel Gutes getan hat, 
in sauberster Ordnung bewahrt, bis ein Pastor ihn schroff 
wegweist, und alle seine schönen Sachen unter dem Steine 
in Asche zerfaJIen. Das ist der altisländische Kodranstein, 
in dem ein dienstbarer Geist, ein ärmadr des Bauern Ko- 
dran, wolmt. Ein Bischof besprengt den Stein mit Weih- 
wasser und singt über ihn Beschwörungen. So wird des 
Geistes Herberge verdorben und er selber wie mit sie- 
dendem Wasser begossen. Er trennt sich von Kodran in 
Zoni. — In die Löcher des butterbeschmierten Elfensteins 
setzten schwedische Weiber Puppen, wenn ihre Kin- 
der krank waren. Die Gabe neuer Kleider ist dem Nisse 
meist verhaßt; er fühlt sich dadurch ausgelohnt und 
aufgekündet, und darum verschwindet er. Am liebsten ist 
ihm der Stalldienst, Rinder und noch lieber Pferde wartet 
er sorgsam, daß sie rund und glatt werden. Auch schleppt 
er sich bei der Ernte stöhnend mit Heubündeln und 
Ähren. Zu dreien mähen sie wohl ein ganzes Feld. Ge- 
treu, zuverlässig, rastlos pflegt er zu arbeiten, aber er 
foppt auch gern die Dienstboten und Hunde und ver- 
wandelt sich neckisch in allerhand Haustiere. Er ist selber 
reizbar, eifersüchtig und rachsüchtig, wenn er verspottet 



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ai6 IV. Die Elfen. 

oder vernachlässigt wird. Er bindet dann alle Kühe im 
Stall los und hält das Heu zurück ; er tanzt und drückt 
die Mägde halb oder ganz tot und klemmt den Knecht 
zwischen zwei Latten der Heuscheune, sodaß er umkommt. 
Ja, er setzt den ganzen Hof in Flammen. Auch mit 
Seinesgieichen verkehrt er bald freundüch, bald feindlich. 
Sie spielen um ein umgekehrtes Scheffelmaß als Tisch 
Karten miteinander, bis sie in lärmenden Zank geraten. 
Die Tomten zweier einander benachbarter Höfe, die sich 
gegenseitig bestahlen, schlugen aufeinander los, daß das 
Mehl aus dem Sack des einen wie eine Wolke rund um 
sie her stob. Wenn die Luft nebelig, sagen noch alte 
Leute: „Der Mehlsack des Tomtes stäubt." Einst hatte 
ein norwegischer Bauernsohn einem Huldremädchen vor 
ihrem Berge ihr Trinkhom geraubt, wie jener Graf von 
Oldenburg der Fehmöhme, da stürzte das Huldrefolk ihm 
bis auf seinen Hof nach imd hatte ihn erschlagen, wemi 
nicht der Godbonde, der Hausgeist, sie mit seiner eisernen 
Stange vertrieben hätte. Ein Schleswig-Holsteiner fand 
beim Abreißen seines alten Hauses einen guten Eichen- 
ständer und legte in einem Loche desselben für den 
Niskepuks eine kleine Wohnung an. Er stellte eine Schale 
mit Grütze auf ein darunter genageltes Brett und rief 
freimdlich: „Nun komm her, fröhlicher Niskepuks". Der 
kam auch, imd der Bauer wurde ein reicher Mann. Nicht 
nur einzelne Höfe haben ihren Niss, sondern auch die 
Dörfer, in denen sie dann wohl Dorfhirten sind. Auch 
Kirchennisse gab es hie und da. Sie hatten ein „Nest'- im 
Turme und konnten in den Schallöchem an ihren roten 
Mützen leicht erkannt werden. Wemi aber die Glocken 
geläutet wurden, verUeßen sie den Turm. Und sie begleiten 
die Schiffer in die salze See und waschen das Schiff imd 
helfen in den Segeln. Begegnen sich Schiffe, so rufen sich 
die Nisse an wie die Kapitäne. Vor Sturm lärmt er im 
Lastraiun; strandet das Schiff, so verteidigt er es gegen 
Stranddiebe. Aber vor dem Untergang verlaßt er es mit 
den Ratten. 



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IV. Die Elfen. 217 

Dieses nordische Haus- und Hofgeisterwesen fühlte 
sich in Deutschland am heimischsten im niedersächsischen 
Bauernhause, auf dessen großer Diele das Herdfeuer auf 
vorspringendes Gebälk spielende, zuckende Lichter wirft, 
wahrend im Dunkel der Winkel und Ecken heimliche 
Schatten huschen und leise weiche Schritte wie von einer 
Katze auf Treppe und Boden hörbar werden. Drum hält 
sich der Kobold auch am liebsten in der Nähe des Herdes 
auf und trägt eine rote Mütze oder Jacke in der Mark, 
doch verrichtet er seine Dienste meist unsichtbar und 
sorgt für Recht und straft die Lüge. Aber auch anderswo 
in Deutschland, sowie in England finden wir ihn wieder, 
mit denselben Haupt- und Nebenzügen. Einzelne sind hier 
jedoch eigenartig ausgeprägt, z. B. das nordthüringische 
Steppchen (Stephanchen), Wenn jemand viel Geld ver- 
dient, dem hat's Steppchen gebracht; er gibt auch wohl 
bei der Hochzeit einen Hecketaler in die Ehe. Er bringt 
den Feldarbeitern, wie ein drachenförmiger Vogel aus der 
Luft herabrauschend, Essen auf den Acker. Hat sich Je- 
mand erhängt, den hat Steppchen auf den Kopf geschlagen. 
Er wird bald wie der altmärkische Drak, bald als Kobold, 
bald als Teufel gedacht. Es gibt nicht nur Hausgeister, son- 
dern auch Burg- und Schloßgeister. Ähnlich ist jener nieder- 
deutsche Klabautermann, der auch seine Milch bekommt. 

Es sind echte Heidengeister, darum scheuen sie das 
Kreuz imd den Namen Jesu ; aber auch das den Tag an- 
kUndende Krähen des Hahns, den man zu Olaus Magnus' 
Zeiten, im 16. Jahrhundert, in Schweden zuerst in ein 
neues Haus brachte wegen der bösen Geister. Die meisten 
Hausgeister zogen wegen des Glockenklangs aus, nur 
einer blieb, immer weinend, auf einem Hahnenbalken zu- 
rück, bis er sich im Moor ertränkte. Auch sie hat man 
spater wie andre Elfen (S. 147. 154) als gefallene Engel 
aufgefaßt. 

Dieses überwiegend nordische Bild der Haus- imd 
Hofgeister trägt trotz der jut^en Überlieferung und ein- 
zelner modemer Züge einen hoch altertümlichen Charakter. 



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218 IV. Die Elfen. 

Deswegen finden wir es überall in England und in 
Deutschland wieder. Doch sind hier einzelne Hausgeister 
feiner au^eprägt zu Bui^- und Schloßgeistem. Der ale- 
mannische Poppele wohnt zwar auch in Bauernhäusern, hat 
aber sein Hauptquartier auf dem Hohenkrähen, nicht weit 
vom berühmten Hohentwiel, Unter der Burg läßt er sich 
von einem Müller auf dem Wagen mitnehmen, stiehlt aus 
dessen Geldgurt einen Taler nach dem andern und wirft 
ihn auf die Landstraße, wo sie im Mondlicht blinken. Als 
der Müller das merkt, steigt Poppele unter lautem Lachen 
rasch ab. In die Scheuem kommt er nachts, um Heu für 
das Vieh herauszuholen. Dann muß man ihn mahnen: 
„Poppele, nit z'viel imd nit z'weng!" sonst wirft er den 
ganzen Heustock herab. Sonntags Mittemacht kegelt er 
mit goldenen Kegeln und Kugeln. Man stellt ihm taglich 
einen besonderen Teller hin und sagt; „Poppele, iß auch 
mit!" — Vornehmeren Schnittes sind Goldemer auf dem 
Hardenstein an der Ruhr, den wir S. 178 zu den Berg- 
geistern gerechnet haben, und Hinseimann auf dem lüne- 
burgischen Schlosse Hudemühlen, die im 15. imd 16. Jahr- 
hundert sich bekannt machten. Beide sind imsichtbar, aber 
an ihren weichen Händen keimtlich, beide sind musikalisch, 
beide beanspruchen ein wohlbereitetes Bett, beide sind in 
die Schloßfräulein verliebt, beide dienen ihrem Herrn mit 
guten Ratschlägen, und beiden sind Laster tmd Untugenden 
zuwider. Doch haben beide auch in der Küche zu schaf- 
fen; Hinzelmaim striegelt auch fleißig die Pferde im Stall 
und schlürft täglich eine Schüssel voll süßer Milch mit 
Brocken von Weißbrot Er verwandelt sich auch in einen 
Marder oder in eine Schlange, und neben dem Wagen des 
Schloßherm, der Hudemühlen auf eine Zeit verlaßt, um 
ihn los zu werden, fliegt er her als eine weiße Feder. 
Nach vierjährigem Aufenthalt schied er vom Schloß im 
Jahr 1588. In der Regel aber läßt der Kobold seinen Haus- 
herrn nicht los. Ein Bauer, der seiner überdrüssig war, 
steckte seine Scheime an, um ihn darin zu verbrennen, 
nachdem er das Stroh auf einem Karren herausgeführt 



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IV. Die Elfen. 219 

hatte. Wie sie nun in vollen Flammen stand, sah er um 
sich; da saß der Kobold hinten auf dem Karren und rief 
ihm ganz munter zu: „Wenn wir nicht wären entronnen, 
so waren wir alle verbronnen!" 

Aus dem Leben der germanischen Haus- wie Feld- 
geister ist zwar ersichtlich, daß diese manche, auch über 
ihr eigenstes Gebiet hinausreichende Tätigkeit ausübten, 
aber sie verteilten doch nie die vielen einzelnen Hand- 
lungen des Bauern mit der peinlichen Sorgfalt unter sich, 
wie die entsprechenden römischen und litauischen Haus- 
geister. Es fehlte den Germanen z. B. ein besonderer 
Geist für das erste Pflügen, ein anderer für das zweite, 
ein dritter für das dritte, wiederum ein andrer für das 
^gen, das Jäten u. s. w. Die germanischen Geister 
halten sich die Hände freier und greifen bald hier, bald 
dort ein. 

Neben dem Seelen- und Marenglauben entwickelte sich 
in uralter Zeit der Elfenglaube und zwar aus einer um- 
fassenden Beseelung des freien Naturlebens. Wenn er sich 
auch hie und da mit jenen beiden anderen Richtungen 
berührte imd vermischte , so nahm er doch innerlichst 
gegenüber ihnen , wie gegenüber dem Glauben an die 
Riesen, die höheren Dämonen imd die Götter eine selbst- 
ständige Stellung ein. Seine Bedeutung kann nicht leicht 
überschätzt werden. Kein Glaube hat das Alltagsleben so 
dicht umsponnen, keiner ist so tief ins Familienbewußtsein 
hineingewachsen wie dieser. Der Elfenkultus und der 
Elfenmythus tragen die Merkmale höchster Altertümlich- 
keit an sich und ragen doch auch noch in unsere Zeit. 
Und wie konnte es anders sein? Führten diese Wesen 
doch dem Menschen die maßgebenden Licht- und Wetter- 
erscheinimgen, die Gewitter- und Regenwolken samt den 
Winden herauf. FreundUch oder feindlich kamen sie aus 
Bei^, Busch und Bach zu ihm, sie halfen oder schadeten 
ihm bei Saat und Ernte, auf der Jagd und bei jedem 
Weide- und Pfluggang; sie mühten sich mit ihm tmd 
scherzten mit ihm in Haus tmd Scheune und Stall. Und 



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230 IV. Die EKen- 

auch bei schwierigeren Handlungen, wie beim Bierbrauen 
und Schmieden, waren sie zur Hand. Ohne ihre Güte war 
das alte gewöhnliche Tagesleben des Volks undenkbar, 
war aber auch ihrer leicht erweckten Rachsucht ausge- 
setzt. Daher ist denn auch ihre Behandlung zum Unter- 
schiede vom Götterkultus zwiefacher, Ja entgegengesetzter 
Art. Noch ganz ein Naturvolk, wehrten die Germanen die 
elfischen Mächte durch allerlei naive Verachtungsgeberden, 
z. B. das Zeigen des bloßen Hintern, und durch andere 
Schreckmittel ab, oder gewannen sie durch allerlei Gaben 
ihres bescheidenen Haushalts und andere Aufmerksam- 
keilen. 

Im alten Island war der Unrat ein Alfrek, ein Alfen- 
vertreiber, und in Westfalen baten die „Guden Holden" 
die Leute, ihre Stätte reinzuhalten, sollte es ihnen anders 
gut gehen. Man fuhr in Schweden nicht über einen Fluß, 
ohne vor sich zu spucken, wie die Zigeuner noch heute von 
einer Brücke herab tun, und warf in Tirol den Wildfräu- 
lein bespieene Steine hin. Stark riechende, würzige Kräu- 
ter wie Thymian, Dill, Kümmel und Lauch verscheuchten 
die Elfen. Man jagte sie bei der Ernte in die letzte Garbe 
und tötete auch wohl die Kornmutter darin, man warf die 
Wassergeister mit Steinen, die Windelfen mit dem Messer 
und schützte sich überhaupt gegen alle diese Geister durch 
schneidende Geräte und Donnersteine. Laute Flüche und 
Trommelwirbel wurden gegen sie angewendet, später kirch- 
lich geweihte Dinge, wie Wjisser, Salz und Osterbrände. 
Das Feuer nennt Saxo ein treffliches Schutzmittel gegen 
die Dämonen. Auch Nacktheit gilt dafür. Die meisten dieser 
Riten stehen noch unter dem Zeichen der Zauberei. 

Ebenso kindUch war die Pflege der Elfen, die jedoch 
nicht zarterer Züge ermangelt. Mehl streut man den Win- 
den als stillende Speise in die Luft, auch wohl Salz und 
Brot. Blumen trägt man den Quell- und Waldelfinnen zu 
und legt diesen auch Beeren auf einen Stein. Unschuldige 
Kindeshand muß bei der Ernte die ersten oder die letzten 
Ähren schneiden, mit Seidenfaden zum Büschel binden 



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IV. Die Elfen. 221 

und den Kornfrauen hinlegen oder aufhängen. Nach 
Berthold von Regensburg wurde den saugen Fräulein, den 
felices dominae, zur Nacht sogar ein Tisch mit Speisen 
ausgerüstet, wie wir um dieselbe Zeil vom Pariser Bischof 
Wilhelm d'Auvergne hören, daß die Dominae noctumae, 
nächtliche Fräulein, vielleicht keltischer Art, nachts in den 
Häusern aus offenen Speis- und Trankschüsseln sich güt- 
lich tun imd dafür Fülle und Überfluß spenden. Den nor- 
dischen Hausgeistern spendet man gern Grütze mit Butter 
und leckerem Honig, den deutschen ein Süppchen. Oft 
fehlt auch Milch, Bier oder gar Bratmtwein nicht. Es galt 
wohl schon für feiner, ihnen Wolle oder gar Geld hinzu- 
legen, draußen auf Steinen, an Höhleneingängen, Baum- 
stümpfen und Wurzeln, drinnen auf Türschwellen und auf 
dem Herde oder im Ofenwinkel. Anspruchsvoller sind die 
deutschen Wassergeister, die ein Huhn verlangen, noch 
mehr der nordische Wasserfallelf, der Fossegrim, dem 
Schafe oder doch ein Böcklein dargebracht wird, und auch 
der Neckar verlangte am Himmelfahrtstage einen Bienen- 
korb, einen Laib Brot, ein Schaf und einen Menschen. Ein 
altnordisches Alfablöt Elfenopfer, durch das man gutes 
Wetter und Wundenheilung erlangen wollte, brachte man 
im Hause mit Ausschluß Fremder oder auf einem dem 
Hause nahen Hügel dar, den man mit blutigem Stierfleisch 
belegte. Ist ein Kind imruhig oder krank, so legt man in 
Schweden am Donnerstagabend bei Sonnenimtergang in 
eine einst vom Gletscherstrudel ausgehöhlte Elfenmühle 
oder Älfqvam, die man mit Butter oder Pflaumenmus be- 
streicht, eine Puppe, auch wohl mit Nadeln, Getreide und 
andern Sachen. In Tirol warf man, um das Kind zu be- 
ruhigen, eine solche Puppe in die Ziller mit den Worten : 
„Nachtwuone, da hast du dein Kind!" Mit einem Betrug 
also macht man sich von ihr los. Solche Puppen meint 
wahrscheinhch der Indiculus mit den aus Tuchstücken 
gemachten Götzenbildern. Vielleicht hat denselben Sinn 
die aus dem 15. Jahrhundert bezeugte Sitte, Knabenkleider 
an dem Pilbisbaum aufzuhängen, also für den Bilwiz 



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^SS IV. Dl« Elfen. 

{S. 164). Auch in neuerer Zeit lohnte man die Elfen, wenn 
sie gar zu unbequem werden, mit neuen Kleidern ab oder 
brannte sie aus dem Hause aus. 

Die Opfer wurden den meisten Elfen bei einzelnen 
Anlässen, wo man ihrer Gunst bedurfte, dargebracht, aber 
manche, namentlich die Hauselfen, hatten, wie die Seelen, 
auch ihre bestimmten Opferzeiten. Den Hausgeistern 
spendete man täglich oder doch wöchentlich am Donners- 
tag, statt dessen in späterer christlicher Zeit auch der 
Sonnabend oder Sonnlag gewählt wurde. Die schonische 
Hausmutter opferte am Herdfeuer den guten Wichtem am 
Abend der drei hohen Feste. Das Hauptjahresfest der 
Elfen waren aber die Zwölften zwischen Weihnacht und 
dem Dreikönigstag, die Rauhnächte oder Loostage, im 
Norden die Julzeit, die Fahrtage der Landwichter und der 
Elfen oder modemer die Fahrengeltage. An diesen Tagen, 
übrigens in Deutschland auch schon an den „scheuüchen" 
und „verworfenen" Tagen der Adventszeit, ziehen die Un- 
hulden imd Schrezlein um. Da werfen die vizentinischen 
und veronesischen Deutschen der Waldfrau Flachs ins 
Feuer; in Deutschland bekommen die Schrezlein in der 
hl. Dreikönigsnacht Speise. Auch die Ausstattung der 
Tische zu Neujahr mit Broten und anderen Speisen, eine 
auch römische Sitte, die schon vom hl. Eligius (t 659) und 
später um 1000 von Burkhard von Worms erwähnt wird, 
könnte ebenfalls altgermanischer Brauch sein, zumal da auch 
die Germanen an beliebigen Tagen die Elfen gastlich an 
Tischen bewirteten (S, 221) luid die Engländer noch 1493 
in der Neujahrsnacht den „Alholde" und „Gobelyns" Speis 
und Trank auf die Bank setzten. Um Husum tanzten um 
1700 in den Zwölften die „Hahnjörs" durch die Straßen, welche 
Menschen krank machen und in die Irre führen, und holen 
sich Essen und Trinken aus den Kellern. In Norwegen 
besuchen die Unterirdischen einander, ganz nach der Jul- 
sitte der Menschen, und das EUefolk trinkt und tanzt dann 
auf den Kreuzwegen und in den Höhlen. Wie die wilde 
Jagd oder das wütende Heer in Deutschland zieht in Nor- 



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IV. Die Elfen. 228 

wegen die Aasgardsreia, gleichfalls ein Gemisch von 
Seelen und Elfen, um und hält ihr Trinkgelage oder drängt 
sich in die Julfeste der Menschen. Diese setzen deshalb 
auch etwas vom Weihnachtsessen und einen Krug Bier 
auf den Hof hinaus. Von der isländischen Hausfrau wur- 
den die Alfar in der Julnacht feierlich empfangen {S, 184), 

Kese kindhchen, armseligen Bräuche bezeugen den 
niedrigen Stand ainer Religion, die sich zusammensetzt 
aus dem Grauen oder wenigstens der Furcht vor den Natur- 
geistem und aus der Zuneigung zu ihnen, einer gewissen 
Sympathie. Noch sind diese beiden Gefühle nicht veredelt 
und zu dem höheren Geftlhle der Andacht verwoben. Die 
überlegene Zauberkraft wird anerkannt, aber im Übrigen 
betrachtet der Mensch die Elfen mehr wie Seinesgleichen. 
Daher behandelt er sie oft rücksichtslos und geht mit 
ihnen die allerpersönlichsten Verbindungen ein, wie sie 
manche schöne Sage uns bewahrt. So dreht sich der 
Elfenglaube noch ganz wie der Seelen- und der Maren- 
glaube, im Gegensatz zu den jüngeren Glaubensrichtungen, 
um den unmittelbaren privaten Verkehr mit den religiösen 
Mächten, die noch kaum höhere zu nennen sind. In dieser 
nahen Fühlung mit den Menschen, wie in manchen andern 
Zügen stimmen diese drei alteren Gruppen so sehr mit- 
einander überein, daß sie, obgleich verschiedenen Ur- 
sprungs und Gehalts, oft in einander übergreifen, und 
manche ihrer Mitglieder fließende Übergangsfiguren ge- 
worden sind. Seelen Verstorbener werden Winde, und Seelen 
noch ungeborener Kinder perlen im stillen Quell empor ; 
aber Winde sind auch Elfen, und der Atem des Wasser- 
geistes steigt in Bläschen aus dem See auf. Jene Zwölften- 
umzüge umfassen meistens Toten- wie Windgeister. Auch 
heißen Maren nicht nur die Alpdrucks-, sondern auch 
die drückenden Wolkenelfinnen. 

Die nahe Fühlung dieser drei übermenschlichen We- 
sensarten mit den Menschen hat noch eine andere Wir- 
kung; sie hat einige bevorzugte Menschen zu jenen gleich- 
sam hinüberzogen und mit ihrer Zauberkraft ausgestattet, 



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224 rv. Die Elfen. 

namentlich mit der Fähigkeit des Alpdrückens und mit der 
Kunst, das Wetter zu machen, Helle und Ehwkel zu ver- 
breiten durch Schwenken eines Tuchs oder Felles. Der 
Zauberer Eyvind machte sich und seinen Leuten einen 
Hulidshjälm Hüllhelm und ein solches Nebeldimkel, daß 
man sie nicht mehr sehen konnte. Ähnliche Künste schrieb 
man auch Weibern, Hexen, zu, deren geröteten oder triefen- 
den oder stechenden Augen der elfische böse Zauberblick, 
eignete. Schon ums Jahr 1000 und gewiß viele Jahrhim- 
derte früher hieß das Elfengeschoß ein Hexengeschoß, das 
den Hexenschuß verursacht (S. 155). Die Hexen machen 
das Wetter wie die Elfen, in Stubai am SaUjoch gerade an 
dem Elfentage, dem Donnerstag. Auch sie flechten in den 
Bäiunen Alpruten, daher heißen diese Hexenbüsche, und 
man fürchtete an den Adventsdonnerslagen und in den 
Zwölften den Umzug nicht nur der Unhulden und Truten 
d. h. der Elfen imd Maren, sondern auch der Hexen. Diese 
haben spater aber auch in den Frühlingsstürmen ihren 
eigenen Fahrtag oder vielmehr ihre Fahmacht, In der ersten 
Mai- oder der Walpurgisnacht reiten sie auf Wetterbesen, 
dunklen Hagelwolken, zu wildem Tanz und Schmaus auf 
die mnwölkten Berge ihrer Gegend, von denen der Blocks- 
berg im Harz und der ßl&kuUe auf dem schauerlichen 
Felseneiland Jungfrun an der Küste von Oeland die be- 
rühmtesten sind. So ist mitten zwischen der Seelen-, der 
Maren- und der Elfengruppe eine vierte mythische Gruppe 
aus leibhaftigen Menschen gebildet worden, der aber erst 
der kirchliche Wahn von ihrer Buhlschaft mit dem Teufel 
die ganze unheilvolle Gehässigkeit gegeben hat. 

Der innige Verkehr der Menschen und Elfen hatte 
noch eine ganz andere Folge: das Elfenreich wurde den 
Seelen der Verstorbenen eröffnet, es wurde eine Art Toten- 
reich geschaffen. Die Seelen führten in ältester Zeit ein 
unstetes oder tmsicheres Dasein bald im Hause oder in 
einem nahen Baum oder Stein, bald in oder bei ihrem 
Grabe, bald in den Lüften ringsum. Hier schon berührten 
sie sich mit den Haus-, Baum-, Stein- und Windelfen, imd 



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IV. Die Elfen. 2E5 

die Elfen ihrerseits suchten aucli die Grabhügel zur Woh- 
nung aus. Als Winde waren die Seelen kaum von den El- 
fen unterscheidbar. Dazu kam der tägliche Umgang der 
lebenden Menschen mit den Elfen draußen und drinnen, 
man glaubte sogar, daß beide sich mit einander ziu- Ehe 
zusammenschlössen, und gar manches Menschenkind war 
ins Elfenland entführt oder eingedrungen. Nun gingen auch 
die Toten ein in die Herrlichkeit des Elfenreiches, das wir 
oben bald auf Erden, bald droben im Himmel oder in 
der Luft gefunden haben (S. 170). Der Niss antwortet dem 
nach seinem verstorbenen Vater fragenden Sohne: „Dein 
Vater ist bei unsl" In einer schottischen Sage sagt der 
Tote: „Ich bin nicht tot, sondern im Elfenland gefangen". 
Die Islander „starben" in den Berg, d. h. ihre Seelen fuhren 
in den Berg, so in den Helgafell, den Heiligenberg, in dem 
auch Alfar wohnten und die Toten um große Feuer ju- 
belnde Gelage hielten. So sind die schonischen Trollen- 
berge am Julabend auf Goldpfeiler gestellt, unter denen 
die Trolle tanzen. Die deutschen Toten aber kamen in den 
Rosengarten der Zwerge, die durch ihre paradiesischen 
E^enschaften, dm-ch einen dahin übersetzenden Fährmann 
oder einen Wächter, der eine Hand und einen Fuß als Zoll 
fordert, als Totenreiche charakterisiert werden. 

Der Elfenglaube war ein Angelpunkt des germanischen 
Gesamtglaubens. Den Seelen- und den Marenglauben ent- 
wurzelte oder lockerte er zwar nicht, im Gegenteil diese 
blieben unvergleichlich fest in der Volksseele haften; aber 
die Naturverehrung gab ihm das Übergewicht über die 
beiden andern. Er gehörte nicht niu- wie sie zu den ältesten 
und bis heute dauernden Grundlagen des menschlichen 
Glaubens überhaupt, sondern er bildete, zum Unterschied 
von ihnen, mit dem Riesenglauben vereint, die Grundlage 
des ganzen höheren Dämonen- und Göttei^laubens. 



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Fünftes Kapitel. 
Die Riesen. 

Die niedere Mythologie pflegt sich nicht mit einer 
einzigen Art der Naturpersonifizienmg zu begnügen, son- 
dern sie schafft sich noch eine zweite, davon geschiedene: 
zu den Elfen die Riesen. Und nicht so sehr hat ein sitt- 
Ücher Gesichtspunkt, der auf eine Scheidung von Gut und 
Böse Bedacht genommen hätte, diese Zweiteilung veranlaßt, 
sondern der Eindruck der bloß außerUchen Größen- und 
Mitchtunterschiede der Naturgewalten. So erheben sich 
hinter den Elfen deren kolossale Gegenbilder, die Riesen, 
die dieselben Naturmächte wie jene verkörpern, aber in 
ihrem wilden Aufruhr, in ihrem verwüstenden Übermaß und 
in ihrer alles Andere überragenden Massenhaftigkeit oder 
gar in ihrer schrankenlosen Ausdehnung. Gewitter-, Sturm- 
und Wolkendämonen sind auch sie wie die Elfen, aber 
vom allerheft^sten Temperament. Selbst die hohen starren 
Berge und das unabsehbare Meer werden zu Riesen, der 
alles hüllende und füllende Nebel, die tiefe undurchdring- 
liche Finsternis und endlich die ewige Nacht der Unterwelt. 
Doch kommen einzelne Riesen auch in sanfteren Winden 
herbei, und im schneeweißen Gewölk strecken schöne 
Riesinnen ihre Glieder. 

Im Norden, wo die Mythologie schon eine mittelalter- 
liche Wissenschaft ist, wurde früh ein übrigens nur halb 
gelimgener Versuch gemacht, das Riesengeschlecht als 
eine wohlgegliederte Einheit zu umspannen. Man richtete 
verschiedene Riesenstammbäume auf, die aber alle unvoll- 
ständig und einseitig sind. In einer solchen besonders nor- 
disch gearteten Genealogie heißt der Ahnherr einfach 



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V. Die Riesen. ^ 

Fornjötr der alte Jute, der die drei Söhne Hlir, Logi iui3 
Käri hat. HI6r Brauser, Brander oder Aegir, bei Saxo Ler 
oder Eyr, d. i. das Meer, haust auf der nach ihm benannten 
Insel Hiesey oder Lessö mitten im verrufenen Kattegat, 
dessen jütischer Küste große Sandbänke und dessen schwe- 
discher viele offene, sowie tückischere verborgene Klippen 
vorlagem. Ihm gebar seine Gattin Rän, die Rauberin, neun 
Tochter, die Weilenmädchen Udr, Hrönn, Bylgja, Bära, 
femer die Taucherin Düfa, die Branderin Kölga, die 
StOrmerin Hefring, die Blutlockige Blödughadda, die vom 
Blut der an den Klippen Zerschmetterten bespritzt ist, und 
die Himmelshelmige, d. h. wohl die bis zum Himmel gi- 
schende Himinglaefa. Auf Hl^sey hausen nach dem Har- 
bardslied Berserkerweiber und Wölfinnen, die Thor schlägt, 
weil sie alle Leute betrügen und sein Schiff schütteln. 
Das werden jene Wellermaädchen sein. Aegir ist sonst den 
Göttern ein guter Wirt; zu ihrem Festmahl bei ihm tragt 
das Bier sich selber auf. Fomjots zweiter Sohn Logi 
die Lohe hat ein unbestimmteres Gepräge als seine 
Gattin Glöd, die Heitere, Glänzende. Soll er nur das 
irdische Feuer, nicht auch die Himmelslohe, das drohende 
Wetterleuchten, bedeuten, wonach er auch Hälogi die 
Hochlohe heißt ? Der dritte Sohn Käri der Rauscher, d. i. 
der Wind, tost hoch über dem Meer in der Schnee- und 
Eiswüste des norwegischen Dovrefjelds um den Sneehätta. 
Sein Sohn ist Jökull der Eisberg oder Frosti der Frost, 
dessen Sohn Snaer der Schnee, und dessen Kinder wieder 
Thorri, die Dürre, dann die Schneehäuferin, die Schneewirb- 
lerin und die Scbneestäubenn sind. Die großartigen Züge der 
norwegischen Natur, das rauhe Meer und das stürmische 
Schneegebirge , sind hier deutlich verkörpert , vielleicht 
auch die an diesen Küsten so häufig bis in den Winter 
hineinleuchtende Gewitterscenerie. Aber die Wolfcenrie- 
sinnen und die Waldriesen fehlen und manche andere. 

Freilich darf man unter diesen gewaltigen und gewalt- 
samen Naturdämonen nicht, wie unter den Elfen, hilfreiche 
Feld- und Hausgeister suchen, überhaupt knüpfen sie mit 

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22S V. Die Riesen. 

den Menschen viel seltener Verhältnisse an, zu denen die 
Elfen fast leidenschaftlich hinneigen. Ein Verhältnis eines 
Helden zu einer Riesin gilt für verächtlich (Helg. Hund. 1, 43). 
Doch viele norwegisch - isländische Heldensagen denken 
darüber anders. Harald Schönhaar befreite den Riesen 
Dovre ans seinen Banden und wurde seitdem in Dovre- 
fjeld aufgezogen, bis er das Reich erbte; beim Abschied 
gelobte ihm Dovre, ihm stets im Kampfe helfen zu wollen. 
So kämpfte der Riese Vagnhoved mit im Heer seines 
Pflegesohnes Hadding, als dieser ihn zu Hilfe rief, und des 
Riesen Tochter Hardgrep war Haddings Geliebte, die sich 
von den Riesen losriß und ihm im Kampfe gegen Trolle 
half. Vollends die jüngeren Sagas, namentlich die soge- 
nannten Lügensagen, dichteten den Riesen gern Lieb- 
schaften mit Menschen an. Sie gehen auch, wie in der 
neueren Tiroler Sage, zu Bauern in EHenst, um dank- 
bar in den Alpen den Hof vor Wildwassem und Berg- 
stürzen zu schützen. Aber meistens sind die Menschen 
zurückhaltend gegen sie und richten ihre Opfer imd Ge- 
bete nicht an sie, sondern an deren Todfeinde, die Götter, 
um Schutz vor diesen Unholden zu haben. Darum kommen 
auch eigentliche Riesennamen bei Menschen kaum vor, 
doch sind Menschennamen bei nordischen wie deutschen 
Riesen häufiger. Meistens leben diese mit den Menschen 
wie mit den Göttern und Heroen auf Kriegsfuß. Erst eine 
ganz moderne Gestaltung des Mythus verflicht sie in 
fremdartige Schöpfui^s- und Weltuntergangsgeschichten. 

Während der altnordische Mythus eine lange Gallerie 
verschiedenartiger Riesenbildnisse aufstellt, erscheint der 
deutsche arm und fristet häufig sein Dasein in ziemlich 
eintönigen Teufelssagen. Schon in einem althochdeutschen 
Heilsspruch gegen die fallende Krankheit wird der sehr 
mächtige Riese Doner als des Teufels Sohn bezeichnet, 
der den Stein in Stücke schlägt, aber von Adams Sohn 
(Christus) auf der Adamsbrücke in den Wald vertrieben wird. 

Die Hauptnamen der Riesen gehen von ihrer Stärke 
aus. So scheint der bei allen Germanen bekannte ahd. duris, 



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V. Die Riesen, 229 

mbd. türse, ndrd. dros, ags. dyrs, altn. purs, mit dem alt- 
indischen turas stark, wie der deutsche Riese, altsächs. 
wriso mit dem sanskrit. vrsan stark, verwandt zu sein. Der 
altnordische Ausdruck jötun, schwed. j'ätie, ags. eoton und 
altsächs. etan kennzeichnet ihn als Esser oder Fresser. Der 
in der Bedeutimg „Riese" nicht vor dem 13. Jahrhundert 
belegbare Ausdruck „Hüne" scheint aus dem Namen der 
wilden Hunnen hergenommen zu sein. Der germanische 
Troll bedeutet meistens den riesischen, doch auch den 
elfischen Dämon. Die Riesin heißt im Norden G^gr die 
Schreckerin. 

Die Riesen zeigen sich öfter als die Elfen in Tierge- 
stalt. Riesinnen heißen Hyndla und Kött. Von den Fltlgeln 
des im Norden sitzenden Riesenadlers Hrdsvelgr Leichen- 
schwelg kommt der Wind über alle Menschen; der Riese 
Pj'äsi sitzt als Adler im Baume über dem Feuer, an dem 
die Götter einen Ochsen braten; der Riese Suttüngr fliegt 
als Adler hinter dem Adler Odin her, um ihm seinen Meth- 
raub abzujagen. Der Drache Fdfnir ist ein Bruder des 
Riesen Regin, und die Schlange Midgardsormr umschlingt 
die Erde. Riesenhafte Wölfe, die heulenden Winde, sind 
Mänagarmr, Hati und Sköll, die im Wettergewölk auf- 
steigen und den Mond und die Sotme verfolgen, der furcht- 
barste aber Fenrir oder Fenriswolf, dessen aufgesperrter 
Rachen mit seinem Oberkiefer den Himmel, mit seinem 
Unterkiefer die Unterwelt berührt. Wie er von den Göt- 
tern gefesselt wird, erfahren wir später. Aber auch ihre 
Menschengestalt trägt noch oft die schreckhaften Abzeichen 
der Naturerscheinung. Schwarzhaupt und Eisenschädel 
heißen ein paar nordische Riesen nach der unheimlichen 
Eisenfarbe der Wolke, die tief herabhängend auch der 
Riesin Hengjankjapta, der Kieferhängerin, den Namen ge- 
geben haben mag. Der Mecklenburger sagt noch heute bei 
schwerem Gewölke: „Mudder N. makt all wedder {schon 
wieder) ne dick UnnerÜpp", Die Gewitterwolke, deren 
,,Gnmimelköppe" uns noch heute bedrohhch erscheinen, 
scheint die Drei- oder Sechs- oder Neimhäuptigkeit meh- 



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230 V. Die Riesen. 

rerer Riesen im Norden, wie in Deutschland veranlaßt zu 
haben. In des Riesen Hymir Halle an des Himmels Ende 
sitzt die grimmige Rießengroßmutter mit 900 Köpfen. Hy- 
mirs Blick bricht einen Pfeiler entzwei. Dem Riesen Fasolt 
als echtem Windgeist flattert vom Haupte langes Frauen- 
haar. Ist es die dXte Greiflust der Winde, die sich, wie in 
den griechischen Hekatoncheiren oder Hunderthändem, in 
den vier Ellenbogen Heime's und den vier Händen As- 
prians äußert? Man denke auch an die Achtbeinigkeit des 
Pferdes des Windgotts Odin, die offenbar die Windesschnelle 
ausdrücken soll. Die Riesen stellen sogar dem Menschen- 
fleisch nach, daher heißen sie öfter Menschenfresser und 
Leichenschwelg. Diese Gier weist auch auf die Winde 
zurück. Erregt doch gerade Leichenschwelgs Flügelschlag 
alle Winde (S. 229), und kommt doch im deutschen Märchen 
der Sturm ins Haus herein, wo seine Frau ein Mädchen 
versteckt hat, und wittert darin Menschenfleisch, das er 
auffressen will. Wenn der Riese t^jäsi der Fresser als 
hungriger Adler einen halben Stier verschlingt, so war der 
thrakische Boreas ein Rinderschinder und der deutsche 
Nordwind ein Roß- oder Geißentöter. Man streut dem 
Winde Mehl hinaus, damit er „was zu fressen habe". Die 
Riesen gelten für tölpisch und dumm — einer heißt sogar 
Dutnbr — , aber auch für gutmütig, fröhlich wie Kinder 
und treu wie Gold. Sie haben auch Wetterverstand, doch 
nur einige besitzen, weil sie viel älter als die Götter sind, 
Urweisheit, so in der Liederedda Vafßruänir, den Odin in 
einem Wettstreit über die mythischen Dinge befragt. Im 
Hyndlulied erhält Freyja Auskunft von der Riesin Hynäla 
über alte Königsgeschlechter. Vom Riesen SvarthÖfäi 
stammen sogar alle Zauberer. Der Ackerbau ist ihnen un- 
bekannt imd unheimlich, wie den Elfen das Glockengeläut. 
Aber sie haben in der schwedischen Sage schwarzes fettes 
Vieh, und der Herr der Riesen, Prymr, strählt, wenn er auf dem 
Hügel sitzt, seinen Rossen die Mähne imd hat seme Freude 
an seinen heimkehrenden goldgehömten Kühen und all- 
schwarzen Ochsen. So sind manche Riesen große Herren, 



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reich, freigebig, prachtliebend, geschmückt und einige Rie- 
sinnen wie Skaäi und Gerär von strahlender Schönheit, 
Ihre Lebensart und Wirksamkeit stellt sich aber je nach 
der Natiu-kraft, die sie vertreten, je nachdem sie Gewitter-, 
Sturm-, Wolken-, Berg-, Wald- und Wasserdämonen sind, 
sehr verschieden dar. Nacht- und Unterweltsriesen fanden 
sich später ein. 

Unter den Gewitterriesen ragt Hrungnir der Larmer 
hervor, der von Odin zum Wettritt herausgefordert wird. 
Zornig sprengt er auf seinem Gullfaxi oder Goldmähne 
hinter Odin auf seinem Sleipnir her, vom Riesenheim im 
Osten über Luft und Meer bis in die Asenburg hinein. Hier 
prahlt er, vom guten Göttermet berauscht, Walhall nach 
Riesenheim überführen zu wollen, imd fordert den von den 
erschreckten Göttern herbeigerufenen Thor zum Zweikampf 
auf der Grenze der beiden Reiche, den Felssteinhöfen, 
heraus. Hier wird er samt seinem Gefährten, dem Lehm- 
riesen Möckrkalfi, trotz seines Steinschilds, Steinhaupts und 
Steinherzens von Thor und dessen Genossen Thjalfi be- 
siegt. Denn sein Wetzstein zerschellt in der Luft an Thors 
entgegenfliegendem Hammer, nur ein Stückchen dringt in 
Thors Kopf, während des Riesen Schädel ganz zerspUttert 
wird. Thors Heimkehr bildet einen dritten Teil dieses aus- 
gebildeten Mythus, der trotz aller skaldischen Künstelei 
die ursprünghche Naturbedeutung nicht ganz verdeckt. 
Eter Sieg des donnernden Hnmgnir über den Windgott 
Odin stellt die dem Wind überlegene Schnelligkeit des 
goldmähnigeo Blitzes dar. So heißen auch in der spanischen 
Poesie und im nunänischen Märchen das schnelle Pferd 
Wind, das schnellere Blitz imd das schnellste Gedanke imd 
im Russischen die schnellsten Pferde Wind, Donner und 
Blitz. Der Sieg Thors über Hrungnir stellt den Kampf 
zweier Gewitter dar, wie sie an der norwegischen Küste 
öfter bei plötzüchem Ostwind heftig aufeinander stoßen, 
wobei die Schlammlawinen herabrutschen. Jeremias Gott- 
helf schildert die Gewitter ähnüch als zwei Ringer, die sich 
auf dem Platze ringsum drängen, bis sie sich hoher und 



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332 V. Di« Riesen. 

höher am Horizonte hinaufringen. — Noch mit einem zweiten 
Gewitterriesen, Geirröär dem Speerröter, hat Thor einen 
Kampf zu bestehen. Der ließ den als Vogel in seinen Hof 
geflogenen Lold nur unter der Bedingung frei, daß er Thor 
überrede, imbewaffnet nach Riesenheim zu kommen. Lold 
gelingt das, imd Thor fährt mit ihm ohne jede RUstimg 
aus. Aber unterwegs versieht ihn die mitleidige Riesin 
Grfdr mit ihrem Kraftgtirtel, Eisenhandschuhpaar und 
Zauberstab. Thor durchwatet nun den Fluß Vimur, den 
aber Gj'alp Geirröds Tochter so anschwellt, daß Thor, dem 
Ertrinken nahe, nach einer Eberesche greift, um sich daran 
herauszuziehen. Im Hause Geirröds setzt er sich auf einen 
Stuhl, den die Riesentöchter Gjalp und Greip samt ihm 
emporheben und gegen das Dach drücken. Da brach er 
ihnen das Genick und zerschmetterte ihres Vaters düsteres 
Haus, das einem dampfenden Gewölk glich. Geirröds glü- 
henden Eisenkeil fing Thor auf und durchbohrte nicht nur 
ihn damit, sondern auch eine dahinter liegende Bergwand. 
Wer wollte da alle Einzelheiten deuten? Aber der Haupt- 
akt ist klar, und die Namen Gridr Ungestüm, Gjalp 
Lärm, Greip Griff und Vimur Wildläufer lassen keinen 
Zweifel über den meteorischen Sinn der Nebenakte. Die 
verwandte, aber schon stark allegorisierte Fahrt des Gottes 
zu Utgardaloki sei im Göttermythus besprochen. 

Deutschland hat nur ganz verchristlichte Sagen von 
dergleichen Gewitterkämpfen: Petrus, der Wetterherr, be- 
gegnete einst dem Teufel mit einer Glocke (Wetterwolke) 
in der Luft, entriß ihm dieselbe und warf ihn in die See, 
und die Riesen werfen gern Steine nach Peterskirchen. 

Ähnlich ausgebildete Sagen wie von den Gewitterriesen 
erzählten die Nordleute auch von den Sturmriesen, den 
schönsten Frühlingsmythus vom Riesen Tkrymr. Thor 
erwacht aus tiefem Schlaf imd vermißt seinen Hammer. 
Den hat Thrymr acht Rasten tief in die Erde versenkt und 
will ihn nur gegen die schöne Göttin Freyja ausliefern, 
wie er Thors Boten Loki mitteilt. Da Freyja sich weigert, 
rät Heindall in der Götter\'ersammlimg, daß Thor als Braut 



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V. Die Riesen. 233 

verkleidet nach Riesenheim ziehen möge. Obgleich sich 
dieser anfangs sträubt, entschließt er sich doch, im Brautstaat 
hinüberzufahren mit Loki als seiner Magd. Schon freut 
sich Thrymr des schönen Weibes, wie seiner Kühe und 
Ochsen. Sein Schrecken über ihre übermäßige Eß- und 
Trinklust und ihre brennenden Augen wird durch Loki's 
Hinweis auf ihre achttägige Sehnsucht nach Riesenheim 
beschwichtigt. Da wird der MjöUnir, der Hammer, herein- 
getragen ; Thor faßt ihn und erschlägt Thrymr samt 
seinem Geschlecht. So erzählt das Eddalied, das noch 
lange im dänischen und norwegischen Volksliede fortlebte, 
humorvoll die Heimholimg des acht Monate lang (acht 
Rasten tief) von dem Sturmriesen verborgenen Donnerkeils 
durch den Donnergott, dem er während seines Winter- 
schlafs gestohlen ist, aber im Sommer wieder zukommt. 

Ein anderer Sturmriese ist Thjäst der Fresser, der als 
hungriger Adler auf einem Baum saß, unter dem drei 
Götter: 0dm, Loki imd Hoenir einen Ochsen sotten. Er 
hinderte das Garwerden, versprach jedoch gegen die besten 
Fleischstücke Abhilfe. Nun verschlang er aber die Hälfte 
des Ochsen, weshalb Loki nach ihm schliß. Da riß er 
diesen mit sich fort und ließ ihn nur gegen die Bier- 
spenderin Idun frei, die er nach Thrymheim entführte. 
Ohne iduns Unsterblichkeitstrank alterten nun die Götter 
dahin imd zwangen Loki, idun wiederzuschaffen. Wahrend 
Thjäzi auf der See tobte, raubte Loki in Freyja's Falken- 
haut die in eine Nuß verwandelte Idun. Thjäzi flog aber 
in Adlershaut dem Räuber nach, verbrannte sein Gefieder 
an einem von den Göttern angezündeten Feuer und wurde 
herabgestürzt von den Göttern oder auch von Thor allein 
getötet. Odin oder Thor warf Thjäzi's Augen an den 
Himmel. Unverkennbar ist im gefräßigen Adlerdflmon der 
Sturm, und idun mag die Regenwolke im Frühling sein, 
die neue Jugend bringt. 

Thors Kampf mit Kdri, den wir schon als Sturmriesen 
kennen {S. 227), bietet das herbstliche Gegenstück. Nach 
jüngerer nordischer Überlieferung ängstigt Kari durch 



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234 V. Die Riucn. 

Klappern an den Fenstern die Mädchen in der Julnacht 
und entzweit sich mit Thor auf der Hochzeit ihrer Kinder 
so, daß sie sich gegenseitig erschlagen. Ihre Gräber liegen 
bei einem jütischen Bauernhof, dessen Tür in einer be- 
stimmten Augustnacht offen stehen muß, weil der Braut- 
zug jener Hochzeit hindurchzuziehen pflegt. So nehmen 
auch die riesenhaften „Westfriesen", wie die Föhnwinde 
heißen, ihre Weidbahn durch die Melkhäuser auf der 
Scheidegg, und saust die wilde Jagd durch bestimmte 
deutsche Bauernhäuser und Türen. Im letzten stürmischen 
Herbslgewitter erliegt selbst der Donner. 

Im deutschen Walde tobte der Windriese Fasolt, jaOg- 
licherweise der „Schrecker". Im Eckenlied des 13. Jahr- 
hunderts stößt er ins Hom wie ein Jäger und verfolgt mit 
langem flatternden Weiberhaar nach lüsterner Winddä- 
monenart das wilde Fräulein durch den Wald, wobei man 
eine halbe Meile weit die Äste krachen hört Dann erliegt 
er dem Heldenkönig Dietrich von Berae. In einem Münch- 
ner Wettersegen des Mittelalters wird Faselt beschworen, 
das Wetter wegzuführen. Eine durch ihren Nordostwind 
berüchtigte Schlucht im Siebengebirge heißt noch heute 
die Faseltskaule. Zu Fasolts Sippe gehörten in Tirol Helle 
der Schallende, Zerre der Zerreißer, Weiderich der Wald- 
mann und die Riesin Runse, mit welchem Namen die 
Tiroler noch heute die Schlammlawine bezeichnen. 

Der riesige Smidr, d. b. Baumeister, will den Göttern 
in einem Winter oder tn anderthalb Jahren bis ztun ersten 
Sommertag eine Burg zum Schutz gegen die Riesen bauen, 
wofür ihm Freyja und Sonne und Mond verheißen werden. 
Es ist der wolkentürmende Wind. Doch lenkt Loki das 
mitarbeitende Riesenroß Svadilfari, d. i. der weiter fährt, 
daß es raucht, ein Staub aufwirbelndes Stiumroß, von 
dieser Arbeit ab, so daß das Werk stockt, und am ersten 
Sommertag erschlägt Thor den Baumeister. Wie so oft, 
hat auch hier die jüngere norwegische Volkssage den 
ursprünglichen Natursinn viel treuer bewahrt als die alt- 
nordische stilisierte Darstellung; sie läßt den Baumeister 



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V. Die Riesen, 235 

mit Sturm aufsteigen und nennt ihn ganz offen „ Vind och 
Veder" oder auch „Bläster" den Blaser oder auch wieder 
modemer den Teufel, der beim Rufen seines Namens oder 
beim Habnkrat vom Verderben ereilt wird. Eine elsässische 
Sage dreht sich auch um ein mächtiges Bauwerk, aber die 
Bauarbeit tritt zurück, dafür kommt des Riesen Pferd 
wieder zum Vorschein. Der Teufel fuhr einmal auf einem 
Winde wie auf einem „Pferde" zum Strafiburger Münster, 
stieg ab und besah sich das Innere ; der Wind mußte draußen 
warten. Als er wieder hinaus wollte, konnte er nicht, er 
war gebannt. Dem Winde aber wurde die Weile lang, 
heulend fuhr er um das Mtlnster und wartet noch heute 
auf seinen Meister. 

Ein verwickelter und von den Skfilden sehr ver- 
kOnstelter Mj^thus geht von dem Riesen Suttungr, der als 
Rauscher oder vom Rausch Bezwungener gedeutet wird. 
Nach der von Zusätzen befreiten Fassung hat er in seinen 
Hnitbjörg, den zusammenstoßenden Bergen, einen kostbaren 
Metkessel Odroerir, d. h, den zur Dichtkunst Begeisternden. 
In Schlangenform kriecht Odin durch ein Bohrloch in den 
Felsen, wo ihm Suttungs Tochter Gunnlöd, die zum Kampf 
Ladende, in jeder der drei Nächte, die er bei ihr schläft, 
einen Trunk von ihres Vaters Met reicht. Das lohnt er 
ihr übel. Er leert den ganzen Metkessel samt zwei Met- 
gefaßen (S. 174), fUegt mit seiner Beute als Adler davon, 
speit, von Suttung in Adlersgestalt verfolgt, in seiner Be- 
drängnis in die in Asgard bereit gehaltenen Gefäße den 
geraubten Met aus und entläßt nur einen Teil seinem Ver- 
folger von hinten, nämlich für die schlechten Poeten. Der 
volkstümliche Kern dieser tendenziös zugestutzten Skalden- 
anekdote war wohl etwa folgender: Der Sturmriese hält 
in den zusammenstoßenden Gewitterwolkenbergen den 
Regen im Wolkenkessel für seinen eigenen Genuß zurück, 
denn „de Wind hahlt Regen tohop (zusammen)" sagt man 
noch heute in Mecklenburg. Seine Tochter scheint eine 
Wolkenriesin zu sein, die dem buhlerischen Windgott Odin 
davon spendet. Verfolgt vom Sturmriesen muß dieser aber 



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286 V. Die Riesen. 

einen Teil in Regenschauem wieder beigeben. — Nach 
jüngerer Dichtung spuckten Äsen und Wanen bei ihrem 
Friedensschlüsse in ein Gefäß und schufen aus dem 
Speichel das weiseste Geschöpf, den Kväsir, den die Äsen 
von den Wanen als Geisel erliielten. Aber die Zwerge 
Fjaiar und Galar erschlugen ihn und mischten sein Blut 
mit Honig und füllten mit diesem Met den Kessel Odroerir 
und die Krüge Sön und Bodn (S. 174). 

Auch Sturmriesinnen gibt es, die sich einem verzweig- 
ten Riesengeschlecht einreihen. Der uns schon bekannte 
Thjazi (S. 2^) nämUch ist der Sohn Öl-, Aud- oder Allvaldts 
des Reichtiuns-, Bier- oder Allwalters und Bruder des 
Gang und des Idi. Der reiche Vater vererbt seinen drei 
Söhnen gleich viele Mundvoll Gold. Aus dem einen, 
Suttungr ähnlichen Trankbesitzer ist ein goldreicher und 
schließlich allmächtiger Herr geworden. Thjazi's Tochter 
aber ist Skadi und seine Verwandten Fenja und Menja. 
Der Wind wurde von den Skalden bereits Skadi Schade 
genannt, und noch heute heißt im Norden der Nordwind 
Skadi, und mutmaßlich bedeutet Skandinavien, in älterer 
Form Skadinavia, die Insel des Nordwinds. Skadi heißt 
Ondergud oder -dis die Schneeschuhläuferin und Jamvidja 
die Eisenwälderin, die Urwaldsfrau. Sie haßt das mildere 
Meei^estade und jagt mit dem Bogen im Hochgebirge, in 
Thrymheün, dem Sturmheim. Als ihr Vater Thjazi von 
den Göttern getötet war (S. 233). fuhr sie in voller Rüstung 
rachedurstig nach Asgard und erhielt als Buße den Gott 
Njördr, in dem wir den besänftigenden Frühlingswind er- 
kennen werden, zum Gemahl. Ihre Trauer verwandelten 
die possenhaften Sprünge Loki's und einer mit ihm zu- 
sammengebundenen Geiß in Lachen. Aber weil Loki ihres 
Vaters Tod herbeigeführt hatte, ließ sie das Gift einer 
über ihm in der Unterwelt aufgehängten Schlange auf sein 
Anthtz herabträufehi, bis zum Weltuntergang. Wenn er 
nun vor Schmerz zuckt, bebt die Erde; doch sucht seine 
Frau Sigyn das Gift aufzufangen. Die letzte Unterwelts- 
scene ist fremden Ursprungs verdächtig. 



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Thjazi's Verwandte sind Fenja und Menja, Mägde 
König Frodi's, die in seiner Mühle Grotti Gold, Reichtum, 
Frieden und Glück mahlen. Aber als ihr Herr sie über- 
mäßig zur Arbeit antreibt, mahlen sie Krieg, bis die Mühle 
zerbricht. Nach einer andern eddischen Stelle zerbricht, 
sie nicht, sondern der Seekönig M:?singr kommt darüber, 
tötet Prodi und nimmt die Mühle auf sein Schiff und läßt 
hier die Riesinnen so viel Salz mahlen, bis es samt der " 
Mühle versinkt und die ganze See salzt. Das geschah an 
der schottischen Küste. Zahlreich sind die nordischen, 
deutschen, aber auch finnischen und irischen Wunder- 
mühlen, die Gold und Silber, Graupeln und Salz imd auch 
Streit oder streiterregende Dinge mahlen. Fenja und Menja 
mögen ursprünglich stürmische Wettermüllerinnen gewesen 
sein, die aus der wirbelnden Wolke bald Regen, bald 
Sonnenschein, Graupeln und Gold und Reichtum, aber 
auch Krieg und Frodi's sommerlichen Frieden mahlten. 
In den Meeresstrudeln, wie der Mahlström einer ist, mah- 
len sie Salz, sowie die vom Wind bewegten Wogen, jene 
neun Töchter Aegirs (S. 227), nach einem Skalden am 
äußersten Rande der Erde rasch die den Menschen so 
feindselige Klippenmühle bewegen. Unwetter heißt dänisch 
noch heute das Mahlen des Meers. Nicht nur zur Meer-, 
sondern auch zur Bergriesin wird die Sturmriesin: Im 
Givrinarhol, einem tiefen Erdloch auf den Färöern, hört 
man noch, wie darunter eine blinde, alte Riesin Gold mahlt, 
und sie hat eine Nachbarin, die einen Reiter, der vom 
Golde gestohlen hat, verfolgt und seinem Pferde den 
Schwanz ausreißt. 

Zu den Windriesinnen wird auch das fahrende Weib, 
die Gefjon, gehören; die mit einem Riesen vier Ochsen 
zeugt, mit denen sie das ihr vom König Gylfi geschenkte 
Pflugland, nämlich Seeland, aus dem Malarsee lospflOgt. 
Hyrrokkin, die Feuergekräuselte, reitet auf einem Wolf, 
den sie mit Nattern zügelt, auf Göttergebot herbei, um das 
Schiff, das Balders Leiche trägt, so stark in die See zu 
stoßen, daß Feuer aus den Walzen bricht und alle Lande 



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238 V. Di« Riesen. 

beben. Thor, der ihr den Kopf zerschmettern will, wird 
von den Göttern zurückgehalten. Diese Riesin ist eine 
durch und durch skaldische Erfindung. 

Da erzahlt die neuere Volkssage von viel natürlicheren 
Wetterriesinnen, die oft für sich, oft mit den Elfen vereint, 
insbesondere in der Julzeit oder in den Zwölfnachten ihren 
wilden Umzug halten. In Norwegen ist es namentUch die 
Gurorysse Guroschwanz oder die Aaskereida der Blitzritt, 
entstellt zu Aasgardsreid(S.73.223). Unter Donner und Blitz 
— Wintei^ewitter sind im südlichen Norwegen nicht im- 
häufig — über Wasser und Land reitet ein Däraonenheer, 
das dann wohl bei den Julgelagehäusem absattelt, Vieh 
und Menschen mit sich nimmt, sie ermattet oder verwirrt, 
aber durch Stahl- oder Kreuzwürfe unschädlich gemacht 
wird. An der Spitze reitet die lai^schwänz^e Riesin Gtu-o, 
ein Kinderschreck. Nicht ganz so toll treibt es z. B. im 
oberdeutschen Westen die Posterlijagd, die namentUch aus 
wilden Weibern oder Siraggelen besteht. 

Der Wolkenriesen gewaltigster ist Hymir, der in 
einem Eddaliede als Wasserriese geschildert wird. Aber 
hüm bedeutet die dunkle Dämonenluft, die von der Be- 
wölkung, namentUch der winterlichen, verursacht wird, 
und der Kampf mit Riesen imd einer Schlai^e imi einen 
Kessel, wie ihn Hymir besitzt, ist ein uraltes Doppelmotiv 
des indogermanischen Mythus vom Kampf des Gewitter- 
gottes mit den Wolkenriesen und -Ungeheuern, denen der 
fruchtbare Gewitterregen im Sommer abgerungen werden 
muß. Die Götter vermissen bei einem Gelage bei Aegir 
diesen Trank, und Thor entschließt sich, mit Tyr den Kessel, 
in dem er gebraut wird, von dem urweisen Hymir zu 
holen. Sie finden ihn im Osten an des Himmels Ende mit 
seiner leidigen neunhunderthäuptigen Mutter (S. 230) imd 
seiner allgoldnen weißbrauigen Geliebten. Diese versteckt 
die beiden Gäste imter die Kessel. Da kommt der Riese 
von der Jagd mit gefrornem Kinnbart heim unter dem 
Krachen der Eisschollen. Vor seinem BUck zerspringen 
Pfeiler, Balken und acht Kessel, nur einer bleibt heil. Da 



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V. Die Riesen. !^ 

kommea die Versteckten zum Vorschein, und sie verzehren 
mit ihrem Wirte drei Stiere, davon Thor zwei Um für ein 
neues Mahl Fische fangen zu können, enthauptet Thor 
einen Ochsen, dessen Kopf als Köder dienen soll, und nun 
rudern sie weit ins Meer hinaus. Hymir zog an der Angel 
einen Walfisch, aber Thor den großen Midgardswurm 
bis zum Bord des Kahnes empor und schlug mit seinem 
Hammer dessen Haupt, daß die Ungeheuer lärmten und 
die Felsen widerhallten und die ganze alte Erde bebte. 
Der Wurm sank ins Meer zurück. Dann fuhren die Beiden 
heim, Hymir verdrossen und schweigsam, bis er den Gott zu 
einer neuen Stärkeprobe reizte. So hob denn Thor das Schiff 
samt seinem Schöpfwasser und Gerät am Steven zimi 
Hause des Riesen in den Kessel der Waldhalden. (?) Und 
wiederum gereizt, zerschmetterte er einen Kelch an Hymirs 
Haupt, das heil blieb. Nim aber gab Hymir seinen Kessel 
preis, imd Thor stülpte diesen sich aufs Haupt, daß die Griff- 
ringe an seinen Fersen klangen. Wie er jedoch auf der 
Heimfahrt merkte, daß Hymir mit seinem vielhäuptigen 
Volk hinter ihm her kam, da hob er sich den Kessel von 
den Schultern und zermalmte mit seinem Hammer sie alle, 
und kraftstrotzend brachte er den Kessel in die Götterver- 
sammlung. So erzählt das eddische HymisUed. — Nach der 
Prosaedda, die sich auf den Fang des Midgardswurms mit 
dem Ochsenkopfköder beschränkt, war die furchtbarste 
Scene, wie Thor und die an Bord gehobene Schlange sich 
gegenseitig mit wilden Blicken anschauten, sie ihm Gift 
entgegenfauchte und der Riese vor Angst die Farbe 
wechselte. Da aber zerschnitt Ymir, wie er hier statt 
Hymir heißt, die Angelschnur, sodaß das Ungeheuer ins 
Meer zurücksank. Thor schleuderte ihm seinen Hammer 
nach, sodaß man mm nicht weiß, ob es zu Tode getroffen 
wurde oder noch lebt. Dann versetzte er dem Riesen einen 
Schlag, und dieser flog aus dem Kahn, die Sohlen nach 
oben gekehrt. Da das Schiff zerstoßen war, watete Thor 
zum Lande zurück. Dieser Mythus, der wie einige andere 
Thorsmythen: seine Fahrt zu Geirröd und Utgardaloki mit 



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340 V. Die Ri«scn. 

manchen Märchenzügen ausgeschmückt ist, kann in seiner 
vollen zentralen Bedeutung erst gewürdigt werden, wenn 
wir die germanischen Götter genauer kennen gelernt haben. 

Von den Wolkenriesinnen, die vielfach von den 
Sturmriesinnen nicht zu unterscheiden sind, sind uns schon 
Fenja und Menja, Gjalp und Greip (S. 232. 237) und GHdr 
begegnet Die letzte rüstet Thor für seine GeirrOdsfahrt 
mit einem Wolkengürtel und schwarzen Wolkenhand- 
schuhen imd dem BUtzstab aus und sie bläst Platzregen, 
Sturm und Hagel aus der Nase. Graue Wölfe werden als 
ihr Gestüt bezeichnet. Die Wolkenriesinnen sind oft wie 
die Wolkenelfinnen geschwänzt, so die kinderschreckende 
Gryla auf Island. 

Die Bergriesen bei^risar, fjallgautar, schwedisch 
ber^afolk sind meistens ursprüngUch Sturmriesen, die in 
Wolkenbergen oder auf wirkUchen Bergen hausen, wie 
Suttungr, Thjazi und Skadi, und Steine schleudern und 
brechen, wie Hrungnir, Fenja und Menja. Die Tiroler 
wilden Jäger Watzmann und Serles und Frau Hütt ver- 
steinern gleich einer nordischen Wetterriesin Hrimgerdr 
zu Felsbergen. Das norwegische Hochgebirge Dovrefjeld 
wird in Dovri, dem König über Riesenheim, personifiziert. 
Wenn deutsche Riesen auf zwei neben einander hegenden 
Bergen wohnen, so werfen sie sich mit Steinen oder Äxten, 
und Feldsteine schütteln sie aus ihrem Schuh. Die Riesen- 
tochter hüpft von ihrem Bei^e herab, hebt auf dem Acker 
den Bauer samt Pflug und Ochsen wie ein Spielzeit in 
ihre Schürze, muß ihn aber zurücktragen, weil der Vater 
daran erinnert, daß sie ohne den Ackerbau der Menschen 
nicht bestehen können. Bei Schleswig trifft em Riesen- 
mädchen eine Bäuerin beim Flachssäen und bittet sie lun 
ein Hemd. Die Bäuerin verspricht ihr's. Sie freut sich, als 
der Flachs keimt, blüht und endlich aufgezogen wird. Da 
meint sie, das Hemd sei mm fertig. Als ihr aber die Be- 
reitung zu langweihg scheint, wirft sie ihre langen Brüste 
über die Schultern, springt in einem Satz über den nächsten 
Berg und verschwindet. Steigt mächtiger Nebel aus den 



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V. Die Riesen. Ml 

Bergen, so brauen die Riesen oder rauchen, nach neuerer 
Vorstellung, ihre Pfeifen, In Höhlen wohnt die zukunfts- 
kundige Hyndla und das Dutzend Riesen, das Schilbung 
und Nibelung dienstbar ist. Darin hüten sie einen köst- 
hchen Met, wie Suttungr, oder den Nibelungenschatz und 
schOne Jungfrauen dazu, wie Gunnlöd und Kriemhild. 

Als Waldriese ist uns schon der Windriese Fasolt 
bekannt geworden, zu seinem Geschlecht (S, 234) kommen 
im Gedicht von Dietrich und seinen Gesellen hinzu Fellen-, 
Rumen- und Schellenwall, die den Wald fällen, zerstören 
und schallen machen. Der bayrische Riese Widolt, der 
Holzherr im König Rother, rauscht, daß die Erde bebt, und 
springt mit klingendem Panzer über die Sträucher. Der 
Riese im Gedicht von Sigenot rauft Bäume aus, und vor 
seinem Atem biegen sich die Äste, aber er verbindet auch 
Wunden nach sanfterer Winddämonenart. Der fast gleich- 
namige altdänische Riese Witolf ist ein durch Nebel täu- 
schender Waldeinsiedler, der, weim er bedroht wird, wie 
jener wilde Mann (S. 198) Heilmittel angibt. Von seinem 
altnordischen Namensgenossen Vidolfr stammen alle Völur 
Wahrsagerinnen. Auf der Fahrt nach Utgard, das über 
das Ende der Welt hinausliegt, gesellt sich zu Thor in 
einem dichten Walde der Riese Skrymir, der während der 
Nachtruhe schnarcht, daß die Erde bebt, und Thor wohnt 
im Däumling seines Handschuhs wie in einer Stube. So 
fährt ein Tiroler Bauer mit seinem Gespann in einen be- 
wachsenen Hohlweg, das Nasenloch des Walderriesen, der 
ihn samt Ochsen und Wagen weit in die Luft hinausniest 

Der Wasser- imd Meerriesen Haupt ist Aegir der 
Wassermann, auch H16r (S. 227) imd Gymir genannt, er 
hat wie Ymir imd Hymir (S. 238) einen großen Braukessel 
und gibt Göttergelage, bei welchem Eldr Feuer und Funafei^ 
Funkenfang, die wohl das Meerleuchten bedeuten, auf- 
warten. Sein Weib ist Rän, die bei Sturm den Schiffern 
die Arme öffnet Mit einem Netz, dessen Maschen niemand 
entschlüpft, zieht sie die Ertrunkenen hinab in ihren Saal. 
Da werden sie mit Hummer und Dorsch bewirtet Ihre 



\. H., Gemaii. Hyihalogie. 



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312 V. Die Riesen. 

neun Töchter wogen und branden und tauchen und spritzen 
hoch gegen den Himmel und röten ihre Locken mit dem 
Blut der Zerschellten {S. 227). Wie Aegir wohnt auch 
Grendel der Toser (?) in einem von bleichem Feuer erleuch- 
teten Wasserhaus. Es steht im Grunde eines verborgenen 
Sumpfes, in den das Meer unter windigen Felsen ein- 
fließt. Darüber hängt verdorrter Wald. Mit Grendel leben 
dort seine furchtbare Mutter und viele Niceras Nixe, die 
die Segelfahrt sorgenvoll machen mit ihren Stahlkrallen 
und Hauzähnen. Die Rut steigt dunkel bis zu den Wolken, 
wenn der Wind die Gewitter sendet, bis die Luft dröhnt 
und die Himmel weinen. In Nebel und Gewölk geht Gren- 
del allnächtUch aus seinem Moor nach der KOnigshalle 
Heorot imd schleppt in seinen Stahlkrallen einen schlafen- 
den Krieger davon. Aber in einer Nacht reißt ihm Beowulf 
einen Arm bis ziu^ Achsel aus, so daß er totwund in sein 
Sumpfbett fUeht. Nun macht sich die fürchterlichere Mutter 
auf, packt einen Krieger und eilt davon; aber Beowulf 
taucht ihr nach und erschlägt sie nach schwerem Kampf 
auf dem Meeresgrunde. So erwehrt sich der Mensch der 
Hochfluten des Meeres, die versumpfende Buchten in die 
Küsten reißen und selbst die Siedlungen der Menschen 
überfallen. — Auch der sturzreiche Wasserfall scheint in 
Norwegen als Riese aufgefaßt zu sein. Der achtbändige 
Starkad wohnte an den Alufällen. Er raubte aus Alfheim 
die leuchtende Alfhild, deren Vater, König Alf, den Thor 
gegen ihn zu Hilfe rief. „Thor schleudert ihn vom schroffen 
Fels herab ; rücklings, mit gespreizten acht Händen, stürzte 
der brilllende Wasserriese nieder, und noch jeden Augen- 
blick sieht man ihn im grauenvollen Sturze begriffen." Im 
deutschen Hochgebirge sind solche Wasserstürze tosende 
Drachen, die Dietrich von Bern erschlagt 

Die nordischen Nacht- imd Tag-, Mond- und Sonnen- 
riesen sind jüngere poetische Gebilde ohne eigentlich my- 
thisches Leben, weshalb auch in der VolksüberUeferung 
kaum Spuren davon zu finden sind. Die Skalden aber 
erfanden wieder einen ganzen Stammbaum, an dessen 



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V. Die Riesen. 318 

Spitze der Urriese Narfi oder Narvi stand. Seine Tochter 
Nött, die Nacht, zeugte mit drei Männern den Audr oder 
Unnr, die Jörd Erde und den Dagr Tag. Die Skalden 
erfanden außerdem die Rosse Hrimfaxi Reifmähne oder 
Fjörsvatnir oder -svartnir, die die Nacht, Skinfaxi Glanz- 
mähne oder Gladr, die den Tag, sowie Arvakr Frühauf 
und AUsvidr AJIschnell oder Allbrenner, die die Sonne 
ziehen. Söl fem. die Sonne und Mäni m. der Mond sind 
Kinder des Mundilferi, -fari des Achsenlrägers, der an 
den antiken riesigen Träger der Achse der Himmelskugel, 
Atlas, erinnert, den Vater der Plejaden und Hyaden. 

Die nordischen Riesen haben ein Reich, wie die Elfen, 
im Jötunheimr. Es hegt im Osten oder Norden, wo die 
rauhen norwegischen Gebirge ragen, hinter Grönland oder 
Bjarmeland am weißen Meer. So das Reich des Riesen 
Utgardalokfs, der außerhalb Midgards, der bewohnten 
Erde, wohnt. Von dem wird folgender mit Märchenzügen 
und sogar mit Allegorien aufgeputzter M3thus erzählt; 
Thor und Lold herbergten einmal bei einem Bauer zu Nacht 
Thor schlachtete seine Böcke und Üeß sie in einem 
Kessel kochen, lud den Bauer samt Weib und Kindern zum 
Nachtmahl ein und befahl, daß sie die Knochen auf die 
Bocksfelle würfen. Vor Tagesanbruch weihte er mit seinem 
Hammer die Felle, so daß die Tiere sich zu neuem Leben 
erhoben, doch hinkte das eine, weil Thjalfi, der Sohn des 
Bauers, ihm das eine Hinlerbein durchbohrt hatte, um das 
Mark herauszusaugen. Schon schärfte Thor zornig seine 
Augen, schon packte er seinen Hammer so heftig, daß 
seine Fingerknöchel weiß wurden, da ließ er sich durch 
das Angstgeschrei der Leute erweichen imd begnügte sich 
damit, ihre beiden Kinder mitzunehmen, Thjalfi und Röskwa. 
Die Böcke zurücklassend, wanderte er ostwärts gegen 
Jötunheim und bis zum tiefen Meer und schwamm hinüber. 
Mit ihm Loki, Thjalfi imd Röskwa. Nun gingen sie durch 
einen großen Wald, Thialfi, der schnellste aller Männer, 
trug Thors Rucksack. Abends legten sie sich in einem 
großen Hause mit weiter Türe zur Ruhe, bis sie um Mitter- 



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211 V. Die RiescD. 

nacht, durch ein Erdbeben erweckt, in ein kleineres Neben- 
haus flüchteten. Am Morgen bemerkte Thor einen schlafen- 
den Riesen, der mächtig schnarchte. Als der erwachte und 
sich erhob, soll Thor zum ersten Mal bestürzt gewesen 
sein. Er nannte sich Skrymir (S. 241) und hob seinen Hand- 
schuh auf, in dessen Däumling Thor mit den Seinen 
gekrochen war. Dann ging der Riese mit großen Schritten 
durch den Wald voran, und in der zweiten Nacht tat Thor 
drei vergebliche Hammerschläge auf des schlafenden 
Riesen Haupt, der glaubte, ein Blatt, eine Eichel, etwas 
VOgelkot sei auf ihn herabgefallen. Da sie nahe bei der 
Biu-g Utgard waren, verUeß der riesige Wegweiser die 
Kleinen mit dem guten Rat, dort nicht zu sehr zu prahlen. 
Um Mittag lag, von Feldern umgeben, die Burg Utgard 
vor ihnen, die so hoch war, daß sie mit zurückgebogenem 
Kopf kaum ihre Spitze erblicken konnten. Durch das hohe 
Gitter des Thors zwängten sie sich mühsam hindurch und 
traten in eine weite Halle, deren Bänke von vielen Riesen 
besetzt waren. Der König Utgardaloki würdigte sie kaum 
eines Blickes und fragte mit bleckenden Zähnen die Kleinen 
nach ihren Künsten. Loki aß mit dem Riesen Logi Fleisch 
aus einem Troge, und Thjalfi Uef mit dem Riesen Hugi 
tun die Wette, aber beide wurden besiegt. Auch konnte 
Thor ein Strafhom nicht leeren, eine graue Katze auch 
nur mit einem Fuß nicht vom Boden heben und eine alte 
Riesin im Ringkampf nicht bezwingen. Aber nach einer 
gastlichen Nachtherberge, als der Wirt seine scheidenden 
Gäste vor die Burg begleitete, klärte er sie auf: er selber 
war Skrymir, der sich durch Zauberkünste vor Thors 
Hammerschlägen geschützt hatte, Logi war das Wildfeuer, 
Hugi der Gedanke, die Spitze des Trinkhoms reichte ins 
Meer, die Katze war der erdumschlingende Midgardswurm 
und die Ringerin das Alter. Als Thor diese Worte ver- 
nommen, schwang er seinen Hammer, und plötzüch war 
alles verschwunden; nur liebliche Gefilde breiteten sich 
vor ihm aus. Da kehrte er nach seiner Heimat Thnidwang 
zurück. — Alte Riesenkämpfe Thors sind in dieser Utgar- 



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V. Die Riesen. 215 

daloki-, wie in jener Geirrödssage (S. 232) mit Marchen- 
zügen und allegorischen Motiven reich durchflochten. Bei- 
den eddischen Berichten gibt aber Saxo ein noch moder- 
neres Gepräge. Bei ihm ist Thors Nachfolger der kühne 
Thorkill, der auf seiner Fahrt den, wie er wohl weiß, vom 
Thor durchbohrten Geruthus (Geirröd) auf einen Hochsitz 
an eine Klippe festgenagelt und dessen Töchter mit gleich- 
falls von Thor zerschmettertem Rücken antrifft. Beider 
Riesen Reich trägt aber bereits einen völlig unterweltlichen 
Charakter. Isländer haben dem Dänenkönig Gorm von 
Geruths schätzereichem Lande erzählt, das, durch den 
Ozean von der Erde geschieden, in der Unterwelt sonnen- 
und sternlos daliege. Unter Thorkills Leitung schiffte Gorm 
mit 300 Gefährten nach dem ewig kalten Bjarmeland hoch 
im Norden, wo sie nach ihrer Landung der Riese Guth- 
mund, Geruths Bruder, zum Genuß von Zauberspeisen und 
schönen Weibern einlud. Aber von ThorkiU gewarnt, 
wurden nur vier Dänen verführt und verloren ihr Ge- 
dächtnis. Darauf setzte Guthmund die Übrigen über einen 
furchtbar kalten Fluß, der, von einer goldenen Brücke 
überspannt, die Menschen von den Bewohnern der Unter- 
welt trennte. Eine schwarze Stadt, einer dampfenden Wolke 
ähnlich, lag vor ihnen, ihre Zinnen mit Menschenhäuptem 
besteckt, von wilden Hunden bewacht. Auf einer Treppe 
drang man ein ; alles voll von heulenden Gespenstern und 
unerträglichem Gestank. Am gräulichsten war ein Felsen- 
gemach, voll Ruß und Kot, das Dach mit Spießen gedeckt, 
der Boden von Nattern wimmelnd. Hier fand Thorkill 
Geruth und seine Töchter in der jammervollen Lage, in 
die sie Thor gebracht hatte. In einem Kampf mit den Ge- 
spenstern kamen die meisten Dänen um, nur wenige, wie 
Gorm und Thorkill, kehrten heim. 

Doch abermals muß Thorkill sich aufmachen, um 
Ugarthilocus zu befragen um den Verbleib der Seelen 
nach dem Tode. Nachdem er viele Gefahren im hohen 
Norden bestanden, trifft er den Riesen in einer schmutz- 
starrenden, von Schlangen wimmelnden Höhle, an Händen 



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346 V. Di« RUsen, 

und Füßen mit ungeheuren KeRen belastet; seine stinkenden 
Haare ragen wie homfeste Lanzen. Als Thorldll ihm 
eines mit Unterstützung seiner Genossen aus dem Kinn 
reißt, bricht ein erstickender Qualm hervor, uhd von allen 
Seiten fliegen Schlangen auf sie los und bespeien sie. 
Alle kommen um, vergebens ihre Götter anflehend, nur 
Thorkill, der zum Gott des Weltalls betet, wird gerettet. 

Wie aus dem Morgen- oder Abendrot ein heiteres Land 
des Jenseits, wurde aus dem drohenden, dampfenden, 
düsteren Gewittergewölke am Horizont ein finsteres Gegen- 
stück geschaffen, die Hölle. Jenes gehört den Elfen fS. 170;, 
dieses den Riesen. Ein Mischgebilde sind die Glnesisvellir 
GlanzgefUde, die von jenem Riesenkönig Gudmund (S. 245) 
beherrscht werden, aber einen elfischen Lustgarten mit 
Blumen, allerlei zauberischen Dingen imd verführerischen 
Weibern in sich schließen. Der heißt Udainsakr das Feld 
der Unsterblichen. Doch die Unsterblichkeit bedeutet nur 
ein übermenschliches Lebensmaß, stirbt doch der König 
selber nach einem halben Jahrtausend, um darnach wie 
ein Gott mit Opfern geehrt zu werden. 

Faßt man diese Vorstellungen eines jenseitigen Riesen- 
reichs mit jenen eines jenseitigen Elfenreichs zusammen, 
so gewahrt man ein starkes Schwanken zwischen dimklen 
imd Uchten Jenseitsbildem. Man will den Verstorbenen 
losreißen aus seinen engen Grabesbanden, man ver- 
setzt ihn weit über die Erdengrenzen hinaus zu unsterb- 
lichen oder vielmehr länger lebensfähigen Wesen, den 
freundlichen Elfen oder den finstem Riesen. Detm man 
weiß nicht sicher, was drüben zu erwarten steht. Nur 
mühsam, unvollkommen ringt sich der Unsterblichkeits- 
gedanke diu-ch. Nur ausnahmsweise denkt man daran, 
außer der örtlichkeit imd ihrem Herrscher die Untertanen 
desselben, die Verstorbenen, und ihr Treiben zu schildern. 
Und sogar Sterbliche dringen in die andere Welt ein. Am 
schärfsten umrissen tritt aus dieser unterweltlichen Riesen- 
gruppe ein Weib, die Hei, heraus. Sie greift tiefer als 
die Riesenmanner ins Menschenschicksal ein, in das dies- 



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V. Die Riesen. 247 

seitige und das jenseitige. Sie stellt sich darnach zu den 
höheren Dämonen (s. imten). 

So machtvoll die Riesen sind, so sehr manche wie 
altere, nur rohere Götter ausschauen, so dürftig sind die 
Spuren eines wirklichen Riesenkultus. Zwar wurde der 
deutsche Riese Fasolt (S. 234) beschworen, Unwetter abzu- 
wenden; dem nordischen Riesen Gudmund, der ein Alter 
von 500 Jahren erreicht hatte, brachte man Opfer. Der 
Unterweltsfahrer Thorkill geht bei Saxo den Riesen Utgar- 
thiloki mit Gelübden und Besänftigungsmitteln an, daß er 
ihm freundliches Reisewetter schaffe, und in Norwegen 
opferte man den Riesen auch noch in neuerer Zeit am 
Julfest. Aber diese Nachrichten bedeuten nichts gegenüber 
den tausenden von Zeugnissen für den Elfenkultus. Ent- 
weder war also immer der geistige Verkehr der Germanen 
mit den Riesen ein seltener, wie sich leicht aus deren 
maßlosen Formen erklärt, oder sie wurden daraus später 
durch die edleren Götter verdrängt. Bei Saxo ist Hadding 
erst ein Schützling der Riesen und sogar der Geliebte einer 
Riesüi, aber später überläßt er sich dem Beistand der 
Götter, Odins und Frey's, und eine Frau mit Blumen im 
Schöße, vielleicht Freyja, führt ihn in ein unterirdisches 
Paradies. Zu Saxo's und Snorre's Zeit glaubte man, daß 
die aus dem fernen Süden oder Osten eingewanderten 
Äsen die Riesen au^erottet und nach der Olaf Tryggvasons- 
sage insbesondere Thor die beiden letzten Riesenweiber 
mit seinem Hammer erschlagen habe. Noch in der neueren 
ÜberÜeferung ahnen die Riesen, daß ihre Zeit bald vorüber 
ist. Nach der von Jütland bis ins Elsaß verbreiteten Sage 
trägt eine Riesin einen Bauer samt seinem Pfluge in ihrer 
Schürze als Spielzeug heim. Dir Vater oder Mann aber 
sagte zu ihr: „Schnell trage es wieder auf den Acker, denn 
ohne die Menschen waren wir übel dran und hatten kein 
Brot" oder nach andrer Wendung: „Sie werden uns sonst 
bald vertreiben". 

Die niedere Mythologie hat mit dem Riesenmjrtbus 
ihren Abschluß gefunden. Sie hat den reügiösen Sinn der 



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348 V. Die Riesen. 

Germanen Jahrhunderte, Jahrtausende beherrscht imd zwar 
in vier Hauptformen. Die Vorstellungen vom Sterben 
führten zum Seelenglauben, die vom Alpdruck ziun Maren- 
glauben, die von den Naturmächten einerseits ziun Elfen-, 
andrerseits zum Riesenglauben. Aus tiefen Quellen geboren, 
haben sich diese vier Strömimgen bis in unsere Zeit 
ergossen, und oft mußte, wenn ihr reinerer Oberlauf ver- 
deckt war, aus dem freilich oft getrübten, aber zugäng- 
lichen Unterlauf die Erkenntnis des alten Gehaltes geschöpft 
werden. Mit ungleicher Kraft aber tränken sie noch heute 
den Untergrund unserer Volksreligion. Der Gespenster- 
glaube ist noch stark, wie der Marenglaube; schon geringer, 
aber doch noch vielfach lebendig, ist der Elfenglaube; der 
an die Riesen äußert sich wohl nur noch in einigen 
Teufelssagen. Überhaupt ist unsere Riesenktmde um so 
unsicherer, als ihre meisten Mj^hen aus einer Zeit stammen, 
in der sie schon mit den spateren Göttermythen verknüpft 
waren, während die Mythen der Seelen, Maren und Elfen, 
von wenigen Ausnahmen abgesehen (S. 157), sich davon 
frei halten. Im ganzen aber ist das Gebäude der ältesten 
germanischen Religion, wie es auf jenen vier Hauptpfeilern 
ruhte, mit einiger Sicherheit aus den alten Zeugnissen, 
wie aus den noch heute bestehenden Resten zu erkennen. 
Lai^e Zeiten hindurch der einzige Schutz und Hort des 
reügiösen Bedürfnisses, wurde es später mit einem Oberbau 
versehen, der viel weitere Ausblicke gewährte. 



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Sechstes Kapitel. 

Die höheren Dämonen. 

Die Germanen gehörten zu denjenigen Naturvölkern, 
die zwar lange Zeiten hindurch nomadenhaft ihre Wohn- 
sitze immer wieder wechselten, aber in der Regel mit 
diesem Wechsel einen höheren Kulturstand erreichten. 
Das zeigt auch ihr Übergang von der niederen zu einer 
höheren Mythologie. Sie gaben zwar keineswegs « den 
Glauben an Gespenster und Maren, Elfen und Riesen auf 
— er bildete vielmehr den dauernden Untei^rund ihrer 
Religion bis in die neuere Zeit hinein — , aber er allein 
gen(^e nicht mehr. Diese Wesen alle waren trotz ihrer 
mannigfachen Zauberkräfte doch nicht viel mehr als ihres- 
gleichen. Im Umschwung der großen Schicksale, der 
die germanischen Stamme aus dem Osten zuerst nach 
Mitteleuropa und dann weiter nach Süd- und Westeuropa 
warf, bei der wachsenden Erkenntnis ihrer höheren Lebens- 
zwecke bedurfte es für sie anderer stärkerer Mächte, als 
jene niederen Dämonen waren, um ein festes Vertrauen 
zu ihnen und das noch fehlende tiefste reUgiöse Gefühl, 
die Andacht, zu erwecken. Wie in der Sprache der alte 
Wortschatz einen allmätüichen Bedeutungswandel erfuhr, 
indem man der Bezeichnung nicht bloß äußerlicher Dinge 
imd Vorgänge, sondern auch innerer Eigenschaften Herr 
zu werden suchte, so bildete sich im Glauben der alte 
Mythenschatz um, indem seinem mehr sinnUchen Gehalt 
mehr und mehr geistige, sittliche und aesthetische Motive 
eingeflößt wurden. Die alten Figuren wurden umgeformt 
und vergeistigt, ihr Kultus gereinigt und vertieft. Aus dem 
sinnUchen Mythenstoff keimten immer kräftiger die Empfin- 



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£0 VI. Di« höberen Dämonen. 

düngen des Unterschiedes von Schön und Häßlich, von 
Gm und Böse, von Vergangenheit und Zukunft etnpor. 
Über das Urgestein schob sich eine neue, in vielen Stücken 
wertvollere Schicht, die aber weder die Mächtigkeit der 
ältesten, noch die der späteren hatte. Mit andern Worten: 
der Glaube erstieg eine höhere Stufe, die der höheren 
Dämonen, die eine Zwischenstufe von der niederen Mytho- 
logie zu der Göttermythologie bildet. 

Veredelung oder doch Vergeistigung des dämonischen 
Wesens ist das Hauptmerkmal, das diese höheren Dämonen 
von den niederen scheidet. Zwar haben auch sie noch 
nicht allen Zusammenhang mit den sinnUchen Natur- 
erscheinungen gelöst, aber ein höherer, von diesen mehr 
oder minder unabhängiger Beruf füllt doch nun fast ihr 
ganzes Leben aus. Sie treten auch gewöhnlich nicht 
mehr in unzählbarer Menge auf, sondern ordnen sich 
entweder zu einer Sippe, wie die Riesen des spateren 
Mythus, oder sie verteilen sich in zwei oder drei Scharen, 
oder sie bilden eine scharf umrissene Gruppe von zwölf, 
neun, sieben oder drei Personen, wie die Walküren und 
die Nomen, oder auch niy ein Paar, oder sie schließen 
sich zu einer einzigen Gestalt zusammen, die nun ein ganz 
individuelies halbgöttliches Dasein führt, wie Mimer imd 
Loki. Gleich den Elfen und den Riesen des späteren 
Mjrthus werden sie häufig in einen umfassenderen Götter- 
oder Heroenmythus verflochten, aber sie greifen auch tief 
ins Menschenleben ein. So stellen sie einen Dämonenadel 
dar, der das niedere Volk der älteren Geister nicht ver- 
drängt, aber überragt, jedoch selber wieder unter den noch 
jüngeren königlichen Göttern steht und diesen oft zu 
dienen hat. Mancher echt germanische Zug haftete schon 
den Seelen, Maren, Elfen und Riesen an, obgleich alle 
diese Dämonen internationale Figuren des indogermanischen 
Völkerkreises waren. Die höheren Dämonen haben zirai 
Teil auch noch wenigstens ihren Urspnmg in solchem 
weiteren Kreise, der sich aber schon zu einem indo- 
europäischen zusammengezogen hat; zum Teil tragen sie 



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VI. Die höheren DHmonen. 251 

bereits ein ganz nationales, eigentlichst germanisches 
Gepräge. 

Unter diesen höheren Dämonen beanspruchen die weib- 
lichen den Vortritt, sie zeigen sich gern in Gruppen. Die 
Nordleute nannten sie Disir, d. h. kluge Frauen oder 
genauer Spddisir, framvisar Disir zukunftskundige Frauen, 
worunter sie halbgötthche Weiber verstanden, bald Nomen, 
bald Walküren, bald Schutzgeister, Ihnen scheinen die weit 
ungenauer charakterisierten Idisi in Deutschland zu ent- 
sprechen. 

Die Schicksalsfrauen oder Nornen, die die erste 
Gruppe bilden, haben in den griechischen Moiren und den 
römischen Parzen ihre ziemlich getreuen Gegenbilder. Der 
Name der Nomen, der ursprünglich auf Island, die Föröem 
imd Norwegen beschränkt war, ist nicht sicher zu deuten. 
Wenn er wirklich, wie man vermutet, die Flechterinnen 
bezeichnete, so würde das nicht nur zu der bisher ein- 
leuchtendsten Erklärung des lateinischen Parzennamens 
stimmen, sondern auch einen Hauptzug ihres Tuns wieder- 
geben. Nicht nur die nordischen Nomen, sondern auch die 
ihnen entsprechenden deutschen Schepfen flochten und 
wanden das Schicksalsseil. Seltener gebrauchte man für 
sie im Norden den Plural Urdir, dessen Sinn klar ist. 
Denn das singularische Vrd{f), der Name der bedeutendsten 
isländischen Norne, geht im Sinne von Geschick, Ver- 
hängnis, Tod als althochdeutsch Wurt-, altsächs. Wurdh, 
angelsächs. Wyrd, englisch Weird durch die andern ger- 
manischen Sprachen. Aber auch in diesen nahm der 
abstrakte Gattungsname, wie das entsprechende griechische 
Moira, das Lebenslos, mehr und mehr den Charakter des 
Eigennamens eines überirdischen Wesens an, die Wurt 
wurde eine Schicksalswalterin. Als Hadubrand, der seinen 
Vater Hildebrand für tot hält, vom Zweikampf mit diesem 
nicht lassen will, da ruft der Alte aus: „Nim wohlan, 
wallender Gott, Wehwurt geschieht 1" Schon persönlicher 
nimmt im Heiland und im Beowulf die Wurd oder Wyrd 
den Menschen weg, d. h. er stirbt, und die Wyrd webt 



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25a VI. Die behertn DBmonen, 

ihm sein Geschick. In England waren die drei Weirdsisters 
bekannt. 

Daneben erscheinen die Schicksalsfrauen als die alt- 
deutschen Skeffarun, Skephentun, Schepfen und als rasche, 
jähe Gäckschepfen und noch bei Michael Behaim als die 
Geschöpfen, d. h, Verhängerinnen, wie auch den nordischen 
Nomen das Skapa, d. h. Verhängen, beigelegt wurde. Die 
angelsächsischen messen das Leben ab als graman Mettena 
grimme Messerinnen, und das ganze Schicksal hieß alt- 
sächsisch Wurdigiscapu oder Metodogiscapu und, als Werk 
ratender Mächte, Reganogiscapu. 

Die Schicksalsfrauen treten fast immer in der Dreizahl 
auf, wahrscheinlich weil sie den Anfang, die Mitte und das 
Ende des Lebens bestimmten, und sehr häufig sind sie 
verschwistert oder wenigstens miteinander nahe verwandt. 
Burkhard von Worms nennt die drei „Parzen", deren 
Bewirtung er tadelt, Schwestern, Saxo erzählt von drei 
schicksalbestimmenden Schwestemnymphen, der Engländer 
kennt drei Weirdsisters, der Friese drei Weiber, der Nieder- 
sachse drei weiße Jungfern, der Süddeutsche, insbesondere 
der Bayer, drei Schwestern, Basen, Muhmen, Jungfern o^&c 
auch drei Heilrätinnen. Wie die Disir, die nicht nur Wal- 
küren, sondern auch Nomen bezeichnen, weiß oder schwarz 
sind, ist auch die der Urdr gleiche Hei halb schwarz, halb 
menschenfarbig, und von den drei bayrischen Heilrätinnen, 
deren eine Hel{d) heißt, ist die eine weiß, die andere halb 
weiß, halb schwarz und die dritte schwarz. Dem heiteren 
Geburtstage gebührt die weiße, dem freudevollen, aber 
auch mühevollen Hochstande des Lebens die gemischte 
und der ernsten Todesstimde die schwarze Farbe itires 
Gewandes, Einfluß geübt haben mag auf diese Verteilung 
auch die Verschiedenheit der älteren Elfinnen, die, je nach 
der Wolkenfarbe, in der sie erschienen, bald licht imd 
freundlich, bald finster und feindseüg waren, bald zwischen 
beiden in der Mitte schwebten. So wurde im indischen 
Weda die leise aufdämmemde, dann voll prangende imd 
wieder dahinschwindende Göttin der Morgenröte in den 



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VI. Die hdheren Dämonen. 253 

drei Formen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft 
aufgeführt. Namentlich mit den Wolken- und QueUelfinnen 
zeigen die Nomen nahe Verwandtschaft. Der Schotte 
kannte sogar Weirdelves, die Nome Skuld ist Tochter 
einer Alfin und ist von Alfen und Nomen umgeben. Saxo 
nennt die Nomen Nymphen, und die bayrischen drei 
Schwestern sind auch Wasserjungfern und Meerfräulein. 
Gleich deutschen Nixen, weißen und wilden Frauen, spinnen, 
flechten, singen, weissagen jene drei Schwestern, und die 
nordischen Nomen sind auch Schwäne und Schwanjung- 
frauen. Die drei süddeutschen Schwestern haben wie die 
Wirbelwindsbräute (S. 164) einen Gürtel, der, vom Menschen 
lungelegt, ihm den Leib zerreißt. Wenn die Schicksals- 
frauen andrerseits in der Völuspa drei übermächtige 
Riesenmädchen heißen und Urd vereinzelt als schwarz- 
gekleidete Riesin auftritt, so kommt darin ebenfalls ihre 
Herkunft von alteren Naturdämonen, aber auch die Gewalt 
ihres erhabenen Berufs zum Ausdruck. Dann wieder 
stammen sie von Äsen, Alfen und Zwergen ab, je nach 
ihrem Charakter und dem Gebiete ihrer Tätigkeit. Doch 
scheinen sie keine Macht Über der Götter Dasein zu haben, 
und ihr Erscheinen nach der Menschenschöpfung in der 
Völuspa hat den Zweck, den Menschen das Schicksal zu 
bestimmen. 

In der Nomenschilderung der beiden Edda's mischt 
sich Uraltes und Neueres. Die drei Nornen sitzen am 
Urdarbrunnen unter der immergrünen Eiche Yggdrasil, 
dem Wolkenbaum (S. 144). den sie (tägUch) mit glänzendem 
Naß begießen. Von da fällt der Tau in die Täler herab. 
(Zwei Schwane schwimmen auf dem Brunnen.) In diese 
alte Wolkenscenerie, in der man die stille Badestelle der 
Schwanjungfrauen wiedererkennt, dringt mm der Gedanke 
eines höheren Berufes. Aus dem Saal oder, nach anderer 
Lesart, dem See unter dem Baum kamen die vielwissen- 
den Mädchen Urdr, Verdandi — sie schnitten in ein Holz- 
stUck (den Schicksalsspruch) — imd Skuld. Sie bestimmten 
das Gesetz, sie erkoren das Leben den Menschenkindern, das 



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254 VI. Die höheren Dämonen. 

Schicksal der Männer. Und nun beginnt in der Völuspa 
sieb das Weltenscbicksal zu entrollen. Ruhig walten die 
Nomen ihres hoben Amtes. Eine ahnlich großartige Land- 
schaft tut sich hinter ihnen bei des vornehmsten echt 
nordischen Helden Helgi Geburt auf. Da schrieen die Adler, 
und heilige Wasser strömten von himmelhohen Bergen. 
Kräftig wanden sie die Schicksalsfäden imter burgen- 
brechendem Sturm. So ktlnden sie noch wie mit Naturkraft 
ein leidenschaftliches kurzes Kampfleben an. 

Wie die drei Nomen, wohnen die drei bayrischen 
Schwestern an einem Bmnnen oder See, schwimmen als Enten 
darauf, singen und jammern vor großen Ereignissen. An 
ihrem Rastort, der „Jungfemrast" bei Meransen, hoch oben in 
den Alpen, entsprang ein heiliger Baum und ein Brtlnnlein. 
Von da spenden sie Regen, weshalb man bei Dürre noch im 
19. Jahrhundert sieben bis acht stundenweite Wallfahrten 
dorthin machte. Wie die Nomen das Schiiksalsseil drehen 
und auswickeln, so spinnen die bayrischen Schwestern, 
hängen Wäsche auf und spannen ein Seil von einem Bei^ 
zum andern, um gutes oder schlechtes Wetter anzuzeigen. 
Wird ihrer eine verwundet, so bricht ein Unwetter los. 

Jene blaß abstrakten Einzelnamen der drei nordischen 
Nomen: Urdr, Verdandi und Skuld, die offenbar das Ge- 
wordene oder die Vergangenheit, das Werdende oder die 
Gegenwart und das Gesollte oder die Zukunft bedeuten 
sollen, sind stark verdächtig, den spätlateinischen Parzen- 
namen Praeteritum, Praesens und Futurum nachgebildet zu 
sein. Von echterem Klange sind die allerdings auch wenig 
frisch sinnlichen Namen der drei süddeutschen Schwestern 
Einbet, Wilbet und Werbet, die wohl von Bitten in der 
alten Bedeutung des Gebietens und Befehlens herzuleiten 
sind. So wird auch das entsprechende nordische Bidja das 
Befehlen, Bestimmen als eine Haupttatigkeit der Nomen 
hervorgehoben. Dann wäre Einbet die in ihrer Art einzige 
Schicksalsbestimmerin, die oberste Bestimmerin, Wilbet, die 
des Gewollten, des Erwünschten, Werbet, die der Wirren, 
der Wechsel des Lebens. 



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VI. Die hOberen DBmonen. äüö 

Diese drei heidnischen Schwestern wurden nicht nur 
in den Heiligenstand erhoben, sondern auch an manchen 
Orten alle drei oder ihrer zwei durch Heilige ersetzt. Sie 
heißen dann St. Einbet, St. Werbet, St. Wilbet; von denen 
die erste bei Freiburg i. B. auch allein eine Kapelle hatte. 
Auf dem Kapellenberg bei Gengenbach aber, dem Platz 
eines alten Römerkastells, wurde der Einbet und den 
beiden christlichen Märtyrerinnen St. Perpetua und St, Fe- 
licitas eine Kapelle gebaut, und im Jülichschen und im 
Elsaß sogar Fides, Spes und Caritas an ihre Stelle gesetzt. 
Sie wurden auch dem Heere der 1 1 000 heiligen Jungfrauen 
eingereiht. Die Bayern verehrten die drei Schwestern in 
unterirdischen Gängen und Höhlen, „steinernen Stuben", 
imd an heilkraftigen Brunnen bis in die Brixener Gegend, 
die Alemannen bei dem Dreischwesterbrunnen auf dem 
Rigi und an den Hängen des Schwarzwalds und noch über 
dem Rhein, die Franken vorzugsweise im niederrheinischen 
Jtllichgaue. Saxo weist den nordischen drei Schwestern 
einen Tempel mit drei Sitzen an. 

Die deutschen imd die nordischen Schicksalsfrauen 
stimmen nicht nur in ihrem Naturleben, sondern auch in 
ihrem Berufsleben überein. Jene wie diese „schaffen" oder 
„schepfen" d. h. verhängen, oder „bitten" im Sinne von 
befehlen, bestimmen, oder „raten" d. h. entscheiden das 
Schicksal. Die guten Nomen schaffen Glück und Ehre, die 
bösen Freud- imd Ruhmlosigkeit. Sie richten und weisen 
und weissagen schon bei seiner Geburt des Menschen Los, 
das die beiden ersten, wie es nach der Völuspa scheint, 
auf ein Holz einkerben. Darum hieß auch im Angelsäch- 
sischen der Schicksalsbeschluß Schicksalsbuchstabe Vyrdstaf. 
Ihrem unwiderruflichen Wahrspruch, heißt es, kann niemand 
widerstehen oder „Niemand lebt nur noch einen Abend, weim 
er ihren Spruch vernommen hat". Es bricht hier das Ge- 
fühl des Unabwendbaren durch, das mit unerschrockenem 
Fatalismus die Helden des germanischen Südens wie die 
des Nordens durchdringt und noch in der neueren islandischen 
Alfensage so ergreifend zum Ausdruck kommt (S. 190). 



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£6 VI. Die höheren DtLmoQea. 

Nach Burkhard von Worms um 1000 bestimmen drei 
Schwestern das Schicksal des Menschen bei seiner Geburt 
und können ihnen dabei die Fähigkeit verleihen, sich in 
einen Werwolf zu verwandeln. Nach Saxo befragte König 
Fridlev nach feierUchen Gelübden drei auf Stühlen sitzende 
Nymphen in ihrem Tempel um die Zukunft seines Sohns. 
Die zwei ersten verhießen ihm Reichtum und Glück, die dritte 
aber Geiz. Der antiken Meleagersage scheint die vielleicht 
nur scheinnordische Nomagestssage zu entsprechen, in der 
zwei Nomen dem Kinde Glück verkünden, die dritte dagegen 
nur das kurze Leben einer neben ihm brennenden Kerze. 
Die wird nun rasch gelöscht, um ihre schnelle Aufzehrung 
zu verhindern, gerade wie der Feuerbrand des Herdes bei 
Meleagers Schicksalsoffenbarung. Auch die deutschen drei 
Schwestern stimmen keineswegs immer in ihrem Ausspruch 
überein, die zwei weißen haben meistens die gleiche Ge- 
sinnung, während die dritte sich oft nicht in den Willen 
der andern fügen will. So galten auch ihrer zwei für blind 
und wurden von der dritten übervorteilt. 

Aber nicht nur durch Spruch oder Schrift fällen sie ihr 
Urteil, sie spinnen auch das Leben des Menschen an, 
spinnen es weiter, spinnen es ab, Sie wirken sein Lebens- 
gewebe oder flechten ein Seil, bis die eine es zerreißt. 
Klar drückt dies ein Minnesinger des 13. Jahrhunderts, der 
Mamer, aus: „Zwei Schepfen flochten mir ein Seil, dabei 
die dritte saß; die zerbrach's zu meinem Unheil". Unklarer 
ist das erste Helgilied. Die für Helgi kräftig gewundenen 
Schicksalsfäden waren goldene Seile, die die Nomen aus- 
einander wickelten und unter dem Himmel befestigten. 
Ihre Enden bargen sie im Osten und Westen, zwischen 
denen sein Land in der Mitte lag. Eine Kette aber warf 
eine Nome nordwärts und befahl ihr, immer zu halten. 
Bedeutet das: Weit soll Helgi's strahlender Ruhm sich aus- 
breiten und sein Andenken im Norden ew^ dauern? 

Die Nomen der Geburt sind Nothelferinnen, schon in 
der Liederedda Naudgönglur, die die Mutter vom neu- 
geborenen Kinde lösen. So spinnen die zwei guten 



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VI. Di« hOhtren Dainonen. S57 

bayerischen Heilrätinnen Leinen für die Wöchnerin, die 
sich darauf legt, um leichter zu gebaren, und die drei 
Jungfern von Schildtum, denen 1237 eine Kapelle geweiht 
wurde, beförderten glückliche Entbindung. Darum erschienen 
die Nomen, wie die drei deutschen Schwestern des Mittel- 
alters imd die neuisiandischen Blakapur oder Schwarzmantel, 
bei der Geburt im Hause des Neugeborenen und wurden 
hier bewirtet. Die „Nornengrütse" , wahrscheinlich die 
behebteste mit Honig durchsüßte Grütze, die erste Speise 
der faröerschen Kindbetterin, ist wohl als Nomenopfer zu 
betrachten. Auch das Zuckerwerk, das noch in Deutschland 
und Holland das Neugeborene seinen Geschwistern mit- 
bringt, mag ursprünglich für die Schicksalsfrauen bestimmt 
gewesen sein. Denn Burkhard von Worms erwähnt die volle 
Zurüstimg eines Tisches mit Speis und Trank und drei 
Messern für die drei Schwestern, Aber sie fand nicht am Ge- 
bmtstag, sondern zu Neujahr statt, war also übertragen auf 
die Zeit, in der man im Orient und darnach im Abendlande 
den Tisch des Glücks mit Speisen und Getranken versah. 
Die Gabe, ein Geldstück oder eine Peitsche oder ein 
Kochlöffel, die man noch hie und da in Deutschland zu 
guter Vorbedeutimg ins erste Kindsbad beschert oder dem 
Kinde ins Händchen steckt, wird fiilher als Gabe der 
Schicksalsfrauen gedacht worden sein, wie es der imten 
erwähnte griechische Brauch ausdrückt. Die deutschen 
Schicksalsfrauen wurden wahrscheinlich auch mit einem 
Liede begrüßt, das in modemer Form noch über der Wiege 
manches Bauemkmdes gesungen wird: 

„In N. N. steht ein goldnes Haus, 

Da schauen drei JungferU (MarieU) heraus. 

Eine windet Seide, 

Die andere schnitzelt Kreide, 

Die dritte schneidet Haferstroh, 

Behüt mir Gott mein Kindlein auch!" 
Hoffnimgsvoll beginnt das Leben mit dem Winden der 
st^önen Seide, setzt sich fort in dem imklaren, wahr- 
scheinhch verderbten Kreideschnitzeln und endet mit dem 

Hey«t, E. H., Cumu. Mythologie. 17 



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258 VI. Die höheren Dämonen. 

Schneiden des dürren Strohes, eines Symbols des Todes. 
Freundlicher heißt es auch von der letzten Jungfer: „Die 
dritte macht's heilig Tor auf", sie Offnet also den Himmel. 
— Weiße Fleckchen auf den Fingernägeln, die noch heute 
nach deutschem Aberglauben Glück bedeuten, gelten auf 
den Fai-öem für „Nomenspuren". 

Die altnordischen Nornen gössen Naß auf den Wol- 
kenbaum, von dem Tau auf die Erde herabfallt. Auch 
die bayerischen drei Schwestern begünstigten nicht nur 
die Fruchtbarkeit der Weiber, sondern auch die der 
Felder, weshalb bei Dürre die Tiroler mühsam über Berg 
und Tal zu ihnen hoch nach Meransen hinauf wallfahrten. 
An den drei ersten Märzdonnerstagen verehrt man zu 
Lützkampen im Kreise Prüm die drei in Holz geschnitzten 
Fides, Spes und Caritas, vielleicht weil man dann die 
ersten Pfluggänge machte; in Frauweiler bei Bedburg 
wurde der Einbett, Willbett und Warbett am 1. August 
d. h. am Schluß der Getreideernte das Dreijungfernfest 
gefeiert, und den süddeutschen drei Heilrätinnen opferte 
man drei schwarze Pfennige oder auch vor der Ernte drei 
stehende Ähren, die man mit weißer Seide zusammenband 
und die dann ein Kind imter sieben Jahren auf das Feld 
legte. Auch scheinen sie Ehestifterinnen zu sein, denn die 
drei wilde» Frauen vom Staufen bei Reichenhall, zwei 
weiß und die eine halb schwarz, halb weiß, kamen nicht 
nur nach der Geburt ins Haus und sangen, dem Kinde zum 
Glück, sondern sie kamen auch zur Hochzeit. So erschienen 
früher auch auf märkischen Hochzeiten drei Feien oder 
als Frauen verkleidete Maschkers. Von der Botenlaube, 
einer Burg bei Kissingen, stellten sich die drei Schwestern, 
in denselben Farben wie jene Staufer Frauen, bei Kinds- 
taufen, Hochzeiten imd Begräbnissen ein. 

Ist der Nomen Spruch ergangen, so lebt niemand niu- 
einen Abend, Der Urdarmäni, der Mond der Nome Urd, 
ein halbmondförmiger Schein, bewegt sich an der Wand 
eines Hauses und bedeutet großes Sterben; ebenso wie das 
westfälische Quädlecht an der Wand den Tod eines Haus- 



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VI. Di« böberen Dämonen. 2Ö0 

bewohners ankündigt. Namentlich Urd, Wurd oder Wyrd 
führt den Tod durch ihren Eingriff herbei, und Ainbet 
wird als ein mörderisches Biu-gfräulein geschildert. Wie 
diese zur Helä oder Rachel d. h. zur rächenden Hei, der 
Unterweltsgöttin, wird, berührt sich auch Urd nahe mit der 
nordischen Het. Hei bezeichnete ursprünglich das Grab, 
weiterhin das Totenhaus und endlich die Herrscherin des- 
selben. Sie ist halb schwarz, halb menschenfarbig oder 
ganz schwarz ; sie hat ein Seil und einen Hund gerade wie 
die bayerische Held; sie nimmt nach der älteren nordischen 
Auffassung und der Volkssage alle Toten auf, nach der 
späteren nur die nicht im Kampf Gefallenen oder gar nur 
die Schlechten. Aber auch den getöteten Gott Balder 
erwartet die Hei in einem hohen geschmückten Hause, im 
Saale Eljudnir, mif Met imd Goldschmuck der Dielen. Auf 
dem Heiweg kommt man über den Totenfluß zur Heigrind, 
zum Höllengitter. Aus Näsheim, dem Totenheim, reitet ein 
großes Weib auf grauem Hengst, an dessen Schwanz ein 
Mann fortgeschleppt wird zur Strafe für seine Schlechtig- 
keit. In Dänemark geht ein Seuchen ankündigender Hei 
als dreibeiniger Heihengst um, der an den männlichen 
reitenden Tod der Apocalypse erinnert. In Bayern erscheint 
dieses gespenstische Todesroß allein oder mit den drei 
Schicksalsschwestem. 

Der Dreischwesterglaube ist nicht schon in der indo- 
germanischen Gemeinschaft entstanden, er scheint auf die 
europäischen Indogermanen beschränlrt. Die Schicksals- 
frauen sind nicht gleich den Gestalten der niederen Mytho- 
logie psychologische Urphänomene, sie sind Geistes- 
erzeugnisse einer schon späteren Kultiu- in Europa, die mit 
der der asiatischen Arier, der Tränier und Inder, nicht 
mehr in genauem Verbände stand. 

Schon in der homerischen Dichtung tritt eine einzige 
Schicksalsfrau oder mehrere, meist drei, auf, eine Moira 
oder drei Moiren, wie im germanischen Glauben eine Urd- 
Wurt oder drei Urdir. Die Moiren sind schon damals 
Klothes, Spinnerinnen, deren erste bei der Geburt eines 

17* 



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260 VI. Die hSheren DOmoDen. 

Menschen den Lebensfaden anspinnt, während die beiden 
anderen ihn weiter- und abspinnen, oder die letzte ihn 
zerreißt oder nach römischer Anschauung abschneidet, 
sowie die germanischen spinnen, winden, weben und ein 
Seil drehen und zerreißen. Nach hellenistischein und neu- 
griechischem Glauben spinnt nur eine, die andere zieht von 
drei Losstäbchen eins hervor, die dritte schreibt den 
Schicksalsspruch auf ein Täfelchen oder in ein Buch. So 
kannte der Angelsachse ein Vyrdstäf, ein Losstäbchen 
der Vyrd, und zwei der nordischen Nomen schnitten den 
Schicksalsspruch in ein Holz ein. Unwiderruflich ist der 
griechischen wie der germanischen drei Frauen Beschluß. 
Noch vor Kurzem riefen schwangere athenische Frauen 
die Hilfe der Moiren an und rieben sich dabei an einem 
Felsen bei der Quelle Kaiirrhot!, und so breiteten ja auch 
die bayerischen Heilrätinnen ihr Leintuch hilfreich den Ge- 
bärenden unter. Die antiken Moiren wurden auch bei 
Geburten angefleht und in Sikyon alljährlich mit trächt^en 
Schafen, Honigwasser und Blumen beschenkt. Die neu- 
griechischen Moiren, die in der dritten Nacht nach der 
Geburt erscheinen, werden im sorgsam gesäuberten Hause 
mit einem Teller Honig, Zuckerwerk und drei Gläsern 
Wasser, drei Löffelchen und drei Handtüchern empfangen. 
Auf Corfu legt man für sie neben den Neugeborenen 
außer Brot und Zuckerwerk auch Gold. Ähnlich wurden 
die germanischen Schicksalsfrauen bewirtet und beschenkt 
und ähnliche Gaben, Zuckerwerk und Geld, auch neben 
das deutsche Kind gelegt. Und, um das gleich anzuführen, 
auch den bretonischen Feen wurde eine reich besetzte 
Tafel mit drei Gedecken bereitet, um sie dem Nei^eborenen 
günstig zu stimmen. Nehmen und Geben gehen in diesem 
Verkehr hin und her; die Gaben sind bald mehr für die 
Überirdischen Weiber, bald mehr für das neue schwache 
Erdenkind bestimmt. Die griechischen Drei sind nicht 
immer einig in ihrem Verhalten gegen das neue Leben; 
öfter hadern sie vor ihrem endgültigen Schicksalsspruch 
unter einander. So zanken auch häufig die nordischen 



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VI Die höhereo DBmonen, 261 

Nomen und die bayerischen Schwestern. Kleine Blütchen 
auf der Nase des neugeborenen Kindes gelten in Neu- 
griechenland für Schriftzeichen der Moiren; weiße Tupfen 
auf den Fingernägeln, „das Blühen der Nägel", im Norden 
für Nomenspuren. Die von der deutschen Mutter an der 
Wiege ihres Kindes begrtlßten drei Jungfern schauen aus 
einem goldenen Haus; die Moiren wohnen auf dem Gipfel 
des Olympes oder am Ende der Welt in einem Palast mit 
herrlichem Garten. Die drei wilden Frauen vom Reichen- 
haller Staufen singen das Hochzeitslied, wie die drei Moiren 
bei der Vermählung des Zeus mit der Hera und der des 
Peleus mit der Thetis. Wie Wurt und die TodesgOttin Hei 
sich bertlhren, so wirken schon in der Ilias Moira und die 
beiden Todesgottheiten Thjmatos und Ker kameradschaft- 
lich zusammen, und der neugriechische Todesgott Charos 
auf seinem Pferde, der die Moiren vom Gebiete des Todes 
zurückgedrängt hat, erinnert an den germanischen Hei- 
hengst, der die Stelle der Todesnome einnimmt. Fel^rotten 
imd unterirdische Gänge waren in Griechenland wie in 
Bayem die Lieblingskultstätten der Schicksalsfrauen. 

Die auffallende Übereinstimmung der Grundzüge des 
germanischen Nomenglaubens mit denen des griechischen 
Moirenglaubens, die auch bei den Slaven imd Kelten 
wiederkehren, darf nicht auf Entlehnung zurückgeführt 
werden, sondern ist aus alter ReUgionsgemeinschaft zu 
erklären. Aus dieser heraus entwickelte dann nach der 
Trennung jedes Volk für sich einzelne besondere, meist 
aber dann auch noch ähnliche Züge. Die Gesamtbenennung 
dieser mythischen Wesensgmppe scheint sich erst später 
befestigt zu haben und ist darum überall eine abweichende, 
imd so auch die Benennung der einzelnen drei Gestalten. 
Die einzige Übereinstimmung auch in den Namen, die 
zwischen den römischen Parzen und den nordischen Nomen 
besteht, ist dagegen mehr gelehrten Charakters. Schon in 
Piatos Republik erscheinen die Moiren als Zeitgottheiten, 
welche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft singen. 
Aber nach den Zeiten benannt sind erst bei Isidor die drei 



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aeS VI. Die höheren Dümonen. 

spatlateinischen Parzen Praeteritum, Praesens und Futurum, 
denen dann wieder in der Völuspa die Namen der drei 
Nomen Urdr, Verdandi und Skuld nachgebildet worden 
sind. Dagegen mag die Doppelfarbigkeit der drei bald 
weißen, bald schwarzen deutschen Schwestern und der 
römischen bald weißen, bald schwarzen Parzen in Bayern, 
wie in Rom aus ihrem zwiespältigen Wesen selbständig 
sich ergeben haben. 

Wie die griechischen imd germanischen Schicksals- 
frauen spinnen die Parzen, singen bei der Geburt, xmd ihrer 
eine, namens Scribunda, trägt den Schicksalsspruch ein 
und zwar in ein Buch; neu ist ihr Name „Mütter", der 
vereinzelt dem Parzennamen vorgesetzt wird. Da wirkten 
wahrscheinlich die drei Matres oder Matronae herüber, 
denen in den Rheinlanden Hunderte von Steinen mit In- 
schriften und auch Bildnissen geweiht worden sind. Sie 
waren aber keine Schicksalsgottheiten, sondern keltische 
Ort^ottheilen wohl ausschließlich der Fruchtbarkeit, die 
dann auch von den angrenzenden Germanen übernommen 
wurden. Sie wurden dargestellt als mütterliche Frauen, die 
nebeneinander sitzend den Segen der Erde in Körben auf 
ihrem Schöße halten. 

Die Schicksalsfrauen bestimmten zwar des Menschen 
Lebenslauf, aber sie verfolgten diesen nur von ferne, sie 
begleiteten ihn nicht. Fast nur bei Geburten und etwa 
noch bei Hochzeiten und Sterbefällen traten sie in die 
Häuser. Doch der Mensch hatte auch seinen persönlichen 
Begleiter, der ihm auf all seinen Wegen folgte , einen 
Schutzgeist, Das war in Griechenland der Daimon oder 
auch Heros, in Rom der Genius der Männer imd die Juno 
der Frauen, im germanischen Norden aber — denn in 
Deutschland ist sie nicht erkennbar — die Fylgja oder 
Fylgjukona die Folgerin, Folgefrau. Mit ihr fällt oft zu- 
sammen die Hamingja, die wohl von dem Ham d. h, der 
zarten Glückshaube des Neugeborenen, die für ihren Sitz 
galt, ihren Namen hat. Beide unterschieden sich aber 
dadurch, daß die Fylgja nicht immer zuverlässig schützte 



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VI. Die höheren DSmoDen. 263 

und nicht immer Glück brachte, während die Hamingja 
ursprüngUch mehr einer freundlichen Fortuna glich, die 
man sogar einem Andern mit auf den Weg gab. 

Bei den Griechen, Römern und Nordgermanen hat sich 
der Schutzgeist aus der Vorstellung der Seele des Menschen 
entwickelt, darum teilt er einige merkwürd^e Eigenschaften 
mit ihr. Er wird dem Menschen namentlich sichtbar im 
Traiune und dicht vor dessen Tode, d. h. dann, wenn sich 
die Seele vom Menschen löst ; sein Erscheinen kündet ihm 
also auch, wie das der Seele, den Tod an. Er nimmt dabei, 
wie sie, entweder Tier- oder auch Menschenform an und 
zwar von den Tierformen, ebenfalls wie sie, namentlich die 
der Hausschlange oder eine dem Charakter seines Schütz- 
lings entsprechende Tierform. Der griechische Heros zeigt 
sich bald als Schlange, bald als Wolf; ein dem Genius 
geweihter römischer Altar wird als von einer Schlange 
umwunden dargestellt. Da wir im Norden fast nur von 
den Lebensläufen vornehmer und kriegerischer Männer 
hören, tritt die Hausschlange zurück. Aber im Traum 
rennen die „Hugir" die Seelen starker Manner als Bären 
und Wölfe heran und schweben als Adler, Raben, Schwäne 
und fantastische Tiere vorüber. Des Helden Bjarki Fylgja 
kämpft, während er noch im Zelte schlummert, schon 
draußen als Bar, der aber beim Erscheinen des Erwachten 
in der Schlacht sofort verschwindet. Scherzhaft behauptete 
ein Alter, der sein Enkelkind fallen sah, es wäre über einen 
Bären, seine Fylgja, gestolpert. Wie oft künden sich in 
den Sagen Personen und ihre Schicksale durch ihre Fylgjen 
in der Gestalt heldenhafter Tiere an! Jedoch Thord, ein 
zum Hause Njals gehöriger Freigelassener, sah vor seinem 
Tode seine Fylgja als ein bloßes Haustier, einen Geißbock, 
blutig in einer Pfütze liegen; ein im Traum eines andern 
erschienener roter Hengst wurde auch als Fylgja gedeutet, 
die einen gewaltsamen Tod ankündige. 

Die reifste Form des nordischen Schutzgeistes, die 
weibhche, hat sich am entschlossensten von den alten 
Seelenvorstellungen losgesagt. Sie übertrifft die des antiken 



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S64 VI. Die hehcieo Dämonen. 

Schutzgeistes an Freiheit und plastischer Deutlichkeit, sowie 
an Tiefe des Ausdrucks für das Verhältnis des Menschen 
zu seinem besseren Selbst. Wahrend die Griechen und 
überwiegend auch die Römer sich ihn als män/ilich dachten, 
faßten die Nordleute, denen ihr Weib eine irdische Lebens- 
gefährtin war, auch diese überirdische Geleitschaft als eine 
Frau, eine übermenschUche D/s {S. 252) auf. So hatte denn 
auch ursprüngüch jeder nur eine Fylgja, die geheim neben 
ihm waltete; denn sie wurde in der Regel von Andern als 
etwa Geistersichtigen oder Hellsehern (spämadr) nicht 
erblickt, selbst von ihrem Schützling, wie bemerkt, nur im 
Traume, oder dicht vor seinem Tode. Aber indem sie ihm 
vor dem Kampfe Mut einflößte oder eine Wamimg gab, 
schloß sie sich dicht an ihn an, weshalb sie auch einmal 
mit einer aufhockenden Mare verglichen wurde. Doch 
auch ganz anders trat sie auf. Der zwischen Heiden- und 
Christenglauben schwankende Hallfred Vandraedaskald sah 
sie, als er auf einer Seefahrt im Sterben war, als walküren- 
haft gepanzertes Weib über die Wogen auf sein Schiff 
zuschreiten. Einem Andern, der eines gewaltsamen Todes 
sterben sollte, erschien sie blutbefleckt, als wäre sie schon 
von seinem Blute angespritzt. Am ergreifendsten weiß die 
dänische Volksballade vom Erik Glipping, der im Jahr 1286 
ermordet wurde, den schmerzlichen Abschied von ihr und 
aller Lebenslust zu schildern : Der auf der Jagd verirrte 
König fand seine Fylgja in einem Waldhaus als schönste 
Jungfrau, und wie er sie umarmte, schwand sie ihm unter 
den Händen, und er stand wieder in dichtem Gestrüpp, 
einem schmählichen Tode verfallen. 

Unter den Seelen ist die angesehenste die des Famihen- 
haupts, des Ahnen oder vielleicht der Ahnin; sie bleibt 
wirksam über mehrere Generationen hinaus. So erweiterte 
sich dem entsprechend der persönliche Daimon und Genius 
der Alten zum Schutzgeist der ganzen FamiUe, so wurde 
die Fylgja des Einzelmenschen die Mannsfyigja zur Kyn- 
und Aettarfylgja zum Geschlechtsschutzgeist. Diese Fylgja 
oder Hamingja wandte sich beim Tode ihres ersten Schütz- 



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VI. Die höheren DSmonen. 265 

Ungs oder auch schon dicht vorher einem anderen jüngeren, 
nächst verwandten Familienmitgliede zu. Der Held Helgi, 
Hjörvards Sohn, ahnte seinen baldigen Tod, weil er be- 
merkte, wie seine Fylgja, auf einem schlangengezäumten 
Wolf reitend, bereits seinen Bruder Hedin aufgesucht hatte. 
Als jener Skalde Hallfred sich im Sterben von seiner 
walkürenhaften Fylgjukona lossagte, fragte sie seinen 
Bruder: „Willst du mich nehmen?", und als dieser sich 
dessen weigerte, erklärte sich Hallfreds Sohn dazu bereit, 
und alsbald verschwand sie. Vigaglum träumte, er ginge 
einer übers Meer auf ihn zureitenden Frau entgegen, die 
mit ihren Schultern die Felsen des Fjords überragte. Er 
hielt sie für die Hamingja seines vermutlich verstorbenen 
Großvaters V^tus, die nun beim Enkel Unterkunft suchte. 
In der Vatnsdaelasaga schützt die Hamingja eines Mannes 
auch schon dessen Söhne bei dessen Leibzeiten und „folgt" 
auch anderen Verwandten. 

Der dehnbare Begriff der Fylgja, Hamingja, Dis ver- 
flüchtigt sich mehr und mehr, wenn sie in einer Mehrzahl 
den Menschen umgeben. Der Römer duldete solche unlo- 
gische Vervielfachung des Genius nicht, obgleich er in der 
augusteischen Zeit wohl die Schattenseele eines Einzelnen 
durch den Plural „umbrae" wiedergab. Auch der Grieche 
hielt am Einzeldämon fest, doch wechselte der Mensch 
wohl mit seinem Dämon, sei's daß, wie bei Pindar, ein 
böser Schutzgeist einen guten verdrängte, sei's daß, wie 
bei Euripides, der alte Dämon sich bei seinem Schützling 
langweilte und gern einem anderen Platz machte. Aber 
die Nordleute kannten ganze Gesellschaften von Schutz- 
geistem, die sich freilich zunächst wohl auflösen, um sich 
einzeln an einzelne Menschen zu heften. In den Vafthrud- 
nismal reiten drei Scharen kluger Riesenmädchen herbei, 
um nach dem Weltbrand den Erdbewohnern nur Hamingjen 
zu werden, nur Glück zu spenden. So wendet sich durch 
sie alles zum Besten zu guter Letzt. Jedoch hat nun weiter- 
hin auch der Einzelne mehrere Schutzgeister, der eine 
große, starke, der andere kleine, schwache, die beim Zu- 



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266 VI. Die hOheien Dämonen. 

sammenprall jenen nicht widerstehen können. Auch ver- 
lassen die Disir wohl ihren Schützling und sterben kraftlos 
ab, dann erscheinen sie ihm im Traume als tote Weiber. 
Bei der Geburt wendet man nach Sigrdrifum, 9 nicht niu" 
„Bergenmen" an, um den Kreisenden zu helfen, sondern 
man bittet auch die Disir um ihren Beistand. Die guten, 
machtigen Disir verbreiten Licht über ihren Schützling. 
So sah ein finnischer Seher um Kön^ Olaf Tryggvasons 
Haupt leuchtende „Götter" schweben, deren Nähe er nicht 
ertragen konnte. 

Ein neues Motiv brachte wohl erst das aufsteigende 
Christentum, es schied die Fylgjen eines und desselben 
Mannes in zwei Parteien, die sich ihren Schützling streit^ 
machten, wie sich um die Christenseele böse imd gute 
Geister streiten. Der Isländer Thidrandi sah in einer mond- 
hellen Nacht vor der Türe seines väterüchen Hauses neun 
schwarz gekleidete Disir mit gezogenen Schwertern von 
Norden heranreiten, neun lichte von Süden her. Von jenen 
wurde er auf den Tod verwundet. Es waren die heid- 
nischen Fylgjen des Geschlechts, die vor der Bekehrung 
desselben ein Opfer, ihr Disablöt (S. 270), verlangten. Die 
weißen waren die christlichen Schutzengel. Bald darauf 
landete der erste Missionar, Thangbrand, auf der Insel, und 
Thidrandis Vater ließ sich mit seinem „Heimvolk" taufen 
und zwar gegen das Versprechen, daß der Erzengel Michael 
sein Fylgjuengil würde. So mündete der alte Glaube fried- 
lich in den neuen. 

Es gibt nur schwache Spuren eines ahnlichen Glaubens 
in Deutschland; denn eine unsichere ist doch die Bezeich- 
nung des Todestags als „Folgedach" bei den Wurster 
Friesen. Dagegen entwickelte sich aus einer anderen Seelen- 
vorstellung, dem Schatten (S. 74), bei den Südgermanen 
wie bei den Neugriechen etwas Vergleichbares. Die letz- 
leren netmen sogar den persönlichen Schutzgeist Iskios 
d. h. Schatten, und vielleicht denkt der Norweger, weim 
er hinter dem scheidenden Gaste nochmals die Türe öffnet, 
damit dessen Fölgie nachkommen könne, an den Schatten, 



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VI. Die höhereD Dimonen. 367 

der durch das Schließen der Türe einen Augenblick ab- 
geklenunt erscheint Der Schatten folgt dem Menschen wie 
ein anderes Ich überall hin, wo Sonne und Mond auf seinen 
Weg scheinen und ein Feuer oder Licht ihn beleuchtet 
Er gleicht somit der Seele, die sich vor oder bei dem Tode 
als Schatten vom Menschen löst oder als schattenhaftes 
Tierlein davonhuscht. Daher knüpfen sich noch heute an 
die Erscheinungen des Schattens Todesgedanken, wie im 
Alterttun an die Erscheinungen der Seele und des Schutz- 
geistes. In Bayern muß sterben, wer am Weihnachtsabend 
seinen Schatten doppelt d. h, zu seinem natürlichen Schatten 
noch seinen schattenförmigen Schutzgeist sieht. Anderswo 
in Deutschland und in der Schweiz ist dem der Tod nahe, 
der in dieser entscheidenden Zeit, in der auch Helgi von 
seinem Schutzgeist verlassen wird (S. 2fö), einen kopflosen 
oder gar keinen Schatten hat. Da schwindet der Schutz- 
geist allmählich hin oder ist schon auf und davon. Wer 
binnen Jahresfrist sterben soll, sitzt auch in Schweden zur 
Julzeit am Jultisch mit einem doppelten oder einem kopf- 
losen Schatten. Dieser Erscheinung des Schattens ist nahe 
verwandt die in Deutschland geglaubte, gleichfalls todan- 
kündende Erscheinung des Doppelgängers, die auch in 
andern germanischen Ländern, auf den Färöem unter den 
Namen Hamferd d, h. Fahrt in eine andere Gestalt, bekannt 
ist und dieselbe Wirkung wie jene hat. 

Die oft kriegerischen Schutzgeister nähern sich bereits 
einer neuen Gruppe von Halbgöttinnen, den altdeutschen 
Idisi imd nordischen Valkyrjur, die auch Disir hießen 
(S. 251). Die Valkyrjur, angelsächs. Välcyrigen sind Ktlre- 
rinnen der in der Schlacht gefallenen Krieger, des sogen. 
Wals; in ihnen atmet die eigentümlich wilde Kampflust der 
Germanen, die während ihres tausendjährigen Erobervmgs- 
zuges nicht niu- die Männer, sondern auch manche Weiber 
ergriff. Schon aus jener Frühzeit, in der unsre Vorfahren 
in die nordostdeutsche Tiefebene einbrachen, mag die nach 
einem römischen Inschriftstein in Tongern verehrte Vihansa 
d. i. Schlachtgöttin stammen, der Schild imd Speer geweiht 



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268 VI. Die hsheren DSmoneii. 

werden, sowie die kölnische Hariasa und die von Ger- 
manen am Hadrianswall verehrte Harimella, offenbare 
Göttinnen des Heers, Tacitus weiß von dem Hain einer 
friesischen Göttin Badtihenna, in dem die aufständischen 
Friesen im Jahre 28 n. Chr. 900 Römer erschlugen. Badu 
aber ist Schlacht. Auch die alten kriegerischen Frauen- 
namen, wie z. B. Brunhild und Helmgimd die Panzer- und 
die Helmstreiterin, waren nicht eitle Phantasienamen, son- 
dern Bezeichnungen überirdischer Frauenideale, denen die 
damit geschmückten irdischen Weiber im wilden Manner- 
kampf nachstrebten. Tacitus schildert die deutsche Frau 
als Genossin der Arbeiten imd Gefahren des Mannes, bereit, 
im Frieden wie im Kriege dasselbe wie er zu ertragen imd 
zu wagen. Es kam vor, daß Frauen die Schlachtreihe ihrer 
wankenden oder fliehenden Manner wiederherstellten. Die 
Römer der späteren Kaiserzeit erstaunten über die wie 
Manner gerüsteten Weiber, die unter den gefangenen Goten 
einherschritten, oder unter den gefallenen Markomannen 
und Quaden auf der Walstatt lagen. Noch über die Völker- 
wanderung hinaus dauerte im Norden diese Kampffreudig- 
keit der Frauen fort. Im 8. imd 9. Jahrhundert zogen nor- 
wegische und dänische Jungfrauen als Schildmadchen 
mit den Wikingern über See, um Sachsen und Iren zu 
schlagen. Kriegsschiffe hießen nach ihnen, und noch kürz- 
lich hat man Grabhügel der jüngeren Eisenzeit bei Aasnes 
und am Nordfjord geöffnet, in denen eine vollbewaffnete 
Frau ruhte, auch zusamt einem Pferde, inmitten eines ver- 
brannten Schiffes. In der berühmten Bravallaschlacht 
kämpften drei fremde Scharen, geführt von drei Schild- 
mädchen, und Lathgertha stritt mit lang herabwallendem 
Haar unter den vordersten Kriegern. Oft werden sie in 
den altnordischen Sagen als übermütig und herrschsüchtig 
geschildert, und sie streben sogar nach Thronen. In den 
dänischen Volksliedern befreit das Weib mit der Waffe 
Bruder oder Bräutigam, verteidigt mit ihr seine eigene 
Ehre, kämpft statt des alten Vaters oder zieht gepanzert 
aus, um seinen Tod zu rächen. Noch 1500 scharten sich 



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VI. Die höheren Dämonen. 269 

die Ditmarschen in der Schlacht von Hemmingsted, noch 
1516 die Wursterfriesen um ein Schildmädchen. 

Solche Heldinnen sah man nun auch in den stürmischen, 
düsteren und wieder leuchtenden Wettererscheinungen; wie 
ja auch die Sturmriesin Skadi im Zorn in voller Rüstung 
gedacht wurde (S. 236), Die nordischen Dichter wurden 
nicht müde, die Schlacht als Wetter der Waffen, Lanzen, 
Schilde oder noch zutreffender als Rauschen, Schauer, 
Sturm und Wind der Walküren zu umschreiben. Vielleicht 
bedeuten schon ihre Namen Skögul und Göndul nichts an- 
deres als Wolkenstreifen und Wolkenballen, jedenfalls die 
Namen Hrist und Mist Sturm und Nebelwolke. Die Wal- 
küre Sigrdrifa, der sieghiifte Schneesturm, schläft in einer 
Brünne, von wetterleuchtender Waberlohe umgeben. Andre 
Walküren reiten unter Blitzen über Land und Meer auf 
Rossen, die befruchtenden Tau oder auch Hagel von den 
Mähnen schütteln. Gunnr und Göndul „rudern" gleich den 
oldenburgischen Walridersken (S. 167), aber so, daß es Blut 
regnet. Dann freuten sich die Krieger, denn ein Blutregen 
galt ihnen wie den Griechen vor Troja als ein Vorzeichen 
mörderischen Kampfes. So werden die Wetterfrauen immer 
mehr zu Schlachtweibem und heißen darum auch Gunnr 
und Hildr die Kämpferin und ähnlich. Sie gehen auch hier, 
wie auf dem elfischen Gebiete, in Waldfrauen über, die 
die Schlachten lenken, unsichtbar mitten im Getümmel sind 
und ihren Freunden heimlich helfen und so auch dem 
dänischen Hother, dem Feinde Balders, eine feste Brünne 
und einen Siegesgürtel schenken. Saxo Grammaticus wun- 
dert sich wiederholt über die Dreistigkeit dieser Mädchen, 
nachts auszureiten, um elften Helden aufzusuchen und zu 
Taten zu reizen. 

Wenn nun der Kampf losbricht, reiten die Walküren 
oder auch Disir, von Adlern und Raben, den gierigen Aas- 
vögeln, umflattert, zu Neunen oder Dreimalneunen oder 
auch zu Sechsen und Sechsen, bewaffnet herab. Alt- 
nordische Sigrmeyjar Siegmädchen oder angelsächsische 
Sigevif Siegweiber walten des Kampfs und des Sieges, 



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270 VI. Die hfiheren Dimoncn. 

treiben Kriegshandwerk, indem sie mitten unter die Krieger 
sprengen, die Gegner durch „Herfjötr" Heerfessel lahmen 
und töten, ihren Schützlingen aber helfen und sie lebend 
oder tot küssen und umarmen. Ein wildes Schlachtschau- 
spiel unter dem wolkcnüberflogenen Himmel des Nordens! 
Ein ahnliches deutsches Bild deutet der mehr als tausend- 
jährige Mersebui^er Zauberspruch an, den Einer zu sprechen 
hat, um aus der Gefangenschaft befreit zu werden : 

„Einst saßen IdisJ, saße;i hier- und dorthin, 

Einige hefteten Hafte, einige hielten das Heer auf, 

Einige klaubten rings alle Fesseln los: 

„Entspring den Haftbanden, entlaufe den Feinden !" 
Die Schlachtweiber also lassen sich an drei Stellen in 
drei Haufen nieder ; der eine fesselt die gefangenen Feinde 
hinter dem Heere der Landsleute, der andere wirft sich 
den Feinden entgegen, und der dritte löst hinter ihrer 
Reihe die Fesseln eines Gefangenen mit einer Zauberformel, 
die ihm Freiheit gibt. In dieser Weise waren auch die 
nordischen Walküren tätig, denn eine heißt Hlöck die Kette 
und eine andere Herfjötr die Heerfessel. Einen imi- 
fassenderen Sinn hat ein angelsächsisches Schlachtgebet 
zu den Siegweibem, das merkwürdigerweise später auf 
die schwärmenden Bienen übertragen wurde: 

„Sitzt, ihr Siegeweiber, kommt zur Erde herab. 

Wollet ja nicht fort in den Wald fliegen! 

O seid eingedenk meines Heiles, 

Wie ein jeder Mensch geiner Speise und Heimat!" 
Den nordischen Disir brachte man auch Opfer dar und 
zwar in einer Disarhalle oder einem Disarsaal z. B. im 
Tempelhofe zu Uppsala. 

Das Verhältnis der Krieger zu ihren Schlachtgenien 
gestaltete sich im Norden, wie es scheint, inniger, ja leiden- 
schaftlicher als im Süden. Zumal in der Wikingerzeit. 
Einige Walküren umschweben schützend ihre tapferen 
Krieger in der Schlacht, wie hebende Wesen die Geliebten. 
Freihch reicht ihre Sorge nicht immer aus, und trotz der 
Hilfe semer Walküre Kara wird Helgi im Kampfe er- 



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VI. Die höheren DBmoaen. 271 

schlagen. Wenn die Helden nun als „Valr" dalagen, dann 
hoben sie dieselben von der Walstatt auf und führten sie 
in das himmlische Kriegerheim, die Walhalla, ein. So 
wurden sie nun auch die Dienerinnen des Schlachtenlenkers 
und Walhallkönigs Odin, Odins Mädchen, Herjans des 
Heergottes Disir. Der Gott sandte sie zu jedem Kampf 
hinab, den Wal zu ktlren, die Gefallenen auszulesen imd 
zu ihm zu bringen mit dem Jubelruf: „Nun mehrt sich die 
Gefolgschaft." Andre Walküren empfingen die neuen An- 
kömmlinge in der Halle und schenkten ihnen Met oder 
Wein ein. Wie lieblich mögen diese Oskmeyar oder Wunsch- 
madchen manchen sterbenden Wikinger umrauscht haben! 
Ungehorsame Walküren wurden von Odin ausgestoßen, imd 
z. B. Sigrdrifa von ihm durch einen Domstich in Schlaf 
versenkt, weil sie wider Odins Willen ihrem Liebling Agnar 
den Sieg verliehen hatte. Von Sigurd auferwedct, weiß sie 
ihn vielnütze Runen zu lehren. In der neuen Halle des 
reichen Isländers Olaf Pfau (Pä) sah man Odin abgebildet, 
wie er seinen schwersten Ritt ritt, zum Leichenbrande 
Balders ; da wurde er begleitet von seinen Raben und seinen 
Walküren. 

Ist es ein schwacher, verchristlichter Nachklang, wenn 
nach der Legende die heilige Gertrud, die Speerfreundin, 
die einen ganz walkürenhaften Namen hat, dem ihr ergebenen 
Ritter mit ihrem Hirtenstab erscheint und einen Becher 
Weins reicht oder hinter ihm aufs Roß sitzt, um ihn für 
das Himmelreich zu retten? Sie beherbergt in der ersten 
Nacht nach dem Tode die Verstorbenen, die in der zweiten 
zu den Erzengeln und dann erst zum Heere Gottes kommen. 
Sie wird als Spinnerin dargestellt, an deren Rocken, Kleid 
und Kopf Mäuse oder Ratten, die uns bekannten Seelentiere, 
hinauflaufen. Spann sie etwa den Schicksalsfaden? Denn 
auch die altnordischen Walküren erscheinen einmal zwar 
nicht als Spinnerinnen, so doch als Weberinnen, die vor 
der von Iren und Nordleuten geschlagenen Schlacht bei 
Clontarf 1014 an einem furchtbaren Gewebe arbeiteten. 
Daran hingen MenschenhSupter als Gewichte, Menschen- 



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272 VI. DI« haheren Dämonen. 

darme waren Zettel und Einschlag, Schwerter die Spulen 
und Pfeile der Kamm. Und immer wieder klang durch ihr 
Lied der Kehrreim: 

„Winden lyir, winden wir das Speergewebe!" 

Endlich zerrissen sie ihr blutiges Gewebe, von dem 
jede ein Stück festhielt, und schwangen sich auf ihre Rosse; 
sechs ritten gen Süden, sechs gen Norden. Ihre Schütz- 
linge, die Nordleute, siegten. Noch der christliche König 
von Norwegen, Harald Hardrade der Strenge, singt dicht 
vor der Schlacht von Stamford im Jahre 1066, die ihm das 
Leben kostete, von den Walküren, die ihm, über dem Wal- 
platz schwebend, den Kampf lehren. 

Ein liebliches Gegenbild, ein Stillleben der Walküren, 
entwirft der Dichter des schOnen eddischen Wielandsliedes 
{S. 161). Drei Walküren, Alvitr, Svattkvit und ölrun, flogen 
aus dem Süden vom Schwarzwald, einem mächtigen Wald- 
gebirge, an den Meeresstrand, um sich vom Kriegshandwerk 
auszuruhen, und spannen kostbaren Flachs, und Schwan- 
Ideider lagen neben ihnen. Da wurden sie von Wieland 
und seinen beiden Brüdern gefangen, und sie lebten sieben 
Winter (Jahre) mit ihnen, aber den ganzen achten sehnten 
sie sich fort, und im neunten flogen sie davon zum Schwarz- 
wald, um wieder Kampf zu suchen. Wielands Brüder 
wanderten, lun sie zu finden, der eine nach Osten, der 
andere nach Süden ; Wieland selber aber blieb einsam 
zurück und schlug rotes Gold und Edelgestein zu kost- 
barem Geschmeide zusammen, tief im Wolfstal, auf sein 
lichtes Weib wartend. 

Echte Walkürennamen tragen auch noch andere Schwan- 
frauen, die „weisen Meerweiber" Hadburg imd Siglint im 
Nibelui^enlied. Als sie in einem schönen Brunnen ihren 
Leib kühlten, nahm ihnen der grimme Hagen ihr Vogel- 
gewand, und die erste weissagte den Burgundern große 
Ehren in Etzels Land, um ihre Kleider wieder zu bekommen. 
Als aber Hagen diese zurückgegeben hatte, warnte die 
andere: „Meine Muhme hat dir gelogen; ihr habt alle den 
Tod an der Hand!" In eine Heroine verwandelt ist in der 



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VI, Die höheren Dämonen. 273 

Nibelungensage die Walküre Briinhild, die nicht mehr in 
Luft und Himmel, sondern auf Erden ihr herrlich schweres 
Schicksal lebt. Im Speer- und Steinwurf, im Sprur^ und 
dann weiter im Ringkampf ist sie imbesiegbar, außer für 
Siegfried. Doch im nordischen Bericht umlodert sie noch, 
ein Zeichen ilirer höheren Abkimft, die Waberlohe, die 
auch nur Siegfried durchreitet. Die nordischen Walküren 
berühren sich vielfach mit den Schicksalsfrauen, denn auch 
sie tun entscheidende Sprüche und spinnen und weben, 
sowie mit den Folgefrauen, denn auch sie schweben 
schützend über ihrem Helden. Ihrer neim reiten nach der 
Geburt Helgis heran, von denen die stattUchste, Svava, 
ihm den Namen des Heiligen d. h. des durch GOtterschutz 
UnverletzUchen gibt. Diese drei Gruppen höherer weib- 
hcher Mächte lassen sich nicht mehr allein aus Natur- 
erscheinungen erklären, sondern sie schöpfen ihr Herzblut 
aus dem ahnungsvollen, mitfühlenden und mittätigen und 
kampffreudigen Wesen altgermanischer Weiblichkeit. 

Walkürenhaft sind die Riesinnen Tkörgerär Hölgabrüär 
d. h. Häleygis oder Hölgis Braut, imd Irpa. Jene war 
der Schutzgeist des larl Hakon vom norwegischen Haloga- 
land. Spater wurde üir ein Tempel in Island geweiht, den 
Grimkell im Zorne darüber, daß sie ihm nichts Gutes 
prophezeit hatte, samt allen Götterbildern verbraimte. Am 
Abend war er tot. Die Bildsäule der Thorgerd hatte einen 
Goldring um den Arm und krümmte die Hand, als ihn 
Einer greifen wollte, dem sie ihn nicht gönnte. Da kniete 
der Mann nieder und legte ihr unter Tränen viel Geld zu 
Füßen, und als er nun nochmals den Ring faßte, heß sie 
ihn los. In einem norwegischen Tempel standen drei Bilder, 
Thors und der mit Armspangen geschmückten l'horgerdr 
und Irpa. In der Schlacht schleuderten sie aus jedem Finger 
Hagel, Sturm und Pfeile den Feinden ihrer Schützlinge 
entgegen, gleich Walküren der grimmigsten Art. In der Not 
opferte ihnen Hakon sogar seinen Sohn. 

Zwei andere halbgöttliche Riesinnen sind Menglöd die 
Halsbandfrohe und Gerdr die Eingesperrte. Sie sind beide 

Meyer, E.H„ GiTDun. Mythologie. 18 



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374 VI. Die bebercn mmoiien. 

schöne Sommerwolkenfrauen, die aus düsterer Wolkenhaft: 
im Lenzgewitter befreit werden. Die Befreiung der MenglOd, 
die wie die indische Wolke am Regenbogenhalsband ihre 
Freude hat und acht Winter{monde) eingesperrt war, voll- 
zc^ Svipäagr, der sie wie ein svip, ein plötzlicher BUck, ein 
taghell aufleuchtender Bhtz, mit dem Laevateinn, der Ver- 
derbensrute erlöst. Der Held lebt im skandinavischen Volks- 
lied als Jung Sveidal fort. Die Erlösung der von den Hrim- 
fiursar, den Reifriesen, mit ewiger Haft bedrohten Ucht- 
armigen Gerdr vollzog Freyr oder an seiner Statt sein 
Diener Skirnir der Aufheiterer, Wetterklarer mit seinem 
sich selber bewegenden Schwert, das Gambanteinn Zauber- 
rute heißt und, wie der Laevateinn, den Blitz bedeutet 
Beider Riesinnen Saal ist von Waberlohe, Wetterleuchten, 
umgeben, wie Brünhilds Lager, und bewacht von Hunden, 
und einem Wächter. Diese nordischen Mythen sind nah 
verwandt mit den deutschen Sagen von der Erlösung der 
weißen Schloß- oder Burgfrau. 

Endhch sind die beiden Alaesiagen Beda und Fimmilena 
zu erwähnen. Diesen beiden und dem Mars Ttiingsus 
weihten römische Soldaten des 3. Jahrhunderts n. Chr., 
Friesen aus Twenthe, am Hadrianswall zwei Altäre. Der 
eine stellt nur Opfergeräte, der andere nur eine weibliche 
Figur mit Kranz und Palmzweig in den Händen dar. Die 
weibüche Gegenfigur, die zweite Alaesiaga, fehlt. Wie sich 
im Mars Thingsus römische Form und germanischer Inhalt 
vereinigen {s. u.), so sind auch vielleicht die Alaesiagen an 
die Stelle von Victorien getreten. Aber an sich sind sie 
ihren Widmem und ihren Namen nach offenbar deutsch. 
Ihr Gesamtname ist freihch unerklärt, auch die beiden Einzel- 
namen sind nicht sicher zu deuten. Doch scheint Beda vom 
friesischen Zeitwort beda zu stammen, worin die Bedeutung 
bitten und gebieten zusammenfallen, woraus auch schon die 
Namen der deutschen Schicksalsfrauen hergeleitet wurden 
{S. 254). Fimmilena wird die Beweghche bezeichnen. Sie sind, 
nach dem von ihnen unterstützten Hauptgott zu schließen, 
Thinggöttinnen d. h. Göttinnen des Gerichts oder des Kampfs. 



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VI. Die höheren Dlmonen. 275 

Die Ausbildung von Natui^ewalten zu höheren Dämonen 
erreicht ihren Gipfel in den Einzelgestalten Loki und Mimir, 
von denen der erste das bisher kaum beachtete Element 
des Feuers personifiziert, der andere in geistigerer Weise 
als die älteren Wasserdämonen das des Wassers. Als das 
gewaltige Himmelsfeuer, das Wetterleuchten, war Loki 
doch nur eine Begleiterscheinur^ anderer Wettermächte 
und als Herdfeuer in die Enge des Hauses gebannt nach 
Art untergeordneter Hausgeister. Darum ist er kein Voll- 
gott geworden und hat trotz seiner tiefen Eingriffe in 
die Götterschicksale neben den Göttern eine oft untertänige 
Stellung, die auch die anderen indogermanischen, übrigens 
durch eigene Kulte viel höher geehrten Feuergottheiten 
einnehmen, der indische Agni, der griechische Hephaistos 
und der lateinische Vulcanus. Loki teilt mit diesen und 
nun gar mit den Herdgöttinnen Hestia und Vesta nur 
wenige Züge und scheint auch nur den Nordgermanen 
bekannt gewesen zu sein. Auf die Angabe Caesars, daß 
die Germanen außer Sonne und Mond auch den Vulkan ver- 
ehrt hätten, ist kein Verlaß (S. 5). 

Dieses absonderliche Mittelwesen wird freilich Gott 
genannt und als solcher in den drei oder vier Gotterlisten 
der Edda mit aufgezählt. Aber Loki hat keine Götter- 
wohnung im Himmel wie die anderen Götter, ja es ist 
nach der Lokasenna ein Wunder, wenn dieser Vater so 
ungeheuerlicher Kinder sich unter den Göttern bücken 
laßt. So heißt er denn auch Riese und Elf oder Zwerg und 
wird Wicht gescholten. Bald ist er der Götter Freund, bald 
ihr Feind, ihr Verleumder und Schandfleck. Er entführt 
z. B. die JugendgOttin Idun zuerst den Göttern zu den Riesen, 
dann aber den Riesen zu den Göttern. Er ist schön von 
Aussehen, aber böse von Sinnesart. Wie ein Alf verzaubert 
er sich in größere und kleinere Tiere: Pferd, Kuh, Lachs, 
Fliege und Floh, auch gern in ein Weib und in die Hexe 
Thökk. Durch Alfen läßt er Göttergeschenke schmieden. 
Seine Sippe aber ist riesisch. Alle übertrifft er an Lug und 
Ai^list. Er haßt alle lebenden Wesen, auch die Götter. 

18* 

DigmzedByGOOgle 



276 VI. Die höheren DKmonen. 

Der Name Loki ist identisch mit {V)log;i Lohe und 
scheint von derselben Wurzel ausgegangen wie der römische 
Vulcanus. Auch sein andrer Name Loptr, das dem bay- 
rischen Ltjftem d. L Lodern verwandt ist, kennzeichnet ihn 
als Feuergott, Seine Eltern sind der Riese Fdrbauti, der 
gefahrliche Schläger d. i, der Blitz, und Laufey oder Näl, 
das dürre Laub- oder Nadelwerk der Baume, das die 
Flamme erzeugt oder nährt. Im Namen seines Bruders 
Byleiptr steckt jedenfalls leiptr der BUtz, und der seines 
andern Bruders Helblinäi bezeichnet wohl das höUenartig 
finstre Gewitterdunkel. Schwier^er sind seine Gattinnen 
Sigyn tmd Angrboda und ihre Sötme zu erklären, sie sind 
wohl zum Teil fremden Mustern nachgebildet. 

Loki ist die Himmelslohe, dann die Sommerschwtlle 
und die in der Hitze zitternde Luft, femer das Herdfeuer 
und endüch das vulkanische Erdfeuer; er ist das Feuer in 
seiner BewegÜchkeit und Verderblichkeit. Er hohnlacht, 
wenn das Wetter imheimlich am Horizont aufleuchtet. 
Wenn es in Tirol „himmelblitzt" ohne Regen und Donner, 
so nennt man das am Brenner „Wetterlachen", wobei man 
nicht mehr an das ältere Wetterleichen, das Wetterspielen, 
denkt. Doch auch einem lächerlichen Spiel gleicht die 
Posse, die Loki mit einer an ihn gebundenen Geiß aufftlhrt, 
imi die finstre sturmwolkige Skadi zum Lachen zu brir^en. 
Er buhlt mit ihr und mit Thors Gattin Sif, der er das Gold- 
haar abschert Auf wunderbaren Flügelschuhen diu"ch- 
läuft er Luft und Meer. — Bei drückender Schwüle ver- 
giftet Loki die Luft schon nach der Völuspa. Meint man 
in Mecklenburg: „Nu höddt (hütet) de Düwel sin Schap up 
Land, wenn dat so flämmert, weim de Luft so wackelt", , 
so sagt man in Dänemark altertümhcher : „Lokke driver 
med sine Geder d. h. Loki treibt seine Geißen aus" imd 
neuisländisch; „Loki führt über die Äcker". In Jütland „sät 
Loki Hafer" d. h. den Tieren schädliches Unkraut. Knistert 
das Herdfeuer stark, so prügelt der dänisch-norwegische 
Lokje seine Kinder; knallendes oder brummendes Herd- 
feuer kündet in Deutschland Zank an. In Griechenland galt 



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VI. Die bOheien Dämonen. 277 

das Knistern für ein Lachen der Herdgöttin Hestia oder 
des Feuergottes Hephaestos. Um den zürnenden Lokje zu 
beschwichtigen, wirft man den „Pelz", die Haut abge- 
liochter Milch, in die Flamme. — Jung scheint der Mythus 
vom vulkanischen Loki, der nach der Völuspa „und hvera 
lundi" d. h. unter dem Haine der Kessel, der Sprudel, also 
wahrscheinlich unter dem islandischen Geysir gefesselt 
liegt, und weim er an seinen Banden rüttelt, Erdbeben er- 
zeugt. Erst seit der Besiedelung Islands im 9. Jahrhundert 
lernten die Germanen Erdbeben und Vulkane kennen, also 
in einer Zeit, in der antike und christliche Vorstellungen 
von verwandten Wesen, wie TjTJhon imd L;izifer, bereits 
ihren Einzug in den Norden hielten. Kein andrer war mehr 
dazu geschaffen, um deren Rolle zu äbemehmen, als der 
tückisch stets auf Zwist und Schande und Unheil sinnende 
Loki. 

Diese Züge seines allgemeinen Charakterbildes kehren 
in seinen zahlreichen, bald freimdlichen, bald feindlichen 
Beziehungen zu den Dämonen und Göttern wieder. Alt 
sind seine Falulen mit Thor zu Thrjrm, Geirröd und Utgar- 
daloki {S. 232. 243), derm das Wetterleuchten ist der natürUche 
Gefährte des Gewitters. Noch ein neuislandisches Sprich- 
wort lautet; „Lange gehen Loki und Thor, das Unwetter 
laßt nicht nach". Bei Thors Heimkehr von dem furchtbaren 
Kampf mit dem Midgardsdrachen und mit dem Riesen 
Hytnir verursacht er das Hinken des Bocks vor Thors 
Wagen. Wie Thors Hammer acht Rasten tief liegt, ist Loki 
acht Jahre d. h. ebenfalls acht Wintermonate in der Erde 
verborgen. Auf der Fahrt zu Utgardaloki begleiten den 
Donnergott Loki und Thjalfi, der Blitz, dieser, um mit dem 
schnellen Hugi, aber Loki, um mit dem Wildfeuer Logiza 
kämpfen. Auf der Geirröds-, wie auf der Thrymsfahrt fliegt 
Loki als Späher in Freyjas Falkengewand voraus. Auf 
der ersten begleitet er ihn dann als Diener, der sich beim 
Durchwaten des Flusses Vimiu- ängstlich an Thors Kraft- 
gürtel anklammert. Auf der anderen begleitet er ihn als 
kluge Magd (S. 233). Als Loki die Idunn entführt, schützt 



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278 VL Die hBhcren Dttmonen. 

ihn Thor vor dem verfolgenden Sturmriesen Thjazi (S. 233). 
Etem riesigen Sturmroß Svadilfari (S. 234) gebiert Loki den 
Sleipnir, das den Win^^ott Odin tragt 

Aber Thor und Loki haben auch, ganz den von ihnen 
vertretenen Naöu-erscheinungen gemäß, Feindschaft mit- 
einander. Das zeigt vor allem das „Lokasenna Lokis 
Lästerung" betitdtt Eddalied. Loki tötet vor Aegirs HaUe, 
in der die Götter zum Gelage versammelt sind, ihren Diener 
Fima- oder Fonafengr (S. 241), zankt mit Eidir, der ihm den 
Eintritt wehrt, wird aber nach seiner Berufung auf seine 
Blutsbrfldersdiaft mit Odin eingelassen. Nachdem er den 
GOttennet mit bOsem Zusatz versehen, die Götter mit Hohn 
dbö^osseo trad äch seiner Liebschaften mit drei Göttinnen 
gerOhmt hat, bringt ihn Thors Erscheinen endUch zum 
Schweigen, doch nicht bevor er den Gott mit dem lecken- 
den „1(^", der Lohe, bedroht hat. — Femer fängt Tlior 
den Loki, als dieser der Sif das Haar abgeschoren, doch 
Loki lOst äcfa imt den kostbaren Schmiedearbeiten der 
IwaldissOhne (S. 157). Thor fangt den Loki nochmals, als 
diese Arbeiten vom Zwerge Brokkr noch übertroffen wer- 
den; Lokis Lippen werden zusammengenaht (S. 158). Zvaa 
drittenmale fangt Thor den Loki, als dieser nach dem von 
ihm verschuldeten Tode Haiders in Lacb^estatt sich in 
einem Wasserfall verbirgt — Alle diese letzten Mythen 
mögen in allerhand Spielen der Einbildungskraft mit den 
Naturerscheinungen ihre Keime haben, aber sie sind dann 
zu freieren Darstellungen des Götterlebens ausgestaltet 
worden. Und Lokis grausamste Bestrafung, seine Fesselung 
im Kesselhain, ist sogar der christUchen Legende entlehnt 

Wahrend die Reisegenossenschaft Lokis und Thors in 
echter Naturanschauung wurzelt, scheint die Gesellschaft 
dreier himmlischer Erdenwanderer, zu denen auch Loki 
gehört, ein noveUistisches, in der griechischen und christ- 
lichen Legende beliebtes Motiv zu sein, das auch dem 
Norden bekannt wurde. Im Thjazimythus (S. 233) sind Odin, 
Hoenir und Loki Reisegefährten, aber die beiden ersten sind 
überfltlssige Figuren. Dieselbe Dreizahl zieht im Eingang 



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VI. Die hSheien Dämonm. 279 

der nordischen Nibelungensage Ober die Erde, wobei Lofci 
unterwegs den Otr tötet, aber auch vom Zwerge Andvari 
das nötige Gold herbeischafft, um damit Otrs Vater Hreid- 
mar die Mordbuße zu zahlen. Er erlangte auch den Gold- 
ring, der stets neues Gold erzeugte, aber von Andvari ver- 
flucht wiu-de, stets seinem Besitzer Verderben zu bringen. 
Diese Vot^eschichte des Nibelungenhorts ist wie die ganze 
Umrahmut^ der deutschen Siegfriedssage durch den GOtter- 
mythus erst später im Norden hinzugefügt worden. Auch 
die anderen Beziehungen Odins und Lokis, wie ihre Bluts- 
bruderschaft und der Aufuag Odins an Lold, der Freyja 
ein Halsband zu stehlen, das sie von den Zweiten gegen 
Gewährung ihrer Gunst bekommen hatte, mögen freie Er- 
findungen sein. Vielleicht gehört auch Lokis Kampf mit 
Heimdall um die schöne Meemiere d. h. den Regenb(^[en 
dazu. 

Diesem schelmisch -boshaften Abenteurer, der origi* 
nellsten Figur des germanischen Götterhimmels, war noch 
eine bedeutendere Rolle aufgespart in den neuen mytholo- 
gischen Gestaltungen, die das Christenttun heraoffOhrte. 
Er wurde zum Teufel, der den Tod Christi-Balders an- 
stiftete, der rddbani Baldrs, er wurde zum gefesselten 
Fürsten der Hölle und zu einem Hauptfeind der Gottheit 
in der großen Entscheidung des Weltuntergangs. Doch 
davon im Schlußkapitel. 

Der nordische Kultus kümmerte sich so wenig um ihn, 
wie um die Riesen. Man warf, in späterer Zeit, ein Milch- 
häutchen ins knisternde Feuer, wenn Lokje seine Kinder 
schlug, oder schwedische Kinder warfen ihren ausgefalle- 
nen Zahn ins Feuer, um einen neuen von Loki zu be- 
kommen. Das ist alles I 

Aus der Schar der weissagenden Geister des rau- 
schenden Wassers und Waldes erhebt sich ein anderer 
höherer Dämon, Mimir, den schon sein mit dem lateinischen 
Worte memor verwandter Name als ein geist^eres Wesen, 
als den Denker bezeichnet In Südskandinavien verbüeb er 
noch bis in die neuere Zeit ein gefährhcher Wassergeist, der 



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280 VI. Di« bSbercD Dämonen. 

z. 6. in der smälandischen MimesA dem Mimesbach haust, 
und nach dem auch der Mimesjö der Mimesee genannt ist. 
Bei Saxo heißt er Miming, der ursprünglich wahrscheinUch 
Mime hieß, während sein berühmtes Schwert den bekannten 
Schwertnamen Miming nach ihm füiirte. Er war ein Wald- 
satyr, der eine für Menschen kaum erreichbare, von eisigen 
Bergen umstarrte Höhle bewohnte und ein Schwert darin 
barg, mit dem selbst der gegen alles Eisen gefeite Halb- 
gott Balder getötet werden konnte. Außerdem hatte er einen 
Armring, der den Reichtum des Besitzers stetig vermehrte. 
In diese wilde Öde eilte Haiders Feind Hother und lauerte 
Miming auf, lange vergebens. Als aber einmal der Wald- 
geist nachts aus seiner Höhle trat und sein Schatten den 
Eingang des davor aufgeschlagenen Zeltes Hothers ver- 
dunkelte, da stach dieser ihn nieder. Und nun mußte er, 
gefesselt und mit dem Tode bedroht, Schwert und Ring 
herausgeben. Das alte Motiv der Fesselung des zum Rat- 
geben gezwungenen deutschen Waldgeistes und des Witolfs 
oder Waldmannes (S. 241) kehrt hier wieder. Jenem Schwerte 
aber wird in der lu^sprünglichen Sagenfassung Balder er- 
legen sein. 

Der deutsche Mime ist ein weiser Waldschmied, Wie- 
lands Lehrmeister, und heißt im Norden gewöhnhch Regin 
d. i. Berater, wie er denn auch durch kluge Zauberkunde 
sich auszeichnet. Er wird bald Riese, bald Zwerg, bald 
sogar Drache genannt, während er doch mu- ein Bruder 
des Drachen Fäfnir ist. Aus seiner dunklen Waldschmiede 
bricht ein strahlendes Heldenleben hervor. Denn Mime 
erzieht den jungen Siegfried und stachelt ihn aus Gier 
nach seines Drachenbruders Golde zu dessen Ermordung 
an. Er hat für ihn ein Schwert Gram geschmiedet, das so 
scharf ist, daß es, in den Rhein gehalten, eine entgegen- 
treibende Wollflocke zerschneidet. Er begrüßt den jungen 
Helden als Sieger, wie dieser mit Gras das Blut des Drachen 
von seinem Schwerte wischt. 

Die isländische Überlieferung hat die alte einfache 
Wald- und Wassergeistsage von Mimir künstüch gesteigert, 



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VI. Die höheren Olmonen. 281 

man möchte fast sagen, verhimmelt. Sein Brunnen liegt 
nun wie der Urdarbrunnen am Fuße der Weltesche Ygg- 
drasil, die deswegen auch Mimameidr Mimisbaum heißt. 
Der Minüsbnmnen wird auch Odrcerir Geisterreger genannt 
und birgt Weisheit und Verstand. Aus ihm schöpft Odin 
die hineinverquirlten Runen, die ihm Zauberkräfte verleihen. 
Und so hoch schätzt dieser Mimirs Geist, daß er sein Auge 
in dessen Quell als Pfand läßt, um einen Trunk daraus zu 
erlai^en. Oder der Gott raunt mit Mimirs Haupt, das wohl 
ursprOngUch den nattlrlichen Urquell, das Brminhaupt, das 
BorohOvede (S. 201) war und dann durch einen Mythen- 
künstler zu einem wirkUchen, vom Leibe abtrennbaren 
Haupte gemacht wiu^de. Denn laut eines Friedensvertr^es, 
den die beiden verfeindeten Göttergeschlechter der Äsen 
und der Wanen miteinander schlössen, wurden Geiseln 
ausgetauscht: die Äsen gaben Hoenir her, den Mimir nach 
Wanaheim begleitete, die Wanen die schöne Freyja. Als 
die Wanen sich nun mit dem zwar stattUchen, jedoch ein- 
fältigen Hoenir betrogen sahen, da schlugen sie zornig 
dem Mimir das Haupt ab und schickten es den Äsen. Odin 
aber salbte es unter Beschwörungen ein, damit es nicht 
verfaule und ihn weiterhin beraten könne. — Nicht die 
Verpfändung des Gottesauges, noch weniger die Ent- 
hauptung Mimirs und vor allem die Einbalsamienmg seines 
Kopfes sind echte Volksmythen. Auch scheint die Annahme 
zweier GötterfamiUen und ihres uralten Krieges durchaus 
unheidnisch. Überhaupt wurde in diesen an sich schon 
geheimnisvollen Wald- und Wassei^eist durch die christ- 
liche Mythologie noch viel mehr hineingeheimnißt {s. u.). 
Wenn wir die römisch -germanischen namenreichen 
Inschriftsteine mustern, so gewinnen wir den Eindruck, daß 
die Germanen noch manche höhere Geister verehrt haben. 
Aber selten gelingt es, auch niu- ihren Namen sicher zu 
deuten, geschweige denn ihr Wesen. MögUch wäre es, daß 
man mit dem aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. bei Köln 
bezeugten Requalrvahantts d. h. dem im Dunkel Lebenden 
den geheimnisvoll im Waldesdimkel hausenden Mimer 



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VI. Die hOheien Dlmonen. 



meinte. Spielt docli die mit Mime verknüpfte Siegfrieds- 
sage gerade am Niederrhein und scheint doch im anstoßenden 
Westfalen die Stadt Münster mit ihrem ältesten Namen 
Mimigardeford nach diesem Waldgeist benannt worden 



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siebentes Kapitel. 
Das Götterleben und der Götterdienst. 

Nächst dem Aufkeimen des Glaubens an übermensch- 
liche Wesen überhaupt ist die Wendung eines Volkes 
vom niederen Seelen- und Geisterglauben zum höheren 
Götterglauben das denkwürdigste Ereignis seiner Mythen- 
geschichte, Durch hundert Fasern hängt dieser neue Glaube 
mit dem alten zusammen ; am tiefsten wurzelt er im Natur- 
geisterreich. Denn die auf einzelne Menschen angewiesenen 
Seelen und Maren fügten sich ihrer ganzen Art nach 
schwer zu einer höheren geschlossenen Körperschaft zu- 
sammen. Ungezählt und zerstreut lebten sie weiter und 
gestatteten nur eine schwache Idealisierung über ihr Dä- 
monentum hinaus. Das Reich der Naturgeister aber, imter 
denen schon Könige erstanden und aus denen schon, 
gleichsam als Versuche der VergOtthchimg, die meisten 
höheren Dämonen hervorgegangen waren, wurde bei der 
wachsenden Naturerkerintnis, beim Bestreben, die zersplit- 
terten Naturkräfte einheitlicher zu fassen und das Natur- 
leben gleich dem Menschenleben besser zu ordnen, und 
bei dem mit der Kultur steigenden Bewußtsein von dem 
Dasein auch sittlicher Machte, außerUch und innerhch um- 
geschaffen. Man schritt von Einzelvorstellimgen zu höheren 
und umfassenderen Begriffen fort, und der Name einer 
bedeutenderen Natur^eistergruppe z. B, der Holden und 
Berchten wurde zum Eigennamen einer einzelnen Göttin, 
zu Holda oder Berchta, oder es wurde ein neuer Name 
dem neuen Vertreter einer hervorragenden Naturgewalt 
z. B. Donar beigelegt. So finden wir denn all die alten 
dämonisierten Natiugewalten, außer dem Donner auch den 



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281 VII. Das GOtlertebeii und der GOtterdientt. 

Wind und die Wolke, das Himmelsticht und die sprossende 
Erde, in den neuen Göttei^estalten wieder. Aber alle 
Eigenschaften, Kräfte und Ehren der Vielen, die bisher 
Herren dieser oder jener Naturkräfte waren, wurden nun 
einem Donnergott, einem Windgott u, s. w. zugeschrieben, 
der wie ein unumschränkter König in seiner Machtsphäre 
herrschte. Höchstens wurde dieser von den älteren Natur- 
geistem als Dienerschaft und Troß umgeben oder auch 
mit Kindern und anderer Verwandtschaft ausgestattet 
Während jene älteren Naturgeister nicht nur die Luft, 
sondern auch die Erde bewohnten, wurden die Götter, ab- 
gesehen von der Mutter Erde, als durchweg vornehme 
Himmelsbewohner gedacht, die nur ausnahmsweise die 
Erde mit ihrem Besuch beehrten. 

Der Götterglaube ist ein jüngeres religiöses Gebilde, 
weshalb er auch ein schärferes nationales Gepräge trägt 
als die älteren Glaubensformen. Wann er unter den Indo- 
germanen aufkam, kann nur ungefähr angegeben werden. 
Die Urmythen des Himmels- oder Donnergottes und der 
Mutter Erde, sowie die eines im Wechsel von Licht und 
Dunkel lebenden Brüderpaars und einer Göttin der Morgen- 
röte, scheinen noch vor der Auflösung ihrer Völkergemein- 
schaft geschaffen worden zu sein, vielleicht auch einige 
skizzenhafte Entwürfe etlicher anderer Hauptgottheiten. Zu- 
nächst geben ihre Namen darüber Auskvmft. Emige greifen 
in die indogermanische Urzeit zurück. Der deutsche Ziu, 
altnordische Tjr begegnet wieder im indischen Dyaus, im 
griechischen Zeus, im römischen (D)jupiter, und der angel- 
sächsischen Erdgöttin Folde entspricht trotz der Abweichung 
aller Laute genau die indische Erdgöttin Prithivl, die Breite. 
Die anderen germanischen Götter haben ihr eigenes Namen- 
buch. Von den älteren hat nur einer einen diu-chsichtigen 
Namen: Donar — Thor, andere, wie Frey und Freyja d.h. 
Herr und Herrin, fallen jüi^eren zu. Weniger durchsichtig 
ist Wodan — Odin, doch hat das Volk noch lange den Zu- 
sammenhang mit dem Worte Wuot, unserem Wut, fest- 
gehalten, wie die Bezeichnungen des Wuotanheeres als 



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VII. Du GStteriebea und der GOtl«Tdienst. 285 

Wüetungesheers, oder wütenden, wilden Heers bezeugen. 
Aber den Sinn des Namens seiner Gattin Frigg-Fria, 
indisch prija Geliebte, Gattin oder Tochter, fühlte der Ger- 
mane nicht mehr. Einen zusammengesetzten Namen trug 
von den wichtigeren Göttern nur der neuere nordische Gott 
Heintdall. 

An der Spitze der allgemeinen Namen für die Gottheit 
steht wie ein nationales Wahrzeichen der geheimnisvolle 
Name Gott, der durch alle germanischen Mundarten läuft, 
aber allen andern indogermanischen Sprachen fehlt. Er um- 
faßt als höchster Name die Äsen, wie die Wanen. Wie Gott 
hat auch der andre gemeii^ermanische Name, der gotisch 
und hochdeutsch Ans, worunter Jordanes nur einen heroi- 
schen Halbgott versteht, niederdeutsch und angelsächsisch 
6s »md nordisch Äs lautete und z. B. in dem bekannten 
Personennamen Ansgar, Oskar und vielen Ortsnamen er- 
halten ist, bisher keine sichere Deutung erfahren. Am 
nächsten kommt ihm das altindische Asu Lebensgeist 
Gemeingermanisch waren auch die Regin, Rögn die Raten- 
den, Bestimmenden, die an die 12 Consentes Du, die 12 
obersten beratenden Götter der Römer, erinnern. Nach ihnen 
beißt das Ragnarökkr das GOtterdunkel oder heißen die Ragn- 
rökk der Götteruntergang im Norden und die altsächsischen 
Reganogiscapu die Götterschickungen bei den Sachsen 
(S. 252). Altsächsisch ist auch Metod der Messer und Metod- 
giscapu das Schicksal, beides auch angelsächsisch. Die alt- 
nordischen VSar die Heiligen und Hopt und Bönd Haft 
imd Bande sind Skaldenausdrücke, vielleicht auch die 
Vanir die Lichten. Nach diesen allen ist imvolkstümlicher- 
weise kein Ort benannt. Nur eine altnordische Bezeich- 
nung: T{var die Lichten reicht in die indogermanische 
Vorzeit hinauf und ist verwandt mit dem altindischen 
devas, dem griechischen dios und dem lateinischen divus. 

Die folgende genauere Göttercharakteristik ist einseit^, 
weil sie fast ausschließlich auf nordischen und zum großen 
Teil noch dazu skaldischen Angaben beruht Die Gestalt 
der Götter ist die kraftvoller stattlicher Menschen, sie 



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2S6 VII. Du Gfitt«Tlet>«n und dec GOlterdienst. 

bleibt an Größe hinter der der Riesen weit zurück, wie 
denn z. B. Thor in dem Däumling von Skrymirs Handschuh 
übernachtet. Die Mehrhäuptigkeit und -arm^keit der Riesen 
kommt bei den Göttern nicht vor. Im Gegenteil ist Odin 
einäugig, Tyr einhand^ imd Hödr blind, doch die beiden 
letzten vielleicht nicht nach echt germanischer ÜberÜeferung. 
Die Götter nehmen Tiergestalt an, doch immer nur in 
bestimmter Absicht, so Odin, Freyja und Frigg, aber nie 
Thor, der nur einmal in Brauttracht verkleidet zum Riesen 
Thrymr fährt Jene Göttinnen verdanken ihr Flugvermögen 
dem Falkengewand, Odin seine Schnelligkeit dem Pferde 
Sleipnir, Thor seine Kraft einem Gürtel, eisernen Hand- 
schuhen und dem Hammer, ohne den er machtlos ist. Alle 
Götter gehen oder, was den antiken Göttern fast durchaus 
fremd ist, sie reiten, nur Thor imd Frejia gehen oder 
fahren zu Wagen, Frey auch zu Schiff. Nicht nur Rosse, 
sondern auch Eber, Böcke und Katzen sind Reit- imd 
Wagentiere ; Raben, Wölfe und Hunde begleiten Odin, auch 
Walküren und die wilde Jagd ; Thor hat zu Gefährten Loki 
und Thjalfi, auf der Fahrt zu Hymir sonderbarerweise auch 
Tyr. Die Götter bedürfen des Essens, des Trinkens und 
Schlafens. Sie erscheinen dem Menschen unerwartet, wie 
namentlich Odin, oder bei Anruf, wie Thor, werden ihnen 
beim Blicken diurh die Armbeuge sichtbar, verschwinden 
plötzlich (hverfa) elfengleich, lassen aber oft Spuren ihrer 
Hände, ihrer und ihrer Rosse Füße in einem Steine zurück. 
In der Miltsommemacht, in der die Sonne kaum unterging, 
glaubten die nordischen Germanen nach Tacitus ein Getöse 
zu vernehmen und Göttei^estalten mit Strahlenhäuptem 
zu sehen. Nach Vellejus hielt ein deutscher Greis den 
waffenglänzenden römischen Imperator Tiberius für einen 
Gott, und auf Island gingen die Söhne Hjalds zum Erb- 
gelage ihres Vaters so schön gekleidet, daß die Leute 
meinten, die Äsen kämen. Götter und Göttinnen sind schön, 
namentlich, gleich manchen Elfen, durch die lichte Farbe 
ihrer Haut und ihres Haars, so Idunn und Heimdall, auf 
den eddischen Balder fallt auch fremder Glanz. 



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VII. Das Götterleben and det GOtterdienst. 2S7 

Im Gemüte der nordischen Götter überwiegt die Güte 
oder doch Freundlichkeit, sie heißen heiter, hold und nütze. 
Aber Liebe im höheren Sinne, die ihnen die Völuspa bei 
der Menschenschöpfung beilegt, wohnt weder in ihnen, 
noch in den altgriechischen Göttern. Sie stammt aus dem 
Christentum. Wohl schenken sie Einzelnen ihre Gunst, aber 
andere verfolgen sie auch, wie namentUch Odin, mit ihrem 
Grimm, der nicht immer ohne Tücke ist, während aus Thor 
öfter ein ehrücher tobender Zorn hervorbricht. Die Götter 
spielen gern Brett imd vertreiben sich z. ß. beim Zechgelage 
beim Riesen Aegir die Zeit mit Weissagen aus Losstäbchen. 
Einzelne gehen allerlei LiebschJiften nach, namentlich Odin 
und Freyja, niemals Thor. Die Kimstfertigkeit der Elfen, 
der sie ihre kostbaren Waffen, Schmucksachen und andere 
Kleinodien verdanken, ist ihnen versagt. Von dem Riesen 
Smid lassen sie sich ihre Götterburg bauen. Ihr Zimmern 
von Altären und Tempeln und ihr Schmieden von Zangen 
und anderen Werkzeugen auf dem Idafeld, das mit jener 
Nachricht von ihrer Ausstattung durch Elfen und Riesen 
im Widerspruch steht, wird nur von der Völuspa gemeldet 
und bildet einen Zug ihrer dort nach fremden Mustern 
ausgeführten schöpferischen Tätigkeit. Sind sie doch als 
echte Heidengötter durch ihre Körperlichkeit in ihren 
Leistimgen stark beschränkt. Wenn Odin nicht auf seinem 
Himmelsthrone, der Hlidskjalf, sitzt, vermag er die Welt 
nicht zu überschauen. Von diesem aus vermögen aber 
auch Frigg und Frey dasselbe wie er. Die Gölter, nament- 
lich Odin und die Wanen, sind weise und runenkund^. 
Jedoch obgleich Odin der weiseste Gott heißt, wird er von 
des Riesen Billing Tochter überlistet, und der Riese 
Vafthrudnir kennt die Wellgeschichte fast so gut wie er. 
Wenn die Götter Thor nicht hätten, und dieser nicht unab- 
lässig die Riesen bekämpfte, so ginge die Welt alsbald an 
diese verloren. Die Götter gelten bald für unverwimdbar, 
bald nicht. Bei Saxo verleihen sie sogar ihrem Schützling 
Unverletzbarkeit. Aber nach demselben Saxo, wie nach 
der Edda wird Haider von Hödr zu Tode verwundet und 



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28S Vn. Dm GOttetUben nnd der GSIteidicnit. 

nach jenem sogar das ganze Götterherr, das dem Balder 
zu Hilfe kommt, von Hödr in die Flucht geschlagen, nach- 
dem er den Schaft von Thors Keule abgehauen hat. Später 
minderte sich das Ansehen der Götter so, dafi in den 
Färöerischen Liedern Odin vor gewaltigen Heldenhieben in 
die Erde versinkt. 

Die Gotter werden nie ewig genannt, wenn es auch 
in Grimnismal einmal heißt, daß Odin nur von Wein immer 
lebe. Sie konnten auch nicht ewig sein, denn sie hatten 
sowohl Eltern als Kinder. So galt Thor für einen Odins- 
sohn und hat wieder einen Sohn M^ni. Aber die neu- 
geborenen Götter wachsen mit übermenschUcher Schnelle 
zu voller Stärke heran: Jener Thorssohn hebt, drei Tage 
alt, das Bein des Riesen Hrungnir vom Halse seines hin- 
gestreckten Vaters, und der einnächtige Vau rächt blutig 
seinen Bruder Balder. Aber diese jäh aufstrotzende Kraft 
dauert nicht ewig, die Götter altem, wenn ihnen die Äpfel 
der Idun fehlen. Nach der Völuspa sterben sie alle beim 
Weltuntergang, und das Auftauchen, das Wiederkommen 
einiger unsicherer Göttei^estalten nach dieser Katastrophe 
ist nur der Nachklang der großartigen Schlußakkorde des 
christlichen jüngsten Gerichts. 

Die Elfen hatten bereits ihre Könige (S. 153), aber kein 
eigentliches Staatswesen. Auch nennt Tacitus einen Sem- 
nonengott mit einem seltenen lateinischenAusdruck^r^^ator 
omnium Deus", einen Allwalter, einen Oberherrscher. Die 
eddischen Götter bildeten einen Staat, den ein inmitten 
seines Hofes thronender Herrscher regierte, in dem jeder 
Gott einen Palast hatte, in dem Rats- und Gerichtsver- 
sammlungen gehalten wurden. Die spätere historisierende 
Überheferung bei Saxo und Snorre sciüldert die Götter als 
ein irdisches Volk, das von Byzanz oder dem Tyrklande 
unter Odins Führung nach Sachsen, Ftmen und Sigtim in 
Schweden zog. Odin verteilte unter seine 12 Tempelpriester 
die Wohnsitze, unter andern bekam Frey Uppsala, wo er 
Menschenopfer einführte. In Saxos Baidersage setzte ein 
Kollegium von Göttern Odin ab und wählte Oller zum KOnig. 



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VIL Das Götl«rleben und der GOtterdiensL 389 

Die Hauptgötter haben in diesem Reiche jeder seinen 
eigenen Stand und Beruf, tragen weit individuellere, portrat- 
artigere Züge als die Elfen und Riesen und haben einen 
bestimmteren, bedeutenderen Charakter. Das aber ist das 
Wichtigste, daß sie in ihrem Verhalten zu den Menschen 
viel stetiger sind als die wetterwendischen, launischen 
Naturgeister, daß sie zwar auch zürnen und strafen, nament- 
lich die Friedensbrecher, daß sie aber durchweg das Gute 
fordern und dem Menschen wohlwollen und ihm Vertrauen 
und Hoffnung einflößen. Wird doch auch die furchtbare 
dämonische BUtzwaffe in des Gottes Hand zu einem Schutz 
und Segen für die Erde und ihre Menschheit. Ein tieferer 
Einfluß der Götter auf die Sittlichkeit des Volks ist aber nicht 
bemerkbar; steht doch auch ihre eigene Sittlichkeit nicht 
höher als die der damaligen großen Herren auf Erden. Die 
Götter glichen Gefäßen, die Reines und Unreines in sich 
schlössen, und waren wert, von jenem Starken der Völuspa, 
der von oben kam, zerbrochen zu werden. 

Die Zahl der Götter schwankte. Sie ging von drei 
Hauptgötlem und einer Hauptgöttin aus, denen auch noch 
zu Tacitus' Zeit das göttUche Ansehen ausschließlich oder 
vorzugsweise vorbehalten blieb. In dieser Auffassung darf 
man sich nicht durch die zahlreichen Namen beirren lassen, 
die die römisch - germanischen Inschriftsteine aus der 
römischen Kaiserzeit überliefern. Das sind wahrscheinlich 
entweder nur andere Namen jener höheren Gottheiten wie 
z. B. Hludana, oder Beinamen derselben, wie z. B. Magusanus 
der Starke ein Beiwort des Hercules ist, wie hinn rammi 
der Starke ein Beiwort des Thor. Oder diese sogenannten 
„Göttinnen" sind höhere Ortsgeister, oder walkürenhafte 
Wesen, wie Hariasa ein Schutzgeist des Heers, falls sie 
nicht keltisch sind. Später aber nahm nach einem bei den 
meisten anderen Indogermanen wiederkehrenden Ent- 
wicklungsgesetz die Götterzahl von Jahrhundert zu Jahr- 
hundert zu, um im Norden zur Zeit der Bekehnmg auf 
einige Dutzend zu steigen, Tacitus meinte mit seinem Her- 
cules, Mercurius imd Mars den Thunar, Wodan und Tiu 

Mcyei, E. H., German. Mythologie. 19 



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2S0 VR. Das GfittuUben und der GSttcidicDst. 

oder Saxnot. Als dann bald darauf die römischen Wochen- 
tage in Deutschland eingeführt wurden, übersetzte man 
den dies Martis, Mercuril und Jovis durch den Tiestag, den 
spateren Dienstag oder Zistig, und durch den Wotanstag, 
den niederländischen Woensdag, den englischen Wednesday 
der alten taciteischen Auffassung gemäß. Aber abweichend 
von dieser entriß man mit Recht den Thunar seiner Gleich- 
stellung mit Hercules und erhob ihn auf Jupiters Platz: 
der dies Jovis hieß Thunarstag, unser Donnerstag. Diese 
Göttertrias bheb in Deutschland lar^e maßgebend, und 
noch in der Karolingerzeit verlangte der christliche Ehester 
vom deutschen Täufling die Abschwörung derselben Drei- 
heit: Thunaer, Woden und Saxnot (Tiu). Das von Tacitus 
daneben erwähnte bildlose Brüderpaar der Alcis im Haine 
der Naharvalen scheint nur von diesem einzigen Stamme 
verehrt worden zu sein. Dagegen kennt er außerdem eine 
Hauptgöttin, die aber unter verschiedenen Namen als 
Nerthus, Tanfana imd wie eine Isis erscheint. Auch im 
götterreicheren Norden springt doch eine ähnüche Dreizahl 
männUcher Gottheiten überall als die alte Kemgruppe hervor. 
Adam von Bremen meldet, daß in dem berühmtesten nor- 
dischen Tempel, dem zu Uppsala, drei Götterbilder standen: 
Odin, Thor und Fricco, der, wohl der nordische Frey, nur 
eine Abwandlung jenes deutschen Tiu ist (s. u.). 

Wie die Griechen schon früh bei den drei Göttern: 
Zeus, Athena und Apollo, schworen die Nordgermanen 
ebenfalls bei drei Göttern, während die Römerschwüre die 
Dreizahl nicht erkennen lassen. Odin, Thor und Frey, oder 
Frey, Njörd und der allmächtige Gort d. i. Thor oder der 
Landgott d. i. wiederum Thor, oder Thor, Odin und Frey, 
oder Frey, Freyja und der starke Thor werden angerufen. 
In allem Wechsel der Schwurformeln bleibt Thor der 
Hauptschwurgott, wie Zeus, insbesondere Zeus der König, 
in Griechenland und Jupiter in Rom. Öfter wurde auch, wie 
in Rom, beim Donnergott und den „andern Göttern" ge- 
schworen. Im Mythus machten sich neben den Hauptschwur- 
göttem auch die drei anderen, die Wanengötter Njörd, Frey und 



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VC Das GBtterleben und der Gfitterdienst. 291 

Freyja geltend, deren ursprünglich auf einen östlichen Stamm 
beschrankter Dienst sich später weiter nach Westen verbrei- 
tete. Außerdem traten noch Odins Gattin Frigg und der zu- 
rückgesetzte alte Tyr wenigstens im Mythus hervor. Endlich 
führten die vielgereisten und zum Teil gelehrten Skalden aus 
den verschiedenen Landen allerlei lokale oder fremde Götter 
ein oder schweißten ältere Götter nach fremden Vorbildern 
tun, wie z. B. Baldr. Nun wurde man auch mit dem antiken 
Zwölfgöttersystem bekannt. Die älteste indogermanische 
Religionsurkunde, der Rigweda 2, 27, nennt nur sechs höhere 
Gotter, deren Zahl später auf zwölf steigt und bald in ein 
Göttei^ewimmel auswuchert. Die Griechen deuteten ein 
Zwölfgöttersystem zuerst im sogenannten homerischen 
Hermeshymnus V. 128 an, das später auch vom Kultus der 
Italiker übernommen wiu-de. Aber wahrend das griechische 
System in Rom schon zu Hannibals Zeit wirkUch einge- 
bürgert war, wurde es im Norden zum bloßen Spielzeit 
der Dichterlaune. Die eddischen Grimnismal zählen zuerst 
zwölf Gottheiten auf, aber nicht nach antikem Vorbild je 
sechs von beiden Geschlechtem, sondern neun Götter, 
nämlich Thor, Ullr, Frey, Odin, Baldr, Heimdall, Forseti 
Njörd und Widar, und drei Göttinnen: Saga, Freyja imd 
Skadi, wobei namentlich die Abwesenheit Tyrs und Friggs 
auffallt, wenn diese nicht in der Saga verborgen ist Elf 
Äsen werden auch gezählt, als Baldr, der zwölfte, zu Tode 
kam, und auch Snorre Sturluson nennt zwölf die Zahl der 
göttlichen Äsen, und Odin verteilt nach demselben Snorre 
in Schweden Wohnsitze an seine 12 Tempelpriester d. h. 
Götter. Aber Snorres Göttemamenlisten überschreiten 
bereits die alteren bescheidenen Zahlen bedeutend, die erste 
enthalt 14 Götter und sogar 18 Göttinnen. Er fügt jenen 
neun der Grimnismal noch fünf hinzu: Tyr, Bragi, Hödr, 
Väli und Loki und un^bt die beiden Hauptgöttinnen Frigg 
und Freyja mit einem reichen Gefolge von Nebengöttinnen, 
die zum Teil deren Dienerinnen sind, zum Teil die besonderen 
Eigenschaften ihrer Herrin darstellen. 

Die Götterwohnung Asgardr Asenbof oder Ragna 

19* 



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292 Vn. Das Gött(rleb«n und der GöllcrdicoEt. 

Sj9t der Waltenden Sitz wurde im Westen gedacht. Da 
schaute der langobardische Wodan morgens durch ein 
Fenster gen Osten, und Thor fahrt ostwärts gegen die 
Riesen aus. Bei der Götterabschwörung wandte man sich 
mit zorniger Gebärde gegen Sonnenuntergang, dagegen 
mit erhobenen Händen und Augen gegen Sonnenaufgang. 
Doch dies mag , ein aus rein christlicher Symbolik hervor- 
gegangener Brauch sein. Bei Gebet und Opfer schauten 
die Nordleute gegen Norden. Die einen dachten sich Asgard 
mitten auf der Erde, die anderen im Himmel gelegen. Erde 
und Himmel verband die Asbrii die Götterbrücke oder 
Bifröst die bebende Rast, sie führte zur Göttergerichtsstatt 
am Fuße der Esche. 

Der Dichter der Grimnismal führt uns tiefer hinein in 
das „heilige Land" der Götter, eine weite mit Burgen be- 
setzte Landschaft von durchaus nicht isländischem oder 
norwegischem, sondern altirischem Stil. Nur eine Zwölf- 
zahl von Göttern besitzt darin himmUsche Paläste. Da 
wohnt Thor in Thrüdheim mit dem Saale Biiskimir, Ulh- 
in Ydalir, Frey in Alfheim, Skadi in Thrymheim, Baldr in 
Breidablick, Heimdall in Himinb]örg, Freyja in Folkwang, 
Forseti in Glitnir, Njörd in Noatün und Vidar in Vidi, Alle 
diese Göttersitze werden mit wenigen Strichen geschildert, 
aber von Odins Palästen entwirft das überhaupt zu Odins 
Preise bestimmte Gedicht mehrere glänzende Bilder. Der 
Gott sucht das silberbedachte Gehöft, die Valaskjälf, auf, 
oder er trinkt am Sökkvabekkr mit Saga glücklich alle 
Tage aus goldenen Bechern. Seine prachtvollste Wohmmg 
aber ist die goldstrahlende Valhall in Gladsheim, in die 
Odin täglich waffentote Männer aufnimmt. Sie hat 540 Türen, 
durch deren jede 800 Einheriar täglich zum Kampf gegen 
den furchtbarsten Feind Odins, den Wolf, fahren. Ihr Dach, 
dessen Sparren Speerschäfte sind, ist mit Schilden gedeckt, 
der Saal um die Bänke mit Brünnen bestreut. Ein Wolf 
hängt vor der Westtür, und ein Aar schwebt darüber. 
Drinnen speisen abends die Einheriar, jene durch Waffen 
Erschlagene, von einem im Kessel gekochten EberSaehriranir, 



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VII. Das Gfttterlcben and dei GStterdicnst. 29S 

wahrend der Gott seine Hunde Geri und Freki füttert und 
selber immer nur von Wein lebt. Auf der Halle steht die 
Geiß Heidrün oder der Hirsch Eikthymir; sie beißen von 
den Zweien des Baumes Laerädr. Ihr Euter füllt die Henkel- 
gefaße stets mit Met, und von seinem Geweihe tropfen 
alle Erdengewasser, Der Laerädr ist wohl die in einen 
Burgbaum verwandelte Weltesche, die nun auch YggdrasUl 
heißt, die Yggr oder Odin wie ein Drasil oder Pferd reitet, 
wenn er als Windgott durch ihre Krone braust. Alle 
Götter fahren über die flammende Götterbrücke zum Ge- 
richt unter diese Esche, unter deren einer Wiu-zel die Unter- 
weltsgöttin Hei, der andern die Reifriesen, der dritten die 
Menschen wohnen. Das Eichhörnchen Ratatösk lauft an 
ihrem Stamme hinab, irni das Zankwort des Adlers Vedrfölnir 
von oben dem unten schädlich hausenden Drachen Nidhögg 
zu bringen. Der indogermanische Wolkenbaum, von dem 
alle Wasser fließen, unter dem die Nomen an ihrem Brunnen 
wohnten und Mimir seinen Brunnen hatte (S, 281), ist nun 
ein Odinsbaum, verziert mit allerlei Marchenzügen und 
allegorischen Schnörkeln, und wie die ganze Götterlandschaft 
hat auch namentlich Walhall einen irischen Charakter. Denn 
schon vor den Grimnismal schildert die irische Poesie des 
8. oder 9. Jahrhunderts das Land der Verheißung ganz 
ähnlich. Den Mittelpunkt überirdischen Genusses bilden 
auch hier ein in einem Kessel gekochtes ewiges Schwein 
und berauschendes Getränke. Der Ire Kormak tritt im Lande 
der Verbeißimg in eine schöne Burg, wo ein in einem Kessel 
gekochtes Schwein am andern Morgen wieder lebend^ 
wird, imd zum frischen Schwein gibt es dort Bier imd 
Milch. Die eine Wand der Buig, zu der der Ire Maelduin 
kommt, besteht aus Gold- und Silberbroschen, die zweite 
aus Halsketten, die dritte aus Schwertern mit Gold- und 
subergriffen. Auf dem Rur stehen zur Verfügung ein 
gekochter Ochse, ein gesalzenes Schwein und große Gefäße 
mit berauschendem Getränk. Die nordische Vorstellung 
vom Kriegerparadies scheint zu einem guten Teil irische 
Wikingerbeute zu sein. Andere Skalden haben die Walhall 



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294 VIL Das GSttcrlcben und der GStterdienst. 

noch weiter au^estattet; Vor ihr strahlt der Wald Glasir 
in Goldlaiib, neben oder in ihr liegt ein Vfngolf, das man 
wohl am besten als Weinhalle auffaßt. Es wurde dem 
Saale GimlS gleichgesetzt, der nun schon, wie sich zeigen 
wird, dem christlichen Gedankenkreise angehört. 

Noch weiträumiger jils die Walhall Odins scheint seines 
Sohnes Thor Bilsktrnir zu sein, denn er hat 540 hausartige 
Gemächer. Aber so viele sind auch wohl erforderüch, denn 
wenn Odin die Krieger, so hat der Donnergott die noch 
größere Zahl der Knechte zu beherbergen. Was sie dort 
treiben, wird nicht gesagt. Aber vielleicht enthält noch 
einen heidnischen Nachklang der hessische Volk^laube, 
daß die Knechte nach ihrem Tode im Himmel donnern 
müssen. 

Über ein liebliches Elfenparadies und eine nebelte 
Riesenhölle oder gar über ein von Gelagen und Waffen- 
spielen widerhallendes Kriegerheim, neben dem noch ein 
Frauengasthaus bei Freyja und etwa eine von Thor ver- 
waltete Knechtsherberge gedacht wurde, ist die echt ger- 
manische Jenseitsvorstellung nicht hinausgekommen. Die 
ewige sonnte Friedenswelt auf dem Edelsleinberge Gimie, 
die die Völuspa schildert, ist bereits nach dem fremden 
Muster des himmlischen Jerusalems entworfen. 

Wenn man schließUch das ganze Weltall zerlegte und 
zwar in neun verschiedene Heime, so folgte man wohl 
schon der gemeinmittelalterlichen gelehrten Kosmolc^e, 
die die Welt sich aus neun Sphären zusammengesetzt 
dachte. Nur mit Mühe brachte man aus dem alten Mythen- 
schatz als neun Welten Asgard, Vanaheim, Alfheim, Mid- 
gard, Svartalfaheim, Jötimheim, Möspellsheim , Niflheim 
und etwa noch Hei zusammen. 

Diese höher geartete und tiefer ins Menschenschicksal 
eingreifende Götterwelt verlangte von ihren Schützlingen 
eine größere Fürsorge, ein eingehenderes Verständnis und 
eine feierüchere Andacht als die Geister- und Elfenwelt. 
Der Dienst dieser Dämonen hatte etwas KindUches, Häus- 
liches, HeimUches und Gemütliches, das nicht immer frei 



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vn. Das GSttetlebea and der GStterdteniL 395 

von Grauen war. Dazu wechselte er von Haus zu Haus, 
indem in dem einem der eine, im anderen der andere Geist 
vorzugsweise Verehnmg genoß. Durchweg vollzog der 
Hausvater die altherkömmlichen Bräuche, aber auch Kinder- 
hand mochte fUr manche genügen. Der GOtterkultus ließ 
sich in diese engen tmd einfachen Formen nicht bannen. 
Er drängte aus dem Hause hinaus, er wollte eine größere 
Bevölkerung gleichmäßig befried^en, zunächst die des 
Dorfs, dann die des Gaues, endlich die des weiten Landes. 
So wiu-de aus dem häuslichen Privatkultus ein öffentlicher 
Gemeinde-, Stamm- und Volkskultus. UnzertrennUch damit 
aber war verbunden die Handhabung des Rechts tmd des 
Krieges. Versammelten sich die Männer zum Gericht und 
zur Beratung, so schwebten die Götter mitten über der 
Dingstatt; zogen sie in den Kampf, so folgten die Götter 
den Tierstandarten. Der Dienst solcher ernst und weit 
waltender Wesen bedurfte kundiger und würdiger Leitimg 
und feierlicherer Verehrungsstätten; mit den Göttern ent- 
standen Priester und Tempel, Um diese beiden drehen sich 
die wichtigsten gottesdiensllichen Fr^en. 

Für das hohe Alter des germanischen Priestertums 
zeugen die uralten Namen, der althochdeutsche Harugari 
oder Parawari, der wie der lateinische Flamen lucularis 
den Hainmann nach dem alten in Hainen geübten Gottes- 
dienst bedeutet, imd der gotische Gudja, der altnordische 
Godi d. i. der Gottesmann, der Gottesdiener. Im Triumph- 
zug des Germanicus im Jahre 16 n. Chr. schritt bereits mit 
der Thtisnelda ein Chattenpriester Libes vor den Römern 
vorüber. 

Aus Tacitus' Bericht glaubt man den Zusammenhang 
des Priesterberufs einerseits mit der Hausvaterwürde, ander- 
seits mit der Fürsten- oder Königswürde noch einiger- 
maßen deutlich zu erkennen. In frühster Zeit versah der 
Hausvater namentlich den regelmäßigen Seelen- und Elfen- 
dienst ausschließlich, zumeist im Hause oder unter einem 
nahen Baum, am Stein oder Quell. In außergewOhnUchen 
Fallen, bei schwerem Unwetter, Mißwachs, Krankheit und 



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296 VII. Du Gdtterlebeo und der Gdtt«rdJeDst. 

sonstiger Not, griff ein höheren Wissens mächtiger Zau- 
berer mit geheimnisvollen Sprüchen und Bräuchen, oft an 
einem besonders feierlichen Orte, ein. Diese Zauberer Ober- 
dauerten den Wechsel der Zeiten, aber das Hauspriester- 
tum wuchs sich beim festeren Zusammenschluß der Ge- 
meinden, Gaue und Stämme und bei der fortschreitenden 
Vergöttlichung der überirdischen Wesen zu höherer Würde 
und Macht aus. Jedoch weder zu Caesars, noch zu Tadtus' 
Zeit bildeten diese Priester, zum Unterschied von den 
gallischen Druiden, eine besondere Kaste. Der Älteste d. h. 
der Mächtigste, der Fürst, der König vollzog den eigent- 
lichen Götterdienst in einem der Gottheit geweihten und, 
wie es scheint, ihm zugehörigen Haine. 

Noch Tacitus erkennt den innren Zusammenhang der 
Fimktionen des Familienvaters imd der des Gemeinde- 
priesters. So z. B. bei der Orakelbefragung, Man zerteilte 
nämlich den Zweig eines fruchttragenden Baiunes in 
Stäbchen, beritzte sie mit Zeichen imd warf sie auf ein 
weißes Tuch. Wenn man die Götter in einer öffentlichen 
Angelegenheit befragte, so hob der Priester, wenn dagegen 
in einer privaten, so hob der Hausvater, zum Himmel auf- 
blickend, dreimal je ein Stäbchen auf und deutete deren 
Zeichen. Verneinten sie die Frage, so fragte man an diesem 
Tage in dieser Sache nicht weiter; bejahten sie dieselbe, 
so achtete man noch auf andere Vorzeichen. Der Priester 
aber befragte nicht nur die Götter imd opferte ihnen, son- 
dern hütete auch das Gesetz im Frieden, wie im Kriege. 
Darum hieß er auch althochdeutsch der £wart oder £sago, 
altfriesisch der Äsega, der Gesetzwart oder Gesetzsprecher. 
Er eröffnete die Volksversammlung an der Kultstatte, die 
zugleich die Malstätte war, oder doch in deren Nähe lag, 
durch das Gebot des Stillschweigens imd die Verkündimg 
des Dingfriedens, der t>inghelgr, und bannte den, der ihn 
brach. Rückte ein Heer in die Schlacht, so trug der Priester 
aus dem Haine Bilder und Zeichen, die Tierstandarten, 
voran, denen die Gottheit folgte, und als deren Diener 
vollzog er auf deren Befehl, nicht auf den des Häuptlings, 



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VII. Das Götterleben und der Gfitcerdicnst. 297 

an dem Schuldigen Geißelung, Fesselung, ja Todesstrafe. 
Zogen die weißen, zu keiner gewöhnlichen Arbeit benutzten 
Rosse, die in den belügen Hainen gehalten wurden, den 
heiligen Wagen der Gottheit, so geleitete sie der Priester 
und hinter diesem der König oder Fürst des Landes, und 
beide horchten auf ihr Wiehern und Schnauben, das beim 
ganzen Volke für eine unfehlbare Weissiigtmg galt. Fast 
scheint der Priester einen Geheimdienst auszuüben, wenn 
er in weiblichem Schmucke die büdlosen naharvalischen 
Aids verehrt, wenn allein er den mit einem Tuche bedeckten 
Wagen der Nerthus berühren darf und ihr Bildnis badet, 
worauf dann die Sklaven, die ihn dabei unterstützt haben, 
der See verschlingt. 

So steht der altgermanische Priester da als ein in gött- 
lichem Auftrag ratender Vermittler nicht nur zwischen der 
Gottheit und den Menschen, sondern auch zwischen dem 
Volk imd dem Herrscher, und vertritt dem Fürstentum und 
seiner Gefolgschaft gegenüber fast wie ein Volkstribun die 
alte sittliche Ordnung und den Frieden der Geschlechter- 
gemeinde, Im Priestertum war das höhere religiöse Bewußt- 
sein und die Rechtsweisheit geborgen. 

Aus der nahen Berührung der priesterlichen und der 
fürsthchen Gewalten darf man aber wohl vermuten, daß, 
wie bei vielen andern Völkern, auch bei den Südgermanen 
einst der Priester und König oder Fürst eine und dieselbe 
Person waren, daß der König als der Mächtigste im Lande 
auch das Oberpriestertum führte. Auch der nordische Jarl 
oder Fürst hatte bei der Opferversammlung den Vorsitz 
und brachte den Göttern den ersten Minnetrunk, und nach 
der Rigsthula kannte er und noch besser der König die 
Runen und leitete durch sie, wie ein Gottesmann, die Kräfte 
der Natur und Leben und Glück der Menschen. 

Aus dem von den Göttern abstammenden Uradel wurde 
der Priester gewählt, ein vornehmer, weiser und begüterter 
Mann. Als nicht blutsverwandte Freie, Hör^e und Unfreie 
zu der alten Geschlechtergemeinde hinzutraten, da baute 
er sich und ihnen, den weniger bemittelten Gemeindemit- 



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298 VII. Das GStterleben and der GOtterdieast. 

gliedern, einen Tempel von allerdings sehr ursprünglicher 
Art. Der Hainpriester wurde ein Tempelpriester, der nicht 
nur das Heiligtum verwaltete, sondern auch zu dauerndem 
E^en besaß und es unterhielt und für den Gottesdienst 
darin sorgte. Als Grundherrn eines Eigentempels kamen 
ihm auch die ihm von Tacitus zugeschriebenen Hoheits- 
rechte zu, die Vertretung der Gemeinde, die Hut des Ge- 
setzes und die Leitung des Gerichts. Nicht nur aus der 
Ausstattung des altgermanischen Priesters mit solchen 
Hoheitsrechten, sondern auch aus der urkundlich besser 
bezeugten Geschichte des nordischen Priestertums und aus 
der gemeingermanischen Institution der Eigenkirche in 
frühchristlicher Zeit schöpfen wir das Bild einer solchen 
alteren Entwicklung, die allerdings weiterhin bei den ver- 
schiedenen Stämmen verschieden verlief. 

Die alte einflußreiche Stellung neben dem Kön^ oder 
Häuptling behauptete der Priester am längsten bei dem so 
lange auf der Wanderschaft begriffenen Stamme der Bur- 
gunder. Neben dem bei Kriegsunglück oder Mißwachs 
„nach altem Brauche" absetzbaren Hendino, dem König, 
stand unabsetzbar der Oberpriester, der Sinisto oder Älteste. 
Dagegen scheint die Macht der Priester bei den meisten 
anderen westgermanischen Stämmen, insbesondere den 
ackerbauenden Hermunduren, Alemannen und Franken, 
fi-üh gesunken ; wenigstens hatten die Fürsten dieser 
Stämme unmittelbar nach der Völkerwanderung die volle 
imd ausschließliche Strafgewalt im Heere. Aber der Eigen- 
tempel ist gebüeben und drängt sich als gemeingermanische 
Institution sofort bei der Bekehrung der Stämme in das 
römisch-katholische Kirchenwesen bedrohlich störend ein. 
Die germanische Grundherrschaft, die sich auf ihrem Grund 
und Boden ihre Eigenkirchen baut, tritt der bischöflichen 
Macht entgegen. Der Grundherr muß seine Kirche und den 
Gottesdienst in ihr unterhalten und, wenn er nicht selbst 
geistlich ist, ihr einen GeistUchen geben und besolden. Er 
kann sie verkaufen, vertauschen, verschenken, vererben und 
verpfänden. Diese Eigenldrche, die germanisch und im alten 



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Vn. Das Götterleben und dei GCturdienst. 39£> 

römischen Kirchenrecht nicht bekannt war, haben die Sueven 
in Spanien und die Westgoten und Burgunder nur kurze Zeit, 
die zäheren Langobarden langer behauptet, aber ein halbes 
Jahrtausend hat sie im fränkischen und deutschen Reiche 
gedauert, bis nur ein dtlrftiges Patronatsrecht davon übrig 
blieb. 

Auch der Adel der Sachsen scheint mit seiner richter- 
lichen und feldherrUchen Gewalt die priesterliche verbunden 
zu haben. Er verwaltete die Heiligtümer, und von einem 
besonderen Priesterstande ist hier vollends keine Spur zu 
finden. Der angelsächsische König Edwin aber hat einen 
Oberpriester, dessen Machtkreis nicht genauer bestimmt 
werden kann. Nur so viel steht fest, daß die angelsächsische 
Geistlichkeit gleich zu Anfang in die staatüchen Rechte der 
heidnischen Priesterschaft eintrat und bereits zu Kön^ 
Alfreds Zeit ihr Landbesitz bedenklich angewachsen war. 
Wahrscheinlich war jener Oberpriester dem König so 
untergeben, wie ein Priester der fränkischen Eigenkirche 
dem Grundherrn oder der norwegische Priester dem Klein- 
fürsten, dem larl oder Hersir. Darum nennen nordische 
Runensteine einen Ruulf den Goden (Priester) des Nori und 
einen Ali den Goden des Solvi, also priesterliche Beamte 
vornehmer Leute, Der larl wird der Eigentümer des 
Tempels gewesen sein und behielt sich, während der Gode 
als sein Beamter die priesterhchen Pflichten vollzog, den 
Vorsitz beim Opferschmaus vor imd leerte dabei den ersten 
Becher zum Gedächtnis der Gottheit. Übrigens scheinen 
andre norwegische Goden z. B. in Maeri bei Drontheim 
einen Tempel selbständig verwaltet zu haben. Ob aber als 
ihr Eigen? Diese größere Selbständigkeit führte in Island 
das germanische Priestertum zu seiner höchsten Leistung. 

Nach Island brachten ausgewanderte norwegische Goden 
entweder ihren ganzen Hof genannten Tempel oder doch 
dessen Hauptgebälk imd die Erde unter dem Thorsaltar 
vom Mutterlande im Schiff mit hinüber und bauten ihn an 
der Stelle wieder auf, wo die über Bord geworfenen mit 
Thors Bildnis versehenen Hochsitzpf euer des Hofs ans Land 



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300 VII. Das üötterieben und der Götterdiensl. 

getrieben waren. Oder auch fuhr z. B. der Isländer Loptr 
in jedem dritten Jahr nach Norwegen, um dort im Tempel- 
hof der Ahnen zu opfern. Der Tempel, hüben oder drüben, 
galt also für ein uraltes, wertvolles Erbstück. Andre wohl- 
habende Ansiedler, die entweder in der alten Heimat keinen 
Hof besessen oder ihn von dort nicht mitgebracht hatten, 
bauten für sich und ihre minder begüterten Ansiedler einen 
Tempel, für dessen Benutzimg diese eine Abgabe, den Hof- 
zoll, zu zahlen hatten, und erwarben sich dadurch einen 
Vorrang über die andern, die Stellung eines Coden und 
Yfirmadr, eines Übermanns, einer Obrigkeit. Der Hof wurde 
der Stützpunkt der Staatsgewalt seines Besitzers ; die Goden- 
würde, das Goäorä, bemächtigte sich der Herrschergewalt, 
der richterlichen und der ausführenden. Auch zum Heeres- 
dienst bot der Gode seine Thingleute auf. Aus 39 solcher 
Godorde setzten die Coden den Freistaat ihrer Insel 
zusammen. Ihre Würde vererbten sie meistens auf den 
ältesten Sohn, doch wurde sie auch wohl unter zwei Brüder 
geteilt. Wie eine Sache konnte sie gleich dem Besitz einer 
fränkischen Eigenkirche verschenkt, verkauft und vertauscht 
werden, und machtsüchtige Männer strebten darnach, 
mehrere solcher Godorde durch Kauf, List oder Gewalt in 
ihrer Hand zu vereinigen. Die isländische Familiensage 
hallt wider von solchen Godordskämpfen, auch noch in 
christlicher Zeit. Denn die Godenhäuptlinge führten auch, 
wie die westgermanischen Crundherren nach ihrer Be- 
kehrung, Eigenkirchen auf und behaupteten dieselben Rechte 
wie ihre heidnischen Vorgänger. 

So haben sich in Deutschland wie im Norden die Ein- 
richtungen des heidnischen Priestertums mit dem Grund- 
besitz als seiner Unterlage noch Jahrhunderte lang in der 
römisch-katholischen Kirche Geltung verschafft, bis sie erst 
der Investiturstreit im wesentlichen zerstörte. Doch noch 
heute kann manche Schloßkapelle oder im Gebirge auch 
die Hauskapelle manches Bauernhofes an die alte Zeit 
erinnern. Im Schwarzwald besorgt darin die älteste Magd 
dreimal täglich das Läuten und, wenn die Kirchwege ver- 



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VU. Das Götterleben und der GÖtWrdienst. 301 

schneit sind, halten die Häusbewohner unter dem Vortritt 
des Hausvaters darin ihre Sonntagsandacht. 

Neben den Priestern sind bei den Südgermanen 
Priesterinnen zweifelhaft und nur bei den aus dem Norden 
eingewanderten und vielfach mit Kelten gemischten oder 
gar keltischen Kimbern nachweisbar. Diese wurden von 
greisen weissagekundigen Priesterinnen in den Krieg be- 
gleitet. In weißes Linnen gekleidet, einen metallenen Gürtel 
um den Leib, barfuß traten sie den Kriegsgefangenen mit 
einem Schwerte entgegen, bekränzten sie und führten sie 
zu einem mächtigen Kessel. Auf einer Leiter stehend durch- 
schnitt ihrer eine die Kehle der in die Höhe gehobenen 
Gefangenen und weissagte aus ihrem in den Kessel rinnenden 
Blute. Als später Ariovist dem Caesar gegenüberstand, 
losten und weissagten die suebischen Hausfrauen, daß ihre 
Männer nicht siegen würden, wenn sie vor dem Neumond 
zum Kampfe schritten. Aber hier und weiterhin werden 
Priesterinnen nicht erwähnt. Sogar die geheimnisvolle 
Göttin Nerthus hatte keine Priesterin, sondern einen Priester. 

Wiederum weicht auch in dieser Hinsicht die nordische 
Priesterschaft ab. Denn die Tempelpflege und den Opfer- 
dienst übernahmen auch Gydjur Priesterinnen, unter denen 
die Gydja Steinvör sogar einen Haupttempel besorgte. Aber 
selbst diesen standen als Weibern nicht die weltliche Gewalt 
und Würde der Goden zu, vor allem war ihnen ein Einfluß 
auf das Gerichtswesen und die Verwaltung imtersagt. Von 
besonderer Bedeutung war die schöne junge Priesterin 
Freys, die dessen Bildsäule auf ihren Umfahrten durch 
Schweden begleitete: wenn sie schwanger wurde, stand 
dem Lande reiche Fruchtbarkeit bevor. Weissagimg mag 
den nordischen Gydjur wie jenen kimbrischen Priesterinnen 
imd den germanischen Priestern vertraut gewesen sein, 
aber mit der Prophezeiung ist nicht zugleich das priester- 
liche Amt untrennbar verbunden. Sie geht vielmehr von 
besonders goltbegabten Menschen, namentUch Weibern, aus, 
deren wir gleich gedenken werden. 

Die Priestertracht kennen wir nur wenig. Wenn 



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302 VII. Das Götteileben und der Götlerdienst. 

schon in der ältesten Zeit vom Zauberer, Beter und Opferer 
äußere Reinheit gefordert wurde, so ist uns sofort die 
weiße Kleidung und die Barfüßigkeit jener kimbrischen ' 
Priesterinnen verständlich. Auch der gotische Priester war 
mit weißem Gewände angetan. Der Alcispriester der 
Nahamavalen trug weiblichen Schmuck, womit vielleicht 
langwallendes Haar gemeint ist; der nordische und viel- 
leicht auch der gotische war mit einem Hand- oder Armring 
geschmückt, oder er hielt bei dem vor der Gottheit zu 
leistenden Schwur einen Eidring in der Hand. Der angel- 
sächsische war als Mann des Friedens stets unbewaffnet 
und unberitten. Niu- um die Ohnmacht der Heidengötter 
seinem König Edwin recht augenscheinlich zu beweisen, 
sprengte der schon für das Christentiun gewonnene Ober- 
priester auf dem Streithengst des Königs gegen den heid- 
nischen Tempel an und schleuderte einen Speer durch den 
Zaun ins innere Heiligtum. 

Noch weniger bekannt als die äußere Erscheinung des 
Priesters ist ims seine geistliche Tätigkeit und sein 
inneres Verhältnis zu seinem von ihm vor andern bedienten 
Gotte und zur Gottheit überhaupt Den priesterlichen 
Wirkungskreis hat kaum ein Späterer so richtig umschrieben 
wie Tacitus und so lunfassend. Seine Angabe über den 
Vollzug der Todesstrafe durch den Priester scheint Be- 
stätigung zu empfangen durch die Nachricht, daß auf Island 
dem schweren Verbrecher auf einem gottgeweihten Stein, 
dem Thorsstein, im Gerichtsring der Rücken gebrochen 
wurde. Auch die, wie es scheint, schon altarischen Gottes- 
urteile, die dem Angeklagten an Leib vmd Leben girren, 
scheinen unter priesteriicher Aufsicht vollzogen zu sein. 
Und von der Eidesabnahme durch den Priester haben wir 
schon gehört. Wenn auch die Priester vor dem Krieg auf 
das Pferdegewieher horchen, wenn sie die heiligen Tier- 
standarten ins Heer führen, so stimmt dazu, daß namentlich 
die Sachsen vor dem Krieg den Götterwillen befragten, 
gewiß vermittelst des Loswurfs, den doch wieder der Priester 
zu tim hatte. 



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Vtl. Das GötlerlebeD und der GCtterdiensC. 303 

Damit ist aber nicht das ganze innere Leben des Priester- 
tums aufgedeckt; sein geistiger Anteil am Gottesdienste 
gir^ sicherlich nicht im bloßen Opferakt und in den damit 
verbundenen Rechtshandlungen auf. Aus der priesterlosen 
Vorgötterzeit, der Zeit der Geister- und Dämonenverehrung, 
hatte es gar manche hausvaterliche Beschwörungsformeln, 
Segen und Zaubersprüche geerbt, die nun aus Priesters 
Munde veredelt und vertieft zum Vorschein kamen. So 
sang er bei Not und Gefahr im Stabreim die Herabkunft 
der Idisi zum Heere und die Holzfahrt Haiders und der 
Götter, bis er ihren göttlichen lösenden und heilenden 
Zauberspruch der Menge, dem „Umstand", verkündete. Uralt 
wie diese Sprüche, deren Formeln auch der Altindier kannte, 
war der auch brahmanische Brauch, beim Opfer den Preis der 
Götter in eine gemischte Erzühlui^sform zu kleiden, zwischen 
Prosa und epischen Liedern abzuwechseln, ja in die Prosa 
auch wohl einen ganz dramatischen poetischen Monolog 
oder Dialog einzutlechten. In einzelnen Eddaliedern und in 
den Erzählungen Saxos klingt diese wohl vom Priester und 
einem Chor ausgeführte Vortragsweise noch an. In Frage- 
und Antwortstrophen suchten die Priester die Rätsel der 
Welt, namenüich der über- und der unterirdischen, zu 
ergründen, wie wir vielleicht gleichfalls aus Eddaliedern, 
wie Vaf[>rudnis-, Grimnis- imd Alvismal, als späten Nach- 
bildern, schließen dürfen. Nicht nur die Opferhandlungen, 
sondern auch ihre Rechtshandlungen waren von volks- 
tümlicher feierlicher Poesie begleitet, die durch die Sprache 
unserer Volksgesetze und Dorfweistümer immer wieder 
hervorbützt. Namentlich die friesische Rechtssprache wogte 
in hochpoetischen oft stabreimenden Bildern und Gleich- 
nissen dahin und ergoß sich hie und da zu breiter bewegter 
Schilderung z. B. der Notlagen eines stocknackten Kindes, das 
in der nebeldüsteren Wintemacht über seinen Vater weint, 
der so tief und dunkel mit vier Nageln verschlossen und be- 
deckt unter Eichenholz und Erde ruht. Die alten Bannflüche 
und Eidschwüre, die doch auch die Priester aussprachen 
und vorsagten, hatten auch dieselbe poesievolle Würde. 



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3U Vn. Das GStterleben luid der Gälterdienst. 

Tiefer in das Gemütsleben der Priester können wir 
kaum hineinblicken; es entgeht uns alle priesterUche Lyrik: 
kein andachtsvolles Lied, kein eigentliches Gebet, kein 
frommer Herzenserguß eines Priesters und kaum eines 
Laien ist uns erhalten. Gewiß wird es auch an herzlichen 
Äußenmgen tiefer Gottesfurcht nicht gefehlt haben. Zwar 
die Debatten der christlichen Bekehrer mit den nordischen 
Heiden drehten sich immer wieder um die Hauptfrage, die 
auch schon der heidnisch gesinnte Frankenkönig an seine 
christüche Gemahlin richtete, wer denn doch eigentUch der 
stärkere sei, der Heidengott oder der wie ein Verbrecher 
gekreuzigte Christengott. Ihrem Gott aber das Beste zu 
geben, waren auch manche Heiden bereit, ob Priester oder 
nicht; kinderlose Eltern weihten ihm ihr noch ungeborenes 
Kind. Das genießt dann Odins Gunst und Hilfe im höchsten 
Maße, aber plötzlich stellt sich der Gott in der Schlacht 
seinem Schutzbefohlenen gegenüber und erschlägt ihn im 
besten Mannesalter, z. B. den Wölsung Sigmund und den 
König Harald Hildetand. So holt er sich das Gelobte. Die 
germanischen Priester aber nennt Tacitus Diener der Götter, 
und sie heißen im Norden LiebUng, Freund, aufrichtiger 
Freund, Vollvertrauter Thors oder Freys. Die besondere 
Freundschaft mit Thor wird einmal durch drei Generationen 
bewahrt ; sie erbt sich von Thorolf zu Mostr in Norwegen auf 
seinen Sohn Thorstein und von diesem auf seinen Enkel 
Thorgrim fort. Der Freysgode Hrafnkell opferte seinem 
Gotte seine besten Waffen, doch nicht, ohne sich deren 
Mitgebrauch vorzubehalten, und hielt ihm den herrlichsten 
Hengst, Freysfaxi, Er schwur, daß jeder, der dieses Roß 
bestiege, mit dem Tode büßen solle. Er erschlug auch einen, 
der diesen Schwur mißachtet hatte, imd lud dadurch Friedlos- 
legung auf sich, hl diesem Unglück erklärte er es für 
Tand, an die Götter zu glauben. Aber wie Hrafnkell fühl- 
ten sich viele trotzige Wikinger während ihres an Wechsel- 
fällen so reichen Lebens in ihrem Vertrauen auf die 
alten Götter enttäuscht imd „trauten" fortan auf nichts 
weiter, als auf „ihre Kraft und Stärke". Solche Leute, 



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Vn. Das Gfitterleben und dei Gatterdieast. 305 

darunter auch Priester, waren besonders reif für den neuen 
Glauben. 

Das germanische Priestertum hat bei weitem nicht die 
religiöse Bedeutung erlangt wie .das gallische Druidentum. 
Die Priester scheinen ihr Ansehen bei den meisten 
Stämmen auf einen Eigentempel gegrtlndet zu haben. Den 
weltüchen Machthabem, Königen oder Herzögen, waren 
sie als helfende und beratende Mitwisser der Götter imter- 
geordnet, im alten Germanien und Skandinavien. In den 
Sachsengauen übte die priesterliche Macht der Adel aus, 
in Island riß das Priestertiun die weltliche Macht an sich. 
Die Vereinigung geistlicher und weltlicher Würde gab 
gewiß dem Gottesdienst und anderen wichtigeren Hand- 
lungen einen feierlichen Ernst imd wirkte namentlich auf 
das Gerichts- und Heerwesen versittlichend ein. Aber die 
vielen vereinzelten Priester, die keinen eigentlichen Sonder- 
stand bildeten, unter sich nur einen losen Zusammenhang 
hatten und ihr Augenmerk wohl vorzugsweise auf welt- 
liche Dinge gerichtet hielten, konnten keine Hierarchie bilden, 
die unter einem anerkannten Oberhaupt von festen Mittel- 
pimkten aus den religiösen und dogmatischen Ausbau des 
altgermanischen Glaubens hatte unternehmen können. 
Überall ergab sich namentlich die deutsche, weniger 
schnell die nordische Priesterschaft nach schwachem 
WiderStande der vordringenden neuen Lehre, wenn auch 
z, B. in Hessen noch manche nach ihrer Bekehrung wieder 
rückfällig wurden oder Heiden- und Christenglauben beliebig 
miteinander vermischten. Das Volk hielt überall auch, 
nachdem es von seinen Priestern verlassen und selber 
bekehrt war, noch Jahrhunderte an seinen mythologischen 
Traditionen fest. Im Norden verdankte man vielleicht den 
Goden die friedliche Vereinigung des neueren milderen 
östlichen Wanenkultes mit dem älteren rauheren Asenkult, 
die der nordischen Götterwelt mehr Fülle und Licht gegeben 
hat. Aber weiterhin trugen doch wohl nur die Skalden zur 
Ausbildimg , zu einer rein poetischen Ausbildung , der 
Mythen bei, indem sie diese nmdeten imd zuweilen ver- 

M«vcr, B. a, GenMn. Mytholosle. ^ 



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a06 VII. Dai GOttetleben und der Gatterdienst. 

tieften oder mit anderen zu größeren Dichtungen verknüpften, 
zur Ergötzung der Fürsten und ihres Hofstaats, aber nicht 
zur Erbauung des Volkes. Bis erst die christliche Lehre 
ihre großen fremden Gedanken in die Germanenseelen 
warf. 

Neben den Priestern und außerhalb des Heiligtums 
wirkten die Zauberer imd die Zauberinnen mit ihren 
uralten Bräuchen weiter (S. 296) und es befriedigten eins der 
wichtigsten religiösen Anliegen, das Bedürfnis der Seele, 
den Willen der Gottheit zu erfahren, die gleichfalls schon 
in der Vorzeit tatigen Wahrsager und Wahrsagerinnen. 
Das kimbrische Weissagen aus dem Blute der Kriegs- 
gefangenen war noch an priesterliche Würde geknüpft, 
aber das Loswerfen übte auch der Nichtpriester, wie wahr- 
scheinlich auch die Deutung des Vogelflugs und Vogel- 
schreis oder des Pferdegewiehers, die schon Tacitus und 
700 Jahre später der Indiculus erwähnen. Aus dem guten 
oder bösen Angang d. h. der Begegnung emes tapferen, 
nützlichen oder feigen, schädlichen Tiers erschloß man das 
Glück oder Unglück eines Unternehmens noch bis in die 
Gegenwart, Es gab imd gibt Leute, die aus der Sprache 
der Vögel ganze Sätze heraushörten : als Sigurd vom 
Herzen des Drachen genossen hatte, verstand er die Er- 
zählung der Meisen von seinem Schicksal. 

Aber das fernste Gefäß des zukünftigen, göttüchen 
Wissens ist doch der Mensch, der geistersichtige Heilseher, 
der zu ungewöhnlicher, heihger Zeit in diese Welt ge- 
kommen ist, zumal die germanische Frau. Man verspürte zu 
Tadtus' Zeit in ihr einen unbeirrbaren vorahnenden Sinn, 
das sichere Gefühl des Weibes, das in unsicherer Lage oft 
richtiger leitet, als der nüchterne Verstand des Mannes. 
So verehrten die Deutschen schon früher die Aurinia, 
wahrscheinlich richtiger Albruna oder Alruna geheißen. 
In der weiten schwermütigen westfälischen Heide aber, wo 
noch im 19. Jahrhundert manche einsame Menschen, die 
„ Vorkieker^', ein Vorgesicht vom Siege eines in der Luft 
ziehenden Heers und der Niederlage eines andern hatten, 



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VIL Das GOlterlebea und der GöttCTdienat. 307 

wuchs das brukterische Mädchen VelMa auf. Seitdem ihre 
Prophezeiung vom Siege der Deutschen und dem Unter- 
gang der Legionen sich erfüllte, glaubte man an sie als 
an eine gnadenvolle Göttin. Von einem hohen Turme aus 
leitete sie jahrelang die Geschicke ihrer Landsleule und der 
Bataver in dem blutigen Kriege des Qaudius Civilis gegen 
die Römer. Mit diesem verhütete sie die Schleifung der treu- 
losen Ubierstadt Köln, aber sie ließ deren Gesandte nicht 
vor sich und steigerte noch durch ihre Unsichtbarkeit die 
Ehrfurcht vor ihr. Die Besten ihrer Sippe tiberbrachten ihre 
Ratschläge imd Antworten. Gefangene römische Offiziere 
und das erbeutete Admiralschiff wurden nach ihrem Turme 
die Uppe hinaufgeschickt. Aber nach der Niederlage ihres 
Stammes geriet sie in römische Gefangenschaft und mag 
geendet haben verlassen und verachtet in Rom, das sie 
einst durch ihre Weissagungen erschüttert hatte. — Noch 
einmal trat eine deutsche Seherin den Römern entgegen, 
ein riesiges Weib der Eibgegend, das dem Drusus den 
nahen Tod weissagte. 

Im Norden wurde die Weissagung aber auch gewerbs- 
mäßig getrieben vom Spämadr Seher und von der 
Spdkona Seherin oder der ^071-«. Die Völvur d. h. die 
Stabträgerinnen, die nach dem völr, ihrem Zauberstabe, 
hießen, erwarben sich ihr übernatürliches Wissen durch 
Zauberkunst. Ein solches Weib setzte sich zu bestimmten 
Zeiten in der Nacht draußen an einen bestimmten einsamen 
Ort zu der sogenannten Utiseta nieder. Dort weckte sie die 
Seelen und Geister (troll) mittelst ihres Stabes und ihrer 
Beschwörungen, des Valgaldr oder Leichenzaubers, und 
brachte sie, auch wohl mit des Zaubergottes Odin Hilfe, 
zur Beantwortung ihrer auf die Zukunft, aber auch auf die 
Vergangenheit und die Gegenwart bezüglichen Fragen. 
Sie griff also auf die uralte Totenbefragung zurück (S. 123). 
Dann zog sie, wie z. B. Thorbjörg, namentlich in der Julzeit, 
bedeckt mit einer Pelzmütze und einem dunkelblauen 
Mantel, Zauberzeug in einer Tasche am Gürtel, ihren Stab 
in der Hand, durch das Land, oft mit einem großen Gefolge. 



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308 VII. Das GStteilcben und der Götteidicnsl. 

In den Bauernhöfen wurde sie mit den Herzen geschlachteter 
Tiere und mit Brei bewirtet. Dann bestieR sie einen erhöhten 
Zauberstuhl, den ihre Begleiterinnen umgaben, und Zauber- 
gesänge, Vardlokkur, die die Wart- oder Schutzgeister 
anlocken sollten, wurden angestimmt. Nun erst ganz ihrer 
Kunst gewiß, weissagte sie die künftige Witterung, den 
Emteausfall, das Schicksal der Familie oder auch große 
Ereignisse des kommenden Jahres. Dafür wurde sie be- 
schenkt, aber auch wohl, wenn sie Unwillkommenes ver- 
kündete, bestraft. 

Um das Jahr 1000 streiften die Wölur nicht nur in 
Norwegen und Island, sondern auch in Dänemark und 
Grönland. Die geachtetste Wölwa war die Seherin Thordis 
in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, der sogar in 
schwierigen Rechtsfragen das Schiedsrichteramt übertragen 
wurde. Sie scheint ihren ernsten Sinn dem neuen Glauben 
zugeneigt zu haben: sie zog zu Spakonufell den ersten 
isländischen Missionar Thorwald auf. Die berühmteste 
Wölwa ist diejenige, der ein Dichter die Völuspä, die Weis- 
sagung der Seherin, in den Mund legte. Aber diese ist als 
ein urweltliches Wesen, das unter Walvaters Einfluß das 
Schicksal der Welt von ihrem Anfang und ihrem Ende und 
bis zu ihrer Erneuerung allen Menschenkindern prophezeit, 
ein ungermanisches, sibyllenartiges, aus der altchristüchen 
Poesie herübergenommenes Gebilde, wie sich weiter unten 
zeigen wird. 

Mit dem Wahrsagen wurde aber schon damals viel 
Unfug getrieben, weshalb die altnorwegischen Gesetze das 
Draußensitzen auf den Kreuzwegen, die Utiseta, während 
der Jul- und Neujahrsnächte verboten. Auch in Deutsch- 
land setzte man sich in der Neujahrsnacht zu gleichem Be- 
huf auf einen Kreuzweg und zwar auf eine Rinderhaut 
oder, was noch altertümUcher aussieht, mit umgürtetem 
Schwert auf das Dach emes Hauses {S. 31). Diese so- 
genannte (H)liodorsaza d. h. das Orakelsitzen bekämpfte 
die Geistlichkeit schon seit Primin ums Jahr 700, aber mit 
wenig Erfolg. Noch bis ins 19. Jahrhundert setzte man sich 



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VII. Das GCtterleben und der Götterdiensl. 309 

in Island und in Deutschland in der Andreas-, Christ- und 
Dreikönigsnacht auf den Kreuzweg, auf den Färöem auf 
ein dort ausgebreitetes graues Kalbsfell und ausgerüstet 
mit einer scharfen Axt, allerdings nicht mehr um die Gabe 
der Weissagung, sondern um Gold und Silber von den 
herandrängenden Elfen oder dem Teufel zu erlangen. Auch 
ist jene wirkungsvolle Dachsitzung des Bewaffneten nicht 
vergessen, sie hat aber auch ein anderes Ziel bekommen. 
In Gossensaß am Brenner meint man, wer während der 
Christmette auf dem First seines Hauses säße und seine 
Sense dengelte, der hätte das ganze Jahr Schneid. 

Diese zum Teil so grotesken Bräuche erklären sich 
aus der Anschauung, nur in der Absonderung, in der Er- 
hebung über die gewöhnlichen Menschen, auf dem Turm, 
dem Zaubergerüst, dem Dach und dem einsamen Kreuz- 
weg, von wo aus zugleich der Blick nach allen Seiten zu 
schweifen vermochte, sei das Zukunftsgesicht zu erreichen. 

Von jener Veleda aber führt eine lange Reihe mehr 
oder minder berühmter deutscher Seherinnen bis gegen 
unsre Zeit, bis zur „Harkbüre", einer Schwarzwälderin, die 
in der altheidnischen Weissagezeit zwischen Weihnacht 
und heilig Dreikönig den mitternächtlichen Lauf der Sterne 
betrachtete und darnach den Bauern voraussagte, ob das 
neue Jahr gut oder schlecht ausfallen, Krieg oder Frieden 
bringen würde. Die napoleonischen Kriege und noch die 
Revolution von 1848 soll sie vorhergesehen haben. 

Nahe berühren sich mit dem Wahrsagen und der 
Wahrsagerin der Zauberer und die Zauberin, der alt- 
nord. seiti- oder galdramadr und die seid- oder galdrakona. 
Im Norden war das uralte Zauberwesen noch stärker ent- 
wickelt als in Deutschland, weil es genährt wurde durch 
das Schamanentum der benachbarten Lappen oder Finnen. 
Man fuhr zu den Finnen, um ihre Kunst zu lernen, so 
eifrig, daß noch die christliche Gesetzgebung Norwegens 
dagegen auftrat. Aber schon in der letzten Zeit des Heiden- 
tums war Zauberei eines Mannes nicht würdig, und Harald 
Schönhaar ließ seinen Sohn Ragnvald samt 80 Zauberern, 



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310 VII. Das GSItctUbcD und der GetterdicDst. 

die ihn begleiteten, töten. Eher ließ man zaubernde Frauen 
gewähren; doch gemeinschädliche steinigte oder ersaufte 
man. 

Meistens ging dem Zauber, wie dem Orakel, ein Opfer 
voran, vereinzelt sogar ein Menschenopfer. Wie die Wölwa 
bestieg der Zauberer einen hohen Sitz, den Seidhjallr, um 
ungestört von da herab seine Beschwörung, seinen Zauber- 
gesang, kund zu tun, zauberkräftige zu Lied oder Spruch 
zusammengefügte Wörter oder Runen. Auch ritzte der 
Zauberer solche in den zur Zauberwirkung ausersehenen 
Gegenstand, namentlich auch auf Schutz- wie Trutzwaffen. 
Durch gewisse Pflanzen und Steine vermochte er zu heilen, 
Liebe oder Sieg oder auch von allem das Gegenteil zu 
wirken. 

In der Liederedda reicht Sigrdrifa dem Sigurd Bier, 
das voll ist von ZauberUedem und Heihimen, von gutem 
Zauber vaid Freudenrunen. Sie hat diese nämlich zuvor auf 
ein Schwertgriff, ein Trinkhom und viele andere zu feiende 
Dinge eingeritzt, dann davon abgeschabt und in den heiligen 
Met getan. Durch solchen Trunk wird Sigurd zu jeglichem 
Tim fähig. So verhackt wohl noch die badische Mutter 
ganz fein die Buchstaben des großen und des kleinen ge- 
druckten Alphabets in ein Karfreitagsei imd gibt es vor 
dem ersten Schulgang ihrem Knaben zu essen, damit er 
lemkräftig werde. 

Seit der Urzeit gab es bösen, unheimlichen und guten, 
woltätigen Zauber. Der zauberkraftige Mensch konnte nicht 
nur andere in eine beliebige Gestalt verwünschen, sondern 
sich auch selber in allerlei Tiere verwandeln, so z. B. häufig 
in einen den Schiffen gefährUchen Walfisch, und in die 
Gestalt anderer Menschen. Guten Zaubers, soweit er in der 
Runenkunde bestand, war in alter Zeit besonders der König 
mächtig, der nach der Rigsthula dem Jarl darin Überlegen 
war imd die Lebens-, wie Todesninen verstand. Gute und 
böse Zauberkünste, auch die finnischen, wurden dem Odin 
beigelegt 

Der Gottesdienst vollzog sich zu Tacitus' Zeit über- 



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VII. Dss Götteileben und dei Göltcidienst. 311 

■wiegend in einem Gemeindeheiligtum. Das war damals 
meist sehr einfach, wie seine Namen verraten. Zwar das 
hochdeutsche Wi{cft), mit dem die Ortsnamen Donner- 
schwee bei Oldenburg und das schon im 10. Jahrhundert 
bezeugte Wodeneswege, jetzt Gutenswegen bei Magdeburg, 
als Opferstätten der beiden höchsten Götter zusammen- 
gesetzt sein mögen, und das nordische Vf, fV, wonach 
Thors-, Odins- und Freysvi genannt wurden, bedeutet nur 
allgemein das Heiligtum. Aber eine andre Tempelsbezeich- 
nung althochd. Haruc, angelsächs. Hearg, altnord. Hörgr 
scheint von einem bloßen Steinhaufen, dessen man sich als 
Altar bediente, hergenommen zu sein. In Jütland hat man 
nebeneinander mehrere Steinhaufen mit Tonscherben und 
Kuhhömem und einen mit zwei Holzslücken gefunden, in 
denen die Füße eines Götterbildes vermutet werden. Neben 
einem andern bei Viborg lag eine wahrscheinlich sakrale 
phallische Holzfigiu-. Drei andere Wörter für den Tempel 
altnord. Lundr, ahd. Paro, ags. Bearo und das deutsche 
Loh {latein. lucus) haben ursprünglich den Begriff Hain. 
Der alte Tempel war also ein eingehegtes Waldstück, eine 
Waldlichtung, worin ein Feldstein oder Steinhaufen den 
Altartisch und etwa noch eine Hütte, eine Casula, wie es 
im Indiculus heißt, ein Blockhaus die Cella, die eigentliche 
Wohnung der Gottheit, bildete. Darüber rauschten unan- 
tastbar die höchsten Waldbaume. Solche heiUge Haine hatte 
das grüne Waldland der Germanen überall: zu Tacitus' 
Zeit den Hain der Baduhenna, den Hercules (Donars) hain 
an der Oberweser, den Nerthushain auf einer Meeresinsel, 
den Hain des Allwalters im Spreegebiet und den Alcishain 
noch weiter östlich bei den Nahanarvalen. Und noch durch 
das ganze Mittelalter hören wir von heiligen Lohen in 
Niederdeutschland, von heiligen Forsten in Oberdeutsch- 
land. Der bremische Bischof Unwan mußte sie noch im 
11. Jahrhundert ausrotten, weil in ihnen geopfert wurde. 
Im Norden waren ein Thors- und ein Freyslundr bekannt 
und der Hain von Uppsala. Lund in Schonen gehörte zu 
den vier Haupttempeln Dänemarks. 



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3^ VH. Das Cötterlebea und der GStterdienst. 

Vor den späteren größeren Tempelbauten -wichen die 
älteren Haine immer mehr zurück, aber oft mag man einen 
besonders mächtigen Baum verschont haben, wie z. B. die 
hessische Donarseiche bei Geismar und den immergrünen 
Baum, desgleichen man anderswo nirgend sah, bei dem 
Tempel von Uppsala. An Stelle eines Baumes errichteten 
die Sachsen auch einen Baumstamm von bedeutender 
Cröße unter freiem Himmel, die Irmin- oder Ermensäule, 
die eine geraume Strecke von der Eresburg, dem heutigen 
Stadtberge, entfernt, in einem heiligen Bezirke des Egge- 
gebirgs stand. Sie wird bald Hain, bald Heiligtum, bald 
Idol genannt. Diese allen heilige „Allsäule" war wahr- 
scheinlich ein Nationalheiligtum aller Sachsen oder doch 
aller Engern und wurde von Karl d. Gr. 772 zum Ziel- 
punkte seines ersten planmäßigen Eroberungszuges nach 
Sachsen ausersehen. Dreier Tage bedurfte sein Heer, mn 
sie xmd wahrscheinlich noch andere Anlagen zu zerstören, 
und das dort gefundene Silber und Gold nahm er mit sich 
fort. Schon diittehalb Jahrhunderte früher, im Jahre 532, 
stellten, wie Widukind von Korvey meldet, die Sachsen 
nach einem übrigens unhistorischen Siege bei Scheidungen 
an der Unstrut ein ebenfalls säulenförmiges Denkmal auf, 
das sie ebenfalls Irminsäule nannten, offenbar als Zeichen 
ihres siegreichen Stammes. Auch der viel jüngere Maibaum 
mag als Triumphzeichen des Lenzes gegen den besiegten 
Winter aufgerichtet worden sein. 

Auf eine andere alte Form des Heiligtums weist 
vielleicht das gotische Alhs, das altdeutsche Ala{c)h, das 
eine Wehr, etwa einen Ringwall, eine Burg im alten Sinne 
des Worts bedeutet, weshalb die alten Chroniken den 
Tempel oft als castnmi bezeichnen. Diese namentlich in 
Norddeutschland häufigen Erdbauten, die in Kriegszeiten 
als Zufluchtsstätten und Festungen dienten, waren auch 
zu Opferstätten geeignet. Auch vermutet man, daß die 
Orte, an denen alte Römerstraßen zusammentrafen, von 
den heidnischen Germanen als die am leichtesten erreich- 
baren Versammlungsplätze zum Gottesdienst benutzt worden 



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Vit. Djs Gfltterleben und der GSlteidienst. 313 

Wären, wie Münster (Mimigardeford), Osnabrück, Pader- 
born und Minden, Auch im ribuarischen Gesetz, 72, 1 
schwört der Franke einen Eid in einem Harah, einem i 
Tempel, am Kreuzweg. Dazu opferten die Dänen nach I 
Alfrics Heiligenleben dem Ofien auf Kreuzwegen. f 

Kunstpollere Tempel sind bei den Indogermanen über- 
haupt spät, selbst bei den Griechen. Die mykenische Kultur 
scheint sie nicht gekannt zu haben, erst in den jüngeren 
Partieen der lUas tauchen sie auf. Aber wenn Tacitus meint, 
die Vorstellung von der Erhabenheit ihrer Götter hatte die 
Germanen abgehalten, sie in Wände einzuschließen und bild- 
hch darzustellen, so irrt er, in spät römischer Anschauung 
befangen, sowohl in der Angabe des Tatsächlichen, als 
auch in deren Begründung. Er selber führt einen dem 
Erdboden gleich gemachten, weit angesehenen Tempel 
der Tanfana im Marsenlande und ein Allerheiligstes der 
Nerlhus an. So einfach diese Heil^ümer auch gewesen 
sein mögen, sie hatten doch zusamt ihrem Gehege, ihrem 
Hofe, einen gewissen Wert und scheinen ihren Eigentümern 
eine mit manchen Rechten ausgestattete priesterliche 
Stellung eingetragen zu haben (S. 297). Vom 5. Jahrhundert 
an, als man bereits von den Römern gelernt hat, werden 
Heidentempel, auch größere, in Süddeutschland häufiger 
erwähnt, aber von ihrer Einrichtung hört man nichts 
Näheres, nur daß ein kölnischer Tempel, in dem die Germanen 
Opferschmäuse hielten, mit Götterbildern, allerlei Schmuck- 
sachen und hölzernen Nachbildungen kranker GUeder ver- 
sehen war. König Edwin (f 633) Üeß einen angelsachsischen 
Tempel samt seinen Hecken, Altären und Götzenbildern 
niederbrennen. Die friesischen Tempel, deren ehrwürdigster 
der des Gottes Fosete auf Helgoland war, bargen Schätze, 
die von Geschlecht zu Geschlecht vermehrt wurden. Der 
Tempelräuber wurde, grausam verstümmelt, am Meeres- 
strande geopfert, da, wo die Flut über seinen Leichnam 
hinwegspülte. Vom eroberten Gold und Silber aber nahm 
nach der Unterwerfung der Friesen Karl der Große zwei 
Drittel an sich und wies ein Drittel dem Bischof Alberich 



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314 VII. Das Gölteileben und der GittterdieiiEt. 

von Utrecht zu. Karl bekämpfte auch die sachsischen 
Tempel durch Verbote und Kriege. Die bedeutendsten 
lagen da, wo der sächsische Adel am dichtesten angesessen 
war, an der fränkischen Grenze. Von der Eresbui^, der 
Irminsul, von Paderborn, Detmold und Herford aus führte 
dieser seine Aufgebote in die Schlacht. Nach den obigen 
Angaben (S. 312) darf die Nachricht, daß Karl bei der 
Zerstörung der Irminsul Gold und Silber gefunden und 
weggeführt habe, kaum bezweifelt werden, so wenig wie 
jene Meldungen über die friesischen Tempelschätze. Auch 
die Sachsen straften Tempelschädigung mit dem Tode. 

Der nordische Tempel, der wie der angelsächsische 
auch äas Hof d. h. geschützter Ort hieß, bestand wie der 
deutsche überwiegend aus Holz, in Island, wie es scheint, 
auch aus Torf. Selbst ein großer Hof wie der Thorstempel 
zu Maeri in Drontheim konnte abgebrochen imd teilweise 
nach Island verladen werden. Aber im isländischen Gemeinde- 
tempel, wie er in den Sagen beschrieben wird, glaubt man 
schon eine Nachbildung fremden Kirchenbaues wahrzu- 
nehmen. 60 Fuß breit und bis zu 120 Fuß lang, hatte er ein 
Langhaus imd, davon durch einen schmalen Zwischeiu'aum 
getrennt, eine Art Chor, Stüka, Afhüs; jenes war mit einer 
Seitentür, dieser nüt einer Türe in der Mitte der Rundung 
versehen. Jene Halle war für den Opferschmaus, diese 
Zelle für die Gölter und ihr Opfer bestimmt. Im Mittel- 
raum der Halle stand das öndvegi, der Hochsitz des Vor- 
sitzers, dessen Säulen mit Thors Bild geschmückt und mit 
Reginnaglar, großen Nägeln, beschlagen waren. In der Stüka 
befand sich der eisenbeschlagene Stalli, Stallr Altar, auf 
dem das oder die Götterbilder standen imd der goldene 
oder silberne Eidring lag, bei dem die Hofseide, ursprüng- 
hch alle Eide als Kultusakte, geschworen wurden, nachdem 
er vom Priester ins Blut des Opfertiers getaucht war, nach 
uraltem Brauche. Alfred der Große ließ 875 die Danen 
einen Vertrag nicht nur auf den Gebeinen der Heiligen, 
sondern auch auf einem heiligen Ringe, der mit Opferblut 
bestrichen auf dem Altar lag, beschwören. Eide auf heiUge 



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vir. Das GOtterlebcD ond der Gotlerdienst. 315 

Ringe, die später auch wohl durch Eide auf den Griff von 
Kirchentüren oder auf Ring und Stab oder auf Reliquien 
ersetzt wurden, kannten auch die Goten, Franken und 
Sachsen. Auch verdammte ein fränkisches Konzil in Orleans 
im Jahr 541 als heidnische Sitte, den Eid mit Berührung 
eines Tierhaupts unter Anruf der Götter abzulegen. — Ein 
großer kupferner Opferkessel, wie er auch in alten 
Schilderungen deutscher Opfer erwähnt wird, fing das Blut 
(hlaut) des geopferten Tiers oder auch Menschen auf, in 
das nicht nur jener Eidring, sondern auch der zur Be- 
sprengung der Opferer und der zur Losung dienende Opfer- 
zweig oder Opferbüschel getaucht wurde. Da heißt es 
z. B. von einer Schicksalsbefragung KOnig Granmars beim 
Opfer in Uppsala: Da fiel ihm der Zweig so, als ob er 
nicht mehr lange zu leben hätte. 

Den Tempel umgab ein angelsachsischer Geard, ein 
nordischer Garär, ein etwa mannshohes Gehege, auch wohl 
eine goldne Kette in Uppsala, wie spater in Deutschland 
Marien-, Leonhards- und Nikolauskirchen von Eisenketten 
umzogen waren. Beim Tempel in Uppsala überragte ein 
imvergleichUcher immei^rüner Baum einen Quell, an dem 
geopfert wurde. Dieser machte Uppsala zur heiligsten 
Stätte des Landes, ein andrer Helgoland zu einer dem Gott 
Fosete geweihten Insel. So ertränkte man auf Island in 
„Opferquellen" vor der Tempeltüre die zum Opfer bestimmten 
Menschen, wobei man sich des Sees der Nerthus erinnert, 
in den die Diener der Göttin versenkt wurden, aber auch der 
vielen Kirchen, in und bei denen Quellen sprudeln, wie in 
Paderborn, Freibui^ i. B., Bomhövede, Visselhövede und 
Bexhövede. Der Tempelfriede, die Hofshelgi, machte das 
Heiligtum für alle Schuld- und Wehrlosen zur unverletz- 
lichen Zufluchtsstätte, die ein Bewaffneter nicht betreten 
durfte. Aber der friedlos Erklärte war wie der Wolf und 
Bär ausgeschlossen vom Frieden, und wer diesen durch 
Gewalttat brach, hieß Wolf im Heiligtum „vargr i v^um". 
Friedloslegung traf besonders die, welche das Heiligtum 
und den Thingplatz verletzt hatten. Daher kam es vor, 



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31G VU. Das GötcerlebeD und dci Götterdienst. 

daß selbst Leute, die durch die Ermordung eines der Ihrigen 
zu äußerster Wut gegen den Mörder gereizt waren, wegen 
des Tempelfriedens ruhig auseinander gingen. War die 
Opferstätte dennoch durch Mord oder Totschlag geschändet, 
so wurde das Thing von ihr verlegt. Den sichersten Schutz 
aber gewährte sie in den Hochzeiten d. h, an den hohen 
Festtagen. 

Die Opferstätte war häufig auch Thingstätte, weil die 
Todesstrafe ein Staatsopfer war. In einem westisländischen 
Dömhringr, Gerichtsring, stand der Thorsstein, auf dem den 
zum Opfer für Thor Bestimmten das Rückgrat zerbrochen 
wurde. 

Die heiligen Stätten und die Gotteshäuser wurden durch 
Weihgeschenke ausgezeichnet, vornehmlich durch Beute- 
stücke, selten aber durch Waffen. Die Germanen der 
römischen Kaiserzeit hängten ihren Göttern in den heiligen 
Hainen die eroberten römischen Feldzeichen auf. Wenn 
auf dem Gall- oder Galgenberg bei Hildesheim, auf dem 
man 1868 einen römischen Silberschatz entdeckte, ein heid- 
nisches Heiligtum stand, wie es nicht unwahrscheinlich ist, so 
darf man annehmen, daß darin, wie nachweisbar in andern 
Heidentempeln, die kostbarsten Beutestücke niedergelegt 
und vor aller Augen ausgestellt waren, jedoch keine Waffen, 
weil man diese besser für den Kampf brauchte. So behielt 
sich auch jener Isländer Hrafnkell (S. 304) den Mitgebrauch 
der seinem Lieblingsgotte Frey geopferten Waffen vor. 

Mit wertvollen Weihgeschenken waren auch die nor- 
dischen Tempel ausgestattet, so daß Adam von Bremen 
mit starker Übertreibung den ganzen Tempel von Uppsala 
aus Gold gemacht nannte. Andre sprechen von einem aus 
Silber und Gold gefertigten Thorsbild imd seinem präch- 
tigen von zwei Böcken gezogenen Wagen in Maeri und er- 
zählen, daß Kön^ Olaf Tryggvason alles Geld imd Schmuck- 
werk aus dem Tempel zu Hladir und von dessen Götzen 
nehmen ließ. Thor geriet einmal in großen Zorn darüber, 
daß ein zum Christentum Bekehrter sein Tempelsilber ins 
Moor warf. 



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VII. Das GQtl«rl«beii ond dei Gülterdienst 317 

Älteres Zeugnis für die Ausstattung der nordischen 
Heiligtümer mit mehr oder minder kostbaren Weih- 
geschenken legen die Opferfimde ab, gleichartige Sachen, 
die gewöhnlich in größerer Anzahl auf einfacheren Opfer- 
plätzen niedergelegt wurden. Sie staimnen aus den Jahr- 
hunderten um Christi Geburt. Nordische Krieger weihten 
auf offenem Felde ganze Sammlungen von Beutestücken, 
die später das Moor überwuchs, gerade wie die Galüer ihre 
dem Kriegsgott gelobte Siegesbeute zu Haufen aufstapelten, 
die Caesar in vielen Gauen sah. Nordische Frauen brachten 
eine Anzahl bronzener Halsringe, ein Schiffer etwa 100 
ineinander gesteckte Goldboote, Krieger prachtvolle mäch- 
t^e Trompeten aus Bronze, sogen, Lure, ihren Göttern 
dar. Die wertvollsten Votivgaben, die sich durch reiches, 
noch immer nicht sicher gedeutetes, fremdartiges Figuren- 
werk auszeichnen, sind der Silberkessel von Gundestrup in 
Jütland und die beiden schleswigschen Goldhömer, die zu 
heiligen Kultzwecken bestimmt waren. 

Aber auch Äcker, Wälder, Quellen und weidende Tiere 
gehörten zu den Tempeln auf Helgoland und im übr^en 
Friesland. Die isländischen Tempel oder Höfe bezogen 
einen Zoll, den Hofzoll, wie spater die Kirchen ihren 
Zehnten, und fromme Leute machten ihnen auch Land- 
schenkungen. 

Wie stand es aber um den höchsten Tempelschmuck? 
Kleine aus Holz geschnitzte Götzenbilder unbestimmten 
Ranges hegte man wohl seit unvordenklicher Zeit : sie 
hießen im Norden Schnitzgötter oder kurzweg Stöcke. Man 
brachte sie auf oder neben den Steinhaufenaltären an (S. 311). 
Das nordische Eidsifjagesetz verbot, solche Stöcke oder 
Altäre im Hause zu halten. Aber von eigentlichen Götter- 
bildern will Tacitus in Deutschland nichts wissen. Die 
Bilder oder Gestalten und die Zeichen, die nach seinem 
Bericht die Priester aus den Hainen in die Schlacht trugen, 
sind bloße Bilder oder Gestalten wilder Tiere, wie er an einer 
anderen Stelle deutlicher sagt, insbesondere kampflustiger 
Eber und Wölfe, und die Zeichen sind wohl nur Symbole 



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31S Vn. Das GOKcrlcben und der GStlerdiensl. 

oder Attribute der Gottheit, wie bei ihm das Schiff ein 
Zeichen der Isis heißt. Die ältesten in den nordischen 
Mooren gefundenen wirklichen Götterbilder sind römische 
Bronzestatuetten: Mars, Jupiter imd Venus. Sie mögen, 
wie einige von den zahlreichen in England imd am Rhein 
entdeckten Götterbildern, auf germanische Gottheiten ge- 
deutet und als Abbilder solcher verehrt worden sein. Sie 
werden auch zur Nachahmung gereizt haben. Ein ger- 
manisches Götterbild muß man wohl in der Nerthus, die 
herumgeführt imd gebadet wird, und jedenfalls in der 
Bildsäule anerkennen, die der heidnische Gotenkönig 
Athanarich (f 382) vor den Häusern aller des Christentums 
Verdächtigen auf einem Wagen herumfahren ließ, mit dem 
Befehl, ihr zu opfern. Die Missionare melden weiterhin 
öfter von Götterbildern deutscher Stämme vom Züricher 
See bis nach Helgoland, mehrmals von dreien neben ein- 
ander. Und so werden sie auch im Norden bald einzeln 
erwähnt, bald in der Dreizahl. In Maeri stand das sUbem- 
goldene Bild Thors allein da, während es in Uppsala neben 
sich das Odins und das Friccos (Freys) hatte. Thor wurde 
am häufigsten bildlich dargestellt, namentlich in Norwegen 
und Island. In Norwegen werden überhaupt Götterbilder 
viel öfter genannt, als in Schweden, wo Adam von Bremen 
nur die in Uppsala kennt. In Dänemark ist keins sicher 
nachgewiesen. 

Die innere und äußere Ausstattung, die Größe und das 
Ansehen, zum Teil auch der Opfer- und Festbrauch waren 
verschieden, je nachdem der Tempel ein bloßer Hof oder 
ein Höfudhof war, für eine Gemeinde, einen kleineren 
Bezirk, oder für eine Landschaft oder gar ein ganzes Land 
bestimmt war. Solche stattliche, möglichst im Mittelpunkt 
der Landschaft und des politischen Lebens gelegene, durch 
großartige Opfer geehrte Haupttempel waren der schwe- 
dische m Uppsala, die dänischen in Viborg, Odense, Hleidra 
(Ringsted) und Lund, mehrere norwegische und die der 
39 Godorde (Priesterschaften) auf Island. Vielleicht be- 
zeichnet auch die Irminsul, ein ungeheurer Baumstamm, 



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VII. Das GSlterleben und der Götteidienst. 319 

ein Hauptheiligtum der Sachsen, wie der immergrüne Baum 
in Uppsala ein schwedisches. 

Die Verehrungsstatten der Götter, mochten sie nim in 
weiten freien Opferplätzen auf der Heide, in heiligen 
Bannwäldern, in Wallbiu-gen oder Tempeln bestehen, 
wurden mit mehr Scheu und Feierlichkeit behandelt als 
die bescheidenen Opferräume der Seelen und der Elfen, am 
Herde oder unter einem nahen Baume, an einer Quelle 
oder auf einem Steine. Wie schon diese Örtlichkeiten, 
durften vollends nicht jene weihevolleren verunreinigt 
werden. Man duldete hier auch keinen weltlichen Lärm 
oder gar andere Friedensstörung, Nach Tacilus war auch 
der Ehrlose sowohl von der richtenden und ratenden 
Volksversammlimg, als auch vom Opfergelage, überhaupt 
von jedem reUgiösen Feste und damit überhaupt von der 
Gemeinschaft seiner Stammesgenossen ausgeschlossen. 
Nach demselben Tacitus näherte sich der Semnone dem 
allwaltenden Gotte mit so unterwürfiger Demut, daß er 
nur gefesselt dessen schauriges HeiUgtum betrat. Den 
meist nordischen Nachrichten zufolge suchte man un- 
bewaffnet, entblößten Haupts, ehrerbietig den Tempel auf. 
Hier verneigte man sich oder schaute gen Himmel nord- 
wärts, wo die Götter wohnten, oder warf sich gar zu 
Boden. Das geschah, um zu beten oder um den Gott zu 
befragen. So lag ein Isländer Thorstein früh morgens im 
Leinkleid auf dem Gesicht vor Thor im Tempel ; ein 
anderer gleichen Namens fiel vor dem Stein in einem 
(Thors ?;hof nieder, betete zu ihm und erhielt Antwort von 
ihm. Für das Bitten zu Gott scheint der Heide kein 
eigenes Wort, wie unser Beten, geprägt zu haben. Die 
Hauptbitte war die um Hilfe, der Gott möge einem „taugen" 
(duga), d. h. helfen, wie es im Norden auch noch vom 
Hvitakristr, von Jesus Christus, erfleht wurde. 

In den verschiedensten Angelegenheiten fragte man, 
wie früher die Toten, jetzt die Götter um Rat. Man 
ging nach einem feierlichen Opfer „til fr^ttar", ziu" Er- 
kundigung, die sie durch Loszweige erteilten, die der 



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320 Vn. Das GStteileben uod der GOtlerdienst. 

Priester warf, wie es schon Tadtus beschreibt. Das nannte 
man ira Norden „die Stäbe schütteln" oder „den Opferspan 
werfen". Der Hauptorakelgott war wenigstens den Nor- 
wegern Thor, der ihnen namentlich durch Losorakel oder 
sonstige Zeichen ihre Siedelstellen in Island anwies. In 
Friesland legte man sogar noch nach der Bekehrung zwei 
Ruten, deren eine mit einem Kreuze bezeichnet war, mit 
reiner Wolle umwickelt auf den Altar. Ein Priester oder 
ein unschuldiger Knabe nahm eins der Lose auf. Wurde 
das mit dem Kreuz aufgehoben, so waren die sieben eines 
Totschlags Bezichtigten unschuldig; wenn das andere, so 
mußte jeder eine Rute mit seiner Hausmarke bezeichnen. 
Wieder wurden sie mit reiner Wolle umwunden und auf 
den Altar gelegt. Dann nahm der Priester ein Los nach 
dem andern: das letzte bezeichnete den Mörder. 

Nicht nur zu Gebet und Orakelbefragung, sondern 
auch zu feierlichem Schwur auf den Tempelring trat 
man vor die Gottheit (S. 302. 314). Glum legte einen 
Reinigungseid in drei Tempeln ab, um diesen besonders 
wirksam zu machen, wie noch der Bube am badischen 
Titisee seinen „Palmbuschen", seine Palmsonntagsstange, 
zur Weihung in drei Kirchen trägt, damit diese besonders 
wirksam werde. Die neubekehrten Friesen schwuren nicht 
mehr auf den Ring, sondern statt dessen auf ReUquien 
oder auf den Altar. 

Alle diese Handlungen erforderten ein Opfer, altnord. 
bldt, daher blötan, althochd. pluosan opfern, oder altnord. 
fönt und hüsl, got. hunsl, und althochd. kelt, geld, angels. 
gielä. Zum Unterschiede vom unblutigen Geister- und 
Elfenopfer bestand wenigstens das öffentliche Götteropfer 
nicht nur aus Feldfrüchten, sondern überwiegend aus Tieren, 
aus concessa attimalia d. h. opferbaren, eßbaren Tieren, 
althochd. sebar, angels. ii/er, imserem Gesiefer, dessen 
Gegensatz das unreine Ungeziefer bildete. Nur Haut und 
Haupt wurden den Göttern gegeben, der Rest verblieb den 
Menschen zur Speisung. Das höchste Opfer nächst dem 
Menschen war, vielleicht als Tier des höchsten Gottes 



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Vn. D«$ GOtterlebea und der Geiterdlensl. 321 

Wodan, das Pferd, dessen Fleisch auffälliger Weise bei 
allen Germanen sehr beliebt war. Darum bekämpften die 
christUchen Glaubensboten dessen Genuß besonders eifrig, 
und die Isländer bedangen sich bei ihrem Glaubenswechsel 
ausdrücklich aus, auch noch als Christen Pferde schlachten 
und verspeisen zu dürfen. Dem Frey gefielen namentücfa 
Ochsen und Eber. Hunde und Wölfe wurden nicht ge- 
schlachtet oder gar gegessen, sondern nur neben geopferten 
Menschen aufgehängt , um deren Opferung als sakrale 
Todesstrafe deutlicher zu kennzeichnen, — Jn das von 
einem Kessel aufgefangene Tierblul tauchte man den Los- 
zweig und den Eidring zu besonderen Zwecken, den Opfer- 
wedel aber zu dem allgemeinen, die Opfergenossen mit 
dem Blute zu besprengen und sie der Segnungen desselben 
recht teilhaftig zu machen. Auch besprengte man noch 
dazu die Tempelwände von innen und außen. In anderen 
Kesseln wurde das zerstückelte Tier gekocht, das ziun 
Opferschmaus diente, wobei mit Met oder Bier gefüllte 
Trinkhömer oder Vollbecher von der einen Reihe der Fest- 
teilnehmer der gegenübersitzenden über die Feuer hin- 
gereicht wurden. Die große Bierkufe bildet im 6. Jahrhundert 
den Mittelpunkt eines alemannischen Opfers am Bodensee; 
noch weit älter ist der Blutkessel bei den Kimbern bezeugt, 
Kessel imd Hom wurden im Norden auch als kostbare 
Weihgeschenke der Gottheit dargebracht (S. 317). Das 
Gildi, altdeutsch Gild oder Geld, die festliche Opfermahlzeit, 
brachte noch manche andere Festfreuden mit sich, Tänze 
imd mimische Spiele mit Musik und Sang entfalteten sich 
bei der Heranführung des Opferrosses mit seinem stolzen 
Schmuck imd des Opferstiers mit seinen vergoldeten 
Hörnern, und wohl auch beim Gelage, Da erscholl mancher 
laute Ruf und Zimif, wenn die Minne zu Ehren der Götter 
und der Ahnen getrunken wurde, und manches Opferlied 
erklang. Wie innig alle diese Handlungen miteinander ver- 
knüpft waren, bezeugt am besten das alte Wort Leich, das 
in den verschiedenen germanischen Sprachen bald Reigen, 
bald Gedicht, bald Opfer, bald Gabe bedeutet. 

Meyer, E. H., Gennjtn. M>ihalo(ie. 21 



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3^ VII. Das Götterleben imd der Götterdienst. 

So eifrig blieb das Volk auch nach seiner Bekehrung 
diesen heidnischen Tempelfreuden ergeben, daß es mit 
ihnen auch die christlichen Kirchen erfüllte und seit dem 
Beginn des 7. Jahrhunderts die Konzilien immer wieder 
Tanzspiele und Gastmähler in oder vor den Kirchen und 
dif sogenannten Lose der Heiligen, die man aus der belügen 
Schrift oder den Meßbüchern zog, sowie die vor dem 
Gotteshaus den Heiligen dargebrachten Opfer verbieten 
mußten. Draußen im Freien dauern noch heute namentlich 
bei den Frühlings- und Sommerfeiem die alten Schmause, 
Tänze und Wettspiele hie und da fort. Jenes Verbot traf 
auch die weniger kostspieligen Vertreter von Opfertieren, 
bescheidene Teigfiguren, schon im Indiculus des 8. Jahr- 
hunderts. In allerhand Festgebäcken, besonders weihnacht- 
lichen, kehren diese Tiergestalten in Schweden wie in 
Deutschland noch immer wieder, und ihnen haftete noch 
lange auch die alte Zauberkraft des Opfers an, indem man 
sie dem Pflüger, seinem Zugtier und in den Saatkorb gab, 
oder sie auch in ausbrechendes Feuer warf, um den Acker 
zu befruchten oder den Brand zu löschen. 

Die Festfreude schlug oft ins Übermaß um. Nicht nur 
der Domherr Adam von Bremen tadelte die unehrbaren 
Gesänge , die bei den Opfern von Uppsala angestimmt 
wiu-den, sondern auch der rauhe Heidenkämpe Starkad 
wurde dort angeekelt von den weibischen Tanzbewegungen, 
dem Lärm der Schauspiele und dem feinen Schellen- 
geklingel. Aber wie schön war der Frühlingsausflug der 
Nerthus, werm sie auf einem von Kühen gezogenen Wagen 
unter tiefer Verehrung durch das Land fuhr! Weit und 
breit herrschte Gottesfriede, alle Waffen ruhten, jedes Dorf 
nahm sie mit gastlichem Jubel auf. Und wenn die Göttin 
sich an all den Festfreuden der Sterblichen gesättigt hatte, 
kehrte sie in ihren stillen Tempel im frisch ergrünten Hain 
zurück, wo ihr Bild oder Symbol in einem See gebadet 
wurde. 

Mit der steigenden wirtschaftlichen , staatlichen und 
religiösen Kultur, dem Aufblühen der Viehzucht und des 



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Vit. Das Götterleben nnd der GStterdiensC. 323 

Ackerbaus, dem Zusammenschluß der Gemeinden zu Hundert- 
schafts-, Gau- und Landesverbänden, dem Siege des neuen 
Götterglaubens Über den alten Geisterglauben nahmen die 
Opfer eine festere Zeitordnung, einen bestimmteren Ver- 
lauf, eine feierlichere und reichere Ausstattung und einen 
bedeutenderen Sinn an. Sie blieben im wesentlichen Dank- 
und Bittopfer, den Göttern dargebracht für das Gedeihen 
des Viehs und des Ackers oder auch für das Gelingen des 
Kriegs oder auch eines anderen Unternehmens, nicht bloß 
in Fruchtspenden, sondern auch in Spenden eßbarer Tiere. 
Aber ausnahmsweise kamen nun die schwereren Sühnopfer 
von Menschenblut dazu, das die Götter vom Frevler für 
ein begangenes Verbrechen verlangten. Man versammelte 
sich zu drei oder vier regelmäßigen Jahresopfern, die 
sich an die Hauptereignisse des bäuerlichen Lebens knüpften, 
an das erste Pflügen und die Aussaat, den ersten Austrieb 
des Viehs, die Ernte und den Viehheimtrieb, das Schlachten 
für den Winter und den dankbaren Genuß der Winter- 
vorräte. Einige von diesen Festen fielen mit den großen 
ungebotenen Volksversammlungen zusammen ; für Opfer 
und Ding wählte man als die glücklichsten Zeiten den Neu- 
mond oder den Vollmond. Der Priester besorgte das Opfer, 
sowie die andern mit den Rechtshandlungen verbundenen 
Religionsgebräuche. 

Ein genaues Bild des germanischen Festwesens ist 
kaum herzustellen. Die alten Germanen hatten den ab- 
strakten umfassenden Begriff Jahr noch nicht, sie rechneten 
nur nach den ihnen von der Natur selbst gegebenen Ab- 
schnitten Sommer imd Winter, und ihre Einteilung dieses 
Naturjahrs war wohl sehr ahnlich der römischen, die wir 
aus Varro kennen. An diese römischen Naturfeiem lehnte 
die von Rom aus herrschende Kirche ihre religiösen Gedenk- 
tage an imd brachte diese Festraischung den nördlichen 
Völkern, die sie wiederum mit ihren zeitlich entsprechenden 
Bräuchen verquickten. Da nun selbst die ältesten und 
älteren Nachrichten vom germanischen Festwesen, die 
angelsächsischen des Beda (S. 21) und die nordischen. 



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384 VII. Das UJJtWrleben ond der Götterdienat. 

unvollständig und widerspruchsvoll sind und dazu sich 
bereits vom kirchüchen Kalender gängeln lassen, so ist 
es oft sehr schwer, das Germanische vom heidnisch und 
vom christlich Römischen und hinwiederum die aus dem 
Altertum entlehnten Bräuche von den im Mittelalter neu 
entstandenen scharf zu scheiden. 

Wie nach germanischer Anschauung die Nacht den 
Tag führt, das Dunkel dem Licht voraufgeht, so führt auch 
der dunkle Winter den lichten Sommer, und das Jahr 
beginnt zu Wintersanfang mit dem Herbstfest, dem ein 
Mittwintersfest und ein Frühlingsfest folgen. Diese 
von den Nordleuten angegebene Festdreiheit scheint auch 
für die übrigen Germanen maßgebend gewesen zu sein, 
wie sie denn auch dem Wesen ihres Wirtschaftsjahrs gemäß 
war. Das erste Fest, das Herbstfest, fiel je nach dem 
Klima der verschiedenen germanischen Länder bald früher, 
bald später, im Norden häufiger in den Oktober, im Süden 
in den November, Es war ein Dankfest, das man nach 
der völligen Einheimsung der Ernte und nach der Einstallung 
des Viehs feierte, wohl das ursprünglich wichtigste Jahres- 
fest. Unter dem nun reichlicher als in irgend einer anderen 
Jahreszeit vorhandenen Viehstapel, den man doch nicht 
ganz den Winter durchzufüttern vermochte, begann ein 
großes Schlachten für den Haushalt imd das Götteropfer. 
Daher hieß auch dieser erste Wintermonat der Schlacht- 
oder Opfermonat. Dann lud im Norden der König oder 
HäuptUng oder auch ein reicher Bauer zur Blötveizla, zum 
Opfergelage, ein, die Lehnsleute oder Bauern zogen auf 
weiten rauhen Wegen mit ihren Opfertieren, Vieh von 
allerlei Art und auch Pferden, mit Kom imd Bier herbei 
Und nun wurde geopfert, geschmaust und gezecht, wie es 
Seite 321 geschildert ist. Der Festgeber hatte vor dem 
Genuß Speis und Trank zu segnen, mit Thors Hammer- 
zeichen, imd dann trank er zuerst aus dem Odinsbecher 
für Herrschaft und Sieg, dann — was wohl die Hauptsache 
war — aus dem Njörds- und dem Freysbecher til ärs ofe 
fridar, für ein gutes Jahr und Frieden. Außerdem waren 



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VII. Das Götterleben und dei GStterdiensc. 3^ 

viele gewohnt, den Bragarfull oder Gelübdebecher zu 
trinken und den Minnetrunk zum Gedächtnis ihrer Ver- 
storbenen. Das Fest hatte also auch seine ernsten Seiten. 
— Bei einem solchen Fest überfiel Germanicus im Herbst 
des Jahres 14 n, Chr. die trunkenen Marsen und zerstörte 
ihren hochgeehrten Tempel der Tanfana, die wahrscheinlich 
eine Emtegöttin war (s. unten). An die Stelle dieses Herbst- 
festes trat in Skandinavien imd noch weit früher in Deutsch- 
land der Martinsbegräbnistag, der 11. November, 
oder auch der Nikolaustag, der 6. Dezember, oder der 
Michaelistag, der 29. September, der Nikolaustag erst mit 
dem 11. Jahrhundert. Diese Heiligen wwden die Erben 
jener alten Götter; Martin und Nikolaus zogen von Haus 
zu Haus als gütige Spender der Herbstgaben. Zu Martini 
und Michaeli brannten, wie am nordischen Herbstfest, große 
Festfeuer, wurden leckere Gebäcke, die Martinshörner, die 
Klausenbröte oder -zelten und die Michaeliswecken genossen 
und bei fröhlichen Gansschmausen die Martins- imd die 
Michaelisminne getrunken. Bei der letzten gedachte man 
auch der Toten, namentlich in der sachsischen Meinweke 
(S. 120). St. Nikolaus griff auch schon in das nächste 
Jahresfest, nach Weihnachten, hinüber : so wurde schon 
an seinem Tage der Erbsenbär, ein in Erbsenstroh gehüllter 
Eber, der zum Mittwinteropfer bestimmte Zuchteber, um- 
geführt. Der ältere Martinstag trug das viel deutUchere 
Gepräge eines tiefen wirtschaftlichen Einschnitts, eines 
altgermanischen Neujahrstages. Er schloß das Acker- imd 
Pachtjahr ab und wurde bereits zu Karls des Großen Zeit 
zum allgemeinen Zinstag gewählt. In manchen Landschaften 
wurde erst an diesem Tage das Vieh eii^estallt, der 
HJrte übergab seine Gerte seinem Herrn; noch in unsrer 
Zeil treten dann hie und da Knechte und Mägde ihren 
Dienst an. 

Nim waren Felder und Weiden und Wälder leer von 
Mensch und Vieh und den Geistern und Göttern überlassen, 
um in wildem Wintersturm darüber hinzufahren. Die 
Jugend ahmte gern diese Umzüge der Überirdischen nach. 



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326 Vn. Das Coitetleben und der CSttcTdiensC. 

namentlich an den Donnerstagsabenden der späteren 
Adventszeit, und tobte mit schreckendem Lärm durch die 
Dorfgassen. Der Bauer aber nahm zur Sichenmg die 
letzten draußen gebliebenen Ackergeräte, Rad und Pflug, 
aus dem Freien unter Dach, war doch die Winteraussaat 
bereits besorgt. Nur der Hausarbeit, zumal dem Dreschen, 
der Viehfüttenmg und dem Spinnen, lag man ob und, wenn 
man sich bereits des Vorhaltens der Emtevorräte bis zum 
Sommer getrösten durfte, feierte man im Mittwinter das 
zweite große Jahresfest, das im Norden Jöl oder ßil, in 
England Geöl d. h. das Jubelfest hieß. Das nordische Jul- 
fest fiel ursprünglich nicht in die Wintersonnenwende — 
dieses Wort oder ein sinnverwandter Ausdruck fehlte dem 
Mittelalter völlig und kein Brauch zielte auf die Sonne — , 
sondern in die Zeit vom 9. bis 16. Januar. Es faßte noch 
einmal all die winterüchen Bedürfnisse, Genüsse, Bräuche 
und Anschauungen zu einem Feste zugleich des noch- 
maligen Dankes für die letzte Ernte imd der jubelnden 
Hoffnung auf die neue zusammen. Es wurde til grödrar, 
für das Wachstiun der schon der Erde entsprießenden Aus- 
saat, begangen. Aber es wurde in Deutschland und England 
früher, schon vor Beda, im Norden später auf das Fest 
der Geburt des Herrn verlegt, in Norwegen von Kön^ 
Hakon dem Guten im 10. Jahrhundert. Und damit überkam 
es die Ausdehnung und die Festfülle des IdrchÜchen 
Dodekahemeron d. h. des Festes der zwölf Tage von der 
Gebiut des Herrn bis zu dessen Taufe, dem Epiphanient^, 
dem 6. Januar. In diese fröhliche Geburtsfeier waren aber 
schon eingebettet die ausgelassenen heidnisch-römischen 
Bnunalien und die Satumalien, die Tage des Wintersonnen- 
wendfestes und des Aussaatfestes, samt der lustigen Ka- 
lenden- oder Neujahrsfeier. In keine Stelle des altger- 
manischen Festwesens drangen fremde Festbrauche und 
Festanschauungen massenhafter imd tiefer ein als in die 
Mittwinterfeier. Sie ist förmlich bedeckt damit, und niu- hie 
und da lugen echt germanische Bräuche aus der dichten, 
sei es heidnisch, sei's christlich-römischen Verhüllung hervor. 



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VII. Das Götterleben und der GiMterdienst. 327 

Aus dem alten Julfest wurde das Fest der Weihnachten, 
der heiligen Nächte, der ZwQlfnächte oder der unrichtig 
sogenannten Zwölften, der Rauchnächte, weil man dann 
das Haus gegen den bösen Feind mit Weihwasser und 
Weihrauch schützte. Altgermanisch ist das Opfer des 
Zuchtebers, des altnordischen Sonai^Oltr d, h. Herdenebers, 
der nun fallen konnte, wo die Eichelmast aufhörte und 
frischer Wurf erwartet wurde. Feierlich wurde Freys Eber, 
wie an zwei Stellen bezeugt wird, am Julabend in die 
Festhalle geführt, damit man vor seiner Opferung Gelübde 
zukünftiger Taten auf seinen Rücken ablegte. Und noch 
spater war der Schweinskopf in Schweden, England und 
Deutschland das Weihnachtsgericht. Alt scheint auch der 
Brauch, Juleber aus Kuchenteig zu backen und sie unter 
die Frucht zu reiben, damit die nächste Aussaat kräftig 
aufgehe. Dieser Zug auf das Zukünftige, der der römischen 
Neujahrsfeier so natürlich stand, war doch wohl auch dem 
germanischen Mittwinterfest eigen, das aus der dunklen 
Tiefe des Winters zu einer lichteren, wärmeren Jahreszeit 
hinüberführte. FreiUch setzte man auch schon in Rom, wie 
noch in Süddeutschland, verschiedene Fruchtsorten in Ge- 
fäßen auf den Festtisch, um am andern Morgen aus dem 
Steigen oder Fallen derselben auf die Zukunft zu schUeßen. 
Auch kannte man im Süden die zwölf Lostage, aus deren 
Witterung man auf die Wittenmg der nächsten zwölf 
Monate schloß. Aber ist es nicht echt germanisch, aus 
dem „Duft", dem dick an den Bäumen hangenden Rauhreif, 
oder aus der großen Zahl der Sterne, die in der Christnacht 
am Himmel standen, eine gute Ernte für das nächste Jahr 
zu weissagen? Man würfelt in Südwestdeutschland in der Neu- 
jahrsnacht gerade so, wie man es in Rom in dieser Zeit tat. 
Aber altgermanisch mutet es an, wenn in der Christnacht 
(oder auch am Andreasabend) das Mädchen, nackt sein Bett 
rüttelnd, den Liebenden zu erscheinen beschwört, und wenn 
man auf einem Kreuzweg oder einem Zaubergestell oder 
gar auf dem Dach des Hauses in dieser Zeit die Zukunft 
erspähte (S. 308). 



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328 VII. Das GötCeileben and der G6tEerdi«iist. 

Germanisch und zugleich römisch mögen die lauten 
Umzüge Vermummter sein, die zu Neujahrs Anfang statt- 
fanden, aber in manchen Gegenden Deutschlands schon in 
den Adventsnächten klopften, bochselten und anglöckelten. 
Mit den bösen Geistern, den nordischen Julburschen, kommen 
aber auch zu Besuch die Gottheiten Wodan oder Berchtold 
mit dem wütenden Heer, dessen leises Rauschen ein gutes 
Jahr, dessen Ungestüm Krieg ankündet. Man flüchtete 
vor ihm Wagen und Pflug in die Scheune. Die fleiß^en 
Spinnerinnen aber spannen dicht vor der Festzeit, während 
deren die Spindel ruhte, eine ganze Nacht durch, die 
Durchspinnacht, bis alle Rocken leer waren, und besetzten 
den Tisch mit reichlicher Speise. Denn nun kam die Göttin 
Berchta mit den Schrätlein oder Holda, um nach der Spinn- 
arbeit zu schauen und die Faulen zu strafen und dann sich 
an jenen Speisen zu erlaben. Möglicherweise nannten die 
Angelsachsen nach dem Besuch solcher mütterlicher Gott- 
heiten die Weihnacht Modraniht, die Nacht der Mütter, die 
schwerlich als Muttemacht aller kommenden Nächte des 
neuen Jahres aufzufassen ist. Sie übten nach Beda diese 
ganze Nacht hindiurch feierliche Gebräuche aus. 

Der volle Berchtentisch erinnert stark an die so- 
genannte Tabula fortunae, den Schicksalstisch, den die 
Römer nach orientalischem Vorbild in diesen Tagen des 
Jahrs mit Speisen ausrüsteten. Und wie die Fürsten in Süd- 
europa luden die des Nordens ihre Leute zu üppigem Fest- 
mahl ein. Auch die Kirche fügte sich dem schwelgerischen 
Grundzuge dieser Festzeit, indem sie dieselbe für fastenlos 
erklärte. So darf man sich nicht wundem, daß der Christ- 
abend in Norddeutschland wohl der Vollbauchsabend hieß 
und in nordischen Kalendern der erste Tag der Julzeit 
durch ein aufrechtes, der letzte durch ein umgekehrtes 
Trinkhom bezeichnet wurde. 

Auch der zuerst im Jahre 1184 erwähnte Weihnachts- 
block oder Christbrand, den man langsam auf dem Herde 
verbrannte und mit dessen Asche und Kohlen man die 
Äcker bestreute, ist der römische durch ganz Europa ver- 



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VII. Das Götterleben and dei GStterdienst. 339 

breitete Kalendenblock. Die Römer zündeten in dieser Zeit 
auch Lichter an, schenkten einander Süßigkeiten, Früchte und 
Kerzen und schmückten die Häuser außen und auch innen 
mit Grün und mit Bäumchen, woraus dann schUeßlich unser 
zuerst 1605 in Straßburg bezeugter mit Früchten und Flitter 
behängter Weihnachtsbaum hervorgegangen zu sein scheint. 

Das aus so mannigfachen heidnischen und altchiist- 
lichen, römischen und germanischen Zügen zusammen- 
gesetzte Fest wiu-de dann noch mit zahlreichen sinnigen 
Legenden ausgeschmückt : in der Christnacht, glaubte man, 
wandele sich das Brunnenwasser in Wein, sprächen die 
Tiere im Stall freudig mit einander, der Himmel ließe heil- 
kräftigen Tau hinabfallen, imd mitten im Frost keimten und 
blühten die Baume. 

Das altgermanische Mittwinterfest ist demnach trotz 
dem aus der Fremde bezogenen Zusatzmaterial keine Fik- 
tion und kein fremder Eindringlir^, sondern hatte seinen 
guten Sinn innerhalb der winterlichen Wirtschaft. So hören 
wir auch von einer festUchen Begrüßung des isländischen 
Monats Tkorri, dessen Anfang auf den Mittwinter fiel. Es 
war ein häusliches einfacheres Julfest, wobei die „Haus- 
väter" mit ihren Nachbarn einen fröhlichen Schmaus hielten. 
Auch begrüßten die „Hausfrauen" den Anfang des folgen- 
den Monats Göi, der um Mitte Februar begann und mit 
einem Frauenfest gefeiert wurde. 

Das Göiopfer mag schon das dritte hohe Fest, die 
Frühlingsfeier, vorbereitet haben, wie so viele andre 
Festlichkeiten. Voll sehnsüchtigen Verlangens nach Wärme 
und Licht, Wachstum und Leben drängte man schon gegen 
Ende Februar, wenn der Pflug wieder ins Land ging, sich 
vom Winter loszumachen und den Lenz wieder und wieder 
zu begrüßen z. B. bei der Sommeraussaat und dem ersten 
Weidegang. In den buntesten Formen äußert sich diese Vor- 
festfreude. Die Sachsen zu Karls des Großen Zeit feierten 
im Februar die Spurcalia, andere Deutsche die spurci dies 
d. h. die unflätigen Tage, vielleicht sogenannt wegen der 
unflätigen Schimpflieder, mit denen man den Winter aus- 



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330 VII. Das CÜlterleben und der Götterdienst. 

trieb. Am 22. Februar, Petri Stuhlfeier, klopft noch heute 
die Jugend der badischeo Ortenau die Schlangen und 
Kröten und die westfälische den Sommervogel (den ersten 
Schmetterling?) mit möglichstem Lärm aus der Winterruhe 
auf. In manchen oberbayrischen und Tiroler Gegenden 
erklopft oder weckt man den Lenz, den Mai, das Korn 
mit Schellenläuten imd Fackelläufen. Die Nordfriesen 
tanzten mit ihren Frauen und Bräuten um große Feuer 
oder Biken; darm gings wieder auf die See. Der danische 
Hü-te trat seinen Dienst an. Nach deutschen Sprichwörtern 
beginnt mit St. Peter das Frühjahr. — Der Indiculus er- 
wähnt auch einen heidnischen Umzug in zerrissenen Klei- 
dern und Schuhen, den die Sachsen Yrias nannten. Der 
Name ist unklar, doch scheint der Winter als zerlumpte 
Figur, verfolgt von der Menge, dargestellt worden zu sein. 
Denn als solche tritt zu Mittfasten oder Laetare z. B. im 
badischen Ober-, wie Unterlande der Winter in seiner 
ganzen Häßlichkeit ohne oder mit dem Sommer auf. Über- 
haupt steckt die Faschingszeit mit ihren Vermummungen, 
ihrem Lärm, ihren Schlägen mit der Lebensrute und ihren 
Festkuchen voll alten Frühlingsübermutes. Noch am Fasten- 
sonntag (Invocavit) werden Hexen- und Fastnachtspuppen 
aus Stroh oder Reisig verbrannt, oder der „Tod" ins 
Wasser geworfen. Der schönste Brauch dieses Tages ist 
das Herabwälzen eines brennenden Rades von einer Höhe 
im Fränkischen und das jetzt besonders noch von den Ale- 
mannen bewahrte Schlagen brennender Scheiben, das Feuer- 
oder Funkenbrennen, das zuerst 1090 bei Lorch erwähnt 
wird. Dieses Frühlingsfeuer befruchtet Feld und Wiese 
und die Menschen, Man ruft beim Scheibenschlag den 
Namen der Geliebten aus, imd die jüngste Ehefrau springt 
durch das Feuer. 

Immer mehr verschwindet der Winter aus den Bräuchen, 
die von den Göttern gespendete Fruchtbarkeit trägt den 
Sieg davon. Aber sie wird nicht allen im gleichen Maße 
zuteil, sondern der Wachsamste, Fleißigste, Schnellste ge- 
winnt ihr Bestes, und die Treuste und Schönste wird be- 



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VII. Das Gaiterleben und äei Cüllecdiensi. 331 

sonders geschmückt. Daher die Wettspiele des Ostereier- 
suchens, -tickens, -lesens und -laufens, daher der Wetteifer 
der Hirten, am ersten Austriebstag der erste, der „Tau- 
träger", draußen zu sein auf der taunassen Weide, daher 
die Maienfahrten mit der Liebsten in Berg und Wald, da- 
her das Maienstecken ihr zu Ehren und die Aufrichtung 
des Maibaums, des Maypole (S. 64. 312), den das Volk um- 
tanzte. Schon 1225 hieb ein Priester in Aachen einen solchen 
Baum um, wie später die englischen Puritaner, aber der 
Vogt befahl, einen noch höheren aufzurichten. Der laub- 
verhüllte Pfingstbutz oder Wasservogel wird ins Wasser 
geworfen, um den Frühlingsregen auf das dürstende Land 
herabzuziehen. Dann schreitet das elsässische Maireseli, 
die badische Uffardsbrud (Himmelfahrtsbraut), die nieder- 
deutsche Mai- oder Pingsbrud geschmückt mit einem Kranz, 
der den Feldern Fruchtbarkeit bringt und in der Kirche 
aufbewahrt wird, unter Preis- und Jubelliedern der Madchen 
durch das Dorf, und aus den gesammelten Eiern, Äpfeln, 
Bretzeln und Mehl backt man den Uffardskuchen. 

Wer gedenkt da nicht jenes von Ort zu Ort jubelnden 
Frühlingsumzugs der Göttin Nerthus, der auch offenbar 
das von ihr besuchte Land segnen sollte? (S, 322.) Und 
auch das paarweise Auftreten der Frühlingsgestalten am 
I. Mai, des Maigrafen und seiner Braut in Norddeutsch- 
land und des Robin Hood und seiner Maid Marion in Eng- 
land, erinnert an die ältere Landfahrt des schwedischen 
Gottes Frey mit seiner Priesterin, deren Schwangerschaft 
den Äckern Segen brachte (S. 301), Schon hören wir um 
800 aus dem Indiculus, daß die Sachsen ein Götterbildnis 
durch die Felder trugen, statt dessen später die sogenann- 
ten heiligen Trachten von Heiligenbildern durch die Fluren 
vorgenommen wurden. 

In den Frühling fiel auch das nordische Siegesopfer, 
man opferte für einen siegreichen Seezug oder Sommer- 
feldzug in vollem Waffenstaat. Chlodwig rief seine ganze 
Mannschaft 486 zum Märzfeld zusammen, für das später 
das fränkische Maifeld gewählt wurde, um Lanze, Schwert 



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332 VII. Das Götterleben und der Götterdicnst. 

und Beil zu zeigen. Nach dem norwegischen Gulaliings- 
gesetz mußte jeder Lehnsmann zur Frühlingsversammlung 
seine Waffen mitbringen. Zu Pfingsten oder am 1. Mai 
ließ sich schon der vierzehnjährige Ditmarsche gleich allen 
Männern in seinem Harnisch bei der großen Waffenschau 
sehen. Noch 1747 führten sie unter Trommelklang den 
Schwerttanz auf, dessen höchste Kunst darin bestand, die 
Klingen so geschickt ineinander zu ft^en, daß der Vor- 
tänzer darauf treten und, auf ihnen in die Höhe gehoben, 
von oben eine Ansprache halten konnte. 

DerMittsommertag, die Sonnenwende oder Sungicht, 
trat als viertes Hauptfest minder hervor. Es scheint 
jüngeren Ursprungs und aus der Fremde eingeführt zu 
sein. Es ist durch fast ganz Europa von Griechenland bis 
nach Norwegen hin verbreitet. Doch kannte schon das 
alte Island ein Sommerfest, das in die Zeil des großen 
Althings, in die elfte Sommerwoche d. h. etwa in die Mitte 
Jimi fiel, wenn die in großartiger Einsamkeit gelegene Ver- 
sammlungsstatte sich auf einige Tage mit vielen hundert 
Männern aus allen Teilen der Insel füllte. Es wurde auch 
in Norwegen des Friedens und reicher Ernte halber be- 
gangen. In Deutschland wie in vielen anderen Ländern 
war es au^ezeichnet durch die Johannisfeuer, die man auf 
Bergspitzen, wie auf den Marktplätzen anzündete. Man 
warf Kraut hinein, um damit sein Unglück zu verbrennen; 
der Bursche sprang mit seinem Mädchen hinüber zur 
Gesundheit; je höher die Flamme loderte, desto höher 
wuchsen Hanf, Flachs imd Korn. Auf eine Gottheit oder 
gar auf eine Sonnengottheit weiset nichts hin. Der ur- 
sprüngliche Sinn des Feuers scheint der eines Sühnfeuers 
zu sein, das die bösen Geister vertrieb und Krankheit und 
Mißwachs und in Griechenland auch die Sünden hinweg- 
nahm. 

Dagegen waltete über die Ernte unzweifelhaft Wodan 
oder Odin. Die bayrischen und niedersächsischen Schnitter 
beteten um reichliches Korn in bestimmten Versen zu 
Waudl oder Waul, Wanden; sie ließen wie in Schweden 



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Vn. Das Gatterleben nnd der Gölterdienst, 333 

eine Garbe für sein Pferd auf dem Felde zurück; sie warfen 
in Niedersachsen beim letzten Sensenstreichen die Mützen 
in die Luft und zündeten auf einem Hügel ein Feuer für 
ihn an. Die Ernte hieß darum in Bayern Waudlmäbe, das 
Emtebier in Niedersachsen Wodelbier. 

Die Hauptemte pflegte im August, die VoUemte aller 
Feldfrüchte erst mit dem Eintrieb des Viehs um Martini 
erledigt zu sein. Daher wurden und werden Erntefeste 
vom August bis zum November gefeiert, die spateren so- 
genannten Kirch weihen, die früher im oben besprochenen 
Herbstfest (S. 324) ihren vornehmsten Ausdruck fanden. 
Namentlich in kathoUschen Landschaften nehmen der Bauer 
imd sein Gesinde, die Jungen und die Alten, die reichen 
Hofbesitzer und die ärmsten Häuslinge, die Lebenden und 
in gewissem Sinne auch die Toten, deren man an diesem 
Tage mitgedenkt, an diesem Freudenfeste den fröhlichsten 
Anteil. Auf dem erst später aufgestellten Hintergrunde der 
Feier des Gedächtnisses an die Einweihung der Kirche und 
vielerwärts zugleich an deren Schutzheilige spielt sich ein 
wesentUch heidnisches, mit vielen altertümlichen Zügen 
ausgestattetes Fest ab, das nach getaner Sommerarbeit die 
ganze Familie, auch die oft zerstreute Freund- oder Ver- 
wandtschaft, und die Armen zu gemeinsamem Genüsse 
der Gaben des Feldes und der Weide vereinte und den 
Dienstleuten ein paar Tage voller Freiheit schenkte. Die 
Kirche wird oft an die Stelle eines Göttertempels getreten 
sein, wie es Gregor der Große schon um 600 den Angel- 
sachsen gestattete, sich zu fröhlichen Opferschmäusen um 
ihr altes Gotteshaus zu lagern. Auf den Gräbern des 
Friedhofs feiern noch hie und da am Kirchweihtage die 
Familienhäupter mit den Ihrigen das Gedächtnis ihrer 
Toten; noch hie imd da, z.B. im Schwarzwald, spielen die 
schönste Rolle, eine echte Herrenrolle, der alemannische 
Hofbauer und seine Bäuerin als Wirte imd Diener ihres 
Gesindes. Nachmittags bildet den Mittelpimkt ein Jahrmarkt 
mit seiner höchsten Wonne, dem Tanz. 

Und so schließt die Kette der Feste, und ihr letzter 



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3:^ VII. Das GSUerUben und der Gölterdienst. 

Ring ist schon wieder der erste des neuen Wirtschafts- 
jahres, Die Wirtschaftsereignisse bestimmen die Opferzeiten 
des heidnischen Jahres und verleihen den Festen das 
Hauptgepräge, Das christliche Festjahr aber wird geleitet 
durch die einschneidenden Ereignisse des Lebens Jesu, 
Eine liefe Kluft tut sich zwischen den beiden Festordnungen 
auf, und dennoch haben Volk und Kirche sie an manchen 
Stellen zu Überbrücken gewußt! 

Von den regelmäßigen Opferfeuem unterschieden sich 
die außerordentlichen Feuer dadurch, daß sie nicht in 
gewöhnlicher Festzeit angezündet wurden, sondern wenn 
Viehseuche oder Dürre im Lande war oder sonstiger 
Wetterschaden drohte. Dann dienten sie nicht dem Kochen 
der Opferspeisen, sondern zum Schutz- und Reinigungs- 
mittel, um böse Geister abzuwehren und die Luft von ihnen 
zu säubern. Darum hieß es im Indiculus um 800 sächsisch 
Nodfyr und noch früher 742 mehr friesisch Niedfyr, alt- 
hochdeutsch Nötfittr, norweg. Nan{d)eld d. h. Notfeuer. 
Es heißt aber schwed. Vrid- oder Gnideld Dreh- oder 
Reibefeuer, weil es durch Reibung von Holz, meist Eichen- 
holz, mit einer Walze oder einem Rade oder auch durch 
Feuersteinschlagen gewonnen werden mußte als ganz reines 
freies Element. Auf dem Eichsfeld nennt man es darum 
auch das wilde Feuer, wie in England Willfire. Am wirk- 
samsten war es, wenn man zuvor alles Feuer im Dorfe 
auslöschte und zwei keusche Jünglinge inmitten der Ge- 
meinde unter feierlichem Schweigen die Flamme aus 
trockenen Hölzern herausrieben. Mit dieser zündete man 
einen Holzstoß an, der aus den Beisteuern jeder Familie 
zusammengetragen war. Meistens trieb man dann das Vieh 
dreimal durch das Feuer, und namentlich Burschen und 
Madchen sprangen darüber weg. Man verbreitete den Rauch 
mit Scheiten weithin, streute Asche auf die Felder und 
mischte sie dem Vieh unters Futter. In Schweden räucherte 
man mit solchem Feuer Obstbäume und sogar Fischemetze. 
Noch im Jahre 1855 loderte im Braunschweigischen das 
wilde Feuer. 



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vir. Das Götterleben und der Götterdienst. 335 

Ein seltneres Opfer war auch das Menschenopfer, 
dem die Germanen nachweisbar ein Jahrtausend ergeben 
gewesen sind. Gleich die ersten deutlicher hervortretenden 
Germanen, wenn wir die Kimbern so nennen dürfen, 
schlachteten die Kriegsgefangenen, um aus ihrem Blut zu 
weissagen, oder henkten sie alle voll Erbitterung über 
geschehene Unbill der Gegner auf, wie die Germanen Ar- 
mins die Schädel der römischen Kriegsgefangenen an Bäumen 
befestigten. Tacitus bemerkt auch, daß Menschen dem all- 
waltenden Semnonengott in seinem Haine fallen und zwar in 
einer festgesetzten Periode, nicht alljährlich. Andre Stämme 
halten es für Recht, wenigstens ihren höchsten Gott Wodan 
durch Menschenopfer in bestimmten Fristen gnädig zu 
stimmen, während die beiden anderen großen Götter, Donar 
und Tius, sich mit Tieropfern zufrieden geben. Doch im 
Kriege der Chatten und der Hermimduren im Jahr 58 n. Chr. 
weihten jene dem Wodan, diese dem Tius das feindliche 
Heer zum Opfer, und die besiegten Chatten mußten furcht- 
bar büßen. Damals also ertönte schon in Deutschland der 
schreckliche Fluch „Wodan hat euch alle!", den spater 
mancher nordische Heerführer über die Feinde schleuderte. 
Das grausame Blutadlerschneiden, wobei dem Gefangenen 
die Lunge zwischen den Rippen durch herausgezogen 
wurde, galt auch wohl dem Odin, dessen Vogel der Adler 
war. Die Sachsen hielten noch zu Karls des Großen Zeit am 
Menschenopfer fest. Die Schweden sollen auf ihrem großen 
Landesfest zu Uppsala alle neun Jahre um die Frühlingstag- 
und -nachtgleiche neun Menschen getötet und neben Himden 
aufgehängt haben, am dänischen ebenfalls alle neim Jahr 
im Januar gehaltenen Landesfest zu Lethra sollen sogar 
99 Menschen und ebensoviel Pferde, Hunde und Hähne 
geopfert worden sein. Menschenopfer in Uppsala bezeugt 
auch der Däne Saxo und führt sie auf Frey zurück. Doch 
scheinen die deutschen Gewährsmänner jener Nachrichten, 
Adam von Bremen und Dietmar von Merseburg, zu über- 
treiben, der letzte faßt irriger Weise die Tiere nicht als 
Götteropfer, sondern als Nahrungsmittel für die getöteten 



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336 Vn. Das Götterleben und der Göttetdietwt. 

Menschen in der Unterwelt. Das Menschenopfer nannte ein 
norwegischer König einmal das höchste Opfer, und gewiß 
ist es überall von den Germanen so angesehen worden. 
Der Wert des Menschenopfers stieg, je teurer das Menschen- 
leben war. Franken, Heruler und Sachsen sollen sogar un- 
schuldige Verwandte und als besänftigendste Opfer Leute 
priesterlichen Amts den Göttern getötet haben. Jedenfalls 
gab man im Norden bei Mißwachs auch den König den 
Göttern preis. Nach der ersten Mißernte brachten die 
Schweden Ochsen dar, nach der zweiten Menschen und 
nach der dritten gar ihren König Domald imd röteten mit 
dessen Blute die Sitze der Götter in Uppsala. Es war eine 
mildere Opferform, wenn die Burgimder ihren Hendino 
oder König bei Kriegsunglück oder Mißwachs absetzten 
(S. 298). Jarl Hakon opferte seinen Sohn, um den Sieg 
über die Jomsvikinger zu gewinnen, ein andrer Fürst sogar 
hintereinander dem Odin neun Söhne, um dadurch sein 
eignes Leben im neuen Jahre zu verlängern. Um günstigen 
Wind zu verleihen, forderte Odin einen Mann aus König 
Wikars Schiffsmannschaft, der aufgehängt werden sollte, 
und das Los traf den König selber. Am andern Tage 
hängte ihn Starkad feierlich an einem Aste auf und durch- 
bohrte ihn mit einem zum Speer werdenden Rohrstengel mit 
den Worten: „Nun gebe ich dich dem Odin"! Nur einzelne 
dieser Opfer waren Akte der Racbgier, Grausamkeit imd 
Selbstsucht. Durchweg wurden sie als sacrale Todesstrafen, 
als Sühnopfer für begangene Frevel, als Vollstreckung der 
über den Frevler verhängten Friedlosigkeit dargebracht. 
Vor allem fielen Kriegsgefangene, die als Landesfeinde den 
Frieden gebrochen, und Verbrecher, die eines gleichen 
Vergehens sich schuldig gemacht hatten. Je nach der Art 
ihres Verbrechens war die Art der Todesstrafe verschieden. 
Wer in Friesland einen Tempel zerbrochen hatte, wurde 
am Strande verstümmelt, den Göttern geopfert, der Flut 
preisgegeben. Feiglinge und Lüstlinge versenkte man in 
einen Sumpf imd warf ein Hürdengeflecht darüber, um sie 
für alle Zeit unsichtbar zu machen. Auf dem isländischen 



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VII, Das GaiterUben und der Götlerdienst. 337 

Thorsstein wurde dem Verbrecher der Rücken zerbrochen, 
wahrscheinlich dem Meineidigen oder Lügner, den ja nach 
dem Volksglauben der Blitz erschlagt. Eine Missetat am 
heidnischen Kult war es, einen Gehängten lebend oder tot 
vom Galgen zu nehmen, da dieser doch der Gottheit ge- 
hörte, zumal dem nordischen Hangagud, dem Gott der 
Gehängten, Odin. Sagenhaft klingt die nordische sogenannte 
„Rollenrötung", d. h. der Stapellauf eines Schiffs über den 
Leib eines Menschen hinweg, dessen Blut dann den Kiel 
sühnend netzte. Aber man hat oft beim Niederreißen alter 
deutscher Bauten, Stadtmauern und Brücken und Deiche, 
Gerippe mit Särgen und ohne sie gefunden, die die Wahr- 
heit der häufigen noch jetzt vom Volk geglaubten Ge- 
schichten vom Einmauern lebendiger Menschen in den 
Gnmdstein wicht^er Schutzbauten bezeugen. 



', E. H., Gemmn. Uythalotie. 22 

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Achtes Kapitel. 

Die einzelnen Götter. 

Der germanische Götterglaube ging seine eigenen 
Wege; seine Götter hatten andere Schicksale als die der 
anderen Indogermanen. Doch umwittert einige der ältesten 
nationalen Gottheiten noch ein indogermanischer Erdgeruch, 
der daran erinnert, daß sie aus demselben Reiche gleicher 
oder ähnlicher Riesen und Elfen und anderer uralter Geister 
emporgewachsen sind. Auch verrät der Aufbau der ver- 
schiedenen nationalen Götterwelten gewisse überall maß- 
gebende Linien , namentlich in seinem Grundriß , und 
wenigstens eine Gottheit wurde noch von der Gemeinschaft 
der Indogermanen ziemlich scharf umrissen und zu iimer- 
licher Reife ausgebildet. Das war der Himmelsgott, der 
durch seinen allumfassenden Himmelsglanz hoch Über alle 
anderen früheren mythischen Gebilde sich erhob, dessen 
segnende Kraft namentlich im fruchtbringenden Regen, 
dessen majestätische Herrschermacht namentlich im Ge- 
witter sich zeigte: 

Tiwaz, Tius, Ziu, T'^r. 
Diesen ältesten und höchsten Gott nannten die Ur- 
germanen vermutlich Tiwas, die Angelsachsen Tiw, die 
Nordleute Tyr und die Hochdeutschen Ziu. Unter wesentlich 
demselben Namen, der von einer Wurzel „div = strahlen, 
leuchten" stammt, und zwar mit dem Zusätze „Vater", riefen 
ihn die Inder, Griechen und Römer an als Dydspitä, Zeu- 
paler, {D)juppiter. An dieser auch sachlich wohl zu 
begründenden Gleichung darf man nicht mit kleinen laut- 
gesetzlichen Bedenken rütteln, da die Wurzel dieses Namens 
sich durch die außerordentliche Vielgestaltigkeit ihrer 



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VIII. Die einzelnen GSUeT. 389 

Schößlinge auszeichnet und z. B. neben Zeus die Namens- 
formen Dis, Deus, Das, Zes, Zen und Dan und neben 
Jupiter Jovis, Dis- imd Diespiter hervorgetrieben hat. Der 
schöne Beiname „Vater" mag auch dem germanischen 
Himmelsgotte nicht gefehlt haben. Man möchte ihn fast 
erschließen aus der auf ihn bezogenen Nachricht des Tadtus 
über den heiligen Hain des „göttlichen Altherrschers", in 
dem sich die Semnonen die „Anfänge ihres Stammes" 
dachten, wie wenn der oberste Gott dort auch als der 
Vater des Volkes verehrt worden wäre. Seinen Hauptnamen 
aber bezeugen erst die alten Übersetzungen des im 3. oder 
4. Jahrhundert n. Chr. eingeführten römischen Martis dies, 
die angelsächs. Tiwesdaeg, altnord. Tysdagr, engl. Tuesday, 
alemannisch Ziestag, Zistig lauten. Unser Dienstag aber 
hangt nicht mit diesen alten Formen zusammen, sondern 
ist eine mitteldeutsche Entstellung des niederdeutschen 
Dingsdach, der allerdings wiedenun nach imserem Gotte, 
aber nach seinem alten Beiworte „Things" seinen Namen 
führte. Berihold von Regensburg bezeigt zuerst das Vor- 
kommen des Dinstags als Tag des Dienens in Oberdeutsch- 
land. Die Semnonen aber brachten südwärts wandernd den 
Kultus ihres göttUchen Stammvaters aus der Mark Branden- 
burg ins Schwabenland, wo man Cyuuari d. h. Ziuverehrer 
kannte und eine Hauptstadt, das heutige Augsburg, mit 
echt deutschem Namen Ziesburc hieß. Im deutschen Süd- 
westen gilt ja noch heute der Zistag oder Zistig statt des 
Dienstags, 

Der Lebenslauf des Himmelsgottes ist bei jenen vier 
indogermanischen Völkern ein mehr oder minder stark 
verschiedener gewesen, doch nimmt er bei allen denselben 
Anfang imd zeigt auch noch weiterhin mehrere gleiche 
Entwicklungsstadien. Am nächsten verwandt erscheinen 
Zeus und Jupiter ; sie durchlaufen beide die ganze Stufen- 
reihe des Kultus, die vom alten Gewittergotte mit seiner 
Steinwaffe bis zum obersten Familien-, Gerichts-, Kriegs- 
und Staatsgotte führt. Nur hat Jupiter nach Art der 
meisten höheren römischen Götter seine Hauptmythen und 

22» 



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M) VIII. Die einzeloen GStier. 

zwar die des Gewittergottes, die leidenschaftlichen Kampf- 
mythen, ganz eingebtlßt. Im übrigen hat er wie Zeus die 
vollste Reife erlangt, beide sind Götter aus einem Guß und 
behalten die Obmacht bis ans Ende des Heidentums. Da- 
gegen erleidet die Entwicklung des DyOspit.1 oder Dyfius 
und des Tiwaz eine tiefe Störung, sie werden beide früh 
auf den alten Teil gesetzt und müssen ihr Eigen zum größten 
Teil ihrem Sohne oder doch einem jüngeren Gotte überlassen, 
so Dyaus dem Gewittergotte Indra, so Tiwaz dem Gewitter- 
gotte Donar. Erst zu zweien durchlaufen sie ganz jene 
lange Stufenreihe, die Zeus oder Jupiter für sich allein 
durchlauft. Dyäus ist ein bloßer Himmelsgott, eng ver- 
bunden mit seinem Gegenbilde, der Erde, die er mit Regen 
segnet; dagegen ist Indra der Kampfgott und Obergott der 
rigvedischen Zeit. Tiwaz, Tius ist doch besser ausgeprägt 
als Obergott, als Thinggott, als Kriegsgott, aber den Ruhm 
der mythischen Hauptkampfe und die wichtigsten Stellungen 
im Menschenleben hat er dem Donar überlassen müssen. 
Der Lebenslauf des indischen und der des germanischen 
Himmelsgottes ist also gleichsam in zwei auseinander- 
gesprengt, und dazu kommt, daß auch der siegreiche 
Thronrauber später wieder durch einen Stärkeren vom 
Throne verdrangt wird, der in Indien verschiedene Namen 
wie Wischnu und Rudra führt, bei den Germanen aber 
Wodan heißt. 

Durch diese Zersplitterungen und Verschiebungen bückt 
das älteste, noch indogermanische Bild des Gewittergottes 
deutlich genug hindurch. In seiner Hand schwingt er die 
Siegeswaffe, von der noch der Philosoph Heraklit, in uraller 
mythologischer Anschauung befangen, sagte: „Der Blitz 
regiert das All !" Die ersten Künstler haben sie für den 
Gott geschmiedet, in Indien die Ribhus, in Griechenland 
die Kyklopen, in unserem Norden die Alfar und zwar aus- 
drücklich, um ihm durch sie die ewige Herrschaft zu sichern 
(S. 159 f.). Darum werden Indra, Zeus und Jupiter auch kurz- 
weg „BÜtz" genannt, nach dem grellsten Gesichtseindruck 
des Gewitters, während die alten Germanen den Tiwaz 



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Vm. Die einzelnen Gölter. 341 

nach dem lautesten Gehörseindruck auch Thunaraz Donner 
nannten, womit sie dann später einen selbständigen Gott 
bezeichneten. Jene Waffe ist aber ursprünglich ein drei- 
kantiger Stein oder ein Hammer, wie man sie in den 
Gräbern der Steinzeit findet, und wird vom Gotte gegen 
die Unholde geschleudert, die den für Götter und Menschen 
so erquicklichen Sommerregen in einem Kessel oder Berge 
neidisch zurückhalten, oder gegen seine Obmacht sich 
empören. Diese Feinde der Gottheit sind entweder Riesen : 
die Rakschasas, die Titanen, die Jötime des Nordens (S. 228), 
oder ein schlangenförmiger Drache : der Ahi, der Typhoeus, 
der nordische MidgardswxuTn, 

Ebenso wie den Mythus kennzeichnen den Kultus dieses 
Gottes hochaltertümUche einfache Züge. Weil die Eichen 
den Blitz anziehen, verehrte man ihn in Griechenland, Italien 
imd Germanien in alten Eichen. Wenn man in Rom Regen 
haben wollte, schleppte man den Lapis manalis, den Gieß- 
stein, durch die Gassen; in Gotland hämmerte man mit 
schweren Thorshämmem: die Blitzwaffe des Gottes wurde 
gerührt, imi das Gewölk zu erregen. 

Aus jener zornig streitenden imd gütig spendenden, 
entscheidenden und herrschenden Naturgewalt leiteten sich 
dann auch die späteren edleren und tief ins Menschenleben 
eingreifenden Eigenschaften des Gottes her. Er galt allen 
jenen vier Nationen für einen Kriegsgott und Weide- und 
Ackergott und wenigstens den drei europäischen für einen 
Gott des Rechts und Gerichts, der Familie und des Staats 
und für das väterhche Oberhaupt der Götter und der 
Menschen. 

Auf germanischem Boden hielt die Verehrung dieses 
alten Gottes Tiwaz wahrscheinlich der heiUge Hain des 
vornehmsten Suevenstammes, der Semnonen in der Mark 
Brandenburg, fest. In diesem durch die hier eingeholten 
Weissagungen der Vorfahren und durch alte Ehrfurcht 
geweihten HeiUgtum kamen ihre Abgeordneten zu einer 
fes^esetzten Zeit zusammen. Vor der Volksmenge wurde 
ein Mensch getötet imd imter grausigen Bräuchen geopfert. 



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342 VIII. Die einzelnen Götler. 

Niemand durfte anders als gefesselt den Hain betreten, um 
dadurch seine Schwache imd des Gottes Macht anzu- 
erkennen. Fiel einer hin, so durfte er sich nicht wieder 
erheben; auf der Erde wurde er hinausgewälzt. Der ganze 
Kultus deutete darauf hin, daß man in diesem Harn die 
Geburtsstätte des Volks und den Wohnsitz des allwaltenden 
Gottes, dem Alles Untertan und gehorsam sei, gelegen glaubte. 
Sein Ansehen wurde noch durch das Glück der Semnonen 
gestärkt: sie bewohnten nicht weniger als hundert Gaue. 
Hier im Nordosten Germaniens, im ältesten Deutschland, 
thronte noch hoch über allen andern Göttern der Gewitter- 
gott ältesten Stils in seinem Hain, etwa wie Zeus im 
Eichenhain zu Dodona. Man holte hier seine Orakel, wie 
spater im Thorstempel, denn der Donner ist die Stimme 
des wissenden Gottes. Man tötete ihm hier Menschen, wie 
später dem Thor auf dem Thorsstein (S. 337). Man trat in 
das Heiligtimi nicht nur, wie später, unbewaffnet, sondern 
sogar gefesselt. Man wälzte sich vor diesem Gotte mit 
seiner Alles niederschmetternden Gewalt auf dem Boden, 
wie es noch beim ersten Donner der Bauer des 19. Jahr- 
himderts tat. Als die Semnonen sich von ihrem alten 
Landesheiligtum losrissen und nach dem sfldwestUchen 
Deutschland wanderten, war dieser Gott ihr siegreicher 
Führer imd sie seine Leute imd Verehrer. Damach nannten 
sie sich Ziuwari und einen ihrer Hauptörter, das alte Augs- 
burg, Ziesbui^, und übersetzten, weil ihr ältester und 
oberster Gott auf jenen kriegerischen Wanderzügen einen 
durchaus kriegerischen Charakter angenommen hatte, den 
römischen Krieg^ottswochentag , den Martis dies , mit 
Ziestag, der noch heute bei den Alemannen Zistig heißt. 
Und nach ihrem Vorgang benannten auch die meisten 
andern Stämme diesen Tag nach demselben Gotte. 

Der allmächtige Gewittergott Namens Tiu, Ziu, altnord. 
TJr wurde mehr und mehr von seiner Naturgewalt los- 
gelöst imd fast ausschließlich auf die Leitung des Kriegs 
und des Gerichts beschränkt. Seine Naturgewalt aber erbte 
ein mit dem deutlichen Namen derselben bezeichneter Gott, 



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VIIL Die einielnen Götter. 343 

nämlich Donar, Thor, der nun der eigentliche Gewittei^ott 
wurde und blieb. 

Dieser Rollenwechsel hat im deutschen Westen begonnen. 
Schon zu Tacitus' Zeit faßten die Tenctem am Niederrhein 
ihren vornehmsten Gott, unter dem man doch wohl Tiwaz 
zu verstehen hat, als Mars auf. Zum Dienste dieses Kriegs- 
gottes mag es gehört haben, daß auch die tapfersten der 
benachbarten Chatten außer langem Bart und Haar noch 
einen Eisenring als Fessel trugen, von dem sie erst die 
Tötung eines Feindes befreite. Doch behielten manche die 
Tracht noch weiterhin bei, um sich, als Kampfer der ersten 
Schlachtreihe, ganz dem Kriege zu ergeben. Die aus Rhein- 
ländern gebildete erste kaiserhche Gardereiterei widmete 
wiederholt ihren drei heimischen Hauptgöttern unter frem- 
den Namen Votivsteine, von denen uns in Rom vierzehn aus 
dem 2. Jahrhimdert n. Chr. erhalten sind, namhch dem Mer- 
ciu- d. h. Wodan, dem Hercules d. h. Donar und dem Mars, 
in dem man wiederum den Tiu sehen muß. Und diesen Krie- 
gern ist der letztgenannte ohne Zweifel der vornehmste Gott, 
denn dreizehnmal steht sein Name an erster Stelle. In den 
Niederlanden widmete ein Centurio germanischer Herkunft 
aus Kaiser Claudius' Zeit dem Mars Halamardus, dem 
Mäimerfaller, einen Stein. Im 3. Jahrhimdert weihten Friesen 
aus dem holländischen Twenthe dem Mars Thingsus und 
den zwei Alaesiagen Beda imd Fimmilena zwei Altäre in 
Nordengland (S. 18). Friesen setzten in selbiger Gegend 
auch dem Tus Tingsus einen Stein, und auf einem andern 
wird der keltische Kriegsgott Belatucadrus durch Tus 
Tingsus übersetzt. Es ist also klar, daß auf diesen Denk- 
mälern der alte Tius, der Kriegsgott, zugleich als Thing- 
oder Gerichtsgott verehrt \viu-de, dem zwei göttliche 
Botinnen zur Seite stehen (S. 274). So ist auch Zeus und 
Jupiter Kriegsgott imd Gott des echten Dings und Zeus' 
Beisitzerin die rechtbringende Dike. Jene Götterdreiheit 
der rheinischen Gardereiter, die ja schon Tacitus hervorhebt, 
kehrt dann um 800 im sächsischen Taufgelöbnis wieder : 
an Thimaer und Wodan schließt sich als dritter Saxnot, 



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34i VUI. Di« einzelnen Gatter. 

angelsächsisch Seaxneat, der Genosse eines Sachses d. h. 
Kurzschwertes, wie es schon Tacitus bei den Nordgermanen 
auffiel. Die Nachkommen, die ihm die essexische Stamm- 
tafel zuteilt, bedeuten seinem Wesen entsprechend all die 
verschiedenen Momente der Schlacht. Also auch mit 
Seaxneat ist offenbar ein Kriegsgott und wahrscheinlich 
nach einem Beinamen des alten Himmelsgottes bezeichnet 
worden. DeuUiche Spuren im deutschen Volksglauben hat 
dieser früh verdunkelte und der Grundlagen seiner Macht 
beraubte, einst oberste Gott nur wenige hinterlassen. Viel- 
leicht verdankt ihm sein Tag, der Dienstag, seine Beliebtheit 
als Gerichtstag , die er Jahrhimderte lang neben dem 
Donnerstage behauptete. Auch wird der fränkisch-sächsische 
Dingesdag nicht mehr auf Ding Gericht, sondern direkt auf 
jenes Attribut des Tius „Things" zurückgeführt. Ein dritter, 
aber unaufgeklärter Name des Gottes scheint im bayrischen 
Erchtag = Dienstag zu stecken. 

Im skandinavischen Norden muß sich eine ähnliche 
Entwicklung vollzogen haben: Tyr ist hier ausschließlich 
Kriegs- oder viehnehr nur Kampfgott, der kühnste aller 
Götter, den Tapfere in der Schlacht um Sieg anrufen. 
Siegrunen soll man auf seinen Schwertgriff ritzen und dabei 
zweimal Tyr nennen. Ob aber die von Tacitus erwähnten 
Schwerttänze, die bis gegen unsere Zeit fortdauerten, ihm 
geweiht waren, ist imgewiß. Der Verwegene hieß tyhraustr 
kühn wie Tyr imd — was nicht passen will — der Weise 
tjspakr weise wie Tyr. Es klingt wie eine verflogene Mähr 
aus einem alteren breiteren Gewittermythus des Tyr, wenn 
er in der Hymiskvida sich bereit erklärt, den Thor auf 
seinem Zuge zum Riesen Hymir zu begleiten, um diesem 
den von den Göttern vermißten Kessel abzugewinnen. Man 
könnte auch hierin eine Herabsetzung des älteren Gewitter- 
gottes Tyr durch den jüngeren, Thor, vermuten. Aber daß 
Hymir und seine allgoldene Frau als seine Eltern dar- 
gestellt werden, daß er dann, nachdem er von seiner Mutter 
mit Thor unter Kesseln versteckt worden, ganz aus diesem 
Mythus verschwindet, das alles kennzeichnet doch wohl 



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VIII. Die einielnen Gölter, Sa 

die Teilnahme des Tyr an der so wichtigen Kesselfahrt 
als einen leichten, unüberlegten und deshalb undurch- 
geführten Einfall eines Dichters. Das ist keine Volkssage. 
Ganz tatenlos steht aber Tyr im nordischen Mythus 
doch nicht da. Er ist es, der allein es wagt, dem furcht- 
baren Sohne Lokis, dem Fenriswolfe, den die Götter bei 
sich aufziehen, Futter darzureichen. Aber wie sie nun den 
Unhold tägUch wachsen sahen und Prophezeiungen ihn als 
ihr Verderben verkündeten, da beschlossen sie ihn zu 
fesseln. Er Ueß sich auch die starke Fessel Laedingr (das 
böse Ding?) ruhig anlegen, um seine Kraft zu zeigen, und 
alsbald zerriß er sie leicht. Dann brachten sie ihm den 
doppelt so starken Drömi (die Fessel), indem sie ihm 
großen Ruhm versprachen, wenn er diesen zerbräche. Nach 
einigem Bedenken ließ er sich auch diesen gefallen, schüt- 
telte sich und stemmte sich derartig gegen die Erde, daß 
die Stücke der Kette weit auseinander flogen. Da hieß 
Allvater (Odin) den Boten Frejs, Skimir, die Fessel Gleip- 
nir von den Zwergen in Svartalfaheim holen. Die war aus 
sechs Dingen gefertigt: dem Geräusch der Katze, dem Bart 
des Weibes, den Wurzeln des Berges, den Sehnen des 
Bären, dem Hauch des Fisches und dem Speichel des 
Vogels. Sie war leicht und welch wie ein seidenes Band. 
Die zeigten sie dem Wolf auf der im See Amsvartnir oder 
Amsvamir gelegenen Insel Lyngvi. Er aber wies sie zurück, 
denn dabei wäre kein Ruhm zu holen. Wäre sie aber mit 
Zauberlist gemacht, so wolle er sie nicht an seinen Füßen 
dulden. Doch die Götter redeten ihm ein, wenn er dieses 
schwache Band wirklich nicht zerreißen könnte, so würden 
sie, von aller Furcht vor ihm befreit, ihn gern losgeben. 
So Ueß er es sich doch anlegen, aber unter der Bedingung, 
daß einer von den Göttern während der Kraftprobe seine 
Hand ihm in den Rachen steckte. Da blickten sich die 
Götter betroffen an, bis endlich Tyr seine Rechte hinein- 
legte. Je mehr nun der gebimdene Wolf sich mit seinen 
Füßen stemmte, desto harter wurde das Band, desto tiefer 
schnitt es ein. Da lachten alle außer Tyr, denn der verlor 



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•iiK VIII. Die einzelDCD Götter. 

seine Hand. Das Untier wurde dann an zwei tief in die 
Erde gestoßene Steinblöcke, GjöH (Lärm) und Thviti (?), 
gebunden. In seinen zum Beißen geöffneten Rachen stießen 
sie ihm zur Sperre ein Schwert, so daß der Griff im Unter- 
kiefer, die Spitze im Oberkiefer steckte. Er heult grimmig, 
aus seinem Rachen trieft der Geifer Von wie ein Fluß. So 
liegt er bis zur Götterdämmrung. Dann kommt auch er los 
und fahrt umher mit so weit geöffnetem Rachen, daß dieser 
oben den Himmel und unten die Erde berührt, und gern 
wtlrde er ihn noch weiter aufreißen, wenn noch Raum da 
wäre. Aus seinen Augen und Nüstern glüht Feuer. Er ver- 
schlingt im letzten Kampfe Odin, der aber von seinem 
Sohne Vidar gerächt wird, indem dieser des Wolfes Kiefer 
auseinander reißt. Dann kommt auch los der Hund Garm, 
der Grimme oder Brüller, der vor der Gnipahöhle gebunden 
ist, und greift Tyr an, und beide töten sich gegenseitig. 

Dieser ausdrucksvolle Mythus von dem einhändigen 
(einhendr) Tyr erinnert an den irischen Mars, den Nuada, 
der seine Hand im Kampf mit dem Dämonengeschlecht der 
Fir BoIg verliert, sie aber durch eine silberne ersetzen läßt. 
Nur vermuten darf man, daß ihm eine alte Sage vom 
Kampf des lichten Himmelsgottes mit einem riesischen 
Sturmungeheuer, das die ganze Luft zwischen Himmel und 
Erde mit seinem Geheul und seiner Finsternis erfüllt {S. 229), 
zu gründe liege, und daß in diesem Kampfe der Gott seine 
Hand einbüßt. So verschlingt Fenrir nach Vafthrudnismal 
die Sonne, imd die Sonne und der Mond werden von anderen 
hinter ihr herrennenden Wölfen Sköll, Hati und Mana- 
garm mit Verfinsterung bedroht. Aber die Erzählung hat 
jetzt die Absicht, die den Tyr vor allen Göttern auszeich- 
nende Kühnheit ins hellste Licht zu setzen, und steigert 
deshalb die schrecklichen Eigenschaften des alten Sturm- 
wolfs auch durch Züge fremder Ungeheuer. 

Wie die Charakteristik der ganzen Sippschaft Lokis 
durch die Bilder der altbiblischen Ungetüme beeinflußt ist, 
so auch insbesondere die des Fenriswolfes. Der Behemoth 
liegt im Schlamm, er schluckt in sich einen Strom; Gott 



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VIII. Die einzelnen Gütter. 347 

greift ihn an mit einem Schwert. Niemand ist so kühn, 
daß er den Leviathan reizen darf. Wer kann die Kiefer 
seines AntÜtzes anftim? Sein Niesen glänzet wie ein Licht, 
und seine Augen sind wie die Augenlider der Morgenröte. 
Unter ihm liegen scharfe Steine. „Wenn du deine Hand an 
ihn legst", heißt es „so gedenke, daß es ein Streit sei, den du 
nicht ausführen wirst". Und was wohl zu merken ist, wie 
der Fenriswolf und sein Bruder, der Midgardswurm, so 
bleiben auch Behemoth und Leviathan an ihren Straförtem 
bis zum letzten Gericht. Noch ein anderes Element, das 
Märchenmotiv von der Fesselung mit einem Seidenbande, 
ist geschickt hineinverwoben worden. Der Volkswitz ge- 
fällt sich darin, aus dem Weichsten und Feinsten das 
Härteste und Stärkste hervorgehen zu lassen. Es zerspringt 
erst in der allgemeinen Auflösimg der Dinge, die dem 
jtlngsten Tage voraufgeht. Dann wird der Wolf frei und 
findet seinen Tod, Tyr aber erliegt dem kerberusartigen 
Höllenhunde Garm. 

So mangelhaft unsre Kunde von diesem ältesten und 
höchsten Gotte der Germanen ist, zeigt sie doch deutlich 
seinen im ersten chiistlichen Jahrtausend sich vollziehen- 
den stetigen Niedergang, bis er im Norden trotz seiner 
bewunderten Kühnheit zu einer fast bedeutungslosen Neben- 
gottheit herabgesimken ist. Diese Erniedrigung verursachte 
vorzugsweise das Atrfkommen des aus ihm hervorge- 
wachsenen 

Thunaraz, Donar, Thor, 

der ihm seine ganze Gewittergewalt abnahm, einen vollen, 
frischen Mythus imd einen eifrigen und angesehenen Kul- 
tus. Den Römern, wie dem Tacitus, dünkte er zunächst 
dem Hercules vergleichbar, tat er es doch auch an Körper- 
kraft allen zuvor, war über die Maßen eß- und trinklustig 
imd kämpfte gegen Riesen und Drachen und nicht nur auf 
der Oberwelt, sondern auch in der Unterwelt. In einem 
Herculeshain an der Weser versammelten sich die Ger- 
manen imter Armin zum Kampfe gegen Germanicus. Mög- 



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lieh, daß auch mit Hercules Magusanus dem Mächtigen 
imd mit Hercules Barbatus dem Bartigen auf rheinischen 
Votivsteinen Donar gemeint ist. Spater nannten sie ihn 
richtiger Jupiter. Und in der Tat war er diesem altrömischen 
Gotte wesensverwandt und stritt noch lange mit Odin- 
Wodan um die erste Stelle, die ja allerdings Jupiter unbe- 
stritten behauptete. In der Dreizahl der vornehmsten ger- 
manischen Götter, wie sie das sachsische Taufgelöbnis und 
die nordischen Schwurformeln anführen, steht er meistens 
noch voran. Er bleibt, auch nachdem schon nach Tadtus 
Wodan-Mercur in Westdeutschland die Götterherrschaft 
gewonnen hatte, noch lange der höchste oder doch der 
Lieblingsgott. Zwar waren auch die mit As und Regln 
d. h. Gott oder die mit Frey und Gaut 2itsammengesetzten 
Namen erwünscht, die den Träger in den Schutz der Gott- 
heit oder eines bestimmten Gottes stellten ; aber alle diese 
wurden an Zahl und Mannigfaltigkeit weit überboten von 
den Thorsnamen, wie Thorstein, Thorketil u. s. w. Der 
Norweger Thorolf schenkte seinem „Freunde" Thor seinen 
Sohn Stein und nannte ihn Thorstein, imd dieser machte 
hinwiederum seinen Sohn zum Goden und nannte ihn Thor- 
grim. Vom westlichen Norwegen führten die Wikinger ihren 
Thor mit sich nach Irland hinüber. Schon der erste Normann, 
der in Irland genannt wird, heißt nach dem Gotte Turgeis 
oder Thorgisl, und bald wimmelt es auch auf dem seit 875 
besiedelten Island von Namen, die mit Thor zusammen- 
gesetzt sind, während vor der Wikingerzeit kein einziger 
dieser etwa 90 Namen nachweisbar ist. So hoch stand Thor 
in Irland, daß z. ß. das normannische Königshaus in Dub- 
lin sich von Thor ableitete und sich des Besitzes eines 
heiligen Thonarsringes rühmte. Und überall im Norden 
hatte noch ums Jahr 1000 kein Gott so viele Tempel wie er. 
Seinen durchsichtigen Hauptnamen hat er vom Donner; 
seine nordischen Beinamen Vingnir kennzeichnen ihn als 
Schwinger (des Donnerkeils) und Reiditjr, Ökut^örr, Vag- 
naverr als Wagen- oder Fahrgott ; denn im Gewitter rollt sein 
Wagen mit ihm durch die Lüfte, und noch heute heißt der 



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Vm. Die einzelnen Götter. 349 

Donner auf Gotland Thors Wagen, anderswo in Schweden 
Askan die Asenfahrt. Sein Beiname Hlörridi ist dunkel. 

In der spätnordischen willkOrUchen Göttergenealogie, 
die Odin als den unbedingten Götterherm ansetzt, ist Thor 
Odins Sohn; seine Mutter die Bergfrau Fjörgyn oder die 
Erde Jörd oder die nicht sicher deutbare Hlödyn, vielleicht 
die niederrheinische Hludana römischer Inschriftsteine, der 
unter anderen friesische Pachter der Fischerei ihre Ver- 
ehrung erwiesen. Seine Gattin ist die Riesin Jamsaxa oder 
Sif die Sippe (?\ Seine Kinder sind blasse Allegorien: seine 
Tochter heißt Thrüdr Kraft, seine Söhne Modi Zornig und 
Magni Stark, die ihm im Riesenkampf zur Seite stehen, 
etwa wie nach Hesiods Theogonie dem Zeus im Titanen- 
kampf Kratos und Bia, Kraft und Gewalt. Seine Gefährten 
sind Loki und der geschwindeste Läufer Thjalfi (S. 2441. 

Thor besitzt drei kostbare Dinge, einen Hammer, 
Thrudhammer oder Krafthammer, Namens Mjölnir Zer- 
malmer, zwei Eisenhandschühe und einen Kraftgürtel. Der 
Hammer, der auch als eine zu kurzgriffige Keule oder als 
glühender Stahl und von den Angelsachsen auch als feurige 
Axt bezeichnet wird, ist nach echt heidnischer Anschau- 
ung allein imstande, die Götter vor ihrem Verderben 
durch die Riesen zu schützen. Nach christianisierter An- 
schauung schützt er im letzten Kampfe nicht einmal Thor 
vor dem Untergang, geht dann aber sonderbarerweise auf 
seine schemenhaften Söhne Modi und Magni über. Thor 
fahrt auf einem Wagen, den die beiden Böcke Tanngniostr 
und Tanngrisnir „Zahnknirscher", die springenden, knattern- 
den Blitze, gen Riesenheim ziehen. Aber Thor geht auch 
weite Wege und durchwatet täglich Flüsse auf seinem 
Gange zum Gericht unter der Weltesche, und sogar das 
Meer. Er ist groß von Gestalt imd jugendlich, schön von 
Antlitz und rotbärtig. Im Zorn blast er seinen Bartruf in 
den Bart und schärft furchtbar seine Augen. Nach Riesen- 
art ist er gefräßig und trunkgierig, beim Riesen Thrym aß 
er einen Ochsen und acht Lachse und trank drei Tormen 
Met, und die Ebbe des Meers rührt von seinem guten Zuge 



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^iO Vin. Die einzelnen Götter. 

her. Aus seiner hervorragenden Asenkraft äsmegin gehen 
seine Entschlossenheit und sein Asenzom hervor. Immer 
unverdrossen und mutig, schrickt er nie vor Kampf 
zurück und ist beim Notruf des Menschen stets zur Stelle, 
So ist er als einst oberster und immer noch stärkster Gott 
der festeste Hort Asgards wie Midgards, der Götter wie 
der Menschen. 

Und die Menschen wußten es ihm Dank. Von keinem 
Gott erzählten sie lieber, meist frische Abenteuer, bald in 
derb fröhlichem, bald in ernsterem Ton. Freilich die ge- 
dankenvolle Tiefe so manchen Odins- oder Baldrmythus 
hatten sie nicht, wenn sie auch oft daran mahnten, daß 
ohne Thor die Götter und die Welt verloren wären. Einige 
von den Thorsgeschichten sind uralt und mitgebracht aus 
der indogermanischen Gemeinschaft, andere spiegeln die 
Gewittervorgänge des Nordens wider, die immer noch 
so mächtig sind, daß sie die eindruckvollsten Naturvorgänge 
des Jahres darstellen. So verfolgten denn die Nordleute 
aufmerksam den Lebenslauf ihres Gottes durch die ver- 
schiedenen Gewitterszenen vom Frühlingserwachen bis in 
den Herbst, ja bis in den Winter hinein. Bald hörten sie seine 
tosenden Kämpfe hoch oben in den Lüften, bald in den 
nahen Gebii^sschluchten, bald am fernen Horizont, wo er 
flammend zur Unterwelt fuhr. Freilich sind fast alle diese 
volkstümlichen Abenteuer, wie sie uns vorUegen, durch 
die Skaldendichtung hindurchgegangen und von ihr mehr 
oder weniger verschönt oder auch verkünstelt. 

Humorvoll und plastisch tritt Thor in dem uns schon 
bekannten Frühlingsmythus der Thrymskvida (S.232) hervor, 
wie er aus seinem Winterschlaf erwacht. Da vermißt er 
seinen Hammer, schüttelt zornig Haupt und Bart, greift 
vergebens um sich her — der Hammer ist gestohlen! 
Gewichtig teilt er dann dem Loki die große Neuigkeit mit, 
von der noch niemand im Himmel und auf Erden weiß: 
„Der Hammer ist uns gestohlen!" In Freyjas geborgtem 
Federhemd rauscht Loki zu den Riesen und erkundet, daß 
Thrymr ihn acht Rasten tief in der Erde versteckt hat. 



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VIIL Die einzelnen Götter. 351 

Wie Thor seinen Kundschafter wieder über Asgard schweben 
sieht, ruft er ihm aufgeregt zu, sofort aus der Luft herab 
Meldung zu machen, damit er nicht auf ruhigem Sitze 
Lügen hinzudichte. Da Freyja sich zornig der Ehe mit 
dem Riesen weigert, muß Thor, obgleich er den schlimmsten 
Schimpfnamen des Argen fürchtet, sich als Braut ver- 
kleiden, Loki als seine Magd. So fahren sie mit Thors 
Bocksgespann , wobei die Felsen bersten und die Erde 
flammt, zu Thrym. Wie freut sich der! „Ihr Riesen, bestreut 
zum Empfang die Bänke. Meine goldgehömten Kühe, meine 
allschwarzen Ochsen kehren zum Stalle heim. Mir fehlte 
nur noch eins, Freyja!" Aber er wird stutzig, wie er ihrem 
so gar unbräutlich gierigen Schmausen und Zechen zuschaut ; 
er fährt bis ans andere Ende des Saals zurück, als ihm 
beim Kusse ihre bis dahin verdeckten Augen entgegen- 
funkeln. Als nun der Riese den MjOlnir auf ihre Kniee 
legen läßt, um sich mit ihr zu vermählen, da lacht der 
vermeintlichen Braut das Herz in der Brust, und der Gott 
erschlägt mit dem Hammer das ganze Riesengeschlecht. 

Im Sommer aber, wo das Gewitter seine ganze Macht 
und HerrÜchkeit in Wetterleuchten, Blitz und Donner und 
rauschendem Regenguß entfaltet, oft nach langer Dürre, 
da entfaltet auch Thor, der Gewittergott, seine höchste 
Macht und Herrlichkeit und spendet nach heftigen Kämpfen 
mit einem Drachen und mit Riesen, die den Regen zurück- 
halten, das segnende Naß. In der schon Seite 238 erzählten 
Hyfttiskvida ist die Wolkenszenerie ganz nordisch in ein 
Eismeer verwandelt, in dem sich Walfische tummeln und 
in dessen Tiefe der Drache lauert. Die Wolken sind nach 
alter Anschauung brausende Braukessel, die hier der Riese 
am Rande des Himmels in seinem Hause hütet. In dem 
Sieg über diese beiden schlimmsten Götterfeinde, der den 
Zentralmythus der indogermanischen obersten Gottheit aus- 
macht, empfängt Thor seine höchste Weihe, als er den 
starr machenden Blicken imd dem Gifthauch des Untiers 
widersteht und es mit seinem Hammer in die Tiefe 
schmettert, und als er, den imigestülpten Braukessel auf 



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3^ VIII. Die emzelnen Götter. 

seinem Haupte, triumphierend aus dem Lande der er- 
schlagenen Riesen zu den dürstenden Göttern zurückkehrt. 

An diesen Zentralmythus, der noch nichts vom letzten 
Drachenkampfe Thors beim Weltuntergänge weiß, schließen 
sich noch manche jüngere Mythen, die aber zum Teil noch 
das Gepräge von Naturmythen tragen. So erschlug Thor 
am ersten Sommertag den riesigen Baumeister der Götter- 
burg, der sich anschickte, nach Vollendung seines Baues 
den ihm von den Göttern versprochenen Lohn, Freyja, 
Sonne und Mond, einzuziehen. Wer der Riese ist, darüber 
lassen seine Namen in der späteren Volkssage keinen 
Zweifel: er heißt darin Wind und Wetter oder auch der 
Blaser, der zumal zu Sommers Anfang schwere Wolken- 
mauem auftürmt (S. 234). 

In einem andern Sommermythus vom Kampf des Ge- 
wittergottes mit dem lärmenden Gewitterriesen Hrungnir 
(S. 231), also zweier Gewitter wider einander, wie er an der 
norwegischen Felsenküste nicht selten ist, schwebte Thor 
abermals in großer Gefahr. Er zerschmetterte zwar des 
Gegners Haupt, aber die eine Hälfte des Wetzsteins des 
Riesen drang in Thors Stime, daß er zusammenbrach, und 
da Hrungnir vomübergestürzt war, lag dessen Fuß auf 
dem Halse des Gottes, bis dessen drei Nächte alter Sohn 
den Fuß herabwarf. Nun stand Thor auf und begrüßte 
seinen Sohn mit Freuden. Als Thor nach Thrudwang 
heimgekehrt war, sang die Seherin Groa Zauberlieder über 
ihm, um den Wetzstein zu lockern. Dabei erzählte ihr der 
dankbare Thor, er habe ihren Gatten Aurwandü in einem 
Korbe auf seinem Rücken über die eisigen Wogen, die 
Elivägar, aus Riesenheim herübergetragen. Eine Zehe 
Aurwandils, die aus dem Korbe hervorlugte, sei dabei 
erfroren. Die habe er abgebrochen und an den Himmel 
geworfen und zum Sternbild „Aurwandils Zehe" gemacht. 
Aurwandil werde bald heimkommen. Darüber froh, ver- 
gaß Groa die Zauberlieder, und so steckt der Wetzstein in 
Thors Haupt bis auf den heutigen Tag. 

Der Aurwandilmythus gehört zu den Stembildermythen. 



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Vin. Die einielneii G6(ter. 353 

die meistens jüngeren Urspnings sind. Vielleicht bedeutet 
der Heros ein Frühüngsgestim, das sich mit dem Wachs- 
ttun — denn gröa heißt wachsen — einstellt und von Thor 
im ersten Frühlingsgewitter aus dem Winterreich der Riesen 
zu seiner Gattin heimgeführt wird. 

Eine neue Kette gefahrvoller Lagen zwangt ihm die 
verwegene Fahrt zu Geirröd auf (S. 232,i. Er tritt sie ganz 
tmbewaffnet an, erst unterwegs borgt ihm eine Riesin das 
nötige Rüstzeug; aber fast ertrinkt er in einem plötzlich 
aufschwellenden Wildwasser, nur die Eberesche rettet ihn, 
die beim Volke deshalb auch Thorsbjörg Thorsrettung heißt. 
Siegreich besteht er dann den Kampf mit dem Gewitter- 
riesen und seinen Töchtern, in der Unterwelt Utgardalolds 
aber müht er sich vergebens ab, das Meer auszutrinken, 
den Midgardswurm aufzuheben und das Alter zu besiegen 
{S. 244). Thor wird mehr und mehr zum starken Märchen- 
hans. 

Im Herbstkampf mit dem Sturmriesen Kdri {S. 234) 
erliegt Thor, oder er fällt in Schlaf und wird seines 
Hammers beraubt, der wahrend des Winters tief in der 
Erde ruht. 

So durchstürmt der Gott tatenreich sein Leben, der 
Vorkämpfer der Götter, immer auf ihr und der Menschen 
Heil bedacht, in unablässigem Streit mit den bösen Mächten. 
Und so feiert ihn das ältere Skaldentum und viele Jahr- 
hunderte über dieses hinaus das Volk. Dieses bleibt dem 
alten, derben und biederen Gotte treu, jenes stellt immer 
mehr den Gott der Dichter und Helden, Odin, über ihn. 
Es entsteht zwischen dem volkstümlichen einfachen Bauem- 
gott und dem vornehmen höfischen Gotte ein Gegensatz, 
der lebendig empfunden wird und mehrfach zu deutlichem 
Ausdruck gelangt. Einst bestimmten die Äsen das Schick- 
sal Starkads, der das Ideal der „Kämpen" war. Wahrend 
nun Odin diesem seinem Liebling drei Menschenalter ver- 
hieß, sprach ihm Thor in jedem eine böse Tat, ein Nidings- 
werk, zu; Odin verhieß ihm die besten Waffen, Thor 
verweigerte ihm allen Landbesitz; Odin verhieß Sieg in 

Meyei, E. M^ German. MylhDloiie. 23 



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861 Vin. Die eiDielnen GSlter. 

jedem Kampfe, aber Thor in jedem eine schwere Wunde; 
Odin Skaldenkunst, aber Thor schnelles Vergessen seiner 
Lieder; Odin die Gunst der Vornehmen, Thor den Haß des 
Volkes. So erbittert zeigt sich der sonst so gutmütige 
Gott gegen das aus dem Kriege einen Beruf machende 
Kämpentum, daß er, wie eine tief verletzte Nome, bei der 
Schicksalsbestimmung jeden Segenswimsch in einen Fluch 
zu verkehren sucht. 

Noch ein anderes Mal traten sich Odin und Thor fast 
feindselig gegenüber. Nach dem" eddischen HarbardsÜede 
rief ein barbeiniger, mit einem Rückenkorb belasteter 
Landstreicher über einen Sund einen Fährmann an, ihn 
überzuholen. Jener ist Thor und dieser Harbard Graubart 
d. i. Odin, der ihn verhöhnte. Da prahlten beide mit ihren 
Großtaten, und obgleich Thor viele ruhmreiche Kampfe 
gegen Riesen imd das entartete Geschlecht der Berserke- 
rinnen, Odin fast nur allerhand Liebesabenteuer aufzuzahlen 
wußte und obgleich Thor Odins Sohn war, empfahl ihm 
Odin höhnisch, um den Sund herumzulaufen, und ver- 
wünschte ihn zum Schluß zu allen Unholden. Und das 
Ganze ist beherrscht durch Harbards Ausspruch: 
„Odin hat die im Kampf gefallenen Edlen, 
Aber Thor hat der Knechte Geschlecht!" 

Es ist kein alter Mythus, sondern jüngere Dichtung, 
wenn Thor nun auch wie Odin in die Baidersage eingefügt 
wird. Aber während Odin, schon als Vater Balders, darin 
eine schwer auf ihm lastende Hauptrolle spielt, kommt dem 
Thor doch nur eine zweite zu. Nach Saxo besiegt Hödr 
das dem Balder zu Hilfe eilende Götterheer, nachdem er 
Thors Keulengriff abgehauen hat. Nach der Prosaedda 
riefen die Götter die Riesin Hyrrokin herbei, als sie das 
Schiff Hringhomi, das Balders Leiche tragen sollte, nicht 
in die See zu stoßen vermochten. Da schob sie das Schiff 
gleich beim ersten Ruck mit solcher Kraft vom Lande ins 
Meer, daß Feuer aus den Walzen fuhr und alle Lande 
zitterten. Das erzürnte Thor, und mit seinem Hammer 
hatte er ihr Haupt zerschmettert, wenn nicht alle Götter 



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VUI. Die elDzelnen Götter. 856 

für sie gebeten hatten. Dann trugen sie Haiders Leiche 
auf das Schiff, bei welchem Anbhck seiner Gattin Nanna 
das Herz zersprang. Den auf dem Schiff in Brand gesetzten 
Scheiterhaufen aber weihte Thor mit seinem Hammer und 
trat den Zwei^ Lit, der ihm vor die Füße lief, ins Feuer. 

Diesem reichen Schatz von Thorsmythen hat die 
deutsche VolksüberUeferung kaum eine sichere Donarssage 
zur Seite zu stellen, wahrend sie Wodans stürmisches Wesen 
in den mannigfachsten Erscheinungen unermüdlich darstellt. 
Nur in einzelnen Riesen- und Teufelssagen scheinen Donars- 
mythen leise nachzuklingen. 

Dafür ist der Kultus dieses Gottes auch in Deutsch- 
land genügend schon durch den taciteischen Hercules 
bezeugt. Er wurde als erster aller Tapferen vor der Schlacht 
besungen; in oder bei seinem heiligen, am östlichen Weser- 
ufer gelegenen Hain sammelte Annin seine Scharen im 
Jahre 16 n. Chr. zum Kampfe gegen das Römerheer des 
Germanicus. Donar war doch wohl der Gott, den nach 
Tadtus die Germanen in der Schlacht selbst gegenwärtig 
wähnten. Seinem Dienst waren noch zu Bonifacius' Zeit 
sogar christliche Priester ergeben, und die Fällung seiner 
heiligen Eiche in Hessen bedeutete einen großen Sieg der 
christlichen Sache. Ihm zuerst mußten die sächsischen 
Täuflinge abschwören. Nach ihm waren die Donnersberge, 
die Donnershauge {-hügel} und Donnersbrunnen und im 
Norden, wo er von allen Göttern die meisten Tempel und 
Bilder hatte, zahlreiche Personen und Ortschaften benannt 
Aber nicht nur all diese Namen, sondern auch viele 
Bräuche versichern tms der weiten und tiefen Verehrung, 
die dieser Gott im nordischen Altertum und noch weit 
darüber hinaus genoß. 

Zu Thors treffender Charakteristik schlägt Adam von 
Bremen die Leitmotive an, die dessen Tätigkeit in der 
Natur wie im Menschenleben bestimmen. „Thor," heißt es, 
„herrscht in der Luft und verwaltet die Donner und die 
Blitze, die Winde und die Regengüsse, das heitere Wetter 
und die Ackerfrüchte." Die Schweden opferten ihm, wenn 

23» 



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Seuche und Hungersnot drohte. Wie im Mythus, spielt 
auch im Kultus sein Hammer eine Hauptrolle, und — das 
ist nun eine entscheidende Wendung in der Auffassung 
der Naturmachte — nicht mehr eine feindselige, sondern 
eine menschenfreundliche Rolle. Der Blitz, der, von Riesen 
und Elfen geschleudert, Krankheit und Verwüstung bringt, 
schlägt, aus des Gottes Hand geworfen, diese bösen Geister 
nieder und segnet der Menschen Handel und Wandel, Haus 
und Feld. In Mecklenburg verfolgen noch heute nach der 
beUebten Übersetzung ins Christliche die Guten oder die 
Engel den Teufel mit dem Blitz. Solche segenbringende 
Blitzhämmer wurden heilig gehatten. Saxo erwähnt alt- 
verehrte schwere Thorshämmer, mit denen man klopfte, 
wenn der Gewitterregen zu lange ausblieb. Man fragt, ob 
nicht der heilige Hammer (holy Mawle), der hinter einer 
Kirchtür in England hing und zum Totschlagen des siebzig- 
jährigen Vaters gebraucht werden sollte, ursprünglich ein 
Donarshammer war, wie auch der von Fischart erwähnte 
„Donnerstrahl" in der Ensheimer Kirche. 

Auch alte Taufsteine wurden mit dem Hammerzeichen 
oder Hakenkreuz, das auf Island Thorshammer hieß, ge- 
schmückt. Man schützte sogar noch das Christenkind mit 
der heidnischen Gotteswaffe gegen die bösen Geister, wie 
man noch bis in unsere Zeit den Kindern Donnerkeile um 
den Hals band. Hammerzeichen und die auch schon heid- 
nischen wohl gleichbedeutenden Haken- und Radkreuze 
umgaben auch das ganze weitere Leben der Germanen im 
Frieden wie im Kriege bis in den Tod hinein und über den Tod 
hinaus. Denn mit ihnen bezeichnet sind zahlreiche nordische 
Waffen , Geräte , Schmucksachen , sowie Grabsteine und 
Urnen. Und daß die wirklich Thors sind, vrird dadurch 
erwiesen, daß statt ihrer auch die Runeninschrifl gesetzt 
wurde: „Thur vild fisi kuml", d. i. „Thor weihe diesen 
Grabhügel." Auch in Deutschland und England ritzte man 
solche Zeichen z. B, auf den Körliner Zauberring imd die 
Möncheberger Speerspitze. Das ganze Haus stand unter 
Thor-Donars mächtigem Schutz. Die Donarszeichen und 



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vnt. Die einzelnen Götter. 357 

die wohl dazu zu rechnenden Kesselhaken bilden einen 
typischen Teil an den Hausmarken. Noch wird wohl unter 
den Dachsparren ein Nephritbeil der Steinzeit gefunden, 
d. h. ein schützender Donnerkeil, ein Ersatz jener Zeichen. 
Als Gott des Hauses und des Herdes mit seinem Kessel 
war Thor auch ein Gott der Hochzeit und der Ehe, Auf 
der Hochzeit des Riesen Thrym wurde Thors Hammer der 
Braut auf die Kniee gelegt Der Hochzeiter ruft: „Tragt 
den Hammer her, die Braut zu weihen, legt den MjöUnir 
der Maid auf die Kniee." Beim Minnetrinken auf den großen 
Opferfesten schlug man über dem Becher die „Thorsmarke", 
sein Zeichen. 

Dem Hammer oder Hammerzeichen des Gottes an 
Wirksamkeit gleichgeachtet wurden Steine, Gerate, Zeichen, 
Pflanzen und Tiere, die dem Hammer durch Form, Farbe, 
Gefährlichkeit, Feuematur ähnlich schienen, namentlich wenn 
sie am Donnerstag gebraucht wurden. Zu diesen Donars- 
symbolen gehören: der Donnerstein oder -keil, schwedisch 
Thorkil, Thorsten, Thoreid (Thorfeuer), der Stahl, der 
Nagel, der Kessel oder Kesselhaken, der Haus- oder Donner- 
lauch, die Eberesche mit ihren roten Vogelbeeren, die Eiche 
mit ihrer roten Lohe, rotfarbige Tiere und sogar rotfarbige 
Gegenstände, wie Strümpfe, Binden und Röcke und Wachs- 
stöcke. Dieser bedeutende Ausschnitt aus der volkstümlichen 
S3mibolik kann kaum anders verstanden werden als aus 
dem innigen Zusammenhange des Menschen mit seinem 
Donnergott, seinem stärksten Hort, der schon in der ed- 
dischen Dichtung der Vinr verlida, der Freund der Menschen 
heißt 

Wie für das Heil der Kleinen (S. 350) sorgte Thor- 
Donar auch für das der Großen. Darum opferten ihm die 
Schweden bei drohender Seuche. Am Donnerstagsabend 
pflückte der Angelsachse Heilkrauter, am wirksamsten zog 
man kranke Kinder durch ein Loch in der dem Donnergott 
heiligen Esche, Eiche und Hagebuttenhecke, an drei Donners- 
tagen hinter einander. Zahlreiche heilkraftige Thors-Donars- 
quellen oder -brunnen sprudelten im Norden wie im Süden, 



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%6 Vni. Die enuelneii Gouer. 

hier, in Hessen, der schon im 9. Jahrhundert bezeugte 
Doneresbrunno, dort, in Schweden, unter andern eine kelge 
ThorskäUa. Beim ersten Donner des Frühlings wälzte man 
sich auf der Erde, das schtltzte gegen Krankheit und gab 
im Erzgebirge Mut 

In Gefahren und Nöten rief man zu Thor, zu ihm allein, 
um guten Fahrwind zu erhalten, oder zu ihm und Odin, 
oder auch zu Frey allein. Er schien dem Christen Helgi 
dem Magern ein stärkerer Helfer auf der Seereise als 
Christus selber, darum opferte er ihm sogar. Mit seinem 
Bilde schmückte man des Schiffes Vordersteven, wo man 
es spater durch ein Kruzifix ersetzte. In der Nacht vor 
dem Zweikampf mit Gunnlaug opferte Thord dem Thor, 
um Sieg zu erlangen. Mit (Hercules) Donarsliedem zogen 
die Deutschen in die Schlacht, die Normannen mit dem 
Kampfgeschrei: „Tur aie! Thor helfe!" Man dankte ihm 
nach dem Siege durch das Opfer der Kriegsgefangenen. 
In der alteren Eisenzeit legte man bei Thorsbjerg in 
Schleswig, wahrscheinlich dem Thor zum Danke, einen 
Schatz von teilweise kostbaren Schutz- und Trutzwaffen 
nieder. Später trat Thor als Schlachtengott gegen Odin 
zurück. Styrbjöm, der vor dem Kämpfe ihn anflehte, imter- 
lag, und sein Feind Eirek, der sich dem Odin verlobte, trug 
den Sieg davon. 

Wie sein Urbild Tiu war Thor nicht nur Gott des 
Kriegs, sondern auch des Rechts und Gerichts; deshalb 
war neben dem Dienstag der Donnerstag der Hauptgerichts- 
tag. Am Donnerstag wurden die wichtigsten nordischen 
Thinge eröffnet; zum isländischen Althing hatten alle Coden 
in der Donnerstagsnacht vor Sonnenaufgang sich ein- 
zustellen. Das norwegische Frostuthing fand im berühmten 
Thorstempel zu Maeri statt. Thor war der Gott der Besitz- 
ergreiftu^, der Landnahme. Wo die mit seinem Bild 
beschnitzten Hochsitzpfeiler, die der Ankömmling angesichts 
der isländischen Küste Über Bord warf, antrieben, da um- 
Üef derselbe mit dem Thorsbilde oder mit Feuer das Land, 
um es zu seinem Eigen zu weihen. Thor strafte das Unrecht. 



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V[[I. Die einzelnen GStter. 359 

Auf dem Thorsstein des isländischen Gerichtsringes wurde 
dem Verbrecher der RQcken gebrochen. Noch im vorigen 
Jahrhimdert trieb man auf Island Keile in den Kopf eines 
sogenannten Thorshammers, um so einem Diebe das Auge 
auszuschlagen, oder ihn zu zwingen, das Gestohlene zurück- 
zubringen. 

Als V^or Weiher weihte Thor rechtsgültige Handlungen, 
wie z. B. die Ehe mit seinem Hammer (S. 357), und neben 
dem Dienstag ist der Donnerstag bis heule in vielen 
deutschen Landschaften der beliebteste Hochzeitstag. Auf 
Hochzeiten wurde Thors Minne vor der der andern Götter 
getrunken. Warmer Regen in den Brautkranz und ein Ge- 
witter wahrend der Hochzeit bedeuten in Deutschland eine 
fruchtbare Ehe. Hebt die Braut während eines Gewitters 
beim Brautzi^ oder nach demselben etwas Schweres, so 
wird sie kräftig. 

Endlich übernahm Thor auch den Schutz des toten 
Menschen. Sein Hammer oder der aufs Grab geritzte 
Anruf zu ihm weiht die Ruhestätte (S. 356), sein Hammer 
weiht auch Balders Scheiterhaufen zum Brande, Statt seiner 
wurde später St. Michael, der Seelenfürst, den die Angel- 
sachsen mit Donnerkeil und rotem Gürtel darstellten, auf 
skandinavischen Runensteinen angerufen- Im Jenseits nahm 
Thor die verstorbenen Knechte zu sich. 

Thor-Donar tränkt Weide und Acker mit seinen Ge- 
wittergüssen, ziunal im Frühling. Unter seinem Schutze 
treibt der deutsche Hirte um den 1. Mai zum erstenmal 
aus imd zwar, wie schon ein Segen des 16. Jahrhunderts 
angibt, in der Frühe eines Donnerstags. Dann schreitet das 
Tier Ober ein Feuerchen, eine Axt, Stahl und rotes Tuch 
und dergleichen Donarssymbole (S. 357), die auf die Stall- 
schwelle gelegt werden, hinweg, und den Kühen folgt ein 
schwarzer Geißbock, der noch vielerwärts zu ihrem Schutz 
im Stall gehalten wird, auch auf die Weide. Donnerstags 
geborene Kälber gedeihen am besten. Feierlich wiirden 
Kälber bei der Namengebung mit dem Zweig der dem 
Donar heiligen Eberesche geschlagen. Mit dem Donnerstein, 



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8G0 VIU. Di« einzelnen Gatter. 

hessisch auch Kuhstein genannt, bestrich man den Euter 
der Kühe oder legte ihn kranken Tieren in die Krippe. 
Donnerstags sind Kühe am besten zu melken, und an dem 
ersten sommerlichen Donnerstag, dem Himmelfahrtstag, 
melkte man im Norden zuerst auch zu Mittag, das dritte 
Mal, imd der Hirte pflanzte eine Eberesche. Auf die Bitte 
des norwegischen Hirten führte Thor entlaufenes Viefa 
zurück. 

Thor macht den Boden urbar und hilft den Menschen 
gegen Fels und Klippen. Nach Tiroler Meinung wird die 
Erde, wenn der Donner recht rollt, „rogel" mürbe und 
fruchtbar. So waltete Thor nach Adam von Bremen über 
die Feldfrüchte imd wurde darum bei Hungersnot angerufen. 
„Früher Domier, später Hunger," heißt's im Sprichwort, 
und wer sich beim ersten Frühlingsgewitter auf die Erde 
wirft, erhalt eine reiche Ernte. Nach der angelsächsischen 
Ackerbuße (S. 33) werden vier Kreuze aus Ebereschenholz an 
die vier Enden des imfruchtbaren Ackers gegen alle bösen 
Geister gelegt. Gebrarmte keilförmige Holzzwecke, Eisen- 
keile, Äxte, Donnersteine gräbt man in den Acker oder 
wirft sie am Abend des Gründonnerstags über die Saat. 
Julkuchen, die die Form hammerverzierter Böcke hatten, 
wurden im Norden unter das Saatkorn gemischt und bei 
der Aussaat von den Arbeitern, sowie von den Pflugochsen 
verzehrt. 

So sehr überwog das Ansehen, das der Donnergott 
im Bauemvolke der Germanen genoß , das der andern 
Götter, daß sein Tag der höchste Festtag gewesen zu sein 
scheint Die Wertschätzung dieses Wochentages ging 
schwerlich vom römischen Jupiterkultus aus, dessen Jupiters- 
tage ja allerdings die Nachbildung Donarstag zu verdanken 
ist Gegen den Donnerstag als Festtag eiferten deshalb der 
heilige Eligius und der Indiculus im 7. und 8. Jahrhundert 
und viele nach ihnen bis zu den Inquisitoren der Hexen 
hin, und eigenartige heidnische Festgebräuche hafteten bis 
heute namentlich am Donnerstag, Gründonnerstag, Himmel- 
fahrtsdonnerstag und an den Adventsdonnerstagen. In 



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Vm. Die einieloen GSlter. 361 

vielen G^enden Deutschlands sind der Donnerstag und der 
Dienstag vor den andern Wochentagen ausgezeichnet als 
Fleischtage, dies aber wahrscheinlich infolge der Satzungen 
mancher Klöster, die gerade diese Tage vom Fastenverbot 
ausnahmen. Am grünen Donnerstag ruht auch wohl in 
Deutschland, wie in Schweden, die gewöhnliche Arbeit, 
auch darf man in Mecklenburg nicht backen, schlachten 
oder waschen, weil sonst alle Regenschauer und Sommer- 
gewitter wegziehen. Aber eifrig wird gesäet und gepflanzt, 
tmd man ißt Grünkohl. Die schwedischen Bauern schössen 
auf die nach dem Bl&kuUa, dem nordischen Blocksberg, 
fahrenden Hexen. Die Synode von Cloveshoe 747 verbot 
die Spiele, Pferderennen und Mahlzeiten, die in England 
das Fest der Himmelfahrt einleiteten. Dann bekränzte 
man in England die Brunnen, in Fienstedt tanzte und zechte 
man um den Gemeindebrunnen. Ins Haus aber, wo zu 
Himmelfahrt gearbeitet wird, schlägt das Gewitter. 

Reichen Anteil miüi der Gewittergott auch an den 
regelmäßigen Opfern, namentlich im Frühling und Sommer, 
wo man von ihm befruchtenden Regen erwartete, gehabt 
haben. Er mochte an Petri Stuhlfeier, dem 22. Februar, 
mit seinem Hammer das unreine Wintergezüchte der Mäuse, 
Kröten und Schlangen aus den Hausem herausklopfen 
oder durch Fackeln und glühende Scheiben das Kom er- 
wecken lind mit einem Stabe den Winter zum Lande 
hinausjagen (S. 330). Die Erntefeste des Herbstes und des 
Winters (S. 324. 326) sind ohne Verehrung dieses Gottes, 
der dem Vieh imd Acker Gedeihen gab, nicht denkbar. 
Harald Schönhaar opferte ihm am Julfest. 

In Mythus imd Kultus vertreten den Gott später christ- 
liche Heilige, so in Norwegen der heihge Olaf, der, mit 
rotem Bart und einer zauberkräftigen Axt dargestellt, wie 
Thor Ungeheuer und einen Seewurm tmd von den Riesen 
auch namentlich den Baumeister „Wind und Wetter" nieder- 
schlägt (S. 224). In Deutschland waltet St Petrus, der im 
Gewitter Kegel spielt, an seiner Stelle des Donners ; St. Olafs- 
imd St. Petersbrunnen sind heilkräfdg wie die Donars- 



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3^ Vm. Di« einiclnen GBttcr. 

bninnen, ao dem Standort der bei Geismar gefällten Donars- 
eiche wurde eine Peterskapelle gebaut. 

Frey. 

Dem Thor zunächst verwandt ist Frey d. h. Herr. 
Während aber in Thor die Gewittematur überwiegt, stellt 
sich in ihm, dem milden Herrn, vorzugsweise die Heiter- 
keit des Wetters dar. So haben die Griechen den Donner- 
gott Zeus und den Sonnengott HeUos oder auch den Licht- 
gott Apollon nebeneinander entwickelt und auch nicht 
immer auseinander gehalten, wobei teils einer den andern 
verdrängte, teils ein Kompromiß zwischen Beiden zustande 
kam. Die Prosaedda sagt ganz deutlich von Frey: er wal- 
tet über Regen und Sonnenschein und Wachstum, und man 
ruft ihn für ein gutes Jahr und Frieden an, imd er waltet 
auch über den Wohlstand der Menschen. Frieden und 
Wollust spendet er auch nach Adam von Bremen. So tragt 
er weniger die rauheren Riesenzüge wie Thor, als die 
sanfteren Alfenzüge. Darum gaben ihm die Götter auch 
beim ersten Zahnen Alfheim zum Geschenk. 

Frey ist nur im Norden überliefert, doch scheint sein 
Beiname Ing auf seine Verehrung bei dem norddeutschen 
Stammverbande der Ingvaeonen hinzudeuten. Mit seinem 
Vater Njörd und seiner Schwester Freyja bildet er inner- 
halb der nordischen Götterwelt die besondere Gruppe der 
„Wanen" d. i. der Lichten. Der Kultus dieser freundücheren, 
milderen Wettergottheiten, die Ackerbau, Viehzucht und 
Schiffahrt begünstigten und zuerst den Rimenzauber übten, 
daher wiederholt „weise" heißen, ging vielleicht von Schonen 
aus und faßte schon früh Fuß von Süden her im Getreide- 
land von Uppsala. Wie nach der Germania in Kap. 44 
wahrscheinüch ist, gehörte hier schon zu Tacitus' Zeit der 
berühmte ,,Uppsalaschatz" d. h. der reiche Tempel mit 
seinem Tempelland einem Einwaldkönig, der auch das 
höchste Landesfest leitete tmd dessen Markt- und Handels- 
verkehr hütete. Frey hieß deswegen auch der Opfergott 
der Schweden ; unter dem Namen Frikko, wie er bei Adam 



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VIII. DI« einzelnen Götter. 3£l 

von Bremen heißt, d. i. der Liebende, der Buhler, hatte er ein 
durch einen Priapus ausgezeiclinetes Standbild in Uppsala 
neben Thor und Odin und unter den Schweden manche 
Vinar d. i. Freunde, ihm besonders zugetane Verehrer oder 
Nccessarii. Das schwedische Königsgeschlecht der Yng- 
lingar betrachtete sich als Nachkommenschaft Yngvis d. i. 
Freys. Von Schweden aus drang sein Dienst über die 
Drontheimer Gaue bis nach Island hin und mit diesem der 
seines Vaters Nj'örd imd seiner Schwester Freyja. 

Der freundliche Windwane Njörd wohnt in Nöatün, 
der Schiffsstätte, lenkt den Wind und stillt See imd Feuer. 
Man ruft ihn vor der Seefahrt imd dem Fischfang an. Das 
wärmere Meergestade mit seinen Schwänen zieht er den 
Schneefeldem des Gebirgs mit seinen Wölfen vor, die seine 
Gattin, die Sturmriesin Skadi, leidenschaftlich auf Schnee- 
schuhen durcheilt Nach manchem ehelichen Unfrieden sind 
die Beiden Übereingekommen, neun Nächte d. h. Winter- 
monate in Skadis Thrymheim d, h. Sturmheim zusammen- 
zuleben, drei Nächte d. h. Sommermonate in Njörds mil- 
derem Noatun. Hier wandelt er auf seinen schönen Ftlßen, 
derentwegen ihn einst Skadi, die sie für die Füße Balders 
hielt, zum Gemahl erkor; es ist damit der sanfte Gang 
leiser Winde gemeint „Reich wie Njörd" sagte man von 
einem besonders Begüterten, in Njörds Tagen sei allguter 
Friede imd fruchtbares Jahr gewesen, und bei Opfergelagen 
leerte man darauf den Njörds- und den Freysbecher. 

Aus der Ehe jener ungleichen Eltern gingen Frey und 
Freyja hervor. Frey artet mehr seinem Vater als seiner 
Mutter nach. Er heißt skir heiter und bjartr leuchtend. Bei 
seiner Umfahrt durch das Land klärt sich das Wetter auf. 
Auch heißt sein Diener Skimir der Heiterer, der auch das 
von den Zwergen gefestigte Band zur Fesselung des Fen- 
riswolfes holt (S. 345), und zwei andre Byggvir und Beyla 
Bieger und Buckel, die vielleicht die regelmäßige Senkung 
und Erhebung der Wellen bei ruhigem Wetter bezeichnen. 
Freys Geliebte ist die Wolkenriesin Gerdr (S. 273), um die 
Skimir für seinen Herrn wirbt. 



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364 VUI. Die einzelaen Gölter. 

Frey ist, wie schon oben angedeutet, ein milderer, mo- 
dernerer Thor, nicht humoristisch bieder wie dieser, son- 
dern eher sentimental imd verliebt Altertümlich wie Thors 
Keule und Hammer ist seine Blitzwaffe, ein Hirschgeweih, 
mit dem er den Riesen Beli Brüller erschlägt (S. 365). 
Aber seine Hauptwaffe ist doch das ritterliche Schwert, 
das wie Thors Hammer von selbst sich schwingt und von 
ihm eingebüßt wird. Dem Wagen Thors entspricht Freys 
bestes aller Schiffe, das Wolkenschiff Skfdbladnir, das alle 
Gotter faßt und stets guten Wind hat und leicht wieder 
zusammengelegt werden kann (S. 157), Auch Freys Tier, 
der Eber Goldborst oder Scharfzahn, scheint als Erheller 
von Tag und Nacht eher gleich Thors Böcken auf die 
Blitze, als auf die Sonne gedeutet werden zu müssen. An 
eine Gewittererscheinung gemahnt auch Freys Roß Blut- 
huf, das über feuchte Felsen läuft, die Erde beben macht 
imd durch die Waberlohe der Gerdr springt. Frey heißt 
der beste aller kühnen Reiter. Im eddischen Skimisliede 
liebekrank, wurde er im Kultus, wenigstens zu Uppsala, 
derb sinnlich nach Adam von Bremen mit einem großen 
Phallus dargestellt. Dabei heißt er im Skimisliede der 
„frödi". Kluge, und ist unter diesem Beinamen mit seinen 
Mythen von Saxo in die dänische Königsgeschichte auf- 
genommen, die nicht weniger als sechs verschiedene sagen- 
hafte Frothos aufweist, 

Freys Hauptmythus wird in den beiden Eddas erzählt, 
ein weicheres, fast romantisches Seitenstück zum Frühlings- 
mythus Thors, zur Hammerholung. Der Sieg des lichten 
Lenzes über die dunklen Wintermachte wird im eddischen 
Skimisliede zu einem in raschen Dialogen dahineilenden 
Drama, wie etwa in Deutschland zum Kampfspiel des 
Winters und des Sommers. Eines Tags überschaute Frey 
von der Hlit>skialf, dem Himmelsthron, herab alle Welten 
und sah eine schöne Riesenjungfrau, Gerd, von deren 
Armen Luft und Meer leuchtete. Er wurde krank vor 
Liebessehnsucht Seinem Jugent^espiel und Diener Skirnir 
gestand er sein Leid; kein Ase, kein Alf wolle eine solche 



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Vm. Die einzelnen Götter. 3fö 

Verbindui^. Da übernahm Skimir die Werbung; doch bat 
er um Freys Roß für den Ritt durch die Waberlohe, die 
Gerd imigab, und um sein Schwert, das von selbst sich 
gegen die Riesen schwang. Dann ritt er zu Gerds Wohnung 
in ihres Vaters Gymir Hof über feuchte Felsen. Nicht ver- 
mochten ihn grimmige Hunde und der Wächter auf dem 
Hügel aufzuhalten. Gerd fühlte, wie das Gehöft bebte, und 
fragte den abgestiegenen Reiter nach seinem Begehr. Nun 
bot er ihr als Freys Werbegabe elf goldne Äpfel und einen 
Goldring (wie Draupnir S. 157), von dem in jeder neunten 
Nacht acht gleich schwere Ringe traufeiten. Als sie sich 
sträubte, bedrohte er sie mit seinem Schwerte, dann mit 
vielen Verfluchungen zu den garstigsten Riesen am Ende 
der Welt, mit der Unglücksrune „E-urs" und den drei 
Stäben „Unzucht", „Wahnsinn" und „Unerträglichkeit". 
Da endlich reichte ihm Gerd mit ihrem Heilsrufe einen 
Becher alten Metes, bereit, sich dem Wanensohne zu ver- 
mählen, und versprach ihm nach neun Nachten die Ehe 
im stillen Haine Harri, dem Sprossenden. Als Skimir 
seinem Herrn das mitteilte, seufzte dieser auf: „Oft däuchte 
mir ein Monat minder lang als eine halbe Sehnsuchts- 
nacht"! 

So ward Gerd die Gattin Freys, aber ihren stürmischen 
Bruder Beli, den Brüller, erschlug er mit einem Hirsch- 
geweih oder mit der Faust Aber außer dem Riesen ist, 
wie von Thor, so auch von Frey noch ein tierisches Un- 
geheuer zu beseitigen, um die vollen Segnungen des 
Sommers zu gewinnen. Diesen Kampf aber erkennt man 
nur aus den dänischen Königssagen der verschiedenen 
Frotkos vmd Fridlevs, die noch die Beinamen des Gottes 
tragen und den Ahnen des dänischen Königsstammes der 
Skyldungen gehören. Frotho {I) und Fridlev, Frögerthas, 
also jener Freysgattin Gerd, Gemahl, töteten beide einen 
Schatz hütenden giftigen Drachen und nahmen ihm sein 
Gold. Nun begann der zum sieben- oder dreiß^ährigen 
Völkerfrieden Frothos (III), zu einem goldenen Zeitalter, 
idealisierte friedliche, sonnige Sommer, während dessen 



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866 VUL Die einzelDCn GOtter. 

keiner einen von Frotho auf die offene Straße gelegten 
Goldring zu berühren wagte, keiner dem andern schadete 
und sogar nicht losschlug, wenn er seines Bruders Mörder 
gebunden vor sich fand. Die Äcker trugen ohne Aussaat, und 
in der Erde fand man Erze aller Art. Aber wie wir hörten 
(S. 237), ging Prodis Mühle, in der die Riesinnen Fenja und 
Menja Frieden, Glück und Gold mahlten, in den Herbst- 
stürmen des Meers zu Grunde, und Frotho (III) wurde von 
einer Seekuh zu Tode gestoßen. Frothos wie Freys Tod 
wurde drei Jahre verheimlicht, damit ihnen die üblichen 
Abgaben und Opfer nicht entzogen würden, und Frothos 
Leiche wurde auf dem königlichen Wagen, als ob er noch 
lebendig wäre, durch sein Reich geführt, gleichwie Freys 
Bild auf einem Wagen durch das Land fuhr. Frey wurde 
nach seinem Tode nicht verbrannt, sondern in Schweden 
begraben, damit er dort fernerhin gute Zeit und Frieden 
spendete, und so warm blieb auch im Winter seine sommer- 
Üche Kraft, daß der Grabhügel eines Freyspriesters im 
Winter weder Eis, noch Schnee auf sich duldete. 

Der Kultus kennzeichnet Frey vorwiegend als gütigen 
Spender der Fruchtbarkeit und zwar sowohl des Ackers, 
als auch des Viehs und der Menschen. Er ist der ärgud, 
der gute Zeiten bringt, und das von den Schweden am 
Julabend auf dem ärhaugr oder Fruchtbarkeitshügel dar- 
gebrachte Opfer wird ihm gegolten haben. Viele skandi- 
navische Ortsnamen, wie Frörup, Fröstuna, Fröshov, weisen 
auf alte Verehningsstätten zurück. Um aber seine segnende 
Kraft von seinem Heiligtum im schwedischen Uppland auch 
abgelegenen Landschaften jenseits der Berge zuzuführen, 
wurde im Spätwinter sein lebensgroßes, bekleidetes Bild 
auf einem Wagen herumgefahren, der Wagengott, begleitet 
von einer schönen, jungen Priesterin, die man seine Frau 
nannte. Überall wurde er mit Gelagen empfangen, bei 
denen man um ,Jahrbuße" d. h. um Aussicht auf Frucht- 
barkeit opferte. Dann wurde die Witterung milder, und als 
einst die Priesterin unterwegs schwanger wurde, erwartete 
man dn besonders fruchtbares Jahr. Sie galt also als eine 



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VUI. Die einzelnen GStter. 367 

irdische Vertreterin der vom Himmelsgotte befruchteten 
Erdgöttin. So zog noch bis in unsre Tage das Maibraut- 
paar im Norden, in Deutschland und in England segnend 
um. Um dieselbe Spälwinterzeit wurde auch Freys Sonar- 
göltr, der Zuchteber der Herde, umgeführt, auf den man 
im Norden angesichts des Fürsten feierliche Gelübde zu- 
künftiger Taten ablegte; das letzte Viehopfer des Winters, 
das die Fruchtbarkeit des Viehs und des Ackers sicherte 
(S. 327). Denn die nordischen Gebäcke in Eberform werden 
unter das Saatkorn gerieben oder den Pflügeni zum Essen 
gegeben. Denselben Sinn hatten die späteren feierUchen 
Umführungen eines Ebers, der, in Erbsenstroh gehüllt, auch 
Erbsenbär hieß, oder eines Ferkels, des „Goldferchs" in 
Deutschland, sowie die Schweinfleischschmäuse der alten 
Germanen in dieser Zeit des Jahres. Doch müssen sie in 
Deutschland wie jene Maizüge einem andern Gotte, wahr- 
scheinlich dem Donar, gewidmet gewesen sein, da Frey 
den Deutschen fehlte. Außer dem Eber waren ihm auch 
Rosse und Stiere geweiht. Im Norden trat Frey nochmals 
als Fruchtbarkeitsgott hervor, wenn ihm, wie Adam von 
Bremen berichtet, auf Hochzeiten geopfert wurde. 

Wodan -Odin. 
Über alle die bisher besprochenen älteren und jüngeren 
Götter des Gewitters und des Sonnenscheins, die von den 
meisten Indogermanen und so auch von den Germanen 
für die höchsten gehalten waren, wuchs nun, zuerst in 
Westdeutschland, der altgermanische Sturmgott Wodan- 
Odin hinaus imd riß die Oberherrschaft an sich. Diesen 
Sieg verdankte er wohl nicht seiner ursprünglichen Sturm- 
natur — wenigstens nahmen die Windgötter aller anderen 
Indogermanen neben ihrem Gewittergott immer nur einen 
zweiten Rang ein — , sondern seiner schneller als bei den 
andern Göttern fortgeschrittenen Ver^eistigung. Sie brachte 
emen gleichartigen Gott bei den Galliern, wie bei den 
Germanen an die Spitze. Das erkannten die Römer hier 
wie dort sehr wohl und gaben den geist^sten und höchsten 



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868 Vlll. Die einzelnen Gütter. 

Gott beider barbarischen Völker durch ihren verkehrs- 
rührigen und geistesgewandten Mercurius wieder. So 
nannte Caesar den höchsten Gott der Gallier, weil man 
ihn für den Erfinder aller Künste, den Führer auf Wegen 
und Reisen, den Gott des Gewinns und Handels halte. 
Ebenso nannte Tacitus den höchsten Gott der Germanen 
offenbar wegen ähnlicher Eigenschaften und Verdienste. 
Denn er kann keinen andern darunter verstehen als Wodan. 
In der Tat spendete dessen nordisches Ebenbild Odin nach 
dem Hyndlulied Sieg, Reichtum, Beredsamkeit und Ver- 
stand, Fahrwind und Dichtkunst und endlich Mannhaftigkeit 
den Menschen. Außerdem war Wodan-Odin zauberkundig 
gleich Mercur, was schon der Merseburger Pferdesegen 
(S. 32) betont, und gleich Mercur ein Führer der Seelen 
der Verstorbenen. Äußerlich sind der römische und der 
germanische Gott durch einen Hut gekennzeichnet. Trotz- 
dem die Haupteigenschaften Wodans, sein Sturmwesen und 
sein kriegerischer Charakter, in Mercur nicht zu finden 
waren , genügten den Römern jene Übereinsrimmungen , 
zwei Götter gleichzusetzen, die doch wieder so verschieden 
und an Ansehen so ungleich waren. Doch darf nicht über- 
sehen werden, daß wiüirend der römischen Kaiserzeit 
Mercurius in den Rheinlanden die Verehrung eines Gottes 
ersten Ranges genoß, wie ein paar hundert Inschriften 
bezeugen , von denen manche ihn mit Mars (Tiu) und 
Hercules (Donar) zusammen nennen, eine aber, im Bataver- 
gebiet in Nymwegen gefimdene, ihn sogar mit dem Beinamen 
Rex, König schmückt. Viele Heiligtümer verschiedener 
Art waren ihm dort errichtet, von einem Tempel in Köln 
herab bis zu einer ihm im elsassischen Niederbronn ge- 
weihten Erdhütte. Gleichstellung des Mercurius und Wodans 
wurde verewigt durch die Übertragxmg des Dies Mercurii 
(Mittwoch) in niedersächs. Wodanes dag, noch holländ. 
Woensdag, und in angelsächs. WOdnesdäg, noch englisch 
Wednesday. 

Im Rheinland zuerst wurde Wodan, vielleicht unter 
dem Einflüsse Jenes gallischen Hauptgottes, als der höchste 



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vm. Die eimclaen GOtlcr. 3G9 

Gott gefeiert, wenn auch selbst zu Tadtus' Zeit noch nicht 
von allen Stämmen. Denn die am Niederrhein wohnenden 
Tenctem hielten am Mars d. h. Tius als ihrem Obergotte 
fesL Im übrigen Deutschland schwankte noch lange die 
Wage zwischen Tius und Wodan, wie bei den Alemannen, 
oder zwischen Donar und Wodan, wie bei den Sachsen 
(S. 348}. Namentlich in Mittel- und Niederdeutschland er- 
innern noch heute Godesberg, Gudensbei^, Wodensberg 
an seinen Kultus. Die Sachsen aber fuhren schon im 
5. Jahrhundert unter „Wodans Führung" nach Britannien 
hinüber, wo er um 600 der Hauptgott der Angeln hieß. 
Nach ihren Stammtafebi leiteten sich sämtliche angel- 
sachsischen Königsgeschlechter von Woden ab. Selbst ein 
so christlicher König wie Alfred mochte seinem Volke den 
Glauben an den innigsten Zusammenhang des Herrscher- 
hauses mit den uralten heidnischen Göttern nicht nehmen, 
imd noch König Heinrich C. von England fühlte sich als 
Nachkomme Wodens. Dieser Gott, der, wie Paulus Diaconus 
im 8. Jahrhtmdert meinte, von sämtUchen Völkern Ger- 
maniens verehrt worden war, kam nach nordischen Be- 
richten als Saxagod nach dem Norden. In Dänemark und 
Schweden gingen viele Ortschaften aus seinen Heiligttmiem 
hervor, wie die verschiedenen Odinsv6, die jetzt Odense, 
Onsved imd Odensvi heißen. Im südlichen Skandinavien 
empfing er den Beinamen Gautr d. L „der Gaute", nach 
dem dort wohnenden gautischen Volksstamme, nachdem 
sich bei diesem sein Kultus festgesetzt hatte. Eifrig ver- 
ehrte ihn auch das Danenvolk, für das er nach Saxo 
wiederholt in drängender Gefahr eintrat, während er in 
Norwegen imd Island mehr für einen Schutzherm einzelner 
Helden galt und weniger der Gegenstand allgemeiner volks- 
tümlicher Verehrung war. Daraus erklärt sich auch der 
fast völlige Mangel dieser Länder an örtlichkeiten, die 
nach ihm benannt worden. 

Wurzelten die bisher besprochenen Göttergebilde nament- 
lich im Gewitter, so stieg Wodan aus einer anderen ge- 
waltigen Naturkraft, dem Sturme, hervor. Darauf weisen 

Mayer, E. H., Genuin. MyihaloB'C 21 



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870 Vlll. Die ciDielnen GOtter. 

auch sein Hauptname und seine Beinamen. Urgermanisch 
WödanoB, hieß er altsöchs. Wödan, angelsachs. WOden, alt- 
nord. Odinn, hochdeutsch Wuotan, roundartUch Wode, Wand, 
Waur, Wutan, Wüte, Guet, Muet, Oen, Foen, Noen. Man 
erklärt ihn wohl als den mit Geist (ödr) Begabten; aber 
Grimm führt den Namen auf Waten, das ungestüme EJurch- 
dringen, das auch unserem „Wut" zugrunde liegt, zurück. 
Dazu stimmt Adams von Bremen gewichtige Deutung: 
„Wodan d. h. Furor" und die oberdeutsche Umsetzung des 
Wuotanes Heer in ein wütendes Heer. Dazu stimmt die 
deutsche Haupterscheinung des Gottes als eines durch die 
Wälder rasenden Reiters. Dazu stimmen endlich auch viele 
imd zwar die wichtigsten seiner nordischen Beinamen, die 
ihn als rührigen, leise oder laut rauschenden, landfahrenden 
oder reitenden, rufenden, bald schädlichen, bald nützlichen 
Wind- und Wettergott kennzeichnen. Er heißt der Beweg- 
Uche, Schweber, Beber, Rauscher, Schweller, Stößer, 
Brummer, Lärmer, Rufer, Weitfahrer, Weggewohnter und 
der unermüdliche Wandrer. Auch der Adlerhäuptige, der 
Schadiger und der Schreckliche {Yggr S. 293), der im 
Sturme zornig wud, erklären sich aus seinem Stium- 
charakter. 

Aus diesem ist auch seine äußere Erscheinung, wie 
sein inneres Wesen herausgearbeitet. Das verhüllende, be- 
schattende oder auch flatternde Sturmgewölk ist sein Hut, 
der ihn vor allen Göttern auszeichnet, oder sein Mantel. 
Grimr, Grimnir der Vermummte, Hutmann und Breithut 
hieß er im Norden und wurde hier mit breitem Schlapphut 
geschildert, wie in Deutschland z. B, der Führer des wilden 
Heers „Muet mit de breit Huet". Noch singt man bei 
Achem im Badischen vom Wind; „Der Wind isch e altes 
Männle un het e schlappigs Hüetle uf." Mantehnann, Hek- 
lumadr und Mantelträger Hackelberg {statt Hackelberend) 
heißt er hier und dort. Unter seinem Hut zeigt sich nach 
der nordischen Vorstellung oft nur ein Auge, mit dem er als 
Bileygr freundüch, als Baleygr drohend dreinschaut. Es ist 
das Sonnenauge und das noch von den Schiffern gefürchtete 



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Vnt. Die einzelnen Götter. 871 

sogenannte Sturmauge gemeint, eine auffällig lichte Stelle 
im zerrissenen dunklen Gewölk. Zuweilen stellt er sich 
auch als völlig blinder Gast bei den Nordleuten ein. In 
Deutschland wird dieser Mangel kaum erwähnt. Durchweg 
erscheint er als älterer Mann mit einem breiten Graubart, 
in Nebel oder Sturm. In der Hand schwingt er einen Speer 
als nordischer Gott wie als deutscher wilder Jager; das 
ist des sausenden Windes Speer, des Wetters Speer, im 
Norden Gungnir geheißen imd von den kunstreichen Ivaldi- 
söhnen gearbeitet (S. 157). In der Götterdämmerung aber 
reitet er nach dem jüngeren Eddabericht in vollem Waffen- 
schmuck, mit Goldhelm, Brtlnne und Speer, gegen den 
Fenriswolf. In der hochnordischen, der isländischen, Über- 
lieferung kommt er sonst meist gehend vor, während ihn 
die dänische Sage reitend darstellt und die skandinavische 
schwankt. Die deutsche kennt ihn durchweg als Reiter. 
Im Norden hieß sein Roß Sleipnir imd hatte, um den 
schnellen Lauf des Windes auszudrücken, acht Beine. Wie 
Odin zwei auch Himde genannte Wölfe Gen und Freki 
begleiten, so jagen mit dem deutschen wilden Jäger auch 
seine Himde. Noch heißen in Schweden die Raben Odens 
Vögel, wie deren zwei einst auf Odins Schultern saßen 
und von da zu den Leichen des Schlachtfelds imd des 
Galgens flogen. Erst später, als der Gott ein Gedankengott 
geworden war, wtu'den sie Muninn und Huginn, der Gedächt- 
nis- und der Verstandesreiche, genannt. Da flogen sie täglich 
um die ganze Welt, um ihren Herrn, den „Rabenbefrager", 
über alle Dinge zu unterrichten. Über seinem Saale hängt 
ein Wolf und schwebt ein Adler, beides Sturmtiere. Aber 
sein Goldring Draupnir, Träufler, von dem jede neunte 
Nacht acht gleich schwere Ringe herabträufeln, ist nicht 
sicher zu deuten (S. 157). 

Aus Wind und Sturm entwickelten sich die verschiedenen 
Eigenschaften des Gottes, allen voran die kriegerische. 
Denn Sturm ist bei den Germanen eine iu"alte Bezeichnung 
des Kampfes. Viel Wind kündet noch heute dem gemeinen 
Manne Krieg an. Adam von Bremen sagt; „Wodan d.h. Wut 

24' 



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372 yin. Di« eüutlnen Gott«r. 

fuhrt Kriege und lenkt die Tapferkeit der Menschen gegen 
die Feinde," Darum hieß er im Norden der Hehnträger 
und Schildbeweger, der Heer-, Sieg- und Walvater. Vor 
Krieg erscheint er plötzlich, er stiftet Zwietracht und treibt 
seine Leute zum rasenden Berserkergang an (S. 87). Er 
verleiht seinen Lieblingen, einzelnen Helden und ganzen 
Völkern Waffen und Sieg. Als die Wandalen die Winiler 
mit Krieg überzogen, da baten ihre Herzöge Ambri und 
Assi Wodan um Sieg. Der versprach, denen den Sieg zu 
geben, die er bei Sonnenaufgang zuerst sehen werde. Zu 
gleicher Zeit baten die Winilerfürstin Gambara und ihre 
Söhne Ybor und Agyo Wodans Frau Frea um ihre Hilfe. 
Da riet diese den Winllem, vor Sonnenaufgang zu kommen, 
Männer und Weiber, und zwar sollten die letzten ihr Haar 
wie einen Bart ins Gesicht hangen lassen. Um diese Stunde 
g^g Frea um Wodans Bett und richtete sein Antlitz gen 
Morgen. Als er nun erwachte, sah er die Winiler und 
ihre Weiber. Da sprach er: „Wer sind diese Langbärte?" 
Und Frea erwiderte: „Herr, du hast ihnen den Namen 
gegeben, so gib ihnen nun auch den Sieg." Und so geschah's, 
und seitdem wurden die Winiler zu Langobarden. — 
Mitten im Kampfgewühl erscheint Othin seinen lieben Dänen, 
als schon ihre Feinde, die Hellespontier, in die Tore ein- 
dringen, befreit sie von der Blindheit, in die sie Gudrun 
verzaubert hatte, und rat ihnen, die schußfesten Feinde mit 
Steinwürfen zu töten. 

In den nordischen Fehden und Kriegen spielt das 
Schutzverhältnis des Gottes auch zu einem einzelnen Hel- 
den, das in Deutschland nicht nachweisbar ist, eine große 
Rolle. Es endet häufig herbe überraschend damit, daß Odin 
plötzlich seinen Günstling ins Verderben stürzt, wie wenn 
er dessen Einkehr in Walhall nicht langer abwarten könne. 
Als einäugiger Greis bringt er den Dänenkönig Hadding 
zur Blutsbrüderschaft mit dem WikingerhauptÜng Liser, 
entzieht ihn der Flucht, indem er ihn in seinem Mantel 
auf sein Roß hebt und mit ihm hoch über die Meere sprengt. 
Er gibt ihm Mittel an, der Gefangenschaft zu entschlüpfen, 



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373 



und kommt zu Oun aufs Schiff, um ihm die fibrigeos auch 
anderen Indogennanen bekannte Schlachtordnung des KeÜs, 
die SvinfyUdng, zu lehren. Nun folgt er dem Hadding zum 
erstenmale in den Kampf, tötet dessen Feinde mit Pfeilen, 
verscheucht die durch ihre ZauberÜeder herabbeschworenen 
R^engtlsse durch Sturm und gibt ihm den Sieg. Aber er 
verkündet ihm auch, daß er nicht in der Schlacht, sondern 
durch Selbstmord umkommen werde, und wirklich erhängte 
sich Hadding aus Trauer Ober Hundings Tod. Auch der 
Gehenkten Gott war Odin. — Mit grausamer Tücke ver- 
fuhr Odin gegen einen andern SchQtzlii^, den DänenkOnig 
Harald Hildetand, den er gegen alles Eisen gefeit hatte, 
wofür ihm dieser die Seelen aller von ihm Erschlagenen 
versprach. In der berühmtesten Schlacht des Nordens, der 
Brawallaschlacht, wich aber die keilförmige Schlachtord- 
nung der Dänen, die doch der einäugige Odin ihren König 
gelehrt hatte, vor den Schweden zurück. Denn auch diese 
kämpften, offenbar von Odin unterwiesen, zu Haralds 
größler Bestürzung im Keil. Umsonst flehte er den Gott 
lun Hilfe an; in der Gestalt seines Wagenlenkers Bruno 
stößt dieser den blinden alten König vom Wagen, entreißt 
ihm seine Keule und zerschmettert ihm damit das Haupt 
Er hatte wohl dem Gotte genug auf Erden gelebt und ge- 
kämpft, nun forderte ihn dieser endlich für seine Walhall. 
Diese verhängnisvolle Einmischung Odins in das Leben 
jener imd noch vieler anderer nordischer Helden ist nun 
im Norden auch in die Sage vom echt deutschen Helden 
Siegfried oder Sigurd eingeführt imd hat diesen auch in der 
Fremde zum ersten aller Helden erhoben. In der deutschen 
Überlieferung bestand sie nicht, in der eddischen machte 
sie schüchterne Versuche, die spätere Wölsimgasaga ist 
ganz davon durchdrungen. Wie ein wachsamer Schutzgeist 
folgt Odin dem Lebenslauf verschiedener Generationen des 
WOlsungageschlechts. Dessen Ahnherr Sigi ist sogar sein 
Sohn. Aus einem Verstoßenen macht er ihn zu einem mäch- 
tigen König. Dem kinderlosen Sohne Rerir schenkt er durch 
einen dessen Frau fruchtbarmachenden Apfel den Sohn 



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374 VIII. Die einzelnen GSIler. 

Weisung. Bei der Vennählung seiner Tochter Signy mit 
dem König Siggeir stößt ein einäugiger Greis, in breitem 
Hut und fleckigem Mantel, ein Schwert bis an das Heft in 
den Stamm einer Eiche, um den die Halle gezimmert war. 
Dem solle es gehören, der es herausziehen könne. Von 
den versammelten Männern konnte es nur Sigmimd, Wöl- 
sungs Sohn, ohne Mühe. So schwingt er es während seines 
kampfreichen Lebens als das beste Schwert, doch in seinem 
letzten Kampfe hält ihm jener Greis seinen Speer vor, an 
dem das Schwert in zwei Stücke zerspringt. Da fällt Sig- 
mund mit den Seinen und antwortet seiner schwangeren 
Gattin HjOrdis, die nachts auf die Walstatt geht: „Ich habe 
gestritten, so lange es Odin gefiel. Verwahre aber die 
Schwertstücke, damit daraus dem Knaben, den du gebären 
wirst, das Heldenschwert Gram geschmiedet werde". Diesem 
JüngUng Sigurd verschafft Odin das Roß Grani, das von 
seinem eignen Rosse Sleipnir abstammt und allein einen 
tiefen Fluß durchschwimmen kann, und aus jenen Schwert- 
stücken schmiedet ihm Regin den Gram, dessen Schneide 
wie Feuer leuchtet und eine im Fluß treibende Wollfiocke 
glatt zerteilt. Auf einer stürmischen Seefahrt nimmt Sigurd 
einen Mann Namens Hnikar auf sein Ansuchen an Bord, 
und alsbald legt sich der Sturm. Es ist wiederum Odin. 
Vor dem Kampfe mit dem Wurme Fafnir ist Odin wieder 
da, um Sigurd anzugeben, wie er das Untier töten könne. 
Nur Sigurd vermag die Waberlohe, die die von Odins 
Schlafdom gestochene Brünhild umgibt, zu durchreiten und 
ihren Zauberschlaf zu brechen. Aber an Sigurds Tode hat 
Odin keinen Teil. 

Dem dänischen Heer wurde ein mit Odins Vögeln, den 
Raben, geschmücktes Banner vorangetragen. Im Jahre 878 
eroberten die Westsachsen die dänische Schlachtfahne, die 
die drei Töchter Lodbroks ihren Brüdern in einer Morgen- 
stunde gewebt hatten. In deren Mitte flatterte ein Rabe 
vor einem Siege we lebendig, während er vor einer Nie- 
derlage bewegungslos herabhing. Als Jarl Hakon bei seiner 
Landung opferte, flogen zwei Raben schreiend heran, zum 



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Vm. Die ebzeloen GSttei. 8TO 

Zeichen, daß Odin das Opfer angenommen liabe und ihm 
Sieg verheiße. In der Schlacht warf Odin den zum Tode 
weihenden Speer über seine Feinde imd nach der Völuspa 
ins Volk, als der erste Volkskrieg ausbrach. Als der 
Schwedeoköoig Erich der Siegreiche vor dem Kampf mit 
StyrbjOm dem Odin ein Gelübde getan hatte, reichte ihm 
em großer Mann mit breitem Hute einen Rohrstengel, den 
er über Styrbjöms Leute mit den Worten schießen solle: 
„Odin hat euch alle"! Erich tat also, das Rohr verwandelte 
sich in der Luft in einen Speer und blendete StyrbjOm und 
seine Schar, so daß Erich den Sieg gewann. Erschien Odin 
nicht selber auf dem Schlachtfeld, so sandte er seine Wal- 
küren hinab, die aber, wie z. B. Brunhüd, von ihm gestraft 
wurden, wenn sie gegen semen Willen Einem den Sieg 
verheben. In Deutschland und noch im südlichen Skandi- 
navien trat er häufiger als Jagdgolt denn als Schlachten- 
gott auf, doch auch dort führte er ein Heer und zwar ein 
bewaffnetes Geisterheer. 

Als Windgott ist er im Norden „Gott der Gehenkten", 
deren gewaltsam ausgepreßter Atem nach dem Volksglauben 
Sturm erzeugt (S. 72), und setzt sich imter den Galgen, 
wohl wenn der Wind mit ihren schwebenden Leichen spielt. 
Auch zeigt er sich in Deutschland als Nachtjäger stets da, 
wo sich jemand erhängt hat. Überhaupt ist er der Gott 
der im Winde fahrenden Seelen und der Gespenster. 
Namenthch alle waffentoten Männer fahren zu ihm; schon 
am Abend ihres Sterbetags gasten sie bei ihm und begeben 
sich in sein Gengi oder Gefolge. Doch im Gegensatz zu 
Thor, der die Knechte aufnimmt, geht Odin den verstorbenen 
Knechten nicht entgegen. Daß er die Gewalt über den 
Wind hat, wird noch auf andere Weise bezeugt. So kennt 
er in den Havamal als neunten Zauber, das bedrängte Schiff 
auf See zu schirmen, denn er beschwichtigt den Wind auf 
den Wogen und schläfert ein das ganze Meer. Als Odin 
vom Bergvorsprung in Sigurds Schiff herübergenommen 
war, legte sich der Sturm, sowie nachdem ihm König 
Wikar durchbohrt und aufgehängt war (S. 336). Den 



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876 Vm. Die eiaMlnen Götter. 

Sciliffern verleiht er günstigen Fahrwind, dämm heißt er 
auch der Frachtengott. Im Winde fährt er befruchtend 
über die Saaten und durch die Ährenfelder und wird zum 
Emtegott. So spendet er Reichtum, und der „reiche Oden" 
geht noch in neuerer Zeit bei reichen schwedischen Bauern 
zu Gaste. Die Nordleute und die Angelsachsen hielten ihn 
aber auch für einen schädlichen Windgott, einen Gott des 
Diebstahls und des Trugs, zu dem sich ja auch der 
griechische Windgott Hermes entwickelt hat. Auch sein 
Teranderliches, laimisches, lüsternes Wesen mag in alter 
Zeit vom wechsehiden buhlerischen Wesea des Windes 
hergeleitet sein. Odin erscheint wiederholt als Weiber- 
verführer nnd treuloser Gatte. 

Nicht nur wirbt der dänische Oden im Walde gewalt- 
sam um elfische Weiber, sondern der altnordische Odin 
verführt auch Zauberweiber imd Hexen imd weiß selbst 
Riesinnen zu betören. Um jenen Met Suttungs zu gewinnen, 
verdang er sich als Knecht Bölverkr, Übeltäter, bei Suttungs 
Bruder Baugi und warf beim Mähen seinen Wetzstein in die 
Luft. Beim Balgen um diesen töteten sich die neun Knechte 
Baugis, aber Bölverkr übernahm ihre ganze Arbeit, wofür 
ihm Baugi einen Schluck von seines Bruders Met versprach. 
Mit seiner Hilfe bohrte er ein Loch in den Felsen, schlüpfte 
als Schlange hinein, hinterging Suttungs Tochter Gunnlöä, 
flog mit dem Met davon und ließ die Betrogene in Gram 
zurück (vgl. S. 235). Als Heerführer, dann als Goldschmied, 
endlich als Kämpe verkleidet, wm-de er von der Riesin 
Rindr dreimal mit Schlägen abgewiesen, bis er sie durch 
Berührung mit einem Runenstab wahnsinnig machte, fessebi 
Üeß imd als heilkimdige Dienerin bewältigte. Beider Sohn 
war Bous, der auch AU oder Vali hieß und der Rächer 
Balders wiu-de. Mit Rindr wird wohl die schöne Billings- 
tochter verglichen, die mit Odin für den Abend ein Stell- 
dichein verabredete. Aber als er kam, fand er die Leute im 
Hof noch wach und überall Licht. Als er noch einmal gegen 
Morgen hinging, fand er einen großen Hund an des 
Madchens Bett gebunden. So zog er getäuscht ab. 



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Vin. Die einzelnen GSlter. 377 

Aber noch schlimmer wü"d sein unwürdiges Benehmen 
bestraft; die Götter, empört Ober die Verftlhrung der Riesin 
Rindr, verbannten ihn und wählten an seine Stelle den 
Oller zum König und nannten ihn Odin. Aber der echte 
Odin kehrte nach zehn Jahren in sein Reich zurück, und 
Oller mußte fliehen und wurde von den Dänen in Schweden 
erschlagen. In einer ahnhchen Geschichte ergab sich Odins 
Gemahlin Frigg aus Begierde nach dem Gold, das eine 
Bildsaule Odins schmückte, einem Diener, damit er es ihr 
verschaffe. Das bekümmerte Odin so sehr, daß er sein 
Reich aufgab und in die Verbannung zog. Nun bemächtigte 
sich der große Zauberer Mitothin des Reichs und setzte 
für jeden Gott besondere neue Opfer ein. Als er bei Odins 
Rückkehr von seiner Zauberkunst verlassen wurde, flüchtete 
er nach Fühnen und wurde dort von den Einwohnern er- 
schlagen. 

Diese Mythen stellen beide den Odin im Kampfe mit 
einem ihm zeitweilig überlegenen Gegner um die Ober- 
herrschaft dar. Der eine heißt Oller d. i. altnordisch UUr 
der Herrliche (?), den wir weiterhin als einen Wintei^ott 
keimen lernen werden, der andere scheint nicht einen 
Mitodin, sondern einen Herrscher, einen Meotod, altnord. 
Mjötudr, angelsächs. Meotod, zu bedeuten. Vielleicht sind 
in beiden Nebenbuhlern des höchsten Gottes alte, von ihm 
zurückgedrängte Landesgottheiten zu erkennen, denen man 
noch wenigstens zeitweilig die Oberherrschaft zusprach. 

Dieser so sinnliche Gott erhob sich dennoch in eine 
höhere geistige Sphäre, als irgend ein anderer nordischer 
Gott, etwa von Balder abgesehen. Seine geistigere Natur 
ist zwar nur schwach durch die deutsche Überlieferung 
bezeugt, muß aber doch auch für Deutschland angenommen 
werden, weil Wodan allein Balders Pferd zu heilen weiß und 
weil er hier sonst schwerlich von den Römern mit ihrem 
geistig so gewandten Mercurius verglichen und schon zu 
Tacitus' Zeit von vielen Germanen als höchster Gott ver- 
ehrt worden wäre. Im Norden ist er kurzweg der „weiseste 
Ase", Seine Geisteskraft zeigt sich besonders im Zauber 



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378 VIIL Die einzelneD GBttcr. 

und in der dazu gehörigen Runenkunde und in der dich- 
terischen Begeisterung. Es ist charakterisch für ihn als 
jüngeres mythisches Wesen, daß jenes Wissen und Können 
nicht uralt ist wie das der Riesen oder Zwerge, sondern daß 
er es erst von ihnen durch Vertrag oder List oder Gewalt 
erwerben muß. Um Wissen, Kunst und Zauber wagt er 
alles, und diese Wagnisse gehören zu den höchsten Taten 
des späteren nordischen Odinsmythus. 

Die gesamte uralte Zauberkunde übernimmt er von 
den alteren dämonischen Wesen und ihren menschlichen 
Dienern. Er vermag sich in die verschiedenartigsten 
Menschengestalten zu vermummen, in alle möglichen Tier- 
leiber zu verwandeln, und während sein Körper wie schlafend 
oder tot liegen bleibt, schwingt er sich seelengleich im Nu 
in die fernsten Länder. Er kennt der Erde verborgene 
Schätze und weiß die Berge imd Steine durch seine Lieder 
aufzuschüeßen, er geht hinein und nimmt so viel, als er 
will. Er weiß auch Tote aus dem Grabe zu erwecken imd 
Gehenkte am Galgen. 

Auf geheimen Zeichen und feierlichen Sprüchen beruht 
diese Kunst. Die Gewalt der Zaubersprüche lehrt der „Vater 
des Zaubers" in den Havamal, des Hohen Sprüchen. Da 
heißt sein erstes Lied die „Hilfe", diensam in Händeln, 
Schmerzen und Sorgen. Die anderen Lieder stumpfen 
feindUche Waffen ab, spreizen Fesseln, hemmen den Flug 
der Pfeile, brechen den Runenzauber des Feindes, löschen 
Feuersbrunst, versöhnen Haß, sänftigen den Seegang, ver- 
wirren Hexen in der Luft, führen Männer heil aus der 
Schlacht, wecken Gehenkte zum Leben, machen Kämpfer 
hiebfest und — nun spielt der Liebesabenteurer seinen 
Trumpf aus — verdrehen Weibern den Kopf. 

Die Erfindung der „allnützlichen" Runen, die auf Los- 
stäbchen gezeichnet die Zukunft verkündeten, die, auf andere 
Dinge geritzt, diese Zauberkraft^ machten, die, in einen 
Trank von diesen abgeschabt, den Trinkenden feiten, die 
Erfindung all dieser geheimen Zeichen, die läi^st vor 
Odin gebraucht worden waren, wurde nun ihm zugeschrieben. 



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Vnl. Die einzelnen Gfitter. 379 

Er war der Rimenmeister. Wie er dazu kam, erzählt ein 
dunkles Gedicht wiederum in den Havamal. Damach hängt 
er neun Nächte speerdurchbohrt, sich selber geweiht, am 
mächtigen Baume, bis er aufschreiend die Runen aufhebt, 
mdem er einen Trunk des kostbaren Metes empfangt, ge- 
tränkt wird vom Odroerir. Über diesen Mythus von Odins 
Runenerfindimg scheint die Geschichte vom Mysterium der 
Kreuz^ung Jesu ihren Schatten geworfen zu haben. Jesus 
hing speerdurchbohrt, als Gott sich selber geweiht, ohne 
Speis und Trank, bis zur neunten Stimde am Kreuzesbaum 
und nahm aufschreiend die Runen d. h. das Gottesgeheimnis 
seines Todes hin. Auch der Schluß des Liedes, der Odins 
neues Leben schildert, ahmt die Wendimgen nach, in denen 
die Evangelien den Beginn des Lebens Jesu erzählen. Denn 
die erste Halbstrophe: 

„Da begann ich zu gedeihen und weise zu sein 

Und zu wachsen und mich wohl zu befinden." 
klingt deutlich an Lucas 2, 40: „Aber das Kind wuchs und 
ward stark im Geist, voller Weisheit" und die zweite dimkle 

„Das Wort suchte mir vom Worte das Wort, 

Das Werk mir vom Werke das Werk" 
erinnert mit ihrer auffälligen dreimal^en Wiederholung der 
Ausdrücke „Wort" und „Werk" an den geheimnisvollen 
Anfang des Johannesevangeliums, der im Mittelalter und 
noch heute so gern zur Beschwörung gebraucht wird: 
„1. Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott 
und Gott war das Wort. 3. Alle Dinge sind durch dasselbe 
gemacht und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht 
ist," wo der lateinische Text „factum" liest, das dann der 
nordische Dichter durch Werk wiedergab. 

Nach diesem dunklen Gedicht nahm Odin die Runen 
aus dem Odroerir „Geisterreger" genannten kostbaren 
Tranke Mimirs, in den diese wahrscheinüch verquirlt 
waren, wie auch juiderswo ihr Abschabsei zu Bier oder 
Met gemischt wurde. Nach einem anderen Mythus (S. 235) 
entführte Odin den Odroerir, ein Gebräu der Zwerge, in 
Adlersgeslalt den Riesen und brachte ihn zu den Göttern 



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380 vni. Di« einzelnen GOtter. 

und den Menschen. Aus diesem Tranke schöpfte Odin seine 
Dichtergabe und teilte sie seinen Günstlingen, den Skalden, 
mit Durch sie wurde er ziun Gott der Dichtung, nicht 
aber des Gesanges, wie ihn etwa das Volk aus dem Gotte 
des Sturms, des gewalt^sten Gesanges, hätte gestalten 
können. Darum entbehrt seine Figxu" auch aller musika- 
lischen Attribute, seine Kunst ist wie die skaldische nur 
eine Sprech-, keine Singkunst. Aber „Alles sprach er in 
Versen", heißt es von ihm, und Wunder tat doch auch 
seine Dichtart. In einer der ergreifendsten Wendungen der 
altnordischen Lyrik kündigt der Skalde Egil dem Odin die 
Freundschaft auf, denn er ist empört darüber, daß dieser 
üun den Tod zweier geliebter Söhne nicht erspart habe. 
Aber sofort kehrt er reumütig zu seinem Gotte zurück und 
fleht um Verzeihimg, eingedenk der ilmi verliehenen Dich- 
terkraft, durch die er einst sein von Erich Blutaxt bedrohtes 
Leben rettete. 

Aber die Runen imd der Begeisterungstrank genügten 
dem Wissensdrar^e des Gottes nicht. Er verpfändete dem 
Mimir sein Auge, um aus dessen Brunnen Klugheit und 
Weisheit schöpfen zu können, und führte dessen von den 
Wanen abgeschlagenes weises Haupt bei sich. Um das 
Heil der Götter besorgt, ritt er bis vor das Höllentor imd 
weckte dort die defverschneite Wölwa durch einen Toten- 
zauber aus langem Todesschlaf, um über Balders Schick- 
sal Auskimft zu holen. So weitete der nur beschränkt 
zukunftskimdige Gott unermüdlich sein Wesen aus und 
wurde zmn „Vates", zum Propheten, bei Saxo, bis sein 
Wissen zuletzt alle Räume und Zeiten bis in den HöUen- 
grund und bis zur Götterdämmerung umspannte. Seine 
Erden- und Menschenkenntnis und Lebensweisheit offen- 
barte er in den Havamal, seine Kunde von den über- 
irdischen Welten und ihren Bewohnern in den Liedern von 
Grimnir und Vafthrudnir. Dieser weiseste Riese wußte am 
Schlüsse seines Rätselkampfs mit Odin die Frage nach des 
Gottes letzten Worten an seinen Sohn Balder nicht zu beant- 
worten und sprach ilmi damit den Namen des Weisesten zxl 



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VUL Die eimclDen GSttti. 381 

Trotz aller Schwa<dien galt Odin für den höchsten und 
besten der Äsen, dem alle Götter dienten wie Kinder ihrem 
Vater, und die meisten Gottheiten waren auch seine Kin- 
der, Seine Gattin Frigg schenkt ihm Balder, seine Tochter 
Jörd seinen Ältesten Thor, seine Geliebte Rindr den 
liächer Haiders Vdli, die andre, Riesin Gridr (S. 240), den 
Vidar, die dritte, Gunniöä,- den Bragi, Wie sehr stärkten 
auch seine Söhne seine Herrschergewalt! FreiÜch machte 
seine Gattin Frigg ihm oft zuweilen das Regiment streitig, 
wenn sie ihren Günstlingen statt den seinigen den Sieg zu- 
wandte, den Winilem statt den Wandalen und in Grimnis- 
mal dem Agnar statt dessen Bruder Geirröd. Ihre Goldgier 
trieb ihn sogar vom Throne. Doch diese Händel verdun- 
kelten nur wie flüchtige Wolken seine Herrlichkeit und 
seine Ehe. Ist denn nicht auch Frigg, die Mutter des edlen 
Balder, unter der Saga d. L Seherin (?) zu verstehen, mit 
der Odin am Wasserfall des Sökkvabekkr des Sinkebachs 
taglich aus goldenen Schalen trinkt? Und zusammen sitzen 
Odin und Frigg auf dem Himmelsthron und überschauen 
alle Welten; ihm aber tragen seine Raben die fernsten 
Kunden zu. Er war der Harr, der Hohe, Omi, der Höchste, 
und zugleich der Veratjr der Menschengott. Er setzte auf 
dem Idafeld zwölf Götter als Richter ein, die taglich mit 
ihm die Schicksale der Menschen entschieden. 

Je mehr die christlichen Vorstellungen von einem all- 
mächtigen Gott, einem Schöpfer Himmels und der Erden 
und insbesondere der Menschen und von einer Dreieinigkeit 
nordwärts drangen, desto höher wurde Odüi, der geistigste 
Gott, von den Dichtern emporgerückt und dem fremden 
Größeren ähnlicher gemacht. Nun erst heißt er Alfödr und 
Aldafödr, der Vater aller Dinge und Zeiten, der die Welt 
und insbesondere auch die Menschen schafft und endlich 
mit Hoenir und Lodur oder mit Wili und Wo oder mit dem 
Ebenhohen (Jafnhär) und dem Dritten (Thridi) eine ganz 
unvolkstümhche, geheimnisvolle Dreieinigkeit bildet. 

In Deutschland ist ein in vielen Zügen verwandtes, in 
anderen abweichendes Bild des Sturmgottes entstanden. 



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383 VUI. Die eiDzehicn Gütter. 

Die freien germanischen Manner des Tadtus verbrachten 
ihr Leben mit Jagd, mit Krieg und mit den Freuden des 
Mahls oder mit Schlaf und gestalteten das Leben ihres 
Hauptgottes nach den drei Hauptgenüssen ihres eigenen) 
indem sie dieselben den Formen anpaßten, die aus der 
Windnatm- des Gottes entsprangen. Schon früher, wie wir 
schon bemerkt haben (S. 73), begriffen sie den Wind als 
einen Zug unruhiger Seelen Verstorbener oder als eine 
Umfahrt bald sanfter, bald tobender Elfen. Jetzt wurde 
überall, wo es Jagdgründe gab, also nur nicht im waldlosen 
höchsten Norden, dieser Geisterschwarm entweder zu einem 
Jagdgefolge, das hinter Wodan oder dem wilden Jäger 
einherzog ; oder auch zu einem wütigen Heerbann des Gottes. 
Nicht nur Tiere des Waldes, sondern auch der Weide und 
Geister wurden gejagt nach den volleren Sagenberichten, 
und das wütende Heer kam aus einem Bergesschoß hervor, 
wo es gleich den Einherj'ar droben in Walhall mit seinem Herrn 
tafelte, sich in Kampfspielen tummelte oder schlummerte bis 
zum Weckruf zur Schlacht, nach christlichem Zusatz, zur 
letzten Schlacht. 

Dieser Mythus, das umfassendste und treueste Spiegel- 
bild des Waldlebens der freien Germanen, war in seiner 
Gesamtheit ihr Hauptmythus, in landschaftlich wechselnden 
Formen überall verbreitet und so zäh in der Volksseele 
haftend, daß noch heute gar mancher Bauer den Eid für 
seine Aussage wagt, die wilde Jagd mit eigenen Sinnen 
gehört und gesehen zu haben. Der Mythus von Wodan 
und seinem stets kampfbereiten Heer ist dann mit der 
Legende vom Antichrist verschmolzen worden, in Island zu 
dem tiefsinnigen Sagengebüde der Götterdämmerung und 
in Deutschland zu der uns teuersten Sage von Kaiser Fried- 
rich Rotbart im Kyffhäuser. 

Wodan-Odin ist als Sturmgott der Herr der ungeheuren 
germanischen Wälder, die bei seinem Ritte namentlich im 
Herbst, in den Zwölfnachten und im Frühling laut erbrausen. 
Ihm sind zu dienstbarem Gefolge geworden die im Winde 
fahrenden Seelen der Verstorbenen imd die tobenden Wind- 



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VIII. Die «Inzelnen Gütier. 388 

und Waldelfen der alten Zeit. In solcher Vorstellung be- 
gegneten sich fast alle germanischen Stämme, aber sie 
wxirde fast in jeder Landschaft eigenartig gestaltet oder doch 
gefärbt. Das deuten schon die heute noch fortlebenden ver- 
schiedenen Namen an. Das Wuetes- oder Muetesheer, das 
schon im 12. Jahrhimdert bezeugte wütige Heer, ist jetzt 
besonders in Schwaben und Mitteldeutschland zu Hause. 
Aber um 1400 wird auch ein niederdeutsches Wödenheer 
erwähnt. Vom Lechrain ostwärts überwiegt das bayrisch- 
Österreichische wilde Gj'aid, Gfahr, Gschrei, in Norddeutsch- 
land und im Norden die wilde Jagd oder Oensjagi, der 
■wilde Jäger, Nacht-, Hei-, Woejäger. Hier sagt man bei 
starkem Sturme noch ganz deutlich: Wode, Goi trekt, drift, 
tüht (zieht, treibt), Oden jagar oder far vörbi (fährt vorbei), 
Im Namen Hackelberg, der vorzugsweise vom Harz bis zur 
Oberweser gebraucht wird, ist wohl ein Hakelberend d. h. 
ein Mantelträger versteckt. Denn nicht nur des altnordischen 
Odin, sondern auch des deutschen wilden Jägers Kenn- 
zeichen ist ein weiter, flatternder Mantel, und noch mehrere 
andere Namen desselben wie Breithut oder Schlapphut, 
Schimmelreiter und Nachtrabe, haben die göttlichen Haupt- 
attribute bewahrt. Wegen der Majestät der Naturerscheinung 
ersetzte man später die alten unverstandenen und be- 
scheidenen Bezeichnungen diu-ch die Namen hochberühm- 
ter Könige, wie Dietrich von Bern, Karl der Große, Karl V., 
König Abel, König Woldemar und Herodes. Auch unmäßig 
leidenschaftliche Jjigdfreunde wie der Rodensteiner traten 
an seine Stelle imd endlich gar der ewige Jude imd der 
Teufel. 

Plötzlich erhebt sich in der Feme ein Windgeräusch, 
zuweilen wie sanfte Musik, meist aber wie ein Bäume ent- 
wipfelnder oder gar zerbrechender Sturm. Jene kündet ein 
fruchtbares Jahr, dieser aber Krieg oder ein anderes Unglück 
an. Es ist Zeit, sich mit dem Gesicht auf die Erde zu werfen, 
auf die Mitte des Wegs zu entweichen oder sich überzwerch 
darauf zu legen, oder sich auf ein weißes Tuch zu stellen 
oder es ums Haupt zu binden. Denn die Pfeile des in 



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381 VIIL Di« eloielnea GOlUr. 

Schweden vorbeifahrenden Odins entzünden Krankheiten 
und die deutsche wilde Jagd bringt Kopf Schwellung, 
Blendung, Schwermut und sogar Tod hervor. Oder man 
wird an einer Kette ins wilde Heer entführt oder durch 
einen Gürtel zerrissen. Schon sprengt der Schinunelreiter 
heran, in Schlapphut und Mantel, von Raben umflattert, 
von Hunden umbetlt, laut Hoio! rufend, imd hinter ihm drein 
allerhand Toten- und Elfenvolk oder auch Schweine und 
andere Tiere, mit betäubendem Lärm. Der Zug hält oft 
bestimmte Wege inne, saust an einem bestimmten Baum 
vorüber, durch ein bestimmtes Haus hindurch, in Württem- 
berg fährt er mit Vorliebe die alten Römerstraßen, von 
denen eine am Hohentwiel der ungeheuer Weg heißt. Zu- 
weilen sitzt der wilde Jäger in einem schweren, feurigen 
Wagen, wie es scheint, wenn Gewitter dem Sturm folgt 
Darum hat auch König Oden bei seiner nächtlichen Jagd 
in Sm&Iand „&skan til help" den Blitz zur Hilfe. Dann haut 
der wilde Reiter ein Beil in den Rücken des Wandrers 
oder schleudert den Spöttern Knochen oder eine stinkende 
Weiber-, Pferde- oder Rinderlende herab mit dem Rufe; 
„Habt ihr mir helfen jagen, so helft mir nun auch nagen." 
Das Jagdtier, dem der wilde Jager nachstellt, wird in 
den meisten Sagen nicht angegeben. Doch werden in andern 
namentlich ein Eber, eine Kuh, ein Hirsch und endlich 
noch ein oder mehrere Weiber verfolgt. Der leidenschaft- 
liche Jäger Hackelberg jagt trotz warnenden Traums auf 
einem Schimmel einen Eber und verwundet ihn schwer, 
oder tötet ihn, aber, wie er dessen Kopf aufhebt oder mit 
dem Fuße stößt, wird er durch den Hauer tödlich an der 
Wade verletzt. An mehreren Orten zeigt man sein Grab. 
Diese Harzer Sage geht in Pommem von Wode, -~ In der 
Schweiz hebt der wilde Jäger Türst eine Kuh hoch in die 
Luft, um sie nie wieder oder erst am dritten Tag halbtot 
oder ausgemolken auf die Erde herabzulassen, oder er jagt 
Kälber auf dem Pilatus. Der schwäbische Ranzenpuffer 
fordert in heftigem Sturm eine wider seinen Willen ge- 
schlachtete Kuh, und am Christabend laßt ein olden- 



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VIII. Die einzelnen GCtIer. 885 

burgischer Bauer für den Helljäger, dessen Hunde an 
seinen Herd laufen, die fetteste Kuh hinaus, damit nicht 
beständiges Unwetter das Vieh verderbe. — Nach jüngerer 
altnordischer Sage jagt Odin einen mit einem Goldring 
geschmückten Hirsch, der ihn ins Reich der Hulda, der 
Königin aller Trolle, lockt Schon mischen sich in die 
jüngeren Sagen vom Hirschschuß christUche Vorstellm^en 
ein. Der niederdeutsche Got, Hassjäger, Hackelberg schießt 
am stillen Freitag einen mit dem Kruzifix gekrönten Hirsch 
nieder. Der schwäbische ewige Jäger oder Schimmelreiter 
schießt in der Weih- oder Charfreitagsnacht gegen die 
Sonne. Das führt zu der Freischützensage hinüber, nach 
der ein Pakt mit dem Bösen dem wilden Jäger oder 
Schimmelreiter unfehlbaren Treffschuß verleiht. Der Wind- 
gott jagt am liebsten, wie der deutsche Riese Fasolt imd 
der dänische Grönjette Bartriese, Wind-, Berg- imd Wald- 
elfinnen, die im Wirbelwind mit herabrieselndem herbst- 
Üchen Laubhaar ihm voraustosen. Als König Waldemar, 
Vojensjäger oder Un (Odin) hetzt er in Dänemark das 
Elfenvolk, langbrüstige Elfenmädchen und -weiber, in 
Schweden als Oden die ebenfalls langbrüstige und lang- 
haarige Waldfrau, in England der wilde Jäger oder Wildmann 
eine weiße Jungfrau oder seine Geliebte, in Deutschland 
Wode oder der wilde Jäger die wiederum durch lange Haare 
und Brüste ausgezeichneten Holz- und Moosjungfem, Nacht- 
fräulein, Saligfräulein und weißen Frauen (S. 196). Die Ver- 
folgte flüchtet gern vor ihm in einen Kreis ; verläßt sie ihn, 
so wird sie vom Verfolger zerrissen. Oder der Jäger wirft 
die Emgeholte vor sich über sein Pferd, ja sie wird auch 
sein Pferd, das er von einem Schmiede beschlagen läßt. 
Nur die Flucht zu einem Kreuze oder auf einen Kreuzweg 
kann sie vor ihm retten. Und zuweilen jagt der Jäger mit 
Frau Gauden, Woten mit Frau Holle imd Hackelberg mit 
der Tutursel in friedUcher Gememschaft. — So etwa 
dachten sich unsere Vorfahren die stürmische Werbung 
ihres Hauptgottes lun eine Frau, der wir auch noch 
im breiteren altnordischen Mythus begegnen werden. 

Utjcl, E. H., Germu. Hytholocie. 25 



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386 VIII. Die einielnen GStler. 

Zunächst kehren wir aber wieder zum wütenden Heer 
zurück. 

Nicht nur die Jagd, sondern auch der Kampf und das 
Gelage gehörten zu den höchsten Freuden des germanischen 
Freien. Diese beiden füllen auch ihr jenseit^es Leben bei 
Odin aus (S.292ff.). Sein Himmelsschloß Walhall mit seinen 
Einherjam ist in manchen deutschen Wodansbergen lokali- 
siert. Im Odenberg d. h. wohl Glücks- oder Schatzberg (?) 
beim hessischen Guäensberg, das noch 1154 Wuodenesberg 
hieß, sitzt Karl Quinte oder der Große mit starken Männern. 
Ein Schmied sieht sie mit eisernen Kugeln kegeln, die sich 
beim Verschmieden in Gold verwandehi. Alle sieben oder 
alle hundert Jahre kommt Karl auf seinem Schimmel mit 
einem rasselnden Reiterheer heraus, und nachdem seih 
Pferd mit dem Huf den Quell Glisbom für die dürstenden 
Rosse aus dem Boden geschlagen hat, Üefert er am Fuße 
des Bergs eine blutige Schlacht. Alles weist auf einen alten 
Wodansmythus. In einem EddaUede nennt sich Odin selber 
„den Alten vom Berge", und die Skalden bezeichnen ihn als 
den Felsengott. Man erblickt den Gudensberger Schimmel- 
reiter durch den Ring, den ein in die Seite gestemmter 
Arm bildet, gerade so in Dänemark den Schimmelreiter 
Odin (S. 286). Mit dem Rufe „de Waur (Woden) de kummt" 
schreckt man die Kinder in Mecklenburg, wie in Hessen 
mit dem Rufe „der Quinte kommt". In Oeland riß Odins 
Roß einen Felsen aus, so daß hier ein Smnpf entsteht, wie 
dort ein Quell aus seinem Hufschlag. In andern Wodan- 
Odinssagen greift auch der Schmied tiefer ein. So beschlagt 
er in der Rodensteiner das Roß des wilden Jägfers, wie in 
einer norwegischen das Roß Odins. 

Weit weniger rein als die hessische Sage hat sich die 
emdrucksvoUere, zur Nationalsage erhobene vom Kyffhäuser 
erhalten. Im Schoß dieses Berges liegt ein Garten oder 
Saal, in dem ein Alter mit langem Weiß- oder Graubart 
oder auch Kaiser Friedrich Rotbart sitzt, umgeben von 
kegelnden Rittern und scharrenden Rossen. Frau Holle, 
seine Ausgeberin, schenkt den Männern Wein und füttert 



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VUt. Die «inzelneo GOti«r. 887 

die Pferde. Ist des Alten Bart dreimal um den Tisch ge- 
wachsen, so erwacht er, und wenn die Raben nicht mehr 
um den Berg fliegen, erhebt er sich und hängt seinen 
Schild an einen dürren Baum, der dann wieder ergrünt. 
Nun reiten seine Mannen heraus und schlagen eine blutige 
siegreiche Schlacht, Die Romantiker sahen darin die Auf- 
erstehung der Herrlichkeit des Reiches und nach ihnen das 
ganze deutsche Volk. 

Der Hintergrund der Kyffhäusersage entstammt dem 
heimischen Mythus. Der graubärtige Kampfgott Wodan 
waltet in seinem für Lebende unzugäi^hcben Reiche über 
zahb-eiche Krieger, die sich mit Wettspielen oder Gelagen 
ergötzen. Seine Raben kreisen um ihn. Fliegen sie aber 
fort, dann zieht er ihnen mit seinem Heer nach zu blut^em 
Kampf. Nun aber verschwanden nach dem Glauben auch 
anderer Völker geliebte Herrscher oder Volkshelden in 
einen Berg, sie waren nicht tot, sondern nur entrückt, um 
zu ihrer Zeit wiederzukehren. So ging der norwegische 
Kleinkönig Herlaugr mit zwölf Männern in einen Hügel, als 
Harald Schönhaar übermächtig die Einwaldschaft an sich 
riß, und der Hügel wurde hinter ihm geschlossen. Da 
Tilleda unter dem Kyffhäuser eine Kaiserpfalz war, so 
verwandelte sich der dortige Berggott in einen bergent- 
rückten Kaiser, und eine griechische, spater auch deutsch 
gewordene Legende von einem Kaiser, der mit dem Anti- 
christ die letzte Schlacht schlug, wurde mit der Sage des 
thüringischen Berges verknüpft. Der letzte ursprünglich 
oströmische Kaiser, aus dem man spater einen Kaiser Karl 
oder Friedrich IL oder Friedrich Barbarossa gemacht hat, 
zieht nach dieser fremden Legende vor dem Erscheinen 
des Antichrists nach Jerusalem, um dort auf dem Berge 
Golgatha oder dem ölberg seine Krone niederzulegen oder 
sie oder seinen Schild an einem dürren Baum, der dann 
wieder ergrünt, aufzuhängen und dann mit dem Antichrist 
zu streiten. — Ähnliche schöne Sagen von bergentrückten 
Kaisem, Königen imd Helden umgeben den Untersbei^ bei 
Salzburg und das Walserfeld in dessen Nahe, die Höhle 



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388 VIU. Di« einzdaen GOlter. 

von Kaiserslautem , den Sudemerberg bei Goslar , den 
Guckenberg bei fränkisch Gemünden und das Bergschloß 
Geroldseck. I>ie Sage des dankbaren Volks schenkt ihren 
menschUchen Lieblingen, den Karlen und Friedrichen und 
Siegfrieds, die Züge und Schicksale des alten Gottes. 

Ein so vielseitiger und vielfach in sich widerspruchs- 
voller Gott verlangte sehr verschiedenartige Kultus- 
formen und genoß keineswegs in allen Landschaften 
dieselbe Art der Verehnmg. So wurde er im gewöhnlichen 
Leben des höchsten Nordens weit weniger geschätzt als 
Thor, dagegen von den EHchtem und den Kriegern hoch 
Über alle anderen Gottheiten erhoben als der Veratyr, der 
Gott der Menschen. 

Am allgemeinsten wurde er als der Hauptgott des 
Krieges anerkannt. Waffen hießen wohl kaum je nach Thor, 
dagegen häufig nach Odin, der Panzer z. B. Odins graues 
Kleid, der Schild die Sonne oder das Hallendach Odins, 
die Schlacht sein Sturm oder Brunis (S. 373) Sang, der 
Krieger Odins Eiche oder der Röter des Schnabels Hugins 
imd das Blut Hugins Trank, Vor dem Aufbruch zum Kampf 
schärften die Oeländer ihre Schwerter am Odinstein, wie es 
später die christlichen Alemannen am Portal des Freiburger 
Münsters taten. Den gleichen Brauch bezeugen die „Wetz- 
marken" zu beiden Seiten des Haupteingangs auch anderer 
älterer Kirchen. Die Germanen des Tacitus wie die nor- 
dischen Wikinger gelobten ihm die gefallenen Feinde. Mit 
seiner Waffe, dem Speer, wiu-den die nicht auf dem 
Schlachtfeld Sterbenden geritzt, imi Odin geweiht zu wer- 
den und wie die Schlachttoten in Walhall einzugehen. So 
fordert Wodan nach Tacitus, wie es scheint, noch für 
andere Fälle Menschenopfer, während sich die anderen 
Götter mit Tieren begnügen. Das Hufeisen, dessen Abdruck 
auf zahlreichen Steinen der Sage auf den Schlag des 
Wodanrosses zurückzuführen ist, spielt auch im Kultus 
eine große Rolle. Im schwedischen Wexiö wird noch ein 
Eisen von Odins Hengst gezeigt, und an manche in deutschen 
Kirchen und Kapellen aufgehängte Hufeisen knüpfen sich 



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VIK. Die einzelnen GStter. 389 

Sagen von Rossen, die eine Heilquelle aus dem Boden 
schlugen. Ein gefundenes Hufeisen bringt noch heute GlQck 
und wird an Türen, Masten, unter der Butterkame, iri der 
Wiege gegen Hexen, Maren und Kobolde angenagelt. Auch 
wird es benutzt, um einen Krampfring daraus zu schmieden. 

So erscheint Wodan auch als Heilgott. Schon im Merse- 
burger Segen bespricht er die Verrenkung des Baiderfohlens, 
und in dem gleichfalls alten angelsächsischen Neimkräuter- 
segen, der Krankheit und Vergiftung wehren soll, zerschlägt 
Wodan die Natter mit neun Wunderzweigen. 

Nur wenige Nachrichten bezeugen seinen Anteil an der 
Hochzeit. Seine und Thors und Freyjas Minne wurde bei der 
nordischen Vermählung getrunken. Zweifelhaft bleibt die 
Lesung der Runen der bei Nördlingen gefundenen Norden- 
dorfer Spange: „EMe Heirat ersiege, Wodan! weihe, Donar!" 
In der Mark erschien im vorigen Jahrhundert zur Hochzeit 
eine wodanahnliche Figur, ein Schimmelreiter mit rotem 
Mantel und breitkrämpigem Hut. 

Obgleich Odin ein Gott der Toten, insbesondere der 
Schlachttoten und der Gehenkten, war, kennen wir außer der 
feierUchen Speerritzung keine besonderen Weihegebräuche. 

Wodan wandte wie Donar seinen starken Schutz nicht 
nur den Menschen, sondern auch den Haustieren zu. Aber 
abgesehen von seiner heilenden Tat im Merseburger Pferde- 
segen ist ein rein heidnischer Beleg nicht zu erbringen. 
Um so mehr alte Wodanzüge tragt der heilige Martin, 
dessen Legende eine besondere Viehfreundschaft nirgend 
bezeugt, dessen gewaltige Stellung im Volksglauben aber 
wesentlich auf dem alten Wodansglauben ruht. So erschien 
ims bereits Martin als Schimmelreiter und wilder Jäger, und 
dessen wildes Gefolge heißt in Tirol das Martinsgestämpe. 
Einer der ältesten deutschen Segen, der sogen. Wiener 
Hundsegen aus dem 10. J^^hundert, bittet den heiligen 
Christ und dessen Hirten Sankt Martin, den Tieren vor 
Wolf und Wölfin Schutz und allen gesunde Heimkehr von 
der Weide zu gewähren. Wie der Austrieb fand auch der 
Heimtrieb unter Martinssegen statt, und dann überreichte 



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390 Vni. Die «inzetnea GOtter. 

der bayrische Hirte seinem Herrn die sogen. Martinsgerte, 
die hinter den Kuhbam oder die StalJtüre gesteckt wurde, 
um im Winter das Vieh zu schützen und im Frühjahr 
wieder auszutreiben. 

„Ohne Wind verscheint das Kom" sagt der Bauer, »md 
demgemäß galt der Windgott auch schon in der Heidenzeit 
für einen Acker- und Emtegott. Wenn das Guetisheer (S, 383) 
schön singt, dann freut sich der Aargauer Landmann. Die 
Ernte hieß in Bayern noch im 18. Jahrhundert die Waudls- 
mähe, bei der der Heilige Sankt Mäha d. h. Bartholomäus, 
dessen Tag der 24. August ist, gebeten wurde, „so viel 
Ährla, so viel gute Gährla", zu bescheren, xmd dem Waudl- 
gaul ein ÄhrenbUschel und den Waudlhunäen Bier, Milch 
und Brot geopfert wurde und zwar, um dem bösen Wind- 
geist, dem Bilmerschnitt (S. 164), zu wehren. Der Büschel 
wurde auch Aswald d. h. Götterfürst oder auch Nothalm 
genannt und wurde, mit Brot versehen, unter Gebet um- 
kniet und dann umtanzt. Das half gegen die Windsau. Im 
16. Jahrhundert riefen die Mecklenburger bei der Ernte: 
„Wode, hale dinem Rosse nu Foder, nu Distel und Dom, 
tom andern Jahr beter Kom !" Das Emtebier nannten sie 
Wodel- oder Weddelbier. In Niedersachsen und Westfalen 
umringten die Schnitter, nachdem sie den letzten Roggen 
gemäht hatten, den um den Waulstab gebundenen Waul- 
roggen oder den Erntekranz und riefen unter Sensen- 
streichen und Mützenwerfen; „Waul/ Waul! Waul! de 
N. N. Maikens sind Haurn 1" In Schweden ließen die 
Schnitter eine mit kleinen Steinen bedeckte Garbe für 
Odins Pferd zurück oder auch für den wilden Jflger Grön- 
jette {S. 385). Am Steinhuder Meer zündeten die Burschen 
nach der Ernte ein Feuer auf einem Hügel an und riefen 
unter Hutschwenken: „Waudcn! Wanden!" In Süddeutsch- 
land wird das aus den letzten 3. 7, 9 Ähren zusammen- 
gebundene Glückshämpfeli über dem Kruzifix oder dem 
Spiegel der Wohnstube, oder die Glücksgarbe oder der 
Getreidehahn an der „Bühne" über dem Tisch aufgehängt 
Beim Schnitt jener letzten Ähren knieen die Alemannen 



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VIIL Die einzelnen GBtter. 391 

noch hie und da nieder zum Gebet, So ist die Feier des 
alten Emtegottes verchristlicht. In schneidendem Gegensatz 
dazu steht der altnordische Brauch, bei Mißwachs Odin 
durch Rinder- oder gar Menschenopfer zu besänftigen. 

In den Zwölfnächten oder auch schon früher, am 
Martins- und am Nikolaustage, erschien Wodan als Schimmel 
oder Schimmelreiter oder als Pelzmartle oder als Sankt Ni- 
kolaus mit breitkrämpigem Hut. Für sein Pferd steckten 
die Kinder Heu und Hafer in ihre Schuhe, die Alten setzten 
auch früher eine Garbe ins Freie. Ackergerät darf man 
während der Zwölfnächte nicht draußen lassen, weil sich 
sonst Hackelberg mit seinen Hunden darunter verbirgt; 
und de „Wand" kommt auf Usedom, wenn in den Zwölf- 
nächten nicht abgesponnen ist. 

Die Nebengötter. 
Die drei altgermanischen Götter Tius, Donar und 
Wodan, zu denen sich noch im Norden Frey mit seinem 
Vater Njörd gesellte und mindestens eine große Göttin 
gehörte, waren die Hauptgottheiten, die nicht nur für den 
Glauben, sondern auch für das I-eben maßgebenden Mächte. 
Sie lebten nicht nur in der Poesie, sondern auch in der 
hauslichen und öffentlichen Verehrung der germanischen 
Völker. Anders die Nebengötter, die im Norden meistens 
zur Sippe Odins zählten, seine Söhne und Enkel waren 
und deren Kultus in der Regel mehr örtlich beschränkt war. 
Von ihnen ist der weitaus berühmteste und edelste 

Balder, 
der durch seinen großartigeß Mythus mit den großen 
Göttern wetteifert. Er scheint auch noch aus der indo- 
germanischen Generation zu stammen. Sein Name bedeutete 
vielleicht ursprünglich den Glänzenden oder den Kühnen, 
dann den Herrn, den Fürsten, in welch letzterm Sinne das 
Wort noch die Angelsachsen gebrauchten. So hieß ja auch 
Frey der Herr. In der Edda heißt dieser Sohn Odins und 
Friggs der glänzendste, schönste und beste der Äsen. 



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892 Vin. Die «iiue1ii«Q GOtter. 

Namentlich sein Antlitz verbreitet Glanz um sich, und die 
weißeste Blume des Nordens, die Hundskamille, nannte 
man Haiders Braue. Er ist der wohlredendste und leut- 
seügste Gott, seinen Urteilsspruch kann niemand schelten, 
wie denn auch sein Sohn Forseti der beste Richter ist, der 
alle Rechtshandel in Güte beilegt. In Haiders Wohnui^ 
Breidablik Weitglanz ist kein Unrecht, geschieht kein 
Frevel. Kein Zweifel: Balder war ein Lichtgott, und zwar 
der lichte Tag, und wiude daher dem angelsächsischen 
Baeldaeg dem Lichttag gleichgesetzt, der ebenfalls ein Sohn 
Wodens war. Er wurde daher auch ein Gerichtsgott, denn 
das Licht verbürgt die Gerecht^keit, imd das echte Ding 
fand unter offenem Himmel am hellen Tage statt. 

Der Mythus dieses Lichtgottes war den deutschen, 
britischen und nordischen Germanen bekannt und durchlief 
alle Stadien vom uralten indogermanischen bis tief ins 
christliche hinein. So stellt sich der Gott in den verschieden- 
artigsten Lagen, Haltimgen und Würden dar. Die schlich- 
teste Auffassung, die deutsche, geben zwei kurze Zeugnisse, 
leider nur andeutungsweise. Nach dem Merseburger Zauber- 
segen (S. 32) ritt Phol oder Balder mit Wodan zu Holze 
d. h. auf die Jagd. Da wurde seinem Rosse der Fuß ver- 
renkt. Doch sofort besprachen die Lähmung Sinthgunt imd 
ihre Schwester Simna, Frija und ihre Schwester Volla. Aber 
erst der Spruch Meister Wodans heilte das Tier. Das Gedicht 
atmet die höchste AltertümUchkeit. Auch hier erscheint ein 
Gott als reitender Weidmann, wie in der alten Sage vom 
wilden Jäger. Aber er stürmt nicht wie dieser oder sein 
Vater Wodan durch den Wald, sondern er reitet freimdlich 
aus, wie etwa in christlichen Segenssprüchen der heilige 
Sonntag oder der Sonnenschein „hergeritten" kommt, von 
den Menschen mit einem „Grüß dich Gott" empfangen. Balder 
kommt in der Morgenfrühe eines Jagdtages, als Gott des 
TagesÜchts, des Morgenzwielichts. Aber wenn die strahlende 
Sonne aufgeht, erblaßt sein sanfterer Glanz, der Frühschein 
schwindet. Dann lahmt sein Roß und die SonnengOttin mit 
ihrer Schwester Sinthgunt d. h. der Sind- oder Fahrtgenossin, 



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VIII. Die «iozelnen Götter. 396 

gleichfalls einer Lichtgottheit, erscheint. Aber sie kOnneo 
nicht helfen, auch nicht die besorgte (Mutter) Frija und deren 
Schwester Volla, obgleich sie eine Göttin der Fülle, der Er- 
füllung ist. Das hohe Alter dieser Göttinnen ist bezeugt durch 
die Übereinstimmung dreier von ihnen mit drei nordischen 
Göttinnen Söl, Frigg und Fulla, wie denn auch Wodan 
ganz dem nordischen Odin, dem Meister des Zauberspruchs, 
gemäß handelt (S. 377), Darum wird hinzugefügt, „wie er 
es wohl konnte", denn noch heute heißt beim Volke das 
Besprechen einer Krankheit, die Heillnmst, kurzweg das 
„Können". Und zwar bespricht Wodan mit einer uralten 
Zauberformel, die die Inder in gleicher Lage schon in der 
wedischen Zeit gebrauchten. Nun ist die Heilung gesichert, 
und man möchte annehmen, daß Balder am andern Tage 
wieder froh sein gesundes Pferd besteigt. Oder verspürt 
man schon in diesem Unfall eine bange Mahnung an des 
lichten Gottes Untergang? 

Der Mythus vom Jäger Balder hat keinen eigentlichen 
Abschluß; es fehlt ihm die andere Hälfte, die Abendseite 
des Tags, das Abendlicht, oder mythisch ausgedrückt: es 
fehlt Balders Bruder und Gegner. Das volle Schicksal des 
Lichtwechsels zur Morgen- und zur Abendzeit erzählen uns 
aber die indischen Wedagedichte von den beiden Reiter- 
brüdem, den Agvins, und die reichen griechischen Sagen 
von den beiden Dioskurenbrüdem und die lettischen Lieder 
von den beiden Gottessöhnen. In allen steht das männUche 
Götterpaar im engsten Bunde mit einer Göttin, die zwei 
schönen Jünglinge sind Nebenbuhler um ein schönes Weib, 
die bei ihrem Auf- oder Untergang mit ihnen am Himmel 
vereinigte Morgen- oder Abendröte oder die Sonne. Man 
muß von vornherein erwarten, daß ein so tief im Indo- 
germanentimi gewurzelter Mythus auch bei den Germanen 
seine Spuren hinterließ. Und in der Tat ist er uns in zwei 
ausführhchen, aber stark entstellten nordischen Fassungen 
bezeugt, dazu undeutlicher in der angelsächsischen Beo- 
wulfsage und noch unsicherer in der hochdeutschen Har- 
tungensage. 



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8H VIII. Die einzekea GSt(«r. 

Bei dieser Unvollkommenheit der germanischen Über- 
lieferung ist um so willkommener des Tacitus bestimmte Mit- 
teilung über die Verehrung eines dioskurenartigen Götter- 
paars, der Alois {spr. Alkis), bei den nordost-germanischen 
Nahamavalen. Dem alten Hainheiligtum, in dem zwei von 
den Römern mit Castor und PoUux verglichene brüderliche 
Jünglinge bildlos verehrt wurden, stand ein Priester in 
weiblicher Tracht vor. Diese auffällige Kulterscheinimg 
muß irgendwie im Mythus begründet sein. Wie die Schweden 
die Geliebte Freys bei seiner Umfahrt durch das Land 
dem Gotte als Priesterin zu trautem Verkehr beigaben, so 
gesellten die Naharnavalen den brüderlichen Alois einen in 
Weiberkleider gesteckten Priester als Abbild und Stellver- 
treter der Geliebten zu. Der älteste griechische Kultus der 
Dioskuren, der lakonische, war gleichfalls bildlos; ihr Sym- 
bol waren die Dokana, ein Gerüst, das aus zwei senkrechten, 
durch zwei wagerechte verbundenen Balken bestand. In 
Speula diente ihnen gleichfalls eine Priesterin, die am 
Dioskurenfest die Kampfspiele richtete. 

Über das Verhältnis der beiden germanischen Götter- 
jünglinge zu einander und zu der Göttin verbreiten mm 
helleres Licht jene zwei nordischen Hauptfassungen, die, 
beide modernisiert und ai^ verschoben, himmelweit von 
einander verschieden sind. Saxo arbeitete die dänische auf 
Seeland und in Jütland spielende Ortssage mit der nor- 
wegischen Überlieferung in einander. So entstand mehrfach 
eine Verdoppelimg der Motive, wie denn z. B. einmal das 
Schwert eines Waldgeistes, ein andermal ein Siegesgürtel 
der Feen dem Hother, Balders Gegner, den Sieg verleiht 
So entstanden noch grellere Widersprüche, da die dänische 
Überlieferung dem Balder, die jütische dem Hother zugetan 
ist Saxo setzte ferner den Göttermythus auf die Erde 
herab, zwängte ihn in die Reihe der dänischen Königssagen 
ein und nahm offen Partei für Balders Nebenbuhler Hother. 
Am meisten stört, daß er bei aller VorUebe für die nordische 
Götter- und Heldensage nicht das geringste Verständnis 
für ihren großartigen, rauhen Heroismus zeigt und kaum 



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VUI. Die einzelnen CStter. 3S& 

irgendwo sich haltloser seinem Hange zur Sentimentalität 
hingibt, als in seiner Baldererzähluog. Nicht nur kluge welt- 
männische Reflexionen, sondern auch Empfindungen seines 
eignen Inneren läßt er in sie hineinspielen. Balder ist ihm 
ein beliebiger leidenschaftlich sinnlicher Halbgott, Hother 
dagegen ein hochstrebender Mann, der durch sein Harfen- 
spiel die Gemüter aitfs tiefste erregt, ein modemer Mensch, 
der in der Waldeinsamkeit Frieden für seine Seele sucht. 

Saxos Bericht lautet im wesentlichen so : Der schwedische 
Königssohn Hother wuchs in der Pflege des norwegischen 
Königs Gevar auf und gewann die Gunst von dessen Tochter 
Nanna durch seine Meisterschaft im Schwimmen, Bogen- 
schießen imd Faustkampf und vor allem durch sein be- 
zauberndes Saitenspiel. Aber Balder, ein Sohn Odins, ent- 
brannte, als er Nanna beim Bade belauschte, in wilder 
Begierde nach ihr und beschloß, Hother zu töten. Der aber, 
im Nebel auf der Jagd verirrt, geriet in das Haus von 
Waldmadchen, die sich der Lenkui^ des Schlachtenglücks 
rühmten und ihn warnten, Balder, der von Liebe zur Nanna 
ergriffen sei, mit Waffen anzugreifen, denn er sei ein 
Halbgott. Da verschwand das Waldhaus, und Hother stand 
plötzlich ganz allein im freien Felde, ganz verwundert 
(S. 195). Heimgekehrt erzählte er dem König Gevar sein 
Abenteuer imd warb imi seine Tochter, Doch Gevar lehnte 
freimdlich ab, weil er sich den Zorn Balders, der mit seiner 
Werbung schon zuvorgekommen war, nicht zuziehen 
mochte. Selbst gegen Eisen sei dieser gefeit, nur nicht 
gegen das Schwert des Waldmannes Miming, der auch 
einen schätzeerzeugenden Armring besäße. Ein mit Renn- 
tieren bespannter Wagen führte mm Hother über eisige 
Bergjoche zur düsteren Höhle des Waldgeistes, er über- 
listete und band ihn, und dieser lieferte ihm in seiner 
Todesangst Schwert und Ring aus (S, 280), Aber schon 
war Balder mit einem Heer in Gevars Land gedrungen, 
doch seine Werbimg wurde von Nanna abgewiesen, da 
eine Sterbliche nicht einem Gotte sich vermählen dürfte. 
Jetzt brach ein Krieg zwischen Balder mit seinen von Odin 



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Vm. Die 



und Thor geführten heiligen Götterscharen und Hother mit 
seinen menschlichen Streitern aus. Hother, von einer un- 
durchdringlichen Brünne umgeben, wütete im dichtesten 
Göttergewühl, bis er dem Thor den Griff seiner unwider- 
stehlichen Keule abschlug. Da flohen die Götter, ihre Flotte 
wiu^de zerstört, und noch heißt der Hafen „Balders Flucht". 
Hother führte Nanna heim. 

Aber bald darauf wurde er von Haider besiegt, der 
seinem dürstenden Heer durch tieferes Nachgraben eine 
neue Quelle öffnete, die noch heute „BaldrsbrOnd" Balders- 
brunn (bei Roeskilde) heißt. Balder erkrankte vor Liebe zu 
Nanna, sodaß er nicht gehen konnte, sondern in einem 
Wagen fuhr. Dennoch besiegte er abermals Hother, der 
nach Jütland floh und dem Orte, wo er sich aufhielt, 
(Hadersleben, früher Hotherslev) den Namen gab. Am 
Schlüsse des Winters eilte er nach Schweden und zog sich 
lebensüberdrüssig in die Waldeinsamkeit zurück, um dort 
Trost zu finden. Da fand er in einer Höhle dieselben 
Jungfrauen , die ihn einst mit jener undurchdringlichen 
Brünne beschenkt hatten. Sie verhießen ihm Sieg, wenn 
er sich einer für Balders Stärkung bestimmten Zauber- 
speise bemächt^e. Von neuem kam es ziun Kampf zwischen 
Balders Götterheer und Hothers Menschenheer, bis ihm 
die Nacht ein Ende machte. Schlaflos schlich sich Hother 
des Kundschaftens halber um die dritte Nachtwache ins 
feindliche Lager, aus dem gerade drei Waldmädchen die 
geheimnisvolle Speise heraustrugen. Er folgte ihren Spuren 
im Tau bis in ihr Haus, gab sich ihnen für einen Harfen- 
spieler aus und trug ihnen eine anmutige Melodie vor. Sie 
hatten drei Schlangen, aus deren Rachen Gift in die Wunder- 
speise Balders troff. Zwei Mädchen hätten ihm gern aus 
Mitleid davon mitgeteilt, wenn nicht die älteste das als 
Verrat an Balder verboten hätte, denn sie hatte Hother 
erkannt. Die andern beiden schenkten ihm einen funkelnden 
Siegesgürtel. 

Auf seinem Rückweg begegnete er Balder und streckte 
ihn zu Boden. Als dies bekannt wurde, erscholl in Hothers 



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Vin. Die einzelnen GSIter. 397 

Lager lauter Jubel, wälirend die Dänen Haiders Mißgeschick 
bejammerten. Als dieser sein Ende kommen fühlte, ließ er 
sich auf einer Bahre in die neu entbrannte Schlacht tragen, 
um nicht unwürdig im Zelte zu sterben. In der folgenden 
Nacht kündete ihm Proserpina (die Hei} an, er werde 
morgen in ihren Armen ruhen. Und wirklich starb er 
anderen Tages und wurde in einem Hügel bestattet. 

Dem Odin aber weissagte ein Finne, daß ihm die 
ruthenische Königstochter Rindr einen Sohn gebaren würde, 
dazu bestimmt, seinen Bruder Balder zu rächen. Odin be- 
wältigte sie auch (S. 376) und zeugte mit ihr den Bous, den 
er zur Rache aufforderte. EJieser erschlug Hother in einer 
Schlacht, wurde aber selber schwerverwundet heraus- 
getragen und starb am folgenden Tage. 

Zu Saxos zusammengestücktem Bericht steht im grellsten 
Gegensatze die etwa gleichaltrige isländische ÜberÜeferung 
in Snorres Prosaedda. Balder hatte schwere, sein Leben 
bedrohende Träume, und als er sie den Äsen erzählt hatte, 
nahm Frigg allen Dingen den Eid ab, daß sie Balder nicht 
schadeten, dem Feuer und Wasser, dem Eisen und andern 
Metallen, den Steinen, der Erde, den Bäumen, den Krank- 
heiten, den Tieren, selbst den Vögeln imd Giftwürmem. 
Damach ergötzten sich die Äsen damit, Balder mitten auf 
den Thingplatz zu stellen und nach ihm zu schießen, mit 
Steinen zu werfen und zu schlagen. Und nichts schadete 
ihm. Das äi^erte aber Loki, und in Weibesgestalt ging er 
nach Fensalir zu Frigg und forschte sie aus, ob auch wirk- 
hch alle E)inge jenen Eid geleistet hätten. Da sprach Frigg: 
„Da wächst ein Schößling westlich von Walhall, der Mistel- 
teinn; der schien mir zu jung, um Eid von ihm zu fordern". 
Das Weib ging fort, und Loki begab sich alsbald mit dem 
Mistelzweig zum Thingplatz imd fragte Haiders blinden 
Bruder Hödr, warum er nicht mitspiele. Dieser antwortete, 
weil er nicht sehen könne und unbewaffnet wäre. Da 
richtete ihm Loki den Zweig, imd Hödr schleuderte den- 
selben auf Balder, der zum Tode getroffen zu Boden sank. 
Das traiuigste Ereignis für Götter wie Menschen! Alle 



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396 VUI. Die einzclDcn GStter. 

Asen verstummten und rührten keine Hand, den Toten 
aufzuheben, einer blickte den andern an; alle kehrten sich 
gegen den Tater, aber kemer durfte an der heiligen Frie- 
densstätte Rache nehmen. Sobald die Götter zu sprechen 
versuchten, brachen die Tränen hervor. Odin aber war 
am tiefsten getroffen, weil er die Größe des Verlustes am 
genauesten erkannte. Als aber die Götter zu sich kamen, 
fragte Frigg, wer ihre Huld sich verdienen wolle durch 
einen Ritt zur Hei, um Balder durch Lösegeld wiederzu- 
gewinnen. Darauf meldete sich Hermöd, der Schnelle, ein 
Sohn Odins, und sprengte auf dessen Rosse Sleipnir hinab. 

Die Asen trugen Balders Leiche an die See imd 
wollten hier das größte aller Schiffe, Hringhomi, flott 
machen, um darauf Balders Scheiterhaufen herzurichten. 
Aber das Schiff wich nicht von der Stelle. Da wurde nach 
der Riesin Hyrroldn (S. 354) gesandt. Während vier Ber- 
serker ihr Reittier, einen mit Schlangen gezäumten Wolf, 
niederliielten, trat sie auf den Vordersteven und stieß das 
Schiff in die See, daß Feuer aus den Walzen brach und 
alle Lande bebten. Thor wollte sie mit seinem Hammer 
erschlagen, aber die Götter erbaten für sie Frieden. Da 
wurde Balders Leiche auf das Schiff gehoben, und als 
Nanna, Nefs Tochter, das sah, zersprang sie vor Harm, 
und nun wurde auch sie auf den Holzstoß gelegt. Den 
weihte Thor mit seinem Hammer und warf den Zwerg Lit, 
der ihm vor die Füße lief, ins Feuer. Zu diesem Brande 
kam vielerlei Volk; Odm mit Frigg und den Walküren und 
seinen Raben, dann Frey auf einem Wagen mit seinem 
Eber GuIIinbursti oder Slidrugtanni, darauf Heimdall auf 
seinem Hengste Gulltopp und Freyja mit ihren Katzen. 
Hinterdrein viel Reif- und Bergrieseo. Odin legte auf den 
Scheiterhaufen den Goldring Draupnir, der seitdem jede 
neunte Nacht acht gleichschwere Goldringe abträufelte. 
Balders Roß wurde samt seinem Reitzeug mitverbrannt. 

Hermöd ritt neun Nächte durch dunkle und tiefe Täler 
und sah rdchts, bis er zur goldenen Brücke des Flusses 
Gjöll kam. Mödgud, die Brückenwächterin, fragte ihn nach 



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VnL Die «inzelncn Götter. 399 

Namen und Herkunft und erzählte ihm: „Gestern ritt Bal- 
der mit 500 Begleitern über die Brücke, aber nicht minder 
kracht sie imter dir allein. Wanun reitest du den Heiweg?" 
Er antwortete : „Um Balder aufzusuchen". Dann ritt er zum 
Höllengitter, gürtete fester das Roß imd sprengte hinüber. 
In der Halle sah er seinen Bruder Balder auf dem Hoch- 
sitz imd blieb dort eine Nacht, Am andern Morgen bat er 
Hei, zu gestatten, daß Balder mit ihm heimritte, und schil- 
derte die große Betrübnis der Äsen. Sie erklärte, es ver- 
suchen zu wollen, ob Balder wirklich so sehr geliebt würde. 
Wenn alle Dinge ihn beweinten, dann solle Balder zu den 
Äsen zurückfahren, wenn aber eins nicht wolle, so müsse 
er bei ihr bleiben. Nun geleitete Balder seinen Bruder aus 
der Halle imd gab ihm den Ring Draupnir für Odin zum 
Andenken mit, aber Nanna gab für die Frigg ein Kopftuch, 
für FuUa einen goldnen Fingerring. Hermöd ritt heim und 
berichtete den Äsen alles. Diese schickten Boten durch 
die ganze Welt mit der Bitte, Balder aus der Hei loszu- 
weinen, und alle taten das, Menschen und Tiere, Erde und 
Steine, Bäume und Metalle, wie man sehen kann, daß 
diese Dinge alle weinen bei Kalte und Wärme. Doch in 
einer Felshöhle saß die Riesin ThOkk und antwortete den 
Götterboten : 

Thökk wird beweinen mit trocknen Tränen 
Balders Fahrt auf den Holzstoß. 

Weder des lebenden, noch des toten Mannes genoß ich; 
Behalte Hei, was sie hat! 
Und die Leute sagen, daß das Weib Loki gewesen sei, der 
den Äsen das meiste Böse getan hat. Sein Name „Dank" 
klingt wie bitterer Hohn, wenn er nicht als Schweigerin zu 
deuten ist. 

Für seine zwei Übeltaten, die Anstiftung des Mordes 
Balders und die Verhinderung seiner Wiederkehr aus Hei, 
verfolgten Loki die Götter. Er verbat^ sich in Lachsgestalt 
im Fränangr-Wasserfall, wurde aber hier von Thor und 
den Göttern in einem Netz gefangen. Dann führten sie ihn 
in eine Höhle, stellten darin drei Steine mit der Kante 



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400 Vm. Die einzelneQ GDttet. 

nach oben auf und fingen seine Söhne Vali und Nari oder 
Narfi, von denen jener, in einen Wolf verwandelt, diesen 
zerriß. Mit seinen Därmen fesselten sie Loki an die Steine, 
so daß der eine unter seinen Schultern, der zweite imter 
seinen Lenden, der dritte unter seinen Kniekehlen stand. 
Skadi aber hängte eine Schlange über ihm auf, deren Gift 
in sein Antlitz troff; aber seine Gattin Sigyn fing in einer 
Schale die Tropfen auf. Doch wenn sie die Schale au^eßt 
und das Gift sein AntUtz trifft, dann zuckt er so heftig zu- 
sammen, daß die Erde bebt. So liegt er in Banden bis zur 
Götterdämmerung. 

Der altmythische Kern dieses aus dem 13. Jahrhundert 
stammenden Berichts Snorres ist umgeben von allerlei 
neueren Zutaten. Gleich die Abnahme des Eides von allen 
Dingen der Welt und die Verwundung durch einen über- 
sehenen Gegenstand, eine Ranke, ein Reis, klingt wie ein 
fremdes Märchenmotiv. Prunkvolle Leichenbrandsschil- 
derungen liebt die nordische Dichtung (S. 109), und so 
folgt die Edda in ihrer Darstellimg der Bestattimg Haiders 
dem älteren Skalden Ulf Uggason: Frey, Heimdali und 
Odin reiten auch nach ihm zur Feier heran, von Raben 
und Walküren begleitet. Eine Riesin macht das Schiff flott, 
und Odins Berserker werfen ihr wölfisches Reittier nieder. 
Darin steckt kaum noch echt mythischer Gehalt. Ein andrer 
Skalde besang in „Balders Träumen" eine andere um 
Balders willen schon früher unternommene Höllenfahrt 
eines Gottes, nicht des Bruders Hermod, sondern des durch 
jene Träume geängstigten Vaters Odin. Da scheint Snorre 
die altertümlichere Sage vom Höllenritte des Bruders be- 
wahrt zu haben, wie sich noch weiter unten zeigen wird. 
Jener Dichter aber suchte den Mythus zu übertrumpfen 
durch Einfühnmg des Göttervaters und des so beUebten 
Prophezeiungsmotivs: Vater Odin ritt, geängst^ von 
Balders Träumen, auf seinem Sleipnir zur Hei hinab. Da 
erfuhr er unter dem Namen Wegtams, des Reisegewohnten, 
von der aus Todesschlaf geweckten Völva (S. 380), daß in 
den Sälen der Hei der Met für Haider gebraut stände und 



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VnL Die einieloen Götter. 401 

Bänke und Fußboden zu seinem Empfange mit Ringen und 
Gold bedeckt wären. Dann weissagte sie ihm, Hödr würde 
Odins Sohn töten, diesen aber der eine Nacht alte Sohn 
der Rindr und Odins, noch ungewaschen und ungekämmt, 
an dem Mörder rächen, bevor er ihn auf den Scheiterhaufen 
trt^e. Als Odin bei seiner letzten Frage von der Völva 
erkannt wurde, erkannte auch er in ihr die Mutter dreier 
Riesen. Sie entließ ihn mit gutem Reisewunsch imd tröstete 
ihn damit, daß die Menschen noch oft zusammenkommen 
würden, bevor Loki sich losrisse und die Götterdämmerung 
hereinbräche. 

Schon christlich ist endUch in Snorres Erzählung das 
Weinen der gesamten Natur über Balder. So trauern 
beim Tod des Herrn alle Geschöpfe in luvencus' Evangelien- 
geschichte und weint nach einem altenglischen Gedicht 
vom Kreuz die ganze Schöpfung. Daher erblicken wir auf 
mittelalterUchen Bildern vom Kreuzestode Christi so häufig 
Sonne und Mond als weinende Gesichter oder als ganze 
Fluren, die ihre Tränen trocknen. Die Deutung des Weinens 
auf Tautränen, die um den dahingegangenen Tagesgott 
vergossen seien, Uegt ferner ab. 

Vor allem aber bereitet die entscheidende Bedeutung, 
die dem Tode des jungen Gottessohns imd der tückischen 
Handlung seines bösen Feindes beigemessen wird, auf die 
Verwandlung dieser beiden in Christus und in Luzifer vor, 
wie sie schon die Völuspa vollzogen hat. Aber bevor wir 
diese neue Bahn Balders verfolgen, müssen wir uns des 
Ergebnisses versichern, das aus dem Vergleich des Saxo- 
nischen imd des Snorreschen Berichts gewonnen werden 
kann, und weiterhin aus dem Vergleich mit dem antiken 
Dioskurenmythus. 

Der Schauplatz des Snorreschen Baidermythus ist der 
Himmel und die Hölle, der der dänischen Baidersage die 
nordische Erde mit ihren Häfen, Quellen und eisigen Berg- 
wäldem. Dort ist Balder Odins und Friggs Sohn, der 
angstüch gehütete LiebUng der Götter, der UebÜng der 
ganzen Welt, deren herzhche Teilnahme zweimal für ihn 

Mcycr, E. K., Genmn. Mylholo^t. 26 



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40B VUL Die einzelncD Götter. 

in Anspruch genommen wird. Seinetwillen fährt ein Gott 
zur Unterwelt, die er auch selber aufsuchen muß. Denn 
er ist zwar im übrigen unverwundbar, doch durch einen 
Mistelzweig kann er getötet werden, und diesen drückt der 
neidische Loki seinem bünden Bruder Hödr als Geschoß 
in die Hand, und er fällt. Bei Saxo ist Balder zwar auch 
ein Sohn Odins, jedoch nur ein Halbgott, der durch maß- 
lose Liebesleidenschaft entartet ist. Doch schlagen die 
Götter für ihn Schlachten, er weiß in der Not seines Heers 
Wasser aus dem Boden zu locken, auch er ist unverwxmd- 
bar, nur nicht für Mimings Schwert. Auch ihn tötet (doch 
wohl mit diesem Schwerte) Hother, der aber nicht sein 
göttlicher Bruder, sondern ein dänischer Prinz imd Mit- 
bewerber um eine Königstochter ist. Dieser ist auch nicht 
blind und das blinde Werkzeug eines andern, besiegt auch 
den Balder nicht durch einen Augenblicksschuß, sondern, 
mit allen Tugenden des Leibes und der Seele ausgestattet, 
kämpft er an der Spitze großer Heere und Flotten jahrelang, 
bald besiegt, bald siegreich, unermüdlich, bis er endlich 
sein Ziel, den Tod Balders, im Dunkel der Nacht erreicht. 
Er, nicht Balder, ist dem Saxo der eigentliche Held der 
Sage, der sich in der Not Trost imd Hilfe bei den Geistern 
des wilden, winterlichen Waldes holt. Nanna ist jenes 
Gottes Balder treue Gattin, von der weiter nichts erzählt 
wird, als daß ihr beim Leichenbrande ihres Gatten das 
Herz bricht, worauf sie mit ihm verbrannt wird. Dagegen 
ist Nanna bei Saxo Hothers Geliebte und Weib, um dessen 
Besitz sich all die Kämpfe der beiden Nebenbuhler drehen, 
und Balder wird auf Seeland in einem Hügel begraben. 
Darin stimmen aber beide Berichte wieder überein, daß 
Balder durch einen nachgeborenen Sohn Odins und der 
Rindr, also durch seinen Bruder, Namens Bo oder Vali, 
einen kühnen und glücklichen Schützen, an Hödr gerächt 
wird. 

Das bunte Spiel der Zusammenklänge und Widersprüche 
dieser beiden nordischen Baidermythen wiederholt sich in 
dem nächst verwandten griechischen Dioskurenmythus und 



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VUL Die einleben Götter. 403 

in seinen zahlreichen Varianten und erklärt sich zum großen 
Teil aus den verschiedenartigen Auffassungen, die der 
dem Mythus zu Grunde liegende Naturvorgang gestattet. 
Zwischen Dimkel und Helle schwebend, wiu-de das Zwie- 
licht, wie schon dieses deutsche Wort andeutet, als eine 
Zweiheit brüderUcher, aber ungleicher Wesen gedacht. Das 
eine gehörte noch mehr der Finsternis an, das andre drang 
glanzvoll am Himmel empor. Ein boeotisches göttliches 
Brüderpaar drückt diesen Lichtwechsel deutlich aus, dadurch, 
daß Lykos der Lichtbringer und Nykteus der Nächtliche 
einander in der Herrschaft ablösen. 

Solch ein Brüderpaar werden die altgermanischen Aids 
gebUdet haben; doch handelte es sich auch für sie wohl 
nicht um ein Reich, sondern um ein Weib, wie für die 
indischen „Reiterbrüder" und die griechischen Dioskuren. 
Die indischen steigen mit der Göttin Morgenröte Ushas 
oder Sonne SuryS auf und werben, freien imd kämpfen 
um sie; die Dioskuren haben in ihrem Schutz ihre 
Schwester Helena, das schönste Lichtwesen, und sie 
kämpfen um des Schimmelreiters Leukippos Töchter, 
Hilaeira und Phoibe, die Leuchtenden, auch selber Leuko- 
poloi Schimmelreiter genannt. Die Alcis bediente ein 
Priester in weiblicher Tracht, vielleicht als Stellvertreter 
der geliebten Göttin (S. 394). Vielleicht ist uns noch ein 
verkümmerter Rest des Alcismythus in der durch ganz 
Deutschland bis in die Niederlande verbreiteten Sage von 
der scheintoten weißen Frau erhalten. Man erinnere sich 
nur, daß aus der von den „A^vins" begleiteten Morgen- 
gOttin Ushas schon im Rigweda eine Frühlingsgöttin wird, 
wie sie die Germanen in ihrer namensverwandten Ostara 
kannten. Ushas entblößt, wenn sie aus der Nacht aufsteigt, 
ihren schönen Leib, wie die anderen Frühlingsgöttinnen 
Nerthus und Holla imd die dänische Nanna. In jener an 
ein bestimmtes Stadthaus geknüpften Sage von der Schein- 
toten, die in Köln Richmodis von Aducht heißt, zieht der 
begrabenen Frau ein diebischer Totengräber ihren Traiuing 
vom Finger. Darüber erwacht, kehrt sie nach ihrem Hause 



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4M VIII. Die einzelnen Gülter. 

zurück und beteuert ihrem Manne, der sie nicht einlassen 
wül: „So gewiß bin ich deine Frau, als unsere Schimmel 
zum Giebeldache heraussehen." Kaum genannt, trappeln 
die Tiere zum Speicher hinauf und schauen oben zum 
Loche heraus. Nun lebt sie noch sieben Jahre mit ihrem 
Gatten und webt aus Dank für ihre Rettung ein mächtiges 
Leintuch, ein sogenanntes Fasten- oder Hungertuch, wie 
es, seit dem 9. Jahrhundert nachweisbar, zur Mahnung an 
die Fasten in manchen Kirchen von Trient bis Münster 
aufgehängt wurde und hie und da noch wird. Nach der 
Sage rührt das Tuch der kölnischen Apostelnkirche imd 
das des Freiburger Münsters von der wiedererwachten 
Scheintoten her. Hier verschlingt sich der kirchliche Ritus 
hübsch mit dem deutschen Mythus, das Aufhängen des 
Tuches zur Fastenzeit mit der gleichzeitigen Auferstehung 
der Frühlingsgöttin, die sogar häufig Frau Faste oder 
Osterjungfer heißt und das Spinnen und Weben der 
Frauen überwacht. Und zwar dauert auch deren Aufenthalt 
in der Oberwelt sieben Jahre d. h. sieben Sommermonate. 
Wie die zum Sommer wiederkommende Ushas, die indische 
Ostara, kommt auch die Frau unsrer Sage, begleitet von 
einem Schimmelpaar. Von den zwei Schimmelreitem sind 
aber nur die beiden Schimmel übrig geblieben. 

Stutziger machen andre Verwandlungen, namentlich 
die der Bruderschaft Hoth ers in dessen unversöhnliche 
Feindschaft gegen Balder. Der den beiden ZwieÜchtswesen 
trotz ihrer Brüderlichkeit eingeborene Gegensatz kann sie 
zu zwei völlig einander fremden und unverwandten Wesen 
verkehren. Hier bewahrt die isländische Fassung die ältere 
Form: der nächtliche und darum bhnde, zum Kampf gegen 
das Licht geborene und darum Hödr Kämpfer genannte 
Bruder tötet Balder und wird selber von seinem aus der 
nächsten Nacht emporsteigenden, darum einnächtigen Licht- 
bruder Väli (aus Vanila = strahlend) getötet. Bei Saxo ist 
das erste Bruderverhältnis zwischen Balder und Höder ganz 
aufgehoben, Hother ist der al^esagte kühne Feind des 
Halbgottes Balder. Aus einem dunkeln Wesen ist er zu 



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VIU. Die einzelDen Götter. 405 

einem winterlichen Waldwesen geworden, das im Herbst 
und Frühling („hibemis peractis") seine Schlachten mit 
naturgemäß wechselndem Erfolge schlägt gegen einen 
Sommergott, der im Lenz die Brunnen wieder fließen laßt. 
Er tötet den Balder in der Morgendämmerung. Wie der 
Bruder Hödr in Island wird auch Hother von einem Bruder 
Balders getötet. Auf Island hat man noch einen Vierten 
eingemischt, indem man Loki zum eigentlichen Anstifter 
der Mordtat machte. Dadurch wurde dann der Charakter 
des kriegerischen Hödr völlig entstellt. Auch die Waffe, 
die jener diesem in die Hand steckt, ein Mistelzweig, scheint 
entstellt Sie war ursprünglich wie in der Hothersage ein 
alles zerhauendes Schwert, das nur den Namen „Misteltein" 
führte, den auch andere Schwerter trugen. 

Aber der Zwielichtsmythus entfaltet erst seine ganze 
Gestaltenfülle, wenn nicht nur das Morgenzwiehcht, son- 
dern auch das Abendzwielicht personifiziert wird imd zwei 
Brüderpaare entstehen, die einander entschieden feindselig 
befehden. Aus dem AbendzwieUcht geht ein Mörder her- 
vor. Dann verdoppelt sich auch wohl das umworbene Weib. 
So laden die messenischen Aphariden Idas und Lynkeus, 
die sich mit den beiden leuchtenden Leukippostöchtem ver- 
mählen wollen, ihre Vettern, die lakonischen Dioskuren, 
zur Hochzeit ein. Aber diese danken ihnen übel, sie rauben 
die Schwestern, als sie noch Jungfrauen sind. Im Streit um 
ihren Besitz wird Kastor von Idas mit einer Waffe, der 
niemand entgehen kann, getötet, Idas aber vom erzürnten 
Zeus mit dem Blitz durchbohrt. Dem Bruder Kastors, Poly- 
deukes, der des Idas Bruder Lynkeus tötet, läßt der Gott 
die Wahl, ob er unsterblich sein, oder mit seinem Bruder 
sechs Monate sterben und ebensoviele leben will. Poly- 
deukes zieht es vor, mit Kastor zu sterben und zu leben. 

Der nordische M3^h^s ist insofern einfacher, als sich 
der Kampf nur um ein Weib dreht, um Nanna, die Wa- 
gende, die aus dem Dunkel sich ans Licht Wagende. Dem 
Kastor, dem „Glänzenden", dem Reiter und Wagenlenker 
entspricht der glänzende Balder, der im Merseburger Segen 



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406 VIII. Di« einzetnCD Götler. 

wie in der Edda reitet und bei Saxo zu Wagen fahrt. 
Kastors dunkler Bruder Polydeukes ist Faustkampfer, doch 
wohl erst nach dem Aufkommen der gymnischen Spiele 
dazu gemacht. Kastor und Polydeukes walten nach des 
ersten Tode entweder beide lebendig in der Unterwelt oder 
der eine weilt in der Unterwelt, der andre im Olympos, 
oder sie leben beide unzertrennlich zusammen abwechselnd 
dort oder hier. Haiders Bruder Hermod folgt im isländischen 
Mythus seinem von einer imentrinnbaren Waffe getöteten 
Bruder Balder in die Hei, um ihn von dieser loszubitten 
und nach Asgard zurückzuführen. Aber vergeblich. Erst 
später kehrt Balder wirklich dahin zurück. Ein anderer 
Bruder, VäU, der Glänzende, ist sein Rächer. Der sich der 
Unterwelt preisgebende und der rächende Bruder, Hermod 
und Väli, fallen in Griechenland in einen Gott zusammen. 

So dürfen wir in Balder und seinem Bruder Hother die 
altgermanischen Aids, die nordischen Dioskuren, begrüßen, 
Zwielichtsgötter, die sich später in einen dunklen oder 
blinden Wintergott und einen lichten Sommei^ott um- 
setzten und sich befehdeten mit je nach der Jahreszeit 
wechselndem Erfolge. Dabei findet denn auch Balder seinen 
im Mythus wohl begründeten Tod. Aber wir können in 
diesem nicht das Urbild des Opfers eines altgermanischen 
Sündenbocks erkennen. Erst als in der Völuspa die christ- 
liche Anschauung die nordische Mythenwelt durchdrang, 
da wurde der lichteste der Götter zum Christus gemacht, 
zum Sühnopfer für alle Schuld erhoben. 

Im Gegensatz zum Baidermythus ist uns der Baider- 
kultus fast unbekannt, wenigstens, wenn wir von der doch 
auch nur dürftigen Meldung des Tacitus Über die Alois 
absehen. Denn der erst aus dem 13- oder 14. Jahrhundert 
stammenden romanhaften Fridthjofssaga ist nicht zu trauen, 
wenn sie einen Balderstempel Balärshagi am Sognefjord 
als ein großes Gebäude, eine Friedensstätte schildert, in 
der viele Götter, am höchsten aber Balder, verehrt worden 
seien. So streng hätten die Heiden die Heiligkeit der Stätte 
genommen, daß dort weder Mensch, noch Tier irgend ein 



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VU[. Di« einteben Goiter. 407 

Leid geschehen sei und Mann und Weib sich allen Um- 
gangs darin enthalten hätten. Und in der Tat weiß eine 
der eingestreuten älteren Liedstrophen von einem vertrau- 
hohen Verkehr zwischen Fridthjof und IngebjOrg in Baldrs- 
hagi, durch den sich Balder, der Schutzherr des Landes, 
verletzt fühlte. In der Umgebung Üegen noch ein Balders- 
grov und ein Baldersvold. Doch sind diese Namen wahr- 
scheinlich jünger als die Fridthjofssage. Geringer noch als 
in Norwegen smd die Spuren Balders in Schweden. Da- 
gegen hat Dänemark reichere Erinnenmgen an ihn und 
sogar an seinen Bruder Höd, die schon Saxo kannte (S. 396). 
Hadersleben in Schleswig und Boilersleben liegen nah bei 
einander. In England gab es im 8. Jahrhundert Baldheres- 
berge, in Deutschland ist der Doppelname Haider und Phol 
mehrfach in Ortsnamen bezeugt, doch darf man sich nicht 
auf das im 7. Jahrhundert im Moselgau bezeugte Balde- 
farunno berufen. Schon im 8. Jahrhundert kommt in Süd- 
deutschland Pholesouwu vor, dann Pholesbrunno m Thü- 
ringen und andere Phol- Ortschaften. 

Ein Sohn Balders war Forseti, der seines Vaters 
Richterwürde weiterführte, imd zwar in aller Milde. Er 
suchte die Rechtshändel durch friedUche Vergleiche zu 
endigen. In seinem glänzenden Saale Glitnir stand der 
beste Richterstuhl für Götter und Menschen. In Norwegen 
kennt man den Hof Forsetelund d, h. Forsetehain. Man 
fohlt sich versucht, seinen Namen als Vorsitzer, nämlich 
des Gerichts, zu deuten, aber ein Appellativum Forseti fehlt 
der altnordischen Sprache, sowie auch der friesischen ein 
Forsite. Darum ist es auch bedenküch, die friesische Insel 
Fosites- oder Fosetesland d. h. Helgoland mit dem nor- 
dischen Gotte Forseti in Verbindung zu bringen, doppelt 
bedenküch, weil in allen Anführungen des Inselnamens das 
r fehlt. Jedenfalls war auch Foseti ein Gott, der auf Hel- 
goland ein Heiligtum hatte, in dem sogar Menschenopfer 
dargebracht zu sein scheinen. Da sprudelte ein von heiligem, 
unantastbarem Vieh umweideter Quell, aus dem man nur 
schweigend schöpfen durfte. 



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408 Vni. Die einzelBcn GStter. 

Außer Thor und Balder und dessen BrQdem hat Odin 
noch einige andere Söhne, von denen Heimdallr als ein 
dem Uchten Balder in seinem Gnmdzug ähnlicher Gott den 
Vortritt haben möge. Doch haben sich beide nach sehr 
verschiedenen Richtungen hin entwickelt. Der Name Heim- 
dalls d. h. des über die Welt Leuchtenden fällt sofort als 
Kompositum auf, da doch den großen altgermanischea 
Gottheiten ein einfacher Name zukommt. Der Gott verrät 
sich dadurch schon als ein jüngeres Gebilde, das denn auch 
nicht einmal dem ganzen nordischen Volke, sondern nur 
der isländisch-norwegischen Dichtkunst bekannt gewesen 
zu sein scheint. Von einem Kultus keine Spur. Gleich 
Balder ein Lichtgott, teUt Heimdall mit diesem die Be- 
zeichnung des glänzendsten Äsen, und wenn er am 
Rande der Erde von neun Meerriesenschwestem geboren 
wird, scheint er der aus dem Meer aufsteigende T^ zu 
sein, dem etwa die Haupteigenschaften des griechischen 
Sonnengottes, des Helios, beigelegt wurden. Denn wie 
dieser ist er der Wächter der Götter, und wie dieser Alles 
nicht nur sieht, sondern auch hört, so sieht auch jener 
nicht nur nachts wie tags hundert Rasten weit, sondern 
er hört auch das Gras auf der Erde und die Wolle auf 
den Schafen wachsen. Er ist auch unermüdlich wie HeUos, 
denn er bedarf weniger Schlafs als ein Vogel. Gulltanni 
Goldzahn mag er auch als Morgengott heißen, wie ]a auch 
bei ims die Morgenstunde Gold im Munde hat. Sein Roß 
hieß Gulltoppr, Goldzopf. 

Diesem leuchtenden Gott hat man die farbenprächtigste 
Himmelserscheinung, den Regenbogen, in besondere Hut 
gegeben und zwar in seiner dreifachen Form, als Brücke, 
als Trinkhorn und als Blashom. Die Götterbrücke hat er 
zu bewachen vor den Riesen, die über sie ins Götterreich 
hereinbrechen wollen. So wohnt er mit feuchtem Rücken 
am Rande des Himmels in den Himinbjörg trinklustig, wie 
es nach indogermanischer Auffassung der Regenbogen 
selber ist. Er stößt ins Hom, so daß man es in allen 
Heimen hört, wenn mit dem Erscheinen des Regenbogens 



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Vm. Die eiwelnen Götter. 409 

Unwetter losbricht Da der Regenbogen sich auch über die 
Unterwelt und deren Fluß GjöU schwingt, so heißt er nicht 
nur Gjallarbrücke, sondern auch Gjallarhorn. 

Heimdalls Mythus ist zerrissen und durchweg späten 
Urspnmgs. Als Thor in Brauttracht zam Riesen Thryna 
fahren will, rät ihm Heimdali, sich mit Freyjas Halsband 
Brisingamen zu schmücken. Um dieses Halsband, die 
schöne Meemiere, kämpft mit ihm am Singastein Loki in 
Robber^estalt, Loki, dem Heimdall in seinem letzten Strauß 
in der Götterdämmerung unterüegt, vielleicht durch sein 
eigenes Schwert „Haupt". Warum gerade er nach dem 
eddischen RigsUede imter dem keltischen Namen 7?^^ d. i. 
König zur Erde herabsteigt, um die drei Stände der 
Menschen, den der Knechte und der Freien und der Jarle, 
zu gründen, ist nicht recht klar. Demgemäß heißen in der 
Völuspa die Menschen „Heimdalls Söhne". Dunkel ist auch 
im Hyndlulied seine urzeitüche Einzigburt, seine Ernährung 
mit der Erde Kraft, der See und dem Sühnblut und seine 
Bezeichnung als des reichsten Friedensfürsten der Völker. 
Spielen nicht in dieses Lichtgottes wie in jenes Lichtgottes 
Haider geheimnisvolle Christusvorstellungen hinein? Offen 
zeigt sich christUcher Einfluß, wenn Heimdall in der Vö- 
luspa, gleich dem apokalyptischen Engel mit der Posaune, 
mit seinem Homstoß den Untergang der Welt ankündigt. 

Für einen Sohn Odins galt auch Bragi, der Gott des 
Bragr d. h. der Dichtkunst Zuerst heißt der Dichtergott 
Odin selber Bragi, dann aber wird Bragi zu seinem Thulr 
oder Sprecher und zu seinem Sohn. In den Eireksmal ist 
er neben Odin bereits eine Hauptperson in Walhall, wo er 
die gefallenen Krieger willkommen heißt, doch wohl, um 
sie dann auch durch ein Preislied zu feiern. Als die Götter 
den Riesen Aegir glänzend bewirteten, saß Bragi neben 
ihm tmd erzählte ihm den Ursprung der Skaldenkunst. Nur 
der SpOtter Loki verschonte auch ihn nicht bei dem Gast- 
mahl, das Aegir wiederum den Äsen gab , mit dem 
Schimpfwort Feigling. Breitbärtig, weise, beredt und der 
Dichtkunst mächtig war er aber der beste aller Skalden. 



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410 Vtn. Die «JDieln«!! GSIter. 

Von seiner Zunge kam die Runenweisheit, deren die Dich- 
ter bedurften, und sein Name ging auf den ältesten 
menschlichen Skalden, den Böddason, Ober. Bragis Gattin 
ist Idun, die wir weiter unten kennen lernen werden. 

Nicht zu Odins Sippe gehört UUr, bei Saxo Ollerus, 
aber er ist ihm wesensverwandt und greift feindlich in 
seinen Wirkungskreis ein. Deutet sein Name, der vom 
gotischen Vulthus Herrlichkeit abgeleitet wird, auf eine 
frühere höhere Stellung, die er jedoch immer nur in einem 
Teil des Nordens einnahm ? Er ist aber kein lichter Gott, 
sondern vielmehr das düstere winterliche Gegenstück zu 
Odin, eine Art Winterodtn. Wie der winterliche Waldgott 
Hödr und der Sommergott Haider mit wechselndem Erfolge 
um die Herrschaft ringen, so auch Oller und Odin, von 
deren Kampf wir oben vernommen haben (S. 377). Nach 
seinem Siege nennt sich Oller selber Odin. UUr ist 
mit wenigen, aber sicheren Strichen gezeichnet als Jagd- 
oder Bogengott, der auf Schnee- oder auf Schlittschuhen 
dahinsaust gleich der Sturmriesin Skadi. Selbst über das 
Meer geht er auf einem schildförmigen Knochen, der Ulis 
Schiff heißt und ihm den Beinamen Schildgott gegeben 
hat. Er wohnt in düsteren Eibentälem, weil die Eibe das 
beste Holz zum Bogen lieferte, weil der Eibenbogen die 
beste Jagdwaffe war, die schon in den würtembergischen 
Totenbäumen von Oberflacht gefunden worden ist und 
deren sich der deutsche Bauer noch im Fastnachtsspiel 
rühmte. Aber die Eibenbehausimg paßt für dieses dunkle 
Wesen auch wegen ihrer düstem Nadeln; so war ein 
irisches Eibental durch seine Gespenster berüchtigl. Wie 
Odin ist er ein tüchtiger Krieger, den man gern im Zwei- 
kampf anruft, vielleicht weil im Norden der Winter be- 
sonders zu solchem, nicht zum Massenkampf benutzt wiu^de. 
Man schwor bei seinem Ringe, In Schweden scheinen 
mehrere Orte nach ihm benannt zu sein. 

Als Reisegefährte Odins und Lokis oder Lödurs erscheint 
mehrmals Hoenir, den viele für einen halb verschollenen 
alten und einst mächtigen Gott halten, der aber wohl niu* 



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Vn[. Die einzelnen Götter. Hl 

ein willkürliches , in sich haltioses , widerspruchsvolles 
Machwerk der Skalden ist. Sein unaufgeklärter Name und 
seine Beinamen, der „schnelle As", der „Langfuß" und der 
„Aurkonungr oder Nässekönig", widerstehen alle einer 
sichern Deutung. Im Mythus spielt er bald den hehren 
Schöpfer, der den ersten Menschen ihr Bestes gibt, nämlich 
Seele und Geist, bald läuft er als bedeutungsloser Begleiter 
neben Odin her, bald wird er, von Wuchs stattlich, aber 
von Geist schwach, von den Äsen den Wanen als Geisel zu- 
geschoben und zeigt sich unter diesen bald als einen Mann, 
der weder andern, noch sich zu raten weiß. Nach der 
Völuspa fanden Odin, Hoenir imd Lödur einst Ask und 
Embla unvermögend und schicksalslos am Lande, aber 
Odin gab ihnen Atem, Hoenir Seele und Lodur Beweglich- 
keit, Gebärde imd frische Farbe. Diese Dreiheit ist wesent- 
lich der schaffenden Eh-eieinigkeit des christlichen Mythus 
von der Menschenschöpfung nachgebildet, wie sich weiter 
unten zeigen wird. — Ebenso rätselhaft erscheint Hoenir beim 
Friedensschluß zwischen den Äsen und den Wanen, Jene 
gaben gegen Frey und NjOrd den Hoenir als Geisel, einen 
großen und schönen Mann, imd mit ihm den Kitigsten, 
Mimir. In Wanenheim machte man Hoenir sofort zum 
Häuptling; er erwies sich aber bei Entscheidungen sehr 
beschrankt, sobald Mimir ihm nicht zur Seite stand. Die 
betrogenen Wanen enthaupteten in ihrem Zorne Mimir und 
schickten seinen Kopf den Äsen zurtick. — Endlich wird 
nach der Völuspa Hoenir im neuen Paradiese den Loszweig 
kiesen, und die SOhne zweier Brüder werden Windheim 
bewohnen. Immer tieferes Dxmkel lagert sich über den 
Gott. — Auch seine Wanderungen mit Odin und Loki im 
Thjazimythus und in der Vorgeschichte des Nibelungen- 
horts {S. 233) bringen kein Licht, so wenig, wie das Auf- 
treten derselben Dreizahl in einem neueren färöischen 
Märchenliede : ein Bauer, der im Brettspiel seinen Sohn 
an einen Riesen verloren hat, ruft nach einander Odin, 
Hoenir und Loki an. Der erste versteckt den Knaben als 
Gerstenkorn mitten im Acker in eine Ähre, der zweite als 



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413 VUI. Die einzelDeD GOUcr. 

Feder in das Nackengefieder eines Schwans, der dritte als 
Kömchen im Rogen eines Fisches. So entrinnt er jedesmal 
dem nachstellenden Unhold, bis Loki diesen totschlagt 

Nur die von der Völuspa erzählten zwei Hoenirge- 
schichten können vielleicht aus dem christlichen Mythus 
etwas Licht empfangen. 

Die Reihe der Götter beschließt füglich der „schweig- 
same" Gott Vidarr, der Waldherr, der in dem busch- 
und grasreichen Lande Widi wohnt Er wird Sohn der 
Thorsfreundin Grld (S. 232) genamit. Bei Aegirs Götler- 
gelage räumt er auf Odins Befehl seinen Sitz dem Loki 
ein und schenkt ihm ein- Deshalb verschont ihn allein von 
allen Gästen Loki mit seiner Lästerzunge. Sein rätselhaftes 
Dasein gehl ganz in seiner Rachetat auf. Er springt in 
Widi von seinem Rosse, um kllhn seinen Vater Odin zu 
rächen, den der Fenriswolf verschlungen hat Er tritt dem 
Untier in den Unterkiefer mit einem Eisenschuh oder einem 
Lederschuh, der aus den von den Menschen weggeworfenen 
Lederflicken zusammengesetzt ist. Dann stößt er ihm durch 
den Rachen sein Schwert ins Herz, faßt den Oberkiefer 
und reißt ihm die Kiefer auseinander. Nach dem Weltbrand 
wohnt der Bluträcher Odins mit Vah, dem Bluträcher 
Balders, im Heiligtum der Götter. Volle Erklärung dieser 
Tat Widars kann nur aus christlicher Anschauung gewonnen 
werden. 



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Neuntes Kapitel 

Die einzelnen Göttinnen. 

Im Seelenglauben trat das weibliche Geschlecht hinter 
dem männlichen zurück, ist er doch am innigsten ver- 
knüpft mit dem leitenden Manne, dem Hausvater. Dagegen 
herrschen unter den Alpdrucksgeistem Mädchen und Frauen 
vor, sie erscheinen durchaus gleich angesehen im Elfen- 
und Riesenreich, und in der Gruppe der höheren Dämonen 
sind sie den Männern fast überlegen. In der germanischen 
Götterwelt offenbart die geringere Zahl und die schwächere 
Ausgestaltung der weiblichen Gottheiten eine gewisse 
Rückständigkeit derselben. Darin aber gleicht ihre Ent- 
wicklung der der Götter, daß auch sie aus dem Dämonen- 
tum und zwar überwiegend aus dem elfischen aufsteigen. 
Aus den altgermanischen Gabien, den gütigen Geberinnen, 
erhebt sich gewaltig die nordische Gefjon, aus der Schar 
der weißen Frauen, der Berchten, Holden und Huldren 
tritt eine königliche hervor und zwar im Norden eine mehr 
jungfräuliche und eine reife Frau, jene dem Wanen- 
geschlecht {S. 362) und diese dem Asenstamme angehörig. 
Schon diese nur dem Norden eigene Spaltung der Haupt- 
göttin in zwei Gestalten, sowie die im Norden durchweg 
skaldische, im Süden durchweg volkstümliche Überlieferung 
empfiehlt eine gesonderte Darstellung der nord- und der 
Südgermacischen Göttinnen. An der Spitze 

der nordischen Göttinnen 
steht Frigg. Sie heißt althochdeutsch Friia, langobardisch 
Frea, angelsächsisch Frig, in deutschen Mundarten Fru 
Fricke, Frien u. s. w., was dem sanskritischen Prtja ent- 



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414 IX. Die einielaen GOttiiui«o. 

Spricht und die Geliebte, die Gattin, das Weib bedeutet 
Nach ihr, nicht nach Freyja, heißt etwa seit dem 3. Jahr- 
hundert n. Chr. der römische Dies Veneris, ahd. Friatag, 
altnord. Frjadagr, unser Freitag. Frigg ist die Tochter 
Fjörgyns und die Gattin Odins. Vielleicht galt sie firüher 
für Thors Frau, wie sie noch nach jüngerem schwedischen 
Volksglauben als Gattin den Thor auf seinen Fahrten be- 
gleitet Frigg ist als Wolken- und Erdgöttin die Königin 
der Äsen und Asinnen und die Mutter des edelsten Gottes, 
Balders. Sie bewohnt die prächtigen Fensalir, die weiten 
Wolkensäle, imd teilt mit Odin den Himmelsthron, die 
HUdskjalf. Sie kennt zwar wie die Nomen die Schicksale 
der Menschen, aber sie verktlndet sie nicht selber. Dem 
schwedischen Volk^lauben gilt sie für eine fleißig spin- 
nende Hausfrau, deren Friggerocken oder Friggespindel 
man im Orionsgürtel erkennt. An ihrem Tage, dem Freitag, 
muß das Spinnrad ruhen, weil dann Frigg darauf spinnt. 
In Norwegen zeigt sie sich noch bäuerlicher: Stör Frigg 
geht mit elfischem Vieh. Ob sie sich zum Fluge wie Freyja 
eines Falkengewandes bedient, ist unsicher. Ihre Mit- 
göttinnen bilden eine Art Gefolge, das die verschiedenen 
Seiten ihres Wesens darstellt. Sdga, die Seherin {?), trinkt 
mit Odin am Sinkebach (S. 381), Etr, die Schonerin, Pfle- 
gerin, ist die kundigste Ärztin, der Jungfrau Gefjon, der 
Geberin, dienen die unvermählt Gestorbenen, die gleichfalls 
jimgfräuüche Fulla oder Fülle, durch wallendes Haar und 
goldene Kopfbinde ausgezeichnet, hütet Friggs Schmuck- 
kästlein und Schuhzeug. Sie ist die besondere Vertraute 
und darum auch in Grimnismal die Botin ihrer Herrin. Der 
Frigg aber an Würde zunächst steht die Vanadls oder 
Wanenfrau Freyja. Sjöfn, die Verliebtheit, lenkt den Sinn 
der Männer wie Weiber zur Liebe. Die milde, gutherzige 
Loßt, die Erlauberin, erwirkt von Allvater oder von Frigg die 
Erlaubnis zu solchen Ehen, die vorher verboten waren. 
Vdr, die Vertragsgöttin, achtet auf die Eide und Verträge 
zwischen Weibern und Männern und rächt deren Bruch. 
Vor, die Vorsicht, ist klug und vielerfahren, so daß ihr kein 



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DC Di« einzelnen Gittliimen. 415 

Ding verborgen bleiben kann. Syn, die Einsprecherin, wei- 
gert Unbefugten den Eintritt in die Haustüre und erliebt 
bei Gericht Einsprache. Hlin, die Schützerin, ist zur Wäch- 
terin derer gesetzt, die Frigg vor Gefahr behüten wilL 
Snotra, die Kluge, ist weise und von feinem Benehmen. 
Gnd reitet als Botin der Frigg auf Höfvarpnir, dem Huf- 
werfer, durch Luft luid Meer in die verschiedenen Welt- 
heime. Söl die Sonne und Bit der Mond, eigentlich die 
Mondphase, schließen die lange Reihe. 

Diese 16 Göttinnen sind zum größten Teil nie Volks- 
göttinnen, sondern nur poetische Personifikationen gewisser 
höherer Eigenschaften und Tätigkeiten der Frigg gewesen. 
Sie offenbaren uns aber, welche Züge im Skaldenkreise 
für götterwürdig, für würdig der Natur der ersten Göttin 
galten. Ein milder, gerechter Sinn waltet in ihnen vor: 
Kranke und Liebende, glückhch wie unglücklich Liebende, 
die Ehe und der Haus- und Gerichtsfriede stehen unter 
ihrem Schutz. Vorsicht, Klugheit und Anstand werden ihr 
nachgerühmt, als Saga schaut sie in die ferne Zukunft. 
Zu den entlegensten Gegenden bringt Gna ihre Befehle. 
Sonne und Mond scheinen ihr untergeben. Und zwei dieser 
ihr verbundenen Göttinnen, um von der Wanin Freyja hier 
abzusehen, Fulla und Gefjon, sind ihr seit Alters, in der 
vorskaldischen Zeit, als bereits selbständigere Persönlich- 
keiten beigegeben. Denn Volla erscheint als die vertraute 
Gefährtin der Fria auch schon nach dem zweiten Merse- 
burger Zauberspruche auf deutschem Boden, um Balders 
Fohlen heilen zu helfen; außerdem noch Sinthgunt und 
Sunna, von denen die letzte sicher jener Söl, die andre 
vielleicht der Eil entspricht (S. 392). Auch noch eine andre 
Nachricht bestätigt die Vertrautheit der Frigg und Fulla: 
die mit ihrem Balder zur Hei gefahrene Gattin Nanna 
gibt dem nach Asgard zurückreitenden Hermod nicht nur 
ein Kopftuch als Gabe für ihre Schwiegermutter Frigg mit, 
sondern sie denkt auch freundlich an deren Freundin Fulla, 
für die sie einen goldenen Fingerring hinzufügt 

In der Gefjon (S. 237) tritt Frigg als gütige Geberin auf. 



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416 IX. Die einietnen Gsttiiuieii. 

Nach ihrem Hauptmythus ist sie eine fahrende Frau asischer 
Abkunft, der der schwedische König Gylfi zum Lohn für 
die Unterhaltung, die sie ihm durch ihre Künste bereitet 
hat, so viel Ackerland verspricht, als sie mit vier Ochsen 
in einem Tage und einer Nacht umpflügen kann. Sie spannt 
vier Ochsen, ihre eignen Söhne, ein, die sie in Riesenheim 
einem Riesen geboren hatte. Nun pfK^e sie aus Schweden 
ein großes Stück Land heraus, das die Ochsen ins Meer 
schleppten. Das ist die fruchtbare danische Insel Seeland. 
Mit Recht heißt sie also Gefjon, denn sie ist eine Land- 
geberin der Dänen. Ganz ahnUch versprach König Jarbas 
der fahrenden Frau (femina errans) Dido so viel Pfugland, 
als sie mit einer Ochsenhaut umgeben könnte, worauf sie 
dieselbe in schmale lange Riemen zerschnitt. Aber auch 
die spätere deutsche Ortssage hat im Norden wie im Süden 
Deutschlands das Andenken an die gütige göttliche Land- 
geberin festgehalten, von deren Wohltat die lukimdUche 
Geschichte nichts weiß. Gräfin Gertrud von Rochenstain 
erhielt von ihren Söhnen so viel Land zur Stiftung des 
zwischen Ulm und Augsburg gelegenen Klosters Wetten- 
hausen zugesagt, als sie innerhalb eines Tags umpflügen 
könnte. Da schaffte sie einen ganz kleinen Pflug, bar^ 
ihn in ihrem Busen und umritt ein weites Gebiet, das der 
Stiftung zufiel. 

In Baden kennt man in Berghaupten bei Gengenbach, 
in Lahr, in Kenzingen, im Vierdörferwald, in Herbolzheim 
und in Staufen ein waldschenkendes Fräulein von Gerolds- 
eck, von Uesenberg und von Staufen. Bekannter ist die 
Witwe des letzten Grafen von Lesum, Emma, die 1032 dea 
Bremern so viel Weideland schenkte, als ein in der Stadt 
lebender Zwerg in einem Tage umkriechen konnte, die 
sogen. Bürgerweide. Das Pflügen wird in diesen Über- 
lieferungen vergessen oder auch in eigentümlicher Weise 
mit einem Ritte verbunden. In den verwandten Sagen 
Englands herrscht der Ritt vor, den eine gütige Grafin, 
sei's von Merda, sei's von Hereford, nackt durch Coventry 
oder St. Briavels ausführt, um von ihrem Gemahl, der das 



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IX. Die einzelncD GSttümcD. jl7 

fordert, Zollfreiheit oder das Holzrecht im nahen Walde 
ftlr die Einwohner zu erlangen. Die Geschichte wird zum 
Jahr 1057 erzählt, ihr Andenken wurde zu Pfingsten durch 
einen Umzug eines Mädchens im ungefähren Kostüm der 
Gräfin gefeiert, wie man in Deutschland zu derselben Zeit 
einen nackten laubumhüllten Knaben umführte und ins 
Wasser warf, um den für Acker und Weide nötigen Früh- 
lingsregen zu erwecken. So wird auch die Gräfin eine 
freigebige Frühlingsgöttin gewesen sein und daher den 
Namen Godiva oder eigentlich Godgifu, göttliche Gabe oder 
Geberin, getragen haben ; nackt, weil Nacktheit gleich dem 
Pflugziehen und Wassersturz nach altem Glauben Frucht- 
barkeit erzeugte. 

So ist aus den altgermanischen Gabien (S. 213) die 
nordische Gefjon geworden, aus denselben und den ihnen 
wesensverwandten Wald-, Acker- und Weidefräulein die mit 
dem Pflug im Frühhng umziehende Berchta oder Holda, 
an deren Stelle dann später eine hohe Frau, wie jene 
adeUgen Frauen Deutschlands und die nackte Reiterin, die 
englische Gräfin Godgifu, trat. Überall schwebt milde 
Frauengüte eines höheren weiblichen Wesens über der 
heimischen Flur. 

Gefjon wird von Loki beschuldigt, aus Habgier Buhlerei 
getrieben zu haben, aber Odin warnt ihn vor ihrem Grimm, 
denn sie wisse die Weltgeschicke gerade so gut wie er selber. 
Beide Züge werden auch ihrer Herrin Frigg zugeteilt. Aus 
Goldgier gibt diese sich einem Diener Odins hin, sowie sie 
mit dessen Brüdern Wiü und W^ buhlt. Sie überUstet 
auch nach der Langobardensage ihren Gemahl, um ihren 
Schützlingen, den Winilem, den Sieg zuzuwenden. Sie 
erscheint aber auch als rührend besorgte Mutter, wenn sie 
alle Wesen vereidigt, ihren Sohn Balder nicht zu verletzen, 
imd wenn sie weinend Hermod zur Hei sendet, um Balder 
wiederzuholen. 

Von einem Kultus der Frigg ist wenig bekannt Selbst 
Flüche, Schwüre imd Minnetrunksrufe, die oft Freyja er- 
wähnen, richten sich nie' an sie. Nur der Merseburger 

Heyer, E. H., Cemun. Mythologie. 27 



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418 IX. Die einzelnen Geuinnen. 

Zauberspruch zeigt ihre heilende Tätigkeit, und nach einem 
eddischen Liede hilft sie mit Freyja kreißenden Frauen. 
Auch von Kinderlosen wurde sie angefleht, und die Wurzel 
des Friggjargrases, der Orchidea odoratissima, wird unter 
das Kissen gelegt, um Liebeslust zu wecken. 

In Friggs Gefolge nimmt Freyja den ersten Rang, 
tlberhaupt eine gesonderte Stellung ein. Denn sie allein ist 
in dieser Göttinnenschar nicht eine Asin, sondern eine 
Wanin oder Vanadfs, Njörds Tochter und Freys Schwester 
(S. 363). Sie allein hat außer ihrem klaren Hauptnamen, 
welcher Frau d. h. Herrin bedeutet, noch vier andre meist 
dunkle : Mardöll, etwa die Meerglänzende, Hörn, Gefn, wahr- 
scheinlich das Meer, und Syr. Sie allein hat einen Gemahl 
namens Öär, dem sie eine Tochter Hnoss und eine zweite 
Gersemi schenkt. Sie scheint eine spate dichterische Nach- 
bildung der Frigg zu sein, die nur in Norwegen imd Island 
bekannt war. Schönheit und Liebeslust sind die Haupt- 
eigenschaften dieser nordischen Venus, aber sie nimmt sich 
auch der Toten an. Schön ist sie auch im Weinen (grätfagra). 
Götter, Riesen und Zwerge trachten nach ihrem Besitz; 
Loki wirft ihr sogar vor, daß sie mit allen Äsen und Alfen 
gebuhlt habe. Sie heißt Odins Geliebte; die Riesen Smid, 
Hrungnir und Thrym (s, oben) begehren sie von den 
Göttern als Lohn oder Lösegeld, die Zwerge erlangen 
durch ihre Kunstwerke ihre höchste Gunst, und im Hyndlu- 
lied schweift sie nachts nach Männern umher. Der christ- 
liche Skalde Hjalti schalt sie eine Hündin, wie Odin einen 
Hund. Sie begünstigt der Menschen Liebe und Liebeslied 
und hilft ihnen gem. So reitet sie zur Riesin Hyndla, damit 
ihr Liebling Ottar von ihr Auskunft über seine Vorfahren 
erhalte, Sie treibt zuerst unter den Äsen Zauber. Sie 
kommt heran wie ihr Bruder Frey auf dem Wolkenschiffe 
Skfdbladnir oder auf einem Eber, Hildisvfni, oder sie 
rauscht im Falkengewande durch die Luft. Aber sie fährt 
auch in einem mit Katzen bespannten Wagen oder reitet 
als Valfreyja zur Schlacht hinab, um sich die Hälfte der 
Gefallenen in ihren sitzräumigen Saal Sessr^mnir in Folk- 



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DE. Die einzelnen GOttiDneo. 419 

wang zu holen. Auch schenkt sie ganz walkürenhaft dem 
Riesen Hrungnir in Walhall Bier ein. Die Tochter des 
Skalden Egil sehnt sich lebensmüde nach dem Nachtmahl 
bei Freyj'a. 

Der köstlichste Besitz der Göttin ist das Brisingamen, 
das Halsband der Brisinge, wahrscheinlich der Regenbogen, 
mit dem sich auch in andern indogermanischen Mythen 
die Wolkenfrau schmUckt. Als Loki ihr zumutet, als Braut 
zu dem Riesen Thrym zu fahren, damit Thor seinen 
Hammer wieder bekomme, da schnaubt sie zornig, daß die 
Burg bebt und das Halsband zerspringt. Das hatte sie 
aber, wie sie Odins Geliebte war, bei den vier Zwergen 
Alfrigg, Berlingr, Dvalinn und Grerr gesehen, und sie ver- 
langte darnach. Sie verkauften es ihr, nachdem sie jedem 
eine Nacht gegönnt hatte. Nun befahl Odin dem Loki, ihr 
das Halsband zu stehlen. Loki schlüpfte als Fliege in ihr 
Schlafgemach, veranlaßte als Floh die Schlummernde durch 
einen Stich zu einer Wendung des Halses und nahm ihr 
das Band, um es Odin zu überbringen. Freyja erhielt ihren 
Schmuck von Odin nur gegen das Versprechen zurück, 
zwei gleich mächtige Könige in einen unaufhörUchen Kampf 
gegen einander zu hetzen. Nach einer andern Dichtimg 
rang Heimdall dem Räuber Loki die schöne Meemiere, 
jenes Halsband, wieder ab (S. 409). 

Nach einem schwerlich heimischen, etwas sentimentalen 
Mythus wird Freyja von ihrem Gemahl Ödr, der sonst 
ganz unbekannt ist, verlassen. Er zieht weite Wege fort 
von ihr, und sie bleibt zurück und weint rotgoldene Tränen ; 
dann rafft sie sich auf, um ihn unter verschiedenen Namen 
bei unbekannten Völkern aufzusuchen. Dire Töchter heißen 
Hnoss Schmuck und Gersimi Kleinod. Diese Geschichte 
klingt an die christliche Legende von der Seele an, die, als 
Braut Christi gedacht, ihm nicht nur im babylonischen 
Tränental nachweinte, sondern auch durch viele imbe- 
kannte Völker nachpilgerte, lun endlich, mit ihm ver- 
eint, den goldenen Schmuck des Gehorsams zu ge- 
winnen. 

27* 

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43ß IX. Die eioMlDen GOttümen. 

Auch Freyjas Kultus wird selten erwähnt; nur schwor 
man häufig bei ihr und trank ihr bei Festen Minne zu. 
Ihr Liebling Ottar rötete mit Stierblut ihren Steinaltar so 
häufig, wie es heißt, daß die Steine verglasten. In der 
Kindsnot riefen Frauen sie und Frigg an. 

Idunn d. h. die sich wieder Verjüngende, ist eine jugend- 
liche Frigg-Freyja und gilt für eine Göttin der ewigen Jugend. 
Sie gleicht etwa der attischen Fandrosos, der allbeträufeln- 
den Göttin des Wachstum bringenden FrüMingsregens. Als 
Spenderin erquickenden Nasses heißt sie daher ölgefn, die 
Biergeberin, und bii^ m ihrem Kasten goldne Äpfel, die 
sonnigen Sommertage. Ernst entftlhrte sie der Sturmriese 
Thjazi nach seinem Thrymheim Sturmheim. Da alterten 
selbst die Götter dahin, bis sie Loki zwangen, Munn wieder 
nach Asgard zurückzuholen. Und Loki raubte sie denn 
auch dem Riesen in Freyjas Falkenhemd, und die Götter 
durchdrang ein neues Leben. Sinnig gaben sie die Skalden 
dem Bragi zur Gemahlin, dessen ewig junge Dichtkunst 
nicht nur die Einherjar, sondern auch die wieder aufgelebten 
Götter geistig erquicken mochte. 

Die deutschen Göttinnen. 

Den drei nordischen, mehr oder minder von den Skalden 
stilisierten Göttinnen Frigg, Freyja und Idunn tritt nun 
eine Reihe deutscher Göttinnen durchweg naturfrischerer 
Art gegenüber, von denen doch auch manches Band 
wieder zu üiren nordischen Schwestern hinOberläuft 

Keine Gottheit der Deutschen hat auf Tacitus einen 
tieferen Eindruck gemacht als unsere älteste Haupt- 
göttin Nerthus, d. h. „die Mutter Erde". Von sieben 
Völkerschaften, die im östlichen Schleswig und in dessen 
Nachbarlanden wohnten, wurde sie gemeinsam verehrt und 
zwar in dem stillen abgelegenen Haine einer Insel des 
Ozeans, wo ihr ein mit einer Gewandung bedeckter W^en 
geweiht war. Nur der Priester durfte ihn berühren. Wenn 
er erkannte, daß die Göttin in ihrem Heil^tum zugegen 
war, so zogen sie Kühe auf ihrem Wagen hinaus, und der 



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IX. Die emzelnen GCtiiDneii. 421 

Priester begleitete sie. Dann gab es frohe Tage, überall in 
den festlichen Ortschaften wird sie gastlich aufgenommen. 
Keine Fehde, alle Waffen ruhen, heiliger Friede herrscht 
weit und breit, bis der Priester die durch die Freude der 
Sterblichen gesättigte Göttin dem HeiUgtum zurückgibt. 
Alsbald werden ihr Wagen und die Tücher und die Gott- 
heit selber in einem See gebadet. Die dabei hilfreichen 
Knechte verschüngt derselbe See. Ein geheimnisvoller 
Schrecken umgibt das, was nur die dem Tode Geweihten 
sehen. 

Nerthus, die früher nach einer schlechten Lesart Hertha 
genannt wurde, bedeutet die Machtige, Kräftige und ist ein 
südgermanisches Femininum zu dem nordischen Masculinum 
Njörd (S. 363), mit dem sie auch die Haupteigenschaft, die 
befruchtende, teilt Eben diese Eigenschaft, dann ihre 
Frühlingsfahrt auf rinderbespanntem Wagen und ihr und 
ihres Wagens und ihrer Tücher Bad erinnerten Tacitus 
an die römische Terra mater, die phrygische große Götter- 
mutter Kybele, und ihre auch auf ihren Wagen und ihre 
Geräte sich erstreckende Waschimg, Unter dem Ozean ist 
liier die Ostsee und imter der Insel ein der Küste nahe 
gelegenes Eiland zu verstehen. Die Göttin zog aus, wenn 
ihr Priester, wahrscheinüch im Grünen des Hains und 
Blühen der ersten Blumen, ihre Gegenwart merkte. Sie 
war eine Frühlingsgöttin. Sie suchte aber schwerlich alle 
jene Völkerschaften auf ihrer Wagenfahrt auf, sondern 
begrüßte nur die auf die Insel zur gemeinsamen Verehrung 
herübergekommenen Vertreter derselben und etwa noch 
die Ortschaften des nächsten Umkreises. Jubel, Tänze und 
Festmähler begrüßen auch später den Maikönig oder die 
Maikönigin oder beide, wenn sie, mit dem ersten Grün 
geschmückt, in die Dörfer kommen unter frohem Jubel der 
Menge, Auch wurde, um dem sprossenden Acker das 
befruchtende Naß zu sichern, im Frühling oder in der Dürre 
ein Mädchen gleich der Nerthus, auf ihrem Gefährt, dem 
ersten Pflug oder der ersten Egge, in den Bach, Fluß oder 
Teich gezogen oder das Gefährt mit Wasser begossen. 



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423 IX. Die einzelnen GSttinneD. 

An andern Orten wurde ein Bursche, der „Wasservogel", 
laubverhüllt nach seinem Frühlingseinritt ins Wasser ge- 
worfen. Das erinnert an das Schicksal der in den See 
gestoßenen Nerthusdiener, das vielleicht früher wirklich 
ein Menschenopfer war oder von Tadtus als solches miß- 
verstanden wurde. Überall blicken aus diesen verwandten 
phrygisch-römischen, alt- und neugermamschen Bräuchen 
die naiven Züge eines Regenzaubers hindurch, der den 
Vertreter der Pflanzenwelt in entscheidender Zeit mit dem 
Wasser in unmittelbarste Verbindung setzen sollte, um 
dadurch auf sie das Himmelswasser herabzuziehen. 

Eine andere Hauptgöttin, die von einem Teil der Sueven 
verehrt wurde, nennt Tacitus gleich nach den drei großen 
germanischen Göttern Wodan, Donar und Tiu imd ver- 
gleicht sie der römischen Isis, denn ihr Attribut war ein 
leichtes Schiff. „Schiff der Isis" hieß in Rom ein berühmter 
Aufzug der Fruchtbarkeit spendenden Göttin, die während 
der Kaiserzeit auch am Niederrhein beliebt wurde. In Köln 
wurde ihr altverehrtes Bild später sogar in die St. Ursula- 
kirche eingemauert und die keltische Fruchtgöttin Neha- 
lennia auf Walcberen ganz wie die Isis dargestellt mit 
einer Flügelhaube, mit Früchten im Schoß oder im Frucht- 
korb oder im Füllhorn, mit einem Hund, ihren Fuß auf 
einen Schiffssteven setzend. Aber das bei den Sueven 
auffällige Schiff ist als echt germanisch anzusehen, wie 
denn auch bei den Sueven in ihren späteren Sitzen, in Ulm 
und in anderen Orten, ein Umzug mit Schiffen oder Schiff- 
schütten neben jener Wagen- und Pflugfahrt im Beginn 
der wärmeren Jahrszeit hei^ng. 

Die dritte taciteische Göttin ist Tanfana, wahrschein- 
lich wiederum eine Göttin der' Fruchtbarkeit Als die 
Marsen ihr zu Wintersanfang im Jahr 14 n. Chr. fröhlich 
ein Opfer, wahrscheinlich ein Emtedankopfer, brachten, 
wurden sie von Germanicus überfallen und das Heiligtum 
ihrer Göttin zerstört 

Unter drei Namen, in verschiedenen Formen tritt uns 
in verschiedenen Landschaften zu Tadtus' Zeit, wie es 



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IX. Di« einielDca GCttianen. 423 

scheint, immer dieselbe Göttin entgegen, die namentlich 
im Frühling imd im Herbst gefeiert wurde, dort, um ihren 
Segen für die Flur zu erbitten, hier, um für den erhaltenen 
Segen zu danken. Es ist wiederum die Wolken-, die Regen- 
göttin, die solches vermag. Eine ahnlich nutzbringende 
Göttin wird die Dea Hl u dan a gewesen sein, der bei 
Münstereifel, Xanten und Beetgum Steine gesetzt worden 
sind, an letztem Ort von westfriesischen Fischereipächtem. 

Diesen Göttinnen der Römerzeit kommt an Alter am 
nächsten die angelsächsische Eostra, Nach dem hoch- 
gelehrten Angelsachsen Beda, der um 700 lebte, hatte der 
Eosturmonat, der April, von einer Göttin Eostre den Namen, 
der man in dieser Zeit Feste gefeiert hätte. Dagegen 
scheint zu streiten, daß imter den uns überlieferten zahl- 
reichen Monatsnamen kein einziger anderer von einem 
Göttemamen hergenommen ist. Auch war der Ostermonat 
eine gute Bezeichnung für den Passahmonat, weil nach 
altkirchlicher Bestinmiung Ostern erst gefeiert werden 
durfte, wenn die Frühüngsgleiche eingetreten, die Sonne 
wieder zum genauen Ostpunkt ztorückgekehrt war. Dafür 
spricht hinwieder, daß die Inder eine Ushas, die Griechen 
eine Eos, die Römer eine Aurora, die Litauer eine Auszra, 
d. h. eine „leuchtende" Göttin der Morgenröte kannten, 
der eine germanische Austro wohl entsprechen würde. 
Wie die indische Ushas sich zu einer Göttin des Frühlings- 
lichtes erweiterte, so konnte auch die deutsche Ostara zu 
einer Frühlingsgöttin werden. Und an schönen Sagen der 
Osterjungfer fehlt es in spaterer Zeit nicht, wie sich weiter 
unten zeigen wird. 

In der großen angelsachsischen Ackerbuße (S. 33) wird 
eine Eordan MOthor Erdenmutter und die Felde Fira 
MOthor, die Erde der Menschen Mutter, um Wachstum imd 
Gedeihen der Saaten angerufen, aber beide werden unter 
dem Schutz des Christengottes gedacht, sodaß ihr Heiden- 
tum sehr zweifelhaft ist. 

Ein volleres Bild der deutschen Hauptgöttin gewinnen 
wir erst aus größtenteils jüngerer Volksüberlieferung, ein 



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4U IX. Die einielnen GQttinnen. 

zwar im Laufe vieler christlicher Jahrhunderte vielfach 
entstelltes, aber in seiner bäuerlichen Einfachheit dennoch 
echtes. Frau Holle oder Frau Holda heißt sie vorzugs- 
weise in Mitteldeutschland und in einzelnen Landschaften 
Österreichs und in Siebenbtlrgen, sie ist dann auch noch 
durch Grimms Märchen weiterhin im Volke bekannt ge- 
worden. Ihr entspricht in einem großen Teil Süddeutsch- 
lands bis nach Thüringen hinein Frau Berchta. Unter 
den Namen Fru Freen, Frien, Frick oder Fru Gode 
oder Fru Harke erscheint sie im Nordosten von Schleswig, 
in Pommern imd Mecklenburg bis zum Nordrande des 
Harzes und noch unter anderen Namen anderswo. Auch 
die weiße Frau wird sie genannt. Einige neuere Mythologen 
verweigern ihrem Urbild mit Unrecht den Rang einer alten 
Göttin wegen ihrer spaten urkundlichen Bezeugung und 
wegen ihres oft so gespenstischen, häßlichen und harten 
Auftretens. Und doch fehlt es weder an einigen älteren 
Zeugnissen, noch an deutUcben Merkmalen eines höheren 
Wesens. 

Die nordische Hauptgöttin Frigg heißt altdeutsch Frea 
und Frija, neudeutsch Fru Freen, Fru Frien und in trau- 
licher Diminutivform Fru Freke und Fru Frick. Nach der 
nordischen Dichtung sitzt Frigg neben Odin wie eine 
Königin auf dem Himmelsthron und weiß ihren Lieblingen 
selbst gegen den Willen ihres Gemahls den Sieg zu ver- 
schaffen. Sie hilft aber auch den Frauen in der Kiodsnot 
und ist umgeben von der kundigsten Ärztin Eir, der Fülle- 
spenderin Fulla und der Landspenderin Gefjon. Nach dem 
nordischen Volksglauben führt sie Spindel und Rocken. 
Fast alle diese Züge kehren auf ihrem deutschen Gegen- 
bilde wieder, das sogar weit älter bezeugt ist. Denn in die 
ersten Jahrhunderte christlicher Zeitrechnung muß die 
Übersetzung des fünften Wochentags, des römischen Dies 
Veneris, durch Freitag zurückgehen. Ebenso hoch reicht 
die Stammsage der Langobarden hinauf, nach der diese 
Sieg und Namen ihrer Göttin Frea verdanken, wobei sie 
ihren Gemahl überlistete (S. 372). Im 5. Jahrhundert brachten 



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IX. Die einzelnen Gettinnen. 435 

die Angelsachsen Wodan und Frea nach Britannien hinüher. 
Im Merseburger Zauberspruch bespricht Frija als Ärztin 
den verrenkten Fuß des Baiderpferdes und hat sogar die- 
selbe Vertraute bei sich wie die nordische Frigg, nämlich 
Volla. Und wie Frigg im Norden, hütet Fru Frick oder 
Fru Freen in der Ukermark und am Nordharz die Spinn- 
arbeit. Wie im Norden am Freitag, duldet sie hier nament- 
lich in ihrer Umzugszeit kein Spinnen und besudelt faulen 
Spinnerinnen den noch nicht abgesponnenen Flachs am 
Rocken. Offenbar versteht auch der aus Anhalt, dem nieder- 
sächsisch-obersächsischen Grenzlande, gebürtige Historiker 
Eccard tun 1750 das Spinnen unter dem Beruf, wegen 
dessen zu seiner Zeit die Niedersachsen die Freke, die 
Obersachsen die Holda verehrten. Denn auch Holda straft 
auf ihreiri Gebiete die Trägheit der M^de im Spinnen auf 
dieselbe strenge Weise. Noch in einem andern Hauptpunkte 
stimmen die beiden überein. Die alte Frick der Ukermark, 
des Teufels Großmutter, tobt oft nachts mit ihren großen 
Hunden umher, denen Feuer aus Maul und Nase fliegt 
So gleicht sie der Holda, nach der als der Führerin ums 
Jahr 1000 abei^löubisches Volk ein weibliches Dämonen- 
heer, das in bestimmten Nachten auf Tieren daherritt , 
Holda nannte, nach einer Handschrift sogar Frigaholda. 
Ganz gleichartig ist Frau Berchte, die als Domina Perchta 
zuerst im 13. Jahrhundert beglaubigt ist Es ist möglich, 
daß sie ihren Namen der Verdeutschung ihrer Haupt- 
umzugszeit, der Epiphaniennacht (5.f6. Jan.) durch die 
„giper(c)hta Na(c)ht" d. i. die glänzende Nacht verdankt, 
wie Frau Luz oder Frau Faste dem Luden- und dem 
Fastentag. Aber ihr Mythus bestand schon vorher und 
kann nicht aus dem Namen eines Tags erwachsen sein, der 
nicht einmal in alten Kalendern vorkommt 

Wie von den genannten drei Wesen, wird in der Mark 
von Frau Harke erzahlt, 'sie ziehe in den Zwölftiächten 
und beschmutze den Mägden, die vor Neujahr nicht abge- 
sponnen, den Wocken. Und wie Eccard die Freke, verglich 
der älteste Berichterstatter Samuel Walther um 1732 Frau 



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4S)S IX. Die einzelnen GOttinneo. 

Harke deshalb mit der Frau Holla. Die wiederum ein- 
stimmenden Zeugnisse über die schleswig-holsteinische, 
mecklenburgisch-pommersche, altmarkische Fru Gaude oder 
Wode, die auch bei ihrem Zwölftenumzug die trägen 
Spinnerinnen straft, stammen freilich erst aus dem 19. Jahr- 
hundert. 

Der Zusammenhang der Fru Freen oder Frick mit der 
altgermanischen Göttin Frija-Frigg ist unverkennbar und 
hebt die andersnamigen Wesen gleicher Art, die sie in 
andern Landschaften vertreten, zu göttlichem Range em- 
por. Solchem erscheinen auch die andern Namen; Holda 
die Gütige und Bercbta die Glänzende durchaus angemessen, 
zumal sie von dem ehrenden Titel „Frau" oder „Domina", 
also Herrin, begleitet zu werden pflegen. In vielen Sagen 
gilt sie auch demgemäß als Führerin ganzer Geister- 
schwärme, die aus Heimchen d. h. Seelen Verstorbener, 
aus Schrätlein, Zwergen und gewissen Frauen bestehen 
und aus dem wilden Heer. Namentlich im letzten Falle 
nimmt sie ganz die hohe Stelle Wodans ein, ja ihi*e Er- 
scheiniu^ übertrifft noch die seinige an Feierlichkeit, wenn 
ihr in Thüringen wie ein Vorbote der alte treue Eckart 
voranzieht. Am deutlichsten spricht aber für ihre Göttlich- 
keit der reiche Sagenkranz, der auch die weiße Frau mit 
umfaßt. Sie trägt allerdings bald derbe, ja garstige imd 
groteske, bald aber auch mildere und edlere Züge, wie sie 
einer Bauemgöttin zukommen, die ursprünglich ein wech- 
selndes Wetterwesen war, das aus dem Elfentum, aus den 
elfischen Holden und Unholden, Berchten und Berchteln 
einer früheren Zeit hervorwuchs. 

Ihr demgemäß noch mit manchen dämonischen Zügen 
durchsetzter Mythus durchlief, wie der unsrer Hauptgötter, 
die verschiedenen Jahreszeiten. Schon ist sie uns bekannt 
geworden als rauhe Stürmerin während der Zwölfnächte, 
aber sie fangt anderswo schon «im Spätherbst an zu toben 
und setzt das bis in die Fasten fort, weshalb sie auch im 
Südwesten Frau Faste heißt. Bei Luther hat Hulda eine 
Potzennase; ihr süddeutsches Gegenstück ist die Butzen- 



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IX. Die eiiuelDen Göttinnen. iSH 

bercht, die wilde Bercht mit der langen oder eisernen Nase. 
Über diese wunderliche Nase klärt das Kinderlied auf; 
„Regen, Regen, bleibe weg mit deiner langen Nase"! Im 
Regen also hat Frau Holda oder Berchta eine Nase, die 
unaufhörlich läuft Mutter Gauerken kommt in einer raben- 
schwarzen Wolke, die auseinander platzt Im Schnee- 
gestöber schüttelt Frau Holle ihre Betten aus oder schlägt 
ihr weißes Kleid auseinander. Mit Wind und Regen fährt 
die Göttin von den Alpen bis zur See in die Spinnstuben, 
um die noch nicht abgesponnenen Rocken zu verwirren 
und zu besudeln. Frau Holle Im Harz, die Hollefrau in 
Thüringen, Frau Faste im Elsaß streckt plötzlich ihre Hand 
den faulen Spinnerinnen durchs Fenster oder wirft Spin- 
deln hinein. So sehr liegt ihr das Spmnen am Herzen, daß 
sie in Schlesien die SpUlahole die Spindelholle heißt. Auch 
die Butzenbercht ruft mit geschwärztem Gesicht und 
wirrem Haar Drohworte ins Haus, aber wirft auch Äpfel 
imd Nüsse hinein. In Thüringen wünscht Frau Holla zu 
Weihnacht dem dick umwundenen Rocken: „So manches 
Haar, so manches gute Jahr". Wenn sie aber am hl. Drei- 
königstage wieder umkehrt imd sieht noch Flachs daran, 
so spricht sie : „So manches Haar, so manches böse Jahr". 
Nicht nur die Mägde haben sie zu fürchten, sondern auch 
die Knechte, die Wagen und Pflug draußen gelassen und 
nicht zin Zwölftenfeier in die Scheime genommen haben. In 
Bayern, Österreich und Thüringen hält Frau Fercht auf 
den Festbrauch dieser Zeit, tücht^ zu schmausen, sonst 
schneidet sie den Leuten den Bauch auf oder tritt sie wie 
ein Alp, eine Stempe, im Schlafe. Sie kommt aber häufig 
nicht allein, sondern wie der wilde Jager, mit großem Ge- 
folge, selten mit sanfter Musik, meist unter Hömerschall, 
Hundegebell imd TiergeschreL Dem Menschen, der dabei 
spricht, dreht Holle den Hals um oder haut ihm, wie auch 
Perchta, ein Beil in die Schulter. Berchta blendet auch und 
verwÜTt den Verstand. Selten reitet sie imd zwar auf einem 
Schimmel oder dreibeinigen Pferde, aber häufig fährt 
Perchta, Holle und auch Frau Gauden in einem schweren 



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^8 IX. Die einselnen Göttinnen. 

Wagen, der auf einem Kreuzweg zerbricht und für dessen 
Ausbesserung sie einen Bauern mit den dabei abgefallenen 
Spanen belohnt, die sich in Gold verwandeln. Überhaupt 
erweist auch wahrend der Zwölften Berchta Güte, nament- 
lich den Fleißigen und Dankbaren und den artigen Kindern. 
In Bayern ließen im 15. Jahrhundert viele während dieser 
Nächte allerlei Speisen und Wein und Wasser nebst Löffeln, 
Messern u. s. w. für die Perchta mit ihrer Schar auf den 
Tischen stehen, damit sie das Gedeihen im Hause und die 
verschiedenen Arbeiten fördere. Man legte damals in 
Bayern auch eine Pflugschar unter den Berchtentisch, doch 
wohl, damit Frau Berchta sie segne. Zu Weihnacht laßt die 
untersteiermarkische Perchta die Kinder beten und schlagt 
sie mit der Rute oder schenkt ihnen Nüsse und Äpfel. Ein 
Abglanz ihrer Güte ruht auf dem weißgekleideten ver- 
schleierten Mädchen, das als Christkindle in Baden, der 
Rheinpfalz, Thüringen und im Voigtlande die Kinder be- 
schenkt. Der goldne Wagen, auf dem in den Adventspielen 
das Christkind vom Himmel konunt und seine Gaben bringt, 
erinnert an jenen Wagen der Perchta, Holle und Gauden, 
der die goldnen Späne hinterläßt Er erinnert aber auch 
an den Wagen der Nerthus, die auf ihm segnend im Früh- 
ling durchs Land fährt Um so mehr, als der zerbrochene 
und wieder ausgebesserte Wagen in Thüringen als ein 
zerbrochner Pflug dargestellt wird, ftlr dessen Ausbesserung 
der Bauer gleichfalls mit goldnen Spänen belohnt wird. 
Mit diesem Pfluge aber ackerte die thtlringische Frau 
Perchta imter der Erde und streute den besten Samen aus, 
wenn droben die Leute ihre Felder bestellten. Ihre Heimchen 
aber mußten inzwischen die Felder bewässern. Wenn aber 
Perchta am Perchtenabend, am Vorabend des heil. Drei- 
königsfestes, das Land verlaßt, so schleppen imd schieben 
ihre Kleinen den schweren Ackerpflug in die Fähre, die 
sie unter lautem Wehklagen ans andere Saalufer bringt 
So fahrt auch die märkische Frau Harke mit ihrem Volke 
über die Elbe, in gleicher Weise den Fährmann mit Gold 
belohnend. Zwar fehlt ihr der Pflug, aber sie wird diu-ch 



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DC. Die emzelnen GStCinnen. ^ 

einen andern Zug als Woltäterin des Ackers gekennzeich- 
net, sie verpflanzt die kleinen märkischen Rüben in die Um- 
gegend. Diese Gestalten nähern sich den landscheokenden 
Fräulein anderer deutschen Gegenden und der nordischen 
Gefjon, die mit dem Pfluge eine ganze Landschaft ab- 
pflügt (S. 416). 

Das wechselnde Wetter, namentlich des Frühlings, 
bildet das Leitmotiv einer ganzen Reihe von anderen Ge- 
staltungen dieser Göttin. So heißt es im Harze ausdrück- 
lich, daß Frau Holle vor Witterungswechsel wäscht, und 
es gibt ander Wetter, wenn die lausitzische Wasserfrau 
spinnt oder bleicht. Jene tragt schwarz gekleidet zwei 
Eimer ohne Boden oder schöpft weißgekleidet in zwei 
hellen Eimern Wasser in ein bodenloses Faß. Ähnlich 
wäscht sich und schöpft die niedersächsische weiße Fraa 
Frau Holle weint nachts auf den drei Brotsteinen bei 
Andreasberg ihrem Manne bittre Tränen nach, imd wenn 
die Sonne durch den Regen scheint, kämmt die weiße 
Jungfer auf dem Fra Hullestein am Main ihr Haar oder 
hält Frau Holle Kirmeß. Frau Holla badet im Frauhoilen- 
bad am hessischen Meißner und in Thüringen; dort trug 
die Jugend der benachbarten Dörfer am zweiten Ostertag 
Blumensträuße in ihre Höhle. 

Die schönste Blüte ihres Frühlingsmythus ist die 
deutsche Sage von der Erlösung der weißen Frau, die 
im Norden ihren höchsten Ausdruck in der Werbung von 
Frey-Skimir um Gerd und von Svipdag mn Menglöd ge- 
funden hat (S. 273. 364). Den Hintergrund aller dieser Dar- 
stelltmgen bildet der eindrucksvolle Szenenwechsel des ersten 
Lenzgewitters. Im Norden befreit der Gott oder Held mit 
dem „Verderbenszweig" oder „Zauberzweig", dem Blitz, 
unter vielen Gefahren die Sommerwolkenfrau, die in ihrem 
Gotdsaal von der wetterleuchtenden Waberlohe umgeben 
ist und von grimmigen Hunden bewacht wird. Er befreit 
sie im ersten Frühlingsgewitter aus der dunklen Wmter- 
haft der Riesen. In Deutschland ist der Mythus aus der 
Himraelsluft auf die Erde herabgesunken und ist eine Orts- 



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430 IX. Die eimelnen GBltiaDcn. 

sage geworden, die sich an zahlreiche stille Waldberge 
oder tiefe Höhlen oder verfallene Burgen heftete und sie 
noch mit geheimem Zauber umgibt. Nun ist der Held der 
Sage ein junger Bauer oder Hirte und die Heldin ein Bui^- 
fraulein. Sie heißt gewöhnlich die weiße Frau, trägt also 
denselben Namen, mit dem auch die Frau Berebta und 
Frau Holda bezeichnet wird; aber man nennt sie auch die 
Burgfrau, die verwunschene oder verfluchte Jungfer, die 
Osterfrau oder Schlüssel- oder Flachsjungfer. Sie wohnt in 
einem Schatzberg, der an hohen Festen, zu Advent, Weih- 
nacht imd Ostern oder alle sieben Jahre von Gold und 
Silber schimmert. Aber im Frühjahr sehnt sie sich heraus 
und erscheint sich badend, kämmend, Wasser schöpfend, 
meist bei warmem Sonnenschein, alle Jahre oder alle sieben 
Jahre zu Ostern oder am 1. Mai, zuweilen auch zu Johanni, 
um erlöst zu werden. Auf Mut und Besonnenheit kommt es 
an, jenen Schatz zu heben, diese Frau zu erlösen. Ein 
Schäfer findet eine Wunder-, Glücks-, blaue Blume, die 
auch wohl gelb, rot, weiß ist und Schlüssel-, Maiblume, 
Rose, Lilie heißt, oder die sich im Bach waschende Oster- 
jungfrau zu Osterrode am Harz bricht sie ihm. Die Blume 
tönt beim Pflücken gewaltig und verwandelt sich auch wohl 
in eine wunderschöne Kerze oder in einen Schlüssel, 

Mit der Blume oder dem Schlüssel oder einer Spring- 
wurzel öffnet er die zu ihrem Schatz führende eiserne 
Horte und steckt die Blume an seinen Hut, Aber als er 
nun in der Höhle seine Taschen gefüllt und voll Erstaunens 
über die Kostbarkeiten seinen Hut abgelegt hat, geht er 
ohne diesen fort, nicht achtend auf den Warnruf: „Vei^;iß 
das Beste nicht," und bei seinem Austritt schlägt ihm die 
eiserne Tür beinah die Ferse ab. Alles ist im Nu ver- 
schwunden und der Pfad nimmermehr zu finden. — Aber 
ein schwereres Wagnis wird von dem gefordert, der die 
weiße Frau erlösen will. Er muß ihr, von Todesnöten um- 
drangt, ohne zu sprechen, drei Küsse geben, Sie trägt 
meistens einen goldnen Schlüssel oder ein Schlüsselbund 
am Gürtel oder einen feurigen Schlüssel oder eine feurige 



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DC. Die einzelnen Göttinnen. 481 

Schlange im Munde, dazu ein Licht in der Hand. Erst 
ganz schwarz, dann halb schwarz, halb weiß, wechselt sie, 
]e näher der Erlöser seinem Ziele, dem Kusse, kommt, 
Farbe und Gestalt und verwandelt sich ahnlich der Thetis, 
als Peleus sie umarmte, hinter einander in drei grausige 
Tiere, in einen Baren, einen glühenden Ochsen und häufig 
in eine feurige Schlange, Sie liegt aber auch wohl als 
feurige Schlange auf einer flammenumgebenen, mit Lärm 
heranrollenden Truhe, mit einem Goldschlüssel im Munde, 
imd schwarze, feuerschnaubende Hunde hüten ihren Schatz. 
Zwei Küsse wagt der zum Erlösungswerk Erkorene, aber 
vor dem dritten schrickt er schreiend ziuück, und klagend, 
oft unter heftigem Sturm oder Knall, verschwindet sie. Sie 
läßt dann wohl eine Nuß oder Eichel fallen, damit daraus 
der Baum aufwachse, der das Holz für die Wiege des 
zukünftigen Schatzhebers oder ihres zukünftigen Erlösers 
liefern wird. 

In diesen zahlreichen Sagen, deren Alter freilich kaiun 
über das Jahr 1520 hinauf bezeugt werden kann, wird ganz 
ähnlich wie in jenen altnordischen Liedern von Frey und 
Svipdag der Kampf des Blitzes mit der schreckhaft leuch- 
tenden Wetterwolke des Frühjahrs dai^estellt, nur daß er 
in der deutschen Überlieferung ein trauriges, in der 
nordischen ein freudiges Ende findet. Denn nach dieser 
vereinigt sich der Gott mit der Befreiten im grünenden 
Haine Barri, oder diese begrüßt ihren Befreier mit ihrem Kuß 
und dem Versprechen, ihr ganzes Leben mit ihm zu ver- 
bringen. Dort aber verschwindet die Erlösungsbedürftige 
meist unbefreit mit lauter Klage, doch nicht immer ohne 
die Hoffnung auf ein freilich sehr spates Heil. Das Motiv 
von diesem Heil, das ihr aus einem spater heranwachsenden 
Baume werden soll, scheint einer christlichen Adamslegende 
entlehnt zu sein. Adam sendet seinen Sohn zum Paradies, 
der von dort den Zweig holt, der zuletzt zum Erlösungs- 
holze, zu dem Kreuze Christi, wird, Aber der Kern unsrer 
Sage besteht aus echt germanischem Naturmythus. Die 
Zauberrute, die den nordischen Befreier als Blitzträger 



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432 DC Die einielDcn GattinneD. 

kennzeichnet, stellt sich in Deutschland als eine wunderbar 
aufleuchtende und mächtig tönende Blume dar, und die 
Waberlohe kehrt in allerlei Flanunenerscheinungen wieder, 
auch das Schatzhaus mit seinen gräulichen Hofhunden 
fehlt nicht. 

Diese in der Natur so rührige vielnamige Göttin übte 
einen um so stärkeren Einfluß auch unmittelbar auf das häus- 
liche Leben aus, Je seßhafter die Germanen wurden, und sie 
galt auch noch in der christlichen Zeit, oft mit der Maria 
verschmolzen, als Hüterin der Ehe, der Hausarbeit und 
des Ackerbaues. Frau Holle bringt den Menschen die neu- 
geborenen Kinder aus ihrem Brunnen, woraus sie nach 
späterem Glauben die Hebamme holt, die auch wohl als 
Opfer ein Geldstück in den Kindlesbrunnen wirft. All der 
hilflosen verstorbenen Kleinen, die später als ungetaufte 
der christliche Himmel ausschloß, nimmt sich Frau Holle 
und Frau Berchta mütterlich an, stillt sie und zieht mit diesen 
Heimchen freundlich umher, wobei diese ihr beim Pflügen 
durch das Wässern des Erdreichs helfen. Sie hält es auch 
zu Zeiten für gut, mit ihnen über einen Fluß in ein ander 
Land überzusetzen. Aber zu unartigen Kindern kommt sie 
als schreckhafte Kinderscheuche. Wachsen die Kinder zu 
Madchen heran, so überwacht sie namentlich deren wich- 
tigste Hausarbeit, das Spinnen, segnet und belohnt die 
fleißigen, bedroht und straft die faulen Spirmerinnen in den 
ZwOlfnächten oder den Fasten, in der Rast- oder Abschluß- 
zeit dieser Arbeit (S. 328). Sie heißt auch Flachsjimgfer 
(S. 430), die Aussaat und Wachstum des Flachses fördert 
und ihn in der Sonne ausbreitet. Nur Frauen dürfen ihn 
in der Oberpfalz säen, nur am alten Festtag der Göttin, 
am Freitag, säet man ihn in der Grafschaft Mark, Sprangen 
im elsässischen Obersulzbach die Männer und Frauen am 
Fastnachtsdienstag beim Tanzen, an dem keine Jungfrau, 
kein Jüngling teilnehmen durfte, hoch empor, so gabs im 
nächsten Sommer ein schönes Hanffeld. Aber auch anderer 
Feldfrucht gab sie Gedeihen, deshalb ging sie hinter dem 
Pfluge her, deshalb wurde der Berchta eine Pflugschar 



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IX. Die einzelnen Göttinnen. 433 

unter ihren Festtisch gelegt (S. 428), deshalb wurden oft 
durch Weiber oder Lediggebliebene zu Neujahr oder in 
den Fasten oder zu Frühlingsanfang ein Pflug oder eine 
Egge umgeführt oder ins Wasser gezogen und auch wohl 
ein Feuer auf diesen Ackergeräten angezündet, als ob man 
das Frühlingsgewitter mit seinem befruchtenden Regen und 
Blitzen nachahmen wollte. Ja es wurde im Eisfeldischen 
am Obersten d. h. am Dreikönigstag Frau Holle oder in 
Schwaben zur ' Fastnacht Frau Faste verbrannt, begraben 
oder ertrankt. Man wünschte eine neue jugendfrische, eine 
aus dem Winter wieder auferstandene Göttin, die den Acker 
segnete. Schon in den Fasten sagte Frau Holt im Venus- 
berg die Ernte voraus, und bei der Ernte ließ man im 
Göttingischen die letzte Handvoll Frucht auf dem Acker 
für Fni Holle stehen. Tobte Fru Gaur mit ihren Hunden 
übers Feld, so gab es zehnfache Roggenemte. Noch 1712 
sammelten sich niedersächsiscbe Hausleute um die letzten 
Halme mit dem Rufe : „Fru Gaue, holet ju Fauer (Futter)", 
und man nannte diesen Halmbusch von der Aller bis nach 
Mecklenburg hinein Vergodendeel d. i. Frau Coden Teil. 
Es treten aus den Überlieferungen drei Festzeiten der 
Hauptgöttin hervor. Die der Zwölfnächte (S. 428) wurde 
noch vor kurzem hie und da in Tirol beobachtet in alter- 
tümlicher Weise : man legte am obersten Tag, dem Perchten- 
tag, in der Gönacht vom 5. zum 6. Januar für Frau Perchtl 
Kücheln auf den Tisch oder gar aufs Dach. Die Deutsch- 
ungam aber, die aus Franken stammen, ließen den Rest 
der festhchen Mohnspeise zu Weihnachten als Fru Holden 
Teil in der Schüssel, gerade wie jene Niedersachsen ihren 
Frau Coden Teil auf dem Felde. In den Fasten oder im 
Frühlingsanfang wurde die Göttin besonders durch Tanzen 
und Pflugumziehen geehrt; ün Herbst fiel ihr ein Teil der 
Ernte zu. Wir dürfen dabei dort an die jubelvolle Umfahrt 
der Nerthus, hier an das Tanfanagelage der Marsen denken. 
Uralte Festgefühle durchzucken noch heute das Landvolk. 



Hefer, £. H., Cenii*». Mythologie. 28 

DigmzedByGOOgle 



Zehntes Kapitel. 

Das Christentum in der nordischen Mythologie. 

Der germanische Mythenbau steht jetzt vor uns, freilich 
durch weit klaffende Lücken entstellt, aus verschieden- 
artigem, bald nordischem, bald deutschem Gestein zusammen- 
gesetzt und in den Stilen verschiedener Zeiten und Stände 
aufgeführt. So lückenhaft ist die heimische heidnische 
Überlieferung, daß man sagen darf, sie beginne erst in 
dem Zeitpunkte, wo das germanische Heidentum zu bestehen 
aufhört. Nur landfremde Römer imd glaubensfremde Mönche 
wissen schon früher davon zu berichten. Die heimische 
ÜberUeferung aber zerfällt in zwei große Hauptmassen, 
eine überwiegend skaldische nordische und eine überwiegend 
volkstümliche gemeingermanische. Darin spiegelt sich der 
scharfe Gegensalz der Stände wieder, der die germanische 
Staatsverfassung und Gesellschaft beherrscht. Es gab eine 
Bauemmythologie und eine Adelsmythologie. 

Beiden zugrunde aber liegt dieselbe Entwicklung: aus 
den ältesten niederen Formen des Seelen-, Alp- und Dä- 
monenglaubens erheben sich nach und nach höhere Ge- 
stalten, und Götter bilden den krönenden Abschluß. Aber 
die übermenschlichen Wesen des Bauemglaubens wahren 
sich fast alle noch den Zusammenhang mit den Natur- 
kräften, selbst die Götter, und behaupten sich gerade 
dadurch sogar gegenüber dem Andrang der geist^eren 
Mächte des Christentums lange, lange Zeit. Der Glaube 
der großen Masse war in seinem Mythus, wie Kultus vor- 
zugsweise Naturreligion, die aber schon seit unvordenklicher 
Zeit sich zu festumrissenen und menschUch gearteten Ge- 
stalten erhoben hatte. Dagegen huldigte der gottentstammte 



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X. Das Christentum in der nordischen Mythologie. J35 

Adel vorzi^sweise den Göttern einer geistigeren Art, wie 
sie namentlich die Priester und die Hofsänger veredelten. 
Zu dem schlichten, oft derben, aber durchweg keuschen, 
sinnigen imd oft poetischen Bauemgeist gesellte sich ein 
kriegerischer, kühner, hoher strebender Heldensinn, von 
dem wir die schönsten F*roben in manchen aus der Wikinger- 
zeit hervorgewachsenen Eddaliedern haben. So begann 
allmählich eine Geistesreligion sich zu entwickeln. Aber erst 
im Werden begriffen, erwies sie sich beim Zusammenstoß 
mit dem Christentum viel haltloser und erlag diesem weit 
schneller als jener alte robuste Volksglaube. Ihre höchste 
Leistung war, doch wohl nur im Norden, die Herstellui^ 
einer durch Verwandtschaft und Schicksal leidUch fest 
verbundenen Götterordnung, in der jeder Gott sein Amt 
hatte, vom König herab bis zum Hofdichter und zur Kammer- 
frau. Aber die Vorstellungen vom Jenseits schwankten 
beim Volk, wie bei den Großen hin und her und waren 
diu-chweg sinnUcher Natur, ja das Familienleben wurde in 
Walhall zugunsten des Kampf- und Freudelebens mit den 
Walküren imterdrückt. Noch viel ungenügender wurden 
die noch femer liegenden Fragen nach dem Anfang, dem 
Verlauf und dem allerletzten Ende der Dinge und der 
Menschheit beantwortet. Es fehlte die Weisheit einer hoch- 
gebildeten, sinnenden Priesterschaft, sowie die anregende 
Fülle einer städtischen Kultur. Man brachte es zu vielen 
einzelnen runden Personenmythen und bildete daraus hie 
und da Mythengruppen. Aber m^ hatte nicht das Zeug 
zur Schaffung eines zusammenhangenden, wohlgegliederten 
Weltmythus. 

Mit dieser aus den Quellen geschöpften Charakteristik 
unserer Mythologie steht in schroffem Widerspruch die 
Völuspa, die Weissagung der Seherin, das großartigste 
und meistumstrittene Gedicht der Liederedda, das, obgleich 
absichtlich dunkel gehalten und in Einzelheiten ungedeutet, 
seine Hauptgedanken und seine ganze Grundidee voll- 
kommen verständlich vorträgt. Es behandelt in einem 
vornehmen Überblick das denkbar erhabenste Thema, die 



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496 X. Du Cluiatentum in der ooTdischen Mythologie. 

Geschichte der Welt von ihrem äußersten Anfang bis zu 
ihrem äußersten Ende, ja darüber hinaus bis zu ihrer Er- 
neuerung. Woher dieser kühne Ideenwurf, diese tiefgründige 
Weisheit? Konnte solche Raum imd Zeit gewaltig um- 
spannende Spekulation, deren Ausgestaltung eine viel- 
hundertjährige Vorarbeit voraussetzt, wie eine Offenbarung 
aus der soeben gezeichneten zerstückelten, doch noch so 
unreifen germanischen Mythenwelt plötzlich hervorbrechen? 
Solche Wimder trugen sich in der nationalen Entwicklung 
der heidnischen Mythologie nicht zu. Es muß eine fremde 
Macht eingegriffen haben, die diese weiten Sprünge ermt^- 
lichte, die eine neue ganz andersartige Gedankenwelt in 
den aJten Mythus einließ. 

Die Heimat jener religiösen Spekulationen über den 
Anfang und das Ende der Dinge und ihren tieferen Sinn 
war das Morgenland; die Kirche stellte in all diese Welt- 
begebenheiten mitten hinein Christus, seinen Vergangenheit 
und Zukimft versöhnenden Kreuzestod. Seit dem Anfang 
des 3. Jahrhimderts faßten die christlichen Weltgeschichten 
die Schöpfung, die Erlösung, die Wiederkunft Christi, das 
tausendjährige Reich und das Ende der Welt als die Haupt- 
punkte des göttlichen Heilsplans auf. In vielerlei Formen 
wurde diese Lehre in den letzten Jahrhunderten des ersten 
Jahrtausends im Norden bekannt, die einfachste, beliebteste 
Form war die sogenannte Summe der Theologie, eine 
Predigt, die in volkstümlicher Weise jene ganze große Heils- 
geschichte den Gemeinden öfters in Erinnerung brachte. 
So stieß sie auch auf das nordische Skaldentum. 

In der Völuspa rinnen nun wie in einem Becken die 
beiden maßgebenden geistigen Strömungen des Nordens in 
der Zeit der inneren Abkehr vom Heidentum zum Christen- 
tum zusammen. Ihr Verfasser steht zwischen einer neuen 
Glaubenslehre und einer alten technischen Schulung. Jene 
führte ihm- großartige, aber fremde Begriffe in Hülle und 
Fülle zu, diese nötigte ihn, nach Skaldenart die Begriffe, 
auch die fremdesten, durch die altgewohnten m3i:hologischen 
Wendungen und Namen zu umschreiben. 



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X. Das Cbriaientum in der Dordischeo Mythologie. 437 

Nicht nur christliche Einzelheiten, sondern auch ganze 
Gedichte christlichen Inhalts wurden in heidnischen Stil 
gekleidet. Ähnliches geschah auch in Südeuropa. So stückte 
die Dichterin Proba Faltonia im 4. Jahrhundert ihre lateinische 
Darstellung der wichtigsten Ere^nisse des alten Testaments 
von der Schöpfung bis zur Sintflut und des neuen Testa- 
ments bis zur Himmelfahrt aus lauter virgilianischen Versen 
und Versteilen zusammen. So sklavisch beugte sie sich 
vor dem heidnischen Stilmuster, daß sie bei ihrer Schilderung 
der Kreuzigung nicht einmal das Wort „Kreuz" zu brauchen 
wagte. 

EHe nordischen Künstler und Dichter hielten gleichfalls 
an ihren alten Figuren fest. Auf einem echt christlichen 
Denkmal, dem zweiten cumberländischen Gosforthkreuz, 
angelt der Gott Thor in des Riesen Ymir Gesellschaft aus 
dem Schiff heraus nach dem Midgardswurm (S. 239). Der 
Künstler wollte mit Thor bereits Christus bezeichnen, wie 
dieser nach mittelalterlicher Anschauung mit dem Angel- 
haken des Kreuzes den Eirachen oder Leviathan oder Teufel 
fängt. Daher wurde diese echt heidnische Szene auf dem 
heiligsten christlichen Symbol, dem Kreuz, angebracht 
Wiederum heißt Christus in einem nordischen ihm ge- 
widmeten Preisliede des 10. Jahrhunderts der Besieger der 
Bergriesen imd hat am Nomenbrunnen seinen Sitz, Um 
dieselbe Zeit verherrlichten zwei Dichter den Einzug der 
christlichen Könige Erich Blutaxt und Hakon des Guten in 
das Heidenparadies der Walhall, wo jener von den Göttern 
Odin und Bragi, dieser von den Walküren festlich empfangen 
wird. Solche innere Widersprüche kümmerten die Skalden 
nicht ; sie standen im zwingenden Banne ihrer von Geschlecht 
auf Geschlecht vererbten poetischen Stilistik und nordischen 
Anschauungsweise. Auch fremde Stoffe rein weltlichen 
Inhalts mußten sich dieser skaldischen UmstUisienmg 
unterwerfen, wie z. B. die deutsche Nibelungensage. Nicht 
nur werden ihr nordische Helden, wie Helgi, einverleibt, 
nicht nur wird das milde Rheinland, der alte Schauplatz, 
in eine Landschaft wilder Eis- und Schneeber^e verwandelt, 



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436 X. Dm ChristCDtom in der nordiichcD M/tbologi«. 

über die Brunhild jeden Abend voll böser Gedanken 
dahinschreitet, sondern es wird auch durch eine eigens 
hinzuerfundene Vorgeschichte des Nibelungenschatzes das 
Geschlecht Siegfrieds mit dem nordischen Göttermythus 
verknüpft und Odin zum Lenker des Schicksals des Helden 
erhöben. 

So haben sich die nordischen Dichter den größten 
germanischen Sagenstoff zu eigen gemacht, zu ewigem 
Ruhme; so desgleichen das höchste Erzeugnis der christ- 
lichen Weltanschauung, die Heilslehre. Schon Primin (S. 19) 
verkündigte sie den Alemannen am Bodensee, und Karl 
der Große ließ sie in eine Musterpredigt verarbeiten, in 
eine Summa der Theologie, die die Geistlichen seines 
Reichs den Gemeinden von Zeit zu Zeit einzuprägen hatten, 
damit jeder Christenmensch erführe, was ihm zu wissen 
notwendig sei. Auch die Dichter des Abendlands bemäch- 
tigten sich des eindrucksvollen Stoffes. In den Hauptpunkten 
übereinstimmend, drangen diese prosaischen und poetischen 
Summen mit ihren vielerlei Änderungen und Erweiterungen 
der biblischen ÜberÜeferung in den Norden vor und ließen 
namentlich, wenn wieder einmal die Furcht vor dem Unter- 
gang der Welt die Gemüter ergriff, zum Schlüsse die 
gewaltigen Klänge der Offenbarung des Johannes er- 
dröhnen. 

Die Summa begann mit der sechstägigen Schöpfung 
diirch die ewige Dreieinigkeit, die sich bei ihrem letzten 
und würdigsten Werke, der Erschaffung des ersten 
Menschenpaars, besonders macht- und liebevoll erwies. 
Ihm wird das Paradies mit seinem verhängnisvollen Baume 
zur Wohnung angewiesen. Es begibt sich der Sündenfall, 
dessen Hauptschuld der Eva zugemessen wird , dessen 
eigentlicher Urheber aber der erfolglos nach Gottgleichheit 
trachtende rachsüchtige Fürst der aufrührerischen und 
deshalb gestürzten Engel ist. Die von Eva auf die Erde 
gebrachte Sünde fordert Strafgerichte heraus, so die Zer- 
störung des frevelhaften babylonischen Turmbaues und die 
Verwirrung der Sprachen. Endlich erscheint der Herr, der 



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X. Das ChrisCenttun in der nordischen MyChotogie. 439 

auch das Pfand Gottes heißt, am Kreuz; aus seiner Seiten- 
wunde vergießt er das sühnende Wasser und das erlösende 
Blut. Er fährt zur Hölle, ersteht auf und schwebt gen 
Himmel. Das jüngste Gericht kündet sich durch mancherlei 
Vorzeichen an, das erste und eigenartigste ist das Erscheinen 
des größten Bösewichts, des Antichrists. Dann folgen 
Sünde und Krieg der Menschen. Die ganze Welt gerät in 
Aufruhr, fünf Dämonen stürmen gegen die Himmelsmächte 
an, auch die Heidengötter gehen zu gründe. Finsternis 
bricht herein, in Flammen steht die Welt. Da sieht der 
Prophet einen neuen Himmel und eine neue Erde auf- 
tauchen. Ein neues glückliches Leben beginnt, das neue 
Jerusalem erglänzt von Gold und Edelstein heller als die 
Sonne. Der Allmächtige kommt zum großen Gericht. 

Und nun folge sofort das in der Völuspa aufgefangene 
Spiegelbild: Das Gedicht beginnt nach einer zweistrophigen 
Einleitung mit der sechsaktigen Schöpfung, deren letztes 
Werk, die Erschaffung des ersten Menschenpaars, von drei 
Göttern, mächtigen und liebevollen, vollzogen wird. Dann 
erhebt sich ein Schicksalsbaum vor uns; ein Weib, das 
sich vergangen hat, wird aus dem Himmel verstoßen und 
bringt bösen Zauber auf die Erde hinab. Ihr Vergehen 
hängt zusammen mit dem Krieg, den die Wanen, weil sie 
göttergleich sein wollten, gegen die Götter führten. Ein 
großer Bau, den ein frevelhafter lüese aufführt, wird hier 
nur rätselhaft angedeutet, ist uns aber sonst bekannt. Thor 
fährt dazwischen, und alle Verträge imd Reden gehen aus- 
einander. Dann steigt ein heiliger Baum auf mit dem Pfände 
Walvaters, von dem sich Wasser in einem Falle ergießt, 
luid der blutige Balder wird nach einigen dunklen Strophen 
sichtbar. Hölle und Paradies werden mit heidnisch-christ- 
lichen Farben geschildert. Das Kommen des Weltunter- 
gangs eröffnet die Erscheinung des größten Bösewichts, 
der später Surtr heißt. Sünde und Krieg der Menschen; 
die ganze Welt gerät in Aufruhr, fünf Dämonen stürmen 
gegen die Götter. Diese fallen. Sonnenfinsternis, Untergang 
imd Brand der Welt. Da sieht die Prophetin eine neue 



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4ID X. Dil Chriiteatnni in der Dordischcn MTthologic. 

Erde aus dem Meere tauchen. Ein neues glückliches Leben 
beginnt. Schöner als die Sonne erglänzt das goldgedeckte 
Edelsteinhaus, und der Allmächtige kommt zum großen 
Gericht. Der noch eüimai aufsteigende Drache versinkt 
auf alle Zeit 

So überraschend diese Gleichung auch wirken mag, 
überzeugen wird sie erst, wenn man ihre einzelnen Glieder 
prüft und das eigentünüiche Umbildungsverfahren erkennt, 
dem der skaldische Dichter seine christliche Vorlage unter- 
zogen hat. Er kleidet zunächst das Ganze in die Form der 
Weissagung einer Wölva oder Seherin: 

1. Um Gehör bitte ich alle heiligen Menschenkinder, 
Hohe und niedere Söhne Heimdalls. 

Du willst, daß ich, Walvater, genau erzähle 
Die alten Geschichten der Menschen, deren ich von An> 
fang gedenke. 

2. Ich gedenke der Riesen, der früh geborenen. 
Die einst mich erzeugt hatten. 

Ich gedenke der neun Heime, der neun Binnenwohnungen, 
Des herrlichen Maßbaums bis hinab unter die Erde. 
Was ist hier aus der meist armseligen nordischen 
Wölwa geworden, die zur Julzeit bei den Bauern von Hof 
zu Hof umherzog, um ihnen gegen Lohn die Witterung 
und den Ausfall der nächsten Ernte, Familienereignisse tmd 
etwa noch Krieg oder Frieden vorauszusagen (S. 307)? Unsere 
Wölwa wendet sich an das ganze Menschengeschlecht als 
Vollstreckerin des Willens Gottes, demgemäß sie die alten 
Geschichten der Menschen von Uranfang erzählen soll. Sie 
ist eine Urriesin und kennt alle Räume der Welt bis ins 
Innerste der Erde. Solch ein gewaltiges Seherweib ist nur 
einmal geschaffen worden, im alexandrinischen Judentum, 
das neben Gott die schöpferische Weisheit oder Sapientia als 
ein himmlisches Geisteswesen, ein allwissendes Weib, kühn 
einsetzte. Sie wurde dem ganzen Abendlande bekannt durch 
die hellenistischen Schriften des alten Testaments: die 
Sprüche Salomonis, das Buch der Weisheit und Jesus Sirach. 
Ihre hochheilige Natur übertrug der Dichter der Völuspa 



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X. Du Cbrisuntoffl in der nordischea M^tbolt^e. 441 

auf das dörfäge Zauberweib seiner Heimat. Denn alle die 
großartigen Züge unsrer Wölwa sind bereits in der Sapien- 
tia vorgebildet Diese ruft: „Höret mich, ihr Menschensöhne. 
Der Herr hat mich gehabt im Anfang seiner Wege. Ich 
bin eii^esetzt von Ewigkeit, von Anfang der Erde". Sie ist 
die Gehilfin Gottes, die seinen Willen ausführt, sie kennt 
die Gedanken der Menschen und den Anfang der Zeiten. 
Ja sie lebte mit den „Giganten" zusammen, die „von An- 
fang bestanden". Sie kennt die Ordnung des Erdkreises 
und mißt die Höhe des Himmels, die Breite der Erde und 
die Tiefe des Abgrunds. Das meint auch unsre Wölwa mit 
ihren neun Heimen und Binnenwohnungen und dem herr- 
lichen Maßbaum. Nach christlicher Anschauung nahm man 
9 Himmel für die 9 Engelchöre an und dem entsprechend 
9 Höllenwelten, und wiederholt wird das Kreuz der herr- 
liche Baum und das Maß genannt, und als ein kosmischer 
Baum aufgefaßt, dessen Wipfel zu den Himmeln strebe, 
dessen Zweige steh über die ganze Erde ausbreiten und 
dessen Wurzel unter der Erde bis in die Hölle hinabdringe. 
Nun folgt die Schöpfung: 

3. Der Beginn war's der Zeiten, in dem Ymir wohnte, 
Nicht war Sand, noch See, noch kühle Wogen, 
Erde gab es nicht, noch Himmel oben: 

Ein Abgrund war der Abgründe, aber Gras nirgend. 

4. Zuvor erhoben Scheiben Bors Söhne, 

Die (dann) den herrlichen Midgard schufen. 

Die Sonne schien von Süden auf des Saals Steine: 

Da ward der Grund begrünt von grünem Kraute. 

5. Die Sonne schlang von Süden her, die Gefährtin des Mondes, 
Ihre rechte Hand um den Hinunelsrand, 

Die Sonne wußte nicht, wo sie Wohnungen hätte, 

Der Mond wußte nicht, was fiir Kraft er hätte. 

Die Sterne wußten nicht, wo sie ihre Stellen hätten. 

6. Da gingen alle Berater auf die Gerichtsstühle, 
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber. 
Der Nacht und dem Neumond gaben sie Namen, 



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442 X. Das Cbristentum ia der nordischen Mythologie. 

Benannten den Morgen und Mittag, 

Nachmittag und Abend, die Jahre darnach zu zählen. 

7. Die Äsen trafen sich auf dem idafelde, 
Die Altar und Tempel hoch aufbauten. 
Sie legten Essen an, schmiedeten Gold, 
Schufen Zangen und fertigten Geräte. 

8. Sie spielten Brett im Garten und waren heiter, 
— Es war ihnen kein Mangel an Gold — 

Bis drei Riesenmädchen kamen, 
Sehr Übermächtige, aus Riesenhetm. 

9. Es gingen alle Berater auf die Gerichts stuhle, 
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber, 
Wer von den Zwergen das Volk schaffen solle 
Aus Brimirs Blut und aus Blaens Gebeinen. 

10. Da war Mötsogner der ausgezeichnetste 

Aller Zwerge, aber Durenn der andre; 

Die Zwerge machten viele Menschenkörper 

In der Erde, wie Durenn sagte. 
II— 16 geben eine Zwergnamenliste. 

17. Bis drei kamen aus diesem Geschlechte 
Mächtige und gütige Äsen nach Hause; 

Sie fanden am Lande die wenig vermögenden, 
Schtcksalslosen Ask und Embla. 

18. Atem hatten sie nicht, noch Geist, 

Noch Blut, noch Gebärde, noch gute Farben; 

Atem gab Odin, Geist gab Hoener, 

Blut gab Lothor und gute Farben. 
Niemand wird auf den ersten Blick in diesem rätsel- 
haften, seltsamen Berichte ein Abbild der bibUschen 
Schöpfungsgeschichte, der Genesis, erkennen, höchstens 
eine gleiche Anzahl und eine gleichartige Reihenfolge ihrer 
Hauptakte von der uranfänghchen Leere bis zur Erschaffung 
des ersten Menschenpaars unsicher durchschimmern sehen. 
Erst wer die skaldische Formengebung, in welche die Vor- 
gänge eingehüllt sind, abgestreift hat und vieler anderer 
mittelalterlichen Fassimgen des Schöpfungsberichtes, welche 
Zl^e der weitbekannten platonischen SchOpfungslehre auf- 



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X. Das Chriatentum in der noidtsclien Mythologie. 443 

genommen hatten und von der biblischen Genesis mehr 
oder minder abwichen, eingedenk ist, wird unter dem heid- 
nischen Schein das alttestamentUche Urbild wiederfinden. 

Die wüste, leere Erde und den mit Finsternis bedeckten 
Abgnmd des Anfangs übersetzt unser Dichter ganz ver- 
ständlich durch die Worte: „Nicht war Sand, noch See, 
noch kühle Wogen, noch war Erde, es war ein Abgrund 
der Abgründe, ein Gap Ginnunga". Und diesem erhabenen 
Bilde fügt er den fast kleinlichen Zug ein : „aber Gras war 
nirgend", gerade so wie der christliche Dichter der angel- 
sachsischen Genesis zu derselben Bibelstelle hinzufügt: „die 
Erde war da noch von Gras ungrün", was heißen soll; 
„Erde war noch nicht und Gras grünte nicht". So weit 
steht also die Völuspaschilderung ganz im Banne der 
christlichen GenesisdarsteUung. 

Aber Ymer? Trotz seinem heidnischen Riesennamen, 
der vielleicht den Rauscher bedeutet, ist auch er aus dem 
Genesistexte der biblischen Vulgata hervorgewachsen. Sie 
spricht nänüich nicht kurzweg vom Abgrund oder Abyssus, 
sondern von einer Facies, einem Antlitz, des Abgrunds, 
woraus man schon im frühen Mittelalter einen Riesenkopf 
machte. Diese Personifizierung war so beliebt, daß Karl 
der Große in den sogen. Karolinischen Büchern, die von 
der Bilderverehrung handeln, als schriftwidrig verbot, den 
uranfänghchen Abgrund in menschlicher Figur darzustellen. 
Aber sein Verbot drang nicht durch. Noch im U. und 
12. Jahrhundert wird der Abyssus des zweiten Genesis- 
verses auf einer Elfenbeintafel im Berliner Museimi, auf 
einer Illustration der französisch-lateinischen Bibel von 
Noailles und auf einer Mosaik von Monreale als ein 
Riesenkopf dargestellt, der einen Wellenberg durchbricht. 
Der nordische Urriese der Völuspa ist also doch auch nur 
ein Auswuchs der Genesisauslegung. 

Auch fast alles, was wir aus anderen Stellen der 
Liederedda und aus der Prosaedda von diesem Urriesen 
erfahren, stammt nicht aus dem heimischen Mythus, son- 
ders aus der Lehre der mittelalterlichen Theologie von der 



idbyGoOgle 



444 X. Du Chriitenlum in der nOTdiichen Mytholc^e. 

Urmaterie. Den Abgnind erklärten viele Theologen für 
das häßliche Bild der formlosen Materie, die der schaffende 
Gott schon im Anfang vorgefunden habe. Dagegen setzten 
andre in den Anfang das Nichts, Der oft heftige Wider- 
streit dieser Lehrmeinungen beweg Snorre, im Sinne der 
strengeren Orthodoxie den Vers der Völuspa: 

Der Beginn war's der Zeiten, da Ymir wohnte 
zu verwandeln in: 

Der Beginn war's der Zeiten, da Nichts war. 
Der ganze Roman von Ymirs Geburt, Leben und Tod 
verdankt seine Herkunft der abendländischen Philosophie. 
Nach Snorre strömten zwölf Flüsse, die Elrvägar, bevor 
die Erde geschaffen war, aus dem kalten nördlichen Nifl- 
heim, dem Nebelheim, in dessen Mitte der Brunnen 
Hvergelmir, der Rauschekessel, lag. Sie erstarrten in ihrem 
Laufe zu Eis, das immer höher im Ginnungagap über- 
einander wuchs, worin nun Feuchtigkeit und Wind entstand. 
Aus dem südlichen lichten und heißen Müspellsheitn, dem 
Feuerheim, flogen Funken herüber, sodaß das Ginnungagap 
lau tmd windlos wurde. Der Hauch der Hitze brachte das 
Eis zum Tröpfeln, imd die Kraft des Hitzesenders belebte die 
Tropfen zum ersten Wesen von Menschengestalt. Das hieß 
Ymir, aber bei den Reifriesen Aurgelmir, das rauschende 
Naß, oder örgelmir, der gewaltige Rauscher. — Diese 
Kosmogonie fröstelt einen echt nordisch an, aber auch sie 
ist fremd imd entstammt dem Timaeus Piatos, der in der 
latemischen Übersetzung und Erläuterung des Chalddius 
schon seit dem frühen Mittelalter eifrig gelesen wurde. 
Nach Piatos Theorie, die weithin das Mittelalter beherrschte, 
erstarrt ein die vier Elemente wild vermeidender Strom 
zwischen dem kalten, feuchten Erdelemente und dem heißen, 
trocknen Feuer zu Eis. Nach der Erdseite hin bildet sich 
zwischen Kälte und Hitze das kalte, aber feuchte Wasser, 
nach der Feuerseite hin die warme, feuchte Luft. Der 
formlose Urstoff wird also jetzt zuerst zur Form, und zwar 
durch die „Kraft des Schöpfers", die Virtus des Opifex. 
Also auch hier eine zwischen Kälte und Hitze vereisende 



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X. Das ChKsientam in der nordischen Mythologie. 415 

Strömung, ein Entstehen der zwei jüngeren Elemente 
Wasser und Luft aus dem Zusammenstoß zweier älterer; 
auch hier eine Verwandlung des Formlosen in eine Form, 
auch hier ein unmittelbares Eii^reifen einer höheren Macht, 
um dies zu bewirken. Nur dadurch unterscheidet sich 
Snorre von Plato, daß er dieser geformten Materie einen 
Personennamen gibt und zwar denselben, den die Völuspa 
der von ihm als das Nichts bezeichneten formlosen Materie 
gab, nämlich Ymir. 

Aus dem tropfenden Reif entstand auch eine Kuh 
Audhumla, die mit der Milch ihres Euters Ymir, sich selber 
aber durch das Ablecken salziger Eisblöcke nährte. Infolge- 
dessen trat der Körper eines Mannes nach und nach daraus 
hervor, des mächtigeD, schönen Buri, der (ohne Weib) 
einen Sohn Borr zeugte, der „Erzeuger" den „Erzeugten". 
Dem Borr schenkte die Riesentochter Bestla die drei Söhne 
Odin, Vili und V^. Die nährende, leckende Riesenkuh mag 
noch ein altes Bild der die Gletscher umlagernden Wolke 
sein, die unten Leben schafft; der Erzeuger aber und der 
Erzeugte entsprechen dem Genitor und dem Genitus der 
Christologie, sowie Odin, ViÜ und V6 d. i. Gott, Wille und 
Heilig der mittelalterlichen Trinitätslehre, wonach die drei 
Personen u, a, auch als Gott, Wille (Voluntas) und heiliger 
Geist bezeichnet wurden. 

Wie Audhumla nach Snorre die Ahnfrau der Götter 
und die Amme Ymirs ist, so ist nach den Vafthrudnismal 
Ymir oder Aurgelmir der Vater des sechshäuptigen Riesen 
Tkrüdgelmir, den sein einer Fuß mit dem andern erzeugte, 
während unter seinem Arme ein Mann und ein Weib 
hervorwuchsen. Dies scheint ein verzerrtes Abbild des 
Urriesen der durch Irenäus im Abendland bekannt ge- 
wordenen fantastischen Ophitenlehre, der aus sich heraus 
sechs Söhne, die sechs Haupttugenden, hervorbringt und 
Adam sowohl als auch Eva das Leben schenkt. 

Und um die Gelmirgenealogie hier verabschieden zu 
können, sei noch bemerkt, daß der Sohn Thrudgelmirs 
Bergelmir ist, der in den Vafthrudnismal bei der Sintflut in 



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446 X. Dm Chriitennun in der nordischen Mjrtbologie. 

einen Kasten gelegt, nach Snorre diesen aber mit Weib 
und Kind besteigt und dadurch gerettet wird. Wer kann 
darin Noah verkeimen , der ja auch zu dem Riesen- 
geschlechte gehört? Fast möchte man in Bergelmir einen 
Bei^gelmir vermuten, so genannt, weil er auf dem Berge 
Ararat landete. 

In dieser Erzählung ist die Sintflut aus dem Blute 
Ymirs, den die Götter erschlagen haben, entstanden. Nach 
einer andern zersttlckeln die Götter den Urriesen und bilden 
aus seinem Fleisch die Erde, aus seinen Knochen das Ge- 
birge, aus seinem Schädel den Himmel, aus seinem Schweiß 
die See, aus seinem Haare den Bautn, aus seinen Brauen 
den Midgard und aus seinem Gehirn die Wolken. Ähnliche 
Listen von Vergleichungen des Mikrokosmos mit dem 
Makrokosmos, des Menseben mit der Welt, haben allerdings 
auch weit entfernte Völker aufgestellt, aber genau überein- 
stimmende finden wir doch nur in den kirchUchen Schriften 
des Mittelalters. Selbst deren auffällige Vergleichung der 
Wolken mit den Gedanken kehrt hier in den aus dem 
Hirn, dem Sitz der Gedanken, gescha^enen Wolken wieder. 

Wie sehr diese ganze Vorgeschichte der Schöpfung, 
auch wo sie von der Genesis weit abweicht, von Gedanken 
und Motiven der christUchen Theologie durchsetzt ist, zeigt 
ziun Schlüsse noch der folgende kleine Zug. Snorre wirft 
bei seiner Ymircharakteristik plötzlich die höchst Über- 
raschende Frage auf: „War Ymir ein Gott?" und bekommt 
die Antwort: „Wir halten ihn durchaus nicht für einen 
Gott, denn er war böse, wie alle seme Nachkommen." Diese 
ernste ethische Frage hatte dem volkstümüchen Riesentum 
gegenüber keinen Sinn , aber sie versetzt uns plötzlich 
wiederum mitten in die christüche Gedankenwelt. Denn 
seit Plato bis auf den heutigen Tag war man geneigt, in 
der Urmaterie, die doch Ymir vertritt, das Grundböse zu 
erkennen. 

Kehren wir zur Völuspa zurück! Den eigentlichsten 
ersten Schöpfungsakt der biblischen Genesis, die Scheidung 
des Lichts von der Finsternis, überging unser Dichter, 



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X. Das Chnaientam in der nordiscbcD Mythologie. Hl 

vielleicht mit dem stillen Einwände, daß das Licht doch erst 
mögUch gewesen, nachdem die Sonne geschaffen worden 
sei. Darum ließen auch manche christliche Genesisdichter 
die Lichtschöpfung weg. 

Die nächsten drei Schöpfungsakte, den zweiten, dritten 
imd vierten, vollzieht die Gottheit nach den Strophen vier 
bis sechs der Völuspa genau in der biblischen Reihenfolge : 
Himmel, Erde imd Gestirne. Die Götter erheben die Himmel, 
schaffen die Erde und bestimmen nach einer Beratung den 
Gestirnen üire Bahnen und Zeiten. Der Dichter scbUeßt 
sich bald mehr an den Genesistext an, bald mehr an dessen 
theologische Erklärung. So drückt er das Firmament der 
Genesis durch „Scheiben" aus, wie es die Kirchenvater 
nach der mittelalterUchen Sphärentheorie durch himmUsche 
Sphären, Zirkel und Kreise übersetzten. Und Gott nannte 
weiter das Trockne Erde, und die Erde ließ aufgehen Gras 
und Kraut. So wird in der Völuspa die Erde geschaffen, 
imd um das Trockne auszudrücken, läßt der Dichter vor- 
greifend hier schon die Sonne auf sie, die mit einem Saal- 
bau verglichen wird, herabscheinen, sodaß sie mit grünem 
Kraute begrünt wird. Zum vierten machte Gott, nach der 
Bibel, zwei große Lichter, ein großes Licht, das den Tag 
regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu 
auch Sterne. Und diese Lichter scheiden Tag und Nacht 
imd geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre. So kommen 
in der Völuspa hinter einander die Sonne, der Mond und 
die Sterne zum Vorschein, und die Götter geben ihnen 
Namen und Zeiten, die Jahre danach zu zählen. 

Offenbar sind die Gegenstände dieser drei Schöpfungs- 
akte dieselben, aber die Schöpferzahl ist eine verschiedene, 
mußte eine verschiedene sein, da die mythisierende Dar- 
stellungsmanier des im Polytheismus wurzelnden Skalden- 
tums an die Stelle des einen Gottes mehrere, Bors Söhne 
(S. 445), um so unbedenklicher rückte, als ja auch die 
kirchUche Lehre die Schöpfergew^lt auf mehrere göttliche 
Personen verteilte. Es sind also heidnische Scheingötter; 
den echten Heidengöttem war eine Schöpferkraft nicht 



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448 X. Das Chrislenluin in der nordiscben Mythologi«. 

gegeben und überhaupt den Germanen eine Schöpfui^- 
lehre, eine Kosmogonie, fremd. Tadtus ließ kein Wort 
darüber fallen, denn die von ihm berichtete Herleitimg der 
Ingvaeonen, Herminonen und Istvaeonen von drei Söhnen 
des Mannus, der wieder ein Sohn des erdgeborenen Tuisco 
war, ist nur eine Stammheroensage, keine Kosmogonie. 
Sechs Jahrhunderte spater erkannte der kluge Bischof 
Daniel von Winchester als Kemschaden des deutschen 
Heidenglaubens den Mangel einer Lehre von der Schöpfung 
durch die Gottheit (S, 24), und wenn die heidnischen Nord- 
leute in ihren ausführlichen Debatten mit den Missionaren 
die Gewalt Thors und Odins Ober Unwetter und Ungeheuer, 
über das Gedeihen des Ackers und den Sieg in der Schlacht 
stolz rühmten, so wagten sie doch nie, obgleich von ihren 
Gegnern förmlich dazu gereizt, die Schöpferkraft ihrer 
Götter zu behaupten. Man hat also nicht nur das Recht, 
sondern sogar die Pflicht, die schaffenden Götter der Völuspa 
als bloße poetische Ersatzfiguren der christlichen Gottheit 
aufzufassen. 

Aber wie ist weiterhin die Hochzimmerei und die Gold- 
schmiedekunst der Götter samt ihrem heiteren Brettspiel 
zu erklären? EHe Partie der Genesis 1, 31 bis 2, 2 bot 
dafür das Leitmotiv : „Gott sah an alles, was er gemacht 
hatte, und siehe, es war sehr gut. Also wurden vollendet 
die Himmel und die Erde und ihr ganzer Schmuck, und 
Gott ruhete". Die christlichen Angelsachsen nannten den 
Himmel ein „Hochgezimmer", und als er und die Erde 
fertig waren, jubelten in ihrer Genesis die Engel, „denen 
kein Mangel an irgend etwas war", und hielten ein Gelage. 
So zimmerten die nordischen Götter den Himmel hoch wie 
ein Heiligtum und schmiedeten Gold, „an dem ihnen kein 
Mangel war" (für den Steraenschmuck), und erfreuten sich 
am Brettspiel. Die selige Ruhe, die Gott nach der Vollen- 
dung Himmels und der Erden empfindet, wird vom 
angelsächsischen Genesisdichter ebenso frei ausgemalt, wie 
vom nordischen Völuspaverfasser. Dort jubeln die Engel 
tmd halten, frei von allem Mangel, ein Gelage, hier schmie- 



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X. Das Christentum in der nordischen Mythologie. 449 

den die Götter, frei von allem Mangel, schönen Schmuck 
und ergötzen sich mit Spiel. Ein eigentlich heidnisches 
Motiv ist auch hier ganz ausgeschlossen, denn der echt- 
nordische Glaube versagte seinen Göttern nicht nur die 
schöpferische Tätigkeit überhaupt, sondern auch insbeson- 
dere alles Bauen und Schmieden. Mit diesen Künsten sind 
nur Zwerge und Riesen vertraut Wenn dann plötzlich drei 
mächt^e Riesenweiber erscheinen d. h. die Nomen, so sind 
wir überrascht. Doch auch dieser Zug, die Verknüpfung 
des Schicksals mit der Schöpfung der Sterne, kehrt in der 
mittelalterlichen Kosmogonie wieder: Chalddius fand das 
Schicksal in den neugeschaffenen Sternen und zwar drei- 
geteüt in die drei Parzen Atropos, Clotho imd Lachesis. 

Noch überraschender ist nun die folgende Mitteilung, 
daß eine Götterversammlung Zwerge beauftragt, Menschen- 
formen in Erde aus Wasser und Gestein zu bilden, da doch 
die Genesis als fünftes Werk die SchOpfimg der Tiere 
schildert. Hier folgt der Dichter völlig der platonischen 
Schöpfungsgeschichte. Denn darnach werden von einer 
Götterversammlung die niederen Götter und Dämonen, die 
der nordische Verfasser Zwerge nennt, beauftragt, die 
Formen sterblicher Wesen aus den Elementen zu bilden. 

Alsbald kehrt der Verfasser mit der Schilderung des 
sechsten Schöpfungsaktes zu der biblischen Vorlage und 
ihrer mittelalterlichen Auslegung zurück. Die Krone des 
gatizen Schöpfungswerkes ist auch in der' Völuspa das 
erste Menschenpaar. Die Worte Gottes in der Genesis: 
,,Lasset uns Menschen machen" wiu-den von den Kirchen- 
vätern schon früh auf die Dreieinigkeit gedeutet, und so 
greifen auch in der Völuspa drei Götter das Werk an und 
zwar durch dieselben zwei Eigenschaften getrieben, ihre 
Macht imd ihre Güte. Der dreieinige Gott findet einen 
Erdenkloß, dem er den lebendigen Odem in die Nase bläst, 
so daß der Mensch eine lebendige Seele wird. Diese Gaben 
verteilt äie christliche Auslegimg auf die drei göttlichen 
Personen, so daß Gottvater den Atem, Gottsohn die Seele 
und der heilige Geist die bewegliche Lebenskraft spendet. 

Htjer, E. H., Gumui. Myihalcglc. 29 



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450 X. D«s Cbrnlenlum in der nordischen Mythologie. 

So finden die drei nordischen Götter unvermögend und 
schicksalslos jene von den Zwergen aus Erde gemachten 
Körper imd verleihen ihnen dieselben Gaben in derselben 
Verteilung. Und sie tragen die frei erdichteten Namen Ask 
und Embla, die den gleichen Stabreim bilden wie Adam 
und Eva. Daß die erste Person der Dreieinigkeit mit 
dem Namen des höchsten nordischen Gottes Odin be- 
zeichnet wurde, ist fast selbstverständlich, wie ihn auch 
Snorre als Hdr den Hohen neben die beiden anderen 
Namen der christlichen Dreieinigkeit Jafnhdr Ebenhoch 
und Thriäi den Dritten setzt. Verunglückt dagegen ist die 
Umtaufung der beiden andern Schöpfer in Hoenir und Lö- 
ßor. denn jener ist ein höchst unbedeutender Gott (S. 410) 
und dieser ein völlig unbekanntes, wohl nur für diese Stelle 
erfundenes Wesen, 

Der dritte Abschnitt der Völuspa besteht aus den 
Strophen 19—26: 

19. Eine Esche weiß ich stehen, sie heißt YggdrasUl; 
Ein hoher Baum, mit glänzendem Naß begossen. 

Von da kommen die Tautropfen, die in die Täler fallen, 
Er steht immer grün über dem Urdarbrunnen. 

20. Von da kommen Mädchen, vielwisscnde. 

Drei aus dem Saal (See), der unter dem Wipfel steht. 
Urd nannten sie die eine, die andre Werdandi, 
— sie schnitten ins Scheit ein — Skuld die dritte. 
Sie setzten die Satzungen, sie erkoren das Leben 
Den Kindern der Menschen, das Schicksal der Männer. 

21. Dieses Volkskriegs gedenke ich als des ersten in der Welt, 
Als sie Gollweig mit Geren stießen 

Und sie in der Halle des Hohen brannten. 
Dreimal brannten, die dreimal Geborne; 
Oft, unselten; dennoch lebt sie noch. 

22. Heifir nannten sie sie, wo immer sie in die Häuser kam, 
Eine wohlkundige Wölwa: sie rüstete Zauberwesen aus, 
Zauberte, wo sie konnte, zauberte sinnbetörend, 

Immer war sie die Lust böser Weiber, 



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X. Da9 Christentum in der Dordiscben Mythologie. 451 

23. Da gingen alle Berater auf die Gerichtsstühle, 
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber, 
Ob die Äsen Abgabe zahlen sollten, 

Oder alle Götter Opfer haben. 

24. Odin schleuderte und schoß ins Volk, 

Das war jener erste Volkskrieg in der Welt, 
Gebrochen wurde der Ringwall der Asenburg, 
Die kampfkühnen Wanen waren imstande, die Felder zu 
zerstampfen. 

25. Da gingen alle Berater auf die Gerichtsstühle, 
Die hochheiligen Götter, und berieten darüber, 
Wer die ganze Luft mit Unheil gemischt hätte 
Oder dem Riesengeschlecht Ods Mädchen gegeben. 

26. Thor allein schlug zu, von Zorn bezwungen, 
Er sitzt selten, wenn es sich darum handelt. 
Zertreten wurden die Eide, die Worte und Schwüre, 
Alle feierlichen Verträge, die zwischen ihnen fuhren. 

Der Erschaffung des Menschen folgt auch in der Gene- 
sis das Bild eines Baums des Lebens, der nach der Apo- 
kalypse an beiden Seiten des Flusses mit dem krystall- 
hellen Lebenswasser steht und das ganze Jahr hindurch 
Frucht imd Laub trägt. Mit ihm verschmolz der Dichter 
die heidnische hohe Weltesche, die bei den Skalden Odins 
Roß d. i. Yggdrasill hieß (S. 293). Aber auch des Genossen 
des paradiesischen Lebensbaumes scheint er sich dabei 
erinnert zu haben, des schicksalvollen Baumes der Er- 
kenntnis, und darum die drei Schicksalsweiber an seinen 
Stamm gesetzt zu haben, wetm ihm hier nicht eine ältere 
volkstümliche Nomenszenerie vorschwebte (S. 253). Ob 
nicht auch die Namen der drei Nomen Vergangenheit, 
Gegenwart und Zukunft den drei lateinischen Parzen- 
namen Praeterittmi, Praesens und Futurum, die wir bei 
den Gelehrten des Mittelalters z. B. Isidor finden, nach- 
gebildet worden sind? (S. 261.) 

Und nun entrollt sich das Schicksal der Welt. Es 
beginnt in der Völuspa wie in der Bibel mit der Ver- 



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i£3 X. Du ChTutentiim io der nordischen Mjüiologie. 

schuldung eines Weibes, die hier wie dort auf eine noch 
altere Verwicklung, einen Krieg, zurflckdeutet. Denn nach 
der Kirchenlehre erhoben sich Luzifer und andere treulose 
Engel gegen Gott, weil sie ihm gleichgestellt sein wollten^ 
zum „primum bellum civile", zum ersten Volkskrieg. Sie 
wurden aber aus dem Himmel gestoßen, worauf sich 
Satanas rächte durch die Versuchung der Eva zum Sünden- 
fall. Die lichten Engel verwandelt der Dichter in die 
höhten Wanen (S. 362), die gleich den andern Göttern 
durch Opfer geehrt sein wollen. Darüber bricht der erste 
Volkskrieg aus. Die angelsächsische Genesis schildert, wie 
nun des Himmels Hochkönig zornig gegen die Aufrührer 
die Hände erhebt, auf einer ihrer 48 Miniaturen schleudert 
er sogar, von seinen Engeln umgeben, ein Bündel Pfeile 
gegen sie. So schießt in der Völuspa Odin ins Volk hinein. 
Dennoch gelang es nach der romanhaften Darstellung des 
Engelsturzes z. B. diwch Honorius von Augustodunum, den 
meuterischen Engeln, einen Palast des Allmachtigen zu 
zerstören. So brechen auch in der Völuspa die Wanen den 
Burgwall der Äsen. 

Dieses Volkskriegs gedenkt also die Seherin mit Recht, 
als sie den Sündenfall schildern will. Denn die mit Geren 
gestoßene, in der Halle des Hohen dreimal gebrannte, drei- 
mal geborene, noch lebende Gollweig, Goldgetränk (?) ist 
keine andere als Eva, wie sie die kirchenvaierliche Deu- 
timg darstellte. Sie wird nach Ambrosius durch drei ver- 
giftete Pfeile d. h. drei Versuchungen des Teufels getroffen, 
die von andern Kirchenvätern auch drei feurige Gere 
genannt wurden. Das geschah im Paradiese, das hier die 
Halle des Hohen heißt. Ob sie dreimal geboren genannt 
wird, weil sie erstens zugleich mit und in Adam, dann aus 
seiner Rippe, endlich auf Erden gleichsam noch einmal 
geboren wurde, bleibe dahingestellt. Auf Erden lebt sie 
noch heute als Heiär, Heitere, Strahlende fort, die durch 
ihre Schönheit bezaubert, immer die Lust böser Weiber. 

Den Sinn der zwei folgenden Strophen 25 und 26 kann 
man nur erraten, wenn man sich erinnert, daß mit dem 



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X. Dm CbriiteDtnm in der nordischen Mjrtbologi«. 4ö3 

Riesengeschlecht insbesondere der riesige Baumeister Smidr 
gemeint sein muß, der eine große Burg den Göttern baute 
und daftlr Ods Mädchen d. i. Freyja zum Lohn erhalten 
sollte, bis Thor dazwischen fuhr, den Vertrag brach und 
den Baumeister erschlug. Die Anspielungen auf einen alten 
Heidenmythus (S. 234) haben hier den Sinn der christlichen 
Heilslehre fast verdrängt, die hier als einen der diu-ch die 
Sünde der Menschen herbeigeführten Hauptakte den Bau 
des Turms zu Babel vorführt. Dieser Bau galt auch den 
Kirchenschriftstellem als ein Bau der bösen Giganten, den 
Gott zerstört, und die auffällig breite Ausführui^ der 
Störm^ der Eide, Worte, Schwüre und Verträge hatte zur 
geheimen Ursache die andere Bedeutung Babels, die der 
Störung, der Verwirrung der Sprachen. 

27. Sie weiß Heimdalls Hom verborgen 

Unter dem aeth ergewohnten heiligen Baume, 
Wasser sieht sie sich ergießen in feuchtem Falle 
Aus dem Pfände Walvaters: wißt ihr noch weiteres^ 

28. Allein saß sie draußen, als der Alte kam, 

Der schreckliche der Äsen und sah ihr ins Auge. 
„Wonach fragst du mich, wie versuchest du mich? 
Alles weiß ich, Odin, wo du das Auge verbargst". 

29. Ich weiß Odins Auge verborgen 
In jenem berühmten Mimisbrunnen, 
Met trinkt Mimir jeden Morgen 

Vom Pfände Walvaters: wißt ihr noch weiteres? 

30. Heervater schenkte Ringe und Halsbänder, 
Ich empfing weise Kunden und Zauberkünste. 
Ich sah weit und breit über alle Welten. 

31. Ich sah die Walküren weither gekommen, 
Fertig zum Ritt ins Heldenvolk. 

Skuld hielt den Schild, Skögul war die andre, 
Gudr, Hildr, Göndul und Geirskögul. 
Nun sind gezählt die Mädchen Herjans (Odin), 
Die Walküren fertig zum Ritt auf die Erde. 



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454 X. Das Christcotum in der nordiichen Mjrthologie. 

32. Ich sah dem Balder, dem blutigen Gotte, 
Odins Sohne, das Schicksal verborgen. 
Gewachsen stand hoch über der Flur 
Der zarte und sehr schöne Mistelzweig. 

33. Es wurde aus dem Baumstamm das sehr zart erscheinende, 
Aber gefährliche Unglücksgeschoß: Höder ergriff es zum 

Schießen. 
[Haiders Bruder wurde alsbald davon getragen, 
Da übernahm Odins Sohn, eine Nacht alt, die Rache, 

34. Wusch seine Hände nicht, noch kämmte er sein Haupt, 
Bevor man auf den Scheiterhaufen trug Balders Feind.] 
Aber Frigg beweinte in ihren Fensälen 

Das Weh der Walhall: wißt ihr noch weiteres? 

35. Gebunden sah ich liegen unter dem Kesselhaine 
Die unheilbrütende Gestalt, den widerwärtigen Loki. 
Da sitzt Sigyn, doch nicht um ihren 

Mann sehr erfreut: wißt ihr noch weiteres? 

In diesen dunklea Strophen tritt die Wölwa mit Fi^ 
und Recht wieder in den Vordergrund. Die Schöpfung 
samt den ersten sündigen Störungen der neu geschaffenen 
Welt hegen hinter ihr. Ihr drängt sich jetzt etwas Wich- 
tigeres, Schwereres, Persönlicheres auf. Sie hat ein zentrales 
Ereignis zu verkünden, das voll Schmerz und Kampf Ver- 
gangenheit, Gegenwart und Zukimft verbindet. Es birgt 
das tiefste Mysterium in sich, das das furchtbarste Straf- 
gericht nach sich zieht. Dies Mysterium stellt sich ihr in 
drei Gesichten vor, immer deuthcher, immer beüngst^ender. 

Sie weiß Heimdalls Hom, sie weiß Odins Auge, sie 
weiß Baläers Schicksal verborgen. Das alles weiß sie aber 
nicht aus dem nordischen Mythus, wenn sie sich auch der 
Sprache desselben bedient, sondern aus dem christUchen 
Ideenkreise und zwar aus demjenigen, der den Mittel- und 
Kernpunkt der Heilslehre, den Kreuzestod des Gottessohnes 
Christus, umgibt. Von dem seltsamen Versteck des Homes 
Heimdalls imter einem in den Äther ragenden heiligen 
Baum ist im nordischen Mythus nichts bekannt, auch 
nicht die leiseste Anspielung. Dagegen nannten zahlreiche 



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X. Das Christentum in der nordischcD Mythologie. 455 

Kirchenschriftsteller, auch angelsachsische und nordische 
Dichter, das Kreuz den „heiligen Baum" und rühmten von 
ihm, daß sein oberer Teil gen Himmel blicke, also äther- 
gewohnt sei. Seine Äste oder Arme wurden von ihnen 
Homer genannt. Den in der Tiefe der Erde verborgenen 
unteren Teil, das untere Hom, hebt hier die Wölwa be- 
sonders hervor, denn dieses unsichtbare „Profundum" des 
Kreuzes wurde auf die unerforschlichen Gerichte Gottes 
gedeutet, von denen zu reden sie sich ja gerade hier an- 
schickt. Das Wächterhom Heimdalls {S. 408) hat hier nichts 
zu schaffen, es ist hier eine bloße mythologische Kenning 
oder Umschreibung eines christlichen Begriffs. 

Wie tief aber die Wölwa aus der christlichen Ideen- 
welt schöpft, das lehren auch ihre unmittelbar folgenden 
Worte: „Wasser sieht sie sich ei^eßen in feuchtem Falle 
(forse) vom Pfände (ved) Walvaters," Schon im Epheser- 
brief und weiterhin überall in der kirchlichen Literatur 
heißt das „Pfand" der Erlösung durch sein Blut der Sohn 
Gottes, der Gekreuzigte, aus dem sich nach dem Lanzen- 
stich des römischen Soldaten durch eine Seitenwunde Blut 
und Wasser ergießen, auf manchen alten Bildern in einem 
förmlichen Falle. Noch im 16. Jahrhimdert sagt ein nordisches 
geistliches Gedicht: „Uns wuschest du, o Christus, mit dem 
Falle (fossi) deines Blutes." 

In ihrer zweiten Vision sieht die Wölwa Odins Auge 
im Mimisbrunnen verborgen ; Met trinkt Mimir jeden 
Morgen aus dem Pfände Walvaters. Die altmythischen 
Begriffe Odins Auge und der Mimisbrunnen sind hier, wie 
soeben Heimdalls Hom, der Darstellung christlicher Ideen 
dienstbar gemacht. Denn die Kirchensprache faßte auch 
wohl in der Dreieinigkeit Gott als das Auge, Christus als 
den Bmnnen, den heiligen Geist als das daraus fließende 
Wasser auf. Und da Christus hier von neuem das „Pfand 
Gottes" heißt, so gilt er für das verpfändete Auge, das im 
Brunnen verpfändete, im Brunnen des heiligen Geistes. 
Bedeutet vielleicht der tägliche Tmnk Mimirs aus diesem 
Pfände den täglichen Opfertrunk des Messe haltenden 



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£16 X. Dta Cbristenttun in der nordischen Mythologie. 

Priesters? Denn es heißt z. B. bei Honorius, ohne Zweifel 
nach alteren Auslegern; Wegen des der Kirche übergebenen 
„Pfandes" nimmt der Priester mit der Weihe des heiligen 
Geistes täglich Brot und Wein, das Fleisch und Blut Christi 
Dieses nannte der Angelsachse Älfric auch kurzweg Pfand, 
mit dem gleichen Ausdruck, wie es die Wölwa „wedd" 
nennt Schon Snorre ahnte die neue Bedeutimg des Mimis- 
brunnens, indem er ihn den Brunnen der göttlichen Weisheit 
(vfsindi) nannte. Doch gestehen wir gern, daß diese dunkle 
Partie noch sehr der Aufhellung bedarf, die sie aber 
schwerlich aus der Natursymbolik empfangen wird. 

Die Wölwa sieht diese rätselhaften Bilder nach der 
Sitte der heidnischen Wölur draußen in der Einsamkeit, 
wobei ihr der Zaubergott Odin durch Gaben verschiedener 
Art Hilfe leistet. So ausgerüstet sieht sie das letzte, das 
traurigste Bild, das der wilde Ritt von Walküren ankündigt. 
Krieg ist die Losung auf der Erde, wie im Himmel, zwischen 
den Guten und den Bösen. Und nun tut der Dichter einen 
Meistergriff. Er setzt den lichten der beiden altgermanischen 
Dioskurenbrüder, den Sommergott Baläer {S. 405), an die 
Stelle des lichten Christus und belaßt zwar noch dessen 
dunklen Bruder Höär, der ihn mit der Mistel, dem Winter- 
S3mibol, erlegt, aber er macht zum eigentüchen Urheber 
des Todes Balders den unheilvollen Dämon Loki, den Saxo 
noch gar nicht in diesem Mythus kennt So wurde Loki 
zu einer Art Teufel, der ja der eigentliche Urheber des 
Todes Christi war, und mußte sich die weitere Verchrist- 
Uchung gefallen lassen, daß er für seine Untat in der Hölle 
gebunden wurde. Der Baldermythus mag auch schon, da 
er den Untergang eines glänzenden Lichtgottes zum Inhalt 
hatte, einen schwermutsvollen, auch die andern Götter 
beunruhigenden oder gar erschütternden Charakter gehabt 
haben; aber die das Schicksal des Weltalls entscheidende 
Zentralbedeutung des Todes Balders kann nur der des 
Todes Christi nachgebildet sein. Wie es in der Apoka- 
lypse 19, 11 heißt: „Ich sah den König aller Könige, den 
Herrn aller Herren, angetan mit einem Kleide, das mit 



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X. Das Chri$t«Dtain in d«r nordischen Mythologie. J57 

Blut besprengt war, und ich sah das Tier, und mit ihm 
den falschen Propheten, und lebendig wurden diese beide 
in den feur^en Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brennt", 
so heißt es in der Völuspa: „Ich sah dem Balder, dem 
blutigen Gotte, sein Schicksal verborgen und ich sah ge- 
bunden liegen unter dem Haine der heißen Sprudel die 
imheilbrütende Gestalt, den widerwärtigen Lold." Die 
weinende Mutter Gottes aber wird durch die weinende 
Mutter Haiders, Frigg, ersetzt Beide Schilderungen des 
Todes des Uchtesten Wesens, Balders wie Christi, bereiten 
die Ankimft des jüngsten Gerichts vor. 
36. Ein Strom fällt von Osten her durch GifUäler. 

Mit Schneiden und Schwertern: der Grausige heißt er. 



37. Es stand nördlich auf den Finsterfeldern 
Ein Saal aus Gold des Geschlechtes Sindris, 
Aber ein anderer stand zu Unkfihlheim, 
Der Biersaal des Riesen, der Brimer heißt, 

38. Einen Saal sab sie stebn, der Sonne unerreichbar, 

An den Leichenstranden; nordwärts wendet sich die Tür, 
Es fielen Gifttropfen herein durch die Lichtlöcher, 
Geflochten ist der Saal aus Schlangenrucken. 

39. Sie sah da waten schwere Ströme 
Meineidige Männer und Mörder, 

Und den, der eines Anderen Frau verfflhrt. 

Da sog Nidhögg die Leichen der Abgeschiedenen, 

Der Bösewicht zerriß die Männer; wißt ihr noch weiteres? 

Diese Bilder der Unterwelt muten ims auf den ersten 

Bhck unchristhch, nordisch genug an: der Waffenfluß, der 

aus den östUchen Frosttälem strömt, der Goldsaal der 

Zwerge, der Biersaal des Riesen und der Saal der Hei 

mit seinem Schlangendach. Die Sünder waten durch Ströme, 

Leichen werden von einem Drachen ausgesogen oder vom 

Bösewicht zerrissen. Aber gegen altheidnische Herkunft 

spricht, daß alle diese Unterweltsbilder, abgesehen etwa 

von dem Waffenfluß, kaum im altnordischen Glauben 



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458 X. Das ChriBtcnlum in der Doidischen Mythologie. 

nachgewiesen werden können, zumal nicht die Hei als 
Qualort der Sünder. Dsigegen bieten die christlichen 
Quellen zahlreiche gleiche Vorstellungen dar, z. B. wird 
in der aus dem 4. Jahrhundert stammenden paulinischen 
Apokalypse, die seit dem 9. Jahrhundert vielfach übersetzt 
und bejirbeitet wurde, Paulus in die goldtorige Stadt der 
Seligen, ins mehr als Gold glanzende Land der Sanft- 
mütigen, endlich in die Stadt Gottes mit ihren Honig-, 
Milch-, Öl- und Weinflüssen versetzt. Daraus machte der 
nordische Dichter einen Goldsaal der Zwerge und einen 
Biersaal des Riesen. Darauf schaute Paulus den finstem 
Ort der Verdammten mit dem „bestrafenden" Strom, in 
dem die Ehebrecher waten, und einen feurigen Strom, in 
dem die Diebe und Mörder gepeinigt werden. Einem dieser 
Sünder kriechen Würmer aus dem Munde. In der Vision 
Karls III. um 900 stehen die Räuber und Raufer in einem 
metallenen, also wirklich „schweren", Strom, und Schlangen 
packen sie von den Ufern her an. Wie nach der Offen- 
banmg des Johannes der Drache, die alte Schlange, im 
Abgrund gefesselt lieg^, so haust auch in der Völuspa der 
Drache tief in der Unter\velt. 

Der christliche Einfluß erscheint in dieser Strophen- 
gruppe vollends sieghaft durch die Stellung, die ihr im 
Gedankengange des Gedichts angewiesen ist. Die Schilderung 
des Paradieses und der Hölle eröffnet die eigentliche Dar- 
stellung des jüngsten Gerichts, wie auf den alten Wand- 
bildern der Kirche und den Miniaturen der Evangeliarien 
Italiens und Deutschlands unter dem Gerichtsbilde häufig 
Hölle und Paradies nebeneinander stehen, und Predigten 
und Gedichte des Mittelalters vor der Schilderung des 
Gerichts diese beiden Welten vorführen. 

40. Ostwärts saß die Alte im Eisenwalde 
Und gebar da Fenris Gezücht. 

Es wird von allen vornehmlich ein Gewisser 
Des Gestirns Verschlinger in Unhoidsgewande. 

41. Er füllt sich mit dem Fleische getöteter Männer, 
Er rötet der Götter Sitz mit rotem Blute. 



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X. Das Christentum in der nordischen Mythologie. 459 

Schwarz werden die Sonnenscheine die folgenden Sommer 

über, 
Die Wetter werden alle übelgesinnt. Wißt ihr noch weiteres i 

42. Es saß da auf dem Hügel und schlug die Harfe 
Der Riesin Hirte, der frohe Eggther, 

Ober ihm sang im Vogelwalde 

Ein schönroter Hahn, der Fjalar heißt. 

43. Es sang über den Äsen GuUinkambi, 

Der weckt die Männer in Heervaters Hause, 
Aber ein andrer singt unter der Erde unten, 
Ein rußroter Hahn, in den Sälen der Hei. 

44. Laut bellt Garm vor Gnipahellir, 

Die Fessel wird zerreißen, aber der Wolf rennen! 
Viel weiß ich der Kunden, vorwärts sehe ich weiter 
Über der Götter Untergang, den gewaltigen der siegmächtigen. 
Man hat die im Eisenwalde d. h. im unenneßlichen 
Walde sitzende Alte für eine Waldriesin erklärt, die im 
östlich gelegenen Riesenheim wohnte. Aber nirgendwo 
erscheint in der heidnischen Überlieferung der Osten als 
Brutstatte besonders bösartiger Wesen, und vollends über 
deren schlimmstes gibt sie keine Auskunft, weder über 
dessen Charakter, noch über dessen Auftreten in einem 
so entscheidenden Zeitpunkt der Erzählung. Dagegen stellen 
ims die Offenbarung des Johannes und die im Mittelalter 
außerordentlich beliebte Antichristlegenäe jene beiden ab- 
schreckenden Persönlichkeiten, Mutter wie Kind, dicht vor 
dem Einbruch der Weltkatastrophe vor Augen. In der 
Wüste fern im Osten sitzt das furchtbare Weib, die Mutter 
aller Gräuel auf Erden, die Behausung der Teufel und das 
Behältnis aller unreinen Geister, die „alte, wüste Babilonie", 
wie es oft im Mittelalter heißt. Die tmermeßliche Wüste, 
deren Begriff den Germanen weiter ablag, wird hier, wie 
auch in andern Wiedergaben der Antichrisüegende, ein 
imermeßlicher Wald genannt. In ihrer Wildnis gedeihen 
namentlich Drachen imd Würmer aller Art, und mit dem 
Teufel gebiert sie als schlimmstes Kind, als omnium nequis- 
simus, den größten Bösewicht, den Antichrist, der das 



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460 X. Du ChriiteDtom in d«r nordlscben Mythol^e. 

menschlicbe Geschlecht verderben wird, und zwar in des 
„Teufels Form", also in Unhold^ewande. Aus dem Osten 
dringt er vor und übt dieselben Frevel aus, wie der Sohn der 
Eisenwälderin- Nach Jerusalem kommend tötet und erwüi^ 
er alle Glaubten und dringt in den heiligen Tempel Jehovas, 
um dort seinen Sitz aufzuschlagen. Er erfüllt nun Christi 
evangelische Prophezeiung, daß der Antichrist große Zeichen 
und Wunder tun wird und daß Sonne und Mond den Schein 
verlieren und die Sterne vom Himmel fallen und die Kräfte 
der Himmel sich bewegen werden. Auch beißt es in der 
Antichristlegende: „Die Lüfte wird er mit Winden erregen." 
Die auch die Sommer über übelgesinnten Wetter, die 
in der Völuspa zu den Vorzeichen des Weltuntergangs 
gehören, werden in den Vafthrudmsmal, einem andern der 
Völuspa ungefähr gleichaltrigen eddischen Gedichte, und 
in der Prosaedda als der Fimbulvetr d, h. der große, furcht- 
bare Winter bezeichnet. Und auch diese beiden nordischen 
Berichte zeigen sich durchaus abhangig von der Antichrist- 
legende. Denn der Antichrist kehrt (He Ordnung der Natur 
um, erregt die Lüfte diu-ch Winde und vielfache Störungen. 
Diese schreckliche Plage wird drei und ein halbes Jahr in 
der ganzen Welt dauern, nach andern Theologen drei 
Jahre. Die Prosaedda aber beschreibt jenen Winter so: 
„Da treibt Schnee aus allen Ecken, großer Frost ist da 
und scharfe Winde, und die Sonne nützt nichts. Da fahren 
drei Winter zusammen, und ist kein Sommer dazwischen". 
Also auch hier dieselbe dreijährige Frist furchtbaren 
Wetters. Femer: als der Antichrist gebietet, daß Feuer 
vom Himmel herabfalle, fliehen viele Menschen in die Ein- 
samkeit. So verbergen sich nach der Prosaedda zwei 
Menschen in Hoddmimisholt während dem Feuer, das Surtr 
auch vom Himmel reißt, und Surtr, der Schwarze, ist auch 
weiterhin beim Ansturm auf die Himmelsmächte mit dem 
Antichrist identisch. Jene beiden Menschen Lif und Lif- 
thrasir d. h. Leben und Lebenswtlnscher haben Morgentau 
zur Speise, imd davon nähren sie ihr Leben. So fliehen 
z. B. nach dem Kirchenschriftsteller Lactanz die Menschen 



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X. Das ChiistcDtam in der nordiscben Mythologie. 461 

vor dem Antichrist in die Einsamkeit, da fällt von Gott 
der Morgentau seines Segens, und Gott spendet allen reich- 
liche imd unschuldige Nahnmg. 

Den zwei folgenden Strophen 42. 43 ist kein bestimm- 
terer, tieferer mythischer Sinn abzugewinnen. Der Harfen- 
schlag Eggthers und die Schreie der drei Hahne scheinen 
auf die Entscheidung vorbereiten zu sollen, wie das Gebell 
des Hundes und das Loskommen des Wolfes in der 
44. Strophe. Der letzte Zug entstammt wohl wieder der 
christlichen Überlieferung: schon im 8. Jahrhundert hört 
ein Christ als Zeichen des Weltuntergangs, wie die Scylla 
und ihre jungen Hunde vor der Hölle nicht aufhören, zu 
bellen; und in der Apokalypse wird vor dem jüngsten 
Gericht ein Tier los, der Drache oder die alte Schlange 
oder Teufel und Satanas genannt Nun überblickt die Wölva 
den gewaltigen Untergang der Götter {Ragna rBk), das 
Weltende, das in ein paar andern Liedern auch Götter- 
dämmerung {Ragna rakkr) genannt wird d. h. ebenfalls 
Untergang der Götter, etwa wie die Christen des Mittel- 
alters das jüngste Gericht den Finis oder die Consummatio 
mundi, das Ende oder den Untergang der Welt, nannten, 
oder auch die Vespera mundi, den Abend der Welt. 

45. Brüder werden sich schlagen und einander lu Totem werden, 
Schwesterkinder werden die Sippe brechen. 

Arg ist es in der Welt: großer Ehebruch, 
Beilalter, Schwertalter, Schilde werden zerspalten, 
Windalter, Wolfsalter, bevor die Welt zusammenstürzt. 
Kein Mensch wird des andern schonen. 

46. Es spielen Mims Söhne, aber der Maßbaum entzündet sich, 
Beim Schall des alten Gjallarhorns. 

Laut bläst Heimdall, das Hörn ist in der Luft: 
Odin redet mit Mims Haupt. 

47. Es bebt Yggdrasils Esche, die emporragende, 

Es stöhnt der alte Baum, aber der Riese kommt los! 
Alle fürchten sich auf den Unterweltswegen, 
Bevor Surts Blutsfreund ihn verschlingt. 



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462 X Das Chriitentum in der nordiichen MjtlioI^B. 

48. Was ist bei den Äsen, was bei den EtfenP 

Es tost ganz JötunheJm, die Aseo sind auf der Dingstatt, 
Es ächzen die Zwerge vor den Steintoren, 
Der Felswand kundig. Wißt ihr noch weiteres? 

49. wiederholt Strophe 44. 

Der Dichter überlaßt sich in der 45. Strophe dem Zage 
der biblischen Schilderung der Vorzeichen des Weltunter- 
gangs. So heißt es im Marcusevangelium 13,12: Es wird 
ein Bruder tiberantworten den andern zum Tode imd der 
Vater den Sohn, und die Söhne werden sich gegen die 
Eltern erheben imd werden sie töten. Und schon Jesaias 9, 19 
verktlndet, daß im Zorn des Herrn kein Mensch des andern 
schonen wird. Ehebruch wird nicht erwähnt, aber nach 
Marcus wird man, bevor alles zu Ende geht, hören von 
Kriegen und Kriegsgeschrei, und Erdbeben werden ge- 
schehen, und es wird teure Zeit sein. Das meinen jene 
Schwertalter, Wind- und Wolfsalter. 

Nur kurze Zeit bedient sich der Dichter einer einfacheren, 
unverhüllten Ausdrucksweise, um in den nächsten Strophen 
wieder ganz in den skaldischen Ratselton zu verfallen. Aber 
wie dunkel er klingt, biblische Anschauungen von den Vor- 
gängen vor dem Weltuntergang, nicht heidnische, klaren 
uns über den Sinn auf. Nach Matthaeus 24, 29 werden nach 
der Trübsal derselben Zeit die Kräfte des Himmels sich 
bewegen. Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des 
Menschensohnes im Himmel. Und er wird senden seine 
Engel mit hellen Posaunen. Die Bewegung der Himmels- 
kräfte, die auf die vom heiUgen Geist belebten Engel 
gedeutet wurden, übersetzt der Dichter durch das Spiel 
der Söhne Mimirs, in dem wir schon oben den heiligen 
Geist vermutet haben. Das Zeichen des Herrn, des Ge- 
kreuzigten, das bei den Angelsachsen das leuchtende 
Zeichen, der leuchtende Baum und insbesondere als Vor- 
zeichen des Gerichts auch bei Berthold von Regensbiu-g 
das „leuchtende" heißt, wird der sich entzündende Maß- 
bäum genannt und auch hier wie oben mit dem Gjallar- 
hom in unmittelbare Verbindimg gesetzt Hier aber ist 



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X. Das Cbiistentatn in der Dordischen Mythologie. 468 

dieses nicht mehr verborgen, sondern erschallt laut wie 
ein Heerhom in die Luft gleich den Posaunen der Engel, 
die den Kampf verkünden. Gottvater und der heilige Geist, 
Odin und Mimir, bereden sich mit einander, wie sie beide 
nach den Kirchenschriftstellem dem Gottsohne beim Ge- 
richte beistehen. 

Zwischen heidnischem Ausdruck und christlichem In- 
halt bewegen sich auch die folgenden Strophen. Freilich 
ist Yggdrasils Esche, die heidnische Weltesche, ein Abbild 
des Alls, die beim Beginn des allgemeinen Zusammen- 
bruchs ganz nattlrlich erbebt imd alle Wesen der Welt, die 
Riesen wie die Menschen, die Äsen wie die Zweite, in 
Aufregung versetzt. Aber ein paar intimere Züge des 
Baumes stammen doch von Ezechiel Kap. 31 und Jesaias 
14. 26. 31, wo sie den Sturz Assurs mit dem Sturz eines 
gewaltigen Baumes vergleichen. Denn die Völker er- 
schrecken, da sie ihn fallen hören, da er hinimtergestoßen 
wird mit denen, so in die Grube fahren. Und als der Herr 
die gewaltige Rute Babel zerbricht, da erweckte er die 
Giganten. Nach Ezechiel fällt der Assurbaum in die Hand 
des Mächtigsten, der mit ihm machen wird, was er will. 
Er rottet ihn aus. Das ist wahrscheinlich Surts Blutsfreund, 
der ihn verschlingt, nämlich das Feuer (S. 460}. Die Auf- 
regimg der Riesen , Götter und der felswandkundigen 
, Zwerge, die in den Bergtoren vor Angst stöhnen, entspricht 
der Angst der Könige, der Gewaltigen, der Freien imd 
der Knechte, die nach der Apokalypse Kap. 6 vor dem 
Gericht in den Höhlen und Steinen der Berge sich ver- 
bergen. 

In die apokalyptische Bahn lenken dann auch die fol- 
genden Strophen ein. 

50, Hrym fährt von Osten her, hält den Schild vor. 
Die Weltschlange windet sich im Riesenzorne, 

Der Wunii drängt die Wogen. Aber der Adler kreischt. 
Der schnabelfahle zerreißt die Leichen: Naglfar kommt los. 

51. Ein Schiff fahrt von Norden her: kommen werden der Hei 
Leute über die See, aber Loki steuert. 



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461 X. Dax ChristcntDin in d«t norditchtn Mythologie. 

Die tollen Gesellen fahren alle mit dem Wolfe, 
Mit denen der Bruder Bylcipts in der Fahrt ist. 

52. Surtr fährt von Süden her mit dem Reiserve rderben : 

Eis glänzt von dem Schwerte die Sonne der Schlachtgötter. 
Steinberge schlagen zusammen, aber die Bergries innen 

stürzen. 
Die Männer betreten den Heiweg, aber der Himmel spaltet 

sich. 

53. Dann kommt der Hlin zweiter Harm heran. 
Als Odin auszieht, mit dem Wolf zu kämpfen, 
Aber der Töter Beils, der leuchtende, gegen Surtr: 
Dann wird fallen der Frigg Geliebter. 

54. Es kommt der große Sohn Siegvaters, 
Vidar, zu kämpfen mit dem Leichentier, 
Es läßt dem Sohne Hvethnings dringen 

Das Schwert ins Herz: so ist der Vater gerächt. 

55. Es kommt der herrliche Sohn der HIothyn: 

Es übergähnt die Luft der Erdumgürter von unten, 

Es geht Odins Sohn dem Wurm zu begegnen. 

56. Er erlegt im Zorne den Schützer Midgards, 
Alle Menschen werden die Heimstatt räumen! 
Neun Schritte geht der Sohn der Fjörgyn 

Kaum noch von der Schlange, die die Schandtat nicht kümmert 
57- Die Sonne beginnt zu verfinstern: die Erde sinkt ins Meer, 
Es fallen vom Himmel die heitern Sterne, 
Es rast Dampf und Feuer : 

Es spielt die hohe Hitze bis zum Himmel selbst 
S8. =.44. 49. 

Die Völuspa zählt fünf dämonische Angreifer auf: 
Hrym, die Schlange, Lobt mit den Heisöhnen, den Wolf 
Freki und Surtr, die Apokalypse im 20. Kapitel Mors und 
Infemus, dazu im 16. drei andre, den Drachen, die Bestia 
und den Pseudopropheten oder Antichrist, also auch fünf. 
Hrym scheint ein Schiffer, dem das aus den Nägeln der 
Toten zusammengesetzte Schiff Naglfar gehört, und der 
vielleicht auch dem Namen nach mit dem antiken Ch(a)rdn 



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X. Das Christcntnm in der nordiscben Mythologie. 465 

verwandt ist Er vertritt den apokalyptischen Tod, der 
im Mittelalter trotz des weiblichen Geschlechts der Mors 
durchweg als Mann voi^estellt wurde. Ihm ist in der 
Apokalypse, wie in der mittelalterlichen Malerei und EHch- 
tung, der Infemus, der Höllenfürst, zugesellt, gleich wie in 
der Völuspa Loki, der mit seinen Höllenleuten tlber die 
See fahrt. Und wenn in der Apokalypse das Meer und der 
Tod und die Hölle ihre Toten herausgeben, so zerreißt hier 
ein Adler, der Hrym, die Wogenschlange und Loki begleitet, 
die auf dem Meer treibenden Toten. Den drei andern 
Gottesfeinden der Apokalypse: dem Drachen, der Bestia 
dem Antichrist entsprechen aufs beste der Wurm, der 
Wolf und Surtr. Hier vollendet sich unsere obige Gleichung 
Surtr-Antichrist. Surtr fährt mit dem Reiserverderben d. h. 
mit Feuer daher, oder, wie Snorre es ausdrtlckt, er reitet 
an der Spitze der Söhne Muspells d. h. des Feuers, brennen- 
des Feuer vor sich und hinter sich, gegen ein sonnen- 
leuchtendes Schwert, und der Himmel klafft. So geht eine 
unauslöschUche Flamme vor dem Antichrist her, vom 
Himmel fällt ein Schwert, und der Himmel öffnet sich in 
der Mitte. 

Nun hebt der Kampf an. Der Antichrist überwindet 
nach der Legende den Apollo, Jupiter und Mercurius, wie 
in der Völuspa drei Götter besiegt werden, die aufs genaueste 
nach der gangbaren lateinischen Auslegung jenen römischen 
Göttern entsprechen. Denn Odin, der Geliebte der Frigg 
oder Hlin (S. 415), ist gleich Mercur, der Töter Behs, 
d. i. der milde Üchte Frey (S. 365) gleich dem Lichtgotte 
Apoll und der herrüche Sohn der Hlothyn d. i. Thor gleich 
Jupiter. Doch weichen die beiden Kampfschilderungen 
darin erheblich von emander ab, daß der Antichrist alle 
drei Überwindet, während in der Völuspa dem Surtr nur 
Frey erliegt Aber nach der Apokalypse Kap. 16 ver- 
sammeln sich mit dem Antichrist am großen Tage Gottes 
auch gerade jene beiden tierischen Dämonen, der Drache 
und die Bestia, auf dem Schlachtfeld Armageddon, das in 
Vafthrudnismal Vigridr Kampfplatz heißt, zum Streite. 

Mnyer, B. H., Cemwn. Hytholasie. 30 



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466 X. Das CtuiitenCum in der nordischen Mjithologie. 

Nun muüte der Drache dem alten Drachenschläger des 
altoordischen Mjrthus, dem Thor, entgegengestellt werden 
und die Bestia als Wolf, als Fenriswolf, dem Odin, 
Eine schlimmere Ungereimtheit ergibt sich aber daraus, 
daß Odin, der durch das ganze tlbrige Gedicht hin den 
Christengott der christlichen Heilslehre wiedergibt, an 
dieser Stelle dem Ansturm des Anticbrists erliegt wie ein 
Heidengott. Ein solcher uns unerträglicher Widerspruch ist 
aber in allen derartigen ernsten und gewaltsamen Trave- 
süeen fast unvermeidlich. Er ist aber kaum starker, als 
wenn die Skalden ChristenkOnige feierlich in Walhall von 
heidnischen Göttern empfangen lassen oder Christus im 
Kampfe mit Riesen und am Nomenbrunnen sitzend dar- 
stellen (S. 437). Daß aber der Dichter wirklich, dem Druck 
der Antichristlegende nachgebend, jene Götter erliegen und 
dem Tode verfallen sein ließ, daß er wirklich hierin einem 
christlichen Vorbilde folgte, geht klar daraus hervor, daß 
keiner von ihnen zu der herrlich erneuten Welt zurück- 
kehrt, sondern nur die beim letzten Kampf unbeteiligten, 
die noch starker christianisierten, wie Balder, oder solche 
bedeutungslose Wesen, wie Hoenir. Wie hatte ein wirkUch 
heidnischer Dichter es Obers Herz bringen können, seinen 
alten Göttern Odin, Thor xmd Frey die neue HerrÜchkeit 
zu verschließen imd statt ihrer andere jüngere, im Kult ganz 
nichtige Götter darin einzuführen? 

Die Schilderung der Naturstörungen in der 57. Strophe 
schließt sich wieder an die Apokalypse Kap. 6, denn es 
heißt dort: „Da ward ein großes Erdbeben, und die Sonne 
ward schwarz wie ein härener Sack. Und die Sterne des 
Himmels fielen auf die Erde. Der Himmel entwich, imd 
alle Berge imd Inseln wurden bewegt aus ihren örtem. 
Nach 2. Petrus 3, 7 werden die Himmel und die Erde 
dem Feuer vorbehalten für den Tag der Gerichte, und 
nach Apokalypse 20 fällt verzehrendes Feuer vom Him- 
mel auf die dämonischen Angreifer. 
59. Sie siebt aufsteigen zum andern Male 
Die Erde aus dem Meer frisch und griin. 



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X. Dos Christentum in der nordischen Mythologie. J67 

Sturzbäcbe falleo: der Adler fliegt darüber, 
Der auf dem Gebirge Fische jagt. 

60. Es finden sich die Äsen auf dem Idafelde 
Und reden vom mächtigen Erdumspanner 
Und gedenken da der großen Ereignisse 
Und Fimbultys alter Runen. 

61. Da werden wieder die wimdersamen 
Goldnen Bretter im Grase sich finden. 
Die sie vor Zeiten gehabt hatten. 

62. Ungesät werden die Äcker tragen, 

Alles Übels Besserung wird werden; Balder wird kommen. 
Höder und Balder bewohnen Hropts Siegeshallen, 
Herrlich die Schlachtgötter. Wißt ihr noch weiteres f 

63. Dann kann Hoenir den Loszweig kiesen 

Und die Söhne der zwei Brüder bewohnen 
Das weite Windheim. Wißt ihr noch weiteres? 

64. Einen Saal sieht sie stehen schöner als die Sonne, 
Mit Gold bedeckt, auf Gimlee : 

Da sollen treue Scharen hausen 
Und ewiglich Freude genießen. 

65. Es kommt der Mächtige zum gewaltigen Gericht, 
Der Starke von oben her, der über alles herrscht 

66. Es kommt der düstre Drache fliegend. 

Die gleißende Schlange unten von den Finsterbergen: 
In seinem Gefieder trägt er, — das Feld überfliegt er, — 
Nidhögg die Leichen : nun wird er versinken. 
Nach dem Kampf und dem Brande fähit die Völuspa 
im Ton der Apokalypse Kap. 21 fort, wo es heißt: „Ich sah 
einen neuen Himmel und eine neue Erde." Ob der fisch- 
jagende Adler, der dann über Wasserfällen fliegt, eine 
tiefere Bedeutung hat, ist imsicher. Aber wie vor der 
Ankunft des jüngsten Tages nach 2 Petrus 3 die Frommen 
sich zu heiligen Unterhaltungen versammeln und im neuen 
Himmel und auf der neuen Erde nach Jesaias 65 die vorige 
Angst vergessen wird und nach der Apokalypse dann der 

30« 



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J68 X. Dai Christentani In der nordischen Mytboli^ie. 

Herr spricht: „Ich bin das A und O", so unterhalten sich 
nun die Äsen auf dem Idafelde, in der neuen Welt, ruhig 
von dem sie früher so beängstigenden Erdumspanner, der 
Midgardsschlange , und gedenken jener alten Runen 
(A und O) des Herrgottes. 

Jesaias prophezeit weiter: „Sie werden sich ewiglich 
freuen . . . und sie werden Häuser bauen und bewohnen; 
sie werden Weinberge pflanzen und derselben Früchte 
essen. Sie sollen nicht pflanzen, daß ein anderer esse." 
Und nach Ezechiel 36 will der Herr sich wieder zu den 
Bergen Israels wenden und sie ansehen, daß sie bebaut 
und besäet werden. Die christliche Theologie ging weiter. 
Honorius z